V Goethe' s neue Schriften. Erster Band. Mit einem Kupfer. Berlin» Bei Johann Friedrich Unger. r 8 o o. l. Der Gl vß-Cophta. Ein Lustspiel in fünf Aufzügen. ..S. 3 . H. Des Joseph Balsame, genannt Cagliostro, Stammbaum. Mit einigen Nachrichten von seiner in Palermo noch lebenden Familie. . . 2/,Z III. Das römische Carneval. , ° . 29g Der Groß-Cophta ein Lustspiel < n fünf Aufzügen. V Personen. Der Domherr. Der Graf/ Der Ritter. Der Marquis. i Die Marquise. Ihre Nichte. Der Oberst der Schweizergarde. Saint Jean, Bedienter des Domherrn. La Fleur, Bedienter des Marquis. Jäck, ein Knabe, Diener der Marquise- Gesellschaft von Herrn undDamen. Zwey Hofjuweliere. I ü n q l i n g e. Kinder. Ein Kammermädchen. SechsSchweizer. Bediente. Erster Aufzug V Erster Auftritt. (Erleuchteter Saal.) (Fm Grunde des Theaters an einem Tische eine Gesellschaft von zwölf bis fünfzehn Personen beym Abendessen. An der rechten Seite sitzt der Domherr, neben ihm hinterwärts die M a r- Gesellschaft scheint sich von ihm zu unterhalten. Endlich sieht die Marquise auf und geht zu ihm. Die Ouvertüre, welche bis '-ah.n fortgedauert, hört auf und der Dialog beginnt.) Marauise. es erlaubt, so zerstreut zu seyn? gute Gesellschaft zu fliehen, seinen Freunden die Lust traulicher Stunden zu verderben? Glauben Sie, daß wir scherzen und genießen können, wenn A - 4 unser Wirth den Tisch verlaßt, den er so gefällig bereitet hat? Schon diesen ganzen Abend scheinen Sie nur dem Körper nach gegenwärtig, Noch Höften wir gegen das Ende der Tafel, jetzt da sich die Bedienten entfernt haben, Sie heiter, offen zu sehen, und Sie stehen auf, Sie treten von uns weg, und gehen hier am andern Ende des Saals gedankenvoll auf und nieder, als wenn nichts in der Nähe wäre, das Sie intercffiren, das Sie beschäftigen könnte. Domherr. Sie fragen, was mich zerstreut? Marquise, meine Lage ist Ihnen bekannt — wäre es ein Wunder, wenn ich von Sinnen käme? Ist es nzöglich, daß ein menschlicherGeist, ein mcnsch, liches Herz, von mehr Seiten bestürmt werden kann, als das meinige! Welche Natur muß ich haben, daß sie nicht unterliegt! Sie wist sen, was mich aus der Fassung bringt, und fragen mich? » Marquise. Aufrichtig/ so ganz klar seh ich es nicht ein. Geht doch alles, wie Sie es nur wünschen können! Domherr. ^ Und diese Erwartung, diese Ungewißheit? Ma rquise. Wird doch wenige Tage zu ertragen seyn? — Hat nicht der Graf, unser großer Lehrer und Meister, versprochen, uns alle und Sie besonders weiter vorwärts in die Geheimnisse zu führen? Hat er nicht den Durst nach geheimer Wissenschaft, der uns alle quält, zu stillen, jeden nach seinem Maße zu befriedigen versprochen? Und können wir zweifeln- daß er sein Wort halten werde? Domherr. Gut! er hat. — Verbot er aber nicht zugleich alle Zusammenkünfte, wie eben die ist, die wir jetzt hinter seinem Rücken wagen? Ge- L bot er uns nicht Fasten, Eingezogenheit, Enthaltsamkeit, strenge Sammlung und stille Betrachtung der Lehren, die er uns schon über- ' liefert hat» — Und ich bin leichtsinnig genug, heimlich in diesem Gartenhause eine fröhliche Gesellschaft zu versammeln, diese Nacht der Freude zu weihen, in der ich mich zu einer- großen und heiligen Erscheinung vorbereiten soll! — Schon mein Gewissen ängstiget mich, wen» er es auch nicht erführe. Und wenn ich nun gar bedenke, daß seine Geister ihm gewiß alles verrathen, daß er vielleicht auf dem Wege ist, uns zu überraschen! — Mer kann vor seinem Zorn bestehe»? — Ich würde vor Schaam zu Boden sinken — jeden Augenblick! — cs scheint mir, ich höre ihn; ich hdre-rcitcn, fahren. (Er eilt nach der Thüre.) Marq uise. (vor gch.) O Graf! du bist ein unnachahmlicher 'Schelm! Der meisterhafteste Betrüger! Immer Hab' ich dich im Auge, und täglich lern' ich von dir! Wie er die Leidenschaft dieses jungen Mannes zu brauchen, sie zu vermehren weiß! Wie er sich seiner ganzen Seele bemächtigt hat, und ihm unumschränkt gebietet ! Wir wollen sehen, ob unsre Nachahmung glückt. (Der Domherr kommt zurück.) Bleiben Sie außer Sorgen. Der Graf weiß viel; allwissend ist er nicht, nnd dieses Fest soll er nicht erfahren. — Seit vierzehn Tagen habe ich Sie, habe ich unsre Freunde nicht gesehen, habe mich vierzehn Tage in einem elenden Landhause verborgen gehalten, manche langweilige Stunde ausdauern müssen, nur um in der Nähe unsrerangebeteten Prinzessin zu seyn, manchmal ein Stündchen ihr heimlich aufzuwarten mid von den Angelegenheiten eines geliebten Freundes zu sprechen. Heute kehre ich nach der Stadt zurück, und es war sehr freundlich von Ihnen, daß Sie mir atrf halbem We- ge, hier in diesem angenehmen Landhause, ein Gastmal bereiteten, mir entgegen kamen und meine besten Freunde zu meinem Empfange vek- sammelten. Gewiß, Sie sind der guten Nachrichten werth, die ich Ihnen bringe. Sie sind ein warmer, ciirangcnehmer Freund. Sie sind glücklich, Sie werden glücklich seyn; nur wünschte ich, daß Sie auch Ihres Glücks genessen. Domherr. Es wird sich bald geben! bald. Marquise. Kommen Sie, setzen Sie sich. Der Graf ist abwesend, seine vierzigtägige Fasten in der Einsamkeit ouszuhalten, und sich zu dem großen Werke vorznbereiten Cr erfährt unsre Zusammenkunft nicht, so wenig er unser großes Gehcimniß erfahren darf, (bedenklich-) Könnte es vor der Zeit entdeckt werden, daß die Prinzessin verzeiht, daß sich der Fürst wahr- s scheinlich durch eine geliebte Tochter bald ver, söhnen läßt; wie leicht könnte das ganze schöne Gebäude durch die Bemühungen det Mißgunst' zu Grunde gehe»! Ausdrücklich hat mir die Prinzessin, die Ihre Verbindung mit dem Grafen kennt, befohlen, diesem Manne, den sie fürchtet, unsre wichtige Angelegenheit zu verbergen. Domherr. Ich hänge ganz von ihrem Willen ab; auch dieses schwere Gebot will ich erfüllen, ob ich gleich überzeugt bin, daß ihre Furcht nnge- gründet ist. Dieser große Man» würde uns eher nützen als schaden. Vor ihm sind alle Stände gleich. Zwei) liebende Herzen zu verbinden ist sein angenehmstes Geschäft. Meine Schäler, pflegt er zu sagen, sind Könige, wertst die Welt zu regiere» und eines jeden Glückes werth. — Und wenn es ihm seine Geister an- zcigen, wenn er sieht, daß in diesem Augen- ly blick Mißtrauen gegen ihn unsre Herzen zusammenzieht, da er die Schätze seiner Weisheit vor uns eröffnet! Marquise. Ich kann nur sagen, daß es die Prinzessin ausdrücklich verlangt- Domherr. Es sey. Ich gehorche ihr, und wenn ich mich zu Grunde richten sollte. Marquise. Und wir bewahren unser Geheimniß leicht, da niemand auch nur von ferne vermuthen kann, daß die Prinzessin Sie begünstigt- Domher r. Gewiß, jedermann glaubt mich in Ungnade, auf ewig vom Hofe entfernt. Mitleidig, ja verachtend sind die Blicke der Menschen, die mir. begegnen. Nur dnrch eine» großen Aufwand, durch Anschn meiner Freunde, durch Unterstützung mancher Unzufriedenen erhalte ich mich aufrecht. Gebe der Himmel, daß meine Hoffnungen nicht trügen, daß dein Versprechen in Erfüllung gehe! Marquise. Mein Versprechen? — Sagen Sie nicht mehr so, bester Freund. Bisher war es mein Versprechen, aber seit diesem Abend, seitdem ich Ihnen einen Brief überbrachte, gab ich Ihnen nicht mit diesem Briefe die schönsten Versicherungen in die Hände? D omherr. Ich habe es schon tausendmal geküßt, dieses Blatt; (rr bringt ein Blatt aus der Tasche.) Laß es mich noch tausendmal küssen! Von meinen Lippen soll cs nicht kommen bis diese heißen begierigen Lippe» auf ihrer schönen Hand verweilen können: aick der Hand, die mich unaussprechlich entrückt, indem sie mir auf ewig mein Glück versichert. Marquise. Und wenn dann der Schleyer von diesem Geheimniß hinwegfällt, und Sie mit dem völligen Glanze des vorigen Glückes, ja in einem weit schöner» vor den Augen der Menschen da stehn, neben einem Fürsten, der Sie wieder erkennt, neben einer Fürstin, die Sie nie verkannt hat; wie wird dieses neue, dieses leuchtende Glück die Augen des Neides blenden, und mit welcher Freude werde ich Sie an dem Platze sehen, den Sie so sehr verdienen! — Domherr. , Und mit welcher Dankbarkeit werde ich eine Freundin zu belohnen wissen, der ich alles schuldig bin! Marquise. Reden Sic nicht davon. Wer kennt Sie, und ist nicht gleich lebhaft für Sie hingerissen? Wer wünscht nicht Ihnen, selbst mit Aufopferung, zu dienen? i3 Domherr. , Horch! es kommt ein Wagen angefahren. Was ist das? Marquise. Seyn Sie unbesorgt; er fährt vorbei). Die Thürcn sind verschlossen, die Laden verwahrt; ich habe aufs genauste die Fenster zudecke» lassen, daß niemand den Schein eines Lichts bemerken kann. Niemand wird glauben, daß in diesem Hause Gesellschaft sey. - Domherr. Welch ein Lerm, welch ein Getümmel? (Ein Bedienter tritt ein.) Bedienter. Es ist ein Wagen vvrgefahren; man pocht an die Thürc, als wenn man sie einschlagen wollte. Ich höre des Grafen Stimme; er droht und will eingelassen seyn. Marquise. Ist das Haus verriegelt? — Macht ihm >4 nicht auf! Rührt euch nicht. Antwortet nicht. Wenn er ausgetebt hat, mag er abfahre». Domherr. Sie bedenken nicht mit wem wir zu thu» habe». — Macht ihm auf! Wir widerstehn vergebens. Bediente. (die h»reinstürzen. ) Der Traf! der Traf! Marquise. Wie ist er hereingekommen? Bedienter. Die Thüren thateu sich von selbst auf; beydc Flügel. Domherr. Wo soll ich hin? Die Frauen. Wer wird uns rette»! Ritter. Nur getrost! Die Frauen. Er kommt! er kommt!. Zweyter Auftri.tt. > Der Graf. Vo. rige. Graf. ( unter der Thüre hinauswärts sprechend : ) Affaraton! Pantaffaraton! Dienstbare Gei, ster bleibt an der Thüre, laßt niemand ent, wischen! leidet nicht, daß jemand über die Schwelle gehe, der nicht von mir bezeich, net ist. Die Frauen. Weh uns! Die^Männer. Was soll das werden! Graf. Uriel, du zu meiner Rechten, Ithruriel, du zu meiner Linken, tretet herein. Bestrafet die Verbrecher, denen ich dießmal nicht vergeben werde. > V l6 Die Frauen. Wohin verkriech' ich mich! Domherr. Es ist alles verloren! , Graf- Uriel! (Pause, als wenn erAntwort vernähme.) So recht! — "hier bin ich!» das ist dein gewöhnlicher Spruch, folgsamer Geist. — Uriel, kaffe diese Weiber! (di- Mädchen ehun einen lauten Schrey) führe sie weit über Berg und Thal, setze sie auf einen Kreuzweg nieder; denn sie glauben nickt, sie gehorchen nicht, bis sie fühlen. Greif zu! Die Frauen. Aü Ai! Er hat mich! — Großer Meister, um Gottcswillen! Marq uis e. Herr Graf! Die Frauen. Knieend bitten wir unsre Schuld ab. ' Graf. 17 Graf. Uricl, du bittest für sie! Soll ich mich erweichen lassen? Die Frauen. Bitte für uns, Uriel! Marquise. Ist es erlaubt, diese Geschöpfe so zu ängr stige»? Graf. Was! Was! auf Ihre Kniee nieder, Mar. dame! Nicht vor mir, vor den unsichtbaren Mächten, die neben mir stehen, auf die Kniee! Können Sie ein schuldloses Herz, ein freyes Angesicht gegen diese himmlischen Gestalten wenden? Ein Mädchen. Siehst du was? Die Andre. Einen Schatten, ganz dicht an ihm! B lS . Graf. Wie sieht es in Ihrem Herzen aus? Marquise. Großer Meister! Schone des zarten Geschlechts! ^ Graf. Ich bin gerührt/ nicht erweicht. Ithru- ricl»! ergreife diese Männer, führe sie in mein« tiefsten Keller. Domherr. Mein Herr und Meister. Ritter.' Nicht ein Wort mehr! Ihre Geister erschrecken uns nicht, und hier ist eine Klinge gegen Sie selbst. Glauben Sie nicht, daß wir noch Arm und Muth genug haben, uns und diese Frauen zu vertheidigen? Graf. Tkorichtrr Jüngling! zieh völlig, ziehe! Stoß hiehrr, hicher aus diese srene unbcschützte » Brust! stoß her, daß ein Zeichen geschehe für dich und alle. Ein dreyfacher Harnisch, der Rechtschaffenheit, der Weisheit, der Zauberkraft schützt diese Brust. Stoß her und suche die Stücke deiner zerhrochnen Klinge de-' schämt zu meinen Füßen. Die Männer. Welche Majestät! Die Frauen. Welche Gewalt! Die Männer. Welche Stimme! Die Frauen. Welch ei» Mann! Der Ritter. Was soll ich thun? Domherr. Was kann Las werden? Graf. > Steh auf! ich begnadige das unverständige Geschlecht- Meine verirrten Kinder will ich nicht ganz verstoßen; doch alle Züchtigung erlaß' ich euch nicht- (zu den Männern:) Entfernt euch! (die Männer treten in denGrun^ zurück.) (zu den Frauen:) und ihr, saßt und sammlet euch. (als wenn er vertraulich zu den Geistern spräche:) Uriel! Ithruricl! geht zu euren Brüdern! (zu den Frauen:) Nun laßt Horen, ob ihr meiner Lehren noch eingedenk seyd. — Was sind die Haupttugen, den der Weiber? ErstesMädchen. Geduld und Gehorsam. - Graf. Was ist ihr Sinnbild? 1 - ckz, lich i»r» »! 21 § we yte s Mad ch en. Dr Mond. ' Graf. (gegen die Marquise:) Warum? > Marquise. . Weil er sie erinnert/ daß sie kein eigen Licht haben, sondern daß sie allen Glanz vom Manne erhalten. , Graf. Wohl, das merkt euchUnd nun, wenn ihr nach Hanse fahrt, werdet ihr linker Hand das erste Viertel am klaren Himmel erblicken; dann sprecht unter einander: seht, wie zierlich es da steht! welches gemäßigte Licht! welche schöne Taille! welche Sittsamkcit! das wahre Bild einer liebenswürdigen Heranwachsenden Jungfrau. Erblickt ihr künftig den Vollmond, so ermahnt euch unter einander, und sprecht: wie schön glänzt das Bild einer glücklichen LS Hausfrau! sie wendet ihr Gesicht gerade ihrem Manne zu; sie fängt die Strahlen seines Lichtes auf, die sanft und lieblich von ihr wiederglänzen. Das bedenkt recht, und führt unter einander dieses Bild aus, so gut ihr nur könnt; setzt eure Betrachtungen so weit fort als ihr vermdget; bildet euren Geist, erhebt euer Ge- müth; Len» so nur könnt ihr würdig werden, das Angesicht des Groß-Cophta zu schauen. — Nun geht! übertretet keines meiner Gebote, und der Himmel behüte euch vor dem abnehmenden Lichte, vor dem betrübten Wittwen- stande! — 2^ fahrt sogleich sammtlich nach der Stadt, und nur eine strenge Buße kann euch Vergebung erwerben und die Ankunft des Groß-Cophta beschleunigen. Lebt wohl. Marquise. cbei'Seits: ) Der verwünschte Kerl! Er ist ein Fantast, ein Lügner, ein Betrüger: ich weiß es, ich bins überzeugt; unddochimponirtermir. (Die Frauenzimmer neigen sich und gehen ab.) < -z Dritter Auftritt. Die Vorigen, ausser den Damen. Graf. Nun Ritter und ihr andern, tretet herbey. Ich Hab' euch vergeben; ich seh' euch beschämt, und meine Großmuth überläßt eurem eigenen Herzen Strafe und Besserung. Ritter. Wir erkennen deine Huld, väterlicher Meister. Graf. Aber wenn ihr in der Folge meine Verordnungen überschreitet, wenn ihr nicht alles anwendet, den begangenen Fehler wieder gut zu machen: so hoffet nie das Angesicht des Groß-Cophta zu sehen, nie an der Quelle der Weisheit eure durstigen Lippen zu erquicken. — Nun, laßt hören, habt ihr gefaßt, was ich euch überlieferte? — Wann soll ein Schüler seine Betrachtungen anstelle»? -4 Ritter. Bey Nachtzeit. Graf. Warum? Erster Schüler. Damit er desto lebhafter fühle, daß er im Flüstern wandelt. Graf. Welche Nächte soll er vorziehen? Zwevter Schüler. Nächte, wenn der Himmel klar ist und die Sterne .funkeln. Graf. Warum? R ittcr. Damit er cinfehe, daß viele tausend Lichter noch nicht hell machen, und damit seine Begierde nach der einzig erleuchtenden Sonne desto lebhafter werde. s5 Graf. Welchen Stern soll er vorzüglich im Auge haben? Erster Schüler. Den Polarstern. Graf. Was soll er sich dabey vorstellen? Iw citcr Schüler. Die Liebe des Nächsten. Graf. Wie heißt der andre Pol? E r st e r S ch ü l e r. Die Liebe der Weisheit. Graf. Haben diese beyden Pole eine Achse? Ritter. Freylich, denn sonst konnten sie keine Pole seyn Diese Achse geht durch unser Herz, wenn wir rechte Schüler der Weisheit sind, und das Universum dreht sich um uns herum. -6 Gras. Sage mir den Wahlspruch des ersten Grades. Ritter. Was du willst, das dir die Leute thun sol, len, wirst du ihnen auch thun- Graf. Erkläre mir diesen Spruch. Ritter. / Er ist deutlich, er bedarf keiner Erklärung. Graf. Wohl! — nun geht in den Garten, und faßt den Polarstern recht in die Augen. Ritter. Es ist sehr trübe, großer Lehrer; kaum daß hie und da ein Sternchen durchblinkt. Graf. Desto bester! — So bejammerteuren Ungehorsam, euren Leichtsinn, eure Leichtfertigkeit; das sind Wolken, welche die himmlischen Lichter verdunkeln. -7 Ritter. Es ist kalt, es geht ein unfreundlichcrWind, wir sind leicht gekleidet. Graf. Hinunter! hinunter mit euch! Darf ein Schüler der Weisheit frieren? — Mit Lust solltet ihr eure Kleider abwerfen, und die heiße Begierde eures Herzens, der Durst nach geheimer Wissenschaft sollte Schnee und Eis zum Schmelzen bringen. Fort mit euch! fort! (Der Ritter und die andern mit einer Derben, gung ab.) Vierter Auftritt. Der Graf. Der Domherr. Graf. Nun hervor mit Ihnen, Domherr! hervor! Sie erwartet ein strenger Gericht. - Ihnen hätte ich es^ nicht zugetraut. Der Schüler, dem ich mehr als allen andern die Hand reü 28 che, den ich mit Gewalt zn mir herauf ziehe, dem ich schon die Geheimnisse des zwcyten Grades enthüllt habe — dieser besteht so schlecht, bey einer geringe» Prüfung! — Nicht die Drohungen seines Meisters, nicht die Hoffnung den Groß-Cophta zu sehen, können ihn abhalten, seine Gelage nur wenige Nächte zu verschieben. Pfui! ist das männlich? ist das weise? Die Lehren des größten Sterblichen! dis Hülfe der Geister! die Eröffnung aller Geheimnisse der Natur, eine ewige Jugend, eine immer gleiche Gesundheit, eine unverwüstliche Stärke, ein« nie verschwindende Schönheit! Um diese größten Schätze der Welt bemühest du dich, und kaust nicht einem Abendschmause entsagen! Domherr. (niedcrknleend 0 Du hast Mich oft ZU deinen Füßen gesehen; hier lieg ich wieder. Versieh mir! entziehe mir nicht deine Huld. — i i Die Reitze — die Lockung— die Gelegenheit— die Verführung! — Nie sollst du mich wieder ungehorsam finden! gebiete! lege mir auf was du willst! Graf. Wie kann ich mit dir zürnen, du mein Liebling! wie kann ich dich verstoßen, du Erwählter des Schicksals! Steh auf, komm an meine Brust, von der du dich, selbst mit Gewalt, nicht losreissen kannst, Domherr. Wie entzückst du mich!^—- Aber darf ich in diesem Augenblicke, wo ich büßen und trau- ren sollte, darf ich als ein^Ieichen der Versöhnung mir eine Gnade von dir ausbitten? Graf. Sprich, mein Theurer! Dom her«;. Laß mich nicht langer in Ungewißheit, gieb mir ein helleres Licht über den wunderbaren Mann, den du Groß-Cophta nennst, den du uns zeigen willst, von dem du uns ss viel versprichst. Sage mir, wer ist er? Wo ist er? Ist er schon nah? Werd' ich ihn sehen? Kann er mich würdigen? Kann er mich aufnehmen? Wird er mir die Lehren überliefern, nach denen mein Herz so heftig begehrt? Graf. Mäßig! mäßig, mein Sohn! Wenn ich dir nicht gleich alles entdecke, so ist dein Bestes meine Absicht. — Deine Neugierde zu wecken, deinen Verstand zu üben, deine Gelehrsamkeit zu beleben, das ist es, was ich wünsche; so möchte ich mich um dich verdient machen. — Hören und lernen kann jedes Kind, merken und rathen müssen meine Schüler. — Als ich sagte: Cophta, fiel dir nichts eia? Domherr. Cophta! Cophta! — Wenn ich dir es ge-' stehen soll, wenn ich mich vor dir nicht zu schämen brauche! Meine Einbildungskraft verließ sogleich diesen kalten, beschrankten Welt- theil; sie besuchte jenen heißen Himmelsstrich, wo die Sonne noch immer über unsäglichen Geheimnissen brütet. Egypten sah ich auf einmal vor mir stehen; eine heilige Dämmerung umgab.mich; zwischen Pyramiden, Obelisken, ungeheuren Sphinxen, Hierogliphen verirrte ich mich; ein Schauer überfiel mich. — Da sah' ich den Groß - Cophta wandeln; ich sah' ihn umgeben von Schülern, die wie mit Ketten an feinen klugen Mund gebunden waren. Graf. Dießmal hat dich deine Einbildungskraft nicht irre geführt. Ja, dieser große, herrliche, und ich darf wohl sagen, dieser unsterbliche Greis ist es, von dem ich euch sagte, den ihr zu sehen dereinst hoffen dürfet. In ewiger Jugend wandelt er schon Jahrhunderte auf die- Zs sem Erdboden. Indien, Egypten ist sein liebster Aufenthalt. Nackt betritt er die Wüsten Lybiens; sorglos erforscht er dort die Geheimnisse der Natur. Vor seinem gebieterisch hin- gestreckccn Arm stutzt -er hungrige Lowe; der grimmige Tiger entflieht vor seinem Schelten, daß die Hand des Weise» ruhig heilsame Wurzeln aufsuche, Steine zu unterscheiden wisse, die wegen ihrer geheimen Kräfte schätzbarer sind als Gold und. Diamanten. Domherr. Und diesen trefflichen Mann sollen wir sehen? Gieb mir einen Wink, auf welche Weise es möglich sey? , Graf. O du Kurzsichtiger! welche Winke soll ich dir geben? Dir, dessen Augen geschloffen sind? Domherr. Nur ein Wort! Graf Graf. Es ist genug! — WaS der Hörer wissen soll, pflege ich ihm nie zu sagen. - Domherr. Ich brenne vor Begierde, besonders seitdem du mich in den zweyten Grad der Geheimnisse erhoben hast. O! daß es möglich wäre, daß du mir auch sogleich den dritten schenktest. Graf. Es kann nicht geschehen! Domherr- Warum? Graf. Weil ich noch Mcht weiß, wie du die Lehren des zweyten Grades gefaßt haben magst und ausüben wirst. Domherr. Prüfe mich sogleich. Graf. 34 Domherr. Nicht Zeit? Graf. Hast du schon vergessen, daß die Schüler des zweiten Grades ihre Betrachtungen bey Tage und besonders Morgens anstellen sollen? Domherr. So sey cs denn morgen bei) guter Zeit. Graf. Gut! Nun aber zuvorderst die Buße nicht versäumt. — Hinunter zu den Andern in den Garten.-Aber du sollst einen großen Vorzug vor ihnen haben.-Wende ihnen den Rücken zu — schaue gegen Mittag. Von Mittag kommt der Groß-Cophta; dieses Ge- heimniß entdeck' ich dir allein. Alle Wünsche deines Herzens eröffne ihm; sprich so leise du willst, er Hort dich. Domherr. Ich gehorche mit Freuden. (Er küßt dem Grafen die Hand, und entfernt sich.) 35 Fünfter Auftritt. Der Graf. Saint Jean. Saint Jean. (der vorsichtig herein tritt.) Hab' ich meine Sachen nicht recht gemacht? Graf. Du hast deine Pflicht erfüllt. Saint Jean. Flogen die Ahüren nicht auf, als wenn Geister sie von einander sprengten? Meine Cameraden erschrocken und flohen; es hat kei» ner was gesehen noch gemerkt- Graf. Es mag gut seyn! Ich hatte sie auch ohne dich aufgebracht; nur verfangt eine solche Operation mehr Umstände. Ich nehme nur manch, mal zu gemeinen Mitteln meine Zuflucht, um die edlen Geister nicht immer zu incommodi, re». (Einen Beutel cröfnend Hier für deine C 2 38 . Müde! Gieb disß Geld nicht frevelhaft weg; es ist philosophisch?« Gold. Es bringt «Per gen!-Wenn man's in der Tasche ber hält, wird sie -nie leer. ^ Saint Jean. So! da will ichs wohl verwahren. Graf. Wohl, und spare dir immer zwey, drey Goldstücke dazu, du wirst Wunder sehen. Saint Jean. Haben Sie das Gold selbst gemacht, Herr Graf? Graf. Ich gebe gar kein andres aus. Saint Jean. Wie glücklich sind Sie! Graf. Weil ich Glückliche mache. Saint Jean- Ich bin Ihnen mit Leib und Seele ergeben. X Das soll dein Schade nicht seyn. Gehe hin und schweige, damit nicht andre diese Quelle kennen lernen. In wenig Zeit sollst du die Stelle haben, um die du gebeten hast. (Bedienter ab.) Sechster Auftritt. Der Graf. Glücklicherweise find' ich hier eine wahlbe- setzte Tafel, ein feines Dessert, treffliche Weine. Der Domherr läßt's nicht fehlen. Wohl, hier kann ich meinen Magen restauriren, indeß die Menschen glauben, ich halte meine vierzigtägige Fasten. Ich scheine ihnen auch darum ein Halbgott, weil ich ihnen meine Bedürfnisse zu verbergen weiß. 38 Zweyter Aufzug. Erster Auftritt. (W ohrrung des Marquis, D e r M a r q u i s, hernachlaFleur. Der Marquis. (in einem sehr eleganten Frack vor dem Spiegel.) Geburt, Rang, Gestalt/ was sind sie alle gegen das Geld? Wie dank' ich der kühnen Industrie meiner Frau/ daß sie mir so viel verschafft. Wie anders seh ich aus/ da ich nun das erstemal nach meinem Stande gekleidet bin! Ich kann nicht erwarten/ bis ich mich öffentlich zeige. (Er klingelt.) La Fleur, Was befehlen Sie/ gnädiger Herr? Marquis. Gieb mir die Chatulle. 39 La Fleur. (bringt sic.) So schwer Hab' ich noch nie daran getragen. Marquis- (indem er die Chatulle öffnet.) Mas sagst du, sind diese beydeu Uhren nicht schön, die ich gestern kaufte? La Fleur. Sehr schön. Marquis. Und diese Dose? La Fleur. Kostbar und zierlich. Marquis. Dieser Ring? La Fleur. Gehört auch Ihne»? Marquis. Diese Schnallen? Diese Stahlknöpfe? Ge> 4 ° nug alles zusammen! Findest du mich nicht elegant und vornehm gekleidet? La Fheur. Sie zeichnen sich nun auf dem Spatziergange gewiß vor vieleil aus. Marquis. Wie wohl mir das thut! — Aus Noth ewig in der Uniform zu gehen, immer in der Menge verloren zu seyn, die Aufmerksamkeit keines Menschen zu reizen! Ich hätte lieber todt seyn mögen, als langer so leben. — Ist die Nichte schon aufgestanden? La'Fleur. Ich glaube kaum. Sie hat wenigstens das Frühstück noch nicht gefordert. Es scheint mir, sie ist erst wieder cingcschlafen, seitdem Sie heute früh von ihr wegschlichen. Marquis. Unverschämter! — Stille! La Fleur. Unter uns darf ich doch aufrichtig seyn? Marquis. Wenn dir in Gegenwart meiner Frau so ein Wort entführe! La Fleur. Glauben Sie nicht, daß ich Herr über meine Lippen bin? Marquis. Noch kann die Marquise unmöglich etwas argwöhnen. Sie hält die Nichte für ein Kind, in drei) Jahren haben sie sich nicht gesehen; ich fürchte, wenn sie das Kind recht an- sieht — Lg Fleur. Das möchte noch alles gehen. Wenn sie nur nicht die Bekanntschaft mit dem alten Hexenmeister hatte; vor dem fürchte ich mich. Der Mann ist ein Wunder! Alles weiß er, alles verrathen ihm seine Geister. Wie ging 42 es im Hause des Domherr»? Der Zauberer entdeckte ein wichtiges Geheimniß, und nun sollte cs der Kammerdiener verschwatzt haben. Marquis. Er ist eben, so viel ich weiß, nicht der größte Freund meiner Frau. La Fleur. Ach, er bekümmert sich um alles; und wenn er seine Geister fragt, bleibt ihm nichts verborgen. Marquis. Sollte denn das alles wahr sevu, was man von ihm erzählt? ^ La Fleur. Ts zweifelt niemand daran. Nur die Wunder, die ich gewiß weiß — Marquis. Es ist doch sonderbar! — Sieh zu, es fährt ein Wagen vor. (La Fleur ab.) 43 Marquis. Wenn meine Frau mein Verhaltniß zur schone» Nichte erfahren konnte! — Nun, es käme auf den ersten Augenblick an. Wenn sie ihre Plane durchsetzt, wenn ich ihr zum Werkzeug diene, läßt sie mich dann nicht mache», was ich will? — Sie selbst? Zweyker Auftritt. Der Marquis. Die Marquise. Marquise. Ich komme früher als ich dachte. Marquis, Ich freue mich dich endlich wieder zu sehen. Marquise. Warum kamst du mir nicht auch entgegen? der Domherr hatte dich eingeladen. Marquis. Verzeih mir! Ich hatte eben gestern vieles 44 zu berichtigen. Du schreibst mir ja, daß ich mich zu einer Reise vorbereiten sollte. Marquise. Du hast nicht viel verloren. Der Domherr war unleidlich und die Gesellschaft verstimmt. Auletzt überraschte uns noch der Graf und jagte uns a»semander. Man muß sich nun einmal die Tollheiten dieses Menschen gefallen lasten. MarquiF. (lächelnd:) Wie geht es denn mit deiner Unterhandlung? (ironisch) Hast du dich bey Hofe recht cingeschmejchelt? Marquise. Es ist wahr, wir haben uns lange nicht gesehen. Du warst abwesend als ich verreiste. Gleich als der Fürst und die Prinzessin auf das Lustschloß hinausgezogen waren, miethete ich mir ein kleines Landhaus in der Nähe, und wohnte da ganz im Stillen; indeß sich der 45 Domberr einbildete, ich habe ein «Zimmer im Schlosse und sehe die Prinzessin täglich. Ich schickte ihm Boten, ich erhielt Briefe von ihm, und seine Hoffnung war aufs Aeußerste gespannt. Denn wie unglücklich dieser Mann ist, seitdem ihn sein unkluges Betragen vom Hofe entfernt hat, wie leichtgläubige wenn seinen Hoffnungen geschmeichelt wird, läßt sich nicht denken. Ich brauchte es nicht so künstlich anzulegen, als ich es gethan habe, und ich überredete ihn doch. Marquis. Aber auf die Länge kann dieses Mahrchen nicht halten. Marqui se. Dafür laß mich sorgen. Er ist jetzt nahe dem Gipfel seiner Glückseligkeit. Heute Nacht, als er mich auf seinem Landhause empfing, brachte ich ihm einen Brief von der Prinzessin — 46 Marquis. Von der Prinzessin? Marquise. Den ich selbst geschrieben hatte. Er war in allgemeinen Ausdrücken gefaßt; die Ueben , bringen», hieß es, würde mehr sagen. Marquis. Und weiter? Marquise. Ich kündigte ihm die Gnade der Prinzessin an; ich versicherte ihm, daß sie sich bei ihrem Vater verwenden und die Gnade des Fürsten gewiß für ihn wieder erlangen würde. Marquis. Gut! aber welchen Vorthcil versprichst du dir von allem diesem? Marquise. Erstlich eine Kleinigkeit, in die wir unS auf der Stelle theilen wollen. (Sie zieht einen Beutel hervor.) Marquise. Das erhielt ich vom Domherrn, um die Garderobe der Fürstin mir günstig zu machen. Zähle dir nur gleich deine Hälfte davon ab. Marquis. (tritt an den Tisch und zählt, ohne auf das, was sie sagL, acht zu geben.) Marquise. Aber, wie gesagt, eine Kleinigkeit! — Gelingt mir mein Anschlag, so sind wir auf immer geborgen. — Die Hofjuvclierc haben schon lmige ein kostbares Halsband liegen, das sie gern verkaufen möchten; der Domherr hat so viel Credit, daß sie es ihm wohl einhändigen, wenn er ihnen eine terminliche Zahlung garantirt, und ich — Marquis- (Ser nach ihr Hinsicht.) Was sagst du V0N Terminen? Von Zahlung? , Marquise. Merkst du denn nicht auf? Du bist so ganz bey dem Gelde. Marquis- Hier hast du deine Hälfte!? die meine soll gut angcwendet werden. Sieh einmal, wie ich mich herausgeputzt habe. (Er zeigt sich ihr; dann tritt er vor den Spiegel.) Marquise. (vor sich) O des eitlen, kleinlichen Men- schen! Marquis. (sich hcrumkehrend) Was wolltest du sagen? Marquise. Du hattest besser anfgcmerkt, wen» du hat- test ahnden können, von welcher wichtigen Sache ich sprach- Es ist nichts weniger als mit einem einzigen Schlage unser ganzes Glück zu machen. Mar- 4s ' Marquis. Und wie? Ma'rqrrlse. Erinnerst du dich von dem kostbaren Halsband gehört zu haben, das die Hofjuweliere arbeiten ließe», in Hoffnung, der F irst jolle seiner Tochter damit ein Geschenk machen? Marquis. Ganz recht! Ich habe es sogar diese Woche noch bei ihnen gesehen, als ich diesen Ring kaufte; es ist von unglaublicher Schönheit. Man weiß nicht, ob man die Größe der Steine, ihre Gleichheit, ihr Wasser, die Inzahl, oder den Geschmack, womit sic zusammengesetzt sind, am meistens bewundern soll- Ich konnte mich vom Anblick nicht scheiden; dieser Ring verschwand zu nichts dagegen; ich ging recht unzufriercn weg, und konnte mir das Halsband einige Tage nicht aus dem Sinne schaffen. D Marquise. Und dieses Halsband soll unser werden! Marquis. Dieses Halsband? Unser? Du erschreckst mich! Welch ein ungeheurer Gedanke! Marquise. Glaubst du, daß ich weiter keine Absicht habe, als dir für Uhren, Ringe und Stahl- knöpfe zu sorgen? Ich bin gewohnt armselig zu leben, aber nicht armselig zu denken. — Wir haben uns lange genug elend beholfen, unter »userm Stande, unter der Würde meiner großen Vorfahren leben muffen; jetzt, da sich eine Gelegenheit darbietet, will ich gewiß nicht kleinlich sey» und sie entschlüpfen lassen. Marquis. Aber ums Himmelswilleu, was ist dein Plan? Wie ist es möglich ihn auszuführcn? Marquise. Höre mich! Dem Domherrn mach' ich glauben, die Prinzessin wünsche das Halsband zu besitzen, und daran sage ich keine ganze Unwahrheit: denn man weist, daß cs ihr außerordentlich gefallen hat und daß sie cs gern besessen hätte. Ich sage dem Domherrn fernerr die Prinzessin wünsche das Halsband zu kaufen und verlange von ihm, daß er nur seinen Namen dazu hergeben solle, daß er den Kauf mit den Juwelire» schließe, die Termine fest- setze und allenfalls den ersten Termin hezable. Sie wolle ihn völlig schadlos halten und diesen Dienst als ein Pfand seiner Treue, seiner Ergebenheit ansehen. Marquis. Wie verblendet muß er seyn, so viel zu wagen! Marquise. ich ihm schon ein Blatt zugestellt, in welchem die Prinzessin ihm Sicherheit zu versprechen scheint. Marquis. Liebe Frau, das wird gefährlich! Marquise. Sckame dich! Mit mir darfst du alles wa, gen. Ich habe mich schon vorgesehen in Absicht auf die Ausdrücke, die Unterschrift. Sey nur ruhig! — Und wenn alles entdeckt würde, bin ich nicht als ein Seitenzweig der fürstliche» Familie so gut als anerkannt? —Höre nur! Der Domherr ist jetzt voller Freuden über dieses Vertrauen; er sieht darin ein gewisses Zeichen der neugeschenktcn Gunst, und wünscht nichts sehnlicher, als daß der Kauf zu Se»-lve und das Halsband schon in ihren Händen sey. Marquis. Und dieses Halsband denkst dir zu unterschlagen? Marquise. Natürlich! mache dich nur immer reisefertig. Sobald der Schatz in unfern Händen ist, wollen wir ihn nutzen. Wir brechen den Schmuck auseinander, du gehst nach England hinüber, verkaufest, vertauschest zuerst die kleinen Steine mit Klugheit; ich komme nach, sobald mir weine Sicherheit nicht mehr erlaubt hier zu bleiben; indessen will ich die Sache schon so führen und so verwirren, daß der Domherr allein stecken bleibt. Marquis. Es ist ein großes Unternehmen; aber sage mir, fürchtest du dich nicht in der Nähe des Grafen, dieses großen Zauberers, solch einen Plan zu entwerfen? Marqu ise. Ein großer Schelm ist er! seine Zauberey besteht in seiner Klugheit, in seiner Unser, schämtheit. Er fühlt wohl, daß ich ihn kenne. -4 Wir betragen uns gegen einander, wie sich'S geführt; wir verstehen einander, ohne zu spre^ chen; wir helfen einander, ohne Abrede. Marquis. Aber die Geister, die er bei sich hat! Marquise. Posse»! Marquis. Die Wunder die er thut? Marquise. Mahrchen! Marq nis. So viele haben doch gesehen — Marquise. Blinde! Marquis. So viele glauben — . Marquise. Tröpfe! 55 Marquis. Es ist zu allgemein! die ganze Welt ist davon überzeugt! Marquise. Weil sie albern ist! M arquis. Die Wundercuren — Marquise. Charletanerie! Marquis. Das viele Geld, das er besitzt — Marquise. Mag er auf eben dem Wege erlangt haben, wie wir das Halsband zu erlangen gedenken. Marquis. Du glaubst also, daß er nicht mehr weiß, als ein anderer? Marquise. Du mußt unterscheide» — wenn du kannst. Er ist kein gemeiner Schelm- Er ist so unternehmend und gewaltsam als klug, so unverschämt als vorsichtig; er spricht so vernünftig als unsinnig» die reinste Wahrheit und die größte Lüge gehen Schwesterlich aus seinem Munde hervor. Wenn er aufschneidet, ist es unmöglich zu unterscheiden, ob er dich zum Besten hat, oder ob er toll ist.-Und es braucht weit weniger als das, um die Menschen verwirrt zu machen. Jäck. Ihre Nichte fragt: ob sie aufwarten kann? — Sic ist hübsch Ihre Nichte! M arguisc. Gefällt sie dir? — Laß sie kommen. (Jäck ab.) Marquise. Ich wollte dich eben fragen, wie dir cs gegangen ist, ob du sie glücklich in die Stadt 5 / gebracht hast? Wie ist sie geworden? Glaubst du, daß sie ihr Glück mache» wird? Marquis. Sie ist schön, liebenswürdig, sehr angenehm; und gebildeter als ich glaubte, da sie auf dem Lande erzogen ist. M arquise. Ihre Mutter war eine kluge Frau, und es fehlte in ihrer Gegend nicht an guter Gesell, schaft. — Da ist sie. Dritter Auftritt. Die Vorigen. Die Nichte. Nichte. Wie glücklich bin ich Sie wieder zu sehen, liebste Tanre! Marquise. Liebe Nichte! Seyn Sie mir herzlich willkommen. 5S Marquis. Guten Morgen, Nichtchen! Wie haben Sie geschlafen? Nichte. (beschämt.) Ganz wohl. Marquise. Wie sie groß geworden ist, seit ich sie nicht gesehen habe! Nichte. Es werden drey Jahre seyn. ' Marquis. Groß, schön, liebenswürdig! Sie ist alles geworden, was ihre Jugend uns weissagte. Marquise, (zum Marquis.) Erstaunst du nicht, wie sie unserer Prinzessin gleicht? Marquis. So oben hin. In der Figur, im Wüchse, in der Größe mag eine allgemeine Aehnlichkeit seyn; aber diese Gesichtsbildung gehört ihr Sg , allein, und ich denke, sie wird sie nicht ver- tauschen wollen. Marquise. Sie haben eine gute Mutter verkehren. Nichte. Die ich in Ihne» wieder finde. Marquise. Ihr Bruder ist nach den Inseln. Nichte. Ich wünsche, daß er sein Glück mache- Marquis- kl Diesen Bruder ersetze ich. Marquise. (zum Marquis.) Es ist eine gefährliche Stesi ^ le, Marquis! Marquis. Wir haben Muth- ß, Jäck. Der Ritter! — Er ist noch nicht freund- sicher geworren. / 6o Marquise. Er ist willkommen! (Jack ab.) Marquise. (zur Nichte:) Sie werden einen liebenswürr Ligen Mann kennen lernen. Marquis. Ich dächte, sie könnte seinesgleichen schon mehr gesehen hahen. Vierter Auftritt. Die Vorigen. Der Ritter. Marquise. Es scheint, Sie haben so wenig geschlafen als ich. Ritter. Gewiß dicßmal hat der Graf unsere Gee duld sehr geprüft, besonders die meine. Er ließ uns eine völlige Stunde im Garten ste- 6i hen, dann befahl er uns in die Wagen zu fitzen und nach Hause zu fahren; er selbst brachte den Domherrn herein. Marquise. So sind wir denn glücklich alle wieder in der Stadt zusammen. Ritter. Ist dieses Frauenzimmer Ihre Nichte, die sie uns ankündigten? Marquise. Sie ists. Ritter. Ich bitte mich ihr vorzustellcn. Marquise. Dieß ist der Rittet Greville, mein werther Freund. Nichte. Ich freue mich eine so angenehme Bekanntschaft zu machen! 6s Ritter. (nachdem er sie aufmerksam betrachtet) Ihre Tante hat nicht zu viel gesagt; gewiß Sit werden die schönste Zierde unsers gemeinschaftlichen Kreises seyn. Nichte. Ich merke wohl, daß man sich in der großen Weltgewöhnen muß diese schmeichelhaftenAus- drücke zu hören. Ich fühle meine Unwürdigkeit und bin von Herzen beschämt; noch vor kurzer Zeit würden mich solche Complimente sehr verlegen gemacht haben. Ritter. Wie gut sie spricht! Marquise. (Echt sich.) Sagt' ich Ihnen nicht voraus, daß sie Ihnen gefährlich werden könnte. Ritter. (setzt sich,ll ihr.) Sie scherzen, Marquise! Marquis. (ersucht pantominisch die Nichte, ihm an der Hut* kokarde, an dem Stockbande etwas zurechte zu machen ; sie thut es, indem sie sich an ein Tischchen der Marquise gegenüber setzt. Der Marquis bleibt bey ihr stehen.) Marquise. Wie haben Sie den Domherrn verlassen? Ritter. Er schien verdrießlich und verlegen; ich verdenk' es ihm nicht. Der Graf überraschte uns, und ich darf wohl sagen: er kam uns allen zur Unzeit. Marq uise. Und Sie wollten sich mit gewaffneter Hand den Geistern widersetzen? Ritter. Ich versichere Sie, schon langst war mir die Arroganz des Grafen unerträglich; ich hätte ihm schon einigemal die Spitze geboten, wenn nicht sein Stand, sein Alter, seine Erfahrung, 64 seine übrigen großen Eigenschaften mehr als seine Güte gegen mich mir wiederum die größte Ehrfurcht einstoßten. Ich leugne es nicht, oft ist er mir verdächtig: bald erscheint er mir als ein Lügner, als ein Betrüger; und gleich bin ich wieder durch die Gewalt seiner Gegenwart an ihn gebunden und wie an Ketten gelegt. Marquise. Wem geht es nicht so? Ritter. Auch Ihnen? Marquise. Auch mir. Ritter. Und seine Wunder? Seine Geister? Marquise. Wir haben so große, so sichere Proben von seiner übernatürlichen Kraft, daß ich gerne meinen Verstand gefangen nehme, wenn Key seinem Betragen mein Herz widerstrebt. Rit- 6 L ^«Ij k°j>! ! ch Ich di« llzt. / rv»!» - «r«! !«» dl» dt. Ritter. Ick bin in dem nämlichen Fall, wenn meine Zweifel gleich starker sind. Nun aber muß sichs bald entsäieiden, heute noch! denn ich weiß nicht, wie er ausweichen will. — Als er uns heute gegen Morgen aus dem Garten erlöste: denn ich muß gesteh n, wir gehorchten ihm pünktlich und keinnr wagte nur einen Sckritt, tratt er endlich zu uns und rief: sepd mir gesegnet, die ihr die strafende Hand eines Vaters erkennt, und gehorcht- Dafür soll euch der schönste Lohn zugesichert werden. Ich habe tief in eure Herzen gesehen. Ich habe euch endlich gefunden. Dafür sollt ihr heute noch den Groß-Cophta erkennen. Marquise. Heute noch? Ritter. Er versprach's. E Marquise. Hat er sich erklärt, wie er ih» zeigen will? Wo? Ritter. In dem Hause des Domherrn, in der exotischen Loge, wo er uns eingcweiht hat. Diesen Abend. Marquise. Ich verstehe es nicht. Sollte der Groß- Cophta schon angelangt seyn? Ritter. Es ist mir unbegreiflich! Marquise. Sollte ihn der Domherr schon kennen und es bisher geleugnet haben? Ritter. Ich weiß nicht, was ich denken soll; aber es werde nun wie es wolle, ich bin entschlossen den Betrüger zu entlarven, sobald ich ihn entdecke. 6 - Marquife. Als Freundin kann ich Ihnen ein so heroisches Unternehmen nicht rathcn; glauben Sie, daß es so ein Leichtes sey? Ritter. Was hat er denn sür Wunder vor unfern Augen gethall? Und wenn er fortfahrt, uns mit dem Groß-Cophta aufzuziehen, — wenn es am Ende auf eine Mummerey hinausläuft, daß er uns einen Landstreicher seines gleichen als den Urmeistcr seiner Kunst aufdringen will: wie leicht werden dem Domherrn, wie leicht der ganzen Schule die Augen zu offnen seyn! M arquise. Glauben Sie es nicht, Ritter! Die Menschen lieben die Dämmerung mehr als den Hellen Tag, und eben in der Dämmerung erscheinen die Gespenster. Und dann denken Sie, welcher Gefahr Sie sich aussetzen, wenn Sie einen solchen Mann durch eine rasche, durch E 2 63 eine übereilte Tbat beleidigen. Ich verehre ihn noch immer als ein übernatürliches We- sen. — Seine Großmuth, seine Freigebigkeit und sein Wohlwollen gegen Sie! Hat er Sie nicht in das Haus des Domherrn gebracht? Begünstigt er Sie nicht auf alle Weise? Können Sie nicht hoffen, durch ihn Ihr Glück zu machen, wovon Sie als ein dritter Sohn weit entfernt find?-Doch Sie find zerstreut — irre ich, Ritter? oder Ihre Augen sind mehr auf meine Nichte als Ihr Geist auf mein Gespräch gerichtet? Ritter. Verzeihen Sie meine Neugierde. Ein neuer Gegenstand reitzt immer. Marquise. Besonders wenn er reizend ist. Marquis. (derbiühermit der Nichte leise gesprochen.) Sie find zerstreut und Ihre Blicke scheinen nach jener Seite gerichtet zu seyn. Nichte. Ich sah meine Tante an. Sie hat sich nicht geändert seitdem ich sie gesehen habe- Marq uis. Desto mehr verändert find' sich Sie, seitdem der Ritter eingctreten ist. Nichte. Seit diesen wenigen Augenblicken? Marquis. O ihr Weiber! ihr Weiber! Nichte. " Beruhige» Sie sich, Marquis! Mas fällt Ihnen ein? Marquise. Wir machen doch diesen Morgen eine Tour, Nichtche»? Nichte. Wie es ihnen gefällt- Ritter. Darf ich mich zum Begleiter anbieten? 7 ° Marquise. Dießmal nicht/ cs würde Ihnen die Zeit lang werden. Wir fahren von Laden zu Laden. Wir haben viel einzukaufen: denn es muß dieser schbncn Gestalt an keinem Putze fehlen. Diesen Abend finden wir uns in der egyptischen Loge zusammen. Fünfter Auftritt. Die Vorigen. Jack. Der Graf. Iäck- Der Graf! — Graf. (der gleich hinter Iäck herein kommt.) Wird nirgends, angemeldet. Keine Thür ist ihm verschlossen/ er tritt in alle Gemächer unversehens herein. Und sollte er auch unerwartet/ unwillkommen herabfahren wie ein Donner- schlag: so wird er doch nie hinweagehei,/ ohne/ gleich einem wohltätigen Gewitter/ Legen und Fruchtbarkeit zurück zu taffen. Jack. (der Lndeß unbeweglich dagestanden, den Grafen angesehen und ihm zugehört, schüttelt den Kopf und geht ab. Graf. (seht sich und h-halt in diesem, so wie in dem vorhergehenden und folgenden Auftritten den Hut auf dem Kopfe, den er höchstens nur, um Auch Sie tresf' ich wieder hier, Ritter? Fort mit Ihnen, überlassen Sie sich der Meditation; und diesen Abend zur gesetzten Stunde finden Sie sich in dem Vorzimmer des Domherrn. Ritter. Ich gehorche. Und Ihnen allerseits empfehle ich mich, (ab-) Nichte. Wer ist dieser Herr? Marqui s. Der Graf Rostro, der größte und wunder- I 7 - Graf. Marquise! Marquise! Wenn ich nicht so Nachsicht wäre/ wie würde eS um Sie steyui? Marquise. W.e das/ Herr Graf? Graf. Wenn ich nicht so nachsichtig und mächtig zugleich wäre! 2k>r seyd ein leirt tsinnigeS Volk! Wie oft habt ihr mich nicht fußfällig gebeten/ daß ich euch weiter in die Geheimnisse führen soll! Habt ihr nicht versprochen, euch allen Prüfungen zu unterwerfen/ wenn ich euch den Groß-Cophta zeige»/ wenn ich euch seine Gewalt über die Geister sehen und mit Händen greifen ließe; und was habt ihr gehalten? Marquise. Keine Vorwürfe/ bester Graf! Sie haben »ns genug gestraft. Graf. Ich lasse mich erweichen- (Nach einigem N-ichdcnk-n) Ich sehe wohl, ich muß anders zu Werke gehen, und euch durch eine ganz besondere Weihung, durch die kräftigste Anwendung meiner Wundergaben, in wenig Augenblicken rein und fähig machen, vor dem Wun- derman» zu erscheinen Es ist eine Operation, die, wenn sie nicht qeräth, uns allen gefähr-. lich seyn kann. Ich sehe es immer lieber, wenn meine Schüler sich selber vorbereitcn, damit ich sie als umgeschaffene Menschen ruhig und sicher in die Gesellschaft der Geister führen kann. Marquise. Lassen Sie uns nicht länger warten. Machen Sie uns noch heute glücklich, wenn es möglich ist. Lieber will ich mich der größten Gefahr aussctzen, die nur einen Augenblick dauert, als mich dem strengen Gebot unter- 7>i werfen, das mir Monate lang Tage und Nächte raubt. Graf. Leicht wollt ihr alles haben, leicht und bequem! und ihr fragt nicht, wie schwer mir nun die Arbeit werden muß? Marquise. Ihnen schwer? — Ich wüßte nicht, was Ihnen schwer werden könnte. Graf. Schwer! sauer! und gefährlich! — Glaubt ihr, der Umgang mit Geistern sey eine lustige Sache? Man zwingt sie nicht, wie ihr die Männer mit einem Blick, mit einem Händedruck. Ihr denkt nicht, daß sie mir widerstehen, daß sie mir zu schaffen machen, daß sie mich überwältigen mochte», daß sie auf jeden meiner Fehler Acht haben, mich zu überlisten. Ecken zwcymal in meinem Leben habe ich gefürchtet ihncn'unterzuliegcn; darum trage ich > 7Z dieses Gewehr (er zieht rin Trrzerot aus derTasche) immer bey mir/ um mich des Lebens zu berauben/ wenn ich fürchte» müßte/ ihnen un- terthänig zu werden. Nichte. (zum Marquis) Welch ein Man»! Es zittern mir die Kuiee für Schrecken! So Hab' ich nie reden hören! von solchen Dingen Hab' ich nie reden Horen! von solchen Dingen Hab' ich nichts geträumt! Marquis. Wenn Sie erst die Einsichten/ die Gewalt dieses Mannes kennen sollte»/ Sie würben erstaunen. Nichte. Er ist gefährlich! mir ist angst und bange! (Der Graf sitzt indeß unbeweglich und sieht starr vor sich hin.) Marquise. Wo sind Sie/ Graf? Sie scheinen abwe- 76 send! —So hören Sie doch! (Sie faßt ihn an und schüttelt ihn.) 88as ist das? Er rührt sich nichr! Hören Sie mich doch! Marquis. (tritt näher ) Sie sind ein Kenner von Steinen, wie hoch schätzen Sie diesen Ring? —— Er hat die Augen auf und sieht mich nicht a»! Marquise. (die ihn noch bey dem Arm hältz So steif wie Holz, als wenn kein Leben in ihm wäre! Nichte. Sollte er ohnmächtig geworden seyn? Er sprach so heftig! Hier ist etwas zu riechen! Marquis. Mi» doch, er sitzt ja ganz gerade, cs ist nichts Hinfälliges a» ihm. Marquise. Stille!, er bewegt sich! (Der Marquis und die dichte treten von ihm weg) 77 !ll! Graf. Hier! halt ein, Schwager! hier will ich aus- steigen! Marquise. Wo sind Sie, Graf? Graf. (Nachdem er kicfAkhem geholt hak) Ah — Se- hen Sie, so geht mic's! (nach einer Pause) Da haben Sie ein Beyspiel! (Pause.) Ich kann es Ihnen wohl vertrauen. — Ein Freund, der gegenwärtig in Amerika lebt, kam unversehens in große Gefahr; er sprach die Formel aus, die ich ihn auvertrauet Habs; nun konnte ich nicht widerstehen! Die Seele ward mir aus dem Leibe gezogen, und eilte in jene Gegenden. Mit wenig Worten entdeckte er mir sein Anliegen, ich gab ihm schleunigen Rath; nun ist mein Geist miedet hier, verbunden mit der irdischen Hülle, die inzwischen als ein leb- 7ö loser Klotz zurückblieb. — (Pause) Dar Sonderbarste ist dabey, daß eine solche Abwesenheit sich immer damit endigt, daß es mir verkommt, ich fahre entsetzlich schnell, sehe meine Wohnung, und rufe dem Postillon zu, der eben im Bearif ist vorbei) zu fahren. — Hab' ich nicht so was ausgerufen? Marquise. Sie erschrecken uns damit. — Sonderbar und erstaunlich! (leise) Welche Unverschämtheit! Graf. Sie können aber nicht glauben, wie ich ermüdet bin. Mir sind alle Gelenke wie zerschlage»; ich brauche Stunden um mich wieder zu erhöhten. Davon ahndet ihr nichts; ihr wähnt, man mache nur alles bequem mit dem Zauberstäbchen. Marquis. Wunderbarer, verehrungswürdiger Mann! (leise) Welch ein dreister Lügner! 79 Nichte. (herbe-, tretend) Sie haben mir recht bange W gemacht, Herr Graf, m Graf, da Ein gutes, natürliches Kind (zur Marquise) i? Ihre Nichte? Marq uise. Ja, Herr Graf! Sie hat vor kurzem ihre «da Mutter verlohren; sie ist auf dem Lande erzo- »«d gen und erst drey Tage in der Stadt- Graf. (die Nichte scharf ansehend) Sv hat Mich Uriel doch nicht betrogen. ji» Marquise. «in Hat Ihnen Uriel von meiner Nichte was H°! besagt? > «k Graf. Nicht gerade zu; er hat mich nur auf sie vorbereitet. »i>: So Nichte. (leise zum Marquis) Um Gotteswillc», der weiß alles, der wird alles verrathen. Marquis- (l-ife) Bleiben Sie ruhig, wir wollen hören. , Graf. Ich war diese Tage sehr verlegen, als ich die wichtige Handlung überdachte, die noch heute Vorgehen soll. — Sobald sich euch der Groß-Copbta wird offenbart haben, wird er sich umsehn und fragen, wo ist die Unschuldige? Wo ist die Taube? Ein unschuldiges Mädchen muß ich ihn stellen. Ich dachte hi» und wieder, wo ich sie finden, wo ich sie zu uns einführcn wollte. Da lächelte Uriel und sagte: »sey getrost, du wirst sie finden, ohne sie zu suchen. Wenn du von einer großen Reise zurückkehrcst, wird die schönste, reinste Taube vor dir stehen.» — Alles ist cinger troffen, wie ich mirs gar nicht denken konnte. 24 X ' . Sr Ich komme aus Amerika zurück, und dieses unschuldige Kind steht vor mir- Marquis. (leise) Dießmal hat Uriel gewaltig fchlger griffen. Nichte. (le>s°) Ich zittre und bebe! Marquis. (leise) So Horen Sie doch aus. M arqu > se. Dem Groß - Cophta soll ein unschuldiges Mädchen gebracht werden? Der Groß-Cophta kommt von Orient? Ich hoffe nicht — Graf. (zur Marquise) Entfernen Sie alle fremde, alle leichtfertige Gedanken! (zur Nichte, saust und freundlich :) Treten Sie näher, mein Kind! nicbr furchtsam, treten Sic näher! — So! — Eben so zeigen Sie sich dem Groß-Cophta. Seine scharfen Augen werden Sie prüfen; er S 8s wird Sie vor einen blendenden/ glänzenden , Kryüall führe», Sie werden darin die Geister erblick-», die er beruft, Sie werden das Glück genießen, wornack andre vergebens streben, Sie werden Idee Freunde belehren und sogleich ei- nen «roßen Rang in der Gesellschaft einneh- men, in die Sie treten; Sie, die jüngste, aber aucb oie reinst-.-Wetten wir, Marquise! dieses Kind wird Sachen sehen, die den Dome Herrn höchst glücklich machen. Wetten wir, Marquise? Marquise. ' Wette»? Mit Ihnen, der alles weiß? Nichte. (die bisher ihre Verlegenheit zu verbergen gesucht.) Verschonen Sie mich, Herr Graf! Ich bitte Sie, verschonen Sie mich! Graf. Seyn Sie getrost, gutes Kind! die Unschuld hat nichts zu fürchten! 83 Nichte. (in der äußersten Bewegung) Ich kailn die Gei- stcr nicht sehen! ich werde des Todes seyn! Graf. ^cymclcyelnv) Fussru Sie Muth. dluch diese Furcht, diese Demukh kleidet Sie schön und macht Sie würdig vor unsre Meister zu treten! Reden Sie ihr zu, Marquise! (Die Marquise spricht heimlich mit der Nichte.) Marquis. Darf ich nicht auch ein Zeuge dieser Wunder seyn? G raf. Kaum! Sie sind noch unvorbereiteter als diese Frauen. Sie haben diese ganze Zeit unsere Versammlungen gemieden. Marquis. Verzeihen Sie, ich war beschäftigt. 8 - «4 Graf. Sick zu putzen; das Sie den Weibern überlaffen sollten. Marquis- find zu strenge. Graf. wcht so strenge, daß ich den ausschließen Zollte, der mich noch boffen läßt. Kommen Sie, kommen Sie! Lasten Sie uns eine Viertelstunde spatzieren gehn. Wenigstens muß ich Sie examiniren und vorbereiten. Leben Sie wohl! Aus Wiederseh» beyde! Nichte. (die den Grafen zurückhült.) Ich bitte, ich beschwöre Sie! Graf. Noch einmal, mein Kind: verlassen Sie sich auf mich, daß Ihnen »ichrs Schreckliches be- vorstebt, das Sw die Unsterblichen mild und freundlich finden werden. Marquise! geben Sic ihr einen Begriff von unser» Versammlungen/ SS belehren Sie das holde Geschöpf. Unser Freund der Domherr/ fragt den Groß Ihren Schleyer über, wir wollen ausfahren, Sie müssen sich zerstreuen. > Nichte. (Indem sie aufsiche und der Marquise um den Hals fällt) Beste, liebste Tante, wie beschämen Sie mich! ^ 9 » Marquise. Sie fallen eine Freundin, eine Vertraute an mir finde». Nur der Marquis darf nicht wissen, daß ich es bin; wir wollen ihm die Verlegenheit ersparen. Nichte. Welche Großmuth! Marquise. Sie werden ihn ans eine geschickte Weise vermeiden; ich werde Ihnen behülfiich seyn. Nichte. Ich bin ganz in Ihren Händen! Marquise. Und >xas die Geister betrifft, will ich Ihnen die wunderbarsten Geheimnisse entdecken; und Sie sollen diese fürchterliche Gesellschaft lustig genug finden. Kommen Sie! Kommen Sie nur! v3 Dritter Aufzug. !>>! !l> »t k!j fl! Erster 2lu stritt. (Zimmer des Domherrn.) (Im Grunde ein bamin, auf dessen beyden Seiten zwey Bilder in Lebensgröße, eines ältlichen Herrn und einer jungen Dame.) Domherr. (Papiere in der Hand haltend.) (§oll ich denn wieder einmal, augebetete Fürstin, vor dein schönes Bild mit hoffnungsvoller Freude treten! Soll die Sehnsucht, die zu dir hinauf blickt, endlich einigen Trost von deinen Lippen erwarten dürfen! — Noch schweb' ich in Ungewißheit. Diese köstlichen Züge seh' ich vor mir, (aufdie Papiere deutend) ich erkenne deine Hand, ich fühle deine Gesinnungen; aber noch ist es nur allgemeineHöf- lichkeit, noch steht keine Sylbe von dem, was ich so heftig wünsche, auf diesen Blättern. — v4 Thor! und was verlangst du?—Ist cs nicht schon genug/ das sie schreibt? Dir so viel schreibt. Und wäre nickt ihr bloßer Namenszug schon ein Zeuge ihrer glücklich veränderten Gesinnungen? — Perändertc»? — Nei»/ sie hat sich nie verändert. Sie schwieg/ als man mich verstieß; sie verstellte sich, um mir zu nutzen. Und nun belohnt sie mich mit zehnfachem Vertrauen, und wird bald Gelegenheit finden, mich wieder herauf zu führen- — Sie wünscht das kostbare Halsband, sie giebt mir den Auftrag, ohne Vorbewußt ihres Vaters, ihr dieses Kleinod zu verschaffe», sic sendet mir ihre Garantie, sie wird wegen der Zahlungen immer in Verbindung mit mir bleiben; gerne lege ich de» ersten Termin aus, um sie noch fester an mich zu knüpfen. — Ja, du „jrft — d„ wirst — darf ich es in der Gegenwart deines Bildes aussprechen? — du wirst mein seynl — Welch ein Mort! — 95 Welch ein Gedanke! — Schon füllt die Glückseligkeit wieder ganz mein Herz aus. Ja! dieses Bild scheint wieder sich zu bewegen, mir zu lächeln^-mir freundlich zuzuwinken.— Schon hebt sich der Ernst von des Fürsten Stirne hinweg. Huldreich sieht er mich an, » wie in jenen Tagen, als er mir diese kostbaren Gemälde unvermuthet schenkte. Und sie! — Komm herab, Göttin, herab! — Oder hebe mich zu dir hinauf, wenn ich nicht vor deinen Augen sterben soll! Zweyter Auftritt. Der Domherr- Ein Bedienter, hernach die Hofjuweliere. Bedienter. Ew. Gnaden haben die Hofjuweliere befohlen; sie sind vor der Thüre. Domherr. Laß sie hereinkommen! g6 r (zu den Juwelieren.) Nun, wie sind Sie mit dem Entwürfe des Contrakts zufrieden, de» ich Ihnen zugeschickt habe? Juwelier. Wegen der Summe hätte» wir noch einige Erinnerungen zu machen. Domherr. Ich dachte doch, der Schmuck wäre gut bezahlt. Sie finden nicht leicht einen Käufer. Liegt Ihnen das Halsband nicht schon ein Jahr müßig? Juwe li er. Leider! — Und dann — Verzeihen Sie, gnädiger Herr — Domherr. Was ists noch? Juw elier. Wen» wir auch mit der gebotenen Summe uns begnügen und sie in den festgesetzten Ter« minen 1 > 97 minen annehmen wollten, so werden Sie doch nickt ungnädig nehmen, wenn wir auf Ihre bloße handschriftliche Versicherung ein so kostbares Stuck abzuliefer» Bedenken tragen. Es ist gewiß nicht Mißtrauen; nur unsre Sicherheit in einem so wichtigen Geschäfte — Domherr. Ich verdenke Ihnen nicht, daß Sie mir eine so große Summe nicht geradezu anver« trauen wollen. »Ich habe IhMN aber schon gesagt, daß ich das Halsband nicht für mich, sondern für eine Dame kaufe, die allerdings so viel Credit bey Ihnen habe» sollte. Juwelier. Wir trauen völlig Ihren Worten, ltnd wünschten nur eine Zeile von der Hand unsrer gnädigsten Käuferin. Domherr. Ich sagte Ihnen schon, daß es nicht an» ~ G S» geht, und empfehle Ihnen nochmals das Ge- heimniß. Genug ich werde Ihr Schuldner. Damit Sie aber nicht glauben, als handelte ' ich übereilt und hätte nicht gewußt, mich und Sie zu decken: so lesen Sie hier. (Er giebt ihnen ein Papier, und spricht für . sich, indem sie es lesen.) Zwar hat die Marquise ausdrücklich verlangt, ich soll das Blatt niemanden zeigen, soll es nur zu meiner eigene» Sicherheit verwahren.— Wenn nun aber diese Leute auch an ihre Sicherheit denken, wenn sie nun auch wissen wollen, wer mir und ihnen für eine so große Summe steht — (laut) Was sagen Sie nun, meine Herren? Juwelier. (indem er das Blatt zurück giebt.) Wir bitten um Vergebung, wip zweifeln keinen Augenblick. — Auch ohne dieß würden wir daS Halsband ausgeliefert haben. Hier ist es. Märe es gefällig, den Contrakt zu um terschreiben? Domherr. Sehr gern. (Er unterschreibt und wechselt das Düpier gegen das Schmuckkästchen aus.) Leben Sie wohl, meine Herren! Die Termine sollen richtig abgetragen werden, und künftig haben wir mehr mit einander zu rhun. Die Juweliere. (gehen mit tiefen Verbeugungen ab.) Dritter Auftritt. Domherr, nachher ein Bedienter, dann Jack- Domherr. (indem er düs Halsbänd betrachtet.) Kostbar sehr kostbar! — und werth des schlanken weiffen Halses, der dich tragen soll, werth des himmlischen Busens, den du berühr G 2 roo ren wirst. Eile zu ibr, glänzender Schmuck/ damit sie einen Augenblick lächle und gefällig an den Mann denke/ der viel wagt, um ihr diese Freude zu verschaffen. Geh, sey ihr ei» Zeuge daß ick alles für sie zu thun bereit bin (Den Schmuck ansebend) Ware ich ein Kör nig, du solltest sie als ein Ges cnk überrar scheu und bald durch kostbarere Geschenke wier der verdunkelt werden. — Ach wie betrübts wich, wie demüthigts mich, daß ich jetzt nur den Mäkler macbcn kann! Bedienter. (ein Biller bringend) Ein Bote von derMakr quise! Domherr. Er soll warten. Bedienter. (ab.) Domherr. (liest) «Wenn der Schmuck in Ihren Häm «den ist, so geben Sie ihn gleich dem «Ueberbringer. Ick habe die schönste «Gelegenheit ihn hinaus zu schicken, «eine Kammerfrau ist in der Stadt, ich «schicke verschiedene Putzwaaren an die «Göttliche und packe die Juwelen bey. «Der Lohn für diesen kleinen Dienst «erwartet Sie schon heute Nacht- In «einer Viertelstunde bin ich bey Ihnen. «Was steht uns nicht heute bevor! «Das Angesicht des Groß-Cophta und «das Angesidt eines Engels. Leben «Sie wohl, liebster Aus erwählter, Ver «brennen Sie dies Blatt » Traue ich meinen Augen? Noch heute Nacht? Geschwinde! Geschwinde! sey der Vorläufer des Glücklichsten unter allen Sterblichen. (E^ schreibt wenige Worte und siegelt das Schmuckkästchen ein.) Warum muß auch heute sich alles zusammen drängen? Soll ein einziger Abend mich für so viel Langeweile, so viel Ungeduld und Schmerzen entschädigen? Erscheine sehnlich erwarteter Zeitpunkt meines Glücks! Führet mich, ihr Geister ins Heiligthum der geheime» Kenntnisse; führe mich, o Liebe, in dein Hei- ligrhum! (Er klinget/:) Bedienter. (tritt ein.) Domherr. Wer ist von der Marquise da. Bedienter. Ihr Iäck. Domherr. Laß ihn hcreinkommen! Bedienter. (°b.) Domherr. Ich habe keine Ruhe, bis ich das Kleinod in ihren Händen weiß. r»3 Jäck. (tritt auf.) Was befehlen Jhro Gnaden? Domherr. Bringe dies Packet deiner gnädigen Frau. Eile und halt cs fest, daß du es nicht etwa verlierst. Jäck. So wenig als meinen Kopf. Domherr. Du bist so leichtsinnig. Jäck. Nicht im Bestellen. 'Domherr. So geh hin. ' Jäck. Gnädiger Herr! Sie verwohnen die Boten- Domherr. Ich verstehe. (Ziebt dem Knab-n G-ld.) Hier, wende es wohl an! Jack. Ich geb es gleich aus, damit ich cs nicht verliere. Ich danke unterthamg! ».halb laue als spräche er furstch, doch so. daß cs der Domherr hören kann.) Weich ein Heer! Fliest verdient er zuseyn! (mitvielen muthivilligen Bücklingen ab.) , Domherr. Eile nur! eile! - Wie glücklich, daß ich diesen Auftrag so schnell ausrichten konnte! — Nur das einzige macht mir Sorge, daß ich cs dem Grafen verbergen mußte. — Es war'der Fürstin ausdrücklicher Wille. — O ihr guten Geister, die ihr mir so sichtbar beystaudet, bleibt auf meiner Seite und verbergt die Geschichte nur auf kurze Zeit eurem Meister! Vierter Auftritt. Domherr. Ritter. Bedienter. St. Jean. Der Ritter. Domherr. ro? Drey Sessel! St. Ie an. (stellt die Sessel.) / > Ritter. Hier bin ich! Kaum habe ich diesen Augenblick erwarten können. Schon lange geh' ich ungeduldig auf der Promenade hin und wieder; es schlagt die Stunde und ich stiege hieher. Domberr. Seyn Sie mir wuckommen. e Ritter. Den Grafen fand ich auf der Treppe. Er redete mich liebreich an, mit einem sanften * Tone, den ich nicht an ihm gewohnt bin. Er wird gleich h>er scy». - Domherr. Ist er hinüber ins Logenzimmer gegangen? Ritter. So schien mirs. Domherr. Er bereitet sich zu feyerlichen Handlungen, Sie erst hier in den zweyte» Grad aufzunehmen, dann mich in den dritten zu erheben, und uns dem Groß Cophta vorzustellen. Ritter. Ja er hatte die Miene eines Wohlthaters, eines Vaters. Diese Miene ließ mich viel hoffen. O wie schön glänzt die Güte vom Angesicht des Gewaltigen! Fünfter Auftritt. DieVorige». Der Graf. Graf. (indem er feinen Hut abnimmt und gleich wieder -ufseHt.) Ich grüße euch, Männer des zweyten Grades! ,°7 Domherr. Wir danken dir! Ritter. Nennst du mich auch schon so? Graf. Den ich so grüße, der ists. (Er setzt sich auf den mittelsten Sessel.) Bedeckt Euch. Domherr. Du befiehlst cs! (er setzt auf.) Graf. Ich befehle nicht. Ihr bedient euch eures Rechtes; ich erinnere euch nur. Ritter. (bey Seite, indem er den Hut aufseHt.) ' Welche M'lde! Welche Nächster! Ich brenne vor Begierde, die Geheimnisse des zwey» ten Grades zu Horen. ' > Graf. ' Setzt euch, meine Freunde, setzt euch, meine Gehülfen! Domherr. Die Gehülfen sollten vor dem Meister ste- hen, um, gleich dienstbaren Geistern, seine Be* fehle schleunig auszurichten. Graf. Wohlgesprochen! Aber sie sitzen bey ihm, weil sie seine Räthe mehr als seine Diener sind. (Beide setzen sich.), Graf. (zum Ritter) Wie nennt man die Männer des zweyten Grades? Ritter. Wenn ich eben recht hörte, Gehülfen. Graf. Warum mögen sie diesen Namen tragen? Wahrscheinlich, weil sie der Meister aufgeklärt und thatig genug findet, zu seinen Absichten mitzuwirken und seine Zwecke zu erfüllen. Graf. - Was denkst du von den Endzwecken dieses Grades? Ritter. Ich kann mir nicyts anders denken, als daß wir nun erst ausüben sollen, was uns der erste Grad gelehrt hat. Dem Schüler zeigt man von weitem, was zu thun ist; dem Ge- hülfen giebt man die Mittel an die Hand, wie er das Ziel erreichen könne. Graf. Was ist das Ziel, das man den Schülern vorsteckt? Ritter. Das eigene Beste in dem Besten der Andern zu suchen. Iio Graf. Was erwartet nun der antretende Gehülfe? Ritter. Daß ihm der Meister die Mittel anzeigen solle/ La« allgemeine Beste zu befdrdren. Graf. Erkläre dich näher. Ritter. Du weißt besser» als ich selbst, was ich zu sage» habe. In jedes gute Herz ist das edle Gefühl von der Natur gelegt, daß cs für sich allein nicht glücklich scyn kann, daß es sein Glück in dem Wohl der Andern suchen muß. Dieses schöne Gefühl weißt du in den Schn- lern des ersten Grades zu erregen, zu stärken, zu beleben! — Und wie nöthiq ist cs, uns zum Guten Muth zu machen! Unser Herz, das von Kindheit an nur in der Geselligkeit sein Glück findet, das sich so gern hingiebt, III und nur dann am höchsten und reinsten genießt, wenn es sich für einen geliebten Gegenstand aufcpfern kann — ach! dieses Herz wird leider Lurch den Sturm der Welt aus seinen liebsten Träumen gerissen! Was wir geben können, will niemand nehmen; wo wir zu wirken streben, will niemand helfen; wir suchen und versuchen und finden uns bald in der Einsamkeit. Graf. (Nach einer Pause) Weiter, mein Sohn. Ritter. Und was noch schlimmer ist, muthlos und klein. Wer beschreibt die Schmerzen eines verkannten, von allen Seiten zurückgestoßenen menschenfreundlichen Herzens? Wer drückt die langen langsame» Qualen eines Gemüths aus, das zu wohlthatiger Theilnehmung ge, deren, ungern seine Wünsche und Hoffnungen aufgiebt, und sich doch zuletzt derselben auf US ewig eutänssern muss? Glücklich, wenn eS ihm »och möglich wird, eine Gattin, einen Freund zu finden, denen er d.is einzeln schenken kann, was dem ganzen Menscheilaer sctlettte zugedachk war; wen» er Kindern, wenn er — Thicren nützlich und wohlrhatig ,seyn kann! Graf. - Ihr habt noch mehr zu sagen, fahrt fort. Ritter. Ja dieses schone Gefühl belebt Ihr in eu- re» Schülern aufs neue, Ihr gebt Ihnen Hoffe nung, daß die Hindern ffe, die dem sittliche» Menschen entgegen stehen, nicht unüberwindlich seyn. daß es möglich sen, sieb nickt allein zu kennen, sondern sich auch zu bessern; daß es moglicb sev, die Rechte der Menschen nicht nur einruseken, sondern auch geltend zu machen, und indem man für andere arbeitet, zugleich r>3 gleich den einzigen schonen Lohn für sich gewinnen — Graf. (zum Domherrn, der sich bisher unruhig auf seinem Seffei bewegt hat) Was sagt Ihr zu diesen Äußerungen unsers Ritters? Domherr. (lächelnd) Daß sie von einem Schüler kom» men, und von keinem Gefährte». Ritter» Wie? Domherr. Es ist nicht von ihm zu verlangen, er muß belehrt werden. Ritter» Was? Domherr. Sage mir den Wählspruch des ersten Grades. H Ritter. Was du willst» daß die Menschen für dich thun sollen, das thue für sie. Domherr. Vernimm dagegen den Wahlspruch des zweytcn Grades- Was du willst, daß die Menschen für dich thun sollen, Las thue für sie nicht. Ritter. (aufspringend) Nicht? Hat man mich zum Besten? — Darf ein vernünftiger, ein edler Mensch so reden? Graf. Setze dick nieder und höre zu. (zum Dom- Herrn) Wo ist der Mittelpunkt der Welt, auf den sich alles beziehen muß? Domherr. In unserm Herzen. Graf. Was ist unser höchstes Gesetz? Domherr. Unser eigener Dortheil. Graf. Was lehrt uns der zweytc Grad? Domherr. Weise und klug seyn. Graf. / Wer ist der Weiseste? Domherr. Der nichts anders weiß noch will, als daS > was ihm begegnet. Graf. Wer ist der Klügste? D omherr. Der in allem, was ihm begegnet, seinen Vortheil findet. Ritter. (der wieder aufspringy Entlaßt mich! Cs ist mir unmöglich, cs ist mir unerträglich solche Reden zu hören! r>6 Domherr. (halb lachend) Ging es mir doch beinahe eben so, wie Ihnen- (zum Grafen) Es ist ihm zu verzeihe», -aß er sich so ungeberdig stellt, (zu,,, Nieter) Beruhigen Sic sich, Sie werde» schon über sich selbst lachen und uns das La« cheln verzeihen, das Sie in diesem Augenblick verdrießt. Aus dem Felde der jugendlichen Schwärmerei-, worin der Meister seine Schü- ler gängelt, glaubt man über eine goldene Brücke in eine reitzcnde Fecnwelt hinüber geführt zu werden. Und freylich ist es unerwartet, wenn man unsanft in die wirkliche Welt wieder zurück gebracht wird, aus der man sich zu entfernen glaubte. Ritter. Meine Herren, Sie erlauben, daß ich gehe, daß ich mich von meinem Erstaunen erhohle. Domherr. Gehn Sie nur, gehn Sie und sehn Sie sich in der Welt, sehn Sie sich in Ihrem Herzen um. B-dauren Sie meinetwegen die Thoren; aber ziehen Sie Vortheil aus der Tborheit. Sehn Sie, wie jeder vom andern jo viel als möglich zu nehmen^sucht, um ihn so wenig als möglich zurück zu geben. Jeder mag lie< ber befehlen, als dienen, lieber sich tragen läse sen als tragen. Jeder fordert reichlich Achtung und Ehre, und giebt sie so spärlich als möglich zurück. Alle Menschen sind Egoisten; nur ein Schüler, nur ei» Thor kann sie ändern wollen. Nur wer sich selbst nicht kennt, wird läugnen: daß es in seinem Herzen eben so bestellt sey. Ritter. Wohin bin ich gerathen! D omherr. Diesen Lank der Welt wird Ihnen der Meister im zweyten Grade ganz enthüllen. Er wird Ihnen zeigen, daß man von den Menschen ri8 , nichts verlangen kann, ohne sie zum Besten zu haben und ihrem Eigensinne zn schmeicheln; daß man sich unversöhnliche Feinde macht, wenn man die Albernen aufklaren, die Nachte Wandler aufwecken, und die Verirrten zurecht weisen will; daß alle vorzügliche Mensche» nur Marktschrcyer waren und sind — klug genug ihr Ansehn und ihr Einkommen auf die Gebrechen der Menschheit zu gründen. Rit ter. Abscheulich! Abscheulich! Graf. Es sey genug. Er mag nun selbst denken; und noch ein Wort, eh wir uns trennen. Wie nennt man den ersten Grad? Domherr. Die Lehre. . Graf. Warum? "9 Domherr. Damit die Schüler glauben, sie lerne» etwas. Graf. Wie nennt man den zweytcn Grad? Domherr. Die Prüfung. Graf- Und weswegen? Domherr. Weil der Kopf eines Menschen darin geprüft wird, und man sieht, zu was er fähig ist- Graf. Vortrefflich! (leise zum Domherrn) Laß uns allein; ich muß diesen Trotzkopf zu begütigen suchen. Domherr. Ich hoffte, du würdest meine Wünsche erhören und mich in den dritten Grad erheben. I?o Graf. Ich darf dem Groß-Cophta nicht vorgreisen. Warte seine Erscheinung ab; in kurzer Zeit werden alle deine Wünsche befriedigt seyn. Sechster Auftritt. Der Graf. Der Ritter. Graf. Junger Mann! Ritter, (der indessen nachdenklich und unbeweglich ge- standen) Leben Sie wohs, Herr Graf! Graf, Wo wollen Sie hin? Ich lasse Sie nicht weg. Ritter. Halten Sie mich nicht! Ich lasse wich nicht halten! Graf. ILI Bleibe»? Sie! Ritter. Nicht langer, als bis ich Ihnen Dank gesagt, für das Gnte, das Sie mir erzeigt, für die Bekanntschaften, die Sie mix geinacht, für den guten AZille», de» Sie mir versichert. Und nun leben Sie wohl! auf ewig wohl! denn ich möchte mich nicht undankbar zeigen gegen meinen Wohlthäter- heben Sie wohl! und lassen mich nur noch das sagen: Ihre Wohlthaten beschämten mich nicht, denn ich glaubte sie einem edlen großen Mange zn per, danken, Graf, Weiter! weiter! Reden Sie aus, eher kom» men Sie nicht von der Stelle, Ritter, Sie »vollen es? Sie befehle» es? Es sey den»! O Graf! wie haben Sie in dieser ISS Viertelstunde mciu Glück, meine Hoffnungen zernichtet! Haben Sie mich nicht besser gekannt, nicht besser beurtheilt? Graf. Worin Hab' ich mich denn so sehr betrogen? Ich lernte Sie als einen >ungenMann kennen, der sein Glück zu machen wünschte; der mit Eiker, ja mit Heftigkeit, nach Rang, nach Vermögen strebte, und desto heftiger, je weniger ihm seine Lage Ansprüche zu großen Hoffnungen wachte. Ritter. Wohl! Aber zeigte ich mich nickt auch mit einem Herzen, das niedrige, gewöhnliche Mittel verschmähete? Wünschte ich nicht meine beste Empfehlung von meiner Redlichkeit, meiner Gesetzlichkeit, meiner Treue, von allen jenen Eigenschaften, die einen edlen Mann, die einen Soldaten zieren? — Und nun? v Graf. Und NUN erschrecken Sie über Len Fuchse pelz mit dem Sie Ihre Löwenmähne bedecken sollten, Ritter. Scherzen Sie mir, ich will ernsthaft reden; ernsthaft zum lctztenmale mit einem Manne/ den ich für meinen Freund hielt. Ja, ich gesteh' es Ihnen: Ihr Betragen war mir langst verdächtig. Diese geheimen Wissenschaften, in deren Vorhoff mir dunkler ward qls vorher in der freyen Welt, diese wunderbaren Kräfte, die uns auf guten Glauben versichert wurden, diese Verwandtschaft mit Geistern, diese unfruchtbaren Ceremonien, alles weissagte mir nichts Gutes; nur die Großheit Ihrer Gesinnungen, die ich in vielen Fällen kennen lernte, die Entäußerung von jedem Eigennutz, Ihre Theilnehmung, Ihre Dienstfertigkeit, Ihre Freygebigkeit, das alles deutete mir dagegen »4 auf «inen tiefen Grund eines edlen Herzens. Ich hing an Ihrem Munde, saugte Ihre Lehren ein bis auf diesen Augenblick, der alle meine Hoffnungen zerstörte. Leben Sie wohl! — Wenn ich je ein kleinlicher niedriger Schelm werden, wenn ich dem Strome nachschwimmen und nur einen augenblicklichen elenden Vortheil für mich zum Schaden der andern gewinnen sollte: so bedurft' es nicht dieser Vorbereitungen, dieser Anstalten, die mich beschämen und erniedrigen. Ich verlasse Sie! Aus mir werde, was da will- Graf- Ritter, sehen Sie mich an! Ritter. Was verlangen Sie von mir! Graf. Was Sie mich thnn sehn, thun Sie auch. (Er nimmt den Hut ab.) -2L Ritter. Sollen wir mit Cerimonien scheiden? Graf. Selbst die Höflichkeit gebietet Ihnen, zu folgen. Ritter. (Indem er den Hut abnimmt) Nun denn, so empfehle ich mich Ihnen. Graf. (der seinen Hut wegwirst) Ritter? Ritter. Was soll das? Graf. Ich verlange, daß Sie mir Nachfolgen. Ritter. (der seinen Hutaoegwirft) So sei) denn zuM letztenmal etwas Unverständliches, etwas Thöe richtes gelhanl is 6 Graf- Nicht so thbricht wie du glaubst. (Er gehl Et offnen Armen auf ihn zu.) Siche mich von Angesicht zu Angesicht, du Erwählter. Komm in meine Arme, schließe dich an meine Brust, erhabener Meister Ritter. Was soll das? Lasten Sie mich los! Graf. Niemals, wenn ich dich nicht eher lasten sollte, als bis meine Freude über diesen meinen trefflichen Freund erschöpft wäre! Ritter. Erklärt Euch, Ihr macht mich verwirrt! Graf- Erinnerst du dich, wie nannte der Domherr den zweyten Grad? Ritter. Mich dünkt: die Prüfung. Gut/ die hast du überstanden Rin er. Erklärt Euch! Graf. Laß mich erst meine lebhafteste Freude in diesen Umarmungen ausdrücken. Ritter. Ich verstumme! Graf. Wie selten Hab' ich sie genoffen.' ich wünsche Euch Glück und mir- Ritter. Laß mich nicht langer in Ungewißheit. Graf. Du hast das sonderbarste Abentheuer Überstunden, du hast dir die Würde eines Feisters selbst gegeben, du hast dir die Vorzüge des dritten Grades wie mit stürmender Faust erobert. l,g Ritter. Noch immer bin ich in Zweifel und Ungewißheit! Graf. Ich wünschte nun, daß dein Verstand dir erklärte, was dein Herz ausgcübt hat; mit weniger Aufmerksamkeit wirst du es leicht. Was waren deine Hoffnungen als Schüler des ersten Grades? Ritter. Bester zu werden als ich bin, und durch Eure Hülfe das Gute, was ich erkenne, i» Ausübung zu bringen. Graf. Und was erfuhrst du, als du aus dem Munde des Domherrn dis Grundsätze des zwcytcn Grades vernahmst? , Ritter. Ich erfuhr zu meinem Entsetzen: daß Ihr Euch bisher nur verstelltet und die Schüler zum lSg zmii Besten haltet; daß man die, die Ihr Ge, hülfen nennt, zu wcltklugcn Menschen machen, sic zu Egoisten stempeln, die zartesten Empfindungen der Freundschaft, der Liebe, der Treue und jeder schönen Anforderung, die unser Herz unwiderstehlich macht, ans ihrem Busen rei ßcn und sie, ich darf eS wohl sagen, zu ge, meinen, ganz gemeinen, schlechten, ganz schlech, tcn Menschen machen wollte. Du weißt, mit welchem Abscheu ich diesen Ucbergang oerwarf. i Weiter Hab' ich nichts zu sagen: ich verän, dere meine Gesinnungen nicht, und — entlaß mich! Graf. Eben deswegen schließ' ich dich an mein Herz, werfe meinen Hut vor dir weg, und grüße dich als Meister. Du hast die Prüfung Überstunden, du bist der Versuchung entgangen, du Haft dich als einen Mann gezeigt, den ich suche. Alles was du aus dem Munde des 2 i3o > Domherrn gehört hast, was leider dieser Ui» - glückliche nebst mehreren Andern für Wahrheit hält, ist nur Prüfung nur Versuchung. Wenn die erhabenen, großen, uneigennützigen Meister einen Lehrling, der sich gut anläßt, weiter vor» wärts führen wollen: so versuchen sie ihn erst, und am sichersten geschieht es, wenn sie ihm die scheinbaren Vorchcile eines eigennützigen Betragens vorlegen. Greift er darnach, so thut er einen Schritt zurück, indem er glaubt einen vorwärts zu thun. Wir lassen ihn lange Zeit in seinem Sinne hingehcn, und glücklich ist er, wenn wir ihn nach und nach durch große Umwege zum,Licht führen. Ritter. Ich weiß nicht was ich sagen soll. Glaubt denn der Domherr, daß die Grundsätze, die er mir mir so vieler Behaglichkeit vorgetragen, die rechten, die wahren sind? Graf. , Freylich glaubt crs, der Unglückliche! Ritter. Und du, sei» Busenfreund, ziehst ihn nicht aus diesem Irrthum? Graf. Ich arbeite daran. Es ist aber schwerer als du denkst. Der Eigendünkel eines halbe klugen Egoisten hebt ihn über alle Menschen hinweg indem er sie zu übersehe» glaubt, laßt er sich alles nach, und gicbt andern eben dadurch Gelegenheit ihn zu übersehen, ihn zu beherrschen. Ritter. Ihr solltet nicht ruhen, bis ihm die Augen geöffnet sind. Graf. Damit du einsehen lernst, wie schwer das ist, sollst du mir helfen ihn auf Len rechten Weg zu bringe». iZa Ritter. (nach einer Pause) So wäre es denn wahr/ daß ich mich an Euch nicht geirrt habe? daß ich in dir/ je langer ich dich kenne/ immer dett Bessern, den Größer», den Unbegreiflichen finde? Meine Dankbarkeit ist gränzenlos, meine Freude verstummt "in dieser Umarmung. Graf. Nun gehe, mein Sohn- Drüben in dem Zimmer sind Kleider zurecht gelegt, in denen man sich nur dem Groß Cophta zeigen darf. Wären alle, die sich ihm heute vorstellcn, rein wie du: so würde er von seiner Erscheinung selbst große Freude haben. Du wirst große Wunder sehe», und wirst sie bald verstehen, ja bald selbst heroorbringen lernen. Gehe, staune und schweige. Ritter. Ich bin ganz, ich bin ewig dein! i3Z >r, »i K I«! !m !!M Klf> MH mz isji M Siebenter Auftritt. Der Graf allein. So wäre denn auch dieser nach seiner Art zur Ordnung gewiesen- Man muß die Angeln, die Netze nach Proportion der Fische einrichten, die man zu fangen gedenkt, und wenn es ein Walisisch ist, wirft man mit Harpunen nach ihm. Den Mäusen stellt man Fallen, Füchsen legt man Eisen, Wölfen gräbt man Gruben, und die Löwen verscheucht man mit Fackeln. Diesen junge» Löwen habe ich auch mit einer Fackel zur Ruhe gebracht, und ich darf den Meisterstreich wagen, der mein Ansehen Hey Allen befestigen muß. Die Dekoration ist in Ordnung, die Marquise hat mich verstanden und es wird alles glücklich von Statten gehn. Ein Bedienter. (Ln einem langen weißen Feierkleide.) Alles ist fertig, Herr Graf! DerDomherr, ,34 der Ritter, die Damen sind alle gekleidet. Welsen Sie sia> hier auziehen? Soll ich Ihre Kleider herüber bringen? Graf. Nein, ich komme! Folge mir und thue dein Amt. Ackter Auftritt. (Dorsaal und Eingang in die egyptische Loge.) (Musik.) Secbs Kinder gen dem Haar; Roienkranz? auf dem Kopfe Und Rauchfässer in den Händen.) Sechs Jünglinge kein kreuzweise über der Brust. Sie ziehen an» ständig über darz Theater und stellen sich an bende ^ Seiten.) * -35 Chor der Kinder. Schon eröffnet ist der Tempel, Sind die Halle», sind die Grüfte. , Wephrauch reinige die Lüfte, Die um diese Säulen wchn. Chor der Jünglinge. Holde Kinder, zarte Sprossen, Bleibet in dem Vorhof stehn, Nnd ihr Weisen, ihr Genossen . Eilt ins Heiligthum zu gehn- (Musi k.) Die Genosse» der Loge (kommen jMkp und ;wcy NUS -ntg-gengcretztenLoulij'. sen, jedesmal ein F r a u e » ; i m m er und eine N! a NN s p erson. Eie bcqegnen einandergrü- Ken sich und treten an di- Thur der Loge.) Chor der Kinder und Jünglinge. Klein und ärmlich wie die Zwerge, Tief umhüllt von Rauch und Wahn, Stehn wir vor dem heil'gen Berge — , Geister, dürfen wir hinan? i36 Chor von innen. Bringet Ernst zur ernsten Sache, Kommt zum Licht aus Dunst und Wahn. Daß der Cophta nicht erwache — Leise, leise tretet an. (Die Pforte öffnet sich. Die Genossen treten hin- ein ; die Pforte schließt sich und es kommt wieder ein neues Paar. Ccrimvnie und Gesang werden wiederholt. Es fügt sich, daß der Domherr und dieII i ch t e zusammen treffen und rnst xinan« der ins Heiligthum geben. Sie sind die letzten. DieNcusik verliert sich ins Pianifsimo, die-Kin. der treten in die EouUssen, die Jünglinge fallen auf die Knie zu beyöeu Seite« des Pro. seenii.) Neunter Auftritt. (DerDorhang geht aufund es zeiglsich ein Saal mit vgyptifchenBildern undZierrathen. In derMitte siebt ein tiefer Sessel, auf welchem eine in Gold» sioff gekleidete Person zurückgelchnt liegt, deren Haupt mit einem weißen Schleper bedeckt isi. Zur rechten Hand kniet der Domherr, zur Linken derRittc r, vorwärts neben dem Dom» herrn die Nfar qui fe, neben dem Ritt»' - der iZy Marquis, dann die Nicht«, DieMnsik der, liertsich.) D WM Herr, Erhabener, unsterblicher Treis! Du erlaubst Unwürdigen sich deinen Füßen zü nähern, Gnade und Hülfe von dir zu erbitten. Du schläfst- oder vielmehr du scheinst zu schlafen : denn wir wissen, daß du selbst in deiner Ruhe aufmerksam und thätig bist und das Wehl der Menschen beförderst. Gieb »ns ein Zeichen, daran wir erkennen, daß dr? uns hörst, daß du uns hold bist! (Musik, nur wenige Töne.) Der Verschleyerte (hebt die rechteHand auf.) Ritter, Du stehst hier eine Anzahl Menschen vor dir, die aukgemuntert durch das Versprechen ' Lein.s würdigsten Schälers in vollen, Vertrauen sich zu dir nahen und hoffen, daß h» ihre Bedürfnisse befriedigen werdest. Frcylich sind diese Vedürfmsse sehr verschieden; doch selbst das Mannigfaltigste wird einfach vor dei» ncm allgemeinen Blick, vor deiner ausgebrei- tcten Macht. Must du uns erhören, wenn wir gleich unwürdig sind? (Musik wie oben nach Lrerhättniß.) Der Verschleyerte (richtet sich auf.) Marquise. Verzeihe der Ungeduld eines Weibes, laß uns dein Angesicht sehen, wir schmachten schon Monate lang »ach deiner Gegenwart. (Musik wie oben.) Der Verschleyerte (sieht auf, und bleibt vor dem Sessel siehen.) Marq uis. Erlaube, daß wir uns dir nahen, daß wir den Saum deines Rockes küssen. Die Wünsche, die so lange in unfern Herzen schliefe», lag sind jetzt aufgewacht; in deiner Gegenwart werden sie unerträglich unruhig. (Musik wie oben.) Der Vcrschleyerte (tritt sachte die Stufen Herunter.) Nichte. (leise) Mir zittern alle Glieder! Domherr. Versage uns nicht langer den Glanz deines Angesichts! Alle. Großer Cophta, wir bitten! (Musik, wenige rasche Töne.) (Der Schleier fällt.) Alle. (Indem sieaufeinmal aufsiehrn un d werter bor treten.) - Der Graf! (Die Jünglinge stehen auf.) ' Graf. (der hervorkritt) Ja, der Graf! Der Mann, / 1 , / l^c> teil ihr bisher mit einem Namen nanntet, unter dem ihn die Welt in dem gegenwärtige» Augenblicke kennt. O ihr Blinden! Ihr Hartherzigen! Fast ein Jahr gehe ich mit euch um, ich unterrichte eure Unwissenheit, ich belebe euren tobten Sinn, ich deute euch auf den Groß-Cophta, ich gebe euch die entschei- densten Winke; und es geht euch kein Licht auf, daß ihr denselben Manu, den ihr sucht, beständig vor euch habt, daß ihr die Güter, nach denen ihr euch sehnt, täglich von seinen Händen empfangt, daß ihr mehr Ursache habt zu danken, als zu bitten. Doch ich habe Mitleiden mit eurem irdischen Sinn, ich lasse mich zu eurer Schwache herab. Seht mich denn in meiner Herrlichkeit; mögen eure Augen mich erkennen, wenn euer Herz mich verkannt hat! Und wenn die Gewalt, die ich über eure Gemüther ausübtc, euren Glauben schwach ließ, so glaubt nun an die Wunder, die ich '4l außer euch, aber in eurer Gegenwart vollende. Domherr (b-y S-tt«)^ Ich erstaune! Ritter (bey S-ic«) Ich verstumme! Marquise (be„ S-ie«) Seine Unverschämtheit übertrift meine Erwartung. Marquis (beyScie-) Ich bin neugierig zu sehen, wo das hinaus will. Graf. Ihr seht bestürzt? Ihr seht vor euch nie/ der? Ihr getraut euch kaum mich von der Seite anzublicken? Wendet euer Gesicht zu mir, seht mir freudig und zutraulich in die Äugen, werft alle §urcht weg und erhebt euer Herz! Ja, ihr seht den Mann vor euch, - 4 » der so alt als die egyptischen Priester, so erhaben als die indischen Weise», siev in dem Umzüge der größten Männer gebildet har, die ihr seid Jahrhunderten bewnndrrr; der über allen Rang erhaben ist, keiner Güter bedarf, in der Stille das Gute wirkt, das die Welt bald dieser bald jener Ursache zuschreibt; der in einer geheime», durch die ganze Welt aus- gebrcitete» Gesellschaft von Männern lebt, die mehr oder weniger einander gleich sind, sich selten persönlich, öfters aber durch ihre Werke offenbaren. Domherr. Ist es möglich, daß es »och mehrere deines gleichen gebe? > Graf. (in di- Hi-Hc d-uk-nd, Alles findet seines gleichen, außer ein Einziger! Ritte r. Welch ein erhabener Gedanke! / >43 Marquise. (bey Seite) Welch ein Schelm! das Hei, ligste iu seine Lüge zu verweben! Gras. Ja, seht her. Diesem Haupte kan» die ^ ' brennende Sonne, der beizende Schnee nichts anhaben. Mit diesem unbewebrten vorgestrcck- tcn Arm habe ich in den lybischcn Wüsten einen brüllenden hungrigen Löwe» aufgehalten, mit dieser Stimme, die zu euch spricht, ihm gedroht, bis er mir zn meinen Füßen schmeichelte. Er erkannte seinen Herrn, und ich konnte ihn nachher auf die Jagd ausschicken; nicht für mich, der ich blutige Speise nicht genieße, ja kaum einer irdischen Speise bedarf, sonder» für meine Schüler, für das Volk, das sich oft in der Wüste um mich versammlete. Diesen Löwen habe ich in Alexandrien gelassen; ich werde bey meiner Rückkunft einen treuen Gefährten an ihm finden. '44 Domherr. Haben die übrigen Meister deiner Gesell schaft auch so große Fähigkeiten als du? Graf. Die Gaben sind verschieden ausgetheilt; keiner von uns darf sagen: er sey der Größte- Ritter. Ist denn der Enkel dieser großen Männer geschliffen, oder ist es möglich darin aufge- nommcn zu werden? Graf. Vielen wäre es möglich; wenigen gelingt es. Die Hindernisse sind zu groß. x Domherr. Wenn uns deine Erscheinung nicht unglücklicher machen soll, a's wir bisher waren:* so gicb uns wenigstens einen Wink, wohin wir unsere Aufmerksamkeit, unser Bestreben richten sollen? Graf. -4L Graf. Das ist mein Vorsatz. — Vach allen Prüfungen, die ihr ausgestanden habt, ist cs billig, Laß ich euch einen Schritt weiter führe, daß ich euch gleichsam eine Magnetnadel in die Hand gebe, die euch zeige, wohin ihr eure Fahrt zu richten habt. Vernehmt! D omherr. Ich bin ganz Ohr! Ritter. Meine Aufmerksamkeit kann nicht hoher gespannt werden! Marquis. Ich bin äußerst neugierig! Marquise. Was wird er verbringen? Graf. Wenn der Mensch, mit seinen natürlichen Kräften nicht zufrieden.» elwas Besseres ahn- K '43 det, etwas Höheres begehrt; wenn er sich eine unverwüstliche Gesundheit, ein dauerhaftes Le« ben, einen unerschöpflichen Reichthum, die Neigung der Menschen, den Gehorsam der Thiere, ja sogar Gewalt über Elemente und Geister stufenweise zu verschaffen denkt: so kann es nicht ohne tiefe Kenntniß der Natur geschehen. Hierzu eröffne ich euch die Pforte.-Die größten Geheimnisse, Kräfte, und Wirkungen liegen verborgen- in verbis, üerbis er iLpiüibus, Alle. Wie? Graf. ^ In Worten, Kräutern und Steinen. cP-us-.i Marquise. (vor sich) In Steinen? Wenn er die meynt, die ich in der Tasche habe, so hat er vollkommen recht. '47 Marquis. In Kräutern ? Man sagt, es sey kein Kraut gewachsen, das unser bestimmtes Lebensziel verlängern könne; und doch muß Ihnen ein solches Kraut bekannt seyn, da Sie Ihr Leben nicht allein hoch gebracht, sondern auch Ihre «raste, Iyr äußeres Ansehe«» so lange erhalten haben- Graf. Die Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache. Domherr. In Worten? Hier ahnde ich das meiste, erhabner Lehrer. Gewiß habt ihr eine Sprache, eine Schrift, wodurch ganz andere Dinge bezeichnet werden, als mit unfern armseligen Lauten, wodurch «vir nur die gemeinsten Dinge auszudrucken im Stande sind. Gewiß besitzest du die geheimnißvollen Deichen, mit denen Sa- lomon die Geister bezwang? K- 4 »43 Graf. Alle diese, ja die sonderbarsten Charaktere, die man jemals gesehen hat, Worte, die eine menschliche Lippe kaum auszusprechen vermag. Ritter. O lehre sie uns nach und nach buchsta- biren. Graf. Vor allen Dingen müßt ihr erkennen, daß es nicht auf die Lippen ankommt, nicht auf die Sylben, die ausgesprochen werden, sondern auf das Herz, das diese Worte nach den Lippen sendet. Ihr sollt erfahren, was eine unschuldige Seele für Gewalt über die Geister hat. Richte. (vor sich) Ach Gott! Nun wird er mich ^ vorrufen, ich zittre und bebe! Wie schlecht werde ich meine Rolle spielen! ich wollte, ich '4s wäre weit von hier, ich hätte diese» Menschen niemals gesehen. Graf. Tritt herbey, schönes unschuldiges Kind! Ohne Furcht, ohne Sorge, tritt näher mit einer holden Freude, daß du szu dem Glück auserlesen bist, wornach so viele sich sehnen. Domherr.s Was soll das geben? Ritter. Was haben Sie vor? Graf. Wartet und merket auf? (Musik.) Der Graf (giebt ein Zeichen. Ein Dreyfuß steigt aus dem Boden, auf welchem eine erleuchtete Kugel befestigt ist. Der G r af winkt der 9T L ch te, und hängt doch so, daß LhrGesicht frey bleibt; sie tritt hin' 1er den Dreyfuß. Bey dieser Pantomime legf i5c> der Graf fein gebieterisches Wesen ab; er zeigt stchf-hrartig und gefällig, gewissermaßen ehrer. bi-tig gegen fle. Die Kinder mit den Rauchfässern treten neben den Dreifuß. Der Graf steht zunächst derN i ch t e, die übrigen gruppiren stch mit D-rstand. DieIünglinge stehen ganz vorn. Die II i ch t e steht auf die Kugel, die Gesellschaft auffle, mit der größtenAllfmerkfamkeit. Eie scheint einig- Worte auszusprechen, steht wieder auf die Kugel, und biegt stch dann erstaunt, wieJemand, der was Unerwartetes steht,zurück, und bleibt in der Stellung stehen. Die ssNustk hört auf.) Graf. Was sichst du, geliebte Tochter? Erschrick nicht, fasse dich! Wir sind bey dir, mein Kind! Ritter. Was kann, sie sehen? Was wird sie sagen? Domherr. Still, sie spricht! Nichte. (spricht einige Worte, ober leise, daß man sie nicht der« stehen kann.) I Laut, meine Tochter, lauter, daß wir es alle verstehe»! " Nichte. Ich sehe Kerze», Helle brennende Kerzen in einem prächtigen Zimmer. Jetzt unterscheide ich chinesische Tapeten, vergoldetes Schnitze werk, einen Kronleuchter. Viele Lichter blenden mich. Graf. Gewöhne dein Auge, sieh starr hin; was siehst du weiter? Ist niemand im Zimmer? Nichte. Hier! — Laßt mir Zeit — hier in dem Schimmer beym Kerzenlichte — am Tische sitzend — erblick' ich eine Dame; sie schreibt, sie liest. Do mherr. Sag', kannst du sie erkennen? Wie sieht sie aus? Wer ists? Verschweige nichts? iS» Nichte. Ihr Gesicht kann ich nicht sehen; die ganze Gestalt schwankt vor weinen Augen wie ein Bild auf bewegtem Wasser. Marquise. (vor sich) Ganz vortrefflich spielt das gute Kind uns ihre Lection vor. Marquis. (v°r sich) Ich bewundre die Verstellung. Liebe Natur, wozu bist du nicht fähig! Nichte. Jetzt! jetzt! Ihr Kleid kann ich deutlicher sehe»; himmelblau fällt cs um ihren Sessel und wie der Himmel ist es mit silbernen Sternen besät. Domherr. (zur Marquise) Nun werde ich ganz glücklich! Es ist die geliebte Fürstin. Man sagte mir von diesem Kleide, blau mit silbernen V rzz Müschen, die den Augen des Kindes als Ster, »e erscheinen. Horch! Nichte. Was seh' ich! Großer Meister, erhabener Cophta, entlaß mich! Ich sehe fürchterliche Dinge. Graf. Bleibe getrost und sprich: was stehst du? Nichte. Ich sehe zwei Geister Hinterbein Stuhle; sie flüstern einer um den andern der Dame zu. Graf. Sind sie häßlich? Nichte. Sie sind nicht häßlich; aber mich schau- derts. Graf. (zum Domherrn) Diese Geister sprechen zum i54 Vortheil eines Freundes. Kannst du die Da» me kennen? Kennst du den Freund? Domherr. (ihm di- Hand küssend) Du bist ewig meiner Dankbarkeit versichert! Nichte. Sie wird unruhig; das Flüstern der Geister hindert sie am Lesen, hindert sie am Schreiben; ungeduldig steht sie auf; die Geister sind weg. (Sie wendet ihr Gesicht ab.) Laßt mich einen Augenblick. Graf. Nur gelaffen, meine Tochter! Wenn du wußtest, unter welchem Schutze du stehst! (Er unterstützt sie.) Ritter. (vor ssch) O wie sie liebenswürdig ist! Wie reizend in ihrer Unschuld! Nie hat mich ein Mädchen so gerührt- Nie Hab' ich eine solche Neigung empfunden! Wie sorge sch für das r55 gute Kind ! Gewiß, der Domherr, die Tan- * te — das himmlische Wesen ahndet nicht, in welcher Gefahr sic schwebt! O wie gern mocht' ich sie aufmerksam machen, sie retten, wen» ich mich auch ganz dabey vergesse» sollte. Gras- Nimm dich zusammen, meine Taube, sieh hin, gewiß du hast »ns noch mehr zu offenbaren ! Nichte. (auf die Kugel blickend) Sie tritt «Ns CSMM, sie blickt in den Spiegel! Ahi! Graf. Was ist dir? Nichte. Ahi! Marquise. Was hast du? Nichte. Ach in dem Spiegel steht der Domherr. Domherr. Welche Glückseligkeit! Meister — ich — wie soll ich dir danken! Das thust du alles für mich! Nichte. > Sie sieht hinein, sie lächelt; weg ist der Domherr, sie sieht sich selbst. Ritter. Welche Wunderkraft! Welche Gaben! Nichte. (mit einem gefühlvollen freudigen Ausdruck) Ja nun! — Ich sehe alles nun deutlich, ich sehe die herrliche Schönheit, das liebenswürdige Gesicht. Wie ihm die Traurigkeit so schon steht, die sich über alle Züge verbreitet. Domherr. (der bisher dis Hände des Grafen gehalten und sie öfters geküßt) Unaussprechlich, unbeschreiblich beglückst du deinen Knecht- Nichte. Sie wird unruhig, das Zimmer scheint ihr zu enge, sie geht nach der Glasthürc, sie will hinaus. Ach! Ach! — Graf. Ermanne dich! Nur noch einen Augenblick! Sieh »och einmal hin! Nichte. (verwirrt) Die Geister stehn ihr zur Seite. Sie öffnen die Thürc, draußen ists dunkel. Marquise. (zum Domherrn) Sie geht dir entgegen. Domherr. Isis möglich! ^ Marquise. Du wirsts erfahren. Nichte. Ach! (ste füllt in Ohnmacht.) -S4 Ritter. O Gott! Helft ihr! Schont sie! Es ist unverzeihlich, daß ihr sie nicht eher entlasten habt! Marqu ise- Hier ist Salz. (DieHanpkpersonen drängen sichzuihr.dieJünglinge treten aus dem )öraseenia ins Theater, dieörinder furchtsam zu ihnen. Es macht alles eine schöne aber wild- Gruppe.) Graf. Ueberlaßt sie mir! Nur durch himmlischen Balsam kann sie erquickt werden. , (D er B orhan g fä Nt-) 't « . / Vierter Aufzug. IZS Erster Auftritt. Die Nichte. Ein Mädchen. Nichte. Das Geld wird bald verdient seyn. Wahrscheinlich ist er in der Nähe. Um diese Zeit psleqt er in das Kaffeehaus an der Ecke zu kommen. Nichte. Das wäre schön. Nur vorsichtig! Iäck. , Geben Sie nur. Verlassen Sie sich auf mich. Nichte. Du bist ein durchtriebener Schelm! Iäck. Ich bin zu brauchen, das weiß Ihre Tante. Dritter Auftritt. Nichte allein. Wie frech dieser Knabe ist! Wie abgerichtet! So sollt' ich auch werden; und wäre sie , i6S langsamer zu Werke gegangen, sie hatte mich Schritt vor Schritt ins. Verderben geführt. Glücklicherweise werd' ich es gewahr, und fühle noch so viel Kraft mich zu retten. Geist meiner Mutter, steh mir bey! Ein Fehler riß mich aus dem gleichgültigen Zustande, in welchem ich sonst zwischen Tugend und Laster schlummerte. O möge dieser Fehler der erste Schritt zur Tugend seyn! Vierter Austritt. Nichte. Marquise. Marquise. Lassen Sie sehen, Nichre, wie finden Sie sich in das neue Kleid? Nichte. Nicht eben so ganz, als wenn es mein eigen wäre. 1 i§6 , > Marquise. Nun, nun, cs gehr schon! Es kleidet Sie alles. Nichte. Auch der Betrug, wie Sie heute gesehen haben. Marquise. Wer wird solche Worte brauchen! (Etwas an ihr zurecht rückend) So ! es Muß Niehr au den Leib geschlossen seyu, und diese Falte muß reicher fallen. Der Wagen wird bald kommen, und wir fahren heute noch aufs Land. Nichte. Noch heute? Marquise. Ja, und Sic haben heut« noch eine Rolle zu spielen. Nichte. Noch eine? Sie sind unbarmherzig, Tante. Die erste hat mir schon so viel Mühe gekostet, ,67 daß Sie mich mit der zweyten verschonen sollten. Marquise. Eben deswegen, mein Kind. Noch diese und dann die dritte und vierte, und es wird Ihnen keine mehr Mühe kostet,. Nichte. Ich fürchte, Sie finden mich nicht halb so fähig, als Sie glauben. Marquise. Es kommt auf einen Versuch an- Diese Nacht werden sie eine sehr gemeine Rolle zu spielen haben. Nichte. In diesem prächtigen Kleide? Marquise. Dem Inhalte nach, meyne ich. Sie haben eine stumme Liebhaberinn vorzustellen. Nichte. Wie verstehn Sie das? i68 Marquise. Ick bringe Sie «u einen Garten, führe Sie in eine Laube, gebe Innen eine Rose, und Sie verweilen einen Augenblick. Es kommt ein Cavalier auf Sie zu, er wirft fick Jbuen zu Füßen, er bittet sie um Vergebung, Sie geben »inen unvernckmlicken Laut von sich: «mein Herr!» — oder was Sie wolle»; — er fahrt fort um Verzeihung zu bitten: «stehn Sie auf!» versetzen Sie leis ; er bittet um Ihre Hand, a!s um ein Zeichen des Friedens. Sie reichen ihm Ihre Hand; er bedeckt sie mit tausend Küssen. «Stehn Sie auf!- sas gen Sie alsdann: «entfernen Sie sich, man k'nnte uns überraschen!» Er zaudert; Sie stehen vom Sitze auf: «entfernen Sie sich!» sagen Sie dringend, un> drücken ihm die Rose in die Hand. Er will sie aufhaltcn: «Es kommt jemand!» lispeln Sie, und eis le» aus der Laube. Er will zum Aischiere einen Kuß wage»; Sie halten ibn zurück, drücken idm die Hand und lagen sanfr: «Wir sebn uns wieder!» und machen sich von ihm los. Nichte. Liebe Tante, verzeihen Sie mir, es ist eine schwere, eine gefährliche Aufgabe. Wer ist der Mann? Wen soll ich verstellend Wird die Nacht, werden die Umstande ihn nicht vcr» wegener machen? Können Sie mich so aus» setzen? Marquise. Du bist sicher, mein Kind. Ich bin in der Nähe und werde nicht einen Augenblick ver» weile», wenn ich diese letzten Worte höre. Ich trete hcrbey und verscheuche ihn. Nichte. Wie soll ich meine Rolle recht spielen, da ich nicht weiß, wen ich vsrsrclie? » 7 » Marquise. Betragen Sie sich edel, sprechen Sie leise; das übrige wird die Nacht thun. Nichte. Welch ein Argwohn erregt mir das blaue Kleid, die silbernen Müschen l Marquise. Nun gut, wenn Sie es denn vermuthcn, wenn Sie es errathen. Sie stellen die Prinzessin» vor und der Cavalier wird der Domherr scpn. Nichte. Liebe Tante, wie können Sie einem unglücklichen verlassene» Mädchen solch eine sonderbare Unternehmung zumuthen! Ich begreife den Zusammenhang nicht, ich sehe nicht, was es Ihnen nutze» kann: aber bedenken Sie, daß es kein Scherz ist. Wie hart würde einer gestraft, der die Hand des Fürsten in irgend 77k einer Unterschrift nachahmte, der das Bild seines Königes auf ein unäcktes Metall zu pra, gen sich unterfinge? Und ich soll wissentlich mein armseliges Selbst für die gehciliarc Per- son einer Fürstin geben, soll mit erlogenen Zu» gen, durch erborgte Kleider die äußere Gestalt jener erhabenen Person nachäffen und durch mein Betragen in eben dem Augenblick die edle Sittlichkeit schänden, die den Charakter dieser großen Fürstin macht? Ich schelte mich selbst, ich bin zu bestrafen, bin zu verdammen. Haben Sie Mitleid mit mir! denn Sie werden mich nicht retten, wenn man mich vcr- urtheilt- Wollen Sie mich zu einer Verbrechen» machen, weil ich Ihnen einen Fehler eingestand? Marquise. Es ist nicht zu ändern. Nichte. (bittend) Meine Tante. 1/2 Marquise. sch) Meine Nichte! — Sobald , der Wagen La ist, erfahren Sie es, werfen Sie dann Ihre» Mantel um und folgen Sie mir. Nichte. ^ Ich wünschte — Marquise. Sie wissen was zu thun ist, es kann nichts abgeändert werden. Fünfter Auftritt. Nichte, nachher Jack. Nichte. So war mein Argwohn ans dem rechten Wege! Es ist gewiß was ich fürchtete. Sie will mich dem Domherrn auf eine oder die gndcre Weise in die Hände liefern, und vielleicht ist der Marquis selbst mit ihr einig. Von solchen Menschen laßt sich olles erwarten, und desto besser habe ich gethan, mich an den Ritter zu wenden. Ich werde mich heute schon zu betragen wissen, und morgen, wenn ich mich in ihm nicht betrogen habe — Jäck. (in der Thüre) Ich sie weg? Nichte. Nur herein! > Jäck. Wie gesagt, so gethan! Nichte. Was bringst du? Jack. Hier ein Blättchen! (indem er ihr ein Billjek giebt und sich dann im Sprunge herumdrchkUnd noch einen Laubthaler vom Ritter sür meine , r/4 Mühe. Brauchen Sie mich ferner zum Courier. Nichte. Ms hast du ihn angetroffeu? Jack. Im Kaffeehause gegenüber, wie ich sagte. Nichte. Sagte er was zu dir? Iäck. Er fragte, ob Sie zu Hause, ob Sie allein seye„, — Ich muß sehen was es gicbt; ich hbre die gnädige Frau fährt aus. Sechster Auftritt. Nichte, nachher der Ritter. Nickte. (Das Billjet lesend:) «Ich weiß Ihr Vertrauen zu schätzen und «freue mich unendlich darüber. Schon 172 «habe ich Sie im Stillen beklagt, in we- «nig Minuten bin ich bey Ihnen» — O Gott was will das heißen? «Bis morgen früh kann ich meiner Unge- «duld nicht gebieten. In Ihrem Üuartier «Hab' ich eine Zeitlang gewohnt, und be- «sitze noch durch einen Zufall den Haupt- «schlüssel. Ich eile nach Ihrer Garderobe, «seyn Sie ohne Sorgen; cs soll mich nie- «mand entdecken, und verlassen Sie sich «in jedem Sinn auf meine Diskretion.» Ich bin in der entsetzlichsten Verlegenheit! Er wird mich in diesen Kleidern finden? WaS soll ich sagen? Ritter. (der aus der Garderobe tritt) Sie verzeihen, daß ich eile; wie hatt' ich diese Nacht ruhig schlafen können? Nichte. Mein Herr — i 176 Ritter. (sie scdalf ansiehend) - <- Wie find' cd Sie verändert? Welcher Aufputz ! Welche sonderbare Kleidung! Mas soll ich dazu sagen? Nichte. L mein Herr! ich batte Sie jetzt nicht vernurrhet. Entfernen Sie sich, eilen Sie! Meine Laute erwartet mich diesen Augenblick. Morgen früh — Ritter. Morgen früh wollen Sie mir vertrauen, und heute nicht? Nichte. Ich höre jemand kommen, man wird mich rufen. Ritter. Ich gehe, sagen Sie nur: was stellt das Kleid vor? Nichte. 177 Nichte. O Gottk Ritter. Was kann das für ein Vertrauen seyn, wen» Sie mir diese Kleinigkeit verschweigen? Nichte. Alles Vertrauen Hab' ich zu Ihnen, nur — daS ist nicht mein Geheimniß. Dieses Kleid — Ritter. Dieses Kleid iß mir merkwürdig genug. Einigemal hat sich die Prinzessin in einem solchen Kleide sehen lassen. Selbst heute haben Ihnen die Geister die Fürstin in diesem Kleide gezeigt, und nun find' ich Sie — Nichte. Rechnen Sie mir Liese Maskerade nicht zu- Ritter. Welche entsetzliche Vermuthungen! M / 178 Nichte. Sir sind wahr. Ritter. Die Geisterscene? Nichte. War Betrug. Ritter. > Die Erscheinungen? Nichte. Abgeredet. Ritter. O ich Unglücklicher: O hätten Sie mir. ewig geschwiegen! Hatten Sie mir de» süßen Jrrthum gelassen! Sie zerstören mir den angenehmsten Wghn meines Lebens! Nichte. Ich habe Sie nicht berufen, Ihnen zu schmeicheln, sondern Sie als einen edeln Mann um Rettung und Hülfe anzuflehn. Ei- I '79 len Sie, entfernen Sie sich! Wir sehen uns morgen wieder. Verschmähen Sie nicht ein unglückliches Geschöpf, das nach Ihnen, wie nach einem Schutzgott hinauf sieht. Ritter. Ich bin verlohrcn! Auf ewig zu Grunde gerichtet! Wüßten Sie, was Sie in diesem Augenblicke mir geraubt haben, so würden Sie zittern; Sie würden mich nicht um Mitleid anflehn. Ich habe kein Mitleid mehr! Den Glauben an mich selbst und an Andre, an Tugend, Unschuld, an jede Größe und Liebenswürdigkeit haben Sie mir entrissen. Ich habe kein Interesse mehr, und Sie verlangen, daß ich es an Ihnen nehmen soll? Meine Zutraulichkeit ist auf das schändlichste mißhandelt worden, und Sie wollen, daß ich Ihnen trauen soll? Ihnen, einer doppelten, dreyfa- chen Schauspielerin! Welch ein Glück, daß M- ich Liefen Abend hieher kam und Ihnen nicht Zeit ließ, sich vorzubereiten, die Maske an, zulegen, mit der Sie auch mich zu hinterge, hen dachten! Nichte. Ich bin ganz unglücklich' Eilen Sie! Entfernen Sie sich! man kommt! Ritter. Ich gehe, Sie nie wieder zu sehen! Siebenter Auftritt. Die Nichte. Der Marquis- Marquis. (halb in derThüre) Sind Sie allein, Nichte^ Nur ein Wort! Nichte. , (Indem derMarquik wieder zurThür hinaus sieht, betrachtet sie sich geschwind im Spiegel.) Ich sehe verweint, verworren aus! Was werd' ich sagen? Marquis. (sie umarmend und fest an sich drückend) Süßes, holdes Geschöpf! Nichte. (ihn zurückhaltend) Um Gotteswillen, Marquis! Marquis. Wir sind'allein, fürchten Sie nichts! Nichte. (sich von ihm lssmachend) Die Marquise erwartet mich. (Bey Seile) Wenn der Nitter noch da wäre! Marquis. Was haben Sie? Sie sehe» ganz yerstbhrt aus. Nichte. Ach Gott! Die Jumuthungen meinerTante— Marquis- Du dauerst mich, liebes Kind; aber ich will dich retten. i8s Nichte. Sie wissen doch, heute Nacht soll ich die Rolle der Prinzessin spielen. Es ist erschrecklich! Kommen Sie!, (Sie sieht sich inzwischen furchtsam nach der Garderobenlhür um.) Marquis- Bleiben Sie, bleiben Sie, eben deswegen bin ich hier! Spielen S'e heute Nacht Ihre Rolle nur gut, Sie haben nichts zu besorgen. Nichte. So lassen Sie uns gehen. Marquis. Nein doch; ich wollte Ihnen sagen — Nichte. Dazu ists morgen Zeit. Marquis. Keinesweges! Sie scheinen diese Abentheuer weniger zu furchten, als Sie sollten. Nichte. (wie oben) Ich bin in der größten Verlegenheit! ^ Marquis. Es steht Ihnen noch etwas Seltsames diese Nacht bevor, an das Sie nicht denken. Nichte. Was denn? Sie erschrecken mich! / Marquis. Daß Sie mit mir wegreisen werden. Nichte. Mit Ihnen? Marquis. Und das sagen Sie mit einer Art von Widerwillen ? Nichte. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Marquis. Ich werde Sie leicht aufklären. Die Mas- i8§ erade, zu der Sie angezogen sind, ist nicht ein bloßer Scherz. Meine Frau hat im Na< men der Prinzessin den Domherr» um einen wichtigen Dienst ersucht, und Sie sollen die Dankbarkeit der Fürstin gegen den betrogenen Mann ausdrücken. Nichte. (wie oben in Verlegenheit) Ich soll ihm eine Rose geben. . Marquis. Eine würdige Belohnung für einen solchen Dienst! Denn zu nichts Geringerem hat sich die blinde Leidenschaft des Domherrn bereden kaffen, als das schöne Halsband von den Hofjuwelieren zu kaufen. Nichte. Das Halsband? Marquis. Das wir gestern so sehr bewunderten, als wir Liese» Ring kauften. ?8L Nichte. Es ist nicht möglich! Marquis. So gewiß, daß ich schon einen Lheil davon in der Tasche habe. Nichte. Sie? Was soll das heißen?— Mankönn« te horchen. Marquis. So treten Sie hieher! (er nähert flch der Dar. derobe) Ja, mein Kind! Der Domherr besaß es kaum eine Viertelstunde: gleich war cs in den Händen meiner Frau, um es der Prinzessin noch heute Abend zu überliefern. Wie glücklich war das Weib in diesem Augenblick, und ich nicht weniger! Unbarmherzig brach sie die schöne Arbeit von einander; es that mir im Herzen weh.. Len kostbaren Schmuck so zcrstöhrt zu sehen, und ich konnte nur durch rSS das-herrliche Paketchen getröstet werden, das sie mir zu meiner Reise zubereitete. Ich habe wenigstens für hundert tausend Livres Steine in der Tasche. Ich geh noch heute nach England ab, mache dort alles zu Gelbe, schaffe Silbergeschirr und Kostbarkeiten in Menge. Nichte. (welche bisher die größte Verlegenheit verborgen) Welche gefährliche Unternehmung! Marquis. ^ Wir müssen jetzt nicht sorgen, sondern wagen. Nichte. Ich wünsche Ihnen Glück! Marquis. Nein, du sollst es mir bringen! Du sollst und mußt meine Reisegefährtin seyn. Nichte. Sie wollen mich dieser Gefahr aussetzen? . 8 / Marquis. Die Gefahr ist weir großer, wenn du zuzück bleibst. Meine Frau ist verwegen acnug, das Mährchen, so lang' es nur geben will, durchzuspielcn. — Bis der erste Zablunaster- min kommt, ja noch weiter, ist ne ziemlich sicher- Jndeß kann ich dich nicht hier lassen. Nichte. Bedenken Sie — ' Marquis. Ich weiß nicht, wie ich dein Betragen er, klaren soll. Wär' es möglich, daß man mir schon dein Herz entwendet hätte! — Nein, cs ist nicht möglich! Du bist verlegen, aber nicht verändert. Laß dich nicht etwa den anscheinenden Reichthum des Domherrn blenden; wir sind jetzt reicher als er, der in kurzem sich in der größten Verlegenheit sehen wird. Ich habe alles genau berechnet. Du magst heute '8S Nacht die Person der Prinzessin noch verfiel« len. — Es ist die Absicht meiner Frau, daß ich euch hinaus begleiten und dann gleich weiter fahren soll. Ich nehme deswegen einen besonder» Wagen. Ist die Scene vorbey, so erkläre ich der Marquise kurz und gut, daß du mich begleitest. Du magst ein wenig widerstehen, ich führe dich mit Gewalt weg. Lerm darf sie nicht machen, ans Furcht, daß alles verrathen wird. — Du hörst nicht zu; was ist dir? Nichte. Verzeihen Sie mir, — dieser Vorschlag — Ich bin verwirrt — ich verstumme! Bedenken Sie, in welcher Lage wir die Tante zu- rücklaffen! Marquis. Sie wird sich schon helfen, sie ist klug genug. Sie hat diese Sache so weit gebracht l8g und wir verderben ihr nichts an ihrem Plan. Genug, ich will, ich kann dich nicht entbehren, und wenn du ja an meiner Liebe zweifeltest, so siehst du nun, wie heftig sie ist. Ich werde dich nicht hier lassen, so vielen Nachstellungen, so vielen Gefahren ausgesctzt; nicht acht Tage, so Hab ich dich verlohrcn. Die unsinnige Leidenschaft des Domherrn zur Fürstin halt ihn nicht von andern Liebeshandeln zurück. Nur wenige Tage, und du wirst unter dem Schleyer seine Gebieterin, und ohne Schleyer sein gehorsamstes Liebchen seyn. Komm! — So Hab' ich es beschlossen, und davon laß ich nicht ab. (Er umarm« fl-.) Du bist mein geworden, und niemand soll dich mir rauben! Meine Frau war mir niemals hinderlich, und wenn sie die Steine glücklich davon bringt, wird sie suns gern verzeihen. — Wie ist dir? Du bist nicht bev dir! 19 » Nichte. Es ist um wich geschehen! Führen S'-e mich, wohin Sie wollen. Marquis. Wisse nur, es ist schon alles richtig. Unter einem andern Vorwände habe ich von deinem Kammermädchen nur das Nothwendigste zusammen packen kaffen. Es kommt auf wenige Tage an, so sind wir neu und besser als i jemals gekleidet. Wir wollen uns nicht mit alter Trödelwaare beschweren. (Er führt die dichte ab, die ihm trostlos folgt und nochmals zurück nach derGarderobenthürsteht) Achter Auftritt. Der Ritter. (der ans dem Kabinet berdorgeht) Was Hab' ich gehört, und in welchen Abgrund von Verrätherey und Nichtswürdigkeit Hab' ich hinein geblickt! Niemals konnte ich diese Menschen achten, mit denen ich leben mußte! Oft waren sie mir verdächtig; aber wenn man sie bey mir solcher verruchten Hand» langen wegen angeklagt hätte, ich hätte sie gegen jedermann in Schutz genommen. Nun versteh' ich dich, schöne Verführerin, warum du mich erst morgen früh sehen wolltest! Gewiß war es ihr bekannt, daß der Marquis diese Nacht verreisen solle; aber daß er sie zwingen würde mit ihm zu gehen, dachte sie nicht. Sie glaubte gewiß, seine Neigung zu ihr sey erschöpft, wie ihre Neigung zu ihm. O die Abscheuliche! Diese Unschuld zu heucheln! — Wie ein himmlischer Geist stand sie vor uns, und die reinsten Wesen schienen durch ihren Mund zu sprechen, indeß sie eines Liebhabers überdrüßig, sich nach andern umsteht, und über die Zauberkugel weg nach den betrogenen Männern schielt, die sie als ein himmlisches Wesen anbeten. Wie soll ich das alles 1 lg, zurecht lege», was ich gehört habe? Was soll ich thun? Der Graf und die Marquise spinne», den unerhörtesten Betrug an. Um ihren ungeheuren Plan durchzuführen, wagen sie es, den Namen einer vortrefflichen Fürstin zn mißbrauchen, ja sogar ihre Gestalt in einem schändlichen PoffenPiel nachzuäffen. Früher oder später wird sichs entdecken, und die Sache endige sich wie sie wolle, so muß sie dem Fürsten und der Fürstin höchst unangenehm seyn. Es leidet keinen Aufschub. — Soll ich Hinsehen und dem betrogenen Domherrn die Augen eröffnen? Noch wäre es möglich ihn zu retten! Das Halsband ist zcrstückt; aber noch ist der Marquis hier, man kann sie fest halten, ihnen den Schmuck abnehmen, die Betrüger beschämen und sie in der Stille verjagen. — Gut, ich gehe. — Doch halt! — Das lhu ich um des kalten, eigennützigen Weltmannes willen? Er wird mir danken, und für für die Rettung aus der ungeheure» Gefahr, mir seine Protektion versprechen, mir eine ansehnliche Charge zusichern, sobald er sich wieder würde in Gunst gesetzt haben. Diese Erfahrung macht ihn nicht klug; er wird dem ersten besten Betrüger sich wieder in die Hände geben, sich immer leidenschaftlich, ohne Sinn, Verstand und ohne Folge betragen; wird mich als einen Schmarotzer in seinem Hause dulden; wird bekennen, daß er mir Verbindlichkeiten habe, und ich werde vergebens auf eine reelle Unterstützung warten, da es ihm, ungeachtet seiner schönen Einnahme immer an baarem Gelde fehlt.— — (geht nachdenkend auf und Nieder.) Thörichter, beschränkter Mensch! Und du siehst nicht ei», daß sich hier der Weg zu deinem Glücke öffnet, den du so oft vergebens gesucht hast? Mit Recht hat dich heute der Domherr als einen Schüler verlacht, mit Recht der Graf deine Gutmüthigkeit auf eine verruchte N IS4 Weise mißbraucht! Du verdientest jene Lek« tio», da du nicht einmal durch sie klüger ge< worden bist- — Sie glaubren nicht, dich zu ihrem Verderben zu unterrichten. — Wohl, so soll es seyn! Ich eile zu dem Minister. Er ist eben auf dem Landhause, wohin diese Betrüger zusammen in die Falle gehen. Sie sind keiner Schonung werth! Es ist eine Wohlthat fürs menschliche Geschlecht, wenn sie nach Verdienst gestraft werden, wenn man sie außer Stand setzt, ihre Künste weiter fort zu treiben. Ich eile; der Moment ist ent- scheidend! Werden sie über der That ergriffen, so ist alles bewiesen. Die Steine, die der Marquis in der Tasche hat, zeuge» wider ihn; es hängt von dem Fürsten ab, die Schuldigen zu behandeln wie es ihm recht dünkt, und ich werde mit leeren Versprechungen gewiß nicht hingehalten. Ich sehe mein Glück mit dem Anbruche des Tages hervortreten! Hier ist nicht ein Augenblick zu säumen! Fort! Fort! p Fünfter Aufzug. !» — - Erster Auftritt. (Ein Lustgarten. Nechter Hand dert^chauspioler eine ch raube.) Der Graf. La Fleur. »! La Fleur. >!!!» 2ch höre noch nwmand. Es rührt sich nicht« im ganzen Garten. Ich bin recht verlegen- 'im Ich habe doch gewiß recht gehört. Ä- Der Graf- F- (mit anmastiicher Bedeutung) !» Du hast recht gehört- x I«i La Fleur. P» Nun, wenn Sie es selbst wissen, so ^ist es it desto besser; denn sie können versickert seyn, Ä! daß ich immer die Wahrheit sage. Um diese ir Stunde wollte meine Herrschaft hier in diesem d- Garten seyn. Ich weiß nicht, was sie Vorhaben. N» l Mit vier Pferden sind sie vor uns weggefahren und ihr Wagen wird an der kleinen Thüre still halten. Ich habe sie deswegen an der andern Seite aussteigen lasten. Ich vermuthe, der Domherr ist auch hierher bestellt. Graf. (wie oben) Warte! (er hält (einen kleinen Fin- g-r ans Qhr.) Dieser Ring sagt mir, daß du gewistermaßen wahr redest. La Fleur. Gewissermaßen? Graf. Ja- Das heißt: in so ferne du es selbst wissen kannst. Ich bin nicht allwissend; aber dieser Ring sagt mir immer: ob die Menschen ügen, oder ob sie sich irren. La Fleur. Wenn ich Ihnen rathcn sollte — doch Sie wissen schon, was das Beste ist. «97 Graf. Sprich nur! ich will schon sehn, ob du mir das Beste räthst. La Fleur. Ich dachte, wir gingen sachte diese dunkle Allee hinauf und horchten immer im Gehen, ob wir nicht irgend etwas kommen oder lispeln hören. Graf. Ganz recht. Geh' nur voraus und horche, ob der Weg sicher ist. Zweyter Auftritt. Der Graf allein. Ich begreif' es nicht — und nach allen Umständen, die dieser Mensch angicbt, ist es höchst wahrscheinlich. Die Marquise bestellt den Domherrn hier heraus; wär' es möglich, daß cs ihr gelungen wäre, die Prinzessin zu Ig8 gewinnen? was ich immer für ein albernes Unternehmen, was ich für Lüge und Trug hielt — Wenn ihr das gelingt, was soll dann dem Menschen nicht gelingen! (Er geht von der linken Seite rm Grunde ab.) Dritter Auftritt. Der Ritter. Der Oberst der Schweizer-Garde. Sechs Schweizer kommen von der linken Seite aus den vorder» Koulisscn. , Oberst. (der zuletzt heraus kommt, nach der Erene) Hier bleibt versteckt und rührt euch nicht eher, es mag sich zutragen was will, bis ihr Waldhörner hört. 2» dem Augenblick, da sie still schweigen, fallt zu und nehmt gefangen, wen ihr im Garten findet. (Zu den Schweizern, die auf dem Theater gehn) Ihr gebt auf das nam- I rgg liche Signal acht. Viere verbergen sich bey der großen Pforte; laßt herein, es komme wer will, aber niemanden hinaus. Ein Schweizer- Herein mögen sie kommen, hinaus soll keiner. Der Oberst. Und wer hinaus will, den haltet fest. Schweizer. Wir wollen schon wacker anfaffen. Oberst. Und wenn die Waldhörner schweigen, so bringt hierher, wen ihr etwa angehalten habt- Zwey aber halten die Pforte besetzt. Schweizer. Ja, Herr Obrist. Ich und mein Kamrad bringen euch die Gefangenen, und der Michel und der Dusle bleiben bey der Pforte, das nicht etwa ei» anderer hinausschlupfet. soo Ober st. Geht nur, Kinder, geht, so ists rechts (Die vier Schweizer gehn ab.) Oberst. Ihr beide tretet etwa zehn Schritte von hier ins Gebüsch; das übrige wißt ihr. Schweizer. > Gut. Oberst. So, Ritter, wären unsre Posten alle besetzt. Ich zweifle, daß uns einer entgeht. Wenn ich sagen soll, so glaub' ich, wir werden hier auf diesem Platze den besten Fang thun. Ritter. Wieso, Herr Oberst? Oberst. Da von Liebeshändeln die Rede ist, so wer, den sie dieses Plätzchen gewiß aussuchcn. In dem übrige» Garten sind die Alleen zu gerade, die Platze zu licht; dieses Buschwerk, * diese Lauben sind sür die Schalkheiten der Liebe dicht genug zusammen gewachsen. Ritter. Ich bin recht in Sorgen, bis alles vorüber ist. Oberst. Unter solchen Umständen sollt' es einem Soldaten erst recht wohl werden. Ritter. Ich wollte als Soldat lieber an einem gefährlichen Posten stehn. Sie werden mir es nicht verdenken, daß es mir bang' um das Schicksal dieser Menschen ist, wenn sie gleich nichtswürdig genug sind, und meine Absicht ganz löblich war. Oberst. Seyn Sie ruhig! Ich habe Befehl vom Fürsten und vom Minister, die Sache in der 4 202 Kürze abzuthun; man verläßt sich auf mich. Und der Fürst hat sehr recht. Denn wen» es Händel giebt, wenn die Geschichte Aufschn macht, so denken doch die Menschen von der Sache was sie wollen, und es ist also immer besser, man thut sie im Stillen ab. Desto größer wird auch Ihr Verdienst, lieber junger Manu, das gewiß nicht unbelohnt bleiben wird. Mich dünkt, ich hbre ivas; lassen Sie uns bey Seite treten. Vierter Auftritt. Die Marquise. Der Marquis. Die Nichte. Die Marquise. (zum Marquis, der nur eben heraus tritt) Bleiben Sie nur immer in diesem Gebüsch und halten Sic sich still, Ich trete gleich wieder zu Ihnen. Lo3 Der Marquis. (tritt zurück) Marquise. Hier, liebes Kind, ist die Laube, hier ist die Rose; das Uebrigc wissen Sie. Nichte. O liebste Tante, verlassen Sie mich nicht! Handeln Sie menschlich mit mir; bedenken Sie, was ich Ihnen zu Liebe thue, was ich Ihnen zu Gefallen wage! Marquise. Wir sind bey Ihnen, mein Kind; nur Muth! Es ist keine Gefahr, in fünf Minuten ist alles vorüber. (die Marquise tritt ab.) Nichte allein. O Gott, was hilft es, daß eine tiefe Nacht die Schuld bedeckt? Der Tag bewillkommt eine jede gute That, die im Stillen geschah. Mid zeigt ein ernstes fürchterliches Gesicht dem Verbrecher. Fünfter Auftritt. Die Nichte. Der Domherr. Die Nichte (setzt sich Ln dieLaubeund hält die Rose in derHand.) Der Domherr. (der von der entgegengesetzten Seite aus dem Grunde des Theaters hervorkommt) Eine tiefe Stille weissagt mir meine nahe Glückseligkeit. Ich vernehme keinen Laut in diesen Gärten, die sonst durch die Gunst des Fürsten allen Spatziergängern offen stehn und bey schönen Abenden oft von einem einsame» unglücklich Liebenden, öfter von einem glücklichen frohen Paar besucht werden. O ich danke dir, himmlisches Licht, daß du dich heute in einen stillen Schleyer hülltest! Du erfreuest mich rauher Wind, du drohende trübe Regen- 2oZ wolke, baß ibr die leichtsinnigen Gesellschaften verscheuchet, die in diesen Gangen oft umsonst hin und wieder schwärmen, die Lauben mit Gelachter füllen, und ohne eigenen Genuß an, dere an den süßesten Vergnügungen stölsien. O ihr schonen Bäume/ wie scheint ihr mir seit den wenigen Sommern gewachsen, seit mich der traurige Bann von euch enkternte! Ich seh' euch nun wieder/ seh' euch mit den schönsten Hoffnungen wieder, und isteine Trau, me, die mich einst in euer» jungen Schatte» beschäftigten, werden nunmehr erfüllt. Ich bi» der Glücklichste von allen Sterbliche». Marquise. (die leise zu ihm tritt.) Sind Sie es/ Domherr? Nähern Sie sich, nähern Sie sich Ihrem Glück! Sehn Sie dort in der Laube? Domherr. O ich bin auf dem Gipfel der Sikeit! LttÜ Die Marquise (tritt zurück) Der Domherr (tritt an dieLaube undtvirft sich der ^lichte zuFüßen) Anbetungswürdige Sterbliche, erst? der Frauen! Lasten Sie mich zu Ihren Füßen verstummen, lassen Sie mich auf dieser Hand meinen Dank, mein Leben aushauchen. Nichte. Mein Herr — Domherr. Ocfnen Sie mir nicht Ihre Lippen, Göttliche! cs ist an Ihrer Gegenwart genug. Verschwinden Sie mir wieder, ich habe Jahre lang an diesem glücklichen Augenblicke zu genieße». Die Welt ist voll von Ihrer Vor- trcfflichkeit; Ihre Schönheit, Ihr Verstand, Ihre Tugend entzückt alle Menschen. .Sie find wie eine Gottheit, niemand naht sich ihr, als um sie anzubeten, als um das Unmögliche von 2 ^ Uli in Wft- Kr- isrk »in ?!!> k-Ä, kß»i , i!» »c» ihr zu bitten. Und so bin ich auch hier, meine Fürstin — Nicht e. O stehn Sie auf, mein Herr — Domherr. Unterbrechen Sie mich nicht- So bin ich auch hier, aber nicht um zu bitten, sondern um zu danken, für das göttliche Wunder zu danke», womit Sie mein Leben retteten. Nichte. (indem sie aufsteht) Es ist genug! Domherr. (knieend und sie zurückhaltend) Ja wohl der Worte genug, der Worte schon zu viel! Vergeben Sie! Die Götter selbst verzeihen, wenn wir mit Worten umständlich bitten, wenn sie unsre Bedürfnisse, unsre Wünsche lange schon kennen. Vergeben Sie meinen Worten! Was hat der arme Mensch bes- sers als Worte, wen» er bas hingeben möchte, was ihm ganz zugehört. Sie geben den Men schen viel, erhabene Fürstin, kein Tag, der nicht durch Wohlthaten ausgezeichnet wäre; aber ich darf mir in diesem glücklichen Augenblicke sagen, daß ich der Einzige bin, der Ihre Huld in diesem Grade erfährt, der sich sagen kann: «sie bezeigt dir Vergebung auf eine Weise, die dich Höher erhebt, als du jemals tief fallen konntest.» Sie kündigt dir ihre Gnade am auf eine Art, die dir ein ewiges Pfand dieser Gesinnungen ist; sie macht dein Glück, sie befestigts, sie verewigts, alles in einem Augenblick. Die Nichte (mache eine Bewegung vorwärts, die denDomherrn nöthigt aufzustehr,.) Entfernen Sie sich, man kommt! Wir sehn uns wieder. (Sie hat ihm, indem er aufftand, die Hand* gereicht und läßt ihm, da sie sich zurückzjeht, die Rose in den Händen.) Dom- sos Domherr. Ja nun will ich eilen, ich will scheiden, will dem brennenden Verlangen widerstehn, das mich zur größten Verwegenheit treibt. (Er naht sich ihr mit Heftigkeit und tritt gleich wieder zurück.) Nein, befurchten Sie nichts! Ich gehe, aber lasten Sic mich cs auSsprcchen, denn cs hängt doch nur mein künftiges erben von Ihren Winken ab. Ich darf alles bekennen, weil ich Macht genug über mich selbst habe, diesem glücklichen Augenblick hier gleichsam zu trotzen. Verbannen Sie mich auf ewig von Ihrem Angesicht, wenn Sie mir die Ho'nung nehmen, jemals in diesen Armen von allen verdienten und unverdienten lZuaien auszuruhu. Sage» Sie ein Wort. (S>cbep der Hand fassend.) Nichte. (ihm die Hände drückend) Alles, alles, nur jetzt verlassen Sie mich. O 210 Domherr. (auf ihren Händen ruhend) Sie mache» mich zum glücklichsten Menschen, gebieten Sie unumschränkt über mich. (Es lassen sich in der Ferne zwey Waldhörner hö» ren, die eine höchst angenehme Kadenz mit ein. ander ausführen. Der Domherr ruht indessen auf den Händen der JILchte.) Sechster Auftritt. Die Vorigen. Die Marquise. Der Marquis, hernach der Oberste der Schweizer-Garde. Schweizer. Marquise. (zwischen die beiden hinein tretend) Eilen Sie mein Freund, entfernen Sie sich; ich habe ein Geräusch gehört, Sie find keinen Augenblick sicher. Man könnte die Prinzessin im Schlöffe vermissen; eilen Sie, wir müssen weg. / l. (sich losrerssend. ) Ich muß, ick will hinweg. Leben Sie wohl, lassen Sie mich keine Ewigkeit schmachten. (Ergeht sachte nach Verlinken Seite des Grundes.) Marquise. Nun folgen Sie nur, Nickte- Leben Sie wohl, Marquis, machen Sie <"chre Sacken aut, Sie sollen Ihre Frau — Ihre Freundin bald wieder sehn« Umarmen Sie ihn zum Abschied, Nichte. Der Marquis (umarmt die dichte und zieht sie auf seine Seite herüber.) Hierher, schönes Kind, kommen Sie mit mir, vor jener Thüre steht mein Wagen. Die Nickte. (zaudernd) O Gott, was will das werden! 2ir Marquise. (nach der OIrchke greifend) Was heißt Las Marquis? Sind Sie toll ? Marq u i s. Machen Sie keinen Lärm; das Mädchen ist mein. Lassen Sie mir dieses Geschöpf, in das ich rasend verliebt bin, und ich verspreche Ihnen dagegen, alles treulich auszurichten, was Sie mir aufgetragen haben. Ich gehe nach England, besorge Ihre Geschäfte, wir erwarten Sie dort und wollen Sie wohl und redlich empfangen; aber lassen Sie mir das Mädchen. Marq u is e. Es ist nicht möglich! Folgen Sie mir, Nichte. Was sagen Sie zu der Verwegenheit meines Mannes? Reden Sie' Sind Sie mit ihm einverstanden? Nichte, (zaudernd) Meine Tante — 2lZ Marquis, (sie forljirhend) »ili Gestehn Sie es ihr, keine Verstellung! Ls !«>» ist abgeredet! Kommen Sie! Keinen Widerstand, oder ich mache Lärm, und bin in diesem >!-» Augenblicke meiner Verzweiflung fähig, „ns alle zu vcrrathcn. >! «'.! >!lj ^Mii! Marquise. Entsetzlich! Entsetzlich! Ich bi» zu Grunde »i l» gerichtet. ir i-j (Dir Waldhörner schweigen auf einmal, nachdcy; sie ein lebhaftes Stück geblasen.) Der Oberste. (der den Domherrn zurück bringt und dem ztvey Schweizer folgen.) Hierher, mein Herr, hierher. «l >!> Domherr, Was unterstehn Sie sich? Dieser Spatzi-r- gang ist einem jeden frey gegeben. Il/j Oberster. " Jedem Sp'tziergänger, nicht dem Verbrecher! Sie entkommen nicht; geben Sie sich gutwillig. Domherr. Glauben Sie, daß ich unbewaffnet bin? (Er greift in die Tasche und zieht ein Terzerol hervor.) Oberster. Stecken Sie Ihr Terzerol ein. Sie können nach mir schießen; aus dem Garten kommen Sie nicht. Alle Zugänge sind besetzt. Es kommt niemand hinaus. Ergeben Sie sich in das Schicksal, dem sie muthwillig entgegen rannten. Marquise. (die indessen aufm erkfamgeworden istundgehorchkhak) Welch ein neuer, unerwarteter Auftritt! Kommt auf diese Seite. Wenn wir nicht einig sind, gehn wir mit einander zu Grunde. (Die Marquise, der Marquis, die Nichte wollen sich auf die Seite zurückzjehn, wo sie Herein gekommen sind; es treten ihnen zwep Schweizer in den Weg.) Marquise. Wir sind zu Grunde gerichtet! Marquis. Wir sind verrathen! Nichte. Ich bin verlohren! Domherr. (der in diesem Augenblick neben die Nichte zu stehen kommt.) O Gott! Oberster. Niemand gehe von der Stelle! Sie sind alle meine Gefangene. Domherr. (auf die Nichte deutend) Gewiß! »r6 / Oberster. Domherr, Mein Unglück ist so groß, daß ich cs in diesem Augenblick nicht überdenken kann. Oberster. Nicht sy groß, als Ihre Unbesonnenheit! Domherr. Ich will jeden Vorwurf ertragen, alles, was mir eine beleidigte Gerechtigkeit von Stra- fen au^erlegen kann; ich folge Ihnen, schleppen Sw mich in einen Kerker, wenn cs Ihnen befohlen ist: nur verehren Sie dies überirdische Wesen! Verbergen S>e, was Sic gesehen haben, läuancn Sie, erfinden Sie, Sie thun dem Fürsten einen großer» Dienst, als mit der traurigen, schrecklichen Wahrheit, daß seine Tochter, seine einzig geliebte Tochter — Ich kenne meine Pflicht- Ich sehe hier mir meine Gefangene: ich kenne nur meine Ordre und werde sie vollzieh». Marquise. Wohin? Marquis. O warum mußt ich mit hieher komme»! Nichte. Meine Furcht war gegründet! Domherr. So bin ich denn der unglücklichste aller Menschen! !Has hat mau im Sinn? I-sts möglich! Was kann der Fürst gegen das Liebste beginnen, das er auf der Welt hat? Meine Gebieterin — meine Freunde ich bins, der euch unglücklich macht! O warum mußt ich leben? warum so lieben? warum verfolgt' ich nicht den Gedanken, der mir mehr als einmal 2l8 einkam, in einem fremden Lande meine Zart« lichkeit, meine Ehrbegier an andern Gegenstänr den abzustumpfen? Warum floh ich nicht? Ack, warum ward ich immer wieder zurück gezogen? Ich möchte euch Vorwürfe machen, ich möchte mich schelte», mich Haffen; und doch, wenn ich mich in diesem Angenblicke ansehe, so kann ich nicht wünschen, daß es anders seyn woge. Ich bin immer noch der Glücklichste mitten im Unglück! Oberster. Endigen Sie, mein Herr; denn es ist Zeit, und hören Sie mich an. Domherr. Ja, ich will; aber zuerst entlassen Sie UN, fce Gebieterin. Wie? sie sollte hier in Nacht nnd Thau stehn, und das Urthei! seines Unglücklichen anhören, an dem sie Theil nimmt? Nein, sie kehre zurück in ihre Zimmer, sie bkibe nicht länger den Augen dieser Knechte »»«gesetzt, die sich über ihre Beschämung freuen! Eilen Sie, eile» Sie, meine Fürstin»! wer kann sich Ihnen wjdersetzen? Und dieser Mann, der mich gefangen halten darf, diese Kolosser», die mir ihre Hellebarden ent, gegen seyen, sind Ihre Diener. Gehn Sie, leben Sie wohl- Wer will Sie aufhalten? Aber vergessen Sie nicht eines Mannes, der endlich zu ihren Füßen liegen konnte, der endlich Ihnen betheuern durfte, daß Sie ihm alles in der Welt sind. Sehn Sie noch einen Augenblick auf seine Qual, auf seine Wehmuth, und dann überlassen Sie ihn dem grausamen Schicksal, das sich gegen ihr, verschworen hat. (Er wirst sich d»r Nichte zu Füßen, di- sich auf di- Marquist lehnt. D°rMarquiS sieht dabei in ei. nerverlegenen Stellung, und siemachen aufber rechten Seite des Theaters eine schöne Gruppe, in welcher die zwey Schweizer nicht zu vergessen sind. L-r Oberste und zwei, Schweizer stehn an der linken Seite.) 220 Siebenter Auftritt. DieVorigen. DerGraf, Der Graf. (drn zwey Schweizer mit i>en umgekehrten Hellsbar« den vvr sich Hertreiben) ^ch sag' euch, -aß ihr eure Grobheit Zeitlebens zu büße» haben werdet! Mir so zu begegnen! Dem Größten aller Sterblichen! Wißt, ich bin Conte di Rosiro, di Rostro im- pudente, ein ehrsamer, überall verehrter Fremder, ein Meister aller geheimen Wissenschaften, ein Herr über die Geister — » Schweizer. Bring' Er das unserm Obersten vor, der versteht das Mälfche, sieht Er; und wenn Er nicht geradezu geht, so werden wir ihn rechts und links iu die Rippen stoßen und Ihn» den Weg weifen, wie's uns befohlen ist, G r a f, Habt ihr Leute denn gar keine Vernunft? 22l Sch weizer. Die hat der, der uns kommandirt. Ich sags Ihm, geh er geradezu, ganz gerade dahin, da steht unser Oberster. Graf. ( gebieterisch ) Wagt cs nicht mich anzurühreiU Domherr. (der auf die Stimme des Grafen Zu sich kommt und auffährt.) Ja, da erwartete ich dich, großer Cophta, würdigster Meister, erhabenster unter allen Sterbliche»! So ließest du deinen Sohn fallen, um ihn durch ein Wunder wieder zu erhebe». Wir sind dir alle auf ewig verpflichtet. Ich brauche dir nicht zu gestehen, Laß ich dieses Abenteuer hinter deinem Rücken unternahm. Du weißt, was geschehen ist, du weißt, wie unglücklich cs ablief; sonst wärst du nicht gekommen. In dieser einzigen Er- 22L scheinung, großer Cophta, verbindest du mehr edle Seelen, als du vielleicht auf deiner langen Wallfahrt auf Erden beysammen gesehen hast. Hier steht ein Freund vor dir, vor wenig Augenblicken der glücklichste, jetzt der unglücklichste aller Menschen. Hier eine Dame, des schönsten Glücks werth. Hier Freunde, die das Mögliche und Unmögliche zu wirken mit der lebhaftesten Theilnahme versuchten. Es ist was Unglaubliches geschehen. Wir sind hier beysammen und wir leide« nur aus Mißtrauen gegen dich. Hättest Du die Zusammenkunft geführt, hätte deine Weisheit, deine Macht die Umstände gefügt — (einen Augenblick nachdenkend und mit Entschlossenheit fortfahrend) Nein, ich will nichts sagen, nichts wünschen; dann wäre alles gegangen, wie es abgeredet war; du hättest nicht Gelegenheit gehabt, dich in deinem Glanze sehen zu lassen, gleich- sam als ein Gott aus einer Maschine herunter zu steigen und unsre Verlegenheit zu endigen. (Er naht sich ihm vertraulich und lächelnd.) Mas beschließen Sie, mein Freund? Seün Sie, schon stehn unsre Wächter wie betäubt: nur ein Wort von Ihne», so fallen sie in einen Schlummer, in dem sie alles vergesse», was geschah, und wir begeben uns inzwischen glücklich hinweg. Geschwind, mein Freund, drücken Sie mich an Ihre Brust, verzeihen Sie mir und retten Sie mich. Graf. (gravitätisch ihn umarniend) Ich verzeihe dir! (zu dem Obersten:) Wir werden zusammen sogleich von hier wegfahren. Obrister. (lächelnd) O ja! recht gern! Domherk- Welch ein Wunder! Marquise. (zum Marquis) Was soll das heißen? Wenn der uns noch rettete! Marquis- Ich sauge an zu glauben, daß er ein Hexenmeister ist. Oberster« Ich brauche diese Reden nicht weiter anzu- HLren; ich weiß nur schon zu klar, mit wem und was ich zu thun habe. (Gegen die Scene gekehrt) Treten Sie nur auch herein, junger Mann, Sie haben mich lange genug allein gelassen. Achte» Achter Auftritt. DieVvrigen. DerRitter. Ritter. Za, hier bin ich, die Abscheulichen zu beischämen und die Thoren zu bedauern! Die Uebrigcn (außer dem Obersten) Was soll das heißen? Der Ritter! Entsetzlich! Es ist nicht möglich! Ritter« Za, ich bin hier, um gegen euch alle zu zeugen. Nichte. Daran bin ich allein Schuld! Domherr. Was soll das heißen? Ich werde wahnsinnig! 226 Oberster. Sie kenne» also diesen Mann? Hier geht alles natürlich zu, außer daß dieser in solcher Gesellschaft ehrlich geblieben ist. Er hat eure Schelmereycn beobachtet, er hat sie dem Fürsten entdeckt, und ich habe den Auftrag, zu untersuchen und zu strafen. (Zum Domherrn) Zufbrderst also, damit Sie einsc- hen, auf welchem Wege man Sie bisher geführt, von wem Sie geführt worden, wie sehr Sie betrogen sind; so erkennen Sie doch endlich das Phantom, womit man diesen Abend unsre Fürstin gelästert hat. (Er hebt der Nichte den Schleyer vom Gesicht) Domherr. (erkennt sie und drückt pantomimisch sein Entsetzen aus.) Ritter. Wie die Fürstin, so die Geister! — Solchen Menschen vertrauten Sie! Domherr. Auch Ihnen vertraut' ich, und Sie, merk' ich, haben mich zu Grunde gerichtet. Oberster. Diese Nichtswürdigcn haben sich Ihrer Schwäche bedient, und Sie zu den strafwürdigsten Unternehmungen angefeuert. Was können Sie erwarten? Domherr. Herr Oberst — Oberst. Beruhigen Sie sich! und erfahren Sie zuförderst, daß der Fürst edel genug denkt, um auch diesmal Ihren Leichtsinn, Ihre» Frevel mit Gelindigkeit zu bestrafen. Was sag' ich, bestrafen? Et will vielmehr den zweyten Versuch machen, ob es möglich scy, Sie zu bessern, Sie der großen Ahnherr» würdig zu machen, von denen Sie abstammcn. Ihre Ent- P - 228 > fcrnung vom Hofe/ die nun zwey Jahre dauert/ hat Ihnen wenig genutzt. Ich kündige Ihne» an Laß Sie frey sind/ aber nur mit der Bedingung/ daß Sic binnen acht Tagen das Land vcrlaffen/ unter dem Vorwände, als wenn Sie eine große Reise zu thun Willens wären. Mit Ihrem Oheim, den der Fürst besonders schätzt, dem er vertraut, wird alles abgeredct und eingerichtet werden. Sie können frey in Ihrem Wagen zurückkehren, wenn Sie nur erst unterrichtet sind, wie es mit dem gefährliche» Iuwclenhandel aussieht, in den Sie sich eingelassen haben. Domherr. Was muß ich erfahren! Was mutz ich erleben! Oberst. (zu dem Marquis) Geben Sie zuvörderst die Juwelen heraus, die Sie in der Tasche haben. 22I i«I, Ä» Ns »kie rim. Ä«j Ü!üL» lfmü Müj smz« >i»r Ä Nichte. O hätte dieser Mann geglaubt, daß meine Gesinnungen aufrichtig seye», so wäre» wir alte nicht, wo wir sind. Ritter, Sie haben nicht edel gehandelt. Durch meine Unvorsichtigkeit, durch einen Zufall haben Sie das Geheimnis; erfahren. Wären Sie der Mann gewesen, für den ich Sie hielt, Sie hätten diesen Gebrauch nicht davon gemacht, Sie hatten den Domherrn unterrichten, die Juwelen bey- schaffen und ei» Mädchen retten können, das nun unwiederbringlich verkehren ist. Es ist wahr, man wird Sie für diesen Dienst belohnen, unser Unglück wird ein Capital seyn, von dem Sie große Renten ziehen. Ich verlange nicht, daß Sie im Genuß der fürstlichen Gunst, der einträglichen Stellen, in deren Besitz Sie sich bald befinden werden, an die Thräncn eines armen Mädchens denken sollen, deren Zutraulichkeit Ihnen Gelegenheit gab zu horchen. Aber brauchen Sie ient, da Sie ein bedeu- x -Z4 ^tender Manu bcy Hofe sind, Ihren Einfluß/ das zu bewirke»/ warum ich Sie bat/ da Sie noch nichts hatten/ wenigstens zeigten/ als Ger sinnungen/ die ich ehren mußte. Erlangen Sie von diesem ernsthaften würdigen Manne nur/ daß ich nicht mit dieser Gesellschaft wegger bracht werde; daß meine Jugend in einem fremden Lande nicht grbßern Erniedrigungen ausgesetzt werde/ als ich in diesem leider schon dulden mußte. (Zum Obersten-) Ich bitte, ich beschwöre Sie, mein Herr, wenn Sie eine Tochter haben, an der Sie Freude zu erleben wünschen, so schicken Sie mich fort; aber allein. Verwahren Sie mich; aber verbanne» Sie mich nicht. Oberst. Sie rührt mich! Ritter. Ist es Ihr Ernst? Nichte. O hatten Sie cs früher geglaubt! Oberst. Ich kann Ihren Wunsch erfüllen; ich gehe in nichts von meiner Instruktion ab. N i ch t e. Ja, Sie erfüllen 'ganz Ihre Instruction, wenn die Absicht ist, wie es scheint, diesen verwegenen Handel im Stillen beizulegen. Verbannen Sie mich nicht, schicken Sie mich in kein fremdes Land; denn die Neugierde wird rege werden. Man wird die Geschichte erzählen, man wird sie wiederhohlen. Man wird .fragen: «wie sieht das abenteuerliche Mädchen aus? Sie soll, sie muß der Prinzessin gleichen, sonst hätte die Fabel nicht können erfunden, nicht gespielt werden. Wo ist sie?- Man muß sie sehen, man muß sie kenne».-. O Ritter, wenn ich ein Geschöpf war, wie Sie dachten, so wäre der gegenwärtige Fall für mich erwünscht genug, und ich brauchte 2'.6 keine Ausstattung weiter, um m der Welt mein Glück zu machen. Ober st- Hiermit scy cs genug! Begleitet jeneDrey a« den Wagen; der Officier, dem ihr sie über- gebt, weiß schon das weitere. Marquis. (leist zur Marquise) Es ist mir von Verbannung die Rede. Wir wollen demüthig abziehn, um das Ucbek nicht ärger zu wachen. Marquise. Wuth und Verdruß kochen mir km Herzen; nur die Furcht vor einem größer» Uebel hält mich ab, ihr Luft zu machen. Oberst. Nur fort! Marqui se. Bedenken Sie, Herr Oberst, und lasten Sie den Fürsten bedenken, welches Blut in meinen Adern stießt, daß ich ihm verwandt bin und daß ec seine eigne Ehre verletzt, wenn er mich erniedrigt! Oberst. Das hätten Sie bedenken sollen. — Gehen Sie! Schon hat man diese noch lange nicht erwiesene Verwandtschaft zu Ihrem Vortheil mit in Anschlag gebracht. Graf. Mein Herr, Sie vermischen mit diesem Gesindel einen Mann, der gewohnt ist, überall ehrenvoll behandelt zu werden. Oberst. Gehorchen Sie! Graf. Es ist mir unmöglich ! Ober st. So wird man Sie's lehren. Graf. Ein Reisender, der überall, wo erhinkommt, Wohlthaten verbreitet. Oberst. Es wird sich zeigen. G r a f. Dem man wie einem Schutzgeist Tempel baue» sollte. Oberst. Es wird sich finden. Graf. Der sich als Groß-Cophta legitimirt hat. Oberst. Wodurch? Graf. Durch Wunder. - Oberst. Wiederhohlen Sie eins und das andre/ rur fcn Sie Ihre Geister herbcy, taffen Sie sich befreycn. Graf. Ich achte euch nicht genug, um meine Macht ovr euch sehen zu lassen. Oberst. Groß gedacht! So unterwerfen Sie sich dem Befehl. Graf. Ich thue es, meine Langmuth zu zeigen; aber bald werde ich mich offenbaren. Ich wer, de Ihrem Fürsten solche Geheimnisse melden, daß er mich im Triumpfe zurückhohlen soll, und Sie werden vor dem Wagen voran reiten, in dem der Groß-Cophta verherrlicht zurückkehren wird. . Oberst. Das wird sich alles finden, nur heute kann ich Sie unmöglich begleiten. Fort mit ihnen. Schweizer. Fort, sagt der Oberste, und wenn ihr nicht geht, so werdet ihr unsre Hellebarden fühlen- Graf. Ihr Elenden, ihr werdet bald vor mir ins Gewehr treten. 2^y Die Schweizer (schlagen aufihn los.) Will Cr das letzte Wort haben? (Die Schweizer mit den drey Personen ab.) Oberst (zur Nichte.) Und Sie sollen noch heute Nacht in das Fraucnkloster, das keine Viertelstunde ven hier liegt. Wenn cs Ihr Ernst ist sich von der Welt zu scheiden, so sollen Sie Gelegenheit finden. Nichte. Cs ist mein völliger Ernst. Ich habe keine Hoffnung mehr auf dieser Welt, (zum Ritter) »Aber das muß ich Ihnen noch sagen, daß ich meine erste, lebhafte Neigung mit in die Ein, samkeit nehme — die Neigung zu Ihnen. Ritter. Sagen Sie das nicht, strafen Sie mich nickt so hart. Jedes Ihrer Worte verwundet mich tief. Ihr Zustand ist gegen den mein!, gen zu beneiden. Sie können sagen: "inan hat " 2-^r hat mich unglücklich gemacht;-- und welchen unerträglichen Schmerz muß ich empfinde», wenn ich mir sage: «auch dich zahlt sie unter die Mensche», die zu ihrem Verderben Mit- wirkten.» O vergeben Sie mir! vergeben Sis einer Leidenschaft, die, Lurch einen unglückseligen Zufall mit sich selbst uneins, das verletzte, was ihr noch vor wenig Augenblicken bas liebste, das wertheste auf der Welt war. Wir sollen uns trennen! stnaussprechlich ist die Qual, die ich in diesem Zustand' empfinde: Erkennen Sie meine Liebe und bcdauren Sie mich. O daß ich nicht meiner Empfindung folgte und nach der zufälligen Entdeckung gleich zum Domherrn eilte! Ich hatte Mir. einen Freund, eine Geliebte erworben, und ich hätte mein Glück mit Freuden genießen können: Cs ist alles verlohrcn, Oberst: Fassen Sie sich! O - 2s- Nichte. Leben Sie wohl! Diese letzten tröstlichen Worte werden mir immer gegenwärtig bleiben, (zum Oberst) Ich sehe an Ihren Äugen, daß ich scheiden soll. Möge Ihre Menschlichkeit belohnt werden! (Sie geht mit der Wache ab.) Oberst. Das arme Geschöpf dauert mich! Kommen Sie, alles ist gut gegangen- Ihre Belohnung wird nicht auSbleiben. Ritter. Sie mag scyn, welche sie will, so fürstlich als ich sic erwarten darf; ich werde nichts ge- meßen können, denn ich habe nicht recht ge, handelt. Mir bleibt nur Ein Wunsch und Eine Hoffnung, das gute Mädchen aufzuriche ten und sie sich selbst und der Welt wieder zu geben. Joseph Balsamo, genannt Cagliostro, Stammbaum. Mit einigen Nachrichten von seiner in Palermo noch lebenden Familie. Äls ich mich IM Jahr 1787 zu Palermo befand, horte ich an einem öffentlichen Tisch? manches über Cagliostro, dessen Herkunft und Schicksale reden. Die Palcrmitaner waren darin einig, daß ein gewisser Joseph Balsams in ihrer Stadt gebohren, wegen mancherlei) schlechter Streiche berüchtigt, und verbannt sey. Ob aber dieser mit dem Grafen Cagliostro nur eine Person sey? darüber waren die Mcynunaen getheilt., Einige, die ihn ehemals geschn hatten, wollten seine Gestalt in jenem Kupferstiche wieder finden, der bey uns bekannt genug ist und auch nach Palermo gekommen war. 2'jii Unter solchen Gesprächen berief sich einer der Gäste auf die Bemühungen, welche ein palermitanischer Rechtsgelehrter übernommen, diese Sache ins Klare zu bringen. Er war durch das französische Ministerium veranlaßt worden, dem Herkommen eines Mannes nach- zuspürcn, welcher die Frechheit gehabt hakte, vor dem Angesichte Frankreichs, ja man darf wohl sagen, der Welt, bey einem wichtigen und gefährlichen Prozesse die albernste« Mähr- chcn vorzubringen. Es habe dieser Rechtsgelehrte, erzählte man, den Stammbaum des Joseph Balsams aufgestellt und ein erläuterndes Memoire mit beglaubigten Bcylagen nach Frankreich abgeschickt, wo man wahrscheinlich davon öffentlichen Gebrauch machen werde. Ich äußerte den Wunsch, diesen Rechtsgelehrten, von welchem außerdem viel Gutes gesprochen wurde, kennen zu lernen, und der Erzähler erbot sich, mich bey ihm anzumeldcn und zu ihm zu fuhren. Nach einigen Tagen gingen wir hin, und fanden ihn mit seinen Clienten beschäftigt. Als er diese abgefertigt und wir das Frühstück genommen Harke», brachte er ein Manuskript hervor, welches den Stammbaum Cagliostro'S, die zu dessen Begründung nöthigen Dokumente in Abschrift und das Concept eines Memoire enthielt, das nach Frankreich abgegangen war. Er legte mir den Stammbaum vor, wie man ihn auf der beigefügten Tafel gezeichnet findet, und gab mir die nöthigen Erklärungen darüber, wovon ich hier so viel anführe, als zu leichterer Uebersicht desselben »öthig ist. Joseph Balsamo's Urgroßvater mütterlicher Seite war Mattheus Marrello. Der Geburtsname seiner Urgroßmutter ist unbekannt. Aus dieser Ehe entsprangen zwey Töchter, eine " Namens Maria, die an Joseph Bracconeri / 2 ^ verhcirathet und Großmutter Joseph Valsamo's ward. Eine andre, Namens Vinccuza, ver- heirathete sich an Joseph Cagliostro, der von einem kleinen Ort La Noara, acht Meilen von Messina, gebürtig war. Ich bemerke hier, daß zu Messina noch zwey Glockengießer dieses Namens leben. Diese Großtante war in d?r Folge Pathe bei Joseph Balsams; er erhielt den Taufnamen ihres Mannes, und nahm endlich auswärts auch den Zunamen Cagliostro von feinem Großonkel an. Die Eheleute Vracconeri hatten drcy Kinder, Felicitas, Martheus und Antonia. Felicitas ward an Peter Valsamo verheil rathet, den Sohn eines Buchhändlers in Palermo, Aütvnin Balsame, der vermuthlich von jüdischem Geschlecht abstammte^ Peter Balsame, der Vater des berüchtigten Josephs, machte Bankcrout und starb in seinem Hüsten Jahre. Seine Wittwe, welche noch gegen- wHrtig lebt, gab ihm außer dem benannten Joseph noch eine Tochter, Johanna Joseph- Maria, welche an Johann Baptista Capitum- mino vepheirathet wurde, der mit ihr drcy Kinder zeugte und starb. Die Abstammungen der Sciteuvcrwandten zeigt der Stammbaum deutlich genug, und die Verstorbenen sind mit einem Kreuze bezeichnet. Das Memoire, welches uns der gefällige Verfasser vorlas, und mir, auf mein Ersuchen, einige Tage anvertrante, war auf Taufscheine, Ehekontrakte und Instrumente gegründet, die mit Sorgfalt gesammelt waren. Es enthielt ohngefähr die Umstände (wie ich aus einem Auszug, den ich damals gemacht, ersehn) dsc uns nunmehr aus den römischen Prozeßakten bekannt geworden sind: daß Joseph Valsamo Anfangs Junii 17-42 zu Palermo gcbohren, von Vincenza Martello, verheeratheter Caglio- stro, aus der Taufe gehoben sey, daß er in seit ner Jugend das Kleid der barmherzigen Brü> der genommen, eines Ordens, der besonders Kranke verpflegt, daß er bald viel Geist und Geschick für die Medicin gezeigt; dock aber wegen seiner üblen Aufführung fortgeschickt worden, daß er in Palermo nachher den Zauberer und Schatzgräber gemacht. Seine große Gabe, alle Hände nachzuahmen, ließ er nicht unbenutzt (so fährt das Memoire fort.) Er verfälschte, oder verfertigte vielmehr ein altes Dokument, wodurch Las Eigcnthum einiger Güter in Streit ge- ricth. Er kam in Untersuchung, ins Gefäng- niß, entfloh und ward edictalitcr citirt. Er reiste durch Calabrien nach Rom, wo er die Tochter eines Gürtlers heirathete. Von Rom kehrte er nach Neapel unter dem Namen Marchese Pelegrini zurück. Er wagte sich wieder nach Palermo, ward erkannt, gefänglich eingezogen und kam nur auf eine Weise los, 221 itskpxj tit Ä! ! Äw hsslls jakM r.'txj 7 « -t- ?iM§- L b :nb« illüiü -!>N' -zdt» ls die wcrth ist, daß ich sie umständlich erzähle. Der Sohn eines der ersten siziliamschev Prinzen und großen Gütherbesitzers, eines Mannes, der an dem neqpolitgnischen Hofe ansehnliche Stellen bekleidete, verband mit einem starken Körper und einer unbändigen Ge- müthsart allen Uebermuth, zu dem sich der Reiche und Grosse ohne Bildung, berechtigt glaubt, Donna Lorenza wußte ihn zu gewinnen, und auf ihn baute der verstellte Marchese Pe- legrini seine Sicherheit, Der Prinz zeigte öffentlich, daß er Lies angckommene Paar beschütze; aber in welche Muth gerieth er, als Joseph Valsamo auf Anrufen der Parthey, welche durch seinen Betrug Schaden gelitten, abermals ins Gefängniß gebracht wurde! Er versuchte verschiedene Mittel ihn zu befrcyu, und da sie ihm nicht gelingen wollten, drohte r er im Vorzimmer des Präsidenten, den Advokaten der Gegenparthey aufs grimmigste zu mißhandeln, wenn er nicht sogleich die Ver, Haftung des Balsämo wieder aufhöbe. Als der gegenseitige Sachwalter sich weigerte, ergriff er ihn, schlug ihn, warf ihn auf die Erde, trat ihn mit Füßen und war kaum von mehreren Mißhandlungen abzuhalten, als der Präsident selbst auf den Zerm herauseilte und Frieden gebot. Dieser, ein schwacher, abhängiger Mann, wagte es nicht, den Beleidiger zu bestrafen; die Gegenparthey und ihre Sachwalter wurden kleinmüthig, und Valsamo ward in Frcyheit gesetzt, ohne daß bey den Akten sich eine Registratur über seine Loslassung befindet, weder wer sie verfügt, noch wie sie geschehen. Bald darauf entfernte er sich von Palermo und that verschiedene Reisen, von welchen der Verfasser nur unvollständige Nachrichten geben konnte. Das Memoire endigte sich mit einem schärft sinnigen Beweise, daß Cagliosiro und Balsams eben dieselbe Person sey, eine These, die dar mals schwerer zu behaupten war, als sie es jetzt ist, da wir von dem Zusammenhang der Geschichte vollkommen unterrichtet sind. Hatte ich nicht damals vcrmuthcn müssen, daß man in Frankreich einen öffentlichen Gebrauch von jenem Aufsatz mache» würde, daß ich ihn vielleicht bey meiner Zurückkunft schon gedruckt antrafe: so wäre es mir erlaubt gewesen, eine Abschrift zu nehmen, und meine Freunde und das Publikum früher von manchen interessanten Umständen zu unterrichten. Indessen haben wir das meiste, und mehr als jenes Memoire enthalten konnte, von einer Seite her erfahre», von der sonst nur Jrrthü- mer auszuströmen pflegten. Wer hätte geglaubt, daß Rom einmal zur Aufklärung der Welt, zur völligen Entlarvung eines Betrü- gcrs so viel beyiragen sollte, als es durch die Herausgabe jenes Auszugs aus den Prozeßakten geschehen ist! Denn obgleich diese Schrift weit interessanter sei)» könnte und sollte: so bleibt sie doch immer ein schönes Document in den Händen eines jeden Vernünftigen, der es mit Verdruß ansehcn mußte, daß Betrogne, Halb- betrogne und Betrüger diesen Menschen und seine Possenspiele Jahre lang verehrten, sich ourch die Gemeinschaft mit ihm über andre erhoben fühlten, und von der Höhe ihres gläubigen Dünkels den gesunden Menschenverstand bedauerten, wo nicht gcriugschätzten. Wer schwieg nichtgeru während dieserZeit? und auch nur jetzt, nachdem die ganze Sache geendigt und außer Streit gesetzt ist, kann ich cs über mich gewinnen zur Completirung der Akten, dasjenige, was mir bekannt ist, mitzu- theilen. Als ich iu dem Stammbaum so manche Personen, besonders Mutter und Schwester, noch als lebend angegeben fand, bezeigte ich dem Verfasser des Memoire meinen Wunsch sie zu sehen und die Verwandten eines so sonderbaren Menschen kenne» zu lernen. Er versetzte, daß es schwer seyn werde dazu zu gelan, gen, indem diese Menschen arm, aber ehrbar und sehr eingezogen lebten, keine Fremden zu sehen gewohnt seyen, und der argwöhnische Charakter der Nation sich ans einer solchen Erscheinung allerley deuten werde; doch wolle er mir seinen Schreiber schicken, der bey der Familie Zutritt habe und durch den er die Nachrichten und Documente, woraus der Stammbaum zusammengesetzt worden, erhalten. Den folgenden Tag erschien der Schreiber und äußerte wegen des Unternehmens einige Bedenklichkeiten. Ich habe, sagte er, bisher immer vermieden, diesen Leuten wieder unter die Augen zu treten: denn um ihre Ehekon 256 tracte, Taufscheine und ändere Papiere in die Hände zu bekommen und von selbigen legale Copien machen zu können, mußte ich mich einer eigenen List bedienen. Ich nahm Gelegenheit von einem Familicnstipendio, das irgendwo vacant war, machte ihnen wahrscheinlich, daß der junge Capitummino sich dazu wohl qualifizier, daß man vor allen Dingen einen Stammbaum aufsetzcn müsse, um zu sehen, in wiefern der Knabe darauf Ansprüche machen könne. Es werde freilich nachher ai- lcs auf Negotiazion ankommen, die ich übernehmen wolle, wenn man mir einen billigen Lheil der zu erhaltenden Summe für meine Bemühungen verspräche. Äiit Freuden willigten die guten Leute in alles; ich erhielt die nbthigen Papiere, die Copien wurden genommen, der Stammbaum ausgearbcitet und seit der Zeit hüte ich mich, vor ihnen zu erscheinen. Hoch vor einigen Wochen wurde mich die 227 die alte Capitummino gewahr, «nd ich wußte mich nur mit der Langsamkeit, womit hier dergleichen Sachen vorwärts gehen, zu entschuldigen. -- So sagte der Schreiber. Da ich aber von meinem Vorsatze nicht abging, wurden wir nach einiger Ueberlegung dahin einig, daß ich mich für einen Engländer ausgeben und der Familie Nachrichten von Cagliostro bringen sollte, der eben aus der Gefangenschaft der Bastille »ach London gegangen war. Jur gesetzten Stunde, es mochte etwa drei Uhr nach Mittag seyn, Mächten wir uns auf den Weg. Das Haus lag in dein Winkel eines Gäßchens nicht weit von der Hauptstraße il Lssssro genannt. Wir stiegen eine elende Treppe hinauf und kamen sogleich in die Kröche. Eine Frau von mittlerer Größe," stark und breit, ohne fett zu seyn, war beschäftigt das Kücheugcschirr aufzuwaschen. Sie war . R reinlich gekleidet, und schlug, als wir hineintraten das eine Ende der Schürze hinauf, um vor uns die schmutzige Seile zu verstecken. Sie sah meine» Führer freudig an und sagtet Signor Giovanni, bringen Sie uns gute Nachrichten? Habe» Sie etwas ausgerichtet? Er versetzt«: in unsrer Sache hak mir« noch nicht gelingen wollen; hier ist aber ein Fremder, der «ine« Gruß vvN Ihrem Bruder bringt, und Ihnen erzähle« kann, wie «r sich gegenwärtig befindet. Der Gruß, de« ich aNbringen sollte, war nicht ganz in unsrer Abrede j indessen war die Einleitung einmal gemacht. — Sie kennen meinen Bruder? fragte sie. Cs kennt ihn ganz Europa, versetzte ich: und ich glaube, es wird Ihnen angenehm seyn zu hören, daß er sich in Sicherheit und wohl befindet, da Sie bisher wegen seines Schicksals gewiß in Sorge» gewesen sind! — Treten Sie hinein, sagte sie/ ich folge Ihnen gleich/ und ich trat mit dem Schreiber in das Zimmer^ Es war so groß und hoch/ daß es dich uns für einen Saal gelten würde; es scheint aber auch beynah die ganze Wohnung der Familie zu seyn. Ein einziges Fenster erleuchtete die großen Wände/ die einmal Farbe gehabt hat« te»/ und auf denen schwarze Heiligenbilder in goldenen Rahmen herum hingem Awey große Betten ohne Vorhänge standen an der einen Wand/ ein braunes Schränkchen/ das die Gestatt eines Schreibtisches hatte/ an der andern. Alte mit Rohr durchflochtene Stühle/ deren Lehnen ehemals vergoldet gewesen/ standen darneben/ und die Backsteine des Fußbodens waren an rielen Stellen tief ausgetreten. Ucbri- gens war alles reinlich und wir näherte» uns der Familie/ die am ander» Ende des Zimmers an dem einzigen Fenster versammelt Jndeß mein Führer der alten Valsamo, die in der Ecke saß, dis Ursache unsers Besuchs erklärte und seine Worte wegen der Taubheit der guten Alten mehrmals laut wiederhohlte, hatte ich Zeit, das Zimmer und die übrigen Vcrscnen zu betrachten. Ein Mädchen von ohngefähr sechszehn Jahren, wohl gewachsen, deren Gesichtszüge durch die Blattern undeutlich geworden waren, stand am Fenster, Neben ihr ein junger Mensch, dessen unaugenehme durch die Blattern verzerrte Bildung mir auffie!. In einem Lehnsessel saß, oder lag vielmehr gegen dem Fenster über eine kranke sehr , ungestaltete Person, die mit einer Art Schlafsucht behaftet schien. Als mein Führer sich deutlich gemacht hatte, nöthigte man «ns zum sitzen. Die Alte that einige Fragen an mich, die ich mir aber mußte dollmetschen lassen, eh ich sie beantworten konnte, da mir der sicilianische DIalect nicht ge'rosig war. Ich betrachte indessen die alte Frau mit Vergnügen. Sie war von mittlerer Große/ aber wohl gebildet; über ihre regelmäßigen Ge- stchtszüge/ die das Alter nicht entstellt hatte/ war der Friede verbreitet/ dessen gewöhnlich die Menschen genießen,/ die des Gehörs beraubt sind/ der Ton ihrer stimme war sanft und angenehm. Ich beantwortete ihre Frage«/ und meine Antworten mußten ihr auch wieder verdoll- metscht werden. , Die Langsamkeit unsrer Unterredung gab mir -Gelegenheit/ meine Worte abzumcssen. Ich erzählte ihr/ daß ihr Sohn in Frankreich loSgesprochcn worden und sich gegenwärtig in England befinde/ wo er wohl ausgenommen sey. Ihre Freude/ die sic über Liese Nachrichten äußerte/ war mit Ausdrücken einer herzlichen Frömmigkeit begleitet/ und da sie nun etwas lauter und langsamer sprach/ konnte ich sie eher verstehen. Indessen war ihre Tochter hinein gekommen, und hatte sich zu meinem Führer gesetzt, der ihr das, was ich erzählt hatte, getreulich wiederholte. Sie hatte eine reinliche Schürze vorgcbunden, und ihr Haar in Ordnung unter das Netz gebracht. Je mehr ich sie ansah und sie mit ihrer Mutter verglich, desto auffallender war mir der Unterschied beydcr Gestalten. Eine lebhafte gesunde Sinnlichkeit blickte aus der ganzen Gestalt der Tochter hervor, sie mochte eine Frau von vierzig Jahren seyn. Mit lebhaften blauen Augen sah sie klug umher, ohne daß ich in ihrem Blicke irgend einen Argwohn spüren konnte; indem sie saß, versprach ihre Figur mehr Länge als sie zeigte, wenn sie aufstand, ihre Stellung war determinirt, sie saß mit vorwärts gebogen m Körper und die Hände auf die Kniee gelegt. Uebrigefts erinnerte mich ihre mehr stumpfe als scharfe Gesichtsbildung an das Bildniß ih- V »it«« AÜeie-k t ßuK r!Ä!i m st- k ,Wm ,', Ä!l> ?! ^I!> i!> ?! sirl-u« ij ai«!^ xrüB „hr Kk' 2 SZ res Bruders, das wir in Kupfer kennen. Sie fragte mich verschiedenes über meine Reise, über meine Absicht Sicilien zu sehen und war überzeugt, daß ich gewiß zurück kommen und das Fest der heil. Rosalie mit ihnen feiern würde. Da indessen hie Großmuttex wieder einige Fragen an mich gethan hatte, und ich ihr zu antworten beschäftigt war, sprach die Tochter halb laut mit meinem Geführten, -och so, daß ich Anlaß nehmen konnte zu fragen- wo von die Rede sey? Er sagte darauf; Fra« Capitummino erzählte ihm, daß ihr Bruder ihr «och vierzehn Unzen schuldig sey; sie habe Hey seiner schnellen Abreise von Palermo versetzte Sachen für ihn eingelöset; seit der Zeit aber weder etwas von ihm gehört, noch Geld, noch irgend eine Unterstützung von ihm erhalten, ob er gleich, wie sie höre, große Reichthünrer besitze und «inen fürstlichen Aufwand mache. 264 Ob ich nicht über mich nehmen wollte, nach meiner Iurückkunft ihn auf eine gute Weise an die Schuld zu erinnern und eine Unterstützung für sie auszuwürken, und ob ich nicht einen Brief mitnehmen oder allenfalls bestellen wolle? Ich erbot mich dazu. Sie fragte: wo ich wohne? Wohin sie mir den Brief zu schicken habe? Ich lehnte ab meine Wohnung zu sagen und erbot mich den andern Tag gegen Abend den Brief abzuholcn. Sie erzählte mir darauf ihre mißliche Lage: sie sey eine Wittwe mit drey Kindern, von denen das eine Mädchen im Kloster erzogen werde; die andre sey hier gegenwärtig und ihr Sohn eben in die Lehrstunde gegangen. Ausser diesen dre» Kindern habe sie ihre Mutter bey sich, für deren Unterhalt sie sorgen müsse, und überdieß habe sie aus christlicher Liebe die unglückliche kranke Person zu sich genommen, die ihre Last noch vergrößere; alle ihre Arbeit- »62 samkcit reiche kaum hin, sich und den Ihrige» das Nothdürftigc zu verschaffen. Sie wisse zwar, daß Gott diese guten Werke nicht un- belohut lasse; seufze aber doch sehr unter der Last, die sie schon so lange getragen habe. Die jungen Leute mischten sich auch ins Gespräch, und die Unterhaltung wurde lebhaft ter. Indem ich mit den andern sprach, horte ich, daß die Alte ihre Tochter fragte e, ob ich denn auch wohl ihrer heiligen Religion zuge- than sey? Ich konnte bemerken, daß die Tochter auf eine kluge Weise der Antwort auSzu- weichen suchte, indem sie, so viel ich verstand, die Mutter bedeutete: Laß der Fremde gut für sie gesinnt zu scyn schiene, und daß es sich wohl nicht schicke, jemanden sogleich über diesen Punkt zu befrage». Da sic horten, daß ich bald von Palermo abreisen wollte, wurden sie dringender und ersuchten mich, daß ich doch ja wieder kommen -66 möchte; besonders rühmten sie die paradiesi- ' sehen Tage des Rosalienfestes, dergleichen ,n ^ der ganzen Welt nicht muffe gesehen und ge- / liofscn werden. ^ ^ Mein Begleiter, der schon lange Lust ge, ^ habt hatte sich zu entfernen, machte endlich ^ der Unterredung durch seine Geberden ein En- K Le, und ich versprach den andern Tag gegen Abend wieder zu kommen und den Brief ab, si! zuhohlen. Mein Begleiter freute sich, daß al, A les so glücklich gelungen sey, und wir schieden > A zufrieden auseinander, i sk Mau kann sich den Eindruck denken, den ^ diese arme, fromme, wohlgesinnte Familie auf ^ mich gemacht hatte. Meine Neugierde war ^ befriedigt; aber ihr natürliches und gutes Be- ^ tragen hatte einen Antheil >i» mir erregt, der ^ sich durch das Nachdenken noch vermehrte. ^ Sogleich aber entstand in mir die Sorge wegen des folgenden Tages. Es war uatür- lich baß diese Erscheinung, die sie im erste» Augenblicke überrascht hatte, nach meinem Abschiede manches Nachdenken bey ihnen erregen mußte. Durch den Stammbaum war mir bekannt, daß noch mehrere von der Familie lebten; es war natürlich, daß sie ihre Freunde zusammen beriefe», um sich in ihrer Gegenwart dasjenige wiederholen zu lassen, was sie Tages vorher mit Verwunderung pon mir gehört hatten. Meine Absicht hatte ich erreicht, und es blieb mir nun noch übrig, die- ses Abentheuer auf eine schickliche Weise zu endigen. Ich begab mich daher de? andern Tages gleich nach Tische allein in ihre Woh, nung. Sie verwunderten sich, -a ich hinein' trat. Der Brief sey noch nicht fertig, sagten sie: und einige ihrer Verwandten wünschten mich auch kennen zu fernen, welche sich gegen Abend einfinhen würden. Ich versetzte:' daß ich morgen früh schon abreisen muffe, daß ich noch Visiten zu machen, auch cinzupacken habe und also lieber früher als gar nicht hätte kommen woffen. Indessen trat der Sohn hinein, den ich des Tages vcrher nicht gesehen hatte. Er glich seiner Schwester an Wuchs und Bildung. Er brachte de» Brief, den man mir mitgeben wollte, den er, wie es in jenen Gegenden gewöhnlich ist, süßer dem Hause bei einem der öffentlich sitzenden Notarien hatte schreiben lassen- Der junge Mensch hatte ein stilles, trauriges und bescheidenes Wesen, erkundigte sich nach seinem Oheim, fragte nach dessen Reichthum und Ansgaben, und setzte traurig hinzu: warum er seine Familie doch sy ganz vergessen haben mochte? Es wäre unser größtes Glück, fuhr er fort, wenn er einmal hie- her käme und sich unsrer annehmen wollte; aber, fuhr er fort, wie hat er Ihnen entdeckt, Laß .er noch Anverwandte in Palermo habe? Man satzt, daß er uns überall verleugne und sich für eine» Mann von großer Geburt aus« gebe. Ich beantwortete diese Frage, welche durch die Unvorsichtigkeit meines Führers bey unscrm ersten Eintritte veranlaßt worden war, auf eine Weise, die es wahrscheinlich machte, daß der Oheim, wenn er gleich gegen das Pu* blikum Ursache habe, seine Abkunft zu vcrbcrr gen, doch gegen seine Freunde und Bekannte kein Geheimniß daraus mache. Die Schwester, welche während dieser Uur rerredung herbcy getreten war und durch die Gegenwart des Bruders, wahrscheinlich auch durch die Abwesenheit des gestrigen Freundes, mehr Mukh bekam, fing gleichfalls an, sehr artig und lebhaft zu spreche». Sie baten sehr, sie ihrem Onkel, wenn ich ihm schriebe, zu cm» »fehlen; eben so sehr aber, wenn ich die Reise durchs Königreich gemacht, wieder zu kommen und das Rosalienfcst mit ihnen zu begehen. ^ ^ Die Mutter stimmte mit den Kindern ein- k»! Mein Herr, sagte sie, ob es sich zwar eigent- sich nicht schickt, da ich eine erwachsene Loch« ^ tcr habe, fremde MäNner in meinem Hause zu sehen, unb man Ursache hat sich so wohl vor der Gefahr als Nachrede zu hüten; so sollen ^ ^ Siq uns doch immer willkommen seyn- wenn Sie in diese Stadt zurückkehren. Ui« O ja, versetzten die Kinder, wir wollen , ^ den Herr» beym Feste herumführen, wir wol- Gerüste setzen, wo wir die Feierlichkeit am irs besten sehen können, Wie wird er sich über L- Len großen Wagen und besonders über die h prächtige Illumination freuen! k Indessen hatte die Großmutter deN Brief gelesen und wieder gelesen. Da sie hörte, daß ich Abschied nehmen wollte, stand sie auf und übergab mir das zusammengefaltete Papier. ^ Sagen Sie meinem Sohn, fing sie mit einer , edle» Lebhaftigkeit, ja einer Art von Begei- strunz an: sagen Sie meinem Sohne, wie glücklich mich die Nachricht gemacht hat, die Sie mir von ihm gebracht haben r sagen Sie ihm, daß ich ihn so an mein Herz schließe — hier streckte sie die Arme aus einander und drückte sie wieder aus ihrer Brust zusammen — daß ich täglich Gott und unsre heil. Jungfrau für ihn im Gebet ^auflehe, daß ich ihm und seiner Frau meinen Segen gebe, und daß ich nur wünsche ihn vor Meinem Ende noch ein» mal mit diesen Augen zu sehen, die so viel Lhränen über ihn vergossen haben. Die eigne Zierlichkeit der italienischen Sprache begünstigte die Mahl und die edle Stellung dieser Worte, welche noch überdieß von lebhaften GeberdeN begleitet wurden, mit welchen jene Nation über ihre Aeußerungen «inen unglaublichen Reitz zu verbreiten gewohnt ist. Ich nahm nicht ohne Rührung von ihnen Abscbied. Sie reichten mir alle die Hände, die Kinder führten mich hinaus und indes! ich die Treppe hinunter ging, sprangen sie auf den Balkon des Fensters, das aus der Küche auf die Straße ging, riefen mir nach, winkten mir Grüße zu und wiederhohlten: daß ich ja nicht vergessen möchte wieder zu kommen. Ich sah sie noch auf dem Balkon stehen, als ich um die Ecke herum ging. Ich brauche nicht zu sagen, daß der An- theil, den ich an dieser Familie nahm, den lebhaften Wunsch in mir erregte, ihr nützlich zu seyn und ihrem Bedürfniß zu Hülfe zu kommen. Sie waren nun durch mich abermals hintergangcn, und ihre Hoffnungen auf eine unerwartete Hülfe waren durch die Neugierde des nördlichen Eurovas auf dem Wege, zum zweitenmal getauscht zu werden. Mein erster Vorsatz war, ihnen vor meiner Ab? Müex !L A ij Liltl ft »?iW E?s»'!» r / , 273 Abreise jene vierzehn Unzen zuzustelle», die ihnen der Flüchtling schuldig geblieben, und durch die Vermuthung, daß ich diese Summe von ihm wieder zu erhalten hoffte, mein Geschenk zu bedecken; allein als ich zu Hause meine Rechnung mache, meine Caffe und Papiere überschlug, sah ick wohl, daß in einem Lande, wo durch den Mangel von Communi- catl'on die Entfernung gleichsam ins Unendliche wächst, ich mich selbst in Verlegenheit setzen würde, wenn ich mir anmaßte, die Ungerechtigkeit eines frechen Menschen durch eine herzliche Gutmütyigkeit zu verbessern. Ich reiste von Palermo weg, ohne wieder zurückzukehren, und ohnerachtet der großen Zerstreuung meiner sicilianischeu und übrigen italienischen Reise, verlor ich jenen einfachen Eindruck nicht aus meiner Seele. Ich kam in mein Vaterland zurück, und als jener Brief unter andern Papieren, die S 1 / ven Neapel den Weg zur See gemacht hatten, sich endlich auch vorfand, gab es Gelegenheit, von diesem, wie von andern Abentheuer» zu sprechen. Hier ist eine Uebersetzung jenes Blattes, durch welche ich das Eigenthümliche des Originals mit Willen durchscheinen lasse: »Gelicbtester Sohn! Den röten April 1787 hatte ich Nachricht von Dir durch Herrn Wilton, und ich kann Dir nicht ausdrücken, wie tröstlich sie mir gewesen ist: denn seit Du Dich aus Frankreich entfernt hattest, konnte ich nichts mehr von Dir erfahren. Lieber Sohn, ich bitte Dich, meiner nicht zu vergessen: denn ich bin sehr arm und von allen Verwandten verlassen, außer von meiner Tochter Maria Anna, Deiner Schwester, in deren Hause ich lebe. Sie kann mir nicht den völligen Unterhalt geben, aber sie thut 2/L was sie kann; sie ist Wittwe mit brey Kin, dern; eine Tochter ist im Kloster der heil. Ca« tharina, zwey andere sind zn Hause. Ich wieicrhohle, lieber Sohn, meine Bitte, schick mir nur so viel, daß ich mir einigermaßen helfen kann, indem ich nicht einmal die nöthigen Kleidungsstücke habe, um die Pflichten einer katholischen Christin zu erfüllen; denn mein Mantel und Uebcrkleid sind ganz zerrissen. Wenn Du mir etwas schickest oder auch nur einen Brief schreibst, so sende ihn nicht durch die Post, sondern übers Meer, weil Don Ma- theo (Brac0oneri,) mein Bruder, Oberpost- commissarius ist. Lieber Sohn, ich bitte Dich, mir des Ta- des einen Tan ailsznsetzen, damit Deiner Schwester einigermaßen die Last abgenommen werde und damit ich nicht vor Mangel umkomme. Ecriniiere Dich des göttlichen Gebe S 2 2^6 tes, und hilf einer armen Mutter, die aufs Letzte gebracht ist. Ich gebe Dir meinen Segen und umarme Dich von Herzen, auch so Donna Lorenza Deine Frau. Deine Schwester umarmt Dich von Herzen und ihre Kinder küffen Dir die Hände. Deine Mutter, die Dich zärtlich liebt und die Dich an ihr Herz drückt. Palermo, Felice Balsamo.» den iSten April 1787. Verehrungswürdige Personen, denen ich dieses Documeut vorlegte und die Geschichte erzählte, theiltcn meine Empfindungen und setzten mich in den Stand, jener unglücklichen Familie meine Schuld abtragen zu können und ihr eine Summe zu übermachcn, die sie zu Ende des Jahres »788 erhielt, und von de* ren Wirkung folgender Brief ein Aeugniß ab- .legt: Palermo, den 25. Decbr. >788. Geliebtcster Sohn! Lieber geliebter Bruder! Die Freude, die wir gehabt haben, zu Hb- reu, daß Ihr lebt und Euch wohl befindet, können wir mit keiner Feder ausdrücken. Ihr habt eine Mutter und eine Schwester, die von allen Menschen verlassen sind und zwey Töchter und einen Sohn zu erziehen haben, durch die Hülfe, die Ihr ihnen übersendet, mit der größten Freude und Vergnügen erfüllt- Denn nachdem Herr Jakob Icff, ein englischer Kaufmann, sich viele Mühe gegeben, die Frau Joseph-Maria Capitummino, gcbohrne Balsams, aufzusuchen, weil mau mich nur gewöhnlich Marana Capitummino nennt, fand er uns endlich in einem kleinen Hause, wo wir mit der gebührenden Schicklichkeit leben. Er zeigte «ns an, daß Ihr uns eine Summe Geldes an- wcisrn lassen, und daß eine Quittung dabey sey, die ich, Cur? Schwester, unterzeichnen sollte, wie es auch geschehen ist. Denn er hat uns das Geld schon eingehandigt, und der günstige Wechselkurs hat uns nych einigen Dortheil gebracht- Nun bedenkt, p>it welchem Vergnügen wir eine solche Summe empfangen haben, zu einer Zeit, da wip!M Begrff waren, die We»h- nachtsfeyertage zu begehen, ohne Hoffnung irgend einer Beyhülfe, Unser Mensch gewordene Jesus hat Euer Herz hewegt, uns diese Summe zu übermachen, die nicht allein gedient hat, unfern Hunger zu stillen, sondern auch »ms zu bedek- kcn, weil uns wirklich alles mangelte, Es würde uns die größte Zufriedenheit seyn, wenn Ihr unser Verlangen stilltet, und wir Euch nochmals sehen könnten, besonders mir, Eurer Mutter, die nicht aufhort das Unglück zu beweinen, immer von einem einzigen Sohne entfernt zu seyn, Len ich vor meinem Tode noch einmal sehen mochte. Wenn aber diese« wegen Eurer Verhältnisse nicht geschehen konnte, so unterlaßt Loch nicht meinem Mangel zu Hülfe zu kommen, besonders da Ihr so einen trefflichen Kanal gefunden habt und einen so genauen und redlichen Kaufmann, der, ohne daß wir davon benachrichtiget waren, und alles in seiner Hand lag, uns redlich aufgesucht und treulich dis übersendete Summe aUsgeliefert hat. Für Euch will das wohl nichts sagen; aber uns scheint eine jede Beyhülfe ein Schatz. Eure Schwester hat zwey erwachsene Mädchen und ihr Sohn braucht auch Unterstützung. Ihr wißt, das sie nichts besitzen, und welches treffliche Werk würdet Ihr thun, wenn Ihr so viel sendetet, als nothig ist sie schicklich auszustattcn. Gott erhalte Euch bcy guter Gesundheit! wir rufen ihn dankbar an und wünschen, daß er Euch das Glück erhalten möge, dessen Ihr genießt, und daß er Euer Herz bewegen möge, sich unsrer zu erinnern. In seinem Namen segne ich Euch und Cure Frau als liebevolle Mutter, ich umarme Euch, ich Eure Schwester, dasselbe thut der Vetter Joseph (Brac- coneri) der diesen Brief geschrieben hat, wir bitten Euch um Euren Segen, wie cs auch die beiden Schwestern Antonie und Therese thun. Wir umarmen euch und nennen uns Eure Schwester, die Euch liebt Joseph-Maria Capitumminp und Balsams. Eure Mutter, die Euch liebt und segnet, die Euch alle Stunden segnet Felice Balsams und Braceoncri. Die Unterschriften dieses Briefes sind eigenhändig. Ich hatte die Summe ohne Brief und ohne Anzeige, von wem sie eigentlich komme, übermachen lassen; um so natürlicher war ihr Irr- thum und um so wahrscheinlicher ihre Hoffnungen für die Ankunft. Jetzt da sie von der Gefangenschaft und Verurtheilung ihres Verwandten unterrichtet sind, bleibt mir noch übrig, zu ihrer Aufklärung und zu ihrem Trosse etwas zu thun. Ich habe noch «ne Summe für sie in Händen, die ich ihnen überschicken und zugleich das wahre Verhältniß anzeigen will^ Sollten einige meiner Freunde, sollten einige meiner reichen und edeln Landsleute mir das Vergnügen mache» und jene kleine Summe, die noch bey mir liegt, durch Beyträge vermehren wollen: so bitte ich, mir solche vor Michael zuzuschicken und an dem Dank und der Zufriedenheit einer guten Familie Theil zu nehmen, aus welcher eins der sonderbarsten Ungeheuer 282 entsprungen ist, welche in unserm Jahrhundert erschienen sind. Ich werde nicht verfehlen den weiter» Verlauf dieser Geschichte und die Nachricht von dem Zustande, worin meine nächste Sendung die Familie antreffen wird, öffentlich bekannt zu machen, und vielleicht alsdann einige Anmerkungen hinzufügen, die sich mir bey dieser Geschichte aufgedrungen haben, deren ich mich aber gegenwärtig enthalte, um meinen Lesern in ihrem ersten Urtheile nicht vorzugreifen« römische Carneval. Wildem wir eine Beschreibung des römische» Carnevals unternehmen, muffen wir den Einwurf befürchten: daß eine selche Feyerlichkeit eigentlich nicht beschrieben werden könne. Eine so große, lebendige Masse sinnlicher Gegenstände sollte sich unmittelbar vor dem Auge bewegen, und von einem jeden nach seiner Art angeschant und gefaßt werden. Noch bedenklicher wird diese Einwendung wenn wir selbst gestehn müssen: daß das römische Carneval einem fremden Zuschauer, der es zum erstenmal sieht und' nur sehen will und kann, weder einen ganzen, noch einen erfreulichen Eindruck gebe, weder das Auge sonderlich ergötze, noch das Gemüth befriedige. v Die lange und schmale Straße, in welcher sich unzählige Menschen hin und wieder wälzen, ist nicht zu übersehen) kaum unterscheidet man etwas in dem Bezirk des Getümmels, den das Auge fassen kann. Die Bewegung ist ein« sdrmig, der Lärm betäubend, das Ende der Tage unbefriedigend. Allein diese Bedenklichkeiten sind bald gehoben, wenn wir uns näher erklären) und vorzüglich wird die Frage sehnt ob uns die Beschreibung selbst rechtfertigt. Das römische Carneval ist ein Fest, das dem Kolke eigentlich nicht gegeben wird, sondern das sich dasVolkselbst giebt. Der Staat macht wenig Anstalten, wenig Aufwand däzn. Der Kreis der Freuden bewegt sich von selbst und die Polizey regiert ihn nur mit gelinder Hand. Hier ist nicht ei» Fest, das wie die vielen geistlichen Feste Roms die Augen der Zuschauer blendete; hier ist kein Feuerwerk, das von dem ">'it,c>. Nihz. »m»:üu «rikzmi, Ä!!j 7 ! 7 L 7 a sg, >i «jtinrist >»ii!ijhül ,Mch»r < » ra!» > tz-rxl--' » ^ 287 Castell Sanct Angela einen einzigen überraschenden Anblick gewährte; hier ist keine Erleuchtung der Peterskirche und Kuppel, welche so viel Fremde ans allen Landen herbeylockt und befriedigt; hier ist keine glanzende Prozession, bei deren Annäherung das Volk beten und staunen soll; hier wird vielmehr nur ein Zeichen gegeben: daß jeder so thöricht und toll seyn dürfe als er wolle, und daß außer Schlägen und Messerstichen fast alles erlaubt ftp. Der Unterschied zwischen Hohen und Niedern scheint einen Augenblick aufgehoben t alles nähert sich einander, jeder nimmt, was ihm begegnet, leicht auf, und die wechselseitige Frechheit und Freyheit wird durch eine allgemeine gute Laune im Gleichgewicht erhalten. In diesen Tagen freuet sich der Römer »och zu unfern Zeiten, daß die Geburt Christi das Fest der Saturnalien und seiner Privilegien -ES ^ wohl um einige Wochen verschiebe»/ aber nicht aufheben konnte. Wir werde» uns bemühen, die Freuden und den Taumel dieser Tage vor die Einbildungskraft unserer Leser zu bringen. Auch schmeicheln wir uns, solchen Personen zit- dienen, welche dem römischen Carneval selbst einmal beyaewohnt, und sich nun mit einer lebhaften Erinnerung jener Zeiten vergnügen mögen; nicht weniger solchen, welchen jene Reise noch bevorsteht und denen diese wenige Blatter Uebcrsicht und Genuß einer überdrängten und vorbeirauschende» Freude verschaffen können. s8g Der Corso. Äas römische Carncval versammelt sich in dem Corso. Diese Straße beschränkt und bestimmt die öffentliche Feyerlickkcit dieser Tage- An jedem andern Platz wurde eS ein ander Fest seyn ; und wir haben daher vor allen Dingen den Corso zu beschreiben. Er führt den Namen, wie mehrere lange Straßen italienischer Städte, von dem Wettrennen der Pferde, womit zu Rom sich jeder Carneoals Abend schließt, und womit an andern Orten andre Feyerlichkeiten, als das Fest eines Schutzpatrons, ein Kirchwephfest, geendigt werden. Die Straße geht von der Piazza de! Po- polo schnür gerade bis an den venetianischen Pallast. Sie ist vhngefabr viertehalb tausend Schritte lang und von hohen meistenkheils prächtigen Gebäuden eingefaßt. Ihre Breite L ist gegen ihre Länge und gegen die Hohe der Gebäude nicht verhältnißmäßig. Än beiden Seiten nehmen Pflaster-Erhöhungen für die Fußgänger ohngefähr sechs bis acht Fuß weg. In der Mitte bleibt für die Wage» an den meisten Orten nur der Raum von zwölf bis vierzehn Schritten, und man sieht also leicht, daß höchstens drei) Fuhrwerke sich in dieser Breite neben einander bewegen können. Der Obelisk auf der Piazza dcl Popolo ist im Carneval die unterste Gränze dicserStraße; der venetianische Pallast die obere. Spazierfahrt im Corsö. Schon alle Sonn- und Festtage eines Jahres ist der römische Corso belebt. Die vornehmem und reichern Römer fahren hier eine oder anderthalb Stunden vor Nacht in einer sehr zahlreichen Reyhe spazieren: die Wagen kommen vom venetianische» Pallast herunter, halten sich an der linken Seite, fahren, wenn cs schön Wetter ist, an dem Obelisk vorbey, zum Thore hinaus und auf den Flaminischcn Weg, manchmal bis Ponte wolle. Die früher oder später Umkchrende» halten sich an die andere Seite; so ziehen die bcyden Wagen-Reyhen in der besten Ordnung neben einander hin. Die Gesandten haben das Recht, zwischen beyden Reyhen auf und nieder zu fahren; dem Prätendenten, der sich unter dem Namen eines Herzogs von Albanien in Rom aufhielt, war es gleichfalls zugcstanden. Sobald die Nacht eingelautet wird, ist diese Ordnung unterbrochen; jeder wendet wo es ihm beliebt und sucht seinen nächsten Weg, oft zur Unbequemlichkeit vieler ander« Equipagen, welche in den engen Raum dadurch gehindert und aufgehalten werden. Diese Äbendspazicrfahrt, welche in allen großen italienischen Städten brillant ist/ und in jeder kleinen Stadt, wäre es auch nur mit einigen Kutschen, nachgeahmt wird, lockt viele Fußgänger in den Corso; jedermann kommt, um zu sehen oder gesehen zu werden. Das Carneval ist, wie wir bald bemerken können, eigentlich nur eine Fortsetzung oder vielmehr der Gipfel jener gewöhnlichen sonn- und feßtäzigen Freuden, es ist nichts neues, -nichts fremdes, nichts einziges, sondern es schließt sich nur an die römische Lebensweise ganz natürlich an. Clima, geistliche Kleidungen- Eben so wenig fremd wird es uns scheinen, wenn wir nun bald eine Menge Masken irr freyer Luft sehen, da wir so manche Lebensferne unter dem heitern frohen Himmel das ganze Jahr durch zu erblicken gewohnt sind. Bey einem jeden Feste bilden ausgehängte >> ovk, "kÄ,-. < trcki:. pnl, jli!«' k«s!l cir-A ^iiiiÄ :!« j,: - 2 « «>»'' 2 g 3 Teppiche, gestreute Blume«, übergespannte Tücher, die Straßen gleichsam zu großen Saley und Gallerien um. Keine Leiche wird ohne vermummte Begleit jung der Brüderschaften zu Grabe gebracht; die viele» MönchLkleidunge» gewöhnen das Auge an fremde und sonderbare Gestalten; es scheint das ganze Jahr Carneval zu seyn, und die Abbaten in schwarzer Kleidung scheinen unter den übrigen geistlichen Masken die edler» Kabbarros vorzustellen. E r st e Z e i t. Schon voy dem neue» Jahrs an sind dis Schauspielhäuser erdsnet und das Carneval hat seinen Anfang genommen. Man sicht hie und da in den Logen eine Schöne, welche als Offizier ihre Epauletten mit größter Selbstzufriedenheit dem Volke zeigt. Die Spazierfahrt im Corso wird zahlreicher; doch die allgemeine Erwartung ist auf die letzten acht Tage gerichtet, Vorbereitungen auf hie letzten Tage. Mancherlei) Vorbereitungen verkündigen dem Pubbcum diese paradiesischen Stunden. Der Corso, eine von den wenige» Straße» in Rom, welche das ganze Jahr rein gehalten werden, wird nun sorgfältiger gekehrt und ge- reiniget. Man ist beschäftigt, das schöne, aus kleine», vicrcchigt zugehauenen, ziemlich gleichen Basaltstnckcn zusammengesetzte Pflaster, wo cs nur einigermaßen abzuweichcn scheint, auszuheben und die Basaltkeile wieder neu in Stand zu setzen. Außer diesem zeigen sich auch lebendige Vorboten. Jeder Carnevals-Abend schließt sich, wie wir schon erwähnt haben, mit einem Wettrennen. Die Pferde, welche man zu diesem Endzweck unterhält, sind meistenthcils lkmie Kknch »likdw^ ^!I>ti!I^ k!.Ai.'i : >-L, «r nm»k- Ä N -' i>, 2 gL klein, und werden, wegen fremder Herkunft der besten unter ihnen, Barben genennt. Ein solches Pferdchen wird mit einer Decke von weißer Leinwand, welche am Kopf, Hals» und Leib genau anschließt, und auf den Nahten mit bunten Bändern besetzt ist, vor dem Obelisk an die Stelle gebracht, wo es in der * Folge auslaufe» soll. Man gewohnt es, den Kopf gegen den Corso gerichtet, eine Jeitlang still zu stehen, führt es alsdann sachte die Straße hi» und giebt ihm oben am venctiani- schen Pallast ein wenig Hafer, damit es ei» Interesse empfinde, seine Bahn desto geschwinder zu durchlaufen. Da diese Uebung mit den meisten Pferdcm deren oft fünfzehn bis zwanzig an der Zahl sind, wiederholt und eine solche Promenade immer von einer Anzahl lustig schrcyenderKnaben begleitet wird; so giebt es schon einen Vorschmack von einem größernLärm und Jubel, der bald folgen soll- Ehemals nährten die ersten römischen Häuser dergleichen Pferde in ihren Marställen; man schätzte sich cs zur Ehre, wen» ein solches den Preis davon tragen tonnte. Es wurden Wetten angestellt, und der Sieg durch ein Gastmahl verherrlicht, In den letzten Zeiten hingegen hat diese Liebhaberei) sehr abgenommen, und der Wunsch, durch seine Pferde Ruhm zu erlangen, ist in die mittlere, ja in die unterste Klaffe deS Holks herabgestisgcn« Aus jenen Zeiten mag sich noch die Ge» wohnheit herschreiben, daß der Trupp Reiter, welcher, von Trompetern begleitet, in diesen Tagen die Preise in ganz Rom hcrumzcigt, in hie Hauser der Vornehmen hineinreitet, und nach einem geblasenen Trompetcrststckchen ein Trinkgeld empfängt, Ter Preis bestehet aus einem etwa drittehalb Ellen langen, und nicht gar eine Elle -87 breiten Stück Gold« oder Silberstoff, das an einer bunten Stange wie eine Flagge bcfrstigt schwebt und ay dessen unterm Ende das Bild einiger rennenden Pferde quer cingewirkt ist, ES wird dieser Preis Palio genannt, und so viel Tage das Carneval dauert, so viele solcher Quasi-Standarten werden von dem erst erwähnten Zug durch die Stoßen von Rom aufgczeigt. i Inzwischen fangt auch der Corfo an, feine Gestalt zu verändern; der Obelisk wird nun die Granze der Straße. Vor demselben wird ei» Gerüste mit vielen Sitzrcyhen über einander aufgeschlage», welches gerade in den Dorfs hineinsieht. Vor dem Gerüste werden die Schranken errichtet, zwischen welche man künftig dje Pferde zum Ablaufen bringen soll. An Heyden Seiten werden ferner grosse Gerüste gebaut, welche sich an die ersten Hauser des Corso anschließen, und auf diese Weise die --gs Straße in den Platz herein verlängern. An Heyden Seiten der Schranken stehen kleine, erhöhte und bedeckte Bogen für die Personen, welche das Abkaufen der Pferde regnliren sollen. Den Corso hinauf steht man vor manchen Häusern ebenfalls Gerüste aufgerichtet. Die Plätze von Sanct Carlo und der antoninischen Säule werden durch Schranken von der Straße abgesondert- und alles bezeichnet genug, daß dieganzeFeycrlichkeitsich in dem lange» und schmalen Corso einschranken solle und werde. Zuletzt wird die Straße in der Mitte mit Puzzolane bestreut, damit die wettrenncndcn Pferde auf dem glatten Pflaster nicht so leicht ausgleiten mögen, Cigna! der vollkommnen Carnevalö- Freyheit. So findet die Erwartung sich jeden Tag genährt und beschäftigt, bis endlich eine Glocke » '"".dtz >ürn^ - lt^ittK, ^cha Md tr!nnn: >dtN»t« ^ ,;7i»inla dl»ätl«^ -^SS vom Capitol, bald nach Mittage das Zeichen giebt, ?s scy erlaubt, unter frcyem Himmel ihbricht zu seyn. In diesem Augenblick legt der ernsthafte Römer, der sich das ganze Jahr sorgfältig für jedem Fehltritt hütet, seinen Ernst und seine Bedächtigkeit auf einmal ab, Die Pflasterer, die hiS zum letztest Augenblick geklappert haben, packen ihr Werkzeug auf und machen der Arbeit scherzend ein Ende. Alle Baleonc, alle Fenster werden nach und nach mit Teppichen behängt, auf den Pflastererhöhungen zu beiden Seiten der Straße werden Stuhle herausgesetzt, die geringer« Hausbewohner, alle Kinder find auf der Straße, die nun apfhört eine Straße zu seyn; sie gleicht vielmehr einem großen Festsaal, einer ungeheu- ren auszeschmückte» Gallerie. Denn wie alle Fenster mit Teppichen behängt sind, so stehen auch alle Gerüste mitak- ten gewirkten Tapete» beschlagen; die viele» Stuhle vermehren den Begriff von Zimmer, und der freundliche Himmel erinnert selten. Laß man ohne Dach sey. So scheint die Straße nach und nach im« mer wohnbarer. Indem man aus dem Hause tritt, glaubt man nicht im Frcyen und unter Fremden, sondern in einem Saale unter Be« kannten zu seyn. Wache. Indessen daß der Corso immer belebter wird, und unter den vielen Personen, die in ihren gewöhnliche» Kleidern spazieren, sich hier und da ein Pulcinell zeigt, hat sich das Mi« litär vor der Porta del Popolo versammlet. Es zieht, angeführt von dem General zu Pferde, in guter.Ordnung und neuer Montur mit klingendem Spiel den Corso herauf, und besetzt sogleich alle Eingänge in denselben, er- richtet ein paar Wachen auf den Hauptplätzen, und übernimmt die Sorge für die Ordnung der ganzen Anstalt. < , Die Verleiher der Stühle und Gerüste r«« fen nun emsig den Vorbeigehenden an: b,uvg!ii! I-Iioglii kslroni! l.uo»bi! Masken. Nun fangen die Masken an, sich zu vermehren. Junge Männer geputzt in Festtags- kleidcrn der Weiber aus der untersten Classe, mit entblößtem Busen und frecher Selbstge- oügsamkeit, lassen sich meist zuerst sehen. Sk liebkosen die begegnendet« Männer, thun gemein und vertraut mit den Weibern als mit ihres gleichen, treiben sonst, was ihnen Laune, Witz oder Unart eingeben. Wir erinnern uns unter andern,eines jungen Menschen, der die Rolle einer leidenschaftlichen, zanksüchtigen und auf keine Weise zu beruhigenden Frau vortreflich spielte und so sich den ganzen Corso hinab zankte, jedem etwas anhangte, indcß seine Begkeiter sich alle Muhe zu geben schienen, ihn zu besänftige». Hier kommt ein Pulcincll gelaufen, dem ein großes Horn Ml bunten Schnuren um die Hüften gaukelt. Durch eine geringe Bewegung, indem er sich mit den Weibern untcr- hä'lt, weiß er die Gestalt des alten Gottes der Gärten in dem heiligen Rom kecklich nachzuahmen, und seine Leichtfertigkeit erregt mehr Lust als Unwillen. Hier kommt ein anderer seines Gleichen, der, bescheidner und zufriedner, seine schöne Hälfte mit sich bringt. Da die Frauen eben so viel Lust haben, sich in Mannskleidern zu zeigen, als die Männer sich in Frauenskleidern sehen zu lassen; so haben sie die beliebte Tracht des Pulcinells sich anzupessen nicht verfehlt, und mau muß bekennen, daß es ihnen gelingt, in dieser Zwittergestalt oft höchst reihend Zu seyn. Mit schnellen Schritten, dcklamirend, wie vor Gericht, drängt sich ein Advokat durch die Menge; er schreyt an die Fenster hinauf, packt maskirte und unmaskirte Spaziergänger an, droht einem jeden mit einem Prozeß, macht bald jenem eine lange Geschichkserzäh- lung von lächerlichen verbrechen, die er begangen haben soll, bald diesem eine genaue Specification seiner Schulden. Die Frauen schilt er wegen ihrer Cici«beeN, die Mädchen wegen ihrer Liebhaber; er beruft sich aus ein Buch, das er bei sich führt, producirt Dokumente, und das alles mit einer durchdringenden Stimme und geläufigen Zunge. Cr sucht jedermann zu beschämen und confus zu machen. Wenn man denkt, er höre auf, so fängt er erst recht an; denkt man, er gehe weg, so kehrt er um; auf den einen geht er gerade los, und spricht ihn nicht an, er packt einen andern, der schon vorbey ist; kommt nun gar ein Mit- brudcr ihm entgegen/ so erreicht die Tollheit ihren höchsten Grad. Aber lange können sie die Aufmerksamkeit des Publikums nicht auf sich ziehen; der tollste Eindruck wird gleich von Menge und Man- nichfaltigkeit wieder verschlungen. Besonders machen LieQuacqueri zwar nicht so viel Lärm, Loch eben so viel Aufsehen als die Advokaten. Die Maske der Quacqueri scheint so allgemein geworden zu seyn, durch die Leichtigkeit auf dem Trödel altfränkische Kleidungsstücke finden zu können. Die Haupterforderuisse dieser Maske finde daß die Kleidung zwar altfränkisch, aber wohl erhalten und von edlem Stoff scy. Man sieht sie selten anders, als mit Sammt oder Seide bekleidet, sie trage» brokatene oder gestickte Westen, »nd der Natur nach muß der Q»ac- quere qurro dickleibig ftyn, seine Gesichtsmaske ist ganz, mit Pausbacken und kleinen Augen; seine Perrücke hat wunderliche Zäpfchen; sein Huk ist klein und Meistens bordirt. Man stehet, daß sich diese Figur sehr dem Luko csriicaro der komischen Oper nähert, und wie dieser meistentheils einen läppischen, verliebten, betrogenen Thoren vorstellt, so zeigen sich auch diese als abgeschmäckte Stutzer. Sie hüpferi mit großer Leichtigkeit auf den Zehen hin und her, führen große schwarze Ringe ohne Glas statt den Lorgnetten, womit sie in alle Äagett hineingucken, nach allen Fenstern hinaufblickett. Sie mache« gewöhnlich einer/steifen tiefen Bückling, und ihre Freude, besonders wenn sie sich einander begegnen, geben sie dadurch zu erkennen, daß sie mit gleichen Füßen mehrmals gerade in die Höhe Hüpfen und einen Hellen durchdringenden unartikulirten Laut ps» U sich geben, der mit dem Consonanten Lrr verbunden ist. Oft gebe» sie sich durch diesen Ton das Zeichen, und die nächste» erwieder» das Sig, nal, so daß in kurzer Zeit dieses Geschrille Len ganzen Corso hin- und wiederläuft. Muthwillige Knaben blasen indeß in große g cwundene Muscheln und beleidigen das Ohr mit unerträglichen Tönen. Man sieht bald, daß bey der Enge des Raums, bey der Aehnlichkeit so vieler Maskenkleidungen, (denn es mögen immer einige hundert Pulciuelle und gegen hundert Ouac- quer! im Corso auf- und nieder laufen) wenige die Absicht haben rönnen, Aufschn zu erregen oder bemerkt zu werden. Auch muffen diese früh genug im Corso erscheinen. Vielmehr geht ein jeder nur aus, sich zu vergnügen, seine Tollheit auszulafle» und der Freyheit dieser Lage ans das beste zu genießen. Z--7 Besonders suchen und wissen die Mädchen und Frauen sich i» dieser Zeit nach ihrer Art lustig zu machen. Jede sucht nur aus dem Hause zu kommen, sich, auf welche Art cs sey, zu vermummen, und weil die wenigsten in dem Fall sind, viel Geld aufwende» zu können; so" sind sie erfinderisch genug, allerlei) Urten aus- zudenken, wie sie sich mehr verstecken als zieren. Sehr leicht sind die Masken von Bettlern und Bettlerinnen zu schaffen; schöne Haare werden vorzüglich erfordert, dann eine ganz weiße Gesichtsmaske, ein irdenes Töpfchen an einem farbigen Bande, ein Stab und ein Hut in der Hand. Sie treten mit demüthi- ger Geberde unter die Fenster und vor jeden hin, und empfangen statt Almosen Zucker- werk, Nüsse und was man ihnen sonst artiges geben mag. Andere machen sich es Noch bequemer, hüllt 2 V len sich in Pelze oder erscheinen in einer artigen Haustracht nur mit Gesichtsmasken. Sie gehe» meistentheils ohne Männer, und führen als Off- und Defensiv-Waffe ein'Besenchen aus der Blüthe eiues Rohrs gebunden, womit sie theils die Ueberlastigen abwehren, thcils auch, muthwillig genug, Bekannten und Unbekannte», die ihnen ohne Masken entgegen kommen, im Gesicht herumfahren. Wenn einer, auf den sie cs gemünzt habe», zwischen vier oder fünf solcher Mädchen hiw' ciukommt, weiß er sich nicht zu retten. Das Gedränge hindert ihn zu fliehe», und wo er sich hin wendet, fühlt er die Besenchen unter der Nase. Sich ernstlich gegen diese oder andere Neckereien zu wehre», würde sehr gefährlich seyn, weil die Masken unverletzlich sind, und jede Wache ihnen bcyzustchn beordert ist. Eben so müssen die gewöhnlichen Kleidnn- gen aller Stände als Masken dienen. Stall.' knechte mit ihren großen Bürsten, kommen, einem jeden, wenn e§ ihnen beliebt, den Rük- ken auszukchren. Vetturine bieten ihre Dienste mit ihrer gewöhnlichen Zudringlichkeit an. Zierlicher sind die Masken der Landmad- chen, Fraskatanerinne», Fischer, Neapolitaner, Schiffer, Neapolitanischer Sbirren und Griechen. Manchmal wird eine Maske vom Lheatcv nachgeahmt. Einige machen sichs sehr bequem, indem sie sich in Teppiche oder Leintücher hüllen, die sie über dem Kopfe zusammen binden. * Die weiße Gestalt pflegt gewöhnlich andern in den Weg zu trete» und vor ihnen zu Hüpfen, und glaubt auf diese Weise ein Gespenst vorzustellc». Einige zeichnen sich durch sonderbare Zusammensetzung aus, und der Tabbarro wird immer für die edelste Maske gehalten, weil sie sich gar nicht aus- zeichnet. Witzige und satyrische Masken sind sehr selten, weil diese schon Endzweck haben, und bemerkt scyn wollen. Doch sgh man einen Pulcincst als Hahnrey, Die Horner waren beweglich, er konnte sie wie eine Schnecke heraus- und hineinziehen- Wenn er unter ein Fenster vyr neu Verhciralhete trat, und Ein Horn nur wenig sehen ließ, oder vor einem andern, beyde Horner recht lang steckte und die an den obern Spitzen befestigte Schellen recht wacker klingelten, entstand auf Augenblicke eine heitere Aufmerksamkeit des Publikums und manchmal ein großes Gelachter. Ein Zauberer mischt sich unter die Menge, läßt das Volk ein Buch mit Zahle» sehn, und erinnert es an seine Leidenschaft zum Lottospiel. Nit zwey Gesichtern steckt einer im Ge- 3n dränge: man weiß nicht, welches sein Vorder- theil, welches sein Hintertheil ist, ob er kommt, ob er geht. Der Fremde muß sich auch gefallen lassen in diesen Tagen verspottet zu werden. Die langen Kleider der Nordländer, die großen Knöpfe, die wunderlichen runden Hute, fallen den Römern auf, uni- so wird ihnen der Fremde eine Maske. Weil die fremden Mahler, besonders die, welche Landschaften und Gebäude studieren, in Rom überall öffentlich sttzcn und zeichnen, so werden sie auch unter der Earnevals» Menge emsig vorgcstellt, und zeigen sich mit großen Portefeuille», langen Sürtouks und coloffali- schen Reisfedcrn sehr geschäftig. Die deutschen Beckcrknecht« zeichnen sich in Rom gar oft betrunken aus, und sie werden auch mit einer Flasche Wein in ihrer eigentlichen oder auch etwas verzierten Tracht taumelnd vorgestcllt- Wik erinnern uns einer einzigen anzüglichen Maske, Es sollte ein Obelisk vor der Kirche k>i- Lim äsl nidnrs aufgerichtet werden. Das Publikum war nicht sehr damit zufrieden, theils weil der Platz eng ist, theils weil man dem kleinen Obeljsk, um ihn in eine gewisse Höhe zu bringen, ein sehr hohes Piedestal unterbauen mußte. Es nahm daher einer den Anlaß ein großes weißes Piedestal als Mütze zu tragen, auf welckem oben ei» ganz kleiner roth- licher Obelisk befestigt war, An dem Piedestal standen große Buchstaben, deren Vinn vielleicht nur wenige erriethen, Kutschen, Indessen die Masken sich vermehren, fahren die Kutschen nach und nach in den Corso hinein, in derselben Ordnung, wie wir sie oben beschrieben haben, als von her sonn-, und fest- tägige» Spazierfahrt die Rede war; nur mit dem Unterschied, daß gegenwärtig die Fuhrwerke, welche vom vcnetianischen Pallast an der linken Seite heruntcrfahrcn, da, wo die Straße des Corso aufhort, wenden, und sogleich an der andern Seite wieder herauf fahren. Wir haben schon oben angczeigt, Laß die Straße, wenn man die Erhöhung fHr die Fußgänger abrechnct, a» den meisten Orte» wenig über drcy Wagenbreiten hat, Die Seitencrhöhungen sind alle mir Gerü, sten versperrt, mit Stühlen besetzt, und viele Zuschauer haben schon ihre Platze eingenommen. An Gerüsten und Stühlen geht ganz nahe eine Wagenrcihc hinunter, und an der andern Seite hinauf. Die Fußgänger sind in eine Breite von höchstens acht Fuß zwischen Len beiden Reihen cingeschloffen; jeder drängt sich hin- und hsrwqrts so gut er kann, und von allen Fenstern und Balconcn sieht wieder eine gedrängte Menge auf das Gedränge herunter- In den ersten Tagen sieht man meist nur die gewöhnlichen Equipagen; denn jeder ver- , spart auf die folgenden, was er zierliches oder prächtiges allenfalls aufführen will. Gegen Ende des Carnevals kommen mehr offene Wagen zufl, Vorschein, deren einige sechs Sitz« haben: zwcy Damen sitzen erhöht gegen einander über, so daß man ihre ganze Gestalt sehen kann, vier Herren nehmen die vier übrigen Sitze der Winkel ei», Kutscher und Bediente sind maskirt, die Pferde mit Flohr und Blumen geputzt. Oft sieht ein schöner, weißer, mit rosen- farbcnen Bändern gezierter Pudel dem Kutscher zwischen den Füßen, an dem Geschirre klingen Schellen, und die Aufmerksamkeit des Publicums wirdcinigcAugeubl'ckcaufdicsenAufzuggcheftet. > . 3iä Man kan» leicht denken, daß nur schone Frauen sich so vor dem ganzen Volke zu erhöhe» wagen, und daß nur die Schönste ohne Gesichtsmaske sich sehen läßt. Wo sich denn aber auch der Wagen nähert, der gewöhnlich langsam genug fahren muß, sind alle Augen darauf gerichtet, und sie hat die Freude von manchen Seiten zu Horen; O. guauro - Keil»! Ehemals sollen diese Prachtwagen weit häufiger und kostbarer, auch durch mythologische und allegorische Vorstellungen interessanter gewesen seyn; neuerdings aber scheinen die Vornehmer», cs sey nun aus welchem Grunde es wolle, verlohne» iu dem Ganzen, das Vergnügen, das sie noch bey dieser Feyerlichkeit finde», mehr genießen, als sich vor andern auszeichnen zu wollen. Je weiter das Carneval vorrückt, desto lustiger sehen die Equipagen aus. Selbst ernsthafte Personen, welche ohrimas- i>r8 >< ß-' kirt in den Wagen fitzen, erlauben ihren Kut- ^>-7 schern und Bedienten sich zu maskiren. Die . z> Kutscher wählen meistentheils dieFraucntracht, . und in den letzten Tagen scheinen nur Wewer die Pferds zu regieren. Sie sind oft anstan- dig, ja reizend gekleidet; dagegen macht denn auch ein breiter häßlicher Kerl, in völlig neue modischem Putz, mit hoher Frisur und Federn, eine große Carricaturz und wie jene Schöne Herten ihr Lob zu hören hatten, so muß er sich gefallen lassen, Laß ihm einer unter die Nase tritt und ihm zuruft: O liawllo Ml» cliL krMkÄ 861 ! Gewöhnlich erzeigt der Kutscher einer oder ^ ^ ein paar seiner Freundinnen den Dienst, wenn er sie im Gedränge antrift, sie auf den Bock zu heben. Diese sitzen denn gewöhnlich in ^ Mannstracht an seiner Seite, und oft gaukeln dann die niedlichen Piilcineübeinchen mit klei» nen Füßchen und hohen Absätzen den Vorüber/ L-H gehenden um die Köpfe. 3-7 Eben so machen cs die Bedienten und nehmen ihre Freunde und Freundinnen hinten auf den Wagen, und es fehlt nichts, als daß sie sich noch, wie auf die englischen Landkutschen, " oben auf den Kasten setzten. , , Die Herrschaften selbst scheinen cs gerne zu sehen, wenn ihre Wagen recht bepackt sind; altes ist in diesen Tagen vergönnt und schicklich. Gedränge» Man werfe nun einen Blick über die lange und schmale Straße, wo von allen Balconen und aus allen Fenstern, über lang herabhangende bunte Teppiche, gedrängte Zuschauer auf die mit Zuschauern angefüllten Gerüste, auf die langen Reihen besetzter Stühle an beyden Seiten der Straße herunterschauen. Zwei Reihen Kutschen bewegen sich langsam in dem mittler» Raum, und der Platz, den allenfalls eine dritteKutsche emuehmen konnte, ' t ist ganz mit Menschen ausgefüllt/ welche nicht hin und wieder gehen, sondern sich hin und wieder schieben. Da die Kutschen, so lang als es nur möglich ist, sich immer ein wenig von einander abhalten, um nicht bey jeder Stockung gleich auf einander zu fahren, so wagen -sich viele der Fußgänger, um nur einigermaßen Luft zu schöpfen, aus dem Gedränge der Mitte zwischen die Räder des vorausfahrenden und die Deichsel und Pferde des nachfahrenden Wagens, und je großer die Gefahr und Beschwerlichkeit der Fußgänger wird, desto mehr scheint ihre Laune und Kühnheit zu steigen. Da die meisten Fußgänger, welche zwischen den beyden Kutschenreihen sich bewegen, um ihte Glieder und Kleidungen zu schonen, die Räder und Achsen sorgfältig vermeiden; so lassen sie gewöhnlich mehr Platz zwischen sich und den Wagen, als ndthig ist; wer nun mit 3lg der l'.ugsamcn Messe sich fortzubewegen nicht länger ausstehen mag, und Muth hat, zwischen Len Räder» und Fußgängern, zwischen der Ger fahr und dem, der sich davor fürchtet, dürch- zuschlupfe», der kann in kurzer Zeit einen großen Weg zurücklege», bis er sich wieder durch ein anderes Hinderniß aufgchalten sieht. Scho» gegenwärtig scheint unsere Erzählung außer den Granzen des Glaubwürdigen zu schreiten, und wir würden kaum wagen fortznfahren, wenn nicht so viele, die dem römischen Carne- val bei-gcwohnt, bezeugen konnten, daß wir uns genau an der Wahrheit gehalten, und wenn es nicht ein Fest wäre, das sich jährlich wiederholt und das von manchem, mit diesem Buche > in der Hand, künftig betrachtet werden wird. Denn was werden unsere Leser sagen, wenn wir ihnen erklären, alles bisher erzählte sey nur gleichsam der erste Grad des Gedränges, des Getümmels, des Lärmens und der Ausgelassenheit. / Zcks Zug des Gouverneurs und Senators. Indem die Kutschen sachte vorwärts rücken, und, wenn es eine Stockung giebt, stille halten, werden die Fußgänger äuf mancherlry Weise geplagt. Einzeln reitet die Garde dts Papstes durch das Gedränge hin und wieder, um die zufälli* gen Unordnungen und Stockungen der Wagen ins Gcleis zu bringen, und indem einer den Kutschpferden ausweicht, fühlt er, ehe er sichs versieht, den Kopf eines Rcitpf erdss im Nacken ; allein es folgt eine größte Unbequemlichkeit. Der Gouverneur fahrt in einem große» StaatSwagen mit einem Gefolge von mehrere» Kutschen durch die Mitte zwischen den beyden Reihen der übrigen Wagen durch. Die Garde des Papstes und die vorausgehcnden Bedienten warnen, und machen Platz, und dieser Zug nimmt für den Augenblick die ganze Breite ein, I 3s r ein, die kurz vorher den Fußgängern noch übrig blieb. Sie drängen sich, so gut sie können, zwischen den übrigen Wagen hinein, und auf eine oder die andere Weise Key Seite. Uud wie das Wasser, wenn ein Schiff durchfährt, sich nur einen Augenblick trennt, und hinter dem Steuerruder gleich wieder zusammenstürzt; so strömt auch die Masse der Masken und der übrigen Fußgänger hinter dem Zuge gleich wieder in eins zusammen. Nicht lange, so stört eine neue Bewegung die gedrängte Gesellschaft. Der Senator rückt mit einem ähnlichen Zuge heran; sein großer Staatswagen und die Wagen seines Gefolges schwimmen wie auf den Köpfen der erdrückten Menge, und wenn jeder Einheimische und Fremde von der Lie* benswürdigkeit des gegenwärtigen Senators, des Prinzen Rezzonico, eingenommen und bezaubert wird, so ist vielleicht dieses der «in- X 32 - 5 zige Fall, wo eine Masse von Menschen sich glücklich preist, wenn er sich entfernt. Wenn diese beyden Züge der ersten Gerichts- und Polizei-Herrn von Rom, nur um das Carneval feierlich zu eröffnen, den ersten Tag durch de» Corso gedrungen waren, fuhr der Herzog von Albanien täglich, zu großer Unbequemlichkeit der Menge, gleichfalls diesen Weg, und erinnerte zur Zeit der allgemeinen Mummerei die alte Beherrscherin der Könige an daS Fastnachtspiel seiner königliche» Prätensionen. Die Gesandten, welche bas gleiche Recht haben, bedienen sich dessen sparsam und mit einer humanen Discretion. Schöne Welt am Pallast Ruspolf. . Aber nicht allein durch diese Züge wird die Circulatio» des Corso unterbrochen und gehindert; am Pallast Ruspoli und in dessen Nahe, wo die Straße um nichts breiter wird, sind die Pflasterwcge an beiden Seiten mehr erhöht. Dort nimmt die schöne Welt ihren Platz, und alle Stuhle sind bald besetzt oder besprochen. Die schönsten Frauenzimmer der Mittelklasse, reizend maskirt, umgeben von ihren Freunden, zeigen sich dort dem vorübergehenden neugierigen Auge. Jeder, der in die Gegend kommt, verweilt, um die angenehmen Reihen zu durchschauen; jeder ist neugierig unter den vielen männlichen Gestalten, die dort zu sitzen scheinen, die weiblichen heraus zu suchen und vielleicht in einem niedlichen Osfieiek den Gegenstand seiner Sehnsucht zu entdecken. Hier an diesem Flecke stockt die Bewegung zuerst; denn die Kutschen verweilen so lange sie können in dieser Gegend, und wen» man zuletzt halten soll, will man doch lieber in dieser angenehm.n Gesellschaft bleiben. Wenn unsere Beschreibung bisher nur den Be- griff von einem engen, ja beynahe ängstlichen Zustande gegeben hak, so wird sie einen noch sonderbarer« Eindruck mache», wenn wir ferner erzählen, wie diese gedrängte Lustbarkeit, durch «ine Art von kleinem, meist scherzhaftem, oft aber nur allzu ernstlichem Krie, ge in Bewegung gesetzt wird. Wahrscheinlich hat einmal zufällig ein« Schöne ihren vorbeygehenden guten Freund, «m sich von ihm unter der Menge und Maske bemerken zu machen, mit verzuckerten Körnern angeworfen, da denn nichts natürlicher ist, als daß der Getroffene sich umkchre, und die lose Freundin entdecke; dieses ist nun ein allgemeiner GEbrauch, und man sieht oft nach einem Wurfe ein paar freundliche Gesichter sich einander begegnen. Allein man ist theils z« 3,2 haushälterisch, um wirkliches Zuckerwerk zu verschwenden, theils hat der Mißbrauch desselben einen größer» und wohlfeiler» Vorrath nöthig gemacht. Es ist nun ein eignes Gewerbe, Gipszelt- lein, durch den Trichter gemacht, die den Schein von Dragcen haben, in großen Körben zum Verkauf, mitten durch dir Menge z» tragen. Niemand ist vor einem Angriff sicher; jedermann ist im Vertheidigungsstande, und so entsteht aus Muthwillen oder Nolhwcndigkeit, bald hie bald da ein Zweikampf, ein Scharmützel oder eine Schlacht. Fußgänger, Kutschenfahrer, Zuschauer aus Fenster», von Gerüsten oder Stühlen, greifen einander wechselsweise an, und vrrtheidigen sich wechsclsweise. Die Damen habe» vergoldete und versilberte Körbchen voll dieser Körner, und die Begleiter wißen ihre Schönen sehr wacker zu vertheidigen. Mit niedergelassenen Kutschenfenstern erwartet man den Angrif, man scherzt mit seinen Freunden, und wehrt sich hartnäckig gegen Unbekannte. Nirgends aber wird dieser Streit ernstlicher und allgemeiner, als in der Gegend des Pallast Ruspoli- Alle Masken, die sich dort niedergelaffen haben, sind mit Körbchen, Säck» chcn, zusammengebundcnenSchnupstüche'rn versehen, Sie greifen öfterer an als sie angegriffen werden; keine Kutsche fährt ungestraft vor- bey, ohne daß ihr nicht wenigstens einige Masken etwas anhangen. Kein Fußgänger ist vor ihnen sicher; besonders wenn sich ein Abbate im schwarzen Rocke sehen läßt, werfen alle von allen Seiten auf ihn, und weil Gips und Kreide, wohin sie treffen, abfärben, so sieht ein solcher bald über und über weiß und grau punktirt aus. Oft aber werde» die Handel sehr ernsthaft «nd allgemein, und man sieht 3-7 mit Erstaunen, wie Eifersucht und persönlicher Haß sich freyen Lauf lasse». Unbemerkt schleicht sich eine vermummte Figur heran, und trist mit einer Hand voll Confetti eine der ersten Schönheiten so heftig, und so gerade, dap die Besichtsmaske wieder« schallt, und ihr schöner Hals verletzt wird. Ihre Begleiter zu bcyden Seiten werden hef« tig aufgereitzt, aus ihren Körbchen und Sack« chen stürmen sie gewaltig auf den Angreifer» den los; er ist aber so gut vermummt, zu stark geharnischt, als daß er ihre wiederholten Würfe empfinden sollte. Je sicherer er" ist, desto heftiger setzt er seinen Angrif fort; die Vertheidiger decken das Frauenzimmer mit den Labbaros zu, und weil der Angreifende in der Heftigkeit des Streits auch die Nachbarn verletzt und überhaupt durch seine Grobheit und Ungestüm jedermann beleidigt, so nehmen die Umsitzenden Theil an diesem Streit, sparen ihre Gipskörner nicht, und haben meistentheilS auf solche Fälle eine etwas größere Munition ohogefähr wie verzuckerte Mandeln, in Reserve, wodurch der Angreifcnde zuletzt so zugedeckt und von allen Seiten her überfallen wird, daß ihm nichts als die Sierratre übrig bleibt, besonders wenn er sich verschossen haben sollte- Gewöhnlich hat einer, der auf ein solches Abentheuer ausgeht, einen ^Sekundanten bey sich, der ihm Munition zusteckt, inzwischen daß die Männer, welche mit solchen Gipse Confetti handeln, während des Streits, mit ihren Körben geschäftig sind, und einem jeden, so viel Pfund er verlangt, eilig zuwiegcn. Wir haben selbst einen solchen Streit in der Nähe gesehn, wo zuletzt die Streitenden, aus Mangel an Munition, sich die vergoldete» Körbchen au die Köpfe warfen, und sich durch die Warnungen der Wache, welche selbst heftig mit getroffen wurde, nicht abhalten ließen. Gewiß würde mancher solche Handel mit Messerstichen sich endigen, wenn nicht die an mehrere» Ecken aufgezogenen Corden, die bekannten Strafwerkzeuge italienischer Polizey, jeden mitten in der Lustbarkeit erinnerten, daß es in diesem Augenblicke sehr gefährlich sey, sich gefährlicher Waffen zu bedienen. Unzählich sind diese Händel und die meisten mehr lustig als ernsthaft. So kommt z. E. ein offner Wagen voll Pulcjnellen gegen Nuspoli heran. Cr nimmt sich vor, indem er bey den Zuschauern vorbei-, fährt, alle nach einander zu treffen; allein unglücklicher Weise ist das Gedränge zu groß, und er bleibt in der Mitte stecken. Die ganze Gesellschaft wird auf einmal Eines Sinnes und von allen Seiten hagelt es auf den Wa, gen los. Die Pulcinclle verschießen ihre Nu, nition, und bleiben eine gute Weile dem kreu, zenden Feuer von allen Seiten ausgesetzt, so daß der Wagen am Ende ganz wie mit Schnee und Schloffen bedeckt, unter einem allgemeine» / - Gelächter und von Tönen des Mißbilligens begleitet, sich langsam entfernt. Dialog am ober» Ende des Corso. Indessen in dem Mittelpunkte des Corso diese lebhaften und heftigen Spiele einen großen Theil der schönen Welt beschäftigen, findet ein anderer Theil des Publicums an dem vbern Ende des Corso eine andere Art von Unterhaltung, Unweit der französischen Akademie, tritt in spanischer Tracht, mit Federhut, Degen und großen Handschuhen, unversehns mitten aus den von einem Gerüste zuschauenden Masken, der so genannte Capitano des italiä- nischen Theaters auf, und fängt an seine große Thaten zu Land und Wasser in emphatischem Ton zu erzählen. Es währt nicht lange, so 33i erhebt sich gegen ihm über einPullcinell, bringt Zweifel und Einwendungen vor, und indem er ihm alles zuzugeben scheint; macht er dieGroß- sprccherey jenes Helden durch Wortspiel und eingcschobene Plattheiten lächerlich. Auch hier bleibt jeder Vorbcygehende stehen, und hört den lebhaften Wortwechsel zu. Pulcinellen-König. - Ein neuer Aufzug vermehrt oft das Ge» dränge. Ein Dutzend Pulcinelle thun sich zusammen, lerwählen einen Köniz, krönen ihn, geben ihm ein Zepter in die Hand, begleiten ihn mit Musik, und führen ihn unter lautem Geschrei auf einem verzierten Wägelchen den Corso herauf. Alle Pulcinelle springen her- bey, wie der Zug vorwärts geht, vermehren das Gefolge, und machen sich mit Geschrey und Schwenken der Hüte Platz, Alsdann bemerkt man erst, wie jeder Lieft allgemeine Maske zu vermannichfaltigen sucht. Der eine tragt eine Perrücke, der andere eins Weiberhaube zu feinem schwarzen Gesicht, der dritte hat statt der Mütze einen Käfig auf dem Kopse, in welchem ein Paar Vogel, als Abbate und Dame gekleidet, auf den Stängel- chen hin und wieder Hüpfen, Nebenstraßen, Das entsetzliche Gedränge, das wir unfern Lesern so viel wie möglich zu vergegenwärtigen gesucht haben, zwingt natürlicher Weise eine Menge Masken aus dem Corsa hinaus in die -benachbarten Straßen. La gehen verliebte Paare ruhiger und vertrauter zusammen, da finden lustige Gesellen Platz, allerlsy tolle Schauspiele vorzustelle». Eine Gesellschaft Männer in der Sonntagstracht des gemeinen Volkes, in kurze» Wäm- fern mit goldbesetzten Westen darunter, die Haare in ein lang herunter hängendes Netz gebunden, gehe» mit jungen Leuten, die sich als Weiber verkleidet haben- hin und wieder spazieren. Eine von den Frauen scheint hoch schwanger zu seyn, sie gehen friedlich auf un- nieder. Auf einmal entzweien sich die Männer, cs entsteht ein lebhafter Wortwechsel, die Frauen mischen sich hinein, der Handel wird immer arger, endlich ziehen die Streitenden große Messer von versilberter Pappe und fallen einander an. Die Weiber halten sie mit gräßlichem Geschrei aus einander, mau zieht den Einen da, den andern dort hin, die Umstehenden nehmen Theik, als wenn es Ernst wäre man sucht jede Patthey zu besänftigen. Indessen befindet sich die hochschwangere Frau durch den Schrecken übel; es wird ein Stuhl herbey gebracht, die übrigen Weiber sichen ihr bey, sio geberdet sich jämmerlich, M und ehe man sichs versieht, bringt sie zu großer Erlustigung der Umstehenden irgend eine um förmliche Gestalt zur Welt. Das Stück ist aus und die Truppe zieht weiter, um dasselbe oder ein ähnliches Stück an einem andern Platze vorzu stellen. So spielt der Römer, dem die Mordge- schichten immer vor der Seele schweben, gern bey jedem Anlaß mit den Ideen von Amazzi- ren. Sogar die Kinder haben ein Spiel, das sie Chiesa nennen, welches mit unserm Frischauf in alle» Ecken übereinkommt, eigentlich aber einen Mörder vorstellt, der sich auf die Stufe einer Kirche geflüchtet hat; die übrigen stellen die Sbirren vor und suchen ihn auf ailerley Weise zu fangen, ohne jedoch den Echutzort betreten zu dürfen. So geht es denn in den Seitenstraßen, besonders der Strada Vaguina und auf dem Spanischen Platze, ganz lustig zu. ' Auch kommen die Qnacqueri zu Schaaren, um fhrr Galanterien freier anzubringen. Sie haben ein Manövre, welches jeden zu lachen macht. Sie kommen zu zwölf Mann .hoch ganz strak auf den Jehen mit kleinen uud schnellen Schritten anmarschirt, formiren eine sehr gerade Fronte, auf einmal, wenn sie auf einen Platz kommen, bilden sie, mit rechts oder links um, eine Colonne und trippeln nun hinter einander weg. Auf einmal wird, mit rechts um, die Fronte wieder hergestellt, und so gehts eine Straße hinein; dann ehe man sichs versieht, wieder links um: die Colonne ist wie an einen Spieß zu einer Hausthllre hineinzeschoben und die Thoren sind verschwunden. Abend. Nun geht es nach dem Abend zu, lind alles drängt sich immer mehr in de» Corfe hin« ein. Die Bewegung der Kutschen stockt schon lange, ja cs kann geschehen, daß zwey Stun- den vor Nacht schon kein Wagen mehr von der Stelle kann. Die Garde des Papstes und die Wachen zu Fuß sind nun beschäftigt, alle Wagen, so weit es möglich, von der Mitte ab, und in eine ganz gerade Reihe zu bringen, und es giebt bei der Menge hier manche Unordnung und Verdruß. Da wird gehuft, geschoben, gehoben, und indem einer huft, müssen alle hinter ihm auch zurückweichcn, bis einer zuletzt so in die Klemme kommt, daß er mit seinen Pferden in die Mitte hineinlenkm muß. Alsdenn geht das Schelten der Garte, das Fluchen und Drohen der Wache an. Vergebens daß der unglückliche Kutscher die augenscheinliche Unmöglichkeit dirthut; es wird auf ihn hineingescholten und gedroht; und entweder es muß sich wieder fügm, oder wenn 337 wenn ein Nebengäßchen in der Nähe ist, muß - er ohne Verschulden'aus der Reihe hinaus. Gewöhnlich sind die Nebengäßchcn auch mit haltenden Kutschen besetzt, die zu spät kamen und, weil der Umgang der Wagen schon ins Stecken gerathen war, nicht mehr einrücken konnten. Vorbereitung zum Wettrennen. Der Augenblick des Wettrennens der Pferde nähert sich nun immer mehr, und auf die, setz Augenblick ist das Interesse so vieler tau,» send Menschen gespannt. Die Verleiher der Stühle, die Unterireh, mcr der Gerüste vermehren nun ihr anbietenr des Geschrei); l.uoZhi! l.uoßlil avanri! «okilt! l-uoglii ksäronil TZ ist darum zu thun, daß ihnen wenigstens in diesen letzten Augenblicken, auch gegen ein geringeres Geld, alle Platze besetzt werden. S 333 Und glücklich, daß hier und da noch Platz ^ zu finden ist, denn der General reitet nunmehr ^ mit einem Theil der Garde de» Corso zwi- scheu den beiden Rethen Kutschen herunter, und verdrängt die Fußgänger von dem einzi- ^ gen Raum, der ihnen noch übrig blieb- Je- ^ der sucht alsdann noch einen Stuhl, einen ^ Platz auf einem Gerüste, auf einer Kutsche, ^ zwischen den Wagen, oder bey Bekannten an einem Fenster zu finden, die denn nun alle von Zuschauern über und über strotzen. i" Indessen ist der Platz vor dem Obelisk ganz >b>> vom Volke gereinigt worden, und gewährt A vielleicht einen der schönsten Anblicke, welche «es in der gegenwärtigen Welt gesehen werden könne». Die drei mit Teppichen behängten Faffa- -k den der oben beschriebenen Gerüste schließen ^ den Platz ein. Viele tausend Köpfe schauen ^ über einander hervor und geben das Bild ei« ^ >33y nes alten Amphitheaters oder Cirkus. Ueber dem mittelsten Gerüste steigt die ganze Länge des Obelisks in die Luft; denn das Gerüste bedeckt nur sein Picdestal, und man bemerkt nun erst seine ungeheure Hohe, da er der Maasstab einer so großen Meuschenmasse wird. Der freye Platz läßt dem Auge eine schöne Ruhe, und man sieht die leeren Schranken mit dem vorgespannten Seile voller Erwartung. Nun kommt der General den Corso herab, zum Zeichen, daß er gereinigt ist, und hinter ihm erlaubt die Wache niemanden, aus der Reihe der Kutschen heroorzutreten. Er nimmt auf einer der Logen Platz. , A b r e n n e n. ' Nun werden die Pferde nach geloos'ter Ordnung von geputzten Stallknechten in die Schranken hinter das Seil geführt. Sie haben kein Zeug noch sonst eine Bedeckung auf N - dem Leibe. Man heftet ihnen hier und da Stachelkugcln mit Schnüren an den Leib, und bedeckt die Stelle, wo sie spornen sollen, biv zum Augenblicke mit Leder, a»ch klebt man ihnen große Blätter Rauschgold an. Sie sind meist schon wild und unbändig, wenn sie in die Schranken gebracht werden, und die Reitknechte brauchen alle Gewalt und Geschicklichkeit, um sie zurück zu halten. Die Begierde, den Lauf aozufangen, macht sie unbändig. Die Gegenwart so vieler Mene scheu macht sie scheu. Sie hauen oft in di« beuachbarte Schranke hinüber, oft über das Seil, und diese Bewegung und Unordnung vermehrt jeden Augenblick das Interesse der Erwartung- Die Stallknechte sind im höchsten Grade gespannt und aufmerksam, weil in dem Augenblicke des Abrennens die Geschicklichkeit des Loslassenden, so wie die zufällige Umstände, zum Vorteile des einen oder des andern Pferdes entscheiden können. Endlich fällt das Seil nnd dir Pferde renken los. Auf dem freyen Platze suchen sie «och ein« ander den Vorsprung abzuzewinnen, aber wenn sie einmal kn den engen Raum zwischen die beiden Reihen Kutschen hinein kommen, wird meist aller Wetteifer vergebens: Ein Paar sind gewöhnlich voraus, die alle Kräfte anstrengcu. Ohngeachtet der gestreuten Prizzolane giebt das Pflaster Feuer, die Mäh« nen stiegen, das Rauschgold rauscht, und kaum daß man sie erblickt, sind sie vorbey. Die, übrige Heerde hindert sich unter einander, in, dem sie sich drängt und treibt; spät kommt manchmal noch eins nachgesprengt, und die zerrissenen Stücke Rauschgold flattern einzeln auf der verlaßen«» Spur. Bald sind die Pferds allem Nachschauen verschwunden, das Volk drängt zu und füllt die Laufbahn wieder aus. Schon warten andere Stallknechte am ve- netianischen Pallaste auf die Ankunft der Pferde. Man weiß sie in einem cingeschloffenen Bezirk auf gute Alt zu fangen und fest zu halten. Dem Sieger wird der Preis zuerkannt. So endigt sich diese Feierlichkeit mit einem gewaltsamen, blitzschnellen augenblicklichen Eindruck, auf den so viele tausend Menschen eine ganze Weile gespannt waren, und wenige können sich Rechenschaft geben, warum sie den Moment erwarteten, und warum sie sich daran ergötzten. Nach der Folge unserer Beschreibung sieht man leicht ein, daß dieses Spiel den Thieren und Menschen gefährlich werden kbnne. Wir wollen nur einige Fälle anführen: Bey dem engen Raume zwischen den Wagen, darf nur ein Hinterrad ein wenig Herauswärts stehen, und zufälliger Weise hinter diesem Wagen LIN etwas breiterer Raum seyn- Ein Pferd, das mit den andern gedrängt herbeyeilt, sucht den erweiterten Raum zu nutzen, springt vor, und trist gerade auf das heraus stehende Rad. Wir haben selbst einen Fall gesehen, wv ein Pferd von einem solchen Choq niedcrstürz- te, drey der folgenden über das erst« hinausfielen, sich überschlugcn und die letzten glücklich über die gefallnen weg sprangen, und ihre Reise fortsctzten. Oft bleibt ein solches Pferd auf der Stelle todt, und mehrmahls haben Zuschauer, unter solchen Umstanden, ihr Leben cingebüßk. Eben so kann ei» grosses Unheil entstehen, wenn die Pferde umkehren. Es ist vorgekommen, daß boshafte, neidische Menschen einem Pferde, das einen großen Vorsprung hatte, mit dem Mantel in die Augen schlugen, und es dadurch umzukehrcn, und an die Seite zu rennen, zwange». Noch schlimmer ist es, wenn die Pferde auf dem venetiamschen Platze nicht glücklich aufgefan- gen werden; sie kehren alsdann unaufhaltsam zurück, und weil die Laufbahn vom Volke schon wieder ausgefüllt ist, richten sie manches Unheil an, das man entweder nicht erfahrt ?dcr »ichr achtet. Aufgehobene Ordnung. Gewöhnlich laufen die Pferde mit einbre- chender Nacht erst ab. Sobald sie oben bey dem venetiamschen Pallaß angelangt sind, wer- den kleine Mörser gelös't, dieses Zeichen wird m der Mitte des Corso wiederholt, und in der Gegend des Obelisks das letzte mal gegeben. I» diesem Augenblicke verlaßt die Wache ihren Posten, die Ordnung der Kulschenreihen wird nicht langer gehalten, und gewiß ist dies ses selbst für den Zuschauer, der ruhig an sei- »ein Fenster steht, ein äuzstlicher und verdrießlicher Zeitpunkt, und cs ist werth, daß man einige Bemerkungen darüber mache. Wir haben schon oben gesehen, daß die Epoche der cinbrechcnden Nacht, welche so vieles in Italien entscheidet, auch die gewöhnlichen ssonn - und festtägigcn Spazierfahrten sußöset. Dort sind keine Wachen, und keine Garden, cs ist ein altes Herkommen, eine allgemeine Convention, daß man in gebührender Ordnung auf- und abfahre; aber sobald Ave .Maria geläutet wird, laßt sich niemand sein Recht nehmen, «mzukehrcn, wann und wie er Will. Da nun die Umfahrt im Carneval in derselben Straße und nach ähnlichen Gesetzen geschieht, obgleich hier die Menge und andere Umstände einen großen Unterschied wache», so will sich doch niemand sein Recht nehmen lassen, mit einbrechcnder Nacht aus der Ordnung zu lenken. Z4« Wenn wir nun auf das ungeheure Gedrän» ge in dem Corso zurückblickcn, und die für eis »en Augenblick nur gereinigte Rennbahn gleich wieder mit Volk überschwemmt sehen; so scheinet uns Vernunft und Billigkeit das Ge» setz einzugeben, daß eine jede Equipage nur suchen scllc, in ihrer Ordnung das nächste ihr bequeme Gäßchcn zu erreichen und so nach Hause zu eilen. Allein cs lenken, gleich nach abgeschoßenen Signalen, einige Wagen in die Mute hinein, hemmen und verwirren das Fußvolk, und weil k! in dem engen Mittelraume es einem einfällt, mi hinunter, dem andern hinauf zu fahren, so ko ne P« nen beide nicht von der Stelle, und hindern La oft die Vernünftiger«, die in der Reihe geblie- ' e ben sind, auch vom Platze zu kommen. mA Wenn nun gar ein zurückkehrendes Pferd auf einen solchen Kneten trist, so vermehrt sich ^ ^ Gefahr, Unheil und Verdruß von allen Seiten. 347 «lj» >«!!> '! j! «Ni, zchu 'law »«i M, M sM Nacht. Und doch entwickelt sich diese Verwirrung, zwar später, aber meistens glücklich. Die Nacht ist eingetreten und ein jedes wünscht sich zu einiger Ruhe Glück. Theater. Alle Gesichtsmaske» sind von dem Augenblick abgelegt, und ei» großer Theil des Publicums eilt nach dem Theater. Nur in de» Logen sieht mau allenfalls noch Tabbarcs und Damen in Maskcnkleidcrn; das ganze Parterre zeigt sich wieder in bürgerlicher Tracht. Die Theater Aliberti und Argentina geben ernsthafte Opern mit eingeschobencn Ballette»; Dalle und Capranica Comodicn und Tragödien mit komischen Opern als Intermezzo; Pace ahmt ihnen, wiewohl unvollkommcnnach, , 24 » und so giebt es, bis zum Puppenspiel und zur Seiltänzerbud« herunter, noch manche subor- dinirte Schauspiele. Das große Theater, Tordenone, das ein« mal abbrante, und da man es wieder aufge« bauet hatte, gleich zusammenstürzte, unterhalt nun leider das Volk nicht mehr mit seinen Haupt - und Staatsactionen und andern wunderbaren Vorstellungen. Die Leidenschaft der Römer für das Thea« rer ist groß und war ehemals in der Carne« valszcit noch heftiger, weil sie in dieser einzigen Epoche befriedigt werden konnte. Gegenwärtig ist wenigstens Ein Schauspielhaus auch im Sommer und Herbst offen, und das Publicum kann seine Lust den größten Theil des Jahres durch einigermaßen befriedige«. Es würde uns hier zu sehr von unferm Zwecke abführen, wenn wir uns in eine umständliche Beschreibung der Theater, und was di« römische« allenfalls Besonderes haben möchten, hier cinlassen wollten. Unsere Leser erinnern sich, daß an andern Orten von diesem Gegenstände gehandelt worden. F e st i n e. Gleichfalls werden wir von den sogenannten Festinen wenig zu erzählen haben; es sind dieses große maskierte Bälle, welche in dem schön erleuchteten Theater Aliberti einigemal gegeben werden. Auch hier werden Tabbaros sowohl von den Herren als Damen für die anständigste Maske gehalten, und der ganze Saal ist mit schwarzen Figuren angefüllt; wenige bunte Charaktermasken mischen sich darunter. Desto größer ist die Neugierde, wenn sich einige edle Gestalten zeigen, die, wiewohl seltener, aus den verschiedenen Kuustepochen ihre Masken erwählen, und verschiedene Statuen, welche sich in Rom befunden, meisterlich Nachahmer,. So zeigen sich hier egiptische Gottheiten, Priesterinnen, Bachus und Ariadne, die tragische Muse, die Muse der Geschichte, eine Stadt, Vestalinnen, ein Consul, mehr oder weniger gut, und nach dem Costüme ausge- führk. Tanz. Die Tänze bc» diesen Festen werden gewöhnlich in langen Reihen, nach Art der englischen, getanzt; nur unterscheiden sie sich dadurch, daß sie in ihren wenigen Touren mei- sientheil» etwas Charakteristisches pantomimisch ausdrücken. Aum Beyspiel: Es entzwcven und versöhnen sich zwey Liebende, sie scheiden und finden sich wieder. Die Römer sind, durch die pantomimischen Ballette, an stark gezeichnete Gesticulation ge- wohnt; sie lieben auch in ihren gesellschaftlichen Tänzen einen Ausdruck, der uns übertrieben und affcctirt scheinen würde. Niemand wagt leichter zu tanzen, als wer es kunstmäßig gelernt hat; besonders wird der Menuet ganz eigentlich als ein Kunstwerk betrachtet, und nur von wenigen Paaren gleichsam aufgeführt. Ein solches Paar wird dann von der übrigen Gesellschaft in einen Kreis cingeschloffe», bewundert und am Ende applaudirt. Morgen. Wenn die galante Welt sich auf diese Weise bis an den Morgen erlustigct, so ist man bei anbrechendem Tage schon wieder in dem Lorso beschäftiget, denselben zu reinigen und in Ordnung zu bringen. Besonders sorgt man, daß die Puzzelane in der Mitte der Straße gleich und reinlich ausgebreitct werde. 3t»u Nicht lange, so bringen die Stallknechte das Rennpferd, das sich gestern am schlechtesten gehalten, vor den Obelisk: Man setzt einen kleinen Knaben darauf, und ei» anderer Reiter, mit einer Peitsche, treibt es vor sich her, so, daß es alle seine Kräfte anstrengt, um seine Bahn, so geschwind als möglich, zurückzuleaen. Ungefähr zwey Uhr Nachmittag, nach dem gegebenen Glockenzeichen, beginnt jeden Tag der schon beschriebene Cirkel des Festes. Die Spaziergänger finden sich ein, die Wache zieht auf, Balcone, Fenster, Gerüste werden mit Teppichen behängt, die Masken vermehren sich und treiben ihre Thorheitcn, die Kutschen fahren auf und nieder, und die Straße ist mehr oder weniger gedrängt, je nachdem die Witterung oder andere Umstände günstig oder ungünstig ihren Einfluß zeigen. Gegen das Ende des Carnevals vermehren sich, wie natürlich, 353 lich, die Zuschauer, die Masken, die Wage», der Putz und der Lärm. Nichts aber reicht an das Gedränge, an die Ausschweifungen des letzten Tages und Abends. L e tz t e r L a g. Meist halten die Kutschcnreihen schon zwcy Stunden vor Nacht stille, kein Wagen kann mehr von der Stelle, keiner aus Len Seitengassen mehr herein rücken. Die Gerüste und Stühle sind früher besetzt, obgleich die Plätze theu- rer gehalten werden; jeder sucht aufs baldigste unterzukommen, und man erwartet das Abläufen der Pferde mit mehrerer Sehnsucht als jemals. Endlich rauscht auch dieser Augenblick vorbei), die Zeichen werden gegeben, daß das Fest geendigt scy; allein weder Wagen, noch Masken, noch Zuschauer, weichen aus der Stelle. Alles ist ruhig, alles still, indem die Däm- , mennig sachte zunimmt. I Kaum wird cs in der enge» und hohen Straße düster, so sieht man hie und da Lichter erscheinen, an den Fenstern, auf den Ge- ^ rüsten sich bewegen und in kurzer Zeit die Cireulation des Feuers dergestalt sich verbreiten, daß die ganze Straße von brennenden Wachskerzen erleuchtet ist. DieBalconen sind mit durchscheinenden Pa- pierlaternen verziert, jeder hält seine Kerze zum Fenster heraus, alle Gerüste sind erhellt, und es sieht sich gär artig in die Kutsche» hinein, an deren Decken oft kleine cristallne Armleuchter die Gesellschaft erhellen ; indessen in einem andern Wagen die Damen mit bunten Kerzen in den Händen zur Betrachtung ihrer Schönheit gleichsam einzuladcn scheine». Die Bedienten bekleben den Rand des Kutschendeckels mit Kerzchen, offne Wagen mit bunten Papierlaternen zeigen sich, unter de» Fußgängern erscheinen manche mit hohen Lichterpyramiden auf den Köpfen, andere haben ihr Licht auf zusammengobundene Rohre gesteckt, und erreichen mit einer solchen Ruthe oft die Höhe von zwey, drey Stockwerken. Nun wird es für einen jeden Pflicht, ein angezündetes Kerzchen in der Hand zu tragen und die Favorit-Verwünschungen derRömersia 2M3--E0 hört man von allen Ecken und Enden wicderhohlcn. 8ia ainarrrro ckü no» poira inoccolc»! Ermordetwerde, derkeinLichtsiümpf- ch e n trägt! ruft einer dem andern zu, indem er ihm das Licht auszublasen sucht. Anzünden und ausblasen und ei» unbändiges Ge- kchrey: sia -rrns-raro, bringt nun bald Lebe» und Bewegung und wechselseitiges Interesse unter die ungeheure Menge- 3.46 Ohne Unterschied, ob man Bekannte oder Unbekannte oor sich habe, sucht man nur immer das nächste Licht auszublasen, oder das seinige wieder anzuzüuden und bcy dieser Ger legenheit das Licht des Anzündenden auszulo- schen. Und je starker das Gebrüll amaü- rslo von allen Enden wiederhallt, desto mehr verliert das Wort von seinem fürchterlichen Sinn, desto mehr vergißt man, daß man in Rom sey, wo diese Verwünschung« um einer Kleinigkeit willen, in kurzem an einem und dem andern erfüllt werden kann» Die Bedeutung des Ausdrucks verliert sich nach und nach gänzlich. Und wie wir in andern Sprachen oft Flüche und unanständige Worte zum Zeichen der Bewunderung und Freude gebrauchen Horen, so wird Li» -msrn-mo diesen Abend zum Losungswort, zum Freuden- gcschrey, zum Refrain aller Scherze, Nccke- reyen und -Komplimente. So hören wir spotten: SIL amarro iI8ix- nore ^bbars cUe 5» 1'amore. Oder einen vor- beygehendcn guten Freund anrufen: 8ia «mar- rsro il 8l^iiors kilippo, Oder Schmeichelei und Komplimente damit verbinden; 8ia -msr- LLlL la bei!» krlocipesss! 8ir smsrr!»» la 8iguc>ra Lngelica la prima ziirtrice clel 8s- colo^ Alle diese Phrasen werden heftig und schnell mit einem langen haltenden Ton auf der vorletzten oder drittletzten Sylbe ausgerufen. Unter diesem unaufhörlichen Geschrep geht das Ausblasen und Anzüuden der Kerzen immer fort.. Man begegne jemanden im Haus, auf der Treppe, cs sey eine Gesellschaft im Zimmer beysammen, aus einem Fenster aus be, nachbarte, überall sucht man über den andern zu gewinnen, und ihm das Licht auszulöschen. Alle Stände und Alter toben gegen einander, man steigt auf die Tritte der Kutschen, kein Hängeleuchter, kaum die Laterne» sind sicher, der Knabe löscht dem Water das Licht aus und hört nicht auf zu schreien: s!a smas- 2Lkc> il LrAnore t?L° !I,Xk S«! säj ' 32 g den gesundste» Kinn schwindeln; es scheint unmöglich daß nicht manches Unglück gesche, he, daß die Kutschpferde nicht wild, nicht mancher gequetscht, gedruckt oder sonst beschä- digt werden sollte» Und doch weil sich endlich jeder weniger oder mehr hinweg sehnt, jeder ein Gäßchen an das er gelangen kann, einschlägt, oder auf dem nächsten Platze freye Luft und Erholung ; sucht; löst sich diese Masse auch auf, schmilzt von den Enden nach der Mitte zu, und dieses Fest allgemeiner Freiheit und Losgebundenheit, dieses moderne Saturnal, endigt sich mit einer allgemeinen Betäubung. Das Volk eilt nun, sich bey einem wohlbereiteten Schmause an dem bald verbotene» Fleische bis Mitternacht zu ergötzen, die fei, nere Melt nach den Schauspielhäusern, um dort von den sehr abgekürzten Theaterstücke» Abschied zu nehmen, und auch Liesen Freuden l. macht die herannahende Mitternachtsstunde ein Ende. Aschermittwoch. So ist denn ein ausschweifendes Fest, wie ein Traum, wie ei» Mahrchcn vorüber, und es bleibt dem Theiluchmcr vielleicht weniger davon in der Seele zurück, als unser» Lesern, vor deren Einbildungskraft uud Verstand wir das Ganze in seinem Zusammenhänge gebracht haben. Wenn uns während deS Laufs dieser Thorr hciten der rohe Puleinell ungebührlich an die Freuden der Liebe erinnert, denen wir unser Daseyn zu danken haben, wenn eine -Baubo auf öffentlichen Platze die Geheimnisse der Gebühren» entweiht, wenn so viele nächtlich angezündete Kerzen unS an die letzte Feyer- sichkeit erinnern, so werden wir mitten unter dem Unsinne auf die wichtigsten Seenen unsres Lebens aufmerksam gemacht. Noch mehr erinnert uns die schmale, lan- » ge, gedrängtvolle Straße an dis Wege des Wcltlebens, wo jeder Zuschauer und Theil- nehmer mir freyem Gesicht oder unter der Maske, vom Balcon oder vom Gerüste, nur einen geringen Raum vor und neben sich .übersieht, in der Kutsche oder zu Fuße, nur Schritt für Schritt vorwärts kommt, mehr geschoben wird als geht, mehr aufgehaltcn wird, als willig stille steht, nur eifriger dahin zu gelangen sucht, wo es besser und froher zugeht, und dann auch da wieder in die Enge kommt, und zuletzt verdrängt wird. Dürfen wir fortfahren, ernsthafter zu sprechen, als cs der Gegenstand zu erlauben scheint, so bemerken wir: daß die lebhafteste» und höchsten Vergnügen, wie die vorbeyffie- gendon Pferde, mir einen Augenblick uns er- ZS ZS- scheinen, uns rühren, und kaum eine Spur in der Seele zurücklassen, Laß Freiheit und Gleichheit nur in dem Taumel des Wahysmns genossen werden können, und daß die größte Lust nur dann am höchste» reizt, wenn sie sich ganz nahe an die Gefahr drängt, und lüstern ängstlich-süße Empstndungen in ihrer Nahe genießet- And so hätten wir, ohne selbst daran zu denken, auch unser Carneval mit einer Ascher- mittwochsbetrach-tung geschloffen, wodurch wir keinen unsrer Leser traurig zu machen fürchten« Vielmehr wünschen wir, dqß jeder mit uns, da das Leben im Ganzen, wie das römische Carneval, unübersehlich, ungenießbar, ja bedenklich bleibt, durch diese unbekümmerte Maskcngesellschaft an die Wichtigkeit jedes augenblicklichcn, oft geringscheinenden Lebensgenusses, erinnert werden möge.