Iierers Universal Conversations-Lexikon. Sechste, vollständig umgearbeitete Auflage. Erster Wand. A—Arabische Religion- Pirrers Universal- CollverMons-Lmkoli. Menestes c»cnlüojimliscl>rs aller Wissenschaften, Künste und Gewerbe. Sechste, vollständig nmgearbeitete Auslage. Mit zahlreichen Karlen, Plänen und Illustrationen. Erster Wand. A—Arabische Religion. -- HlierHausen und Leipzig. Verlagsbuchhandlung von Ad. Spaarmann. 1875 I Alle Rechte Vorbehalten. kkNor. ^kNtitu» ^PnivorrÜLt vür»!üdi'k Truck von Ad. Spaarmami m Oderhause,,. A A, a, ist der erste Buchstabe im Alphabet säst aller Sprachen u. bezeichnet den vollsten u. ursprünglichsten Selbstlaut, welcher durch die natürlichste Öffnung des Mundes hervorgebracht wird. Durch Verengung wurde indogerm. a -st i zu ö, a -st n zu S, durch Verbindung von a und i und a und u (sanskr. L -st i und L -st n) entstanden die Doppellaute ai und au (sanskr. Li und Ln). Vielfach hat sich ursprüngliches azui oder u abgeschwächt, vgl. lat. taoso, ooutioso, oaloo, eononloo. Im Deutschen hat sich frühe das a oder L öfters zu o verdunkelt, vgl. Wahn, Argwohn, holen (althochdeutsch balon). lieber die Verwandlung in.e und ä s. d. Das Zeichen des a ging aus dem Phönic., den rohen Umrissen eines Stierkopfes (daher der phönicische Name alspb 8, d. h. Stier), ins Griech. u. Lat. über. Die neueren Sprachen bezeichnen den Buchstaben meist mit dem bloßen Laut. — Bildlich bedeutet A das Erste, Ursprüngliche; A u. Z: das Erste u. Letzte, den Anfang u. das Ende, biblisch steht dafür, weil das lange O im griechischen Alphabet der letzte Buchstabe ist, A n.O. (Vgl. Offenb. Joh. 1,8.) So sagt man auch: etwas von A bis Z verstehen, d. h. gründlich, von Anfang bis Ende; sprichwörtlich: wer A gesagt, muß auch B sagen, d. h. wer eine Sache begonnen hat, muß sie auch weiterführen, erledigen. — In der Logik bezeichnet man mit A. irgend einen Gegenstand des Denkens, ein Ding überhaupt, einen allgemein bejahenden Satz. — In der Algebra setzt man a für die erste, b für die zweite bekannte Größe rc., x, x für. unbekannte. — In der Musik bezeichnte a den Grundton, bis Guido v. Arezzo o als den ersten Ton der Tonleiter einführte, so daß a jetzt die 6. diatonische Klangstufe aller Octaveu des Tonsystems ist. Nach dem Ton a werden meist die Orchesterinstrumente eingestimmt; ebenso geben die Stimmgabeln in der Regel diesen Ton an. — Auf Münzen bedeutet ^ (unter der Jahreszahl) die erste Münzstätte des betr. Landes, z. B. Paris, Berlin, Wien, H auf früheren französischen die zweite, damals noch französische, Münzstätte Metz. — Als Zahlzeichen: im Griech. a' — 1, ,a ^ 1000, in der Rubricirung — l. Als Abkürzung: in römischen Schriften und auf alten Inschriften so viel wie s§sr. amioo, anno, ara, ^.ulus. .ämAuotus (umgekehrt ^ — ^.usuota); auf den Stimmtafeln beim Abstimmen über Gesetze in den Comitien so v. w. antigno (d. h. ich stimme für das Alte, also verwerfend, während uti rozas die Zustimmung ausdrückt), bei Abstimmungen der Geschworenen so v. w. absolvo (ich spreche frei), daher Cicero das die littsra salutaris (rettender Buchstabe) nennt, im Gegensätze zu 6 (ocmcksmno, ich spreche schuldig) oderj Pierers Umversal-Conversaticns-Lexikon. 8 . Ausl. I. Ui I.. (non iigust, es ist mir nicht klar). Als Abkürzung eines mit a anfangenden Wortes steht a. z. B. für anno (im Jahre) in vielen Formeln wie a. ck. (anno äomini, i. I. des Herrn); a. o. (anni ourrsntio, des laufenden Jahres). Ferner als Abkürzung, z. B. aä a. für aä aota (zu den Acten); a ä. (a dato, von diesem Tage ab); a. St. für alten Stils (nach dem Julianischen Kalender); a. D.: außer Diensten; L auf Re- cepten, abgekürzt für ana: zu gleichen Theilen. In noch anderen Bedeutungen: a. auf Wechseln für acceptirt; auf Courszetteln für ar^snt, Geld; auf der Stellscheibe der Uhren a. für avauoor, schneller gehen lassen, im Gegensätze zu r. für rstaräsr, verzögern. — Die sranz. Präposition L (it. a), zu, für, nach, in, mit rc. wird bei Rechnungen u. Preisbestimmungen angewendet, z. B. 100 Nr. L 10 Mark, d. h. 100 Ctr. zu je 10 Mk., so daß also jeder einzelne Ctr. 10 Mk. kostet. Zusammengesetzte Ausdrücke mit L oder a s. an der betr. späteren Stelle, wie a tsmpo u. dgl. A, ä und Aa, aa, nordischer zwischen a und o lautender Vo cal, der in Dänemark u. Norwegen durch aa, in Schweden durch ä in Schrift u. Druck gegeben wird. Ä, ä, ist im Deutschen am häufigsten aus kurzem a entstanden, wenn im Altdeutschen i, j od. r hinter die Wurzel- od. Stammsilbe trat. Durch Einwirkung dieser Laute trat etwa seit dem 6. oder 7. Jahrh. Umlaut des a in s ein, neben welchem seit dem 12. Jahrh. auch L erscheint. Jetzt schreibt man meist ä, wo der Ursprung aus a offen auf der Hand liegt, vgl. Hand, Plural Hände (altho chdeutsch beut!), fällen—fallen machen, althochd. ksllan (aus urspr. tal-j-ao). Ganz am Ende des 11. Jahrh. wird auch das ursprünglich lange a (L) durch folgendes i u. i in langes ä (ko) umgelautet, z. B.in mäßig, althochd. ruLruo.mittel- hochd. mlS 2 so, thätig, althochd. tLtlo, mittelhochd. twtso. Zuweilen ist ä ungut an die Stelle des durch Brechung aus 1 entstandenen mittelhochdeutschen s (s. E) getreten, wie in Bär, mittelhochd. bör, Käfer, mittelhochd. lcövsro, rächen, mittelhochd. röobou. Im Lateinischen schrieb man statt as altlat. ai, u. auch in griech. Wörtern verwandeln die Römer c» in ao, wie es auch griech. schon früh ausgesprochen wurde. Wir schreiben deshalb im vorliegenden Werke diesen Umlaut mit Ä, ä, nicht Ae, ae; in lat. Wörtern (mit Antiqualettern) wird /lo wie ä, üö dagegen a-e ausgesprochen. Aus demselben Grunde reihen wir auch den Umlaut unmittelbar nach a und nicht als ae im Alphabet ein, z. B. Ägypten bei Ag, nicht bei Ae, also nach Af, während Ae vor Af eingcordnet ist. . Band. i 2 -4.... — Aachen. A. . griechische Vorsetzsilbe, vor Voealen an (algüa privativnm), hebt den Begriff des damit zusammengesetzten Wortes auf, oder zeigt einen Mangel, eine Umkehrung des ursprünglichen Begriffes an, ist also dem deutschen un ... oder der angehängten Silbe.... los entsprechend, z B. Apathie, Unempfindlichkeit; anorganisch, unorganisch, anonym, namenlos. Alt auf röm. Inschriften u. Münzen: zwei ^.u^usti (Kaiser), umgek. w: zwei Kaiserinnen. Aa (einsilbig, auch Ah, Ahe, Aha, Ach, Aach, u. an: Ende von Zusammensetzungen —a, —ach, —ich geschrieben^ ist das mittelhochdeutsche abs. althochd. aba. goth. allva, fließendes Wasser, u. urverwandt nnt dem lat. agna. Es findet sich als häufiger Name von Flüssen u. Bächen 1) in Deutschland: die Aa im Kreis Borken der preuß. Prov. Westfalen mündet auf niederländischem Gebiet in die Alte Assel; ein Nebenfluß der Vechte im preuß. Kr. Burgsteinsurt; ein solcher der Werre, bei Herford mündend; der oberen Ems, berührt Münster, ist durch den Max-Clemens-Canal mit der Vechte verbunden u. fällt bei Greven in die Ems; der Ems, der, aus der Hopster u. Jbbcn- bürencr Aa bei Spelle gebildet, bei Elbergen mündet; die Aa bei Ahaus (Westfalen) nimmt auf niederländischem Gebiet den Namen Schipbcek an, mündet bei Deventer in die Assel; eine zweite (Bredevoorter Aa), im Ahauser Kr. entspringend, fällt bei Dötinchem in die Alte Assel. 2) In der Schweiz: Bergwasscr, das bei Käpf- nach in den Züricher See fließt; Flüßchen im Kant. Zürich, das den Pfäffikoner See durchfließt, u. nachdem es das Aathal bewässert, bei Modernster in den Greifensee mündet. Im Kant. Aargau, Fluß, der durch den Baldegger u. Hallwyler See fließt und oberhalb Wildegg in die Aare mündet. Im Kant. Schwyz, wildes Bergwasscr, welches das Hinter- u. Vorder-Wäggithal durchfließt u. bei Lachen in den Züricher See mündet; dann, Bach vom Rigi, der bei Arth in den Zuger See fließt. Im Kanton Unterwalden: Ausfluß des Lnngern-Sees, der den Sarner See durchfließt, die Melch-Aa ausuimmt u. bei Alpnacht in den Vierwaldstädter See mündet; im gleichen Kanton die Engelberger Aa, Hauptfluß der Kantonshälste Nidwalden, an den Surrcnen entspringend und unweit Buochs in den Vierwaldstädter See mündend; — endlich, Flüßchen im Kant. Thurgau, von dem die Ortsnamen Aadorf und Aawangen abzuleiten sind. 3) Im nördl. Frankreich: die Aa im Dep. Pas de Calais ist von St.-Omcr an kanalisirt u. schiffbar u. thcilt sich dann in zwei Arme, deren einer als Colme ber Dünkirchen, der andere als Aa bei Grave- lingen in den Kanal mündet. 4) In den Niederlanden: die Aa in der Prov. Groningen, kommt aus dem Bourtauaer Moor, nimmt die Museloder Vissel-Aa auf u. mündet schiffbar in den Dollart auf der niederländisch-preuß. Grenze; die Aa in der Prov. Brabant, die von Gemmert an schiffbar wird u. bei Herzogenbusch sich mit der Domniel vereinigt. 5) JndenOstseeprovinzen: die Aa in Kurland, aus der Muffe u. Menicl, berührt Mitau, theilt sich in 2 Arme, wovon der eine in den Rigaischen Busen, der andere, die Bolder-Aa, in die Düna fließt; die Aa, Trci- dcrn-Aa oder Gauja in Livland, ein ansehnlicher Fl., der bei Zarnikau in den Rigaischen Meerbusen... die Heilige Aa, auf der Grenze zwischen Kurland u. Lithauen, die in die Ostsee mündet. Aa,1)Pieter, van der,Kunst-u.Buchhändler in Leyden. Er betrieb mit seinen Brüdern, dem Buchdrucker Balduin u. dem Prospectzeichner u. Kupferstecher Hildebrand, zu Anfang des 18.. Jahrh. eines jener bedeutenden Buchhändlergc- schäfte, wodurch sich die Niederlande lange Zeit in der literar. Welt hervorgcthau; er verlegte die Thesauren von Grouovius u. Grävins u a. Werke des Letzteren u. des Erasmus, eine Sammlung Reisen mit 200 Karten u. a. Werke. Er st., etwa 1735. .2) Christian Karel Hendrik van der, ber. luth. Geistlicher zu Haarlem, geb. 25. Aug. 1718 zu Zwolle, studirte Theologie zu Leyden u. Jena; ward 1739 zum Pastor au die- luth. Kirche zu Alkmaar, u. 3 Jahre später an die von Haarlem berufen. Hier wirkte er segensreich bis an seinen Tod, 23. Sept. 1793. Seine Anwartschaft auf ein Andenken späterer Zeiten beruht auf seiner Verbindung mit der wissenschaftlichen Gesellschaft ..Hoilanäsobs Naatsollapxij vanVo- tensobappsn", welche er 1752 mit gründen half und für welche er viele Beiträge über Naturgeschichte zu den Jahresberichten lieferte u. vornehmlich zur Gründung eines besonderen Zweiges derselben zur Förderung socialer Wissenschaften düvonomiselw ll'aü beitrug. Ääa, Insel der Kirke, s. u. Odysseus. ü. s. 6., anno ants Obristnm, im Jahre vor Christi Geburt. Aach, kleine St. im Bezirksamt Stockach des. bad. Kr. Konstanz, im alten Hegau, 940 Ew.; auf einem steilen Felsen, Papierfabrik, Torflager; dabei die Ruine der gleichnamigen Burg, welche bis11S8Sitz eines eigenen Dynastcngeschlechtes war u. 1368 abbrannte. Bis 1806 bildete die Stadt nebst Gebiet eine schwäb.-österreichische Herrschaft, kam aber im Presburger Frieden an Württemberg und 1810 an Baden. Hier am 25. März 1799 Gefechte zwischen Franzosen und Oesterreichern. — Aach heißen auch mehrere in den Bodensee u. dessen Theile mündendeFlüsse: Dorn- birncr A., in Vorarlberg, mündet bei Fussach in den Bodensee; Bregenzer A., vom Widderstein, mit der Wissen A., bei Haard; Seeseldencr A. im bad. Kr. Konstanz, bei Seefelden; Stockacher A. cbd., bei Ludwigshafen; Radolfzeller A., ebd. bei Radolfzell. Aachen, Regbez. der preuß. Rheinprovinz, besteht aus Theilen der ehemaligen Dep. Roer, Nicdermaas, Ourthe u. Saar, od. aus den früheren deutschen Landen Jülich, Schleiden, Stadt A., Köln, Trier, Luxemburg, Arenberg, Stablo, Malmedy, Blankenheim u. a. oder Theilen derselben; 4166 sHüm ( 75 , 4 z H)M), 490,730 Ew., davon 95A Katholiken, grenzt an die Regbezirke Düsseldorf, Köln, Koblenz, Trier, an Belgien u. die Niederlande; gebirgig durch die Eifel u. die Hohe Venn; nördlich und östlich meist eben; bewässert von der Roer (mit Urft, Jnde, Wurm, Merz rc.), Our, Kyll (zur Mosel), Erft u. Ahr (zum Rhein). Bedeutende; Industrie (Metall- 3 Aachen. waaren, Spiegel, Tücher, Baumwollwaaren, Messing, Stecknadeln, Leder, Papier), Viehzucht, Acker- u. Bergbau (Steinkohlen, Eisen rc.) u. Handel. Der Bez. ist getheilt in die 11 Kreise: Stadtkr. A., Landkr. A., Erkelenz, Jülich, Düren, Schleiden, Malmedy, Montjoie, Eupcn, Geilenkirchen, Heinsberg. — Der Landkr. A., die Stadt gl. N. nicht umfassend, hat 339 .((Zlcm (6„« s^M) mit 92,250 Ew. Die größere Hälfte ist gebirgig u. lehnt sich in der höchsten Erhebung von 400 in an die Hohe Venn an. Der kleinere u. mehr ebene Landstrich bildet den östl. Theil des Kr. Die Production an Steinkohlen betrug 1872 etwa 7.109.000 Ctr., annähernd die Hälfte der im ganzen Rcgbez. geförderten; an verschiedenen Erzen etwa 355,000 Ctr. An Roheisen etwa 500.000 Ctr. Der Verkehr wird neben vielen Chausseen durch mehrere Eisenbahnlinien (Rheinische, Berg.-Märk. rc.) gefördert. Aachen (besser Achen, althochdeutsch Ahha, Acha, mittelhochd. Ache, mittelniederl., holl. u. plattd. Aken; franz. ^ix 1a, ObapeUo), Hptst. des gleichnamigen Regbez., mit ihrem Gebiete den gleichnam. Stadtkreis bildend; in 174 in Seehöhe, reizend in einem Kessclthale, von sanft ansteigenden angebantcn Hügeln (Vorhöhen der Hohen Venn) umgeben, von der Pan, Paunelle u. dem Johannesbach, 3 Nebenflüßchen der die Ostseite der Stadt berührenden Wurm, durchflossen. A. ist Sitz der Regierungsbehörden, der Landrathsämter für den Stadt- u. Landkr. A.; ferner: Landgericht, Handelskammer,Handels- u. Gewerbegericht, Bankcom- mandite rc. Die alten Ringmauern (1172 unter Friedrich Barbarossa begonnen, 1802 abgebrochen) trennten ehemals die Stadt in zwei jetzt durch Promenaden u. Straßen verbundene Stadttheile. Zu den ansehnlichsten Gebäuden gehört zunächst neben dem Präsidial- u. dem Regierungsgebäude das Rathhaus, angeblich an der Stelle des Palastes Karls d. Gr. 1353 im gothischen Stil erbaut, mit zwei hohen Thürmen, dem Granusthurm u. dem Markt- oder Glockenthurm, und mit dem 51 m langen u. 19 m breiten, neuerdings restaurirten u. mit 8 Fresken aus der Geschichte Karls d. Gr. von Rethel u. Kehren geschmückten Kaisersaal, in welchem die Krönungsfcierlichkeitcn begangen wurden. Diese Fresken sind: 1) Der Umsturz der Jrmensäulc nach dem Siege über die Sachsen. Der Kaiser steht vor dem niedcrgcworfenen Götzenbild, das eben bei Seite geschleppt wird. Neben ihm der Erzbischof Tnrpin, Krieger u. Mönche. 2) Der Sieg Karls über die Sarazenen bei Cordova. Der Kaiser, hoch zu Roß, reißt das feindliche Banner von dem vo« vier weißen Ochsen gezogenen Bannerwagen. An seiner Seite stürmt Tnrpin mit dem Kreuz in der Hand in den Kampf. 3) Der Einzug Karls in Pavia nach dem Siege über die Langobarden. Karl reitet durch das geöffnete Thor der brennenden Stadt, neben ihm der gefangene König Desidcrius und seine Gemahlin. 4) Die Taufe des gefangenen Sachsenkönigs. Wittckind. Links von ihm kniet Karl auf das lange Scepter gestützt; ringsum Mönche und Krieger. 5) Die Krönung Karls zum römischen Kaiser in St. Peter in Rom. Der König kniet an einem Betpult, Leo III. erhebt mit beiden Händen die Krone über sein Haupt. 6) Die Erbauung des Aachener Münsters durch Karl, der als Leiter des Baues mit seiner Familie die Mitte des Bildes einnimmt, während eine päpstliche Gesandtschaft die Marmorsäulen von Ravenna als Geschenk überbringt. 7) Die Krönung Ludwigs des Frommen, der auf Geheiß seines alten Vaters, mit dem kaiserlichen Mantel bekleidet, sich die Krone auf das Haupt setzt, während Karl ihn der umgebenden Menge als künftigen Herrscher vorstellt. 8) Die Eröffnung der Gruft Karls durch Otto III. im Jahre 1000. Der Kaiser in gewaltigster Majestät auf einem Stuhl u. mit den Füßen auf einem antiken Sarkophag ruhend, die Krone auf dem Haupt, das Evangelium auf den Knieen, in den Händen Scepter u. Reichsapfel. Vor ihm kniet Otto mit gefalteten Händen. — Von Rethels Hand sind die Bilder Nr. 1, 2, 3 n. 8, die übrigen führte Professor Kehren aus; die Entwürfe sämmtlich von Rethel. Der Rhein.-Westfäl. Kunst-Verein hat Holzschnitte Brend'amours als Vcrcinsgeschenke vertheilt. Auf dem Markt vor dem Rathhaus an einem Springbrunnen die 1620 errichtete Bronzestatue Karls d. Gr- Das merkwürdigste Gebäude A-s ist der Liebfrauen-Mün- ster (Dom). Er verdankt seine Entstehung sehr weit auseinanderliegenden Zeitaltern. Der älteste Theil, das Oktogon, rührt aus der Zeit Karls d. Gr. her; es wurde unter Alcuins Leitung 796—804 von dem Meister Odo v. Metz nach dem Vorbild der Kathedrale von Jork erbaut u. bildet einen 31 ua hohen Kuppelbau byzantinischen Stils mit einem Umgänge von zwei Geschossen; der 34 m hohe Chor ist 1353 bis 1413 im reinsten Spitzbogenstil angefügt; gegen Westen, durch eine Steinbrücke mit dem Achteck verbunden, befindet sich der viereckige Glockenthurm. Die marmornen, porphyrnen u. granitnen Säulen im Innern, die aus Rom, Ravenna und Trier stammen, von den Franzosen 1794 nach Paris geführt, 1815 aber größtentheils zurückgebracht wurden, sind bei der Restauration 1845 wieder hergestellt worden. Von der Mitte des Octogons herab hängt ein großer, von Friedrich Barbarossa 1165 der Kirche geschenkter Kronleuchter von vergoldetem Kupfer. Darunter bezeichnet ein Stein mit der Inschrift darolo Na^no das angebliche Grab Karls d. Gr. Unter dem Hochaltar ruht Kaiser Otto III. Im Chor befindet sich die Evangelienkanzel mit Goldblech bekleidet u. mit Gemmen u. Elfenbeinschnitzereien geschmückt, an den Pfeilern Statuen aus dem 15. Jahrh. u. in den 13 großen Fenstern prachtvolle Glasgemälde, 1853 von König Friedrich Wilhelm IV. v. Preußen geschenkt. Im zweiten Geschoß des Octogons, dem sogenannten Hochmünster, ist der weiße Marmorstuhl aufgestellt, auf welchem Karl d. Gr. angeblich im Grabe saß. Die jetzige Kuppel des Oktogons stammt erst aus dem I. 1666. Tic Thürcn des Münsters sind von Bronze. In der Sakristei werden in dem sogen. Marienschrcine die vier großen Heiligthümer (ein Kleid der Jungfrau Maria, die Windeln des Christuskindes, das blutige Lendentuch, welches Christus am Kreuze trug, und das Leintuch, auf - 1 * 4 Aachen. welchen! Johannes der Täufer enthauptet wurde) und die kleinen Heiligthümer aufbewahrt, von denen crsterc noch alle 7 Jahre im Juli ausgestellt werden; man zählte schon bis V» Million Wallfahrer. Bis 1792 wurden im Münster die Reichskleinodien aufbewahrt. Um die Wiederherstellung des Münsters hat sich besonders der 1849 gegründete Karlsverein verdient gemacht. Unter den 26 übrigen Gotteshäusern besitzen die spät- gothische St. Paulskirche, die Franziskaner- oder St. Nikolauskirche und die Michaelskirche werthvolle Gemälde, neu sind die Marienkirche im goth-, die Redemptoristenkirche im roman. Stil u. die Synagoge; außerdem gibt es eine evang. Kirche. Bon anderen öffentlichen Bauwerken sind zu erwähnen der Eliscnbrunncu, 1822—1824 von Schinkel, das Theater, 1825 von Crcmer erbaut, die neue Redoute mit Conccrtsaal u. Kurhaus, das Casino, das 1870 vollendete Polytechnikum, das Karlshaus, das Bürgerspital Mariahilf, 1848—1865 erbaut, das neue Gefangenenhaus. Eine im Bau begriffene Wasserleitung wird die Stadt aus dem 3,5 Lin. entfernten Kohlenkalkgebirge mit Wasser versorgen. Bil- dungs-, Wohlthätigkeits- u. a. Anstalten: kath. Gymnasium, Polytechnische Schule für Rheinland und Westfalen, Realschule 1. Ordn., Progymnasium (Stiftsschule), Provinzial-Gewerbeschule, Handwerker-Fortbildungsschule, höhere Töchterschule, 32 Elementarschulen, Bildungsanstalt für Taubstumme, 8 öffentliche Bibliotheken; Armen- u. Waisenhaus der Barmherzigen Schwestern, Erziehungsanstalt der Franziskaner für arme Knaben, Erziehungsanstalt der Schwestern vom Kinde Jesu, Mariahilfspital, Vincenzspital, 2 Irrenanstalten, Entbindungsanstalt, 8 Kinderbewahranstalten. A. hat eine Freimaurerloge (zur Beständigkeit u. Eintracht), ist Sitz der A.-Münchcner Feuerversich.- gesellschaft, der A.-Höngener Bergwerksgcsellschaft, der Actiengesellschaft für Bergbau, Blei- u. Zinkfabrikation zu Stollberg u. in Westfalen re. u. besitzt einen von Hansemaun gegründeten Verein zur Beförderung der Arbeitsamkeit, sowie die älteste und ausgedehnteste der preuß. Sparkassen. Die in neuerer Zeit durch die in der Nähe erschlossenen Steinkohlenlager wesentlich in Aufschwung gekommene Industrie A-s war schon im Mittel- alter von Bedeutung; schon im 14. Jahrh. hatten die Aachener in Antwerpen und Venedig eigene Lagerhäuser für ihre Tuche, deren Fabrikation auch jetzt noch die bedeutendste der Stadt ist; die Wollspinnerei liefert jährlich 200,000 Ctr. Garn, die Fabrikation von Tuchen, wollenen u. halbwollenen Stoffen in 80 größeren Etablissements mit ca. 10,000 Arbeitern jährlich gegen 200,000 Stück Tuch; man zählt 13 Kratzenfabriken. Bereits 1550 blühte die Fabrikation von Nähnadeln, in welcher jetzt 14 Anstalten beschäftigt sind, die jährlich über 1600 Millionen Stück liefern. Außerdem gibt cs Fabriken in Glasknöpfen, Maschinen u. Dampfkesseln, in Luxus- und Eisenbahnwagen, in Tabak, Cigarren, in Glas, Farben, Thon- und Stein- gutwaarcn, Cement, feuerfesten Steinen, Steck- u. Stricknadeln, Sammet, Leinwand, Posamen- tierwaaren, Handschuhen, Regenschirmen, Messern, physikalischen u. optischen Instrumenten, Feuerspritzen, Glocken, Mineralwässern, Tapeten; Eisengießereien, eine Zuckcrraffinerie, Ziegeleien, Brauereien u. Brennereien. A. ist als Knotenpunkt mehrerer Eisenbahnlinien (A.-Köln u. A.- Gladbach-Ruhrort, A.-Mastricht u. A.-Lüttich) ein wichtiger Handelsplatz geworden u. verbindet das nordwestliche Deutschland mit Holland (Limburg), Belgien u. Frankreich. Zahl der Ew. 1871:74,238; darunter etwa 3500 Protestanten. Die Garnison besteht aus 2 Bat. Infanterie. Wappen: ein ausgcbreiteter schwarzer Adler im goldenen Felde mit vorgcstrcckter rother Zunge. In Ä. und dem benachbarten Burtscheid die schon zu Karls d. Gr. Zeiten bekannten und im 12. Jahrh. bereits viel besuchten A-er Mineralquellen. Sic gehören zu den kräftigsten alkalisch - muriatischen Schweselthermen und brechen in der inneren Stadt, zum Theil am Abhang der das Rathhaus tragenden Höhe, zum Theil 500 Schritte davon in der niedriger gelegenen Komphausstraße hervor. Die drei oberen Quellen sind stärker, wärmer u. schwefelhaltiger, unter ihnen die vorzüglichste die Kaiserquelle, welche das Kaiserbad, den Elisabethbrunnen, das Neubad und das Bad der Königin von Ungarn versorgt, dann die Quirinusquelle; zu den unteren gehören die Roscnquelle u. die Corneliusquelle. Unter den Badehäusern ist das Kaiserbad das großartigste u. wahrscheinlich auch das älteste. Die Hauptsammelplätze der Badegäste, deren Zahl sich 1874 auf 18,500 belief, sind die Colonnadcn des Elisenbrunnens u. der Kursaal in der Redoute. Nach B. M. Lcrsch (Gesch. der Balneologie, Hydroposie u. Pegologie, Würzb. 1863) mußte im Mittelalter zu A. jedes neu- vermählte Paar an die Münsterkirche, wo nächst einer jetzt unbedeutenden Heilquelle ein Bad verdeckt liegt, eine kleine Abgabe für das Bad leisten, dessen Gebrauch vor der Hochzeit Pflicht war; im 15. Jahrh. war das Trinken des Ther- malwasscrs zu A. schon gebräuchlich, nur trank u. badete man nicht an ein u. demselben Tage. Das Weintrinken war in A. während des Badens üblich und wurde noch im 17. Jahrh. fortgesetzt. (Vergl. Sträter, Os guslis manisrs prsuali-on Iss bains ciu Isinps cke Oliarlss-tzuiut ü'tlix-la- Oüaxslls? A. 1858.) Die Wasser von A. wurden von Liebig, Bnnsen u. A. chem. untersucht; Lie- big prüfte das Wasser der Kaiser- u. Corneliusquelle, Bunsen die im Wasser der Kaiser- und Quirinusquclle enthaltenen Gase. Bon festen Be- standtheilen enthalten die Wasser: Chlornatrium (in größter Menge), kohlensaures u. schwefelsaures Natron, schwefelsaures Kali, kohlensaurer: Kalk, Brom-, Jod- und Schwcfelnatrium, kohlensaure Magnesia, kohlensauren Strontian, kohlensaures Lithion u. Eisenoxydul, Kieselsäure u. organische Substanz; von gasförmigenBestandthcilcnKohlen- säure (in größter Menge), Stickstoff, Sauerstoff u. Grubengas; die aus dem Wasser aufstcigenden Gase bestehen aus Stickstoff (in größter Menge), Sauerstoff, Gruben- und Schwcfelwasserstoffgas. Nach Lersch stehen sämmtliche Mineralquellen A-s in hydrostatischem Zusammenhang, und es treten davon jährlich 230,000 odru zu Tage. Die Temperatur der Quellen schwankt zwischen 36° u. Aachen. -> 44" R. (Vcrgl. I. v. Licbig, Chcm. Untersuchung der Schwefelquellen A-s. A. u. Lpz. 1851.; B. M. Lersch, Einleitung in die Mineralqucllenlehre. Erlang. 1852 u. ff.; Seegen, Handb. der allg. n. speciellen Hcilquelleulehre. Wien 1862; I. B. Lersch, Hydro-Chemic. 2. Aufl., Bonn 1870). Die A-er Quellen werden zum Trinken u. Baden, zu Douchc-, Tropf- u. Dampfbädern benutzt n. empfohlen in verschiedenen Formen und Fällen von chronischem Rheumatismus, Gicht, vorschreitcndcr Muskclatrophie, Lähmungen, chronischen Hautkrankheiten, atonischen Geschwüren, Blasenkatarrh, Circulationsstörungen im Unterleib, Skropbcl- krankheit, Mercurialkachexie und Syphilis. Die Dämpfe der Quellen benutzt man zu Inhalationen bei chronischen Katarrhen. Die Quellen von Burtscheid, deren Temperatur zwischen 47 u. 59° R. schwankt, sind, nach der Analyse von Monheim, ganz ähnlich den A-er Thermal- waffern zusammengesetzt, nur überwiegt in ihren Gasen der Stickstoff die Kohlensäure um mehr als das Doppelte. Man empfiehlt Burtscheid in ähnlichen Fällen, wie A. Zur Ergänzung der Kur dienen eine kalte Quelle u. eine Molkenkur- austalt. Vergl. I. P. I. Monheim, Die Heilquellen von A., Burtscheid, Spaa, Malmedy u. Heilstem, in ihren historischen, geoguostischen, physischen, chemischen u. medicinischen Beziehungen, Aachen 1830; Schuster, Die A-er Thermen, Aachen 1872; A. Reumont, Über Winterkurcn in A., Neuwied 1867; Sträter, Die Heilwirkungen der Schwefclthermcn von A., Aachen 1866; L. Wetzlar, lieber die Heilwirkungen der A-er Schwcfelthermen, ebd. 1862; A. Reumont, Mrs Niueral Lprin^s ok Xix-1a-6kape11s null vor- ostts, London 1862: A. Reumont, Die A-er Schwefelthermen in syphilit. Krankheitsformen. 2. Ausl., Erlangen 1859 u. Die A-er Schwescl- thermcn in complicirter Syphilis, Jena 1858. In A-s Umgebung: die Frankenburg, neu erbaut, angeblich Lieblingsaufenthalt Karls d. Gr. u. seiner Gemahlin Fastrade; der 250 m hohe Louis- oder Lousberg mit einem Belvedere n. der Salvatorbcrg mit uralter Wallfahrtskapclle. Aachen ward von den Römern im 3. Jahrh. n. Ehr. um der Bäder willen angelegt u. besucht und hieß XquisAranum (Xquas (Iranias, angeblich nach dem Apollo Granus, oder divitas Xqusnsis). Erst die aus der benachbarten mittleren Maasgegcnd stammenden Karo» linger erhoben dasselbe zu seiner späteren Bedeutung. Chlodwig soll einen Reichstag hier gehalten haben; Thcodcrich wählte A. 540 znr Residenz; Karl d. Gr. wurde angeblich hier 742 geboren; jedenfalls begründete er die nachhcrige Größe u. 'Blüthe der Stadt. Er baute mehrere Bäder, die Kaiserpfalz ü. die Kapelle, woraus nachher das Münster entstand und weshalb A. den franz. Namen Xix-Ia-dlmnsUs erhielt; von hier aus erließ er seit 788 die meisten seiner Capitularien (d-qütularia rs§Um viauoorum. Ltepll. valumus.. sä. Var. 1677 toi.). Er ernannte hier 813 vor den versammelten Vasallen des Reiches seinen Sohn Ludwig zum Nachfolger, der sich darauf am Altar selbst die Krone aufsetzte. Karl d. Gr. st. hier 814 u. ward sitzend im kaiserlichen Ornat bcigesetzt. Das Grab ist wiederholt geöffnet worden, so im I. 1000 von Otto III., 1165 von Friedrich Barbarossa, der die Gebeine in einen antiken Sarkophag legen ließ; seit 1215 waren sie in dem silbernen vergoldeten Karlsschrein auf dem Choraltar zur Verehrung ausgestellt, seit Ende des vorigen Jahrh. mit den 4 großen Heiligthüinern in dem sogenannten Marienschrein der Sakristei verwahrt. 1861 wurde derselbe wieder geöffnet. In A. wurden elf Kircheuversammlungen: 789, 799, 802, 809, 817, 819, 836, 841, 860, 862 u. 917, abgehalten. 881 ward A. von den Normannen geplündert und niedergcbrauut, bald jedoch wieder aufgebaut. A. war von früher Zeit an Reich?-, u. von 813 bis 1531 Krönungsstadt von 37 deutschen Kaisern (zuerst Ludwig der Fromme, zuletzt Ferdinand I.). Von 953—1380 wurden hier 17 Reichstage gehalten. Durch Kaiser Friedrich I. erhielt die Stadt 1166 das Recht, jährl. 2 Messen zu veranstalten. Im Mittelalter zählte A. gegen 100,000 Ew., u. A-s Bürger waren durch das ganze Reich zoll- u. dienstfrei, A. selbst ein Asylort gegen die Rcichsacht. 1450 fand ein Aufstand gegen den Magistrat statt, wodurch die Erblichkeit desselben aufgehoben u. eine Zunftverfassung cingeführt wurde. Im 16. u. 17. Jahrhundert kam A. sehr herab, besonders durch die Verlegung der Kaiscrkröuung nach Frankfurt, durch die Acht, welcher die lutherischen Rathsmitglieder. (die seit 1574 im Rathc saßen u. um derentwillen 1581 ein Aufstand ansbrach) 1598 durch Rudolf II. verfielen u. die von dem Kurfürsten von Köln vollzogen wurde, dann durch die Vertreibung der Protestanten 1614 von Seiten des span. Generals Spinola, endlich auch durch eine große Feucrsbrunst 1656, welche 4000 Häuser u. das Münster cinäschcrte. In A. fanden zwei Friedensschlüsse (Frieden von A.) statt. In dem ersten, am 2. Mai 1668, fügte sich Ludwig XIV. von Frankreich den Forderungen der sogenannten Tripelallianz'(zwischen England, den Niederlanden u. Schweden), den Krieg gegen die span. Niederlande cinzustellen u. sich dafür von Spanien entweder die Franche-Comts oder den bereits eroberten Theil der Niederlande abtretcu zu lassen. Die letztere Abtretung fand statt. Durch den zweiten Frieden von A, den 18. Oct. 1748, zwischen Oesterreich, England, Holland u. Sardinien einerseits und Frankreich, Spanien, Modena u. Genua andererseits wurde der seit 8 Jahren geführte östcrr. Erbfolgekrieg beendigt. (Vgl. G. C. I. Reencn, Vs dsllo quoll llo, suesossious Xustrias Westum est, xaos Xoquis Orau. eomposito, Amst. 1840). Österreich trat Parma :c. an den spanischen Prinzen Philipp ab, erhielt seine von den Franzosen eroberten Niederlande zurück, und die übrigen Mächte behielten ihre Besitzer- Werbungen während des Krieges. 1786 brachen Unruhen gegen die Protestanten u. Freimaurer aus, welche bes. durch Preußen unterdrückt wurden. 1793 besetzten A. die Franzosen, die zwar bald wieder abzogen, aber 1794 wieder erschienen; 1798 u. 1802 ward A. durch die Frieden von Campo Formio und Luncville der franz. Republik zugefügt u. Hptstadt des Dep. Roer. (Vgl. H 6 Aachen — Aalborg. Milz, Die Kaiserstadt A. unter franz. Herrschaft, A. 1872.) 1814 besetzten es die Alliirten, u. 1815 ward cs an Preußen abgetreten. 30. Sept. bis 21. Nov. 1818 der Aachener Congreß, eine Zusammenkunft der Monarchen von Rußland, Österreich und Preußen u. der Bevollmächtigten Frankreichs u. Englands (Bevollmächtigte: Nesselrode, Capodistrias, Metternich, Castlereagh, Wellington, Hardenberg, Berustorff, Richelieu). Frankreich erlangte bei diesem Anlaß die Zurückziehung der noch in Frankreich stehenden Occupa- tiousarmce von 150,000 Mann u. eine Minderung der beim 2. Pariser Frieden ihm auferlegtcn Cvntributiou, u. trat nun der Heiligen Allianz bei, die durch Protokoll vom 15. Nov. sich für fortbcsteheud erklärte. An dem Platze, wo die Monarchen Gott für das dadurch nun beendete Friedenswerk gedankt hatten, wurde 1844 ein Monument errichtet. 1830 im Herbst fand in Folge der Pariser Aufstände auch ein Aufruhr in A. statt, welcher aber durch die Bürger schnell unterdrückt wurde. Ähnliche Aufstände wiederholten sich ini März 1848. Vgl. Quix, Gesch. der Stadt A., Aachen 1841,2 Bde.: Hagen, Gesch. A-s von feinen Anfängen bis zum Ausgange des sächsischen Kaiserhauses, ebd. 1869; Benrath, A. und feine Umgebungen, 3. Aust. ebd. 1873; Nolten, Archäologische Beschreibung der Münstcr- kirche zu A., ebd. 1818; Quix, Histor. Beschreibung der Münsterkirche zu A., ebd. 1825; Debey, Die Münsterkirche zu A. u. ihre Wiederherstellung, ebd. 1851; Schervier, Die Mllusterkirche zu A. und deren Reliquien, ebd. 1853; Floß, Geschichtl. Nachrichten über die A-cr Hciligthümer, Bonn 1855; Bock, Die Reliquien im Liebfraucn- müuster, ebd. 1860; Ders., Karls d. Gr. Pfalzkapelle u. ihre Kunstschätze, Köln 1866 f. Aachen, Jan van (auch Achen, Aken, Jana- chcn), Historienmaler, geb. 1552 in Köln, st. 1615 in Prag, bildete sich in Köln u. Italien, ward erst an den bayerischen Hof, dann von Rudolf II. nach Prag berufen, malte kirchliche, historische u. mythologische Gegenstände in glänzender Manier. Werke in München u. Wien. LS! SE! Aachen - Münchener Feuerversicherung, s. Versicherungswesen. Aade, Fluß in NBrabant, auch Aa (s. u. Aa 4). Aadorf, paritätisches Pfarrdf. u, Municipal- Gem. im schweiz. Kant. Thurgau, Bez. Fraueu- feld. Eisenbahnstation. 2120 Ew. Ackerbau, Obst, Baumwollspinnerei. Aae;aard, Karl Frederik, Maler, geboren 1833 in Odense, besuchte die Akademie zu Kopenhagen und beschäftigte sich erst mit Decorations- arbeitcn, widmete sich aber seit 1853 der Land- schastsmalerei. Ein berühmtes Bild von ihm ist eine Partie aus dem Thiergarten bei Jägersborg auf Seeland, welches 1866 in Stockholm ausgestellt war und für die Galerie zu Kopenhagen erworben wurde. Aahans, s. Ahaus. Aakirke (Aakirkcby), St. auf der dän. Insel Bornholm, mit Brüchen schwarzen Marmors 750 Ew. Äakos, nach der griech. Sage ein Sohn des in einen Adler verwandelten Zeus u. der Ägina, einer Tochter des Flusses Asopos (oder der Europa), geboren auf der Insel Önoue (Ägina), wohin Zcus.die Ägina vor dem Zorn der Juno gebracht. Ä. bat um Mitmenschen, da er allein auf der Insel war, nachdem (nach Ovid) eine Pest alle hinweggcrasst hatte, u. Zeus schuf solche aus den Ameisen (Mhrmidonen, von mzwmsx Ameise), über die nun jener als König weise u. gerecht herrschte. Er war ein Liebling der Menschen u. Götter, welche auf seine Fürbitte einst dem von großer Dürre heimgesuchten Hellas Regen schenkten. Nach seinem Tode wurde er seiner Gerechtigkeit wegen mit Minos u. Rhadamanthys zum Richter der Schatten, nach A. zum Thürhüter der Unterwelt bestellt, als welcher er mit Schlüssel oder richterlichen Insignien abgebildet wird; in Ägina als Halbgott verehrt, erhielt er als Denkmal das Äakons einen mit Mauern von weißem Marmor umgebenen Raum, mit einem von Ölbäumen beschatteten Altar. Pindar verherrlicht ihn u. seine Nachkommen, wozu auch Achilleus als sein Enkel, daher der Äakide genannt, gehört, vielfach. Er soll mit Apollon u. Poseidon Trojas Mauern erbaut haben. Mit Endels, Tochter Skirons, hatte er zwei Söhne, Telamon u. Peleus, mit der Meeruymphe Psamathc einen dritten, Phokos, den Telamon tödtete. Auch König Pyrrhos v. Epiros, Achilleus' Nachkomme, wird Äakide genannt. Vgl. G. Rathgebcr, Gottheiten der Aioler, Gotha 1861. Aal, 1) falscher Bruch im Tuch. 2) Fisch, s.Aale. Aalbach, ein Nebenfluß der Rega, welcher die Grenze zwischen Pommern u. der Ncumark bildet. Aalbaum, so v. w Heckenkirsche. Aalbeere (Äalbesing), so v. w. schwarze Johannisbeere. Aalborg, alte Stadt in Jütland, Dänemark, am südl. User des Limfjord, 30 üm von dessen Mündung in das Kattegat; Hauptort des Stiftes u. Amtes zu beiden Seiten des Fjord. Elfteres 7241 (131--), letzteres 2918 f^Icm (53 HjM) groß, mit 160,000 resp. 87,100 Ew. Zwei Auen theilen die Stadt in zwei Kirchspiele mit 2 Kirchen. Das-uralte finstere Schloß Aalborg- huus, jetzige Amthaus, verleiht derStadt im Verein mit den vielen alterthümlichen Häusern ein eigen- thümliches Gepräge. A. ist der Sitz des Stiftamtmannes u. des luth. Bischofs, hat eine uralte Kathedralschulc mit Museum und eine Stiftsbibliothek von mehr als 23,000 Bdn., eine Navigationsschule, ein Secmannshospital, ein Kinderasyl, ein Gildenhaus aus dem lö.Jahrh. u. 11,800 Ew., welche bedeutenden Handel nach England, Norwegen, Schweden re. treiben. Die Ausfuhr von Korn u. Vieh, Heringen, Thran, Häuten, Wolle, Branntwein ist bedeutend, u. Fabriken allerArt beleben den von einer Börse u. Disconto-, Leih- u. Sparbank, Schiffsbauwerften u. Schlächtereien für Verproviantirung der Schiffe unterstützten Seeverkehr, der nur durch den schwer zugänglichen Hafen etwas geschmälert ist, dem aber durch den nunmehr von der dän. Regierung der franz. Gesellschaft Fivcs Lille übertragenen Brückenbau über den Fjord und die dadurch hergcstellte 7 Aalbuch chirecte Verbindung mit Fredcrikshavn, dem Überfahrtsort nach Schweden u. Norwegen, eine bedeutende Zukunft bevorstcht, um so mehr, als eine ununterbrochene Bahnvcrbinvung niit dem Adriatischen Meer (Triest) vorhanden ist. A., einst die Hauptst. Jütlands, hat im Mittelalter u. im Mjähr. Krieg viel Ungemach erfahren. 1834 hatten die dem volksthümlichen König Christian II., dem Beschützer des Bürger- und Bauernstandes gegen dm hcrrschsüchtigen Adel anhängcndcn Bauern A. besetzt, wurden aber durch den General Rantzau umzingelt und mit Weib u. Kind, über 2000 an der Zahl, niedergemetzclt. — Im Mjähr. Krieg, wurde 1627 ganz Jütland von Wallen- stcins Heeren überschwemmt und verwüstet, am 18. Oct. das Corps des Markgrafen v. Baden vom kaiserl. General Schlick gefangen genommen, A. auch später, 1643 u. 1657, von schwedischen Generalen heimgesucht. 1864 war A. von preuß. Truppen besetzt, die von hier bis nach dem Skagen, über Säby und Fredcrikshavn unanf- gehalten vordrangen, nachdem die Dänen zur Sec nach Fünen geflüchtet waren. Aalbnch (Albuch), waldige Gegend der Schwäbischen Alp, zwischen Rems, Kocher u. Brenz, im württembergischcn Jagstkreise, nördlich vom Hochsträß bis östlich nach Heidenheim; über 650 m hoch. Seiner Eisenwerke wegen bemerkenswerth. Aalt (Lluraouickao), Fam. aus der zu den Knochenfischen gehörenden Unterordnung der Physostomen (Fische, deren Schwimmblase mit einem Lustgange versehen ist). Körper langgestreckt, schlangenförmig, nackt oder mit undeutlichen u. in der dicken, schleimigen Haut versteckten Schuppen bedeckt. Bauchflossen fehlen; der Schultergürtel ist nicht am Schädel, sondern an der Wirbelsäule aufgchängt. Der Magen mit Blindsack. Geschlechtsorgane ohne besonderen Ausführungsgang: Eier u. Samen gehen in die Bauchhöhle u. durch eigene Öffnungen am Bauche ab. Sie sind Raubfische des Meeres und der Flüsse. Hierher: 1) Llurasna L., Muräne; schuppen- los, ohne Brustflossen; spitze Zähne oben u, unten in einer Reihe. LI. Iwlsna 7l.. im Mittclmeer, braun u. gelb marmonrt, ungefähr 1 in lang, bei den Alten sehr geschätzt, zuweilen mit dem Fleisch lebender Sklaven gefüttert (aä inurasnas!). 2) Opüisnruo 7-aesx.. Schlangenaal; Schwänzende ohne Flossen. 0. sorpsn.-,, Seeschlange, Mittelmeer. 3) ^nAnilia Aal Haut mit undeutlichen, zickzackförmig geordneten, in der schleimigen Haut versteckten Sckmppen. Nasenlöcher normal, vorn oder seitlich. Schwanzende abgerundet. Die Rückenflosse beginnt ziemlich weit hinter den Brustflossen u. ist mit Schwanz- und Afterflosse zu einem Streifen vereinigt. Bemerkenswerth der Flußaal, -LwAnilia (vui- Zario) L. Färbung der Oberseite dunkel olivenfarbig, auf dem Oberkopfe dunkler, Flossen am dunkelsten; Unterseite weiß, matt silberglänzend. Selten größer als 1,z—1,z w u. schwerer als 5—6 Frißt kleine Fische, Gewürm, selbst Aas. -Kann einige Zeit auf dem Trocknen aushalten, daher wol die vielfach behauptete, aber (wenn auch kaum mit Grund) lebhaft bestrittene Ansicht, er gehe Nachts aufs Land. Lebt in tiefen, schlammgrnn- — Aale. digen Flüssen Europas, fehlt aber imDonangebiet, überhaupt in allen ins Schwarze und Kaspische Meer sich ergießenden Gewässern. Die Fischer unterscheiden bei ihm, je nach der Kopfbildung (Kopf spitz, rund, breit) verschiedene Arten, vielleicht geschlechtliche Abänderungen. Fortpflanzung-Verhältnisse schon bei Aristoteles behandelt; dieser läßt ihn aus Regenwürmcrn hcranwachscn, welche ihrerseits durch Urzeugung entstehen. Aber auch jetzt ist die Art und Weise seiner Fortpflanzung noch unklar (noch in neuerer Zeit als Zwitter dargestellt). Eierstöcke längst als 2 manschetten- sörmige Krausen beschrieben, Hoden noch nicht klar erkannt. Wandert, wenn er 5—6 Jahre alt ist, im Herbst, zumal in dunklen Nächten aus den Flüssen ins Meer n. erlangt erst dort Geschlechtsreife. Im Frühjahr steigt in den Nächten die junge) wenige ein lange A-brut, oft noch durchsichtige Fischlein, in endlosen Schaaren dicht gedrängt (5^6000Stück in 1 Liter Wasser), die Flüsse hinauf. In Frankreich, wo man diese Erscheinung inontoe nennt, schöpft man die jungen A. mit Sieben (zum Verspeisen). Man beobachtete, daß sie auf diesen Wanderungen selbst Wasserfälle überwanden. In 2 Jahren werden sie etwa 60 om lang. Die N. sind außerordentlich zählebig. Selbst bei gctödtcten dauert die Ncrven- thätigkeit bekanntlich noch längere Zeit an. Das Fleisch des A-s ist wohlschmeckend, aber seines Fettgehaltes wegen schwer zu verdauen. Der Aal wird in sehr verschiedener Weise zubcreitct u. gegessen: blau gesotten, gedämpft, gebraten, ma- rinirt (A-pricke), geräuchert (Spick-A., so bes. in Pommern, in großem Maßstabe auch in Ellerbeck bei Kiel). Er wird nicht überall verzehrt, die Grönländer und Isländer verschmähen ihn, da sie ihn für eine Schlange halten. Hippokrates wies bereits darauf hin, daß sein Fett den menschlichen Verdaunngswerkzeugen schädlich sei. Dagegen waren nach Aristophanes bes. die A. des Sees Kopais ein Licblingsgericht der Athener. — Wo der Aal häufig ist, benutzt man mitunter sein Fett als Lederschmiere, früher war es (Aalbntter) ebenso wie Leber u. Galle officinell. — Aalfischerei, ein wichtiger Erwerbszweig, wird namentlich Nachts mit Netzen und Reußen, seltener mit der Angel betrieben. Bemerkenswerth die Einrichtungen in den Lagunen von Comacchio u. am Orbitello-See. BomÄdriatischen Meere ab- gedcichte Gewässer gewähren dort dem Aal einen vollständig zur Mast geeigneten Aufenthalt. Kommen die jungen A. Anfangs Februar in die Mündungen des Po, so werden in demselben die hierzu angelegten Schleusen, Thore u. dadurch die Eingänge zu großen Zuchttcichen geöffnet. Ist die Aalwandcrung beendet u. sind die jungen A. in bestimmte Abtheilungen untergebracht, so werden die Thore geschlossen. Genügt die Nahrung für die A. in den Behältern nicht (Vegetabilien, Wasferinsccten und kleine, dünne Fischchen, Aquadellen genannt), so werden sie gefüttert. In den Herbstmonaten werden die erwachsenen A., die, vom Fortpflanzungstrieb angeregt, dem Meere zuwandcrn, in besonderen „Labyrinthen" gefangen. Der Ertrag soll ein ganz enormer sein u. schon vor 200 Jahren die Summe von 100,000 Thlrn. 8 Aalen — ! Reingewinn aufgebracht haben. Auch in Schleswig, Holstein, den Ostsecprovinzen u. in Holland ist großer Fang u. Handel mit A., namentlich nach England. — Vgl. Coste, VoxaAs d'sxxlo- ration snr le littoral roouratn3, kroouratio partns intsinps- stira re. Abstrus (lat. abaonz vom griech. äbax. Brett), nannte man bei den Alten eine viereckige Tafel oder Platte, so eine Tischplatte für Prunkgefäße, ein Würfel- oder Spielbrett von Holz oder Marmor mit abgctheilten Feldern, eine Marmortafel zum Belegen der Wände, eine Rechentafel für Mathematiker, Astronomen u. dgl.; daher Aba- cist, Rechenmeister. Im Mittelalter verstand man unter A. die Rechnung mit dekadischen Zahlen; später .4. pMmAorion^, das Einmaleins; L.. nnmsrornm primornm. Tabelle der Primzahlen u. s. w. Ueber den Gebrauch des A. beim Rechnen vgl.G.Friedlcin, DieZahlzeichsn u. das elementare Rechnen der Griechen u. Römer re., Erl. 1869, worin auch die ganze Literatur verzeichnet. In der Bank, viereckige Platte, vorzugsweise die Deckplatte der Capitäle, schließt die Capitälform nach oben hin ab u. soll gleichzeitig denUebergang ans der vertical stehenden Stütze (Säule oder Pfeiler) in den horizontal aufliegenden Balken oder in den Bogen oder das Gewölbe vermitteln; dient auch in vielen Fällen (namentlich in der gothischen Bauk.) zur Vergrößerung der oberen Capitäl- grundfläche, damit die häufig nach vielen Seiten hin auseinander gehenden Gurt- u. Rippenprofile sich bequem auf der Capitälflächs entwickeln lassen. Die Form der Platte sehr verschieden; beim dorischen, toscanischen u. jonischen Capitäl viereckig, beim korinthischen Capitäl der römischen u. Renaissance- Architektur meist mit geschweiften Seitenflächen u. abgestumpften Ecken, bei den Capitälen des Mittel- Abaditen. alters unendlich verschieden, quadratisch, kreisförmig, sechseckig, achteckiger. Abacusblume, die Mittelblume, an jeder der 4 Seiten des korinthischen Capitäls. Abad (pers.), 1) so v. w. bewohnt, cultivirt; dann „angenehm, schön", steht häufig am Ende von Orts- u. Städtenamen, z.B. Afadabad, Dschel- lalabad, Firuzabad rc. 2) Name des ersten persischen Propheten, der auch Buznrkabad u. Miha- bad genannt wird. Von ihm soll auch das Buch Desatir verfaßt sein, worin seine Lehren enthalten sind. 3) Name der Kaaba; s. Abaditen. Abadab, Gcbirgsmasse in Nubien, etwa 1880 m hoch, bildet die Wasserscheide zwischen dem Nil u. dem Rothen Meer; ein enges Thal trennt den eigentlichen A. von dem Gontebgebirge. Abaddon (heb.), Untergang, Abgrund, in den rabbinischcn Sagen Name für das Todtcnrcich, die Unterwelt. In der Offenb. Joh. (9, 11) heißt A. der Engel des Verderbens, der aus dem Abgrund die höllischen Heuschrecken heraufführt; griech. Apollyon, von deutschen Bibellesern früher gerne auf Napoleon gedeutet. In Klopstocks Messias der abgefallene Geist Abadona. Abadia, Franz Xaver, gcb. zu Valencia 1774, war Gcncralstabschsf der spanischen Jnsurgenten- armee in der Mancha während der franz. Occu- pation, später Kricgsminister, 1812 Kommandeur der Armee in Galicien, nach der Rückkehr Ferdinands Vll. Generallientenant; er st. 1830. Abadio, Abdio, Abadir, Bätylos, Beth-el, der, hießen bei den Phöniciern ü. a. Orientalen, auch Griechen, runde, oft kegel- u. keilförmige unbehauene Steine, ähnlich den sogenannten Donnerkeilen, welche theils selbst göttlich verehrt wurden, theils zur Bezeichnung von heiligen Stätten dienten. Abaditen (Abbaditen), eine maurische Herrscherfamilie, 1026 — 91 in Sevilla. Abad I. (Abul-Kasim Mohammed ben Abad), dessen Vater ans Syrien sich in der Nähe von Sevilla niedergelassen hatte, wurde vom König von Cordova, unter dem zur Zeit Sevilla stand, zum Großkadi u. Statthalter von Sevilla ernannt. 1026/ nach dem Sturze des Königs v. Cordova, machte sich Abad zunr unabhängigen König v. Sevilla, herrschte klug u. thatkräftig u. st. 1042. Ihm folgte sein Sohn Abad II. (Abn-Amru ben Abad), geb. 1012, welcher sich viele der übrigen maurischen Fürsteunm südlichen Spanien unterwarf; st. 1069. Sein Sohn Abad III. (Abul-Kasim Mohammed), gcb. 1039, eroberte 1070 Cordova u. vollendete die Unterwerfung Malagas. 1085 .schloß er zu Cordova mit den maurischen Königen von Almeria, Granada, Badajoz u. Valencia, sowie mit dem König Jassirs ben Taschfin v. Marokko als Oberfeldherrn ein Bnndniß zu einem heiligen Kriege gegen die Christen, welche unter König Alfons I. von Castilien siegreich vordrangen. In einer mörderischen Schlacht bei Zalaka, am 23. Oct. 1036, wurde Alfons vollständig geschlagen. Als Abad die nun von Jussuf beanspruchte Oberhoheit nicht anerkennen wollte, wurde er von diesem mit Krieg überzogen u. von dessen Feld Herrn Schir am O.Sept. 1091 in Sevilla gefangen genommen. Er wurde zu Aghmat in Marokko eingekerkert u. st. dort 17 Abodsochen - März 1095 als Letzter seiner Dynastie. Vgl. L. Viardot, Ilssai sur l'bist. des Fratzes ei des Flores d'Lspagns, Lar. 1833, 2 vol.; R. Dozy, Hist, des Nusnlmans d'Lspa^no, I-szde 1861, 4 vol.; Derselbe, Aistoria ^.badi- tsrnm, Lcyd. 1846—52, 2 Bde. Abadsechen (Abuscch) oder Abchaseti, Abadzen,am nordöstlichen Abhang des Kaukasus wohnender, etwa 145,000 Seelen zählender Stamm der Tschcrkessen, mohammedanischen Glaubens; vgl. Abchasien. Abä'r (Abi), wird von den Abessiniern der Oberlauf des blauen Nil genannt. Er entspringt im Distr. Salakä am Ostabhang des etwa 2500 w hohen Gisch-Abal in Abessinien. Ablttte, Nebenfl. des S. Francisco in Brasilien. Abaka Khan, mongolischer Beherrscher Persiens (1262—84), s. Persien. Abakansk, Ostrog (d. h. eine Befestigung mit bloßen Pallisaden) n. Stadt im Kr. Krasnojarsk, ostsibirischen Gouv. Jenisseisk, in dem malerischen Thal des wasserreichen Abakan, linken Nebenfl. des Jenisei, mit etwa 2000 Ew., darunter viele Verbannte. A. wurde von Peter d. Gr. 1707 als Fort angelegt. Die Bevölkerung der fruchtbaren Gegend mit mildem Klima treibt Zobelfang, Viehzucht, Anbau von Hopfen, Melonen, Tabak, sowie Kohlenbergbau. In der Umgegend, wie überhaupt im südlichen Sibirien viele alte Grabhügel, Gräber der Li Katai von den Tataren genannt, worin man Gold- u. andere Metallzierrathe findet. Am Abakan stehen hier u. da steinerne Darstellungen von Menschen von 2—3 m Höhe, deren Inschriften bis heute nicht genügend erklärt werden konnten. — A. heißt auch die Gebirgskette parallel mit dem Altai vom Flusse Tom bis Jenissei. Abakns, s. u. Abacus. Abalak, befestigter Ort im sibirischen Gouv. Tobolsk, am Jrtysch, der mit dem Abalakischen Sec (Ebalak Binrcn) in der Nähe verbunden ist. A. besitzt ein wnnderthätiges Marienbild, das jährlich einmal in dem 15 Lm entfernten Tobolsk zur Verehrung ausgestellt wird. Abiilard, Pierre (Abailard, Abelard, Abae- lardus), geb. 1070 zu Palet (Palais) bei Nantes (Bretagne), einer der bedeutendsten Scholastiker und Theologen des 11. u. 12. Jahrh., überließ aus Liebe zu den Wissenschaften feinen Brüdern die Rechte der Erstgeburt, beschäftigte sich mit Dichtkunst, Beredtsamkcit, Philosophie, Theologie, Jurisprudenz, griechischer,lateinischer u. hebräischer Sprache, bezog dann die Universität Paris, um unter Wilhelm v. Champeaux Philosophie n. Dialektik zu studircn. A. machte hier solche Fortschritte, daß er bald seinen Lehrer in der Dialektik übcrtras und den Nominalismus gegen ihn, den Vertreter des Realismus, mit großem Scharfsinn verthei- digte. Das zog A. den unversöhnlichen Haß dieses Gelehrten zu, infolge dessen er Paris auf einige Zeit verließ. Seit 1102 lehrte er in Mclun, Corbeil und St.-Gcneviiwe und gewann immer mehr Schüler. Als Champeaux Bischof von Chalons geworden, übernahm A. 1118 die Leitung der Schule bei der Kirche Notre-Damc zu Paris u. erreichte hier den Höhepunkt seines RuhmeS. Die ausgezeichnetsten Männer seiner Pürers Univcrsal-Convcrsattons-Lexikoii. 0. Ausl. I. — Abälard. Zeit, wie der nachmalige Papst Cölestin II., Petrus Lombardus, Berengar, Arnold von Brescia, waren seine Schüler; A. das anerkannte Haupt aller Dialektiker. Um diese Zeit beginnt sein tragisches Licbesschicksal; 38 I. alt, gab sich der berühmte Gelehrte einer glühenden Leidenschaft für seine 17jährige, ebenso schöne als geistreiche Schülerin Heloise, Nichte des Canonicns Fulbert, hin und fand gleiche leidenschaftliche Erwiderung. Als Fulbert sie trennen wollte, entführte A. die Geliebte nach der Bretagne, wo sie ihm einen Sohn gebar, der aber bald starb. Nach einer heimlichen Vermählung mit Fulberts Willen kehrte Helolse zwar in das Haus ihres Oheims nach Paris zurück, leugnete aber ihre Ehe, nur A. nicht in der Erlangung priesterlicher Würden hinderlich zu sein. Dadurch u. durch eine zweite Entführung seiner Nichte gereizt, ließ Fulbert A. Nachts überfallen u. entmannen, um ihn nach dem kanonischen Gesetze zu priesterlichen Würden ,'nfähig zu machen. A. zog sich nun in das Äostcr St. Denis zurück, u. Helolse nahm zu Argenteuil den Schleier. Seine aus allen Ländern herbciströmcndcn Verehrer vermochten ihn aber dazu, wieder Vorlesungen zu halten. Von nun an hatte A. mit steten Verfolgungen durch seine Gegner und die Mönche zu kämpfen, während sein unglückliches Vcrhältniß zu Helolse ihn schmerzlich beschäftigte; ihr Briefwechsel und seine Liebeslieder sind ebenso leidenschaftliche wie rührende Zeugen davon. Auf der Kirchenver- fammlung zu Soissons 1121 wurde seine Schrift lutroduetio ad tüsolossiam zum Feuer und A. zur Haft im St. Medarduskloster verurthcilt. Später ging er nach Nogcnt a. d. Seine u. erbaute hier eine Kapelle u. Klause, Paraklct genannt, welche von seinen Schülern zu einer großen Stiftung erweitert wurde, die er nach seiner Ernennung zuni Abt v. St.-Gildes-de-Rnys in der Bretagne an Helolse übergab. 1136 nahm er seine Lehrthätigkeit auf Mont-St.-Geneviöve wieder auf, doch brachten es seine kirchlichen Gegner, darunter Bernhard v. Clairvaux u. Norbert v. Laon, dahin, daß 1140 aus dem Concil zu Sens seine Lehren verdammt und dieses Urthcil vom Papst Jnnoccnz II. bestätigt wurde. Durch Peter den Ehrwürdigen, Abt zu Clugny, mit dem Papst u. seinen Feinden ausgesöhnt, nachdem er seine Lehre von der Dreieinigkeit u. Erlösung widerrufen, lebte A. zu Clugny in strenger klösterlicher Zucht seinen Studien n. der Lehrthätigkeit, bis er erkrankte, u. auf Anrathen der Ärzte nach der Priorei St.-Marcellus bei Chalons gebracht, dort am 21. April 1142 starb. Helolse ließ ihn im Paraklct begraben, wo sie ihm selbst erst 1163 im Tode folgte. Beider Asche wurde 1808 in das Museum der französischen Denkmäler zu Paris gebracht u. 1818 in einem eigens dazu erbauten Denkmal auf dem Kirchhof Pöre Lachaife beigesetzt. Obivol A-s Ruhm zum großen Theil in seinem traurigen Licbcs- schicksal beruht, muß doch anerkannt werden, daß er ein Mann von hervorragendem Talent und umfassendem Wissen war. In dem berühmten Streite der Nominalistcn u. Realisten (s. u. Scholastik) schlug er eine mehr vermittelnde Richtung . Band. Z 18 Abalieniren — Abandon. ein, indem er die allgemeinen Begriffe weder für bloße Worte oder Namen, wie die strengen Nominalisten, noch für wirkliche Dinge, wie die strengen Realisten, erklärte, sondern für vom Verstand gebildete Begriffe, denen aber nur dann Realität zukomme, wenn sie sich auf wirkliche Dinge bezögen. A. war der erste offene Vertreter der rationalistischen Richtung in der Kirche, indem er den Glauben auf Vernunftgrundsätze zurückzuführen begann u. lehrte, daß der Verstand dem Menschen von Gott verliehen sei, um die ausschweifende Phantasie zu zügeln u. den religiösen Glauben durch freies Nachdenken auf Überzeugung zu begründen, ihn aber nicht ohne eigenes Prüfen in der überkommenen Form an- znnehmen, ferner daß die Reue und Buße nur durch gewonnene eigene Erkenntniß des Bösen in den Handlungen, nicht durch äußerliche Gebräuche der Kirche selig machen könne. Seine Lehren wirkten auch durch Klarheit n. Schönheit des Vortrages mächtig auf seine Schüler. — A. dichtete n. componirte auch Hymnen. Seine (und seiner Geliebten) Schriften wurden herausgegebcn von Tuchesne, Par. 1616; von Cousin, Par. 184!) bis 1859, zum Theil deutsch von Rheinwald, Bcrl. 1831; ferner die Ilwtoria ealamitatnm. eine Selbstbiographie, von Orelli, Zürich 1841, und 8 io ot non, eine Sammlung dogmatischer Widersprüche der Kirchenväter, von Henke n. Lindenkohl, Mark. 1851. Über seine Lehren: I. H. F. Frerichs, (loiuinentatio äs ?stri Xbaolaräi äootrina äoMnatioa ob inorali, äenas 1827; D. I. H. Goldhorn, 6 onnnent. Instorieo-tiiso- lo^ioa, äs sunnnis prinoipiis Illioolo^iao ,Vbas- iaräi. Inpsias 1836; Hayd, A. u. feine Lehre im Verhältnis; zur Kirche u. ihrem Dogma, Re- gensb. 1863; Das Leben rc. Abälards wurde n. a. beschrieben von: CH. de Remufat, Xbelarä, Par. 1845, 2 Vol.; Feuerbach, A. n. H., oder der Schriftsteller und der Mensch, Lpz. 1844; Carrierc, Gießen 1844u. 53; Jacobi, Berl. 1850; F.Cy. Schlosser, Abälard u. Dulcin, Gotha 1807. Abalieniren (v. Lat.), veräußern, entwenden, abspenstig machen; daher Abaliönation, im Röm. Recht eine Art Veräußerung, wodurch das Eigen- thnmsrecht an der Ros irmnoipi an Andere übertragen wird. Xbaliönanäi jus, Veräußerungsrecht, s. u. Veräußerung. Aüaligetcr Höhle (Paplika), berühmte Tropfsteinhöhle beim Dorfe Abaliget im Bez. Szcnt-Lörincz des ungarischen Com. Baranya, 1 l üm nordwestl. von Fünfkirchen. Unter der Eingangshöhle, die 5 , 5 — 6,25 m breit, 38 m lang u. stets bis 0,5 in hoch mit Wasser gefüllt ist, fließt ans einer Spalte ein eiskalter Bach hervor. Die Haupthöhle ist 040 in lang n. bildet, ihrer ganzen Länge nach von einem Bache durchströmt, die verschiedenartigsten Partien mit den schönsten Tropfstcingebilden, so daß sie der berühmten Agtelekcr Höhle (s. d.) wenig Nachsicht. Man findet darin nicht nur Menschengebeine u. Thier- knochcn, sondern auch lange, 1^ m hohe Mauern u. 14 in die Felsen gehauene Stufen, deutliche! Spuren eines längeren Aufenthaltes menschlicher Bewohner. Abälns (Abalum, a. Gcogr.) nannten die Alten nach Berichten des Reisenden Pytheas (bei Plinius) eine Insel in der Ostsee, welche so reich an Elektron (Bernstein) sei, daß die Bewohner ihn zur Feuerung benutzten. Früher hielt man für dies Malus der Alten die jetzige preußische Küste am Frischen und Kurischen Haff, später die dänische Insel Bornholm. Nach der Auffassung Dahlmanns (Geschichte von Dänemark, Gotha 1830, 1 . Bd. 1. Cap.) kann cs jedoch nur die schleswig-jütische Küste gewesen sein. Abaucay, Prov. in Peru, Dep. Cuzco, mit Silberminen; auch die Hauptst. derselben, etwa 5000 Ew.; ein Fluß in Peru, welcher unweit Cuzco in den Lanxa mündet; endlich ein Gebirge in den Cordilleren von Peru, welches zum Quellgcbiete des Apurimac gehört. Abanconrt, Charles Lavier Joseph de Franquevillc d', franz. Minister, geb. 4. Juli 1758 zu Touai, ein Neffe Calonnes. Beim Ausbruch der franz. Revolution Hauptmann bei der Cavallerie, wurde er nach dem Ausstande der sog. Föderirten am 20 . Juni 1792 von König Ludwig XVI. als gemäßigter Anhänger der Bewegung znm Kricgsminister ernannt. Er erschien indessen nur einmal in der Nationalversammlung, um Rechenschaft über die Vertheidi- gnng der Nordgrenzcn abzulegen n. sich gegen die Anschuldigung zu vertheidigcn, als sei mit Wissen der Regierung gestoßenes Glas unter das den Soldaten gelieferte Brod gemischt worden. Nach dem Sturm auf die Tuilerien 10. Aug. wurde A. als ein Feind der Volksfreiheit verhaftet, nach Orleans ins Gefängnis; geschleppt u. auf dem Rücktransport nach Paris 10. Sept. in Versailles von Pariser Banden nebst 50 Genossen ermordet. Abanconrt, Charles Frerot d', Offizier im französischen Jngcnicurcorps, der sich berühmt gemacht einmal durch seine wcrthvolle Sammlung von selbstgcfertigten Plänen u. Karten von der Türkei, wo er auf Befehl Ludwigs XVI. bis zum Ausbruch der französischen Revolution längeren Aufenthalt genommen; dann durch die Dienste, welche er als Jngenienrgeograph in der constitnirenden Versammlung leistete, u. endlich durch eine noch heute schützcnswerthe Generalkarte der Schweiz und eine Karte von Bayern, welche er als Chef des topographischen Bureaus der Donauarmee von 1800 anfertigte; letztere war kaum vollendet, als A. in München 1801 starb. Abänderung, Wechsel in der Weife des Daseins überhaupt, bes. die, welche die Gestalt u. Form eines Organismus (s. Variation) oder einer Sache betrifft; so A. der Klage, s. u. Klage; A. der Strafe, s. Strafänderung. Abandon ,.(v. franz., auch Abandonnement), Abtretung, Überlassung bis zur Prcisgebung. Im secrechtlichen Versicherungsvertrag ist cs die Überlassung des versicherten Gegenstandes durch den Versicherten an den Versicherer gegen Zahlung der Versicherungssumme. Sie ist zulässig, wenn der versicherte Gegenstand zwar nicht völlig verloren ist, denn alsdann ist nichts zu abandon- niren, aber der Hauptsache nach als nnterge- gangen erachtet werden kann. Über das Einzelne weichen die Secrechte ab. Tie beiden großen, inGe- 19 Avanga ii. Monbuttu — Abarm. ffetzbüchern befindlichen, das des 6oäe cis oommoreo <(franz. Handclsges.-Buches von 1807) in den Artikeln 369 ff. u. das des deutschen Handelsges.- Buches (von 1861) in Art. 865 ff. sind bes. anlangend die Fälle des A-s verschieden. Das deutsche läßt ihn nur zu, wenn das Schiff verschollen, oder seit bestimmter, dreifach abgestufter Frist der versicherte Gegenstand von hoher Hand angehaltcn oder durch Seeräuber genommen ist; das französische außerdem auch bei Schiffbruch, Strandung mit Bruch, Unfähigkeit des Schiffes zur Weitersahrt (auch wenn See-Unfälle entstanden) u. bei Verderb oder Verlust von wenigstens H der versicherten Sachen, Fälle, in denen das deutsche Gesetz cs bei der gewöhnlichen Berechnung u. Vergütung des Schadens bewenden läßt. Der A. -ist unwiderruflich und nach gewisser Frist nicht mehr statthaft; er macht den Versicherer znm Eigenthümer des abandonnirten Gegenstandes. A. ist der secgebräuchliche Ausdruck und auch der des deutschen Gesetzes, das französische nennt ihn -äölalssoinont. Abariga und Monbuttu, zwei erst durch die neuesten Reiseberichte des deutschen Forschers Georg Schwcinsurth bekannt gewordene, nahe verwandte Zweige eines afrikan. Volksstammcs in den oberen Nilländcrn, sndl. des Njam-Njam- Gebietes, zwischen dem 4. u. 3. Grad nördl. Br. Rach Schtveinfurth unterscheiden sich dieselben durch fahlere, kaffebraune Hautfarbe, die sogar oft der der Bewohner Mittelägyptens ähnlich ist, sowie durch geringere Muskelfülle von den Njam- Njam; das Haar ist nie schwarz, wie das der Ägypter, sondern blond, Wergfarben, dabei auf dem Kopf wie an Kinn u. Backen üppig u. oft lang, aber dicht gekräuselt; röthlich schimmernde Pupille u. unwillkürliche Unruhe der Äugen sind Anzeichen des Albinismus. Die Männer tragen nirgends Felle wie die Njam-Njam zur Zierde, die Weiber bemalen ihren Körper mit einer schwarzen Saftfarbe in den zierlichsten Figuren. Ihre Wohnungen sind in Dachform u. geschmackvoller Ausführung errichtet, namentlich die des Königs, für Afrika wahre Wunderbauten. Ebenso bearbeiten sie Eisen u. Kupfer mit großer Kunstfertigkeit; andere Metalle kennen sie nicht. Gewebe und Glasperlen sind bei ihnen mißachtet. Ihre Waffen, Schilde und Lanzen, Bogen und Pfeile, Säbel u. Messer, sind von eigenthümlichcr Gestalt, verschieden von denen anderer afrikanischen Völkerschaften. Obwol in äußerer Entwickelung die Njam-Njam übertreffcnd, herrscht hier noch wilderer Kannibalismus; sie essen Menschen- flcisch blos aus Liebhaberei, da das Land reich an Wild, Geflügel und gemästeten Thieren ist. In Betreff ihrer Religion kann im Allgemeinen das gelten, was E. B. Tylor (Die Anfänge der Cultur, Lpz. 1873. 2 Bdc.) „von den Religionen der Wilden überhaupt sagt. Über ihre Abstammung ist noch nichts Genaueres bestimmt. Abauimtion, Landesverweisung auf ein Jahr. Abano, Flecken in der italicn. Prov. Padua, etwa 8 Kilometer südlich von Padua, in der sehr fruchtbaren Ebene am Fuß der vulkanischen rngan'eischen Berge und an der Eisenbahn von Padua nach Bologna; in der Gemeinde 3440 Ew. A. ist seiner Schwefelquellen wegen berühmt, welche bis 67" R. Wärme haben. Sie entspringen südwärts des Ortes auf dem Gipfel des Montiron, enthalten Chlornatrium u. schwefelsauren Kalk, n. werden als Bäder u. Schlammbäder bes. bei Gicht, chronischen Hautausschlägen u. veralteter Syphilis angewendet. Die Bäder waren schon den Römern bekannt (Vgnao ^.xani, ^poni tonlos u. ^.gnas vatavinas), und spielten bei ihnen eine große Rolle als Bade- u. Trinkwässer, wie aus Strabo, Martial u. A. hervorgeht. Den äußerst interessanten Brief Theo- dorichs, Königs der Ostgothen, über die Thermen von A. theilt B. M. Lersch (Gesch. der Balneologie, Würzb. 1863) mit; derselbe Thcodorich ließ hier ein Badehaus errichten. Pasini (I)s tüsrmiz vatavinis. vatav. 1538), der anräth, im Mai u. Sept. das Bad zu besuchen, erzählt, er habe bei strenger Kälte um Weihnachten Kolik mit dem Wasser von A. sich vertrieben rc. Überreste alter Bäder hat man zu Monte-Grotto, San Pietro Montagnone u. Casa-Nuova aufgefunden. In A. ist, wie man glaubt, der Geschichtschreiber Livius geboren. Abkino, Pietro d', berühmter Arzt, Philosoph u. Astrolog, geb. 1250 zu Abano bei Padua, wo er auch als Lehrer wirkte. Als begeisterter Verehrer des von der Kirche verdammten Averrhoös u. der neuplatonischen Lehren verfiel er der Inquisition, st. aber vor Ende des Proccsses 1316 im Gefängniß. Hundert Jahre später setzte man ihm in Padua ein Ehrcndcnkmal. Er schrieb: tlonoiliator ciitkorsntlarnin gnav iutor pbilo- soxllos el msäieos versantur; Mant. 1472 u. ö. Vs vsnouis. Mant. 1472 und Vened. 1550; Lxpositio vroblsinatnin Vristotolis. Mant. 1475; I'oxtus Nosuas emsncialus. Ven. 1505; rc. — Über Leben u. Wirken A-s vergl.: G. M. Mazzuchelli, Hobirüs intorno alla vita Vi>ut-vent — Abbadie. 21 bildet, nahm er an dem Unabhängigkeitskampfe der Corscn gegen Genua unter PascalPaoli, dessen politischer Gegner er anfangs war, als zweiter Befehlshaber theil, u. setzte auch den Kampf gegen Frankreich fort, als Genua 1768 diesem die Insel abtrat, namentlich mit Erfolg gegen den Marquis v. Chauvelin. Erst als Corsica von den Franzosen unter Graf de Vaux völlig besiegt war, unterwarf er sich als letztes Parteihaupt, wofür ihn König Ludwig XV. zum Oberstlieutcuant ernannte. Seine Vcrurthcilung zu entehrender Strafe in dem Proccß gegen die corsischen Patrioten wurde durch Protest der Stände unterdrückt. Ludwig XVI. ernannte A. zum Marechal-dc-camp; als solcher vertheidigtc er Corsica für Frankreich gegen Paoli, der mit den corsischen Mißvergnügten 1793 die Engländer zu Hilfe gerufen hatte, mußte sich aber nach Frankreich zurückziehen, wo er zum Divisious- gcneral ernannt und dann zur franz. Armee in Italien versetzt wurde. Indes; vom General Bouapartc für unfähig erklärt, kehrte er 1796 nach Corsica zurück und st. daselbst 1812. 2) Jean Charles, 1771 geb., ein Sohn des Vorigen. Er kämpfte in der ersten Zeit der Revolution am Rhein als Artillerieoffizier, seit 1794 als Adjutant Pichegrus in Holland. Bald darauf zum Bri- gadegeucral avancirt, leitete er die Vorbereitungen des Rheiuüberganges bei Kehl am 24. Juni 1796 unter Moreau so ausgezeichnet, daß er zum Divisionsgcncral befördert wurde. Seinen Tod fand er am 2. Dec. dcss. I. in einem Gefechte gegen die Österreicher am Brückenköpfe bei Hü- ningcn. Moreau ließ ihm 1801 auf der Rhein- Insel daselbst ein Denkmal setzen. Z) Jacques Pierre Charles, Justizministcr unter Napoleon III., 22. Dec. 1791 zu Zicavo aus Corsica geb., Neffe des Vor. u. Enkel von A. 1). Er studirte seit 1808 zu Pisa, die Rechte, bekleidete Während der Restauration Ämter in scincrHcimath und wurde nach der Revolution 1880 Gerichtspräsident zu Orleans. Für Corsica u. seit l839 für Orleans in die Kammer gewählt, gehörte er zur Opposition während des Ministeriums Guizot u. war besonders ein Förderer der Reformbankete. 1848 ernannte ihn die provisorische Regierung zum Rath am Cassationshofe in Paris. Als Vertreter des Dcp.Loire war erMitglied der Constituirenden Versammlung n. Präsident der Gesetzgebenden u. stimmte als solcher für Louis Napoleon, dein er sich, anfänglich zur gemäßigten Demokratie haltend, immer näher auschloß. Nach dem Staatsstreich vom 2. Dec. 1851 ernannte ihn Napoleon zum 'Mitgliede der Consultativcommission, am 22. Juni 1852 zum Justizmiuister, sowie auch zum Senator und Siegelbewahrer. Er st. 11. Nov. 1857. Von seinen Söhnen war der älteste, Charles, gcb. 1816, Advocat, wurde als Anhänger Napoleons in der Gesetzgebenden Versammlung von diesem zum Stantsrath ernannt u. ist noch heute -ein hervorragendes Mitglied der Bonapartistischen Partei in der Assembler nationale. kbat-vent (v. fr. adsttro Niederschlagen u. vout Aciud), schräg gestelltes Brett über Tyüren u. (Fenstern zur Abhaltung von Schlagregeu und Mind. Nbäugcln (Gartenb.), so v. w. Oculircn. Aba-Njbar,Com.in Ober-Ungarn zwischen den Com. Säros, Zips, Zcmplin, Torna u. Borsod, 2890 Hjlcm (524 UM) u. 166,700 Ew. (ca. 15.000 Deutsche, namentlich in der Hptst. Kaschau, 100.000 Magyaren, 40,000 Slowaken u. Ruß- niaken, 10,000 Inden, Zigeuner rc.). Das Land ist gebirgig (Arany-Jdkaer Erzgeb.,Telky-Bäuyaer Geb., Tokaicrgeb.), hat viele Waldungen, fruchtbare Thälcr (Flüsse Hernad, Tarna u. a.) u. ist reich an Metallen (Gold, Silber, Eisen, Kupfer), Marmor u. Alabaster. Die Bewohner treiben Viehzucht, Weinbau, bedeutenden Bergbau, Fabrikation in Porzellan, Tuch, Hüten, Papier. Der Verkehr wird befördert durch die Eisenbahn Oderberg- Kaschau, die Thcißbahn u. deren Anschlüsse an die Galizische Bahn u. nach Pesth. Hptst, ist Kaschau. Das A-er Com. ist getheilt in 5 Stuhlvcrwaltungs- bezirke. Es hat seinen Namen von dem vom König Samuel Aba erbauten, jetzt in Ruinen liegenden Schlosse A. bei Ujvar. Durch seine Lage: nach N. nahe der östcrr.-galizischen Grenze u. nach S. durch rein magyarische Comitate mit Siebenbürgen verbunden, ist es von einiger politischen Bedeutung u. hat in den Unruhen im 17. u. 18. Jahrh., sowie in den Jahren 1848/49 häufig eine Rolle gespielt. Unter dem Ministerium Bach war es mit deni Tornaer Com. zu Abauj-Torna vereinigt. Abauzit, Firmin, geb. 1679 zu Usäz in Niedcr-Langucdoc. Er verließ wegen der Verfolgungen der Protestanten Frankreich, studirte in Genf u. machte von dort aus Reisen; st. das. 1767 als Titularbibliothekar. In seinen vrs- vours bist. sur t'4.pooal)p8s (engl., 1730), versuchte er zuerst eine andere Methode der apokalyptischen Berechnung; Oeuvres diverses (Lond.1770) u. Oeuvres posttuuuss (Lond. 1773); auch war er Mitarbeiter am Iliotionuuirs de Nusiqus von Rousseau, welcher, wie auch Newton, ihn sehr hoch schätzte. Abba (hebr.-chald.), d. i. Vater; im N. Test, wird Gott so angercdct. Aus der latcin. Form gppas entstand Abt, franz. Xbds, engl. Xbdot. ital. uddate, als Name der Klostcrvorstehcr; bei den Syrern, Kopten u. Äthiopiern führen Bischöfe u. Patriarchen es als Titel, in Abessinien ist es Ehrentitel der Schristgelehrten. Abbach, so v. w. Abach. Abbadia, Stadt mit Hafen in Brasilien, am. Areguitiba, nahe am Atlantischen Ocean. Abbadie, Antoine Thomson u. Arnould Michel d', geb. 1810 u. 1815 in Dublin, Söhne eines franz. Emigranten, in Frankreich wieder naturalisirt. Beide Brüderchaben sich durch ihre Reisen u. Forschungen in Äthiopien bekannt gemacht. Sie traten ihre erste Reise Ende März 1837 nach dem Rothen Meere an u. gelangten im Mai 1838 über Adowa nach Gondar. Während Arnould hier die Sprachen und Sitten des Landes kennen lernte, drang Antoine 1842 über Tigre in das Binnenland vor. Bis 1848 erforschte er thcils allein, theils mit seinem Bruder die einzelnen, bes. südlichen Länder, namentlich Enarea, einen Theil von Kassa und das Quell- gebict des Unia, eines Hauptzuflusses des Weißen Nil. Nach 10jährigen Reisen kehrten Beide mit reichen Sammlungen nach Frankreich zurück r. Abbadie — Abbas Mirza. beschäftigten sich mit Sichtung und Bearbeitung derselben; Ant-s Sammlung von 234 Nummern äthiopischer n. amharischer Manuscripte, darunter große Seltenheiten, ist die vollständigste in Europa. Derzeit erschienen nur einzelne Berichte in engl. u. franz. Zeitschriften, darunter: Houvellss cln Inrut tlouvs Llano; 8nr lov ine8nro8 da volumo des saux du üsuvo Llano et du tionvo Lion stkeotussv pur Ll. Linunt-Lsz;; ibloto 8vr la ronto dn Lurlour; Voz'U^s dsv doetonrs Xrupl ot Lobmann dano 1'^.Iriqus orion- rale; 8nr loo nsM-ss Huiubo oto. — 1860—63 erschien in Paris von Antoine d'A.: Oeodssis d'Ltlnopio, ou trianxnlation d'uno partis ds la Ilautv-Ltlnopis, welches die Geographie eines großen Theilcs des äthiopischen Hochlandes vielseitig ganz neu beleuchtet, u. worin dieLageu.Höhe von etwa 850 Punkten, von R. Radau berechnet, bestimmt wird. Ferner: I/^.l>x88inio ot Io roi 1'Iwodoros, Paris 1868; außerdem interessante Bemerkungen über die Länder der Gallas im Journal der Pariser Geographischen Gesellschaft. Arn. d'A. veröffentlichte Oonro aim dano la Hauto-Ltlnopis, 2 Bde., Par. 1868, einen zusammenhängenden Bericht über die Reise der beiden Brüder. Durch diese 2 Werke haben die Reisenden frühere Zweifel über die Zuverlässigkeit u. Sorgfalt ihrer Forschungen beseitigt Eine Beschreibung seiner äthiopischen Manuscripte veröffentlichte Ant. in: OataloFuo ruisonns do manuoorlto stbiopiono, Par. 1859. Die beiden Brüder leben auf ihren Besitzungen bei Bayonne u. verkehren noch leb- hast mit den Ländern des oberen Nil. Abbadie, Jacques, eifriger Theolog, gcb. 1658 zu Nah in Bearn, wurde als Hugenott vertrieben, Prediger in Berlin, später in London, zuletzt in Irland, wo er 1727 st.; in der refor- mirten Kirche geschätzt als Prediger u. apologetischer Schriftsteller. Abbähen, an irgend einem Theile des Körpers lauwarme Waschungen od. Bäder anbringen, welche den Zweck haben, Geschwülste, die in Folge von Entzündungen entstanden sind, zu erweichen. Abbansen, Getreide oder Futter aüs der Banse in der Scheune od. von der Miethe (Feime, Dieme) herabbringen n. hcrabwerfen. Abbarch, Flecken im Arr. Chateaubriand des franz. Dep. Loire inferieure; Eisenerze, Hohofen; 2620 Ew. Abbart od. Abbarth, Franz, Bildschnitzer aus Kerns in Unterwalden, st. 10. Sept. 1863; trat 1801 in Bern mit einem Crucifix, Niklas van der Flüe u. Winkelricd auf, erhielt 1810 die goldene Medaille n, arbeitete verdienstvolle Gcnre- scencn aus dem Hirtenleben. Abbas (arab., der Dunkle), 1) A. Ebn Abdel Mottalib, geb. 566, Vaterbruder Mohammeds, war anfangs Mohammeds Feind, nach der Niederlage bei Bcdr 624 dessen eifrigster Anhänger; er st. 652. Er ist der Stammvater der Abbassiden. Vgl. A. Sprenger, Das Leben u. die Lehre des Mohammed, Bcrl. 1861—65, 3 Bde.; G. Weil, Histor.-krit. Einleitung in den Koran, Vieles. 1844. 3) A., Sohn des Khalifen Mamun, entsagte nach seines Vaters Tode dem Thron zu Gunsten seines Oheims Motassem Billah, empörte sich aber später gegen diesen, ward gefangen u. st. 839 im Gefängniß. Er ist der Held mehrerer arabischen Erzählungen. 3) N. I-,, der Gr., geb. 1558, Sohn von Mohammed Mirza,. Schah von Persien, ans der Dynastie der Sofi,. bestieg nach Ermordung seiner älteren Brüder 1585 den Thron, nachdem er vorher beinahe unabhängig die Statthalterschaft von Khorassan geführt hatte. Das bei seiner Thronbesteigung von Türken u. Uzbeken hart bedrängte Reich schützte er durch glückliche Kriege. Durch den Sieg bei Herat 1507 befreite er Khorassan, erweiterte u.. sicherte die östl. Grenze vor den Plünderungen der Uzbeken. Gegen die Türken, denen er 1590" Ghilan entrissen, eroberte er in mehreren Feldzügen Ascrbeidschan in Armenien, 1613 Georgien, 1621 das den Persern besonders heilige Bagdad. Im Bunde mit der engl.-ostindischcn Compagnie entriß er 1622 den Portugiesen Ormus. Mit: gleicher Energie ordnete er die zerrütteten inneren Verhältnisse, begünstigte den Handel durch Straßenbau u. förderte die Landwirthschaft; Jspahan, da-; er zur Residenz erhob, u. andere Städte schmückte er mit Prachtbauten. Tolerant gegen das Christcn- thum, duldete er Europäer, stand in diplomatischem Verkehr mit Spanien ».England, dasSirDodmorc Cotton nach Persien schickte. Umsicht u. Thatkraft eichneten seinen Charakter aus, der jedoch nicht: rei war von Zügen wilder Grausamkeit, die er bes. gegen seine Söhne an den Tag legte. Ein gläubiger Anhänger des Islam, neigte er stark dem Aberglauben zu. Er st. 1628. 4) A. II, sein Urenkel, regierte 1641—66. 5) A. III., 1732 -36, s. Persien. Abbas Mirza, gcb. um 1783, 2. Sohn Fcth Alis, Schahs v. Persien, u. dessen erklärter Nachfolger. Ein edler, tapferer Charakter, mit schätzens- werthen Talenten begabt, liebte er europäische Sitten: u. Wissenschaften, suchte sein Vaterland dem Einfluß Rußlands zu entziehen n. schloß sich mehr an England an. Noch sehr jung zum Statthalter in Tcbris u. Ascrbeidschan ernannt, legte er in: Tcbris ein Arsenal, Gießereien, Druckerei re. an,, eröffnete Bergwerke u. ließ durch englische Offiziere sein Heer ausbilden; doch scheiterten diese Unternehmungen an der Geldnoth Persiens n. dessen zerrütteter Staatswirthschaft. Als Persien an Ruß-- land unter franz. Einfluß 1811 den Krieg erklärte, führte der Kronprinz die Hanptarmee, aber unglücklich: der Friede von Gulistan l2. Oct. 1813 kostete Persien die Länder am Kaukasus. 1826 trieb er selbst niit Hussein-Kuli-Khan den Vater zur Kriegserklärung gegen Rußland, mußte aber wiederum bei aller Tapferkeit weichen u. durch, den Frieden von Turkmantschai 22. Febr. 1828 seinen Antheil von Armenien überlassen. Wenn dagegen dem Kronprinzen A. in diesem Frieden von Rußland die Thronfolge zugcsichert wurde, so zeigt dies nur, daß von nun an Persien seinen Beziehungen zu England entsagen mußte u. in ein gewisses Abhängigkeitsvcrhältniß zu Rußland trat. 1829 ging A. in Folge der Ermordung des russischen Gesandten zu Teheran nach Petersburg, wo er mit Auszeichnung ausgenommen wurde. 1831 u. 32 bekämpfte er die Kurdenhäuprliuge' von Khorassan, vollendete aber die Eroberung von 23 Abbas-Pascha — Abbaye. Herat nicht mehr, sondern st. während des Feldzuges zu Messched im Dec. 1833. Er war der einzige Mann in Persien, dem es ernstlich nm die Hebung des verwahrlosten Pcrscrrciches zn thun war, u. die Haupttriebfedcr aller rcforma- torischen Bestrebungen. Von seinen 24 Söhnen folgte ihm Mohammed Mirza als Kronprinz u. 1834 dem Großvater als Schah.,, Abbas-Pascha, Bicckönig v. Ägypten, Sohn Tussum Paschas, Enkel Mehemcd Alis, geb. 1813 zn Dschidda in Arabien, erhielt seine Erziehung in Kairo, wurde schon als Jüngling mit verschiedenen hohen Vcrwaltungsämtern betraut, später zum Gcneralinspcctor der Provinzen, dann zum ersten Minister u. Präsidenten des Rathcs zu Kairo ernannt. Nach dem am 10. Nov. 1848 erfolgten Tode seines Onkels Ibrahim Pascha wurde er von den ausländischen Consuln als legitimer Thronfolger anerkannt, durch Fcrman vom 7. Dec. bestätigt u. am 13. Jan. 1849 persönlich zu Con- stantinopcl durch den Sultan mit der Würde eines Vicckönigs v. Ägypten belehnt. Ans Haß gegen fremde Cultur hob er die Civilisations- Anstaltcn seiner Vorgänger auf, erleichterte damit, sowie durch Ncduction der Kriegsmacht u. Einstellung der unzweckmäßigen Festungsbantcn u. Manufactur-Etablisscments zwar die Steuerlast, befreite auch den inländischen Handel von den drückendsten Beschränkungen, schaffte die Kopfsteuer ab, bevorzugte den Ackerbau u. schloß mit England einen Eiscnbahnvcrtrag, schädigte aber ans der anderen Seite das Land empfindlich durch seinen Wucher, seine Erpressungen u. die wieder cinge- führten Handelsbeschränkungen. Ebenso bigott als geizig und mißtrauisch, schonte er selbst die Glieder seiner Familie nicht, die endlich die Pforte veranlaßt«:, ihn« die sofortige Einführung des Tansimats zu befehlen, was er indeß dadurch umging, daß er gegen höheren Tribut sich von der Pforte das Recht erkaufte, über seine llnterthancn wieder Frohn- n. Militärdienste, sowie die Todesstrafe verhängen zu dürfen. Beim Beginn des Krieges niit Rußland stellte er (Mitte 1853) dem Sultan 15,000 Mann Landtruppcn, Flotte und Getreidesendnngcn zur Verfügung. Er st. angeblich an einem Schlaganfall in seinem Wüstcnschloß, wo er mit seinen schönen Knaben u. Thicrcn den größten Theil seiner Regicrungszeit zugcbracht, 13. Juli 1354. Sein Oheim Said Pascha folgte ihm in der Regierung. Vgl. Ägypten. Abbassabad, 1) russ. Festung in Armenien, am Aras. 2) Vorstadt von Jspahan. Abbassah, Schwester des Khalifen Harun al Raschid, Gemahlin Dschaafars des Barmekidcn, kommt oft in „Tausend u. eine Nacht" vor. Weil sie nach Einigen den Dschaafar ohne Erlaubnis) Haruns gehcirathct, nach Anderen aber ihren heimlich geborenen Sohn, um ihn vor den Nachstellungen des Bruders zu sichern, außer Landes geschickt hatte, wurde sie von Harun mit dem Tode bestraft, nach Anderen blos verbannt. Abbassidcn, s. Arabien u. Khalifen. Abbate (ital.), Äbt. Abbate, Niccolo dcll' (in Italien meist Messer Niccolo oder Niccolino), Historienmaler, geb. 1512 in Modena, gest. 1571 in Paris, angeblich Correggios Schüler, malte viel im Schlosse zn Fontainebleau nach Primaticcios Entwürfen. Reich begabt, von lebhafter Phantasie u. großer technischen Gewandtheit, trug er glcichwol durch sein Streben nach dem Äußerlichen viel zum Verfall der französischen Kunst bei. Abbati, Giuseppe, ital. Maler, geb. 1836 in Neapel, erhielt seinen erstcnllnterricht von seinem Vater, seine weitere Ausbildung l 850—52 in der Akademie zu Venedig, wo er sich bcs. der Genre-, Architektur- u. Landschaftsmalerei widmete; nach einigen Jahren ging er wieder nach Neapel u. malte vorwiegend architektonische Innenansichten, wobei ihm sein Studium der alten Venctianer sehr zu statten kam. Eines der Bilder, womit er die italicn. Ausstellung zu Florenz 1861 beschickte, kaufte der Staat. Sein „Singender Mönch" entstand 1865. Von seinen Landschaften u. ländlichen Genrebildern in der Weise Bretons ist bes. der „Chilo", Bauernfamilie,Siesta haltend, zu nennen. Er st. 20. Febr. 1868 in Florenz. Viele seiner Werke charakterisirt ein tief melancholischer Zug. Aübatmi (Abatrni), 1) Guido Ubaldo, geb. 1600, gest. 1656; Maler der röm. Schule, welcher mit Romanelli unter Bernini für Papst Urban VII. die Zimmer des Vaticans in Rom ausschmückte; von ibm in Rom: eine Verkündigung (im Nonnenkloster Sta. Clara), die Himmelfahrt der Maria (im Augustinerkloster), die Glorie (Deckengemälde der Kapelle des Cardinals de Cornari in der Kirche Viktoria). Er zählt zu den Manieristen u. verband, die Wirkung zu erhöhen, als einer der Ersten die Plastik mit der Malerei, indem er aus Deckenbildern Reliefs heranstrcten ließ. Die Noth zwang ihn, Mosaik zn arbeiten; cs wurden auch nach seinen Cartons Mosaiken ausgeführt. 2) Antonio Maria, 1605 zu Tiferno geb-, st. 1677 zu Rom; ital. Kirchencomponist. Durch seine Motetten berühmt, wurde er Musikdirector an St. Giovanni, dann im Lateran, später zu St. Lorenzo bei den Jesuiten, 1649 au Sta. Maria Maggiore. Abbau u. Ausbau nennt man die Verlegung der Bauernhöfe aus den Dörfern in die Feldmark ihrer Ländereien, sowie auch die Anlage neuer Vorwerke auf größeren Gütern. Abbau und Ausbau haben in Betreff der Bewirth- schaftung der ncugebildctcn Grundstücke Vorthcilc, wenn dieselben auf zweckmäßigen Grundsätzen beruhen; sie ersparen Zeit und Arbeit, ermöglichen eine bessere Beaufsichtigung der Arbeiter, vermindern die Abnutzung der Geräthe u. beugen größerem Schaden durch Fcuersbrünstc vor. — Im Bergbau heißt Abbau eines Werkes die Art und Weise, wie die Mineralien der Lagerstätte gewonnen werden (s. Bergbau). Eine Grube ist abgcbaut, wenn der weitere Betrieb derselben wegen der Erschöpfung des Erz- od. Kohlcn- rc. Vorrathes aufgcgeben wird. Abbanmcn, 1) (Jagdw.) von Mardern, Katzen, Vögeln re., vom Baume hcrabklettern oder wcgfliegen. 2) (Web.), Gewebe vom Webe- banm nehmen. Abbaye (l'), Dorf, 1220 Ew., im Jonx-Thal des schweizer Kant. Waadt am Lac de Joux, mit ehemaliger, 1140 gestifteter Prämonstratenser- s 24 snvnnts — Afifieokutti. Abtei, von der nur noch die Kirche steht. 4 Im davon, am Mont-Tendre die tiefen Chauditres d'Enfcr, „Höllenkessel", mit schönen Stalaktiten. übbs>e de eavsnts (fr.), Gclchrtenabtei. Abbe (fr.), Abt, hießen in Frankreich vor der Revolution die Vorsteher eines Klosters, od. auch alle Diejenigen, welche theologische Studien gemacht, jedoch noch nicht die Priesterweihe empfangen hatten. Seit Franz I. hatten nach einem mit Papst Leo X. abgeschlossenen Concordat die Könige von Frankreich das Recht, 225 ^bdvs ooinmcnäatairos als weltliche Abteivorstchcr einzusetzen, denen bedeutende Einkünfte von den Klöstern re. zufielen, während sie nicht einmal die Verwaltung der Klöster leiteten, sondern für sie die sogenannten Urlsurs clanstralos. Sie sollten eigentlich innerhalb Jahresfrist die Priesterweihe erlangen, wurden indessen meist auf unbestimmte Zeit davon dispcnsirt. Mit diesen Stellen wurden deshalb meist jüngere, arme Söhne des Adels versorgt, oder auch Gelehrte. Viele A-s, denen keine Pfründe zufiel, wandten sich je nach Geburt ud. Befähigung dem Lehr- od. Schriftstellerstande zu, u. andere übten als Hauslehrer, Gcwissensräthe und Hausfreunde bedeutenden Einfluß auf die Gcsellschafts- u. Bildnngsver- hältnisse der höheren Kreise. Da sich so manche unter ihnen in Wissenschaft und Literatur auszeichneten, behielt der Titel früher stets ein gewisses Ansehen, während er seit der Revolution in Frankreich nur noch als Höflichkcitsanrede an junge Geistliche angewendet wird. Die Kleidung der A-s bestand in einem kurzen schwarzen od. dnnkelviolettcn Gewände mit einem kleinen Kragen, n. ihr Haar war in eine runde Locke geformt. Abbe***, Zeichen, dessen sich ein moderner französischer Schriftsteller bedient, der durch seine die Gebrechen des Katholicismus geißelnden Romane Aufsehen erregte. Die hauptsächlichsten waren: Im manckit, Par. 1863, deutsch Lpz. 1863, 3 Bde.; I,a roliglenos, ebd. 1864, deutsch Lpz. 1864; Im Isonits, ebd. 1865, deutsch Lpz. 1865; Im moins, ebd. 1865, deutsch Lpz. 1865. Die Person des anonymen Verfassers zu enträthseln, hat man sich bisher vergebens bemüht. Abbeizon, vom Wilde, das junge Holz ab- weidcn; daher abgebeizter Hieb. — Abbeizen, abbrenncn, blankbcizen, beizen nennt man in der Technologie die dünne Oxydschicht, welche die glänzende Oberfläche geglühter oder gegossener metallenen Gegenstände verdeckt und unscheinbar macht, nicht mit mechanischen Mitteln, wie feilen oder scheuern, sondern mit chemischen wieder entfernen; es geschieht dies mit Scheidcwasser, Schwefelsäure od. anderen das Metall selbst nicht angreifenden Mitteln. Ferner heißt A. das Beseitigen der Haare von den Fellen in der Gerberei, Ivo als Beizmaterial Kalk dient, sowie bei der Gewinnung derKaninchenhaare znrHutfabrikation, wo ebenfalls Kalk gemischt mit Pottasche u. Kochsalz angewandt wird. Abbe IsmS (der ältere), Philippe, Pierre du Saint-Sevin genannt, u. Abbe endet (der jüngere), ebenfalls Pierre du St.-Sevin, beide Musikmeister an der Pfarrkirche zu Aachen, wurden in ihrer Eigenschaft als Cellovirtuosen, erstcrcr 1727, letzterer 1730, an der Großen Oper zu Paris angestellt. — Josef Barnabe de St.- Sevin, genannt l'Xddv lila, Sohn des Erstgenannten, geb. 1727 zu Aachen, wurde Schüler Üe Clairs, ausgezeichneter Violinist an der Großen Oper zu Paris und am Theater in Bordeaux, schrieb: Urlnoipos äo Violon, Bord. 1772, u. zog sich 1776 von der öffentlichen Thätigkcit zurück. Abbeloos, Joh. Bapt., Canonicus am Domkapitel, Professor der Exegese n. des Hebräischen am Priestcrseminar zu Mecheln, geb. 1836 bei Brüssel, schrieb: I)o vita et aeriptis 8. lamodi Latnaruin Ilpiaoopi, Löwen 1867; gibt mit Lamy den kirchengeschichtlichen Thcil der syrischen Chronik des Abulfaradsch seit 1872 heraus. Abbema, Wilhelm v., Zeichner u. Kupferstecher, geb. in Crcfeld 1811, von 1830 — 33 Schüler der Düsseldorfer Akademie, anfangs Landschaftsmaler, dann Radirer und seit 1846 landschaftlicher Kupferstecher. Arbeitete nach A. Achenbach, C. F. Lessing, C. Schemen, C. Capellen, C. Roß u. nach eigenen Zeichnungen. Besonders bekannt sein Blatt des Kölner Domes, 1842. Abbene, Angelo, ital. Chemiker u.Pharmaceut, geb. 1799 in Lesegno, wurde Professor in Turin u. lehrte am Hospital äi Oarltä in Turin und an der Universität 20 Jahre lang; seit 1847 Lehrer der pharmaccutischen Chemie, hielt er auch unentgeltlich Vorträge über landwirthschastliche Chemie u. erhielt 1832 eine Prämie für eine Anweisung zur Vermehrung der Pottaschcproduction in Piemont. Ferner war A. Mitglied der medicinischen Akademie, Viccpräsidcnt des obersten Gesundheits- rathcs und des landwirthschaftlichen Vereines, der ihm seine Entstehung verdankt, Mitredactcur des Lllornalo cli larmaoia, olllmioa o seiende slllni. Er st. 1. Juni 1865. Er schr. u. a.: 8a^g;iu tlsiologloo-oülinioo sali lnllnoima äslla inaZnssla nativa (^lobsrtito) nslla, Forminamons, vsAsta- tlans s irultitloarlons clolle plante, 1838; 8»Mlo elrimioo-agwonomioo jutm-im all' aegua äello staAno cll 8anlnrl ln Zarcka^na, 1842; 8nlla inalattia ävl pomo (ll terra; Del' arsenioo ln- trockotto nel olZarl; XoLivni intvrno all' arte äl ladbrloars ll pano cki innnmlone etc. Abbenflethcr Sand, eine Insel in der Elbe, Landdrostci Stade der prcuß. Prov. Hannover. Abbenrode, Dorf im Kreise Halberstadt des preuß. Rcgbez. Magdeburg, an der Eker; Papicr- u. Ölmühle, Eisenhammer; 1200 Ew. Abbeoknta, Hptst. des afrikanischen Ncgerreiches Egba od. Jornba (im engeren Sinne), im östlichen Theile von Obcrgüinca, am Fluß Ogun, der bis zum Orte Agbameja, dem südlichen Hafen von A., schiffbar ist. A. ist von hier noch etwa 11 üm entfernt und liegt auf und zwischen vielen Granithügcln, woher ihr Name, der „unter den Felsen" bedeutet; der Umfang ihrer äußeren Umwallung beträgt mehr als 37 üm, innerhalb deren aber auch viele Felder liegen; die Stadt ist höchst unsauber, hat enge, krumme Straßen u. Häuser aus gestampftem Lehm. Die Residenz, ebenfalls ans Lehm erbaut, heißt Ake, daher der König den Titel Al-Ake (d. i. Besitzer von Ake) führt; Ake heißt auch einer der vier Stämme Abberufung - A. mit warmer christlichen Gesinnung unter den gewaltigen Eindrücken der Fridcricianischen Zeit i ein antikes Nufgeheu in die Idee des Gemein- l Wohles und predigte zugleich mit jugendlichem > Feuer n. klarem Verstände die Aufopferung für das Vaterland. Seine Sprache ist kernhaft, ur- i sprünglich, nicht immer nngesncht, ergeht sich in > geistreichen Metaphern und erhebt sich gern zu : rednerischem Schwung. Seine Vermischten Schrif- ! len von F. Nicolai, Berl. 1768—81, 2. Ausl, i 1790, hcrausgegcbcn. ! Abbuna (d. h. unser Vater), Name des obersten ; — Abchasien. > abessinischcn Geistlichen der äthiopischen Kirche, in - der Regel ein Kopte, welcher vom koptischen Pa- > triarchen von Alexandrien geweiht worden. : A-b-c, das, die nach den 3 ersten Buchstaben : benannte ganze Reihe derselben, Alphabet; > das A-b-c einer Sache, bildlich: deren Anfangs- grüude. A-b-c-Bücher oder Fibeln nennt man die . Bücher, welche die Anfangsgrüude des Lesens u. : nur Gegenstände für den ersten Unterricht enthalten. In: Mittelalter wurden die Namen der - Heiligen zu den ersten Lcseübungcn benutzt. Lu- : thcrs Fibel, „Ein buchlein für die leycn und - kindcr", das erste deutsche A-b-c-Buch, enthielt : das Alphabet, das Vaterunser, den Glauben, , einige Gebete u. Titulaturen zum Briefschreiben, u. fand große Verbreitung. Valentin Jckelsamer, ein Schulmeister zu Rothenburg a. d. Tauber, später in Erfurt, gab um 1531 unter dem Titel „Deutsche Grammatica" das erste eigentliche Lese- büchlcin heraus, in dem er bereits das Lesen ohne Buchstabiren lehrt. Seit Anfang' des 18. Jahrh. wurden die Fibeln mit Bildern zur Erläuterung u. Neimen zur leichteren Einprägung der Buchstaben ausgestattet. Die bekannten, nichts weniger als gelungenen Fibclvcrse werden Bicnrod, einem Schulmann in Wernigerode, zugeschricben. Schon frühzeitig war ein Hahn als Symbol der Aufmerksamkeit das Titelbild der Fibel u. auf der Rückseite kam bald das Einmaleins dazu. Spätere neue Lesemethoden brachten Veränderungen und Verbesserungen in die N-b°c-Bücher, so in Zeidler (1700), Weiße, Lpz. 1772, Vogel, Des Kindes erstes Schulbuch, Lpz. 1842, Campe, Salzmann, Hahn u. v. A. (Vgl. Lesen u. Lesemethoden, s. auch Fibel.) Ä-b-c-dlNÜa (^omslla mauritiana 1^er.s.)> auf Amboiua, Ceylon u. Tcrnate häufig wachsende Pflanze, an welcher das Kraut u. wol auch die Früchte als antiskorbutische Mittel officinell waren, u. welche diedortigenLehrer von denKindern kauen lassen, um durch ihre Schärfe die Zunge beweglicher zu machen u. die Aussprache der arabischen Zischlaute zu erleichtern. A-b-c-darien, die sogen. Realwörterbüchcr,in welchen die sächsischen Rechtsbücher (Sachsenspiegel u. die zu dessen Familie gehörigen Rcchtsbücher) nach Rubriken in alphabetischer Ordnung behufs leichterer Handhabung bearbeitet wurden. Ein Werk der Art ist das Lromptuarium jurio von Gcnglcr, blllavMs 1854. A-b-c-darn, Spottname der Wiedertäufer, weil sic anfangs alle Wissenschaften, selbst Lesen u. Schreiben, verwarfen. A-b-c-darins,A-b-c-Schütz; a-b-c-diren, die Noten nach ihrer Benennung (o ci s re.) Heesingen. In der italieuischcnGesanglchrc heißt es solmisiren oder solfeggircn, s. Solmisation und Solfeggio. Abchasien, Absne, Abchasi, Abchaseti, Abasa, russische Landschaft zwischen der OKüste des Schwarzen Meeres, Mingrclicn, dem Kaukasus u. Tschcrkcssengcbict; gcthcilt in Groß-A. am Meer und das östl. davon gelegene Klein-A.; durchzogen von den Abchasischen Kaukasusketten (s. Kaukasus), die sich in einigen Gipfeln zur Schneegrenze erheben; von fischreichen Flüssen (Galadsga, 29 A-b-c-Schützen — Abdachung. Kodor, Gaginis rc.) bewässert. Der Boden ist namentlich in den Thälern fruchtbar. Productc: vortreffliches Nutz- u. Schiffsbauholz, Mais, Feigen, Granaten, Obst, Wein, Getreide, Wildhonig, langhaarige Ziegen, Schafe, Rindvieh rc. Das Klima ist im nördl. Thcil gesund, im füdl. dagegen wegen der großen Hitze (bis 38") u. ausgedehnter Sümpfe ungesund. Die Abchasen, etwa 145,000 an der Zahl, sind hager, mittelgroß, aber kräftig, schwarzhaarig, bräunlich, trotzig, grausam, rachsüchtig u. räuberisch; zum Gebiete der Abchasen gehören noch die Üblichen (ca. 25,000), die Schapsugcn u. A. Sie treiben aus Trägheit wenig Ackerbau (nur Mais u. Hirse), mehr Viehzucht (Pferde, Esel, Schafe), rohe Gewerbe in Webereien u. Eisen; ihre Begräbnißstatten unterhalten sie besser als ihre eigenen Wohnungen, die elende Hütten sind. Stände: Bauern, Edcl- leute, Häuptlinge, große Grundbesitzer n. Fürsten, diese mit Leibwache (Tschinanscha). Die Sklaverei ist seit 1870 hier wie überhaupt in Kau- kasien ausgehoben. A. ist eingetheilt in 13 Gemeinschaften: eigentliches A., zwischen Jngur u. Bsyb, 94,000 Ew. unter einem einheimischen Fürsten; Festung Bombory u. Küstenforts Suchum-Kale (das viosourias der Alten), Pitzunda, Gagry; die Landsch. Zebclda, 9000 Ew., am ober» Kodor; Samursakan, vom Onchur bis zum Jngur, 9900 Ew., Festungen Anaklia u. Jlory; das Land der Sadscn, 16,900 Ew.; die Abasincn, am obersten Nordabhange des Kaukasus, 6400 Ew.; die übrigen nur bis etwa 1000 Ew. In den Küstenforts befinden sich Bazars, u. wird von hier aus hauptsächlich der Handel getrieben. — Die alte Gesch. von A. ist dunkel; schon die altenBewohner hießen Ab as gi; erst zur Zeit des Oströmischen Reiches wird es bekannter, indem der Kaiser Justinian die benachbarten Lazier unterwarf. Damals wurde das Christenthnm auch in A. gepredigt u. Kirchen gebaut, deren Spuren erst unter der türk. Herrschaft verschwanden. Bis zum II. Jahrh. hatte A. eigene Könige; nach seiner Vereinigung mit Georgien verfiel die einstige Cultur; mit Georgien kam cs unter mongolische Herrschaft. 1451 machten die Türken einen Vcrwüstnngszng nach A. u. fügten cs nach der Eroberung des Byzan- tinischenReiches dcmOsmanischcnReichebci. Lcvan Bei u.SurabaBci, beide ans der Familie Scherwa- schidsc, schüttelten 1771 die türkische Herrschaft, wenn auch nur für kurze Zeit, ab. Aber schon nach 3 Jahren empörte sich Kclisch Bei, wurde Christ u. behauptete sich als russischer Vasall. Nach dessen Ermordung durch seinen Sohn Aslan folgte ihm sein Sohn Safar Bei, ebenfalls unter russischer Oberhoheit. Nachdem nach seinem Tode 1821 sein ältester SohnDimitri, Oberst im russischen Heere, 2 Jahre Regent gewesen war, folgte 1823 dessen jüngerer Bruder Michael Scherwaschidse. Durch den Vertrag von Akjerman 1826 wurde ein Theil von A., durch den von Adrianopcl 1829 der Rest an Rußland abgetreten und dem russischen Reiche cinverlcibt. Bis 1837 hatten die Russen nur die Küsten inne, seitdem aber auch das Binnenland; in jenem Jahre unterwarf sich die Zebclda u. 1839 das Land Samursakan; in der Zebclda setzten die Russen einen Verwalter ein. Nachdem 1864 die Türken noch einmal die A. gegen Rußland auszureizcn versucht, ist A. den Russen vollständig unterworfen; der nördl., größere Thcil des Üandcs gehört zu Ciskaukasien (Kuban), der südl. (Samursakan) zum transkaukasischen Gouv. Kutais. Vgl. Bodenstedt, Die Völker des Kaukasus, Berl.2. A. 1855; Haxthausen, Transkaukasien, Lpz. 1856; Baumgarten, Scchs- zig Jahre des Kaukasischen Krieges, ebdas. 1861; G.RaddesReiseberichte in denJahrg. 1366—1868 der Pctermannschcn „Mitthcilungcn". Die abchasische Sprache ist mit der tschcr- kessischcn verwandt n. unter den ohnehin rauhen Sprachen der Kaukasusbcwohner eine der rauhesten, ebenso schwer durch Häufung der Consonanten, wie unangenehm durch Aufeinanderfolge der Vocalc (Hiatus). Vgl. Roscns Abhandl. über das Mingre- lische, Suanische u. Abchasische in den philologischen u. historischen Abhandl. der Berliner Akad. der Wisscnsch. Jahrg. 1845. A-b-c-Schützcn hießen im Mittelalter jüngere Schüler, welche hcrumzichcndcn älteren Schülern (Bacchanten) völlig überlassen waren, so daß sie diese bedienen u. auch für deren Lebensunterhalt sorgen mußten, was meist durch Betteln u. Stehlen (in der Schulsprache „Schießen") geschah. Heutzutage nennt man noch Schüler der untersten Klassen im gewöhnlichen Leben so. A-b-e-tnorinm (A-b-c-turium, Abgato- rium oder Abici), eine von Gregor d. Gr. bei der Einweihung von Kirchen vorgeschriebene Ccrcmonic, wobei der weihende Bischof zu beiden Seiten des Hochaltars in die ans den Boden gestreute Asche mit seinem Stabe die griechischen und lateinischen Buchstaben schrieb, als bildliche Ermahnung an die Versammelten, sich Alles ins Herz zu schreiben, was sie in der Kirche hören würden. Abd (arab.), Knecht, Sklave, findet sich häufig in Zusammensetzungen mit den verschiedenen Namen Gottes zu Eigennamen, z. B. Abd-Allah, Knecht Gottes, Abd-el-Kadcr, Knecht des mächtigen Gottes, Abd-nr-Rahman, Knecht des barmherzigen Gottes. Abda, 1) (Brückel) Pfarrdf. im ungarischen Com. Raab, an der Raab, 750 Ew.; Uebcrgangs- pnnkt in den Türkenkriegcn. 2) Araberstamm in Marokko, am Meere, mit der Stadt Ajafi. Abdachcndcs Kreuz (Viehz.). Ein tadelloses Kreuz bildet mit dem Rücken n. der Lendcnpartie oben eine geradeLinie; hat das Kreuz eine von die- scrLinic abwcichendeLage, eine starke Neigung nach abwärts, dann ist cs ein abdachendes, abfallendes, abgeschlagenes Kreuz; ein solcher Ban des Kreuzes beeinträchtigt fast stets die Leistungsfähigkeit, immer aber die Schönheit des Baues der Thiere. Abdachung, in der Geogr. die zwischen dem Fuß u. Rücken eines Gebirges od. Berges liegenden Senkungen, die man auch Abfall oder Abhang nennt. Man bezeichnet sie nach jener Himmelsgegend, nach welcher sie vom Rücken ans gelegen sind; so haben die Alpen u. Pyrenäen eine N.- u. S.-A., der Ural n. Schwarzwald eine O.- u. W.-A. Nach Form u. Neigung unterscheidet man eine 30 Abdal — Abdampfen. concavc und convexe, stetige und gebrochene, sanfte, steile, schroffe, jähe, prallige A. Häufig ist die Neigung der einen A. bedeutender, als die der anderen, u. man hat deshalb eine steilere u. flachere zu unterscheiden; in der Regel kehren die Gebirge ihre steilere A. dem zunächst gelegenen Meere oder Tieslande zu. Sehr viele Gebirge, die von N. nach S. streichen, sind im W. steiler, so die Cordillcrcn in Amerika; n. viele von W. nach O. streichenden sind nach S. steiler, wie die Alpen, die Pyrenäen, das Erzgebirge, die Karpathen, der Himalaja; eine Ausnahme hiervon macht der Kaukasus. Als Synonym wird häufig Böschung (s. d.) gebraucht. Abdal, Plural vom arab. baärl. d.h. Mystiker. Bei den Persern bcd. A. so v. w. Kalender, d. i. Mönch, Wandermönch, der mit geschorenen Kopf- u. Barthaaren einhergeht, über alle Gebräuche und Einrichtungen sich hinwegsetzt, die Welt verachtet, durch pünktliche Befolgung der göttlichen Gebote n. Vorschriften sich gleichsam in das göttliche Wesen versenkt und im beschaulichen Leben das größte Glück findet; Enthusiast. In der afghanischen Sprache (Unsütn) bedeutet dieses Wort nach Elphinstonc „rasend, besinnungslos". Abdallah (arab., d. h. Knecht Gottes). 1) A., Sohn des Abd-cl-Mottalib, gcb. 545 n. Ehr. zu Mekka; der Vater des Propheten Mohammed, dessen Geburt er aber nicht mehr erlebte. Kaufmann in Mekka, vermählte er sich 569 mit Amineh, der Tochter Wahbs, Häuptlings der Benu-Zahra, n. st. 570 ans einer Handelsreise zu Jathrib, dem späteren Medina. 2) A., Sohn des Abbas, Oheim der beiden ersten Khalifen aus dem Hause der Abbassiden, besiegte den Khalifen Merwan II. in der Schlacht bei Zcb, so daß dieser nach Ägypten fliehen mußte, u. ließ 752 fast alle Abkömmlinge der Omajjaden auf grausame Weise ermorden. 754 , nach dem Tode des ersten Khalifen aus dem Hause der Abbassiden, seines Neffen Abul-Abbas mit dem Beinamen Al-Saffa, der Blutige, ließ sich Abdallah selber zum Khalifen ansrnfen, mußte aber, von dem Bruder jenes, Abn-Dichaafar, gen. Al-Mansor, im Kampfe besiegt, zu seinem Bruder Soliman nach Bassora fluchten, wurde jedoch nach einiger Zeit entdeckt u. gctödtct. 3) A. ben Aasen, gcb. in Nefis im nordwcstl. Afrika. Er vereinigte sich 1035 mit Jahja, Fürsten von Senhadsche, um die arabische Nomadcnstümme zum wahren Islam zu bekehren, u. wurde das geistliche Oberhaupt einer zahlreichen Sccte, welche sich Morabethnn nannte u. einen Stamm nach dem anderen mit Waffengewalt ihrem Glauben unterwarf. A. fiel 1058 in einem Feld- zuge gegen den Stamm Barakauta. Sein Nach wlger Abu-bekr-bcn-Omar, welcher das bereits ansehnliche Reich im NW. Afrikas noch weiter nach S. u. W. ausdchnte, 1070 Marokko gründete n. der nächste Ahnherr der mächtigen Hcrr- schcrfamilic der Moraviden oder Almoravidcn wurde. Nbdämmcn, das Wasser durch einen vorgc- banten Damm halten; iin Hüttcnw. das ge schmolzenc Erz von einer Dammgrnbe abspcrren, um eS in eine andere zu leiten (s. Dammgrnbe). Abdampfen (evaporircn), das Lösungsmittel durch Überführen in den gasförmigen Zustand aus einer Lösung entfernen, so daß der gelöste Stoff in fester Form zurückbleibt. Das A. kann durch freiwillige Verdunstung geschehen, oder durch künstliche Mittel herbeigeführt werden. Die Verdunstung findet nur an der Oberfläche statt, erfolgt also um so rascher, je größer die Oberfläche der abzudampsenden Flüssigkeit ist. Die Verdunstung wird ferner beschleunigt durch Wärme — sei cs die Sonnenwärme oder auch künstlich zugeführte —, sowie durch Fortführung der über der Flüssigkeit lagernden, mit Dampf gesättigten n. dadurch die fernere Verdunstung hindernden Luftschicht — mittels natürlichen Luftzuges, oder künstlich mittels eines Ventilators. Die freiwillige Verdunstung ist da, wo es nicht auf rasches A. ankommt, der Kostenersparniß wegen angezeigt. So wird die Salzsoole theilweise abgedampft und dadurch concentrirtcr gemacht in den Gradirwerken, in welchen man die noch wenig concentrirte Soole über Dornenwände hcrabtropfcn läßt; dadurch, daß sie sich auf den Reisern der Dorncnwändc ausbrcitet, wird ihre Oberfläche außerordentlich vergrößert und hierdurch die Verdunstung beschleunigt. Das Seewasser läßt man in den Salzgärten, Systemen zahlreicher vierseitiger flachen Bassins, verdunsten, wobei sich zuerst andere Salze, später das Kochsalz (Scesalz) krystallinisch abscheiden. Auch wenn durch A. möglichst große u. regelmäßige Krystalle erhalten werden sollen, wählt man den Weg der freiwilligen Verdunstung.— Soll die Verdunstung des Lösungsmittels durch künstliche gelinde Erwärmung befördert werden, so bedient man sich flacher, dünnwandiger Gefäße; im Kleinen wendet man Uhrgläser oder sogenannte Abdampfschalen aus Porzellan, Stcinzeug, Glas oder Metall an, welche man zur Fernhaltnng des Staubes zweckmäßig mit Papier bedeckt; im Großen Pfannen, flache Kessel w. Das Erwärmen geschieht entweder über freiem Feuer, oder mittels Dampf, oder in Bädern, s. d. Art. Bad. Das A. befördert man durch Umrührcn und bewegt den Rührer entweder mit der Hand, oder mittels eines Räderwerkes, welches durch Gewichte, kleine Turbinen, Dampfmaschinen re. in Bewegung gesetzt wird. Um dagegen das A. durch Sieden zu bewirken, wählt man tiefere, unten gewölbte Gefäße, welche dem Hcizmittel eine größere Fläche darbieten; man kann dieselben mit einem Deckel verschließen, der mit einem Abzugsrohr für den Dampf versehen ist. Das A. wird im Großen auch häufig dadurch bewirkt, daß man die heizende Flamme über die Oberfläche der Lösung streichen läßt. Wässerige Lösungen können ferner dadurch zum rascheren A. gebracht werden, daß man sie mit hygroskopischen Substanzen, d. h. Stoffen, welche Wasserdampf anzichcn (concentrirtcr Schwefelsäure, Chlorcalcinm u. a.), zusammen in einen luftdicht verschlossenen Raum bringt. Die Lösung verdampft dann in dem Maße, als jene Stoffe den Wasserdampf anfnehmen. So stellt man eine kleine Schale, welche die abzudampfende Lösung (oder auch zu trocknende .Substanzen) enthält, mittels eines Trahtdrcieckes auf ein Abdanken Abd-cl-Kader. 31 mit coucentrirter Schwefelsäure zum Theil gefülltes Gefäß, fetzt diefes auf eine ebeue Scheibe (von Holz oder Glas) u. bedeckt das Ganze mit einer Glasglocke, deren (am besten abge- schliffcner) Rand niit Talg bestrichen ist (Exsicca- tor). Noch leichter erfolgt das A., wenn man zugleich den luftleeren (luftvcrdünutcn) Ranm anwendet, weil mit der Abnahme des Luftdruckes auch der Siedepunkt der Flüssigkeiten sinkt u. weil die Verdunstung stets in der Nähe des Siedepunktes am leichtesten und raschesten statt- fiudct. Das A. im Vacuum ist bei solchen Substanzen unerläßlich, welche durch Einwirkung der Luft oder erhöhter Temperatur eine chemische Veränderung erfahren. Im Großen verwendet man hierzu, besonders in der Zuckersiederei, die sogen. Vacuumpfaunen, luftdicht verschließbare, durch Dampf heizbare Pfannen mit Con- densator für den sich bildenden Dampf, in welchen die Lust durch Luftpumpen verdünnt wird. Abdankcn (lat. abctioars), den Abschied fordern, sein Amt freiwillig niedcrlcgen, kann der Staatsdiencr in jedem Augenblick, jedoch vorbehaltlich der zuvorigen Erledigung der ihm obliegenden Pflichten (z. B. der Kassenbcamte erst nach Rechnungslegung). Die erbetene Entlassung aus dem Amte darf unter dieser Voraussetzung nicht verweigert werden, indcß erst durch diese wird der Beamte seines Dienstes entbunden. Es gibt aber auch Ämter, zu deren Übernahme Jemand verpflichtet war und von welchen er deshalb nicht anders als aus bestimmten gesetzlich anerkannten Gründen zurück- treteu kann (z. B. Ehrenämter in der Gemeindeverwaltung). — Tie Abdankung (lat. Abdikation) von Regenten, das Niedcrlcgen der Regierung, kann ebenfalls freiwillig, oder durch Aufruhr und andere Verhältnisse erzwungen sein. Kaiser Diocletian, Karl V., König Philipp V. von Spanien, Kaiser Ferdinand von Österreich, König Ludwig l. von Bayern haben z. B. abgedankt. Nach heutigem Staatsrccht kaun ein Regent nur zu Gunsten seines Thronfolgers abdanken, da die Thronfolge rechtlich geordnet u. jeder willkürlichen oder einseitigen Abänderung entzogen ist. Im Augenblick der Niederlegung der Krone wird der abdankcnde Fürst Unterthan dos neuen Besitzers derselben. — A. hieß auch u. heißt da und dort noch die Dankrede des Geistlichen oder Lehrers für Geleite bei einer Leichenfeier. St. Abdas, Bischof von Susa, veranlaßte 414 durch Zerstörung eines persischen Feuer- tcmpels, wobei er den Mürtyrertod erlitt, die 2. Christeuversolgung in Persien. Abdecker!, das Entfernen, Abziehen oder Abnehmer! des Felles von den crcpirtcn, eingegangenen Thieren. Abdecker (Fallmeistcr, Fcldmcister, Frei- knccht, Kafiller, Schinder, Wasenmeistcr), Personen, welche sich gewerbsmäßig in einem bestimmten Bezirke mit dem F-ortschasfeu, Abledern, Abdecker!, Verscharren und Berwerthcn der cre- pirtcn u. gefallenen Thicre beschäftigen. Früher gehörten die Abdeckereien theils den Gemeinden, (Heils den früher sehr bevorzugten Rittergütern, in neuerer Zeit größtentheils den A-n selbst. Die A. hatten ein Recht auf Überlassung aller in ihrem Bezirk gefallenen Thiere, jedoch war dieses in den verschiedenen Gegenden verschieden ausgedehnt; während in einigen Gegenden der A. dem Besitzer eine, wenn auch geringe, Entschädigung für die Überlassung des Cadavers zu geben verpflichtet war, bestand in anderen Gegenden für den Besitzer keine Berechtigung, irgend welchen Theil des gefallenen Thicres sich anzueignen; er durfte oft nicht einmal die Schwänzelnd Mähnenhaare abschneiden oder selbst die Hufeisen der Pferde abreißcn; oft wurde sogar den A-n für die Abholung der erepirten Thiere ein festgesetzter Lohn gegeben. Dadurch, daß dis sämmtlichcu Theile der gefallenen Thiere gut ver- werthet werden konnten, wie z. B. Haut, Knochen, Sehnen, Fett, Fleisch, in den Gerbereien, Knochenmühlen, Leimsiedereien n. s. w., auch durch das Mästen namentlich ber Schweine, wurde das Gewerbe der A. ein recht einträgliches, vorzüglich in der Nähe größerer Städte, wo viele eingegangene Thiere ihnen zuficlen. In einzelnen Gegenden, namentlich in Städten, ist den A-n auch die Beaufsichtigung über die Hunde übertragen; sie haben herrenlos oder auch ohne Stcuermarke oder Maulkorb (wie z. B. in Berlin) hcrumlausende, auch kranke und tolle Hunde einzufangen, event. zu tödten. Der Scharfrichter läßt, wenn er etwa zugleich die Abdcckercigerechtsame besitzt, diese nur von Knechten ausübeu; dagegen müssen die A., wenn Jener nicht da ist, das Henkeramt mit versehen. In Preußen sind die auf dem Ab- dcckereigewcrbe beruhenden Berechtigungen durch das Gesetz vom l7. Dec. 1872 aufgehoben, beziehungsweise für ablösbar erklärt. — Nack dem alten deutschen Rechte waren die A. nick ehrlos, also vor Gericht zeugenfähig, aber an rüchig, u. deshalb vom Eintritt in die Zünfte, den Militärdienst u. Ehrenämter ausgeschlossen; ihre Kinder nur dann, wenn sic dasselbe Gewerbe ergriffen; dieser Makel ist jetzt in den meisten Staaten beseitigt. Abdeichen, abdämmen, tiefgelcgcne Ländereien vor Überschwemmungen durch Dämme (Deiche) schützen. Abd-cl-Kader (eigentlich Sidi el-,7iadschi A. - e. - K. UledMahiddin), geb. 1807 bei Mas- kara, stammt aus einer Priestcrfam., als Sohn des Sidi el-Mahiddin u. der Zora, n. wurde zum Marabut (Priester) erzogen. Die außerordentliche Begabung des jungen Mannes, seine kriegerischen Eigenschaften, der Ruf der Heiligkeit erregten das Mißtrauen des Dcy von Algier, der ihm nun nach dem Leben trachtete. Dies bewog seinen Vater zur Auswanderung nach Ägypten, wo A. in Kairo sich mit curop. Wissenschaften bekannt machte. Durch eine Pilgerreise nach Mekka, die ihm den Beinamen cl-Hadschi (der Pilger) einbrachte, befestigte er unter seinen Landsleuten sein Ansehen, das er fernerhin in so hohem Grade besaß. Nach der Eroberung ! Algiers durch die Franzosen wählten die Araberstämme im Gebiete von Oran N-s Vater zu ihrem Feldhcrru, der jedoch diese Würde bald seinem Sohne übertrug. Nach wechselndem Kricgsglück vom Mai 1832 bis Januar 1834, während er 32 Abd-cl-Letis — Abkcra. jedoch seine Herrschaft über das westl. Algerien immer weiter ausbrcitcte, schloß er am 26. Febr. !834 einen Vertrag mit den Franzosen, wodurch er als Emir von Maskara anerkannt wurde. Der Sieg über den Schcikh Mussa el-Darkni bei Hausch-Amara, welcher ihn wegen des mit den Ungläubigen abgeschlossenen Vertrags anfeindete, machte ihn auch zum Sultan v. Oran u. Titteri. In einem neuen Kriege brachte er den Franzosen mehrere schwere Niederlagen, namentlich die an der Tafna 25. April 1836, bei, so daß diese sich dadurch u. um in ihrer Absicht, Con- stantine zu erobern, nicht behindert zu sein, bewogen sahen, ihm im Frieden an der Tafna 30. Mai 1837 bedeutende Concessionen zu machen. Die Waffenruhe mit Frankreich benutzte A. zur Erweiterung feiner Herrschaft in der Wüste u. unter den Kabylen. Im Nov. 1839 begann er, den Marsch des Herzogs v. Orleans durch sein Gebiet zum Vorwand nehmend, von neuem den Krieg mit den Franzosen und führte denselben anfangs meist glücklich; 1841 aber verließ ihn das Kricgsglück, so daß er sich bewogen sah, im Febr. bei dem Sultan v. Marokko Abdur-Rah- man einen Rückhalt zu suchen. Der im 1.1844 von neuem begonnene Kampf gegen die Franzosen wurde schon am 14. Aug. durch den Sieg der letzteren am Jsly beendet. In dem zwischen Frankreich u. Marokko abgeschlossenen Friedens- u. Grcnzvcrtrag vom 10. Sept. 1844 wurde A. als geächtet erklärt. Doch noch einmal versuchte A. von Marokko aus, wo er die kriegerischen Stämme für sich gewonnen hatte n. sogar den Sultan in seiner Herrschaft bedrohte, den Krieg zu erneuern und reizte auch die Kabhlcnstämme gegen die Franzosen auf; nachdem aber der Sultan von Marokko ihn im Dcc. 1847 auch aus seinem Lande geschlagen, mußte er sich, von zwei Feinden eingeklemmt, am 22. Dec. am Passe von Kerbens dem franz. General Lamoriciöre ergeben; über diese Kämpfe s. auch unter Algerien. Tie franz. Regierung ließ ihn gegen das ursprüngliche Abkommen mit Lamoricidrc, wonach er nach Ägypten oder Syrien übcrsicdelt werden sollte, mit den Seinen nach Toulon u. von hier am 29. Dec. in das Fort Lamalgne bringen, Ende April 1848 nach dem Schlosse zu Pan in Bearn u. im Nov. nach dem Schlosse Amboise bei Blois. Wiederholt, aber vergebens verlangte er von der Nationalversammlung seine Entlassung. Erst Napoleon III. gewährte ihm dieselbe auf wiederholte Verwendung des Lord Londondcrry n. nach mehrjähriger Verzögerung im Oct'. 1852, unter der Bedingung, seinen Aufenthalt in Brnssa (Kleinasien) zu nehmen. Hier widmete er sich, ganz zurückgezogen lebend, dem wissenschaftl. Studium der Dichtkunst u. der Erziehung seiner 11 Kinder von 3 Frauen; in Folge des Erdbebens 1855 verließ er diese Stadt u. ging nach Constantino- pel, von wo aus er 1855 auch die Ausstellung in Paris besuchte. Dann wendete er sich nach Damascus. Hier nahm er sich bei der Christen- vcrfolgung im Sommer 1860 der Christen kräftig an, wofür ihm Napoleon das Großkrcnz der Ehrenlegion verlieh; auch bezog er eine franz. Pension von 100,000 Fes. 1863 unternahm er eine Pilgerfahrt nach Mekka, 1864 eine Reise nach Ägypten, wo er die Suezkanalbauten besichtigte, ließ sich zu Kairo in den Frcimaurer- bund aufnehmcn u. beantwortete die ihni vor- gclegtcn Fragen ganz im Geiste der Humanität; 1865 besuchte er Constantinopel, dann Paris u. London u. 1867 wiederum Paris zur Weltausstellung. Seitdem lebt A. wieder in Damascus. Im I. 1871 bot er sich der Regierung der Nationalvertheidigung an, im Kriege gegen Deutschland zu dienen, wovon aber kein Gebrauch gemacht wurde. Im Sept. 1872 setzte die franz.. Regierung die bereits früher auf 40,000 Fes. reducirte Pension A-s aus Sparsamkcitsrücksichten auf 20,000 Fes. herab. Er schrieb ein religiös- philosophisches Werk in arabischer Sprache, welches franz. von Dugat, Rappel ä l'iutolligsut avis ü l'iuckilksiont, Paris 1858 erschien. Lebensbeschreibungen von Delacroix, Paris 1845, von A. Debay, Paris 1845, von Lamenaire, ebendas. 1848, u. von Bellemiwe 1863. Abd-el-Lettf (Abu Mohammed), berühmter arab. Gelehrter, Arzt u. Schriftsteller, geb. 1162 zu Bagdad, bildete sich auf der Acadcmia Nid- hamia zu Bagdad aus, trieb zuerst Alchemie, dann Medicin, wurde darauf in Mosul Prof, an der Akademie des Jbn Mohadschir, ging nach Jahresfrist nach Damascus, wo der Sultan Sa- lah ed-Din (Saladin) die berühmtesten Gelehrten der Zeit um sich versammelte. Nachdem er sich abwechselnd in Jerusalem u. Kairo aufgehalten, wurde er zu Damascus an der großen Moschee angestcllt, später lehrte er wieder in Kairo, u. im 1.1207 in Damascus, hier auch als Arzt prakti- cirend. Nach einiger Zeit ging er nach Haleb, von wo er eine einjährige Reise nach Kleinasien unternahm n. wieder nach Haleb zurückkehrte. Er st. auf einer Pilgerreise in Bagdad 8. Nov. 1231 u. wurde in dem sog. Rosengarten (cl-Wcrdia) begraben. — A. verfaßte 166 Schriften über verschiedene Gegenstände, von denen die bedeutenderen medicin. bei F. Wüstenfeld (Gesch. d. Arab. Ärzte u. Naturforscher. Gott. 1840) verzeichnet sind. Sehr berühmt ist A-s Buch über Ägypten, welches in viele Sprachen übersetzt wurde, am besten von Lilvostes äs 8ao^ ins Französ. (Relation <1s IIlMpto par ^bä-.411atik. Paris 1810). Sein Biograph ist Abu Oseibia (Hnlollatipüi LaAcka- «lemüo vita latins vertut I.LIouslsz'. 0xonii l808). Abdeln,elck, 1)A.Ebn Merwan, v. 684-705, der 11. Khalif (s. d.). 2) A., Schah v. Persien, st. 961, s. Persien. 3) A., Schah bis 999 (s. cbend.). 4) Ä. Ebn Kutn al Fahri, Statthalter des Khalifen Hescham in Spanien (s. d. Gesch.), v. 732—737 u. v. 740-744. 5) Scherif v. Marokko, 1557—72, s. Marokko. 6) Scherif ebenda, 1634—35 (s. ebend.). Addern, St. im alten Thrake, in der Nähe der Mündung des Ncstos, wurde der Sage nach von Herakles, der Gesch. nach aber von dem Kla- zomenier Timcsios (656 v. Ehr.) gegründet, von den Thrakern wieder zerstört u. von den vor Ky- ros flüchtigen Teicrn (543) von neuem bevölkert. Nach den Pcrserkriegen unabhängig, mächtig u. blühend, wurde es von Philipp v. Makedonien unterjocht, dann von den Römern erobert, aber Abdcros — Abdruck. 33 für eine Freie Stadt erklärt, welche sich noch bis ins Mittelalter hinein erwähnt findet. Trümmer bei dem heutigen Polystilo in Rumclicn. Die Ew. des alten A. waren wegen ihrer Beschränktheit u. Albernheit bekannt u. häufig von einem zcitweisen Wahnsinn befallen, der in der örtlichen Luftbeschaffenheit seinen Grund gehabt haben soll; Abderit war daher als Schimpfwort gebräuchlich. Trotzdem ist A. Geburtsort von Männern wie die Philos. Demokrit, Protagoras u. Anaxarchos u. des Geschichtschreiber Hekatäos. Lucian zu Anf- seiner Abhandl.: Wie man Gesch. schreiben müsse, u. Lafontaine in seiner Fabel: Demokrit u. die Abderiten, haben die Albernheit dcrs. geschildert. — Abderitismus nennt man noch heute beschränktes Wesen, Schildbürgerthum, Kleinstädterei; gegen dieses ist der Wielandsche Roman: Die Abderiten, gerichtet (spcc. zielt derselbe auf seine Vaterstadt Biberach); in der Philos. die Behauptung, daß das Menschengeschlecht nicht die Fähigkeit einer unendlichen Fortentwickelung habe, sondern daß es, auf eine gewisse Höhe der Bildung gelangt, wieder auf eine niedere Stufe zurücksinken und von vorn ansangen müsse. Abderisiren, faseln, alberne Dinge treiben oder reden. Abderos, Sohn des Hermes, ein schöner Knabe aus Opus in Lokris, befand sich unter den Begleitern des Alkedon, als Herakles nach Thrake zog, um die fcuerschnaubenden Rosse, welchen der Bistoncn-König Diomedes die in sein Land kommenden Fremden vorwarf, zum König Eurystheus nach Mykene zu bringen. Am Ufer des Ntcercs von den Bistonen eingeholt, vertraute Herakles, während er die Verfolger abwchrte, die Rosse dem A. an, der aber von ihnen zerrissen wurde. Nach ihm benannte Herakles eine von ihn: gegründete Stadt Abderos. Abderrhama», s. Abdur-Rhaman. Abdras, angeblich Apostelschüler u. erster Bischof v. Babylon, dem eine der vielen apokry- phischen Apostelgeschichte, eine Aist, eerta- urinis apostolioi (lat. in l?adricii 6ock. axo- orxxü. deutsch Stuttgurt18S5), zugeschrieben wird. üinüoatio übeeoeum, Lossagung eines Vaters von den Kindern; a tutsla, Ablösung, Entsagung der Vormundschaft; snris. freiwillige Entäußerung eines Rechtes; L.. Iwreältatis, Ver- zichtlcistung auf Erbschaft. Abdication, abdiciren, s. ab danken. Abdichten, s. Schiffbau. Abdomen (lat., Bauch), bei den Wirbel- thieren der Unterleib, der Theil deS Rumpfes, welcher den Magen, Darm, die Harn- u. Geschlechtsorgane enthält. Betz den Gliederfüßlern (L,rtkrroxocka) ist das A. od. der Hinterleib meist von frei beweglichen Ringen umschlossen u. trägt nal-Eingeweide, Eingeweide des Unterleibes; Abdominalkrankheiten, Krankheiten der Unterleibsorgane. übclomlnslss (lat.), Bauchflosser: Knochenfische aus der Gruppe der Physostomen (Weichflvsser, deren Schwimmblase einen Lustgang hat), mit Bauchflossen hinter den Brustflossen; nieist in süßem Wasser. Hierher die Familie der Heringe, Hechte, fliegenden Fische, Lachse, Karpfen,' Zahnkarpfen, Welse. Abdosstrcn (v. Fr.), abschärfen, schräg machen, s. Tossirung. Aüdraht, Abdrehspäne, Metallspäne, Abfall von der Metalldrehbank, welcbe mit Gips vermengt einen sehr festen Kitt geben; die von Zinn werden zur Bereitung der Scharlachfarbe benutzt. Abdrehnagel, starke Schraube mit Feilenhieben auf der unteren Fläche des Kopfes, zum Ebnen der gebohrten Schraubenmutterlöcher. Abdruck, 1) im eigentlichen Sinne des Wortes das Verfahren, mittels Anwendung von Druck auf einen Gegenstand einen anderen nachzuformen, z. B. einen Schlüssel mittels Wachses, dann das Ergebniß dieses Verfahrens. Der Gegenstand kann ein erhöhter, oder auch ein vertiefter sein. Er ist das Erste beim Bücherdruck, das Zweite beim Kupferstich u. bei der Zeichnung auf Stein niit der Nadel; er ist weder das Eine, noch das Andere bei der Kreidezeichnung auf Stein u. bei der Herstellung photographischer Abdrücke, wobei überhaupt von einem eigentlichen A. keine Rede ist. Jeder A. eines Gegenstandes gibt der Natur der Sache nach ein verkehrtes Bild desselben. Die Folge davon ist, daß die so gewonnenen Abdrücke vielfach nur zur Herstellung von weiteren dienen, welche den Gegenstand in seiner ursprünglichen Lage zeigen, indem man den ersten A. als Form für den zweiten benutzt. Handelt es sich um den A. „vertiefter", „einseitiger" Schnitt- producte, z. B. von Siegeln, so dienen dazu solche Stoffe, welche ihrer Natur nach geeignet find, alle Theile der Vertiefung genau auszufüllen u. nach dem Gebrauche mehr oder minder zu erhärten, wie z. B. Siegellack, Wachs rc. Will man erhöht Gearbeitetes abdrncken, wie z. B. Münzen, Medaillen, Gemmen rc., so muß davon zunächst eine Form gemacht und in diese dann ein conststenteres Material gedrückt werden. Vom Stanniol abgesehen ist es nothwcndig, die Form vorher ein wenig mit Öl oder anderem Fettstoff zu bestreichen. Zum A. von Münzen n. Medaillen empfiehlt sich ganz besonders Stanniol. Bei größeren Gegenständen, wie Medaillons, läßt er sich schwer oder gar nicht ohne. Verbiegen abnehmen, weshalb es sich empfiehlt, den Stanniol vor seiner Abnahme mit Gips zu überziehen. Noch besser als Gips dient zum mitunter (bei den meisten Krustern u. Tausend-!Ausgicßen der Form Alaun. Zuni Ä. flacher füßlern) Gliedmaßen (Abdominalfüße). Das A. metallener Gegenstände ist aufgelöste Hauscnblase ist bei den Tausendfüßlern nur höchst unvoll- oder durchgeseihtcr Tischlerleim gut zu verwenden, ständig von dem Bruststück od. Thorax geschieden; Ebenso gibt in der Hand geknetete warme bei den Skorpionen zerfällt es in einen vorderen'. Brodkrume gute Abdrücke. Einen überaus festen u. und Hinteren Abschnitt, das Präabdomen und! dauerbaren A., in den man beliebige Materialien, Postabdomen. Davon: Abdominal (in der ^ Metall ausgenommen, gießen kann, gibt mit Gall- medicin. Sprache), zum Unterleib gehörig, mit 'äpfeln oder Eichenrinde abgekochter Leim, dem demselben in Beziehung stehend. Also Abdomi- man '/g Kohle, Schiefermehl oder Schwefel glcich- Pi-r-rs Universal-Conversatiolls-rixikon. v. Allst. I. Band. Z 34 Abdrücken — zeitig beimischt. Schwefel gibt sehr feine Formen für den Gipsguß. Zum Einguß dient außer Gips rc. auch Metall. Für größere Formen dieur Thon, zum Einguß in dieselben namentlich Gips. Zum A. von Gegenständen aus künstlicher Holzmasse (aus sehr zerkleinertem, mit Leim vermischtem Holze) verwendet man zweckmäßig Blciformen. Holzornamente werden am besten mit nachstehender Masse abgedrückt: 1 Thl. Pech oder Kolophonium, 1 Thl. Terpentinöl mit Vs Thl. Wachs oder etwas Schellack, in welch sämmtliches man entsprechend viel Sägespäne oder Holzmehl einrührt. Blätter, die man ab- drnckcn will, legt man auf eine glattgeschliffene Stein- oder Glasplatte, die leicht mit Buchdruckerschwärze bestrichen ist, u. preßt sie dann zwischen Papierbogen (s. Naturselbstdrnck). Um Abdrücke von Schmetterlingen zu erhalten, bestreicht man feines Papier mit einer Auflösung von Gummi- traganth und Hausenblase in Branntwein oder Eiweiß, legt den Schmetterling darauf u. drückt mit dem Nagel vorsichtig auf letzteren, dann löst sich der Staub ab u. bleibt auf dem Papier sitzen; doch sind derartige Abdrücke selten schön. Die vervielfältigende Kunst benutzt zum Drucken Holz, Kupfer, Stahl u. Zink u. den sog. lithographischen Stein aus Solnhofen und als Mittel zum Druck die Presse. Beini Holzschnitt (s. d.) ist der zum A. bestimmte Thcil des Holzes erhöht u. wird mit Buchdrnckerschwärze angeschwärzt. Beim Kupfer-, Stahl- u. Zinkdruck ist dagegen die Zeichnung vertieft und zur Annahme von Druckerschwärze vorbereitet. S. u. Kupferstich. Der Werth der Abdrücke nimmt hier und beim Steindruck auf die Dauer ab. Bei der Kreidezeichnung auf Stein ist es die Beschaffenheit der Kreide, welche die Annahme der Druckerschwärze vermittelt. S. Lithographie. Über den photographischen Lichtdruck s. Albcrtotypie. 2) Im Buchdruck versteht man unter A. die Gesammt- heil der auf die Herstellung eines Druckwerkes gerichteten Thätigkeit. Ist eine gewisse Anzahl von Abdrücken als eine Auflage bildend scstge- stellt, u. wird das Werk später neuerlich durch den Druck vervielfältigt, so heißt das ein neuer A. (neue Auflage). Wird von dem ersten Satz in der Form von Platten ein A. gemacht, so spricht man von Stereotypie (s. d.). 3) In der Paläontologie die von Pflanzen oder Steinen in den sedimentären Gesteinen erhaltenen Überreste, wenn dieselben nur die äußere Form zeigen, im Gegensätze zu den Stcindarren, die nur die innere Form zeigen. Abdrücke» der Augen (Obstb.), Fortnehmen überflüssiger Augen, bes. bei den Pfirsichbäumen an den Fruchtzweigen, damit sie nicht zu viele Triebe Hervorbringen. Abduciren (lat.), wegführcn, ab- oder weg- zichcn; daher Abduction, Wegführung, Abziehung. Im anat. u. physiol. Sinne: Bewegung oder Haltung eines ganzen Gliedes oder eines Theiles davon in der Richtung von der Mittellinie des Körpers oder des Gliedes weg (auswärts). Dies bewirkende Muskeln heißen ab- ziehende Muskeln (Abductoren) u. finden sich an fast allen beweglichen Körperteilen. Abd-ul-Aziz. Abdlictorcn (HxluoontW uumouli), so v. w. Abziehcnde Muskeln. Abd-ul-Aziz (d. h. Knecht des Allmächtigen), 1) türkischer Sultan, geb. 9. Febr. 1830, zweiter Sohn des Sultans Mahmud II., der 32. Souverän vom Stamme Osman u. der 26. seit der Eroberung von Constantinopel, folgte 25. Juni 1861 seinem Bruder Abd-ul-Medschid. Während er einerseits durch das Versprechen, Ordnung im Innern u. Sparsamkeit in den Finanzen beobachten zu wollen, durch die Bestätigung des Hatt-i- Scherif von Gülhane u. des Hatt-i-Humayum die Hoffnungen der Reformfrennde u. als bekannter echter Moslem anderseits die der Alttürkcn nährte, täuschte er beide Parteien, insofern er ohne System regierte und fortfuhr, die durch seinen Bruder bereits in einen bedenklichen Zustand gebrachten Finanzen zu zerrütten, dadurch, daß er große Summen auf die Armee, die Flotte und die Verschönerung Constantinopels verwandte. Auch blieb der Zustand der türkischen Finanzen trotz der 1862 vorgenommenen Reform des Finanzministeriums u. Einsetzung einer Commission zur Controlirung des Staatsschuldenwesens fortwährend ein zweifelhafter, u. mehrere Anleihen konnten nur mit den größten Schwierigkeiten con- trahirt werden. Während des Jahres 1862 kamen Handelsverträge niit Rußland, Schweden, Spanien, dem Deutschen Zollverein u. Österreich zu Stande. A. hatte zwar nur eine Gemahlin, zog aber eine große Zahl tschcrkessischer Sklavinnen in seinen Harem; dagegen bewies er sich human gegen die Söhne seines verstorbenen Bruders, von denen er den ältesten, den präsumtiven Thronerben, zum Pascha ernannte u. die anderen militärisch zu erziehen, auch die Söhne der verhciratheten Prinzessinnen, gegen den alten Gebrauch, am Leben zu lassen befahl. Im Nov. 1862 verfiel er, wie man sagt, in Folge von Palastintrigncn, wol aber auch unter dem Einfluß des Gefühls, zu machtlos zur Wiederherstellung des alten Glanzes von Haus u. Reich zu sein, in vorübergehende Geistesstörungen, die sich später noch öfter wiederholten. Im April 1863 machte er eine Reise nach Ägypten, wo der Vicckönig Said-Pascha gestorben u. demselben JsmailPascha gefolgt war. Jedoch sollten gerade von Ägypten, wie auch von Rumänien her die empfindlichsten Schläge die Macht des Osmanenreiches treffen. Während der Aufstand auf Candia sich erhob, Rumänien nach der Vertreibung des Fürsten Cusa u. nach der Berufung Karls v. Hohcnzollern neue Zugeständnisse erhielt, bezeichnet Graf Beust seinen Übertritt in den österreichischen Staatsdienst durch sein Entgegenkommen gegen Rußland ».durch die Üntcrstützung der Emancipationsbestrebungen Serbiens u. bewirkte, daß die türkische Besatzung Belgrads die dortige Citadelle räumen mußte. Im Sommer 1867 machte A. (der erste unter allen Sultanen) in Begleitung seines ältesten Sohnes Jussuf Jzzedin, seines ältesten Neffen u. muthmaßlichen Thronfolgers Murad, des Ministers des Äußern Fuad-Pascha eine Reise ins Ausland u. besuchte den Kaiser Napoleon in Paris, die Königin Victoria in London, den König v. Preußen auf der Vorüberrcise in Koblenz u. den Kaiser 35 Abd-ul Hamid — Abd-ul-Mcdschid Khan. Ä. Österreich in Men. Die Eindrücke, welche die Civilisation des Westens auf ihn gemacht hatten, bestimmten ihn non neuem zu guten Entschließungen für Verbesserungen im Berwaltnngswesen in seinen Staaten, wie er denn auch bei Eröffnung des Staatsrathes 1868 neue Reformen nach westeuropäischem Muster in Aussicht stellte. In der That geschah auch Etwas auf der neu betretenen Bahn, indem das die Türkei verzehrende Nebel an der Wurzel gefaßt, das demoralisirtc Bcamten- thum gründlicher Reinigung unterworfen wurde. Weiteres niußte der Zukunft Vorbehalten bleiben, da wiederum äußere Verwickelungen drohten: Griechenland hatte den candiotischen Aufstand unterstützt, n. A. wollte dafür an dem ihm verhaßten Griechcnthum Rache nehmen; indeß gab er dem Andrängen seiner Räthe, namentlich Aali Paschas, nach u. ließ durch die 1868 nach Paris berufene Conferenz Griechenland in seine Schranken zurückweisen. Diese Erledigung des griechisch-türkischen Conflictes trug nicht wenig dazu bei, den auf immer größere Unabhängigkeit hinarbeitendcn Khedivc v. Ägypten endlich zur Unterwerfung, ja, selbst dahin zu bringen, daß er als Reumüthiger nach Constantinopel kam n. sich in das durch den Ferman vom 9. Dec. 1869 festgesetzte Verhältuiß zur Pforte fügte, das aber nur bis zum Tode Aali Paschas währte. Der neue, dem Khcdive günstiger gestimmte Großvezier crtheilte ihm eine Reihe der entzogenen Privilegien wieder, ja, der Sultan selbst kam ihm entgegen, um für seine Lieblingsidee — Einführung der directen Erbfolge nach dem Princip der Erstgeburt u. derLinear- Succession, anstatt der bisherigen alttürkischen Thronfolgeordnung, Senioratsordnnng — eine Präcedenz zu schaffen. Aus diesem Grunde gewährte er dem Khedive durch Ferman von Anfang Juni 1873 während dessen Anwesenheit in Con- stantinopcl die von diesem längst gewünschte Primogenitur, neben voller Souveränctät im Innern n. bedeutenden Befugnissen nach außen. Inzwischen war 1872 auch der langjährige Kampf der bulgari- schcnChristcn gegen die kirchlicheOberherrschaft des griechischen Patriarchats zu Constantinopel zum Abschluß gekommen: am 29. Sept. 1872 ward in der Kirche des Phanar zu Constantinopel der Beschluß der ökumenischen Synode, welcher die Bulgaren für schismatisch erklärte, verlesen. Die letzten Monate des 1.1873 u. der Anfang des I. 1871 wurden durch die Arbeiten der Suez-Kanal-Com- mission bezeichnet, welche sich über die Einführung eines Tarifs für die Fahrt auf dem Suez-Kanal einigte. Vgl. Azam, I/avsnomont (1'.4di1u1-^m, Paris 1861; Millingen (Osman Seyfy Bey), I,a i'urguio saus Is rsAirs ä'X.. Brüss. 1868. 2) A., Bruder Khaleds, des Feldherrn des Khalifcn Ab- delmelek, focht 691 unglücklich in Syrien. Die Schönheit seiner gefangenen Gattin veranlaßt einen Vornehmen, um den Streit um ihren Besitz zu enden, dieselbe zu enthaupten. Seine Geschichte ist der Stoff arabischer Erzählungen. 3 ) A., Sohn des Musa, Statthalters in Spanien, vermählte sich mit der Wittwe des Westgothenkönigs Rodcrich u. wurde deshalb 715 von seinen Leuten ermordet. 4) A., Emir zu Derajch in Arabien, v. 1760—1803, s. n. Wahabiten. Abd-ul Hamid, der 27. Sultan der Osmanen, geb. 20. Mai 1725, fand bei seinem Regierungsantritt 21. Jan. 1774 das Reich in den ernst- lichsten Verwickelungen. Die Statthalter von Ägypten, Syrien, Georgien waren abgefallen, mit Rußland lag es im Kriege u. konnte den Frieden nur durch große Verluste an Ländern u. wichtige Concessiouen erkaufen (21. Juli 1774), s. Türkisches Reich. Nachdem A. sein Heer nach französischem Muster hatte rcorganisircn lassen, nahm er 1787 den Krieg mit Rußland wieder auf, der jedoch durch die Niederlage der türkischen Flotte bei Kinburn n. die Eroberung von Oczakow durch Potemkin (1788) einen sehr unglücklichen Anfang nahm. Schon im folgenden Jahre (7. April 1789) starb A.; es folgte ihm sein Neffe Seliin III. Vgl. Asim Tarichi, X Instar;- ok ^dä ul Hamiä anä 8s1im 111.. Const. 1867, 2 Bdc. Abd-ul Hamid Bei, s. Du Couret. Abd-nl-Kuri, gefährliches, 1835 von Capitän Harris entdecktes Felsenriff, südl. von der arabischen Küste, 14o 54' SO" n. Br. u. 50" 45' 20" ö. L. Es gehört zu der Sokotra-Gruppc im Indischen Ocean n. ist etwa 10 M. in nordöstlicher Richtung vom Cap Gardafui entfernt. Abdullah Khan, Sohn von Jskcnder Khan ans der Dynastie der Schelbanidcu, Herrscher von Bokhara, geb. 1533 n. Chr., gehörte durch kriegerische Thaten nach außen u. politische Einrichtungen im Innern zu den hervorragendsten Fürsten dieses Landes. Durch glückliche Kriege schützte n. erweiterte er die Landesgrenzen nach allen Richtungen, eroberte Kashgar n. Khoten im O., Ba- dakschau im S. u. behauptete Khorassan im W. gegen die Perser. Durch Anlage von Straßen, Karavanscrais, Spitälern, Brücken, Bazars erhob er Handel u. Industrie zu hoher Blüthe, durch zweckmäßige Einrichtungen die Bevölkerung zu einer dort seltenen Wohlhabenheit. Jedoch gingen die Früchte seiner Regierung nach seinem Tode (1597) bald verloren. Abd-ul-Latif, s. Abd-el-Letif. Abd-ul-Mcdschid Khan, türkischer Sultan, Sohn des Sultans Mahmud II. u. der 31. Souverän vom Stamme Osman, geb. 23. April 1823, folgte seinem Vater 1. Juli 1839 in der Regierung. Als er den. Thron bestieg, hatte Mchemed Ali, Pascha v. Ägypten, Candia u. Syrien in Besitz genommen, während dessen Sohn Ibrahim Pascha Constantinopel mit seinem Heere bedrohte; nur die Verträge der europäischen Großmächte vom 15. Juli 1840 und vom 13. Juli 1841, ihre bewaffnete Intervention und die Anstrengungen der neuen türkischen Diplomatie, in deren Reihen sich Fuad-, Reschid- u. Aali-Pascha auszeichnetcn, retteten die Reichseinhcit. Unter dem Einfluß der Großmächte, bes. aber dem seiner Mutter, der Sultauin Walide, u. des im Auslände gebildeten u. mit civilisatorischcn Ideen zurückgekehrten Rcschid-Pascha, seines Ministers, setzte der junge Sultan das Reformwerk des Vaters fort, u. als erstes Ergebniß dieser Tüchtigkeit erschien der berühmte Hatt-i-Scherif von Gülhancvom 3. Nov. 1839, jene Staatsacte, welche die Grundsätze u. Ziele der nunmehr ins Leben zu rufenden Gesetzgebung, Sicherung der gesetzlichen Freiheit, Gleich- 36 Abd-ul-Mumcn. heit vor dem Gesetze für alle Culte u, Nationalitäten, regelmäßige Steuererhebung u. Militärconscrip- tion, fcststelltc. Eine weitere wichtige Neuerung in den ersten Regierungsjahren A-s war die Einrichtung einer berathenden Behörde für das Civil- u. Militärwefen, sowie Einsetzung gemischter, aus Muselmanen, Christen u. Juden gebildeter Tribunale für die Rechtsentscheidungcn. Wenn auch Einiges geschah, diesen Reformen Eingang zu verschaffen, — ihre volle Durchführung scheiterte an dem Widerwillen der Alttürkcn gegen alle Neuerungen, den die Paschas noch bestärkten, die Pforte selbst aber zu bezwingen nicht im Stande war, da Verwickelungen im Innern wie nach außen ihre Kräfte zu sehr in Anspruch nahmen. Kaum hatte sich Mehemed Ali am 17. Nov. 1840 unterworfen, so brachen Unruhen im Libanon aus, denen sich eine höchst bedenkliche Bewegung in der Walachei anreihtc, Aufstände in Albanien, offene Rebellion in Kurdistan, Äußerungen der Unzufriedenheit mit den bürgerlichen u. militärischen Reformen, die noch um so gefährlicher wurden, als unter den Rajahs selbst röm.-katholische u. gricch.-katholische Christen sich bekämpften u. letztere in Rußland geheime Unterstützung fanden; namentlich war dies bei den Unruhen in Bosnien der Fall, neben welchen die Verwickelungen mit Montenegro fortdauerten. Ende 1850 ward die Türkei durch die Flüchtlings- Angelegenheit von den Nachwehen der Revolutionen deS I. 1848 ergriffen. Österreich u. Rußland verlangten die Auslieferung der flüchtigen Ungarn u. Polen. A., von einer britischen Flotte unterstützt, begegnete jedoch dem Verlangen mit festem Widerstand. Dahingegen stand er in Folge der drohenden Vorstellungen Österreichs von der Herbst1852 beabsichtigten definitiven Unterwerfung Montenegros ab. Unmittelbar darauf benutzte Rußland, das sich berufen hielt, die von dem griechischen Mönche Agathangelos einst prophezeite Wiederherstellung des Byzantinischen Reiches zur Verwirklichung zu führen, den Streit wegen der heiligen Stätten zu einem Kriegsfall, u. da sich der Sultan u. die Pforte im Gefühl ihrer Würde u. ihres Rechtes gegenüber dem herrischen Anstreten des russischen Gesandten,unnachgiebig zeigten, erfolgte im Juli 1853 der Übergang der russischen Truppen über den Pruth u. die Kriegserklärung des Sultans. Daraus entstand der Orientalische Krieg, der durch den Pariser Frieden ini März 1856 sein Ende erreichte. Jndeß war die Lage im Innern um Nichts gebessert. Wol war im Geiste der begonnenen Reformen während des Krieges eine Centralbehördc für Regelung der Beziehungen zwischen Türken u. Rajahs eingesetzt, 1854 der Tansimatsrath ins Leben gerufen, eine Art Re- formcn-Staatsrath mit einigen Attributen einer constituirendcn Versammlung, endlich unter Mitwirkung der Westmächte u. namentlich AaliPaschas Bemühungen der Hatt-i-Humayum zu Stande gebracht, der, vom 18. Febr. 1856 datirt, alle früheren Verheißungen bestätigte u. die Gleichberechtigung aller Nationalitäten u. Culte im Reiche nochmals verkündete; aber trotz alledem war es nicht gelungen, die Reformen ernstlich durchzuführcn, da der Haß der Alttürken gegen alle Neuerungen u. fremde Einflüsse nun durch den Krieg nur noch heftiger wurde. Zudem lenkte der Sultan selbst Plötzlich in andere Bahnen ein, hielt sich von allen Regierungsgeschäften fern u.. gab sich nur dem ausschweifendsten Luxus und der äußersten Schwelgerei hin, deren Ende war,, daß sich im Herbst 1858 die Privatkasse des Sultans insolvent erklärte, während die Staatsfinanzen, mit denen nicht weniger gewissenlos gcwirthschaftet wurde, an fortwährender äußerster Erschöpfung litten. Diesen Zuständen abzuhelfen, sollte auf Anstiften fanatischer Ulemas A. abgesetzt u. sein Bruder auf den Thron erhoben werden;, aber die Verschwörung wurde entdeckt und — charakteristisch für A-s Gesinnung, vielleicht auch Apathie — den Verschwörern kein Haar gekrümmt. Vollständig apathisch sah er den Gräueln in Syrien 1860, den Unruhen in Albanien, den Verwickelungen in Montenegro u. in der Herzc- gowinazu u. starb mitten unter diesen Wirren, noch nicht 4o I. alt, 25. Juni 1861. Bis Anfangs 1853 hatte seine Mutter, die Sultanin Walide (st. 2. Mai 1853), die Regicrnngsgeschäftc geleitet, n. da die Erfolge in der äußeren Politik dem Einfluß der Westmächte zu verdanken waren, so bleibt wenig übrig, was man A. als persönliches Verdienst anrechnen könnte. Abd-nl-Mumen (Abu-Mohammev), Begründer der maurisch-spanischen Dynastie der Al- mohaden. Geb. 1101 im nordwestlichen Afrika, als Sohn eines Töpfers, ausgezeichnet durch Talente n. Kenntnisse, war er von seinem Lehrer Ben-Tumert, dem Stifter einer neuen moslemiti- schen Secte, in dessen Pläne eingewciht u. mit ihm für dieselbe thätig in Fez und Marokko. Dort, verfolgt, flüchteten sie nach Tinmal mit ihren Anhängern, welche sich daselbst zu einer geschlossenen Gemeinschaft organisirten und Ben-Tumert zu ihrem Oberhaupte (Imam) ausricsen. A. wurde von ihm zum Hadib, Lieutenant, ernannt.. Von Tinmal aus, dem heiligen Orte der Moa- hedin ober Almohaden, begannen sie nun unter A-s Führung gegen Marokko vorzugehcn. Zuerst vom Sultan Abul-Hassan (Almoravide) geschlagen, benutzten sie dessen Kämpfe gegen die Christen in Spanien u. schlugen, zu einem ansehnlichen Heere angewachscn, bei Aghmat die Almoraviden 1125. Als Ben-Tumert seine Stellung als Imam niederlegte, wurde A. 1130- in Tinmal zum Khalifen gewählt u. begann nun,, das nordwestliche Afrika nicht nur zu erobern, sondern auch im Innern zu ordnen. So gckräftigt,. warf er sich nun auf Marokko, schlug den jungen Sultan Tasfin bei Aemsen 1145, nahm Fez ein, worauf bald mehrere Statthalter der Almoraviden sich um ihn schaarten, so daß die Herrschaft des neuen Sultans Abu Jshac nur auf die Stadt Marokko beschränkt war. 1146, nachdem A-s Feldherren auch Gibraltar u. Algesiras für ihn in Besitz genommen, eroberte er Marokko u. bestieg dessen Thron als erster Herrscher der Almohaden. In den folg. Jahren unterwarf er sich noch ganz NAfrika bis nach Barka hin u. in Spanien Sevilla u. Cordova, so daß der Al- moravidcn Herrschaft sich dort nur mehr auf Granada beschränkt sah. Um ihnen auch noch 37 Abdunsten dieses zu entreißen, rüstete er ein unermeßliches Heer eins, st. aber, im Begriff, nach Spanien Lbcrzusetzen, 1163, trotz aller der Kriege ein blühendes Reich seinem Nachfolger Jussuf Abu- Jakub hinterlasfcnd. S. Spanien u. Marokko. Abdunsten, so v. w. Abdampfen. Abd-ur-Nahinan (arab., Diener des Barmherzigen). I. Khalifen in Spanien aus dem Hanse der Omajjaden: 1) Abd-ur-RahmanI., Ilm Moawiah, ein Enkel des Omajjaden-Khalifen Hifcham, flüchtete sich vor den Abbassidcn nach WAfrika, setzte, unterstützt von den Gegnern der damals in Spanien herrschenden Partei, über die Meerenge von Gibraltar u. bemächtigte sich nach mehreren siegreichen Gefechten derHauptst.Cordova 756, behauptete sich das. auch gegen die Coalition, an deren Spitze Karl d. Gr. stand u. gründete das vom Osten unabhängige Khalifat von Cordova, das fast ganz Spanien umfaßte. Er st. 788. 2)A. II.(al Modhaffar), 4. Khalif, 822—852, hatte mit ernsten Unruhen zu kämpfen, pflegte aber als ein milder, friedliebender Fürst die Künste des Friedens, schonte auch die Andersgläubigen n. zog durch seine Freigebigkeit die bedeutendsten Gelehrten, Dichter u. Künstler an seinen mit Bagdads Herrlichkeiten wetteifernden Hof. 3) A. III., 912—961, der 8. Khalif; er nahm wie die Khalifen im Osten den Titel Emir Almuminin (Befehlshaber über die Gläubigen) an u. brachte das Omajjaden-Khalifat auf den höchsten Punkt der Blüthe u. Macht. In wechsel- vollen langjährigen Kriegen kämpfte er mit den christlichen Fürsten des Nordens. Unglücklich in mehreren Schlachten gegen Leon, hatte er mehr Erfolg gegen die Navarrescn, die er bis in die Pyrenäen zurückdrängte. Ein Beschützer der Kunst u. Wissenschaft, des Ackerbaues u. der Industrie, schuf er die Bauten in Cordova, deren Ruinen noch heute Bewunderung errege». -4) A.H,Almortada s.Spanien. II.Sultan von 'Marokko: 5) A., geb. 28. Novbr. 1778, Enkel Sidi Mohammeds, folgte seinem Oheim Soliman, unter dem er als Verwalter der Hafenzölle sich ein bedeutendes Vermögen erworben hatte, 1823 ans dem Thron. Die ersten Jahre seines Regiments verwandte er darauf, die unabhängigen Gemeinwesen auf marokkanischem Staatsgebiete zur Ordnung zu führen u. der Anarchie ein Ende zu machen; dann sröhnte er seiner Habgier namentlich durch Seeräuberei, die er unter den Barbaresken am längsten betrieb u. die ihn auch mehrfach in Con- -flicte verwickelte. Nach der Besitznahme Algiers durch die Franzosen suchte er Oran seinem Reiche einzuverleiben, aber vergebens, u. mußte dann, dem von Abd-el-Kader geschürten Fanatismus seiner Marokkaner nachgebend, gegen Frankreich 'kämpfen; aber während der Prinz v. Joinville Tanger u. Mogador beschoß, schlug Marschall Bugeand am Jsly 14. Aug. 1844 das vereinigte Heer Abd-el-Kaders u. des Sultans, worauf unter Englands Vermittelung der Friede zu Stande kam, welcher die Grenzen zwischen Frankreich u. Marokko in bisheriger Weise bestätigte. Jndeß nn- rfähig, den Fanatismus der Marokkaner nieder- -Zuhnltcn, ward er fort u. fort in neue Verwickelungen gebracht, namentlich auch in Folge der — Abee. llnthaten der Riffpiraten, während andererseits Abd-el-Kader bis zu seiner Gefangennehmung das marokkanische Reich u. dm Thron gefährdete. Auch aus dem eigenen Hanse trat ein Thronusurpator auf, der erst nach ernsten Kämpfen beseitigt werden konnte. A. st., eben noch in ernster Verwickelung mit den Seemächten wegen Gewaltthaten gegen die spanischen Besatzungen in Ceuta u. Melilla, im Aug. 1859; ihm folgte sein Sohn Sidi Mohammed. III. Feldherr: 6) A., geb. in der 2. Hälfte des 7. Jahrh., ward 722 unter dem Khalifen Jasid II. Statthalter in Spanien u. faßte als solcher den Entschluß, Frankreich für die Khalifen zu erobern; indeß nach Damascus zurückberufen, konnte er erst, als er zum zweiten Male 730 unter Khalif Hcscham Statthalter in Spanien wurde, zur Ausführung des Plans schreiten. Zuerst schlug er den Unter- Statthalter des Grenzgebietes gegen Frankreich, Othmann Ben-Abu-Neza, der mit Herzog Eudes von Aquitanien einen Frcundschaftsvertrag geschlossen hatte und jetzt gegen A. aufrecht zu erhalten suchte, 731 bei Puycerda. Im Frühjahr 732 schlug er den Herzog Eudes an der Dordogne u. drang mit seinen Schaaren bis Burgund u. Nizza vor. Inzwischen hatte sich Eudes mit Karl Martell u. demLongobardenLuitprand geeinigt, u. unerwartet trat Karl Martell an der Spitze des Heerbannes von Austrasien, Burgund u. Neustrien dem A. zwischen Tours u. Poitiers entgegen u. schlug ihn 7. Oct. 732 aufs Haupt, — einer der folgenreichsten Siege in der Geschichte, da er Europa und das Christenthum vor den Saracenen rettete. A. blieb auf dem Schlachtfelde. Vglciche Rei- naud, Uss invasions des 8arrasill8 eu Uranos, Paris 1836. Abee, Konrad, der letzte kurhessische Justizminister, geb. in Wolfhagen (Regbez. Kassel der preußischen Prov. Hessen-Nassau), 24. Juni 1806. Seit 1822 Amtsschreiber, brachte er es durch seinen eisernen Fleiß zum Maturitätsexamen u. studirte seit 1830 in Marburg dieRechtswissenschaften. Im Herbst 1832 trat er wieder in den Staatsdienst und erhielt schon im Decbr. 1835 durch Hassenpflug die Stelle eines Sccrctärs im Justizministerium. 1843 wurde er Obergerichtsrath, Vortragender Rath im Justizministerium und durch Cabinetsordre vom 22. Decbr. dess. I. noch Generalsecretar des Gesammtstaatsministeriums. Gewandtheit u. energisches Festhalten am abso- lutistisch-pietistischcn Princip führten ihn in das Cabinet des Kurfürsten-Mitregcnten Friedrich Wilhelm als Vortragenden Geh. Cabinetsrath (1846, Novbr.), neben welcher Function er noch das Amt eines Referenten für die sämmtlichen Ministerialdepartements hinsichtlich derLeitung der Staatsprocessebekleidete. DasJ. 1848 brachte seine Versetzung nach Rinteln als Obergerichtsrath mit sich, doch rief ihn in der Reactionszeit das neue Ministerium Hassenpflug — zu dessen Constitui- rung er den Äirfürsten namentlich bestimmt hatte — (Juni 1850) nach Kassel zurück; vom Novbr. 1850 an leitete er die Organisation des einen der verfassungswidrig auf zwei reducirten kurhessischen Obergerichte (zu Fulda) als Director; 1853 im Mai kehrte er als Präsident des Oberappella- 38 Abegg —- Abeken. tionsgerichtes nach Kassel zurück, in welcher Stellung er bis zu seiner Ernennung zum Justizminister blieb (1860). Als solcher vertrat er mit Entschiedenheit die octroyirte neue Verfassung dem nach dem alten Rechte verlangenden Laude gegenüber. Als der Kurfürst, durch Preußens Ultimatum gedrängt, durch das Patent vom 22. Juni 1862 sich zur Herstellung gesetzmäßiger Zustände bereit erklärte, nmßte A. zurücktreten. Bei dem Prävaliren österreichischen Einflusses am Bundestage konnte es geschehen, daß er am 11. Febr. l 863 zum Minister des kurfürstlichen Hauses u. der auswärtigen Angelegenheiten ernannt wurde. Am 14. Novbr. 1865 wurde er wieder Justizminister u. 4 Tage später auch mit der interimistischen Weiterführung seiner bisherigen Functionen betraut, von denen ihn das Entlassungsdecret des Höchstcommandirendcn der preuß. Occupations- Armee vom 20. Juni 1866 enthob. Er st. 8. Nov. 1873 in Marburg, wo er seit dem I. 186/ bei seinen Gesinnungsgenossen Vilmar rc. weilte. Abegg, 1) Julius Friedrich Heinr., namhafter deutscher Criminalist, geb. 27. März 1796 in Erlangen, studirte daselbst, in Heidelberg, Landshut und Berlin die Rechte, habilitirte sich 1820 in Königsberg, ward 1821 Professor daselbst und folgte 1826 einem Rufe nach Breslau, wo er 29. Mai 1868 starb. Der Hauptzug seiner schriftstellerischen Thätigkcit besteht in dem Bestreben, das Geschichtliche, Philosophische und praktisch Rechtliche der Gegenwart in ihrem Zusammenhänge zur Anschauung zu bringen. Er schrieb: Über die Bestrafung der im Auslände begangenen Verbrechen, Landsh. 1819; Encyklo- pädie und Methodologie der Rechtswissenschaft, Königsberg 1823; Grundriß zu Vorlesungen über den gem. n. preuß. Criminalproccß, ebd. 182S; System der Criminalrcchtswisscnschaft, ebd. 1826; Untersuchungen aus dem Gebiete der Strafrechtswissenschaft, Berl. 1830; Lehrbuch des Criminal- processes, Königsb. 1825, 2. Ausl. 1833; Histo- risch-prakt. Erörterungen aus dem Gebiete des strafrechtlichen Verfahrens, Berl. 1833; Gesetz, der Strafgesetzgebung n. des Strafrechtes der brandend.-preußischen Lande, Berl. 1835; Die verschiedenen Strafrechtsthcorien, Neust, a. O. 1835; Entwurf eines Strafgesetzbuches für das Königreich Norwegen, ebd. 1835; Lehrbuch der Strafrechtswissenschaft, ebd. 1836; Beitrag zur Strafproceßgesetzgcbung, Neust. 1841; Gesch. der preuß. Civilgesetzgebung, Berl. 1848; Das preuß. Strafverfahren und dieRechtsliteratur der Gegenwart, Berl. 1854; Die Berechtigung der deutschen Strafrechtswissenschaft der Gegenwart, Braunschw. 1859; Über die Verjährung rechtskräftig erkannter Strafen, Berl. 1862; Über den organischen Zusammenhang einer auf den neueren Grundsätzen beruhenden Einrichtung des Strafverfahrens rc., Bremen 1863; Die Frage über den Zeitpunkt der Vereidigung der Zeugen im strafrechtlichen Verfahren, Lpz. 1864; Der Entwurf einer Straf- proceßordnung für den preuß. Staat vom Jahre 1865, Lpz. 1865. 2) Bruno Erhard, geb. 1803 in Elbing, studirte seit 1822 zu Heidelberg und Königsberg die Rechtswissenschaften, war erst Advocat in Danzig und Königsberg, wurde! 1833 Landrath im Kreise Fischhausen, 1835« Polizeipräsident in Königsberg. 1845 ins Finanzministerium nach Berlin berufen, wurde er nach Kurzem königlicher Commissär bei der Oberschlesischen Eisenbahn in Breslau. Im März 1848 begann seine politische Thätigkeit, indem cr mit der Deputation aus Breslau u. Liegnitz jene bekannten sieben Bitten an den König brachte; dann von Breslau ins Vorparlament nach Frankfurt gesandt, gehörte er dem Fünfzigeransschuß an; darauf wählte ihn Kreuznach in die preußische Nationalversammlung, cr starb aber schon 16. Dec. 1848 zu Berlin. Abcillard, Pierre, so v. w. Abälard. Abeille, Joh. Ehr. Ludw., Tonkünstlcrund' Componist, geb. 20. Febr. 1761 zu Baireuth; in der hohen Karlsschule zu Stuttgart gebildet, trat er 1782 in die württembcrgische Hofkapclle, ward nach Zumstecgs Tode 1802 Conccrtmcister, später Hoforganist und Director der Stiftsmusik. Er war Virtuos auf dem Pianosorte und der Orgel' u. componirte u. a. die Opern Amor u. Psyche, Peter u. Ännchcn, das Bschermittwochlied von Jakobi, Conccrte, Trios für Pianoforte rc. Nach 50jähriger Dienstzeit wurde er wegen Krankheit 1832 von König Wilhelm unter Verleihung der großen goldenen Verdienstmedaille pensionirt u. st. kurze Zeit nachher. Seine Kompositionen sind u. a. von K. M. v. Weber sehr günstig beurthcilt worden. Abeken, 1) Bernh. Rud., deutscher Schriftsteller, geb. 1. Decbr. 1780 zu Osnabrück, studirte zu Jena Theologie, ward 1802 Hauslehrer in Berlin, unterrichtete seit 1808 eine Zeit lang die Söhne Schillers in Weimar; ward 1811 Lehrer an dem Gymnasium zu Rudolstadt, 1814 Prof, u. 1841 Director zu Osnabrück u. Schulrath. Er schrieb: Beiträge zum Studium der Göttlichen Komödie von Dante, Berl. 1826; Cicero in seinen Briefen, Hann. 1W5; Ein Stück aus Goethes Leben, Berl. 1848 u. a.; Goethe in den Jahren 1771 bis 1775, Hann. 1861; gab auch Justus Mösers Werke, Berl. 1842 f., 10 Bde., heraus. Er st. 24. Febr. 1866. 2) Will). Lndw. Alb. Rud., Sohn des Vor., geb. 30. April 1813, studirte seit 1833 in Berlin anfangs Theologie, dann Alterthumswissenschaften und bildete sich 1836 bis 42 zu Rom in seinem Fache weiter aus; er lebte dann in München und st. hier 29. Jan. 1843. Er schrieb: Mittelitalien vor den Zeiten der römischen Herrschaft nach seinen Denkmalen, Stuttg. 1843. 3) Hermann, Bruder des Vor., war Vorstand des statistischen Bureaus in Hannover n. st. 24. April 1854. Er schrieb: Die amerikanische Negersklavcrei u. die Emancipativn, Berl. 1847; sowie: Der Eintritt der Türkei in die europäische Politik des 18.Jahrh. (von Stüve herausgegeben, Berl. 1856). 4) Heinrich, Neffe Beruh. Rud. A-s, geb. 19. Aug. 1809 in Osnabrück, studirte 1827—31 in Berlin Theologie und wurde 1834 auf Veranlassung Bnnsens preuß. Gcsandtschastsprcdiger in Rom, dann 1841 in London, wo er mit jenem für Errichtung eines Bisthums in Jerusalem wirkte. 1842: begleitcte„er Lepsius auf dessen Reise nach Ägypten und Äthiopien und war seit 1848 Legations-. Abel. 39 rath u. seit 1858 geheimer Legations- u. Vortragender Rath im Ministerium des Auswärtigen. Er st. 8. Aug. 1872. Seine universelle Bildung u. B eweg lichkeit hatte es ilun möglich gemacht, unter si?M> verschiedenen Äcinisterien u. Systemen immer ohne Anstoß sein Fahrwasser zu behaupten. Er hatte den Ministerpräsidenten Manteuffcl im Novbr. 1880 nach Olmütz begleitet, u. 20 Jahre darauf arbeitete er in der Reichskanzlei zu Versailles, wo der Sieg über das Jahr 1850 zum Abschluß kam. Als Vortragender Rath hatte er im Jahre 1870 zu Ems seinem König zur Seite gestanden u. wohnte in dessen Hauptquartier dem Französischen Kriege bei. Er schrieb u. a.: Babylon u. Jerusalem, Borl. 1853. 5) Bernhard, Neffe Beruh. Rud. A-s, geb. 27. März 1826 in Brann- schweig, studirtc zu Heidelberg, Bonn u. Berlin die Rechte u. ward 1856 in seiner Vaterstadt Advocat. Er schrieb den fein humoristischen Roman Greifensee, Hann. 1862. Durch eine Reihe freisinniger politischer Leitartikel nahm er an den politischen Bewegungen seiner Heimath theil und ward daher 1874 zum Reichstagsab- gcordnctcn für den 2. braunschweigischen Wahlkreis (Wolfenbüttcl-Helmstedt) gewählt. 6) Christian Wilhelm Ludwig, Neffe von Beruh. Rud., geb. 1826 in Dresden, seit 1871 Justiz- minister in Sachsen. Abel (hebr. Hebel), nach der Bibel zweiter Sohn Adams, Hirt, ward von seinem älteren Bruder Kain aus Neid darüber, daß Gott A-s Opfer günstiger ausnahm als das seine, erschlagen. Sein Name bedeutet nach der hebräischen Anschauung so viel als „Hauch", „Hinfälligkeit"; ursprünglich aber u. gemäß dem Assyrischen besagte er lediglich „Sohn", wie Adam „Mensch". Sein Grab wird unweit Damascns gezeigt. Poetisch ward die biblische Sage von Geßner (Tod Abels) und von Byron behandelt. — Der Wettstreit der Brüder wird als eine Versinnbildlichung desjenigen zwischen den Hirten u. Ackerbauern u. der Unterwerfung elfterer durch letztere angesehen. Abel, zweiter Sohn des dänischen Königs Waldemar II., wurde bei der Landestheilnng 1232 Herzog von Schleswig u. nach der durch ihn angestifteten Ermordung seines Bruders Erich IV.1250 König von Dänemark; er wurde 1252, als er die unabhängigen Eidcrfriesen mit Krieg überzog, geschlagen und auf der Flucht von einem Friesen, Wessel Hummer, getödtet; s. Dänemark. Abel, 1) Karl Friedr., geb. 1725 zu Köthen, bildete sich in Leipzig (unter Joh. Seb. Bach) u. Dresden als Musiker, zog anfangs umher, kam 1759 nach London, ward dort Kammermusicus der Königin von England. 1782gab er in verschiedenen Städten Concerte, kehrte dann aber wieder über Paris nach London zurück u. st. daselbst 1787. Er war Componist u. der größte Virtuos au der Viola di Gamba, welches Instrument mit ihm zu Grabe gegangen ist. 2) Leopold Aug. A., Bruder des Vor., geb. 1720 zu Köthen, war erster Violinist an der herzoglichen Kapelle zu Schwerin, tüchtiger Conccrtmeistcr zu Sondershausen, später wieder in Schwerin, wo er in hohem Alter starb. Er componirte Mehrercs für ^ein Instrument, Klavier, Flöte und Orchester. 3) Jakob Friedrich von, deutscher Schriftsteller, geb. 9. Mai 1751 zuVaihingen(Wü:ttemb.); wurde 1772 Professor der Philosophie an der Karlsakadcmie zu Stuttgart u. war einer der Ersten, welche Schillers Genius erkannten. 1790 als Professor der Logik u. Metaphysik an die Universität Tübingen berufen, wurde er 1811 Ephorus des theologischen Seminars inSchönthal; zugleich Prälat n. Generalsuperintendent von Ohringen, mit 'welcher Würde die Mitgliedschaft der evangelischen Oberkirchcnbehörde des Landes u. der Abgeordnetenkammer verbunden war; 1823 Prälat in Reutlingen mit dem Sitze in Stuttgart; er st. 7. Juli 1829 in Schorndorf. A. war als Philosoph Eklektiker ans Leibnitz-Wolfischer Unterlage. Er schrieb zahlreiche philosophische Werke, namentlich über Psychologie, Metaphysik n. Moral. 4) Jos-, Historienmaler, geb. 1768 zu Aschach in Österreich, bildete sich in Wien unter Füger, von 1802 ab 6 Jahre in Rom, wo er niit seinen Bildern: Antigone an der Leiche ihres Bruders knieend und Klopstocks Empfang im Elysium, Aufsehen erregte. Seit 1807 lebte er wieder in Wien, wo er 1818 starb. Vorzüglichste Werke in der k. k. Akademie u. der Gemäldegallerie des Belvedere in Wien, ein heil. Ägidius mit 15 lebensgroßen Figuren in der Kirche zu Gumpcn- dorf re. A. radirte auch mehrere historische Blätter n. Bildnisse. Vgl. A. Andresen, Handb. für Knpferstichsammlcr. A. wandte sich mit Vorliebe der Antike zu. Seinen Hanptruf hat er als Radirer. 5) Karl v„ bayerischer Minister, geb. 17. Sept. 1788 zu Wetzlar, wo sein Vater an der Rcchtsschule Professor war. Er studirte 1806 bis 1809 auf dieser Schule n.zu Gießen. Nachdem er in bayerische Dienste getreten u. in seiner praktischen Lansbahn seit1809 18Jahre hindurch(1HJahrMi- litärdienst ausgenommen) sich als tüchtiger Beamter erwiesen hatte, ward er 1827 Ministerialrath im Ministerium des Innern u. erhielt bald darauf niit dem Civil-Verdienstorden den Adel. Seine politische Laufbahn begann er als Rcgiernugs- commissär bei dem Landtage von 1831 , auf welchem er (charakteristisch für seine spätere Richtung) sich für Preßfreiheit u.Aufhebung der Censur aussprach. Im Herbste des folgenden Jahres ward er als Mitglied der Regentschaft nach Griechenland beordert und erwarb sich in dieser Stellung Verdienste um die Organisation der Verwaltung des jungen Staates. Wegen seiner Opposition gegen den Präsidenten der Regentschaft, Grafen Armanspcrg, 1834 zurückberufen, trat er in seine alte Stellung im Ministerium des Innern ein u. erwarb sich durch Anschluß an die ultramontane Partei die durch seine Opposition verscherzte Gunst des Königs Ludwig I. Nach der Entlassung des Fürsten Öttingen-Waller- stein 1837 erhielt er als wirklicher Staatsrath die provisorische Leitung des Ministeriums des Innern, 1838 oie definitive. In der Bekämpfung der liberalen n. constitutionellen Partei ließ er sich auf dem Landtage von 1840 von seiner Leidenschaft zu ehrenrührigen Äußerungen gegen seinen Amtsvorgänger Fürsten Ötringen-Wallerstein fortreißen, was am 11. April 1840 zu einem ohne Folgen bleibenden Duell mit demselben 40 Abel — Abcll. führte. Seine 10jährige Amtsführung wird bcs. bezeichnet durch Censurverordnungen, deren Strenge hauptsächlich gegen die unabhängigen u. protestantischen Blätter geübt wurde; durch das Verbot der liberalen auswärtigen Zeitungen; die Verpflichtung, welche die protestantischen Soldaten beim Militärgottesdienstc, beidenFron- leichnamsprocessionen nicderzuknieen zwang; durch die Einführung eines Studienplans, welcher einen starren Mechanismus auf den Universitäten einführte; die Begünstigung der neuen Niederlassungen der Jesuiten; endlich durch die Zurückweisung der Anträge, die auf Reform der Gesetzgebung ausgingcn. —Was wederdieOppositivn des Landtages, noch die Unzufriedenheit des Landes erreichen konnte, ward endlich durch die Neigung des Königs für die spanische Tänzerin Lola Montez bewirkt. Der König machte der durch dies Verhältnis) aufgeregten Stimmung des Landes einige liberale Zugeständnisse; das Ministerium sah seine Stellung gefährdet u. schloß sich der Stimmung des Landes an, indem es am 8. Februar 1847 die vom König gewünschte Jndigenats- erklärnng für Lola Montez verweigerte und in einem Memorandum vom 11. Febr. an den König um die Entlassung einkam. Dieselbe wurde am 13. Febr. angenommen. A. wurde zuni Gesandten in Turin ernannt, kehrte aber, als diese Lcgation 1848 aufgehoben wurde, nach Bayern zurück. Er kam 1ÄÄ durch die Unterstützung der Ultrnmontanen wieder in die Zweite Kammer, konnte jedoch keinen Einfluß gewinnen und zog sich vom politischen Schauplatze zurück. Seitdem andauernder Kränklichkeit verfallen, st. er in München 3. Scptbr. 1859. 6) Niels Henrik, berühmter norwegischer Mathematiker, geb. 5. Aug. 1802 in Findö im Stift Christiansand, stndirtczuChristianiaMathematik. Er erhielt von der norwegischen Regierung Unterstützung zu einer Reise ins Ausland (1825—27) u. ward nach seiner Rückkehr Docent an der Universität u. Ingenieurschule in Christiania; st. 6. April 1829 auf dem Eisenwerke Froland bei Arendal in Norwegen. Er schrieb u. a., meist franz. verfaßten Werken: Llemoirss mir los ögnations slMbriguos, Christ. 1824 (in dieser Schrift wird der Nachweis geführt, daß die Lösung der allgemeinen Gleichung vom 5. Grade unmöglich ist); 8nr guslgnos proprietos Asnsraiss cl'uuo certains sorts äs tonet, transeenäantos (der Pariser Akademie 1826 übersandt und nach A-s Tode, 1830, von derselben mit einem Preise gekrönt; in dieser Schrift ist eine Untersuchung einer Klasse transcendenter Functionen enthalten, welche nach A. Ab elsche Functionen genannt werdcn;vgl. darüber Weierstraß,Theorie der A-schen Functionen, Bert. 1856); Osuvres oomxl., heraus- gegebcn von Holmboe, Christ. 1840, 2 Bände. 7) H. F. Otto, deutscher Schriftsteller, Enkel Jak. Friedrichs, geboren 22. Januar 1824 zu Kloster Reichenbach im württembergischen Schwarzwalde, studirte in Tübingen, wo er bald wegen Teilnahme an der Burschenschaft das oonsilinm abonnäi erhielt, dann in Jena, Heidelberg, Bonn und Berlin, und trat früh in Verkehr mit Schlosser, Dahlmann, Ranke, den Gebr. Grimm rc. Nach der Märzrevolution zog ihn Arnim in das preußische Ministerium des Auswärtigen u. gab ihn der Gesandtschaft bei der Centralgewalt in Frankfurt bei; 1850 nahm er seine Entlassung, habilitirtc sich 1851 als Docent der Geschichte in Bonn, st. aber, ein vielversprechendes Talent, schon 1854 in seiner Heimath. Hauptschriften außer mehreren Editionen in Llonum. 6orm. vom. X.: Makedonien vor König Philipp, Leipz. 1847; Das neue Deutsche Reich und sein Kaiser, Berl. 1848; König Philipp der Hohen- staufe, Berl. 1852; Die deutschen Personennamen, Berl. 1853. Ans s. Nachlaß: Theodat, König der Ostgothen, Stuttg. 1855; Die Legende vom h. Joh. von Nepomuk, Berl. 1855; Kaiser Otto IV. und König Friedrich II. Berl. 1856. Abel, 1) Mehol a, Vaterstadt des Propheten Elisa in Samaria. 2)Haschittim od. Sittim, die Stadt in Amonitis (Palästina), von wo Josua Jericho auskundschaftete. Abel de Pujol, Alexandre Denis, Historienmaler, geb. zu Balencicnnes 1787, st. zu Paris 29. Sept. 1861, Schüler Davids, von 1811—16 in Rom, erhielt 1814 für seinen Tod des Britanniens die Medaille erster Klasse, widmete sich unter den Bourbonen der religiösen Kunst und ward noch 1855 ausgezeichnet. Besonders gelangen ihm die Grisaillcs im Louvre und der Pariser Börse, grau in grau gemalte Nachahmungen von Reliefs. Aüeliancr, Abcliten od. Abelonier, christliche Secte des 4. Jahrh. in Nordafrika, bes. unter den Landbewohnern in der Gegend von Hippo, welche, um die Erbsünde nicht zu verbreiten, zwar in der Ehe, aber ohne Gcschlechtsgemeinschaft lebte und sich und ihre Grundsätze durch Annahme fremder Kinder fortpflanzte, vorgeblich nach dem Muster Abels, von dem keine Kinder in der Bibel erwähnt werden. Die A. waren schon, als Augustin von ihnen schrieb, zur Kirche zurück- gekehrt. Abclin, Joh. Philipp, Geschichtschreiber, geb. zu Straßburg, st. das. 1646. Er sehr, unter dem Namen Joh. Ludwig Gottfried oder. Gothofrcdus eine Menge geschichtlicher, chronikenartiger, mit trefflichen Kupferstichen illustrirter Werke, die noch jetzt als Quellen Werth haben. Das bekannte 1'llsatrnm Unropasnm oder: Wahrhafte Beschreibung der Geschichten, die sich 1618 bis 1718 ereignet, wurde von ihm begründet, den 1. Bd. schrieb er allein, die weiteren mit Beihilfe von Schieber, Oräus u. A-, die das Werk bis auf 21 Bde. Fol., Franks, a. M. 1635—1736, fortsetzten. Ferner verfaßte er den 17. u. 18. Bd. eines ähnlichen Werkes: Gotthard Arthus, Nsr- enrius (lallo-LslAiens, eine XrollontoloAiea oos- miea, Historische Chronica, eine lange beliebte Universalgeschichte, Listoria aubipoänm, Schilderung von Schweden, Gesch. Indiens u. a.; eine Erklärung der Metamorphosen Ovids mit zahlreichen Kupferstichen von Jan Dirck de Bry, Franks, a. M. 1619. Abeliten, s. Abelianer u. Abelsorden. Abcll, John, englischer Tonkünstler, Altsänger u. Lautenspieler des 17. u. Anfang des 18. Jahrh. Er stand schon als Mitglied der Kapelle König 41 Abella — Karls II. in hohem Ansehen. Nach der Revolution von 1688 verlor er als Papist seine Stelle, ging nach Holland. Hamburg rc. u. erwarb sich hier u. in anderen großen Städten durch sein Spiel u. seinen vortrefflichen Gesang Ansehen u. Rcich- thum. In Kassel wurde er sogar 1698 Intendant der Musik. Nach vielen Reisen u. Abenteuern erhielt er 1701 die Erlaubnis; zur Rückkehr nach England u. lebte darauf bis 1714 in Cambridge. Sein erstes Werk: Iws nirs ck'^bsll pour 1s eon- eert Lo Ouols erschien bei Roger in Amsterd.; seine 6»11sotnon ok Fangs, dem König Wilhelm gewidmet, in Loud.. in verschiedenen Sprachen; auch finden sich in den Ullis to xnrgs inolanelrolzr, vol. IV., vortreffliche Gesänge von ihm. Abrlla (a. Geogr.). Stadt in Campanien, von Chalkis aus gegründet, baute viel Obst. Granaten und Haselnüsse (Uluoss abe11ing.s); jetzt Avella vecchia. Abelmosch (^bsImosobusTUosmo/t.), Pflanzcn- gattung aus der Fam. der Malvengewächse; Kelch fünfspaltig, schcidenartig. auf einer Seite geschlitzt, Kelchhülle 5—lOblätt., beide abfallend, 5 abstehende Blumenblätter. Kapsel pyramidal. Samen kahl. Arten: Echter A-(4.. mosdr-Uus 7>Ios^o/u), B i s am- strauch, l.g—2 in hoch. Blume gelb, am Grunde purpurroth, in Ostindien. Ägypten, in SAmerika angepflanzt; die moschusartig riechenden Samen waren sonst unter dem Namen Bisamkörncr (8s- inina nbolinosolu, alosas asgz'ptiaoao, 6rana mo- selraba) als krampfstillend officinell. jetzt braucht man sie noch in ihrem Vaterlande zu Salben u. Parfümerien und in Amerika gegen den Biß der Giftschlangen. In Arabien werden die Körner dem Kaffe bcigemischt. Eßbarcr A. (^.. esenlsnlus <7,rr'i7. et iUe,-,-.), in den Tropengcgenden nahrhafte Speise; der langblätterigc A. (V. longi- lollns) soll noch wohlschmeckender sein. Abcls. Jakob Theodor, niederländ. Landschaftsmaler, geb. 1803 in Amsterdam. Schüler des Thiermalers Jan van Ravensway. ließ sich im Haag nieder u. st. 1866 in Abcoude. Bes. gelangen ihm Mondscheinlandschaften; auch feine Aquarelle sind gesucht. Abelsorden nannte sich eine Gesellschaft in Greifswald zu Anfang des vor. Jahrh., die sich bestreben wollte, ihrem Patron Abel, Adams Sohn, >an Ehrlichkeit u. Aufrichtigkeit gleich zu werden. Obgleich sic sich geheimer Zeichen u. Gebräuche bediente, stand sie doch zu dem Freimanrerbnnd in keiner Beziehung; sie erlosch bald. In der Schrift: Der Abelit, Leipz. 1746. hat die Gesellschaft selbst Näheres über sich veröffentlicht. -bei spei, anmuthiges Spiel (Pl. adele speien), heißt mittelniedcrl. das ernste romantische Drama, im Gegensatz einerseits zur Posse (sottsrnis), .anderseits zum (kirchlichen) Lh'sterie- oder Lli- ralcel spei. Abenare, so v. w. Aben Esra. Nürnberg, 1) ehemaligeGrafsch.inFranken.seit 1295 dem Burggrafen von Nürnberg, dann den Bischöfen von Eichstädt, jetzt zum Bezirksamt Schwabach des bayer. Regbez. Mittelfranken gehörend. 2) Stadt darin (Klein-Amberg) an der fränkischen Rezat mitlöOO Ew.. fabricirt Glas, Spiegel, Nähnadeln. schwarze Spitzen n. treibt.Hopfenban; in der Mwndbörsr. Nähe die Ruinen des Schlosses u. das 1803 aufgehobene Augustinernonnenklostcr Marien bürg. Nbencerragcn (Söhne des Lichts), ein edles Maurengeschlecht, welches vonAbenZerragh (od. Ebn Serradsch). dem Gegenkönig von Granada, (11. Jahrh.) angeblich abstammt. In späterer Zeit in hohem Ansehen bei den Königen der letzten Dynastie von Granada, berechtigt in der Alhambra zu wohnen, werden sie neben den christlichen Heldengestalten in den spanischen Romanzen des 15. u. 16. Jahrh. besungen u. sollen einst nach vielen Kämpfen sogar den Versuch gemacht haben, sich zu Königen von Granada zu erheben. Ihr nicht mehr geschichtlicher tragischer Untergang im Kampfe mit den Zegris wird geschildert in dem historischen Roman von Gines Percz de Hita: Ilisloria, äs las ßgrsiros oivilss cks 6ra- naäa (n. A.. Madr. 1833, u. in Aribaus Uiblio- tooa Bd. 3. Madr. 1846), einem der anziehendsten Werke der spanischen Literatur, das in reichem und malerischem Stil den Geist jener Zeit wiedcr- gibt. Als Veranlassung zum Untergänge der A. wird das Liebesverhältnis; eines ihrer Mitglieder mit der Königstochter Zoraide, für welche der Königssohn Boabdil selbst in Liebe entbrannt war, angegeben. Nach der Entdeckung desselben verband sich die königliche Familie mit den Zegris zur Vernichtung der A. 36 Mitglieder derselben wurden in die Alhambra gelockt n. ermordet; die übrigen, von dem Verrath unterrichtet, erstürmten zwar die Alhambra, erlagen aber bis auf wenige, die durch Flucht entkamen. Chateaubriand hat nach dieser spanischen Dichtung I>ss avsnturss äu cisruior ^bsnovrruAs und einen Text zu der Oper Cherubinis bearbeitet. Abend, die Zeit des Unterganges der Sonne; im weiteren Sinne auch die Stunden von 6—12 Uhr (Abends), ferner die Himmels- oder Weltgegend (Westen, Occidcnt), wo die Sonne u. die Gestirne untergehen. — Abend Punkt (West- Punkt) ist einer der 4 Hauptpunkte des Horizonts, u. zwar der, wo die Gestirne, welche im Äquator stehen, also auch die Sonne, zur Zeit der Tag- u.Nachtgleiche untergehcn. — Abendweitc heißt der Bogen des Horizonts, der zwischen dem Untergangspnnkte eines Gestirnes u. dem Abcnd- punktc liegt. Sie ist eine nördliche oder südliche, je nachdem das Gestirn nördl. oder südl. vom Äquator steht; die Sonne hat im Sommer eine nördl., im Winter eine südliche Abendweitc, die größte findet statt am längsten, bczw. kürzesten Tage. Abeudberg, ein Abhang des Därliger Grates am Thuner See, oberhalb Jnterlaken, Kant. Bern in der Schweiz, 1257 in ü. d.M., wo einvr.Gug- genbühl 1841 eine Cretinen-Heilanstalt errichtete, die von milden Beiträgen (vgl.DieKinder auf dem A. von Jda Hahn-Hahn) sehr unterstützt, aber wegen Unterschleifen des Stifters von Staats wegen geschlossen wurde; jetzt ein Luftkur-Ort. Es ist viel für u. gegen Guggenbühls Anstalt geschrieben worden; man lese: Herrn. Demme, Der Äbend- berg, wie er ist, Bern 1858. Abendbörse. Der Börsenverkehr ist überall gesetzlich geordnet. Da jedoch Manche das Bedürf- niß hatten, außer der legalen Börsenzeit sich zu vcreinigcnu. sogenannte Winkelbörsen entstanden, so 42 Abenddämmerung bildete sich zuerst in Paris eine A., die aber vom Staate wieder unterdrückt wurde. In Wien dagegen erlaubte man gesetzlich eine A., in Berlin findet eine solche täglich an einer der belebtesten Straßenecken statt. Vergl. I. H. Parth, Das A-B-C des Börsenwescns, Graz 1878. Abenddämmerung, s. Dämmerung. Abcndfalk, Rothfußfalk, I^leo rätst,es L'ec/tÄ., Raubvogel, 25—30 ein groß. Alte Männchen bis aus die rostrothcn Hosen u. Untcr- schwanzdecken schwärzlich, ans den Flügeln schiefer- grau. Alte Weibchen nnten zart rostfarben mit Heller Kehle, oben schiefergran mit schwarzen Qnerslcckcn n. ans dem Schwänze ebensolche Bänderung. Hänfig in Ungarn, gemein in Rußland, kommt zuweilen nach Deutschland herüber. Abendfaltcr, s. Schwärmer. Aüendgottesdienst, s. Vespern. Vigilien. Abendland (Occident), im Gegensätze zu Morgenland (Orient), nannte man z.Z.der römischen Weltherrschaft, da man Rom als den Mittelpunkt der Erde annahm, im Allgem. die von Rom wcstl., nach Sonnenuntergang hin, gelegenen Länder. 3!>5 n. Ehr. theilte Kaiser Thcodosius das Rö- mischeReich in das Abendländische (WRöm.)u. das Morgenländische (ORöm.) Kaiscrthum für seine beiden Söhne Honorius u. Arcadius. Die Grenze war im Ganzen das Jonische Meer und eine von dessen nördlichem Ende ziemlich gerade weiter nach N. gezogene Linie, die im jetzigen Ungarn mit der Donau zusammenfiel. Diese Namen behielten auch nach dem Untergänge des Abendländischen Reiches 476 durch germanische Eroberer ihre Bedeutung, namentlich auch durch dieTrennung der Kirche in eine abendländische (röm.-katholische) u. eine morgcnländische (gricch.-katholische). In dem Kampfe des Christenthums gegen den ans Asien in Europa eindringenden Islam, bes. indcnKrcuz- zügcn, verstand man unter A. alleLänder westl. von der Türkei, also das ganze christliche Europa, im Gegensätze zu dem Orient, nämlich der Türkei, Griechenland, Kleinasicn, Ägypten. Unter abendländischer Cultnr versteht man jetzt die auf die elastische Cultnr Griechenlands und Roms gegründete christliche Bildung der germanischen u. romanischen Völker, u. beschränkt den Ausdruck A. gewöhnlich auf Italien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, die Pyrenäische u. Skandinavische Halbinsel. Neuere abendländische Sprachen u. Literaturen sind im Gegensätze zu den alt- classischcn wie zu den orientalischen diejenigen der Völker des mittleren u. westlichen Europa. Abendländisches Kaiserthum, (s. Abend- Abendländische Kirche, / laud. Abendmahl, auch das heilige A. od. Nachtmahl, Mahl oder Tisch des Herrn, gr. Eucharistie (Danksagung), lat. Communion (Gemeinschaft der Gläubigen), Sacrament des Altars, ist ein gottesdienstlicher, zu den Sa- cramcntcn gehörender christlicher Brauch, gestiftet von Christus unter dem Passahmahl am Abend vor seiner Kreuzigung, zur förmlichen u. feierlichen Stiftung einer neuen Bundcsgemeiuschaft an der Stelle des alten Bundes. Die ncutestamentlichen Berichte stehen in den Ev. Matth. 26, 20—29, Marc. 14, 17—25, Luc. 22, 14—88 (auffallen- ; — Abendmahl. derweise bei Johannes nicht) u. bei Paulus 1. Kor. 10, 16—2l. 11, 28—29. Im Angesicht seines Todes wird Jcsn das gebrochene Brod in seiner Hand zum Sinnbilde seines eigenen Leibes, welcher nun gewaltsam werde zerbrochen werden; der Wein im Becher ein Sinnbild des Blutes, das er selbst vergießen wird. Dies Blut bezeichnet er als Bundesblut u. als vergossen für die Verbündeten zur Vergebung ihrer Sünden, womit er ankündigt, daß mit seinem Tode ein neuer Bund Solcher, die Frieden mit Gott u. unter einander babcn, als gestiftet zu betrachten sei. Diese Bedeutung seines Todes sollen die Jünger, Brod u. Wein genießend, sittlich sich nn- eigncn, in der durch ihn gestifteten Gemeinschaft, mit Gott, mit Jesu u. unter einander sich heiligen n. stärken. Daß Jesus hiermit ein dauerndes Gcdächtnißmahl für seine Gemeinde stiften wollte, bezeugt die Thatsache der regelmäßigen Feier desselben im apostolischen Zeitalter (1. Kor. 10 u. 11, Apostelgesch. 2,42). Am Schluß der Liebesmahle (Agapen, s. d.) fand Austhcilung des Brodes u. Darreichung des Kelches mit einem Segensspruch, wahrscheinlich durch einen Ältesten, statt, nach Apostelgesch. 20, 7 vielleicht au jedem Sonntag. Die Wirklichkeit des Lebens zwang bald zur Sonderung der A-sfeier von den Liebesmahlen, u. als man anfing, das A. an die Stelle der heidnischen Mysterien oder Geheimculte zu setzen, kam die buchstäbliche Auffassung der Einsetzungsworte: Das ist mein Leib, mein Blut, u. die Geltung des A-s nicht blos als des kräftigsten Mittels zur Förderung des christlichen Lebens, sondern auch als eines Heilmittels gegen den Tod, weiterhin als eines Opfers, eines Lob- u. Dankopfcrs, wie eines Bittopfers für die Verstorbenen rasch in Aufnahme. Die Ansicht des Justinus Martyr(st.165) u. des Jrenäns (st. 202), wonach zu Brod u. Wein etwas Höheres, zu dem Irdischen etwas Himmlisches hinzutrcte, gab den Anstoß zu der weiteren Vorstellung, daß durch einen der Menschwerdung entsprechenden Vorgang Brod u. Wein zu Leib u. Blut des Gottnienschen werde, u. führte damit zu der späteren Transsubstantiationslchre. Cyprian (st. 258) ist der Erste, welcher es auch als Darstellung des Opfers Christi aussaßt, wobei der Priester an Christi Stelle dasselbe thue, was Christus selbst gethan; in der griechischen Kirche redet Gregor v. Nhssa (st. um 390) zuerst von der Verwandlung des Brodes in den Leib des Logos durch den Act der Cvnsccration (Weihung). Wie Johannes von Damascus (st. 760) für die griechische, so fixirte dann Paschasius Radbertus um 840 in der römischen Kirche die noch schwankende Lehrweise dahin, daß in der Consecration regelmäßig ein Wunder der Allmacht, eine neue Schöpfung, nämlich die substantielle (wesentliche) Verwandlung des Brodes u. Weines in den Leib u. das Blut Christi geschehe. Der schroffe Ausdruck rief den sogen, ersten Abendmahlsstreit hervor: Ratramnus trat für die rationell-symbolische Ansicht ein, daß der Leib u. das Blut Christi im Sacramcnt nur mystisch u. figürlich, als Gegenstand des Glaubens sein können. Die wundersüchtige - Zeit begünstigte natürlich den Sieg des materiellsten Begriffes der Verwandlung; Berengar v. Tours,. Abendmahl. 43 der Erneuerer der vernünftigen Lehre des Ratram- nus um 1030, hatte die ganze Richtung der Zeit gegen sich, u. selbst sein hoher Beschützer, Papst Gregor VII., mußte ihn fallen lassen. Papst Jnnocenz III. ließ durch das 4. Latcranconcil 1215 als Glaubensartikel aussprechen: daß der Leib n. das Blut Christi im Sacrament des Altars unter den Species von Brod u. Wein wahrhaft enthalten sind, indem das Brod in den Leib, der Wein in das Blut durch göttliche Macht transsnbstantiirt(umgeschaffen) werden. So konnte von den Kirchenlehrern fortan nur noch über Nebensachen, die Art, die Dauer der Verwandlung n. dgl., gestritten werden. Um alle Gefahr der Entweihung zu beseitigen u. das Gehcimniß- volle der Handlung noch zu steigern, war im 12. Jahrh. die Theilnahme der Kinder verboten, der Kelch, aus welchem mau den Wein, damit nichts verschüttet würde, häufig durch eine Saugröhre (tmtula, euelmristiea.) genoß, da und dort den Laien ganz entzogen worden. Im 13.Jahrhundert wurde es Sitte, durch Papst Honorius III. Gebot 1217, in den geweihten Elementen den gegenwärtigen Christus durch Nicdcrsallcn zu verehren: endlich, 1264 u. 1311, wurde durch Einführung eines der Anbetung der Hostie geweihten Festes, des Fronleichnams festes, für die ganze Kirche die Entfernung von der ursprünglichen Stiftung des A-s vollendet. Das Sacrament, in welchem Christus von den Communicirenden geistlich genossen wird, war längst auf die zweite Stufe herabgedrängt, das in der Messe durch den Priester mit od. ohne Gemeinde Gott dargebrachte Opfer zur Hauptsache geworden. Vom letzteren handelt der Art. Messe; hier ist über das A. als Communion in der römischen Kirche noch Folgendes anzufügen. In Nachahmung der ersten Feier wurde das A. anfangs besonders abends, u. seit man es mit dem Morgcngottes- dienstc verband, wenigstens unter Anzündung von Kerzen auf dem Altar, die sich auch in cineni Theil der protestantischen Kirche erhalten hat, gefeiert. Als man seit dem 5. Jahrh. über Lauheit in der Feier zu klagen hatte, wurden die hohen Festtage, Ostern, Pfingsten u. Weihnachten, als regelmäßige Communiontage festgesetzt. An diesen Tagen war der Genuß des A-s da u. dort für alle Erwachsene Gebot. Aber das 4. Laleran- concil 1215 beschränkte, die Messe in den Vordergrund stellend, die Verpflichtung auf eine Be- theilignng im Jahre, vornehmlich in der Osterzeit. Daneben befestigte sich mit der Ausbildung der Sacramentslehrc u. -Praxis die alte Sitte, den Sterbenden, ja oft den Gestorbenen die geweihten A-selemente als Wegzehrung (viationm) mitzugeben, in dem kirchlichen Gebote, beim Hcran- nahen des Todes noch das A. zu genießen. Nur ein ordinirter Priester kann das Sacrament vollziehen. Bedingung des Genusses ist die voraus- gegangcne Beichte, Fasten wenigstens von Mitternacht an, reine Kleidung. Die Bestandtheile (Elemente) des A-s sind ungesäuertes Weizcn- brod, weil Christus das A. am Tag der ungesäuerten Brode einsetzte, u. Wein mit Wasser gemischt, so wie ihn Christus der Sitte gemäß genoß; das Brod in Form von Münzen, mir Sinnbildern des Todes Christi versehen, Oblate od. Hostie (beides lat., sov. w. Opfer) genannt. Seit dem Ende des 11. Jahrh. fing man an, das Brod in den Wein getaucht auszutheilen, wie man es längst den Kranken u. Kindern gereicht hatte, aber die Curie verbot es. Im 12. Jahrh. erhoben sich Stimmen dafür, dem Laien nur das Brod zu reichen, weil ja doch unter jeder Gestalt der ganze Christus empfangen werde, was seit Thomas v. Aquino ooncomitautia hieß; oder man reichte ungeweihteu Wein, auch wol den sogenannten Spülkelch, einen Rest des geweihten mit gewöhnlichem gemischt; bald war, abgesehen von dem längeren Widerstand in einigen Klöstern u. bei den Häretikern, die Kclchcntzichung allgemein. Die Feier der Communion, die Distribution (Austheilung) geht 'als letzter Haupttheil der Messe, welchem nur noch die Danksagung n. der Segen folgt, in der Weise vor sich, daß die nach der Beichte Absolvirten in einiger Entfernung vom Altar sich versammeln u. hier knieend vom Priester, der in der Hand den Kelch u. ans ihm die Patene (v. lat. xatiiur), das Brodtcllcrchen, hält, das gebrochene Brod empfangen mit den Worten: eorpus äomini nostri Issu (lliristi oustocliat auimam tn-rnr in vitain aeternanr (der wahrhaftige Leib unseres Herrn Jesu Christi bewahre dich für das ewige Leben!), worauf Jeder sich an seinen Platz zurückbegibt, der Priester aber, an den Altar zurücktretend, den Wein allein trinkt: Als Gemeindcgcsang bei der A-s- feier ist seit Gregor d. Gr. besonders verbreitet das ^gnu8 Del (O Lamm Gottes, unschuldig). Von den Wirkungen des A-s lehrt die Kirche: Tie göttliche Seelenspcise bewirkt Kräftigung in der göttlichen Gnade, Vergebung der läßlichen Sünden, Wappnnng gegen die Todsünden, Versicherung des ewigen Lebens. Die griech.-morg enländische Kirche hat bei ihrer Trennung von der römischen das Meßopfer mit der Transsubstantiationslchre bcibehalten, gibt aber den Laien zum Brod, u. zwar gesäuerten, auch den Kelch, beides selbst den Kindern, und fordert keine Ohrenbeichte. Zahlreich sind hier dieWcchsclgesängebei der Feier, u. das Symbolische des A-s, die Abbildung des Opfertodes Christi wird bis ins Einzelnste durchgeführt. Nach der Consccration in der Messe feiern die Geistlichen, durch einen Vorhang vom Volke getrennt, unter sich die Communion. Der erste Geistliche bricht das Brod, schüttet warmes Wasser (kaltes war schon vor der Consccration cingcgossen) in den Wein, reicht zuerst sich n. dann auf ihre Bitte den Collegcn die zubercite- ten Elemente. Dann wird der Vorhang weg- gezogcn, u. die Diakonen tragen das in den Wein getauchte Brod zu der Gemeinde hinaus u. reichen die Bissen ohne eine Spendesormcl mit einem Lössel zum Mund. Die Kirchen u. Parteien der Reformation verwarfen einstimmig als Abgötterei das Meßopfer mit der Verwandlung durch den Priester u. die Anbetung des Sacraments, gingen aber in der Lehre vom A., weniger in der Feier, weit aus einander. Der Kirche des Mittelalters am nächsten blieb Luther. Er bestand darauf, daß „um sacramcntlicher Einigkeit willen das Brod sei. 44 Abendmahl. der Leib Christi, d. h. das; mit dem Brou wahrhaft zugegen sei u. dargereicht werde der Leib, daß also auch die Unwürdigen den Leib u. das Blut Christi wahrhaft empfahen, wo man des Herrn Christi Wort u. Einsetzung halte". Von der Wirkung des A-s für den Glauben dachte Luther so hoch wie nur einer von den ältesten Kirchenlehrern: nicht nur Sündenvergebung, auch Umwandlung in geistliche, heilige, lebendige Menschen u. eie Hoffnung der Auferstehung für den Leib verspricht er dem Herzen, „das die Worte fasset u. eben dasselbe geistlich isset, was der Mund leiblich ißt". Das blieb denn auch die Lehre der echten Lutheraner, von ihnen mit dem Dogma von der Ubiqnität (Überallsein) Christi begründet. Ganz im Gegentheil lehrte Zwingli, nach Christi Ausdrucksweise in den Bildern: Ich bin das Brod, der Weinstock rc., müssen auch die Einsetzungswvrte im A. symbolisch verstanden, das Ä. nur als Gedächtnißfeier angesehen werden, bei welcher blos für die Anschauung des Glaubens der Leib Christi gleichsam gegenwärtig sei. Ähnlich der spätere Socinianismus, Armi- nianismus u. Rationalismus, während einzelne Secten, wie die Mennoniten u. Quäker das „abgöttische Nachtmahl" ganz verwarfen. Eine mittlere Stellung nehmen Calvin, Nutzer, in seiner letzten Zeit auch Melanchthon, der schon 1540 an der Angsburgischen Confession milderte, heutzutage viele von Schlciermachcr ausgehende Ver- mittelnngstheologen, freilich mit viel Unbestimmtheit, ein. Ihnen allen sind— mit Calvin zu reden — Brod u. Wein nicht blos Zeichen, sondern zugleich Unterpfänder der göttlichen Gnade, so zwar, daß wir im A. allerdings Leib n. Blut Christi genießen, aber im Sinne von Ev. Joh. 6 (Ich bin das Brod des Lebens rc.) nicht mündlich, sondern der Heilige Geist thcilt den in den Himmel sich erhebenden Gläubigen die göttlichen Lebenskräfte des Leibes Christi mit. Auf eine solche Vermittelung gründete sich in Preußen seit 1817 die sog. Union, deren Gegner dann wieder nur so strenger auf Luther zurückgingen. Auch der Ritus in den cv. Kirchen zeigt nicht wenige Verschiedenheiten. Bei den Lutheranern geht eine öffentliche gemeinsame Beichte mit gemeinsamer Absolution voraus, welche die strengen Lutheraner unter Berufung auf Luther durch die Privatbeichte vor dem Seelsorger ergänzt sehen möchten. Das A. selbst wird am Schluß des Vormittagsgottes- dienstcs gewisser Sonn-u. Festtage gefeiert. Der Geistliche weiht die Hostien, welche ganz den in der röm. Kirche gebrauchten gleich sind, u. den (in vielen Kirchen weißen) Wein durch Gebet u. Einsetzungsworte, auch wol mit dem Zeichen des Kreuzes. Darauf treten, unter dem Gesang der Gemeinde, die Communicanten, erst die Männer, dann die Frauen, einzeln oder zu mehreren, zum Altar u. erhalten, da u. dort knicend, von dem Geistlichen die ungebrochene Hostie n. den Kelch in den Mund gereicht mit den Worten: Nehmet hin u. esset (trinket), das ist der Leib (das Blut) unscrs Herrn Jesu Christi für eure Sünden in den Tod gegeben (vergossen), das thut zu seinem Gedächtnis;! oder: der stärke u. erhalte euch im wahren Glauben znm ewigen Leben! Mit Dank, Segen u. Gesang schließt die Feier. In denrefor - mirten Kirchen finden sich sehr verschiedene Formen. Im Allgemeinen suchen dieselben dcn Charak- ter eines gemeinsamen Mahls festzuhalten. Voraus geht am Tage zuvor ein besonderer Vorbereitungsgottesdienst mit eingehender Liturgie. DieSpende- formel wird meistens nicht jedem einzelnen Communicanten wiederholt, sondern an alle zusammen gerichtet. Nach der Zw inglisch en Ordnung wird dann das Brod (große Oblaten) gebrochen und mit dem Kelche zu der sitzenden Gemeinde hingetragen. In jede Bank wird eine Oblate u. ein hölzerner Kelch gereicht, Jeder bricht sich ein Stück ab, wahrend der Kelch von Hand zu Hand geht. Nach der calvinischen Agende nimmt der Geistliche die Brode, einige Mitglieder des Kircheurathes die Kelche, u. die Hinzutretenden empfangen beides. Ohne jede bestimmte Liturgie, mit freier Rede u. freiem Gebete, geht die Handlung im calvinischen Frankreich und Schottland vor sich: in Gruppen, die nach einander an einen Tisch treten, oder an mehreren Tischen sitzen, reichen, sich die Communicanten gegenseitig die hl. Speise, während, z.B. beiden schottischen Presbyterianern, der Geistliche predigt. Am meisten trägt das Ganze den Charakter des Mahls in der niederlündisch-reformirtenKirche. Nach dem Gottesdienste werden die Tische zngerichtet n. Schüsseln u. Gläser in der Form ganz gewöhnlicher Speiscgefäße herumgereicht, während Schriftabschnitte von der Kanzel verlesen werden. An die altcalvinische Ordnung halten sich im Wesentlichen auch die meisten engl.-amerikanischen Dissenters. Streng altkirchlich zeigt sich dagegen auch in der A-sfeicr wie in ihrem ganzen Ritus die ang li c anische Kirche: zuerst feierliches, von der Gemeinde knieend angehörtes Sündcnbekenntniß, Absolution, Einladung zum Mahl; dann genießt der Prediger selbst Brod u. Wein u. reicht hierauf beides den kuieenden Communicanten in die Hand mit der Lpendeformel; zuletzt lautes Vatcr- Unser aller Thcilnehmenden, Dankgebet, Gesang des Gloria. Die preuß. nnirte Kirche beginnt die Feier mit einer Ermahnung und Warnung vor unwürdigem Genuß, geht dann zur Conse-- cration über, die kniecnd angehöct wird, u. läßt nach dem altchristlichen Friedcnswunschc die Aus- theilung mit Brechen der Hostie u. der Spendeformel: Unser Herr u. Heiland Jesus Christus spricht: Das ist mein Leib rc., folgen. Schließlich Dankgebet, Segen und Gesang des apostolischen Grußes. Bemerkcnswerth ist noch die Feier in der deutschen Brüdergemeinde. Alle 4 Wochen wird am letzten Abend der Woche, nachdem einen oder mehrere Tage zuvor ein Vorbereitungsgottesdienst gehalten worden, von der ganzen Gemeinde das A. gehalten. Nach einem Absoluttonsgebet auf den Knieen wird das Brod durch das Sprechen der Einsetzungsworte geweiht und Allen in die Hand gegeben, woraus die Gemeinde sich erhebt, der Prediger die Worte spricht: Esset, das ist der Leib, worauf die ganze Versammlung nieder- kniecnd es genießt. Es folgt die Consecration des Kelches, der von den Diakonen zu den Communicanten gebracht u. von diesen stehend genossen wird, indem ihn Jeder weiter reicht. Die Abendmahl — Abendschulen. 4 » sewcliche Danksagungsliturgie findet erst am folgenden Tage, dem Sonntag, statt. — Feier des A-s außerhalb dcrGcmeinde, sogen. Privatcom- munion für Solche, die an der gemeinschaftlichen Feier theilzunehmen verhindert sind, insbesondere fürKranke u.Sterbende, istindcrkatholischcnKirchc alsStcrbesacrament geradezu Gesetz geworden, wird von der lutherischen Kirche gepflegt, von der refor- mirten, welche den Gcmeinschaftsbcgriff betont, nur geduldet. Das Selbstcommuni circn der Laien verbietet die gesummte christliche Kirche, das der Geistlichen mißbilligte Luther, weshalb strenge Lutheraner es heute noch vermeiden. — Schriften über das A. kritisch: Rückert, Lpz. 1856; lnth.: Kahms, Lpz. 1851; Dieckhoff, Gött. 1854; Schmid, Lpz. 1868; res.: Ebrard, Lpz. 1845 f. Abendmahl, als künstlerischer Vorwurf. Das dem A.zu Grunde liegende Geheimniß ward vorerst nur symbolisch durch die Bilder von Broden u, Fischen angcdcutet, so in den Katakomben des Callistus. Die Darstellung des A-s selbst zeigt sich erst später, und zwar erscheint dabei Christus gleichsam als Priester, Brod n. Wein ansthci- lcnd; ebenso ist cs mit der Darstellung der geschichtlichen Begebenheit. Die erstercDarstellungs- weise gehört vorwiegend dem Orient an u. reicht bis ins 9. Jahrh. zurück; die rein historische Tar- stellungsweisc findet sich schon im' 6. Jahrh. u. vom II. Jahrh. an in Miniaturen sehr häufig. Eine plastischeDarstellung dieser Art auf einem aus Goldblech getriebenen Antepcndium im Tomschatze zu Aachen aus dem 10. Jahrh. u. ein Basrelief im Dom zu Lodi von 1163. Eine ähnliche an der Thür von 8t. dermain äos?res in Paris aus dem 11. Jahrh. Die toscanischen Maler des 14. u. 15. Jahrh. behandelten das A. vielfach, so Duccio (im Dom zu Siena), Giotto (in der Akademie zu Florenz). Von hohem Werthe ist das A.-Bild Fiesoles (ebd.), in welchem er die Ankündigung des Vcrrathes des Judas u. die Einsetzung des Sacramcnts trennt. Ten Beutel trägt Judas erst in späterer Zeit, so z. B. bei Dürer in der „Großen Passion". Das berühmteste A.-Bild ist das von Leonardo da Vinci im Refectorium von Santa Maria delle Grazie zu Mailand, vollendet 1499. Auch Rafael malte ein A., Titian, Paul Veronese u. And. Neuere brachten fremde Motive in die Darstellung. Vergl. Herrn. Riegel, Darstellung des A-s bes. in der toscanischen Kunst. Abendmahlsgemcinschaft nennt man die Gewährung der Theilnahmc an der Feier des A-s in einer bestimmten kirchlichen Gemeinschaft auch für die Mitglieder anderer Bekenntnisse. Wie weit die A. zulässig, ist eine theologische Streitfrage. Die röm.-katholische Kirche gestattet gar keine A., die griechische macht einige Ausnahmen. Tic evangelische Kirche wird sich selber untreu, wenn sie evangelischen Christen die A. verweigert. Aber die modernen Lutheraner NDeutschlands verhielten sich auf der Berliner sog. Octoberversammlung 1871 ablehnend, als die Gemäßigten nur verlangten, daß jede deutsche Landeskirche es als Liebespflicht anerkenne, Glieder anderer Landeskirchen auf ihr Begehren gastweise zum Abendmahl zuzulassen. Dagegen umfaßt die sogen. Evangelische Allianz alle evangelischen Christen, welche die altchrist- lichcn Glaubensartikel annehmcn, neuesten«, wie cs scheint, auch die Altkatholikcn, in einer A. Abcndnmhlsgcricht.h, Abend,nahlsprobc, / '' EotteSurtheü. Abendpfauenauge (Liasrintbns oeellatus, Lat.), Schmetterling aus der Fam. der Schwärmer. Seidenartig, bräunl.-gran, Hinterflügel am Innenwinkel mit großem schwarzem Flecke, woran ein großer blauer Kreis steht. Länge ca. 26 mm.; Breite ca. 65 mm. Raupe verschieden grün, mit. gefärbten Schrägstreifcn auf den Seiten, auf dem vorletzten Ringe ein Horn; lebt auf Weiden u. Pappeln; wird mitunter schädlich, verpuppt sich unter der Erde. Abeudroth, Amandus August, Bürger-, mcister v. Hamburg, geb. daselbst 16. Oct. 1767, studirte die Rechte zu Erlangen u. Göttingen, besuchte England u. Italien, ließ sich dann als Advocat in Hamburg nieder u. widmete sich mit Eifer den öffentlichen Angelegenheiten, namentlich den vortrcffl. Armenanstalten seiner Vaterstadt. 1800 zum Rathsherrn erwählt, versah er 1806, als die Franzosen die Stadt besetzten, die Polizeiverwaltung u. war 1809—10 .Amtmann v. Ritzebüttel. Bei der Einverleibung Hamburgs in das franz. Kaiserreich 1810 wurde er Maire u. wirkte in diesem schwierigen Amte rastlos u. erfolgreich für die Interessen Hamburgs; 1812 war er im Gesetzgebenden Körper zu Paris. Bei dem Aufstande am 24. Fcbr. 1813 beruhigte er mit Lebensgefahr das Volk u. that den Strafmaßreg ein der Franzosen, welcheschon 6Personenerschossenhattcn, Einhalt. Weil er von den einmarschirtcn russischen Truppen, Mürz 1813, die Polizeiverwaltung übernommen, von den Franzosen geächtet, flüchtete er aus der Stadt, nach deren Befreiung er im Mai 1814 wieder die Verwaltung des Amtes Ritzebüttcl übernahm. Hier begründete er das erste deutsche Nordseebad zu Kuxhavcn u. schrieb darüber: Ritzebüttcl u. das Seebad Kuxhaven (2 Thle., Hamb. 1818—37). Von den in seinen Wünschen bei Hamburgs Wiedergeburt (l814) angeregten Reformen kamen später manche zur Ausführung. 1821 wurde er wieder Senator Hamburgs u. Polizeiverwaltcr; 1831 wurde er zum Bürgermeister erwählt, legte aber sein Amt wegen Krankheit 1835 nieder; er st. 17. Dccbr. 1842. — Von seinen Söhnen hat sich der älteste, August, geb. 1<98 in Hamburg, als Mitglied des Ausschusses für den Neubau Hamburgs, sowie durch großartige Sielbauten, Wasserleitungen, Einführung der Gasbeleuchtung, ferner durch seine Mitwirkung in den Vorständen der Berlin- Hamburger Eisenbahn, des Blumen- u. Garten- bauvereins, des Rauhen Hauses, im Kunsthallen- Comite rc. verdient gemacht. Er st. 1869. Abendschein, 1) so v. w. Abenddämmerung; 2) so v. w. Zodiakallicht im Frühjahr. Abendschulen (Nachtschulen), Schulen, in welchen des Abends unterrichtet wird. Sie haben den Zweck, Kinder, welche, schon frühzeitig zu Fabrikarbeiter: verwandt, der Tagesschulen entbehren müssen, in den Elemcntarfächern zu unterrichten. Bei der kurzen Dauer des Unterrichtes u. der durch die Tagesarbcit herbeigcführten Abspannung der Kinder sind jedoch günstige Resul- 46 Abcndstern - tato nicht zu erzielen. Ebenso unzweckmäßig sind jene niederen praktischen Ackerbauschnlen, in welchen noch des Abends theoretischer Unterricht er- theilt wird. — Besser haben sich die in den letzten Jahren errichteten Fortbildungsschulen (s. d.) bewährt. Es sind dieses A., in welchen erwachsenen Leuten Nachhilfe n. Belehrung durch Elementarlehrer, landwirthschaftliche Wanderlehrer u. vielfach durch akademisch gebildete Lehrer höherer Schulen zu Thcil wird. Abendster» oder Morgenstern (Hespcrus oder Lnciser bei den Alten) wird der Planet Venns genannt, der früher für zwei verschiedene Sterne gehalten wurde. A. heißt er, wenn er auf seiner Bahn um die Sonne an der östlichen Seite derselben erscheint u. nach Sonnenuntergang eine Zeit lang am Abend Himmel im W. strahlt, M., wenn er vor Sonnenaufgang am Morgen Himmel an der westlichen Seite der Sonne sich zeigt. Weiteres s. n. Venus. Abcnduhr, Sonnenuhr (s. d.) mit nach W. gerichteter Ebene. Abend- und Morgenröthe (Abend- u. Mor- gcnroth, Aurora), die rotheFärbung des westlichen Himmels bei u. nach Sonnenuntergang, des östlichen bei u. vor Sonnenaufgang. Die Äbendröthc ist an: schönsten bei Hellem Himmel mit einzelnen Wölkchen oder mit lichten Fedcrwolkcn, welche die sinkende Sonne, während die Erde schon in Schatten gehüllt ist, oft noch mit den prachtvollsten rothcn n. goldenen Tönen färbt. Die Farben gehen allmählich in einen wcißlichenSchimmer über,zuletzt verschwindet die Erscheinung ganz. Früher erklärte man die M.- u. A. dadurch, daß die Luft die blauen Strahlen rcflectirc u. die rothcn hindurchlasse. Neuerdings ist (durch Forbcs n. bes. Sorby) eine richtigere Erklärung gegeben worden. Danach ist die Ursache der rothen Färbung nicht in der Luft selbst, sondern in den derselben beige- mcngten Dunstkügelchen und Staubtheilchen zu suchen. Während der durchsichtige Wasserdampf der oberen Luftschichten vorzugsweise die rothen Strahlen hindurchläßi, werden in den unteren, durch Staub n. die bei Verdichtung des Wasserdampfes entstehenden Dnnstkügelchen getrübten Luftschichten die blauen u. violetten Strahlen reflectirt, die rothen u. gelben hindurchgelassen, wie denn auch das Licht der Sonne roth erscheint, wenn cs durch Ranch, Milchglas, berußtes Glas w. hindnrchgegangen ist. Diese Röthnng des durchgelassenen Lichtes ist aber nur dann merklich, wenn die Sonne dem Horizont nahe ist, weil dann ihre Strahlen eine viele Meilen lange Strecke durch die unteren Luftschichten zu passiren haben. Bei höherem Stande der Sonne erscheint daher deren Licht (fast) rein weiß. Ebenso wie die rothe Färbung der Wolken u. der mit Staub u. Dnnstkügelchen erfüllten Luft erklärt sich die prachtvolle rothe Färbung der Bergspitzcn in den Alpen bei Sonnen-Auf- u. -Untergang, das Alpenglühen. Die A.- u. M-röthe ist selbstverständlich nur dann möglich, wenn die Sonnenstrahlen nicht durch dicke, undurchsichtige Wolkcnmassen auf ihrem Wege aufgehalten werden; u. umgekehrt läßt sich aus dem Auftreten der Erscheinung schließen, daß der Himmel im O. resp. W. ans - Wen Esra. eine weite Entfernung hin wolkenfrei ist. Der Antheil, welchen der Wasserdampf im Zustande beginnender Verdichtung an der Entstehung unseres Phänomens hat, gibt einen Fingerzeig zur Erklärung des Umstandes, daß Abendröthe gewöhnlich schönes, Morgenröthe dagegen regnerisches Wetter anzeigt. Abendroth wird besonders schön dann anftrcten, wenn die in der Luft enthaltenen Wasscrdämpfe erst kurz vor Sonnenuntergang sich zu verdichten beginnen; dagegen wird bei einigermaßen trockener Luft eine hinreichende Bildung von Wasserdampf, durch dessen beginnende Verdichtung Morgcnroth erzeugt werden könnte, erst nach Sonnenaufgang stattfinden, also kein Morgenroth erscheinen. Morgcnroth wird hingegen dann cintreten, wenn durch feuchten (westlichen) Wind ein solcher Überschuß von Feuchtigkeit herbcigeführt wird, daß die Verdichtung derselben schon frühe beginnt, u. dann zeigt cs eine baldige Wolkcnbildung in den höheren Schichten n. meist darauf folgenden Regen an. Spectroskopisch wurde die A. untersucht von Cornu, Frazmonski, Salet u. A.; Galle n. Rei- mann erforschten die Größe der Ausbreitung der A. Über eine an der brasilianischen Küste beobachtete Erscheinung, welche der A. verwandt ist u. von den Eingeborenen Arrebol genannt wird, s. d. Vergl. Forbes, in Poggendorffs Annalen, Bd. 46 n. 47; P. Foissac, Meteorologie, Leipz. l859; S. I. Bacher, Ueber die Strahlenbrechung in der Atmosphäre, St. Petersb. 1861; C. S. Cornelius, Meteorologie, Halle 1863; F.Zürcher, Uos pliönomvnos cks I'atmospllöro, Paris 1862, з. ockit. 1869; C. M. Bauernfeind, Die atmosphärische Strahlenbrechung, München 1864; I. Müller, Lehrb. der kosmischen Physik, 2. Aust., Braunschwcig 186S; A. Collin, Atmidometrie, Orleans 1866; H. Gylden, Unters, über die Constitution der Atmosphäre u. die Strahlenbrechung in derselben, St. Petersb. 1866—68; Th. Schnitze, Betracht, üb. d. physikalischen Lehren vom farbigen Lichte rc., Kiel 1869; W. Benois, Iws Ai'nncks pliönomonss. Par. 1869; C. Flain- marion, I/41mospüero, Paris 1871, 2. ockit. 1872; Mio 4anckom)-, London 1872; Poggendorffs Annalen, 1872, Nr. ö. Abendweitc, s. Abend. Abendwind (Westwind), s. Winde. L bono plscito (ital., spr. platschlto), nach Belieben, in der Musik als Bezeichnung, daß der Vortragende die betreffende Stelle in Schnelligkeit и. Ausdruck nach eigenem Geschmack wiedergebcn könne. Abe» Esra (Jbn Esra), eigentlich Abraham ben-Meir (spr. Me-ir) ben-Esra, gewöhnlich Abenare oder Avenarc gen., 1093 zu Toledo in Spanien geb., st. 1168, nachEinigen in Rhodus, nach Anderen in Rom. Er war neben Jehuda Hallevi u. Moses ben-Esra einer der bedeutendsten u. geistvollsten jüdischen Gelehrten u. Denker seiner Zeit. 1140 verließ er sein Vaterland u. lebte in der Lombardei, Provence, Frankreich, England, Ägypten, Rhodus, überall wegen seiner Gelehrsamkeit in hohem Ansehen. In mehreren Sprachen, hebr., arab., aramäisch, wie in der Schrift- äuslegung, Grammatik, Theologie, Philosophie, 47 Abenheim — Mathematik, Astronomie, Heilkunde und Poesie bewandert, hat er manche von diesen Gebieten wesentlich gefördert und sich namentlich um die hebräische Grammatik u. Poesie, Theologie u. bibl. Schriftauslegung bleibendes Verdienst erworben. Von seinen zahlreichen Werken sind dieCommen- tare zu einem großen Theil des Alten Testaments in die rabbinischen Bibeln von Bamberg u. Bux- storff ausgenommen, auch größtentheils ins Lateinische übersetzt worden. A. E-s Auslegung ist vernunftgemäß und genau auf den Wortsinn eingehend, bündig, mitunter zu kurz. Seine hebräische Grammatik (zuerst 1546 mit Kimchis Gramm, gedruckt, Ben.) ist verdienstvoll. Abenheim, Joseph, deutscherComponist, geb. 1801 in Worms, widmete sich bes. dem Clavier- u. Violinspiel unter Schlösser in Darmstadt, bildete sich in Mannheim unter Frey weiter u. trat 1825 in die Hofkapclle zu Stuttgart, wo er sich häuslich niederließ. 1828 ging er nach Paris zum Studium der Kompositionslehre, namentlich unter Reicha, trat dann wieder in Stuttgart in die Kapelle u. wurde 1854 Hofmusikdirector, als welcher er in Vertretung Lindpaintners zu Zeiten die Dircction der Hofkapelle oder des Orchesters der Hofbühne übernahm. Seine Kompositionen, Lieder, Zwischenactsmusik u. Ouvertüren sind rüh- mcnswerth; auch das „Rheinwcinlied" ist von ihm. Abens, rechter Nebenfluß der Donau im daher. Kreise Niederbayern, mündet bei Neustadt. Nbensberg, früher Sitz der Grafen u. Reichs- Herren v. A., jetzt Landgericht u. dann Stadt im Bez.-AmtKelheim des bayerischen Regbez. Niederbayern, an der Abens, Station der Donauthalbahn; 1816 Ew. Eisengießerei, Maschinenfabrik, Wollspinnerei, Viehmärkte, Hopfenbau. A. ist Geburtsort des bayerischen Geschichtschreibers Joh. Thurmayer (Avcntinus), geb. 1466, dem 186 i ein Denkmal gesetzt wurde. Am 20. April 1809 schlug bei A. Napoleon mit Bayern, Württem- bcrgcrn u. der großen Armee unter Davoust, Lannes u. St. Sulpice den linken Flügel der österreichischen Armee unter Erzhzg. Ludwig u. General Hillcr; dieser Sieg u. die darauf folgenden brachten Napoleon in wenigen Tagen bis nach Wien u. beraubten Österreich aller Erfolge des Vormarsches. Nahe bei der Stadt entspringt eine Mineralquelle, die seit 1871 mit neuen Badrvor- richtnngen versehen ist und deren eisenhaltiges salinisches Wasser bei chronischen Hautkrankheiten, Rheuma, Gicht ohne Fieber, bei Verschleimungen u. Schlcimflüsfen, Scrophcln, Metallvergiftungen u. dgl. empfohlen wird. A. ist das römische Oastra Lvumna. Abensberg u. Rohr, österreichisches Grafcn- geschlecht, von Eberhard v. Scheyern abstammend, st. 1485 mit Niklas v. A.- aus, der in einer Fehde mit Herzog Christoph v. Bayern fiel, infolge dessen die Grafschaft A. an Bayern kam; doch erhielt sich durch Eberhards Bruder, Wolfram, die Linie Äbensberg-Traun. Abenteuer, aus dem mittellat. g,(ci) Ventura (it. avvsntura, pro», avsntnra. sranz. avsntnrs), Ereigniß, hergeleitet, daher auch mittelhochd. d i e Lvsntinrg (u. neuhochd. bis ins 17. Jahrh. zuweilen kein.). Mittelniederd. schon im 14. u. 1b. j Abercromby. Jahrh. nentr. und jetzt neuhochd. nur das A. Die vielfachen Entstellungen (Abcn-, Oben-, Ofentür, Affenteuer u. mit Anlehnung an mittellat. evontnrs, Ebentür, -teuer) gaben dem Worte deutscheres Ansehen, u. so ward aus mittelhochd. Lvsntinrs, neuhochd. Abenteuer, wie aus mittelhochd. tinrs, neuhochd. theucr. A. ist ein wunderbares, zauberhaftes Ereigniß, ein gewagtes Unternehmen (Zweikampf u. dergl.), wie es die irrenden Ritter aufsuchten. Jetzt mehr ein seltsames Erlebniß. Mittelhochd. Lvsntinrs ist aber auch der Bericht über ein Ercigniß; der Held eines Gedichtes od. Buches heißt cksr Lvsntinrs dörre, u. die alten Schreiber nennen die einzelnen Abschnitte eines Gedichtes Lvsntinrsn. Auch die urkundliche Quelle des Dichters wird Lvsntinrs genannt. Schon provenzalisch ward ^Ventura, zur Göttin, der Fortuna (Uazmonarä lex. roin. 3, 33, 505); um so näher lag es für die mittelhochd. Dichter, die Lvsntinrs wirklich zu beleben. Ihnen wird Vron ü.ventinrs (noch bei Hans Sachs bvarv ü.dsntllsn-r) zur schönen Jungfrau, die mit einem Stabe und einem unsichtbar machenden Ringe versehen durch die Länder fährt, den Lauf der Welt zu erkunden. Sie klopft bei dem Dichter an und bittet um Einlaß, sie führt Wechselgespräche mit ihm, „sie bescheidet, prüft u. erleuchtet die Begebenheiten" u. wird so gewissermaßen seine Muse. Vgl. G. F. Bcnccke, Zeitschr. für deutsches Alterth. 1,49 ff.; I. Grimm, Frau Aventiure, Berl. 1842 (— Kl. Sehr., 1; 83 ff.). Der Abenteurer ist ursprünglich Einer, der ritterliche Thatcn u. dergl. aufsucht, wie sich denn noch Kaiser Maximilian einen Abenteurer mit Ehren nennen ließ. Jetzt bezeichnet der Ausdruck, wie sranz. avsntnrisr, mehr einen Glücksritter. Abenteuerlich ist, den verschiedenen Bedeutungen von A. entsprechend, wunderbar, gefährlich, phantastisch, seltsam, ungereimt. Abeokuta, s. Abbeoküta. üb equls sä nsinos (lat. Sprichw.),vom (von den) Pferde(n) auf den (die) Esel kommen. Aber..., als Vorsilbe drückt: 1) Wiederholung ans, wie in abermals; 2) das durch Übermaß Verkehrte, z. B. in Aberwitz, Aberglaube; 3) in schottischen u. wallisischcn Städtenamen (Äb- ber gesprochen) ist es das kelt. (kymrische u. gadhe- lische) aber-, Flußmündung, Hafen. Daher als Zusammensetzung mit Städtenamcn, wie Abercon- way, Aberdeen, Abergavenny re. Abcravon (spr. Äbberehwn), St. in der engl. Grafschaft Glamorgan in Südwalcs, an der Mündung des Avon in den Kanal von Bristol; 3400 Ew.; große Eisen- und Kohlengruben, Kupfer- u. Zinkschmelzereien. In der Nähe bei Port Talbot ein schwimmendes Dock. Aberconway (spr. Äbberkonnwch), Flecken am Conway in der engl. Grfsch. Carnarvon in Nordwales; mit Ruinen von Conwaycastle (das römische Oonovium), Hafen, Austern- u. Hcrings- fang; 1850 Ew. Aoereorn (spr. Äbberkorn), Stadt der südschottischen Grfsch. Linlithgow; Anfang des Römerwalles, der bis Kirkpatrik geht; 1200 Ew. Abercromby (spr. Äbberkr..), 1) Sir Ralph, 48 Alwrdarc — Aberdeen. britischer Feldherr, geb. 1784 zu Tullibodie, aus altem schottischen Geschlechts, trat 1756 als Cornet in die britische Garde u. stieg durch alle Grade zum Generalmajor u. Chef des 7. Drag.-Regts., focht 1793 in Flandern gegen die Franzosen u. 1795 i» Westindicn; er ward 1797 Gouverneur der Insel Wight, 1798 Oberbefehlshaber der Armee des mit einer Landung bedrohten Irland, befehligte 1799 des Herzogs v. Jork linken Flügel in Holland gegen die Franzosen unter Marschall Brune u. 1801 die 16,000 Manu Landtruppen der Expedition gegen Bonaparte in Ägypten, landete bei Abukir, drang nach Alexandria vor, ward aber beim Angriffe Menous in der Schlacht von Canopc gegen ihn am 20. März verwundet u. st. am 28. dess. Monats an Bord des Schiffes Foudroyant. Tie englische Regierung ließ ihm in der St. Paulskirche zu London ein Denkmal errichten. Vgl. Lieutenant General Sir R. Aber- cromby 1793—18K',, ein Memoire, herausgeg. von A., Lond. 1861. 3) James A. Baron v. Dunfermline, Sohn des Vor., geb. 1776, trat zuerst 1832 als Repräsentant von Edinburgh ins Parlament, wurde 1834 Münzmeister u. 1835 Sprecher des Unterhauses. A. zeichnete sich durch Uneigennützigkeit u. Gewandtheit, womit er die Debatten des Unterhauses leitete, rühmlich aus und wurde Ende 1837 wieder zum Sprecher gewählt. Als Whig im edleren Sinne gehörte er zu den Freunden jeder rationalen Reform. 1839 dankte er aus Gesundheitsrücksichten ab, wurde zum Baron v. Dunfermline erhoben u. dadurch Mitglied des Oberhauses. Er st. 1858 in Coliuton-House bei Edinburgh. 3) Sein Sohn Ralph war 1836—1851 englischer Gesandter in Turin, als welcher er sich auch bei den Verwickelungen Sardiniens 1848 und 1849 bethciligte, alsdann bis 1859 Gesandter am niederländischen Hofe, worauf er nach England zurückkehrte und 12, Juli 1868 starb. Aberdare (spr. Äbberdär), St. u. Tistr. in der Grfsch. Glamorgan, Wales, am Zusammenfluß des Cynon u. des Dare, mit London, Merthyr Tydvil, mit welchem Orte es einen Parlamentsflccken bildet, u. mit Cardiff durch Eisenbahnen u. einen Kanal verbunden; hat sich seit 1841 von einem unbedeutenden Orte zu einer Stadt von über 38,000 (im Tistr. über 38,000) Ew. cmporgc- schwungen. In der Nähe ergiebige Kohlen- u. Eisengruben, worin bedeutende Ausfuhr. A. hat 4 schöne Kirchen, mehrere Bankinstitute, öffentlichen Park; wöchentlich 2 Märkte. Aberdeen, George Hamilton Gordon, 4. Graf von A., brit. Staatsmann, geb. 28. Jan. 1784 zu Edinburgh, entstammt dem alten schottischen Geschlechte derGordons,das vonPatrikGor- don auf Methlic u. Haddo, Großsohn Patrik Kordons, der in der Schlacht von Abroath fiel, gestiftet wurde. Die Grafenwürde von A. vererbt sich nur auf männliche Nachkommen, wogegen die Herzöge von Gordon von der weiblichen Erbin der älteren Linie, Elisabeth Gordon, abstammen. Der 1. Graf von A., Sir John Gordon auf Haddo, erhielt diese Würde, als er 1682 zum Lordgroßkanzler v. Schottland ernannt worden war. Der 4. Graf v. A. kam nach dem Tode seines Vaters, Lords Haddo, als lljähriger Knabe nach London zw seiner Verwandten, der Herzogin von Gordon, erhielt seine Erziehung in der Schule von Harrow zugleich mit Palmerston, Peel u. Byron ri. ging 1801 nach Cambridge, in welchem Jahre er auch seinem Großvater in dem Titel eines Grafen v. A. folgte. Nachdem er 1802 als Gcsandt- schastsattache unter Lord Cornwallis den Frie- dcnsverhandlungen in Amiens beigewohnt u. sich einige Zeit in Paris aufgehalten, bereiste er Italien, Griechenland, Klcinasien. Nach seiner Rückkehr 1804 stiftete er zu London die Athe- nian Society, deren Mitglieder Griechenland besucht haben mußten, schrieb für die Edinburgh Review eine Kritik von Gells Topographie von Troja u. Jthaka, u. anläßlich einer Übersetzung des Vitruv eine Abhandlung unter dem Titel Inguir^ into tlis prinoiglos ok bsantz- in drsoian arvlutoeturs, Lond. 1822. Als Diplomat machte sich A. in weiteren Kreisen bekannt, als er im Sommer 1813 in besonderer Mission in Wien hauptsächlich dazu beitrug, daß Oesterreich der Koalition gegen Napoleon bcitrat u. mit England den Allianz- u. Subsidienvertrag von Teplitz abschloß. Im Gefolge der verbündeten Monarchen war er bei den Schlachten bei Dresden u. Leipzig gegenwärtig; in seiner Behausung starb Moreau. Nach Neapel eilend, bewog er Murat, sich den Feinden Napoleons anzuschließcn, nahm 1814 am Congreß von Chatillon theil u. zog 31. März mit den Verbündeten in Paris ein, wo er am 1. Juni den Vertrag Unterzeichnete, welcher die Bourbonen rcstaurirte. An demselben Tage ward er zum Peer von Großbritannien mit dem Titel eines Viscount v. Gordon erhoben. Während der nun folgenden Friedcnszcit widmete er sich 14 Jahre lang seinen wissenschaftlichen Studien u. der Land- wirthschaft, u. nur gelegentlich erschien er im Ober- Hause, um mit den Tories zu stimmen u. gegen die auswärtige PolitikCanningsOppositionzu machen. Erst als Mitglied des Ministeriums Wellington, und zwar zuerst als Kanzler des Herzogthums Lancaster, dann als Minister des Auswärtigen, betrat er 1828 wieder die politische Bühne, wenn auch mit wenig Erfolg für seine Ansichten u. Bestrebungen. Zuerst erkannte er gegen seine Sympathien für Don Miguel u. Karl X. die Jülirevolution u. Ludwig Philipp an. Nach dem Rücktritte des Ministeriums Wellington (1830) bekämpfte er als toryistisches Mitglied des Oberhauses ohne Erfolg das große Reformwerk der Whigs u. suchte im schottischen Kirchenstreite das Patronatsrccht (1874 durch einen Parlamentsbeschluß abgcschasft) aufrecht zu erhalten, wodurch eine Spaltung in jener Kirche eintrat. Nachdem A. von 1834 bis April 1835 als Colonialminister dem Ministerium Wellington-Peel angehört hatte, erhielt er in dem Torycabinet Peels (von 1841—46) das Portefeuille des Auswärtigem In dieser Stellung zeigte er sich freisinnigeren Ideen zugänglich, stimmte der Aufhebung der Korngesetze zu u. schlichtete den Streit mit der nordamerikanischcn Ünion wegen des Oregongebietes. Nachdem sich A. nach u. nach von seinen alten Parteigenossen, den Tories, losgesagt, bildete er im Dec. 1852 als Haupt der liberal-conservativen Partei das unter dein Namen Aberdecn — „Ministerium aller Talente" bekannte Coalitions- cabinet. Kurze Zeit darauf brach die orientalische Krisis aus, in welcher er anfangs eine vermittelnde Stellung einzunehmen suchte. Doch er scheiterte an dein Starrsinn des Kaisers Nikolaus, der Schlauheit Napoleons III. u. der geringen Nachgiebigkeit der Türkei. Die gegen die russische Anmaßung aufgebrachte öffentliche Meinung und die Katastrophe von Sinope nöthigtcn ihn endlich, Rußland den Krieg zu erklären. Als im Unterhause Roebuck's Antrag, die Schuld an den Unfällen in der Krim der Fahrlässigkeit des Ministeriums zuznschreiben, angenommen ward, trat A. (7. Febr. 1855) zurück. Die Königin verlieh ihm, als Zeichen ihres unverminderten Vertrauens, den Hosenbandorden. Mit dem Rücktritt von seiner öffentlichen Thätigkeit hatte seine politische Wirksamkeit jedoch keineswegs ein Ende, da er sowol im Oberhause fortwährend einen bedeutenden Einfluß ansübtc, als auch, wie früherhiu, der intime Berather derKönigin, namentlich wieder während der Ministcrkrisen 1858 u. 59, blieb. Der Kunst u. Wissenschaft war er bis zu seinem Tode, 14. Dcc. 1860 in London, zugethan. Ihm folgte als 5. Graf v. A. sein einziger Sohn George John James, geb. 28. Sept. 1816, der als Lord Hciddo eine Reihe von Jahren hindurch seine heimische Grafschaft als liberales Mitglied im Unterhause vertreten hatte; er st. 22. März 1864. A. war ein tiefreligiöser und äußerst wohlthätiger Mann, dessen früher Tod großes Bedauern erregte. Über ihn u. seinen zweiten Sohn James Henry, einen jungen Mann, der zu großen Hoffnungen berechtigte u. der sich (12. Febr. 1868) durch einen unglücklichen Schuß tödtete, ward von dem englischen Geistlichen Alex. Duff ein Memoire unter dem Titel Mrs Drno Hobilitzc veröffentlicht, welches seitdem mehrere Ausl, erlebt hat. Der nun folgende 6. Graf v. A., George, ältester Sohn des Vorigen, war 10. Dec. 1840 geb. Einem phantastischen Triebe nach Abenteuern folgend, begab er sich auf Seereisen, machte in Amerika einen Cursus in einer Seemannsschule durch, nahm auf kleineren amerikanischen Fahrzeugen bald als Steuermann, bald als Capitän Dienste, begnügte sich mit seinem kärglichen Lohne, u. nur zweimal zog er geringe Geldsummen auf seinen Banquier. Seit 1869 war er für die Seinen verschollen, bis man nack- langen Nachforschungen erfuhr, daß er unter dem Namen Osborne als Steuermann der Schaluppe Hera auf einer Reise von Boston nach Melbourne am 27. Jan. 1870 in der Dunkelheit im Golf v. Mexico ül er Bord geschlendert worden sei. Seine Famililie wandte große Geldsummen an, um seine Identität constatiren zu lassen. Ihm folgte als 7. Graf v. A. sein einziger ihn überlebender Bruder,,, John Campbell. Aberdeen (spr. Äbberdihn), 1) Grafschaft in Mittelschottland, 5100 Hjüm (92z (IW), mit , 244,603 Ew.; gebirgig durch das Grampiangcbirge, in dessen Cairngormgruppe (an der Quelle des Dee) der Ben-Macdni 1260 m Höhe erreicht, während nördl. dieser Gruppe ein Höhcnzug mit prächtigen Fichtenwäldern liegt; Vorgebirge Kin- naird, Buchaneß, Petcrhead (wo im Jan. 1716 Pierers Universal-Kondersations-Lexikon. 6. Aufl. I. Abergavenny. 49 der Prätendent Jakob landete, um sich' zum König von Großbritannien ansrnfen zu lassen); Flüsse: Dcvcron, Äthan (Perlenfischerci), Dee, Don u. a. Die Bewohner treiben Baumwollen- u. Lcincn- weberci, Strumpfwirkerei n. Handel, Bergbau, Ackerbau, Viehzucht (namentl. Rinder in großer Anzahl), Fischerei rc. 3) New-A. (spr. Nju-A.), Hptst. der Grfsch., zwischen der Mündung des Dee u. Don, enthält manche schöne n. bedeutende Bauten, wie die St. Andreaskirche, die Brücke von 7 Bogen über den Dee (v. 1520), eine Hängebrücke, eine Eisenbahnbrücke von 8 Bogen, dann eine Brücke von 40 m Spannung von der Castlestraße über eine tiefe Schlucht. Viele Wohlthä- tigkeits- n. Unterrichtsanstalten, eine 1493 gestiftete Universität, die aus dem Marishal- (nach dem Stifter) u. dem Kings-College besteht; Gymnasium, Sternwarte. Die bedeutenden Manufac- turen in Leinen, Baumwolle, Teppichen, Decken, Strümpfen, Garn, Horn, Papier, die großen Eisenwerke für Dampfmaschinen rc., Anker, der Schiffbau, die Seilereien, die Gerbereien, Seife- n. Kerzenfabriken, der Lachsfang rc. sind Haupthcbel eines ausgedehnten Handels, welcher durch einen neuerlich verbesserten Hafen, Dampfschifffahrt u. Eisenbahnen unterstützt wird. Die Zahl der eigenen Segel- u. Dampfschiffe beträgt 282; die der ein- u. auslaufcnden über 450 jährlich. Die Ausfuhr wird im Durchschnitt jährl. auf 14 Mill. Thlr. geschätzt u. besteht in Fischen (Lachsen), Eiern, Butter, Schweinefleisch, Korn, Granit rc. In der Umgegend große Erdbeercultur u. Granitbrüche; 88,125 Ew. A. besaß früher ein festes Schloß; 1163 wurde es von dem norwegischen König Eystein geplündert, 1333 von der Flotte Eduards III. von England verbrannt, 1644 von den Royalisten unter Montrose erobert n. 1647 von der Pest heimgesucht. 3) Old-A. (Alt-A.) liegt etwas nördl. von A., ist weitläufig gebaut, hat eine alte gothische Kathedrale des heil. Macarins u. einen alten gothischen Brückenbogen über den Don, war ehemals Sitz eines Bischofs u. der obengenannten Universität, der man in neuerer Zeit ein schönes Gebäude in New-Aberdeen herstellte; 3000 Ew. Aberdeen-Vieh, eine ungehörnte Rinderrace, in Schottland ziemlich verbreitet; von schwerfälliger Gestalt mit ziemlich starkem Knochenbau n. gutmüthigem Temperament; zeichnet sich in zusagenden Verhältnissen durch schnelle Körpcrent- wickclung n. große Mastfähigkeit aus; die Ergiebigkeit an Milch ist nicht bedeutend, doch ist letztere recht gehaltreich. Es acclimatisiren diese Thiere sick- schwer, n. haben die Kreuzungen mit ihnen selten günstige Resultate ergeben. Abergavenny (spr. Äbbcrgenny), St. in der südenglischen Grafschaft Monmouth, am oberen Üsk u. Gavenny, sowie an der Eisenbahn nach dem südlichen Wales; 9130 Ew. Eine Burgruine u. Reste ehemaliger fester Mauern beweisen das hohe Alter derStadt(das altetlobanninm), welche im Übrigen inmitten grüner, von Hügeln eingefaßter Wiesen ein sehr frisches Ansehen hat. Eine stattliche Brücke v. 15 Bogen führt über den Usk. Flanellweberei u. sehr ergiebige Eisen- n. Kohlenwcrke. . Band. 4 50 Aiwrgeiiy - Abcrgclly (spr. Ebbr'dschelly), Stadtu. Hafens in dar englischen Grssch. Denbigh (Nordwales); '2600 Ew.; Seebad, Bleibergwerke. 'Aberglauben. 1) Definition. Entstehung. Charakter, a) Ursprünglich seinem Wesen nach gleichbedeutend mit Glauben; wissenschaftlich der Inbegriff derjenigen Meinungen religiöser Natur, die sich im Widerspruch befinden mit erfahrungsgemäß feststehenden Grundsätzen, namentlich solchen, die sich auf das Verhältniß von Ursache u. Wirkung (Cansalität) beziehen. Als eine der Hauptursachen des A-s muß daher der Mangel an praktischer Erfahrung, wissenschaftlicher Beobachtung und logisch-richtigen Schlüssen angesehen werden, b) Was die Sinnestäuschungen betrifft, so kommen dieselben in Bezug auf Entstehung (späterhin auch Anwendung) des Ä-s erst von der Zeit an in Betracht, da der Gebrauch narkotischer Stoffe u. des Fastens (s. beides) als Visionen bewirkende (den Verkehr mit der Geistcrwelt fördernde) Mittel aus- gcbrcitcter wurde. Fast noch einflußreicher als diese Einwirkungen durften klimatische u. locale Verhältnisse (wie auf die Geistesverfassung und gesellschaftlichen Gestaltungen überhaupt) — je nachdem sie vortheilhafter od. nachthciliger Natur: je nachdem sie also das Wohlergehen förderten od. beeinträchtigten — auf die Entstehung des A-s gewesen sein, namentlich, was dessen Gestaltung u. Färbung betrifft. Ebenso ist das Verhältnis) in Bezug auf hygieinisch günstige u. hygieinisch ungünstige Verhältnisse. Letztere drückten dem A. (wie überhaupt dem inenschlichen Geiste) einen bösartigen Charakter auf, während erstere ihn gutgeartet erscheinen ließen. Selbstverständlich können hier nur allgemeine Linien gezogen und summarische Gesichtspunkte ausgestellt werden; unter Entwickelungsgeschichte (geistiger) n. Gesundheitspflege wird man ergänzende Ausführungen finden, o) Es gab eine Zeit, da die Natur mit ihren Kräften und Erscheinungen dem Menschen fast ganz als dunkles Räthsel gegenübcrstand und da das Dasein durch den Mangel an Hilfsmitteln u. Erfahrungen vcrhältnißmüßig mehr erschwert, ja in vieler Hinsicht gefährdet war; dieser Zeit gehört die Entstehung n. Ausbildung des A-s an. Alles, was dem Menschen unbekannt ist, flößt ihm Mißtrauen, Furcht oder Schrecken ein; er erblickt darin feindselige Mächte, besonders, wenn der Lebensunterhalt schwer erkämpft werden muß und das Dasein von der persönlichen Vertheidigung abhängig ist. In solcher Gemüthsverfassung u. unter solchen Verhältnissen fehlt das ttrthcil, Phantasie und Trieb gewinnen die Oberhand; die Phantasie gibt sich ihrer Neigung zur Personifikation (s. d.) n. allegorischen Verbildlichung (Dämonen, Gespenster, Schreckbildcr) mehr oder weniger rückhaltlos hin; der Trieb — speciell der der Selbsterhaltung — läßt den Menschen möglichst auf Mittel und Wege bedacht sein, sich vor diesem Unbekannten, Furchtbaren u. Schrecklichen sicher zu stellen, indem er diese Mächte entweder sich geneigt zu machen, oder sie seinem Einfluß zu unterwerfen strebt. Diesen Zweck suchte er durch mancherlei Mittel: Bittstellnngen, Opferspcnden, Ceremonien, Selbstqual, Verzückungen w. zu erreichen, ä) A. ist also zunächst irriger, dann übertriebener Glaube (Ü ber - Aberglauben. ^ glaube), d. h. ein solcher, der Kräften und Erscheinungen der Natur u. des Lebens persönliche Eigenschaften, überhaupt solche Eigenschaften zu- erkcnnt, von denen sic entweder gar nichts besitzen, oder die er überschätzt u. übertreibt. In diesem Überschätzen u. Übertreiben beruht der eigentliche Charakter des A-s. Durch Reizmittel u. ungünstige Verhältnisse (s. oben d) erhielt derselbe zu gewissen Zeiten n. an gewissen Orten einen specifisch pathologischen Anstrich. 2) Anwendung. In praktischer Hinsicht ist der A. Sache des persönlichen Interesses, a) Zunächst ein natürliches Bedürfniß, hervorgehcud aus der ursprünglichen Hilflosigkeit und Uner- fahrcnhcit des Menschen, sowie aus der Unsicherheit seiner äußerlichen Verhältnisse; zum Theil auch Sache der Nothwchr gegenüber den ihn umgebenden Übermächten, zunächst der Natur, später der Gesellschaft, b) Als die gesellschaftlichen Beziehungen mit ihrer erweiterten Ausdehnung eine der Häupttriebfcdcrn der intellektuellen u. moralischen Entwickelung des Menschengeschlechtes wurden (s. den Art. Gesellschaft) u. auch die socialen Triebe, bes. diejenigen nach persönlicher Geltung, nach Befugnis) u. Macht, mehr u. mehr zur Entwickelung brachten, wurde auch der A. mit iu diese Richtung hineingczogcn. Hieraus erwuchs allmählich jene specifisch sociale Anwendung, die bes. in der Zauberei (s. d.) so grell hervortritt, o) Aus der Entwicklungsgeschichte der ersten mit dem A. gleichzeitig entstandenen halbrcligiösen Gebräuche, bes. des Opfers (s. d. Art.), geht hervor, daß die ursprüngliche Form des A-s (vgl. 2 a), mit der noch eine gewisse Ehrfurcht verbunden gewesen sein muß, sehr bald zu der zweiten (b) überging. Aus einer Art Cnltus bildete sich das Mittel zur Erreichung von Zwecken aller Art. ä) Die Anwendung des A-s ist zu allen Zeiten eine ungemein weitgehende gewesen. Die Erklärung dafür liegt in der Wirkungskraft dieses Mittels. Wer glauben machte, daß er in direktem Verkehr mit der Geistcrwelt stehe, daß er des Schutzes, des Wohlwollens n. der Beihilfe derselben thcil- haftig sei n. demgemäß im Besitze besonderer Mittel u. Kräfte stehe, der war geachtet n. gefürchtet, u. damit hatte er eine der Hauptschwierigkeitcn zur Erlangung seiner Wünsche u. Absichten überwunden. Es ist also leicht erklärlich, daß der A., je mehr Vortheile er bot, mehr n. mehr Sache des persönlichen Interesses wurde. Erklärlich ist hiernach auch, wie aus dem A. der Fanatismus hervorgcheu konnte, erklärlich, warum er so fest ini Volksleben wurzelt u. warum, ungeachtet der großartigen Fortschritte, die Wissenschaft u. Aufklärung zurückgelegt haben, noch so viel A. und abergläubisches Wesen besteht. 3) Artendes A-s. a.) In theoretischer Hinsicht: Einthcilung in A. physikalischer u. religiöser Natur; crsterer hat die Kräfte u. Erscheinungen (auch Geschöpfe) der Natur, der zweite die „Geistcrwelt" zum Gegenstand. Der physikalische A. pflanzte im Mittelalter die dem Orient entstammten Afterwissenschaften der Magic, Chiromantie, Astrologie, Alchemie (s. d. A.) rc. fort, d) In praktischer Hinsicht: Eintheilung in passiven u. activcnA. Der von crsterer Art befangene Mensch erwartet die Hilfe Aberkälber — Aberklauc. 51 -won den Übermächten, oder sucht sie zu erkaufend im zweiten Falle sucht er sich durch Anwendung von Geheim-tZaubcr-)mitteln selbst zu helfen. Welcher Art des A-s der Mensch huldigte, hing wol hauptsächlich von seiner geringeren oder stärkeren Energie ab. Es ist jedoch anzunehmcn, daß im Allgemeinen eine Hinneigung zu der activen Art bestand, wie denn auch das Zaubcrwcsen im Bereich des A-s die größte Ausdehnung gewonnen hat. Jedoch hat sich der active A., dessen stärkste historisch nachweisbare Entwickelung im Mittel- alter zu finden ist, mit der Zeit mehr u. mehr verloren, u. bes. von dem Zeitpunkte an, da einerseits die Staatsgewalten dem gcmeinschädlich gewordenen Verkehr mit der Geistcrwelt cntgegen- tratcn, anderseits das dadurch in Anspruch genommene Interesse ans das volkswirthschaftlichc Feld (Handel, Industrie re.) nbcrlcnkte. Um so größere Ausdehnung bewahrte der A. passiver Art, der sich bis ans den heutigen Tag in den mannigfaltigsten Formen: in Tranmdeuterei, Chiromantie, Kartenlegen, Anwendung vonAmuleten; im Glauben an Vorbedeutungen; in der Deutung von Begegnungen von Menschen u. Thiercn; von Tagen und Monaten (Ilnglückstagcn) u. s. w. erhalten hat. e) Sonstige Arten: Kein Gebiet menschlicher Thätigkeit gibt es, auf dem der A-nicht gefunden würde. Selbst von den Regionen der höchsten geistigen Thätigkeit ist er nicht ausgeschlossen, indem sogar ein auf Ideen, .Principicn, Wissen u. die Wahrheit sich beziehender Glaube besteht, als Mächten, denen eine entsprechend selbstwirkende Kraft auf die menschlichen Verhältnisse inncwohnc: eine Wirkung also, die sich geltend mache auch ohne Anstrengung nach der betreffenden Seite hin. — Auch das aus der Trägheit hcrvorgchende Gottvcrtraucn ist eine Art A. — Als Überreste von abgestorbenen Formen des A-s bestehen außerdem noch eine Menge von Sprichwörtern, traditionellen Redensarten, Gebräuchen u. Gewohnheiten, sowol auf religiösem Gebiete, als innerhalb des Volkslebens (s. d. Art. Gewohnheit). 4) Historisches. Der A. findet sich bei, allen Völkern und zu allen Zeiten, u. zwar, in Übereinstimmung niit dem unter 2) Gesagten, da am stärksten ausgebildet, einerseits, wo der niedrigste Grad der moralisch-intellcctucllen u. politisch-socialen Entwickelung vorhanden ist, anderseits, wo die ungünstigsten klimatisch-localen u. hygieinischcn Verhältnisse walten. Die betreffenden Gegensätze des classischen, gricch.-römischcn Altcrthnnis und des Mittelalters bieten hierfür schlagende Beispiele. Im Allgemeinen kann man annehmcn, daß, je weiter man zurückgcht in der Entwickelungsgeschichte eines Volkes oder eines Zeitalters, um so undurchdringlicher die Dickichte des A-s sind u. um so bösartiger u. gefährlicher sein Charakter. Es gibt jedoch auch Beispiele, bei denen die stärkste Entwickelung des A-s nicht zu Anfang, sondern gegen das Ende einer Periode cintrifft. Dann ist der A. ein Symptom des politisch-wirthschaft- licheu u. moralischen Verfalles, u. er trägt einen ausgeprägt pathologischen Charakter. Beispiele: die letzte Periode des römischen Kaiserreiches und des späteren Mittelalters. ! j 5) Schlnßbemcrknngc n. a) Ans dem Gesagten geht hervor, daß das Schwinden des A-s abhängig sein muß: i) von einem die Erklärung der natürlichen Verhältnisse anstrebenden Volksunterricht; 2) von der Regelung der politischen u. volkswirthschaftlichcn Verhältnisse: einer solchen Regelung, bei der Allen gleiches Recht zu Theil wird u. wo die Schwierigkeiten des Kampfes um das Dasein ans ein möglichst geringes Maß znrück- geführt sind, wo, mit einem Worte, die Zukunft der Menschen nach allen Seiten hin möglichst sicher gestellt ist; 3) von der rationellen Regelung der allgenieinen hygieinischcn Verhältnisse. Ein wichtiges Moment in dieser Hinsicht ist 4) die Kunst, indem sic die Eigenschaft besitzt, die abergläubischen Vorstellungen von dem Schrecklichen, Verzerrten, Gräuclhasten zu reinigen, sie gewissermaßen zu verklären, b) So schlimm auch im Allgemeinen das Wesen und die Wirkungen des A-s, so ist er doch als eine folgerichtige Erscheinung, bedingt durch die Schwäche der menschlichen Natur n. die Mangelhaftigkeit der menschlichen Verhältnisse, zu betrachten. Auch steht er keineswegs ausschließlich als kulturfeindliches Element da, er diente auch zur Förderung der geistigen Entwickelung, wenn auch nichr in einseitig intellektueller, als in moralischer Hinsicht; hier waren seine Einwirkungen sogar vorwiegend nachtheiliger Art, da er den Wahrheitssinn und moralischen Muth beeinträchtigte, o) Die Erklärung des Begriffes A. ist je nach der geistigen Richtung des Benrtheilcrs der Schwankung unterworfen. Der Theolog faßt ihn anders auf, als der Philosoph u. der Naturforscher. Wenn der denkende Geist im Laufe der Zeit vieles als A. erwiesen hat, was Jahrhunderte lang allgemeiner Glaube war, so ist nicht zu zweifeln, daß spätere Generationen vieles von dem als A. ansehcn werden, woran man jetzt noch als an einem Hcilig- thum fcsthält. Bleiben aber wird der A. stets, da er dem Wesen des Menschen so nahe liegt. Aus diesem Grunde ist er aber auch ein wichtiges Element in der Entwickelungsgeschichte des Menschengeschlechtes, ein Element, das die Beachtung des Culturhistorikers u. Philosophen in hohem Grade verdient. 6) Literatur. Aufschlüsse über Wesen u. Bedeutung des A-s in: Tylor, Die Anfänge dcr Cnltur, deutsch von Spcngel u. Poske, Leipz. 1873; Pflcidcrer, Theorie des A-s, Berlin 1872; über den deutschen Volksaberglaubcn der Gegenwart schrieb Wuttke, 2. Bearb., Berl. 1869. Vcrgl. ferner Heydenreich, Entwickelung des A-s u. der Schwärmerei, Lpz. 1798; Fischer, Buch vom A., ebd. 1791—94; Salgues, Dos orronrs et stss pröjnAes ropanckus ckans 1a sooistö, Paris 1811; Schindler, Der A. des Mittelalters, Bresl.1858. Perty, Die mystischen Erscheinungen der mcnschl. Natur, 2. Aust., Heidclb. 1873. Aberkälber, Gewächse im Tragcsack tragender Kühe. Aberkennen (Rcchtsw.), Jemandem durch richterliches Urtheil Etwas (z. B. einen klagweise geltend gemachten Anspruch oder die bürgerlichen Ehrenrechte) absprcchcn, entziehen. > Abcrklanc, so v. w. Asterklaue. y.* 52 Aberli — Aberration. Aberli, Joh. Lndw., geb. 1723 zu Winterthur. Er widmete sich der Landschaftsmalerei u. bildete sich in Bern n. 1759 in Paris. Nach Bern zurückgekehrt, radirte er die schönsten Schweizerlandschaften in Kupfer u. malte die Bilder in Farben aus. Unter 30 Blättern verschiedener Größe gelten die Ansichten von Erlach, Iverdon, Muri u. Wimmis für die besten. Er st. 1786 in Bern. Abernethy (spr. Ebbernedhi), Flecken in der schott. Grafsch.Perth, nahe der Mündung des Earn in den Tan; 1200 Ew. A. war ehemals Sitz eines Bischofs u. früher die Residenz der Piktenkönige, aus deren Zeit ein bei der Kirche stehender, 23 m hoher Thurm stammen soll. Bei dem Dorfe Forteviot, in der Nähe westl. von A., besiegte 842 Kenncth, König der Skoten, die Pikten u. wurde der Gründer des Königreichs Schottland. Abernethy (spr.Ebbern...), John, berühmter engl. Wundarzt, geb. 1763, bildete sich in London unter Charles Blicke am St.-Bartholomew-Hospi- tal, auch bei Hunter u. Blizard zum Chirurgen, Anatomen und Lehrer dieser Wissenschaften. Seit 1814 Professor am Collegium der Wundärzte und Director am Bartholomew-Hospital, st. er 1831 auf seinem Landsitze zu Enfield. Seine gesammelten Schriften erschienen in 4 Bdn., Lond. 1831, LurMeal anä pliMoloxioal cvorlcs; über ihn schr. M'Jlwain, Llemoirs ok llolln 4., Lond. 1857. Aberration (Abirrung, lat. aderratio, von ab-srraro, abirren) des Lichtes, die scheinbare Ortsveränderung der Gestirne, welche durch das Zusammenwirken der Bewegungen der Erde u. des 8 ' Lichtes entsteht. Es sei 4 (Fig. 1) eine kleine Oeff- nnng in der Decke eines Zimmers, 88 dessen Fußboden ; in der Richtung über 8 hinaus befinde sich ein Stern; so würde, wenn die Erde still stände, oder auch, wenn das Licht sich momentan fortpflanzte, der von dem Stern ausgehende Licht- 8' 6 18 ^ strahl 8.4 den Fußboden des Zimmers im Punkte 11 treffen. Ein Beobachter bei 8. würde also den Stern in der Richtung 84, in 8, sehen. ^ Nun aber steht die Erde nicht still, sondern: bewegt sich jährlich einmal um die Sonne herum, u. das Licht gebraucht zu seiner Fortpflanzung eine wenn auch kleine Zeit. In der Zeit, welche das Licht gebraucht, um von 4 bis auf den Fußboden des Zimmers zu gelangen,, hat sich die Erde u. mit ihr das Zimmer um die Strecke 68 nach 8 hin bewegt; dann trifft der Lichtstrahl nicht mehr den Punkt 8, sondern den mittlerweile an dessen Stelle gerückten Punkt 0. Einem Beobachter bei 0 muß es also scheinen,, als ob das Licht die Linie 46 durchlaufen hätte. Da wir nun einen leuchtenden Punkt in derjenigen Richtung erblicken, ans welcher die von ihm kommenden Strahlen unser Auge treffen, so sicht der auf der Erde befindliche Beobachter den Stern nicht an seinem wahren Orte, sondern in der Verlängerung der Linie 64., bei 8ü Diese scheinbare Verschiebung des Sternes, welche selbstverständlich von dem Vorhandensein des (von uns zur Erleichterung der Betrachtung fingirten) Zimmers ganz unabhängig ist u. durch den Winkel 848^ gemessen wird, ist einerseits abhängig von dem Berhältniß der Strecken 86 u. 48, also von dem Berhältniß der Geschwindigkeit der Erde in ihrer Bahn zu der Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Lichtes, u. anderseits von dem Winkel,, unter welchem der Lichtstrahl mit der Erdbahn zusammentrifft; sie ist, wie leicht ersichtlich, am größten, wenn dieser Winkel ein rechter ist; u. sie erreicht den Werth Null, wenn die Richtung des Lichtstrahls dieselbe ist, wie diejenige, in welcher die Erde sich bewegt. Sobald sich also die Erde in einer Richtung bewegt, welche nicht mit der Richtung des von einem Sterne kommenden Lichtstrahls zusammenfällt, so muß einem Beobachter auf der Erde, wie sich aus unserer oben ange- stcllten Betrachtung ergibt, dieser Stern immer nach derjenigen Richtung hin verschoben erscheinen, nach welcher die Erde sich gerade bewegt. Hieraus ergeben sich leicht nachstehende Folgerungen: a) Steht der Stern in einem Pole der Ekliptik (Erdbahn) (senkrecht über 8 der 2. Figur), bilden also seine Strahlen in jedem Punkte der Erdbahn mit dieser einen rechten Winkel, so ist der scheinbare Ort des Sternes gegen seinen wahren Ort das ganze Jahr hindurch um denselben Betrag verschoben; demnach beschreibt in diesem Falle der fcheiu- bare Ort des Sternes um den wahren Ort im Laufe des Jahres eine der Erdbahn ähnliche krumme Linie, also (nahezu) einen kleinen Kreis, d) Steht der Stern in der Ebene der Ekliptik (4), so wird sich die Erde einmal im Jahre, 8 - ' 4 ' 7 - Aberrircn — (Lei Lj, gerade nach dem Sterne hin, ein halbes Jahr später, bei L.,, gerade von demselben weg bewegen; in diesen beiden Augenblicken sehen wir den Stern in seinem wahren Orte; zu jeder anderen Zeit dagegen erfährt der Ort des Sternes eine scheinbare Verschiebung, welche (von Lj an) erst allmählich zunimmt, nach einem Vierteljahre (LZ ihren größten Werth (nach Osten, ^i) erreicht, dann wieder abnimmt; im zweiten halben Jahre findet ebenso eine erst wachsende, dann wieder abnehmende Verschiebung statt, aber nach einer der vorigen entgegengesetzten Richtung (so daß, wenn die Erde sich in Lg befindet, der Stern von ^ nach verschoben erscheint). Da nun der scheinbare Ort des Sternes dabei immer in der Ebene der Ekliptik bleibt, so muß er sich auf einer geraden Linie (^—hin- u. herbewegen, deren Mitte (^) der wahre Ort des Sternes ist, und deren Endpunkte (^, u. ^.,) von diesem um das Maximum (den größten Betrag) der Abweichung entfernt sind, o) Befindet sich endlich der Stern in einer Stellung zwischen der Ekliptik u. deren Pol, so treffen seine Strahlen in zwei einander gegenüberliegenden Punkten der Erdbahn diese unter einem rechten Winkel; diese Punkte passirt die Erde nach je einem halben Jahre, und dann erreicht jedesmal die Abweichung ein Maximum, einmal nach der einen, das andere Mal nach der entgegengesetzten Seite des wahren Ortes; zu allen andcrenZeiten ist dieselbe geringer, u. zwar in den genau zwischen jene elfteren fallenden Zeitpunkten erreicht sie ihr Minimum, welches um so kleiner ist, je näher der betreffende Stern der Ekliptik steht. Der scheinbare Ort des Sternes beschreibt demnach im Laufe des Jahres eine Ellipse, deren Mittelpunkt der wahre Ort u. dessen halbe große Axe das Maximum der Abweichung ist, während die halbe kleine Axe dem Minimum derselben entspricht. Diese Ellipse nähert sich einem Kreise um so mehr, je näher der Stern dem Pole der Ekliptik steht. Zunächst beweist die Thatsache der A., daß die Erde sich um die Sonne dreht u. daß das Licht sich nicht momentan, sondern mit einer endlichen Geschwindigkeit fortpflanzt. Das Maximum der Abweichung (der Halbmesser des Kreises im ersten, die halbe Länge der geraden Linie im zweiten, die halbe große Axe der Ellipse im dritten Falle) hängt nur ab von dem Verhältnis) der Geschwindigkeit der Erde in ihrer Bahn zu der Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Lichtes; der diesem Maximum entsprechende Ab- errationswinkcl, d. h. der Gesichtswinkel, um welchen ein Stern im Maximum der Abweichung von seinem wahren Orte verschoben erscheint, ist für alle Sterne ohne Ausnahme derselbe, nämlich 20,25 Secunden, woraus sich ergibt, daß das Licht aller Sterne dieselbe Geschwindigkeit besitzt. Aus der beobachteten Größe des Aberrationswinkels u. der bekannten Geschwindigkeit ider Erde in ihrer Bahn kann die Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Lichtes berechnet werden; die selbe beträgt über 40,000 Meilen in der Secundc. — Sphärische und chromatische A., s. Abweichung. Aberrircn (v. Lat.), abirren, abweichen; da- Aberystwith. 53 von Aberration, Abirrung, Abweichung, bcs. Aberration des Lichtes (s. d.). Ubersee oder St. Wolfgangsee, ein Alpensee im oberösterreichischcn Salzkammergut; dessen Abfluß, die Ischl, mündet bei Ischl in die Traun (Traunsce). Der See ist 11 bin lang und 3H bin breit, bis zu 190 m tief; reich an Lachsforcllen u. anderen Fischen. Fast in der Mitte tritt, vom Zinkenbach angcschwcmmt, eine Halbinsel weit in den See hinein u. theilt ihn in den oberen und unteren See. Am nördlichen Gestade erhebt sich steil aus den Fluthcn der Schafberg bis zu l 700 m, vorzüglich schön das Fclscap des Falken- stcins, wobei dicht am Sec auf kleinem Plätzchen in einer Bucht der Ort St. Wolfgang liegt. Schöne gothische St.-Wolfgangskirche, mit dem 1481 unter dem Abt Benedict von Mondsce angefertigten, schönsten u. größten altdeutschen Bilder- n. Schnitzwerk-Altar Österreichs. Der Schafberg (der österreichische Rigi) scheidet den A. vom Mondsce und bietet von allen österreichischen Bergen die schönste Umschau u. Fernsicht. Man überschaut von seinem Gipfel das Salzkammergut, Obcröstcrreich bis zum Böhmerwald, die Salzburger und steiermärkischen Alpen und die bayerische Hochebene bis zum Chiemsee. Abert, J.J., geb. 1832 inKochowic, am Prager Conservatorium der Musik ausgebildct, königlicher Hofkapcllmeistcr in Stuttgart. Seine Erst- lingscomposition ist die Oper „Anna von Lands- kron"; mit denspäteren,„KönigEnzio",„Astorga", wie den Symphonien „Columbus" und einer solchen in 6-moU u. anderen Werken, nach dem Muster der deutschen Meister wie neuerer Com- ponisten, Mcyerbeer re., aber auch selbstständig weitcrgehend und eigenthümlich, errang er sich einen achtungswcrthen Platz unter den Musikern der Neuzeit. Aberthain, Bergflecken im Bez. Joachimsthal des ehemaligen böhmischen Kreises Eger, am Fuße des Plötzberges; 2800 Ew.; Bergbau auf Silber, Zinn, Kobalt; grüner Abcrthamer Käse aus Ziegenmilch mit Zusatz getrockneter Kräuter. Abertsee, l) Laudsee im nordamerikanischen Staate Minnesota, 18 bin lang u. 7 bm breit; 2) Landsee im Oregongebiete, 33 Lm lang und 7 bm breit, zu Ehren John Aberts so benannt. Aberwitz bezeichnet, wie der Ausdruck Wahnwitz, eine Ausartung des Witzes, welche für den Unsinn in ihren Äußerungen die Anerkennung als guten Witz u. Verstand beansprucht u. sich dadurch von harmloser Dummheit oder Einfalt unterscheidet. Der Aberwitzige z. B. bildet sich oft bei gleichgiltigen Dingen ein, eine wichtige Entdeckung gemacht zu haben, und behauptet dies auch steif u. fest. Wird der A. dauernd u. dehnt er sich weiter auf die Gedankenthätigkcit aus, fängt er namentlich an, die Handlungen des Menschen zu beeinflussen, so wird er als wirklicher Wahnsinn gefährlich, während den stillen A. so mancher Mensch unschädlich durchs Leben trügt. Äberystwith, 1) Stadt in der englischen Grafschaft Cardigan (Südwales) an der Cardiganbai: Hafen, Stahl- und Seebad, Handel, Fischerei, Blei-, Graphit- und Galmeigruben; 54 Abcrzähne — 7000 Ew. 2) Kirchspiel in der englischen Grafsch. Momnonth; Eisenwerke, Steinkohlengrubcn. Abcrzähne (Abcrzangen, Wcinb.),so v.w.Geiz. Kd esse sä posse vs>st, s posss sä esse nee vslet conssquentis (lat.), logische Regel: Vom Sein oder von der Wirklichkeit darf man wol auf die Möglichkeit schließen, nicht aber von der Möglichkeit auf die Wirklichkeit, weil das Mögliche nur nach Begriffen beurtheilt wird, das Wirkliche aber von realen Verhältnissen abhängt. Abessinien (Habesch), arab. Habaschah, d. i. eine Anhäufung von Leuten verschiedener Stämme; die Eingeborenen, die diese Bezeichnung für beleidigend halten, nennen sich Leute ans Ityopya, also Äthiopier. Der Name A. kam seit Anfang des 17. Jahrh. für. Abassia auf, als Gesammt- bezeichnung für das Land, welches ungefähr mit den Grenzen des alten äthiopischen Reiches zn- fammenfällt. Lage der Hauptmasse nach zwischen dem 8. u. 16.° n. Br. u. vom 53. u. 58.° ö. L. von Ferro, ist gegen W. von Nubien, gegen O. von der WKüste des Rothen Meeres begrenzt. Mit Ausnahme eines schmalen sandigen Randes am Meere ist A. Gebirgsland (afrikan. Schweiz), in welchem aus den weiten Hochebenen häufig Tafelberge (Ambas), riesenhaften Mauertrümmern gleich, emporragen. Die ganze Platte, welche die abessinischen Hochebenen bilden, erhebt sich nach SO., neigt sich dagegen nach NW. Während diese Hochebenen eine mittlere Erhebung von 1800 bis 2200 in haben, steigen andere Plateaux noch höher auf (bis 2500 in die Terrasse Woggcra, bis 2670 rn Godscham und Schoa, das Hochland, Simen, Semen od. Samen sogar bis 3110 in). Auf letzteren kreuzen sich ein ostwestlicher und ein nordost-südwestlicher Zug; elfterer trägt den Ras Datjäm oder Detschem mit 4490 m, den ebenso hohen Ankua, den nahezu gleich hohen Sassa, den Lagada und Boahät oder Bachrt je mit etwa 3900 in, den Susan mit 3500 u. den Ambaras mit 3000 in; dem letzteren Zuge gehören an: der 3888 in hohe Masararwa, der etwas höhere Abba Jared und Barotschwaha. Das Hochland Simen ist im Allgemeinen kahl, doch ein treffliches Weideland, außergewöhnlich reich an Moosen u. Flechten; Gerste wird noch in der Höhe gebaut; ewiger Schnee ist nirgends vorhanden. Die Ränder der Hochebenen sind mit freundlichen Dörfern u. üppigen grünen Feldern geschmückt. Weiter südl. liegt die 2900 in hohe Landschaft Talauta, von ihr durch ein tiefes Thal getrennt das Hochplateau von Woro-Haimano, über welches die sestnngs- artigen Tafelberge von Magdala cmporragen. Die noch weiter südlich gelegenen Gebirgslandschaften sind säst durchaus unbekannt. Seine jetzige Gestalt verdankt A. den Trachyten und Basalten, deren letztere in Form von ungeheuren Orgeln auftrcten oder auf den Ambas Decken und Kappen bilden. Für die Mitte des Landes ist der Thonschiefer die Grundlage. Eine wichtige Rolle haben die Diorite der Steinkohlenperiode überall gespielt, und die tertiären Ablagerungen, namentlich die weißen Sandsteine, das echt afrikanische Gestein, bilden fast sämmtliche Hochebenen. Diese Oberflächengestalt bedingt einen - Abessinien. großen Reichthum des Landes an fließenden Gewässern n. Seen. Unter den Flüssen sind die bedeutendsten der Aba'i (obere Lauf des Blauen Nil) mit seinen Nebenflüssen: Beschilo, Dschamma, Dcnder u. Schimfa; ferner der Takasse (Tacazze), auch Setit genannt, mit dem Balegas u. Guanga, der sich in den Atbära ergießt; der Mareb, i Mittellauf Somna, im Unterlauf Gasch genannt; ganz im S. von A. die Quellen des Hawasch. Seen von A. sind: der Tsana- oder - Dembea- (der größte des Landes, den der Abäi durchfließt), Zawai- oder Zuie-, Haik-, Tsaho- od. Aschangisee; die Salzseen Aussa od. Abhebbad u. Assal. Thermalquellen, zum Theil von sehr hoher Temperatur, finden sich in Menge, die wichtigste, die von Finie-Finie von 63°. Klima u. Vegetation werden, obwol der geographischen Lage des Landes nach tropische, wesentlich bedingt durch die Höhenverhältnisse. In Bezug hierauf unterscheidet man drei Regionen: das niedere Land oder die Kolla (Kwalla, d. i.. heißesLand) zwischen 950bis 1600in mit tropischer Temperatur (17—32° R.) u. tropischen Erzeugnissen, namentlich Baumwolle, Indigo, Safran, Zuckerrohr, Kaffebaum, mehrere Gummibäume,. Baobab, Tamarinde, Banane, Ricinus- u. Mekkabalsambau n; viele medicinische Pflanzen u. unter den Gräsern die Dhurra u. Dagossa, welche letztere A. eigenthümlich ist. In dieser Region Hausen. Löwe, Elefant, Panther, Zebra, Giraffe, Antilope, Gazelle, Schlangen von ungeheurer Größe, giftige Skorpione rc. Diese Region begreift die Provinzen Wochni, Sarago, Ermetschoho, Wolkait, das untere Woggera, das Takasse-, Mareb-,. Hawasch-, Dschida- u. Beschilothal. Die zweite Region, das Mittelland zwischen 16—2200 in Höhe (Temperatur zwischen 11 und 21H° R.), Wäina-Dega (Quaina-Dega, Mittelland) genannt, begreift die Landschaften Hamasen, Seräe, Enderta, Waag, Begründer, Godscham, Esat u. die Gallaländer bis Enarea. Es ist die reichste Zonp; hier gedeihen alle Getrcideartcn u. Hülsenfrüchte, sowie der Tschat-Thee der Araber, der Weinstock, alle Südfrüchte, Datteln; fette Weiden wechseln ab mit reichen Waldungen von Wachholder , Kolkwal, Moira, Sykomoren u. a.. Bäumen; aus dem Thierreiche sind vertreten alle Hausthiere Europas, ausgenommen das Schwein. Die dritte Region, die Dega od. Daga (hohe od.. kalte Land), bildet das Hochland zwischen 2200 bis 4490 in, wo am Tage die Temperatur gewöhnlich 7—8° beträgt, auf den höchsten Punkten aber nicht selten unter Null steht; hat reiche Klecwiesen, aber wenig Waldungen; dem entsprechend große Hccrden von Rindvieh, Ziegen u. Schafen; die Raubthiere steigen in diese Region nicht empor. Hierzu gehören die Landschaften Agame, Dessa, Wodschcra, Doba, Mna, Wcllo,. Schoa, Simen, das obere Woggera, Tagade u. das obere Godscham. — Wie in allen tropischen Ländern gibt cs in A. eine trockene und eine Regenzeit; die letztere fällt meist in die Monate April bis Oct., zeigt jedoch nicht dieselbe Regelmäßigkeit, wie in tiefer gelegenen Ländern. Obgleich A. auch ergiebig an Mineralien ist, namentlich Gold, Silber und Eisen, so ist doch- Abessinien. zur Zeit der Bergbau noch sehr schwach betrieben. Den Hauptstamm der Bevölk rung bilden die Abessinier, vorherrschend semitischen Ursprungs, von brauner Farbe u. meist schön gebaut; die höheren Klassen u. bes. die Frauen haben Helle, fast weiße Hautfarbe. Andere Volksstämmc des Landes sind die Galla, Agor, Falaschas, Danakil, Adäl, Schanbala, Bogos u. a. Die Anzahl der Ew. wird auf 3 (von Rohlfs nur auf Hl Mill. geschätzt; einige Provinzen dicht bevölkert, am schwächsten die ungesunde Kolla. Der Flächeninhalt beläuft sich auf 410,200 Hj km oder 7450 ^Meilen. Große Städte gibt es gar nicht. Die beständigen Bürgerkriege haben die Bevölkerung an vielen Orten stark gelichtet. Gondar soll zur Zeit seines Glanzes 40,000 Seelen gezählt haben, schon im I. 1840 war die Einwohnerzahl auf 20,000 herabgesunken. JnA.existircn drei, sämmt- lich dem semitischen Sprachstamm angehvrende Hauptspracheu: die äthiopische od. Gihz- (Gecz-) Sprache, welche bis ins 14. Jahrh. Landessprache war, jetzt aber nur noch Literatur- und Kirchensprache ist; die Tigre-Sprache, welche jener am nächsten steht, und die von ihr mehr abweichende Amhara-Sprache, die jetzt Staats- u. allgemeine Landessprache ist, aber nur von den Vornehmen u. den Geistlichen gelesen u. geschrieben wird. Die Religion der Abessinier ist ein verzerrtes Christenthum, insofern es im Laufe der Zeit außer von Aberglauben u. todtem Formenwesen auch vom Judcnthum u. Islam starke Beimischungen erhalten hat. Beide Geschlechter werden beschnitten; der Beschneidung folgt die Taufe, auch in Rücksicht auf Speisen u. Reinigungen werden die mosaischen Vorschriften beobachtet, und der Sabbath wird neben dem Sonntag gefeiert, wie dies in manchen christlichen Gemeinden noch im 5. Jahrh. geschab. Der gestimmte Gottesdienst, welcher in der altäthiopischcu Sprache (Gecz) gehalten wird, ist im Wesentlichen identisch mit dem der koptischen Kirche. Die gebräuchlichste u. älteste abessinischcLiturgie, die „der Apostel", findet sich in lat. Ilebersetzung in Rcnaudots IntuiAiao orientales I. S. 499 ff. Die meist sehr unwissenden Geistlichen sind vcrhcirathet, selbst die Mönche, obgleich es deren Ordensregel verbietet. Das kirchliche Oberhaupt heißt Abbuna (d. i. unser Vater) und wird stets aus koptischen Priestern gewählt, da A. mit den Kopten in Kairo Gemeinschaft hält. Obgleich die Abessinier eine Menge gelehrter Werke, namentlich theologischen Inhaltes, besitzen, auch ein kirchliches und bürgerliches Gesetzbuch, welches zur Zeit der Nicüischen Kirchenversammlung (325) eingeführt worden sein soll, so steht doch ihre Geistesbildung und ihr sittlicher Charakter auf sehr niedriger Stufe. Die Ehe ist in A. nur bürgerlicher Vertrag; man hält viel auf Jungfrauschaft bis zum Eintritt in den Ehestand. Die Frau behält ihren Namen u. ihr Vermögen auch nach der Verehelichung bei. Ehescheidung ist dreimal gestattet; zum vierten Male zieht sie Ausschließung aus der Gemeinde nach sich. Wer drei Gattinnen durch den Tod verloren hat, darf eine vierte nicht nehmen. Die Abessinier haben geduldete, aber nicht autorisirte Beischläferinnen. Sie gelten als ein sehr grausames Volk, und Bruce erzählt von ihnen, sie Hütten bei Gelegenheit gewisser Feste Thieren das Fleisch vom lebenden Leibe geschnitten u. dasselbe verschlungen. Sehr interessante Aufschlüsse über Land u. Volk von A. u. über den berüchtigten König Theodorus sind durch Veranlassung der englischen Expedition nach A. gewonnen worden. Unter den Abessiniern leben zahlreiche Juden (Falaschas genannt), welche neben anderen Eigcn- thümlichkeiten auch die der Verehrung der Jungfrau Maria u. einiger christlichen Heiligen haben. Die Beschäftigung der Bevölkerung besteht vornehmlich in Ackerbau und Viehzucht; Gewerbe betreiben bes. die Juden: Lederbereitung, Ver-, arbeitung von Eisen und Kupfer, Baumwollen-, Tuch- u. Teppichweberei. Die beständigen Kriege, welche seit langer Zeit in A. geführt worden sind, haben jedoch auch Ackerbau n. Gcwcrbefleiß sehr gestört, noch mehr den Handel, welcher bei geordneten Zuständen u. genügenden Verkehrsmitteln, woran cs noch fehlt, jedenfalls sehr wichtig werden kann. Die in A. cursircndc Münze ist der österreichische Maria-Thcresia-Thaler (— 2 Gulden), als Scheidemünze gelten Salzstücke in Form eines Wetzsteins. Massaua am Rothen Meer ist der einzige Handelsplatz für den auswärtigen Verkehr. Die Ausfuhr besteht bes. in Manlthieren, Pferden, Wachs und Honig, Gummi u. Häuteu. Die Hauptartikel der Einfuhr sind: Messer, Spiegel u. Glaswaaren, Baumwollen- u. Seidenstoffe, Papier, Feuerzeuge, Spicßglanz, Tabak, Pfeffer. Außerdem wird noch Sklavenhandel getrieben. Der größte Theil von A. war in neuerer Zeit unter König Theodor II. wieder zu einem einzigen Reiche vereinigt worden, welches die ehemaligen Königreiche Tigre, Gondar od. Amhara u. Schoa umfaßte. Die Landschaften im S. von Schoa u. dem Aba'i sind von selbstständigen Gallafürsten beherrscht, u. ebenso sind die Nomadenstämme des Küstenlandes Samhara u. die Schangallas im NW. von A. unabhängig. Die Residenz des Königs Theodor II. war Gondar, der Hauptort der Landschaft Demben im N. des Tsana-Sees. Abessinische Kunst. In der Anlage der größeren Kirchen, deren architektonische Formen eine Ähnlichkeit mit dem byzantinischen Stil zeigen, erscheint der Centralbnn mit größter Strenge durchgeführt. Charakteristisch ist das Hincintreten der Tribuua in den innern Raum. In der Malerei sind ebenso Ankläuge an den gedachten Stil erkennbar. Vgl. Jsenberg, A., Bonn, 1844, 2 Bde; W. Muuzinger, Über die Sitten u. das Recht der Bogos, Wintcrth. 1859; Dcrs., Ostasrikauische Studien, Schaffh. 1864; R. Hartmanu, Natnr- gesLichtl. medicinische Skizze der Nilläudcr, Berl. 1865—66; Peacock, Haiiäbooic ok ^bz'ssiuia, Lond. 1867; ä'^bbaäie, Dauns ans ckans 1a baute Ltbiopis, Par. 1868; Th. v. Heuglin, Reise nach A. rc., Jena 1868; Flad, Zwölf Jahre in A., Basel 1869; Th. Waldmeier, Erlebnisse in A., Basel, 1869 (in das Schwed. übersetzt); A. Brchm, Ergebnisse einer Reise nach Habesch, Hamb. 1863; H. Lcbrun, Vo^a-Ae sn L.b)'ssinis et en Hubis, 9. sä. I'ours 1870; 56 Abessinien. Munzmger, Die nördliche Fortsetzung der abessi- nischcn Hochlande in Petermanns Mitth. 1867, N. 6; Lejean, Voza^o vn ^bvssinie. Par. 1873. Die Geschichte dieses Landes ist bis ins 13. Jahrh. dunkel. Das Volk soll der Sage nach von Jemen cingcwandert sein. Es gibt zwar Verzeichnisse der alten Könige, aber sie sind nicht in Übereinstimmung unter einander zu bringen. Unter den ältesten Herrschern wird eine Königin Makcda von Saba genannt, welche den König Salomo in Jerusalem besuchte und von ihm Mutter des Menilck geworden sein soll. Von ihm schrieben sich nach langer Zeit die Menile- kiten oder das Salomonische Geschlecht in A. her, welches um die Zeit von Christi Geburt gestürzt worden sein soll. Es folgten andere Dynastien nach, deren Häupter in Axnm regierten. Unter dem König Aizancs od. Abreha kamen seit 330 Frumcntius u. Ädesins (Sydraces) nach A. n. predigten das Christenthnm, welches sich bald über Las ganze Land ausbreitetc. Auch Aizancs u. sein Bruder Atzbeha ließen sich taufen. Frn- mcntius wurde als Abba Salama der erste Bischof. Die alte Salomonische Dynastie (dieMeni- lckitcn) erhob sich 1268 mit Jekuno Amlak wieder u. verlegte die Residenz von Armin nach Gondar, dem Nettungsorte seiner Vorfahren. Dadurch wurde statt der Geezsprachc die amharischc die Hof- und herrschende Sprache in A. (s. Äthiopische Spr.). Auch der Titel Negus für den König scheint seit dieser Zeit anfgckommcn zu sein. Im 15. Jahrh. schickten die Portugiesen mehrere Gesandtschaften nach Gondar, u. der Papst suchte die abessinischc Kirche für den Katholicismns zu gewinnen. 1434 bis 1168 regierte Zcra Jakob, welcher Abgeordnete zum Concil nach Florenz schickte. Immerwährende Unruhen im Innern n. Kämpfe mit den Bewohnern der mohammedanischen Provinzen Adäl u. den Galla, welche wiederholte Einfälle in A. machten, wozu noch im 16. Jahrh., als die Portugiesen sich dort 1526 ansiedelten, Rcligionsstreitigkeiten kamen, zerstörten den während der axumitischen Periode entstandenen Flor des Landes; die Portugiesen, von der Äiegentin Helena 1516 im Namen des minderjährigen Königs David II. zu Hilfe gerufen, befreiten dasselbe von den Feinden. Aznaf Sa ged (Claudius) folgte seinem Vater David 1540— 1550; um die Portugiesen sich geneigt zu erhalten, gestattete er den Katholiken freie Rcligionsübung, widerstand aber allen Versuchen des Papstes Julius III., ihn dem päpstlichen Stuhl zu unterwerfen. Dagegen Za Denghal (1595 bis 1604), gewonnen von dem Pater Pays, und vorzüglich Svcinius (Sujneus, 1605 bis 1632) überließen sich ganz dem Einfluß des römischen Stuhls, ja, der Letztere nahm sogar den Portugiesen Mcndez als römischen Patriarchen u. den römischen Cnltus an, legte aber dadurch den Grund zu inneren Unruhen, da das Volk von seinem alten Glauben nicht lassen wollte. Alan Seghed (Facilidas, Basilides, 1632—65) ließ den römischen Patriarchen sammt seinen Priestern 1632 theils hinrichten, theils über die Grenze schaffen, da sie sich auch durch Wiederholung der Taufe und Priesterweihe die Geistlichkeit n. durch Eingriffe in die Rechte des Königs sogar diesen zum Feinde gemacht hatten. Me Versuche katholischer Priester, in A. wieder einzudringen, waren vergeblich. Unter Joas (1753—60) wurden die Galla die mächtigste Hofpartei, n. Michael Sühnt, Statthalter von Tigre, erhielt die Staatswürde eines Ras, welchen Titel in der Folge jeder Statthalter annahm. Der Nachfolger von Joas war Teklai Haimonot II-, unter dem der englische Reisende Bruce sich 3 Jahre lang in A. aushiclt (1770—78). Als 1809/10 der Engländer Salt A. besuchte, regierte König Aito Egwala Sion, der niit mehreren Prätendenten im Bürgerkriege begriffen war. Während die einzelnen Statthalter (Ras) in ihren Provinzen Tigre, Amhara u. Schoa sich völlig unabhängig machten, war dem Negus von der früheren Macht nichts geblieben als das Richteramt in Gondar und die Einkünfte dieser Stadt. Auch dieser Rest seiner Macht wurde ihm streitig gemacht, indem bald der eine, bald der andere der Ras sich an die Stelle des Negus zu setzen suchte. Die von Europa aus nach A. gesendeten, sowol katholischen, als protestantischen Missionäre hatten nur geringen Anklang im Lande gefunden, n. auch durch Reisende, wie die Franzosen Combes, Tamisier, Ferrot, Röchet d'Hericourt, die Engländer Salt u. Harris u. Andere hatten keine vortheilhaftcn Verbindungen angeknüpft werden können, da die Anarchie im Lande fast allen Verkehr hinderte oder doch hemmte. Während die Ras von Tigre u. Amhara in andauerndem Kriege (1841—47) ihre Kräfte aufrieben, hatte Kasa, Statthalter der amharischcn Prov. Goara, sich die Provinzen Zana, Wochni, Sarago, Dagossa, Agumcder,Agan,sowie verschiedene Gallaprovinzen im S. unterworfen. Aus dem gegen ihn durch Ali, Räs von Amhara, angestifteten Kriege ging er (1852) siegreich hervor, vertrieb Äli aus Gondar u. machte sich, nachdem er unter wechselndem Glück auch die übrigen Räs besiegt, als Theodor II. zum Negus Negusse (König der Könige), n. somit waren Tigre, Schoa u. Amhara unter einem Sccpter vereinigt (1856). Dieser Erfolg flößte den in A. angesiedelten Europäern um so mehr Furcht ein, als der neue Herrscher alsbald die röm.-katholischen Missionäre, welche sich durch Unduldsamkeit gegen die Landeskirche verhaßt gemacht hatten, aus dem Lande verwies, während die protestantischen unangefochten blieben. Er suchte europäische Cultur einzuführen, schaffte.die Sklaverei ab, verbesserte die Rechtspflege u. hob den Wohlstand des Volkes. Bald aber trat eine schlimme Wendung der Dinge ein. Als das Anerbieten eines Freundschaftsbündnisses init Frankreich n. England weder bei der einen, noch der anderen Regierung Anklang u. Berücksichtigung fand, verwies er den franz. Consnl Lejean des Landes u. warf den englischen, Caineron, nebst verschiedenen Missionären ins Gefängnis;. Weitere Gewaltthatcn folgten; der engl. Abgesandte Flad, der die Befreiung der Gefangenen forderte, wurde ebenfalls eingekerkcrt, u. zuletzt war die Zahl der europäischen Gefangenen auf 155 angcwachscn. Theodors Macht erlitt indessen' durch Bekämpfung mehrerer gegen ihn gerichteten Empörungen eine solche Schwächung, daß er sich, die Gefangenen 57 Abfahrtsgeld — Abfälle. mitführend, nach der Felsenfeste Magdala zurückzog. Dies der Verlauf der Regiernngsjahre Theodors von 1862—1867. Im I. 1867 entschloß sich die cnglischeRcgicrnng, die Befreiung der gefangen gehaltenen Europäer mit Waffengewalt zu erzwingen. Sir Robert Napier, comman- direuder General in Bonibay, wurde au die Spitze der Expedition gestellt. Nach beendeten Vorarbeiten, des. Bau von Eisenbahnen n. Telegraphen von der Küste nach den Gebirgen, landeten im Oct. 1867 die ersten Truppen bei Zulla. An der Zahl 12,000, darunter 8000 Hindu, zog die englische Armee,welcher der englische Consnl von Massaua, Munzinger, durch feine Localkenntuisz die wesentlichsten Dienste leistete, unter großen Schwierigkeiten gegen Magdala, in dessen Nähe sic 9. April 1868 anlangte. Die Abessinier ergriffen sofort die Offensive, wurden aber blutig zurllckgewicsen, worauf Theodor die europäischen Gefangenen in das englische Lager sandte. Da man jedoch nur bedingungslose Unterwerfung wollte, begann der Kampf aufs neue. Magdala ward ani 13. April erstürmt, u. Theodor tödtetc sich selbst durch einen Pistolenschuß. Sein Sohn wurde nach England gebracht. Die englische Regierung ließ ihre Truppen wieder abzichcn, ohne auch einen Fuß breit Landes in Besitz zu nehmen. Die anarchische Verwirrung, in der das Land sich seitdem befand, benutzte der Khe- divc von Ägypten, Ismail Pascha, zur Annexion der nördlichen abessinischenLänder,Bogosu. Mensa <1872), die er von Munzinger mit dem Titel eines Pascha-Gouverneurs des ägyptischen Ostafrika verwalten läßt; s. Ägypten. Inzwischen hatten in dem eigentlichen abessinischen Reiche zwei frühere Vasallen Theodors um die Oberherrschaft gekämpft. Es waren Kassa, schon zur Zeit des englischen Feldzuges beinahe unabhängiger Fürst v. Tigre, n. Gobaze, Fürst v. Lasta, der sich nach dem Abzüge der Engländer des ganzen amharischen Landes bemächtigt hatte, u. da mit dem Besitze dieser Provinz eine Art Berechtigung zur Oberherrschaft verknüpft war, so nahm er unter dem Namen Tella Girgis den Herrschertitel Kaiser, König der Könige an. Am 11. Juli 1871 erfolgte bei Adna ein Zusammenstoß zwischen den beiden Nebenbuhlern. Gobaze ward besiegt, u. Kassa ließ sich am 21. Jan. 1872 unter dem Titel Johannesll. als Kaiser v. Abessinien krönen. Es gelang ihm, nach Besiegung einiger aufständischen Erhebungen in Tigre, im Winter 1872 bis 1873 die anderen Provinzen des Reiches zu unterwerfen, so die Reichseinhcit wicderhcrzustcllen u. den Keim der Anarchie, unter welcher das Land so viel gelitten hat, für jetzt zu erdrücken. Vgl. Apcl, 3 Monate in A. n. die Gefangenschaft unter König Theodor II.,Zür. i866; R. Andrce, Abessinien, Lpz. 1868; Flad, Gesch. Theodors II. re., Basel 1869; Rohlss, Im Aufträge des Königs v. Preußen in A., Bremen 1869; Carter, Report on lös survsz- oporatious, Xbessinia, Lond. 1869; Markham, -1 Iiwtor)' ok lös Xbossinisn sxps- äition. Lond. 1869; Holland u. Hozicr, Reoorel totlre vxpsäitionto Xb)-ssinia (officicller Bericht), Lond. 1871; Stumm, Meine Erlebnisse bei der englischen Expedition in N., Frankfurt 1868; v. Seckendorfs, Meine Erlebnisse mit dem engl. Expeditionscorps in A., Potsd. 1869; Blanc, Na oaptivits sn Xbyssinis. Paris 1869; Roscnthal, Erinnerungen aus meiner Gefangenschaft in A., Bremen 1872. Abfahrtsgeld u. Abfahrtsrccht (Rcchtsw.), so v. w. Abzugsgcld u. Abzugsrecht. Abfahrtspunkt, der bei der Abfahrt eines Schisses seiner geographische» Lage (Längen. Breite) nach genau bestimmte Punkt, welcher als Ausgangspunkt für die Navigirung während der Reise dient. Abgefahrene Länge u. Breite, die geographische Länge u. Breite des Schifssortcs, welche bei terrestrischen Ortsbestimmungen (mittels Compaß und Logg) als Ausgangspunkt angenommenwerden; angekommene Längen. Breite, die danach berechnete Länge u. Breite des erreichten Ortes. Abfall, der Gebirge, die allmählich sich vermindernde Höhe eines Gebirges vom Hauptstock an bis zur Verflachung in die Ebene; meist auf einer Seite steiler als auf der anderen (j.Abdachung). — A. der Nahrung, so v. w. Verarmung. Abfall, 1) politischer, das Verlassen einer politischen Partei aus irgend einem Grunde. Politischer A. ist in der Regel Folge einer größeren Veränderung der öffentl. Verhältnisse im Staate. A. von ganzen Gemeinschaften oder Staaten geschieht entweder, um sich einer anderen Gemeinschaft oder einem anderen Staatskörper anzu- schließcn (z. B. Texas), oder um sich selbstständig zu machen, einen eigenen Staat zu bilden (z. B. die Niederlande von Spanien, die nord- und südamcrikan. Colonicn von ihren Mutterländern). — Partei des A. nannte man die Anhänger König Karls X. von Frankreich während der Restaurationsbestrebungen, welche gegenüber Villdles und Polignacs Gewaltmaßregcln dem König vergebens Mäßigung riethen. 2l religiöser, gr. Apostasie, heißt das Verlassen einer Religions- oder Kirchengcmeinschaft. Den Aus- trctenden nennt die Gemeinschaft, welche er verläßt, Apostat, abtrünnig, auch Renegat (mittellat. Glanbeusverleugner), bes. wenn er zum Islam Übertritt; für diejenige Gemeinschaft, welcher er beitritt, ist er ein Couvert it (ital. Bekehrter) oder Proselyt (gr. Hinzukömmling). Überdas Rechtliche u. Geschichtliche s. Religionswcchsel u. Proselyt. — A. (Apostasie) heißt in der katholischen Kirche auch der Übertritt aus dem geistlichen Stande in den Stand der Laien (Xxost. oräiiim) u. das Aufgeben des Klostergelübdes (X. mvna«datu8), gegen welche beide Vergehen geistliche Strafen angcordnet sind. Abfälle, in der mechanischen und chemischen Production derjenige Tbeil des Rohmaterials u. der Halbfabrikate, der durch die Fabrikation veranlaßt, aber nicht deren Zweck ist und deshalb entweder ganz beseitigt wird, oder, sei es in der betreffenden Industrie selbst, sei es in anderweitigen Zweigen, weitere Verwendung findet. Die richtige Vcrwerthung der A. bildet gar oft den Gegenstand besonderer Fabrikationszweige, immer aber ist dieselbe eine wichtige Ausgabe des Produccnteu, weil von ihr die Rentabilität des llutcrnehmens vielfach abhängig ist, oft sogar allein dadurch ermöglicht 58 Abfallen — Abführende Mittel. wird. Bei der Eisensabrikation z. B. sind die Abfälle sehr bedeutend, indem 100 Roheisen durchschnittlich nur 60 leg- Stabeisen, Eisenbahnschienen rc. oder gar nur 50 Bleche ergeben. Die Abfälle bestehen hier zunächst aus Schlacke, deren hoher Eisengehalt (60—70"/„) sic wieder zuin Roheiscnproccß geeignet machen, sofern die demselben nachtheiligen Substanzen (Schwefel, Phosphor) nicht zu sehr vorwalten. Sodann bestehen sie aus durchschnittlich 15"/o Enden u. Ausschuß, die mit ihrem ganzen Gewicht wieder in den Fabrikationsproccß znriickkehren. Der Verlust beträgt also in Wirklichkeit nicht 40—50"/„, sondern nur etwas mehr als die Hälfte bis zu zwei Drittel. Hundert Icg- Papier erfordern durchschnittlich 145 Ic^ Lumpen, 100 KZ Wolle durchschnittlich 250 IcA roher Wolle, 100 Garn durchschnittlich 150 Ic^ roher Baumwolle, 100 Ic^ Flachs sogar 800 lc^ roher Leinstengel. Auch bei den in diesen Branchen der Fabrikation sich ergebenden Abfällen ist eine Berwerthung innerhalb derselben meist noch möglich. Von den in andere Zweige übergehenden Abfällen sind als besonders wichtig hervorzuheben: diejenigen der Sodafabrikation, aus denen Schwefel; die der Gasfabrikation, ans denen außer den prachtvollen Anilinfarben eine Reihe von nützlichen Producten, wie Alizarin, Benzol, Carbolsänre, Kreosot, Paraffin rc.; die der Chlor- kalkbcreitung, aus denen das Maugansuperoxyd durch den Regencrationsproceß wicdergewonncn wird. Auch Säuren kommen als Nebcnproducte verschiedener Fabrikationszweige vor und finden wieder nutzbare Berwerthung. Eine Art Verlust, bei dem gar keine technische Berwerthung möglich ist, erfolgt beim Bleichen der Leinwand. Die A. genießen zur Erleichterung ihrer Verwendung und vortheilhastcren Berwerthung in Zoll- u. Transporttarifen besondere Vergünstigungen. Der Wichtigkeit des Artikels entsprechend war ans der, Wiener Weltausstellung 1873 die Art der Nutzbarmachung der A. zur Anschauung gebracht. R. Wagner in seinem Handbuch der chemischen Technologie, 9. A., Leipz. 1873, u. P. L. Simmonds in Vaste procknets. Lond.1873, behandeln den Gegenstand. Abfallen des Schiffes, wird die Bewegung des Schiffes beim „Abhalten" genannt, s. Abhalten. Abfangen, 1) eine sich seitwärts schiebende Last durch Stützen sichern; 2) so v. w. entlasten, z. B. die auf einem geraden Stein oder Holzbalken ruhende Last vermittels eines Gewölbbogens auf die Enden derselben verthcilen; 3) (Bergb.) das Einsturz drohende Gestein stützen; 4) (Jagdw.) das Wild mit Schweinsfeder (s. d.), Hirschfänger oder Genickfänger tvdten. Abfinden, sich mit Jemandem: mit ihm ein gütliches Abkommen über einen Anspruch desselben treffen; das gegebene Äquivalent heißt Abfindung, Abfindungsquantum (Abfindungssumme). S. a. Abschichtung. Abformcn, zum Zwecke der Vervielfältigung von Kunstmodellen, überhaupt von plastisch gearbeiteten Modellen für jeden künstlerischen oder kunstindnstricllenZweck, alsz.B. Statuen, Statuetten, künstlerische Gruppen, Basen, Trinkgeschirre, Lampen rc., in Gips, Compositionsmasse oder Gußeisen, Bronze, Porzellan, Glas. Das Abformcn geschieht mittels einer weichen Masse, Thon oder Gips, welche ans das gehärtete Thonmodell gepreßt oder gegossen wird, so daß sic es allseitig, dicht anliegend, umgibt und, nachher losgelöst, die umgekehrte, hohle Form des plastischen Modells bildet. Das technische Verfahren dabei ist folgendes: Nachdem das fertig modellirte und durch Feuer gehärtete Thonmodell zum A. vorbereitet ist, werden die Fäden gelegt, welche später durch die darüber gepreßte oder gegossene weiche Formmasse hindurchgezogen werden u. sie in einzelne Theilc zerschneiden, die dann vom Modell abgehoben werden n. gehärtet die fertige Form bilden. In der zweckmäßigen Zerlegung der Form durch die Fäden besteht im Wesentlichen die Kunst des Formens, u, nennt man die durch dieses technische Verfahren gewonnene Form eine echte Form, im Gegensatz zur unechten, welche zerschlagen werden muß, um den Guß zu befreien. Die echte Form kann man zweckmäßig gebrauchen zur Vervielfältigung plastischer Kunstwerke oder knnstindnstrieller Arbeiten. Anders ist das Verfahren bei großen Gnßarbeiten, s. Bildgießer- knnst. Das A. direct über Natur geschieht großen- thcils nur über die Leiche oder deren Theile, welche dann als Studienmaterial für die bildende Kunst dienen. Beim A. von todten Thieren oder einzelnen Theilen derselben, wie Pferdebeinen oder Köpfen, müssen die behaarten Theile gehörig mit Öl getränkt sein, damit die Haare nicht in der erhärtenden Gipsform haften bleiben und beim Loslöscn der Form ansgerissen werden müssen. Einzelne Theile des menschlichen Körpers, wie Arme, Beine und Hände, werden auch über Leben abgeformt. Abfuhr s. Städtereinigung. Abführen, 1) weg-, ableiten; daher abführende Gefäße, Gefäße, welche Blut oder andere Feuchtigkeiten von einem Organ ableiten; Abführmittel, s. Abführende Mittel; 2) (Drahtz.) groben Draht verfeinern, geschieht mit Abfnhr- cisen auf dem Abführtisch. Abführende Mittel (Abführmittel), Arzneimittel, welche vermehrte Stuhlcntleernngen bewirken. Sie dienen theils überhaupt dazu, den trägen oder stockenden Stuhlgang zu fördern, im Darmkanal vorhandene Würmer, unverdauliche u. schädliche Substanzen zu entfernen; theils durch ihren Reiz die Thätigkeit des Unterleibes zu wecken, die Aufsaugung in anderen Theilen zu vermehren, die Reizbarkeit herabzustimmen, ableitend ans viele andere mit dem Unterleib in Beziehung stehende Theile, als Kopf, Haut rc., zu wirken. Sie werden gewöhnlich auf den Magen, selten auf die Haut angewendet; mehr örtlich wirken Stuhlzäpfchen n. Klystierc, die man jedoch nicht zu den eigentlichen abfllhrendenMitteln rechnen kann. Man unterscheidet: milde a. M. (Laxirmittel, Uaxantia, Iwnitiva), welche eine mäßige Reizung, mehr blos kothige Stuhlgänge bewirken, oder nur schlüpfrig machen, oft zugleich kühlen (Xntixbloxistioa), wie die fetten Öle, Mandel-, Lein-, Mohn-, Ricinnsöl, Manna, Honig, Weinsteinsäure, süßsäuerliche Früchte, bes. Pflaumen, Tamarinden, Kassienmark, frische Kräuter-- Abfuhnvcg safte, Salz- u. Mineralwässer; stärkere a. M. (Purgirmittel, ?>ir^nntiu), welche in der Regel keine bedenklichen Erscheinungen n. keine zu große Erschöpfung veranlassen, so Sennesblätter, Rhabarber, Schwefel, Kalomel, Jalappenwurzel, Aloe; heftig wirkende od. drastische A. (vrastioa), welche leicht übermäßige Reizung erzeugen und heftig cingreife»,wieJalappenharz,Scammonium, Gummi Gutti, Koloquinten, Elaterium, Krotonöl, Helleborus. Die Heilmethode, welche vorzüglich a. M. anwendet, nennt man abführende Methode. Die Art, wie die a. M. wirken, war in neuerer Zeit Gegenstand sorgfältiger Unter- fuchung. Vgl.: I. Licbig, Unters, über einige Ursachen der Sästebewegung im thierischen Organismus, Braunschw. 1848; R. Buchheim, Lehrb. der Arzneimittellehre, Lpz. 1856; F. W. Boecker, Beiträge zur Heilkunde, Crcfcld 1849, Bd. II.; B. Schuchardt, Arzneimittellehre u. Ree., Braunschw. 1858; H. Nothnagel, Arzneimittellehre, Bcrl. 1870; Cl.Bernard, Üsqons äs pa1boIoZ;io oxperimsutells, Par. 1872; I. Bcnoit, Iloo pnrAntivos, Par. 1873. Auch bei Thieren kommen dgl. a. M. auf dieselbe Weise inAnwcndnng. Pferden gibt man gewöhnlich Ölkuchen, Quecken, in leichteren Fällen Salzgaben, in hartnäckigeren Klystiere von Leinsamen, Hafergrütze re.; dem Rindvieh einen Aufguß der inneren Rinde des Faulbaumes, Schafen u. Ziegen Glaubersalz re.; dem Federvieh etwas Baumöl. Abfuhrwcg (Forstw.), ein Waldweg, der nur zum Abfahrcn des Holzes dieut; im Gegensätze zu Vicinalweg, Landstraße re. Abgabe heißt so v. w. Tratte, Wechsel: auf Jemandem abgeben, „auf ihn ziehen": auf Jemanden einen Wechsel in Umlauf setzen, trassiren. Der Aussteller des Wechsels heißt Trassant, und der Bezogene Trassat. Abgeben heißt auch so v. w. verkaufen, z. B. Maaren. Abgaben ist die allgemeinste Benennung für- dauernde Leistungen u. Beiträge zu den Lasten u. Ausgaben des Staates, der Provinzen, Kreise, Gemeinden, Corporationen, Kirchen re.; im engeren Sinne sind A. die Steuern, welche auf dem Ertrage von Grundstücken, Häusern, Gewerben, auf Einkommen, Erbschaften u. dgl. ruhen, oder aus Lchns- u. anderen grundherrlichen Verhältnissen hervorgehen. Sie bestehen entweder in Steuern (s.d. Art.), oder in Zahlungen für die Benutzung gewisser Anstalten des Staates oder einer anderen öffentlichen Corporation (z. B. Chaussee- u. Brückengeld). Die letzteren A. werden nicht erhoben, um eine Einnahme zu gewähren, sondern nur um die Kosten der Anlegung u. Unterhaltung der Anstalten zu decken. A. für Leistungen einer öffentlichen Behörde nennt man Gebühren. Abgang, Bezeichnung für das Abtreten des Darstellenden von der Bühne nach Schluß der Scene. Je nach der Bedeutung, die der Dichter auf den A. legt, nennt man diesen dankbar, oder undankbar. Die an sich berechtigte Betonung des A-s durch den Darsteller wird sehr oft zu einer höchst verwerflichen Übertreibung, der selbst große Künstler oft verfallen. Wegen ihrer meisterhaften Abgänge bekannt sind Jffland und Talma; Shakespeare sucht in einigen seiner Dramen die Wirkung der Abgänge durch den — Abgnr. 59 Reim zu heben, was auch von Schiller z. Th. nachgeahmt wird. Abgang. 1) Im bergmännischen Aufbe- rcitungswesen ein sehr armes Nebcnproduct des Betriebes, welches in einigen Fällen zur Metallgewinnung benutzt werden kann. 2) Im Hüttcnbetrieb a) ein Nebenprodnct von geringem Werthe in Bezug auf das Hauptziel des Processes, aber in besonderer Arbeit, dem Abgänge schmelzen, vielfach noch zu Gute gemacht; b) der durch eine Complication des Hüttenpro- cesses u. die dabei waltenden mechanischen und chemischen Einflüsse bedingte, nicht wieder gewinnbare Verlust an dem anszubringcnden Metallgehalte des Hanptmaterials. 3) (Med.) Ausleerung auf natürlichem Wege, z. B. von Koth, Blähungen re. 4) A. der Wöchnerinnen, so v. w. Lochienfluß. Abgangswinkcl eines Geschosses, der Winkel zwischen der Richtung, in der das Geschoß das Rohr verläßt und der durch die horizontale Scelenachse gedachten wagerechten Ebene. Der Unterschied zwischen Abgangswinkel des Geschosses und Richtungswinkel des Geschützes ergibt den Abgangsfchlcr, der von bedeutendem Einfluß auf die Trefffähigkcit des Geschützes ist. Bei glatten Geschützen sind Abgangsfehlcr in Folge des Spielraumes zwischen Geschoß und Seelenwand des Rohres sehr erheblich; bei gezogenen glaubte man dieselben beseitigt, sie kommen indeß nach neueren Versuchen auch bei diesen vor und werden als ein Hauptgrund der Längeuabweichung der Geschosse bezeichnet. Abaar (d. h. der Große, Mächtige) ist der Beiname der meisten Herrscher des osrhoönischen Reiches zu Edessa in Mesopotamien, zwischen den Flüssen Euphrat u. Chaboras, das von 186 v. Chr. bis 217 n. Chr. bestand. Die Lage des Reiches zwischen dem römischen und parthischen verwickelte die Fürsten in häufige Verlegenheiten. Der dritte dieses Namens unter den Toparchen (Königen) von Edessa ist bekannt durch seinen vorgeblichen Briefwechsel mit Jesu, über den zuerst Eusebius in seiner Kirchengeschichte berichtet unter Berufung auf eine Handschrift im Archiv von Edessa, welche die Geschichte der alten Zeit bis auf A. umfaßt, also mindestens aus dem 3. Jahrh. n. Chr.. stammen mußte. Er sagt: A. hörte vondenwunder- baren Handlungen Jesu. Da er nun selbst an einer- unheilbaren Krankheit litt, so schrieb er an ihn, nach Edessa zu kommen u. ihn zu heilen. Darauf erhielt er durch seinen Gesandten Anan die schriftliche Erwiderung Jesu, daß er selbst nicht kommen könne, aber nach seiner Himmelfahrt einen seiner Jünger zu ihm schicken wolle, welcher ihn heilen u. ihm und den Seinen das Leben geben werde. Dies geschah auch, u. Thaddäus, einer der 70 Jünger Jesu, wurde von dem Apostel Thomas nach Edessa geschickt, wo er den König und viele Andere heilte und das Evangelium verkündigte. So weit Eusebius, der auch die beiden Briefe wörtlich wicdergibt. — Buchstäblicher berichtet darüber der armenische Geschichtschreiber Moses Chorenensis aus dem 5. Jahrh. n. Ehr., welcher im 2. Bd. seiner Gesch- der Armenier, Cap. 26 ff., von A., den er König v.. 60 Abgatorium — Armenien nennt, spricht, und sich dabei auf die Kirchengcschichte des Eusebius, das 5. Buch der Chronographie des Julius Africanus (aus der 1. Hälfte des 3. Jahrh.) und aufLerubna, einen Zeitgenossen A-s, beruft. Nach ihm war A. von einer Reise nach Persien von einer unheilbaren Krankheit ergriffen zurückgekehrt und erhielt durch eine Gesandtschaft, die er an den röm. Procon- sul in Syrien sandte, um sich von dem Verdacht eines feindseligen Bündnisses mit den Persern zu reinigen, Kunde von den Wundern Jesu. Von der Göttlichkeit Jesu sogleich überzeugt, schrieb er an ihn und erhielt ans Befehl des Erlösers eine von Thomas geschriebene Antwort. Dies erzählt er übereinstimmend mit Eusebius. Auch gibt Moses Chorenensis noch 2 Schreiben A-s an Liberins, um ihn von der göttlichen Sendung Jesu zu überzeugen und zur Züchtigung der Juden aufzufordcrn, nebst einer Antwort des Kaisers an ihn, sowie 2 andere Schreiben an Nerseh, König (Statthalter) von Assyrien, n. Artasches, König von Persien. Von den Briefen A-s an Tiberins hat auch Tcrtullinn (gest. 240) Kenntnis;, wie ans seinem Apologcticns Cap. ö. hervorgcht. A. st. nach 38jähriger Regierung. Neuerdings hat auch der engl. Gelehrte Cureton eine Gesch. der Bekehrung A-s, worin obige 2 Briefe enthalten sind, aber gesagt wird, das; Jesus die Antwort dem Gesandten mündlich gegeben habe, unvollständig in 2 alten syr. Handschriften aus dem Anfang des S. u. dem 6. Jahrh. entdeckt, welche nach seinem Tode Wright, Lond. 1864, syr. mit engl. Uebersetznng herausgegcbcn hat; kurz darauf, im I. 1868, erschienen gleichzeitig 2 Ansg. einer armenischen Übersetzung derselben syr. Gesch., als deren Verfasser Lcrubna oder Labubna, Zeitgenosse A-s, angegeben wird, zu Venedig und Jerusalem, woraus das syr. Original vervollständigt werden kann. Schon 1867 war in der 6ollection ckso Instoriens aneions ot moäsrnes äs l'^rinövio von V. Langlois, Paris, eine franz. Übersetzung des armenischen Textes von I. B. Emin veröffentlicht worden. Die Echtheit des obigen Briefwechsels von den armen, und syr. Gelehrten alter und neuer Zeit ver- theidigt, wird von 5en europäischen Gelehrten allgemein bestritten. Schon der Papst Gclasius I. setzte gemäß einer in Rom 496 n. Chr. gehaltenen Synode den Briefwechsel A-s mit Jesu unter die Apokryph«. Abgntoriuui, s. A-b-c-tnorium, Abgebcizte Wolle, die durch Ätzen mit Kalk von den Fellen entfernte Wolle; sie ist geringer, als die abgeschorenc, dient nur zu groben Zeugen. Abgebcn, 1) (Hdlsw.) s. Abgabe; 3) (Marksch.) die Lage eines oder mehrerer verlangten Punkte (Abgebepunkte) durch einen eingeschlageneu Pfahl (Abgebcpfahl) oder ein im Gestein oder Holz verzeichnetes ff in der Grube oder über Tage bestimmen; l!) (Bergb.) A. des Gedinges, das hcrausgeschlagene Gedinge durch Geschworene untersuchen. Abgebrochen (Abrupt, Rhet.), heißt die Sprech- oder Schreibart in kurz hingeworfencn, abgerissenen Sätzen oder Wörtern. Abgefeimt, urspr. von Feim (Schaum) ge- - Abgeordnete. reinigt, jetzt ähnlich wie raffinirt: fein, gewandt in schlimmen Streichen. Daher Abgefeimtheit. Abgeizcn, den Geiz oder die Nebenzweige beim Tabak oder Weinstock ausbrechen, s. u. Geiz. Abgekürzt, I) (Log.) von Schlüssen und Beweisen, wenn man bei der wörtlichcnDarstellung etwas leicht Hinzudcnkbarcs wegläßt. 3) (Math.) heißen a. Pyramiden u. Kegel (s. d.), denen durch eine mit der Grundfläche parallele Ebene das obere Stück abgcschnitten ist. Abgelegt, ein bei der Artillerie gebräuchliches Commandowort, worauf die Bedienung das Ge- schützzubchör versorgt und das Schießen eingestellt wird. Abgemessen, in der Logik ein klarer, genau bestimmter Begriff, welcher nur die wesentlichen Merkmale des, zu erklärenden Gegenstandes enthält; in der Ästhetik ein Kunstwerk, welches einfach nur das der Idee nach Erforderliche darstellt. Ein abgemessenes Betragen das, welches die gesellschaftlichen Anforderungen und die Rücksichten gegen sich selbst u. gegen Andere genau erfüllt. Abgcnicken (Jagdw.), das Wild durch einen Stich oder Schlag ins Genick tödten. Abgeordnete sind im Allgemeinen die von einer oder mehreren Personen oder einer Gemeinschaft zu deren Vertretung Bevollmächtigten, an den Ort der Geschäfte Abgesandten, im Bes. die Volksvertreter. Letztere sind die A-n, welche von den Wahlberechtigten eines gewissen Bezirkes mittelbar oder unmittelbar gewählt sind, um den Willen des Volkes in der Ständeversammlung (Kammer), dem Parlament, Land- oder Reichstag u. s. w. geltend zu machen, mit den Vertretern der Regierung die Gesetze zu vereinbaren, den Haushalt festznstellen und alle sonstigen Geschäfte vorzunehmcn, welche dieser Volksvertretung gesetzlich oder herkömmlich obliegen. Sie sind „Vertreter des gcsammtcn Volkes und an Aufträge und Instructionen nicht gebunden" (Preuß. Verfassung vom 31. Jan. 1850, Art. 83; Deutsche Rcichsverfassung vom 16. April 1871, Art. 29; Engl. Recht, entstanden nach Elisabeth). Sie sind deshalb nicht abberufbar durch ihre Wähler. Die Sätze der deutschen Reichsverfassung, Art. 30 und 31, daß der A. wegen seiner Abstimmung völlig unverantwortlich und wegen seiner im Berufe abgegebenen Äußerungen nur innerhalb der Vertretung selbst, gemäß deren Geschäftsordnung, verfolgbar ist; ferner daß er, so lange dieselbe tagt, nur mit ihrer Genehmigung zur Untersuchung gezogen und verhaftet werden kann, galten in England schon längst und gelten, nur mit geringen Modificationcn, überall, wo Parlamente bestehen. Sie können zu Ungerechtigkeiten führen, indem sie auch schwere Rechtsverletzungen straflos hinstcllen können, allein nur ein über Regierung und Volksvertretung außerhalb des betreffenden Staates stehendes Gericht würde hier die Sicherheit gerechter Justiz bieten. — Die Freiheit von Verhaftung bezieht sich auch auf Schuldhaft (welche in Deutschland und Frankreich nur noch ausnahmsweise stattfindct), nicht aber auf die bereits früher begonnene Strafhaft und nicht auf den Fall des Betretenscins auf der That. Über 61 Abgeschmackt — Abguß. die Dauer der Thätigkeit der A-n, sowie über die Frage, ob sie inzwischen vom Staate Diäten (Tagegelder) und Reiselust, n zu erhalten haben, bestehen in den verschiedenen Staaten noch verschiedene Gesetze. — Kreistags-Ä. s. Kreis. — Über A. u. Volksvertretung vergl.: I. St. Will, Betracht, über Repräsentativverfahren, deutsche Übers., Zürich 1862; Levita, Die Volksvertretung, Lpz. 1850; L. Bücher, Der Parlamentarismus, Berl. 1855; Guizot, Ilistoirs äss ari^ines cku Aonvernsinsnb rsprooentatik, Brüssel und Lpz. 1851, 2. vol.; R. v. Mohl, Die Gesetz, und Lit. der Staatswissenschaftcn, Erlangen 1855 bis 58, 3 Bde. (im 1. Bd. besonders); S. Sterne, On Roprsssntativo Ooveriunorw, Philad. 1871. Abgeschmackt, was dem gesunden Urtheil und dem guten Geschmack zuwider ist. Abgewinncn, einem Schiffe den Wind, bei demselben luvwärts vorbeisegcln. Abgewöhnen, Kindern, auch jungen Haus- thieren, bes. Kälber», welche bisher Muttermilch od. überhauptMilch erhalten haben, diese entziehen. Abgezogen, 1) (Philos.) so v. w. Abstract; 2) so v. w. destillirt. Abgezogene Wasser, auch aromatische oder destillirte, nennt man Flüssigkeiten, welche ätherische Öle enthalten, z. B. Pfefferminz-, Rosen-, Zimmtwasscr; dieselben werden durch Destillation von Wasser oder auch Alkohol mit den betreffenden aromatischen Pflanzen- stoffcn gewonnen, gewöhnlich., als Nebenproducte bei der Bereitütig ätherischer Öle. Sie erhalten sich am besten in nicht ganz verschlossenen, sondern nur mit Papier leicht übcrbundenen Gefäßen in guten Kellern, vor Einfluß des Lichtes wohl bewahrt. Man bedient sich derselben in der Heil-, Koch- und Parfümirkunst, wie auch zur Bereitung verschiedener Getränke. Vgl. C. F. B. Schedel, Praktische und bewährte Anweisung zur Destillir- kunst, 6. Ausl., Weimar 1865. Abgießen (Decantiren, Ehern.), das Abfließen- lasscn übcrstehender Flüssigkeit von einem Bodensätze. Man wendet das A. hauptsächlich anstatt des Filtrirens beim Sammeln u. Auswaschen von Niederschlägen an, wenn diese sich leicht und rasch zu Boden setzen. Das A. wird gewöhnlich bewerkstelligt, indem man das Gefäß vorsichtig neigt. Damit die Flüssigkeit nicht an der Außenseite der Gefäße hcrabläust, wählt man solche von cylindrischer Form mit nach außen gebogenem Rande (Bechergläscr), bestreicht diesen auch wol außen mit Talg und läßt stets die Flüssigkeit an einem mit derselben benetzten und den Rand des Gefäßes an der Ausflußstelle berührenden Glasstabe abfließen. Oder man nimmt die Flüssigkeit mittels der Pipette (s. d.) oder des Hebers (s. d.) ab. Endlich gebraucht man in mauchen Fällen Gefäße, welche an der Seite in verschiedenen Höhen mit verschließbaren Öffnungen versehen sind. 2) Im Gießereibetrieb das Füllen der fertig zubereiteten, guß- bereiten Form eines Gegenstandes mit dem flüssig gemachten Material des Abgusses, sei dasselbe Metall, G.ips- oder Ccmcntbrei, Wachs, Zucker re. Der Ausdruck gilt für alle mechanischen Nachbildungsproccssc, welche sich durch das Füllen einer Form mittels beweglich gemachten nachher erstarrenden Materials ausführen lassen. Abgipfeln, 1) (Gartenb.) die Spitzen der dicken Bohnen abschneiden; 2) (Weinb.) die Spitzen der jungen Reben ausbrcchen, bei den Fruchtreben einige Blätter über der letzten Frucht, bei den unfruchtbaren über dem 8. bis 14. Auge, je nach der Stärke derselben. Abgleichen, 1) (Nivellirk.) ein unebenes Stück Feld in allen seinen Theilen eben legen. 2) Bei der Fabrikation der Kerzen das entweder mit einem Messer u. der Hand, oder mit einer Maschine stattfindende Ebnen des Fußes derselben, der nach dem Gießen immer die Oberfläche der erstarrten Materien zeigt u. nicht eben ist. 3) (Technol.) so v. w. Justiren. Abgleichhihe, bei der Sensenfabrikation das erste Erwärmen der rohen Stahlprügel, um dieselben auszubreiten. Gewöhnlich werden noch weitere 3 Hitzen nothwendig, die Mittelhitze, Spitzhitzc u. Barthitzc. Abgleichstange, Instrument zur Untersuchung der Gleichförmigkeit der Uhrfedern. Abgott, Götze (lat. ickolnm), bezeichnet ein Wesen oder einen Gegenstand, welchem der Mensch göttliche Verehrung zollt. Je nach der Höhe der Bildungsstufe eines Einzelnen od. eines ganzen Volkes steht dessen Abgott oder Götze in seiner Verkörperung selbst auf einer niederen od. höheren Stufe, von der Verehrung eines Fetisch an bis zum Thier- u. Bilderdienst, der Verehrung der Naturkräfte, der Gestirne und dem Ahnen- und Heroencultus. Die Verehrung eines solchen Idols nennt man Abgötterei oder Götzendienst. Der Hang hierzu ist natürlich und wurzelt um so tiefer, je rückständiger der Mensch in volkswirth- schaftlicher, politischer u. wissenschaftlicher Hinsicht ist (vgl. Aberglaube). Daher erklärt es sich denn auch, daß fast kein einziges Volk absolut frei von Abgötterei blieb. Die Juden verehrten bekanntlich neben ihrem Jehova das goldene Kalb und die Götter ihrer sämmtlichcn Nachbarvölker, je nachdem sie von ihnen irgend Hilfe erhoffen zu können glaubten. Bildlich bezeichnet man mit A. auch einen Gegenstand oder eine Person, welche man so übertrieben liebt, als ob darin das höchste Glück zu finden sei. So sagt man von einem Geizigen, das Gold sei sein A., von einem Verliebten, er verehre die Geliebte abgöttisch. Abgottschlrmgc, Königsschlingcr (1103, oon- striotor ^.), giftlose Schlange aus der Farn, der Riesenschlangen, bis 10 m lang, röthlich-grau mit dunkelm Längsstreif u. Flecken auf Scheitel und Seiten. Nördliches SAmcrika. Hängt sich mit ihrem Greifschwanze an Bäumen fest, um ihren Vorderkörper auf sorglose Thicre schießen zu lassen. Ihren also gewonnenen Raub zerdrückt sie in den Windungen des Körpers. Sängethicre bis zur Größe des Rehes bilden ihre Nahrung, doch auch kleinere, selbst Reptilien. Abgunst, Mangel an Gunst, wobei man dem Anderen nichts Gutes wünscht, ja sogar das Gute, was ihm widerfährt, mißgönnt u. gern wieder entziehen möchte. Abguß, Abgüsse machen. Zur Nachbildung irgend eines körperlichen Bildwerkes,sei daffelbenun 62 Abheüscn — erhaben, wie eine Medaille, ein Relief, od. vertieft eingefchnitten, oder endlich in freistehender Körpcrform, wie eine Statue, umgießt oder umlegt man das Urbild mit einem anfangs- weichen, dickflüssigen Stoffe, Gips, Thon, Wachs, Leim, Alaun od. geschmolzenem Metall. Die erhärtete Masse wird von dem Bildwerk abgelöst und ist nun eine Form, Abform desselben mit umgekehrten Vertiefungen u. Erhöhungen. In diese wird wiederum eine flüssige, hernach aber erhärtende Masse gegossen, welche, wenn sie von der Form wieder befreit ist, den A. bildet. Näheres s. unter Abdruck, Gipsabguß, Stereotypie, Formerei u. Eisengießerei. Alchalscn, den Jagdhunden das Halsband u. Hängseil abnchmcn; das Gegenthcil: auhalscn. Abhalten, heißt in der Sccmannssprache die Richtung eines Schisses so ändern, daß cs den Wind mehr von hinten bekommt, statt hart am Winde zu liegen; auf ein Schiff oder eine Küste abhalten: darauf zustcucrn; das Gegenthcil nennt man an luven. Abhandlung (Dissertation), die Bearbeitung eines einzelnen wissenschaftlichen Themas oder Gegenstandes, abgetrcnnt von dem ganzen System der Stoffe. Im engeren Sinn versteht man darunter die znm Zwecke der Erlangung der Doctorwürde oder der Zulassung als Docent an einer Universität, nach Vorschrift der an dieser geltenden Gesetze abgcfaßte Schrift. Abhängig-veränderliche (Mth.), s. Function. Abhängigkeit ist das Bestimmtwerdcn durch eiu Anderes; so ist die Wirkung von der Ursache abhängig, d. h. sie wird durch diese bestimmt; im socialen Leben ist Jeder, wenn auch nicht unbedingt, doch relativ von Anderen abhängig, denn sein Verhalten wird durch alle Mitlcbcnden mehr oder weniger beeinflußt; der moralische Mensch ist namentlich auch in seinen Handlungen vom Sittengesetze, der Gebildete in seinem Denken von logischen Gesetzen u. von der wissenschaftlichen Wahrheit abhängig; er läßt sich freiwillig durch dieselbe bestimmen, u. zwar um so mehr, je höher er in sittlicher u. wissenschaftlicher Hinsicht entwickelt ist. Ferner hat sich Jeder den Gesetzen des Staatswescns, dem er angehört, wenigstens äußerlich, zu fügen, selbst wenn dieselben seiner Überzeugung nicht ganz entsprechen. Endlich ist Jeder als Glied des Universums von der Gesammtheit der Weltgesetze absolut abhängig. Die Erziehung hat dahin zu wirken, daß das Bewußtsein des Zöglings von seiner A. in allen diesen Beziehungen geweckt und in seinem richtigen Maß erhalten werde, weil allein hierauf die Möglichkeit eines gedeihlichen Zusammenlebens, der geistigen Fortentwickelung der Menschheit, sowie endlich die richtige Stellung des Einzelnen zur Welt als Ganzem beruht. In letzterer Hinsicht nennt Schleiermachcr das Abhängigkeitsgefühl die Grundlage der Religion. Abhängling heißt der namentlich st: der späteren Gothik viel vorkommcndc herabhir ende Gcwölbcschlnhstein. Abhärtung, dasjenige Verfahren in d. r Gesundheitspflege, welches die Erhöhung der organischen u. moralischen Widerstandsfähigkeit gegen Abhärtung. äußere Einflüsse zum Zwecke hat. Denn die A. hat sich nicht nur auf die physische, sondern auch , auf die moralische Seite des Menschen (Gefühl, Bewußtsein, Wille) zu richten, wenn sie nicht einseitig und verfehlt sein soll. Gefühl, Bewußtsein, Wille können, wenn sie stark sind, selbst bei einer Physisch schwächlichen Constitution den größten Widerwärtigkeiten gewachsen sein und Großes zu Stande bringen, während im entgegengesetzten Fall auch bei der stärksten Constitution rasch Muth n. Kraft verloren gehen u. verhältniß- mäßig wenig oder gar nichts geleistet wird. Die A. muß also die gleichmäßige Stählung der physischen wie der moralischen Kräfte an- strebcn. Jede A. kann nur durch allmähliche Gewöhnung erzielt werden, Überanstrengung oder plötzliche zu hohe Anforderungen an die Widerstandsfähigkeit wirken stets nachtheilig und gefährlich und bringen anstatt A. Schwächlichkeit oder Verhärtung und die diesen Zuständen entsprechenden schlimmen moralischen Eigenschaften mit sich. Auch muß bei der A. auf die Eigen- thümlichkeit des Einzelnen Rücksicht genommen werden, namentlich da, wo der Körper durch eine bereits vorhandene Krankheit äußeren Einflüssen überhaupt nur schwer widersteht. Die A. kann also im Allgemeinen erst da beginnen, wo bereits entsprechend Gesundheit vorhanden oder hergcstellt ist. A. verstehen, wie B. A. Morel (Mails des ckö^snsresosness, Paris 1857) ausführlich darlcgt, die Karthäuser-Mönche vortrefflich zu erzielen; dieselben reguliren ihre Diät so, daß dem Organismus die durch den Stoffwechsel verbrauchten Materien genau wieder ersetzt werden, und leben in größter Ordnung, Regelmäßigkeit, Gedankcnreinhcit u. in angestrengter Thätigkeit dahin, in beständiger Gymnastik des Leibes und der Seele; Gesundheit und hohes Alter, eine enorme Widerstandskraft u. Zähigkeit, dies sind die Ergebnisse solcher Lebensweise. Es wird von Niemandem im Ernste verlangt werden können, ganz wie ein Karthäuser zu leben, aber cs wird Jedem, der sich abhärten will, zugcmuthet werden müssen, strenge nach den Normen der Gesundheitspflege und Moral sein Dasein eiuzurichten. Mittel zur A. im Allgcm. sind: reine, frische, kühle Luft; Waschungen und Bäder in kaltem Wasser; leichte Kleidung; kühles n. hartes Nachtlager; Körperbewegung durch Fußreisen, Turnen, Fechten, Reiten, Schwimmen u. dgl.; einfache aber nicht einförmige Nahrung, bei möglichster Vermeidung erhitzender Speisen, Getränke, Gewürze; Gewöhnung an Strapazen. Gegen offenbar schädliche Einflüsse, wie unreine Lust, schlechte Dünste, zu grelles Licht, darf man sich nicht abhärten wollen, denn wenn man sich auch daran gewöhnen kann, so geschieht dies immer nur auf Kosten der Gesundheit. Die A. gegen Eindrücke, die Schreck, Furcht, Ekel u. dgl. erregen, geschieht u. a. durch allmähliche Anerkenntniß, daß dergleichen wesentlich mit unseren Gefühlen u. subjcctivcn Vorstellungen u. auch Vorurthcilen zusammenhängt. Die geistige (moralische) A.^wird durch eine vernünftige Erziehung der Kinder wie spätere Selbstcrzichung zur Standhaftigkeit gegen Entbehrungen n. Mißgeschick, zum Maßhalten in Abhäuben Frind, Leid u. a. Gcmüthsstimmungen wie deren Äußerungen; zu bescheidenen Ansprüchen an das Leben; zur Beherrschung des Willens u. der Leidenschaften; der Stärkung des Verstandes u. des Gedächtnisses; des Rechtlichkeits-u. Gegenseitigkeitsge- sühls; der Arbeitslust.,im Verhältnis; zum Ruhe- bedürfniß re. erreicht. Über vernünftige A.vgl.: E. v. Feuchterslcben, Zur Diätetik der Seele, 29. Anfl., Wien 1866; P. Foissae, Halens xbilo- sopbigns äs 1'sms, 2. sä., Par. 1863; E. Reich, Syst. d. Hygieinc, Lpz. 1870—71, 2 Bde.; D. A. Norton, Xu s88sv on tlls yrinoiples ok Nsn- tal IlzAisns, Philad. 1873. Abhiiubcn, dem Jagdvogel die Kappe ab- nehmcn, s. u. Falkenjagd. Abheben, 1) (Bcrgb.) das beim Siebsetzen die oberen Schichten einnehmende taube Gestein oder geringhaltigere Erz wegnehmcn. 2) Wiesen a., sie zum Zwecke der Bewässerung gleich machen, oder alte, unfruchtbare Wiesen umreißen, um sie fruchtbarer zu machen. Abhcnen, s. Heuen. -b bmo (lat.), von dieser Zeit an. Abholen, 1) (Kattundr.) Zeuge mit Weizcn- kleie kochen, um das Harzige herauszubringcn. 2) Ein Schiff vom Grunde abbringen, so daß es wieder flott wird, „abkommt". Abholzen, einen Bezirk des Waldes ganz von Holz entblößen; (Gärtn.) junge Schößlinge oder dürres u. unnützes Holz der Bäume ausschneidcn. Abholzig ist ein Baum, wenn er in der Dicke sehr abnimmt u. dadurch zu Bauholz rc. untauglich u. weniger werthvoll wird. Abhorriren (v. Lat.), vor etwas zurückschau- dcrn; abhorresciren, in verstärktem Maße a. Abhortiren (v. Neulat.), abrathen; Abhor- tation, Abmahnung. Abhiilscn, die Samen der Hülscnfrüchte von ihren Hülst'n befreien. ?lbhüten, das Abweidenlassen von Gras od. Futterkräutern (Klee, Luzerne rc.) durch Haus- thicre. In Fällen, wo namentlich Weizen zu üppig steht, wird derselbe im zeitigen Frühjahr auch abgchütct, um sein zu üppiges Wachsthum oufzuhalten u. um das spätere Lagern dadurch zu verhindern; auch mit Roggen verfährt man in ähnlicher Weise, nur muß man bei diesem sehr vorsichtig sein, da bei irgendwie zu spätem A., wenn das weidende Vieh den Ährentrieb zu fassen vermag, das gute Gedeihen u. der Ertrag desselben sehr wesentlich beeinträchtigt wird. Zum dl. zu üppiger Saaten bedient man sich in den meisten Fällen der Schafe. Abia (auch Abiam od. Abijam), Sohn des Rchabeam n. Enkel des Salomo, König v. Juda von 957—955 v. Ehr., gleichzeitig mit Jcrobeam v. Israel, mit dem er in beständiger Fehde lebte. Im Buch der Könige wird er als abgöttisch wie sein Vater geschildert, dagegen von der späteren Chronik, welche den Staat Inda von: Borwurfe des Götzendienstes reinigen möchte, als treuer Jehovadiencr dargestellt. Abich, Wilh. Herm., Geolog u. Reisender, geb. 11. Dec. 1806 in Berlin. Nach seinen Studien in Berlin u. zwei wissenschaftlichen Reisen nach Italien n. Sicilien ging er 1842 als Prof, der — ^.üiss. 63 Mineralogie nach Dorpat n. wurde 1853 Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Petersburg für Oryktognosie (Unterscheidung der Mineralien) u. Mincralchemie. Während seines Aufenthaltes in Rußland machte er mehrere Reisen zu wissenschaftlichen Forschungen in die Länder am Kaukasus, in das armenische Hochland u. nördliche Persien u. veröffentlichte über seine Beobachtungen zahlreiche Schriften, Reiseberichte rc.: Erläuternde Abbildungen von geologischen Erscheinungen am Vesuv u. Ätna 1833 u. 1834, Berl. 1887; Über die Natur u. den Zusammenhang der vulcanischcn Bildungen, Braunschw. 1841; Über die geologische Natur des armenischen Hochlandes, Dorpat 1843; Vergleichende chemische Untersuchungen der Wasser des Kaspischen Meeres, des Ürmia- u. Wansees, Petersb. 1856; Beiträge zur Paläontologie des Asiatischen Rußland, ebend. 1858; Vergleichende geologische Grundzügc der kaukasisch - armenischen u. nordpcrsischen Gebirge, ebd. 1858; 8nr la struoturo st 1a AsoloAis äu Oa^llsota-n, ebd. 1862; Über das Steinsalz u. seine geologische Stellung im russischen Armenien, Petersb. !857; Über eine im Kaspischen Meer erschienene Insel, Petersb. 1863; Einleitende Grundzüge der Geologie der Halbinseln Kcrtsch u. Taman, ebd. 1866; Geologische Beobachtungen auf Reisen in den Gebirgsländern zwischen Kur u. Araxcs, ebd. 1867. Außerdem lieferte er Abhandlungen in die Unllstins u. die Nswoiros der Petersb. Akademie, in Poggendorfs Annalen, in die Zeitschr. der Deutschen geologischen Gesellschaft, in das UuUstiu äs la soviets äso naturalistso äe Llossou. Ihm zu Ehren hat man einem Mineral den Namen Abichit gegeben (s. d.). Abichit, ein monoklin krystallisirendes Mineral, von schwärzl. blaugrüncr Farbe, das aus Arseniksäure, Kupferoxyd u. Wasser besteht — 6 Ou 0, X.-^Os, 3 8zO, also entsprechend dem phosphorsauren Kupferoxydsalze, dem Phosphorchalcit. Es ist daher wahrscheinlich, daß es auch diesem isomorph, also triklin krystallisire. Findet sich in Cornwallis u. bei Saida in Sachsen. Abida, mongolische Verstümmelung des sanskritischen Amitäbha (nncrmessencs Licht), in der laniaischen Hierarchie Name eines Buddha, welcher dem Paradies im Westen vorsteht u. dessen brünstige Anrufung die Bürgschaft einstiger Seligkeit ist. Auch die (nicht-laniaischen) Buddhisten Chinas beten zu diesem Buddha, den sie Amita u. Omito nennen. Abids (d. i. Diener), die Neger, welche die Leibgarde des Sultans von Marokko bilden. übiso TÄuwrc/. (altlat. Name der Weißtannc), Gattung aus der Fam. der Abictineen (XXI. 1); Blätter einzeln, zweizeilig, flach-nadelsörmig, stumpf oder ausgerandet, mit zwei weißen Linien auf der Unterseite, mehrjährig; Zapfen meist aufrecht, länglich-walzlich, mit an der Spitze nicht verdickten, stumpfen, nebst den Samen von der stehen bleibenden Achse abfallenden Schuppen. Die einzige deutsche Art ist die Weiß tanne (s. d.) oder Edeltanne (X. psotiuala 716'.), ein 3>> bis 60 m hoher Baum mit wcißgraucr, ziemlich glatter Rinde. Das zähe Holz hat eine schöne, sehr gleichförmige Textur u. wird deshalb zu 64 Abictcn — Schachteln, Streichhölzern rc., besonders anch in Böhmen zn Resonanzböden u. zu den berühmten Crcmoncser Geigen verarbeitet. Aus Einschnitten der Rinde fließt der Straßburger Terpentin. Die Canadische Tanne (4.. oanackeimis 4i.), ein schöner, 16—32 m hoher Baum NAmerikaS mit hängenden Ästen, feingezähnelten Nadeln u. kleinen eiförmigen, hängenden Zapfen (deshalb neuerdings zu einer eigenen Gattung, 1'suFa, erhoben), wird bei uns zuweilen in Anlagen cul- tivirt. Von ihr, bes. aber von der Balsam- tanne (4.. dalsainsa, L.) in NAmerika stammt der Canadabalsam (Lalaamum euuaäeuso); sie unterscheidet sich von der Weißtanue bes. durch undeutlich zweizeilige Blätter. Als Zicrbäurne sind noch Nordmanns Weißtanne (4. Horä- manniana 7>?e.) u. die spanische Edeltanne (4. I'inZZpo L'orM.) zu empfehlen. Abieten, Aurantin, Erasin, Theolin (Chem.),„ein aus Kohlenstoff u. Wasserstoff bestehendes Öl, welches bei der Destillation des ter- peutinartigcn Ausflusses der in Californien einheimischen Uinus nadiniana DoitAi. (Nuß- oder Gräberfichtc) gewonnen wird. Aus dem im Winter eingeschnittcnen Stamm quillt der Terpentin heraus u. wird wegen der Flüchtigkeit des in ihm enthaltenen ätherischen Öls gleich destillirt. Das dünnflüssige Destillat wird durch Rectification gereinigt u. bildet ein farbloses, leicht entzündliches, mit weißer, rußfrcier Flamme verbrennendes Öl von durchdringendem Geruch. Sein spec. Gewicht ist O,^ bei 16, g". Siedepunkt bei 101 ". Der Dampf wirkt eingeathmet anästhesireud. Es ist in Wasser fast unlöslich, in starkein Alkohol schwer löslich. Salzsäurcgas, kalte Salpetersäure, couccntrirte Schwefelsäure u. Kalium sind ohne Einwirkung darauf. Chlorgas wird unter Entweichen von Salzsäurcgas reichlich absorbirt, wobei sich eine shrupdicke, in Wasser unlösliche, mit erwärmtem Weingeist mischbare Flüssigkeit von i»E spec. Gew. bildet, wahrscheinlich ein Sub- stitutionsproduct. Jod wird von A. mit Purpurfarbe, Brom mit Orangefarbe gelöst. DasA. bildet ein Lösungsmittel für fette u. flüchtige Öle, sowie für einige Balsamarten. Dieser Eigenschaft verdankt es seine Anwendung zum Entfernen von Fettflecken, zu welchem Zwecke es unter obigen Namen im Handel vorkommt. Abietin (Chem.), harzige Substanz, welche sich in dem bei der Destillation von Straßburger Terpentin oder Canadabalsam mit Wasser bleibenden Rückstände vorfindet u. daraus mittels absoluten Alkohols ausgezogen wird, nach dessen Verdunsten sie, gemengt mit A-säure (s. u.), sich abscheidet. Letztere wird durch kohlensaures Kali ausgczogen, wonach krystallinischcs A. als geruch- u. geschmackloser, im Wasser unlöslicher, in Alkohol, Äther, Steiuöl u. concentrirter Essigsäure löslicher Körper zurückbleibt. Beim Erhitzen schmilzt das Ä. u. erstarrt beim Erkalten kry- stallinisch. Die mit kohlensaurem Kali ausgezogene Ä-säure wird durch Säure ausgefällt u. mit Ammoniak gereinigt. „Sie stellt einen krh- stallinischen, in Weingeist, Äther, fetten u. flüchtigen Ölen leicht löslichen Körper dar, welcher sich mit Basen zu Salzen vereinigt. A-säure oder Abimvlcch. A bietsäure wird auch ein Bestandtheil des Harzes verschiedener Pinusarten genannt. Man erhält sie aus Kolophonium, dessen Hauptmasse sie in der Form von Anhydrid bildet, durch Ausziehen mit Alkohol, läßt aus diesem Auszuge erst die Silvinsäure (s. d.) auskrystallisiren, worauf die mit Eis abgekühlte Mutterlauge zu A-säure erstarrt. Sie erscheint als eine lockere, aus weißen Krystallblüttchcn bestehende Masse, nimmt aus der Luft leicht Sauerstoff auf, löst sich in Alkohol, Holzgcist, Chloroform, Schwefelkohlenstoff n. Benzol u. schmilzt zwischen 129 u. 144". Die Säure bildet mit Alkalien lösliche, mit den übrigen Metalloxyden in Wasser unlösliche Salze. Abietineae, Familie der Zapfenbäume. Abietit (Chem.), 6g1l»0z, Zuckerart in den Nadeln der Edel- oder Weißtanne (4l>iss pseti- uata), im Äußeren dem Mannit ähnlich, in Löslichkeitsverhältnissen und Zusammensetzung abweichend. Abigail, Gattin eines reichen Hecrdenbesitzers Nabal, welche König David nach dem Tode ihres Mannes in seinen Harem aufnahm, Mutter des Chileab od. Daniel; auch eine Schwester Davids führte diesen Namen. Abildgaard, 1) Sören, namhafter Altcr- thumssorscher, geb. 1718 in Christiansand (Norwegen), gest. 1791. Er bereiste auf Staatskosten ganz Dänemark, um Denkmäler des nord. Alterthums aufzunehmen. Diese verdienstvollen Zeichnungen werden auf der Universitätsbibliothek zu Kopenhagen aufbcwahrt. 2) A., Peter Christian, berühmter Thierarzt, Sohn des Vorigen, geb. 1740 in Kopenhagen. Anfangs Apothekerlehrling, ging er zum Studium der Medicin u. Thierheilkunde über u. wurde 1768 Arzt in seiner Vaterstadt, 1775 Stadtphysikus. Als Letzterer stiftete er die königl. Bctcrinärschule u. wirkte daran als Lehrer u. Dircctor erfolgreich bis zu seinem Tode 1801. Vcrgl. P. Chr. Abildgaard, Ue§ii In»tituti Vsts- rinarii Ilavnionsis drovis üistoria, Hann. 1788. Er verfaßte eine Anzahl naturwissenschaftlicher Abhandlungen u. populärer Schriften der Thierheilkunde u. ist so zu sagen der cigentl. Begründer dieser Wissenschaft in Dänemark. 3) A., Nikolaus Abrah am, Maler, Bruder des Vor., 1744 geb., bildete sich 1772—77 in Rom aus. Seit 1786 wirkte er als Prof., seit 1802 als Director der Akademie zu Kopenhagen; er st. 1809. Seine Gemälde zeugen von großer Begabung, sind von tüchtiger Ausführung und meisterhaftem Co- lorit; während darin meist eine düstere, wenn auch stets große u. feierliche Natur liegt, zeigen seine historischen Bilder einen mehr heiteren Stil. Von seinen vielen historischen Gemälden im Schlosse Christiansborg sind die meisten im Brande 1794 untergcgangen. A. gilt für den Gründer der dänischen Malerschulc; Thorwaldscn, Eckcrsberg zählen zu seinen Schülern. Äbilly, Dorf im Arr. Loches des franz. Dcp. Jndre-et-Loire, an der Eisenbahn Paris-Orleans; Eisengießerei, Fabrik landwirthschastlicher Maschinen, altes Kloster (gestiftet 1116), altes Schloß, 1475 Ew. Abimelcch, Name mehrerer Philisterkönige zu Cherar (1. Mos. 20, 21—26), mit welchen Abraham u. Isaak in Berührung kamen, wol der Erstero, als der Letztere gaben den Phi- listcrkönigcn gegenüber ihre Weiber (Sara u. Rebekka) für Schwestern aus u. bereiteten sich dadurch arge Verlegenheiten. — A-, unehelicher Sohn des Richters Gideon, der von den Siche- miten zum König über Israel gewählt ward. Er fiel im 3. Jahre seiner Herrschaft gelegentlich einer Empörung, die er glücklich niedcrgckämpft hatte, durch einen Steinwurf in einer von ihm eroberten Stadt (Nicht. 9). Abimiren (fr.), zu Grunde richten, verderben. Abingdon (fpr. Äbbingdn), 1) Stadt in der engl. Grfsch. Berkshire, an der Themse bei der Mündung des Ork u. des Wilts- n. Bcrkskanals; 5805 Ew.; der Ort hieß bei den Angelsachsen Sheoversham u. hatte im 8. Jahrh. einen Palast des Königs Offa von Mercia. Im 12. Jahrh. hieß er nach einer Abtei Abbandun; diese wurde unter Heinrich VIII. aufgehoben. Die Stadt hat Segeltuch- u. Tcppichfabrikation, Malz- u. Getreidehandel. 2) Hauptort des Cty. Washington (Virginia), in einem romantischen Thale zwischen den Hauptarmen des Holstonflusscs an der Vir- ginia-Tcnesscc-Bahn; 1560 Ew.; viel Gewcrb- thätigkeit. In der Nähe Emory mit dem 1838 von den Methodisten gegründeten Emory and Henry College. 3) Ort im Cty. Plymouth im Staat Massachussctts (Ver. St.), an der Old Colonh Eiscnb.; 9000 Ew.; bedeutende Schuh- u. Stiefelfabrikation, deren Werth jährlich gegen 4 Will. Doll, beträgt. üb initlo (lat.), von Anfang an. üb intestato erben, s. Erbfolgerecht. Abinzen (Abälar), tartar. Volk am oberen Tom in Kolywan (ruff. Asien); Jäger u. Fischer. Abtponcr, ein früher mächtiger Jndianer- stamm in Südamerika zwischen den Flüssen Parana, Salado u. Vermejo; tapfere Krieger u. tüchtige Reiter, von hübschem, kräftigem Schlage, ziemlich Heller Hautfarbe u. regelmäßigen Gesichtszügcn; jetzt in der Landsch. Gran-Chaco der Argentinischen Konföderation, dem Aussterben nahe. Sic sind Heiden, ihren obersten Gott Agareignhi verehren sic in der Sterngrnppe der Plejaden; die Missionen blieben bei ihnen ohne Erfolg. Man- tegazza begegnete bei den Frauen der A. der Hysterie sehr häufig. Nach Dobrizhoffer war bei einigen Stämmen der A. die Vielweiberei gebräuchlich, n. fast bei allen säugten die Mütter ihre Kinder 3 Jahre lang u. enthielten sich während dieser Zeit des Beischlafes, Kindcrtödtung u. Frnchtabtreibung kamen nicht selten vor. Außerehelicher Geschlechtsverkehr war Frevel, Ehebruch unerhört. Geburten find schmerzhaft u. mühsam, wie bei den Frauen fast aller berittenen Völker. Auch schildert sie Dobrizhoffer als äußerst gefräßig; vcrgl. dessen llistorin äs Hnxonis eko., Wien 1784, deutsch von Kreil. Abirrung des Lichtes, s. Aberration. Abisag von Sunem, ein durch große Schönheit ausgezeichnetes junges Mädchen, welches sich David in seinem Alter als Pflegerin erkor. Abisai, Bruder Joabs und Neffe Davids, ausgezeichneter Feldherr, der dem Letzteren in seinem Kriege gegen Absalon wesentliche Dienste 65 leistete, mit David gegen die Philister zog u. im Kampfe mit diesen Jcsbi erschlug. Abishal, s. O'Donnel. Abiturient (v. Lat., der im Begriff ist, abzu- gchen) heißt in Deutschland der Schüler einer höheren Bildungsanstalt, der nach Absolvirnng der ganzen Cursusdaner zu einer besonderen Prüfung (A-enexamcn) zugelassen ist. Sobald er diese bestanden hat, erhält er ein Zcugniß (A-cnzeugniß, Maturitätsz., Z. der Reife), womit für jede Art von Schulen gesetzlich bestimmte Berechtigungen vcrknüpftsind. Näheres unt. GymnasiumlLyceum), Real- u. höhere Bürgerschule. Abjicircn, wcgwcrfen, verwerfen, verachten. Abjochen, Ausspannung der Ochsen, welche den Pflng, die Egge oder den Wagen mittels eines Joches (s. d.) ziehen. üb love prmoipluni (lat., der Anfang mit Jupiter, ist als Citat aus Virgils Hirtenliedern cntlehnth I) der Anfang mit Gott; 2) die Geistlichkeit voran. Abjudiciren (lat.), gerichtlich aberkennen, verwerfen. Abjurircn (lat.), abschwören, eidlich leugnen, eidlich verzichten. Im engeren Sinne bedeutet A. beschwören, daß eine aufgestellte Behauptung des Gegcntheils unrichtig sei. Diese Art der Eidesleistung findet sich hauptsächlich noch im Civilproccß; s. Eid und Abschwören. Abkommen einer Brustwehr od. Erddcckung, den oberen Therl einer solchen durch Geschütz- fener entfernen, nicist um hinter den Deckungen stehende Geschütze oder auch durch Erde verdecktes Maucrwcrk besser erreichen zu können. Abkämpfcn, von einem Hirsch, Auer- oder Birkhahn, in der Brunst- oder Balzzeit ein anderes Männchen durch Kampf verjagen. Abkanten, so v. w. Absätzen. Abkappcn (Jagdw.), so v. w. abhanden. Abkehren I) (Bcrgb.) von einer Grube abgehen; die schriftliche Erlaubniß dazu: Abkehrschein. 2) Im Eisen- u. Metallgicßereibetrieb die Operation, welche man ausführt, um das flüssige Metall kurz vor dem Guß oder während desselben von den an der Oberfläche befindlichen Unreinigkeiten zu befreien, die man sorgsam entfernt (abkehrt), um zu verhindern, daß sie mit deni Mctallstrom in die Form gelangen u. dort Veranlassung zu Gußfchlcrn bilden. Abkctteln (Strumpsw.), Maschen beim Abnehmen mit der Kettclnadcl befestigen. Abklären (Chcm.), Flüssigkeiten von Unreinigkeiten befreien; das A. geschieht oft schon durch ruhiges Stehenlassen, worauf sich die festen Beimengungen absetzcn u. die hell gewordene Flüssigkeit abgegossen (dccantirt) wird; oder durch Fil- triren; meist aber durch Wärme u. Beimischung eines Abklärnngsmittels, z. B.Hauscnblase, Eiweiß, Ochscnblut, welches zum Gerinnen gebracht wird u. dann die Unreinigkeiten cinhüllt. Abklatschen (Clichiren), das von dcmForm- schncider Sclzam zu Leipzig um 1760 erfundene u. vielfach verbesserte Verfahren, Stückchen n. Holzschnitte re. zu vervielfältigen. Vgl. Abdruck. Zur Herstellung von Abklatschen oder Matrizen nimmt man auch wässerige Gipsmasse mit einer Bei- 5 Pierers Unwersal-Converkatwns-Lexikon. a, Anff. I. Abimiren — Abklatschen. So- 06 Abklciden - Mischung von gelöschtem Kalk, ferner Guttapercha, sowie eine Papiermasse. Letzteres Verfahren s. u. Stereotypie. A. nennt der Buchdrucker: einen Probcabzug ohne Presse machen. Abklcideu oder Kleidung almchinen, die Kleidung eines Taues, d. i. die Umwickclung desselben mit dünner Leine zum Schutz gegen Reibung, wieder fortnehmcn. Abklingen, farbiges, der Nachbilder eines weißen Objects, ist eine subjektive Gesichtserscheinung. Betrachtet man z. B. die Sonne durch ein berußtes Glas für kurze Zeit und schließt darauf die Augen, so sicht man das weiße Sonnenbild im Nachbilde in verschiedene Farben, meistens durch Blau, Violett oder Grün, zuletzt in Roth übergehend. Man erklärt diese Erscheinungen, indem man annimmt (Plateau), daß die Netzhaut des Auges für die verschiedenen, das weiße Licht zn- sammensetzendcn farbigen Strahlen verschieden schnell ermüdet. Abklären (deutschfr. von ab u.eonlsnr, Farbe), die Farbe ans einem Zeuge entfernen. Abknistern (Abknattern), einem krystallisirtcn Stofs, bcs. Kochsalz, dessen Krystalle Wassertheilchcn cinschließcn, diese durch Erhitzen entziehen, wobei die Krystalle mit Geräusch zerspringen. 'Abkochen, 1) (absieden) feste Stoffe mit kochenden Flüssigkeiten behandeln, um die löslichen Be- standthcile auszuziehen. Man zerkleinert die Stoffe u. kocht sie entweder in einem offenen oder mit einem lose anfliegenden Deckel versehenen, od. auch luftdicht verschlossenen Gefäße (Papinischen Topf, s. d.), in welch letzterem Falle die Siedetemperatur erhöht wird. Die durch A. gewonnene Lösung heißt Abkochung, Dccoct, Absud. 2) im Kriegsw. die Bereitung der Speisen n. das Genießen derselben im Lager oderBivouak. Wann das A. zu geschehen hat, ist bei bevorstehenden Gefechten re. von großer Wichtigkeit. Abkohlcn (Zimm ), so v. w. Abschnüren. Abkommen, 1) (Kriegsw., Jagdw.) so v. w. 'Abfeuern. Ein Schütze ist gut abgekommen, wenn im Moment des Abfeuerns die Visirlinie genau auf das Ziel gerichtet war. S. Visirlinie, .Zielen. Abkrcischen oder Abkröschen, beim Ölsieden das Einhalten von Brodstückchen in das kochende Öl, augcbl. weil dasselbe die Unreinigkeiten an sich ziehen soll, in Wirklichkeit wol nur aus alter Zunftgewohnheit. Abkröscln des Glases nennt man ein Wcg- nehmen von Theilen desselben, die man mit dem Diamant nicht gut wcgschneidcn kann, mittels des Kröseleisens. Es besteht in einem allmählichen Abbröckeln desselben, wozu man den entsprechend weiten Spalt des Eisens oder auch eines Schlüsscl- bartes verwendet. Abkühlen, 1) die Temperatur eines Körpers erniedrigen; dann auch im weiteren Sinn: einem Körper Wärme entziehen. Das A. kann durch Leitung und durch Strahlung geschehen. Durch Leitung wird ein Körper abgekühlt, wenn er mit kälteren Körpern in Berührung ist, welchen er einen Thcil seiner Wärme nach u. nach mitthcilt; so kühlt man den Wein durch Ein- stclleu der Flaschen in kaltes Wasser oder Eis, heiße Gegenstände durch Stehenlasscn in kälterer - Abkühlen. Luft re.; durch Leitung wird ein Körper auch abgekühlt, wenn er mit verdunstenden Flüssigkeiten (Wasser, Weingeist, Äther) in Berührung ist, welche behufs der Verdunstung Wärme binden u. diese den sie berührenden Körpern entziehen; so kühlt man Wein durch Umwickeln der Flasche mit einem feuchten Tuche; Trinkwasscr kühlt man in Spanien in porösen Thongefäßen, Alcarazzas; das Wasser sickert durch die poröse Wandung u. verdunstet außen; die Luft im Freien kühlt sich nach einem Regen ab, die Luft eines Zimmers kühlt man durch Besprengen des Bodens mit Wasser; die Hände, den Kopf kann man durch Befeuchten mit Kölnischem Wasser kühlen. Die Abkühlung eines Körpers durch Leitung erfolgt um so rascher, je größer die Berührungsfläche zwischen demselben u. der kalten Umgebung ist; deshalb befördert man das A. heißer Getränke durch Ausgießen in ein flaches Gefäß. Das A. wird endlich verzögert durch Umgeben mit schlechten Wärmeleitern; so schützen wir unseren Körper vor zu rascher Abkühlung durch die schlecht leitenden Kleider u. die zwischen denselben cin- geschlossenen u. deshalb schlecht leitenden Luftschichten. Auch durch Ansstrahlen von Wärme in die kältere Umgebung kühlen sich die Körper ab, n. zwar um so rascher, je mehr ihre Temperatur diejenige der Umgebung übertrifft u. je rauher u. dunkelfarbiger ihre Oberfläche ist. A. durch Strahlung findet nur dann vollständig statt, wenn die Wärmestrahlen sich ungehindert ausbreiten können. So kühlt sich der Boden in sternhellen Nächten weit stärker ab, als bei bedecktem Himmel, weil die Wolken die Wärmestrahlen zu-- rückwcrfen. Bei Hellem Himmel zeigt deshalb der Rasen während der Nacht stets eine niedrigere Temperatur, als die umgebendeLuft, u. es bildet sich Thau an demselben; ebenso leiden in sternhellen Nächten die Pflanzen am meisten vom Frost; dagegen findet bei bedecktem Himmel keine Thaubildnng statt; auch ein in einiger Höhe über dem Boden ausgebreitetes Tuch verhindert die Thaubildung u. schützt die überdeckten Pflanzen vor Frost. Wie bedeutend die Abkühlung durch Strahlung sein kann, beweist die Thatsache, daß man in Bengalen, wo die Lufttemperatur niemals auf den Gefrierpunkt des Wassers herabsinkt, mit Hilfe der nächtlichen Strahlung in großem Maßstabe Eis fabricirt. Man stellt das Wasser in flachen Gefäßen auf eine Unterlage von Stroh, welches in flachen Vertiefungen des Bodens aus- gebreitct ist u. eine Zuleitung von Wärme aus dem Boden verhindern soll. In windstillen u. sternhellen Nächten bilden sich dann beträchtliche Mengen von Eis. Wind verhindert diese Eisbildung, weil er das Wasser immer mit neuen wärmeren Lustmassen in Berührung bringt. In diesem Fall bewirkt die Wärmcentziehung also nicht nur eine Erniedrigung der Temperatur, sondern auch eine Änderung des Aggregatzustandes (s. d.), wir haben cs also hier mit einer A. im weiteren Sinne zu thun. Wenn durch Zuführung von Wärme ein fester Körper in den flüfiigen, ein flüssiger in den gasförmigen Zustand über- gcführt wird, so verschwindetscheinbar ein Th eil der zugeführten Wärme. Wenn z. B. Wasser 67 Abkürzen 'rocht, so zeigt ein in dasselbe gesenktes Thermometer fortwährend dieselbe Temperatur v. 100°6., obgleich dem kochenden Wasser, nachdem es diese Temperatur erlangt hatte, fortwährend noch Wärme zugeführt wird; diese letztere wird, wie man sagt, gebunden, sie wird zur Dampfbildung verwendet u. ist in dem aus dem kochenden Wasser anfstci- genden Dampfe, welcher ebenfalls die Temperatur von 100" 6. besitzt, gewissermaßen verborgen. Wird dem Dampfe diese gebundene Wärme entzogen, so verwandelt er sich wieder in (flüssiges) Wasser. Diese Operation, den Dampf durch A. wieder in flüssige Form überzuführcn, heißt Destillation; die Apparate, mittels welcher das A. oder richtiger das Entziehen der gebundenen Wärme bewirkt wird, heißen Kühlapparatc. Über sie ein besonderer Art. 2) In der Bierbrauerei das Aufleiten der fertig gekochten Würze auf Kühlschiffe oder durch besondere Kühlapparatc, um die Temperatur schnell auf den Grad herabzubringen, der zur Einleitung der Währung passend ist, u. namentlich ein Sauerwerden der Würze zu vermeiden, 3) (Kohlenbr.) nach dem Garwerden der Kohlen die Decke von dem Meiler allmählich abnehmen. Abkürzcn (Math.), 1) einen Körper, s. Abgekürzt. 2) einen Bruch durch kleine Zahlen darstellen, indem man seinen Zähler u. Nenner durch dieselbe Zahl dividirt (^K — D, s. Bruch. 3) einen zusammengesetzten algebraischen Ausdruck mit eineni einfacheren vertauschen, um die Rechnung übersichtlicher zu machen; z. B. wenn man statt (x_^ 1) H g Eürze wegen L- setzt. 4) A. der Schrift heißt ein Wort durch einen Theil seiner Buchstaben darstellen, wobei es Regel ist, daß die Abkürzungen stets mit einem Consonantcn, nicht mit einem Vocal endigen. Die Abkürzungen werden angcwendct, um beim Schreiben Zeit n. Raum zu gewinnen. Obgleich die Abkürzungen in der Willkür jedes Schreibenden liegen, so gibt eL doch auch eine große Anzahl derselben, welche allgemein angenommen sind. Die Abkürzungen kommen als Tironianischc Noten (Zeichen) n. Sigla (Anfangsbuchstaben, s. d.) schon bei den Römern vor, bes. ausgedehnt ist der Gebrauch in den im Mittelalter geschriebenen Codices alter Schriften u. Urkunden, deren Kcnntniß die Diplomatik lehrt; in neuester Zeit hat das Schrist- kürzcn in der Stenographie (s. d.) eine wichtige Anwendung gefunden. Aus der Zusammenziehung der Siglen von Namen, bes. Künstlernamen, entstanden die Monogramme (s. d.). Abl., Abkürzung für Ablativ (s. Casus). Abla, Flecken in der span. Prov. Almeria, am Rio Nacimieuto; 2550 Ew. Ablactiren (absäugeln, ansängeln), eine BeredlungSart, welche darin besteht, daß man Edelreis u. Wildling zur Verwachsung bringt, während beide noch ans ihren Wurzeln stehen. Man schneidet von den beiden zu vereinigenden Zweigen gleich große Stücke bis zum Splint weg, legt die Wundflächen so an einander, daß das Cambium (d. i. die das Wachsthum vermittelnde Gewebeschicht zwischen Rinde u. Holz) des einen mit dem des anderen möglichst genau — Ablaß. -znsammentrifft, u. vereinigt beide durch einen festen Verband. Gewöhnlich entfernt man nur schmale Streifen Rinde mit etwas Holz, od. macht auf beiden Wundflächen noch gleich tiefe Einschnitte, den einen nach oben, den anderen nach unten, welche dann in einander geschoben werden, oder man spaltet auch den schräg abgeschnittenen Stamm des Wildlings u. zieht das keilförmig zugcschnittene Edelreis durch denselben. Erst nachdem das Edelreis mit dem Wildling gut zusammcngewachsen ist, wird cs behutsam, d. h. anfangs nicht vollständig u. erst nach einiger Zeit gänzlich, von seinem Muttcrstamm getrennt. Diese Veredlung wird bei schwer wachsenden Pflanzen angewendet. Ablader, so v. w. Befrachter eines Schiffes; s. Befrachten. Ablagerung, 1) in der Geol. jeder Absatz von Detritus aus fließendem oder stehendem Wasser, durch den Gesteinsschichten entstehen oder früher entstanden sind. Die aus A. gcbil- deten Gesteine nennt man Sedimentgesteine (s. d.), aufgcschichtetc Gesteine, Flötzfor- mationen. 2) (Med.) Feste Bestandtheile, welche sich aus den Säften organisirter Wesen in den Geweben oder in Höhlen ablagern; so z. B. findet man Harnsäure als A. in den Organen von Gichtkranken, Cholcstearin in den Balggeschwülsten, Oxalsäure als Harnstein in verschiedenen Theilen der Harnwerkzeuge rc. A. ist immer die Folge krankhafter Vorgänge. Manche A-n lassen nur durch operativen Eingriff sich entfernen; andere verschwinden unter dem Einfluß gewisser Diät, bestimmter Arzneien, anderer Klimas u. dgl. m. Je edler die Organe, in denen A-n stattfinden, desto mehr Gefahr für das Leben, desto dringender ist rasche Hilfe nöthig. Stets muß der Arzt A. zu verhüten suchen. Ablaikit, Ruinen eines lamaischen Klosters in der östl. ungarischen Steppe, einige Tagereisen südl. von Ußt-Kamenogorsk. Den Namen, genau Ablajin Kjit, d. i. Kloster des Ablai, hatte das Gebäude von seinem Gründer, einem west- mongolischen (kalmykischen) Fürsten des 16. Jahrh. Die ersten Rcligionsbücher der Lainaitcn kamen von daher 1750 nach Europa. Ablanconrt, Nie. Perrot d'A., s. Pcrrot d'Ablancourt; Nicol. Frcmont d'A., s. Fremont Ablanconrt. Ablandig, vom Winde gebräuchlich, der aus der Richtung des Landes weht. Ablaß (Jndulgenz), in der kath. Kirche Erlaß der kirchlichen Büßungen gegen andere äußere Leistungen. Ursprünglich mußte der wegen öffentlichen Ärgernisses aus der Kirchengcmeinschaft ausgeschlossene Sünder seine aufrichtige u. beständige Reue durch öffentliche Büßungen von oft jahrelanger Dauer bekunden, worunter aber nicht etwa ein Abverdieneu der göttlichen Strafe oder eine Genugthuung für die begangene Schuld verstanden wurde. Diese strenge Bußzucht milderte sich nach u. nach dahin, daß, sobald die Reue erwiesen war, auch die Buße nachgelassen wurde; so gab die allg. Kirchenversammlung zu Nicäa 825 schon den Bischöfen das Recht, den ihre ernstliche Reue thatsächlich bekundenden Abgefalleneu einen Theil 5 * Ablaß. ihrer Bnßzcit nachzulassen. Im 5. Jahrh. traten aber schon an die Stelle der Bußzeit selbst die bisher nur als Zeichen der Rene betrachteten u. entweder freiwillig, oder durch den Priester auf- erlegtcn „Bußwcrke" als „guteWerke"; das sind: Almosen, Fasten, Gebete, Wallfahrten w., deren Leistung nun der Priester an Stelle der öffentlichen Buße insgeheim anfcrlegcn durfte. Damit war der Weg gebahnt für die Auffassung dieser „guten Werke" als „Satisfaction" (Genngthuung) für die begangene Schuld; das Weitere vollzog sich unter der Einwirkung der germanischen Rcchtsanschaunng. Seit dem Ende des 9. Jahrh. finden sich, ganz ähnlich dem germanischen Wcrgcld, welches für Büßung der weltlichen Verbrechen angesetzt war u. welches die deutschen Arianer schon im ö. Jahrh. in das christliche Bußwesen übertragen hatten, Geldpreise für die kirchliche Lündenerlassnng festgesetzt, eine Abfindung, welche, dem Laien bequem, dcr Kirche eine Quelle der Bereicherung, in schnöden Sün- denhandcl ausartcn mußte, worüber, zumal die ans England gekommenen „Beichtbüchcr" gar auch stellvertretende Büßungen einführten, in der Kirche eine solche Entrüstung sich erhob, daß mehrere Synoden die Verbrennung der Bcicht- büchcr anordneten. Gleichwol ward der Mißbrauch bald Sitte: da die Geldbcdürfnissc der Kirche u. des Klerus wuchsen, ließ sie es zu, daß man durch Schenkungen zur Stiftung n. Erhaltung von Kirchen ?c. die Sünden ab- kausen, sich von allem Sündcnschmutze reinigen konnte. Dieser Sündencrlaß ward seit dem 12. Jahrh. zuerst unter Papst Alexander III. Ablaß (inckulcxalltia,) genannt u. nicht nur ans gewisse Tage, sondern weiter hinaus ertheilt, ja, man fing an, Bußzeitcn weit über die Frist eines Menschenlebens hinaus aufzulcgcn u. demgemäß auch den A. zu taxiren. Über die Verstorbenen hatte man die Kraft des kirchlichcnBindc-u.Löseschlüssels schon früher ausgedehnt. So ging der Handel mit Sündenstrafen fort, bis Papst Gregor VII. anfing, für gewisse wichtige der Kirche zu leistende Dienste volle Vergebung zu versprechen. In umfassendster Weise wurde ein A. der kanonischenn. selbst göttlichen Strafen durch das Concil zu Clermont 1095—96 allen Kreuzfahrern u. Förderern der Krcuzzügc verliehen», fort u. fort bis ins 13. Jahrh. zur Gewinnung für Fahrten ins gelobte Land. Da das Volk trotz aller idealeren Bestimmungen der Theologen über die Bedingungen des A-es die Verheißung der Päpste und Bischöfe buchstäblich nahm, waren die Folgen desselben für die Sittlichkeit die traurigsten, so daß Jnnocenz Ilk. 1215 den bischöflichen A. beschränkte. Dafür wurde aber von Rom aus das A-Wescn um so eifriger betrieben, zumal jetzt die Scholastiker Alexander von Halcs (st. 1245) n. Thomas von Aquino (st. 1274) den kirchlichen A-gebranch auch wissenschaftlich begründeten, indem sic hinwicsen auf die überflüssigen Verdienste, welche Christus, Maria u. die Heiligen sich vor Gott erworben u. als unendlichen Schatz überflüssiger guter Werke (opora, 8npsrörox;ationi8) der Kirche zur Übertragung auf innerlich u. äußerlich von ihr solcher Gnade würdig Erachtete überlassen hätten, — eine Lehre, welche Papst Clemens VI. 1349 bestätigte, mit dem ausdrücklichen Zusatz, daß Christus seiner' Kirche nicht nur diesen unendlichen Schatz erwor- bcn/sondcrn auch dem Apostel Petrus als Schlüssel--, träger des Himmels und dessen Nachfolgern als seinen Stellvertretern anvertrant habe, um ihn unter den Gläubigen heilsam auszutheilcn; eine Erschöpfung oder Verminderung dieses Schatzes sei. deshalb nicht zu befürchten, weil die Verdienste der Maria u. aller Heiligen dazu beitrügen. Die natürliche Folge davon war noch raschere Entartung: nachdem bereits Bonisaz VIII. 1300 das Jubeljahr gestiftet, in welchen: für eine Reise nach Rom u. fromme Spenden die vollkommene Sündenvergebung ertheilt werden sollte, ging Bonisaz IX.. so weit, daß er A-Verkänfcr umhcrsandte, welche gegen Empfangnahme der Summe, die eine Reise- nach Rom gekostet haben würde, vollkommenen A. ertheilten, u. endlich, nachdem auch noch der Betrug sich des A-Wcsens zur Ausbeutung der Massen bemächtigt hatte, wurde gar von Leo X. 1514 u. 1516 der A. verpachtet n. auch A-Com- missärc durch ganz Europa gesendet. Der Unfug eines solchen Commissärs (Tezcl, s. d.) ward der äußere Anlaß zur Reformation, nachdem allerdings zuvor schon ein Abälard im 12. Jahrh.,. der Franciskancr Berthold im i!1. Jahrh., ein Wicliffc rc. gegen das A-Unwesen geeifert. Luther selbst ging anfangs auch nicht gegen den A. an und für sich vor, sonder» nur gegen den damit betriebenen Mißbrauch, n. behauptete, daß die päpstliche Jndulgenz nur die nach kanonischem Rechte verhängten Kirchenstrascn erlassen könne; erst in seinem „Sermon von Ablaß u. Gnaden" verwarf er die scholastische Lehre selbst, wogegen die Dominikaner, namentlich ein Konrad Wimpina n. Silvester Prierias, auch die A-Praxis zu rechtfertigen suchten, u. das Tridcntincr Concil die Lehre in einer Weise aufrecht erhielt, welche wenigstens die Deutung, durch Geld könne Vergebung der Sünden erkauft werden, als eine vollständig unberechtigte erscheinen läßt. Nach dieser im Folgenden in Kürze zusammengefaßten A-Theorie, wie sie heute noch in der römischen Kirche gilt, besteht das Bußsacrament aus Rene, Beichte u. Genngthuung. Während in der Beichte durch die pricsterliche Absolution an Gottesstatt die Schuld u. die ewigen Strafen (Hölle) erlassen werden, muß zum Erlaß der zeitlichen Strafen (Fegefeuer) der Sünder noch eine von der Kirche zu bestimmende Genugthuung leisten. Ihre Macht, göttliche Strafen zu erlassen, leitet die Kirche ans dem ihr zur Verfügung stehenden unendlichen Gnadenschatze, aber sie darf, weil es wider die göttliche Gerechtigkeit wäre, dies nicht ohne Gegenleistung von Seiten des Sünders. Ans die Art und Größe derselben kommt es nicht an, so daß außer der Betheiligung an kirchlichen Vereinen, besonderen Verehrungen re. auch schon der geringste Beitrag zu frommen Zwecken die Willfährigkeit des Sünders, dem Gnadenwcrke der Kirche gläubig entgcgcnzukommen, bekundet. Ein aus Anlaß besonderer frommer Werke verkündeter A. gibt aber Dem, welcher sich an demselben durch Beisteuer bethciligt, nicht nur verhält- nißmäßigcn Anthcil an dem auf dieses gesetzten Lohn, sondern läßt auch das durch diese Bcthei- 69 Ablaßgewölbe Ägung erworbene u. aus dem kirchlichen Gnadcn- schatze durch Jndulgenz ergänzte Verdienst an die Stelle der verwirkten Strafe treten. Die Jn- dulgcnzen aber, welche die Kirche den Lebenden zu crtheilen die Macht hat, kann sie auch auf die bereits Dahingcfchiedcnen wirken lassen, insofern hier an die Stelle des vom Todten nicht zu erwerbenden Verdienstes das dafür geleistete fromme Werk der Hinterbliebenen u. die niemals vergebliche Fürbitte der Kirche, das von ihr dispensirte Verdienst der Heiligen den armen Seelen zu Gute kommen zu lassen, tritt. — Über die Ausdehnung der päpstlichenJndulgcnzenaufdie Fcgfeucrstrafen ist in neuerer Zeit von Seiten mehrerer Kirchenlehrer Bedenken erhoben, u. halten diese, die Episkopalistcn, dafür, daß die Jn- dulgenzen sich nur auf die Kircheustrafen beziehen könnten, während die andere Partei, die Curia- listen, sich stützend auf die Tradition u. die innere Conscquenz des ganzen Jndulgenz-Systems, sie auch auf die Fegfcnerstrafen beziehen: den Streit hat die (konstitutiv „^.utoros tickst", von Papst Pius VI., entschieden durch die Bestätigung der cnrialistischen Ansicht. Ablaftgcwölbe (Ablaßscitc), beim Hohofen die Seite, an der der Abstich sich befindet, um das flüssige Eisen herauslassen zu können. Ablation (vom Lat.), I) Entwendung (s. d.), 2) (Med.) Entfernung schädlicher Stoffe ans dem Körper. Ablauf, 1) in der Bauk. Verbindung zweier geraden Flächen, von denen die obere über die untere vorspringt; Anlauf die Gliederung, bei der die untere Fläche weiter vorspringt, als die obere; bes. bei Säulen, Pfeilern u. Wandgliede- ruugen gebräuchlich. 2) A. eines Schiffes: das vom Stapel in das Wasser lassen, nach Fertigstellung des Baues. — In der deutschen Handelsmarine bezeichnet „ablaufcn" zuweilen auch die Desertion der Matrosen vom Schiff. 3) A., das Verfließen der gesetzlichen oder vertragsmäßig festgesetzten Frist; daher A. eines Wechsels, dessen Verfallzeit. Abläufcr (Web.), 1) Spulen, die beim Scheelen der Kette zuerst leer werden u. nachgcspult werden müssen; 2) die Fäden des Aufzuges, die iin ein falsches Schaftauge od. ans einem Gang in den anderen gekommen sind. Ablaut heißt, seit I. Grimm, in den germanischen Sprachen der regelmäßige Vocalwechsel, wie er sich in dem Stamme der ablautenden starken 'Verba zeigt. Vcrgl.: lese (lies), las (gelesen), nehme (nimm), nahm, genommen; binde, band, gebunden; fahre, fuhr, gefahren; treibe, trieb, getrieben; fliege, flog, geflogen. Der A. durchdringt die ganze deutsche Sprache, indem außer Fürwörtern u. Partikeln fast sämmtliche Wörter solchen ablautendcn starken Berbalstämmcn angehörcn, u. darum auch wieder dieselben Vocalc anfweiscn, wie sie in der Conjugation des betr. Verbums Vorkommen, oder wenigstens früher vorkamen. Vgl. Binde, Band, Bund. Öfters hat die Sprache jetzt noch solche Bildungen, deren ablautendes Stammverbnm erloschen ist, vgl. Darre, dorren, Äörren, Dürre. Andere Sprachen, z. B. die grie- »chische, bieten ähnlichcErscheinungen, aber weit we- — Ableitung. Niger durchgreifend. Nichthierher gehören Wörter, deren Vocalwechsel auf ursprünglicher Reduplikation (s. d.) beruht: wir halten, hielt (goth. lmlckan, luiilmlci), od. schwache Verba: wir wenden, wandte, bei denen Rückumlaut (s. d.) der Aenderung des Lautes zu Grunde liegt. Abläutern, so v. w. abwaschcn, abklären, dann überhaupt putzen, z. B. Erze abläutern durch Schlemmen u. Waschen, Gries, an dein noch Kleie sitzt, durch den Luftstrom reinigen re. Ablavins, satir. Dichter unter Constantin dem Gr., Consnl 331 nach Ehr. Ablegat (v. Lat.), Abgesandter, außerordentlicher päpstlicher Legat; Stellvertreter der Magnaten bei dem ungarischen Reichstage. Ablegen, 1) beim Buchdrucker die Lettern einer ansgedrucktcn oder stercotypirten Form wieder in ihre Fächer legen. Daher: Ablegespahn, dünner Spahn, mit welchem der Schriftsetzer den Griff zum Ablegen anffaßt; Ablegemaschine, ein nach vielen vergeblichen Versuchen doch endlich gelungen hcrgestelltes Werkzeug zum A. der Typen, das aber nur mit der Setzmaschine (s. d.) zusammen verwendet werden kann. 2) (Bicnenz.) einen Bienenstock so theilen, daß der Schwarm nicht allein Bienen, sondern auch einen Theil der Waben erhält. Ableger oder Absenker, 1) (Bot.) Zweige, welche in den Boden gebogen n. mit Erde bedeckt werden u. hier Wurzel schlagen. Viele unserer Gartenpflanzen, bes. aber Pappeln, Reben re., lassen sich so leicht vermehren. Oft auch werden Stecklinge (s. d.) als A., aber unrichtig, bezeichnet. 2) (Biencnz.) Der durch Ablegen gewonnene Schwarm, welcher die neue Wohnung erhält. Ablcitcr (Wcinb.), so v. w. Geiz. Ableitung, die Entfernung einer schädlichen Wirkung von einem Gegenstände oder Punkt u. Lenkung derselben auf einen anderen, wo sie nicht schadet, z. B. des Blitzes, s. ».Blitzableiter; — in dcr Medicin: Entfernung oder Verminderung vorzugsweise örtlich krankhafter Zustände durch künstliche Erweckung erhöhter Thätigkeit od. wirkliche Affcction in einem anderen, entfernteren Theil des Körpers; hauptsächlich durch äußere roth- machende, blasenziehende, ätzende Mittel, Fontanellen, Moxa, Glüheisen, Haarseil, Ekelkur, Brcch- u. Abführungsmittcl, Bäder, Blutentzichung (ab- leitcnde Mittel, vsrivantia) re. Daher ableitende Methode (derivirende oder antagonistische Methode), diejenige Heilmethode, welche bes. durch A. wirkt. In der Geschichte der Heilknnst begegnet uns die A. sehr häufig, u. wir sehen schon im frühen Altcrthum verschiedene Völker den ausgedehntesten Gebrauch davon machen, so die Inder von den Hautreizen, die Aegyptcr von den Klystieren rc. Vergl.: C. W. Schauenburg, Die exanthema- tische Heilmethode, Leipz. I8S5. Ableitung (sprachlich). A. nennt mau gewöhnlich diejenige Art der Wortbildung, bei welcher zwischen Wurzel u. Flexion Laute oder Silben eingeschaltet werden, deren eigentliche Bedeutung zwar jetzt dunkel ist, die aber dazu dienen, den Begriff der Wurzel weiter zu leiten n. zu indi- vidualisiren. Steht die A. jetzt am Ende des Wortes, so ist eine frühere Flexion abgesallcn 70 Ablcpsie — Ablösung der Grundlasteu u. Ticu)tc. (gothisch mali-t-s. neuhochdeutsch Mach-t). Die A. ist entweder rcinvo ca lisch (wie in gothisch vsl- §an, Prüt.val-i-cka. althochdeutsch nelsan. uwl-i-ta. neuhochdeutsch wählen, wählte; gothisch üsüön. tisü-ö-cka, althochdeutsch tisoöu. üse-S-ta, neuhochdeutsch fischen, fischte; gothisch lmban, lmb-üi-äa. althochdeutsch bapön. Imp-ß-ta. neuhochdeutsch haben, hatte, die mit den sgothischens Nbleitungs- silbcu i, ö, äl gebildet sind); oder reinconso- nautisch, was aber in der Regel auf dem Ausfall eines Vocals beruht (vgl. goth. ar-m-s, althochdeutsch ar-am u. ar-m, neuhochdeutsch sdcrs Ar-m); oder gemischt (gothisch a.>?-il-n», althochdeutsch ss-il, neuhochdeutsch Es-el). Die A. beginnt (ursprünglich) nur vocalisch, kann aber durch 1 od. 2Consonantcn geschlossen sein(güt-ig, Ack-cr; Lad-ung, irdisch, althochdeutsch ircl-wo). Silben, bei denen der Vocal zwischen 2 Consonauten steht, gehören entweder deutlichen Wurzeln an (wic-lich zu althochdeutsch Ica-Ub, mittelhochdeutsch go-Uoü. neuhochdeutsch g-lcich) u. somit zur Zusammensetzung; oder es sind in ihnen mehrfache A-eu zusammeugeflosscn (-sal aus, althochdeutsch is-al); oder sic haben einen unechten Cousouantcu (neuhochdeutsch Frisch-ling, althochdeutsch kriso-ino). Zeigen sich in der A. mehrere Silben, so sind mehrfache A-en verbunden (wie in Drechsler aus ursprünglich clrab-is-al-ar-i), denn der einfachen A. gebührt nur eine Silbe. — Manche nehmen A. in weiterem Sinn, indem sic die Bildungen durch Ablaut (wie Baud v. Bund von binden) u. Reduplikation (Feifaltcr, Schmetterling, von falten) als eigentliche A. bezeichnen, der sic das, was wir oben A. genannt haben, als nncigentliche A. gegcnübcrstellen. Ablcpsie (v. Gr.), das Nichtsehcn, die körperliche u. geistige Blindheit; steht auch für Stumpfsinn und Dummheit. Ablesimow (Ablöcmoff), Alex., Sccrctär bei Alex. Sumarakow, dann Offizier, st. >784 als Major zu Moskau; Volksdichtcr, musikalischer Schriftsteller u. Schöpfer des national-russischen Singspiels; er schrieb auch die komische Oper: Der Müller. Ablicgen der Erze wendet man im Hüttcn- betrieb an, um bei bestimmten Erzen eine Verwitterung au der Luft cintreten zu lassen, welche das Gefüge auflockert u. die Verarbeitung erleichtert. Das Ab liegen spielt bei manchen armen Eisenerzen eine Rolle; es gehört dazu nur ein bedeutendes Areal, um die großen Vorräthe eines Eiscnhohofcuwerkes in der angcdcuteten Weise zu präpariren. Nblis, Flecken im Arr. Rambouillet des franz. Dep. Seine u. Oise; 1000 Ew.; Eiscnb.-Station, Tclegraphenamt: wurde von den deutschen Truppen 1870 niedergcbrannt, weil hier eine einquar- tirte Escadron des 16. Husarcnregiments von den Bewohnern u. Frauctircurs in der Nacht des 7. Oct. überfallen u. zum größten Theil gctödtet worden war. Ablösung, beim Militär, die Ersetzung der auf der Wache stehenden Soldaten durch andere; die Mannschaft, welche eine andere ablöst, heißt auch die A.; beim Tirailliren das Signal, daß die ausgcschwärmte Abtheilung zurückgehen und durch eine andere aus dem Souticn der sichtenden Truppe ersetzt werden soll. Ablösung der Grundlasten u. Dienste ist deren Aufhebung gegen eine vom Belasteten au den Berechtigten gewährte Gcldeutschädigung. Die Grundlasteu wurzeln einerseits in der Unfreiheit (nicht in der Sklaverei, nur in der Unterthänigkcit, Leibeigenschaft oder Hörigkeit), anderseits in der Naturalwirthschaft. Sic sind entweder privatrechtlich, oder öffentlich-rechtlich, letztere dem Kirchen-, Staats-oder Gemeinde-Recht angehörig. Die wichtigste bäuerliche Last ist der Zehnte, der häufig privatrechtliche, meist aber öffentliche, zumal kirchliche Last war u. ist. — Nachdem schon im fernsten Alterthum bei den Juden durch das Mosaische Gesetz u. die Einrichtung der sogen. Freijahrc ein Mittel gegeben war, das Anwachsen solcher Lasten u. Dienstbarkeiten zu verhindern, u. die Römer durch ihre Agrargesetzgebung u. Colonialpolitik dem Ucbcrwuchern ähnlicher Berechtigungen u. den daraus für den Staat erwachsenden Gefahren zu steuern gesucht, geht, in der späteren Zeit bei den meisten Völkern die A. der bäuerlichen Dienste u. Lasten mit dem Fortschritt von der Natural- zur Geld-Wirth- schaft u. von der Bodcufüllc zum höheren Ackerbau Hand in Hand. In Mailand war cs schon 1147 untersagt, von neu gerodetem Lande den Zehnten zu fordern. Während des 18. Jahrh. kommen in Italien viele Frohud-A-en vor, u. in Deutschland wurden schon gegen das Ende des> Mittelalters viele Frohndcn zu Gelde geschätzt,, freilich für die Wahl des Berechtigten. Daß ganze Gemeinden ihren Zehnten pachteten (Sack- zehntcn), war schon während der Kreuzzüge häufig (Osnabrück,Brandenburg, Tirol). In England beginnt die A. unter Heinrich I., u. in Frankreich erlangten 1530 u. 1553 alle Städte das Recht, die auf Häusern. lastenden Grundrenten zum löfachcn Betrage abzulösen. Von Staats wegen griff aber erst das 18. Jahrh. die A. an (Kemptenschc A-s-vergleiche 1732 u. 1737: Preuß. A-s-gesetz für die Leibeigenschaft auf den Domänen 1764; in den slavischen u. deutschen Provinzen Oesterreichs A-s-gesetz v. 1. März. 1777 für die Frohndcn auf den Staats-, Kirchen- u. Gemeinde-Gütern, gesetzliche Lasten-Maxinia für die Privatgüter). Fast überall bedurfte es aber großer staatlicher Stürme, um die A. oder Aufhebung der Lasten durchzusetzeu, in Frankreich der Umwälzung von 1789, in Preußen der Niederlage von 1806, in Oesterreich der Unruhen von 1848. Denn die Berechtigten in Adel, Geistlichkeit oder sonstigem Groß-Besitz stellten der A. den hartnäckigsten Widerstand entgegen. In Frankreich geschah die Aufhebung der Lasten im Wesentlichen unentgeltlich, also mit schwerer Verletzung des Eigenthnms der Berechtigten (der Beschluß der Nationalversammlung in der Nacht vom 4. Aug. 1789 hatte noch A.; unentgeltliche Aufhebung aller Grundrenten, welche nicht nachweisbar Capitnlzinsen waren, folgte aber im Aug. 1792). England führte seine A. von 1836 bis vor Kurzem durch. Sic fand dort als ablösungsfähigen Theil nur noch die Lopzüwlä. u. eustomarz- tonnrs vor, ehemals unfreier Bauern- Ablösung der Grundlasten u. Dienste. 71 besitz mit erblichem Rechte (nach Fischet, Vers. Englands, 1864, S. 58, 4 des Landes u. sehr in der Abnahme). Das Zehntablösc-Gesetz von 1836, das gutsherrlich-bäuerliche Rcgulirungs- Gcsetz v. 1841 u. die Servitut-, A-s-, Gemein zum großen Thcil verschwunden war; daß z. B. der Schutz nirgends mehr von dem Gutsherrn, sondern blos vom Staate geleistet ward. Unter diesen u. ähnlichen Erwägungen wurde seit 1848 die A. d. G. überall in Deutschland lebhaft von hcitstheilungs-, sowie Entwässcrungs-(Drainage-)! den Verpflichteten n. der öffentlichen Meinung Gesetze von 1845 bis 1864 schufen Gcncralcom- verlangt; neue Gesetze (in Preußen die beiden Missionen, u. hatten diese nach Gneist (engl. Verw.-Recht, S. 1192) im I. 1867 nur noch für 2 bis 3 Jahre Arbeit. Preußen erließ nach der Katastrophe von Jena seine berühmten Gesetze v. 9. Oct. 1807, bctr. den erleichterten Besitz u. den freien Gebrauch des Grundcigenthums rc.; vom 28. Oct. 1807, betr. die Aufhebung der Erb- unterthänigkcit auf den Domänen, u. die Ablösungsgesetze v. 16. März u. 14. Scpt. 1811, welche Ablösung der Rcallasten, des Grnndeigen- thums u. größere Verthcilung des Bodens unter mehr Eigcnthümer bezweckten (spätere Edicte u. Declarationen von 1816, 1819, 1821 n. 1823). Danach erhielt der Gutsherr von bäuerlichen Gütern, die ohne Eigcnthum, aber mit erblichem Rechte besessen worden waren, 4, von n'cht-erblich besessenen 4 des Bodens zurück, das übrige ward aber unbeschränktes Recht des Landwirthes. Dienstbarkeiten u. Berechtigungen wurden für ablöslich erklärt, n. 1821 erschien eine Verordnung, wie sic in eine feste, durch den 25fachcn Betrag ablösliche Rente verwandelt werden sollten, die durch besondere Verordnungen auf verschiedene Provinzen anwendbar gemacht wurde; Leibeigenschaft, Erb- unterthänigkcit und Zubehör fielen unentgeltlich weg. In Bayern ist der Grundsatz der A. durch die Verfassungsurkunde von 1818, in Württemberg u. Baden durch die von 1819, in Hcssen- Darmstadt durch die von 1820, in Braunschweig durch die von 1823, in Hessen-Kassel u. dem Königr. Sachsen durch die von 1831, in den Herzog!, sächsischen Ländern durch die Constitution ans verschiedenen Jahren ausgesprochen u. durch besondere A-s-gesetze (z. B. im Königr. Sachsen durch das von 1832, in Baden durch das von 1831) eingeführt worden; nur in Hannover (u. theilwcise in Kurhessen) that man augenblickliche Rückschritte, indem man die früheren, zur franz. Zeit getroffenen Maßregeln hierüber, ja selbst die Privatcontracte durch neue Gesetze 1814 u. 1815 aufhob; allein auch hier lenkte man durch Bestimmungen 1822 in den früheren Weg wieder ein. Jndeß das A-s-verfahren war ein so langsames, der Umfang der der gesetzlichen A-s- pflicht unterfallenden Lasten ein so geringer, die gesetzlich festgcstellte Entschädigung eine so hohe u. der Betrag der mit der A. verbundenen Kosten ein so großer, daß im Ganzen nur wenige A-en erfolgten. Das Drückende dieser Lasten schien in neuerer Zeit noch dadurch erhöht, daß während der langen Friedensjahre der Werth des Grundbesitzes rasch gestiegen war u. deshalb von den verpflichteten Grundstücken in allen Fällen, wo die Grundlast in Entrichtung eines Anthcils des jeweiligen Wertstes des pflichtigen Grundstückes besteht, oft ziemlich große Summen entrichtet werden mußten; daß, was jene Leistungen weniger fühlbar gemacht hatte, das patriarchalische vom 2. März 1850, betr. die A. der Reallastcn u. die Regulirung der gutshcrrlichcn u. bäuerlichen Verhältnisse, sowie bctr. die Errichtung von Rcntenbanken) erleichterten 'sie. Das wesentlich Übereinstimmende der neuen deutschen Gesetzgebungen hierüber ist Folgendes. Der A. sind nicht unterworfen: die öffentlichen Lasten mit Einschluß der Gcmeindelastcn, Abgaben n. Dienste; Abgaben u. Leistungen, die ans dem Kirchen- und Schulverbande entspringen; Leistungen, welche für den Genuß von Regalien entrichtet werden; Lasten, die sich auf eine Dcich- oder andere Societät beziehen; endlich die meisten der röm.-rechtlichen Grundgercchtigkeiten (Servituten). Ohne Entschädigung sind aufgehoben: das Obereigenthum des Lehnsherrn u. die lediglich aus demselben entspringenden, bes. die Sterb- fallsrechtc (mit Ausnahme der Thronlchnc); das Obereigenthum des Guts-, Grund- u. Erbzinsherrn; das grnnd- oder gutsherrliche Heimfalls- rccht an Grundstücken ».Gerechtsamen jeder Art: die Barkaufs-, Näher- und Retractsrcchte, soweit sic nicht auf Vertrag over letztwilliger Verfügung beruhen; alle Abgaben u. Leistungen der nicht Angesessenen an die bisherige Guts-, Grundoder Gerichtsherrschaft, soweit sie aus diesem Verhältnis; herzuleitcn sind u. nicht auf anderweitigen Verträgen beruhen; die Patrimonialgerichtsbarkeit u. die unter verschiedenen Namen vorkommcnden Leistungen zur Übertragung der Lasten der Patrimonialgerichtsbarkeit, die Jagd auf fremdem Grund u. Boden n. die in Beziehung auf die Jagd obliegenden Dienste n. Leistungen, — diese nicht überall unentgeltlich; alle aus den guts-, schütz- und grundherrlichen Rechten abgeleiteten Leistungen, welche, ohne znm öffentlichen Steuercinkoimncn „ zu gehören, die Natur der Steuern haben. Überdies in vielen Staaten noch: das Eigenthumsrccht des Erbverpächters; die auf Grundstücken haftende Verpflichtung, gegen den in der Gegend üblichen Tagelohn zu arbeiten; das Recht, einen Anthcil oder ein einzelnes Stück aus einer Verlasscnschast vermöge guts-, grnnd- oder gcrichtsherrlichcn Rechtes fordern zu dürfen; alle Dienste zu persönlichen Bedürfnissen der Gntshcrrschaft u. ihr.r Beamten, alle Abgaben zur Ausstattung oder bei Taufen von Familicngliedern des Guts- oder Grundherrn; alle Abgaben für die Erlaubnis;, auf eigenem Grund n. Boden gewisse Vieharten halten zu dürfen; dagegen auch alledem Berichtigten für diese Leistungen obliegenden Gcgen- leistungcn. In der unentgeltlichen Aufhebung sind viele Gesetzgebungen zu weit gegangen. Der A. unterworfen sind: alle unter den ersten beiden Klassen nicht begriffenen Rechte, namentlich Grundrenten, d. h. ständige Entrichtungen in Geld, Naturalien oder anderen Gegenständen, Verhältnis; zwischen Berechtigten n. Verpflichteten, sofern sie auf einem dinglichen Rechtsverhältnisse 72 Ablösung der Grundlasten u. Dienste. beruhen; Zehnten aller Art; Lehensrecognitionen, d. h. Abgaben, welche bei Eigenthnmsveränder- ungen von Immobilien, u. was diesen gleichstes, zu entrichten sind, als Lehngeld, Lehnwaare, .Handlohn, Empfahgcld, Auflaßgeld (Uanäsminm, (juingnaAssiws. empllxtsniiaaria), Spann- und Handfrohnen, welche auf Grund von Gesetzen u. Verträgen oder anderen Rechtstiteln zu leisten sind; Hutungs- n. Wald-Befugnisse; die Berechtigung zum Gras-, Schilf- n. Rasenholen in fremden Waldungen u. anderen Grundstücken; die Berechtigung, auf einem fremden Grundstücke Fossilien zu graben. Der Maßstab der Entschädigung ergibt sich dadurch, daß dem Berechtigten der volle jetzige Werth des Opfers, welch.s er bringen soll, zu vergüten ist; es muß also, wenn die A. mittels Zeitrente erfolgt, als solche eine jährliche Zahlung ausgestellt werden, die ungefähr gleich groß ist, wie der seitherige einfache Reinertrag der abznlösenden Leistung. Überdies bestimmten einzelne Gesetzgebungen, daß dem Belastenden unter allen Umständen ein gewisser Theil von dem Reinerträge des verpflichteten Grundstückes verbleiben muß, oder daß den Ins. dürftigen Klassen der Pflichtigen besondere Vergünstigungen entweder durch Aufstellung einer niedrigeren von ihnen zu gewährenden Abfindung, oder durch Gestattung längerer Fristen re. zukommen. Als Voraussetzung für Ermittelung der zu gewährenden Entschädigung wird stets zunächst der Werth der bisherigen Leistung ermittelt. Für die A. von Naturalabgaben werden deshalb durch das Gesetz im voraus bestimmte Werthe dieser Naturalleistungen ausgestellt, die vermittels einer Durchschnittsberechnung ans den an gewissen Marktorten für dieselben während der letzten kO —24 Jahre (nachdem zuvor die thencrstcn u. wohlfeilsten Jahre — in der Regel je zwei — gestrichen worden sind) gezahlten Preisen gewonnen werden. Es wird im voraus sestgestellt, welche Abzüge von dem so ermittelten Werthe nach der Besonderheit der einzelnen Leistungen (meist nach Procenten) gemacht werden sollen, z. B. bei sogenannten Holezinsen wegen des mit der Abholung der einzelnen Leistungen verbundenen Aufwandes; welche Abzüge wegen der nunmehr in Wegfall kommenden Verwaltnngs- n. Einnahmckostcn zu geschehen haben; welche vom Berechtigten etwa zu gewährende Gegenleistung gegen die Leistung des Verpflichteten in Aufrechnung gebracht werden soll re. Am einfachsten gestaltet sich hiernach diese Werthcrmit- telnng bei seither zu entrichten gewesenen Gcld- renten; alle übrigen Abgaben u. Leistungen an Naturalien n. Diensten werden zunächst nach den angedcuteten Rücksichten in Geldrenten umge- wandclt, besonders werden die ungemessenen Leistungen, d. i. welche der Zeit n. dem Gegenstände nach unbestimmt sind, zunächst in gemessene verwandelt, was mittels einer Durchschnittsberechnung über die innerhalb eines gewissen Zeitraums vorgckommenen Leistungen erzielt u. worauf dann der Werth der gemessenen Leistungen durch schiedsrichterliche Sachverständige sestgestellt wird. Bei der A. der Besitzver- ändcrnngsabgabcn von Ländereien (Lehnwaare rc.) wird nach manchen Gesetzen zunächst die Zahl der auf 1 Jahrh. anzunehmenden Bcsitzveränder- nngsfälle u. dann der Betrag der Besitzverän- dcrungsabgabe, sowie der etwa zu machende Abzug festgestellt, u. der Summe der einzelnen Beträge, welche in den auf 1 Jahrh. treffenden Bcsitzverändcrungsfällen zu entrichten sein wurden, bildet dann den Jahreswerth der abzulösenden Berechtigung. Als Ablösungsmittcl werden gesetzlich nur entweder die Bezahlung eines Entschädigungscapitals (eigentliche Ah, oder die Übernahme einer jährlichen Geldrente (Verwandlung), oder Abfindung durch Land vorgcschricben. Das Ablösecapital müßte nach dem für gute Hhpothckenfordcrungen landesüblichen Zinsfuß bestimmt werden, also in Deutschland nach einem Zinsfuß von 4 bis 5 °/u. Aber gerade hierbei ist der Bauernstand bevorzugt worden (Preußen. t821 das LSfachc, 1850 das 18fache der Rente; Bayern ebenso 1826 das 25fache, 1848 das 18fache; Oesterreich das 20fache). Zuweilen hat man die Kirchen u. Stiftungen höher entschädigt, als die anderen Berechtigten. Nach freier Vereinigung der Betheiligten können auch andere Arten der Entschädignngsmittel gewählt werden, z. B. Gctrciderenten, Anweisung von Holzdeputaten n. s. w. Zur Vermittelung der A-cn sind überall besondere Ablösungsbehördcn eingesetzt, die meist in zwei Instanzen aus Juristen und Sachverständigen zusammengesetzt, in dritter Instanz aber dem höchsten ordentlichen Gerichte des Landes unterstellt sind (in Preußen die Gencral- eommission,bczichungsweiseRegicrnngsabtbcilung in jeder Prov., das Revisionscolleginm in Berlin, letzte Instanz das kgl. Obertribunal). Spccial- commissaricn Pflegen die Verhandlungen u. Verträge, meist an Ort u. Stelle, aufzunchmen; das Collegium beschließt über die Verträge (Reccsse), erkennt über die auftauchcnden Streitigkeiten in erster Instanz u. beaufsichtigt die Commissarien u. Hilfsbeamten. Die Provocation zur A., d. h. die Antragstellung auf A., ist dein Belasteten bezüglich aller Verpflichtungen, dem Berechtigten dagegen in manchen Staaten nur bezüglich gewisser Rechte gestattet. Nach der österreichischen Gesetzgebung von 1848 besteht A-szwang. Den Beweis des Vorhandenseins der abzulösenden Last hat stets der Berechtigte zu führen. Die Kosten der A. tragen die beiderseits Bethciligten gleichmäßig. Zur Durchführung des A-s-geschäftes wurden fast überall, soweit sie noch nicht bestanden, gleichzeitig mit dem Erscheinen der A-s- gesetze Rcntcnbanken eingeführt. Da bei der A-s- gesetzgebung seit 1848, welche durch die Volksvertretungen meist unter den ungestümen Forderungen einer infolge der ausgebrochenen Revolution in ihren Ansprüchen bis zur Ungerechtigkeit gehenden Menge zu Stande gekommen war, die Gerechtigkeit oder doch Billigkeit gegen die Berechtigten oft ans den Augen gesetzt war, so kam es, daß viele der in den Jahren 1848 u. 1840 emanirten A-sgesetze zurückgenommcn oder durch Nachtragsgesetze erläutert u. vervollständigt, oder die durch die A. beschädigten Berechtigten durch Ergänznngszahlungcn, welche der Staat übernahm, in Etwas schadlos gehalten wurden. 73 Ablothcu — Eine besondere Gestaltung bekam die A-s-gesctzgcb- ung in Oesterreich, u. zwar durch das am 4. März 1849 gleichzeitig mit der octroyirtcn Rcichsver- sassung veröffentlichte Entlastnngspatent, das nur eine weitere Ausführung, beziehungsweise Abänderung des mit der Reichsverfassnng vereinbarten Gesetzes,vom 7. Scpt. 1848 war. In Preußen konnten die Überweisungen an die Rentenbankcn mit Schluß des I. 1859 eingestellt werden. Im großen Ganzen ist der Stand der A. jetzt folgender. In Deutschland ist sie nahezu vollendet, zivar mit mancherlei Beeinträchtigung der Berechtigten, aber in der Hauptsache gerecht; mit dem großen Erfolge, daß der Bauer u. mancher Städter freier Grundcigenthnmer n. Staatsbürger geworden ist u. den Preis hierfür zum größten Theil selbst bezahlt hat. Von dem ihm geschenkten Theil des Werthcs hat einen Theil der Staat, so namentlich in Württemberg u. im Königr. Sachsen, zugelcgt; ein anderer Theil mußte unentgeltlich anfgcgeben werden, weil ihm Mißbrauch zu Grunde lag, um einen Theil — z. B. um den Werth des Obercigenthums in Preußen — sind die Berechtigten verkürzt. Die gezahlte Ablösesnmmc betrug im Königr. Sachsen schon bis Ende 1846: 11,193,655 Thlr., welche lämmtlich bis auf 154,384 Thlr. durch die Landrentenbank vermittelt waren; in Preußen hatten bis Ende 1851 95,069 neue Eigenthümer 6H Will. Morgen Land erhalten, von 610,184 anderen Pflichtigen waren die Leistungen regülirt, hierbei 6H Mill. Spann- u. über 19H Mill. Hand- Dicnsttagc aufgehoben; die Entschädigung bestand in 32,225,000 Thlr. Capital, 3,074,000 Thlr. Geldrenten, 1,572,450 Morgen Land u. 270,000 Scheffel Roggcnreuten. In Frankreich (einschließlich des deutschen Links-Rhein) u. in Spanien ist dasselbe Ergebnis; erzielt, aber fast gänzlich ohne Entschädigung durch den Belasteten, im Wege der Gewalt (Revolution u. erfolgreiche Nichtzahlung auch des durch die Revolutionsgesetze Gebliebenen): In Spanien sind die Zehnten ohne Entgelt durch Cortcsbeschluß vom 29. Juli 1837 aufgehoben worden. Thcilweise Entschädigung erfolgte durch den Staat, insofern als dieser die Lasten der Kirche (Besoldung und Baulast) übernahm. In Oesterreich schwebt die „Grundcntlastung" noch; 1857 betrug das festgestellte Ablöse-Capital 307 Mill. Fl. für die dentschen u. slavischen Kronläudcr, 243 Mill. für die -ungarischen. In Rußland hat der jetzt regierende Kaiser Alexander seit 1861 das gewaltige Werk, dessen geringeres Gegenstück in Deutschland über 50 Jahre ausfüllt, der Hauptsache nach vollendet (s. Leibeigenschaft. In Großbritannien ist der Zehnte, zuletzt durch die Gesetzgebung dieses Jahrhunderts, meist in feste Renten verwandelt, von den übrigen Lasten bestehen viele noch. Aber hier hat sich seit Elisabeth die Auseinandersetzung zwischen Gutsherren n. Untcrthanen entgegengesetzt vollzogen, wie auf dem europäischen Festlande, denn der Gutsherr stieg meist zum freien Eigenthümer auf, der Bauer .zum Zcitpächtcr herab,, allerdings mit voller staatsbürgerlicher Freiheit. Nordamerika hat Lie Lasten u. Frohndcn der alten Welt von sich Abmachung. fcrngchalteu, weil es sich im Zeitalter der staatsbürgerlichen Freiheit n. der Geldwirthschaft entwickelt. Die Sklaverei aber u. die Plantagen- wirthschaft, welche schlimmer sind, als die Hörigkeit in Europa, hat es nicht im Gange des Rechtes, sondern nur durch Gewalt zu bezwingen vermocht. — Die Art, wie in den verschiedenen Ländern der Großgrundbesitz u. der kleine Stand auscinandergesetzt sind, hat hauptsächlich das Schicksal des alten Adels besiegelt n. dadurch auch auf die Staatsverfassung u. die gesellschaftlichen Verhältnisse entscheidend cingewirkt. — Die A-sgesetzc bestimmen regelmäßig, daß die abgc- lösten oder aufgehobenen Berechtigungen weder dauernd, noch auf längere Zeit wieder entstehen können. — Vgl. hauptsächlich Roscher, System der Volkswirthsch. (Bd. 2 Cap. 9), 7. A., Lpz. 1868. Ablothcn, s. unter Loth. Ablnircn (v. Lat.), 1) abwaschen; 2) erloschene Tinte durch eine Auflösung von Galläpfeln wieder sichtbar machen. Ablution, 1) Abwaschung, Waschen des ganzen Körpers od. einzelner Theile, sowol mit Wasser, als auch mit medicamentöscn Stoffen; 2) Anwendung der L.b1nsntia, d. h. der abführenden, bcs. flüssigen Mittel, um Excremente re. ans dem Darmkanal zu entfernen; 3) beim katholischen Gottesdienste das Abspülen des Kelches n. Abwaschen der Hände des Priesters nach dem Abcndnkähl. Abmachung ist im Mg. die Ordnung einer Angelegenheit, eines Handels; dann versteht man darunter die Vereinigung einer Rechnung, die Abrechnung, u. endlich insbes. im Versicherungswesen die Ausmittelung des Betrages der Entschädigung, wenn ein Schiff oder eine Ladung versichert war u. entweder ganz oder theilwcife werthlos oder beschädigt Wierde. Das Geschäft der Ermittelung geht auf Ermessnug des Schadenumfanges u. auf Bestimmung des Werthes, der Geldsumme, welche der Versicherte als Ersatz des erlittenen Schadens anzusprcchcn hat. Die Ermittelung des Schadenumfanges geschieht durch Besichtigung n. Abschätzung von solchen Sachverständigen, welche entweder ein- für allemal obrigkeitlich bestellt, oder vom Ortsgericht oder dem Consul oder von einer anderen Behörde bes. ernannt sind. Der Werth, den die Güter im unbeschädigten Zustande haben würden, wird durch den Marktpreis bestimmt, den Güter derselben Art u. Beschaffenheit am Bestimmungsorte der Güter bei Beginn der Löschung des Schiffes, oder, wenn solche an diesem Orte nicht erfolgt, bei seiner Ankunft daselbst haben. In Ermangelung eines Marktpreises, od., wenn über denselben oder dessen Anwendung in Rücksicht auf die Qualität der Güter Zweifel obwalten, ermitteln Sachverständige den Preis, von dem aber abgezogen wird, was an Fracht, Zöllen u. Unkosten in Folge des Verlustes der Güter erspart wird. Ist der Bestimmungsort nicht erreicht worden, so wird dafür der Ort, an welchem die Reise endet, oder, wenn das Schiff verloren ist, der Ort, an welchem die Ladung geborgen wurde, angenommen. Zur Ermittelung aber, wie viele Proeente des Werthes der beschädigten Güter verloren sind, wird der Bruttowerth, den 74 Abmarsch — Abneigung u. Zuneigung. sie am Bestimmungsorte im beschädigten Zustande wirklich haben, mit dem Bruttowerthe verglichen, welchen sie dort im unbeschädigten Zustande haben würden, — n. ebenso viele Proccnte des Versichcrungswerthes sind dann als Betrag des Schadens anznsehen. Die Ermittelung endlich des Werthcs, welchen die Güter im beschädigten Zustande haben, geschieht durch öffentlichen Verkauf, oder, wenn der Versicherer cinwilligt, durch Abschätzung. Abmarsch, die Art, wie eine Truppe sich in Bewegung setzt. Ist in der Colonne die rechte Flügel-Abtheilnng an der Tete, so ist man rechts abmarschirt: ist die linke Flügcl-Abth. an der Tete, links: s. Colonne. Bei der Cavallcrie heißen die drei Pferde, welche neben einander gehen, wenn die Linie eine Wendung gemacht hat, ein A. Im 18. Jahrh. unterschied man einen flügel- weisen u. einen trcffcnweiscn A. des stets in zwei Linien (Treffen) ausgestellten Heeres, angewandt, je nachdem der Feind in der Front, oder in der Flanke erschien. Abmcicrnugsrccht (Entsetzungsrecht, Aushölung, Expnlsion) hieß im Deutschen Recht die Bcfugniß des Gutsherrn, seinen Meier (Erbpächter vom Hof oder Kotten) zu entsetzen (ab- znmciern): bei schlechter Wirtschaft, eigenmächtiger Veräußerung des Gutes u. ähnlichen Gründen statthaft; mit der jetzt fast allg. eingctrctencn Aufhebung der Erbpacht rc. weggefallen. Abmcrgeln, ein Stück Land mit Mergel (s. d.) befahren. Abmcsscn (Feldmcßk.), 1) die Länge einer Linie ans dem Felde ermitteln; dies geschieht mit dcrMeßkettc oder Mcßstange; 2) von einem Stücke Feld ein beliebiges Stück abschneidcn. Abmessung (Feldmeßk.), das Verfahren des Geometers beim Messen, Theilen oder Nivelliren eines Stückes Feld. Abmessungen, die Längen der verschiedenen zu messenden Linien, z. B. die Längen der Grundlinie u. Höhe eines dreieckigen Stückes Feld. Abmooscn der Wiesen. Schlechte Wiesen, die selten gedüngt u. nicht bewässert werden können, erzeugen oft sehr viel Moos, wodurch der Ertrag an Gras geschmälert wird u. sogar aufhören kann. Um dies zu verhüten, werden die Wiesen abgcmoost, d. h. cs wird das Moos durch eigens dazu construirte Eggen herausgcrissen, getrocknet rc. S. Wiesenbau. Abmusterung ist die zwischen dem Schiffer (Capitän) u. der ausscheidendcn Mannschaft des Schiffes verlautbarte Beendigung des Dienstverhältnisses, welche vor dem Seemannsamte des Hafens erfolgt, in welchem das Schiff liegt, oder, wenn dieses zu Grunde gegangen, vor dem nächst erreichbaren, nachdem dem Schiffsnianne die Dienstzeit, das Dieustvcrhältniß n. der Rang in seinem Seefahrtsbuche bescheinigt n. auf Wunsch auch ein besonderes Führungszeugniß gegeben, u. die Unterschrift des Schiffers unter beiden Bescheinigungen vom Secmannsamte beglaubigt worden. Der Ausdruck A. kommt ebenso wie der Ausdruck „Anmusterung" von der Musterrolle, der Schisfsliste, in welche nicht nur Namen u. Rang der Schiffsmannschaft, sondern auch die Bedingungen über Dienstzeit u. Dienstverhältniß. eingetragen werden. Abnahme eines Baues heißt die vollständige Abrechnung des Bauausführenden mit den Hand- Werkern nach völliger Beendigung der Arbeiten. Es werden zu dem Zwecke sämmtliche abgelieferte Arbeiten genau controlirt u. die Mangel- oder fehlerhaft ausgeführtcn zurückgewiesen, oder cs muß der Handwerker sich dafür einen Abzug gefallen lassen; ferner sind alle Dimensionen der Arbeiten nachzumessen, mit den Originalplänen, Anschlägen u. Accordcn zu vergleichen u. die Baurcchnungcn nach Maßgabe dieser Aufnahme, auf Grund der in den Accordcn vereinbarten Einheitspreise, anzuweiscn. — A. ist außerdem noch gleichbedeutend mit Abkaus, u. bestehen deshalb zwischen Käufer (Abnehmer) u. Verkäufer gewisse gesetzliche Normen, als: die, A. ist, nachdem der Verkäufer die Kosten der Übergabe, des Messens u. Wagens zu tragen hat, Sache des Käufers, u. treffen ihn mithin die Kosten, der Verpackung, sofern selbe nicht behufs der Übergabe, sondern behufs der Übersendung erwachsen. Ist im Kaufverträge die Art der A. nicht bestimmt, auch sonst hierüber nichts abgemacht, so kann der Verkäufer die A. am Orte seiner Handelsniederlassung, bezw. Wohnorte verlangen. Sodann bezeichnet A. auch so viel wie Empfangnahme im Gütertransport u. Frachtverkehr, n. dann noch so viel wie Verminderung, Abgang. Abnarbt», I) (Gerb.) die Narbenseite des sämischgarcn Leders nach dem Walken ausstrei- chcn; 2) (Landw.) A. der Wiesen, behufs Pla- nirung derselben, s. Wiesenbau. Abnegiren (lat.), verneinen, verleugnen, abschlagen; Abnegation, Verneinung, Verleugnung. Abnehmcn, eines Gliedes, so v. w. Amputation. In der Malerei ein gebräuchlicher, aber schlechter Ausdruck für abzcichuen oder- porträtircn; sodanu: ein Gemälde von seinem Grunde nehmen, uni cs auf einen neuen zu übertragen. So nimmt mau Frescobilder von der Mauer, um sie vor der Zerstörung zu retten; Ölbilder von der Leinwand oder dem Holze, wenn diese Materien von Würmern zerfressen sind. Es geschieht so, daß man durch ein bindendes Mittel die Bilder, d. h. die gemalte Oberfläche, auf eine andere glatte Fläche befestigt u. dann den grund- bildenden Stoff (Leinwand, Holz rc.) durch chemische od. mechanische Mittel zerstört, worauf man dann eine neue Ünterlage an die Farbe befestigt und das sie auf der vorderen Seite bindende Mittel wieder auslöst. Abneigung u. Zuneigung, in dem Gesetze der Selbstcrhaltung beruhende Gefühlsäußerungen, die in der Abstoßung u. Anziehung, sowie in der chemischen Verwandtschaft analoge Erscheinungen haben,. Besonders stark ausgesprochen finden sich diese Äußerungen im geschlechtlichen Leben (vgl. Zuchtwahl). So tief begründet in der Natur u. so sehr berechtigt diese Äußerungen auch sind, so wohnt denselben doch vorwiegend ein subjektiver Charakter bei, und dürfen sic nie absolut, sondern nur relativ aufgesaßt werden (vgl. angenehm und unangenehm). Unberechtigt sind sie 75 Abneigung — wenn sie ans Eitelkeit n. Übcrcinpfindscunkcit beruhen. Es ist oft von den Gesetzen der Gegenseitigkeit u. Humanität geboten, diese Regungen selbst als berechtigte zu bekämpfen und zu perbcrgcn. Abneigung (Nivellirk.), der Unterschied der Höhe von einem Punkte bis zu einem anderen. Abner, Sohn des Ncr, Feldherr und naher Verwandter Sauls, welchen er ans mehreren Kricgszügcn begleitete n. dessen Sohn Jsboseth er in Machanaim zum König von Israel (als Gegcnkönig Davids > ausricf. Mit demselben wegen einer königlichen Mätresse zerfallen, ging er zu David über und verleitete auch die dem Sohne Sauls trcugebliebcnen Stämme zum Abfall von der rechtmäßigen Dynastie. Bald hernach jedoch ward er durch seinen Nebenbuhler Joab hinterlistig ermordet. David ließ ihn feierlich bestatten und betrauerte tief seinen Verlust. Abnct, bei den Juden ein Lcndcngiirtcl, welcher das Stcrbeklcid, einen wcißlcinenen Rock, den sie am Langen Tag und am Neujahrsfeste tragen, znsammcnhält; bei den alten christlichen Priestern ein Leibgürtel. Abnöba hieß bei den Alten (Tacitus und Plinins w.) der heutige Schwarzwald oder der Theil desselben, wo die Donau entspringt. Eine Diana A. erscheint ans römischen Steinschriften bei Alpirsbnch und Badenweilcr. Abnorm (v. Lat.), von der Regel abweichend. Abnorme Gesteine, im Gegensätze zu normalen Gesteinen, nennt man die nicht geschichteten, krystallinischen Schiefer-, Massen- u. Gang- gestcine, also z. B. Gneis, Glimmerschiefer, Granit, Porphyr, Basalt, körnigen Kalk rc. Abnormität (Anat.), eine von der gewöhnlichen Bildung, Richtung w. abweichende Form eines Körperthciles. Die Abnormität kann vorübergehend od. bleibend, angeboren (Mißgeburt) od. erst nach der Geburt entstanden sein (durch Krankheit); sie kann die Form, Größe, Farbe, Lage, Zusammensetzung, Thätigkeit betreffen. Abnormitäten können das Wohlbefinden, die Kraft u. die Verrichtungen des Körpers stören und heben die Harmonie und Schönheit des Ganzen auf. dcrnatürliche oder krankhafte Abweichu Varietäten, Modificationen, z. B. zarbc des Haares, verschiedene For rc. Abnutzung ist die dnr orauch, wie durch unvermeidlich ununtcrbrvuM fortwirkcndc Natnrkräftc erfolgende Verschlechterung eines Gegenstandes, die bis zur Werthlosigkeit steigen kann (Kleidungsstücke), aber auch bei vielen Gegenständen trotz des vielleicht häufigeren Gebrauches kaum erkennbar ist (Schmuckgegcnstände, Kunst- n. Bildcrwerke, Glas w.). Wie in der Bcwirthschaftnng des einzelnen Haushaltes der Hausvater, so zieht auch der Landmann, der Gewcrbtreibendc, der Industrielle überall bei seiner Rechnungsstellung, bei dcr Jnventarisirnng, die A. an Werkzeugen, Gcräthen, Maschinen, Utensilien, Nutz- und Arbeitsthicren rc. in Betracht und schreibt gewisse Procente am Werthe ab, wird aber auch zugleich Sorge dafür tragen, daß für die Gegenstände, welche von Zeit zu Zeit in Folge der A. eine vollständige Erneuerung erheischen, das Nöthige ans dem Bctricbs- Abolitionisten. capital genommen werden kann. Eine wesentliche A. erleiden die Münzen durch den Gebrauch, und bezeichnet man hier mit A. den ans dem Verkehr der Münzen erwachsenden Gewichtsverlust, der je nach der specifischcn Schwere u. Dauerhaftigkeit des dazu verwendeten Metalls u. der Lcgirung ein größerer oder geringerer sein wird. Endlich ist A. bei einem Schiffe die Verringerung des Werthcs desselben, welche in der Seeversicherung bei der Berechnung des zu vergütenden Schadens einen wesentlichen Einfluß übt; z. B. bei partiellen Schäden am Schiffe muß nach dem Deutschen Handclsges.-Buch Art. 888 vor Allem durch obrigkeitlich bestellte Sachverständige der etwaige Schaden, der ans A. sich gründet, gehörig aus- geschieden werden. Abo, 1) Landsch. des Ncgerlandes Jbo(JgbvH in Ober-Guinea (Afrika), östlich vom Nigcrfluß (Quorra); 3) A. (Ebv oderJbo) Ort darin mit einer engl. Handelsfaetorei. Äbo (spr. Obo), finnisch Turku, schwedisch Torg-Markt, Hauptst. des russischen Gouv. Äbo-Björncborg in Finnland (mit 920,000 Ew.),, zu beiden Seiten des Anrajoki, der nicht weit davon in den Bottnischen Meerbusen mündet u. den Hafen der Stadt (Bekholm) bildet; 18,100 Ew. Die Stadt hat das Hofgericht (Appellationshof) für SFinnland, eine Navigationsschule, ein Gymnasium, eine Bank, Handel zur See n. zu Lande, Fabriken in Leder n. Leinwand, Sei- denwaarcn, Zucker, Tabak, Schiffbau; in der Nähe Schloß Abohus oder Aboslot, die älteste Feste Finnlands; Bad Heinrichsbrunncn oder Kuppis. A. wurde 11o7 von den Schweden gegründet, erhielt im 13. Jahrh. ein Bisthum, welches 1817 von der russischen Regierung zu einem protestantischen Erzbisthum erhoben wurde. Der Friede von A. 7. Aug. 1743 beendigte den langen Krieg zwischen Rußland und Schweden, worin dieses SFinnland bis zum Kymenefluß abtretcn mußte. 23. März 1808 wurde A. wieder von den Russen erobert u. gehört seit diesem Jahre wie ganz Finnland zum Russischen Reiche. Ende August 1812 fand ans Schloß A. auch die Zusammenkunft zwischen Kaiser Alexander I. n. dem von den Schweden zum Kronprinzen erwählten Bernadotte statt, in welcher der am 24. März 1812 zwischen Rußland und Schweden abgeschlossene Vertrag bestätigt wurde. A. besaß von 1640 an eine durch die Königin Christine von Schweden aus dem 1628 von Gustav Adolf gestifteten Gymnasium erhobene Universität. Diese wurde aber nach dem großen Brande 1827, welcher (wie schon frühere 1672 u. 1728) einen großen Theil der Stadt zerstörte, wobei auch die kostbare Bibliothek, alle Sammlungen und Univcrsitätsgebände vernichtet wurden, nach Helsingfors verlegt. A. ist noch heute eine vorwiegend schwedische Stadt. Aüolircn (v. Lat.), abschaffen, aufhcbcn; davon Abolition, Abschaffung, auch Begnadigung. Abolition eines Processes oder Strafverfahrens, s. Niederschlagung. Abolitionistcn , ehemalige Partei in den Verein. Staaten von NAmcrika, welche sich Sie Beseitigung der Sklaverei zur Aufgabe gestellt 76 Aboimisinii Hatto. Gosellschaftcn vonA. bestanden schon vordem Tnordamcrikanischcn Befreiungskriege, die erste in Philadelphia unter der Präsidentschaft von Benj. Franklin, 1775. Der Entwurf der Unabhängigkeitserklärung berüchtigte England, den Colonien den „Fluch der Ncgersklaverei" aufgczwungen zu haben. In Ncwyork wurde 1785 die Manu- mission Society gegründet (John Jay n. Alex. Hamilton), n. ähnliche Gesellschaften bildeten sich in den folgenden Jahren in Rhode Island, Maryland, Connecticut, Virginia u. New-Jcrscy. Mit dem Verbote des asrikanijchen Sklavenhandels erlosch auch die erste Abolitionsbewegung, doch brachte sie Benj. Lnndy durch seine Monatsschrift Olsnins ok universal emaneipation u. seine agi- iatorische Thätigkeit wieder in Aufnahme. Im Winter von 1823 ans 1824 wurde in Philadelphia die erste amerikanische Convention zur Abschaffung der Sklaverei abgehalten. Einen Einfluß auf die Politik indes; begannen die A. erst in den 30er Jahren zu üben. Während der Süden die Sklaverei vom Standpunkte der Moral u. der christlichen Religion zu rechtfertigen suchte, fand imNordcn die Ansicht Vertretung, daß dieSklaverei die Ursache „der Spaltung des Landes in zwei geographische Hälften" sei. W. L. Garrison nahm mit seiner vom 1. Jan. 1831 in Boston erscheinenden Wochenschrift Mw Inberator die Bestrebungen Lnndys wieder auf. Ein Jahr darauf ward dort die New-England Anti-Slavery Society gegründet, die sich bald über ganz Ncn- cngland verbreitete. Im Decbr. 1883 fand in Philadelphia eine ans 10 Staaten beschickte Versammlung statt, ans der die American Anti- Slavery Society hcrvorging. Es wurde zwar die sofortige unentgeltliche Abschaffung der Sklaverei als Eingriff in das constitntionelle Recht der Südstaaten für die beste Politik erklärt, ausdrücklich aber die Anwendung von Gewalt zur Erreichung dieses Zweckes verworfen. Einige Jahre darauf wurde der Grundsatz „keine Union mit Sklavenhaltern" ausgestellt, doch erkannte die 1840 gegründete American and Foreign Anti-Slavcry Society der Bundesregierung das Recht zu, die Sklaverei in den Einzelstaaten abzuschaffen. Aus dieser ging die sogenannte Liberty Party hervor, die sogar zweimal einen eigenen Präsidentschafts- candidaten, Birncy, ansstelltc, dieselbe ging aber 1848 in der Frcibodenpartei auf. Religiöse Anschauungen waren nicht ohne Einfluß bei der Abo- litionistenbewegnng. Tie Verfolgungen, die sic zu erleiden hatte, trugen nur zu ihrer Verstärkung bei. Den Bürgerkrieg (1861—1865) erklärten schon anfangs viele A. nur dann für gerechtfertigt, wenn die Bundesregierung die Sklaverei abfchasfc, n. ihr unermüdliches Drängen hat nicht wenig zum Erlaß der Emancipationsactc vom I. Jan. 1863 beigetragen. Von hervorragenden A. sind noch zu nennen: Wendel! Philipps, der die Aufgabe der A. nicht eher für gelöst erklärte, bis das allg. Stimmrecht auch auf die Neger ausgedehnt sei, n. in seinem -Inti - Llaverx 8tan<1arck dafür zu wirken fortfuhr; ferner Charles Sumner, Theodor Parkcr, Gerrith Smith, der Deutsche- oKarl Follen u. Henry Ward Becchcr. Abomasum, Blättermagen, Buch oder — Abvliy. Psalter, die dritte u. kleinste Abtheilung des Magens der Wiederkäuer. Äbomch (Borne), Hauptst. des Ncgcrrcichcs Dahomeh yn der Sklavenküste in WAfrika; 50 bis 60,000 Ew. Der Ort, in weiter, wasserloser Ebene gelegen, ist von Erdmaucrn mit Gräben umgeben. Die Häuser sind aus Pfahlwcrk erbaut, ohne Fenster, die Dächer ans Flechtwerk. In A. herrscht der König von Dahomeh und läßt bei großen jährlichen Festen Tausende von Menschen auf den Gräbern seiner Vorfahren schlachten; so opferte Anfang der 1860er Jahre der König Bahadung auf dem Grab seines Vaters Gezo 4500 Menschen. Mit Hunderttausenden von Schädeln sind die Mauern und Thore der Königswohnungen verziert, u. werden dieselben zu allen königlichen Zierrathen verwendet; f. Dahomeh. Abominaüel (fr.), abscheulich. Abondance (Notre Dame d'A.), Dorf im Arr. Thvnon des franz. Dep. Haute-Savoie, an der Orence; Friedensgericht, Zollamt, Gipsbrüche, gute Viehzucht, berühmter Käse; 1440 Ew. Nahe dabei ist der Paß über den etwa 1270 m hohen Col d'A. nach dem Nhonethal. Abondio, Antonio der Jüngere, Medailleur u. Maler, 1538 geb., arbeitete in Mailand, Prag u. München und st. 22. Mai 1501 in Wien. Seine Medaillen gehören zu den besten Leistungen jener Zeit und zeichnen sich durch Lebendigkeit der Auffassung, Energie der Darstellung u. lebhafte Jndividualisirung ans. Aboniteichos (a. Gcogr.), kleine Stadt in Paphlagonien, mit Hafen n. Orakel der heiligen Schlange Glykon; späterJonopolis, jetzt Abono (Jncboli),imSandschakKastamunides osmanischen Ejalets Natolien; Bazar, Tandrehcrei, Handel; 3000 Ew. Abonnement (v. Fr.), ist der Ausdruck für' Vorausbcstellung, meist auch Vorausbezahlung einer gewissen Reihe von Leistungen oder Lieferungen, womit seitens des Abvnnirenden gewöhnlich die Verv"">4ung verbunden ist, dieselben innerhalb ein»' Zeit oder bis zn einer gewissen Me fang zn nehmen. Er hat dabei d das Ganze für einen mäßigeren P .ltcn, als der Abnehmer von Einzclleisl- wogegen das A. dem Unternehmer im vorans eine gewisse Einnahme sichert, so daß er danach seine Vorbereitungen treffen kann. Dieser beiderseitige Nutzen wird dem A. im Austausch zwischen Werth n. Maaren, Geld n. Leistungen mehr n. mehr u. auch da Ausdehnung verschaffen, wo cs heutzutage noch nicht gebräuchlich ist. Unter Umständen behalten die Unternehmer sich vor, einzelne Leistungen wegen besonderer Verhältnisse vom A. auszuschließen; so gibt cs im Theater Vorstellungen mit aufgehobenem A., wenn durch besondere Kosten (Gastspiele, erste Aufführungen, F-estvor- stcllnngen) der ermäßigte N-s-preis nicht ausreicht, oder der Ertrag einer besonderen Kasse znfließen soll (Bencfizvorstellnng). Abony, Marktflecken im Bez. Czegled des ungarischen Com. Pest, an der Eisenbahn nach Abvrdabcl — Abvut. Kaschau; Kinderbcwahranstalt, ergiebiger Feldbau, 10,23» Einwohner. Abordabel (fr.), 1) zugänglich, von Häfen, figürl. von Menschen; 2) Fcldmcßk.) ein abor- dablcr Punkt auf dem Felde, ein Punkt, zu welchem man von einem anderen ans in gerader Richtung ohne Hindernis; gelangen kann, um die Entfernung beider zu messen. Abordagc, Anlegen oder Zusammenstößen zweier Schiffe, od. Entern. Bezügl. des dadurch bewirkten Schadens haben die meisten Seerechte gewisse Bestimmungen aufgestellt, von denen aber, sofern sie ans älteren Auffassungen beruhen, das Deutsche Handelsgesetzbuch abweicht, indem es für den Fall, daß ein Schiffsmann des einen der zu- sammengcstoßencn Schiffe die A. verschuldet, den Rheder für den entstandenen Schaden haften n. mit Schiff und Fracht auskommen läßt, daneben aber die zur Schiffsbcsatzung gehörigen Personen für die Folgen ihres Verschuldens persönlich verantwortlich macht. Trifft aber keinen Schiffsmann beider Schiffe ein bestimmtes Verschulden, oder ist die A. durch beiderseitiges Verschulden hcrbcigeführt, so fällt die Haftpflicht für Schaden n. Schiffslcnte weg, ebenso wie in dem Falle, wenn das an der A. schuldige Schiss von einem Zwangslootscn geführt wurde n. sonst die Schiffs- bcsatznng ihre Pflicht erfüllt hat. Aborigrncr heißen im Allgemeinen die Ureinwohner eines Landes (angeblich vom lat. ab ori§ins, v. Ursprung der Zeit an; griech. Autochthoncn), im Gegensätze zu den Eingcwanderten. Die Römer nannten aboriAines ein Volk pelasgischcn Ursprungs, welches in Italien eingewandcrt war und in der Gegend des heutigen Rieti wohnte. Von hier durch die Sabiner verdrängt, zog es weiter südwestlich in die Gegend um die Mündung der Tiber, wo es die Sikuler vertrieb oder mit sich vereinigte u. den Namen Latiner annahm, von welchen die Römer ihren Ursprung herleitcn. Weder der Ursprung des Volkes, noch des Namens der A. ist jedoch geschichtlich fcstgcstellt. Aborinhawurzcl, Wurzel einer noch unbekannten brasilianischen Pflanze, die zu den Cucurbitaceen gehört; eins der heftigsten, Erbrechen u. Purgiren erregendes Mittel, das man in Brasilien Neues Königsinittel nennt. Aüortiva, Mittel, welche ans die Gebärmutter wirken, Znsammenziehnng derselben und, wenn Schwangerschaft besteht, auch Lostrennung der Frucht veranlassen; hauptsächlich spricht man von A., so lange die Frucht noch nicht lebensfähig ist; einer lebensfähigen Frucht gegenüber redet man von ekbolischen Mitteln (LsboUoa). Abortivkur nennt man das Heilverfahren, wodurch man dem Ausbruch einer Krankheit Vorbeugen, oder sic in ihren ersten Anfängen heilen u. ihre Weitercntwickclnng abschneiden will, dessen zweckmäßige Anwendbarkeit indessen noch zu wenig erwiesen ist, od. wegen seiner Gefährlichkeit selbst für das Leben der Patienten bestritten wird. Abortns, 1) so v. w. Fehlgeburt. 2) In der Botanik das Fchlschlagen von Pflanzen- theilen, welche der Anlage nach vorhanden sind, od. sich doch bei nahe verwandten Pflanzenformen 77' finden. So entstehen die Blattstielblätter (Phyl- lodien) mancher Acaciaarten (s. d.) durch A. der Blatt^ che, paarig gefiederte Blätter durch A. d blättchens, diklinische (eingeschlechtliche) ycn durch A. der Staubgefäße in der einen (weiblichen) u. der Stempel in der anderen (männlichen) Blüthe; so fehlt ferner bei vielen Doldcn- pflanzen die Hülle oder das Hüllchcn durch A. der Deckblätter; die Orchidccnblüthe ist l männig (bei Cypripedium Lmännig) durch N. der übrigen (5 resp. 4) Staubgefäße. Während in diesen Fällen der A. Regel ist, kann er auch als- Mißbildung oder Monstrosität auftreten; so sind z. B. die Blüthen des zahmen Schnecballs durch A. der Staubgefäße und Stempel geschlechtslos, u. der Blüthenstand ist dann kugelig; während bei den flachen Blüthcnsträußen des wild wachsenden Strauches mit Ausnahme der (geschlechtslosen) Randblüthen alle Blüthen zwittcrig sind. So ist der Blumenkohl eine monströse Varietät des Gcmüsekohls, durch Fleischigwerden der Blüthenstiele und A. der Blüthen entstanden. Abotis (Abotos, bei den Kopten Apothike, a. Gcogr.), Stadt in Ober-Ägypten, ans der Westseite des Nil; jetzt Abntidsch, Residenz eines Kaschefs, eines arabischen Schcikhs u. koptischen Bischofs. Abouconchou, grobes Wollenzeng, in Marseille verfertigt, geht nach dem Orient. Abont, Edmond Francois Valentin, Schriftsteller des 2. franz. Kaiserreiches, geboren den 14. Febr. 1828 zu Dienze im Meurthedep., erhielt seine Schulbildung auf der Normalschule zu Paris und widmete sich als Mitglied der franz. Schule zu Athen 1851—1853 archäologischen Studien. Nach Paris zurückgekehrt, veröffentlichte er noch 1853 La 6röoo eontem- xoraino, in welcher er sich gleich als Kind des heutigen Paris zu erkennen gab, sich über das moderne Athen lustig machte u. die griech. Regierung mit der größten Rücksichtslosigkeit besprach. Seine Mitbrüdcr von der Journalistik priesen ihn als einen zweiten Voltaire, u. bald schien cs auch, als ob er in der officiellen Welt des Kaiserreiches eine Nolle spielen sollte. Er erhielt eine Art von privater Mission nach Rom, wo er zum Behuf der Napoleonischen Politik die Zustände beobachten und schildern sollte. Der Moniteur nahm seine Berichte ans Nom als Feuilleton ans, unterbrach aber plötzlich deren Mittheilung, weil die Maßlosigkeit dieser Correspondenzen die Regierung zu compromittiren drohte. Nach Paris znrückgekchrt, gab er seine Briefe unter dem Titel La gnestion Domains heraus (Brüss. 1859, 2. A. 1860). In seiner Eitelkeit gekränkt, gab er sich den Anschein eines politischen Opfers, verherrlichte die kaiserliche Demokratie n. glaubte der Regierung in der Opinion nationale Rathschlüge ertheilen zu müssen. Als ihm der Moniteur wegen seiner Zudringlichkeit einen Verweis erthcilt hatte u. die Opinion Nationale seine politischen Feuilletons unterbrach, wandte er sich der hohen Politik zu. So glaubte er den angeblichcnAnncxionsgclüsten derRcgicrung in der Schrift: La nonvslls oarts äs I'Lurops (1860) den richtigen Ausdruck zu geben. Als zwei Mo- 78 kovo inajori cliseit LIN uate darauf die Nachricht kam, daß Napoleon IH. sich beim deutschen Fürstencongreß zu Baden- Baden einfinden wurde, verfaßte er schnell die Schrift ka krasse en 1860 (ursprünglich betitelt: k'kmpsrsnr Hapolson III et la krasse), in welcher er die deutsche Nation der Freundschaft Frankreichs versichert und Deutschland, namentlich Preußen, mit gutem Rathe beschenkt, 1861 schrieb er für die Opinion Nationale wieder wöchentliche Berichte, unter dem Titel: ksttrss «kau bon jsnns komme ä sa oonsins Llaäslains, in denen er die brennenden Tagesfragen auf dem Gebiete der Politik und des Socialismus besprach. Von seinen Romanen u. Novellen sind zu nennen: kss maria^ss äs karis, 1856; ks rm äss LlontaAnss, 1856; Oormains, 1857; kss öebassss äs maitrs kiorro, 1857; krsnts st „ Kieserit, 31„ „ Carnallit, 4,i „ C hlormagnesium, 376,, in wovon in Procenten 86 °/, Kochsalz, 5°/, schwefelsaurer Kalk, 5°/, schwefelsaure Magnesia, 0,,°/, schwefelsaures Kali, 2 ,,°/, Chlormagnesium, 1,g°/, Chlorkalium. Außer den angeführten Mineralien finden sich noch der Sylvin, reines Chlorkalium (1761), der Tachydrit, ein Doppelsalz aus Chlorcalcium und Chlormagnesium ( 6 L 6 I 2 st- -i-IW^), der Kaimt, ein Doppelsalz aus Chlorkalium mit schwefelsaurer Magnesia (L1g80j-pL6l fi-OllzO), seltener der Schomit, Astrakanit m von borsauren Verbindungen der Boracit. Man nimmt an, daß sich dieses Salzlager durch Verdunstung von Meerwasser gebildet habe, durch ähnliche Vorgänge, wie sie sich jetzt noch im Golf von Karaboghaz zeigen, der früher die Verbindung des Kaspischen Meeres mit dem Aralsee bildete. Hier fließt durch den engen Kanal, durch welchen der Golf nur noch mit dem Kaspischen Meere zusammenhängt, ständig Mecrwasser zu und ver-! dunstet dann im Golfe, wodurch die Salzlösung ^ darin weit mehr concentrirt wird, als dies in derselben Zeit im offenen Meere möglich ist. Denn bei einem durchschnittlichen Salzgehalte des Meerwassers von 3„ °/, wäre zu dem Staß- furtcr Lager, falls nicht ähnliche Verhältnisse ^ stattgehabt hätten, ein Meer von ca. 33,000 in ! Tiefe erforderlich gewesen. — Die Fortsetzung des Staßfurter Lagers ist im benachbarten an- haltischen Gebiete aufgeschlossen, wo sich dasselbe aushcbt und bereits bei 150 m Tiefe erreicht wurde, während man in Staßfurt fast 250 in tief bohren mußte, ehe man das Salzgebirge erreichte. Die Verhältnisse sind hier fast dieselben. — Auf das Vorkommen dieser Abraumsalze gestützt, hat sich nun, nachdem man deren Kaligchalt erkannte, seit 1860 eine bedeutende chemische Industrie in Staßfurt und dem benachbarten an- haltischen Gebiete entwickelt, indem man aus denselben als Ausgangspunkt für weitere chemische Processe Chlorkalium darstellt. Die Wichtigkeit der Staßfurter Industrie erhellt am besten aus der Förderung. Im I. 1870 betrug dieselbe an Abraumsalzen auf beiden, dem preußischen und anhaltischen Werke, fast 6 Mill. Ctr.; 1871 fast 8 Will. Ctr.; 1870 wurden in den chemischen Fabriken hieraus dargestellt über 2 Mill. Ctr. Kalisalze, die fast zur Hälfte von der Landwirth- schaft als Düngmittel verwandt, zur anderen Hälfte für weitere technische Zwecke, Salpeter- fabrikation, Glasfabrikation re. verkauft wurden. 800,000 Ctr. gingen allein ins Ausland. Ein , ähnliches Vorkommen, aber wol noch weit reicher, ' findet sich bei Kalucz in Galizien u. ist seit 1868 in Ausbeutung begriffen. Dort findet sich fast reiner Sylvin, ohne Beimischung von Magnesiasalzen u. Kaimt. Man rechnet die dortige Förderung im I. 1871 auf 7—8 Mill. Ctr. Sylvin u. 15 Mill. Ctr. Kainit. Siehe Weiteres in Bischof, Die Stcinsalzbergwerke bei Staßfurt, Halle 1864; ein Aufsatz von H. Stöhr, in der deutschen Ansstellungszcitnng von 1871; von Th. Becker in Wagners Jahresbericht pro 1871. Über Kalucz: Tschermak, Journ. für praktische ^ Chemie o. III. xaA. 250. Abraxassteine od. Abraxasgemmen nennt man geschnittene Steine verschiedener Art u. Form, worauf neben natürlichen Bildern, unnatürlichen Zusammensetzungen oder anderen vieldeutigen Symbolen sich das WortAbraxas od. Abrasax in griechischer Schrift findet, in weiterem Sinne aber alle Steine mit eingeschnittcnen räthselhaften Bildern n. Schriftzügen. Bellermann (Versuch über die Gemmen der Alten mit dem Abraxasbilde, Berl. 1817—19, vervollständigt durch Matters Iliotoirs oritigns äu Anostieisms, 3 Bde. mit Kupfern, Paris 1828) unterscheidet eigentliche Abraxasgemmen, Abraxoiden u. Abraxasrer. Aus i den eigentlichen Abraxasgemmen zeigte sich ein >. menschlicher Rumpf mit Hahnenkopf, Schlangenfüßen und menschlichen Armen, in der rechten Hand eine Peitsche, in der linken ein Kreis oder Kranz niit einem Zweige in der Gestalt eines Doppelkreuzes. Diese Gemmen wurden, wie daS Wort Abraxas, zuerst von dergnostischcn Secteder s Basilidianer (f. d. Art. Basilidcs) als Amulet ° gebraucht, wobei das Wort Abraxas die Zahl 365 83 Abrechnung - nach der Zahlendcutnng der einzelnen griechischen Buchstaben, diese Zahl aber die Gesammthcit der nach den Tagen des Jahres angenommenen 365 Weltgeister, als die Selbstoffenbarung Gottes, bedeutet. Bon den Basilidianern ging diese Lehre zu den Priscillianisten nach Spanien über, woher namentlich sehr viele solcher Steine herkamen; später wurden die gnostischcn Symbole von mehreren anderen magischen, alchemistischen u. dgl. Secten angenommen, so daß ähnliche Steine und Gemmen wol zum größten Theil im Mittelalter als Talismane nngefcrtigt worden sind. Abrechnung (S c o ntr o), Ausgleichung gegenseitiger Forderungen aus Grund für einander geleisteter Zahlungen oder einander gelieferter Maaren, welche im kaufmännischen Verkehre meist dadurch bewerkstelligt wird, daß die einzelnen Posten nebencinandcrlaufend gebucht u. in gewissen Terminen, halbjährlich od. jährlich, zum Abschluß gebracht werden, wobei entweder die Rechnung sich ausglcicht, oder ein Rest (Saldo) auf der einen oder auf der anderen Seite verbleibt. Durch dieses Verfahren können größere Geschäfte mit verhältnißmäßig kleineren Baarsummen betrieben werden, außerdem wird dadurch viel Zeit gewonnen, die sonst auf Hin- u. Herscndcu des baaren Geldes re. verwendet werden müsste. Bei der A. können auch Schulden oder Forderungen dritter u. mehrerer Personen einander überwiesen (scontrirt) werden. Tie A. geschieht theils bei Zusammenkünften auf größeren Messen, in großen Städten an der Börse, oder beim Monats-, Jahres- oder sonst üblichen Abschluß. A. nennt man auch die definitive Feststellung des Guthabens eines Unternehmers und Auszahlung desselben, vgl. Abnahme. Abrechte (Abichte, Äbischte), im Bauwesen die innere, abgekehrte, Hintere Seite, die Rückseite einer Mauer; ebenso die linke Seite des Tuches; daher abrechten (äbichtcn): die groben Haare dieser Seite abkratzcn. Abrede, auch Absprache, ist die besondere schriftliche oder mündliche (gew. letztere) Verständigung über Haupt- und Nebenpunkte eines Geschifftes oder Vertrages, auch ausdrücklich Vereinbarung über die besondere Auffassung schriftlicher Feststellungen u. für besonderen Gebrauch übergebener Urkunden re. Im kaufmännischen Verkehr ist die A. von großer Wichtigkeit, da sie unter den Parteien für die Würdigung ihrer rechtlichen Beziehungen maßgebend ist, den eigentlichen Willen derPartcien erkennen läßt,auf den dann auch die richterliche Beurtheilung der Handelsgeschäfte sich stützen kann. Ist eine A. nicht getroffen, so entsch.idet der Orts- oder Geschästsgebrauch, bestimmte gesetzliche Vorschrift, richterliches-Ermessen. Abreffcln, den Flachs durch eiserne Kämme ziehen, so daß die Samenknoten abgerissen werden. Abregr (fr.), Entwurf, Abrißf; daher abregircn, f abkürzen, znfammeuziehen. Abreges, s. Abstracten. Abrribcrr der Färb cn besteht darin, daß man ! Farben auf dein Rcibstcin mittels des Läufers zu l feinstem Pulver zerkleinert u. mit dem betreffenden fBindemittel, Wasser, Leimwasser, Öl u. dgl., zu nncm Brei gehörig zusammenrührt. — Abrichten. Abreichen der Töne, beim Violinspiel das Greifen zweier nebeneinander liegenden, aber zu verschiedener Handlage gehörigen Töne mit einem u. demselben Finger, uni nicht die Handlage für einen einzelnen Ton verrücken zu müssen. Abreißen, nach Zirkel u. Lineal zeichnen. Abreisen, eine Distance, d. h. nach der Zahl der Schritte oder Galoppsprünge des Pferdes die Entfernung bestimmen. Abrcnunciation(lat.),das Entsagen; adreunu- ciatio ckiaboll, in der alten Kirche die Lossagung vom Teufel in der Taufe, wozu in den Agenden bes. Formeln vorgeschriebe» waren. Abreöjos, Abröjos oder Abrolhos (span., d. h. thu' die Augen auf), Name mehrerer Sandbänke u. Klippen, z. B. bei St. Domingo; bei Sta. Barbara an der Küste von Brasilien; bei Edclsland (Ncnhollaud) n. a. O. Abreschwciler, Dorf im Kreise Saarburg, Deutsch-Lothringen, Post, Papier- u. Glasfabrik, Baumwollweberei; 1740 Ew. Aürets, Lcs, Df. im Arr. La Tonr-du-Pin des franz. Dep. Jsbre, Station an der Eisenb. nach Lyon; Seidenfabrik; 1340 Ew. Abrial, Andrb Joseph, Graf, geb. 1750 zu Annonay. Beim Ausbruch der frauz. Revolution Advocat, wurde er Generalprocurator am Cassationstribunal u. 1799 zur Einrichtung der republikanischen Regierung nach Neapel gesandt. Nach dem 18. Brumaire wurde er Justizministcr, trat aber 1802 aus dem Ministerium in den Senat u. hatte wesentlichen Autheil au der Abfassung des 6ocks Haxolsou; 1808 organisirte er die Rechtspflege im Königreich Italien. Er wurde in den Grafenstand erhoben u. von Ludwig XVIII. zum Pair v. Frankreich ernannt u. st. 1828 zu Paris. Abrichten, metallischen n. a. Körpern die beabsichtigte Gestalt möglichst genau ertheilen durch Hämmern, Pressen oder ähnlich wirkende Mittel; in der Seifenfabr. das Nachgießen von Abrichtlauge beim Scifekochcu, um die letzten Reste des Fettes zu verseifen. Abrichten, Thiercn ihre Wildheit, Schlicht, rn- heit oder sonstige natürliche Eigenschaften benehmen, ihnen andere, in ihrcr Natur nicht liegende beibringen und sie zu gewissen Zwecken brauchbar machen, so daß sie dann entweder den Menschen bei seiner Arbeit durch ihre größere Kraft, Gewandtheit, Schnelligkeit unterstützen, oder auch nur zu dessen Unterhaltung u. Vergnügen dienen. So werden Pferde, Esel, Rindvieh , Kamele, Elefanten, Lamas rc. zum Fahren, Reiten u. Lasttragen, Hunde, Pferde, Falken u. Frettchen zur Jagd, Singvögel zum Pfeifen von Liedern, Papageien, Raben, Staarc zum Sprechen, endlich Pferde, Affen, Bären rc. zum Tanzen oder Kunststückemnchen abgericwct. Die Mittel zur Abrichtung sind sehr verschieden, je nachdem nur die den Thiercn bereits innewohnenden Fähigkeiten weiter ausgebildet u: d einzelne der Erreichung des bestimmten Zweckes entgegenstehende Neigungen unterdrückt, oder denselben ganz fremde Fertigkeiten bcigebracht werden sollen. Hauptmittel sind: gleichmäßige freundliche Behandlung, Belohnung u. Strafe zu rechter Zeit, allmählicher Übergang vom Leichten zum 84 Abries — Abruzzen. Schwereren u. häufiges Wiederholen des bereits Gelernten. Abries, Marktfl. im Arr. Brianpon des franz. Dep. Hautes-Alpes, am Guil, mit Gerbereien u. 1200 Ew. Hier soll nach Einigen Karl der Kahle 877 gestorben sein. Dabei der Col d'A. mit Paß nach Piemont. Abriffeln, s. Riffeln. Abriß, 1) die Copie eines schon bestehenden, dagegen Riß die Borzeichnung eines erst auszu- sührcnden Gebäudes. 2) Darstellung der Hauptmomente eines Gegenstandes; so A. einer Wissenschaft. 3) A. nennen (A. lesen, Web.), nach Anleitung eines A-s (Zeichnung) dem Arbeiter stückweise vorsagen,welcheFädengrhobenwerdcn müssen. Abrogiren (lat.) nannte nian in der röm. Gesetzgebung: vor dem versammelten Volke ans die Aushebung eines Gesetzes antragcn oder es ausdrücklich aufheben; derogiren: es theilwcise aufhebe,:; obrogiren: es mittelbar aufheben; subrogiren: Zusätze dazu machen. Heutzutage gebraucht man nur noch abrogiren für ein Gesetz aufheben u. derogiren für es theilweise aufheben; daher Abrogation, Abschaffung. Abron (Habron), Weichling u. Wollüstling in Ärgos; daherAbronen, Wollüstlinge, Schlemmer u. dgl. Abrösten des Flachses, s. Röste. übrostola, Schmetterliugsgattung, Familie der Eulchcn; haben lange Sauger, borstenförmige Fühler, erkennbare Nebenaugen, auf der Brust oben einen Haarschopf, Flügel in der Ruhe dachförmig; Raupen spannerähnlich, verpuppen sich über der Erde; Arten: ametllxstiua, vir^o, urtieae, vstoia u. a. Nbrudbanya, auch Großschlatten oderAl- tenburg, Bergst. in: sicbenbürgischen Com.Untcr- weißenburg, in dem engen Thals des Ampoly; Sitz eines Bez.- u. Steueramts, Bergcommissariats, Bergverwaltungs- u. Goldeinlösungsamtes, Bez.- spital, Gold-u. Silberbergbau; 4400 Ew. A. ist der Mittelpunkt des siebenbürgischcn Golddistricts im sogenannten Erzgebirge, welches sich zwischen den Flüssen Maros u. Aranyos im W. des Landes ausdehut; die hauptsächlichsten Fundorte liegen zwischen den Orten Topanfalva, Offenbamia, Ponor, Zalathna, Bucsum u. a. an der südl. Seite des Aranyosthales. Da das Gold dem Gesteine fast überall beigcmischt ist u. nur selten als Feingold gefunden wird (z. B. bei Bcres- patak), so müssen die ganzen Steinmassen abgebaut werden. Deshalb sind in diesem Distr. ungeheure Vertiefungen entstanden, welche z. Th. schon aus den Römerzciten stammen, denn an der Stelle der heutigen Stadt A. befand sich die röm. Colonie L.urarig. masor od. L.uraria Oaoias mit einem Goldbergbau-Collegium. Beiden: in der Nähe liegenden Dorfe Abrudfalva liegt der sehenswcrthe Basaltbcrg Dctunata. — Im ung. Ausstande wurde A. an: 10. Mai 1849 von wala- chischen Horden unter Jaukos Leitung geplündert u. nicdergebrannt u. dabei 2000 ungarische Bewohner niedergcmctzelt. Abrufen (Äbschreien), dis Jäger oder Hunde nach beendigter Jagd znrückrufeu. Abrumpiren (v. Lat.), abbrechen, abkllrzen. verstümmeln. Daher Abrupt, abgebrochen, abgerissen; Abrupt«, schnelle witzige Einfälle. Abrund, deutsches Wort für oval, länglich-rund. Abrunden in der Malerei, Formen oder Gegenstände, welche im Umriß oder durch die Schattirung zu hart gerathen sind, durch Cor- rectur weicher machen, oder durch richtiges Schatten- u. Lichtvcrhältniß, wie durch Auflegung der geeigneten Farbentöne auf die ebene Fläche der Leinwand oder des Papiers, so darstcllen, daß sie plastisch rund erscheinen. A. in der Bildhauerkunst auch in Bezug auf die Formen angewendet. Abrnpfen, das Entnehmen der Federn von dem gctödtcten oder geschlachteten Federvieh; man rupft aber auch lebend Vögel, namentlich Schwäne u. Gänse, zuweilen zweimal im Jahre, um die kostbaren Daunen, welche diese Vögel an der Brust haben, zu gewinnen. übrue 1b. (von: gr. llabräs, zierlich), Pflanzen- gattung aus der Fam. der Papilionaceen (LVII. 0) mit 4lappigem Kelch u. kugelrunden Sarnen. Einzige Art: L.. nrooatoriuo L. (vom lat. prsoari, beten, weil die Samen zu Rosenkränzen gebraucht werden), Patcrnosterkraut, Kranzerbse, ein im tropischen Asien einheimischer, vielfach in den Tropengcgendcn cnltivirter Schlingstrauch. Derselbe hat gefiederte Blätter, violett-blaue Blumen u. in jeder Hülse 6 kugelige, steinharte, glänzend korallenrothe Samenkörner mit schwarzer Keimwarze, jwelche zu allerhand Schnmcksachen, mit kleinen Muscheln zur Verzierung von Kästchen rc., ferner zu Rosenkränzen (Paternostercrbsen), in Westindien auch als Gewichte benutzt werden; dieselben sollen giftig sein. Stengel u. Wurzel werden in Westindien ihres süßen Geschmackes weqcn benutzt (indisches Süßholz). Abriisten, 1) die Baugerüste nach vollendeten! Ban abbrcchen; 2) eine Armee von: Kriegsfuß wieder auf Friedensstärke bringen. Abruzzen, Gebirgsland in Italien, bildet den mittleren Theil des Apennin u. zugleich die höchste Erhebung der ganzen Halbinsel; drei breite parallele Hauptzüge erstrecken sich von NW. nach SO. Im N. n. S. stehen dieselben niit einander in Ber-, bindung, sind aber in ihren: Verlaufe von Ebenen u. Thalschluchten vielfach unterbrochen, so von den Thälern der Pescara (mit dem Paß von Pennara), des Salto u. Liri. In der östlichen Kette liegt die höchste Gruppe des Systems, der bis in die Region des ewigen Schnees emporragende Gran Sasso d'Jtalia (Monte Corno), 2990 m hoch, mit dem Monte di Fnno Trojano, Nt. Brancastello (2446 m), an welche sich südl. die Nocca di Li- pareto, die Scalata, der Pietrarossa, der M. Alto anschließen. Die Montagna del Morrona, jenseits des Passes von Pennara, bildet die Verbindung mit der durch ihre Heilkräuter berühmten Montagna Majclla, deren höchster Gipfel der M. Amara, 2923 m. Die mittlere Kette der A. erstreckt sich vom Vcliuo oberhalb Nicti über die Montagna di Nuria mit den: M. Rascano zu ihrem höchsten Punkte, den: 2300 m hohen M. Ve- lino, zieht sich östl. am Seebccken von Celano hin, wo der 2411 m hohe Nt. del Streute emporragt, stößt mit einer zweiten, in: N. des Sees von Celano 1 2 85 Absahuen sich'erhebeudenParallclkette zusammen u. endigt in dem die Quellen des Sangro umgebenden Gebirgskunde, in welchem der M. Turchio, M. Ar- gatone, M. Godi, M. Majuri, M. Casoratore, M- Calvene, M. der Quadri hcrvorzuheben sind. Die südlichste Erhebung bildet der M. Meta, 2267 m. Der nordwestl. Theil des Gebirges hat rauhes Klima, auf den höchsten Spitzen bleibt der Schnee vom October bis April liegen: hier Hausen noch Bären u. Wölfe, auf dem Gran Sasso auch Gemsen; die Abhänge sind bedeckt mit Wäldern von Eichen, Buchen u. Ulmen. Auf dem Hochlande liegt der Lago di Celano (Imeus I?ueinu 8 der Alten), der in neuerer Zeit zum Theil trocken gelegt worden ist. Der SO. hat mildes Klima, angenehme Thäler, aber auch Moräste. Hauptfluß die Pescara, ans Atcrno u. Gizio gebildet. Die Quer- thäler haben den Bau von Straßen u. einer Eisenbahn möglich gemacht. In den Bergen wird Marmor, Gips, Kalk, Salpeter u. Eisen gewonnen. Die Abhänge u. Thäler bringen Färbcrröthe, Safran, Oliven, Feigen, Citronen, Wein. Von Bedeutung ist die Schweinezucht (Würste von Anratrice) u. die Schafzucht. Das Gebirgsland der A. bildet 3 Provinzen des Königreiches Italien: 1) Chieti (Abruzzo citeriore), 2861 Hjüm (51,g7 üjM) mit 1871: 839,986 Ew. in 3 Distr. (Chieti, Lanciano, Vasto) u. 121 Gern., Hauptst. Chieti; 2) Ter amo (A. ulteriore I.), 3324 Hsüm (60,zg HjM) mit 246,004 Ew. in 2 Distr. (Penne u. Teramo) u. 74 Gern., Hauptst. Teranro; 3) Aquila (A. ulteriore II.), 6499 Hflcm (118 ,04 djM) mit 332,784 Ew. in 4 Distr. (Aquila, Avez- zano, Cittaducale u. Solmona) u. 127 Gern., Hauptst. Aquila. Die Einwohner, früher wild u. zu Räubereien geneigt, jetzt ein einfaches, rohes Hirtenvolk, sind anhänglich an Vaterland, Religion u. Regierung, gastfrei, musikalisch; ein schöner Menschenschlag, tüchtige Soldaten u. Reiter. Die A. sind durch die das Gebirge durchschneidenden Straßen strategisch wichtig. Dennoch haben die Abbruzzesen in früheren Kriegen weder Deutsche, noch Franzosen oder Spanier gehindert, in Neapel einzudringcn; 1798 erhoben sie sich ohne Erfolg gegen die Franzosen. Der Versuch Murats 181S, den in A. eine Massenerhebung zu erregen, der gleiche der Constitutioncllcn 1821, mißlang; auch 1848 u. 49, wie in neuester Zeit, ist die Bewegung in den A. unter dem Volke selbst nie zur Bedeutung gelangt, wol aber haben Räuberbanden, von der bourbonischcn Reaction unterhalten, unter dem Scheine politischer Agitation das günstige Terrain zu ihrem Treiben benutzt. Abruzzo ist das alte Samnium mit den Landschaften der verwandten Päliguer, Marser re. Absahnen, so v. w. Abrahmcn. Absaigcrn (abseigern, absenkeln, ablothen), im Bergbau mittels des Seukloths (Absaigcr- schnnr, Senkelfaden) die senkrechte (saigere) Tiefe eines Schachtes messen. Im Hüttenwesen ein Metall von einem anderen oder von sonstigen Be- standtheilen des Erzes durch Schmelzen des leichtflüssigen Theils der ganzen Erz- oder Mctall- masse trennen. Wo der zu gewinnende Theil schwerer schmilzt, sucht man ihn durch Lcgircn mit einem anderen Metall leichtflüssig zu machen, — Absatz. saigert ihn dann aus und trennt darauf durch einen anderen Proccß das zngesetzte legirte Metall von dem zu gewinnenden. Diese Saiger- processe, die z. B. zur Silberabscheiduug aus Schwarzkupfern benutzt wurden, sind jedoch durch andere Extractionsmethoden verdrängt. Nbsalon (hebr. Abschalom, d. i. Vater des Friedens), dritter Sohn Davids, von hervorragender körperlicher Schönheit, welche ihn: viele Freunde erwarb, aber auch die Ursache seines Ehrgeizes u. seiner Herrschsucht ward, die ihn schließlich ins Verderben stürzen sollten. Als sein znm Thronfolger ernannter Bruder Amnon seine Schwester Thamar entehrt hatte, ließ er diesen meuchlings umbringen, floh vor der Rache seines Vaters nach Gesur zu seinem Großvater, blieb hier 3 Jahre, erhielt alsdann wenigstens die Er- lanbniß zur Rückkehr, mußte sich aber noch weitere 2 Jahre vom Hofe fernhalten und erhielt erst danach völlige Verzeihung von seinem Vater. Seine Wiedereinsetzung benutzte er, um sich durch Schmeicheleien die Gunst des Volkes zu erwerben, zettelte eine Verschwörung gegen seinen eigenen Vater an u. wußte das Volk zur offenen Empörung gegen seinen rechtmäßigen König zu verleiten. David ward gezwungen, Jerusalem zu verlassen, u. floh mit wenigen getreuen Truppen über den Jordan. A. eignete sich des Vaters Harem an u. zog demselben mit einem Heere entgegen. In der Entscheidungsschlacht im Walde Ephraim ward A. völlig geschlagen u. auf der Flucht, als er mit seinem Haupte in den Zweigen einer Terebiuthe hängen blieb, von Davids Feldherrn Joab, gegen den ausdrücklichen Befehl des Königs, durchbohrt. Zwei Stadien von Jerusalem befand sich schon in alter Zeit (2. Sam. 18, 18) eine marmorne Denksäule Absalons. Das pyramidalische Felsengebäude am Rande des Thalcs Josaphat, welches dermalen für dieses Denkmal ausgegeben wird, ist neueren Ursprungs. Absam, Dorf im tiroler Bez. Innsbruck in der Nähe von Hall, am Fuße des Haller Salzberges; Wallfahrtskirche, Knopffabrik; 1256EW.; Geburts- u. Wohnort des berühmten Geigenmachers Jakob Stainer, dessen Haus man noch heute dort zeigt. Dabei das Schloß Melans. Absammeltt(Bienenz.), Bildung der Schwärme durch Entnahme von Bienen aus einem od. mehreren Stöcken, welchen dann eine neue Königin beigegeben wird; solche Schwärme müssen für einige Wochen auf einen 1—2 Icm entfernten Stand gebracht werden, damit die Bienen nicht in ihre alten Wohnungen znrückfliegcn. Absarii nannte inan im alten fränkischen Reiche die Lehnsleute, deren Ländereien wol abgemessen, aber nicht bebaut, nicht urbar waren; sie zahlten geringere Abgaben, als die übrigen Belehnten. Absiissige Wolle, Wolle, bei welcher der eine (obere) Theil abgestorben ist, der andere (untere) aber wieder wächst. Absatz, 1) (Bauk.) Stelle, wo die Verjüngung von Gebändemaucrn vorgenoinmen wird; geschieht etngenweise gewöhnlich um einen halben Stein u. dient zum Auflegen von Balken, resp. Mauerlatten; auch die Längenabstufungen bei Mauern 86 Absatzkriscn auf abhängigem Boden, z. B. bei Gartenmauern; bei Treppen der zwischen zwei Armen belegene Ruheplatz ti- Podest). 3) (Bergb.) Der Ruhe« Punkt am Ende jeder Fahrt in den Schacht; Ort, wo ein Gang aus dem Hangenden ins Liegende übergeht; Stelle in schmeidigcm Gestein, wo der Arbeiter ans Bergfeste trifft. 3) (Mus.) Der längere Rühepunkt (der kürzere Abschnitt) in einem Notenstück oder einer musikalischen Periode, welcher indeß durch andere Bezeichnungen, wie Vordersatz u. Nachsatz, noch näher zu bestimmen ist. Fällt der A. ans den Dreiklang der Tonica, so heißt er Grund-A., ans den der Dominante, O-nint- od. Ändernngs-A. A. nennt man auch kurzweg eine melodische Phrase. 4) Das Abgeben von Handelsartikeln an andere Personen gegen Geld, auch gleichbedeutend mit Verlaus überhaupt namcntl. in regelmäßig größeren Quantitäten nach bestimmten Plätzen u. Ländern; richtet sich in der Regel nach dem den Gütern innewohnenden Gebrauchswerthe: je höher dieser ist, je mehr der Mensch dieses oder jenes Gutes zur Befriedigung seiner Bedürfnisse bedarf, desto größer wird die Möglichkeit leichter u. hinreichender Production, voraussichtlich auch der A. sein; während diejenigen Güter, die der Mode u. den; Luxus unterworfen sind, nach kurzer Zeit schon wieder vom Markte schwinden, um anderen Liebhabereien Platz zu machen. Preiserniedrigung u. Preiserhöhung wirken im entgegengesetzten Vcr- hältniß ans Steigerung oder Minderung des A-es, doch wird der A. unentbehrlicher Dinge bei Preiserhöhung nie in der Weise abnehmen, wie bei Luxus- rc. Gegenständen. Ausreichende Versorgung der Consumenten, geminderte Nachsrage u, über das Bedürfniß hinausgehendc Production, erhöhtes Angebot veranlassen, wenn auch nur vorübergehend, eine Stockung des A-s. Längere Störungen im A. überhaupt, wie bcs. hinsichtlich einzelner Güter, bringen Noth- od. Kricgs- jahre, allgemeine Unglücksfälle; insbesondere lähmend aber wirken auf den A. falsche Grundsätze in Finanz-, Zoll- u. Handelspolitik, während möglichste Erleichterung u. Beschleunigung des Verkehrswesens, möglichst freie Bewegung in Handel n. Wandel den A. nur zu heben geeignet sind. Absatzkrise», vgl. Handelskrisen. Absiingel» (Gartenb.), so v. w. Ablactiren. Absceß (v. Lat., gr. ^pootoma, Eiterbeule, Eiterherd), eine durch Ansammlung von Eiter (wahrer A.) oder eitcrähnlichcn, selbst jauchigen Massen (falscher A.) gebildete Geschwulst in inneren oder äußeren Thcilen des Körpers, gewöhnlich die Folge von entzündlichen Reizen, die auf das betreffende Gewebe eingewirkt haben. Je nach den Geweben, in denen sie sich bilden, bezeichnet man sie als Gehirn-, Leber-, Knochen-, Muskel- rc. A-e. (s. d. Art.). Am häufigsten finden sie sich in dem unter der Haut oder den verschiedenen Fascien gelegenen Bindegewebe, u. spricht man von A-cn schlechtweg, so versieht man darunter diese Bindegcwcbs-A-e. Nach der Art ihrer Entstehung u. ihren; Verlaufe unterscheidet man folgende 4 Arten: 1) Der entzündliche oder heiße A. 2) Der kalte od. Lymph-A. (s. Lhmph-A.) — Abschatz. 3) Der Senknngs- oder Congestions-A. (s. Con- gestions-A.). 4) Der metastasische A. (s. Metastasen). — Der heiße A. kann sich in jedem Gewebe des Körpers bilden u. ist gewöhnlich die Folge einer mehr oder weniger heftigen, aus ein kleines Gebiet beschränkten und nur kurze Zeit andauernden Entzündung (s. d.), die zur Eiterbildung (s. Eiter) geführt hat. Wenn nicht locale Verhältnisse, z. B. Fascien, Aponeurosen, es verhindern, so bildet er meist eine halbkugelige oder elliptische, in ihrer Größe sehr wechselnde, eitergefüllte Höhle, die nach einiger Zeit an ihrer Innenfläche mit einer glatten Haut (spyogenen Membran), gleichsam einem aus verdichtetem Gewebe gebildeten Schutzdamme gegen ihre weitere Ausbreitung, überzogen ist. Liegt der A. nahe der Oberfläche, so bildet er eine circumscripte, schmerzhafte, von entzündlicher Röthe umgebene n. sich heiß anfühlende Anschwellung u. knotige Verhärtung, die denn weiteren Wachsthum eine über die Oberfläche hervorragende, weiche, elastische, von einem härteren Walle umgebene Geschwulst bildet, die das Gefühl der Schwappung (Fluktuation, s. d.) darbietet. Tiefer oder unter festeren Theilen gelegene A-e lassen sich häufig nur mit Schwierigkeit Nachweisen. Behandlung: Gelingt eS nicht, eine zur A-bildung neigende Entzündung zum Stillstände oder Rückgänge zu bringen, so muß dem Eiter sobald als möglich ein Ausweg verschafft werden. Bei kleineren A-en überläßt man dies der Natur, indem man die Reifung (Matnration) derselben durch passende Mittel (reizende Zug-j Pflaster, warme Bähungen) befördert, während man bei größeren, besonders auch bei solchen, die unter festeren Theilen liegen (da der A. hier gewöhnlich bereits zu großartigen Zerstörungen geführt hat, bevor der Eiter einen Ausweg nach außen findet), mit der künstlichen Eröffnung (Onkotomie) mit Lancette, Bistouri oder Scalpell nicht zu lange warten darf. Die Vortheile der künstlichen Eröffnung sind: Minderung der Gefahr und Schmerzen, Abkürzung des Verlaufes n. die Erzielung besserer Narben. Die A-e in inneren Organen sind natürlich für jede chirurgische Behandlung unerreichbar u. führen, wenn nicht ein Stillstand in ihrem Wacksthnm cintritt, stets zum Tode. Aüschatten, in der Malerei: die Schatten durch sorgfältig gemischte Farben so wiedergeben, wie sie sich dem Auge in der Natur zeigen; beim Zeichnen: diese Schatten durch Tuschen, Wischen, od. durch Strichlagcn wiedergebcn. Abschatz, Hans Aßmann Freiherr v-, deutscher Dichter der zweiten Schlesischen Schule, geb. 4. Febr. 1646 zu Würbitz in Schlesien; studirte in Straßbnrg u. Leyden, bereiste darauf England, die Niederlande, Frankreich u. Italien u. bewirth- schaftete dann die väterlichen Güter. 1675 wurde er Statthalter des F-ürstcnthnms Liegnitz u. leistete als solcher wie als Abgeordneter ans dem Fürstentage zu Breslau u. als schlesischer Gesandter in Wien seinem Vaterlande nicht geringe Dienste. Später zog er sich aus seine Landgütcr'zurück, wo er den Musen lebte; er starb 22. April 1699. Er gehört zu den besseren Dichtern des 17. Jahrh. Die Schule Hosfmannswaldaus und die Nach- 87 Abschätzen. - ahmung der Italiener hat zwar , ihre Spuren an ihm zurnckgelaffcn, er ist von Überladung u. Schwulst nicht frei; aber im Ganzen macht er den Eindruck der Wahrheit, Natürlichkeit u. Reinheit. Er fchr. Liebes- u. Vaterland. Gedichte, geistl. Lieder, Epigrammen. Übersetzungen, z.B. des ikastor tiäo (des treuen Schäfers) ans dem Jtal. des Guarini. A-s Poet. Nachlaß, herausg. von Gryphius, Lpz. u. Bresl. 1704. Abschüßen, Abschätzung (Taxation), ist die Werthbestimmung einer Sache od. eines Rechtes, bes. wenn sie zur Erledigung einer Streitfrage von dem Richter, od. zur Feststellung eines Geschäftsabschlusses in gesetzlich giltiger Form angenommen wird. Die A. ist nothwendig nach vielen Rechten, z. B. beim Zwangsverkanf von Fahrniß oder Liegenschaften, das preuß.Recht hat sie hier nur noch als Ausnahme (neuestes Gesetz hierzu die Subhastationsordn. vom 15.März1869). Die meisten Rechte erheischen die A. bei Veräußerung von Liegenschaften Bevormundeter», bei Erbauseinandersetzungen, in welchen Bevormundete mittheilen; nothwendig ist sie ferner bei der Zwangsenteignung (Expropriation) und bei Bestreitung erheblicher Werthangaben im Civilproceß, bei Schadensermittelungen, bei der Vertheilung der Grundsteuer u. in vielen anderen Fällen. Die A. kann selbstverständlich nicht von den zunächst Betheiligten oder einer der beiden Parteien vorgenommen werden, auch ist im Klagesallc der Richter nur ausnahmsweise dazu befugt, da ihm in der Regel die nöthige Kenntniß fehlen wird. Ans diesen Gründen bestellt die öffentliche Behörde entweder im einzelnen Fall, oder allgeniein einen oder mehrere Fachmänner, Sachverständige (Experten oder Taxatoren). Stehen sich mehrere Betheiligte gegenüber, so Pflegt jeder Theil einen Abschätzer zn wählen, denen die Behörde, wenn sie sich nicht einigen, einen Obmann zuordnet, od. mehrere übcrordnet; wird dann die Übereinstimmung oder die Gewißheit hierbei noch nicht erreicht, so Pflegt man die Mittclsumme aus den einzelnen Schätzungen anzunchmen. Die Taxatoren werden für den einzelnen Fall vereidet, od. geben ihr Urtheil auf ihren Amtseid ab. Im Gebiete des Preuß. Landrechts stellen die Gerichte bestimmte Schätzer — Gerichtstaxatoren — an, aus 100,000 Seelen durchschnittlich 50—80, je nach dem Bedarf. Sie sind geprüft u. oft auf bestimmte Gattungen von A. beschränkt, ein Schiffsban- mcister auf Schiffstaxen, ein Ziminermann auf Gebäude-Taxen rc. Ihre Gebühren erhalten sie von den Parteien. In Hessen-Nassau, Württemberg u. a. a. O. sind die Dorf- oder Ortsgerichte (Schultheißen u. Schöffen, Feldgerichte) zugleich die Taxationsbehördc. Vergl. auch den Art. Taxe. — A. in der Malerei, Entfernungen, Größenverhältnisse und Farbenstimmungen mit dem Auge richtig beurtheilen. Abscheiben, so v. w. Schcibcnreißen, Spleißen beim Kupferhüttenproccß, wobei das geschmolzene gare Kupfer mit Wasser bespritzt wird, dadurch an der Oberfläche erkaltet und eine feste Scheibe bildet, die man mit der Zange abhebt. Abscheu des Leeren, s. Horror vaoui. Abscheulich, in hohem Grade widrig u. Ab- - Abschied. scheu erregend. Physisch a. ist, was dem Triebe nach Wohlbefinden in hohem Grade zuwider ist. also für Geruch rr. Geschmack das Ekelhaste, für Gefühl u. Gesicht das Widerwärtige; moralisch a. ist, was deni sittlichen Gefühl zuwider ist, z. B, das mit heimtückischer Überlegung, mit boshafter Kälte verübte Laster, Verbrechen, der Bcrrath rc. Doch ist der Begriff des A-en kein absoluter, sondern je nach den Ansichten, Theorien u. Vor- urtheilcn der Zeit verschieden. Manche Handlungen im öffentlichen Leben, die man vor Zeiten als vortrefflich angesehen, gelten heute als a. u. umgekehrt. Auch je nach Volksklasse, Nationalität und Race ist der Begriff des A-en im weiteren Sinne verschieden. Abschichtnng, Abfindung (Rechtsw.). Wenn ein Wittwer das von seiner Frau hiuterlassene, in seiner Verwaltung befindliche Vermögen zu verwalten unfähig wird, verschwendet, oder wenn er zur zweiten Ehe schreitet, so haben die Kinder erster Ehe den Anspruch, daß ihnen der ihnen gebührende Antheil am Vermögen ihrer Mutter ausgeantwortct wird. Die Gewährung desselben heißt A. Sie kann auch außer den genannten Fällen freiwillig herbeigesührt werden u. dient namentlich zur Auseinandersetzung von Familien- gliedcrn wegen ihrer Ansprüche am Hof oder Kotten, Haus, Handelsgeschäft oder sonstigen gemeinschaftlichen Vermögen. Die Abs. der Kinder kommt bes. in NDeutschlaud vor, indem dort meist nur ein Kind ini Hof oder Kotten nachfolgt, die anderen Abs. erhalten (Abs. vom Vatergut, vom Muttergut). In Rheinfranken u. in Baycrisch- n. Thüringisch-Franken und seit der französischen Revolution auch in Frankreich wiegt die Natural- thcilung (meist als Vcrloosung des Landes unter die Erben, Versteigerung des Hauses und der Fahrniß mit Gleichtheilung) vor; in SDcutschland n. der Schweiz besteht beides. Der oder die Abgefundenen sind von der jetzigen Theilmasse nach allen Rechten abgeschichtet, inwieweit auch von künftigen Erbcfüllen innerhalb dieser Theilmasse, ist landschaftlich sehr verschieden. Abschied, Entlassung (u. zwar eine ehrenvolle im Gegentheil zu der Absetzung wegen Vergehens) aus einem öffentlichen Dienst, bei Beamten, Offizieren rc. mit Pension, meist mit einer Erhöhung im Titel od. mit Ordensverleihung verbunden. Auch das darüber ausgestellte Zeugniß oder die Urkunde heißt A. Abschied oder Reccß nennt man ferner die Urkunde, welche bei der Beendigung einer Reichs-, Landes- oder Provinzial-Stände- versammlung die erledigten Geschäfte und Gesetze verzeichnet u. abschließt, insbesondere mittels l erthciltcr oder versagter Zustimmung des Staats- ^ Oberhauptes, so Reichstags- (Reichs-) u. Land- . tags-A-e, letztere noch heute, 1874, in Preußen ^ für die Provimialstände. Von den deutschen Rcichs-A-en heißt der von 1654 der letzte oder ! der jüngste, da sich der Reichstag von 1603 bis - zn seinem Ende, 1806, nicht mehr trennte. Die - ältesten Reichs-A-e sind verloren gegangen, oder : nur noch in Privatsammlungen vorhanden; die , beste Zusammenstellung ist von Senkenberg und Öhlenschlägcr (4 Thle. Fol., Franks, a. M. 1747). - Im neueren Vcrsassungslcben pflegt der Abschluß 88 Abschiencn (die Genehmigung oder Ablehnung) zu den Verhandlungen der Volksvertretung, welche solche erheischen, einzeln zu ergehen (Unterzeichnung des Gesetzes durch den Landesherrn). Die schweizerischen Tagsatzungs-A-e der Zeit vor 1798 sind durch die eidgenössische Bundeskanzlei in Herausgabe begriffen u. bald vollendet, während diejenigen von 1803—1848 (Ende der „Tagsatzung") jeweilen gleich nach der Erledigung der Geschiiste gedruckt wurden. Abschienen heißt im Bergwerke eine Grube oder ein Werk vermessen; im Baufach sowol mit Eisenschienen belegen, als auch dieselben ab- nchmen. Abschilferung, blätteriger Abgang der Haut, s. Haut u. Hautkrankheiten. Abschlagen, 1) (Jagdw.) beim Zerlegen des Wildprets, die Knochen zerhauen; bei Hirschen u. Rehen, die rauhe Haut vom Gehörn abstoßen; von Keilern, andere Keiler in der Begattungszeit vom Rudel vertreiben; auch von Keilern, das Fangeisen seitwärts wegschlagen; vom Wilde, den Hunden entgehen, oder sich gegen dieselben zur Wehre setzen; 2) (Wasserb.) die Wasser durch einen Abschlaggraben aus dem Graben absuhren; 3) (Landw.) Mist oder Erde a., sie mit Haken vom Wagen ziehen; 4) (Seew.) die Segel von den Raaen abnehmen; das A. nennt man endlich ein Trommelsignal an Bord eines Kriegsschiffes, als Zeichen der Beendigung eines Dienstes; s. u. Entern. Nbschlagsdividcnde, vgl. Dividende. Abschlagszahlung (Ratenzahlung), die theil- weise Zahlung (Voraus- oder Abzahlung) einer größeren Summe oder Schuld. Abschliinimen, s. Schlämmen. Abschläinmbare Theile, s. Feinerde. Abschließen, die Geschäfts- oder Handelsbücher. Es geschieht dieses jährlich einmal, indem man die Saldi der Conti seststellt u. aufs Neue vorträgt; vorher findet die Aufnahme od. Inventur der Vermögens-Gegenstände statt. Der Abschluß, welcher alle Theile des Vermögens u. der Schulden nachweist, heißt Bilanz. Abschlingern heißt in der Seemannssprachc das Abreißen, bezw. Zerbrechen von Gegenständen, z. B. Masten, Stengen, Booten, durch allzu heftige Schliugerbewegungen des Schiffes, d. i. Schwankungen von einer Seite zur anderen. Abschlußzettel, die von einem Makler ausgestellte Bescheinigung über ein abgeschlossenes Geschäft; derselbe hat gerichtliche Giltigkeit. Abschmatzen (Forstw.), die Stöcke der gefüllten Bäume nicht ausroden, sondern bis zur Erde mit Keilen abspalten. Abschneide», I) das Trennen eines Theiles von seinem Ganzen, eines Gliedes von dem Körper re. Letzteres, außer bei chirurg. Operationen (s. Amputation), kam als Strafe für Verbrechen in früherer Zeit u. bei barbarischen Völkern vor, so das A. der Finger bei Meineidigen, bes. der drei Finger, womit sie geschworen, A. der Nase, derOhren(fürKriegsgefaugeue), der Zungenspitze (für Gotteslästerer). 2) In der Kriegsw. heißt A. ein Heer od. einen Hcerestheil von seiner Basis, einem andern HecrcStheil, einer Festung rc. — Abschoß. > verdrängen, so daß der Gegner sämmtlichs oder doch die nächsten Verbindungslinien innehat; so wurde neuerdings z. B. durch die Schlacht bei Mars-la-Tour 16. Aug. 1870 die franz. Rheinarmee von ihren Verbindungen nach Chalons u. Paris abgeschnittcn. 3) (Geodäs.) Durch Visiren an 2 bestimmten Punkten die Lage des dritten feststellen. 4) (Jagdw.) Beim Treibjagen einen Trieb in 2 Theile theilen; vom Biber od. anderen Nagethieren: einen, Stamm, Ast rc. abnagen. Abschneiteln, Äste der Bäume ausschneiden. Abschnitt (Segment), 1) in der Geometrie: a) ein Stück einer Figur, welches von einem Theil ihres Umfangs u. der geraden Verbindungslinie der Endpunkte desselben begrenzt ist; so ist ein Kreis-A. ein durch einen Kreisbogen und die zugehörige Sehne begrenztes Stück der Kreisfläche; b) ein Stück eines Körpers, begrenzt durch eine denselben schneidende Ebene u. einen Theil seiner Oberfläche. Die Berechnung des A. einer krummlinigen Fläche oder eines Körpers (s. Quadratur u. Cubatur) ist nur dann möglich, wenn das Gesetz der Entstehung der Fläche oder des Körpers durch einen mathematischen Ausdruck (Gleichung) dargcstcllt werden kann, u. erfordert dann meist Anwendung der Integralrechnung. 2) In der Stilistik eine meist auch äußerlich, z. B. durch besondere Überschrift, kenntlich gemachte Unterabtheilung eines Schriftstückes, die einen für sich bestehenden Theil derselben ausmacht. 3) In der Musik ein wenigerbestimmt abgegrenztcrTheileiner Melodie, im Gegensatz zu deren bestimmter begrenzten Gliedern, wie Periode, Vorder- u. Nachsatz. 4) Im Kriegsw., a) A. im Terrain: jede Gestaltung des Terrains, welche, wie Flußlinien, Bergrücken, Waldlisiören rc., der Verteidigung günstig ist, u. wo man also dem vordringenden od. verfolgenden Feinde sich entgegenstellen kann; b) in Festungen: Bertheidigungswerke hinter der ersten Linie, entweder von vorn herein für die Dauer erbaut, od. während des Kampfes z. B. hinter einer entstehenden Bresche angelegt. Abschnüren- 1) eine Linie auf einem Balken, Brett, Fußboden, Plafond, Werkstein rc. bezeichnen, nach welcher etwas bearbeitet werden soll. Das A. geschieht mittels einer mit einem Färbstoff getränkten Schnur, die, indem sie lothrecht angezogen u. dann losgelassen wird, die Linie, Abschnürungslinie, verzeichnet. Durch A. wird die Dicke der Bretter od. Hölzer bezeichnet, welche aus einem Balken geschnitten werden, ferner die genaue Richtung, in welcher die Platten eines Fußbodenmusters verlegt, auch die Eintheiluug von Plafonds od. Wänden, welche bemalt werden sollen. 2) S. abstecken 2). Abschoß, Erbschaftsgeld, Nachsteuer von Erl e fällen, Zabslla llsrsäitaria, war nach dem Recht- des Mittelalters die Einlösungsgabe für eine Erbschaft od. einen Erbschaftstheil, welche außer Landes in ein fremdes Gebiet gingen. Eine Erbschaft, Schenkung, ein Brautschatz u. dergl., welche einem Ausländer zufallcn sollte, konnte erst nach Entrichtung einer 'Abgabe, des 20. bis sogar 3. Theils, außer Landes gehen, weil der Schutzherr des Erblassers rc. zu den: Fremden nicht in einem Rechts- od. Pflichtverhältniß stand, 89 Abschreibung sondern das Vermögen nur ans Billigkeitsgründen auslieferte. Denn nach germanischem Recht war der Fremde rechtlos. Das Recht des Abschosscs stand vielfach dem König od. dem Grundherrn, oft auch den Städten, feit Entstehung der Landesherrlichkeit meist dem Landesherrn zu. Für Deutschland hoben 8 18 der Bundcsacte u. ein Bundesbeschluß vom 23. Juni 1817 den A. allgemein u. ohne Entschädigung auf. Mit außerdeutschen Staaten (wenigstens den meisten, die überhaupt in politischen u. geschäftlichen Beziehungen stehen) ist in neueren Zeiten das Erbschaftsgeld durch Freizügigkeitsverträge beseitigt worden, so daß der Ausländer nur dieselben Erbschaftssteuern im fremden Lande zu entrichten hat, wie der Einheimische. Abschreibung, im kaufmännischen Verkehr das Verfahren, wonach in den Geschäftsbüchern der in der Regel durch ein Conto repräsentirte kostende Werth eines Gegenstandes in seinem Betrage herabgesetzt wird. Bei dem jährlichen Abschluß -finden A-en auf solche Gegenstände statt, deren Werth im Laufe des betreffenden Jahres durch Gebrauch (Verschleiß) oder durch andere Umstände abgenommen hat, z. B. Maschinen, Geräthschaften re. Die A. soll mit der Entwerthung gleichen Schritt halten, so daß mit dem Aufhören des Werthes derselbe auch nicht mehr in den Büchern figurirt. Durch die A. wird der Werth eines Gegenstandes nach und nach amortisirt. Abschrift (lat.Lopia), gleichlautende schriftliche Wiedergabe einer Urkunde (Original od. Urschrift im Gegensätze zur A.). Sie ist einfache A. (6oxia siiuxlsx), wenn sie nicht ein Richtigkens- Zeugniß der zuständigen Behörde trägt, beglaubigte A., wenn dies der Fall (6opia vickimata, von vläl, gesehen, oder tiäoinata, von ückss, Treue). Exemplificirte A-eu nennt man diejenigen, bei denen die Beglaubigung zugleich mit Zuziehung sämmtlicher Interessenten u. unter Anerkennung der A. durch dieselben erfolgt ist. Wird die Beglaubigung durch 2 Personen verrichtet, indem der Eine das Original vor-, der Andere die A. uachliest, so heißt diese A. Ooxia au- seultata. Einfache A-en haben keine Beweiskraft, sie müßten denn von hohem Alter u. in Archiven aufbewahrt, oder sonst ausnahmsweise zweifellos sein. Die beglaubigte A. hat die volle Beweiskraft der Urschrift. Der Abdruck einer Urschrift nrittels Copirpresse rc. ist selbstverständlich gleichlautend. Nbschrot, Amboßeinsatz mit nach oben gewendeter, keilförmiger Schneide zum Abhauen von Metallstücken. Abschroten, 1) Holz mit der Schrotsäge abarbeiten; 2) einen Steinblock od. eine Steinbank zu Werkstücken zertheilen. Zu letzterem Zwecke gräbt man nach den bestimmten Richtungen einige om tiefe Rinnen ein, in die man eiserne Keile gleichmäßig eintrcibt; hierdurch spaltet sich der Stein in entsprechender Weise. Zum A. von Metall bedient man sich eines Abschrots oder Meißels. Abschuppung (Desquamation), eine Abstoßung der Haut nach verschiedenen Krankheiten ^Scharlach, Maseru) u. besonders bei Hautkrankheiten (s. d.). — Abschwung. Abschürfen des Unkrautes (Gartcnb.), das Reinigen des Bodens mit dem Schürf- oder Schaufcleisen. Abschüssig, 1) (Forstw.) so v. w. Abholzig; 2) (Kriegsw.) diejenigen Bergabhänge, welche für Kriegszwecke unpassirbar sind, d. h. die 40° oder darüber steil sind. Abschuß, jede schräg ablaufende Ebene, bes. zuni Ableiten von Flüssigkeiten, wie die Fläche eines Daches rc. Abschützen (Mühlenw.), das in einem Gerinne fließende Wasser durch Einstellung eines Schutzbrettes aufhalten. Abschwärme» (Bienenzucht), Aufhören zu schwärmen. Abschwefeln, 1) (Hüttenw.) durch Rösten den Schwefelgehalt eines Minerals vermindern oder ganz austreiben; geschieht in freien Haufen oder Öfen. Auch das Vercokcn der Steinkohlen nannte man früher fälschlich so, indem man glaubte, den Schwefelgehalt dadurch zu vertreiben, was aber nicht der Fall ist. Möglich ist dies allerdings durch Anwendung kräftiger chemischer Mittel, namentlich Salzsäure und Chlormetalle, die in wässerigen Lösungen aus die im glühenden Zustande befindlichen Brennstoffe gespritzt werden. 2) In der Biencnz. heißt A., die Bienen niit Schwefeldampf tödteu; es geschieht meist im Herbste behufs der Honiggewinnung. Abschwemmen (Landw.), a) der Wiesen, eine Art Bewässerung niit dem Zwecke, die Erde von der ein Flußthal umgebenden Anhöhe mittels übergeleiteten Wassers herab- u. in den niedrigen, meist morastigen Theil des Thales zu schaffen. Man gewinnt so allmählich eine ebene, aelind abhängige Fläche, welche durch den bei der Abschwemmung gebildeten u. bcuferten Graben von der Höhe aus stets bewässert werden kann; b) das A. des Ackerlandes erfolgt auf abhängigen Feldern durch Regengüsse, die gute Erde wird dadurch von Jahr zu Jahr vermindert; diesem vorzubeugen, zieht man horizontal am Abhange hin Fanggräben mit geringem Gefälle. Abschwingen, den Flachs durch Schwingen reinigen. Abschwitzen (Gerb.), die Haare der Felle mit Salz wegbeizen. Abschwören, eidliche Verneinung od. Lossage im gerichtlichen Verfahren beschwören, daß eine vom Gegner ausgestellte Behauptung, insbesondere insoweit sie eine Handlung, Schuld rc. des Schwörenden betrifft, nicht wahr sei. S. Abjuriren u. Eid. Der Ausdruck gehört in dieser Hinsicht mehr dem gemeinenLeben,als der wissenschaftlichen u. juristischen Sprache an. So sagt man> die Vaterschaft im Schwängcrungsproceß a., eine Schuld a.rc. Beim Übertritt von einem Glaubensbekcnntniß zum anderen wird das A. von manchen Kirchen verlangt, insbesondere von der römisch- katholischen. Hierhin gehört auch das A. einer von der Kirche für ketzerisch erklärten Behauptung oder Lehre. Abschwung heißt die 2S25 in hohe vorspringende Felsmasse, welche in der Tiefe des Nntcr- aargletschers in der Schweiz (Kant. Bern) den Finsteraargletscher vom Lauteraargletscher trennt, 90 ^scissc - u. wo die schweiz. Naturforscher Hugi (1827), Agassiz (1840—44) u. A. ihre berühmten Glet- schcrbeobachtungen anstellten. Abscisse, mathematischer Ausdruck, s. Coordi- naten. Abseisfion, Abschneidung, 1) (Chir.) so v. w. Amputation. 2) (Rhet.) so v. w. Aposiopese. Abscon, Dorf im Arr. Valenciennes des frz. Dep. Nord, Station an der Nordbahn; Zuckersiederei, Ölmühlen: 1650 Ew. Absegeln, 1) (Seew.) Masten, Stengen u. Raaen durch zu starken Wind zerbrechen; 2) (Mühlw.) die Ruthen oder Flügel von Windmühlen, die Segel von den mit Segeltuch bespannten Windflügeln beim Stnrmwetter ganz oder zum Theil einziehen u. aufwickeln. Abseide, so v. w. Floretseide. Abseite, Seitengang eines Hauptraumes, der Flügel an einem Hauptbau, das Seitenschiff einer Kirche. Irrig wird auch A. anstatt Apsis gebraucht. Absenker, s. Ableger. Absens keres non ent (lat. Sprichw.): Wer nicht zur rechten Zeit da ist, erbt nicht; entsprechend unserem: Wer nicht kommt zur rechten Zeit, der muß essen, was übrig bleibt. Absent (lat. absens), abwesend, Absenz (ab- ssntia), die Abwesenheit, Absentation, die Entfernung, absentiren,sich entfernen, Absenz- oder Absentenlisten, die Verzeichnisse Derer, welche gegen ihre Pflicht zur Theilnahme an Versammlungen rc. fehlten, z. B. Schüler beim Unterricht; Absenten, Ablegaten nannte man bis 1848 in Ungarn junge Edellcute, welche au Stelle der Magnaten, welche beim Landtage zu erscheinen verhindert waren, od. für weiblicheHäup- ter der Familie am Landtage theilnahmen und daselbst sprechen, aber nicht stimmen durften. Dootor in abssntia, Jemand, der an einer Universität die Doctorwürde erhält, ohne sich einer persönlichen Prüfung zu unterwerfen, sei es in Folge literarischer Leistungen, oder auch für Geld; in Amerika n. auch anderwärts eine Art Industrie der Hochschulen. Absentismus (engl, absentssism, spr. Äbsen- tiism), ein in Irland entstandenes Wort, welches die regelinäßige Abwesenheit der großen Grundbesitzer von ihren Gütern bezeichnet. Der A. ist mit ein Grund der Verarmung u. des Verkom- mens des irischen Volkes u. anderer Völker, weil die reichen Grundherren, während die übrige ackerbauende Bevölkerung meist auf kleinen Pacht- wirthschaften kaum das zum Leben Nothwendigste erwerben kann, ihr Einkommen dem Lande entziehen n. verzehren. Dazu kommt noch, daß die Besitzer ihre Güter von fremden Beamten verwalten lassen, welche für ihre Herren rücksichtslos möglichst hohe Renten heranspresscn u. oft dazu eigennützig für sich selber sorgen. Absenz- gelder, eine vorgeschlagcne Besteuerung der Abwesenden (Absenters), würden Iren schlimmen Verhältnissen des Landes nicht zu Gute kommen, u. ein Zwang für die Grundbesitzer in Betreff zeit- weisen Aufenthaltes in der Heimath ist mit dem Rechte der persönl. Freiheit nicht vereinbar, so daß erst die allgemeine Hebung, beziehungsweise - Absinth. gründliche Veränderung der Zustände Irlands diesem Übelstande mehr u. mehr abhelfen kann. In ähnlicher Weise n. Wirkung tritt A. in Italien, Spanien u. Portugal u. in Ostindien, auch in Amerika auf. H. C. Carey (Die Grundlagen der Socialwissenschnft, Münch. 1863—64., Bd. III.) liefert den Nachweis, daß der A. eine Folge der Zunahme der Centralisation sei u. daß beide mit einander wachsen; daß überall mit der Vermehrung des A. das Elend sich vermehre u. der Staat schwächer werde. Außer Carey betrachteten den A.: I. R. Mac Culloch, A. statist. aeoorwt ob tbs Uritisir ümpiro, Lond. 1837. 2 vol. (im 1. Bd.);s I. B. Sah, 6onrs eomxl. ä'seooomis paiitigns. 2. öäit., Lrnxsllss 1840; G. de Beanmont, D'Irlanäo. 4. eciit., Paris 1840. 2 vol. (im 1. Bd.). Absehen, 1) (Rechtsw.) eine gefällte Entscheidung (Urtheil od. Beschluß) schriftlich ausarbeiten, bes. die Gründe. 2) Aus dem Amte entfernen. 3) (Seew.) Mit einem Boote von Land, d. h. sich mit dein Boote vom Lande entfernen, von der Schiffsseite abstoßen. — A. auf der Karte bedeutet das Aufträgen des Schiffsortes od. Curses auf der Seekarte. A. wird auf dem Schiff auch das Trockenmachen der Decke genannt, welches niittels „Absetzer" (kurzer Bohlenstücke, an einem Ende zugeschärft, am anderen in einen Stiel auslaufend) geschieht. 4) (Krgsw.) Das Gewehr aus dem Anschlag in die Stellung mit fertig gemachtem Gewehr zurücknehmen, ohne geschossen zu haben, weil der Schütze kein gutes Abkommen finden kann. 5) (Landw.) Junge Thiere unter Entziehung der Muttermilch allmählich an anderes gedeihliches Futter gewöhnen. 6) Sich a. (Chem.) nennt man das zu Boden Sinken eines in einer Flüssigkeit in feinpulveriger Form suspendirten festen Körpers (Niederschlags). 7) In der Weberei das Austragen eines Musters nach Farbe auf das Patronenpapier, um danach den Wcbflnhl zum Weben der Muster einrichten zu können. Absicht, die durch Überlegung getroffene Bestimmung des durch eine Handlung zu erreichenden Zweckes. Absichten, Absteben, s. Getreidereinigung. Abside, s. Apsis. Absrmar, Tiberius, Feldherr im Oström. Reich unter Justinian II.; stürzte 6S8 den Usurpator Leontios u. setzte sich als Tiberius III. auf den byzantinischen Thron. 705 wurde ^Jn- stinian durch die Bulgaren in sein Reich zurückgeführt u. A. hingerichtet. Abste, Df. im Arr. Parthenay des franz. Dep. Deux-Sdvres, Eisenbahnstation an derLinieParis- Orlcans; Steinbrüche, Leinenweberei, Gerberei eisenhaltige Quelle; 1360 Ew. Absinth (oxtrait L'absintlis), ein Liqueur, welcher aus einigen Arten der Pflanzengattung Artemisia (s. d., Wermuth) mit Zusatz von Anis bereitet wird, namentlich aus den in den Alpen wachsenden Artemisia mnteliina, Zlaoialis, spi- cata rc., welche die Bewohner der südschweizerischen n. piemontesischen Alpen Genippi nennen (ossicinell: Ilerba Ksnixxi albi). Der Liqueur wird meist in Wasser, angeblich als magenstärkend und appetiterregend gcnojsen, nament- 91 Absinthiin — lich in Frankreich, wirkt aber bei gewohnheitsmäßigem Gennß schädlich u. verursacht eigenthüm- liche Krankheitscrscheinungen, die deshalb Absinthismus genannt werden. Jolly (O'absiutbs «t 1s tabae, Paris 1871) hat den enormen Schaden angedentct, welcher ans dem immer mehr zunehmenden Genuß des A. der Bevölkerung in gesundheitlicher, sittlicher u. wirthschaftlichcr Beziehung erwächst. Amory (Boston Lloä. auä 8urA. äonrn. 1868) fand, daß der A. äußerst schädlich u. in einer von Alkohol u. gewöhnlichen gebrannten Wassern verschiedenen Weise auf den Organismus wirke; A. Voisin (Os I'etat mental Zaus 1'alooollsms et t'sbstntbisms, Paris 1864) lieferte eine treffliche Darstellung des verhäng- nißvollen Einflusses des A. auf den Menschen in physischer u. moralischer Hinsicht; nach E. Decaisne (6ompt. rvuä. äs I'^oaäemie, Bd. OH, Paris 1864) wirkt A. als scharfes Betäubungsmittel stärker als Branntwein n. rui- nirt nicht allein das Nervensystem, sondern auch die Verdauungswerkzeuge; (Arob. äs piysioloZis norm, st patbo!., Marseille 1873) hat die Wirkungen von Absinth und Alkohol vergleichend geprüft und gefunden, daß dieselben thatsächlich verschieden sind, und daß Absinth in größeren Gaben eine Art epileptischer Anfälle erzeuge. Absinthiin (Absinthin, Wermnthbitter; Chcm.), undeutlich krystallisirendcr Bitterstoff in den Blättern und Blüthenspitzen von Wermuth (Artemisia Absintbium), von intensiv bitterem Geschmack; ist in kaltem Wasser kaum, in Alkohol und Äther leicht löslich. Schmelzpunkt zwischen 120 u. 125 Grad. Das Absinthiin wird zuweilen statt des Hopfens bei der Bierfabrikation verwendet. Abstnthöl, s. Wcrmuthöl. Absii (lat.), Es sei ferne! Gott behüte! Absolon, John, Maler, geb. zu Landau 5. Mai 1815, von seinem 15. Lebensjahre an Porträt-, dann Theatermaler; ward 1842 durch seinen Vicar of Wakefield in Paris bekannt u. war besonders als Miniaturmaler thälig. Vielen Beifall fand sein Boulogne, welches chromolitho- graphirt und als Preisbild gegeben wurde. In den letzten Jahren bereiste er die Schweiz und Italien. Absalon malt hauptsächlich Volksscenen, aber auch Landschaften. Adsviumont (fr.), durchaus, schlechterdings. Absolut ('. Lat.), abgelöst, unbedingt, unbeschränkt, vollendet, im Gegensätze zum Relativen (in Beziehung auf ein Anderes) und Spccifi- schen (im besonderen Verhältnisse zu Etwas). So ist eine Bewegung a., die als eine reine Veränderung des Ortes in: unbegrenzten Raume gedacht u. darum sinnlich gar nicht wahrgeuommcn wird, dagegen relativ, wenn wir sie aus der Veränderung des Ortes in Beziehung zu anderen Körpern, die wir als ruhend annchmcu, erkennen. Das absolute Gewicht eines Körpers ist sein Gewicht überhaupt, dagegen das specifischedas mit Rücksicht auf seinen Umfang, im Verhältniß zu dem Gewichte eines gleichen Volumens Wasser, bestimmte. Die absolute Höhe eines Berges ist die vom Meeresspiegel ab berechnete, die rcla- - Absolution. tive vom Fuße ab. Eine absolute Monarchie ist eine unbeschränkte Alleinherrschaft. In der Chemie ist absolut rein, unvcrmischt, z. B. absoluter Alkohol. In der Mathematik heißt absolute Zahl eine Zahl ohne Rücksicht aus deren Beziehung zu anderen Zahlen, im Gegensätze zu den algebraischen (positiven u. negativen) Zahlen, welche eine (additive oder snb- tractive) Beziehung enthalten. So ist -s-5 eine positive, —5 eine negative, 5 (für sich allein) eine absolute Zahl, oder -s-ö und —S haben denselben absoluten Werth, nämlich 5. In der Philosophie: absolute Wahrheit, die in sich selber wurzelnde, von keiner anderen abgeleitete, aber anderen zur Quelle und zum Probirstein dienende Wahrheit. Absolutes Sittengesctz ist das urewige, für die Beurtheilung aller Zeiten und Völker giltige, wenn auch im Bewußtsein vielfach getrübte, mißleitete oder schlummernde Sittengesetz (kategorischer Imperativ). Gott, das absolute Wesen u. s. w. Absolutio (lat.), Freisprechung; in der katholischen Kirche: A.. äskunetorum, Collecte und Segen bei einer Leiche; A,. in boris ounoni- eis, in den Klöstern kurzes Gebet an: Ende des Nachtgottesdienstes. Absolution (lat. absolutio), in der Rechtswissenschaft Freisprechung von der Beschuldigung eines Verbrechens (s. Urtheil); in der Kirchensprache die Lossprechung von den Sünden nach abgelegter Beichte. Wer in den ältesten Christengemeinden durch eine Todsünde: Mord, Diebstahl, Unkcnschheit od. durch Abfall bei Verfolgungen rc., Ärgernis) erregt hatte, wurde von der Gemeinschaft mit der reinen Gemeinde u. von der Thcilnahme an den Sacramentcn ausgeschlossen (cxcommunicirt). Die Wiederaufnahme (A., Reeonciliation) erfolgte bei aufrichtiger u. nachhaltiger Buße nach öffentlich abgelegtem Sündenbekenntnih durch die vom Gcmcindevor- stande im Einvernehmen mit den Kirchcnältesten abgegebene Erklärung, daß die Gemeinde den reumüthigcn Sünder, nachdem er durch die ihm auferlegtcn Büßungen sein Verbrechen gesühnt u. sich selbst durch innerliche Buße mit Gott versöhnt habe, wieder in ihre Mitte aufnchme. Dies schloß aber noch nicht eine Ertheilung der göttlichen Vergebung seitens des Priesters u. eine Lossprechung von der Sünde vor Gott in sich. In diesem Sinne faßten noch im 5. Jahrh. Hieronymus u. am Ende des 6. Jahrh. Gregor d. Gr. von Rom die A. auf. Inzwischen fingen seit dem 4. Jahrh. die Bischöfe an, die A. in den Kreis ihrer Befugniß zu ziehen; das öffentliche Sündcnbekcnutniß vor versammelter Gemeinde wurde zum Privatbekenntniß, zur Beichte vor dem Priester, welcher nun dem Sünder nach seinem Urtheil Bußübungen u. Werke aufcrlcgte u. ihm nach Vollbringung derselben die A. er- thciltc. Die Bischöfe bevollmächtigten auch andere Priester (Pönitentiaricn) zur Ertheilung der Privat-A. nach freiwilligem Sündcnbekenntniß, u. seitdem O.Jahrh. wurde jeder Priester dazu bevollmächtigt. Nur von schweren öffentlichen Verbrechen zu ab'solvireu (loszusprecheu), war den Bischöfen, von Sünden gegen Kirche u. Priester, von 92 Absolution. Meineid, unnatürlichen Lastern, Bruch des Gottes friedcns den Päpsten Vorbehalten. Während die alte Kirche nur den Sterbenden die A. vor der Buße ertheilte, wurde es seit dem 9. Jahrh. Regel u. ist es bis heute geblieben, unmittelbar nach der Beichte von den Sünden freizusprechen, unter der Verpflichtung, die auferlcgte Buße nachzuholen (s. Ablaß). Gleichzeitig bildete sich mehr u. mehr die Lehre ans, daß die Gemeinschaft mit Gott durch die Gemeinschaft mit der Kirche bedingt sei, die Kirche u. ihre Priester wurden Mittelsperson zwischen Gott und dem Sünder, ohne welche letzterer bei aller eigenen Büßfertigkeit keine Vergebung bei Gott erlangen könne. Die priesterliche Macht dehnte sich auch auf die leichten u. läßlichen Sünden aus; dieselben zu beichten, u. zwar vor jedem Abendmahls- geuusse, wurde sogar zur Pflicht gemacht. Unter Jnnocenz III. hatte die Macht der Kirche über die Gemüthcr ihren Höhepunkt erreicht, u. es war Sitte geworden, die Beichte u. A. mit dem Abendmahl zu vereinigen. Auf dem 4. Lateranconcil (121S) wurde die Ohreubcichte sanctionirt, dabei festgesetzt, daß das Bekenntniß u. die darauf folgende A. sich auf alle Sünden beziehen, die A. nicht nur Vergebung von Seiten der Kirche, sondern auch vor Gott sei; endlich verordnet, daß alle Christen ohne Unterschied wenigstens jährlich einmal zur Beichte gehen u. A. für alle Sünden nachsuchen sollten. Bis zum 12. Jahrh. hieß die Formel der A. vsns oder Ellristus ab- solvat ts (Gott oder Christus vergebe dir deine Sünden), indem Gott u. Christus allein die Macht zur Vergebung der Sünden zugeschrieben wurde. Auf dem Tridentiner Concil aber wurde die A. als «iu Sacrament der Kirche u. das Recht aller Priester, dasselbe wie die übrigen auszuüben, bestätigt, u. die Formel Itzo ts adsolvo (ich befreie dich von deinen Sünden) als die Form des Sakraments der Buße angenommen. Die heutige Formel der römisch-katholischen Kirche lautet: ügo ts absolvo a pscoatis tnis in uomius Uatrio, Ikilii et Spiritus sanoti. ^rnsn! (Ich vergebe dir deine Sünden im Namen des Vaters, des Sohnes u. des hl. Geistes. Amen!) Die Kirche stellt dabei folgende Lehre auf: Jesus Christus hat zwar durch seine Lehre, seinen Tod und vermöge der ihm von Gott dem Vater verliehenen Machtvollkommenheit die Sünden der Menschen getilgt, dieselben wieder mit Gott ausgesöhnt u. ihnen die ewige Seligkeit erworben;um aber der Christenheit auch für die Zukunft die Vergebung der Sünden zu sichern, ertheilte er kurz vor seinem Weggänge seinen Aposteln die Befugniß, die Sünden der Menschen zu vergeben und zu behalten. (Matth. 8, 18. u. Joh. 20, 23.) Als die Nachfolger Christi u. der Apostel üben daher die Bischöfe u. Priester durch göttliche Machtvollkommenheit nicht blos das Amt als Verkündiger der Vergebung der Sünden, sondern das Amt des Richters ans, der die ewigen Strafen in zeitliche umwandelt, so daß den: von ihm Absolvirten wirklich vor Gott seine Sünden vergeben sind u. ihm der Stand der Heiligung zurückgegebcn ist, nachdem er ein vollständiges Sündenbekenntniß in der Beichte abgelegt u. wahre Reue u. Besserung gelobt hat; andernfalls hat der Priester die Macht, die Sünden nicht zu vergeben, zu behalten, so daß Jemand nie oder für jetzt nicht die Vergebung vor Gott erhalten kann u. von der Gemeinschaft der Heiligen ausgeschlossen bleibt. Die Reformatoren nahmen die Lehre von der A. im Sinne der katholischen Kirche nicht an, sondern lehren, daß durch Christi Opfertod der Menschheit die Vergebung der Sünden erwirkt u. die ewige Seligkeit verheißen sei, daß sich der Sünder durch Reue u. ernsten Vorsatz zur Besserung des Verdienstes Christi, insbesondere der Sündenvergebung theil- haftig niachen müsse. Zwar bezeichncte Melan- chthon in der Apologie der Augsburg. Confcssion die A. als Sacrament (saoramsntum xoenitsntiao) doch sagt er selber: „Die A. ist eine Stimme des Evangelist dadurch wir Trost empfangen, u. ist nicht ein Urthcil u. Gesetz." Nach Anschauung Luthers, welcher schon in seinem großen Katechismus das Sacrament der Buße wegließ, verkündigt das Evangelium die Vergebung der Sünden an Alle, welche daran glauben; dieser Trost kann aber in der A. auch dem Einzelnen besonders versichert werden, welcher danach verlangt. Der protestantische Geistliche hat daher nicht ein priesterliches Urthcil über den Sünder zu fällen, sondern es gehört einfach zur Ausübung seines Amtes, zur Predigt des Wortes Gottes überhaupt, daß er die Vergebung der Sünden verheißt. Darum hat er nach der Abnahme der allgemeinen Beichte bei Neichung des Abendmahls nur die nach dem Worte Christi dem Gläubigen verheißene Vergebung aller Sünden auszusprechen, u. ist auch deshalb statt der Form: „Ich vergebe dir deine Sünden" die A. mit den Worten ausgedrückt: „Ich verkündige dir die Vergebung aller deiner Sünden", welche, wie gelehrt wird, Gott selbst dem reuigen Sünder alsdann ertheilt. Der protestantische Priester hat also keine Amtsgewalt, an Stelle Gottes oder als unumgängliche Mittelsperson dem Beichtenden die Sünden zu vergeben; Letzterer kann sich sogar durch den Glauben an die verheißene Vergebung aller Sünden den Trost der A. selbst aneignen, oder ein Laie kann ihm diesen Trost aufs Neue verkünden. Der Priester hat demnach auch nicht das Recht, Jemanden von der Beichte u. A. auszuschließen, sondern kann nur in besonderen Fällen von dem Consistorium oder dem. Presbyterium ermächtigt werden, die A. zu verweigern, sei es in Betreff der Theilnahme an Beichte u. Abendmahl, oder bei der Privatbeichte. Allerdings strebten protestantische Geistliche seit Martin Chemnitz zu Ende des 16. Jahrh. danach, die A. wieder zu einem besonderen Vorrechte des priesterlichen Amtes zu machen, welches ihnen das Urtheil übertrage, die Sünden wahrhaftig und wirksam zu vergeben u. zu behalten, auf Erden „zu bin- den u. zu lösen", was dann vor Gott gebunden u. gelöst bleibe. Doch wurde seit Anfang des 17. Jahrh. fast überall die allgemeine Beichte landeskirchlich angeordnet u. das Nachsuchen einer Privat-A. dem Glauben des Einzelnen anheimgestellt. Auch die Neulutheraner der Jetztzeit (wie Kliefoth, Löhe, Vilmar, Petri u. A.) beanspruchen das Recht der A. oder der Verweigerung u. dessen 93 Absolutionstag - göttliche Kraft, also die Richtcrgewalt für den Geistlichen, wogegen indeß die reformirte wie unirte nnd evangelische Kirche im Ganzen an der A. als einfacher allgemeiner Verkündigung der durch Christum verheißenen Vergebung der Sünoen festhalten. Vgl. Bann u. Kirchenzucht. Aüsolntionstag (äiss aboolutiouis) hieß in der alten Kirche der Charfreitag von der Ankündigung der Absolution (s. d.). Absolutionsthaler, eine silberne Schaumünze, welche Heinrich IV. von Frankreich 1595 zum Andenken an seine Freisprechung vom Kirchenbann mit dern Brustbild des Papstes Clemens Vlll. auf der Vorder- u. seinem Bild auf der Rückseite prägen ließ. Absolutismus, im religiösen Sinne die Augustinische Lehre, daß Gott unbedingte Rathschlüsse über Alles, auch die ewigeSeligkeitod. Ver- dammniß der einzelnen Menschen gefaßt habe; s. Prädestination. A. in politischer Hinsicht ist Un- beschränkthcit der Herrschergewalt im Staate, jener Zustand, in welchem alle Gewalt ohne jede Schranke, ohne jedes Gegengewicht in einem Punkte, in einer Person vereinigt ist, gleichviel ob diese Person eine Physische, od. moralisch-juridische ist. Sonach kennt die Verfassungslehre, je nachdem die absolute Regierung bei der Gesammthcit der Bürger, oder bei einer Minderzahl, oder bei einem Einzigen ruht, eine absolute Demokratie, od. eine absolute Aristokratie (Oligarchie), oder eine absolute Monarchie, u. zeigt uns die Geschichte die beiden ersten Arten in den griechischen Staaten, die letzte aber am schärfsten ausgeprägt in den orientalischen Staaten, Rußland, Spanien u. Frankreich, wo, von Ludwig XI. anfangend, unter Ludwig XIV. die absolute Gewalt des Königthums ihren Höhepunkt erreichte, — freilich um dann jählings dem Abgrunde der Revolution entgegcnzustürzen, die dann wieder das Bild einer absoluten Herrschaft imJacobinismus bot. LudwigsXIV.: „t'slat o'ost moi" („der Staat bin Ich"), u. das franz. Rechtssprichwort: „tzui vsut ts roi, oi vsut la loi" reizte auch die Fürsten in Deutschland, wo allerdings in Folge der durch den 30jährigen Krieg hervorgerufenen Abspannung u. Lähmung des öffentlichen Geistes jeder berechtigte Volkswunsch schwieg, ihren Willen allein geltend zu machen. Indeß war dieser deutsche A. nach den neueren Staatsrechtslehrern (Schmitthenner, Za- chariä, Escher u. s. w.) kein so vollkommener, da die Fürsten als Reichsstände wenigstens principiell, wenn auch in der Praxis nicht immer beachtet, doch immer noch durch gewisse Grundgesetze beschränkt waren. Dagegen übte Friedrich II. von Preußen ein entschieden absolutes Regiment, u. ebenso machte sich der fürstliche A. in Schweden unter Karl XII. bes. fühlbar. In Rußland hat sich das System der absoluten Monarchie, ausgenommen in der Eigenschaft des Czars als Oberhaupt der Kirche, wo Synode u. Kirchengcseh ihm Beschränkung aufcrlcgen, bis aus unsere Zeit erhalten u. erscheint dort auch natürlich u. der Entwickelungsstufe des Volkes gemäß: eine noch junge, einer höheren Staatscultnr noch nicht theilyastig gewordene Ration u. dazu ein Reich - Absonderung. von solch unermeßlicher Ausdehnung bedingt die Nothwendigkeit fortdauernder, unumschränkter Herrschergewalt. Uber den polit. A. vgl. Mon- tesqnieu, Ds I'esprit ckss lots, lllouv. eck., Amsterd. 1784., 4 Vol.; Holbach, Im politigus Naturells, Lond. 1773, 2 Vol.; F. Ancillon, Uber den Geist der Staatsverfassungen, Bert. 1825; G. F. König, Das Königthum, Leipz. 1828; F. Murchard, Die Volkssouveränetät, Kassel 1832. Schmitthenner, Grundlinien des allg. Staatsrechtes. Gieß. 1843; Escher, Handbuch der prakt. Politik, Lpz. 1864; v. Held, Grundzüge des allg. Staatsrechtes. Lpz. 1868; L. Bara, Im seisilos cks la paix. Brüss. 1872; W. Bagehot, LIiMes anck l?olities, Lond. 1872. Absolutisten heißen die Anhänger u. Verfechter des Absolutismus in theologischer wie in politischer Beziehung. Absolutorinm ist das von der zuständigen Behörde in gesetzlicher Form abgegebene Urtheil, wodurch Jemand von einer Verbindlichkeit oder Verantwortung enthoben od. von einer Beschuldigung freigesprochen wird. Absonderung, 1) (Physiol.) im weitesten Sinne des Wortes alle Vorgänge in: Körper, durch welche flüssige, gasförmige oder feste Stoffe oder Stoffmischungcn in den Körper hinein, oder aus demselben, durch besondere Organe oder ohne solche, ab-resp. ausgeschieden werden, zum Zwecke der Entfernung verbrauchter od. zur Herstellung im Körper erst noch zu verwendender Materien; sodann diese Materien selbst. Die genannten Vorgänge sind entweder normal, oder krankhaft. Im weiteren Sinne begreift man demnach unter A.: 1) die Secretion, A. in: eigentlichen Sinne; 2) Excre- tion oder Aussonderung, die Ausscheidung unbrauchbar gewordener und, wenn zurückgehalten, dcmKörperbestand schädlicherStoffe; 3) dieTrans- sudation, das Durchschwitzen von Stoffen ohne eigens dazu gebildete Organe, meist zum Zwecke der Schlüpfrigerhaltung einander berührender Flächen. A., Secretion im engeren Sinne der Physiologie ist der Lebensvorgang, mittels dessen durch eigene Organe ganz bestimmte u. im Körper zur Verwendung kommende Stoffmischungen meist flüssiger Form (Secrete) in solcher Menge, wie sie der Körper bedarf, dauernd oder zeitweise u. unter gewissen Umständen ausgeschieden werden. Die abgesonderten Stoffmischungen haben eine wohl charakterisirte, sich fast stets gleichbleibende Beschaffenheit, obwol sie ihrer Menge nach und unter sich sehr verschieden sind. Sie stammen aus einer n. derselben Quelle, den: Blute, u. sind deren chemische Bestandthcile meist schon in diesem vorhanden. Aber cs werden auch einzelne solche erst in den betreffenden Secretionsorganen gebildet, wobei die Art, wie dies geschieht, noch nicht festgestellt ist. Man betrachtet die Secretion unter drei Gesichtspunkten: a) In Bezug auf die Kräfte, welche das Secrct Herstellen und cs in die bctr. Organe und aus ihnen heraus befördern; i>) In Bezug auf die abgeschiedenen Stoffmischnngs-Se- crete, deren chemische u. physikalische Beschaffenheit und deren mikroskopisch geformte Thcile. Als Kräfte, welche die A. bewirken, hat man kennen gelernt: den Druck des strömenden Blutes 94 Avsoiidcruna. gegen die Wandungen der Blutgefäße, die Exosmose u. Endosmose, bestimmte Nerven u. Nerven- thätigkeit überhaupt. Da diese Kräfte dem Willen nicht oder nur in sehr beschränktem Maße unterworfen sind, so geschieht die A. überwiegend ohne unser Zuthun. Doch haben auch Vorstellungen u. Erregungen einen Einstuß auf die A. So fließen z. B. bei traurigen oder auch bei freudigen Erregungen die Thränen, bei Vorstellungen von Tafclgcnüssm der Speichel, bei Vorstellungen geschlechtlicher Art der Samen re.; Angst, Schrecken, Ärger, Erwartung rc. sind oft von bedeutendem Einfluß auf die Ä. Zeitweise abgesondert werden wieder andere Stoffe durch bestimmte Reize, wenn auch dadurch oft nur in erhöhtem Maße, z. B. Darmsaft bei der Verdauung, Milch in der Schwangerschaft u. Säugungspcriode, Samen bei der Begattung rc. Auch durch elektrische Reizung gewisser Nerven können A-n bezweckt werden, z. B. des Speichels durch Reizung der Gesichts-, Zungen- u. sympathischen Nerven; manche A-n geschehen in eigene Ausbewahrungsorgane u. Vorrathskammern, z. B. wird die Galle (z. Th.) in die Gallenblase deponirt, die Milch in Milch- räumc, der Samen in die Samenbläscheu rc. Die vorzüglichsten Secrcte (Näheres s. die bctr. Art.) des Körpers sind: die Galle, der Darmsast, der Bauchspcichel, der Mundspeichel, die Thränen, der Schleim der Schleimhäute, die Milch, der Samen, der Prostataschleim, die weiblichen Ge- schlcchts-A-u, die A-n der Talgdrüsen, das Ohrenschmalz. Die Secrcte haben oft einen charakteristischen Geruch, z.B.der Samen, dasSecret derAnal- u. Scheidedrüsen. Andere haben besonderen Geschmack, z. B. das Ohrenschmalz. Weiter haben sie verschiedene Beschaffenheit, sind bald dick u. substan- tiös, bald dünn u. wässerig, je nach ihremRcichthnm an Formbestandtheilen u. Wasser. Dünnflüssig sind die Thränen, der^Svcichel, der pankreatische Saft, der Darmsaft, dickflüssig die Galle, der Samen, Schleim, noch eingedickter der Hanttalg, da? Ohrenschmalz. Die Stoffe, welche die Secrcte zusammensetzen, sind äußerst zahlreich: Fett, Wasser, Salze, Säuren, bcs. Fettsäuren, Milchsäure, Leucin, Eiweißkörpcr, Zucker, Farbstoffe, Mucin, Gallensäure rc.; doch enthalten nicht sämmtlicheSe- crete alle genannten Stoffe zusammen. Ein weiterer Gesichtspunkt, unter welchem man die A. betrachten muß, bezieht sich o) auf die Organe, welche die Sccrete liefern. Es stellen diese zumeist Drüsen (s. d.) dar u. befinden sich an Stellen, an denen das Seeret seine Verwendung findet, oder doch in großer Nähe dieser Stellen. Manche entleeren ihren Znhalt durch einen besonderen langen Äusführungsgang, z. B. Leber, Hoden, Speicheldrüsen, andere ohne solchen sofort an diese Stellen, z. B. die Darmdrüsen. Sccrc- tionsorganc, wie man sie im Mg. nennt, sind folgende für bestimmte Secrcte: Speicheldrüsen, Prostata, Schleimdrüsen, Leber, Pankreas, Hoden, Thränendrüsen, Milchdrüsen, Darmdrnsen, Ma- gcndrüsen, Talgdrüsen, Gcbärmntterdrüscn rc. Einzelne derselben zeichnen sich durch ihre Größe aus, z. B. die Leber, andere durch ihr Vorkommen in großer Anzahl, z. B. die Schleim- u. Talgdrüsen. Fast alle sind sehr blutgefäß- und nervenrcich. Daß Erkrankungen oder krankhaft vermehrte oder verminderte A. für den Körper von mehr oder minder bedeutender nachtheiliger Wirkung sein müssen, ist aus den Zwecken der einzelnen ersichtlich: während die Zerstörung einiger durch Erkrankung dann, wenn solche in großer Zahl vorhanden sind, ohne jede ernste Bedeutung sür den Bestand von Gesundheit und Leben ist, wird die ganze oder theilweise Zerstörung z. B. der Leber das Leben unmöglich machen, oder im letzteren Falle die Gesundheit doch sehr herabstimmen. Näheres unter Physiol., Literatur ebd. 2) (Bot.) Bildung u. Ausscheidung derjenigen Producte des Stoffwechsels, welche nicht, wie die Baustoffe der Pflanzen, an die Orte des Wachs- thnms (Knospen n. Wurzelspitzcn) hingeführt u. daselbst zum Aufbau neuer Zellen verwendet werden, sondern an den Stellen, wo sie sich bilden, liegen bleiben, oder auch ganz aus dem Pflanzenkörpcr austreten. Die hierher gehörigen Stoffe lassen sich in zwei Hauptgruppcn sondern, in Dearadations- und Nebenpro- ducte. Unter ersteren versteht man solche Substanzen, welche aus den Baustoffen durch nachträgliche chemische Veränderung entstehen. Dahin gehört der stets aus der Zellhaut entstehende Pflanzenschleim, wie z. B. das in dem Bassora- gummi und in dem Traganthgummi enthaltene Bassorin, der schleimige Stoff im Leinsamen, den Quittenkcrnen, der Althäawurzel, sowie der viele Knospen überziehende Gummischleim. Neben- producte entstehen neben oder zugleich mit den Baustoffen u. sondern sich theils im Innern gewisser Zellen (Drüsen) oder Zellfusionen (d. h. Zellcomplexcn, welche durch Auflösung der ge- meinsamcnSchcidewändc mehrererZellen entstehen, wie die Schlauchgefäße, Milchsaftgefäße) ab, theils treten sie aus den Zellen, in welchen sie sich bilden, aus, u. zwar sammeln sie sich entweder in Jntercellularräumcn (RüumenzwischendenZcllcnl, welche meist langgestreckte Kanäle darstellen und dann auch Gänge genannt werden; oder sie werden an der äußern Oberfläche der Pflanzen abgeschieden. Zu der erstgenannten Kategorie der Nebenprodukte gehören die in Drüsen enthaltenen ätherischen Öle, so der Kamphcr in den Blattdrüsen des Kampherbanmes, das Citronenöl in den Drüsen der Orangen- u. Citronenschalen, die in manchen Zellen vorkommenden Farbstoffe, Gerbstoffe, Pflanzcnsüurcn u. Alkaloide, die Krystalle von oxalsanrem Kalk, sowie die im Safte der Milchsaftgefäße gelösten u. die in demselben vcr- thcilten Stoffe (Kautschuk u. a.). Die Milchsaftgefäße sind entweder Zellen, welche von ihren benachbarten Zellen durch viel bedeutenderes Längenwachsthnm u. oft auch durch eigenthüm- liche Form verschieden sind (Aroidcen, Enpyor- biaceen, Mvrcen) oder sie sind netzartig verbundene Röhren, welche aus Zellreihen durch Auflösung ihrer Scheidewände entstehen und sich durch das Mark, die Markstrahlen u. den Bast der Stamme u. Wurzeln, so wie durch das Gewebe der Blätter vieler Pflanzen hinziehen (Cichoria- ceen, Mohnpflanzen, Campanulaceen); ähnliche ebenfalls Milchsaft führende Gefäße sind in den Zwiebclschalen, Stengeln und Laubblättern der Absonderung. 95 Laucharten, z. B. der Zwiebel, enthalten. Die Jntercellularräume entstehen durch Auseinandertreten der umgebenden Zellen, welche sich später theilen und eine vielzellige Wandung darstellen. In ihnen finden sich meist ätherischeÖle; so in den Harzgängen der Nadelhölzer und Balsambäume ein an der Luft zu Harz verhärtender Balsam; oder zu Gummiharzen erhärtender Milchsaft (Mischung von Balsamen mit Gummischleim), wie bei vielen Doldenpflanzcn. Endlich werden häufig schleimige Stoffe aus oberflächlichen Drüsen nach außen entleert; dahin gehört insbesondere die klebrige, aus Gummischleim oder Gummiharz bestehende Substanz, welche viele Knospen überzieht, u. meist, wie auf den Kuospenschuppen der Roßkastanie, der Obstbäume rc., von vielzelligen Drüsen oder Drüseuhaaren (Leimzotten), oder auch, wie auf den Knospen und Blättern der Pappeln, von den Oberhautzellen erzeugt wird. Ferner ist hierher zu rechnen die A. zuckerhaltigen Saftes aus denNektarien od.Houigbehältern der Blüthen, die A. von Wachs als Anflug oder zusammenhängender Überzug vieler Blätter, Früchte rc., von klebrigen Stoffen am Stengel der Pechnelke. Als A. in einem weiteren Sinne ist auch die Ausscheidung gewisser Gase, sowie diejenige des Wassers, auzusehen. Bei der Assimilation (s.d.),d.h.Umwandlung der anorganischen Nahrungsmittel (Kohlensäure, Wasser, Ammoniak, Salze) in die organischen! Substanzen der Pflanze, welche stets sauerstoffärmer sind, als jene Stoffe, wird Sauerstoff ausgcschiedeu. Dieser Proceß findet nur in den grünen (chlorophyll- haltigen) Pflanzentheilen u. nur unter Einwirkung des Lichtes statt. Die ununterbrochen in allen lebenden Zellen stattfindende Pflanzen- athmung hingegen besteht in der Aufnahme von Sauerstoff, Oxydation fertiger organischerSubstanz in den Zellen u. Ausscheidung der Oxydations- producte, Kohlensäure u. Waffer. Beide Processe combiniren sich so, daß die grünen Pflanzentheile im Lichte Sauerstoff ausscheiden, während alle nicht grünen Theile immer, die grünen nur Nachts, Kohlensäure u. Wasser absoudern. Endlich wird fortwährend ein Theil des in der Pflanze enthaltenen fertig gebildeten Wassers abgesondert, theils in Dampfform (Transspiration), theils, bes. wenn durch feuchte Luft die Verdunstung unterdrückt ist, in Form von Tropfen; so an den Blattspitzen vieler Gräser (Mais), Aroideen; bei einigen Pflanzen sammelt sich das ausgeschiedene Wasser in besonderen krugförmigen Organen an der Blattspitze, so beim Kaunenstrauch (Hspsutlros ässtillatoria). Obgleich von den meisten Nebenpro- ducten eine Beziehung zu der inneren Ökonomie der Pflanze noch nicht nachgewiesen ist, so ist doch das Vorhandensein solcher Beziehungen kaum in Zweifel zu ziehen. Die Bedeutung des vxalsauren Kalkes ist nach Holzner die, daß die an Kalk gebundene Schwefelsäure des als Nahrung aufgenommencn Bodenwassers in der Pflanze durch Oxalsäure ausgctrieben wird, um assimilirt zu werden. Die Schleimüberzüge der Knospen dienen wahrscheinlich dazu, die allzu rasche Verdunstung des Wassers in ihren noch jungen und zarten Geweben zu verhindern; besonders wichtig sind die A-n zuckerhaltigen Saftes in fast allen Blüthen, welche die die Bestäubung vermittelnden Jnsecten anzulocken bestimmt sind. Bei manchen Pflanzen dienen nach neueren Untersuchungen gewisse flüssige A-n dazu, das Fleisch kleiner in schlauchförmigen Organen oder zwischen den zu sammeugelcgten Blättern gefangener Thiere zu verdauen und als Nahrung zu verwerthen. — Der Gummi- u. Harzfluß, beruhen auf abnorm gesteigerten A. und können bei gewissen Bäumen künstlich durch Einschnitte in die Rinde hervorgerufen werden. 3) (Geogn. u. Min.) Theilung der Gesteine und Mineralien durch innere Grenzen, Klüfte, in mehr oder minder regelmäßige Gestalten. Die Klüfte sind entstanden bei den Mineralien meist durch Zusammenwachsen verschiedener Krystallindr- viduen zu Aggregaten, deren Zusammensetzung, Textur genannt, sich beim gewaltsamen Trennen durch Schlagen durch die A. zu erkennen gibt. Die durch die Trennung entstandenen Flächen heißen A-sflächen. Nach ihrer Textur sind die Mineralien körnig, blätterig, schalig, steugelig rc., und man unterscheidet also körnige, blätterige, schalige A. Die Klüfte der Gesteine sind nieist durch Aufhebung eines vorher bestandenen Zusammenhanges durch Contraction entstanden. Man unterscheidet unregelmäßige od. massige A. od. Zerklüftung, wo die sich von einander trennenden Theile unregelmäßige Gestalten bilden, wie z. B. meist bei den platonischen Massengesteiuen, dem Porphyr, oder beim Quarzfels, und regelmäßige A. Besondere Formen der letzteren sind: Die kugelförmige A., bei der die Gcsteinsmasse aus oft bislm großenkugelförmigcnTheilen besteht,deren Zwischenräume mit demselben Gestein, oft in kleineren Kugeln abgesondert, erfüllt sind, kommt namentlich beim Diorit, Melaphyr und Basalt vor. Die Kugeln sind oft wieder concentrisch schalig. Bei der Pfeiler förmigen (cylin- drischen oder säulenförmigen) A. sind die Klüfte alle in gleichen Abständen gewissen Linien parallel. Beide finden sich ain schönsten bei den vulcanischen Gesteinen, erstere an den sogenannten Umläuferu der Trachyte am Stenzel- berge (Siebengeb.), die zugleich umlaufend schalig u. in der Mitte etwas dicker sind, u. am Basalt des Scheidskopfes bei Remagen, letztere häufig beim Basalt, seltener, wie bei Fürfcld unweit Kreuznach, beim Porphyr. Mit der säulenförmigen A. ist oft eine geleickartige Trennung der Säulen verbunden, z. B. beim Basalt der Käsegrotte in Bertrich. Sind die A-skörper 4seitig, so pflegt man die A. prismatisch zu nennen, wie öfter bei dichtein Kalkstein u. Mergel. Sind die Säulen oder Prismen sehr klein, so nennt man die A. stengelig, wie z. B. oft beim Thonschiefer. Sind die A-sklüfte unter sich beinahe parallel, so nennt man die A. schalig oder plattenförmig, je nachdem die Trennnngsflächen gebogen oder eben sind. Die schaaligen A-n sind oft concentrisch schalig u. bilden enorme Kugeln von 150—200 m, z.Ä. beim Basalt von Oberkassel in der Nähe von Bonn. Die platten- förmige A. begreift auch die Schichtung in sich, obgleich man dieselbe gewöhnlich nicht als A. 96 Absonderung betrachtet, sondern darunter nur die durch die schichtenweise Ablagerung bedingte plattensörmige Structur der Sedimentbesteine versteht. Platten- förmige A. findet sich denn Gneis, Granit, Syenit, Basalt, indeß ist auch hier die Grenze zwischen Schichtung und A. oft schwer zu ziehen. Pa- rallelcpipedische oder cubische A. stellt sich ein, wenn die Klüfte sich in 3 auf einanderfast recht- winkeligen Richtungen schneiden, namentlich wenn mächtige Bänke, wie beim Sandstein oder Quader- sandstciii, durch senkrechte Klüfte getrennt sind. Über Schichtung s. d. Absonderung (separatio), im Rcchtsw. die Trennung, a) als Eigenthnms-Erwerbsact röm.- rechtl. und daraus auch neueren Rechts bei den Erzeugnissen, insofern sie durch die A., im ersten Augenblick ihres selbstständigen Daseins, Eigenthum Desjenigen werden, welcher die erzeugende Sache zu Eigenthum, erbl. Recht, oder als gutgläubiger vermeintl. Eigenthümcr besitzt. Der Pächter, oder wer sonst sein Recht auf das Erzeugnis) vom Eigenthümcr ableitct, wird erst durch die Besitzergreifung Eigenthümcr desselben, so daß cs — unbeschadet seines Bezugsrechtes — von der A. bis zu seiner Besitznahme nicht ihm gehört. Im Rechtsverfahren ist die A. ein Schutzmittel für Diejenigen, welchen ihr Unterbleiben Schaden zufügen könnte, b) A. der Erbschaft vom Privatvermögen des Erben, nach röm. Recht 5 Jahre lang vom Erbschaftsantritt an statthaft für die Erbschaftsgläubiger u. die Vermächtniß- nehmer, vorausgesetzt, daß die A. noch thatsächlich ausführbar ist; die Absondernden müssen die Person u. das Privatvermögen des Erben frei- gebeu, gehen dafür aber auch in der Erbmasse seinen Privatgläubigern vor. Nach prenß. Recht — jetzt Concursordn. vom 8. Mai 1855 Z 37, vgl. Mg. Landrecht I. 16, W 500 ff. — setzt sie den Concurs des Erben voraus, steht auch den eigenen Gläubigern des Erben bei Antritt einer überschuldeten Erbschaft zu, ist auf 1 Jahr vom Antritt beschränkt u. läßt den abgesonderten Gläubigern das gleiche Recht mit den anderen auf Höhe des beim abgesonderten Vermögen erlittenen Ausfalles. Nach franz. Recht — Separation ein xati'imoins än clstünt, Oocks eiv., Artt. 878, 2111 — gilt dasselbe wegen des Ausfalles; die A. steht nur den Erbschaftsgläubigern, nicht denen d.s Erben zu, sie erheischt keinen Concurs und dauert betreffs der Fahrniß 3 Jahre, betreffs der Liegenschaften, so lange als der Erbe sie nicht veräußert hat. — Nach allen Rechten ist diese Erb-A. eine Art Rechtswohlthat des Inventars für die Gläubiger u. die Vermächtniß- uehmer. o)A.desLehens (separatioksuüi ad alio- ckio), geschieht beim Eintritt der Lehusfolge und beim Concurs des Lehnsträgcrs entweder zur Deckung der Lchnsschulden, oder zur Durchführung der verschiedenen Nachfolge, letzteres die eigentliche Lehnssondernng, nämlich die Ausscheidung des Lehnsvcrmögens an den Lehnsfvlger, wenn er ein anderer ist als der Erbe (Allodialerbe). ä)A. des Pfandes, eine sehr wohlthütige Einrichtung desPreuß.Concursrechts, zufolge deren allePfand- gläubiger (au? Hypothek, Faustpfand und gleich- stehendem Recht, sowie aus Rückhaltsrecht) aus — Absorption. ihrem Pfände, abgesondert vom Concurs, befriedigt werden, s) A. des Gesellschafts- oder Gemeinschafts- Vermögens vom Privatvcrmögen in: Concurs über letzteres oder über ersteres oder über beide; jede Masse deckt ihre Schulden, Haft der anderen für den Ausfall. (Deutsches Handelsgcs.-Buch Art. 122, deutsches Genossenschaftsgcsctz vom 4. Juli 1868, HZ 51 ff., preuß. Concursordn. vom 8. Mai 1855, 8Z 36, 286 ff.) Absorbiren (v. Lat.), emsaugen, aufsaugen, verzehren; daher: absorbirende Gefäße (s. Physiologie, Verdauung); absorbirende Mittel (Adsorbentia) sind Arzneimittel, welche die in Folge krankhafter Zustände überhaupt u. irgendwo im Körper sich ansammcludcn Flüssigkeiten zur Aufsaugung bringen, im Magen übermäßig sich bildende Säuren aufheben (neutralisiren), indem sie eine unschädliche chemische Verbindung damit cin- gehen, od. sie vermöge ihrer porösen Beschaffenheit aufsaugen u. mit sich aus dem Magen entfernen. Zu ersteren verwendet man direct u. in- direct wirkende Mittel; zur Neutralisation von Säuren dienen alkalische Stoffe, wie Magnesia uud die Kohleusäuresalze von Kalkt, Kali und Natron; zu den letzten gehören Pflauzcnkohle, Brodrinde u. a. Absorption (v.Lat., Einsaugung). 1) (Phys.) Die Aufnahme gasförmiger Körper durch feste oder flüssige, sowie die Aufnahme flüssiger durch feste Körper; in einem anderen Sinne das Zurllckhalten der Licht- u. Wärmcstrahlen durch die von denselben getroffenen oder sie theilweise hindurchlassenden Körper. Von der eigentlichen A. (in der ersteren Bedeutung), welche stets auf einer molccularen Anziehung beruht, ist diejenige Aufnahme flüssiger od. gasförmiger Körper zu unterscheiden, welche mit einer chemischen Vereinigung, des ausgenommenen u. des aufzunehmcnden Körpers verbunden, somit als eine Wirkung chemischer Anziehung zu betrachten ist u. demnach nur uneigentlich als A. bezeichnet werden kann. So nimmt der gebrannte Kalk Wasser (flüssiges od. auch Wafferdampf aus der Luft) u. Kohlensäure (aus der Luft) auf, indem er sich mit diesen Stoffen chemisch verbindet (zu Kalkhydrat oder ge? löschtem Kalk u. zu kohlensaurem Kalk). Die A. von Gasen durch Flüssigkeiten beruht auf einer molccularen (d. h. zwischen den kleinsten Theilchcn stattfindenden) Anziehung, in Folge deren die Molecüle des Gases sich zwischen diejenigen der Flüssigkeit lagern. Die Menge des absorbirten Gases ist von der besonderen (chemischen) Natur desselben u. der absorbirenden Flüssigkeit abhängig; sie nimmt meistens beim Erwärmen ab, bei der Abkühlung zu; diese Änderung folgt aber keinem einfachen Gesetze. Sehr einfach ist dagegen innerhalb gewisser Grenzen die Abhängigkeit der A. vom Druck. Das Gesetz dieser Abhängigkeit wird das Henry-Daltonsche Gesetz genannt. Es lautet: Die unter verschiedenem Druck von einer u. derselben Flüssigkeit bei derselben Temperatur absorbirten Mengen eines u. desselben Gases sind dem Drucke einfach proportional; oder (da nach dem Mariottcscben Gesetze das Volumen einer Gasmcnge dem Druck umgekehrt proportional ist): eine Flüssigkeit absorbirt Absorption. 97 von einem Gase bei derselben Temperatur unter jedem Druck immer dasselbe (bei dem jedesmaligen Druck gemessene) Volumen. Hierbei ist unter dem Druck nur der von dem betreffenden Gase ausgeübte, bei Gasgemengen also nicht der gesammte, sondern nur der dem fraglichen Gase angehörende Partialdruck zu verstehen. So absorbirt 1 äom Wasser bei 15° 6. 1 äom Kohlensäure, u. zwar bei iedem Druck; da aber bei einem Druck von 2 Atmosphären 1 ciem Kohlensäuregas doppelt so viel wiegt, als bei 1 Atm., so ist die Menge Kohlensäure, welche von Wasser unter 2 Atm. Druck absorbirt wird, doppelt so groß, als die unter 1 Atm. Druck aufgenommene. Steht ferner das Wasser an der freien Luft u. enthält diese 0,oi Volumenprocente Kohlensäure, so nimmt dasselbe nicht die einem Atmosphärendruck, sondern die dem Partialdruck der Kohlensäure von Atm. entsprechende Menge dieses Gases auf. Als Absorptionsco'efficienten bezeichnet man dasjenige bei 0° u. 760 mm Barometerstand gemessene (oder darauf reducirte) Volumen eines Gases, welches von 1 Vol. einer Flüssigkeit unter einem Druck von 760 mm Quecksilberhöhe (1 Atm.) absorbirt wird. Derselbe ist für verschiedene Temperaturen im Allgemeinen verschieden. Nachfolgende Tabelle enthält die Absorptionscoefficien- ten einiger Gase für Wasser bei den angegebenen Temperaturen 1 Vol. Wasser absorbirt bei 0° 50 10° 15° 200 0 . Wasserstoff 0,0163 0,0193 0,0192 0,oiss 0,0193 Sauerstoff 0,04114 0,08628 0,03250 0,02SS9 0,02838 Stickstoff 0,02035 ",01794 0^)1607 0,01478 0,01403 Kohlensäure 1,7963 1,4497 1,164, 1,0020 0,9014 Schwefelwasser - st°ff 4,8706 3,6652 3,5858 3,2326 2,9053 Chlor t) 6,5852 2,3681 2,1665 Das Henry-Daltonsche Gesetz gilt indessen nur innerhalb gewisser Druckgrenzcn; bei sehr hohen Druckgraden nimmt die Absorbirbarkeit der genannten Gase ab. Andere Gase, welche von Wasser in Folge großer chemischer Verwandtschaft in ungleich größerer Menge ausgenommen werden (wie schweflige Säure, Chlorwasserstoff u. Ammoniak, von welchen 1 Vol. Wasser bei 10° 53,g resp. 472,§ u. 898,i Vol. absorbirt), folgen dem genannten Gesetz erst bei höheren Temperaturen, so schweflige Säure erst bei 50°, Ammoniak erst bei 100°6. Die Fähigkeit einer Flüssigkeit, Gase zu absorbiren, wird durch Zusatz löslicher Stoffe oder anderer, mit denselben mischbaren Flüssigkeiten im Allg. vermindert. So entweicht aus kohlensäurehaltigem Wasser (z. B. Selterswasser) ein beträchtlicher Theil der Kohlensäure, wenn demselben Salze, Zucker ic. beigemengt werden; deshalb moussirt Bier auf Zusatz von Zucker. Durch manche Stoffe wird dagegen die Absorptionsfähigkeit der Flüssigkeiten für gewisse Gase vermehrt, so z. B. die des Wassers für Kohlensäure durch phosphorsaures Natron, für Stickoxyd durch schwcfelsaures Eisenoxydul. Tic Ursache hiervon ist in einer chemischen Anziehung des gelösten Stoffes zu den betreffenden Gasen zu suchen. — Eine Flüssigkeit heißt mit einem Gase gesättigt, wenn' sie so viel davon absorbirt enthält, als sie bei dem gerade vorhandenen Druck u. bei der herrschenden Temperatur absorbiren kann. Wird die mit einem Gase gesättigte Flüssigkeit einem geringeren Druck ausgesetzt, als bei welchem sie gesättigt war, so entweicht, dem Henry-Daltonschen Gesetze entsprechend, so viel von dem absorbirten Gase, bis sie für den neuen Druck wieder gesättigt ist. So entweicht aus kohlensäurehaltigem Wasser fast alle Kohlensäure, wenn eine dasselbe enthaltende verkorkte Flasche geöffnet wird u. einige Zeit offen stehen bleibt. Denn in der verschlossenen Flasche befand sich über dem Wasser Kohlensäure von sehr Hoher Spannung, wie beim Offnen der Flasche aus dem Knall u. dem Hinwegschleudern des Stöpsels erhellt; ist aber die Flasche geöffnet, so befindet sich über derselben Luft, welche nur wenig, durchschnittlich 0,^ Volumenprocente, Kohlensäure enthält; der Partialdruck dieser letzteren, welcher nach dem Henry-Daltonschen Gesetze allein in Betracht kommt, ist, wie wir gesehen haben, nur Atm., woraus folgt, daß auch nur ein entsprechend kleiner Theil der Kohlensäure absorbirt bleiben kann. Deshalb kann eine Flüssigkeit beim Stehen in der Luft oder bcin, Hindurchleiten von Luft ein absorbirtes Gas vollständig verlieren, wenn dasselbe in der Luft nicht enthalten ist, ebenso, wenn irgend ein anderes Gas durch die Flüssigkeit hindurchgeleitet wird, welches dann eine das erstere Gas nicht enthaltende Atmosphäre bildet. Deshalb verliert eine Flüssigkeit unter der Glocke der Luftpumpe sehr viel von dem in derselben gelösten Gase; vollständig verliert sie dasselbe aber nur bei Vorhandensein eines Stoffes, welcher das entweichende Gas sofort absorbirt. Die Aufnahme von Gas, sowie das Entweichen des absorbirten Gases findet auch durch eine Flüssigkeitsschicht oder durch eine mit einer Flüssigkeit getränkte Membran statt; die trennende Flüssigkeit absorbirt erst das Gas u. gibt es dann nach der anderen Seite wieder ab. Hierdurch erklärt sich theilweise das Zustandekommen des Gasaustausches bei pflanzlichen u. thierischen Zellen; von dem Antheil, welcher in dieser Beziehung dem Oberhäutchen (der Cuticula) der Pflanzen zukommt, weiter unten. Das Entweichen des absorbirten Gases geht stets von der Wandung des Gefäßes aus, hier sammelt sich das Gas in Blasen, die, wenn sie eine gewisse Größe erlangt haben, sich von der Gefäßwand losreißen, aufsteigen u. zerplatzen. Der Grund ist, daß die Gasmolecüle im Innern der Flüssigkeit von allen Seiten von den sie anziehenden Molecülen der letzteren umgeben sind, an der Wand dagegen nur von der einen Seite; hier werden sie also mit geringerer Kraft festgehalten, u. deshalb ist hier der Ort, wo sie sich losreißen. Eine ebensolche Ansammlung von Gasblasen bemerkt man aus demselben Grunde an der Oberfläche eines in die Flüssigkeit gebrachten festen Körpers; durch einen solchen wird demnach, namentlich wenn er eine große Oberfläche hat, das Entweichen des Gases beschleunigt, am meisten also durch pulversörmigc Stoffe. Endlich kann ein absorbirtes Gas (wenigstens theilweise) durch Erhitzen (Kochen) ausgetrieben werden, weil die Absorptionsfähigkeit mit zunehmender Temperatur abnimmt. Wenn 98 Absorption. das Entweichen eines abiorbirten Gases bei einer Temperatur in demselben Maße stattfindet, wie das Verdunsten der absorbirenden Flüssigkeit, so ändert sich das Verhältniß zwischen absorbirtem Gas u. Flüssigkeit für diese Temperatur nicht mehr; dieses Verhältniß ist aber sür verschiedene Temperaturen ein verschiedenes. Obgleich endlich durch Tempcraturcrniedrigung die Absorbirbarkeit eines Gases für eine Flüssigkeit erhöht wird, hört dieselbe im Moment des Gefrierens der Flüssigkeit vollständig auf, wenn nicht das Gas mit der Flüssigkeit bei deren Gefrierpunkt eine chemische Verbindung eingeht. So wird die im Wasser gelöste Luft beim Gefrieren in Blasen ausgcschiedcn; so entweicht der vom geschmolzenen Silber absor- birte Sauerstoff beim Erstarren des Silbers (Spratzen); dagegen entweicht beim Gefrieren des Chlorwassers das Chlor nicht, weil dasselbe mit dem Wasser eine chemische Verbindung, das sogenannte Chlorhydrat, bildet. , Die festen Körper haben die Fähigkeit, die umgebenden Gase anzuziehen und auf ihrer Oberfläche zu einer Gasatmosphärc zu verdichten. Dies ist eine Folge der Flächenanzichung oder Adhäsion (s. d.); die anziehende Kraft ist daher der Größe der Oberfläche proportional, also bei porösen oder fein vcrtheilten Körpern, welche in eincni kleinen Raume eine verhältnißmäßig große Oberfläche darbieten, am größten. Auf der Bildung von Gasatmosphärcn an der äußeren Oberfläche der Körper beruhen z. B. die Moserschen oder Hauchbilder. Indem nun bei porösen Körpern die Gase auch an der inneren Fläche der Pore>^ festgehalten und verdichtet werden, wird bei ihnen die Flächenanzichung zu einer Einsaugung oder eigentlichen A. Durch Ausglühen können die verdichteten oder absorbirten Gase entfernt werden, weshalb auch Versuche über A. stets mit frisch ausgeglühten, also keine verdichteten Gase enthaltenden Körpern angestellt werden müssen. Nach Saussure absorbirt 1 Vol. Buchsbaumkohle 90 Vol. Ammoniak, 85 Vol. Chlorwasserstoff, 35 Bol. Kohlensäure, 9 , 2 z Vol. Sauerstoff, 7,^ Vol. Stickstoff; 1 Vol. Meerschaum absorbirt 15 Vol. Ammoniak, 5 , 2 g Vol. Kohlensäure, 1 , 4 g Vol. Sauerstoff u. 1,^ Vol. Stickstoff. Den Wasserdampf der Luft absorbirt ausgeglühte Kohle in solcher Menge, daß ihr Gewicht bei längerem Liegen an der Luft um 10—20°/„ zunimmt. Auch andere der Luft beigemengte (z. B. riechende) Dämpfe absorbirt die Kohle, so daß sie zum Reinigen der Zimmerluft verwendet werden kann. Wie aus den vorhin angegebenen u. anderen durch Versuche festgestellten Zahlen hervorgeht, werden Gase, welche sich durch Druck zu Flüssigkeiten verdichten lassen, in weit größerer Menge absorbirt, als permanente, d. h. solche Gase, bei welchen dies nicht möglich ist; ferner nimmt die Menge des absorbirten Gases mit der Dichtigkeit des absorbirenden Körpers zu und ist außerdem von der besonderen Natur dcrKörper abhängig, wie sich daraus ergibt, daß Kohle mehr Sauerstoff als Stickstoff aufnimmt, während bei Meerschaum das Umgekehrte stattfindet. Ferner nimmt die ab- sorbirte Gasmenge bei Verminderung des Druckes ab, doch läßt sie sich mit Hilfe der Luftpumpe nicht vollständig austreiben. Durch die bei der A. der Gase stattfindende Verdichtung wird Wärme frei. Diese Erwärmung kann so bedeutend werden, daß durch dieselbe eine chemische Vereinigung der absorbirten Gase unter sich oder auch mit der absorbirenden Substanz bewirkt wird. Ein gutes Beispiel hierzu bietet das Platin im Zustande seiner Vertheilung, als Platinschwamm, od. in noch höherem Maße als Platinmohr. Dieses absorbirt Sauerstoff u. Wasserstoff in solcher Menge, daß ein Gemenge beider Gase (Knallgas), damit in Berührung gebracht, durch » die frciwerdende Wärnie sich augenblicklich unter Explosion entzündet, wobcr die Gase sich zu Wasser verbinden. Darauf beruht die Anwendung des Platinschwammes bei den früher, gebräuchlichen DöbereinerschenZündmaschineu. Ähnliche Wirkungen des fein vertheilten sowol, als auch des Platins in Form von Draht od. Blech s. im Art. Platin. (S. auch unten.) Die ab- sorbircnde Kraft des Platinmohrs ist so groß, daß 1 Vol. desselben über 250 Vol. Sauerstoff absorbirt, u. die dabei stattfindende Verdichtung des Sauerstoffes entspricht einem Drucke von 1000 Atm. A. der Gase durch Flüssigkeiten, nahe verwandt und nicht zu verwechseln mit derjenigen durch poröse Körper ist die A. der Gase durch nicht poröse u. nicht krystallisircnde (kolloide) feste Körper. Die Gase verdichten sich hierbei nicht auf der Oberfläche, sondern ihre Molecüle dringen in das Innere der festen Körper, lagern sich zwischen die Molecül« derselben. Ist z. B. ein Raum, welcher ein Gas enthält, durch eine Scheidewand von nicht porösem Kautschuk von einem ein anderes Gas enthaltenden Raume getrennt, so wird das Gas zuerst von der Substanz der Scheidewand absorbirt u. dann in den zweiten Raum abgegeben, wodurch der Schein einer Diffusion entsteht. Daß man es hier nicht mit einer bloßen Diffusion zu thun hat, ergibt sich daraus, daß das Hindurchtreten der Gase nach ganz anderen Verhältnissen stattfindet, als bei dieser. Kautschuk läßt nach den Untersuchungen von Graham in derselben Zeit hindurchtreten: 1 Vol. Stickstoff, 1,irs „ Kohlenoxyd, 1,it° „ atmosph. Luft, 2,sss „ Sauerstoff, S, 5 °° „ Wasserstoff, 13,s«s „ Kohlensäure. Die Menge des (absorbirten u. dann) hindurch- gegangencn Gases nimmt bei höherer Temperatur zu (vielleicht weil der Körper sich dann dem flüssigen Zustande nähert); in einer Minute gingen durch eine Kautschukmembran: bei 4« 6 . 0,gg oboin Luft; Daß eine wirkliche A. der Gase durch den Kautschuk stattfindet, ist dadurch bewiesen, daß 50 x Kautschuk nach mehrtägigem Liegen in Sauerstoff 3 ,s 7 cbem dieses Gases unter der Glocke der Luftpumpe austretcn ließen. Auch nicht poröse u. nicht krystallinische Metalle absorbiren, besonders Absorption. 99 in hoher Temperatur, Gase. So absorbirt 1 Vot. Platin in der Glühhitze 4, bei gewöhnlicher Temperatur 2,ig Vol. Wasserstoff, Palladium bei 12° 6. 173, in der Glühhitze 600 Vol. desselben Gases, Silber 8 Vol. Sauerstoff, aber nur 0,g Bol. Wasserstoff, Eisen in der Hitze 12,^ Vol. Kohlenoxyd. Die Metalle geben das absorbirte Gas in der Glühhitze auch wieder ab. Daher die bekannte Erscheinung, daß glühende eiserne Ofen das giftige Kohlenoxpdgas (Kohlendunst) in beträchtlicher Menge hindurchtretcn lassen. In ähnlicher Weise wirkt, wie Barthelemy durch Versuche festgestellt hat, die Cuticula (das die äußere Fläche der Oberhaut überziehende Häutchen) der Pflanzen bei der Aufnahme der gasförmigen Nahrungsmittel, namentlich der Kohlensäure, u. der Abgabe von Sauerstoff, indem es diese Gase erst absorbirt u. dann wieder abgibt. Graham ist der Ansicht, daß die Gase in den absorbiren- den Körpern verflüssigt werden u. an der anderen Seite wieder verdunsten. Poröse feste Körper absorbiren vermöge der Eapillarität Flüssigkeiten und halten dieselben in Folge der Adhäsion zurück. Trockenes Holz, Lösch- papicr, gebrannter Thon, trockene Erde sangen Wasser ein. Diese A. des Wassers durch trockene Erde ist für das Wachsthum der Pflanzen, sowie in geologischer Hinsicht für die chemische Veränderung der Bodenbestandtheile von größter Wichtigkeit (s. weiter unten). Aus der Eigenschaft der porösen Holz- u. Knochenkohle, gewisse gelöste Stoffe ans ihren Lösungen in bes. hohem Maße zu absorbiren, beruht die Anwendung der Holzkohle zur Entfärbung gefärbter Flüssigkeiten und zur Entsusclung des Branntweins, sowie der Knochenkohle zur Entfärbung der Zuckerlösung und zum Entfernen des Kalkes aus derselben in den Zuckerfabriken, auch zur Wegnahme der Erdsalze aus dem Brunnenwasser, sowie beider Kvhlensorteu zur Ausscheidung der Alkaloide aus ihren Lösungen. Von anderer Art ist die A. von Wasser durch die organisirten Substanzen des Pflanzen- und Thierkörpers, bei welchen sich das Wasser zwischen die Molecüle einlagcrt. Dabei quellen diese Stoffe aus; so Stärke, Leim, thicrische u. pflanzliche Membranen. Die Stärke dieser A. hängt von der besonderen Natur der Stoffe ab. So nehmen 100 Gewichtstheile trockener Ochsenblase auf: 268 Th. Wasser, 133 „ gesättigte Kochsalzlösung, 38 „ Weingeist, 17 „ Ll; dabei schwillt die Substanz der Blase an, am meisten.mit Wasser; streut man auf eine mit Wasser gesättigte Blase Kochsalz, so löst sich dieses in dem Wasser auf, ein Theil der entstandenen Kochsalzlösung tritt aus, u. die Blase schrumpft zusammen. (Vgl. den Art. Diosmosc.) Boden-A. Ähnlich der gepulverten Holzkohle besitzt dieAckcrerdc die Eigenschaft, sowol Gasarten, als Flüssigkeiten, als auch endlich feste Körper, welche sich in Lösung befinden, zu verdichten, in sich aufzunehmen, zu absorbiren. Es ist dieses A-svcrmögen ein Hauptfactor der Fruchtbarkeit, also eine der wichtigsten physikalischen Eigenschaften der Ackererde. Tic A. steht in genauem Zusammenhänge mit der Porosität, der Feuchtigkeit u. anderen physikalischen Eigenschaften des Bodens. Derselbe absorbier z. B. um so rascher u. reichlicher, je lockerer er ist. Neben dieser rein mechanischen Thätigkeit sind aber auch chemische Kräfte bei der Bodcn-A. thätig. Die Ä. der Gase beruht (s. oben) vorwaltend auf der Flächenanziehnng. Je größer die Fläche, u. sie ist am größten bei dem lockersten Boden, desto mehr dringt der Sauerstoff der Luft in den Boden n. wirkt chemisch verändernd bes. auf die organischen Bc- standtheile ein. Der Stickstoff der Luft als solcher bleibt ohne Wirkung u. wird wol nicht absorbirt. Salpetersäure u. salpetrigsaures Ammon dagegen, welche in der Luft vorhanden, werden durch die atmosphärischen Niederschläge dem Boden zugcführt, nur das Ammoniak wird gebunden. Van der Brock behauptet, daß auch Kohlensäure absorbirt werde. Von größter landwirth- schaftlicher Bedeutung ist das Verhalten der Ackererde gegen das koylensaure Ammon. Bei der Zersetzung, welche die Thier- u. Pflanzenwelt nach dem Absterben erleidet, wird ans den stickstoffhaltigen (organischen) Bcstandtheilcn dieses Gas gebildet, welches schlechthin auch wol Ammoniak genannt wird, richtiger anderthalb Kohlensaures Ammon2(shiIIZ.,60z),OO? (s. kohlcnsaure Salze). Dieses Salz ist seiner Flüchtigkeit wegen ein nie fehlender Bestandtheil der Luft u. wird dieser durch die Ackererde entzogen, eS wird fixirt u. von Neuem den Pflanzeuwurzcln zugeführt u. ist wirksam beim Entstehen neuen Lebens. Es entsteht natürlich auch in den Stallungen ans den sich zersetzenden Excrementen u. beeinträchtigt hier mit gleichzeitig auftretenden übelriechenden u. gesundheitschädlichen Kohlenwasserstoffen u. Schwefelwasserstoff das Wohlbefinden der Thiere. Als vorzügliches Mittel gegen diese Übclstände empfiehlt sich seiner Einfachheit u. Billigkeit wegen die Ackererde (s. Erdeinstreu). Über A. des Wassers s. wasscrfassende u. haltende Kraft des Bodens. Auf vorwiegend chemischen Vorgängen beruht das Verhalten der Ackererde gegen sämmtliche andere Pflanzcnnähr- stoffc. Sind die Versuche hierüber noch nicht als abgeschlossen zu betrachten, so steht doch bereits so viel fest, daß zunächst alle Vasen, Kali, Natron, Kalk, Magnesia, durch die verschiedenen Bodenarten in größerem od. geringerem Grade absorbirt werden. Daß der Vorgang chemischer Natur, ist daraus zu schließen, daß das A-svermögen bedingt ist u. abhängig von den chemischen Be» standthcilcn (Thonerde, Kalkerde, Eisenoxyd, Humus, Sand), und ferner daraus, daß für die absorbirte Base eine äquivalente Menge einer anderen Base in Lösung geht. Die einmal absor- birten Stoffe werden nicht ganz unlöslich, sondern nur schwerlöslich, so daß sie dem Boden selbst durch bedeutende Wasscrmengen nur in geringen Brnchtheilen wieder entzogen werden können. Es spricht ferner für diese Ansicht, daß stets die stärkere Base die schwächere verdrängt. So wird aus einer A-sflüssigkeit Kalib asorbirt, während Kalkerde, Magnesia u. Natron löslich 7 * 100 Absirption. wird. Tie Flächenanziehung ist natürlich auch hier nicht ausgeschlossen u. kann unter Umständen die aus chemischer Bindung beruhende A. überwiegen. Das bedeutende A-svermögen des Torfes läßt sich durchaus nicht auf chemische Vorgänge allein zurückführen. In der fast nur aus organischen Stoffen bestehenden Masse desselben sind nur einige äußerst schwache Säuren — die sogenannten Humussäuren — vorhanden, welche sich mit Basen sättigen können. Es sind die Säuren aber nicht in genügender Menge vorhanden, um die beträchtliche Menge von Basen binden zu können, welche bei den verschiedenen Versuchen absorbirt wurden. Die Leichtigkeit, mit welcher die absorbirte Base wieder gelöst wird, ist serner beweisend für die Flächenanziehung. Was das A-svermögen der Ackererde bezüglich der Säuren betrifft, so ergibt sich aus vielen Versuchen, daß Kieselsäure u. Phosphorsäure von den verschiedenen Erden absorbirt werden. Schwefelsäure u. Chlor werden (nach Liebig, Henneberg, Stohmann u. And.) gar nicht absorbirt. Über Schwefelsäure liegen entgegengesetzte Resultate von Heiden vor. Bei den Versuchen desselben mit schwefelsaurem Kali u. schwefelsaurer Magnesia wurde der kleinere Theil der Schwefelsäure zurückgchaltcn. Unbestritten ist dagegen, daß sowol freie Salpetersäure, als auch die an Basen gebundene, welche in die Ackererde gebracht wurde, dieser vollständig durch Wasser wieder entzogen wird. Von besonderer Wichtigkeit für die Praxis ist die A. bezüglich der Phosphorsäure (s. Superphos- vhate), der Salpetersäure (s. Kopfdüngung), des Ammoniak (s. Dünger), des Kali (s. d.). Die A-serscheinungen geben dem Landwirthe Fingerzeige für die Art u. Weise u. Zeit der Verwendung der die genannten Stoffe enthaltenden Hilfsdünger. Beweisend für den rein chemischen Vorgang bei Fixirung der Säuren ist die A. der Phosphorsäure. Dieselbe wird von allen Bodenarten absorbirt, aber zunehmender Gehalt an Kalk, Magnesia, Eisenoxyd und Thonerde erhöht des A-svermögen. Gerade diese Basen aber sind sehr geneigt, mit der Phosphorsäure chemische Verbindungen einzugehen. Die absorbircnden Eigenschaften des Bodens sind schon früh beobachtet worden. Schon Aristoteles wußte, daß Meerwasser trinkbar gemacht werden könne, wenn es durch Erde filtrirt wird. Die Wichtigkeit der A. für den Ernährungsproceß der Pflanzen zeigte aber erst 1836 I. P. Bronner. 1845 beobachtete Thompson, daß kohlensaurem u. schwefelsaurem Ammoniak durch Ackererde die Base entzogen werde; 1850 stellte Way umfassendere Untersuchungen über die Ursachen der A. an. Die Resultate Ways werden durch Völker, Henncberg u. Stohmann bestätigt. 1858 schrieb Liebig über einige Eigenschaften der Ackerkrume. Die A. des gasförmigen Ammoniak bewiesen um 1860 Brustlein, Wolfs und Knop. A. des Lichtes. Wenn ein fester oder flüssiger Körper von Lichtstrahlen getroffen wird, >o wird ein Theil des Lichtes an der Oberfläche rcflcctirt, ein anderer Theil tritt in das Innere des Körpers ein u. kann, wenn er nicht an tieferen Schichten noch reflectirt wird, hindurchgelassen werden. Niemals aber wird alles einen Körper treffende Licht reflectirt oder hindurchgelassen, stets geht ein Theil desselben scheinbar verloren: die Summe der Intensitäten des hindurchgelassenen u. des zurückgeworfenen Lichtes ist immer kleiner, als die Intensität des auffallenden Lichtes. Von diesem scheinbar verloren gegangenen Antheil des Lichtes sagt man, es sei absorbirt worden. Das absorbirte Licht geht, wiege- sagt,„nur scheinbar verloren, die Wellenbewegung des Äthers, in welcher das Licht (u. die strahlende Wärme) besteht, wird nicht aufgehoben, sondern in eine Bewegung der Molecüle des absorbirenden Körpers (Wärme) umgesetzt; wie dieß dem bekannten Gesetze von der Erhaltung der Kraft entspricht. Auf der A. von Lichtstrahlen bestimmter Brechbarkeit (Farbe) beruhen die natürlichen Farben der Körper. Ein Körper erscheint z. B. im auffallenden Lichte blau, wenn er vorzugsweise die blauen Strahlen reflectirt, die übrigen (größtentheils) absorbirt. Man kann sich davon überzeugen, indem man das durch ein Prisma erzeugte vollständige Spectrum (Farbenbild) auf ein mit Ultramarin gefärbtes Papier wirft: dann erscheinen die rothen und gelben Theile des Spectrums dunkel, nur die blauen (u. violetten) hell, woraus folgt, daß nur die letzteren Strahlen reflectirt, die rothen u. gelben dagegen absorbirt werden. Ebenso erscheint ein Körper im hindurchgehcndcn Lichte blau, wenn er vorzugsweise die blauen Strahlen hindurchläßt. Zerlegt man z. B. das von einer (dicken) Platte von Kvbaltglas hindurchgelasssne Licht mittels des Prisma, so erscheint in dem Spectrum ein breiter blauer u. ein schmaler rother Streifen^ die anderen Theile desselben sind schwarz. Kein bis jetzt bekannter Körper zeigt übrigens eine ganz einfache Farbe; die Körperfarben sind vielmehr gemischt, d. h. von jedem Körper werden Strahlen verschiedener Brechbarkeit reflectirt u. hindurchgelassen. Solche Spectra, von welchen nur gewisse Theile sichtbar, andere aber durch A. verdunkelt sind, heißen Absorptionsspectra. Die Absorptionsspectra fester u. flüssiger Körper sind demnach durch das Auftreten breiter dunkler Streifen charakterisirt. Das Spectrum eines durch ein Gas hindurchgegangenen Lichtbündels zeigt nicht solche breite dunkle Stellen, sondern mehr oder weniger zahlreiche scharfbegrenzte schwarze Streifen. So fand Brewster, daß das Spectrum des durch salpetrigsaures Gas hindurchgegangenen Lichtes gegen 2000 über alle Farben verthcilte Absorptionsstreifen zeigte, u. zwar waren die meisten, derselben im Grün u. Blau, was mit dem Umstande übereinstimmt, daß das Gas orangefarbig ist. Auf dieser Eigenschaft der Absorptionsspectra der Gase und besonders auch der farbigen Flammen, welche letztere gerade diejenigen Strahlen absorbiren, die sie für sich allein aussenden würden, beruht theilweise die Spectralanalyse; Ausführlicheres s. das. Auch die W ä r m e st r a h l en werden von den verschiedenen Körpern in verschiedenem Maße reflectirt, hindurchgelassen und absorbirt, worüber das Nähere im Artikel Wärme. Absorptionsspektrum — Absprcngen. 101 Absorptionsspektrum, s. Absorption und Spektralanalyse. Abspähnen, vgl. Absetzen. Abspannung (Erschlaffung, atonia, achv- nsmia), der Zustand des Organismus, welcher nach starker, wenn nicht übermäßiger Anstrengung der Muskeln u. Nerven eintritt u. in der Verminderung oder selbst völligen momentanen Aufhebung ihrer Leistungsfähigkeit besteht. Jede Anstrengung ist mit einer Ausgabe (Verbrauch) von Stoffen, die, je nach ihrem Grade, die durch das Blut vermittelte Einnahme (Zufuhr) übersteigt; also so zu sagen eine Unterbilanz der Ernährungs- thätigkeit. A. tritt nach dein jeweiligen Zustande des Muskel- u. Nervensystems u. deren Ernährung rascher oder langsamer ein. Heitere, willens- krästige, gesunde Menschen können sich viel und andauernd anstrengen, bevor sie abgespannt sind, während bei trübseligen, kränklichen, Willensschwächen Menschen das Entgegengesetzte stattfindet. Richtiger Wechsel von Arbeit u. Ruhe, Wachen u. Schlafen, von körperlicher u. geistiger Thätigkeit verhindert A. u. deren schlimme Folgen, ebenso wie anregende Geistes- u. Gemüthsein- drücke, anregende körperliche Einflüsse, wie Bäder, frische Luft, mäßiger Genuß geistiger Getränke rc. Die A. nach einer Krankheit muß natürlich mit dieser selbst u. mit besonderer Vorsicht behandelt werden. A. Bouchardat, I,s travs.il, son in- üusnes snr In sänke, Paris 1863; E. Reich, Die Feiertage, Nordh. 1874; W. Wundt, Grundzüge d. physiol. Psychologie, Lpz. 1873—74, u. die Lehre von der Muskelbewegung, Braunschw. 1858; W. Preyer, das myophysische Gesetz, Jena 1873. Abspelzen (Mühlw.), vor dem Zermalmen der Gerstenkörner die beiden Spitzen scharf ab- rciben lassen. Absperren, den Dampf, heißt das Zuströmen des Dampfes aus den Dampfkesseln nach der Maschine unterbrechen. Absperrung nennt man im Mg. die Verhinderung des freien Personen- oder Waarenver- rchres zwischen Orten oder Staaten. Das Recht der gänzlichen A. oder des Zulasses nur unter gewissen Bedingungen gegenüber Personen wie Gütern aus fremden Ländern, sowie die A. einzelner Bezirke, Städte oder Häuser im eigenen Lande steht jedem Staate oder Gemeinwesen in Verfolgung feiner Zwecke oder zum Schutze seiner Angehörigen zu. Von der A. gegen das Ausland haben die alten Staaten der Ägypter, Juden, Inder, sowie bis in die neueste Zeit China, Japan, Rußland, zeitweise auch andere, z. B. Frankreich (Continentalsperrc), Gebrauch gemacht. Nach neueren Begriffen wendet man die A. der Grenzen (Grcnzsperre)nurnochinbesonderen Fällen (im Kriege oder gegen ansteckende Krankheiten) an, da man der Menschheit ein Recht aus jedes Land der Erde zuerkennen muß, weshalb kein Volk zu völliger A. befugt erachtet werden kann, ein möglichst freier Verkehr überdies dem gegenseitigen Vorthcil nur förderlich ist. Die A. in Kricgszcitcn geschieht, um jeden Verkehr unter den Angehörigen der kriegführenden Staaten u. sich selbst gegen die Verbreitung wichtiger Nachrichten abznschließen, um der Stärke des Gegners durch Zufuhr von Maaren rc. nicht mittelbar Vorschub zu leisten, doch wird auch dann der Privatverkchr im Rücken des verbringenden Heeres, sobald dessen Unterhalt gesichert ist, nicht beschränkt. Von Seiten der Neutralen wird in Kriegszeiten die A. zur besseren Sicherung der Neutralität angeordnet. Auch tritt sic schon bei drohender Kriegsgefahr bezüglich gewisser Thicre, Producte und Fabrikate ein. Zeitweise haben Staaten die A. gegen gewisse Klassen von Fremden angewandt, z. B. gegen Juden, Zigeuner rc. Die Absperrung zur Verhinderung oder Beschränkung der Ein- und Ausfuhr erfolgt hauptsächlich zum Zwecke der Erhebung von Zöllen und zum Schutze der einheimischen Industrie. Die Absperrung gegen ansteckende Krankheiten trifft sowol Länder, als einzelne Gegenden, Ortschaften, selbst Häuser, sowol Menschen und Thiere, als auch Gegenstände aller Art, welche den Anstcckungsstoff verbreiten könnten. Die Absperrung ist eine unbedingte, oder eine zeitweise auf so lange, bis der Änsteckungsstoff vernichtet, oder sein Nichtvorhandensein erwiesen ist (Quarantäne); letztere besteht z. B. fortwährend zwischen der Türkei u. den Staaten des Mittel - meeres, um die Einschleppung der Pest zu verhüten. Die Haupt-Krankheiten, gegen welche die A. stattfindet, sind die Pest, die Pocken, das gelbe Fieber; bei Thieren die Hundswuth, die Rinderpest, der Rotz, die Lungenseuche, die Schafpocken. Das deutsche Reichs-Strafgesetzbuch von 1871 ahndet die wissentliche Verletzung amtlicher A-smaß- nahmen mit Gefängniß bis zu 1, beziehungsw. 3 Jahren (AZ 327, 328). Die A-smittel steigen von bloßen Befehlen oder Warnungstafeln bis zur militärischen Besetzung einer Grenze u. bis zur Umschließung eines Ortes, Hauses od. Kranken- Aufenthaltes. Die Ländcrsperre wird übrigens von allen competenten Berichterstattern für nutzlos u. vielfach sehr schädlich erklärt, und alle stimmen darin überein, daß die Krankheiten, gegen deren Verbreitung man die A. richtete, an den Ent- stehungsorten zu vernichten seien. Die Häuser- u. Ortssperce bei Blattern u. a. ansteckenden Volks- krankheiten ist bei vernünftiger Durchführung zuweilen von besserem Erfolge, als die Ländcr- sperre. Vgl.: A. Mühry, Die gcogr. Verhältnisse der Krankheiten, Lpz. u. Heidclb. 1856, 2 Bde.; A. B. Clot-Bey, Vs In pssts, Par. 1840; F. Gobbi, Beitr. zur Entwickl. u. Reform des Quarantänewesens, Wien 1849; A. Th. Stamm, Noso- phthorie, Bd.I.,Lpz. 1862; D.Urquhart,I'ro§rsss ok Ünssis, 2. sä. Lond. 1853; I. Girettiy civilisation et Io cüolera, Par. 1867; I. Mac- pherson, Oonäit null, vlüoli Olmlora spy. iu its üomo. (Neck. Mm. L Orr?, Lond. 1866. vol. I); S. Smith, Mrs common natnrs ok Lgiäemics, Lond. 1866. Absperrventil, s. u. Ventil. Absprcchen, urtheilen ohne Gründe u. ohne die abweichendeMeinung Anderer zu berücksichtigen. Aüspreizen, Stützen an Gebäudctheilen, Dämmen rc. anbringen, bei denen ein seitlicher Einsturz zu befürchten steht. Absprcngen, Steinmassen durch Sprengen mit 102 Abspringen - Pulver, Dynamit rc. abtrcnncn; Wände, Balken, Decken, Dächer rc. a. heißt, den Druck, welchen diese Theile auf unterliegende Gebäudetheile ausüben, auffangen u. auf die End- oder Auflagerpunkte ableiten, auch das Turchbiegcn der Theile selbst verhüten; s. Sprcugwerk. Abspringen (Jagdw.), vom Wilde, die Fährte durch einen Seiteuspruug (Absprung) verlassen. Absprung (Abspringer, Forstw.), die vorjähr. Triebe, die gegen das Frühjahr von Kiefern (durch lhlssirms piniperäa), Fichten (durch Eichhörnchen u. Vögel), Eichen u. Pappeln (hier durch die Triebkraft des Baumes) abgeworfen (abgeschoben) werden. Nbspiiren (Jagdw.), die Spuren oder Fährten aufsuchen, um zu erfahren, ob und was für Wild in einem gewissen Kreise vorhanden ist. Abstiimmen (Abmeißeln, Chir.), bei Amputationen Stücke von Knochen mit dem Meißel entfernen; eine zuweilen notwendige Operation. Abstammung, eigentlich ein aus dem Pflanzen- u. Thicrreich auf die Wenschenwelt übertragener Ausdruck, worunter man das unmittelbare oder mittelbare Erzeugtsein eines Menschen von einem anderen versteht, und worauf sich das Berwandtschaftsverhältniß der Ascendenten und Descendentcn (s. d.) gründet. Abstammungs- tasel, so v. w. Stammbaum. A. des Menschengeschlechtes, s.u. Mensch. A.der Wörter, s. u. Etymologie. Abstand (Distanz, ämtantia), im Allg. die Entfernung eines Gegenstandes vom anderen. In der Mathem. nennt man A. zweier Punkte die Länge der zwischen beiden gezogenen geraden Linie; A. eines Punktes von einer geraden Linie oder Ebene: die Länge der von dem Punkte auf die Linie oder Ebene gefällten Senkrechten; A. einer Linie oder Ebene von einer mit ihr parallelen Linie oder Ebene die Länge der von einem beliebigen Punkte der einen auf die andere gefällten Senkrechten. Ter A. zweier Punkte am Himmel wird durch den Bogen oder den Winkel gemessen, welchen zwei von dem Beobachtungsorte aus nach den Punkten gezogene gerade Linien bilden. In der Astr. heißt A. der Nachtgleiche vom Mittag der in Graden oder Stunden ausgedrückte Bogen des Äquators, welchen der Frühlingspunkt im Augenblick des wahren Mittags noch zu durchlaufen hat, bevor er in den oberen Mittagskreis eintritt; A. eines Sternes vom Mittag, der Bogen des Äquators von dem Mittagskrcise bis zu,.dcm Punkte, wo der Abweichungskreis den Äquator durchschneidet; A. eines Sternes vom Scheitel oder Zenith (Zenithdistanz): der Winkclabstand des Sternes vom Scheitelpunkte des Beobachters. In der Krieg sw. die Entfernung von der Front der vorderen Abtheilung bis zu der der Hinteren, z. B. Tresfen- A., Gliedcr-A. Abstandsgeld, der Betrag, gegen dessen Erlegung Jemand feine Rechte aufgibt, seien es unbestrittene, durch Vertrag rc. erworbene, seien cs bestreitbare. Bei unbestrittenen Rechten, z. B. wenn Jemand vor Ablauf einer Contractszeit ron den aus dem Vertrage erwachsenen oder durch ihn aufcrlegten Verpflichtungen gegenüber — Absteifcn. dem Mitcontrahenten entbunden sein will oder werden soll, erscheint das betr. Geschäft als eine Entschädigung, bei bestrittenen od. nicht unbestreit» baren aber als ein Vergleich. Im Allgemeinen suchen beide Theile auf dem Wege freier Vereinbarung das A. zu bestimmen, doch kann in Ausnahmcfällen, insbes. bei Zwangscnteignungcn zuöffentlichenZwecken(Expropriation), auch seitens der Behörden die Feststellung des Ä-s erfolgen. Das A. darf nicht verwechselt werden mit dem Reugeld, welches in Verbindung mit einem ausdrücklichen Vorbehalte des Rücktrittes schon bei Feststellung der rechtlichen Beziehungen ausbedungen wird, und das daher auch der andere Theil — gleichviel ob ihm die Rückgängigmachung genehm, oder nicht — nicht zurückweisen kann; also hier Vertragsbestimmung, dort freie Vereinbarung. Abstechen, in der Hüttenkunde u. im Gießereibetriebe die Operation, durch welche die Häupter. die Nebenproducte eines Schmelzprocesses aus dem Ofen entfernt werden. Das Abstechen oder der Abstich geschieht meist in regelmäßigen Zeitabständen bei den continuirlich wirkenden Apparaten, z. B. den Schachtöfen (s. d.); die Größe dieser Zeitabstünde, also die Zahl der Abstiche in einer Zeiteinheit, z. B. 24 Stunden, wirb bestimmt durch die Natur der Productc, die Größe u. die Leistungsfähigkeit des Apparats. Empfindliche Metalle sticht man öfters ab, andere, z. B. das Eisen, in größeren. Zeitabstän- den. Bei den nicht continuirlichcn Öfen, z. B. den Flammöfen (f. d.), sticht man ab, wenn die Einsätze vollkommen geschmolzen sind, oder der Proccß beendet ist. Beim Gießereibetriebe richtet sich der Zeitpunkt der Abstiche auch nach der Fertigstellung der Gußformcn; ehe dieselben nicht gußbereit dastehen, kann nicht abgestochen werden. Um bequem abstechen zu können, ist in der festen Ofenconstruction stets ein Schlitz oder Kanal, die Abstichöffnung, ausgespart, der weitergehend mit Lehm oder Sand verschlossen wird; beim Abstechen stößt man mit einer spitzen Stange durch den Verschluß. Abstecken, 1) (Feldmcßk.) den Verlauf einer Linie auf dem Felde durch eingestellte Stäbe (Absteckstäbe) markiren: 2) (Bank.) die Richtungen u. Längen der Umfasfungs- u. Zwischenmauern eines aufzuführenden Gebäudes od. auch Festungswerkes durch Pflöcke (Banken, Piquets) bestimmen; dieselben werden darauf zur besseren Einhaltung der Richtung mit Schnüren od. Latten verbunden (s. Abschnüren). Abstecklinie, Äbscisse (Feldmeßk.), eine durch Absteckstäbe bezeichnte Linie, welche zur Grundlage der Vermessung eines Stückes Feld dient. Absteckstab, Absteckstange (Feldmeßk.), eine 2—2,5 m lange u. 5—6 om starke Stange von gutem ausgctrocknetem Holze, unten mit einem spitz zulaufenden eisernen Schuh versehen u. abwechselnd mit weißer u. hellrother Farbe so angestrichen, daß jede Farbe 2S cm einnimmt. Abstehen, io v. w. sterben, eingehen, von Thieren. Absteifen, Einsturz drohende Gewölbe, Decken rc. mit Stützen verseben. '.i ! ( -t 2 103 -L. ''l! Absteigung — Absteigung, gerade, so v. w. gerade Aufsteigung (s. d.); schiefe A-, der Bogen des Äquators zwischen dem Frühlingspunkte u. dem mit einem Gestirn zugleich untergchenden Punkte des Äauators. Abstcution (lat.), 1) Entsagung; 2) der Act, wodurch der Bischof Jemanden öffentlich mit dem Kirchenbann belegte; daher Abstenten, die mit dem Bann belegten Sünder. Absterben (Physiol.), 1) Zustand, bei dem einzelne Glieder, Fußzehen, Finger rc. auf einige Zeit kalt, blaß, steif und gefühllos werden, so daß man Hineiuschneiden kann, ohne Schmerz u. Blutung zu verursachen. Das A. beruht meist auf einer durch Kälte herbeigeführten Verengerung der Blutgefäße, oder auf einer zeitweisen Lähmung einzelner Ncrvenzweige. 2) Das wirkliche Erlöschen der Lebeusthätigkeit einzelner Glieder oder Gewebe, wie es in Folge heftiger Entzündung, festen Unterbindens, Lähmung, Herzkrankheiten, vom Genuß mancher Gifte vorkommt, f. Brand u. Knochenbrand. 3) Das Erlöschen der Reizbarkeit der Nerven nach dem Tode. Reizt man nach erfolgtem wirklichem Tode die motorischen Nerven (s. d.) mittels des elektrischen Stromes, so zucken die dazu gehörigen Muskeln noch eine kurze Zeit, bevor sie ganz absterben. Letzteres geschieht in nachstehender Reihenfolge: u) Gehirnnerven, b) Rückenmarksncrven, zuerst obere, dann untere, o) Sympathicus. Jeder einzelne Nerv stirbt in der Richtung von feinem Anfänge nach feinem Ende hin ab. (Ritter-Vallifches Gesetz des Absterbens der Nerven.) Abstich, f. Abstechen. Abstichebene, in der Hüttcnk. ein besonderer, oft erhöhter Theil der Hüttensoole vor den Eisen- hohöfen, welcher zur Aufnahme der Formen für das abgestochene Roheisen dient. S. Abstechen. Abftichöffnung, f. Abstechen. Abstimmung, unter Mehreren (Versammlung, Collegium) die schließliche Erklärung des Willens od. der Meinung in kurzem Ausdruck, meist mit Ja od. Nein, auf vorgelegtc Frage. Die Stimmen können öffentlich abgegeben werden, durch Ja- od. Neinsagcn, durch Aufstehen od. Sitzenbleiben, Handaufheben od. Nichtausheben, oder durch das Zusammentreten auf die eine oder andere Seite, oder schriftlich auf Stimmzetteln. Eine namentliche A. nennt man diejenige, bei welcher jeder der Beschließenden seine Stimme bei Aufruf feines Namens nach einer Liste, also zu Protokoll abgibt. Da letztere zu weiterer Veröffentlichung der A. dienen, oder auch — z. B. bei den Wählern, bei der Regierung re. — schaden kann, so wird sie bei Parteikämpfen oft zur Einschüchterung benutzt, freilich mit Erfolg nur bei schwachen od. feigen Individuen. Nach manchen Geschäftsordnungen, Gesellschaftsstatuten rc. muß die namentliche A. erfolgen, wenn eine bestimmte Anzahl von Mitgliedern sie verlangt. Die geheime A. (Ballo- tage) geschieht durch Aufschreiben des Namens der zu wählenden Person (der auch gedruckt fein kann), des Ja od. Nein auf zusammengcfalteten Zettel, durch weiße (bejahende), oder schwarze (verneinende) Kugel, oder ähnliche Zeichen, bei Abstimmung. welchen die Mitstimmenden oder der Stimmensammelnde nicht sehen können, welche Stimme jeder Einzelne abgibt, bezw. zurückbehält. Je nach den in den Versammlungen geltenden verschiedenen Bestimmungen ist zur Bejahung od. Verneinung der vorliegenden Frage eine gewisse Anzahl von Stimmen erforderlich: Stimmeneinheit oder Einhelligkeit (z. B. bei der engl. Jury, vgl. I. Rey, Des instit. snäie. äs l'Vnglsteirs. Par. 1826. Low. II.), wenn alle vorhandenen Stimmen Ja, od. aber alle Nein beschließen; ist dies nicht vorgcfchrieben, so entscheidet Stimmenmehrheit (Maprität) gegen Stimmenminderhcit (Minorität), u. zwar ist die Mehrheit eine absolute, wenn sie eine Stimme mehr als die Hälfte, in bes. bestimmten Fällen mehr als A od. H hat, oder eine einfache (relative), wenn eine größere Zahl für als wider stimmt, diese Mehrzahl aber nicht H, bezw. A od. L der Versammelten oder zuweilen der Abstimmenden überschreitet. Bei Stimmengleichheit (gleiche Zahl Ja wie Nein) entscheidet entweder die Stimme des Vorsitzenden der Versammlung (Stich-Entscheid), oder die A. wird wiederholt, vielleicht namentlich gefordert, od. der Beschluß wird vertagt; in manchen Versammlungen lehnt sie ab, in anderen, z. B. bei manchen Urtheilssprüchen, entscheidet sie zu Gunsten des Beklagten. Oft gehört die Anwesenheit einer gewissen Anzahl stimmberechtigter Mitglieder zur Beschlußfähigkeit, u. dann kann häufig in einer späteren zweiten Versammlung die einfache Mehrheit der Erschienenen beschließen. Der durch A. erzielte Beschluß gilt als solcher der ganzen Versammlung, u. ist ein in vielen Fällen nothwendiges oder einziges Mittel zur Entscheidung, obwol ein unvollkommenes, da mit den Stimmen meist nicht ebenso gleichmäßig Verstand u. Urtheilsfähigkeit, Ehrlichkeit u. Gemeingeist vertheilt sind, weshalb schon ein altes lat. Sprüchwort sagt: Vota sunt xonäsranäa, non nnmeranäa. d. h. man muß die Stimmen wägen, nicht zählen. Viel kommt übrigens bei der A. ans die Leitung u. Fragestellung an, welche ebenso schwierige als wichtige Aufgabe gewöhnlich dem Vorsitzenden der Versammlung zufällt. Der leitende Grundsatz ist hierbei: Es darf nichts Unerhebliches zur A. gebracht werden, die Fragen müssen in der sachgemäßen Reihe folgen, u. jeder Beschluß muß in allen seinen Thcilen gleich dem klaren, einheitlichen Willen eines Einzelnen sein. Der gefaßte Mehrheitsbeschluß darf nicht aus zwei in Theilcn verschiedenen u. nur im Ergebnis; einheitlichen Willcnsmeinungcn bestehen. Daher in Behörden-Collcgien A. über die Gründe u. über die einzelnen Punkte (Klagcposten, Einreden rc.), nicht sofort über die Entscheidung (z. B. das Schuldig). Für jeden Theil u^für das Ganze muß Mehrheit vorliegen. Tie Beschlußfassung durch Acclamation, d. h. durch allgemeines, ungezähltes Zustimmen od. Verneinen, od. derart, daß nur gefragt wird, wer etwa dagegen stimme, so daß die Frage für bejaht gilt, wenn Niemand od. nur Wenige dagegen auftrcten, ist eine unvollkommene u. nur ausnahmsweise zulässige Art der A. Über A. bei Wahlen, s. diesen Artikel. ^ Wichtige Bemerkungen über die A. machte I. St. 104 Abstinent — Abstmction. Will, Betrachtungen über Repräsentativ Verfassung (deutsche Übers.), Zürich 1862; von der A. bei den Römern handelte ausführlich CH. F. Schulze, Von den Volksversammlungen der Römer, Gotha 1815. Abstinent (lat.), enthaltsam, mäßig; Abstinenz, s. Enthaltung u. Fasten; Abstinenz- tage, s. Fasttage; Abstinenzkur, so v. w. Hungerkur; abstiniren, sich enthalten. Abstinenten waren eine christliche Secte in Spanien u. Frankreich zu Ende des 3. Jahrh., die sich der Ehe u. des Fleischgenusses enthielten. Abstocknug (Gartenb.), Krankheit der Pflanzen, wobei das unterste Stammende derselben plötzlich abstirbt, während Zweige u. Wurzel noch gesund sind. Sie entsteht bei zu feuchter eingcschlossener Lust u. best, wenn beim Begießen der Stamm befenchtet u. gleich darauf dem Sonnenlicht aus- gesetzt wird. Aüstofieisen (Abstoßmesser, Abstreich- eiscu), Instrument, womit der Gerber bei der Wcißgerberei auf dem Abstoßbaum die Felle auf der Fleischseite bearbeitet, nachdem sie vorher gewässert sind. Abstoßen, 1) (Med.) die Lostrennuug des Todten vom Lebenden, als Wirkung der Natur- thätigkeit, z. B.-bei Brand, Nekrose re.; 2) das Verlieren der Milchzähne bei den jungen Thieren; 3) (Bicnenz.) einen Bienenstock gänzlich todten; 4) (Gerb.) mit dem Abstoßeisen die Fleischseite der Felle auf dem Abstoßbaum bearbeiten; 5) (Holzarb.) scharfe Kanten abhobcln; 6) (Mus.) Töne so kurz angeben, daß sie in ihrer Folge merklich durch ganz kleine Pausen von einander getrennt werden; die Abstoß- zcichen sind Punkte.oder Striche über den Noten, oder das italienische Wort staooato. Abstoßung (Repulsion), die der Anziehung entgegengesetzte Kraft; das Bestreben zweier Körper (oder Molecüle), sich von einander zu entfernen. Aus der Thatsache, daß die Körper beim Erwärmen sich ausdehnen, muß geschlossen werden, daß die Wärme eine A. der Molecüle der Körper bedingt. Diese A. bewirkt bei hinreichender Erwärmung eines festen Körpers oen Übergang desselben in den tropfbar-flüssigen Zustand (s. Aggregatzustände), indem die Anziehung ver Molecüle des festen Körpers, die Cohäsion, zwar nicht aufgehoben, aber doch so weit gemindert wird, daß die Thcile sich leicht gegen einander verschieben lassen. Daß die flüssigen Körper noch Cohäsion besitzen, ergibt sich u. a. aus ihrer Eigenschaft, Tropfen zu bilden. Durch noch weiter gehende Wärmezufuhr gehen die flüssigen Körper in den gasförmigen Zustand über. Die Eigenschaft der Gase, sich in jedem noch so großen ihnen dargebotenen Raume gleichmäßig auszubreiten, oder so weit sich auszudehnen, als der ihnen dargebotene Raum gestattet, beweist, daß bei ihnen die Cohäsion vollständig aufgehoben ist, daß ihre Molecüle einander abstoßen. Bekannt ist ferner, daß zwischen zwei gleichnamig elektrischen Körpern, sowie zwischen den gleichnamigen Polen zweier Magnete A. stattfindet. Abstract, s. u. Abstraction. Abstrakten (adrs^es). die schmalen, an die Tasten angeschmutzten Holzstäbchcn in der Orgel, welche nach dem Wellenbrett u. dem Windkasten hinlaufen, um beim Niederdrücken der Tasten die Ventile zu öffnen, damit der Wind in die einzelnen Pfeifen eindringen u. den Ton Hervorbringen kann. Die Reinheit u. Bestimmtheit des Tones hängt z. Th. von der genauen Abmessung u. Befestigung der A. ab. Abstraction (v. lat. abs-trakisre, abziehen, weglassen; also eigentl. „Abziehung"; dem entsprechend wird abstract bes. von älteren Schriftstellern durch „abgezogen" wicdergegeben) ist dieDenk- operation, welche darin besteht, daß man von einem Begriffe ein Merkmal wcgläßt, wodurch ein neuer Begriff von größerem Umfange, ein allgemeinerer Begriff entsteht, welcher den elfteren einschließt oder umfaßt. So hat z. B. der Begriff Mann die beiden Merkmale „männlich" und „Mensch"; läßt man das Merkmal „männlich" aus dem Begriff „Mann" weg, oder wie man es auch ausdrücken kann, abstrahirt man von diesem Merkmal, so bleibt das andere Merkmal „Mensch" übrig, ein allgemeinerer, den Begriff „Mann" in seinem Umfang einschließender Begriff. Ein durch A. gewonnener Begriff heißt abstract, im Gegensätze zu demjenigen, ans welchem er durch A. erhalten wurde, dem concreten; ersterer ist im Berhältniß zu letzterem Gattungsbegriff, letzterer im Verhältniß zu elfterem Artbegriff. So ist Mann Artbegriff im Verhältniß zu Mensch, dies ist umgekehrt ein Gattungsbegriff, von welchem jener als Artbegriff umfaßt wird. In Wirklichkeit vollziehen wir solche A-en nicht an einem, sondern an mehreren unter dieselbe Gattung gehörenden Begriffen, indem wir von den sie unterscheidenden Merkmalen abstrahiren; so hat Jeder die Begriffe „Mann" u. „Weib" früher in seinen- Bewußtsein, als ihren gemeinsamen Gattungsbegriff Mensch, und er gewinnt diesen durch A. aus jenen beiden. — Derselbe Begriff, der in Bezug auf einen niederen Gattungsbegriff ist, kann sich zu einem anderen, höheren als Artbegriff verhalten; höhere abstracte Begriffe erhält man durch fortgesetzte A. aus niederen; so aus dem Begriff „Mensch" u. dem ihm coordi- nirten „Thier" den gemeinsamen Gattungsbegriff beider „lebendes Wesen"; aus diesem durch fernere A. den noch höheren Begriff „Wesen"; umgekehrt ist auch der Begriff Mann durch A. aus einem niederen entstanden; ich erhalte denselben, indem ich aus der Vorstellung von den einzelnen mir bekannten männlichen Individuen das sie Unterscheidende weglaffe. So erhalten wir eine stufenweise Aufeinanderfolge: einzelnes männliche Individuum-Mann— Mensch — belebtes Wesen- Wesen; jeder dieser Begriffe ist, in Hinsicht auf den folgenden, Artbegriff, gleichzeitig aber, in Hinsicht auf den vorhergehenden, Gattungsbegriff; concret ist nur die Einzelvorstellung, die keinen Artbegriff mehr unter sich faßt; alle anderen sind abstract, u. zwar um so mehr, je höher sie in der Reihe stehen. — In einem etwas engeren Sinne versteht man unter' abstracten Begriffen solche, welche durch A. von dem substantiellen Merkmal entstanden sind. So entsteht z. B. aus dem Begriff „Biedermann" durch Weglassen des Merkmals „Mann" der abStractc Begriff „Biederes Abstractiv — Abt. 105 keit". Daher nennt inan die Worte Abstracta, welche bloße Eigenschaften oder Thätigkciten so bezeichnen, als wären sie etwas Substantielles. Diese Begriffe nennt man wol auch qualitativ abstract, insofern sie nur die qualitativen Merkmale eines Dinges enthalten: im Gegensätze dazu nennt man einen Begriff quantitativ abstract, wenn er durch A. von den Qualitäten eines Dinges entstanden ist u. nur die auf Quantität (also räumliche Ausdehnung, Zeit- u. Zahlgröße) bezüglichen Merkmale desselben enthält; dahin gehören also alle Begriffe, welche Raum-, Zeit- u. Mengenbestimmungen enthalten. Von dieser Art der A. macht namentlich der Mathematiker Gebrauch, wenn er von allen möglichen Qualitäten eines Körpers, einer Figur rc. ab- sicht und nur deren Gestalt und Größe, also die ! Art der Raumcrfüllung im Auge hat, oder wenn er von der Qualität der gezählten Dinge abs- trahirt u. dadurch zu den abstracten Zahlen ge- t langt (10 Pferde, 10 Mark rc. sind concrete od. 1 benannte, 10 dagegen ohne bestimmte Qualität der Einheiten ist eine abstracte, unbenannte , Zahl). Die A. ist eine leere, wenn sie zu einem Begriff ohne faßbaren Inhalt führt, zu einem Begriff also, unter dem man sich nichts mehr denkt. So sind Raum und Zeit für den Physiker leere A-en, weil er sich nur mit räumlichen und zeitlichen Verhältnissen der Dinge, nicht aber mit Raum und Zeit „an sich" beschäftigt. — s Eine abstracte Darstellung in der Kunst nennt s man eine solche, wobei sich der Künstler nur ge- i meinsamer, allgemeiner Begriffe (Formen, Farben, Worte rc.) zur Kennzeichnung seines Gedankens bedient, aber von der Wiedergabe, Ausmalung, Schilderung der Einzelheiten, der eingehenderen Veranschaulichung absieht.—Abstracte (reine) Wissenschaften nennt man z. B. die Mathematik, Philosophie u. dgl., im Gegensätze zu den angewandten, wie Mechanik, Medicin rc. — In der Advocatensprache versteht man unter Abstract einen Auszug, eine kurzgefaßte Aufstellung. — ^.bstraetum pro eonersto bedeutet: den allgemeinen Begriff statt des besonderen. Abstractiv (abstraotioius Spiritus), weingeistiger Auszug aus Vegetabilien. ! Abstrahircn, s. u. Abstraction. Abstreichen (Jagdw.), von einer Höhe weg- flicgen; Lerchen auf dem Felde zusammentreiben. Abstrich, unreines Hüttenproduct, welches beim Einschmelzen der auf Silber vertriebenen Werkbleie sich durch Oxydation des Bleies um andere, das Werkblei verunreinigende Metalle bildet u. das vor Wetterführung der Treibarbeit von der Oberfläche des Metallbades entfernt, abgestrichen werden muß. Seines Blei- u. Silber- gehaltcs wegen wird der Abstrich — ein Abgang des Trcibproceffes — bei der Werkbleisabrikation wieder mit verwerthet (s. Blei). Abstrus (v. lat. abstruäsrs, abstoßen) heißt eigentlich das Versteckte, Schwerverständliche, spe- cicll das, was wegen Form od. Inhalt abstößt, seltsam, ungenießbar, craß erscheint, wobei es natürlich viel ans Neigung u. Bildungsgrad des Auffassendcn ankommt: so kann etwas dem Laien a. erscheinen, was dem forschenden Gelehrten angemessen u. sachgemäß ist. In der darstellenden Kunst ist das Abstruse ein Fehler, weil die schön- heitliche Wirkung auf die allgemein geartete Empfänglichkeit, nicht auf besondere Geschmacksrichtungen berechnet sein muß. Abstufung, der naturgemäße Fortgang vom Stärkeren zum Schwächeren, vom Höheren zum Tieferen, vom Schwereren zum Leichteren, vom Milderen zum Strengeren u. s. w., und umgekehrt. In der Malerei das richtige Verhältnis vom Dunkelsten zum Hellsten in allen den feinen Unterschieden, wie sie sich in der Natur dem Auge zeigen. Abstumpfen. Eine Säure a. heißt ihre saueren Eigenschaften aufheben, sie durch Zusatz einer Base (in genügender Menge) neutralisiren. Abstumpfung, bei Krystallen das Ersetzen der Ecken eines Krystalls durch eine Fläche, die niit anderen gleichartig gelegenen einer anderen Kry- stallform angehört. Die betreffende Fläche heißt A-sfläche. S. Krystall. Absturz, schroffe Abdachung eines Berges, einer Hochebene. Abstichen, 1) den Thieren, namentlich den Pferden die Spitze der Schwanzrübe abnehmen, s. Englisiren; 2) (Tuchb.) wollene Zeuge zum ersten Mal überscheeren. Absuchen (Jagdw.), in dem Revier herumgehen, meist mit dem Hühnerhunde, um niederes Wild (bes. Hasen) aufzufinden u. zu erlegen. Absud, 1) s. Abkochen; 2) (Weißlud) Sieden der Münzplatten in Weinsteinsäure od. verdünnter Schwefelsäure, wodurch der Kupfergehalt an der Oberfläche entfernt wird u. die Münzen nach dem Prägen schön gold- oder silberglänzend erscheinen; 3) Vas Kochen eines gefärbten Zeuges in einer Auflösung von Alaun, Weinstein rc., um die Haltbarkeit der Farben zu untersuchen. Absurd (von: Lateinischen, aus ab, von, und suräus, taub zusammengesetzt, eigentlich die Fragebcantwortung eines Tauben), lächerlich, ungereimt abgeschmackt; Absurdität so Wiel wie Ungereimtheit. In der Wissenschaftlichen Sprache der Mathematik und Philosophie heißt strenger nur das absurd, was einen Widerspruch in sich trägt, oder einer anerkannten Wahrheit zuwiderläuft; der Beweis eines Satzes, welcher dadurch geführt wird, daß man die Unmöglichkeit des Gegentheils nachweist, heißt eine äeäuetio ack absuräum, ein indirecter oder apagogischer Beweis. Absüße» (Techn.), mit frischem Wasser waschen, um Salze oder Säuren aus gewissen Körpern wegzuwaschen, z. B. in der Stärkefabrikation aus Weizen durch Gährung, wo das saure Wasser von der Stärke durch öfteres Aufrühren mit neuem Wasser u. Absctzenlassen entfernt wird. Absynth, s. Absinth. Absyrtldes (a. Gcogr.), zwei Inseln des Adriatischen Meeres an der WKüste von Jllyrien, jetzt Osero (im Alterth. Apsoros) u. Chersq, auf denen nach Einigen Absyrtos, Sohn des Actes, von seiner Schwester Mcdea ermordet wurde (j. Argonautenzug). Abt (fr. abbs, span. u. it. abbäte, kirchlich-lat. abbas, Gen. abbatis, nach syrisch abba, Vater, 106 Abt. Marc. 14, 36), früher jeder alte fromme Mönch, feit dem 5. Jahrh. aber nur der Vorsteher eines Klosters; Äbtissin (mittellat. abbatiosa), die Vorsteherin eines Nonnenklosters. Bis Anfang des 10. Jahrh. war A. der allgemeine Name des Vorstehers in den bis dahin allein bestehenden Be- nedictinerklöstern, dagegen nahmen diesen Titel (bez. die weibl. Orden: Äbtissin) von den später neubegründeten Orden nur einige an (wie die Prämvnstratenser, Cistcrcienser, Trappisten), andere nannten ihre Oberen Majores (die Camal- dulenser), Priorcn (die Karthäuscr, Dominikaner, Augustiner u. a.), Guardiane oder Ministri (die Franciskaner), oder auch Rectoren (die Jesuiten). Äbtissinnen nannten sich außerdem noch z. B. die Nonnen von Fontevranlt u. weltlichen Chorfranen. Die Äbte wurden anfangs u. der Regel nach von den Mönchen des Klosters aus ihrer Mitte oder ihrem Orden gewählt u. vom Bischof oder dem Papst, in manchen Ländern, wie in Frankreich, vom Landesfürstcn bestätigt. Bei der Weihe (beiisüietio) durch einen Bischof oder den Papst wurde ihnen Stab, Ring, Mütze, Handschuh u. Ordensregel überreicht. Zn Zeiten eigneten sich aber auch die, Bischöfe oder Landesherren das Recht zu, die Äbte zu ernennen u. ihre Günstlinge zu versorgen, od. sie nahmen selbst die Einkünfte der Abteien zeitweise für sich in Anspruch. Namentlich im 9. Jahrh. wurden Ritter u. Grafen auf diese Weise für dem Landesherrn geleistete Dienste belohnt u. zu Laienäbten oder Abtgrafen (L.bbates comitso od. ^.bbatss milites) ernannt, welche die Einkünfte bezogen, das Kloster aber durch Vicaricn, Dccane od. Unteräbte verwalten ließen. In Frankreich erhielten Mitglieder der königlichen Familie Abteien als Tafelgelder, die einlräglichsten behielten sich sogar die Könige selbst vor, wie z. B. Hugo Capet Abt von St. Denis bei Paris u. zu St. Martin,, in Tours war; dabei wurden selbst Männer Äbte von Nonnenklöstern u. umgekehrt. Man nannte diese Laienäbte, Commendatnräbte (-lbbes eominenckatairss), weil die Schenkung in der Form einer Empfehlung der Klöster in ihren Schutz ausgestellt wurde. Im 10. Jahrh. war man bemüht, diesen Mißbrauch in der Verwaltung der Klöster durch Schenkungen der Pfründen an Laien abzuschaffen, doch gelang dies nicht überall und für immer. Der Papst selbst zog manche Abtei an sich, u. in Frankreich erhielten die Könige durch das Con- cordat von 1516 sogar das ausdrückliche Recht, Abteien zu vergeben, welches sie benutzten, um arme Söhne adeliger Familien zu versorgen (s. d. Art. .Ibbe). Wcltgcistliche als Abte, welche die Ordensregeln gar nicht zu beobachten brauchten, nannte manSäcularäbte(.4bbate,8 saeeulares),ihre geistl. Stellvertreter, sowie alle Äbte aus Mönchsorden dagegen Rcgularäbte (,4bbates reguläres). Tie Obliegenheiten der Äbte bestanden in der Aufsicht über die Beobachtung der Ordensregeln, die Verwaltung der Klostergütcr u. die Wahrung des unbedingten Gehorsams (Lbedienz) der Mönche. Sie hatten weitgehende Strafgewalt, wogegen die Berufung an den Papst od. an den Tiöcesan- bischof Vorbehalten war. Schon seit dem 6. Jahrh. gehörten die Äbte zum geistl. Stande, u. seit der 2. Kirchenvcrsammlung zu Nicäa 787 hatten sie das Recht, die niederen Weihen an ihre Mönche zu erthcilcn. Ihrem Range nach folgen die Ä. als Prälaten der Kirche gleich nach den Bischöfen u. haben Sitz u. Stimme auf den Kirchcn-Ver- sammlungen.' Ten Äbtissinnen aber gelang es nicht, gleiche Vorrechte zu erwerben, vielmehr wurde den Frauen die Berechtigung zur Ausübung priesterlicher Handlungen abgcsprochcn u. schon auf der Synode zu Paris 829 untersagt; sie blieben den Diöcesanbischöfen unterworfen, von welchen sich die Äbte, durch Privilegien frci- zumachen suchten. Solche Äbte von freien unmittelbaren (eximirtcn) Klöstern (L-bbatss exenwti) standen „unabhängig nur unter dem Papste. Jn- fulirte Abte hatten das Recht, bischöflichen Titel u. Jnsignienzu führen; bischöfliche Gewalt mit eigenen Tiöcesen hatten davon aber nur wenige, in Deutschland nur die zu Fulda u. Korvcy. Vor der Säcularisation der Klöster (1803) gab cs in Deutschland u. der Schweiz 11 gefürstete Äbte, die von Fulda, Kempten, Ellwangen, Korvey, Einsiedeln, St. Gallen n. a., welche zu den geistlichen Reichsfürsten gehörten (der von Fulda dem Range nach der erste) u., mit Ausnahme des von St. Emmeran (Regensburg), auf Reichstagen Sitz u. Stimme hatten. Sie waren alle Benedictiner, außer einem Augustiner, dem Propste v. Berchtesgaden. Auch unter den Äbtissinnen waren gefürstete, wie die zu Herford, Quedlinburg, Oberer. Niedermünster zu Rcgcnsburg. Diese Abteien wurden im Reichsdeputationshauptschluß 1803 auch als Fürstcnthümer (Rcichsstifte) betrachtet. Nur ausnahmsweise standen mehrere Klöster unter einem A,„, oder führte einer die Aufsicht über mehrere Äbte, welcher dann Cardinalabthieß; hingegen gab es auch Äbte ohne Klöster, welche Vorgesetzte der Feldgeistlichkeit waren u. den Titel Fcldäbte (.4. vaobrensss) führten. DieBenedic- tinerklöstcr standen nach der Reform dieses Ordens unter dem A. von Cluny u. hatten deshalb nur Prioren, Proabbates oder Coabbates zu Vorstehern. Der A. von Monte Cafsino, dem Stammkloster der Benedictiner, nannte sich A. der Äbte (Urbag ^bbstnin), hatte aber keine bes. Obergewalt, wie solche später die Ordensgencrale besaßen; den Titel Erzabt führten die Äbte von St. Martin in Ungarn u. von Chigny. — In der griechischen Kirche heißen die Vorsteherder Klöster Higumenen od. Mandriten, die Generäle der Orden Archimandriten. In den protestantischen Ländern wurden die meisten Klöster eingezogen; in Hannover u. Württemberg blieben einige als Schulen, Se- minarien oder Fränleinstiste bestehen, deren Vorsteher noch den Titel Ä., bez. Äbtissin führen. Durch die Säcularisation der Klöster hat die Zahl der regulären Äbte sich in vielen Staaten sehr vermindert; in Frankreich errichteten die Trap- pistcn neue Abteien; in Bayern setzte der König Ludwig 1. über die ncugestiftetcn Klöster wieder Äbte ein. — Im Mittelalter führten auch mitunter die Vorsteher nichtgeistlichcr Genossenschaften den Titel A., so hieß z. B. der Prätor von Genua, eine vornehme obrigkeitliche Person, .Ibbats cksl popolo (A. des Volkes); zu Mailand der Vorsteher der Kaufmanns- u. Handtperks-Jnnungen. Abt — Abtreibcn. 107 In Frankreich,, hießen die ^Vorsteher der Hand- ' werkcrzünfte Äbte (.4bbs8) u. die Zünfte selbst Abteien (^bbaz-es), wie in der franz. Schweiz noch heute. Selbst die Vorsteher lustiger Brüderschaften nannten sich Äbte, wie in Nonen der A. der Hörncrträger (L.. oornackornm), od. Narrenabt (.4. katuornm). — A. der Unvernunft war der Vorsteher eines Vereins junger schottischer Edelleute, der 1555 aufgelöst wurde, weil er sich politisch, statt wie anfangs nur gesellig, bethätigte. Abt, 1) Franz, deutscher Tonkünstler, geb. 22. Dec. 1819 zu Eilenburg in der preuß. Prov. Sachsen. Er studirte anfangs Theologie in Leipzig, wandte sich aber, angeregt durch das dortige musikalische Leben u. die Bekanntschaft mit Mendelssohn, der Tonkunst zu. Als Dirigent des Stu- denten-Gesangvereins (des Philharnionischen V.), als Componist gefälliger Tänze für Klavier u. Orchester, sowie als Musiklehrer bald beliebt geworden, widmete er sich ganz der Musik. 1841 übernahm er die Stelle eines Musikdirektors am Hoftheater zu Bernburg; schon im Herbste dess. I. ging er in gleicher Eigenschaft an das von Charlotte Birch-Pfciffer dirigirte Acticntheater zu Zürich und bekleidete diese Stellung bis 1846. Durch den in der Schweiz sehr gepflegten Männergesang angeregt, componirtc A. außer ein- u. zweistimmigen namentlich eine Menge vierstimmiger Lieder, welche, durch Melodicnreichthum u. Ge- müthlichkeii ausgezeichnet, Licblingsstücke aller Gesangvereine geworden sind. In Zürich machte er sich - auch als Leiter mehrerer Gesangvereine u. größerer 1 Verbände, sowie als Gesanglehrer verdient. 1852 wurde er als stellvertretender Kapellmeister an das braunschweigischeHoftheater berufen, 1855 daselbst zum ersten Hofkapellmeister ernannt. Außer vielen einzeln, sowie in der Lied erhalle u. anderen Sammlungen erschienenen Compositionen, deren Ge- sammtzahl 200 bereits weit übersteigt, enthalten die Liedercyklen: Ein Sängertag, Die Früh- lingsfcier und Deutsches Leben mehrere seiner besten Arbeiten. Im I. 1872 wurde er nach NAmcrika eingcladen u. erlebte dort bei Musikaufführungen großartige Triumphe. 2) Karl Friedrich, tüchtiger Schauspieler u. gewandter Thcaterdircctor, geb. zu Stuttgart 1740, bereiste stühzeitig mit einer Gesellschaft Schwaben und Franken, zog 1775 nach Holland u. wurde dort „der Apostel des deutschen Theaters". Eine Reise, die er von Gotha aus — wo er 1778 u. 79 gastirte — nach Böhmen unternahm, schildert er unter : dem Titel: A-s unempfindpme u. doch sehr empfindliche Reise ec. Während der letzten Lebens- >j jahre spielte A. in den Hansestädten u. st. 1783 i in Bremen. Vgl. Beiträge zur Lebcnsgesch. des 7 Schauspiel-Directors A. 3) Felicitas, 1746 geb: ' zu Biberach, Gattin des Vor., der sie ihren : Eltern entführte u. in seiner Kunst unterrichtete. Sie trat 1768 in Güttingen mit Glück auf, begleitete den Gatten nach Holland, wo sie allein das Zugmittel der deutschen Bühne war. Nach 7 Deutschland zurückgekehrt, spielte sie in Gotha 1779 mit entschiedenem Beifall den Hamlet. Sie st- 1783 in Göttingen. Abtakeln bedeutet die Wegnahme aller Ta- kelagetheile, welche zur vollständigen gebrauchsfähigen Herrichtung einer Sache, z. B. der Takelage eines Schiffes, Bootes, Bocks, Krahns w? gedient haben, s. Takelage. Abtei, ein unter einem Abte stehendes Kloster mit seinem Gebiete, die Pfründe u. Wohnung eines Abtes, s. Abt. Abtcnau, 1) Bez. des östcrr. Hcrzogthums Salzburg, mit 3885 Ew. 2) Hptort u. Marktflecken darin am Fuße des Tauerngebirgcs; Bezirks- u. Steueramt, Post; 1000 Ew. Abterode, Dorf im Kr. Eschwcge des preuß. Regbez. Kassel; sehr alte Kirche, Tuch- u. Leinen- Weberei, Wollentücher; 1040 Ew. Hier war 1544—1549 der Fabeldichter Burkhard Waldis Pfarrer. Abtenfen (Bergb.), einen neuen Schacht an- lcgcn oder einen alten tiefer führen; auch den Schacht selbst nennt man ein Ä. Abtheilen (Feldmeßk.), das Zerlegen eines unregelmäßigen Stückes Feld in Dreiecke u. Trapeze, bevor es vermessen wird. Abtheilung, ein mehr oder minder abgeschlossener oder für sich bestehender Thcil eines Ganzen, z. B. eines Instituts, Ministeriums, Theaterstückes, Werkes, einer Ausstellung, des Heeres re., auch die Trennung in Theile, so v. w. Absonderung, Äbschichtung bei gemeinschaftlichen Gütern, Erbschaften u. dergl.; A. (Sectwn), bei landständischen Versammlungen, gewisse statt der stehenden Deputationen durchs Loos gebildete u. zeitweise erneuerte Gruppen, welch» die Vorbe- rathung der Vorlagen u. die Wahlen in die Ausschüsse in geheimen Sitzungen zu besorgen haben (Commission). Im Forstwesen ein durch Wege, Schmißen re. fest begrenzter Theil eines Waldes, der entweder schon gleichmäßig bestanden, od. doch zu gleicher forstwirthschaftl. Behandlung (gleichzeitiger Verjüngung re.) bestimmt ist u. somit für die Dauer ein untrennbares, für sich bestehendes Ganzes bildet. Gegensatz: Unter-A. Äbtissin, s. Abt. Abtnaundorf, Torf im sächs. GcrichtSamt u. bei Leipzig, an der Parthe; Rittergut mit großem Park, Villen; 480 Ew.; ward in der Schlacht bei Leipzig 18. Oct. 1813 durch die Truppen des Kronprinzen von Schweden den Franzosen entrissen. Abtönen, Farbentöne auf einer Wand, Decke re. anbringen, entweder in Reihenfolge nebeneinander, oder allmählich in einander übergehend. Abtrag, bes. beim Straßen- u. Eisenbahnbau, Bezeichnung für Beseitigung derjenigen Erdmassen, welche über der normirten Straßen- oder Dammebene liegen. Gegensatz hierzu: der Auftrag. Abträgen, 1) (Feldmeßk.) abschneiden; von einer Linie oder von einem Felde ein beliebiges Stück abtrennen. 2) (Chir.) Kleinere Theile durch Schnitt, oder auch durch Ätzmittel entfernen. 3) Den Falken a., denselben zur Jagd abrichten. Abtreibcn, hüttenmänn. Operation, um Silber n. Gold aus ihren Legirungen durch Oxydation der anderen Metalle zu isolircn u. darzustellen. Gewöhnlich schmilzt man die Legiruna mit reinem gekörntem Blec (s. Kornblei) ein u. oxydirt durch die sich bildenden Oxyde des Bleies auch die anderen Metalle (s. Silber). Man wendet 108 Abtreiben das A. sowol in der Metallurgie (s. Silber u. Gold), als auch in der hüttenmännischen Probir- kunst bei Silber- u. Goldproben an (s. d.). Abtreiben, 1) (Jagdw.) aus einem Theil eines Jagdrevieres alles Wild durch Vollendung des Treibens wegtreiben oder wegschießen; vom alten Thiere, gegen die Zeit der Brunst das Kalb nicht mehr bei sich dulden; vom stärkeren Hirsch, während der Brunst den schwächeren vom Brunstplatze verjagen; 2) (Forstw.) so v. w. Abholzen; 3) (Bieuenz.) so v. w. Abtrommeln; 4) (Bergw.) bei Betrieben in weichem Gebirge (Sand, Thon) schmale Bretter in dieses Hineintreiben zur Verhütung großer Weitungen. Die Bretter werden nach erfolgter Gewinnung des durch dieselben begrenzten Gebirges durch solide Zimmerung gestützt. Abtreibung der Leibesfrucht (4.baotio koo- tus, 4-b. partus. -tbortus xroeuratio), die rechtswidrige vorsätzliche, auf die menschliche Leibesfrucht durch Arzneien oder mechanische Mittel geübte Einwirkung, welche eine zu frühe Geburt u. das Absterbcn der Frucht zur Folge hat. Sie war im Altcrthum bei Griechen u. Römern u. ist noch jetzt bei nichtchristlicheu Völkern, z. B. bei den Türken, erlaubt, nach christlichen Anschauungen aber ein Verbrechen. Das älteste Gesetz in dieser Hinsicht ist 2. Mos. 21, 22 und 23: Verletzt Jemand ein schwangeres Weib so, daß ihr die Frucht abgeht, so ist zu unterscheiden, ob diese letztere stirbt, oder nicht. Ersteren Falls gelte der Satz: Seele um Seele. Letzteren Falls zahle er der Verletzten diejenige Geldbuße, welche des Weibes Mann ihm auferlege, nach der Richter Erkennen. — Die Siebenzig (Septuaginta) übersetzten dies dahin: „so sei zu unterscheiden, ob die Frucht belebet gewesen sei, oder nicht", ein Jrrthum, der in die Vulgata (s. d.) u. dadurch in das Recht der kathol. Kirche überging (o. 9, o. 32, 9. 2). Durch die Kirche verpflanzte er sich in die germanischen Rechtsbücher, zuletzt in die Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karls V. von 1532. Ihr Art. 133 führt die A. in Verbindung mit der absichtlichen Unfruchtbarmachung auf. Als Strafe ist hier, wenn eine lebendige Frucht abgetrieben wurde, für den Mann das Schwert, für die Frau das Ertränken festgesetzt. Wäre die Frucht noch nicht lebendig gewesen, so soll willkürliche Strafe eiutrcten. Die neueren Strafgesetzbücher bestimmen als Strafe je nach den Umständen zeitiges Gefängniß, Arbeits- od. Zuchthaus. Das deutsche Strafgesetzbuch von 1871, HZ 218—220, stellt die A. unter die Verbrechen gegen das Leben u. zwar der Frucht. Es unterscheidet nicht zwischen belebter u. angeblich unbelebter Frucht. Es unterscheidet, ob die A. durch die Schwangere selbst (allein, od. mit entgeltlicher Mittelgcwährung eines Dritten), oder ohne ihr Wissen oder Willen durch einen Dritten geschieht. Die Strafe ist Zuchthaus, also mindestens ein Jahr, im Maximum verschieden, bei Tödtung der Schwangeren mindestens 10 Jahre, nur für die Schwangere selbst sind mildernde Umstände zulässig. Daß für dieses uns ganz zweifellose Verbrechen der Schuldbegriff sich so spät entwickelt hat, liegt einerseits an der Annahme des Alterthums, daß die Frucbt Theil — Abtrift. der mütterlichen Eingeweide sei (portio visesruin, Röm. Recht: 11. 1 ZI viA. 25. 4), anderseits in dem alten Eigenthumsrechte des Vaters an dem Kinde. Erst die Kirchenväter gingen über dieses Privatrecht der Mutter u. des Vaters hinaus, sie stellten ein Recht der Kirche und der Frucht auf die Taufe u. ein Lebensrecht der beseelten Frucht auf. Die Beseelung nahm man bald mit dem 40. Tage nach der Empfängniß (so die Glossarien, s. d.), bald mit Anfang der 2. Hälfte der Schwangerschaft an (so straft noch das Preuß. Landrecht, II. 20, Z 985, die A., wenn die Frucht über 30 Wochen alt, mit 8—10, sonst mit 2—6 Jahren Zuchthaus). Die vielfach wilden Rcchtsanschauungeu in den Bereinigten Staaten von NAmcrika haben es bewirkt, daß dort auch die A. gäng und gäbe ist, und daß die dortigen Zeitungen offene Ankündigungen über A-s-Mittel zu enthalten Pflegen. Vgl. H. v. Fabricc, Die Lehre von der Kindes-A., Erl. 1808; Hodge, Hostioicks, 4. eck., Philad. 1873; W. Rein, Das Criminalrecht der Römer, Lpz. 1844; I. v. Siebold, Versuch einer Gesch. der Geburtshilfe, Berl. 1839, 2 Bde. (im I.Bd.); E, Reich, Medicin. Abh., Bd. 1, Würzb. 1871; v. Öttingen, Die Moralstatistik, Erl. 1868. Eine A. im strafbaren Sinne ist es natürlich nicht, wenn der Arzt in Fällen, wo es sich um das Leben der Mutter handelt, eine Frühgeburt veranlaßt. S. u. A. Feuerbach- Mittermaier, Lehrbuch des deutschen peinlichen Rechts (ZZ 392 ff.), 14. Ausl., Wien. Abtreppung, treppenartiger Mauerverbaud; wird angcwendet, wenn der Bau einer Mauer , Unterbrechung erleidet; auch treppensörmige Aus- ! führung von Häusergiebeln; s. auch Staffel. Abtretung eines Landes od. einer Prov., das Überlassen aller Souveränetäts- und sonstigen Rechte, sowie aller Domänen an einen anderen Fürsten. Sie erfolgt nieist in einem Friedensschluß in Folge eines unglücklich geführten Krieges, die erstere auch in Folge eines freiwilligen völkerrechtlichen Vertrages, wie z. B. die Hohen- zollernschen Fürstcnthümer 1849 dadurch an Preußen kamen. Durch Familienarraugements und privatrechtliche Acte können einzelne Theile des Staates nicht mehr an einen anderen Staat oder Fürsten abgetreten werden. Abtrieb (Forstw.), die Entfernung des Holzbestandes auf einer Waldfläche mittels Ausrodens, Abhauens oder Absägens der Bäume. Man unterscheidet: kahlen u. allmählichen Abtrieb, je ^ nachdem sämmtliche Bäume gleichzeitig, oder zu verschiedener Zeit entfernt werden. Elfterer er- ? folgt in der Regel, wenn die Fläche urbar ge- i macht, od. durch vollen Anbau (Saat od. Pflanz- ! ung), oder durch Stockausschlag verjüngt werden; i letzterer, wenn sie natürlich verjüngt werden soll Vgl. Verjüngung. ; Abtriebsalter (Forstw.), so v. w. Haubarkeits- j alter. Abtriebsertrag (Forstw.), so v. w. Haubar- keitscrtrag. Abtriebsschlag (Forstw.), das letzte Stadium des natürlichen Verjüngungsprocesses. Vgl. Verjüngung. Abtrift. Wenn ein Schiff „am oder beim 109 Abtritt — Winde" segelt, d. h. wenn die nach dem Parallelogramm der Kräfte auf die Segelflächen wirkende Windrichtung nur einen Winkel von ungefähr 70" mit der Richtung des Kiels bildet, fo kommt zur Fortbewegung des Schiffes in letzterer Richtnng nur ein kleiner Theil der Totalkraft des Windes zur Geltung; der größere Theil derselben wirkt in seitlicher Richtung u. verursacht eine nach den Umständen größere oder geringere Abweichung des Weges von der Richtnng der Kiellinie. Der Winkel, den letztere mit ersterem, d. h. mit dem Wege des Schiffes durch das Wasser, aus den. genannten Ursachen macht, oder um welchen das Schiff „treibt", ist die Abtrift. Abtritt (Jagdw.), Gras, welches in den Tritten des Hirsches durchschnitten, in denen des Thieres nur gequetscht erscheint. Abtritt (Abort, Rctirade, Latrine), zur Aufnahme der menschlichen Excremente bestimmter Raum, verlangt sowol hinsichtlich seiner Lage, als auch der Wahl seiner Construction ganz besondere Beachtung, da sich spätere Veränderungen, wenn überhaupt möglich, häufig nur mit großen Kosten bewerkstelligen lassen. Zur bequemen Benutzung muß der A. möglichst von Corridorcn, Vestibülen oder Treppenpodesten aus zugänglich gemacht u. leicht zu finden sein, dabei an einer Außenwand (am besten „an der Rückseite) des Gebäudes liegen, um durch. Öffnen eines Fensters direct ventilirt werden zu können. Übrigens ist.die Anlage des A-s innerhalb der Wohnungen nur dann zu rechtfertigen, wenn schleunige Desinfection und Abfuhr möglich ist u. regelmäßig bewerkstelligt wird. Die Unachtsamkeit auf diese Punkte ist stets mit den schlimmsten Folgen für Gesundheit u. Leben verknüpft. Die A-s-Einrichtung„ besteht aus einem Sitze mit einer kreisförmigen Öffnung (Brille), unter welcher sich bei den vollkommeneren Einrichtungen ein Becken befindet, aus welchem die Excremente mittels metallener, hölzerner od. glasirter Thonröhren in die A-sgrube od. in einen Kanal geführt werden. Von allen Röhren verdienen die glasirten Thonröhren ihrer Dauerhaftigkeit wegen den Vorzug. Die Art u. Weise, wre man bei Anlage der A-sgrube zu verfahren hat, ist von größter Wichtigkeit. Dieselbe ist der bequemeren Entleerung wegen leicht zugänglich zu machen, aus Ziegelsteinen in Traß od. Cement- mörtel aufzumauern u. innen mit Cement zu verputzen, damit die in ihr sich sammelnden Flüssigkeiten nicht das Mauerwerk durchdringen u. das umgebende Erdreich od. die Gebäudemauern in- filtriren; auch ist sie sowol vom Brunnen, als auch vom Regenwasserbehälter so weit als irgend möglich entfernt anzulegen. Die Grube ist dann nach oben hin durch ein Gewölbe aus Ziegelsteinen, in welchem sich eine Einsteigeöffnung befindet, abzuschließcn u. mit Erde zu überdecken. — Zur Ableitung der sich entwickelnden Gase ist die Grube an ihrer höchsten Stelle mit einem im Dach ansmündenden Ableitungsrohr zu versehen, das Rohr, welches die Excremente zuführt, dagegen an seinem unteren Ende mit einer Klappe, die nur beim Gebrauche des A-s geöffnet wird. Die beste Anordnung hierfür ist die der engl. Water-Closets. Unter dem Porzellanbecken, in Abtsdorf. welches zunächst die Excremente fallen, befindet sich eine bewegliche, dicht schließende flache Schale von Metall, welche mittels einer seitlich durch den A-sitz reichenden Stange niedergedrückt werden kann. Durch das Aufziehen dieser Stange wird zugleich das Ventil einer Wasserröhre geöffnet, welche, mit einem höher gelegenen Wasscrbassin in Verbindung stehend, eine gehörige Spülung des Beckens bewirkt. Unter dem oberen Porzellanbecken befindet sich ein zweites Becken, welches, nach unten hin trichterförmig auslaufcnd, in einem kleinen Wasserbehälter endigt, so daß hierdurch erst der vollständige Abschluß bewirkt wird. Die Mündung des Trichters muß natürlich immer unter Wasser liegen; ein kleines, über dem Niveau des Wassers einmündendes Zweigrohr leitet die Excremente zur A-sgrube. — Die Einrichtung, wobei der Urin abgesondert von den Excremcnten aufgefangen wird, ist bes. empfch- lenswerth, weil alsdann die Gascntwickelung viel schwächer ist. In neuester Zeit wird ganz bes. das Erdclosetwegen seinergesundheitlichcnu. wirth- schaftlichen Vorthcile gerühmt. Denn die Dammerde ist das beste Desinfectionsmittel u. liefert in Verbindung mit den Excremcnten den werthvollsten Dünger. Öffentliche A-e sind nur bei strenger Beaufsichtigung in Bezug auf Desinfection und Reinigung eine Wohlthat, während sie bei nachlässiger Behandlung im höchsten Grade nachtheilig u. gefahrbringend sind. Die Desinfection (Näheres s. dort) ist bes. in der wärmeren Jahreszeit dringend geboten u. muß, wenn sie nicht wirkungslos sein soll, von Anfang der Benutzung des A-s begonnen u. dann regelmäßig durchgeführt werden. Über die Entfernung der Excremente s. d. Art. Kanalisation. Vgl. L. Pappen- hcim, Handb. der Sanitätspolizei, 2. Ausl., Berl. 1868—70, 2 Bde.; H. Eulenberg, Die Lehre v. den schädl. u. giftigen Gasen, Braunschw. 1865; H. Beta, Die Stadtgifte, Berl. 1870; I. Bocken- dahl, Das Erd-, Gruben-, Eimer- u. modificirte Wasser-Closet, Kiel 1871; F. Goppelsröder, Zur Jnfection des Bodens, Bas. 1872. Abtrommeln (Bienenz.) oder Ab treiben, Austreiben eines Bienenvolkes aus seiner Wohnung; wird meist bei Stülpkörben angewandt. Der abzutreibcnde Korb wird umgekehrt auf den Kopf gestellt, ein leerer Korb mit der offenen Seite darauf gesetzt, an dem unteren festgeklammert u. alle Öffnungen gut verstopft oder mit einem Tuche verbunden. Durch sanftes anhaltendes Klopfen mit der flachen Hand oder einem Stückchen, zunächst ganz unten am Boden des unteren Korbes, sucht man die Bienen nach oben zu treiben. Nach und nach klopft man höher hinauf, bis man zuletzt durch Horchen an der Außenseite des Korbes hört, daß die Bienen in den oberen, leeren Korb gezogen sind. Dann werden die Körbe umgekehrt, sanft auf den Boden gestoßen, damit die Bienen in den leeren Korb hinunterfallen, u. darauf von einander getrennt, wonach dann die Bienen in die für sie bestimmte Wohnung gebracht werden. Abtrünnigkeit, s. u. Abfall. Abtsdorf, Marktfl. im böhm. Bez. Leitomischl, Station der österr. Staatsbahn, Schloß; 2260 Ew. 110 Abtsgmünd — Abtsffmuud, Pfarrdf. mit Marktgerechtigkeit im Oberamt Aalen des württemb. Jagstkr., an der Mündung der Lein in den Kocher; königl. Hammerwerk, Blechwerk, Drahtzieherei, Pulver- u. Sagemühle; 1580 Ew. Abtsinonat, das Klostereinkommen eines Monats, wenn solches dem Abt zu Gute kommt; dagegen Abtci-(Conventual-)Monat, wenn es dem Convent, d. h. dem Kloster als Gemeine, gehört. Abtsroda, Dorf im Kr. Gersfeld des prcuß. Rcgbez. Kassel, am Rhöngeb.; treffliche Thon- u. Porzellanerde. Abtswind, Markts!, im Bezirksamt Gerolz- hofen des bayer.Regbcz.llnterfranken, am Steigerwald; Sandstcinbrüche, Obst- u. Weinbau; 820 Ew. Dabei das Jagdschloß Friedrichsberg. Abu od. Abo, ein zur Arawallikette gehörender vielgipfeliger Berg in Brit.-Jndien, Prov. Radschputana, ini Territorium u. südl. der Stadt Serohi, über 1000 m hoch; viel von Wallfahrern besucht, namentl. von den Dschains, die zur halben Höhe des Berges eine Gruppe von vier in Form eines Kreuzes gebauten Tempeln haben. Von Tod für die schönsten Tempel in Indien erklärt. Sie sind ans weißem Marmor erbaut, der aus der Ferne herbeigeschafft werden mußte; einer dieser Tempel, der Vimlah Sah, an dem man 14 Jahre Laute, soll 18Mill. Pfd. St. gekostet haben. Das Äußere ist cinsach, um so herrlicher ist die Pracht u. der Reichthum der Decorationen im Innern. Abu (arab.), Vater; A. mit dem folgenden Artikel al zusammengezogen, lautet Abu'l, Abul vd. Aböl. Es dient zur Bildung vieler männlichen Eigennamen, worin Abu entweder das wirkliche Vaterverhältniß oder metaphorisch den Besitzer riner Eigenschaft, z. B. Abulfeda, Vater der Aufopferung, Nbul-mahassan, Vater der guten Eigenschaften, bezeichnet. Rbuam, Ort in der Landschaft Tafilelt (Marokko) ; Hauptmarkt u. Niederlagsort für die Nordgrenze der Wüste. Abu Arisch, unfruchtbares Gebiet in Jemen (Arabien), ani Rothen Meer, u. gleichnamige Stadt darin, Residenz eines Fürsten; die Umgegend reich an Früchten u. ergiebigen Steinsalzgruben. Abu-Bekr, 1) A. Abd-el-Kaaba, mit dem Beinamen El-Siddik, der erste Khalif, als Sohn des Abu-Kohafa ben-Amer aus dem Stamme Koraisch, 573 geb. zu Mekka, war als Handelsmann sehr vermögend geworden, bekleidete das Amt eines Richters u. stand sonst in hohem Ansehen bei seinen Landsleuten wegen seiner Gelehrsamkeit u. Traunideutekunst. Als Mohammed auftrat, schloß er sich diesem sofort an, wandelte seinen ursprünglichen Namen Äbd-el-Kaaba in Abd-Allah u. nahm den Namen Abu-Bekr, Vater der Jungfrau, an, als Mohammed seine Tochter Mscha (die Jungfrau) zum Weibe nahm. Mit dem Propheten alle Geschicke u. Verfolgungen theilcnd, behauptete er sich auch nach dessen Tode als sein Nachfolger gegen Ali u. nahm als Fürst des von Mohammed gegründeten Reiches den Titel Khalifct-Rcsül-Allah (Nachf. des Propheten Allahs) an 632. Nach Niederwerfung verschiedener Ausstände im Innern trug er die Lehre des Propheten mit dem Schwerte in der Hand AbulfaraVsH. zu den benachbarten Völkern weiter bis gegen Damascus, dessen Fall er jedoch nicht mehr erlebte: er st. 23. Aug. 634 zu Medina, nachdem noch unter ihm die Zusammenstellung des Koran begonnen. Als Nachfolger hatte er Omar, einen anderen Schwiegervater des Propheten, bezeichnet. 2) A. Mohammed, Jkhschid, 934—45 Herrscher in Ägypten, Stifter der Dynastie der Jkhschiden, s. Ägypten. 3) A. el Mansnr Seifeddin, 1341 kurze Zeit Sultan von Ägypten (s. d.). Abuchow, Dorf im russ. Gouv. Moskau, mit großen, 1425 angelegten Pulver- und Papiermühlen. Unweit davon Upensk, gleichfalls mit Pulver- u. Papiermühlen. Abufcda, Gebirgskette längs des Nil inMiitel- ägypten; einst Aufenthaltsort von Anachoreten. Abu Haffi, span. Maure, welcher zu Ans. des 13. Jahrh. Tunis eroberte u. hier die Dynastie der Hafsiden (1206 —1537) gründete; s. Tunis. Abu Harras, Stadt u. Handelsplatz in der Scherk, Gebiet am Ostufer des Blauen Nil (Sen- naar), nahe der Mündung des Rahad in den Blauen Nil; größtenthcils verfallen, Gegend kahl u. ohne Gärten; Sitz eines Kascheff. Ein gleichnamiger Gebirgszug in der Nähe. Abu Jahja (arab.), eigentlich Vater des Lebens, euphemistisch der Todesengel, gewöhnlich Azrail genannt. Abu Kara, Theodor, Bischof, vermuthlich zu Karrhä in Mesopotamien, um 770, Schüler des Johannes von Damascus. Er schr. gegen die Juden, Mohammedaner, Jakobiten, Nesto- rianer re., meist in Luppl. bibliotlweas putrum, Par. 1624, abgedruckt; Os unions st inoarna- tions (im 13. Bd. von Gallands Libl, patr.). Abukelb, 1) (Piaster mit demHnndMmischlik), türk. Silbermünze früher — 60 Para od. 1H Piaster, jetzt 1^ Mk.; 2) (Abukeps, Abukesb), in Ägypten die Löwenthalcr, weil man den Löwen für einen Hund hält, ^ 5H Mk. Abukir (Bekir, fr. Iloguors), Dorf mit Fort u. Leuchtthurm in Nieder-Ägypten, nordöstl. von Alexandria, dabei sichere Bai für Kriegsschiffe. Bei A. lag das alte Kanopos, und 33 km von hier stand Nikopolis, wo Cäsar sein Lager aufgeschlagen hatte. Hier am 1. Aug. 1798 Scesieg der Engländer unter Admiral Nelson über die Franzosen unter Admiral Brueys, wodurch deren Flotte vernichtet u. das Landhccr von Frankreich abgeschnittcn wurde. In der Nähe 25. Juli 1799 glänzender Sieg Bonapartes über die Türken, die aus Englands Veranlassung zur Wiedererober- ung Ägyptens gelandet waren u. sich bereits der Forts von Ä. bemächtigt hatten. Dieselben wurden 8. März 1801 durch das- Expeditionscorps der Engländer unter Abcrcromby wieder genommen, das franz. Heer aber, nachdem es 21. März besiegt worden, völlig aus Ägypten verdrängt. Näheres s. u. Franz. Nevolütions- krieg. Abul-Faradsch, Gregorius, gewöhnlichBar- hebräus, weil sein Vater ein zum jakobitischen Christenthum bekehrter Jude war, der gelehrteste u. vielseitigste syrische Schriftsteller; 1226 zu Ma- latia(Melitene) geb.,1246 zum jakobitischcn Bischof von Gubos ernannt, 1247 nach Lakabin u. später 111 Abul Fazl — nach Aleppo versetzt, wurde er 1264 Maphrian od. Primas des Orients, d. h. Vicar des jakobitischen Patriarchen für die orientalischcnDiöcesen,mit dem Sitze in Tagrit. Er st. 1286 zu Maraga in Aserbcidschan. Sein wichtigstes Werk ist die dreigetheilte syrische Chronik; der weltgeschichtliche Theil 1788 von Bruns u. Kirsch mit lat. Übersetzung, Lpz., 2 Bde., jedoch ziemlich ungenügend, hcransg.; den kirchengeschichtlichen Rest publiciren Abbeloos m Lamy zu Löwen seit 1872, ebenfalls mit lat. Übersetzung. Eine kürzere Darstellung der Weltgcsch. in arab. Sprache ist die schon 1663 von Pococke edirte llistoria äzwastiarum. A. stellte auch das Kirchenrecht der Jakobiten aus Concilienbeschlüsscn u. Kaiscrgesetzen in einem Nomokanon zusammen, welcher sich in lat. Übersetzung im 10. Bd. der Maischen 8crlpt. vstsrum nova cokleotio findet. Von seinen Scholien über die gcsammte Hl. Schrift ist bisher nur Einzelnes in Dissertationen n. Abhandlungen veröffentlicht. Einige seiner Gedichte hat Lengerke (Königsb. 1836—1838) herausg. u. sehr mangelhaft übersetzt. Seine sämmtl. grammatischen Werke hat Abbe Martin auf autographischcm Wege vervielfältigt (Oeuvres Ararnwatiealss ä'^boulkarackj, Par. 1872, 2 Bde.), darunter auch die große syr. Gramm, in Prosa; die kleine metrische hatte schon Bertheau, Gött. 1843, publicirt. Noch ungedruckt sind A-s dogmatische, ethische und philosophische Werke; seine botanischen u. medicinischen Schriften sind verloren. Aüul Fazl, der kluge u. gelehrte Minister Akbars, des berühmten Herrschers von Indien; st. 1605. Er schr. ein für die damaligen Zustände elastisches Werk: -Ijini.Acbari, über die Rcgierungsweise des Sultans Akbar, welches außer der Gesch. Akbars auch eine gründliche Statistik seines Reiches enthält u. für die innere Kenntnis; des Mongolenreiches eine schr wichtige Quelle ist; zuerst in 3 Bdn. engl, übersetzt von Gladwin (Calcut. 1788), in neuerer Zeit von Wachmann zugleich mit dem persischen Text in der ÜtbliotReea inäica. S. n. Akbar. Abulfcda, berühmter arab. Schriftsteller u. Gelehrter, geb. 1273 zu Dainascus, eigentlich Js- mael, in seinem Mannesalter A. (d. i. Vater der Aufopferung, der Hingabe) u. Emad-eddin (d. i. Säule der Religion), u. als Herrscher Malek-soleh (d. i. ausgezeichneter Fürst), endlich Malek moreygad (d. i. geschützter Fürst). Er stammte aus dem fürstlichen Geschlechts der kurdischen Ejjubiden, dem auch der berühmteGaladen angehörte. Von seinem Jünglingsalter an zeichnete A. sich als moslemitischer Krieger im Kampfe gegen die das Morgenland verwüstenden Mongolen, vor denen schon sein Vater Malek al Afdal Ali Zuflucht in Dainascus hatte suchen müssen, sowie gegen die Christen heldenmüthig aus, so schon 1285 bei Eroberung der den Johannitern gehörigen Feste Marub, dann 1289 bei der Erstürmung von Tripolis durch den ägyptischen Sultan Malek al Man- iur u. ein Jahr später bei Ptolemais unter Sultan Malek al Aschraf. Im I. 1310 wurde dem A. durch den Sultan Ägyptens u. Syriens Malek al Modtaffer die Statthalterschaft von Hamat ver-' liehen, nachdem sein Vetter, der Sultan von Hamat, Abul Kasim. kinderlos gestorben war. A-s Tod fällt in das I. 1331. Seine Hauptwerke sind geschichtlichen u. geographischen Inhaltes. Das Gcschichtswcrk ist eine wichtige Quelle für die Geschlechter der moslcm. Herrscher bis 1328. Reiste gab das Ganze heraus (Lamalss moslemici op. et stuck. 1. luo. Ueislüi, Kopenh. 1760—94, in 5 Bdn.), mit Ausnahme der vorislamitischen Gesch., deren Herausgeber Fleischer ist (Uistvria. antsislamia. ar. o ckuob. cock. sä., vsrs. lat. uotis st inäicibns auxit 8. 0. Uslsokisr, lüps. 1831). Das Leben Mohammeds gaben bes. heraus Gagnier (äs vita. et rsbus Asstis Llokwmmsäis, Oxf. 1723) und Noel des Bergers (Vis äs Llolmmmsä. Paris 1887). A-s laAveim al boläau ist eine Erdbeschreibung in Tafeln nach Ordnung der Klimatc mit den Graden ,der Länge u. Breite eines jeden Ortes. Einzelne Theile dieses Werkes wurden bes. herausg.: Syrien von Köhler (labula 8vriae, Lpz. 1766); Ägypten von Michaelis (äosoriptiol1s§n>ti. «lott. 1766); Arabien von Rommel (Urabias äoserivtio, Oott. 1803); Afrika von Eichhorn (4krioa our. Hiokilwru, Olott. 1791). Einzelne Tafeln von Wü- stcnfeld (Tübulae guasä. §soArapdioas, Qott. 1835) u. a. Eine vollständige Ausgabe des ganzen Werkes besorgten Reinaud u. de Slane (OeoAraxkiis ä'L.bou1ksäe), arab. mit franz. Übers, in 2 Bdn., Paris 1848, u. in lithogr. Text Schier, Dresd. 1818. — A-s Handschrift befindet sich auf der Leydener Bibliothek, sowie ein Antograph auf der kaiserlichen Bibliothek zu Paris. Abulfcira, Salzsee in der portngies. Prov. Estremadura, an der Küste, mit Salzgewinnung. Abulghazi Bahadur (B eh ad er), Khan von Khiwa, 1605 zu llrgendsch geb., aus der Familie Dschingis-Khans, bestieg nach manchem Ungemach 1644 den Thron als Khan der Tataren von Khiwa in Kharism u. zeichnete sich durch hohen Muth in den Kämpfen mit seinen Feinden aus. Nach beinahe 20jähr. Regierung übergab er dieselbe 1663 seinem Sohne. Er verfaßte eine (von seinem Sohn vollendete) genealogische Gesch. der Türken u. Tataren von den ältesten Stammsagen bis auf seine Zeit.im osttürkischen (dschagataischen) Dialekt, welche die glaubwürdigste der vorhandenen Quellen ist. Gras Strahlcnberg und andere schwed. Offiziere, die nach der Schlacht bei Pultawa in russische Gefangenschaft gerathen, übersetzten in Sibirien das Werk inS Deutsche, wonach alsdann die franz. „Histoiro §susn1c>Mgus äss Rutars", 2 Bde., Leyden 1726, erschien; das Original wurde zuerst 1825 in Kasan unter dem Titel llisboria L1on§o1orum sb Rartarorum gedruckt; russ. von Sablukow Kas. 1852; eine neue deutsche Übersetzung gab Messerschmid: Geschlechtsbuch der mungalisch-mogulischen Khane, Gött. 1780, heraus, u. seit 1871 erscheint das Original von Desmaison ins Franz, übers, mit Kommentar in Petersburg. Abulie (v. Griech.), Willenlosigkeit, Schwäche in höherem, krankhaftem Grade, worin Kranke, die gewöhnlich zugleich an Melancholie leiden, klagen, daß sie nicht arbeiten oder keinen Entschluß fassen können, obwol sie die Nothwendigkeit des Handelns und der Entschließung Ansehen. Abul Kasim (Khalaf ben Abbas el Zahrawi), 112 Abul Maschar — Abuschchr. , fälschlich Albucasis u. Bucasis, geb. zu el Zabra, der ganz nahe bei Cordova von Abd-ur-RahmanIII. erbauten Residenz der spanischen Khalisen. Er lebte als Arzt zu Cordova, war aber bes. als Chirurg berühmt u. schr. Al-tassrif, bestehend aus einem theoretischen u. einem prakt. Theil, jeder von 15 Abschnitten, unvollständig, als lidor tllsorias noo non praeticas ^Isalraravii, L.n§. Vinä. 1519 kol., übersetzt. Den letzten Abschn. des 2. Th., von der Chirurgie handelnd, gab Canning arab. u. lat. heraus (ülbneasis äs clrirnr^ia Lbor, ar. et latin. our. äo. LauuinA, Dar. 1778). Einzelne Abschnitte dieses Werkes wurden außerdem bes. herausgegeben. Er st. im I. 1186. Abul Maschar, eigentl.Dschaafer ben Mohammed Abnl Maschar, bekannt in Europa als Al- bumazares, stammte aus Balkh u. lebte unter dem Khalifat des Moatassim Billah. Er st. zu Wasitt im I. 885 u. soll 100 Jahre alt geworden sein. Er hinterließ 38 Werke astronomischen u. astrologischen Inhalts n. gilt als einer der berühmtesten Männer dieses Faches. Denselben Namen führt auch ein anderer Astronom, der unter dem Khalifat des Fatimiden Hakim ben Rillah lebte u. vor 411 d. H. (1020 chr. Z.) st. Er stand in großer Gunst bei diesem Khalisen. Abu Mansur, el Omri, Astronom des Khalisen Al Mamum u. Director der Sternwarten zu Bagdad n. Damascus, 850 geb., Todesjahr unbekannt. Abnudantra (v. Lat.), Überfluß, Fülle, daher Avundanz; abundiren: Überfluß haben.,, A. hieß eine römische Göttin, das Sinnbild des Überflusses, gewöhnlich als weibliche Figur in reichen Gewändern mit einem Füllhorn (Oornn eoxias; s. Amalthea), aus dem sie Blumen, Früchte und Gold schüttet, dargestellt. Altäre wurden ihr wol nicht errichtet; doch findet man ihr Bild oft auf römischen Münzen u. Gemmen; auch ließen sich römische Kaiserinnen in der Gestalt dieser Göttin abbilden. Eine andere Figur ist die Domina ^bunäia des keltischen oder germanischen Heidenthums, Dsms Dabonäs in altfranzösischen Dichtungen genannt, welche als ein gütiges, freundliches Wesen erscheint, das den Menschen Gedeihen u. Segen bringt u. von den Speisen u. Getränken, die man ihm wie anderen guten Geistern hinstellt, nächtlicherweile genießt. Aburrdm, s. Abundantia. üb universal! aä xartlonlars valeö, a par- tienlari aä universale non valst oonse- gusnöia (log. Regel): Wan darf wol vom Allgemeinen aufs Besondere, aber nicht vom Besonderen aufs Allgemeine schließen. Abu Nowas, eigentl. Abu Ali Alhassar ben Hani, unbestritten der genialste u. gewandteste arabische Dichter seiner Zeit; der arabische Heine genannt. Noch als Knabe war er mit seinen Eltern aus seiner HeimathAhwas nachBasra ».später von da mit dem nicht unbedeutenden Dichter Walibe ben Alhobab nach Kufa gezogen. Hier verdankte er deni gelehrte» Khalef el Ahmer insbesondere seine tiefere Kenntnis; der spräche u. der früheren Dichter. Von diesen wol namentlich angeregt, wohnte er 1 Jahr lang unter den Bedewis, denn unter diesen unverfälschten, reinsprechenden Söhnen der Wüste konnte man nach dem einstimmigen Urthcil damaliger Zeit die rechte Bedeutung der Wörter, sowie die Fülle des reichen Sprachschatzes sich aneignen. Dann trat A. N. als Dichter auf und erntete auch am Hofe des Khalisen Harun einen ungetheilten Beifall. Selbst seine freisinnigen und muthwilligen Gedichte konnten ihm in seinem Ansehen nicht schaden, da er es durch Geistesgegenwart verstand, sich vor schlimmen Folgen zu bewahren. Er st. in Bagdad im I. 815 (200 d. H.). — Sein Divan lyrischer Gedichte enthält Wein- u. Liebeslieder, die zu den vorzüglichsten der arabischenLit. gehören. Namentlich herrscht in A. N-s Weiuliedern eine Mannigfaltigkeit der Gedanken, eine Kunst der Komposition, ein Reichthum der Sprache und eine Wahrheit der Empfindung, wie bei keinem Anderen. Diese Lieder wurden von Ahlwardt arab. herausg. (Divan des Abu Nowas, Greifsw. 1861, u. früher in deutscher Übers, von A. v. Kremer, Wien 1855). Abu-Röf (Rufai), zahlreicher u. mächtiger Nomadenstamm in den Steppen u. Buschwäldern der Dschesireh (Afrika, Landsch. Sennaar, zwischen dem Blauen u. Weißen Nil) etwa vom 18° n. Br. an südwärts gegen die Berge der südlichen Fundschi u. der Berthat, mit regelmäßigen Gesichtszügen u. ziemlich Heller, bronzebrauner Hautfarbe. Die Männer bekleiden sich mit einem langen weißen Stück Baumwollenzeug, zuweilen mit kurzen Hosen u. einem weitärmeligen Hemde; über der rechten Schulter ein Thierfell; den Kopf tragen sie unbedeckt, das Haar in langen Locken. Sie gehen immer bewaffnet; Schilde aus Thierhäuten, Lanzen, lange Schwerter, zackige Wurfeiscn, Dolche mit 8-förmig gebogener Klinge. Die Frauen flechten das Haar in viele feine Zöpschen u. zieren es mit Perlen oder Flittern; lieben überhaupt den Schmuck u. tragen Amulete; sie umhüllen den Körper mit Baumwollenzeug, während Mädchen nur den Rachad (Lendenschurz) tragen. Die A. sind wie alle Beduinen schmutzig u. salben sich fleißig mit Butter, wodurch sie einen unausstehlichen Geruch verbreiten. Sie sind im Allgemeinen ernst, u. Musik hört man selten; wild u. unbändig von Charakter, sind sie doch sehr gastfrei u. bieder. Die meisten haben nur eine Frau; ihre Wohnungen sind tragbare Zelte aus Matten; sie genießen Milch, Durrahbrei, Waldfrüchte u. das Fleisch erlegter Thiere. Manche besitzen einen großen Reichthum an Vieh, oft zu 6000 Stück; es werden besonders Rinder, kleine Ziegen, große grobhaarige Schafe, Kamele u. schöne Windspiele gehalten, seltener Pferde. Sie beschäftigen sich mit Viehzucht u. Jagd, zuweilen werden Raubzüge in das Gebiet der Denkaneger unternommen. Ackerbau geringfügig. Auf den Märkten zuSennaar, Karkutsch, am DschebelGhule re. tauschen sie ihre Products (Straußfedern, Elfenbein, Elefanten- u. Antilopenhaut, gedörrtes D Fleisch, Butter, grobe Matten, lederne Wasser- A schlauche, sowie Gummi, Schlachtvieh u. Kamele, N Honig rc.) gegen Gewürze, Tabak, Spezereien, Glasperlen u. Kleider ein. Ihr oberster Häupt- . ling hat seinen Sitz am Dschebel Masmnn in einem zj aus Strohhütten bestehenden Torfe. Abuschehr, Bender - Buschir, von den 113 Abu Simbcl — Abwägeu. Europäern gewöhnst Buschi r genannt, Hafenstadtniit wohlerhaltenen geschichtlichen Darstellungen in der pers. Prov. Farsistan an der NKüste des Pers. Meerbusens, auf der NSpitzc einer Landzunge (von den Alten Mesambria genannt), in öder, sumpfiger, durch Erdbeben, den Samum, Fieberklima u. Heuschrecken heimgesuchter Gegend, hat nur Cisternenwasser; die Ew. wandern bei der unerträglichen Hitze im Sommer z. Th. ins Gebirge. Der Hafen ist seicht u. unsicher, so daß größere Schiffe außerhalb desselben ankern müssen. Trotz dieser ungünstigen Verhältnisse erhob sich A. von einem Fischerdorfe zu einer bedeutenden Handelsstadtmit 12—IS,000 Ew-,namentlich unter dem Schah Nadir Mitte des 18. Jahrh., welcher den brit.-ostindischcn Handel von Bcnder-Abassi hierher zog. Heute ist die Stadt sehr heruntergekommen, könnte aber, wenn der Euphrat ein Verkehrsweg nach Indien wird, ihre ehemalige Bedeutung wiedergewinncn. Die etwa 2000 Ew. sind meist Araber, theils Armenier, unter einem von Schiras abhängigen Scheikh; doch haben die Engländer dort bedeutenden Einfluß gewonnen. Auf der Südspitze derselben Landzunge lag im Mittelalter Ri sch ehr, ein berühmter Handels- und Hafenplatz, wovon heute nur noch wenige Spuren. Nahe bei A., nordwestl. in, Pers. Meerb., liegt die Insel Kerak. Diese wie A. selbst besetzten die Engländer im Kriege gegen Persien im Dec. 1856 u. erklärten sie für britisches Eigenthum, gaben sie aber im Frieden vom 4. März 1857 wieder zurück. Abn-Simbel, Name einer südl. von Assuan, am linken Nilufer emporragenden Felswand, aus der zwei großartige Denkmäler od.Tempel ausgehauen find, die 1817 von Burkhardt ausgefunden u. von ihm, wie auch von anderen Reisenden der Neuzeit beschrieben wurden. Der Wüstensand hat sie theil- weise verschüttet, den größeren fast ganz bedeckt. Sie sind nicht wie andere Felscntempel derselben Gegend den ägyptischen Gottheiten gewidmet, sondern Ehrendenkmälcr, der größere des ägyptischen Königs Ramses,dcr kleinere seiner Gemahlin. Diese Tempel kommen an Größe u. Kunst den schönsten Thebens gleich. Der größere hat vor einer schiefen Felswand an der Seite des Einganges in Nischen vier kolossale auf Thronen sitzende Figuren Ramses II., aus dem Felsen gehauen, jede von etwa 10 rn Höhe und 7^ in Schulterbreite; die südlichste derselben befindet sich in Gipsabguß im Kensingtonpalaste zu London. An der zweitsüdlichen Figur ist eine merkwürdige griechische Inschrift eingegraben, die wahrscheinlich von ionischen Söldnern unter König Psammetich I. (684—610 v. Ehr.) herrührt. Im ersten inneren Raume, der Vorhalle des großen Tempels, lehnen an zwei Reihen viereckiger Pfeiler auf jeder Seite vier 5Z m hohe Osiriskolosse, u. die Wände sind niit Bildwerken in halb-erhabener Arbeit geschmückt, die sich auf die Eroberungen der Pharaonen in Afrika beziehen. Im Innersten des großen Tempels, dein Allerheiligsten, einer über 60 m tief im Felsen liegenden Kammer, ist der König Ramses in riesiger, sreigcarbeitcter Figur, umgeben von den Hauptgottheiten Ra, Ptah und Amun, thronend dargestellt. Tie Wände acht kleinerer Räume ringsumher sind wie die Vorhalle Pierers Uilivcrfal-Coiwmatums-Lexiton. 6. Aufl. I. D.iin. und Inschriften bedeckt. Dem großen Tempel gegenüber befindet sich an der nach S. gerichteten Felswand der kleinere, an dessen Vorderseite 6 kolossale, in Hochrelief ausgehauene Statuen lehnen, deren größte 11 w hoch ist. Der Fels dieser Bauten, 120 in hoch, besteht aus festem, feinkörnigem Sandstein, ist zwischen den beiden Tempeln gespalten u. springt nahe bis an den Nil vor; nach den hieroglyphischcnInschriften „der heilige Berg", der ganze Fclsbau aber, vcr- muthlich auch als Feste angelegt, „Festung Ra- messopolis". Der jetzige Name rührt von arab. Schiffern her, die den Felsen nach dem ihnen bei der Flußbiegung ins Auge fallenden Bilde eines Mannes mit einem kornmaßähnlichcn Schurz „Kornvater" (von abn Vater und ainbsl Kornähre) benannten. Bergl. Dümichen, Der ägypt. Felscntempel von A., Berl. 1869. Abusus (lat.), Mißbrauch; abusiv, mißbräuchlich, regelwidrig. In der jurist. Sprache heißt A. Abnutzung oder Verminderung durch Gebrauch. übllia Pflanzengatt, aus der Fam. der Menispcrmeen, kletternde Sträucher mit gegenständigen Blättern. Arten in Hrnterindien und Ostafrika; officincll. Die als Diureticum schon lange angewendete amerikanische Grieswurzel von L. rnkssosns Aridst enthält einen gelben, bitteren Extractivstoff u. eine Pflanzcnbase, Pelosin. Abu Ternam, Habib ben-Aws, mit Beinamen al-Tai, geb. 807 zu Dschasscm in Syrien, st. 845. Er lebte an verschiedenen Höfen des Orients u. gehört zu den berühmtesten arabischen Dichtern der älteren Zeit, sowol durch eigene Gedichte, wovon ein Divan (Sammlung) erhalten ist, als auch durch zwei Sammelwerke aus älteren Dichtern, von denen die größere „Hamäsa" das bekannteste ist u. eine vortreffliche Auswahl bietet. (Ausgabe von Freytag, Bonn 1827—51, Übersetzung von Friedrich Rückert, Stuttg. 1846, 2 Bde.) A. T. soll 14,000 solcher Lieder auswendig gewußt haben. übutilon Litt. (Sida od. Sammetpappel), Pflanzcngattnng aus der Familie der Malvaceen (von Jussieu u. A. zur Gattung Liän gerechnet). Mehrere Arten wachsen in Mexico re. wild; in Süd-Europa, Ungarn, Friaul, Südtirol nur eine: ^.viosnnas t?aert.(8iäg. -I.L.). ein ästiger, etwa 1 rn hoher Strauch mit gelben Blumen u. herz- förmigensaminetweichenBtältcrnftvegendcrschönen Blumen- und Blattformen beliebte Topfpflanze. Sie liebt nahrhafte lockere Erde u. öfteres Umpflanzen, sonnigen Stand (im Sommer auch im Freien) u. ziemliche Feuchtigkeit; durch Ausknci- pen der Zweigspitzcu kann der vorherrschende Längenwuchs zurückgehalten werden. Sehr beliebt ist auch die nordamerikanische Art L.. stria- tum L. mit hcrunterhängendcn, glockenförmigen, orangefarbenen, dunkler gestreiften Blüthen. Abutto, japan. Gott, dessen Beistand bes. in Krankheiten n. auf Reisen erfleht ward. Abwägeu, 1) (Fcldmeß- und Markscheide!.) den Höhenunterschied zweier oder mehrerer Punkte im F elde oder im Bergwerke mittels eines Nivel- lirinstrumentS messen; daher Abwägckunst, so v. w- Nivcllirkunst. 2) (Bank.) Die horizontale Lage 8 114 Abwälzungsrecht — Abwelken. R von Flächen, Mauern, Fußböden rc. prüfen, event. auch die Niveaudifferenz zweier Flächen durch Richtscheit und Setzwage (s. d.) ausmittelu; bei größeren Entfernungen bedarf cs der Anwendung eines Nivcllirinstruments. Aüwälznngsrecht, f. Devolution. Ablvärmen, Öfen zu hütteninänn. Operationen oder Thongcfäße dazu, z. B. Tiegel oder Muffeln, mit gelindem Feuer austrocknen, um ein Reißen derselben Lei späterer starker Hitze zu vermeiden. Abwaschung, 1) die diätetischen A-en zur Reinigung und Stärkung der Haut, s. Waschen; 8) die religiösen A-en, f. u. Reinigung. Abwässern, Deckplatten, Gurtgesimfe, Fensterhohlbänke, Verdachungen re. mit einerAbschrägung für den Abtauf des Regenwafsers versehen. Damit das Wasser nicht an der Gebäudewand hinabkaufe, sind die Gesimse, Verdachungen rc. mit scharfen Unterschneiduugen, sog. Wassernasen (s.d.), versehen. A. der Wiesen, s. Wiesenbau. Abweg, ein falscher Weg, der entweder gar nicht, oder nur durch Umschweife zum Ziele führt. DaS Wort hat einen doppelten Sinn, einen praktischen u. theoretischen. Elfterer ist gleichbedeutend mit Irrweg, letzterer mit: falsche Geistesrichtung, falsche Methode. Verkehrte Voraussetzungen führen immer auf A-e. Dasselbe ist überall auch da leicht der Fall, wo die nöthige Ein- u. Umsicht nicht in Anwendung gebracht wird. Abwehen oder Abflauen 1) des Windes, so v. w. Abschwächung der Windstöße; 2) A. eines Gegenstandes, z. B. einer Flagge, bedeutet: durch den Wind abgerissen werden. Abweichende Sonnenuhr, so v. w. Decli- nationsuhr, s. Sonnenuhr. Abweichung. 1) (Astr.) A. oder Declination eines Gestirns heißt der Abstand desselben vom Äquator. Sie ist in Bogen eines durch die beiden Pole gehenden Kreises ausgedrückt u., je nachdem das Gestirn zwischen Nordpol u. Äquator, oder Südpol u. Äquator steht, nördl. oder südl. Die A. wird in der astronomischen Zeichensprache durch ein einfaches!) ausgedrückt, vom Äquator aus bis gegen die beiden Pole hin gezählt, wo sic 90° beträgt; nördl. A. wird durch ein vorgesetztes -s-, südl. durch ein — bezeichnet. Durch Angabe der A. u. der Rectascension (geraden Aufsteigung, s. d.) eines Gestirns wird seine Stelle auf der Himiuelskugel in derselben Weise bestimmt, wie durch die Angabe der Länge u. Breite eines Ortes dessen Lage auf der Erdkugel. Unsere Sternkataloge sind alle nach der Rectascension u. A. geordnet. 8) (Phys.) a) Magnetische A., s. Declination; b) Die Optische A. besteht darin, daß sowol bei Brennspiegeln, als auch bei Linsen nicht alle von einem Punkte ausgehenden Strahlen auch wieder in einem Punkte vereinigt werden. Zunächst werden die den Ragd des Brennspiegels treffenden, rcsp. durch den Rand der Linse hin- durchgegangcuen Strahlen in einem dem Spiegel, resp. der Linse näher liegenden Punkte vereinigt, als die mittleren Strahlen; dies ist die sphärische A. oder sphärische Aberration (vom gr. spüaira, Kugel); sie hat ihren Grund darin, daß die Hohlspiegel u. Convexlinsen von Kugelslächen begrenzt sind. Die Entfernung des Vereinigungspunktcs der Randstrahlen von dem der mittleren Strahlen heißt dieLängen-A. Die Randstrahlcn breiten sich jenseits ihres Vereinigungspunktes kegelförmig aus und umgeben in Folge dessen den Brennpunkt der mittleren Strahlen mit einem leuchtenden Kreise, demA-skreise, dessen Radius die Seiten-A. heißt. Dadurch, daß das von einem Brennspiegel oder einer Linse erzeugte Bild eines Punktes in Folge der sphärischen A. ein kleiner Kreis ist, die Bilder benachbarter Punkte also theilweise über einander fallen, werden die Bilder der Gegenstände undeutlich. Die sphärische A. ist bei Brennspiegeln um so geringer, ;e kleiner der Durchmesser des Spiegels' im Verhültniß zu seiner Brennweite ist; bei Linsen wird sie durch geeignete Combination von Linsen von großer Brennweite (sogenannte aplanatische Liusensysteme), sowie großcn- thcils schon dadurch beseitigt, daß man die Randstrahlen abblendet. Hierzu dient bei Fernrohren, Mikroskopen u. zusammengesetzten Lupen eine undurchsichtige, in der Mitte mit einem kleinen kreisförmigen Ausschnitt versehene Scheibe, welche so angebracht wird, daß sie nur die mittleren Strahlen hindurchläßt. Von der sphärischen ist die chromatische Abweichung (vom griech. olrröma, Farbe) zu unterscheiden, welche daher rührt, daß die Brennweite für Strahlen verschiedener Farbe (also auch versch. Brechbarkeit) eine ungleiche ist; sie bewirkt, daß der Brennpunkt jeder Farbe mit einem kleinen leuchtenden Kreis umgeben ist von Strahlen, die ihren Vcreinigungspunkt mitwcder noch nicht erreicht oder bereits überschritten haben, so daß die von gewöhnlichen Linsen erzeugten Bilder farbige Ränder zeigen. Die chromatische Abweichung wird (nahezu) aufgehoben durch Combination einer Sammellinse von Crownglas und einer Zerstreuungslinse (mit etwa doppelter Brennweite) von Flintglas. Eine solche Combination heißt eine achromatische Linse (s. Achromasie); 3) (Kriegswisseuschaft) Abweichung der Geschosse: das Maß, um welches ein abgefeuertes Geschoß höher oder tiefer, kürzer oder weiter, rechts oder links von dem beabsichtigten Treffpunkt einschlägt; hiernach Höhen-, Längen- und Sci- ten-Äbweichung. Bei einer größeren Anzahl von Schüssen heißt das arithmetische Mittel ans der Summe der A-en der einzelnen Geschosse die mittlere Abweichung. Je kleiner die mittleren A-en, desto größer die Trcfffähigkeit des Geschützes. Bei gezogenen Geschützen zeigt sich stets eine Abweichung nach der Seite der Windung der Züge, meist nach rechts, diese heißt Derivation oder Deviation, wächst mit der Entfernung, auf welche geschossen wird, und bedingt die Anwendung von Seitenverschiebung. 4) Abweichung in der Navigation, die in Seemeilen (1 Seem. — 1852 m) ausgedrückte Meridiandistanz, zwischen dem Orte der Abfahrt und dem der Ankunft, im Gegensätze zu dem diese Meridiandistanz im Bogenmaß (Grade, Minuten und Secundeu) angebenden Längenunterschicd. Aüwclken, das Begctationswasser bei Pflanzen verdunsten lassen; man kann dies mit wesentlichem Vortheil bei den zum Pflanzen bestimmten Kar« 115 Abwerfen - toffcln vornehmen, indem man dieselben aus den! Aufbewahrungsorten, etwa 3—4 Wochen bevor! sie gepflanzt werden sollen, herausnimmt u. an einen frostfreien Hellen trockenen Ort legt; dieselben welken dann ab n. keimen. So behandelte Kartoffeln vorsichtig mit dem Keime nach oben gelegt, reifen 2—3 Wochen eher u. tragen reichlicher, als solche, die nicht so behandelt sind. Abwcrfen, 1) (Hüttenw.) bei Hohöfen die Schlacken vom Herde abziehen; bei der Weißblechfabrikation den nach dem Herausbringen der Blechtafeln aus dem Zinnbade sich unten durch Zu- sammcnlaufen des überflüssigen Zinns bildenden dickeren Saum durch Eintauchen in die Abwerfpfanne wieder flüssig machen u. dann abwischen. 2) (Gartenb.) A. der Krone, Abnehmen der Krone eines Baumes, um ihn bei Schwäche- zuständcn zu stärken u. zu verjüngen; A. der Blätter, eine Krankheit der Pflanzen in Folge Vertrocknens oder fauler Wurzel. Durch Ver- »flanzen, Zurückschneiden, vorsichtiges Begießen u. sorgfältige Behandlung erholen sich die Pflanzen oft wieder. 3) (Jagdw.) Vom Hirsch, Neh- bock rc., das Geweih abstoßen. Abwesenheit (lat. ^bssntia), das Nichtgcgen- wärtigsein an einen: Orte, ein bürgerlich-, straf- n. staatsrechtlicher Begriff. 1) Bürgerlichrechtlich bei der Wiedereinsetzung in den vorigen Stand, bei der Ersitzung u. Verjährung, bei der Vormundschaft n. im bürgerlichen Proccß; strafrechtl. in: Strafproccß; staatsrechtlich im Heimathsrecht. Über die A. in: Proccß s. Contumaz u. Edictal- ladung, über die Bevormundung Abwesender s. Verschollenheit. Die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand (Restitutio in integrum) gewähren auf 4 Jahre die Römer im prätorischen Edict, übergegangen in das Gemeine deutsche Recht, gegen Verlust od. Versäumnis; eines Rechtes, wenn sie durch gerechte, insbes. im öffentlichen Dienst stattgehabte eigene A. od. durch irgend welche A. des Gegners veranlaßt ist. Das Preuß. Recht hat die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand aus Gründen der öffentlichen Rechtssicherheit sehr beschränkt, hat sie deshalb auch wegen A. nur gegen die Verjährung u. Ersitzung, hierbei auch nur wegen A. im Staats-, besonders Militärdienst. Das sranz. Recht hat hier nur die staatliche Vorsorge für die Interessen des Vermißten (s. Verschollenheit). Die Ersitzung von Liegenschaften erheischt nach Röm., Franz, u. Gemeinem deutschem Recht unter A., nämlich den in verschiedenen Provinzen (heute Obergerichts-Bczirken) Wohnenden 20, unter Anwesenden 10 Jahre. Das Preuß. Recht läßt die ordentliche Verjährung, zu welcher es auch die Ersitzung als erwerbende Verjährung rechnet, gegen Diejenigen, die im Staatsdienst in fremden Landen, bezw. in einer anderen Prov. verweilen, nicht anfangen. 2) Staatsrechtlich ist die A. ein Grund zum Verluste des Hcimathsrechtcs u. des Unterstützungswohnsitzcs. Nach jetzigem Deutschem Recht endet die Staats- u. damit auch die Reichsangehörigkeit u. a. durch 10jährigen ununterbrochenen Aufenthalt in: Auslande, rechnend vom Ablauf des Reisepapiers oder Heimathscheins oder des Eintrages in die Matrikel eines Reichsconsulats an, beim Mangel solcher, - Abydos. von der Berlassung des Reichsgebietes an (Bundes- u. Staatsangehörigkeits-Gesetz v. 1. Juni 1870, welches seit 1873 auch für Elsaß-Lothringen gilt). Der Unterstützungswohnsitz endet für einen Deutschen (Bayern u. Elsaß-Lothringen noch ausgenommen) durch 2jährig ununterbrochene A. aus dem Bcz. des Ortsarmenvcrbandcs, wenn sic nach zurückgelegtcm 24. Lebensjahre stattgefunden hat. Dem gegenüber steht, daß 2jähriger gewöhnlicher Aufenhalt innerhalb eines Orts- armenvcrbandes den Unterstützungswohnsitz auch begründet (Ges. über den Unterstützungswohnsitz v. 6. Juni 1870). Nach Franz. Recht, 6oäo civil Art. 17, geht die Staatsangehörigkeit nicht durch eine bestimmte Zeitdauer der A., sondern durch jede Niederlassung im Auslande verloren, welche ohne die Absicht der Rückkehr nach Frankreich geschieht. Der Engländer kann durch keine A., selbst nicht durch Ächtung (ontlarvrz), sein Hei- mathsrccht verlieren u. seinen Heimathspflichten sich entziehen. Anstey, §uiäs, 94, 95, sagt: „Er kann das Reich, aber nicht den Regenten, das Vaterland, aber nicht den Vater des Vaterlandes aufgeben." — Die A. versteht sich nach Obigem verschieden, bald von dem bisherigen Wohnorte, bald vom Orte einer belegenen Sache, vom Gerichtsbezirke, vom Staatsbereich rc. Sodann ist sie von anderem Charakter, je nachdem der Aufenthalt bekannt (entweder erreichbar, oder nicht erreichbar), oder unbekannt ist (s. Edictalladung u. Verschollenheit). 3 ) A. des Geistes, s. Geistesabwesenheit. Abwickelbare Mache (dcveloppable Fläche) (Math.), eine Fläche, die sich auf eine Ebene abwickeln, d. i. ohne Bruch (Zerreißung) u. Faltung auf ihr ausbreiten läßt. Um sich dies vorzustellen, denke man die Fläche ans steifem Papier durch Biegung hergestellt. Die abwickelbaren Flächen bilden eine Klasse der Regelflächen (s.d.). Man kann sie entstanden denken durch die Bewegung einer geraden Linie, derart, daß jede erzeugende Gerade durch die nächstfolgende geschnitten wird (z. B. Kegel), oder ihr parallel ist (Cylinder). Ihre Berechnung u. Behandlung ist Aufgabe der analytischen Geometrie des Raumes und nur mit Hilfe der Differentialrechnung möglich. Abwickelung (Math.), so v. w. Evolution. Abwinde (Spinn.), eine mit einem kleinen Schwungrade versehene Welle, woran die Rollen zunc Abwinden der Fäden gesteckt werden u. welche durch die flache Hand in Bewegung gesetzt wird. Aby, in der schweb. Prov. Schonen, Station dcr Schwed. Staatsbahn; im Juli bed. Jahrmarkt. Abydenos, griech. Geschichtschreiber des 3. Jahrh. v. Ehr.; schr. Gesch. der Assyrer, Meder u. Chaldäer; Fragmente in C. Müllers Rra§m. Instar. grase., Bd. 4. Abydos (a.Geogr.), 1) wichtige Handelsstadt am Hcllespont (Kleinasien), Sestos gegenüber, mit sicherem Hafen. In der Nähe lagen die Goldgruben von Astyra. Die Stadt, anfangs von Thrakern bewohnt, dann von Milesiern co- lonisirt, wurde von den Persern unter Lerxes, der hier seine Heerschau hielt u. die Brücke über den Hcllespont schlug (480 v. Ehr.), erobern. Später vertheidigtcn sich die Abyddner helden- 8 * 116 Abyssinien — müthig gegen Philipp III. von Makedonien. A. war eine Hauptzollstätte der Römer unter Kaiser Justinian u. wurde endlich von den Türken zerstört, welche an Stelle der Stadt die Festung Sultanieh Kalessi erbauten. Trümmer von A. bei dem heutigen Dorfe Aveo in der Nähe des Fleckens Nagara. A. ist auch bekannt durch die Säge von der Liebe des Leander zur Hcro in Sestos. Die Abyddner waren in späterer Zeit wegen ihres entarteten wollüstigen Lebens berüchtigt. 2) A-, mit dem alten Namen This, Stadt in Thebais, dem heutigen Obcräghpten, an einem Nilarm, mit dem Grabe des Osiris in einem großen u. prächtigen Tempel, einem Orakel der Göttin Besä, sowie einem Memuonium. Einer der Säle des Osiristempels enthält in bildlicher Darstellung das älteste geographische Verzeichnis der Provinzen Altägyptens. Die Stadt war jedoch schon zu Strabos Zeiten in Verfall. Bei dem jetzigen Dorfe El Berbi oder Birbe wohlerhaltene Ruinen von A., worin 1818 W. I. Baukes die berühmte sogenannte ladnla adz'äona, eine Genealogie der ägyptischen Könige der 18. Dynastie in Hieroglyphen fand, welche im Britischen Museum aufbewahrt wird. Einen Abdruck derselben brachte das loururil äss Lavanio (April 1845). Über den Fund eines zweiten Monuments, der sogenannten neuen Tafel von A., welche 7b Königsnamen enthält, berichtet A. Mariette in der Horns arelreoloAicius 1866. Derselbe beschreibt seine Ausgrabungen am dortigen Seti-Tempel in dem Werke: .4ch-cios, Par. 1870. Abyssinien, s. Abessinien. Abzac, Flecken im Arrond. Confolens des französischen Depart. Charente, an der Vienne; Mineralquelle; 1200 Ew. Dabei die Ruinen des Schlosses Serres, Geburtsort der Marquise von Moutespan, u. Schloß Fayolle. Abzahnen, den Wechsel der Schncidczähnc beendigen. So haben z. B. Pferde mit 4H bis ö Jahren, Wiederkäuer mit 3H bis 4 Jahren abgezahnt. Abzehrung bezeichnet im weiteren Sinne Abmagerung, d. h. den Verlust von Fett und Fleisch aus jeder möglichen Ursache, also sowol die Abmagerung nach Krankheiten, als auch nach Entziehung der Nahrung, nach Säfteverlusten, z. B. nach anhaltendem Schwitzen re. Im engeren Sinne ist A. gleichbedeutend mit Auszehrung, d. h. der Abmagerung in Folge chronischer Lungenschwindsucht. In dem letzteren Sinne ist die A. immer niit einem schleichenden Fieber u. mit Verdauungsbcschwerdeu verbunden, welche ihre Ursache in chronisch-entzündlichen Vorgängen in den Lungen haben. Das Fieber hat nieist den remittirendcn Charakter, d. h. die größte Temperatursteigerung findet zwar des Abends statt, doch übersteigt dieTcmperaturhöhe meist auch in den Morgenstunden die normale. Gegen Morgen, etwa von 2—4 Uhr Nachts, tritt die Entfieberung des Kranken unter Eintritt eines copiösen klebrigen Schweißes ein (hektischer Schweiß), u. nach dem Schweiße ist die Temperatur am niedrigsten. Diese anhaltende Temperatursteigerung hat zur Folge, daß schnell die Kohlenhydrate (Fette) im Körper verbraucht wer- Abziehbilder. den, und bildet das Fieber einen gesteigerten Verbrcnnungsproceß, bei welchem die Fette das Feuerungsmaterial liefern. Sind die Kohlenhydrate, die Fette, ausgczehrt, so stirbt der Kranke. Die gesteigerte Temperatur bei der A. hat aber ferner zur Folge, daß die Verdauuugssäfte (Magen- n. Darmsäfte, Galle rc.) nicht in guter Beschaffenheit abgesondert u. daß die Verdauungs- organc selbst in ihrer Ernährung u. dadurch in ihrer Function gestört werden. Wir beobachten daher bei allen Abzehrenden Appetitlosigkeit, Vcr- danungsschwäche u. nicht selten Diarrhöen, Störungen, die für sich allein schon im Stande sind, hohe Abmagerung zu erzeugen, und es erklärlich machen, warum bei ihrer Verbindung mit den hohen u. anhaltenden Temperaturhöhen gerade der Patient so außerordentlich schnell abmagert. Abzeichen, 1) (Staatsw.) a) äußere Unter- scheidungs- und Erkennungsmittel, wie Bänder, Schleifen, Cocardcn, Tracht, Schnitt des Haares oder Bartes, besonders aber Farben, namentlich von politischen Parteien, wo dieselben häufig bedeutende u. für lange Zeit giltige Rollen im öffentlichen Leben gespielt haben. Die englischen Royalisten des 17. Jahrh. trugen lange Locken, während ihre Gegner, die Puritaner, das Haar kurz schoren und daher Rnndköpfe genannt wurden. In Deutschland galt das lauge Haar u. der altdeutsche Nock in der Zeit der Burschenschafter als A. der freien, deutsch-nationalen Gesinnung. 1848 hatten die sogenannten Heckerhüte u. Vollbärte ihre Bedeutung als republikanisches A. In Italien waren die Carbonarimäntel, Cala- brcscrhüte u. die Garibalditracht Kennzeichen für die Beweguugspartei. Die rothe u. die weiße Rose spielen als A. in der englischen Geschichte eine große Rolle. Das Kreuz der Christen gegenüber dem Halbmond der Muselmänner sind A. von höchster Bedeutung während vieler Jahrhunderte. Mit den herrschenden oder verfolgten n. unterdrückten Parteien erlitten auch die A. ihre Wandlungen u. Schicksale, d) Im engeren Sinne «) die zur Hervorhebung eines persönlichen Verdienstes irgend welcher Art öffentlich zur Schau getragene Auszeichnung (Orden, gewissermaßen auch Titel); i>) die zur Kenntlichmachung einer öffentlichen (osficiellen) Thärigkeit in Anwendung gebrachte Kleidung oder Theile derselben. 2) (Viehz.) Bei Hausthieren, vorzüglich bei Pferden von dunklerer Farbe, am Kopf u. an den Füßen verkommende, angeborene, größere oder kleinere weiße Flecke von bestimmten Formen. Solche A. sind z. B. am Kopse: der Stern, die Blässe, die Schnippe; au den Füßen: weiße Köthe, weiße Fessel, weiße Krone, weißet Fuß rc. Abzeichnen (Feldmeßk.), den Grundriß eines vermessenen Stückes Feld nach dem Maßstab anfertigen. Abziehbilder, Bilder aus Papier, meistens in Farben- oder Golddruck, besonders verwendet zur Verzierung lackirter Maaren. Man bestreicht diese mit Lack, klebt das Bild auf u. wäscht nach einiger Zeit das Papier mit warmem Wasser ab. Durch einen Lacküberzug wird das Bild geschützt. Unter dem Namen Metachromatypie kommen 117 Abziehen - solche Bilder zur Unterhaltung für Kinder zum Verkauf. Abziehen, 1) Holz- u. Metallarbeiten vollends fertig zum Gebrauche machen, z. B. Uhren, Lettern, Messer rc. Abziehklinge, ein Stück Sageblatt ohne Zähne zur Holzbearbeitung; Abziehwalzen, eng gestellte harte Stahlwalzen, zwischen denen die Schneide eines Messers hin u. her gezogen wird, um die Schärfe wieder hcrzu- stellen; 2 ) (Hüttcnw.) Unreinigkeiten von etwas wegnehmen, z. B. Schlacken vom Herde, Abstrich vom Werkblei; 3) (Gerb.) ein Fell auf der Fleischseite mit dein Abzieheisen, einem langen, breiten Eisen, rein schaben; 4) (Chem.) so v. w. De- stilliren; s. u. Branntweinbrennen; 5) (Math.) so v. w. Subtrahiren; 6) (Kricgsw.) mittels einer Abzugsschnur den Reiber der Frictions- schlagröhren aus der Rciberhülle entfernen, wodurch die Entzündung der Geschützladung erfolgt. Abziehende Muskeln (musonli abäustorss oder abcluoentss), s. Abduciren. Abziehpflug (Rinnenmacher, englisch Or-Ü- riinA xüongü), Ackerwerkzeug, womit Rinnen zum Ableiten des Wassers von nassen Acker- u. Wiesengründen gezogen werden. Äbzucht (Weinb.), Vermehrung der Weinstöcke durch Einstecken der Enden langer Reben in die Erde, ohne sie vorher von der Mutterpflanze zu trennen, welches erst nach der Bewnrzelung oder auch gar nicht geschieht. Abzug, 1) die zum Losdrückcn des Gewehres bestimmte Vorrichtung; 2) so v. w. Graben; Z) (Jagdw.) Theil des Fuchseisens (s. d.); 4) in der Hüttenkunde ein nach Entfernung des Abstriches von der Oberfläche des im Trcibofen ein- geschmolzenen silberhaltigen Werkbleies sich bildendes noch unreines Bleioxyd, das ebenfalls, wie der Abstrich, besonders verarbeitet werden muß. Abzngsgeld, s. Abschoß. Abzugsgraben, Graben zur Austrocknung eines Terrains, einer Mauer rc., der zu diesem Zwecke möglichst tief liegen u. mit Gefälle versehen sein muß. Ae...., alle Wörter, die man hier nicht findet, suche man unter Ak... . L. 6. ist die Abkürzung für anno Obrisiü (lat.), im Jahre nach Christi Geburt; a. o. für anni eurrentw, des laufenden Jahres (z. B. im Herbst a. o.). Man bediene sich aber lieber der gebräuchlichen deutschen Abkürzungen: i. I. n. Ehr. (n. Chr.) u. d. l. I. (d. I.), dieses Jahres. gescia IVss/e., Pflanzengatt, aus der natürl. Fam. der Mimosen (XVI. 4), Bäume, seltener Sträucher der heißen Zone mit doppelt gefiederten oder zu Phyllodien umgewandelten Blättern; auch sind die Nebenblätter meist in Stacheln verändert. Blüthen polygamisch, zu Köpfchen oder Ähren zusammengestellt, welche einzeln oder zu mehreren aus den Blattachscln entspringen. Z—5 untcrstäudige Kelchblätter u. ebenso viele mehr oder weniger verwachsene, später freie Kron- blättcr. Meist über 50 Staubfäden, die frei stehen oder in eine kurze Röhre verwachsen sind. Griffel einfach, Narbe ungetheilt, Hülse ungegliedert, meist trocken, cinfächerig, vielsamig, zweiklappig. Tie zahlreichen Arten der sind über alle Erd- theile mit Ausnahme von Europa verbreitet, und viele derselben liefern werthvolle theils officinelle, thcils in der Technik Verwendung findende Han- dclsproducte, einige auch Nahrungsmittel. Nicht wenige Arten sind in unsere Treibhäuser eingeführt u. geben auch in ihrer Heimath durch die zierlichen Blattformen und reichen Blüthen der Landschaft ein charakteristisches Aussehen. Arten: X. tsrtilis //«r/ne, ein 10—15 m hoher, im Glücklichen Arabien, Oberägypten, Nubien und Dongola wachsender Baum mit weißgelbeu, in Köpfchen stehenden Blüthen u. verschiedenartig gedrehten u. gewundenen Hülsen. L. vsra IVrttr/, ein vom Senegal bis Ägypten verbreiteter Baum, dessen flache, ziemlich große Hülse pcrlschnur- sörmig gegliedert ist. L.. Ilbrsnbsr/fti //M/ns u. X. 8sM Ds/, Sträucher der libyschen Wüste, Nubiens ,u. Dougolas. .1. arabioa IVrM., in Arabien, Ägypten u. Ostindien, mit weißen, zottig behaarten Hülsen. L. uilotioa Ds/ in Ägypten, Arabien u. der libyschen Wüste, mit rosenkranzartig gegliederten Hülsen. Die genannten, sowie vielleicht noch einige andere Arten liefern das arabische Gummi (s. d.), Summt arabicum. Von X. vsra, arab. u. utlot. ist auch der aus den grünen Hülsen ausgepreßte u. zur Trockne abgedampfte Saft, als Lucous Xoaeiae verae. wahrer Acaciensaft, officinell. Von X. arab., vielleicht auch von Bambolab /iowü., kommt die getrocknete Hülse als Lablaü (s. d.) in den Handel. L. Varussiaua UM/., ein westindischer Baum, der zuerst in den Farnesischen Gärten in Rom gezogen wurde, hat gelbe, sehr wohlriechende, in Köpfchen stehende Blumen, die für Parfümerien u. Liqueure benutzt werden u. einen sehr wichtigen Handelsarttkel ausmachcn. X. oäoratis- stma IVMc/, ein hoher ostiud. Baum, hat weiße, -ebenfalls sehr wohlriechende Blüthen. X. Xckan- 8outi Kurl/ st Dsrott., Rother Senegal-Gummi- baum, ein häufig in den Niederungen am Ausflusse des Senegal wachsender großer Baum, dessen Zweige dicht u. reich behaart sind; auch die gepaart stehenden Dornen sind flaumhaarig. Die Blätter sind doppelt gefiedert, die Blättchen sehr klein, die gelben, wohlriechenden Blumen stehen in kurz gestielten Köpfchen. Von dieser Pflanze stammt das Senegal-Gummi (s. d.), das dem arabischen ähnlich ist u. gleiche Verwendung findet. X. Versü Kurl/ st Derok/, in WAfrika, Ivo dieser Baum bes. am rechten Ufer des Senegal ganze Wälder bildet, liefert das glashelle weiße Senegal-Gummi; nahe verwandt ist X. albicka De/, X. Oateolm IlML, Catechu-Acacie in Ostindien, bes. in Bengalen und Coromandel. Ein hoher Baum mit vicltheiligcn ausgebreitetcu Zweigen, rissiger, stark adstringirender und etwas bitterer Rinde, doppelt gefiederten Blättern, die z. Th. r/g m lang werden und aus zahlreichen Paaren ganz kleiner Blättchen zusammengesetzt sind. An der Stelle der Afterülüttchen stehen gepaarte hakenförmige kleine Dornen. Tie Blumen bilden zu 2—3 in den Blattwinkeln stehende kurz gestielte cylindrische, kurze gelbe Ähren, manchen männlichen Weidenkätzchen ähnlich. Die Hülsen sind gerade, flach u. enthalten 5—6 Samen. Officinell ist der ans dem Holze u. den unreifen 118 Acacius — Hülsen durch Auskochcn und Eindicken gewonnene Extract Catechu (s. d.), von welchem wieder verschiedene Arten unterschieden werden u. die auch noch anderweite Verwendung in der Technik finden. .4. Anmmitsra, IIMck., in NWAsrika bei Mogador einheimisch, soll das 6uwmi darbari- aum liefern, das sich ini Wasser nicht ganz auflöst. tl. Ivllooxdiass. UrW., der weiszrindigcn A., an trockenen Orten der Gebirge von Coro- mandel wachsend, wird das Kutira- oder Bassora- Gummi (s. d.) zugeschriebcn. Von äurema ll/ark., einem brasilianischen Baum, ist die Rinde als Adstringens officinell; ähnlich wirkt die Rinde von virAiualis T'o/rl, ebenfalls aus Brasilien. Auch Australien ist reich an verschiedenen Arten, die sich durch zierliche Blatt- sormen, sonderbare Blattstielblätter u. die reich- blühenden gelben, quasten- und bürstenförmigen Blüthenköpfe auszcichnen. Viele bei uns als Zierpflanzen, so A. aiata, L iör., mit hin- u. hcrgebogenen Ästen, die beiderseits durch die herablauscnden, in einen Nerv endenden Blätter geflügelt sind; melauoxzlou Ä. L-., mit Fiederblättern u. blattartia ausgebreitetem Blattstiel; Holz fest u. schwer (Llaeüwooä) u. in der Kunsttischlerei sehr geschätzt, die Rinde liefert ein dem Catechu ähnliches Gummi; L. äeoixisns L. L,., mit dreieckigen oder trapezförmigen Blattstielblättern; vertieiltata IkTttä. mit schmalen, linealischen, in eine stechende Spitze ausgehenden, den Wachholdernadeln ähnlichen Blättern u. dichten Blüthenähren; armata L. Lr., mit halb- eirund-länglichen, etwas sichelig gekrümmten Blattstielblättern, u. a. m. Die Eingeborenen am Schwanenfluß in Australien leben vornchml. von einem A-Gnmmi, ebenso ist 6ummi arad. mit Kamelmilch oft die einzige Nahrung der Beduinen. In Tasmanien werden die reifenden Hülsen von Loxkorao Li L geröstet u. dann die Samen als Nahrungsmittel herausgenommen. Die Rinde von L. arabiea wird in Indien als stark tonisches Mittel angesehen u. auch in der Gerberei ausgedehnt verwendet; ein Absud der Hülsen wird zum Waschen verwendet. Die Rinde auch anderer Karten ist so reich an Gerbstoff, daß sie für Handel u. Industrie von Bedeutung sind. Auch von .4. vilot. werden die Hülsen in Nubien zum Gerben gebraucht, ebenso in Ägypten, wo sie idisb-idlsd heißen. Nur wenige Arten sind gistig. Die Rinde von L.. Isrinxffnea, IIWck. u. Isnev- xbiaea dient in Indien zur Bereitung einer giftigen Flüssigkeit. Einige Arten liefern wertb- volles Werkholz (s. o.), u. namentlich das dunkle Holz von L.. sxeeiosa. wird als feines Tischlerholz verwendet. Was bei uns Äkazie genannt wird, ist llobiuia ikssnäaoaeia (s. Akazie). Acacius, 1) Bischof v. Amida in Mesopotamien, nahm sich der verfolgten persischen Christen unter Varancs V. im I. 420 an u. besänftigte diesen. L) A., anfangs katholischer Priester, wurde 471 Patriarch von Constantinopel u. unterstützte Vetr. Mongus, das Haupt der Monophysiten- Secte (s. d.), obwol er sich öffentlich zu den Anssprüchen des Concils von Chalcedon bekannte. In Folge dessen wurde er von dem Bischof von Rom, Felix II., mit dem Bann belegt, welchen A. Acajouharz. erwiderte 484, der Anfang einer ersten, 3Sjähr. Trennung der griechischen u. römisch-katholischen Kirche. Er st. 488. 3) A. v. Aleppo, gcb. 322, nach A. 332, Abt eines Klosters in der Nähe von Beröa oder Äleppo, veranlaßte den h. Epiphanius zur Abfassung seines Panarinms, wurde kurz vor dem Concil zu Constantinopel, dem er beiwohnte, Bischof von Aleppo (38l), weihte im selben I. den Flavian als Nachfolger des Mcle- tius zum Bischof von Antiochien, wodurch er das Meletianische Schisma fortsetzte. In Folge dessen wurde von Rom aus die Excommunication über ihn verhängt u. erst im I. 398 aufgehoben, als er in Rom von Papst Siricius die Anerkennung des Flavian erlangte. Doch schon 404 traf ihn in Folge seiner eifrigen Bethciligung an der Verfolgung und Absetzung des h. Chrysostomus auf 10 Jahre abernials der päpstliche Bann. Er st. 432. Der syrische Dichter Baläus hat fünf Loblieder auf ihn verfaßt, in Overbecks Lxiirasmi 8z'ri,RabnIg.e,LaIasi oxsra seleata (Oxford 1865) abgedruckt; deutsch übersetzt von Bickell in der Kemptener „Biblioth. der Kirchenväter", wo auch nachgewiesen ist, daß dieser A. der von Äleppo ist. Acadra hieß früher die große, durch denLorenz- busen vom Festlande getrennte- Halbinsel im NO. von NAmerika, jetzt Neu-Braunschwcig mit Neu» Schottland (s. d.). Acajaholz, das rothe Holz eines in SAmcrika, vorkommenden Baumes, des Lpouäias Lloiubin (Anacardiacee), welches leicht wie Kork ist und in England zu Stöpseln verwendet wird. Acajou (Xnasarälum oeoiäoutals L, Caschu- nuß- oder Elefantenlausbaum), bis 8 m hoher, gerade wachsender Baum in SAmcrika u. Westindien, hat kleine, wohlriechende, rothe Blüthen u. nierenförmige, auf birnförmig verdickten Fruchtstiel sitzende Früchte, die Elefantcnläuse. Das Holz, Acajonholz (in England weißes Mahagoni), wird in Blöcken, Balken re., glatt, gemasert, gewässert rc., zu feinen Tischlerarbeiten benutzt. In Frankreich versteht man unter A. das Mahagoniholz von Levistönis, inadaAoni. L.. inonollsts ist geflecktes Mahagoni. datarä, H.. ä'^Irigus ist afrikanisches Mahagoni, Madeira-Mahagoni von dem afrikanischen Mahagonibauni, Lnäste- nia ooneZalovsis, Lbaz'g. ssusgalsnois, welches sich ziemlich schwer verarbeitet u. in bis 1 na dicken u. bis 2 m langen Stücken in den Handel kommt, ^inijou tsmeils, äs oaisos ist Zuckerkistcnholz. Acajougnmmi, Bezeichnung für mehrere Substanzen: das aus dem Stamme von ^uacar- äinm ocoiäeutalö ausfließende gelbliche Harz, ferner das dem Kirschgummi ähnliche, aus dem Mahagoni- oder Acajoubaum aus fließende Gummi; auch führt ein in den Elefantenlausnüsscn vor- kommendes Gummi den Namen A. Acajouharz. Die westindischen Elefanten» läuse (Früchte von ^naearäium ooeiäeutals) enthalten im Pericarp ihres Kerns A., eine zähflüssige, balsamartige Substanz, die brennend scharf schmeckt und auf der Haut Entzündungen hervorbringt. Man erhält dieselbe durch Verdunsten des ätherischen Auszuges als eine in Alkohol u. Äther leicht lösliche Masse, die hauptsächlich aus Anacardsäure u. Cardol (s. d.) besteht. 119 Acajouöl — Ncajonöi, blaßgelbes Li aus den Kernen der Acajounüsse von Eassnvinm pomikerum von 0,g,g specifischem Gewicht u. süßem Geschmack. Im Pericarp enthalten, dieselben ein dickes, klebriges, blasenziehendes Öl von specifischem Gewicht 1,„i4. Acajutla (Acasutla, Acaxutla), Hafenort am Großen Ocean, in der Republik San Salvador (Mittelamerika), gilt als der Hafen der 22 lrm nörtlicher gelegenen Stadt Sonsonate, hat selbst außer dem Zollhanfe u. Waarenmagaziuen nur wenige schlechte Häuser, doch ist es der zweite Seeplatz des Staates (früher der einzige) u. hat den dritten Theil des auswärtigen Handels inne, namentlich in schwarzem oder peruvianischem Balsam, welcher nur ans der Balsamküste von San Salvador gewonnen wird. ücaldpiias, Akalephen (klraneroearpas), Ordnung der Quallenpolypen (s. d.). Acalypheen, eine Abtheilung aus der natürlichen Familie der Euphorbiaceen. ücaena, 1) (Zool.) L.. Oe/rsä., Gattung der Spanner mit kurzgeschwänzten Hinterflügeln, Raupe mit Höckern und seitlich gerunzelt; der Fliederspanner (ll. samdnoaria) schwefelgelb, Vorderflügel nnt 2, Hintcrflügel mit 1 bräunlichem Querstreifen u. 2 schwärzlichen Punkten, Raupe im April u. Mai auf Flieder, Weiden, Linden, Birn- u. Pflaumenbäumen. 2 ) (Bot.) VciW, Pslanzengatt. aus der Familie der Rosaceen. Lcantbacose, Pflanzenfamilie aus der Ordnung der I/adiatiltoras, nnt den Scrophulariaceen nahe verwandt u. von denselben wesentlich nur durch den Mangel des Sameneiweißes verschieden. Es sind meistens Kräuter, Halbsträuchcr oder Sträucher der heißen Zone mit schönen Blüthen, daher viele Zierpflanzen in Warmhäusern. Von den etwa 700 Arten gehören nur 4 den Mittclmeerläudern Europas an. Manche werden in ihrer Heimath als wirksame Arzneimittel, andere als Farbpflanzcn geschätzt. äcänikia 4-llbr., Gatt, der Wanzen, hierher bes. die Bettwanze (Xeäntlria lsetnlaria O.), s. d. ücsnldlas, Fisch, so v. w. Doruhai. -cantkocäpliali (Xoantdooöplrala, Hakcnköpfe, Kratzer), Ordnung der Fadenwürmer. Ohne Mund, Darm u. Sinnesorgane; mit vorstülpbarem, durch Haken bewaffnetein Rüssel. Fortpflanzung durch Eier. Die Larven gelangen in den Darm kleiner Krustenthiere, durchbohren denselben u. bleiben dann liegen, ohne sich vollständig zu entwickeln. Dies geschieht erst, wenn das Fleisch, in dem sie eingebettet sind, von Wasservögeln, Fischen, auch wol Schweinen gefressen wird und so in deren Darm gelangt. Hierher nur die Gattung Kratzer (^elünorliz-ncäns MW.). 8. polxmorpluis im Darm der Ente durchläuft seinen Jugcndzustand als L. miliaris im Innern der Flußgarnecle (6am- marns pulex Plabr.); L. gigas, bis 40 era lang im Dünndarm des Schweines. Auch im Dünndarm eines an Blutarmuth gestorbenen Kindes wurde ein noch nicht geschlechtsreifer Lolnno- rdxnodus gesunden. ücüntk-pk>s Dauck. (Oplirzus Merrenr.), Gattung der Pruuknattern (Llsxickae); Kopf abgerundet, stumpf, vorn mit Platten, hinten mit /V cn^rieeio. Schuppen; Giitzähne; der Schwanz endigt mit gekrümmter Spitze; Art: -4. eerastiims, 1 m lang, um Port Jackson, sehr giftig. üoantbopterjgn, so v. w. Stachclflosser. Lcsntlws L. (Bärenklau) Pslanzengatt. aus der natürlichen Fannlie der Xesntüacsas (XIV. 2), hohe Stauden mit zahlreichen siederthciligen Grundblättern und ebensolchen Steugelblättcru mit gezähnten Abschnitten; Blüthen groß, in langen endständigen Ähren mit großen Tragblättern; Blumenkrone mit großer, dreispaltiger Oberlippe; Staubbeutel der oberu Staubblätter ausrecht, der untern querliegend; Kapsel zweifächerig, viersamig; Samen eirund, fein gekörnt. Arten: L.. mollis Ö., mit eiförmigen, grob gezähnten Blattabschnitten, breit eiförmigen Tragblättern u. 4 cm langen Blüthen; in Istrien u. den: Orient. L.. lonZikolins Lost., mit länglichen, fiederspaltigen Abschnitten und länglichen Tragblättern; in Dalmatien. M spinosus, Ö., im Orient, schon im Alterthnm beliebte Zierpflanze. Das Akanthusblatt ist (namentlich in der griechischen u.römischenBankunst) eins der wichtigsten u. zugleich am häufigsten in Anwendung gebrachten Decorationsmotive, natürlich in stilisirter Fassung. Als aufrecht stehendes Blatt mit vornüber geneigten Spitzen bildet es das Grundelement des den Kelch des korinthischen Capitäls umgebenden Blattkranzes. In dieser Weise wird cs sowol von den Griechen und Römern, als auch in der altchristlichen Kunst und in der Renaissance verwandt; nur ist der Schnitt der Blattspitzen in den verschiedenen Baustilen abweichend; in der griechischen Kunst sind die Blätter laug und scharf geschnitten, mit scharf markirten Rippen; in der römischen mehr rundlich, dem Blatte der Olive ähnlich; in der Renaissance vielfach ganz frei und naturalistisch behandelt; es wird ferner sehr häufig als fortlaufendes Ornament eines lFriescs verwandt, dann allerdings mehr einer geschweiften Ranke ähnlich, aus welcher sich nach beiden Seiten hin Acanthusblätter abzwei- gen; ferner auch als Flächcnoruament, für Thür- u. Pilasterfüllungen rc., als freies Ornament bei Stelen, Traufzicgeln rc. In der Kleinkunst der Alten spielt es eine große Rolle, in der Keramik, als Verzierung des Kessels, Henkels, Fußes oder Deckels eines GefäßeS; desgl. als Schaft des Candelabers in Marmor oder Bronze. LcsntdvIIis LonW, eine Mauerschwalbengatt, deren Schwanzfedern sich in kahle Schaftspitzen verlängern; L.. Honoris, brauugrau mit weißem Halsbande, Brasilien. L ospölla (oder alla capolla, richtiger cappella, italienisch „nach Art des Kirchenstils"), 1) so v. w. alla drevs, wodurch eine im Kirchenstil häufige, aber auch sonst übliche Tempo- u. Tactart bezeichnet wird. 2 ) Da die Kirchenmusik bis zum 16. Jahrh. den Vocalsatz ohne Begleitung fcst- hielt, so bezeichnet a oapslla noch heute ein Gesangstück ohne Begleitung, oder wenigstens mit gleichtöneuder; mitunter auch die Fortführung einer Melodie von mehreren Instrumenten. ä Capriccio (ital-, spr. a kapritscho), nach Laune, Belieben. Mit dieser Bezeichnung überläßt der Componist einem Säuger oder Spieler das Tempo 120 Acapulco — Accelerator des Harns u. Samens. od. die Ausführung einer Cadenz, zeigt aber damit an, daß der Bortragende den launigen, scherzhaften Ansdruck des Tonstückes wiedergeben soll. Acapnlco (span. Los Rehes), Seest. im mexi- canischen Staate Guerrero, Hafen u. Handelsplatz am Großen Ocean. Der Hafen, einer der schönsten der Erde, ist eine in den Granitfels ausgehöhlte Meeresbucht mit steil in die See abfallenden Ufern, so daß an 500 Fahrzeuge sicher varin ankern und selbst Linienschiffe dicht am User hinfahren können. Die Stadt dagegen ist unbedeutend und besteht meist ans Rohrhütten, einer Kirche, zwei Klöstern u. einem Hospital; die 5000 Ew. sind meist Mulatten und Zambos, neuerdings auch Chinesen. Das Klima ist sehr heiß u. durch einen im O. liegenden Sumpf ungesund. Trotz des seitens der spanischen Regierung durch das Gebirge nach dem Meere gesprengten Weges, um den kühlenden Seewinden Zugang zu verschaffen, herrscht hier fortwährend die Cholera. Stürme u. Erdbeben verwüsten nicht selten die Gegend, von letzteren namentlich die von 1799 u. 1837 u. vom 4. u. 5. Dec. 1852. Den Ha- fcneingaug beherrscht das feste Castell San Carlos. Zur Zeit der spanischen Regierung, namentlich unter Karl III.. war A. durch eine Ordre von 1778 dazu berechtigt, der ausschließliche Platz für den ganzen ostindischen Handel mit dem Mutterland», n. zwar durch die Mittclstation Manila auf den Philippinen zu sein. Von hier kani jährlich eine königliche Galioue mit chinesischen Scideuwaarcn, indischen Musselinen, Gewürzen, Juwelen rc. nach A., n. dorthin ging von A. eine spanische Flotte mit reicher Ladung edler Metalle, Cochenille, Cacao, Wein, Ol, Wolle rc. Dieser Weg zwischen Amerika und Europa war sicherer, als der von Flibustiern, Bnccaniern u. anderen Seeräubern bedrohte über den Atlantischen Ocean. Nach der glücklichen Rückkehr der Schiffe wurde zu A. eine große Messe abgehalten. Durch die Bürgerkriege in Mexico war Acapulco heruntergekommen, hat sich aber seit Entdeckung der Goldminen in Kalifornien wieder sehr gehoben und ist heute der wichtigste Hafen Mexicos für Maaren- und Personenverkehr. Acardo nennt Bruguidre eine Gattung versteinerter Muscheln, die neuerdings Liümsrnütss genannt wird u.sich namentlich in der Kreidefindet. üosrins, Milben (s. d.), Ordn. der Spinnenthiere. Ncaroidharz (Botanybay-, Nutt-, Lanthor- rhöaharz, gelbes Gummi). Eine rothe Sorte des Harzes schwitzt aus der Rinde von Xantllor- rlioea, auotralio, eines in Neuholland wachsenden, zu der Familie der Liliaceen gehörigen Baumes, aus u. bildet größere braunrotste, schwach nach Beuzo'ü riechende Stücke. X. Imotiiis liefert ein gelbes, hartes, stark nach Benzoe riechendes und aromatisches, adstringircnd schmeckendes Harz. Beide Harze,.sind unlöslich in Wasser, lösen sich in Alkohol, Äther und Ätzalkalien, welch letztere Lösungen bcnzo'esaures u. zimmtsaures Salz enthalten. In der Wärme schmilzt das Harz unter Verbreitung eines balsamischen Geruches. Bei der trockenen Destillation liefert dasselbe ein leichtes neutrales u. ein schweres saures Ol, von welchen ersteres Benzol und Cinnamol, letzteres hauptsächlich Phenol, etwas Bcnzo'e- u. Zimmtsäure enthält. Salpetersäure löst das Harz in der Wärme vollständig auf unter Bildung von Picrin- säure, zu deren Darstellung es benutzt werden kann. Es dient auch zum Färben von Firnissen. ücärus, Gattung der Milben (s. d.). Acc. Abkürzung für aeesxi, d. h. ich habe erhalten (aus Quittungen) oder angenommen (auf Wechseln); sodann für Accusativ. Acca (St.-Jean d'Acre), Stadt, s. Akre. Acca, Bischof zu Kent Ende des 6. Jahrh., thätiger Beförderer des römischen Kirchengesanges in England. Accabliren, überhäufen, Niederdrücken; acca- blirt, niedergedrückt, niedergeschlagen. Accabussare (neulatein.) nannte man im alten Criminalrecht das Bestrafen der Kuppler, Lästerer, unkenscher (in England auch zänkischer) Weiber, dadurch, daß dieselben in einem eisernen Käfig oder Korbe mehrmals ins Wasser getaucht wurden' Dies Verfahren war ehedem in den Niederlanden, Deutschland, Italien, der Schweiz und England im Gebrauch u. soll in letzterem Lande noch zuweilen angewendet werden. Aeead, altbabylonische Stadt, s. Babylonien. Aceadia, Flecken im Distr. Ariano der italienischen Prov. Principato ulteriore od. Avel- lino' Prätur; 4350 Ew. Area Larentia (nicht Laurentia), d. h. Mutter der Laren, ursprünglich eine Göttin der fruchtbaren Erde, bes. der römischen Stadtflur, der Flora ähnlich; später, nach Euhemeristischer Auffassung bei den alten Römern die Frau des Hirten Fanstu- lus, welche die am Tiberufcr ansgesetzten ^u. von ihrem Manne gefundenen Zwillingsbrüder Ro- mulus u. Remus (die späteren Gründer Roms) ernährt haben soll; nach einer anderen Sage war sie zur Zeit des Königs Ancus Marcius die schönste Dirne der Stadt, welche von einem Teni- pcldiener dem Hercules zugeführt wurde u. hernach von diesem den Rath erhielt, den ersten ihr begegnenden Mann an sich zu fesseln. Dies gelang ihr niit dem sehr reichen Etrusker Caru- tius, welcher sie zur Gattin nahm. Vor ihrem Ende schenkte sie ihrVermögendemrömischenVolke; dafür ließ ihr Ancns ein Grab auf dem Bela- brum errichten, wo ihren Manen jährlich ein feierliches Todtcnopfer am Tage der Larentalia (früher Larentinalia) gebracht wurde. Plntarch scheidet beide Personen. Noch erwähnen Pliuius und Gellius 12 Söhne der A. L., welche sich Fratres arvslso (Ackerbrüder) nannten. An jenem Feste, dem 23. Dec., wurde ihr geopfert; am 24. Dec. folgte ein Fest der mit ihr verwandten ländlichen Laren (s. d.). Accapariren, die Vorräthe bestimmter Maaren aufkaufen, um den Preis alsdann willkürlich hoch stellen zu können; daher Accapareurs, Wucherer; Äccaparement, Aufkauf, Wucher. Accclcrando (it.Mus.),beschleunigend, schneller werdend. Acccleration, so v. w. Beschleunigung. Accelerator des Harns u. Samens, kleiner Muskel, der an der unteren Seite der Harn- röhrenzwiebcl (je einer auf jeder Seite) entspringt u. sich an dem oberen Hinteren Theil der Ruthe 121 Accclerirende Kraft -— Accent. ansetzt. Er treibt ruckweise den Samen bei der Begattung und den Harn, bes. gegen Ende der Entleerung der Blase, aus und betheiligt sich wsl auch bei der Aufrichtung des Gliedes. Accclerirende Kraft, s. beschleunigcndeKraft. /lccensi (röm. Ant.), 1) Volksabtheilung in Leu Centuriatcomiticn, ursprünglich wol die6. Klasse; 3) niedere Beamte, welche im Aufträge der Dicta- toren, Consuln und Prätoren, außerhalb Roms der Proconsuln u. Proprätoren, auch der Kaiser, die Parteien vor Gericht citirten, das Volk zu Versammlungen u. Aushebungen aufforderten, die Tagesstunden ausriefcn u. dgl.; 3) überzählige leichtbewaffnete Legionssoldaten, welche in der Schlacht die Gefallenen zu ersetzen hatten. Accent (v. Lat.), 1) die den Laut begleitende Hebung der Stimme, verschieden von der zum Aussprechen erforderlichen Zeitdauer (s. Quantität). Während in den älteren Sprachen die Länge u. Kürze der Silben meist streng beobachtet wird u. z. B. die griech. u. lat. Verse bloß die Quantität berücksichtigen u. die Quantität auch auf die Stellung und Natur des A-s einen Einfluß übte, hat sich in den neueren Sprachen derA.vor- wicgend Geltung verschafft, so daß er für den ! Bau der Verse maßgebend wird u. die ursprünglichen Ouantitätsvcrhältnisse vielfach veränderte. Wir sprechen er lös (mittelhochdeutsch läs) gedehnt, wie sie lasen (mhd. lässu), holländ.nochlas,1ä^on,er war (mhd. u'Ls), wie sie waren (nihd. väron), der Sohn (mhd. siin, mitteld. sfin). wie der Lohn (mhd. tön). Man nennt deshalb die neueren Svrächen auch wol accentuirende im Gegensätze zu den quantitireudcn. Die griechische Sprache beschränkt den A. auf die drei letzten Silben eines Wortes. Sie unterscheidet drei A-e: Acut ('), Gravis (') u. Circumflcx (" später'). Der Acut kann auf jeder der drei letzten Silben Vorkommen, auf der drittletzten aber nur, wenn die ! letzte von Natur kurz. Ein Wort mit dem Acut f auf der drittletzten heißt Proparoxytonon, mit dem Acut auf der vorletzten Paroxytonon, mit li dem Acut auf der letzten Oxytonon. Der Cir- cumflex verlangt eine von Natur lange Silbe u. kann nur auf den zwei letzten Silben stehen, auf der vorletzten nur, wenn die letzte von Natur kurz. Ein Wort mit dem Circumslex auf der vorletzten heißt Properispomcnon, mit dem Circnmflex auf der letzten Perispomenon. Ein Wort ohne A. auf der letzten ist ein Barytonon. Der Gravis gebührt nach den alten Grammatikern jeder un- ! betonten Silbe, geschrieben wird er aber nur, > wenn ein Oxytonon sich unmittelbar ans folgende anschlicßt, wobei dessen Acut zum Gravis werden muß. Einige einsilbige, vocalisch anfangende Wörter werden mit dem folgenden Worte unter einer Betonung gesprochen. Sie erhalten j deshalb keinen eigenen A. u. heißen darum Atona, tonlose, besser Proklitika. Andere Wörter Wersen ihren A. auf das vorhergehende Wort zurück u. heißen Enklitika. Muß ein Enklitikon seinen A. behalten, wie zum Beispiel zu Anfang eines Satzes, so heißt es orthotouirt. Im Sanskrit kann der Accent auf jeder Silbe des Wortes stchen, so lang dasselbe auch sein mag. So steht er in abubückbisobllmabi auf der siebenten vom Ende. Sonst aber, zeigt der A. im Sanskrit oft die überraschendste Übereinstimmung mit dem griechischen Accentualionssystem und verbürgt dadurch dessen hohes Alter. Das Sanskrit hat 2 Accente, genannt uäatta, gehoben, u. svarita, tonbegabt. Ersterer entspricht dem Acut, letzterer bezeichnet den Nachton der auf die eigentliche Tonsilbe folgenden Silbe und steht noch in einigen anderen Fällen. Geschrieben werden die Sanskritacccnte gewöhnlich nur in den Veda- Handschriften. Vergl. Böhtlingk, Llcmoirso äs 1'L.oacköinig cko 8t. k?etorsbonrA, 8eiouo. polit., VI. 8ör., N. VII., und Bopp, Vergleichendes Accentuationssystem, Berl. 1854. Das Lateinische läßt den A. auch nicht über die dritte Silbe vom Ende wegrücken. Es betont nie die letzte Silbe; wenn die vorletzte Silbe von Natur oder durch Position lang ist, so hat diese, sonst die drittletzte den Ton. In den romanischen Sprachen wirkt das lat. Gesetz natürlich nach, doch fehlt es nicht an einzelnen Abweichungen. Kaum dahin gehören Fälle, wie das am Ende gekürzte ital. virtü, wol aber z. B. rsoitano. Durch JnclinationkannderA.imJtalienischcnsogar bis zur 7. vom Ende rücken. Im Französischen wird nach der heutigen Aussprache dieA-silbe weit weniger scharf hervorgehoben, als z. B. im Italienischen. Es finden Schwankungen je nach der Gegend rc. statt, namentlich aber wird das Wort oft verschieden betont, je nachdem es eineStellnngim Satze einnimmt. Die germanischen Sprachen folgen bei der Betonung einem logischen Princip, indem sie immer derjenigen Silbe den Hauptaccent (Hochton) geben, welche hinsichtlich des Sinnes den ersten Rang einnimmt. Unterscheiden muß man im Deutschen zwischen Hochton ('), Tiefton (') u. Tonlosigkcit. In einfachen mehrsilbigen Wörtern gebührt fast durchgängig der Stammsilbe der Hochton, z. B. Leben. In lebendig, früher lebendig ist der Tiefton zum Hochton geworden (holländisch noch 1svouäi§; Opitz schwankt in derselben Zeile: Du bist todt lebendig, ich bin lebendig todt). Eine Ausnahme machen die fremden oder nach fremder Analogie gebildeten Wörter auf -ei (Abtei, Druckerei). Composita haben in der Regel auf der Hauptsilbe des ersten Theils den Hochton, auf der des zweiten den Tiefton (Seefahrt, Baumrinde), doch nicht immer (thcilhäftig, allerdings). Tieftonig find z. B. die Bildungssilben -icht, -isch, -üng, -in,, -and; hoch- tonig sind ant- und ür- (Antwort, Ürthtil, aber ursprünglich). Früher, als die Endungen noch minder abgeschliffen waren, konnten noch manche Silben eine Hebung tragen, die jetzt tonlos geworden sind. Die Quantität macht sich auch schon im Altdeutschen nur in so weit geltend, als einzelnenachfolgende Consonanten einer sonstknrzen Silbe Positionslänge verleihen u. dadurch aus die Betonung einwirkeu. — Das Hebräische betont meist die letzte, seltener die vorletzte Silbe; die drittletzte kann nur einen durch das LIetbe§ bezeichnetcn Nebenton haben. — Geschriebener A-zeichen bedürfen die lebenden Sprachen in der Regel nicht. Im Griechischen führte sie erst Aristophanes von Byzanz 200 v. Ehr. ein, als das natürliche Gefühl für den A. ins Schwanken gerieth. Neugriechen u. li 722 Walachen, die letzteren wenn sie sich Cyrillischer Schrift bedienen, haben dieselben beibehalten. Die Italiener verwenden das A-zeichen nur bei betontem Endvocal (amö) und bei einsilbigen Wörtern zur Unterscheidung. Häufiger ist sein Gebrauch bei den Spaniern. Im Französischen ist der Circumflex Zeichen der Länge, der Acut bezeichnet das s terms, der Gravis das s ouvort u. die 3 Wörter a, lä, oü, also dienen die Zeichen nicht zur Angabe der Tonsilbe. Im Magyarischen u. Altnordischen gibt der A. die Vocal- länge, - nicht die Tonsilbe an. Die sogenannten A-c der hebräischen Grammatiker dienen, theils die rhythmische Gliederung der Verse, theils die Jnter- vnnction zu bezeichnen, gehören also eigentlich nicht hierher. 2) Der oratorische od. deklamatorische A. besteht in der Hervorhebung eines einzelnen Wortes im Satze oder eines Satzgliedes der Periode durch die Stimme, auf welches der Redende die Aufmerksamkeit der Hörer hinlenken will. Der oratorische A. kann auch von dem Wort-A. abweichen u. z. B. ans Bildungssilben kommen, wenn dadurch Gegensätze hervorgehobcn werden sollen, z. B. er hat sein Unrecht nicht blos erkannt, sondern auch bekannt. 3) Der musikalische A. ist: dertactischc, der es mit dem richtigen Wechsel der guten u. schlechten Tacttheile, der rhythmische, der es mit der Bildung der Sätze zu einem symmetrischen Ganzen, also dem Pcriodenbau, u. der malende (Gefühls-) A., der es mit dem Vortrage zu thun hat. 4) Endlich wird unter A. auch die Eigenthümlichkeit der Aussprache verstanden, welche einen Ausländer als solchen, einen Inländer als einer gewissen Gegend angehörig erkennen läßt. Polen z. B. sprechen das Deutsche mit polnischem A., die Bewohner mancher Theile von Deutschland vcr- rathen ihre Heimath durch ihren singenden Ton. üoeentor moäularig , das Graukehlchen; .4. alpinns Lec/tÄ., der Alpenflüevogel. kccontas ooclesiastici (lat., d. h. Kirchenaccente), die 7 vorgcschriebenen Weisen, worin, namentlich in der alten Kirche, der Priester die Evangelien u. Episteln vorzutragen hatte. Die gefangähnliche Verlesung geschah gewöhnlich im Ganzen in einem u. demselben Tone; dagegen wurden die letzten Silben oder Wörter am Ende eines Satzes in bestimmter Tonbiegung vorgetragen. Die A. haben sich in der katholischen Kirche (z. Th. auch, einfacher und willkürlicher, in der evangelischen, bei Antiphonien, bei den Einsetzungsworten des Abendmahls rc.) erhalten. üooepisss (lat.), empfangen oder angenommen zu haben; ein A., der Empfangschcin, die Bestätigung, Etwas angenommen zu haben; so besteht bei der deutschen Post die Einrichtung, daß man einen rccommandirten Brief mit A. abseuden kann, so daß die Post nicht nur sich von dem Empfänger die Annahme bescheinigen läßt, sondern noch diesen Anuahmeschein dem Absender wieder zustellt, so daß dieser in kürzester Frist eine vollgiltige Bescheinigung der richtigen Annahme seines Briefes in die Hände bekommt. Accept, Acception oder Accesttation (vomLat.), Annahme, so .4. äouationis, Annahme einer Schenkung; ,4. sratuita, die Annahme der We- — Acccß. nugthuung Christi bei Gott zur Rechtfertigung der Gläubigen, f. Genugthuung; 2) Annahme, Anerkennung eines Wechsels (s. d.); das Buch, worin der Kaufmann die acceptirten Wechsel anmerkt, heißt Acceptationsbuch; das Zutrauen zu einem Handelshause, wonach man einen Wechsel ohne angewiesene Deckung acceptirt, Acceptations- credit, Acceptcredit. Äcceptant, der einen auf ihn ausgestellten Wechsel anerkennt u. annimmt, d. h. acceptirt. In neuerer Zeit ist mit dem A-credit ein arger Schwindel getrieben worden. Hauptsächlich von Berlin aus offerirt man in den Zeitungen unter dem Namen „A-credit" vollständige Wechsel mit A. von beliebiger Höhe gegen geringe Vergütung Diese Wechsel sind nicht falsch, aber von Personen ausgestellt, acceptirt u. indossirt, welche ihre Unterschrift für eine Kleinigkeit hergeben. Die Wechsel sind bei irgend einem Bankhause domicilirt, d. h. zahlbar gestellt, und Derjenige, welcher davon Gebrauch macht, hat natürlich selbst für die Deckung zu sorgen. Häufig werden auch unerfahrene Personen zu sogenannten Gefälligkeits-A-en überredet; vor letzteren kann man nicht dringend genug warnen, denn wer acceptirt, muß bezahlen; Tausende haben auf diese Weise schon Hab u. Gut verloren. Acceptarrts (fr.), diejenigen Jansenisten in Frankreich, welche die Bulle IIniAsuituo annah- men; s. u. Jansen. Acceptilation (v. Lat., Annahme), 1) in der Kirchcnlehre der von Tuns Scotus gegen Thomas von Aquino ausgestellte Satz, daß das Todesleiden Christi keine oalislaotio superabunckans, mehr als ausreichende Genugthuung, sondern nur ein msrituiu ünitum, begrenztes Verdienst, bewirke, welches vor Gott nur so viel gilt, als er es annehmen u. gelten lassen will. Zu Scotus standen die Franciskaner, zu Thomas die Dominikaner, u. die Lehre blieb streitig. 2) Eine bestinimte Schuldaufhebungsart im Röm. Recht. Bekanntlich hatte das altröm. Recht bestimmte Formalverträge. Einfach mündliche Vereinbarungen (paota) waren nicht klagbar, ähnlich wie auch heute noch in Deutschland vielfach beim Viehhandel erst der beiderseitige Handschlag das Geschäft abschließt, und wie neuere Gesetze die schriftliche Form erheischen. Man empfand stets das Bedürfniß, den bindenden Vertrag von dem bloßen Hin- u. Herreden zu unterscheiden. In Alt-Rom war eine Hauptform des Vertrages die durch Frage u. Antwort. A. nun war die vertragsweise Aufhebung einer Verpflichtung durch Frage und Antwort. Gajus (s. d.) führt Buch III. Z 169 folgendes Beispiel an: Der Schuldner fragt: Bekennst du, das erhalten zu haben, was ich dir versprach?; der Gläubiger antwortet: Ich bekenne es. (Vgl. Dig. 46. 4.) Accept-Provision heißt die Vergütung, in der Regel H Proc., welche der Banquier für die Acceptation der auf ihn gezogenen Wechsel berechnet; vorzugsweise für Accepte, welche auf Grund einer Vereinbarung erfolgen, wonach der Wechsel-Aussteller für die Deckung (Zahlung) selbst zu sorgen hat. Acccß (v. Lat.), Zutritt, Zulassung, namentlich gebraucht als Gestattung, daß junge Juristen 123 Accessibel — Accession. an den Gerichtssitzungen oder amtl. Handlungen zu ihrer Ausbildung theilnehmen können, diese daher Accessisten, auch Auditoren (Zuhörer), namentlich bei Obergerichten. Die A. werden nach einiger Zeit zu amtlicher Thätigkeit verwendet u. s eidlich verpflichtet. Der A. ist also eine Vorstufe der juristischen Thätigkeit. Die Accessisten der kleinen Staaten Deutschlands (so bis 1866 Nassaus) unterschieden sich von den Refercndarien Preußens dadurch, daß letztere sehr frei und unentgeltlich, blos zu ihrer Ausbildung arbeiten, crstere aber gegen ein Jahrcsgehalt von mehreren hundert Gulden Secretariats- u. einfachere Richtergeschäfte besorgten. A. bedeutet auch die Zulassung zur Einsicht in die Protokolle. In der Medicin Anfall oder Rückfall z. B. einer Krankheit. A. bei einer Papstwahl: die Zurückziehung der Stimme eines Cardinals von seinem Candidaten u. Zustimmung zur Wahl eines anderen. Accessibel (Feldmeßk.), zugänglich; gleichbedeutend mit abordabel. Accession (v. lat. aoosssio, Rechtsw.), Beitritt, Zutritt, Zuwachs, Zubehör, jede Sache, welche zu einer anderen in einem solchen Verhält- niß steht, daß' sie als Nebensache der anderen (der Hauptsache) betrachtet wird, deshalb auch von ihr abhängig ist u. ihr Schicksal theilt. Den allgemeinen > Grundsatz, wonach die A-en zu behandeln sind, drückt daher der Satz aus: ^.ooessorinm segnitur ^ xrineipale (d. h. das Nebensächliche richtet sich : nach der Hauptsache). Die A-en können auch in s Rechten u. ebenso wol in Bortheilen, als in Nachtheilen für den Inhaber der Hauptsache bestehen. Tie A-n sind: 1) die Pertinenzen (Zubchörungen), d. i. Alles, was zu einer Sache beständig gehört, lediglich zu ihrem Gebrauche bestimmt ist u. also auch bei einem Wechsel des Eigenthums ans den neuen Erwerber übergeht, ohne jedoch körperlich einen THAl von ihr zu bilden, z. B. bei Gebäuden in der Regel auch der Hofraum u. Garten, ferner alles, was erd-, wand-, band-, niet-, klammer- u. nagelfest ist, oder was unmittelbar deni Gebäude und dessen Zwecken dient, z. B. Schlüssel. Bei anderen Liegenschaften gehören dahin alle nnt dem Hauptgute (Eastrnm) vereinigt liegenden Güter, z. B. Wiesen, Waldungen, und was außerdem zum wesentlichen Gebrauche der Sache bestimmt ist, z. B. Dünger, Stroh, Baum-, Hopfen- und Weinpfähle, endlich Gerechtigkeiten. Vgl. Funke, Die Lehre von den Pertinenzen, Chemn. 1850. Bes. wichtig ist die Pertinenz- eigenschaft bei Absonderung verschiedener Ber- mögensmassen, z. B. bei Lehnserbfällen, indem, je nachdem die Pertinenzen sich vom Lehnsherrn hcrschreiben (Lsrtinentias feudales), oder nach der Belehnung zu dem Lehngute gekommen sind (Lertünontüas lendi). verschiedene Berechtigte Antreten können. 2) Die Früchte (bü'uekns), d. i. im Allgemeinen jeder aus dem Gebrauche einer Sache zu ziehende Vortheil, und im engeren Sinne die Erzeugnisse einer Sache. Diese sind Civilfrüchte (b'r. civiles), wenn sie nur nach rechtlicher Aufsagung den Grund ihres Daseins in etwas Anderem haben, z. B. Zinsen, Renten-, Mieth-u. Pachtgelder; Naturalfrüchte (§ruetus naturales) bei rein natürlichem Ursprung. Bei letzteren kommen in rechtlicher Hinsicht noch in Betracht die 1?ruotus pendentes, wenn sie noch nicht von der Hauptsache getrennt sind; Vrnvtus ssparati. die mit dem Grund u. Boden nicht mehr zusammcnhängen; lA'uotus psresxti, die gesammeltenu.eingecrntcten; Hruetns psroipisncki, die bei gehöriger Cultur wol zu erlangen gewesen wären. — Nachtheilige A-en (Ineommoda roruiu) sind alle Lasten u. Beschwerden, welche mit dem Besitze einer Sache verbunden sind, z. B. Steuern, Servituten, u. bei Obligationen Alles, was der Verpflichtete neben dem eigentlichenHauptinhalte derForderung anZinsen, Kosten rc. zu gewähren hat. Als selbstständiges Rechtsinstitut kommt die A. bes. bei der Lehre vom Eigcnthumscrwcrb vor, indem es eine eigen- thümliche Art der Erwerbung des Eigenthums bildet, wenn eine Sache als Siebenfache zu einer anderen bereits im Eigenthum befindlichen Hauptsache hinzukommt. Der Eigenthümer der Hauptsache erwirbt dann nämlich durch die A. zugleich das Eigenthum der Nebensache. Die Anwendung dieses Rechtssatzes kommt bes. vor: beim Fruchterwerb, s. Absonderung; ferner beim äußeren Zuwachse, wenn eine Sache integrirendcr Bestand- theil einer anderen wird. Derselbe kann bei beweglichen u. unbeweglichen Sachen Antreten: a) Unbewegliches tritt zu Unbeweglichem: z. B. die in einem Flusse sich bildenden Inseln fallen nach Römischem, Gern, deutschem u. Gemeinem prcuß. Rechte den gegenüberliegenden Ufercigenthümcrn, jedem innerhalb der bis zur Mitte des Flusses sich fortsetzcndcn Grenzen seines Grundstückes, zu. Nach Franz. Recht gehören die in öffentlichen (d.h. schiff- odcr flößbaren) Flüssen sich bildenden Inseln dem Staate, und die alte Praxis gilt nur noch für Privatflüsse; ein verlassenes Flußbett, welches ans ähnliche Weise den Anliegern zugetheilt wird; eine allmähliche Anschwemmung (^.Uuvio) anderwärts nach u. nach abgespülten Landes, welches der Uferbesitzer sofort erwirbt, während bei Los- rcißung eines Stückes Landes auf einmal (^.vnl- sio) es diesem erst zugehört, wenn es mit seinem Ufer verwachsen ist. In England sind diese Grundsätze auch auf das Meercsufer übertragen, u. nur bei großen Anspülungen der See, oder wenn das Meer plötzlich weit hinter der gewöhnlichen Fluth- höhe bleibt, ergreift der Staat Besitz, sowie von im Meere entstandenen Inseln, b) Bewegliches tritt zu Unbeweglichem (^.djunoiio); dahm gehört das Pflanzen, das Säen, das Stuf- u. Einbauen. o) Bewegliches tritt zu Beweglichen:, wobei als die erwerbende Hauptsache die gilt, für welche die andere bestimmt u. um derenwillen sie vorhanden ist, z. B. das Papier im Verhältnisse zur Schrift oder zum Truck, das Gewebe gcgenübcrder Angcwebten Verzierung, dagegen das Gemälde gegenüber der Leinwand, wenn nicht etwa jenes nur eine Verzierung des Grundes ist. Aushilfsweise entscheidet bei gleichartigen Sachen der Umfang u. Werth, so bei der Verschmelzung von Metallmassen. Bei einem Schiffe soll nach besonderer Bestimmung des Römischen Rechts derKiel alles Übrige nach sich ziehen. — Tie possessionis (Zurechnung des Besitzes) kommt bei dem Rechte der Ersitzung (Usucapion, erwerbende Verjährung) vor. Wer auf Ersitzung einer Sache 124 Accessionsvertrag — Accidens. sich beruft, braucht die Zeit hindurch, welche zur Ersitzung nöthig ist, nicht überall selbst besessen zu haben, sondern, wenn er durch rechtmäßigen Erwerb von einem Anderen Usucapionsbcsitzcr geworden ist, so kann er den Besitz seines Vorgängers u. auch denjenigen, welchen dieser selbst sich zurechnen konnte, zu dem seinigen hinzuzählcn n. so die Ersitzungszeit erfüllen. Dieser Zuwachs zu dem eigenen Besitze bildet dann die 4.. possessionis, u. ihre Erfordernisse sind nur, daß der Besitz des Vorgängers ebenfalls Ersitzungsbcsitz gewesen sei u. zwischen ihm u. dem des Nachfolgers keine Unterbrechung stattgefnndcn habe. Äcccssionsvertrag, im Völkerrecht der Vertrag, durch welchen ein Staat einem unter anderen Staaten bereits bestehenden Übereinkommen betritt, wie dies z. B. bei Friedensschlüssen, Zollvereinen u. dgl. vorkommt. A. heißt auch der am 18. Juli 1867 abgeschlossene, am 1. Jan. 1868 in Kraft getretene Vertrag, durch welchen die innere Verwaltung des Fürstenthums Waldcck mit allen Einnahmen u. Ausgaben aus die Krone Preußen überging. ücoossit, ursprünglich lat. Oerk. Ind. 3. Dors. LinZ.: er ist hinzugckommen, zugelasscn worden; französisch 1'aeosssit, deutsch das Accessit: bei Prcisaufgaben der zweite Preis. Accessorisch (Auat.), von Arterien, Bändern, Muskeln gebraucht, so z. B. Armbänder, Gehirn- uervcn. Accessorischcr Nerv lBeincrv), der 11. Ge- hirunerv, s. u. Gehirnnerven; accessorische Organe (Bot.), s. Nebenorgane. Äccettnra, Flecken im Distr. Matera der ital. Prov. Pvtenza; Wein- u. Obstbau; 4230 Ew. Acei (Iniia Oomslia, a. Geogr.), römische Colonie im Bastitanerlande in Spanien, beim fetzigen Cadix, von römischen Veteranen der 3. u. 6. Legion gegründet. Die Ew., Gcmellenscs, hatten das Ins italicmm; auf ihren Münzen ist das Bild ihres Gottes Necys (Nctos), dessen Kopf mit Sonnenstrahlen umgeben ist. Acciacatur (v. Ital., Mus.), der Zusammenschlag, der kürzeste Vorschlag, der auf Orgeln oder Klavieren möglich ist und gewöhnlich durch eine oben durchstochene Vorschlagsnote bezeichnet wird. Acciajuöli (spr. Atscha-), angesehene aus Florenz stammende Familie, aus der für Staat, Kirche u. Wissenschaft bedeutende Männer hervor- gegangcn sind: 1) Niccolo, geb. 1310 in Florenz, war unter König Robert neapolitanischer Feldherr u. machte für seinen Herrn viele Eroberungen in Sicilien, Italien und Morea. Er bewirkte 1381 die Rückkehr der entflohenen Königin Johanna u. ward nun, fast der einzige Getreue derselben, Großseneschall von Neapel, dann Gouverneur der Romagna. Aus Briefen von Petrarca und Boccaccio an ihn ersieht man, daß er niit diesen auf sehr vertrautem Fuße lebte. Er st. 1366 als Viceköuig von Apulien. Vergl. M. Palmieri, Vita di ibi. Lveiasnoli, Flor. 1858. 2) Reinieri I., Neffe u. Adoptivsohn des Vor., kam an den Hof der lateinischen Kaiserin Maria von Bourbon zu Constantinopel und erhielt zu Anfang des 15. Jahrh. die Baronien Vostitja u. Nivelet in Achaja, später die Herrschaft Korinth, das Herzogthum Athen mit Theben zu Lehen. Ohne legitime männliche Erben, hinterließ A. bei seinem Tode Korinth seiner ältesten Tochter, die mit dem byzantinischen Prinzen Theodor Paläologos vermählt war, Athen aber vermachte er den Venetiancrn u. Böoticn mit Theben seinem illegitimen Sohne Antonio. 3) Antonio I., natürlicher Sohn des Vor., erhielt als Erbe Theben u. eroberte anch mit Hilfe des Sultans Murad Athen u. verschönerte es. Seine Neffen:4) Reinierill. u. 5) Antonio II. kämpften mit einander um die Herrschaft, letzterer siegte, und Reinieri floh nach Florenz, kehrte aber nach Antonios Tode 1438 zurück u. führte die Regierung so schwach, daß es der türkischen Herrschaft leicht war, sich immer mehr u. mehr nach seinem Gebiete hin auszudehnen, bis endlich 1456 sein Sohn 6) Francesco das Hcrzogthum Athen gänzlich an die Türkei abgeben mußte, nachdem der türkische Feldherr Omar Athen erobert. Francesco wurde zu Theben erdrosselt. 7) Donato, geb. 1428 in Florenz, ein um seine Vaterstadt verdienter und dabei so uneigennütziger Staatsmann, daß bei seinem Tode 1478 der Staat seine beiden Töchte auszustatten übernahm. Er schrieb: Oe vita Oaroki ülLAnl (im 1. Bde. von Menckcns Loript. rsrnm Asrm.), einen Commentar über des Aristoteles Politik u. Ethik und übersetzte mehrere Biographien des Plutarch, 1470; 8) Zanob io, geb. 1461, trat in den Dominikanerorden u. wurde wegen seiner Kenntnisse in der lateinischen u. griechischen Sprache 1518 Bibliothekar des Baticans in Rom, wo er 1519 st. 9) Vincenzo, geb. zu Beginn des 16.Jahrh., gest. 1572, hinterließ mehrere historische und gelehrte Werke, von denen wir nur noch die Vita di 6ianv22o Nanstti, Flor. 1570, u. Vita cli Disrro di 6vao Laxpoui, im ^rabivio Ltorioo italiauo, Bd. 4., 1853 von Ajazzi herausgegeben, kennen. 10 ) Maddalena A.-Salvetti, edle Florentinerin, heirathete einen Zanobio A.; starb 1610. Sie schrieb, dem verdorbenen Kunstgeschmack ihrer Zeit cntgegentretend, Oims tosoane, Flor. 1590, 2 Bde., u. das Epos Davids porsvAuitato (unvoll.), ebd. 1611. 11 ) Filippo, geb. 1637, Malteserritter, Dichter u. Mathematiker, bereiste Afrika, Asien u. Amerika, wurde später Theater- director in Rom u. st. 1700 daselbst. Er dichtete u. componirte über 12, mit großem Beifall aufgenommene Opern u. ist der Um- u. Neugestalter des gesammten Theatermaschinenwcsens. Accidens (lat.), jede zufällige, unwesentliche Eigenschaft irgend eines Dinges; accidentiell heißt daher so viel als zufällig, im Gegensätze zu essentiell, wesentlich. So ist z. B. die Farbe eines Körpers ein A., da derselbe auch ohne diese Eigenschaft vorhanden ist. Weiter wird A. der Substanz od. dem Sein selbst entgegengesetzt, als das, was nicht das Sein bedingt, sondern was uns die Art u. Weise, die Eigenschaften u. Bestimmungen bezeichnet, welche nicht zum Wesen des Dinges gehören, so daß sie sich auch verändern od. aushören können, ohne daß das Ding aufhört, das zu sein, was cs ist; vgl. absolut u. relativ. Accidenticn, Nebencinkünfte, Sporteln. Inder Accidcntalcr — Accius. 125 Musik ucunt man A. (sixnes aceickentsis) die (chromatischen) Versetzungszeichen, wodurch die Note um einen halben Ton höher od. niedriger versetzt wird, u. zwar „wesentliche", wenn sie als Vorzeichnung der Tonart stehen, „zufällige", wenn sie vorübergehende Geltung haben. In der Malerei : Nebenbeleuchtung od. zufällige Beleuchtung durch Fackeln, Kerzen, neben der Hauptbeleuchtung. Accideutaler, im Streite der luth. Theologen über das Wesen der Erbsünde Diejenigen, welche mit Strigel behaupteten, diese sei nur ein zur Substanz des Menschen Hinzugekommcnes, ein Accidens; s. u. Erbsünde. Accidentalia (lat.), bes. vertragsmäßige Ne- bcnbestimmungen zu einem Rechtsgeschäfte, dessen Hauptinhalt dadurch nicht weiter berührt wird; z. B. wenn der Käufer eines Grundstückes sich in dem Kaufverträge auch eine persönliche Leistung seitens des Verkäufers versprechen läßt. Gegensätze sind die Substantialia, die wesentlichen, dessen Giltigkeit bedingenden Erfordernisse eines Rechtsgeschäfte?, u. Naturalia, dis ohne Weiteres aus dem Abschluß eines Rechtsactes sich ergebenden u. nur durch besondere Rechtsacte auszuschließenden rechtlichen Folgen. Accidentien(v. Lat.), die unbestimmten Neben- einkünfle aus einem Amt oder Geschäft, auf welche ein Anspruch erst durch besondere Anlässe (z. B. Stolgebühren erst bei Vollziehung der kirchlichen Handlung) begründet wird. Accidentien, Accidenzarbeiten, bes. in der Buchdruckerei gewisse Nebenarbeiten, als Formulare, Notensatz, Briefe, Geschäfts- n. Staatspapiere u. dgl. Diese Arbeiten erfordern eine größere Menge verschiedenartiger Lettern, Zierschriften, Verzierungen n. eine geübtere Kunstfertigkeit, selbstständigeren Geschmack von Seiten des Setzers, wie Sorgfalt u. Geschicklichkeit des Druckers. Accidenzmaschine, die in Buchdrnckereien für kleinere Arbeiten (Accidcnzien) gebräuchliche Schnellpresse. Die Größe des Formats beträgt gewöhnlich 36x48 em. In neuerer Zeit auch eine von Amerika eingcführte kleine Maschine (Excclsior-Tigcl-Druck-Prcsse), die sich von einer Person leicht bewegen u. zugleich bedienen läßt und sich durch schnellen Gang u. billigen Preis auszeichnet. Nccidenzprcsse, eine bei bes. feinem Druck, zur Herstellung von Wertpapieren re., gebräuchliche Bnchdruckprcsse kleinen Formats. Sie wird jedoch durch verbesserte Constructioncn der Acci- denzmaschine mehr und mehr verdrängt. üaeipiiemi Ikk., Falken, Fam. der Raubvögel. Accise, mittellateinisch aooisia (früh entstellt zu assisia, assisa, axisia), französisch aeeiss, englisch sxelss, altfricsisch sxoz's (v. Richth. 558i>, 31), mittelniedcrländifch assiss, assijse, ereijss, holländisch mit Anlehnung an Zins (holl, sijns) seeijns, plattdeutsch vorn gekürzt riss, verhochdeutscht Zeise. Tie regelmäßigen Abgaben wurden ursprünglich in den Kerbstock eingeschnitten und hießen danach mittellateinifch incisio, tailis, französisch taills, deutsch Kerb. In ähnlicher Weise nannte man die als nicht regelmäßig u. lästig angesehene (darum deutsch als Ungcld bezeichnet) Verbrauchssteuer A., vom lateinischen aeclsns, dem Part. Perf. vomlatcinischen aaelckvro, an-, beschneiden. Alter schweizerisch wurde ebenso Schnitz (von schnitzen) für Accise gebraucht. Unter A. versteht man die auf Verbrauchsgcgenstände gelegten indirccten Steuern. So viele solcher Gegen- stände es gibt,so vieleArten derA.lassen sich denken. Die Besteuerung der Consumtionsartikel ward üblich, sobald die Bedürfnisse des Landes oder der Gemeindeverwaltung die Erhebung von Steuern verlangten; das römische vsoti§al war im Wesentlichen nur eine solche Verbrauchssteuer. Die A. kommt in Deutschland u. Frankreich im 12. Jahrh. vor; schon damals war sie verhaßt. An die Landesherren kam sie im IS. Jahrh., so in Sachsen 14-10, in Brandenburg 1467; im 17-Jahrh. wurde sie aufs Land übertragen, in Sachten 1640, in Brandenburg 1641. Vorzüglich ansgebildet ward sie in Frankreich, wo sie in der Revolution abgeschafft, aber 1798 wieder hcrge- stellt wurde, u. in Praßen, sie der Große Kurfürst zu Ende des 17. u. König Friedrich II. in der Mitte des 18. Jahrh. bes. als Regie her- stellte u. ihre Ertrüge hauptsächlich zur Unterhaltung der Armee bestimmte; Friedrich Wilhelm II. milderte gleich beim Antritte seiner Regierung 1787 durch Abschaffung der Regie den A-zwang. In Sachsen wurden 1707 schärfende, aber 1822 n. 1824 mildernde Instructionen erlassen. 1833 wurde sie durch die Einführung des Allg. deutschen Zollvereins fast überall abgeschafft, nur selten besteht vie A. noch als eine städtische Abgabe. In England, wo die A. (Uxeise) im 1. Drittel des 19. Jahrh. noch etwa die Hälfte der Staatseinnahmen ausbrachte, ist diese" Einrichtung nur noch auf Bier u. Branntwein beschränkt. Im Allgemeinen hat die neuere Zeit der Anwendung dieser Bcsteuerungsart bestimmte Grenzen gezogen. Namentlich ist die Unbilligkeit der Besteuerung der allg. nothwcndigen Verbrauchs- artikel, wie des Mehls (leider nicht auch des Salzes), mit Erfolg zur Geltung gebracht. Die A. kann von den Prodncenten, von dem Verkäufer, oder von dem Importeur erhoben werden; eigentlicher Zahler ist aber nur derConsument, n. sie darf deshalb auch nur so veranlagt werden, daß sie die Consnmenten möglichst nach Maßgabe ihrer Leistungsfähigkeit trifft, bezw. daß es diesen möglich ist, wenigstens bis zum gewissen Grade ihren Steuerbeitrag durch Beschränkung oder Ausdehnung selbst zu reguliren, oder daß sie auf Gegenstände gelegt wird, deren Verbrauch in einigem Verhältnis) zu den Einnahmeverhältnissen des Consumenten steht. Die Schwierigkeit einer der Billigkeit entsprechenden Regulirnng des A- wesens, zu welcher sich auch die der Controls einer richtigen Erhebung der A. u. der Nachtheil der Förderung der Neigung zu Defraudationen gesellen, haben die öffentliche Meinung gegen die Beibehaltung der A. erregt; s. auch den Artikel Steuern. Accius (oder Attins) Lucius, geb. um 170 v. Chr. zu Pisanrum; st. in Rom um 104. Seine Oiüasealiea u. Ill'SFmatisg. handelten über griechische u. römische Dichter, besonders über dramatische Poesie. Als Tragödiendichtcr ahmte er den Äschylos u. Sophokles mit Geist u. Geschmack 126 Acclanmtion — in lebhafter Rede u. gewandter Form nach, wobei er, wie sein Geistesverwandter Ennius, gern populär-philosophische Gedanken einmischte. Er galt den patriotischen Römern auf diesem Gebiete als der Erste. Seine berühmtesten Dramen Ivaren ^Irsns, Dpinansimaelis, Düiloeteta, M- lopüus, ^.rrnornm inäioinm, Lloäsa, Duixsaves; wir kennen 37 Titel. Römische Stoffe (kabnla prnstexta) behandeln sein Lrutms und sein Devins oder die Äneaden. Auch soll er Annalen geschrieben haben. Fragm. seiner Tragödien in Ribbecks Leaevieas Domavornm xossis IraZ- inenla, 1. Bd., 2. Ansl. 1871. Akklamation (v. Lat.), 1) Zuruf des Jubels, des Beifalls, auch wol des Mißfallens, daher entweder mit Klatschen (Applaus), oder mit Scharren, Murren u. dgl. verbunden. Bei den Römern wurde so dem Triumphator „io IriumpDo!" den Neuvermählten „iaiassio!" od. „Io binnen ticino- nass!" zugerufen; entsprechende Zurufe erhielten Redner, Schauspieler, später die Kaiser, denen namentlich im Senat sehr lange Huldigungen dieser Art gewidmet wurden. In der älteren christlichen Kirche bis zum 12. Jahrh. wurden sie sogar bei Predigten berühmter Homileten, z. B. des Chry- sostomus, in Anwendung gebracht. 2) S. u. Abstimmung. Akklimatisation, die Gesammtheit der Vorgänge, welche sich vollziehen, wenn ein organisirtes Wesen aus dem einen Klima in das andere versetzt wird, beziehungsweise wandert. Acclimatisations- fähigkeit, die Fähigkeit des Organismus, den Einflüssen u. Verhältnissen eines anderen Klimas sich anzupassen. DieseFähigkeit ist bei den verschiedenen Pflanzen u. Thieren in sehr verschiedenem Grade vorhanden, oft kaum in Spuren, oft in staunens- werthcm Maße. Die allg. Annahme, daß der Mensch der eigentliche Weltbürger sei, allen Kli- maten sich anzupassen, überall sich zu acclimati- siren vermöge, ist erst von I. CH. M. Boudin genau geprüft worden (Matts äs ZeoAraxbio et äs statistigns wsäiealss, Par. 1857, 2 Vc>1.); derselbe kommt zu der Erkenntniß, daß die Juden u. Zigeuner weit mehr als alle anderen Völker die Fähigkeit besitzen, so ziemlich an allen Orten der Erde sich zu acclimatisiren, daß aber diese Fähigkeit weniger in der Rasse selbst, als vielmehr in der Lebensweise wurzele. Nach Boudin hängt die Fähigkeit der A^von der Rasse u. von dem Orte ab, woher der Mensch kommt u. in welches Land er sich begibt; wandere der Europäer nach heißen Gegenden, so seien Sumpfgebiete ihm verderblich, Höhen und Gebirge beziehungsweise ersprießlich; der Neger befinde sich umgekehrt in Niederungen der heißen Zone wohl, auf Höhen oft nicht; von allen Europäern seien Südfranzosen, Italiener u. Spanier am meisten befähigt, im N. sowol, wie im S. sich zu acclimatisiren. Die Südhälste des Erdballs, weil viel gesundheitsgcmäßer, als die Nordhälfte, ermöglicht wol allen Völkern die A. mehr oder weniger leicht. Eine her ersten Vorbedingungen der A. ist die weise Ökonomie der Kräfte durch ein streng hygieinisches Leben, bei Sittenreinhcit, Nüchternheit, Keuschheit, Pünktlichkeit, Selbstbeherrsch- schung u. der äußersten Vorsicht; wer gegen Ge- Acclimatisation. sundheitspflege u.Moralsündigt, setzt sich in diesem Falle sofort den größten Gefahren für Leib und Leben aus, u. dies um so mehr, je fremdartiger n. schädlicher das Klima des neuen Aufenthaltes ist. Nöthig ist es dabei, die Lebensweise der Eingeborenen allmählich anznnchmen, natürlich nur das Gute und Nützliche davon, nicht das Schlechte und Schädliche. Dutroulau (Mails äss inaiaäies äss Duropösus äans Iss paz's clianäs, Par. 1861) ertheilt den Rath, man möge europäische Truppen für keinen Fall länger als 3 Jahre in den Tropen belassen, alsdann aber sofort nach kälteren Ländern znrückvcrlegcn; die Sterblichkeit der Europäer in den Tropen ist zuweilen enorm; ferner solle der Europäer in heißen Himmelsstrichen am besten in der Mitte der trockenen Jahreszeit einwandcrn, seine Wohnung sofort an einem hochgelegenen Orte, oder im gesündesten Theile der Stadt nehmen, die bewohnten Räume durch äußere Galerien vor Regen, Sonne rc. schützen, während des Schlafes nicht unmittelbar der Nachtlnft sich aussctzen, wollener Kleider sich bedienen, häufig kalt baden, des Morgens nüchtern schwarzen Kaffe trinken rc. Vgl.: I. Clark, Ms sauntivs Inünsuvs cck Lüimats, 3. sä., Lond. 1841; I. Johnson, Mw Inünsnos ok tropioal LIimatss, 4. sä„ Lond. 1827; P. Foissac, Do I'inüusnüo äss vlimats sur Ullomms, Par. 1867, 2 Vols.; A. Mühry, Klimatologische Untersuchungen, Lpz. u. Heidelb. 1858; P. de Pietra Santa, Dssai äs vlimaloloAis, Par. 1865; F. Dancel, Ds I'inlinoneo äss vozm^ss, 4. sä., Par. 1864; L. F. Präger, Indische Studien, Nieu- wediep 1863; H. C. Lombard, Dg elimat äs monlaAnss, 2. sä., Genf 1858; H. E. Richter, Bericht über medicinische Meteorol. u. Klimatol. (Schmidts Jahrb. d. Mcdicin, 1864 rc.); E. Reich, System der Hygieine, Bd. II.; E. Carriörc, Don- äsmsnts st or^anisation äs In vlimatoloßfis möä., Par. 1869; Armand, Mails äs vlimatoioAis Zs- nsrals, Par. 1873; R. Knox, Ms Daves ot'Meu, Lond. 1862, 2. sä.; CH. Darwin, Ms Deseenl ok Uan, Lond. 1871. Die A. der Thiere, namentlich der Hausthiere, Hunde, Pferde, Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen, Katzen rc., ist dem Menschen nach u. nach in alle» Klimaten, worin er selbst leben kann, gelungen, da die meisten ursprünglich in wärmeren Regionen heimisch waren. Die Seidenraupe ist aus dem heißeren China nach ».nach in Italien, Südfrankreich, jetzt bis an die Küste der Nord- u. Ostsee acclimatisiri worden; dagegen ist die A. z. B. des Rennthieres, selbst ans einem kälteren in ein wärmeres Klima, bisher nicht gelungen. Die A. der Pflanzen ist meist leichter zu erreichen, als die , der Thiere. Beispiele sind der Weinstock u. der Ölbaum (aus Asien); Getreide: Weizen, Hafer, Gerste (aus Asien), Mais (aus Amerika); Öbst: Pfirsich, Mandel, Aprikose, Pflaume, Krrsche (aus Persien u. Armenien); Tabak, Kartoffeln (aus Amerika); Hanf u. Flachs (aus Persien u. der Tatarei) rc. Vgl. K. W. Bolz, Beiträge zur Cultnrgeschichte, Lpz. 1852. — Thiere wie Pflanzen acclimatisiren sich auch selbst ohne Zutbun des Menschen, d. h. sie rücken nach u. nach von Land zu Land u. von Zone zu Zone weiter u. gedeihen mehr oder weniger 127 Acclünatisationskrankhciten — Accommodation. verändert fort. In A. von Thieren wie Pflanzen sind die Chinesen große Meister. Zur A. gewisser nutzbringenden Pflanzen u. Thiere bestehen A-s-Vereine, um die A. zu einem Theil der land- wirthschaftlichen Wisjenschasten auszubilden, oder auch um geschäftlichen Stutzen daraus zu ziehen; elfterer Art z. B. in Berlin, Braunschweig, Paris, Grenoble, Nancy, Moskau, Alexandria (ägyptisches A-s-Comite). Das vnllstin äs laLosists roolo- Aigns ä'aeelimatation, Paris, bringt dieinteressan- testen u. wichtigsten Arbeiten in dieser Hinsicht. Acclimatisationskrankheiten (bei Menschen). — Jedermann, der in ein fremdes Klima kommt, ist mehr oder weniger zu Krankheiten disponirt. Diese Disposition macht in desto größerem Maße sich geltend, je mehr das neue Klima von dem bisher bewohnten abweicht, je weniger der Organismus Widerstandsvermögen besitzt, u. je unpassender Alles ist, was zu Lebensweise, Wohnung, Beschäftigung re. gehört. Im Ällg. kann man sagen, daß bei Menschen, die von kälteren nach heißeren Klimatcn wandern, vorwiegend die Organe des Unterleibes u. des Kopfes, bei Menschen, die von heißeren nach kälteren Klimaten übersiedeln, die Organe der Brust vorzugsweise ergriffen werden; dort sehen wir Erkrankungen der Leber u. des Gehirns, hier Leiden der Lunge die meisten Opfer dahinraffen. A. Wühry unterscheidet die in den verschiedenen Himmelsstrichen einheimischen (endemischen) Krankheiten in solche, welche Fremde mehr befallen, als Einheimische, u. in solche, welche mehr Einheimische u. Accli- matisirte befallen, als Fremde; zu den ersteren rechnet er für tropische Gegenden die Malaria- Fieber, das gelbe Fieber, die Ruhr, den Sonnenstich, den Schlagfluß u. die verschiedenen Entzündungen der Leber; zu den letzteren die verschiedenen Hautkrankheiten, Augenentzündungen, Geschwüre re. Nach Clemens' Bcurtheilung haben die A. mit den Entwickelungskrankheitcn in so fern viele Ähnlichkeit, als ihnen, wenn gut überstanden, größeres Wohlbefinden nachfolgt. Schutz vor den A. gewährt strenge hygieinische Gesammtlcbensweise, die äußerste Vorsicht den Extremen der Temperatur gegenüber, trockene, luftige Wohnung, überhaupt Vermeidung alles u. jedes Excesses. Vgl. A. Jscnsee, Llsin. nov. 6ao§r. et Ltat. insäio., Berlin 1833; M. Hasper, Über d. Nat. u. Beh. d. Krankheiten d. Tropenländer, Lpz. 1831, 2 Bde.; A. Mühry, Die geographischen Verh. d. Krankh., Lpz. u. Hcidelb. 1856, 2 Bde.; A. Hirsch, Handb. d. historischgeographischen Pathol., Erl. 1860—64, 2 Bde.; I. CH. M. Boudin, Matts äs Asoxr. et äs stat. msä. st äss malad, snäsm., Par. 1857, 2 Vols.; Armand, Malta äs elimatoloKis Asnerals, Par. 1873. Vgl. auch Acclimatisation. Accolade (franz.), Umarmung, in der Musik: die aus perpendiculären Strichen bestehende Klammer, durch welche mehrere Notenliniensystcme vorn am linken Rande mit einander verbunden werden. Aecolage (franz., Weinb.), Anbinden der Reben an Pfühle. Accolti nannte sich eine berühmte ans der Grafsch.Arezzo in ToscanastammendeFamilie, die im 14. Jahrh. bekannt wurde. 1) A. Bened etto, der ältere Sohn desRcchtsgclehrten Michele, gcb. 1415, war Professor der Rechte und seit 1459 Kanzler der florentinischen Republik bis zu seinem 1466 erfolgten Tode. Wir besitzen von ihm ein weniger gut geschriebenes, als wegen seiner Genauigkeit u. Detailschildcrung namhaftes Werk über den ersten Krcuzzug: Vs bsllo a Obristia- nis contra varbaros Assto pro Obrlstt sspuloro st änäasa rsonpsranäis, Ven. 1532, Flor. 1623, ital. von Baldelli, Ven. 1549, u. ein Buch Vs xrasstantia virornm sni aevi, Parma 1689. 2) A. Francesco, sein Bruder, geb. 1418 zu Arezzo, war Professor der Rechtskunde in Bologna u. Ferrara n. dann Secretär des Herzogs von Mailand Franz Sforza ; er st. 1183, mit dem Beinamen geehrt: „II xrinolps äs §in- rseansulti". Er schrieb: Oonsilia ssu rssponsa, Pisa 1481; Oommsntaria suxsr V. II. vsers- taltnm, Bologna 1481; Oommsntaria, Pavia 1493, u. übersetzte die vxistolas des Phalaris ins Lateinische, eine viel gerühmte Arbeit, Rom 1469, rc. 3) A. Pietro, Sohn Bcnedettos, geb.zu Florenz 1455, war apostolischer Abbreviatore unter Leo X. und verfaßte als solcher die Bannlulle gegen Luther 1520; später wurde er Cardinal u. Legat von Ancona; er st. 12 Dec. 1532 in Rom. 4) A. Bernardo, Bruder des Vor., geb. 1465, gcst. 1535; stand bei Leo X. sehr in Gunst und war dort apostolischer Schreiber und Abbreviatore. Er setzte zugleich mit Serafino die besonders durch Poliziano begonnene Verjüngung der italienischen Lyrik fort und zeichnete sich als Improvisators aus. Als solcher erhielt er den Beinamen des Einzigen. Eine ihm eigene Art von Gedichten sind die Strambotti, lyrische, in Ottavenform gedichtete Epigramme. Seine Gedichte erschienen als Virginia Öommsäia, OapitoU s Strambotti, Flor. 1513. I. E. Klein weist (Gesch. des Dramas IV. 646 ff.) eingehend nach, daß Shakespeare nicht allein den Stoff seines Dramas Xll's u'sll tbat snäs vsU (Ende gut, Alles gut) aus derselben Quelle, wie Accolti den seiner Virginia, nämlich ans Boccaccios Veoamerov, -storno III. Xov. 9., geschöpft, sondern auch die Virginia, wahrscheinlich im Original, gelesen und benutzt habe. 5) A. Benedetto, der Cardinal von Ravenna genannt, geboren 1497 in Florenz, war apostolischer Abbreviatore und Secretär des Papstes Clemens VII., der ihn zum Cardinal u. Legaten von Ravenna ernannte. Wegen Veruntreuung unter Paul III. angeklagt u. in die Engclsburg gesetzt, kaufte er sich los u. st. 1549 zu Florenz in der Zurückgezogenheit. Seine trefflichen lateinischen Gedichte sind in der Sammlung: Oarmiua illustrinm pvstarnm Ita- lorum, Florenz 1719, erschienen. Das Geschlecht erlosch in der Mitte des 17. Jahrh. mit Jacopo A. Accomac, unter 38° n. B. u. 75° w. L., em früher von ccm gleichnamigen Jndianerstamme bewohntes County im östlichen Theil des Staates Virginien; 18,000 Ew.; bildet eine Halbinsel zwischen der Chesapeakebai und dem Atlantischen Ocean; Producte: Weizen, Mais und Hafer; Hauptstadt Drummond. Accommodation (v. Lat.), 1) Anbequemung 128 Accompaguato — Accord. des Betragens, der Rede -c. an die Bedürfnisse, Denkungsart u. Fassungskraft Anderer, des. beim Lehrvortrage die schonende Berücksichtigung der Geistesbildung der Schüler, gewisser Zcitideen re. Die Theologen unterschieden früher für die H.Schrift eine formale u. materielle A.; die formale A. sollte auch bei Jesu u. den Aposteln statthaben, indem sie in einer dem Volke verständlichen Sprache, in jüdischen Nationalausdrücken u. Bildern redeten, an gewisse gangbare Ideen neue Belehrungen anknüpften, überhaupt ihre Vorträge den Orts- u. Zeitverhältnissen anpaßten. Bei der materiellen A. sollte es sich um irrige Meinungen der Schüler handeln u. dieselbe negativ sein, wenn der Lehrer diese Meinungen einstweilen den Schülern läßt, weil dieselben für die Wahrheit noch nicht reif sind, daher auch manche Lehren eine Zeit lang ganz mit Stillschweigen übergeht, manche nur berührt; u. positiv, wenn er irrige Meinungen seiner Schüler aus irgend einem Grunde in seine Lehre aufnimmt. Die negative A. in Jesu u. der Apostel Lehre war nicht zu bestreiten, sic forderte, sagte man, schon der Stufengang der göttlichen Offenbarung überhaupt; die positive A. war vielsach streitig. Übrigens kann man bei Jesu und den Aposteln auch eine moralische A. behaupten, indem sie sich in gewissen religiösen Sitten u. Gebräuchen ihrer Zeit accommodirten, diese thcils selbst mit beobachtend, tbeils Anderen gestattend. 2) Anpassung an physische u. moralische Verhältnisse der Umgebung, sowol seitens des ganzen Organismus, wie einzelner Organe desselben; s. u. Physiologie. 3) A. des Auges (Accommodationsvcrmögen)ist die Fähigkeit, den dioptrischcn Apparat des Auges je nach der Entfernung der zu betrachtenden Objecte bald für nahe, bald für ferne Gegenstände cinzu- stellen; das normal gebaute Auge erkennt ini Ruhezustände seiner A. entfernte Gegenstände deutlich, u. der sog. Fernpunkt des Auges liegt demnach in großer (theoretisch in unendlicher) Entfernung. Durch sein A-svermögen ist ein jugendliches normales Auge im Stande, auch nahe Gegenstände bis auf etwa 8 ein Entfernung scharf zu erkennen, u. sein Nahepunkt liegt demnach in etwa 8 om. (Über den Mechanismus der A. s. den Art. Auge.) Mit zunehmendem Alter nimmt die A. ab, u. der Nahpunkt rückt weiter hinaus, hauptsächlich weil die Krystalllinse härter u. unelastischer wird und dadurch ihre Fähigkeit verliert, durch Änderung ihrer Form eine stärkere Wölbung ihrer Oberflächen anzunehmen, worin ja die A. besteht. Gegen Ende der 40er Jahre ist bei einem normalen Auge der Nahcpunkt schon über 20 ein hinausgerückt, und es beginnt die Zeit, wo das Auge zum Lesen u. Schreiben einer Convexbrille bedarf, welche eben die mangelnde A. ersetzt; s. Brillen. Das Auge heißt alsdann preSbyopisch, ü. h. weitsichtig. Accompaguato (it., Mus.), 1) begleitet, in der Art einer Begleitung; 2) in concertirenden Tonstücken, Trios, Quartetts u. dgl., eine Bezeichnung für die Instrumente, die sich einem anderen, melodisch mehr hervorragenden unter- ordncn sollen. Accompagnemrnt, Begleitung, die Unterstützung einer oder mehrerer Solostimmen durch ein anderes Instrument oder das ganze Orchester. Auch das Harmoniespielen nach einem bezifferten Basse, bes. zu Recitativen. Accoramböni, Virginia, Herzogin v. Brac- ciano, Gemahlin Francesco Perettis, eines Ncpotcn (Günstling) des Papstes Sixtus V., lebte in der letzten Hälfte des 16. Jahrh. Fesselnd durch > Geist u. Schönheit, war sie Gegenstand der Be- ' Werbungen des Cardinals Farnese, wie des Paolo Giordano Orsini, welch letzteren sie heirathcte, ; nachdem derselbe ihren Gemahl in Rom hatte i ermorden lassen. Sie selbst verfiel demselben ! Schicksal nach Orsinis Tode auf Anstiften eines ^ seiner Verwandten, 22. Dec. 1585, weil dieser einen " gegen sie angestrengten Erbschaftsproceß verloren hatte. Die darauf bezüglichen Handschriften sind in der Ambrosianischen Bibliothek zu Mailand gesammelt. Das Schicksal der schönen Italienerin, mehrfach dichterisch behandelt, ist u. a. auch der ) Gegenstand des Tieckschen Romans Vittoria A., Brest. 1840, 2 Bdc.; vgl. Adry, Listoirs äs 1a vis et äs la mort tra^igns äs V. Par. 1807. Accord (franz., ital. aoeoräo), 1) (Mus.) Zusammenklang, insbesondere das gleichzeitige Erklingen von 3, 4, 5 in gewissem Verhältniß ver- ! bundenen Tönen. Die neuere Musiklehre hat ein ! ausgcbildetes System solcher Tonverbindungen aufgestellt, dessen Begründer I. P. Rameau ist (sflraits äs I'ilarmonis, Paris 1722). In der älteren Musik kommen die wesentlichen TonNr- bindungen unseres A-systcms auch vor; doch wn r- § den sie als Zusammenklänge aufgefaßt, die durch contrapunctisch bewegte Melodien sich an einander schieben. Das System Ramcaus ist dagegen auf die Sympathie der Töne gegründet. ! Es wurde von d'Alcmbert weiterverbreitet, im Wesentlichen von Marpurg angenommen, fortentwickelt u. in Deutschland bekannt gemacht. Fernere Ausbildung fand die A-lchre in den Werken von Kirnbcrger, Vogler, Gottfr. Weber, I. A. Andre, A. B. Marx; schulmäßig ist sie dargestellt von I. C. Lobe (Katechismus der Musik, 14. A., 1872). Die wesentlichsten Eigenschaften eines A-s bestehen darin, 1) daß die 3, 4 oder 5 verbundenen Töne im Terzen- verhcltniß zu einander stehen, oder sich auf dasselbe zurückführen lassen; 2) daß die Ton- vcrbindung versetzt und umgekehrt werden kann. — Die Grundbedingung aller A-bildungen ist die terzenweise Vereinigung der Töne, weil die- i selbe in der Natur der Tonbildung selbst, näm- ! lieh in den Theilschwingungen beruht, welche bei Erzeugung des Einzeltones entstehen und Ursache der sogen. Rebentöne (s. d.) sind. Tritt die i Terzenverbindung unverändert ein, so heißt der 1 A. Grund- oder Stammaccord; der unterste Ton ! ist der Grundton. Ist das Terzenverhältniß durch Umkehrung der Töne verschoben, so haben wir einen abgeleiteten (abstammenden) oder Um- ^ kehrungsyccord. In diesem Falle nennt nian den untersten Ton nicht Grund-, sondern Baßton. Zur näheren Charakterisirung der Tonvcr- bindung unterscheidet man consonante A-e, in denen sämmtliche Intervalle zu einander u. zum Grundton im Verhältniß des abgeschlossenen Accord. 129 Wohlklcmges stehen, von dissonanten ?l-en, in denen einzelne Intervalle den Znsammcnklang als unfertig erscheinen lassen u. zur Veränderung des A-s durch harmonischen oder melodischen Fortschritt zwingen. I. Grund- od. Stamm- accorde. Es gibt 3 Grundaccorde: Drciklang, Septimen- u. Nvncnaccord. Die Eigenschaft des letzteren als eines Grnndaccords ist indessen nicht von allen Theoretikern anerkannt, wie auch seine Umkehrungen keine selbstständigen Namen tragen. H.. Der Dreiklang besteht ans 2 über einander liegenden Terzen, d. h. aus dem Grnndton, dessen Terz u. Quinte, z. B. o s §. Je nachdem diese Intervalle rein, erhöht od. vermindert auftreten, erscheint der Dreiklang in viererlei Art, nämlich: 1) als großer (harter) Dreiklang mit großer Terz und reiner Quinte (o s §); 2) als kleiner (weicher) Dreiklang mit kleiner Terz u. reiner Quinte (o os §); 3) als verminderter Dreiklang mit kleiner Terz n. verminderter Quinte so es §ss); 4) als übermäßiger Dreiklang mit großer Terz u. übermäßiger Quinte (o s §is). L. Der Septimenaccord besteht aus 4 Tönen, welche 3 über einander liegende Terzen bilden, d. h. aus dem Grundton, dessen Terz, Quinte u. Septime, z. B. A k ck k. Nach der Beschaffenheit der Intervalle gibt es 6 Arten von Sep- timenaccorden, nämlich den Haupt- oder Dominant - Septimenaccord, und 5 Nebenseptimen- accorde: 1) der Haupt- oder Dominant - Scp- timenaccord besteht aus einem großen Dreiklang, dem die kleine Septime des Grundtones aufgesetzt ist L ä k); 2) erster Nebenseptimen- accord, gebildet aus dem .großen Drciklang mit großer Septime (^ Ir ä Ls); 3) zweiter Neben- septimenaccord, gebildet aus dem kleinen Dreiklang mit kleiner Septime (§ d ä k); 4) dritter Neben- septinienaccord, gebildet aus dem kleinen Dreiklang mit großer Septime (A b cl Ls); 5) vierter Neben- scptlmenaccord, gebildet aus dem verminderten Treillang mit kleiner Septime (A b Los k); 6) simster Nebenseptimenaccord, gebildet aus dem übermäßigen Drciklang mit großer Septime (§ Ii äis Ls). 6. Ter Nonenaccord besteht aus 5 Tönen, welche 4 über einander liegende Terzen ausmachen, d. h. aus dem Grundton, dessen Terz, Quinte, Septime u. None, z. B. x ll ck k a. Durch Veränderung der Intervalle ließen sich theoretisch Abarten herleiten, wie bei den Septimenaccorden; für den Gebrauch unterscheidet man: 1) den großen Nonenaccord, gebildet aus einem Haupt- septimenaccord, dem die große None des Grnnd- tones aufgesetzt ist (Grundton, große Terz, reine Quinte, kleine Septime, große None), z. B. g kr (kt'a; 2) den kleinen Nonenaccord, gebildet aus denselben 4 unteren Intervallen mit aufgesetzter kleinen None (x L ä k as). — Dies sind die Grundformen in der äußeren Erscheinung der Accorde. Dieselben lassen sich näher charakterisiren, wenn man die Natur der Intervalle berücksichtigt. Reine Quinte und große Terz, zwei durch die Schwingungsverhältnisse in der Bildung des Grundtons natürlich erzeugte Konsonanzen, ergeben den vollkommensten Zusammenklang. Auch die kleine Terz ist consonant. Demgemäß lassen sich als consonaute Accorde ansehen der große u. der Pierers Umverlal-ConoersatimL-Lexikon. S. Ausl. I kleine Dreiklang: sie heißen daher vollkommene od. harnionische Dreiklänge. Nach ihrer Stellung zur Tonleiter werden dieselben auch unterschieden als Dur- u. Moll-Drciklang, elfterer mit der großen, letzterer mit der kleinen Terz über dem Grundton. Ferner nennt man die großen u. kleinen Dreiklänge auf der ersten Stufe (z. B. o s A in der 6äur-8eala> tonische, auf der 4. Stufe Unter- dominant-Treiklüngc (k a o), aus der 5. Stufe Oberdominant-Dreiklänge (§ L ä). Diese drei Accorde sind die Hauptdrciklänge der Tonart, so benannt, weil sie alle Intervalle der zugehörigen Tonart enthalten. Als Dissonant erweisen sich die beiden übrigcnArten des Dreiklangs, dieSeptimen- u. Nonenaccorde. — An dem Bau der Accorde werden in der praktischen Musik vielfache Versetzungen, Umkehrungen u. Auslassungen vorgenommen. Durch die Versetzung einzelner Intervalle betrachtet man den Charakter des Stammaccords als nicht verändert, so lange der Grundton seine Stelle behält. Die ursprüngliche Lage der Intervalle mit Verdoppelung des Gruudtones in der nächst höheren Octave heißt erste Lage od. Octav- lage, z. B. o s K o. Tritt die Terz obenan, so entsteht die zweite od. Terzlage, z. B. 6 6 s; durch gleiche Versetzung der Quinte bildet sich die dritte od. Quintlage, z. B. 0 kü A. Da die Versetzung enger und weiter genommen, einzelne Intervalle durch Mitklingen ihrer Octave verdoppelt werden können, so ergibt sich eine außerordentliche Mannigfaltigkeit in dem Bau der Stammaccorde, ohne daß die Grundverhältnisse der Intervalle eine Änderung erfahren. II. Um- kehrnngs- oder abstammendc, abgeleitete Accorde. Die Ableitung der Accorde durch Umkehr ihrer Bestandtheile beruht im Wesentlichen darauf, daß der Grundton des Stammaccords seine Stelle u. damit seine charakteristische Wirkung verliert; er tritt in eine höhere Lage, und der neu entstehende A. ruht auf dem zweit-, dritt- oder viert- hoheren Intervall, welches nun Baßton genannt wird. Jeder Stammaccord hat so viele abstammende, als er Intervalle über dem Grnndton enthält, nämlich der Drciklang zwei, der Septimenaccord drei, der Nonenaccord vier, doch sind letztere nicht unbedingt brauchbar, sondern werden meist durch Versetzung einzelncrStimmen in weitere Octaven faßbar. L. Der Drciklang, z. B. o o §, wird durch Umkehrung entweder I) zum Sextaccord (s g o), oder 2) zum Quartsextaccord (§ o e). L. Die Umkehrungen des Scp- timenaccords, z. B. g L ä k, sind: k) Der Quintsextaccord (L ä k ^), 2) der Terzqnartaccord (ckIA d), 3) der Secundaccord (kxL ck). Tie 4 Umkehrungen des Nonenaccords haben keine eigenen Namen, sondern werden als 1., 2., 3., 4. Umkehr bezeichnet,je nachdemdie Terz,Quinte,Septime oder None des Stammaccords als Baßton dient, z. B. aus dem Stammaccoid 0 II I) I? a: I11) I? s x (mit einer Versetzung, wie oben erwähnt), u. s. w. III.AbgeleiteteAccorde, welche nicht durch Umkehrung entstehen. I) Ein viel gebrauchter A. ist der verminderte Septimenaccord, welcher aus Baßton, kleiner Terz, verminderter Quinte u. verminderter Septime gebildet ist. Man erklärt ihn als einen unvollständigen kleinen Nonenaccord, Band. Z 130 Acrord — ^.oooväuQäo. dessen Grundton ausgelassen ist, z. B. Ais Ir L k. entstanden aus dem kleinen Nonenaccord L Zis Ir ä k. 2) Der übermäßige Sextaccord, gebildet aus Baßton, großer Terz und übermäßiger Sexte. Auch er wird aus- einem Nonenaecord abgeleitet, z. B. as o tis gilt als Ableitung eines alterirten Noncn- accordS auf der 2. Stufe der Molltonleiter in 6 (nämlich L k as c es, durch Erhöhung der Terz alterirt zu ä kis as c es, in der 2. Umkehr mit Weglassung des Gruudtones und der None). Derselbe Nonenaccord dient auch zur Ableitung anderer verwandten vierstimmigen A-bilduugen, wie überhaupt aus den Fünftlängen durch Auslassung eines Intervalls viele Vier- kläuqe erklärt werden können, welche in der Musiklehre keine eigenen Namen erhalten haben. Indessen werden Bestandteile solcher vierstimmigen A-bildungen meistens leichter als Vorhalte im Zusammenhang der Harmonie aufgefaßt. Man bringt die A-bildungen in ein theoretisches Ver- hältniß zu den Tonarten, indem man auf den einzelnen Stufen einer diatonischen Tonleiter Drciklänge, Septimen- n. Noncnaccorde anfbaut u. nur solche Intervalle verwendet, die in der betr. Tonart Vorkommen; z. B. auf der 6änr-8ca1a: 1) v s 2) ä k a, 3) s § Ir od. 1) o s A Ir. 2) ck k a übercinkonimen; 4) einen Accord (s. d. 3) schließen; 3) (Mus.) das Stimmen eines Instruments nach x dem harmonischen Zusammenhang seiner Haupt- accorve; auf Tasteninstrumenten nach den Dreimaligen u. dem Hanptseptimenaccord, auf Bogcn- > instrumentcn quintenweis; 6) das Einstimmen der verschiedenen Orchesterinstrumente vor Aufführung einer Musik. Accovdo, ein früher in Italien bei großen Mnsikcmfsührungen zu kräftigen Harmonien gebräuchliches, mit 12—15 starken Saiten bezoge- ; nes Baßinstrument, von welchem mehrere mit ! einem Bogen zugleich gestrichen wurden. ( Accotemcnt (Eiscnbahnbau), der freie Raum ! zwischen der äußeren Schiene u. dem Rande der s Böschung. Accouchenr, Geburtshelfer, u. Accoucheuse, Hcbanime; Accouchiren, Geburtshilfe leisten, daher Accouchiranstalt, Accouchirhaus, Accouchir- instrumente, Accouchirstnhl re.; s. Entbindung. Accons, Flecken im Arr. Oleron des französischen Dep. Basses - Pyrknees an der Berthe, Hptortdes gleichnamigen Kantons; Mineralquelle, Kupferminen; 1440 Ew. l Accra (Akkra od. Ankran), britische (ehemals holländische) Colonie u. Hafenstadt mit 12,000 ) Ew. an der Goldküste (Obcrguinea), wurde am 10. Juli 1862 durch ein Erdbeben fast gänzlich zerstört. Accreditiren (v. Lat.), 1) Jemanden bei Anderen beglaubigen, um dessen Handlungen nach dem Maße der gegebenen Vollmacht zu vertreten. Das darüber ausgestellte Schreiben an den Anderen heißt Accreditiv. Daher accrcditirter Minister, Bevollmächtigter an einem fremden Hofe, von dem seinigcn beglaubigt; vergl. Gesandter. 2) Jemandem brieflich (Accreditiv, Creditbrief) Credit für eine gewisse Summe, für die man ein- steht, verschaffen. Nccrescen; (Accretion), Zuwachs, Anwachsung, Vermehrung: daher Accrcscenz recht (.Ins nooi-Wssmiil, nach Römischem Recht das Recht des Anwachsens freigcwordcner Erbtheile oder Vermächtnisse an gebliebene Erbtheile, bezw. Vermächtnisse. Das A. der Erben beruht auf der tief-sittlichen Grundanschaunng des Römischen Rechts, daß der Erbe die Persönlichkeit des Erblassers .in vermögensrcchtlicher Hinsicht in sich aufnchme und darstelle, und zwar jeder Miterbe ganz. Mpian (s. d.) sagt: „Die Erbschaft stellt ! nicht die Person des Erben, sondern die des Verstorbenen dar;" Celsus: „Miterbcn einsetzcn od. Mehrere verbunden mit einem Vermächtnisse be- ! denken, heißt die ganze Erbschaft und das ganze Vermächtnis; jedem Einzelnen geben, die Theile entstehen erst durch den Miterwcrb." (vix.41.1,1/. 34 u. 32, I/. 80.) — Die Anwachsung des Erb- ! theils tritt sowol bei den gesetzlichen, als den ! Testaments-Erben ein. Sie erfolgt, wenn der zur Miterbschaft Berufene durch Tod, Ausschlagung oder sonst nicht erwirbt; wenn dann Keiner nachgerufcn (substituirt) und das Recht aus der Berufung auch auf keinen Nachfolger (z. B. die Kinder) übergegangen (transmittirt) ist. Dann geschieht das Anwachsen an den oder die Miterbcn von selbst. — Die Anwachsung bei Vermächtnissen ist nur dadurch beschränkter, daß Vermächtnißnchmer die Person des Erblassers nicht fortsetzen. Hier ist also blos der vermuth- liche Wille des Erblassers der Grund des Anwachsens. Hat er nun Mehrere durch Wort u. Gegenstand zugleich (rs st vsrbrs), od. Mehrere durch den Gegenstand zugleich (rs) bedacht, so tritt, beim Wegfall des Einen vor Erwerb, die A. ein. Beispiele: 1) für re st vsrbis eonjuneti. sachlich und wörtlich zusammen Bedachte: „Dem Titius u. dem Mävius gebe u. vermache ich mein Sempronianisches Gut."' 2) Für rs oonjnneti. sachlich zusammen Bedachte: „Dem Titius gebe und vermache ich mein Sempronianisches Gut, dem Mävius gebe und vermache ich dasselbe Gut." Fällt zu 1 wie zu 2 Tiiius weg, so behält Mävius das Ganze. Sollte neben der Berufung unter 1 noch ein Anderer so wie zn 2 berufen sein, also »eben „Titius und Mävius" noch Cajus allein, so tritt die A. für Cajus erst ein, wenn beide Andere wcggcfallcn sind. Bloße vsrbm eonjuneti. wörtlich zusammen Bedachte, haben kein A-Recht. Beispiel: „Dem T. und dem M. gebe und vermache ich mein Gut jedem bald." — Dieses A-Recht gilt als Thcil des Gemeinen Rechts noch da, wo letzteres gilt, also nicht in Preußen, Frankreich, Österreich. Die Gesetzbücher dieser Länder haben zwar auch ein A-Recht, aber sic gründen cs nur in den mulhmaßlichen Willen des Erblassers. Ooäs civil. Art. 786: „Der Erbthcil deS Ausschlagenden wächst den Miterbcn zu." Art. 1044: „Sind mit einem Vermächtnis; Mehrere verbunden bedacht, so findet Anwachsung statt." Ähnlich daS Preußische Landrecht. üeoudllor (lat.), kaiserlicher Diener in Constan- tinnpel, der neben dem Kaiser schlief. /lcoulntum (lat.), in der späteren Kaiscrzeit in Rom die Plätze für die Tischgäste, wie die I/seti (s. I/setus n. 'Irickiuinm), aber so, daß mehrere Lagerstätten neben einander darauf Platz hatten; die Decken und Polster daraus hießen ^cou- bitalia. Accum, Friedrich Christian, gcb. 1769zn Bückeburg, wurde 1801 Professor der Chemie v. Mineralogie in der Lnrvov-Iimrirutiou zuLoudon, 1822 Professor der Chemie n. Mineralogie am Gewerbeinstitut u. der Bauakademie in Berlin, wo er 1838 st. In London verband er sich mit dem deutschen Kunsthändler Ackermann zur Verbreitung der Gasbeleuchtung. Er schr.: prae- tüeal troabrss ou Nas-lircht. Land. 1815 u. ö., deutsch von Lampadius, Wenn. 1816, 2. Ausl. 1819, 2 Bde.; On aänltoraiicm ok 1?oock (über die Verfälschung der Nahrungsmittel), London 1817, deutsch von Cerntti, Lpz. 1822; cl sz-stom ok cbsmisti)', Land. 1803, 2 Thlc.; Physische u. chemische Beschaffenheit der Baumaterialien ec., Bcrl. 1826, 2 Bde.; Chemische Belustigungen, 9 * 132 Accumulator — Accursius. deutsch vom Vers., Nürnb. 1824 rc., u. lieferte zu den Fachzeitschriften gewichtige Beiträge. Accuunllator(v.lat.aeonmu1ars, ansammeln), vie von Armstrong erfundene u. namentlich bei hy- oraulischen Hebevorrichtungen seitdem angewandte Einrichtung, die es möglich macht, Wasser unter bedeutendem Druck n. in so großer Menge anzusammeln, als man es unter Umständen braucht, u. wie es namentlich die vorhandenen Druckpumpen so schnell nicht liefern können. Ein A. besteht ans einem gewöhnlich vertical stehenden Cylinder mit Plungerkolben, in den die Druckpumpen an irgend einer Stelle Wasser einlicsern u. so den Plungerkolbeu heben. Dieser ist dann mit so viel Gewicht direct belastet, entweder in Form gußeiserner Scheiben, oder durch ein an einem Querhaupte befestigtes Gefäß aus Kesselblech, das mit Steinen, Schweißofenschlacken, Gußeisen rc. beschwert ist, als dem beabsichtigten u. nothwcn- digen Wasserdruck entspricht. Untenstehende Figur MER zeigt die Einrichtung eines A-s, wie sie ähnlich in Bessemcrwerken häufiger angewandt ist, in natürlicher Größe. ist der Druckcylinder, in dem sich, durch eine Stopfbüchse 1' gedichtet, der Plungerkolben 0 bewegen kann; das Druckwasser kommt bei 8 von der Pumpe u. geht bei § zu den hydraulischen Maschinen. Das den Plunger belastende Gewicht ist hier ein ca. 3 rn im Durchmesser haltender, großer, oben offener Cylinder aus dünnem Kesselblech, mit Winkeleisen u. Streben 00 gehörig abgesteift u. mittels 8 starker Hängcbolzen 8 an die Kopfplatte I) des Plungers aufgehängt. Er bewegt sich zwischen 2 hölzernen Leitbäumen 00 u. wird mittels 4 Leitschuhen 0 an denselben geführt. Das Ganze befindet sich theilweise unter der Erde in einer mit Mauerwerk N gesicherten Grube, in der der Druckcylinder auf einer Grundplatte 6, die wieder auf einen: massiven Mauerklotze 8 ruht, befestigt ist. Der Druckcylinder hat erneu Durchmesser von 640 mm, der Plunger einen solchen von 610 mm; letzterer wiegt mit der Kvpsplatte 1) u. dem leeren Kessel 0 ca. 12,000 1;-r, u. ist außerdem der Kessel noch mit 61,000 ü-- Schwciß- osenschlackcn gefüllt, so daß der Piston im Ganzen mit 73,000 belastet ist, was pro seines Querschnittes ca. 25 ergibt, so daß der Druck im Cylinder 25 Atm. beträgt u. das Betriebswasser also unter diesem in den einzelnen Krahnen rc., wie sie in Bessemcrwerken gebraucht werden, wirkt. Die ersten A-en wurden von Armstrong für die hydraulischen Krahnen in den großen Hafenmagazinen Englands gebaut. Dieselbe Verwendung finden sie in Hamburg. Auch für den Betrieb der hydraulischen Pressen in Öl» müblen sind sie mit Druck bis 100 Atm. vereinzelt angewandt. In der neueren Zeit hat Bessemer dieselben als Kraftsammlcr für die hydraulischen Maschinen, die in dem nach ihm benannten Stahlhüttenproceß zur Anwendung kommen, eingeführt, weil bei allen diesen Be/ wegungen Schnelligkeit u. Exactheit erforderlich ist, wie sie nur mit Wasser unter hohem Druck möglich ist, das nicht wie Dampf expansionsjähig n. zusammendrückbar ist. Aus demselben Grunde finden sich dieselben angewandt bei der bekannten Trajectanstalt der Bcrgisch-Märkischen Bahn bei Homberg-Rnhrort, wo dieselben benutzt werden, um die Kraft für das Heben u. Senken der beladenen Waggons von und in die Trajectschisfe abzugeben. Vereinzelt hat man auch A-en con- struirt und angewandt, in denen die Belastung ersetzt wird durch gepreßte Luft, also dasselbe Princip, was sich an den Feuerspritzen i» den Windkesseln angewandt findet. Selbstverständlich wechselt in denselben der Druck, je nachdem mehr oder minder viel Wasser sich in dem Kessel befindet, dieselben bieten also den wesentlichen Vortheil, den die A-en mit fixem Gewichte haben, unveränderlichen Druck des Wassers, nicht, u. leiden in Folge dessen an manchen Jnconvenienzcn. Accumuliren, v. lat. aoonmnlars, anhäufen; daher Accumnlation, Accumulator :c. Accursius (Arcorso), eine der bedeutendsten JuristensamilicnItaliens, 1) Franciscus, geb. zu Baguuola bei Florenz um 1182, war ein Schüler Azos, seit 1221 Ncchtslehrer in Bologna u. st. zwischen 1259—68. Er ist berühmt als der letzte der Glossatorcn (s. d.) u. als Verfasser der Olossa oräinaria, indem er die Arbeiten aller Glossatorcn zusammenstellte u. auszog u. die 4 Hauptthcile des Oorxns juris vereinigte. Diese Glosse des A. erhielt durch den Gebrauch in so weit Gesetzeskraft, als Stellen des Oarpns juris, welchen sie mangelt, nicht für ausgenommen gelten. Deren gibt es fast nur im Codex, dem ^.vousatio — ^eerlns,. 133 Buch der Kaiscrgesetze, dritten Theil des Oorpus .juris. Ein lateinischer Satz besagt: „Was die Glosse nicht anerkennt, erkennt auch der Gerichtshof nicht an." Die Anhänger des A. bildeten die Lciiola 4ccnrsiana, (A-sche Schule), welche schon im 14. Jahrh. durch die Lciiola 8artolina (s. Bartolus) verdrängt wurde. 2) Francesco, des Vor. Sohn, geb. 1225, war Rechtslehrer in Bologna, ging 1273 mit König Eduard 1. nach England ü. von hier 1279 als Gesandter nach Rom; 1281 kehrte er auf seinen Lehrstuhl nach Bologna zurück u. st. 1293. Er schrieb: Olossas tu IV libros Institut.; Olossas tu ckoannsm untignum xlossatorsm, u. a. 3) Ccrvot, des Bor. Bruder, geb. 1240, auch Rcchtslchrer in Bologna u. Padua, st. 1287; von ihm haben die Olossas Osrvottianas den Namen, sprichwörtliche Bezeichnung schlechter Glossen. 4) Mariangelo, geb. uni 1490 zu Aquila, lebte 33 Jahre in hohem Ansehen am Hofe Karls V. u. zeichnete sich als Philolog u. Kritiker aus; wir besitzen von ihm: Oiatribs in 4usouium, Rom 1524; Ausgaben des 4mmig.nus Narcellinus, 4ugsb. 1532, u. des Oassioäor, 4u§sb. 1583. Unter den Humanisten seiner Zeit erregte er auch Aufsehen durch den scherzhaften Dialog Ossi st Volsoi, 1531, rc. kocusatko (lat.), Anklage, Beschuldigung, 74. coutumaciao, so v. w. Ungehorsamsanklage, Antrag auf Verurteilung oder Ausschließung des nach gehöriger Ladung ausgebliebenen Gegners; 4. suspscti (Orimon suspocti), Klage wider den Vormund wegen nachlässiger Verwaltung der Pupillengelder rc. Davon Accusationsproceß, An- klageproceß (s. d.); Accusabel, anklagbar; Accu- sator, Ankläger, besonders in Criminalfällen; Accusatorisch, anklagcweise. Accnsatrvns (Gramm.), der das nächste Object bezeichnende, auf die Frage wen? oder was? stehende Casus (Zielfall), s. Casus. Acediamin, s. Acctamid. Accdie (v. Gr.), geistige Trägheit od. Stumpfheit, eins der 7 Hauptlastcr in der scholastischen Sittenlehre. Acephalen (4coxba.Ia, v. Gr., Kopflose) oder Bivalven sind die kopflosen Weichthiere. Leib entweder seitlich zusammengedrückt und trägt 2 große seitliche Mantellappcn, welche 2 auf der Rückenfläche mittels eines Schloßbandes vereinigte Schalenklappen absondcrn, so bei den Muscheln oder Lamellibranchiaten; oder der Körper ist verbreitert, die beiden Mantellappen bedecken ihn von vorn u. hinten u. sondern ebenfalls ein zwei- klappiges Gehäuse, vordere u. Hintere Schale, ab, welche kein Schloßband besitzt u. geöffnet wird durch Auseinanderrollen von 2 spiraligen, zu den Seiten des Mundes gelegenen Armen, so bei den Armfüßern oder Brachiopoden (s. d.). Acephalocysten, die steril gebliebenen Echinococcus-Blasen (s. d.), in denen sich keine Brutkapseln entwickelt haben. Früher fälschlich für besondere Eingeweidewürmer gehalten. kose H., s. Ahorn. kosen, 1) (4. 4kM.) Fam. der Scitenkiemen- schnecken; die Fühler u. Lippenfortsätze bilden ein viereckiges, schildförmiges Stück, haben purpurartige Feuchtigkeit. Hierher: vorickium 715sck., ohne od. nur Spur von Schale; Art: 4. carnosu. 4 em, gelb gefleckt, gelbbraun, im Mittelmeer. Blasenschuecke (8ulla. Dcrm.), Schale zum Theil im Mantel versteckt; Arten: Mecrmandel (8. axsrta), Thier weißlich, Schale klein, durchsichtig, häutig; Oblate (8. liAnaria), blaß, zart; Muskatnuß (8. ampulla), eiförmig, dick, grau u. braun gewölkt; Wassertropfen (8. IiMtis), rund, dünnschalig; Prinzenflagge (8. xlivsis); Rosenknospe (8. splustrg) u. a. 2) Pflanzcnklasse bei Endlicher: Kelch frei, dachziegekig oder fast klappig, Blumenblätter den Kelchlappen an Zahl gleich, seltener weniger oder fehlend; Staubgefäße den Blumenblättern an Zahl gleich, seltener doppelt oder mehr; Fruchtblätter gewöhnlich 3, seltener 2, 4—5, verwachsen oder etwas gesondert, aber nie ganz frei, mit 1—2, seltener vielen Eiern; Keimling gekrümmt, gewickelt od. seltener gerade, ohne Eiweißkörper, oder manchmal im fleischigen Eiweiß eingcschlossen. Acerbi (spr. Atschcrbi), 1) Giuseppe, ital. Reisender, geb. 3. Mai 1773 in Castel-Goffredo bei Mantua, studirte in Mantua, ging 1798 mit dem schwedischen Landschaftsmaler Skjöldebrand nach dem Nordcap u. England u. beschrieb seine Reisen, Lond. 1802, französisch von ihm n. Petit- Radel, Par. 1804, 3 Vde., deutsch vou Weiland, Berl. 1803. Zuni österreichischen Generalkonsul in Ägypten ernannt (1826), übergab er die von ihm seit 1816 in Mailand herausgcgebene 8ib1io- tsea. Italiana an Gironi, Carlini, ü. Fumagalli. Während seines Aufenthaltes in Ägypten bereiste er dieses Land nach allen Richtungen; 1836 kehrte er zurück u. st. 1846 als k. k. Gubcrnialrath in seinem Geburtsorte. 2) Enrico, geb. 1785 in Castano, war Hospitalarzt u. Lehrer der Klinik in Mailand u. st. 1827; er gehörte zu den vorzüglichsten Anhängern der Brown-Rasorischcn Lehre vou dem sogenannten Oontrastimulus, u. schr.: Dottriug. ckol inorbo pstocclüals s cks coutagj in.Asnsrs, Mail. 1822; Nuova, oclmions ckslla IZisns äi Oarminati, Ni1a.no 1813, 2 vol.; Xnnotawoni cki ineäieina practica, Nil. 1819 (Auszug in: G. A-s 81bliotsca It. von 1821); Osnuo critieo etc., Nil. 1816; Vita cki 0. 8. NontcWia, Nil. 1818; rc.; Lebensbeschreibung von G. D. Filippi, Mail. 1828, u. E. P. H. de Fontancilles, Par. 1828. Acercus, Mißgeburt mit fehlenden Schwanzwirbeln. Accrenza (spr. Atsch-, im Alterth. 4ciwrontia), Stadt in der italienischen Provinz Potenza, District Potenza, eigentlicher Sitz eines Erzbischofs, der zu Macerata residirt und auch so benannt wird; Prätur, schöne Kirche; 3840 Ew. Hiervon führen die Hcrzöge v. A., ein jüngerer Zweig des Hauses Pignatelli, ihren Namen. koerma (Schroll), Fischgattung der Barsche, mit 7 Kiemeustrahlen, einer Rückenflosse, sammet- artigen Zähnen, sägeförmigen Stacheln am Bor- derkicmcndcckel; Arten: Kaulbarsch (4. cernna Ouv.), olivengrün, braun u. schwärzlich gefleckt, unten silberig, bis 21 cm lang, sehr schmackhaft,r Süßwasserfisch in Europa. Eine Abart mit goldglänzendem Kiemendeckel nennt man Gold- 184 ^oerüiöaö — Acctomcter. ! barsch, Schrätzer (.4. 8ebraitror^k.,I'erea8c1;.), in der Donau, größer, gelblich olivenbraun, mit 8—4 schwarzen Querstreifen, wohlschmeckend. ücecineas (Accrineen, Aceroideen, ahornartige Pflanzen), Unterfam. der 8 axünäaeeas. Bäume mit gegenständigen, handförmig gelappten, selten ungethcilten oder gefiederten Blättern ohne Nebenblätter; Blüthcn regelmäßig, viclehig oder zweihünsig; Blumenblätter meist den Kclchab- fchnitten ähnlich oder fehlend; Fruchtknoten zweifächerig, zweilappig, die Fächer mit je 2 Eichen; Griffel central; Frucht zur Zeit der Reise in zwei Thcilfrüchte gespalten; Samen ohne Eiweiß, Keimling gekrümmt, Keimblätter gefaltet oder eingerollt. Dazu die Gattung slcer, f. Ahorn. Acerno, St. im Distr. Salerno der italienischen Prov. Salerno; Bischofssitz; 2050 Ew. Accrnus, Sebastian (eigentlich Seb. Fab. Klonowicz), geb. 1551 in Sulmirschütz, st. 1608 als Bürgermeister zu Lublin; Dichter (der Sar- matische'Ovid genannt); schr.: Viktoria äeoruw etc., polnisch: IVorolc lluäasrorv (der Beutel ves Judas), Krakau 1600 ;c. Accrothcrnun oder Accratherium nennt Kaup eine Gattung vorwcltlichcr, namentlich im Tcrtiärgebirge vorkommender, dem Rhinvceros ähnlicher Säugethiere, von dem sie sich besonders dadurch unterscheidet, daß sie kein Horn hatte. Findet sich im Mainzer Becken u. in Frankreich bei Abbcville u. Sausau. üverea (röm. Aut.), Wcihranchkästcheu od. Altar zum Anzündcn von Weihrauch, .4. turaris, in der katholischen Kirche Gefäß zur Aufbewahrung der Weihrauchkörner. Accrrä (a. Geogr.), 1) (Vatrias) feste St. in Gallia Transpadana, von den Römern mit Sturm genommen, jetzt Gerra. 2) St. in Cam- panien am Clanius; von Hannibal zerstört, nach dem Kriege von Augustus wieder aufgebaut; jetzt Acerra. Acerra, St. im Distr. Nola der italienischen Prov. Caserta, an der Eisenbahn Rom-Neapel; Bischofssitz, Prätur, Kathedrale, 1840 renovirt, Schwefelbäder; 13,600 Ew. tleervnlus (Anat.), Hirnsand. Häufig in den Adcrgcflcchteu des Hirns, in kia, matcr u. Arach- nvidca, selten in den Hirnhöhlen; am häufigsten in der Zirbeldrüse (s. d.). Er ist Krankheits- product u. besteht aus Körnern von verschiedener Form u. Größe. /loeevus (lat.), 1) Haufen; 2) sophistische Art, Jemand durch fortgesetztes Fragen, wie viel Körner zurBildung ciucsHaufens gehören,in Verlegenheit zu setzen. Man fragte nämlich zuerst, ob 1 Korn dazu ansreichc, dann, als dies verneint wurde, ob 2, 3 re., u. so schien zu folgen, daß nie ein Hausen gebildet werden könne, da 1 Korn zur Bildung desselben nicht hinreichc. Diese sophistische Fragwcise wird auch Svrites (s. d.) genannt. Vgl. Sophismen. Acesccut (v. Lat.), säuerlich; daher Lossven- tia. leicht säuernde, säuerliche oder wirklich saure Arzneien od. Nahrungsmittel; Accscenz, Neigung zum Sauerwerden. üoetadulum, 1) (Ant.) bei den Römern ein becherförmiges Gefäß, worin man Essig (aestum) auf die Tafel setzte; dann metallene Becher, welche die Taschenspieler zu ihren Kunststücken brauchten z sowie Gefäße, die, ähnlich deni Glockenspiel, gestimmt wurden u., mit Stäbchen geschlagen, harmonische Töne gaben; endlich ein Maß für Flüssigkeiten u. Trockenes, — H guartarirw oder 0,„^ Liter. 2) (Anat.) Gelenkpfanne zur Ausnahme eines Gelenkknochens, besonders des Oberschenkelknochens. ^ Acetal (Chem.) 6 ,H, 40 z bildet sich bei der unvollständigen Oxydation des Alkohols durch Platinmohr neben Aldehyd u. Essigäther, von welchen elfterer durch Destillation entfernt, letzterer durch Kalihydrat zersetzt wird. Man gewinnt es u. a. als Nebenproduct bei der Darstellung des Aldehyds durch Erhitzen von Alkohol mit Braunstein U. Schwefelsäure, sowie beim Erhitzen von Aldehyd mit Alkohol auf l 00°. Als !: Product der langsamen Oxydation von Alkohol kommt es auch im Rohspiritus u. in alten Weinen vor. Es bildet eine wasscrhelle, ätherisch riechende Flüssigkeit von erfrischendem Geschmack; spec. Gew. 0,^, bei 22°, Siedepunkt 104—106°. Seine Löslichkeit in Wasser nimmt mit steigender Temperatur ab, mit Alkohol u. Äther ist es in jedem Verhältnis; mischbar. An der Luft bleibt es unverändert, verwandelt sich aber bei Vorhandensein von Oxydationsmitteln in Aldehyd u. Essigsäure. Das A. ist mit dem Diäthylin- glycol isomer. Acetaldehyd (Chem.), s. Aldehyd. Acetamid (Chem.) entsteht durch Einwirkung von Essigäther auf Ammoniak und wird dargestcllt, indem man conccntrirte Essigsäure mit Ammoniak sättigt u. destillirt. Es ist eine farblose, krystallinischc Substanz, die bei 78° schmilzt u. beim Erkalten große Krystalle bildet; bei 222" siedet cs. Der Körper riecht cigen- thümlich, löst sich in Wasser, Alkohol u. alkoholhaltigem Äther, in reinem Äther weniger. Es verbindet sich sowol mit Säuren zu unbeständigen, salzartigen Verbindungen, als auch mit Metallen. Beim Erhitzen mit Wasser in zugcschmolzenen Röhren, oder beim Kochen mit Alkalien oder Säuren zerfällt es in Ammoniak und Essigsäure. Leitet man über geschmolzenes A. Salzsäuregas und destillirt, so verflüchtigt sich Diace- tamid und im Rückstände bleibt salz- saures Acediamin, ein in farblosen Nadeln kry- stallisirendcs, in Wasser u. Alkohol lösliches Salz, aus dem mau die Basis Acediamin OyllsHz, nicht isoliren kann. Acetanilid (Chem.), s. Anilin. Acetas (v. Lat.), essigsaures Salz, Essigsäure. Acetate (Chem.), essigsaure Salze. Acctin (Chem.) 65 N 10 O 4 , eine in Wasser wenig lösliche, ölige, ätherisch riechende Flüssig- . kcit, die sich bei längerem Erhitzen von Glycerin mit Eisessig uns 100° bildet. Erhitzt man mit ^ überschüssigen; Eisessig auf 250°, so entsteht Tri- acetin, eine im Ol der Samen des Spindel- i baumes (blvonz-mus euroxasa) natürlich vorkom- ! mende Substanz. Acctomcter (v. lat. acötum, Essig, und gr. Mstrüll, Maß), Instrument, welches zur Bestimm- s ung der Stärke des Essigs dient, s. u. Essig. ^ 135 Aceton — Aeerön (Chem.), Brcnzessiggeist, Essiggeist, Timethylaccton, Meihylacetyl, 6z8g0, entsteht bei der trockenen Destillation von essigsanren Salzen, von Weinsänre, Zucker, Holz (daher Bestand- thcil des rohen Holzgeistcs), sowie auch beim Durchlciten von Essigsäurcdämpsen durch eine glühende Röhre. Zur Darstellung erhitzt man cssigsauren Kalk, um es reiner zu erhalten, essigsauren Baryt in einer eisernen Retorte. Jin Großen wird es als Nebenprodukt bei der Anilinfabrikation gewonnen. Man hat es auch im Harn bei der Zuckerharnruhr (Diabetes mellitus) gefunden. Das A. ist eine wasserhelle, angenehm riechende Flüssigkeit, mit Wasser, Alkohol u. Äther mischbar, von spcc. Gew. O,«, . bei 0" u. dem Siedepunkt 56°; bei —lb° bleibt es noch flüssig; es verdampft schnell u. ist brennbar. Fette, Harze, Farbstoffe rc. lösen sich darin auf. Mit Oxydationsmitteln erhitzt, zerfällt es in Essigsäure und Kohlensäure. Beim Einleiten von Chlor in A. ; bildet sich als erstes Substitutionsproduct Di- - chloraceton eine ölige Flüssigkeit von anfangs angenehmem, dann heftig reizenden, Geruch, der cantharidenartig auf die Haut einwirkt. Mit sauren schwefligsanren Alkalien geht h das A. in Wasser leicht lösliche, krystallisirende js Verbindungen ein, aus denen durch Destillation mit kohlensauren, Kali ganz reines A. erhalten l wird. Concentrirte Schwefelsäure, Alkalien rc. verwandeln das A. durch Wasscrentziehung in s Mesityloxyd, Phocon, Mesitylen u. Hylitol, von ,, denen das Mesitylen oder Trimethylbenzol ( 698 , 2 ) i wichtig ist, weil es die Umwandlung eines Fcttkörpcrs in eine aromatische Verbindung zeigt. Es wurde früher gegen Wurmbeschwcrden, neuer- dings bei Kehlkopf- , 1 . Lungenschwindsucht verwendet; seine Wirkung ist der des Kreosots ähn- ! lich. Vgl. Becker, Das A., über dessen medici- ! Nische Verwendung, Mülhaus. 1867. > Acetone, s. Ketone. ! Acetonsäure, Oxhisobnttersiiure (Chen,.), ! OjUgOg, bildet sich beim Behandeln von Aceton i mit Blausäure u. Salzsäure, ist leicht löslich in ! Wasser, krystallisirt in langen Nadeln, die bei 79° schmelzen, vorsichtig erhitzt schon bei 50° subliiniren u. bei 212 ° sieden. Mit Basen bilden sie krystallisirbare Salze. ttoeium (lat.), Essig (s. d.); dort auch die verschiedenen Arten, wie L. äestillatum, Zlaaials rc. Lcetum in peotore badet, lat. Sprichwort, er hat Essig (Säure) in der Brust, d. h. besitzt Witz. Acetyl (Chem.), ein noch nicht im freien Zustande bekanntes Säureradical von der Formel 62896 , welches in der Essigsäure und ihren Derivaten angenommen werden kann; demnach wäre z. B. Essigsäure als A-Oxydhydrat,Essigsäureanhydrid als A-Oxyd, Aldehyd als A-Wasserstoff zu betrachten; s. Radicale. ^ Acetylen (Chem.), Äthin, Klumegas 6282 , ein gasförmiger Kohlenwasserstoff, u. zwar der einzige, der durch dirccte Vereinigung von Kohlenstoff u. Wasserstoff sich bildet, nämlich dann, wenn man den elektrischen Flammenbogen zwischen Kohlenspitzen in einem Strom von Wasserstoff erzeugt. A. bildet sich bei der unvollständigen Verbrennung organischer Körper, sowie Lei - Achaia. der Zersetzung vieler Kohlenwasserstoffe, z. B. des Äthylen, durch die Wärme, daher es auch in geringer Menge im Leuchtgas enthalten ist; beim Durchlciten von Alkohol- u. Äthcrdämpfcn durch glühende Röhren u. auf mancherlei andere Weise. Das Gas ist farblos, von unangenehmem Geruch, den man wahrnimmt, wenn man Leuchtgas an der unteren Öffnung des Bnnsenschen Brenners anzündet, wobei sich durch unvollständige Verbrennung viel A. bildet. Es ist in Wasser löslich, nicht coercibel und verbrennt mit leuchtender, rußender Flamme. Sein spcc. Gew. ist 0 , 9 .,. Beim Durchlciten von A. oder auch von Leuchtgas durch eine ammoniakalischc Lösung von Kupscrchlorür entsteht eine rothe, explosive Verbindung, welche sich auch in kupfernen Gasleitungsröhren ansctzt u. die Ursache der Gefährlichkeit solcher Leitungen ist. Aus dieser Kupfer- u. einer ähnlichen explosiven Silberver- bindung erhält man durch Zersetzung mit Salzsäure reines A. Mit Chlor verpufft das N. im Licht unter Abschcidung von Kohle, manchmal aber bilden sich ohne Detonation ölige Flüssigkeiten, Verbindungen von Chlor niit A. In der Wärme bildet cs je nach Umständen Benzol, Naphthalin, Äthylen rc. Auch verbindet es sich mit diesen u. ähnlichen Kohlenwasserstoffen. Durch Einwirkung von Ammoniak „u. Zink auf die Kupferverbindung bildet sich Äthylen, ebenso beim Erhitzen von A. mit Wasserstoff. Oxydationsmittel führen es in Ameisensäure, Essigsäure, Oxalsäure über. Das A. bietet sonach den interessanten Ausgangspunkt für die Synthese vieler organischen Körper, namentlich auch des Alkohols. Acetyloxyd, so v. w. Essigsäure-Anhydrid. Aeetyloxydhydrat, so v. w. Essigsäure. Acetylsänrc, so v. w. Essigsäure. Acetyltuasscrstoff, so v. w. Aldehyd. ü. Ob., Abkürzung für anno Obristi, im Jahre nach Christi Geburt; oder auch für ants Obristnin, vor Christo. —ach, bcz. in Zusammensetzungen ein kleines Gewässer und kommt besonders in Flußnamen SDeutschlands vor, so Eschach, Schwarzach, Steinach rc.; vgl. Aach, Aa, Ächen, Ache. Acha, so v. w. Achen. Achäa (a. Geogr.), 1) so v. w. Achaia; 2) Stadt auf Kreta. Achäer (Achäi), 1) hellenischer Völksstamm, dessen sagenhafter Ahn Achäos, Sohn des Lnthos, ursprünglich in Thessalien ansässig, dann im westlichen Peloponnes das herrschende Volk. Weil die Heerführer der Griechen vor Troja aus diesem Stamme waren, faßt Homer dieselben unter dem Namen A. oder Panachäer zusammen. Weiteres s. Achaia; vgl. auch Gerhard, Über den Volksstamm der Ä., Bcrl. 1854. 2) Ein sarmatiiches Volk an der nordöstlichen Küste des schwarzen Meers. Achägna (Achaguas), Ackerbau treibender Jndianerstamm im Staate Apure der Republik Venezuela (SAmcrika), mit gleichnamiger Stadt von 2000 Ew. Achaia (Achaja), der nördl. Küstenrand des Peloponnes; im Wesentlichen der NAbhang der l 136 Achaia. mächtigen nordarkadischen Gebirge, denen nur ein im W. zu einer größeren Ebene sich ausdehnender, schmaler Küstensauin vorlicgt. In ältester Zeit hieß A. Ägialea (Küstenland); hier wohnte ein sagenhafter Theil des ionischen Stammes, dem die erste Gründung der 12 bedeutenden Städte der Landschaft (Ägeira, Pellene, Bura, Helike, Ägion, Patrü, Olcnos, Dyme, Ägä, Rhypes, Pharä u. Tritüa) zugcschrieben wird. Als die He- raklidcn u. Dorier um 1100 v. Chr. den südlichen Peloponnes eroberten, warfen sich, namentlich unter des Orestes Abkömmling Tisamenos, Massen von Achäern auf das Land Ägialea, vertrieben u. unterwarfen die Ionier; seitdem hieß die Landschaft A. Nach Tisamenos' Tode theilten seine Söhne (Tisamenidcn) das Land u. regierten bis auf Ogyges als Könige. Nach demselben nahm jede der achäischen Städte eine demokratische Verfassung an. Zu einem losen Bunde geeinigt, spielten diese Achäer in Griechenlands Blüthezeit nur eine bescheidene Rolle. Äls Söldner in der Fremde geschätzt, konnten sie sich seit Ausgang des Peloponncsischen Krieges der Obmacht der Spartaner nicht entziehen. Unter den Kämpfen zwischen Theben n. Sparta seit der Schlacht bei Leuktra (371 v. Chr.) u. nachmals unter den Stürmen der Diadochenzcit hatte sich endlich der alte Bund aufgelöst. Erst als diese Stürme auszntvben begannen, erst als es nöthig wurde, die Usurpatoren oder einheimischen Tyrannen abzuschütteln, traten zuerst 280 v. Chr. die Staaten Paträ, Dyme, Tritäa u. Pharä wieder zu einem Bunde zusammen (Achäischer Bund), dem sich bald noch 0 anschlossen. Vollkommene Festigkeit erhielt der Bund, als Aratos demselben mit seiner Vaterstadt Sikyon (251 v. Chr.) beitrat u. 243 die Makedonier aus Korinth vertrieb. Damit war der Grund zu einem neuen, demokratisch geordneten, hoffnungsreichen Bundesstaate gelegt. Nach den Bundesgesetzen behielt jede Stadt ihre eigene Verfassung ü. war in ihrer inneren Verwaltung unabhängig; die Gesetzgebung in Bnndesangelcgenhcitcn stand einer Versammlung zu, woran alle 30jährigen Bürger der einzelnen Städte thcilnehmen konnten u. welche jährlich zweimal in Ägion zusammenkam. Die ständigen (jährlich erneuerten) verwaltenden Behörden waren der Strategos, der Repräsentant des Bundes nach außen u. der Leiter im Innern, ein Hipparchos und ein Staatssccretär (Gram- mateus), u. noch 10 Räthe (Demiurgi). Aratos stand bis zu seinem Tode (213 v. Chr.) als leitender Staatsmann an der Spitze des Bundes, an welchen sich bis zum I. 228 v. Chr. allmählich die meisten Städte von Arkadien u. Argolis, Korinth, Megara, Ägina u. Phlins anschlossen. 'Nur die Spartaner arbeiteten dem Bunde entgegen. Dieser schlimme Umstand trieb endlich im I. 223 den Aratos zu dem unheilvollen Entschluß, bei den Makedoniern Hilfe zu suchen. Die Letzteren vernichteten nun zwar die Macht der Spartaner, dafür aber wurde Korinth wieder eine makedonische Festung n. der Bund thatsäch- lich ein Vasallenstaat des Makedonischen Reiches. Ta war cs ein großer Gewinn, daß Philo- pömen wenigstens jseit 208) eine neue, tüchtige, volksthümliche Armee zu schaffen verstand, die sich zunächst in Kämpfen mit Sparta bewährte. Als nachmals die Kriege der Römer mit Makedonien bis zum I. 196 die Macht dieses Staates zertrümmerten, wurden die Achäer, die im I. 193 zu Rom übergetreten waren, zunächst von Rom aus sehr begünstigt. Sie vermochten sogar durch Einverleibungen Elis, Sparta und Messenien (192 u. 191 v. Chr.), endlich den ge- sammten Peloponnes in ihrem Bunde zu vereinigen. Als aber in Rom allmählich auch eine ihnen weniger freundliche Politik das Übergewicht gewann, begann eine schlimme Zeit. Rom unterstützte die immer wiederkehrcnden particularisti- schen Auflehnungen in Sparta u. Messenien gegen den Bund, u. als erst Philopömen im I. 183 im Kampfe mit Messenien umgekommen war, bot Roni einer Partei im Bunde mit Erfolg die Hand, welche das Aufgeben jeder selbstständigen Politik des Bundes als ihr Programm bczeich- nete. Die Abführung von tausend Patrioten, die Rom während seines Krieges mit Perseus von Makedonien verdächtig geworden waren, im I. 167 nach Italien erbitterte das Volk auf das Furchtbarste. Und so kam es, daß endlich ein neuer Zwist mit Sparta, dem Schützling der Römer, — unter der leidenschaftlichen u. blind wüthcnden Erbitterung einiger der heftigsten Feinde der Römer — im I. 146 v. Chr. einen Krieg der Achäer gegen die römische Weltmacht entzündete, der bis zum Spätherbste desselben I. mit der totalen Niederlage Griechenlands unter den Strategen Kritolaos u. Diäos und der Zerstörung von Korinth durch den Consul L. Mnmmius endigte. Damit hat die Geschichte des Achäischen Bundes ihr Ende erreicht. Die Römer, die seit dieser Zeit das gesammtc Griechenland A. zu nennen Pflegten, stellten zunächst den Peloponnes u. die übrigen griechischen Landschaften unter die Oberaufsicht ihres makedonischen Statthalters. Erst als Kaiser Augustus im I. 27 v. Chr. die Leitung der Provinzen des Reiches mit dem Senat theilte und Griechenland dem Senat znwies, wurde die neue Prov. A. selbstständig organisirt. Außer dem Peloponnes, den reichsten Inseln und Mittelgriechcnland wurden damals auch Thessalien und Epiros A. zugefügt. In der feit Cäsars Zeit hergestcllten Hauptstadt Korinth residirte nun als Statthalter ein gewesener Prätor, der in dieser seiner neuen Stellung den Titel Proconsul führte. Thessalien u. Epiros sind wahrscheinlich uni den Beginn des 2. Jahrh. n. Chr. von A. wieder getrennt worden. Seit Diocletian und Constantin d. Gr. in diesen Grenzen eine proconsularische Provinz der illh- rischen Präfectur, resp. der makedonischen Diö- cese, fiel A. bei der Thcilung des Römischen Reiches im Jahre 395 n. Chr. den oströmischcn Kaisern zu und wurde in demselben und in dem folgenden Jahre durch den Westgothen Alarich entsetzlich verheert. Bulgarische u. sla- vische Verheerungen haben nachmals im 6., 7. u. 8. Jahrh. n. Chr. wiederholt Griechenland schwor heimgesucht, slavische Ansiedelungen in vielen Theilen des Landes die ethnographischen Verhältnisse stark verändert, wie auch seit 807 n. 137 Achalkalaki — ^oliania. > Chr. das Land wieder eine gesicherte griechische Provinz des Byzantinischen Reiches gewesen ist. Staatsrechtlich schwindet der Name A. völlig etwa seit dem 9. Jahrh., wo auch Griechenland in mehrere Militärbezirke oder Themata, nämlich Hellas oder Mittelgriechcnland und Pelopon- nesos, unter selbstständigen Strategen, zerlegt erscheint. Von einem A. ist erst in dem späteren Mittelalter wieder die Rede. Nach der Eroberung Constantinopels durch die Lateiner nämlich, 1204, gewann seit 1209 Gottfried I. von Bille-Hardouin das 1205—1209 durch Wilhelm von Champlitte eroberte Morea oder A. als Fürstenthum. Sein Sohn GottfriedII. folgte ihm 1218—1245; dessen Bruder Wilhelm II., 1248—1278, verlor nach dem Sturze des Lateinischen Kaiserthums 1261 Lako- nicn an den Kaiser Michael Paläologos. Bei Wilhelms II. Tode fiel A. an das dem letzten Bille-Hardouin verschwägerte Haus Anjou in Neapel, welches A. theils durch Statthalter, theils durch Vasallenfürstcn regieren ließ. Aber seit 1311—1321 der Schauplatz blutiger Fehden unter den fränkischen Besitzern, wurde seitdem das fränkische A. allmählich durch die Byzantiner von Lakonien aus zurückerobert, namentlich als seit 1364 mit Robert von Tarent der letzte Fürst von A. gestorben war u. der Rest von A. in unabhängige Baronien aufgelöst wurde. Während bereits die Osmanen in Europa sich mächtig ausdehnten, hatten die Palüologen bis 1432 mit Ausnahme einiger von Venedig besetzten festen Städte Morea gewonnen. Aber nach der Eroberung von Constantinopel unterwarfen die Os- mancn bis 1460 die Halbinsel, die denn (mit Ausnahme der Episode venetianischer Herrschaft 1687—1718) bis zu der neugriechischen Erhebung des I. 1821 als Paschalik von Tripolitza in den Händen der Pforte geblieben ist. In unserer Zeit heißt „A. u. Elis" die 6. der 13 Nomarchien des Königreichs Griechenland, der nordwestliche Thcil von Morea, 4942 (89H dW) mit 149,561 Ew. und der Hauptstadt Patras; ge- theilt in die vier Eparchien: Ägialia (Hauptstadt Vostitsa), Kynätha (Hauptstadt Kalavryta), Paträ (Hauptstadt Patras), Elca (Elis,Hauptst.Pyrgos). Achalkalaki (d. i. Neustadt), feste Stadt im Kreise Achalzik (Transkaukasien), an der armenischen Grenze; 2000Ew.; war früher türkisch, wurde aber im Aug. 1828 von den Russen erobert und verblieb denselben im Frieden von Adrianopel 1829. Achalin, 712 m hoher Berg der Rauhen Alp, ^ Stunde von Reutlingen, im württembergischen Schwarzwaldkreise, mit den Ruinen des Stammschlosses der zu Ende des 11. Jahrh. ausgestor- bencn Grafen von A. Später kam A. an die Welfen, wurde 1262 an Württemberg verpfändet u. verblieb 1378 ganz bei Württemberg; die Burg verfiel seit 1587. Jetzt befindet sich auf dem Berge eine königl. Meierei zur Zucht von Merinoschafen, Angora- und Kaschmirziegcn. Achalzik (Achaltsiche, Achalzych, d. h. Neuburg), 1) Kreis im russischen Kaukasien, Gouv. Tiflis im Gebictedcs obernKur; gegen63,000Ew.; etwas waldig, fruchtbar; seit 1829 russisch; 2) (Akhyska, gevrg. Achale Zichc, d. i. neue Festung, türkisch Achißcha-Kalessi) gleichn. Hauptstadt, 920 m hoch gelegen, am Poskho u. am Südfuße eines Gipfels im Persathi-Gebirge, früher Hauptstadt von Türkisch-Georgien; Gold-, Silber- und Waffen- fabrikcn, Gerbereien, Mais, Baumwolle, starker Weinbau, höhere Unterrichtsanstalt mit einer geschätzten orientalischen Bibliothek; 14,700 Ew. A. ist wahrscheinlich von Nuschirwan erbaut; durch Selim I. au die Türken gekommen, gerieth es wieder in die Hände der Perser, ward aber 1635 durch den Vezier Murads IV. zurückerobert. Hier den 20. Aug. 1828 Überfall der türkischen Armee durch die Russen unter Paskewitsch u. am 27. dess. M. Erstürmung der Festung. Dagegen wurde der Sturm der Türken unter Achmed Pascha im März 1829 vom russischen General Bebutow abgeschlagen. Am 26. Nov. 1853 bei A. Sieg der Russen unter Andronikow über die Türkei: unter Ali Pascha, s. Russisch-türkischer Krieg. Achämenes, Ahnherr der Achämenidcn (s. d.). Ach- keniden, Name des altpersisckien Herrschergeschlechtes, so benannt nach dessen Begründer Achämenes (pers. Hakhsmanis, d. h. der Mann freundlichen Gcmüthes), welcher nach Herodot zur Zeit des Mederkönigs Phraortes (etwa 650 v. Ehr.) Unterkönig über Persien war. Das Geschlecht der A. bildet eine Abthcilung des Kricgcrgeschlechtes der Pasargaden, des edelsten Stammes der Perser. Die älteste Geschichte der A. ist sehr dunkel, u. erst in neuerer Zeit bringen die Keilinschriften einiges Licht in dieselbe. Nack, Herodot war Kyros (559—529) der Urenkel des Achämenes (Achämenes, Tcispes, Kambyses, dessen Sohn Kyros war). Kyros, dessen Geschichte noch halb in Sagen gehüllt ist, schüttelte das Joch der Meder ab u. wurde der Stifter der großen persischen Universalmonarchie; mit ihm beginnt also die Reihe der selbstständigen persischen Könige aus dem A-Gejchlecht. Sein Sohn Kambyses (st. 522) eroberte Ägypten. Ihm folgte sein Verwandter Darms (st. 485); unter dessen u. seines Sohnes Xerxes (st. 465) Regierung fallen die unglücklichen Kämpfe mit d. Griechen. Seitdem, von Artaxerxes 1. Longimanus, d. h. Langhand, (st. 424), Regierung anfangeud, beginnt bei dem Überhandnehmcn von Luxus u. Hofintriguen der schnelle Verfall der A-Herrschaft. Die folgende Zeit (unter Darms II., st. 404, Artaxerxes II., st. 362, u. Artaxerxes III., st. 338) liefert nur das bei allen orientalischen Staaten regelmäßig wiederkchrende Bild von Thronstrcitigkciten, Despotismus, Weibercabalcn, Mord u. Blut. Daher konnte auch das große Persische Reich unter dem letzten A., den: milden Darms Kodomannus, der für die Misscthatcn seiner Vorfahren büßen mußte, dem Andrange Alexanders d. Gr. nicht widerstehen. Darius Kodomannus (336—330), mehrmals v. Alexander besiegt, wurde auf der Flucht von seinen eigenen Verwandten gefangen u. st., von deren Dolchen durchbohrt (vgl. Persische Geschichte), als der Letzte seines Geschlechtes. Lcbnnis Äa. (Tutenmalve, Llalvavisous TM.), Pflanzengattung aus der natürlichen Familie der Llalvaosas, 16. Kl. 1. Ordn. D. Arten: malvaviseuo (Schampappel), zierliches, bei uns in Treibhäusern cultivirtes Bäumchen aus 138 Achünium - Mexico, mit herzförniigcn Blättern, großen, zusammengedrehten, scharlachrothen Blüthen; L.. oorästs, aus Brasilien; ^e. mollis u. Mosa, aus Mexico u. Wcstindien. Von mslvsviseus war irüher die Wurzel officinell. Achärnum (Achäne, gr.), so v. w. Schließ- frucht, d. i. Trockenfrucht, welche bei der Reife nicht aufspringt u. nur einen Sanien enthält; findet sich besonders bei den Compositen. Achiios, 1) Sohn des Xuthos u. der Kreusa (Bruder des Jon u. Enkel des Hellen), der anfangs im Peloponnes, dann in Thessalien sich niedcrließ; mythischer Stammvater der Achäer. 8) Tragödiendichter aus Erctria, lebte als Zeitgenosse des Euripides in Athen, geb. um 480, gest. vor 406. Seiner etwas derben Richtung entsprach die Vorliebe für das Satyrdrama, in welchem er nur dem Äschylos nachgcstanden haben soll. Bon seinen etwa 60 Dramen kennen wir 18 Titel, darunter etwa die Hälfte solche von Satyrdramen. Die Fragmente in Naucks Zrs§- msnts trsxloorum Arssoorum. 3) Schwager des syrischen Königs Seleukos II. Kallinikos u. nach desscnTodc 225 v. Ehr. Vormund seines Neffen Seleukos III. Keraunos. Als dieser im 1.222in Phry- gieu ermordet worden war, rächte er den Mord, lehnte die ihm durch dieTruppen angetragene Krone ab und half des Ermordeten Bruder, dem An- tiochos III., auf den syrischen Thron. Er ward von diesem als Statthalter von Sardes eingesetzt, aber da er sich aus Furcht vor einer Hofintrigue unabhängig machen wollte, 215—214 v. Ehr. von Antiochos in Sardes belagert u. hingerichtet. Acharäka (a. Geogr.), Flecken in Karlen zwischen Nysa u. Trallcs, wo ein Plutonion mit Hain u. Tempel des Pluto u. der Proserpina u. einer Charonischcn Höhle war. In dieser Höhle war ein Traumorakel, welches den Kranken oder Priestern die Mittel der Heilung angab. Hier wurde jährlich ein Fest gefeiert, wobei nackte Jünglinge einen Stier von dem Kampfplatze in die Höhle führten, der nach einer kurzen Strecke in Folge der dem Boden entsteigenden Gase todt niederfiel. Jetzt Df. Akchay oder Akkeuy. Achard, 1) Franz Karl, geb. 28. April 1753 in Berlin, der eigentliche Begründer der Runkelrübenzuckerfabrikation in Deutschland, indem er Marggrafs Entdeckung des Zuckers in der Runkelrübe praktisch zu verwerthen suchte u. auf seinem von deni König Friedrich Wilhelm III. v. Preußen dazu erhaltenen Gute Cnnern bei Breslau eine Musterfabrik u. 1812 eine Lehranstalt an- lcgte. A. war auch seit 1782 Direetor der Physikalischen Klasse der Akademie der Wissenschaften in Berlin u. st. 20. April 1821. Er schr.: Gesammelte Abhandlungen, Berl. 1780 u. 84; Vorlesungen über Experimentalphysik, ebd. 1791 f., 4 Thle.; Die europäische Znckcrfabrikation aus Runkelrüben, Leipz. 1809, 3 Bde., n. Ausl. 1812. 2) Adolphe, geb. 1808 in Lyon, erlernte die Seidenweberei, ging jedoch bald zum Theater und spielte später mit Beifall in mehreren Städten SFrankreichs, endlich 1834 in Paris am Nationaltheater, wo er durch sein lebhaftes Spiel u. seinen Gesang Beifall erntete. Er st. im Juli 1856 in Paris. 3) Baron, französischer General, geb. — Acharnä. 1778 auf Stc. Lucie, machte 1797 als Lieutenant den Feldzug in Italien mit u. ging dann nur dem Heere nach St. Domingo zur Unterdrückung des Aufstandes gegen Frankreich; von da 1803 als Capitän zurückgekehrt, wohnte er den Feldzügen gegen Preußen 1806 u. gegen Österreich 1809 bei. 1811 zum Bataillonschef, 1812 zum Negiments-Commandcur ernannt, machte er den Zug gegen Rußland mit u. zeichnete sich mehrfach aus. Während der Hundert Tage ernannte ihn Napoleon zum Brigadegencral und übertrug ihm das Commando in !a Maycnne. Nach der Restauration außer Activität gesetzt, wurde er 1818 wieder als Oberst zur Armee berufen u. erhielt 1823 auch den Charakter als Brigadegencral wieder; er zog mit nach Spanien, 1830 nach Algier u. 1831 vor Antwerpen; später wurde er Befehlshaber der 5. Militärdivision, nach der Februarrevolution aber zur Reserve versetzt u. später vom Kaiser zum Senator ernannt. Er st. 6. Jan. 1865. 4)Louis Amödöe Engdne, franz.Schriftsteller, geb. im April 1814 in Marseille, erlernte die Handlung, lebte 1884 bis 35 in Algier und wurde nach seiner Rückkehr Privatsecrctär des Präfectcn von Hante-Garonne; seit 1838 widmete er sich aber der Schriftstellern u. schrieb namentlich 1845 den dourrler äs Zsris, die Zxoguo, unter dem Pseudonym Grimm die Zottrss psrisisuuss über die socialen Zustände in Paris, welche er später als dlouvollss Isttres xsrisiooues unter dem Namen Alceste sortsetzte. 1846 begleitete er den Herzog von Montpensicr zu dessen Vermählung nach Madrid u. war nach der Februarrevolution 1848 politischer Schriftsteller ini Lager der Royalisten. Er st. 24. März 1875 in Paris. A. schr. viele Romane u. Novellen, u. a.: Lolis Ross, Par. 1847, 5 Bde.; Zs. olmsss royale (unter dem Pseudonym Alceste), 1849 f., 7 Bde., 1858, 2 Bde.; Uns ssisou s ^rr-lss- Lsius, 1850; Zss odstssux ouZspsMie, 1854; Zss xetits-Lls äs Zovelsoe, 1854, 3 Bde.; Zs rsbs äs Hsssus, 1854, 3 Bde.; Z'owbrs äs Zuäovlo, 1858; Z'osu gul äort, 1860; Zs misers ä'uu millloimslrtz, 1861; Mos Zompsts, 1861; Zs trsits äss blouäos, 1863; Zistoirs ä'uu lloiuius, 1863; Zs äus äs Odarlopout, 1864; Nsäsius äs Kursus, 1865; Zss Zourodss Osuärues, 1866; Zs ollssss s 1'iässl, 1867; Nsroslls, 1868; Zs vis orrsuts, 1868; Zsslts ä'uu Loläst, 1871, rc. lt «Marge (fr.), zu Lasten. Acharms, Erik, schwedischer Botaniker und Arzt, geb. 10. Oct. 1757 zu Gefle in Schweden: wurde 1789 Provinzialarzt zu Wadstena, 1796 Mitglied der Akademie u. 1801 Professor der Botanik; st. das. 14. Aug. 1819; schr.: Ziclieuo- Arsplüss suoeiese xroäroiuus, Linköp. 1798; Netiroäus gus omues äetoetos llellsuss sä Feuers ote. roäeZIt, Stockholm 1803, Hamburg 1805, 2 Thle.; ZiolreuoZwspdis universslis, Göttingen 1810; Lzmoxsls mstlroäies lielrsuuiu sie., Lund 1814. Acharnä (a. Geogr.), Demos der attischen Phyle Öneis; mit Wein u. Ölbau; seine zahlreichen Ew. waren thcils Kohlenbrenner. Daher Acharneis (Bewohner von A.), Titel einer Komödie des AristophaneS, in welcher die Elfteren 139 Acharnar — Achat. ! > v den Chor bildeten. A. lag in der Nähe des jetzigen Menidhi. Jetzt heißt neuerdings ein Demos der neugricch. Eparchie Attika mit 2900 Ew. so. Acharnar, Stern im Eridcinus (s. d.). Acharnement (fr.), Raubgier, hitzige Kampfbegier; acharnirt, versessen. Achat, Collectivname für ein Gemenge verschiedener Quarzvarietäten, die gewöhnlich streifenweise mit einander wechseln und die sich durch Farbe, Polarisationsvermögen, Härte u Durchsichtigkeit von einander unterscheiden. Diese Varietäten sind Chalcedon u. dessen llutcrvarictäten, Carncvl, Onyx, Plasma, Heliotrop, dann Jaspis, Hornstein, Bergkrystall, Amethyst u. a. Es ist jedoch gebräuchlich, auch einzelne dieser Varietäten für sich A-e zu nennen. Über die allgemeinen Eigenschaften des A-s sei hier nur bemerkt, daß seine Härte im Allgemeinen die sogenannte Ouarzhärte (s. u. Härtescala) ist, einzelne Varietäten sind etwas weicher. Chemisch ist er Kieselsäure, u. zwar ein Gemenge der beiden Modifikationen derselben, die als Bergkrystall u. Opal Vorkommen. Über die weiteren allgemeinen Eigenschaften, die er alle mit dem Quarz theilt, s. d. Der A. findet sich als Gangausfüllung in Böhmen u. Sachsen, z. B. im Müglitzthale bei Schlottwitz, meistentheils jedoch als Aus- füllungsmasse von Mandeln der Mandelsteine, namentlich der Mandelsteiue des Melaphyrs. Ein sehr bekanntes Vorkommen ist das im Melaphyr am Südabhange des Hunsrücks, wo die schönsten im Nahethal in der Gegend von Oberstem Vorkommen, u. von hier, verschlissen zu allen möglichen Schmuckgegcnstäudcn, seit Jahrhunderten bekannt sind u. in alle Welt gehen. Auch die jetzt daselbst am meisten verarbeiteten Achate aus Uruguay und von Rio grande do Sul, die sich dort als lose Geschiebe in Büchen, oft in viele Centner schweren Stücken vorfinden, haben den Melaphyr zum Mnttcrgestcin lind sind aus diesem ausgewittert. Weitere Fundorte sind Ägypten und der Orient, der uns heute noch ausschließlich den Heliotrop liefert, u. zwar in Stücken zerbrochener Säulen, deren Fundort man nicht kennt. Über die Bildung der A-e in den Truscnräumen der Mandelsteiue hat man die verschiedensten Hypothesen ausgestellt, indessen dürfte die Bischofsche Ansicht, nach der dieselben Infiltration?- u. Zcrsetzungsproducte Kieselsäure oder kieselsaurcs Alkali enthaltender Gewässer sind, wol die am allgemeinsten angenommene sein. Namentlich spricht für diese Ansicht, daß an den Hauptfundorten, z. B. am Galgeuberg bei Idar, der Melaphyr sich im vollkommen zersetzten Zustande befindet, also das Muttergestein, was auch -seinen primären Bestandthcildn nach möglich ist, das Material selbst geliefert hat. Der Aus- laugeproccß ist nach Bischof nur auf dem kalten Wege mittels gewöhnlicher atmosphärischer Niederschläge vor sich gegangen u. erklärt ungezwungen nur mit Zuhilfenahme langer Zeit die Entstehung. Volger nimmt an, die Hohl- räume der Mandelsteiue seien metamorphösirtc Geschiebe, ihm ist der Mandelstcin ein Couglo- mernt, also auf wässerigem Wege entstanden. Noch Andere, namentlich Nöggerath, nahmen an, die Infiltration sei nicht allmählich geschehen, sondern durch öfter stattgehabte plötzliche Füllung u. dann allmähliche Verdunstung. Die Ansicht stützt sich namentlich darauf, daß man a» einzelnen Ä-mandeln sogenannte Einflußöffnungen fand, d. h. Stellen, wo sich die verschiedenen farbigen Schichten, die gewöhnlich mit der äußeren Oberfläche der Mandeln ziemlich parallel laufen, zusammenziehcn und bis zur Oberfläche heraus- gehcn, so gleichsam anzeigend, sie seien hier hereingcflossen. Daß der Einflußkanal nicht bei allen Stücken zum Vorschein kommt, erklärt sich daraus, daß die Trcnnungsfläche beim Durchschlagen nicht immer gerade die oft nur enge Eiugangsöffnung trifft. Wenn gegen die Bildung nach Bischof angeführt wird, daß sich niemals in den A-en organische Stoffe finden, die sich im Opal finden sollen, so vergißt man, daß dieselben bis zum Eintritt in die Drusen längst durch Filtration ausgeschieden sein müssen. Auch eine neuere Ansicht, die die A-e durch heiße intermittircudc Quellen entstanden wissen will, scheint der naturgemäßen Ansicht von Bischof keinen Eintrag thun zu können, wenigstens nicht für die größere Mehrzahl der aus- gefüllten Mandeln. Man unterscheidet verschiedene Varietäten des A-s, nach den Zeichnungen, die seine farbigen Streifen bilden u. die bestimmten Gegenständen zwar oft nur entfernt gleichen; so Band-A., der aus bandartig wechselnden Lagen u. Streifen besteht; wenn die Streifen um einen Punkt herumlaufen, so nennt man ihn Augen-A.; Festungs-A., wenn die Streifen in zickzackförmig ein- und ausspringcnden Winkeln verlaufen, wie der Grundriß einer Festung. Ebenso hat man daun noch Ruincn-A., Regenbogen-A., Ko- rallcn-A., Moos-A., Wolkcn-A., Punkt-A., Stern- A., Laudschafts-A. re. Die Alten kannten den A. unter diesem Namen bereits, sie kannten und bezogen namentlich derartige Steine vom Flusse Achates, jetzt Dirillo, in Sicilien, woher auch der Name nach Theophrast u. Plinius kommen soll; Andere nehmen an, der Name sei mit dem Stein von den Armeniern überkommen, bei denen derselbe Akat heißt. Aber er diente bei den Alten nicht nur als Schmuckstein, sondern auch geheime Kräfte sollten ihm innewohnen, u. so trug man ihn als Amulct. Der A. sollte vor üblen Gedanken schützen u. den Träger nicht liebctrunken werden lassen, der Amethyst sollte die Trunkenheit fern- haltcn, u. der Bergkrystall sollte den Schwindel vertreiben. Auch die verschiedenen Zeichnungen der Brnchflächen wurden mystisch gedeutet, so soll Pyrrhns einen A. besessen haben, auf dem Apoll mit den 9 Musen zu sehen war; im Mittelalter sah man Bilder von Heiligen in diesen Naturspielen, u. noch im vorigen Jahrh. legten Sammler Werth auf derartige Varietäten. Die Abraxas- genauen bestanden meist aus A., u. sind dieselben zeitweise massenweise in Idar importirt u. auf andere Gegenstände verschlissen worden. Die A-industrie in Oberstem ist schon sehr alt. Bereits zu Anfang des 15. Jahrh. wird dieselbe urkundlich als eine alte u. längst vorhandene bezeichnet. 1540 bestanden in Oberstem 3 sogenannte Schleifmühlen, andere im Birkcuseld- schcn, die Nahe weiter aufwärts; um 1600 findet 140 Achates — man Nachrichten, daß die Schleifer mit ihren Maaren die Messen besuchen, u. weil Einer dem Anderen durch frühere Abreise einen Borsprung abzugewinncu suchte, wurde in der Zunftordnung festgesetzt, daß bei Strafe von 5 Thlr. Keiner früher als der Andere abreise. Es war verboten, Andere in der Kunst des Schleifens zu unterrichten als eigene Söhne, nicht einmal die Frau durfte Hilfe leisten. Die französische Revolution hob die Zunftordnung zwar auf, aber nicht den Kastengeist der Schleifer, der theilwcife noch erhalten ist u. sich in manchen noch heute giltigen Gebräuchen ausspricht. So hält es heute noch schwer, ja, cs ist fast unmöglich, die Schleifer zum Auswandcrn zu bewegen, um das Gewerbe auch anderswo einzuführen, wozu man sich öfter die größte Mühe gegeben hat. Ebenso sind die Einrichtungen der Schleifer, bei den sonst überall vervollkommnetcn mechanischen Einrichtungen, noch fast dieselben, wie früher u. wie sie z. B. Collini in feinen Reisen beschreibt. Dieselben sind kurz folgende. In einer Schleife, deren bewegende Kraft imnier ein oberschlächtiges Wasserrad ist, befinden sich auf einer durch ein Vorgelege getriebenen Welle 4—5 Schleifsteine von ca. 2 m Durchmesser u. ca. 0,4—0,5 m Breite, die ca. 200 Touren per Minute machen. An jedem Schleifstein arbeiten 2 Mann, die, nur die Steine mit aller Kraft andrückeu zu können, mit der Brust in einem flachhohlen Brette liegen und die Füße hinten gegen eine Leiste stemmen. Die Steine liegen fast bis zur Achse unter der Sohle des Schleifraumes u. sind mit verschiedenen Canneluren u. Erhöhungen versehen, je nach der Form der anzusertigeuden Gegenstände. Die A-e werden vor dem Schleifen mit einein scharfen Hammer so viel wie thunlich zurechtgcspalten. Das Policen geschieht auf einer von der Vorgelegcwelle mittels eines Riemens betriebenen Holzscheibe unter Anwendung von Trippel, meist von jüngeren Lehrlingen. Das Bohren, das meist mit Splittern von schwarzen Diamanten geschieht, die in Stahlstifte oder Rohre eingelegt werden, wird in besonderen Werkstätten auf Trittbänkcn besorgt. Eine Menge anderer Vorrichtungen hängt mit dieser Industrie noch zusammen, so namentlich das Fassen der Steine zu Brachen, Dosen, Armbändern u. allem möglichen Schmuck, das zum Theil nur mit Tombak, zum Theil in Silber und Gold geschieht, das Schneiden der Steine zu Caineeu, das früher nur in Paris geschah, bis ein Obersteiner es dort erlernte u. nun auch in seine Heimath verpflanzte. In neuerer Zeit werden auch unechte Canieen aus den Schalen der 8trombus 6i^as, einer Seemuschel, massenweise angcfertigt und getragen. Einen anderen Zweig der Industrie, den Vertrieb der farbigen Maaren, besorgen die sogenannten Händler, die die Steine von den Schleifern kaufen, oder von diesen schleifen lassen, u. dieselben dann vertreiben. Dieselben kommen in der ganzen Welt umher, u. ihnen hat man namentlich die Entdeckung neuer Steine u. neuer Fundorte zuzuschreiben. In dem Anfänge dieses Jahrh. bereits, wo die Gruben bei Idar am Galgenberg, bei Fraisem, bei Baumholder, am Weichselberg :c. Achatschneckc. anfingen weniger Ertrag zu liefern, brachten diese Händler aus dem Orient Heliotrope, Onyxe rc. niit, u. im 1.1834 kamen ebenfalls durch aus- gewauderte Obersteiner die ersten brasilianischen Steine herüber. Da gute Steine in der Gegend bei Oberstem selten u. thcuer wurden, gab diese Entdeckung der Industrie einen neuen Impuls. Es sind diese brasilianischen Carneole, wie sie auch genannt werden, von ganz anderem Ansehen, als die meisten Obersteiner A-e. Während z. B. bei letzteren die Streifung meist den Umrissen der Mandeln folgt, in sich geschlossen bunte Linien bildet, sind die meisten brasilischen geradlinig parallel gestreift, so daß es aussieht, als habe die Flüssigkeit in den Hohlräumen gestanden u. als habe sich daraus die A-masse wie ein Sedimentgestein abgelagert. Die Farbe der einzelnen Schichten ist meist nur wenig unterschieden u. ein gleichförmiges Gelbgrau. Man hatte aber unter- deß gelernt, die Steine künstlich zu färben, u. es zeigte sich, daß die brasilischen sich hierzu namentlich eigneten. Die Alten kannten diese Kunst des Färbens bereits, wie die auf uns gekommenen Onyx- und Carneolgemmen beweisen. Die verschiedenen Schichten der Steine verhalten sich nämlich abweichend gegen Flüssigkeiten, einige lassen dieselben ein, andere nicht oder doch weniger. Legt man nun z. B. einen Stein in rohe Salzsäure, so wird dieselbe cingesogen u. verdampft bei nachherigem Erhitzen; die Schichten, in die sie eiugedrungen war, werden daun roth, die anderen bleiben weiß; schwarz färbt man ebenso durch Einlegen in Honig u. Verkohlen desselben mittels Brennen oder Einlegen in Schwefelsäure. Auch Blau, Lauchgrün rc. hat man durch andere chemische Processe hervorgebracht, ebenso Moosstejne durch salpetersaures Silbcroxyd nachgemacht, aber mit weniger Erfolg. Die Herstellung der Carneole u. Onyxe auf diesem Wege aber ist allgemein. Die A-industrie nährt ca. 5000—6000 Menschen n. schlägt jährlich ca. 1H Mill. Thlr. um. Vgl.: Die Halbedelsteine aus der Familie des Quarzes u. die A-industrie, von G. Lauge, Kreuzn. bei Voigtläudcr, 1868. .. Achates, tapferer und treuer Gefährte des Äncas auf seinen Irrfahrten, von Virgil verherrlicht; daher so v. w. treuer Freund. Achates (a. Geogr.), Fluß im südlichen Si- cilien, zwischen Camarina u. Gela; jetzt Dirillo, angeblich erster Fundort des Achats. üebatlna (liam.), so v. w. Achatschnecke. St. Nchatius, einer der 14 Nothhelfer (s. d.s; nach ihm benannt die Achatiusquelle, Achazquelle, Mineralquelle bei Stadt Wasserburg inOberbayeru am Inn; erdig-salinisch; anbei das Achatius- oder Agnatiibad. Achatonyx, Achat, bestehend aus verschieden gefärbten Chalcedonlagen. Achatschnecke (Lelwtina, Um.), Gatt, der zu den Lungenschnecken gehörenden Gehüusschnecken. Schale länglich, hoch, zahnlos, Mündung groß, nach oben verlängert, Muudsaum scharf, Spiudcl- säule lang vortretend, an der Basis quer abgc- stutzt; in warmen Gegenden auf Bäumen lebend: die schönsten, aber auch schädlichsten Landschnccken: bei uns nur 3 kleine Arten, so X. Indrios. LmiA,, 141 Achberg — ö—6 mm lang, unter Steinen u. in feuchtem Moose; die meisten in OJndien u. Afrika, z. B. .4. psräir. 160 >um lang, in SAfrika; 4.. rsdra, aus MadagaScar. Achberg, Herrschaft u. Schloß im Oberamte Sigmaringen der preußischen Prov. Hohenzvllern, Enklave zwischen Württemberg u. Bayern, unweit des Vodensees; einst österreichisches Lehn, seit 1796 dem Deutschen Ritterorden gehörig, kam 1806 an Hohenzollern-Ligmaringen. Achdam, einer der Stämme in SArabicn, die sich durch ihren Typus von den Arabern scharf unterscheiden. Wahrscheinlich Neste der unterjochten Urbevölkerung; von den Arabern tief verachtet, treiben sie meist, kastenmäßig erblich wie die indischen Parias, niedrige und ehrlose Gewerbe. Vgl. v. Maltzahn, Ztschr. f.Erdk., Bd. 6. Achdorf, Pfarrdf. im Bezirksaintc Landshut des bayerischen Regbez. Niederbayern, an der Aach; Schloß, Industrie-Schule, Wollweberei; 1290 Ew. Ache, Name verschiedener Flüsse: 1) die Ga- steincr, Zufluß der Salzach in Salzburg (Österreich), von dein Naßfeldtauern, mündet bei Lend; 2) die Große (Achen), Zufluß des Chiemsees im bayerischen Regbez. Oberbayern, entsteht bei St. Johann in: tiroler Bez. Innsbruck. 3) die Königsseeer, Abfluß des Königssecs im bayerischen Regbez. Oberbayern, bildet mit der Ram- janer A. vereinigt die Alm. Nchciropiton (gr.), ein nicht von Menschenhänden, sondern vorgeblich ans übernatürliche Weise hergestelltes Bild, besonders Christusbild. Als ein solches gilt das in S. Silvestro in Capite in Rom bewahrte, das Christus dem Boten des von ihm Heilung vom Aussatz erflehenden Königs AbgaruS von Edessa in ein Tuch eingedruckt mitgegeben haben soll. Ein anderes A. soll das Christusbild auf dem Tuche der h. Veronica sein. Seit dem 6. Jahrh. kommen deren mehrere vor, ».beseitigten selbe die bisherige Abneigung gegen die Darstellung der Gestalt Christi. Vgl. Wilh. Grimm, Sage vom Ursprung der Christusbildcr; Glückselig, Christus-Archäologie. Achein, die beim Brechen, Schwingen u. Spinnen des Flachses abfallenden holzigen Theilchen. Achelöos en, 'Name mehrerer Flüsse: 1) Abfluß deS Achensees (s. d.) im tiroler Bez. Innsbruck, Achenbach. durchfließt das romantische Achcnthal, durch welches früher ein Handelsweg von Bayern nach Italien führte und das jept zahlreich besuchter Sommcraufenthalt ist; geht in die Isar; 2) rechter Nebenfluß des Inn ebdai., vom Großen Otzthaler Ferner u. mündet unterhalb Sauters; 3) so v. w. Ache 2). ' Achenbach, 1) Andreas, gcb. in Kassel 29. Sept. 1815, der bedeutendste aller deutschen Landschaftsmaler der naturalistischen Richtung. Sohn eines Kaufmannes, machte er mit diesem schon als Knabe viele Reisen u. kam 1823 mit seiner Familie nach Düsseldorf, war 1827—1835 Schüler der dortigen Akademie, besuchte 1832 n. 1883 Holland, Hamburg u. die russischen Ostseeprovinzen, 1835 Dänemark, Schweden u. Norwegen, 1836 das bayerische Gebirge u. Tirol, ging 1839 wieder nach Norwegen, 1843 nach Italien u. Sicilien, u. kehrte 1846 nach Düsseldorf zurück, wo er noch lebt. Es ist A. vor Allem um die landschaftliche Erscheinung u. ihr mannigfaches Leben zu thun, u. seinem vielseitigen und beweglichen Natursinne entspricht eine überraschende Darstellungsgabe. Er behandelt die Natur des Binnenlandes wie der Strand- u. Küstenlandschaft mit gleicher Sicherheit und weiß auch die verschiedensten Stimmungen malerisch auszudrücken, wobei er es liebt, in das Leben der Natur die Thätigkcit des Menschen hineinznziehen n. so seinen Compositioncn einen dramatischen Zug zu verleihen. A. ist kein eigentlicher Stimmungsmaler, seine Stärke liegt in der durchbildcnden Charakteristik der Natur n. ihrer Jndivrdualisirnng. Weniger bedeutend als seine Bilder aus dem Norden sind jene aus dem Süden; der ideale Formenzug der südlichen Natur lag ihm ferner, n. versuchte er auchmitGlückden Rhythmus ihrer Linien u. die Reinheit ihres Lichtes wieder- zugcbcn, so fehlt doch hier der lebendige Zug, der seine nordischen Bilder auszeichnet. A. gehört zu den fruchtbarsten Künstlern der Gegenwart u. hat sich auch im Architcktnrfache versucht. In den letzten Jahren scheint er mit den Franzosen rivalisiren zu wollen, wird aber dann bunt u. unruhig. Der Künstler hat zahlreiche Blätter radirt u. lithographirt, darunter viele komischen Inhaltes von treffender Charakteristik. Er ging in Rom zur katholischen Kirche über. Hauptwerke: Seesturm an der schwedischen Küste, die Pontinischcn Sümpfe, der Untergang des Schisses Präsident, der Hardanger-Fjord, See- sturm bei Ostende. 2) Oswald, Maler, Bruder des Vor., gcb. 2. Febr. 1827 in Düsseldorf. Nach seinem Austritt aus der dortigen Akademie ward er Schüler seines Bruders Andreas, bereiste das bayerische Gebirge u. Tirol, ging 1845 nach Oberitalicn u. besuchte 1850 u. 1851 Unteritalien u. stellte sich bald seinem Bruder gegenüber selbstständig, dessen Vorliebe für den Norden ihm nicht zusagte. Aber auch die südliche Natur betrachtete er vorwiegend vom coloristischen Standpunkte; die eigenthümlichen Licht- u. Luft- wirküngen waren es, die ihn besonders anzogen. Abweichend von seinem Bruder faßte er vor Allem die Tonwirkung ins Auge, u. gegen sie treten Zeichnung u. Durchbildung des Einzelnen 142 Achensee - in den Hintergrund. Seine Mondschein-, Gewitter-, Äbendlandschasten u. Sonnenuntergänge aus Italien werden am meisten geschätzt. Indes) sucht er auch durch absonderliche Mittel, wie durch Doppelbelcuchtungeu u. pikante Staffagen, zu wirken, denen er oft eine komische Seite gibt, wobei er aber durch die Mischung des Malerischen mit dein Seltsamen die reine Wirkung zerstört. Er hat mehrere schätzbare Blätter selbst auf Stein gezeichnet. Von 1862 bis 1872 war A. Professor an der Akademie seiner Vaterstadt. Hauptwerke: Aussicht vom Castell Gandolso, Italienische Gewittcrlandschaft, Molo von Neapel bei Mondschein. 3) H c inri ch, prcußischcrHandcls- minister, gcb. 23. Nov. 1829 zu Saarbrücken, Sohn eines Bergbeamten. Nach Besuch der Realschule vou Siegen, wohin seine Eltern versetzt worden waren, u. des Gymnasiums in Soest studirte er von 1849—51 in Berlin u. Bonn die Rechtswissenschaft, wurde Auscultator in Siegen, Referendar in Arnsberg, Kreisrichter in Soest; 1858 erwarb er sich durch eine Abhandlung über das alte Siegener Bürgerstatut die juristische Doctorwürde. Im I. 1858 anfangs als Hilfsarbeiter, fpäter als Oberbergrath u. Justitiar zum Oberbergamt in Bonn berufen, habilitirte er sich zugleich 1859 als Privatdocent der juristischen Facultät u. erhielt 1862 eine Professur. 1865 als Vortragender Rath ins Handelsministerium nach Berlin berufen, 1870 ins Reichskanzleramt, wurde er nach Wühlers Rücktritt Unterstaatssccretür im Cultusministerium u. einer der Hauptmitarbeitcr an den Kirchengesetzen. In neuester Zeit vertauschte er diese Stellung, nachdem er auch Mitglied der bekannten Uutersuchungs- commifsion in Eiscnbahnsachen gewesen war, mit dMi eines Unterstaatssecretärs im Handelsministerium unter Jtzenplitz, n. wurde nach dessen Rücktritt Mai 1873 fein Nachfolger als preußischer Handclsminister u. zugleich Chef der Preußischen Bank. Die Kammer begrüßte seine Ernennung mit Vertrauen u. bewilligte ihm die Anleihe von 120 Will, für nothwendige Eisen- bahnbautcn, auf welchem Gebiete man durchgreifende Reformen von ihm erwartet. Parla- meniarifch ist er seit 1866 als Vertreter der Wahlkreise Siegen - Wittgenstein thätig u. war bis zu feiner Ernennung als Minister eines der bervorragendstcn Mitglieder der freiconservativeu Partei. Auch als Schriftsteller auf Rechtsgebieten, namentlich Bergrecht, ist A. mit Auszeichnung thätig. Er schrieb u. a.: Das französische Bergrecht u. die Fortbildung desselben durch das preußische allgemeine Berggesetz, Bonn 1869; Geschichte der cleve-märkischen Gesetzgebung u. Bergverwaltung bis 1815, Verl. 1869; Das Gemeine deutsche Bergrecht, Bd. 1, Bonn 1871. Bis 1872 war er auch Mitherausgeber u. thä- tiger Mitarbeiter an der jetzt von Brassert allein geleiteten Zeitschrift für Bergrecht, Bonn 1860 ff. Acheusee, 8 km langer, 2 km breiter See im Bcz. Schweiz des tiroler Kreises Innsbruck, 944 m ü. M., 92 m tief, mit steilen Ufern. Achenthal, s. Achen 1). Achenwall, Gottfr., geb. zu Elbing 20. - Solist». Oct. 1719, wurde 1746 Privatdocent in Marburg, 1748 Professor der Philosophie u. 176l der Rechte in Güttingen; st. 1. Mai 1772. Er erhob die Statistik zur Wissenschaft, weshalb man ihn auch den „Vater der Statistik" nannte, u. bearbeitete das Naturrecht juridisch; schrieb: Staatsvcrfassung der europäischen Reiche, Gott. 1752, 7. A. von Sprengel, 1790—97, 2 Thle.; Staatsklnghcit, ebd. 1761, 4. A. 1779. (Vgl. über A. auch: R. v. Mohl, Gesch. u. Lit. der Staats- Wissenschaften, Erlangen 1855—58, Band I. und Band III.) Achcr, rechter Ncbenfl. des Rhein im badischen Kreise Baden, aus dem Mummelsee am Seeköpfl, mündet unterhalb Lichtenau. Achern, 1) Bezirksamt im badischen Kr. Baden; 21,500 Ew.; 2) Stadt darin an der Acher und der badischen Staatsbahn; Sitz der Amtsbehörde; Set. Nikolauskapclle aus dem 13. Jahrh., in welcher die Eingeweide des bei Sasbach gefallenen Tu- rcnne beerdigt wurden, Volksbank, Denkmal des Großherzogs Leopold (seit 1855), Stahlwaaren- sabrikation, Industrieschule, Handel 2860 Ew. Dabei die Landesirrenanstalt Jllenau (1837—42 erbaut). Acheron (a. Geogr.), 1) Fl. in Thefprotia (Epirus), strömte durch den Sec Achcrusia, ging eine Strecke unterirdisch u. fiel in das Jonische Meer; fein Wasser war bitter; jetzt Mauropv- tamos; 2) Ncbenfl. des Crathis in Unteritalien im Gebiete der Brutticr, worin Alexander, König vou Epirus, umkam i. I. 326; jetzt Lese; 3) Nilarm bei Memphis; 4) Fl. der Unterwelt, brausend und mit bitterem Wasser; bildete den Sthgischen Sumpf und nahm den Kokytos und Pyriphlegcthon ans. Den A. mußten die Seelen der Verstorbene» durchziehen; nach der Lehre der Orphiker wunderten durch den A. die Seelen der Frommen, um von allem Irdischen geläutert ins Elysium zu gelangen. Acheron (Myth.), Sohn des Helios u. der Gäa oder der Demeter, wurde in die Unterwelt verwiesen und in den gleichnamigen Fluß der Unterwelt verwandelt, weil er den hinimel- stürmendeu Titanen Wasser gespendet hatte. Er zeugte mit Orphue den Askalaphos. Lokerontia Oe/insM.), Schmetterlingsgatt, der Fam. der Schwärmer; X. atröpc», der Tod- tcnkovf (s. d.). Acheruntische Bücher (Aut.), zu den Tagc- tischen Büchern (s. d. n. Tages) gerechnete Religionsschriften der Etrusker, worin die Lehre von den Seelen der Verstorbenen in der Unterwelt (s. Acheron) dargcstellt war. Acherusra (Myth. u. a. Geogr.), 1) in der Unterwelt ein Sumpf, über welchen Charon die Seelen der Verstorbenen führte; 2) See bei Memphis, jenseits dessen die Todtenstädte waren; 3) Halbinsel u. Vorgebirge bei Hcraklea in Bithy- nien, mit einer Höhle, durch welche Herakles den Kerberos ans der Unterwelt heraufschleppte; 4) Sumpf in Campanien, zwischen Misenum u. Cumä, nahe dem See Avernus (s. d.); jetzt Lago del F-usaro. /icksta (FI), Gatt, der Grabheuschrecken; dazu Heimchen u. Feldgrille (s. d.). 143 olisval — Achilleus. > ß ! ^ > L okevsl, eigentlich zu Pferde, reitend, dann diejenige Aufstellung von Truppen auf zwei Seiten eines Flusses, eines Weges, einer Eisenbahn re., wobei Fluß, Weg re. ungefähr senkrecht auf ihre Front stoßen. Achtet, le grand, Df. im Arr. Arras des französischen Tep. Pas de Calais, an der Nordbahn; Leinwebern; 550 Ew. Hier stand in der Schlacht von Bapaume am 3. Jan. 1871 Vorrechte Flügel der Franzosen. Achill, 1) Vorgebirge u. 2) Insel an der Westküste von Irland, mit 6100 Ew. LcliMss X. (Garbe)', Pflanzengatt, aus der natürlichen Familie der Oompositas-Xullrsmickoas (XIX. 2), charaktcrisirt durch kleine eiförmige Köpfchen mit rührigen Scheiben und rundlichen, zungenförmigen Strahlenblüthen,spreuigen Fruchtboden und zusammengcdrückte Ächünen ohne Pappus. Seit uralten Zeiten werden diese Pflanzen bis auf den heutigen Tag als Heilmittel, namentlich als vielgerühmte Hausmittel angewendet. Arten: X. Utarwiea. 17. (Bertram- Schafgarbe, Dorant), mit lineal-lanzettlichen, bis zur Mitte klein- u. dicht-, von da bis zur Spitze tief- u. entfernt-gcsägten Blättern, nicht selten auf Wiesen u. an Flußufern; die Wurzel und das blühende Kraut als Ilerbs. ob Nackix Ntarmioao officinell; X. LliUskolium X. (Schafgarbe), mit kriechender Erundaxe, behaartem Stengel u. doppelt-fiedertheiligen Blättern mit zwei-.bis fiederspaltigcn Abschnitten u. länglich- lanzeltlichcn, stachclspitzen Zipfeln; verbreitet; Blüthcn u. Blätter (klares et Nolia UiUskolii) officinell; X. uobiUs X.. in Frankreich und W- Deutschland, der vorigen ähnlich, aber größer, angenehmer von Geruch u. kräftiger von Geschmack; X. vAsratum X. (Balsamgarbe, wohlriechende Schafrippe), in Italien u. SFrankreich, von angenehmem Geruch, bitter gewürzhaftem Geschmack; X. tomsutosa X., mit gelben Blüthen, in S- Tirol wild, als Zierpflanze cultivirt. Von der aromatisch duftenden X. inosebata X., Iva, Frauen- oder Genipkraut auf den Alpen wird in Graubünden der berühmte Jva-Liqueur bereitet; sie bildet auch einen Bestandtheil des Schweizer- oder Glarncr-Thees; aus ihr, X. nana u. atrata X. (gleichfalls nur auf den Alpen wachsend) bereitet man in der Schweiz einen Genipi genannten Kräuterbranntwein. Achilleasäure (Chem.), eine im Kraute von XoüiUea. lUiUelolinm enthaltene lösliche, nicht flüchtige Säure. Achille m (Chem.), im Wasser löslicher Bitterstoff der XeinIIsa. LliUekoliniu u. X. mosobala, deren wirksamen Bestandtheil er bildet. Achillcis, EpoS über die Thaten des Achilles, von Statins u. Goethe, beide unvollendet. Achilleos Dromos (a. Geogr.), Landzunge an der NWKüste des Schwarzen Meeres, östl. von der Mündung des Borysthenes, wo Achill Spiele gefeiert haben soll; jetzt Tendere (Tendra). Davor lag die Insel Achillea (Achillcsinsel), jetzt Ulan Adassi. Achilles, 1) ein von Zenon oder Parmenides rls Argument gegen die Realität der Bewegung irfundcner Trugschluß. Er lautet: Wenn A. mit einer Schildkröte einen Wcttlauf hält, so wird jener, wenn diese einen Vorsprung hat) trotz seiner Schnelligkeit diese nicht einholen können, Ivcil er immer erst dahin kommen müßte, wo die Schildkröte schon gewesen wäre. Diese Annahme sei aber widersprechend, wenn man Bewegung von verschiedener Geschwindigkeit zulasse; 2) so v. w. Achilleus. Achillesferse, s. u. Achilleus. Achillessehne (Anat., ll'encko Xvbiliis) dir stärkste Sehne des menschlichen Körpers, von platter Form u. etwa 5 ein lang, entsteht durch Vereinigung der Sehnen des Zwillings- u. Sohlenmuskels der Wade u. heftet sich an das Fersenbein. Sie hat ihren Namen von der Sage, daß Achilleus nur an dieser Stelle verwundbar gewesen. Durch krankhafte Verkürzung derselben entsteht der Pferdefuß, „auch kommt sie in Betracht beim Klumpfuß, Übel, welche durch Durch- schneidnng der Sehne nach einem kleinen Einstich zu beheben versucht werden. Oft gelingt dies, wenn die Sehne danach richtig zusammcnwächst, was durch mechanische Vorrichtungen oder Gips- vcrband erstrebt wird. Achilleus Totios, aus Alexandria (vielleicht um 450 n. Chr.), soll in höherem Alter Christ u. selbst Bischof geworden sein; doch ohne jeden christlichen Anstrich ist sein Roman: Leukippe u. Klitophou, in manierirter Sprache, aber voll von theilweise interessanten episodischen Schilderungen, herausg. in den Loriptorss erotioi von Horcher, Lpz. 1858. Eine jetzt verlorene Einleitung zu Aratos' astronomischen Gedichten ist wol von einem anderen u. zwar älteren A. T. Achilleus, der Held der homerischen Ilias, ausgestattet mit den herrlichsten Eigenschaften; tapfer u. ehrliebend, edel u. von göttlicher Schönheit, gemüthvoll u. offenen Sinnes; durch seinen Tod inmitten der blühendsten Heldenkraft den, deutschen Siegfried vergleichbar; Sohn des thessa- lischen Myrmidoncnkönigs Peleus (daher, der Pelide) u. der Meergöttin Thetis, Enkel des Äakos (daher Äakide), Urenkel des Zeus. Seine Mutter, in der Absicht, ihn unsterblich zu machen, tauchte ihn in Feuer (nach Späteren in den Styx); allein die Ferse, woran sic ihn hielt, blieb nngefsit u. daher verwundbar (im bildlichen Sinne Achillesferse, die verwundbarste Stelle eines Menschen). Seine Erzieher waren Phönix und der Kentaur Cheiron, welcher den Knaben Reiten u. Jagen, Musik u. Heilkunde lehrte und ihn mit Löwen- herzcn u. Bärenmark ernährte. Als der Krieg gegen Troja ausbrach u. Kalchas verkündete, daß ohne A. Troja nicht erobert werden könne, sandte ihn Thetis, um ihn der Kriegsgefahr zu entziehen, in Mädchcnklcidern nach Skyros zum König Lykomedcs, mit dessen Tochter Detdamia er den Neoptolemos oder Pyrrhos zengte. Aber Odysseus entdeckte ihn durch List. Indem er, als Kaufmann sich vorstellend, weiblichen Schmuck u. kriegerische Waffen vorlegte n. nun plötzlich zum Kampfe blasen ließ, griff A. nach Schild u. Speer. Nun erkannt, zog er mit 50 Schiffen, begleitet von Phönix u. seinem innig geliebten Freunde Patroklos, an der Spitze der Myrmido- nen gegen Troja. Dort war er der tapferste 144 Achilli - aller Helden; 23 Slädte eroberte u. verwüstete er. Mit Agamemnon um die ihm von diesem weggenommcne Sklavin Briseis in Streit ge- rathen, zog er sich vom Kampfplatze zurück (Beginn der Ilias). Seine Mutter, die er um Rache anflehte, erwirkte bei Zeus, daß das Heer der Griechen viele Niederlagen erlitt. Als aber die Troer unter Hektor sogar bis ins griechische Schisfslager drangen, erlaubte er dem Patroklos wieder zu kämpseu. Nach dem Fall des Patro- klos durch Hektor, u. nachdem ihm Hephnflos neue Waffen, besonders den berühmten Schild (s. Schild des Achilleus), gefertigt hatte, erschien er, von Athene gestärkt, auch selbst wiederauf dem Kampfplätze, um den Patroklos zu rächen. Er erlegte nun zahllose Troer, so daß sich des Lanthos Wogen durch die Menge der hineingeworsencn Leichen stauten, erjagte u. erschlug den Hektor n. feierte dem Patroklos großartige Leichenspicle; dann lieferte er, versöhnlichen Sinnes, Hektars Leichnam dem greisen Vater Priamos aus (Schluß der Ilias); s. Trojanischer Krieg. Nachdem er noch die Amazouenköuigin Penthesilea, den Sohn der Eos, Memnon u. And. gctödtet, fiel er endlich selbst, von einem Pfeilschusse durch Paris (oder 'Apollon) au der Ferse getroffen, im Tempel des thhmbrüischen Apollon, als er sich mit Polyxena, ves Priamos Tochter, vermählen wollte. Allgemein war die Trauer der Menschen u. Götter. Der Grabhügel, welcher die Asche des A., des Patroklos u. des Antilochos umschloß, war auf dem Vorgebirge Sigeion. Achilleus' Waffen erhielt Odysseus (vgl. Ajas). Thetis entriß den Flammen seinen Leib, u. er lebte als Heros auf Leuka im Pontos, oder auf den Inseln der Seligen, oder im Elysion, mit Medca oder Jphi- genia vermählt; und noch lange (besonders in Sparta u. Elis) ward sein Andenken in Spielen, Festen u. Opfern gefeiert. Ter in der Ilias nicht enthaltene Theil dieser Sagen geht auf die Dichter des epischen Cyklus (s. d.) zurück. Die Sage von der einen verwundbaren Stelle bei Helden oder Göttern kehrt auch in anderen Mythologien, z. V. amerikanischen (indianischen), öfter wieder, u. wird man darin also eine Allegorie davon, daß auch das Herrlichste u. Erhabenste nicht vor Vergänglichkeit und Untergang geschützt ist, zu erblicken haben. Achilli, Giov. Giacinto, italienischer Theolog, gcb. 1803 in Vitcrbo, ursprünglich Dominikaner, seit 1833 Professor am Minerva-Collegium zu Rom; als Kanzclrcdner berühmt, trat er 1839 aus dem Orden in den Stand eines Weltgcist- lichen, entfloh, wegen ketzerischer Predigten verfolgt, 1843 nach Korfu, wo er zum Protestantismus übertrat u. eine sogenannte italienisch-protestantische Kirche cröffncte, nach deren Auflösung 1844 er in Malta kurze Zeit Professor der Theologie war. Nach mancherlei Wcchsclfällen trat er in London als Schriftsteller, besonders gegen die römisch-katholische Kirche, auf u. gründete wieder eine italienisch-protestantische Kirche. 1852 führte u. gewann er einen Proceß gegen John Newman (s. d.), welcher ihn in öffentlichen Schriften der Untreue als katholischer Priester u. vieler Schandthaten während seiner Amtsthätigkeit in - Achmed. Italien beschuldigt hatte; 1853 wanderte er nach Amerika aus. Achittini, Alessandro, italienischer Philosoph u. Arzt, geb. 29. Oct. 1463 zu Bologna, ward Lehrer der averroistisch-aristotelischen Philosophie zu Padua/zeichnete sich hauptsächlich durch' seine dialektische Gewandtheit im Dispu- tiren aus, wurde „der zweite Aristoteles" genannt, lehrte zuletzt in Bologna, wo er 2. August 1512 starb. Als Arzt erwarb er sich besonders Verdienste um dis Anatomie. Die hauptsächlichsten seiner Schriften erschienen nach seinem Tode, gesammelt als Oxern omnia, Venedig 1545 und 1568. Achim, Pfarrdf. u. Amtssitz im Kr. Verden des Landdrostcibez. Stade (preußische Prov...Han- uover), an der Eisenbahn Magdeburg-Ulzen- Bremen ; Rentamt, Sparkasse, Tabak- u. Cigarren- fabrikatiou; 2840 Ew. üelüinenes Ä. M'oum, Pflanzengatt, ans der natürlichen Fam. der Gesneraceen (XIV. 2), durch die enge, schief angesetzte Blumenrohre, einen breiten flachen Saum uud eine zweilappige Narbe sich von Oloxinia unterscheidend; schöne Zierpflanzen aus SAmerika, z. B. die scharlach- farbene A. (ä. eoeeinea 11) von Jamaica, dis großblumige A. (X. ^rancilüora De 0.) mit großen dunkelveilchenblauen Blüthen aus Mexico. Vom Sommer bis Herbst blühend. Die kleinen. Schnppenknöllchcn werden ini März mehrere zusammen in einen nicht ganz gefüllten Topf 2 cm tief in leichte fruchtbare Erde gelegt, die Töpfe am besten von unten etwas erwärmt, wenn auch dunkel gestellt u. nur mäßig feucht gehalten. Nach dem Treiben werden die Time mit leichter Erde u. Sägespänen ganz gefüllt u. dicht ans Fenster des warmen Zimmers gestellt. Nach dem Verblühen bleiben sie ganz trocken an einem warmen Orte stehen bis zum Herausnchmen derKnöllchen im nächsten Frühjahr. Achior, in dem apokryphischen Buch Judith Anführer der Ammoniter, der dem Holofernes auf seinem Zuge gegen die Juden einen günstigen Bericht über diese erstattet haben u., von Holofernes verbannt, Jude geworden sein soll. Achiotti, so v. w. Orlean. Achis, Philistcrkönig zu Gath, bei welchem David auf seiner Flucht vor Saul zweimal Schutz fand. Kelchs, Pilzgatt, aus der Familie der 8axro- IsAulaeoas (s. d.). Lveiimea L Oau., Pflanzengatt, aus der Fam. der Bromeliaccen (VI. 1), ausgezeichnet durch dornige Deckblätter der Blüthen, begraunte Kelchblätter, am Grunde schuppige Blumenblätter und rundlich-eiförmige Beeren. Arten: X. älsoolor Hart. LelA. in ^Amerika; X. lullen», ebenda auf Bäumen vegctircnd; aber nicht als Schmarotzer, sondern nur als Epiphytcn, wie viele Orchideen; sie müssen daher in den Gewächshäusern ähnlich wie diese behandelt werden. Achmed (arab., der Lobenswürdige). I. Mohammedanische Fürsten: 1) A. Schah Abdali, Begründer der bis 1829 regierenden Dynastie in Afghanistan, ward 1747 nach Ermordung seines Vorgängers; Nadir Schah, dessen Feldzüge er be- 145 Achmed. gleitet, auf den Thron erhoben. Er nah», den Titel Dur-in Duran (Perle der Zeit) an. Durch glücklicheKricgc im Osten verleibte er 1748 Ghazna, Kabul, das Pendschab, 1752 Kaschmir, im Westen 1750 Herat, Khorassan, Sedschcstan seinem Reiche ein; reiche Beute brachten die Eroberung Delhis 1756 u. wiederholte Züge nach Indien, wo er 1761 ein mahrattisches Heer bei Paniput vernichtete. Mit gleicher Energie die inneren Verhältnisse ordnend, gab er dem Reiche eine seltene Ruhe u. Festigkeit, die nach seinem Tode (1773) bald anderen Verhältnissen wichen; s. Afghanistan, Gesch. 2) A-ben-Tulun, geb. 835, nach Ägypten geschickt, um seinem Schwiegervater, den, Gouverneur Babbak, zur Seite zu stehen, machte sich, selbst Statthalter von Ägypten und Syrien geworden (872—889), von den Khalifen unabhängig und ward Stifter der Tuluniden- dynastie in Ägypten, welche jedoch schon lM erlosch. 3) A. Schah, Sohn des Mohammed Schah, 1747 bis 1754 Großmogul des Mongolenreiches in Ostindien, verlor die südlichen u. östlichen Provinzen seines Reiches an Usurpatoren, um die westlichen kämpfte er unglücklich mit Persern u. vorzüglich Afghanen unter Schab Abdali. Er starb 1754, geblendet von seinem Großvezier. 4) A. D ebi, der mächtigste Sultan von Marokko unter der Dynastie der Scherife von Tafilelt, die seit Beginn des 16. Jahrh. Marokko beherrschten, folgte 1578 dem Sultan Mulei-Mehemct und verlieh dem erst um die portugiesischen Besitzungen vergrößerten Reiche neuen Glanz, der freilich nach seinem Tode 1603 ebenso schnell wieder schwand. 5) A. Ebn-Jsmail- Abu-Nasser erhob sich in der von Khorassan abhängigen Prov. Mavaralnahar 874 u. ward, ein Enkel Samans, der Gründer der 3. Dynastie des neupcrsischen Reiches, der Dynastie der Sa- maniden, die mit seinem Sohne Jsmael nach dem Sturze der Soffariden zur Regierung kamen u. bis 998 sich erhielten. A. st. 918. 6) A>, Sohn Mahmuds des Gr., aus der Dynastie der Ghasnaviden, der 4. des nenpersischen Reiches, folgte seinem Bruder Masnd 1041 in der Negierung und beherrschte außer Jrak-Adschcmi u. Khorassan nicht nur den größtenThcil von Iran n. Turkcstan, sondern auch einen großen Theil des nordwestlichen Indien. 7) A. Nikudar, Khan von Persien, Sohn Hnlaku Khans, Urenkel Dschingis-Khans (Haus der Jlkhane), soll früher Christ gewesen sein mit dem Namen Nikolas, wurde dann aber Mohammedaner, regierte 1282—1284, in welchem Jahre er von seinem Neffen gefangen genommen u. hingcrichtet wurde. 8) Ä. Sidi oder Sidi Achmed, Bey von Tunis, folgte seinem Vater Mustapha 1837 und änderte bald die von diesem betriebene Politik gegen Frankreich zu Gunsten Abd-el-Kaders, indem er sich gegen den Plan der Pforte, Tnuis in strengere Unterwürfigkeit zur Türkei zu bringen, an Frankreich anschloß; er machte sogar einen Besuch in Paris und versuchte durch seinen Minister, den italienischen Chevalier Stuffo, seinen Hof u. sein Land zu europäisiren. Bei Ausbruch des Orientalischen Krieges führte er auf Zureden Frankreichs der Pforte gegen Rußland Hilsstruppen Pkrers Univeesal,-Co»versations-Lexiken. S. Ausl. zu. A. st. 1855. II. Großsultane der Türken: 9) A. 4, Sohn Mohammeds III., geb. 1589, regierte als 14. Sultan der Osmanen 1603—1617. Er trat die Herrschaft unter der größten Zerrüttung des Reiches an, zu der noch Aufstände in Asien kamen, die ihn zwangen, den noch gegen Kaiser Rudolf II. fortgesetzten Krieg zu beenden (Friede von Sitwatorok, 11. Nov. 1606) u. den bisherigen „König von Wien" zuerst als Kaiser anzuerkenncn. Mit den übrigen Mächten brachte er sich durch Capitulationen in gute Beziehungen, und um den Wirren in Asien ein Ende zu machen, schloß er Frieden mit Persien 1612, der aber schon 1616 durch neuen Krieg aufgehoben wurde. Ä. st. schon am 22. Nov. 1617. Ihm folgte sein unfähiger Bruder Mustapha u. erst nach furchtbaren Palastrevolutionen seine drei Söhne: Osman II., Mnrad IV. u. Ibrahim I. 10) A. II-, Sohn Ibrahims, geb. 1642, folgte als 21. Sultan 1691 seinem Bruder Soliman III., in dessen Kriege er mit hinein- gcrissen wurde, indem bei Szalankemen.. sein Großvczier Köprili Mustapha von den Österreichern unter Ludwig von Baden 19. Aug. 1691 geschlagen u. getödtet wurde. Bedrängt von allen Seiten, kam das Reich nach dem Tode des unfähigen Despoten, 6. Februar 1695, an seinen Neffen Mustapha II. 11) A. III., Sohn Mohammeds IV., geb. 1673, 23. Sultan, 1703 nach seinem von den Janitscharen abgesehen Bruder Mustapha II. auf den Thron erhoben. Indem er Karl XII. von Schweden nach der Schlacht von Pultawa 1709 Schutz bot, ward er mit Peter I. von Rußland in Krieg verwickelt, der mit dem für Diesen ungünstigen Frieden am Prnth, 23. Juli 1711, endete. 1715 entriß er den Venetianern Morea u, die ionischen Inseln, gerieth aber dafür mit den Österreichern in Krieg, die ihn unter Prinz Eugen bei Pcterwardein 1716, bei Belgrad 1717 schlugen u. zu dem für Kaiser Karl VI. so vor- theilhastcn Frieden von Passarowitz (21. Juli 1718) zwangen. Gegen Persien anfangs glücklich, mußte er zuletzt alle seine Eroberungen heraus- gcben, was einen Janitscharenausfiand vcranlaßte, in Folge dessen A. 1. Octbr. 1730, trotzdem er alle seine Rathgebcr und Freunde geopfert, ab- daukcn mußte, zu Gunsten seines Neffen Mahmud I. A. st. 1736 im Gcfllngniß durch Gist. 12) A. IV., so viel wie Abdul Hamid. 13) Zweiter Sohn und designirter Nachfolger des Großsultans Bajesid II., wurde aber durch die Janitscharen von der Thronfolge ausgeschlossen n. 1513 vonscinemBrnderSelim I. gefangen u. erdrosselt. — III. Feldherren n. Staatsmänner: 14) A. Dschedik, Großvezier Mohammeds II. u. Bajazets II., eroberte unter Erstcrem 1474 von den Genuesern Kaffa n. Tara (Asow), nachdem schon das Jahr zuvor der Khan der krimischen Tataren zum Vasallen des Türkischen Reiches gemacht war, und führte dann den Krieg in Persien gegen Asun-Hassan. Unter Bajesid II. kämpfte er gegen den von den Ägyptern unterstützten Bruder des Kaisers, Dschcni; als uach dessen Flucht zu den Rhodiserrittcrn Bajazet mit diesen einen Vertrag abschloß, um des Bruders Rückkehr nach der Türkei zu verhindern, sprach A. I. Band. 10 146 Achmedsched darüber seine Mißbilligung aus u. ward dafür ins Gesängniß geworfen u. 1492, nachdem er durch einen Janitfcharenaufstand befreit worden, in Adrianopel erdrosselt. 15) A. Pascha unterwarf unter Soliman II. als dessen Großvezier 1522 das bis daher den Johanniterrittern gehörige Rhodus und ward daraus Statthalter in Ägypten. Er fiel im Kampfe gegen den Sultan, von dessen Oberherrschaft er sich frei machen wollte. 16) A. Köprili Pascha, geb. 1635, folgte seinem Vater Mohammed Pascha im Groß- vezierat, das eben durch diesen unter Mohammed IV. im Osmanischen Reiche zur Vollendung gekommen war, im I. 1661, u. versah die Geschäfte 15 I. lang, durch seine Milde sich auszeichnend. Obwol 1664 (1. Aug.) von Monte- cucnli an der Raab besiegt, gewann er doch wieder mehrere Festungen, von denen Serimvar u Ujvar auch der Türkei verblieben. 1667 ließ er Candia angreifcn u. brachte die Insel 1669 unter seine Botmäßigkeit. Im Aufstande der Kosaken gegen Polen ergriff er die Partei der elfteren u. zwang, dadurch in Krieg mit König Sobieski verwickelt, diesen zur Abtretung Podolicns und eines Theiles der Ukraine an die Türkei (27. Oct. 1676). Im selben Jahre noch starb A. 17) A. Redni-Efendi, einer der scharfsinnigsten Staatsmänner der Osnianen, von Abkunft Grieche. Als Defterdar 1758 zur Anzeige des Thronwechsels nach Wien geschickt, überreichte er 1759 dem Sultan seinen Reisebericht, den der Neichsannalist Wassif als Musterwerk seinen Annalen wörtlich einverlcibte. In diesem Berichte (deutsch v. Hammer, 1809) entwirft A. ein sehr treues Bild des sinnlich-gedankenlosen Lebens der damaligen Wiener. 1763 reiste er zu diplomatischen Zwecken nach Berlin u. schrieb auch über seinen Aufenthalt in Polen und Preußen einen originellen Bericht. Sein drittes Werk, betitelt: Ausbund (Quintessenz): Kunde der Kunden, bespricht den unglücklichen Krieg wider Rußland (1769—1774), von Diez ins Deutsche übersetzt (Berl. 1813) u. heute noch von Werth. Vgl. v. Hammers Geschichte des Osmanischen Reiches u. desselben Gesandtschaftsberichte im Archiv für Geogr. u. s. w. (1822—1823). A. war zweimal Munster des Innern (Kjahja Bcg). Das zweite Mal (1774) schloß er den für die Pforte ungünstigen Frieden von Kutschuk Kainardschi und fiel deshalb in Ungnade. Er st. 1788. 18) A. Dschezzar (d. h. A. der Schlächter), ans Bosnien; schwang sich vom Sklaven bei Ali Bey in Ägypten zum Pascha in Akre und Oberbefekls- haber der dortigen türkischen Truppen auf. Ein Bündnis) mit Bonaparte verschmähend, wurde er von diesem in einem Treffen besiegt, aber vergeblich in Akre belagert 1799 (s. Franz. Rcvo- lutiouskrieg). A. empörte sich später wieder gegen die Pforte und bestand mehrere blutige Kämpfe mit dem Großvczier u. dem Pascha von Jaffa. Er st. 1804. 19) A. Hadschi, geb. um 1785 in Constantine, ward 1827 Bey von Constautine, u. zwar der letzte derselben. Nach innen echter orientalischer Despot, vertheidigte er sein Land nach außen aufs Tapferste gegen die Franzosen zwei Jahre hindurch, auch selbst nach dem Falle — ^.olri'LS. Algiers, bis zum 13. Oct. 1837, als Constantine vom Marschall Valee erobert wurde. A. floh darauf in die Wüste; 1847 unterwarf er sich den Franzosen n. lebte bis zu seinem Tode, Septbr. 1851, mit seiner Familie in Algier. 20) Fethi A. Pascha, geb. 1800 in Constantinopel, diente beim Ausbruch der Janitscharenrevolution in der Kaisergarde als Offizier und wurde nach Bekänipfung des Aufstandes Capitän in einem Linienregimcnt, im Kriege gegen Rußland 1828 und 1829 Bataillonscommandeur, nach Abschluß des Friedens Oberst u. bald darauf Divisions- Chef der Garde. 1834 zum Pascha erhoben, wurde er 1836 Botschafter in Wien, 1837 in Paris u. 1838 in London. Ende 1839 in den Staatsrath berufen, übernahm er am 8. Jan. 1840 das Ministerium des Handels. 1841 ward er erster Divisions-Chef der Kaijergarde, 1842 Mitglied n. 1813 bis Nov. 1844 Präsident des Gerechtigkeitsraths, 1846 Großmeister der Artillerie und 1847 zugleich Gouverneur des Bosporus; im Aug. 1852 fiel er einer Hofintrigue zum Opfer u. ward entlassen, allein am 6. Mai 1853 ernannte ihn der Sultan aufs Neue zum Großmeister der Artillerie u. zum Jnspector der Festungen. Er war seit 1840 vermählt mit der Sultanin Athie, Schwester des Sultans Abdul Medschid; er st. 13./14. Febr. 1858. IV. Schriftsteller: 21) A. Efendi, Director eines Collegiums an der Moschee Murads II. in Brussa, machte einen Feldzug nach Ungarn mit, kehrte nach Brussa zurück und brachte die Legende des Propheten in Reime (Wahdetnameh, d. h. Buch der Einheit). 22) A. Kemal Pascha Sade, türkischer Dichter, geb. zu Tokat, st. 1535 zu Constantinopel; er schrieb Jussnf und Suleikha, ein romantisches Epos, sowie das Gedicht Nika- ristan (d. i. Gemäldesaal, Pinakothek). Achmedsched, St., so v. w. Simferopol (s. d.). Achmim, das alte Chemmis oder Panopolis, Stadt am rechten Nilufer in Oberägypten mit Franziskanerkloster, koptischer Kirche, Baumwollenspinnerei, Feldbau; 10,000 Ew. In A. finden sich noch viele Ruinen der alten Stadt und in dem benachbarten Berge Felsgrotten mit Mumien. s. Ob. n., Abkürzung für ants Olrristum uatnm, j vor Christi Geburt. ^ Achölie (v. Gr.), 1) Mangel an Galle; 2) nicht gallsüchtiges Temperament, Gelassenheit. Achor, (Plur.Achöres, gr.) böser Grind, s. d.; 4. in kacis, so v. w. Milchschorf. Ächorron, der kleine Pilz in diesem Grind; Voboriou Seirosn- Isinri, ein von Schönlein entdeckter in seinem Entwicklungsgang noch nicht vollständig bekannter Pilz, der am menschlichen Körper auf der Haut, unter den Nägeln oder am Haare schmarotzt u. zu Massen angehäuft einen Grind (Favusborke) vorzüglich am Kopfe bildet (s. Kopfgrind) n. die Krankheit leicht auf andere Individuen überträgt. ^ kckras L., Pflanzengattung aus der Fam. der Sapotaceen (1. 6). Art.: sapota, Brci- apfcl, westindischer, inSAmerika cultivirter Baum, mit fleischigen, milchsaftrcichcn, überreif sehr süß und angenehm schmeckenden Früchten, deren Achromasic. 147 i glänzend schwarze, sehr bittere Kerne (Sapotilla- körner, 6rana sapotilkao) gegen Harngries, die bittere Rinde von Imouma u. a. gegen Wechselfieber gebraucht wird. Achromasie oder Achromatismus (v. gr. alpba privativnm u. otirgma, Farbe). Achromatische Prismen und Linsen sind Prismen- und Linsencombinationen ohne Farbcnzerstreuung. Die Eigenschaft derselben, das Licht zu brechen, ohne es in seine Farben zu zerlegen, heiszt A. Die Möglichkeit der A. wurde früher allgemein, so auch von Newton, bestritten. Erst 1757 wurden von Dollond achromatische Linsen construirt und das Verfahren dazu veröffentlicht, nachdem Hell 1733 achromatische Fernrohre verfertigt, die Construction derselben aber geheim gehalten hatte. Zu ihrer jetzigen Vollkommenheit hat die Construction achromatischer Fernrohre Fraunhofer (1814 u. 1815) erhoben. Die Möglichkeit achromatischer Prismen u. Linsen beruht darauf, daß das Lichtbrechungsvermögen der verschiedenen Substanzen nicht in demselben Verhältnis) steht, wie ihre Dispersion (Farbenzcrstrcuung). Zwei Körper können fast gleiches Brechungsvermögen bei sehr verschiedener Dispersion besitzen. Fällt nämlich., ein weißer Lichtstrahl etwa durch eine kleine Öffnung im verschlossenen Fensterladen eines dunkeln Zimmers auf die gegenüberliegende Wand, so erzeugt er daselbst einen Hellen weißen Fleck. Trifft der Strahl aber auf seinem Wege auf ein durchsichtiges, z. B. gläsernes Prisma, so wird er durch dasselbe nicht nur nach der der brechenden Kante entgegengesetzten Seite hin von seiner Bahn abgelenkt (gebrochen), sondern auch in Lichtstrahlen verschiedener Farbe und Brechbarkeit zerlegt; u. werden die rothen Strahlen am wenigsten, die violetten am meisten abgelenkt; dazwischen liegen, vom Roth ausgehend, der Reihe nach u. allmählich in einander übergehend, Orange, Gelb, Grün und Blau. Der gebrochene Strahl erzeugt also auf der Wand nicht wie oben einen weißen Fleck, sondern ein langgezogenes Farbenbild od. Spectrum, dessen Roth am wenigsten u. dessen Violett am meisten von der Stelle des weißen Fleckes entfernt liegt; s. u. Farben. Für verschiedene Substanzen ist die Dispersion, L. h. der Unterschied in der Brechbarkeit der rothen und violetten Strahlen, eine verschiedene; sie ist für Flintglas weit größer, als für Crown- glas; oder, anders ausgedrückt, das von einem Flintglasprisma erzeugte Spectrum ist weit mehr in die Länge gezogen, sein Roth u. Violett stehen weiter von einander ab, als bei einem Crownglasprisma von gleichem brechendem Winkel. Dagegen ist das Lichtbrechungsvermögen beider Glassorten nur wenig verschieden, d. h. die Größe der Ablenkung ist (für die mittleren Strahlen des Spectrums) bei beiden un- gejühr gleich. Damit die Dispersion beider Prismen gleich werde, oder damit die von beiden erzeugten Spectra gleich lang werden, muß der brechende Winkel des Fliutglasprisma weit kleiner sein, als derjenige des Crownglasprisma. So erzeugen z. B. ein Flintglasprisma von 11° u. ein Crownglasprisma von 25° brechendem Winkel gleich lange Spectra, ihre Dispersion ist dieselbe — während die Ablenkung oder Brechung des Crownglasprisma (weil cs den größeren brechenden Winkel hat) größer ist, als die des Flintglasprisma. Combinirt man nun zwei solche Prismen in der Weise, daß ihre brechenden Kanten nach entgegengesetzten Seiten gerichtet sind, so wird, wie leicht einznsehcn, die Farbenzerstreuung des Crownglasprisma durch das Flintglasprisma gerade aufgehoben; dagegen wird die Ablenkung, welche das Licht durch dal Crownglasprisma erfährt, durch die eutgegen'- gesetzte des Flintglasprisma zwar vermindert, aber, weil letzteres einen kleineren brechenden Winkel hat, nicht aufgehoben. Es leuchtet demnach ein, daß eine solche Combination, welche ein achromatisches Prisma heißt, das Licht zwar bricht, aber nicht in Farben zerlegt. — Um vollkommene A. zu erreichen, müßten die Farben in den Spectrcn beider Prismen ganz gleich vertheilt sein; da dies nicht genau der Fall ist, so wird durch 2 Prismen die A. nur annähernd erreicht; es bleibt eine geringe Farbenzerstrcuung übrig (sccuudäres Spectrum); der Fehler kann durch neue Prismen, welche man der ersten Combination zufügt, nahezu aufgehoben werden; doch begnügt man sich gewöhnlich mit 2 Prismen. Bei einfachen Convexlinsen (Sammellinsen) ist die Folge der Farbenzerstrenung die, daß der Brennpunkt der weniger brechbaren Strahlen weiter von der Linse entfernt ist, als derjenige der brechbareren; der Brennpunkt der violetten Strahlen liegt der Linse am nächsten, derjenige der rothen am fernsten. Diese Erscheinung, die chromatische Abweichung (s. Abweichung), wird dadurch beseitigt, daß man eine Convexlinse von Crownglas mit einer concavcn oder Zerstreuungslinse von Flintglas combinirt, deren Zer- streunngswcite nach einem bestimmten Verhältniß größer (etwa doppelt so groß) ist, als die Brennweite der crsteren. Die Wirkung der Zerstreuungslinse besteht darin, daß sie die Brennpunkte der Sammellinse von dieser hinwegrückt, u. zwar vermöge der größeren Dispersion des FlintglaseS den Brennpunkt der violetten Strahlen weiter, als den der rothen. Ist obiges Verhältniß beider Linsen genau richtig berechnet (was eine sehr schwierige Aufgabe ist), so muß der Brennpunkt der violetten Strahlen gerade so viel weiter hinausgerückt werden, als derjenige der rothen, daß beide genau auf denselben Punkt fallen. Ist dies geschehen, so ist offenbar die Farbenzerstreuung der ersten Linse durch die zweite aufgehoben. In der Praxis trifft dies häufig nicht zu, weil die durch das Schleifen der Linsen gegebene Form niemals vollkommen mit der durch Rechnung gefundenen übereinstimmt. Eine unvollkommene Linse heißt übervcrbessert oder nntcr- verbessert, je nachdem die zerstreuende Kraft der Flintglaslinse zu groß oder zu klein ist. Bei einer aus 2 Linsen bestehenden möglichst achromatischen Combination fallen auch die Brennpunkte der zwischen Roth und Violett liegenden Farben nahezu in jenen Punkt, wenn auch (aus dem bei den Prismen angeführten Grunde) nicht genau zusammen, so daß mit nur zwei Linsen vollkommene A. nicht erreicht werden kann; durch 10 * 148 Achromatopsie — Achse. Vermehrung der Linsen kann dem Fehler auchl hier abgcholfen werden. Achromatische Linsen sind erforderlich zur Construction achromatischer Fernrohre und Mikroskope, d. h. solcher, welche Bilder ohne farbige Ränder geben. Ohne achromatische Linsen ist ein vollkommenes u. genaues teleskopisches u. mikroskopisches Sehen gar nicht möglich. Die ungeheure Wichtigkeit der Erfindung achromatischer Linsen für die Naturwissenschaft u. vor Allem für die Astronomie leuchtet hiernach ein. Das Auge ist nicht vollkommen achromatisch (s. Auge). Interessant ist es aber, daß Euler, auf Grund der damaligen fälschlichen Annahme der Achromasie desselben, die von Newton behauptete Unmöglichkeit achromatischer Instrumente verwarf und richtige theoretische Regeln zur Construction derselben aufstellte. Achromatopsie (v. Gr.), Farbenblindheit (s. d.). Achse, 1) (Math.) ursprünglich eine Gerade, um welche man einen Körper eine beliebige, eine Curve eine Drehung von 180" machen lassen kann, ohne daß deren Gestalt sich ändert. Jetzt trifft diese Erklärung nur noch bei A-n von Cur- ven u. Rotations-A-n von Körpern zu, u. man versteht unter a) A. einer Curve eine Gerade, welche in der Ebene derselben liegt und sie in zwei congruente, auf beiden Seiten der A. ähnlich liegende Hälften thcilt. Nicht alle Curven haben A-n. Die Parabel hat 1 A., Ellipse und Hyperbel haben 2, eine große u. eine kleine, der Kreis hat unendlich viele durch den Mittelpunkt gehende A-n. b) A. eines geometrischen Körpers. Wenn sämmtliihe einer Ebene parallelen Durchschnitte eines Körpers einander ähnlich sind u. ihre Mittelpunkte in einer Geraden liegen, so heißt diese Gerade die A. des Körpers. Sind die parallelen Durchschnitte kreisförmig u. steht die A. auf ihnen senkrecht, so ist diese zugleich Umdrehung»-, Rotations-A. Nicht alle Körper haben A-n. U. a. hat der Kegel, wie die meisten Rotationskörper, 1 A., die Kugel unendlich viele durch den Mittelpunkt gehende A-n. Meist werden die Körper von einer durch die A. gelegten Ebene in 2 congruente Thcile zerlegt, o) A-n eines Coordinatensystems (s. d.) heißen die Geraden, welche man, gewöhnlich rechtwinkclig zu einander, in die Ebene oder den Raum legt, um die Lage jedes Punktes der Ebene oder des Raumes durch seine Abstände von ihnen auszudrücken. 2) (Phys.) 3 ,) (Mechan.) A. eines sich drehenden (rotiren- den) Körpers ist diejenige Gerade, um welche herum die Drehung stattfindet; z. B. A. der schraube, der Wage, des Rades, der Erde re. Ist, wie in den beiden letzten Beispielen, die Masse des rotirenden Körpers um die A. gleichmäßig, d. h. so verthcilt, daß die Schwerpunkte aller auf der A. senkrechten Schichten in derselben liegen, daß die A. also von der Ccntrifngalkraft keinen Anstoß erfährt, so heißt die A. eine freie. Alle Punkte der A. eines rotirenden Körpers sind als solche relativ unbeweglich; dabei kann jedoch die A. mit allen übrigen um sie rotirenden Theilen in einer anderweitigen Bewegung sein. A. der Schwingung (Oscillatiou) heißt die Gerade, um welche ein Körper (z. B. ein Pendel oder die Unruhe der Uhr) sich hin u. her bewegt oder Schwingungen macht. Diese Linie steht immer senkrecht auf der Ebene, in welcher die Schwingungen erfolgen, s. Rotation, b) (Optik) A. eines Hohlspiegels (oder auch eines sphärischen Convexspiegcls) ist die Verbindungslinie der Mitte des Spiegels mit dem Mittelpunkte der Kugel, von deren Oberfläche die Spiegelfläche ein Theil ist. A. einer Linse ist die Verbindungslinie der Mittelpunkte der beiden Kugeln, von deren Oberflächen die Linse begrenzt ist. — Bei einem Fernrohr müssen die A-n aller in demselben enthaltenen Linsen in eine gerade Linie zusammenfallen, diese heißt die A. des Fernrohrs; analog ist die Sehachse des Auges (s. n. Augenachse), die gemeinsame A. der 3 brechenden Medien des Auges: der Linse, der wässerigen u. der Glasfeuchtigkeit. Optische A. eines'Kry- stalls nennt man diejenige Richtung, in welcher ein Lichtstrahl denselben durchlaufen kann, ohne doppelt gebrochen zu werden, oder in welcher der Krystall von allen Lichtwellen mit gleicher Geschwindigkeit durchlaufen wird. Bei den Krystallen des regulären Systems findet überhaupt keine doppelte Brechung statt, sie haben also auch keine besondere optische A. Die Krystalle des quadratischen u. hexagonalen Systems haben eine optische A., welche mit ihrer krystallographischcu Hauptachse zusammenfällt; sie heißen daher optisch einachsig. Dahin gehören u. and.: Kalkspath, Turmalin, Rubin, Korund, Smaragd, Saphir, Beryll, Blutlangensalz, Qnarz und Eis. Die Krystalle der 3 übrigen Systeme haben 2 optische A-n, sie sind optisch zweiachsig; z. B. Salpeter, Bittersalz, Zucker, Gips, Feldspath, Topas, Citron- säure, Wcinstcinsäure, Eisenvitriol. Näheres unter Doppelbrechung. Thermische A. der Ausdehnung in Krystallen. Wie in Bezug auf Licht, so verhalten sich die Krystalle, welche nicht dem regulären System angehören, auch in Bezug auf die Ausdehnung durch Wärme in verschiedenen Richtungen abweichend. Man unterscheidet in jedem Krystall 3 Hauptrichtnngen der Ausdehnung, thermische A-n. Die Krystalle des quadratischen u. hexagonalen Systems, welche optisch einachsig sind, sind auch thermisch einachsig, d. h. sie dehnen sich beim Erwärmen in der Richtung der krystallographischen Hauptachse stärker oder schwächer aus, als in jeder anderen Richtung. Die Krystalle der 3 übrigen Systeme haben 3 thermische A-n, sie zeigen nach 3 verschiedenen Haupt- richtungen abweichende Ausdehnung. o)Die magnetische A. ist die Verbindungslinie der Pole die Richtung eines Magnets, mit welcher sich derselbe bei freier Beweglichkeit in die Richtung des magnetischen Meridians einstellt; da die Erde sich wie ein großer Magnet verhält, so muß für sie eine entsprechende Richtung, die magnetische A. der Erde, existiren; dieselbe fällt nach Gauß nicht mit der Verbindungslinie der sogenannten magnetischen Pole der Erde (Punkte größter Jn- clination) zusammen, sondern verbindet die Punkte 77° 50' n. Br., 63" 311 w. L. (von Greenwich) und 77° SO' s. Br., 116" 29' ö. L. 3) (Astr.). Die von einem Pol der Himmelskugel od. eines kugelförmigen Weltkörpers zum anderen gedachte Gerade, um welche jene scheinbar od. dieser wirklich rotirt. > 1 149 Achsel — Achselknospe. Bei elliptischen Bahnen der Planeten und ihrer Monde unterscheidet man eine große A., bei einem Planeten die das Perihel mit den: Aphel verbindende Gerade, u. eine kleine A., welche durch den Mittelpunkt der großen geht u. auf dieser senkrecht steht. 4) A. des Fahrzeuges, der Körper, um dessen kegelförmig verjüngte Enden (Achsschenkel) sich bei der Bewegung das Rad dreht, aus Holz, jetzt meist aus Schmiedeeisen od. Gußstahl; besteht aus Mittelachse u. 2 Achsschenkeln. Die Mittelachse hat einen 4cckigeu oder runden Querschnitt u. ist häufig auf 3 Seiten, oder auch allseitig von einem hölzernen Kasten (Achsfutter) umschlossen. Die Endflächen der Mittelachse, da wo die Achsschenkel beginnen, heißen der Stoß. Die Mittellinie der Achsschenkel ist nach unten gerichtet, der spitzige Winkel, den sie mit einer horizontalen Ebene bildet, heißt Stürzung der Achsschenkel. Jeder Achsschenkel hat am Ende eine Durchbohrung, Lünsenloch genannt. 5) (Bank.) Diejenige Linie, welche durch die Mitte eines Gebäudes, resp. Gebäudetheils gezogen werden kann u. so das Object in 2 gleichwertige Hälften zerlegt. Unter A-nweite, A-n- theilung versteht man auch die Entfernung einer Fensterachse von der nächstfolgenden, was in gewisser Beziehung einen Maßstab für die Verhältnisse einer Faxade abgibt. A-en des Schiffes, die durch den Schwerpunkt des Schiffes der Länge u. Breite nach gezogenen Linien. 6) A. der Seele, bei Schießwaffen die der Länge nach durch die Mitte des Rohres gedachte gerade Linie. 7) (Bot.) S. Stamm u. Wurzel. Achsel, 1) (Anat., Achselhöhle, Lxilla, Lla) die Grube unter dem Schultergelenke zwischen dem Arme u. der Brust, die vorn von dem großen Brustmnskel, hinten von dem breitesten Rü- ckeumuskel begrenzt wird. Die Haut dieser Grube ist sehr reich an großen Talg- u. Schweißdrüsen, deren Absonderung einen eigentümlichen Geruch, der bei stärkerer Absonderung höchst unangenehm werden kann, besitzt und oft von so scharfer Beschaffenheit ist, daß sie ans die Kleider n. besonders deren Farbe zerstörend einwirkt. Zur Zeit der Mannbarkeit entwickeln sich hier zahlreiche krause Haare, die derber sind, als die Kopfhaare. Durch die A-grube ziehen die Gefäße u. Nerven vom Rumpfe zur oberen Extremität hin und zurück. Die A-arterie, die unmittelbare Fortsetzung der Schlüsselbeinartcrie, verläuft durch die A-grube schräg nach unten, hat zuerst die starke A-vene vor sich u. dann an ihrer inneren Seite. Sie gibt ab die oberste Brust-, die Schulterhöhlen-, die lange Brust-, die Unterschulterblatt- u. die vordere u. die stärkere Hintere umschlungene Schulterarteric. Ihr unmittelbare Fort- setzung ist die Oberarmarterie. Die A-vene ist die Fortsetzung der aus allen tiefliegenden Venen des Armes gebildeten Oberarmvene u. geht ohne scharfe Grenze in die Untcrschlnssclbeinvene über. Das A-nervengeflecht, der untere Theil des Armnervengeflechtes, umspinnt die Achselarterie mit drei ziemlich starken Nervenbündeln, die an der äußeren, inneren u. Hinteren Seite derselben liegen u. sich in die sieben Nerven für die obere Extremität auflösen. Einer von diesen ist der A-nerv; vgl. Armnerven u. Armnervcngeschlecht. Außerdem enthält die A-grube zahlreiche Lymph- drüscn (A-drüsen) n. Lhmphgefüße, die das A- Lymphgefäßgeflecht (ktexus Iz-mpbatieus axillaris) bilden. Erkrankungen der Gebilde in der A-grube kommen mit Ausnahme des sehr selten vorkommendcn A-aneurysmas, einer krankhaften Erweiterung der A-arterie (s. Ane». rysma), für sich allein wol nie vor. Tie am häufigsten vorkommenden Anschwellungen der A- drüsen sind nur ein Symptom anderer Krankheiten. Sie treten auf bei Verletzungen der Hand oder des Armes, wenn schädliche Substanzen, wie Phosphor, Leichengift, faulige Stoffe (z. B. bei Cloakenarbeitern), in die Wunden gelangen, bei Entzündung der Lymphgefäße (I-;iu- plmnxfitis) des Armes, dann bei Erkrankungen der Brustdrüse, besonders Krebs derselben, und vor Allem beider constitntionellen Syphilis. Das Verhalten der angeschwollencn A-drüsen gibt dann immer ein wichtiges Zeichen zur Unterscheidung u. Beurtheilung der betreffenden Krankheit. Häufig kommt es auch zur Vereiterung dieser Drüsen, einem Leiden, das bei einer richtigen Behandlung weiter keine Gefahren für das Leben bedingt. Wegen der zahlreichen Blut- und Lymphgefäße u. Nerven sind Operationen in der A-grube bes. schwierig u. tiefe Wunden wegen der Gefahr der Verblutung n. der Versetzung der Nerven meist sehr gefährlich. A. bedeutet auch so v. w. Schulter, so in der Redensart: auf der Achsel tragen rc. 2) (Bot.) Der durch Anfügung eines Astes, Zweiges od. Blattes gebildete Winkel. Theile, die in diesem Winkel stehen, heißen achselständig. 3) (Bauk.) Die einem Balkenzapfen entsprechende Vertiefung eines anderen Balkens zur Verbindung beider. Daher: ächseln für die Herstellung einer solchen Verbindung: cinzapfen. Nchselband, eine mehrmals auf-u. abgchende wollene, silberne oder goldene Tresse, von der jedes Band etwa 6—7 äom lang ist. Sic werden von Hoffourieren, Pagen, Lakaien u. dgl. auf der linken Schulter getragen; Achselklappen, die tuchenen Klappen auf den Schultern der Soldaten. Durch Farbe u. Nummern bezeichnen sie das Armcecorps u. Regiment, zu welchem der Soldat gehört. Die Offiziere tragen statt der A. oder Epauletten in neuerer Zeit auch Achselstücke als Abzeichen der Charge; Achsel sch nur, wollene, silberne od. goldene zicrl. verschlungene Doppelschnur, vonMilitürpersoncn (Generalen, Flügeladjutanten und Leibgcudarmcn) auf der linken Schulter getragen. Sie sollen von den Fouragirlcinen der Dragoner, welche der Marschall von Sachsen zuerst geflochten auf der linken Schulter tragen ließ, herstammcn. Achselknospe (Bot.). Die seitlichen, nicht die Hauptachse der Pflanze verlängernden Zweige der Phanerogamen entwickeln sich normal aus einer Achselknospe, so genannt, weil dieselbe immer in einer Blattachscl steht. Daher ist auch die Stellung der aus den A-n entwickelten Zweige ganz von der der Blätter abhängig. Das unmittelbar unter der A. stehende Blatt heißt Trag-, Stütz- oder Mutterblatt und hinterläßt beim Abfallen eine deutliche Blattnarbe. 150 Achselrankcn — Acht. Achsclranken, die aus den Blattachseln entspringenden Ranken, s. n. Ncbenpflanzenthcile. Achsclsproff oder Achselzwcig (Bot.), der ans einer Achselknospe (s. d.) sich entwickelnde Seitenzweig. Achsclständig (Bot.), s. u. Achsel. Ach,cncylindcr, s. Nerven. Achsendrchung, so v. w. Rotation. Achsendreieck, derKegelschnitt, in dessen Ebene die Achse des Kegels liegt. Achssitz, je ein zn beiden Seiten der Feld- laffetten zwischen Lasfettenwand und Rad über der Achse angebrachter Sitz, aus dem 2 Mann Bedienung Platz finden, wenn das Geschütz in stärkeren Gangarten avancirt. Sicht (Math.) heißt die durch die Ziffer 8 im dekadischen Zahlensystem, durch das röm. VIII, das griech. das hebr. N u. s. w. bezeichnte Zahl, die erste, welche die dritte Potenz einer vorangehenden (2) ist. Sie ist ausgezeichnet durch vollkommene Theilbarkeit u. merkwürdige mathematische Eigenschaften. So steigen die Quadrate der ungeraden Zahlen um Vielfache von 8 u. find deshalb, um 1 vermindert, durch 8 theil- bar. Z.B. 17-^289; 17-—1^288— 8.36. Wol zum Thcil wegen ihrer besonderen mathematischen Eigenschaften galt sie schon bei den Alten für eine vollkommene Zahl: 8 Menschen überlebten nach der biblischen Erzählung die Sündfluth; Götter erster Ordnung gab es bei den Aegyptern8; die gallischen Tempel u. die christlichen Kirchen in: Mittelalter waren achteckig (s. Achteck). Acht ist das aus der germanischen Rcchtsan- schanung hervorgcgangene Gerichtsverfahren der vormittclaltcrlichcn Zeit. Die deutsche Gemeinde galt nach der ursprünglich germanischen Anschauung als Rechts- und Friedcnsgcnossenschast; der Verbrecher, oder wer dem Rechte eines Anderen Abbruch thut, bricht den Frieden, schädigt das Recht in der Gemeinde, und ihn anszustoßcn, ist das Recht der Gemeinde. Nur bei geringeren Vergehen konnte der Friedebrecher sich durch ein Sühngeld wieder einkanfcn. Der wegen schwerer Verbrechen oder wegen Weigerung, sich vor Gericht zn stellen, Ausgcstoßcne galt als Feind der Gemeinde, n. die Privatrache des Verletzten ward durch die ihm von der Gemeinde werdende Unterstützung verstärkt, während der Ausgcstoßene alles Rechtes u. Schutzes in der Gemeinde beraubt war. Darum hieß er: „Waldgänger" od. „Wolf" Ovarxns) oder „Wolfshaupt", als der Verfolgung Aller prsisgegeben. Seine Verfolgung war die A. Die A. des Verbrechers endigte mit seiner Vernichtung; nur der wegen Weigerung, vor Gericht zn cricheinen, Geächtete konnte durch Folge- leistnng der Ladung sich rchabilitiren. Als das Rcchtslcben auch in Deutschland das System der öffentlichen Strafen anfnahin, verlor die A. jene strafrechtliche Bedeutung; sie blieb nur als ein nur in bestimmten Fällen anwendbares Zwangsmittel, namentlich wider den ans offener That ergriffenen Verbrecher, welcher sich der Gefangen- nehmnng durch Flucht oder Widerstand zu entziehen suchte. Dann bestand die Bedeutung der A. darin, daß Jedermann den Geächteten oder (Sachsenspiegel) Verpesteten gefangen nehmen u. an den Richter abliefern u., falls er der Gefangennahme sich zu entziehen suchte, ungestraft tödten durfte; überdies war der Verfestete aller gerichtlichen Rechte des Klägers, Beklagten od. Zeugen bar u. verfiel, wenn die rechtsförmliche u. namentliche Vcrfestnng bezeugt werden konnte, der Todesstrafe. Die A. konnte sich auf einzelne Territorien (Landacht), oder auf das Reich (Reichs- acht) erstrecken, von einem Landcsgerichte oder dem König, nämlich wenn er selbst zn richten oder das Urthcil eines Gerichtes zu bestätigen hatte, verhängt werden. Wollte der Geächtete sich freiwillig vor Gericht stellen, so mußte der Richter auf sein Begehren freies Geleit gewähren; das eidliche Versprechen, sich vor Gericht zu stellen, setzte ihn in den vollen Rechtsstand wieder ein und bewirkte sofortige Freilassung. Andernfalls trat nach Jahr und Tag Aberacht ein, welche völlig rechtlos machte. So nach den Grundsätzen der deutschen Rechtsbücher. — Je mehr die Idee des freien Friedensvcreins in ihrer ursprünglichen Gestalt getrübt wurde u. dem Gedanken der Nntcrthanschaft unter einer Herrschaftsgewalt Platz machte, desto mehr schwand die A.,n. schon 1684 (jüngst. Reichsabschied, s. auch Wahlcap. Karls VI.) wurde der Achtsproceß in Civilsachen in die Acht als bloße Ungehorsams- oder Con- tumacialstrafe, sowie bei geringeren Verbrechen aufgehoben. Nur wo noch die alte deutsche Rechtsidee geblieben war, d. i. in Beziehung ans die Reichsnnmittclbarcn u. Rcichsstände erhielt sich noch die Acht, gab aber mehrfach zu Streit zwischen Kaiser u. Reichsständen Anlaß, da Elftere das Fürstcnrecht nicht mehr beachteten u. nur mit n. durch den Rcichshofrath unter Umgehung des Fürstengerichtes gegen die Fürsten vergingen, bis in der Wahlcapilulation Karls VI. 1711 die Bestimmung Aufnahme fand, daß der Kaiser keinen Fürsten mehr ohne Zustimmung der Reichsstände in des Reiches Acht oder Oberacht bringen wolle. Der Mangel der Einheit des Strafverfahrens im Deutschen Reiche und einer gegenseitigen Ausliefcrnngsverpslichtung sollte dadurch einigen Ersatz finden. Tie A. war eben nunmehr nur noch ein politischer Stet n. in der Regel ans politischen Gründen völlig wirkungslos. Die letzte Reichsachtscrklärung sollte gcgenFriedrichll. von Preußen 1758 ausgesprochen werden, doch ging trotz der betreffenden reichshofräthlichen Beringungen der Reichstag weder ans den vom Kaiser beantragten Achtsproceß, noch ans die förmliche Achtscrklärnng ein (Lorp. I-lvang. 6on- ülnsuin 29. Nov. 1758), so daß überhaupt die letzte wirkliche Rcichsachtserklärnng die gegen den Kurfürsten v Bayern n. dessen Bruder, den Kurfürsten v. Köln, von 1706 war. Heutzutage cxistircn nur noch in der Landesverweisung und Deportation, in dem bürgerlichen Tod u. dem öffentlichen Aussehen eines Preises auf Einlie- fernng eines Verbrechers der Ächtung mehr oder weniger ähnliche Strafen. Vgl. Wilde, Strafrecht der Germanen, Halle 1842, S. 224 s.; Perthes, Os xroserlxilons ei banno regio guiL statnerit 8peenlnm Faxonicrurn, Bonn 1834; Maurer, im Bluntschli - Braterschen Staats- Wörterbuch; s. auch Vehmgericht u. Bann. s 151 Acht — ! Acht (Hohe A.), höchste Erhebung der Eifel i bei Adenau, Rcgbez. Koblenz, 715 in hoch. Acht, goldene (6oiias llz.Us L.), Schmetterling ans der Fam. der Tagfalter. Raupe grün mit fchwarzen Punkten u. mit 2 gelben Linien an den Seiten; feinhaarig; lebt auf Klee u. der Kornwicke; Puppe vorn cinfpitzig; Schmetterling fliegt im Mai n. Ang.; Männchen schwefelgelb, Weibchen gelblichwciß, fein roth gcrandet, am Außcnrande breit schwarz; auf den Hinterflügeln 2 in Form einer 8 znsammenstehende Angenflecke. Acht alte Orte, der Bund der ersten 8 Freistaaten der Schweiz: Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zürich, Glarus, Zug n. Bern, welche feit 1353 nach einer Reihe von Befreiungskämpfen die alte Eidgenossenschaft bildeten u. 1481 durch die Aufnahme von Freiburg u. Solothurn Vermehrung fanden. Sie blieben jedoch bis 1798 ausschließlich Besitzer mehrerer sogenannten Untcr- Ihanenländer oder „gemeiner Herrschaften", in welche sie abwechselnd alle 2 Jahre ihre Landvögte sandten, so Thurgau, Frciamt, Sargans und Rheinthal (hier wurde jedoch Appenzell znge- zogen). S. Schweiz. Achtbellte (Biencnz.), Wohnung für 8 Bienenvölker, f. u. Bienenwohnung. Achtbrnderthaler, weimarischer Thaler, mit den Brustbildern der 8 unmündigen Söhne Herzog Johannes, 1606—25 geprägt. Achteck (Oktogon), eine der wichtigsten Grund- signren namentlich der christlichen Baustile. Schon in der altchristlichen, byzantinischen u. romanischen Baukunst spielt das A. eine große Rolle, indem es die Grundfigur vieler Bauwerke bildete, wie z. B. bei der Kirche San Vitale zu Ravenna, der Münstcrkirche zu Aachen u. a., ferner bei vielen romanischen Baptisterien Italiens, sowie bei den Centralthürmen der romanischen Kirchen. Noch wichtiger aber ward die Achtccksform für die gothischen Bauwerke; sie bildet hier vielfach die Grundfigur derChorschlüsse, der obercnThnrm- gefchosse u. Thurmhclme, u. wird dann 'in der Regel durch den mittelalterlichen Ausdruck A. bezeichnet. Aus-dem A. find auch die reichen Thürmel- ungen gothischer Strebepfeiler u. Fialen zu entwickeln. Achteckige Thaler, f. u. Münze. Achtel u. Achtelnote, der 8. Theil einer- ganzen Tactnote; die Pause für die Dauer einer A. heißt Achtelpause. Achtelschlange, alles Geschütz, schoß 1^ ÜA Eisen u. war 35 Kaliber lang. Ächten, in die Acht (s. d.) erklären. Achtender, Hirsch mit 8 Enden an jeder Stange des Geweihes. Achter, 1) sonst in SDeutschland so v. w. Achtkreuzerstück; 2) früher in Sachsen die ans- bachfchcn Mariengroschen; 3) die königl. sächsischen Achtpfennigstücke; 4) (Jagdw.) so v. w. Achtender; 5) (Bergw.) so v. w. Achtstünder; 6) ein Zirkel der Uhrmacher; 7) in der Schiffssprache so v. w. hinten, z. B. Achtcrsegel, die Segel, welche auf oen Hinteren Theil des Schiffes wirken, u. s. f. Achterüinde (Chir.), eine Binde, die in Form Achtung. einer liegenden «> (in Achtertouren) um einen Abschnitt einer Extremität, aber nur über Gelenke hernmgeführt wird. Achterfeldt, Joh. Heinr.,geb. 1788in Wesel, seit 1813 an verschiedenen Orten Caplan, wurde 1818 Professor der Theologie zu Braunsberg und 1826 zu Bonn. Als Anhänger des vom Papste verdammten Hermesianismus 1843 vom Erzbischof als Lehrer suspendirt, lebt er seitdem in Bonn. A. schr.: Lehrbuch der christkatholischen Glaubens- und Sittenlehre, Braunsb. 1825; Katechismus der christkatholischen Lehre, ebd. 1826, 2. Ausl., Bonn 1831; gab Hermes Dogmatik nach dessen Tode heraus, Münster 1831—1834, u. war von 1842—1852 Mitherausgeber der Zeitschrift für Philosophie und katholische Theologie. Ächtermann, Theodor Wilhelm, Bildhauer, geb. in Münster 15. Ang. 1799, Sohn eines Schrcinermeisters, arbeitete bis zu seinem 30. I. als Bauer, sich nebenbei im Schnitzen übend, erlernte dann das Tischlerhandwerk u. zeichnete sich bald als Schnitzer derart aus, daß der Ober- Präsident v. Vincke ihn an Rauch empfahl. Vom König unterstützt, trat er 1830 in die Akademie ein u. schon im nächsten I. in Rauchs Atelier. Doch erst nach kummervollen 7 Jahren erhielt er einen größeren Auftrag: das Relief für den Giebel der katholischen Kirche in Berlin. Seine strengkatholischcn Anschauungen trieben ihn nach Rom, wo er seit den 40er Jahren lebt. In seinen Werken zeigt sich bei der Hinneigung zur älteren christlichen Kunst eine würdige Einfachheit der Ailffassnng u. ein edler Ernst der Empfindung. Besonderen Beifall fanden seine Pieta und seine Krenzabnahnie im Dom zu Münster. Achtermannshöhe, 928 (936) m ü. d. M., Granitkegel von vulcanischer Form im Oberharz mit schöner Aussicht. Achtersteven (Hintersteven), s. Schiffbau. Achtflächner (Min.), s. v. w. Oktaeder (s. d.). Achtfnßer (Oetopoäa), Unterordnung der Kopffüßer (OMaloxocla) (s. d.). Achthal,Thal in Oberbayern mit Eiscirgrubcn. Achtiar (Achtjar), tatarischer Name von Sewastopol (s. d.). Achtköpfige Thaler, sächsisch-goth. Thaler von 1726, mit dem Bilde des Herzogs Fricdrich-11. u. auf dem Revers denen seiner 7 Söhne. Achtmiinnig (Bot.), Pflanzen mit 8 Staubgefäßen (8. Kl. T,rn»re, Ootanäria). Achtschaufler ein Schaf, welches 8 Schaufeln (bleibende Schneidezähne) hat, also wenn cs 4—4Vs Jahr alt ist. Achtschellinck, Lucas, auch Acktschellinx, Landschaftsmaler, geb. zu Brüssel Jan. 1626, ward Schüler Pieter van der Borchts, zeichnete mehrere Cartons für Brüsseler Tapezirer und malte viel für Kirchen und Klöster, Landschaften mit Staffage aus der heil. Legende. Bilder von ihm finden sich noch im Nathhause zu Brügge u. im Museum daselbst, in der Dresdener Galerie u. in der Sammlung des D. Curanda in Wien. Achtung, 1) Aufmerksamkeit ans etwas; 2) (Kriegsw.) ein Avertissement, das einzelnen Ausführungs-Commandos vorhergeht, z. B. Acht- 182 Achtyrka — mig — präsentirt das Gewehr; 3) sociales u. moralisches Element, das aus der Gegenseitigkeit (s. d.) beruht u. einen wichtigen Halt in gesellschaftlicher u. moralischer Hinsicht ausmacht. Die A. wird im gewöhnlichen Leben vielfach von Macht u. Autorität, vom Interesse, wie von Zull. Abneigung (s. d.) hervorgerufen. In diesem Falle ist sie vorwiegend subjectiver, jedenfalls aber niederer Natur u. bezw. mit Furcht u. Eigennutz gleichbedeutend. Die wahre (objcctive höhere) A. beruht auf Leistung u. Verdienst u. wird auch danach zu bemessen sein; sie ist unter diesen Vorbedingungen auch dem Feinde zu zollen, während sie unter entgegengesetzten Verhältnissen auch dem Freunde versagt werden muß. Im Allgemeinen muß man die A., die man verlangt, entgegenbringen. Achtyrka (Achtürka), Kreisstadt am gleich- nam. Nebenfluß der Worskla und an 3 Seen im russischen Gouvernement Charkow; großer Markt, Obstzucht, Wallfahrtsort; 17,411 Ew. Achtzehnköpfige Binde (Chir.), eine aus 18 Köpfen bestehende, blätterförmige Binde für Beinbrüche. Setzt bei Anwendung viel Geschicklichkeit des Arztes oder Heilgehilfen voraus. Jetzt wol nie mehr angewandt. Achnlko, Felsenburg am Sulak, im Lande der Tschetschenzcn, am Kaukasus, Schamyls Hauptsitz; wurde am 23. August 1839 nach ^monatlicher Belagerung von den Russen eingenommen, s. Tscherkessenkrieg. ücb^eantbss L., Pflanzengatt, aus der Fam. Lmarautaeeas, mit kleinen, dicht zusammenge« drängten, blumenblattlosen Blüthen, welche von 3 Verblättern umgeben sind, und einsamigen Früchtchen. Arten zahlreich in Ostindien und Neuholland, theilweise als Zierpflanzen cultivirt. Aci Castello, Flecken auf der Insel Sicilien, Prov. Catania, Distr. Acireale, am Meere u. an der sicil. Eisenbahn, mit den Ruinen einer Burg, in welcher 1297 die Anhänger Roger von Laurias sich gegen Friedrich II. u. Artale von Aragonien verlheidigten: 2280 Ew. Neid (v. Lat.), sauer, s. Acidum. /wlilälls Oe/is., Gatt, der Spanner (s. d.). Acidalrns, Valens, gcb. zu Wittstock 1567, studirte zu Rostock u. Helmstädt Medicin, ging 1590 nach Italien, wo er sich zum Philologen umbildete, u. st., katholisch geworden, 1595 in Neiße. Er sehr.: Lnimaäversiones in Onrtinm, Frkf. 1594; vivinationso et intsrprst. Llautinas, ebd. 1695 und 1607, ?c. und gab den Vellejus Patcrc., Pad. 1590, heraus. Kurz vor seinem Tode gerieth er in ärgerliche Streitigkeiten durch die Herausgabe der Dispntstio xerjueunäa, gua Lnouzunns xrodars vititur innlisre8 dominos non esse, Frkf. 1595, 2. Ausg. mit der Entgegnung von Sun. Gediccns, Haag 1638 u. ö. Acidimetrie (Säurebestimmung), eine Reihe chemisch-technischer Untersuchungsverfahren, um den Gehalt einer festen Substanz oder Flüssigkeit an freier Säure zu bestimmen. Sie gründen sich alle darauf, daß man feststellt, wie viel Alkali uöthig ist, um in einer bestimmten Menge der Substanz die Säure zu sättigen, d. h. mit demselben neutrales Salz zu bilden. Dasselbe Verfahren umge- Acivimetrie. kehrt, d. h. also eine Bestimmung, wie viel Säure nöthig ist, um in einer gegebenen Substanz das Alkali zu sättigen, nennt man Alkalimetrie. Beid- Bestimmungen sind für die Technik von Wichtige keit, da sowol die im Handel vorkommenden Säuren (Schwefelsäure, Essig-, Salzsäure rc.), als auch die Alkalien (Pottasche, Soda rc.) nicht rein sind, aber natürlich nur die Gehalte an wirklicher Säure oder AlkaliHandelswerth besitzen. Einfache Methoden, die mit hinreichender Genauigkeit beide Bestimmungen möglich machen, ermöglichte zuerst Gay-Lussac durch seine Erfindung der Maßanalyse, für deren Ausbildung und Einführung sich namentlich Mohr in Bonn große Verdienste erwarb. Fast alle angewandten Methoden benutzen die Eigenschaft des Lackmus oder anderer Pflanzenpigmente, wie der Curcuma, Cochenille rc., mit Säuren andere Farben anzunehmen, wie mit Alkalien. Lackmustinctur wird blau niit Alkalien, roth mit Säuren. Setzt man also zu einer zu untersuchenden Säure einige Tropfen alkalische Lackmustinctur, so färbt sich die ganze Flüssigkeit sofort intensiv roth, u. gießt man nun hierzu eine Alkalilösung von bekanntem Alkaligehalte, bis die blaue Farbe sich zeigt, also alle Säure gesättigt ist, so kann man aus der Menge der verbrauchten alkalischen Flüssigkeit den Säuregehalt berechnen. Ebenso umgekehrt. Für die A. arbeitet man am besten mit einer Lösung von Kali, Natron oder kohlensaurem Natron, deren Gehalt man bei den beiden ersten am besten durch Versuche bestimmt, während man bei Anwendung von kohlensaurein Natron eine bestimmte Quantität eines durch Glühen von doppelt kohlensaurem Natron erhaltenen neutralen kohlensauren Natron ohne Wassergehalt abwägen u. lösen kann. Letzteres ist am einfachsten. Als Säure wendet man bei der Alkalimetrie am besten verdünnte Schwefelsäure von bekanntem Säuregehalt, oder nach Mohrs Vorgang von ihrem Krystallwasser befreite feste Oxalsäure an. Man habe z. B. einen Essig zu prüfen, dessen specifisches Gewicht man zu 1,042 bestimmt hat, so messe man hiervon 5 ödem ab, füge dazu eiuigeTropfenLackmnstinctnr u. lasse nun aus einer Bürette von einer Kalilösnng, welche in 1 edom 0,05g § Kalihydrat (LAO) enthält, so viel zufließen, bis bei beständigem Umrühren die rothe Farbe des zngefügten Lackmus plötzlich in Blau übergeht. Gebraucht man hierzu 27 ödem der Kalilösnng, so enthält der untersuchte Essig 31,og°/o Essigsäure (O2A4O2), ist also das in der Adarmaoopoea germanica vorgeschriebene ofsicincllerlestum soneentratnm. Denn 1 Molecül Kalihydrat LAO—56 sättigt 1 Molecül Essigsäure O2A4O2—60; die verbrauchten 27x0,^ gr Kalihhdrat sättigen alsoj 27x0,„^—1 ,°2o S Essigsäure; diese Menge war also in den 5 ödem Essig; oder, da dessen spcc. Gew. I,««? betrug, waren in 5x1,042—0,21,> Ar Essig l.gzo S Essigsäure, d. i. 31,0-,0/0 enthalten. Der gewöhnliche Speiseessig enthalt 6—7"/o Essigsäure. Auch der von Will u. Fresenius angegebene Apparat, wo nicht das zur Sättigung nöthige Alkali, sondern die durch die Säure ausgctriebene Kohlensäure eines kohlensauren Alkali bestimmt wird, ist Acidinus — Acis. 153 i I I zur A. etwas modificirt angewandt worden. Derselbe wird jedoch meist nur als Alkalinieter und zur Braunsteinbestimmung angewandt. Vgl. Mohr, Lehrbuch der Titrirmethodcn, Braunschw. 1874; Schwarz, Maßanalysen, ebd. Acidums, Beiname eines plebejischen Zweiges der römischen gsns Llanlta; merkwürdig: 1) der aus dem Hause der Fulvicr durch Adoption iu die Familie der Acidini übergetretene Lucius Manlius Acid. Fulvianus, 188 v. Chr. Prätor; besiegte in Hispanien im I. 186 die Celtiberer, sührte im I. 181 eine Colonie nach Aquileja u. chard 179 mit seinem Bruder Consul (das einzige Beispiel). Acidität (Säurigkeit) der Basen u. Alkohole, das Verhalten derselben in Bezug ans die Menge der Saure, welche zu deren Sättigung erforderlich ist. Man unterscheidet ein-, zwei-, dreisäurige Basen. Eine Basis ist ein-, zwei- oder dreisäurig rc., je nachdem ein Molecül derselben 1, 2, 3 rc. Molecüle einer (einbasischen) Saure zur Sättigung fordert. Der A. der Basen entspricht die Basicität der Säuren. Die A. entspricht der Werthigkeit des Radicals (Metalls, Alkoholradicals); so ist Kalihydrat (L^O) einsäurig, Kalkhydrat (Oa^^Os) zwcisäurig, weil Kalium ein-, Calcium zweiwerthig ist. Ebenso ist Äthylalkohol (sOyllsflllO) einsäurig, weil das Radical desselben, Äthyl ( 62 H 5 ), ein- werthig ist. Über eine (scheinbare) Ausnahme von diesem Gesetze s. u. Milchsäure. Üciäium (Ls. i?sr-s., Kelchbrand), Pflanzengattung der Fam. der Brandpilze, Coniomyceten; sie brechen durch die Oberhaut der Blätter hervor u. befallen auch krautartige Pflanzen, z. B. die Blätter von Loläaustla alxtna, Lnsmono rauuuoutotäos, Magoxan xraisusts u. von mehreren Arten der Gattung LeorMusra, lussilaZo, Lecmitum, Ranunoutus, namentlich aber Herberts vulgaris u. die verschiedenen Wolfsmilcharten, deren Aussehen dadurch meist auffallend verändert wird; auch werdenletztere dadurch gewöhnlich unfruchtbar. /loiäulae, die Säuerlinge unter den Mineralwassern (s. d.). -oiäum (lat.), Säure; L. aestüoum, Essig-, L. arsevtotoum, Arsen-, L. arssnteosum, arsenige S., L. bsu 2 otoum, Benzoö-, L. boraoteum, bort- «um, Bor-, L. borussteum, Blau-, L. oarbolt- cum, Carbol-, L. earbomaum, Kohlen-, L. olllo- rloum, Chlor-S., L. obloro-ultrosum, Königswasser, L. ollromteum, Chrom-, L. ottrieum, Ci- tronen-, L. lormioarum, Ameisen-, L. gaHioum, Gallus-, L. gaüo-taimteum, Gerb-, L. b^äro- etäortvum, bz'äroebloratum, Salz-,L. b^ärosulku- ratums Schwefelwasserstoff, L. laetleum, Milch-, L. maltvum, Äpfel-, L.murtatieum, Salz-,L. nttrt- eum, Salpeter-, L. oxalieum, Oxal-, Klee-, L. lüwsxborioum, Phosphor-, L. xioronttitoum, Pi- krin-, L. slltoleum, Kiesel-, L. sbtbtoum, Antimon-, L. stibtosum, antimonige S.,L. sueetuteum, Bernstein-, L. sutkurtoum, Schwefel-, L. s. äilutum, 1 Th. Schwefel-, 5 Th. Wasser, L. s. kumans, rauchende Schwefel- (Nordhüuser Bitriolöl), L. tanuteum, Gerb- (Tannin), L. tartarioum, Weinstein-, L. urtouw, Harn-, L. valeriauteum, Va- leriansüure. /lcüiUL Leae/i, Käfergatt, aus der Fam. der Schwimmkäfer (s. d.). Acilius, römisches plebejisches Geschlecht (LeMa gens), aus dem besonders die Familie Glabrio, auch Rusus, bekannt ist. Auf ihren Münzen erscheint Latus u. Valstnäo; Archagathos, der erste nach Rom gekommene griechische Ärzt wohnte am oomxttum Lotttum; vielleicht waren die Acilier ursprünglich Ärzte gewesen. Äcincnm (a. Gcogr.), römische Colonie und starke Festung in Nicder-Pannonien mit großer Schildfabrik. Von hier aus machten die Römer ihre Züge gegen die Jazygen, u. daher war A. auch zuweilen der Aufenthaltsort der römischen Kaiser; jetzt Alt-Ofen. A. gegenüber, durch die Donaubrücke verbunden, lag die römische Festung (kontra Loinoum. Acinetcn (Lotustüna ZMg.), Fam. der Jnfu- sionsthierchcn, bildet die Gruppe der saugenden I., welche den Leibesinhalt anderer I. durch ihre sehr beweglichen, oft rasch vorstrcckbaren Saugröhren einsaugen und sich parasitisch auf kleinen Wasserthieren, selbst anderen Infusorien, festsetzen. üclni (lat.), 1) Körnchen. 2) (Anat.) Die letzten becrenförmigcn Endigungen der acinösen Drüsen (s. d.), die mit einem Äusführungsgange zur Ableitung der in den L. gebildeten Flüssigkeit versehen sind, deren jeder wieder in den gemeinschaftlichen Äusführungsgang mündet. Sie bestehen mikroskopisch ans einem sehr feinen Häutchen, das aus der Innenseite mit Epithelzellen besetzt ist. 3) (Bot.) Safibeeren, die einzelnen, eine zusammengesetzte Beere ausmachenden kleinen Beeren, z. B. bei den Brombeeren und Himbeeren. üoinos 7>1o'»c/r., s. Calamintha. Acinös (v. Lat.), 1) mit vielen Beeren; 2) traubenförmig. Acinöse Drüsen, so v. w. traubenförmige Drüsen, bei denen eine größere Anzahl haufenweise zusammenliegender Drüscnbläs- chen (Loini) durch sie umspinnendes u. znsam- mcnhaltcndes Bindegewebe zu einen: Drüsen- körper vereinigt werden. Verschiedene Organe des Körpers bestehen aus solchen Drüsenge- bilden. Loipensec, Fischgatt., so v. w. Stör. Acireale (Jaci, in: Alterth. Aclum), Stadt in der ital. Prov. Catania auf Sicilicn, am Fuße des Ätna u. an der Mündung des Aci, der auf dem Ätna entspringt, sowie an der Eisenbahn zwischen Messina u. Catania; Fort, altes Schloß, Dom, Gymnasium, bischöfliches Seminar, technische Schule, 2 Akademien der Wissenschaften u. Künste (äsAli 2oAlantl u. Leo. Ookutoa), 2 Conserva- torien, Müdchencolleg, Waisenhaus, starker Hanf- u. Flachsbau, Leinen- n. Baninwollweberei,Messerschmieden; 35,790 Ew. Die Umgegend ist für Geognosten interessant; dabei die Grotte des Po- lyphcm u. der Galatea (s. Acis), die Schwefcl- wasser von S. Venera u. im Meere die 7 800 M äs Ltclopt (IkaraAliont). Die Stadt ist nach dem Erdbeben von 1093 fast ganz neu erbaut- Südöstl. davon Lot (kastotlo. Acis, ein sicilischer Jüngling, Sohn des Fau- nus u. der Nymphe Symäthis, Geliebter der 154 Acka — Ackerbau. 'Nymphe Galatca, wurde von dem eifersüchtigen Polyphem mit einem Fctsstück erschlagen. Galatca verwandelte das Blut des A. in den gleichnamigen Fluß; s. u. Acireale. Acka, ein zwergartiger Ncgerstamm Afrikas, von G. Schweinfurth und du Chaillu entdeckt. Sie bewohnen ausgedehnte Gebiete im S. der Monbuttn (s. Abanga u. INonbuttn), ungefähr zwischen dem 1. u. '2. Gr. nördlicher Br. Ein Theil derselben ist dem Monbuttukönig unterworfen. Als wesentliche Merkmale der A-s bezeichnet Schweinfurth: eine nicht IVs m überschreitende Körperlänge, Hängebauch, ungewöhnlich schmale Gliedmaßen mit kleinen Händen u. Füßen und besonders den kugelförmigen Schädelbau, Körperfarbe knpferbraun, das kurze, stark gekräuselte Haar kaffebraun. Sehr gewandt in ihren Bewegungen, führen sie Lanze, Pfeil u. Bogen von der Kleinheit der Kinderspielzeuge. Dennoch sollen die A-s die verwegensten Elefantenjäger s.in. Nach den neuesten Nachrichten scheinen die A-s durch die äquatoriale Zone Afrikas verbreitet zu sein; ja, sie werden an verschiedenen Thcilen der WKüste des Erdthcils angetrossen, wo sie den Namen Babango führen. Ackajari nennen verschiedene Jndianerstämme Südamerikas das Harz, welches von der westindischen u. südamerikanischen Lnrsern aouminata, Fim. der Bnrscraceen, stammt u. gewöhnlich als Caranna oder Itssina Larannas (s. d.), aber auch unter dem Namen A. in den Handel kommt. Ackeley, Pflanze, so v. w. Aquilcgia. Acker, 1) ein durch Menschenhände bearbeitetes, zum Banen verschiedener Feldfrüchte bestimmtes Stück Land. Die Bearbeitung der Äcker (das Ackern) geschieht mittels Pflugs, Egge, Walze u. a. Maschinen (Ackergcräthe), die thcils durch Thier-, theils durch Maschinenkräfte in Bewegung gesetzt werden, seltener durch Hacken, Spaten u. dgl. Handwcrkzeuge, je nachdem Lage u. Boden es erfordern; vgl. Ackerbau. Gewöhnlich theilt man die bearbeitete Oberfläche in Beete (s. d.) ab; diese bestehen ans mehreren schmäleren Furchen u. sind durch breitere Furchen von einander getrennt (s. Furche). Die Beete an den Rändern der Äcker heißen Anwand. Ein A.,anf dessen einem Ende man mit dem Pfluge überackern muß, heißt Fahrten-A. Die Bestimmung des Werthes eines A. geschieht durch die Bonitirung (s. d.). 3) Flächenmaß von verschiedener Größe, s. u. Morgen u. Acre. Acker, Johannes Baptista van, niederländischer Miniaturmaler, geb. 1. Nov. 1794 in Brügge, erhielt seinen ersten Unterricht bei Ducq in seiner Vaterstadt n. ging 1834 nach Paris, wo er über 300 Bilder seiner Art malte; er wurde später nach Brüssel berufen, wo er Porträts der königl. Familie n. a., im Ganzen 1100, lieferte, hielt sich eine Zeit lang in England auf und kehrte dann nach Brügge zurück, wo er ls. Juni 1803 starb. Seine Hauptvorzüge sind leichter Vortrag u. leuchtendes Colorit. Ackerbau, im weiteren Sinne, das ganze landwirthschaftliche Gewerbe, s. Landwirthjchast, im engeren Sinne der Theil der Landwirthschaft, welcher sich mit dem Boden, den Pflanzen und der richtigen Art, diese anzubauen, zu ernten, aufznbewahren und zu verwcrthen, befaßt. Der A. war früher, als die Bevölkerung noch gering war u. die Menschen nur wenige Lebensbedürfnisse hatten, weder so nothwenbig, noch wurde er so rationell betrieben, wie gegenwärtig, wo die immer steigende Bevölkerung dem Boden durch ausgiebigen Betrieb mehr Früchte abzugewinnen suchen n. darauf bedacht sein muß, dem erschöpften Boden neue Fruchtbarkeit zuzusühren u. ihn pfleglich zu behandeln. In dem Maße, wie sich in Len einzelnen Ländern, England voran, die Erkenntuiß der Ernährungslehre der Pflanze Bahn brach, wurde der A. vervollkommnet, der Betrieb ein anfwirihschaftlich vernünftigen Grundlagen basirter. Alan theilt die Lehre vom A. in zwei Theile, u. zwar 1) in den wissenschaftlichen u. 2) in den praktischen Theil. Ter wisscn- schastliche Theil behandelt die Agrologie oder landwirthschaftliche Bodenkunde (s. d.), bespricht die physikalischen u. chemischen Eigenschaften des Ackerbodens u. deren Einfluß auf die Bodenpro- duction u. theilt denselben je nach seiner Ertragsfähigkeit in verschiedene Klassen; s. Bodenkunde n. Agriculturchemic. Der praktische Theil zersällt in dieLehre von der Urbarmachung u. den mcchan. Verbesserungen deS Bodens, von der Ernährung der Pflanzen, die Düngerlehre, die Lehre von der Bearbeitung des Bodens, von: Pflanzenbau, der Ernte u. der Anfbewaqrung der Erzeugnisse. Die Urbarmachung bezieht sich auf Waldboden, mit Dornen u. geringem Buschholz bewachsenen Boden, Lehde u. Gcmcindeanger, Moore, Sandstrccken, Haideboden re.; ferner ans Beseitigung der Steine, Kicshorste w., resp. deren Ersatz durch eine gute Erdart, was entweder durch Abgrabnng mit dem Spaten, oder mit dem Muldbrett geschieht; bes. endlich auf Entwässerung feuchter u. nasser Grundstücke durch Anlegung von Gräben n. durch Drai- nirung (s. d.) u. Entwässerung. Unter mechanischer Verbesserung des Bodens versteht man das Auffahren bessernder Erdarten. So können z. B. schwere, zähe Bodenarten dadurch wesentlich verbessert werden, daß man sie mit leichteren Erdarten überfährt, u. umgekehrt. Die Ernährung der Pflanzen geschieht, wenn auch nicht ausschließlich, so doch hauptsächlich, durch mineralische Nährstoffe, welche im Boden vorhanden sein müssen, da ohne dieselben kein Pflanzenwachsthnm möglich ist. Es ist die vernehmlichste Aufgabe des A-es, durch Bearbeitung, Pflege und Düngung diese Bestandtheile nicht nur überhaupt, sondern in entsprechender Menge u. in den Pflanzen zusagender Form zu beschaffen. Die mineralischen Nährstoffe sind in assimilirbarem Zustande nur in der Fcinerde enthalten, n. dieser werden sie durch die Wurzeln unter Beihilfe des Wassers entzogen. Sie sind nicht gelöst im Boden, sondern werden durch die feinen Haarwurzeln in anfnehmbaren Zustand gebracht und assimilirt. Aus der Luft entnehmen die Pflanzen vorzüglich die den Kohlenstoff liefernde Kohlensäure, obgleich auch hierbei der Boden durch seinen Humus thätig sein wird. Die Düngung. Erstden neuesten Forschungen der Agriculturchemiker u. Pflanzenphysiologen verdankt man eine klare Einsicht 155 Ackcrbau-Chcmie - über die Bestimmung und Wirkungsweise des Düngers. Erst seitdem man zu der Erkenntniß gekommen ist, daß der Dünger nicht als Reizmittel oder durch einen Rest in ihm vermöge seines Ursprunges zurückgebliebener Lebenskraft wirke, sondern daß man in ihm ver Pflanze die Bestandtheile zuführe, welche sie im Boden vorfinden muß, uni sich normal entwickeln zu können, kann man von einer rationellen Düngerlehre sprechen. Diese stellt Grundsätze auf, nach denen der Werth verschiedener Düngstoffe für verschiedene Cultnren sich bestimmen läßt und neue Düngerarten zu gewinnen sind. Nach ihrem Ursprünge u. ihrer Wirkungsweise kann man die Düngemittel eintheilen in organische, welche aus dem Thier- (animalische) u. Pflanzenreiche (vegetabilische), und unorganische, welche aus dem Mineralreiche stammen; auch der künstlichen Düng- ungsmittcl bedient man sich; s. u. Dünger. Die Geräthe, deren man sich zur Bearbeitung des Bodens bedient, sind außer Pflug, Eggen. Walze (s. d. A.) verschiedene Cultivatorcn (s. d.). Alle diese Geräthe sind in der neuesten Zeit bedeutend vermehrt und verbessert worden, was von sehr großem Einfluß auf den A. gewesen ist. Was die Bearbeitung des Bodens mit diesen Geräthen selbst anlangt, so kommt hier bes. das Abtheilen des Bodens in Beete, das Pflügen in seinen verschiedenen Methoden, wann u. wie es geschieht (s. u. Pflügen), u. das Wesen der Brache (s. d.) in Betracht. Pflanzenbau, a) Der allgemeine Pflanzenbau begreift in sich die Regeln des Anbaues der landwirthschaftlichcn Pflanzen, insoweit diese Regeln allgemein sind und sich auf alle Pflanzen ohne Unterschied anwendcn lassen. Er verbreitet sich bes. über Saat u. Pflanzung mit deren verschiedenen Methoden u. den dabei gebrauchten Maschinen, ferner über Pflege der Pflanzung n. die Krankheiten der Pflanzen, endlich über Ernte, Aufbewahrung, Entkörnung u. Reinigung der erbauten Früchte mit den dabei ge brauchten Mähe-, Dresch- u. Reinignngsmaschi- ncn u. Aufbewahrungsräumen, b) Der specielle Pflanzenbau ist die eigenthümliche Pflege, welche jede Pflanze erfordert, wenn sie unter den gegebenen Verhältnissen den größtmöglichen Ertrag liefern soll. an) Getreidebau: Gerste, Hafer, Hirse, Mais, Roggen, Weizen; bb) Hülsen- frnchtc: Bohne, Erbse, Linse, Wicke, Buchweizen; ee) Futterbau nebst Graswirthschaft; ää) Knollcn- und rübenartige Pflanzen: Kartoffeln, Rüben, Möhren;..eo) Handelsgewächse, bes. Tabak, Lein, Hopfen, ölgewächse; kt) die verschiedenen Erntemethoden u. die Aufbewahrung aller dieser Erzeugnisse, je nach Räumlichkeit in Scheunen, Bansen, Miethen u. Gruben (s. d.). — Der A. ist eine der ältesten u. neben der Viehzucht allgemeinsten Beschäftigungen der Menschen; schon die Verweisung in der 1. B. Mose 2 erzählten Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies deutet darauf hin, u. bereits Kain erscheint als Ackersmann. Auch die Geschichte weist bei allen Völkern auf den A. hin als den ersten Anfang der Gesittung und Cnltnr, der selbst von Göttern gelehrt u. geschützt dargestellt wird, wie von Isis bei den Ägyptern, von Demeter bei — Ackcrbauschulen. den Griechen, von Saturn bei den italischen, von Odin bei den nordischen Völkern. Bei den südenropäischcn u. asiatischen Völkern wurde der A., bes. wegen der damit verbundenen Beschwerden, dem dienenden Stande u. den Sklaven aus- gcbürdct; gleichwol stand er auch dort hin und wieder in boher Achtung, und noch heute wird z. B. in China ein A-fest gefeiert, wobei der Kaiser selbst den Pflug führt. Bei den Römern beschäftigten sich die vornehmsten Männer damit, wenn sie Muße von Staatsgeschäften und vom Wasfcnwcrk hatten, u. ihre Schriftsteller rühmten den A. als die nützlichste, edelste, gesündeste Beschäftigung. Um die Verbreitung des A-es. in Deutschland machten sich bes. die Slaven verdient, von denen die Germanen denselben z. Thannahmen. Über die Betreibung des A-es bei den alten Völkern s. die die Antiquitäten u. das Ethnographische dieser Völker schildernden Artikel. Über den A. finden sich schon im Alterthum Schriften (Georgien) in Prosa u. Versen, von denen bes. die der Römer sich über alle Zweige der damaligen Landwirthfchaft verbreiten, so von Cato, Virgil, Varro, Columclla, Palladins u. A., welche auch gesammelt als Leriptoreo rsi rustioas hcr- ausgegcben sind. Neuere Werke: Birnbaum, Lehrbuch der Landwirthschaft, Ffnrt. a. M. 1860, 3 Bde.; Liebig, Die naturgesetzliche Begründung des Feldbaues, Braunschw. 1862; v. Rosenbcrg- Lipinski, Der praktische A., Bresl. 1862. Als Fach-Autoritäten wären noch zu nennen Thacr, Koppe, Hlubeck, Hamm u. A. Ackerbau-Chemie, s. Agricultnr-Chemie. Ackerbaugeriithe, Werkzeuge zur mechanischen Bearbeitung des Bodens. Die Güte u. der Erfolg der Arbeit mit diesen Geräthen hängt ab von der zweckmäßigen Construction derselben. England u. Amerika nehmen in dieser Hinsicht den ersten Rang ein, u. werden auch heute noch die besten Geräthe von dort bezogen. Die deutsche Industrie hat erst in den letzten Jahren auf diesem Gebiete Fortschritte gemacht, doch sind bereits Fabriken entstanden, in denen englische u. amerikanische Geräthe nachgebildet werden. Ter gestimmte landwirtschaftliche Arbeitsapparat wird in 3 Hanptabtheilungen gctheilt,u. zwar 1)Hand- wcrkzeuge: s.) Werkzeuge zur Bodenbearbeitung: Spaten, Schaufeln, Schippen, Hacken, Hauen, Dibbeleisen, Dibbclstöckc ic.; b) Drainwerkzeuge: verschiedene Spaten, Schwanenhals, Pickel, Lege- stangcn, Vorschncider, Stampfe, Nivcllir- u. Meßinstrumente ; e)Erntegeräthschaftcn: Sensen,Sicheln, Rechen, Fruchtharken;ä) Hof- u. Schcunengeräthc: Dunggabeln, Hacken, Dreschflegel, Fruchtschaufeln, Siebe und verschiedene Speichergerüthschaften. 2) Spannwcrkzeuge: a) Zur Bodenbearbeitung: Pflüge, Pferdchacken, Cultivatorcn, Exstirpatoren, Eggen, Walzen und Marqucure; b) Transport- geräthe: verschiedene Karren, Wagen, Schleifen u. Pferderechen. 3) Maschinen: Säemaschincn, Dibbelmaschinen, Düngerstrcnmaschincn, Dreschmaschinen, Getreidereinigungsmaschinen, Grannen- rciniger, Häckselmaschinen, Schrotmühlen, 6l- küchenbrecher, Mähmaschinen, Heuwendemaschincn. Ackerblnrschnlcn sind (znm Unterschiede von landwirthschafilichen Instituten oder Akademien) 156 Ackerdoppcn - niedere landwirthschaftliche Lehranstalten, die den Zweck haben, die Söhne von Bauern zu tüchtigen Landwirthen zu bilden. Mau kann folgende Hauptformen unterscheiden: die Zöglinge werden jung ausgenommen; der Unterricht umfaßt, außer Elementarnachhilfe, alle Realien u. die Landwirth- schaftslehre; die Arbeit füllt nicht den ganzen Tag, ist zum größten Theil Handarbeit, bes. gartcnmäßige, u. deshalb die Zahl der Zöglinge im Verhältnis) zum Gute eine sehr große; so z. V. die A. in Lichtenhof bei Nürnberg u. in Krcuzlingen in Thurgau. In anderen A. werden Zöglinge nicht vor dem 17. und 18. Jahre u. nur nach erlangter Elementarbildung u. Kennt- niß der landesüblichen Ackerarbeiten aufgenommen; sie verrichten alle Arbeiten selbst; der Unterricht ist, abgesehen von Elementarnachhilfe, auf den Winter beschränkt. Auf manchen dieser Art A. werden außer den Zöglingen gar keine Knechte gehalten; die mechanische Erlernung der Arbeiten, in denen innerhalb 3 Jahren die Abstufung von Handarbeit u. Gespannarbeit inue- gehalten wird, bildet die Hauptaufgabe; der Unterricht beschränkt sich ans Lesen u. Erklären eines faßlichen landwirthschastlichen Buches. Diese Schulen sind in Preußen eingcführt. In der Mehrzahl sind sie Privatanstalten mit Staatsunterstützung ; es wird nur sehr geringes oder gar kein Lehrgeld bezahlt, ja, die Zöglinge erhalten noch Lohn. Auf anderen werden außer den Zöglingen noch Knechte für solche Arbeiten gehalten, bei denen gar Nichts zu lernen ist; der Unterricht, auf 2—3 Jahre vcrthcilt, soll ein 3facher sein: Nachhilfe in den Elemcntarkenntnissen, dann Unterricht während der landwirthschastlichen Arbeiten u. durch dieselben in zweckmäßiger Aus- führnngsart der Arbeiten n. im Gebrauche verbesserter Werkzeuge; endlich der eigentliche landwirthschaftliche Unterricht, der im Winter täglich während 4 — 5 Stunden, im Sommer nur an Ruhetagen erthcilt wird und in populären Vorträgen über alle Zweige der Landwirthschaft u. der Naturwissenschaften, soweit letztere zur Erklärung erforderlich sind, besteht. Hierher gehören die württembergischen und badischen und ein Theil der preußischen A. Sie sind meist Staatsanstalten. Arbeit u. Kost der Zöglinge werden berechnet, oder der Staat deckt die Mehrkosten. Lehrgeld wird nicht oder wenig gezahlt. Auf »och anderen werden doppelt so viel Zöglinge gehalten, als das Gut eigentlich Arbeiter beschäftigen kann, und daher im Sommer täglich mehrere Stunden dem Unterrichte gewidmet, der mehr systematisch nach einzelnen Fächern ertheilt wird; Beispiel ist Hoswyl; Bedingungen sind hohes Kost- u. Lehrgeld, wenn der Staat nicht viel beitragen soll. Auf A. dritter Art gehen die Schüler während des Sommers nach Hause u. beschäftigen auf Gütern sich praktisch, erhalten aber während 2 Wintcrcursen vollständig systematischen Unterricht in allen Theilcn der Naturwissenschaften und in allen Zweigen der Landwirthschaft, z. B. in Hof-Geisberg bei Wiesbaden. A. sind jetzt in Preußen, Österreich, Württemberg, Baden, Braunschweig re., vielfach auch in anderen europäischen Ländern, in Frankreich, — Ackerland. Belgien, Holland, Serbien, Spanien rc. ins Leben gerufen worden. Eine bes. Art von A. sind die in neuerer Zeit in Württemberg ins Leben gerufenen landwirthschastlichen Ärmenerziehungs- anstalten, die darauf abzielen, arme Kinder, welche zn Hause der Verwahrlosung anheimfallen würden, in christlichen: Geiste heranzuziehen u. zu tüchtigen Dienstboten u. Ackerkncchtcn heranzubilden. Mit dem Namen A. belegt man heutzutage noch eine andere Kategorie von landwirthschastlichen Lehranstalten, die sog. landwirthschastlichen Mittelschulen. Ihre Existenz ist noch sehr jungen Datums. Die erste Anstalt dieser Art wurde 1858 von Michelsen in Hildeshcirn gegründet, u. erst nach der Einverleibung Hannovers begannen in Preußen ähnlich organisirte Schulen ins Leben zn treten. Ursache ihrer Gründung war die gewonnene Einsicht, daß die praktische Anleitung der Schüler zu landwirthschastlichen Arbeiten neben dem eigentlichen Unterricht unzweckmäßig sei, daß ferner auch beim rein theoretischen Unterricht eine gute Fachbildung nur gelingen könne auf Grund einer abseitigen Geistes- u. Charakterbildung, und daß dem entsprechend auch in der Unterrichtsmethode u. im Lehrplan die landwirthschaftliche Schule sich möglichst an die Realschule anlchnen müsse. Ihre Aufgabe soll sein, besonders den Söhnen der mittleren Grundbesitzer neben der zum einjährigen Militärdienst erforderlichen allg. Bildung die für ihren Beruf nöthige Fachbildung zu verschaffen. Die meisten Anstalten dieser Art werden jetzt (1874) einer Reorganisation unterworfen. Ackcrdoppen (Waarenk.), so v. w.Eckcrdoppen. Ackererde, s. Ackerkrume. Ackerfontanelle, unterirdische, mit Steinen, Holz, Reisig rc. ausgelegte, oben mit Rasen u. Erde bedeckte Gräben zur Abfühmng des Wassers auf feuchten Äckern. Ackergans (^nser arvonois Lom.) ist die größere, durch intensivere Färbung namentlich des helleren Schnabels ausgezeichnete Form der Saatgans (^nosi ssMtuin Lsc7r5t.), s. d. Ackergesetze, s. u. Agrargesetzgebung. Nckerkamille ist ^.ntbomis arvsnms. Ackerklassen, s. Taxation. Ackerkravüe, so v. w. Engerling, s. Maikäfer. Ackerkrume ist die oberste, von Pflanzennährstoffen gesättigte, mit Dünger durchsetzte, vermittels Ackerinstrnmenten bearbeitete Bodenschicht, welche unsere Culturpflanzen hervorbringt. Die obere, Pflanzen tragende Schicht des nichtbearbeiteten Bodens heißt Vegctationsschicht. Die unmittelbar unter der A. lagernde Erdschicht wird Untergrund genannt, Unterlage, wenn dieselbe steinig oder felsig ist. Die A. ist flach bei 8 om; mittelticf bei 17 om u. tief bei 25 om Ticfe u. darüber. Von der Mächtigkeit, der Zusammensetzung, den chemischen u. physikalischen Eigenschaften der A. ist der Ertrag des Bodens abhängig. Je nach der Beschaffenheit des Untergrundes kann die A. durch Tiefcultur (s. d.) nicht nur vermehrt, sondern auch verbessert werden. Ackerland, der durch den Ackerbau in Anspruch genommene Grund u. Boden. Hierbei eine Karte Ackermann — Acollas. 157 darstellend den Besitz an A. bei den einzelnen Ländern. Ackermann, 1) Konrad Ernst, berühmter Schauspieler des 18. Jahrh.,geb. 1710 in Schwerin, spielte 1740 zuerst in Lüneburg bei der Schönemannschcn, 1742 bei der Schröderschen Truppe, 1746 in Danzig u. dann in Petersburg u. Moskau, wo er sich reiche Anerkennung n. ein nicht unbedeutendes Vermögen erwarb. Nachdem er 1749 seine frühere Principalin Sophie Charlotte Schröder (s. u.) gehcirathet, bildete er selbst eine reisende Gesellschaft in Königsberg, mit welcher er seit 1756 ein Wanderleben führte. 1763 kam er von langenKnnstreiscn in Süddeutschland und Polen wieder nach Hamburg zurück und baute hier, wie früher zu Königsberg, das Theater, trat dasselbe 1767 einer Gesellschaft von Kaufleuten ab, engagirte sich aber bei der neuen Direction, bis er 1769 an der Spitze der Nicdersächsischen Komödiantcngesellschaft zu Braunschweig, Kiel, Schleswig und Wolfenbüttel spielte. A. st. 13. Nov. 1771 in Hamburg. Er machte sich um die Verbesserung des Schauspiel- Wesens hochverdient und ist als der Begründer der eigentlichen Schauspielerschule zu betrachten. In komischen Rollen war er unübertrefflich. 3) Sophie Charlotte, geb. Bicr- eichel, geb. in Berlin 1714, war erst an den Organisten Schröder in Berlin verheirathet u. ging mit ihm zum Theater; sie trat zuerst 1740 in Lüneburg auf, glänzte aber seit 1742 in Hamburg, wo sie nach Trennung von ihrem Manne eine eigene Bühne errichtet hatte, sowol in tragischen, als in komischen Rollen. Als Schröder 1744, nach seiner Wiedervereinigung mit ihr, gestorben war, hcirathete sie 1749 in Moskau Konrad Ernst A. u. übernahm mit demselben 1767 die Direction des neuen Theaters in Hamburg. Nachdem sie seit 1771 das Theater verlassen, beschäftigte sie sich noch mit Ausbildung junger Schauspielerinnen. Sie st. 14. Oct. 1792. Besonders ausgezeichnet war A. in hochtragischen wie feinkomischen Rollen, u. rühmen Zeitgenossen vor Allem ihre exacte Recitation u. ausdrucksvolle Schönheit des Händcspiels. Ihr Sohn erster Ehe war der Schauspieler Fr. Ludw. Schröder (s. d.). 3) Charlotte Maria Magdalena, geb. 23. Aug. 1757 zu Straßburg, Tochter der beiden Vor., ausgezeichnete Schauspielerin in Hamburg, st. am 10. Mai 1775 eines plötzlichen Todes, allgemein beliebt wegen ihres einnehmenden Soubrettentalents und ihrer Liebenswürdigkeit. Sie ist die Heldin von O. Müllers Roman: Charlotte Ackermann, Franks, a. M. 1854. Vgl. Reichard, Theater-Kalender 1776 (xaA. 91 f.). 4) Johann Adam, geb. 1780 in Mainz; bildete sich bei David zum Historienmaler, wendete sich aber dann der Landschaft zu. Seine Motive entnahm er meist dem Taunus, Spessart u. Odenwald u. zeichnete sich namentlich durch seine mit Vorliebe behandelten Winterlandschaften aus. Er st. 1853 in Frankfurt a. M. 5) Louise Victoire (geb. Choquct), französische Gelehrte u. Dichterin, geb. 1813 in Paris. Gegen ihre Absicht, sich ganz der Poesie zu widmen, wurde sie im 20. Jahre durch äußere Verhältnisse gezwungen, einen anderen Beruf zu wählen. Sie warf sich auf das Studium der Sprachen u. machte sich in kurzer Zeit mit dein Lateinischen, Griechischen, Hebräischen, Sanskrit u. selbst mit dem Chinesischen bekannt. Während ihrer Studien in Berlin heirathete sie den Lehrer der Neffen des Königs, A., der jedoch schon 1846 st. Sie begab sich darauf nach Nizza, wo sie in Zurückgezogenheit dem Andenken ihres Gatten lebte u. ihrem dichterischen Talent wieder freien Lauf ließ. Sie veröffentlichte Oontss sn vors, Paris 1855, u. Oontss et possiss, Paris 1863. Ackermiinnchen heißt die gelbe Bachstelze. Ackermaus, Xrvieoia LZrsstis 15. Oberseite trübbraun, im Sommer ins Rothe, im Winter ins Gelbe spielend, Unterseite weißlich. In Sträuchen und Gestrüpp. Nähren sich vorzugsweise aus dem Pflanzenreiche, besonders von Wurzeln, doch auch von Buchen- und Weidcnrinde. In mauchen Gegenden Deutschlands gemein. Ackernuß, s. Erdnuß. Ackerschafthalm ist Dguisstum arvonso. Ackerfchlcife, ein aus Belgien stammendes Ackergeräth, bestehend aus 4 hölzernen Balken mit Querhölzern, die zur Hälfte mit starken Zweigen durchstochten sind; dient auf geeggtem Winter- stoppelfcld zum Abreiben der Erde an Stoppeln u. Wurzeln, zum seichten Unterbriugcu feiner Samen, zum Überziehen gestürzten Graslandes, zur besseren Bearbeitung von Feldern, die man ebnen, aber nur gelind zusammendrücken will. Ackcrschnecke, s. Erdschnecke. üemella (X. Lre/r.), Pflanzengattung aus der Fam. der Ooinpositas.Kl. XIX. L.; Art: X. mau- ritiana, so v. w. Abcdaria. Acollas, Pierre Antoine Emile, französischer Rechtsgelehrter und Publicist, geb. 25. Juni 1826 zu La Chatre, besuchte zuerst das Collegium zu Bourges u. studirte dann die Rechte in Paris unter Professor Oudot. Er widmete sich hierauf dem juristischen Lehrfach u. wirkte seit 1850 längere Jahre hindurch als Privatrepctitor. Extremen politischen Ansichten huldigend u. mit Flourens befreundet, schloß er sich der Internationale an und nahm hervorragenden Antheil am Socialistencongreß zu Genf 1867, weshalb er von der Napoleonischen Regierung in Anklagestand versetzt u. zu einem Jahre Gefäng- niß verurtheilt wurde. Kaum frei geworden, schrieb er zwei scharfe, aber interessante Broschüren gegen das zweite Kaiserreich: Drosvs st ma- noouvres ä 1'interisur ot äs sooists ssorsts U. Des slsstions on 1869. Während der Herrschaft der Commune in Paris, 1871, hielt er sich niit anderen Parteigenossen in der Schweiz auf und richtete von Bern aus an den ihm befreundeten Präfectcn des Rhonedcpartemcnts, Valentin, in einem offenen Briefe die Aufforderung, sich zu Gunsten der socialistischen Gewalthaber in Paris zu erklären u. im S. den Kampf gegen die Negierung von Versailles aufzunehmcn. A. verfaßte außerdem mehrere juristische u. politische Schriften, namentlich: Droit st Dibsrts. D'sickant ns Iwrs mariaZs. Lsobsroüs äs in xatsrnits u. Hssessitö cks rekonärs 1'onssmbls äs nos ooäes, st notamment 1s eoäs Napoleon, au point äs 158 Acoltcllo — T^oonitura. vns äs 1'ickes äemoeratigus, 1866. Sein Hauptwerk ist ein aus 7 Abiheilungen bestehendes umfassendes Lehrbuch der Rechtswissenschaften, das seit 1869 erscheint. Acoltcllo, eine Art Pflasterung mit Ziegeln, wobei diese auf die hohe Kante und in Zickzackform gesetzt werden. Schon bei den Römern unter dem Namen opus spieatum bekannt u. in Italien noch vielfach (z. Th. auch anderwärts) angewandt. Äeonellin (Chem.), eine organische Base in der Wurzel von -Xeonitum Xaxellus, von nicht giftigen Eigenschaften. Aconcagua, 1) Provinz der südamerikanischen Republik Chile, 15,379 süßem (279 UM) und 134,178 Ew.; bergig durch Ncbenketten der Kordilleren, wird sie durch 5 Flüsse der Quere nach in ö Thäler getrennt, welche sich durch üppige Fruchtbarkeit aiBzeichnen u. ganz bedeckt sind mit Luzerne, Fruchtbäumcn, Hanf, Wein, Gctreide- u. Gemüsefeldern; hat zugleich die besten Goldgruben des Landes, etwas Silber und Kupfer. Eingetheilt in S. Dep.: San Felipe, Andcs, Li- gua, Petorca, Putacndo, welche wieder in 40 Delegationen n. 26S Distr. zerfallen; Hauptstadt San Felipe. 2 ) Nevado de A., galt früher als höchster Berg Amerikas, nach neuen Messungen 6890 in. hoch., in der Prov. N., Freistaat Chile, östl. von Valparaiso; bei ihm führt dcrCumbre- oder llspallatapaß in 3800 ru. Seehöhe vorüber, an dessen Anfang der Hauptort des Verkehres mit Mcndoza, Santa Rosa de los Andes, liegt. 3 ) A. kleiner Fluß in Chile. A oonäitwn, ein im Buchhandel gebräuchlicher Ausdruck; bezeichnet die Bedingung, die Waare (Bücher) im Fall des Nichtabsatzes nach bestimmter Zeit zurückgeben zu dürfen. Aconitin (Chem.), organische Base imKraute von^eonitnmÜapollus u.anderen Aconitumarten. Ein färb- u. geruchloses, stark bitter-u. nachher kratzend schmeckendes Pulver, das sich in kaltem Wasser wenig löst, leichter in heißem, noch besser in Äther, Alkohol n. Chloroform, nach deren Verdunsten es als farblose, glasartige Masse zurückblcibt. Beim Erhitzen schmilzt es u. zersetzt sich bei höherer Temperatur. Seine meisten Salze find nnkrhstallisirbar. Das A. wirkt sehr giftig, sowol innerlich, als auch bei Einspritzungen. 1—2 MF tödten einen Sperling in wenigen Minuten. Die Vergiftungserscheinungen sind Kraftlosigkeit, Störung der Respiration u. des Blutumlaufes, Convulsionen u. bei größeren Dosen augenblicklicher Tod. Als Gegengifte gelten Tannin und Jodkalium. Als Arzneinnttel dient es äußerlich gegen Gelenkrheumatismus. — Englisches A. (Psendaconitin, Napellin, Nepalin, Acracantin) ist eine leicht krystallisirbare, nicht bitter schmeckende Substanz, welche noch giftiger ist, als das eigentliche deutsche A., wird äußerlich angewandt gegen Gicht, Nervenschmerzen u. s. w. Das französische A. übertrisft das englische noch an Giftigkeit. Aconitsänre (Chem.), 6«AgOg, organische Säure, findet sich im Safte von Xconitum Xa- xsllns, Dslpbininm Oonsoliäa u. einigen Schachtelhalmen (Equisetumarten, daher auch Equiset- säure) u. bildet sich beim Erhitzen der Citronen« säure, daher auch Citridinsäure. Aus der wässerigen Lösung krystallisirt die Säure in farblosen Körnern oder warzenförmigen Massen, leicht löslich in Alkohol u. Äther, bei deren Verdampfen die Säure zum Thcil esflorcScirt. Sie schmilzt bei 140",siedetbei160", wobei sie aber in Kohlcnsüureu. übcrdestillirendeJtaconsäure zerfällt. Die A.bildet 3 Reihen Salze, neutrale oder drcibasische, anderthalbsaure u. drcifachsaure, je nachdem 1, 2 oder 3 Atome Wasserstoff durch Basenradicale ersetzt werden. Die Salze der Alkalien sind in Wasser leicht, die der übrigen Wctalloxhde weniger löslich od. unlöslich. Der A-äther OgUgOg (Oz8s)g entsteht beim Einleiten von Salzsüuregas in alkoholische Lösung von A., er bildet ein farbloses, bitter schmeckendes Öl von kalmusähnlichem Geruch u. dem specifischen Gewicht l,^; bei 236" siedet er unter eintretendcr Zersetzung. Aconitum (Sturm- oder Eisenhut, Venns- od. Himmelswagen), Pflanzcngatt. aus der Fam.liannnonlaooaL-Hsllsboroas (XIII.3), Kelch blumcnartig, besteht aus 5 ungleichen Blättern, von welchen das oberste u. größte helmförmig. Die zwei oberen Blumenblätter sind in lang genagelte, von dem Helm umschlossene, zwcilippige Ncktaricn verwandelt, welche an der Spitze in einen honigführcnden kurzen Sporn auslaufcn. Biele Staubblätter u. 3—ö Fruchtknoten; Früchte trockene Balgfrüchte. Die verschiedenen Arten va- riircn sehr u. sind in eine große Anzahl von meist werthlosen Varietäten eingetheilt worden; sie wachsen in fast ganz Europa, Asien und N- Amcrika, in den Gcbirgswäldern u. den Alpen, fast bis zu den Grenzen des ewigen Schnees; einige unter Gebüsch u. Bäumen, vor der Sonne geschützt, andere bei den Quellen u. Wasserfällen der höheren Berge oder bei den Sennhütten. Alle Arten, namentlich ihre handförmig gctheiltcn u. gelappten Blätter, sowie die Wurzeln sind giftig u. zugleich arzneikräftig. Sie enthalten Aconitin (s.d.) u. sind narkotisch scharf. Besondere Arten sind: a) der feinblütterige Sturmhut (X. Xn- tbora L.), mit blaßockergelben, kurzbehaartcn Blüthcn, in SEuropa und im asiatischen Rußland; die Wurzel u. Blüthen (Haäix st üorss antborao) waren sonst osficinell; b) X. Hapslins L., wahrer Eiscnhut, Sturmhut; Blätter fußförmig, Blüthen blau, abfallend; an feuchten Stellen im höheren Gebirge; o) A.. Oammarum ./acg., der langhelmige Sturmhut, mit großen, blaßvioletten, manchmal auch weißen, blau gelandeten Blüthenhüllen, aufrechter, kegelig gewölbter Kappe und breiten, 3spaltig fieberigen Blattabschnitten; vorzüglich an Quellen, Bächen и. Flüssen der Gebirge Mitteleuropas, besonders aber in den Wäldern der Voralpcn, steigt nie so hoch, wie X. Xapsllno, kommt aber auch nicht weit in die Thäler herab, ä) X. 8tuerleiamim Äo/tb. oder großer blauer Sturmhnt, die bekannte, in Gärten oft angepslanzte, nach dem к. k. Leibarzt Stork benannte Art, mit rettig- förmiger, faserig filziger Wurzel, dunkelgrünen, ölglünzenden, 7thcilig fußförmigen Blättern und mittelgroßen, violettblancn oder weißen, blaugesäumten Blüthcn; in Bcrgwaldungen fast durch 159 Acoiltius — Acquapendente. ganz Europa, aber sehr selten. Alle Theile, besonders Blätter und Wurzel, besitzen eine starke Schärfe, erregen einen brennenden Schmerz und erhöhte Absonderung des Speichels; der Saft der Blätter verursacht gefährliche Zufälle und schnellen Tod. Noch heftiger wirkt die Wurzel; Erbrechen, Fieberkälte, Schwindel, Schlafsucht, Wuth u. endlich der Tod sind die gewöhnlichen Folgen. Der Honig, den die Bienen aus den Blumen sammeln, ist ebenfalls schädlich. In den Officinen hat man außer dem Kraute auch die Wurzel, das wcingeistige Extract, die Tinctur; s. Aconitin. e) L.. Rveoctonum L., d. h. Wolfs- tödter; Blätter handförmig gethcilt, gelbe Blütchen; Helm viel länger als breit; in feuchten humosen Gebirgswälderu Europas u. NAsiens;, Wurzel und Blätter (Radix st lierba aeoniti lutst vei Izwoetoul) waren sonst officinell und sind sehr giftig. Eine Abkochung braucht man zur Vertilgung der Mäuse, wie des Ungeziefers der Hausthiere. Die Gattung liefert schönblühende Stauden fürs freie Land in mehreren Arten, besonders mit blauen Vlüthcn. In nicht zu nassem, nahrhaftem Boden gedeihen sie leicht u. können mehrere Jahre ohne Verpflanzung bleiben; Vermehrung durch Thcilung der Stöcke und durch Samen. Die Aconit-Arten waren schon im Nlterthum als Giftpflanzen bekannt u. wurden vielfach zur Vergiftung benutzt. Nach Dioskori- des (illatoi'ig. ineäioa) vergiftete man im alten Griechenland Wölfe mit A. Der König Attalus Philometvr von Pergamus prüfte die Wirkungen des A. an Verbrechern. Nikander von Kolophon (^.loxixüarwaüa, Vers12u.f.) schildert die Vergiftungszufülle, welche A. hervorbringt. Nach Plinius (Rar. bist. lüb. 27) ist A. das beste Gegengift bei Skorpiousbiß; soll aus dem Geifer des Cerberus, als dieser von Hercules ans der Unterwelt gebracht wurde, entstanden sein. In neuester Zeit beschäftigte sich mit Erforschung der Wirkungen des A.: C. v. Schroff sun. «Beitrag zur Kenntniß des A. Wien 1871). Vergl. auch E. Reich, Betäubende Gifte (Med. Abth. I.). Acontius, Jacob, geb. zu Trient 1492, gest. zu London 1566. Namhafter Philosoph, Rechtsgelehrter u. Theolog, welcher von der kath. zur resorm. Religion übertrat u. am Hofe der Königin Elisabeth Aufnahme fand. Aufsehen erregte sein auch ins Französische, Deutsche, Englische u. Holländische übersetztes Werk: äs stratsAsmatibua Latauao iu reli^ionis nsKotio (8 Bücher von des Satans Kriegslisten). Unter seinen Werken befindet sich eine Befestigungskunst, deren Urheberschaft ihm indessen auch abgesprochen wird. 4 conto (ital.), auf laufende Rechnung; aus Abschlag bei Zahlungen. 4 oontro ooeur (fr.), mit Widerwillen. ücorus, s. Kalmus. Acosta. 1) Gabriel, später Uriel. Reli- gionsphilosoph, geb. 1587 oo. lövn zu nporto, wurde von seinem Vater, emem gerauften Luden, wurde 1619 Stifts;chatzmeister, gab jedoch diese Stelle bald auf und wandte sich nach Amsterdam, wo er zum Judenthum übertrat und I einen Vor- namen Gabriel mit Uriel vertauschte. Da er die talmudischen Lehren u. Gebräuche mit dm mosaischen Büchern in Widerspruch fand u. die Anytervamer Fuven, statt oas Mosauche Geich zu beobachten, hartnackig u. in pharisäischer Weile an ocr Lraomon testhatten sab, ivracki er sich open tadelnd darüber aus, versuchte eine Reform ocs Juvcnttznms anxubaynen und hcitritt u. a. Glauveichsätzcn auch die Unsterblichkeit der Äeelefl Lres vcranlatzle oen Arzt Samuel de Silva, ein verleumderisches Buch (Über die Unsterblichkeit der Seele, 1623) gegen A. zu schreiben u. ihn auf Grund seiner unten genannten Schrift Lxarusn ste. des Atheismus anzuklagen, in Folge dessen er nicht nur excommunicirt, sondern auch gefangen aeseht . zu einer großen Geldstrafe u. zurÄermwt- una seiner Bücher verurtheilt wurde. Nach langjährigem Sträuben widerrief er endlick, ieineLcbren. worauf der Bann erlitt er neue Verfolgungen, die endlich die Zerrüttung seines Mistes herbeisübrten : in diesem Zustande st. er nach Ein. 1640, nach And. 1647 durch SelMmord. Er schr.: Rxamsn äs traäi- cos8 püarissas oouksriäas cou a 1s^ sseripta, Amst. 1623. Seine j Selbstbiographie wurde herausg. lat. u. deutsch von Limborch, .1687, u. von Jellinck, Lpz. 1849; vgl. Jellinek, Über A-s Leben u. Lehre, Zerbst 1847. A. ist der Held in Gutzkows Novelle: Der Sadducäer von Amsterdam, u. in dessen Trauerspiel U. A. 2) S antos, commandirendcr General der columbischen Armee im Bürgerkriege 1867; nahm den Dictator Mosquera am 23. Mai gefangen, wodurch das Ende des Krieges hcrbeigeführt wurde; ward darauf provisorischer Präsident der Verein. Staaten von Columbien, bis Febr. 1868. Acotyledonen (Bot., v. gr. a xrivativnm u. üotMäon, also ohne Cotyledoncn), gleichbedeutend mit Kryptogamen, nannte Jussicu die Pflanzen ohne Keimblätter. S. Kryptogamen. 4 coup perdu (fr.), aufs Gerathcwohl. Acqua, Ccsar dell', Maler, geb. 22. Juli 1821; auf Kosten der Stadt Triest auf der Akademie in Venedig zum Maler ausgebildet, ging er 1847 nach Paris und 1848 nach Brüssel, wo Gallait einen bestimmenden Einfluß auf ihn gewann. Acqua errang sich im Gebiete des historischen Genres allgemeine Anerkennung. Er ist auch ein tüchtiger Aquarellist u. behandelt als solcher auch Stoffe aus dem täglichen Leben. In einem Saale des Schlosses Miramar malte er 1858 bis 1866 für den Kaiser Maximilian von Mexico eine Reihe größerer Werke aus der Ortsgeschichte. Auch hat man von ihm viele Porträts von Frauen in orientalischem Costüm. Acquanegra, Flecken im Distr. Canneto der italienischen Provinz Mantua, nahe der Mündung der Chiese in den Oglio und an der Eisenbahn Cremona-Pavia; Obst- u. Flachsbau, Seiden- u. Leinenweberei; 4064 Ew. Acquapendente, Stadt im Distr. Viterbo 1>er italienischen Provinz Rom, unweit der Paglia; Bischofssitz, 6 Kirchen (darunter die sehenswerthe S. Sepolcro), Prätur, imposanter Wasserfall (daher der Name der Stadt, hängendes Wasser "bedeutend), Puzzolangruben; 6000 Ew. 160 Acquate - Acqnntc, Pfarrdf. im Distr. Lecco der italienischen Provinz Como; Eisenbcrgwerk und Schmelzofen; 1540 Ew. Acqrmviva dclla Fonte, Stadt im italienischen Distr. und der Provinz Bari, an der Eisenbahn Bari-Taranto; Prätur, Gymnasium, technische Schule, Gerberei; 7620 Ew. Acgui, Stadt im gleichnamigen Distr. der italienischen Provinz Alessandria an der Bor- mida u. an der Zweigbahn Alessandria-A.; Sitz eines Unterpräfecten, Bischofs, Civiltribunals, einer Prätur; Kathedrale aus dem 12. Jahrh. mit 5 Schiffen, bischöflicher Palast, königliches Gymnasium , Seminar, Notariatsschule, technische Schule, Kinderbewahranstalt, Waisenhaus, Seidenfabrik, heiße Schwefelquellen mit 7 stark besuchten Badeanstalten, Weinbau; 10,083 Ew. Die Quellen von 60 °R., schon den Römern bekannt als Xqaas Ltatiellas, entspringen aus dem nahen Monte Stregone, enthalten hauptsächlich Schwefelcalcium, Chlornatrium, Chlorcalcium und Kieselerde und werden besonders zu Schlammbädern gegen Gicht u. Rheumatismus, Lähmungen u. Hautausschläge benutzt. Bei A. wurden 1794 die Österreicher und Piemontesen von den Franzosen geschlagen. Acqniesciren (v. Lat.), sich beruhigen, zufrieden sein; davon Acquiescenz, Beruhigung, Verbleiben. Acquirircn (v. Lat.), erlangen, erwerben; davon Acquirent, Erwerber und Requisition, Erwerbung; Xcguirenckl moäus, Art der Erwerbung. Acqnisti, Luigi, namhafter Bildhauer der neueren Mailänder Schule, geb. 1745, gest. zu Bologna 1823, arbeitete auch längere Zeit in Rom, besonders Venusstatuen nach dem Vorbilde der mediceischen, und ging 1806 nach Mailand. Zu seinen bekannteren Arbeiten zählen seine Gruppe: Venus, den Mars besänftigend; Geschichte u. Poesie; Der Einzug Kaiser Franz I. in Wien und der Prager Congreß am Friedens- bogcn in Mailand. Äcquisto, Benedetto d', italienischer Philosoph, geb. in Monreale bei Palermo 1790, ans armer Familie, trat 1806 in den Francis- kanerordeu, erhielt den Doctorgrad in der Philosophie und darauf einen Lehrstuhl der Philosophie im Seminar seiner Heimath und wurde 1841 Professor des Natnrrcchts und der Moral. Auch als er im Dec. 1858 Erzbischof von Monreale geworden war, hielt er noch immer Vorträge über Philosophie u. Recht u. lebte ebenso einfach wie jeder andere Mönch seines Ordens. Während des September-Aufstandes 1866 ward er von den Insurgenten verhaftet u. st. 7. Aug. 1867. Er schrieb eine Abhandlung 8ul älritto e ckovers cksl nostro perksrionamento; Listewa äoUa seieura universale, 1850; Dell' autoritä äslls IsZxi, 1856; LaAAio sulla proprietÄ, 1858, u. Drattato ä'läsoloxia, 1858. In seinen philosophischen Werken kämpfte er gegen den Sensualismus an und stellte noch vor Gioberti die alte Theorie der idealen Vorstellungen wieder auf. Als Theolog schrieb er über die Auferstehung des Leibes und die Sacramente. llequit, Empfangsschein, Quittung überhaupt, - Acrolekn. besonders auf Wechseln u. Rechnungen,Xegujt » comptant, in Frankreich seit Ludwig XV. eigenhändige Quittungen des Königs über empfangene Gelder, die er aber nicht erhielt, sondern die nur Mittel waren, den Gegenstand der Verwendung nicht in Rechnungen erscheinen zu lassen; sie wurden in der ersten Revolution abgeschafft. Xcguits a e aution, Anweisungen auf Wiedervergütung des Einfuhrzolles, womit in Frankreich förmlich Handel getrieben wird, indem auf diesen X. oft untergeschobene andere Maaren wieder ausgcführr werden, deren Rückzoll höher ist, als der vorher gezahlte Einfuhrzoll. Acrncvnitin, s. Aconitin. Ncraldchyd (Chem.), so v. m. Crotoualdehyd. /lorampliibr>a (gr., Endumsprosser), bei Endlicher 5. Section seines Pflanzensystrms und die з. der Laubpflanzen oder Kormophyten, begreift die Pflanzen, deren Stamm zugleich an der Spitze und im Umfang wächst; gleichbedeutend mit dem jetzt gebräuchlichen Namen Dicotyledonen. llorsspeäa, nach Gegenbaur eine Unterordnung der Quallenpolypen (s. d.), entspricht den Llraneroearpas Lkc/rc/i. u. den 8toAa,noxIr1. Juni 1870 die A-n auf Namen mindestens auf 50 Thlr., diejenigen auf Inhaber mindestens auf 100 Thlr. gestellt sein. Nach außen haftet nicht die Person des ActionärS, sondern nur das Sl-ncapital. Deshalb ist der Actionär auch niemals zu Nachschüffcn (Zubuße) verpflichtet, kann aber auch den cingezahlten Betrag nicht znrück- fordern. Die A-ngesellschaft führt nicht den Namen eines oder mehrerer Theilhabcr, sondern ihre Firma wird durch den Gegenstand ihres Unternehmens bezeichnet. In Deutschland ist zu ihrer Entstehung ein gerichtlicher oder notarieller Vertrag (Statut) u. die Eintragung in das Handelsregister nothwendig. Die durch das Deutsche Handelsgesetzbuch von 1861 ferner vorgeschriebcne staatliche Genehmigung ist seit dem angeführten Gesetze von 1870 wcggesallen. Der A-ngesellschaft pflegt ein Gründungsverein vorhcrzugehen, in dessen Rechte u. Pflichten (nach Deutschem Recht mit der Eintragung) die A-ngesellschast cintritt. Während der Gründung wird das A-ncapital durch Zeichnung aufgebracht; die Ausgabe der A-n darf vor Einzahlung des„ganzen Nennbetrages derselben nicht erfolgen. Über die vorherigen Zahlungen werden sog. Jntcrimsschcinc ertheilt. Öfters aber entstehen A-ngesellschaften auch durch Umwandlung anderer Handelsgesellschaften in diese Form. Die innere Verfassung der A-n- gesellschaft bestimmt sich durch ihr Statut, welches dem Landesgefetze nicht widersprechen darf. Nach Deutschem Recht muß jede A-ngcsellschast einen Vorstand n. einen Anfsichtsrath von wenigstens 2 Mitgliedern haben, u. werden die Rechte der Actionäre in der Generalversammlung ausgeübt. Nach außen schreiben das Deutsche u. das Französische Recht (letzteres seit 1867) gerichtliche Niedcrlegung u. Bekanntmachung aller das Publicum interessirenden Beschlüsse vor, das deutsche auch die Eintragung derselben in das Handelsregister. So kann in Deutschland Jedermann unentgeltlich bei dem Gerichte des Sitzes der Gesellschaft die Höhe des Grnndcapitals, die Vorstandsmitglieder, ihre Vertretungsbcfugnisse rc. ersehen u. sich das Statut, sowie alle Nachtragsbeschlüsse zu demselben aufschlagen lassen. — Der Actionär nimmt an der laufenden Thätigkcit der Gesellschaft keinen Theil, er hat nur das Recht des Mitstimmens in der Generalversammlung u. des Bezuges der auf seinen Antheil fallenden Dividende (der Gewinn-Quote). Dividenden, welche er im guten Glauben empfangen hat, braucht er niemals znrnckzugeben. In der Generalversammlung entscheidet in der Regel die einfache Stimmenmehrheit, wobei, wenn das Statut uicht ein Anderes bestimmt, jede A. eine Stimme gewährt. — Fast alle Statuten erheischen für bestimmte Gegenstände (Liquidation, Auflösung, Statutenänderung) die Zwei-Drittel- oder Drei- Viertcl-Majorität. Ein Theil des Reingewinnes wird zur Bildung eines Reservefonds, zur Gewährung von Tantiemen an Anfsichtsrath, Direktion rc. verwandt. Ob die A-ngesellschaft eine juristische Person sei, ist in Deutschland streitig, in England ist sie es nicht. Die Rentabilität eines A-nunternehmens hängt — außer von dem Gegenstände u. der Zeitlage — bes. von der Tüchtigkeit des Vorstandes (Direction) und der Hingebung u. Zuverlässigkeit des Aufsichtsrathes (oft auch Vcrwaltungsrath genannt) ab. Die Überwachung u. Bestimmung des Ganzen durch die Generalversammlung ist meist bedeutungslos. Ter einzelne Actionär ist in den seltensten Fällen auch nur annähernd im Stande, die Lage des Geschäftes u. dessen Handhabung beurthcilen zu Actie. 165 können. Er ist rein passives Element des Unternehmens der Kanal, in den der erzielte Gewinn abfließt, oder aus dem die nöthig gewordene Zubuße, falls er sie leisten will, zuströmt. Er sieht allerdings Zahlen, weiß aber nicht, was dahinter steckt. Sind sie günstig, so ist er zufrieden, sind sie ungünstig, so wird er unangenehm. Die Stellung der Dircction bei einem A-nunternehmen ist daher eine einigermaßen schwierige, zumal ihre Dispositionsfähigkeit bedeutend gehemmt ist u. sie nicht im Entferntesten so freie Hand hat, wie der Vorsteher eines Privatgeschäftes. Aus dieser Stellung der Direction folgt selbstverständlich, daß ihr Hauptstreben darauf gerichtet sein muß, möglichst viel herauszuschlagen, u. da sie dies der Eonjunctur gegenüber nur in beschränktem Maße vermag, so wird sie so viel als möglich von der Arbeiterkraft zu erlangen suchen. A-ngesellschaften sind daher wenig dazu geeignet, die sittlich-intellcctuelle Hebung, sowie die pecu- niäre Lage des Arbeiterstandcs zu fördern. Bei der Schwerfälligkeit der Verwaltung ist die A-n- gesellschaft, wenn sie gut angelegt ist, für große Capitaleinlagen besser geeignet, als für Geschäfte mit raschem Umschläge. Für Waarengeschäftc eignet sie sich deshalb nicht. Einer großen Schwierigkeit begegnet sie darin, daß sie in vielen Fällen gegründet wird, bevor man über die Rentabilität im Klaren ist. Daher wird auch sehr häufig gegründet, nicht wegen einer cvent. Rentabilität, sondern wegen der Agiotage. Die Gründung wird so Selbstzweck, u. nachdem der Werth der A-n möglichst in die Höhe getrieben worden, schlägt der Gründer los u. läßt die Käufer auf dem Trockenen sitzen. Hierzu kommt noch eine andere Schwierigkeit, nämlich die, daß A-nuntcr- nehmungen, mit Ausnahme der A-ncrcditanstalten, viel Anlagecapital erfordern, das, wenn nicht streng reell zu Werke gegangen wird, oft viel mehr verschlingt, als ihm verhältnißmäßig zustande. Da die A-n nicht rückzahlbar sind, so kann ein beliebiger Theil der Actionäre zu Grunde gehen, ohne daß das Unternehmen zu leiden braucht. Erhöhung der Kapitalanlage ist bei A-ngesellschaften leichter zu bewerkstelligen, als Übertragung auf andere Unternehmungen. Erstere erfolgt durch Emission einer neuen Serie von A-n, oder auch durch Prioritätsobligationen (s. unt. Obligationen), und da den A-ngesellschaften in der Regel viel Credit entgegenkommt, so ist die finanzielle Schwierigkeit selten erheblich. Zur Erhöhung der Rentabilität werden auch oft Fusionen mehrerer A-ngesellschaften vorgenommen. Die A-nnnternchmung wendet sich, wie bereits bemerkt, meist Gegenständen allgemeiner Bedürfnisse zu, u. darin beruht das Hauptmoment ihrer kolossalen Leistungsfähigkeit. Ohne die A-ngescll- schaften würde der Aufschwung in Industrie, Handel u. Verkehrswesen, wie er in diesem Jahrh. erfolgt ist, unmöglich gewesen sein. Das meiste A-ncapital der Neuzeit liegt in Banken, in den Verkehrsanstalten, in der Eisenindustrie u. dem Bergbau. Für letzteren besteht allerdings meist noch das Kuxenwesen (s. d.). Im Jahre 1872 wurden in Preußen folgende A-ngesellschaften gegründet: Bezeichnung L- Capiralcullage Gesellschaften. Z runder Summe. Tlilr. Banken 49 115,200,000 Baugesellschaften 61 75,800,000 Berg- u. Hüttenwerke 77 72,400,000 Bierbrauereien 30 losooosooo Cement-, Porzellan- u. Thon- waaren-Fabriken 22 7,000,000 Chemische Fabriken 16 8,700,000 Eisenbahngcsellschaften 12 89^700^000 Etsenbahnmaterial-Fabriken 6 5,500,000 Maschinenbauanstalten 32 16,700,000 Papierfabriken 8 3,100,000 Spinnereien u. Webereien 10 7,200,000 Versicherungsgesellschaften 10 9,100,000 Wasserleitungs- u.Gasanlaqen 13 16,700,000 Zuckerrasfinerien 20 7,600,000 Verschiedene 128 62,150,000 494 507,750,000 Von dieser Summe kommen allein auf Berlin über 211 Mill. Thlr., also 40"/o. Im Vorjahre repräscntirten die Gründungen Norddeutschlands ein Capital von rot. 390,700,000 Thlr., u. davon wieder allein auf Berlin 194,000,000 Thlr. Dem in volkswirthschastlicher Beziehung heute verhältnißmäßig nicht hoch stehenden Holland gebührt die Ehre des ersten A-nunternehmcns. Es war im Jahre 1602, als eine Vereinigung von Privatgesellschaften die Niedcrländisch-Ostin- dische Compagnie mit einem Grundcapital von ca. 6H Mill. Gulden ins Leben rief. Unmittelbar darauf folgten England, wie auch Dänemark und Schweden mit Unternehmungen, die ebenso wie die holländische sich dem Handel nach den Colonicn zuwandten. Aus verschiedenen Ursachen, zum Theil, weil die Regierungen den Handel monopolisirten, dann wegen der unvernünftigen Speculationswuth, hatten diese Gesellschaften jedoch wenig Erfolg und machten zum Theil bald Bankerott. Die eigentliche Entwickclungsperiode der A-ngesellschaften beginnt da, wo sie sich auf die Fabrikindustrie warfen, u. das geschah von der Zeit der Erfindung u. der praktischen Anwendung der Dampfkraft. Seit dieser Zeit kam das A-n- wesen auch erst in Deutschland auf. Was für das Gedeihen der A-nuntcrnehmungen bisher gefehlt hatte: die Beweglichkeit durch rasche Com- munication, war jetzt, gegeben. Mit der Erfindung der elektrischen Telegraphen ist ein neuer, mächtiger Impuls erfolgt. Das Capital, das zur Zeit nur Beine hatte, hatte dadurch auch Flügel bekommen. Das A-nwesen wegen der (wenn auch noch so großen) Nachtheile, die damit verbunden sein können, verbannen wollen, hieße daher die Menschheit um Jahrhunderte zurückversetzen, denn die segensreichen Wirkungen desselben sind so allseitig, daß, seitdem sich diese „Associationen des Capitals" entwickelt u. verbreitet haben, die wirth- schaftliche Entwickelung eine andere Richtung und einen schnelleren Lauf genommen hat. Welchen unschätzbaren Werth haben nur allein die Eisenbahn-, Dampfschiff- u. Versicherungsgesellschaften nach allen Seiten hin geübt, u. wie unentbehr- 166 Actinie — Actium. lich für die neuere Creditwirthschaft u. den ganzen Völkerverkehr sind die großen Geldinstitute geworden, in denen sich die zerstreuten Capitalien ansammeln! Was die A-ngesetzgebung betrifft, so war sie von jeher mit großer Schwierigkeit verknüpft. Das Gesetz der staatlichen Bevormundung hat sich wenig bewahrt u. hat sogar in Zeiten starken Andranges zur Täuschung des Publicums geführt, indem dieses voraussetzte, daß das, was die Sanctionirung des Staates besitze, auch Solidität u. Rentabilität haben müßte. Am wichtigsten ist hier die Entwickelung in England. Seit der Umwälzung von 1688 entfaltete sich dort ein leidenschaftlicher Spcculationsgeist mit dem Prin- cip der A-ngesellschaftcn. In dem Unternehmen der Südseegesellschaft gescheitert, stockte er im 18. Jahrh., um im 19. in Kanälen, Brücken, Häfen, Docks, Banken u. vor Allem in dem großartigen System der Eisenbahnen schöpferisch zu werden. Rechtlich unterlagen diese Ä-ngcsell- schaften den größten Schwierigkeiten, da bcs. der Grundsatz, daß die Mitglieder nur mit ihrer Einlage hafteten, streitig war. Man half sich deshalb vielfach mittels sog. Privatacte des Parlaments. Unter Georg IV. wurde die Krone ermächtigt, durch Patent gewisse Corporations- rechte, nicht aber die juristische Persönlichkeit an solche Gesellschaften zu verleihen. Eine umfassende Regelung erfolgte aber erst durch die Gesetzgebung unter der Königin Victoria, n. zwar getrennt für das Eisenbahnwesen, für die Bankgcscllschaften u. für die übrigen A-ngesellschaften (>7oint stocü Companies). Zu letzteren rechnet das Gesetz bcs. die Versichcrungs-, nicht aber die gemeinnützigen Gesellschaften. Es erheischt eine Einrcgistrirnng bei einem Beamten des Handelsamtcs, dem Regist- rar, und bezweckt nur die Verhütung von Prellereien bei der Gründung, Auflösung u. Dividen- denvertheilung, nicht eine fortdauernde Überwachung oder Eintragung. Firma, Sitz, Gegenstand, Haftbarkeit u. Ä-nzahl werden eingetragen. Beschränkte Haftbarkeit (liinitsck iiabilit^) ist ausdrücklich fürznlässig erklärt; demNamen derjenigen Gesellschaft, deren Mitglieder nicht persönlich hasten sollen, muß das Wort limitoä angehängt sein. — In Deutschland fand man bis zum angeführten Gesetze vom 11. Juni 1870 die Cautel in der zur Entstehung der A-ngesellschaft erforderten Staatsgenchmignng n. in fortwährender Überwachung durch den Staat, welcher nach Art. 212 des Handelsgesetzbuches von 1861 selbst das Recht der Auflösung hatte. Jenes Gesetz von 1870 hob diese Befugnisse des Staates auf und glaubte sie durch gewisse Normativvorschriften ersetzen zu können (Nothwendigkeit eines Auf- sichtsrathcs, aus mindestens 3 Actionärcn bestehend; — die Gesellschaft wird nicht eingetragen, wenn nicht das ganze Grundkapital gezeichnet u. mindestens 10"/o, bei Versicherungsgesellschaften 20"/o auf jede A. cingezahlt sind; — Einlagen, die nicht in baarem Gelde bestehen, sind in ihrem Werthe genau festzusetzen; — bei Inhaberaktien haftet jeder Zeichner für 40°/» unbedingt, u. a.! m.). Allein die Erfahrung hat erwiesen, daß' diese Bestimmungen weder die ersten Aktionäre! vor Betrug der Gründer, noch in der Folge das- Publicum gegen Unsolidität der Gesellschaft schützcu. Es klebt dem A-nwesen von vorn herein der Fluch alles mühelosen Erwerbes an. Der Aktionär ist Theilhaber, ohne jedoch wirklich, d. h. durch Einsetzung seiner Persönlichkeit, durch Arbeit und Überlegung, Antheil zu haben oder Antheil zu nehmen. Anders war es in dieser Hinsicht bei der sonst der A-ngesellschaft sehr verwandten Gewerkschaft. Der Kux ist gleich der A. nur ein Bermögensantheil, aber der Kuxeninhaber haftete auch für Zubuße, ja, früher arbeiteten die Gewerke selbst meistens mit im Bergwerke u. auf der Hütte. — Die Resolutionen des Vereins für Socialpolitik (s. d.) vom 12. Oct. 1873 haben die publicistischen Erörterungen über wichtige Principienfragen in Bezug auf die A-ngesetzgebung mehr angeregt, als abgeschlossen. Vgl. Verhandlungen des Vereins für Socialpolitik am 12. n, 13. Oct. 1873, Lpz. 1874: Zur Reform des A-ngescllschaftswesens; Drei Gutachten auf Veranlassung der Eisenacher Versammlung zur Besprechung der socialen Frage, abgegeben von H» Wiener, Goldschmidt und Behrend, Lpz. 1873» — Über die Commandit-A-ngesellschaft s. Com- manditgesellschaft. Actinie. Lctinia, so v. w. Seeanemone. Acti nolith, so v. w. Strahlstein, eine Varietät der Hornblende. Actio (lat.), Handlung, Bewegung; in der Rechtswissenschaft die Forderung u. Handlung, um eine Forderung im Proceßwege selbstständig geltend zu machen. Daher bildete bei den alt- römischen Juristen das 7ns actionnin (Lehre der Rechtshandlungen) den 3. Theil ihres Rechtssystems; besonders war bei ihnen A. die rechtliche Bezeichnung für das Klagerecht u. die Klage selbst, so z. B. L.. civilis, eine im Civilrecht begründete Klage; -1. criminalis, öffentliche oder Criminalklage; privata, Privatklage; u. so viele andere Bezeichnungen im Römischen Recht, als es überhaupt verschiedenartige Rechtsverhältnisse gibt. Actio« (v. Lat.), 1) Handlung, Verrichtung. 2) Gefecht. 3) (Kath. Litnrg.) Die Handlung, die bei der Messe die Wandlung bewirkt, s. Messe. 4) Stellung, Geberden- und Mienenspiel eines Schauspielers, wodurch eine Vorstellung vermittelt wird. Man unterscheidet: pantomimische A-, wo alle Gedanken ohne Worte, blos durch Geberden- u. Mienenspiel dargestellt werden; schauspielerische A., wo Gesang u. Rede von Geberden- u. Mie- nenspicl begleitet wird. Unter allen Völkern sind cs die Franzosen, welche in theatralischer A. das Höchste leisten. 5) Franz, actiou, auch so v. w. Actie. Actionator (neulatcin., gleichbedeutend mit Actiouarius), Mäkler, Unterhändler der Kaufleute, auch Kläger wie L.ctor. Actium (a. Geogr.), Vorgebirge (jetzt Cap Pnnta) u. Flecken (jetzt Azio) am Ambrakischen Meerbusen in Akarnanien. Hier am 2. Sept. 31 v. Chr. Seesieg Octavians über Antonius; ! s. Rom. Auf dem Vorgebirge stand ein Apollo- 'tempel; denselben vergrößerte u. verschönerte Oc- ! tavian u. gründete zur Erinnerung an den Sieg § 4 Activ — die Attischen Spiele (Actia), welche alle 5 Jahre mit Pferderennen u. Seegefechten gefeiert wurden; nebenbei auch mit musikalischen Wettkämpfen, wobei die ani meisten sich auszeichncndcn Tonkünst- ler Preise erhielten. Auf der gegenüberliegenden Küste, wo seine Truppen gelagert hatten, erbaute er die Stadt Nikopolis, jetzt Preveza. Aktiv (v. Lat.), 1) thätig, irgend eine Wirkung äußernd; in der Heilgymnastik sind active Bewegungen diejenigen, welche durch eigene willkürliche Muskelzusammenziehung hervorgebracht werden, im Gegensätze zu passiven Bewegungen, die durch die Hand einer anderen Person bewirkt werden. Actives Heilverfahren (einschreitcndes Heilverfahren), diejenige Methode der Hcilkunst, bei welcher der Arzt auf kräftige Weise eiugreift, um die Grundursache der Krankheit, oder doch lästige oder gefährliche Symptome, die Störung der Gesundheit alsbald oder schnell zu beseitigen. Der Gegensatz des a. H. ist die negative, tcm- porisirende (zuwartende) Heilmethode, welche, statt durch Behandlung des kranken Körpers mit Arzneien, nur durch diätetische Vorschriften die Wiedergenesung versucht. Ein jedes dieser Heilverfahren hat in gewissen Fällen seine große Bedeutung, kann aber nicht immer und überall Anwendung finden. 2) (Kriegsw.) Angreifeud, so active Vcrthcidigung; dagegen passive Verteidigung, wenn man sich auf die Abwehr feindlicher Angriffe beschränkt; von Soldaten, im wirklichen Dienste stehend; daher A-stand, der wirkliche Bestand eines Heeres. Aktiva (v. Lat.), 1) im Allgemeinen der gesummte Besitzstand, Grundbesitz, Werthschaften, Mobilien und ausstehcnde Capitalien, im kaufmännischen Sinne. 2) Die Theile des Vermögens, welches der Kaufmann znrn Betriebe seiner Handelsunternehmnngen anwendct. Diese sind Geld, Wechsel, Staatspapicre, Actien u. andere Werthpapiere, Waaren u. Forderungen anderer Personen (Activforderungen, Activschulden). Bei Fabrikanten u. Industriellen werden außerdem noch die Gebäude u. Grundstücke, Maschinen u. sonstiges zum Betrieb gehöriges Material dazu gerechnet. Aetivhandel. Nach deni Maße, in welchem sich ein Volk an dem Handelsgeschäfte betheiligt, wird zwischen Activ- u. Passivhandel unterschieden. Unter Aetivhandel versteht man die unmittelbare thätige Bethciligung einer Nation an den Geschäften desVerkehres, während beim Passivhandel die Nation den kaufmännischen Beruf, den Betrieb der Communicationsmittel, das Ausrüstcn der Schiffe :c. einer anderen Nation überläßt. Die meisten Culturstaaten der neueren Zeit treiben Aetivhandel. Es hängt von den specicllen wirth- schaftlichcn Verhältnissen ab, welches Maß der Thütigkeit das vortheilhafteste ist, ja in manchen Fällen wird nach dem Princip der Arbeitsthci- lung sogar der Passivhandel zu billigen sein, während der Aetivhandel natürlich einer Nation größere Vortheile bietet. Vergl. Näheres Art. Handel. Aktivität (v. Lat.), Betriebsamkeit, Thätig- keit, Geschäftigkeit, daher in A. setzen: in lebhaften Betrieb setzen, geschlossene Gcrichtsver- - Acton. 167 Handlungen wieder aufnehmen, re.; außer A.: geschäftslos, im Ruhestande re. Activum, diejenige Hauptform des Verbums (Zeitwortes), durch welche eine Thütigkeit des Subjccts ausgedrückt wird. Bleibt diese Thätig- keit, dieser Zustand bei dem thätigen Wesen selbst, so ist das Verbum ein Jntransitivum (ich gehe, schlafe, liege), geht sie auf einen anderen Gegenstand über, so ist das Verbum ein Transitivum (ich liebe den Vater). Vgl. Passivum. Acton 1) Sir John Francis Edward, ncapol. Minister, geb. 1. Oct. 1737 zu Besan^on, wo sein Vater, der irländ.Baronet Ed.Hecton, Arzt war, trat in französische u. dann als Fregattcn- capitän in toscanische Seedienste; 1774 führte er die toscanischen, mit der französischen Flotte vereinigten Schiffe gegen Algier u. befreite hier einige tausend Spanier aus der Sklaverei. Deshalb vom König von Neapel in seine Dienste berufen, erwarb er bald die Gunst der Königin Maria Caroline u. stieg zum Marine-, Kriegs-, Finanz- u. dirigirenden Minister. In Gemeinschaft mit dem englischen Gesandten, Hamilton, führte er die Regierung nur zum Besten des Hofes, nicht des Landes. Seine feindselige Stimmung gegen die französische Regierung trug er auch auf die französische Revolution über, und ihm besonders sind das feindliche Benehmen der neapolitanischen Regierung seit 1792 u. deren Kriege gegen Frankreich, sowie die Grausamkeiten gegen die Anhänger Frankreichs 1794 u. 1799 zuzn- schreiben; 1803 ward er auf das Verlangen Frankreichs von seinem Ministerium entfernt, jedoch in den Fürstenstand erhoben u. nach Sicilien verwiesen, wo er bedeutende Güter erhielt. Bald auf seinen Posten zurückbernfen, erneuerte er die Feindseligkeiten gegen Frankreich 1805, bis die Franzosen 1806 ins Neapolitanische ein- marschirten, worauf er mit dem Hofe wieder nach Sicilien floh. Er starb, allgemein verhaßt, 12.. Aug. 1811 in Palermo. 2) Sir Ferd. Richard Edward Dalberg-A., Sohn des Vorigen, geb. 24. Juli 1801, folgte seinem Vater 1811 in der Baronetswürde, heirathete die Prinzessin Marie Louise, Tochter des Herzogs Emerich Joseph von Dalberg, Und nahm nach dem Tode seines Schwiegervaters 1833 den Namen Dalberg als Familiennamen an; er st. am 31. Jan. 1837 in Paris, u. seine Gemahlin heirathete in 2. Ehe den Grasen Granville. 3) Sir John Emeric Edward Dalberg-A., Sohn der Vorigen, geb. 1834 zu Neapel, ward bereits als Kind Won 3 Jahren nach dem Tode seines Vaters Erbe der Baronie u. trat, nachdem er von seiner Mutter eine deutsche Vorbildung erhalten und auf dem katholischen College zu Oscolt unter Dr, (später Cardinal) Wiseman seine Studien vollendet hatte, 1859 für Carlow ins Unterhaus, wo er bis 1865 saß. Bei den allgemeinen Wahlen nicht wiedcr- gewählt, wurde er vom Ministerium Gladstonc zum Peer ernannt, mit dein Titel Baron Acton of Aldenham. Als Gegner der Nltramontanen hielt er sich während des Vaticanischcn Coneils 1869—70 in Rom auf, wo er durch vielfache» Verkehr mit deutschen,, französischen, englischen und ungarischen Prälaten der Opposition Ge- 168 L.vtoi- — Ada. legenheit hatte, einen tiefen Einblick in alle Vorgänge des Concils zn gewinnen, u. schrieb: Sendschreiben an einen deutschen Bischof des Vatica- nischen Concils, Nördl. 1870, und. Zur Geschichte des Vatikanischen Concils, München 1871, aus welche Schriften der Bischof Ketteler von Mainz durchseinPamphlet: Die Minorität auf demConcil, antwortete. A. gab 1863 die fälschlich dem König Friedrich d. Gr. zugeschriebenen lllatinees royales heraus n. war nach einander Gründer u. Redac- tcur mehrerer Zeitschriften, welche aber sämmtlich eingcgangen sind. üctor (lat.), Derjenige, der vor Gericht die Anerkennung eines Anspruches betreibt, u. daher nicht blos der Kläger, sondern auch der Beklagte; denn auch von diesen! kann solche Anerkennung betrieben werden. Das spätere Recht — und danach viele Gerichtsordnungen bezeichnen als A. auch den Sachwalter für Personen, welche ihre Streitsachen nicht selbst führen können (Frauen, Unmündige, auch Corporationen). Die Vollmacht eines solchen A-s heißt L.otorinin. Aktualität (v. Lat.), Wirklichkeit, Thätigkeit, im Gegensätze zur Potentialität (Möglichkeit); aotu oder aetualitsr ssss heißt daher so viel als: wirklich sein, dagegen xotontia oder potentiallter esse so viel als: möglich sein. Actuar (v. lat. ^otnarlus), ein mit der Abfassung gerichtlicher Acteustücke und Protokolle vertrauter, eidlich verpflichteter Hilfsarbeiter, auch Sccretär, Stadtschreiber, Gerichtsschreiber, Registrator, in Frankreich Orektier genannt. Außerdem liegt ihm meist noch die Führung der Registratur, Ausarbeitung der richterlichen und Collegialbeschlüsse re. ob. tlotum (lat.), geschehen; a. nb suxra, am Ende von Protokollen, geschehen wie oben, d. h. in einer Verhandlung, geschlossen am Ort und Tage, wie eingangs bemerkt. llotus (lat.), 1) Thätigkeit, Handlung, besonders öffentliche, feierliche, gerichtliche; z. B. inini- storialss, geistliche Handlungen, welche von wirklichen Priestern vollzogen werden. 2) (RechtSw.) Rechtliche Handlung: xosssssorlus, rechtlich vollzogene Besitzergreifung; Isgsttimi, gewisse förmliche Geschäfte nach Römischem Recht, z. B. der Erbschaftsantritt. 3)(Dogm.)^.. naturales, die natürlichen Thätigkeiten des sich selbst überlassenen Menschen, oder Inbegriff alles deßen, was derselbe ohne Gottes Hilfe zu seiner Erleuchtung u. Besserung zn thun vermag; auch L.. xaeäLAogioi genannt, insofern sie zur Bekehrung Lurch die Gnade vorberciten. 4) L.. personales, in der Trinitätslehre die inneren Merkmale der ewig vorhandenen Verhältnisse der göttlichen Personen gegen einander selbst. Acuiren (lat.), schärfen, scharf betonen. üculsus (Bot.), Stachel im Gegensätze zu Dorn (spinn). Der Stachel ist ein harter, stechender, mit der äußeren RindenschichtverbundenerFortsatz der Oberhaut (z. B. bei Rosen, Brombeeren re.), während die Dornen verkümmerte Äste oder Blätter sind n. im ersteren Falle bei vielen Pflanzen auch Blätter u. Blüthen entwickeln. üouinlaatus (Bot.), zugespitzt, ein Blatt, das in der Mitte breit ist u. dann in eine lange Spitze ansgeht, wie die Fiederblättchen bei ckasminum otkle. u. die Blätter von krunus kaäus, ?a- rlstarla, u. a. Akupressur (Med.), das Zusammenpressen eines blutenden Gefäßes mit eigenen Nadeln, sog. A-nadeln (aus Silber, Gold, Platin oder Stahl), die man vor oder hinter dem blutenden Gefäße im Bogen herumführt, wodurch dasselbe, da die Nadeln durch die Weichthcile oder Knochen gestützt werden, zusammengeprcßt und die Blutung gestillt wird. Akupunktur (Med.), ein Universalmittel chinesischer u. japanesischer Ärzte, das schon im 17. Jahrh. nach Europa kam, hier aber wenig Anklang fand. Es beruht darauf, durch Einstechen von feinen Nadeln (A-nadeln) in kranke Theile auf diese einen Reiz auszuüben und dadurch die Heilung zu bewirken. Jetzt wird die A. nur noch selten angewandt, z. B. bei der Behandlung von Aneurysmen, Pseudarthrosen; dann auch wol noch bei der Untersuchung eines unter einem Geschwür oder einer Geschwulst liegenden Knochens, um zu erforschen, ob u. wie tief derselbe schon zerstört ist, zur Untersuchung von unter der Haut liegenden Geschwülsten, ob sie festen oder flüssigen Inhalt haben; der schnell ausge- zogcnen Nadel folgt ein Tropfen des Inhaltes, Blut, Eiter, Jauche rc. Vgl. Elektropunktur. ücustious (v. gr. alconö, ich höre), was auf das Gehör Bezug hat (vgl. Müstisch); a. sinus innerer Gehörgang; a. nerrus, Gehörnerv. Acnt (v. lat. aontus), 1) scharf, spitzig; 2) hell, deutlich; 3) (Gramm.) einer der Accente (s. d.); 4) hitzig, rasch; so acuteKrankheiten, hitzige, fieberhafte, binnen wenigen Stunden, Tagen, Wochen verlaufende Krankheiten; werden ' den chronischen (ficberlosen, langwierigen) Krankheiten entgegcngestellt; viele Krankheiten können acut u. auch chronisch verlaufen, doch gibt es Krankheiten, die nur a., andere, die nur chronisch auftreten. Acyklische Blüthen (Bot.), Bl., bei welchen alle Theile in einer fortlaufenden Spirale angeordnet sind (z. B. bei tlahwantlms). Diese Spiral- stellnng kann als Ausnahme betrachtet werden, denn in der Regel sind die einzelnen Blüthen- theile in concentrischen Kreisen oder Quirlen angeordnet. Acht tariert (Kammerwesen), die niedersten, der Klasse der Wurzelfüßer ungehörigen, Organismen, deren ganzer Leib noch aus zellenlosem, schleimigem Plasma besteht, die aber trotzdem häufig eine feste, aus Kalkerde bestehende Schale aus- schwitzcn, welche eine große Mannigfaltigkeit zierlicher Formenbildnng zeigt. üä (lat.), Präposition, 1) selbstständig u. in Zusammensetzungen: zu, bei, an rc.; 2) von den Römern den Namen mancher Rastplätze auf militärischen Märschen vorgesetzt, indem sie dieselben nach naheliegenden Merkmalen, selbst nach der Zahl der zurückgelegten Meilen benannten, z.B. Xcl aras, cksoimum. a. ä., Abbreviatur 1) für anno Do min i, im I. des Herrn; 2) für a clato, von diesem Tage, vom Schreibetage. Ada, 1) Marktflecken im ungarischen Com. Bacs, an der Theiß, 9350 Ew.; 2) County im Adafoodia — Adalbert. 169 Territorium Idaho der Nordamerikanischen Union, 2675 Ew.; 3) (türk.) bedeutet Insel. Adafoodia, Stadt im Laude der süwestlichen Fcllata in WAfrika; 24,00V Ew. Adagio (ital.), langsam, dient in der Musik zur Bezeichnung 1) des langsamen Tempo; 2) eines ganzen Tonstückes, welches in diesen: Tempo gehalten ist. Der Charakter des A. ist ruhig, gemessen oder traurig, spielt aber in vielfacher Abstufung vom Zarten bis zum Gewaltigen; bei dem Bortrage desselben werden vom Ton alle guten Eigenschaften, Festigkeit, Haltung u. Biegsamkeit auf einmal gefordert. Die Bezeichnung A. wird oft durch Zusätze näher bestimmt, z. B. LUaglo assai, molto, sehr langsam, L. non tauto. non molto, nicht sehr langsam. Gesteigert ist aäaglssiiuo, „ganz langsam. Adair (spr. Äddchr), Sir Robert, englischer Diplomat, gcb. 24. Mai 1763, besuchte die Schule zu Weslminster u. studirte in Göttingen. 1780 kehrte er nach England zurück, begab sich jedoch beim Ausbruch der französischen Revolution ans Reisen u. hielt sich zur „Beobachtung des Resultats dieser Bewegung auf diecoutinentalenMächte" längere Zeit in Berlin, Wien u. Petersburg auf. 1802 vom Flecken Appleby in das Unterhaus gewählt, befreundete er sich mit Fox, stimmte mit den Whigs und wurde von Jenem, als er nach dem Tode Pitts an die Spitze der Geschäfte trat, 1806 als Gesandter nach Wien geschickt. In dieser Stellung war er oft die Zielscheibe von Canniugs Witzen, doch als dieser Minister des Auswärtigen wurde, wählte er A. 1808 zum Gesandten bei der Pforte, mit der er 1809 den Friedensvertrag der Dardanellen abschloß, wofür er denHosenbanüorden erhielt. Er kehrte 1811nach England zurück und blieb 12 Jahre, so lange als die Tories am Ruder waren, außer öffentlicher Thätigkeit. Im Juli 1831 jedoch ward er vom Grasen Grey in besonderer Mission nach Belgien gesandt, wo er für den eben erwählten, von den hvlländischenTruppen in Lüttich eingeschlossenen König Leopold einen Waffenstillstand und freien Rückzug nach Mecheln auswirkte. In Belgien verblieb A. bis 1835, in welchem I. er, zum Mitglicde des GeheimenRathes erhoben, mit einer Pension von 2000 Pf. St. aus dem Staatsdienste trat. Er st. 3. Oet. 1855 u. schrieb: lllstorioal memuir vk a Mission to blio Lvurb ol Vlsnus. ln 1806, Lond. 1844, 2 Bde.; Mrs negoeialions kor lös psaes ol tlrs Daräauellss, in 1808—9, ebda. 1845; Llcstelt ok tllo eliaraotsr ok Urs lats Duüs ok Dsvonsiiirs, 1811. Adair, 1) County im Unionsstaate Iowa, zwischen 40 u. 41" n. Br. u. 94" w. L.; 3962 Ew.; Countysitz Fontanella. 2 ) County in Kentucky, 87° n. Br. u. 85° w. L.; 11,065 Ew.; Countysitz Columbia. 3) County im Staate Missouri, 40 ° n. Br. u. 93» w. L.; 11,448 Ew. Adäl (Adel), Küstenstrich in OAfrika, am Arabischen Meer, am OAbhang der abessinischen Gebirge, südl. bis an das Land der Harrari u. SomaU beim Meerbusen von Tadschurra, der einerseits von dem Ras-Bir gebildet wird; an der Küste sandig u. dürr, im Innern bergig mit guten Weiden, zum Getreidebau ist nur das Thal >des aus Abessinien kommenden Hawaich geeignet ! der Abhebbadsee, in welchen der Hawasch mün det, u. der näher der Küste liegende See Asja ! 1170 m unter dem Spiegel des Rothen Meeres ! sind salzig. In diesem Küstenlande lag die alte, im 6. Buch der Naturgeschichte des Plinius erwähnte Stadt Adulis, die von entflohenen Sklaven erbaut wurde u. ein bedeutender Handelsplatz war. Die Bewohner, Adail oder Adätcl, ein Zweig der Dankali, haben lichten Teint, bekennen sich zum Islam u. sind Nomaden u. Fischer. Die Hafenst. Tadschurra ist die Residenz des Sultans der Adail; am Hawasch liegt Aussa (Aosa), die Residenz des Sultans der Modeido- Daukali. Die Insel Muschach vor dem Golfe von Tadschurra ist seit 1858 von den Engländern besetzt, auch die Franzosen haben in der Nähe einige Plätze erworben. Adalard (Adalhard), geb. um 758, Enkel Karl Martells, Mönch, später Abt zu Corbie in der Picardie und seit 796 Minister Pipins, Königs von Italien; wurde 818 als Anhänger des Prätendenten Bernhard von Ludwig dem Frommen nach Noirmouticrs verbannt, aber 821 nachdem Tode Benedicts von Aniane zurückgerufen und wieder Abt zu Corbie, stiftete Neu-Korvey an der Weser 822 u. st. 826 in Alt-Corbie. Sein Schüler Paschasius Radbertus beschrieb sein Leben, im Auszug im 2. Bd. von Pcrtz' Llomunsuta Oeiananias. Adalbero, 1) Bischof von Reims u. Kanzler des Französischen Reiches unter Lothar u. Ludwig V., einer der gelehrtesten Prälaten. Seit 963 Erzbischof, salbte er Hugo Capet zum König, 987, u. ward von diesem zur Würde eines Groß- kanzlers erhoben; st. 988. 2)A. (Ascelin), aus Lothringen, wurde 977 Bischof von Laon. AuS Rache verricth er König Ludwig den Fauleki an Hugo Capet, leistete diesem u. König Robert wesentliche Dienste u. erhielt sich in ihrer Gunst bis zu seinem Tode 1030. Bon ihm ist ein allegorisch-satirisches Gedicht über die Zustände in Frankreich, ein Bild der Ereignisse u. Sitten seiner Zeit, im 6. Bd. der Listorisus äs Graues abgedruckt. Dieses, wie noch ein Gedicht über die Dreieinigkeit ist dem König Robert gewidmet. Adalbert, Adelbert, u. im ersten Theil gekürzt Albrecht, Albert, urspr. althochdeutsch LLglpsrallt, deutscher Mannesname, zusammengesetzt aus althochdeutsch aäal (Geschlecht, Adel) und althochdeutsch xsralit:, mhd. derbt, engl, br1§1it, glänzend, also der an Geschlecht glänzende. 1. Fürsten. Grafen von Brabant: 1) A. I., Sohn des Grafen Heinrich, wurde 902 mit dem Bischof von Würzburg und dem Grafen Konrad von Franken in eine schwere Fehde verwickelt; in die Reichsacht erklärt, ward er vom Erzbischof Hatto von Mainz 905 seinen Feinden ausgcliefert u. enthauptet; s. Babenberger Fehde. 2) A. II., Sohn des Vor., nach seines Vaters Tode flüchtig, fiel 933 in der Schlacht von Merseburg gegen die Hunnen; s. Babenberg; er war der Vater Leopolds, des Stifters der Babenbcrgschen Markgrafen von Oesterreich. 8. König v. Italien: 3)A., Sohn Berengars, theilte seit 950 mit seinem Vater 170 Adalia. die Herrschaft von NJtalien; von Kaiser Otto I. bedrängt, von dessen Sohne Ludolf geschlagen, floh er 961 u. kam nach 3jährigen Jrrsahrtcn zu Meere nach Autun, wo er starb. II. Prinz von Preußen 4) Heinrich Wilhelm A., Sohn des Prinzen Wilhelm v. Preußen, geb. den 29. Octbr. 181l, unternahm 1826 eine Reise nach den Niederlanden und 1832 eine größere nach England. Er begann seine militärische Laufbahn in der Infanterie, trat aber, nachdem er 1839 Hauptmann geworden, zur Artillerie über, welcher Waffe er seine unermüdliche Thätigkeit vorzugsweise widmete. Nachdem er 1833 zum Major ernannt war, bereiste er 1837 den Orient, u. ward im Mai 1838 Oberst, im folgenden Jahre Mitglied der Artilleric-Prüfungs-Com- mission u. interimistischer Führer der Garde-Artil- lcrie-Brigade u. am 22. August 1840 General- Major. Aus seiner Seereise 1842 besuchte er von Genna aus Gibraltar u. mehrere Knstcn- plätze Spaniens, segelte hierauf nach Brasilien, bereiste das Innere dieses Reiches n. kam im Sommer 1843 nach Europa zurück; am 31. Mai 1846 avancirte er zum Generallieutenant und wurde ein Jahr darauf Gcneralinspectcur der Artillerie. In Folge seiner Denkschrift über die Bildung einer deutschen Flotte, Potsdam 1848, ward er Mitglied des Rcichsmarine-Ausschusses; bald nach Auflösung desselben ward er zum ersten Cnrator der vereinigten Artillerie- u. Ingenieurschule zu Berlin u. am 9. März 1849 znm Chef der preuß. Marine ernannt, worauf er eine abermalige Reise nach England unternahm u. die vorzüglichsten Häfen u. Werste dieses Reiches besuchte. Im April 1854 ward er zum Admiral der preuß. Küsten u. Oberbefehlshaber der Marine ernannt, u. seinen Bemühungen ist vornehm- 'lich die Gründung des preußischen Kriegshasens im Jahdebusen (1855) zuzuschreiben. Im Jahre 1856 unternahm er mit der Da mpfcorvette Danzig eine Reise nach dem Mittelmcerc, wobei er an der Nordküste von Marokko in feindliche Berührung mit den Riffpiraten kam u. am 7. August bei Melilla (s. d.) bei einem Angriff ans dieselben verwundet ward. 1864 erhielt Prinz A. den Oberbefehl über den ausgerüsteten Theil der Kriegsflotte. Im Feldzüge von 1866 begleitete er die II. Armee, wobei er die Schlachten von Nachod, Skaliz, Schwcinschädel u. Königgrätz mitmachte. Dem Kriege gegen Frankreich 1870/71 wohnte er anfangs bei dem Commando der I. Armee bis zum Abgänge des Generals v. Steinmetz bei, die er in allen Schlachten u. Gefechten begleitete; demnächst schloß er sich dem Hauptquartier des Königs an. Er war seit 27. April 1850 mit Therese Elsler (zur Freifrau v. Barnim ernannt) vermählt; st. am 5. Juni 1873 im 62. Jahre in Karlsbad, als erster Admiral u. General-Jn- spccteur der Marine. Prinz A. zeichnete sich stets durch ein Herz voll treuer Theilnahmc für Hoch u. Niedrig, durch Einfachheit n. Leutseligkeit aus und war deshalb bei allen Klassen des Volkes, wie besonders bei der Marine sehr geachtet und beliebt. Der einzige Sprössling aus seiner morganatischen Ehe, Freiherr Adalbert v. Barnim, st. auf einer Reise nach Ägypten n. Nubien, deren wissenschaftliche Ergebnisse von Hartmann, Berlin 1863, zusnmmengcstellt wurden. III. Heilige. 5) St. A., der Apostel der Preußen und Polen, Sohn des Grafen Slawnik. geb. um 950 auf der Burg Lubik bei Prag in Böhmen u. eigentlich Woytech geheißen; studirte in Magdeburg 971—981 unter A. 7), dessen Nanien er bei der Firmelung erhielt, u. unter Othcrich Theologie u. Philosophie, wurde 983 Bischof von Prag u. leitete die Mission in Böhmen u. den angrenzenden Ländern. Wegen der sittlichen Rohheit der Böhmen gab er nach 6 Jahren sein Amt auf u. trat in Monte Cassino, später in Rom ins Kloster. 993 vom Herzog Bolcslaw zurückgerufen, übernahm er sein Bis- thnm Prag wieder, verließ es aber schon 995 abermals, da er die Verhältnisse in Böhmen nicht geändert fand, u. kehrte, nachdem er unterwegs den Prinzen, nachmaligen König Stephan den Heiligen, getauft hatte, nach Rom zurück. Bereits war er in Verbindung mit Kaiser Otto III. getreten, welchen er nun 996 nach Deutschland begleitete. Nachdem er Fleury, Paris n. Tours besucht u. die Rückkehr nach Prag abgelehnt hatte, machte er eine Mijsionsreise nach Polen u. im März 997 mit Gaudcntius u. Benedictas nach Preußen, wurde aber-voneincmheidnischenPriestcr, weil er heilige Orte betreten hatte, im Culmer- land an der Weichsel ani 23. April 997 ermordet. Herzog Boleslaw setzte seinen Leichnam in der Kirche zu Gncsen bei, aber 1038 führte Bretislawl. von Böhmen ihn nach Prag über. Tag: 1. Juni. Biogr. in Pertz' Non. Lerixt. IV. IV. Bischöfe. 4. Erzbischof von Bremen u. Hamburg: 6) A., Sohn eines Pfalzgrafen von Sachsen, wurde 1033 Subdiakon des Erzbischofs von Bremen und 1045 durch Kaiser Heinrich III. selbst Erzbischof, durch Papst Leo IX. 1050 auch zum Legaten für ganz Skandinavien ernannt. Der Kaiser wollte durch A. das aufstrebende Haus der Billungen Niederhalten, sah in ihm auch eine Stütze für seine Absicht, die deutsche Kirche von Rom unabhängig zu machen. Nach Heinrichs Tode war er einer der Vormünder des minderjährigen Königs Heinrich IV., u. nachdem er denselben 1065 zu Worms hatte wehrhaft machen lassen, regierte er in dessen Namen unumschränkt, bis ihn Heinrich 1066 auf Anlaß der Rcichsfürsten entfernte. 1069 nahm er, vorsichtiger, wieder die alte Stellung ein, st. aber 1072 zu Goslar. Lebensbeschreibung von Grünhagen, Lpz. 1854. 0) Erzbischof von Magdeburg: 7) A., der Apostel der Sla- ven, erst Benediktiner in Korvey u. zu St. Maximin in Trier, wurde von Kaiser Otto I. 961 als Missionsbischof nach Rußland geschickt, mußte aber von dort fliehen; wurde 966 Abt zu Weißenburg im Elsaß u. 968 der erste Erzbischof von Magdeburg, zugleich Erzbischof der slavischen Nationen u. stiftete die Bisthümer Zeitz, Meißen, Merseburg, Brandenburg u. Posen; er st. 981. Adalia (Sataljeh), Stadt im Vilajet Koma (Kleinasien), im alten Pamphylien, am Golfe von A. (im Alterthum Vamxliz'lleus oinus), einem Busen des Mittclmeeres, auf einem 58 m hohen I Felsufer, von einer 3fachen Mauer umschlossen, mit unansehnlichen, meist hölzernen Häusern, Hafen u. lebhaftem Handel (namentlich mit Bauholz ans den Wäldern des Taurus nach Ägypten); Sitz eines griechischen Erzbischoss; 13,000 Ew-, darunter gegen 3000 Griechen. Die Umgegend ist reich an Südfrüchten-u. Storax, gut bewässert u. enthält römische Antiquitäten. A. wurde vom König Attalus II. von Pergamum im 2. Jahrh. v. Chr. gegründet u. hieß im Alterthum Attalia od. Attalea (Sattalea u. Setalia im Mittelalter). Hier schiffte sich 1148 König Ludwig VII. von Frankreich auf seinem Krcuzzuge nachAntiochia ein u. ließ die französischen Kreuzfahrer zurück, welche durch die Treulosigkeit der Griechen größtenteils umkamen. Adam (hcbr., d. h. Mensch), nach der Bibel der erste Mensch, Stammvater der gesammten Menschheit, ward gemäß der einen Darstellung (I. Mose 1, 26 sf.) mit dem Weibe zugleich von Gott am 6. Tage erschaffen, während nach der anderen Erzählung (I. Mos. 2, 7 ff.) erst der Mann (A.), dann die Vegetation u. die Thiere und erst danach, u. zwar ans einer Rippe des Mannes, das Weib, hier Eva genannt, gebildet ward. Nach dieser zweiten Erzählung (die erste weiß davon Nichts) lebten die ersten Menschen in einem Garten (Paradies) des Landes Eden, d. i. des Wonnelandcs, welches in seiner Mitte den Baum des Lebens u. den Baum derErkenntniß von Gut n. Böse enthielt. Gegen Gottes ausdrückliches Verbot isset, von der Schlange verführt, erst Eva, dann, von dieser verleitet, auch A. von der Frucht des Baumes der Erkenntniß. Das böse Gewissen erwacht, sie erkennen ihre Blöße, verbergen sich vor Gott u. werden von diesem mit dem göttlichen Fluche belegt. Der Mann wird mit der Mühsal der Arbeit, das Weib mit den Schmerzen der Geburt und der Unterwürfigkeit unter den Mann bestraft. Auf diese biblische Urgeschichte des Menschen gründen sich die christlichen Lehren vom Ebenbild u. von der Erbsünde; bei Paulus auch die Gegenüberstellung des ersten A.u. Christi, als des letzten A., sowie des alten, sinnlichen n. des neuen, erlösten, geistigen A. Nach der Vertreibung aus deni Paradies zeugte A. viele Söhne u. Töchter, darunter Kain, Abel u. Seth, n. st. 930 Jahre alt. Die altchristliche Sage in dem apokryphischen sogen. A-buch des Morgenlandes (übers, von Dillmann 1853) beschäftigt sich viel mit A. In tödtlicher Krankheit sandte A. seinen Sohn Seth zum Paradies, Öl vom Baume der Barmherzigkeit zu holen; aber der Erzengel Michael vertröstete ihn auf das Kommen des Sohnes Gottes nach 5500 Jahren, der werde ihn salben mit diesem Öl u. von aller Krankheit frei machen. Nach einer anderen Sage bringt Seth einen Zweig von dem Baume, an welchem A. Gott beleidigt hatte; der Zweig erwächst zum Baume, aus welchem endlich das Kreuz Christi verfertigt wird. Während A. nach Einigen in Hebron begraben sein ^ sollte, versetzten andere Juden sein Grab auf Golgatha, was, von einzelnen Kirchenvätern bezweifelt, in der griechischen Kirche zur Geltung kam. Demselben Sinne, A. u. Christus znsam- menzubringen, entspricht die Verzeichnung der Namen A. u. Eva im Kalender unmittelbar vor) dem Christfeste am 24. Dec. — Die Sagen des Talmud u. der Rabbiner über A. haben nur geringes Interesse, ebenso diejenigen des Koran u. der späteren Mohammedaner. Im Islam ist A. zugleich der 1. Prophet n. Neligionsstistcr Namens Szcfijzullah (d. i. Erwählter Gottes). 10 Offcnbarungsbüchcr sind ihm zugetheilt, wovon die Sabäer eins in chaldäischcr Sprache mit eigen- thümlichen Charakteren besitzen sollen. Es verdient bemerkt zu werden, daß nicht blos bei allen vorderasiatischen, sondern bei zahllosen Völkern der Erde Sagen von einem Stammvater göttlichen Geschlechtes gefunden werden, u. daß derselbe in der Regel als eine Personification des Begriffes Mensch gilt, so außer A. Menes bei den Ägyptern, Manes bei den Phrygiern, Manu bei den Indern, Mannus bei den alten Germanen rc. Adam, Herzog von Württemberg, Sohn des Herzogs Ludwig aus 1. Ehe mit der Prinzessin Maria Czartoryska, gcb. 1792; trat früh in russische Dienste, kani dann in russisch-polnische und stieg bis zum General. Während der Novemberrevolution 1830 war er in Warschau, verließ jedoch bald darauf die Stadt, um sich zu dem Großfürsten Constantia zu begeben, führte in dem darauf folgenden Kriege eine Cavallcrie- brigade u. ward Gencrallieutenant n. Generaladjutant des Kaisers Nikolaus; er lebte später meist in Deutschland u. st. am 26. Juli 1847 zu Langerischwalbach. Adam, 1) A. von Bremen (^.äamns Itro inoosis), Geistlicher, früher in Obersachscn, kam 1068 als Domherr u. Schulrector nach Bremen, st. um 1076. Er schr. die für die nordische Gesch. wichtigen Otosts, üammabnrg-snsis soelsslas pon- tilioum (788 bis 1072), herausg. von Lappen- bcrg im7.Bande von Pertz'Lerixtores (deutsch von Laurent), Berl. 1850; einzeln von Pertz, Hannov. 1846; Vs situ vanias oto., herausg. Stockh. 1610, von Fabricius, Hanib. 1706, übers, von Karsten Miesegaes, Brem. 1825; vgl. Asmnssen, äs kon- tübns Läami Vrsw., Kiel 1834. 2) A. von St. Victor (A. Victorinus), geb. in der Bretagne, Augustincrmönch in der Äbtei St. Victor zu Paris, st. 1177; schr. 35 Kirchengesänge, u. a. Lznirnus äs lanäibns 11. Llarias n. Lolilogninin äs 1n- strnotüons animas; Gautier veröffentlichte 1858 neu aufgefundene Kirchengesänge. 3) Ä. de la Halle, gen. Vi Lossus ä'^rras, lebte in der 2. Hälfte des 13. Jahrh., sollte erst Geistlicher werden, faßte früh Neigung zu einem Mädchen Marie, hcirathete sie, trennte sich aber schnell wieder von ihr, um nach Paris zu gehen, u. st. gegen 1288. Er gehörte zu den fruchtbarsten lyrischen Dichtern seiner Zeit, ist außerdem einer der Begründer der dramatischen Kunst Frankreichs u. hervorragender Compouist. Besonders schön u. natürlich sind die Melodien seines Isn äs Robin st äs Llarlon. Seine Gedichte nebst Com- positionen sind veröffentlicht von E.deCoussemaker, Paris 1872. 4) A. v. Orleton, Bischof zn Worcester und Winchester; st. 1375; hatte an der Ermordung des Königs Eduard II. mittelbaren Antheil. 5) Sir Charles, englischer Seemann, geb. 1780, trat 1790 bei der englischen Marine ein u. war bei der Übergabe von Ton- 172 Adam. lon an die engl.-spanische Flotte, 29. Ang. 1793, zugegen. Unter Lord Elphinsione, seinem Oheim, diente er dann in den ostindischen Gewässern,, wurde 1795 Lieutenant u. 1799 Capitän, besetz-1 ligte verschiedene Schiffe gegen die Holländer u. Franzosen in den gricch., span. u. afrikan. Gewässern, sowie anch mehrere kleine Geschwader in. Ost- u. Wcstindieu, bis er znm Admiral aufstieg. Von 1875—1841 war er erster Lord der Ad-, miralität, saß auch 1831—1841 im Unterhause, und wurde 1839 Lordlieutcnant der Grafschaft! Kinroß. 1846 übernahni er im Ministerium I. Ruffel wieder den Posten des ersten Lords der Admiralität, trat aber schon 1847 zurück u. wurde Gouverneur des Juvalidenhauses zu Greenwich; er st. 16. Sept. 1853. 6) Robert, berühmter engl. Vaumeistcr, geb. nach Einigen zu Kirkaldy in der schottischen Grssch. Fife, nach Anderen zu Edinburgh im I. 1728, erhielt von seinem Vater, der ein tiefes Verständnis; für Architektur hatte, die ersten Anleitungen in dieser Kunst. Nach Beendigung seiner Studien in Edinburgh hielt er sich mehrere Jahre in Italien n. Dalmatien behufs des Studiums alter Baudenkmäler ans. 1762 vomContinentzurückgekehrt, ward er znm Architekten des Königs ernannt, trat jedoch, als er 1768 für das County Kinroß ins Parlament gewählt wurde, von diesem Amte zurück; s:. im März 1792 in London u. ward iin Südschiff der Westminsterabtci bcigcsetzt. Seine bedeutendsten Bauwerke sind, die Front des Ad- miralitütsgebäudes in London, das Krankenhaus in Glasgow, das Register-House u. verschiedene große Baulichkeiten an der Universität und die St. Georgskirche in Edinburgh, dann die Portland-, Stratford- u. Hamilton-Plätze in London, sowie das Adelphithcatcr daselbst re. Er veröffentlichte: Düs ruius ok tbs palass ok smporvr 1)ioo1stiauat8paIatro,Lond. 1764, mit71 Kupfern; Düs evorks In arslütsotnrs, Lond. 1777—90, 4 Hefte. In allen seinen Bauten, Zeichnungen u. schriftstellerischen Werken ward A. in ausgedehntester Weise von seinem Bruder James unter-, stützt, der 1794st. 7) Jean Louis, geb. 1758 zu Miettershvlz im Elsaß, ausgezeichneter Klavier- virtuos, Violin- u. Harfenspieler, Lehrer u. Com- ponist, in Straßburg u. Paris gebildet, kam 1775 nach Paris, wurde 1797 Professor des Con- servatvrinrns u. st. das. 1848. Er schr. u. a.: Ilstboäs clu xriusips §öu. (In äoiAte, Par. 1798; llstlwäs äs piauokorts cku Oonssrratoirs clo Uaris, 3 Thlc., 1800—1805, deutsch von Czerny, Wien 1826. 8) Adolphe Charles, Sohn des Bor., beliebter franz. Komponist, geb. zu Paris 1803, Schüler Boieldieus, seit 1836 Ritter der Ehrenlegion, seit 1844 Mitglied des Instituts und seit 1848 Professor am Conservatorium zu Paris; st. hier 3. Mai 1856. Er schuf eine Menge Operetten u. komische Opern, von denen 4s postillon äs Iwnsumsau, 1836, als das beste u. als ein Werk von bleibendem Werthe anzusehen ist. Außerdem sind zu nennen: kisrro et Oatüei'ius, 1829; Oarnlorva (mit Romagnesi), 1830; 4>s proserit, 1833; 4s eüülst, 1834; 4s külsls bsr^sr. 1837; 4s ' brasssur äs ?rsston, 1838; 4a rsiue ä'uu sour, 1840; 4a ross äs ksrouue, 1840; 4a maiu äs ksr, 1841; 4s Uoi ä'Dvstöt, 1842; Uioüarä su kalsstius, 1844; 4a bougustisre, 1847; 4e torsaäor. 1849; 4s kanal, 1849; 6iraläa, 1850; 4a xoupss äs Xursmüer§, 1852. Auch setzte er mehrere Ballets. 9) Alb recht, berühmter Schlachtenmaler, geb. zu Nördlingen im Ries 16. April 1786, gest. zu München 28. Aug. 1862; ursprünglich (bis 1804) Conditor, zeichnete er nebenbei und übte sich im Modelliren, namentlich von Pferden, ohne irgend eine Anleitung. Unter dem Dircctor der Zeichnungsakademie in Nürnberg, Zwinger, widmete er sich der Kunst. 1806 radirte er seine ersten Blätter u. ging nach Augsburg, wo ihn Ludwig Rugeudas an^das Gebiet der Schlachtenmalerei leitete. Nachdem er 1807 nach München übergesiedelt, begleitete er 1809 den Grafen Frohbcrg-Montjoieim Feldzuge gegen Österreich. Zum Hofmaler des Vicekvnigs Eugen von Italien ernannt, blieb A. auf allen seinen Reisen und in allen Feldzügen an dessen Seite. 1811 vollendete er sein erstes großes Bild, das Treffen vonLeoben, vermählte sich 1812u. zog dann mit nach Rußland. Nachdem Eugen Herzog von Leuchtenberg geworden u. sich in München niedergelassen, kehrte auch A. dahin zurück u. nialte für ihn 85 Erinncrungsblättcr an die letzten Feldzüge, welche ihn bis zu seinem Tode beschäftigten. Daneben malte er 4 große Bilder für das herzogliche Schloß in Eichstädt und gab die auf den russischen Feldzug sich beziehende Vozmxs xitto- resgus militairo in 100 lithographirten Blättern heraus. 1829 ging A. nach Stuttgart, 1830 nach NDeutschland und nialte dann die Schlacht an der Moskwa für den Siegessaal des Saalbaues der Müncheusr Residenz. 1836 beauftragte ihn der Herzog Max von Lcuchtenberg mit der Ausführung von 16 größeren Schlachtenbildcrn, wobei ihn sein Sohn Franz unterstützte. Im Jahre 1848, im.Hauptquartier Radetzkys inJtalien, malte er den Fcldherrn, umgeben von seinem Generalstabe, u. die Schlachten von Custozza u. Sta. Lucia. 1853 besuchte er im Aufträge des Kaisers von Österreich die ungarischen Schlachtfelder u. malte nm diese Zeit die Schlacht an den Düppeler Schanzen, 1860 den Marsch der ital.-französischen Armee durch Rußland 1812, dann 1861 die Schlacht von Zorndorf für das Maximilianeum in München. Er radirte u. lithographirte auch viele vorzügliche Blätter. 10 ) Benno, geb. zu München 1812, ältester Sohn des Bor., bildete sich unter seinem Vater zu einem der ersten Thier- maler der Gegenwart. Er trat 1834 zuerst vor das größere Publicum u. weiß die ernsten wie die heiteren Seiten des Lebens der Thicre meisterhaft darzustellen. Auch als Lithograph leistet A. Bedeutendes. Mehrere Bilder in der Neuen Pinakothek zu München. 11 ) Franz, Bruder des Vor., geb. 1815, Schlachtenmaler, machte seine Studien 1849 in Italien, 1850 in Ungarn, 1859 wieder in Italien, jedesmal im österreichischen Heere, unterstützte seinen Vater schon frühzeitig bei der Ausführung größerer Arbeiten, so Namentlich bei der seiner Schlachtenbilder aus Pem Leben des Bicekönigs Eugen von Italien, i Seine Behandlung ist eine entschieden realistische. Adamantin — Adamiten. 173 Er malte auch treffliche Bilder aus dem ungarischen Volksleben. Sein 1874 vollendetes Bild: Angriff dreier franz. Reiterregimenter auf eine Abtheilung deutscher Infanterie bei Floing während der Schlacht von Sedan ist fein bestes Werk und überhaupt eines der bedeutendsten Schlachtenbildcr. Dasselbe ist Eigenthum des Herzogs von Meiningen. 12 ) Eugen, Bruder des Vor., geb. 22. Jau. 1817; erhielt seinen ersten Unterricht vom Vater, bereiste 1814—47 Ungarn, Kroatien u. Dalmatien u. verweilte 1848—56 in den Hauptstädten NJtaliens. Er malt Genrebilder, besonders aus dem Kriegslcben, neuester Zeit auch aus dem Volks- und Jagdlcbcn. Sein Vater und fein Bruder Franz benutzten viele seiner Terrainskizzen. 13) Julius, Bruder des Vorigen, geb. 1821, Lithograph u. Photograph; zu dem von ihm lithographirten Werke: Erinnerungen an die Feldzüge der österreichischen Armee 1848 und 1849, sind die Zeichnungen von seinem Vater und seinen Brüdern Franz und Eugen; er starb 24. Februar 1874 in München. 14 ) Emil, Pferdcmaler, Sohn von A. 10), geb. 20. Mai 1343 in München, Schüler seines Vaters, dessen Bruders Franz u. Portaels in Brüssel; 1868 malte er mit seinem Vater den zu Pardubitz zu einer Parforcejagd versammelten böhmischen Adel. 15) Heinrich, Landschaftsmaler n. Radirer, geb. zu Nördlingcn 1787, gest. zu München 15. Febr. 1862. Bruder von A. 9), kam 1808 nach München, besuchte dreimal Italien, zeichnete 24 Städtcansichten ans Bayern und malte viele Ansichten aus dem alten München, sowie Landschaften aus dem bayer. Gebirge, Oberitalien und der Schweiz. Seine Arbeiten sind gut gezeichnet, aber trocken gehalten. 16 ) Georg, Zeichner, Kupferätzer und Landschaftsmaler, geb. 1784, gest. zu Nürnberg 1823, einer der fruchtbarsten u. begabtesten Radirer; bildete sich unter Knffner u. später in München, n. sammelte ans Reisen in Tirol u. im Salzkammergut zahlreiche Studien für seine Radirungen. . 17 ) Victor, Maler n. Lithograph, geb. zu Paris 29. Febr. 1801, Sohn eines geachteten Stechers, war Schüler der Kunstschule, Meyniers u. Reg- naults, u. malte vorzugsweise Genre-u. Schlachtenbilder, während er auch in der Lithographie Namhaftes leistete; er st. 1870. Adamantin, so v. w. Korund. Adamantins (Sophista), lebte in den ersten Jahrhunderten n. Ehr.; schrieb Abhandlungen über verschiedene Gegenstände. Hauptwerk sein NüMoAiiomoniLon. welches die äußeren Merkmale des Menschen (Physiognomie) erläutert und erklärt. Vcrgl.: Leript. pliz-sio§n. vsterse, reo. I. G. F. Franzius, Altenb. 1780. Adamana, Land in Central-Afrika, südl. von Sudan; gilt als Provinz des Fellata-Reiches Sv- koto, steht aber unter einem fast unabhängigen Statthalter. Die mohammedanischen Eindringlinge (Fellata oder Fulbe) haben es aus einer Menge kleiner unabhängiger Ncgerreiche gebildet, welche zusammen Fumbinä hießen, aber noch nicht gänzlich unterworfen sind. Es ist eines der schönsten Länder Inner-Afrikas. Die Bodcn- gestaltung wechselt mit Hügeln und Thälern ab, im NW. ist cs gebirgig, wo der 1750 m hohe Mcndif, im SW. der etwa 2550 in hohe Alantika; im O. erstreckt sich ein weites Wiesenland bis zu einem über 965 in hohen Bergzuge. Das Land ist reich bewässert, Hauptfluß der Benne mit seinen Nebenflüssen Kabbi u. Faro; auch große Sümpfe gibt es; der größte Theil des Üandes ist dicht bewaldet n. reich au Elefanten. Der zahlreichste der eingeborenen heidnischen Stämme ist der der Batta (s. d.), vor der Erhebung der Fulbe auch der mächtigste. Nächst ihm wohnen die Fali; andere eingeborene Stämme sind die Mbum, Bitte, Uangara, Baia u. a. Die Fulbe haben auch hier die Sklaverei eingeführt. Hptst. Jola (Uola) mit 12,000 Ew., nwestl. vom Alantika. Der erste Europäer, welcher das Land besuchte, war 1851 H. Barth. Adami, Karl Christian Ludwig, bekannt durch feine trefflichen Erd- u. Himmelsgloben, geb. 8. Nov. 1802 zu Berlin, gest. 23. Jan. 1874 zu Potsdam; erhielt seine Ausbildung im Frankeschen Waisenhause zu Halle u. war bis zu Anfang der fünfziger Jahre Lehrer au verschiedenen Stellen, zuletzt an der Garnisonschnle zu Potsdam. Früh schon mit Kartenzeichner! beschäftigt, ging er Ende der zwanziger Jahre zur Verfertigung von Erdgloben über, u. zwar mit solchem Erfolge, daß er nach einigen Jahren einen von der preuß. Negierung ausgesetzten Preis gewann u. wegen der starken Nachfrage seine Fabrikation bedeutend erweitert werden mußte. Er lieferte jetzt auch Nclief- u. Himmelsgloben u. gewann 1844 bei einer Ausstellung in Berlin den ersten Preis. Obwol er in den fünfziger Jahren sein Atelier an D. Reimer verkaufte, bedielter doch dessen Oberleitung in Händen. Seine Erzeugnisse, z. Th. von Prof. Kiepert neu bearbeitet,haben über die ganze civilisirtcWclt Verbreitung gefunden. A. gab auch einen Schulatlas heraus u. sehr.: DasWeltall (übermathemat. Geogr.), 4 Thle., mit Karten u. Abbildungen. Adamello-Grnppc , vergletscherter Gebirgs- stock, südl. vom Val Camonica, 3562 m, auf der Grenze zwischen dem italienischen Veltlin u. dem österreichischen Tirol, durch den Passo del Tonale von den südlichen Ortler-Alpen getrennt, mit dem M. Ntola im S., M. Aviv im W., M. Amola im NO. und M. Piscanno im N. Nördl. von letzterem der 1934 in hohe Tonale- paß aus dem Val Camonica in das Val di Me (Sulzberg). Am Fuße dieser Centralmasse Edolo in paradiesischer Umgebung. Oberlieutnant Jul. Payer bestieg den A. 1864 zuerst. Der Bedole- und Matterot-Gletscher sinken nördl. in die Tiefe des Val di Genova. Gebirgsart ist weißlicher Hornblendegranit. Adamiten, 1) (Adamiancr) gnostische Ketzer des 2. Jahrh. in NAfrika, angeblich von Prodikos, einem Schüler des Karpokrates (daher auch Pro- dicianer), gestiftet; sie glaubten, durch Christus ebenso unschuldig geworden zu sein, wie Adam vor dem Falle gewesen war; sie kamen in ihren gottesdienstlichen Versammlungen (Paradies) nackt zusammen, um sich in der Keuschheit zu üben. Den Ehestand verwarfen sie ganz als Ursache des Sündenfalles, mit der gewöhnlichen Folge eines zügellosen Lebens. 2 ) Im 14. und 15. 174 Adams. .Jahrh. ein Zweig jener großen, in halb Europa sich uintreibenden Genossenschaft der Bcgharden, auch Picarden genannt, u. Lollharden od. Brüder u. Schwestern des freien Geistes; A. besonders in Österreich und Böhnicn genannt. In ihren Versammlungen erschienen sie nackt, lehrten und übten völlige Gemeinschaft der Weiber, wollten überhaupt in Lehre und Leben die Menschheit vor dem Sündcnfalle darstcllen. Auch unter den Taboriten, den eifrigsten der Hussiten, drohte die Verirrung Wurzel zu greifen, aber Ziska erstickte sie mit Gewalt 1421. Doch erhielten sich Reste der Sccte insgeheim bis in die neueste Zeit, wagten sich nach dem Toleranzcdict von 1849 ans Licht n. machten besonders im Chru- dimcr Kreise Prosclytcn. Sie sollen den persönlichen Gott leugnen und eine Kraft (Moe) annehmen, welche die Welt geschaffen hat, ohne dieselbe aber zu erhalten. Jeder Adamit habe einen eigenen Geist, der von Sünden frei mache. Sacramente und Cnltus haben sie nicht; sie erwarten in chiliastischer Weise einen Heiland (Marokan), mit dessen Erscheinen sie die Verwirklichung ihrer communistischen Ideen hoffen. Bei ihren nächtlichen Zusammenkünften sollen sie nackt erscheinen; im bürgerlichen Leben sind sie tadellos. Adams (spr. Adams), 1) Samuel, amerikanischer Patriot, geb. 27. Sept. 1722 zu Boston, stndirte Theologie, mußte aber wegen Mittellosigkeit das Studium aufgcben u. ward Steuereinnehmer. Er war als Demokrat ein Gegner der englischen Negierung und stiftete die (lorrs- sponäiuA Looiotiss, Volksgesellschaften, die mit einander correspondirten u. deren Mittelpunkt in Boston war. 1765 wurde er Mitglied des Co- lonialcongresses von Massachusetts, 1774 Mitbegründer eines Continentalcongresses n. erklärte sich 1776 mit Washington, John Adams u. A. für die Unabhängigkeit der amerikanischen Co- lonien, war aber ein Gegner des Erstcrcn. Er bekleidete fortwährend Ämter, war namentlich von 1789 bis 1797 dreimal Gouverneur von Massachusetts, u. lebte dann zu Boston, wo er 2. Octbr. 1803 st. 2) John, Präsident der Ber. Staaten, geb. 19. Oct. 1735 zu Braintree in Massachusetts, aus einer der ersten Colonisten- familicn stammend. Er studirte die Rechtswissenschaften, war 1774 n. 1775 Mitglied des Con- grcsses für Massachusetts, bewirkte 1776 die Unabhängigkeit?- und Souvcränetätserklnrung der amerikanischen Colonien u. ging 1778 mit Franklin zur Abschließung eines Schutz- u. Handelsbünd- nisscs nach Paris. Er entwarf dann für Massachusetts eine Verfassung; 1780 ward er als bevollmächtigter Minister nach Holland gesandt u. bestimmte die dortige Regierung zur Thcilnahme am Kriege gegen England. 1782 ging er nach Paris, wo er Antheil an dem Frieden mit seinem Vaterlande hatte, u. 1785 als der erste Gesandte der Union nach London. 1787 kehrte er nach Amerika zurück, und nun ward durch ihn, Washington n. Franklin die von ihm vorgeschlagene neue Verfassung cingeführt; er wurde Viceprä- sidcnt und nach Washington 1797—1801 Präsident. Er lebte dann auf seinem Landgute Quincy bei Boston in wissenschaftlichen Beschäftigungen u. st. 4. Juli 1826, dem 50. Jahrestage der Unabhängigkeitserklärung (am nämlichen Tage, wie sein Gegner Jefferson). Er war der Verfasser eines Werkes: ^ vskeuos ok tüs (Konstitution auä Oovornmout ok tüs 11. 8., später umgearbeitet u. 1794 unter dem Titel Uistor^ ok tüo Uriu- oipal Uspublio ok tüs lVorlck herausgcgeben. Er schrieb ferner: Usttsrs aciärssssä ko bis rviks, Boston 1842, 2 Bde.; IVorlcs, 1851—1856, 10 Bde. Bcrgl.: Th. Parker, Uistoriss L.msrioans, Boston 1871; 'lös Ulks ok 1. ^.ckams bx 1. (). eomxlstock b/ 6. Eckums, Philadelphia 1871. Z) John Quincy, Präsident der Ver. Staaten, Sohn des Vorigen, geb. 11. Juli 1767 zu Braintree, reiste mit seinem Vater nach Europa, studirte in Amsterdam u. Leyden u. ging 1781—1783 als Privatsccretär des Gesandten Francis Dana nach Petersburg. Nachdem er hierauf noch einige Zeit in Paris und London gelebt hatte, kehrte er nach Amerika zurück und prakticirte seit 1791 in Ncw-Buryport als Ad- vocat. 1794 ging er als Gesandter der Ver. Staaten nach dem Haag u. 1798 nach Berlin. 1801 nach Amerika zurückberufen, prakticirte er wieder als Advocat, wurde dann 1802 Prof, der Rhetorik an der Harvard-Universität, Mitglied des Senats von Massachusetts u. 1803 des Con- gresses, wo er Vorkämpfer der föderalistischen Partei war. 1809—1814 wurde er Gesandter in Petersburg, dann bis 1816 in London, wo ihn Monroe znrückricf und 1817 zum Staats- sccrctär ernannte; 1825 —1829 war er der 6. Präsident der Ver. Staaten, s. NAmerika (Gesch.). 1829 trat er in den Privatstand und zog sich auf sein Gut Quincy zurück. Seit 1831 war er neunmal als Abgeordneter zum Congreß gewählt, wo er zu den Abolitionisten gehörte; er st. 23. Februar 1848 zu Washington in einer Congreßsitzung. Vgl. Llsmoir ok klis liks ok 1 . (). Boston 1858. 4 ) Charles Francis, namhafter amerikanischer Politiker und Staatsmann, Sohn John Quincy A-s. Geb. 18. August 1807, erhielt er während des Aufenthaltes seines Vaters in Petersburg und London eine vorzügliche Erziehung und vollendete dieselbe 1825 auf der Harvard-Universität. 1828 ward er Mitglied der Legislatur von Massachusetts und 1848 Candidat für die Vice-Präsidentschaft der Ver. Staaten, als welcher er jedoch, da er ein Anhänger des „Ikise-Loil-Princips" war, keinen Erfolg hatte. Nachdem er 1660 Kongreßmitglied geworden, ging er 1861 als Gesandter der Ver. Staaten, nach England und vertrat dort sein Vaterland während der ganzen Dauer des Bürgerkrieges mit ebenso viel Tact wie Geschick. Im Febr. 1868 zog er sich ins Privatleben zurück, aus dem er im Aug. 1871 noch einmal hervortrat, um als einer der Schiedsrichter in der „Alabama-Angelegenheit" zu fungiren. Er veröffentlichte (1850 bis 1856) Ulks auck IVorks ok lloüu ^.ckams und schrieb: dbaptsrs ok Uris, anä oküer Lssa^s, Boston 1871; 1'üs LtruAZIs kor Henkralit^ in ^.msriea, New-Uork 1871. 5) George, englischer Bildhauer, geb. um 1800 in London, fertigte namentlich zahl- 175 Adams — reiche Portratbüsten seiner Landsleute, dann auch die Standbilder Napicrs (in London), Gladstones (in Liverpool) und Seatons (in Plymouth). Seine Arbeiten zeichnen sich durch scharfe Jndividualisirung u. sichere Behandlung vortheilhaft aus. 6) John Cough, geb. 5. Juni 1817 in einem Farmhause in der Bodmin- Haide in Cornwallis, stndirte in Cambridge, war dann Astronom an der dortigen Sternwarte u. Lehrer an der Universität. Er beschäftigte sich besonders seit 1841 mit der Untersuchung der Unregelmäßigkeiten des Uranus und kam dabei 184S auf die Überzeugung von dem Dasein eines noch jenseits des Uranus sich bewegenden Planeten. Er erössncte hierüber eine Correspondenz mit dem königlichen Astronomen zu Greenwich, während welcher Lcvcrricr (lO. Nov. 1845) in den Oomxtss Usndus der französischen Akademie einen solchen Planeten innerhalb eines Grades von dem ihm durch A. bezeichnten Platze nachwies. Die englische llozml 8oeiot^ blieb über das Entdcckungsrecht der beiden Genannten in Zweifel, und erthcilte Beiden, anstatt Einem die jährliche goldene Medaille zuznerkennen,eineöffcnt- liche Anerkennung. 1858 wurde er zum Professor der Astronomie in Cambridge ernannt; er schrieb u.a.: Pütz obssrvsd irregnlaritiss in tlismotion ob Uranus, 1851. 7) William, amerikanischer Theolog u. hervorragender Verfasser von Erbauungs- schriften, geb. 25. Jan. 1807 zu Colchestcr in Connecticut, stndirte Theologie am Seminar zu Audover (1827) u. ließ sich zuerst in Brighton in Massachusetts nieder. 1884 ward er nach Ncw-Uork an die sogen. Naäison-sgnars Urss- Morian-Kirche berufen u. zog hier bald durch fesn e Gelehrsamkeit und milde Beredsamkeit die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Er hat verschiedene Bände Predigten hcrausgegcben, welche sich alle durch eine reine und elegante Diction wie frommen und dcmüthigen Geist auszeichnen; die populärsten unter denselben sind: Mrs Mirss Uarcisns: Ldeu, Ostlrssmsuv and Uaraciiss (1867); MuwksKlviiiA (1869); Oouvsrsabions ok dssns Olirlst veitli llsxrssentativo Llsir, LdvantaZes otu'rittsuirsvelLtion(1871). 8) William T. (Oliver Optic), namhafter amerikanischer Jugendschriftsteller, geb. SO. Juli 1822 zu Mcdway, widmete sich frühzeitig dem Lehrfache u. war 6 Jahre lang Director der Houston u. Lorvältolr-Schulen in Boston. Unter seinen vielen Schriften, welche sich eine außerordentliche Popularität erworben haben, sind zu nennen die 6 Bde. Serien unter den Titeln: Loat Olub, IVoodvills, derin^ and Havzi; ferner Rivsrdals, 12 Bde.; IlounA ^.msrioa Abroad, 6 Bde.; Out- rvard Uourrd, or lormg- Lmsriea aüoat, 1867; eine Saminlung Gedichte unter dem Titel: Olsna ob Urs Oroolc, and otlrsr xosms, 1870, und das von ihm seit 1867 wöchentlich her- ausgegcbene Magazin für die Jugend: Oliver OM es LlaAnrmrs kor Laz s and Oirls. 9) Nche- miah, amerikanischer Geistlicher und namhafter Verfasser von theologischen Schriften, geb. 19. Febr. 1806 zu Salem in Massachusetts, stndirte (1826) Theologie auf dem Seminar zu Andover u. ward 1834 als Pastor an der Lssox-strset Oorr- > Adamsapfel. M'SFational Olrurolr zu Boston angestellt. Schon frühzeitig nahm A. einen thätigen Antheil an der Controvcrse der Unitarier u. veröffentlichte verschiedene Werke auf Seiten der Orthodoxen oder Trinitarier. Nicht minder widmete er auch anderen Fragen von öffentlichem Interesse, namentlich der der Sklaverei, seine Thätigkeit; in Bezug hierauf schrieb er (1854) eine vielfach heftig angegriffene Schrift: L. 8ont1i-8ids Vierv ob 8Iavor^; er schrieb ferner: llomarlcs on tlrs Onitarian Lolisk; Mrs §risnds ok Olirist (1851); Inte ok dolrn Miot; ilgmos and tlrs Lsz^ to Urs lättls Ootün, u. eine Correspondenz mit dem Ex - Gouverneur Wisc von Virginien über die Sklavereifrage. Seit 1870 hat A. sein Amt niedergelegt und Reisen nach OAsien re. unternommen. Adams, 1) County in SPcnnsylvanien, 30° n. Br. u. 77 ° w. L., grenzt an Maryland; 30,315 Ew.; Flüsse: Conewago, Nock, Marsh n. Middle; besonders im S. sehr fruchtbar; Products: Mais, Hafer, Eisen, Kupfer (in neuester Zeit weniger ergiebig), Potomac-Marmor; wurde zuerst 1740 von Schotten und Irländern angebaut und erhielt 1800 seine politische Organisation; Hptst. Gettysburg. 2) County in SWMississippi, 81° n. Br. u. 91° w. L.; 19,084 Ew.; im Westen durch den Mississippi vom Staate Louisiana getrennt, von sanften Hügelketten durchzogen, Boden ergiebig; Products: Mais, Baumwolle, Bataten; Hptst. Natchcz, die größte Stadt und der bedeutendste Handelsplatz des Staates. 3) County in SOHio, 30° n. Br. u. 88° w. L.; 21,000 Ew.; im S. durch den Ohio von Kentucky getrennt, vom Brnsh durchströmt, malerische Hügelketten u. Waldungen, Boden ziemlich ergiebig; Products: Mais, Weizen, Hafer, Bauholz, Rindvieh, Schweine, Eisen, Bausteine; erhielt seine politische Organisation 1797; Hptst. West-Ünion. 4) County in OJndiana, 40" n. Br. n. 85° w. L.; 10,000 Ew.; Flüsse: Wabash u. St. Mary; Boden ergiebig; Products: Mais, Weizen, Waldungen von Eichen, Buchen, Illmcn und Eschen; Hptst.Decatur. 5) County in WJlli- nois, 40" n. Br. u. 91° w. L.; 56,362 Ew.; durch den Mississippi vom Staate Missouri getrennt, vom Bear durchflossen; Chicago-Quincy und Quincy - Toledo - Eisenbahn; Boden fruchtbar u. gut cultivirt; Products: Mais, Weizen, Hafer; Schafzucht; Hptst. Quincy. 6) County in Iowa, 41° n. Br. u. 95° w. L., vom No- daway durchflossen; 3000 Ew.; Hptst. Quincy. 7) County in WWisconsin; 44" n. Br. u. 90° w. L., von: Wisconsin durchströmt; große Waldungen; Producte: Mais, Weizen, Hafer, Bauholz; 7000 Ew.; Hptst. Quincy. 8) St. im County Berkshire, Staat Massachusetts, umfaßt N- u. SA., durch den Hoosicfluß getrennt; 2 Eisenbahnen; 8500 Ew. 9) A., Mount (Berg), 3160 m hoch, im Kilkita-County des nordam. Unions-Territoriums Washington, unter 46" n. Br. u. 121" w. L., nördl. voni Columbiafluß, östl. vom Cascadege- birge, in der Nähe vom Fort Simcoe. Adamsapfel, 1) auch Paradiesapfel, Früchte verschiedener Bäume aus der Fam. der Anran- tiaceen; der eigentliche A. kommt von Oitrns 176 Adamsbrücke — anratus pomnm .4äami 77r'sso, einem kleinen d Baum, der zweimal im Jahre blüht, doch wer- r den seine nach italienischem Jasmin riechenden ü Blüthen nicht als Parfüm verwendet. Die sehr e großen Früchte sind fast kugelrund und an der s Spitze um den Nabel herum tief eingedrückt. Sie 8 lassen sich nicht gut transportiren, liefern aber z eine der angenehmsten Confituren. 2) (Anat., 6 lat. l?omnm ^.ckami) Schräg zugespitzte Erhaben- c heit am Vorderhalse, durch das Hervortreten des i Schildknorpcls des Kehlkopfes gebildet, besonders stark bei Männern. > Adamsürncke, eine bei der Ebbe sichtbare 1 Sandbank mit Felsen und Korallenriffen an der l nördl. Küste der Insel Ceylon, jetzt durchstochen, c erstreckt sich bis nahe an das an der Küste von i Vorder-Jndien gelegene geheiligte Eiland Ramis- i scram. , > Adamsebene (Adnmsfeld), Ebene bei Quebec i in Niedcr-Canada; hier siegte u. fiel 1759 der i englische General Wolfe gegen die Franzosen; - Denkmal. > Adamsfcigenbanm, so v. w. Pisang. i Adamspik (Götterberg, glänzender Berg, s Fels des Saman, Fußtapfc des Glückes), Wal- l diger Berg auf Ceylon, 2251 in; darauf eine l 1,6 m lange, 0,63 m breite Vertiefung, welche l die Buddhisten für eine Fußtapfc Buddhas halten, I der hier vom Himmel zur Erde gestiegen sein ' soll, weshalb sie dieselbe mit Messing u. falschen Edelsteinen eingefaßt haben; die Moslemin halten sie für eine Fußtapfe' Adams, der hier der Sage nach 200 Jahre lang auf einem Beine stehend die Sünde im Paradies gebüßt habe, worauf er in Mekka mit Eva wieder vereinigt worden sei. Der Berg wird jährlich von Tausenden von Pilgern besucht. Das oberste Ende des Berges, ^ einen über 146 m hohen, steilen Gipfel, ersteigt ' man auf 127 Stufen u. zuletzt mittels eiserner, ^ in den Fels befestigter Leitern und Ketten; die ' Aussicht soll von seltener Schönheit sein. Adamnz, Flecken in der spanischen Provinz Cordoba, unweit des Guadalquivir; starke Bienenzucht; 3400 Ew. Adäna (Adanah, Adene), türkisches Mlajet in Kleinasicn, am Meerbusen von Jskenderun, 36,947 fDüm (671 HW.) u. 335,500 Ew. Gebirge (Theile des Taurus), die sich bis 3200 m erheben: Gukluk-Dagh, Bulghar-Dagh, Ala- Dagh, zwischen beiden die Cilicischen Pässe (s. d.), Giaur-D., Güsel-D., Keserik-D. re.; zwischen den beiden letzteren die Syrischen Pässe; Vorgebirge: Karatasch-Burun u. Ras-Chanzyr am Eingänge der Bai von Jskenderun; 2 große Ebenen: Pa- langa-Owa u. Tschukur-Owa; auch mehrere kleine Landseen; Flüsse: Seihun u. Dschihan, mit ihren Nebenflüssen, u. mehrere Küstenflüsse; der Boden ergiebig, doch mangelhaft bebaut, bringt Südfrüchte, Baumwolle, Getreide. A. ist getheilt in 6 Liwa; gleichnamige Hauptstadt am Seihun (Sarus), mit steinerner Brücke u. kleinem Hafen; lebhafter Handel; 40,000 Ew., meist Türken, auch Griechen u. Armenier. — Das Vilajet A. war ein Thcil des alten Cilicien; die Stadt A., im Altcrthum gleichen Namens, lag an der Heerstraße vonTarsos nach Jssos u. wurde alsHan- - Adaptation. delsplatz bedeutend, als Pompcjus nach dem Sce- räuberkriege 67 v. Chr. einen Theil der cilicischen Seeräuber hierher verpflanzte; die syrischen Könige erhoben es zur Stadt u. nannten sie ^.ittioeliin aä 8arum; verfallen, wurde diese von Harun al Raschid als A. wieder aufgcbaut. Im Kriege zwischen Ägypten u. der Türkei 1839 war A., als Schlüssel zum nordwestlichen Syrien, der Zank- apsel zwischen beiden Mächten. Vgl. Maggiore, .4., eittü ckel L.sia minors, Pal. 1842. Adanson, Michel, berühmter Botaniker, geb. 7. April 1727 zu Aix; studirte Naturwissenschaften u. bereiste 1749—53 Afrika, besonders Senegam- bien. DerPlan, an derWKüsteAfrikas eineColonie anzulegen u. ohne Negersklaven westindische Pro- ducte zu erzeugen, fand in Frankreich keine Theil- nahme, erregte aber die Aufmerksamkeit Englands, von wo ihm zur Ausführung desselben bedeutende Anerbietungen gemacht wurden, die er aber aus Patriotismus ausschlug. Die Idee der Herausgabe einer großen allgemeinen Encyklopädie, wozu er die Materialien gesammelt hatte, blieb unausgeführt, u. gegen das Linnö'sche System suchte er vergeblich ein neues geltend zu machen. Vgl. Cl. F. Lejoyand, Iloties sur In vis, Iss travaux, Iss äsoouvsrtssste. cksN. .4., Par. 1808. In der Revolution gerieth er in große Dürftigkeit u. st. 3. Aug. 1806. 1856 wurde seine Bildsäule im botanischen Garten zu Paris ausgestellt. , Schrieb: klistoirs naturelle clu LsnsAg-l, Par. 1757 > (deutsch von Martini, Brandend. 1772, von Sche- : der, Lpz. 1773); I'ainillss äss klsutss, Par. 1764, 2 Bde. Er beobachtete zuerst die den thierischen ähnlichen zitternden Bewegungen von Algen u. > anderen Pflanzen. i üüansonia 10.. Pflanzengatt., nach Vor. be- . nannt, aus der Fam. der Bombaceen (LVI. 9). : Art: .4. äiZItata (Affenbrodbanm, Baobab, Boa- . üab), in WAfrika, auf den capverdischen Inseln, ^ sowie in Westindien angebaut, mit gefingerten Blättern, großen melonenartigen, eßbaren Früch- , ten von der Größe u. Gestalt einer Melone, mit - einem weichen, mehlartigen Mark erfüllt, das den Samen umgibt; dieses hat einen angenehmen säuer- i lichen Geschmack u. wird roh oder in verschiede- . ner Weise zubereitet genossen. Der Stamm, ob- - gleich nur 3—4 in hoch, wird bis 8 in im Durch- > Messer dick u. dient, im Alter hohl geworden, > den Negern zu Wohnungen u. Begräbnissen; die . über 30 m sich ausbreitenden Äste bilden eine : 20—25 in hohe Krone u. den Stamm fast ganz : verdeckende große schattige Lauben. Man hat : etwa 300 Jahre alteJnschriften in solchen Bäumen, - vom nachgewachsenen Holze überdeckt, gefunden ; u. aus der Dicke des letzteren u. Messungen an i gefällten Bäumen das Alter des größten auf i 5—6000 Jahre berechnet. Die Fasern der inneren - Rinde sind als Material zur Papierfabrikation i lebhaft empfohlen worden; selbst zu Geweben i lassen sie sich verwenden. ; Adaptation oder Adaption (v. Lat.), An- , Passung; in der Biologie die Erscheinung, daß . der Organismus infolge der Einwirkungen der , Außenwelt gewisse neue Eigenthümlichkeiten in - seiner Lebensthätigkeit, Mischung u. Form an- - nimmt, welche er nicht von seinen Eltern oder 177 Adäquat - Erzeugern geerbt hat; Adaptiren, eine Sache der anderen anpassen, danach einrichten; Adaptionsvermögen des Auges, die Fähigkeit des Auges, auf verschiedene Entfernungen zu sehen, j. Accommodationsvermögen des Auges; Adaptabel, anwendbar, paßlich; Adaptabi- lität, Anwendbarkeit. Adäquat, angemessen, vollkommen entsprechend; adäquiren, gleich machen, ebnen. Adar, 12. Monat des religiösen, der 6. des bürgerlichen Jahres bei den Juden, vom 2. Febr. bis 3. März unseres Kalenders. Adarme, Handels-, Gold- u. Silbergewicht in SAmerika — l,^ ^r. Adasar (Adnrsa, Adasa, a. Geogr.), St. im Stamme Ephraim (Judäa), wo Judas Makka- bäus 165 v. Ehr. die Syrer unter Nikanor schlug. tl dato (lat.), s. a. c>. üd Valencias geascas (lat.), an den griechischen Calenden, d. h. niemals, weil der griechische Kalender keine Valencias hatte; Scherzwort des Kaisers Angustus von schlechten Schuldnern: sie würden acl o. bezahlen. Adcitatron (lat.), gerichtliche Aufforderung an eine in einem anhängigen Proceßverfahren bisher formell nicht bethciligte, aber materiell interessirte Person. Seit Anerkennung des An- tragsprincips in dem Civilproceß (wie des An- klageprincips in dem Criminalproceß) ist es nicht mehr zulässig, daß Jemand vom Richter zur Theilnahme an einem Proceß gezwungen wird; die hannoverische Proceßordnung vom 8. Nov. 1850 erklärt dies ausdrücklich. kdd., Abbreviatur auf Recepien für aäclatur, es werde hinzugethan, oder aäcks, thue hinzu. ,Adda, bei den alten Römern Addua, 260 lcm langer Nebenfluß des Po, entspringt am Pizzo del Terro (im Veltlin), nimmt die Albiola u. di^ wcstl. von der Ortler-Gruppe abfließenden Gewässer (Frcdolfo, Zebru, Brauglio re.), sowie nebst einer Masse kleiner Gebirgsbäche den Po- schiavino (Graubünden), Malero u. Masino ans u. mündet, nachdem sie das Veltlin durchflossen, in den Lago di Mezzolo gen. Theil desComer- Sees, den sie bei Lecco als schiffbarer Strom wieder verläßt; Mündung' in den Po zwischen Piacenza u. Crcmona. Am II.Oct. 490 besiegten die Ostgothen unter Theodorich die Heruler unter Odoaker in der Adda-Ebene. Addax (Antilope L.(1äax He/tt., Ilippoti'ggiis 8nnäv.), eine afrikanische Antilope, welche auf mehreren ägyptischen Monumenten abgebildet ist u. für den oder 8trspsiosros des Plinius gehalten wird. Addcnda (lat.), Zusätze, Nachträge. Addiciren (v. Lat.), zuerkennen, zusprechen, daher ^clciietio bonorum, Übertragung, Zu- erkcnnung der Güter; ^.äckiotio in üiern, bedingungsweise Überlassung einer Sache, falls sich bis zu einer gewissen Zeit kein besserer Käufer finde. Addington (spr. Äddingtn), 1) Henry, s. Sidmouth; 3) Henry Unwin, geb. 1790, begleitete 1808 Lord Amherst nach Sicilien und war während der Continentalsperre Attachb bei den britischen Gesandtschaften in Berlin und Stockholm, dann Gesandtfchaftssecretär in der Picrers Universal-CoiwersationL-LexiklM. k. Aufl. - Addiren. Schweiz u. Dänemark, Geschäftsträger in Washington, als welcher er die zwischen England u. den Vereinigten Staaten ausgebrochenen Handelszwistigkeiten beilegte. 1828 bevollmächtigter Gesandter in Frankfurt beim Deutschen Bunde u. 1829 in gleicher Eigenschaft in Madrid, wurde er184211nterstaatssecretärdes Auswärtigen Amtes, resignirtc 1854 u. wurde Mitglied des Geheimen Rathcs. Er st. im März 1870. Addington (spr.Äddingtn), County im südöstl. Theil von WCanada (NAmerika), an den Ontario- See grenzend, wird von dem Nepanee u. anderen kleineren Flüssen bewässert; mehrere Seen, worunter der Beaver-See der größte; Hauptpro- ducte: Bauholz, Wolle, Butter n. Käse; Hauptst. Bath am Ontario-See; Eisengießereien und Wagenfabriken; 20,000 Ew. Addio (italicn.), so v. w. Adieu. Addiren (v. lat. acläers, hinzufügen), zwei oder mehrere Zahlen (Summanden, Posten, Glieder) zu einer Gesammtzahl (Summe) vereinigen. Die Addition oder Summation ist die erste der vier Grundrechnungsarten oder Species. Das Zeichen der Addition ist -s- (plus) n. wird zwischen die Summanden gesetzt; die Ordnung derselben ist ohne Einfluß auf die Summe, also beliebig; z. B, 5 -fi 2 -s- 1 — 1 q- 2 -s- 5 --- 8. Genau genommen kann man nur Einer addiren. Man findet jedoch leicht, daß man überhaupt Gleichartiges, z. B. Pfennige u. Pfennige, Meter n. Meter, Zehner u. Zehner, Tausender u. Tausender, addiren kann, weil diese Additionen auf die von Einern zurückkommen. 4 Pf. -s- 3 Pf. — 7 Pf., 4 Tausend -s- 3 Tausend — 7 Tausend, weil 4 -s- 3 — 7. Gleichartiges, gleichbcnannte Zahlen addirt man, indem man die Zahlen- coesficicnten addirt u. der Summe die Benennung der Summanden gibt. Demnach wird sich die Addition dekadischer Zahlen folgendermaßen gestalten: 5347 -s- 7889; d. i. (5 Tausender, 3 Hunderter, 4 Zehner, 7 Einer) -s- (7 Tausender, 8 Hunderter, 8 Zehner, 9 Einer) ^ (12 Tausender, 11 Hunderter, 12 Zehner, 16 Einer), indem ich Tausender zu Tausendern rc. addire. Diese Summe kann jedoch nicht als dekadische Zahl geschrieben werden, weil in einer solchen die Einheiten irgend einer Ordnung nicht in größerer Anzahl als 9 anftreten können; ich muß deshalb die in höherer Anzahl auftretenden Einheiten auf Einheiten höherer Ordnung reduciren; in unserem Beispiel 16 Einer in 1 Zehner 6 Einer, die dann erhaltenen 13 Zehner in 1 Hunderter 3 Zehner rc. Dadurch gestaltet sich obige Summe um in 1 Zehntausender, 3 Tausender, 2 Hunderter, 3 Zehner, 6 Einer — 13236 ^ 5347 -s- 7889. Das ist der Grund der bekannten Regel für die Addition dekadischer Zahlen: Setze die Summanden so unter einander, daß die Einer unter die Einer, die Zehner unter die Zehner rc. kommen; addire von den Einern anfangend die Verticalreihcn u. füge, so oft in einer derselben 10 ihrer Einheiten enthalten sind, statt dieser 1 zur nächsthöheren hinzu. Decimalbrüche addirt man wie ganze dekadische Zahlen; man schreibt sie so, daß die Kommata unter einander stehen, u. beginnt rechts; das Komma der Summe steh! l. Baud. 1Z 178 Addison unter denen der Summanden. Verschieden benannte Zahlen addirt man nach demselben Prin- cip wie dekadische Zahlen: man addirt die gleichbenannten Einheiten, die niedrigsten zuerst, und reducirt sie, soweit es möglich ist, in solche der nächsthöheren Ordnung, wozu man jedesmal nur wissen muß, wie viel Einheiten einer Ordnung auf eine der nächsthöheren gehen. Brüche mit gleichem Nenner betrachtet man als gleichbenannte Zahlen, z. B. 2 st- ^ — 3 Fünftel st- I Fünftel — 4 Fünftel — Addire ich die Zähler der zu addirenden Brüche, so ist ihre Summe der Zähler des resultirenden Bruches, der Nenner der addirten Brüche sein Nenner. Brüche mit ungleichen Nennern bringt man vor der Addition auf gemeinschaftlichen Nenner, „macht sie gleichnamig", u. verfährt wie oben. In der Buchstabenrechnung werden Aufgaben gestellt wie die, a u. b zu addiren. Die Summe ist a -fl b, d. h. die Addition wird nur augedcutet; sie kann nicht ausgcführt werden, weil a u. b nicht näher bezeichnet, also als ungleichartige Größen anzu- fehcn sind. Soll mau Ausdrücke addiren, in welchen dieselben Größen, Buchstaben mehrfach auftreten, so addirt man diese wie gleichbenannte Zahlen; z. B. s,-fl2d-fl3a-fl41>-fl7a — (1a -fl 3a Z- 7a) -fl (2d -fl 4d) --- 11a -fl 6b. Rm algebraische Summen zu addiren, behandelt man zunächst die Größen jeder Art besonders; von diesen addirt man wieder die positiven u. negativen für sich, gibt diesen beiden Summen das bcz. Vorzeichen ihrer Summanden im ursprünglichen Ausdrucke, bildet ihre Differenz und setzt dieser das Vorzeichen der größeren Summe vor. Z. B. a-flb—6a-fl 3b — 4a fl Iva — 7b — 2b — ffl (a -fl 10a) — (6s. 4g)) -fl ffl (b -fl 8b) - (7b -fl 2b)j — (-fl 11a — 10a) -fl (fl 4b — 9b) — a — 5b; denn 11a — 10a — a, 9b — 4b — bb. Hierbei pflegt man die gleichnamigen Glieder unter, die ungleichnamigen neben einander zu ordnen. Zur Prüfung der Richtigkeit einer Addition gibt es verschiedene Proben: 1) Man ziehe einen oder mehrere Summanden von der Summe ab, dann muß der Rest so groß sein, als die Summe der übrigen Summanden. 2) Die Neunerprobe beruht darauf, daß jede Zahl durch 9 dividirt denselben Rest gibt, als die Summe der Zahlwerthe der sie darstellenden Ziffern, ihre Quersumme. Z. B. 938725 gibt bei Division durch 9 den Rest 7; 9fl3fl8fl7fl2fl5^34 ebenfalls. 11m diese Probe zu machen, dividire man zunächst die Quersummen der Summanden durch 9, addire die sich dabei ergebenden Reste u. dividire deren Summe durch 9, so bleibt, wenn die Rechnung richtig ist, bei letzterer Division derselbe Rest, als bei der Division der Quersumme der Hauptsumme durch 9. 3) Die Elferprobe ist der Neunerprobe analog u. gründet sich auf folgende Eigenschaft jeder Zahl: Wenn man die Zahlwerthe der 1., 3., 5. rc. der sie darstellenden Ziffern u. ebenso die der 2., 4., 6. rc. addirt u. die kleinere Summe von der größeren abzieht, so gibt bei der Division durch 11 diese Differenz denselben Rest, wie die untersuchte Zahl. Wir betrachten z.B. 345678; 3 -fl 5 -fl 7 — 15; 4 fl 6 fl 8 18; 18—15 — 3; 345678 :11 gibt ebenfalls den Rest 3. Wenn ich also auf obige Weise die Reste suche, welche die Summanden bei Division durch 11 geben, u. diese addire, so muß bei richtiger Rechnung letztere Summe durch 11 dividirt denselben Rest geben, wie die Hauptsumme. Alle solche Proben sind indessen mühsamer, als eine wiederholte Addition; um bei dieser nicht denselben Fehler zum zweiten Mal zu machen, was sehr leicht eintritt, beginne man die Addition bei der Wiederholung von oben, wenn man das erste Mal von unten angefangen hatte, oder umgekehrt. Dann wird man bei Übereinstimmung der Resultate im Allgemeinen die Rechnung als richtig annchmen können. Addison (spr. Ädissn), I) Lancelot, gcb. 1632 zu Mauldismeaburne, war erst Caplan in Dünkirchen, 1662—1670 Prediger zu Tanger in Afrika, bekleidete nach seiner Rückkehr mehrere geistliche Ämter u. st. als Dechant zu Lichtfield 1703. Er schrieb: .4 sbort narration ok tbs rsvol. ok kbo Ilinxckom ok De? and Naroooo, Oxford 1661 (deutsch von Behaim v. Schwarzbach, Nürnb. 1672); 1'bs ürot Ltaks ok Nabo- mstiom, Lond. 1678, u. a. 2) Joseph, Sohn des Vor., geb. I. Mai 1672 zu Milston in Wilt- shire, studirte zu Oxford, wo er als Anerkennung für feine lateinischen Gedichte eine Stelle im Mag- dalenencollcgium erhielt. Seine ersten Versuche in der englischen Dichtkunst erwarben ihm die Gunst Drpdens u. die Protection des Lord Halifax, sowie des GroßsiegelbewahrersLord Somcrs, welcher letztere ihm ein Jahrgeld von 300 L. St. zu einer Reise nach Frankreich u. Italien verschaffte. Eine Frucht seines Aufenthaltes in dem letztgenannten Lande war seine elegante u. schwungvolle Epistel: Ostler kroin Ital^ to Obarlso Oorck Dab'kax (1701). Nach zweijähriger Abwesenheit kehrte er 1703 nach England zurück; aber der Tod Wilhelms III. beraubte ihn aller seiner Aussichten u. versetzte ihn eine Zeit lang in eine bedrängte Lage, bis er ein Jahr daraus für sein Gedicht auf den Sieg bei Höchstädt die durch Lockes Tod erledigte Stelle im Handelsministerium erhielt. Als 1706 Halifax wieder ins Ministerium trat, wurde A. Unterstaatssecretär, Mitglied des Parlaments u. 1708 erster Secretär für Irland. Schon ein Jahr vorher hatte er seine Oper Dooamonä auf die Bühne gebracht, die aber sehr geringen Ersolg hatte. Nicht viel mehr Glück machte später sein Lustspiel Mrs Drummer or tlw Dauntscl Donos, dem es zwar nicht an Laune, wol aber an Handlung fehlt. Bald darauf begnmt A-s Verbindung mit Steele (s. d.), für dessen Zeitschrift Ode Oattlsr er eine Reihe vortrefflicher Beiträge lieferte. Als Steele den Oattlor aufgab (1711), verband sich A. mit ihm zur Herausgabe einer neuen Zeitschrift, des so berühmt gewordenen Lxsetator, dessen erste Nummer am 1. März 1711 erschien u. der von da an ununterbrochen bis zum 6. Dcc. 1712 fortgeführt wurde. Die einzelnen Beiträge zu dieser Epoche machenden Zeitschrift lieferten großenthcils die beiden Freunde selbst; außerdem aber wurden sie von verschiedenen namhaften Schriftstellren unterstützt. Zu dem von Steele allein heraus- 179 Addison gegebenen duaräian, der 1713 an die Stelle des Zpsetator trat, schrieb A. gleichfalls eine Anzahl von Beiträgen; ein Jahr später aber nahm er den Lxsetator wieder auf u. führte ihn in noch 80 Nummern fort. Inzwischen hatte beim Sturze des Whigministeriums A. seinen Posten verloren, die Sinccure eines Archivdirectors für Irland ließ man ihm jedoch. Im I. 1713 erschien sein Cato, die erste ganz im französischen Geschmacke geschriebene englische Tragödie, ein trotz schöner Einzelheiten im Ganzen kaltes und unwirksames Stück, das aber gleichwol seiner politischen Tendenz wegen großen Erfolg hatte. Nach dem Tode der Königin Anna wurde A. Sccretär des Lord- regentcn Sunderland, ging wieder mit demselben nach Irland, ward 1715 Lord der Handelskammer, heirathete 1716 die verwittwete Gräfin Warwick u. ward 1717 Staatssekretär. Die Ehe mit dieser stolzen Frau war unglücklich, seine Stellung als Minister aber peinlich, da ihm alles Talent zum Staatsmann fehlte; er trat daher schon 1718 zurück und starb 17. Juni 1719. Seine irdischen Reste fanden Aufnahme in der Westminsterabtei. Außer den schon oben erwähnten sind von A-s Schriften noch zu nennen seine Ilowarks on ssvsral parts ok Italz-, seine Oialoguss on Ille nsskulness ok anoienk inecials u. endlich seine unvollendet gebliebenen Lviäsnees ok tlls Ollristian Religion. Als Dichter nimmt A. keine hervorragende Stellung ein; es fehlte ihm an schöpferischer Phantasie u. echter Begeisterung. Seinen hohen Platz in der Geschichte der englischen Literatur verdankt er vorzugsweise seinen Beiträgen zum Lpsetätor, in welchen er mit großer Menschenkenntniß, schärfster Beobachtungsgabe u. in der anziehendsten Form ein Bild der damaligen englischen Gesellschaft, namentlich der tonangebenden Kreise, entwarf. Indem er die Laster u. Thorheiten derselben theils ernsthaft rügte, theils mit feinem Spotte geißelte, Gefühl für echte Sittlichkeit zu wecken u. den Geschmack zu veredeln suchte, übte er den heilsamsten Einfluß auf die geistige u. sittliche Bildung der Nation aus. Als Prosaiker steht er unübertroffen da. Seine Werke wurden zuerst vou seinem Freunde Pickel gesammelt (Lond. 1721, 4 Bde.) u. sind seitdem mehrmals wieder herausgegeben worden, am besten von Hurd (Lond. 1811, 6 Bde., n. Ausg. mit Zusätzen, ebd. 1855, 6 Bde.). Sein Leben ist beschrieben von Lucy Min (Tire Inks ok , Lond. 1843, 2 Bde.). Am besten gewürdigt ist er von Macaulay in dessen tlritiosl anck lirstorioal Lssavs, Bd. 2. Addis« n (spr. Äddisn), County in Vermont (Bereinigte Staaten), grenzt im W. an den Champlain- See, 44°n. Br., 73" w. L.; 23,484 Ew.; vom Otterfluß u. dessen Nebenflüssen durchströmt, Eisenbahn zwischen Bellowsfall u. Burlington, ziemlich fruchtbar; Produkte: Wolle, Mais, Hafer und Kartofsesn; erhielt seinen Namen zu Ehren Joseph Addisons und im I. 1787 seine politische Organisation; Hauptstadt Middlebury. Addition (v. lat. aääitro, das Hinzufügen), die Operation des Addirens (s. d.). Additional-Acte nannte Napoleon 1., nach- — Adel. dem er von Elba zurückgekehrt, ein Gesetz, mit welchem er die Anhänger der Monarchie durch Annahme des Zweikammersystems u. die Republikaner durch Gewährung der Preßfreiheit zu gewinnen suchte. Dieser Act wurde der Volksabstimmung unterlegt u. erhielt unter 1,300,000 Theilnehmeuden beinahe einstimmige Genehmigung. Auf einem sog. Maifelde am 1. Juni 1815 wurde das Resultat zu Paris feierlich verkündet, und am 3. Juni begannen die nach der A-A. gewählten u. in Mehrheit aus Liberalen bestehenden Kammern ihre Thätigkeit. Da aber der Wiener Congreß Napoleons Anerbieten, sich in fremde Angelegenheiten nicht mehr zu mischen, abwies, begann der Krieg aufs Neue, und sein Ausgang warf die A-A. bei Seite. A-A. wurde ferner genannt die zum Entwürfe der preußisch- deutschen Reichsverfassung gegebene Acte, abgeschlossen zu Berlin am 26. Febr 1850, s. Deutschland; die Elb-u. Wcscr-Schifffahrts-A-A., jene vom 13. April 1844, diese vom 3. Sept. 1857, welche Znsatzbestimmungen zu den Schifffahrts- Acten vom 23. Juni 1821, bczw. 12. Febr. 1824 enthielten. Additional-Artikel, Aussagen eines Verbrechers in dem articulirten Verhör, welche früheren Aussagen widersprechen, s. u. Articulirtes Verhör. Additional-De- cret, Ergänzungsbcschluß, Zusatzverordunng rc. Addnctorcn, Anziehmuskeln, die Antagonisten der Abductoren. Sie bewegen das Glied oder überhaupt bewegliche Theile gegen die Mittellinie des Körpers oder eines Gliedes, z. B. den Daumen gegen die Handmitte. Adduction, die bezeichnete Bewegung. ü äscouvert (sranz.), 1) bloß, unbedeckt; 2) (Handclsw.) auf Lieferung, verkaufen, ehe man den Gegenstand besitzt; 3) wehrlos. Adel. L. Allgemeines. Der Begriff des Wortes A. bezeichnet ein politisch-soeialesStandes- elemcnt, das sich über das durchschnittliche gesellschaftliche Niveau erhebt u. im Allgemeinen gleichbedeutend ist mit Aristokratie. In diesem weitesten Sinne kann man dieBrahmanen u. Tschetris der Inder als einen erblichen Priester- u, Krieger-A. u. die höheren Stände bei den alten Ägyptern ebenfalls als eine Art A. anschen. Die Pasargaden bei den Persern waren edle Familien, welche nach dem Sturze des Pseudo-Smerdes über die Thronfolge entschieden. In Griechenland findet man einen A. in Sparta in dem Berhältniß der erobernden u. herrschenden Spartiaten zu den um die Hptst. Sparta wohnenden Lakedämonicru; zu Athen in der Bevorzugung der Eupatriden seit Thcseus u. in der um den höchsten Einfluß auf die Staatsverwaltung kämpfenden Familie der Altmäoniden. In Rom bestand in dem Gegensätze der Patricier zu den Plebejern ein ziemlich ausgcbildeter A., wozu noch später der Ritterstand (Hguikss) als ein besonderer A. u. in der !7odi1ikas ein Dicnst-A. (Hominss novi) kam; wer ein curnlisches Amt bekleidet hatte, erlangte den A. für sich u. seine Nachkommen, u. die Bildnisse der Vorfahren (Imagines) in der Vorhalle ihrer Häuser (Atrium) waren bereits eine Andeutung der Ahnen. Theoretisch wird der Ursprung des A-s aus dem Triebe des Einzelnen 12 * 180 Adcs. nach höherer Stellung u. absonderlicher Befugniß dem Ncbenmenschen gegenüber herzuleiten sein, wie denn auch kein gesellschaftliches Gebilde ein treffenderes Bild dieser Eigenthümlichkeit des menschlichen Wesens gibt, als die Bestrebungen u. Grundsätze des A-s, welche z. B. sehr deutlich im Programm der schlesischen Adelsreunion (z. Z. Fr. Wilhelms IV.) ausgesprochen sind, wo u. a. der Ständennterschicd als Naturgesetz hingestellt u. von Grundsätzen des ewigen, unwandelbaren Rechtes in Bezug auf den A. gesprochen wird. Ganz folgerichtig ist es daher, daß der Einzelne, je mächtiger er ist, desto mehr danach strebt, ein Geschlecht zu begründen, das nicht mit ihm endet, sondern Jahrhunderte überdauert. Der A. war ohne Zweifel ursprünglich vorzugsweise Kricgs-A-, da der Krieg im Allgemeinen als die erste politische Bethätigung des Menschengeschlechtes anzusehen ist. Wer sich im Kriege durch Tüchtigkeit (auch wol Glück) auszeichnete, war selbstverständlich ein Adeliger. Daß mit der hervorragenden persönlichen Stellung die Nutznießung von Realgütern in Verbindung trat, liegt in der Natur der Sache, da sie in solchen Fällen ohne Zweifel überall beansprucht wurde. Der mächtigste Adelige in einem Volke wurde auf diesem Wege Herzog, oder gar König. Sobald die Völkerschaften an- fingcn sich in staatliche Gemeinschaften zu grup- pircn, führten auch geistige Befähigung u. Tüchtigkeit zu einer höheren Stufe, u. es entstand der Amts-A. Endlich kam auch die Zeit, da Künstler, Dichter u. Forscher adelige Titelauszeichnungen erhielten, obwol die Auszeichnungen, welche der Aristokratie des Geistes von den Machthabern zu Theil wurden, im Großen u. Ganzen mehr negativer Natur waren. Daß A. u. adelig auch bildlich in Bezug auf äußere Erscheinung und Hoheit der Gesinnung gebraucht wird und hier gleichbedeutend ist mit edel, mag nicht unerwähnt bleiben. L. Der A. in Deutschland. Etymologisch ist das Wort A. das althochdeutsche aclal, d. h. (nach Grimm) das edle Geschlecht, wie die dazu Gehörigen Adelinge, Edelinge, Edle hießen. I. Geschichte des Adels. Bis in die Mythen- ^eit der deutschen Geschichte führen die Spuren lener Scheidung der Stände, durch welche, dank der Schöpfung des Äsen Rigr — so meldet die Edda — die Freien von den Unfreien sich trennten u. welche dann durch ein weiteres Werk Der Gottheit den Stand der erhöhten Freien u. der Edlen aussondcrte. Ein Sohn des Jarl (angelsächsisch oorl, der Edle) u. seiner Gattin Erna war Adal. So führten die A-sgeschlechter der deutschen Stämme ihren Ursprung auf eine unmittelbar göttliche That zurück, nannten Wodan oder doch einen den Göttern verwandten Helden ihren Stammvater, u. leicht geschah es, daß diese Anschauung bei der Mitwirkung der dem germanischen Volke eigenen Achtung der Blutsge- mciuschaft dem A., als dem Inbegriff der durch erhöhte Freiheiten ausgezeichneten Geschlechter, geschichtlichen u. rechtlichen Bestand sicherte u. ihm den Schutz des Gesetzes verschaffte. In der ersten geschichtlichen Zeit tritt uns der A. schon als ein thatsächliches Verhältniß entgegen, und I schwer ist cs, den thatsächlichcn Ursprung desselben nachzuweisen. Die Forschung hat es bisher nur zu Vermuthungen gebracht, die sich unter Einander bestreiten. In den salischcn u. ripua- ! rischen Gesetzen wird des A-s nicht gedacht; ver- muthlich hatte das Streben der fränkischen Könige nach streng monarchischer Herrschaft frühzeitig zur Beseitigung des Standes geführt, den ' außerdem verheerende Kriege bereits aufs Höchste geschwächt hatten. Die I,sx Laxvnia u. die anderen Bolksrechte wissen dagegen von einem durch erhöhtes Wcrgeld (U. Lax. XIV: gui iwbilsm oooiclsrit 1440 soiiclos eamponai) u. andere cigen- thümliche Rechte ausgezeichneten A. Die politische u. rechtliche Stellung desselben änderte sich, als die Idee der königlichen Macht in der Verfassung des Reiches zur Geltung kam, an die j Stelle der Volksversammlungen das Gesetz des Königs und die Verwaltung seiner Beamten (Grafen, Misst, Jmmunitätshcrren) getreten war u. das königliche Amt größeres Ansehen u. höheres Wergcld gewährte, als die Berufung auf die adelige, d. h. freie Abstammung. Die Klasse der königlichen i,enciss, blclslso, Vassalli, Lsniores (in den lateinischen Quellen jener Zeit Optimales, kroesrss u. auch wol Xobilss genannt) erhielt den Vorrang vor der Klasse der Freien, u. zur Zeit der Karolinger wurden die A-sgeschlechter ganz von den Großen geistlichen und weltlichen Standes überschattet. Da diesen nur die königliche Berufung u. das persönliche Verhältniß zum König Ansehen u. Bedeutung liehen, so mußte auch der A. danach streben, die Hof- u. Reichsämter zu erlangen, u. durch das Treuverhältniß zu erlangen, was der Geburtsstand nicht mehr gewährte. — Das Mittelalter förderte dann die Unterscheidung zwischen den beiden Klassen der Freien, welche nunmehr als hoher oder als niederer A. galten. Zur ersten Klasse der Freien gehörten die Fürsten, Grafen u. Herren mitsammt der Ritterschaft, u. galt diese bis in das 13. Jahrh. herab allein als der Stand der nobilss, Edlen oder Scmpcrfreien (corrumpirt aus „sendbar", d. h. zum Reichstage berufene Freie, viri szmoäalss). Sie wurden auch als die Höchstfreien, die freien Herren oder schlechthin die Herren, als Fürsten (prineipss) u. als Dynasten bezeichnet. Die Grenze zwischen dem hohen u. dem niederen A. ist aber niemals rechtlich gefestigt gewesen, wie auch der Gebrauch der mannigfachen A-sprädicate niemals constant war. Mit diesen verband sich ein bestimmter rechtlicher Begriff gar nicht mehr, als seit Ferdinand II. das Recht der Reichsstaudschaft nicht mehr mit dem Fürsten- und Grafcntitel verliehen ward. Seitdem erhob sich der reichsunmittelbare Fürsten- u. Grafcnstand als „hoher A." über den nicht dazu gehörigen „niederen A." Die Grundlage des Rechtes des hohen A-s war also nun die Neichsstandschaft, das Fundament dieser aber der damit beliehene Grundbesitz, das Fürstenthum, die Grafschaft oder das sonst reichsunmittelbare Gut. Es gab nun Reichs-Fürsten und Fürsten- Genossen (Glosse zum Sachsenspigel III. S8 A 2: IVcm drücisrs äsilsu, n'i äit lorstenclom bslwlt. äi n'srk ciss riüss korsts, uuäs äis ancisr ein Adel. 181 aliolit karste, eien beiten nü börste xsuot). Im Einzelnen gehörten zum Adel: 1) die drei geistlichen u. die vier weltlichen Kurfürsten, seit der Goldenen Bulle königlichen Ranges; 2) die übrigen geistlichen Fürsten (Erzbischöfe, Bischöfe u. gefürsteten Äbte), welche aber neben dem Verhältnis zum Reich in der schon starken Abhängigkeit zum Papste standen; 3) die übrigen weltlichen Fürsten (Herzöge, Pfalzgrafen, Markgrafen, gefürstete Grafen), welchen der König ein Fahn- lehen gegeben; 4) die Grafen u. freien Herren, die zwar nicht gefürstet waren u. deshalb unter der Fahne des Fürsten Kriegsdienst leisteten, die aber doch eine reichsnnmittclbare Herrschaft (Reichsstandschaft) besaßen. Im Allgemeinen war der hohe A. ein Geschlechts-A., aber er beruhte durchaus auf fester sachlicher Basis; nur das Individuum aus diesem Geschlechte, bei welchem auch diese reale Voraussetzung (der mit der Reichsstandschaft behaftete Grundbesitz) zutraf, war im Vollbesitzedes politischen Rechtes des hohen A-s, während die nur durch die Gemeinschaft des Geblütes mit ihm Verbundenen sich mit dem Rechte der Ebenbürtigkeit begnügen mußten. Durch die Aufnahme der kirchlichen Würdenträger in die Rechte des hohen A-s war aber neben jenem Gesellschafts-A. auch ein Amts-A. eingeführt, bei welchem die kirchliche Verleihung und Würde die adelige Geburt und den reichsstand- schaftlichen Grundbesitz ersetzte. Durch das Eindringen dieses neuen Elements in die Sphäre des hohen A-s entfernte sich die geschichtliche Entwickelung immer mehr von der alten Auffassung des A-s als eines ausgezeichneten Geburtsstandes. Vor Allem zeigte sich dies in der weiteren Gestaltung des niederen A-s. Das eigentliche Lebenselement der Ritterbürtigen oder Mittclfreien war das Lehnswesen. Hatte sie das persönliche Berhältuiß zum Lehnsherrn und die persönliche Auszeichnung in die gehobene Stellung gebracht, welche die sociale Anschauung u. das Recht ihnen gaben, so war es natürlich, daß bei ihnen nicht eben nach der Abstammung gefragt wurde; es folgte der Sohn dem Stande des Vaters, wenn auch die Mutter einer bürgerlichen oder einer freien Bauernfamilie angehörte. Anfangs rechnete der Sprachgebrauch sie auch gar nicht zum A., nannte sie vielmehr nur nobilss (Edle), militss (Ritter), ministorialss (Dienstleute); erst im 14. Jahrh. ward es üblich, sie „Edelleute" zu nennen u. dann mit dem Worte „A." den hohen u. den niederen A. zu bezeichnen. Die einzelnen A-s- prädicate des letzteren waren mannigfach, aber ohne verschiedene rechtliche Bedeutung: Grafen (welche nicht Sitz u. Stimme auf dem Reichstage haben), Freiherren, Barone, Bannerherren, Ritter, Edle oder Herren „von". Indem die Zurechnung des zwischen dem alten (hohen) A. u. den einfachen Freien stehenden Standes zum A. ein allgemeiner geschichtlicher Vorgang war, erübrigte er den davon berührten Familien den Nachweis der Entstehung ihres Familienadels; die meisten adeligen Familien verdankten indeß diese ihre Standesauszeichnung nur einem königlichen Gnadenact, welcher dann Titel u. Inhalt ihres A-s- rechtes war. Es sind aber in dem mittelalter- i lichen niederen A. zwei Elemente zu unterscheiden ^ursprünglich gründete auch diesersich auf bedeu- j tenden Grundbesitz (Lehenbcsitz), welcher das Recht, !in dem gräflichen Gericht als Schöffe zu sitzen (Schösfcnbarkeit), sowie die höhere Kriegspflicht Kricgsehre des Ritters u. die Ehre des Vasallen „in Hoffahrt u. Heerfahrt" verlieh. Dies war der im Laufe der Zeit immer mehr gefestigte Stand der freien begüterten Ritter. Wer nicht den ritterlichen Besitz, sondern nur den ritterlichen Beruf hatte, erbte, behielt, vererbte zwar die Ritterbürtigkeit, aber er blieb Jungherr (Junker) ohne den Vollbesitz der politischen Rechte der Ritterschaft in ständischer und in gerichtlicher Hinsicht (Lehnshof, Gerichtsbarkeit). Sodann aber trat — auch wieder kraft einer echt germanischen Anschauung von der Ehre des Dieners im Dienste eines hohen Herrn — im Laufe der Zeit, u. zwar schon im 14. Jahrh., neben den Stand der Ritterbürtigen die Zahl der vornehmen Dienstleute (ministeriales), welche durch ihre dem Fürsten geleisteten Dienste sich hervor- gethan u. für dieselben mit hofrechtlichem Grundbesitz ausgcstattet waren. Gegen Ende des 14. Jahrh. waren alle Unterschiede, die bis dahin zwischen diesen u. den Ritterbürtigen bestanden hatten, beseitigt u. nunmehr die Klasse des niederen A-s im Gegensätze zu der des hohen A-s geeinigt. Daß aber diese beiden Klassen des A-s weder eine historische, noch eine rechtliche Beziehung zu einander haben, ist außer Zweifel, u. es ist deshalb nicht gerechtfertigt, sie gleichsam als zwei Species einer Gattung zu bezeichnen. Die politisch-rechtliche Bedeutung des niederen A-s beruhte in dem Grundeigenthum u. dem demselben anhaftenden Rechte der Landstandschaft u. der Gerichts-(Vogtei-)barkeit über die zu ihren Burgen gehörigen Bauernhöfe (Meierhöse). Die Geburt des Besitzers war geringeren Werthes. — Die geschichtliche Entwickelung der neueren Zeit griff tief ein in das Standeswesen des A-s, des hohen wie des niederen. Das Streben des hohen A-s wider Kaiser u. Reich, das besonders während des 30jährigen Krieges und dann in der vaterlaudslosen Zeit nach dem westfälischen Frieden wucherte, erreichte endlich mit französischer Hilfe sein Ziel; die durch u. durch morsch gewordene Reichsverfassuug stürzte zu Anfang des 19. Jahrh. zusammen, aber sie begrub auch Diejenigen, welche dies Ereigniß hcrbcigcführt hatten. Die Säcularisirungen des Reichsdcputations- Hauptschlusses von 1803 entfernten die geistlichen Landesherrschaften aus der Reihe des hohen A-s, u. man dachte gar nicht daran, ihnen bei der Neugestaltung der politischen Zustände in Deutschland eine andere Stellung anzuweisen. Eben aber brachte die Mediatisirung der Standcsher eine Wandlung in dem Wesen u. den: Rechte hohen A-s. Der Geist der Zeit schritt über dahin, der Begriff des werdenden Staates iw Neuzeit vertrug sich nicht mit den staatsuufähigen Existenzen der kleinen Herrschaften, u. das zum Bewußtsein erwachende Recht der deutschen Nation war stärker, als die Tradition der vergilbten Geschlechtsregister. Nur diejenigen reichsfürstlichen Geschlechter, welche ein staatsfähiges Ter- 182 Adel. ritorium besaßen, namentlich die Kurfürsten des Reiches, fanden auch indem System von 1815 einen Platz; daß ihn auch kleinere Fürstenthümer cfuiiden u. behalten, erscheint mehr als eine anne der Geschichte. Das Rcichsstandschafts- recht des hohen A-s war mit dem Untergang des Deutschen Reiches verloren; was von anderen Rechten desselben in den mediatisirten Territorien verbleiben mochte, war Sache der Gesetzgebung des Staates, welchem sie nunmehr als Provinzen zugetheilt waren. Für den niederen A. war aber die politische Gestaltung der neueren Zeit noch weniger günstig. Nachdem gegen Ende des 18. Jahrh. die fränkische Reichsritterschaft durch die preußische Occupation einen Theil ihres Gebietes verloren, ging in Folge des Luneviller Friedens von 1801 auch der größte Theil der rheinischen Ritterschaft aller hoheitlichen u. grund- herrlichen Rechte verlustig. Was dann noch davon übrig geblieben, vernichtete die Rheinbunds-Acte von 1806; sie überließ das Schicksal der ehemal. Reichsritterschaft in Schwaben, Franken u. am Rhein lediglich der Willkür der neuen Bundes- souvcräne. Für den nicht zu diesem rittcrschaft- lichen A. gehörigen niederen A., die große Menge der besitzlosen Adeligen, fand sich aber in der weiteren politischen Entwickelung in Deutschland noch weniger Raum u. Boden. Die veränderte Kriegführung, die Einführung der in die Ferne wirkenden Schußwaffen, die Werbung der Söldnertruppen u. die Einrichtung stehender Heere: das waren ebenfalls Elemente, welche das mittelalterliche und lehnrcchtliche Ritterwesen verdrängten. Die massenhaften Erhebungen Bürgerlicher in den A-sstand trugen um so weniger zur Erhaltung des A-sglanzes bei, als nur zu ost die Gründe einer solchen Auszeichnung weitab vom Verdienste lagen. Die Ausschweifungen, in welchen der A. sich erging u. worin er oft eine Force suchte, regten dis öffentliche Meinung gegen ihn auf; anderseits war der A. für strebsame Kräfte bürgerlicher Art em zu großes Hinderniß bei Erlangung höherer Ämter, um nicht peinlich empfunden worden zu sein, u. es kann nicht wundern, daß von allen Seiten revolutionäre Strömungen gegen die Privilegien des A-s sich richteten, u. daß besonders die republikanischen Verfassungen den Gebrauch oder doch einen politischen oder rechtlichen Werth des A-stitels nicht erkannten. Die Verfassungs- gesctze der französischen wie der deutschen Nationalversammlungen von 1848 decretirtcn übereinstimmend die Aufhebung des A-s als eines Standes. II. Heutige Rechtsverhältnisse des A-s. Weder der hohe,noch der niedere A. ist von dem politischen Gebiete ganz verdrängt, allein so verschieden — wie schon bemerkt — beide Klassen unter einander sind, ebenso verschieden sind auch Art u. Maß der Einwirkungen der gegenwärtigen Staatsverhältnisse auf die Rechtsverhältnisse derselben gewesen. Die Deutsche Bundcsacte vom 8. Juni 1815 gedachte im 14. Art. der ehemaligen Reichsstände u. des Reichs- A-s und suchte beiden eine gewisse gemeinsame Rechtsbasis in ganz Deutschland zu sichern. Für die im 1.1806 u. seitdem mittelbar gewordenen ehemaligen Reichsstände und Reichsangehörigen sollte „in Gemäßheit der gegenwärtigen Verhältnisse" in allen Bundesstaaten ein gleichförmig bleibender Rechtszustand geschaffen werden, u. die Bundesfürsten einigten sich demgemäß dahin: ,,a) daß diese fürstlichen und gräflichen Häuser fortan nichtsdestoweniger zu dem hohen A. in Deutschland gerechnet werden u. ihnen das Recht der Ebenbürtigkeit in dem bisher damit verbundenen Begriffe (s. d. Art. Ebenbürtigkeit) verbleibt; b) sind die Häupter dieser Häuser die ersten Standesherren in dem Staate, zu dem sie gehören; sie u. ihre Familien bilden die privi- legirteste Klasse in demselben, insbesondere in Ansehung der Besteuerung; o) es sollen ihnen überhaupt, in Rücksicht ihrer Personen, Familien u. Besitzungen, alle diejenigen Rechte u. Vorzüge zugesichert werden oder bleiben, welche aus ihrem Eigenthum und dessen ungestörtem Genuß herrühren u. nicht zu der Staatsgewalt und den höheren Regierungsrechten gehören." Unter diesen Rechten waren „insbesondere u. namentlich" begriffen: 1) die unbeschränkte Freiheit, ihren Aufenthalt in jedem zu dem Bunde gehörenden oder mit demselben in Frieden lebenden Staate zu nehmen; 2) Aufrechterhaltung der noch bestehenden Familienverträge nach den Grundsätzen der früheren deutschen Verfassung u. Zusicherung der Bcfugniß, über ihre Güter u. Familienverhältnisse verbindliche Verfügungen zu treffen, welche jedoch dem Souverän zur Genehmigung vorgclcgt u. bei den höchsten Landesstellen zur allgemeinen Kcnntniß und Nachachtung gebracht werden müssen; 3) privilcgirtcr Gerichtsstand u. Befreiung von aller Militärpflichtigkeit für sich u. ihre Familien; 4) die Ausübung der bürgerlichen u. peinlichen Gerechtigkeitspflege in erster u., wo die Besitzung groß genug ist, in zweiter Instanz, die Forstgerichtsbarkeit, Ortspolizei u. Aussicht in Kirchen- und Schulsachen, auch über milde Stiftungen, jedoch nach Vorschrift der Landesgesetze, welchen sie, sowie der Militärverfassung u. der Oberaufsicht der Regierungen über jene Zuständigkeiten unterworfen blieben. „Bei der näheren Bestimmung der angeführten Befugnisse sowol — hieß es in jenem Art. 14 weiter — wie überhaupt u. in allen übrigen Punkten wird zur Begründung und Feststellung eines in allen deutschen Bundesstaaten übereinstimmenden Rechtszustandes der mittelbar gewordenen Fürsten, Grafen u. Herren die in dem Betreff erlassene königlich bayerische Verordnung vom I. 1807 als Basis u. Norm unterlegt werden." Der Vorbehalt der Modificationen, welche die Landesgesetzgebung in den einzelnen Bundesstaaten bringen möchte, verhinderte von vorn herein, daß die Absicht der Bundesverfassung, einen gleichförmig bleibenden Rechtszustand für die mittelbar gewordenen Reichsstände zu schaffen, zur Wahrheit ward. Zwar wurden die Rechtsverhältnisse der Mediatisirten des Ostern zum Gegenstände der Verhandlungen am Bundestage gemacht, wie sie selbst auch wiederholt den Anspruch auf Anteilnahme an den Sitzungen des Bundestages, wenn auch durch das Medium einer Vertretung, erhoben; allein einen praktischen Erfolg hatte alles dies nicht, auch nicht die Anerkennung im Art. 63 Adel. 183 der Wiener Schlußacte von 1820, daß der Bundesversammlung die Verpflichtung obliege, auf die genaue u. vollständige Erfüllung der betreffenden Bestimmungen der Bundesacte zu achten. Bedeutungslos waren diese indeß nicht, denn das wenigstens ward aus ihnen klar, daß 1) die deutschen Souveräne nebst deren Familien den hohen A. in Deutschland bilden; 2) die im I. 1806 u. seitdem mittelbar gewordenen ehemaligen Reichsstände mit ihren Familien — aber auch nur diese — zu dem hohen A. in Deutschland gehören; 3) diese aber selbst Unterthanen indem Staate, zu welchem sie gehören, u. als solche der allgemeinen Landesgesetzgebung — vorbehaltlich nur der ihnen noch verbliebenen Privilegien — sowie der richterlichen Gewalt im Staate unterworfen sind. Die staatsrechtlichen Consequenzeu der Zugehörigkeit zum „hohen A." sind aber: a) das „Recht der Ebenbürtigkeit in dem bisher damit verbundenen Begriff" (s. d. Art. Ebenbürtigkeit); b) das Recht einer beschränkten Autonomie über Güter- und Familienverhältnisse; o) die auch in dem Gesetze, betreffend die Verpflichtung zum Kriegsdienste, vom 9. Nov. 1867, 8 I, anerkannte Befreiung von der allgemeinen Wehrpflicht u. — soweit die Landcsgesetze nicht ändernd eingegriffcn haben — Besreiung vom allgemeinen Gerichtsstände u. von der allgemeinen Steuerlast. Das Privilegium der Freizügigkeit hat seine Bedeutung verloren, seitdem dies die allgemeine Conscquenz des Rechtes des deutschen Reichs-Jndigenats geworden. Von dem seit dem Erwachen eines constitutionellen Lebens hervor- gctretencn u. angesichts der überlebten feudalen Gewährungen nicht unberechtigten Streben nach Beseitigung der staatsrechtlichen Verschiedenheit der politisch-socialen Stände wurden, namentlich im Jahre 1848, auch die bisherigen Rechtsverhältnisse des hohen A-s (der Standesherren) in Deutschland berührt. Die „Grundrechte" verfügten Art. II.: „Vor dem Gesetze gilt kein Unterschied der Stände; der A. als Stand ist aufgehoben; alle Standesvorrechte sind ab- geschasft;" u. ähnlich war der Geist der Landcs- versassungsgesetze dieser Periode, namentlich auch in Preußen. Bald nachher kehrte indeß die Gesetzgebung wieder zu der Anerkennung der historisch begründeten Sonderstellung der Standcs- herren zurück. In Preußen dcclarirte das Gesetz vom 10. Juni 1854 mit Rücksicht auf den Art. 4 der Verfassungs-Urkunde dahin, „daß die Bestimmungen der Verfassungs-Urkunde einer Wiederherstellung derjenigen durch die Gesetzgebung seit dem 1. Jan. 1848 verletzten Rechte u. Vorzüge nicht entgegenstchen, welche den mittelbar gewordenen deutschen Reichsfürsten u. Grafen, deren Besitzungen in den I. 1815 u. 1850 der preußischen Monarchie einverleibt oder wieder einvcrleibt worden, auf den Grund ihrer früheren staatsrechtlichen Stellung im Reiche u. der von! ihnen besessenen Landeshoheit zustehcu, nament-! lich auch durch den Art. XIV. der D. Bundes-^ acte vom 8. Juni 1815 und durch die Art. 23 u. 43 der Wiener Schluß-Acte vom 9. Juni 1820, sowie durch die spätere Bundesgcsctzgebuug zu- gcsichert worden sind, sofern die Bctheiligtcn sie ! nicht ausdrücklich durch rcchtsbcständige Verträge i aufgegcben haben". Die Königl. Verordnung l vom 12. Nov. 1855 verfügte dann weiter, „daß j die gcdachtenRcchte in demjenigen Umfange, welchen 'jenes Gesetz gestattet, wiedcrhcrgestcllt werden". So lebten im Allgemeinen diejenigen Rcchtsver- ! hältnisse für die Standcsherren wieder auf, welche ^auf Grund der mehrcrwähntcn bundcsrechtlichen ! Bestimmungen durch die preußische Verordnung !vom 21. Juni 1815 und durch die zur Ausführung derselben erschienene Allerhöchste Instruction vom 30. Mai 1820 geschaffen waren. Indeß ein ganz bestimmter Rechtszustand ist dadurch für die Standesherren in Preußen noch nicht hergestellt; hierzu bedurfte es besonderer Verhandlungen mit den einzelnen standeshcrrlichen Häusern. Die preußische Verfassung hat aber in dem Punkte der „nach der Deutschen Bundesacte vom 8. Juni 1815 zur Standesschaft berechtigten Häupter der vormaligen deutschen reichsständischen Häuser" in Preußen besonders gedacht, daß sie denselben die Zugehörigkeit zur Ersten Kammer mit erblicher Berechtigung verlieh. (Verordm^-g vom 12. Oct. 1854.) Zur Bearbeitung der Standes- u. Ndelssachcn ist durch Allerh. Erlaß vom 16. Aug. 1854 ein besonderes Hcroldsamt eingerichtet. — Den Rechtsverhältnissen der Standesherren in den übrigen deutschen Staaten liegt im Wesentlichen — gemäß Art. XIV. der D. Bundesacte — die bayerische Declaration vom 19. März 1807 zu Gruude. Dieselbe bezweckte zunächst Klarstellung der Beziehungen der Media- tisirten zu dem betreffenden Souverän u. untersagte deshalb denselben Alles, was auf deren frühere Stellung im Reiche u. auf die einstige Quasi-Souveränctät Bezug hatte (in Betreff der Titel, Wappen und des Ccremoniells, sowie der auswärtigen Verhältnisse), dehnte die Consequen- zen der Allgemeinheit und Einheitlichkeit der Staatsgesetzgebung, der Staatspolizei, der Staats- Kirchengewalt, der Militärgewalt, der Staats- Finanzgewalt auch auf die Mcdiatisirtcn aus u. reservirte diesen im Wesentlichen nur diejenigen Privilegien, welche auch der Art. XIV. der D. Bundesacte ihnen gelassen hatte. Inwieweit aber die Principien der neueren staatsrechtlichen Gesetzgebung diese modificirt haben, ist für jeden einzelnen deutschen Staat, beziehungsweise aus den einzelnen Abmachungen zwischen dem bestimmten standesherrlichenHause u. dem Staate, welchem es nun angehört, zu ersehen. Überall wird wol die standesherrliche Gerichtsbarkeit, deren Fortbestand mit der Souveränetät u. dem Wesen des Staates der Gegenwart unverträglich ist, beseitigt sein. Das Princip der Reichsverfassnng vom 28. März 1849 ß 173: „Es sollen keine Patri- monialacrichte bestehen", findet sich in verschiedenen Landesgesetzen wieder, so in dem preußischen Gesetze vom 2. Jan. 1849 § 1, bayerischen vom 4. Juni 1848, hannoverischen vom 8. Nov. 1850 Z 8, Coburg-Gothaschen Staatsgrundgcsctze 8 136, Altenburgschen Gesetze vom 17. März 1849, in der braunschweigischen Neuen Laud- schaflsordnung 8 141, im Auhalt-Beruburgschcn Landcsverfassungsgesetze 8 31, Waldcckschcn Ver- fassnngsgcsctze 8 14. Daniit ist denn auch die 184 Adel. standesherrliche Gerichtsbarkeit beseitigt. Es bilden indeß die Standeshcrren auch noch mit dem Reste ihrer staatsrechtlichen Sonderstellung einen sest geschlossenen Stand, dessen Fundament die bestimmte geschichtliche Entwickelung des hohen A-s in Deutschland ist und dessen Rechtsschutz in der Nothwendigkeit der Anerkennung dieser eigenthümlichen Entwickelung liegt. — Weit ab führte aber die staatsrechtliche Entwickelung der neuesten Zeit hinsichtlich der Rechtsverhältnisse des sogenannten niederen A-s in Deutschland. Die Deutsche Bundesacte ge- oachte im Art. XIV. des „ehemaligen Reichsadels" u. sicherte diesem außer den den Media- tisirtcn vorbehaltencn Rechten der freien Wahl des Aufenthaltes u. einer gewissen familienrccht- lichen Autonomie „Antheil der Begüterten an Landstandschaft, Patrimonial- und Forstgcrichts- barkeit, Ortspolizei, Kirchenpatronat u. den privi- legirtcn Gerichtsstand" zu, jedoch mit demZusatze, daß diese Rechte „nur nach Vorschrift der Landesgesetze ausgeübt werden". Bezüglich der durch den Luneviller Frieden vom 9. Februar 1801 von Deutschland abgetretenen u. jetzt wieder damit vereinigten Provinzen sollten bei Anwendung jener Grundsätze auf den ehemaligen unmittelbaren Reichsadel diejenigen Beschränkungen stattfinden, welche die dort bestehenden besonderen Verhältnisse nothwendig machen. Die Verpflichtungen, welche die Bundesversammlung rücksichtlich der Ausführung der den Mediatisirten zu- gesichcrtcn Standesrechte im Art. 63 der Wiener Schlußacte übernommen, bezogen sich auch auf diese Zusicherungen zu Gunsten des ehemaligen Reichsadels. Der schon unterm Reiche land- sässigen Ritterschaft wird dagegen gar nicht gedacht, u. waren damit also deren Standesverhältnisse lediglich der Gesetzgebung der einzelnen Staaten überlassen. Das jetzige Verfassungs- rccht kennt nun, abgesehen von einigen Grundsätzen des Privat-Familienrechts (z. B. der Be- fugniß, Familienfideicommisse zu errichten), in staatsrechtlicher Beziehung nur noch eine ständische Berechtigung des ritterschaftlichen Grundbesitzes, sei es in der — die Regel bildenden — Weise, daß der Besitz eines Rittergutes an sich die Ausübung dieser Berechtigung gewährt, sei es, daß dazu auch die adelige Eigenschaft des Besitzers noch erfordert wird. Wo die Landesvertretung nach dem Zwei-Kammersystem gebildet, ist es die Erste Kammer, zu deren Bestandtheilcn auch Vertreter des ritterschaftlichen Grundbesitzes gehören. In Preußen beruft die Verordnung vom 12. Oct. 1854 in das Herrenhaus als erblich Berechtigte neben den Standesherren die zur Herren-Curie des Vereinigten Landtages von 1847 berufenen Fürsten, Grafen u. Herren u. gewährt ein Präsentationsrecht „dem für jede Provinz zu bildenden Verbände der darin mit Rittergütern angesessenen Grafen", aber auch „den Verbänden der durch ausgebreiteten Familienbesitz ausgezeichneten Geschlechter, welche der König mit diesem Rechte begnadigt", sowie „den Verbänden des alten u. des befestigten Grundbesitzes". In Bayern gehören zu der Kammer der Reichsräthe außer Anderen „Diejenigen, welche der König entweder wegen ausgezeichneter dem Staate geleisteter Dienste, oder wegen ihrer Geburt oder ihres Vermögens zu Mitgliedern dieser Kammer entweder erblich, oder lebenslänglich besonders ernennt", aber der König wird „das Recht der Vererbung nur adeligen Gutsbesitzern verleihen, welche ein mit dem Lehen- oder fideicommissarischen Verbände belegtes Grundvermögen besitzen, von welchem sie an Grund- u. Dominialsteuer in simplo 300 Fl. entrichten, u. wobei eine agnatisch-linealische Erbfolge nach dem Rechte der Erstgeburt eingeführt ist". (Verfassungs-Gesetz Titel VI. § 3.) Die sächsische Erste Kammer zählt zu ihren Mitgliedern auch „zwölf auf Lebenszeit gewählte Abgeordnete der Rittergutsbesitzer u. zehn vom König nach freier Wahl auf Lebenszeit ernannte Rittergutsbesitzer". Als erbliche Mitglieder der Ersten Kammer in Württemberg wird der König (Verf.-Gesetz Z 130) „nur solche Gutsbesitzer aus dem standesherrlichen oder ritterschaftlichen A. ernennen, welche von einem niit Fideicommiß belegten, nach dem Rechte der Erstgeburt sich vererbenden Grundvermögen im Königreiche nach Abzug der Zinsen aus den darauf haftenden Schulden eine jährliche Rente von 6000 Fl. beziehen". In Baden gehören nach Z 27 des Verfassungs-Gesetzes zur Ersten Kammer auch acht Abgeordnete des grundherrlichen A-s (adeligeBesitzer von Grundherrschaften). Nach Z 29 desselben kann der Großherzog die Stimmfähigkeit u. Wählbarkeit bei der Grundherrenwahl „adeligen Güterbesitzern" beilegen, wenn sie ein Stamm- oder Lehngut besitzen, das in der Grund- u. Gefällsteuer nach Abzug des Lastencapitals wenigstens auf 60,000 Fl. veranschlagt ist und nach dem Rechte der Erstgeburt nach der Linealfolge vererbt wird. Singulär ist die Bestimmung des grobherzoglich-hessischen Gesetzes vom 6. Sept. 1856 Art. 3, wonach der im Großhcrzogthum mit Grundcigenthum angesessene A. aus seiner Mitte sechs Abgeordnete zur Zweiten Kammer wählt, während zur Ersten Kammer nomine des A-s außer den Häuptern der standesherrlichen Familien nur der Senior der Familie der Freiherren von Riedesel gehört. In den übrigen deutschen Monarchien ist das Ein-Kammersystem zur Anwendung gebracht u. auch hierbei in einigen Staaten auf eine Vertretung des ritterschaftlichen Grundbesitzes Rücksicht genommen. Außer dieser Betheiligung desselben an den allgemeinen landständischen Versammlungen sind ihm aber auch noch ständische Berechtigungen auf Provinziallandtagen u. auch wol noch bezüglich eigener corporativer Verbände verblieben. In Preußen hat indeß die Gesetzgebung begonnen, den Rittergutsbesitz nicht mehr als Voraussetzung der Zugehörigkeit zum Kreistage anzuerkennen; die neue Kreis-Ordnung vom 13. Dec. 1872 8 84 kennt nur noch gewählte Kreistags-Abgeordnete und vereinigt schlechthin die „größeren ländlichen Gutsbesitzer" zu einem Wahlverbande. — So ist es dahin gekommen, daß der A., sofern er nicht ein standesherrlicher oder der ehemalige Reichs-A. war, gar keine staatsrechtliche Bedeutung mehr hat, in letzterem Falle aber auch nur dann, wenn sein Adel. 185 Träger zugleich im Besitze des Grundvermögens ist, mit welchem ehedem die ritterschaftliche Qualität verbunden war. Wo dieser ritterschaftliche Grundbesitz die alleinige Voraussetzung der Zuständigkeit staatsrechtlicher Befugniß, namentlich landstandischer Berechtigung ist, verschwand die Bedeutsamkeit des persönlichen A.u. seines Besitzers vollständig. Mit der Beseitigung der jurisdic- torischen Excmptionen u. steuerlichen Begünstigungen, mit der Freigebung des Zutrittes zu den öffentlichen Ämtern im Civil- u. Militärdienste verlor die adelige Geburt ihren Freibrief, und ward dieser der freien Werbung des Verdienstes überlassen. Auf anderen Gebieten verblieb indeß auch dem persönlichen A. noch einige Bedeutung. Auch jetzt noch gibt es allerlei Orden u. Stifter — in der Regel für Zwecke der Wohlthätigkeit errichtet — in welche nur Adelige ausgenommen werden können. Wir erinnern an die Johanniter- und Malteserorden, an die Manns- und Damenstifter aller Art. Es sind dies Institute, welche auf der geschichtlichen Basis des früheren Ständewesens beruhen u. noch auf dem socialen Gebiete den „Adelsstand" conservircn, nachdem das politische sich ihm entzogen hat. Die Aufnahmefähigkeit bezüglich solcher Orden u. Stifter, ist meist selber durch das „adelig geboren sein"- u. dann oft auch noch durch den Nachweis einer mehr oder weniger begrenzten Reihe von gleichfalls adelig geborenen Ascendenten (Ahnen) bedingt. Die Prüfung dieses Nachweises ist die Ahncnprobe (s. den Art.: Ahnen). — Das Vorrecht, welches den Adeligen als solchen in Betreff der fürstlichen Hofämter u. des Eintrittes in die fürstliche Garde noch verblieben ist, liegt außerhalb jeglicher politischen Beziehung. Dasselbe hat einen guten, aber nicht rechtlichen Grund; wieweit es indeß respectirt werden soll, hängt lediglich von dem Entschlüsse des Fürsten ab. Jedenfalls kann diesem Qualificationsmangel in der Person des Bewerbers um eine solche con- ventionell dem A. reservirte Stelle durch die Erhebung desselben in den Adelsstand leicht abgeholfen werden. Das verfassungsmäßige Privilegium der Söhne der Adeligen in Bayern, bei der Militärconfcription gleich als Cadctten einzutreten, ist durch das oberste Princip der Reichs- Militärgesetzgebung beseitigt. Die Führung des A-sprädicats, zu welchem auch die adeligen Wappen gehören, ist auch heute noch dem Nichtbercch- tigtcn strafrechtlich untersagt (Reichsstrafgesetzbuch Z 360, 8). — Auch heute noch ist die überlieferte Unterscheidung des A-s, mit Rücksicht auf Zeit u. Art seiner Entstehung, in Geschlechts- u. persönlichen, in alten u. neuen A. nicht bedeutungslos. Der Begriff des letzteren ist relativ; in der Regel pflegt der Nachweis von 4 Ahnen schon die Eigenschaft des alten A-s zu begründen. Als Ur-A. gilt der, welcher über die Zeit der Ertheilung von A-sbriefen hinausrcicht. Der Geschlechts-A. entsteht durch Geburt (Geschlechtszugehörigkeit), oder durch erbliche Verleihung seitens des Souveräns. Jetzt Pflegt diese nur mit gleichzeitiger Rücksicht auf einen größeren Grundbesitz des Geadelten zu erfolgen, mit der Bestimmung, daß nur dem Besitzer dieses das A-sprädicat zusteht. Der persönliche A. wird vom Fürsten ausdrücklich verliehen, oder er wird ohne Weiteres durch den Eintritt in ein bestimmtes Amt (Amts-, Kriegs-, Glockenadel), oder mit der Verleihung eines bestimmten Ordens erworben. Es findet sich auch, daß ein Rechtsanspruch auf Zuerkennung des Gcschlechts-A-s begründet ist; wenn z. B. in Bayern Vater u. Großvater den Verdienstorden der bayerischen Krone getragen, so kann der Enkel Verleihung des Geschlechtsadcls fordern. Dasselbe gilt in Württemberg bezüglich der Inhaber eines den persönlichen A. verleihenden Amtes, jedoch muß der Prätendent auch den Besitz eines schuldenfreien Vermögens von wenigstens 40,000 Fl. Nachweisen. Für die Verleihung des A-s, wie auch einer höheren Stufe desselben ist regelmäßig eine Gebühr (A-staxe) zu zahlen. Die Urkunde über die A-sverleihung ist der A-sbrief oder das A-sdiplom. — Der A. kann heutzutage kaum anders als durch freiwilligen Verzicht des Berechtigten verloren gehen. Ä>en Verlust des A-s als Strafe oder Folge einer straf- gerichtlichcn Vernrtheilung kennt das Reichsstrafgesetzbuch, das nur von der Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte (ZZ 32 ff.) spricht, nicht mehr. Tie dem Vorurtheil der Vergangenheit ungehörige Verpflichtung, der Führung des Ä-sprüdicats sich beim Betreiben von Handwerken, Kleinhandel!u. Lohndiensten zu enthalten, ist aus der Praxis des 19. Jahrh. verschwunden; es gibt keine Sphäre der social-gewerblichen Verhältnisse, in welcher nicht auch der A. seine Repräsentanten zählte. Es ist dies die unvermeidliche Folge der Anerkennung eines A-s ohne befestigten Grundbesitz. — Daß der A. der Gegenwart nur noch die Trümmer einstiger Herrlichkeit darstellt, ist Thatsache. Die veränderten politischen Verhältnisse, namentlich die Ersetzung des Feudalstaates durch den constitutionellen Rechtsstaat, sowie die sociale Nothwendigkeit für den besitzlosen A., durch Betheiligung an gewerblichen Bestrebungen die Mittel der persönlichen Existenz zu verschaffen — das waren Momente, welche dem bloßen Titular-A. nur noch die Bedeutung einer historischen Erinnerung ließen. Aber auch die politische Stellung des Grund-A-s ist eine andere geworden, seitdem das „ooblesos obii^s" der Engherzigkeit eines unpalriotischcnHochmuthcs gewichen. Der Besitz eines großen von den Ahnen ererbten Grundbesitzes erscheint in den Händen eines von dem adeligen Geiste der Vorfahren nicht mehr beseelten, dem öffentlichen Leben u. der Königstrcue entfremdeten Enkels fast wie eine Ungerechtigkeit. Eine etwaige Bedeutung des A-s für die Zukunft hängt wesentlich davon ab, ob er selbst, ob die Anschauung des Volkes, ob die Verwaltung des Staates mit Vorurtheilen und Traditionen, welche den Verhältnissen u. den Anforderungen des öffentlichen u. des socialen Lebens widerstreiten, zu brechen vermögen. Der schlesische A. nahm einen Anlauf zur inneren Reform in der A-sreunion von 1840, aber ohne einen anderen Erfolg, als den einer nur unr so schärferen Exclusivität. Die Autonomie des ritterbürtigen A-s in Rheinland und Westfalen bezüglich der Succession in dem 186 Adel. Nachlaß rcstituirtcn die Verordnungen vom 21. Jan. u. 26.—28. Februar 1837. Den provinziellen Verbänden der mit Rittergütern angesessenen Grafen, den Verbänden der durch aus- gebreitetcu Familienbcsitz ausgezeichneten Geschlechter, den Verbänden des allen u. befestigten Grundbesitzes verlieh die Verordnung vom 12. Oct. 1854 das Recht der Präsentation zum Herrenhause. Dadurch ist dem Grund-A. einiger Halt u. politische Bedeutung gegeben, die jedoch dem Staate nur zum Nachtheil gereichen muß, wenn jener cs nicht versteht, dieser Vorzüge sich durch die Tugenden des opferwilligen Patriotismus, durch den A. der Gesinnung und Bildung würdig zu halten. Literatur: Historia, woher die Edelleute u. Bauern ihren Ursprung haben, Rost. 1569; Wagner, Von des A-s Abkunft rc., Magdeb. 1581; Osorios, Vs ssloria it. äs uobi- litats oivili st ebristiana, Lissab. 1542, Antw. 1634, deutsch von Mayer, Kempten 1828; Winand, Bericht vom A., Köln 1602; v. Steck, Vom Geschlechts-A. und Erneuerung des A-s, Berl. 1778; v. Wedekind, Über den Werth des A-s, Darmst. 1816, 1818; Graf M. v. Moltke, Über den A. u. dessen Verhältniß zum Bürgerstaude, Hamb. 1830; Konr. v. Maurer, Über das Wesen, des ältesten A-s, Münch. 1846; Eisenhardt, Über den Beruf des A-s im Staate, Stuttg. 1852; Spangenberg, A-sspicgel, Schmalk. 1591—1594, 2 Bdc., Fol.; Riccius, Entwurf von dem A. in Deutschland, Nürnb. 1785; Fleischhauer, Die deutsche privilcgirte Lehn- u. Erbaristokratie, Neust, a. O. 1831; Helbach, A-s-Lexikon, Jlmen. 1825, 2 Bde.; Strantz, Gesch. des deutschen A-s, Brcsl. 1845; Fischer, Der deutsche A., Frkf. 1852; Praun, Beschreibung der adeligen und ehrbaren Geschlechter in den vornehmsten Reichsstädten, Ulm 1667; Diet- mann, Kurmärkische A-shistorie rc., Frkf. a. d. O. 1737, Fol.; Abel, Preußischer Rittersaal, Lpz. 1735, 4.; Grundmanu, Versuch einer ukermür- kischen A-shistoric, Preuzl. 1744; von Zedlitz- Neukirch, Neues preußisches A-s-Lexikon, Lpz. 1836—1839, 5 Bde.; Angeli, Holsteinische A-s- Chronik, Lpz. 1597, 2 Bde.; Über den hannoverischen A., Hannov. 1804; v. d. Berken, Beiträge zur Geschichte des westfälischen A-s., Dortm. 1804; Rcineccius, Von der Meißener Herkommen und des A-s gem. Ursprung, Lpz. 1576; König, Genealogische A-shistorie rc., Lpz. 1727—1736, Fol.; v. Üchtritz, Diplomatische Nachrichten von adeligen Familien, ebd. 1795, 7 Bde.; Wig. Hund zu Sulzenmoß, Bayrisch Stammen-Buch, Jngolst. 1585, 2 Bdc.; v. Lang, A-sbuch des Königreichs Bayern, Münch. 1815, neue Aust. 1820; Leupold, Allgemeines A-sarchiv der österreichischen Monarchie, Wien 1789; v. Brandis, Das Tyrolische immcrgrünende Ehrenkränzlein, Botzen 1678; Hüllmann, Geschichte des Ursprunges der Stände in Deutschland, Berl. 1830; Thierbach, Über den germanischen Erb-A., Gotha 1836; v. Saviguy, Beitrag zur Rechts- gcscbichtc des A-s im neuen Europa, Berl. 1836; Bielitz, Darstellung der Rechtsverhältnisse des A-s in Preußen,Berl. 1840; Laspeyres,Uber die staatsrechtliche Stellung der ehemaligen Reichsritterschaft rc. in d. Zeitschrift für Deutsches Recht, Bd. VI. 8. 97 ff.; Roth v. Schrcckenstein, Geschichte der ehemaligen Reichsritterschaft in Schwaben, Franken u. am Rhcinstrom, Tüb. 1859. S. auch Mittcrmaicrs Privatrechts-Thcorie Z 66 ff. u. die Art. A. in Rottecks u. Welckers Staatslexikon u. in Bluntschlis Staats-Wörterbuch; E. H. Kneschke, Neues allgemeines A-s-Lexikon, Lpz. 1860—1862; Archiv für deutsche A-sge- schichte, Berl. 1863 u. ff.; v. Fehrcutheil u. Gruppenberg, Ahnentafeln des ges. jetzt leb. stists- fähigen A-s Deutschlands, Regensburg 1864 u. ff.; Viäal äs Vöo§, Orärso äs oirsvaleris äss stats äs 1' VllsmaAns, Dropes 1864; I. Streng, Beiträge zur Genealogie der A-sgcschlechter, Köln 1865—1871. 0. In Österreich und allen dazu gehörigen Ländern waren bis in die neueste Zeit die Rechte des A-s sehr bedeutend. Bis 1848 war derselbe frei von den meisten Lasten und hatte in Militär- u. Civilämtern so zu sagen unbedingt den Vorzug gegen die Bürgerlichen. Man zählt dort alle Fürsten, Grafen, Ritter u. Magnaten zum hohen A. Seit 1848 wurden die den Bauernstand so bedrückenden u. den Bürger benachtheiligendcn Rechte u. Privilegien des A-s beseitigt und dessen völlige Rechtsgleichheit mit anderen Staatsbürgern hcrgestellt. Im täglichen Leben gilt der A. dort noch viel. Speciell in Ungarn ist der A. weiter verbreitet, als in den österreichischen, böhmisch-mährischen und ga- lizischen Ländern des Kaiserstaates z man findet auf der Pußta viele adelige Schweine-, Rinder- u. Gänsehirten. Früher war in Ungarn der A. frei von Steuern, vielen Abgaben, Einquartierung u. Militärpflicht, konnte nur von Richtern seines Standes gerichtet werden, stand unmittelbar unter dem König, hatte Sitz u. Stimme in der Comitats-Versammlung u. war zur Landcs- vertheidigung verpflichtet. In allen Theilen des Kaiserstaates wurde die höhere Geistlichkeit, das höhere Beamten- u. Offizierthum dem A. gleich geachtet. Jetzt zerbricht auch innerhalb des Hergebrachten die von dem Gesetze schon beseitigte Mauer, welche den A. umgab, u. bald wird dort aller Unterschied zwischen Volk u. A. verschwunden sein; als den wirksamsten Vermittler dieser Diffusion wird die Geschichte einst das Geld bezeichnen. v. Der A. in Frankreich hatte bereits z. Z. der letzten Karolinger, durch deren Schwäche begünstigt, ähnliche Verhältnisse erreicht, wie der deutsche seit dem 16. Jahrh. Die großen Lehnträger: die Herzöge von der Bretagne, von Burgund, Güyennc, von der Normandie, die Besitzer der Grafschaften Champagne, Flandern, Toulouse, der Provence, Franchc - Comte, Dauphine rc. erfreuten sich einer politischen Macht und Stellung, ähnlich wie die deutschen Rcichs- fürsteu, u. es findet sich schon bei älteren französischen Ncchtslehrcrn der Ausspruch, daß sie in ihrer Herrschaft „Souveräne" seien. Die innere Entwickelung Frankreichs ging indeß einen anderen Weg als die Deutschlands; die Centralisation der königlichen Macht konnte diese „Seigneurs" nicht dulden; die Krone zog nach u. nach jene großen Lehen wieder ein, die Baroniegerichte brachte Ludwig IX. an die königl. Oberämter u. Parlamente, u. Nichts störte das unbeschränkte Walten der königl. Souveränetät, seitdem Ludwig XI. den nach einer eigenen Königskrone strebenden Herzog Karl von Burgund, das Haupt des standeshcrrlichcn A-s, überwunden hatte. Richelieu endlich nahm ihm auch den letzten Rest einer politischen Bedeutung; seitdem ist der französische A. zwar ini Besitze hochklingender Titel u. Namen geblieben, aber nur in der Eigenschaft eines dienstbaren Hofadels. Zwar vererbte der Titel sich nur auf den ältesten Sohn (die jüngeren Söhne des One hießen Nargnis, die des Oomts Vicomte), aber auch dies erhielt den Glanz des A-s nicht. Auf Erhaltung des reinen Blutes wurde in Frankreich weniger gesehen, als in Deutschland, u. es dürfte außer der königl. Familie sehr wenig französische adelige Familien geben, die sich frei von Mißheirathen erhalten haben; nach dem Testament Ludwigs XIV. war sogar die Rede davon, selbst mit Mätressen erzeugte lcgitimirte Kinder, wie die Herzöge, Prinzen u. Grafen von Vendöme, Maine, Toulouse, Penthiövre rc., im Falle des Aussterbens der eigentlichen Königslinie als successtonsfähig an- zuerkenuen. Bei den Ahnenproben wurde in Frankreich nur auf die männlichen, nicht auf die weiblichen Ahnen geachtet. Später, besonders seit Ludwig XIV. und XV., wurde es damit strenger genommen, u. nur xonr rsparsr 1a kor- tuns fanden Heirathen des A-s mit Bürgerlichen statt. Auf der anderen Seite war feine Haltung dem Volke gegenüber eine hochmütigere u. schroffere, als sonst irgendwo (daher die Bezeichnungen loturisrs, sanaills), sein Hochmnth sollte eben ersetzen, was dem Stande zum wahren Stolze fehlte. Unter die Vorrechte des französischen A-s gehörte: ausschließliche Bekleidung der höheren Civilstellen u. eine Zeit lang auch aller Offizierstellen. Der Widerwille des dritten Standes gegen die Privilegien des so hochmütigen u. verdienstlosen A-s in Frankreich wuchs immer stärker und ward immer lauter. Mit dem Throne begann auch der A. zu wanken; jenem eine Stütze zu sein, kam ihm kaum in den Sinn. Die Revolution hob am 4. Aug. 1789 alle Vorrechte des A-s sammt den meisten gutsherrlichen Rechten u. am 19. Juni 1790 den ganzen Erb-A. auf. Der Radicalismus der Verfassung von 1791 decretirte einfach: „Alle Adelstitel u. jeder Unterschied der Geburt, des Standes u. der Klasse sind für immer ab- geschafft. In der Schreckenszeit galt es schon als Verbrechen, adelig gewesen zu sein, u. schloß von jeder Anstellung der Republik in Civil und Militär aus. Napoleon I., welcher den A. für notwendig in einer Monarchie hielt, führte durch Decret von 1806 u. 1. März 1808 einen neuen Erb-A. u. Adelstitel, besonders die Urincs, One, domts. für wirklich um das Reich u. seine Dynastie Verdiente wieder ein, dotirte sie reichlich, zum Theil im Auslande, u. ließ Majorate stiften, gab ihnen aber keine bürgerlichen Vorrechte. Auf ähnliche Weise verfuhren auch die Gesetzgebungen der dem französischen Kaiserreiche nachgebildeten Staaten, so die des Königreiches Westfalen. Unter den Bourbonen wurden die alten Vorrechte des A-s wicderhergestellt, aber in Folge der Februarrevolution 1848 ward durch Decret der provisorischen Regierung vomM.Febr. 1850 die Abschaffung aller früheren Adelstitel wieder ausgesprochen u. dann im zweiten Kaiserreiche die Habilitirungspraxis ähnlich wie in dem ersten gehandhabt. Namen, wie Duc äs LIa§snta, 6omts äs kalicao u. a., erinnern daran. — Literatur: Mignot de Bussy, Sur lorixins äs 1a noblssss äs Francs, Lyon 1763; Chcrin, XbrsZs ebronoloZigns ä'säits stc. äso Rots äs Francs, concernant ,1s kait äs Xoblssss, Paris 1788; v. Eggers, Über den neuen französischen Erb-A., Hamb. 1808; Statuten u. Verordnungen über den neuen A. in Frankreich, übersetzt von Keil, Köln 1810; Cassier, llisloirs äs la ebsvalsris kranyaiss, Paris 1814; Xnnuairs äs la noblssss äs Francs, Paris 1843 u. ff.; de Tourtoulon, L'börsältö st In noblssss, Paris 1862; G. O'Gilvy, Invrs ä'or äs la noblssss ä'Xnstrasis, Brüssel 1862; R. Brodeana, Ds In noblssss au tsmys xrsssnt, Rouen 1862; A. Gouet, La noblssss äs nos jours, Paris 1864; I. I. E. Roy, Ui- stoirs äs 1a cbsvaleris, 10. sä., Tours 1864. L. In Italien bildete sich der A. auf ähnliche Weise wie in Deutschland aus, doch fand dort die Majoratseinrichtung ausgedehntere Anwendung, das Land aber wurde in sehr viele einzelne Parcellen getheilt, deren Besitzer gewöhnlich den Titel donts oder Narcbess führten. Daher besonders in N-Jtalien eine so große Menge donti u. Llar- cbssi; im Kirchenstaate u. in Neapel weniger, in Neapel dagegen sind eine große Menge donti zu vucbs u. Lrinciyi erhoben worden; sie sind Großgrundbesitzer, die aber keine wesentlichen Vorrechte haben. Ib In Spanien bilden die HickalZos den Adel; Jeder kann sich für einen Hidalgo ausgeben, der bürgerlicher Beschäftigung sich enthält und adelig lebt, ja sogar die Findlinge sind Hidalgos, da es doch möglich wäre, daß ihre Eltern Hidalgos waren. Die Zahl der Hidalgos ist daher ungeheuer, sie betrug 1794 über 484,000, die meist in Asturien, Biscaya u. Altcastilien wohnten. Die Vorrechte der spanischen Hidalgos waren: Anspruch auf alle Staats- u. Kirchenämter, Verwaltung mehrerer Pfründen in einer Person, alleinige Bekleidung von Gesandtschaftsposten, gerichtliche Vernehmung in ihrer Behausung, Freiheit von allen öffentlichen Diensten rc. Auch in Spanien unterscheidet man zwischen hohem u. niederem A., jedoch nicht im Sinne des deutschen Staatsrechtes; letzterer von den gewöhnlichen Hidalgos, ersterer von den Granden gebildet, deren es wieder 8 Klassen, jede mit einigen Vorrechten, gab. Zum hohen Ä. gehören auch sämmtliche 'Htulsäos (Betitelte), als vngnss, Uargnssss, donäss, Vicsconäss u. Baronss, die einen, wenn auch nur kleinen Besitz (Lla^orarKo, Majorat) haben. Auch die Verhcirathung mit adeligen Frauen Pflanzt, im Fall diese Besitzerin eines Gutes ist, deren Titel auf den Mann über. Jeder Mtnlaäo führt das Wort von vor dem Namen. Da sonach ein sehr großer Theil der Nation zum A. gehörte, so war es natürlich, daß 188 Adel. man besonderen Werth auf alten A. legte, u. es gab Zeiten, wo die Hoffähigkcit durch mindestens 400jährigen, bei den Grundsätzen des spanischen Adelsrechtes allerdings unschwer nachzuweisenden Besitz des A-s bedingt war. Interessante Mittheilungen über den spanischen A. finden sich bei Fernando Garrido, Das heutige Spanien, Lpz. 1863. Ähnlich waren 6. die Verhältnisse des A-s in Portugal. 8. Die Niederlande, so lange sie zum Deutschen Reiche gehörten, hatten die deutschen Adelsinstitute; als sie aber im 16. u. 17. Jahrhundert sich von der spanischen Herrschaft und zugleich vom Deutschen Reiche losgerissen hatten, gingen die Vorrechte des dortigen A-s verloren, noch mehr aber bei den nachfolgenden bürgerlichen Unruhen, u. seit das Gcschäftsleben das ganze Volk beherrschte. Als endlich Holland 1795 re- publikanisirt wurde, gingen auch die letzten Real- rechte des A-s unter u. sind nicht wieder aufgelebt. Dennoch gibt es auch dort noch einen (Hof-)Adel, u. kann der König in den A-sstand erheben u. höhere Rangstufen ertheilcn. I. In Belgien besteht fast dasselbe Verhältniß. L. In der Schweiz gab es bei der Losreißung von der österreichischen Herrschaft im 14. Jahrh. Burg- n. Landherren nach deutscher Art, deren Grundbesitz jedoch von den Kantonen fast ganz erworben wurde, worauf sich ein Städte-A. mit besonderen Genossenschaften, aber ohne besondere Rechte bildete, aus dem in einzelnen Kantonen aristokratische Regierungsformcn hervorgingen, während in der Mehrzahl der Kantone demokratische Verfassungen zur Geltung kamen. Mit der republikanischen Verfassung verträgt sich ein privile- girter A. nicht, und selbstverständlich mußte die Bundesverfassung vom 12. Sept. 1848 Art. 4 proclamiren: „Es gibt in der Schweiz keine Vorrechte der Geburt oder Familie." Damit ist in- deß keiner Familie verwehrt, den ihr Anstehenden adeligen Titel weiter zu führen. I-. In Großbritannien bestehen noch die durch die Normannen (1066) eingeführten Adelsverhältnisse. Zur Landesherrlichkeit hat es der hohe A. in England nie gebracht; nur wenige Prov. (früher Apanagen königlicher Prinzen, wie Lancaster und Cornwallis) u. einige Bisthümer (Chester u. Dur- Ham) hatten als Lountios Palatinos (Pfalzgrafschaften) beschränkte Negierungsrechtc. Bricf-A. kam unter Heinrich IV. im 15. Jahrh. ans. Der A. in England theilt sich in den hohen (Nobilih') u. niederen A. (6entrp). Die üobilit^ besitzt die Pcerschaft, Sitz im Oberhause; ihre Mitglieder, die Lords, führen die Titel: Herzog (vuüs), Marquis, Graf (Larl, 6ount), Vicegraf (Visoount) u. Baron. Der A. ist niit den Gütern, an denen er haftet, von väterlicher Seite, ohne Rücksicht auf die Mutter, erblich, aber nur auf den ältesten Sohn (indem die nachgeborenen Söhne in den 2. Stand treten), u. in Ermangelung von Söhnen auf die älteste Tochter, welche ihn auf ihre Kinder vererbt; hinterläßt der Lord keine Nachkommen, so tritt das älteste Glied der Familie in seine Rechte ein. Auch kann der Souverän Mitgliedern des 2. Standes den A. verleihen, der dann, wenn mit Grundbesitz verbunden, erblich ist. Bei Lebzeiten des Vaters führt der älteste Sohn den Adelstitel der zunächst niederen Klasse, z. B. der älteste Sohn eines Herzogs heißt Marquis; die jüngeren Söhne der 3 ersten Klassen führen den Titel Lord vor ihren Tauf- u. Familiennamen, welcher von dem Adelsnamen des Vaters verschieden ist; der älteste Sohn eines Viscount oder Baron gehört, so lange sein Vater lebt, nicht zum A., sondern zur Gentry, der 1. Klasse des 2. Standes, u. führt den Titel Sir. Mit dem Amte verknüpft ist die Peerschaft der Erzbischöfe u. Bischöfe der Staatskirche in England u. in Wales (die Insel Man ausgenommen), sowie die der 4 Stellvertreter der irländischen Erzbischöfe u. Bischöfe im Parlament, endlich die des Lordkanzlers, der zugleich erblicher Peer wird, u. der 12 Oberlichter. Der schottische u. irländische A. übt die Rechte der Pcerschaft nur als Corporation aus; jener läßt sich durch 16, dieser durch 28 gewählte Mitglieder vertreten. Dies ausgenommen, haben alle Peers gleiche Rechte, können nicht wegen Schulden, wol aber wegen grober Verbrechen und vermöge Parlamentsbeschlusses fürverhaftet erklärtwerden, dürfen nur vermöge königlichen, von 6 Geheimräthen Unterzeichneten Befehls einer Haussuchung unterworfen u. bei schweren Verbrechen nur von Peers gerichtet werden rc. Sie haben ferner das Recht, in Gerichtshöfen mit bedecktem Haupte zu sitzen, u. können ihren A. nur durch bürgerlichen Tod oder durch Aussterben verlieren. In diesem „hohen A." (im englischen Sinne) war ein scharf ausgeprägter u. durch das geltende Successions- recht stark gefestigter politischer Stand. Hoher A. u. Reichsstandschaft war identisch, man konnte ihn einen Parlaments-A. nennen. Seit Ende des Mittelalters ist dann das Parlament refor- mirt, u. sind etwa 1200 neue Peers ernannt; gegenwärtig bestehen noch 400 Peerschaften, darunter nur wenige mittelalterliche (Herzog von Norfolk, der älteste), über die Hälfte sind erst im Laufe dieses Jahrh., mehr als H erst seit der Aufhebung der Lehenslasten, namentlich unter Karl II., ernannt. Jetzt hat die Erhebung in den Peerstand keine weiteren vermögensrechtlichen Voraussetzungen, begründet aber auch keine rechtlichen Privilegien. Den niederen A. bildet die Oentr^, wozu die Baronets u. die Knights Bannerets gehören, deren Würde nach dem Rechte der Erstgeburt erblich, sowie die Knights Bachelors (Ritter), welche den Titel Sir vor dem Taufnamen führen, sodann die nachgeborenen Söhne des A-s und des Ritterstandes, mit dem Titel Esquire, den jedoch auch alle nicht ritterlichen freien Gutsbesitzer in England u. Irland haben (in Schottland Laird); endlich Gelehrte, Künstler, Offiziere des Heeres u. der Flotte, die großen Fabrikbesitzer u. Grossisten, sowie die Offiziere der Handelsmarine. In keinem Lande hat der A. einen so wenig feudalen Charakter angenommen, als in England, da ihm hier neben einem kräftigen Königthum ein mit starkem, tief eingewurzeltem Rechtsgesühl begabtes Volk gegenüberstand u. seine Bestrebungen nach Obermacht u. Bevorrechtnng nicht zur Geltung kommen ließ. Für das brit. Ostindien wurde 1856 von der Regierung decretirt, daß Adcl. 189 jeder Eingeborene von A., welcher ein Verbrechen oder eine entehrende Handlung begeht, den A. verlieren soll. Vgl.: Saimon, kssrsKs olUnx;- lanä, Lootlanä anä Irslanä, Lond. 1751; Debrctt, lüö l?ssrnAS ob tbs nnitsci üinAciom ob Orsat- Lritain anä Irelanci, Lond. 1814; Gneist, Adel u. Ritterschaft in England, Verl. 1853. LI. In Dänemark besteht der A. ans einem Herzog (von Holstein-Glücksburg), 19 Grafen, 12 Baronen u. dem gemeinen A. Dem A. stand bisher ausschließlich zu: das Jagd- u. Fischerei-, das Patronat-, Birk- u. Strandrecht. §l. In Schweden bildet der A. den ersten Stand. Nach Karls XII. Tode hatte er fast alle königlichen Rechte an sich gerissen, bis der König Gustav III. die Macht desselben brach, was er freilich mit dem Leben büßte. Nach der Revolution von 1809 wuchs die Macht des A-s wieder, u. noch jetzt ist der schwed. A. ziemlich der mächtigste in Europa; im Ganzen aber ist er arm u. verschmäht es bis auf die neueste Zeit, sich an commcrciellen u. industriellen Unternehmungen zu betheiligen. 0. Norwegen ist außer der Türkei die einzige Monarchie in Europa, die einen eigentlichen A-sstand nicht mehr besitzt, doch auch hier gibt es noch 2 hochadelige Besitzungen, die Grafschaft Wedel Jarlsberg im Stift Äggerhuus n. die Baronie Roscn- dal im Stift Bergen. Außerdem bestehen in Norwegen noch andere als solche anerkannte Familien, wie z. B. die von Mansbach, von Dun- ker und andere. Auch sind nach dem Reichsgrundgesetz vom 4. Nov. 1814 alle Norweger vor dem Gesetze gleich. ?. In Polen ist der A. seinem Ursprung nach reiner Kriegs-A., da in diesem Lande ausgezeichnete Kriegsdienste von jeher vorzugsweise mit dem A. belohnt wurden. Es gab in Polen keinen Unterschied zwischen hohem und niederem A. Der Adelige hieß 8^1aoüoio, ein Name, der jetzt mehr auf den armen A. übergegangen ist, welcher in Polen allerdings sehr stark vertreten ist. Die beispiellose Übertreibung der Rechte des A-s, welche zu einer förmlichen Souveränisirung der einzelnen Mitglieder, wenigstens der begüterten, führte, u. die nun als selbstverständliche Folge der Ersetzung des allgemeinen Staatsbewußtscins durch den nationalen Über- muth zu betrachtenden Streitigkeiten der Adelsgeschlechter unter einander führten endlich zur Einmischung der fremden Großmächte in diese inneren Wirren u. zu der Theilnng des Königreiches. Die Mitglieder des poln. A-s verloren dadurch jene nationalen Vorrechte u. traten in die allgemeinen Rechtsverhältnisse des A-s in demjenigen Staate, dessen Bürger sie wurden. H. In Rußland war der A. in alter Zeit ein Grundbesitz-A., u. die Kneesen u. Bojaren bildeten den hohen, die übrigen Adeligen den niederen A. ErstPeter d.Gr. änderte dies durch Einführung von Rangklassen, wonach nur der in kaiserlichemDienste Befindliche oder Gewesene auf Bevorzugung Anspruch machen konnte. Die Folge dieser Maßregel ivar, daß der A. sich beeilte, in kaiserliche Dienste zu treten. Mit der Erwerbung der Ostseeprovinzen, eines Theiles von Polen, Finnlands re. waren deutsche u. andere A-stitel nach Rußland gekommen; die Kneesen nahmen den Titel Fürst oder Graf an, n. es erfolgten nun auch vom Kaiser Ernennungen zu diesen Würden. Der A. ist jetzt in Rußland Erb- u. persönlicher A. Vom Erb-A. gibt es 6 Arten. Der Erb-A. wird erworben durch Erhebung in den A-sstand, durch Ertheilung des Offizierrangcs im Militär- und Beförderung zur 8. Klasse im Civildicnste, u. durch Verleihung eines russ. Ordens. Des persönlichen A-s sind theilhaftig: Civilbeamte u. Beamte des Kriegsministerinnis, welche dcnOber- Offizierrang erhalten haben, d. h. von der 14. bis zur 9. Klasse einschließlich; die Offiziere der Arbeitsbataillone; die Auditoren und Quarticr- meistcr. Jeder erbliche Edelmann ist frei von Lcibesstrafen, von persönlichen Leistungen u. Abgaben; er kann in den Staatsdienst treten u. ihn nach Willkür verlassen; genießt, mit Erlegung der Gildesteuer, die Rechte der Kaufmannschaft u. kann daher mit den Rechten derjenigen Gilde, zu welcher er sich hat einschrciben lassen, Handel treiben. Übernehmungs- u. Licferungscontracte zu schließen u. auf eigenem Grund n. Boden Manufacturen u. Fabriken anzulegen, ist ihm auch ohne Erlegung der Gildesteucr gestattet; er kann in den geistlichen Stand treten, ohne der A-srechte verlustig zu gehen, u. wird nur von Seinesgleichen gerichtet. Er geht seiner Standesrechte verlustig entweder durch freiwillige Entsagung, oder in Folge gewisser Criminalvcrbrechen (Meineid, Mord, Verrath, Raub, Diebstahl, Fälschung u. dgl.), jedoch nur auf richterlichen Spruch u. mit kaiserlicher Bestätigung. Auf Gattinnen bürgerlicher Herkunft darf er seine adeligen Rechte übertragen und sie auf seine Nachkommenschaft vererben. Bei ehelichen Verbindungen von adeligen Frauen mit Bürgerlichen gehen Erstere jener zwar nicht verlustig, übertragen dieselben jedoch nicht aus den Mann oder ihre in dieser Ehe erzeugten Kinder. Der Edelmann hat das Recht, seine ehelichen Kinder in den für den A. errichteten Erziehungsanstalten unterznbringen. Junge Edelleute, die in keiner adeligen Kronanstalt erzogen worden find, werden im Militärdienste als Junkern, im Civil als Kanzleibeamte angenommen. Der persönliche Edelmann genießt die Vorrechte des A-s für seine Person u. überträgt dieselben nur auf seine Gattin, nicht aber auf seine Kinder, doch haben diese das Recht auf die Ehrcnbürgcrschaft. Sie müssen bei Eingehung von Übcrnehmungs- u. Lieferungscontracten, bei Anlegung von Manufacturen, Fabriken re. die Gildestcuer erlegen; können, wenn ihre Väter u. Großväter dem pcr- sönlichenA-sstandezugehört u. derKronc 20Jahre untadelhaft gedient haben, um den Erb-A. nach- suchcn; dasselbe können auch Soldaten, die bis zum Offizierrange gedient haben, für einen ihrer vor ihrer Beförderung zum Osfizierrange in gesetzlicher Ehe erzeugten Söhne. Dem A. des Russischen Reiches ist ein eigener A-sgnadenbricf verliehen, u. außerdem genießt der A. in einigen Gouvernements noch gewisse besondere Vorrechte. Die Edelleute eines jeden Gouvernements bilden einen besonderen A-svcrein, in welchem alle 3. Jahre eine allgemeine A-sversammlung gehalten wird. Auf diesen Versammlungen werden die 190 Adelaer — das Gouvernement betreffenden Angelegenheiten verhandelt u. die Wahlen wegen Besetzung der Dienststellen im Gouvernement abgehalten. Vgl. Helmersen, Geschichte des livländischen A-srechtes, Dorpat 1836; auch enthält interessante Notizen A. v. Buschen, Bevölkerung des russischen Kaiserreiches rc., Gotha 1862. Adelaer (eigentlich Cort Sivertsen, später wegen seiner Schnelligkeit zur See A., d. h. Adler, genannt), berühmter Seeheld, geb. 1622 zu Brevig in Norwegen; ging 1637 in Holland. Dienst zur See, trat nach 5 Jahren in den Seedienst Venedigs u. zeichnete sich hier in dessen Kriege gegen die Türken so aus, daß er bald Lieutenant u. Capitän ward. Mit seinem Schiffe schlug er sich am 16. Mai 1654 bei den Dardanellen durch 67 türkische Galeeren u. bohrte dabei 15 in den Grund. Er stieg nun schnell bis zum venctian. Generaladmirallieutenant, verließ 1661 den ve- netianischen Dienst u. ging nach Holland, trat 1663 als Generaladmiral u. Admiralitätsrath in dänische Dienste u. st. zu Kopenhagen 1675. Adelaide, 1) A-Archipel, Inselgruppe an der WKüste von Patagonien, mit hohen, steilen, felsigen Ufern. 2) Hauptstadt in SAustralien, östlich vom Vincentgolf, an dem wasserarmen Torrensfluß, gegründet 1836 von Capitän Hind- marsh u. benannt nach der Gemahlin des damals regierenden Königs Wilhelm IV. von England. A. ist geräumig und gut gebaut, hat ansehnliche öffentliche Gebäude, hübsche Wohnhäuser, gerade Straßen, Kirchen sür alle Confessionen u. ist der Sitz des Gouverneurs, eines anglicanischen u. eines katholischen Bischofs. Für den Unterricht wurde schon bei der Gründung A-s gesorgt, es besitzt jetzt ausreichende Schulen, eine klliloso- xüioal Loeistz-. Der Handel ist sehr bedeutend u. wird durch Banken u. Verkehrsmittel gefördert; 27,208 Ew., worunter viele Deutsche. Mittlere Temperatur 14 ° U., das Maximum 36 ° U. In der Umgegend der Stadt wird, wie überhaupt in allen Colonien, Weinbau betrieben. Port A., der 11 üm. davon entfernte Hafen, ist mit A. seit 1856 durch eine Eisenbahn u. Telegraphen, sowie durch eine macadamisirte Straße verbunden, hat eine Wasserleitung; 2481 Ew.; enthält ansehnliche Magazine und Kupfergießereien; süd- westl. der frühere Hafenort Glenelg an der Hold- fastbai, jetzt Seebad. 3) Fluß in NAustralien, mündet in die Adamsbai. 4) Insel im SMeere, 67° s. Br. u. 100° w. L. üäelat'iis, s. Adelheid. Adelbert, so v. w. Adalbert. Adelbold (LIonaollu8Uobisnsis), Schüler Ger- berts, Kanzler des Kaisers Heinrich II., seit 1010 Bischof von Utrecht; st. 1027. Er schrieb: Vita impsratoris Ilsnriei. Adelcrantz, Carl Fredrik, Baumeister, geb. 3. Jan. 1716, gest. 1. März 1796. Studirte erst in Upsala, widmete sich dann der Kunst u. gewann als Obcrintendant des Bauwesens seit 1759 den größten Einfluß auf die Entwickelung der schwedischen Baukunst. Er baute u. a. die AdolflFricdrichs-Kirche zu Stockholm und das Opernhaus. Vom Einflüsse des Rococco wußte er sich stets frei zu halten und erwarb sich auch Adelheid. als Reformator der schwedischen Akademie große Verdienste. Adelebsen, Marktflecken in der Landdrostei Hildesheim der preußischen Provinz Hannover; Burg,Baumwollwaarenfabrik, Leinweberei,Tabakbau; 1264 Ew. Adelesche ist Lorbus äomsstiea. Ädelforsit, ein von Hisinger benanntes Mineral von Ädelfors in Norwegen, von dem Forch- hammer nachweist, daß es nur ein unreiner Wolla- stonit ist. Adelgunde, deutscher Frauenname, zusammengesetzt aus althochdeutjch ackat (s. Adalbert) u. althochdeutsch Knack, Kampf, Krieg, also etwa Kämpferin für ausgezeichnetes Geschlecht. St. A., edle Frankin, geb. 630 im Hennegau, stiftete, 661 Nonne geworden, das Kloster Maubeuge u. wurde die erste Äbtissin hier; st.680; Tag: 30.Jan. Adelheid, deutscher Frauenname, althochdeutsch ^äallisit, daher französisch ^.äslaläs, provenxal. Calais, zusammengesetzt aus althochdeutsch actal (s. Adalbert) und, wie man annimmt, aus beit, der Stammsilbe vom althochdeutschen üsitar, strahlend, schimmernd, heiter, also strahlend an Geschlecht. 1) A. die Heilige, geb. 933, Tochter des Königs Rudolf II. v. Burgund und der Bertha, 947 mit König Lothar von Italien verheirathet. Nach dessen Tode 950 schlug sie den Usurpator Berengar II. als Gemahl aus, dieser setzte sie aber im Schloß Garda am Gardasee gefangen; von einem Mönche Martin befreit, begab sie sich in den Schutz Albert Azzos, Herrn von Canossa; Kaiser Otto I. heirathete sie 951 u. verband so Italien mit Deutschland. Aus ihrer 1. Eye hatte sie die Prinzessin Emma, aus der 2. Otto II., Bruno u. Adelheid. Sie hatte bei Otto I. großen Einfluß auf die Angelegenheiten Deutschlands u. war anfangs Vormund ihres Sohnes Ottos II., später während der Unmündigkeit ihres Enkels Ottos III. mit Theophano Reichsregentin; sie st. im Kloster zu Seltz 16. Dec. 999 und wurde kano- nisirt, Tag: 16. Dec. Ihre Geschichte (mit Legenden in Pertz' Lorixtores IV.) liegt dem Schauspiel: Der Schutzgeist, von Kotzebue, zu Grunde. Ueber diese Kaiserin vgl. besonders: G. A. v. Breitenbach, Lebensgeschichte der Kaiserin A., Lpz. 1788; G. B. Semeria, Vita politioo-rstchiosa äi Lanka ^ästaicke, lorino 1842. 2) A., Königin von Frankreich, von unbekannter Abkunft, seit 878 zweite Gemahlin Ludwigs II. (des Stammlers); diese Ehe wurde als illegitim erklärt, u. der Papst Johann VIII. weigerte sich, sie als Königin zu krönen; sie gebar erst nach Ludwigs II. Tode Karl den Einsaitigen. 3) A., Tochter Theobalds d. Gr., Grafen von Champagne, seit 1160 dritte Gemahlin Ludwigs VII. von Frankreich und nach dessen Tode Vormund ihres Sohnes Philipp August u. Regentin; wegen Mißhelligkeiten mit dem Oheim ihrer Schwiegertochter entfernte sie sich eine Zeit lang vom Hofe u. ging nach England. Heinrich II. von England vermittelte die Aussöhnung, u. A. kehrte nach Frankreich zurück. Als Philipp 1190 am Kreuzzuge theilnahm, führte sie die Regentschaft. Sie st. 1206. 4) A., Königin von Sardinien, Tochter des Erzherzogs Rainer von Österreich 191 Adelhcidsquelle — Adelsberg. geb. 3. Juni 1822, vermählt 12. April 1842 mit dem damaligen Kronprinzen, seit 1849 König von Sardinien, Bieter Emanuel II.; st. 20. Jan. 1855. 5) A., Gräfin von Nassau, Erbin der Grafschaft Vianden, welche sie ihrem Gemahl, dem Grafen Otto II. von Nassau, znbrachte; nach dem Tode Ottos 1351 führte sie während der Minderjährigkeit ihres Sohnes Johann I. die Regentschaft bis zum 1.1862, in welchem sie sich zu klösterlichen Übungen vom weltlichen Leben zurückzog; sie st. 1376 in Weilar. Sie war eine der vorzüglichsten Regentinnen, die dem zerrütteten Lande in jeder Hinsicht wieder aufhalf; s. Nassau. 6) A., Landgräfin von Thüringen, Tochter des Markgrafen Otto I. von Brandenburg, geb. um 1065; mit Friedrich III., Pfalzgrafen von Sachsen, zu Goseck vermählt, unterhielt sie ein sträfliches Ver- ^ hältniß mit dem Landgrafen Ludwig II. dem Salier ^ von Thüringen, der ihren Gatten auf der Jagd ermorden ließ u. sie dann heirathete; sie st. in dem! von ihr erbauten Kloster Zscheuplitz bei Frciburg! 1110, nach And. als Nonne zu Oldesleben. 7) A.,! Dauphine, geborene Prinzessin v. Savoyen, vcr-j mahlte sich t697 mit dem Herzog v. Bourgogne, nachmaligem Dauphin; sic war sehr liebenswürdig n. geistreich; st. 1712, 6 Tage vor ihrem Gemahl, nicht ohne Verdacht, von dem Herzog von Orleans, nachmaligem Regenten, vergiftet zu sein. 8) A., Madame de France, älteste Tochter Ludwigs XV., Tante Ludwigs XVI., geb. zu Versailles 1732, erhielt 1791 mit ihrer Schwester Victoire, geb. 1733, die Erlaubniß, Paris bei den damaligen Unruhen zu verlassen, ging, obschon zweimal verhaftet, aber ebenso ost auf Befehl der Nationalversammlung wieder freigegeben, nach Rom; bei Annäherung der französischen Republikaner floh sie nach Triest und starb daselbst 1799. 9) A. (Adelaide) Eugenie Louise von Bourbon, Prinzessin von Orleans, geboren 23. August 1777, Tochter des Herzogs von Orleans (Egalite), Schwester des Königs Ludwig Philipp von Frankreich, von Frau v. Genlis erzogen u. von der Natur mit seltener Klarheit des Geistes u. Herzensgüte ausgestattet. Während der Revolution nach England flüchtig u. dann durch das Emi- grantengesetz vom 20. Oct. 1792 von Frankreich ausgeschlossen, lebte sie bald in der Schweiz, bald in Bayern, Ungarn re. bis zu ihrer Rückkehr nach Frankreich 1814. Seit der Thronbesteigung ihres Bruders 1830 war sie dessen stete Rathgeberin; st. 31. Dec. 1847. Sie soll insgeheim mit dem General Athalin vermählt gewesen sein. Adelhcidsgnelle, nach Adelheid, Gemahlin des Kurf. Ferdinand von Bayern, benannter Gesundbrunnen im Dorfe Hcilbrunn, bei Benedictbeuern, 60 üm von München, etwa 780 in ü. d. M.; alkalisches Kochsalzwasser, ausgezeichnet durch seinen Gehalt an Brom u. Jod, sowie an freiem Kohlcnwasscrstoffgas, vorzüglich als Heilmittel gegen Scropheln w. Das Wasser enthält nach Pettenkofer an festen Bestandthcilen vorwiegend Kochsalz, ferner in weit kleinerer Menge kohlen- faures Natron re. Unter den gasförmigen Be- standtheilen überwicgt die Kohlensäure, dann folgen Kohlenwasserstoff, Stickstoff u. Sauerstoff. Die fortwährend aufstcigendcn Gase enthalten: Kohlenwasserstoff, Stickstoff, Kohlensäure u. Sauerstoff. Die A. ist schon sehr lange bekannt; in der Mitte des 10. Jahrh. von den Hunnen zerstört, wurde sie 1059 von den Mönchen in Benedictbeuern wieder hergestellt. Kaiser Karl V. soll hier gebadet und Heilung gefunden haben. Vgl. Ottinger, Die A., Erlangen 1854. Adclholzen, Schloß u. Wildbad im Bezirksamt Traunstein des bayerischen Regierungsbezirks Oberbayern. Der 3 Quellen (Salpeter-, Schwefel-, Alaunquelle) bedient man sich sowol rein, als mit Mutterlauge vermischt zum Trinken und Baden, gegen chronische Ncrvenübel, hysterische Leiden, Lähmungen, Gicht, Blutarmuth, Magenkatarrhe, Hämorrhoiden, Nierenleiden, Frauenkrankheiten, Drüsen u. scrophulöse Krankheiten. Molkenkur, Alpenkrüutersäfte. Die Quellen sind bereits seit dem 14. Jahrh. bekannt; 1840 brannte das alte Kurhaus ab, das neue wurde 1843—1845 erbaut. Adelieland (Adelaide-, Adelensland), Theil des südpolarischen Festlandes, von d'Urville 1840 unter 65 südl. Breite u. 154—160 östl. Länge entdeckt, ist 1100—1200 m hoch, mit Schneemassen wie mit Sanddünen bedeckt, aus welchen schwärzliche Felsen hervorragen. Adclmansfeldcn, Marktflecken im wnrttem- bergischen Oberamt Aalen des Jagstkreises an der Blinden Roth; Schloß, Hammerwerk, Papiermühle, Baumwollenspinnerci, Holzwaarenfabri- kation; 1720 Ew. A. war sonst Hauptort einer (jetzt aufgelösten) Herrschaft und Stammort der Familie Adelmann v. Adelmansfelden, die schon 1236 vorkommt, im 16. Jahrh. durch die Brüder Bernhard (geb. 1457, Canonicus, Freund des Erasmus, st. 1523) u. Konrad (st. 1547), beide Beförderer der Reformation, bekannt; sie ward 1680 in den Freiherrnstand und 1790 in der Person des württembcrgischcn Geheimraths Joseph Anselm v. A. in den Grafenstand erhoben. Adelnau, 1) Kr. des preuß. Regbez. Posen, 893 (Dkm (16,zg m M), mit ebenem, bewaldetem, durch Flüsse (Prosna, Bartsch.) u. Seen reich bewässertem Boden; 31,^ lcm Eisenbahnen (Posen-Kreuzburg) 57,881 Ew. 2) Stadt darin an der Bartsch; 1 evangelische, 2 kathol. Kirchen, Gerberei; 1975 Ew. Hier 22. April 1848 Gefecht zwischen Preußen u. polnischen Insurgenten. üäelpkla (Adelphie, v. Gr., Verbrüderung), bei Linne Verwachsung der Staubfäden unter sich. Man unterscheidet ein-, zwei-, u. vielbrü- derige Pflanzen (Llonaäelpüia, OiaäsIMia und k?ol)'ackolpüia), d. h. solche, deren Staubfäden in 1,"2 oder mehr Bündel verwachsen sind. Adelsüerg (slov. Postonja), Marktflecken und Hauptort im gleichnamigen Bezirke des öftere. Kronlandes Krain an der Eisenbahn Wien- Triest; Bezirks- und Steueramt, Berwaltungs- amt der Reichsdomüne A., Kirche mit dem Denkmal des steierischen Dichters Fellinger, Hauptschule; 2300 Ew.; dabei die Ruinen der AdelS- burg und die berühmte AdelSberger Grotte, eine der bedeutendsten Tropfsteinhöhlen der Erde mit den seltsamsten u. großartigsten Stalaktiten und Stalagmiten, welche Säulen, Vorhänge, Wasserfälle, Springbrunnen, Palmen, Thier- u. Men- 192 Adelsdccoratwn — Adclung. schengestalten rc. bilden; sie liegt am Abhange des Hügels Soritsch, ist wenigstens seit.dem Jahre 1213 bekannt u. hat 5 Hauptabtheilungen: die Poikhöhle, in welcher die Poik (Piuka) fließt u. eine Strecke fahrbar ist, bis sie unter Felsen verschwindet; der große Dom oder die Neptunsgrotte von 22 m Höhe und 48 m Breite; die Kaiser-Ferdinands-Grotte, eine 1816 entdeckte Aufeinanderfolge von Gewölben mit dem über 30 m hohen und 120 m langen Tanzsaal und der Reitschule; die Franz-Joseph-Elisabeth- Grotte von 34 m Höhe, 203 m Breite und 195 m Länge, mit dem Calvarienberge, der aus Trümmern vieler Tausende von Säulen in den kolossalsten Dimensionen und von allen Farbenstufen besteht; die Erzherzog-Johann-Grotte mit der gothischen Halle und dem rothen Gewölbe. Jährlich wird am Pfingstmontag bei voller Beleuchtung in der Grotte ein Tanzfest und am Trinitatisfest ein feierlicher Gottesdienst gehalten. 1 Stunde von A. liegt die Magdalenengrotte, ebenfalls mit kolossalen Tropfsteingebildcn u. be- merkcnswerth als erster Fundort des krotsus anAuiusus. Vgl. Schmidl, Zur Höhlenkunde des Karstes, Wien 1854; Ders., Wegweiser, ebd. 1858; A. Arbeit, llna visitü, alla Arotta cli .4c1slsbsrx, Udine 1870; E. W. Costa, Die Adelsberger Grotte, Laibach 1863, 2. A.; I. Schäber, Beschreibung der berühmten Adclsbcrger Grotte in Krain, nach A. Schaffenrath, Adelsberg 1858. Adelsdecoration (Königlich Würtlcinbcrgische A.). Am 20. Aug. 1808 verwandelte König Friedrich I. den am 16. Juni 1793 für die 5 Kant, der Reichsritterschaft Schwabens gestifteten eigenen Orden für alle wirklichen adeligen Gutsbesitzer u. Familienältesten der ihm zugefallenen Reichsritterschaft in eine A., die im Knopfloch getragen ward u. in einem goldenen, weiß-email- lirten Malteserkreuz mit der Devise: Standhaft u. Aufrichtig, an gelbem Band getragen, bestand. Seit 1817 ist keine Austheilung mehr erfolgt, wohl aber Vererbung auf Nachkommen. Adclshcim (Adolfsheim), Stadt im gleichnamigen Bezirksamte des badischen Kreises Mosbach, am Odenwald, an der Seckach und der Eisenbahn Heidclberg-Würzburg; Sitz des Amtsgerichtes; 1530 Einwohner; Schloß, erbaut am Ende des 13. Jährh. von Poppo von Düren, welcher den Namen A. aniLhm u. Gründer der freiherrlichen, vormals zu den ritterschaftlichen Kantonen in Franken gehörenden Familie von A. geworden ist; dieselbe ist außerdem in Bayern u. Württemberg begütert u. blüht noch in 2 Linien: Sennfelder u. Adelsheimer Linie. Adelstan, s. Athelstan. Adclsverbindungen, 1) Vereine des Adels zu Ende des Mittelalters zu gegenseitiger Hilfeleistung in Fehden u. zur Wahrung ihrer Rechte gegen die Fürsten; s. Rittergesellschaften. 2) Vereine unter dem Adel, welche die Wiederbelebung der Idee des mittelalterlichen Ritterthums, die Hebung der sittlichen und intellektuellen Bildung der Standesgenosscn u. die Wahrung der Stan- desrcchte beabsichtigten. Dergleichen A. waren die Vereine der rheinischen und hessischen Ritterschaft, die Adclsrcunion in Schlesien um 1844. Dieselben haben indeß niemals eine weitere Bedeutung erlangt und auch wol nicht erlangen können, da das öffentliche Recht in Deutschland ihnen den nothwendigen Halt nicht mehr gewährte. Dagegen sind die A. in dem Johanniter- und Malteserorden, weil sie einen bestimmten Zweck verfolgen, von Bedeutung geblieben. Adelung, 1) Jakob (Adlung), geboren zu Bindersleben bei Erfurt 1699, starb 1762; war Professor am Gymnasium zu Erfurt und wurde wegen seiner vorzüglichen Schriften über die Orgel rc. zum Mitglieds der Erfurter Akademie der Wissenschaften ernannt. Er schrieb: Unterricht über die Construction der Orgeln, Berl. 1764; Musikalisches Siebengestirn, Berl. 1768; Anleitung zur musikalischen Gelehrtheit, Erf. 1758 u. 1783. 2) Joh. Christoph, geb. 1732 zu Spantekow in Pommern, studirte zu Halle, ward 1759 Professor am evang. Gymnasium zu Erfurt. Von dort mußte er 1761 fliehen, weil er die Rechte der Protestanten der Regierung gegenüber vertheidigte, u. ging nach Leipzig. 1789 kam er als Hofrath u. Bibliothekar nach Dresden u. st. daselbst 1806. Schon in Erfurt erschien von ihm N. Lehrgeb. der Diplomatik, 1760, 3 Thle.; namentlich aber entwickelte er in Leipzig mit ungemeinem Fleiß eine sehr vielseitige literarische Thätigkeit: dlosaariulu inanual. aä vcr. meä. et intimas latmitatis, Halle 1772—1784, 6 Bde. (Auszug aus Ducange mit reichen Zusätzen); K. Begriff menschl. Fertigt, u. Kenntnisse, Lpz. 1778, 2. A. 1783-89, 4 Bde.; Vers, einer Gesch. der Cultur des menschl. Geschlechtes, Lpz. 1782; Neues gramm.-krit. Wörterbuch der engl. Sprache, vornehmlich nach S. Johnson, 2 Bde., Lpz. 1783—96, Fortsetzung von Jöchers (s. d.); Gelehrten-Lexikon, Lpz. 1784, 2 Bde.; Gesch. der menschl. Narrheit, Lpz. 1785—1789, 7 Bde.; Geschichte der Philosophie für Liebhaber, Lpz. 1786, 3 Bde. Den größten Ruf jedoch erlangte A. durch seine der deutschen Sprache gewidmeten Werke, u. „er hat sich voraus durch sein Wörterbuch ein hohes Verdienst um unsere Sprache errungen" (I. Grimm). Sein Versuch eines vollst. grammatisch-kritischen Wörterbuches der hochdeutschen Mundart erschien, durch den Buchhändler Breitkopf veranlaßt, Leipz. 1774—1786, 5 Bde., n. Ausl, unter dem Titel: Gramm.-krit. Wörterbuch rc., Leipz. 1793—1801,4 Bde.; Auszug aus dem gr.-krit. Wörterb., Lpz. 1793—1802, 4 Bde., Von dem preußischen Minister v. Zedlitz aufgefordert, schrieb er seine D. Sprachlehre zum Gebrauche der Schulen in den k. preuß. Landen, Berl. 1781. Ihr folgte sein Umständl. Lehrgebäude der deutschen Sprache, 2 Bde., Leipz. 1782—83; Das Magazin für die deutsche Sprache, 2 Bde., Lpz. 1782—84; Über den deutschen Styl, 3 Bde., Lpz. 1785-86, 4 Ausl., 2 Bde., 1800; Anweisung zur deutschen Orthographie, 2 Bde., Lpz. 1788, 5. Ausl. 1835. A-s Klarheit, seine Nüchternheit im Urtheil u. sein musterhafter Fleiß verschafften seinen sprachlichen Werken großen Einfluß, der uamentlich in der Syntax noch heute nachwirkt. Wesentlich beeinträchtigt wurden seine Verdienste aber dadurch, daß ihm alles Gefühl für das Poetische und Volksthümliche Adcmar — Adenau. 193 abging, sowie durch die Einseitigkeit, mit der er das Meißnische oder wenigstens die Sprache der. oberen Klassen Obcrsachsens als das Hochdeutsche ansah u. namentlich die sächsischen Schriftsteller in dem zweiten Viertel des 18. Jahrh. als die Muster für ganz Deutschland betrachtete. Der Ingrimm, mit dem er die deutsche Vorzeit haßten u> der seine Älteste Gesch. der Deutschen, Leipz. j 1806, zu „einer giftigen Schmähschrift auf die alten Germanen" (R. v. Raumer) machte, be-! wirkte, daß er auch von der früheren Rohheit! der Sprache ganz verkehrte Begriffe hatte u. be-! hielt, obgleich er sich auch mit der älteren Sprache! u. selbst mit dem Gothischeu (vgl. Jac. Wüterich v.' Rcicherzhauseu, Leipz. 1788, Einleitung zu Zahns Ulfilas,Weißenfels1805) viel beschäftigt hatte. Dies mußte natürlich auch auf seine sprachlichen Arbeiten nachtheilig einwirken. Seine letzte Arbeit war der „MithridatesoderAllgem.Sprächenkunde mit dem Vater-Unser in beyuahe 500 Sprachen", -1 Bde., Berl. 1806—17, von dem aber nur Bd. 1 von ihm herrührt (fortgesetzt von Vater). Tie abgeleitete Kenntnis) des Sanskrit, welche er in diesem Werke zeigt, ließ ihn den gemeinschaftlichen Ursprung dieser Sprache mit vielen anderen erkennen: aber er ahnte noch nicht, wie wichtig diese Urverwandtschaft für die Sprachforschung werden sollte. Werthvoll für die sächsische Geschichte ist sein Direetorinm ckfflloinatiennn Meißen 1802, n. Anfl, 1818. 3) Frdr. v., Neffe des Vor., geb. zu Stettin 25. Febr. 1768, ging von Rom, - wo er besonders die vaticanische Bibliothek benutzte, nach Petersburg, war bei der Direction des deutschen Theaters daselbst betheiligt, ward 1808 Collegienassessor u. Lehrer der Großfürsten Nikolaus und Mickmel, später Staatsrath und starb 1816. Er schrieb: Nachrichten von altdeutschen Gedichten,. Königsberg 1796—99, 2 Bde.; Ilapports sntre 1a lan^us sanser. st In ninAns rnsss, Pctersb. 1811; S. Freiherr v. Herberstcin, Halle 1818; Übersicht aller bekannten Sprachen und ihrer Dialekte, Petersb. 1820; Beschreibung der korßunischen Thüren, Berl. 1823; A. Freiherr v. Meyerberg u. feine Reise nach Rußland, Petersb. 1827; Versuche einer Literatur der Sanskritsprache, ebd. 1830, 2. A. 1837; Übersicht der Reisenden in Rußland bis 1700, ebd. 1846, 2 Bde. Ademar (Aymar), Mönch, aus gräflicher Familie, geb. 988 zu Chabanois in Frankreich, gest. um 1030. Er schrieb: Chronik vom Anfang der französischen Monarchie bis zum I. 1029. ü dem, (fr.), zur Hälfte. Ademollo, Carlo, italienischer Maler, Neffe! des Kupferstechers Luigi 21., geb. 1825 in Florenz, j bildete sich bei Bczzuoli u. malte anfangs Thier- j stücke und Landschaften, seit 1859 Historien-, na-j mentlich Schlachtcnbildcr, 1869 das Reiterbild des Lord Napier. Ademnz, St. u. Hauptort des zwischen Neu-, castilicn u. Aragonicn gelegenen Kantons Rincon! de A., in der spanischen Prov. Valencia; 2730 Ew.! Aden, 1) Halbinsel im südwestl. Arabien, un-! weit der Straße Bab-el-Mandeb, etwa 24 ((Zirm! groß, gehört zu Großbritannien und ist dew Präsidentschaft Bombay unterstellt; sie ist vul-! Pierers Unwersal-ConversationL-Lexilon. 6. Aufl. 1 canischen Ursprunges, vegetationslos, besteht ans eincui ungeheuren Krater mit schroffen Abstürzen, bis 541 m hoch, mit einem dreifachen Gürtel von Mauern und Bastionen stark befestigt. Im 2t. u. W. Überreste von alten türkischen Befestigungen. Mit dem Fcstlandc steht A. durch einen schmalen Landstreifen in Verbindung, östl. liegt der arabische, westl. der britische Hafen, beide sind durch eme gute, !4üm lange Straße verbunden; zumcrstcren gelangt man mittels eines durch den dreifachen Umwallungsgürtel geführten Tunnels. 2) Cap auf der Halbinsel, bildet den südlichen Theil derselben. 3) Feste Stadt, das Gibraltar des Ostens, an der NOSeite der Halbinsel, in dem Krater eines erloschenen Vulcans, mit einem natürlichen Thore (Einschnitt) in der Kraterwand. Die Stadt liegt 37,, m ü. d. M., hat gesundes Klima, ist regelmäßig gebaut, hat schöne NegieruugSgebäude und zählt über 25,000 Ew. der verschiedensten Nationen. Das Trinkwasser muß theilwcise zu Schiff hergebracht werden, weil das Wasser der Ziehbrunnen während der heißen Zeit kaum über das Niveau des Meeres aussteigt und die einstige Wasserleitung vom Lande her völlig zerstört ist. A.,,(Eden) war schon in der frühesten Zeit ein berühmter Handclsort und eine große reiche Stadt. Nach Auffindung des Seeweges um Afrika verfiel die Stadt u. hatte kaum noch 600 Ew. Die günstige Lage derselben zog in neuester Zeit die Aufmerksamkeit der Briten auf sich, u. diese traten 2. Febr. 1839 ihren Besitz an, nachdem sie gegen den Sultan von La- hidsch, auf Veranlassung der Ausplünderung eines gestrandeten britischen Schiffes durch dessen Untcr- thanen, einen kurzen Krieg geführt hatten. Im Aug. 1846 erschien der Scheikh Jsmael vor A., stürmte am 17. dcss. Mts. vergeblich diesen Platz und zog Anfangs September nach 3wöchcntlicher fruchtloser Blokade wieder ab. A. ist auch dadurch wichtig, daß cs als Flottcustntion den Verkehr nach Indien durch das Rothe Meer beherrscht u. auch die Zanzibarküstc, sowie die Häfen Arabiens und Abessiniens controlirt. Die Besetzung A-s durch die Briten hat für die Wissenschaft in so fern wichtige Folgen gehabt, als in der dortigen Gegend viele himjaritische Inschriften auf- gcfunden worden sind. Seit der Eröffnung des Suezkanals, 16. Nov. 1869, ist die Bedeutung Adens mächtig gestiegen, zumal es Freihafen u. Kohlen- u. Waarendepot für die Schiffe ist, welche den Dienst zwischen Indien und Europa über Suez besorgen. Der 1635 nautische Meilen betragende Weg nach Bombay wird von den Dampfern in 8, der nach Ceylon in 10 Tagen zurückgelegt. üdsnsntiiven L. (Bot.), Pflanzcngattung aus der Fam. der Mimosen (X. 1). xavonina L. gehört zu den wenigen Arten dieser artenreichen Fam., die einen Farbestoff enthalten. Ein tiefes Roth wird aus den Spänen gewonnen, das in Indien Unktaolinnclrm oder rothes Sandelholz heißt. Die Samen dienen znm Goldwicgen. Ädenan, 1) Kr. im preuß. Negbez. Koblenz, 542 dslrm (9,8gHW); 20,965 Ew.; Lehm-,Thon- u. Kalkboden; Ackerbau u. Viehzucht. Terrain gebirgig durch den höchsten Theil der Eifel mit . Band. 13 194 Adonis li rois — Aderftstel. der Hohen Acht, Sahrbcrg, Nürburg, Kelberg, Arenberg u. a.; Eisen- u. Bleigruben; ein Hüttenwerk (Stahlhütte); Gerberei u. Tuchweberei. 2) Flecken, Kreisort; Sitz des Landrathsamtes u. Friedensgerichtes; Tuchweberei und Gerberei; 1427 Ew.; in der Nähe Blei- u. Eiscngrnben. Adenis li rois, franz. Dichter, geb. Mitte des 13. Iahrh.; lebte am Hofe Heinrichs III., Herzogs von Brabant, und ist Vers, des Abenteuerromans Oloomackes, sowie der Imkanoes Ogior, der üsrts aux g'rans piss u. des Usnvs äs OomarolUs, welche Überarbeitungen älterer Karls-Epen sind. Sein bestes Gedicht ist Herbe, hcrausgeg. von G. Paris, Paris 1832. Auch der 6IsomLäs8 ist von Van Hasselt, Brüss. 1868, 2 Bde., veröffentlicht worden n. war das Vorbild für den Roman In otisval äs Inst, den Girard d'Amiens im 14. Iahrh. dichtete u. der noch unedirt ist. Adenitis (v. Gr., Med.), Drüsenentzündung, besonders Lymph-A., Lymphdrüsen-Entzündung. Adenoid, Adcnös, drüscnähnlich. Adenologie (v. Gr., Anat.), Lehre von dm Drüsen, besonders den Lymphdrüsen. Adenom (v. Gr., Med.), geschwulstförmigc Neubildung von Drüsengewebe in den Drüsen der äußeren Haut u. der Schleimbäute (Schleimpolypen) u. in vielen anderen Drüsen, besonders aber in der Schilddrüse (s. Kropf). Es ist gewöhnlich eine mehr gutartige, keine Rücksälle bedingende u. sich nicht über den ganzen Körper ansdehnende Neubildung mit einer besonderen Neigung zu schleimiger, seltener zu cvllolder Metamorphose. Läenopbors 7^/se/r., Pflanzengatt, aus der Fam. der Campanulacecn (V. 1), mehrjährige Pflanzen mit lanzettlichen, gesägten Blättern u. pyramidaler, ausgcbreiteter, endständiger Blüthen- rispe; Blüthen glockig, wie bei Oomynnnla. aber mit röhrenförmigem, die Basis des Griffels umgebendem Discus. Art.: 4 litütolia Lecksb., in Bergwäldern des östlichen Europa und Asien zerstreut, auch hier u. da als Zierpflanze. Läenoropium Pslanzcngatt. aus der Fani. der Euphorbiaceen. Von 4. muUitiänm I?. sind die haselnußgroßen, blaßbraunen Samen als Hnos8 pnrAanbss officinell. Läenostsmms INI.,Pflanzengatt, aus der Fam. der Lompositao-Ünxgloriaesas. tl. tinetorinm Llcrss., enthält Indigo u. kann zum Blaufärben angewendet werden; in China cultivirt. Läenoshlos Pflanzengatt, aus der Fam. Lomiiositae -lünpatoriaosao (XIX. 1), große, mehrjährige Kräuter mit langgestielten, nierenförmigen oder rundlichen Grnndblättcrn u. am Grunde geährten Stengelblättcrn; Blüthenköpf- chen 3—6, seltener 20blüthig, mit Hellrothen Blüthen. Arten, in den Gebirgen Mittel- und Südeuropas: 4. albitrons Tkero/rb., an waldigen Orten der Voralpcn, Vogesen, Sudeten und im Schwarzwalde. .4. alpiim L/. cL- u. 4.. IsuoopIizUa Leie/rb., nur in den Alpen. Adcodatus, Römer, erst Mönch zu Rom, wurde 672 Papst (der 75.); st. 676. Adephagus (gr.), ein Gefräßiger; Adephä- gie, Gefräßigkeit, Freßsucht. Adept (v. lat. aäixiseor, ich erlange; aäoptns, Einer, der erlangt hat), 1) ein in die innersten Geheimnisse der Alchemie Eingeweihter, Goldmacher, der den Stein der Weisen gefunden — erlangt — hat (s. Alchemie). 2) Selbstgewählter Name des Paracelsus u. dann des van Helmont u. A., weil sie eine besondere Wissenschaft und Offenbarung von Gott erlangt zu haben Vorgaben. Ihre Philosophie: Adeption. Ader, 1) (Anat.) häutige, durch den ganzen Körper verbreitete, vielfach verzweigte, aber unter einander in ununterbrochenem Zusammenhänge stehende Röhren, die die znr Ernährung u. Erhaltung des Körpers dienenden Flüssigkeiten vom Herzen nach allen Theilen hin- u. zu- rückleitcn. Sie zerfallen in Pulsadern (Arterien), die das Blut vom Herzen weg, Blutadern (Venen) u. Saugadern (Lymphgefäße), die Blut, rcsp. Lymphe, zum Herzen znrückführen, u. Haargefäße (Capillarcu), die den Zusammenhang zwischen den Pulsadern u. den Blutadern vermitteln (vgl. die einzelnen Artikel). 2) Goldene A., so v. w. Hämorrhotdal-Ader, auch Hämorrhoiden. 3) Größere fortlaufende Lagen oder Streifen einer gewissen Stein- oder Erzart. 4) So v. w. Wasserader. 5) Bunter Farbenstreif, z. B. auf Papier, Marmor rc. Aderbeidschan, so v. w. Aserbaidschan. Aderer (Adrar), Oasenlandschaft im westlichen Theil der Wüste Sahara (Afrika), nördlich von Sencgambicn; hügelig, schön und fruchtbar; Producte: Weizeu, Gerste, Hirse, viele Datteln, Schafe, Kamele, Rinder. Die Einwohner (Araber) treiben einen nicht unbedeutenden Handel, welcher durch regelmäßige Karawanen mit Marokko, den Nigerländcrn, dem franz. Senegal unterhalten wird u. europäische Maaren (Baumwollenzcug, Cnlico rc.), Steinsalz, Stranßfedern rc. vertreibt. Hauptort ist Wadän mit 5000 Ew, Adcrfigur, der cntoptisch wahrgcnommcne Schatten der Nctzhnntblntgefnßc des menschlichen Auges; s. u. entoptische Gesichtserscheinungen. Äderfistel, eiternde Geschwulst infolge einer z. B. durch Aderlässen hervorgcrnsencn Verletzung der Venen; heilt eine solche nicht, so erfolgt ein Bluterguß in das benachbarte Bindegewebe und erzeugt in demselben durch Gerinnung alsbald einen Blutpfropf, welcher meist bis an die Venen, zuweilen selbst bis in diese hinein reicht. Ist derselbe von bedeutendem Ümfange, so entsteht der sogen. Aderkropf. Das Blutgerinnsel wird nun meist, besonders bei geringerem Umfange, nach und nach resorbirt; mitunter aber entsteht in dem Bindegewebe Eiterung und Verjauchung, so daß sich in der Umgebung der Venen Abscesse bilden, welche durch Fistelgänge sich nach außen entleeren; in diesen Fällen spricht man von einer Adersistel oder Aderlaßfistel. Die Vene selbst wird häufig bei dem ganzen Vorgänge gar nicht in Mitleidenschaft gezogen (falsche A.); in anderen Fällen aber erstreckt sich Gerinnung, Eiterung und Verjauchung auch auf die Vene (wahre A.). Die A. kann an jedem Gefäße auftreten, kommt aber meist nach dem Aderlässe an der Drosselvene des Pferdes vor. Ihre Beseitigung ist oft nur auf operativem Wege möglich. Aderflügler — Aderlaß. 195 Aderflügler, so v. w. Hautflügler. Adergcflccht (klexns, Änat.), eine besonders bei den Blutadern (Venen) häufig vorkommcnde Art der Gefäßverbindnng, indem mehrere parallel neben einander verlausende Gefäße durch zahlreiche Seitcnäste in Verbindung treten. Aderknotcu (Chir.), s. Barix. Adcrkropf s. Aderfistel. Aderlaß, künstliche Eröffnung eines Blutgefäßes, um dem Körper in kürzester Zeit eine mehr oder weniger große Menge Blut zu entziehen. Jetzt macht man diese Operation nur noch an den Venen (Vsnasosotio, Phlebotomie) die früher auch wol übliche Eröffnung der Arterien (Arteriotomie), die noch energischer wirken sollte u. hauptsächlich bei heftigen Entzündungen des Gehirnes, starkem Blutandrang nach demselben, Schlagfluß, Kopfverletzungen gemacht wurde n. dann meist an einem Aste der Schläfenarterie, wird jetzt nicht mehr angewandt, abgesehen von der Arteriotomie bei der arteriellen Transfusion (s. d.). Die früher über die Wahl der Venen zum A. aufgestellten, sehr zahlreichen n. oft sehr sonderbaren Vorschriften sind einer wohlverdienten Vergessenheit anheimgefallen. Der A. kann zwar an allen oberflächlich gelegenen Venen gemacht werden, doch macht man ihn jetzt wol nur noch an den Venen der Ellenbogenbeuge oder des Fußrückcns, selten an der äußeren Drossclader. Am liebsten wählt man eine der Hantvenen der Ellenbogenbeuge (eine der Medianvencn), u. zwar der linken, da der linke Arm weit leichter als der rechte einige Tage ruhig gehalten werden kann, was zur Heilung der A-wunde von großem Werthe ist. Welche der Mcdianvenen (ob die Vena msäiana basiiloa oder Vsna msälaua aoillmlioa, s. Armvenen) oder der anderen hier liegenden Venen man wühlt, hängt davon ab, welche am deutlichsten hcrvortritt. Um dieses Hervortrcten zu bewirken, umwickelt man den Oberarm dicht oberhalb des Ellenbogens mit einer Binde, gewöhnlich einer besonders dazu bestimmten, festen, 2—3 Finger breiten, rothcn, sogenannten A-bindc, durch die man einen leichten Druck auf den Oberarm ansübt, um den Rückfluß des venösen Blutes zu hemmen u. dadurch die Venen anschwellen und deutlicher hervortreten zu machen. Doch darf der Druck nicht so stark sein um auch die Arterien zu compri- miren u. damit die Blutzufuhr zu unterbrechen. Sollte cs dennoch bei fetten Personen schwierig sein, die Venen zu finden, so lann man ihr An- schwellcn durch ein lauwarmes Bad begünstigen, oder muß durch das Tastgefühl die Lage des Gefäßes bestimmen. Das am stärksten anschwellende Gefäß erhält man mit dem Daumen der linken Hand in seiner Lage u. macht in dasselbe einen zu seinem Verlaufe etwas schrägen Einstich. Am besten bedient man sich dazu einer A-lanzette (s. Lanzette), doch kann man auch jedes beliebige spitze Messer dazu benutzen. Ganz zu verwerfen sind die früher vielfach angewandten A-schnäpper und Flieten, da man die Wirkung derselben nie genau genug berechnen u. con- troliren kann, u. außerdem die A-schnäpper durch ! das Abspringen der Klinge höchst gefährlich werden können. Das in einem continuirlichen Strahl , ansströmende dunkelrothe Blut sängt man in seinem untergehaltenen Gesäße auf. Zur Beförderung des Ansfließens dienen Bewegung der Vorderarmmuskcln; man läßt den Kranken die Finger abwechselnd öffnen u. schließen, oder gibt ihm einen Stock rc. in die Hand und läßt ihn denselben abwechselnd fest u. leicht drücken w., um io durch die Bewegungen der Vordcrarm- mnskcln die durch dieselben verlaufenden tiefen Venen zusammen zu pressen und so mehr Blut durch die Hautvenen zu treiben. Strömt Las Blut nicht in einem continuirlichem Strahl, sondern stoßweise u. mit hellerer Farbe hervor, so ist dies ein Zeichen, daß eine Arterie mit eröffnet ist, ein übler Zufall, ans den wir weiter unten noch zurückkommen werden. Fließt das iBlut nicht in einem ordentlichen Strahl, son- jdern tröpfelt es gleichsam mir aus der Wunde lab, so beweist dies, daß die äußere Hautwunde jn. die Venenwunde sich nicht entsprechen. Gelingt es nun nicht, durch Verschiebungen der sHaut u. der umliegenden Theile oder mit Hilfe ! stumpfer Instrumente diesen Nachtyeil auszu- ! gleichen, so muß der A. an einer anderen Stelle ^ wiederholt werden. Ist genug Blut ausgcflos- l jen, so nimmt man die Binde ab, worauf die ! Blutung sofort aufhört, legt den Daumen der ! linken Hand auf die Wunde und legt nach sorgfältiger Reinigung einen leichten Druckverband an, der nach einigen Tagen wieder entfernt werden kann. Ist man genöthigt, den A. am Fuße zu machen, so wählt man am liebsten eine der Venen des Fußrückens, legt die A-bindc oberhalb der Knöchel an, rc. Bei einem A. an der Drosselnder muß man dieselbe stets unterhalb der Eröffnnngsstelle mit dem Daumen der linken Hand so lange fest zusammendrücken, bis die Wunde geschlossen ist, um der Lei Eröffnung dieser Vene stets drohenden Gefahr des Lnft- einteittes in die Venen u. das Herz, dem plötzlicher Tod folgen kann, vorzubcugen. Am zweckmäßigsten ist cS, beim A. den Kranken sitzen oder liegen zu lassen; zuweilen kann es jedoch zweckmäßig sein, den A. im Stehen zu machen, besonders wenn man dem Kranken soviel Blut entziehen will, daß er ohnmächtig wird. Die sonst beim A., besonders bei nervösen Personen, gegen Ende desselben unerwartet cintre- tenden Ohnmächten sind nur vorübergehend und erfordern weiter keine Behandlung; häufig können sie dadurch vermieden werden, daß die Kranken nicht aufrecht fitzen. Von den andern üblen Zufällen, die bei oder nach dem A. noch cintre- ten können, wären noch zu erwähnen die Entzündungen der Venen- u. Lymphgefäße, besonders wenn nicht für die gehörige Reinhaltung ! der Wunde gesorgt wurde, dann Verletzung (An- schneidnng oder Dnrchschneidung) eines Nervs (gibt sich durch Schmerzen im Verlause des verhetzten Nervs zu erkennen, verheilt aber nieist lohne weitere Folgen zu hinterlassen) und vor ! Allem die schon erwähnte gleichzeite Eröffnung j einer Arterie, die sich durch stoßweises Ausströ- ^ men eines helleren Blutstrahls zu erkennen gibt. 13 * 196 Adern — Adeructz. Am zweckmäßigsten ist es dann, die Arterie sofort bloßzulegcn und ober- und unterhalb der Schnittwunde zu unterbinden; denn bei dem Versuch, die Blutung, die in diesem Falle leicht lebensgefährlich werden kann, durch Compression zu stillen, bildet sich leicht ein sogen, falsches Aneurysma (Puvnrz'sma spurium), s. Aneurysma, ein in Zeiten, als der A. noch häufig gemacht wurde, in der Ellenbogenbeuge sehr häufig beobachtetes Leiden, das mit manchen Unannehmlichkeiten, Hinderung der Bewegung des Armes, Schmerzen re., verbunden war, oder cs bildet sich eine Verbindung zwischen Arterie u. Vene (direct, oder durch Vermittelung einer dazwischen liegenden blutgefülltcu Höhle, Pnenr^sma varioosum oder Vsrix ausurpsmatieus), so daß der Blutstrom beider Gefäße sich mischt. Hierdurch entstehen Störungen des Blutstromcs, die eine starke Ausdehnung der unterhalb gelegenen Venen u. eine Ernährungsstörung der dort liegenden Theile bedingen. Schon in den frühesten Zeiten der Mcdicin mar der A. bekannt; er soll schon 500—,600 (fahre v. Ehr. ausgeübt u. von mehreren Ärzten erfunden sein, ohne daß die betreffenden in gegenseitiger Beziehung standen. Zuerst stellte Hippokrates ganz bestimmte Jndicationcn für seine Anwendung auf. Der Mißbrauch der in späteren Zeiten mit dein A. von den arabischen Ärzten und denen des Mittelalters getrieben wurde, machte ihn bald zu einem der populärsten n. beim Volke beliebtesten Mittel gegen alle möglichen Krankheiten. Am schärfsten tritt dieser Mißbrauch bei den sogen, vvrbaucnden oder Präservativ-Aderlässen hervor, denen man sich regelmäßig, meist im Herbste u. Frühjahre unterzog, um sich vor Erkrankung zu schützen, und worum sich auch die Kalender bekümmerten, indem sie vor dem A. zu gewissen Zeiten n. Tagen warnten, an denen derselbe (nach dem Aberglauben des Volkes) schädlich sein, ja, baldigen Tod zur Folge haben sollte. In manchen Gegenden herrscht leider dieser Aberglaube auch jetzt noch. Über die Nützlichkeit des A-cs sind oie Ansichten stets verschieden gewesen. Und wahrend in den ersten Dceennien unseres Jahr- ynnderts seine Ausübung noch sehr im Schwünge war (z. B. die berühmten oder vielmehr die berüchtigten saiFness eonp Zur coup der Broussais- schen Schule), wird er neuerdings nur noch scl- ien angewandt. Und mit Recht; denn vorur- theilsfreie zahlreiche Versuche haben bewiesen, daß die meisten, )a fast alle Krankheiten, in denen der A. früher regelmäßig angewandt wurde, ohne A. viel rascher u. typischer verlausen, und daß besonders die Reconvalescenzzeit solcher Krankheiten, wenn man den A. vermeidet, dadurch sehr abgekürzt wird. Hauptsächlich wird er jetzt noch angewandt bei solchen entzündlichen Affectivncn, die mit einer gefahrdrohenden Blutüberfüllung der Lungen cinhergehe, n. da auch nur bei kräftigen Personen; außerdem noch bei Schlagflnß, bei Wiederbelebungsversuchen bei Erhängten u. Ertrunkenen re. Über die Menge des bei einem A. zu entziehenden Blutes läßt sich nichts bestimmtes angeben; dieselbe ist abhängig von Alter, Geschlecht oder Constitution, der Art der Krankheit n. vielen anderen Nebcn- umständen u. muß jedem einzelnen Falle angc- paßt werden. Daher ist es dringend anzura- then, den A. nur von einen, wissenschaftlich gebildeten Arzte oder nach seiner Anordnung machen zu lassen. In den letzten Pahren ist der A. durch die Transfusion in gewisser Beziehung wieder zu Ehren gekommen (s. Transsusion). Ausführlich hat neuerdings I. Bauer (Geschichte der Aderlässe, München 1870) nnt dem Historischen des Aderlasscns sich beschäftigt. A. bei Th irren. Die in der Therapie herrschenden Theorien haben den A. bald für fast alle Krankheiten empfohlen, bald ganz verworfen; von Thierärztcn wird derselbe fast nur noch bei gewissen abnormen Anhäufungen von Blut in einzelnen Organen ausgeführt. Desto mehr wird jedoch von Seiten unserer Landwirthe u. Sportsmcn mit dieserOperationgewirthschaftet; sie erblicken in ihr ein Prophylacticum gegen alle Krankheiten und fühlen sich unglücklich, wenn sie nicht zu gewissen Zeiten das Blut ihrer Lhiere strömen sehen. Bei den größeren Haus- thicrcn wird die Operation meist an der Jn- gnlar- oder Drosselvene vorgenommen, seltener wählt man hierzu andere oberflächlich gelegene Venen. Die Jugularvene ist so groß, daß sie in kurzer Zeit eine erhebliche Blutmenge liefert, u. ist zu beiden Seiten des Halses in der Rinne zwischen Luftröhre u.HalS (Drosselrinne) gelagert. Beim A. sticht man die Wand der Vene möglichst parallel zu der Achsedes Gefäßes an. DieOperation kann mit der Lanzette, der Fliese, od. dem Schnäp- ! per auSgeführt werden. Bei Dickhäutern schneidet' !man zum Ä. ein Stück vom Ohr oder vom ' Schwänze. Man läßt bei Pferden 2—6 leg-, bei Rindvieh 2— 8 IcA, bei kleinen Wiederkäuern und Schweinen 100—500 g, bei Hunden 50—250 g. Nach geschehener Blutentziehnng muß die Wunde geschlossen werden; zu dem Zwecke steckt man eine Stecknadel durch beide Wnndränder hindurch, nimmt etliche Mähnenhaare und wickelt dieselben kreis- oder 8förmig um die Nadel. Nach 24 Stunden entfernt man diesen Verschluß. Beim O b stb. heißt A. das Spalten der Rinde, vorzugsweise an vollsaftigen, kräftig wachsenden Bäumen. Die Operation dient zur Beförderung des Umfanges des Stammes, sowie als Vorbcug- ungs- od. Heilmittel mehrerer Krankheiten, z. B. des HarzflnsseS, der Unfruchtbarkeit. Mit einem Messer, am besten Oeulirmesser,wird in der ganzen Länge des Stammes ein senkrechter Schnitt bis auf den Splint gemacht, ohne diesen zu verhetzen. Das A. geschieht am besten im Frühjahre vor Eintritt der starken Hitze u. allenfalls auch im August u. Anfang September. Adern (Ädern), 1) mit Adern oder bunten Streifen versehen, z. B. beim Lackiren, Anstreichen, Papierfärbenrc. (s.Marmoriren); 2) (Tischl.) so v. w. cinbeizcn, einlegcn; 3) (Sattl,) die Sättel mit plattgeschlagenen Pferdefußsehncn verzieren; 4) (Klempn.) zierliche Figuren ins Blech schlagen re.; 5) (Bürstend.) den Stiel der Bürsten u. Pinsel mit Bindfaden fest umwickeln. Adernetz (Uets vaseulosum, Anat.), die 197 Aderno — netzartige Vereinigung kleinerer Blutgefäße durch Seitenverbindungcn. Aderuö- St. in der ital. Prov. Catania, am Fuße des Ätna; Prätur, Nvrmannenburg, von Roger I. gegründet (jetzt Gefängniß), Kloster S. Lucia, 1157 von Roger I. gegründet; 13,000 Ew. A. ist das Hackranuin oder Xckranuin der Alten. Adersbach, Dorf im Bezirke Braunau (Böhmen), 600 Einwohner, berühmt durch die sogenannten Ndcrsbacher Steine, eine aus den mannigfaltigsten und abenteuerlichsten, meist thurmartig geformten Gebilden bestehende Felscn- wildniß; ein Theil der von der sächsischen Schweiz aus das Riesengebirge fast parallel begleitenden Sandsteinformation. Von Fremden stark besucht. Die Gebilde, jedenfalls aus einer ursprünglich mehr oder weniger einheitlichen Masse durch Erosion entstanden, sind, wie der Augenschein lehrt, noch fortwährend Veränderungen unterworfen. Sie erscheinen an der Basis vielfach stark ausgewaschen, so daß der obere Theil breiter ist, als der untere, so besonders der aus dem Kopfe stehende sogenannte Znckerhut. Die Felsen, deren Anzahlt sich auf einige tausend beläuft, sind vielfach mi. Gebüsch bewachsen, u. steigt ihre Höhe bis 60 m Ein Bach durchfließt das etwa 7,5 üm lange, an 2 üm breite Felseulaby- riuth; der Weg, der hindurchführt, ist oft nur einige in breit. Am Ausgang ein Echo. Die Sandsteinformation setzt sich nach SO. fort u. erscheint bei Wcckelsdorf (s. d.) in ähnlichen, nur großartigeren Bildungen. Adcrschwamm, auch Holz-, Netz- oder Fal- tcnschwamm (Norniins _8aL), Pflauzengatt. der Hymenomyccten, Hautpilze, Fam. Hutpilze. Hut verkehrt, ausgebrcitet, dünn, unbestimmt gestaltet, flockig oder fleischig lederig mit unregelmäßig gefaltetem Fruchtlager; Falten löcherförmig, ohne Röhren zu bilden, ungleich eckig, mit dem Hute verwachsen. Hierher gehören stiellose, auf faulem Holze lebende Pilze, von denen Ll. laorvmans Sc/tnm., der Hausschwamm (s. d.), der wichtigste u. gefährlichste ist. Aderverrenknng, das Ausdehnen u. Verdrehen der Fußsehnen bei Thicren, zeigt sich durch Hinken mit den Vorder- öder Hinterfüßen. Adespöta (gr., d. i. Herrenloses), 1) kleinere Gedichte in den griechischen Anthologien, deren Bcrfaffer man nicht kennt. 2) Alle beweglichen oder unbeweglichen Güter im Staate, die keinem Einzelnen gehören. Daher Ins vires, aäespota, das Recht über herrenlose Güter im Staate. 3) Alle fürstlichen Nuterthanen von dem Augenblicke der Vertagung eines Herrschers an bis zur Einsetzung des neuen. ü äsux mains, 1) für 'beide Hände; 2) zum Doppelgebranche, von Pferden, zum Reiten und Fahren. üü exomplum (lat.), zum Beispiel. Adhäriren (v. lat. s-älmsrsrs, anhangen, anhaften), in Folge der Adhäsion (s. d.) an einander haften. Adhäsion, 1) (Phys.) die Anziehung zwischen zwei verschiedenen einander berührenden Körpern. Die A. beruht, wie die Cohäsion (s. d.), auf der gegenseitigen Anziehung der Molecüle (kleinsten - Adhäsion. Theilchen) der Körper u. ist, wie alle Molecular- kräste, nur bei unmittelbarer Berührung wirksam. Sie findet daher nur an den Berührungsflächen der Körper statt u. ist nm so größer, je größer die Anzahl der Berührungspunkte ist, )e größer also die Berührungsflächen sind und )e genauer sie sich an einander anschließeu. Um die A. zweier festen Körper zu veranschaulichen, legt man zwei gleich große, möglichst eben geschliffene Platten (z. B. ans Glas oder Metall, Ä-splatten) so auf einander, daß ihre oberen Flächen einander genau berühren. Um seitliche Verschiebung zu vermeiden, gibt man der einen Platte paffend einen vortretenden, die andere leicht umschließenden Rand. Alsdann haften die Platten mit einer Kraft an einander, die (möglichst vollkommene Berührung vorausgesetzt) um so größer ist, je größer die Flächen sind. Hängt man an das eine Ende eines Wagbalkens statt der Schale eine der Platten genau horizontal ans, bringt die Wage ins Gleichgewicht u. befestigt dann die zweite A-s- platte unter der ersten so, daß ihre Flächen einander eben berühren, so muß man aus die Wagschale an der anderen Seite einige Gewichtsstücke legen, um die erstcre Platte von der zweiten loszureißen. Das hierzu nöthige Gewicht ist ein Maß für die Größe der A. (Nach den neuesten Untersuchungen Steffans in Wien soll das Aneinanderhaftcn der Platten nicht durch A. bewirkt sein. Diese haften, wie er experimentell nachweist, nur so lauge an einander, bis die Luft Zeit gehabt hat, in den kleinen Zwischenraum derselben cinzutrctcn, was auch durch kleine Kräfte, nur verhältnißmäßig langsam, bewirkt wird. Vgl. Stcffan, Versuch über scheinb. A., Wien 1874.) Eine noch innigere Berührung, als bei festen Körpern erreicht werden kann, findet statt, wenn einer der beiden Körper flüssig ist. So bleibt in Folge der A. an festen Körpern, wenn man sie in eine Flüssigkeit eintaucht und daun wieder herauszieht, häufig eine Flüssigkeitsschicht hasten, von welcher sich ein Theil als Tropfen am unteren Ende des Körpers ansam- mclt. Man sagt dann, dieser sei vondcrFlüssigkcit benetzt worden. Benetzung findet, wie leicht cin- zusehen, stets, aber auch nur dann statt, wenn die A. zwischen dem festen Körper u. der Flüssigkeit größer ist, als die Cohäsion der letztere»; im entgegengesetzten Falle findet keine Benetzung statt. Das Hangenbleibcn eines Tropfens erklärt sich daraus, daß dessen Schwere durch die A. überwunden wird. Glas, Metall, Holz werden z. B. von Wasser, Weingeist, Ol benetzt; fette Körper dagegen werden von Wasser nicht benetzt. Gold u. Kupfer werden von Quecksilber benetzt, Glas nicht. Trotzdem findet nachweislich A. zwischen Glas u. Quecksilber statt, nur ist dieselbe kleiner, als die Cohäsion des Quecksilbers. Bringt man zwischen zwei A-splatten eine dünne Schicht einer dieselben benetzenden Flüssigkeit, so haften die Platten thcils in Folge der A. zwilchen ihnenu.derFlüssigkcit, theils vcrmögcdcrCohäsion der letzteren fester an einander, als bei unmittelbarer Berührung. Auf der A. der Flüssigkeiten au festen Körpern beruhen ferner die Capillarerschein- ungen, wozu auch die Absorption (s. Capillarität), 198 Adhäsion — von Flüssigkeiten durch poröse feste Körper gehört; ferner die Auflösung eines festen Körpers in einer Flüssigkeit, welche stets dann cintritt, wenn die A. beider größer ist, als die Cohäsion des festen Körpers. Auf der A. zwischen Gasen j n. festen Körpern beruht die Absorption (f. d.)^ elfterer durch letztere, sowie die Erscheinung deip sogenannten Moserschen Bilder (s. d.); endlich beruht die Absorption gasförmiger Körper in Flüssigkeiten auf der zwischen beiden stattfindenden A. Die A. findet zahlreiche höchst wichtige praktische Anwendungen. Dahin gehören zunächst das Leimen, Kitten, Löthen u. die Vereinigung der Mauersteine durch Mörtel. Diese Operationen bestehen im Allgemeinen darin, daß zwischen zwei feste Körper ein flüssiger oder hnlbflüssigcr gebracht wird, der sich an die Oberflächen jener sehr genau anlegt und dann erstarrt. Es leuchtet ein, daß hier, wo die Cohäsion des fest gewordenen Bindemittels noch zu der A. zwischen letzterem u. den Oberflächen der beiden festen Körper hinzutritt, ein festes Aneiuanderhaftcn der letzteren die Folge sein muß. Beim Schreiben (mit Tinte), Malen, Anstreichen, Lackiren, der Belegung der Spiegelplatten, der Feuervergoldung wird ebenfalls ein Körper in flüssigem Zustande auf die Oberfläche eines festen Körpers gebracht, schmiegt sich hier innig an u. bleibt, nachdem er fest geworden, durch A. mit derselben verbunden. Durch A. haftet der Kohlen- oder Bleistiftstrich auf Papier. der Kreidcstrich auf dem Holze, der Staub an den Wänden u. Möbeln, der Silbcrüberzug plattirtcr Waarcn an dem Kupfer. 2) (Med.) Die Verwachsung von Wcichtheilcn unter einander infolge entzündlicher Proccsse. Sehr häufig finden sich solche A-en zwischen Lunge und Rippenfell. Adhäsion (Rechtsw.), Anschließung der Partei, gegen welche die Berufung gerichtet ist, an die Hauptbcrufung des Appellanten und beruht auf dem Princip der Gemeinschaftlichkeit der Rechtsmittel für beide Parteien, wonach das von einer Partei rechtsgiltig angcsochtcne Nrthcil auch für die andere vorläufig uuvollstrcckbar wird u. diese, ohne Rücksicht darauf, ob sic auch noch selbstständig appelliren kann, sich des Rechtsmittels der anderen Partei mit bedienen darf. Nach gemeinem Proccßrecht ist Al. nur in Betreff der Punkte, worüber das Rechtsmittel geltend gemacht, zulässig, kann dann aber auch eine rekor- matio in pejus für den Hauptappellanten herbei- führcn. Zurücknahme der Hauptbcrufung bewirkt nicht schon die Zurückweisung der A. Ist dagegen jene für unzulässig erklärt, so fällt eo ipso die A. fort, falls diese nicht durch Beobachtung der Berufungsfrist und ihrem Gegenstände nach als sofortige Berufung zulässig erscheint. Die gleichzeitige Geltendmachung eines Rechtsmittels von beiden Parteien ist gar keine Al., obwol von der Theorie so benannt. S. Linde, Civilproceß, KZ 389, 390; Martin, Lehrbuch des bürgerl. Proccsfes, Z 265. Der gemeinrechtlichen A. entspricht im Wesentlichen die Drittopposition des! Französischen Rechtes (ooäs eiv. art. 474 ff.). ^ Adhäsionsproccß ist der mit einem anhängigen Strafverfahren verbundene Civilproceß be- ''Hufs Geltendmachung der Schadcnsansprüche, -welche aus der dort zu untersuchenden u. abzu- , mrtheilcnden strafbaren Handlung hervorgegangen i!sind. Ungeachtet 8er Verbindung beider in sich ij so verschiedenen Proceßartcn muß doch derCivil- > Anspruch nur nach den Grundsätzen des Civil- pprocesses behandelt werden; der Strafrichter muß >! aber die Beweismittel des Adhürenten berücksich- : tigen. S. Linde, Civilproceß, Z 365, Bonn, 7. - A., 1850. : Adhäsiv (V.Lat.), anhängcnd; daherA-pflaster, i so v. w. Heftpflaster. A-entzündung, diejenige ' Entzündung, deren Ausschwitzung (s. Entzündung) - eine Verklebung oder, in Bindegewebe nmgewan- ! delt wie bei Narben, eine feste Bereinigung zweier ' einander berührenden Organe oder Körpertheile bedingt. Adhcrbal (Atherbal), 1) carthagischer Feldherr, - schlug 249 v. Chr. bei Drcpanum die röni. Flotte unter dem Consul App. Claudius Pülcher. 2) Sohn des Königs Micipsa von Numidien, sollte nach seines Vaters Tode (118 v. Chr.) das Reich mit seinen: Bruder Hiempsal n. seinem Vetter u. Adoptivbrudcr Jugurtha thcilcn. Nachdem Letzterer Jenen Hatto ermorden lassen (117 v. Chr.), floh A. nach Rom, um dort Hilfe zu suchen; nun bestimmte 115 v. Chr. der Senat die Theil-- ung des Reiches, wobei A. dessen östliche Hälfte erhielt. Darauf begann Jugurtha Krieg (114), schlug den A. vollständig, belagerte ihn in seiner Hauptstadt Cirta und ließ endlich nach deren Übergabe im I. 112 den A. vertragswidrig, tödten. S. u. Numidien, Gesch. üä koo (lat.), zu diesem (besonderen) Zwecke. üä bommem beweisen, einen Beweis so führen, daß er nur für, diesen oder jenen Menschen gilt.. Der Beweis ack voritatsm dagegen, ein Beweis, der allgemeine Geltung haben soll. üäkuo «tat (lat., noch steht (sic)), ein freimanrc- risches Motto, zu welchen: das Bild einer oben abgebrochenen, aber noch aufrecht stehenden Säule gehört. kkilmo sub juäwo lis ost (lat.), noch ist der Streit (Proccß) nicht entschieden. Adi (Sabaki in: Unterlaufe), Fluß au der Zanzibarküstc in OAfrika; zahlreiche Nebenflüsse; mündet bei den Ruinen von Melinde. Adiabene, Haupttheil Assyriens, zwischen dem Lykos u. Kapros; bildete in den ersten christlichen Jahrh. ein eigenes, aber von den Partbern abhängiges Königreich u. kan: dann an Persien. üciisntum 7-., Pflanzcngatt. aus der Fam. der koh'poäiaosas (Wedelfarne), charaktcrisirt durch kreisförmige oder längliche, randstündige Häufchen von Sporangien, welche von einem zurück- geschlagenen Läppchen des Blattrandcs bedeckt sind; die Blätter sind reich verzweigt, mit an seinen Stielchen hängenden Abschnitten, u. ungemein zierlich. Daher werden alle Arten in Gewächshäusern, einige auch im Zimmer mit Vorliebe cultivirt. .4. ospillns Vsneris 7-. (Frauenhaar), mit doppelt- bis vicrfach-fiederschnittigen Wedeln u. halbrunden, am Grundekeilförmigen Abschnitten; !in Kalkgebirgen SEuropas in Grotten u. Höhlen, auch verbreitete Zimmerpflanze. Ihm ähnlich .4. onnsatum 7,»i!Fs7. cü 7>Vso/i., aus Bra- Adiaphora — Ädilicische Klagen. 199 Men, mit noch mehr gethciltcn Blattern u. kleinen Abschnitten. Die schönste Art und Zierde aller Farnhäuser ist -1. bUez-suss TITooi-e. Andere Arten haben fußförmig gctheilte Blätter mit fiedcrjchnittigen Abschnitten; hierher gehören: pseiaium 1-., üispiciulum §rv., .4. alkius 1^. u. andere meist in den Tropen verbreitete Arten, doch kommt poäatum auch in Nord- Amerika vor. Adiaphora (v. Gr, gleichgiltige Dinge). Die Frage, ob es Dinge gebe, die für das Gefühl oder für das Urtheil u. den Willen gleichgiltig sind, wurde von den Epikuräcrn verneint, von den Stoikern bejaht, und der Begriff von diesen auf Alles ausgedehnt, was weder Tugend und darum ein Gut, noch sittlich schlecht u. deshalb ein Übel sei, also Gesundheit, Schönheit, Reichthum, wie Krankheit, Armuth rc., doch so, daß unter den A. wieder wünschenswerthe, verwerfliche u. schlechthin gleichgiltigc Dinge unterschieden wurden. Streng christliche, aber auch con- sequent philosophische Sittcnlehrer, wie Fichte u. Schleicrmacher, haben A. im Gebiete des Sittlichen niemals gelten lassen, u. in der That kann keine Handlung, welche unter das moralische Urtheil fällt, ein Adiaphoron sein. Adiaphoristischer Streit, in der protestantischen Kirche Sachsens der seit 1549 geführte Streit, ob Cultus u. Ceremonicu unwesentliche Dinge (Adiaphora) seien. Die Veranlassung lag in dem 1548 ausgestellten Leipziger Interim, wonach bis zu einem völligen Vergleich auf der vom Papste versprochenen Kirchcnvcrsammlung Cultus u. Ceremonicu für unwesentliche Dinge angesehen, Hochaltäre, Lichter, Bilder, Chorhemden, Meßgewänder, lateinische Gesänge, Horen, Vesper rc. auch in der protestantischen Kirche zugelassen werden sollten. Die dieser Meinung Melanchthons beitrcteuden Leipziger u. Wittenberger Theologen Bugenhagen, Ziegler, Major wurden daher Adiaphoristen genannt. Dagegen erklärten sich aber die herzoglich sächs. Theologen Gallus, Joh. Wigand, Amsdorf, Westphal rc., besonders auch weil der gefangene Kurfürst Johann Friedrich seine Freiheit durch Annahme des Interims nicht erkaufen wollte; u. fanatische Kämpfer, wie Flacius, der von Wittenberg nach Magdeburg ging und eine Menge Flugschriften gegen Moritz und Melanchthon veröffentlichte, nannten diese Nachgiebigkeit Vcrrath an der Lutherischen Kirche. Der Streit wurde bis 1586 mit großer Heftigkeit geführt. In neuer Gestalt lebte er durch Spener u. die Pietisten wieder auf. Als Jener alle weltlichen Ergötzungen und Vergnügungen, Tanz, Spiel, Theater, Mode rc., zwar nicht geradezu für sündlich, aber einem Christen gefährlich erklärte, während seine orthodoxen Gegner darin Adiaphora sahen, verursachten die Spenerianer durch Übertreibung viel unnützen Streit. ü äio (lat.), von dem Tage an. Adige (spr. Ädedsche), so v. w. Etsch. Adigctto (gspr. dsch), schiffbarer Kanal in der italienischen Provinz Rovigo, welcher die Etsch u. den Po durch mehrere Kanäle verbindet. Adih, Längenmaß in Madras, — 26,s» om. Ädilen (.teäiles, röm. Alt.), 1) in Rom obrigkeitliche Personen, zuerst 493 v. Chr. als Gehilfen der Volkstribunen aus der Plebs gewählt (^säiles plsbis). Sie hatten die Aufsicht über den Tempel (keckes) der Ceres mit dein Archiv der Plebs, davon vielleicht ihr Name stammt; sie besorgten aber auch die städtische Polizei, verhafteten auf Befehl der Tribunen Üngchorsame, vollstreckten, seit sie 484 Strafrecht erhalten hatten, die Exccntion an Bernrtheilten, ordneten die Feier der plebejischen Spiele (lucii plobsji), später auch der lullt oersalos, u. führten Aufträge der Consuln aus. 366 v. Chr. wurden ihnen 2 Ä. aus den Patriciern (^.ellilss ourulss) beigeordnet, die als Auszeichnung die 1?o§a pras- bsxta u. die 8sllu eurulis erhielten, übrigens bald auch aus den Plebejern genommen wurden. Sie besorgten die lullt ronmni u. msgalonsos (letztere gab Cäsar den ^sll. plvbis), faßten die ädilicischen Polizeiedicte ab u. verwalteten die Jurisdiction u. Polizei in Marktsachcn. Mit der Zeit kamen beide Ämter (beide sind roaZtstratus mtuaree) einander näher, und ihr Geschäftskrcis umfaßte nun: Fürsorge für die Erhaltung der öffentlichen Bauten, für die Straßcupolizei, die Gcsundheits-, Gräber- u. Sittenpolizei (Aufsicht über öffentliche Bäder u. Wirthshüuser, feile Dirnen, Wucherer, Luxus rc.), die Marktpolizci (besonders Sorge für ausreichende Menge und Güte der Lebensmittel, für richtiges Maß u. Gewicht), Schutz der Staatsfiuanzen n. besonders die Aufführung der öffentlichen Spiele, durch deren Glanz sie sich populär machten und dem Volke zu künftigen Ehrcnstelleu empfahlen, aber freilich oft auch ihr ganzes Vermögen verschwendeten. Sie ordneten die Spiele, wählten dieStückesürsTheater aus, Ziehen Statuen u. a. Schmuck der Feste von Freunden, wendeten aber oft auch selbst die größten Kosten daran, da das Volk die freigebigen Ä. begünstigte. Ihr gesetzliches Alter war das 37. Jahr. Cäsar fügte noch 2 plebejische ,-lsllttss Lüreulse 44 v. Chr. für die Aufsicht über das Getreidewesen u. die luüi osrealss hinzu; indem aber Augustus die ädilicische Jurisdiction wahrscheinlich den Prätoren, das Gctreidewcscn dem praoksetns aunonas u. die Aufsicht über die öffentlichen Bauten besonderen Behörden übertrug, schwächte er das Ansehen der Ä. sehr. Sie bestanden bis ca. 230 n. Chr. 2 ) .ä.sllilos inuntet- Magistratspersonen in den latinischen zg ! Städten, NÜinicipicn und Colvuien in Italien, welche gleichen Geschäftskreis mit denen in Rom ! hatten, dabei oft zugleich auch die Jurisdiction !(.4sclilss juri lltcunllo) besorgten und bisweilen !auch die Censur übernahmen tVellilss ciuiugueu- nalss). Die Würde und das Amt der Ä. hieß Ädilität. i Ädilicische Klagen (^ettoiws aolliltetas), die Klagen, welche ihre .Entstehung dem Edictum (s. d.) der römischen Ädilen verdankten. Heutzutage sind theilweise noch praktisch: u.) die ^orio Irollütbitorta, Waudclklage, mittel-) deren der Käufer wegen solcher Mängel einer gekauften Sache, die nicht sofort offen ersichtlich sind, 6 Monate lang nach Abschluß des Handels dessen !Wiedcraufhcbung verlangen kann; b) die 200 . Adimari guanii minoris oder asstimatoria, mit welcher man wegen gleicher Mängel binnen Jahresfrist die Herabsetzung des Kaufpreises nach sachverständigem Ermessen fordert. Adimari, alte guelfische Familie in Florenz, ausgestorbcn 1766; gab Florenz im Mittelalter viele Staatsmänner; außerdem: 1) Mess., geb. 1579, italienischer Dichter; übersetzte u. commen- tirte den Pindar; st. 1649. 2) Ludov., Vetter des Vorigen, geb. 1644 zu Florenz, war Kammerherr des Herzogs von Mantua und wurde 1697 Professor der toscanischen Sprache an der Ritterakadcmie zu Florenz; st. 1708; schr.: Iw gare ckoll' amors ob äsll smiomia (Komödie), Florenz 1679; Louetti amorosi, ebd. 1693; Üosais saors et morali. ebd. 1696; Latire, Lucca 1776. üä inkoeos (lat.), zu den Todten, ins Schattenreich. üii interim, einstweilig. Sldipinsänre (Chem.) OgHiJ)« bildet sich bei längerem Erhitzen von Talg, Olsäure, Wachs, Walrath mit Salpetersäure; sie krystallisirt in weißen, halbkngelförmigen Warzen, oder in glasglänzenden Prismen, welche bei 148° schmelzen n. sich in heißem Wasser, Alkohol, Äther leicht losen. Vorsichtig erhitzt, sublimirt sie unverändert. in fedcrförmigen Krystallen. Von den adipinsaurcn Salzen sind die der Alkalien im Wasser löslich, die übrigen werden durch doppelte Zersetzung erhalten. Der A-äther LgUgO^Ozlls)!! entsteht beim Einleiten von Salzsäuregas in die alkoholische Lösung der A. als farblose, angenehm riechende Flüssigkeit, die bei 245° siedet u. in der Luft verdampft; von Chlor wird er zersetzt u. in eine dickflüssige Masse verwandelt. Adipös (v. Lat.), fettig (Anat.), ackipoaus paniiiünlus.llnterhautfcttgewebe; Adip ocire (fr., Physiol.), Fcttwachs, das sich z. B. in Leichen bildet, die lange im Wasser gelegen haben. Es enthält 94—97°/o Fettsäuren. Adipsie (v. Gr.), Durstlosigkeit; Adipsa, durstlöschende Mittel. Adirondae, Gebirge, dieAusdchnung derAlle- ghauies nach Norden auf einer Hochfläche von 150 Ion Länge und 230 Ion Breite im Staate New-Iork, in den Counties Essex u. Hamilton, unter 44° n. Br. und 73 bis 75" w. L. Es reicht bis nahe an den Champlainsee. Gegen W. stoßen daran die Seen Emmons, Long, Crotchet u. Racket. Der höchste Punkt in dieser Gegend ist Mount March, 1740 m. Die ganze Gegend ist vorwiegend felsig, daher dünn besiedelt, Granit und Eisen bilden die Haupt- vorkommcn, der unbedeutende Adirondacfluß ergießt sich in den oberen Hudson. Hier die Wasserscheide zwischen dem St. Lorenzstrom und dem Hudson im Staate New-Dork. ü (iisoeetion (fr.), nach Belieben. Aditja (d. i. von Mit! stammend; ind.Myth.), Name des Sohnes der Aditi u. bezeichnet einen Götterkreis, 7 (nach Anderen 8) Wesen, an deren Spitze Varuna steht. Über ihre Stellung u. Bedeutung in der Götterwelt s. Roth in der Zeitschrift der Deutsch-morgenländischcn Gesellschaft, Bd. 6. S. 68 f. In den Brahmana u. später! — Adjuuct. ^überhaupt wird ihre Zahl auf 12 angegeben, mit offenbarer Beziehung auf die Zahl der Monate. Auch ist Aditja Name der obersten Götter u. zugleich allgemeine Bezeichnung der Götter überhaupt und speciell des Sonnengottes. ückltus (lat.), 1) Eingang, Zutritt. 2) (Anat.) Eingang zu einer Höhlung des Körpers, so z. B. Läitus aä oanalsm §a1IoM> s. u. Schädelknochen. Adjectltmm (lat.), Eigenschaftswort, welches die Beschaffenheit eines Gegenstandes angibt, man nennt es auch Beiwort. Da das A. zu seinem Substantiv in der engsten Beziehung steht, so muß es z. B. lat. u. gricch. mit demselben in Genus, Numerus und Casus übereinstiinmen, in den jetzigen romanischen Sprachen, die eigentliche Casus nicht mehr haben, in Genus u. Numerus, im Englischen ist es, abgesehen von der Com- paration (s. d.), jeder Veränderung unfähig geworden. Eigenthümlich hat sich das Vcrhält- niß im Deutschen gestaltet, wo für die jetzige Sprache der Grundsatz gilt, daß das attributive A. sich nach seinem Snbst. im Gen., Num. und Cas. richtet, das prädicative aber flexionslos ist (ein guter Mann, eine gute Frau, ein gutes Kind, aber: der M., die Fr., das Kind ist gut). Doch hat die Sprache gegen früher an Flexionsfähigkeit schon cingebüßt, da im Plur. Masc., Fein. u. Ncutr. jetzt gleich lauten (gute Männer, Frauen, Kinder), die goth. u. ahd. noch deutlich unterschieden werden. Unflectirtes attributives A. kommt jetzt nur noch dichterisch vor (Röslein roth, u. bcini zweiten A.: ein grünes laubig Dach). Beim attributiven A. unterscheidet das Deutsche auch noch zwischen starker u. schwacher Declina- tion (s. d.). Nach dem bestimmten Artikel der, die, das n. einigen anderen Wörtern, wie dieser, jener, welcher re., die durch ihr r, e, es das Genus schon hinlänglich deutlich bezeichnen, folgt das A. in schwacher Form (der gute M., die gute Fr., das gute K.), sonst steht starke (ein guter M., eine gute Fr., ein gutes K.). Das A. kann auch substantivirt werden (der Kranke, das Große), was namentlich in Sprachen, die wie das Deutsche einen Artikel besitzen, sehr häufig geschieht. Höhere Grade des Adjectivs (hoch, höher, der höchste) werden durch die Komp aration oder Steigerung (s. d.) ansgedrückt. Adjndieirc» (lat.) heißt im Römischen Rechte die gerichtliche Zuerkcnnung einer streitigen Sache im Thcilnngsverfahren, d. h. in Folge der avtio ooinmrmi ckiviänncko, der a. üiiiuin reAmickorrm, a. lamiliao Iisreisoumias. Durch das Adjudi- cationsdecret erwirbt der Adjudicat ohne Weiteres das Eigenthum an der adjudicirtcn Sache. Ebenso im Subhastationsverfahren, jedoch setzt die Ertheilung des Adjudicationsdccrets die geschehene Zahlung des Kaufpreises voraus. Adjument (v. Lat.), Hilfsmittel, Beistand. AdMict (V.Lat.), 1) Gehilfe eines Beamten; 2) besonders den geistlichen Ephoren u. Inspektoren beigegebener Amtsgehilfe; daher: Adjunctur, Stelle eines Adjuncten, u. Adjungiren, beigeben, zuordnen, besonders als Amtsgehilfe beigeben; ^.ckjuuota, nicht zum Wesen einer Sache gehörige Eigenschaften derselben, Anlage, Beilage; Ad- junction,' An-, Beifügung, besonders die Art der 201 Adjustiren Accession, bei welcher Bewegliches zum Unbeweglichen tritt; endlich die Art der Vermischung, wenn trockene Gegenstände mit einander vermischt werden. Adjustiren (v. Lat.), 1) in Ordnung bringen; 2) sich ordentlich anziehen; 3) metallene Gewichte - u. Maße abziehen, vgl. Eichen; daher Adjustir- I amt, so v. w. Eichamt; 4) (Justiren) Mctall- r stücke durch Ebnen u. Beschneiden zur Auspräg- > ung als Niünzen vorbereitcn; dies geschieht von dem Münzwardein auf der Adjustirbank (Ad- justirwerk) u. mit der Adjustirwage, s. u. Münze. Adjutant (v. lat. acijnvaro, helfen, beistehen), 1) Offiziere, welche höheren Befehlshabern vom Bataillons-Commandenr aufwärts zum Bureaudienste, zum Überbringen von Befehlen u. zu einzelnen Verrichtungen beim Excrcircn beigegebcn sind. Sie sind beritten u. tragen in der deutschen Armee die Schärpe on bancionliörs, d. h. über die Brust von der rechten Schulter zur linken Hüfte. Vom Brigade-A. aufwärts werden die A-n in der deutschen Armee vom Kaiser ernannt; dieselben haben häufig ein besseres Avancement, als die anderen Offiziere. Flügel-A-n waren früher für jeden Flügel des Heeres zum Überbringeu der Befehle bestimmt, daher die Benennung, jetzt persönliche A-n der regierenden Fürsten. Den deutschen Fürsten, welche mit Preußen Militär-Conventionen geschlossen haben, sind in denselben Flügel-A-n zngestandcn. Ge- neral-A-n sind A-n regierender Fürsten, welche » den Rang eines Generals haben. In der franzö- ^ fischen Armee gibt cs ackjntants sousoktieisrs; sie sind den Vataillons-(Negiments-)Schreibcrn der deutschen Heere ziemlich gleichgestellt. 2) Vogel- j art, so v. w. Marabu. ! üch'uvnntia (lat.), unterstützende Mittel, Arzneimittel, welche die Wirkung eines anderen Heilnüttels erhöhen u. unterstützen sollen. Adjyghur, Stadt u. Fort in Mittclindien, Bnndelcnnd, etwa 220 Lin südwestl. von Allaha- bad; 5000 Ew.; Hauptort eines Territoriums gleichen Namens von 880 ssstLin mit etwa 45,000 Ew. Das Fort liegt auf einem 250 m hohen Hügel, dessen Spitze mit Überresten alter in Stein gehauener Götzenbilder bedeckt ist. üä latus (lat.), 1) zur Seite; 2) zum Beistände; so Generale aä latus, z.B.inÖsterreich, welcherdem Höchstcommandircnden eines Armeeeorps als Gehilfe beigegcüen ist. Adler (ilgnilinas), Unterfam. der falkenartigen Raubvögel, von bedeutender Grüße, mit starkem, düstcrfarbigem Gefieder; Kopf platt mit spitz-lanzcttlichen Federn; Schnabel groß, am 1 Grunde gerade, gegen die Spitze gekrümmt; Flü- , gel breit, abgerundet, lang, bis zum Schwänzende reichend. Sie ergreifen sitzende oder laufende Beute, selten einen fliegenden Vogel, doch H auch Fische, selbst Aas. Sie können lange in der Luft schweben, wobei sie Spirallinien in derselben beschreiben; bauen große Horste auf Bäumen u. Felsen, in den Steppen auch auf dem kahlen Erdboden; 2—3 bald gefleckte, bald einfach weiße Eier, welche 4—5 Wochen bebrütet werden. Weibchen meist größer, mitunter auch schöner gefärbt, als die Männchen. Mauser bei den großen über 3 Jahre dauernd. Hierher 3 — Adlcr. Gattungen: Echte A. (.Lgnila), Läufe laug, bis zur Zehenwurzel befiedert; See-A. (Ualiaötus), Läufe kurz, nur zur oberen Hälfte befiedert; Fluß- A. (kanckion). Läuse nackt, Wachshaut u. Füße hellblau. Bemerkenswcrthe Arten: 1)Steiu-A. (Gold-A., ^gnila Olirvsaötos 2 ).), bis 1 in lang, 2,2 in spannend, tiefbraun, Schwanz weiß, Lauf hell; in der Jugend sLinnes -1. kalva) Scheitel-, Nacken-, Vorderbrust-, auch Rückenfcdern mit rostfarbenen Spitzen. In Europa, Asien (wahrscheinlich auch NAmerika); in Deutschland selten; in der Schweiz gefürchteter Raubvogel. Horst in Gebirgen auf steilen Felsen, in der Ebene auf starken Bäumen. Raubt Säugethiere, besonders Hasen, u. große, langsam fliegende Vögel. Die Erzählungen von Kämpfen zwischen Menschen u. A-n oder Geiern an deren Horsten beziehen sich auf ihn. Soll das ursprüngliche Motiv des Wappen-A-s sein. 2)Königs-A. (.4. imperialis Lse/rÄ.), Grüße des vorigen. Mit großem weißem Fleck auf den Schultern, Schwanz schwarz, oben grau gewellt, Kopf gelb, Nacken braungelb, selten weiß; Weibchen braungclb, Schwanz mehr- viereckig, Schwingen über den Schwanz überragend. In den Gebirgen SEuropas. Er sitzt säst horizontal auf einem Baume, geht langsam, mit vorgestrccktcm Halse und ausgerüstetem Schwänze, während der Stein-A. mehr perpen- diculär sitzt, den Kopf znrückbicgt u. mehr hüpft als schreitet. 3) In Deutschland sind ziemlich selten der große Schrei-A. (L.. dang-a,2>M.). fast so groß wie der Stein-A., tiefbraun, Schwanz schwärzlich mit helleren Binden, 2 gleiche auf den Flügeln; auf den Gebirgen SEuropas, auch in NEurvpa, doch selten vorkommend; der kleinere Zwerg-A. (L.. psnnata <7uv.), etwa SO em lang, hat ganz befiederte Tarsen, krummen Schnabel, stark befiederte Hosen; in Frankreich n. Deutschland; gelb, braun gefleckt. — See-A.: der wciß- schwänzige See-A. (Ualiaötos albieilla 21 ), der größte deutsche A. Schwanz keilförmig, die Flügel überragend. Bei jungen sind Kopf u. Hals tiefbraun, das übrige Gefieder hellbraun mit dunkeln Tupfen; Schwanz tiefbrauu, ein wenig weiß gesprenkelt. Gefieder später einfacher, Heller, Schwanz immer weiß, Schnabel citronengelb. Von der Donau bis zum hohen N., inNDeutsch- land namentlich in Mecklenburg, Pommern, Brandenburg, Ostpreußen. Schadet dem Wilde; ist in Pommern als,.1osor", Gänseaar, gehaßt. Schreit „kjak, kjak". — Der Flußaar (Fluß-A., Fischaar, Üanäion Ilaliaööos 2 ).), etwa 9ö om lang, spannt bis 2,5 w; bewohnt die nördliche Erdhälfte, wo immer Landseen mit alten Wäldern abwechseln, ist vielleicht sogar Kosmopolit. Oberseite dunkelbraun; Unterseite u. Kopf weiß, doch haben die Federn hier dunklere Schaftstrcifcn. Kehrt nach Mitte April aus seinen südlichen Winterquartieren zu uns zurück. Er streift etwa 10—15 m hoch über den Gewässern. Bemerkt er dabei einen stehenden oder hochgehenden Fisch, so senkt er sich auf 5 m und stürzt sich, nachdem er einige Zeit rüttelnd auf einem Fleck verweilt, senkrecht ins Wasser. Nach einigen Secunden hebt er sich, trocken wie ein Schwimmvogel, wieder empör. Fische bis etwa ÜA schwer werden seine Beute; 202 Adlcr. größere ziehen ihn selbst zu Boden. Schreit „kai". I Vögel belästigt er nicht. — Diesen deutschen A-n,^ u. zwar zunächst den eigentlichen A-n schließen sickh an: Der australische Keilschwanz-A. (Ilrastu^ anckax L)i.), etwas größer u. mit etwas weniger Flügelspannung, als der vorige; überfällt die Schasheerden u. ist dadurch gefürchtet u. gehaßt, verfolgt auch Trappen u. Känguruhs. In Süd- Europa namentlich den Hühnerhöfcn lästig ist der Habichts-A. (Ussuclaötus LoiisIIilLocigs.^. Von afrikanischen A-n ist noch der Kampf-A. (8pi- 2 asius bsllieosns VieE.) bcmcrkcnswerth; von amerikanischen endlich die gewaltige Harpyie (Ilsrpzia. ässtrnetor D.) u. der Schopf-A. (Lp. oeoipitalis). Im Alterthim: galt der A. (lat. ^guila, gricch. -Vetos) als König der Vögel u. war daher Symbol der Macht, der Kraft u. des Sieges; bei den Hindu der geheiligte Vogel des Wischnu, bei den Persern Sinnbild des Ormuzd, bei den Römern u. Griechen Begleiter des obersten der Götter, Zeus (Jupiter). Daher wurden A. als gute Vorbedeutung bei Nuspicicn, sogar zur Verkündigung hoher, selbst königlicher Würde angesehen. Die römischen Heere hatten A. als Lcgions- abzeichen, später auch als Orden. Bei der Apotheose römischer Kaiser ließ man einen A. von dem angezündctcn Katafalk cmporstcigcn, der gleichsam die Seele des Verstorbenen in den Olymp tragen sollte. In Persien war der A. auch symbolischer Ausdruck der königlichen Würde, weshalb ein A. mit ausgebreiteten Flügeln dem Heere vorangetragen wurde. In der nordischen Mythologie ist der A. der Vogel der .Weisheit u. sitzt auf dem Wipfel der Esche Ugg- drasil. Selbst in neuester Zeit gilt in manchen Gegenden die Begegnung mit einem A. als ein Glückszeichcn. Als Wappensignr wird der A. mit offenem Schnabel, ausgcschlagener Zunge, ausgestreckten Waffen (Klauen) und zierlichem Schwänze dargestcllt. Oft hat er Klecblattstengel in den Flügeln, ist „beladen" (er trügt etwas in den Waffen), „bchauptzicrt" (d. h. mit einem Zirkel um den Kopf) u. a. m. „Gestümmclte" A. (französisch .-Vlörion) werden ohne Schnäbel u. Füße mit niedergeschlagenen Flügeln gebildet; sind mehr als 5 im Schilde, jo werden sic „junge" A. genannt. Der schwarze A. soll als Zeichen des Deutschen Reiches von den Römern entlehnt sein; als Symbol des Reiches findet er sich am Giebel des Palastes Karls des Großen, auf der Reichssahne bereits unter Kaiser Otto II. (977), auf den Siegeln der Mark- n. Psalzgra- sen (979 n. 1037), auf Münzen 1195, in Siegeln 1299, jedoch immer noch einköpsig, bis er als zweiköpfig, als Doppcl-A. (Reichs-A.), womit er das Ost- u. Weströmische Reich bezeichnen sollte, zuerst ans der Reichsfahne seit 1312, unter Karl IV. seit 1346 im Rücksicgel, unter Wenzcslans im Majestätssiegcl erscheint und seit Kaiser Sigismund, von 1433 an, als beständiges Zeichen des Kaisers, wie der cinköpfige des deutschen Königs, gebraucht ward. Daher ging er auch bald ganz, bald zur Hälfte in die Wappen vieler Reichsstädte n. einzelner Fürsten über. Den schwarzen! doppelköpsigen A. behielt nach der Auflösung des- Deutschen Reiches die österreichische Monarchie bei; auch die russische nahm ihn an. Preußen wählte einen einfachen schwarzen A. zum Wappen, den auch das neue Deutsche Reich angenommen. Ein solcher, aber nicht in heraldischer, sondern in natürlicher Gestalt, ist Schildhalter des Wappens der Vereinigten Staaten. Polen hatte einen weißen A. im Wappen. Auch war er das Symbol des französischen Kaiserreiches, wo er ebenfalls in natürlicher Gestalt mit Blitzen als Jupiters Vogel erschien. In der französischen Armee seit der Restauration abgeschasft, wurde er durch Dccret vom 1. Jan. 1852 durch Napoleon III. ans den Fahnen wieder hcrgestcllt, 1870 durch die Republik abermals beseitigt. Adlcr, Sternbild am nördl. Himmel, leicht erkennbar an 3 eine gerade Linie bildenden Sternen, deren mittelster, Atair, von 1. Größe ist, aber den meisten anderen Sternen 1. Größe an Glanz Nachsicht. Die übrigen sichtbaren Sterne dieses Bildes sind von 3. u. geringerer Größe. Es hat nach Flamsteed mit dem Ncbenbilde An- tinous u. dem Sobieskischen Schilde 71 Sterne.' Die ganze Gegend des A. ist von dem breiten östl. Bande der Milchstraße durchzogen. Adler (Erlitz, Orlice), linker Nebenfluß der Elbe in Böhmen, entspringt aus 2 Quellen: die schwarze A. (wilde A.) entspringt auf den Sec- feldern, an der Grenze Böhmens u. der Grafschaft Glatz, u. bildet eine Strecke die Grenze zwischen Böhmen u. Glatz; die stille A. entspringt am hohen Schnecbcrg in Mähren; sic vereinigen sich oberhalb Tinischt n. münden bei Königgrätz. Adler, 1) Jak. Georg Christian, geb. zu Arnis 1756, studirte Theologie u. orientalische Sprachen u. ging dann nach Rom, wo er mit Cardinal Stephan Borgia n. anderen Gelehrten verkehrte u. besonders syrische biblische Handschriften, kiifische Münzen re. studirte. Nach seiner Rückkehr 1783 ward er Professor der syrischen Sprache u. 1788 der Theologie in Kopenhagen, 1792 Generalsuperintendent des Hcrzog- thums Schleswig, 1798 noch Oberconsistorialraih und Schloßprcdigcr zu Gottorp; st. 1834. Erschrick: Lluscnuii Oiitionm UorAiaiimu, Rom 1782; Oolleetio nova imiuornm Outioornm, Kopenh. 1792, 2. Ausl. 1795; gab Abulsedas Vmuilus mnslsin. heraus, Kopenh. 1789 bis 1794, 5 Bde.; stellte Untersuchungen über die verschiedenen alten syrischen Übersetzungen des Neuen Testaments an in seiner Schrift H. lest, versiouss sz-riaeas, Limplox, Ulüloxouiamr et Ilisrosoh'initana, (lo- mio sxaminatas, Kopenh. 1789; auch verfaßte er die schleswig-holsteinische Agende, Schlesw. 1797 u. ö., u. v. a. theologische Schriften. Z) A., Kaspar, s. Vguila. 3) Christian, Porzellan- maler, geb. zu Triesdorf bei Ansbach 6. Mai 1786, gest. zu München 1842. Erhielt seinen ersten Unterricht bei Naumann in Ansbach, arbeitete seit 1811 in der königl. Porzellanmanu- factur zu Nympheiiburg bei München n. ward 1815 Obcrmaler u. Jnspcctor an derselben. Er zählte bald zu den ersten Porzellanmalern seiner Zeit u. lieferte außer zahlreichen Copicn nach Bildern in der alten Pinakothek, die der königl. Sammlung von Porzellangemälden in der neuen 4 Adlerberg — Adlercreutz. 20S Pinakothek cinverleibt wurden, mehrere großes Vasen, namentlich die nach Mart. Wagners Ent-^ wnrf ansgeführtc zum Rcgierungsjnbiläum Ma-^ ximiliansl. 4) Friedrich,Baumeistcr, geb. 1827 ^ in Berlin, besuchte erst die Kunstakademie seiner' Vaterstadt, dann 1846—49 die Universität u. seit 1848 auch die Bauakademie, machte Reisen durch die Niederlande, Frankreich, Italien u. Sicilien u. wurde 1861 Professor der Bangeschichte an der Bauakademie in Berlin. SeinBcstrcbcu ist daraus« gerichtet, die griechische Antike mit den mittel-j altcrlichcn Stilen in Einklang zu bringen. Haupt-. bauten: die Thomaskirche in Berlin, die Christus-^ kirchc daselbst, die Pfarrkirchen zu Heppens an der Jahdc, zu Groben u. zu Sandow in der Mark rc. Er gab u. a. heraus: Mittelalterliche Backstein-Bauwerke des prcuß. Staates, Berl. 1859—69. 5) Johann Gnnder, norwegischer Staatsmann u. Gelehrter, geb. 1784, wurde 1812 Lector, Vorsteher u. erster Lehrer des Instituts „Zun: Andenken des Prinzen Christian August" zu Frederikshall in Norwegen, 1814 Cabinets- secretür des dänischen Erbprinzen u. Statthalters in Norwegen Christian Friedrich, 1839 Mit- director des königl. Schauspiels u. mit demRang- titcl Geh. Etatsrath Cabinetssecretär des nunmehrigen Königs Christian VIII., 1840 Staatssekretär der Gnadcnsachcn, 1841 Ehrenmitglied der Kopenhagcner Akademie der schönen Künste und Wissenschaften, 1848 Geh. Confercnzrath; 1849 pcnsionirt, st. er 1852 auf einer Badereise zu Hof in Bayern. A. ist im Verein mit dem Norweger Falsen der Verfasser des „EntwnrsS zu einer Constitution für das Königreich Norwegen", der vom König Christian zum Staatsgrundgesetze für das Königreich Norwegen erhoben u. 1815 von König Karl XIV. Johann, König von Norwegen u. Schweden, bestätigt wurde. Dies Grundgesetz vom 4. Nov. 1814 ist eine der freiesten aller europäischen Constitutionen. Adlerberg, Wladimir Fcdoro witsch, Graf, russischer General n. Minister, geb. 1793 in Petersburg, kam durch die Stellung seiner Mutter, der Wittwo des Obersten Fedor. A., als Oberin des Instituts für adelige Fräulein, frühe schon in die Nähe der kaiserlichen Familie n. trat 26. Dec. 1811 als Offizier in das lithanische Garde-Infanterieregiment. Nachdem er in demselben. die Feldzüge von 1812, 1813 n. 1814 mitgemacht, ward er 1817 Adjutant des damaligen Großfürsten Nikolaus, dessen unzertrennlicher i Begleiter er seitdem geblieben ist. Nach dcw Thronbesteigung des Großfürsten ward er Fln^ gcladjutant, machte als solcher im Gefolge des Kaisers den türkischen Feldzug von 1628 mit, wurde Director der Kriegskanzlei, am 18. Dec. 1833 bereits Gcnerallieutenant. Acht Jahre später treffen wir ihn als Generaldircctor der kaiserl. Postanstaltcn, bestrebt, in diesem Fache Reformen einzuführen, namentlich ein einfaches Porto für! die im Umfange des Reiches selbst versendetem Briefe. 1843 zum General der Infanterie n.! 1847 in den Grafenstand erhoben, wurde ew 1852 nach des Feldmarschalls Fürsten Wolkonsky Tode Minister des Kaiser!. Hauses u. Kanzler der russischen Orden unter Beibehaltung des Ge- neraldircctoriums der Posten, welches Amt er erst 1856 abgab. Durch u. durch den Grundsätzen seines kaiserl. Herrn dienend, ward er von diesem ans dem Sterbebette dem Nachfolger empfohlen n. behielt auch unter diesem, Alexander II., seine einflußreiche Stellung als Diener n. Freund des kaiserl. Haujes, Rathgeber desselben in allen Angelegenheiten, ungeachtet er den Reformen des. Kaisers gegenüber sich eher abwchrend als fördernd verhielt und mit Politik nie mehr als dringend nothwcndig sich befaßte. 1861, am 26. Dec., aus Anlaß seines 50jährigen Jubiläums zum Chef des Infanterieregiments Smolensk ernannt, erhielt er noch die besondere Auszeichnung, daß der Kaiser seine Verdienste in eineni eigenen kaiserlichen Refcript anerkannte. Das Ministerium legte er 1871 wegen hohen Alters nieder; im Reichsrathe zählt er jetzt zu den ältesten Mitgliedern. Bon seinen Söhnen ist der älteste Alexander, Graf A.II., General der Infanterie, Generaladjutant n. Minister des kaiserlichen Hauses; der zweite Nikolaus, Graf A. III., General der Infanterie, Generaladjntant, Gencralgonvcrnenr des Großfürstenthums Finnland u. Gcncral-Commandant der Truppen des II. Militärbezirkes Finnland. Letzterer zuvor langjähriger russischer Militär - Bevollmächtigter am Berliner Hose. Adlcrbcth, 1) Göran Gndmund, schwedischer Dichter, geb. 1751, gcst. 1818, Privatsecretär bei GustavIII.; Reichsantiqnar; Staatsrath 180!) bis 1815; Freiherr seit 1809. Gehörte als Dichter zu der unter Gustav herrschenden französischen Schule (s. schwed. Literatur), schrieb Tragödien rc. von seiner größeren Bedeutung; dagegen wird er als Übersetzer des Virgil, Ovid, Horaz hochgeschätzt (ans diesem Gebiete ist er zum Thcil Schüler von Joh. Heinr. Voß). Er war der Erste, der die schwedische Metrik systematisch darstellte; auch der Erste, der in Schweden Aufmerksamkeit für altisländische Poesie erweckte. Seine Memoiren (Historisüa antookninAar) erschienen nach seinem Tode. 2) Jacob, geb. 1785, gest. 1844, Sohn des Vorigen, Alterthnmsforscher. War, ohne selbst ein bedeutender Schriftsteller zu sein, von Wichtigkeit für die schwedische Literatur als der eigentliche Stifter des literarischen Bundes dötdisüa, I?örbumlLt. Adlercreutz, Karl Johann, Graf v. A., schwedischer General, geb. 27. April 1757. Er trat 1770 bei den finnischen Dragonern ein, war 1788 beim Ausbruch des schwedisch-russischen Krieges Capitän, focht am 17. Juli dess. I. in der Schlacht bei Hogland mit, commandirte in verschiedenen Streifzügen mit Glück u. ward 1790 Major. Als im Febr. 1808 die Russen abermals in Finnland einbrachcn u. ein neuer Krieg zwischen den beiden nordischen Mächten sich entspann, ward er zum Chef einer Brigade ernannt. Er nahm unter Klingspor theil an den Schlachten von Sikajoki 18. April n. Sawolax 28. April, führte dpn Rückzug der Schweden nach Uleä gegen die Übermacht der Russen, schlug am 24. Juni bei Nen-Carleby den russischen General Janko- : witsch u. säuberte die Provinz Karelien vom ; Feinde. Am 2. Sept. ward er bei Kuartane u. 204 Adlcrfarn — am 14. dess. M. bei Oravais von den Russen unter Kamenski geschlagen u. sah sich genöthigt, nach Mt-Carleby zurückzugehcn. Bei der Thron- revolution 1809 in Schweden spielten A., Kling- spor u. Silfverstolpe die Hauptrollen; er war es, der iu das Zimmer des Königs eindrang u. im Namen der Nation denselben verhaftete. Nachdem der Herzog Karl von Südermanland zum Reichsverwescr proclamirt worden war, ward A. zum Geuerallicutenant erhoben. 1813, im -Kampfe gegen Napoleon I., war er bei der Nord- armee unter Feldmarschall Stediugk Chef des Generalstabes u. machte 1814 den kurzen Feldzug gegen die Norweger mit. Nach Beendigung desselben wurde er in den Grafeustand erhoben u. erhielt den Serafincnordcn; er st. 21. Ang.1815. Adlcrfarn ist Uteri s agnilina. Adlerfeldt, Gustav v., schwedischer Geschichtschreiber, geb. 1671, begleitete den König KarlXII. auf seinen Kriegszügcn, über die er ein genaues Tagebuch führte, das, bis zu seinem Tode bei Pultawa 1709 fortgeführt, als Hist, milit. äs Oliarlss XII. Roi äs Lnsäs äspnis 1700 jns- Pr'ä In batrullo äs Unlta>vs. su 1709, Amst. 1740, 4 Bde., u. Paris 1741 erschien. Adlcrholz (Bot.), 1) das officinelle A. oder Aßpalatholz von Xguilaris, malaeesnsis Ham. oder X. ovuta L., einem in Ostindien u. Malakka einheimischen Baum (X. 1), Familie der Agnilariaceen. Hoher Stamm niit granrother Rinde n. blaßgclbcm Holze, eiförmig zugcspitzte, ganzrandige Blätter n. gelbe, dichtstehende Blümchen; die spitzen schwarzen Samen in holzigen Kapseln. Das A. kommt in hellbraunen, matten, leichten, nicht sehr harzreichen Stücken vor, die an Glas gerieben keinen Harzflcckcn hintcrlasscn, wie das wahre Aloeholz. Beim Erhitzen verbreitet es einen angenehmen Geruch. Es enthält ätherisches Ol und Harz und wurde wie daS wahre Aloeholz verwendet. 2) Holz von lüxsossaria Xgullooba, 71. (Familie der Enphor- biacecn), einem in Ostindien u. Ceylon einheimischen niederen Baum, der einen höchst scharfen Milchsaft enthält; der Name A. ist ganz falsch n. aus dem portugiesischen ?oa> ä'aUla entstanden; 3) so v. w. Alo'cholz (s. d.). Adlerorden, 1) vom Herzog Albrecht V. von Österreich, nachmaligem Kaiser Albrecht II., 1433 gestiftet. Zeichen: ein silberner Adler mit aus- gcbreiteten Flügeln, in den Krallen einen Zettel mit der Devise: Thue Recht! haltend; ging bald wieder ein. 2) Goldncr A. in Württemberg, s. Württemb. Kronenorden. 3) Weißer A. in Rußland, ursprünglich ein polnischer Orden, gestiftet von König Wladislans IV. von Polen 1326, wurde von König August II. von Polen am 1. Nov. 1708 erneuert, vom König von Sachsen als Herzog von Warschau 1807 abermals er- thcilt, 1815 darauf vom Kaiser von Rußland, Alexander I., als König von Polen in der polnischen Verfassung zum ersten Orden des Reiches erklärt u. endlich durch das Organische Statut vom 26. Febr. 1832 in die Reihe der russischen! Orden ausgenommen, unter denen er als 4. hin-! ter dem Nlexandcr-Ncwskij-Orden rangirt. Der! Orden hat nur eine Klasse, u. das Ordenszcichen; - Adiersparrc. besteht jetzt in einem roth emaillirten Kreuze mit dem weißen Adler im Mittelschilde, der Königs- kronc, goldenen Flammen in den Winkeln; an einem breiten hellblauen Bande über die rechte Schulter zu tragen; dazu wird auf der Brust ein goldener Stern mit weißem rothgerändertcm Kreuz in der Mitte u. der Devise: I?ro kiäs, rs§s st IsAs getragen. 4) Der Schwarze A. in Preußen wurde bei der Krönung von König Friedrich I. zur Hebung des Ansehens des neuen Königreiches gestiftet; 17. Januar 1701 die ersten Ritter desselben ernannt. Großmeister des Ordens, der nur aus einer Klasse besteht und der höchste in Preußen ist, ist der König, jeder seiner Söhne ist geborener Ritter desselben. Sonst erhalten den Orden nur auswärtige Fürsten u. deren erste Würdenträger, inländische Militärs und Civil- beamte, sofern sie bereits im Rang eines Gene- rallicutenants stehen. Der Orden besteht in einem hellblauen Kreuze mit Adlern in den Winkeln n. der Chiffre 17 3. im Mittclschilde, welches an breitem orangefarbigem Bande über die linke Schulter getragen wird; dazu auf der Brust ein achtspitziger silberner Stern mit schwarzem Adler in orangefarbigem Felde u. der Devise: 8unm onigns. Bei besonderer Auszeichnung ist der Orden mit Brillanten versehen. 5) Der Rothe A. in Preußen, als Orärs äs In sinssrite 1705 vom Erbprinzen Georg Wilhelm von Bayreuth gestiftet, 1777 neu constituirt, 1792 zum zweiten Orden in Preußen erhoben, umfaßt seit 18. Jan. 1830 vier Klassen, denen König Wilhelm bei der Krönung 18. Octbr. 1861 als oberste das Großkreuz hinzugcfügt hat. Von allen Klassen wird das gleiche Ordenszeichcn, nur in verschiedener Größe getragen: ein weiß emaillirtes Kreuz ohne Spitzen, auf dessen weißem Mittelschilde sich ans dem Avers der gekrönte rothe Adler, auf dem Revers die Chiffre 1'. IV. mit der Krone darüber befindet; an weiß gewässertem Bande niit breiten orangefarbenen Streifen u. schmalen weißen Rändern. Zur I. Klasse, sowie für die ältesten Ritter II. Klasse wird noch ein silberner achtspitziger Stern mit dein rothen Adler, auf dessen Ernst das hohenzollcrnschc Wappen mit der Devise: Linosrs st constanter, ans der linken Brust zu tragen, verliehen, für langjährige Dienste auch Brillanten. Als besondere Auszeichnung erhalten Ritter I. Klasse, wenn sic schon Ritter II. n. III. Klasse waren, den Orden mit Eichenlaub, 3 goldene Eichenblätter am Kreuz und der oberen Spitze des Sterns; Ritter III. Klasse, die vorher schon die IV. Klasse hatten, eine Schleife von der Farbe des Ordensbandes am Ring über dem Kreuze; allen Klassen werden für kriegerische Thatcn die Schwerter zum R. A. verliehen. Die I. Klasse trägt den Orden an breitem Bande um die Schulter, die II. Klasse am Halse, die III. u. IV. an schmäleren, Bande im Knopfloch. Tie Schwarzcn-Adler-Rittcr, die mit diesem die I. Klasse des Rothen Adlcrordens zu führen von selbst berechtigt sind, tragen den letzteren an ! einem etwas schmäleren Bande um den Hals. ! Adiersparrc, 1) Georg, Graf A., schwedi- ! scher General, geb.28.März1760in der schwedischen ; Prov. Jcmtland, stndirte in Upsala, trat 1775 in Adlcrstcüic — Admüiistratwjustiz. 205 schwedische Militärdienste, ward bald Offizier u. focht 1788 gegen Rußland; 1791 erhielt er eine Sendung, um die Jnsurrection Norwegens gegen die dänische Regierung ins Werk zu setzen. Nach - Gustavs III. Tode nahm er als Rittmeister feine Entlassung u. gab eine in liberalem Sinne ge-^ halteue Zeitschrift: Oäsnin§ i blanäacko binnen; (1797—1801) heraus. Er wurde 1808 als Major! wieder eingestellt, nahm thcil am Kriege gegen^ Dänemark in Norwegen, stieg bald zum Oberstlieutenant u. befehligte eine Abtheiluug der Wcst- armce. In die Verschwörung gegen Gustav IV. verwickelt, rückte er mit seiner Äbtheilung über Karlstad gegen Stockholm vor, worauf der König durch den General Adlercrcutz am 13. März 1809 verhaftet u. der Herzog von Südcrman- land als König ausgerufcn wurde. A. ward nun zum Staatsrath ernannt u. in den Freiherrnstand erhoben, avancirte zum Obersten und Generaladjutant, trat aber, weil die Revolution nicht nach seinem Wunsche verlief, 1810 aus dem Staatsrath u. ward Landshöfding in Skaraborgs- Län. Karl XIII. erhob ihn in den Grafenstand u. machte ihn 1817 zum Rcichsherrn. 1820 zog er sich ins Privatleben zurück. Als er 1831 Actenstücke zur älteren und neueren Geschichte Schwedens hcransgab, worin mehrere geheime Staatspapiere u. Briefe Karls XIII., des Prinzen Christian August, der Grafen Engerström u. Wetterstedt abgcdruckt waren, verklagte ihn der Graf v. Wetterstedt, der sich dadurch eompromit- tirt fühlte. Obgleich zu einer Geldstrafe ver- urtheilt, ließ A. die Fortsetzung dennoch erscheinen. Er st. 23. September 1835 zu Gnstafsrik in Wermland. 2) KarlAng., Graf, Sohn des Vorigen, schwedischer Schriftsteller, geb. 1810, gest. 1862. Er schrieb außer Gedichten, Stockh. 1830, u. Novellen besonders die historischen Werke: 1809 XrL rovolntiou, Stockh. 18-19, 2 Bde.; 1809 oeir 1810, liclgtaklor. ebd. 1849, 3 Bde.; Xn- tvkmng'ar om bort§änAus Lamticka, ebd. 1860 —62, 3 Bde. 3) Sophie Albertine, Schwester des Vorigen, geb. den 6. Mürz 1808 auf Öland, widmete sich der Malerei u. besuchte in Stockholm das Atelier des Bildhauers Qvarnström u. des Malers Ekman, feit 1838 das des Malers Cogniet in Paris und copirte hierauf in Dresden eine Anzahl der besten italienischen Bilder, darunter die Sixtinische Madonna in der Größe des Originals (in der katholischen Kirche zu Christiania), sowie einige Murillos; 1851 — 54 war sie in Italien, wo sie katholisch wurde, und starb 23. März 1862 in Stockholm. Sie malte auch Porträts der schwedischen Königsfamilie u. des Papstes Pius IX. Adlerstcine (Aetiten), kugelförmige, innen oft hohle Concrctionen, die namentlich bei Thonen u. Mergeln, auch Thoneiscnsteinen Vorkommen und deren Bildung man sich durch Austrocknen der im Wasser abgesetztcn Steine erklärt, wobei die Masse sich um einen Mittelpunkt zusammcn- zicht. Die innen hohlen haben häufig einen losen Kern, der beim Schütteln klappert u. dann Klapperstein genannt wird; wenn nicht, heißen sie stumme A.; sind die Höhlungen mit Erde ungefüllt: Groden, mit Wasser: Enhydren. Plimus schrieb ihnen Heilkräfte zu, namentlich bei Entbindungen. kä libitum (lat.), I) nach Gutdünken; 2) (Mus.) Andeutung, daß ein Instrument oder eine Stimme unbesetzt bleiben darf, meist eine Füllstimme, wodurch nur der Stärke etwas, der Harmonie aber nichts entzogen wird; 3) musikalische Vor- tragsbezeichuung, wodurch die Ausführuugsweise einer Stelle dem Belieben des Spielers überlassen wird. üä majoeem äoi gloeiam (lat.), zum größeren Ruhme Gottes. N-lmouirionis, Zurechtweisung erst unter 4 Augen,! dann in Gegenwart eines oder zweier Zeugen s und endlich vor der ganzen Gemeinde. War. diese fruchtlos, so verfügte die Kirche die Aus-! schließung. Admont (sonst aä Limites), Marktflecken im Bez. Lichen des östcrreich. Hcrzogthums Steter-! mark, au der Enns u. der Kronprinz-Rudolfs-! Bahn, Beuedtctincrabtci mit reicher Bibliothek, Museum, theologischer Lehranstalt und Privat- Gymnasium, Senseuschmiede; 1880 Ew. Die Abtei, mit den Mitteln der Gräfin Gemma 1074 von dem Salzburger Erzbischof Gebhard Grafen Helfenstein gegründet, brannte 27. April 1865 fast gänzlich ab, ist aber seitdem in gothischem Stil neu aufgebaut; sie hat 88 Pfarreien mit 50,000 Seelen u. ein Areal von 1100 Hjleiu. In der Nähe die beiden Lust- u. Jagdschlösser Röthelstcin u.! Kaiserau. Der A. umgebende Gebirgszug (Ad-! monier Alpen) steigt bis 2200 m auf. Vgl.! Fuchs, Geschichte des Stiftes Admont, 2. Ausl.,! Gratz 1861. „ ! All osusenm usque (lat.), bis zum Ekel, Über-! drnß. ! /lei notsm (lat.), zur Bemerkung; daher ack! uatuw nehmen, sich etwas bemerken; adnotiren,! ! aufzeichnen, bemerken; L-änotamIs-, Bemerkens- ' wertstes; ^.ävotata, Angemerktes, Bemerkungen. Adnotation, 1) Anmerkung; 2) Antwort des Papstes auf eine Bittschrift mittels seiner Unterschrift; 3) Anwandlung, Anfang von Fieberanfällen. Ado, geb. 799 zu Sens, Benedictincr zu Ferritrcs, 860 Erzbischof von Vienne, war eine Hauptstütze des Papstthums im südlichen Frankreich; st. 875. Schrieb ein Martyrologium und eine Weltchronik; aus letzterer Auszüge bei Pertz' Loript. II. Adoa (Adowa, Adua), Hptst. der Landschaft Tigre in Abessinien, am Assam auf einer 1488 m ü. d. M. gelegenen fruchtbaren und bevölkerten Ebene; Fabriken baumwollener Wanren; 5000, nach And. nur 2000 Ew.; dabei die Grotten Ea- lam-Ncgus mit Grabmätcrn; östlich davon der 2772 m hohe Vulcan Scmayada. Ädöa (v. Gr.), Gcschlcchtstheilc, besonders die äußeren. Ädöolatrie, die Verehrung der Ge- schlcchtstheile, welche bei verschiedenen Völkern des Alterthums eine große Rolle spielte, so in Ägypten, Indien, Griechenland re. (Lingam- u« Phalluscultus). üi> ooulos (lat.), vor Augen; daher ucl ooulos dcmonstriren, einen augenscheinlichen Beweis' führen. Adolf (nicht Adolph, ans einem gothischen Namen, der latinisirt L.ta-u1tüs lautet, u. dessen -ulkus — goth.vulks, Wolf). 1) A. von Nassau, deutscher 2. Sohn des GrafenWalram IV. von Nassau, geb. zwischen 1250 u. 1255, folgte seinem Vater in Nassau, erwarb sich unter Rudolf von Habsburg kriegerischen Ruf, namentlich in der Schlacht bei Worringen (5. Juni 1288) u. ward nach dessen Tode, 5. Mai 1292, von den deutschen Kurfürsten in Frankfurt zum König der Deutschen gewählt. Da er zum Nachtheil der rechten Erben vom Landgrafen Albrecht 1293 Thüringen kaufte und bei dessen versuchter Besitzergreifung Grausamkeiten verübte, wurde er von einem Theil der Kurfürsten (Mainz, Sachsen und Brandenburg) nach Frankfurt geladen, um sich zu verantworteti, und, da er nicht erschien, sondern, gestützt auf den niederen Adel und die Städte, die er sehr begünstigte, mit Hcercsmacht gegen Frankfurt zog, am 23. Juni 1298 abgesetzt u. fiel 2. Juli Lcss. I. in der Schlacht bei Göllheim gegen den Gcgcnkönig Albrecht von Österreich, s. Deutschland; vergl. Kvpp, König A. u. s. Zeit, Berlin 1862; L. Schmidt, Der Kampf um das Reich zwischen A. u. Albrecht, Tüb. 1858; Pregcr, A. von Nassau und Albrecht' von Österreich, Leipz. 1869. Über A-s Wahl schrieben neuerdings Ennen, Köln 1866; Lorenz, Wien 1869, u. L. Schmid, Wiesb. 1870. 2) A. Friedrich, König von Schweden, Sohn des Herzogs Christian August von Holstein-Eutin u. der Prinzessin Albertine Friederike von Baden, geb. 1710, seit 1727 Bischof von Lübeck u. 1739 Landesadministrator v. Holstcin-Gottorp, wurde am 3. Juli 1743 zum König von Schweden gewählt u. bestieg 1751 den Thron; st. 12. Fcbr. 1771, s. Holstein u. Schweden. Er ist Gründer der Akademie der Wissenschaften zu Stockholm; warfest Adon — Adonis. 209 1744 vermählt mit Louise Ulrike, Schwester Friedrichs I. von Preußen; sein Nachfolger war sein Sohn Gustav III. 3) A. VIII., Herzog von Holstcin-Gottorp, 3. Sohn Friedrichs I., Königs von Dänemark, Stifter der Linie 1544; st. 1586; s. Holstein. Er war seit 1564 vermählt mit Landgräfin Christine von Hessen. 4) A. I., Graf von Kleve (als Graf von Mark A. III., als Graf von Berg A. X.), ein Graf von der Mark, war erst Bischof von Münster, wurde dann 1362 durch Papst Urban V. zum Erzbischof von Köln ernannt, jedoch ward seine Ernennung vom Ca- pitel angefochten, weshalb er 1363 seine geistlichen Stellen niedcrlegte u. Margarethe, Tochter des Grafen von Jülich u. Berg, Heirathete. Als diese bald den Schleier nahm, erhcirathete er um 1370 mit Margarethe, der Nichte des letzten Grafen Johann u. Tochter des Grafen Dietrich IX. von Kleve, diese Grafschaft u. folgte Ersterem, erhielt auch die Grafschaft Mark nach dem Tode feines älteren Bruders Engelbrecht 1392 u. st. 1394 zu Kleve; s. Kleve. Er war Stifter des Narrenordens. 5) A., Fürst von Nassau-Dillenburg, SohndesFürstenLudwig Heinrich, geb. 1629, stiftete durch seine Bermäbl- nng mit der Erbin der Grafschaft Holzappel u. Herrschaft Schaumburg die Linie von Nassau- Schaumbnrg, die jedoch mit ihm wieder erlosch (st. 1676), da sein einziger Sohn noch vor ihm selbst starb. Durch die Vermählung seiner jüngsten Tochter Charlotte mit dem Prinzen Leberecht von Anhalt-Bernburg entstand das Hans Anhalt- Bernbnrg-Schanmburg; s. Anhalt. 6) A. I-, Graf von Altena, 1193 zum Erzbischof und Kurfürsten von Köln erwählt, krönte Philipp von Schwaben zu Aachen und wurde deshalb von Otto IV. 1205 entsetzt; s. Köln (Erzstift) 7) A. I., Graf von Nassau, Bischof von Speier, zum Erzbischof von Mainz erwählt 1373, trat erst 1380, als er Speier aufgab, die Regierung an u. st. 1390. Er ist der Gründer der Universität von Erfurt, wo er residirtc. 8) A. II., Graf von Nassau, 1461 vom Papst eingesetzt, hatte mit Diethcr von Isenburg wegen des Erzstistes blutige Fehde, überfiel 1462 Mainz, erhielt dasselbe durch Vergleich zu Frankfurt 1463 u. starb 1475; vgl. Mainz(Erzb.). 9 ) A. Johann, Herzog von Sachsen, geb. 4. Scpt. 1685. Anfangs General der hessischen Truppen, trat er 1710 in die Dienste des Kurfürsten von Sachsen August II., Königs von Polen, u. zeichnete sich ini Kriege gegen die Türken 1718 aus. Als sein Bruder 1736 st., folgte er ihm in der Regierung von Sachscn- Weißcnfels nach n. st. 16. Mai iVN. Sein Leben ist beschrieben in: Merkwürdiges Leben u. Thaten Herzog Joh. A-s zu Sachsen; Frkf. u. Leipz. 1744. 10 ) A. Wilhelm Karl August Friedrich, Herzog von Nassau, Sohn des Herzogs Wilhelm, geb. 24. Juli 1817, folgte seinem Vater am 20. Aug. 1839; s. Nassau; wurde 1866, da er sich auf Österreichs Seite gestellt, von Preußen dcpossedirt u. sein Land einverleibt, wogegen ihm aber, neben einigen kleinen Besitzungen in Nassau, eine Abfindungssumme von 8^ Mill. Thlr. zugestanden wurde. Den Verlockungen Napoleons III. beim Ausbruch des Pierers Unweesal-CoiiversationL-Lexikon. S. Aufl. I deutsch-französischen Krieges 1870 gab er kein Gehör, was ihn in der öffentlichen Meinung nicht wenig hob. Vermählt 1844 mit Großfürstin Elisabeth (st. 1845) n. seit 1851 in 2. Ehe mit Adelheid von Anhalt-Dessau; sein Sohn Wilhelm ist geb. 1852. 11 ) A., Fürst zu Schanmburg- Lippe, älterer Sohn des 1860 verstorbenen Fürsten Georg, geb. 1. Aug. 1817, studirte seit 1836 m Leipzig u. Bonn u. trat, nachdem er bis 1841 Reisen in Österreich, Ungarn und Italien gemacht hatte, 1842 in ein preuß. Husarenregiment zu Düsseldorf u. folgte am 21. Nov. 1860 seinen! Vater in der Regierung; er ist prenß. General der Cavallerie n. seit 1844 vermählt mit Hermine, geb. Prinzessin zu Waldeck-Pyrmont. 12) A. Friedrich, Herzog von Cambridge, Prinz von Großbritannien; s. Cambridge 1). Adon (hebr.), Herr, wovon Adonai (Plur. mit Suffix), eigentlich „mein Herr", von den Hebräern jedoch nur von Gott gebraucht. So lesen die Inden bis auf den heutigen Tag auch überall in den Stellen des A. T., wo der hebr. Urlext Jehova (eigentlich Jahve) sich findet, um nicht diesen Gottesnamen durch profane Aussprache zu entweihen. Adonis, die griechische Umbildung des hebr. Adon (s. d.), also eigentlich „Herr" bedeutend, erscheint in der griechischen Sage als Sohn des Phönix n. der Alpbesiböa, oder auch des Kinyras n. seiner Tochter Smyrna oder Myrrha. Diese war, durch Aphrodite mit Liebe zu ihrem Vater erfüllt, von demselben unbewußt umarmt worden; u. als Kinyras, nachdem er dieses gewahr geworden, sie tödten wollte, floh sie, wurde zwar von ihrem Vater eingeholt, aber von den Göttern auf ihr Flehen in den Myrrhenbanm verwandelt. Noch während der Verwandlung barst der Baum, u. es erfolgte die Geburt des A. Er wurde von den Nymphen des Waldes erzogen. Aphrodite erkor ihn wegen feiner Schönheit zum Geliebten u. vertraute ihn der Persephone an. Auf die Weigerung der Todesgöttin, ihn zurückzugcben, bestimmte der zur Entscheidung aufgeforderte Zeus, daß A. einen Thcil des Jahres bei Persephone, den anderen aber bei Aphrodite bleiben u. über den dritten nach eigener Wahl entscheiden sollte; diesen fügte A. dem Theil der Aphrodite bei, so daß er 2 Drittel des Jahres auf der Ober-, 1 Drittel in der Unterwelt verweilte. Er wurde auf der Jagd, welche er sehr liebte, von einem Eber getödtet; Aphrodite verwandelte sein Blut in eine Anemone. Der Ursprung dieser Mythe geht auf den Orient zurück, worauf schon der Name (s. o.) führt. A., „Herr", ist lediglich ein Beiname des Thammuz, der schon in den alten, in Keilschrift uns erhaltenen Epen der Babylonier als Liebhaber der Venus-Jstar erscheint. A-Thammuz gab schon bei ihnen dem vierten Monat (unserem Juni entsprechend) den Namen. Von Babylonien verbreitete sich sein Cult nach dem Westen, besonders nach Phönicicn, wo er vornehmlich in Byblos verehrt ward (der in der Näbe dieser Stadt vorübcrziehcnde Fluß A., jetzt Nähr el Ibrahim, hat nach ihm den Namen). Bald nach den Pcrserkriegen drang der A-Cultus auch in Griechenland ein. A. ist das I. Band. 14 210 ^.äouis Adoption. Sinnbild deS raschen Wechsels in der Natur ' zu Frankfurt (794) wurden die A. verdammt, des BlühcnS u. Berwelkens. des Sonnen-Auf-! Auf einer Synode in Aachen (799) bewog Alcnin n. Unterganges. Bei den ihm zu Eyren ge- den Felix, der von seinem Widerruf zurückge- feierten Festen (Adonia) war der erste Theil ein, treten war, zum Nachgeben, während Elipandns wurde als Freudenfest gefeiert (Heuresis), woben Tuns Seotns u. DurandnS a St. Porciano lns- nnter Jubel dieselben Gefäße, mit den aufge- gangcnen Gefämcn (A-Gärten), umhergetragen wurden. Bei diesen Festen wurde das Bild des fen den Ausdruck Ililins nckoptivus in gewissem Sinne gelten. In der katholischen Kirche ver- theidigte der Jesuit Gabriel Vasqnez 1606, unter A. (Adonlvn) ausgestellt. Die prächtige Feiernden Protestanten G. Calixt 1643 die A. Vgl. des A-Festes in Alexandria, wo der Frendentag!Helfferich, Der westgoth. Arianismus u. d. span, dem der Trauer voranging, wird in dem Theo-! Ketzergcsch., Berl. 1360. kritschen Idyll Adoniazn'sä geschildert. Auch! Adoption (v. lat. ^äoptio). Annahme an Ovid besang den A. in seinen Metamorphosen.! KindeSstatt; die in gesetzlicher Form erfolgte Anf- Jn Rücksicht auf des A. strahlende Schönheit!nähme einer Person in das bürgerlich-rechtliche nennt man einen durch körperliche Bildung ans-! Verhältnis; eines Kindes oder Enkels. Sie heißt gezeichneten Mann einen „Adonis". j Arrogation Jlrrogatio). wenn der Aufzuneh- äciünis 11. (Blutströpfchen), Pflanzcngattung mende unabhängig von väterlicher Gewalt war, aus der Fam. der Ranunculaceen (XIII. 2) mit! oder ?l. im engeren Sinne (Dativ in acloptionem), Isanligen Nüßchen, in der Knvspenlage dachigem^wenn das Adoptivkind noch in der Gewalt eines Kelch n. ohne Honiggrube am Grunde der Bln-! Anderen stand. Als eine Ergänzung der man- mcnblätter. Arten: -1. vernalis L.. in Deutsch-1 gelnden eigenen Zeugung und zum Tröste der land auch iu Gärten cultivirt, mit großer, gelber Kinderlosen cingcführt, erfordert die A. bei Blume, faseriger, schwarzer, statt der schwarzen dem Adnvtivvater in der Neael ein Alter von Nieswurz eingejammelter Wurzel; H.. aestivalis H. (Sommeradonis, Tenfelsauge), im Getreide häufig, mit blutrothcr, auch gelber, am Grunde der Blumenblätter schwnrzgeflecktcr Blüthe; ^1. autnmnalis L. (Adonisblnme, Adonisröschen), in England und am Kaukasus, mit dnnkelblut- rotheu Blnthcn; X. tiauuusa ./acy..mit zinnober- rothen, manchmal gelbenBlüthen, wächst da u. dort auf Äckern. H. vesieatoria D. M (Blasenziehender A.), am Cap; die Blätter dienen dort als blasenziehendes Mittel. Hierher einige beliebte Zierblumen: vsrnalis, ausdauernde, 20 cm hohe Stande für das freie Land, blüht im März u. April, wird durch Theilung vermehrt, liebt öfteres Verpflanzen nicht, läßt sich bei müßiger Wärme auch im Winter antreiben; X. autmnnalis (Adonisröschen), Ijährig, gedeiht leicht bei Aussaat ins Freie. Adonischcr Vers, Vers, aus einem Daktylus u. einem Trochäus bestehend, an dessen Stelle auch ein Spondeus treten kann (— ^ — 7, z. B. Leiche des Cäsar), fast nur als Schluß der sapphischen Strophe verwandt. Adoptianer, im 8. Jahrh. die Anhänger des Elipandns, Erzbischofs von Toledo, u. des Felix, Bischofs von Urgel in Spanien, die gegen Me- letius behaupteten, Christus sei zwar nach seiner göttlichen Natur wahrhaftig Gottes eigener Sohn, vom Vater gezeugt, aber nach seiner Menschheit nur ein angenommener Sohn (kllius aäoptivns) Gottes, und als solcher nur dem Namen nach Gott. Anfangs beschränkte sich der Adoptianische Streit auf Spanien, wo man die A. des Nesto- rianismus beschuldigte, weil sie 2 Söhne Gottes iu Christus unterscheiden wollten. Als aber die Lehre in Frankreich Eingang fand, mischte sich Karl der Große mit seinem Theologen Alcuin in die Sache. Felix mußte in Regensburg (792) u. dann in Rom widerrufen, u. auf der Synode dem Adoptivvater in der Regel ein Alter von 60 Jahren, das Entbehren eigener ehelicher Nachkommenschaft unter seiner Gewalt, oder wenigstens die Bedingung, daß die A. jener nicht znm Nachtheil gereicht. Frauen können, weitste keine väterliche Gewalt ausüben und erwerben, nur zur Begründung eines wechselseitigen Erb- folgercchtes, eigentlich blos bei dem Verluste der eigenen Kinder, unter landesherrlicher Genehmigung adoptiren. Die A. darf endlich weder dem Adoptivkinde, noch einem Dritten znm Nachthcil gereichen, und kann daher auch nicht geschehen, wenn der zu Adoptirende widerspricht, od. wenn Eltern oder Großeltern, die das Adoptivkind bisher in ihrer Gewalt hatten, oder die cs außerdem darin erhalten würden, ihre Einwilligung dazu nicht geben, sowie bei der Arrogation eines Unmündigen eine Untersuchung der Zuträglichkeit für diesen, die Einwilligung seiner nächsten Ver-- wandten u. seines Vormundes, sowie eine Bürg- schaftDessen, der arrogirt, vorausgchcn muß, daß er das Vermögen des Kindes nebst Allem, was durch das Kind erworben ist, demselben bei seiner Emancipation, oder für den Fall des Ablebens desselben während der Unmündigkeit dessen bisherigen natürlichen Erben ausliefcrn wolle. Gibt der Vater seine leiblichen Kinder einem Anderen in A., so bleibt ihr natürliches Kindcsverhältniß. unberührt; nur erhalten dieAdoptirten einJntcstat- erbrecht (sogenannte ackoptio minus plsna). Die Arrogation bedarf auch jetzt noch der landesherrlichen Genehmigung, die Ä. der des zuständigen Gerichtes, die durch Bestätigung des nach Preuß. u. Franz. Rechte, wie nach anderen Loudesgesetzen stets schriftlichen Adoptionsvertrages, in Frankreich durch ein förmliches Urtheil zweier Instanzen u. Eintragung in das Civilstandsregister erfolgt. Die Wirkungen der Arrogation bestehen darin, daß das angenommene Kind durchaus in das Verhältniß eines natürlichen tritt, so lange Adoptionslogcn — Adore. 211 es nicht selbst wieder vom Vater emancipirt wird,' mithin dessen väterlicher Gewalt für sich u, seine^ nicht cmancipirten Kinder unterworfen ist, seinen' Namen, welcher dem des Kindes jetzt meist vor-! oder nachgcsetzt wird, und leinen höheren Stand' annimmt, auch anS allen Agnationsvcrhältnissen! mit feiner natürlichen Familie, nicht aber au^ den Cognationsvertzältnissen austritt. Die A. be-! gründet die väterliche Gewalt über den Adop-! tirten u. für diesen alle Rechte der Agnaten des ! Adoptivvaters, welcher aber an dem Vermögens des Advptirten mir die Rechte erhält, die dein! bisherigen Gewalthaber znstandcn. Mit der Emancipation hört dies ganze kindliche Verhältnis; ans, obwol keine A, von Anfang an auf eine bestimmte Zeit beschränkt werden darf. Von wirklicher natürlicher Verwandtschaft abhängige Rechte werden dadurch nicht begründet oder aufgehoben, wie der deutsche Adel, Erbfolge in Lehen und Fideicommißgüteru u. das Erblassungsrecht, Mit der A. ist nicht zu verwechseln das Verhältnis; der Annahme eines Pflegkindes, wenn Jemand als Pflegvater dasselbe freiwillig, blos um es zu ernähren u. zu erziehen, zu sich nimmt. Dies ist kein juristischer Act. Die A. findet sich schon in den Gesetzen von Athen. Am ausgeprägtesten erscheint dies Institut wegen des hohen Werthes der Familienrechte im alten Nom. Daher erfolgte dort die Arrogation nur durch Einwilligung des Volkes mittels Abstimmung in den Cnriatcomitieu nach Begutachtung des Priestcrcollegiums, später der Obrigkeit, u. nach der Auswechselung feststehender Formeln unter den Betheiligtcn; bald vertraten 30 Lictoren die Stelle der Curien, seit Galba kaiserliche Rescripte. Die A. geschah vor der Obrigkeit in Gegenwart von 5 Zeugen unter den Feierlichkeiten der Mancipation, indem der Vater das Kind an dessen Adoptivvater verkaufte, u. zwar bei einem Sohn 3mal, indem solcher 2mal vom Adoptivvater wieder frcigelassen ward, bei einer Tochter od. der A. an Enkelstatt nur einmal, Jnstinian setzte an Stelle dieser Formen die Erklärung der Betheiligten vor der Obrigkeit. Das Germanische Recht kennt die A. nicht; ihre Stelle vertritt der Erbvertrag, und da, wo dieses sich rein erhielt, wie in England, ist sie nicht angenommen, In Deutschland wird die A,, wo Römisches Recht, gilt, nach diesem beurtheilt; dasselbe ist übrigens unter geringen Abweichungen in di? meisten,neueren Gesetzgebungen ausgenommen, wie in das Österreichische Gesetzbuch u. das Prcuß, Landrecht. In Frankreich war vor der Revolution die A. nicht üblich, wurde aber nach 1793 in den 6oäa oivil art. 313 ff. ausgenommen, doch mit dem Unterschiede von der römischen A., daß durch sie nur ein dem zwischen Eltern u. Kindern ähnliches, kein demselben gleiches Vcrhältniß begründet wird. Vgl. Schmitt, Von der A-, Jena 1825. Staatsrechtliche A-en sind in neuer Zeit nur einzelne vorgekommen; so wurde 1617 der Erzherzog Ferdinand von Steiermark vom Kaiser Matthias adoptirt u, erhielt deshalb später als Ferdinand II. die Kaiserkrone u. dic östcrreichischcn Erblande; 1810 der französische General Bernadotte vom König Karl XIII. von Schweden als Nachfolger desselben statt des Hauses Wasa. Das Wittclsbacher Familiengesetz verpflichtet das letzte Mitglied dieses Hauses in Bayern, einen Prinzen aus einen; anderen deutschen Fürstenhause als Thronfolger zu adoptiren; das bayerische Vcrfassungsgesetz vom 26. Mai 1818 jTit. II.) spricht indessen hiervon nicht, hat vielmehr die Thronfolge auch für diesen Fall anderweit bestimmt gcordnet. Dem öffentlichen Recht ist überhaupt die A, unbekannt. Wo dasselbe, wie z, B. beim Geschlcchtsadel, die genetische Abstammung als Voraussetzung eines staatsrechtlichen Verhältnisses angenommen, kann diese nicht ersetzt oder singirt werden. So geht auch der Adel nicht auf den Advptirten über; diesem müßte er voin Landesherrn ausdrücklich u. besonders verliehen werden. Ebenso kann die Staatsangehörigkeit nicht durch A. begründet werden; auch der von einem Staatsbürger adoptirte Fremde muß das Unterthanenrecht auf dem allgemeinen Wege erwerben. Adoptionslogen, in der Freimaurerei die Logen, in welchen Frauen gleich den Männern rituell ausgenommen werden u. an den Arbeiten theilnehmcn. Solche wurden in Frankreich, den Grundsätzen des Freimaurcrbundcs zuwider, seit 1730 wiederholt errichtet, vom Franz. Großorient geduldet und 1774 sogar anerkannt. In diesen Logen wurden lediglich galante Spielereien getrieben. Die meisten beteiligten Damen gehörten dem höheren Adel an. Erste anerkannte Großmeisterin war die Herzogin von Bourbon, eine ihrer Nachfolgerinnen war die Prinzessin von Lamballe, welche in der Revolution so unglücklich endete. Nach der letzteren kamen die A. wieder auf, u. auch die Kaiserin Josephine bcthciligte sich daran. Unter der Restauration dauerten sie fort, u. noch gegenwärtig bestehen sie, wenn auch von; Großorient nicht mehr förmlich anerkannt. Die franz. A. haben cs bis auf 10 Grade gebracht. In anderen Ländern fanden sie nur vereinzelt u. vorübergehend Eingang, Anerkennung nirgends. Nicht zu verwechseln mit den A. sind die auch in Deutschland üblichen Schwesternlogen, in welchen die Frauen u. Töchter der Freimaurer über Freimaurerei belehrt, nicht aber in die eigcnthüm- lichen Formen und Verhandlungen der letzteren eingeweiht u. zu denselben zugczogen werden. Ädorantcn (v. Lat., Anbctende), die Partei der Soeinianer, welche Christo göttliche Verehrung zuerkannten; die Anderen hießen Xon ackorauöss. Adorante (ital., der Anbetcndc), betender Knabe niit aufgehobenen Händen, eine bekannte antike Statue im Museum zu Berlin. Adorätion (v. Lat.), 1) Anbetung. 2) In der katholischen Kirche bei der Messe die Anbetung der Hostie nach der Wandlung, indem auf das Erklingen des Meßglöckleins die Gemeinde auf die Kniee niederfällt und sich dreimal bekreuzt. 3) die Enthüllung u. Verehrung des Kreuzes an; Charfreitag. 4) Die Huldigung der Cardinäle vor dem ncugewählten Papst; besteht im Fußkuß u. geschieht dreimal, merst in der Wahlkapelle, dann in der Sixtinischen Kapelle, zuletzt in der Petcrs- kirche. Adore, schiffbarer Nebenfluß des Allier im franz. Departement Puy de Dome. 14 * 212 Adorons — Adrastvs. Adorcus (a. Geogr.), Berg in Galatien, Zweig des Didymus, östl. von Pessimis, mit den Quellen des Sangarius; jetzt Elmeh Dagh. Adorf, 1) Stadt in der Amtshnuptmannschast Plauen, dessächs. Regbez. Zwickau, an dcrElsleru. der sächs. Staatsbahn, sowie Endpunkt der Chem- nitz-Au-Adorfcr Bahn; Gerichtsamt; Maschinen- stickcrei, mechanische Spinnerei, Orgelbau, Verfertigung von Streich- und Blasinstrumenten, Bijoutcriewaaren, Cigarrcnfabrikation; 3130 Ew. Am 10. Sept. 1856 große Fcucrsbrunst. Dabei das Bad Elster. 2) Pfarrdorf im Kreise Eisenberg des Fürstenth. Waldcck; Bergbau auf Eisen und Kupfer, Marmorbrüche; 950 Ew. Dabei Eisenwerk u. die 100 m hohe Schieferwand Kap- peustcin. 3) So v. w. Aadorf. Adorrren (v. Lat.), anbeten. Adornirc» (v. Lat.), ausschmückcn. Adossireu (v. Fr.), abdachcn, abböschen; Ados- semcnt, Abdachung, Abböschung, Dossirung; Ados, ein schräg auflaitfendes Gartenbeet. Adouciren (v. Fr.), 1) besänftigen; 2) einer Waare das Rauhe benehmen, z. B. Theilcn von Uhren, Edelsteinen rc.; 3) Metalle, besonders Eisen u. Stahl, durch Glühen u. verschiedene Zusätze, welche denn Eisen seine Sprödigkeit nehmen, weich machen; vgl. Tempern; 4) (Maler.) die ungebunden neben einander gesetzten Farben durch eine.! weichen, breiten Pinsel verschmelzen. Adour, Fluß in SFrankreich, entspringt ani Paß Tourmalet im Deport. Hoch-Pyrenäen, in 1031 m Höhe, vereinigt sich mit der vom Pic dÄrbizon kommenden Seonbc, durchfließt das Campancrthal, nimmt den A- de Lcsponne auf, tritt in die Deport. Gers u. Landes, vergrößert sich durch den Arros, Gabas, die Midouze, den Louts, den Luy, die Gave de Pan, bildet dann die Grenze zwischen den Deport. Landes u. Nieder- Pyrcnäen, nimmt noch Vidonze, Aran, Ar- danabia, Nive auf u. mündet bei Bayonne nach einem Laufe von 335 1cm, von denen 1L8 schiffbar sind, in den Biskayischcn Meerbusen. Er hieß im Altcrthum Nturus. Aäoxs L., Pflanzengattung aus der Farn, der Caprifoliaccen (VIII. 4). Einzige Art: A.. mosoüatoliina L. (Bisamkraut, Bisamhahneufuß), in schattigen Borhölzcrn u. an Zäunen wachsendes, zierliches, nach Moschus riechendes Pflänzchen mit 2—Ztheiligem unterständigem Kelche, 4—ölappigcr, gelbgrüulicher, radförmiger Blumenkrone, 8—10 Staubfäden u. Aheilig fiederlappigen Stengelblättern. üä patres (lat.), zu den Vätern (sich versammeln), sterben. A Adstriction (v. Lat.), Zusammenziehung. Daher Adstringircn, zusammcnziehen; Ndstringi- rcnde Mittel (,4c1strinASntia), zusammenziehende Mittel, diejenigen Arzneien, welche die Gewebe der berührten Theile dichter u. fester machen, indem sie theils Flyern n. Zellen verkleinern ! (z. B. Alaun), theils thicrischc Flüssigkeiten zum ! Gerinnen bringen (z. B. Eiwcißgchalt durch ! Miueralsäuren, Gcrbestosf n. Höllenstein); äußerlich besonders zur Stillung von Blutungen benutzt. tlä turpis nemo obiigstur (lat.), zum Schändlichen ist Niemand verpflichtet. Adu, in der jüdischen Zeitrechnung die Verlegung des Neujahrstages auf den Tag nach dem Tage des mittleren Neumondes, welcher der nächste an der Herbstnachtgleiche ist, sobald der ! erste Neumond des Jahres auf cinen Sonntag, ! Mittwoch oder Freitag fallt. > Aduntuci (a. Gcogr.), Volk im belgischen Gallien, ein Theil (6000 Mann) der in Gallien cinge- drnngcncn Cimbern n. Teutonen, welche, während die Änderen südwärts zogen, zur Bewachung des Gepäckes zurückblieben u. sich dann westl. von der Maas ansicdelten; sic wurden von Cäsar nach kräftigem Widerstande 57 v. Ehr. vernichtet. /V (tue (ital. Mus.), zu zwei; so a eins vooi, für 2 Stimmen; a eins stramanti, für 2 Instrumente; n eins maul, für 2 Hände. Aduer (a. Gcogr.), reiches, mächtiges, aber verweichlichtes Volk im südlichen Theil dcsLugdu- ncnsischen Gallien; sie standen lange an der Spitze aller gallischen Völkerschaften, waren aber später durch die Sequancr in den Hintergrund gedrängt worden; sie knüpften zuerst unter den gallischen Völkern freundschaftliche Verbindungen zum Schutze vor ihren Gegnern mit Cäsar an, der auch ihr früheres Ansehen wieder hcrstellte. Ihr jährlich von den Priestern gewählter Fürst (Bergobrctus) durfte nie die Grenze des Landes überschreiten. Ihre Hauptst. warBibractc (Augustodunum,jetzt Autun). Adüla, zu Römerzeitcn Bezeichnung dcr vom Gotthard östl. gelegenen Alpenkette, heute einer mächtigen Centralmassc dcr Granbündner-Alpcn (Schweiz), in deren Eis-Revieren die Quellen des Hinterrheins entspringen. Von der A-Gruppe laufen das deutsche Rhcinwaldthal, die italienischen Thäler Val Mesocco (durch welches die Straße des Bernhardin-Passes geht), V. Calanca u. V. Blcgno, sowie nördl. die romanischen Thäler des Medelser Rheins (durch welche der Paß über den Lukmauicr geht.), das V. Somvix u. V. Lugnetz ! ans. Höchster Punkt das Rheinwaldhoru oder Piz Valrhein, 3398 m, mit dem Zapport-Glet- scher, zuerst erstiegen 1789 vom Bencdictincr- Mönch Placidus a Spescha aus Disentis. Das Gufferhvrn, 3393 m, erstieg zuerst Weilenmann ans St. Gallen 1859. ! Adular heißen die meisten klaren Varietäten ^cs Kalifcldspathes; s. Feldspath. Er ist benannt nach seinem schönen Vorkommen auf dem St. Gotthard, den man früher für den Mons Adula der Alten hielt. Ndnlireu (v. Lat.), schmeicheln, speichellccken. Adülis (Adule), im Alterthum Stadt iu Äthio- 216 Adullam — Advocat. pien am Adulitanischcn Meerbusen, Marktplatz der Adulitü, starker Handel mit Etfenbein, Nilpferd- Häuten, Schildpatt, Sklaven re. Ruinen derselben, von dichtem Buschwerk umwachsen, am Fuße des Dschebcl Geddem,unweit der franz. Besitzung Mcrsa Dola an der WSeite des genannten Busens. Hier von Kosmas Jndikoplenstcs gefundene griechische Inschriften (Acknlitanum monnmsntnm) enthalten die Thaten des Ptolemäus Eucrgetes u. A. u. stammen vermnthlich aus dem Anfänge des 2. Jahrh. n. Ehr. (Vgl. Vivien de St. Martin, Lolairsisasmonts tz'öo§rapti. st llistor. snr l'in- seription cl'Aänll!?, Paris 1864.) — Der Golf von Adulis (jetzt Gnbct Kafr ul Asuleh) ist eine Bucht zwischen dem Ras Geddem m der NSpitze der Insel Bnri (Asorte) mit gutem Ankcrgrnnd. Am nordöstlichen Eingänge die felsige Insel Dcjsi mit cincni geräumigen Hafen, die seit 1859 im Besitze der Franzosen ist. Südl. von Adulis die heißen Quellen von Zkstch. Adullam (a. Geogr.), Stadt im Stamme Juda, von Rehabeam befestigt; dabei Höhle, in welcher sich David ans seiner Flucht vor Saul verbarg. Aäultus (lat.), Erwachsener über 25 Jahre. A Nur (Mus.), s. u. Tonarten. Nduriren (v. Lat.), brennen; Aänrsntia, brennende oder ätzende Heilmittel; Adnstion 1) Verbrennung, 2) Cautcrisiren, Ätzen. AdVaita(ind. Philos.), eigentlich Nichtzwciheit, Nichtdualismns, Alleinhcit oder Monismus; die Hauptlchrc einer von dem berühmten indischen Philosophen Sankarätscharja im 8. christl. Jahrh. gegründeten Schule, die eine weitere Fortbildung des Vedantasystems ist n. die 3 brahmanischen Götter Brahma, Wischnu u. Siva als Eins anf- faßt. Nach dieser Lehre ist die Gottheit keine persönliche, sondern als Geist des Universums die universelle Seele, die alle Dinge in sich enthält n. zu der auch die im Körper gleichsam eingckerkerte Seele beim Tode zurückkehrt. S. Windischmanns Sankara, Bonn 1833. Aä val'rem (lat.), nach dem Werthc. Ack va- lorsm-Zöllc (Werth-Zölle), in NAmerika u. England, wo der Zoll in Proccntsätzcn nach dem Werthe erhoben wird. Advent (v. Lat.), d. i. Ankunft, nämlich Christi, die zur Vorbereitung auf Jesu Geburt bestimmte Zeit (Advcntzcit); wird schon von Hieronymus, Angustin u. Ambrosius, als geschlossene Zeit für Hochzeiten und dergl. Festlichkeiten aber erstmals 524 ans dein Concil zu Lcrida erwähnt. Die A-zcit begann in der griechischen Kirche mit dem 14. Nov. n. hieß die Martinsfasten (Hna- äraAssima 8. Llartini). Ein solches A-Fasten von Martini bis Weihnachten hatte auch die alte gallicanische Kirche. Seit Gregor d. Gr. begreift der A. in der abendländischen Kirche die 4 Sonntage vor Weihnachten, u. wird das Kommen Jesu nach dem Inhalte der 4 Sonntagscvangclien als ein 4fachcs gedeutet: das Kommen zu seinen Leiden, zum Gerichte, zu seinem Amte, in das Fleisch. Adventivknospen (Bot.), diejenigen Knospen, welche nicht in einer Blattachsel sich entwickeln, sondern eine zufällige Stellung haben. Bei unseren Lanbhölzern treten dieselben häufig amStammc oder selbst an den Thauwnrzcln auf und geben >dann zu den sogenannten Stockausschlägcn Ber- janlassung. Unter sonst günstigen Umständen Können sie sich fast an allen Pflanzcnthcilen und selbst an den Blättern bilden. ! Adventivwurzeln (secundäre Wurzeln), Wurzeln, welche ans dem ober- oder unterirdischen Stengel (zuweilen auch aus den Blättern) hcr- vortreten u. bald unterirdisch, bald schwimmend, bald Luft-, Haft- oder Sangwnrzeln sind. Sic ersetzen die primäre Wurzel, wo diese abgestorben ist. ! Advcrbiunr, ein nicht flcctirbares, aber der j Steigerung fähiges Wort, das zur näheren Be- ^ stimmnng des Prädicats dient u. darum namentlich zu dein Verbum (daher der Name), aber auch zu Adjectiven ec. tritt, Nebcnwort, llmstands- wort. Gebildet sind die Adverbien thcils aus Casus von Substantiven oder Adjectiven, n. zwar aus Genitiven (morgens, stracks), Dativen (traun, -maßen) u. Accnsativen (viel, wenig), thcils aus Präposition n. Nonien (zu Hanse, fürbaß), oder Nomen u. Partikel (himmelan). Manche gehören Pronominalstämmen an (denn, dann, darum zu der; wenn, wann, woher zu wer). Von jedem Adjectiv läßt sich ein A. bilden, das in der früheren Sprache vom Adjectiv in der Form verschieden war, im jetzigen Deutsch aber fast ohne Ausnahme mit dem Adjectiv gleichlautet (vergl. )das A. gothisch rnilitalm, althochdeutsch retcto. mittelhochdeutsch rslits, neuhochdeutsch recht). Der Bedeutung nach unterscheidet man A. der Zeit (heute, stets), des Orte? (hier, da, links), des Umfanges, der Zahl n. Ordnung (theils, einmal, nachher), der Vergleichung, Schätzung (gleichsam, Höchstens), des Grades (sehr, fast), der Bejahung u. Verneinung (ja, nein) re. Aö vsritatom beweisen, s. AU Iiominsm. Aävorsaris (lat.), Conceptbuch des altrömischen Hausherrn u. Kaufmannes zur sofortigen Eintragung von Notizen über Ausgabe und Einnahme. Ans den A. wurden die Posten in das Hauptbuch («oäox aooopti ob oxxsnsi) eingetragen. Bei Neulateincrn bedeutet das Wort gelegentlich gemachte Bemerkungen zur Erklärung von Stellen aus Schriftstellern oder zur Kritik, Grammatik rc., zu fernerem Gebrauche oder weiterer Ausführung. Solche A. sind auch gedruckt, z. B. von Porson, Barth, Dobrce u. A. Advocat (v. Lat., Sachwalter, Anwalt, Rechtsfreund, in der Schweiz Fürsprech), ein vom Staate zur Praxis in den Gerichten zngelassener Nechtsgelehrter, welcher bei gerichtlichen Verhandlungen die Gerechtsame eines Anderen (seines Clienten) in dessen Aufträge oder auf Grund amtlicher Bestellung wahrnimmt. Der Name stammt aus dem römischen Rechtslebcn, aber der Stand der Anwälte ist weit älter. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Verfolgung verletzter Privatrcchte vor dem Richter die Kennt- niß des geltenden Rechtes vvranssetzt, die nicht Jedem geläufig ist, n. daß deshalb Derjenige, der solcher Kenntniß ermangelt, einen Rechtskundigen zu seinem Beistände vor Gericht hcranzicht. Daher werden sich, soweit die Geschichte reicht, in den ältesten Zeiten n. bei allen Völkern Spuren Advvcat. 217 des A-enstandes Nachweisen lassen. Der früher den geringeren Bürger, seinen Clienten, durch sein Mitcrscheinen dem Gerichte empfehlende?a- tronus, Beschützer aus patricischem Gcschlechte, räumt im alten Rom seine Stelle dem „Herbei- gcrnfcnen", acivovatus, Rechtsvcrständigen, welcher der Partei vor Gericht juristischen Rath er- theilt, sie durch sein Ansehen unterstützt, aber auch zugleich neben ihr Anträge stellt n. auch für sie spricht, — dem Procurator, der für u statt der Partei vermöge Auftrags vor Gericht erscheint u. ihre Vcrtheidiguug führt, — n. dem katronuo oausarum, dem Rcchtsgelehrten, welcher, wie der frühere Patron, den Proceß führt u. die gerichtlichen Reden hält. Noch gehören diese den angeseheneren Geschlechtern an u. leisten ihre Dienste dem Clienten ohne Entgelt, nur um der Volksgunst willen. Unter den Kaisern aber verlor sich nachn. nach diese Einrichtung, u. wurde die Rechtsbeistandschaft seit dem 3. Jahrh. ein von speciell für das Fach technisch gebildeten Juristen betriebenes Gewerbe, das, als eine Art öffentlichen Dienstes angesehen, auch unter Aufsicht der Magistrate gestellt wurde; für ihre Leistungen wurde eine Taxe festgesetzt, ihnen sonst eine Reihe von Privilegien ertheilt, aber auch die Pflicht aufcrlegt, den Ort ihres Gerichtes nicht ohne Erlaubnis; der Magistrate zu verlassen. Der Verein der Advocatcn der einzelnen Gerichte hatte Corporationsrechte. Da eine Vertretung durch einen Nichtjuristen bei der materiellen Rechtseutwickeluug für die Partei bedenklich erschien, erhielten sie auch die Procuratur, wenn auch nicht durch Gesetz. Im alten Deutschland vertrat auch anfänglich den Unfreien oder Gemeinen sein Herr oder Beschützer bei Gericht, dann kamen Stellvertreter u. „Fürsprecher", die immer noch nicht Juristen sein, wol aber im Rufe der Unbescholtenheit stehen mußten; einen besonderen Stand indcß bildeten sie nicht. Erst mit der Reccptivn des Römischen und fremden Rechtes in Deutschland ward auch zur Rcchtsbci- standschaft Rcchtskenntniß nöthig, u. cs bildete sich ein rechtSgclehrter Advocatcnstand, der zugleich die eigentliche Stellvertretung übernahm, u. dessen Mitgliedschaft nur durch förmliche Anerkennung von Seiten der oberen Justizbehörden Von unbescholtenen rechtskundigen Personen erworben werden konnte. Indes; die Ungunst der Verhältnisse in Deutschland, das dem Volksbc- wußtsein, wie dem Verständnis; fremde Recht, ein gewöhnlich die Verletzung der materiellen Parteirechte durch starren Formalismus herbeiführendes Verfahren, die Nachtheile des heimlichen Verfahrens in Civilsachen u. des ebenfalls der Öffentlichkeit entzogenen Jnguisitionsproccsscs, die Unsicherheit in der Verarbeitung des einheimischen u. fremden Rechtsstosfes n. folgewcise Unsicherheit der Rechtsprechung wie des Rechtes — dies alles im Verein mit der durch die politische Entwickelung bedingten Unmöglichkeit, die Advocaten- thätigkeit ans das Gebiet des öffentlichen Rechtes zu erstrecken, brachte es mit sich, das; der A-en- stand in Deutschland beim Volke nur Mißtrauen fand, nur als ein auf den Gelderwerb angewiesene? Gewerbe angesehen wurde, dem das Bewußtsein, der Verwirklichung des Rechtes zu dienen, abhanden gekommen. Ja, es kam so weit, daß man dem Stande die Rechtsunsichcrhcit zuschob, während doch die Entartung desselben nur ein Symptom des schlechten Rcchtszustandes war, u. in Preußen 1780 an Stelle der A-en staatlich besoldete Assistcnzräthe setzte, die bei der Untersuchung dem Richter zur Seite stehen u. ihn zugleich controlircn, in der Verhandlung selbst aber der Partei als Beistand dienen sollten. Eine Besserung erfolgte mit der Veränderung des Rechtszustandes in Deutschland seit Anfang dieses Jahrhunderts mit der Verbesserung des Civil- proccsscs, namentlich aber mit der Einführung des mündlichen Verfahrens in Criminalsachen u. dem Wicdercrwachen des politischen Lebens. Eine Einheit in den Verhältnissen des A-cnstandes zum Staate, zum Richter ist aber erst von der bevorstehenden Straf- u. Civilproceßgcsctzgebung des Deutschen Reiches zu erwarten. Jetzt ist die Zahl der Stellen der A-en oder Rechtsanwälte, wie sie in Preußens alten Provinzen, in Kur- Hessen, Nassau u. Schleswig-Holstein heißen, in diesen Provinzen, wie auch in Bayern diesseits des Rheins u. Anhalt eine beschränkte; der A., bezw. Rechtsanwalt wird durch den Justizministcr für den Bezirk eines bestimmten Gerichtes ernannt n. als Beamter betrachtet, während man anderwärts, in den Rheinländer;, in Hannover u. Braunschweig, allerdings unter gewissen Veränderungen, das französische System angenommen hat u. zwischen ^.vonos (Anwälten) u. ^vooats (A-cn) unterscheidet, aber so, daß die Advocatur freigegcben ist, die Anwaltsstellen aber, für jedes Gericht auf eine bestimmte Zahl beschränkt, nur an A-en gegeben werden, daher in der Rhein- - Provinz n. Brannschwcig der Titel „A-Anwalt". In Baden, den beiden Mecklenburg u. den Städten Bremen n. Hamburg (auch in Frankfurt a. M. gewesen) muß Jeder, der die vorgeschriebenen Prüfungen bestanden hat, zur Anwaltschaft zn- gelasscn werden, während im Königreich Sachsen das Justizministerium die Zahl der jährlich an- zustellcndcn A-cn nach den jeweiligen Bedürfnissen fcststellt, und in Württemberg zum Antritte der Advocatur oder Anwaltschaft die königliche Ermächtigung nöthig ist. Eine besondere A-enprüf- nng kennen nur wenige Staaten, besonders die Freien Städte u. Deutsch-Österreich, wo auch jeder Geprüfte zur Anwaltschaft re. zuzulassen ist, während in den übrigen Staaten die für Erlangung der Richterstcllen vorgeschriebencn Prüfungen verlangt werden. Bezüglich des Verhältnisses der A-en zum Staate ist somit nur in dem Punkte Einheit, das; er, wenn auch als Staatsbeamter in gewissen Beziehungen betrachtet, nirgend wirklicher Staatsbeamter ist, immer aber verantwortlich, in öffentlicher Pflicht steht. Er ist verpflichtet, so lange ihm eine Sache nicht ungerecht oder mit andcrweiten Verpflichtungen unvereinbar erscheint, jeder Zeit, auch dem Armen, ans Ersuchen rechtlichen Beistand zu leisten. Die allgemeinen Rechte u. Pflichten der A-cn in ihrer Stellung als solche, als juristische Rathgebcr, oder als Anwälte, als Vertreter der Partei, sind außerdem noch: sorgsame Jnstruirung, sorgsame 218 AdvocaL. Beschaffung u. Einholung der Beweismittel, Ausführung der übernommenen Aufträge als wahre Rechtsfrcunde mit voller Treue u. Hingebung. Jrrthümer der A-en in Beziehung auf Thar- fachen, in Abwesenheit des Clienten begangen, kann die Partei bis zum Eintritte der Rechtskraft des nächsten Urthcils widerrufen; sind solche aber im Beisein der Partei, oder in einem von dieser Unterzeichneten Schriftstücke begangen, so können sie nur binnen drei Tagen widerrufen werden. Gegen die Folgen von Versäumnissen, die sich ein A. zu Schulden kommen lässt, wird die Partei in Civilsachen vielfach durch „Wiedereinsetzung in den vorigen Stand" geschützt, es steht ihr aber auch das Recht der Entfchädigüngsklage zu. Sonst sind wegen Pflichtverletzung über die A-cnDiAcipli- narstrafcn durch die ihnen Vorgesetzten Behörden zu verhängen, n. ist durch Vas Rcichsstrafgesetz- buch mit namhafter Strafe bedroht, wenn der A. die pflichtmäßige Verschwiegenheit seinen Clienten gegenüber verletzt, widerrechtlich Gebühren erhebt, oder wenn er in einer Rechtssache beiden Parteien mit Rath od. Beistand dient; wegen letzterer Pflichtwidrigkeit kann bis zu ö Jahren gegen ihn erkanntwerden. Im Übrigen find die auf Liechte u. Pflichten der A-en Bezug haoendcn Bestimmungen deS Genieinen Rechtes vielfach durch die Particulargefetzgcbnng mokificirt. Für seine Bemühungen kann der Ä. die taxmäßigcn Gebühren (Descrvitcn, Sporteln) in Ansatz bringen; freiwillige Mehrzahlungcn anznuehmcn, ist wol in den meisten Ländern erlaubt, ebenso wie er sich vertragsmäßig ein bestimmtes Honorar für seine Arbeiten bedingen kann; für den Fall des Ob- siegcs sich einen Siegeslohn zahlen zu lassen, das palmarium, ist nicht verboten, aber klagbar auf- trcten deshalb kann er nur, wenn dasselbe erst nach errungenem Siege versprochen worden ist; die Verabredung bestimmter Gewinnprocente (gnota litis) ist gemeinrechtlich verboten, während das geineinrechtliche Verbot, sich den Streitgegenstand abtrcten zu lassen, durch neue Particulargesetz- gebnngcn aufgehoben wurde. Armen Parteien kann vom Gerichte das Armcnrecht, d. h. Kostenfreiheit für einen Proceß erthcilt u. ein A. als Official-Anwalt bestellt werden, der dann für- feine Mühewaltung aus der Staatskasse die tax- mäßigcn Gebühren erhält. Die Verwendung der A-en als Ospcial-Anwülte geht am Gerichtsbezirke der Reihe nach. Der A. kann in Deutschland wegen seiner Deserviten klagbar werden u. selbst gerichtliche Zwangsmittel zur Beitreibung an- rufcn. Der Geschäftskreis des A-en ist nach dem Gemeinen Rechte keinesweges eng begrenzt: er kann in Strafsachen die Vertheidigung führen, in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiien den Proceß instruiren, die Sache der Clienten in aller und jeder Weife, soweit die Form des Verfahrens es zuläßt, verfechten, Gesuche, Vorstellungen, Con- tracte, Testamente ansertigen, Curatelen n. Vermögensverwaltungen übernehmen, Anleihen und Hypothckenbestcllung vermitteln u. sogar die Notariatspraxis zugleich ansnben, — soweit nicht die Pariiculargesetzgebung engere Grenzen gezogen hat. In Frankreich, wo das Gericht als solches von den Rechtssachen nur bei der Schluß- Verhandlung u. Beweisaufnahme behufs der Ur- ttheilsfällung Kcnntniß zu nehmen hat, wird demgemäß der Rechtsbcistand auch von zwei Beiständen zugleich geleistet: dem .^.vous — einer - rechtsverständigen, öffentlich verpflichteten Person, ^ welcher die ihn anrufende Partei außergerichtlich vertritt, die Instruction der bei den ordentlichen Gerichten zu verhandelnden Sache in die Hand ! nimmt, mit dem Avous des Gegners verkehrt, > dadurch den Streitpunkt ermittelt u. die Beweisaufnahme vorbereitet, kurz Alles in dem der Öffentlichen Sitzung voransgchenden Verfahren besorgt — und dem ^.voeat, der, wenn die I Sache so spruchreif geworden und dem Gerichte !znr Entscheidung vorgelegt wird, die Vertretung ider Partei in der Sitzung, die Vorträge in der mündlichen Verhandlung übernimmt. Vor dem ^ Cassationshofe aber sind beide Geschäfte in einer Person vereinigt. Das Amt des L.vons verleiht ^ die Regierung, u. ist dazu ein Alter von 25 Jah- gen, Rechtsstudium u. bjährige Vorübung er- - forderlich; hat der ^vonv den Grad eines Licentia- ten sich erworben, so darf er unter Umständen auch plädiren. Nach dem Gesetze vom 28. April >1316 kann er unter Genehmigung der Regierung ! seine Stelle verkaufen. Der ^voeat muß Licen- l tiat sein u. wird, nachdem er durch die Discipli- garkammer zu Zjührigcr Übungszeit (sta§s) zu- i gelassen worden, nach Ablauf derselben in die ! Matrikel eingetragen (sur 1s tablsan). Die ^vo- >eat8 des Staatsrathes n. des Cassationshofes !sinb zugleich ^.vonss u. können ihre Stellen mit ' Genehmigung der Regierung verkaufen, d. h. derselben ihre Nachfolger präsentiren. Die Mitglieder des zum Plädiren zngelassencn A-en- standes bilden das Larrean u. stehen in bedeutendem Ansehen, da ihr Amt häufig als Vor- bereitungsstnfe für die einflußreichsten Staatsstellen gilt, wahrend die ^vonss viel geringer geachtet sind. In England besteht eine ähnliche Einrichtung, bezw. Scheidung: in Larristsrs — welche die mündliche Vertretung der Parteien vor Gericht besorgen, und aus deren Mitte die höchsten richterlichen Staatsbeamten, namentlich der LoUioitvr ßsneral (Gcneralprocurator), der Ltttorue^ Asneral (Generalfiscal), die LsrAsants at Icnv (Kronsachwalter) u. die Richter hervor- gchen — u. in ^.ttorusz-s, welche den Verkehr mit den Clienten besorgen u. die Information einziehen. Das hohe Ansehen der A-en in England beruht nur aus der Individualität des Einzelnen u. der unabhängigen Stellung; für ihre Kenntnisse hatten sie früher keine Beweise zu erbringen, konnten sich vielmehr, nachdem sie einer der A-cncorporationen beigetrcten u. die !dort gehaltenen juristischen Borträge angehört, !nach 5 Jahren zur Aufnahme als Barrister Vorschlägen lassen, bis 1836 eine Commission eingesetzt wurde, welche den durch Privatunterricht ! bei einem Anwälte vorbereiteten Candidaten einer ^ leichten Prüfung unterzieht. Dem A. in England >wird seine Mühewaltung vorausbczahlt, n. zwar charf er nicht unter einer Guinee annehmen. Der !-^.ttornsz- stehr in geringer Achtung u. ermangelt meist höherer Bildung. In den Vereinigten Staaten von NAmerika kennt man diese Scheid- Advocatmkammern — ^.ävooLtus Oicrdoli. 219 ung nicht mehr: der A. instruirt n. plädirt, in einzelnen Staaten ist die Advocatur sogar ganz freigegcben, während in anderen wieder erst eine Prüfung zu dem Anwaltsamte bestanden werden muß. — Bei der hohen Bedeutung des A-en- standes für das Rechts- u. Geschäftsleben ist die Beaufsichtigung desselben und Reinhaltung von unsauberen, unfähigen Personen ein Gebot der Pflicht, die in Deutschland früher lediglich durch die Behörden geübt ward. Die A-cn waren nach Analogie der Beamten wegen Verletzung ihrer Berufs- u. Standcspflichtcn unter die discretio- näre Disciplinargcwalt der Gerichte gestellt, u. können in einzelnen Staaten noch heute die Gerichte mit Verweisen, Abstreichcn der Gebühren, Geldstrafen, Suspension u. Cassation gegen sic einschreiten, — was allerdings in richtiger Erkenntnis des Fehlerhaften dieses Princips nur in den außerordentlichsten Fällen mehr geschieht, nachdem der A. zu einer gewissen Selbstdisciplin geschritten ist. Es sind nämlich, um die A-en in ihrer Pflicht zu erhalten, in fast allen deutschen Ländern Anwaltskammern eingerichtet in Nachahmung französischer Einrichtungen. In Frankreich wird nach einem schon vor der Revolution bestandenen Institut, dem von einem engeren Gcscllschaftsausschuß der A-ngesellschaft ausgestellten tablsan cksa ^.vooats (d. h. der zum Plaidoycr Zngelassenen), aus den in dieses laut Decrct vom 14. Dcc. 1810 jährlich unter Beirath einiger -Ivoeats des Gcrichtsbczirkes durch den Präsidenten des Tribunals n. den Staatsanwalt ausgestellte und vom Justizministerium genehmigte tadlsan eingezcichnctcn ^voeats ein Disciplinarrath gebildet, zu welchem die Mitglieder von den ^.voeats vorgcschlagcn n. vom Generalprocurator gewühlt werden; sind bei einem Gerichtshöfe weniger als 20 ^.vooats angestellt, dann übt dieser selbst die Geschäste des Disciplinarrathes. Dieser Oonscil äs clisei^Iins versammelt sich periodisch, mit Genehmigung des Generalprocnrators, unter dem Vorsitze des La- konnier (des selbstcrwähltcn Vorstandes), um Candidaten nach Ablauf der Probezeit das Zeug- niß zum Eintritt in das Zarrouu zu crtheilen u. gegen Ordnungswidrigkciten re. der Collegcn von der Verwarnung bis selbst zur Streichung vom Tableau zu erkennen, wogegen übrigens der Betroffene an da? Gericht recurrweu kann. Die Kronos haben ihre besonderen DiSeiplinarkam- meru, die laut Decrct vom 17. Juli 1L96 ebenfalls bis zur Entlassung erkennen können, aber nur unter Genehmigung des Tribunals. Ähnliche Einrichtungen bestehen in Belgien, in Genf, in England, wo aber die Corporation der Lsrristers. welche die Disciplinargcwalt durch einen auS sich selbst erwählten Verwaltungsrath übr, frei von jeder Rcgierungsbeeinflussnng ist, die gegen dessen Aussprüche gestatteten Rceurse an die Gerichte jedoch gewöhnlich ohne Wirkung sind, weil die Richter selbst Mitglieder der in so hohem Ansehen stehenden Korporationen sind. In Deutschland, wo sich zunächst in den Rheiuprovinzen Anwaltskammern nach französischem Muster bildeten, bestehen jeik 1847 in Altpreußcn u. einem Theil der 1866 anncctirten Provinzen als Discipliuar- gcrichte die von den Rechtsanwälten jedes Ap- pellationsgerichtsbczirkcs gewählten sogenannten Ehrenräthe, die übrigens das Appcllationsgericht immerhin noch aus Antrag der Staatsanwaltschaft u. des Angeklagten dann ausschließcn kann, wenn deren Unbefangenheit in Zweifel steht; in der Provinz Hannover (seit 1859), im Königreich Sachsen (seit 1859), in Baden (seit 1864), in Oldenburg (seit 1858), in Brauuschwcig (seit 1851 j bestehen »agcgen sogenannte A-cn- oder Anwaltskammern, denen sogar schon Erstattung von Gutachten über allgemeine legislatorische Fragen, über Honorarforderungcn, Verwaltung etwaigen Vermögens derBezirks-Anwaltskammcr, Führung des A-en-Verzeichnisscs re. Angewiesen ist. Diesen kraft gesetzlicher Bestimmung organisirten Kammern und Vereinen nachstrebcnd, haben sich in anderen, die berechtigtet: Ansprüche der A-cn noch nicht in erwünschter Weise berücksichtigenden Ländern freiwillige A-cn- u. Anwaltsvercine gebildet, um auf diesem Wege Befriedigung zu suchen, — so 1860 in Nassau, 1861 in Bayern und Preußen — aber immer noch nicht mit dem gewünschten Erfolge, wenn auch manches Gute schon durch die Änwaltstage erreicht wurde; zudem ist im Lager der A-en selbst seit 1864 Zwiespalt entstanden, nachdem der bayerische Verein die aus der Tagesordnung stehende Freigabe der Advocatur gegen die Annahme des preußischen Anwalttages entschieden verworfen hat. Jndeß seit sich 1871 ein Allgemeiner deutscher Anwalt- Verein gebildet hat, der bereits 14—l 500 Mitglieder zählt, steht wol mit Zuversicht eine endliche gleichmäßige Regelung der Verhältnisse dieses Standes iir Aussicht, zumal in Rücksicht auf die bevorstehende Allgemeine deutsche Civilproccßgesetz- gcbung. Der Verein hat seit 1872 ein eigenes in .Berlin erscheinendes Organ, neben dem in Erlangen ! ein eigenes Organ für den bayerischen Anwaltverein seit 1861, für Preußen ein solches seit 1862 (M 1867 in die „Zeitschrift für Gesetzgebung und Rechtspflege in Preußen" umgewandelt) erscheint. Ndvocatenkammcrn, s. u. Advocat. üüvoosti (Voigtc), in: deutschen Mittelalter Beamte, denen in einem gewissen Bezirke eine richterliche u. aufsehcnde Gewalt vom Kaiser oder von einem Reichsfürsten übertragen war. Lclvoeatio, Voigtding, Voigtei,::. Inrisäiotio, Gerichtsbarkeit, sind gleichbedeutende Bezeichnungen in der Rcchts- sprache des Mulelaltcrs. Die Schutz- u. Schirmherren (vsksnaores) der geistlichen Stifter hießen auch Boigte, L.. eeelsmas, weil sie im Stists- gebicte Gericht hielten. Die Verbindung der Gerichtsbarkeit mit sonstigen Pflichten u. Rechten der Schirmherrschaft über Kirchen u. Klöster, welche namentlich mächtigen Fürsten u. Rittern übertragen wurde, bot die Handhabe zu den mannigfachsten Eingriffen in die Rechte der zu Schirmenden. Deshalb muhten gesetzliche Beschränkungen dieser Gewalten eintrcteu, u. man war bestrebt, sie ganz zu beseitigen. üävoosiuo Oiadoli, im Kanonisationsproceß (die Heiligsprechung betreffend) derjenige Geistliche, welcher zum Schein gegen die Heiligsprechung des Betreffenden opponiren muß. Sein Gegner ist der ^ävoeatns Osi. 220 VOLSW — Acrophobie. Kd vovem (lat., bei dem Worte): da fällt mir ein. Adynamie (v. Gr.), Kraftlosigkeit, Schwäche- znstand, vgl. Asthenie; daher «dynamisch, traft los, schwach; «dynamisches Fieber, ein mit großem Zerfalle der Kräfte cinhcrgehendes Fieber (s. d.). Adyton (v. Gr., Ant.s, nicht zu betreten, 1) das Allerheiligste in den Tempeln, wo die Gottheit ihren Sitz u. ihr Bild seinen Stand hatte n. von wo in einzelnen Tempeln die Orakel crtheilt wurden; durfte nur von Priestern betreten werden; vgl. Abaton. 2) Geheimplatz, Sacristei, auch Hanskapelle. Aedor«, Tochter des Pandarcns; erregte durch ihre ruhmredige Aussage, mit ihrem Gemahl, dem Künstler PolytechnoS zu Kolophon, glücklicher zu leben, als Zeus mit Hern, der Götter Neid, weshalb Eris von Hera gesendet ward, dies Glück Zu stören. Sie vermochte Beide, ein Kunstwerk zu fertigen, mit der Bestimmung, daß, wer cs zuerst beendige, von dem Anderen eine Sklavin erhalten solle. A. ward Siegerin. Der dadurch gereizte Gatte begab sich zu Pandarcns n. lud die Schwester der Ä., Chelidonis, angeblich weil A. diese zu sehen begehre, zu sich ein. Er erhielt sie, schändete sie aber unterwegs u. brachte sie in Sklavcnkleidcrn zu A. Da Polytcchnos die Chc- lidonis durch Androhung des Todes zum Stillschweigen vor ihrer Schwester zwang, so klagte sic ihr Leid im Selbstgespräche beim Wasserschöpfen. Dies belauschte einst A., u. aus Rache tödteten sie nun den Sohn der A., Jtylos, u. setzten sein Fleisch dein Vater als Speise vor. Wnthend verfolgte sie Polytechnos zu ihrem Vater, dieser aber warf den Schwiegersohn in Fesseln, ließ ihn mit Honig bestreichen n. nussetzcn, u. als ihn A. aus Mitleid befreien, ihr Bruder aber sie deshalb tödten wollte, verwandelten die Götter sie Alle: A. in eine Nachtigall, Pandarcns in einen Seeadler, A-s Bruder in einen Wiedehopf, Polytechnos in einen Pelikan n. Chelidonis in eine Schwalbe. So die spätere Sage (vgl. Proknc, Tcreus); nach Homeros war A. Gemahlin des ThebnnersZcthos, welchem sie den Jtylos als einzigen Sohn gebar; eifersüchtig ans ihre kinderreiche Schwägerin Niobe, wollte sie deren ältesten Sohn umbringen, tödtete aber aus Versehen ihren eigenen und ward ans ihre Bitten von Zeus in eine Nachtigall verwandelt, die um ihren Sohnwchklagt;s.Philomelc. ü. k. I. V.„V., eine von mehreren Kaisern ans dem Hause Österreich, besonders Friedrich III., gebrauchte Zusammenstellung der 5 Vocalc, welche in mannigfachster Weise gedeutet worden ist; am bekanntesten sind die Deutungen: Aller Ehren Ist Österreich Voll, oder XnsiriaoLst Imporinin Orbi» Vnivorsi, oder ^guila ütseta lusto Omni« Vin- 827. Einer seiner Diener war der spätere Reisende Richard Lander. Laiug drang 1820—23 nach Timbuktn. Mungo Park reiste 1795 n. 1805 — 6 nach dein Sudan, um den Lauf des Niger zu erforschen, wobei er seinen Tod fand. Der Franzose Moliicu kam 1818 zu den Quellen des Senegal, Gambia und Rio Grande u. zeigte so den Weg längs des Senegal aus dem Innern nach Fort Louis; Douville ging 1828—30 durch Angola u. Benguela nach Congo; Caille kam (1828) von Scnegambien aus nach Timbuktn. Die neuesten Reisen der Briten seit 1826, besonders die der Brüder Lander, von denen Richard 1834 auf seiner 3. Forscherreise umkam, haben es entschieden, daß der Niger (Joliba) südl. n. dann südwcstl. sich wendend als Qnorra in den Meerbusen von Benin mündet. Die Ostküste A-s war früher nur selten der Gegenstand von Forschungen, denn erst v. Katte. ein Deutscher aus Preußen, unternahm es, von dieser Seite ans in das Innere cinzn- dringcn. Nach Will. White, der 1793 die ganze OKüste untersuchte, reisten nach Nubien Bnrckhardt (1813) und der Engländer Hoskins (1833). Abessinien war auch von Bruce (1768 bis 78), dann von dem Deutschen Rüppell u. dem Schweizer Gobat (1830—1832), später vonSchim- per, Kielmaycr, Vlumhardt besucht worden. Die Reisenden dahin haben die Quellen des östlichen Nilarms (Bahr el Azrak, Blauer Strom) im Tzanasee gefunden Die Südspitze durchforschten seit dem Ende des vor. Jahrh. zahlreiche holländische, schwedische u. englische Reisende, der Franzose le Vaillant 1780 u. 1784. In das Innere gingen außer Letzterem Lichtenstcin 1800 bis 1805, Campbell 1819 ff. (nach Latakuh), Burchell, der eine 5jährige Reise vom Cap ins Innere A-s machte. In neuester Zeit wurde A. ein besonders reges Interesse zugcwendet in Folge der französischen Fortschritte in Algerien, des Aufschwunges der englischen Ansiedelungen im Caplande, des Gedeihens der fast in allen Thcilen A-s thätiaen Missions- anftalten, der Durchstechung der Landenge von Suez, besonders aber in Folge der glänzenden Resultate der neuesten Forschungsreisen in den Binnenländern dieses Erdthcils, wo die bisher einsamen Pfade der Reisenden sich schon gegenseitig zu ergänzen anfangcn. Die Regierungen aller größeren Staaten Europas, namentlich aber auch die Geographischen Gesellschaften in London,. Paris, Berlin re., wetteifern, Mittel u. Gelegenheit zu immer neuen Unternehmungen nach A. zu bieten, u. geographische Zeitschriften w. führen die jedesmaligen Erforschungen u. Entdeckungen 236 Afrika (Entdrckungsgeschichtc). der Wissenschaft zu. — Nord-Ost-A.: Mehr als irgend ein Theil A-s sind die Nilländer von Reisenden besucht worden, die theils archäologische Forschungen dort anstellten, theils in die Ge- birgsländer am oberen Nil vordrangcn, um namentlich die Quellen des Bahr cl Abiad anfzu- suchen. Diese Gegenden forderten denn auch die meisten Opfer, deren Zahl in diesem Jahrhundert allein 100 weit überschritten hat. In Ägypten»Nubien unternahmen Reisen: Russegger, ein Österreicher, der weit am „Weißen Nil vordrang, 1838; Combes, welcher Ägypten, Nubien n. die Küsten des Rothen Meeres bereiste; Lepsius u. Gentz bei der auf Befehl des Königs von Preußen 1842—45 nach Ägypten u. Nubien unternommenen wissenschaftlichen Expedition; Werne, welcher die Quellen des Nil zu erforschen suchte n. das Land zwischen deni Blauen Stil n. Atbara bereiste; Knoblecher auf dem Weihen Nil; Abckcn in der Nubischen Wüste von Korosko bis Abu Hammed; die Gebrüder Brehm n. viele Andere in Nubien. Brun-Rollet lebte 23 Jahre in den oberen Nilgegenden und unternahm 1855 eine neue Reise auf dem Weißen Nil, um die noch unbekannten Länder Darfnr und Wadai zu erreichen; Vaudey lebte lange als Consnl znSen- naar u. unternahm viele Reisen am Weißen Nil, bis er 1854 von den Eingeborenen erschlagen wurde. Über Abessinien verdankt man die interessantesten Aufschlüsse dem Missionär Gobat, der sich 3 Jahre in jenem Lände aushielt, den drei Brüdern d'Abbadic, welche seit 1838 fast ununterbrochen in Abessinien unter den Gallavölkcrn, sowie in den Ländern an den beiden Nilzu- slüsscn Untersuchungen anstcllten; Beke seit 18 lO im Aufträge der Londoner Geographischen Gesellschaft und der Otiuroli Lliss. 8oo.; Graham Harris, dem Gesandten der Britisch-Ostindischen Compagnie, im Hochlande; ebenso Knoblecher, Generalvicar der Mission für Jnnerafrika, 1840 bis 1850; dem Botaniker Schimpcr re. Im Jahre 1857 sandte auf Entdeckungen u. Erkundigungen der deutschen Missionäre Rebman, Krapf u. Er- hardt die Londoner Geographische Gesellschaft uüter Speke u. Grant eine Expedition nach NO- A., welche zur Entdeckung der Seen Tanganjika u. Ukerewe führte. Zur Umkehr gezwungen, traten die Leiden Engländer einige Jahre später eine zweite Entdeckungsreise an, auf der Speke das westliche Ufer des Ukerewe umging n., dem Ausflusse desselben, dem Bahr el Abiad, folgend, Febr. 1863 in Gondokoro anlangte. Nach denselben Regionen wandte sich Baker, um den bereits von Speke u. Grant ausgckundetcn Mwu- tan-Sce auszusuchen, was ihm auch gelang. Die weiter nordöstl. u. nordwestl. gelegenen Gebiete oes Nil wurden ebenfalls erforscht, so das Gebiet des Bahr cl Ghasal durch die deutschen Gelehrten Heuglin n. Stendncr, in Verbindung mit der Holländerin Alexine Tinne; dabei büßte Stcudner 1863 sein Leben ein. Der durch seine Durchforschung der westlichen Küsten des Rothen Meeres rühmlichst bekannte Botaniker Georg Schweinfurth drang sogar bis in das Flußgebiet des Tschadsees vor n. erkannte im Helle den Oberlauf ves nach diesem See strömenden Schari, erforschte die Länder der Djnr, Dor u. der Njam njam, fand das zwischen dem 1. u. 2? n. Br. wohnende Zwergvolk der Ackä und kam durch das Dar Fertit, das vorher noch von keinem Europäer besucht war. Seine beiden Reisen (1863 bis 1866 und 1868—1872) sind in Bezug auf wissenschaftliche Ausbeute zu den wichtigsten zu rechnen. Noch in demselben Jahre sandte die ägyptische Regierung eine große militärisch ausgerüstete Expevition zur Beseitigung des Sklavenhandels und zur Herstellung neuer Handelsverbindungen (Elfenbein) unter Baker nach den oberen Nilländern ans. Trotz der Hindernisse aller Art, die das Vorwärtskommcn unendlich erschwerten, drang Baker doch nach Verlauf von 3 Jahren bis zum Mwutan-See vor; das kostspielige Unternehmen (2A Mill. Thlr.) scheiterte jedoch an dem Ubelwollen der Mannschaft, zum Theil auch in Folge von Krankheiten re. Neuerdings hat auch David Livingstone von S. her den Versuch gemacht, die oft vermeintlich gelöste Frage vom Ursprünge des Nil zur Entscheidung zu bringen, ohne aber das Ziel zu erreichen, da er auf dieser Reise starb. In den Jahren 1868 u. 1869 bereiste Gerhard Rohlfs im Aufträge des Königs von Preußen Tripolis, Kyrenaika u. die Oase des Jupiter Ammon. Die neueste Entdeckungsreise ist die Expedition von Gerhard Rohlfs nach der Libyschen Wüste, wozu der Vicekönig von Ägypten 4000 Pfd. St. bewilligte. Rohlfs und seine Begleiter (Zittcl, Ascherson u. Jordan) landeten am 27. Nov. 1873in Alexandrien, traten am 21. Dec. von Marak aus ihren Marsch in die Wüste an u. waren bereits am Ncnjahrstage 1874 in der Oase Farafrahe. Im Frühjahr 1874 war Rohlfs wieder zum Nil znrückgekehrt. — Nord- W est-A.: Um dieKunde des Nordens A-s, namentlich Algiers u. der angrenzenden Länder, haben sich besonders die Franzosen verdient gemacht. Auch der Deutsche Heinrich Barth unternahm 1845—47 Wanderungen durch die Länder des Mittelmeeres. Die werthvvllsten Beiträge zur Kennt- niß des Nordens sind enthalten in: U'sxxiloration sslsntiügns sto., 1854 ff., von der zur Durchforschung Algiers u. seiner Nebenländer niedergesetzten Commission, welche 1840 ihre Thätigkeit begann; ferner die auf Befehl des Kriegsministcrs veröffentlichte Darstellung der Lage der französischen Niederlassungen in Algier während 1850—52 re. Barth n. Overweg reisten 1849 u. Anfang 1850 von Tunis nach Tripolis u. machten von letzterer Stadt aus in die Umgegend, besonders nach den Gharianbcrgen, Ausflüge. Die Resultate der geognostischen Beobachtungen auf dieser Reise veröffentlichte Overwcg. Die Erforschung des nordwestlichen Theils von A., Marokkos re., haben sich die Franzosen, hauptsächlich zum Zwecke der Herstellung von Handelsverbindungen zwischen Algerien, dem Niger u. Senegal, angelegen sein lassen. Auf einer Reise von Algerien nach Tim- buktn wurde der hoffnungsvolle französiche Reisende Dourneaux-Dnpere 1874 zwischen Rhada- mes u. Rhat ermordet. Auch Deutsche forschten dort, so Gerh. Rohlfs, der 1861—64 Marokko u. den nördlichen Theil der Sahara bereiste, sowie Freiherr von Maltzahn, dessen langjährige Rei- 237 Afrika (Entdeckungsgoschichte). sen sich auf Tripolis u. Tunis, Algier u. Marokko erstreckten. Ost-A.: Die Küstenländer füdl. von Abessinien sind erst seit 20 Jahren sorgfältigeren Forschungen unterzogen worden. Die Missionäre Krapf und Rebman besuchten bis 1854 von Mombosa aus diese Küsten, sowie die Länder der Uhambani n. Usambala, u. suchten die Schneegebirge zu erreichen; Capitän Short befuhr 1849 den Dschulu u. entdeckte in der Nähe des Äquators Schneegipfel. Außerdem veranstaltete besonders die Britisch-Ostindische Compagnie Untersuchungen an diesen Küsten. An der OKüste, süvl. vom Äquator, besonders im Lande der Kasfern, stellten Missionäre die ausgedehntesten Untersuchungen an. Das wichtigste neue, Ost-A. betreffende Unternehmen bildeten die zwei Expcditionendcs Barons K. Klaus v. d. Decken 1859—65, wobei der höchste Berg A-s, der Ki- lima Ndscharo, wiederholt bestiegen wurde. Auf der zweiten Reise wurde v. d. Decken mit vielen seiner Begleiter ermordet. Dieselben Gegenden besuchte 1866 — 70 wiederholt Rich. Brenner, einer der wenigen Geretteten aus der v. d. Decken- schen Expedition. Auch Albrccht Roscher aus Hamburg gehört zu den Reisenden, die in OAfrika ihr Leben verloren (1860). Endlich ist zu nennen Th. Kinzelbach, der im Somali-Lande 1868 der Wissenschaft zum Opfer fiel. — Süd-A.: Seit dem Jahre 1833 durchstreiften englische Missionäre das Betschuanenlaud. Eine englische Gesellschaft sandte 1834 unter Smith eine Gesellschaft zur Erforschung des Innern aus, die jedoch nur bis zum Wendekreise in der Kalahariwüste Vordringen konnte. Bon 1836 an drangen auch französische durchreiste Ed. Mohr in Begleitung des Bergingenieurs Ad. Hübner. Für die Erforschung des vstl. Theils von Süd-A. war Livingstone, den die englische Regierung 1858 wieder nach A. znrückgcsandt hatte, unausgesetzt weiter thätig. Er unternahm 1858—59 eine Reise einerseits den Zambesistrom hinaus, anderseits dem Schirk folgend nach dem Schirwa-Sce. In demselben Jahre entdeckte er den nördl. davon liegenden Nyassa-See, bewirkte 1860—61 die Aufnahme des mittleren Zambesilaufes u. erforschte 1861 bis 1862 die westlichen Ufer des Nyassa-Secs. Nachdem er in der Zwischenzeit Europa wiederholt besucht, trat er 1866 von Mikindany Bai (Romuva-Mündung) seine große Reise nach dem nördlichen Central-A. zur Erforschung des Quellgc- bictcs des Nil an. Diese Reise führte zunächst zur Entdeckung der Seen Liemba, Bangweolo u. Moero südwestl. vom Tanganjika-See, erlitt aber nach der Ankunft Livingstones in lldschidschi am östlichen Ufer dieses Sees, Mai 1869, Unterbrechungen. Der kühne Reisende war mehrere Zahrs verschollen, bis es dem Amerikaner Stanley Nov. 1871 glückte, ihn wieder aufzufinden u. ihm neue Mittel zur Wiederaufnahme seiner Forschungen zu bieten, die er dann in Gemeinschaft mit Stanley in westlicher Richtung fort- sctzte. Letzterer zog im März 1872 mit Briefen von Livingstone wieder heimwärts, während Jener wieder nach dem Innern anfürach, uni sein Forschungswerk weiter fortzusetzen. Auf dieser Route erlag er 4. Mai 1873 der chronischen Ruhr in Muibala jcnscit des Liemba-Sees im Lande Bisa. Ende Scpt. 1874 wandte sich Stan- Missionäre längs des Calcdonslnsses in das Bet-,ley von Neuem der Erforschung dieser Gegenden schuanenland ein; Capitän Alexander bereiste 1836! zu u. beschäftigte sich mit der Bestimmung des Großnamaqua ü. das Land der Buschmänner. Weiter nach N. drang in das Innere vor: Me- südwestl. von Unyayembe entspringenden, südl. von Zanzibar sich ins Meer ergießenden Nnfidschi, Ihnen. Die wesentlichsten Resultate in Erforschung den er bis Jumbe befuhr u. in dem er eine schiff- des Innern aber wurden erreicht durch Living-! bare Wasserstraße nach dem Innern gefunden hat. stone, der von Kolobeng ans 1849 den Ngami-!Nach seiner Rückkehr schickte er sich zu einer See erreichte, 1850—52 noch dreimal dahin zu-j Expedition in das Binnenland jenseit des Tan- rückkchrte, den Liambycstrom (Zambesi) entdeckte; ganjika-Sees an. Zu erwähnen ist schließlich n. nordwärts an demselben bis 114" s. Br. ans-mach die Bereisung der Insel Madagaskar wärts ging. Bon hier aus zog er quer durch durch den Franzosen Alfr. Grandidier. — Zur die WHälste Süd-A-s n. erreichte 1854 Loanda,;Kenntnis; der Westküste A-s, zwischen dem von wo aus er eine 5. Reise nach dem Innern!Äquator und 20" südlicher Br., haben beson- unternahm u. im Dec. 1856 nach Europa zurück-^ders die Portugiesen Forschungen angestellt, kehrte. Nachfolger Livingstones in diesen Län- l doch haben auch einzelne Reisende jene Gegenden dern waren: Galton, Anderson, Campbell n. A., besucht. Tie Missionäre Frecman n. Chapman Ärabische Handelsleute haben 1851 Süd-A. von siebten seit 1840 unter den Aschanti, Walker un- Zanzibar nach Bengnela mitten durchzogen u. sollen tcr den Snsu und Ballam; Forbcs und Norris den bisher noch von keinem Europäer erreichten! seit 1840 im Dahomehlande; Kölle kehrte 1854 See Nyassa überschritten haben. Gassiot ging jaus Sicrra-Leona zurück n. gab seine Samm- 1851 von Port Natal aus, passirte den Elefanten-llungen über mehr als 100 Sprachen dieser Län- fluß in seinem oberen Laufe u. drang bis an den der heraus. Aus Veranlassung des französischen nördlichsten Theil des Limpopo im Betschuancn- Gouverneurs am Senegal, Bauet, ging eine Exlande vor. Unter den Reisenden, welche neuer-spcdinon 1848 zur Erforschung der goldreichcn dings den östl. Theil Süd-A-s erforschten, sind!Lünder Bondu n. Bambnk n. des Falöme, des zu nennen: Gust. Fritsch u. Karl Manch. Elfterer! westlichsten großen Ouellstromcs vom Senegal, bereiste 1864—66 den Oranje Rijver Freistaat, ab, von deren europäischen Begleitern jedoch nur während der zweite der Transvaal-Republik u.sRasfcnel das Ende der Reise erlebte; dessen linden Landschaften zwischen dem Limpopo u. Zam-! tcrnehmcn 1846 u. 47, über Bondu u. Bambnk besi seine Forschungen znwandte, deren Ergebniß j den oberen Nigerlanf bei Sego zu erreichen, n. a. die Entdeckung von Goldfeldern u. groß-!scheiterte an dem Widerstande der afrikanischen artigen Nuinenstädten war. Dieselben Gegenden, Häuptlinge, u. er konnte nur bis Sansandi vor- 238 Afrika (Entdcckungsgcschichtc). dringen. Sein Reisegefährte Panet wurde vom! sich wieder, Nichardson war unterwegs gestorben, französischen Marineministerium zur Erforschung Overweg blieb in Kuka und erforschte von hier eines Karawanenweges vom Senegal nach Tim- ans den Tschadsee, während Barth sich nach Ada- buktu ausgesendet. Boilad bereiste ebenfalls dieffnaua wandte und die zwei großen Qnellströme Länder am Senegal u. Hecquard von 1860 au des Tschadda, den Benne n. Faro, kurz vor ihrer zweimal die Länder am oberen Niger, drang in! Vereinigung entdeckte. Gemeinschaftlich mit Over- Fnta-Dschiallon ein und fand die Quellen von 4!w->g unternahm er sodann eine Reise nach Kanem Hanptströmen WA-s, des Schwarzen Senegal, u. nach dom Reiche Mnsgo im S. Knkas. .Hier- Faleme, Gambia u. Rio-Grande nur wenige Tage-lauf besuchte Barth Bagirmi, im SO. des Tschad, reisen von Tinibo nahe bei einander. Zur Er-! in dessen Hauptstadt Masena er sich längere Zeit forschung des Niger (Dscholiba, Jssa oder Ma-! wissenschaftlich beschäftigte. Overwcg unternahm joballeo), welcher als die Lebensader des centra- inzwischen eine Reise nach dem Lande Bvichi n. len NA-s zu betrachten ist, sind mehrfach Expe- ! dein Gebiete des westlichen Zuflusses vom Tschad ditionen zu Schiff den Niger aufwärts unter-!u. st. am 27. Sept. 1852 bei Maduari am Tschad, nommen worden. 1844 gelangte der Capitän Seine Tagebücher gab Pctermann nebst einer Bccroft bis unterhalb Bnssa, wo Mungo Park sein Leben verloren hatte. Auf Betrieb Äug Petermanns u. mit Genehmigung der britischen großen Karte von Afrika (Lond. 1854) heraus. Barth wandte sich nun von Kuka nach W., reiste über Kano n. Katschna nach Sokoto, der Haupt- Regierung wurde 1854 der Schraubendanipfcr stadt des Fellatareichcs, n. langte am 7. Sept. Plejadc zur abermaligen Befahrung des Niger! 1853 zu Timbnktn an, wo er 10 Monate lang und Tschadda abgesendet. Das Schiff gelangte, verweilte. Auf dem Rückwege von Timbnktn auf dem Tschadda bis unweit Jola, der Haupt-!erforschte er den bisher noch gänzlich nnbekann- stadt Adamauas, in gerader Linie 6400 ü:u vomtcn Theil des Ouorralaufcs von Timbnitn bis der Nnnmündnng entfernt, 3300 üm weiter, als! Sah u. kehrte im Sept. 1855 nach Europa zn- je ein europäisches Schiff ins Innere A-s vor-!rück. k8 3 hatte auch Vogel aus Leipzig über gedrungen war. Von der Schiffsmannschaft, 66! Tripolis, Murzuk u. Bilma eine Reise nach Kuka an der Zahl, starb auch nicht Einer, obgleich der > unternommen. Er besuchte den Tschads« und be- Aufenthalt ans den Fllissen Ili^Tage betrug. Bei! stimmte dessen Höhenverhältnisse, machte einen der Erforschung der WHülfte Süd-A-s erwarben sich Verdienste: Anderstem, der 1867 seinen Tod fand, der Missionär Hugo Hahn, Ladislaus Magyar u. N. — Ccntral-A.: Die interessantesten Ausschlüsse über diese Gegend haben die deutschen Reisenden Overwcg u. Barth 1850 u. Eduard Vogel Ausflug nach S. in das Reich Mnsgo., durchforschte die Länder wcstl. des Tschad, drang nach Jakoba vor, wohin noch kein Europäer gekommen war, u. ging im Dcc. 1855 nach Wadai, wo er im Febr. 1856 zu Wara auf Befehl deS Sultans ermordet ward. Zur näheren Ersorsch- 1853 auf ihren Reisen nach dem Sudan gegeben, nng der Schicksale Vogels wurden 1862 zwei insofern ans den astronomischen u. hypsometrischen! Expeditionen abgcsandt, von denen die erste schei- Mcssungcn Overwegs u. später Vogels hervor- tcrte, die zweite unter Karl Moritz v. Beurmann ging, daß die Sahara keine monotone Ebene ist,! zwar in Kuka ankam, aber ebenfalls ihren Zweck die, wie man bisher glaubte, unter den Meeres-! verfehlte, da Beurmann schon in den ersten Ta- spiegel hinabreiche, sondern eine Art Hochebene,!gen seines Vordringens nach Wadai ermordet in deren Bereich viele vereinzelte Bcrgzüge u. ward. Gerhard Rohlfs konnte auf seiner Reise L.-,-------- ------- ^mch Horn Innern A-s 1865 ebenfalls nicht in Wadai eindringen, weshalb er sich nach SW. wandte, einen Theil des BenuL (Niger) befuhr Gipfel, zuweilen von bedeutender Höhe, aufsteigen. Über Kordofan sind Aufschlüsse gewonnen worden durch Mehemed Alis Expedition nach dem Sudan 1838. Über Darfur u. Wadai geben die von Jomard u. Perron bearbeiteten Reiseberichte des Scheikh Mohammed Jbn Oniar el Tunsy Nachrichten; Brun-Rollet ging 1835 von Nubien aus auf dem Weißen Nil nach Kordofan u. Darfur, um wo möglich nach Wadai vorzudringcn; Barth hat bei seinem Ausfluge nach Bagirmi über W^dai werthvolle Nachrichten gesammelt; Knob- lccher drang auf dem Weißen Nil bis fast zum 4" n. Br. vor. Renö Caille drang, als Muselmann verkleidet, bis Timbnktn vor, von wo er nach 14tägigem Verweilen zurückkehrte. 1849 sendete die britische Regierung unter Richardson eine Expedition nach dem nördlichen Central-A. ab, der sich die deutschen Gelehrten Ovcrweg als Geolog u. Astronom u. Barth als Archäo- log, Sprachforscher u. Ethnograph anschlossen. Am 23. Mürz 1850 begann die Reise von Tripolis über Murzuk durch die Sahara nach Ahir u. Damergn, einer Stadt der Tuarik, wo sich die Reisenden trennten (11. Jan. 1852); Overweg u. Barth trafen am 5. Mai in Kuka u. dann, seine Reise zu Land fortsetzend, Milte Mai 1867 bei Lagos den Atlantischen Ocean erreichte, von wo er nach Europa znrückkehrte. Die Holländerin Alexine Tinne fand auf ihrer Expedition nach Voran 1869 den Tod durch Meuchelmord. Im I. 1869 übcrbrachte G. Nachtigal dem Sultan von Voran Geschenke vom König von Preußen, führte dann bis Ende 1872 seine 3. größere Entdeckungsreise nach Bagirmi u. den südl. angrenzenden Ländern ans n. unternahm nach seiner Rückkehr das von so vielen Reisenden schon mit den: Leben bezahlte Wagnis), in Wadai cinzudringen. Dies ist ihm gelungen, u. zwar weit über alle Erwartungen, die, ungeachtet die politischen Verhältnisse günstig standen, doch immer zurückhaltend sein mußten. Nachtigal hat nicht nur ungestraft den Boden von Wadai betreten, er hat das ganze Land von W. nach O. durchkreuzt, ist durch Darfur nach dem Nil zurückgekehrt u. am 22. Nov. 1874 wohlbehalten wieder in Kairo eingetrofsen. Im 1.1872/3 bildete ^ tz >. L< L Ri --Ä » «2 ->8^7° 2- OMM --- r-F /L 'z, ' ß °s« 8^^/« Ä L ^ !?-:A n§«1^ 4^ - r? ! K " Z XX ^o )>E lM Z° 8 'o^ > 'Z ' ^-s °2/ --^ K L,-^S ^ L -Z!^^ 4'-. M U!!!Ü! WÜ dKW LÄS -- WMG VvV <7 -Ä X k> /ü: s .- -Mtz' ^ ' K I S> K ^ /E i? s> H äs / « 8-^2 A Z WM L ^ t.-- ,s- 22 LLrr? --x^ . L -X « v^r MM?...-lW U 2 Z'^, ^X K7 -.F'8X «L ü X ^ rs 02XZ° rüff Z RN -->d' ch ^ 8 8 L « L 6 I ^ MUH k UM - 239 Afrika (Lage, Grenzen, sich in Berlin eine Afrikanische Gesellschaft, deren > Zweck die wissenschaftliche Erschließung der noch l unbekannten Gebiete oon Ccntral-A. ist; über > deren Thätigkeit s. u. Afrikanische Gesellschaft, s II. Geographie, Lage u. Grenzen u. k allgemeine Verhältnisse. A. ist der fürhl Europa am längsten nncrschlossene Erdthcil, er-!, streckt sich vom Nadelcap im S. (34" 49' s. Br.)! l bis zum Cap Blanco im N. (37" 21' n. Br.Üi u. vom Cap Verde im W. (0" 7' ö. L.) bis zum t Cap Guardafui im O. (68" 54' ö. L.); von S. i nach N. mißt es über 8000 km und von W. l nach O. 7800 Ion; sein Flächeninhalt beträgt ! 20.900.000 Hjlcm (552,000 HW.), wovon 627,000 l (11,400) auf die Inseln kommen, was einem i Verhältnis von 48,5 zu 1 entspricht. A. ist 3V, l mal so groß wie Europa u. macht etwa ^ alles l Festlandes der Erde aus. Von Europa durch i das Mittelländische Meer u. durch die über 14 km s breite Straße von Gibraltar, von Asien durch den c Arabischen Meerbusen und die Straße Bab el ! Mandcb getrennt, früher mit diesem durch die 126 S lern breite Landenge von Suez, seit 1869 durch den i Kanal durchstochen, zusammenhängend, im übrigen > von dem Atlantischen n. Indischen Ocean umge- ! ben, erscheint dieser Erdthcil im Gegensätze zu z den beiden anderen Theilen der alten Welt l in fast inselartiger Abgeschiedenheit. Beinahe l ohne alle horizontale Gliederung, da cs an tie- s seren Buchten, Einschnitten oder Meeresarmen l fehlt, beträgt der Umfang seiner Küsten an l 26.000 Irin, wovon auf die Küste des Mittel- 1 mecres 4430, auf die des Rothen Meeres 2510, > auf den Atlantischen Ocean 10,860 u. auf den l Indischen 8290 km kommen. Es steht in: Vcr- l hältniß des Flächeninhaltes zmn Küstenumfang l allen anderen Ervtheilen, selbst Australien nach. ' Sein.Verhältniß zu Europa in dieser Hinsicht l ist z. B. wie 1: 6—7. Als größere Golfe er- ^ scheinen neben einer Anzahl kleinerer nur der i Meerbusen von Guinea mit den Baien von Benin > u. Biafra an der Westseite, dann die beiden Shr- ' ten (Meerbusen von Sidra und Kabes) im N.; die einzige Halbinsel von Belang bildet das > Somäliland, das den Erdthcil im O. mit dcni Cap Guardafui abschlieht. Zahlreich sind die! Vorgebirge, so an der Nordseite: Cap Spartcl, Dreigabclcap, C. Bngaroni, C. Fer, C. Bon, C. Masurata, C. Rasatin n. C. Burlos; an der Westseite: C. Blanco, die Vorgeb. Kantin u. Ger, Non, Bojador, C. Verde (Grünes Vorgeb.), Roxo u. Berga, die Vorgebirge Mesurado, Palmas, der Dreispitzen, Lopez, Negro u. Frio, an der Südspitze das C. der guten Hoffnung u. das Nadcl- cap (Agulhas), endlich anderOstseite C. Corricntes,^ Delgado n. Guardafui oder C. Djard Hafun. Bei der so armen Gliederung der abgerundeten Küsten u. bei den meist nur flachen Meereseiu- spülungen erscheint die Abgeschlossenheit A-s um so charakteristischer, als auch nur einige der Inseln den Küstensaum begleiten. L. Oberflächengestaltung(senkrechteGlic- dernng). Man unterscheidet meist fünf Abtheilungen: 1. Hochafrika, das sich von der Südspitze des Erd- theils bis 10° n. Br. in der Gestalt eines Dreieckes erstreckt; ihm liegt in NW. das Hochland von Oberflächengcstaltung). Guinea oder Hoch-Sudan u. in Nordost das Hochland von Abessinien vor. 2) Flach-Sudan, das vom Nigrer an nach O. hin streicht und nach N. den Übergang von Hoch-A. zu 3) der Wüste Sahara bildet. 4) Die Stufenländer des mittleren u. unteren Nil, endlich 5) daS Hochland der Berbcrei oder Atlasland u. das Plateau von Barka, von denen jenes im O. der großen u. dieses im W. der kleinen Ehrte liegt, so daß beide völlig von Hoch-A. getrennt sind. Hoch-N. selbst nimmt man als ein zusammenhängendes Hochland an, das in vielen Theilen noch völlig unbekannt ist n. zu welchem der Übergang von den meist schmalen Küstenebencn häufig durch Ter- rasscnlaudschaftcn u. Randgcbirge vermittelt wird, ein charakteristischer Grundzng in der afrikanischen Oberflächengestaltnng, der z. B. einen schneidenden Contrast zu den amerikanischen Ketten- shstemen bildet. Am bekanntesten ist der Südrand, an welchem sich drei sehr steil abfallende Hanpt- terrassen unterscheiden lassen: di: Küstencbcnc, Karroo u. die Hochebene des Oranjeflusfes. Von der schmalen Knstenebcne des Caplandes, aus welcher sich im SW. ein isolirtes Gcbirg mit dem 1052 in hohen Tafelberg erhebt, steigt man zu der 2. Stufe hinauf, deren steilen Abfall das Cedro- (mit dem über 2070 in hohen Schnee- berg) u. Zuuregcbirg, ferner die kleinen u. großen Zwartenberge (Schwarzen Berge) bilden. Diese Gebirge werden von ungeheuer tiefen, engen Querthälern durchbrochen, welche man Kloofs nennt. Die 2. Stufe selbst, Karroo (d. h. hart) genannt, ist eine aus Sand n. Thon bestehende Ebene, im Mittel 1000 m hoch u. von etwa 5500 dflim Flächeninhalt, in welcher während der warmen Jahreszeit alle Quellen u. Flüsse versiegen, fast jeder Pflanzenwuchs erstirbt u. der Boden nahezu steinhart wird, zur Regenzeit aber sich in ein Blumen- u. Grasmeer verwandelt, das von den aus den Nachbargebirgen mit ihren Hcerden herabkommenden Bewohnern belebt wird. Die Karroocbcne ist im W. durch das Noggcveld- gebirge, ini S. durch die Nicnwevelds-, Winter-, Schnee- u. Wittberge von der inneren Terrasse getrennt, welche man als die Hochebene de? Oranjcflusses bezeichnet. Im Schneegcbirgc liegt der 2682 in hohe Kompaßberg oder Spitzkop, die höchste Erhebung des Caplandcs, neben welchem ein Paß nach dem Oranjegebicte fübrt. Letzteres enthält unermeßliche Ebenen, hier u. da mit Tafelbergen, wie die Karreeberge, besetzt, u. zwischen den beiden Quellslüsscn des Garib baumlose Savannen; weiter abwärts an dem Garib gestaltet sich das Land durch seinen sandigen Boden n. den Mangel an Regen zu einem der trostlosesten und ödesten der Erde. Die OScite Hoch-A-s zeigt einen ähnlichen Terrasfenbau, der ^ sich durch Kassraria u. Natal bis gegen die Dclagoa-Bai erstreckt. Anfangs streichen die Ge- : birgc parallel der Küste, entfernen sich aber nach N. mchr u. mehr von derselben. Der gegen 60 bin breite Küstenstrich ist hügelig, namentlich gegen Natal hin; westl. von ihm liegt der untere, von Thalschluchie» zerrissene Gebirgs- rand, der bis 600 m aufsteigt. Über denselben erhebt sich ein Tafelland, das niedere Bergrücken n. 240 Afrika (Oberflächengestaltmig — Gewässer). Tafelberge trägt u. gegen W. sich erhöht; dieses wird schließlich überragt von dem Quathlamba- gebirg oder den Drakcn- auch Drachenbergen, die in ihrem Culminationspnnkte, dem Cathkin Peak, 3060 m aufstcigen u. im Winter mit Schnee bedeckt sind. Allmählich gehen dieselben über zur obersten Hochfläche, deren langgcdehnte, wellenförmige Züge breite Bergrücken tragen u. in den Ebenen des Oranje sich flach verlaufen. Im Zambesigebicte erheben sich von dem flachen Küstenstriche ans die Mornmbalaberge mit Gipfeln von 1200 m und bilden gegen N. ein Gebirgsland, das eine Höhe von nahezu 2400m erreicht. Oberhalb des Zambesi liegt das Bergland der Batako, und nördl. nnd südl. von demselben erheben sich isolirte Gebirgsläuder, von denen das südliche Matoppogebirg heißt u. bis zu 2200 m anssteigt. An dem schmalen Küstenrande der Suaheli (Sawahili) streichen mehrere Parallelkctten in Südnordrichtung, von denen die Nufnta- n. die Rubehokette mehrere Pässe enthalten; höher als diese, deren erstere im Mittel IlOO m mißt, liegt die Nsagarakette, deren höchster Gipfel nach Bnrton 1370 m hat,, während andere Berge dieser Kette über 2000 m haben sollen. Gegen den Tanganjikasee hin erstreckt sich das Land Unjamucsi (Unia M'wezi), welches 900 in absolute Höhe hat u. der Garten A-s genannt wird. Üstl. „von Unjamuesi, zwischen 5° s. Br. und dem Äquator, erstrecken sich mehrere, zwischen Hochebenen liegende Berggrup- pcn, deren höchste Häupter ewigen Schnee tragen, weshalb sie auch im Allgemeinen Schnccbcrge genannt werden; ihre Erforschung verdankt man dem Baron v. d. Decken. Südl. liegt das steile, in den Thälern sehr fruchtbare Bergland Usam- bara, nördl. davon das Dschaggaland, in welchen« sich der Kilima-Ndscharo („der Berg der Größe") 6004 m in 2 Gipfeln erhebt; Bar. v. d. Decken! bezeichnet ihn als den Vorposten einer Anzahl! ähnlicher, vielleicht noch höherer Schnccbcrge,! welche sich bis jenseit des Äquators hinzichen.> Alle diese Berge scheinen vulcanisch zu sein; sie! bilden die Wasserscheide zwischen dem See Ukerewe! u. dem Indischen Ocean. Die Westseite Hoch-A-s, welche nirgends einen so ausgeprägten Terrassen-! bau zeigt, wie das Capland, beginnt mit dew Kamiesbergen, welche in Kleinnamaqua liegen u.! im Welcomeberg 1562 m erreichen. Während! das Land nördl. von Oranje rasch zu einer Höhe! von 1200 in aufsteigt, reicht das Land der Da-! maras oder das Plateau von Owaherrero bis! zu 1800 m hinauf und trägt n. a. Gipfeln den! Omatakn von 2680 m Höhe. Bon ähnlicher Höhe! wie im N. des Oranje ist das Hochland von Bihe, weiter ini Innern aber findet man die beträchtlichste Erhebung, n. zwar auf dem Wasserscheiderücken, der sich hier zwischen den Gebieten des Atlantischen u. Indischen Occans ausdehnt. Bevor man die Savannen der Aschiraneger erreicht, muß man nach den Forschungen du Chaillus im Gebiete nördl. vom Gabanflussc ein Randgebirg ersteigen, welches durch seinen Reichthum an Felsbildnngen n. Katarakten ausgezeichnet, ist. Das zwischen dem Rio Calabar n. Rio Camerun! eingeschlossene Camerunsgebirge, die terra alta! ! amdorw, das Amboser-Hochland der Spanier, ist eine ! gewaltige Masse mit gigantischen Piks, deren höchster gegen 3300 m mißt; es bildet mit den Jn- > sein des Guineabusens eine Reihe riesiger Basalt» .Massen Tie Kcnntniß des für die Gesammt- ! Configuration A-s wichtigsten Theils, der äquatorialen Gegenden, ist noch sehr mangelhaft, wenngleich schon nnverhältnißmäßig große Anstrengungen zur Erforschung derselben gemacht wurden. Das im NW. von Hoch°A. liegende Hochland von Oberguinea ist von jenem durch den Niger getrennt und wird im S. von der 3440 Lm langen Küste von Nordguinea begrenzt, die in ihren verschiedenen Theilen die Namen Sierra-Leona- (d i. Löwingcbirg), Pfeffer- oder Malaguetta-, Zahn- oder Elfenbein-, Gold- und Sklavenküste führt; im Westen liegen dem Hochlande die Ebenen Senegambicns vor, aus denen es sehr steil aufstcigt, wodurch zahlreiche Katarakte der aus ihnen kommenden Flüsse veranlaßt werden. Im Innern erheben sich terrasscnartig mit dichten Wäldern bedeckte, hohe Gebirge, zu denen der Kong gehört, der meist ans Tafelbergen besteht und von den Quellen des Niger bis zu seinem Unterlaufe reicht. Bezüglich der übrigen Abschnitte der Oberflächengestaltung A-s vgl.dieÄrt.: Äbcssinien, Ägypten, Atlas, Barkarc. 6. Gewässer. Bis in die neueste Zeit galt A. als wasserarmer Erdtheil; die Forschungen v. Speke, Baker, Burton, H. Barth, E. Vogel, v. Heuglin, K. Manch, G. Rohlfs, Livingstone, Schweinfurth u. A. haben aber das Gegentheil erwiesen, wenngleich die Probleme der meisten Ströme u. Seen nur zum Theil gelöst sind. Eine der wichtigsten neueren Entdeckungen ist die Ermittelung der großen afrik. Wasserscheide. Sie liegt westl. u. südl. vom Tanganjikasee u. wird von einem über 1100 Icnr von N. nach S. sich erstreckenden Gebirgszuge gebildet, den man bis jetzt nur in einigen Theilen gesehen hat. Den Änfang des Gebirges fand Baker westl. vom Luta-Nzige in den 3300 m hohen Blauen Bergen, von wo es südwärts durch Baleha streicht, als Kabogo- oder Umbcbe- gebirg (im Durchschnitt 2000 in) im W. des Tanganjikasees sich fortsctzt n. zwischen diesem u. dem Nyassasee auf dem 2200 in hohen Plateau von Lobisa endigt. Die Hauptflüsse A-s zerfallen in zwei natürliche Gruppen: die eine hat ihre Quellen in den Terrassen nnd Gebirgen von Oberguinea, die zweite in den äquatorialen Gegenden bis etwa 10° s. Br. u. 40 bis 50° ö. L. Der elfteren Gruppe gehören an der Senegal u. der Niger, jener nach W., dieser nach O. sich wendend. Der Senegal gehört eigentlich zu den kleineren afrikanischen Flüssen u. hat nur geringe Bedeutung als Verkehrsstraße. Dagegen istder Niger einer der größten afrikanischen Ströme u. bietet mit seinen Nebenflüssen, namentlich dem aus dem Sudan kommenden u. 1854 u. 1857 durch die Engländer näher erforschten Benne, eine mehrere tausend Icm lange schiffbare Wasserstraße. Ursprung u. Oberlauf sind noch nicht genau erforscht. Zwischen Gaya u. Bnssa durchbricht er die Gebirge in Stromschnellen; die Seitenarme, welche seine Delta umschließen, beginnen unter 5j°, der Hauptarm führt dort den Namen Nun. 'PL kR»« ! AMD uUÄS - .V^i-W ?--- K^ ^l,,-, ck Z '4 M ' dHK ^ -iNZ'' U-» '>!. s» MH - tl-M -W 'M, Afrika (Gewässer, Gcogiiosüsche u. mincralog. Verhältnisse). 241 Dies Deltagcbict ist eine der ungesundesten Gegen-'haben eine wechselnde Ausdehnung, indem sie den der Erde. Die zweite Gruppe kann als das! während der heißen Zeit stark austrockncn, in der große System der centralafrikanischen Seen, welche! Regenzeit dagegen eine weite Ausdehnung gewin mehr oder weniger die Sammelbecken ihrer Quell- nen. Der bedeutendste See dieserArt ist der Tschadflüsse bilden, betrachtet werden. Diese Seen oder Tsadsee in Sudan,mitniedrigeul1fern,über> liegen als mehr oder weniger Zusammenhängen- reich an Flußpferden und Fischen; die Ufer von der Complex zwischen .3° n. Br. u. 17° s. Br. Papyrnsstaudeu umsäumt; im W. erhält er den (Näheres weiter u.) Dce dieser Gruppe angc- Komadagua, im S. den Schari. Ähnlicher hörenden Flüsse sind der Nil nach N., der Kongo Art ist wahrscheinlich der südlicher gelegene Libasee. u. Schari nach W., der Zambesi nach O. Der Im NO ist der bedeutendste Sec der Tzana Nil ist nicht nur der hist, wichtigste, sondern auch (Tana); er liegt inmitten des abessinischcn Al- der merkwürdigste Strom der Erde, theils wegen pcnlandes u. wird vom Abai (Blauen Nil) durch- der Länge seines Laufes, theils wegen seines strömt. Weiter südlich in den äquatorialen Rc- Wasscrreichthums, in welcher Hinsicht er nur von gionen folgt das oben erwähnte große System wenigen Rivalen übcrtroffen wird. Das Räth- der Seen, deren Gebiet der Contiucnt seinen sel seines Ursprunges ist noch nicht völlig gelöst; eigentlichen Wasserreichthum verdankt. Der süd- qs handelt sich nur noch darum, ob der Zufluß des lichste derselben ist der Schirwa, 5S8 m ü. d. M.; Ukerewesees, oder jener des Luta-Nzigc (Mwu- auf ihn folgt gegen N. der Nyassa oder Niand- tan-Nzige) der längere u. bedeutendere ist. Von sche Mkuba (großer See), welchen Livingstone Chartum bis Assuan ist sein Laus durch Knta- im Sept. 1859 erreichte, 463 m ü. d. M.; sein rakteubildung charakterisirt, seine Schiffbarkeit Abfluß ist der Schirc, den der Zambesi aufnimmt, also eine verhältnißmäßig geringe; die Mündung Etwa zwischen 4 u. 8" s. Br. dehnt sich der von beginnt unterhalb Kairo; der Strom bildet ein Speke u. Bnrton 1858 entdeckte Tanganjikasee Delta, dessen Hauptarme die von Rosette n. Dann- oder das Udschidschi-Meer aus, 900 in ü. d. M. ette sind. Der Kongo (Zaire) gehört zu den müch- Es folgt der Limbasee, den Livingstone 1867 tigstcn u. wasserreichsten, aber noch am wenigsten entdeckte. Westl. u. südl. vom Tanganjikasee erforschten Strömen der Erde u. nimmt unter den liegen der Bangwcolo, Mocro und Kamolondo, südafrikanischen Flüssen den ersten Rang ein. Sein welche 1868 durch Livingstone aufgcfunden wurden Qucllstrom ist der von Livingstone 1870 näher n. durch die Flüsse Lnapnla u. Lnalaba vcrbun- crforschte Lualaba: sein bedeutendster Nebenfluß ist den sind. Nördlich davon liegen die eigentlichen derKassabi. DerSchari ist cinBinnenfluß,u.zwar Quellscen des Nil, der 1858durch Speke entdeckte von den zahlreichen des Kontinents der bedeu- Ukercwe, der 370 üm lang u. ebenso viel breit u. tendste; ermündet in dcnTschadsee. DcrZambcsi, 1310 m hoch liegen soll; mit ihm ist durch den der größte Fl. der afrikanischen OKüste, in seinem Somersetfluß der 1864 von Baker aufgefundene Oberlauf Seschckc u. Liambye genannt, ist durch Luta-Nzigc, 740 Ion lang, durchschnittlich 150 Ion Livingstone zuerst bekannter geworden u. bcs. bc- breit n. 830 in ü. d. Nt. liegend, verbunden, rühmt durch die Victoriafälle (Mosiwatunja, d. h. v. Grog nostisch e u. mineralogische Ver- lärmender Ranch), die man zu den größten Merk- h äl tni ssc. In Mahgreb, dem Gebirgslande Würdigkeiten A-s, ja der Erde zählt. Die ganze vom Cap Nun bis Cap Bon, besteht der Aufbau aus Gneis-u. Granitmassen, die durch Kalk von einander geschieden sind; der Boden der Küstenstriche u. Ebenen hat Granit zur Grundlage, auf welchem Sand u. Thonschichten mit Kalktuff ab- wcchscln. Doch erfreut sich das Land einer üppigen Vegetation sowol in den Gebirgen, als in de., niederen Lagen. Weiter nach O., nahe an der großen Syrte, tritt der Nummulitenkalk ans u. zieht sich nach OSO. bis zum Nil; südl. des Striches von Tanger bis Tunis erscheinen krystalli- nische Schiefergebirge aus Gneis, granatführendeni Glimmer- u. Chloritschiefer u. körnigem Marmor mit Einlagerungen von Magneteisenstein. In der Plateanwüste oder dcrSaharastcppc trifft man, vom Mittelalter herkommcud, zunächst wagrechte Schichten von Thon oder Gips, meist bedeckt mit einer Lage kleiner, abgerundeter, verschiedenfarbiger Kiesel, mit Kalkstücken oder mit Ouarzsand gemengt. Die Libysche Wüste ist in ihrer geologischen n. palaontologischen Beschaffenheit erst im Winter 1873/74 durch Zittel erschlossen worden. Statt der früher angenommenen einförmigen Decke von Nummulitenkalk zeigte sich ihm dieselbe ziemlich mannigfaltig gegliedert u. von einem NKüste von A. hat außer dem Nil nur Küstenflüsse, und zwar wieder nur im westlichen Theil, wo n. a. der Schclif in Algerien u. der Moluriah in Marokko die bedeutendsten sind. Die WKüste hat außer den genannten (Senegal, Niger und Kongo) angrößercuFlüssenden Tcnsiftin Marokko, den Quanza u. Oranje-Garib (u. etwa noch den Ogowaiu. Kunenc) aufzuweisen. Der Quanza entspringt in Angola n. verläßt die Hochebene durch eine Reihe von Katarakten, die ihn als Verkchrsstraße ungeeignet machen; der Oranjcfluß aus der Vereinigung des Nu Garib u. des Baal, beide vou den Drakenbergcn (Quathlamba-Geb.) gebildet, fließt meist durch Wüsteneien, u. viele seiner Nebenflüsse liegen außer der Regenzeit trocken. DaS Capland hat nur Knsteuflüsse, von denen der Gr. Fischfluß u. der Ganritz die wichtigsten. Die OKüste von A. ist in Bezug auf Bewässerung die verhältnißmäßig ärmste, denn sie hat neben dem Zambesi als größeren Fluß nur den Limpopo auf- znweisen; die übrigen sind Küstcnflüsse, u. auch der Limpopo ist von nur geringer Bedeutung, da für seine Schiffbarkeit nur geringe Aussicht besteht. Eine große Zahl der Seen A-s trügt den Charak- , ^ _ ter von Sümpfen; diese liegen im Innern, und seltenen Reichthum au trefflich erhaltenen Ver zwar mehr westl. von einer durch die Mitte des steinerungen. Außer der Nummulitensormation Erdtheils von N. nach S. gezogenen Linie; sie ^ ist namentlich die obere Kreide in einer bisher PicnrZ Univcrsal-Coiidersatioiis-Lexikon, 6, Aufl, I. Band. 16 242 Afrika (Geognostische u. mincralog. Verhältnisse). ganz unbekannten Weise entwickelt und schließt meist unbeschriebene Thiere ein; Steinkohlen und Ablagerungen von Brennstoff fehlen hingegen in dem von der Nohlfsschen Expedition bereisten Gebiete vollständig, es gibt dort zwar keine Erzgänge, leine Edelmetalle, auch keine Edelsteine; doch belecken treffliche Eisenerze meilenweit den Boden i er Wüste westl. von Fachel, ebenso große Quantitäten Steinsalz, Gips u. Alaun, aber es fehlen all cnthalben die Mittel zur Nutzbarmachung. Im Allgemeinen findet man, daß in der Sahara vorherrschend schwarzer Sandstein die Unterlage bildet, auf welchem Kalkstein, darüber Gips und Salz führende Thone, endlich jener Sandstein liegen, der den Flugsand liefert, der förmliche Düncnrcihen u. selbst ganze Berge bildet. Diese Flugsandwüsten werden in der westl. Sahara Jg- lidis genannt. Man unterscheidet aber deren verschiedene: den Ghnrd, einen Sandbcrg; die Zemla, eine langgczogcne Düne in Gestalt eines Eselsrückens, u. den Sif, ähnlich der vorigen, aber mit senkrechtem Absturz. Die Hochländer der Wüste sind theils gleichfalls aus schwarzem Sandstein, wie das Hochland der Askar, oder aus krystalli- nischen und vulcnnischen Fclsarten aufgebaut, wie das Asbengcbirge oder Mr, das aus Granil und Basalt besteht n. ein Labyrinth von zerrissenen, felsigen Thälern bildet. Granitische Bildungen sind beispielsweise auch das von Barth untersuchte Wadjena im O. von Asbcn, u. Aderer, wo Pauct unter dem wagrecht geschichteten Sandstein Granit u. dunklen schieferigen Quarz hcrvor- treten sah, überragt von Basaltkuppcn. Der N. der ausgedehnten Plateaux besteht vorherrschend ans Kalkstein, der S. aus Sandsteinen. — Obcr- guinca gehört dem krystallinischen Gebirge an, in demselben treten die charakteristischen malerischen Formen des Granits ganz besonders hervor; von Metall sind Eisen u. Gold hcrvorzuhebcn, letzteres in den häufig genannten Goldwäschen in Bambuk, außerdem an der Goldküste. Im Innern findet man Sandstein (dem bunten ähnlich), in Form zerschnittener Tafelberge. Der sandige, steinige Küstenstrich von Niedcrguinea ist reich an Salpeter, auf der Hochfläche im Binncn- lande findet man ziemlich reichlich Kupfer, Eisen, Blei, Zinn, Quecksilber,Schwefel, Salpetcru.Salz, angeblich auch Steinkohlen und Petroleum. — Ägypten ist eine mit Sand überdeckte, von S. nach N. durch das Nilthal gespaltene Felswüste.' Die östl. oder, arabische Plateausläche des Nil besteht hauptsächlich aus primitivem Gestein, der Dschebel Gerib ist aus Granit gebildet, doch finden sich auch Porphyr, Basalt u. Brcccicn, welche! schon von den Alten als Baumaterial geschätzt! wurden; nördl. von Kairo tritt ein völliger Sandstein ans, der sich flachhügelig über Suez und die durchstochene Landenge hinzicht. Der westliche Zug oder die libysche Kette ist aus Gebilden der Tcrtiärformation, Nummulitenkalk, Grobkalk, Diluvialsand und Sandstein mit Salzthon zusammengesetzt, in denen die Königsgräbcr von Theben zu finden sind. Südlich von Assuan kommen aus dem unteren Sandstein schöne rothe Granite hervor; der Sandstein selbst, der in der Thalengc von Edfu besonders schön u. feinkörnig 'ist, liefert das Material für zahlreiche Bauten I OberägyptcnS. Die von Siut abwärts die Thal- j rändcr bildenden Nnmmulitcnkalksteiuc sind dagegen das Baumaterial der Pyramiden von ! Gizch. Das Nnmmulitengcbirg liefert in den ! Brüchen von Minieh auch vorzüglichen Ala- ^ basier. Westlich von Kairo liegen die kleinen Natronseen, deren Producte heutzutage nicht mehr die Wichtigkeit haben, wie früher. — In den nordöstlichen Hochländern bildet im Mgemeinen der Granit die Grundlage, auf welcher Gneis, Glimmerschiefer, Hornblendcschiefer, Talk- und Thonschiefer in mannigfacher Weise aufgelagcrt und selbst an manchen Stellen von Granit, Porphyr, Mcillphyr, Basalt durchbrochen sind; in der Mitte tritt der Thonschiefcr als Grundlage auf. Während im Hochgebirge ächte Krater u. Lavaströme fehlen, sind ans den Abhängen des östlichen Randgebirgcs die Lavaströme sehr zahlreich, ebenso die der ganzen Küste entlang liegenden Vulcankcgel, von denen der Vulcan von Ed an der Danakilküste im Frühjahr u. Herbst 1861 Ausbrüche hatte. Auch SA. ist reich an Zeugen einstiger vulcanischcr Thätigkcit, doch sind dort nur noch heiße Quellen u. besonders Schwefelquellen vorhanden. Im O. u. W. treten Granit u. schieferige Urfelsarten zusammenhängend als Unterlage einer mächtigen Schichtenreihe mit zahlreichen Petrcfacten auf; erstcrc setzen sich der WKüste entlang und im Innern fort und lassen sich noch bis zu den Inseln im Guineabuscn erkennen. An der SKüste dagegen kommt der Granit nur vereinzelt vor, mit gangartigcn Ausläufern in den Gneis, Glimmerschiefer und Thonschiefer eindringend u. von dein Sandstein des devonischen Übergangsgebirges wagrecht überlagert. Die Kamisberge, südl. von der Mündung des Oranje, bestehen fast nur ans Granit u. Gneis; letzterer führt namentlich im Namaqualande Kupfererze. Überhaupt ist SA. reich an nutzbaren Mineralien, so an Eisen, welches den Gegenstand einer lebhaften Industrie am Zambcsi, an den großen Quellseen des Nil u. in Usanga an der SKüste bildet; an Salz in Angola, am Zambesi, in der trans- vaalschen Republik rc; an Gold südlich vom Zambesi, in Sofala, in neuerer Zeit von Karl Mauch auch in Natal, in der Transvaalrepublik, am Tati aufgesunden, jedoch meist nur in Quarzgängen, die Äusbcute nicht lohnend: außerdem findet sich Gold in A. nur in den Ouellgebieten des Senegal u. Niger, sowie in etlichen Küstenflüssen des Meerbusens von Guinea; Kohlenflötze wurden in Natal bei Pieter-Maritzburg u. bei Tete am Zambesi aufgeschlossen, u. kommt sowol die jüngere Kohle, als die ältere anthracitische vor. Seit 1869 sind im Sande u. Geschiebe des Baalflusses auch Diamanten entdeckt worden. L. Klima. A. ist der vcrhültnißmäßig wärmste Theil der ganzen Erde, denn fast ^ seines Flächeninhaltes liegen in der heißen u. nur etwas über K in der wärmeren gemäßigten Zone. Die Linie der höchsten Lufttemperatur niit 22" R. mittlerer Jahrestemperatur der Erde geht über die OKüste A-s unter 10° n. Br., reicht im Innern bis 15" u. fällt an der WKüste bis 6" n. Br. Zu den heißesten Ländern gehören Nubien, Sencgambien Ms // 7 S/ 7 ?«- AS ^ ^ M^D-o-S-^ ^-Z»W WZ" < .Ur/^ . v>^?> . As N M e IN ü.r s ' v n Li ^ 4 ^ -. ^-"- !' ^^^^S««A 4 o I n^. - 4 ^ ^ ^ ^AU i <Ä«^ A .< r ^AiHssLmoLW/ / W täglich weiter nach Süden aus. Das Christenthum ist nicht nur eingeführt in den europäischen Niederlassungen, sondern auch vei den Kopten in Ägypten u. in Abessinien und durch Missionäre an der Guineaküste, sowie bei den Kassern und Hottentotten; Anhänger desselben sind jetzt auch die Howa auf Madagascar geworden. Die'Juden haben,sich dicht am N-Rande ausgebreitet. X. Uber Sitten u. Gebräuche, Gewerbe n. Handel enthalten die Beschreibungen der einzelnen Völker die nöthigcn Angaben. U. Allgemeine staatliche Eintheilung 1) Atlasland: a. das despotische Sultanat Marokko; b. das französische Algerien; o) das der Türkei tributpflichtige Tunis; 2) das türkische Ejalet Tripolis mit Fczzan; 3) das türkische Vice- königreich Ägypten; 4) die ägyptische Provinz Nubien; S) die Reiche von Abessinien; 6) die O-Spitze des Continents (Somaliland); 7) n.- östl. S-Afrika: a. das Snahcliland, b) Mozambique, o. Sofala, ä. die britische Colonie Natal,, s. das britische und das freie Kafferaria; k. Transvaalsche Republik, §) Oranjcflnß-Nepublik (die beiden Freistaaten der holländischen Boers); 8) das britische Capland; 9) das westl. S-Afrika r a. das Land der Groß-Namaqua, b. das Land der Bundavölker; 10) Guinea; 11) Senegambien; 121 die Sahara; 13) das Binnenland von N-Asrika (Nigerland); 14) das Binnenland von S-Afrika; l5) die wcstafrikanischen Inseln: a. Tristan da Cnnha (d'Acunha), b. St. Ascension, o. St. Helena, ä. die Gnineainseln, s. die Inseln des Grünen Vorgebirges (Capvcrdische Inseln), k. die Cana- rischen Inseln, §) Madeira u. Porto-Scmto, b. die Azoren; 16) die ostafrikanischen Inseln: a. Madagascar und sein Archipel, b. die Comoren, e. die Mascarenischen Inseln, >1. die Mähe- oder Seychellcninseln, s. die Admiralitätsinseln, k. die Insel Rodriguez, x. die Inseln zwischen den Mas- carencn und Seychellen, b. Socotora. Näheres siehe die besonderen Artikel. N. Literatur: Kiepert, Beiträge z. Entdeckungsgeschichte A-s, Berl. 1873; Ls 1a Darre Lnxareg,I7Ltrigne cispnis gna- trs sieelss äepsints an ino/en äo Iinit oroqnis sie., Par. 1873; A. Bastian, Afrikanische Reisen, Brem. 1859; Koner, Der Antheil der Deutschen an der Entdeckung u. Erforschung A-s, Zeitschr. der Berl. Ges. f. Erdk., 8. Bd., 5. Heft, 1873; hierzu Karte von H. Kiepert; Fricdr. Körner, S-A., Natur- und Cnlturbilder, Leipzig 1873. Pcricr, Des raess äitss Herberes et äs lenr stbnvAönie, Par. 1873; Schweinfurth, Völkerskizze aus dem Gebiete des Bahr el Ghasal, die Njamnjam, Globus XXIII. 1873; RohlfS, Land und Volk in A., Bremen 1870; Derselbe, über Menschenhandel in A., Ausland 1873, Nr. 5; Fritsch, Die Eingeborenen in S-A., Berl. 1872; Oberländer, West-A., Leipzig 1873; H. Barth, Reisen- und Entdeckungen in N- u. Central-A., Gotha 1859, 5 Bde.; K. Andree, Forschungsreisen in Arabien u. O-A., Jena 1861; v. Hcuglin, Reisen in NO-A., Gotha 1857; v. d. Decken, Reisen in Ost-A., Leipz.1859—70; W.Munzingcr, Ostafrikanischc Studien, Schasfh. 1864; Rohlfs, Ouer durch A., Lpz. 1874, 2 Thle.; H. v. Barth, Ostasrika vom Limpopo bis zum S'omalilande, V. 1 ""'" ~ > I.^ittkllän^i««.>ie Nn«! 3 tltunitc» Ils.kIoU.t?n t.«»Ut>N !»«>< «' ^elixwi^-; l^srt e j^ ^ ^ ^ l. ! /r,/^ Lk'KIK^ Afrikanische Bauherren — Afrikanischer Krieg. 247 Leipizg 1874; Rohlfs, Rciseerinnerungen aus Ccntral-A., Daheim 1873; G. Nachtigal u. seine neueste Reise in Sudan, Ausl. 1873, Nr. 38; Taylor, Ido lalcs rexions ok 6sntra1-^.krioa. Newyork 1873; G. Schwciufurth, Urs lieart ok .4., mit Karte, Land. 1874, deutsch, Lpz. 1874, 2 Bde; G. Nachtigal, Reise in die südlichen Heidenländcr Bagirmis, Zeitschrift der Berliner Gesellschaft für Erdk. 1873; K. Manch, Reisen im Innern von Süd-A. 1865 —1872, Ergänz- ungsh. 37 zu Pctermanns Mitth. 1874; D. n. CH. Livingstone, Nene Missionsrcisen in Süd-A., 2. A., Jena 1874; Klöden, Afrikanische Inseln, Berl. 1871. Afrikanische Bauherren, eine gegen das Freimaurer-System von der strictcn Observanz 1767 von dem k. preußischen Kriegsrath und Canonicus Karl Friedrich Koppen in Berlin gestiftete Verbindung, welche in Schlesien zwar Eingang fand, aber schon 20 Jahre darauf wieder verschwand. Sie bestand aus 5 Lehr- und 3 inneren oder höheren, nach anderen Angaben aus 7 Graden. Koppen, der in Berlin 1734 geboren war, st. 1708. Er schrieb: 6rata Ropoa oder Einweihung der ägyptischen Priester, Berl. 1770. Vergl.: Ter entdeckte Orden der afrikanischen Bauherren-Loge, Coustantinopel (Berlin) 1806. Der Zweck des Ordens bestand in Forschungen über Geschichte u. Geheimnisse der Freimaurerei, die aber sehr unwissenschaftlich betrieben wurden. Man arbeitete in lateinischer Sprache und hatte einen großen Reichthum an Symbolen u. Cere- monien. Die Verbreitung des Ordens war nicht bedeutend. Afrikanische Gesellschaft (4krioan ^.sso- oiation), ein in London 1788 von Banks begründeter Verein zur Beförderung der Entdeckungen im Innern von Afrika, der Civilisation der Einwohner und des Handels; sie stiftete eine Colonie zu Sierra Lcona und unterstützte Reisende nach dem Innern, wie Burkhardt, Hörnemann, Mungo Park, Laing u. A., die besonders den Lauf des Niger zu erforschen suchten. Ihre Resultate theilt sie in kroeesäinAs ok tlls Association kor pro- rnotinA tlls ckiseovsrz' ok ilkriog,, London 1780 ff, mit. In Deutschland sind neuerdings ebenfalls dergleichen Gesellschaften zusammengetrctcn. Das afrikanische Institut, feit 1807 bestehend, mit 1 Präsidenten, 1 Vicepräsidenten, 3 Direc- toren rc., beabsichtigt hauptsächlich die Abschaffung des Sklavenhandels, unterhielt ein Büchcrinstitut in Sierra Leona und wirkte von da aus zur Civilisirung Afrikas. Unter dem Namen A. G. constituirte sich im Jahre 1872 auch ein deutscher Verein mit dem Sitze zu Berlin behufs der„Durch- forschung der noch unbekannten Gebiete Äquatorial-Afrikas. Infolge der Anregung seitens der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin traten mit ihrem Vorstande Delegirte aus den geogr. Kreisen Deutschlands unter dem Patronat des Großhcrzogs von Weimar, des jetzigen Königs von Sachsen, des Prinzen-Admiral Adalbert von Preußen u. der Senate von Bremen u. Hamburg zu dicsemZwecke zusammen. Das Organ dieser A-n G. besteht in dem „Correspondenzblatt" derselben. Als Führerder Expedition wurde Güßfeldt aus Berlin, ider aus eigenen Mitteln 6000 Thlr. beisteuerte, ^ gewählt, mit mehreren Begleitern (Lenz u. A.). > Nachdem der durch das Scheitern des Schiffes bei Sierra Leona, Juni 1873, erwachsene Schaden wieder ersetzt worden, nahm die Expedition zwar !ihren Fortgang, hatte aber dermaßen unter dem !mörderischen Klima jener Gegenden zu leiden, ^daß nur kleine Expeditionen unternommen und eigentliche Resultate nicht erzielt werden konnten. !Dcr Schiffbruch eines zweiten, mit Hilfsmitteln versehenen Dampfers war ein neuer Verlust. ! Ende 1874 ging eine zweite Expedition unter .Homeyer u. Pogge nach der Loango-Küste ab. Das iJtihr 1875 brachte neues Mißgeschick. Die Ab- ! reise der auf Anfang Mai festgesetzten Haupt- Expedition konnte wegen Krankheit u. Ungemach s nicht erfolgen Güßfeldt erkrankte u. mußte im pJuli nach Europa zurückkehren; Homeyer mußte 4m Herbste aus demselben Grunde Nachfolgen. An 4>ie Spitze der Expedition trat nun Pogge, der 4m Laufe des Sommers einige Reisen unternahm u. etwa 215 Icm von Kabebe vordrang. Lenz arbeitete seit Juni 1874 am Gabon u. Ogvweh mit einigem Erfolge. Afrikanische Handelsgesellschaften, 1) A. H. in Guinea, von Friedrich Wilhelm, dem Gr. Kurfürsten, 1682 errichtete Gesellschaft, welche die Belebung des preußischen Handels in Afrika zum Zweck hatte, die Festung Groß-Friedrichs- burg auf der Küste von Guinea erbaute, aber 1718 wegen unzureichenden Gewinnes aufgelöst wurde. Die Festung wurde an Holland überlassen. 2) 4.kciss.n (loinpan^, britische Handelsgesellschaft, 1750 durch Parlamentsbcschluß errichtet, versorgt die Besatzungen u. Forts an der WKüste Afrikas n. treibt vorzüglich Tauschhandel. Afrikanisches Huhn, so v. w. Perlhuhn. Afrikanische Kachexie, vorzugsweise die Ncgerrace heimsuchcnde, sehr weit verbreitete, der Chlorose etwas ähnliche Krankheit. C. F. Heusinger (Die sog. Geophagic rc., Kassel 1852) hat diese Krankheit genau u. auf Grund der umfassendsten Studien beschrieben, n. A. Hirsch (Handb. d. histor.-geogr. Pathologie, Erl. 1860—04, Bd.I.) lieferte später eine treffende Skizze des Leidens. Die Krankheit gründet sich auf eigcnthümliche Veränderungen in der Blntmasse, zeigt unter sehr zahlreichen Symptomen die Neigung des Kranken, den perversen Appetit durch das Essen von Kalk, Kreide, Sand u. a. ungenießbaren Dingen zu befriedigen, ist von der Verminderung aller Sccretio- nen (die Stuhlausleerungen sind meist ohne Farbe), von einem Gefühl beständiger Kälte, von immer zunehmender körperlicher und geistiger Schwäche, Herzklopfen, Athemnoth, Erbrechen, dem Delirium ähnlichen Erscheinungen, Geschwüren, Wassersuchtrc. begleitet und führt nach Wochen, Monaten, zuweilen erst nach Jahren zum Tode. Die Krankheit entspringt aus Elend u. schlimmen klimatischen Einflüssen. Afrikanischer Krieg. Nach der Schlacht bei Pharsalus, in welcher die Pompejaner von Cäsar geschlagen wurden (48 v. Chr.), wendeten sich elftere nach Afrika, um dort gegen Cäsar zu kämpfen. Cato übernahm die Befestigung n. Besetzung Uticas, das Landheer führte der stolze 248 Afrikanische Sprachen — After. aber jedes Feldherrntalents ermangelnde Metcllus' weit diese den Norden erfüllenden Sprachen, die Scipio, und mit ihm war der König Juba von auch unter dem Namen die hamitischen Spr. (s. d.) Numidien verbündet. Nachdem Cäsar den bos- > zusammcngcfaszt werden, unter sich verwandt sind, poranischen König Pharnakes besiegt n. die un-!läßt sich noch nicht genau bestimmen. II. Ten zufriedene Stimmung in seinem eigenen Heere be- ^ Süden Afrikas bis zum Äquator erfüllen die schwichtigt hatte, ging er mit 6 Legionen im Herbste j Zweige der weitverbreiteten Bantn-Sprachc (s. d.); 47 v. Chr. von Sicilien nach Afrika. Ein Stürmen ihr gehören im O. die Sprache der 5Iaffcrn zerstreute seine Flotte, aber nachdem er sein Heer mit ihren Dialekten Xosa, Fingu, Ponda, Zulu, wieder gesammelt u. mit neuen Truppen verstärkt ferner die Dialekte von Zamberi u. Zanzibar; hatte, schlug er seine Gegner am 6. April 4L lim W. die Sprachen der Herrero, Bunda, Londa, bei Thapsus. Alle Häupter der Pompcjanischen, und weiter nach N. die Dialekte der Kongo- und Armee flohen, und da deren Schaaren das Land ^ Wpongwe-Völkcr, u. die mittlere Gruppe bilden auf ihrer Flucht plünderten, fanden die Cäsaria ncr willkommenen Empfang, u. Juba wurde von den Seinen verstoßen. Juba, Pctrejns, Scipio die Sprache der Betschuana mit den Dialekten Sarolong, Schlapi, Scsuto u. der Tekeza. Außerdem finden sich ganz im Süden, isolirt u. mit nahmen sich selbst das Leben, ebenso der hoch- keinem anderen Sprachstamme in nachweisbarer herzige Cato; die Stadt Utica ergab sich dem! Verwandtschaft stehend, die Sprache der Hotten- Sieger. Die Pompejaner zogen sich nach Spanien tottcn u. die der Buschman. III. Die Mitte zurück. Beschrieben ist der A. K. in dem dem! Afrikas n. die Westküste erfüllen die zahllosen HirtiuS fälschlich zngcschricbcnen Buche Ils Heiko ^ Idiome der Neger oder Sudan-Sprachen, in Be- ^krieano (gewöhnlich mit J. Cäsar hcrausgegcbcn). i tresf deren bis jetzt weder eine genaue Einthcilung Afrikanische Sprachen. Eine genaue Über-V möglich, noch nähere VerwandtschaftSvcrhältnisse sicht n. Classification der afrikan. Spr. zu geben, ist aus doppeltem Grunde unmöglich, einmal insofern die trotz der großartigen neuen Entdeckungen nachznwcisen sind. Unter ihnen sind die bemer- kenSmerthesten a) die Gruppe der Nilsprachcn, Bari, Dinka, h) die Bagirmi u. Maba, östl. vom immer noch ungenügende Erforschung dieses Erd-i Tschad-See, e) die Musgn-Grnppe, Batta, ck) die thcils uns bei Weitem noch nicht mit allen darin gesprochenen Sprachen bekannt gemacht hat, anderseits indem auch die zu unserer Kenntnis; gebrachten Sprachen noch nicht in so weit erforscht sind, daß ihr Zusammenhang überall festgestcllt werden könnte; es muß sich daher die Darstellung ^bvsprachcn, o) die Gruppe der Ewcsprachen, Aor- nba, Akra, Odschi, die Spr. der Aschanti, I) die Bornusprachc, Kanori, Teda, Kancm, ss) die Hausa- Spr., I>) das Gebiet der Krn, i) die Gruppe der Fclup-Spr. u. ferner der Mandc-Spr., Mandingo, Vci, Bambara, Susn, beide mit zahlreichen Unteraus eine topographische Übersicht beschränken, idialektcn, u. noch andere schwer zu elassificircnde Auszuschließen von dieser sind die in gcschichtli-!Spr., Wolof, Naln, Bulanda, Liniba. Endlich chcr Zeit durch'Eroberung und Einwanderung IV. finden sich zwischen den Ziegern die Sprachen eingedrungcnen u. jetzt verbreiteten Sprachen, sonder Fula- (Aiasena, Borgu, Sakatn) u. Nuba- vor Illlcm die arabische, die jetzt durch den ganzen Stämme (Nnbi, Dongolawi), deren unzureichende Norden in verschiedenen Dialekten gesprochen u. Kenntnis; ihren Ürsprnng u. ihre Verwandtschafts- noch jenseits der Sahara verstanden wird, die holländische, durch dieses Volkes Ansiedelung am Cap der guten Hoffnung gebräuchliche, die englische, ebendaselbst n. in anderen Besitzungen in kleinem Umfange verbreitet, u. andere, welche europäischen Sprachen aber nie eine Ausdehnung gleich der arabischen gewonnen haben. I. In dem nördl. Thcil .Afrikas herrscht seit uralter Zeit an der Ostküste im jetzigen Abessinien da? dem sennt. Sprachstamme ungehörige Äthiopische (Geez), jetzt nur noch Kirchensprachc (s. d.), aber noch in seinen Dialekten Tigre, Amharisch, Harrari lebendig. Unter ihnen längs der Küste des Rothen Meeres finden sich in den Sprachen der Bcdscha, Galla, Somali, Dankali, Agau unter sich verwandte Dialekte; nördl. im Nilthal herrschte einst die ägyptische Verhältnisse noch nicht hat bestimmen lassen. After, 1) (lat. »uns, Anat.) Ausgangsöffnung des Darmkanals, resp. Mündung des Mastdarmcs am Mittclfleischc, eine rundliche, von vielen strahlenförmig znsammenlaufenden Schleimhautfaltcn umgebene Öffnung, durch welche die unverdauten u. die zur Ernährung unbrauchbaren nebst anderen im Darme gebildeten oder in denselben ergossenen n. für weitere Verwendung untauglichen Stoffe, wie Galle, Schleim re., als Koth entleert werden. Am A. endet der am Munde anfangcnde n. durch alle Leibcshöhlcn verlaufende Nahrungskanal, dessen Schleimhaut hier continuir- lich, aber doch mit scharfer Abgrenzung in die äußere Haut übergeht. Im gewöhnlichen Zustande ist der A. stets geschlossen, u. wird dies Spr. (s. d.),, aus welcher die nachher als Volks-!bedingt durch den der Willkür unterworfenen spräche in Ägypten verbreitete koptische, jetzt vollv äußeren A-schließmuskel, der, sehnig an der Steißständig vom Arabischen verdrängt und erloschen, chcinspitzc entspringend u. in den vor dem A. hcrvorging. Den weiten Nordwcstrand erfüllte! gelegenen Thcilcn endigend, den A. mit zwei einst das Ta-Maschek, die Sprache der alten Li- Schenkeln, gleichsam wie mit einer Zwinge, um- byer oder der Berbern der späteren Zeit, auch'faßt n. durch seine Contraction geschlossen erhält, vom Arabischei; verdrängt, zu dein sich die noch' Unterstützt wird er hierin durch den inneren A- in wenigen Überresten verhandelte Sprache der! schließmnskcl, einen dichteren Ring circularer. Guanchcn, der Urbewohner derCanarischcn Inseln, Fasern der Muskelhaut des Mastdarmcs dicht am rechnen läßt. Das einst an NWAfrikas Küste! Ende desselben. Der sog. dritte A-schliesmuskel, gesprochene Phynikische (Panische) ist mit der Zer-! ein ähnlicher Ring circulärer Fasern, etwa 10 om störung Karthagos gänzlich untergegangen. Wie! über dem A. beginnend u. sich bis zum Anfänge After... — Afterblattläusc. 249 des Mastdarmes erstreckend, erhält dieses Darmstück in permanenter Zusammenziehnng. Ter sich in der 8-förmigen Krümmung u. höher im Darme hinauf ansammelnde Koth drückt zuerst auf diesen Muskel, bis derselbe dem Drucke nicht mehr Stand halten kann, dann erst rückt der Koth bis zum A., wo er, wenn der innere Schließmuskel nachläßt, noch durch den äußeren willkürlich zurückgehalten werden kann, wozu dann nöthigeufalls die zusammengepreßten Hinterbacken noch mithelfen müssen. In der Nähe des A-s n. mit den beiden letzterwähnten Muskeln im innigen Zusammenhänge finden sich noch die Hebemuskeln des A-s, die Dammmuskcln und der Steißbeinmuskel. Die Arterien für den After u. seine Umgebung .stammen aus der gemeinschaftlichen Scham- n. den Mastdarmartcrien. Die um den A. ein starkes Geflecht bildenden Venen ergießen sich znm Theil in die untere Hohlvene, zum Theil in die Pfortader. Die Nerven kommen ans dem Schamgeflechte. Von den Anomalien am A. sind zuerst zu erwähnen die angeborenen Mißbildungen, die Verengerungen, Verschließungen n. der Mangel des A-s. Die Verschließungen (Verwachsungen, ,4tresias ani) kommen ziemlich häufig vor; man unterscheidet äußere n. innere, je nachdem die verschließende Haut sich an der A-öffnung selbst, oder etwas oberhalb derselben im Inneren des Mastdarmes befindet. Beide Arten der Verschließung bieten meist der operativen Behandlung, der einzigen, die hier Erfolg verspricht, keine Schwierigkeit. Beim Mangel des A-s bietet die Behandlung ebenfalls' wenig Schwierigkeiten, wenn der Mastdarm vollständig vorhanden u. nur seine Ausgangsöfsnnng fehlt. - Anders dagegen verhält es sich, wenn gleichzeitig das untere Stück des Mastdarmes fehlt. Dann steht der Darm entweder mit den in der Nähe gelegenen Theilen (Harnblase, Harnröhre, Mutterscheide) in Verbindung, n. der Koth wird durch diese entleert (sog. Kloakenbildungl, oder er endet blindsackförmig, u. eine Entleerung des Kothcs ist unmöglich — abgesehen vom Kotherbrechen (Ilons). In beiden Fällen muß entweder an der natürlichen Stelle, oder an einer anderen ein A. gebildet werden. Im letzteren Falle nennt man den A. einen künstlichen (Anus artütioialw) oder auch einen widernatürlichen (.-lnu» prsetsr- natnraiw), doch gelingt es nur selten, besonders im letzeren Falle, das Leben der Kinder zu retten. Ein widernatürlicher A. bildet sich auch häufig im späteren Leben nach Durchbruch eines brandig gewordenen Bruches durch die Bauchwandung, seltener bei Darmwunden oder nach Durchbohrung der Darm- n. Bauchwandung durch fremde Körper (Nadeln, Gräten) und bei diese Wandungen zerstörenden Darmgeschwüren. Erkrankungen des A-s sind, da derselbe ja nur die Ausgangsöffnung des Darmkanals, gleichsam dessen letzter Querschnitt, ist, für sich allein sehr- selten, sondern meist verbunden mit Erkrankungen des Darmes (s. d.), oder nur Symptome derselben, so alle Ausflüsse aus demselben, die Schmerzen beim Stuhlgange re. Ebenso haben die am u. in der Umgebung desselben vortom- mendcn Geschwülste, Neubildungen re. mit dcm- l selben meist weiter keinen Zusammenhang, sondern lsind nur aus demselben heranSgetreten, wie ! Hämorrhoidalknoten, Mastdarmpolvpen, oder- anderen, meist syphilitischen Ursprunges, z.B.Feig- warzen. Wunden am A. (Einrisse, Schrunden, bässuras ani) sitzen meist nicht am A. selbst, sonderen im unteren Thcil des Mastdarmes. Ebenso haben die sich in der Umgebung des-A-s bildenden Abscesse n. Fisteln gewöhnlich keine andere als- örtliche Beziehung zu demselben; vgl. Mastdarmfistcln. Auch Lähmung des A-s vdcr vielmchr seiner Schließmuskeln ist meist nur ein begleitendes Symptom anderer Krankheiten, besonders des Rückenmarkes, und erfordert außer einer Behandlung der zu Grunde liegenden Ursache weiter keine örtliche Behandlung als die fcrupnlöseste Reinlichkeit. 2) Bei Vögeln die Gegend zwischen den Füßen u. dem Schwänze (Untersteiß); die um letzteren befindlichen unteren Federn heißen A-federn. 3) Im Anfbercitungswcsen die in Poch- u. Waschwerkcn entstehenden Abfälle, die fast kein nutzbares Mineral mehr enthalten. After ..früher Präposition im Sinne von nach, hinter (hier affter mir kommen meine Mitgenossen , Zinkgrcf), wie noch engl, alter, holländ. u. plattdeutsch aobtor (mit cd statt kvort), jetzt neuhochdeutsch nur noch in Zusammensetzungen als untrennbarer Wortthcil, bedeutet 1) Nachfolge der Zeit, dem Orte u. der Ordnung nach, z. B. Aftcr- geburt, Aftcrerbe; 2) das Falsche, verfälscht Nachgemachte, Künstliche, an Stelle des Wirklichen, Wahren, Echten. Aftcrbildung (Aftergebilde, Aftcrgewächs, Aftergeschwulst, Usenäoinorplmsiz). jedepathologische Neubildung am Körper. Zuweilen wird die Bezeichnung Aftergewächs re. auch fälschlich für Gewächse, Geschwülste am, oder in der Nähe des A-s gebraucht. Afterbinde (Mastdarmbinde, stunde, Iförmige Binde; Chir.), Verband bei den verschiedenen Krankheiten des Mastdarmes u. dessen Mündung, des Afters, in Gestalt eines L. Afterblätter (Bot.) oder eigentliche Nebenblätter, immer zu zwei am Grunde des Blattes stehende, anders geformte, früher sich entfaltende u. früher abfallende Blatt-Organe. Afterblattlänse (Blattflöhe,Uaz-IlockssLni-m.), Fam. der Halbdeckflügler; der Rüssel kommt nahe bei der Brust heraus, Kops mit 2 hörnerartigen Vorsprüngen, Augen vorstehend, Springfüße, beide Geschlechter mit 4 Flügeln; saugen die Säfte der Pflanzen, wodurch sie oft schädlich werden u. blasenartige Auswüchse verursachen; leiden eine Verwandlung: Larven platt, die 6 Füße mit häutigen Blasen u. Doppelkinnen, schwitzen einen feinen seidenartigen, wolligen Stoff, der'ihre Hülle ist, aus. Hierher gehört 1) tAeo/i,'(6üer- mes L.), Obcrflügel ohne Mal, mit vierzinkiger Gabelader; Fühler lOgliedrig, so lang oder länger, als der Leib; von den zahlreichen Arten ist die bekannteste die Erlen-A. (I>s. alni L.), grau, Hinterleib gelblich, Brustschild mit 3 grün-gelben Flecken, Fühlerspitze schwarz; Länge 3 mm; die Larven mit einem weißen, wolligen Überzüge versehen; l?8. p)ri lebt auf Birnbaum- n. ur- ^tioas auf Brennnessclblättern. 2) lävia Laü-., 250 Aftcrblumon — Oberflügcl ebenso, aber pergamcntartig, Fühler lOgliedrig, kürzer als der Leib, 2. Glied sehr lang u. dick; die Binsen-A. (L. .s uneorum) 2 mm lang, braun, Kopf u. Rücken rothbraun, Fühler ^ in der Mitte weiß, am Ende schwarz; verur-, sacht auf den Binsen (Innen« lamproearxns) knospcnähnliche Auswüchse, nach deren Genuß die; Schafe erkranken. Afterblumen, die kleinen Klanen des Wild- prcts. ?lfterbnrdc, das noch nicht abgesetzte Kalb einer Hirschkuh. Afterünrge, wer nach einem schon vorhandenen Bürgen für eine Schuld in dem Falle für letztere einzntrcten verspricht, wenn der Gläubiger durch elfteren keine Befriedigung erhält. Afterdolde, s. Trngdolde. Afterdrohnen (Bienenz.), nicht völlig ausge- bildere Drohnen oder Bienenmännchcn. Afterfifsur (1?i8snra ani, Schrunde am Aster), kleines, längliches Geschwür, das sich zwischen den strahlenförmigen Falten derSchleimhaut des Afters hinzieht u. besonders während n. nach dem Stuhlgänge heftige Schmerzen verursacht, zuweilen mit Afterblutfluß verbunden ist und den Asterschließ- mnskel zu so krampfhafter Zusammenschnürung reizt,daß Aftersperre entsteht, die nur durch Klystiers überwunden werden kann. Die A entsteht durch heftiges Pressen bei verhärteten Kothmassen und gewaltsamer Überwindung des dadurch entstehenden Krampfzustandes im Asterschlicßmuskcl, häufiger bei Frauen, als bei Männern, und ist meist mit Katarrhen des Mastdarmes u. Hämorrhoiden verbunden. Hartleibige Menschen müssen durch zweckmäßige Auswahl der Speisen und täglichen Genuß frischen oder gedämpften Obstes, u. wenn nöthig, auch durch tägliches Klystieren mit einem guten Klysopomp für regelmäßige u. beschwerdcn- losc Leibcsöffnung sorgen. Aftcrgeriinsch des Herzens, im Gegensätze zu den wirklichen Geräuschen, die bei Untersuchung des- Herzens mit dem Ohre wahrgenommen werden. A-c erscheinen bei mancherlei Veränderungen der Blutmasse, sowie bei hohen Graden von Erweiterung einzelner Herzhöhlen u. bei manchen Herzfehlern; vgl.: Auskultation. Afterjurkcn (krnritno intestini rseti), Jucken u. Kitzeln um u. in der Aftermündung mit Gefühl von Hitze u. Brennen, von Trockenheit und Sprödigkeit der Haut, zuweilen auch mit Ausschwitzung einer wässerigen, schleimigen u. selbst eiterartigen Feuchtigkeit. Am häufigsten ist das A. bei Hämorrhoiden, beim Aftcrfluß, bei Krankheiten der Mastdarmschleimhant, bei Hautaus- schlügen, bei Eingeweidewürmern. Afterklaucn, bei Rindvieh, Schweinen rc. Auswüchse (Klauen, Schalen) an der äußeren Seite der Hintersüße, über den Hufen; ihrer Natur nach sind es die Rudimente, d. h. die nur in der Anlage gebildeten Theile von Außenzehen. Aftcrkrystnllc, Krystalle, die ans einer Substanz bestehen, der eigentlich eine andere Form zukommt, z. B. Krystalle aus Qnarzmasse in der Form des Datoliths, der sogenannte Haytorit; s. n. Pseudomorvhosen. Afterlehn (Nachlehn). Dem Belehnten, Va- - Astorskorpione. fallen stand nach Lehnrecht die Bcfngniß zu weiterer Belehnung (Lnbinksnäatio, Astcrbelehnnng) an einen Snbvasallcn, Afterbelehnten unbestritten zu, soweit solcher Act dem Lehnherrn nicht nachtheilig war. Der Afterbelelmte war dem Ober- Herrn mitpflichtig. Aftcrmiethe (Afterpacht, Sublocation, Un- termiether) ist das Rechtsverhältnis; zwischen dem Miethcr oder Pächter einer Sache u. Demjenigen, welchem er die micth- oder pachtweise Nutzung dieser Sache überlassen hat. Nach Römischem Rechte war die Aftermiethung (was von dieser gilt, gilt auch von der Afterverpachtung) in dem Rechte des Miethers, falls nichts Anderes zwischen diesem u. dem Vermiether verabredet, begriffen. Das Allg. Landrccht entzog dagegen dem Miether die Befugnis;, die gemiethete Sache ohne Einwilligung des Vermiethers einem Anderen zu überlassen ; nur bei Pachtungen, welche mehrere Wirth- schaftsrubrikcn oder Vorwerke unter sich begreifen, kann der Pächter einzelne derselben auch ohne ausdrücklichen Konsens des Verpächters in Unterpacht ansthun. Das Französische Recht gab dagegen dem Miether das Recht, zu untervermiethcn u. sogar seinen Miethvertrag einen; Anderen zu cediren, wenn u. soweit ihm diese Befngniß nicht untersagt worden. Bezüglich der Rechtsverhältnisse zwischen Vermiether — Miethcr — Unter- miethcr gilt in; Allgemeinen die Regel, daß die Rechte des Vermiethers durch die Untcrvcrmicthung nicht verändert werden können; dagegen ist (z. B. im Allg. Landrccht I. 21, Z 317) der Vermiether befugt, den Untermiether wegen Beschädigungen der Sache direct in Anspruch zu nehmen. Aftermotte (dalleria Htb.), Schmctterlings- gattung der Zünsler; 4 Taster, obere unter den Schuppen des Kopfschildes versteckt, untere schuppig; Flügel lang u. schmal; bei Linne zu liüea. Art: Wachsschabe (Wachsmotte, 6. msllionella), aschgrau, Kopf u. Brustschild Heller, innerer Rand der Oberflügcl braun punktirt, Hinterer ausgeschnitten; Raupe lebt in den Honigwaben vom Honig, durchbohrt sie, baut aus Fäden mit ihrem Ünrath ein Nest, wird wie 0. alveolaria den Bienenstöcken schädlich, wenn die angefressenen Wachswaben nicht sogleich entfernt werden. Die Raupe der letzteren lebt vom Wachs. Afterpacht, s. Aftcrmiethe. Aftcrpfand, das von einem Pfandglänbiger weiter verpfändete Pfand, so daß das A-recht ein Recht an einem anderen Rechte nach den Einen, richtiger vielleicht nach den Anderen (Vangerow rc.) ein Pfandrecht an einem Object, an welchem das erste Pfandrecht haftet, durch dieses letztere nur vermittelt. Afterraupen sind die ranpenähnlichen Larven der Blattwespen; von den eigentlichen Raupen durch ihre größere Anzahl von Fußpaaren (hier meist 9 bis 11, dort 3) u, die beiden Pnnktaugen des hornigen Kopfes unterschieden. Afterskorpione (?8encko8oorpionic1sa), Thiergruppe, welche sich den echten Skorpionen anschließt; Obertheil des Körpers hat 3 Abschnitte, der vordere, viel breitere ist das Bruststück; die Palpen sehr groß, fußförmig n. endigen entweder ;in eine 2fingerige Schecre, oder in einen blasen- Aftcrspinnen — Agü. 251 förmigen Knopf; Schwanz u. Kämme fehlen; ath- men durch Tracheen, leben auf der Erde, laufen auch rück- und seitwärts. Dazu die Gattungen: straud in Finnland in fpttter in Riga sich aufzuhalten; er st. 1850 in Riga. 5) Arvid August, schwedischer Dichter u. Historiker, gcb. a) ölrslicksr 6-eo/l (Krebsspinne), Taster verlän->6. Mai 1785 zu Broddetorp in Westgothland, gcrt, vorn eine Scheerc, haben das Ansehen un-i war seit 1822 Pfarrer zu Enköping u. st. hier geschwänzter Skorpione. Art: Bücherskorpion (6Iich 25. Sept. 1871. Er schrieb das Trauerspiel eauorvickes 6-so/'.), rothbraun; Taster (mit Schee-! Den sists VolünnAsn. Stockh. 1880, u. Lvenslra. reu) 2mal so laug wie der Leib; groß wie Bett-!ko1Lots 8aAodöüI,>r. eine ans Volksübcrliefernngcn Wanze; lebt in Papier, Herbarien; frißt Milben! begründete populäre Geschichte Schwedens, ebd. u. andere kleine Jnsccten, dadurch nützlich; kriecht! 1889—1870, 11 Th., deutsch von Ungewitter, meist rückwärts; wanzenartige Krcbsspinue (6Ii. !Lpz. 1842, 3 Th.; gab mit Geiser heraus eiuneionlss), unter Baumrinden, b) Obmium! 8rensLa tulüvmvr, alte schwedische Volkslieder, Leae/r.. jederseits 2 Augen, Tarsen zweigliederig, !ebd. 1814—1816, 8 Bde., deutsch von Mohnike, der Woosskorpion (0. museornm), schwarzbraun, Berl. 1880; Xksüeck til Lvensüa to1I«Imrpan, Beine weißlich, Fangarme rothbraun, 2 mm lang, ebd. 1848, beide mit Musikbcilagen; legte den unter Moos. Melodien auch eigene Lieder im Volkston unter; Asterspinnen (UkmIaiiAiäa), Ordn. der Spin- ^ auch übersetzte er die poetische Edda, die Her- ncnthiere. An Körpergestalt u. Lebensweise nähern! varar-Saga u. s. w. Als Dichter nimmt er keinen sie sich den eigentlichen Spinnen, von denen sie - bedeutenden Rang ein; doch wurde sein Lied sich durch ihre Scheerenkiefer, Trachceuathmung,!Xsoksu(Wassernixe)sehr populär; höher steht seine Gliederung des Hinterleibes u. den Mangel der Thätigkeit auf dem Gebiet der altnord. Literatur. Spinndrüseu unterscheiden. Wenig zahlreiche,! Ag, chem. Zeichen für Silber (lat. XrAsutum); nächtliche Thiere, von denen der durch seine! Atomgewicht— 108. äußerst langen, sadensörmigcn, nach dem Entfer-! Aga (Agha, türk.), Titel- mehrerer Hof- u. nen vom Körper noch lange sortzuckendeu Beine! NWitarwürden am türkischen Host; sie sind ent- ausgezeichnete, an Mauern häufige Schneider u) Birun-Agalar, des Äußern u. des (Brotschneider, Wcberknccht, Habcrgeis, Uluilan- A^j^Es: Nikinotar-A-, der Zeug, Sattel, Schemel Atnm ofälio T,.) bekannt ist. o beim Roßbestcigen- des Sultans zu besorgen hat; Afwa-Saxa, Berg nahe der StadtOber-^ornca,^Bnlnk-Agalar, Generäle der Cavalerie; A. der am Torneafluß m Fmland, wo m der Johannis- Dschebedschi, Befehlshaber der 7000 Waffcn- nacht die sogenannte Mitternachtssonne zu sehen schmiede, deren Oberster, Dscheb-Baschi, gleich ist, u. zu dieser Zeit sich nicht nur viele Fremde, >,mch dem Janitscharen-A. kam; und A. der besonders Engländer, ciufmden, fondern auch dw^opdschi, Commandeur der Artillerie; Sipahi- Bewohner der benachbarten Gegenden zu Spiel! Ugalar, General der Sipahi; Si!idhar-A., Ge- ,u. Tanz versammeln. 1730 —3i wurden hier ,mralissimus der Reiterei; oder b) Enderu- von französischen und 1801—3 von fchwedischciUAgalar, die des Innern n. des Hofes (Reichs- Gelehrten Gradmessungeu vorgcnommen. .staatssccretäre): Babi-Skadel-A. (Kapu-Agassi), Afzelins, 1) Adam, geb. 8.^Oct. 1750 zu! Oberhosmeister des Serail, Haupt der weißen Naturforscher in der Colonie Sierra Leona, 1796 ^te Serail, worin die Frauen u. Sklavinnen der bis 1799 schwedischer Gesandtschastsfecretär m cherst. Sultane n. die in Ungnade gefallenen sind; London, dann wieder Lehrer zu Upsala il. seit ! per Pos neuen Serail ist einer der vornehmsten 1812 Professor der Llaterin ineäioa u. der Diä- einflußreichsten Hofbeamten, durch den man, da er stets freien Zutritt zuni Sultan hat, leicht Audienz bei diesen: erhalten kann. Auch die kirchlichen Gebäude u. milden Stiftungen stehen unter ihm, u. er vergibt, außer den Jmamstellcn, alle diese Einrichtungen betreffenden Ämter. Aga tetik daselbst; st. 30. Jan. 1836. Er gab Linnes Selbstbiographie, deutsch, Bcrl. 1826, heraus u. schrieb mehrere botanische Merke. Sein Herbarium u. seine ethnographischen Sammlungen wurden für die Universität Upsala angekauft. 2) Johann, des Vor. Bruder, gcb. 13. Juni 1753;!;» auch noch im Gegensätze zu Efendi (d. i. wurde 1784 Professor der Chemie in Upsala, trat per Schreibkunst Mächtiger), dem Ehrentitel für 1820 in Ruhestand n. st. 20. Mai 1837; er trug wesentlich zur Ausbildung der Chemie bei; er war u. a. der Lehrer von Berzelius. 3) Pehr v., Bruder der Vor., geb. 1760 zu Lars; ward 1788 Regimentsarzt, 18oI Professor der Mcdicin zu Upsala u. 1812 unter gleichzeitiger Erhebung in den Adclstand Leibarzt des nachmaligen Königs Karl XIV. Johann.; legte 1820 sein Lehramt nieder und st. 2. Dec. 1843. 4) Anders Erik, Verwandter der Vor., geb. 25. April 1799; war 1818—1821 Lehrer der Rechtswissenschaft Staats- u. Civilbeamte, ein Ehrentitel für solche Respectspersonen, welche mit der Schreibknnst nichts zu thun haben, bezw. keine Bureanthätig- keit„haben. Äga (Äx, Aix), Nymphe oder nach Anderen Ziege, Tochter des Olenos, nach Anderen des Helios. Sie ward von Gäa in einer Höhle verborgen, weil sie durch ihren Glanz die Titanen blendete. Hier säugte sie den jungen ZcuS, der ' cll bei der Bekämpfung der Titanen später ihr ^ , ^ chei sich trug u. sie selbst aus Dankbarkeit unter zu Abo. Er wurde 1831 wegen ferner politischen!^ Sterne versetzte; s. Oaxslla u. Agis. Ge,Innungen verhaftet u. nach Wiatka verbannt,! A - , Geogr.), 1) St. in Achaia, schon vor bis er 1835 die Erlaubmß erhielt, zu Wilman-i ^ ^ v - - , > - 252 Agabos — Agamemnon. der Entstehung des Achäischen Bundes verlassen; > die sich leicht bearbeiten lassen. Dieselben sind zum ihre Einwohner waren meist in das östl. liegende Th. Talk, so die z. Th. dichten Varietäten des Agira ansgcwandert. 2) St. aus der Westküste Pyrophyllits (s. d.). Die schönsten kommen zu von Euböa, mit Tempel des Poseidon; jetzt Gaja, Götzenbildern verarbeitet ans China. 3) St. in Emathia (Makedonien), die Begräbmß- stadt der alten makedonischen Könige. 4) Küstenstadt Ciliciens, an: Jssischen Meerbusen, mit Hafen; jetzt Ajas Baja. 5) Feste St. in Mysien, am Meerbusen von Kyme, eine der 11 Städte, die sich von der Pcrserherrschaft frei erhielten; sie litt durch das große Erdbeben z. Z. des Kaisers Tiberius. Agabos, Prophet, nach der Sage einer der 70 Jünger Christi, der (Apgesch. 11, 21) von Jerusalem nach Antiochia kam u. eine große Theuerung, auch die Gefangenschaft des Paulus vorhcrsagte. Beide trafen ein, die erstere 44 n. Ehr. Er soll als Märtyrer gest. sein. Agades (Aghädcz),ziemlich verfallcnc.Hanptst. des afrikanischen Sultanats A'ir (Sahara), 1400 von den Berbern gegründet, von wo die Karawanen die Waaren ans Sudan nach Marokko, Fezzan u. Tripolis überführen; während ihrer Blnthezeit 80,000, jetzt nur mehr 7000 Ew. zählend, welche ein Gemisch von Negern u. Berbern sind, liefert sie Lederwaaren u. treibt Handel mit Salz nach Bilma. Agadir, befestigte, aber in Verfall gerathcne St., Pro». Sus, Marokko, nahe der Mündung des Sns; vortreffliche Rhede, die aber dem fremden Handel verschlossen ist; früher stand A. mit Europa im lebhaften Handelsverkehr, kam aber in Folge der Erbauung Mogadors herab; die 1500 Ew. treiben noch geringen Handel mit Südfrüchten. Ägadische Inseln, s. u. Ägatischc Inseln. Ägiiisches Meer oder griechischer Archipe- lagus (.4sAL0um maro, türkisch Adalah-Dschcn- gizi, Jnselmcer, oder Ak-Dschenghiz; neugriech. Aspri Thalassa, d. h. weißes Meer), Meer zwischen Griechenland, der Türkei n. Kleinasien, südl. bis Candia n. Rhodns, nvrdl. in die Meerenge der Dardanellen endend. Im Alterthnm waren seine Theile: das Thrakische. Myrtoische, Jkarische u. Kretische Meer. Es hat viele fruchtbare Inseln: die Kykladen, nördl. u. südl. Sporaden, Samos, Chios, Lesbos, Lemnos, Thasos, Euböa u. v. a.; als bedeutendster Fluß ergießt sich in dasselbe die Maritza. Die fruchtbaren, z. Th. gebirgigen Küsten haben viele Buchten mit guten Häfen. Die Inseln selbst kann man den gcogno- stischen Untersuchungen der Neuzeit zufolge als Reihenvulcane betrachten, sic stehen in dieser Beziehung unter allen Inseln Europas einzig da, doch sind ihre herrschenden Felsartcn nicht basaltisch oder vulcanische Schichten, sondern Gneis u. Glimmerschiefer, wiein den Gebirgen des festen Landes. Der Name Ä. M. soll nach Einigen von Agens (s. d.), nach A. von den vielen zie- genähnlichcn Fclsenspitzcn herrühren. Agallochum (Agallocheholz), so v. w. Alocholz. Agalmatolith (v. gr. ÜAalma, Schmuck, Götzenbild, u. litlios Stein, also Stein zu Götzenbildern, Bildstein), verschiedene perl- u. grünlichgraue fowic ölgrüne Mineralien von Tnlkhärte, Agam, fruchtbare Landschaft im Innern Sumatras, über 974 in Seehöhe, vnlcauisch, sehr fruchtbar, mit gesundem Klima. Tie Bewohner, eine schöner Menschenschlag, sind tapfer, aber grausam; sie fertigen Schießgewehre, Gewebe u. Golddraytarbciten; die Frauen bearbeiten den Boden. A. war der Hauptbestandtheil des ehemals mächtigen Reiches Manang-Kabau, das zu den schönsten u. best bevölkerten Theilen der Insel gehörte. Agamch, Landschaft im nordöstlichen Theil von Abessinien, mit der Hauptst. Addi Grat, in der Nähe des 3400 in hohen Alekwa; bringt reichlich Wolle u. Getreide hervor. Agamedes, Sohn des MinyerS Erginos (d. h. Werkmeister), dem Mythus nach ein geschickter Baumeister, soll mit seinem Bruder Trophonios das Schatzhaus des Augias zu Elis oder des Hyricns in Böotien gebaut u. dasselbe, ganz so wie die Söhne eines ägyptischen Baumeisters den Schatz des Rhampsinit, bestohlen haben; indem sic nämlich einen Stein so einfügtcn, daß sie ihn herausnehmen und daim leicht wieder einsetzen konnten; sie wurden entdeckt, Trophonios tödtcte sogleich den A. u. wurde selbst von der Erde verschlungen. Nach einer anderen Sage bauten sie den Tempel des Apollo zu Delphi, wofür ihnen Apollo eine Belohnung zugesagt hatte, welche sie am 7. Tage nach der Vollendung erhalten sollten; sic bestand darin, daß sie an diesem Tage starben. Agamemnon, Sohn des Atreus (daher Atride), Königs von Mykene, u. der Aerope, Enkel des Pelops, Urenkel des Tantalos, floh mit seinem Bruder Mcnelaos, nachdem ihr Vater von seinem eigenen Bruder Thyestes ermordet worden war, nach Sparta, wo er Klytämnestra und sein Bruder Helena, die Töchter des Königs Tyndareus, heiratheten; er vertrieb darauf den Thyestes u. dessen Sohn Ägisthos, welche sick in Besitz seines väterlichen Reiches Mykene gesetzt hatten, u. ward König daselbst. Er erweiterte nun sein Reich, beherrschte bald Mykene, Sikyon, Achaia, Korinth u. einige Inseln u. ward der angesehenste Fürst in Griechenland. Im Trojanischen Kriege stellte er 100 Schiffe, lieh den Ar- kadern 60 u. war Oberanführer des gcsaminten gricch. Heeres. Als dasselbe sich in Aulis versammelte, erlegte er eine der Artemis geweihte Hirschkuh; die Göttin versagte deshalb erzürnt günstigen Wind zur Abfahrt der Flotte n. ward erst dadurch besänftigt, daß A. auf den Ausspruch des Sehers Kalchas sich entschloß, ihr seine Tochter Jphigenia zu opfern. Als er jedoch im Begriffe war, das Opfer zu vollziehen, entrückte Artemis Jphigenia nach Tauris u. setzte eine Hirschkuh an ihre Stelle, worauf die Abfahrt erfolgte. Vor Troja war A. als .Herrscher würdevoll u. gebieterisch, als Krieger fast so tapfer wie Achilleus; doch wurde seine Entzweiung mit Achilleus wegen der Sklavin Brise'ks, im 10. I. des Krieges, dem griech. Heere verderblich (siehe Aganum — Agapen. 253 Achilleus u. Trojanischer Krieg). Zwar befehligt' er die Schlacht u. tödtet einige Troer, wird abery von Koon verwundet u. verzagt daran, den Sieg! zu gewinnen. Erst nach dem Tode des Patro-^ klos, bei dessen Leichcnspiclcn A. den Preis im > Speerwerfen erhielt, söhnte sich Achilleus mit ihm! aus, kämpfte wieder u. schlug die Troer. Bci^ der Eroberung Trojas fiel ihm Priamos Tochter! Kassandra als Beute zu. Nach einer stürmischen! Rückreise langte er glücklich in Mykene an, ward aber unter Mitwissenschaft seiner Gemahlin Kly- tämncstra von deren Buhlen Ägisthos, nach Homer mit Kassandra beini Mahle, nach den Tragikern im Bade ermordet. Griechenland verehrte ihn unter seinen Heroen; seine Kinder waren außer Jphigcnia: Chrysothcmis, Laodike oder Elektra n. Orestes; Homer und Sophokles nennen noch Jphianassa. A-s Heimkehr und Tod behandelt Aeschylos' nach ihm benannte Tragödie. Agamcn, Eidechsen aus der Gruppe der Dick- znngler. Zerfallen in 2 Fam.: l) Baumag amen (Denclrvpliilas) u. 2) Erdagamen (llnmiraFae). Erstcre sind träge, leben in Bäumen, klettern gut, ändern ihre Farbe; letztere sind behende, leben ans ebener Erde in steinigen u. sandigen Gegenden. Jede dieser Familien zerfällt in 2 geographisch scharf begrenzte Zünfte: a) in A. der östlichen Hemisphäre, mit Zähnen, welche den Kiefern eingcwachsen sind, u. b) in A. der westlichen Hemisphäre, mit Zähnen, welche den Kiefern nur angewachscn, gleichsam angekittet sind. Bemerkenswert!) sind zu 1 a): der fliegende Drache (Oraeo volaim ilv,,) kleine Baumeidechsc, welche jederseits am Rumpfe einen häutigen, über falschen Rippen ausgespannten Fallschirm besitzt; auf Java; der Basilisk von Amboina; im Nacken und auf der Firste des Rückens ein Schuppenkamm, auf der Schwanzwurzel ein hoher Schuppenkamm; 1,z in lang; hält sich am süßen Wasser ans den am Ufer stehenden Bäumen ans, von welchen er sich bei nähernder Gefahr ins Wasser stürzt; Fleisch wohlschmeckend; Sunda- inscln (s. Basilisk). — Zu 1 b) gehören: der amerikanische Basilisk (Uasilisens mitratns Da-rci.), ebenfalls mit Rückenhautkamm; in Guyana; ferner die Leguane (Iguana tuboronlata Qanr.), in Guyana, n. I. rbinoloplius Hairck., in Mexico; beide ohne Schwanz, gegen 60 ein lang; haben auf der Rückenfirste einen Kamm aus spitzigen Hornplatten, an der Kehle einen platten Kehlsack; werden gegessen. — Die Anolis können ihren Kehlsack auf- blühcn; dazu ilnülis oarolinoiisis Dum., ans den Carolinen; grünlich, Kehlsack im Affect kirschroth. — Zn 2 a): der Hardnn (Ltellia vulgaris Däne?.), über 35 em. lang; braun; besitzt Stachclschuppen um das vertiefte Ohr n. der Länge nach an den Seiten des Rückens; in NAsriia und WAsicn. — Zu 2b): '1'ropiclolvpis, in Mexico u. dem S. der Vereinigten Staaten; den Hardunen aufs Täuschendste ähnlich. AgnmcntienZ, Berg im Dork County des UnionsstnateSMaine, unter 43° 13' 25" n.B. n. 70° 41' 12" w. L., 214 in hochü. d.M.; alsLandmarke. Agamie (v. Gr.), 1) eheloser Zustand; 2) so v. w. Kryptvgamie; daher Agamisch, geschlechtslos, s. Kryptogamisch. Agana, Hanptst. der Insel Guajan, Vtarianen; Sitz des span. Gouverneurs dieser Inselgruppe; Rhede; 3—4000 Ew. Aganippe, Tochter des Flußgottcs Tekmessos in Böotien, wurde in die gleichnamige Quelle am Berge Helikon in Böotien verwandelt, deren Wasser dichterische Begeisterung gab (vgl. Hippo- krenc). Nach ihr hießen die Musen wöl Aganip- pides. Agäon, einer der Ccntimancn (s. d ). /kgspantlms (Bot.), Pflanzengatt, ans der Fam. der Lilien. 3. nmboUatus L'.Leir, ans dem südlichen Afrika, mit schönen blauen, in Dolden stehenden Blüthen auf 50—70 cm hohem Stengel, gehört zu den beliebten Zierpflanzen. Die Pflanze gedeiht bei jährlichem Umpflanzen in lehmiger Compostcrde u. großen Töpfen im Sommer im Freien, im Winter in srostfrcien Räumen. Vermehrung durch Theilnng. Agapen (v. Gr.), Licbesmahle, die in den ersten christlichen Zeiten gebräuchlichen, ursprünglich mit dem Abendmahl verbundenen religiösen Mahlzeiten der Christen, wobei Arme und Reiche zn- sammcnspeistcn, um ihre Bruderliebe und Gleichheit vor Gott anzndcuten (Apgesch. 2,46; 1. Kor. 11, 20 ff.). Die A. gingen hervor ans den heiligen Mahlzeiten der Juden, unter Vorsitz des Familienhanptes, welcher Sitte auch Jesus mit seinen Jüngern Pflegte. Als die Christen sich mehrten und die Mahlzeiten nicht mehr in den Privathänscrn, sondern an religiösen Versammlungsorten gehalten wurden, leiteten die Bischöfe u. Presbyter die A. Der Mahlzeit ging Händewaschen u. Gebet voraus, dabei wurden Abschnitte der H. Schrift verlesen, kirchliche Nachrichten und Briefe mitgetheilt u. bisweilen Hymnen, zum Thcil mit Kitharabcglcitung gesungen. Zum Schluffe sammelte man für Wittwen, Waisen u. Arme, betete u. schied nach Umarmung u. Kuß. Zur Zeit der Verfolgung wurden die A. nachts an verborgenen Orten, gewöhnlich am Sonntag gehalten, später in den Kirchen; als aber Mißbräuche dabei sich einschlichen, außerhalb derselben, beim Tode von Familicn-Angehörigcn, an den Jahrestagen der Märtyrer, unter Einladung der Geistlichen u. der Armen. Die Beschuldigungen der Heiden, daß die Christen bei den A. Kinder verzehrt u. Unzucht getrieben hätten (Thyestcs-Mahle u. Ödipus-Gränel), sind zwar Lügen, aber über Ausartung in Völlerei re. klagen schon die Kirchenlehrer am Ende des 2. Jahrh., u. seit der Mitte des 4. Jahrh. wurden die A. auf mehreren Con- cilien, bes. zu Laodicea 363, Carthago 397, Orleans 535 und Constantinopel 692 verboten, aber nur mit Mühe unterdrückt. In der griechischen Kirche findet sich den A. Ähnliches noch jetzt bei Begräbnissen re., u. die Abessinier halten sie noch, verbunden mit dem Abendmahl. Vgl. Drescher, l>s vet. Olirisb. »Aapis, Gießen 1824. Agapcnor, Sohn des Ankäos, König zu Te- gea in Arkadien, einer ' der Freier der Helena, ging nachher mit 60 Schiffen, die er von Aga- ^neinnon erhielt, nach Troja. Auf der Rückkehr wurde er nach Cypcrn verschlagen, wo er Paphos erbaute u. starb. > Agapetcn (gr., Licbesschwestern, Uxtranoas 254 Agapctus — Agassiz. Lubintrockuolas), in der alten Kirche zuerst bei den Gnostikern Wittwen u. Jungfrauen, die unter Berufung auf 1 Kor. 9, 5 in Enthaltsamkeit als geistliche ^Schwestern bei den Asceten und Geistlichen wohnten. Wegen entreißender Sittenlosig- keit wurden sie auf der Synode zu Nicäa 325 verboten, dauerten aber wegen der Ehelosigkeit der Geistlichen ini Geheimen fort. Agapctus, 1) St. A., Jüngling in Präneste, welcher um 274 den Märtyrertod erlitt; Tag: 18. Aug. 2) Diaconus zu Constantinopel, Lehrer des Kaisers Justinian; schr. für diesen 527: 8ebeäö basilikö (ein Fürstenspiegel), oftherausgcg., zuletzt v. Gröbcl, 1733. 3) A. I., in Rom gcb., bestieg im Juni 535 nach Johann II. den päpstlichen Stuhl u. übernahm auf Veranlassung des Gothen- königs Theodat die Friedensvermitteluug mit Kaiser Justinian in Constantinopel; indeß war dieses Bemühen vergebens, dagegen gelang cs ihm, beim Kaiser die Absetzung des znm Patriarchen von Constantinopel erhobenen Eutychiancrs (Sectirers) Anthimos durchzusctzen. Nach nur llmonatlicher Regierung st. A. I. in Constantinopel 22. April 536. 4) A. II., auch in Rom geb., ward nach Martin III. 946 Papst u. benutzte seine Stellung hauptsächlich dazu, die Verbreitung der christl. Lehre im N. Europas zu fordern. Ohne die Befreiung Italiens von dem gegen feinen Lehnsherrn Otto I. sich zum König auswcrfenden Berengar II. erlebt zu haben, st. A. II. 956. Agar-Agar, malaiischer Name einerAlgesBIo- oaria tsuax. Oraellaria spinvsa ,, Feucrschlvamni (s. d.) u. a. in. Wirklich hierher gehören: 4.. oaesarsns (s. Kaiserliug), 4. oainpsstris 41. (f. Champignon), 4. clslieiosus 41. (f. Reizker), 4. emsticus ä'o/rae/^1 (s. Täubling), 4. musoarius 4,. (f. Fliegenschwamm), 4. praesens §oop. (f. Parasolschwamm), .4. prunulns I?oo^. (f. Musseron), 4. torminosus (f. Hirschling). Agasias, Sohn des Dositheos, Bildhauer aus Ephesos, z. Z. der ersten römischen Kaiser; von ihm der Borghesische Fechter. Agassiz, Louis Joh. Rnd., einer der berühmtesten Naturforscher der Gegenwart, geb. 28. Mai 1807 zu Mattier im Kanton Freiburg,studirte zu Lausanne, Zürich, Heidelberg, München u. Paris Mcdieiu u. Naturwissenschaften, wurde nach seiner Rückkehr ans Paris, u. nachdem er verschiedene Reisen zu ichthyologischen Zwecken unternommen, 1832 j Professor der Naturgeschichte zu Nenfchatel. Wählend seines dort. Aufenthaltes stellte er im Verein !mit seinen Freunden Dcsor, Colomb, Dollfuß feine > 10jährigen berühmten Beobachtungen an über die ! Bewegungen der Gletscher u. die Spuren antedi- luvianischer Glclschcrthätigkeit. Im Jahre 1846 wanderte er nach NAmerika aus, wo er Professor in Ncu-Cambridge- bei Boston, 1852—54 zu Charleston u. seitdem Professor der Zoologie u. Geologie zu Cambridge (Massachusetts) ward. Hier gründete er ans Staatskosten ein zoologisches Museum. Im März 1865 unternahm er auf Kosten von St. Thayer in Boston mit einer Gesellschaft von Gelehrten u. Künstlern eine wissenschaftliche Reise nach SAmerika, besonders Brasilien u. dem Amazonenstrom, zu Forschungen, Sammlungen und Prüfung feiner Eiszeit-Theorie. Über die bedeutenden Ergebnisse dieser Reise hielt er in Rio de Janeiro Vorträge u. veröffentlichte später darüber; 4souriis)'in 8 ra 7 .ii, Boston 1866, 6. Aust. 1871—72 machte A. auf einem ihm von der nordamerikanischen Regierung zur Verfügung gestellten Kriegsschiffe eine Rundreise um Amerika, auf welcher er den Golfstrom, die Sargassosce, die atlantischen Küsten befuhr n. sich mit dem organischen Leben in den Wassertiefcn beschäftigte, aber auch zu Lande forschte, so in Montevideo u. auf den La-Plata-Ebenen, wo er die Spuren ehemaliger Glctscherthätigkcit nachwics. Er bc- Oalbauuui — Agathoktes. suchte weiter die Magelhaensstraße, die Inseln^ Juan Fernande;, die Galapagos, Panama, San- Francisco rc. Ein reicher Newyorker Kaufmann, Anderson, stellte ihm neben einer halben Million j Dollars die Insel Pinuinkes Island, 3M. südl.! von New-Bedford (etwa 60 Hektaren groß, mit Park u. sonstigem Zubehör), zur Verfügung, uun dort eine Station zu Sondirungcn der Meeres-> tiefe u. anderen Forschungen einzurichtcn. Doch^ war es ihm nicht vergönnt, länger als zwei Jahre' dieses Glück zu genießen; er st. zu New-Uork IS. Dec. 1873 in seinem 67. Lebensjahre. A. war nicht allein Forscher, sondern auch ein philosophischer Geist, obwol die meisten Resultate, die er nach dieser Richtung zu Tage gefordert hat, zweifelhafter Natur sein dürften. Zu Ende seines Wirkens zeigte er sich als sehr eifriger Widersacher des Darwinismus. Er schr.: 8sleeta §snsra ob Lxseioo piseiuvr brasil., München 1829—31; List. Naturells ckss xoissous ä'eau ckouos äej lllluroxs osntrals, 1839—45, 3 Thle.; Usolrer- vlios snr Iss poissous kossilss, Neufch. 1838—45p 14 Lief.; NonoArayIiis äes poissons tossiles äu visux xres rouM ou sz'stöms Osvouisu ckss !Io8 löritanuignss, Soloth. 1844; vsser. ckss sobino- äsrmss lass. cis la Lniss«, Neufch. 1889—42, 3 Lief.; NouvAraxlris ä'scliinock. vivants ob lass., ebd. 1838—42, 4 Lief.; lllluckos crib. sur Iso wollusguss lass., ebd. 1840; IsonoAraplüs ckss sognilles tsrtiairss, 1845; dlvm. surlesmoulss ckss mollnsgnes viv. st lass., ebd. 1840; lÄuckss Lru- Iss Alaeisrs, 1840, (deutsch 1841); L^stsms ^laoiairs, Par. 1847; Geol. Alpenreise, 2. A., Franks. 1847; Xomsnelatvr ^ooloxious, Soloth. 1842—48; Oontributivns ob tlis uatnral llistorz' ob tllo Uniteck statss. Bost. 1858—63, 5 Bde.; 'Blls struoturs ob animal libo. Newyork 1866; OsolvAieal slestolros. 1866; Ollaeial plivnomoua in Llalns, Bost. 1870; 8oisnbiüo rssultats ob a fourusz- in Lra^il, 1870. Unter seiner Leitung erschienen: Lnllstin ob tbs lllussum ob oompara- bivs nooloZ)'. seit 1863, u. Illustratoä eatalogus ob tbs ^luseuni ob oompar. 200 I. Seine letzte Arbeit „I.o tzyw speoitigus, son svolubion ob sa xermansnes", welche er kurz vor seinem Tode dictirte, ist in Nr. 39 der Ilevus seientitigno, Par. 1874, enthalten. Sein Sohn Alexander A., ebenfalls Zoolog, schrieb im 2. Theil des letztgen. Merkes: Xortli-Xmeriean Xealsxbas, Cambr. 1865; liln:br)o1og;x ob tlls star tisll, Boston 1865; sowie mit seiner Mutter Elisabeth A.: 8easi<1ö stuckiss in natural llistorz-, Boston 1868. /lgas>I!is Kslbanum (Bot.), eine am Cap der guten Hoffnung wachsende Toldenpflanze; soll wie manche andere Pflanzen dieser Familie das wichtige officinelle Galbanumharz liefern. Das Harz der verwandten.4. Zummiborum, ebenfalls in SAfrika, ist von Galbannm ganz verschieden. Agnta, Sant' (S. A. de' Goti), Flecken im Distr. Ccrreto der italienischen Prov. Bcnevcnto, ani Jsclcro; 8000 Ew.; liegt an der Stelle des alten Saticola. Agatha (a. Geogr.), St. der Völker in 6allia Xarbonensis, au derMündung dcs?!rauris; davor ciue gleichnamige Insel. A. war eine Colonic der Massilicuser oder Phokäer u. heißt jetzt Agde, doch findet sich dort keine Insel mehr. Agatha (v. Gr.), Frauenname, bedeutet die Gute. Merkwürdig ist: S t a. A., vornehme Jungfrau aus Palermo oder Catania, wurde Christin, u. weil sie die Liebe des römischen Statthalters Quintianus verschmähte, im I. 251 nach gräßlicher Mißhandlung ans glühenden Kohlen zu Tode gemartert; Tag: 5. Febr. Ihren Reliquien wird Heilkraft gegen das Feuer beigemessen, n. in mehreren Orten Siciliens wird sic als Schutzpatronin gegen die Ausbrüche des Ätna verehrt. Mit ihren abgeschnittencn Brüsten soll sie die alte heidnische Demeter oder Ceres sein, u. ihr Fest Wird noch in Catania mit an die Heidenzeit erinnernden Umzügen gefeiert. Agathangelos, griech. Mönch, soll den Fall des Byzantischen Reiches auf das Jahr 1453 u. dessen Wiederherstellung genau nach 400 Jahren prophezeit haben. Rußland, zu der letzteren entschlossen, ließ die Prophezeiung um 1853 vielfach verbreiten. Ngathias, ans Myrina in Mysien, geb. 536 n. Chr., lebte als Advocat (daher der Beiname Scholasticus) in Bhzanz. Er dichtete zahlreiche, meist erotische Epigramme, deren uns noch 101 in der griechischen Anthologie erhalten sind, sammelte auch freunde Dichtungen zu einem CykluS, dessen Vorrede noch übrig ist, u. schrieb nach dem Tode des Kaisers Justinian die Geschichte desselben, an Procopius anschließend, von 552 bis 558. wo das Werk unvollendet abbricht. A. ist wahrheitsliebend, aber cs fehlte ihm an eingehender Kcnntniß dcr amtlichen Quellen; der Stil ist allzu überladen. Er st. 582. Ansg. seiner Werke von Niebnhr, Bonn 1828. Kgatbis, Pflanzcngatt. aus der Fam. der Co- nifercn (XXII. 1), enthält schöne Bäume; X. 1v- rantbikolia ä'alrsb., auf den malaiischen u. inoluk- kischen Inseln, ist außerordentlich reich an Harz, das als Dammarharz flüssigen verhältnismäßig am größten ist. Der ^ Grund dieser 3 Aggregatzustände liegt in dem vcr- schiedenenVerhältniß derzwischen den Molecülen der Körper thätigen anziehenden n. abstoßenden Kräfte, deren Gesammtwirkung man als die Cohäsion (s. d.) bezeichnet. Die Cohäsion der festen Körper ist so groß, daß ihre Molecüle in bestimmten Entfernungen und bestimmter gegenseitiger Lage zu bleiben bestrebt sind; wird die Lage u. Entfernung der Molecüle durch Einwirkung äußerer Kräfte geändert, erfährt der Körper also z. B. eine Dehnung, Compression, Drehung oder Biegung, so stellt sich, wenn diese Veränderungen eine gewisse Größe nicht überschritten haben, nach dem Äufhören der Einwirkung jener Kräfte die ursprüngliche Lage und Entfernung der Molecüle wieder her, der Körper nimmt wieder sein anfängliches Volumen n. seine ursprüngliche Form an. Diesen Widerstand der festen Körper gegen Änderung der Form u. des Volumens bezeichnet man als Elasticität (s. d.). Man unterscheidet nach der Art der stattgehabten Änderung Zug-, Comprcssious-, Torsions- u. Biegungs-Elasticität. Die oben genannte Grenze heißt Elasticitäts- Grenze. Wird dieselbe überschritten, so tritt entweder dauernde Volumen-, rcsp. Formänderung ein (Dehnbarkeit), oder es findet bei einer gewissen Stärke der Einwirkung eine vollständige Trennung der Theile statt: der Körper wird zerrissen, zerdrückt, zerdreht oder zerbrochen. Der Widerstand gegen die Trennung der Thcile heißt Festigkeit cr A. K. weisen mit Entschiedenheit auf ägyptischen Ursprung zurück. Es sind dies: gleichförmiger Schnitt der Köpfe bei der größten Verschiedenheit der Personen u. Situationen, schiefgestellte Augen u. hinaufgezogene Mundwinkel. Der Ursprung der Ä. K. reicht bis in die sagenhafte Zeit des Dädalos zurück, dessen Zeitgenossen Siuilis Holzbilder verfertigt haben soll. Später ward die Insel Ägina der Hauptsitz hellenischer Kunst, die von der attischen Kunst wesentlich abweicht. Aus dem hieratischen Charakter der ältesten Zeit, der aus Ehrfurcht vor alten Überlieferungen, oder wol auch aus Rücksicht auf die Anschauungen des Volkes lange bei- behalteu wurde, trat die Ä. K. erst mit der Herstellung von Athletenstatuen heraus. Die damit gewonnenen Fortschritte, namentlich inderBehand- luug des Nackten, wurden nun auch auf die Götterbilder übertragen, während zugleich das hauptsächlich Charakteristische in Kopf, Haar u. Gewandung auch jetzt noch in seinem alterthümlichen Typus beibehalten wurde. Die Ä. K. erlosch aber schon mit Beginn der Periode des Phidias. Die bedeutendsten Reste der Ä. K. bilden die sogenannten Äginetische» Giebelgruppen, Bildwerke aus parischem Marmor, die 1811 von Baron Haller v. Hallerstein, Cockerell, Foster u. Linck Lei den Ruinen eines Tempels auf der Ostscite der Insel Ägina aufgefunden wurden. Der Tempel galt ursprünglich als dem Zeus Panhellenios geweiht, ward aber später richtig als ein Tempel der Athene erkannt, deren Bild in der Mitte beider Giebelgruppen sich befindet. Kronprinz Ludwig von Bayern ließ die Bildwerke 1812 durch Martin Wagner ankaufen u. unter Beirath Thorwaldsens stilgemäß zusammensetzen u. ergänzen. Der fragliche Athene- tcmpel wurde als ein Denkmal der in den Per- serkricgen von den Äginetcn bewiesenen Tapferkeit erbaut u. der Göttin aus Dankbarkeit für ihre Unterstützung im Kampfe geweiht. Darum zeigen die beiden Giebelgruvpen eine Verherrlichung des Ruhmes der Ägineten durch eine Parallele ans der Heroenzeit. Der östliche Giebel stellt den Kampf des Herakles n. Telamon .gegen Laomedon vor, u... liegt die Beziehung auf Ägina darin, daß der Aginet Telamon nicht nur der Begleiter des Herakles war, sondern auch den Preis des Sieges erhielt. Die Darstellung im westlichen Giebel zeigt den Kampf um die Leiche des Achilleus im Trojanischen Kriege. Dafür spricht die Anwesenheit des Paris als Bogenschütze rechts in der Gruppe: er hat den Achilleus getödtet, u. Achilleus gehört dem äginetische» Geschlechts der Äakiden an. Ein anderer Äakide, Mas, rettet seine Leiche. Ihrem Stil nach gehören die Ägineten der noch nicht zu voller Freiheit entwickelten alterthümlichen Kunst, nicht aber gehören sie ein u. derselben Kunstperiode an, es spricht vielmehr Vieles dafür, daß zwischen der Herstellung der einen und der anderen Giebelgruppe die Entwickelung der Kunst während eines Menschenalters liegt. Dafür sprechen die eng anliegenden Gewänder, die glatt gespannt, oder künstlich in regelmäßige Falten gelegt sind. Der Gegensatz, den die Alten zwischen äginetischer u. altattifcher Kunst annehmen, tritt in dem Widerspruch zwischen Form u. Ausdruck deutlich hervor: der geistige Ausdruck der Köpfe bleibt weit hinter der Vollendung der Körper zurück, wenn diesen auch bei streng regelrechten Bewegungen die Geschmeidigkeit fehlt. Der Stil der Ostgruppe zeigt eine freiere Entwickelung bei weniger vollendeter und abgerundeter Ausführung. Dieser Widerspruch beider doch jedenfalls gleichzeitig hergestcllten Giebelgruppen erklärt sich wol am natürlichsten durch die Annahme, daß die westliche einem noch in den früheren Anschauungen befangenen, die östliche einem der Periode vorgeschrittenerer Entwickelung angehörigen Künstler übertragen war. Im Hinblick auf die gegebene Entwickelungsstufe darf man die Entstehung der Gruppen wol unmittelbar nach den Perserkriegen (480 v. Chr.) setzen. In technischer Beziehung ist interessant, daß die obwol auf nur ganz dünnen Basen ruhenden, mehrfach weitausschreitenden u. mit schweren Schilden belasteten Figuren gleichwol nirgends künstlich gestützt sind. Auffälliger Weise ward auf die Rückseite derselben fast ebenso viel Sorgfalt verwendet, als auf die Vorderseite. Zeigen die Gruppenjetzt auch eiue gewisse Kahlheit, so war das ursprünglich gewiß anders, da mehrere Zuthaten aus Bronze oder Marmor angefllgt waren, was wesentlich zu ihrem Schmucke beitrug. Überdies ward die Gcsammt- wirkung noch durch die Färbung u. Bemalung wesentlich erhöht, deren Spuren nach der Auffindung der Gruppen noch deutlich zu erkennen waren. Die Färbung hatte aber keineswegs naturalistische Effecte im Auge, sondern wollte nur die Verschiedenheit der Substanzen des Körpers, der Kleiderstoffe u. Waffen mittels Farbe hervorhebcn. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren die nackten Thcile der Körper im Allgemeinen nur mit lasurartiger Beize versehen, um die blendende Weiße des Marmors zu mildern; Augäpfel u. Lippen zeigen noch heute eine größere Glätte, was auf Bemalung hindeutet, die den Einfluß der Witterung abhielt. Über die Anordnung der Gruppen ward bislang viel gestritten; viel hat die von Brunn getroffene der Figuren der Westgruppe für sich, welche das Ganze sich zu unerwarteter Schönheit entwickeln läßt. Namentlich zeigen jetzt die Höhenvcrhältnisse der 265 Agio - einzelnen Figuren ein wellenförmiges Auf- und Niedersteigen, in den Ecken beginnend u. in der Athene gipfelnd, so daß die dadurch gegebenen festen Punkte sich zu einem ebenso gesetzmäßigen als schönen System von Linien vereinigen. Vgl. Cockercll in IInAÜss Dravols, London 1820; Urlichs Glyptothek, Münch. 1867; Thiele, Thor- waldsens Leben, Leipz. 1832—1834; I. M. Wagner, Bericht über die äginctischen Kunstwerke mit kunstgeschichtl. Anmerkungen von Schelling, in Schell, sämmtl. Werken I. 9, Stuttg. 1861; Friederichs, Bausteine zur Gesch. der griech. u. röm. Plastik., Düsseld. 1868; Brunn, Glyp- toth., Münch. 1868—1874; Ders., Über die Composition der aginetischen Giebelgruppe, Münch. 1869; Ders., Über das Alter der äginetischen Bildwerke, Sitzungsber. der München. Akad. 1867, Bd. II.; O. Müller, I)s ^.rts L.sAinstioa, Berl. 1820, u. A. ebd. 1873; Abbildungen in der Bxpsci. äs Lloreo, Bd. III., u. in Lüarao, Llusss. Agio (v. Mal.), ursprünglich die Vergütung, welche die italienischen Geldwechsler auf Goldmünzen gegen Silber nahmen; jetzt die Differenz zwischen dem nominellen Werthe, dem Preise u. dem reellen, eigentlichen Werthe eines Gegenstandes, zwischen dem geprägten Gelde und den Banknoten, zwischen dem Gelde des .Inlandes und dem eines fremden Landes. Das A., welches in einigen Ländern die Goldmünzen gegen Silber oder die Gold- und Silbermünzen gegen Papiergeld haben, wird nach Proccnten angegeben. Beträgt z. B. das Gold-A. bei Dollars 13°/«, so erhält man für 100 Dollars in Gold 113 Dollars in Papiergeld. Es ist bedingt durch die Nachfrage, wenn eine Geldsorte, gemünztes Geld oder Papiergeld, gesucht wird, od. ein Gesetz das Einzahlen von Steuern u. dgl. in einer gewissen Münzgattung fordert. In erster Linie hängt indessen das A. mit der (mehr oder weniger ungünstigen) Finanz-Lage eines Staates zusammen. In Österreich, Italien, Rußland, den Vereinigten Staaten von Nordamerika hat das Metallgeld einen höheren Werth, als das Papiergeld; der Unterschied wird im A. (Aufgeld) ausgedrückt. Solche Zustände sind für Handel und Industrie sehr uachthcilig. Vgl. Agiotage. Agioconto, die Rechnung im Hauptbuche, auf welcher Gewinn und Verlust beim Geld- oder Wechsel-Geschäfte gebucht wird Agiion (a. Geogr.), eine der Zwölfstädte in Achaia, am Korinthischen Meerbusen, später Hauptstadt des Achäischen Bundes, wo die Versammlungen desselben gehalten wurden; berühmt waren die Flötenbläserinnen von Ä.; jetzt Bo- stitsa. Agiotage (v. Fr.) ist das Spekulationsgeschäft an der Börse, wodurch auf das Steigen und Fallen (ä la Imusss und ä Is, baisse) der Course der Werthpapiere, Staatspapiere und Actien künstlich einzuwirken gesucht wird, um aus den Coursdifferenzen Nutzen zu ziehen. Diese Spekulation begann zuerst in Frankreich durch das berüchtigte System des Schotten Law (s. d.), drang dann immer tiefer in das Börsenwesen ein und nahm der Börse ihre solide Grundlage. Der Agioteur benutzt alle künstlichen und trügeri- - Agis. scheu Mittel, Verbreitung falscher Gerüchte, irreführende Käufe und Verkäufe, um zu hohen Preisen zu vcrwerthen, zu niedrigen Preisen einzuhandeln. Im elfteren Falle wird er Haussier (Hinauftreiber) und im letzteren Baissier (Herab- örücker) genannt. Aber die eigentliche A. unserer Zeit hat es nur mit Differenzgeschäften zu thun, bei denen blos der Coursunterschied herausbezahlt wird. Sie ist somit nichts als ein Hazardspiel. Die Annalen der Pariser Börse weisen ein charakteristisches Beispiel eines solchen Hazardhandels auf: es wurde nämlich einmal in einem einzigen Monat an dieser Börse mehr Branntwein auf Herauszahlung der Differenz am fingirtcn Liefertage verkauft, als in ganz Frankreich in einem Jahrhundert hätte erzeugt werden können. In England ist die A. so populär geworden, daß der Witz der Börsenmänner dafür eine eigene Kunstsprache erfunden hat: so heißt der Agioteur (labber), der auf das Steigen der Course specu- lirt, Stier (Lull), u. der, welcher auf das Fallen speculirt, Bär (Lear), weil der Eine die Course hiuaufzustoßen und der Andere niederzutreten trachtet. Fallirt ein solcher Jobber, so nennt man ihn eine lahnie Ente (Imme änob) und seinen Austritt aus der Börse ein Hinauswackeln (to rvaäckls out). Einige haben die A. als einen wirksamen Hebel der Circulation und der Vermehrung des Reichthums in Schutz genommen; aber es ist keine Vermehrung, sondern doch nur eine Veränderung, Übertragung; denn bei der A. ist kein Gewinn für den Einen ohne Verlust für den Anderen möglich. Der Börseuschwindel hat in den letzten Jahren die unglaublichste Ausdehnung gewonnen u. den Reichthum einer Anzahl von Menschen, aber auch die Armuth einer bei weitem größeren Zahl herbeigefllhrt. S. Gründungsschwindel. Agipän» d. h. Bockspan, Sohn des Zeus u. einer Nymphe, ursprünglich arkadischer Naturdämon, mit Bocksbeinen, Bocksgesicht u. Hörnern. Daneben gab es vom Gott Pan auch eine menschlichere Vorstellung: vgl. Pan. In der römischen Mythologie entspricht ihm Silvanus. Agis, Könige von Sparta: 1) A. I., Sohn des Eurysthenes, um 1000 v. Chr., soll die Urbewohner Lakonikas unterworfen haben; von ihm stammt die eine der beiden Königsdynastien von Lakonika, die Ägiden. 2) A. II., Sohn des Archi- damos II., Bruder von Agesilaos II., regierte 426—398 v. Chr.; nahm Thcil am Peloponne- sischen Kriege, machte 425 einen Einsall in Attika, erfocht 417 einen Sieg über die Ägincr u. betheiligte sich 405 an der Belagerung Athens; nachdem er noch 398 gegen Elis gefachten hatte, st. er 398; s. Lakonika. 3) A. III., Sohn von Archidamos III., regierte 338—330 v. Chr.; Feind der Makedonier, gegen welche er sich mit Persien verband; s. ebd. 4) A. V?., Sohn des Eudanüdas, regierte von 244—240 v. Chr.; er wollte die alte strenge Verfassung und Sitte und so auch die alte Volkskraft wieder Herstellen, wurde aber von seinen politischen Gegnern, namentlich von seinem Nebenkönig Leonidas II., daran verhindert. Nach dessen Vertreibung setzte er die Schuldentilgung durch, als aber auch die 266 Agis — Gütertheilung wieder eingcführt werden sollte, machte ihm sein Oheim Agesilaos Schwierigkeiten, nnd dessen Gcwaltthätigkeitcn während des A. Abwesenheit im Bundeskricge gegen die Atolier zogen dem König selbst den Haß des Volkes zu; Lconidas kehrte zurück, n. A. wurde vom Rathe zum Tode verurtheilt nnd erdrosselt; s. Lakonika. Sein Leben hat Plutarch beschrieben, der ihn u. Kleomencs mit den beiden Gracchcn zusammenstellt. Alfieri hat sein Schicksal zum Gegenstände eines Trauerspiels gewählt. Agis (gr-, Ägide), 1) der Schild des Zeus, ursprünglich ein Symbol der dunklen Gewitterwolke, welchen ihm Hephästos geschmiedet hatte, u. womit er Wolken, Finsterniß n. Sturmwind erregte; ans ihm ist das furchtbare Gorgonenhanpt angebracht, welches den blendenden Glanz des Blitzes bedeutet. Zeus hat davon den Beinamen Ägiöchos, d. i. der die Ä. Haltende. In der Ilias schüttelt Zeus diesen Schild selbst gegen die Feinde, oder er verleiht die, Ä. an Athene oder Apollo. Später wurde die Ä. zur eigeuthümlichcn Waffe der Pallas Athene, anfangs als Ziegenfcll (von aix, Ziege, da Zeus das Fell einer Ziege Äga, die ihn ernährt hatte, im Titanenkricge als Schußwaffe getragen haben soll), während sie auf späteren Kunstwerken als Brnstharnisch mit dem Meduscnhanpte erscheint. 2) Symbol des Schirmes und Schutzes der Götter; daher so v. w. Obhut, Schutz, den ein Mächtiger einem Schwachen angedeihcn läßt. Ägisdrekka, s. Lgisdrekka. Ägisthos, der Nichtswürdigste des frevelhaften Pclopidengeschlechtcs, Sohn des Thycstcs, mit dessen eigener Tochter Pelopia erzeugt. Die Mutter setzte das Kind aus, welches von Hirten gefunden n. von einer Ziege ernährt, später aber von seinem Oheim Atreus als Sohn erzogen wurde. Als Pelopia ihre Unthat erkannte, tödtctc sie sich selbst. Als Atreus ihn auffordcrte, den Thyestcs zu ermorden, erschlug A. den Oheim und herrschte nun erst mit seinem Vater, dann nach Einigen allein in Mykene. Von hier ward er durch Agamemnon vertrieben, verführte aber, während dieser vor Troja kämpfte, dessen Gemahlin Klytämnestra und setzte sich so wieder in Besitz der Herrschaft. Er lud den Agamemnon bei seiner Rückkehr zu einem Mahle, wo er ihn tödtete (s. d.). Nach 7 Jahren erschien endlich Orestes, Agamemnons Sohn, und rächte den Vater durch des Ä. Ermordung. Dies behandelt Äschylus im Agamemnon und den Chocphorcn, Sophokles in der Elektra. Agitation (v. Lat.), Bewegung; in psychischer Hinsicht heftige Gcmüthsbewegung, ein Zustand der Unruhe, welcher sich durch schnelleren Umlauf des Blutes, vermehrte Wärme rc. kund gibt; A. in politischer, socialer und kirchlicher Hinsicht, jede Bewegung, um die öffentliche Meinung sür gewisse Zwecke zu gewinnen u. in Fluß zu bringen. Hede Art von A. ist, sofern sie den vernünftigen^ Fortschritt anstrebt und in den Schranken des! Gesetzes verbleibt, erlaubt und sittlich gerecht-^ fertigt. Sie ist sogar, nach der Eigenthümlichkeiti der menschlichen Natur und der Gestaltung der! - Aglia. socialen Verhältnisse, nothwendig. Zu Störungen der öffentlichen Ordnung kann die A. nur bei einer unwissenden, fanatischen nnd zu Ausschreitungen geneigten Masse führen. Agitator (lat.), 1) (röm. Ant.) Wagenlenker, besonders bei den Wettrennen in den Circusspielen. 2) Ein Mensch, der auf irgend einem Gebiete des öffentlichen Lebens, in der Politik, Kirche, Wissenschaft rc. eine lebhafte Thätigkeit entfaltet u. die öffentliche Meinung sür sich oder seine Partei zu gewinnen sucht, oder auch eine Bewegung erst ins Leben ruft. In den Zeiten des Absolutismus verstand nian unter einem A. meistens einen Unruhestifter, Aufrührer, Aufwiegler rc. Große geschichtliche A-en waren z. B, in England die der Freihandelspartei zur Abschaffung der Korugesetzc; die A-en O'Conncls zu Gunsten derUnabhängigkeit Irlands; in N-Amerika die A-cn der Abolitionisten; in Italien die Maz- zinis nnd Garibaldis; in Deutschland die des 1859 zu Frankfurt a. M. gegründeten Nationalvereins bis zum Jahre 1866 für einen Deutschen Bundesstaat unter Preußens Centralgewalt, die Lassallcs rc. A-cn der gewöhnlichen Art, wie cs deren zu allen Zeiten gab (auch in der Gegenwart), sind die gefährlichsten, weil ihnen jedes Mittel genehm, jede Gelegenheit willkommen ist. Aglabiden, afrikanische Dynastie, welche, gestiftet von Ibrahim ben Aglab, Statthalter Haruns, das mittlere Magrcb mit der Hauptstadt Rogucda (Tunis?) seit Beginn des 9. Jahrhunderts n. Chr. beherrschte u. sich, zuerst von dem byzantinischen Statthalter Euphemius nach Sicilien gerufen, seit 827 auf dieser Insel, sowie in Calabrien fcstsetzte, aber auch in Afrika fort- regiertc, bis am 20. März 909 Ziadcth Allah III., der letzte Aglabide, sein Land au den Feldhcrrn des Obcidallah n. damit an die Fatimiden verlor. Obeidallah ließ sich auch in Sicilien huldigen. Aglam (Aglaja, gr., d. i. festlicher Glanz), 1) Tochter Jupiters n. der Euryuomc, eine der drei Grazien. 2) Der 47. Planetoid, 15. Scpt. 1857 von Luther in Bilk entdeckt. üglaia, Schmetterling, so v. w. großer Perl- muttcrfalter (Xenion X§1aia). Agle (gr., die Glänzende), 1) eine der Hes- periden, auch eine der Schwestern Pha'ethons, desgl. eine Najade, von Helios Mutter der Grazien. 2) Der 96. Planetoid, v. Coggia 17. Februar 1868 entdeckt. tlegle 6orr., Pflauzcngattuug ans der Fam. der Oraugcngewächsc (Xurcmtiaooao XI. 1, L.). Art: Xs. marmslos, großer, dorniger, häufig cultivirter ostiudifcher Baum, mit apfelgroßen Früchten mit gelblich-grüner, fester, später fast holziger Schale. Das säuerlich-süße, wohlschmeckende Fruchtfleisch wird gegessen; Wurzeln nnd Rinde werden bei Verdanungsbeschwerden als Heilmittel gebraucht. Aglei (Bot.), so v. w. Aquilcgia. Aglia, Gattung der Spinner; Flügel horizontal liegend; jedes Fühlerglied des Männchens chat einen Zahn; die Raupe 16 Füße. Art: Schieferdecker (Tau, I'Vogel, X. tau. !>.); Flügel ^beim Männchen rothbrann, beim Weibchen gelb; ! haben in den Ecken ein blaues Auge mit weißem !P; grüne Raupe auf Buchen und Eichen. ! s l » ZI 267 Aglie — Agncs. Aglie, Flecken im Bez. Jvrea der italienischen Provinz Turin, an einem vom Orco abgeleiteten Kanal; Prätur; römisches Schloß mit Bibliothek u. Sammlung von Alterthümern (bei Tusculum 1825 ausgegraben); 3650 Ew. üglossa (gr., Zungenlose), 1) L§IosKa, Lat,-, pz-ralis Gattung aus der Familie der Lichtmotten; Zunge fehlt; untere Tastspitzen größer als die oberen, 2. Glied mit büschelartigen Schuppen; Raupe mit 16 Füßen. Art: Fettschabe (X. pinAuinalis, Pkal. pz'rgl. Pinguin. X,.); Flügel braun, äußerer Raud mit schwarzen Binden; die braune, glatte Raupe lebt in Butter, Speck rc.; gemein in Häusern. 2) Zungenlose Lurche, Gruppe der Frösche; dahin besonders die Wabenkröte (?ixa Laur.), s. d. üglossus (v. Gr.), zungen-, sprachlos; Aglos- sie, Zungenlosigkeit, Sprachlosigkeit. Agmat, Stadt im Kaiserreich Marokko, am Atlas; verfallen; Castell; 5500 Einw., darunter ein Fünftel Juden. Agnndello, Pfrdf. im Bez. Crema der italienischen Prov.Cremona. 1320EW.; KircheSta. Maria della Vittoria, erbaut von Ludwig XII. zum Andenken des 14. Mai 1509 bicr erfochtenen Sieges der Franzosen über die Venctiancr; s. Venedig. Hier auch im Spanischen Erbfolgekriege 16. Aug. 1705 Niederlage Eugens durch den Herzog von Vendöme. Agnano, ein neuerdings ausgetrockneter, von hohen Lava-Ufern umschlossener, kreisförmiger See bei Neapel, auf vulcanischem Boden; 7 im Umfang; früher Anguiano (Schlangensee); sein kaltes Wasser sprudelte zu Zeiten in die Höhe. An seinem östl. Ufer die 4 in lange, 2 in hohe und ebenso breite Höhle, aus der sich kohlensaurcs Gas bis zur Höhe von 25 am erhebt, weshalb Thiere darin ersticken, daher ihr Name Nrotta, äsl eans, Hundsgrotte. Daselbst auch die Schwefeldunstbäder von San Germano (Stake äi 8. 6sr- maiio), Gewölbe mit heißen Dünsten, in welchen Gichtkranke, Podagristen rc. Heilung finden. Agnar (nord. Mythos.), drei in der Edda (s. d.) genannte Personen: 1) Der Bruder Geir- röds, welchen' Frigg, wie Letzteren Odin, beschützte, was zwischen dem obersten Gott und seiner Gemahlin Anlaß zu einer Wette bot. Odin wollte die Gastfreundschaft Geirröds, der seinen Bruder Agnar ins Elend gestoßen hatte, auf die Probe stellen, wurde aber von ihm, den Frigg aus List vor dem „Zauberer" gewarnt hatte, unerkannt zwischen zwei Feuern gepeinigt, wobei ihn Geir- rödS Sohn, 2) Agnar, in dem der Oheim wiedergeboren war, labte. Als Geirröd aus den weisen Redendes Geplagten merkte, daß Odin es sei, wollte er ihn befreien, strauchelte aber und stürzte in sein Schwert. 3) Ein König, der niit dem König Hialmgunnar kämpfte, wobei Odin Letzteren, die Walküre Brunhild aber den A. beschützte. Als Brunhild den Gegner im Kanipfe erlegte, brachte ihr Odin zur Strafe mit den: Schlafdoru einen Stich bei, worauf sie in Schlummer sank (das Urbild des Dornröschen), aus dem sie erst erdachte, als Siegfried (s. d.) sie fand. Agnaten, im Römischen Rechte die von einem gemeinsamen Stammvater in männlicher Linie! Abstammcnden, während Cognatcn überhaupt die durch Blutsverwandtschaft verwandten Personen sind. Grund n. Wesen der Agnation ist privatrechtlich die väterliche Gewalt, und deshalb kann sie auch uicht durch weibliche Personen fortgesetzt werden; sie endigte mit der väterlichen Gewalt. Im älteren Römischen Rechte gründete sich das Jntestaterbrecht auf die Agnation; seit der Novelle 118 ist aber für das Erbrecht die Unterscheidung zwischen A. und Cognaten bedeutungslos geworden. Das Deutsche Recht kennt dieselben Verhältnisse, und zwar den Schw crtmagen, d. i. der Mannsstamm, u. den Kunkel- oder Spillmagen, d. i. der Weibsstamm. Gegenwärtig beschränkt sich die praktische Bedeutung der A. auf das Lehn- und Familien-Fidcicommißrecht, insofern in solche Güter regelmäßig nur die männliche Desccndenz des Besitzers sncccdirt. Dasselbe gilt auch von der deutschen Thronfolge. (S. d. Art. Thronfolge.) Agnel (Agnelet), alte französische Goldmünze seit Ludwig d. Heiligen 1226, kleiner als ein Ducaten, von dem Lamm auf dem Avers so benannt; — 6^ LI. Agnes, I. Heilige: 1) Sta. A., vornehme christliche Jungfrau in Nom; wurde, als sie den zudringlichen Sohü des Stadtpräfccten Symphro- nius zurückwies, weil sie schon einen: Anderen u. Höheren verlobt sei, zur Strafe in ein öffentliches Haus gebracht, wo Jener ihr Gewalt anthun wollte, jedoch bei der ersten Berührung das Gesicht verloren haben soll, das ihm dann von A. ans Bitten seiner Begleiter wicdcrgegeben wurde. Als man ihr die Kleider abriß, um sie in ihrer Blöße hinzustellen, sei ihr Haupthaar so schnell gewachsen, daß es sie ganz bedeckt habe. Darauf zum Feuertode vcrurtheilt, sei sie von den Flammen verschont geblieben, aber endlich enthauptet worden (um 304). Ihr Sinnbild ist das Lamm (X»»a, während der Name A. wol ursprünglich nach dem Griechischen die Keusche bedeutet); Tag: 21., auch 28. Januar. An ihren: Feste werden in der wol schon unter Constantin d. Gr. zu ihrer Ehre erbauten Basilica in Rom diejenigen Schafe geweiht, aus deren Wolle die Pallien zur Investitur der Erzbischöfe gefertigt werden. — II. Fürstinnen: g) Kaiserinnen: 2) A. von Poitiers, Tochter Wilhelms V., Herzogs v. Guicune (Aquitanien), 1043 mit Kaiser Heinrich III. vermählt u. 1046 zu Mainz gekrönt; seit 1056 Vormund ihres Sohnes, des 6jährigen Heinrich IV. (s. u. Deutschland); durch den Erzbischof Hanno von Köln, der ihr den jungen König entführte, um ihren Einfluß gebracht, verließ sie 1062 Deutschland u. ging nach Rom, wo sie 1077 starb. 3) A. (Isabelle) von Burgund, Tochter des Herzogs Hugo IV. von Burgund, acb. 1270; wurde 1284 die 2 . Gemahlin des KRstW Rudolph von Habsburg, dem sie Judith (Gemahlin des Königs Wenzel IV. von Böhmen) und Clementine (Gemahlin des Königs ^Karl Märtel von Ungarn) gebar; 1291 Wittwe geworden, kehrte sie nach Burgund zurück u. st. 1313. 8) Königinnen: 4) A. von Meran: wurde 1196 mit Philipp August, König v. Frankreich, nach dessen Scheidung von Jngeberga, Prinzessin v. Dänemark, vermählt, aber da der Papst 268 St. Agncs - vie Scheidung nicht gestatten wollte, wieder verstoßen n. st. 1201 zu Schloß Poissy. Ihre beiden Kinder,„Philipp u. Maria, wurden legitimirt. 5) A. v. Österreich, Tochter des Kaisers Al- brecht I. n. der Elisabeth v. Kärnthen, geb. 1281, wurde 1296 dem Ungarkönig Andreas Itl. vermählt und, weil die Stände sic nach dem Tode ihres Gemahls 1301 schlecht behandelten, von ihrem Vater mit Heercsmacht wieder hcimgeführt. Nach der Ermordung ihres Vaters 1308 bewog sic ihre Brüder, die Herzoge Friedrich u. Leopold v. Österreich, zu einem Zuge nach der Schweiz, wo sie die Mörder anfsuchtc u. über 1000 Menschen hinrichtcn ließ. Nachdem an der Stelle, wo der Mord vollführt worden war, ihre Mutter das Kloster Königsfeldcn 1310 gestiftet hatte, lebte A. selbst hier, wenn auch nicht als Nonne, n. st. 1364. c) Andere Fürstinnen. 6) A., Gräfin von Orlamünde, geb. Herzogin von Meran, Gemahlin des Grafen Otto v. Orlamünde, wurde 1293 Wittwc. In Folge einer mißverstandenen Äußerung des von ihr geliebten Albrecht des Schönen, daß einer Hcirath mit ihr nur 4 Angen im Wege stünden, soll sie ihre 2 Kinder, indem sie ihnen eine Schcitelnadel in das Hirn bohrte, ermordet haben; voll Abscheu sagte sich Albrecht von ihr los, u. sie st. zu Hof in Haft. Sie soll nach der Sage als Weiße Frau in den Schlössern zu Bayreuth u. Berlin umgehen. 7) A., Tochter des Markgrafen Arnold v. Meißen, Abtissin zu Quedlinburg von 1184 bis um 1205. Von den Schriftstellern des vor. Jahrh. mit Unrecht als Künstlerin gepriesen, denn das ihr zn- geschriebene LvanAolrarirrm gehört seiner Schrift nach dein Ende des 15. Jahrh. an, u. den Teppich in der Stifts- u. Schloßkirche zu Quedlinburg hat sie nach ihren eigenen Aufzeichnungen wol geschenkt, daß sie ihn aber auch gestickt, oder auch nur entworfen oder den Inhalt seiner Darstellung angegeben, ist durch Nichts erwiesen. Die Teppiche gehören übrigens nach Inhalt u. Ausführung zil den merkwürdigsten Knnsterzengnissen fener Zeit. 8) A. Corel, s. Corel. 9) A. Bernau er, s. Bcrnauer. Tt. Agnes, 1) eine der zu der englischen Grafschaft Cornwallis gehörigen Scillyinseln; Leucht- thnrm; 2000 Ew. 2) St. auf der Küste der englischen Grafsch. Cornwallis; Fischfang, Bergbau, Mineralquelle; 6600 Ew. Dabei im Meere eine Fclscnpyramide von 190 in Höhe. Agnesem ollen, Benennung naiver Frauenrollen, nach der Agnes in Moliöres l/eools ckos t'emmW. Analog sind in Deutschland den A. die Gurlirollcn, von der Gnrli in Kotzebncs Indianer in England hcrgeleitet. Agnest (spr.Anj-), 1) Maria Gaetana deA., Tochter des Pietro deA., geb. zu Mailand 1718, stu- dirte von ihrer frühesten Jugend die elastischen u. orientalischen Sprachen, sowieMathematik,». erhielt 1748 die Professur der Mathematik zu Bologna; sie trat 1771 in den Orden der Blauen Nonnen u. st. 1799 zu Mailand. Sie schr.: Istitnüioni analitiobs, Mail. 1748, 2 Bde., franz. von d'An- tclmy, Par. 1775, engl, von Colson, Lond. 1801; kropasitionoa plrUosopIiieas, von ihrem Vater heransgeg., Mail. 1738. 2) Maria Teresa, Schwester der Vor., Componistin, st. nm 1780; sie setzte u. a. die Opern Sofonisbe, Ciro in Ar- menia, Nitocri, sowie Cantaten, Klaviersonaten u. Concertc. Agnetlflen (Szent-Agota), Marktfl. im sicben- bürgischcn Stuhlbez. Groß-Schenk; Bezirks- und Stcneramt, bedeutende Faßbinderei, Lcderbereitnng u. Pferdehandel; 2980 Ew. Dabei ein großes Torflager. Agni (ind. Myth.) bedeutet Feuer (lat. iAnis) u. ist der Gott des Feuers; neben Indra u. Va- runa der dritte vcdischc Gott, der vor den übrigen ausgezeichnet wird. Nach den Anschauungen des Veda ist er nach 3 Richtungen thätig: a) als Vermittler des Opfers, Bote der Menschen und Priester derselben, sowie der Vermittler zwischen den Menschen n. Göttern; b) als Bewahrer der leuchtenden Kraft, auch nach dem Verschwinden des himmlischen Lichtess als Beschützer gegen die Geister der Finsternis;; o) als Hüter von Haus u. Herd, der stets bei den Menschen wohnt und die Gemeinde beschützt n. den Menschen von den Göttern Geschenke, besonders Nahrung, bringt, weshalb er auch den Beinamen der Reiche führt. Sein Glanz reinigt die Menschen, er heißt daher auch der Reiniger. Dem A. wird, wie den beiden anderen vornehmsten Göttern Indra u. Varuna, in dem Veda auch eine Frau, Agnaji, zngetheilt. Agrrition, s. Anerkennung. Agno, 1) Nebenfluß der Etsch in Italien, heißt in seinem mittleren Laufe Gua, Fiume nuovo u. Frasine, steht mit dein Bacchiglione in Verbindung u. mündet zum Thcil durch den Kanal Gor- zonc in das Adriatische Meer. 2) Val d'Agno, ungemein fruchtbares Thal im Kant. Tessin (Schweiz), 25 üm lang, mit der tranScenerischen Eisenbahn (Arm der Gotthardbahn) von Bellinzona nach Lugano. Es senkt sich vom Monte Camoghe (2226 na) hernieder. Seine Bewohner zeichnen sich durch Muth n. Geistesbildung aus. Agnodice, athenische Jungfrau, lernte, da der Areo'pag die Ausübung der Heilkunde durch Weiber verboten hatte, als Mann verkleidet die Kunst bei Hierophilus u. übte so die Geburtshilfe; sie wurde angcklagt, entdeckte sich und gab dadurch unter Mitwirkung der angesehensten Frauen von Athen Veranlassung zur Aufhebung jenes Gesetzes. Agnoeten (v. Gr., Unwissende), 1) Anhänger des Themistios aus Kappadocien, in; 4. Jahrh.; leugneten die Allwissenheit u. Vorsehung Gottes. 2) Partei der Monophysiten (s. d.). Agnolo, Baccio d'A., italienischer Baumeister, geb. zu Florenz 1460, gest. das. 1543. Ursprünglich Zimmcrmann, Holzschnitzer u. Jntarsist, gab er dies Gewerbe auch nicht auf, als er ein gesuchter Baumeister geworden. Von ihm schöne Holzarbeiter; in S. Maria Novella zu Florenz u. der Marmorfußboden im Dome daselbst, wo er als einer der Ersten die Teppichmusternng mit einfachen geometrischen Figuren vertauschte. Ms Baunreister führte er jene Neuerungen ein, welche auf die italienische Hochrenaissance, d. h. den römischen Stil, charaktcrisirend einwirkten, u. verlieh dem Privathause künstlerische Gestalt. Von 1506 bis 1529 war A. Oberbaumeister des Domes. ügnsmen (lat.), Zuname, s. u. Name. 269 -4nnioniniatio — Agosta. Agnommstio, s. 4nnominatio. Agnonc sAngiona), Stadt im Bez. Jsernia der italienischen Prov. Campobasso; Prütur; bedeutende Knpfergcschirr- und Stahlwaarenfabrikcn; 9355 (als Gemeinde 11,073) Einwohner. > Agnoseircn (v. Lat.), anerkennen. ( Agons Voi (Lamni Gottes, nach Joh. 1, 29 j Benennung Christi), 1) (Gottcslämmchen) länglich-runde Platten, von weißem Wachse (auch von Oblatenteig oder Silber), auf deren einer Seite ein Lamm mit der Krenzfahne, auf der anderen das Bild eines Heiligen abgedruckt ist, die von ^ den übriggebliebenen Osterkcrzen gemacht, vom Dienstag bis Hum Freitag nach Ostern vom Papst in dem Jahre seines Regierungsantrittes und dann alle 7 Jahre feierlich geweiht werden. Sic kamen im 14. Jahrh. auf, u. die Anstheil- ung geschieht am Sonntag nach Ostern durch den Papst an Freunde u. Pilgrime. 2) Der vom Chor gesungene Theil der katholischen Messe vor Aus- theilung der Hostie, womit der musikalische Theil derselben schließt, vom Papst Gregor d. Gr. angeordnet. Es sind die Worte: -A^nn.s Hi gut tollm psoeata muncli (O Lamm Gottes, das du trägst die Sünden der Welt, nach Joh. 1, 29), mit dem Zusatze: missrsrs nobis (erbarme dich , unser), oder cka, nobis paesm (gib uns Frieden), welche dreimal wiederholt werden. Die erweiterte deutsche Bearbeitung von Nik. Decins in dem Liede „O Lamm Gottes, unschuldig" heißt das deutsche A. und ist in der Protestantischen Kirche ? das gebräuchlichste der von der Gemeinde gesungenen Abendmahlslieder. 3) (Gr. Poteriö- kalymma) In der Griechischen Kirche das mit einem Lamme gestickte Tuch, womit der Kelch beim Abendmahl bedeckt wird. 4) (Bank.) Kommt vielfach als Stcinsculptnr im Tympanon mittelalterlicher Kirchcnportale, auch wol im Schlußstein der Gewölberippen vor. Agon (gr.), 1) Kampf. 2) Wettkampf, Kampfspiel zu Ehren eines Gottes oder Heros; die Kämpferhießen -l§onistni, dicKampfordncr .Axon- arebiai od. .Agonotbotai, welche zugleich Kanipf- ! lichter (^Mnoclika-i) waren (s. n. Kampfspiele). 3 > (Myth.) Schntzgott der Wettkämpfe, abgebildet mit den Halteres. 4) Todeskampf, s. Agonie. Agonie (v. Gr., Wettkampf, Anstrengung), ^ Todesrampf, das Stadium, in dem die den nahen Tod ankündigcnden Zeichen eintretcn; Todeskampf genannt, da es sehr häufig unter Aufregung verläuft, als ob der Sterbende gleichsam gegen den ^ Tod ankämpfe; daher in der Ä. liegen, im Todes- ' kämpfe, in den letzten Zügen liegen. Agonistiker (v. Gr., Streiter, nämlich Christi), fanatische Donatisten in Afrika im 4. Jahrh.; verwarfen Arbeit, Ehe u. Klosterleben, schmarotzten in den Hütten der Landlcute herum (daher Lircmmoeilionss). verübten Mord u. Raub und zwangen die Gläubiger, ihre Schuldner, u. die Eigenthümer, ihre Sklaven sreizugeben. Um die Martyrerkrone zu erwerben, zertrümmerten sie die heidnischen Götzenbilder, tödteten sogar sich selbst durch Feuer, Wasser u. Sturz von Felsen. Sie wurden zwar unter Kaiser Constans gewaltsam unterdrückt, hielten sich aber bis zum Einbruch der Vandalen. Agopoäium (Gcisfnß), Pflanzengattung aus der Farn. der Doldengewächse (Iliubellikvras, V. 2). Art: -V. poclagraria (Giersch), an Zäunen häufig, in Gärten ein lästiges, wegen der kriechenden Wurzel schwer auszurottcndcs Unkraut; war früher officinell. »gora (gr.), 1) Bezeichnung für Volksversammlung zur Zeit des heroischen Königthnms. 2) Ort, wo dieselbe abgehalten wurde; desgl. Markt, Marktplatz, ein in der Regel von Säulenhallen zum Promeniren n. öffentlichen Gebäuden umgebener rechteckiger Platz, dem römischen Marktplatze oder Forum ähnlich, Mittelpunkt des öffentlichen Verkehres. 3) Ort, wo gekauft wird; daher 4Mräi, die Krämer in Städten u. Marketender in: Felde, u. /lAoranoini, polizeiliche Behörde zu Athen u. in anderen Städten Griechenlands, die über den Verkauf der Maaren (ausgenommen des Getreides) die Aufsicht hatten, Überforderung und Betrug verhüteten und für Ordnung auf dem Markte sorgten; 5 waren in der Stadt, 5 im Piräeus; die Unterbeamten derselben waren die Prometrcten, welche das Getreide re. vermaßen. Den Agoranomcn ähnlich waren die Ädilen in Rom. Agornkritos, Bildhauer von der Insel Paros, Lieülingsschülcr des Phidias. Von ihm die ehernen Bildsäulen der Jtonischcn Pallas und des Zeus in Koronca; streitig ist, ob eine Marmorstatue der sitzenden Kybcle mit dem Tambourin in der Hand n. Löwen unter dem Throne, noch streitiger, ob die Nemesis in Rhamnus sein Werk war. Dieses letztere, von den Alten als ganz vorzüglich gepriesen, dürfte unter der Leitung des Phidias entstanden sein. Das Werk trug aus einem Blatte des Apfelzweiges, den die Göttin in der Linken hielt, den Namen des A., dessen Verdienste von den Athenern, da er ein Fremder war, herabgesetzt worden zu sein scheinen. Agordo , Marktflecken in der italienischen Prov. Belluno (Vcnctien), am Cordevole, Nebenfluß der Piave; 3153 Ew. Im Thal des Cordevole (Volle iinpsriua) reichhaltige Lager von Kupfererzen, die seit dein 15. Jahrh. von Privaten, seit 1815 vom Staate ausgebeutet werden u. jährlich mehrere tausend Ctr. Kupfer nebst Schwefel, Eisen und, Blei liefern. AgosPotamos (d. h. Ziegenflnß, a. Geogr.), Fluß auf der OKüstc des thrakifchcn Chersones; mündet in den Hcllespont;,, jetzt Judgir Hinnin. An demselben die Stadt Ägos (Ägos Potami); hier Niederlage der athenischen Flotte durch die spartanische 405 v. Chr., wodurch Athen die Hegemonie in Griechenland verlor; s. u. Peloponnes. Krieg. Agosta (sonstAngusta genannt), feste Stadt in der italienischen Prov. Siracusa (Sicilicn), auf einer Insel gelegen, durch eine Brücke mit dem Festlande verbunden, an der Eisenbahn Catania- Siracusa; Prätnr, Zollamt; Leuchtthurm, Hasen, Fort; Salzschlämmerei, Sardcllenfang; Handel mit Wein u. Olivenöl, Sardellen u. Seesalz; 9223 Ew. (als Gern. 11,897). Im Altcrthum stand hier Liphonia. A. wurde von Friedrich II. 1229 bis 1233 erbaut. Ein Erdbeben 1693 verschüttete den Hafen u. zerstörte die Stadt. Hier 3 See- 270 Agostini schlachten zwischen der spanisch-holländischen Flotte unter dem Prinzen von Montesarchio u. Admiral Ruyter u. der französischen unter Admiral Duquesue, die erste 8. Jan. 1676 unentschieden, in der zweiten (22. April) erhielt Ruyter die Wunde, au welcher er am 29. April in Si- racusa st.; in der dritten (2. Juli) siegten die Franzosen. Agostini, 1) Paolo, einer der gelehrtesten u. genialsten Musiker u. Kirchencomponisten des 17. Jahrh., gcb. in Vallerano, st. in hohem Alter um 1660; war Schüler und Schwiegersohn Naninis, ivurde Organist zu Rom an der Kirche S. Maria Trastevere, dann an der Kirche S. Lorenzo in Da- maso, später am S. Pietro u. seit 1626 Nachfolger Ugolinis als Kapellmeister im Batican. 2) Pietro Simone, römischer Ritter, Componist ani Hofe zu Parma. Er schr. contrapunctische Arbeiten; 1680 wurde zu Venedig seine Oper II ratto äells Kabine aufgeführt. St. Ägostino (St. Augnstine), Stadt auf der Halbinsel Florida (NAmerika). Durch Klima u. Vegetation das „amerikanische Nizza". Spanische Niederlassung seit 156t, daher die älteste Stadt der Union. Tiefer Hafen mit 2 Forts; 3000 Ew. Ägostino, d'Antonio, von Florenz, später A. dclla Robbia genannt, namhafter Baumeister n. Bildhauer in der 2. Hälfte des 15. Jahrh.; arbeitete theils in Marmor, thcils in glasirtem Thon. Seine desfallsige Werkstätte im Schlosse Deruta genoß eines guten Ruses. Von ihm eine Marmortafel an der Südseite des Domes zu Modena mit leicht u. schwungvoll bewegten Formen, die Fa^ade von S. Bernardino in Perugia mit Statuen u. Reliefs und das Stadtthor von I. Pietro in Perugia. Agoult, Mario Catherine Sophie de Flavigny, Gräfin d'A., Tochter des Vicomte de Flavigny u. der Marie Bcthmann aus Frankfurt, gcb. 1805 in Frankfurt a. M., wurde in Paris erzogen u. hcirathete 1827 den Grafen d'A., mit welchem sie die Schweiz, Italien und Deutschland bereiste. Ans einer späteren Verbindung mit Franz Liszt (s. d.) gingen zwei Töchter u. ein Sohn hervor. Letzterer st. 1859 in Berlin; die ältere Tochter ward mit Emil Ollivier, späterem Siegelbewahrer des letzten Ministeriums Napoleons III., vermählt, st. aber im ersten Wochenbett; die jüngere Tochter, Cosima, hcirathete den berühmten Virtuosen Hans v. Bülow, verließ diesen aber, um mit Richard Wagner, dem Dichter u. Tonsetzer, sich zu verbinden. Die Gräfin d'A. veröffentlichte unter dem Namen Daniel Stern seit 1841 mehrere anziehende Novellen (z. B. Henri, lullen, Valentin, Relicla) in der Presse u. schrieb nach der Februarrevolution politischen Inhaltes: Resai our ln libsrte; Uettres rspnblioalnes (scharfe Kritik der Zustände unter Ludwig Philipp); Ragnieass morales st xolltlgnss, Par. 1849, 3. A. 1859, deutsch, Berl. 1862 (Maximen u. Aphorismen über Moral, Tendenzen der Zeit u. dgl. — ihr werthvollstcs Werk); Rlstoirs äs la revolntion äe 1848, ebd. 1851, 2 Bde., 3. A., 1869 (die Ereignisse u. Persönlichkeiten dieser Zeit günstig! benrtheilend). In ihren zahlreichen Arbeiten in ^ — Agra. ^ der Revue äss äeur blonäes, in der Revue in- äsxsnckants u. in der Revue Aermavlgns hat sie eine große Vorliebe für Deutschland an den Tag gelegt. Agra, 1) Prov. in Vorderindien im britischen Gouv. der NWProvinzen zwischen Allahabad ^ N. Delhi, 24,170 Hjlcm (439 hgM); 4,373,156 Ew., ^ Hindu u. ^ Mohammedaner; Flüsse: Ganges und Dschamna mit Kumbul, Setwah u. a.; zerfällt in 5 Districte. 2) District darin, 4346 s^slem (88 IHM) groß, mit 1,097,425 Ew. 3) A. (Akbarabad), St. an der Dschamna in 204 m Scehöhe, sonst Residenz des Großmogul, bis 1861 Hptst. des Gouv. u. eine der größten u. berühmtesten Städte Hindostans. Ihre alten Mauern umschließen einen großen Flächenraum, von welchem aber die jetzige Stadt nicht mehr die Hälfte bedeckt; ihre Häuser, meist 3—4 stückig, sind größtentheils aus rothem, aber rasch verwitterndem Sandstein erbaut, die Straßen sind reinlich u. einige derselben ziemlich breit. Berühmt sind ihre Prachtbauten, die ans der Zeit der Timuriden stammen, meist im reinsten maurischen Stil ausgesührt u. größtentheits gut erhalten. Das Fort von Akbar, das ursprünglich von einem doppelten Damm n. Graben umgeben war und aus der letzten Zeit des 16. Jahrh. herstammt, hat Außenwälle von 24 m Höhe; an dem prachtvollen nördlichen Eingänge stehen zwei großartige Thürme, er selbst bildet eine gewaltige s Masse, niit Nischen, Mosaik n. Sculpturen ge- V ziert. Innerhalb des Forts, das einen außer- t ordentlich großen Raum einnimmt, befindet sich k der Palast des Schah-Dschihan, dessen Zimmer k mit weißem Marmor ausgclegt u. mit Arabesken k n. Vergoldungen geschmückt sind. Die Moti- Masdschid, die Perlcnmoschee genannt, eine der schönsten Moscheen Asiens, ist mit weißem Marmor ausgekleidet u. ihr Schmnckwcrk mit Edelsteinen eingelegt. Hauptmoschec ist die schr große, im NW. gelegene Dschamma-Masdschid, von edlem - Stil, aber im Verfall begriffen. Vor Allem wird ( indeß das berühmte Mausoleum Tadsch-Mahal genannt, das Schah-Dschihan seiner Lieblingsgemahlin errichtet hat; es liegt nahe bei Agra an der Dschamna. Sowol die Wände, als der Sarkophag u. die übrigen Theile sind mit Blumen und Jnschriftmosaiken aus Halbedelsteinen überdeckt, u. ein herrlicher Garten umgibt das prachtvolle Gebäude, an welchem 20,000 Arbeiter 22 Jahre lang gearbeitet haben sollen. Die Mosaiken wurden von den berühmtesten Arbeitern Roms verfertigt u. sollen 5j- Mill. Thaler gekostet haben. Die britische Regierung hat bedeutende Kosten auf die Wiederherstellung u. Erhaltung des großen Bauwerkes verwandt. Unter den neueren Gebäuden sind 2 christliche Kirchen zu nennen. . Über die Dschamna führt eine großartige Eisenbahnbrücke. Im Ganzen fehlt es A. an Bewässerung, das Trinkwasser ist brackig, und der trockene, wenig fruchtbare Boden gestattet nur geringe Cultur. Das Klima ist indeß nicht ungesund, die mittlere Temperatur beträgt etwa 20" R. Die Ew., deren Zahl sich 1865 auf 142,661 belief, ! beschäftigen sich vorzugsweise mit dem'sehr ausgedehnten Handel. Gegen 5 lem von A. ent- 271 Agraffe — Agrarische Gesetze. sernt liegt das Torf Secundra oder Sicandra (s. d.), ehemals Stadt, aber immer noch merkwürdig durch das Mausoleum, das sich Mbar erbaute u. das als das glänzendste u. größte in Indien gilt; hier auch ein von der brit. Regierung errichtetes Waisenhaus, dessen Aufgenommene Christen werden müssen. Vgl. H. v. Schlagint- weit, Reisen in Indien, Jena 1869, u. A. Cunning- ham, ^.ueieut AgoArapü^ ok luckla, Lond. 1870. A. war seit dem Ende des 16. Jahrh. unter Mbar Residenz des Großmogul u. wurde mit verschwenderischer Pracht verschönert; es hatte noch in der Mitte des 17. Jahrh. über eine halbe Million Ew., 800 öffentliche Bäder, 80 Karawanscrai, 45 Marktplätze, 153 Tempel, 107 Moscheen. Dschihanghirs Sohn Aureng Zeyb verlegte die Residenz von hier nach Aureng- abad; 1784 wurde A. von den Mahratten geplündert und verheert, 13. October 1803 aber von den Briten unter Lake besetzt, welche letztere es zum Sitze des lüsutsnaut-dovsruor der nordwestlichen Provinzen, mit 10,000 Mann Besatzung, erhoben (1835). Seit 1861 ist jedoch diese Würde an Allahabad übergegangen. Agraffe (v. Fr.), 1) Vorrichtung von Metall, Tressen, Band, Bandillons u. Edelsteinen zur Befestigung von Cocardcn rc. 2) (Chir.) Veraltetes Instrument zum Zusammenhalten der Wundränder nach der Operation der Hasenscharte und des Lippenkrebses. Agraschan-Bai, langgestreckter Busen an der WKüste des Kaspischen Meeres, in den Terek mündend. Agram (ung. Zagrab, kroatisch Zagor), 1) Comitat in Kroatien; 4440 Hsüm (80,UM) i 361,124 Ew.; grenzt an die kroat. Com. Waras- din, Kreutz, Belovar, an die ehem. kroal-slawon. Militärgrenze, das Com. Fiume, an Kram und Steiermark; ist im N. gebirgig durch das Sleme- Gebirg, in der Mitte von dem Thal der Save durchzogen, im S. durch die Kulpa von der Militärgreuze geschieden; mildes Klima; ziemlich fruchtbarer Boden, welcher Getreide, Holz u. Tabak bringt; Industrie unbedeutend; der Handel hat sich durch die um 1726 angelegte Carolinenstraße über Karlstadt nach dem Meere u. durch die das Comitat durchschneidenden Eisenbahnen Zäkäny-Fiume, Laibach-A. niit Zweigbahn nach Sissek wesentlich gehoben. 2) Hauptstadt des Com. A. u. des Kronlandes, 3H üm von der Save, Knotenpunkt der genannten Eisenbahnen; wird ge- theilt in die Freistadt oder Obere Stadt, in die Capitelstadt oder Untere Stadtu. die Bischofsstadt; Sitz des Bans von Kroatien u. Slavonien, der Comitatsbehörden, der k. und Banattafel als des Oberlandesgerichtes, eines Landesgerichtes, der Finanz-Landesdirection, eines Hauptzollamtcs, Steueramtes, der Landeshauptkasse, eines Berg- cvmmissariats, einer Handels- u. Gewerbekämmer, des Landesgeneralcommandos, eines röm.-kath. Erzbischofs, hat eine Propstei, Convent der Barmherzigen Brüder, Kloster der Barmherzigen Schwestern. Unter den Kirchen sind bemerkenswerth der Dom, ein schöner spätgothischer Bau des 15. Jahrh., mit reichem Ostportal, u. 1 evang. Kirche (seit 1865). Andere vorzügliche Gebäude sind die erzbischöfliche Residenz, das Ständehaus, das Comitatshaus, das Generalcommando, das akademische Gebäude u. das Rathhaus. Bildungs- u. wissenschaftliche Anstalten: Theologische Lehranstalt, Rcchtsaka- demie, Obergymnasium, bischöfliches Gymnasium, Oberrealschule, 2 Präparandien für Lehrer und Lehrerinnen, ein röm.-katholisches u. ein griech.- katholisches Seminar; eine Landwirthschaftsgesell- schaft, eine Gesellschaft für kroatisch-slawonische Literatur, eine Gesellschaft zur Herausgabe illyrischer Werke (Llatica ilirsüa), eine Gesellschaft für südslavische Geschichte u. Alterthumskünde, füdslavische Akademie der Wissenschaften (seit 1867), Nationalmuseum, ferner ein Musikverein, ein illyrisches Nationaltheater (seit 1840) und ein deutsches Theater. In der Unteren Stadt befindet sich ans dem Jellachichplatzc das Standbild des Banns Jcllachich. Wohlthätigkeitsanstalten: Kranken- und Irrenhaus der Barmherzigen Brüder, Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern, Humanitätsverein. Die Industrie erstreckt sich nur auf Tabak, Leder, Leinenzeuge, Steingut, Weinstein, Branntwein ansehnlich dagegen ist der Commissions- u. Speditionshandel. 19,857 Ew. (1869). Dabei der schöne Maximin-Park u. in der Nähe das große Kupferbergwerk zu Rüde u. die warmen Bäder von Stubitza. A. wurde 1266 von König Bela IV., weil es ihm gegen die Tataren beigestanden hatte, zur königlichen Freistadt erhoben. 1292 siegte bei A. König Andreas III. von Ungarn über Karl von Anjou; s. Ungarn. Am 29. Juli 1845, bei Gelegenheit der Vicegespanschaftswahl, fand ein Aufstand in A. statt, welcher von dem einschreitenden Militär blutig unterdrückt wurde. Bis 1847 tagten hier die Landescongregationen der Königreiche Kroatien, Slawonien u. Dalmatien. Im Oct. 1864 fand hier die erste kroatische Industrieausstellung statt. Agrandiren (franz.), vergrößern, bereichern; Agrandissement, Vergrößerung, Bereicherung. Agrarische Gesetze (Ackergesetze, UvAss agra- rias; röm. Rechtsant.), 1) ans Veranlassung der Volkstribuncn, meist von diesen selbst eingebrachte Gesetzvorschläge, welche dahin zielten, daß die öffentlichen, meist durch Eroberung erworbenen Ländereien, der sog.^Kerpubkieua, nicht mehr ausschließlich au die alten patricischen, sie occupirenden Grundbesitzer pachtweise abgelassen, sondern an freie Bauern aus den Plebejern ausgcthcilt würden. Derber xublious war nämlich (mit Ausnahme der Stücke, die verkauft oder sonst zu bleibendem Eigenthum assignirt waren) alsPachtgut (kososssio) allmählich in die Hand der Vornehmen übergc- gangen u. wurde von diesen wie ihr Eigenthum angesehen. Da die Ärmeren aber auch mehr n. mehr aus dem Besitze ihres Privatgutes verdrängt wurden, so waren die A-n. G. eine sociale Nothwendigkeit, wenn sie auch öfter in der Hand von Demagogen zu Mitteln persönlichen Ehrgeizes wurden u. auch nicht selten Unruhen ver- anlaßten. Das erste Ackergesetz war a) die Uor Oassia des Consuls Sp. Cassius 486 v. Chr., wodurch ein Theil des Staatsgutes unter die Plebs vertheilt werden sollte; sie wurde, wie mehrere folgende Versuche, nicht ausgeführt. Erst d) die 272 Agrarcommumsmus. Lex vicinia des Volkstribunen C. Licinius Stolo, 367 v. Chr., welche die Bestimmung enthielt, daß Niemand mehr als 500 jn^sra vom n§sr publiens besitzen, noch mehr als 100 Stück großes u. 500 kleines Vieh auf die Gemeinweide treiben sollte, auch eine Strafe gegen Zuwiderhandelnde festsetzte, war von tieferer Bedeutung, s) Die Vsx Rlaininia, vom Volkstribuuen C. Fla- minius, 232 v. Chr., veraulaßte die Vertheilung des Gebietes um Ariminum. Nach einer längeren Pause, während allmählich die Anhäufung alles privaten u. öffentlichen Grundbesitzes in der Hand der Nobilität einen unerträglichen Zustand herbeiführte, folgte cl) die Vsx Lsmproniu des Volkstribunen Ti. Sempronius Gracchus, 133 v. Chr., eine Erneuerung der I>sx vieinia, mit der Bestimmung, daß, wer mehr als 500 fuAsra für sich u. je 250 für feine Söhne vom a§sr xublieus hätte, das Mehr gegen Entschädigung zur Vertheilung unter die armen Bürger abtreten sollte; zur Regulirung der Ländereivertheil- ung wurden Triumvirn eingesetzt, aber die so verwickelte u. angeseindete Sache kam ins Stocken, s) Der verständige Vermittelungsvorschlag der sogenannten Vsx vlloria, 111 v. Chr., bestimmte, daß die Staatsäcksr in Zukunft überhaupt nicht mehr vertheilt werden, wol aber das bisher nach der lex Lsmpronia Vertheilte den Besitzern unter der Bedingung der Steucrpflichtigkcit verbleiben sollte. Nach verschiedenen weiteren, z. Th. dcma- gogisch-radicaleu Versuchen (L. Apnlejus 100, L. Drusus 01 v. Chr.) folgten die ersten Mili- tärcolonien. k) Die Vsges Ooruslias axrarias, von Sulla, 81 v. Chr., vertheilten die confiscirten Äcker seiner Gegner unter die Veteranen. Nachdem die durch Cäsar veraulaßte Isx Lsrvilia, 61 v. Chr., durch Ciceros Widerstand gefallen war, folgte g) Cäsars Vsx llulia, 59 v. Chr., von Cicero in den 3 Reden äs Is§s agraria bekämpft; sie bestimmte die Vertheilung der von den Staatsländereien noch zur Verfügung stehenden Äcker, auch besonders in Campanicn, an 20,000 Bürger; diese Vertheilung ward einer Behörde von 20 Männern übertragen. Später gründete Cäsar auch Militärcolonien. Ii) Die Vsx Antonia, von L. Antonius, 44 v. Chr., bestimmte, daß die Ländereien in den Pontinischen Sümpfen u. a. an das Volk verthcilt u. neue Colonien gegründet würden. Jedes einzelne dieser Gesetze erregte bei seiner Einbringung heftigen Widerspruch der Patricier u. konnte nur nach schweren Kämpfen durchgebracht, manche auch eben deshalb kaum ausgeführt werden. Wurde durch diese Gesetze der Entvölkerung Italiens nach Möglichkeit abgeholfen, so geschah dies kaum mehr durch die seit Sulla u. bes. in der Kaiserzeit stattsindenden a§rarias iegss denn die nunmehr in den Rest des agsr xnblieus eingewie- senen Militärveteranen blieben meist ehe- u. kinderlos. Die Fragmente der sämmtlicheu LArarias isgss finden sich in W. Goes, Rsia§rarias anvtores IsAesgus varias.Amsterdam 1674; ferner vgl.man: C. Giraud, Hst uArarias seriptornm nobiliores rsliguiae, Paris 1842; G. Hänel, Lorpus Is§nm ub imperatoribus Romanis ants äustinianum la- tarnm, vipsias 1857; B. Hildebrand, Vs anti- guissimas a^ri Romani äistribntionis üäs, Jena 1862 ; I. M. Sunden, Vs IsZs Vicinia äs moäo axrornm gnasstionss, Upsala 1858; I. R. Schaller, Die Bedeutung des ager xu- biisus in der röm. Gesch. vor der Zeit- der Gracchen, Marb. in Steierm. 1865, E. Labatut, Va guestion äs subsistanoss, l'alimsntation publigus st Iss lois a§rairss olisr: Iss Romains, Par. 1868, I. M. Stahl, Vs Lxnrii vassii IsAs agraria oommontatio, Köln 1868. 2) Unter den Kaisern Augustus, Nerva u. Trajan erfolgten noch durch gesetzgeberische Acte Austheilungen von Äckern an die bedürftigen Unbegüterten, von letztgenanntem Kaiser in so fern, als er in das neueroberte, ganz entvölkerte Dacien die Unbegüterten anderer röm. Provinzen versetzte. Weitere Gesetze betrafen den Feldfrevel, die Einhaltung der Marken, Erbzinsverträge rc. Damit hatte die Agrargesetzgebung im Röm. Reiche aber auch ihr Ende erreicht, ohne daß die Vertheilung des Grundes u. Bodens unter die Staatsgenossen auch eine wirklich gesetzliche Regelung erhalten hätte. Sie konnte diese am wenigsten von der Zeit an erhalten, wo die Aufstellung des Imperators durch die Armee immer zur Regel wurde und mithin jedes Kaisers Hauptaugenmerk darauf gerichtet sein mußte, diese, bezw. die Veteranen, durch schenkwcise Überlassung von Ländereien sich günstig gestimmt zu erhalten. Ngrarcommnnismus. Der Krieg der Arbeit gegen das Capital ist bekanntlich das Losungswort der Socialdemokratie (s. d.), welche in dem Besitze, oder in dem meist redlich erworbenen Eigeu- thum nichts Anderes erblickt, als ein Mittel, den Arbeiter zu knechten und auszubeuten. Dieser Kampf, welcher zunächst zwischen dem Fabrikarbeiter u. Fabrikherrn entbrannte, der also vornehmlich gegen den beweglichen Besitz, d. h. gegen die Großindustrie, gegen das durch Intelligenz u. angestrengten Fleiß groß u. mächtig gewordene Bürgcrthum gerichtet war, konnte selbstverständlich beim Eigenthum am beweglichen Vermögen nicht stehen bleiben. Consequente Köpfe gingen einen Schritt weiter u. kündigten auch dem Grund- eigcnthum den Krieg an, u. so beschloß denn im Sept. 1869 der vierte Congrcß des Internationalen Arbeitcrbundes (s. d. Art. Internationale) in Basel u. a. die Äbschaffung des privaten Grundeigenthums u. die Einführung eines Col- lcctiv- oder Gesammteiukommens. Bei dieser Forderung haben die socialistischeu Führer insbesondere die altgermanische, sowie die slavische (großrussische) Feldgemeinschaft vor Augen, welche für die Anfänge der ackerbautreibenden Ent- wickclungsstufe ebenso natürlich als zweckmäßig war. (S. Weiteres unter Arbeiterfrage u. Land- Wirthschaft, u. vgl. A. Wagner, Die Abschaffung des privaten Grundeigenthums, Leipzig 1870.) Hier sei noch bemerkt, daß der moderne A. im Widerspruch mit allen Bedingungen einer guten, fortschreitenden Production steht, von welcher allein die Möglichkeit eines größeren Wohlstandes, zumal bei einer stetig zunehmenden Bevölkerung, abhängig ist. Bei dieser Verwerfung der socia- listisch-communistischen Agrarpolitik sollen manche Schattenseiten der heutigen Landwirthschaft nicht 273 Agrargcs: verkannt werden, wie die ungünstige Stellung der geringer Begüterten, die größere Schwierigkeit für dieselben, in der Concurrenz den: Kampfe um das Dasein nicht zu unterliegen, die dürftige Existenz des Tagelöhners ec.; aber das Heilmittel ist nicht in der Vernichtung des Lebens- princips der ganzen gegenwärtigen Organisation, sondern nur iu anderen, dieselbe nicht verletzenden Maßregeln zn suchen. H. Contzen, Vorträge u. Abhandlungen, 2. Band, Bcrl. 1873, S. 85 ff., Landwirthschaft n. Socialismus. Agrargesetzgebung umfaßt alle Institutionen eines Staates, welche einesthcils die rechtlichen Verhältnisse u. Einrichtungen, den Besitz n. die Benutzung von Grund u. Boden, sowie die Pflichten u. Rechte der Eigcuthümer, Benutzer u. Bebauer berühren, andernthcils sich aber auch auf die Landescultnr beziehen. Sie ist um so wichtiger, als, wie Möser treffend bemerkt, die ganze innere Geschichte eines Volkes vorzugsweise durch den Geist seiner agr. Gesetze Charakter n. Richtung erhält. Wir sehen dies an den germanischen Staaten bewahrheitet. Es begegnet uns hier in Beziehung auf Grundbesitz ursprünglich die Idee einer genossenschaftlichen Juuehabung ganzer Landstriche: die Landesgcmeinde verleiht, vertheilt den Privatbesitz, u. unter ihrer Autorität n. Garantie wird derselbe ausgeübt, auch die Culturart beeinflußt. Nach der Völkerwanderung treffen wilden Privatgrundbesitz in scharfem Gegensätze zu dem öffentlichen Eigcnthum ausgebildet, das thcils als Königsgnt, theils als Gemeindcgut erscheint, an welchem letzteren die Gemcindcgliedcr gewisse Nutzungsrechte haben. Als vollständigste Form des Grundbesitzes erscheint der Besitz zu freiem Eigenthum mit der Herrschaft über Alles, was auf der Oberfläche u. im Innern sich befindet, u. damit übereinstimmend die Begriffe von Freiheit, wie der ganze Geist der Verfassung unserer Vorfahren durch die dem freien Grnndcigenthnin beigelegtcn Vorgänge bestimmt. Bei den edleren Geschlechtern war wol schon anfänglich ein größerer Grundbesitz, u. in der fränkischen Zeit treffen wir Grund und Boden schon höchst ungleiche vcrthcilt. Die Krone und Stifter nahmen groß Massen für sich in Anspruch, die sie durch ihre Grnndhalden bebauen ließen; ein anderer Theil ward als freier Grundbesitz, Allod, durch Schenkung zn vollem n. freiem Eigenthum, oder durch Verleihung gegen gewisse Dienste n. Pflichten als Bcneficien, Lehen, in den Händen der weltlichen Großen, die sie wieder als Lehen, Afterlehen, vergaben, u. endlich gab es noch viele kleine Grund- cigcnthümcr, die als Freibauern ihren Grund u. Boden bebauten. Im Mittelalter kamen die Reichsgüter durch Schenkungen und Verleihungen größtenthcils an Stifter und Klöster und an die weltlichen Fürsten, deren ohnehin schon große Besitzungen dadurch zu eigenen Territorien anwuchsen, ausgcstattct mit eigener Gerichtsbarkeit. Große Erbgüter, deren Ursprung sich wol auf die ersten Vcrthcilungen znrückführeu läßt, finden sich dann im Besitze der nun mehr u. mehr her- vortretendcn hohen Geschlechter, während den mittleren Grundbesitz die freien Güter und Lehen der Ritterschaften bilden, der kleine Grundbesitz aber PiererL Umversal-CciuvrsationS-Lexiwn. S. Nufl. - tzgcbung. nur noch in den Städten und bei den Bauern zu find.en ist. Letztere stehen aber schon in ganz verschiedenen Rechtsverhältnissen, bald als rcichs- unmittelbare oder landsässigc, wirklich alleinige Eigenthümer, bald mit persönlicher Freiheit in allen Arten der Hintersässigkcit (d. i. in patri- monialer Schutz- u. Gcrichtsherrlichkeit, oder unter wahrer Gutsherrlichkcit, oder nnt veräußerlichen: und vererblichem dinglichem Rechte an den: zum Gebrauche u. Fruchtertragc gegen einen jährlichen Zins an den Inhaber überlassenen Grundstücke sEmphyteusisj, oder in bloßem Erb- oder Zeit- pachtsverhältniß), bald in einer härteren oder milderen Hörigkeit, oder auch später sogenannten Leibeigenschaft. Schutz aber gegen den Herrn in allen diesen Verhältnissen finden sie in den nach uralter deutscher Rcchtsgewohnhcit bestehenden genossenschaftlichen Vereinen und Gerichten. Indcß, während in der folgenden Periode bei dem Grundbesitze der Herren und Fürsten das System des echten Eigcnthums in seiner vollen Bedeutung sich erhielt, geschützt durch Zurücksetzung des weiblichen Geschlechtes bei der Erbfolge, Beschränkung des Verfügungsrechtes des Eigenthümers von Lebens u. Todes wegen, Beschränkung der Veräußerung, Verpfändung, Theil- barkeit ec., in den Städten dagegen, wenn auch Verleihung zu Erbzinsrcckst vorkam, unter Fallen- lasseu der Erbbcsthränkung u. unter dem Schutze des fremden Rechtes das kleine freie Eigenthnm sich entwickelte, — brachte gerade dieses fremde Recht dem schon durch das kriegerische Faustrccht wehrlos gemachten Bauer, dem kleinen Grundbesitz auf dein Lande auch noch die Rechtsnnmüu- digkeit. In der Zeit vom 16. bis Mitte des 18. Iährh. sank dieser Grundbesitz, nachdem jene Vereine zerstört, zur völligen Abhängigkeit von den Gutsherren und Landesherren herab, die freien Eigenthümer wurden zu Meiern u. Pächtern, u. dinglich berechtigte Gutsbaucrn ihrer Erbrechte beraubt, u. zu den durch allerlei usnrpirte Privilegien der Feudalherren noch vermehrten Diensten n. Lasten der Gutsbaucrn, welche diese als Ersatz für die Staatsstenern u. Kricgsdicnstpflichten geleistet, kamen nun noch die Staatssteueru und Soldatenpflichtcn, welche ganz auf den kleinen Grundbesitz gewälzt wurden, so daß dieser bald unter diesen Lasten, wenn nicht völlig erliegen, doch wenigste:^ in das ausgedehnteste Abhängig- keitsverhältniß vom Guts- oder Landesherr:: herabsinken mußte. Dazu brachte es die in: vor. Jahrhundert übliche weittragende obrigkeitliche Bevormundung mit sich, daß man durch landesherrliche Cultnrmandate die Landwirthschaft zn heben suchte, iu allen Zweigen derselben regulirte u. beaufsichtigte, diese Cultur gebot, jene verbot ee. Solche agrarische Verhältnisse trafen die neuen Staatsgrundsätze, welche gegen Mitte des 18. Jahrh. sich mehr u. mehr Geltung oder wenigstens Anerkennung schafften, zur dauernden Wirksamkeit erst später durch die franz. Revolution gelangten. Sie thaten dar, daß jene Privilegien der höheren Stände und die Fendalverhältnisse mehr oder minder unberechtigt u. damit zu beseitigen, die Leibeigenschaft mit ihren persönlichen n. dinglichen Lasten, die übrigen gutshcrrlichen Ab- I. Band. 18 274 Agrargesetzgebung. gaben und Dienste, dieFrohnden, Zehnten rc. sammt den Abmcicrnngsrechten bald gegen, bald ohne Ersatz anfzuheben, oder doch wenigstens für ablösbar zn erklären seien. Nachdem schon 1764, 30. Dcc., durch die preußische Bauernordnung die Leibeigenschaft in Gutsanhörigkeit umgewandelt, Joseph II. Begründung der Abgaben auf die Grundsteuer nach Umfang u. innerem Wcrthe des Bodens für die östcrr. Lande verordnet, die Aufhebung der Leibeigenschaft angeordnet, — Reformen, die freilich nach feinem Tode schon wieder zurückgcnommen wurden — endlich Karl Friedrich von Baden 1783 für sein ganzes Land die Leibeigenschaft aufgehoben hatte, machte die franz. Revolution einen vertilgenden Strich durch alle diese Privilegien, u. folgten ihr alsbald die über- rhcinischcn deutschen Länder, welche französisches Recht erhielten, sodann die Rhcinbnndstaaten n. endlich auch das Königr. Preußen durch das die Hörigkeit, Erb- u. Gutsunterthänigkcit, auch auf dem Lande nur freie Leute schaffende Edict vom 11. Nov. 1810. Die Freilassung ans der Leibeigenschaft erfolgte thcils durch, theils ohne Entschädigung des Herrn für alle weggefallcnen Rechte. Die letzten Reste der Leibeigenschaft sanken aber inDcutschland erst 1832inder fächsischenObcrlausitz u. 1848inden österreichischen Landern. Hiermit war der erste Schritt zu einer durchgreifenden A. gethan: das persönliche Abhängigkeitsverhältniß, das auf dem größten Thcil der deutschen Landbevölkerung lastete, war aufgehoben, wenn auch nicht überall, selbst heute noch, indenländlichcnBerhältnissendie politische Abhängigkeit von den ans feudalem oder patrimonialcm Titel hcrgcleitcten Hcrrschafts- rechten (Gntsobrigkcit, guts- oder grnndherrliche Polizei rc.) beseitigt ist. Folgerichtig sielen mit der Aufhebung der persönlichen und politischen Abhängigkeit auch die daraus abgeleiteten Abgaben und Leistungen meist ohne Entschädigung (außer inKurhessen,Württemberg,,Baden, Sachsen, Hannover, Braunschweig und Österreich), und zwar im Sinne des Z 35 der deutschen Grundrechte vom 27. Dec. 1848. Damit war aber der Zweck einer richtigen Agrargesetzgebung noch lange nicht ersüllt, insofern auf dem ländlichen Grundbesitze auch dingliche Rechte der Gutsherrschaft lasteten, so daß mit der persönlichen u. politischen Befreiung der Landbevölkerung Loch noch nicht der bäuerliche Besitz auch volles u. freies Eigenthum war. Das sog. Heimfallsrccht fiel in erster Reihe, sodann wurden nicht erbliche Nutzungsrechte in erbliche, gewisse Anrechte, die nur beschränkt veräußerlich waren, in frei veräußerliche umgewandelt, getheiltes Eigenthum in Bolleigcn- thnm, Erbpachtrecht rc. in Eigenthum, meist ohne Entschädigung, soweit nicht ans privatrechtlichem Titel beruhende Verhältnisse dabei in Frage kameni diese letzteren wurden entweder nur gegen Entschädigung aufgehoben (Bayern, Württemberg, Österreich), oder (wie in Baden, Sachsen, Großh. Hessen, Preußen) als ablösbar erklärt, so daß das volle Eigenthnm hier erst nach gntshcrrlich- bäuerlicher Regulirung erworben werden kann. Zum freien Eigenthum zu gelangen, mußte dann der Boden von allen privatrechtlichcn Rcallasten (Frohnden, Zehnten, Grundzinsen, Servituten rc.) entlastet werden. Das geschah durch die Ablösnngs- gesctze (s. ».Ablösung rc.). Ist mit diesen Reformen insgesammt die Auflösung des grundherrlichen Verbandes mit seinen Folgen zum größten Theil vollendet, so konnte eine vernunftgemäße A. doch damit ihr Werk noch nicht als vollendet ansehcn; noch bestanden Schranken für die Einzelgüter durch die Reste des alten Gesammtcigenthums, der Feldgemeinschaft: an die Stelle des alten Flurzwanges, durch welchen der Einzelne sich an das Wirthschaftssystem der Gemeinde gebunden sah, trat jetzt die Culturfrcihcit, und in Folge dieser die Beseitigung eines weiteren Erschwcrnisses der Bewirthschaftnng, das beim Bestehen des Flnrzwangcs, d. h. gleichmäßiger Cultur, weniger fühlbar war, nun aber unerträglich werden mußte, nämlich die zerstreute Lage der Fluren. Diese zn beseitigen, schritt die Gesetzgebung zu der da u. dort schon freiwillig vereinbarten Arrondirung oder Verkoppelung (in Preußen Separation genannt): die sämmtlichen Grundstücke einer Feldmark werden vor staatlichen Behörden zusammen- gclcgt und darauf eine Bcrthcilnng derart vor- gcnommen, daß jedem Interessenten ein thnnlichst zusammenhängendes u. für die Bewirthschaftung von seinem Hofe aus möglichst günstig bclegenes Areal, der Größe und Güte nach im Verhältniß zu den von ihm in die Zusammenlegung gebrachten Fluren znrückerstattet wird, und zwar gehen die dinglichen Lasten u. Steuern des ein- gebrachtcn auf das zugetheilte Land über, ohne daß betheiligten Dritten ein Widerspruchsrccht dagegen zustände. Wo der Ausgleich an Areal nicht ein vollständiger werden kann, treten Geld- cntschädigungen und andere Vortheile zu dessen Herbeiführung ein. In den meisten deutschen Staaten bestehen dessalls sog. Verkoppelungs-, Consolidations- rc. Gesetze, welche aber auch gewisse Grundstücke ihres Charakters halber oder wegen gewisser auf ihnen ruhender privatrechtlicher Titel von der Verkoppelung ansnehmen. Eine natürliche Folge dieser Beseitigung der Feldgemeinschaft u. der Gemenge-Lage der Fluren ist die Auflösung der auf Wald- u. Weide-Nutzung bezüglichen Gemeinheiten einer Dorf- oder Bauernmark dadurch, daß durch sog. Gemeinheitsthcilungs- Gcsetze die im Gesammteigcnthum stehenden und von den Gemeindegenossen oder von einer bestimmten Anzahl besonders Berechtigter derselben in ungetheilter Gemeinschaft zur Benutzung besessenen Gemeindeländereien getheilt werden, womit zugleich die Auflösung oder Ablösung möglichst aller daran haftenden und daraus entstammenden dinglichen Berechtigungen, Dienstbarkeiten, Näherrechte rc. verbunden ist (s. Allmende, Marklösung, Nähcrrechte). Eine weitere Schranke des ländlichen, nun voll u, frei von allen herrschaftlichen und gemeinheitlichen Verhältnissen gewordenen Grnndcigcnthums liegt aber in gewissen, einzelne Klassen von Gütern bezüglich des Erwerbes, der Veräußerung, der Thcilung und besonderer Erbfolge cximirendcn Rechten; man hatte im Interesse der Landwirthschaft für gewisse bäuerliche Güter die Geschlossenheit und Unthcil- barkeit aufstellen zu müssen geglaubt, wogegen die neueste Zeit hierin nur eine der landwirth- Agraulos oder Agtauros — Agricola. 275 schaftlichen u. volkswirthschaftlichcn Zweckmäßigkeit zuwiderlaufende Beschränkung sicht, und deshalb durch sog. Tismcmbration (s. d. A.) auch in der Beziehung gegen das bäuerliche Gntcrrccht vorgeht. Haben wer bisher die A. nur in der Form der Jndividualisirung gesehen, so hat sie bezüglich der Ent- u. Bewässerung, der Wasserrechtc, der Forsten rc. in Rücksicht ans Landescultnr die Aufgabe, auf Vereinigung der Grundbesitzer eines bestimmten Bezirkes in genossenschaftlichen Verbänden hinzu- wirkcn, weil eben in diesen genannten Beziehungen durch den Einzelnen Ersprießliches nie geleistet werden kann, wenn er nicht dem guten Willen der Adjaccntcn desfalls begegnet, es sei denn, daß sein Besitzthnm ein sehr umfangreiches und damit nach dieser Seite als selbstständig zu bezeichnendes; zu dem Bchnfe dringt die Gesetzgebung ans Ent- u. Bewässcrnngsgcnossenschaften, Waldgenossenschaften rc., ans Regelung der Wasserrechte, der Beforstung rc. (s. d. A-). — Nach alledem ergibt sich, daß die A. in Deutschland bereits die ersten Stadien der Entwickelung hinter sich hat, wenn auch da und dort noch die Beseitigung mancher veralteten, aus der Fcudalzcit noch hcrübergckommcncn Rechte (Mecklenburg) aussteht und einzelne Institutionen (in den östl. Provinzen Preußens) einer rascheren Entwickelung hemmend im Wege stehen. Es ist nur zu wünschen, daß nicht ans gewissen finanziellen, jedenfalls nicht ans richtigen Priucipicn beruhenden Rücksichten zur Monopolisirnng gewisser land- wirthschaftlichcr Erzeugnisse geschritten werde, cs wäre dies ein beklagenswcrttzer, sich bitter rächender Rückschritt in unseren Agrarverhältnissen. — In England hat die A. seit lange schon die freiere Richtung cingrschlagen u. damit die Land- wirthschaft zu der jetzt erreichten Stufe gehoben. Frankreich hat mit der Revolution seine Agrarverhältnisse zu bessern begonnen, aber im weiteren Verlause durch Fortbestchcnlasscn einzelner Institutionen und irrationelle Ncucrnngen zu einem gedeihlichen Fortschreitcn nicht kommen können. Großes hat Rußland in neuester Zeit geleistet durch die Aufhebung der Leibeigenschaft n. damit Begründung freien Eizenthnms. In den Vereinigten Staaten von NAmerika endlich wird durch daS Gesetz jetzt ein großer Thcil der Staats- ländereicn zur Cultivirung unter billigsten Bedingungen für Rechnung der Staatskasse veräußert, was gewissermaßen an die A. des Alterthums erinnert, nur daß sie hier nicht durch Kämpfe hcrvorgerufen ist. Agraulos oder Aglauros, 1) Tochter des Aktäos, ältesten Königs von Attika, Gemahlin des Kekrops, welchem sic Erhsichthon, Agraulos, Hcrse und Pandrosos gebar. 2) Tochter der Vorigen u. des Kekrops. Sie oder ihre Schwestern erhielten von Athene ein verschlossenes Kästchen, welches sie nicht öffnen sollten; da es A. u. Herse dennoch thatcn und in dem Kästchen den jungen Erichthonios (s. d.) erblickten, so stürzten sie sich, wahnsinnig geworden, von der Akropolis herab. Nach Ovid aber ward sic von Hermes, dem sic den Zutritt zu ihrer Schwester Hcrse aus Eifersucht verwehrte, in einen Stein verwandelt. Ihr ward später auf der Akropolis in Athen ern Heiligthum erbaut, wo die Jünglinge den Bürgereid schwuren; auch wurden ihr die Ngraulia gefeiert, weil sie sich nach Einigen einem Orakel- sprnche gemäß zur Beendigung eines Krieges freiwillig von der Burg herabstürzte. Agraviados (d. h. politisch Mißvergnügte) hießen im 18. Jahrhundert Diejenigen in Spanien, welche die Habsburger begünstigt hatten, oder ihnen noch anhingcn, nachdem die Bourbonen bereits auf den spanischen Thron gekommen, weshalb ihnen denn auch von diefen die Anerkennung u. Verleihung von Würden versagt wurde. Zur Zeit Ferdinands Vll. erhielten diese Bezeichnung die Theilnehmer an dem Aufstande, welcher, 1826 vorbereitet, 1827 ans Licht trat, um in Spanien den äußersten Absolutismus in Staat u. Kirche herzustellen, die Inquisition wieder cinznführcn, die Ausrottung der Liberalen u. Freimaurer durch- znsetzen rc. Der Aufstand wurde 1828 mit Gewalt niedergeworfcn, freilich ohne die eigentlichen Absolntisten, die sogenannten Apostolischen, welche den Aufstand angeregt hatten, zu treffen. (S. Spanien.) Agräable (fr.), angenehm, anmnthig. Agreda, St. (Villa) in der spanischen Prov. Soria (Mt-Castilien), in malerischer Lage am Abhange des Moncayogebirges und am Flusse Oneilcs, über welchen eine imposante Brücke führt; Hot 2 Schlösser der Grafen von Ayamonte und Marquis von Vclamazan, 3 Kirchen, Fran- ziskancrkloster, bedeutende Gerbereien u. Töpfer- waarensabrikation, Tuch- n. Hntmacherei; 3200 Ew.; Geburtsort der Maria L'Agreda. Agrcircn (v. Fr.), angenehm halten, an- nchmen. Ügi-Lment (fr.), 1) Beifall, Zustimmung; 2) Annehmlichkeit, Vergnügen; 3) Anmuth; 4) (Mus.) Vorschlag, Schleifer, Triller rc.; 5) Locke, Schönheitspflästerchen rc., allerlei Modezicrrathcn od.Putz. Agrcst (v. lat. a§resti8, eigentlich was zum Acker gehört), 1) bäuerisch, grob, ländlich: 2) Saft von unreifen Weinbeeren; er dient als Zusatz zu Speisen, auch zu Reinigung des Wachses. Agricola (lat., d. i. Landmann), 1) Cnejus Julius A., römischer Staatsmann u. Feldherr, Sohn des Jul. Gräcinus, geb. 40 n. Ehr. Nachdem er iu Massilia studirt u. 59 einen Feldzug in Britannien mitgemacht hatte, wurde er 65 Quästor in Asien u. 68 Prätor. Unter Kaiser Vespssianus wurde er Legat in Britannien u. erhielt 73 die Provinz Aquitanien. Nachdem er 77 Cousul gewesen, ging er 78 als Oberbefehlshaber nach Britannien, welches er bis an das Caledonische Hochland eroberte u. dann die Verhältnisse, auch gerecht gegen die Eingeborenen, ordnete. Mitten in seiner Thätigkeit wurde er 84 durch den auf feinen Ruhm eifersüchtigen Kaiser Domitian abgcrufen, lebte seitdem fern von Staatsgcschäften u. st. 93; es heißt, Domitian habe ihn vergiften lassen. Seine Biographie fchr. sein Schwiegersohn Tacitns. Vcrgl. Vaoiti Vita llulii ^.grioolas, sx. roosnsions ll. L.. Uruesti, eciiäit LI. §, Losrxsl. Lemgo 1772; Tacitns, Agricola . .. durch G. L. Walch, Berl. 1828; Tac., Agricola, von F. C. Wcx, Braunschw. 1852; I. Held, Oomment. äo 0. ll. ^.ArieolliL 18 * 276 Agricultur. vita, Schweidn. 1845, deutsch von Bacmeister,! Eisleben, begleitete 1526 als Minister des Gra- Stuttg. 1871. 2) Rudolf (Rolef Huysman), fen von Mausfeld den Kurfürsten von Sachsen einer der größten Gelehrten seines Zeitalters;! auf den Reichstag nach Speier u. 1530 den Gra- geb. 1443 zu Baflo bei Groningen, war bei! fen Albrecht von Mansfeld nach Augsburg. 1536 Thomas a Kcmpis im Kloster St. Agnes bei ließ er sich in Wittenberg nieder u. erregte bald Zwolle, studirte in Löwen, Paris n. 1476 u. 1477 einen heftigen Streit durch seinen Antinomismus. zu Ferrara u. Pavia. Zurückgckchrt, hielt er sich erst am Hofe des Kaisers Maximilian I. auf, dann ging er 1482 als Professor nach Heidelberg, war hier n. in Worms mit Dalberg, Reuchlin u. A. für das Studium der klassischen Literatur und eine freiere, von der Scholastik gereinigte Methode im Philosophien thätig, sowie für Einführung der elastischen Philologie in Deutschland, obwol er die deutsche Muttersprache keineswegs hintanstellte. Er war auch als Dichter u. Tonkünstlcr, sogar als Maler geschätzt; in Groningen als Syndikus, legte er 1479 den Grund zu der berühmten Orgel dieser Stadt; sein Lautenspiel u. seine mehrstimmigen holländischen Lieder waren sehr beliebt. Er st. 28. Oct. 1485. Unter seinen Schriften war besonders eine philosophische: Os inventiono äialsebioa (Köln 1557) von Einfluß. Er übersetzte griechische Autoren ins Lateinische, erklärte den Boethius, Sencca, verfaßte Reden, Briefe, Gedichte, die von Alard gesammelt sind (Imendrationss, Köln 1539). Vgl. Tresliug, Vita et msrita R. XAvicolas, Grön. 1830. 3) Martin, gelehrter Musiker, gcb. 1486 zu Sorau, wurde 1524 Cantor u. Musikdirektor in Magdeburg, Luthers Freund; st. 10. Juni 1556. Er ließ die deutsche Tabulatur fallen u. setzte seine Gesänge zuerst in unseren jetzigen Noten. Seine Werke sind theils praktisch, theils theoretisch: Xlslockias seliolastioas, Magdcb.1512; Nusica instrurnsntalis, deutsch Wittenb. 1529, n. A. 1545; Älnsiea tiFnralis. deutsch von G. Rhaw 1532, u. m. über Musik, sowie auch Gedichte. 4) Georg, eigentlich Bauer, epochemachender Mineralog, geb. zu Glauchau 24. März 1490; war von 1518—1522 Rector in Zwickau, dankte bald ab, ging, um Medicin zu studiren, nach Leipzig und von da nach Italien; nach seiner Rückkehr lebte er seit 1527 zu Joachimsthal, seit 1531 in Chemnitz; hier bezog er vom Kurfürsten Moritz eine Pension u. freie Wohnung, wurde Bürgermeister u. Stadtphysicus. Er beschäftigte sich hier besonders mit Mineralogie n. Bergbankunde, welche Wissenschaften durch ihn neu begründet wurden. Merkwürdig ist, daß der sonst unbefangene Forscher an die Existenz von Berggeistern glaubte, denen er die Grubenwetter zuschrieb. Er st. 21. Nov. 1555. Wegen seines Rücktrittes zum Katholicismus wurde er so verabscheut, daß seine Leiche zur Beerdigung nach Zeitz geschafft wurde. Schr. namentlich: Vs rs metallica libri XII, Basel 1530, deutsch Basel 1621. Seine mineralogischen Schriften wurden ins Deutsche übersetzt von Lehmann, Freib. 1806 bis 1813, 5 Bdc. 5) Joh., eigentlich Schnitter, berühmter Theolog und Mitbetheiligter an der Reformation, gcb. 10. April 1492 zu Eislcben Melanchthon, durch welchen er sich hintangcsetzt glaubte, hatte er schon 1527 als einen Gesetzcs- prediger angegriffen; dann 1528 mit seiner Behauptung, der Glaube könne ohne Werke sein, sich durch Luther zur Rühe weisen lassen; jetzt eiferte er maßlos gegen Mose u. die 10 Gebote. Vor dem Zorne Luthers ging er 1540 als Hof- Prediger nach Berlin und nahm seine Behauptung zurück. Da er 1548 bei der Abfassung des Interim sich gegen die spanischen Theologen besonders entgegenkommend zeigte, zerfiel er mit den Evangelischen aufs Neue. Er st. 22. Sept. 1566 in Berlin. A. schrieb viele Streitschriften, Predigten rc. Die deutsche Literaturgeschichte schätzt ihn als Verdeutscher der Tcrenzschen Andria, besonders aber als den ersten Herausgeber einer deutschen Sprichwörtersammlung (plattdeutsch Magdeb. 1528, hochdeutsch Hagenau 1529, dann oft bis 1592). Vgl. A-s Schriften von Kordes, Altona 1817; über seine Theologie: Elcweck, Zürich 1836. 6) Stephan, eigentlich Kasten- bauer, Augustinermönch aus Bayern, Beichtvater der Königin Anna, Gemahlin Ferdinands I., u. dann beim Erzbischof Lang von Salzburg. 1523 saß er als lutherisch gesinnt gefangen, entkam während eines Brandes 1524 u. ward evangelischer Prediger in Augsburg, 1532 in Hof; er st. als Prediger in Eislcben 1547. 7) Joh. Friedr., Musiker n. musikalischer Schriftsteller, geb. 4. Jan. 1720 zu Dobitschen bei Altenburg, studirte in Leipzig die Rechte u. war zugleich Schüler Joh. Seb. Bachs; er galt 1741 in Berlin für den größten Orgelspieler, wurde 1750 am Potsdamer Theater angcstellt und erhielt 1751 den Titel eines königlich preußischen Hofcomponisten für sein Intermezzo II Oitosoko eonvinto. Nach Grauns Tode wurde A. 1759 Direktor der königl. Kapelle in Berlin und st. dort 12. Nov. 1774. Er componirte die Opern Achill auf Skyros und Iphigenie in Tauris, große Conccrte, Bravourarien n. dgl., schrieb mehrere Abhandlungen u. übersetzte Tosis Anleitung zur Siugkunst (1757). 8) iKarl Jos. Alois, Maler n. Kupferstecher, geb. zu Säckingen in Baden 18. Oct. 1779, gest. zu Wien 1852. Er studirte in Karlsruhe u. in Wien unter Füger und wurde namentlich durch seine Miniaturbildnisse bekannt. Als Stecher leistete er Treffliches, besonders in kleineren radirten Blattern, die weich und zierlich. 9 ) Christoph Ludw., Landschaftsmaler, gcb. zu Regcnsburg 5. Nov. 1667, gest. ebenda 1719. Er galt seiner Zeit als Meister von großer Vielseitigkeit u. huldigte der idealen oder heroischen Richtung Sein Hauptvorbild war Gasp. Poussin. Bilder. A-s in den Galerien zu Florenz, Braunschweig, Pommcrsfelden, Dresden, Kassel, Wien, Neapel, (daher auch Isisbiuo. Magister Eislebeul Schüler Bologna, Turin, n. Tischgeuoffe Luthers in Wittenberg: ging 1525! Agricultur (lat. zur Einrichtung des Kirchenweseus nach Frankfurt ! Acker, colero, bebauen), 1) Landbau - 2) Ackerbau, a. M.; von da als Lehrer und Prediger nach ^ besonders Feldbau. SArienItnra, von LFer, Agnculturchemie. 277 Agriculturchemie (Ackerbauchemie) ist der von dem Gesammtgebicte der Chemie abgczweigte Theil, welcher sich mit den Grundlagen, den Gesehen der Pflanzen- u. Thierproduction beschäftigt — angewandte Chemie in Bezug auf Agricultur. Um die in das Gebiet der Landwirthschaft einschlagenden Fragen zu beantworten, muß sich der Agriculturchemiker, außer mit Chemie, mit Physik, Mineralogie und Physiologie befassen. Wenn auch bereits HaleS, Sennebier u. Jngen- honß zu Ende des vorigen, Saussure, Doog u. A. zu Anfang d. Jahrh. durch ihre Untersuchungen auf landwirthschaftlichem Gebiete thätig waren, so gelangte die A. doch erst seit 18-10 zu größerer Wichtigkeit. Das in diesem Jahre erschienene Werk von v. Liebig, Die Chemie in ihrer Anwendung ans Agricultur u. Physiologie, war so epochemachend, daß mit dem Erscheinen desselben die A. sich als selbstständige Wissenschaft zu entwickeln beginnt. Der Humustheorie (Thaers u. A.) war die Stickstofftheorie gefolgt (Gilbert, Lawes u. A.). Die Haltlosigkeit beider Theorien zeigte Liebig u. stellte dagegen die Mincraltheorie auf, indem er die Wichtigkeit der Mineralstoffe bei der Ernährung der Pflanzen hervorhob u. bewies. Er erklärte es für Raubbau, wenn nicht sür genügenden Ersatz der Phosphorsäure, des Kali, des Kalkes rc. gesorgt werde. Der so entstehende Streit zwischen Stickstofflern (Gilbert u. Lawes u. A.) u. den Mineralstofflcrn war für die A. und somit für die Landwirthschaft von großem Nutzen. Eine Reihe von Streitschriften u. Untersuchungen von Polstorff u. Wiegmann, Salm-Horstmar, Sachs, Knop, Sccgert, Stohmann, Rautenberg, Kühn, Robbe u. A. m. führten erst schließlich zur Begleichung der Gegensätze u. Beilegung des Streites. Was schon 1804 Saussure ausgesprochen: daß dis Mincralbestandtheile für das Pflanzenwachsthum durchaus nothwendig seien, wurde als erwiesen allseitig erkannt. Hiermit war gleichzeitig dem Stickstoff sein Recht geworden. Der so heftig geführte Streit führte zu der weiteren Erkenntniß, daß in Bezug auf das Pflanzenleben noch manches Dunkel aufzuhcllen bleibe. Je mehr man forschte, desto mehr erweiterte sich der Kreis des noch zu Erforschenden. Hatte man die alten Vornrtheile, die Humus- u. Stickstoffillusion zerstört, so mußte Rationelles andre Stelle gesetzt werden. Dies erkannten sowol die Männer der Wissenschaft, als der Praxis, u. reichten sich die Hand zur Gründung von Anstalten, welche sich dem Studium aller in das Gebiet der Landwirthschaft einschla- gendeu Fragen widmen. Es sind dieses die agri- culturchemischen Versuchsstationen. Die Aufgabe dieser Anstalten ist, die allgemeinen Bedingungen zu erforschen,unter welchen dieCulturgewächse sich normalentwickeln,durch comparativsVersuchcfest- zustellen, wie die größte Menge Pflanzen auf einer gegebenen Fläche erzielt werden kann, die besten Cnltur- u. Dllngungsmethoden zu ergründen, und endlich die theoretisch durch Experimente im Kleinen gefundenen Resultate der praktischen Agricultur zu überliefern u. anzupassen. Die Pflanzcnernährung in chemischer, physikalischer u. physiologischer Hinsicht ist das große Ziel, nach dem sie streben, und damit ist zugleich die Thicrcrnährungsiehre unzertrennlich von dem Gebiete ihrer Forschungen. Im Besonderen muß es daher die Aufgabe dieser Anstalten sein, den Einfluß der atmosphärischen Luft, namentlich des Sauerstoffes, der Kohlensäure, des Ammoniak und des Wassers auf die Ernährung der Pflanzen zu erforschen, die Wirkung des Lichtes, der Wärme u. der Elektricität auf die Vegetation zu stndiren. Sie müssen sich daher beschäftigen mit der chemischen Untersuchung des Bodens, der Pflanzeuarten und der Düngerartcu, sowie dem Einfluß der verschiedenen Düngerarten für die vor- theilhafteste Benutzung des Bodens znm Anban der Culturpflanzeu. Sie lehren die Bedingungen des Wachsthums, des Fettwcrdens u. der Fortpflanzung der Zuchtthiere rc. Der Einfluß der Chemie auf die Landwirthschaft äußert sich bereits derart vorthcilhaft, daß mau mit ihrer Hilfe mehrere mit der Landwirthschaft in engster Beziehung stehende Gewerbe einznrichten oder zu verbessern vermag, wie z. B. die Bierbrauerei, Branntweinbrennerei, Essigfabrikation, die Bereitung von Butter, Käse, Milchzucker, Stärke u. Stärkezucker, die Brodbäckerei, Seifensiederei, Ölraffinirnng, das Kalk- u. Gipsbrennen, die Theerfabrikation rc. Bei einem so umfangreichen Felde der Thätigkeit war es natürlich nur durch ArbeitStheilung möglich, System u. Einheit in die Arbeiten der Agriculturchemiker zu bringen. Diesem Bcdürfniß entsprangen die jährlichen Versammlungen derselben, welche seit 1871 im Anschluß an die Versammlung der Naturforscher u. Ärzte stattfinden. Bei diesen Versammlungen tagen die Vertreter der Versuchsstationen u. behandeln als selbstständige Section die in das landwirthschaftliche Versuchswesen einschla- gendcn Fragen, berichten über die Resultate ihrer Untersuchungen u. einigen sich über die Erforschung der neu aufgetanchten Fragen. Von den 39 deutschen Versuchsstationen (Rostock bereits mit einbegriffen) beschäftigen sich 13 vorzugsweise mit Thierchemie, 20 mit Pflanzenphysiologie, 5 mit Bodenphysik u.Bodenchemie, 4mit Technologie,ImitWcin- kunde. Die erste Versuchsstation wurde 1851 in Möckern gegründet. Besonders in den Jahren 1859 n. 1800 vermehrte sich die Zahl derselben rasch, so daß augenblicklich allein in Preußen 19 Versuchsstationen vorhanden sind: Altmorschen, Berlin, Bonn, Dahme, Eldena, Göttingen, Halle (V., physiologisches Laboratorium u. Versuchsfeld), Hildesheim, Jda-Marienhütte, Insterburg, Kappeln, Kiel, Kuschen, Münster, Poppelsdorf, Proskau, Regenwalde, Weende u. Wiesbaden. Im Königreich Sachsen sind 6, in Bayern 4, in Baden 2 vorhanden. Von außerdeutschen Ländern steht Italien mit 12 Versuchsstationen obenan, dann folgt Österreich mit 5 und endlich Belgien mit 1 Versuchsstation. Frankreich u. England besitzen keine öffentlichen Versuchsstationen, aber in diesen Ländern verfolgen Privatlaboratorien eine ähnliche Richtung. Die Unterhaltungskosten der Versuchsstationen werden aufgebracht durch Beisteuern der landwirthschaftlichcn Vereine, besondere Beiträge von Großgrundbesitzern u. staatliche Subventionen. Letztere betragen im Durchschnitt 7650 Mark. Viele Versuchsstationen unterhalten sich zum großen Theil selbst durch Honorar-Analysen rc. von Dünger- .proben und Saatgut. Die Errichtung der Ver- 278 Agriculturchcmikcr u. Agriculturchcinische Versuchsstationen — Agrigentum. snchsstationcn, in dcn meisten Fällen ans Anregung landwirthschaftlicher Vereine geschehen, zeigt aufs Deutlichste, wie sehr gerade die praktischen Land- wirthe sich von dem Nutzen dieser Anstalten und damit von dem Nutzen der A. überzeugt haben n. immer mehr überzeugen. Tie Stationen sind das vermittelnde Glied zwischen Praxis u. Wissenschaft geworden; so sind sic einmal Ausknnfts- bnreaux für die umwohnenden Landwirthe, bei welchen man sich in zweifelhaften Fallen Raths erholt, u. dann Controlstationcn beim Ankäufe von Düngemitteln u. Sämereien. Tic landwirthschaft- lichen Vereine, welche Beiträge zu dcn Unterhaltungskosten der Versuchsstationen zahlen, schließen mir Fabrikanten u. Händlern Verträge ab, wodurch diese sich der Controle der Starionschemiker unterwerfen. Seitens der Stationen wird die Waare untersucht ans ihre Güte, ans ihren Geldwerth. Das Resultat der Untersuchung liegt bei der Preisberechnung zu Grunde. Die Aufgabe der A. sind die Chemiker der Versuchsstationen, deshalb auch Agricnltnrchemiker genannt, zu lösen bestrebt dadurch, daß sie den Grund des Entstehens und Vergehens des Organischen, also den sogenannten Stoffwechsel in der organischen Natur, kennen zu lernen suchen, dann sich genaue Kenntniß von der Nahrung der organisirtcn Wesen verschaffen, ferner die chemische Beschaffenheit der Nahrungsmittel u Nahrnngsqnellen u. ihre zweckmäßige Benutzung ermitteln, endlich diejenigen chemischen Proccsse erforschen, durch welche die landwirthschaftlichenNaturprodukte in solche Kaufprodncte verwandelt werden, welche je nach der Örtlichkeit am zweckmäßigsten verwerthct werden können. Außer dnrch die agricnltnrchcmischen Versuchsstationen werden die Zwecke der A. gefördert dnrch die landwirthschaft- lichen Lehranstalten u. Vorträge an den Universitäten. Als Organe der A. sind außer einer Menge landwirthschaftlicher Zeitschriften besonders hervorzuheben: Die landwirthschaftlichen Versuchsstationen, Organ für wissenschaftliche Forschungen auf dem Gebiete der Landwirthschaft, Dresd.; Jahresbericht über die Fortschritte auf dem Gesammtgebiete der A., Bcrl., Springer 1874; Am'icnlturchcmisches Centralblatt u. a. Slgricultnrchemiker u. Agriculturchemi- sche Versuchsstationen, s. unter Agricultur- chemie. Agriculturstaat, derjenige Staat, dessen Bevölkerung hauptsächlich nur Ackerbau treibt, n. dessen Volks- n. Nationalwohlstand daher wesentlich auf dem Ackerbau beruht. Früher konnte man wol entschiedener von Ackerbau- oder A-en sprechen, als heute, weil sich die Bevölkernngsthätigkeit mehr aus diese eine conccntrirte, im Gegensätze zum Handels- oder Industrie-Staate; jetzt herrscht nur die eine Thätigkcit mehr oder weniger vor, namentlich in kleineren Staaten. Die frühere Idee, daß der eine Staat nur Industrie, der andere nur Ackerbau treiben solle, dein einen nur die Fähigkeit für die eine Thätigkcit, nicht für die andere innewohne, ist als hinfällig beseitigt. Agricnltursystcm , das StaatswirthschaftS- lystem, nach welchem das landwirthschaftlichc Interesse allen anderen vorgezogcn wird, der Boden als die Hauptguclle des Nationalreichthums gilt, die Bodcnbancr die vornehmste Klasse der Staatsbürger bilden n. die Staatslcistungcn nur von dein Reinerträge des Bodens zu fordern sind; s. mehr darüber unter Volkswirrhschaftslehrc. Agrigentum (bei den Griechen Akra gas), große St. ans der SKüste Sicilicns, auf einer hoch- anfstcigcndcnbrcitcnBergtcrrassezwischendcnFlüsscn Akragas u. Hypsas (jetzt Fiume di S. Biago u. Drago), war eine Colonie dorischer Rhodicr, im I. 582 v. Chr. von Gela ans gegründet. Die Stadt hatte in ihrer Blüthezcit (ohne Sklaven u. Fremde) mehr denn 200,000 Ew., viele u. prächtige Tem- ^ pel, Kanäle (nach dem Baumeister Phäax Phäa- kische Kloaken genannt), Therons Grabmal, die Citadelle Kamikos. Die Umgegend war fruchtbar, n. die Bew. trieben starken Handel, besonders nach der NKüste von Afrika. A. war die Vaterstadt des Empedokles und des Arztes Akron und heißt jetzt Girgenti (s. d.). — In A. riß i. I. 565 Phala- ris die Herrschaft an sich, der kraftvoll, glänzend > n. siegreich regierte, aber auch dnrch Grausamkeit ^ berüchtigt war (f. Pcrillos). Im I. 549 wurde s er dnrch eine Empörung des Adels unter Führung i des Hauses der Emmcniden gestürzt. A. wurde ! nun wieder aristokr. Republik mit timokratischen Tyrannen. Endlich gewann der geniale Emmc- nide Theron i. I. 488 wieder die Tyrannis, die er aber mit Mäßigung n. Weisheit führte. Einer der besten griechischen Heerführer, hat er als Bundesgenosse des Gelon von Syrakus die Carthagcr bei Himcra besiegt (480). Ihm folgte 472 sein grau- . sanier n. ungerechter Sohn Thrasidäos; dieser i führte mit Syrakus einen unglücklichen Krieg u. fand dabei den Untergang, Ä. aber wurde von Syrakus abhängig, bis 466 das Fürstcnthum von Syrakus zerfiel. Nun wieder selbstständige aristokratische Republik, wurde in A. 444 von Empedokles eine demokratische Verfassung eingcführt. 405 v. Chr. ward A. von den Karthagern zerstört, die Einwohner wanderten ans, kehrten aber nach 10 Jahren zurück u. bauten die Stadt wieder ans. Obgleich A. seit Timoleons Zeit wieder ausblllhte, konnte es sich doch nicht ans seine frühere Höhe erheben u. thcilte bis zum Ausgange des Agatho- kles wesentlich die Schicksale von Syrakus. Um 280 war A. in der Hand des Tyrannen Phintias, der aber im I. 278 vor dem König Pyrrhns von Epirns wich. Als aber im I. 276 Pyrrhns Si- cilien wieder verlassen mußte, kam A. bleibend in ^ die Hand der Pnnier (Carthagcr). Zu Anfang der Punischcn Kriege hatten die Pnnier in A. ihre Arsenale. 262 v. Chr. wurde es von den Römern erobert; im 2. Punischcn Kriege 214 wieder von den Pnniern genommen, kam A. 210 abermals in die Gewalt der Römer. Seitdem hob sich die Stadt erst als römische Colonie wieder u. stand ! in Blüthe bis zur Herrschaft der Saracenen (825 > n. Chr.), unter denen es in den Kämpfen mit den s Christen viel litt; 1086 wurde es von dem Grasen Roger erobert. Unfern von der alten zerstörten Stadt wurde eine neue Stadt, Girgenti, erbaut. Noch jetzt sind Ruinen des alten A., z. B. von dcn Tempeln des Jupiter, Hercules u. der Con- cordia, vorhanden. Vgl. Klenzc, Tempel des Jupiter zu A., Stntrg. 1821; H. Erfurt, Oommsnb. äs ^Ari§cuto, Halle 1831; O. Sicfcrt, A. u. sein l ^Arirasnsoi'ks — Agrippa. 279 Gebiet, Hamb. 1845; Hiltorf, Xotioo snr Iss ruines ck'XssriKonie, Par. 1859. ügiüinensörss (lat.) oder 6romakici, Ackervermesser u. Ingenieure, im Römischen Reiche gelehrte Techniker, welche bei der Reichsvermessnng, der Einrichtung von Colonien, bei der Scheidung von Staats- u. Privatländercicn n. bei der darauf,, sich gründenden Ermittelung der Einkünfte die Acker vermaßen, Pläne anfnahmcn n. die Grenzen erhielten; auch waren deren beim Heere n. steckten die Lager ab. Ihre Discivlin war eine Mischung von geometrischen und juristischen Kenntnissen, ursprünglich nebst religiösen Sätzen ans der Augurallehre, u. wurde seit der Zeit des Augnstns in besonderen Schulen gelehrt. Die A. bildeten in der Kaiserzeit einen angesehenen Stand n. hatten durch Varro, dann besonders seit Augnstns eine besondere Literatur; vgl. Balbns, F-rontinnS, Hyginus. Ihre Schriften find gesammelt von Blnhme, Lachmann u. Rudorfs, Berlin 1848 n. 1852, 2 Bde. ügeimoms L., Pflanzcngatt. aus der Fam. der Rosaceen (XII. 2), mit glockigem, hakigborstigein Kelche, 2blätterigcm Ncbcnkclche, 5 Kronenblättern, 5—15 Staubgefäßen, 2 Griffeln mit kopfigen Narben u. 1—2 vom Kelche umgebenen nackten Samen. Art; L.. Lnpntorinm (Odermennig), mit einfachem, nebst den gefiederten Blättern haarigem Stengel, gelben, in verlängerter Traube stehenden Blllthen, hakenborstigen Samen; an Wegcrändern u. auf Wiesen. Das Kraut, sonst osficincll, nur noch Volksmittel. Agrinron, St.dcr Testier in Akarnanien, welche 313 v. Ehr. von den Ätolern erobert ward; hieß später Vrachori, jetzt wieder A., u. ist Hauptstadt einer Eparchie, Sitz des Gouverneurs u. hat 6100 Ew. Die Eparchie Agrinion gehört jetzt zur Nom- archie Akarnanien u. Ätolien des Königreichs Griechenland. Agriokrinopnlver, scharfes Satzmchl der Wurzel einer Schwertlilie, von den griechischen Frauen vielfach benutzt, die Wangen dauerhaft roth zu färben. llgrion 7<7lb.) Gattung der Wasserjungfern oder Libellen (s. d.). Agnonm (gr. Ant.), Fest des durch besonders wilden Cult ausgezeichneten Dionysos (Bacchus) Agrionios in dem böotischen Orchomcnos, um die Zeit des kürzesten Tages, an dem ein Priester des Gottes eine Jungfrau (ans dem Geschlechts der angeblichen Nachkommcnder fluchbeladenen Minyas- töchter Leukippe, Arsinoe, Alkithoe) mit dem Schwerte verfolgte und sic tödtcn durfte, wenn er sie einholte. Es geschah dies zur Erinnerung daran, daß jene Weiber im dionysischenRansche ihre Kinder geschlachtet u. verzehrt hatten. Dabei feierten epheubekränzte Weiber in ekstatischer Begeisterung ein nächtliches Fest, wobei sie sich allerlei dunkle Fragen vorgc- legt haben sollen. Agriotss Lsast., Gatt, der Fam. der Schnellkäfer oder Schmiede (Ulakorickas Las/-.). Art: X. lineatms 71., gewölbt, fchwarzbraun, greis behaart; Fühler, Beine n. Flügeldecken gelblich, letztere braun gestreift; 9^ mm lang. In Deutschland gemein. Die linicnförmige, platte, gelbliche Larve, als Drahtwurm bekannt, greift die Wurzeln des Getreides, der Möhre, des Lattichs u. Rap- ses an u. ist den Runkelrüben, selbst den Tabaks- Pflanzen ein gefährlicher Feind. Agrippa (röm. Name), 1) Menenius A., ein Römer, 502 v. Ehr. Consul. Bei den Pa- triciern wie bei den Plebejern wegen seiner Rechtschaffenheit in gleichem Ansehen stehend, schickten ihn die Patricier zur Unterhandlung mit den auf den Heiligen Berg ausgewanderten Plebejern (494 v. Ehr.), und dort erzählte er denselben die Fabel von dem Berhältniß des Magens u. der Glieder, wodurch die Plebejer, nachdem ihnen die Wahl unverletzlicher Bolkstribunen zngesagt worden war, zur Rückkehr nach Rom bewogen wurden. Er st. das Jahr darauf so arm, daß die Kosten znm Begräbnis; fehlten und von den Plebejern freiwillig aufgebracht wurden. 2) Marcus Vipsanins A., gcb. 63 v. Ehr., Octavians Freund u. bester Feldherr, in erster Ehe mit Cäcilia Atlica, Tochter des Pomp. Atticus, vermählt; focht 41 v. Ehr. im Pernsinischen Kriege u. wurde 40 Prätor. Darauf Legat in Gallien, warf er 38 einen Aufstand der Aquitanier nieder, wurde 37 Consul, besiegte 36 den Sextns Pompejus in der Seeschlacht am Vorgebirge Mylä bei der Stadt Nanlochos, machte mit Octavian die Feldzüge 35 gegen Jllyrien u. 34 gegen Dalmatien mit. 33 wurde er Avil, als welcher er Rom durch schöne n. nützliche Bauwerke, namentlich durch das Pantheon und eine Wasserleitung bereicherte. 31 übernahm er das Commando der Flotte u. gewann die Schlacht bei Actinm, wodurch er Octavian zur Alleinherrschaft verhalf. Dieser wählte ihn nun zu seinein College» in der Censur u. auf 3 Jabre im Consulat, vermählte ihm auch seine Nichte Marcella. Später verwaltete er in Asien von Mytilene aus die orientalischen Provinzen. 21 nach Rom znrllckgekehrt und von Marcella geschieden, heirathete er Julia, die Wittwe des Marcellus, u. galt nun als Octavians Nachfolger. 20 n. 19 kämpfte er in Spanien u. Gallien, siedelte die von den Sneven gedrängten Ubier auf der linken Seite des Rheins an und gründete die „Aprippinische Kolonie", aus der die Stadt Köln entstand; er erhielt 18 ans 5 Jahre die tribunicische Gewalt n. machte sich 17 wieder in Asien um die Ordnung der Angelegenheiten verdient. Nach seiner Rückkehr wieder auf 5 I. znm Tribunen ernannt, unterdrückte er einen Aufstand in Pannonien, st. aber aus der Heimreise im März 12 v. Chr. in Campanien. Octavian Augnstns, der ihm hauptsächlich den Thron verdankte, ließ ihn feierlich beisetzen n. hielt selbst die Leichenrede. Vgl.: Frandscn, M. V. Aprippa, Altona 1836. Er beschützte Künste u. Wissenschaften, ließ die Länder des Römischen Staates ansmcsscn n. danach Karten anfertigen; er schrieb auch selbst ein geographisches Werk über die ganze Erde. Seine Tochter erster Ehe, Vipsania Agrippina, war an Kaiser Liberins verheirathet, Agrippina ans 3. Ehe an Germanicus. 3) A. Postumns, Sohn des Vor. u. der Julia, von rohen Sitten, aber unbescholtenem Wandel, wurde von seinem Großvater Augnstns adoptirt, aber 7 n. Chr. ans Veranlassung dcr Livia, weil selbst der Kaiser n. dessen Gemahlin unter seinen Zornausbrüchen zu leiden hatten, auf die Insel Planasia verbannt und von Liberins nach Augnstns' Ableben getödtet (14. n. 280 Agrippa — Chr.). 4) Herodes A., s. u. Herodes. 5) A., griechischer Philosoph der Skeptischen Schule; soll zwischen Äliesidenms u. Sextus Empiricus gelebt haben u. beginnt die Reihe der neuen Skeptiker. Er faßte die 10 Zweifelsgründe der früheren Skeptiker zur Bekämpfung der Dogmatischen Schulen in 5 zusammen und zweifelte nicht nur an den Wahrnehmungen, sondern auch an der Sicherheit der Beweise. Agrippa, Heinrich Cornelius A. v. Nettesheim, geb. zu Köln 14. Sept. 1486; stu- dirte daselbst u. in Paris Jurisprudenz u. Medi- cin, beschäftigte sich aber nachher mit kabbalistischer Philosophie, wurde 1509 zu Dole in Burgund, wo er Reuchlins Buch Vs vsrba miriüoo unter dem größten Aufsehen erklärte, an der Akademie Lehrer der Theol., ging aber, der Ketzerei beschuldigt, 1510 nach England n. von da nach Italien, wo er zu Pavia die falschen Bücher des Hermes erklärte; nach Deutschland zurückgekehrt, hielt er in Köln Vorträge über Theologie. Dann diente er als kaiserlicher Rath beim Bergwesen u. zeichnete sich um 1512 als Hanptmann unter Kaiser Maximilian gegen die Venctianer so ans, daß er zum Ritter geschlagen ward. Seit 1515 hielt er sich in Pavia auf und wurde dann Syndicns in Metz, mußte aber, weil er eine Hexe vertheidigt hatte, von hier fliehen n. ging 1520 wieder nach Köln n. dann nach Freiburg in der Schweiz, wo er als Arzt prakticirte; zu gleichem Zwecke kehrteer 1524 nach Metz zurück u. wurde Leibarzt der Gräfin Louise v. Angonleme, Mutter des Königs Franzi.; da er dieser F-ran seine Dienste deS Wahrsagens aus den Gestirnen weigerte, dem Connetable von Bourbon aber große Siege ankiindigte, wurde er von der Königin entlassen. Im I. 1525 wendete er sich nach den Niederlanden, wo er Archivar und Historiograph bei der Regentin Margarethe wurde. Wegen einer satirischen Schrift auf Len damaligen Stand der Wissenschaft (Vs inosrbibuäins st va- iiitats oeiontiarnm, Köln 1527 u. ö.) verklagt, floh er nach Frankreich und ward verhaftet, aber von seinen Freunden befreit; er st. nach vielen Abenteuern, n. nachdem er noch einige Zeit lang laiserl. Historiograph zu Köln gewesen, 18. Febr. 1535 zu Grenoble. A. war ein sehr talent- u. ksnntnißreicher Mann, der lateinischen Sprache in hohem Grade mächtig, wahrheitsdurstig, ein Feind der kirchlichen Uebelstände, aber gleichwol dem abergläubischen und schrullenhaften Wahne seiner Zeit ergeben, unbeständig u. leidenschaftlich. Sein Hauptverdienst besteht darin, zum Sturze der scholastischen Philosophie beigetragen und den Hexen- processcn entgcgengearbeitet zu haben. Von sei- nen Schriften sind besonders zu nennen: Vs tri- Moi rations ovAnososucki äsnm; Vs oesulta Mlasoxbia, Köln 1533 (wozu ein Ungenannter 1565 das 4. Buch fügte); vsolamatio äs nobi- litats st praeosllsntia koswinas Lsxns, Antwerpen 1629; Werke, Leyden 1600, 2 Bde. (deutsch Stuttg. 1856, 5 Bde.). Lebensbeschreibung von Morley, Lond. 1856, 2 Bde.; C. Meiners, Lebensbeschreibungen von Männern rc., Zürich 1796 bis 97, BL. I. Lgnppa, Kind, das mit den Füßen zuerst zur Welt kommt, daher LZrlxparnm (^Zrippinus) ^.M'ostoilvrlia. partns, Fußgeburt. A. wird theils aus dem Griechischen hergeleitet (ä§ra, Fang, xons, Fuß), theils aus dem Lateinischen (ab asgro pg-rtn); man glaubt, daß die berühmte römische Familie Agrippa hiervon ihren Namen habe. Agripplna, 1) Vipsania A., Tochter des M. Vipsanius Agrippa u. der Cäcilia Attica, erste Gemahlin des Kaisers Tiberius, dem sie den Drusns gebar. Tib. mußte sich von ihr trennen, um Augustus' Tochter Julia, Agrippas 3. Gemahlin, zu hcirathen; sie starb 20 n. Chr. 2) A., die älteste Tochter des M. Vipsanius Agrippa n. der Julia, Gemahlin des Drusus Ger- manicus, den sie in allen Feldzügen begleitete u. nach dessen Tode im Orient 19 n. Chr. seine Asche nach Rom brachte. Da sie ihren Söhnen Nero, Drusus u. Caligula, welch letzterer später wirklich Kaiser wurde, den Thron zu verschaffen suchte, wurde sie auf Sejaus Betrieb vom Kaiser Tiberius auf die Insel Pandataria verbannt, wo sie sich selbst im I. 33 n. Chr. durch Hunger tödtete. 3) Julia A. die Jüngere, älteste Tochter der Bor. und des Drusus Germanicus, Schwester des Kaisers Ca- lignla, ein Weib von tiefster Verworfenheit, geb. 16 n. Chr. in Köln, vermählt zuerst mitDomitius Ahenobarbus, dem sie den Nero gebar, dann mit Crispns Passienns, u. in 3. Ehe mit ihrem Oheim, dem Kaiser Claudius, unter dem sie ihren Ausschweifungen freies Spiel ließ. Um ihren Sohn Nero auf den Thron zu bringen, verdrängte sie den Britanniens, Sohn des Claudius aus dessen 2. Ehe mit Mcssalina, räumte viele Personen, die diesen Plan hätten hindern können, aus dem Wege n. ließ endlich 54 n. Chr. den Claudius durch die berüchtigte Locusta vergiften. Ein ähnliches Loos traf sie jedoch selbst, indem ihr Sohn Nero, für den sie die Negierung führte, sie auf Antrieb seiner Buhlin Poppäa 69 n. Chr. ermorden ließ. Ihre Geburtsstadt Köln vergrößerte sie u. gab ihr den Namen (lolonis, ^grippim-iisis. Vgl. Lehmann, Claudius und seine Zeit, 1858; Stahr, Agrip- pina 1866. Agrogna, Alpenthal der italienischen Provinz Turin, dnrchströmt vom oberen Laufe des Pelice; darin bei Torre der Berg Vandolin mit Höhle, bekannt durch den Kampf der Waldenser mit Spaniern u. Italienern. Agronom (v. Gr.), Ackerbaukundiger, wissenschaftlich gebildeter Landwirth. Daher Agronomie, so v. w. Ackerbauknnde. Agronometrie (v. Gr.), die Anwendung von Erfahrungssätzen zur Berechnung des Feldwerthes. ügrop>rum 6-ärln.., s. Quecke. Agros, in der phönicischen Religion Gott des Ackerbaues, vermuthlich identisch mit dem phönicischen Adonis. S. auch Agrotcs. /tgrosiemmn v., Pflanzengatt, ans der Fam. u. Ordn. der Silenecn (L. 5), mit fünfspaltigem Kelche, wie Vxolinis V., zu der sie sonst gezählt wurde. Arten: ViüiLKs (Rade), häufig unter dem Getreide, mit blattartig - langgespitzten Kelchabschnitten, purpurrothcn, auch weißen, großen Blüthen; die Samen, mit dem Getreide gemahlen, machen das aus solchem Mehle gebackene Brod blau und schwer; L. sorormria (Stech-, Bexir- oder Sammetnelke), wild in der Südschweiz u. Siidtirol, 281 Agwstemmm diesseits der Alpen sehr selten, in Gärten als Zier- - pflanze cultivirt, mit weißgran behaartem Stengel, u. Blättern, weißen, anch rothen, am Schlunde! mit stechenden Zähnen bewaffneten Blüthen. Agrostcnmtin (Chem.), ein in den Samen- Hülsen der Kornrade (^ArastsiumL 6itIraAo) enthaltenes Alkaloid. Cs krystallisirt in gelblich-weißen Blättchen, die in Wasser unlöslich, in Alkohol leicht löslich sind und der Lösung alkalische Reaction er- theilen. In gelinder Wärme schmelzen sie, während höhere Temperatur Zersetzung bewirkt. Einige Salze, wie die schwefelsanren, sind krystalli- sirbar. Kalilauge zersetzt das Alkaloid unter Bildung von Ammoniak. Es wirkt drastisch und in größeren Gaben tödtlich. Dieser Stoff wurde von Schulze entdeckt, von Mclagcrt, Bonnean ».Scharling genauer untersucht und auf seine Wirkungen geprüft u. ist wahrscheinlich mit dem in der Sa- ponaria enthaltenen Saponin identisch. Vgl. W. Neil, Llat. rnsä. d. rein. chem. Pflanzenstofse, Berl. 1857. ügeoskis H. (Windhalm, Straußgras), Pflanzengatt. aus der Fam. der Gräser (III. 2). Einheimische Arten: Zpies. vonti, unter Getreide häufig n. lästig; il. interrupta, in Österreich; vuIZaris, L.. stolonikera, ans Wiesen, Hügeln, letzteres als Fnttcrkrant zu empfehlen, u. a. /lgrätig Oe/issn/r., Gattung der Eulen; Raupe llfüßig, braun,schwarz punktirt,blaß gestreift. Art.: Ansrufungszeichen ^Schlüsselloch , Brennnesseleule, L. sxclamationis); Flügel braun, mit schwarzer Linie und herzförmigem Punkte. Die Raupe der Saatenle (^.. soZstnm L.) grau, an jedem Ringe 4 Punkte; ist namentlich den Getreidefeldern sehr schädlich, greift nachts die Wurzeln, Stengel u. Blätter des Weizens, Roggens u. der Gerste an, wird in Mähren, Schlesien u. Pommern oft den Rapsfeldcrn verderblich-; auch Rüben und junge Fichtenpflanzen haben von ihr zu leiden. Agrumen, 1) so v. w.^nrantiaesas oder Fam. der Örangengewächse; 2) so v. w. Orangeriefrnchte, besonders Orangen n. Citronen. Agrypnie (v. Gr.), Schlaflosigkeit, ksrviAilluin, ein bei manchen Personen sich einstellendes Unvermögen, ordentlich zu schlafen. Die Ursachen derselben sind sehr mannigfaltig: Geistes-u. Gemüths- krankheiten, Hysterie, Hypochondrie, heftige Gc- mnthsbewegnngen (starke Aufregungen, Zorn, Furcht, heftiger Schreck) u. eine große Anzahl von Störungen in den verschiedensten Theilen des Körpers : gestörte Verdauung, hartnäckige Verstopfung, Gicht, krampfhafte Zustände, Mißbrauch alkoholischer Getränke, besonders bei jüngeren Personen, zurückbleibende Schwäche nach schweren Erkrankungen; häufig gesellt sie sich zu Schwangerschaft in den ersten Monaten, ist die Folge unthätiger, sitzender Lebensweise, anhaltender Nachtwachen u. tritt sehr häufig ohne jede nachweisbare Ursache im hohen Älter ans. Ihre Behandlung muß mit der größten Umsicht geleitet werden n. sich stets gegen ihre Ursachen richten; nur zu häufig ist sie ^ ganz erfolglos. Daher agrypnetisch, in einem krankhaften, das Einschlafen behindernden Zustande; ÜArvxnotion, schlafranbende, schlafstörcnde Mittel. ! Agrypuoköma (gr., Oomn vi§il), ein Halb-! — Aguado. l schlaf, ein anhaltendes erfolgloses Kämpfen zwischen Wachen und Schlafen, bei starker Neigung ! zum Schlafe, ohne einschlafen zu können, ein besonders bedenkliches, den nahen Tod anzeigendes Symptom bei schweren Nervcnfiebcrn. Agteleker Höhle (slavisch Varadta, d. h. dampfender Ort), eine der größten Tropfsteinhöhlen Europas, liegt beim Dorfe Agtelek im ungarischen Comitat Gömör, unweit der von Ofen nach Kaschau führenden Straße in dein dem Karst ähnlichen Trias-Kalkgebirge, das sich vom Gömö- rcr ans in das Abanjvarer Comitat zieht. Im NW. des Dorfes an einer 48 m hohen, kahlen Felswand ist der Im hohe und l^m breite Eingang. Die alte u. die neue Höhle haben zusammen eine Länge von 5860 in; sie bestehen auS einer Menge labyrinthisch in einander laufender Gänge, Höhlen n. Klüfte; mehrere sind bei hohem Stande der darin fließenden Gewässer nicht zu besuchen. Die wunderbarsten Gebilde u. Formen der Tropfsteine (Stalaktiten u. Stalagmiten) haben den einzelnen Theilen der Höhle Namen gegeben, wie Domkirche, Stephansthnrm, Ruinen von Palmyra, Tanzsaal, Blumengarten, großer Saal, Olymp, Feenschloß, Mutter-Gottes-Bilb, Pagode , Rettighöhle (bes. reich an den schönsten Stalaktiten). Die Luft in den weiten Räumen ist reiner, als außer der Höhle. Man findet darin häufig Knochen von urweltlichen Höhlenbären, an einigen Orten auch Menschengebeine. 1856 wurden durch den Naturforscher A. Schmidt eine Anzahl bisher unbekannter Gänge entdeckt. Agua (span., Wasser), Endung und Beiname verschiedener Gewässer und Orte in Portugal, Spanien u. Amerika. Agua, Volcan de, Vnlcan in Guatemala (Mittel-Amerika), nahe der Stadt Escuintla, ein von Obsidianmassen cingeschlossener Trachyt- kegel; sein Krater 4860 m ü. d. M. Seinen Namen Volcan de A., Wasservulcan, hat er von einer 1541 ansgeworfenen ungeheuren Wassermasse, welche die alte Stadt Guatemala zerstörte. Aguado, 1) Juan, als Bevollmächtigter vom spanischen Hofe nach Hispaniola geschickt 1495, um die Beschwerden der dortigen Bewohner gegen Columbns, zu dessen persönlichen Feinden er zahlte, zu untersuchen. Jndeß hatte A., so herrisch und anmaßend er gegen Columbns auftrat, kein Glück mit seiner Commission; denn dieser, der es unter seiner Würde hielt, sich in dem Lande, das unter seinen Befehlen stand, vor Gericht ziehen zu lassen, schiffte sich am 20. März 1496 mit 225 Spaniern, unter denen A. selbst war, n. 30 Eingeborenen nach Spanien ein n. schlug durch sein eigenes Erscheinen, 11. Juni 1496, und die mitgebrachten Schätze die Wirkung der ungünstigen Berichte Ä-s u. seiner sonstigen Feinde nieder. 2) Alexander- Maria A., Marquis de las Marismas del Guadalquivir, berühmter Finanzmann, ans einer- jüdischen Familie stammend, geb. 29. Juni 1784 zu Sevilla; trat früh als Cadet in das Regiment von Jaen u. war 1808 schon Stabsoffizier. Zur Zeit der französischen Invasion in Spanien znr Partei der Joscfinos (Afrancesados) zählend, erhielt er als solcher das 1. Lancierregiment u. ward anch Adjutant bei Sonlt. Nach der Schlacht bei 282 Aguareybay — Agurtschinskische Inseln. Baylen kam cr mit seinem Regiment nach Frankreich, trat dann in französische Dienste, nahm aber 1815 seinen Abschied, betrieb in Paris ein rentables Commissiensgeschäst n. gründete dann ein Bankgeschäft. Er übernahm die spanischen Anleihen von 1823, 1828, 1830 n. 1831 von zusammen über mehrere 100 Millionen Realen n. rettete durch die geniale Benutzung der ihm dazu ertheil- ten fast unumschränkten Vollmacht Spanien vom Staatsbankerott. Die von ihm ausgegebcncn spanischen Staatsobligationcn, nach ihm Äguados genannt, warfen regelmäßige Zinsen ab, obgleich man sagte, daß neue Agnados immer nur sabricirt würden, um diese Zinszahlungen zu decken; jedenfalls hielt er ans diese Weise lange Zeit den schwankenden Credit Spaniens aufrecht. Von Ferdinand VIl. znm Hofbangnier u. wegen seiner Verdienste um die Austrocknung von Morästen an der Guadalqnivirmündung zum Marques de las Marismas dcl Guadalquivir ernannt, erhielt er auch Bergwerke u. den Kanalbau in Castilien, kam aber, seit 1828 in Frankreich naturalisirt, nur selten nach Spanien. 1834 bewerkstelligte er auch die griechische Anleihe. Bei wahrhaft fürstlichem Leben hinterlicß er bei seinem Tode, 14. April 1842, ein Vermögen von über 60 Will. Fcs., znm großen Theil in Grundbesitz angelegt (n. a. gehörte ihm Chatean-Marganx), u. eine treffliche Gemäldegalerie, beschrieben von Gavard, Paris 1839—47, 4 Bde. Aguareybay, Schotenpslanze am Uruguay, in Paraguay; die Blätter geben zur Blüthczeit de» heilkräftigen Agnareybalsam, der den Indianern als Wurmmittel dient. Agnas calicntcs, 1) einer der Freistaaten von Mexico (seit 1853), 5741 ^icw (104,2g HW), 140,630 Ew., früher ein Theil von Zacatecas. Den Namen führt der Staat von den vielen in der Nähe der gleichnamigen Hauptstadt entspringenden warmen Quellen, die eine Temperatur bis 50 " 6. haben. Im nordöstlichen Theil herrschen Gebirge vor, namentlich durchziehen denselben Zweige der Sierra Madre, außerdem ist die Oberfläche vorherrschend Hochebene von durchschnittlich 1600 m. Der fast überall fruchtbare Boden begünstigt den Anbau von Getreide n. Hülsenfrüch- ten. Tropische Früchte wachsen nur im W. durch den Einfluß des wärmeren Klimas. 2 ) Hauptstadt bier, 1950 in ü. d. M.; eine der schönsten Städte von Mexico, Hanptort für den Binnenhandel, zu Weihnachten große Messe; 22,534 Ew. Ngncdn, 1) linker Nebenfluß des Duero in der spanischen Provinz Salamanca, von der Sierra Gardnnha, bildet bis zu seiner Mündung die Grenze gegen Portugal. 2 ) Stadt im portugiesischen District Avciro; 3560 Ew. Agucsscan, 1) Henri Francois d'A., Kanzler von Frankreich, gcb. in Limoges 27. Novbr. 1668; ward 1690 königl. Advocat zu Chatelct, dann Generaladvocat in Paris, 1700 Gcneral- procnrakor des Parlaments n. 1717 Kanzler. Von ihm sind die berühmten Ordonnanzen über die Schenkungen von 1731, über die Testamente von 1735 n. über die Substitutionen von 1747. Seit 1718 zweimal verwiesen n. entsetzt, weil er Laws Finanzsystcm verwarf n. sich dem Cardinal Dnbois widcrsctzte, erhielt er 1727 seine meisten Stellen, doch erst 1737 das große Siegel wieder. Neben seinen großen Leistungen ans dem Gebiete der Rechts- und Staatswissenschaft hat er auch der Philosophie sein Studium u. seine Thätigkeit zn- gewendet, wie seine Mclitsbions metapiiz-signss, in denen er sich Cartesins anschließt, beweisen. Er st. 9. Febr. 1751. Werke, Paris 1759—89, 13 Bde., n. A. 1865 (deutsch Lpz. 1767, 8 Bde.); Reden, deutsch von Weber, Sulzbach 1816. Auch ließ er die von Lauriöre angefangcnen Oräon- imnoos ciu Imnvrs bis Ludwig XI., in 14 Bdn., durch Secoussa, Villenanlt u. Brexuigny fortsctzen. Vgl. Boullee, llistoirs äs 1a. vis ebcios oenvrss ä'X., Par. 1835 n. 48; Monnier, Ls dianoslior ä'X., cbd., 2. A. 1864. 2) Henri Cardin Jean Baptiste, Marquis d'A., Enkel des Kanzlers Henri Franx., geb. 1746 zu Frcsnes, trat als Depntirter des Adels in die Generalstaaten, verließ aber 1790 die Nationalversammlung und lebte im Verborgenen; Bonaparte machte ihn unter dem Consnlat znm Präsidenten deS Appellhofcs in Paris, schickte ihn dann als Gesandten an den dänischen Hof u. ernannte ihn 1805 zum Senator, nach der Restauration wurde er Pair; mit ihm starb das Hans A. ans (1826). Agnilar (spr.Ehgilär), Grace, englische Schriftstellerin, von Geburt Jüdin, spanischer Abstammung, gcb. 2. Juni 1816 zu Hackney bei London, st. auf einer Badereise 16. Sept. 1847 in Frankfurt a. M. Sie schr.: liis maxie ivrsatli (Gedichte), 1832; die Erzählungen (häusliche Erziehung, Mutter- Pflichten u. dgl. behandelnd) Homs inkinonoo, 24. A-, Land. 1869, deutsch Lcipz. 1858, u. Mis motliers rseomponss, 21. A. 1869, deutsch Lpz. 1859; die Novelle Ibs martzcrs, 11. A., Lond. 1869, deutsch Oldenb. 1857, deutsch als Maria Hcnriqnez Morales, Magdeb. 1860; außerdem IVomen c>k Israel, Lond. 1845, 2 Bde., 6. A. 1870; Mis Isivisli laM, ebd. 1847, u. a.; Werke, Lond. 1861, 8 Bde. Aguilar, 1) Stadt (Villa) in der spanischen Prov. Cordoba (Andalusien), an einem Nebenflüsse des Jenil u. an der Eisenbahn Cordoba-Malaga; schöne Pfarrkirche, Klosterkirche Sta. Clara mit werthvollcn Gemälden, maurisches Castell, Weinbau; 12,300 Ew. Nahe dabei der große Salzsee Laguna de Zonar. 2) (A. de Campos) Stadt (Villa) in der spanischen Prov. Palencia (Leon), im oberen Thale des Pisuerga und nahe bei der Eisenbahnstation Cornesa; Schloß des Marquis von Villatorrcs, zwei Kirchen, lateinische Schule; 1640 Ew. Agtttlns (San Inan de las A.), Hafenstadt am Mittelmcere in der spanischen Prov. Murcia; 5500 Ew.; hat ein Fort, große Schmelzhütten, in welchen die silberhaltigen Bleierze der benachbarten Sierra Almagrcra verschmolzen werden. Ausfuhrhandel mit Blei, Esparto, Soda rc. von Murcia; schöner n. zahlreich besuchter Hafen. Agnlhns (spr. Agnljas, Nadelcap), südlichstes Cap von Afrika, in 34" 49' s. Br., seit 1849 mit einem Lenchtthnrm; dabei die vorliegende A-bank oder Nadelbank. Agurtschinskische Inseln (Oghnrlschinskische I.), auf der LOZeite des Kaspischen Meeres, 28 S, 'llgustin bewohnt von Truchmenen; darunter Naphtainsel (Nephtenoi, mit Naphtaquellen), Jdaak (Aidnk), Tschalakan, Darghun, Deverisch. Agustin, Antonio, geb. 1517 zu Saragossa, studirte Philologie u. Jurisprudenz zu Alcala u. Salamanca, seit 1535 in Bologna u. machte dann mehrere Reisen zu gelehrten Zwecken; er ward 1554 zu Rom Auditor der Rota, später Bischof von Lcrida, war beim Tridentiner Concil u. st. 1586 als Erzbischof von Tarragona. Seine Werke, besonders für das Römische und Kanonische Recht wichtig, Lncca 1765—77, 8 Bde.; lZMtolao, heransg. von Andres, Parma 1804; Lebensbeschr. von Majan, deutsch von Wagenseil, Gotha 1779. Aguti (vasz'proota Ttl-F.), Nagethiergatt, der Halbhnfer (Lndnngnlaba); Zähne glatt, faltig; Schnauze spitzig, schief abgestumpft, Lippe ausgeschnitten; Leib stcifhaarig; Schwanz kurz, kahl; Hinterbeine fast noch einmal so lang als die vorderen; Vordersätze 4-, Hinterfüße Szehig; Haare am Gesäße lang, borstig. Arten: a) Oasz-proeba L., Goldhase, groß wie Kaninchen, mit glänzender Behaarung; Schwanz nur eine Warze; läuft schnell, wird zahm, durch Benagen aber lästig; in Süd- Amerika; frißt Pflanzen; eßbar; b) Akuschi (v. acnolu), mit längerem Schwänze; ebenda. Agyicus (AgyiNcs), Beiname des Apollon bei den Athenern, Arkadern u. A., als Schntzgeist der Straßen. Das Sinnbild seines Schutzes, eine kegelförmige Säule, stand vor den Hansthüren n. in den Vorhöfen, dabei wurden einfache Opfer gebracht. Agonie (v. Gr.), Unbeweibthcit. Agynos (gr.), unbeweibt; Hos a., Blume ohne Pistill, bloß mit Staubfäden. Ägypten (griech. Lüg^ptos, lat. LeLz'ptns, hcbr. Mizraim, arab. Masr, koptisch Khcmi, in der Bibel Ham sd. h. heiß oder warms, türkisch Gipt, eine Abkürzung des griechischen Namens). L..A. Geogr., Sittengeschichte n. Alterthümer. I. Topographische Verhältnisse. Das im nordöstlichen Afrika gelegene Land Ä. war begrenzt nördl. vom Mittelmeere, östl. vom Peträi- schen Ilrabien u. vom Arabischen Meerbusen, südl. von Äthiopien, westl. von Libyen. Diese Grenzen wurden durch kriegerische Ereignisse mehrmals verändert, u. da Ä. in die großen Umwälzungen Asiens verwickelt wurde, so waren über die Frage, ob Ä. zu Asien oder zu Afrika gehöre, die Alten nicht einig; nur der Geograph Strabon rechnet Ä. ganz zu Afrika, wogegen Herodot den Nil als die natürliche Grenze zwischen Asien u. Afrika betrachtet, somit Ä. theils zu dem einen, theils zu dem andern Erdthcil rechnet. Nur das Nilthal n. die untersten Abhänge der arabischen n. libyschen Bergketten waren bebaut, im übrigen Lande waren einige kleine Gebiete dünn bevölkert, alles andere dürre, sandige n. steinige Wüste. Im S. setzten die ersten Katarakte bei Sycne (Assuan) u. Elephan- tinc der Schifffahrt ein Ziel; doch wurde die südl. gelegene Insel Philä noch zu Ä. gerechnet. Das Land verdankt seine Existenz u. Bodcncnltnr dem Nil, dessen Anschwemmungen der Thalboden das ertragsfähige Ackerland verdankt (s. Nil). Wohin das Wasser des Flusses nicht dringen konnte, legte man Kanäle an. So wurde schon in der ältesten Zeit die Wasserbauknrst aus eine hohe Stufe - Ägypten. der Entwickelung gebrockt und auch im späteren 'Altcrthmn sorgfältig gepflegt, wie schon der Name seines bedeutenden Kanals lehrt, welcher früber ! „Ptolemäns-", später „Trajans-Flnß" hieß. Die Sage schrieb ebenso die Anlage des „Möris-Sces" einem alten König Möris zu. Dieser See, in Wirklichkeit kein Werk der Kunst, diente als Reservoir für das überflüssige Nilwasser, welches später seine Verwendung finden sollte. Entsprechend der Bodenbildnng wurde Ä. schon früh in „zwei Länder" getheilt, in das „Süd-" u. „Nordland". Das crstere (Öber-Ä.) ist ein rechts u. links durch Höhen- züge in sich abgeschlossenes Thalgelände, während das zweite(Untcr-Ä.) eine unübersehbare Fläche bildet^ die nach O. u. W. offen u. durch das Meer mit den übrigen Cultnrstätten der Alten Welt in Berührung gebracht war. Die späteren Geograpbcn des Alterthnms unterscheiden drei Thcile: Obcr-Ä. (Thebais), von der Grenze Äthiopiens bis Her- mopolis Magna, mit der Hanptst. Theben; Mittcl- Ä. (Heptanomis), bis zur Theilnng des Nil, mit der Hanptst. Memphis; Unter-Ä. (Delta), bis zum Meer, mit der alten Hanptst. Sais n. der jün» geren Alexandria. Außerdem war das Land seit der Ältesten Zeit in 36 kleine Abtheilnngen (Nomen) zergliedert. „In der a. Geogr. wurden auch drei Oasen zu Ä. gerechnet, nämlich die Große Oase (Nahe Psoi), die Kleine Oase (Nahe Pcmdie) u. die Oase des Jupiter Ammon (Nahe Amnn), alle drei im W. des Landes u. in der angegebenen Reihenfolge von S. nach N. gelegen. Im O. des eigentlichen Ä. lag als Grcnzprovinz das ägyptische Arabien oder Tiarabia am „Kanal der Könige". Dazu gehörte das durch den Aufenthalt der Inden bekannte Gosen mit der Hanptst. Abaris u. die Priesterstadt On (Heliopolis). II. Die Bevölkerung. Schon seit uralter Zeit finden wir zwei Rassen in Ä. unter einander wohnend: eine dunkelfarbige, sich den Negern nähernde, beherrscht von schlanken, hellfarbigeren Abkömmlingen kaukasischer Rasse, deren Ursprung u. frühere Wohnsitze nicht zu enträthseln, da ihre erst in neuerer Zeit der Forschung erschlossene Sprache (s. Ägypt. Spr.) in dieser Beziehung noch keine Schlüsse znläßt. 1) Öffentliches Leben, a) Verfassung. An der Spitze des Staates stand ein erblicher König (Pharao), welcher zugleich der oberste Richter war; nach ägypt. Anschauung war das Königthnm die älteste u. bis zum Wcltanfang hinanfreichende Würde. Die Hoflcute des Königs waren ans den Söhnen der angesehensten Priester gewählt; Sklaven durften sich ihm nicht nahen. Die Gemahlin des Pharao hatte gleichen Rang, wie denn auch zuweilen Pharaoninnen die Herrschaft geführt haben. Wie die Königsrcihcn in die mythische Zeit znrückgehcn n. sogar die Landcsgötter unter den ältesten Königen anfgeführt werden, so erhielt auch der König einen religiösen Cnltns, cs wurden ihn: bei seinen Lebzeiten Tempel errichtet und Opfer gespendet. (Über das Alterthnm der ägypt. Dynastien und Ä. überhaupt vgl.: G. Kodier, Lntignits äss raoss Immainea, 2. ää., Par. 1864.) Man kann sagen, daß der größte Sklave in Ä. der König selbst war; jede Stunde des Tages n. der Nacht mußte er nach strengen priesterlichen Vorschriften 284 Ägypten. ausfüllen. Seiner zweitheiligen Abstammung u. dem stabilen Charakter gemäß zerfiel das Volk in Kasten mit erblicher Beschäftigung. Über ihre Zahl gehen die Berichte der Griechen ans einander, wie auch ein Wechsel hierin im Laufe der Geschichte, durch wechselnde Verhältnisse bedingt, erklärlich ist; als Grnndeintheilnng ist die Scheidung in die zwei herrschenden Kasten der Priester u. Krieger n. die dritte untergebene der verschiedenartige Beschäftigungen treibenden festznhalten. Den ersten Stand bildeten die Priester. Sie waren zugleich Richter, Ärzte, Mathematiker, Astronomen, Zeichen- dentcr, außerdem Grundbesitzer, die ihren Besitz an Pächter ablicßen. (S. Ägypt. Mythol., Rclig.) Stach ihnen folgten die Krieger. Herodot theilt sie in Hermotybier n. Kalajirier (jene waren in der Zeit ihrer größten Macht 160,000, diese 250,000 Köpfe stark); sie hatten eigene Gebiete, worin ihnen bestimmte Ländereien angewiesen waren; sic durften kein Handwerk treiben, sondern waren blos für den Krieg bestimmt u. bildeten die Leibwache des Königs, wozu jährlich von jeder der beiden Abtheilnngen 1000 Mann commandirt wurden. Der unterworfene Theil des Volkes, die dritte Kaste bei Strabo, zerfiel nach Herodot in fünf, nach Diodor in drei Kasten, je nach der Beschäftigung, unter denen die der Kanfleute, Handwerker, Ackerbauer, die allgemein verachtete der Schweinehirten schon in alter Zeit sich gebildet haben, während die'der Schiffer und Dolmetscher wahrscheinlich erst später hinzugekommcn sind. Die letzteren überhaupt waren nach Herodot kein eigen- thümlicher Bestandthcil des ägyptischen Volkes, sondern entstanden erst nach der Zeit des Psammetich dadurch, daß griechische Seefahrer, mit deren Hilfe Psammetich sich znmHerrnvonganzÄ. geinachthatte, von diesem mit ägyptischen Ländereien beschenkt wurden u. daselbst sich niederlicßcn; sie besorgten die Erziehung von Söhnen vornehmer Eingeborenen. Amasis zog die Dolmetscher später nach Memphis n. fügte sie zu seiner Leibwache zu. Zn allerhand häuslichen Verrichtungen hatte man Sklaven und Sklavinnen, welche man sich durch Kauf u. als Kriegsbeute verschaffte, b) Rechtswesen. Die ägyptischen Gesetze, deren Abfassung u. Änslegung in den Händen der Priester lag und denen der König selbst unterworfen war, hatten im Alterthum durch ihre Weisheit hohen Ruf. Sie bestanden ans Criminal- u. Polizeigcsetzen. Mord wurde mit dem Tode bestraft, Fälschung durch Verlust beider Hände, Berrath durch Ausschneiden der Zunge, Ehebruch durch Abhauen der Nase, geringere Verbrechen n. Begünstigung solcher durch Stockschläge rc. Der König konnte diese Strafen mildern. Die Verwaltung des Rechtes geschah in Gerichtshöfen; im obersten Gerichtshöfe'waren 80 Richter (Priester von Theben, Memphis u. Helio- polis) n. ein von ihnen selbst ans ihrer Mitte gewählter Vorsitzender, dessen Auszeichnung eine goldene Halskette mit dem Gerichtssiegel war. Jeder führte seine Sache selbst, u. zwar schriftlich, die Acten wurden mit der Bertheidignng des Verklagten geschlossen, worauf das Gericht urtheilte. Der Spruch wurde ebenfalls schriftlich gegeben u. von dem Vorsitzenden untersiegell. Jeder Freie war innerhalb seines Hanfes über seine Leute Richter u. konnte das Nrtheil vollziehen lassen, o) Die Finanzen waren getrennt: die königlichen bestanden ans den Ländereien des Königs, den Einkünften aus den nubischcn Goldbcrgwerken, der Nilsischerci und den Tributen der unterworfenen Völker; davon besoldete der König seine Leibwache, Hofleute u. Räthe des oberen Gerichtshofes; die Tempeleinkünfte flössen aus den Pachtgeldern für die Tempelgüter, woraus sich der Tempelschatz bildete, der von besonderen Rentmeistern verwaltet wurde, ä) Kriegswesen. Die Krieger dienten entweder zu Fuß, oder zu Wagen; Anführer war der König selbst zu Wagen, ihm wurde das Reichspanier nachgetragen. Die zweirädrigen Streitwagen, von zwei Pferden gezogen, faßten nur je einen Streiter; Waffen waren Pfeil u. Bogen, die selbst der König führte, Schwerter von aller Art n. Form, Wurfspieße, deren Jeder bald nur einen, bald mehrere trug, Streitäxte, Panzer, Panzerhemden, Helme u. große viereckige, an einer Seite abgerundete Schilde. Die Art der Stellungen u. Gefechte verräth eine ziemlich ansgebildete Taktik u. Übung; besonders merkwürdig sind die geschlossenen Glieder, die tiefen Stellungen des Fußvolkes, die Art des Angriffes, des Überflllgelns, wie sie auf Bildern in Tempeln und Palästen dargestellt sind. Die Kriegsschiffe, den Nilschiffen ähnlich, hatten eine lange Gestalt u. wurden durch Segel u. Ruder bewegt. Nach Diodor von Sicilien bestand unter dein König Sesostris das stehende Heer aus 600,000 Mann Fußvolk und 24,000 Reitern u. hatte 27,000 Streitwagen. Nach Wil- kinson hatte die ägyptische Armee auch Trommler u. Trompeter. 8) Über die Religion s. Ägyptische Mythologie. 3 ) Über die Sprache s. Ägyptische Spr. 4 ) Wissenschaft, Kunst, Gewerbe u. Handel rc. Der wichtigste Theil der ägyptischen Gelehrsamkeit war die Astronomie. Die Ägypter kannten genau die Größe des Son- nenjahrcs, die Vorrückung der Nachrgleichen (wie der Thierkreis von Denderah beweist), berechneten Sonnen- u. Mondfinsternisse, theilten den Himmel in 4 Zonen, 36 Dekane u. 360 Grade, kannten die Gestalt des Erdkörpers, die 7 alten Planeten n. ihre Reihenfolge, sowie die zwölf Thierkreiszeichen, verbanden zuerst die Fixsterne zu Sternbildern n. hatten einen genauen Kalender. Sie kannten das Jahr von 365 Tagen n. die Entdeckung der Jahreslänge von 365j. Tagen; die Vereinigung beider gab Anlaß zu der Sothisperivde (Canicularperiode, s. u. Jahresrechnung) von 1460 Jnlianischen oder 1461 Wandeljahren, nach welcher der Sirius wieder am ersten Tage des Jahres vor der Sonne aufging. Ebenso kannten sie die Periode von 25 Jahren, nach welcher die Nen- u. Vollmonde wieder auf die nämlichen Tage des Jahres fallen. Nebenbei herrschte viel astrologischer Wahn. Dem Kinde ward sogleich bei der Geburt sein Horoskop gestellt, und nichts Wichtiges weder im Privat-, noch öffentlichen Leben unternommen, ohne vorher die Gestirne befragt zu haben. Vgl. L. F. A. Maury, LlaZis eb 1'ä.8brolo°'is äaus I antignits sb an inoz'sn-LZ's, Par. 1860. In der Rechnenkunst hatte man 5 Zahlzeichen, welche 1,10, 100, 1000 u. 10,000 bezeichneten u. für größere Zahlen zusammengesetzt wurden, mit der Zeit aber Ägypten. 28 ä> Vermehrung durch weitere Zeichen erhielten. Durch die nach jeder Nilüberschwcnmmng nöthig werdenden Ausmessungen der Felder wurden die Ägypter Geometer; ihre Kanäle, Schleusenwerke, Wasserschrauben re. setzen die Bekanntschaft mit mehreren Theilen der angewandten Mathematik voraus. Landkarten kannte man unter Sesostris. Die Naturlehre war mystisch, denn in allen Naturerscheinungen sahen sie die Einwirkung der Götter. Dagegen hatten sie einige Kenntnisse in der Chemie u. Metallurgie. Bei der Heilkunde, von Priestern ausgellbt, kam cs mehr auf Diät, als Anwendung von Arzneimitteln an. Neben diesem vernünftigen Gebrauche bestand auch viel Widersinniges. So mußte der Ägypter in jedem Monat drei Tage nach einander Brechmittel u. Klystiere an- weudcn, Lei einer speciell vorgcschriebeucn Lebensweise im Essen und Trinken. Vergl. Prosper Alpinus, Os ineäieina, tpeAH>tiorum, äonuo eckiüit ll. 8. Orisärsioii, 8oräIinAas 1829, 2 voi. Die historische Gelehrsamkeit war au die Aufzeichnungen der Priester u. an die öffentlichen Denkmäler geknüpft, indem die wichtigsten Ereignisse durch Gemälde u. Reliefs in Tempeln, Palästen rc. dem Gedächtnis; eingeprägt wurden. Die Kenntniß der alten Schrift u. aller Unterricht lag in den Händen der Priester, welche ihre Zöglinge durch einen wcitschichtig angelegten Lehrgang in die Schriftkuude, Naturwissenschaft u. Mathematik, Gesctzeskunde, Theologie n. Philosophie entführten. Tie Weisheit der Ägypter war im Alterthum hoch angesehen, daher forschungslnstige Griechen an den Nil, als zur Heimathstätte der 'tiefsten Philosophie u. Gelehrsamkeit, wandcrtcn. Als Begründer aller Wissenschaft galt der mythische Tot (Thoth oder Taut, griech. Hermes Trisnicgistos). Von den Künsten entspricht die Architektur bcs. dem abgeschlossenen Charakter des ägyptischen Volkes; die ältesten Spuren derselben reichen in das 4. Jahrtausend v. Chr. zurück. Im dritten entstanden die Pyramiden der Pharaonen Chufu, Sen Chufn und Mencheres (Cheops, Chcfreu u. Mykerinos des Herodot), welche ihrerseits wieder ans vorbereitende Stufen der Entwickelung der Kunst Hinweisen; denn die bewunderungswürdige Technik, welche die gewaltigsten Baumasscn zu bewegen u. zu bearbeiten verstand, wurde nicht mit einem Male gewonnen. Neben den Pyramiden (s. d.) bestanden ausgedehnte Privatgräber, mehr oder minder tief aus dem natürlichen Felsen gemeißelt, in denen man durch ein kleines für den Todteu- cultns bestimmtes Heiligthum mittels eines geneigten Schachtes in die Grabkammer gelangte. Zahlreiche bildliche Darstellungen n. häufig auch architektonischer Zierrath schmücken den Jnnenraum, wobei vielfach Erinnerungen an eine Holzconstruc- tion erweckt werden. Größere Gemächer werden durch Pfeiler ans dem natürlichen Felsen gestützt, u. an den Wänden zeigt sich ein bandartig gewundener Ruudstab und eine weit vorspringende Hohlkehle mit Deckplatte. Die 2. Glanzperiode des alten Reiches wird durch den kolossalen Obelisk Sesurtcsens I. n. durch die Gräber von Beni- Hassan bezeichnet, an deren Eingang ein folgerichtig entwickelter Säulenbau sich zeigt. An mehreren Säulen sieht man eine deutliche Nachahmung vegetabilischer Formen, die in dem der Lotosblume nachgebildetcn Capitäl ihren klarsten Ausdruck findet. Nach der Vertreibung der Hyksos, in der höchsten Eutwickclungspcricde des neuen Reiches (16. bis Ende 13. Jahrh. v. Chr.) erreicht das System der ägyptischen Architektur seine volle Ausprägung. Als Hauptwerk derselben erscheint der Tempel mit pyramidal ansteigenden Umfassungsmauern,- von keinem Fenster, keiner Säulenstcllnug unterbrochen n. nur von buntfarbiger Bilderschrift bedeckt. Dem schmalen hohen Eingang zur Seite erheben sich zwei thurmartige Pylonen, gleichfalls schräg ansteigend. Durch die Pforte gelangt man in einen Vorhof mit Säulen- stellnngen, von da in einen säuleuumgebenen Saal mit steinerner Decke n. darauf in das eigentliche Heiligthum mit der Statue des Gottes in geheim- üißvoll düsterer Cella. Auch die Innenwände sind mit farbigen Hieroglyphen überdeckt. Der bedeutendste Tempelbau, das geheiligte Palladium des Reiches, ist der Tempel von Karnak, noch z. Z. des alten Reiches von Scsnrtescn I. gegründet, von seinen Nachfolgern bis auf 350 m Gcsammt- länge und 100 m Breite erweitert. Derselben Periode gehören an der große Tempel von Luksor, das sogen. Grabmaldes Bymandyas, u. die Tempel von Mediuet-Habu u. Kurna u. auf der Insel Elephautiue. In der letzten Zeit der ägyptischen Architektur zeigt sich eine weniger großartige Än« läge, aber eine reichere Behandlung der Gliederung. Dahin gehören der Tempel auf der Insel Philä, der Haupttempel zu Edfu u. der von Kleopatra erbaute Tempel zu Deuderah. Plastik. Die ältesten Werke der ägyptischen Bildncrci sind die farbig bemalten Flachreliefs in den Gräbern, deren Inhalt dem täglichen Leben entnommen ist, wobei die Gestalten der Todtcn in größeren Maßverhält- nisseu gehalten sind, als die der Lebenden. Hier, wie in größeren plastischen Werken, geht die ägyptische Kunst bereits entschieden auf Porträtähnlichkeit aus. Gleichwohl entwickelte sie sich zu keiner freien lebensvollen Plastik; sie blieb allzeit an das Äußerliche, Zufällige gebunden. Die menschliche Gestalt entbehrt gleich der thicrischen der Individualität, trägt aber überall den Stempel naiver Lebensauffassung. Sitzende wie stehende Gestalten zeigen eine streng-würdevolle Haltung: der Kops schaut mit starrem Blicke gerade aus, die Arme liegen eng am Leibe, die Füße stehen gleichmäßig, gerade neben einander. Brust und Schultern sind ohne Fülle, aber breit n. kräftig, die Arme lang n. sehnig, Hüsten u. Beine schlank. Schon in frühester Zeit ward für die Formen des Körpers durch bestimmt vorgeschriebene Zahlenvcrhältuisse ein fester Kanon angenommen u. dessen strengste Befolgung gesetzlich anbefohlen. Jndcß wurde Veralte strengere Kanon später durch zwei wenigcr strcnge, eine größere Schlankheit der Verhältnisse gestattende verdrängt; aber die freie künstlerische Bewegung blieb auch dann noch gehemmt. Die ägyptische Plastik weist Statuen bis zu 22 m; die Sphinx bei den Pyramiden von Memphis mißt gar 45 m. Von ungeheurem Umfange sind auch die an Tempeln, Palästen u. Gräbern äuge brachten Reliefbilder, deren Zweck ein rein erzählender ist, u. die uns über alle Seiten des Ägypten. gewendet. Bergbau wurde eifrig betrieben, zuweilen wurden ganzeBcrgeumgewühltn. Bäche hin- dnrchgeleitet, um dasErz zu waschen. Von ländlichen Beschäftigungen ward in Ä. vor Allein der Ackerbau betrieben; er war indeß ans die Thcile des Landes beschränkt, wohin sich die Überschwemmungen des Nil erstreckten oder geleitet wurden. Des Pflügens und Düngens bedurfte cs nicht; nachdem sich Las Wasser verlaufen hatte, wurde gesäet, der Same durch darüber getriebenes Vieh cingestampft, oder auch mittels eines von Ochsen oder Menschen gezogenen nnbcrädcrten Pfluges mit Erde überhäuft. Die Aussaat im Nov. wurde im April geerntet; das Getreide wurde mit der Sichel abgcschuitteu, oft wurden blos die Ähren,in Körben in die Scheuern geschasst, durch Ochsen ansgetreten und ans der Tenne geworfelt. Gebaut wurde nämlich Gerste, Weizen, Roggen, Flachs n. (besonders in Oberägypten) Baumwolle; in Unterägypten wuchsen mehr Wasserpflanzen, z. B. eine Art Lilien, Lotos n. Byblos, meist zur Nahrung, letzterer auch zur Bereitung des Papyrus dienend. Öl gewann man aus einer Art Sesam (Kiki, griech. Sillikyprion); Weinbau war ans hochlie- gcnde Gegenden beschränkt; die Trauben wurden mit den Füßen ausgetreten oder gepreßt. Viehzucht. Einen Hanptzweig derselben bildete die Rindviehzncht; der Ochsen bediente inan sich zur Nahrung n. Feldarbeit; die Schweinezucht gehörte einer besonderen Kaste von Hirten, das Schwein galt als ein unreines Thier. Auch Schafe und Ziegen wurden gehalten, ferner Pferde, Esel und Maulesel; Kamele wurden nicht in den Niederungen Ä-s gezogen, sondern von den Nomadcn- stäimncn eingehandelt. Federvieh gab es verschiedener Art. Jagd machte man ans Krokodile, Hasen, Gazellen, Antilopen, Löwen, Schakale re.; Vögel (auch Wasscrvögel) fing inan m Netzen u. 286 ägyptischen Lebens Belehrung geben. Aber von einer Composition ist hierbei nicht die Rede, die Figuren bilden bald Reihen über einander, bald bewegen sie sich in einem ungeordneten Durcheinander. Auch diese Rclicffignren zeigen keine innere Entwickelung der Gedanken, alle verharren in starrer Monotonie. Was die Technik anlangt, so treten die Gestalten nicht ans der GcsainintflLche der Mauer heraus, cs ist vielmehr nur der Grund rings um sie herum etwas ansgctieft, wobei die Anwendung von Roth, Grün, Blau, Gelb und Schwarz zur Bemalung das Relief nur wenig erhöht, so daß die Gesamintwirkung nur der farbenreicher Teppiche glcichkommt. Entbehren die menschlichen Gestalten der scharf ausgeprägten Charakteristik so sehr, daß kaum Alter n. Geschlecht in den Zügen sich ausspricht, so ist die ägyptische Kunst in der Darstellung von Thieren viel glücklicher. Eine Eigcnthümlichkeit der menschlichen Gestalten im Relief ist die, daß Köpfe und Beine stets im Profil erscheinen, die Brust aber allzeit von vorn gesehen wird. Malerei. Auch die eigentliche Wandmalerei findet sich, namentlich in den Felsengräbern von Bcni-Hassan, Theben u. a. O. Diese Bilder erinnern in Auffassung n. Stil lebhaft au die Relicfbilder. Die scharfen Umrisse werden ohne eine Spur von Schattenan- gabc einfach mit einer Localfarbe ausgcfüllt. — Die bildenden Künste erhielten eine freiere Richtung z. Z. der Ptolemäer, besonders in Alexandrien. Die Musik beschränkte sich bei den Ägyptern jedenfalls auch vorwiegend ans das Technische, doch ist nicht anzunehmcn, daß sic trotz der Mannigfaltigkeit ihrer Instrumente die starren Schranken ihrer Förmlichkeit durchbrochen und cs zu einer ncnnenswerthen musikalischen Leistung gebracht hätten. Industrie. Unter den Knnstgewerbcn der> Ägypter stehen obenan die Webereien, von Männern verfertigt. Der einfache Wcbstnhl war an vier in die Erde getriebenen Pflöcken beseitigt; man webte die feinsten Zeuge, Decken, Teppiche (bis ans 100 Ellen lang) n. Stoffe zu Kleidern von Byssns u. Linnen, mit Stickereien von bunten Faden n. Gotddraht; die Gewebe, deren Stoff zum Thcil schon vor der Verarbeitung gefärbt wurde, waren von verschiedener Farbe. Einen bedeutenden Zweig des ägyptischen Gewerbcflcißcs bildete die Gerberei. Die Metall- u. Holzarbeitcn zeigen große Mannigfaltigkeit; jene sind besonders Kricgsgeräthc, aber auch goldene u. silberne Gefäße; von diesen fertigte man Ruhebetten, Sessel, Schränke, Körbe, Spindeln rc.; Thongcfäße für den häuslichen Gebrauch, wozu auch die sogenannten Kanobcn (Krüge zum Durchseihen des Nilwassers) gehören, wurden in Ä. sehr gut gearbeitet. Die Hauptfabritcn für diesen Zweig der Industrie waren in Koptos. Die Töpferscheibe drehte man mit der Hand. Auch kleine Götterbilder mit grüner u. blauer Schmelzfarbe n. Ska- rabäen machte man von Thon. Die Formen der Gefäße waren mannigfaltig und den griechischen an Schönheit gleich; Trümmer von farbigem Glas, welches znm Schmuck benutzt wurde, werden bei den Pyramiden häufig gefunden; auch mit Blau eingelegtes Silber u. Entänstik auf Metalle ange- in Sprenkeln. Handel u. V crke h r. Zur Zeit der Überschwemmung war die Schifffahrt das einzige Mittel des Verkehres. Außerdem gab es aber auch schon Postverbindnngen, nach Champollion reitende Boten, die von Station zu Station ihre Pferde wechselten; solcher Stationen bestanden zwischen Memphis u. Theben 40. Die Nilschiffc (Baris) wurden mit und ohne Ruder bewegt; die Segel waren drei- u. viereckig; die Taue ans Byblos gedreht. Auch die Schifsswinde kannten die,Ägypter schon. Bei Fahrten stromaufwärts wurden die Schiffe mit Seilen gezogen. Von den Transportschiffen unterschieden sich die Pcrsoncnschifje durch buntfarbige Segel mit breitem Saume und 2 Kajüten. Vor Psammetich wurde Seeschifffahrt und Seehandel nur in geringem Maße betrieben; nach einem alten Aberglauben wurde das Scewasscr für unrein gehalten, weshalb auch keine Seefische gefangen werden durften: das Meer war das Symbol des Typhon. Von da ab aber kam auch die Seeschifffahrt zur Entwickelung; zur Zeit der Ptolemäer war Alexandrien Stapelplatz des Welthandels. Der Landhandel war bedeutend, n. Theben dessen Sitz. Blau trieb ihn mittels Karawanen nach Arabien, Babylonien, Phönicicn, Antiochien n. Libyen; bekam Gold, Elfenbein, Sklaven, Räuchcrwerk, Gewürze, Wein, Salz und setzte dagegen Korn und Webereien Ägypten. 287 ab. 'Der Handel im alten Ä. war Tauschhandel; später kamen gewogene Mctallklnmpen als Werthmesser in Gebrauch. Münzen wurden erst unter den Ptolemäern eingcführt, sie waren von griech. Gepräge. 5) Privatleben. Die Kleidung der Ägypter bestand bei Männern in einem leinenen, unten mit Fransen besetzten Un- terkleidc (Kalasiris), oft auch nur ans einem um die Lenden geschlagenen Tuch u. ans einem weißen, wollenen Oberklcide; bei Weibern aus einem ähnlichen Tuch. Sic war verschieden nach den Kasten: König u. Krieger trugen kurze Kleider, Priester lange leinene, weiße, weiß n. roth gestreifte, gesternte u. geblümte, dazu Schuhe ans Byblos, den Kopf geschoren; Ackerleute u. Arbeiter trugen blos einen weißen Schurz. Nationaltracht war eine enganschließende Kappe, die bei den Priestern mannigfach geschmückt wurde. Die Frauen gingen mit einem Schleier, Lnstdirnen ohne ihn. Der Bart wurde von den Männern aller Kasten durchaus geschoren. Reinlichkeit war Hanptgcsetz bei den Ägyptern, weshalb die Priester sich täglich mehrere Male baden mußten n. die Bcschneidung eingcführt war. Die leinene Kleidung sollte die Verbreitung des Anssatzes verhindern: im Tempel durfte daher der Ägypter baumwollener Kleidung sich nicht bedienen, selbst bei den Todteu war dieselbe nicht gestattet. Waschungen mußten nicht nur zu den bestimmten Stunden des Tages, sondern auch nach Berührung mit unreinen Gegenständen oder Wesen vorgenommen werden; auch die untersten Kasten galten als unrein. Speisen. Brod (Kollostis), dessen Teig man mit den Füßen knetete, bereitete man aus einer Art Gerste, in Unterägypten auch ans Len zerriebenen Lotoskörnern u. den unteren Theilen des Byblos; Bohnen aß man gar nicht; Fleisch von Kühen, als heiligen, und von Schweinen, als unreinen Thieren, sowie das aller heiligen Fische n. Vögel, war verboten, dagegen wurden andere Fische, Geflügel (besonders Gänse) rc. gegessen, zum Nachtisch Früchte n. Süßigkeiten. Nach Beendigung der Tafel wurde, nach der Erzählung Herodots, das Bild eines Gestorbenen hernmgcreicht, n. der Träger sagte zu jedem Gaste: „Mit dem Blick auf Diesen iß n. trink, denn nach dem Tode wirst du sein wie Dieser." Von Getränken war der Wein den Priestern und Kriegern Vorbehalten und dem Volke nur bei gewissen Festen erlaubt; gewöhnlich tranken gemeine Leute eine Art von Bier ans Gerste bereitet. Die Nahrungsmittel waren nach oen Örtlichkeiten verschieden, indem die heiligen Thiere nicht genossen werden durften, diese aber fast überall andere waren. Das gemeine Volk aß Fische, Lotoszwiebeln, Knoblauch, Kürbisse, Melonen u. Datteln. Die Priester, mußten Seefische, Schweinefleisch, Salz, fette Öle, 'Zwiebeln u. Hülscnfrllchte meiden n. hatten zudem bestimmte Fasttage. Von Spielen kannte man ein dem Damenspiel ähnliches Brettspiel mit Steinen, dann gymnastische Übungen im Ringen n. Spießwcrfen. Musik machte man auf dreieckigen Lyren, Sistren (Kemkem), Zithern, Harfen, Handtrommeln, Dop- pelpfeifen, Quer- u. Langflöten, Trompeten. Den Gesang begleiteten die Umstehenden mit Händeklatschen. Ein eigenthümlicher Trauergesang war der Maneros, der mit dem griechischen Linos verglichen wird. Männer tanzten nur Männern, Weiber mit Weibern; Frauen scheinen zum Tanze gesungen zu haben, wie die Almeh in Ä. noch thnn. Auch Kunsttänze gab es, wobei man den Leib nach hinten beugte und eine Art Schwibbogen bildete. In Betreff der Eheverhält- uüsse der alten Ägypter ist durch die neuere Forschung ermittelt worden, daß die Priester unreine, alle übrigen Ägypter aber eine rechtmäßige n. eine bevorzugte Frau hatten, die demselben Stande angehörte u. derselben Kaste entsprossen war; diese bevorzugte Frau nahm eine durchaus würdige Stellung ein; alle Nebengcmahlinen wurden den Sklavinnen gleich geachtet, waren nur Beischläferinnen. Ehen zwischen Blutsverwandten waren gestattet, selbst der Bruder durfte die Schwcster heirathcn. Das Kind folgte dem Stande des Vaters. Die Eltern zu ernähren waren die Töchter durchs Gesetz verbunden. Die Erziehung leiteten die Priester. Lesen konnten Wenige, schreiben uur die Priester. Man schrieb mit Schreibrohren n. schwarzer oder rother Tinte auf Papyrusblätter, welche um glatte Stäbe gewickelt wurden. Wenn ein Vornehmer starb, so bestrichen sich zur Leichenfeier die Weiber des Hauses Kopf u. Gesicht mit Schmutz n. liefen mit aufgegürtetem Gewände n. entblößter Brust wehklagend durch die Stadt; auch die Männer wehklagten. Die Leichname wurden einbalsamirt u. so an den Begräbnißort gebracht, wenn das (von Diodor von Sicilien beschriebene) Todtcngericht (s. u. Ägypt. Mythologie) die Beisetzung nicht verhinderte; die Feierlichkeit schloß mit Wehklagen der Frauen n. der Verwandten, die sich auch Haupt- n. Barthaar wachsen ließen, dann mit Bcsprengnng, Gebet n. Leichenschmaus. Ward der Leichnam eines von einem Krokodil Geraubten oder im Nil Ertrunkenen am Ufer gefunden, so wurde derselbe für heilig gehalten n. von den Priestern des Ortes bestattet. Eigenthümliche Gebräuche waren noch: statt des Grußes beugten sich die Ägypter vor einander, indem sie die Hand bis an das Knie hcrabließen; Jünglinge wichen den Greisen ans n. räumten ihnen Platz ein; die Männer trugen die Lasten auf dem Kopfe, die Weiber unter dem Arme rc. DieHauptquellen über altägyptischeCultursind die Monumente des Landes, Nachrichten derBibel u.antiker «Lchriftstcller, unter denen Herodot hervorragt. Die neueren Untersuchungen fanden eine bahnbrechende Unterstüy.ing durch Bonapartcs Expedition, der wir als wissenschaftliches Ergebniß die berühmte vesoription äs ULgz-pts verdanken. Diese behandelt die Alterthümer, den gegenwärtigen Zustand u. die Naturgeschichte des Landes; ihre Veröffentlichung begann 1809 (in derkaiserl. Druckerei zu Paris). Seither ist die Ägyptologie zu eiucr ausgedehnten Spccialwissenschaft geworden, die, durch die französische, preußische n. ägyptische Regierung unterstützt, eine große Reihe hervorragender Gelehrten in Deutschland, England, Frankreich, Italien beschäftigte (wie die beiden Champollion, Letronne, Wilkiuson, Sharpe, Bnnsen, Lepsins, Brngsch, Dümichen, Mariette u. A.). Eine Übersicht der Resultate findet'man faßlich zusai.nnen- gestellt unter Hinweisung auf die reiche Literatur 288 Ägypten. in Paulys Real-Encyklopädie der classischen Alter- ihmnswissenschaft I., 1864, S. 241—329. Neuerdings sind wichtige Entdeckungen Maricttcs n. die „Resultate der auf Befehl des Königs Wilhelm v. Preußen 1868 nach Ä. entsendeten archäologischphotographischen Expedition" hinzugetreten. Auch die naturhistorische Expedition, welche der Vice- könig von Ägypten 1873 in dir Libysche Wüste geschickt hat, verspricht Bereicherung der Monu- mcntenkuude. .Literatur: Osssrixtion äs I'LZTpts (von der Napoleonischen Coinmission), Par. 1809 bis 1813 u. 1821—1830, 26 Bde. n. 12 Bde. Kupsertafeln; W. Hamilton, ^sxvptiaon, a. d. Engl., „Wcim. 1814; LepsiuS, Denkmäler aus Ä. u. Äthiopien, Bcrl. 1849 bis L9, 9 Bde.; Brugsch, Rsousil äss monnmsnts sAz'ptisns, Leipz. 1862. Vgl. M. Nhleinann, Handb. d. ge- sammt. ägypt. Allerthumsknnde, Leipz. 1857—58, 4 Bde., u. Drei Tage in Memphis, Gott. 1856; I. G. Wilkinsou, Llannsrs anä oootnms ok tlls ^nsient LA^ptians, Lond. 1837, 5 Bde.; I. Rossellini, I monnmsnti äell' Lexitto s äslla sdiubia, Pisa 1832—1844; H. Jolowicz, Lib- ilotllsea ^.öAzgztiaea, Leipz. 1858; Du Barry de Merval, Mulles sur Uarosiitseturs sAxptisnns, Par. 1873; A. Düsen, vsoouvorts äs I'LZs st äs In veritabls ässtination äss gnatrss pz-ra- miäss äs Omell, Par. 1873; A. Mariette-Bey, Lss ?axz-ru8 LA^xtisns, Par. 1872; P. Pierret, käs ävAMs.äs In rssnrrsetion osisr los anoisns Lxvptiöns. Par. 1871; I. Dümichen, Die Flotte einer ägypt. Königin, Leipz. 1868; G. Ebers, Ä. n. d. Bücher Moses, Leipz. 1868, 2 Bde.; A. Henne von SarganS, Manethos, Gotha 1866; Zeitschrift für ägypt. Sprache n. Alterthumskunde, von R. Lepfius und H. Brugsch, Leipz. seit 1863. L. N. Geographie. Ägypten, Land in NO- Afrika, zwischen 24" 5' u. 31" 35' n. Br., dann von 47° 30' n. 50° 41' ö. L. von Ferro; es wird begrenzt vom Mittelmeere, von Barka, der großen Libyschen Wüste, Nubien und dem Rothen Meere, bildet das untere Nilthal von den ersten Katarakten an und ist in seinem nürdl. Thcil angeschwemmtes Land (Delta); als östlichster Punkt gilt das Ras Benaß, als westlichster das Cap el Welch, als südlichster Assuan an der Grenze von Nubien n. als nördlichster das Cap Burlos. Ä. im engeren Sinne reicht von Assuan bis zum Mittelmeere n. hat einen Flächengehalt von etwa 330,400 djLm (6000 UM); rechnet man jedoch Nnbien mit Taka, die Küstcnlandschaft am Rothen Meere bis Massaua, ferner Sennaar, Kordofan u. Takale dazn, dann ergibt sich ein Areal von 1,707,000 slßüm (31,000 djM)... Das eigentliche Nilthal ist von der SGrenze Ä-s an bis nach Theben oft unter 1000 va breit; von dort treten die den Nil umgebenden Bergzüge weiter zurück, u. das Thal wird durchschnittlich 14—15 Lm breit bis nach Kairo, wo sich der Nil in zwei Hauptarme theilt n. das Delta bildet. Das Nilthal ist durch zwei fast genau parallel laufende Bergzüge, westl. die libysche u. östl. die arabische Kette (s. Afrika), gebildet, die gcognostisch in drei Abthcilungcn zerfallen: die südl. ans Granit (bis 24"), die mittlere aus Sandstein (bis 25° 19' n. Br.) und die nördl. ans Kalkstein (Nummulitenkalk) gebildet. Im O. führt das Gebirge in seiner Ausdehnung verschiedene Namen (Dschebel Charib, Dochan, Kafra, Fatire rc.) und steigt, die Wasserscheide zwischen dem Nil u. Rothen Meere bildend, über 1500 na auf, während der westl. Bergzug eine kaum nen- nenswerthe Höhe hat. Beide Züge sind von Qnerthälern von O. nach W. (sogenannte Wadi) durchzogen, die z. Th. als Karawauenwcge benutzt werden. Unter Len Thälern, welche die Westseite durchschneiden, ist das der Natronseen (westl. von Kairo) erwähncnswerth; südlicher zieht ein Thal, Bahr bela Maa (d. h. Fluß ohne Wasser), vegetationslos, nnt Wüstensand bedeckt, aber reich an versteinerten Baumstämmen, Zeugen ehemaliger Fruchtbarkeit. Im westl. Ä. lassen sich zwei Oasenzüge unterscheiden: ein nördl. von W. nach O. ziehender u. ein von S. nach N. gerichteter; dieser trennt durch eine beträchtliche, in der Oase Siwah 50 m unter das Niveau des Mittelmeeres gehende Depression das östlich vorgelagerte Plateau von der Libyschen Wüste; im Plateau selbst bildet das Becken der Landschaft Fajurn eine zweite, aber minder tiefe Depression, die sich durch große Fruchtbarkeit u. Schönheit auszeichnet. Die zu A. gehörigen Oasen sind: Siwah (Siuah) oder Jupiter- Arnmons-Oase (südl. Ammoniaks); die Kleine Oase oder Wah el Baharieh, ein von Felsen eingesäum- tes, fruchtbares, aber ungesundes Thal mit dem Hauptorte El Kasr; El Haiz, von geringer Bedeutung; Wah el FarafrLH mit reicher Vegetation; Wah el Dachel u. die Große Oase (Chardscheh). Der befruchtende Schlamm, welcher großentheils das Thal des Nil bedeckt, besteht zur Hälfte aus Thonerde n. fast zu 4 aus Kalk u. außerdem aus organischen Substanzen. Das Delta enthält 22,000 sHüm(400sDM) n. besteht in seinem nördlichsten Rande aus einem sandigen Damme, aus welchem durch die Brandung die feineren Substanzen ausgeschieden u. dadurch die entfernten Sandbänke gebildet werden, welche die unter den Namen der sogenannten Seen Mareotis, Abnkir und Etkn, Burlos u. Menzaleh bekannten Lagunen abschließen; östlich wird Las Delta von einer Reihe großer Seen: den Bittersten, dem Timsah- u. Ballahsee, sowie von dem Suezkanal begrenzt. Die Unterlage des sandigen Dammes besteht ans einem Kalkfelsen, in welchem vor Jahrtausenden die Katakomben von Alexandrien angelegt wurden. Zahlreiche Kanäle durchschneiden das Delta, um durch die an ihren Rändern angebrachten Schöpfmühlen (Sakir) den angebauten Stellen fortwährend das nöthige Wasser znznführen; der wichtigste unter denselben ist der Mahmudiehkanal, welcher Alexandrien mit dem Rosettearme verbindet; kürzer ist der die beiden Arme von Rosette u. Damiette verbindende Kanal von Manüf. Der „Nil (s. d.) ist der einzige Fluß von Belang in Ä.; er tritt unter 24° n. Br. mit wilder Heftigkeit in das Land ein u. beginnt hier zwischen den Inseln Philä und Elephantine (bei Assuan) seine ersten Katarakte, wobei er sich in viele Arme theilt. Bis Semnech ist das Wasser reißend u. klar; das fruchtbare, meist nur 20—50 Schritt breite Uferlaud wird auf beiden Seiten vonschönenBergenumsäumt; vonhier ab fließt i der Strom ruhig u. gleichmäßig, nicht mehr vonKata- 289 Ägypten. raktcn unterbrochen, n. sein Gefalle beträgt während des 1140 üm langen Laufes bis zur Mündung etwa 98 in. Bei Kennah beschreibt er einen großen, nach SW. gerichteten Bogen, u. von Farschat ab begleitet ihn der Josephskanal (Bahr Jussnf), der mit dem Ni! durch zahlreiche Arme in Verbindung steht n. nach dem südüstl. von Kairo am Westrande von Fajum gelegenen Wirket el Kerun iMörissee) führt. 20 Am unterhalb Kairo erweitert sich das Nilbctt, u. der Strom theilt sich in mehrere Arme, von denen die von Rosette und Damiette die wichtigsten sind; die übrigen versandeten mehr oder weniger im Laufe der Zeit. Die durch tropische Regen erzeugten Anschwellungen des Stromes beginnen bei Assuan gegen Ende Juni, bei Kairo 'Anfangs Juli u. erreichen den höchsten Stand ini letzten Drittel des Sept., »vorauf die allmähliche Abnahme erfolgt, die bis gegen den 20. Mai des nächsten Jahres dauert. Bei Assuan steigt der Nil etwa 16 m, bei Theben 12, bei Kairo ca. 8 n. am Nordrande des Delta 1 w. Das Klima ist, abgesehen von einigen ungesunden Landstrichen, ein zwar sehr heißes, aber doch sehr gesundes u. wird Brustkranken besonders empfohlen; Trockenheit n. Hitze der Luft werden durch Sie Feuchtigkeit während der Überschwemmungen wesentlich gemindert, am unerträglichsten ist die Hitze während der heißen Frühlings- n. der schwülen Herbstwinde. Der heißeste Monat ist der August, er bringt 20" R. in Alexandrien und 25" in Kairo, in einzelnen Fällen übersteigt in letzterem die Temperatur 40", im Delta kommt sie selten auf 29°; Regen tritt höchst wenig ein u. zwar am wenigsten in Ober-Ä. Die kältesten Monate sind wie bei uns Dec. u. Jan., sie bringen in Alexandrien 14°, in Kairo 10", im Delta etwas über 11° ist. Der gewöhnliche Wind ist NW., am Morgen herrscht meist Windstille, aber gegen 10 Uhr tritt Wind ein, der sich bis zu Sonnenuntergang steigert; der anstrockncnde SWind beginnt im Frühjahr (April), die Zeit, in der er weht, heißt Chamsin, L. i. fünfzig (50 Tage), der Wind selbst Schard, er dauert meist nur 3, höchstens ,7 Tage, u. täglich nur wenige Stunden; in Ober-Ä. steigt das Thermometer während desselben auf 48° R., doch ist die Gefährlichkeit dieses Windes für Menschen u. Thiere übertrieben worden; in Arabien heißt er Samum (türk. Samiel). Früher trat von endemischen Krankheiten die Pest ans, die jedoch seit 3 Decennicn ausgeblieben ist, dagegen stellt sich Cholera immer häufiger ein; andere Krankheiten sind Ruhr, Wechselfieber, Sonnenstich u. die sogenannte Ägyptische Augenkrankheit. Vgl. A. Th. Stamm, Nosophthorie, Leipz. 1862, Bd. I.; A. B. Clot-Bey, Ds In pests odservss so Par. 1840; I. F. Uhle, Der Winter in Oberägypten, Leipz. 1858; Flora, Ärztliche Mil- theilnngen aus Ä., Wien 1869 ; Derselbe, Beitrage zur Klimatologie von Kairo, Leipz. 1870. An Mineralien besitzt Ä. außer dem Granit, Syenit u. Kalkstein nicht viel Schätzenswerthes, besonders berühmt waren im Alterthum der weiße u. schwarze Granit u. der rothe Porphyr. Das von Assuan an bis gegen den 26° n. Br. reichende Gebiet enthält einen trefflichen Sandstein, der einst das Material für die Tempel der Pharaonen bot; PiererL Lmversal-Conversations-Lexiton. 6. Allst. von El Kab bis ans Meer lagert auf einer langen Strecke ein feiner, fester Kalkstein, in welchen die Königsgräber von Theben eingehaucn sind; die Pyramiden sind ans Nummulitenkalk aufgc» führt u. mit einem feinkörnigen, festen Gestein überdeckt, welches man aus dem arabischen Gebirge holte, von dem noch heutigen Tages auch der schöne Alabaster verarbeitet wird. Früher waren die Goldminen am Dschebel Ollagi u. die Smaragde am DschebelSebara wichtig, beide haben aber aufgehört ergiebig zu sein. Hervorzuheben sind nur noch Kochsalz, Salpeter, Soda n. Alaun, dann die reichen Erdölquellen am Rothen Meere beim Dschebel Zeit; die 1850 am Rothen Meere aufgefnndenen Schwefellager entsprachen den gehegten Erwartungen nicht. Die Pflanzenwelt, getheilt in die Flora des Nilthals und der Wüste, dann in die südl. u. nördl., gibt, bei Mangel an Bau- u. Brennholz (eigentliche Wälder sind nicht vorhanden), Reis (mit 50—lOOfaltigem Ertrage) im sumpfigen Delta, Weizen (mit 20—bOfältigem Ertrage) u. Gerste, ferner Roggen u. Hafer, Mais u. Hirse (Dnrrah, Hauptnahrung), von Hülsenfrüchten: Bohnen, Linsen, Erbsen; an Ölpflanzen: Mohn, Flachs, Sesam u. Oliven. Die gewöhnlichen Bäume sind die in Hainen angepflanzten Dattelpalmen, die Bananen, Akazien, Sykomorefcigen, deren Holz zur Verfertigung der Mumicnsärge u. Götterbilder diente; endlich die Maulbeerbäume, die alle zum Einfassen der Straßen von Kairo verwendet werden. Gärten n. Pflanzungen sind geschmückt mit Myrten, Trauerweiden, Ulmen u. Cypressen; die Tamarisken finden sich allgemein, u. Rosenfelder in Fajum, wo Rosenöl u. Rosenwasser bereitet werden. Die besten Datteln kommen aus der Oase Siwah, wegen seiner Trauben ist Fajum berühmt; andere geschätzte Früchte sind Feigen, Sykomorefeigen, Aprikosen, Pfirsiche, Granaten, Orangen u. Citronen, Bananen, Melonen, Maulbeeren rc. Papyrus n. Lotos sind jetzt nur mehr auf das Delta beschränkt. Wenn auch die Zuckerrohr-Pflanzungen reichlichen Ertrag liefern, steht doch die Banmwollencnltur viel höher; seit 1821 in großen Betrieb gesetzt u. durch den Vice- könig sehr erweitert, erträgt dieselbe in neuerer Zeit jährlich ca. 100 Millionen fix. Charakteristisch für die Vegetation der Oasen erscheinen die Dattel- u. die Dumpalme, mehrere Gummi-Akazien und die sogenannte Mannatamariske plumarm Lullisu maunikera), deren Saft nur Schleimzucker ohne Manuit enthält. Das Thierreich bietet das cinhökcrige Kamel, Pferde (erst um 1800 v. Ehr. eingeführt), Esel (lange Zeit vor dem Pferde eingeführt), setlschwänzige Schafe, Rindvieh, Büffel, Ziegen, Schweine (zahme u. wilde), Hasen, Hunde, Katzen. Der auf alten Denkmalen so oft dargestellte Löwe ist fast ganz verschwunden; häufiger sind noch Leoparden, Hyänen, Füchse, Ichneumons (Pharaons- ratte) und Schakals. Tauben und Hühner werden vielfach gezogen und meist in eigens eingerichteten Öfen ausgebrütet. Bemerkeuswerth sind die zahlreichen Störche, Reiher, Strauße und Aasgeier, Pelikane, Flamingos. Nur selten noch im S. der einst häufige, heilige Ibis. Der Nil führt in seinem oberen Laufe Krokodile; überall zahlreiche u. wohlschmeckende Fische. Schildkröten u. I. Band. 19 290 Ägypten. Schlangen, darunter auch giftige (z. B. die Kleo- patraschlange, Plaza Hafk) u. Frösche sind häufig. Letztere, gleich Feldmäusen u. Moskitos, oft eine Landplage. Wüsten- u. Nileidechsen nebst Chamäleon, sowie Bienen sind noch zu erwähnen., Zahlreiche europäische Zugvögel nehmen in Ä. ihren Wintcranfcnthalt, so z. B. Wachtel und Kranich. Die Bevölkerung des eigentlichen Ä. gibt E. de Regny für den 22. März 1871 zu 5,203,405 Seelen an, davon 5,115,367 Einheimische, 88,038 Fremde; nach den Angaben verschiedener Konsulate bestanden (1871) die Fremden aus 34,000 Griechen, 24,052 Italienern, 17,000 Franzosen, 6300 Österreichern, 6000 Engländern, 1100 Deutschen, 580 Persern, 253 Holländern und 185 Spaniern, wonach sich eine etwas höhere als die von Regny angegebene Summe hcransstellt. Die Einwohnerschaft von Ä. im weiteren Sinne (s. o.) wird mit 8,400,000 beziffert, durchschnittlich also auf 1 psiM 270 (im Nildelta 9413, im Nilthal von Kairo bis Assuan n. Fajum 8827, in der Kleinen Oase 2800, in Nubien 63, in der Großen Oase 28 n. in der Libyschen Wüste nur 4 auf 1 HsM). Die Einwohnerzahl für das eigentliche Ä. verthcilt sich, wie folgt: für Kairo u. alle Hascnstädte.654,569. Unter-Ä. 2,615,798, Mittel-Ä. 599,596, Ober-Ä. 1,333,442; von den größeren Städten zählen: Kairo 353,851 (darunter 21,753 Fremde), Alexandrien 219,602 (53,829 Fremde), Damiette 28,913 (50 Fremde), Rosette 14,978, Suez 13,625 (2500 Fremde),' Port Said 8859 (48l0 Fremde) Ew. In früheren Zeiten war die Zahl der Ew. ungleich größer (vgl. G. A. v. Klödcn, Handbuch der Erdkunde, Berl. 1869); Josephns rechnete zu Neros Zeit 7^ Mill. außer Alexandrien, welches zu Dio- dors Zeit 300,000 zählte. Von der heutigen Bevölkerung kommen auf die arabischen Fcllah ca. 3H Mill>, dann folgen 400,000 Beduinen, 300,000 Kopten, 88,000 Franken, 60,000 Türken, Zigeuner oder Ghagar, welche im Lande als Kesselflicker, Seiltänzer, Schlangenfänger, Affcnführcr, Wahrsagerinnen und Buhlerinnen nmherziehen. Die Fcllah (s. d.), deren Name Landmann bedeutet, sind ziemlich ungemischte Nachkömmlinge der altägyptischen Rctn n. gelten als arbeitssam, gutmüthig, zufrieden n. mildthätig gegen Arme, sind aber ohne Grundbesitz, leibeigen und verachtet. Anders steht es mit den Beduinen (Sing Bedäwi), welche meist ein Nomadenleben, in Zeltlagern wohnend, führen, die Viehzucht betreiben und sich Mnth u. Freihcitsstolz zu bewahren wußten; bei ihnen herrscht die Blutrache.,, Die Kopten (s. d.) sind Abkömmlinge der alten Ägypter, wohnen vorzugsweise in Ober-Ä. u. sind Christen (Monophy- sitcn, wie die Abessinier); der lange auf ihnen lastende Druck machte sie verstockt, finster u. mißtrauisch. Landessprache ist die arabische; die alte Landessprache, die koptische, ist noch die Sprache der heiligen u. kirchlichen Schrift der Kopten; die Europäer bedienen sich häufig der I-inAna kranoa. Landcsreligion ist der Islam. Doch gibt es zahlreiche Christen auch außer denKopten, namentlich Griechen und Armenier in den Handelsstädten mit zahlreichen Kirchen u. Klöstern, u. sowol römisch- katholische, als Protestant. Missionen wirken im Lande ans zahlreichen, bis in, den äußersten Süden reichenden Stationen für die Ausbreitung des Evangeliums. Die Sitten und Gebräuche der Einwohner sind arabisch, aber durch das Streben der Vicekönige, europäische Cultnr einzuführen, ist die Bevölkerung wenigstens in den großen Städten den Europäern etwas näher gebracht. Besonders ist dies der Fall im nördlichen Ä. und namentlich seit der Eröffnung des Suezkanals, dessen Ufer bereits ein förmlich europäisches (franz.) Gepräge (überwiegend jedoch die Schattenseiten) angenommen haben. Dagegen sind die angestcllten Versuche, wissenschaftliche Bildung nach Ärt der mitteleuropäischen zn verbreiten, mißlungen, und alle zu diesem Zwecke (besonders von Mehemcd Ali) mit ungeheuren Kosten ins Leben gerufenen Anstalten größtentheils wieder eingegangen. Der Ackerbau ist im hohen Grade begünstigt durch die außerordentliche Fruchtbarkeit des Bodens, aber nur etwa '/is des Ge- sammtarcals Ä-s kann man als Cultnrboden bezeichnen, und dieser ist den ergiebigsten Stellen der Erde beizuzählcn. Er wird ganz für Rechnung des Bicekönigs betrieben. In der türkischen Zeit war das ganze Grundcigenthnm an gewisse Generalpächter (Multazin), oder an die Moscheen u. frommen Stiftungen als Legate (Wakuf) vertheilt. Diese hatten die Grundstücke wieder an einzelne Fellah in Erbpacht ausgegeben. Der Vicekönig Mehemcd Ali zog sie sämmtlich ein und verthcilte die Ländereien an die Fcllah oder arabischen Bauern (meist 6—10 Fedans) gegen Entrichtung einer Steuer (Miry). Der Boden ist in 3 Klassen gctheilt: in der ersten kann Dnrrah zur Nahrung für die Familie des Fellah gebaut werden; in der zweiten alle Getreide- u. Hülsensrüchte, von denen so viel an den Vicekönig abgeliefcrt wird, als die Abgaben der Fcllah betragen; und in der dritten Reis, Indigo, Zuckerrohr, Baumwolle, Krapp, Mohn zu Opium, die nach einem gewissen Tarif, der jedoch H des Marktpreises nicht erreicht, dem Vicekönig eingcliefcrt werden müssen; Ackerwerkzenge, Vieh, Saatkorn n. Kleidung muß der Fcllah dagegen zu hohen Preisen aus den königlichen Magazinen beziehen. Ibrahim Pascha, der Adoptivsohn Mehemcd Alis, hatte in Unter-Ä. allein 25 Millionen Baumstämme in 24 Arten anpflanzen lassen; außerdem sind Maulbeerbäume zur Hebung der Seidenzncht und Llbäume zum besseren Ölgewinn angcpflanzt. Viehzucht wird nur theilwcise betrieben; selbst das Zugvieh ist hoch besteuert, n. von dem geschlachteten gehören Hörner und Haut dem Vicekönig. Es wird wenig Rindfleisch, mehr Schaffleisch gegessen. Für Pferdezucht ist unter Mehemcd Äli ein Gestüt bei Schubra, unweit Kairo, errichtet, und dahin die Thierarznci- schule von Äbnzabel verlegt worden. Auch die Industrie hat keinen erfreulichen Aufschwung erreicht; die thätigsten Handwerker sind unter den Kopten, Griechen und Armeniern, ihre Gewerbs- erzcngnisse bestehen in grober Leinwand, Segeltuch, Seiden- n. Baumwollenstoffcn, Binsenmatten und Geschirren, zu welchen sie den Nilschlamm verwenden, der durch das Trocknen eine sehr feste Beschaffenheit annimmt. Von europäischen Spekulanten wurden Fabriken, Baumwollenspinnereien, Pul- vermühlcn, Bierbrauereien u. in größeren Städten comsortable Gasthöfe eingerichtet. Der Bergbau 291 Ägypten. liegt fast ganz danieder. Für den Handel, der in neuerer Zeit einen wichtigen Aufschwung nahm, hat Ä. wichtige Plätze zu Alexandrien und Port Said (nach Europa), Damiette (nach Syrien) und Suez (nach dein südlichen Asien), ferner nach dem Innern Afrikas zu Kosseir, Khartum und Massaua. Der Werth der Ausfuhr übersteigt jenen der Einfuhr sehr beträchtlich: 1869 betrug die Einfuhr 517,g Mill. ägyptischer Piaster (20 Piaster — 1 amerikanischer Dollar, oder 97H ägyptische Piaster — 1 Pfd. Sterlings die Ausfuhr 831,j Mill. Piaster; 1870 die Einfuhr 485,2 Mill. ägyptischer Piaster, die Ausfuhr 712 Mill., n. 1871 die elftere 560,g, die letztere 9997, Mill. England ist sowol bei der Ein-, als Ausfuhr mit den höchsten Summen betheiligt. Als wichtigste Ausfuhrartikel erscheinen überhaupt u. sind für dasselbe Jahr (1871) mit nachstehenden Summen vorgetragcn: Baumwolle 1,845,452 CenwcrimWcrthe von 624,300,000 ägyptischen Piastern, Banmwollcnsamen 98,300,000 ägyptische Piaster, Weizen 55,900,000 Piaster, Bohnen 73,500,000 Piaster, Gummi 30 Mill. Piaster, Zucker 37 Mill. Piaster. In Folge des Krieges in den nordamerikänischen Freistaaten steigerte sich der Werth der Baumwollenausfuhr im Jahre 1864 ans 74,213,500 Dollars gegen jenen im Jahre 1861, welcher nur 7,154,400 Dollars betrug. Als wichtigste Einfnhrgcgcnständc kommen von europäischen Producten vor: baumwollene u. wollene Fabrikate, Antimon, Spiegel, Papier, Glas, Bernstein, Feuerwaffen, Säbel, Schießpulver, Steinkohlen, Eisen, englisches Steingut, Wein, dann Kaffe ans Jemen, Tabak aus Syrien, Bntter, Wachs, Wolle von Derne, rothe Mutzen n. Getreide. Der Schiffsverkehr im Jahre 1871 weist für die ägyptischen Häfen 7656 Schiffe auf. Für die Verkehrsmittel ist in neuester Zeit viel geschehen. , Eisenbahnen standen am 1. Jan 1872 1047 lim Staatsbahncn n. 8 Inn der einzigen Privatbahn von Alexandrien nach Ramlc in Betrieb. Von der Hauptbahn der elfteren, Alexandria-Kairo, gehen die Zweigbahnen Tanta-Man- snra und Bcnta-Sagasig weg; vom letzteren Orte läuft eine Bahn nach Suez, u. eine kürzere Linie führt von der Hauptbahn von Ncfischab nach Js- maila am Timsascc. In Mittel-Ä. geht längs des Nil eine Bahn von Gizeh nach Siut. Die in Betrieb befindlichen Telegraphenlinicn betrugen 1872 insgesammt 6297 Icm, die Drähte 13,374 Lin (Staatstelcgraphen 5394, resp. 11,575 lem, Privattclegraphen 903, resp. 4799 Icm). Die ägyptische Post beförderte 1871 1,490,033 Briefe, 197,739 Zeitungen, 12,714 Drucksachen im internen Verkehre, 72,723 Briefe, 4456 Zeitungen u. 1411 Drucksachen im Verkehr mit dem Auslande; die österreichische Post brachte 108,960 Briefe ans Europa, 30,996 ans der Levante und expedirte 101,616 Briefe nach Europa u. 22,792 nach der Levante; die italienische Post brachte etwa 164,000 Briefe und 173,000 Zeitungen nebst Drucksachen von Europa und expedirte ca. 164,000 Briefe u. 10,800 Zeitungen dorthin; endlich die griechische Post brachte 28,269 Briefe u. 25,776 Zeitungen von Griechenland u. beförderte 29,958 Briefe u. 1946 Zeitungen dorthin. Der Snezkanal (s. d.), welcher 16. Nov. 1869 dem Verkehr übergeben i wurde und von Port Said bis Suez eine Länge von 160 Icm mißt, steht über Sagasig mit dem Nil durch einen nach Suez führenden Süßwasser- ! kanal in Verbindung. — An der Spitze des Staates, ! der beinahe nur noch dem Namen nach zum Türki- j scheu Reiche gehört, steht ein Statthalter der hohen Pforte, der seit 1867 die officicllen Titel „Hoheit" und „Khedive" (Vicekönig) führt. Die Statthalterschaft ist seit 1866 in der Familie Mehcmcd Alis nach direkter Desccndcnz erblich gegen einen 1873 bestimmten jährlichen Tribut von 150,000 Beutel — 1 Million Thaler (s. Gesch.). Residenz ist Kairo, der Sitz des Vicekönigs, wie der Ccntral- bchörden. An der Spitze der Verwaltung steht seit 1856 der Staatsrath (Meglis Khossnssi), der vom Khedive präsidirr wird u. ans den Ministern und Prinzen besteht. Das Gcsammtministcrinm, schon durch Mehcmed Ali gebildet, zerfällt in die Ressorts des Innern, des Krieges, der Justiz, der Finanzen, des Äußern, des Unterrichtes und der geistlichen Besitzungen, der Marine. Die Rcgicr- ungsform ist seit 1866 durch eine ans 75 auf 3 Jahre gewählten Abgeordneten bestehende, jährlich einmal auf etwa 8 Wochen znsammentretende Volksrepräsentation (Madschlis el Nuab) erweitert, doch ist eine faktische Beschränkung der früheren despotischen Rcgicrnngswcise nicht eingetrcten. Seit 1826 hat die Regierung den 6oäo Ilnpolöon ins Türkische u. Arabische übersetzen lassen n. dem Ooäo äs eommsros Gesetzeskraft in Handelsstreitigkciten gegeben. Das Land ist eingethcilt in 3 Provinzen unter Paschas: Baari (N.), Wostani (Mitte) und Said (S.), und 13 Gouv. unter „Mudirs, wovon 7 auf Unter-Ä., 6 auf Mittel-Ä. und Ober-Ä. kommen. Mit den Finanzen steht es scheinbar gut; der übertriebene orientalische Luxus des Khe- divc vermochte das allerdings unerschöpflich reiche Land noch nicht zu ruinircn, wenigstens zeigt das neueste Budget wieder einen Überschuß von 219,166 Beutel ä 500 Piaster. Nach dem Budget für das koptische Jahr 1590 (vom 10. Septbr. 1873 bis 10. Septbr. 1874) beträgt die Summe der Einnahmen 1,982,394 Beutel, der Ausgaben 1,763,128 Beutel, wonach sich der eben bezeichncte Überschuß ergibt. Als höchste Posten der Einnahmen erscheinen die Einkünfte der Provinzen mit 1,305,816, Zölle und Lagergebühren rc. mit 123,989, die Nettocinnahmen der Eisenbahnen mit 175,694, der Nettoertrag der Salinen mit 49,177, der Nettoertrag der Schleusen des Mahmndiehkänals mit 11,208, direct vom Finanzminister erhobenen Einnahmen mit 54,822, der Eingangszoll auf Tabak mit 100,000, Nettocinnahmen ans dem Sudan mit 20,000 u. die Zinsen der Suezkanal-Actien mit 34,062 Beutel. Von den Ausgaben: Tribut an die Pforte 133,635, Civilliste des Khedive 60,000, wozu noch der Haushalt des Khedive mit 5592, innere Verwaltung (Polizei, Hospitäler, Sanitätswcsen rc.) 84,476, Ministerium für öffentliche Arbeiten 4108, Verwaltung der Zölle 6988, Ministerium für öffentlichen Unterricht 10,364, Krieg und Marine 158,928, Pensionen, Wallfahrt nach Mekka, Wohlthätigkeit rc. 47,754, öffentliche ! Schuld 829,521 , öffentliche Arbeiten 100,000, ! Eisenbahn Tel el Barud und Telegraphen im Sudan 103,212, Reservefonds 50,000 Beutel. iq* 292 Ägypten. Die öffentlich,! Schuld Lestehts1873) (die annähernden Beträge in Pfund Sterling) 1) aus den consoli- dirten Staatsschulden, zerfallend in die verschiedenen Anleihen, meist mit 7, z. Th. auch mit 9",/» Verzinsung, im Betrage von 19,149,400; 2) aus der schwebenden Schuld (darin Mallieh-Accepte bei verschiedenen Bankiers mit 22,787,856, fällige Summen 898,882, Kedjehs, Assignationen und Contocorrenti mit 788,805 rc.), im Betrage von 25,054,562, somit die Gcsammtschnld der Regierung in summa, 44,203,962 Pfd. Sterling. 'Rach dem aufgestellten Budget soll die schwebende Schuld sich zunächst durch Rückzahlung der im September und October 1873 fälligen Summen um 2,504,297 Pfd. Sterling vermindern, und der Ziest wird bis auf einen kleinen „Theil durch die im Jahre 1873 mit der Franco-Ägyptischen Bank in Paris, H. Oppenheim in London rc. abgeschlossene Anleihe von 22 Will. Pfd. Sterling consolidirt werden. Außerdem exislirt noch eine Privatschnld des Khc- dive, die in drei consolidirteu Anleihen aus den Jahren 1864, 1866 und 1870 besteht und einen Restbetrag von 8,909,810 Pfd. Sterling auswcist; die schwebende Privatschnld des Khedive ist nicht bekannt, der „Economist" gibt sie im August 1873 auf 6,513,640 Pfd. Sterling an. Die Armee wird durch Conscription ergänzt, ihre Stärke betrügt etwa 14,000 Mann, wovon 8000 Infanterie, 3000 Cavallerie, Artillerie n. Genie, 3000 Mann schwarze Truppen. .Tie Flotte zählt (1870) 3 Jachten zusammen mit 1900 Pferdekraft, 2 Fregatten (900), 2 Corvetten (600), 4 Schraubenkanonenboote (850), 1 Aviso, zusammen 12 Dampfer, zu welchen noch 2 Kanonenschalnppen kommen. Münzen. Wegen des veränderlichen Wcrthes der inländischen Münzen sind hier beim auswärtigen Handel meist spanische Piaster oder österreichische Species (besonders von Maria Theresia) im Umlauf, sowie spanische Dublonen, veuetianische Zcchinen, holländische u. österreichische Ducaten; im Lande rechnet man nach Piastern ü 40 Paras (Medini) ä 3 Asper; 500 Piaster — 1 Beutel — 30 Thalcr. Alle Münzen sind mit dem NamenSzuge des türkischen Sultans geprägt. Maße: der Pik oder Draa — 0,gs7 m; Flächcnmaaß für angebaute Felder: Fedan ü 400 Q.-Kassabch oder 59 Aren; Fruchlmaße: der Ardeb ä 168 Oka — 218 kA. Gewichte: der Cantaro (Ctr.) ü 100 Rotoli, diese sind aber sehr verschieden, 100 R. Forsoro — 86H Lx. Seit 1871 ist metrisches Maß und Gewicht gesetzlich eingeführt. Literatur: W.„v. Gersdorf, Reise der Frau v. Minutoli nach Ä., 2. A., Lcipz. 1841; A. B. Clot-Bey, -Vxeryu Fonörul sur Lrux. 1840, 2 Bde.; Pruncr, Ä-s Naturgcsch. n. Anthropologie, Erl. 1847; R. Hartmann, Natur- geschichtl.-medic. Skizze der Nilläuder, Berl. 1865; L. Oldescalchi, I/LAitto avtieo s 1'ÜAitto mocksrmo, LIilano 1867. 2 vol.; CH. Godard, eb ikalsstins, Par. 1867; A. Stahl, Im Lande der Pharaonen, Wien 1869; Dümichen, Resultate der auf Befehl des Königs Wilhelm I. von Preußen 1868 nach Ä. entsendeten archäoll-photogr. Exp., Berlin 1869 ff. R. Watt, Aus dem Lande der Ägypter, Brem. 1871; Laue, Llsnuers suä erwboms <>k ide mockero VZz'ptisns, 5. A., Lond. 1871, 2 Bde. (deutsch, Leipzig 1852); H. Stephan, Das heutige Ä., Leipz. 1872; Murray, Hanä- boolc kor truveller8 in ÜAvpt. 4. eck.. London 1873; Prokesch-Osten, 'Nilsahrt rc., ein Führen durch Ä. u. Nubien, Leipz. 1874. 6. Geschichte. I. Älteste Zeit. Bon keinem Volke der Erde gibt es eine ältere Geschichte, als von den Ägyptern. Die Quellen für die älteste Geschichte Ä-s sind vor Allem die alten Tempelmaueru des Landes, die Grabmäler u. Sarkophage der Könige und Vornehmen, da an ihnen Namen, Geburtstag, Regierungszeit, Todestag, Kriegsthaten u. a. Notizen eingegraben u. bildlich dargestellt sind, ferner einzelne Königsverzeichnisse an Tempelwänden, der Name jedes Königs in einer ovalen Einfassung (Königsring), unter welchen besonders die Tafeln von Abydos (s. d.) sich auszeichneu. Historische Angaben finden sich auch auf Obelisken u. Stelen (Denksteinen). Der einzige ägyptische Geschichtschreiber, den wir kennen, ist der überdies einem spätercnZcitaltcr angehörendcMauethvs, ein ägyptischer Priester, welcher unter den zwei ersten Ptolemäern lebte, Lessen Geschichtswerk außerdem nur in Bruchstücken erhalten ist, welche theils von griechischen Schriftstellern niitgethcilt wurden, theils in alten Papyrusstllckcn entdeckt worden sind. Einige wenige historische Papyrusfragmeute von unbekannten Verfassern sind ebenfalls vorhanden. Einzelne Materialien zur ägyptischen Geschichte enthalten auch die zwei ersten nach Moses benannten Bücher der Bibel, ferner die griechischen Historiker Hcrodot u. Diodor n. der Geograph Eratosthencs, sowie der Jude Josephos. In christlicher Zeit folgten Julius Africanus (222) u. Eusebius von Cäsarea (340) u. endlich der alle früher vorhandenen Quellen sammelnde Byzantiner Georgios Synkellos (793). Alle diese Quellen weichen, sofern sie überhaupt Zeitberechnungcn aufstcllcn, in ihrer Chronologie überaus stark, ja um Jahrtausende von einander ab. Mancthös nahm von Mencs, dem ersten König Ä-S, bis zum Untergänge dieses Reiches durch die zweite persische Eroberung 30 Dynastien an, welchen aber sowol er, als die übrigen Geschichtschreiber Halbgötter-, u. diesen Götterdynastien vorangchen ließen. Überdies ist inan nicht einig, ob die Manethönischen Dynastien alle nach einander, oder thcilweise nebeneinander (in getheiltcu Reichen) regiert haben. Noch gegenwärtig müssen alle Versuche, die Geschichte und Chronologie des alten Ä. festzustellen, als Hypothesen betrachtet werden. Die Ureinwohner Ä-s waren ein kraushaariges uud dunkelfarbiges Volk, vielleicht eine Mischung zwischen Negern und Weißen. Zu diesen kamen in unbestimmter Zeit n. auf unbekanntem Wege Eroberer von mittelländischer Race, welche sich zur herrschenden aufschwangcn und die beiden Kasten dec Krieger und Priester bildeten. Als erster menschlicher König Ä-S wird Mcues genannt, welcher indessen, gleich allen übrigen Staatengründcrn des Alterthums, schwerlich eine bestimmte Person, sondern vielmehr ein Begriff war, indem sein Name, gleich dem indischen Mann, dem phrygischen Manes, dem kretischen Minos u. dem germanischen Mannus, (n. dem biblischen Adam), auf deu Begriff „Mensch" hindeutet und überhaupt den ersten Menschen bezeichnet. Seine Regiernngszeit, welche nach den verschiedenen Berechnungen zwischen dem 7. n. 3. 293 Ägypten. Jahrtausend v. Chr. schwankt, ist daher auch ganz in mythisches Dunkel gehüllt. Nach der Überlieferung herrschte Menes zu This in Ober-Ä., bekriegte die Libyer, verließ seine Residenz u. legte nördl. davon in Unter-Ä. Memphis an, wo er ein neues Reich gründete, dem Nil seine jetzige Richtung gab und den Tempel des Ptah (Hcphästos), des Localgottes von Memphis, baute. Sein Sohn Athothis errichtete den Königspalast in Memphis. Diese Dynastie herrschte in 8 Generationen 253 Jahre, und ihr folgte die 2. Thinitische Dynastie, welche 302 Jahre regierte; darauf mit einer Regierungszeit von 214 Jahren die 3. Thinitische oder 1. Memphitische, deren erster König, Neche- rochis, die abgefallcnen Libyer wieder unterwarf. Dessen Nachfolger, Hcsortosis, ließ zu seinen Bauwerken behauene Steine anwendcn; auch soll unter ihm die Hicroglyphenschrift ausgcbildet morden sein. Dieser Dynastie gehört auch die älteste noch stehende Pyramide, beim jetzigen Dahschur, an. Die Könige der 4. und 5. Dynastie (2. und 3. Memphitische) zeichnen sich als Beförderer der Baukunst aus; namentlich Pyramiden und Grabmaler mit Bildwerken und Inschriften wurden jetzt vielfach errichtet, so die Pyramidcngrnppe bei Gizeh, deren Erbauer die Könige Suphis I. (hieroglyphisch Chufn, griechisch Cheops), Suphis II. (hieroglyphisch Sen Chufn, griechisch Chephren) und MenchercS (hicro- glyphisch Menkera, griechisch Mykeriuos) waren. Als die 4. Dynastie begann, hatte Ä. schon sein vollständig ansgcbildctcs Staatswcscn, eine Hierarchie neben dem Königthum, alle Künste waren im Flor, man schrieb bereits auf Papyrus. Der 6. Dynastie, deren Könige ihren Sitz in Elephan- tine (Abu) hatten, gehören Phiops, durch seine fast 100jährige Regierung merkwürdig, u. die Königin Neithokris an. Unter der 7. u. 8. Dynastie (4. u. 5. der Mcmphiten) schwand der Ruhm dwsis Herrscherhauses, und es tauchten in Unter-Ä. zu Heraklca oder Sethron Königsgeschlechtcr auf, die 9. u. 10. Dynastie bei Manethvs; mächtiger aber als diese wurden jene Könige in Ober-Ä., welche in Diospolis oder Theben ihren Sitz auf- jchlngen; die berühmtesten gehören der 11. und 12. Dynastie an, namentlich die der letzteren seit 2380 regierten wieder über ganz Ä. n. dehnten ihre Herrschaft über den zweiten Nilkatarakt ans. Aus dieser Zeit schreibt sich der Glanz n. die Herrlichkeit Thebens her; neben der Errichtung von Prachtbauten haben sie auch das Verdienst, für das Bewässerungssystem Ä-s gesorgt zu haben, denn unter ihnen soll der sogen. See Möris, über dessen Entstehung man heute noch nicht im Klaren ist, durch Abdämmcn des Nil gebildet worden sein. König Amenemes III., aus der 12. Dynastie, errichtete neben diesem See seine Pyramide nebst einem prächtigen Tempel, welcher in seiner späteren Erweiterung als „Labyrinth" zu den Wunderwerken der Welt gerechnet wurde. Aber unter dieser Dynastie fand eine neue Einwanderung in Ä. von Asien her statt, nämlich unter Sesortesen II. kainen die Aamn mit ihrem Häuptling Abscha, nachher aber die arabischen oder phönicischen Nomaden, die Hyksos (um 2100 v. Ehr.); sie eroberten Unter- und Mittel-Ä., zerstörten Städte und Tempel ». stifteten dann ein Reich, dessen König Salatis u. dessen Hauptstadt Memphis war, und legten an der Ostgrenze des Landes eine Festung (Avaris) an. Ihre Könige bildeten die 15., 16. n. 17. Dynastie. Nachdem die Hyksos mehrere Jahrhunderte (nach Bimsen 500 J.l über Ä. regiert hatten, erfolgte von Theben aus ihre Vertreibung; sie wurden erst aus Memphis geworfen n. zogen sich auf Avaris zurück, endlich trieb sie König Amasis I. (Amoscs) auch von da aus den Grenzen Ä-s nach Palästina zurück, und die 18. Dynastie, eine Thebaischc, gelangte zur Herrschaft. Mit der Vertreibung der Hyksos bringen Einige den Auszug der Israeliten in Verbindung. Für Ä. begann jetzt die zweite Periode seiner Blüthe; die Herrscher wetteiferten in der Errichtung großartiger Bauten, die sich zum Theil bis jetzt erhalten haben; zu ihnen gehört das von Ameno- phis III. erbaute sogenannte Memnonium. Um Liese Zeit wurde Ä. von einer Art religiöser Re- formbewegnng erschüttert, indem ein Seclirer an die Stelle der polytheistischen Landesreligion den einfachen Sonnencnltus einführen wollte; der König Horos aber unterdrückte die Bewegung. Unter der 19. Dynastie, der ruhmreichsten von allen, wendete sich die ägyptische Macht nach außen; Sethos I. (Sethosis, Sesoosis, Sesostris) und sein Sohn Namses II. machten Kriegszüge ins Ausland; der erstere zog bis Assyrien u. Medien, der zweite bis Persien, Baktrien u. Skythcnland, u. noch sind in Syrien Felseninschrifteu von Ramses vorhanden. Letzterer unterjochte einen Theil Libyens, bezwang Äthiopien in einem 9jährigen Kriege u. machte es zinsbar. Unter ihm wurde Ä. in 36 Statthaltereien (Nomen) getheilt, die Landbauern mit Grundsteuern belegt, Kanäle aus dem Nil von Memphis bis an das Mittelmeer gegraben u. Tempel gebaut (z. B. die beim jetzigen Karnak u. Kurna), neue Städte angelegt, alte niedrig gelegene u. den Nilüberschwemmungen ausgcsetzte Städte durch Dämme geschützt. Unter die Regierung des Sethosis und Ramses verlegt Lepsius die Dienstbarkeit der Israeliten in Ä., namentlich habe sie Ramses bei Erbauung der Städte Pithom und NamseS verwendet. Des Ramses Sohn u. Nachfolger, Menephthcs (Me- noptah, bei Hcrodot Pheron), errichtete Obelisken n. erbaute den Sonncntcmpel zu Heliopolis. Unter ihm sollen, um 1314 v. Ehr., die Israeliten fortgezogen sein. Einer seiner Nachfolger war.Amasis, der wegen seiner Tyrannei, als der Äthiopier Aktisanes ins Land cinsiel, von den Seinigen verlassen wurde, u. Proteus zur Zeit des Trojanischen Krieges. Der 20. Dynastie gehört Namses III. (Remphis, Rhampsinitos), Sohn des Proteus, an; er baute das berühmte Schatzhaus, auch mehrere Tempel, n. bekriegte die Anwohner des Rothen Meeres. Die Könige der 21. Dynastie standen ganz unter dem Einfluß der Priester, von denen, sie auch gewählt wurden. Seit der Herrschaft der Könige der 22. Dynastie sank das Thc- üaische Reich immer mehr, n. in Memphis bildete sich ein neues Königreich; nur Sesonchis, ans der 22. Dynastie, zeichnete sich durch großartige Bauten (im jetzigen Karnak) u. durch kriegerischen Ruhm, den er im Auslande erwarb (er eroberte Palästina), aus, aber die Nachfolger seiner u. der beiden folgenden Dynastien sanken in die alte 294 Ägypten. Schwäche zurück. Unter der Regierung des blinden Anyses,. fiel Sabako (Sebichos, Schabaka), König von Äthiopien, ins Land u. ward Begründer der 25., der äthiopischen Dynastie. Unter den Äthiopiern wurde die Todesstrafe aufgehoben, die Verbrecher zu öffentlichen Arbeiten verwendet, Bnbastis befestigt. Der Dritte n. Letzte von ihnen, Tarkos (Tahraka, in der Bibel Tirhaka), legte die Regierung (726 v. Chr.) nieder und ging nach Äthiopien zurück, wohin er ägyptische Cultur verpflanzte; ihm folgte Sethon, Öberpriester des Ptah zu Memphis. Weil er den Kriegern ihre Ländereien nahm, verweigerten sie, als Sanherib einen Zug gegen ihn unternahm, den Kriegsdienst. Doch bildete er sich eine Armee ans den untersten Ständen, zog den Feinden nach Pelusium entgegen u. drängte sie zurück. Schon unter ihm hatte sich die Königsmacht Ä-s in 12 Statthaltercieu (Do- dekarchie) gcthcilt, aber die Ägypter, bald müde der Viclherrschaft, legten die Köuigswürde wieder in die Hände einer Person. Diese war Pscme- rek I. (griech. Psammetichos) aus Sais. Er bestieg nach vielen Kämpfen mit seinen Gegcnkönigen, in denen er von Söldnern ans Jonien und Karien unterstützt wurde, den Thron 644 v. Chr. und gründete die 26. Dynastie in Sais. Als er die fremden Söldner im Lande behielt u. ihnen sogar Äcker anwies, verlor er die Gunst der Priester, die es für einen Frevel gegen die vaterländische Sitte hielten, Fremde ins Land zu lassen. Zur Beförderung griech. Cnltnr ließ er ägypt. Kinder von Griechen erziehen (diese bildeten nachher einen bcs. Stand, den der Dolmetscher), auch griech. Maaren wurden nach Ä. eingeführt. Vergebens unternahm er, um die Priester zu versöhnen, Tempelbantcn zu Memphis; eine Empörung, selbst der ägyptischen Truppen, brach ans. Von den 3 von ihm angelegten Militärposten, welche das Land gegen Lyrien, Libyen n. Äthiopien sichern sollten, ging die Besatzung des letzteren, angeblich 240,000 Ml. stark, nach Äthiopien über. Doch erfreute sich das Land einer vorzüglichen Blüthc, da ihm der nach dein Auslande erösfnetc Handel große Reichthümer brachte. Er st. 610. Sein Sohn Nechao (Necho oder Niku) machte einen wiewol vergeblichen Versuch, durch einen Nilkanal (§o8sn Usosionw) das Mittel- mit dem Rothen Meere zu verbinden, n. gründete, indem er auf beiden Meeren Kriegsschiffe bauen ließ, die Seemacht Ä-s. Unter ihm umschifften Phönicicr Afrika. In den Landkriegen war Nechao gegen die Juden glücklich, er schlug deren König Josias n. ließ sich Tribut zahlen. Die Syrer schlug er bei Magdolon n. kam bis an den Euphrat, aber gegen den babylonischen König Ncbnkadnezar verlor er die Schlacht bei Circcsium u. räumte darauf Palästina n. Syrien wieder. Auf Nechao folgte 601—560 v. Chr. Psemetek II. (bei den Griechen Psammis oder Psammuthis). Dessen Nachfolger Ophra (griech. 'Apries) fiel 570 v. Chr. gegen den von den rebellischen Truppen gewählten Gegenkönig Amasis. Dieser gestattete den Griechen große Freiheiten znm Handel u. zur Ansiedelung n. st. 526 v. Ehr., als der persische König Kambyscs (dessen Feindschaft er sich durch einen Bund mit Krösos von Lydien'zugezogcn hatte) sich gegen ihn rüstete. Unter seinem Sohne Psemetek III. (bei den Griechen ! Psammenitos) brachen die Perser ein; in der Schlacht bei Pelusium wurden die Ägypter besiegt; Memphis nach lOtägiger Belagerung erobert (525 v. Chr.), der König hingerichtet, Theben zerstört u. 6000 Ägypter nach Susiaua in die Verbannung geführt.s II. Ä. unter persischer Hoheit. Während ! Kambyses aus Haß gegen ägyptisches Wesen die Landesreligion ausrotten wollte, die Tempel und Altäre zerstören ließ, wodurch er den Haß der Ägypter gegen Persien um so mehr anfachte, suchte sich sein Nachfolger Darms die Zuneigung der Ägypter zu erwerben, u. es gelang ihm in dem Maße, daß er unter den großen Gesetzgebern des Landes anfgeführt wird. Dennoch blieb die Abneigung des Volkes gegen die Fremden, und die Ägypter versuchte» mehrmals, sich von dem persischen Joche zu befreien. So 463—458 unter Jnaros und Amyrtäos. Der Letztere wird als König der 28. Dynastie angeführt. Endlich unter der Regierung des Artaxerxes II. gelang es den Ägyptern, 405 v. Chr., sich frei zu machen, u. sie hatten wieder einheimische Könige, welche die 20. n. 30. Dynastie bilden. König Teos (Tachos) zog die Griechen in sein Interesse, bcs. die Lake- dämonicr n. Äihcner. Da aber der Lakedämonicr Agesilaos, mißvergnügt über die militärische Disposition des Königs, diesen verließ u. zu Nekta- ncbis, welcher sich 361 v. Chr. als Gegenkönig aufgeworfen hatte, überging, so floh TcoS nach , 2jähriger Regierung u. wendete sich nach Persien. ^ Nektanebis aber, angegriffen von Artaxerxes III. n. vcrrathcn von Mentor, dem Anführer der griech. Söldner, ward geschlagen u. floh nach Äthiopien (340 v. Chr.). So kam Ä. wieder unter persische Herrschaft u. gehorchte pers. Statthaltern bis zur Zerstörung des Pers. Reiches durch Alexander d. Gr. III. Ä. unter der Herrschaft der Makedonier u. Ptolemäer. In Folge der Schlacht von Jssos (im Nov. 333 v. Chr.) n. der Eroberung der Festungen Tyros u. Gaza (während des I. 332) ergab sich auch Ä. im Spätjahre 332 ! ohne Widerstand an Alexander d. Gr., welcher > einerseits durch die Gründung von Alexandria^ anderseits durch gewandte Schonung der ägypt, Nationalität u. offene Befreundung mit der Priesterkaste seine Herrschaft in diesem Lande sicher stellte. Die innere Verwaltung wurde in die Hände ägyptischer Beamten gelegt; nur die höchsten Civil- u. Militärstcllnugen waren Griechen ».Makedoniern Vorbehalten. Seit dem Tode Alexanders d. Gr., 323, erhielt bei der Vertheilnng der Satrapien seines Reiches die Verwaltung von Ä. der Eordäer Ptolcmäos, des Lagos Sohn. Einer der ausgezeichnetsten Männer aus Alexanders Generalstab, hat Ptolcmäos bei der abgeschlossenen Lage seiner Satrapie von Anfang an den Plan gefaßt, aus Ä. ein selbstständiges Reich zu bilden, u. Liesen Plan in blutigen Kämpfen mit allen Vertretern der Einheit des Alexanderreiches siegreich durchgcführt. Bis zum I. 300 v. Chr. hatte es sich denn auch fest herausgestellt, daß unter den Bruchstücken des Alexanderreiches Ä. in dem neuen Staatensystem der Diadocheu, die sich seit 306 v.Chr. Könige nannten, die solideste Monarchie sein würde. 295 Ägypten. Ptolemäos, der erste ägypt. Griechenkönig, der Gründer des Hauses der Lagiden, war intelligent genug, um im Sinne Alexanders d. Gr. die ägypt. Nanvnalität und namentlich die Priesterkaste mit klügster Schonung zu behandeln. Dabei wußte er aber ebenso wol die ägypt. u. die griech. Religion u. Wissenschaft einander zu nähern, wie auch dein griech. Wesen in der Armee u. in der Verwaltung die Herrschaft zu sichern. Die Politik, die er für sein Haus feststellte, war, unter höchster Rücksicht auf die Verhältnisse im Innern eine ergiebige n. solide Finanzwirthschaft zu Pflegen, in beiden Meeren Ä-s starke Flotten zu unterhalten, ein starkes, überwiegend europäisches Söldnerheer u. ausgiebiges Kriegsmaterial stets bereit zu halten, dabei aber große kriegerische Unternehmungen auswärts zu vermeiden. Anstatt der ungehenren.LLndermasse des Seleukidcnreiches strebte Ptolenräos, n. nach ihm die klügsten seiner Nachfolger, nur dahin, im Sinne der uralten Pharaonenpolitik (wie nachher wieder die Mohammedaner des Mittelalters n. zu unserer Zeit Mehcmed-Ali gethan) nur solche Länder zu gewinnen, die von Ä. aus wirklich beherrscht werden können. Also Kyreue, ein'Stück des oberen Nilthals, die Küste des Rothen Meeres, namentlich auch das südliche u. mittlere Syrien, Cypern; einige Ptolemäer haben auch Küstenbc- sitzungen in Kleiuasien n. mehrere griech. Inseln besessen. Während nun aber diese Politik n. das damit verknüpfte kluge diplomatische Verfahren nur so lange durchzuführen war, als das Ptolemäische Herrscherhaus nicht ansartete, hielten die Ptolemäer andauernd fest an der Pflege ihrer Hauptstadt Alexandria, welche der glänzende Mittelpunkt des damaligen Welthandels n. zugleich derjenige aller Wissenschaft der antiken Welt n. der Sitz einer großartig angelegten Bibliothek war: Dinge, die ebenfalls in ihrer Entstehung schon auf den ersten Ptolemäos znrückgeführt werden. — Etwa ein Jahrhundert dauerte die neue Größe Ä-s, doch nicht ohne daß die (zum Thcil durch Polygamie veranlaßt) böse Ausartung des Familienlebens der Diadochenfürsten auch bei den Ptolemäern bereits zum Vorschein gekommen wäre. Ptole- niäos I. st. 283. Sein Sohn Ptolemäos H. Philadclphos, dem der Vater schon 285 die Herrschaft übergeven hatte, führte diese im Sinne seines großen Vaters. Mehr Diplomat als Soldat, war er der erste Lagide, der (273) die nachmals so verhängnißvollcn Beziehungen zu Rom anknüpste. Wesentlich aber war dieser Fürst, der auch die Länder am oberen Nil n. ain Rothen Meere in Len Bereich der ägypt. Politik zog, der Pflege des Handels u. der Wissenschaft zugewandt; in letzterer Beziehung zeichnete die Gründung des alexandri- nischen Museums sein Zeitalter ans. Im I. 246 folgte ihm sein kraftvoller Sohn Ptolemäos III. Euergetes, der namentlich durch einen großartigen Krieg mit den Seleukiden berühmt ist, in welchem dieser König, der Ptolemäische Sesostris, siegreich bis nach Baktrien vordrang n. außer der syrischen auch die ionisch-hcllespomische Küste und einige thrakische Plätze im Frieden vom I. 239 behauptete. Mit seinem Tode, 221, geht die neue Größe Ä-s zu Ende; denn schon mit seinem Sohne Ptolemäos IV. Philopator, einem bei allem Interesse für Kunst u. Wissenschaft höchst grausamen u. jeder wüsten Ausschweifung ergebenen Menschen, beginnt die hoffnungslose Ausartung des HanscS der Lagiden, die sich feindliche Nachbarmächte schnell genug zu Nutze machten. Als der König 204 starb, war sein Sohn Ptolemäos V. Epiphancs erst 4 Jahre alt. Seine Vormünder verloren gleich zu Anfang seiner Negierung die asiatischen Länder an Antiochns den Gr., den Seleukiden, u. die Besitzungen im ügäischen Meere an Philipp V. von Makedonien; nur die Diplomatie des bereits mächtig nach Osten vordringenden Roms bewahrte sie 197 vor noch größeren Verlusten. Auch als Epiphancs 195 selbst die Herrschaft übernahm, wurde es nicht besser; der unfähige u. schwelgerische junge Mann rief vielmehr durch sein schlechtes Regiment wiederholte Aufstände der Eingeborenen hervor, die nur durch immer massenhaftere Anwerbung griech. Söldner zu bewältigen waren. Als er 181 vergiftet worden war, führte für seinen Sohn Ptolemäos VI. Philomctor anfangs dessen Mutter Kleopatra die Vormundschaft. Nachher bedrängte der syrische König Antiochos IV. seit 176 v. Ehr. Ä. so erfolgreich, daß nur die römische Intervention im I. 168 den Ptolemäern Pelnsion u. Cypern zu retten vermochte. Dieselbe Intervention wurde aber auch mehrmals angcrnfen, als Philometor mit seinem trotz aller seiner Laster thatkrästigen Bruder Physkv», der seit 164 Libyen u. Kyreue erhielt, in unablässigem Zwiste stand. Als er 146 v. Ehr. st., folgte ihm Letzterer als Ptolemäos VII. Physkon. Gegen ihn empörten sich 132 die Alexandriner n. vertrieben ihn; er sammelte aber ans Cypern eine Armee von Miethstrnppen, landete 127 in Ä. u. trieb Kleopatra, seine verstoßene Gemahlin, welche die Ägypter zur Königin ans- gernfen hatten, vom Throne. Trotz der zum Theil grausenhaftcn Scheußlichkeiten seines Privatlebens hat Physkon Wissenschaft u. Kunst eifrig gefördert; er st. 117. Es folgte nun ein fortwährender Thronwechsel, an welchem sich auch die Weiber u. Töchter der Könige, gewöhnlich Klco- patra genannt, bctheiligten. Des Ptolemäos Physkon Gemahlin Kleopatra nahm erst ihren älteren Sohn Ptolemäos VIII. Lathyros u. 107 den jüngeren Ptolemäos IX. Alexander I. zum Mitregenten an. Nachdem dieser aber 89 v. Ehr. wegen der Ermordung seiner Mutter vom Volke vertrieben worden war, erhielt Ptolemäos VIII. die Regierung wieder; er st. 81 v. Ehr. Nun folgte seine Tochter Berenike, welche (des im I. 88 verst. Alexander I. Wittwe) ihren Stiefsohn Ptolemäos X. Alexander II. heirathete. Dieser ermordete sogleich seine Gemahlin, wurde aber dafür vom Volke ermordet. Mit ihm starben die legitimen Ptolemäer ans. Nicht ohne Einwirkung der römischen Politik folgte nun ein Bastard Alexanders I., nämlich Alexander III., der nachmals im I. 66 v. Chr. durch einen Volksanfstand vertrieben wurde; er floh nach Tyrns n. st. hier. Nun wurde Ptolemäos XI. (Nothos, Dionysos) AnleteS (der Flötenbläser), ein natürlicher Sohn des Ptolemäos Lathyros, mit Unterstützung der Römer König u. regierte, nach einer 3jähr., durch sein infames Regiment veranlaßten Vertreibung, 57 bis 55, zurückgekchrr, bis 51 v. Chr. Seine zwei 296 Ägypten. Kinder, Kleopatra u. Ptolemäos XII. Dionysos, sollten nach dem Willen des Vaters einander hei- rathcn u. gemeinschaftlich nnter Roms Obervormundschaft regieren. Allein unter den Geschwistern entstand ein streit, u. Kleopatra ward durch die Vormünder, Pothinos u. Achillas, im Jahre 48 v. Chr. vertrieben. Darauf sammelte sie in Syrien ein Heer, u. eben standen die beiden Geschwister bei Pelnsion gegen einander in Waffen, als Cäsar nach der siegreichen Schlacht bei Pharsalos dazwischen kam, den Streit vor sein Tribunal zog n. die Herrschaft der Kleopatra zusprach. Dagegen empörten sich die Ägypter, u. Cäsar, von nur wenigen Tausenden begleitet, wurde von 20,000 Ägyptern unter Achillas n. Ganymedes in einem Skadttheil von Alexandrien cingeschlosscn u. belagert (Mexandrinischcr Krieg). Erst im Mürz 47 v. Chr. gelang cs ihm, mit Hilfe aus Asien herbeigezogener Truppen sich zu befreien; er lieferte den Ägyptern eine Schlacht; der junge König fand den Tod, Cäsar aber nahm Alexandrien ein, vcr- heirathete die Kleopatra mit ihrem jüngeren Bruder Ptolemäos XIII. Puer u. setzte sie ans den Thron; bald aber entledigte sich Kleopatra des Gemahls durch Gift. Nach Cäsars Ermordung (44) nahm sie Cäsariou, ihren Sohn von Cäsar, zum Mitregcnten an. Nach der Schlacht bei Philippi (42) wußte sie den Antonius so zu fesseln, daß er sie endlich znm Weibe nahm n. ihr große Provinzen des Römischen Reiches schenkte. Nach der Schlacht bei Actinm tödtcte sie sich (30 v. Chr.), da sie den Octavian nicht für sich hatte gewinnen können, durch Gift. So endete die Herrschaft der Ptolemäer, u. Ä. ward römische Provinz, oder vielmehr durch Personalunion mit dem Römischen Reiche yerbnuden. IV. Ä. als Provinz des NömischenNeichcs. Der Cnltnr u. dem Neichthnm des Landes that die römische Herrschaft keinen Eintrag; in Mittel- u. Obcr-Ä. dauerte der einheimische Cnltus bis in das 6. Jahrh. n. Chr. fort; Alexandrias Handel nahm sogar in dieser Periode beträchtlich zu; denn Angnstus ließ die versandeten Nilkanälc wieder offnen und neue anlegcn und begünstigte den Seehandel. Ä. wurde nun die Kornkammer Roms. Da nach einer alten Weissagung Ä. seine Freiheit wieder erlangen würde, wenn die römischen Fasccs n. die 'loZa praotoxta dahin gebracht würden, — in Wahrheit, weil Angnstus auf jede Art Erhebungen römischer Großen gegen die Kaiscrmacht in dein militärisch so sicher abgeschlossenen Lande verhindern wollte, — so erklärte er Ä. als eine kaiserliche Provinz, decretirte, daß kein Senator ohne seine spccielle Erlaubniß dahin gehe, n. setzte statt des gewöhnlichen Provinzialgouvcrnenrs, eines Proconsuls oder Proprätors als Mcekönig einen röm. Ritter unter dem Titel kraoloetns LvMpti, ohne die Fasces als Statthalter ein. In allem Übrigen wurden bei der neuen Verwaltung die Einrichtungen der Ptolemäischen Zeit zu Grunde gelegt. Der erste Präfect war Corn. Gallus. Lange genoß Ä. nun der Ruhe; die Kaiser besuchten das Land öfter; so Vespasian, der sich während der Zeit von seiner Erwählung bis zu seinem Einzüge in Rom (70 n. Chr.) hier aufhielt. Damals war auch schon das Christenthum in Ä. verbreitet (der Evangelist Marens soll hier gepredigt haben); in der großen Welthandelsstadt Alexandria entstand die geistig wie numerisch bedeutendste christliche Gemeinde. Unter Titus und Trajan machten die Israeliten, die seit dem „ersten Ptolemäos in immer größeren Massen in Ä. angesiedelt waren, verschiedene Aufstände gegen die Griechen n. Römer; 115 n. Chr. wurde unter einem gewissen Lncuas Ä. bis Mero'e u. Kyrene verwüstet, u. erst dem Marius Turbo, welchen Trajan mit Vcrsiärknngstruppen nach Ä. schickte, gelang cs, die Empörer zu unterdrücken. Im I. 122 n. Chr. brachen innere Unruhen unter den ägyptischen Städten darüber aus, wem die Ehre gebühre, den Apis zu beherbergen; Kaiser Hadrian schlichtete persönlich den Streit. Auch Kaiser Scptimius Severns, der im I. 202 Ä. selbst besuchte, war den Ägyptern wohlgesinnt. Dagegen war Caracalla, der Nachfolger des Severuch kein Freund wenigstens der Alexandriner. Von der boshaften Spottlnst derselben getroffen, ließ er in Alexandria im I. 215 ein furchtbares Blutbad anrichten, die Stadt plündern u. die Fremden, die Kauflente ausgenommen, vertreiben. Doch hob sich der Flor der Stadt bald wieder zu seiner vorigen Höhe. Indessen wurden seit jener Zeit bei der bösartigen Natur der eigentlichen Ägypter u. bei der furchtbaren Wildheit des alexandrinischen Pöbels (die auch die Verfolgungen der Christen, dann der Heiden, endlich die Kämpfe unter den Christen selbst hier vorzugsweise entsetzlich machte) die Unruhen chronisch. Unter Gallienus warf sich im I. 262 der Präfect Ämilianus in Ä. zum Gegcnkaiser auf, wurde aber 265 von des Gallienus Feldhcrrn Dheodotus gefangen u. im Gefängnis) ermordet. Ein neuer Krieg brach aus, als' die palmyrcuische Königin Zenobia, welche von den Ptolemäern abzustammen behauptete, Ansprüche auf Ä. geltend machte (270). Erst Anrclianns vertrieb 273 die Palmyrener wieder aus Ä. 290 n. Chr. bemächtigte sich 6 Jahre lang Achilles der Herrschaft; Dioclctian zog 296 gegen ihn u. belagerte ihn 8 Monate in Alexandria; die Stadt wurde nach der Einnahme geplündert u. ganz Ä. verwüstet. Alexandria erhob sich von diesen Schlägen nur schwer wieder. Nachdem das Christenthum römische Staatsrcligion geworden war (Entstehung des Mönchthnms im 4. Jahrh.) u. die Religionsstrcitigkeiten begonnen hatten, wurde Alexandria, als Sitz eines der 4 Patriarchen, ein Hauptplatz, der sich an diesen, namentlich an den Arianischcn, den Nestorianischen, monophysitischen u. anderen Streitigkeiten bethciligte. Der Kaiser Theodosius d. Gr. hob die letzten Reste der ägyptischen Religion auf. Das Land, welches bei der Theilung des Römischen Reiches (395) znm Byzantinischen Kaiserthum kam, hatte seit Kaiser Diocle- tian eine neue Eintheilnug: L.oZvpbn8 xropria (Unter-Ä.westl. vom Nil), L.oAxxtn8ÜorenIia, später XnAnobamnioa oder L.nKU8ba prima (Unter-Ä. östl. vom Nil), Mrsba'ib, Uibzm inlvrior, I-isixa supsrior; unter Kaiser Arcadins, also nach der Reichstheilung, wurde dann noch ^.roaäia von L.oMptns Ilsrenlia getrennt. Als unter der Regierung des Kaisers „ Heraclius 616 . die Perser unter Chosru ganz Ä. eroberten, u. nach deren 297 Ägypten. erkauftem Abzüge es 638 die Saraceneu unter Amru Ebu Al Ass, F-eldherru des Khalisen Omar, besetzren, wurden Petiisium u. Memphis schnell genommen, Alexandria erst nach 14 Monaten, im Dcc. 641. V. Ä. unter arabischer Herrschaft. Der Khalif Omar legte den Ägyptern einen schweren Tribut auf und ließ das Land durch Statthalter verwalten, unter denen der erste Amrn, der Feldherr Omars und Eroberer Ä-s, und Aval Melek, Sohn Abdallahs, Vetter des Propheten, besonders zu erwähnen sind. Princip war, durch den Islam alle Reste des alten Ägypterthums zu vernichten, zu welchem Zwecke vor Allem arabische Pflanzer ins Land gezogen wurden und die Äcker in Pacht erhielten. Das Christenthum und die alten Sitten und Gesetze der koptischen Bevölkerung schwanden, die Gelehrten »änderten nach Constantinopel aus, ; u. des Handels nach Arabien n. Indien bemäch- l tigten sich die Venctianer. Zum weiteren Schaden des Landes gereichte der zu häufige Wechsel der Statthalter sowol unter der immer schwächer werdenden Herrschaft der Omajjaden, wie unter « Len ihnen folgenden Abbassidcn, bis endlich 869, ls; nach des Khalisen Mntaz Billah Tode, der zur Unterstützung seines Schwiegervaters, des Statthalters Babbak, nach Ä. gesendete Achmed Ben Tnlnn, aus der Garde tnrkmanischcr Sklaven, mit einer Armee von Eingeborenen sich dort fest- fetzte u., nachdem er mehrere Empörungen unterdrückt, zu solchem Ansehen gelangte, daß seit 877 des Khalisen Name nur noch auf Münzen stand u. in Gebeten genannt wurde. Er, war Stifter der Dynastie der Tuluniden in Ä. 884 folgte ihm sein Sohn Khomarngah Abnl Dschaich, erst 15 Jahre alr, von der Miliz gewählt und 886 vom Khalisen Motamcd ans 30 Jahre bestätigt. Er war prachtliebcnd n. banlustig, dabei für das Wohl Ä-s sehr besorgt, wurde aber bereits 896 zu Damascns ermordet. Gleiches widerfuhr seinem unmündigen Sohne Dschisch, worauf dessen lOjährigcr Bruder Harun auf den Thron gesetzt wurde. Dieser mußte dem Khalisen Mnktafi Billah wieder weichen, welcher nach der Eroberung Syriens die ägyptische Armee 905 bei Fostat schlug, alle Emire von der Partei der Tuluniden nach Bagdad schickte u. 10 tulnnidische Prinzen hinrichten ließ; Ä. u. Syrien kamen so wieder unter das Khalifat. Im I: 913 suchte der Fatimide Mahadi von Tunis her Ä. mit 40,000 Mann heim, nahm Alexandria u. plünderte das Land, u. nach ihm eroberte sein Sohn Kajem Bem Nillah den größten Thcil von ThebaiS. Die neu gewonnene Herrschaft der Fa- timiden über Ä. war indeß nur von kurzer Dauer: 934 erhob sich der Staathalter Abu Bekr Mohammed Jkhschid, die Schwäche des Khalifats benutzend, zum selbstständigen Herrscher in Ä-, zwang den Khalisen Radhi Billah nicht nur, ihn zu be- ' ^ stätigen, sondern ihm auch noch Syrien abzntreten, , u. wurde der Gründer der Dynastie der Jkhschiden . ? in Ä. Bon türkischer Abkunft — er leitete sein ' > Geschlecht von den Königen von Fergana her, ! j deshalb Jkhschid — drückte er die Christen aufs I Furchtbarste, so daß sie sich kaum durch Verkauf der Kirchengüter gegen seine Erpressungen schützen ^ konnten. Ihm folgte 945 sein unmündiger Sohn Abnl Kassem Abnhnr, unter Vormundschaft des Kafur, eines Negersklaven des Verstorbenen, der aber mit Geschick die Einfälle der Nubier zurückschlug. Als Abnhnr 961 starb, folgte sein Bruder Ali Abul Hassan, der Kafur als seinen Vezier beibehielt. Stach ihm regierte Kafur selbst, 966—68, weise n. gerecht, u. darauf der,, 11jährige Sohn Alis, Achmed, jedoch nur in Ä., da iii Syrien nach Kafnrs Tode sich Hussein zum Regenten aufgeworfen hatte. Das Ansehen der Jkhschiden war bereits tief erschüttert, so daß, als Hussein auch Ä. bedrohte, die Emire Hilfe bei den im Westen bereits zu mächtigen Herrschern gewordenen Fatimiden suchten. Moez Eddin Jllah schickte 969 eine Armee dahin, eroberte Ä., trieb Hussein aus Syrien und nahm am 30. Juni 972 den Titel Khalif und Emir Amumenin an. Die Fatimiden legten die Stadt Masr-el-Kahirah (Kairo) an, die nun die Hauptstadt des Reiches ward u. selbst die Särge der Ahnen der Fatimiden barg. Ihm folgte sein Sohn Aziz Ben Jllah, 975 (977) bis 996 (999), n. diesem Hakcm Bem Nillah, der um 1010 harte Verfolgungen über die Christen verhängte u. von seiner Schwester 1021 ermordet wurde. Deren Sohn Dhaher Lezaz Din Allah war gemäßigter n. regierte bis 1036. Mostansnr Billah der Träge, 1036—1094, ließ den armenischen Renegaten Badr El Dschamali regieren, dessen Sohn Afdal, unter dem nächsten Fatimiden Mostali Billah 1094—1102 Vezier, den Türken Tyrus u. Jerusalem entriß (1098); letzteres erstürmten 1099 die Kreuzfahrer, n. einen Monat später, 14. Aug. 1099, besiegten sie Afdal bei Askalon. Amar Bikham Allah, Khalif 1102 — 1130, ließ 1122 den ihm zu mächtig gewordenen Vezier Afdal ermorden, fiel aber auch durch Mcnchlcrhand. Unter seinen Nachfolgern, Hafed Ledin Jllah 1130—1149, Dhaher Billah Ismail 1149—1154, dauern die Kämpfe mit den Kreuzfahrern fort, während im Innern sich die Macht der Veziere immer mehr auf Kosten des Khalifats entwickelte, diese sogar den Titel Sultan, d. i. Herrscher, annahmen, so daß die beiden letzten Fatimiden, Fajez Binar Jllah bis 1160 u. Aded Ledin Jllah nur mehr Schein- Khalifen sind. Unter diesem benutzten die Franken den Streit der Sultane Schawar u. Dargam um das Vezierat, um sich des Landes zu bemächtigen, u. Aded mußte den bis vor die Thore Kairos gelangten Kreuzfahrern unter Guido v. Lnsignan eine Million Zechinen zahlen. Indeß war der Sultan Dargam beseitigt, u. nun kehrte Schawar, von dem Sultan Nur Eddin von Aleppo unterstützt, nach Ä. zurück 1166. Indeß von König Amalrich I. von Jerusalem hart bedrängt n. selbst in Kahira bedroht, bat Aded wieder den Nur Eddin um Hilfe, der „seinen Feldherrn Schirkuah sandte n. durch diesen Ä. nochmals vor den Fran- kdn rettete. Nach Schawars Ermordung ernannte der schwache Aded den Schirkuah zu seinem Vezier, u. als dieser nach ein paar Monaten starb, im März 1169 dessen Neffen Saladin, einen Kurden von Geburt. 1171 im Sept. starb nnvermuthct, wol durch Saladins Hand, der letzte Fatimide Aded, u. Saladin erhob sich zum Herrscher Ä-s, gegen Nur Eddins Einwand, der das Land nun für sich erobert erachtete, aber auf dem Zuge gegen Sa- 298 Ägypten. ladin vom Tode ereilt wurde. Bür Saladin Jussuf Ebn Ejjnb, geb. 1137 zu Takrit am Tigris, folgte auf die Dynastie der Fatimideu, welche 272 Jahre die Regierung geführt, die der Ejjubidcn, unter denen sich Ä. sehr hob, besonders Alexandria in den blühendsten Zustand kam und Handel von Spanien bis Indien trieb. Saladin, der Schrecken der Kreuzfahrer, wandte sich zunächst gegen Da- mascus, das er ohne Schwertstreich eroberte, dann nahm er den Franken die syrischen Orte u. vereinigte Syrien mit Ä. Von da wandte er sich gegen Arabien, n. die Uneinigkeit der Christen benutzend, gelang es ihm endlich, am 4. Juli 1187 bei Liberias ihr Heer zu vernichten, nachdem er, mit der Wiltwc Nur Eddins verheirathct, als Stiefvaier des letzten Sultans von Aleppo, und Edessa auch diese beiden Sultanate 1183 mit Ä. vereinigt halte. Folge des Sieges bei Liberias war, daß er am 3. Oct. 1187 in Jerusalem einzog, worauf der 3. Krenzzug gegen ihn unternommen ward; aber die Kreuzfahrer konnten, wenn auch bei Arsuf 7. Sept. 11l>1 n. bei Joppe 1. August 1192 Sieger, doch nichts Entscheidendes gegen ihn auSrichtcn, und , er behielt im Frieden mit Richard Löwenhcrz 2. Sept. 1192 noch ganz Palästina. Nach seinem zu Damascns am'3. März 1193 eingetretenen Tode folgte ihm in Ä. erst sein Sohn Melik el Aziz bis 1198, dann dessen Sohn Mansur, bis 1201 Saladins Bruder, Scifeddiu Melik el Adel I., die Herrschaft an sich riß; dieser wurde vo'n den Kreuzfahrern bei Damictte besiegt u. st. 1218. Gegen seinen Sohn Melik el Kamel rückten 1219 die Kreuzfahrer abermals vor (4. Kreuzzug) n. hatten bereits Damiette genommen, als das Kriegsglück sich wandte. El Kamel erhielt von den Christen 1221 Damictte zurück, befestigte Mansurah, besiegte 1232 den Sultan von Rum u. st. 1237. Sein Sohn Melik el Adel II. theilte anfangs das Reich mit seinem Bruder Nodschcm Eddin Ejjub so, daß dieser Damascns, er selbst Ä. erhielt; aber 1240 riß Nodschem Eddin auch Ä. an sich. 1244 ward Jerusalem von den Kho- waresmicrn erstürmt u. kam damit wieder unter die Herrschaft Ä-s. 1248 begann Ludwig IX. der Heilige gegen ihn, den 6. Krenzzug, um sich durch die Eroberung Ä-s den Weg nach Palästina zu öffnen, er wurde aber, nachdem er sich bereits der Küste Ä-s und Damicttcs bemächtigt, auf dem Wege, Kairo zu erobern, von Turan Schah, der dem Vater Nodschcm 1249 gefolgt war, bei Man- snrah geschlagen n. mit seinem Heere gefangen genommen, 5. April 1250; indes; noch vor der Beendigung der Verhandlungen über dessen Freilassung wurde Turan Schah 1250 von den Mamluken bei einem Gastmahl ermordet. Die Mamluken waren circassischc Sklaven, welche, 18,000 an der Zahl, Nodschem Eddin gekauft hatte u. in allen kriegerischen Künsten unterweisen ließ. Er bildete aus ihnen seine Leibwache u. verlieh ihnen die ansehnlichsten Ehrenstetten; zugleich hatten sie die Äcker in Lehen erhalten und die Ägypter nach und nach zu Leibeigenen gemacht. Unter Turan Schah war ihre Macht so gewachsen, daß sie nach dessen Ermordung den Thronfolger bestimmten. Zunächst setzten sie Nodschem Eddins Gemahlin, S chadgred Der, unter der Leitung des Mamluken Mo'ez Jbegh auf den Thron; da ihnen aber diese Regierung nicht zusagte, so machten sie den Ejjn- bidischen Prinzen Malek el Aschraf Musa zum Sultan. Dieser überließ dem Mo'ez ganz die Regierung, ward 1254 entthront, worauf Mo'ez selbst als Sultan ausgerufcn ward u. somit die Herrschaft der Mamluken auf dem ägyptischen Throne ! eröffncte. „ s VI. Ä. unter der Herrschaft der Mam- lnken (1254 — 1517). X) Die Bahariten (1. Dynastie der Mamluken 1254 —1382) waren unglücklich gegen die Damascener u. riefen den Khalifen Mostassem als Beschützer des Landes ans, schleiften Damiette n. legten im Innern des Landes die Stadt Manaschia an. 1251 führten sic einen siegreichen Krieg gegen Damascns und erhielten im Frieden 1253 Gaza und Jerusalem zngesichcrt, welche Städte sie jedoch 1255 wieder alüreten mußten. Mo'ez hatte inzwischen die ' Schadgred Dor gcheirathet und war (s. o.) 1254 znm Sultan berufen worden. Ws ihn 1257 der Mordstahl seiner Gattin getroffen, wählte die eine Partei der Mamluken Mo'ez' Sohn, den 15jähr. Nur Eddin Ali, der aber schon 1259 abgejetzt wurde. Der nun erwählte Sultan Kotuz Mo- dhaffer schlug die Mongolen bei Gur, nahm Da- mascus u. Aleppo unter seinen Schutz, fiel aber durch die Hand Bibar Dhahcrs, welcher sein Nachsolger wurde (1260). Dieser beruhigte Aleppo u. Damascns, wo sich die Statthalter zu Selbstherrschern aufgeworfen hatten, schloß mit dem grie- ' chischen Kaiser Michael Paläologos ein Handels- bündniß zur Sicherung des alcxandrinischen Handels nach dein Schwarzen Meere, baute eine große Schule in Kairo n. legte daselbst eine Bibliothek an, führte glücklich Krieg gegen die Franken in Palästina (1266), nahm Antiochia (1268), Liberias, Läsarea u. andere Städte n. erhielt im Frieden 1271 Eines«, Barin und mehrere andere Gebiete; sodann unternahm er Züge nach Armenien und gegen die Mongolen, unterwarf auch Nubien und Dongola und st. zu Damascns 1277. Er war ein guter Regent, vcrtheilte alle Jahre bestimmte ! Quantitäten Getreide an die Armen, unterhielt die ^ Wittwen und Kinder der im Kriege gebliebenen Soldaten n. ließ Wasserleitungen n. Brücken anle- gcn. Bibar führte, um dem Staate eine nicht wol entbehrliche religiöse Unterlage zu geben, Nbassidische Khalifen in Ä. ein mit der Äufgabe, fern von allen weltlichen Beschäftigungen, nur die Religionsauge- legcnheiten zu besorgen, und ernannte als ersten derselben Hakem Bcmrillah. Auf Bibar folgte 1277 sein Sohn Bcrek Khan, mußte aber schon 1279, in Folge einer Empörung der Mamluken in Damascns, welche nach Ä. gezogen waren und Kairo besetzt hatten, die Regierung niederlegen; er erhielt Krak, das Schloß der Kurden im Gebiete Emcsa, zum Aufenthalt und st. dort 1280. Sein Nachfolger Kelaun el Mansur unterwarf den Da- masccnischen Statthalter Saukar el Aschkar, der sich als Sultan von Syrien aufgeworfen hatte, erneuerte 1281 den Waffenstillstand mit den Franken und erfocht 1282 bei Eines« einen Sieg über die Mongolen unter Mengo Timur, die Aleppo eingenommen halten. Von den Hospitalitern eroberte er 1284 die Festung Margat bei Laodicea u. zer- 299 Ägypten. störte Tripolis (1289). Auf einem Zuge gegen Ptolemais st. Kelaun 1290, der Erbauer des großen Hospitals (Bimarestan) in Kairo. Ihm folgte bis 1293 sein Sohn, Khalil Melik el Aschraf, welcher Ptolemais und alle anderen Plätze, die den Franken noch gehörten, eroberte, sich in kurzer Zeit ganz Syrien unterwarf und 1292 siegreich gegen Armenien u. arabische Emire kämpfte. Unter seinem Bruder u. Nachfolger, Melik el Raser Mohammed, brach eine Verschwörung in Kairo erst gegen den Großvezier Ketbogha ans, die sich aber dann gegen Mohammed selbst wandte und nach seiner Absetzung den Großvczier Ketbogha ans den Thron hob (1295). Unter ihm suchte eine verheerende Pest Ä. heim, u. ließen sich in der Umgegend von Kairo große Haufen Mongolen (Uiarats), die vor Khan Kazan flohen, nieder. 1296 machte Ladschin Melik el Mansnr, einer der Mörder Khalils, unter Mitwirkung mehrerer Emire einen Anschlag ans des Sultans Leben, in Folge dessen derselbe, Ketbogha, dem Throne entsagte, welchen nun Ladschin bestieg. Da er aber nicht nach dem Sinne der Emire regierte, so ermordeten diese ihn 1299 mit seinem Günstling Mengo Timnr und riefen Mohammed wieder ans den Thron. Unter ihm wurden Inden u. Christen in Ä. sehr bedrückt, namentlich brach gegen letztere, da man sie der Brandstiftung beschuldigte, in Kairo ein Pöbclaufstand ans, wobei viele getödtet u. ihre Kirchen n. Klöster geschlossen wurden. Dagegen machte sich Mohammed durch Begünstigung des Ackerbaues, Verminderung der Abgaben und Anlegung von Kanälen um Ä. verdient. Er starb 1341. Bis 1347 folgten mm 6 Söhne Nascr Mohammeds schnell aufeinander; länger regierte der siebente, Hassan NaserSeifEddin, welcher, um die unmäßige Macht der Mamlnken zu mindern, viele ermorden, andere nach Syrien versetzen ließ. Unter Hassan wüthcte in Ä. die große Pest, die lange Zeit täglich 10—15,000 Menschen in Kairo wegraffle. Er selbst kam 1360 bei einem Aufstande der Mamlnken um. Ihm folgte sein Neffe Mohammed el Mansnr, den aber seine Ausschweifungen so verhaßt machten, daß er 1362 abgcsetzt und bis an seinen Tod (1398) gefangen gehalten wurde. Unter Schaban Aschraf, Hassans Sohn, wurde 1365 Alexandria von Peter von Lnsignan, König von Cypern, erobert, aber von dem Sultan wieder genommen. 1367 begannen neue Feindseligkeiten mit den Franken: Peter eroberte Lripoli, Tortosa, Laodicea n. andere Städte, schloß jedoch spater Frieden mit dem Sultan; 1374 wurde Armenien erobert. Als der Sultan 1377 eine Wallfahrt nach Mekka unternahm, machten die Mamlnken in Kairo einen Aufstand und riefen seinen Sohn, Ali Mansnr Alla Eddin, als Sultan ans, dessen Regierung (1377—1382) unter fortwährenden Meutereien n. Kämpfen der obersten Hofwllrdenträger verlief, bis er, der letzte Sultan aus der Dynastie der Bahariten, von Barkok, einem circassischen Mamlnken, gestürzt wurde. Mit Barkok bestiegen L) die Bordschiten (2. Dynastie der Mamlnken 1382 — 1517) den ägyptischen Thron, nachdem diese circassische Kricger- kaste seit 1290 immer mehr zu Macht u. Ansehen gelangt war. In dieser Zeit umfaßte das Reich der ägyptischen Sultane Ä. (cingerheilt in das südliche, von den Nilfällen bis nach Kairo, u. das nördliche, von Kairo bis an das Meer), Syrien und Hedschar (einen großen Theil von Arabien). Barkok schaffte viele Steuern ab, erbaute eine L-chnle in Kairo und unterstützte die Gelehrten. Nachdem er mehrere Empörungen im Lande unterdrückt hatte, mußte er 1394 gegen Tamerlan ins Feld ziehen, welcher in Syrien eingefallen war. Er starb 1399. Sein Sohn und Nachfolger Faradsch Naser Zern erlebte 1401 einen neuen Einfall Tamerlans in Syrien und unaufhörliche Unruhen in Ä. Er wurde 1412 zu DamascuS ermordet. Von seinen Nachfolgern hatte Barsebai Aschraf (1422 —1438) mit den Franken auf Cypern wegen Wegnahme ägyptischer Schiffe und Störungen des Handels schwere Kämpfe zu bestehen, in Folge deren 1425 König Janus von Cypern gefangen genommen wurde n. seine Freiheit nur damit erkaufen konnte, daß er die ägyptische Oberhoheit anerkaunte. Im Übrigen war bei den schwankenden Zuständen im Innern wenig nach außen unternommen, n. die Raubzüge gegen Rhodus 1440, 1444 rc. hatten schlechten Erfolg. Der vorletzte Sultan, Kausn al Gori (seit 1500), kam mit seiner Flotte den Indern gegen die Portugiesen zu Hilfe u. ward durch Unterstützung einiger Unzufriedenen Herr des südlichen Arabien — jedoch nur für kurze Zeit. Da unter den Unzufriedenen, die Kansu bei sich ausgenommen, auch Derlut, Sohn des Sultans Selim I. der Osmauen, sich befand, überzog ihn dieser mit Krieg n. schlug ihn bei Aleppo. Kansu wollte die Niederlage nicht überleben u. tödtete sich selbst 1516. Die Mam- luken setzten an seine Stelle seines Bruders Sohn, den Tnmaubai al Aschraf; da der wegen Friedens- anträgcu von Selim nach Kairo geschickte Gesandte von den Mamlnken mißhandelt wurde, so zog Selim vor Kairo, schlug 1517 das Mamlukcnhcer n. nahm die Stadt mit Sturm. Der Sultan floh nach Thebais, errang zwar noch einige Vorthcile über die Osmauen, ward aber dann in Syrien geschlagen, gefangen und hingcrichtct, nachdem er im Ganzen 3 Monate regiert. Mit ihm endigte die Dynastie der Bordschiten; auch die seit Mbar wieder in Ä. bestehenden Khalifen wurden aufgehoben, der letzte war Mottawakkel Billah (s. Khalif). VII. Ä. unter türkischer Herrschaft. Ä. blieb, ungeachtet cs den Türken unterworfen war, in einer gewissen Unabhängigkeit. Das Land war in 24 Provinzen getheilt, deren Verwaltung je ein aus den Mamlnken gewählter Bey führte. Diese wählten den Scheikh el Baled, der über ihnen allen stand u. in Kairo residirte. Neben diesem bestand ein Divan ans 7 Mitgliedern, der das eigentlich regierende Element bildete, u. außerdem war noch ein Pascha zur Beaufsichtigung des Divans n. des Scheikhs von der Pforte abgeordnet, der aber in Wirklichkeit nur darauf sah, daß der Tribut richtig abgeliefert wurde. Diese Bcys waren kleine Tyrannen, die sich fortwährend unter einander bekriegten, Las Volk bedrückten und das Land zerrütteten; der Handel stockte, auch der letzte- Glanz von Alexandria schwand, zumal nach Auffindung des Seeweges nach Ostindien zu Ende des 15. Jahrh. der indisch-europäische Handel einen anderen Weg cinschlng. Jndeß wußten die Main- ZOO Ägypten. luten sich nach u. nach in die höchsten Stellen der Armee einzudrängeu u. damit im Divan die Oberhand sich zu schassen u. den türkischen Pascha von sich abhängig zu machen, bis endlich der 1757 znm Bei,) erhobene Ali, die Verlegenheit der eben mit Rußland in Krieg verwickelten Pforte benutzend, sich gegen die Pforte erhob (1763). Nachdem er 1771 seine Gegner beseitigt hatte, verweigerte er der Pforte den Tribut u. ließ sich in Mekka, welches sein Schwiegersohn Mohammed Abu, Dahab für ihn erobert hatte, als Sultan von Ä. ansrufen. Eben galt cs, mit Hilfe des ebenfalls re- bellircndcn Scheikh Daher die Eroberung von Syrien zu vollenden, als Mohammed, bestochen, sich plötzlich gegen Ali Bcy wandte n, den Schwiegervater zur Flucht nach Syrien zu Scheikh Daher zwang. Von dort ans knüpfte Ali Verbindungen mit den Russen u. Benetiancrn an u. begann mit Scheikh Dahers Hilfe aufs Neue die Eroberung. 1772 Sieger über die Türken, eroberte er rasch hinter einander Antiochien, Tripolis, Jerusalem u. Jaffa u. rückte nun gegen Kairo vor. Im April 1773 kam es zur Schlacht mit Mohammed, in welcher Ali gefangen wurde; wenige Tage darnach st. er, wahrscheinlich vergiftet. Mohammed beinächtigte sich nun der Obergewalt von ganz Ä. und erhielt von der Pforte die Bestätigung als Pascha von Ä. Nach seinem Tode 1776 wollten Ibrahim Bey und Mnrad Bey die Herrschaft unter sich theilen; indeß erst nachdem sie den von den übrigen Bcys unterstützten Ismail Bcy mit seinem Heere bis oberhalb der Nil-Katarakte zurückgcworfen, gelang es ihnen, der Regierung sich zu bemächtigen, in welche sie sich so theilten, daß Ibrahim die Verwaltung u. Mnrad die Führung der Armee übernahm. 1786 ward der Kapndan Pascha Gazy Hassan,von der Pforte gegen sie geschickt, der sie auch vertrieb, worauf Ibrahim u. Hakim an die Spitze der Regierung gestellt wurden; allein in Kairo brach wegen der aufcrlegtcn Contribution (40 Will. Piaster) eine Empörung gegen den Ka- pudan Pascha ans, in Folge deren dieser u. die neu eingesetzten Beys vertrieben wurden, Mnrad u. Ibrahim aber in ihre alte Stelle znrllckkehrtcn u. sich nun fast ganz unabhängig von der Pforte machten. Damit begann wieder die gräuliche Mam- lukenherrschast, welche mit ihren Bedrückungen auch der Fremden nicht schonte, so daß schon 1795 der Consnl der französischen Republik zu Kairo, Ma- gallon, bei der Dircctorialregiernng in Paris Beschwerde darüber erhob. Wenn dieselbe auch augenblicklich eine Abhilfe nicht zur Folge hatte, so gab sie dagegen den Gedanken an eine Eroberung A-s als Rache an England durch Schädigung der englischen Interessen im Orient ein — einen Gedanken, den Napoleon Bonaparte nach dem siegreich beendeten Kriege gegen die erste Coalition im Direktorium weiter aussührte und auch zur Ausführung brachte. Nachdem ganz insgeheim die Zurüstungen getroffen, welche Jedermann gegen England gerichtet glaubte, ging Napoleon Bonaparte mit 40,000 Mann u. einer Flotte von 21 Kriegs- n. 300 Transportschiffen 20. Mai 1798 in See, nahm am 12. Juni Malta n. erstürmte am 1. Juli Alexandria; während die Flotte vor Abukir landete, trat das Landheer den Marsch nach Kairo an. Am 12. Juli stieß dasselbe bei Chebrissa oder Ra- manieh auf das erste Heer der Mamlnkcn u. am 21. Juli bei Embabeh oder den Pyramiden auf die unter 23 Beys vereinigte Hauptmacht, schlug dieselbe, worauf Napoleon Bonaparte am 22. Juli als Triumphator in Kairo einzog. Während er selbst die Organisation des Landes in die Hand nahm,,, entsendete er den General Desaix nach Ober-Ä., wohin sich Ibrahim Bey gewandt hatte. Inzwischen erfolgte die Vernichtung der französischen Flotte durch die Engländer unter Nelson bei Abukir, 1. Ang., und nun erklärte die Pforte den Krieg au Frankreich u. beauftragte den Pascha von Syrien, Achmed Dschezzar, mit dem Vorrücken gegen Ä. Bevor aber dessen Heer noch gesammelt war, rückte Bonaparte, nachdem er einen Aufstand in Kairo 23.-25. Sept. niedergeschlagen, im Febr. 1799 in Syrien ein, mußte aber nach vergeblicher Bcrennung u. 2monatlicher Belagerung von Acca im Mai mit seinem durch Hnngersnoth und Pest stark geschwächten Heere den Rückmarsch nach Ä. antreten, wo er am 25. Juli bei , Abukir den Kapndan Pascha schlug. Da ihm Ä-s Besitz so weit gesichert schien, kehrte er im Ang. nach Europa zurück, dem General Kleber den Befehl überlassend. Dieser schlug zwar einen Landungsversuch der Türken am 1. Nov. ab, mußte aber, ohne Hoffnung auf Hilfe, sich entschließen, am 24. Jan. 1800 mit dein Großvczier u. dem englischen Commodore Sir Sidncy Smith zu El-Arisch einen Vertrag ans Räumung Ä-s zu schließen; da jedoch der englische Admiral Keith bei dem Abzüge die Zurücklassung der Waffen verlangte, erneuerte Kleber den Kampf n. schlug am 20. März 1800 bei Heliopolis (Matariey) den Großvczier, eroberte Kairo wieder n. unterwarf ganz Ä. aufs Neue; ja selbst der bisher noch nnbezwungcne Mnrad schloß Frieden u. bot Hilfeleistungen an Truppen u. Geld. Kleber wurde am 14. Juni 1800, am Tage von Marengo, von einen: fanatischen Türken ermordet, worauf General Menou den Oberbefehl übernahm. Von den Engländern am 21. März 1801 besiegt, am 9. April bei Ramanieh förmlich geschlagen, capi- tnlirte General Belliard am 27. Juni in Kairo und Mcnan am 30. Ang. in Alexandria dahin, daß die Truppen mit Waffen u. Gepäck auf englischen Schiffen nach Frankreich zurückgeführt würden. Ungeachtet dieses Mißlingens hatte die französische Invasion viel dazu beigetragen, durch das zu Kairo errichtete Institut französischer Gelehrten, unter Dcnons Leitung, Ä. Europa wieder bekannter zu machen. Die Mamluken wollten nun, von den Engländern unterstützt, ihre gewohnte Herrschaft Herstellen u. in die Hände des den Franzosen sehr günstigen Omar Bcy legen; die Türken dagegen unter dem Großvczier strebten, die ganze Macht an sich zu reißen. Der Kapudau Pascha lockte mehrere Beys auf ein Boot u. ließ sie dort verhaften, die sich widersetzenden aber niederhaucn. Zwar wurden die Gefangenen durch Fürsprache der Engländer, welche Alexandrien noch immer besetzt hatten, wieder befreit, aber dennoch verloren die Beys, als die Engländer im März 1803 abzogen, viel an ihrer Macht. Diese wieder zu erhalten, lockten die Beys den Statthalter der Pforte, Ali Pascha, nach Kairo n. ermordeten ihn, 1804. Znm 301 Ägypten. Nachfolger desselben als Pascha wurde Achmed Dschezzar, Pascha von Syrien, ernannt, aber noch bevor er in Ä. cintraf, erhoben sich die Albanesen gegen die Beys, ermordeten drei derselben n. ver- lagten die übrigen nebst deren Haupt, Elfi Bey, im März 1804 aus Kairo. Hierbei war Khosrcw Pascha, der bisher in Alexandrien als Privatmann lebte, sehr thätig gewesen, n. da Achmed Dschezzar gestorben war, erhielt er an dessen Stelle die Statthalterschaft, mußte jedoch bald den Ränken des von ihm selbst begünstigten Befehlshabers des Albanesen-Corps, Mehcmed Ali, weichen, ebenso sein Nachfolger Khurschid Pascha, dem Mehcmed, von den Eingeborenen znm Pascha ansgernsen, diesen Titel überlassen hatte. Als übrigens Khnr- schids Verwaltung das Land empörte, erklärte Mebcmcd Ali sich offen gegen ihn u. ward nun selbst mit Hilfe des französischen. Consnls von der Pforte 1806 znm Pascha von Ä. ernannt. Versuche, von britischer Seite cingegeben, ihn von der Stelle wegznlockcn, scheiterten an dem Widerstande der Albanesen, und so blieb Mehcmed Ali Statthalter von Ä-, für welches mit ihm eine neue Ära begann. VIII. Ä. als Vicekönigrcich. Mehemed Ali wandte sich sofort gegen die in ihren Ansprüchen ans die Herrschaft des Landes von den Engländern unterstützten Mamlnkenbeys, zwang den ihnen zu Hilfe eilenden englischen General Arazer zu einer Capitulatiou n. schloß endlich, nachdem die Beys Mnrad n. Elfi gestorben, einen Vertrag mit den Mamluken, dem gemäß sie nach Kairo znrückkehren u. dort einen Theil ihrer alten Macht wieder erlangen sollten. Indes;, da sie immer wieder neue Unruhen erregten, beschloß Mehemed Ali endlich, sich ihrer ganz zu entledigen, indem er am i l.März 1811 bei einer veranstalteten Festlichkeit durch seine Albanesen die meisten Beys niedermachen, die übrigen, mit Ausnahme der französischen Mamluken, ergreifen und enthaupten ließ; dasselbe Schicksal theilten die nach Obcr-Ä. geflüchteten im folgenden Jahre. Somit unumschränkter Herr, .erregte er aber auch schon die Besorgniß der Pforte, die, seine Macht zu schwächen, ihn mit Bekämpfung der in Arabien um sich greifenden Wcchabiten beauftragte, ihm aber damit nur Gelegenheit gab, sich seiner störrigen Albanesen zu entledigen u. nun, von diesen unbehelligt, fein Heer nach europäischer An zu reorganisiren. Durch die Besiegung der Wechabitcn bereits Herr eines großen Tyeils von Arabien, gewann er durch einen 1820—22 gegen Nubien, Sennaar n. Kordofan unternommenen Zug nicht nur bedeutenden Gebietszuwachs, sondern auch neues Material und Geld zur Rekrutirung seines Heeres, mit dessen Organisation die der Flotte gleichen Schritt hielt. Diese trat zuerst 1824 in Aclion, als die Pforte Mehemed Ali beauftragte, das rebellische Griechenland zu unterwerfen. Sein Adoptivsohn Ibrahim Pascha eroberte ganz Morea 1825, mußte aber, nachdem nach zweimaliger Verstärkung seine Flotte im September 1827 von der britischen, russischen n. französischen Flotte im Hafen von Navarino blokirt u. endlich mit einem Theil der türkischen am 20. Oct. 1827 fast gänzlich vernichtet war, in Folge eines Vertrages mit dem französischen General Maison mit dem Reste seiner Truppen 1828 hcimkehrcn. Da Mehemed Ali, nun von der Pforte zur Genüge geschwächt gehalten, anstatt des als Lohn für die Unterwerfung Griechenlands versprochenen syrischen Districts von Acca nur die Insel Candia, die er 1830 Ä. einverleibte, erhielt, benutzte er den Umstand, daß der Statthalter von Acca einige tausend flüchtige Fellah ihm nicht anslicferte, im Der. 1831 unter Ibrahim Pascha ein Heer in Syrien einrücken zu lassen, das am 27. Mai 1832 Acca nahm n. sich in raschem Laufe trotz der vom Sultan ausgesprochenen Ächtung Mehemed Alis u. seines Adoptivsohnes bis Ende 1832 der ganzen Provinz Syrien bemächtigte. Eine drohende Intervention Rußlands, sowie der übrigen Mächte hielt Ibrahim ab, die errungenen Vorthcilc zu verfolgen, u. nöthigte Mehemed Ali znm Frieden von Kintahia, 4. Mai 1833, durch welchen unter Freisprechung von der Acht Mehe- mcd Ali noch die Statthalterschaft von Syrien erhielt, von den europäischen Mächten der Form nach als Großwürdenträger der Pforte, in Wahrheit aber als Souverän anerkannt wurde, ein Werk der französischen Politik, auf deren Erfolge im Orient eifersüchtig, die Engländer bei der Pforte zur Erneuerung des Krieges gegen den übermächtigen Vasallen drängten. Während inzwischen Mehemed Ali in Syrien nur mit der größten Strenge seine Herrschaft behaupten konnte und Ibrahim Pascha in Arabien unglücklich focht, ließ die Pforte im Juni 1839 ein neues Heer an den oberen Euphrat rücken, das am 22. Juni n. an: 24. dann bei Nisib von den Ägyptern total geschlagen wurde. Znm zweiten Mal stand der Weg nach Constantinopel offen, und die Verhältnisse günstiger denn je, zumal Mahmud II. 1. Juli 1839 gestorben n. Abdul Medschid den Thron bestiegen, der Kapndan Pascha aber, anstatt sich gegen Mehemed Ali zu wenden, am 14. Juli mit der türkischen Flotte in Alexandrien sich unter den Schutz Mehemed Alis stellte; allein Rußland und England legten sich nun ins Mittel n. brachten mit Preußen u. Oesterreich die Quadrnpelallianz vom 15. Juli 1840 zu Stande, durch welche diese Mächte sich zum Einschreiten gegen den Pascha verpflichteten, dem Sultan aber auch das Siecht znstand, jedes dem Pascha gemachte Anerbieten znrückzn- ziehen n. nur nach seinem Interesse u. den Rath schlügen der Pforte zu handeln. Da Mehemed Ali indeß, von Frankreich zum Widerstande gereizt, auch die Vorschläge der Mächte — wonach er die Verwaltung Ä-s erblich und die eines erst zu begrenzenden Theils von Syrien lebenslänglich erhalten sollte, gegen Herausgabe von Arabien, Candia, Ädana u. dem übrigen Theil von Syrien n. Auslieferung der türkischen Flotte — zurückwics, entsetzte der Sultan den Vasallen und ernannte an seiner Stelle am 15. Sept. 1840 Jzzet Mohammed zum Pascha von Ä. Zugleich nahm die verbündete Flotte die syrischen Städte n. vertrieb die ägyptische Besatzung daraus, während der Libanon sich empörte n. Ibrahim Pascha zu Lande geschlagen wurde. Mehemed Ali blieb trotzig, bis endlich am 4. November Acca fiel und das englische Geschwader unter Commodore Napicr vor Alexandrien erschien; jetzt begann er, von Frankreich verlassen, mit Nifaat Pascha und den Consuln der Mächte zu unterhandeln. Anfangs Januar 1841 willigte die Pforte in die besonders von England jetzt unterstützte Erblichkeit des Paschaliks von Ä., worauf Mehemed Ali alle anderen Besitzungen, Candia, Syrien, Arabien räumte, die türkische Flotte heransgab und sich dem Sultan unterwarf. Nach einem von den Großmächten (Frankreich mit eingeschlossen) garantirten Hatti - Scherif voni 13. Fcbr. 1841 wurde das Vcrhältniß des Lehnsstaates Ä. zur Pforte dahin geregelt, daß den männlichen Dcscendentcn des Paschas nach dem Rechte der Erstgeburt die erbliche Herrschaft über Ä. mit Einschluß der Erwerbungen am oberen Nil verbleiben, die Administrativgesetze des Landes mit denen der übrigen türkischen Provinzen in Einklang gebracht, die Abgaben mit Zustimmung nnd im Namen des Sultans-erhoben, sämmtlichc von der Pforte mit dein Auslände geschlossenen Tractatc für A. giltig sein sollten u. vorläufig ein Drittheil der Jahrcscinkünfte jährlich an die Pforte als Tribut bezahlt werden sollte (damals 80,000 Beutel — 2,og Will. Thlr.). Bezüglich des Heeres wurde eine Reduction aus 18,000 Mann, Ernennung der Offiziere vom Obersten aufwärts durch den Sultan n. dessen Genehmigung zur Vermehrung des Heeres, sowie zum Bau von Kriegsschiffen festgesetzt. Am 1. Juni 1841 erfolgte der Jnvestiturfcrman des Großsnltans für den Vicckönig, der sich von nun ab nur der Hebung der durch die fortwährenden Kriege stark beeinträchtigten Hilfsquellen des Landes, freilich in der ihm eigenen Weise widmete. Um die Mittel für diese Kriege sich zu verschaffen, hatte Mehemed Ali von Anbeginn an zwar auch die materielle Cultur des Landes n. den Ackerbau durch europäische Civilisationsmaßregeln zu heben gesucht, dabei aber gegen die Unterthanen ein aller Eivilisation Hohn sprechendes Bedrücknngs- und Aussangnngssystem angcwcndct. Zuerst wurde das Grundcigenthum sämmtlicher Moscheen u. frommen Stiftungen (Wakus) eingczogcn, dann das der Erbpächter u. endlich gar der größte Theil des Grundes u. Bodens überhaupt in seinen Privatbesitz. Die Landbanern mußten die ganze Ernte dein Pascha zu einem von ihm festgesetzten Preise verkaufen u. dann wieder von ihm ihren Bedarf zu Saat u. Nahrung erkaufen. Daneben das raffinirtestc Steuersystem, welches Alles bis auf die Streu herab, jeden Halm n. jeden Baum u. wiederum Alles, was daraus verfertigt wurde, besteuerte u. alle diese Stenern, wie auch die Kopfsteuer, durch das System der Solidarität der Steuerzahler der Regierung stets in ihrem vollen Betrage sicherte. Die nächst schwerste Bedrückung war die einer Mcnschcnjagd gleichende Rekrntirung des Heeres, bei welcher besonders gegen die Neger die schändlichsten Grausamkeiten verübt wurden. In den 30er Jahren trat einige Erleichterung ein: von der Ernte nahm die Negierung nur so viel, als die Steuern betrugen, die Bestimmung des Preises blieb aber; dazu wurde dem Landbauer vorgeschriebe», was u. wie viel er bauen sollte, wobei der größte Theil für den Indigo- und den von Mehemed Ali eingeführtcn Baumwollenbau bestimmt wurde. Auch hiervon mußte die Ernte ausgeliefert u. der Bedarf wieder erkauft werden. Seiner Finanz- u. Wirthschaftspolitik entsprechend, ließ sich ans der anderen Seite Mehemed Ali die Verbesserung des unter der Mamlukcn-Herrschaft ganz verfallenen Bewässerungssystems durch geeignete Kanalisirnng u. ausgedehnte Dammbauten imDclta angelegen sein, so daß das 1807 600,000 Iia umfassende cnltnrfähige Land 1840 über IH Mill.Irs, betrug. Auch für Einführung der Fabrikindnstrie, namentlich in Seide u. Baumwolle,, bemühte er sich; aber, da der Pascha auch hier der einzige Inhaber blieb, nur zum Schaden für das Land, wie anderseits für die Regierung selbst, da durch diese Monopolisirung, die er selbst ans den Sklavenhandel ansdchnte, der Handel ins Stocken gericth. Wol geschah auch alles Mögliche, um der europäischen Cultur n. Eivilisation in Ä. Eingang zu verschaffen: Schulen, Institute wurden gegründet. Eingeborene ans Staatskosten im Anslande erzogen, Fremde in die höchsten Stellen berufen, selbst eine politische Zeitung wurde gegründet, — aber kamen diese Institute auch Einzelnen zu Gute, im Ganzen waren sie nur darauf berechnet, der selbstsüchtigen Politik des Paschas zu dienen. Dieselben Gesichtspunkte wurden auch bei der Reform der öffentlichen Verwaltung, der Ausarbeitung eines Civilgcsetzbuchcs nach französischem Muster, bei dem Versuche, eine Art Volksvertretung zu schassen, dnrchgcführt. Die Statthalter der Provinzen, die Bezirkschcfs, die Vorsteher der Städte n. ländlichen Gemeinden re., im Ganzen 200 Mitglieder, wurden 1829 unter dem Titel „Ccntralrath" nach Kairo berufen, um mit der Regierung über die LandcSangclegcnheiten zu berathcn und dann als Centralpnnkt für das ganze Land den Provinzial- Vcrwaltnngsräthen die Gegenstände ihrer Berath- ^ ungcn anznweiscn. Was er genützt, davon hat t die Lage des Landes in den 30er Jahren, wie der ^ Centralrath sich später äußerte, selbst das beredteste Zcngniß abgelegt. — Nach dem Schlage des Jahres 1 1841 mußte Mehemed Ali ans Andringen der Pforte 1842 sich zur Aufhebung des Monopol- ^ systems n. Herabsetzung der Ausfuhrzölle verstehen; Z indeß, da. der Pascha Besitzer der Fabrikindnstrie s nnd des größten Theils des Grundes n. Bodens st war, blieb auch dieser Schritt zur Handelsfreiheit Is eine Illusion, thatsächlich bestand das Monopol- s systcm fort. Der. nächste Gegenstand seiner Auf- > ^ merksamkcit war die Hebung der Landescultur bc- i > Hufs weiterer Entwickelung der Stcuerfähigkeit. i Um über die betreffenden Maßregeln, sowie auch s über die Mittel zum Ersätze für den Schaden, rcsp. s Stencransfall, welchen die von 1841—42 wüthende s Rinderpest angerichtct, zu berathcn, berief er den l oben bezeichnet«: Ccntralrath; als aber dessen Bc- ; richt dahin lautete, daß Ä. in jeder Beziehung dem . s Ruin entgegengehe, das Elend bereits die höchste Stufe erreicht habe, entließ ihn der Pascha, klagte über Vcrrath u. zog sich für einige Zeit von der Staatsleitung zurück, die er jedoch schon nach eini- st gen Monaten im August 1844 wieder übernahm. ^ Er traf auch Anstalten zum Bau eines großen i s Nildammcs zur Gewinnung neuen Culturlandes ! l und widmete der Idee des Suczkanals die vollste s Aufmerksamkeit. Doch hatte die bei ihm eingctre- s tene u. in immer bedenklicherem Grade zunehmende - geistige Zerrüttung seine Absetzung durch Ibrahim z Pascha, der sich bisher vorsichtigst aller Einmischung l 303 Ägypten. in die Regierung enthalten hatte, u. die Einsetzung eines Regentschaftsrathes April 1848 zur Folge. Ibrahim Pascha erhielt seine Belehnung mit Ä. durch den Sultan am 1. Sept. 1848 in Coustan- tinopel u. begann seine Regierung damit, daß er Len armen, durch die große Nilüberschwemmung 1848 hart beschädigten Unterthancn K der Kopfsteuer erließ, wovon A die Begüterten tragen mußten. Er st. aber bereits 10. November 1848 in Kairo. Ihm folgte sein Neffe Abbas Pascha, der Enkel Mehemed Alis. Dieser, damals auf einer Wallfahrt nach Mekka begriffen, kam gegen Ende November nach Alexandrien zurück, wurde durch einen Ferman am 7. Dcc. bestätigt u. am 13. Jan. 1849 zu Constantinopel belehnt, wobei er den Rang eines Großveziers erhielt, da bei Lebzeiten Mehemed Alis (st. in gänzlicher Vergessenheit 2.Aug. 1849 zu Alexandria) der Sultan dem ägyptischen Regenten den Titel Vicckönig nicht verleihen wollte. Abbas Pascha verminderte die Kriegsmacht, gab die kostspieligen u. unzweckmäßigen Festnngsbanten u. Maunfacmr-Etablissements auf, setzte die nn- verhältnißmäßig hohen Gehälter der höheren Beamten auf ein Dritttheil herab, schaffte die Kopfsteuer ab, begünstigte die Ackerbauindustrie n. befreite den inländischen Handel von dem auf ihm lastenden Monopolsystem — Mes aber nur ans Haß gegen europäische Civilisation; dazu grausam, mißtrauisch, träge, nur seinen Lüsten lebend, ohne Sorge um das.Land, zog er sich zahlreiche Feinde zu, u. als sein Handelsministcr Artim Bcy, flüchtig geworden, in Constantinopel gegen ihn zu agi- tircn begann, fand dieser sofort vollste Unterstützung, selbst an England und Rußland, so daß die Pforte beschloß, den Vicckönig wieder in das alteAbhängig- keitsverhältniß zurückzudrängcn. Sic trat daher Anfangs Febr. 1851 plötzlich mit dem Befehl auf sofortige Einfühlung des Tansimat (d. i. der Anordnungen, welche das Reich einer vollständigen Umgestaltung in europäischer Richtung entgegensühren sollen) u. daun mit einer Reihe anderer Forderungen gegen AbbaS Pascha hervor, deren Erfüllung seine Macht von Grund aus hätte brechen müssen; dieser antwortete durch umfassende Rüstungen, bei denen es jedoch einstweilen sein Bewenden hatte, zumal die Ä. belassene geringe Militärmacht kaum ausrcichtc, die störrischen Provinzen niederznhalten. Ernster wurde die gegenseitige Mißstimmung dadurch, daß die Pforte im Sept. gegen den von Abbas Pascha ohne ihre Genehmigung mit England abgeschlossenen Eisenbahnvcrtrag Protest erhob. Dieser Streitpunkt fand jedoch durch den unterm 4. Nov. er- theilten großherrlichcn Ferman über Genehmigung des Vertrages Erledigung, u. auch bei den anderen Streitpunkten gelang die Ausgleichung dadurch, daß Abbas Pascha der Pforte jährlich 150,000 Beutel mehr Tribut zu zahlen und den Tansimat anznnchmen versprach, .wogegen ihm das Recht über Leben u. Tod in Ä. noch weitere 7 Jahre, sowie das Recht der Verfügung über seine Unter- lhanen in Frohn- und Militärdiensten überlassen wurde — Rechte, welche nachmals noch weiter ausgedehnt wurden. Nachdem er die Pforte bei ihren seit Anfang 1853 wachsenden Bedrängnissen durch Vorstreckung des Tributs auf ein Jahr einen wesentlichen Dienst geleistet hatte, wurde er zum ersten unter den Statthaltern ernannt, erhielt das Recht über Leben und Tod in seinem Lande auf Lebenszeit u. überdies eine unbeschränkte Autorität über alle Glieder der Familie Mehemed Alis. Von da an erwies er sich der Pforte in jeglicher Weise willfährig, unterstützte namentlich den Sultan in dem bald darauf beginnenden Kriege gegen Rußland durch Truppen, Schiffe u. Getrcidesendungen, in Folge dessen auch der russische Generalconsul in Ä. alsbald abbcrufen wurde. Inzwischen war der Eiscnbahnbau unter Leitung englischer Ingenieure rasch fortgeschritten; die Strecke von Alexandrien bis zum Nil (105 üm) wurde 4. Juli 1854 eröffnet. Dagegen litt das Land unter dem auch von Abbas Pascha in Anwendung gebrachten Wnchersystem, Erpressungen n. erneuten Handelsbeschränkungen sehr. Als Abbas Pascha 12./13. Juli 1854 Plötzlich starb, wahrscheinlich durch Ermordung, folgte ihm in der Ne.gicrnng Ä-s Said Pascha, der 4. Sohn Mehemed Alis, geb. 1822. Er erhielt am 20. Ang. die Investitur in Constantinopel, wo er sich zu einer jährlichen Beisteuer von H Will. Piaster während der Dauer des Krieges mit Rußland verpflichtete. Der europäischen Bildung zugethan, wohlwollend u. aufgeklärt, suchte er die Lage des Volkes erträglicher zu machen, indem er vor Allem, allerdings unter Beibehaltung der von seinem Vater eingcführtcn Landesvcrwaltnng, die Gewalt der Probinzialgouvernenre (Mndirs) u. namentlich der Dorfvorstände (Scheikh el Beled) einschränkte, eine regelmäßige Nekrntirnng einführte, die Steuerüberbürdnngcn milderte, die Steuerfähigkeit der Landesbewohner registrircn ließ, die Frohn- dienstc anfhob, die Finanzverwaltung unter Con- trole stellte, seine persönlichen Ausgaben von denen der Staatsverwaltung schied, einen Staatsrath zur Prüfung der zu erlassenden Verordnungen bestellte, Anbau n. Ernte dem Landbauer zur freien Verfügung ließ und die Naturalleistnng in Geldstener verwandelte. Während manche dieser Einrichtungen allerdings erst nach und nach getrosten wurden, schaffte er die Monopole des Gctreidehandels sofort ab und gab den Banmwollcnban u. den Baum- wollcnhandcl frei, verbot den Sklavenhandel in allen seinen Ländern, hob ans dem Rothen Meere die Abgabe aus Kauflente u. Waarcn zn Suez u. Kosscir im Sinne allgemeiner Handelsfreiheit auf. Im März 1857 unternahm er mit 5000 Mann eine Expedition nach L-udan, dem er ebenfalls auf persönliche Freiheit gerichtete Institutionen verlieh. Jndeß beeinträchtigte er die Vortheile u. Erleichterungen, die er angcstrebt, selbst wieder durch eine umfassende, höchst kostspielige Reorganisation der Armee, namentlich der Artillerie, durch Ausführung von Prachtbauten, Hang zu maßloser Freigebigkeit u. kolossale Summen verzehrende Reisen. Großes Verdienst dagegen erwarb er sich durch die Unterstützung des schon von seinem Vater gehegten Projekts der Durchstechung der Landenge von Suez, dessen Ausführung er trotz des von der Pforte u. England dagegen ins Werk gesetzten Widerstandes betrieb. Bei seinem am 18. Jan. 1863 erfolgten Tode hintcrließ er die Negierung des mit drückenden Schulden belasteten Landes seinem Neffen Ismail Pascha, einem Sohne Ibrahim Paschas, der, in den Grundsätzen seiner Vorgänger erzogen, diese 304 Ägypten. im Allgemeinen auch befolgte. Die erste Schwierigkeit, die sich ihm bot, waren die zum Theil persönlichen Verpflichtungen, welche Said Pascha in Betreff dcsSnezkanals übernommen hatte u. welche Ismail Pascha aus den Staat wälzen wollte; allein nahe an 100,000 eingeborene Arbeiter für Len Kanal stets in Bereitschaft zu halten, drückte zu schwer auf das Land, u. so präcisirte die Pforte in Übereinstimmung mit dem Vicekönig April 1863 die Bedingungen für die Fortsetzung der Kanalbauten in einer an Frankreich u. England gerichteten Note. Nach langen fruchtlosen Verhandlungen mit der Compagnie entschied endlich KaiserNapoleouIII., zur Vermittelung angerufen, im Aug. 1861 dahin: Verzicht der Compagnie auf die Frvhnden gegen eine Entschädigung von 38 Mill. Fcs.; Abtretung des Süßwasscrkanals an die ägyptische Regierung, jedoch mit dem Benutzungsrechte für die Gesellschaft; für diese Abtretung u. die Vollendung der Arbeiten eine Entschädigung von 10 Mill. Fcs., für den Verzicht auf die Kanalsteuer von 6 Mill.; Überlassung von 30,000 im Land an die Gesellschaft für Anlage ihrer Baulichkeiten; Rückgabe von 60,000 Im Land an die Regierung gegen 30 Mill. Fcs. Entschädigung. Bei dieser Negnlirung, welcher die Pforte namentlich bezüglich der Territorien erst zu Anfang 1866 znstimmte, hat Ismail Pascha zwar Vortheile erlangt, aber sie kosteten das Land 84 Mill. Fcs., für deren Aufbringung eine ncue.Anleihe uöthig wurde. Jndeß der Credit des Landes war erschöpft, zumal 1864 n. 1865 in Mittel- n. Unter-Ä. herrschende Viehseuchen die eingeborenen Landbaner in äußerste Roth gebracht, theilweise daS Land verödet hatten. Aus solcher Noch sollte nun eine Art Parlament helfen: 75 De- pntirte, ohne Rücksicht auf die Religion von den Grundbesitzern auf 3 Jahre gewählt, sollten über die inneren Angelegenheiten — soweit die Regierung ihnen diese unterbreiten würde — berathen. Diese Versammlung trat am 18. Nov. 1866 zum ersten Mal zusammen, um erst die Zustimmung zur Erhöhung der Steuerlast zu geben, den zur Herstellung u. Erhaltung der öffentlichen Bauten unentbehrlichen Frohndicnst zu regeln u. dann zur Durchführung der Jnstizreform zu Helsen. Alljährlich tritt seitdem diese Versammlung zusammen, — aber das persönliche Regiment des Vicekönigs bleibt nach wie zuvor. Überhaupt kennzeichnet Ismail Paschas Regierung das Bestreben nach möglichster Selbstständigkeit. Die erste Stufe dachin, die Abschaffung des bisherigen Erbfolgerechtes (Nachfolge des ältesten Familiengliedes) und Einführung der direkten Nachfolge vom Vater auf den Sohn, hatte er bereits durch großherrliche Verordnung vom 26. Mai 1866 erlangt, freilich mit schweren Geldopfern. Aber er wollte noch Höheres erreichen, u. darum stellte er dem Sultan ein Hilfscorps von 30,000 Mann zur Unterdrückung des Aufstandes auf Candia und erhöhte freiwillig den Tribut an die Pforte, bei der nun, auf diese Opfer fußend, der seit Sepiember 1867 zum Minister des Auswärtigen ernannte Nubar Pascha mit neuen Forderungen hervortreten mußte, lautend, auf Aufhebung des Hatt-i-Schcrif von 1841 und auf Erhöhung des Ranges. Der Sultan gewährte, theilweise darauf eingehend, 1867 eine größere Selbstständigkeit in Bezug auf innere Landcsvcrwaltnng, Zölle, Fremdenpolizei, soweit internationale Verträge u. polnische Conventionen dadurch nichr betroffen werden, Mitberathung der ägyptischen Regierung bei Abschlicßnng von Handelsverträgen u. den Titel „Khedive" (Stellvertreter, Vicekönig) anstatt des bisherigen „Mali" (Statthalter). Auf Grund dieser Befugnisse trat Ismail Pascha sofort mit neuen Anträgen auf weitergehende Selbstständigkeit hervor, unbeirrt um den Widerspruch der Pforte, bis endlich nach einem die volle kln- botmäßigkeit des Vicekönigs darlegenden Notenwechsel, veranlaßt durch dessen Reise nach Europa, der Sultan sich gcnöthigt sah, am 29. Nov. 1869 den Khedive als abgesctzt zu erklären, wenn er sich in die Forderungen der Pforte nicht unbedingt füge, nämlich RcLuction der Armee, Auslieferung der bestellten Panzerschiffe n. Hinterlader, Verzicht auf alle selbstständige Verhandlung mit Len europäischen Mächten, Vorlage des jährlichen Budgets, Herabsetzung der bestehenden Stenern, Aufgebot der Einführung neuer Steuern u. der Aufnahme neuer Anlchcn nicht sofort zngestehe. In richtiger Erwägung der Umstände gab Ismail Pascha nach u. erklärte das gesammte Finanzwesen Ä-s der Aufsicht der Pforte unterstellen und den sämmrlicheu Forderungen genügen zu wollen, ja, ließ zum Zeichen seiner Unterwerfung am 9. Dec. 1869 den großhcrrlichcn Fdrnian, der die Forderungen enthielt, in Kairo publiriren. Jndeß erst persönliches Erscheinen in der türkischen Hauptstadt führte zu besseren Beziehungen zwischen dem Khedive u. der Pforte, besonders nach dem Ableben Aali Paschas (6. Sept. 1871), des entschiedensten Gegners Ismail Paschas, so daß letzterer (Juni 1872) die Genehmigung zu der neuen, von der betreffenden internationalen Commission in Kairo fertig gestellten Gerichtsverfassung erlangte, u. später ein von einem türkischen Gesandten 30. Sept. in Kairo übergebener Fermau des Sultans sämmtliche seit 1869 snspcndirten Privilegien des Fermans vom 5. Juni 1867 aufs Nene bestätigte u. die Erlanbniß zur Aufnahme von Anlehen ertheilte; ja endlich, allerdings nach verschiedenen Geldopfern, erreichte der Khedive gelegentlich einer dritten Reise nach Cou- stantiuopcl 8. Juni 1873 einen neuen Ferman, der eine neue Ära Ä-s bezeichnet, indem er das Verhältniß zwischen der Pforte u. dem Vicekönig- thnm unter Aufhebung der bisherigen Fermane in Folgendem genau präcisirt: Für die Erbfolge gilt das Princip der Erstgeburt und der Liueal- snccession; ist der Thronfolger minderjährig, so kann der Khedive testamentarisch einen Vormund bestellen, den der Sultan nach empfangener Anzeige anerkennt; ist testamentarisch Nichts bestimmt, so treten sämmtliche Minister m der Oberbefehlshaber der ägyptischen Armee unter Vorsitz des Ministers des Innern zu einem Vormundschaftsrathe zusammen, welcher den von der Pforte zu bestätigenden Vormund zu wählen hat; mit dem 18. Jahre tritt die Großjährigkeit ein, n.' erhält der Khedive das Bestalluugsdecret der Pforte an diesem Termin ; der Khedive ist völlig unabhängig in Verwaltung u. Justiz; er hat das Recht, Verträge mit fremden Staaten abzuschließen u. sich bei solchen vertreten zu lassen; er hat das Münzrecht, bestimmt 305 Ägyptenkiesel — Ägyptische Maurcrei. dm Stand der ägyptischen Armee, welche aber die Feldzeichen des Sultans trägt, ebenso den Stand der Flotte; nur znm Bau von Panzerschiffen ist die Erlaubnis des Sultans erforderlich; als Beweis der Anerkennung der Oberhoheit des Sultans u. für den Genuß aller dieser Rechte entrichtet der Khcdive einen jährlichen Tribut von 150,000 Beuteln (4H- Mill. Thlr.) an den Sultan; endlich gebührt dem Khcdive der Rang vor dem Großvezier und mithin das Recht, durch das für Souveräne u. deren Vertreter bestimmte Thor in den großherrlichen Palast zu treten. Ä. selbst haben alle diese Errungenschaften des Khcdive wenig oder nichts genützt: das Volk ist arm, unwissend geblieben u. seufzt unter politischem wie materiellem Drucke; die Production leistet, dank den wirth- schastlichcn Systemen des Bicckönigs, der fast die Hälfte des cultivirten Bodens in seiner Hand hält, bei Weitem nicht, was das reiche Land liefern könnte, u. damit leiden Handel n. Zölle. Die von Ismail Pascha gegründeten höheren Lehranstalten rc. erweisen sich nutzlos, da dem Volke die Vorbildung fehlt, sie zum großen Theil nur zur Befriedigung des persönlichen Ehrgeizes Einzelner dienen. Was geschah, geschah nur im Interesse des Vicekönigs, mit Ausnahme der Eisenbahnen, welche die Hauptstädte planmäßig mit einander verbinden. Unter die Regierung Ismail Paschas fällt auch die Annexion der nördlichen abcssinischcn Länder Bogos und Mensa unmittelbar nach dem Abzüge der Engländer nach deren abessinischcr Ex- / pedition; ferner die Bakcrsche Expedition nach den oberen Nilregionen, in Folge deren Ä. in diesen Ländern festen Fuß faßte; endlich die Rohlfssche Expedition in die Libysche Wüste. Gegenwärtig (Herbst 1874) ist der Ahedivc in einen Krieg mit dem Sultanat Darfur verwickelt, der bei glücklichem Ausgange von größter Bedeutung für die Erforschung von Centralafrika werden dürfte. Literatur. Champollion, Lsttrss au vne äu Lineas. Par. 1824, 1826; Böckh, Manetho . u. die Hundssternperiode, Berl. 1845; Osbnrn, .än- I cionb Logd. 1846; Nolan, ll'Iis LiMptinn » (idronoloA)', Lond. 1848; Lesueur, Elironolo^is äos rois der Nattern, Oolubriäao. Darunter Uoesrous ! (Oolubsr airastuUa L.), etwa 1 m lang, 1^ em ! dick; blau, smaragdgrün schillernd, mit goldenen s Streifen auf dem Rücken u. an den Seiten, silbcr- s weiß am Bauche, Kopf blau, weiß u. schwarz; ist s niückiädlich n. lebt in Brasilien. - Ahaus, 1) Kr. im Regbez. Münster der preuß. Prov. Westfalen; 688 Hstrm (12^ d>M), 29,2 imi s Eisenb. (Dortmund-Enschede); 35,755 Ew. 2) Stadt darin mit Schloß, Station der Dortmund-Enscheder , ^ Eisenb.; Leiuenweberei, Seidenweberei, Tabak- ; s fabrikation; 1690 Ew. Stadt u. Kreis waren ur- i s sprünglich Besitzthum der Dynasten von A., nach ^ deren Erlöschen sie 1406 durch Verpfändung an das , Hochstist Münster kamen. 1803 erhielt sie Fürst s 309 Ahausen - bauptschluß als Entschädigung; in der sranz. Zeit bildeten sie einen Theil des Dep. Lippe n. kamen 1815 an Preußen. Ahausen, s. Auhausen. Ahenobarbus (d. i. Rothbart), Familienname der llomibia x-sns: 1) C ne jus Domitius A., 195 v. Chr. ^säilis xlsbis; weihte 194 als Prätor einen Tempel des Faunus, nöthigte 192 als Consul die Bojer zur Unterwerfung u. besiegte 190 den syrischen König Antiochus in der Schlacht bei Magnesia am Sipylos. 2) Cn. Dom. A., Enkel des Vor., war 122 Consul; schlug während der Gracchischen Unruhen die Allobroger u. Ar- verner u. unterwarf sie; 115 wurde er mit L. Cäcilins Metellus (sehr strenger) Censor. Die via Ooinitis. in Gallien ward von ihm angelegt. 3) Cn. Dom. A., Sohn des Vor.; brachte als Bolkstribun 104 v. Chr. die I-ex vomitüa ein, war 96 Consul u. 92 Censor mit L. Crassus, als welcher er ein Edict gegen die neu entstandenen Rhetorenschulen erließ. Als Privatmann bewog er seinen Freund Pompädius Silo, Anführer der Marser, der mit 16,000 Mann auf Rom mar- jchirte, um das Bürgerrecht für seine Mitbürger zu erzwingen, von seinem Vorhaben abzustchen. 4) Lnciu s Dom. A., Bruder des Vor., 90 v. Chr. Consul; bekämpfte 84 den Bolkstribuncu Satur- ninus u. wurde, als Anhänger des Sulla, auf Befehl des Marius von dem Prätor Damasippus ermordet. 5) Cn. Dom. A., Sohn des Bor., des Marius Anhänger; focht mit Hiarbas, König von Numidien, siegreich gegen die Snllaner in Afrika u. ward 83 v. Chr/ von Pompcjus geschlagen u. getödtct. 6) Lucius Dom. A., Sohn von A. 3) u. Schwager des Cato Uticensis, Gegner Cäsars, zu dessen Nachfolger in Gallien er bestimmt war; er wurde in Massilia von Cäsar gefangen, jedoch entlassen und blieb in der Schlacht bei Pharsalus, 48 v. Chr. 7) Cn. Dom. A-, Sohn des Vor., focht mit seinem Vater unter den Republikanern gegen Cäsar, erhielt später von diesem die Erlaubnis;, nach Italien zurückzukehren; nahm dann an der Verschwörung gegen Cäsar theil, ging mit Brutus nach Makedonien u. schlug 42 die Flotte der Triumvirn im Ionischen Meere. Nach der Schlacht bei Philippi lieferte er, nachdem er mit seiner Flotte Italien eine Zeit lang in Blokadeznstand gehalten hatte, seine Flotte dem Antonius aus. Im I. 32 Consul, mußte er beim Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen Octa- vianns u. Antonius Rom verlassen u. begab sich zu Letzterem, verließ ihn aber in der Schlacht bei Actium u. ging zu Octavianus über; er st. bald darauf. 8) Lucius Dom. A., Sohn des Vor., Schwiegersohn des Triumvirn Antonius; führte ein römisches Heer über die Elbe u. drang weiter in Deutschland vor, als ein Römer vor ihm. 9) Cn. Dom. A., Sohn des Vor., ein roher Mensch, Gemahl der Agrippiua (s. d. 3), die ihm einen Sohn, Domitius, den nachmaligen Kaiser Nero, gebar; er war unter Nero Consul u. daun Pro- consul in Sicilien. Ahia, isracl. Prophet in Silo z. Z. Salomos n. Jerobeams. j Ahirnelcrh, Priester zu Nob in Benjamin; weil > er David bei seiner Flucht vor Saul in Schutz. - Ahlcfeld. nahm u. demselben Goliaths Schwert gab, wurde er auf Sauls Befehl mit anderen 85 Priestern hingerichtet. Ähitophel, aus Gilo, Nathgeber Davids; ging zu Absalom über u. erhängte sich, als dieser seinen Rath mißachtete. Ahl, eine aus regelmäßig aufeinanderfolgenden Schichten von weißem Bleisand, Gerölls und eisenhaltigem Sand bestehende, Sümpfe erzeugende Erdkruste der großen Haidefelder im westlichen Theil von Jütland (Ahlhaide), z. Th. auch auf der Lüneburger Haide u. in Belgien. Die Ahlbildung ist ein Haupthindernis; der Waldcultnr, da die Bäume, sobald ihre Wurzeln die Ahlschicht erreichen, allmählich absterbcn. Dem Ahllager folgt in der Regel die aus Sand, Lehmcrde u. Mergel bestehende Schicht der Rollsteinformation, so daß ans den Ahlhaiden, wo Anpflanzungen versucht werde», als Vorbedingung zuerst die Ahlschicht durchbrochen werden muß. In Jütland wird die Haidccultur auf diese Weise neben Drainirnng seit einigen Jahren von einer Gesellschaft für Haide- cultur betrieben, nachdem der Versuch einer Colo- nisirnng durch Deutsche in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts fehlgeschlagen. Auch in Schleswig-Holstein besteht ein solcher Verein, während in Hannover die Cultivirung von der Regierung betrieben wird. Die dadurch gewonnenen guten Aussichten auf Walderzeugung werden jedoch durch die Entdeckung, daß die Ahlbildung eine fortge- hends ist, einigermaßen getrübt, da selbst auf Hünengräbern Ahlbildungen angetroffen werden, die in keiner Beziehung zu den großen Erdkrusten- bildungcn u. Formationen der Urzeit stehen können. Ahlüeeren sind die wanzenartig riechenden Beeren von Lidos nixrum, der schwarzen Johannisbeere. Ahlborn, August Wilhelm Julius, Landschafter, geb. zu Hannover 11. Oct. 1796, geft. zu Rom 24. Aug. 1857; er huldigte der klassischen Richtung und fand in den dreißiger Jahren fast ungetheiltcu Beifall. Von ihm Bilder im Schlosse zu Potsdam, in Berlin, in Charlottenburg und in vielen Privatsaminlnngen. Ahlden, Marktflecken in der Landdrostei Lüneburg der preußischen Provinz Hannover, an der Mündung der Leine in die Aller; mit Schloß (sonst Festung), Spinnerei, Weberei, Bienenzucht; 910 Ew. Hier saß 1694 bis 1726 die Gemahlin des Königs Georg I. von England, Sophie Dorothea, gefangen, welche deshalb auch Prinzessin von A. heißt. Ahle, dünnes, gerades oder etwas gebogenes, rundes oder eckiges stählernes Werkzeug, zum Durchstechen von Leder, Papier, Pappe, meist zur Herstellung einer Naht; entweder sitzt die A. mittels der messingenen Ahlzwinge in einem hölzernen Hefte, oder sie hat, wenn man damit nähen will, an dem stumpfen Ende ein Öhr für den Faden. Sie dient auch in der Buchdrnckerei zum Berichtigen der im Schriftsätze vorgekommcuen Fehler. Ahlefeld, Charlotte Sophie Louise Wilhelmine v. A., geb. v. Secbach, deutsche Romanschriftstellerin, geb. 1781 zu Stedten bei j Weimar; vermählte sich 1798 mit dem holsteinischen 'Gutsbesitzer Joh. Rud. v. A., trennte sich aber 1807 von ihm, lebte hierauf, mit schriftstellerischen 810 Ahlefcldt — Ahmcdnagar. Arbeiten beschäftigt, zunächst in Schleswig, dann seit 1821 in Weimar und st. 27. Juli 1849 zu Teplitz. Ihre Romane, die sie zum Thcil unter vem Namen Elisa Selbig erscheinen ließ, bewegen such im häuslichen Kreise und schildern gcmüthvoll Freud und Leid des Familienlebens; besonders hervorzuheben sind: Liebe und Trennung, Marie Müller und die 2 Bände Gesammelte Erzählungen. Ahlefcldt, Gräfin Elisa Davidia Margaretha, Tochter des 1832 verstorbenen Grasen Friedrich von A.-Laurwig, geb. 17. Nov. 1790 aus Langeland; heirathete 1810 den preuß. Major von Lützow, betheiligte sich 1813 lebhaft an der Bildung des Lützowschcn Corps in Schlesien und begleitete dasselbe ins Feld. Im I. 1824 trennte sie sich, ihrer Neigung zu dem Dichter Jm- mermann folgend, von ihrem Gatten u. begleitete Jenen, ohne jedoch eine Ehe mit ihm einzugchc», 1827 nach Düsseldorf, wo sie mit ihm im nahen Derendorf, von Künstlern u. Gelehrten umgeben, lebte, bis 1839 sie sich von Jmmermann in Folge seiner Verlobung trennte und nach Italien ging. Seit 1840 lebte sie in Berlin als Gräfin A. im Umgänge mit Gelehrten u. Künstlern und st. hier 20. März 1855. Vgl. Ludm. Assing, Gräfin E. v. A., Berl. 1857. Ahlen, Stadt im Kreise Beckum des Regbez. Münster (preußische Prov. Westfalen), an der Werse und der Köln-Mindener Eisenbahn; 2 katholische Kirchen, evangelisches Bethaus, Leinen- u. Plüschweberei, Ölbereitung; 3534 Ew. Ahlfeld, Ioh. Friedrich, angesehener lutherischer Prediger der orthodoxen Richtung, geb. 1. November 1810 zu Mehringen (Anhalt-Dessau); stndirte seit 1830 zu Halle Theologie, wurde 1834 Lehrer am Ghinnasinm zu Zerbst u. Juspector der mit demselben verbundenen Pensionsaustalt, 1837 Rector n. Hilfsprediger zu-Wörlitz, 1838 Pfarrer in Dorf Aisleben, 1847 zu Halle und 1851 zu Leipzig. Er publicirte n. a. Predigten über die evangelischen Perikopen, 9. Aust, Halle 1873; Predigten an Sonn- n. Festtagen oder Bausteine zum Ausbau der Gemeinde, 9 Bde., Lpz. 1857—60 (zum Theil in mehreren Auflagen); Katechismus- Predigten, 3. Aust., Halle 1859; Zeugnisse aus dem inneren Leben, 3 Bde., 2. Ausl., Lpz. 1863; Erzählungen für das Volk, Halle 1859, 4. Aust. 1872. Er redigirte auch seit 1847 den Misstous- kreund. Ahlhaide, s. n. Ahl. Ahlkirsche od. Traubenkirsche (?rnnu8 ?aäns ^.), europäischer, auch in Gärten oft gepflanzter Banm aus der Familie der Steinfrüchtler. Die weißen Blüthen stehen in überhängenden Trauben; die Früchte sind nnschmackhaft; sie sind wie die ersten Frühlingstriebe blansäurehaltig. Ahlsinist, August Engelbert, geb. 7. Ang. 1826 zu Kuopio in Finnland; stndirte in Helsing- fors Sprachwissenschaft, bereiste 1853—58 das nördliche Rußland und westliche Sibirien, um die Sprachen und die Sitten der Völker des uralisch- altaischen Stammes kennen zu lernen, u. wurde dann Professor der finnischen Sprache u. Literatur in Helsingfors. Er ist besonders bestrebt, die finnische Sprache zur allgemeinen Landes- u. Schrift-j I spräche zu erheben u. die national-finnische Lite« lratur zu fördern, zu welchem Zwecke er 1857 Mir« gründer der Zeitschrift Lnometar wurde. Er schr.r Versuch einer mokscha-mordwinischen Grammatik, Pctersb. 1861; ferner ein Finnisches Dialckten- Bnch (8uonm-Iainenlllurteis-!>irja), Helsingf. 1869, welches Proben von sechs mit der Suomisprache nächstverwandten Idiomen enthält; gab auch eine- Wotische Sprachlehre u. neuerdings (1870) Auszüge aus einer neuen Grammatik der finnischen Sprache heraus u. begann (in demselben Jahre) Lielstär (Sprach - Muse); veröffentlichte Gedichte (gälceniä, d. h. Funken) und übersetzte Schillers Cabale u. Liebe, sowie das Lied von der Glocke ins Finnische. A. kann als Reiscbeobachter, Linguist und lyrischer Dichter den ausgezeichnetsten Männern seiner 'Nation beigezählt werden. In Prosa, wie in Versen haben Wenige den Adel seiner Schreibart erreicht. Sein finnischer Name ich Oksancn. Nhltvardt, 1) Christ. Wilh., geb. 23. Nov. 1760, gcst. 12. April 1830; als Pädagog zn Demmin, Anklam, Oldenburg und Greifswald thätig, in letzterer Stadt seit 1818 Professor der alten Literatur; Übersetzer von altclassischen, romanischen Dichtern, sowie des Ol'sian; beschäftigte sich- auch mit der Theorie der Metrik. 2 ) Theodor- Wilhelm, Orientalist, geb. 4. Juli 1828 zn Greifswald, seit 1861 Professor der orientalischen Sprachen in seiner Vaterstadt. Werke: Über Pocsic- !u. Poetik der Araber, Gotha 1857; Bemerkungen über die Echtheit der arab. Gedichte, Greifsw. 1873; Ausgaben arab. Schriftsteller rc. Ahmedabad, 1) Bezirk der indo-britischen Präsidentschaft Bombay im Lande Gnzerate (Gudsche- rat), zn beiden Seiten des Flusses Sabarnati im N. des Golfes von Cambay; 11,398 Uslon (207 UM), 654,000 Ew.; ist sehr fruchtbar. 2 ) Stadt, ehemalige Hauptstadt von Gnzerate, am Sabarnati, gegründet-1426 von Achmed Schah von Gnzerate; war berühmt im 17. Jahrh. wegen ihrer Pracht, ihrer Fabriken in Gold- u. Silverstofscn, seinen Seiden- n. Baumwollengewcben, Merall-, Email-, Perlmutter-, Holz- und lackirtcn Waaren, vorzüglichen! Papier, Malereien rc., sowie wegen ihres ausgedehnten Handels mit Indigo, Baumwolle und Opium. Durch die Herrschaft der Mahratten im 18. Jahrh. ist die Stadt gesunken, doch trägt sie noch viele Reste des einstigen Glanzes. An ihren Gründer erinnert die prachtvolle große Moschee (Dschamma-Masdschid), in deren Umgebung sich ein herrliches Mausoleum befindet; andere bewunderus- werthe Bauten sind die Moschee des Sadicha-ar- Khan, die Elfcnbeinmoschee, die Ruinen eines Som- merpalastcs auf einer Insel im Kaukarijah-Teich und, etwas entfernter, die Überreste eines gewaltigen Palastes u. herrlichen Gartens. Tic jetzige Stadt, 1817 von den Engländern dein Gnicowar (s. d.) entrissen, ist regelmäßig gebaut, hat zahlreiche Fremdcnhänscr, Brunnen n. Wasserleitungen, gut eingerichtete Volksschulen nud 130,000 Ew. Von Bombay über Surate eine Eisenbahn. Ahmednagkli', Hauptstadt des gleichnamigen Distrikts (Stenerbezirkes) der britischen Präsidentschaft Bombay, an der Stelle der einst prächtigen Hauptstadt des dem Großmogul untergebenen Reiches i Ahmedpur — Aurungabad; hat eine wichtig?, starke Citadelle, einen! schönen Bazar, neue englische Kirche, Webereien u. Goldschmieden, Handel; über 30,000 Ew. Nahe dabei ein großer massiver Palast der Sultane von A. u. ein Mausoleum des Salabat-Dschong. 1803 wurde A. vom Herzog von Wellington (General Wellcsley) erobert. Ahmedpur, Stadt in dem District Multan der Provinz Pendschab; 20,000 Ew.; große Moschee, Seidenhandel. Ahn, Joh. Franz, namhafter Schulmann, gcb. 15. Dcc. 1796 zu Aachen; anfangs Kaufmann, widmete sich später dem Studium der Mathematik u. der neueren Sprachen, war bis 1822 Katastergeometer in Aachen, wurde 1824 Lehrer der modernen Sprachen am dortigen Gymnasium, unterhielt 1826—38 eine eigene Erziehungs- u. Unterrichtsanstalt zur Ausbildung junger Leute namentlich für das praktische Geschäftslebcn, u. war von 1843—63 Lehrer an der Realschule zu Neuß, wo er 21. Aug. 1865 starb. A. ist hochverdient um die Entwickelung des Rcalschnlwescns zur Ausbildung der Schüler für das praktische Leben, namentlich aber dadurch, daß er die vom Rector Seidenstücker (s. d.) zuerst angewendcte Methode zur leichteren Erlernung der Sprachen weiter entwickelte, weshalb dieselbe nun gewöhnlich als Ahnsche Methode bezeichnet wird. Sein erstes Lehrbuch, Prakt. Lehrgang zur schnellen n. leichten Erlernung der französischen Sprache (1. Cursus, Köln 1834, 2. Cursus, Köln 1840) hat zahlreiche Auflagen, erstcrer gegen 200, erlebt; im Verhältnis) ebenso verbreitet sind seine Lehrgänge der englischen u. italienischen Sprache, Lehrbücher zur Erlernung der deutschen Sprache für Franzosen, Engländer und Italiener; ferner Schulgrammatikcn der französischen, englischen u. holländischen Sprache, Handbücher der französischen, englischen, holländischen Umgangssprache, dcsgl. der Handelscorrcspondcnz, franz. u. engl. Grammatik der deutschen Sprache, Sammlungen deutscher Gedichte für Engländer u. Franzosen; auch Gesprächbücher für höhere Töcherschnlen, in je zwei der genannten Sprachen für Deutsche wie für Ausländer; zuletzt: die Wechscllehre, Köln 1864. Ahna, 1) Heinrich de, geb. 1833, Violin- virtuos; seit 1868 Concertmeistcr der königlichen Kapelle in Berlin n. erster Violin- u. Bratschenlehrer an der Jnstrumentalschule der Akademie der Künste. 2) Eleonore, Schwester des Vor., geb. 8. Januar 1833 in Wien, tüchtige Sängerin bei der königlichen Oper in Berlin; st. 1865. Ahnden, so v. w. rächen. Ahnen, I) Voreltern überhaupt, besonders 2) adelige Vorfahren. Schon seit dem 14. Jahrh. ward es Rechtens, gewisse Standesvorrechte, namentlich die Zulassung zu bestimmten vermögensrechtlichen Vortheilen von dem Nachweise, daß bereits die Ascen- dentcn in einer gewissen Zahl von Generationen dem Adelsstände angehört haben, abzuleiten. Dabei ward dann entweder verlangt, daß eine gewisse Anzahl der Vorfahren, sowohl in der männlichen, als in der weiblichen Linie, adelig gewesen, oder es genügte der Nachweis der adeligen A. in der männlichen Linie. Die Zahl der erforderlichen A. war verschieden. Das Maximum waren 16 A., ^ welche in der Weise berechnet wurden, daß inP - Ähnlichkeit. 3t 1 ,4. Gliede aufwärts nur adelige Personen vorhanden sein durften. Wurden 8 A. erfordert, so mußte dies im 3. Gliede, und falls 4 A. genügten, im 2. Gliede der Fall fein. Was im einzelnen Falle Rechtens ist, können nur die Statuten der Orden und Stifter, um welche es sich handelt, ergeben. Mit Rücksicht auf solche Vortheile der Nachweisbarkeit einer bestimmten Reihe von A. hat sich der Begriff der Mißheirath (Mesalliance) herans- gcbildet. Eine solche ward angenommen, wenn der Adelige sich mit einer Frau bürgerlichen Standes verheirathete, wodurch die Ahnenkette durchbrochen ward; aber von ihr konnte auch schon dann gesprochen werden, wenn der Adelige sich mit einer Frau, die weniger A. hatte, verheirathete, da in diesem Falle die A.-Verhältnisse der Descen- denten verringert wurden. Die Prüfung der II. heißt die Ahncnprobe; mit der Beschränkung der Fälle, in welchen der Besitz von so u. so viel A. Voraussetzung einer Befähigung oder Berechtigung ist, ist auch die Veranlassung einer solchen vermindert. Wenn Kaiser bei der Verleihung des Adels zugleich eine bestimmte Zahl von A. verliehen, so war das eine dem Geiste des Ge- schlechtsadcls absolut widersprechende Mystifikation. — Bei den alten Römern waren die A. (Manen) die Schutzgotthciten des Hauses. In der Religion der Chinesen spielt die Verehrung der A. eine große Rolle; dieselbe bildet sogar eine der wichtigsten Triebfedern im Leben dieses Volkes (vgl. I. H. Plath, Die Religion und der Cultus der alten Chinesen, Münch. 1864). Auch die Hindu widmen ihren A. eine Art Cultus. Die A-Verehrung ist überhaupt, weil so sehr naheliegend, eine der allgemein verbreitetsten religiösen Erscheinungen und findet sich bei allen Völkern wieder. Die bei den meisten Völkern wiederkchrcnde, zum Theil göttliche Verehrung eines ersten Menschen (s. u. Adam) steht hiermit im Zusammenhänge. Vgl. Tylor, Die Anfänge der Cnltur, deutsch von Spengel n. Poske, Lpz. 1873, 2 Bde. (im II. l^d.). Ahnfran (Ahnenfrau), gespensterhafte »Erscheinung einer vor Zeiten Verstorbenen aus edlem Geschlecht?, welche der Sage nach in Fürsten- n. a. alten Schlössern (so in Berlin, Ansbach, Bayreuth, Nenhans in Böhmen) sich zeigen soll, wenn der Tod eines der Familie Angehörigen bevorsteht. Grillparzer benutzt diese Sage in seinem romantischen Trauerspiel: Die Ahnfrau. Agnes, Gräfin von Orlamünde (s. Agnes 6.), soll in dieser Weise in den Schlössern zu Berlin und Bayreuth erscheinen. Vgl. Weiße Frau. Ähnlichkeit, 1) Übereinstimmung der Dinge hinsichtlich der Qualität n. Form. 2) (Log.) Ä. der Begriffe, das Übereinkommen in gewissen Merkmalen, wie Gold u. Silber einander darin ähnlich sind, daß sie beide Metalle sind. Das Gesetz der Ä., das sich auf die Jdecnassociation bezieht, bedeutet, daß ähnliche Vorstellungen oder die Vorstellungen von ähnlichen Dingen sich einander leicht erwecken. 3) (Math.) Übereinstimmung hinsichtlich der Form ohne Rücksicht „aus die Größe. Das mathematische Zeichen der Ä. ist ro (entstanden aus einem lateinischen 8, Abkürzung des lat. similts, ähnlich). /X abo /X äsk bedeutet: Dreieck iabe ist dem Dreieck äek ähnlich. Zwei ebene 312 Ahnung. geradlinige Figuren sind ähnlich, wenn sie gleich viele Seiten (Ecken, Winkel) haben, wenn ferner die Seiten der einen mit den entsprechenden (gleich- liegenden) der anderen in demselben Größcnver- hältnisse stehen, diesen proportionirt sind, d. h. jede Seite der einen gleich viel (z. B. 3 oder U) mal größer ist, als die entsprechende der anderen, und wenn endlich die Winkel zwischen entsprechenden Seiten gleich sind. Wie sich die Seiten, Ecken, Winkel in ähnlichen Figuren entsprechen, so entspricht überhaupt jedem Punkte des Umfanges oder des Innern der einen ein Punkt des Umfanges oder des Innern der ähnlichen. Die Verbindungslinie zweier Punkte (z. B. zweier Ecken) der einen Figur n. diejenige der entsprechenden Punkte der anderen stehen in demselben Verhältnisse zu einander, wie entsprechende Seiten. Zwei ähnliche Figuren heißen ähnlich liegend, wenn sie eine solche Lage haben, daß die entsprechenden Seiten einander parallel sind. Verbindet man beliebige Punkte einer Figur mit den entsprechenden einer ihr ähnlichen u. ähnlich liegenden, so schneiden sich entweder diese Verbindungslinien oder deren Verlängerungen alle in einem Punkte, welchen man den Ä-spunkt nennt, u. zwar im ersten Falle den inneren, im zweiten den äußeren. Man kann 2 ähnliche Figuren auf unendlich viele Weisen zn äh,glich liegenden machen, u. zwar sowol so, daß der Ä-spunkt ein innerer, als auch so, daß er ein äußerer ist. Der Ä-spunkt hat die Eigenschaft, daß beliebige von ihm ans gezogene Geraden durch die beiden Umfänge der ähnlichen Figuren in demselben Verhältnisse, nämlich den Seiten proportionirt, gethcilt werden. Dies , führt auf eine allgemeine Definition der Ä. beliebig, d. h. auch krummlinig begrenzter Flächen- oder Raumgebilde: 2 beliebige Flächen oder Körper sind ähnlich, wenn sie sich in eine solche Lage bringen lassen, daß alle von einem Punkte, dem Ä-spunkte, ausgehenden Geraden durch die beiden Umfänge proportionirt gctheilt werden. — Zum Beweise der Ä. zweier Naumgebilde hat man nur das Vorhandensein bestimmter Verhältnisse bei einem Theil ihrer Bcstimmnngsstücke zu zeigen. So weist die Mathematik nach für die Ä. a) ebener Figuren: Ähnlich sind alle regelmäßigen Vielecke von derselben Seitenzahl; alle Kreise; alle Parabeln; Ellipsen n. Hyperbeln, wenn ihre entsprechenden Achsen proportionirt sind; Dreiecke, wenn die entsprechenden Winkel einander gleich, oder die entsprechenden Seiten proportionirt, oder 2 entsprechende Seiten proportionirt und die von ihnen eingeschlossenen Winkel gleich, oder 2 entsprechende Seiten proportionirt und von den diesen gegenüberliegenden Winkeln die einen sich entsprechenden gleich, die anderen gleichartig (d. h. zugleich entweder spitze, oder rechte, oder stumpfe); unregelmäßige Vielecke, wenn sie ans ähnlichen n. ähnlich liegenden Dreiecken zusammengesetzt u. die entsprechenden Seiten aller dieser Dreiecke proportionirt sind. Die Umfänge ähnlicher Figuren verhalten sich wie entsprechende Seiten; die Flächeninhalte, wie die Quadrate derselben, d) Von Körpern: Ähnlich sind alle regelmäßigen Polyeder von derselben Seitenzahl; alle Kugeln ; alle Para- boloide; Ellipsoide, wenn die entsprechenden Achsen proportionirt; gerade Kreiscylinder und Kegel, wenn die Radien u. Höhen proportionirt; beliebige Kegel, wenn sie durch parallele Ebenen von demselben größeren abgeschnitten; beliebige Cylinder u. Kegel, wenn ihre Achsendnrchschnitte ähnlich sind; dreiseitige Pyramiden, wenn eine Ecke der einen congrnent mit einer Ecke der anderen ist u. die sie bildenden Kanten entsprechend proportionirt sind, oder die entsprechenden Seitenflächen ähnlich, oder die entsprechenden Kanten proportionirt, oder die entsprechenden Flächenwinkcl gleich sind; unregelmäßige Polyeder, wenn sie aus ähnlichen, ähnlich liegenden dreiseitigen Pyramiden zusammengesetzt und deren Seiten insgcsammt proportionirt sind. Die Oberflächen, bezw. Volumina ähnlicher Körper verhalten sich wie die Quadrate, bezw. Enden entsprechender Seiten oder Linien derselben: Kngeloberflächen also z. B. wie die Quadrate der Radien, Kngelinhalte wie deren Enden. 4) (Physiol. u. Med.) Ähnliche Erscheinungen bei Krankheiten gaben Veranlassung zur Aufstellung pathologischer Systeme n. führten zuletzt zu dem Versuche einer Naturgeschichte der Krankheiten. Die neuere Forschung hat indessen solche Bemühungen als überflüssig erwiesen n läßt nicht von der Ä. der Erscheinungen, sondern vorzüglich von der Ä. der Ursachen u. Anlagen sich leiten. Auf die Ä. legt die Homöopathie das Hauptgewicht, indem deren Urheber Hahnemann zur Tilgung einer Krankheit dasjenige Heilmittel anwandte, welches den Krankhcitssyinptomcn ähnliche Wirkungen hervorbrachte; daher der „Grundsatz „similia simili- bns" (Ähnliches mit Ähnlichem); s. Pathologie u. Homöopathie. Die Erzeugten sind den Erzeugern mehr oder weniger ähnlich. Oft ist die Ä. zwischen Großeltern n. Enkeln, Urgroßeltern u. Urenkeln rc. weit auffallender, als zwischen Eltern u. Kindern; im Ehebruch seitens der Mutter erzeugte Kinderhaben oft sehr große Ä. mit den betrogenen Ehemännern. S. Atavismus u. Erblichkeit der Eigenschaften. Ahnung, das noch nicht mit voller Klarheit ins Bewußtsein getretene, unbestimmte Vorgefühl künftiger Begebenheiten, in vielen Fällen nur ein Spiel der Einbildungskraft, welches, besonders bei abergläubischer Befangenheit, leicht täuschen kann; oft aber auch ein Schluß nach der Analogie (s. d.), wobei die an sich oder Anderen gemachten Beobachtungen n. Erfahrungen die Voraussetzung bilden, ans welcher gefolgert wird, daß unter gleichen oder ähnlichen Umständen sich auch wieder Gleiches oder Ähnliches ereignen werde. Diese letzteren können jedoch — obwol in höherem Grade als crstere — Anspruch ans Zuverlässigkeit nicht erheben und dürfen daher auch nur als Meinungen u. Vermuthnnqen oder Eventualitäten gelten, die je nach den ohwaltenden Umständen bald mehr, bald weniger Wahrscheinlichkeit haben. Man unterscheidet objective u. subjektive A-en. Die erstc- ren haben ihren Grund außerhalb, in der Beschaffenheit des Erwarteten und in den Umständen, die dasselbe herbeiführen sollen, sind also das Ergeb- niß eines Analogieschlusses; die letzteren dagegen haben ihren Grund in der Person selbst, resp. deren Zustande, also in der (momentanen oder dauernden) trüben oder heiteren Gemüthsstimmnng, sind also » 313 Ahorn. im Großen u. Ganzen, wie Kant bemerkt, bloßes „Hirngespenst". Wie die Erfahrung lehrt, haben von Natur ans trübe Gemüther meistens traurige, heitere Gemüther dagegen meistens frohe A-en. Jedenfalls erhalten die A-en durch die günstige Disposition (Temperament) ihre Färbung n. Artung; auch sind Sympathie u. Antipathie u. dergl. ohne Zweifel von Einfluß darauf. Den A-en principiell zu vertrauen, oder sich von ihnen ängstigen zu lassen, ist daher Thorheit; Beachtung verdienen sie aber deshalb doch bis zu einem gewissen Grade. Der noch im Volke herrschende Glaube an ein A-s- vermögen in die Zukunft, das manche Menschen besäßen, ist ein Überbleibsel aus abergläubischer Zeit. Ein abstractes (prophetisches) A-svermögen des Menschen hat man positiv nicht Nachweisen können, obgleich die Wunderglänbigen von einem solchen, und zwar einem niederen u. einem höheren, reden. Das zufällige Eintreffen einer derartigen A. kann nicht als Beweis dafür gelten; denn einer einzigen zufällig eingetroffenen A. stehen tausend ! nicht eingetroffene gegenüber, die mit Stillschweigen ^ übergangen werden.' Nach Maximilian Perty, Die mystischen Erscheinungen der menschlichen Natur, Lpz. u. Hcidelb. 1861, 2. Anfl. 1873, sind die A-en vielleicht manchmal nur dunkle Erinnerungen in hellsehendcn Momenten des Wachens oder des Schlafes gehabter Anschauungen. Die A. wird von H. B. Schindler, Das magische Geisterleben, Breslau 1857, richtig als physiologischer Vorgang aufgcfaßt, aber in der Art der älteren Naturphilo- , sophie erklärt; dagegen von E. v. Hartmann, Philosophie des Ünbcwnßtcn, 4. Anfl., Berlin 1872, L. III., erst in die wahre Beziehung zu dem Geistesleben gebracht. In diesem Sinne muß man die A. als eine Art unbewußter Jdcenassociation betrachten, d. h. einer solchen, über deren Ursprung und Verlauf wir uns ans irgend einem Grunde keine Rechenschaft geben oder geben können. Ahorn, Lukas, Bildhauer in Konstanz, st. 17. April 1856; von ihm ist das in Luzern errichtete Denkmal zur Erinnerung an die am lO.Aug. 17S2 in den Tnilerien gefallenen Schweizer, ein , kolossaler Löwe nach Thorwaldsens Modell. Ahorn (^.osrL.), Pflanzengattung aus der Fam. der Acerinecn (VIII. 1). Die hierher gehörigen Arten sind Bäume, die hauptsächlich in Europa und Nordamerika Vorkommen, mit gegenständigen Blättern u.Zwitterblüthen, aus 5-(bis 9-)theiligem Kelche, 5 (bis 6) Blumenblättern n. in der Regel 8 Staubgefäßen, obcrständigem Fruchtknoten mit 2 Narben bestehend, u. 2 an der Basis vereinigten einsamigen Flügelfrüchten, a) In Deutschland heimisch sind: der gemeine, stumpfblätterige od.Berg- A., V. xssucioxlatnnuo B., mit stumpf 5lappigeii, ' gesägten, nuten an den Adern behaarten Blättern, reichblüthiger hängender Rispe und aufgerichteten Fruchtflügeln; der spitzblättrige A-, Spitzahorn oder I Lenne, V. platainMss B., mit zugcspitzt 5lappigen, langgezähnten, kahlen Blättern, wenigblüthiger aufrecht stehender Asterdolde u. wagcrecht ausgebreiteten Fruchtflügeln; der Feld-A. oder Maßholder, oamxestrs L., mit kleineren, stumpf 5lappigen, ganzrandigen, unten behaarten Blättern; Blüthe u. Frucht ähnlich wie beim vorigen, Samenhülle , behaart, mehr strauchartig; desgl. der besonders in Frankreich heimische, in Deutschland nur am Mittelrhein vorkommcnde französische A., .4. mous- psssulauum L., mit stumps3lappigen, ganzrandigen Blättern, Blüthe n. Frucht dem Berg-A. ähnlich, d) In Italien u. am südlichen Fuße der Alpen der Neapolitanische A., opnlikolinin VM., dem Berg- A. ähnlich, o) In Nordamerika der Zncker-A. (s. d.), saoobarinum B., ferner ckaoz onrzinm Mi/r. (Silber-A.), welcher, wie ä,. rubrum 1,. (mit purpnr- rothen Blüthen) n. sanAuinsum, nicht selten bei uns in Anlagen gepflanzt wird; L.. xgullaMani- oum II., ksteAuuäo oder blo^unäa traxi- inkolium IVntt. u. a. m. — Von den deutschen A-Arten eignen sich nur der Berg- n. Spitzahorn zum Anbau im Hochwalde, wo sie in der Regel mit der Buche gemischt Vorkommen. Der Berg- ZI. gedeiht am besten in den Gebirgen, namentlich Süddeutschlands, wo er bis zu einer Höhe von 1000 m, in den Alpen noch höher, anfsteigt, weniger in Tieflagen, z. B. der norddeutschen Ebene, wo ihm mangelnde Luftfeuchtigkeit, auch Spätfröste nachtheilig wirken; er verlangt einen tiefgründigen, frischen, lockeren, wo möglich kalkhaltigen Boden; der Spitzahorn macht weniger Ansprüche an Boden u. Klima, geht weiter nach Norden, dagegen weniger hoch im Gebirge; der Maßholder hat die weiteste horizontale Verbreitung, ist am unempfindlichsten gegen Standorts- u. Witterungseinflüffe, findet sich jedoch nur in der Tiefebene u. an Vorbergen, und zwar, weil er nur selten zum hohen Baume heranwächst, fast ausschließlich im Niederwalde, als Unterholz im Mittelwalde, in Hecken n. dergl. Nach A. Grisebach, Die Vegetation der Erde, Lpz. 1872, Bd. 1, S. 142, erreichen die drei erstgenannten, in einem großen Th eil des mittleren Europa einheimischen A-arten die Polargrenze der Eiche nicht, sondern bleiben in verschiedenem Abstande hinter derselben zurück. Natürliche Verjüngung durch Samen kommt beim Berg- u. Spitz-A. (im Hochwalde) nur selten vor wegen der Lichtbedürstigkeit u. großen Empfindlichkeit der jungen Pflanze gegen Frost u. Graswuchs. Die Cultnr erfolgt daher in der Regel durch Saat oder Pflanzung. Der im Herbste reifende Same wird meist zeitig im Frühjahr ansgesät u. bedarf nur einer geringen Erdbedcckung. Beide Arten sind in der Jugend raschwüchsig, im Höhenwuchs der Buche meist etwas voran, weshalb sie sich zur Einmischung im Bnchcnhochwalde am besten eignen, dessen ümtriebs- zeit (in der Regel 100—120 Jahre) sie auch ganz gut aushalten; in reinem Bestände angezogen, würden sie sich zu rasch auslichten. Der Maßholder wächst sowol als Kcrnstamm, wie als Stockausschlag langsamer, fällt im Hochwalde meist zeitig der Durchforstung anheim, hält dagegen wegen größerer Ausschlagfähigkeit der Stöcke im Niederwalde besser ans. Als Brennholz steht das A-Holz dem der Buche wenig nach; zu Bauholz taugt es nicht; dagegen wird es von Schreinern, Drehern, Instrumentenmachern, Schnitzern rc. zu Möbeln, Parketböden u. dergl. sehr gesucht. Das feinste, Weißeste Holz liefert der Berg-A.; das des Spitz- ZI. ist mehr gelblich u. grobfaserig; das Maßholderholz ist gleichfalls sehr fein, im Kerne dunkel, oft von maseriger Structur und deshalb zu manchen Schnitzarbeiten (Ulmer Pfeifenköpfen u. dergl.) be- 314 Ahorne — sonders geeignet, anch in seinen geradwüchsigeu Zweigenden ein gutes Material zu geflochtenen Peitschenstielen. Das Ahornblatt spielt wegen seiner großen Regelmäßigkeit u. schönen Zeichnung in der Ornamentik des Mittelalters eine große Rolle, namentlich bei den Kapitalen und Fries- bildungcn der Frühgothik, auch in der Glasmalerei. Wie ans Virgil zu entnehmen, bedienten sich die alten Römer des Ahornholzes zur Anfertigung von Balken und Möbeln, n. nach Athcnäus verfertigte man in Griechenland Prachttische, deren Tafeln ans Ahornholz, deren Füße ans Elfenbein bestanden. Ahorne, 1) (4.oera) Pflanzenklasse bei Endlicher, meist Bäume u. Sträucher, mit freiem Kelche, einer meist ans einer untcrweibigen Scheibe einge- sügten Blumenkrone, selten fehlend, die Blätter derselben von der Zahl der Kelchblätter, oder eins fehlend; Staubgefäße mit den Kronblättcrn entspringend ; Fruchtknoten aus zweien zusammengesetzt. 2) (4.esrinsns) Familie aus dieser Klasse, mit in der Knospcnlage drüsiger Knospe, regelmäßigen zwitterigcn oder durch Fehlschlagen vielehigen, ein- oder zweihänfigcn Blüthen; Kelch meist Stheilig, Kroublätter von gleicher Anzahl, zuweilen fehlend; meist 8 Staubfäden, seltener 5 —12; Fruchtknoten zweifächerig, zweilappig (abnorm auch dreilappig) znsammengedrückt, Griffel einfach mit zwei Narben; Frucht eine in zwei geflügelte, ein- bis zweisamige Theilfrucht zerfallende Spaltfrucht; Same ohne Eiweiß; Blätter gegenständig ohne Nebenblätter. Gattungen: 4.eer n. lsts^unäo, s. Ahorn. Ahornzucker, s. Zucker. Lliovs'l Nmrns/'. (gcm. Schcllcnbaum, 6erbsra -Virovai L.). ans der Familie der Apocynaccen, Baum in Brasilien von der Größe eines Birnbaumes, mit cirundlichen, spitzigen, fast ledcrigcn Blättern, milchweißen Blüthen in Trngdolden u. rundlichen Steinfrüchten mit unregelmäßigen dreieckigen, glatten, glänzenden Wissen. Letztere find ein heftiges narkotisches Gift, u. selbst das Holz kann wegen feines unangenehmen Geruches nicht als Feuermaterial gebraucht werden, betäubt auch, wenn es ins Wasser geworfen wird, die Fische so, daß man sie leicht mit Händen fangen kann. Die harten Nüsse, mit Steinchen statt des Kernes versehen, dienen den Indianern zu Klappern und Schellen, die, an Schnüre gereiht, als Schmuck n. Zierrath getragen werden. Ahr, linksseitiger Nebenfluß des Rheins in der Preuß. Rheinprovinz, entspringt 444 m hoch bei Blankenheim in der Eifel, mündet nach einem 89 üm langen Laufe bei Sinzig. Zwischen Altenahr n. Ahrweiler wildromantische, vielfach gewundene Thalenge, nur Platz lassend für Fluß und Straße, rechts zum Theil bewaldet, links felsig mit Weinbergen, welche die bekannten Ahrweine liefern. Ahrberg, früher bischöflich eichstädtisches Obcr- anit, zu beiden Seiten der Altmühl, Stammgut der Schenken von A. im bayerischen Regbez. Mittelfranken. ! Ahrülcichert, s. u. Ahrweine. ^ Ährchen (Bot.), die einzelnen gleichmäßig ge-^ bauten Thcile, aus welchen die Blütheustände Ler^ Gräser zusammengesetzt sind. Was bei diesen seine - Ahrcns. eigenen Hüllpelzc hat, wird Ä. genannt. Sie sind entweder stiellos n. sitzen dann in Zeilen an der Spindel, so bei llaräus in einer, bei Boräoum u. den meisten Ährengräsern in zwei Zeilen, oder sic sind gestielt und bilden dann eine Rispe. Ähre (8plea, Bot.), derjenige Blüthcnstand, der an einer mehr oder weniger langen Spindel in verschiedenen Höhenpunkten sitzende (ungestielte) Blüthen trägt. Wenn, wie bei vielen Gräsern, viele Ährchen in verschiedenen Höheupunkten an einer Spindel sitzen und dadurch eine große Ä. bilden, so nennt man diese eine zusammengesetzte Ä. (spiea oomposita). Die Ä. ist Symbol des Getreidebaues und der Fruchtbarkeit, daher Ceres u. die, Gottheit Bonns Bvsntus Ä-n haltend, oder mit Ährenkranz dargestcllt wurden. Auch ans Münzen der Städte Calatia, Metapontmn u. Pa- normns kommen Ä-n vor. Ahrenfels (Arenfcls), Schloß bei Hönningen am rechten Rheinnfcr, im Kreise Neuwied des preußischen Regbez. Koblenz, erbaut von Heinrich von Isenburg, seit 1849 dem Grafen Westerholt gehörig, der es stattlich umbauen ließ; herrliche Aussicht. Ährenftsch (^büerina. T.), Fischgattnng aus der Familie der Mecräscheu (Harder, illuAiloiäei), wie Meeräschcn, aber erste Wickcnflosse mit 7 — 9 Strahlen, kleine wohlschmeckende Fische in de» europäischen Meeren; üsxsstns, xrösbzcksr n. a. Ährengebund, Strohbnnde von kurzen Halmen des ausgedroschenen Getreides, zu Vichfnttcr dienend, auch Kleinstroh genannt. Ähreugraupe, eine ährcuförmige Aggregation kleiner Rorhgültigerz-Krystalle in der bergmännischen Sprache. Ährenlesen, d. h. das Eiusammcln der auf dem abgecrntctcn Felde zurückgebliebenen Ähren, ist eine Counivenz der Mildihätigkeit, aber niemals ein Recht gewesen. Da dasselbe der Landwirthschaft, namentlich in Betreff der Ausübung der Nachweide, nachtheilig, auch leicht zu allerlei Feldfreveln Gelegenheit bietet, so ist dein Eigeuthümer nicht zu verdenken, wenn er das Ä. nicht duldet. Unbefugte Vornahme desselben ist strafbar. Bei dem geringen Gewinne ist dasselbe nicht einmal im Sinne der Armenpflege von Interesse. — Die Bezeichnung Ä. wird anch für Sammlungen von schriftstellerischen Werken, namentlich poetischen, benutzt. Ahrcns, 1)H eiu r., namhafter Rechtsphilosoph, geb. 14.Juli1808znKuicstcdtinderProv.Hannovcr; studirte die Rechte in Göttingeu, habilitirtc sich hier 1830 u. lebte, in Folge derGöttiugerBewcgnng183l flüchtig, in Belgien n. Paris; hier hielt er seit 1833 im Aufträge der Regierung Vorlesungen über Philosophie und nahm 1834 einen Ruf als Professor der Philosophie zu Brüssel an; 1848 trat er als hannoverischer Abgeordneter ins Deutsche Parlament, wo er zur Großdeutschen Partei gehörte; 1850 wurde er Professor der philosophischen Rechts- u. Staatswisscnschaft zu Graz n. 1859 der praktischen Philosophie u. Politik in Leipzig; starb ^2. Aug. 1874 in Salzgitter (Prov. Hannover). Er jschricb: 6onrs äs xlnlosoxlne, 1837, 2 vol., welcher ^die in Paris gehaltenen Vorlesungen enthält. Daraus 6ours äs äroib naturel, Bruxelles 1839. Von diesem Werke, welches in 6. Ausl. Leipzig 1868 er- Ahriman — Ahwas. 3lL schien u. in verschiedenen Auflagen ins Italienische, Spanische, Portugiesische, Ungarische u. (1874) ins Englische übersetzt ist, hat der Verfasser eine völlig neue deutsche Bearbeitung gegeben, in welche auch die 1850 erschienene organische Staatslehre ausgenommen ist, unter dem Titel: Naturrccht oder Philowphie des Rechtes u. des Staates, auf dem Grunde des ethischen Zusammenhanges von Recht u. Cultur, 2 Bde., Wien 1870. Früher erschien von ihm: Juristische Encyklopädie, die auch ins Italienische, Russische u. Polnische übersetzt wurde (1873). Als einer der vornehmsten Vertreter der kW^schen Philosophie überhaupt hat A. für die richtige philosophische Auffassung des Rechtes und des Smatcs dadurch Bedeutendes geleistet, Laß er Len innigen Zusammenhang derselben mit dem ganzen Gitter- u. Culturlcben des Menschen in der Gesellschaft nachzuweisen und die Stellung des Sraares zu allen gesellschaftlichen Lebensgebieteu, Kirche, Schule, Wirthschast re., scharf zu bestimmen versucht hat; A-s Auffassung ist daher noch für die Gegenwart von besonderem Interesse. Der Verstorbene galt unter den Lehrern der Staatswissenschaften für eine anerkannte Autorität; die Wiener Universität hatte ihn zum Ehreumitgliede ihrer rechts- u. staatswisseuschaftlichcu Facnltät ernannt. 2) Heinrich Ludolf, geb. 6. Juni 1800 zu Helmstedt; besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt, danach die Universität Güttingen, die er 1830 verließ. Zuerst Collaborator am Göttinger Gymnasium, ging er schon 1831 in eine obere Lehrerstelle am Pädagogium in Jlefeld, wurde 1845 Gymnasialdirector in Liugeu n. ist seit 1849 Direktor des Lyccnms in Hannover. Seine wissenschaftliche Hauptbedeutung ruht in der bahnbrechenden Durchforschung der griechischen Dialekte. Vgl. seine >Lchrifteu: Ös Araseas linAuns ckialsotis, Gott. 1839 — 43; Luaoliooruni §ruscorum reli- guias, 2 Bde., Lpz. 1855—59; Lionis LMapstiuin ^.äoniäis, Lpz. 1854. Außerdem gab er die öu- colici Fraget in einer Textausgabe heraus (2. Anfl., Lpz. 1864), verfaßte für die Schule: Griech. Ele- menlarb. aus Homer, 2. Ausl., Gott. 1870; Homer, n. attische Formenlehre, Gott. 1869, und eine Reihe Abhandlungen aus verschiedenen Gebieten des elastischen Älterthums. Ahriman (pers. Rel.), im Pehlwi und Parsi: Aharman, ist aus dem Zeud. Anro-mainyu entstanden u. bedeutet eigentlich: zerstörender, schlagender Geist, im Gegensätze zu Cpentö-mainyu, d.h.dem vermehrenden Geiste, womit Ahura-mazda (in den Keilinschriften Auramazda) oder Ormuzd bezeichnet wird. A. oder das böse Priucip ist also der vollständige Gegensatz zu Ormuzd, dem guten Priucip. Sowie Ormuzd von Anfang an im ewigen Lichte ist, schafft, entfaltet u. erhält u. in seiner Allwissenheit die Folgen scincrHandlungen voraus weiß u. bedenkt, so ist dagegen A. von Anfang an in der ewigen Finsterniß, sucht nur zu tödten u. zu zerstören und weiß erst, nachdem er gehandelt hat, welche Folgen seine Handlungen haben werden. Beide, sowol das gute als das böse Priucip, sind zwar ohne Anfang; aber Ormuzd wird immer sein, während A. am Ende der Welt in dem großen Kampfe mit Ormuzd unterliegen und zu Grunde gehen wird. A. ist zwar der alleinige Schöpfer aller bösen Dinge in der Geister- und Körperwelt und regiert über die bösen Kräfte mit derselben Machtvollkommenheit, wie Ormuzd; aber während die Schöpfung des Ormuzd eine durchaus selbstständige und nicht nach einem Borbilde gemachte ist, setzt A-s Schöpfung die des Ormuzd voraus und ist hervorgcgangen aus der Absicht und dem Wunsche, die vorhandene» ihm entgcgcustehenden Schöpfungen zu zerstören, oder doch zu schädigen. Unter der Herrschaft des A. steht das Heer der von ihm geschaffenen höllischen Geister Daevas (Diws), die theils specielle Feinde der Amschaspauds sind, theils andere unsichtbare Geister, wie die varanischen u. mazanischen, theils Dämonen untergeordneter Art, meist weibliche, wie die Drukhs, die Pairikas (Peri, Fee) und andere, zu welchen ebenfalls die Na;us, auch wol Jahr u. a. gerechnet werden. Ahrweiler, 1) Kreis im preußischen Regbez» Koblenz, 371 s^jkm (6,74 HjM), mit 33613 Ew.; gebirgig, reich an Obst u. Wein (Akrwein), Holz, Fischen u. Wild; Mineralquellen. 2) Hauptstadt hier in reizender Gegend an der Ahr, von alten Mauern umgeben, sitz des Laudrathes, eines Friedensgerichtes, gothische Kirche von 1245, Weinbau, Weinhandel, Eisenerzlager; 3800 Ew. Auf dem Calvaricnberge gegenüber der Stadt das 1678 erbaute Franciskanerklostcr, worin seit 1838 von den Ursuliuerinuen eine höhere weibliche Erziehungsanstalt errichtet worden ist. Zu A. gehört Walporzheim mit dem besten Ahrwein. A. wurde 1473 in der Fehde des Kölner Domcapitels gegen den entsetzten Erzbischof Ruprecht von der Pfalz 3 Wochen lang vergeblich belagert, 1646 u. 168S «von den Franzosen verwüstet. Ahrwcine, unter dem Namen Ahrbleichcrt bekannte n. beliebte Rothweine (Weißweine werden nur ausnahmsweise bei Rech gezogen) aus dem Thal der Ahr im preußischen Regbez. Koblenz; sind mild, dem Burgunder ähnlich, von angenehmem Geschmack n. dunkelrother Farbe. Die beste Sorte ist der Walporzheimer, nächst ihm die bei Bodendorf, Heimersheimsrberg, Wadenheim, Ahrweiler, Altenahr gebauten. Die A. haben selten lange Dauer, können Reisen nicht so gut vertragen, wie Rheinweine, werden jedoch nach England exportirt. Ahmnada, s. u. Amarillas. Ahun, Stadt im Arr. Gueret des französischen Dep. Creuse, an der Crense n. einer Zweigbahn der Orleans-Linie; Leinwandfabrikatiou, Glashütte, Steinkohlengruben; 2450 Ew. Bei den Römern hieß die Stadt Acitodunnm, im Mittelalter Age- dunnm; Graf Boso von der Manche gründete hier 997 die berühmte Abtei der Clnniacenser: 1s Llou- bior ci'Hrun, deren Kirche noch jetzt jährlich am 16. August Ziel vieler Wallfahrer ist. Ahwas (Ahvaz, Egavisa), 1) Bezirk in der persischen Provinz Ähusistan. 2) Stadt hier, ein unbedeutender Ort von 1600 Ew., am Kuren; blühende Stadt unter den Parthern und Residenz ihres letzten Königs, Artabanus IV., auch noch unter mittelpersischer u. arabischer Herrschaft wohlhabend durch Handel, verödete sie, seit sie durch einen Aufstand im 10. Jahrh. die Gunst der Kha- lifen verlor. Eine gegen 18 Irw lange Reihe von 316 Ai — Aide. Schutthügeln, mit Quader- u. Ziegelsteinen, Terra- cotta-Scherben u. a. bedeckt, bezeichnet die Stelle des alten A. Ai (a. Geogr.), kanaanitische Königsstadt, nahe bei Bethel, wurde von Josna erobert u. zerstört; z. Z. dcS Jesaias hieß sie Ajath, und nach dem Exil wurde sie als Aja wieder bevölkert. A'l, das dreizehige Faulthier (Braäz-xns bri- äaetzins Ortv.); Haar braungrau, Stirnhaar weißlich, nicht dürr wie das Körperhaar; hat 9 Halswirbel; in Südamerika. Ai, Stadt, so v. w. Ay. Mas, 1) A. der Lokrer, A. Otlei, Sohn des Orlens, Königs der Lokrer, n. der Eriopis, führte seine Lokrer in 40 Schiffen in den Trojanischen Krieg. Er war klein und stets leicht gerüstet, berühmt durch seine Geschicklichkeit im Lanzenwerfcn und seine Schnelligkeit, in der es ihm nur noch Achill znvorthat. Besonders in der Schlacht bei dem Schiffslager der Griechen zeichnete er sich ans und tödtete viele Troer. Aber seine Siege machten ihn selbst gegen die Götter übermüthig, und als sein Schiff auf der Rückkehr bei Euhöa an den Gyräischen Felsen scheiterte, rettete sich A. zwar auf den Felsen, aber Poseidon, von ihm verhöhnt, spaltete denselben mit seinem Dreizack, so daß A. in den Wellen versank. Spätere Dichter erhöhten noch die Wildheit seines Charakters, indem sie-ihn die in den Tempel der Athene flüchtende Priesterin Kassandra bei der Einnahme Trojas mit Gewalt von der Bildsäule wcgreißen, ja, ihn dieselbe schändenließen, wodurch Athenes Zorn gegen ihn erklärt wurde. Die Lokrer verehrten ihn alsHeros. 2) A. der Salaminier, A. Telamonios, A. der Große, aus Salamis, Sohn des Tclamon u. der Periböa (Eriböa), nach Achill der beste, schönste u. tapferste unter den Helden vor Troja, wohin er mit 12 Schiffen gezogen war. Besonders zeichnete er sich im Kampfe ans, nachdem Achilleus sich zurückgezogen hatte; selbst den Hektar wirft er mit einem Steinwnrf in einem Zweikampfe zu Boden, und auch in anderen Kämpfen erringt er, der „Schirm" oder „Thurm der Achäer", oft den Sieg. Von Charakter bieder und gntmüthig, aber wortkarg, oft auch derb. Nach Achills Tode bestimmte dessen Mutter Thetis seine Waffen dem nächst ihrem Sohne Tapfersten. Als diese von den Griechen dem Odysseus zuerkannt wurden, stürzte sich A. tief gekränkt in sein Schwert; nach Lesches u. den Späteren gerieth er in Wahnsinn, eilte in diesem Zustande in das Lager der Griechen, hieb ihre Heerdcn nieder, trieb mit einer Geißel einen Widder, den er für Odysseus hielt (daher die Tragödie des Sophokles A. Mastigophvros, der Geißclträger), vor sich her und erschlug ihn; als er seinen Jrr- thum erkannte, stürzte er sich in sein Schwert, das ihm Hektar nach dem Zweikampfe geschenkt hatte. Er ward am Rhöteischcn Vorgebirge Hegraben, wo sein Grabmal Aianteion steht (der dafür gehaltene gewaltige Grabhügel cxistirt noch, s. u. Rhöteion), und seiner Asche soll eine Pnrpnrlilie mit den Anfangsbuchstaben seines Namens entsprossen sein. In Salamis ward ihm ein Tempel erbaut n. ein Fest(Aiantda) mitKampfspielenangcordnet, in Athen die Phyle Aiantis nach ihm benannt. Die römischen Tragiker wählten ihnznmHeldcn mehrerer Tragödien.! Aibling, Hanptort eines bayerischensLandgerichtes ) im Bezirksamt Rosenheim des Regbez. Oberbayern, an der Glon und der Eisenbahn München-Holz- fl kirchcn-Rosenhcim; stark besuchter Kurort mit alka- 1 lisch-erdiger Quelle, Sool- u. Moorbädern, Molken- I u. Kräntersäften; hat Schloß, große chemische Fabrik, Mariensäule zur Erinnerung an König Ottos Abschied (1833); 1900 Ew. A. ist das Albeanum der Römer; es wurde 1648 von den Schweden ^ belagert. Aiblinger, Joh. Kaspar, deutscher Componist, eb. 23. Februar 1779 zu Wasserburg in Ober« aiern; stndirte seit 1800 zu Landshnt Theologie, wandte sich aber 1803 der Musik zu. Er lebte längere Zeit in Italien, wo er zu Venedig ein Conservatorium gründete, später in Mailand als Musikdirektor am Theater. Seit 1818 Kapellmeister der italienischen Oper zu München u. 1826 Hof- kapcllmeister; er st. 6. Mai 1867 in München. Er war ein Gegner der italienischen Modemusik, componirte mehrere Kirchcnmnsikstücke, die Oper Nodrigo und Limene, eine große Bravourarie als Einlage in Glucks.Oper Jphigenia in Tauris, Pastorale (Mailand), Okkortoirs (llnbilats Oso)n. Olldrtoirs (Dono, nosber Osns), Mainz rc. ; Aicha, 1) (Alt-A., Böhmisch-A.) Stadt dc>- - Bezirkshanptmannschaft Tnrnau, am Jeschkenbache ; Schloß, Spinnerei n. Kattnnfabrikation, Wollstofi- drnckcrei; 2430 Ew. Dabei ein Basaltdamm (Teu- selsmauer), 4 Lin lang, 2,» in hoch, 3,g in breit. 2) Dorf in der tiroler Bezirkshanptmannschaft Brixcn bei Franzensfcste, an der Eisenbahn Frau- ^ zensfestc-Villach; hier wird ein großer Kriegsbahnhof errichtet. ? Aichach, Hanptort des gleichnamigen Bezirksamtes im bayerischen Regbez. Oberbayern, an der l Mündung der Ecknach in die Paar; Sitz des Bezirksamtes, eines Landgerichtes, hat 4 Kirchen, königliches Schloß, starke Bierbrauerei, Pottaschsiederei, Rothgerbcrei, Knnstmühlen,Flachshandel; 2551 Ew. A. wurde 1208 zur Stadt erhoben, war bis 1301 Sitz einer Dentschordens - Commende, wurde im DreißigjährigenKriege 1633 u. 1634 von den Schwe- I den, im Spanischen Erbfolgckricge 1704 von den Österreichern erobert n. zerstört; 8. Octobcr 1805 wurden hier die Österreicher unter Kienmaycr von den Franzosen geschlagen. Dabei Unterwittelsbach mit einem Schlosse des Herzogs Max und Oberwittelsbach mit dem ehemaligen Stammschlosse des bayerischen Königshauses, von welchem nur noch Gräben n. Grundmauern vorhanden sind; es wurde 1209 von Herzog Ludwig I. von Bayern zerstört u. aus den Steinen die Stadtmauer von A. gebaut; an seiner Stelle ist 1832 ein Denkmal errichtet. Aichen, s. Eichen. Aichung, s. n. Eichung. Aldc, Hamilton, englischer Dichter u. Romanschriftsteller der neuesten Zeit, geb. 1830 zu Paris; trat mit 16 Jahren in die englische Armee, zog sich aber nach 7jährigem Dienste ins Privatleben zurück, um sich ganz der Muse zu widmen. Seine zahlreichen Novellen und Romane spielen in der vornehmen Gesellschaft ».zeichnen sich durch treffliche Schilderung, gute, spannende Anlage, gefällige, ! fließende Sprache aus. Ein anschauliches Bild ita- 317 — Aigue Perse. lienischen Lebens und Charakters gibt er in dem Roman Oarr ob LarrJon, und einen Spiegel aus mittelalterlicher Zeit in der zweiten Sammlung seiner Gedichte: Isis Romanos ok tsis Loarlst Real anct otsisr Rosms, ivibsi ackapvaticms brom tsis Rrovsnyal Ironsiaäonrs, 1865 erschienen; die erste, ihm schon einen Namen machende Sammlung LIsonors anci stirer Rosms gab er 1856 heraus. Erschienen in lanesinite: Lolisotion ob Rritissi ciassieal ^ntsiors. /iiiie, Beistand, Gehilfe; li.. äs oamp, Adjutant, besonders bei einem General. -iüss, Hilfsgelder, eine Art Steuer in Frankreich; später: Trankstener, in der Revolution mit den Droits rönnis vereinigt. Ll'äes (gr. Myth.), so v. w. Hades. -läe toi et Is ciel t'siäers (d. h. hilf dir, und der Himmel wird dir Helsen), Gesellschaft in Frankreich, durch die Doctrinärs Dnbois, Remusat, Guissard i. I. 1824 gegründet, um der Reaction, die man von den Bourbonen argwöhnte, auf gesetzliche Weise zu widerstehen. Bis 1828 war der Globe ihr Organ, von da an trat Odilon Barrot an die Spitze. Die Gesellschaft gab kurz vor der Jnlirevolntion 1860 den 221 Depntirten, die sich kraftvoll gegen die Regierung benommen hatten, ein Banket und stellte bei dieser Gelegenheit ein Glaubensbekenntnis; ihrer politischen Ansichten ans. Die Gesellschaft hatte wesentlichen Einfluß auf die späteren Wahlen der Hauptstadt und wirkte, u. N. mit Thiers, Mignet an der Spitze, im Stillen für das Hans Orleans. Damals diente ihnen der National zum Organ. 1832 löste sich die Gesellschaft auf, nachdem ihre Häupter in die Verwaltung getreten waren. Aidin, 1) türkisches Elajet im südwestlichen Theil von Anadoli; Gebirge: Demirdschi-Dagh (im N.), BoS-Dagh, Baba-Dagh, Nahat-Dagh, Ak-Dagh n. a.; Meerbusen: Golf von Smyrna, von Scalanova, von Mendclia, von Ko oder Dschowa, von Symi und von Makri; Flüsse: Gedis-Tschai (Hermos), Mendercs (Mäander), Kütschük-Mende- res (Kaystros); heiße Quellen im Lima Saruchan; das Klima ist angenehm, der Boden ergiebig, doch mangelhaft bebaut, bringt besonders Südfrüchte. A. ist gctheilt in die 5 Lima: Jsmir oder Smyrna, Saruchan, A., Dcnislü u. Mughla. In A. liegen Smyrna, die Hauptstadt, und die Ruinen von Ephesus. 2) A. Güzelhissar, Hauptstadt des gleichnam. Lima, am Mäander, unweit Ruinen des alten Tralles; 15,000 Ew., Mohammedaner, wenige Griechen, Armenier, Juden; Eisenbahn nach Ephesus und Smyrna; Umgegend reich an Feigen, Oliven, Trauben. Ardinjik (Klein-A.), Stadt im türkischen Ejalet Chobawcndikjar (Anadoli); 6 Moscheen, Ruinen des alten Kyzikos; 4000 Ew. Aidone, Flecken im District Piazza der italienischen Provinz Caltanisetta (Sicilien), am Monte Quattro Teste; Prätur, Waisenhaus, Mineralquelle; 6418 Ew. Aisten, Dorf im österreichischen Herzogthum Salzburg, an der Eisenbahn Salzburg-Hallein, mit Schloß u. Park des Fürsten Schwarzenberg u. einem kleinen Mineralbade. Unfern der 1278 in hohe Gaisberg mit prächtiger Fernsicht a>v die Alpen. Aigle, 1) Bezirk im Kant. Waadt (Schweiz), am Ausgange des Rhone-Thals gegen den Genfer See; 17,915 Ew. In ihm die weitberühmten Rebengelände von Sjvorne, die Salinen und Kurhäuser von Bex (s. d.) n. die romantischen Som- merfrisch-Orte der Ormont-Thäler; er bildet das Hochland der Waadt. 2) A. oderAelen, das Aquileja der Römer, die hier eine Reiterstation für WHel- vetien hatten; Bezirkshanptort, 519 in. ü. M.; 3300 Ew.; Marmorbrüche bei St. Triphon; viel Obst u. Wein. In der Nähe angeblich Siegeswahlstatt der Helvetier unter Divico in der Schlacht gegen die Römer, 107 v. Ehr. 3) Laigle (ll), Stadt im Arr. Mortagne des französischen Dep. Orne, an der Rille n. der Westbahn; Handelsgericht, Gewerbekammer, 2 Kirchen, Schloß, bedeutende Fabriken von Nadeln aller Art, Spangen, Eisenwaaren, Messingdraht, Schnüren, Bändern, Spitzen, Strümpfen, Vitriolöl u. Papier, Kupferschmieden n. Kupferhämmer; 5811 Ew.; war ehemals befestigt, wurde 1118 von den Engländern und 1553 von den Protestanten erobert. St. Aignan (St. A.), Stadt im Arr. Blois des französischen Dep. Loir u. Cher, am Cher, Eisenbahnstation der Orleans-Linie; alte Kirche (z. Th. aus dem 11. Jahrhundert), Schloß, Tuchfabriken, Gerberei, Töpferei, Srärkefabrikation, Handel mit Holz, Leder, Mehl, Wein; 3648 Ew. In der Nähe berühmte Flintensteinbrüchc, welche früher nicht nur Frankreich versorgten, sondern in Mengen ansgeführt wurden. Aigner, 1) Michael, Kupferstecher, geb. 20. Mai 1805 in Wien, war bis 1827 Stipendiat der k. k. Knpferstichschnle. Während er bis dahin bes. Porträts u. Historien gemalt hatte, wendete er sich nun dem Zeichnen von Tafeln wissenschaftlicher Werke zu u. stach die Tafeln zu Prechtls Technol. Encyklopädie, zu Gerstners Mechanik, Bnrgs Mechanik, Baumgartners Naturlehre, Wehrles Probir- und Hüttenkunde, Haustadts Markschcidetünst rc. 2) Jos. Matthäus, Porträtmaler, geb. 1818 in Wien, lernte als Sohn eines Goldschmiedes erst bei einem Juwelier und widmete sich dann bis 1838 bei Amerling der Malerei. An der Erhebung in Wien 1848 betheiligte sich A. als Commandant der Akademischen Legion und wurde nach der Einnahme der Stadt durch die Truppen im Nov. 1848 zum Tode ver- urtheilt, aber auf mehrseitige Verwendung be- nadigt. Er porträtirte u. A. Lenau im Jrren- ause zu Döbling, den Kaiser Franz Joseph u. die Kaiserin u. viele berühmte Gelehrte, Dichter und Künstler. Für Kaiser Max von Mexico malte er eben eine Reihe von Copien berühmter Bilder des Belvedere, als der Kaiser erschossen ward. Seit 1867 malte A. die Porträts der Stifter des Wiener KünstlerhanseS für dieses. Die Vorzüge seiner Porträts bestehen in charakteristischer Auffassung, breitem, kräftigem Vorkrage u. warmem Colorit. Aigrette, so v. w. Silberbuschreibcr; daher Aigretten: die weißen Rciherfedern (s. Reihcr- busch), oder eine Diamantagraffe zu deren Befestigung; überhaupt jeder büschel- u. bonqnetartige Kopfschmuck der Damen. Aigue-Perse, St. am Lu;on im Arr. Rivm 318 Algucs-Cyaui des französischen Dep. Puy de Dome; Eisenbahnstation der Lyon-Linie, Fabriken in Tuch, Leinwand, Filzhüten, bedeutende Getreidemärkte; 2600 -Sw.; Geburtsort von Jacques Delille. Dabei eine Sprndelquelle und Ruinen des Stammschlosses Montpensier. Aigues-Chaudcs (Laux oflauäss, sonst Xguas ealiäas), Df. im französischen Dep. Nieder-Pyre- näen bei Pan; über 1000 Ew.; 4 warme salinische Schwefelquellen von 32 bis 38° k. und eine kalte (Quelle v. Mainville), die schon seit einigen Jahrh. zur Heilung gichtischer und rheumatischer Leiden benutzt werden. Aignes-Mortes (früher Xguao mortnas), St. im Arr. Nisines des französischen Dep. Gard, mitten in einem Salzsumpfe, in welchen die Kanäle von Beaucaire, la Radelle, Bourgidon und Grande Roubine auslaufen, 4 Lm vom Mittsl- rneer; Hafen für Schiffe bis zu 200 To., welcher Lurch den Kanal Grande Roubine mit dem Meere verbunden ist; wohlerhaltene Stadtmauern ans dem 13. u. 14. Jahrh. mit 15 Thürmen, Schloß, auf dem Markts die Brouzestatne des heil. Ludwig (seit 1849); Torflager, ungeheure Salinen des Peccais, Seebäder, Fischerei, Sodafabrik; 3935 Ew. Hier schiffte sich 25. Aug. 1248 Ludwig IX., der Heilige, zum 7. Kreuzzngs ein. Hier 1538 Besuch Karls V. bei Franz I., wodurch der Grund zu ihrer Versöhnung gelegt ward. Aiguille, (Radel), 1) bes. am Mont-Blanc- Massiv, A. du Geant 4,233 in, A. de Goüte 4,052 m, A. du Midi 3,916 in, A. Verte, A. de Tour 3,508 in, A. d'Argentiöre, dann aber auch in den südwestlichen Walliser Alpen aufstarrende, durch Erosion steil abgeschnittene Gebirgs-Jnseln u. Alpen-Spitzen, die hauptsächlich ans vertical aufstehenden Alpengranit- (Protogiu) u. Gneis- Straten bestehen. 2) A-s-Rouges, Centralmasse, gegenüber dem Mont-Blanc, auf savoyischem Gebiete, höchster Gipfel 3,265 ni. 3) A. d'Argen- tibre oder Pointe des Plines, 3,912 (andere Angabe 4,085) in (Mont-Blanc-Gruppe), v. Reilly u. Whymper 1864 zuerst erstiegen, i) So v. w. Steinbohrer. 5) Oberste Spitze eines Thnrmhelmes, einer Helmstange, einer Fiale, einer Dachfirstverzierung, eines Obelisken ec. Mguillon (früher Xeitio), St. im Arr. Agen des französischen Dep. Lot u. Garonne, am Zusammenflüsse von Lot u. Garonne u. an der Südbahn; neues Schloß der Herzöge von A., Commu- nalcollege; Hanf- u. bedeutender Tabakbau, Stärkefabriken, Handel mit Koru, Wein, Haus; 3876 Ew. Überreste römischer Bauten. 1345 und 1346 14 Monate lange Belagerung Herzogs Johann des Guten gegen die Engländer. Aiguillon, 1) Marie Madeleine de Vignerod, Duchesse d'A., geb. um 1600, Tochter von Renb de Vignerod u. der Schwester des Cardinals Richelieu, Fran;oise Duplessis; ward durch ihren Oheim vaino ä'atour der Königin Maria de Medici, heirathete Antoine de Roure de Combalet, ward bald Wittwe u. in den Streitigkeiten Nichelieus mit der Königin Mutter von dieser vom Hose forrgeschickt. Als Frau von hohem Sinne genoß sie das ganze Vertrauen ihres Oheims u. auch die Zuneigung Ludwigs XIII. Nachdem >es — Alklll. eine Heirath mit deni Grafen von Soissons (Enkel des Prinzen Conde) u. eine andere mit dem Cardinal von Lothringen mißlungen war, kaufte ihr Richelieu 1638 das Herzogthum Aiguillon; nach seinem Tode 1642 widmete sie sich ganz der Frömmigkeit u. Wohlthätigkeit u. st. 1675. Ihre Erbin war ihre Schwester Therese Vignerod und dannihrNeffe 2) Armand Vignerod Duplessis Richelieu, Duc d'A., französischer Minister, geb. 1720; wurde von LndwigXV., dadessenMätresse, die Herzogin von Chateanroux, ihn liebte, zur Armee nach Italien geschickt; hier 1742 bei Chatean- Danphin verwundet, ward er Gouverneur vom Elsaß n. dann Commandirender in der Bretagne, wo es seinen Truppen 1758 gelang, eine Landung der Briten bei St. Cast znrückznschlagen; da er selbst während des Kampfes sich ans dem Staube gemacht hatte, geriet!) er mit dem Parlament der Bretagne in einen ärgerlichen Streit, der mit seiner Entsetzung zu enden schien, als ein königlicher Machtspruch, ans Fürsprache der Dubarry, die Sache niederschlug. Dank ihrem Einflüsse wurde er nach dem Sturze Choiseuls, seines Gegners, 1771 Minister des Auswärtigen; indeß brachte er als solcher Frankreich um seinen auswärtigen Einfluß so sehr, daß die i. Theilung Polens vor sich gehen konnte, ohne daß man in Paris davon Etwas wußte. Kurz vor Ludwigs XV. Tode wurde er noch Kriegs-Minister, verlor aber nach demselben, 1774, seine Ministerien u. ward wegen seiner Opposition gegen die österreichische Allianz 1775 vom Hofe verbannt; er st. 1782. 3) Armand Vignerod Duplessis Richelieu, Duc d'A., geb. um 1750, Sohn des Vor., als Deputirter des Adels von Ageu Mitglied der Reichsversammlung von 1789, Gegner Ludwigs XVI.; forderte in der Sitzung vom 4./5. Aug. den Adel mit zur Entsagung seiner Privilegien auf, übernahm 1792 Custines Armcecommando, emigrirte jedoch bald u. st. 4. Mai 1800 zu Hamburg. Aigun (Sachalin-Ula-Choton, chines. Che-long- kiang-tscheu), St. am Amur in China, an der russicheu Grenze, in fruchtbarer Thalebene; Cita- delle, 1675-von den Chinesen gegen die vordringenden Russen angelegt; 15,000 Ew.; Getreide und Obstbau, Handel mit Getreide, Ziegslthee Senf, Ol, Knoblauch, Tabak, in beständiger Zunahme begriffen. Hier schloß am 28. Mai 1858 General Murawiew mit dem chinesischen Civilgou- verneur Tsiau-Tsian den Vertrag ab, durch welchen Rußland am oberen n. mittleren Amur das linke Ufer, am unteren Amur beide Ufer erhielt. Aikin, 1) John, engl. Schriftsteller, geb. zu Kibworth 1747; war anfangs Arzt ».verfaßte als solcher mehrere mit Beifall aufgenommeue medici- uische Schriften, widmete sich aber später ganz der Literatur. Bon seinen zahlreichen literarischen Unternehmungen sind die im Verein init seiner Schwester, Mrs. Barbauld, herausgegebenen, aber meist von ihm selbst verfaßten XveiünAS ab Imme (1792 bis 1796), die fast in alle europäischen Sprachen übersetzt wurden, sowie seine Hotters trom a I?atlior to a 8on am bekanntesten. Von verschiedenen namhaften Schriftstellern unterstützt, gab er 1799—1815 sein großes biographisches Lexikon . u. d. T. donoral IlioSrapIizr in 10 Quartbänden Ailanthvlz — Aiu. 319 heraus, dessen Werth jedoch sehr verschieden be- urtheilt worden ist. Auch war er Herausgeber des illontkl/ LlagÄÄns u. des von Dodcley gegründeten Lnwrml RsAistsr. Seine letzte Arbeit waren seine noch jetzt geschätzten Lslset Vorüs ob tds Lritisst Roots (1820). Er st. 1822. 2) Lucy, Tochter des Vor., geb. 1781; erhielt von ihrem Vater eine gelehrte Erziehung n. trat zuerst 1810 mit ihren Rplstlss on ZVomen als Schriftstellerin auf. Unter ihren späteren Schriften, die meistens historischen Inhaltes sind, wurden besonders die Llsmoirs ol tsts 6onrt ob lamss I, London 1822, 2 vols. 8", sehr beifällig anfgenoi»- men. Diesem Werke waren 1818 die Llsmoirs ob tlw 6onrt ob tjueon Rstxadstst, 2 vols. 8°, vorhergegangen; 1833 folgten die LI. ol tsts 6omck ol (Ilmriss I.; 2 vols. 8", n. 1813 das sehr schätzbare Inls ob ^ääison, 2 vols. 8°. Auch hat sie die Werte ihrer Tante Mrs. Barbanld heransge- geben. Sie st. 29. Jan. 1864. Ailantholz, so v. w. Anghicaholz. /lüantus Dss/i, Pflanzcngatt. aus der Familie der lanthophyllcen oder Terebinthaceen (V.3). Der Name ist von dein malaiischen Worte Tvstanto abgeleitet, womit «ns den Molukken eine Art bezeichnet wird, daher ist ^ilantlms falsch. L.. Alan- äulusa Dss/i, Götterbaum, ans China, ist ein großer Baum mit großen u. schönen Fiederblättern, der bei uns häufig in Anlagen steht, sich aber als Alleebaum (wie in Wien in der Ringstraße) schlecht ausnimmt. Er wächst auch ans schlechtem Boden sehr schnell u. wurde eine Zeit lang bes. als Futter für die A.-Seidenraupe angebaut, die als Ersatz für die Lombz-x rnorl dienen sollte. Er wurde in Frankreich zur Waldcnltur empfohlen, wozu er wegen des leichten markigen Holzes sich nicht sehr eignen dürste. Das Holz läßt sich verarbeiten u. nimmt eine schöne Politur an. Ans der verwundeten Rinde fließt ein harziger Saft ans, der in wenig Tagen fest wird. Vermehrung durch Samen u. Wurzelabschnitte. Ailantusspinner (Latnrnla vpntlna I?.), aus China; seit 1854 von der Pariser Acclimatisa- tionsgesellschaft in Europa mit Erfolg verbreitet. Raupe bis 8 om lang; grünlich-gelb gefärbt; hat auf dem Rücken 6 Reihen fleischiger Zapfen und schwarze Pünktchen. Nach der vierten Häutung bekommt sie einen weißen, häufiger einen blauen Anstug; nährt sich von den Blättern des Göt- terbanrnes, Lalautus Alanäulosa Des/i Die Raupe spinnt einen Cocon gröberer, aber brauchbarer Seide. Die Grundfarbe des 12 em großen Schmetterlings ist ein lebhaftes, sammetartiges Rehbraun mit weißen Binden u. gelblichen Monden; vorn jcderseits 1 schwärzliches Auge. Ailesburh, Marktflecken in der englischen Grafschaft Buckingham, 7000 Ew.; Spitzensabriken, Viehzucht. Ailly (d'A. oder de Alliaco), Peter, Cardinal, geb. zu Compiögne an der Oise 1350; hielt seit 1375 Vorlesungen in Paris, wo er schon ein allgemeines Concil forderte, wurde 1383 Cano- mcus in Noyon, 1384 Professor der Theologie im Navarresischen Collegium zu Paris, 1389 Kanzler der Universität ».Beichtvater des Königs Karl VI., 1396 Bischof von Cambray, 1411 Cardinal n. 14l3 Legat in Deutschland. Auf den Concilien zu Pisa u. Konstanz war er mit seinem Schüler Gerson Haupt der Reform-Partei, welche den Satz verfocht, daß ein Concil über dem Papst stehe. Dennoch waren Beide unter Hnß' Blntrich- tern. d'A. ist 1425, wenn nicht früher, auf einer Reise nach Deutschland gestorben. Er schrieb einen der vielen Commentare zu P. LombardnS und zahlreiche Schriften zur Theologie, Astronomie rc. Aimak, 1) mongolisches Wort, das Abtheilung im weiteren Sinne, im engeren aver so v. als Truppe, Rotte, Stammcsabtheilung, dann den District oder Kreis bedeutet, Len eine solche bewohnt. 2) Mongolischer Volksstamm in der afghanischen Ghorat. üimani (fr.), Magnet; daher aimantiren, mit Magnet bestreichen. Äimarn (Aimaraez), Prov. im Dep. Cnzco der Republik Peru; 18,000 Ew. Aimard, Gustave, französischer Romanschriftsteller, geb. 1818 zu Paris; kam in seiner Jugend als Schiffsjunge nach Amerika, bereiste später Spanien u. die Türkei n. legte die Summe seiner Erfahrungen mit gewandter Feder in einer großen Anzahl von Romanen nieder. Die hauptsächlichsten derselben sind: Iss trappsnrs äs Uroansas, 1858; Iw Aranä sstok äss ^.nsas, 2 Bde. 1858; los Iranes-tlronrs, 1861; Iws avon- tnrlsrs, 1863; R'Vranean, 1864; Iw Uon än ässsrt, sosnss äo la vis inäisuno äans Iss pral- rlos, 1864; Iws Lolismss äs la mer, 1865; Im lorst vieres 1870—72. Anncrrc, provenzalischer Dichtername. Es gibt 3 provenzalische Dichter dieses Namens: 1) A. v. Belinoi, 2) A. v. Peguillan, 3) A. v. Sarlat. Der zweite ist der bedeutendste; er lebte von 1205 bis 1270. Von ihm sind 53 Lieder erhalten u. sämmtlich, bis auf eines, gedruckt. S. dar. Diez, Leben n. Werke der Troubadours, Zwickau 1829, S. 423, n. Bartsch, Grundriß der prov. Lit., Elberfeld 1872, S. 100. Annes de Barenne, altfranzösischer Dichter, lebte Ende des 12 . Jahrh. im Lyonnais, war aber von Geburt ein Grieche. Er verfaßte den altfranzösischen Roman äs Rlorlamout, auch bekannt als Roman äs Rstllipps äo Llaoöäolns, welcher handschriftlich mehrfach erhalten, aber noch nicht gedruckt ist. S. dar. Stengel, Mittheilnngen aus franz. Handschriften, Halle 1873, S. 41. Aimeri de Narüonne, altfranzösisches BolkS- epos, ans dem Anfänge des 13. Jahrh., so benannt nach A. v. N., dem sagenhaften Vater Wilhelms von Orenge. Der Verfasser desselben ist wahrscheinlich Berrran de Bar-sur-Aube. Es ist noch ungedrnckt. S. Leon Gautier, Iws Rpopöss Ir., Paris, 1868 III. S. 213. Aimon (Sagengcschichte), so v. w. Haimon. Aimvin v. Flenry, französischer Benediktiner, st. 1008; er sehr.: Ristoria Rranoornm von 253 bis 654, später fortgesetzt bis 1165, öfter gedruckt, zuletzt in Bongnets Loriptorss rsrnm Aast, st Iran«.; Vita ^.bbonls Rloriaoonsis u. Mehreres über St. Benedict, heransgegeben von Mabillon n. Bosco. AIn (arab.), Auge, Quelle; häufig ein Orts« 320 Am — Aino. name des Orients, so A. osch - Scheines (d. i. Sonnenquelle), so v. w. Heliopolis. 1) A. el Gi- nnm (d. i. Auge der Götzen), St. im Königreich Fez; in der vormohammedanischen Zeit feierten in dem dortigen Tempel Männer u. Weiber nach Beendigung der Opfer nächtliche Orgien; die ans denselben hervorgegangenen Kinder wurden zum Tempeldicnste erzogen; St. u. Tempel wurden von den Mohammedanern zerstört. 2 ) A. el Madi (A. el Madhi, A. Maadi), St. in der Prov, Titteri in Algerien; 3000 Ew.; wurde von Abdel-Kader 1838 zweimal erfolglos belagert. Dabei das Gebirge Amur (Dschebel A.). 3 ) A. Musa (Mosesquelle), kleine Oase auf der westlichen Küste der Sinaitischen Halbinsel, südl. vom Gad el Marknb, dem nördlichsten Vorgebirge dieser Seite des Meerbusens v. Suez. Ihrer ganzen Länge nach südöstl. eine Reihe von durch Dattelpalmen, Rosen, Oleander, Granaten, Myrten rc. beschatteten Quellen mit Temperatur zwischen 17° u. 23" L. u. starkem Schwefelbeigeschmack. Ain, 1) rechtss. Nebenfluß der Rhone, im östl. Frankreich; entspringt bei Nozeroy auf dem Jura, fließt durch die sogenannte Bresse zwischen meist steilen Ufern hin, nimmt die Bienne, Oynon, Suran auf, ist 85 icm weit schiffbar und mündet nach einem 160 km langen Laufe bei Anthron oberhalb Lyon. 2 ) Französisches Dep., nach dem vorigen benannt, ist der südlichste Theil des ehemaligen Herzogthums Burgund; begreift die Landschaften Bresse u.'Dombes (westl.), Gex, Bugey u. Val- remy (östl.^; grenzt an die Schweiz u. die Dep. Jura, Saone u. Loire, Rhone, Jsöre u. Haure- Savoie; 5797 HZicm (105 fijM) mit 383,290 Ew. Der östl. Theil ist gebirgig durch den Jura (Montrond 1600 m, Colombier de Gex 1691 m, Montoisey 1671 m, Erbt de la Neige 1723 in, Reculet 1720 in u. a.), hat zum Theil nackte u. unfruchtbare Berge, zum Theil fruchtbare und angebaute Thäler; im westlichen, mehr ebenen u. sumpfigen Theil ist besonders südl. das Pays des Dombes bemerkenswerth wegen der großen Anzahl Seen n. Teiche (über 1000); sie werden in regelmäßigen Zwischenräumen ansgetrocknet u. zum Ackerbau benutzt, welcher der Hanptnahrungszweig der Einwohner ist. Flüsse: Rhone (mit Ain), Saone (mit Beyssonze, Vegyle u. a.). Produkte: Weizen, Wein, Steinkohlen, Torf, Eisenerz, ausgezeichnete Steine für die Lithographie (die besten von Villebois); die bedeutendsten Fabrikzweige Lnd Weißgerberei, Töpferei n. Seidenweberei. Die Eisenbahn von Genf nach Lyon mit verschiedenen Abzweigungen durchschneidet das Dep. Dasselbe wird eingetheilt in die 5 Arr. von Bonrg, Belley, Gex, Nantua u. Trbvoux. Hanptort ist Bourg (en Bresse). Ainmüller, Max Emanucl, Glasmaler, geb. zu München 14. Febr. 1807, st. ebendas. 8. Der. 1870 als Inspektor derk. Glasmalerei u. Ehrenmitglied der Akademie der bildenden Künste in München. Der Sohn eines armen Schullehrers, aus seinen eigenen Erwerb angewiesen, trat A. als 13jähriger Knabe ans Empfehlung des Glasmalers Georg Frank in die k. Porzellan-Manufactur Nym- phenbnrg ein u. besuchte gleichzeitig die Akademie in München als Schüler der Baukunst, hauptsächlich im mittelalterlichen Ornamentenfache. Achtzehn I. alt ward er Zeichner in der k. Glasmalerei, die damals mit der k. Porzellan-Manufactur verbunden war. Überwiegend von der technischen Seite des Kunstzweiges angezogen, wirkte er in ihr bald selbstständig und erwarb sich hohe Verdienste um sie. Auf Empfehlung Gärtners, der damals Akademiedirector und A-s Lehrer war, erhielt er von König Ludwig den Auftrag, die gemalten Fenster des Regensburger Doms zu restauriren. Das Unternehmen gelang aufs Beste, n. in Folge davon liefen so zahlreiche Aufträge ein, daß König Ludwig I. 1843 durch Vait ein eigenes Gebäude für die Glasmalaustalt erbauen ließ. Schon sechs Jahre vorher war A. zum Vorstände derselben ernannt worden. Die Technik seiner Kunst vervoll- kommnete er derart, daß er Farbenglas in 100 bis 120 verschiedenen Farbeutönen Herstellen konnte; auch verfertigte er mit Wehrstorfer zuerst wieder sogen, emaillirte Glasbilder in der Art der in Vergessenheit gerathenen Cabinetsglasmalerei (z. B. den heiligen Christoph nach Memling, die Blaue Grotte, den Ausbruch des Vesuv rc.). Mit vollendeter Technik vereinigte A. künstlerische Meisterschaft, Reinheit des Stils u. Klarheit der Zeichnung, bes. auch in ornamentischen Theilen. Bon größeren Arbeiten, welche unter A-s Theilnahme ans dem genannten Institut hervorgingen, sind zu erwähnen: die Fenster für den Dom zu Regensburg, für die Mariahilfkirche zu Au bei München, die von König Ludwig I. 1848 dem Kölner Dom geschenkten prächtigen Fenster. 1851 übernahm A. das Institut vom Staate für eigene Rechnung. Er lieferte ferner: 6 Fenster für das St.-Peters- College in Cambridge, 5 für den Chor der St. Jodocuskirche zu Landshut, 2 Fenster mit den Heiligen Petrus und Paulus, als Geschenk König Max II. an Pins IX. für den Vatikan, und als umfangreichstes Werk die sämmtlichen Fenster mit mehr als 100 biblischen und historischen Bildern für die Kathedrale zu G/asgow; für die Nicolaikirche in Hamburg u. „v. a. Auch durch viele Architekturmalereien in Öl ist A. berühmt; dahin gehören die Liebfrauenkirche zu München, die Marcuskirche zu Venedig, der Ulmcr Dom, das Innere der Windsorkapelle, der Westminsterabtei, der Stephanskirche zu Wien u. a. Aino (d. h. Männer, Menschen), Bewohner (wahrscheinlich Ureinw.) der Insel Jesso, der Kurilen und des südl. Theils der Insel Tarakai oder Ka- rafto (gewöhnlich, aber fälschlich Sachalin), von kleiner Statur, aber kräftig, kupferfarbig, sehr starkes Haupt- und Barchaar; haben weder Schriftzeichen, noch Literatur, nur Überlieferungen durch Barden. Sie zollen dem Bären göttliche Verehrung und betrachten den erlegten als Schntzgeist; im Übrigen beten sie Sonne und Mond an, haben aber weder heilige Orte, noch Priester. Die Chinesen neunen sie Mao-schin, d. i. behaarte Menschen, und Hia-je, d. i. Krebsbarba- ren; die japanesische Benennung Je-so gibt denselben Sinn. Von Charakter sind sie nachgiebig, bescheiden, aber wäge und sehr unreinlich. Im Sommer tragen sie Bastkleider, im Winter Felle. Sie lieben Gesang und Tanz u. ein starkes Getränk (Miki). Die A. sind geschickt im Zimmern 321 Ainsworth von Böten u. deren Ansrüstung wie Handhabung; treiben hauptsächlich Fischfang (Lachse, Tinten- u. selbst Walfische); Jagd (Bären, Füchse, Hirsche, Biber); Waffen: Pfeile, Lanzen, Messer u. Beile; ihre Anzahl wird sehr abweichend zwischen 10 bis 60,000 angegeben. Ihre Sprache in verschiedenen Dialekten bildeteineneigcnen, den aüwischen Sprachstamm; vgl. Pfizmaier, Abhandlung über die A'tno- sprache nebst Vocabularinin, Wien 1852 n. 54. In neuester Zeit sind die A. vielfach erforscht worden: v. Brandt (Zeitschr. für Ethnologie, 1872) weist nach, daß die Physiognomie der A. auf einen von den Japanesen, Chinesen, Mongolen rc, absolut verschiedenen Ursprung Hinweise. John Kennedy (äonrn. ok iMat. anä iNi^siol., 1871) verdankt man die wichtigsten und anziehendsten Bemerkungen über den Schädel der A. und dessen Verhältniß zu dem Schädel der Chinesen; hiernach stehen die A. den Europäern in dieser Hinsicht näher, als den gen. Asiaten. Genaue u. ausführliche Beschreibung der A. haben H. C. Saint- John, Lsvus ä'Mitbropolog'iSj 1873, A. S. Bickmore, I^roosä. cck tüs Loston 8oo. ok Hat. ülist., 1867, Mermet de Cachon, Los Minos, Paris 1863, u. A. geliefert. Ainsworth, 1) William Harrison, englischer Romanschreiber, geb d. 4. Febr. 1805 zu Manchester; er stndirte anfangs die Rechte ».widmete sich, nachdem er eine Zeit lang ein eigenes Verlagsgeschäft mit wenig Erfolg geführt, ganz der literarischen Beschäftigung. Sein erster Roman war 8ir lohn Oüivsrtou (1825), hierauf folgten Roeinvooä (1834) u. Oriebion (1837). Besonderes Aufsehen aber erregte sein Gemälde aus der Verbrecherwelt äaolc Llrspparä (1839), durch welches er diese Romangattung in die Mode brachte. Später nahm er seine Stoffe meistens ans der englischen Geschichte, mit Vorliebe solche wählend, welche seiner Neigung zur Darstellung des Schauerlichen und Entsetzlichen den freiesten Spielraum ließen. Dahin gehören 6u^ ä^awüss (1840), 'Mrs ä?Vorlä, sillrs Illnstrateä Universal Oarstts, Lond. 1863, n. A. 1869 (ein geographisches Lexikon), rc. A. ist augenblicklich Eigenthümcr und Herausgeber des lstsrv Uontlrlx NaAarine. Amtab (Andab, früherLntioeliiaaää'ammm), Hauptstadt eines Districts des türk. Ejalcts Haleb oder Aleppo (Syrien); befestigtes sSchloß, 5 Moscheen, große Bazars, Fabriken in Seide, Leder und Baumwolle; 20,000 Ew., darunter Mohammedaner, Armenier, Griechen. A. wurde 1183 von Saladin u. 1400 von Timur erobert. Der Ort ist Hauptstation der nordamerikan.-englischen Mission. Aion-Jnseln (spr. Eioh), eine Gruppe der niedrigen Inseln in dem Malaiischen Archipel, etwa 150 lcm von der nordwestlichen Spitze von Neu-Guinea. Air (Ahir oder Asben), Königreich in der Sahara (Afrika), zwischen 16" 15" n. 20° 15' n. Br. und 6° 15' n. 9° 30' ö. L, 37,000 sZM; besteht ans einer Reihe von Berg- n. Hügelgruppen, flacht sich im Tlllgemeinen nach W. zu ab und erreicht seinen höchsten Punkt in der Mitte des Landes im Berge Dogem, 1600 m. Die Thäler sind höchst fruchtbar, oft äußerst malerisch n. von einer Menge wilder Thiere bevölkert, darunter Giraffe, Hyäne, Wolf, Schakal, Eber n. wilde Ochsen. Das Klima ist theils dem der Sahara, theils dem des Sudan ähnlich, jedoch angenehmer, als das crstere, weniger gefährlich, als das letztere, und im Ganzen gesund n. für Europäer erträglich. Die tropischen Regen fallen regelmäßig, und die Regenzeit dauert von Mitte August bis Anfang October. Während des Winters fällt das Thermometer oft bis auf den Gefrierpunkt. Der Boden wird meist von Sklaven angcbaut, u. in der Nähe der Städte u. Dörfer befinden sich Gärten u. Kornfelder, welche während der trockenen Jahreszeit künstlich bewässert werden. Products: Ghussub (Art Hirse), Wein, Datteln, verschiedene Gemüsearten, Genua, Indigo u. Salz, letzteres Tanschmittel gegen die Prodncte des Sudan. Die Einwohner bestehen hauptsächlich ans zwei großen Stämmen, den Kelowi und den Kilgri. Die Regierung trägt nach Richarvson, Barth u. A. patriarchalischen Charakter, mit einem Anfluge von Demokratie. Hauptstadt Agadez, mit etwa 64,000 (nach Anderen nur 7000) Ew., unter denen sich an 14,000 Krieger befinden sollen. Lw (fr.), 1) Luft, Wind; 2) Haltung, Miene, Benehmen, Ton; 3) Lied, Sangweise. /Lira L., Schmiele, Pflanzengattung ans der Familie der Gräser (Oraminsas), 3. Kl. 2. Ordn. Arten zahlreich, meist Futtcrkräuter. Die langen, nackten Halme der blauen Schmiele (M eaornlsa D., richtiger Llolmia oasr. Lünssi) dienen zum Reinigen der Pfeifenrohre. i. Band. 21 322 Airaines — Aisne. Airaines, Flecken im Arrondissement Amiens des französischen Departements Somme, am gleichnamigen Flüßchen; über 30 Mühlen, Leinwand-, Segeltuch-, Ölfabrikation; 2270 Ew. Airävata (AirAvana), Prototyp des Elefanten, Weltelefant des Ostens, hervorgegangen aus der Quirlung des Stromes, die zur Bereitung des Amrita oder Unsterblichkeitstrankes stattfand. Der Gott Indra gebraucht ihn als Vehikel. Vergl. ^mrita im L.mritamantli-rns,m in Lassen-Gilde- meisters anblwl. sansoritioa, vol. 49. A. ist von weißer Farbe, Thllrhüter des Himmels; vgl. Ar- dschnnas Reise zu Indras Himmel, herausgeg. von Bopp, Ges. I. v. 39, 40. Aird, T Hamas, schottischer Dichter, geb. 28. Aug. 1802 zu Bowden in Roxburghshire, studirte in Edinburgh u. war erst Redactenr des IVeolcl/ llournal u. seit 1835 des Oumkriss Heralä. Er machte sich zuerst durch seine Usli^ions ObaraotoriLtios, Edinb. 1827, vortheilhaft bekannt; besonderen Beifall aber fanden seine schottischen Dorfgeschichten unter dem Titel Mrs olcl Laolielor in tiio 8eot- täsir VillaAs, ebdas. 1845. Auch unter seinen Gedichten tUostioal IVorlro, Edinb. 1846, 8", n. A. 1870) ist manches Ansprechende. Airdrie, Stadt in der schottischen Grafschaft Lanark; viele Fabriken, Kohlen- u. Eisenbergwerkc, Seilereien, Brauereien, Banmwollmanufacturen; 12,900 Ew. Dabei das Bad Monkland-Well. Aire, 1) (^..-sur-la-I^s) befestigte Stadt an der Lys im Arrondissement St. Omer des französischen Departements Pas de Calais, Station der Nordbahn; Citadelle, 8 Kirchen (darunter die reich ansgeschmückte von St. Pierre aus dem 15. u. 16.Jahrh.), College, Fabriken für wollene u. baumwollene Waaren, Fayence, Seife, Soda, Körbe, Mützen; Handel mit Wein n. Branntwein; 8800 Ew.; Geburtsort von Malebranche. A. ward im 9. Jahrh. gegründet n. gehörte zu Flandern; 1641 ward es von den Franzosen unter dem Marquis v. Melleraye erobert, von den Spaniern zwar wieder genommen, 1676 aber von dem Marschall v. Humiöres zurückerobert. Im Spanischen Erbsolgekriege ward es am 8. Nov. 1710 von dem Fürsten Leopold von Anhalt genommen, im Frieden von Utrecht 1713 aber an Frankreich zurück- gegeben. 2) Stadt im Arr. St. Sever des französischen Dep. Landes am Adour u. an der Südbahn; Bischofssitz, 2 Seminare (das große 1858 eröffnet), Fabriken in Hüten u. Leinwand, Marmorsäge, Handel mit Wein, Weizen, Mais, Kastanien; 5240 Ew. A. war einst Residenz des Westgothenkönigs Manch II. Hier 2. Marz 1814 Gefecht zwischen den Engländern u. Franzosen. 3) Schiffbarer Nebenfluß der Ouse in England, entspringt am Penigant in der Grafschaft S)ork n. ist mit Kanälen verbunden. 4 ) Nebenfluß der Aisne im nördlichen Frankreich, entspringt östlich von Ligny u. mündet nach 125 icm langem Laufe unterhalb Grandpre. Airola, Flecken in der italienischen Provinz u. im District Benevento (Neapel); Prätnr, altes Schloß; 5116 Ew. Airolo (deutsch Eriels), großes Pfarrdorf im schweizerischen Kant. Tessin, am südlichen Fuße des Gotthardberges, 1179 m ü. d. M., in kalter Lage, der erste Ort des oberen Livinenkhals; 1724 Ew. (1870); rasch aufblüheudcr Orr, seitdem hier der südliche Mündungspunkt des 14,,, Icm langen Gotthard-Tunnels ist. Der nahebei gelegene Thurm soll vom lombardischen König Desiderius 774 erbaut worden sein. Hier u. weiter hinauf am Gotthard Kämpfe der Russen unter Suwaroff Sept. 1799 gegen die Franzosen, welche zurückgeworfen wurden. Airy, George Biddell, ausgezeichneter Astronom, geb. 27. Juli 1801 in Alnwick (Northum- berland); studirte Mathematik und Physik, wurde 1828 Professor und Direktor der Sternwarte in Cambridge n. 1836 in gleicher Eigenschaft Ponds Nachfolger in Greenwich n. königlicher Astronom; richtete außer auf die Fixsternörter seine Beobachtungen auch auf die Kometen, bereicherte das von ihm dirigirte Institut mit vielen Instrumenten, - welche meist nach seiner Erfindung gearbeitet wurden, n. veranlagte die neue englische Gradmessung. Er beobachtete 1842 in Turin, 1851 in Schweden u. 1860 in Spanien die totalen Sonnenfinsternisse und wurde 1871 Direktor der Uozml Looisb^ zu London. Seine astronomischen Untersuchungen erstrecken sich vornehmlich über die Mechanik des Himmels; auch hat er sich große Verdienste um die Physik u. Öptik erworben. A. schrieb: Hstro- vomioal Oftsorv., Land. 1845—57, 11 Bde.; iks- äuotions ob Obssrv. ok tirs Lloon, ebd. 1848, 2 Bde.; LataloAus ob 2156 Ltars, ebd. 1849; 8ix Iwebnrss cm ^strovom/, ebd. 1851, 4. Ausl. 1858 (deutsch von Sebald); Maots on xbMeal ^8tronomx, ebd. 1858; lÜAebiaieal anck nums- ^ rioal Mworzc ob Lrrors ob Obsorv., ebd. 1861; On tbs rmciulatorzc ll'Irsor/ ob Optios, ebd. 1866; 8ormci ancl atmospllerio Vibratiovg, ebd. 1868, 2. Afl. 1871: Iroatms on LlaAnstäsm, ebd. 1871, u. a. /Usance (fr.), Ungezwungenheit, Behaglichkeit, Wohlhabenheit; daher oabinet, Iren ck'aisanoe, Abtritt. Nische (Ayescha), Tochter Abnbekrs, 3. Gemahlin Mohammeds, ein ränkesüchtiges Weib; unterstützte ihren Vater nach Mohammeds Tode gegen dessen Vetter u. Eidam Ali im Kampfe um das Khalifat, u. als nach Abnbekrs Tode Omar, der Vater Hasßas, auch einer Frau Mohammeds, Khalif wurde, intriguirte sie auch gegen diesen, so daß derselbe sie einsperrte; nachher aber wieder freigclassen, trat sie dem Nachfolger Omars, Ali, dem Besiegten ihres Vaters, feindlich in den Weg u. unterstützte dessen Feinde. Als Prophetin stand sie in großem Allsehen, ward auch als Dichterin gerühmt. 679 starb sie in Medina u. wurde neben Mohammed u. Abnbekr beigesetzt. Aislingen, Marktflecken im Bez.-Amte Dillingen des bayerischen Regbz. Schwaben-Neuburg; Schloß, Überreste eines römischen Castrum; 1100 Ew. A. war sonst Reichsgrafschaft. Dabei ein 8 Icm langes, mit Salzkraut bewachsenes Ried i (Aislinger Moos). ! Aisne, 1) (sonst Lxoua) 279 km langer Ne- ' benflnß der Öise in Frankreich, entspringt bei, ^ Vaubecourt im Dep. Marne, wird im Dep. Ar- ^ dennes schiffbar, nimmt die Aire, Suippe, Beste auf, ist mit der Maas durch den Ardennen-Kanal verbunden n. mündet bei Compiögne. 2) Dep. in Frankreich, Thcil der ehemaligen Picardie, der ! 323 Aistulf Jsle de France in Brie, liegt zwischen den Dep. Ardennes, Marne, Seine-Marne, Oise, Somme u. Nord u. Belgien, ist hügelig, hat fruchtbaren Boden, etwas kaltes u. feuchtes Klima; Flüsse: Aisne, Schelde, Oise n. Somme; Kanäle: Ourcq, Quentin, Crozat u. a. Der Boden birgt treffliche Bausteine, Marmor, Thon, Gips, Torf, hat ausgedehnte Waldungen mit reichem Wildstande u. bietet viel Getreide, Ölgewächse, Hopfen. Bedeutend ist die Zucht von Pferden, Rindvieh, Schafen ü. Hühnern. Die Industrie erstreckt sich auf die Fabrikation von Baumwollzengen, Batist, Leinwand, Glas, chemischen Productcn, Öl, Zucker, Eisen u. Eisenwaarcn. Der Handel vertreibt bes. Getreide, Wolle und Leinwand n. wird durch die Nord- u. Ostbahn gefördert, welche sich in Laon kreuzen. 7353 Hstcm (134 f^M) mit 552,439 Ew.; wird gctheilt in die 5 Arr. Chatean- Thicrry, Soissons, Laon, St. Quentin u. Ver- vins. Hanptst. Laon. Aistulf, 3. Sohn des Herzogs Pemmon von Frianl, folgte seinem Bruder Natchis 745 in Frianl u. 749 als König der Langobarden. Er eroberte 751 das Exarchat u. bedrohte Rom, weshalb er mit Pipin in Krieg gerieth, welchen der Papst Stephan II. zu Hilfe gerufen hatte; er wurde von Pipin 755 bezwungen, gab das Exar- chat wieder heraus; zu neuem Kriege rüstend, starb er 756. S. Langobarden. Aitkin, County im Unionsstaate Minnesota; hatte 1870 nicht mehr als 178 Ew., deren Zahl jedoch bei dcni starken Zuflüsse von Einwanderern bedeutend in Vermehrung begriffen ist. Alton, Wilhelm, Botaniker, Vorsteher des königl. botanischen Gartens zu Kew, geb. 1731, gest. 1793; schr. mit Dryanders Hilfe das classische Werk Ilortus Icsrvonsis, 1789, 3 Bde., von welchem sein Sohn u. Nachfolger Wilhelm Townsend A. eine vermehrte neue Auflage besorgte. Aitzema, Lieuwe van (lat. Dso ab) A., geb. 19. Nov. 1600 zu Dokkum, war seit 1625 Agent für Magdeburg, mindestens seit 1645 bis zu seinem Tode hanseatischer Resident im Haag; st. 23. Februar 1669. Er erzählte im antioranischcn Geiste, auf Urkunden gestützt u. unter Mittheilung derselben, die niederländische Geschichte von 1621 bis 1669. Seine Werke sind: 1) Verbnel v. ck. Hecker!. Vrecke-ImnckelinA (dem Westfäl. Frieden), Haag 1650; verm. 1655, 2 Bde. 4°. Lat. Leiden 1654, 4"; 2) Hsrotoläs Doernvs (Gesch. von 1650 bis 1651), Haag 1652, 4°; 3) Lakou van 8taat su Oorlo^b in suäs omtr. cks Versen. Hecker!.; van 1621— 1669 (in 48 Büchern), 16 Deelen, Leyden 1669, 4"; n. Anfl. mit Zusätzen des Vcrf., Haag 1669—1672, 6 Bde. Fol., n. Gen.-Reg. (in Bd. 6 auch Nr. 1 u. 2 wiederholt). „Nie ist die gleichzeitige Geschichte so rückhaltslos u. umfassend aus diplomatischen Quellen geschrieben worden, wie es von L. v. A. für ein halbes Jahrh. (u. ein wie bewegtes, von 1620—1669) geschehen ist." (C. F. Wurm.) Fortsetzungen von A-s Merk sind: I>. Lzckvins Dmioilou onoes Txckto, 2 D., Lnrot. 1685, Fol.; Vervo!§ van Lalcon, ib. 1688, Fol., rc. — L. v. A-s reicher handschriftlicher Nachlaß wurde etwa ein Jahr nach seinem Tode mit Beschlag belegt u. befindet sich — Aix. (außer den Bremischen Papieren) in dem niederländischen Reichsarchiv im Haag. Seine Tagebücher, 12 Folianten, wurden dort erst 1852, unter dem Dache versteckt, wieder anfgefnnden. Vgl. darüber C. F. Wurm, Über F. v. Aitzema und den Nachl. des L. v. A., Progr. des Hamburg, akad. Gymn. 1854, 4°. Ains Locntins? d. h. der Sprecher, römische Gottheit. Vor der Eroberung Roms durch die Gallier, 390 v. Ehr., wurden die Römer durch eine Stimme aus dem Haine der Vesta ermahnt, ihre Stadtmauer anszubessern, sie achteten aber nicht darauf. Die Stadt wurde von dein Feinde erobert. Nach der Vertreibung der Gallier ließ Camillus an dem Orte, von wo die Stimme gekommen war, jenem unbekannten Gott als A. L. zur Sühne einen Tempel bauen. Aiwaly (Haiwalii, Kidonia, Kidonies), Stadt im Liwa Aiwalyk (Eiwalyk) des türkischen Ejalets Chodawendikjar in Kleinasien. Es war 1747 noch unbedeutendes Dorf, aber durch den Geistlichen Joh. Ökonomos erhob es sich zu einer Stadt von 36,000 Ew. Die Ew. (Aiwa- lioten) bildeten eine Republik mit eigenen Gesetzen unter einem türkischen Kadi. Es wurde in der griechischen Jnsurrcction 1821 zerstört; hat jetzt 22,000 Ew. u. führt große Quantitäten Korn und Öl aus. Alwazowski, Iwan Konstantinowitsch, Marinemaler, geb. 17./29. Juli 1817 zu FeoLosia in der Krim; trat 1833 in die Petersburger Akademie ein, ward Tanneurs Schüler, machte sich aber bald selbstständig, ging 1840 nach Italien u. hatte dort seine ersten großen Erfolge. 1844 über Spanien, Holland u. England nach Petersburg zurllckgekehrr, ward er Mitglied der Akademie, ging 1845 nach Südrußland u. in die Türkei u. dann in seine Heimath; im Herbste 1856 nach Paris. A. zählt zu den fruchtbarsten Künstlern, schon 1858 hatte er 800 Bilder gemalt, er ist aber in den späteren nicht frei von Manier. Gemälde von ihm im Winterpalais, in der Eremitage, in der Akademie, in der kaiserlichen Villa Alcxaudrie bei Peterhos, im Romdanzowschen Museum zu Moskau n. im Vatican. Daruntermanches abenteuerliche Effectstück. Aix, 1) Arr. im französischen Dep. derRhvne- mündungen, getheilt in 10 Kantone, mit 114,643 Ew. 2) St. hier an der Arc u. der Zweigbahn Rognac-A. der Lyon-Linie; zerfällt in die Altstadt n. Neustadt, beide getrennt durch den Conrs Sex- tins, eine schöne Promenade mit 4 Fontainen, deren eine seit 1819 die Statue des Königs Rene von David d'Angers trägt; ist Sitz eines Erzbischofs, eines Gerichtes erster Instanz und Assisen- hofcs, Handelsgerichtes, hat großes und kleines Seminar, Communalcollcge, Kunst- n. Gewerbeschule, Bildnngsschnle für Lehrer n. Lehrerinnen, Üniversität mit 3 Facultäten (theologische, jurist. u. philos.), Akademie (seit 1668), Museum mit Alter- thümern u. Gemälden, Bibliothek von 100,000 Bdn. u. 1100 Mannscripten. Die ansehnlichsten Gebäude sind: die Kathedrale St. Sauveur, ans den Mauern eines Apollotempels errichtet, z. Th. von 1285, mit einem schönen, 1858 restaurirten Baptisterium, die Kirche St. Jean von 1231 mit den Gräbern der Grafen von Provence (1828 her- 21 * 324 Aixc — ^ ^our. gestellt), die Kirche St. Madelcine im Renaissancestil von 1783, der erzbischöfl. Palast, das Stadthaus, der Justizpalast, 1822—1831 erbaut, u. a. Von den warmen Mineralquellen, welche im Alterthum in hohem Ansehen standen, jetzt aber wenig besucht sind, hat die Quelle des Sextins 35° 6. Die Industrie erstreckt sich ans Fabrikation von Leinwand, Baumwollgarn, Hüten, Matten, Jn- dienne, Mandelkuchen; außerdem wird Seidenzncht, Mandel- n. Olivenbau u. Ölbereitung getrieben; berühmt ist das Olivenöl von A., mit dem ein bedeutender Handel getrieben wird; 28,152 Ew.; Geburtsort von Vanloo, Tournefort, Adanson u. d'Argens. A. war von C. Sextins Calvinns 114 n. Chr. nach Besiegung der Salluvicr angelegt u. nach ihm Xguas Lextias genannt. Zwischen A. u. Arelata schlug 102 v. Chr. Marius die Ambronen u. den Tag darauf die Teutonen. Zu Casars Zeit hieß es öolonia, ünlia, u. unter Augustus Lolonia. Xn^usba. Unter Honorins ward A. Hauptstadt der Provinz u. erhielt einen Bischof, welcher Erzbischof wurde, jedoch unter dem Primat von Arles stand. Unter Karl Martell ward es von den Saracenen zerstört, aber wieder aufgebant. A. war ein hauptsächlicher Sitz der Troubadours. 1409 errichtete Papst Alexander V. eine Universität daselbst; 1501 legte Ludwig XII. ein Parlament, n. 1555 Heinrich II. eine Kammer dahin. In der ersten franz. Revolution verlor die Stadt Universität, Parlament und Kammer. 3) Insel an der Mündung der Charente im Arr. Rochefort des französischen Dep. Niedercharcnte, zwischen den Inseln Re u. Olcron, mit 2 Forts. Hier verbrannten am 11 . April 1809 die Engländer unter Cochranc die französische Flotille von Rochefort. 4 ) St. im Arr. Chamböry des franz. Dep. Savoie, unweit des Sees Bourget, an der Eisenbahn Lyon-Chambery, mit Zweigbahn nach Annecy; hat berühmte, 36° R. warme Schwefelquellen, die äußerlich und innerlich gegen Gicht, rheumatische Lähmungen, Krankheiten des Uterus, Hautkrankheiten benutzt werden; die Thermen wurden schon zur Zeit der Römer besucht u. hießen Xguao Oratianas oder Oomitmims, blieben auch im Mittelalter in Ruf; doch that die Negierung erst 1773—1784 durch den Bau des Lätimsub rozml etwas für das Bad. Jetzt besteht ein neues großes Etablissement mit Bade-, Trink- u. Juhalationsräumen, jährlich von etwa 6000 Kurgästen besucht. Römischer Triumphbogen u. a. Überreste aus der Römerzeit; 4430 Ew. A. gehörte zum Lande der Allobroger. 5) Aix- la-Chapelle, so v. w. Aachen. Aixe (A.-sur-Vienne), St. im Arr. Limoges des französischen Dep. Haute-Vienne, am Zusammenflüsse der Vienne u. Aixette; große Ziegelei u. Röhrenfabrik; 3300 Ew. üiroon L. (Immergrün, Zaserling), Pflanzengatt. zur Farn. der Tetragoniaceen (XII. 5). Arten: kraut- u. strauchartig mit saftigen Blättern, meist am Cap heimisch, als Zierpflanzen cnltivirt. 4. eanariensk D. u. X. irisxanieum D. liefern eine sehr sodareiche Asche. Ajaccio, 1) Arr. des französischen Dep. u. der Insel Corsica; hat 12 Kant, und 63,788 Ew. 3 ) Hauptst. hier, am gleichnamigen Golf des Mittelmeeres, mit umfangreichem u. bequemem Hafen, Citadelle, Bischofssitz, Tribunal, College Fesch mit Sammlung von Bildern u. Naturalien u. im Hofe dem Erzstandbilde des Cardinals Fesch; Vorlesungen über Anatomie u. Geburtshilfe, Bibliothek von 26,000 Bänden, Botanischer Garten, Museum, Theater, Gesellschaft für Ackerbau, Wissenschaften u. Künste. Die Stadt hat breite Straßen, schattige Plätze, Kathedrale von 1585, neue, schöne Kapelle Fesch mit den Grabmälern der Madame Lätitia u. des Cardinals Fesch, das Haus, in welchem Napoleon I. geboren wurde (Casa Bonaparte). Auf dem Marktplatze eine Marmorstatue des Ersten Consuls von Labourenr (1850 errichtet); die Grabkapelle der Bonaparte; auf der Place Bonaparte Las Monument von Barye: der Kaiser zu Pferde, umgeben von seinen 4 Brüdern (15. Mai 1865 eingeweiht); Bronzestatue des Generals Charles Abbatncci (1854 errichtet); Korallen- u. Sardellenfischerei, Handel mit Wein u. Öl, Getreide, Orangen, Wachs, Wildpret, besonders berühmten Austern; 14,558 Ew. Die Gegend liefert vortreffliche Weine, Obst, Gemüse, Fische, Wild rc.; das Klima ist gesund, Winteraufenthalt (Dec. bis Febr.) für Brustlcidcnde, Scrophnlöse rc. Vgl. Biermann, Die Insel Corsica, mit besonderer Berücksichtigung von A. als klimatischer Kurort, Hamb. 1868. A. hieß im Alterthum XikjaduM lag aber etwas von der jetzigen, erst 1435 angelegten Stadt entfernt, wurde 1811 von Napoleon zur Hauptstadt der Insel erhoben. AMon (bibl. Geogr.), Levitenstadt in Palästina, zum Stamme Dan gehörig. In dem Thale nördl. von A. gebot Josua dem Monde still zu stehen. Ajan, Adschan, frühere Bezeichnung für das Küstenland Ostafrika von der Küste Adel bis zum Flusse Ouillimancy, öde u. sandig; Vorgebirge Guardafui; Einwohner meist Somali; Hafenplätze Bender-Osman, Makadescho, Barrowa. Ajnn (Ajansk), ein 1845 angelegter Hafenort auf einer Landenge im Küstendistrict Ostsibiriens, Station der russisch-amerikanischen Pelzcompagnie, die mit China u. Sitka Handel treibt; 400 Ew. A. steht in regelmäßiger Postverbindung mit. Petersburg über Jakntsk u. Irkutsk. Ajatar, in der finnischen Mythologie ein (wie Alle, deren Namen auf tar ausgehen) weiblich gedachter Dämon, der auf Abwege lockende Treibe« Geist, dem mich das sogenannte Alpdrücken zugeschrieben wird. Ajax, s. Mas. üjo (ital.), Erzieher, Hofmeister; daher aga, Kinderwärterin. ü jour (franz.), 1) zu Tage, vor Augen, durchsichtig; daher st jour fassen, einen Edelstein so ein- sasscn, daß er durchsichtig bleibt. Die Fassung hält ihn dabei nur an den Rändern fest. Nur die besseren Edelsteine können hierzu verwandt werden, weil etwaige Mängel leicht zu erkennen sind. 3) (Bank.) Durchbrochen, vorzugsweise mit Bezug aus Sandstein-, Holz- oder Metallarbeiten, im Gegensätze zu reliefartig ansgefllhrten Arbeiten; L jour ist z. B. der durchbrochene gußeiserne Mantel eines Ofens, die durchbrochene Helmspitze eines Thurmes, das durchbrochene Maßwerk einer Galerie rc. Ajournirm - Ajourniren, vertagen: daher aiourueiuent, Vertagung. ü lovo prinoiplum, lat. Sprichwort: der Anfang mit Jupiter, entspricht unserem: der Anfang mit Gott. üjugs L. (Günsel), Pflanzengatt, zur Fam. der Lippenblüthler (kHüatus, XIV. 1), mit eirundem, ziemlich gleich süufspaltigem Kelche und einer rührigen Blumenkrone mit großer dreilappiger Unterlippe u. sehr kurzer Oberlippe; die Blüthen in Quirlen oder in den Blattachseln, schön blau, rosa oder gelb. In Deutschland heimische Arten: X. rsx- tuns L.. kriechender Günsel, mit zahlreichen Ausläufern u. blauen Blüthen, häufig auf Wiesen und Waldboden; das Kraut ist officinell. X. Ckamaspit)^ Xc/rreb., mit gelben, einzeln oder zu zwei stehenden Blüthen; als Horba obamaopitzus s. ivas artbri- tioas (Erdwcihrauch) officinell, von beim Reiben starkem balsamischem Geruch und etwas bitterem Geschmack. Einige andere Arten sind sehr selten: X. Iva Xc/rreb., in Südcuropa und Nordafrika; hat ein schwach bisamartig riechendes und bitterlich schmeckendes Kraut, Üorba Ivasmosobakuo, das in Frankreich officinell ist. Ajuruöca, St. in der Prov. Minas Geraes in Brasilien, mit einem Municipalgerichte und 17,000 Ew.; in der Umgegend viel Tabak, Zuckerrohr, Kaffe rc. Ajustireu, so v. w. Adjustirsn. AsNthia (Ayuthia, Duthia, Kouug-kao oder Dwarawati), früher Haupt- u. Ncsideuzstadt des Reiches Siam (Ostasieu), ani Mcnam; in sehr günstiger Lage; 20—30,000 Ew., darunter viele Chinesen, Birmanen u. Laos; Handel, Ackerbau, Fischfang u. etwas Industrie; Reis, europ. Gemüse, Palmöl n. Palmwein; Köuigspalast, Waaren- magazine, Läden rc.; die meisten Wohnhäuser schwimmen auf dem Wasser, andere sind auf Pfählen erbaut, Straßen fehlen ganz. Die alte Stadt war ans einer Insel erbaut, jetzt nur noch eine große, von Bäumen und Schlingpflanzen überwucherte Trümmermassc, worunter über 200 mehr oder weniger verfallene, großartige, aus Backsteinen erbaute, reich mit Arabesken aus Fayence verzierte Tempel (Wats). Die Tempel waren theilweise mit kolossalen Buddhastatucn geziert, von denen eine ans 14,000 kcg Kupfer, 200 Ic§ Gold u. einer Menge Silber bestand. A. wurde 1350 vom König U-Tong gegründet, ans dessen Dynastie hier 15 Könige regierten, bis 1556 die Stadt vom König Tschamnadischop v. Pegu erobert wurde. Nach dessen Tode war sie wieder unabhängig unter siamesischen Königen, bis sie 1761 u. 1767 von den Birmanen zerstört wurde. 8 kcm nördl. vou A., auf einer von Sumpf u. Wasser umgebenen Ebene, steht eine sehr heilig gehaltene Pagode (der Goldberg genannt), 127 m hoch, aus Ziegeln mit Absätzen und Galerien erbaut, eine Treppe an jeder der 4 Seiten. Im 3. Stockwerke führen 4 Gänge ins Innere zu einer großen vergoldeten Bildsäule des Buddha in einem Kuppelgewölbe. Akablth, türk. Hafcnort mit Castell an der äußersten Spitze des Meerbusens Bahar el Akabah, dem östlichen Ausläufer des Rothen Meeres; Kara- wancnstation; in der Nähe die Reste von Aila, — Akademie. 328 wovon der Meerbusen im Alterthum den Namen des Älanitischen führte. Akademie (v. griech. Xicacisrnsia), 1) Hain in Attika am Kephissos, nordwestl. von Athen, dem Heros Akademos geweiht u. „nach demselben genannt, mit Platanen- und Ölbaumpflanzuugen, Altären der Musen, des Eros, Herakles, Prometheus, Heiligthum der Athene u. mit einem der 3 Gymnasien von Athen. Von den Lakedämonicrn bei der Verwüstung Athens verschont, wurde er 87 v. Ehr. von Sulla zur Herstellung von Kriegsmaschinen für die Belagerung Athens gefällt. Da Platon in dem dorngen Gymnasium seine philosophischen Vorwäge hielt und seine Nachfolger ebenfalls daselbst lehrten, so hieß auch 2) Akademische Schule die von Platon gestiftete Philosophenschule, und ihre Anhänger Akademiker. Da später die Vorsteher dieser Schule in verschiedenem Geiste phi- losophirten, so entstanden verschiedene A-n. Einige unterscheiden blos 2: die ältere A-, von Platon gestiftet und von Spensippos, Lenokratcs, Polemon, Krates u. Krantor fortgesetzt, und die neuere A., die vou Arkesilaos gestiftet, von Lakydes, Euander, Karneades u. Anderen bis auf Cicero fortgesetzt wurde u. sich vom Dogmatismus zum Skepticismus wandte. Andere unterscheiden 3: die alte A. (die ältere der vorigen), die mittlere A., die neuere der vorigen bis Karneades, mit welchem sie dann die neue A. aufaugen, weil sich die Akademiker unter diesem vom Skepticismus ab- u. dem Probabilis- mns zuneigten. Es ist aber am meisten historisch, zwei A. auzunehmen, die ältere und die neuere. Vgl. Foucher, Aisb. äss Xoacieiuioisus, Par. 1690; Ders., Ds pbilos. aeacksm., ebd. 1692; E. Zeller, Die Philosophie der Griechen, 2. Aufl., Tüb. u. Leipz. 1856 bis 68, Bd. II. Abth. 1, und Bd. III. Abth. 1 . 3) Ciceros Landgut bei Puteoli. 4) Die höheren Lehranstalten der Araber. Nach F. Wüstenfeld (Die A-u der Ara ber n. ihre Lehrer, Gött. 1837) war zu Bagdad die Xoaäomia XI- äbämioa im 5. und die Xoacismia Lloiwtunseriea im 7. Jahrh. eröffnet worden; zu Nisabur gab es eine, zu Damascus mehrere A-n; in Jerusalem wurde, nachdem die Stadt im Jahre 1187 durch Salah-cd-Din eingenommen worden, die Xeaäemia Laläbia oderXäsiris, errichtet; in Kairo hatte man ebenfalls verschiedene A-u. 5) Die Fachschulen des Mittelalters, wie z. B. die der Medicin gewidmete Schule vou Salerno; vgl. I. CH. G. Ackermann, IleAimou Lanitutis Lalerni, Ltcuciakias 1790. Als im 15. Jahrh. n. Chr. in Folge der Eroberung des Byzantinischen Reiches durch die Türken mehrere griechische Gelehrte nach Italien flüchteten u. das Studium der alten Philosophie u. der klassischen Literatur wieder belebten u. besonders der Platonischen Philosophie viele Verehrer gewannen, nannte mau A-u 6) Vereine Gelehrter, zu dem Zwecke, über Sprache, Dichtkunst, Redewerke rc. rc. Ideen auszutauscheu, gegenseitige Urtheile auszusprechen u. anzuhören. 7) A. als moderne Einrichtung, fr. Xoaäöiuie, ital. Xooackoinia, span. u. Port. Xoacksmia, engl. Xoackom^, ein von Staats wegen oder auch von Privatpersonen gestifteter Verein von Gelehrten, zuweilen auch Künstlern (letztere Kunst-A-n, s. d.), zum Zweckehöherer Ausbildung der Wissenschaften (u. Künste). Die 326 Akademie. wissenschaftlichen A-n enthalten gewöhnlich eine bestimmte Anzahl ordentlicher Mitglieder, die in verschiedenen Klassen nach den Zweigen der Wissenschaften (mathematische, historische, geographische, ethnographische, philosophische, archäologische) ge- theilt sind; an ihrer Spitze ein Präsident. In den Versammlungen werden Vorträge über wissenschaftliche Gegenstände gehalten, auch Preisanfgaben gestellt u. diese an bestimmten Tagen gekrönt. Die Vorträge werden gewöhnlich in den Annalen rc. der A. veröffentlicht. Außer den ordentlichen Mitgliedern zählen zu jeder A. Ehrenmitglieder und correspondirende Mitglieder, welche sich durch Schriften an den Arbeiten der A. bcthciligen können. Auch ähnliche Privatverbindnngen Gelehrter gibt es, die aber gewöhnlich ans eine bestimmte Wissenschaft beschränkt sind (s. Gelehrte Gesellschaften). Als die älteste A. gilt das Museum in Alexandrien; nach dessen Muster waren die A-n der Juden, mehrerer Khalifen n.Karls d. Gr. Lollota x,alatina eingerichtet; aber erst die Mediceer gründeten im 15. Jahrh. dergl. dauernde Vereine, n. nach ihrem Muster sind in den anderen Cultnr- staaten A-n errichtet worden. Die unter dem Namen A. bekanntesten gelehrten Gesellschaften sind: I. In Italien. Die ersten A-n waren Privat- vereinc, deren Entstehungszeit nicht immer bekannt ist, da die meisten sich ohne Statuten u. Stiftungs- Urkunden bildeten. Die ältesten sind die Griechische u. Platonische A. in Florenz, jene von Lorenzo de' Medici, diese' von Cosmo de' Medici gegründet. Im 16. Jahrh. hatte in Italien fast jede bedeutendere Stadt eine A., welche sich irgend einen allegorischen Namen beilegte n. zumeist Aus- u. Fortbildung der Muttersprache n. Dichtkunst, doch auch der Naturwissenschaften und Alterthnmskunde bezweckte. X) In Florenz wurde s.) die Platonische A. gestiftet 1474 von Cosmo Medici durch Mar- silius Ficiuus; die Versammlungen waren der Philosophie in Platonischem Geiste, der Veredlung der italienischen Sprache n. dem Studium Dantes gewidmet. Sie löste sich 1521 auf. Vgl. Sieve- ting, Geschichte der Platonischen A. zu Florenz, Gott. 1812. t>) Die A. der Rumoristi, gestiftet 1540 in Muzznolis Hause u. 1541 vom Herzog bestätigt, besteht als Florentinische A. noch jetzt, nachdem 1783 mehrere andere mit ihr verschmolzen worden. Vgl. Saldier Salvini, Rasti äsll' L.oo. Rior. e) X. äst (liwsuto, 1657 von Leopold Medici gestiftet, leistete viel für Naturkunde; von ihr erschienen 8aM äi Xaturali Lsxsrienris, Vinc. Antinoris Gesch. der Akademie, ä) Die von Pozzi 1735 eingerichtete Loeistas 6olnmbaria. s) X. äsila tlrnsea, gestiftet 1582 von Aut. Franc. Graz- zini, zur Veredlung u. Läuterung der italienischen Sprache; sie hat das große italienische Wörterbuch (s. u. Italienische Sprache) herausgegebcn. k) Die X. Ltrusoa, gestiftet 1807 für etruskische Antiquitäten. L) In Neapel: a) N., gestiftet 1442, an Alfons' V. Hofe von Antonio Bcccadclli Pa- normita; Zweck freie literarische Unterhaltung u. Anregung wissenschaftlicher Thätigkeit; die Mitglieder nach Quartieren eingetheilt; die A. wurde Lortiens (Name ihres Versammlungshanses) Xn- toniaua, nach ihrem hauptsächlichen Beförderer Giov. Pontano Xccaäsmia Lolltaniana genannt; in ganz Italien Ehrenmitglieder; mit Scip. Ca- peces Verbannung (1542) verfiel sie; erst 1807 wurde eine Looieta Rolltanians. wieder eröffnet, welche sich 1827 mit der Looietä Lebsma zur Xo caäsmia Lolltaniana vereinigte; sie ist eine allgemein wissenschaftliche Anstalt mit vorwiegender Begünstigung der exacten Wissenschaften, b) Die 1560 gestiftete X. ssoretoruin natnras wurde bald vom Papste wieder aufgehoben, o) Reals X. äsiis Lcisnrs s Lsils Retters, seit 1749, 1861 reorga- nisirt, gibt Xtti u. Renäiconti heraus, ä) Die X. Lrontsnsa, ein Verein für die in Pompeji u. Her- culanum ausgcgrabenen Alterthümer, 1755 von Tanucci gestiftet, deren Abhandlungen als Xnti- elrita. cti Lroniano seit 1755 erschienen, s) Die von Joseph Bonaparte 1807 gestiftete Neapolitanische A. für Geschichte u. Antiquitäten. 6) In Rom: a) X. antignaria, von Julius Pomponius Lätus 1498 gestiftet zur Auffindung u. Erklärung von Antiquitäten; von Papst Paul II., als heidnische Zwecke verfolgend, aufgehoben, wurde sie von Papst Benedict XIV. 1742 erneuert, b) X. äs' lüneel, eine naturforschcnde A., vom Fürsten Cest 1609 gestiftet, ging 1632 nach Cesis Tode wieder ein. e) Xreaäia oder Xoeaäemia äegl! Xroaäi, Gesellschaft zu Rom, besonders zur Ausbildung der italienischen Dichtkunst. Sie wurde aus Anregung des Nechtsgelehrten Leonio durch die Königin Christina von Schweden ins Leben gerufen. Nur Dichter und Dichterinnen wurden Mitglieder, die alle in der Gesellschaft griechische Schäfernamen führten. Der Garten, wo die Arkadien seit 1726 im Sommer jeden Donnerstag Zusammenkommen, heißt nach einer arkadischen Gegend Loses Larraiso. Der Präsident führt den Titel Lnstoäs äelt' Xroaäia. Zu Bologna, Pisa, Ferrara, Venedig rc. bestehen Filialen unter verschiedenen Namen; Gesellschaftsschrift: Rliornals Xreaäieo. ä) X. Rontiüeia äs' nuovi Rinost, eine A. der Wissenschaften, gestiftet 1847 vom Papst Pius IX.; die Mitglieder in 5 Klaffen: ordentliche, Lmeriti, correspondirende, Ehren- u. außerordentliche Mitglieder; sie publicirt Xtti. R>) Zu Venedig: a) Die von Aldus Mauritius 1495 gestiftete A., deren Mitglieder elastische Autoren Herausgaben; Statuten von 1502. b) Die X. Vsneta, mit ähnlicher Tendenz wie die vorige, 1503 gestiftet; vgl. Lunze, Id. Ven. e) Die von Albrizzr 1696 gestiftete Gesellschaft zur Beförderung des Druckes guter Bücher, ä) Die zu Anfang des 18, Jahrh. von Corouclli gestiftete Loeistas 6eoxr. XrAonautarnm, mit geographischer Tendenz. L) Zu Bologna: a) X. oder IllstitntnlliXrtinm stLeisn- tiarnm, 1690 von Manfredi gestiftet, erneuert 1829 vom Papst Pius VIII.; Schriften: Lommsutarii, 1731 — 91, 7 Thle. in 11 Bdn.; idlovi 6omm., 1834 ff. b) Rüementilla Lonarnm Xrtium, vom Papst Clemens IX. gestiftet, war eine Kunst-A. und wurde mit jener 1712 vom Grafen Marsigli erweiterten A. für Künste u. Wissenschaften verbunden; ihre Forschungen waren besonders den Naturwissenschaften u. der Medicin gewidmet; auch zugleich Lchr-A.; 1820 wurde sie als Reals Isti- tuto Rombaräo äi Lcicims, Retters sä Xrti nach Mailand verlegt; publicirt 6iornals ästl' I. R. sie. Dgl. Bolletti, OriZins st LroZr. äeil' Istitnto eto.. Akademie. 327 Verl. 1751 IPmincmtarii äs Lononiensl soisn- tiarum e: nrt. institnto, ebd. 1731. §) In Piemont. n Tie X. Reals dolle Lolenss zu Turin, ursprünglich Privatverein, 1783 königliches Institut, besonders für Mathematik und Physik; gibt ihre Abhandlungen (Xttl) seit 1759 heraus, b) Die X. di Rilosoüa Italien zu Genua, gestiftet vom Grafen C. Mannani, gründete 1851 ein Filial- cvmite in Turin. 6) Zu Modena: Die Looistä Italiana d-.-Ils Leienxs. H) Außerdem wurden in vielen anderen Städten Italiens A-n gegründet, wie X. Iltrnsca zu Cortona, gestiftet 1727 (1736) zur Erforschung etruskischer Alterthümer; ferner zu Ancona, Alessandria, Brescia, Cesena, Fcrmo, Ferrara, Genna, Lucca, Maccrata, Padua, Parma, Palermo, Pavia, Pernsia, Verona, Vicenza rc. Die einst so rege Thätigkeit der italienischen A-n lag während der Zeit der Fremdherrschaft fast gänzlich danieder, und obwol sie in neuester Zeit wieder zu frischem Leben erwachen, so sind sie von der alten Regsamkeit und Blüthe doch noch weit entfernt. II. In Frankreich. Die älteste A. Frankreichs ist X) das zu Toulouse 1323 gestiftete Oollsxs ein 6az--8avoir, zu poetischen Wettstreiten, wobei der Preis eine goldene Viole war. Im 1.1484 unterbrochen, lebte die Gesellschaft durch die Freigebigkeit einer Toulouser Bürgerin, Clemence Jsanra, wieder ans und erhielt den Namen leux tloraux. Unter Ludwig XIV. wurden die Statuten (Leo Isis d'amonr) 1695 erneuert u. die Gesellschaft zu einer A., Xoadsmis des Isnx üoranx, erhoben, mit einem vom König ernannten Kanzler, 35 Äain- tsneurs und 20 Llaitrss; seit 1773 steht an der Spitze ein lilodsratsnr n. ein ständiger Secretär; die Preise für die besten Gedichte bestehen in goldenen und silbernen Nachbildungen von Blumen. Die A. gibt seit 1696 Rsensil annnsl äs I'X. heraus. L) Für die Vervollkommnung der französischen Sprache errichteten 1570 Baif u. Thibanlt de Corville eine A., die aber schon 1581 einging. 6) In Paris wurde später dafür a) dieX.Rranyaiss, 1625 als Privatverein gestiftet, 1635 von Richelieu zur A. erhoben; sie beschäftigt sich besonders mit der Landessprache, Beredsamkeit n. Dichtkunst und ab das Oiotiounairs ds lg. RanAus Rranyaiss erans. b) Die X. des Inseripticms st Lädailles, 1663 von Colbert gestiftet, bestand ans 4 Mitgliedern der X. Rranyaiss, fiir das Stndinm alter Denkmäler, zugleich für die Überlieferung denkwürdiger Ereignisse durch Münzen, Inschriften n. Bildwerke, 1701 als öffentlich anerkannt, 1616 als X. dss Inseript. et lZellss Rsttrss erweitert, s) Die X. des Loienoss, 1666 von Colbert gestiftet, besonders für Geschichte, Alterthümer und Kritik; erhielt 1699 unter Ludwig XIV. neue Statuten u. wurde 1713 öffentlich anerkannt. Diese 3 A-n wurden 1793 aufgehoben und 1795 durch das d) Institut national ersetzt. 1803 theilte cs Napoleon, der ihm 1811 den Namen Institut Imperial erthcilte, in 4 Klassen: 1. für Physik u. Mathematik, 2. für französische Sprache u. Literatur, 3. für alte Literatur und Geschichte, 4. für schöne Künste. Die ordentlichen Mitglieder bezogen 1500 Fcs. Besoldung; 4mal jährlich Generalversammlung der ganzen A. in dem Ralais des LsanxXrts. Unter Ludwig XVIII. wurde (1816) der Name in Institut roxal verwandelt, und die 4 Klassen erhielten die früheren Namen: X.Rranyaiss, X. dss Insoriptions st Lsllss llsttres, .4,. des 8oisnoss n. X. dss Lsaux Xrts, wieder. Während der Herrschaft der Bourbonen leistete die A., wie es in der Natur der Sache liegt, wenig: A-n sollen der Wahrheit dienen, können nur in der Freiheit gedeihen und müssen durch das System der Lüge, Heuchelei n. Knechtschaft entarten oder absterben. Seit der Jnlirevolntion 1830 hob sie sich wieder n. erhielt durch Ordonnanz vom 25. Oct. 1832 eine 5. Klasse, die X. dss Loienoes Nvralss et Rolitigues. Unter dem 2. Kaiserthnm hieß sie wieder Institut Imperial de Uranos. Fonds, Bibliothek n. Museen gemeinschaftlich; alle 2 Jahre eine Versammlung; jede Klasse hat außerdem einen besonderen Fonds, einen ständigen Secretär (die X. des Leienees zwei) und außer den besonderen jährlich eine feierliche Sitzung. Die Mitglieder werden von den Akademikern gewählt u. von der Regierung bestätigt; jedes ordentliche Mitglied (Rensionnairs) hat 1500 Fcs., jeder der 7 Secre- täre 6000 Fcs. Gehalt. Unbesoldete Mitglieder heißen Xoadömisns lidros. Die X. Rranyalse beschäftigt sich besonders mit der Landessprache u. hat 40 Mitglieder, darunter 1 Director, 1 Kanzler nnd 1 Secretär; X. dss Inserlptlons st llollss Iwttrss beschäftigt sich besonders mit Geschichte, besteht aus 40 Mitgliedern, 10 Xoadümisns lilwss, 8 auswärtigen Associes und 40 correspondirenden Mitgliedern; Direktorium: 1 Präsident, 1 Vice- präsident nnd 1 Secretär; sie gibt in ihren LIs- moires Arbeiten ihrer Mitglieder u. ältere Werke heraus; X. dss Loienvss, für Naturwissenschaften u. Mathematik, für deren verschiedene Fächer sie in 11 Sectionen getheilt ist, 63 Mitglieder, 2 Secre- täre, 10 unbesoldete nnd 8 auswärtige Associes; Sitzung öffentlich; gibt u. a. Llemoirss und ihre Sitzungsprotokolle heraus; die X. dsslZsanx Xrts für dis Schönen Künste, in 5 Sectionen (Malerei, Bildhauerei, Baukunst, Kupferstechcrkunst u. Musikalische Composition), besteht aus 40 Mitgliedern u. 18 Xeademiens lilwss u. Associes; Versammlung wöchentlich; X. des Lolsnees Llorales st Rolitignos hat 40 Akademiker; 6 Sectionen: Philosophie, Moralphilosophie, Legislation, Staalsrecht, Jurisprudenz n. (seit 1855) Administrationswissen- schast, Nationalökonomie u. Statistik, Philosophie der Geschichte; außerdem 6 auswärtige Associös u. Correspondenten. Die früheren Schriften der A. waren: Ilistoirs st Nsmoirss ds l'X. dss 8oisnoss depnis son stablisssmsnt en 1660 jnsgn'su 1790, 174 Bde., Par. 1701 — 1793; die physikalisch-chemischen Abhandlungen darin von 1692 —1741, deutsch von Steinwehr, kamen in 13 Bdn., Berl. 1748—59, und die anatomischchemischen u. botanischen Abhandlungen von Dems. in 9 Bdn., ebd. 1740—60, u. Abhandlungen aus der Naturlehre nnd Chemie von Beer, 2 Bde., Lpz. 1752—54, heraus; Hist, st LIsm. äs l'X. dss Insvriptioos et Reilos lletties ds 1701—93, 50 Bde., Par. 1717—1809 (neue, nur bis 1776 reichende Aust, in 102 Bdn., Haag u. Par. 1719 bis 1781, die früheren Bde. deutsch von Gottsched, in 2 Bdn., ebd. 1753—54); als Fortsetzung bei- 323 Akademie. der Sammlungen Mm. äs I'Institut National äss Lsienoss et äss ^.rts, 33 Bde., Par. 17S6 bis 1819; jetzt geben einzelne Klassen ihre M- moirss heraus, D) Nach der Pariser A. wurden auch in mehreren Hauptstädten Frankreichs A-n gegründet, wie zu Aix, Amiens, Caen, Montpellier, Bordeaux, Lyon, Marseille (Mm., 1782—1813, 11 Bde.), Toulouse, die L.. äss Loisnoss, Inserixt. et LsUss Dsttrss (ihre Histoire et Mm. von 1781—89, herausgeg. 1782—90, 4 Bde.), Rouen, Dijon (Mmoirss, 1762 — 72, 2 Bde., n. Hou- veaux msm., 1782—85, 7 Thle.), zu Montauban, Nancy: Loeiets Royale äss 8e. et LsUss Lsttrss (ihre Mm. 1754—59,4 Bde.), u. anderen Städten. Im Allgemeinen sind die französischen A-n sehr gut eingerichtet, nur leiden sie an dem Nachtheil, daß dem Einfluß des Staates und der jeweiligen politischen Strömung zu viel Spielraum gegeben ist. Im heutigen Frankreich zerfällt die Gcsammt- heit des höheren Unterrichtes (Universität von Frankreich genannt) in A-n (A. von Paris, von Montpellier rc.), u. diese zerfallen in Facultäten. III. Spanien. L.) In Madrid: a) Die L.. OastsUana oder Rsal DspsLola, gestiftet 1713 vom Herzog von Escalona für Vervollkommnung der Sprache u. Beredsamkeit; 1715 von Philipp V. bestätigt; 1 Directory 1 Secretär n. 36 Mitglieder; ihr Werk ist das große spanische Wörterbuch (s. u. Spanische Sprache), b) Usak rl. äs Distoria, für spanische Geschichte, seit 1730; 1738 erhob König Philipp V.'dieselbe zur A., die aus 36 Mitgliedern besteht u. außer ihren Mmorias, Madr. seit 1796, auch mehrere historische Werke herausgegeben hat. o) Real äs Oisneias, gestiftet 1847, mit 3 Sektionen: exacte, physikalische u. naturwissenschaftliche. ä) Dsal äs Lüonoias mors-Iss / xoliimas, seit 1860. L) Die A. zu Sevilla, seit 1752, für schöne Literatur; sie edirte ihre Mmorias seit 1780. Übrigens lassen die spanischen A-n nicht viel von sich hören. IV. Portugal, sämmtlich zu Lissabon: a) Die Real äas Lsienoias, gestiftet 1779 und 1851 reorganisirt, besteht in 2 Klassen; die 1. mit Sektionen für Mathematik, Physik, Medicin, Naturgeschichte u. angewandte Wissenschaften; die 2. mit Sektionen für schöne Literatur, moralische u. politische Wissenschaften, Jurisprudenz, Geschichte u. Alterthumswisseuschast; ihre Mmorias erschienen seit 1797. b) Die X. Üos.1 äa Nistoria, vom König Johann V. 1720 zu Lissabon gestiftet. Die Zahl ihrer Mitglieder war 50, deren jedes einen bestimmten Abschnitt der Landesgeschichte bearbeitete, o) Gesellschaft für die Geographie Portugals, 1799 gegründet. V. Großbritannien. In London: Rozsi 8ooist)y 1654 in Oxford gestiftet, 1658 nach London verlegt, vom König Karl II. 1663 zur öffentlichen Anstalt erhoben, seit welchem Jahre ihre Schriften (Dbilosopbissl Irausaetious) bis jetzt erschienen (bis 1800 90 Bde., seitdem jährlich 1 Bd.); 1 Präsident, 2 Sekretäre und ein Ausschuß von 20 Mitgliedern; besonders für Naturwissenschaften, Mathematik u. Astronomie. Thomson, Distorz- ok tiis Roz ak Looistzy Lond. 1812. L) Uoxal ^siatie Loeistv os Oroat-Dritain anä Irolanä, s. unter Asiatische Gesellschaften; 8zwo-! ÜAz-ptian gosiotv, s. ebd. 6) Die Diterar^ anä kiiilos. 8ooist)' in Manchester gab ihre Mmoirs 1789—96 in 5 Bdn. heraus, seit 1805 in neuer Folge, D) In Edinburgh, seit 1732. D) In Dublin gingen die 1683 gestiftete A. und die 1774 gegründete Physikal.-histor. Gesellschaft wieder ein. Dagegen entstand a) 1782 die Uoz-sk Irisb ^.sa- äom^ ok Loisnoes; Glieder meist Universitätslehrer; sie läßt seit 1787 Dransaotäoiw und seit 1841 DrosssäinZs erscheinen, b) 1856 die UoM Dublin 8ooist/, welche ein vierteljährliches Journal publicirt. VI. Dänemark. ^.) In Kopenhagen: Lon- AsliKg Danslco Vkäsuslcabsrnss Lslsllab, 1742 gestiftet, 1743 von König Christian VI. als öffentliches Institut anerkannt; sie zerfällt in eine philosophisch-historische u. eine mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse, hat seit 1742 8krikter u. seit 1823 auch jede Klasse einzeln ^IbanälinAsr heransgegeben. 8. Auf Island: a) Die Unsichtbaren (weil sie ihre Schriften anonym Herausgaben), für Landesgeschichte, gestiftet 1760. b) Die Viäonslcabsrnss Lslsicab, gestiftet 1779, gab seit 1781 ihre Schriften heraus; 1792 eingegangen, ward sie 1820 restaurirt u. verband sich mit der s) 1815 zu Reikjavik gestifteten Islands Ltiktis Dölcasaku, zur Aufrechthaltuug u. Beförderung der isländischen Sprache u. Literatur; eine Abtheilung der Gesellschaft in Kopenhagen; seit 1816 mehrere Schriften. VII. Schweden und Norwegen. ^.) In Stockholm: a) Ilougftilca Lvonslca Vsbsnslcaps ä.., als Privatverein 1739 vom Grafen Höpken und Linne gegründet n. vom König Friedrich 1741 zur königlichen erhoben, seit 1799 in 7 Klassen getheilt und 1820 neu eingerichtet; Zahl der Mitglieder immer nur 18; der Präsident wird alle 3 Monate gewählt; DanälinA'Lr seit 1739, in neuer Folge seit 1780, daneben auch Lrsborätbelssr. b) Lon§- lilca Vittsrlisbs Distoris osb ^.ntiguitots L.., gestiftet 1739, 1786 neu organistrt u. nach Stockholm verlegt; gibt ihre DauälinZar seit 1755 u. in neuer Folge seit 1789 heraus, o) Lronslca^.., 1786 von Gustav III. nach dem Muster der Pariser und Berliner A. zur Vervollkommnung der schwedischen Sprache errichtet. L) In Upsala: A. für Beförderung der Kenntniß der nordischen Sprachen u. Altcrthümer, 1710 begründet, 1723 bestätigt; ihre ^ota seit 1740. 0) Zn Gothenburg: LonAlilca Vstsnskaps oeb Vitbsrbsts 8am- bällst, 1773 gestiftet. D) In Droutheim: Ilon^s- llxo idlorslcs Viäsnsicabsruss Lslslcab, 1760 gestiftet, wurde 1767 königliches Institut und gibt ihre TickbanäluiAsr seit 1768 heraus. Die nordischen A-n zeichnen sich durch große Rührigkeit aus u. sind bestrebt, das Beste zu leisten. VIII. Rußland. ^.) In Petersburg: A. der Wissenschaften, Plan von Peter dem Gr., von Katharina I. 1725 ausgeführt u. erweitert u. die 1783 gegründete A. für die russische Sprache 1841 mit derselben verbunden. Sie hat 20 ordentliche Mitglieder, 4 außerordentliche und 3 Adjunkten, außerdem Ehren- u. correspondirende Mitglieder. Die Akademiker sind in die I. Rangordnung der Beamten ausgenommen. Die A. zerfällt in 3 Klassen: die physische, mathematische u. historische, Akademie. 329 und hat für höhere Mathematik u. Ethnographie, ! besonders für die Kenntniß der dem russischen ! Reiche unterworfenen Völker und deren Sprachen s viel geleistet. Sie begann auf Katharinas Befehl das nicht vollendete sprachvergleichends Wörterbuch, ist sehr reich an Kunst- u. wissenschaftlichen t Schätzen. Schriften: Oommantarii. 1725—1747; i dann Bovl eomment., 1748—1777; später Xota, ! 1778—1782; Bova aota, 1783—1795, fetzt LIs- ! inoires (in französischer, deutscher und russischer ^ Sprache). B) In Helsingfors die Lodstas Lcien- j tiarnm Bennlea, die seit 1842 Xeta herausgibt. ! 6) Die 1824 in Warschau gestiftete Gesellschaft der ! Wissenschaften und Künste, gab mehrere Abhand- ^ lungen heraus. > IX. In Österreich - Ungarn. X) Die Kaiscr- ! liche A. der Wissenschaften zu Wien, gegründet den 30. Mai 1846; zerfällt in eine mathematisch-naturwissenschaftliche u. eine historisch-philologische Klasse, diese wiederum in Scctioncn; 48 ordentliche Mitglieder, ferner Ehren- u. corrcspon- dircnds Mitglieder; an der Spitze ein Präsident, außerdem ein vom Kaiser ernannter Curator. Jährlich Preisfragen und 1 bis 2 feierliche Sitz- i ungcn. Seit 1848 Sitzungsberichte und seit 1850 Denkschriften. B) Die Königlich Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften zu Prag, gestiftet 1754 ! von Jgn. v. Bora; gibt Abhandlungen heraus, ^ seit 1841 die 5. Folge. 6) Zu Pest die Ungarische l Gelehrte A., 1822 von einer Commission von 22 / Ungarn unter Gras Telekis Vorsitz im Plan eut- « worfen, durch Reichstagsbeschluß 1825—1827 und besonders durch Szechenyis Liberalität ins Leben gerufen, B) Zu Preßburg die A. der Wissen- i schäften. B) Die X. Opsrosornm zu Laibach, ge- ; gründet 1693, reorganisirt 1781. B) Die X. Bo- mauo-8ooiavs, zu Triest, gegründet 1803. Beide A-n widmen sich vorzugsweise der Naturkunde. > Der künstlich angeregte u. unterhaltene National- ' haß hat die Entwickelung der Provinzial-A-n in mancher Beziehung gehemmt. X. In Deutschland ist die älteste N. die Hofschule (8dwlu, palatina) Karls d. Gr.; eine Lehranstalt für den Hof zur Erlernung der lateinischen ^ Sprache und zum Studium der scholastischen und ^ Aristotelischen Philosophie, die A., an welcher Alcnin, > Peter von Pisa, Paulus Diaconus u. A. wirkten; i sie ging nach Karls Tode wieder ein. Die ersten gelehrten Vereine in Deutschland nach neuerem Stil hatten humanistische Tendenz; so z. B. die i von Johann Clemens v. Dalberg, Bischof zu Worms, auf Celtcs' Veranlassung um 1490 in Heidelberg gestiftete 8odstas litoraria Rlisnana s. Osltioa (vgl. Wiener, De sodet. lit. Biisn.); die unter Jak. Wimphelings Leitung gegen das Ende des i 15. Jahrhunderts gestiftete Gelehrte Gesellschaft zu Straßburg (die gegen die Mitte des 16 Jahrhunderts wieder einging) n. zu Schlettstadt; die zu Basel von Erasmus von Rotterdam gestiftete Gesellschaft; die Bayerische Literaturgescllschaft (1510 in Augsburg) n. a. Auch für Vervollkommnung, Ausbildung und Reinigung der deutschen Sprache traten Gesellschaften ins Leben. Eigentliche wissenschaftliche A-n, unter öffentlicher Autorität, waren X) die X. Batnrae Onriosornm. 1652 in der damaligen Freien Reichsstadt Schweinfurth von Bausch u. A. gegründet u. 1667 unter dem Namen der Leopoldinischen A. vom Kaiser Leopold I. privi- legirt; dem Präsidenten wurden die Vorrechte des Adels, der Titel eines kaiserlichen Geheimrathes u. die Würde eines Pfalzgrafen beigelegt. Kaiser Karl VII. erweiterte die Privilegien der A. und gab ihr den Namen der X. Bassarea Bsoxol- äino-6arolina Baturae Bnriosoram. Außer den Mitgliedern bestehen noch Adjuncten in verschiedenen Gegenden Deutschlands, von denen der Präsident auf Lebenszeit gewählt wird. Mit dem Sitze des Präsidenten wanderte sonst auch die Bibliothek der Gesellschaft; nun ist dieselbe aber dauernd (wenigstens vorläufig) in Dresden, einem für die Leopoldina äußerst ungünstigen und unpassenden Orte. Der Sitz der A. ist jederzeit an dem Wohnorte des Präsidenten, unter Nees von Esenbeck seit 1817 Erlangen, 1818 in Bonn und 1830 in Breslau; seit 1858 unter Kiefer in Jena, seit 1862 unter Carus in Dresden, seit 1869 unter Behn in Hamburg. Gegenwärtig ist die A. in zwei Parteien gespalten, indem ein Theil der Mitglieder neben Behn den Botaniker L. Neichenbach zum Präsidenten wählte. Die Bemühungen des Anthropologen und Hygienikers Eduard Reich in der ihm von Neichenbach legal übertragenen Würde als Oirootor Bpiiemoriänm, zur Beseitigung der Trennung, scheiterten an der Uneinigkeit der Mitglieder. Die Hauptsache der A. war die Herausgabe von Arbeiten ihrer Mitglieder, welche erschienen als: lUIssdlanoa sivs Beourias Bpbs- msriäum Iloäico-Biiz'sioarnm X. B. 6., 1670 bis 1722, 40 Bde.; Xda Bbzsioo-Lleäiea X. X. 0., 1728—1751, 10 Bde., u. von 1756 anBova aeta pliMoo-meäioa X. II. 0. Amtliches Blatt seit 1859 die Leopoldina und Reichenbachs Neue legale Leopoldina. Vgl. Nees von Esenbeck, Vergangenheit und Zukunft der k. Leop. Karol. A. der Naturforscher, 1851; außerdem die neuen Schriften von Küchenmeister,Schauenburg, Neichenbach u. A. m. L) Die A. zu Mannheim, vom Kurfürsten Karl Theodor durch Schöpflin 1755 gestiftet, für Geschichte n. Physik, jetzt eingegangen. 6) In Preußen: a) In Berlin stiftete König Friedrich I. durch Leibniz, der auch Präsident derselben blieb, 1700 die Societät der Wissenschaften, die jedoch erst 1711 eröffnet wurde; Friedrich Wilhelm I. zog die meisten Gehälter der Mitglieder ein, ernannte Gundling zum Präsidenten und ließ sie nur wegen Fertigung des Kalenders fortbe- stehen. Friedrich II. brachte sie 1744 als Königliche A. der Wissenschaften, unter dem Vorsitze Maupertuis',wieder zu Ehren, u. Friedrich Wilhelm III. gestaltete sie 1812 ganz um. Sie hat 4 Ab- theilungen: die physikalische, mathematische, philosophische u. historisch-philologische, an deren Spitze je ein lebenslänglicher Secretär steht, u. von denen jeder je 3 Monate des Jahres den Vorsitz führt. Die Mitglieder sind ordentliche (Besoldung beziehende), auswärtige, Ehren- und correspoudirende. Öffentliche Sitzungen sind am Königs-Geburtstage u. dem Tage der Neuconstitnirnng (24 Januar); Prcisvertheilung anLeibniz'Geburtstage. Schriften: Illsesllanea Berolinsnsia, 7 Bde., 1710—1743; dann Bistoirs cko l'X. rozals des 8e. st Belieb Bettr.. 1 Bd.,Berl. 1750, u. Bist, äs 1'X. etc. 330 Akademie. äsxnis son rsnonveUsment en 1755—1769, 25 Bde., Berl. 1746—1771; dann Mm. äs IX. äss Lvisnees st LsUss I,sttrss äs Berlin ponr l'an 1770—1787,12 Bde.; Mm. äspnis IXvönomsnt äs §reä. (inillanme II. an trons, 12 Bde., 1788—1804 (die deutschen Abhandlungen daraus, besonders in 6 Bden.,1782—1804, u. die physi- kalisch-medicinischen, deutsch von I. C. Mllmeler, in 4 Bden., Gotha 1781—1786); und als Folge derselben: Abhandlungen der Königlichen A. der Wissenschaften vom Jahre 1804 bis jetzt, b) Zu Erfurt die A. der Gemeinnützigen Wissenschaften, 1758 gestiftet, o) Zu Görlitz die Obcrlansitzische Gesellschaft der Wissenschaften, gegründet 1779, gab eine Menge Schriften heraus; seit 1846 Neues Lausitzer Magazin. I)) In Göttingen die Königliche Gesellschaft der Wissenschaften, 1750 gestiftet, 1770 neu organisirt, die sich außer Mathematik und Naturkunde noch besonders mit Philologie, Altcrthumskunde und Geschichte beschäftigt; seit 1752 sind ihre Schriften erschienen als 6om- msntationss, später als Xovas oommsnt.; seit 1841 gibt sie Gelehrte Anzeigen und neben denselben seit 1843 Abhandlungen heraus. Vgl. Renß, Oonspsotns Looietatis ro§. soient. üottm^., Götting. 1808. B) In München die Königlich Bayerische A. der Wissenschaften, 1759 von Maximilian III. Joseph gestiftet, besonders für Forschungen in der vaterländischen Geschichte, erhielt bei der neuen Organisation durch Maximilian I. Joseph 1K09 einen erweiterten wissenschaftlichen Wirkungskreis und 1829 ihre gegenwärtige Verfassung. 3 Klassen: die philosophisch-philologische, die mathematisch-physikalische und die historische; seit 1763 gibt sie Abhandlungen, seit 1829 auch Gelehrte Anzeigen u. Bulletins heraus. Klassen- sitznngen monatlich; feierliche öffentliche Sitzungen halbjährlich; seit 1852 steht damit eine wissenschaftlich-technische und eine historische Commission in Verbindung. Vgl. Wcstenrieder, Geschichte der Bayerischen A. der Wissenschaften, Munch. 1804 sf., 2 Bde. 1?) In Leipzig: a) Die fürstlich Jab- lonowskische Gesellschaft der Wissenschaften, gegründet 1768 von dem Fürsten Jos. Alex. Jablonowski zu Leipzig, doch erst 1774 ins Leben getreten. Sie stellt Fragen ans der polnischen Geschichte, der politischen Ökonomie, Physik n. Mathematik. In Folge des Krieges war ihre Wirksamkeit von 1811 bis 1828 gehemmt. Seit 1772 erschienen Xetn Looistatis äablon., seit 1802 als Xova aota et«.; seit 1853 werden die gelösten Preisanfgaben in Leipzig herausgegeben. l>) Die Königlich Sächsische Gesellschaft der Wissenschaften, am 1. Juli 1846 eröffnet; sie hat zur Aufgabe besonders philologische, historische, matheinatische und naturwissenschaftliche Forschungen und philosophische Unter, suchnngen; Mitglieder theils ordentliche (Zahl nicht über 70), theils Ehrenmitglieder in 2 Klassen: die philosophisch-historische und mathematisch-physische; öffentliche Sitzungen jährlich zwei; die Verhandlungen der A. werden gedruckt, n. zwar seit 1849 die Berichte beider Klassen gesondert. XI. In Holland: X) Die X. Im^äuuo-Batava, zu Leyden, wurde gestiftet 1766, gibt Xrmalss heraus. L) Die Mmtsclmppiz äsr IVetensollappen zu Haarlem, 1752 gestiftet, gibt VsrdanäelinAen heraus. 6) Das frühere Niederländische Institut der Wissenschaften, Literatur und Schönen Künste zu Amsterdam wurde 1852 durch eine X. äsr IVstsnsoliappsn ersetzt, welche die Förderung der philosophischen und Naturwissenschaften bezwecktu. aus 25 ordentlichen u. 31 außerordentlichen Mitgliedern besteht. O) Das Llssncvsoll Osnootsoiiap äsr IVstsnsolmppsn zu Middelburg, 1755 gestiftet; gibt seit 1756 VeriianäsIinAsn heraus. I!) Das Bataalsoll Oenootsoliap äsr proskonäsr vinäslijko IVijsbs^sorts zu Rotterdam, 1773 gestiftet, pub- licirt seit 1774 VorlmnäsIinAsn. l?) Das l?rovin- eiaal Osnootsoimp van Xnnstsn en Vstsn- soimpxsn zu Utrecht, 1777 gestiftet; gibt seit 1781 Vsrlianäslinxsn heraus u. seit 1845 Xntssks- ninxsn van bst Vsrlmnäsläs. XII. In Belgien: a) X. äss Lvisnoss st Loliss Bsttrss zu Brüssel, 1772 von der Kaiserin Maria Theresia gestiftet, in der französischen Revolution aufgelöst, 1816 vom König Wilhelm als X. Ilozmls äss Loisness, äss Iwttrss st äss Lsanx Xrts wieder hergestellt u. 1845 reorgani- sirt, wobei sie in 3 Klassen getheilt wurde: die der Wissenschaften, der Literatur und der moralischen und politischen Wissenschaften; Schriften: Llömoirss, 2. A., 1780—1788, 7 Bde.; iXon- vomrx Mm., 1788 ff.; Bulletins u. Xnnnairss, 1823 ff.; Xoaäsmis Bozmls äs BslAigns. 6sn- tiems annivsrsairs äs lonäation (1772—1872), Brnxsllos 1872, 2 Vols.; b) X. Bozmls äss Lsanx Xrts zu Antwerpen, gestiftet durch königliches Decret vom 29. December 1851, besteht aus 25 wirklichen Mitgliedern (15 Belgier u. 10 Fremde), 45 Aggregaten (20 Belgier u. 25 Ausländer) u. Ehrenmitgliedern; die Wahlen geschehen durch die A. selbst; jedes wirkliche Mitglied ist verpflichtet, ein Werk für das Antwerpener Museum zu liefern; «) die Lovists Boz-als äss 8ei- onoss zu Lüttich, pnblicirt seit 1843 Mmoirss. ä) Die Lovists äss Loisnoss, äss Xrts st äss listtrss än Llainant, gibt Mmoirss u.Bnbliva- tions heraus. XIII. In der Schweiz: In Genf wurde 1815 die Bildung einer Lovists Ilslvstigns äss Loisnoss Xatnrsllss oder Allgemeinen Schweizerischen Gesellschaft für die gesammten Naturwissenschaften von Genfer u. Berner Gelehrten angeregt n. mit 138 Mitgliedern gegründet. Sie umfaßt sämmtliche Kantone, hält wandernde Jahresversammlungen in den größeren Orten und publi- cirt sowol ihre jeweiligen Verhandlungen oder Xotss oder Xtti äslla, Looistü, als auch Denkschriften und Mmoirss äs la Lovists, welche gründliche Erörterungen wissenschaftlicher Untersuchungen enthalten. ^Außerdem schreibt sie Preis- Aufgaben aus, hat eine Bibliothek von ca. 7000 Bdn. in Bern und hält ständige Commissionen, welche von den obersten gesetzgebenden Behörden vorkommenden Falles um ihr Gutachten befragt werden. Sie steht mit allen ähnlichen A-n in Europa und Amerika in Correspondenz. — Ein zweiter Verein von gleicher Wichtigkeit ist die Allgemeine Geschichtforschende Gesellschaft der Schweiz, an welche sich mehrere historische Vereine in einzelnen Kantonen, sowie die Antiquarische Gesellschaft in Zürich anschließen. In Genf 331 Akademiestück besteht als Staatsanstalt das Institut äs (tsnsve, welches noch mehr Ähnlichkeit mit eigentlichen A-n hat, als die beiden genannten Gesellschaften. XIV. In der Türkei: X) Die A. der Wissenschaften (öuäscIUiinsni Danisü, d. i. Verein des Wissens) zu Constantinopel, gegründet 1851, znr Förderung des allgemeinen Wissens durch Verbreitung nützlicher Bücher. Sitzungen monatlich; Mitglieder theils wirkliche (nicht über 40), theils correspondirende (Zahl unbegrenzt), Ausländer als solche zulässig; Belohnungen u. Auszeichnung bestehen in Geld, Einzeichnung ins Ehrenbuch und goldenen Medaillen. L) Institut Kgxpbisn in Alexandria, 1850 von Said Pascha gegründet, gibt seit 1862 Lsinoirss und Lniistins heraus. XV. In Asien: a) Zu Calcntta die Xsiatic Zooist^, 1784 gestiftet, s. u. Asiatische Gesellschaften; außerdem: XIsäical anä klivsicalLocisb/, gibt seit 1824 Iransactions heraus; X^ricniturs anä Hortie. Locist^ ob Inäia. d) Zn Boinbav litsrar^ Locist^; ihre Iransactious, Lond. 1819 bis 1823, 3 Bde. o) Zu Madras auch eine lüt. 8oe.. welche 1828 Iransact. und seit 1834 ein lonrnai ok Int. anä Lcisncs herausgibt, ä) Zu Delhi XrcimsoioA. Locist/, seit 1847, znr Sammlung und Erklärung indischer Denkmäler, s) Zu Batavia: Hst Lataviaassiis (tonootsciiap van Xonstsn en IVetsnscUappsn, 1778 gegründet; gibt seit 1780 besonders für die Kenntnis; der siidasiatischen Inseln wichtige VsrüanäoiinZsn heraus. XVI. In Amerika: a) Die Xnrsrican klriio- soxincai Looist/ zu Philadelphia, die älteste in NAmerika, am 2. Januar 1769 durch Franklin gestiftet: gibt IrocssäinZs heraus, b) Die Xms- riean X. ok Xrts anä Lcisncss zu Boston, 1730 gegründet, gibt Xlsnwirs n. Irocsoäin^s heraus, e) Das Lolnmdia Instituts zu Washington, unter Vorsitz des Präsidenten der Ver. St., 1821 gegründet. ä) Xlationai X. ok Lcisncss; zerfällt in 2 Klassen: eine mathematisch-physikalische und eine naturwissenschaftliche, jede mit mehreren Sectionen. e) Die Linitlisonian Institution zu Washington, 1847 gestiftet, gibt (Kontribution to LnmvisäZs heraus und ist zugleich die Vermittlerin des gelammten wissenschaftlichen Verkehres zwischen den Ver. St. u. Europa, wozu sie in Leipzig, Paris, Amsterdam u. London XZsnts hält. Das Nähere s. u. Smithson. XVII. In Australien: a) Die HUlosoxincai Looist^ ol Victoria, zu Melbourne, b) Die Roxai Locist/ ok lasmania zu Hobartgn, 1848 gestiftet; gibt Iransactions heraus. 8) Höhere Lehranstalten zum Studium einer einzelnen Wissenschaft; daher Forst-A., Kriegs-A., Landwirthschaftliche A., Berg-A., Orientalische A. (wie die 1753 gegründete zu Wien); oder für einzelne Stände, wie Ritter-A.; oder znr Ausbildung in irgend einer Kunst, so Theater-A., Maler-A., Bildhauer-A., Bau-A. (s. d. A.). Höhere Lehranstalten für Musik heißen Conservatorieu (s. d.), daher auch 9) so v. w. Universität; z. B. führt die Universität Jena in den Diplomen immer den Namen der Jenaischen A. 10) Knnstdarstellung und Kunstauffllhrung, so Musikalische A., Akrobatische A., A. der (höheren) Reitkunst u. s. w. — Akauthvs. 11) In Nachahmung der A. der Alten (A. der Geheimnisse), von dem Neapolitaner Giov. Batt. della Porta im 16. Jahrhundert gestiftet, geheime Gesellschaften mit freimaurerischer Tendenz, so a) X. äss Lscrsts, 1763 in Warschau von Thoux de Salvesta, polnischem Obersten, Mitglied der höheren Grade von der stritten Observanz u. Freimaurer, gestiftet, b) A. der wahren Maurer (X. äss vrais Xlayons, in den sechziger Jahren des 18. Jahrh. zu Avignon von dem Benedictinermönch Domenico Pernety gestiftet, dann nach Montpellier verpflanzt, Pflegte unter manrerischen Formen und in 6 allegorischen Graden sogenannte Hermetische Wissenschaft mit alchemistischer Tendenz. Daraus zweigte sich ab: c) Die vom polnischen Starosteu Gabrianka zu Avignon begründete X. oder Locisto äss liinininss ä'Xvi^nou, mystische, zugleich zum Zwecke der Gold- u. Arcanensncherei gestiftete Gesellschaft; sie hatte außer den 3 Johannisgraden nur einen höheren, auf die Lehren der Martinisten u. Swedeuborgianer gegründeten Grad, der wahre Maurer genannt, u. betrieb n. a. eine fanatische Verehrung Marias. Sie war auch in Paris, Lyon u. Bordeaux vertreten, ä) X. äss Lubiiinss XIaitrss äs IXnnsan Inininsnx, in einigen französischen Logen, besonders des philosophisch-schottischen Systems, dessen achten und höchsten Grad sie bildete, gestiftet, angeblich 1784 vom Bruder Grant, Baron de Blairsindy. s) A. der Weisen (X. äss saZss), 1776 eiugeführter Hochgrad der französischen sogenannten schottischen Mutterloge des philosophischen Ritus. — Die französische Revolution machte allen diesen sogenannten maurerischen A-en ein Ende; später traten nur noch vereinzelte Spuren davon ans. Akademiestück, ans Kunstakademien Gipsabgüsse oder Zeichnungen von Körpern oder Körper- theilen in natürlicher Größe, als Vorlagen für die Schüler; desgleichen und insbesondere die von den Akademieschülern hiernach und nach lebenden Körpern herqestellten Zeichnungen. Akademisch, was Bezug auf eine Akademie, besonders aber auf eine Universität hat. So A-er Senat, die aus dem Rector (Prorector) und den ordentlichen Professoren oder im engeren Sinne aus den Decanen der Facultäten zusammengesetzte Verwaltungsbehörde einer Universität. A-e Bürger, eine Bezeichnung der auf Universitäten Stn- direnden, die auf den früher allgemein verbreiteten eigenen Gerichtsstand derselben hinweist. Gegen diese Exemtion erhob sich namentlich seit 1871 unter den Studirenden eine Bewegung, die auf einigen Hochschulen (z. B. München) znr Aufhebung des veralteten Instituts führte u. im Jahre 1873 wieder mit größerer Macht hsrvortrat. A-e Freiheit, die den Universitäten zngestandene Lehr- n. Lcrnfreiheit, verbunden mit einer minder strengen disciplinarischen Behandlung der Studirenden. A-e Legion, bewaffnetes Corps a-er Bürger, 1848 an mehreren Universitäten besondere Abtheilung der Bürgergarde, namentlich die A. L. zu Wien, bekannt durch ihre Theilnahme au der Revolution; s. u. Österreich. Akalephen — Xcaisxüas, s. d. Akanthos (a. Geogr.), 1) Seestadt ans der Halbinsel Chalkidike (Makedonien), an der Stelle, Z32 Akcmthus wo Lerxes die Landenge zu durchstechen versucht hatte; jetzt Erisso. 3) St. in Mittelägypten am westlichen Nilufer, südlich von Memphis, mit Pyramidengruppe und Tempel des Osiris; jetzt Dahschur. Akanthus, s. Leantium. Akardie (v. Gr.), 1) angcborner Mangel des Herzens; 2) Feigheit, auch Herzlosigkeit. Akarnanien, 1) (a. Geogr. u. Gesch.) die westlichste Landschaft Mittelgriechenlands, im S. u. W. vom Ionischen Meere begrenzt, im N. durch 1>en Ambrakischen Meerbusen von Epiros, im O. durch den Acheloos von Ätolicn getrennt. Rauhes, aber culturfähiges Bergland, welches nur im östlichen Theil eine größere Ebene besaß. Gebirge: Thyamos, Jdomene, das Vorgebirg Actium; Flüsse: Jnachos, Acheloos, Auapos; See: Melite; Städte: Stratos, Alyzia, Anaktorion u. a. Die Akarnanen, ein zu den Lelegern gehöriger Volksstamm, dem sich im O. Kuretcn und durch Einwanderung Argiver anschlosscn, kommen erst später in der griechischen Geschichte vor. Seit der Mitte des 7. Jahrh. v. Chr. legten die Korinther Co- lonien an der Küste an, u. erst im Peloponnefischen Kriege traten die Akarnanen in einen -Bund mit Athen. Die einzelnen Stämme bildeten damals eine Amphiktyonie, die ihren Sitz in Olpä hatte; in Kriegsfällen standen sie unter einein gemeinschaftlichen Strategen. In der makedonischen Zeit standen sie an Macht den ihnen feindseligen Ätolern nach, gegen die sie bei Philipp III. von Makedonien Hilfe fanden, u. wahrscheinlich ward jetzt der Acheloos die Grenzschcide beider Völker. Nach der Niederlage der Makedonier bei Kynoskephalä, 197 v. Ehr., wurde Leukas von T.^Quinctius Flamininus eingenommen. A. ergab sich den Römern, u. diese schlugen das Land nach der Eroberung Korinths zur Provinz Epiros (s. d.). 1081 drang Robert Guiscard von Sicilien (Normanne) in A. ein, bemächtigte sich desselben und nannte sich Fürst von A. u. Ätolien. Erst hundert Jahre später wurde es durch Kaiser Andronikos wieder mit dem Byzantinischen Reiche vereinigt, mit dem es an die Osmanen fiel. Später hieß es Karnia. 3) A., jetzt Landschaft in Griechenland, nordwestlichster Theil Livadiens, grenzt im O. an Ätolien n. Eurytane, im N. an die türkische Provinz Albanien oder Janina u. wird im W. vom Busen von Arta (Ambrakia) und dem Jonischen Meere bespült; voll von Hügeln, Bergen u. Waldungen, überhaupt von ganz'anderem Charakter, als das übrige Griechenland; bewässert vom Aspro- potamo (Acheloos), welcher zugleich die natürliche Ostgrenze bildet, doch arm an Quellen, weshalb Cisternen nöthig, und von den Gebirgsketten des Makrinoros (Thyamos) durchzogen. A. n. Ätolien bilden nach der neuesten Eintheilung eine Nomar- chie von 7834 Hjlcm (142,2g ÜM) mit 0 Epar- chien u. 121,603 Ew.; Hauptst. Missolnnghi. Akarnar, Stern a im Eridanns (s. d.). Akarstie (griech.), Unfruchtbarkeit. Akastos, Sohn des Königs Pelias von Jolkos, nahm theil au der Kalydonischen Jagd u. dem Argonautenzuge. Als nach seiner Rückkehr seine Schwestern, durch Medea's List bethört, den Vater sietödtet hatten, Vertrieb er Jason und Medea, — Akazie. wurde Herr von Jolkos und veranstaltete die n in Poesie (durch Stesichoros) und Kunst ver- < herrlichten Leichenspiele zu Ehren des Pelias. > " Er wurde von Polens, den seine Gemahlin « Astydamia (Hippolyte) wegen verschmähter Liebe ^ haßte und bei ihin verleumdete, und dem er , » deshalb auf einer Jagd Len Untergang bereiten ! c wollte, getödtet. ' ) Akatnlektisch (v. Gr.), 1) vollzählig; 2) (Metr.) ^ ; Verse, deren letzter Versfuß vollständig ist, s. Kn- ^ r talexis. k Akathlstos, in der griechischen Kirche Gesang < zu Ehren der Jungfrau Maria, dem man wun- ! ; derkräftige Wirkung znschrieb, weil die Stadt Eon- ! ! stantinopel durch dessen Vortrag zweimal von ^ ! einer Belagerung befreit worden sein soll. In , y Folge dessen jährlich am Sonnabend vor Indien ^ akathistisches Fest, wobei dieser Gesang die ganze - Nacht hindurch stehend gesungen wurde. z s Akatholiken (v. Gr.), Nicht-Katholiken, für ! . die Römisch-katholische Kirche alle nicht zu derselbe» gehörigen christlichen Parteien. Die neueren Ge- s setzacbunaen haben diese Benennung für die Pro- ^ ! testanten ab^cschafft. ; ^ Akazgaglft, Äkazgin, eine auf der Küste von ! s WAfrika wachsende, noch nicht näher bestimmte l Pflanze, unter dein einheimischen Namen Äkazga, Boundn, Jkaja bekannt; enthält in ihrer Rinde das , A., eine weiße, nur schwierig aus alkoholischer Lösung . ! krystallisirende, bitter schmeckende Substanz, welche . mit Alkohol ansgezogen wird. Das A. ist nicht . . flüchtig, sondern zersetzt sich beim Schmelzen. Es I > ist in Wasser fast unlöslich, löst sich leicht in s wässerigem Weingeist und Äther, in Chloroform, ^ , Benzol u. Schwefelkohlenstoff, während absoluter ! , Alkohol u. Äther es schwierig anflösen. Die Lös- , nngen reagiren alkalisch. Mit Säuren bildet das A. Salze. In seinem Verhalten zeigt es einige , Ähnlichkeit mit Strychnin, dem es auch in seinen , , sehr giftigen Wirkungen nahe steht. 0^^ § ge- , nüqen, um ein Kaninchen zu tödtcn. . ( Akazie, 1) die Pflanzengatt. Xeaeia. 2) No- , ^ j binie, weißblühende A. (unechte A., Heuschrecken- > bäum, Loliiuig. kasuäaeaeia 1^.), ein ursprüng- ; , sich in NAmerika heiniischer, in Deutschland jetzt j ^ allgemein angepflanzter Baum aus der Familie ! ^ der Papilionaceen (XVII. 6). Derselbe wird im! > gemeinen Leben fälschlich A. statt Robinie genannt; ^ i ist im 40. Jahre 12—20 m hoch, H m dick und > im 80.—100. Jahre ausgewachsen; wächst gern , kurzschäftig und spannrückig, nur im geschlossenen , ^ Stande gerade; Rinde jung branngrlln, an alten Stämmen grau u. aufgerissen; Blätter ungleich ! ' gefiedert, urit zu pfriemförmigen Dornen uinge- ^ statteten Nebenblättern; Wurzeln tief gehend u. sich ; weit ausbreitcnd; weiße, wohlriechende Schmetter- lingsblüthcn in reichblüthigen, locker Hangenden ^ Trauben. Die in braunen Hülsen cingeschlossenen nierenförmigcn Sauren reifen im October. Man > säet sie Ende April ans gutes Land u. bedeckt sie 1 em hoch mit Erde; sicherer ist die Pflanzung von im Saatbecte angezogenen, auch verschütten, sowie Stummelpflanzen; auch durch Schößlinge, welche die A. viel, besonders nach dem Axthiebe treibt, kann dieselbe fortgepflanzt werden, doch mnß sie sehr vorsichtig versetzt n. vor den Hasen 333 Akaziensaft verwahrt werden, welche die Rinde sehr lieben. ^ Die A. wachst ans Ebenen n. Hügeln; in rauhen, ft bergigen Gegenden leidet sie durch Frost, Sturm ^ ^ und Schnee, da ihre Äste leicht abbrechen. Sie " kann als Kopfholz benutzt und alle 2—3 Jahre ^! geköpft werden. Am besten eignet sie sich zu ^ j Niederwald mit kurzem Umtriebe, wo sie mit 4—6 " ! Jahren schon rundes, mit 12—15 Jahren gespaltenes Holz zn Wingertspfählen liefert; in neuerer Zeit wird sie mit gutem Erfolge an Eisenbahn- " Löschungen angebaut. Passend ist sie endlich zu Alleen, sowie der Dornen wegen zu lebendigen 9 Zäunen. Das Akazienholz ist ftst, hart u. schön, ° hellgelb mit purpnrröthlichen Adern durchzogen u. ' den Würmern u. der Fänlniß nicht unterworfen; " , das Stammholz dient zn Schwellen und zum " s Wasserbau, wird aber der Schwere halber nur in ^ ^ den unteren Stockwerken verwendet, ferner von ° > Drechslern, Wagnern, Maschinenbauern, Schrei- j nern rc. Die hauptsächlich vorkommenden schwä- ^ ! cheren Sortimente geben außer vorzüglichen Reb- ' > pfählen auch ein sehr gesuchtes Material zu Schiffs- ' nägeln. Im Brennwerth steht das A-nholz dem ' ! Buchenholz fast gleich. Die Akazienblüthen geben ! aufgekocht eine schöne gelbe Farbe. Auch andere ' ! Arten der Robinie, welche der unechten A. sehr - ähneln, werden zwar nicht als Nutzholz, aber sehr ; oft in Gärten zu Zierpflanzen gebraucht, so die ' ! Kugel-A. (Ikob. nmbraouliksra), wol eine Varietät I i der vorigen, mit hoher kugelförmiger Blätterkrone, ^ ^ welcher nur wenig durch Beschneiden nachgeholfen ^ zu werden braucht; die rothblühendc A. (Rob. ^ Irispiäa L.) und die klebrige A. (Rotz. visoosa ^ Rent.), zwei rothblühende, ebenfalls nordamerika- ; nische Arten. — In dem 3. Grade der Frei- - maurerei bildet der Akazienzweig ein der Sage ^ von Adon Hiram entnommenes Symbol. ^ Akazicnsaft, brauner Saft, wird aus den unreifen Früchten des Gummibaumcs (ilcaoia vorn) >> ausgepreßt, zn harten Stücken von etwa 2 Kilo eingekocht und in Blasen versendet; löst sich in ^^ Wasser (nicht in Weingeist); dient zum Lederfär- ben. Einen ähnlichen, doch härteren, dunkleren, ' schärferen, in Weingeist löslichen Stoff gewinnt man aus den unreifen Akazienfrüchten. Weiteres unter Catechu. Akbar I. (der Große), eigentlich Dschelal Eddin Mohammed, einer der bedeutendsten Herrscher der Dynastie der Großmoguln in Indien (s. d.), wie des Orients überhaupt. Geb. 14. Oct. 1542 zu > Amarkot, folgte er 1556 nach wechselvollen Jugendschicksalen 13)ährig seinem Vater, dem Timnriden Humaijun, auf dem Throne, vorläufig noch 3 Jahre unter Leitung seines Erziehers Beiram Khan. Selbstständig geworden, sicherte er die Herrschaft durch energische Unterdrückung innerer Empörungen u. glückliche Abwehr auswärtiger Feinde u. erweiterte sie durch Eroberung von Kaschmir im N. 1558, von Bengalen im O. 1574, nach S. von Theilen des Dekhan, nach W. unter wechselvollen Kämpfen von Gudscherat und Sindh, Er st. 1605 in Agra, welches er zur Residenz erhoben n. wo er ungeheure Schätze aufgehäuft hatte; noch jetzt zeugen Ruinen von dem früheren Glanze. In der Nähe von Agra, beim Dorfe Sikandra, wurde ihm ein prachtvolles Denkmal errichtet, ein j — Akcn. Muster der schönen Baukunst. A., hervorragend durch körperliche Schönheit, ausgezeichnet durch kriegerische Talente, fand seine eigentliche Größe in seinem Eifer für Kunst u. Wissenschaft, seinen Bestrebungen für Hebung der Industrie u. Land- wirthschaft, wodurch das Land zu einem wedeu vorher gekannten, noch nachher wieder erreichten Wohlstände sich erhob. Er gründete überall Schulen, worin alle Zweige der Wissenschaft nicht aus- mohammedanische Art, sondern aus den eigenen Schriften der Inder gelehrt wurden. Auch ließ er Hauptwerke der Inder ins Persische übersetzen. Unter den von ihm nach dem Plan der indischen astronomischen Werke errichteten Sternwarten zu Delhi, Agra u. Benares ist die letztere besonders berühmt. In seltenem Maße frei von religiösem Fanatismus u. Beschränktheit, duldete er die Bekenner anderer Religionen, wie er auch der Mission der Jesuiten nichts in den Weg legte. Die Geschichte seines Reiches und Lebens schrieb sein Vezier Abnl-Fazl (s. d.). Ak-Dagh, Gebirg in der persischen Provinz Ghilan, südlich vom Kaspischen Meere; am nördlichen Abhange Akdagh-Maden, mit reichem Silber- bcrgwerke. Akdäh oder Akduh ist der Plural vom arabischen Laäb, d. h. Pfeil ohne Federn und Spitze, auch der Pfeil oder Stab, dessen man sich beim Loosen und Würfelspiel bedient. Die heidnischen Araber suchten mittels solcher Stäbe durch ihre Priester den Rath u. Willen ihrer Götter zu erforschen. Akelei) (Bot.), so v. w. Ackeley. Aken, Stadt im Kreise Kalbe des preußischen Regbez. Magdeburg, an der Elbe; 2 ev. Kirchen, Volksbank, Zucker- u. chemische Fabrik (ätherische Öle, Nomcrshausens Augenwasser), Tabaksfabri- katiou, Tuchweberei, Gerberei, Elbfähre, Flußschifffahrt, Handel; 5273 Ew. Die Stadt ist sehr alt u. wurde 450 von den Hunnen verwüstet. Aken, Heine oder Heinric van, mittelniederländischer Dichter, geb. wahrscheinlich zu Brüssel, Pfarrer in Corbeke bei Löwen. Sein frühestes Werk fällt um 1280; er st. vor 1330. Er schr.: HuAiw van Rabaris, didakt. Ged., fließende Übersetzung aus dem Französischen nach I'oräsns äs elrovaisrio (Nöou kabl. 1, 59), herauSgeg. von Willems, Rs1§. Nus. 6, 94, Kausler, Denkmäler altniederländ. Sprache u. Lit., 3, 83, Snellaert, Rsäorl. 6sä. uit äs 14 sorrrv 539); Dis Ross oder Liüsxiisl äsr Ninnsn, gelungene, abkürzeude Übersetzung des berühmten Roman äs la Ross von Guill. de Lorris u. Jehan de Meung, Ausg. von Kausler, Denkm., Bd. 2, u. von E. Verwijs mit trefflichem Wörterbuche, Haag 1868; Roman van Demi. sn NarZr. v. Dimboreii, ein die Abenteuer der Kinder eines Herzogs v. Limburg schilderndes Werk eigener Erfindung von 21,844 Versen, an dem A. 36 Jahre gearbeitet haben soll. Ansg. von PH. van den Bergh, Leyden 1846—47, 2 Bde. Johann von Soest hat die Kinder von Limburg 1480 hölzern „gctransferirt", handschriftlich in Heidelberg, Auszug in Moires Anzeiger 1835, Sp. 164 ff. — Bei Anderem, was man H. van A. beigelegt hat, ist seine Autorschaft zweifelhaft. L34 Akcnside — Akenside Mark, engl. Dichter und Arzt, geb. 1). Novbr. 1721 zu Newcastle-upou-Tyne, Sohn eines Fleischers; sollte nach dem Wunsche seines Vaters, der zu den Dissenters gehörte, Geistlicher werden, vertauschte aber bald das Studium der Theologie mit dem der Meinem, zuerst in Edinburgh, sodanu in Leyden, wo er den Doctorgrad erwarb. Hier schrieb er auch, erst 23 Jahre alt, lein Lehrgedicht: 'Isiv INsasuros ok ImaZinatiou, welches 1744 in London erschien u. ihn schnell berühmt machte, auch bald ins Französische und Italienische übersetzt wurde. Ein Jahr später gab er einen Band Oden heraus, welche jedoch die Erwartungen nicht ganz befriedigten. Nachdem er einige Jahre in Northampton u. in Hampsteed prakticirt hatte, ließ er sich 1749 in London nieder, wo er „1754 Mitglied des Königlichen Collegiums der Ärzte, 1759 Assistenzarzt am Thomashospital und 1761 Leibarzt der Königin wurde. Schon 1757 hatte er angefangen, sein berühmtes Gedicht umzuarbeiten; aber noch kurz vor der Vollendung raffte ihn ein bösartiges Fieber am 23. Juni 1770 im 49. Jahre seines Lebens dahin. A. hatte von der Neugestaltung seines Gedichtes viel für seinen Dichterruhm erwartet. Die Nachwelt aber hat anders genrtheilt, denn während die ?Ieasnros ob Imagination in ihrer ersten Gestalt wegen der Tiefe der Gedanken, der Schönheit der Schilderungen u. des Glanzes der Diction von den Engländern mit Recht zu ihren klassischen' Dichtungen gerechnet werden und selbst heute noch wenig von ihrer Anziehungskraft verloren haben, wird die zweite Bearbeitung, die wenige Jahre nach des Dichters Tode erschien, kaum noch gelesen. Von A-s Oden, die im Allgemeinen seinem größeren Gedichte nicht gleichkommen, hat sich nur der wahrhaft elastische ilz-rrw to tsis üaiaäs bis heute in gerechtem Ansehen erhalten. A. ist auch Verfasser mehrerer zu ihrer Zeit geschätzten medicinischen Schriften, unter welchen der Lommeutarins <1o Dz seutorta, 1764, besonders hcrvorgehobcn wird. Seine poetischen Werke wurden zuerst von seinem Freunde Dycon, Lond. 1772, hcrausgcgcben und sind seitdem sehr oft gedruckt worden. Unter den neuesten Ausgaben ist die beste n. vollständigste die von A. Dyce für die ^läius liickitiou cck tds Driiwli t?osts besorgte, mit ausführlicher Lebensbeschreibung, Lond. 1857. Vgl. auch Bucke, I-ilo, >Vritings auä (louins ob tl., Lond. 1832. Akephalen (v. griech: atcspsialoi, d. i. Kopflose), Mißgeburten mit Mangel des Kopfes (vgl. d. Art. Mißgeburt.); s. Acephalen. Akephalic (v. Gr.), Zustand einer Mißgeburt, bei welcher der Kopf ganz oder theilweise mangelt; solche Mißgeburt heißt Akep Halos. Dis A. entsteht in der Regel durch behinderte Bildung des Gehirnes u. seiner Umhüllungen während der ersten Zeit der Schwangerschaft, oder durch Erkrankung u. Entartung des schon entwickelten (s. Monstrum). ü>ceptmlol<>stos (Äcephalocysten), die steril gebliebenen Echinococcusblasen, in denen sich keine Brutkapseln entwickelt haben (s. Bandwürmer). Akesines (Akesinos, a. Geogr.), schiffbarer Nebenfluß des Indus, nahm den HyLaspes, Hyaro- tis u. Hyphasis auf; jetzt Tschinab. - Ak-Koinlu. Akhissa (d. i. weißes Schloß), 1) Stadt im türk. Bilajet Atdin, Klcinasien; Seiden-, Baum- wollen-, Mohn- und Getreidebau, Marmorbrüche' 8000 Ew.; A. hieß im Alterthum Thyatira. Hier Sieg des Kaisers Valens über den Usurpator Pro- copius 366, u. 1425 Sieg Mnrads II. über den Fürsten von Atdin. 2) (Kroja) Stadt in der europäischen Türkei, in Albanien, Ejalet Skntari in bergiger Gegend; östl. vom Adriatischen Meere' mit verfallener Citadelle; 3000 Ew. Kroias, ein alter Ort JllyrienS, wurde 1338 von Karl Thopie Herrn v. Skntari, wieder befestigt. Johann Kastriotly Fürst von Albanien, erhielt gegen Ende des 14 , Jahrh. Gebiet u. Stadt A. 1443 hier Sieg seines Sohnes Skandcrbeg über die Türken u. seitdem dessen Residenz. Zweimal (1466 u. 1477 ) von den Türken belagert, aber jedesmal entsetzt' erst 1478 wurde cs von den Türken erobert und nun A. oder Akserai genannt. Aklilnt, s. Mat. Akhmin (Akhmyn), St. in Oberägypten am Nil; Schifffahrt, Töpferei und Seidenweberei; 16,000 Ew. Aktba, Ben Joseph (Barakiba), jüdischer Rabbiner im 1 . u. 2. Jahrh., Schüler des jüngeren Gamaliel; Hanptautorität in Talmud und Kabbala. Er betheiligte sich an dem Aufstande des Bar Kochba u. ward 135 u. Ehr. von den Römern hingerichtct. Slkis, s. Acis. Akiurstie (v. Gr., Akinrgik), die Lehre von den blutigen Operationen, nicht zu verwechseln mit der Instrumenten- u. Verbandslehre, welche einen Theil der Heilmittellehre ausmacht. Vgl. E. Blasius, Handbuch der Akiurgie, 2. Anfl., 3 Bde. in 4 Theilen, Halle 1839—43, u. Lehrbuch der A., 2. Anfl., Halle 1846; F. Ravoth, Grnndr. der Akiurgie, 2. Anfl., Leipz. 1868. Akjcrnmn (Akkerman), 1) Kr. der südrussischen Pro». Bessarabien, von dem aber ein Theil 1856 mit Ismail, Belgrad und anderen Orten an die Moldau abgetreten wurde; reich an Salz; hat mehrere deutsche Colonieu; führte früher mit dem Kreise Bender den gemeinschaftlichen Namen Bnd- schek. 2) St. in Bessarabien, an der Mündung de! Dniestr ins Schwarze Meer; Hafen, Werft, Handel, festes Schloß, 5 Kirchen, mehrere Moscheen, Synagoge, öffentliche Bäder, Fischerei (Kaviarbe- reituug), Messe; 29,609 Ew., Armenier, Moldauer, Juden. A. ist das alte Tyras, eine milesische Colonie; während der Völkerwanderung größten- theils verwüstet, ward es später von den Genuesen wieder aufgebant u. gerieth 1484 bei der Vertreibung derselben in der Türken Hände. 1789 von den mit Rußland verbündeten Österreichern unter Laudon erobert. Fiel 1812 im Frieden von Bukarest an Rußland. Hier am 6. Oct. 1826 unter Vermittelung Englands Conferenzen russischer und türkischer Bevollmächtigter, für Rußland günstiger Ergänzungsvertrag zum Bukarester Frieden von 1812; s. u. Türkisches Reich. Slkka, s. Akre. Ak-Koinlu (d. h. vom weißen Schöps), Name einer Turkmanen-Dynastie, deren sechster Fürst Hassan Beg (Ussumcassan?) 1478 der anderen Turkmanen-Dynastie Kara-Koinlu (vom schwarzen Akkra — Akömetcn. 335 ^ Schöps) ein Ende machte u. nach Besiegung des Abu Said, des Enkels Tamerlans, ganz Persien an sich riß. 1508 endete die Dynastie unter dem k Schwerte Ismails, des ersten der neupersischen Könige ans dem Geschlechts Sosi (Sufi). Akkra, Reich u. St. auf der afrikan. Goldküste, z Akleistisch (v. Gr.), ungebrochene Strahlen > durchlassend; daher Aklastische Curve, eine Linie, welche die von einer anderen Linie znrückgeworfe- nen Strahlen senkrecht u. also ungebrochen durchgehen läßt, obschon sie anders einfallende Strahlen bricht. Sie ist die Evolvente der Brennlinie jener anderen Linie. Aklat (Achlat, Chelat), St. im Sandschak Wan von Tllrk.-Armenien, an der WSeite des Sees Wan, ! am Berge Sipan, mit doppelten Mauern u. Grä- l ben, zwischen welchen ein Castell; etwa 4000 Ew.; > Ruinen, welche von früherer Herrlichkeit zeu-^ gen. — A. soll einst über 200,000 Ew. gehabt ! haben u. Residenz der armenischen Könige gewesen ! sein. 740 v. Chr. erhielt die aus Mohan eingewanderte Familie Tschoban die St. Chelat und machte sie zum Sitze eines Fürstenthums; 10SS ^ machte sich Svkman-Kothbi unabhängig n. nahm ! den Titel König von Armenien an; sein Enkel ! Sokman II. st. 1113 ohne Erben, worauf die Herrschaft bis 1207 getheilt war, dis sie an Nod- schem ELdin kam; 1245 eroberten die Mongolen das Land u. gaben es den georgischen Fürsten zu Lehen. Durch den Sieg Selims 1. über Schah I Jsmael bei Tschaldrian kam A. an die Osmanen; zwar eroberten u. zerstörten es die Perser 1548, aber Soliman II. nahm es bald wieder u. baute in der Nähe das neue A. auf. Akline (Wünsche Linie, v. Gr.), Linie ohne magnetische Jnclination, der magnetische Äquator; sie verläuft in der Nähe des geographischen Äquators u. schneidet denselben in 2 Punkten, nämlich im Atlantischen Ocean nahe der afrikanischen West- > küste u. im Stillen Ocean; am meisten nach N. weicht sie von demselben ab an derSlldspitze von , Vorderindien u. Siam, die größte südliche Abweichung hat sie in Brasilien. Äkmollinsk, neugebildete Pro», im asiatischen ! Rußland, der nordöstlichste Theil der Kirgisensteppe, 832,700 fMm (11,480s UM) mit 228,800 Ew. > Flüsse: Jschim und Sari-Su, beide im östlichen i Theil entspringend. Die gleichnamige befestigte s Hauptst. am Jschim zählte 1867 über 3100 Ew.; ! wichtige Karavanenstation für den Handel nach dem ^ Süden (Taschkend, Bokhara). Akna-Sugatag, Df. im ungarischen Com. Mar- maros; Stuhlrichter- u. Steueramt, Verwaltuugs- amt für die reichen Salzgruben, welche jährlich 500,000 Ctr. Steinsalz liefern; 1200 Ew. Akne (gr.), Hautfinne, ein Entzündungsproceß an den Haarwurzeln und in den Talgdrüsen der Haut, der mit Ausschwitzung von Entzündungs- producten in das umgebende Zellengewebe der Haut vor sich geht. Äußerlich erscheinen die A-n als kleine geröthete Knötchen (manchmal sogar bis zu Bohnengröße) mit einer Eiterspitze. Diese gewöhnlichen Finnen erscheinen im Gesicht, an Brust, Arm, Rücken rc. Zumeist entstehen sie durch Ansammlung von Talg in den Talgdrüsen der Haut (die sog. Mitesser). Die rosenartige A. (Kupfer- Ausschlag) hat immer im Gesicht ihren Sitz, vorzugsweise an der Nase, auf Wangen, Kinn und Stirn. Die Eiterpusteln verwandeln sich hier in braune Krusten u. hinterlassen harte, schwer vergängliche Flecken, die Haut verdickt sich, u. die befallenen Theile werden höckerig u. roth bis Violettfarben. Reinlichkeit schützt am besten davor, ganz bes. in Verbindung mit streng diätetischer Lebensweise, Vermeidung von Gewürzen, geistigen Getränken, scharfen Speisen rc. Akö, Ungar. Weinmaß, 71 L. haltend. Akoemeter (v. Gr.), Gehörmcsser, ein Instrument, womit der Grad des Gehörs, bez. der Schwerhörigkeit gemessen werden kann. Akognosie (v. Gr.), Kenntniß der Heilmittel, besonders der chirurgischen. Akoimctcn, s. Akömeten. Akolhuas (Akolhuer), nach ihrem Führer Akolhuatzin benannter, im 12. Jahrh. in Mexico eingewandsrtcr Bolksstamm, in Anahuac ansässig. Die A. gehörten zum Stamme der Nahnatlaken u. nahmen die Cnltur der Tolteken an. Ihr Reich mit der Hauptstadt Tctzcnco war bes. unter ihrem bedeutendsten König Nezahualpilli (st. 1470) blühend. Zur Zeit der span. Eroberungen war cs mit Mexico verbündet. S. Mexico. Akologie (v. Gr.), 1) die Lehre von den äußeren, bes. physisch oder mechanisch heilsamen Mitteln, wie Verbände, Maschinen, Instrumente; ein Theil der Chirurgie. 2) Heilmittellehre (Ja- matologie) überhaupt, welche alle in der Heilkunde verwendeten Mittel beschreibt u. deren Wirkung auf den menschlichen Körper lehrt. In dem ersten Sinne wird das Wort Ä. von K. Sprengel u. C. H. E. Bischofs gebraucht. Akoluthen(v. Gr., Begleiter), niedere Kirchendiener in der alten christlichen Kirche, welche den Bischof begleiteten, die Lichter anzündeten (itzeLon- sorss), bei Begräbnissen u. a. Gelegenheiten hinter dem Diaconus die brennende Kerze (daher Osrokoraril) n. die heiligen Gefäße trugen, den Wein zum Abendmahl herbeibrachten, das Kind bei der Taufe hielten u. überhaupt die Geschäfte des Küsters (Sacriftans) verrichteten. Jetzt versehen ihr Amt die Kerzenträger und Meßdieuer; indeß erhalten die Geistlichen bei der Ordination die Weihe zum Akoluthat, einem der niederen Grade mit dem Symbol des Leuchters u. der Weinkanne. Auch unter den Bömischen Brüdern gab cs A., von denen die ältesten katechisiren u. bisweilen predigen mußten. Akömrten (v.Gr., lat. vigilantss), d. h. Schlaflose, griechische Mönche zu Constaminopel im 5. Jahrhundert, von einem syrischen Alexander gestiftet (daher auch Alexandrier), so gen., weil sie, in 3 Chöre getheilt, einander ablösend, Tag und Nacht Gottesdienst hielten. Ihr Kloster in Con- stanlinopel hieß Jrenarion. Sie hießen später Studiten, weil sie 463 das von dein Römer Stu- dius gegründete Kloster Studion bezogen, nach dem mehrere abendländische Klöster eingerichtet wurden. Da sie sich den Ansichten der Mono- physiten zuueigten, so wurden sie 536 excommu» nicirt, u. die Congregation löste sich auf, doch nahmen nach ihrem Beispiel andere Orden den ununterbrochenen Gottesdienst an. 336 Akötes — Akötes, Steuermann eines Schiffes, welches bei einer Fahrt im Ägäischen Meere auf Naxos landete, wo ihm die Schisfslcute ein schönes schlafendes Kind brachten u. ihn zwangen, es nntzn- nehmen. Dieses Kind war Bacchus. Auf der hohen See erwachte es und verlangte nach Naxos zurück; die Schisser verweigerten seine Bitte, da erschien es Plötzlich als Gott, umgeben von Tigern, Luchsen und Panthern, nmrankte das Schifs mit Weinlaub, inachte cs unbeweglich u. verwandelte die Schiffer in Delphine, den A. ausgenommen, der nach Naxos zurückfuhr und nun Priester des Gottes wurde. Akrab, Sternim Skorpion (s. d.). Atre (eigentlich Acca), 1) Liwa im türkischen Ejalet Sardeh in Syrien, erstreckt sich an der Küste des Mittelmeercs vom Cap Blanc (Ras el Abiat) bis unterhalb des Karmelgebirges u. umfaßt den größten Theil des alten Galiläa, östl. bis zum Jordan n. See Liberias. 3) (St. Jean d'Acre) St. darin am Meere auf einer dreieckigen Halbinsel u. am Fuße des Karmel; stark befestigt, hat guten Hafen, einigen Handel mit Getreide und Baumwolle, 6 Moscheen, katholische, griechische u. armenische Kirche, Synagoge, griechischen Erzbischof, Bazar, öffentliche Bäder, Wasserleitung; 12,000, n. A. 5000 Ew. Manche Gebäude liegen in Ruinen: die St Johanneskirche, das Hospital der St. Johanncsritter, die Kirche des heil. Andreas, die Dschezzarmoschec, ein großes Fort u. a. Die Stadt hieß in der Bibel Akko, bei den Phö- niciern Accho, bei den Griechen Ake, später Pto- lemais. Sie gehörte den Kanaanitern n. wurde, obgleich dem Stamme Aster zugetheilt, nie von den Israeliten erobert. Zur blühenden Handelsstadt geworden, wurde sie unter Kaiser Claudius römische Colonie (Lolouia, Liauäin), kam dann in Besitz der Araber u. erhielt sich ihre Bedeutung durch den Handel mit Syrien und Palästina. 1099 von Gottfr. v. Bouillon belagert, capitulirte A. mit dem Versprechen, 20 Tage nach Jerusalems Fall sich zu ergeben, doch geschah dies erst am 24. März 1104. Saladin entriß sie 1187 den Christen wieder, erlitt aber am 4. Oct. 1189 eine Niederlage durch die Kreuzfahrer unter Guido; am 12. Juli 1191 von Richard Löwenherz erobert, ward A. nun Sitz der Johanniter-Ritter (daher der Name St. Jean d'A.) u. gewöhnlich Landungsplatz der Kreuzfahrer; 1290 ward die Stadt von dem Sultan von Ägypten belagert u. 18. Mai 1291 mit Sturm genommen. 1517 ward A. von den Os- mancn erobert; vom 17. März 1799 an belagerte Bonaparte die Stadt 2 Monate lang, mußte jedoch in Folge der trefflichen Verteidigung der Stadt durch Dschezzar Pascha u. Sidney Smith unverrichteter Dinge wieder abziehen; s. Französischen Revolutionskrieg; am 27. Mai 1832 nahmen sie die Ägypter unter Ibrahim Pascha und machten sie zu ihrem Hauptwaffenplatze in Syrien, mußten sie aber am 4. Nov. 1840 nach einem Bombardement von der engl.-österreichischen Flotte unter Napier u. Bandiera den Türken zurückgeben. Seit 1850 sind die Festungswerke wieder hergestellt. Äkrel, Karl Frederik v., schwed. Generalieutenant, geb. 1779 in Stockholm, war als Jnge- Akrvdynie. nieur bei der Erbauung des Trollhättakanals thätig, trat dann in die schwed. Armee u. wurde 1807 Lehrer der Cadetten bei der Kriegsakademie in Karlberg. Unter Karl Johann kämpfte A. in Deutschland gegen Napoleon n. ward bei Leipzig schwer verwundet. Nachdem er 1819 geadelt worden war und 1827 seine Stelle in Karlberg aufgegeben hatte, wurde er 1831 Generallientenant n. Chef des Topographischen Corps u. 1856 des Telegraphenwesens. 1862 trat er in den Ruhestand u. st. 11. Sept. 1868. Er gab mehrere Karten über Schweden, namentlich eine über ganz Schweden mit topographischer und statistischer Beschreibung heraus und schrieb: I?üislLsiniigoi i kortüüoaticm; auch hat man von ihm Zeichnungen in Aquatinta, sowie viele Platten zu wissenschaftlichen Werken. Akribie (v. Gr.), Genauigkeit. Akrisie (v. Gr.), 1) Mangel an Urtheil u. Prüfung; 2) (Med.) Ausgang einer Krankheit ohne Eintreten der sogenannten kritischen Ausscheidungen; 3) jener Zustand, welcher zwischen Gesundheit u. Krankheit die Mitte hält. Akrisios, Sohn desAbasn. derOkaleia, Gemahl ! der Eurydike, König zu Argos, vertrieb seinen vom Mutterleibe an ihm verfeindeten Bruder Pro tos, der ihm aber nachher Tiryns entriß u. dort ein Reich gründete. A. war prophezeit worden, daß der Sohn seiner Tochter Danae die Ursache seines Todes sein würde. Solches zu hindern, sperrte er seine Tochter in einen Thurm oder in ein ehernes (erzbeschlagenes) unterirdisches Gemach ein; Zeus aber ließ sich zu ihr als Goldregen herab, n. sie gebar den Perseus. A. setzte nun Tochter und Kind in eine Kiste und übergab sie den Wellen; sie würden aber gerettet u. auf der Insel Seriphos von Diktys ausgenommen; hier vermählte sich der König Polydektes mit der Verlassenen und erzog ihren Sohn Perseus. Die Prophezeiung von des A. Todcsart ging ungeachtet dessen in Erfüllung, da Perseus bei den Leichenspielen für den König von Larissa (wohin A. ans Furcht vor dem Orakelspruch ans Argos geflohen war), oder nach Hygin bei der Leichenfeier des Polydektes in SeriphuS (wo sich A. mit seiner Tochter versöhnen wollte) seinen Großvater zufällig mit dem Diskus so unglücklich traf, daß er davon starb. Akroamatisch (v. Griech.), im Allgemeinen Alles, was gehört werden kann, was durch Hören zum Bewußtsein gelaugt. Ein akroamatischer oder esoter-ischer Vortrag war bei den alten Philosophen seit Aristoteles ein streng wissenschaftlicher, nur für Eingeweihte bestimmter, im Gegensätze zum gemeinfaßlichen, für das größere Publicum geeigneten, exoterischcn. Heute nennt man akroamatisch die Art des Unterrichtes, bei welcher die Schüler nur zuhören, wie bei akademischen Vorlesungen, im Gegensätze zur dialogischen oder katcchetischen Lehrmethode, bei welcher die Schüler gefragt werden. Akrobat (v. Gr.), eigentlich der auf den Zehen geht; Seiltänzer, Lustspringer. Akrocholie (v. Gr.), Jähzorn; daher Akrocho- lisch, jähzornig. Akrodynie (v. Gr.), Gliederschmerz, eine 1828 u. 1829 in Paris epidemische und von Rheumatismus unterschiedene, dem Ergotismus sich an- !! 337 Akrokarpisch reihende u. wahrscheinlich ans dem Genüsse verdorbener Getreidearlen entsprungene Krankheit, wobei Hände und Füße von Schmerzen befallen, die Füße besonders gefühllos u. wie gelahmt waren. Man nannte die Krankheit anch Llal äss pieäs st äss mair>8 und LiMismo sxiäemigus. Die A. war mit Verdannngsstörungen, Hautjucken, Schlaflosigkeit rc. verbunden. Sehr trefflich ist diese Krankheit von August Hirsch (Handbuch der histor.-geograph. Pathologie, Erl. 1800—1864, Bd. I.) geschildert worden, der anch die ganze Literatur verzeichnet. Akrokarpisch (v. Gr., Bot.), mit einer Frucht versehen, welche an der Spitze steht. Akrokerannisches Borgeüirg, der Ausläufer des Keraunischen Gebirges in der altgriech. Landschaft Epiros, am Adriat. Meere; jetzt Cap Glossa (Lingnetta). Äkrokorinthos (a. Gcogr.), Schloß oder Bnrg- felsen von Korinth, s. d.; ebenso Nkrolissos, Burg von Lissos, s. d. Akrolithen (v. Gr., die Spitzen aus Stein), alte griechische Bildsäulen, deren Rumpf, mit der gebräuchlichen Tempelgcwandnng bekleidet, von Holz, dagegen Kopf, Hände u. Füße, welche aus der Gewandung als nackte Theile hervorragen, von Marmor sind. Sie bildeten die Übergangs- sorm von Holzschnitzereien zu Steinbildwerken. Akromonogramm (v. Gr.), Gedicht, bei welchem alle Werse niit dem letzten Buchstaben des vorhergehenden Verses anfangen; Akromono- syllabikon, wenn dies mit der letzten Silbe der Fall ist. Akromphälon (gr.), 1) Spitze des Nabels; 8) hervorstchender Nabel; 3) Nabclbrnch. Akron, Hauptst. des County Summit im Unionsstaate Ohio; 10,000 Ew.; Vereinignngspnnkt des Ohio-Erie-Kanals und des Pennsylvania-Ohio- Kanals. Die geogr. Lage ist nahe dem 41° n. B. und 82° w. L. Akronpktisch (Akronychisch, v. Gr.), beim Eintritt u. Ende der Nacht, s. u. Aufgang. Daher Akronyktische Sterne, bei den Griechen 1) solche, die nicht um Mitternacht, sondern in der Abend- u. Morgendämmerung erscheinen, besonders Wenns und Mercur; 3) die 3 oberen Planeten Mars, Jupiter u. Saturn zu der Zeit, wo sie um Mitternacht culminiren. Akropolis (gr.), Oberstadt, Burg, Citadelle; viele wichtigen Städte Griechenlands bildeten sich um eine solche durch die Natur u. auch durch Kunst befestigte A., wohin die Städter bei feindlichen Einfällen flüchteten; auf ihnen waren gemeiniglich die ältesten u. bedeutendsten Tenipel, so namentlich die A. von Athen; sie hatten oft besondere Namen, z. B. Kadmea die A. zu Theben, Larisa die von Argos, u. Akrokorinth die von Korinth. Akrosophie (v. Griech.), höchste Weisheit. Akrosporeil (Bot.), sehr verbreitete Pflanzen- grnppe aus der Familie der Schimmelpilze (Hy- phomyceten). Akrostichon (gr.), ein Gedicht, in welchem die Anfangsbuchstaben der einzelnen Verse zusammengelesen ein Wort (z. B. den Namen des Dichters, den Namen der Person, an welche das Gedicht gerichtet ist), oder eine Sentenz ergeben. Diese Pierrrs Unirersal-Conversatioiis-Lexikoii. 6. Ausl. 1 — Aksakow. Spielerei fand sich schon im Altcrthnm, z. B. in den Sibyllinischcn Büchern und bei Ennins (Oieoro äs äiviu. II. bl, 111, 112). Häufig war sic zu Flemmings Zeit n. wurde von diesem mit großem Geschick ausgesührt. Jetzt kommt sie z. B. in Gelegenheitsgedichten öfter vor. Manchmal werden auch die verschiedenen Worte eines Spruches auf die Anfangsworte der Strophen vertheilt, wie in P. Gerhardts: Befiehl du deine Wege, der Spruch Ps. 37, 5. Akroftolion (gr.), das erhöhte Vordertheil des Schiffes (Galion), das schon im Alterthum vielfach mit plastischem Zierrathe geschmückt war. Akrotericn (v. Gr.), 1) die äußersten Theile der Glieder. 3) Bei den Griechen: alle weit vorstehenden Theile, wie die Flügel der Siegesgöttin, die Schiffsschnäbel u. dgl. m.; in der Baukunst: kleine, oben wagrecht abgeschlossene Sockelplatteu an den unteren Ecken u. der Firstspitze der Giebel griechischer und römischer Tempel, zur Aufnahme figürlicher, ornamentaler oder anderweitiger Verzierungen bestimmt, wie Tripoden, Leiern, Greife n. dgl., welche durch ihre Symbolik in gewisser Beziehung zum Gebäude stehen. Statt dieser Bekrönungen werden häufig bei modernen Bauwerken fächerartig entfaltete Palmetten verwandt (s. Palmetla), u. wird die Bezeichnung Akroterie häufig auch für diese Bekrönung statt für deren Sockel angewandt. Akrothiina (Akrothina, gr.) Auserlesenes, Erstlinge, zum Opfer für die Götter bestimmt, oder die besten Sachen, die von der gemachten Beute für die Götter abgesondert wurden. Akrotismus, das Streben nach dem Höchsten; das Erforschen der ersten Ursache der Dinge. Aksakow, 1) Sergei Timosejewitsch, rnss. Schriftsteller, geb. I.Oct. 1791 in Ufa; stndirte in Kasan, war 1807—1812 bei der Gesetzaebnngscom- mission in Petersburg beschäftigt u. lebte dann auf seinen Gütern im Orenburgischen u. seit 1826 in Moskau, wo er 12. Mai 1859 starb. In Moskau bildete sein Hans einen der Mittelpunkte für gebildete vornehme Gesellschaft, für aufstrebende Talente u. für die Partei der Slavophilen. Zu der Nedaction des slavophilen „Leuchlthurms" (Llas-rlc) stand A. in lebhafter Beziehung. Er übersetzte zunächst Moliöres 1/^.vars u. Laharpes lUriloeteto ins Russische u. veröffentlichte seit 1846 ein Bruchstück seiner russisch geschriebenen Familienchronik, wodurch er die Aufmerksamkeit des Pnblicums auf sich lenkte. Durch sein Buch: Bemerkungen über den Fischfang, Moskau 1847 (seitdem in mehreren Anfl.), bekundete er seinen Humor u. sein Talent für Naturschilderungen in gewinnender Weise. In demselben Genre ließ er folgen: Memoiren eines Jägers im Gouv. Orenbnrg, Moskau 1852 (darauf noch 2 Aufl.); Erzählungen n. Erinnerungen eines Jägers, Moskau 1855. Sein Hauptwerk: Familienchronik (Lsmsinaja Llironiba) gab er in Moskau 1856 vollständig heraus u. gestaltete hier dem slavophilen Streben gemäß die Erinnerungen und Eindrücke seiner Jugend zu einem planmäßig angelegten Gemälde allrussischen Wesens (deutsch von Ratschinski, Leipz. 1857). Ein zweiter Theil erschien unter dem Titel: Kinderjahre Bagrows, Moskau 1858. Außerdem schr. A. eine Biographie Sa- . Bank 22 333 Akschchr — Aktinische Wolken. goskins (des Verf. des Dorfphilosopheil) und gab seine kleinen Schriften heraus. 3) Constantin, Sohn des Vor., geb. 10. 'April 1817, stndirte in Moskau u. st. im Dec. 1860 auf Zante; er war einer der begeisterten jüngeren Führer der Slavo- philenpartei in Moskau; er schr. russisch: Lomonossow in der Geschichte der russischen Literatur und Sprache; Knjas Lupowizkij (Lustspiel); Oleg vor Constaminopel (dramatische Parodie), Bemerkungen über die Aufhebung der Leibeigenschaft; übersetzre auch Mehreres von Goethe n. Schiller. 3) Iwan, Bruder des Vor.; besuchte im Aufträge der Geographischen Gesellschaft zu Petersburg die Handelsplätze der Ukraine u. beschrieb die dortigen Jahrmärkte und Messeil, werthvoll für die Geschichte des russischen Handels; dies Werk nebst seines Bruders „Bemerkungen" sind deutsch von Bodenstedt, Nuss. Fragmente, herausgegeben. Seit dem Tode seines Bruders war I. A. der officielle Führer der Slavophilen n. gründete im Herbst 1861 das Wochenblatt Dsirj (der Tag), welches Rückkehr zum Altrussenthnm, erhöhten Einfluß der griechischen Kirche n. dgl. Tendenzen vertrat. Akschehr, Stadt im Bilajet Konia in Natolien (türk. Klcinasien), am Fuße des 1167 rn hohen Sultandagh, an der Karawanenstraße von Con- stantinopel nach Syrien, in fruchtbarer von vielen Bergflüßchcn bewässerter Gegend, am See gleichen Namens; Handel mit Tapeten, Wolle, Traganth rc., Teppichfabriken; 15,000 Ew. A. ist das alte Philomelium in Phrygien, wobei Kaiser Friedrich I. am 18. Mai 1130 die Seld- schuken besiegte; als späteres Aksiare berühmt durch Gärten weißer Rosen und als Grabstätte Nassreddin Khodschas, des türkischen Eulenspiegel. Hier nahm Tiinur den Sultan Bajasid I. 1402 gefangen, welcher 1403 starb; über seinem Grabe eine schöne Moschee. Aksu, d. i. Weißwasser, St. am gleichnamigen Flusse und Gebiet in Ost-Turkestan oder Tnrfan; wichtig als Mittelpunkt des chinesischen Handels im Westen u. militärisch als Vereinigungspnnkt der Straßen aus dem inneren China und vom Jli (Dsungarei). Nach letzterem führt der 3320 w hohe Gletscherpaß Sankn über den Thianschan. A. hat 40,000 Ew., 12,000 Häuser, 5 Medresses, 6 Karawanserais; berühmte Fabriken von Daba (Baumwollenzeuge, die sogenannte Schicha) u. von Ledcrwaaren u. Jaspisarbeitcn; Kupfergewinnnng. Der gleichnamige Fluß kommt vom Thianschan u. mündet in den Tarim. Die Stadt wurde 1710 durch ein Erdbeben fast gänzlich zerstört, war seit 1864 wiederholt bedrängt durch die Kämpfe der Mohammedaner u. Tnnganen gegen die chinesische Oberherrschaft und kam'l867 zum turkestanischen Reiche des Mohammed Jakub Beg, dessen Residenz Kaschgar ist. Aktäa (Akte, a. Geogr.), der Küstenstrich von Attika und eine der 4 ältesten Phylen von Athen unter Kekrops; daher Aktäer, die Bewohner desselben. Aktiio», Thebaner, Sohn des Aristäos, durch seine Mnrter Autonod Enkel des KadmoS, von Cheiron zum Jäger erzogen. Er reizte den Zorn der Göttin Artemis nach Ovid n. Einigen dadurch, daß er sie, ohne sie zu kennen, mit ihren Nymphen in der höotischen Quelle Gargaphie (Aktäons- jQuelle) im Bade belauschte; nach A. dadurch, ' daß er sich rühmte, sie in der Jagdknnst zu über- ^ treffen. Sie verwandelte ihn in einen Hirsch, worauf er von seinen eigenen Hunden auf dem Berge Kithäron zerrissen ward. In Orchomenos zollte man ihm Verehrung. Mtiios, ältester König von Athen (s. Agraulos). Aktin . . ., Aktinisch (v. gr. atctis, Strahl), was auf (Wärme- und Licht-)Strahlen Bezug hat. Aktinien, s. Seeanemonen. Aktinische Strahlen nennt Tyndall die chemisch wirksamen Lichtstrahlen; Aktinische Wirkung, chemische Lichtwirkung. Aktinische Wolken (von Tyndall 1868 entdeckt), zarte, nebel- oder wolkenähnliche, leuchtende Niederschläge flüssiger Kügelchen, welche durch die chemisch zersetzende Wirkung des concentrirten Sonnen- oder elektrischen Lichtes in den Dämpfen vieler flüchtigen Flüssigkeiten hervorgerufen werden. Der Apparat, welchen Tyndall zur Erzeugung dieser im höchsten Grade überraschenden Erscheinung anwandte, besteht aus einer horizontal ausgestellten 80 bis 90 om langen n. 7,5 ein. weiten, an beiden Enden mit ebenen Steinsalz- oder Glasplatten verschlossenen Glasröhre, welche (durch seitlich angesetztc mit Hähnen versehene Röhren) am einen Ende mit einer Luftpumpe, am anderen mit dem den Dampf enthaltenden Gefäße in Verbindung steht, und aus einer elektrischen Lampe, welche so vor der Röhre ausgestellt ist, daß das Licht dieselbe der Länge nach dnrchdringt. Die ^ufr der Röhre wird zuerst mittels der Luftpumpe ^ verdünnt, dann läßt man etwas von dem Dampfe einströmen. Die Erscheinung selbst, welche alsdann eintritt, ist folgende. Nachdem der Dampf von dem Lichtbnndel durchstrahlt ist, bildet sich nach kürzerer oder längerer Zeit eine Wolke, welche einen mehr oder weniger intensiven Glanz, eigen- thümliche Formen u. Farben annimmt. Ist der Dampf sehr concentrirt u. das Lichtbündel durch eine Linse stark convcrgirend gemacht, so tritt die Erscheinung nach weniger als einer Secunde und mitblcndendemGlanze ein; in verdünntem Dampfe ^u. bei schwachconvergirendem Lichtebeginnt dieselbe erst nach einigen Secnnden, ja nach Minuten, u. zwar anfangs mit mattem, später nrit glänzendem Lichte. Der erste Dampf, mit welchem Versuche angestellt wurden, war der des salpetrigsauren Amyls. Bei stark convergirendem Lichte u. viel Dampf erschien der Niederschlag leuchtend weiß, !bei mäßig convergirendem Lichte u. verdünntem Dampfe dagegen tiefblau. Bei anderen Dämpfen nehmen die Wolken die wunderlichsten, beweglichen !nnd veränderlichen Formen , und war ist die gestalt der Wolke charakteristisch für die ange- ' wendeten Dampfe. Die an dem Dampfe der Jod- wvasserstofssäure beobachteten Erscheinungen sind so ! wunderbar, daß Tyndall sagt, er habe in seinem ! Leben nichts Überraschenderes gesehen. „Was mich ! betrifft," schließt Tyndall seine Beschreibung, „so gestehe ich offen, vor einem so merkwürdigen , wun- Iderbaren Schauspiel verweilte ich 2 Stunden lang in Entzücken, ich konnte nicht müde werden, es immer wieder anznsehen." Diese ebenso schöne, als interessante n. jedenfalls für die Wissenschaft 339 Aktinograph - höchst wichtige Erscheinung erklärt sich dadurch, daß das Licht eine chemische Zersetzung der Dämpfe hnoorruft, bei welcher weniger flüchtige Vcrbind- k ungen gebildet werden, die sich dann in Form kleiner, oft auch durch die Lupe noch nicht unterscheidbarer Tröpfchen Niederschlagen. Daß nur Las Licht, und nicht etwa die den Dämpfen beigemengte Luft, diese Wirkung hervorbringt, ergibt sich daraus, daß die Erscheinung völlig dieselbe ist, ob der Dampf uuvermischt, oder mit Luft, Wasserstoff, Sauerstoff gemengt angewandt wurde; und zwar sind es die feuchtenden, n. nicht die warmen Strahlen, welche wirken, denn die Wirkung ist dieselbe, wenn auch das Strahlenbündel vorher durch ein die Wärmestrahlen vollkommen absor- ? kürendes Mittel hindurchgegangen, „gesiebt" ist; ist , dagegen das Licht durch eine gelbe Flüssigkeit, besonders salpetrigsanres Amyl, hindurchgcgangen, welche die blauen Strahlen zurückhält, so wird die Wirkung wesentlich verringert, zum Beweise, daß dieselbe vorzugsweise den blauen Strahlen zuzu- schrcibcn ist. Das Licht, welches die a-n W. ansstrahlen, ist Las von ihnen reflectirte Licht der elektrischen Lampe; was sich einfach daraus ergibt, daß dasselbe polarisirt ist. Auf die Erscheinung der a-n W. gründet Tyndall eine Erklärung der i blauen Farbe des Himmels und der Polarisation ^ des Himmelslichtes, sowie eine Theorie der Ko- s metenschweisc, welche indessen beide mehrfach be- ! stritten sind. Die zu Anfang der a-n W. auf- ^ tretende lichtschwache blaue Wolke bezeichnet den M ersten Anfang der Bildung eines flüssigen Nieder- 7 schlages, einer zwischen der reinen Dampf- u. der eigentlichen Wolkenform liegenden Mittelform, welche nur nneigentlich Wolke genannt werden kann; sie besteht aus Flüssigkcitstheilchen, deren Durchmesser weit kleiner ist, als die Wellenlänge , des violetten Lichtes, u. welche nur blaues Licht ! reflectiren können; erst wenn die Flüssigkeitskügel- > chen größer werden, reflectiren sie auch anders gefärbtes Licht und erscheinen endlich von einer ge- ! wissen Größe an weiß. Das von der blauen Wolke reflectirte Licht ist polarisirt. Da nun auch das Himmelslicht, gerade wenn der Himmel rein, ganz frei von (vollendeter) Wolkenbildung ist, blau > u. am vollkommensten polarisirt erscheint, so liegt " !s nahe, beides aus einer ähnlichen Ursache zu erklären, nämlich aus einer beginnenden Wolkenbildung, welche in den höckfften, sehr verdünnten ! Wasscrdampf enthaltenden u. sehr kalten Regionen der Atmosphäre stattfindet. Gerade wie die Polarisation des Lichtes jener Anfänge der a-n W. vermindert wird, wenn die Erscheinung bis zum ' Auftreten sichtbarer Flüssigkeitskügelchen, also bis zw -igentlicken Wolkenbildnng fortschreitet, so nimmt auch oie Polarisation des Himmelslichtes ab, sobald die erste Spur eigentlicher Wolkenbildung, ein zarter Cirrus, sich zu zeigen beginnt. In Betreff der Kometenschweife stellt Tyndall die hier nicht näher zu erörternde Hypothese auf, daß dieselben ein deu a-nW. analoger Niederschlag seien, welcher auf der der Sonne avgewandten Seite des Kometenkopfes aus der sehr zarten u. dünnen kosmischen (d. h. den Weltraum erfüll-nden) Materie sich bilden. Vgl. Naturforscher 1869, S. 43, 83, 141, 150, 185. ! — Akumeter. Aktinograph (d. i. Strahlschreiber), ein von Pouillet erfundenes Instrument, welches die Zeitpunkte und die Dauer des Erscheinens und Verschwindens der Sonne anzeigt. Der A. ist ein inwendig schwarz angestrichener Kasten mit quadratischer Grundfläche, welcher so ausgestellt wird, daß seine Seitenkanten der Erdachse, seine obere u. untere Grundfläche also der Ebene des Äquators, somit auch der Ebene desjenigen Kreises parallel ist, welchen die Sonne täglich um die Erde zu beschreiben scheint. Die 4 Seitenflächen sind genau den 4 Himmelsgegenden zngewendct. Die nach O., S. und W. gerichteten Seitenflächen haben jede in ihrer Mitte eine kleine Öffnung. Im Innern des Kastens befindet sich ein den Seiteukanten parallel verschiebbares Mittelstück, welches den be- zeichneteu Öffnungen gegenüber hohlcylindrische Ausschnitte hat. Diese Ausschnitte werden mit photographischem Papier belegt u. der Kasten dann vor Sonnenaufgang in die bezeichnete Lage gebracht. Indem nun die Sonne, soweit sie nicht durch Wolken verdeckt ist, durch die Öffnungen ihr Bild je nach ihrem Orte nach u. nach auf verschiedene Punkte der Papierstreifen wirft, zeichnet sie ihren Weg als schwarze Linie auf diesen ab; den Stellen am Himmel, wo die Sonne durch Wolken bedeckt war, entsprechen Lücken in dieser Linie. Die Streifen werden endlich nach Sonnenuntergang Herausgenomnien u. die Linien durch die gewöhnlichen Mittel fixirt; sie geben dann ein getreues Bild aller Momente des Erscheinens u. Verschwindens der Sonne. Aktinolith, so v. w. Strahlstein, eine Varietät der Hornblende. Aktinometer (v. Gr.), ein Apparat, welchen Pouillet anwaudte, um die Temperalurabnahme zu bestimmen, welche die Gegenstände der Erdoberfläche durch Ausstrahlung von Wärme gegen den kalten Himmelsraum in wolkenlosen Nächten erfahren. Das A. besteht aus einem oben offenen, unten aber verschlossenen Metallcylinder, in welchen durch eine Seitcnöffnung ein Thermometer so hincingesteckt ist, daß die Kugel sich etwas über der Mitte befindet u. die Röhre horizontal liegt; die Seiteuwände u. der Boden des Cyliuders sind inwendig mit Schwanfedcrn ansgekleidet, welche alle Zuleitung von Wärme von unten n. den Seiten verhindern. Dann zeigt das Thermometer in Hellen Nächten stets eine niedrigere Temperatur, als die umgebende Luft, u. zwar ist dieser Temperaturunterschied bei niedriger Lufttemperatur fast ebenso groß, als bei hoher; da hiernach die Ausstrahlung von der Lufttemperatur wenig abhängt, so muß die Temperatur des Weltraumes eine so niedrige sein, daß, im Vergleich zu ihrem Unterschiede von den gewöhnlich vorkommenden Lufttemperaturen, die Unterschiede zwischen diesen letzteren unter sich sehr gering sind. Die Temperatur LesWeltraumeS ist jedenfalls niedriger, als —57°6., da diese Temperatur auf der Erde (in der Nähe des Nordpols im Winter) beobachtet ist; Pouillet hat sie auf — 142° 6. bestimmt, doch ist diese Bestimmung unsicher. Aktion, s. u. Actium. Akumeter (Musiometer, Akusimeter; v. Gr.), ! Gehörmesser; s. Taubheit. 340 Akurcyri Akureyri, isländischer Name des zweitgrößten Handelsplatzes Öfjord, am Südende des Eynaflöt (E. Fjord) der dänischen Insel Island, mit über 800 Ew.; 5 KaufmannSfactoreien, Apotheke, Buchdruckern, Ausfuhr von Wolle, Dörrfischcu, Fuchspelzen, Eiderdunen, Talg, Thran tu Schwefel. Akustik (v. griech. alcoüü, ich höre), 1) (Phys.) die Lehre vom Schall. Da der Schall (s. d.) in schwingenden Bewegungen der Körper besteht u. Lurch ebensolche Schwingungen fortgcpflanzt wird, io bildet die A. einen Theil der Bewegungslehre (Mechanik). Die Hauptgegenstände der A. sind: die Entstehung u. die Ursachen des Schalles; die Arten desselben (einfacher Schall, Geräusch, Ton), namentlich die musikalischen Töne, ihre Höhe und Schwingungsgeschwiudigkcit, Consonanz u. Dissonanz, Klangfarbe rc.; die Stimme u. die Theorie der musikalischen Instrumente; ferner die Ausbreitung des Schalles, seine Fortpflanzungsgeschwindigkeit in verschiedenen Körpern u. unter verschiedenen Umständen; seine Zurückweisung, Brechung, Interferenz; endlich die Wahrnehmung des Schalles u. der Bau des Ohres. Schon die Alten hatten einzelne akustische Kenntnisse: sie kannten die Abhängigkeit der Tonhöhe von der Saitcnlänge; Pythagoras u. Aristoteles kannten die Art der Fortpflanzung des Schalles durch die Luft, Ersterer entdeckte die Beziehungen der Cousonanzcn zu den ganzen Zahlen. Allein die A. als Wissenschaft, durch Bacon und Galilei begründet, gehört erst der neueren Zeit an. Chladni, der namentlich durch die Entdeckung der Klangfigureu bekannt ist, hat sie zum Range einer selbstständigen Wissenschaft erhoben. Die Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Schalles, deren theoretische Bestimmung durch Newton mit einem Fehler behaftet war, wurde von Laplace zuerst theoretisch richtig abgeleitet. Die Geschwindigkeit des Schalles in der Luft wurde zuerst genau experimentell bestimmt im I. 1738 durch mehrere Mitglieder der Pariser Akademie; später (1822) von Humboldt, Arago, Gay-Lussac u. A. bei Paris, bald darauf von Moll, van Beek u. Krnytcubrowen bei Amsterdam; in neuester Zeit durch Rcgnault (1862); für Wasser bestimmten dieselbe Colladon u. Sturm (1827); Chladni (1800) zuerst für feste Körper. Die Theorie der Töne gespannter Saiten war schon früh Gegenstand der Untersuchung gewesen; die ersten Anfänge derselben rühren, wie schon gesagt, von den Griechen her; später beschäftigten sich damit u. A. Mersenne (1636), Taylor (1716), bald nach ihm I. u. D. Bernoulli, d'Alembert u. Euler (1730); von La- grange erhielt dieselbe 1759 ihren endgiltigen Abschluß. Die absoluten Schwingungszahlen der Töne wurden annähernd richtig von Euler theoretisch, von Chladni (1800) experimentell, genauer mittels der von Cagniard-La-Tour (1819) erfundenen Sirene durch Duloug u. A., durch Savart mittels gezahnter Räder, durch Scheibler (1833) endlich mittels der Stöße von Stimmgabeln mit der größten Genauigkeit bestimmt. Savart untersuchte auch (1819) die Gesetze der Resonanz. Von W. und E. H. Weber wurde (1825) die Theorie der Wellenbewegung begründet u. die Interferenz des Schalles erklärt. Von neueren Akustikern sind ferner zu - -4.1a. nennen Poisson, Strehlke, Wheatstone, Melde, Wertheim, u. aus neuester Zeit vor Allen H. Helm- holtz, dessen physiologische Behausung der A. in der Lehre von den Tonempfindnugeu, 3. Ausl., Braunschw. 1870, die bedeutendste neuere Erscheinung auf dem Gebiete der A. ist. Eine empfeh- lenswerthe populäre Schrift über A. ist: Tyndall, Der Schall, deutsche Ausg. von Hclmholtz n. Wie- demann, Braunschw. 1869. 3) (Bank.) Einen Concertsaal, ein Theater, eine Kirche, eine Aula rc. den Regeln der A. gemäß zu construiren, ist eine der schwierigsten Aufgaben des Architekten; nicht nur die Form der Wände n. Decke, sondern auch Las zur Herstellung derselben benutzte Material ist von großem Einflüsse ans die Wirkung des Schalles (gute oder schlechte Schalllciter). Für Concertsäle ist ein langgestrecktes Rechteck mit hyperbolischer Nische am zweckmäßigsten; Decke möglichst glatt zu halten. Sind Pfeiler erforderlich, wie in Kirchen, so sind dieselben nicht mit geraden Flächen (weil dadurch Echo hervorgernfen wird), sondern mit rundlichen Gliederungen zu versehen. Akustisch (v. Gr.), 1) znm Gehör gehörig; Akustische Mittel, Mittel gegen Gehörkrankheiten, oder auch zur Erleichterung des Hörens; Akustisches Öl, Öl gegen Schwerhörigkeit, besteht aus Oliven- u. Mandelöl. 2) Den Regeln der Akustik gemäß (s. d.); daher Akustische Künste, so v. w. Tonische Künste; Akustischer Telegraph, s. u. Telegraph I); Akustische Werkzeuge, Werkzeuge, welche den Schall verstärken, besonders dadurch, daß die Schallwellen enger vereinigt, nach einem gewissen Orte geleitet werden; besonders Sprachrohr und Gehörrohr (Atüstikon), s. Gehörrohr. Akyab (Akjab, früher Tset-Twe), Hauptstadt der Provinz Arakau des 1862 errichteten britischen Gouvernements Britisch-Birnianicu (Hiu- terindieu), an der Mündung des Koladayn in den Bengalischen Meerbusen, in gesunder und für die Schifffahrt günstiger Lage, mit geräumigem und sicherem Hafen, bedeutendem Handel, bcsondersAns- fuhr von Reis n. Salz; 1865 liefen 348 Schiffe ein u. 357 aus, die Einfuhr rcpräseirtirte einen Werth von 6—7 Mill. Pfd. St., die Ausfuhr einen solchen von 5—6 Mill.; Telegraph nach Calcutta: über 8000 Ew. (Bengalescn u. Chinesen). A. ist die Militärstatiou der Provinz u. Sitz eines deutschen Cousuls. Aky anoblepste (v. Gr.), Unvermögen des Auges, blaue Farben u. damit verwandte wahrzunehnien. Al (el), arabischer Artikel, z. B. Alkoran, d. i. der Koran. Vor den Zungen- u. Zahybuchstaben wird das l in der Aussprache assimilirt, z. B. el Sasfah (spr. es Saffah), al Thabari (spr. at Tha- bari). Schließt das vorhergehende Wort mit einem langen Vocal, so wird der Vocal des Artikels mit einer Art Apostroph bezeichnet und werden beide Wörter znsammengezogen, z. B. Abu 'l Ala für Abu el Ala. KI, Chemisches Zeichen für Aluminium. kla (lat., Flügel), 1) (röm. Ant.) Flügel der Armee; 2) beim römischen Wohnhause die letzten der zu beiden Seiten des Atriums liegenden Zimmer; 3) (Anat.) zur Bezeichnung seitwärts sich ausbreitender Organe, in der Mehrzahl Has, so ü. nai-inm, Nasenflügel, ossis spüsnoickalio. Ala — Alabattda. 341 Flügel des Keilbeines, pulmonum, Lungenflügel, H.. ewersa, Theil des verlängerten Markes; 4) (^.. spnria oder ^.Inta, Afterflügel) derjenige Theil des Flügels bei den Vögeln, der am Daumen des Vogelskelets sitzt; 5) (Bot.) Flügel, d. i. eine seitliche blattartige Ausbreitung eines Pflanzentheils, z. B. des Stengels, der Rinde, des Blattstiels, namentlich des Samens rc.; 6) (Bot.) Flügel oder Segel, die zwei seitlichen (mittleren) Blätter der Schmetterlingsblüthe. Ala, Stadt im tiroler Bezirke Roveredo, an der Etsch u. der Brennerbahn (Kufstein-Verona); Bezirks- u. Steucramt, Kapuzinerkloster (1606 gegründet), Jnstitutshaus der Barmherz. Schwestern (seit 1844), Sparkasse, Knaben- u. Mädchenhaupt- schule, Sammet- n. Seidenweberei; 4430 Ew. italienischer Nationalität. A. erhielt sein Stadtpri- vileginm 1820. Dabei das 4 Stunden lange Thal Ronchi. k In bsisso, bei dem Handel mit geldwerthen Papieren, wenn man ans das Fallen derselben specnlirt; der Gegensatz: ä 1a Iiausso. Alabama, 1) Fluß in dem Unionsstaate Alabama ; entspringt im Staate Georgia, läuft in südlicher Richtung, nimmt zuerst den Coosa-Flnß in der Nähe von Montgomery, dann den ansehnlichen Tombeckbce auf n. mündet in die Mobile-Bai im Golfe von Mexico. Der A. ist nur für Fahrzeuge von geringerem Tiefgange schiffbar. 2) Einer der - Südstaatcn des Unionsgcbietes von NAmerika, ^ zwischen 30" 10" u. 35" n. Br., sowie 85—88° >' 30" w. L., begrenzt im N. durch Tennessee, im O. durch Georgia, im S. durch den Golf von Mexico u. im W. durch den Staat Mississippi. Gebirge: Alleghany, im N., bis 450 m hoch (od. 1350 Fuß); Flüsse: Alabama, Tombcckbee, Tennessee; Meeres- j buchten: Mobile und Perdito. Klimatisch zerfällt , A. in 3 verschiedenartige Abtheilnngen, wovon die ! nördliche zwar wenig fruchtbar, aber für Weiße ! gesund, die mittlere gemäßigt und zuträglich ist. Beide bilden ungefähr die eine Hälfte des Staats- x gebietes, während die andere, sumpfig u. sandig, südliche Verhältnisse zeigt, welche nur Schwarzen znsagen. Gesammtbevölkernng 996,992 Köpfe, i darunter 521,384 Weiße, 475,510 Farbige und ! mir 98 Indianer. Von den im Auslande Gcbo- ! reuen, oder was zu ihnen gerechnet wird, gehören 5400 Großbritannien an (3913 Irländer), 2756 !- Deutschland u. der Schweiz, 585 Frankreich, 118 Italien. Die Mehrzahl davon befindet sich in Mobile. Das gcsammte deutsche Bevölkernngs- element nimmt inan auf 7000 an, darunter H Jsraeliten, wovon die Mehrzahl in Mobile. Methodisten u. Baptisten wiegen in kirchlich-religiöser Beziehung vor. Politische Hauptstadt des Staates ist Möntgomery; die bedeutendste Hafen- u. Handelsstadt Mobile; unbedeutende Universitätsstadt Tuscaloosa. Die politischen Einrichtungen sind in A. gleichförmig wie im ganzen Unionsgebiete, an welches alles Land der französischen Besitzungen östl. vom Mississippistrome 1775 kam. 1768 fiel dieses Gebiet, mit Ausnahme von New-Orleans, an England, bis die Abtretung an die Union erfolgte. Bis 1802 bildete A. einen Theil von Georgia, dann aber einen solchen des Mississippi- Territoriums, u. 1817 zerfiel dieses in 2 besondere Theile, wovon A. den östlichen ansmachte; 1819 aber erreichte dieses die erforderliche Einwohnerzahl zur Aufnahme in die Union als Staat. 1861 geschah die Lossagung von der Union, und 1868 der Wiedereintritt in dieselbe, belastet mit Schulden, die 1873 schon 143,139,262 Doll, betrugen. Der Boden ist im mittleren Theil von A. am besten. Einige Kanäle n. 2100 Im Eisenbahnen dienen dem Verkehre. Von den 50,722 HjMiles Land im Staate sind 14,961,178 Acker urbar gemacht, und der Farmwerth ist auf 71,025,960 Doll, abgcschätzt. Haupterzeugnisse 1870 waren: 429,482 Ballen Baumwolle, neben 381,253 Pfd. Wolle; außerdem 16,977,948 Bnshel Mais, 2,033,872BushelKartoffeln, 770,866Bnshel Hafer rc. Im N. von A. finden sich reiche Schätze an bituminösen Kohlen, Eisen rc., allein erst in neuester Zeit wurden Anfänge zur Ausbeutung gemacht. Der Staat wird in 65 Counties einge- theilt. Die Geschichte des Staates A. schrieb Pickett (1851, 2 Bde.). Alaüamafrage, ein Streit zwischen den nördlichen Staaten der Nordamerikanischen Union und der englischen Regierung, weil diese trotz ihrer Neutralitätserklärung beim Ausbruche des Bürgerkrieges 1861 die Ausrüstung von Capcrn und Kriegsschiffen in englischen Häfen geduldet hatte, in Folge dessen den Nordstaaten ein enormer Schaden zugefügt wurde, dessen Schätzung auf ungefähr 110 Mill. Dollars nicht übertrieben sein dürfte. Der Name der Angelegenheit rührt von dem Ca- perschiffe Alabama (Capitän Semmes) her, das sich vor allen hervorthat, aber Juni 1864 auf der Höhe von Cherbourg von der Corvette der Union Kearsage (Capitän Winslow) in den Grund gebohrt wurde. Der Streit führte zu heftigen Erörterungen und drohte sogar wiederholt in einen Krieg ausznarten, da die Union England auch moralisch zur Verantwortung ziehen wollte u. sogar Anspruch auf die Abtretung von Canada machte. Der Streit wurde nach lljähriger Dauer endlich mittels Übereinkunft der Parteien (Vertrag von Washington Mai 1871) einem internationalen Schiedsgerichte zur Erledigung übertragen, dessen 3 Mitglieder der Kaiser von Brasilien, der König von Italien und der schweizerische Bundesrath zu wählen hätten, wozu noch Bevollmächtigte der streitenden Parteien traten. Dasselbe trat im Januar 1872 in Genf zusammen u. verurtheilte England zu einem Schadensersätze von 15^ Mill. Dollars, womit die Union, welche 45 Mill. gefordert hatte, sich zufrieden erklärte. Wenn auch die Bedeutung dieses Vorkommnisses s. Z. vielfach überschätzt worden, so ist damit immer ein Präcedenzsall geschaffen, auf den man einige Hoffnung auf Nachahmung ründen darf. — Das Material zur Beurtheilnng ietet die OUieiat Llorrssponcisnos on biis ääa- dama Glsims, Lond. 1867; vgl. Blnntschli, Oxi- nion impartialo snr In gnösticm äs In ^.tadama, Berl. 1870; Geffcken, Die A., Stuttg. 1872. Alabanda (a. Geogr.), Stadt in Karien, am Marsyas, durch Handel u. Industrie blühend, durch die Üppigkeit der wohlhabenden Einwohner berüchtigt. Strabon u. Plinius erwähnen dieser Stadt. Unter den Römern war A. Freie Stadt und Sitz eines Oonventns zuriäions; im I. 38 v. Chr. 342 Alabaster wurde sie durch Labienns eingenommen. In der Nähe fand mau den Alabaudischen Slein, welcher in den Glashütten geschmolzen und wahrscheinlich zurBemalnng des Töpfergeschirres gebraucht wurde. Da den Fabrikanten A-s wenig Geschick zugeschrieben wurde, so nennt man jetzt »och Pfuscherei in Kunstsachen Alabandismns. A. war Vaterstadt der Redner Menekles und Hicrokles und des Rhetors Apollonius Molon. Ruinen bei Arabissar, nach Anderen bei Karpuseli. Alabaster, eine Kalk- und eine Gipsvarietät, die beide ein halbdurchscheinendes, seidenartiges, mattweißes oder blaßröthliches Ansehen haben u. verarbeitet gute Politur annehmen. Der Ala- bastrites des Theophrast und Plinius, d. h. der Stein, ans welchem Salbcngefäße von der Art, die man Alabastra nannte, gemacht wurden, war lediglich feinkörniger Kalk von Theben in Ägypten, in Form von Stalaktiten. Auch gestreifte Varietäten, die sich bei Stalaktiten in Folge der verschiedenen Schichten oft finden, verwandten die Alten zu Säulen u. nannten dieselben dann Onyx, worunter wir nur noch dunkel u. weiß gestreifte Achate verstehen. Das jetzt Alabaster Genannte ist fast nur feinkörniger, sehr reiner Gips, der sich an vielen Orten ün Salzgcbirge findet. Hauptorte für die daraus gemachten Kunstgcgcustände, Dose», Uhrgehäuse, kleinere Statuen, Vasen rc., sind Florenz u. Boltcrra in Italien. Der frisch gebrochene A. läßt sich leicht ans der Holzdrchbank mit dem gewöhnlichen Meißel bearbeiten, wird dann mit Schachtelhalm und Wasser und schließlich mit Talk Polin. Alabastcrglas, eine Glassorte, die durch eine feinkörnige Ausscheidung ein getrübtes, halbdnrch- sichriges, dem Auge sehr angenehmes, alabasterähnliches Aussehen hat. Man stellt es dar, indem man geschmolzenes Krystallglas in Wasser gießt, dann fein pulvert und die Masse wieder in die Glashäfen bringt, aber hierauf nicht blank einschmilzt, sondern die Masse verarbeitet, wenn sie noch voll Luftbläschen ist, die das Glas dann, wie Seifenschaum, weiß machen; auch wirken hierzu jedenfalls noch ungeschmolzcne feine Glastheilchcn mit. Die daraus gefertigten Gegenstände, als Wasserflaschen, Bowlen, Trinkgläser rc., sind sehr beliebt. Alabastcrpcrlen, auch römische Perlen, unechte Perlen, deren Kern ans Alabaster besteht, der in Wachs getaucht wird u. dann mit Pcrlen- essenz, einer Mischung von Hansenblasenlösung u. den feinen Schuppen des Silberfisches (Xr§sntiim appzu-Lsim L.), überzogen wird. Alabastrit, s. n. Alabaster. Alabasti-um, 1) (Ant.) bei den Römern das Spießglanzerz; 2) so v. w. Alabaster; 3) so v. w. Blüthenknospe: Alabastra eapparlcUs sind die eingemachten Kappernblüthenknospen, X.earzo- pllvkli die Gewürznelken. Alachua, County im nordamcrik. Staat Florida, unter 29" n. B. u. 82° w. L.; mit 17,328 Ew.; Countysitz Newnansville; Flusse: Santa Fe, Summier; Boden marschig und fruchtbar; Erzeugnisse: Mais, Reis, Baumwolle und Bataten. Die Benennung rührt her von der Alachna-Savanna, einerMarschgcgend. JmSüden einige kleinereSeen. — Alais. ! Alacoque, Maria, Tochter eines Advocatew im französischen Dep. Saöne-et-Loire; Nonne im Kloster Paray-le-Monial (1671); Srislerin des , Cnltus des Heil. Herzens Jesu, der damals schon von den Jesuiten verbreitet wurde. Im I. 1864 wurde sie selig gesprochen. Ala-Dagh (türk., schöner Berg), in Armenien, ; im N. des Wansees, Wasserscheide zwischen dem ^ Kaspischen Meere n. Persischen Golfe; er erreicht ; eine Höhe von mehr als 3300 m, n. an seinem NAbhange liegt die Quelle des vstl. Euphrat oder Mnrad. Alagöas, dos, Provinz in Brasilien, die gegen O. an den Atlantischen Ocean, gegen S. an Bahia n. Sergipe n. gegen N. u. W. an Per- nambuco grenzt. Das Gebiet, dessen Flächeninhalt verschieden angegeben wird u. etwa auf 40,000 ssZIcm anzuschlagen ist, besieht in einem niedrigen, schmalen Küstenlande n. ans einem höheren, aber noch wenig bekannten, waldigen Binnenlande; hat eine ziemlich reiche Bewässerung, der Hanptfluß ist der San-Francisco, an dessen linkem Ufer die Prov. liegt; ihren Namen erhielt sie von dem kleineren Flusse AlagoaS. Den Haupterwerbszwcig der 300,000 Ew. bildet die Zuckerrohr-, Tabak- u. seit neuerer Zeit die Banmwollencnltnr; außerdem gewinnt man Reis, Cocosnüsse rc. n. aus den Wäldern gesuchte Ban- n. Farbehölzer n. viel Jpecacuanha; Industrie fehlt. Hanptst. der Prov. ist Maceyö oder Mahayo, Hafcnort am Meere, mit einem Palaste des Präsidenten, einem großen ^ Ständehanse, einer Hauptkirche u. ca. 8000 Ew. 4 Bis znm I. 1839 war A. die Hauptstadt, die aus ! früherer Zeit noch mehrere öffentliche Gebäude hat, ! mit Einschluß ihres Districts 4000 Ew. zählt und > ziemlich verfallen ist. ^ Alagou, 1) St. in der spanischen Prov. Saragossa (Aragonien), am Kaiserkanal; Waffen- u. Lederfabriken; 3000 Ew. 2) Rechter Nebenfluß des Tajo in Estremadura (Spanien); entspringt an der ! Pena de Franci in der Prov. Salamanca, nimmt den vom NAbhange des Gredosgebirgcs kommenden Jerte ans und mündet oberhalb Al- cantara. L ln grooqus, 1) auf griech. An; 2) (Bank. u. Stickerei) ein rechteckig geknicktes, gerades Band, auch Mäander genannt, als gesticktes oder gewebtes Band vielfach den Saum der Kleider bildend; wird als Symbol einer leichten Verknüpfung auch ans Bautheile übertragen, wie auf den Abacns des dorischen Sänlencapitäls, ans die Unterfläche ^ - der antiken Casscttendecke rc. Alais, Stadt im gleichnamigen Arr. des sranz. Dep. Gard (das alte Alesium), am Gardon und am Fuße der Sevennen, sowie an der Eisenbahn von Nunes; alte Kathedrale, neue roman. Kirche, evang. Kirche, Communalcollege, Gerichtshof, Handelsgericht; Fabriken in Seide, Vitriol, Glas, Steingut, Wolle; Eisengießereien und Maschinenbau; Stcinkohlengrnben (das Bassin von A. erstreckt sich aus 35 'km im Umkreise), bedeutender Handel mit roher u. gedrehter Seide; Citadelle, unter Ludwig XIV. gegen die Protestanten erbaut; auch ein Bisthnm zu deren Bekehrung errichtet 1692, das bis zur Revoluüon bestand; 20,200 Ew. Dabei zwei eisenhaltige Mineralquellen. Zu A. 27. Juni Alajucla — 1629 Friede zwischen den Hugenotten». LudwigXIII.; s. u. Hugenotten. - , Alajucla, 1) Prov. des cenrralamerikanischen Freistaates Costa Rica; 27,000 Ew. 2) Hauptst. darin, mit 18,000 Ew. u. dem Hafen Pnntas- Arenas. Alakananda, Nebenfluß, nach Einigen zweiter Qucllstrom des Ganges (s. d.). Alaktie (v. Lat.), so v. w. Agalaktie, Milch- losigkeit. Älalie (v. Gr.), 1) Sprachlosigkeit, Stummheit: 2) unariiculirtcs, erschwertes Sprechen. S. Aphasie. Alalit (Min.), eine thonerdearme, durchsichtige oder hellgrüne Varietät des Angits von der Mnssa-Alp. Alainak, Stern ^ in der Andromeda (s. d.). Alamakec, County im nordamerik. Staate Iowa, unter 43° n. Br. u. 91° w L.; 17,868 Ew.; Countysitz: Lansing am Mississippi. Alaman, Lukas, mexicanischer Staatsmann u. Historiker, geb. um 1775 in Mexico, saß bis 1823 als Deputirter der Colonien in den Cortes zu Madrid. Nach der Gründung der Republik Mexico dorthin znrllckgekehri, vertrat er die spanische Partei, wurde Minister des Auswärtigen, gab aber nach kurzer Zeit als Gegner des Föderalismus diese Stellung ans und widmete sich nun der Industrie, hauptsächlich der Montanindustrie. Unter Bustamcntes Regierung erhielt er 1829 die Ministerien des Auswärtigen u. Innern u. führte sie, hauptsächlich für Entwicklung der Industrie, des Ackerbaues und der Volkserziehnng sorgend, bis 1832. Nachdem er zwei Jahre durch den Präsidenten Pedrazza politisch verdächtigt worden war, ernannte ihn Santa Anna 1834 zum Director der Jndustriecommission, als welcher er sich die größten Verdienste um sein Vaterland erwarb. Politisch hatte Santa Anna in ihm einen der wärmsten Anhänger, auch bei seinen gewaltsamen Maßregeln. A. st. 2. Juni 1855, außer einigen anderen politischen u. technischen Schriften zwei Geschichtswerke hinterlassend: Oisertnoiunss sobro Is, distoria msjieana. 3 Bde., Mexico 1844—49, und Liatorln äs llejieo, 5 Bde., Mexico 1849 bis 1852. Alamauce, County im nordamerik. Staate Nord- Carolina; 11,874 Ew.; Lage: 36°n.Br. 79° w. L.; vom Hawflnß bewässert, der sich in den Ala- manceflnß ergießt; Bodenerzengnisse: Mais, Weizen, Hafer, Baumwolle u. Tabak. Die NCarolina- Central-Eisenbahn durchzieht das County, dessen Hanptort Graham ist. Alamanni, Lnigi, italien. Dichter, geb. zu Florenz 28. Oct. 1495. Er stand in hoher Gunst bei dem Cardinal Giulio de' Medici, Leos X. Statthalter in Florenz; aber von ihm verletzt, ließ er sich 1522 in eine Verschwörung gegen dessen Leben ein; entdeckt, mußte er fliehen n. hielt sich bald in Venedig, bald in Frankreich auf. Nachdem Florenz sich frei gemacht hatte, kehrte er 1527 dorthin zurück. Wegen seines Vorschlages, die Republik unter den Schutz des Kaisers Karl X. zu stellen, wurde er geächtet n. ging nach Frankreich, wo er von Franz I. und Heinrich II. mit diplomatischen Sendungen betraut - Alandscc. 343 wurde. Er st. zu Amboise 18. April 1556. Er , schrieb u. a.: Im (,'oltivariono, Paris 1546, ein Lehrgedicht im Ltil von Virgils deorZien; 6irons ii dortsse, 1548, ein Kunstepos in 24 Gesängen, dessen Stoff ans dem fr. Prosaroman des 13. Jahrh. duiron Io donrtois von Helie de Bor- ron (später überarbeitet von Rnsticien Le Pise u. auszugsweise im 16. Jahrh. mehrmals gedruckt) entnommen ist; I/Xvai'vllicke, 1570, ein Kunstepos, ebenfalls in 24 Gesängen, die Belagerung der Stadt Bonrges (T^varienin) verherrlichend, eine Nachahmung der Ilias; lyrische Gedichte, welche als Operstosoano, Lyon1532u. 33, 2 Bde., erschienen; Lpißrammi toaoaui; ein Schauspiel: Hora, Florenz 1556; eine Bearbeitung der Antigone des Sophokles. Xsrsi s proao äi Imißi Xlamaiini, Flor. 1859, 2 Bde., gab P. Rassaeli heraus. Alameda, County im nordamerik. Unionsstaate California, unter 38° n. Br. u. 123° w. L., an der San-Francisco-Bai gelegen; etwa 24,237 Ew.; Conntysitz San Landro; gutes Ackerland, Mineralquellen, Bergbau auf Steinkohlen und Gold. Alameda, Stadt (Villa) in der spanischen Prov. Malaga; 4370 Ew. ü !a molio (fr.), nach jetziger Art, Tracht, Sitte. Alämos (Real de los A.), St. im südlichsten Theil des mexicanischen Staates Sonora, zwischen den Flüssen Rio Mayo und Rio del Fnertc, in wasserarmer, unfruchtbarer Gegend; Handel; 6000 Ew.; in der Gegend reicher Bergbau auf Gold u. Silber. In der Nähe Trümmer einer großen Stadt der Azteken, darunter die dnsn Arkustg, d. i. ein dreistöckiges Castell, aus Lehm erbaut, ntit 5 m dicken Mauern. Aland, Nerfling (Iwneisens läns L.; läns instanotns HeeL.), Art Weißfisch (s. d.). Aland, linker Nebenfluß der Elbe im preußischen Regbez. Magdeburg; entspringt in der Altmark als Biese, nimmt die Üchte ans, wird bei Scehausen schiffbar u. mündet oberhalb Schnacken- burg. Älandsinseln, russische Inselgruppe in der Ostsee, von der Küste der finnländischen Stadt Abo bis auf 6 bis 7 M. von der gegenüberliegenden schwedischen Küste sich erstreckend; besteht aus fast 300 theils bewohnten Inseln, theils unbewohnten Felsen und Schären, deren Flächeninhalt etwa 1150 ffZIcin (21 s^W) beträgt. 1809 mit dem Großfürstenthnm Finnland an Rußland abgetreten. Die etwa 80 bewohnten Inseln sind von 16,000 Schweden angebaut, die Viehzucht, Fischerei, Robbenfang n. Holztransport nach Ostseehäfen treiben n. als tüchtige Seefahrer bekannt sind. Die Lanpt- ^ inscl Aland 385 Hjlcin (7 siHM), wonach der Älands- snnd benannt wird, zählt über 10,000 Ew., hat gute Ankerplätze u. das Schloß Kaselholm an der , Südspitze, früher die Festung Bomarsnnd, die im Ruff. Kriege von der engl. Flotte unter Rapier u. sranz. Landtruppen unter Baraguay d'HillierZ zur Capitulation gezwungen wurde, worauf di« Schleifung der Werke erfolgte, die gemäß dem Pariser Frieden von 1854 nicht wieder hergestellt werden dürfen. Alandsee, fischreicher See bei Oderberg im preuß. Regierungsbezirke Potsdam. 344 Almicn — Alarcon. Alanen, Nomadenvolk,indo-germanischenStam- mes u. ursprünglich im Kaukasus ansässig, im Mittelalter am Don. Es gab unter ihnen keinen Unterschied der Stände. Sie waren kriegerisch, von schönem, schlankem Wüchse u. blondem Haare, gute Reiter u. Bogenschützen, führten alle ihre Habe auf Wagen mit sich; getödteten Feinden zogen sie den Schopf ab n. gebrauchten denselben als Pferde- schmnck. Als Gott verehrten sie ein in die Erde gestecktes Schwert. Weissagungen wurden, wie bei den Germanen, durch Loose gegeben. 40 Jahre v. Ehr. wurde ein Theil von Len Hunnen an den Mäotischcn-See (Asowsches Meer) gedrängt. Unter Kaiser Vespasian drangen sie nach Armenien und Kleinasien vor, worauf Vologcses, König v. Par- thien, römische Hilfe gegen sie suchte. Unter Hadrian führten die Römer Krieg gegen sie. Unter Aurelian machten sie mit den Gothen Einfälle in Armenien n. Kleinasien, wurden aber 280 n. Ehr. unter Probus in ihre Sitze zurückgeworfen. In der 2. Hälfte des 4. Jahrh. zogen die am Kaukasus Zurückgebliebenen mit den Hunnen, nachdem sie von denselben besiegt waren u. dann zu gleichen Rechten mit ihnen sich vereinigt hatten, gegen die Ostgothen unter Ermanrich an der Donau, deren Reich sie 375 zerstörten; von der Donau an den Rhein, verbanden sich unter Rcspendial mit den Vandalen und Sueven und verwüsteten seit 406 Gallien. Ein Theil ging 409 unter Utakus (Vata- cuS) nach Spanien, wurde 418 unter seinem König Alar vom westgothischen König Wallia geschlagen n. vermischte sich darauf auf immer mit den Vandalen, mit denen er 429 nach Afrika übersetzte. Ein anderer Theil, an der Loire zurückgeblieben, kämpfte 451 mit den Römern gegen Attila, 464 wurden A. in Italien von Ricimcr bei Bergamo geschlagen und ihr König Bior getödtct. Während sie nach dieser Zeit ans der Geschichte im Westen verschwanden, kommen in der späteren byzantinischen Zeit noch A. im Kaukasus vor u. haben sich bis zur Gegenwart dort erhalten. /Uangieas, Pflanzenfamilie aus der Klasse der Myrten; große Bäume oder Büsche mit oft dornigen Zweigen, im südlichen Hinter-Jndien; die Gat- ung Llanginm, Llarloa u. a. /Usngium (X. L«»r.), Pflanzengatt, aus der Familie der Alangieen (XII. 1). Arten: L. äo- vaxstalum und X. IwLapstalmn Usi, in Ostindien; ersteres prächtiger, deshalb von den Eingeborenen als Sinnbild der königl. Würde anangesehener, immer blühender Baum auf Malabar, mit wohlschmeckenden, kirschenartigen Früchten, bitter-gewürzhaft schmeckender u. riechender, gegen Würmer u. den Biß giftiger Thicre angewendeter Wurzel. Sie liefern auch gutes Werkhoh. Alanin, Amidopropionsänre (Chem.),OglONO?. Wenn man Blausäure u. Aldchydammoniak mit Salzsäure kocht, so bildet sich salzsaures A., aus welchem das A. durch Zersetzung mit Bleioxydhydrat gewonnen wird. Es krystallisirt in perlmutterglänzenden, rhombischen Säulen, die in Wasser leicht, in Alkohol schwer löslich, in Äther ganz unlöslich sind. Die Lösung reagirt neutral u. schmeckt süß. Bei 200° sublimirt es. Es ist isomer mir dem Lactamid, dem Sarcosin und Nrethan, besitzt sowol basische, wie saure Eigenschaften u. wird durch Einwirkung von salpetriger Säure in Milchsäure verwandelt. Alanis, Flecken in der spanischen Proo. Sevilla (Andalusien); silberhaltige Bleiminen; die schon von den Römern ausgebeutet wurden; 2260 Ew. Manisches (Alannisches) Gebirg (4Iani montss, Wolga-Gebirg), s. Wolchonskywald. ülsnss Oak., Alse, Fischgarn der Fam. der Häringe; nur kleine Zähne in den Oberkiefern, sonst zahnlos. Dahin der Maistsch (4.. vulgaris), die Finte (X. üuta) und die Sardelle (X. Lar- äina); s. d. A. Alant (Bot.), Inula L., Pflanzengatt, aus der Fam. der Compositen (XIX. 2), mit röhrig-zwit- terigen Scheiben- u. gelben, znngenförmigen, weiblichen Strahlblüthen. Die dicke Wurzel des wahren oder echten A. (I. IIskoniumL.) enthält A-Kam- pher u. einen stärkemchlartigen Körper (Inulin) und ist als raäix Oslsnii 8. Lnulas officinell. Most damit angesetzt gibt einen magenstärkenden Wein. Dieser A. wächst in Deutschland da u. dort auf feuchten Wiesen, wird wegen der Wurzel, welche auch wie Kalmus überzuckert als ein die Verdauung förderndes Mittel genossen wird, in Gärten cultivirt n. findet sich auch verwildert. Er gedeiht in jedem nicht zu nassen Boden; Entfernung der Pflanzen 60 cm; Vermehrung durch Samen und Theilung. Von den anderen Arten war das Kraut von Innig. Aormanica X,., die ans steinigen Triften selten gefunden wird, früher officinell. Alantapfel oder großer edler Prinzessinapfel, zur Klasse der Tanbenäpfel gehörend; sehr beliebt wegen des milden, saftreichen Fleisches von alantartig gcwürzhaftem, weinigem Zuckergeschmacke; gedeiht leicht. Alantbcere, so v. w. schwarze Johannisbeere. Alantin, so v. w. Inulin. Mantkampher, Alantöl, s. Helenin. Manns, von Ryssel (X. ab Insukia), gen. Ooctor univsrsalis, geh. um 1114 in Ryssel (Lille), scholastischer Philosoph, Theolog u. Musikgelehrter; trat in den Cistercienserorden in Clairvaux, ward 1140 Abt zu La Rivonr und 1151 Bischof zu Auxerre, ging aber 1167 in das Kloster nach Clairvaux zurück u. st. 1203. Er suchte mit Hilfe der damals im christlichen Europa noch sehr wenig bekannten Arab.-Aristotelischen u. Rabbinischen Philosophie die mathematisch-demonstrative Methode zur philosophischen Begründung des kirchlichen Lehrsystems einzuführen. Bon seinen Werken sind die bedeutendsten: Regmlas äs oacra tirsoloZia; Oe arts catkiokicas kiäei; Ooctrinals altum (moralischen Inhaltes); Oxplorationeo in propkrstiam LIerlini; Lumina guaäripartita contra kiaeroticos; Xnticlauäianus (eine Art Encyklopädie in Versen); Opera moralia paraonotica st xolswioa, heranS- gegebcn von Bisch, Autwerp. 1654. A Lapide (van den Steen), Cornelius, geb. 1568 zu Boehoff im Lüttichschen, Jesuit; mar Lehrer der Heiligen Schrift erst in Löwen u. später in Rom u. st. hier 1637; er schrieb weitschweifige, an allegorischen Deutungen reiche Commentare über die meisten biblischen Bücher, 16 Bde., Fol., Bened. 1688 u. m. a. Ausg. Alarcon, 1) Fernando d', General des Kai- Ward - fers Karl V., commandirte in den italienischen Kriegen die spanische Infanterie. Er hatte die Aufsicht über den gefangenen Papst Clemens VII. n. erhielt vom Kaiser die Herrschaften Siciliana u. Sicada in Neapel. 2) Juan Ruiz de, A. y Mendoza, spanischer Dramatiker, geb. zuTasco in Mexico, kam 1622 nach Spanien, wurde in den Nath von Indien ausgenommen; st. 1639. Er ist einer der bedeutendsten Dramatiker Spaniens, gewandt in der Erfindung des Stoffes und Durchführung der Charakteristik, erlitt aber zu seiner Zeit viel Anfeindungen. Er versuchte sich in allen Gattungen des Dramas, besonders aber schrieb er vortreffliche Charaktcrdramen, n. a.: I-s, veränä 8ospsoüosa (Quelle zu Corneilles Nsnbsnr); Lluciarss por LlgM-arns; davor Vmi- xos; N Nsjeäor cis 8eMvia; sie wurden neu herausgegeben von Hartzenbusch, Madrid 1852, franz. übersetzt von Roher, Par. 1865. Deutsche Übertragungen von ihm in Schacks Spanischem Theater, Frkf. 1845, u. in Rapps Spanischem Theater, Bd. 7, Hildburgh. 1869. Eine von der Spanischen Akademie gekrönte Preisschrift über A. lieferte Guerra y Orbe, Madr. 1872. Alard, 1) Delphin Jean, namhafter Violinspieler, geb. 1815 in Bayonne; studirte u. lehrte später am Pariser Conservatorinm; Componist geschätzter Violinwerke. 2) Cesar, Violoncellist, geb. 1837 zu Gosselies in Belgien, Schüler Gervais'; wurde berühmt durch Coucertreiscn in England, Frankreich, Amerika, besonders durch sein Auftreten in Paris. Alärich, 1) A. I., westgothischer Fürst aus dem. Geschlechts der Balten; er wurde von seinem im Aufstande begriffenen Volke 395 n. Chr. zum Feldherrn erwählt, durchzog von den Donaumünd- uugen aus Thrakien, Makedonien u. Thessalien, bedrängte Athen u. die Hauptstädte des Peloponnes. Der weströmische Kaiser Honorins schickte den Griechen Hilfe unter Stilicho, welcher A. mit seinen Gothen ins Gebirg Pholoe drängte; der oströmische Kaiser Arcadius aber schützte A. und ernannte ihn sogar 397 zum Präfecten von Jllyrien. Sein Volk erkannte ihn als König an. Schon im Herbste 400 griff er Campanien an; 402 unternahm er einen Zug nach Ober-Italien u. Gallien, aber von Stilicho 403 bei Pollentia u. Verona besiegt, kehrte er im Herbste dess. I. nach Jllyrien zurück. Um ihn von Italien fern- zuhaltsn, schloß Stilicho darauf einen Vertrag mit ihm ab, wonach er auch Statthalter des westlichen Jllyrien wurde u. jährlich 4000 Pfd. Gold erhalten sollte. Da nach Stilichos Tode die römische Negierung den Vertrag nicht hielt, zog er 408 gen Rom, das er nach dreimaliger Belagerung 24. Aug. 410 cinnahm u. plünderte. Als er von da nach Sicilien übersetzen wollte, starb er 410 zu Cosenza; sein Leichnam ward in den Fluß Barentinus (Buscnto) versenkt und Alle getödtet, welche an dem Grabe gearbeitet hatten, damit dasselbe den Römern nicht verrathen würde; s. n. Gothen. Vgl. Pallmann, Gesch. der Völkerwanderung, Bd. I. Gotha 1863, S. 203 ff.; Dahn, Könige d. Germanen, Bd. V., Würzb. 1870, S. 21 ff. 2) A. II., König der Westgothen, Enrichs Sohn; regierte von 485—507 u. blieb bei Vonglh - Alaska. 345 gegen die Franken; s. ebd. und Dahn, V. 101 ff. Alarm (v. it. all' arms, d. i. zu den Waffen). Allgemein: plötzlicher Lärm, der durch eine unerwartete Veranlassung (Fenersbrunst, Aufruhr rc.) entsteht. Im Kriegs«.: Signal, auf welches sich die Truppen völlig marschmäßig, d. h. mit Gepäck und Waffen, auf vorher bestimmten Plätzen (A- plätzen) sammeln (Generalmarsch). Sehr oft werden Alarmirungen im Felde vom Feinde veranlaßt, um den Gegner zu necken u. zu ermüden, und dann später einen Überfall mit größerer Aussicht auf Erfolg zu versuchen. Maßregeln gegen Alarmirungen durch den Feind: s. Vorposten. Davon Alarmhäuser, große Gebäude (Kirchen, Scheunen), in denen in der Nähe des Feindes nachts zur augenblicklichen Verwendung bereite Infanterie untergebracht wird; Alarmstange oder Fanal, auf weit sichtbaren Punkten angebrachte Stangen, an deren Spitze leicht brennbare Stoffe befestigt sind, durch deren Entzündung die Alarmirnng ausgedehnter Cantonnements bewirkt wird. Alasani, linker Nebenfluß des Kur in Kau- kasien; der alte Alazanios. Alcrschehr (Gottesstadt), Stadt im Vilajet Aidin der asiatischen Türkei (Anadoli); griechischer Erzbischof; 5 christliche Kirchen mit vielen Überresten alter Sculptnren, 8 Moscheen; 15,000 Ew.; mit Ruinen, besonders der ältesten Kirchen. A. wird von den Türken, welche es 1390 eroberten, für heilig gehalten, namentlich als Grabstätte; das alte Philadelphia. Alaska, Territorium der Nordamerika« Union, zwischen 54° 40' n. Br. u. 141 bis 170° w. L. Die Halbinsel A. ist von einer vnlcanischcn Gebirgskette durchzogen, deren höchster Gipfel Eliasberg 4875 in; grenzt im W. an die Berings- straße, sonst überall an das britische Nordamerika; ungefähr 70,000 Ew., meist Eingeborene; Hauptfluß Jukon (Kwichpock). Bedeutender Fang von Pelzthieren und Fischen, sowie Jagd auf Thran- thiere und andere Thiergattungen. Besitzt reiche Lager an Steinkohlen, Eisen, Kupfer und Gold. Umfaßt 1,495,000 siZIcin (27,158 siZM) und hat viel Waldung. A. ist das ehemalige russische Nordamerika und wurde 1867 von den Ver. Staaten für 7,200,000 Doll, angekauft. Di- Union machte dabei ersichtlich ein gutes Geschäft , selbst abgesehen davon, daß sie damit das britische Nordamerika von zwei Seiten eiuschließt. Zu A. gehören noch die St.-Lawrence- Jnsel vor dem Eingänge der Beringsstraße, Atcha (westl. Menten), Kadjak (Halbinsel A.), die nördlichen Kurilen, die östlichen Al'Luteu und ein Bezirk am Nortonsnud in der Behringsstraße. Eine Territorialregierung wurde im I. 1869 auf der Insel Sitka (früher Neu-Archaugel) eingesetzt, wo sich die gleichnamige Hauptstadt, jetzt erst 500 Ew. zählend, rasch zu vergrößern verspricht. Eine neugeüildcte Alaska-Handelsgesellschaft hat 1870 die Ausbeutung der Robben im Behringsmeere gepachtet. Ein Organ für das Territorium, A- Herald, wurde schon 1869 gegründet. Vergl. Whympcr, Iravsl anä ^.ävsntnro in Urs Isrri- stor/ ok lä., London 1868, deutsch von Sieger, 346 Massiv - Brauuschw. 1869; Dall, .4. and its Hssouress^ Boston 1870. Alassio, Hasenstädichen ün Distr. Albcnga der italienischen Prov. Genna, an der Eisenbahn von Genna nach Nizza; Prätur, Zollamt, technische Schule, Schiffbau, Handel mit frischen u. eingesalzenen Fischen; 4700 Ew. Unweit davon das wilde Vorgebirg della Croce mit Leuchtthnrm. Alastor (gr. nicht zu vergessen oder nicht vergessend), 1) Jemand,' ans dem eine unsühnbare Schuld, besonders eine Mordthat, hastet. 2) Rächende Gottheit, besonders die Erinnyen, in der griechischen Tragödie. k !a suite (franz., im Gefolge) der Armee oder eines Regiments werden fürstliche Personen oder verdiente Generale als Ehrenbezeugung geführt. Außerdem werden auch zu technischen Instituten, Militär-Bildnngsanstalten rc. abcommandirte, sowie ans der Activität getretene Offiziere a I. s. eines Regiments geführt, dessen Uniform sie tragen. ülsts Lastrs, die äußerste Römerstation in Lrl- tannia dardara, vom Kaiser Seplimins Severns gegründet. lllStss oder Sbrombiäas (Zool.), so v. w. Flügel- schnecken. Ala Tau (d. i. Buntes Gebirg), 1) Gebirg an der Grenze des russischen Turan gegen die chinesische Prov. Jli, theils nördl. vom Jliflnsse (Dsungarischer A.); Granit, schneebedeckt, Gipfel bis 3800 m hoch, mit 6 niedrigeren Parallelketten, davon die Kopal- u. Alamankette die höchsten, mit Pässen und russischen Pvststraßen; er bildete die Grenze des im 18. Jahrh. blühenden Dsnngari- schen Reiches; theils südl. vom Jli (Transilensi- scher A.), aus 2 parallelen Granit- und Syenit- kämmeu, bis 4800 in hoch (vgl. Altai). 2) Kr. im russischen Gebiete am Jli und Jsstk Knl, von Kirgisen bewohnt, Hanptort Wjernoje oder Almaty am Almatyflusse, neue russische Festung; Festung Kastek am gleichnam. Flusse. Der Kreis ist wichtig in den Beziehungen Rußlands zu China und in Betreff der Handelsstraße ans dem schiffbaren Jli nach dem Balkaschsee. Alätvi, St. im Distr. Frosinone der italienischen Prov. Rom, im Hernikergebirge, umgeben von großartigen, zum Theil erhaltenen cyklopischen Mauern u. Thoren; Burg, Bischofssitz, Prätur, antike Wasserleitung, welche wieder hergestellt werden soll; 12,852 Ew. Dabei das Karthäuser- kloster Trisnlti und eine große Stalaktitenhöhle (ürolüs, äi Oollsparäo). A. steht ans der Stelle des alten Aletrium, einer Stadt der Herniker in Latium. Alatür (Alatyr), 1) Nebenfluß der Snra in sttußland. 2) St. im russischen Gonv. Simbirsk; 7700 Ew. /llauäa (lat.), Lerche (s. d.). Alaun. Unter Alaunen versteht man die regulär krystallisirenden Doppelsalze von der Formel in denen Kalium durch Natrium, Ammonium, Caesium, Rubidium rc., Thonerde durch Eisenoxyd, Chromoxyd u. Maugau- vxyd, Schwefelsäure durch Seleusäure, Chromsäure u. Mangansäure ersetzt sein kann. Technische Wichtigkeit haben nur Verbindungen, die schwefelsanre Thonerde mit schweselsaurem Kali, - Alaun. Natron oder Ammon verbunden enthalten. — Bereits die Alien kennen den A.: Plinius nennt ihn alumsn, die Griechen st^ptsria. Doch waren die betreffenden Produkte jedenfalls noch stark eisenhaltig, wenn nicht gar Eisenvitriol, was daraus erhellt, daß Plinius ausdrücklich erwähnt, ihre Lösungen gäben mit Galläpfelsafr schwarze Färbungen. Die ersten genauen Nachrichten über Fabrikation u. Verwendung des A. finden sich bei den Alchemisten des Mittelalters; die Genueser führten denselben damals aus dem Orient ein n. kannten seine Anwendung beim Rorhfärben. Stach der Eroberung von Constantinopel übertrugen dieselben seine Fabrikation nach Italien n. legten die heute noch bestehenden A-werke in Civita-Vecchia an. Pins II. erkannte die Wichtigkeit der neuen Industrie bald und suchte sich das Monopol für seine Staaten zu sichern, indem er Jeden in den Bann that, der anderwärts als bei ihm kaufte; allein im 16. Jahrh. existirten auch bereits in Deutschland A-werke, n. der Bann half nicht mehr, die moderne Industrie ging schon damals stillschweiend darüber hinweg. Die A-Hüttcn zu Schwemsal ei Düben im heutigen Regbez. Merseburg u. die bei Lüttich (Lücker A. von Ligge, dem alten Namen von Lüttich) versorgten Deutschland. Namentlich das Product der letzteren war seiner Reinheit wegen berühmt u. kostete per 100 kA ca. 60 Mk. Weitere alte Werke existircn namentlich in Sulzbach bei Saarbrücken u. ans der Kreuzkirche bei Neuwied. — Es werden momentan jährlich auf der Erde ca. 10 Will. KZ A. fabricirr, wovon weitaus die Hälfte auf Deutschland kommen. — Der Kali-A. ist ein weißes, klares Salz, vom spec. Gew. 1,72«, das in Wasser löslich, in Alkohol unlöslich ist. 100 Theile Wasser lösen bei 0 " з, go Theile, bei 50" 44,„ Theile, bei 100" 357,4z davon ans. Kochend gesättigte Lösungen scheiden also beim Erkalten eine Menge A. ans, der in schönen, klaren Oktaedern krystallisirt; letzt man aber zu der Lösung etwas Salpetersäure, so finden sich am Oktaeder alle Ecken durch Würfelflächen ersetzt; andere Substanzen bringen andere Flächen zum Vorschein, u. ist die Eigenschaft von Salzen, aus ihren Lösungen, je nach Zusatz anderer Substanzen, die nicht in die Kry- stalle übergehen, in anderen Formten zu krystalli- siren, namentlich beim A. studirt worden. A. hat einen süßlich zusammenziehenden Geschmack, n. seine Lösung reagirt sauer, er schmilzt beim Erhitzen in seinem Krystallwasser n. verliert dasselbe ganz bei 100", bei noch stärkerem Erhitzen wird er unlöslich (gebrannter A., ^lumon nstum) und dient als Ätzmittel. — Die Darstellung des A-s geschieht aus verschiedenen in der Natur vorkommenden A-erzen, n. zwar: 1) aus solchen, die alle.zur A-bildnng nöthigen Substanzen enthalten: dem A-stein u. gewissen A-schicfern. Der A- stein (Alnnit) kommt nur in vulcanischen Gegenden vor und ist das Product der Einwirkung schwefeliger Säure auf namentlich trachytische Ge- birgsarten. Er ist wasserfreier A., verbunden mit Thonerdehydrat, IvzöOj-s-^I^OZz-st^^Oslls, и. nicht löslich in Wasser. Beim schwachen Brennen aber wird LasThonerdehydratunterWasserverlustzu ^ unlöslicher Thonerde, n. dann hinzngesügles Wasser Alaun. 347 löst A. auf. Dies ist dann auch die Fabrikation.s Aus der Lösung krystallisirt der A. zuerst in Oktaedern, daun in Würfeln aus, weshalb man Las so gewonnene Product auch kubischen A. nennt. Es rührt dies davon her, daß sich in der Lösung überschüssige Thonerde befindet. Im Handel heißt das Product römischer A., weil seine j Gewinnung auf den A-werken bei Civita-Becchia u. in Tolsa bei Rom stattfindet. Ähnliche Vorkommnisse von A-stein und darauf sich gründende Gewinnung finden sich in Ungarn, bei Smyrna n. in Frankreich am Mont d'Or. — 2) Weit wichtiger ist die A-gewinnnng aus demA-schiefer, der nur die Elemente zur Bildung der schwefelsanren Thonerde enthält, u. dem also Alkali zugesetzt werden muß, um A. zu erhalten. A-schiefer nennt man gewisse sehr schwcfelkiesreiche Thonschiefer u. Braunkohlenschiefer, also zwei dem Alter nach ganz verschiedene Gebirgsarten, die aber beide auch Bitumen enthalten, wodurch sie, entzündet, langsam weiter brennen und abröstcn. Dies ist auch die erste damit vorgenommene Operation, bei der die durch die Röstung aus dem Schwefelkies sich bildende Schwefelsäure ans den Thon des Schiefers einwirkt u. schwefelsaure Thonerde bildet. Diese wird in Auslaugekästen ausgclangt und die so erhaltene Rohlange in gemauerten Kästen mittels darüber geleiteter Flamme concentrirt. Da sich bei der Röstung der'Schicfer aus dem Schwefelkies auch viel Eisenvitriol bildet, der schwerer löslich ist, als schwefelsaure Thonerde, so hält man die Lauge auf 30—32" L. durch ständiges Zulasten frischer Rohlange, läßt dann den Eisenvitriol anskrystallisiren u. setzt nun zu der weiter concen- trirten Garlauge Alkali. Als solches benutzte man früher schwefelsaures Kali aus Salpetersänre- fabriken, Seifensiedereien u. Glashütten, oder rohe Pottasche, in neuerer Zeit Kalisalze aus Staßfurt. Da die Katiquellen vor Entdeckung letzterer immer seltener u. das Kali zu thener wurde, gebrauchte man meist schwefelsaures Ammon, das die Gasanstalten aus ihrem Gaswasser darstellten und in den Handel brachten, machte also Ammoniak-A. statt Kali-A. Das Zusetzen geschieht in sogenannten Präcipitir- oder Schüttelkästen, n. das zngesetzte Alkali nennt man A-fluß. Da die Garlange sehr concentrirt ist und der gebildete A. in dein vorhandenen Wasser nicht gelöst bleiben kann, scheidet er sich sofort als weißes A-mehl ans; die Bildung größerer Krystalle sucht man durch Schütteln zu vermeiden. Das A-mehl wird dann auf der Waschbank gewaschen, d. h. mit reinem Wasser abgespült, um die Mutterlauge zu entfernen, und dann wieder gelöst und in den Wachsfasscrn nm- krystallisirt. Dies sind Fässer, die sich anseinan- Lernehmen lassen; der A. krystallisirt, „wächst" namentlich an den Wänden an, und wenn diese dick genug mit Krystallen überzogen sind, nimmt man das Faß auseinander, läßt die Mutterlauge ab, beschneidet die Ränder oben n. unten, bindet die die innere Form des Fasses nachbildcnde Kry- stallkruste mit einigen hölzernen Reisen, und das Product geht alsWachskrystall oder raffinirter A. in den Handel. Die Mutterlaugen kommen natürlich immer wieder in die Fabrikation. — 3) Die A-gewinnung direct mittels Einwirkung von Schwefelsäure auf Thoncrde oder thonerdehalrige Mineralien hat alle älteren Methoden fast verdrängt. Als Thoncrde liefernde Substanz benutzt man gewöhnlichen Thon, Kryolith n. Bauxit. Ersterer, natürlich möglichst eisen- n. kalkfrei gewählt, wird gelinde geglüht, gemahlen u. dann auf dem Herde eines Flammofens mit Schwefelsäure, wie dieselbe ans den Bleikammern kommt, behandelt, wobei er sich anfschließt und in Schwefelsäure löslich wird. Tie gebildete schwefelsaure Thoncrde ziehi man mit Wasser aus u. kocht sie mit schwcfclsaurem Kali. Der so gewonnene rohe A. wird noch einmal raf- finirt n. als A-mehl in den Handel gebracht. — Aus Kryolith (4l2§g,6l>salk) gewinnt man Soda n. A. zugleich, indem man denselben mit kohlen- sanrem Kalke (Kreide, Marmor) glüht; hierbei bildet sich unlösliches Flnorcalcium und lösliches Na- trinmaluminat(4l2§s,6Xa§-s-66a60z— -s-öÜablz-s-OLO.z); letzteres wird ausgelaugt und Kohlensäure eingeleiter, wobei sich Thonerdehydrat ansscheidet und Soda in Lösung bleibt. Erstcres. wird in Schwefelsäure gelöst u. mit Kalisalzen zu A. verarbeitet. — Der Bauxit, ein wesentlich aus Thonerdehydrat bestehendes Mineral, das sich namentlich in Frankreich bei Rouen findet, wird durch Glühen mit töhlensaurem oder schwefelsanrem Natron aufgeschlossen. Bei nachherigem Behandeln mit Wasser wird ebenfalls Natriumalnminat aufgelöst, das wie beim Kryolith behandelt wird. — Außer dem Kali-A. kann man, wie bereits, bemerkt, auch Ammoniak-A. darstellen, der Ammonium statt des Kalium enthält. Derselbe unterscheidet sich im Äußern nicht von Kali-A., ist aber etwas löslicher in Wasser, da 100 Theile Wasser von 6° 5, 2 - Theile anflösen, 100 Theile Wasser von 100" 422 Theile; sein spec. Gew. ist 1,62«. Ebenso kennt man Natron-A., Len man aber seiner Leichtlöslichkeit halber nicht darstellt. Der A. wird namentlich in der Färberei gebraucht, wo sein Thonerdegchalt auf der Gespinnstfaser niedergeschlagen wird u. die Annahme der Farben vermittelt, also als Bcizmittel; dann in der Weißgerberei, wo er mit Kochsalz zusammen die Häme weißgar macht, zum Unlöslichmachen des Leimes in der Papicrsabrikation, als Länternngs- mittel beim Ausschmelzen des Talges, bei der Fabrikation der Lackfarben (d. h. Verbindungen der Pflanzenpigmenre mit Thonerde), als Zusatz znm Wasser beim Anrühren von gebranntem Gips, der dann nach dem Erhärten härter wird, und zur Darstellung der essigsanren Thonerde. Aber überall wirkt er nur mittels seines Thonerdcgehaltes, u. das thenre u. oft schwer zu beschaffende Alkali bleibt in Len Laugen u. fließt unbenutzt ab. Man hat daher in neuerer Zeit vielfach Alumininmsulfat (schwefelsaure Thonerde) in den Handel gebracht, mit Garantie für einen gewissen Gehalt an schwefelsaurer Thonerdc u. für Reinheit, die sonst der A. durch seine Krystallisation bot, und hat damit stellenweise den A. verdrängt. — In der Natur findet sich der A. stellenweise fertig gebildet als Mineral vor, jedoch überall nur als secundäre u. neuere Bildung, bei der ähnliche Vorgänge stattgefunden haben, wie bei seiner Fabrikation; so sind manche Steinkohlenaschen eiwas kaiinmhalrig, u. kann bei in Brand gegangenen Feldern dann 348 Alannbad — Alava. durch Abrösten des darin enthaltenen Schwefelkieses n. Zutritt von Wasser Kali-A. sich bilden, wie dies ain brennenden Berge bei Duttweiler wirklich geschieht. Ähnlich bildet sich beiTschermich in Böhmen und in Ungarn ans sich zersetzender Braunkohle Ainnwniak-A., ebenso am Krater des Ätna. Na- tron-A. findet sich in St. Inan bei Mcndoza in den Anden, u. Eiseu-A. bei Mörsfeld in der Rhein- psalz, wo derselbe ans einem sehr schwefelkiesreichen ziunoberführenden Gestein, das sich leicht zersetzt, ausblüht. Als Heilmittel wird der A. in Pulverform oder in Wasser aufgelöst als blutstillendes oder auch als zusammenziehendes Mittel gebraucht, in welch letzterer Eigenschaft er vorzugsweise zu Gurgelwasser bei entzündlichen Anschwellungen der Mandeln, des Zäpfchens, der Zunge u. des Zahnfleisches dient; bei Schleimflüssen der weiblichen Geschlechtsteile, auch bei männlichem Tripperflnß wird seine Auflösung zu Einspritzungen benutzt. Nach Mialhe wirkt aber A. auch unter gewissen Umständen verflüssigend, was besonders stattfindet, wenn A. auf die Schleimhaut des Kehlkopfes gebracht wird. Lothweise in den Magen gebracht, wirkt er vergiftend; s. Alaunvergistung.— Mialhe, Obiwis nppliguös ä In plizoiol. st ü In tirärapeut., Par. 1856. Alaunbad (Alanbrühe), die Alaun enthaltende Flüssigkeit bei Färbern u. Gerbern. Alaunblumen nennt man die auf der Röstung ansgcsctzten Alaunerdehanfen sich bildenden weißen Efflorcscenzen. Alaun, concentrirten (Alnminiumsulfat, Kali- freier Alaun), nennt man die im Handel vorkommende, durch Einwirkung von Schwefelsäure auf.Thon, oder auf die aus Bauxit und Kryolith gewonnene Thonerde erhaltene schwcfelsanre Thonerde. Das im A. allein Wirksame ist dessen Thonerde, wovon der Kali-A. 10,g, der Ammoniak-A. 13,4 u. das Alnminiumsulfat 18 enthält; nian sollte also glauben, das Publicum habe schnell die Bortheile des ebenso billigen u. am werthvollen Bestandtheil reicheren Products eingesehcn, allein das Alnminiumsulfat krystallisirt nur schwer n. bietet also nicht die Garantie für Reinheit, namentlich von Eisen, wie der A., außerdem enthält es fast immer etwas freie Schwefelsäure, die für manche Zwecke der Färberei störend ist. Der c. A. kommtfast immer in ca. 25 mm dicken weißen Tafeln im Handel vor, die oft mit dem Stempel der Fabrik bezeichnet sind, um eine gewisse Garantie für Reinheit n. Thonerdegehalt zu bieten. Er schmeckt wie Ä. stark süß zusammenziehend. — Er wird sowol auf älteren A-werken durch Auskrystallisiren- lassen stark concentrirter Garlauge im Winter, als auch durch directe Einwirkung von Schwefelsäure auf Thon u. Thonerde dargestellt. Er wird überall wie A. verwandt. Alaune (Chem.), s. Alaun. Alauncrde, s. Thonerde. Alauucrdeiuetall, so v. w. Aluminium. Alauuerze, s. n. Alaun. Alannkics, der leicht verwitternde Eisenkies, der, in der Alaunerde enthalten, zur Bildung des Alauns aus derselben mitwirkt. Älaunmolkeu (8erum laetis alnmiimtum), Molken, durch Zusatz von Alaun zu kochender Milch bereitet; Getränk bei Krankheiten mit vorwaltender Schwäche u. Erschlaffung, zuweilen ganz wirksam. Kälberlab, Rheinwein oder Citronensänre ersetzen die A. zur Molkcnbereitung. Alaunroth, feuerrothcr Farbestoff, dem englischen Blutstein ähnlich, aus Alaunschlamm gewonnen; dient als Malerfarbe und besteht aus Eisenoxyd. Alannschiefcr, s. u. Alaun. Alaunschlamm, das beim Versieben der Alaunlange sich ausscheidende basisch schwefelsaure Eisenoxyd. Es wird gewaschen, geschlämmt und gebrannt, zu Alaunroth und anderen chemischen Produkten verwendet. Alaunstein (Alnnit, Min.), ein beim Alaun bereits erwähntes Mineral, das durch Glühen u. Anslaugen Alaun liefert. Es krystallisirt rhom- bocdrisch, in kleinen, krummflachigen, weißen und gelblichen Krystallen, ist durchscheinend u. besteht ans Lz 8O4 -ft (LOZg -ft 2 8^- Findet sich meist derb bei Tolfa in der Nähe von Rom, in Ungarn, auf der Insel Milo u. am Mont d'Or in Frankreich. Alaunvergistung, Vergiftung mit Alaun, bes. dem gebrannten, wird durch Gaben von einigen Loth erzeugt; die A. ruft entzündliche Zustände im Magen und Darmkanal hervor. Als Gegengift dient warme Milch in reichlicher Menge, auch Erregung von Erbrechen durch Kitzeln des Schlundes, warmes Wasser n. dgl. Alaunwachs sind die reinen Alaunkrystalle, die im Krystallisationsbottich anwachsen. Alannwurzel ist die Wurzel von Osraninm inaonlatum 8., in NAmerika; sie ist dick, höckerig, braun, enthält Gerbsäure n. dient in ihrer Hei- math als Mittel gegen die Ruhr. Alaux, 1) Jean, gen. le Romain, Historienmaler, geh. zu Bordeaux 15. Jan. 1786, gest. zu Paris 2. März 1864, Schüler von Vincent und Guerin; einer der talentvollsten n. fruchtbarsten Meister der älteren Schule, zeigte er schon in seinen früheren Bildern eine über die Afterclassi- cität seiner Zeit hinaus gehende Anschauung, arbeitete unter der Restauration in 8otrs Dame äs Iwretts u. im Louvre, dann unter Louis Philipp für die Nationalgalcrie in Versailles u. schmückte den ganzen Saal der Ltats ^ensraux mit parlamentarischen Scenen ans. A. war 1846—1853 Direktor der Französischen Akademie in Rom und seit 1851 Akademiker. 2 ) Jules Emile, französischer Schriftsteller, geb. 1828 zu Lavaux im Dep. Tarn; schrieb: üssai swr 1'art ärairmtigus, Toulouse 1855; l/U rsli^ion au 19ms 8., 1858; Vi- sionsck'g-moui, 1858 (Gedichtsammlung) ;l/n8aison, 1860; Imnrs, 1861; 8npg st 8oi, 1861; iklrilo- soxlns äs monsisnr Llorwin, 1864; 4snärss808 Immnines, 1867 (Gedichte); ä-'armlxss msta- plrz-signo, Nenfchatel 1872, und zahlreiche Zcit- schriftartikel. Alava, die südlichste und größte der baskischen Provinzen im nördlichen Spanien, 3080 s^jlcm (56„ ÜM); 103,320 Ew.; wird gegen S. Lurch den Ebro von der Prov. von Logrono geschieden, grenzt außerdem an die Provinzen Burgos, Viz- caya, Guipuzcoa u. Navarra, ist gebirgig (Sierra Alta, Moutes de Altube, Sierra de Nranzazn, Alava - welche Theile des cantabrischen Kllstengebirges j sind); Flüsse: Ebro, dessen fruchtbares Thal Rioja alavese genannt wird, Zadorra, Erredio u. a.; bringt Getreide, Wein, Kastanien, Obst, Gartcn- friichte, Hanf, Flachs, Holz, Eisen (im Thal Ara- mayona), Kupfer, Salz, Mineralquellen; Hauptbeschäftigung der Ew. ist Ackerbau u. Viehzucht; das Klima ist mild und gesund; die Nordbahn (Madrid-Jrun) durchschneidet das Land; Hauptstadt Vitoria. A. war in frühester Zeit ein Theil von Cantabrien, später eine der 3 Merindaden von Biscaya u. abwechselnd in der Gewalt von Asturien, Leon, Castilicn n. Navarra. Die Stände schlossen sich 1331 der Krone von Castilicn an, wodurch das Land bedeutende Vorrechte (kuorc«) erhielt. Neuerdings waren die Bewohner in der Hoffnung auf Erhaltung ihrer Vorrechte ergebene Anhänger des Don Carlos. Aläva, Don Miguel Ricardo de A., spanischer Politiker, geb. zu Vitoria 1771; war anfangs SeeoffizierbiszumFregattenkapitän, gingaberdann zur Landarmes über. 1807 nahm er die Partei der Franzosen, nndnachderAbdanknng FerdinandsVII. Unterzeichnete er als Mitglied der Versammlung zu Bayonne die neue, von Frankreich gegebene Verfassnngsurknnde. Er begleitete den König Joseph von Vitoria nach Madrid, blieb demselben aber nicht treu, sondern ging zur Zeit der Schlacht von Albnfera (1811) zu den Independenten über. Wellington zeichnete ihn aus und machte ihn zu seinem Adjutanten, sorgte auch dafür, daß er nach der Schlacht von Vitoria zum Brigadegeneral ernannt wurde; er war auch als spanischer Com- missär in der Schlacht bei Waterloo zugegen. Später ward A., als liberaler Grundsätze verdächtig, verhaftet, erhielt jedoch ans Verwenden seines Oheims, des Großinquisitors n. Wellingtons bald die Freiheit wieder und ward Gesandter im Haag. Beim Ausbruche der Revolution 1820 kam er nach Spanien zurück, votirte in den Cortes mit den Exaltados n. wurde 1822 zum Präsidenten derselben erwählt. Er schloß sich dein Jnliausstande 1822 an u. ging 1823 unter den Cortes nach Sevilla, wo er mit Galiano für die Suspension der königl. Gewalt stimmte. Bei der Capitulation von Cadix wurde A. öfter in das Hauptquartier des Herzogs von AngoMme geschickt. Nach der Wiederherstellung der absoluten Gewalt lebte er in Brüssel n. England. Nach Ferdinands VII. Tode zurückbernfcn, ward er zum Procer (Pair) ernannt; 1834 wurde er nach England u. nach Paris geschickt, uni Hilfe für die Königin zu suchen. Nach dem Soldatenaufruhr in La Granja und der Proklamation der Constitution von 18K reichte A. seine Entlassung ein. Er st. 1843 zu Bareges. Alayor, Stadt im Distrikt Mahon der spanischen Insel Menorca; schöne gothische Kirche; 4600 Ew. Alayrac, Nicolas d'A., geb. 1753 in Muret bei Toulouse; anfangs Jurist, widmete sich unter Gretry u. Langle der Musik u. componirte 1781 bis 1809 60 Opern, Operetten u. Singspiele, von Lenen auch in Deutschland Nina, die beiden Sa- voyarden, Raoul von Creqni, Alexis, Adolf und Clara, Gulistan, Zwei Worte u. a. Eingang san- - Alba. 349 sden; seine letzte zu Ehren Napoleons I.: Iw xosts st io mnsioien. Er st. 1809 in Paris. Alb, Elb, 1) in der deutschen und nordischen Mythologie Name der unterirdischen dämonischen Zwergwesen (s. Zwerge). Die jüngere Edda unterscheidet sie in Lichtalben, Lichtelben (lüüsAkar) u. Schwarzelben (Lrvartälkar) oder Dunkelclben (vöolcLIIar). Elftere Gattung ist wol eine späte künstliche Neuerung, wie dies auch die in der Poesie der britischen Inseln spielenden Elfen sind. 2) So v. w. Alp (s. d.). Alb, 1) Gebirg, s. Schwäbische Alp. 2) (Obere u. Untere A.) 2 Nebenflüsse des Rhein in Baden; ersterer kommt ans dem Schwarzwalde vom Feldberge, durchfließt ein höchst romantisches Thal, in welchem eine schöne Kunststraße nach St. Blasien führt, u. mündet bei Albdruck; letzterer entspringt im Württembergischen bei Herrenalb und geht nordwestlich von Karlsruhe zum Rhein. Alba, 1) (Lamisia) weißes Chorhemd aus Leinwand; in der katholischen Kirche bei der Messe von den Priestern, in einzelnen Landeskirchen auch von den lutherischen Predigern beim Altardienste getragen; 2) das weiße Kleid der Ncugetauften; 3) ein weißtafsetnes Kleid mit langen gestickten Ärmeln, welches die deutschen Kaiser bei der Krönung trugen. Alba, 1) Hanptst. des gleichnamigen Distr. der ital. Prov. Cunco (Las alte Uba kompsja in Piemont), am Einflüsse der Gnerasca in den Tanaro u. an der Eisenbahn Alessandria-Brä; Bischofssitz, Kathedrale S. Lorenzo aus dem 15 Jahrh., Prätur, Civiltribnnal, kgl. Gymnasium, Seminar, philharmonische, poetisch-literarische Akademie, technische Schule, Erziehungsanstalt für arme Mädchen, Kinderbewahranstalt, FranciSkanerkirche mit werth- vollen Gemälden, Sammlung hier gefundener Alter- thümer; lebhafter Handel mit weißen Trüffeln, Wein, Käse u. Vieh; 6400 Ew. (in der Gemeinde 10,300). A. gehörte früher den Staticllates n. ward durch P. Scipio Africanns Colonie, die Pompejns Strabo zur Stadt erhob. Geburtsort des Kaisers Pertinax. 2) S. Albe. 3) St., so v. w. Alva de Tormes. Alba, Ferdinand Alvarez von Toledo, Herzog von A., geb. 1508, aus einer der edelsten spanischen Familien, verlor im 2. Lebensjahre seinen Vater Garcias de Toledo, worauf sein Großvater Friedrich sich seiner Erziehung annahm und ihn durch die besten Lehrer in Staats- und Militärwissenschaften unterrichten ließ. Schon mit 16 Jahren machte er unter dem Connetable von Castilien seinen ersten Feldzug gegen Frankreich, im folgenden Jahre wurde sein Name unter Denen genannt, die sich in der Schlacht von Pavia ansgezeichnet hatten, und wurde ihm die Bewachung des Königs Franz I. anvertrant. Er machte unter Karl V. den Zug nach Ungarn, die Belagerung von Tunis u. die Expedition gegen Algier mit, vertheidigtc Perpignan 1542 acgcy den Dauphin, war beim'Zuge nach Marseille u. zeichnete sich in Navarra uni^'Catalonien ans. Wenn er damals zum Herzog von A. ernannt wurde, so geschah cs mehr aus Gunst u. Achtung vor seinen politischen Leistungen, als aus Rücksicht sür seine militärischen Talente, die Karl V. nie hoch anschlug. Im 35V Albacetc — Schmalkaldischcn Kriege mit dem Oberbefehl über die kaiserlichen Truppen betraut, siegte er 1547 bei Mühlberg und präsidirte dem Kriegsrathe, von welchem der gefangene Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen zum Tode vernrtheilt wurde; er war sehr unzufrieden damit, daß der Spruch nicht zur Ausführung kam. Er leitete dann unter dem Kaiser den Zug gegen König Heinrich II. von Frankreich, sowie die erfolglose Belagerung von Metz. Philipp II., zu dessen Gunsten im Jan. 1556 Karl V. der spanischen Krone entsagte, bewahrte dem erfahrenen Heerführer dieselbe Gunst, wie sein Vater. A. bekriegte um diese Zeit i» Italien den Papst Paul IV. u. hatte es, als in Folge der siegreichen Schlacht von St. Quentin (1557) das französische Heer unter Franz von Guise aus Italien zurückgezogen wurde, in der Hand, dem Papste barte Bedingungen aufzuerlegen, mußte jedoch auf Befehl Philipps l t. einen für den Papst sehr vortheilhaften Frieden schließen, ja, denselben noch wegen des Einfalles in den Kirchenstaat um Verzeihung bitten. Nach dem Frieden von Chatcau-Cambresis schloß A. im Aufträge des Königs in Paris die Heirath desselben mit Elisabeth von Frankreich ab. 1567 ging A. mit 20,000 Mann zur Unterdrückung der niederländischen Unruhen und, um die Ketzerei zu vertilgen, nach den Niederlanden, wo er, nachdem 1568 Margaretha die Statthalterschaft niedergelegt hatte, mit unumschränkter Gewalt herrschte u. 6 Jahre lang die ganze Furchtbarkeit seines Charakters entwickelte. Durch Beschluß des sogenannten Blntrathes, eines Ausnahmegerichtes, ließ er die ihm Verdächtigen oder durch ihren Reichthum seine Habgier Reizenden hinrichtcn, an 18,000 Menschen, unter ihnen die Grafen Egmont u. Hoorn, u. gab damit mehr als Hnnderttansenden Anlaß, aus Leni Vaterlande fortzuziehen. Sein Sieg über die Oranier erhöhte noch seinen Stolz und Übermnth: einem König gleich, zog er trinm- phirend in Brüssel ein u. ließ seine Henker weiter schalten, nachdem der Papst ihm einen geweihten Hut u. Degen geschenkt, was sonst nur gekrönten Häuptern widerfuhr. Holland und Seeland aber widerstanden noch immer, u. als eine dagegen ausgesandte Flotte vernichtet ward, erhob sich das Volk von Neuem. In Folge dieses Mißgeschickes, mehr aber ans Furcht vor der königlichen Ungnade bat er um seine Abberufung u. verließ am 18. Dec. 1573 das gemißhandelte Land; s. u. Niederlande (Geich.). In Madrid ehrenvoll ausgenommen, gerieth er, weil einer seiner Söhne, Federigo, ein Ehrenfräulein der Königin.verführt hatte u. nachher nicht hcirathcte, bald in Ungnade u. ward voni Hose ans sein Schloß Uzeda verbannt. Stach Verlauf zweier Jahre wurde er von Philipp mit dem Oberbefehl nach Portugal gesandt, um dieses Land, auf das Philipp II. Erbansprüche erhob, dem von den Portugiesen zum König erwählten Enkel Johanns III., Don Antonio, zu entreißen, was ihm auch ,1531 nach zwei siegreichen Schlachten gelang; La K indeß schonungslos der Schätze des eroberten Lissabon sich bemächtigte u. seine Soldaten plündern ließ, erregte er des Königs Mißfallen in solchem Grade, daß sogar eine Untersuchung gegen chn beabsichtigt Mva Lvnga. wurde. A. starb zu Thomar am 12. Jan. 1582, ein Mann voll Stolz gegen Seinesgleichen, gebieterisch u. hart gegen Bittende n. Untergebene, beschränkt an Geist, aber mit eisernem Willen begabt. Seine kriegerischen Erfolge — in 60jährigem Kriegsdienste nie besiegt n. nie überfallen — dankte er nur seiner Wachsamkeit n. Bedachtsamkeit. Sein Leben ist vielfach beschrieben, durch Menrsius rc.; ein neueres über ihn nachznlesendes Werk ist aber Motlcy, Mw Riss ot tüw Outnck Rgpubll«. 3 Bde., Lond. 1856 (deutsch, 3 Bde., Dresd. 1857—1860). Albacete, 1) Prov. in Spanien, der nordwestliche Theil des ehemal. Murcia, zwischen Neu- castilien, Valencia, Alicante, Murcia, Granada u. Jaen; gehört zur neucastilischen Hochebene, ist im südwestlichen Theil gebirgig durch die Sierra de Alcaraz n. die Ausläufer der Sagra Sierra, sonst größtentheils eben oder hügelig; wenig bevölkert n. wenig angebaut, fast ganz baumlos; bewässert vom Jucar u. Segura mit Rio Madera und R. Mundo; erzeugt Getreide, Wein, Safran, Schafwolle, birgt viele Metalle, Schwefel, Steinkohlen, Salz u. hat einige Mineralquellen; 15,400 slsicm (281 UM) mit 220,973 Ew. Die Eisenbahn von Madrid nach Alicante und nach Cartagena dnrchschneidet die Provinz. 2) Hauptst. darin in weiter Ebene, an der alten Valencianischen Heerstraße n. der Eisenbahn Madrid-Villarrobledo; ist regelmäßig u. gut gebaut, Sitz eines Obergerichtcs u. der Provinzialbehördcn, hat mehrere Kirchen, ein Jnstitnto, eine Normalschnle, einen Stierge- fechtScircns, bedeutenden Getreidebau und Messer- waarcnfabrikation, große Messe im Sept.; 17,083 Ew. Der Kanal de A. zur Bewässerung der Ebene ist erst eine kurze Strecke vollendet. Albalate del Arzobispo,St. (Villa) im Distr. Hijar der spanischen Provinz Ternel (Aragonien), nahe dem Flusse Martin; Olivcnbau, Asphaltlager; 4360 Ew. Alba Longa, alte Bundeshauptstadt der Latiner und als die älteste Stadt angeblich der Ausgangspunkt vieler anderen launischen Orte, in Latium, lag lang gestreckt am Abhange des weil- hin das Land beherrschenden ^Ibnuns mous u. am Vibnnus laens, südöstl. von Rom. A. wurde nach der Sage von Ascanins, dem Sohne des Äneas, gegründet; nach ihm herrschten, wie die Sage will, bis zu Roms Erbauung in Alba 14 Könige; der vorletzte unter ihnen, Amnlins, verdrängte seinen älteren Bruder Nnmitor, ließ seinen Neffen Egestus auf der Jagd tödtcn und dessen Schwester, Rhea Silvia, Vestalische Jungfrau werden, um auch eine Nachkommenschaft seines Bruders zu verhindern. Doch gebar Rhea 2 Söhne (der Sage nach von Mars), weshalb Amn- lius die Mutter tödten u. die Knaben, Romnlns und Remus, anssetzen ließ. Als diese erwachten waren, ermordeten sie ihren Großoheim und setzten ihren Großvater Nnmitor aus den Thron. NaL Nnmitor stand A. unter Diktatoren. Zwischen A. L., dem Haupte des Latinischen Bundes, u. ihrer angeblichen Tochterstadt Rom herrschte freundschaftliches Verhältnis), bis unter dem römischen König Tullns Hostilins ein Krieg ausbräch, in welchem 3 Horatier und 3 Cnriatier durch einen Einzelkampf die Sache entschieden; die Römer St. Alban — Albani. 351 siegten, u. die Albaner mußten Roms Oberhoheit anerkennen. Als nachher bei einem Kriege des Königs Tullns Hostilius gegen die Vejenter ihr Anführer Metkius Fuffetius treulos war, wurde dieser grausam hingerichlet u. A. zerstört, die Einwohner aber nach Rom geführt, wo sie sich auf dem Cölischen Hügel anbauten n. das Bürgerrecht, mit der Berechtigung, zu gleichen Würden mit den Römern zn gelangen, erhielten. Albanische Familien waren z. B. die Cnriatii, Quintii, Jnlii, Servil». Auf die nach Rom iibcrgesiedelten Albaner führt die neuere Kritik (die beiläufig sogar die Hypothese aufgestellt har, A. sei durch eine Erhebung der Latiner, nicht durch die Römer gefallen) die Bildung der römischen Tribns der Luceres zurück. Die ganze Gegend 'war später mit Villen bedeckt, woraus nach u. nach das LInnioipium Alkannin entstand; noch jetzt Albano (s. d.). St. Alban, 1) christl. Märtyrer, geb. zu Veru- lam (Herfordshire); erhielt seine Ausbildung in Rom; nach England zurückgekehrt, wurde er Christ u. st. als der erste christliche Märtyrer in England unter Diocletian, 303; Tag: 22. Juni. An der Stelle seiner Hinrichtung wurde eine Kirche gebaut und dann ein Kloster gegründet, wo später die Stadt St. Albans entstand. 2) Märtyrer zu Mainz im 4. oder 5. Jahrh.; Tag: 21. Juni. Soll nach der Enthauptung seinen Kopf selbst an seine Begräbnißstätte getragen haben; an dieser Stelle wurde im 9. Jahrh. das Albanskloster errichtet, welches später zu einem Ritterstiste erhoben wurde, 1515 das Recht erhielt, Goldgulden zu prägen (Alb ans gülden), u. 1552 zerstört wurde. Albarmgium, so v. w. Hcimfallsrecht. Albanenser, nach der St. Alba 1) genannte manichäüche Ketzer, seit dem 8. Jahrh., in Oberitalien u. SFrankreich; lehrten besonders 2 Prin- cipien: Gott u. den Teufel, welcher die seligen Geister in menschliche Leiber gebannt habe, bis sie am jüngsten Tage durch Buße erlöst in den Himmel zurückkehren würden. Albanergebirg (Monti Albani, Monti Laziali), vulcanisches Gebirg 22 km südöstlich von Rom; bestehr aus einem 12 km weiten, älteren, aus Peperin gebildeten Walle im W., an dessen Rande die Städte Albano, Castel Gandolfo, Frascati (ungefähr an der Stelle des alten Tuscnlum), sowie die kleinen Seen von Albauo u. Nemi in 290—325 m Höbe liegen, u. aus dem östlich davon aufstcigenden eigentlichen Vnlcankcgel, dessen eingesenkte Kraterebene Campo di Annibale genannt wird. Höchste Erhebung des Ningwallcs der Monte Cavo (Lions Xlbanus oder Imtiaiis, auf welchem die Bundes- feste der Latiner gehalten wurden) 963 m. Das A., von Rom aus leicht mit der Eisenbahn zu erreichen, ist wegen seiner landschaftlichen Schönheiten, herrlichen Vegetation, schattigen Wälder und unvergleichlichen Aussichten beliebter Sommeraufcnt- halt der Römer und Wanderziel vieler Fremden. Albaner Stein, auch Peperin genannt, ist ein bei Albano vorkommender vnlcanischer Tuff, der als Baustein benutzt wird. Albanesen, s. Albanien. Albanesische Sprache und Literatur. Die albancsische oder arnautische Sprache wird in dein jetzigen Albanien u. in den benachbarten Provinzen gesprochen. Bopp hat in seinen Untersuchungen die Überzeugung gewonnen, daß diese Sprache zwar entschieden der indo-europäischen Familie angehört, aber in ihren Grundbestandtheilen mit keiner der übrigen Sanskritschwestern unseres Erdtheils in einem engeren, oder gar in einem Abstammungs- Verhältnisse steht. Am meisten Anspruch könnte, der Örtlichkeit wegen, das Griechische darauf machen, als Urquelle des Albanesische» anerkannt zn werden; es ergibt sich aber aus den lautlichen und grammatischen Verhältnissen des letzteren, daß es in den meisten Fällen, wo nicht, was den Wortschatz anbelaugt, spätere Entlehnung eingetrctcn, durch das Sanskrit einen ungezwungeneren Vermittelungspunkt findet, als durch das Griechische. Zn dem lexikalischen Borrathe haben auch die entfernter verwandten, aber örtlich sehr nahen slavischen Sprachenu.dasnicht verwandte Türkische beigestcuert. Bopps Abhandlung (Berlin 1855) ist bis jetzt bei Weitem das Bedeutendste, was über diese Sprache geschrieben worden. Außerdem Hahns Alban. Studien, Jena 1854; Camarda, LaZ'Aio cU xrainmatolnAia oomparata snils. linAna sldansss, Livorno 1864, und ein Xppsuäios dazu, Prato 1866. Die U. S. hat 33 Buchstaben. Es gibt 3 Geschlechter, einen Artikel, welcher dem Substan- tivnm angehängt wird. Die Casusendungen sind verschieden, je nachdem das Wort mit oder ohne Artikel steht; auch bietet die Declination noch außerdem manche Schwierigkeit und Unregelmäßigkeit. Die Adjectiva richten sich in Geschlecht, Zahl und Casus nach dem Hauptworte. Beim Verbum werden 10 Conjugationen unterschieden. Die Con- jugation wird durchgängig durch Veränderung der Endungen bewirkt, bis auf einige unregelmäßige Verba, welche auch den Stamm des Wortes verändern. Im Gebiete der A. Literatur haben sich in neuester Zeit besonders Hieronymus de Rada und Niccolo Jeno de' Coronei, zwei Angehörige der im Neapolitanischen befindlichen albancsischen Colonie, verdient gemacht; der Erstere als Dichter (Gedichte von ihm hat Stier ins Lateinische übersetzt), der Andere als Historiker u. Nationalökonom. De Rada hat auch Rhapsodien eines nationalen Epos gesammelt (Rapsockio äi un pasms. alka- noss, Florenz 1866), welches die Geschichte der albauesischen Patrioten erzählt, die einst im Kampfe für Freiheit u. Christenthum gefallen sind, u. zur Zeit Skanderbegs entstanden sein soll. Hahn gab Albanesische Märchen, Leipzig 1864, heraus. Albani, I. römische Fam.,welcheausAlbanien stammte und 1464 vor den Türken nach Italien floh, wo sich die eine Linie in Bergamo, die andere in Urbino nicderließ. 1) Giovanni Geronimo, geb. 1504 zu Bergamo, studirte die Rechte, leistete den Venetianern Kriegsdienste und wurde Podesta zu Bergamo; er ging 1566 nach Nom, wurde daselbst 1570 Cardinal u. st. 1591. Er schrieb u. a. Oo immnnitate eeelssiarum st äs persouis oon- knAlontibns sä sas. Seine Nachkommen erhielten den römischen Adel. 2)Giov. Francesco, wurde 1700 als Clemens XI. Papst; s. n. Clemens. 3) Annibale, geb. 1682 zu Urbino. Er wurde Geistlicher u.von Clemens XI. 1709 als Gesandter nach Wien geschickt, söhnte den Kaiser mir dein Papst aus, stiftete zwischen dein Kaiser u. Venedig einen 352 Albaum — Albanien. Vergleich und bewirkte den Übertritt des Herzogs Anton Ulrich von Brannschweig znr katholischen Kirche. Vom Kaiser Joseph I. zum römischen Reichsfürsten erhoben, ward er 1719 Camerlengo der römischen Kirche, legte aber 1747 seine Ämter nieder und ging, um ganz den Wissenschaften zu leben, in sein Bisthnm Urbino, wo er 21. Scpt. 1751 st. Neben einer herrlichen Bibliothek und schönen Kunstsammlung hinterließ er ein großes Münzcabinet (beschrieben von Venuli, Rom 1739, 2 Bde.), das später mit dem vatikanischen vereinigt wurde und dessen vorzüglichsten Theil ausmacht. Er schrieb u. a.: Xlsmoris oonosrnsnti In Littst (li Ilrdüro, Nom 1724. 4) Carlo, Bruder des Vor., geb. 1687; kaufte 1715 das Herzogthum Soriano, ward vom Papst Jnnocenz XIII. 1721 zum römischen Principe erhoben und st. 1724. 5) Alessandro, des Vor. Bruder, geb. 1692 zu Urbino; er trat in den geistlichen Stand und wurde 1720 außerordentlicher Nuntius in Wien, 1721 vom Papst Jnnocenz XIII. zum Cardinal u. nachher von Maria Theresia zu ihrem Minister am päpstlichen Hofe und zum Conprotector ihrer Staaten ernannt. Er war seit 1761 Bibliothekar am Va- tican u. st. 11. December 1779. Er legte unter Mitwirkung von Winckelmann, Marini u. A. die berühmte, besonders an griechischen und römischen Alterthnmern reiche Kunstsammlung in seinem Palast A. u. der von ihm erbauten Villa vor der Porta Salaria in Rym an, die immerhin »och ansehnlich,, wenn schon die wcrthvollsten Gegenstände theils nach Frankreich verschleppt, theils nach München verkauft wurden. 6) Giov. Francesco, Sohn von Carlo, dem Principe A. 4), geb. 1720 zu Nom; wurde früh Bischof von Ostia ü. Velletri u. 1747 Cardinal, erhielt 1751 vom Papste die Protection von Polen und der Republik Ragusa. Er war eine Hauptstütze der Jesuiten u. Gegner der Franzosen, vor denen er bei ihrem Einrücken in Rom 1798 floh; er kehrte unter Pius VII. nach Rom zurück und st. im September 1809. 7)Giuscppe Andrea, Fürst A., Neffe des Vor., geb. 1750; erhielt 1801 von Pius VII. die Car- diualswürde, ward Urslstto ., Skulari im N., sowie die westlichen Theile der Ejalets Usknp und Bitolia umfaßt. Es ist ein gebirgiges und waldreiches Küstenland mit ungefähr 1 Mill. Ew., unter denen sich im N. noch unabhängige Stämme befinden. In NA. zieht eine mächtige Kette mit dem 2042 m hohen Bor, parallel mit ihr der Schardagh (Skardus), im Mittel 1751 m hoch, südlich von diesen streichen Ketten unter den 'Namen Boradagh, Grammes- u. Pindusgcbirg; an den Westabhängen des letzteren, in SA., liegt zwischen Weinbergen die Stadt Metzovo, in deren Nähe ein Paß über den Knoten von Metzovo führt. Westlich von letzterem breitet sich die rund umschlossene Ebene von Janina aus. Das Grammos- gebirg (iu Mittel-A.) fällt westwärts zu einer tiefen, langen Thalschlucht herab, in welcher der 30 tcm lange Ochridasee zwischen Eichenwäldern liegt, und an dessen Westseite sich das Bagora- u. das Djuradgebirg erheben. Außerdem enthält A. noch verschiedene wilde Gebirgsterrassen mit fast undurchdringlichen Waldungen und schmalen, aber fruchtbaren Hochebenen. Von den Flüssen sind nur der Drino, der sich aus dem Weißen und Schwarzen Drino bildet, u. die Bojama (Bogaua), ein Abfluß ans dem gleichnamigen See, zu nennen. Die zahlreichen, meist sehr schönen Seen haben fast alle ihre Namen von den benachbarten Städten. Man baut Wein, Obst, Safran n. Tabak, u. hält von Hausthieren Rinder, Schafe n. Ziegen. Die Albanesen (albanisch Schkipetaren, d. i. Bergbewohner, türkisch Arnauten) stammen ursprünglich von den alten Illyriern, sind aber stark mit Slaven gemischt. Sie sind schöne, gewandte Menschen, tapfer, geschickt als Schlächter, Wasserban- meister, sehr treu u. dienen oft als türkische Leib- Albanien. 353 wache. Ihre Kleidung ist eine grüne oder purpurne meist sammetne Oberweste, eine uiitSchnüren besetzte Umerwestc, eine breite Schärpe, ein bis auf die Kniee reichendes Hemd von Kattun, gleiche Beinkleider mit metallenen Beinschienen, ein rothes Käppchen oder Turban, ein braun-wollener Mantel mit rother Stickerei, im Winter ein grau- oder weiß-wollener Überwurf. Im Gürtel tragen sie ein langes Messer. Ihr Nationaltanz Albanitiko wird mit fliegendem Haar in gezwungenen Stellungen getanzt. Die Albanesen sind durch Len ganzen Orient Verbreiter, der größte TheÜ der Bevölkerung NGriechenlands u. Athens besteht aus einer albanischen Colonie, und auch auf mehreren griechischen Inseln, in Constantinopel und anderen Lheilen der Türkei, selbst in Ägypten u. SJtalien findet man A. Über ihre Sprache s. Albanefische Sprache. Sie theilen sich in Gegen u. Mirditen (an der Grenze von Montenegro), Tosten (südlicher), Japys (Japiden, a. d. nördlichen Küste) u. Schamiden. Der Religion nach sind sie im 9t. des Landes überwiegend griechisch-, in der Mitte römisch- katholisch u. im Süden Mohammedaner. 2 ) Veue- lianisches, nachmals Österreichisches A-, der nordwestliche Theil von A. bis zur Bucht von Cattaro, früher im. Besitze Venedigs, kam mit Catraro 1814 an Österreich u. heißt jetzt die Zuppa (Kr. Lartaro, Dalmatien). Geschichte. In frühester Zeit hieß A. Epirns u. gehörte unter den Römern zu Illzria Aruseu. In der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts kommen die Bewohner im Kriege gegen den byzantinischen Kaiser Nikephoros vor. Als 1204 sich die Lateiner Griechenlands bemächtigten, ward Michael Angeles Komnenos u. 1214 dessen Bruder Theodor zum Despoten von A. ernannt; dieser ward 1230 von dem Buigarenkönig Asau besiegt, gefangen und geblendet. Nun behauptete sich sein Bruder Manuel in Thessalien, aber 1237 wurde Theodor wieder in einen Theil seines Landes eingesetzt; 1254 eroberte Vatazcs, Kaiser von Ricäa, A., verlor es aber 1259 wieder an die Äomnenen. 1261 machten sich die Albanesen frei u. breiteten ihre Herrschaft über ganz Epirus und Thessalien aus. Auch gegen die Türken lämpften zwei ihrer Anführer, Balza u. Spata, ruhmvoll, doch wurde ersterer 1383 bei Berat vou Murad I. geschlagen. Bald daraus wurde A. mit der Stadt Äroja vom griechischen Kaiser an Johann Castriota verliehen, der sich nun König von Epirus nannte. Sultan Murad II. nöthigte Johann Castriota, ihm Tribut u. seine 3 Söhne als Geiseln zu geben, die er zur Annahme des Islam zwang. 1432 st. Johann, u. die Türken besetzten sein Gebiet; aber um 1441 benutzte der 3. Sohn Johanns, Georg Castriota (gewöhnlich Skauderbeg genannt), den unglücklichen Krieg Murads II. gegen die Ungarn, um sich zum Herrn von A. zu machen. Er bemächtigte sich 1443 der Stadt Kroja durch List, nahm den Titel eines Königs von A. u. Epirus an u. trat wieder zum Christenthum über. Murad II. bekämpfte ihn vergebens bis zu seinem Tode (1450), u. alle danach von Mohammed II. gegen ihn abgeschickten Feldherren wurden geschlagen; bis endlich 1461 der Friede zu Stande kam, in welchem Georg Castriota A. behielt. Während derselbe in Italien Picrers Univcrsal-ConvcrsatiiMZ-Lexikon. 6. Aufl. für Ferdinand von Aragonien Krieg führte, begannen die Türken den Krieg von Neuem gegen Georg Castriota, aber er schlug mit vcnetiaiüscher u. päpstlicher Hilfe Len von Mohammed in Person geführten Angriff auf Kroja ab. Erst nach Georgs Tode, 1466, kam A. wieder unter türkische Herrschaft, worauf über 10,000 Albanesen nach Italien u. Sicilien auswanderteu. Als die Vene- tianer 1688 Morea erobert hatten, gelang es den Albanesen, das türkische Joch wieder abzujchütteln, woraus sie sich unter veuetianischen Schutz begaben. Im Frieden von Karlowitz (1699) wurde aber das Land wieder an den Sultan znrückgegeben. In neuerer Zeit suchte Ali Pascha, der Sohn eines Landeshäuptlings, ein von der Pforte unabhängiges Reich zu gründen. Er gewann einen großen Theil der Einwohner für sich u. ebenso die Pforte, welcher er gute Dienste leistete, u. stieg dabei immer höher an Macht und Ansehen im Lande. Als er 1803 die Snlioten unterworfen halte, wurde er zum Statthalter von Romainen ernannt und war von 1807 an blos dem Namen nach noch abhängig von der Pforte. Aber durch' seine Grausamkeit gegen die griechischen Armawlen verlor er die Gunst des Landes und durch seinen Trotz die Nachsicht der Pforte; diese setzte ihn 1820 ab und sandte Ismail Pascha gegen ihn, der ihn in Im nina 1822 zur Capitnlation zwang n. hinrichlen ließ. A. wurde 1822 dem Türkischen Reiche eim verleibt. Indessen dauerten die inneren Gährungen fort, und 1829 sagten sich die aus dem türkischen Feldzüge gegen Rußland zurückkehrendcu Truppen vom Gehorsam gegen die Pforte los, worauf 1830 ein allgemeiner Aufstand des Landes erfolgte. Dieser wurde dadurch gedämpft, daß der Grvß- vezier Mehemed Rcdschid Pascha, der im Mai mit 15,000 Mann in Ä. eingerückt war, jedoch mit den Waffen wenig ausrichren konnte, die alba- nesischen Häuptlinge, die er zu einer Besprechung nach Bitolia eingeladeu hatte, in seinem Lager überfallen u. nieberinetzeln ließ. In Folge der von den Türken verübten Grausamkeiten u. Plünderungen brach Januar 1831 unter Mustapha Pascha ein neuer Aufstand aus, der jedoch nach den drei unglücklichen Treffen bei Pieleppo, Tikwesch u. Kor- prili im Frühjahr des nächsten Jahres mir der Ca- pitnlation der Citadelle von Skutari, in die sich dieser zurückgezogen hatte, sein Ende fand. Mustapha Pascha ward begnadigt u.in Constantinopel inlernirr, gegen die übrigen Häuptlinge jedoch mit kriegsrechtlicher Strenge verfahren. Als die im folgenden Jahre von den Albanesen auf Selbstverwaltung u. später auf Unabhängigkeit an die Pforte gerichteten Forderungen keine Berücksichtigung fanden, brach ein dritter Aufstand aus, der jedoch ebenso unglücklich endete, indem die Albanesen am 16. Juli 1835 von den Regierungstruppeu bei Schiwa total geschlagen wurden. Nach kaum 3- jähriger scheinbarer Ruhe trat der 1835 begnadigte Tasil-Bust abermals an dis Spitze der Unruhen, die bei Gelegenheit der Rekrutenaushebungcn 1839 ausbrachen und mit Unterbrechungen fort- dansrten, bis im März 1844 ein neuer, furchtbarer Aufstand erfolgte. Horden durchzogen brandschatzend, raubend und verwüstend das Land; im Mai ward die Stadt Vrania erstürmt und geil Band. 2 z 354 Albano - plündert, und bald herrschte in den Paschaliks Vrania, Totova, Prischina und Skopia vollständige Anarchie; aber schon am 15. Mai ward Kirschowa von den türkischen Truppen erobert, am 17. die Stellung der Insurgenten bei Uskup von Omer Pascha erstürmt und die Häuptlinge hingerichtet. Dasselbe Schicksal traf die am 22. in Prischina Gefangenen, u. so hatte auch dieser Aufstand sein Ende erreicht. Die nun folgenden Ereignisse haben wenig Bedeutung. Ein auf religiöse Veranlassung hin 1847 ausgebrocheuer Aufstand wurde bald unterdrückt. Die während des Griechenaufstaudes 1854 drohenden Unruhen kamen nicht zum Ausbruch, n. seitdem hat sich das Land ruhig verhalten. Die Albanesen haben ohne Zweifel durch ihre Geschichte den Ruf großer Freiheitsliebe u. Tapferkeit verdient; ob sie aber geeignet sind, je eine etwa erlangte selbstständige Stellung auch zu behaupten, muß bei ihrem ausfallenden Mangel an administrativem und organisatorischen: Talent in Zweifel gezogen werden. Literatur. Joh. Müller, A. und Rumelien, Prag 1844;' Cyprian-Robert, I-ss Llavos äs 1a Pnrguis, Par. 1844 (n. A. 1852, 2 Bde.),deutsch, Dresden 1844, 2 Bde.; Hahn, Reise durch das Geb. des Drin und Bardar i. I. 1863, Wien 1870. Albäno, 1) St. in der italienischen Prov. n. südöstl. von Rom unweit der Eisenbahn Rom- Neapel in herrlicher Gegend am Albanersee, auf den Trümmern der Villa des Pompejus u. des von Domitian errichretcn Albanum erbaut und von der Via Appia durchschnitten, ist Bischofssitz, hat schöne Kathedrale, Kirche S. Maria della Rotonda, ans einem antiken Rundtempel erbaut. Reste römischer Bäder, eines Amphitheaters, eines Grabmals in etruskischem Stil, angeblich das Grabmal der Horatier und Curiatier; Weinbau; 5290 Ew. Die Frauen von A. sind wegen ihrer Schönheit u. ihres malerischen Costümes berühmt. A. ist wegen seiner gesunden und reizenden Lage Landaufenthalt vieler Römer und Fremden im Frühjahr und Herbste. Es ist in der Gegend des alten Alba-Longa erbaut. In dessen Nähe wird der Albaner Stein oder Peperin, ein feiner, dauerhafter, zum Häuserbau benutzter Stein, gebrochen; dabei auch der Albaner See (Lago di A., Lago di Castcllo), der in dem Krater eines Vul- cans, von Basaltbergcn umgeben, 300 in hoch liegt n. während der Belagerung von Veji, 395 v. Ehr., ohne bemerkbare Ursache plötzlich stark anschwoll, so daß man einen noch vorhandenen, 2 in tiefen, 1200 rn langen Kanal zur Ableitung graben mußte. A. gehörte im 13. Jahrh. den Savelli u. kam von denselben 1697 an die päpstl. Regierung; cs wurde 1849 von den Franzosen besetzt. 2 ) Flecken in Basilicata, s. Monte Albano. St. Albans (spr. Albens), 1) sonst Verula- mium, St. in der englischen Grafschaft Hertford, gothische Kirche mit vielen Denkmälern, St. Michaelskirche mit dem Grabe Bacons, Fabriken und Handel, Strohflechterei; 8300 Ew. A. ist der Geburtsort des heil. Alban, nach welchem es genannt wurde, n. Bacons v. Verulam. Die Stadt soll in der Mitte des 10. Jahrh. bei dem 797 gestifteten Benedictinerkloster angelegt worden sein. - Albauy. Hier den 31. Mai 1455 Sieg der Weißen Rose über die Rothe, wobei König Heinrich Vl. gefangen wurde; 18. Febr. 1461 Sieg über die Weiße Rose unter Warwick, wodurch der König wie- > der befreit ward. Wegen seiner Bestechlichkeit s verrufen, wurde St. A. am 3. Mai 1852 von I der Karte der parlamentarischen Vertretung ge- 1 strichen. 2) St. im Staate Vermont (NAmerika), ^ am Champlainsee, mit Akademie; 6000 Ew. Albansgulden, Goldgulden des vormaligen Ritterstiftes St. Alban in Mainz (s. Alban) ^ 6^ Mark. Albanus (a. Geogr.), 4.. mons, Berg in La- > tium am östlichen Ufer des Albanersees; 930 in hoch, mit Jnpitertempel; auf ihm wurden die §e- ! rias iatnnas gefeiert; jetzt Monte Cavo oder Al- ! bano. Albäny, Louise (Aloysia) Maximiliane > Caroline, Gräfin von A., Tochter des Fürsten Gustav Adolf von Stolberg-Gedern, geb. 1752; vermählte sich 1772 mit dem Prätendenten Karl Eduard von England, führte seitdem den Namen Gräfin A. u. wohnte zu Albano bei Rom; seit 1780 lebte sie, von ihrem rohen, der Trunkenheit ergebenen Gemahl getrennt, in einem Kloster und nach seinem Tode 1788 von einem Jahrgehalte von 60,000 Fcs., welches ihr Frankreich auszahlen ließ, mit dem Dichter Vitt. Atfieri innig befreundet, im Elsaß n. in Paris u. seit 1792 in Florenz n. st. hier 29. Jan. 1824. Vgl. Renmont, die Gräfin von A., Berl. 1860, 2 Bde, u. S. Rene Taillandier, I-otlres insäites äs Lismouäi r st Hlaäams ln (lomtssso ä'^Ibanz-. I Albany, 1) Territorium in Britisch-Nordamerika, s unter 50 bis 52° n. Br. u. 82 bis 92° w. L.; j von dem nördl., vom Oberen See entspringenden n. in die Jamesbai (den südl. Theil der Hud- ^ sonsbai) mündenden gleichnam. Flusse durchschnitten. 2) County im Unionsstaate New-Iork, unter 42° n. Br. u. 74° w. L-, mit 133,052 Ew.; im W. u. N. gebirgig, im Innern etwas sandig, dagegen am Hudson fruchtbar; durch Kanäle mit dem Eric- u. Champlainsee verbunden, sowie von i mehreren Eisenbahnen durchschnitten. 3) County im Unions-Territorium Wyoming; 2021 Ew. 4) Hanptst. des gleich». County u. seit 1797 des Staates New-Uork, unter 42° 39" 49"" n. Br. u. 73" 44" 35"" w. L.; in prachtvoller Lage, am hier schiffbar werdenden Hudson, mit 76,216 Ew., worunter etwa 20,000 deutsch sprechende. Lebhafter Geschäfts- n. Jndnstrieplatz, herrlich geschmücktes Capitol oder Staatsgebäude, schönes Stadthaus, großartiges Postgebäude, musterhafte Strafanstalt, 57 Kirchen, Sternwarte, Universität, Normalschule, n. a. wissenschaftliche, sowie wohlthätige Anstalten, eine der größten u. schönsten kathol. Kathedralen l der Ver. Staaten. Der bed. Handel, besonders mit Holz, wird durch die günstige Lage der Stadt (Eric- u. Champlainkanal u. mehrere Eisenbahnlinien) mächtig gefördert. A., ursprünglich (seit 1623) eine Holland. Niederlassung (Fort Orange) zum Schutze des Pelzhandels, kam 1664 mit New- Dork an England und vertauschte seinen früheren ^ Namen mit dem jetzigen, zu Ehren des Herzogs l von Jork u. A. (späteren Jakobs II.). 5) Stadt im ' Dougherty County des Staates Georgia am Flint- Albarcdo — Albemarle. 355 flusse, der bis zum Golfe von Mexico schiffbar ist, von einer Eisenbahn berührt; 2100 Ew. 6) Distr. an der Küste im östlichen Theil des britischen > Caplandes, am Großen Fisch-Fluß, 4680 s^jlcm (85 HW), mit reicher Bewässerung, gesundem Klima > und 16,264 Ew., meist angesiedelten Europäern > (nur etwa 6000 sind Eingeborene), die den fruchtbaren Boden auf englische Art bebauen, Vieh-, be- i sonders Schafzucht, die bedeutendste der Colonie, j treiben u. lebhafte Handelsverbindungen mit dem j N. u. S. unterhalten; Hauptst. Grahamstown. i Albarcdo, alter Marktflecken in der italieni- ! scheu Provinz Verona (Venetien), an der Etsch; 4280 Ew. ! Albasin (Jaffa), früher St. und Festung am i linken Ufer des Amur, gegenüber der Mündung des Nebenfl. Albasicha oder Einuri, vor 200 Jahren wichtig als Mittelpunkt der vordringenden russischen Ansiedelung im Amnrlande; wurde 1665 von russischen Flüchtlingen unter Tschernigowski besetzt u. befestigt; fiel im Frieden von Nertschinsk 1680 mit dein Amurlande den Chinesen zu, im Frieden von Aigun 1858 kam es aber, freilich ganz verfallen, wieder zum russischen Gebiete. Älbategmus (eigentlich Mohammed Ben Geber Ben Senan Abu-Abdallah Al-Batani, Al-Har- rany), geb. um 850 zu Batani in Mesopotamien, Statthalter in Syrien, war der berühmteste Astronom der Araber, so daß ihn Balanda unter die 20 Sterne 1. Größe am astronomischen Gclehrten- j> Himmel versetzte; st. gegen 930. A. machte seine astronomischen Beobachtungen zu Arakta u. Da- mascns, dieselben sind niedergelegt in seiner Sa- bäischen Tafel (2z'Zäo 8ab^); dieselbe wurde von Plato Tiburtinus ins Lat. übersetzt, von Negio- montan mit Zusätzen unter dem Titel Do nnms- ris st rnotibus stoilarum, Nürnb. 1537, u. später neu, Bologna 1645, herausgegeben. Er beobachtete 4 Finsternisse und 1 Nachtglciche, bestimmte die Schiefe der Ekliptik genauer, entdeckte die Bewegung des Apogäums der scheinbaren Sonnenbahn, berechnete die Länge des Sonnenjahrcs u. die Bewegung der Planeten mit bewnudernswcrth annähernder Richtigkeit, u. erwarb sich ferner auch Verdienste um die Trigonometrie, indem er zuerst ! den Sinus in Anwendung brachte. MÄi (lat., die Weißen), 1) in der alten christ- > lichcn Kirche die Katechnmeneu, welche weiße Klci- j der vom Ostertage bis zum ersten Sonntag nach ' Ostern (Dominica in albis), an welchem sie gewöhnlich getauft wurden, trugen. 2) (Auch Diancbi, I die Weißen) Scctirer, die, vom Priester Albus ge- j führt, 1399 aus den Alpen nach Italien hcrab- zogen. Sie waren weiß gekleidet, aßen n. schliefen an der Landstraße, klagten über die Sünden > der Menschen u. geißelten sich. Sie fanden viel Zulauf, in Nom aber ließ Bonisacins IX. den Anführer verbrennen. Albatros (Capschaf, Capscher Hammel, Seeschaf, Diomsciea D.), Gatt, der Farn. Sturmvögel (Schwimmvögel), die größten Wasservögel; Schnabel groß, stark, mit Nähten, endet in einen Haken; Nasenlöcher seitlich in eine Röhre; Schwimmfüße ohne Danmenzche; fressen Fischrogen, Seewür- mer, todte Walfische. Der eigentliche A. (D. oxn- lans L.). an l,° m lang, weiß, auf Rücken und Flügeln schwärzliche lange Streifen, Schwanz dunkelgrau, Flügel 4 m weit spannend; fliegt einige Meter hoch über dem Meere, doch 100 Meilen vom Lande weg; frißt besonders Fliegfische; legt viele längliche, wohlschmeckende Eier, nistet auf dem Lande in Heuschobern ähnlichen Nestern, brütet am Cap in Patagonien, Kamtschatka u. auf den Falklands- Jnseln; Fleisch nnschmackhaft. Albäy, 1) St. auf der Philippinen-Jnsel Manila; 13,000 Ew. 2) (Mayon) Vulcan daselbst, verschüttete 1814 bei einem Ausbruche 5 Ortschaften. Albe, langes, weißes, meist leinenes Untcrge- wand der katholischen Priester. Von ägyptischen u. hebräischen Priestern entlehnt, blieb sie von den ersten Zeiten des Christenthums unverändert bis zur Zeit der Renaissance, wo sie ornamentalen Zuwachs erhielt. Seit dem 10. Jahrh. kommen auch seidene, später reichgestickte A-n vor. Albe, Df. in der italienischen (ncapol.) Prov. Abruzzo ulteriore II., am Fuße des Velino, unweit des ehemaligen Fucinersees; 200 Ew.; ist das alte Alba Fncentia, welches an der Grenze der Vestiner, Marser u. Äqner lag, von den Römern 303 v. Chr. 6000 Colonisten erhielt u. durch die Befestigung von drei unter einander verbundenen Hügelkuppen zur stärksten Festung Italiens gemacht wurde, in der Staatsgefangene, wie Perseus von Makedonien, Syphax u. A., untcrgebracht wurden. Überreste der alten Bauten sind noch jetzt vorhanden, so an der Westseite eine dreifache cyklopische Mauer, in der Kirche S. Pietro Reste eines Tempels, in der Ebene ein gewaltiger Agger, Reste der Via Valeria, eines Amphitheaters rc. Albemarle, früher Aumarle, von der Stadt Aumale in der Normandie, Herzogs- u. Grafen- titcl. X. Herzöge: 1) Edward Plantagc- net, Graf von Nntland, erster Herzog von A., 1397, verlor aber diese Würde, weil er Richard II. ergeben war, schon 1399. Nach seines Vaters Tode succedirteer diesem als Herzog v. Jork; starb 1415 bei Azincourt. 2) George Monk, zu dessen Ehren der Herzogstitel 1660 wieder erneuert wurde. D. Grasen: 3) Arnold Joost van Keppel, aus einer adeligen Familie in Geldern, erhielt 1696 von Wilhem III. den Titel eines Grasen v. A. Nach Wilhelms Tode in holländische Dienste getreten, führte er die Truppen der Generalstaaten im SpanischenErbfolgekriege, wurde aber 24. Juni 1712 bei Denain geschlagen und starb 1718. 4) William Anne Keppel, des Vor. Sohn, 2. Graf v. A., geb. 5. Juni 1702, General in der britischen Armee, nachher als Diplomat verwendet,Botschafter Georgs II. in Paris; starb 22. Dec. 1754. 5) George, des Bor. Sohn, 3. Graf v. A., geb. 5. April 1724; belagerte 1762 Havanna, das sich ihm 13. Aug. ergab; st. 13. Oct. 1772. 6) William Charles, des Vor. Sohn, 4. Graf v. A., geb. 14. Mai 1772; ein entschiedener Whig im Oberhause, 1806 bis 1807 unter dem Ministerium Grey Ober- jägcrmeistcr, dann 1830—1834 und 1835—1811 Oberstallmeister; mit Fox u. Coke, welch letzterem er seine Tochter'zur Frau gab, sehr befreundet; st. 30. Oct. 1849. 7) George, der 5. Graf v. A., des Vor. Sohn; succedirte 1849; st. 15. Mai 1851. 23 * 356 Albemarle - 8) George Thomas, des Bor. Bruder, 6. Graf v. A., geb. 13. Juni 1799; kämpfte bei Waterloo, unternahm, seit 1827 Major, zum Theil im Interesse der Regierung Reisen in Europa u. Asien. Vgl. sein ^ .1 onrasz- aoross tbs Lalcan, London 1830, u. iblarrativs ob a llonrns^ Irom Inäis, to DnZIanä, 2 Bde., Lond. 1834. Eine Zeit lang Privatsecretär Lord John Ruffels, dann Kammerjunker der Königin Victoria, Parlamentsmitglied, wurde 1854 Oberst, 1858 Generalmajor u. 1866 Generallieutenant. 1852 ließ er sein für die engl. Geschichte des 18. Jahrh. bedeutungsoolles Werk: Nsmoirs ob tlrs Nargnis cck kooüin^Iram and bis Lontsmxoraiiss, 2 Bde., Lond., erscheinen. Albemarle, 1) englischer Name der St. und Herrschaft Aumale in der Normandie; hiernach Titel mehrerer Herzoge. 2) County im Nordamerika». Unionsstaate OVirginia, 38" n. B. u. 78" w. L., mit 27,544 Ew.; Flüsse: James, Rivauee u. Hardware; Boden gut für Mais, Weizen u. Tabak; wird von der Staats-Central-Eisenbahn durchschnitten; Conutysitz Charlottcville. 3) A-Suud, Meeresarni des Atlantischen Oceans, in NCarolma, 90 Lin lang, 8—22 Lm breit; bleibt unberührt von Ebbe und Flnth der See, von welcher er durch eine schmale Insel geschieden ist, u. steht durch den A- Kanal, welcher durch den Dismal Swamp (der schreckliche Sumpf) gezogen ist, mit der Chesapeake- Bai in Verbindung. In der Nähe weithin in das Meer sich erstreckende Sandbänke, die mit Cap Hatteras endigen und zu den gefährlichsten Regionen der atlantischen Küsten gerechnet werden. Außer dem Dismal Swamp gibt cs hier noch ungeheure Snmpfstrecken, deren Areal man aus weit über 11,000 Hjüm schätzt. Albe», Elben oder Kleinberger, alte weiße Tranbensorte, welche viel augepflanzt ist; liefert einen leichten Wein in Mittellagen. Albendorf, 1) Df. im Kr. Nenrode des preußischen Rcgbez. Breslau, schon seit 1218, besonders aber seit 1702 Wallfahrtsort wegen eines in der dortigen 1730 erbauten Kirche befindlichen Marienbildes (jährlich 70,000 Pilger); Calvarien- berg (Zion mit 47 Stufen, 58 Kapellen, Einsiedelei rc.), Statue des Gründers der Anlagen O. v. Osterberg (1867 errichtet); 1400 Ew. Albeuga, Hauptstadt des gleichnamigen Di- stricts in der italienischen Provinz Genua, an der Mündung der Centa n. an der Eisenbahn Genua- Nizza; Hasen, Bisthum, Kathedrale aus dem 13. Jayrh., 10 Kirchen, Taufkapelle mit allen Mosaiken, bischöfl. Seminar, Gymnasium, Hanf-, Getreide-, Ölban, Alterthümer, darunter eine Brücke von 10 Bogen aus der späteren Kaiscrzeit (Ponte Lnego) über die Centa; 4200 Ew. A. ist das Al- bigannum, Albium Jngannum der Römer, Geburtsort des Kaisers Proculus. 1794 war es Mittelpunkt der französischen Kriegsoperationcn u. 1796 Hauptquartier Napoleons I. Alber, 1 (Aulber) Matthäus, geb. 1495 in der schwäbischen Reichsstadt Reutlingen; studirte in Tübingen u. Freiburg, wurde Prediger in seiner Vaterstadt und führte dort die Reformation ein, wofür er sich 1524 vor dem Neichskammergericht verantworten mußte. Im Abendmahlsstreite zog jhn Luther früh auf seine Seite, in der Verfassung — Alberich. u. a. näherte er sich theilwcise den Schweizern. 1548 im Interim wurde A. Stiftsprcdiger und Mitglied des Kirchenralhes in Stuttgart, 1563 General-Superintendent u. Abt der Klosterschule in Blaubeuern, wo er 1570 st. Biographie von I. Hartmann, Tüb. 1863. 2) A. (Alberus, Erasmus), geb. um 1500 in der Wetterau; studirte in Wittenberg, wo ihm Luther besonders geneigt war, ward evang. Prediger in Hanau und an acht anderen Orten, zuletzt Superintendent zu Neu-Brandcnburg im Mecklonburgischen, wo er 1553 starb. A. war ein fruchtbarer Schriftsteller, breit u. in der Polemik gegen das Papstthum maßlos; einige seiner Schriften schätzt die Literatur- u. Sprachgeschichte: Geistliche Lieder, neue Ausgabe von Stromberger, Halle 1857; Etliche Fabeln Esopi, verdeutscht und in Reimen bracht, 1534, vermehrt im Buch von der Tugend und Weisheit, 1550; Der Barfüßer Münche Spiegel vnd Alcoran, Wittenberg 1531, mit einer Vorrede Luthers; Ein Reimlexikon, das erste eigentlich deutsche Wörterbuch: Aovnm ckiotionarii Zvirim, Frkf. 1540; Zwei Vorträge, Beschreibung der Wetteran durch Eras- mnni Alberum, als Anhang zu der in Hamburg gedruckten Schrift des Alberus vom Basilikon zu Magdeburg, wiedergcdruckt in I. A. Bernhards ^ntignitatss Vettsravias, Hanau 1731. Alber (wahrsch. ans dem lat. arbor, Baum), so v. w. Weißpappel; auch Schwarzpappel; s. u. Pappel. Alüergati Capacclli (spr. -tschelli), Francesco Marchese, geb. 29. April 1728 zu Bologna; errichtete, selbst ein sehr begabter Schauspieler, in seinem Palaste und in seiner Villa Ca- maldoli bei Bologna ein Hausthcater, für das er Komödien schrieb; siedelte nach Verona, von da nach Venedig über, erstach ans Eifersucht seine zweite Frau, entfloh, kehrte später nach Bologna zurück: st. 16. März 1804. Von seinen Komödien sind II saMo amieo (Der verständige Freund) und II tüarlatovs mallieente (Der verleumderische Schwätzer) noch heute auf italienischen Bühnen beliebt. Seine dramatischen Werke erschienen gesammelt Bened. 1783—85, 12 Bde., ebd. Bolog. 1801. Alberi, Eugenio, italienischer Literat, geb. in Padua 1817, wo er studirte. Er schrieb mehrere historische Werke, welche in seinem Vaterlande sehr geschätzt sind, so: 6uerrs ä'Italia ciel ikrinoips Lnxonio äi 8avoia, Flor. 1839; Vita äi Latörina- cko' Lleäivi. 1838. Er gab 1843 Galileis Werke mit Erklärungen heraus u. übersetzte Leos Geschichte der italienischen Staaten, eigene Anmerkungen hin- zufügend. Außerdem lieferte er zahlreiche historische Arbeiten in Las ,4reliivio storioo italiano von Florenz, gründete dort 1843 das ^.vrmario storioo nnivorsals. Früher liberal, rechnete er auf eine Anstellung an der Universität in Florenz, trat aber dann, in dieser Erwartung getäuscht, zur Opposition über u. zählt jetzt zu der reactionären Partei. Alberich (Albericns), I. Sagengcschicht- liche Person: 1) A., Hüter des Nibelungenhortes, Bruder des Zwergkönigs Goldemar, aber durch seinen Namen selbst als Elbenkönig bezeichnet (Albe-rich), in der französischen Sage Auberon, Oberon, der Elfenkönig mit dem unwiderstehlichen Horn (s. Oberon, Elfen, Zwerge u. Nibelungen) ? Alberique - n. Fürsten u. Feldherren: 3) A. I., ein lom-! bardischer Edler; wurde Lurch Berengar I., den! er gegen Guido von Spoleto unterstützte, Mark- > graf von Canicrino, durch seine Gemahlin Marozia ' Herrscher in Rom u. erhielt nachher das Herzog- > thum Spoleto. 916 vertrieb er mit Papst Jo- ' Hann X. die Saracenen aus der Nähe von Rom, wurde aber trotz dieses wichtigen Dienstes nachmals von demselben Papste aus Rom verbannt u. soll aus Rache die Ungarn nach Italien gerufen haben. Nach deren Rückzug warf er sich in die Stadt Orta, wo er um 925 von den Römern ermordet wurde (s. Rom). 3) A. II., Sohn des Vor., hatte bald, nachdem seine Mutter zu zweiter Ehe sich mit Guido von Toscana und zu dritter Ehe mit Hugo v. d. Provence, König von Italien, vermählt hatte, als Markgraf von Came- rino an des Letzteren Hofe lebend, dessen Härte zu !! fühlen, die selbst zur Mißhandlung führte. Da s griffen die Römer zu den Waffen, vertrieben Hugo i aus Rom, und A. ward als Herr von Rom mit I dem Titel eines Großconsuls anerkannt. Hugo belagerte darauf Rom, ließ sich aber endlich zum ,! Frieden herbei, mit welchem er durch die Verhei- ! rathung seiner Tochter Alda an A. doch zur Herr- ' schüft über Rom zu gelangen dachte. Jndeß ließ ! ihn A. nie mehr nach Rom, in welchem er mit kräftiger Hand regierte, auch die Päpste unter ! strenger Aufsicht hielt. Nach 22jähriger Regierung st. er 954 (s. Rom). III. Gelehrte u. Geistliche: 4) A. von Reims, scholastischer Philosoph W des 12. Jahrh., Schüler Anselms von Laon, Geg- ri ner Abälards, Realist; seine Anhänger Alberikaner. ! 5) A. de Porta Ravcnnate, in den Glossen ', mit H. oder ^1. oder LIb. bezeichnet, Rechtslehrer ^ > u. Glossator zu Bologna, besonders thätig zwischen 1165 n. 1194; st. 1218; schr.: kllossas in (ÜAöota et eockieein. 6) A. de Rosate (A. Roxiati), aus s Bergamo, Rechtsgelehrter, prakticirte zu Bergamo, ) Padua, Mailand u. Rom, wo er 1354 starb. Er ' ^ stand auf Seite des Kaisers gegen das Papstthnm i ^ u. schr.: Oietronar. z'rrris civilis. 7) A. vonBe- s' sanxon, der Dichter des französischen Originals zu ( des Pfaffen Lamprecht Alexanderlied, lebte im An- > fang des 11. Jahrh. Ein Fragment seines ver- ° I lorcnen Gedichtes entdeckte P. Heyse in der Lau- ! ! renziana zu Florenz u. druckte es in seinen Roxi mantschen Insäita, Berl. 1856, ab. Seitdem ist ^ I es viel besprochen u. herausgegebcn worden. Die js' Hanptgnelle A-s war Psendokallisthenes (Zacher, k Psendokallisthenes, Halle 1867). Albcristue, St. (Villa) in der spanischen Provinz Valencia; Weizen- u. Reisbau, Südfrüchte; 6330 Ew. Albcrom, Giulio, Cardinal und Premierminister Philipps V., Kölligs voll Spanien, geb. 31. Mai 1664 in einem parmesanischen Dorfe; in Piacenza von einem Geistlichen erzogen u. zuerst s Glöckner an der Domkirche jener Stadt, trat er, : mit seltener Einsicht begabt, vom Vicelegaten Barni von Ravenna unterstützt, in den geistlichen Stand, wurde bald Domherr, Hansgeistlicher seines Gönners, Erzieher von dessen Neffen, lernte als Be- 1 gleiter desselben in Rom die vornehme u. politische Welt kennen und ward bereits 1705 vom Herzog von Parma zum Herzog von Vendöme geschickt, — Alberom. 357 !der damals das französische Hedr in Italien befehligte. In die Dienste desselben getreten, war er in Paris, in den Niederlanden u. in Spanien für die Erhebung des französischen Prinzen Philipp ans Len spanischen Thron und für die Sicherung der neuen Dynastie mit Erfolg thätig. Als ihn Vendöme beauftragte, am Hofe Philipps V. gegen die Prinzessin Orsini zu wirken, welche den König u. die Königin beherrschte, zog er es vor, sich mit dieser Prinzessin zu verständigen, n. ward, nachdem er mit derselben auch den Herzog von Vendöme ausgesöhnt hatte, der Vertrante aller Parteien. Im I. 1713 vom Herzog von Parma zum Residenten am Madrider Hofe ernannt und in den Grafenstand erhoben, führte er ein anderes diplomatisches Meisterwerk aus, indem er nach dem Tode der Königin (1714), um die allmächtig gewordene Orsini zu stürzen, die Vermählung des Königs mit der Prinzessin Elisabeth Farnese, Erbin u. Nichte des Herzogs von Parma, durchsetzte u. die Verweisung der Orsini vom Hofe bewirkte. Erst Rathgeber der jungen Königin und des Ministers del Giudice, trat er noch im selben Jahre an dessen Stelle u. leitete als erster Minister die Politik Spaniens, ward Grande erster Klasse, Bischof von Malaga u. auf Schleichwegen (1717) Cardinal. Unter seiner Leitung stieg Spanien durch Hebung der Industrie und durch die Schöpfung einer großen Flotte u. Armee zu einer Macht empor, die es seit Philipps H. Zeit nicht besessen hatte. Sein Plan war, Spanien alle in Italien verlorenen Besitzungen wieder zu verschaffen, u. seine ersten Angriffe wurden gegen Sardinien u. Sinken gerichtet. Der wider diese Angriffe geschlossenen Quadrupel-Allianz von England, Frankreich, dein deutschen Kaiser n. den Niederlanden stellte er durch seine Unterhandlungen mit Peter d. Gr. u. Karl XII. von Schweden einen revolutionären, ganz Europa umfassenden Plan entgegen, der ans den Sturz der neuen protestantischen Dynastie in England durch das Haus Stuart und auf die Ersetzung des Herzogs von Orleans als Regenten in Frankreich durch den König von Spanien ausging. Zugleich hatte er sich mit dem türkischen Sultan und mit Nacoczi in Ungarn in Verbindung gesetzt, um den Hof von Wien im Osten zu beschäftigen. Jndeß wurden die gegen den Regenten von Frankreich u. gegen das Haus Hannover in England eingelciteten Unterhandlungen durch Gefangennahme eines seiner Emissäre in Frankreich entdeckt, während der Tod Karls XII. dem Plan seine Stütze im Norden entzog, die neugeschaffenen spanischen Flotten u. Armeen den Angriffen Englands und Frankreichs erlagen und Österreich seinen Frieden mit der Türkei schloß. Ans allen Punkten geschlagen, isolirt dem in Waffen stehenden Europa gegenüber, sahen sich Philipp V. und Elisabeth gezwungen, der ersten Friedens- bcdingung der Verbündeten nachzugeben u. am 5. Dec. 1719 den Cardinal zu entlassen u. aus dem Reiche zu schassen. Zu Fuße, verkleidet, unter dem Verdachte, das Testament Karls II. mit sich genommen zu haben, mußte der vor Kurzem noch allmächtige Minister Spanien verlassen, fand aber auch im päpstlichen Gebiete, wohin er sich zunächst wandte, keine Aufnahme. Nach einjährigem Ans- 358 Albers — Albert. enthalte in einem Verstecke in den Apennincn, während dessen er eine Rechtfertigung seiner Politik niederschrieb, erhielt er nach dem Tode Clemens' XI. (1721) vom Cardinals-Collegium eine ehrenvolle Lossprechung von der Anklage der Erschleichung seines Cardinalshutes, nahm im Con- clave an der Wahl Jnnocenz' XIII. theil, mußte aber von diesem, um den spanischen Hof zu beruhigen, sich in ein Kloster verbannen lassen. Frei gelassen, fiel er unter Benedict XIII. (1724) wieder in Ungnade u. zog sich nun ans sein Gut Castel-Romano zurück, von dem ihn endlich 1734 Clemens XII. nach Rom berief, unter Ernennung zum Legaten von Ravenna. Nachmals noch zum Legaten von Bologna ernannt, verlebte er die letzten Jahre in Piacenza, wo er am 16. Juni 1752 starb. Einen großen Theil seines Besitzes vermachte ec dem zwecken Sohne der Königin Elisabeth von Spanien, dem Herzog von Parma und Piacenza seit 1748, das Übrige theils einem von ihm gestifteten Seminar, theils seinem Neffen. A-s Politisches Testament ist untergeschoben. Vgl. Rousset, Vis du Oardinai X., Par. 1779; Ber- sani, 8toria ciol 6ard. 6Ini. X., Piacenza 1862. Albers, Joh. Friede. Herrn., ein um die Pathologie verdienter Arzt, geb. zu Dorsten 1805; wurde 1831 Professor der Pharmakologie, auch Dirigent einer Privatheilanstalt für Gemüthskranke zu Bonn, woselbst er 12. Mai 1867 st.; schr.: Die Pathologie und Therapie der Kehlkopfskrankheit, Lcipz. 1829; Die Darmgeschwüre, ebd. 1831; Die syphilitischen Hautkrankheiten, Bonn 1832; Atlas der pathologischen Anatomie, Leipz. 1832 bis 1862; Lehrbuch der Semiotik, ebd. 1834, 3. A., 1861; Beobacht, aus dem Gebiete der Pathologie, Bonn 1836—40, 3 Bde.; Handbuch der allgeni. Pathologie, 1842—44, 2 Thle.; Erkennt- niß der Krankheiten der Brustorgane aus physikal. Zeichen oderAuscultation, Percussion u. Spirometrie, Bonn 1850. Albersweiler, Df. im Bezirksamte Bergzabern des bayerischen Regbez. Pfalz an der Queich u. der Eisenbahn Landau-Zweibrücken; protestantische u. katholische Kirche, Weinbau, Zündhölzerfabrik; 2150 Ew. Albert, deutscher Name, s. Adalbert; A. der Große, s. Xidsrtns ZIaxnns. Albert, 1) A. Kasimir, so v. w. Albrecht20. 2 ) A. Franz August Ernst Emanuel, Prinz v. Sach- sen-Kobnrg-Gotha, geb. 26. Ang. 1819 auf dem Schloße Rosenau, der zweite Sohn des Herzogs Ernst I. v. Sachsen-Koburg und der Herzogin Louise, einer Tochter des Herzogs August v. L-achsen-Gotha-Altenbnrg; studirte 1837 zu Bonn die Rechtswissenschaft n. wohnte 1838 mit seinem Vater der Krönung der Königin Victoria zu London bei. Die Königin, deren Mutter die jüngste Schwester des Vaters des Prinzen war, faßte für denselben eine innige Neigung, und sowol dieser, als dem Rathe ihres Oheims, Leopolds, des Königs von Belgien, folgend, erklärte sie am 23. Nov. 1839 ihrem Geheimen Rathe ihre Absicht, sich mit dem Prinzen zu vermählen. Die Vermählung fand am 10. Febr. 1840 zu London statt. Der Prinz war durch Parlamentsacte naturalifirP worden, erhielt den Titel Königs. Hoheit, den Rangl eines Feldmarschalls n. Geheimen Rathcs n. eine Ci- villiste von 30,000 L. St. Später erhielt er, als das Glück seiner Ehe eine allgemeine Anerkennung gewann, zahlreiche Würden, Ehrenauszeich- nnngen u. Ldnccuren. Von Einfluß ans das Ge- sammtleben Englands war zunächst sein feiner Kunstsinn. So ward er der Hauptgönner jener öffentlichen Anstalten, die den bildenden Künsten einen neuen Anstoß gaben u. auch ans die Fabrik- indnstrie Einfluß üblen.. Die große Ausstellung vom Jahre 1851 zu London kam besonders unter seiner Protection zu Stande. Große Aufmerksamkeit schenkte er auch, seit 1847 Kanzler der Universität Cambridge, dieser Anstalt namentlich in Beziehung ans Geschichte, neuere Sprachen rc. Obwol es ihm während seines Lebens nicht gelang, den Argwohn gegen ihn als einen Fremden zu beseitigen u. dem Vorwurfe, daß er deutsche u. auswärtige Interessen überhaupt, z. B. zur Zeit des Krimkrieges, in der britischen Regierung zur Geltung bringen wolle, ein völliges Ende zu machen, so stimmten doch nach seinem in Folge eines typhösen Fiebers am 14. Dec. 1861 zu Windsor Castle eingetretenen Tode alle Parteien in der Erklärung überein, daß seinem Einfluß auf die Entschlüsse der Königin der glückliche Gang der britischen Politik zu verdanken sei. Am Jahrestage seines Todes, aiü 14. Dec. 1862, erschienen zu London auf den ausdrücklichen Wunsch der Königin die Denkwürdigkeiten des Prinzen unter dem Titel: II,s Principal Fpseclrso and Xd- ckrsssW ol 8is IÜAirnsL8 Urs krines donsort. Erst den 25. Juni 1857 hatte der Prinz diesen Titel krinos 6onsort erhalten; vergeblich hat die Königin unter der Hand den Plan zur Ausführung zu bringen gesucht, ihm auch den Königstitel beilegen zu lassen; allein die nach seinem Tode erschienenen Documente beweisen, daß er neben der Königin in der That als König herrschte. Ein Vierteljahr vor diesen Memoiren erschien in London die Schrift: Oomtort in Lorrorv; Zleditn- tion8 on Konti, and Moruit)-. Diese Schrift enthält Auszüge aus Zschokkes Stunden der Andacht, übersetzt von Friederike Roman, u. ist, wie es auf dem Titel heißt, mit Erlaubniß Ihrer Majestät veröffentlicht. Die Auswahl war von der Königin Victoria selbst getroffen; die Vorrede rührt von dem Prinzen Albert her, zu dessen Lieblingsbüchern jene Stunden der Andacht gehörten. Indessen auch diese Veröffentlichung fachte das alte Mißtrauen gegen den Prinzen wieder an, u. eine englische Zeitschrift erklärte sich in einer Besprechung des Buches gegen die „Vernunft-Sentimentalität der Instructionen deutscher Theologie". 1867 erschien zu London II,s onri^ Xsars ol 8. 8. 8. ti,o Kriiios Ooosort, eonipiied nndor 8is dirookion ol 8. ZI. ti,s (jnssn Ident. 6sno- rsl 0. 6ro^ (deutsch von Freese, Gotha 1868). In demselben Jahre erschien zu London ein Tagebuch der Königin aus der glücklichen Zeit ihrer Ehe: leaves iroin tüo dournal oi onr Idls in tiio IliKÜiands kram 1848 to 1861. 8d. dx Xrtiirrr 8oips; das Jahre darauf eine illustrirte Prachtausgabe. Eine französische Übersetzung hat ^die Königin selbst durch Madame Hocäde, die lehemalige Erzieherin der Prinzessinnen Helene, Albert. 359 Lvuise und Beatrice verfertigen lassen. Zu erwähnen ist noch: Llortou, I'iis krmes Oonsorts larmo. Die sterblichen Reste des Prinzen ruhen seit 1862 in dem Mausoleum zu Frogmore Garden bei Windsor. 3) A. Eduard, Kronprinz v. Großbritannien u. Irland, Prinz v. Wales, Herzog v. Sachsen, Prinz v. Koburg u. Gotha, auf welchen Titel er jedoch im Oct. 1863 für sich u. seine Nachkommen verzichtete; ist ältester Sohn der Königin Victoria u. des Vor. Geb. 9. Nov. 1841, bezog er ein Semester lang die Universität Edinburgh, setzte seine Studien in Bonn fort u. vollendete sie theils im Christ Church College zu Oxford und theils in Cambridge. Im Sommer 1860 machte er eine Reise durch die Vereinigten Staaten u. Canada, 1862 besuchte er den Orient und Jerusalem. Seit 1858 Oberst in der britischen Armee u. seit 1863 General, ward er im Febr. desselben Jahres mit dem Titel eines Herzogs von Cornwall zum Peer von England ernennt. Politisch ist er, der englischen Staatsverfas- sung gemäß, mit einer bestimmten Ansicht noch nicht in den Vordergrund getreten, so daß alle Angaben über seine Pläne sich nicht über das Gebiet der Muthmaßung erheben. Ende d. I. 1871 brachte ihn ein Nervenfieber dem Tode nahe; im Verlaufe der Krankheit bewies die aufrichtige Theilnahme aller Klassen der Bevölkerung, wie fest die monarchische Idee in dem Herzen der Engländer begründet ist. A. ist vermählt seit 10. März 1863 mit Alexandra, ältesten Tochter des Königs ChristianIX. von Dänemark. 4. A., König von Sachsen, geb. 23. April 1828, ältester Sohn des Königs Johann von Sachsen u. der Königin Amalie; trat 1843 als Lieutenant in die sächsische Armee und studirte 1845—1848 in Bonn. Als Hauptmann der reitenden Artillerie führte er eins Batterie des sächsischen Bnndescontingents im Feldzuge gegen Dänemark (1849) u. hatte rühmlichen Antheil an der Vertreibung der Dänen ans den Dllppcler Schanzen am 13. April 1849. Er wurde in Folge dessen zum Major befördert, im Mai 1850 zum Oberstlieuteuant und im August desselben Jahres zum Obersten. Am 10. Oct. 1851 General-Major, am 21. Oct. 1852 Generalliente- nant, erhielt er die 1. Infanteriedivision n. einige Jahre später den Rang eines Generals n. Com- mandenrs der sächsischen Infanterie. Im Jahre 1866 übertrug König Johann ihm die Führung seiner Armee. Er operirts zunächst im Verein mit dem österreichischen Corps Clam-Gallas, kämpfte bei Münchengrätz u. Mtschin u. leitete bei Königgrätz, den linken Flügel der österreichischen Stellung bildend, die Vertheidigung von Problus gegen die preuß. Elbarmee. Als ruhiger, besonnener Feldherr bewährte er sich auch ans dem Rückzüge. Mit dem Maria-Theresia-Orden decorirt, verweilte er bis zur Rückkehr seines Vaters mit diesem in Schönbrunn, u. nach dem Eintritte Sachsens in den Norddeutschen Bund erhielt er von dem Bundesfeldherrn das Commando über das sächsische (XII. norddeutsche) Armeecorps; an dessen Spitze zog er nach Frankreich u. hatte entscheidenden Antheil an der Schlacht von Gravelotte (18. Aug. 1870), indem er im Verein mit der preußischen Garde die Position der Franzosen bei St. Privatu. Ste-Marie-aux-Chönes erstürmte. Beim Antrittdes Marsches von Metz nach Chalons erhielt er den Oberbefehl über die aus dem Gardecorps, dem sächsischen und dem 4. Armeecorps gebildete 4. Armee, mit der er den Flankenmarsch nach Sedan ausführte u. daselbst vereint mit der dritten Armee den entscheidenden Sieg erfocht. Mit seiner Armee bei der Einschließung von Paris betheiligt, er- ösfnete er durch die Beschießung des Mont Avron des Bombardement von Paris. Nach geschlossenem Frieden wurde er im Juli zum Reichsfeldmarschall und kurz darauf auch zum russischen Feld- marschall ernannt n. mit dem Großkrenz des Eisernen Kreuzes decorirt. Am 29. Oct. 1873 folgte er seinem Vater auf den Thron. Seit dem 18. Juni 1853 ist er mit Carola, geb. Prinzessin v. Wasa, vermählt in bis jetzt kinderloser Ehe. Albert (Alberti), 1) Heinrich, Liederdichter und Componist, geb. 28. Juni 1604 zu Löbstein im Voigtlande, seit 1631 Organist zu Königsberg i. Pr.; st. 6. Oct. 1651. Von ihm: Musikalische Kürbishütte, welche uns erinnert Menschlicher Hinfälligkeit, geschrieben und in 3 Stimmen gesetzt von Heinrich Alberten, 1641, 5.; Poetisch musikalisches Lust Wäldlein, das ist Arien oder Melo- deyen etlicher theils geistlicher, theils weltlicher Lieder, Königsberg 1646—48, 8 Hefte, u. a. Ausgaben. Von seinem geistlichen Liedern sind manche jetzt noch in Gebrauch, so: Gott des Himmels u. der Erden rc. 2) Alexander Martin, geb. 1815 zu Bury im Dep. Oise; war Mechaniker u. arbeitete in Paris u. Lyon; in den Aprilproceß 1839 verwickelt, erhielt er Gefängnißstrase. Nach der Revolution 1848 wurde er einer der 4 Secre- täre bei der provisorischen Regierung, welche mit den Mitgliedern gleiches Stimmrecht erhielten; zugleich wurde er am 4. März mit L. Blanc Präsident der durch Decret vom 29. Febr. eingesetzten Commission für Errichtung von Rationalwerkstätten, sowie in die Nationalversammlung u. in die vollziehende Commission vom 10. Mai gewählt. Wegen seiner Theilnahme an dem Attentat vom 15. Mai wurde er am 2. April 1849 mit Barbes zur Deportation verurtheilt. Er saß erst zu Donllens n. seit 1850 in der Citadelle aus Belle-Jsle, wurde aber aus Rücksicht auf seine Gesundheit nach Bannes u. im Mai 1854 nach Tours ins Gefängniß gebracht. Die Amnestie, welche Napoleon III. 1859 nach dem Italienischen Kriege erließ, gab auch ihm die Freiheit wieder. Indem Commune-Anfstande 1871 tauchte er wieder ans, ohne jedoch eine bedeutende Rolle zu spielen. 3) Josef, königl. bayerischer u. kaiserl. russischer Hofphotograph in München, geb. zu München 5. März 1825, Sohn eines k. Bauinspectors; ursprünglich für das Baufach bestimmt, ward aber Dagnerrotypist u. dann Photograph, verlegte sein Atelier von Augsburg 1858 nach München, repro- dncirte die Kanlbachschen Zeichnungen zu Goethe in Originalgröße, Illustrationen zu Schillers Gedichten von Romberg, Piloty n. A., photographirtc Heßlings und Kollmanns Atlas der allgemeinen thierischen Gewebelehre und Len großen anatomischen Atlas von Nüdinger, bei dem zuerst mikroskopische Bilder bis zur 5fachen Vergrößerung ans die photographische Platte übergetragen wur- 360 Alberti — den, Schwinds Sieben Raben und Melusine, außerdem noch unzählige Bilder von Münchener Künstlern. Er war auch der Erste, der große Auflagen von einer Platte lieferte, wie sie der Buchhandel brauchte. Zn den bedeutendsten Werken, die außer den bereits genannten aus seinem Atelier hervorgingen, gehören noch die Blätter nach Prellers Landschaften zur Odyssee, die Blätter nach Horschelts Kaukasusbildern, nach den Fresken in den Nibelungen-Sälen der Münchener Residenz n. die Copien der historischen Gemälde im Bayerischen Nationalniusenm zu München. A. war auch unter den Ersten, die lebensgroße Bilder unmittelbar auf Malerleinwand zum Malen und Zeichnungen ebenso auf den Holzstock photographirten, u. zudem stellte er ganze Figuren in Lebensgröße ans 2,5 m hohen Bogen her. Über den von ihm erfundenen Photogra- phicdrnck s. Albertotypie. Alberti, 1) St. im Arr. Peronne des französischen Dep. Somme, an der Nordbahn (Amiens- Arras); Seidenspinnerei, Zucker-, Öl- und Papierfabrik, Maschinenfabrik, Dampfschneidemühle; 4020 Ew. 2) Nach dem Reisenden Bnrton der höchste Berg des Camerungebirges (Mongoma- Lobah, 4490 m), der Insel Fernando Po. gegenüber, in dem von Ober- u. Niedergninea (Afrika) gebildeten Winkel. 3) (Prince-Albert) Gebiet im nordöstlichen Theil der Capcolonie, nördlich von den Stormbergen zwischen Sprint-, Kraai- und Oranje-Fluß; erst in neuester Zeit cultivirt von holländischen Colonisten, fruchtbarster Ackerboden, namentlich am Einfluß des Kraai in den Oranje; Steinkohlenlager. Allberti, Marktflecken im ungarischen Comitat Pest, ist eine deutsche Ansiedelung mit Weinbau, Bierbrauerei, Lederbereitung; 3320 Ew. Alberti, Leon Battista, geb. 1414 in Genna; widmete sich anfangs der Rechtswissenschaft, zeichnete sich später als vielseitiger Gelehrter, Philosoph, Mathematiker, Bildhauer, Maler, Dichter, Organist, besonders aber als'Baumeister aus n. st. 1472 in Rom. Er verfaßte in der Manier des alten Lopidus die Komödie Dliilockoxios, von Aldus Manntius als Werk der class. lat. Literatur 1588 herausgegebcn, mehrere Lustspiele und dichtete zuerst italienisch in antikem Versmaße. Als Maler erfand er die perspectivisch-optischen Gemälde u. den Storchschnabel u. schrieb ein Werk Ds xistura, Basel 1540; ferner schrieb er Werke moralphilosophischen Inhaltes, so: Del ßsovsrno ckslla tamiAlia, welches fälschlich tlALolo DanäoUini zngeschrieben wurde. Er war einer der besten Organisten seiner Zeit. Als Baumeister führte er die Antike wieder in die italienische Kunst ein; Werke in Florenz: die doppelte Loggia im Palaste Rncellai, die Kapelle Rucellai in S. Pancrazio, die Emporkirche in der Annunziata, nach seiner Zeichnung die herrliche Kirche des Andreas und Sebastian zu Mantua, die Kirche San Francesco di Rimini, in gothischem Stil; schr.: Über die Theorie der Baukunst, Ds rs asäiüeaboria, Flor. 1485, ins Italien., Franz, und Span, übersetzt. Seine Oxers vol§ari, 5 BLe., sind herausgeg. von Bonucci, Florenz 1844—1846. Näheres über Albertotypie. ihn in dem Werke von Lnyncs: 6 Ii Llbsrti äi Direims, 2 Bde., Flor. 1870. Alberti, 1) Friedrich August v., geb.4. Sept. 1795, ein um das Salinenwesen verdienter Mann; unter den zahlreichen Verbesserungen, welche ihm die Halurgie verdankt, ist besonders die Anwendung der Dämpfe beim Salzkochen zu nennen. Er schr.: Die Gebirge des Königreichs Württemberg in besonderer Beziehung ans Halurgie, Stnttg. 1826; Halurgische Geologie, ebda. 1852, 2 Bde.; Überblick über die Trias, mit Berücksichtigung ihres Vorkommens in den Alpen, ebda. 1864. 2) Sophie, geb. Mödinger (Psend. Sophie Verena), geb. 5. Aug. 1826 zu Potsdam. Beliebte u. ge- müthvolle deutsche Roman-Schriftstellerin. Erhielt die erste Anregung zu dichterischem Schaffen im Vaterhanse, wo Musik u. Dichtkunst gepflegt wurden. Sie trat zuerst mit der anmuthigen, tief empfundenen Novelle Else, Berl. 1856, an die Öffentlichkeit. Ihre mittlerweile erfolgte Vermählung mit dem geistvollen Stadtschulrath A. in Stettin (st. 1870) förderte die Entwickelung ihres schönen Talents. Ihre weiteren Romane: Ein Sohn des Südens, Jena 1859, Photographien des Herzens, Berlin 1863, Über Alles die Pflicht, Berlin 1870, und Ans allen Kreisen, Berlin 1873, sind warnt empfundene, höchst anmuthige Schöpfungen. Neben diesen eigenen Dichtungen lieferte sie vortreffliche Übersetzungen ans dem Englischen. Sie lebt z. Z. (1874) in Potsdam. Albertina, 1) Universität zu Königsberg in Preußen; 2) Universität zu Freiburg im Breisgau. Albertinelli, Mariotto, ausgezeichneter Maler, geb. 1475 zu Florenz, st. daselbst 1520; sollte Goldschläger werden, ging aber in die Schule Cosimo Rosellis, arbeitete täuschend in der Manier seines Mitschülers Fra Bartolomeos n. mit diesem gemeinschaftlich, so das Jüngste Gericht im Krenz- gange von Sta. Maria Nuova in Florenz n.Himmel- fahrt Mariä im Berliner Museum. Ein vortreffliches Bild, Heimsuchung der Marian. Elisabethen der Galerie der Ufficien zu Florenz (Stich von V. della Brunn); weitere Werke in der Akademie zu Florenz, Münchener Pinakothek, in Rom, Vi- terbo, Florenz, im Louvre zu Paris rc. Zu seinen besten Fresken gehört die Kreuzigung in der Certosa bei Florenz. Seine Schüler Bngiardini und Visino arbeiteten zumeist in seinem Geiste. Albertinische Linie, jüngere, jetzt königliche Linie des Hauses Sachsen (s. d.). Albert Nyanza, so v. w. Mwutan-See. Albertotypie, Albertypie, Lichtdruck, die von dem Photographen Jos. Albert in München erfundene Übertragung photographischer Bilder. Dieses ganz eigenthümliche und bis jetzt unübertroffene Druckverfahren, welches auf der Eigenschaft der Gelatine beruht, mit chromsaurcn Alkalien vermischt durch Belichtung unlöslich und zur Aufnahme fetter Farben geeignet zu werden, ist im Wesentlichen folgendes. Eine Spiegelglasscheibc wird mit einer Mischung von Eiweiß u. doppeltchromsaurem Kali übergoffen; nach dem Trocknen wird die Schicht von der Glasseite her kurze Zeit dem Tageslichte ausgesetzt; die Scheibe wird dann ! ! t 361 Albertrandh — Albi. mit einer Mischung von Gelatine und doppeltchromsaurem Kali übergossen, nach dem Trocknen unter dem zu reproducirenden Negativ dem Lichte ansgesetzt, mit Wasser ausgewaschen, auf einen Lithographiestein gekittet, mit fetter Farbe eingewalzt und in der lithographischen Presse gedruckt. Die A. beseitigt einmal das größte Gebrechen der Photographie, die Vergänglichkeit ihrer Abdrücke, und macht sodann auch eine viel vortheil- hastere und raschere Herstellung möglich. S. auch Photographie. Albcrtrandy, Jan Baptist, Geschichtsforscher, geb. 1731 zu Warschau aus italienischer Familie; wurde 1750 Jesuit und Professor am Collegium zu Pultusk, dann zu Plock u. Wilna; war Bibliothekar der Zaluskischen Bibliothek in Warschau u. seit 1764 Erzieher des nachherigen polnischen Justizministers Lubieuski, mit dem er ins Ausland reiste. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens in Polen 1773 von König Stanislaus August zu seinem Vorleser u. Bibliothekar gemacht, sammelte er in dessen Aufträge in Rom, Stockholm u. klpsala einen 200 Bände reichen historischen Stoff als Material für die polnische Geschichte. Als im 1.1800 Friedrich Wilhelm III. die Gründung der Warschauer Gelehnen-Gesell- schaft bestätigte, ward A. ihr erster Präses und verblieb in dieser Stellung bis zu seinem Tode 1808. Er schr. in polnischer Sprache: Geschichte der Römischen Republik; Römische Alterthümer nach Münzen erklärt; Jahrbücher des Königreichs Polen, 1768; Regierung des Heinrich Valois n. Stephan Balhory, 2 Bde., 1823; Die Regierung der Jagellonen Kasimir, Johann Albrecht u. Alexander, 1826, 2 Bde. Albertus Msgnus, Albert der Große, geb. um 1200 zu Lauingen in Schwaben als Albrecht, Graf von Bollstädt; Schüler des Jordanus, seit 1223 Dominikaner und Lehrer an den Ordensschulen zu Regensburg (daher Ilatisbonsiwis), Köln (^1. äs 6olvnin) u. Paris, erklärte 1230 in Paris gegen das kirchliche Verbot den Aristoteles, war 1255—59 Ordcnsprovincial in Deutschland, 1260 Bischof von Regensbnrg, ging aber schon 1262 in sein Kloster nach Köln zu seinen Wissenschaften zurück. Er heißt „der Große" vom Umfang theils der Wirksamkeit als Lehrer seiner Zeit in Rede u. Schrift, thcilsdesgelehrtenWissens in allen Gebieten. Er besonders führte den Aristoteles in die Schulen ein u. nahm auch viel von der jüdischen Kabbala, welche Physik u. Metaphysik vermischt, in die Philosophie u. Theologie herüber, weshalb ihn das Volk für einen Zauberer hielt. Papst Urban VIII. sprach ihn 1637 selig. Werke, heransgegeben von Jammy, Lyon 1651, 21 Bde. Vgl. Sighart, A. M., sein Leben und seine Wissenschaft, Regensb. 1857; F. A. Pouchet, List, äes soisnoso natnrslkos an mozen-A§s, on Xlbsrt ls dranä, Par. 1853. Albertusthaler, niederländische Silbermünzc, von ungefähr 4^ Mk. Werth, seit 1598, als Erzherzog Albert die Niederlande von Philipp II. von Spanien übernahm, nach dem Reichsfuße geprägt, im Avers das burgundische Kreuz mit dem goldenen Vließ; fanden bald allgemeinen Eingang u. galten in Livland, Kurland u. Semgallen bis 1810. Es gab außerdem braunschweigische, kurländischc und ungarische A., holsteinische u. selbst preußische, unter König Friedrich II. 1767 u. Friedrich Wilhelm II. 1797 geprägt. Auf den A. gingen 3 Albertus- gulden u. als Rechnungsmünze i'n Livland, Kurland u. Semgallen 90 Albertnsgroschen. Albertverein, erster, auf die Genfer Convention basirter internationaler Frauenvcrein in Europa, am 14. September 1867 von der damaligen Kronprinzessin, jetzigen Königin Carola von Sachsen, zur Schulung von weltlichen Krankenpflegerinnen u. zur Pflege Verwundeter in Kriegszeiten gegründet und nach dem damaligen Kronprinzen, jetzigen König Albert von Sachsen, benannt. Dieser Verein übt in Friedenszeitcn die ambulante Armenkrankcnpflcge in ausgedehntester Weise, unterhält Polikliniken für fast alle Krankheiten nicht allein in Dresden, sondern auch an anderen Orten des Landes, u. verdient wegen seiner außerordentlich segensreichen Thätigkeit im Kriege 1870/71 eine ausgezeichnete Erwähnung. Ende 1869 aus 26 Zweigvercincn mit 2140 Mitgliedern bestehend, war derselbe während des Deutsch-französischen Krieges auf 31 Zweigvereine mit 4885 Mitgliedern angewachsen. Ohne das geschulte Eingreifen dieses Vereins würde das Elend, das der plötzlich hereinbrechende Krieg im Felde u. in der Heimath mit sich brachte, ebenso groß gewesen sein, wie es sich in Frankreich entwickelte. Auch nach dem Kriege besteht das Hauptaugenmerk des Vereins darin, seine Thätigkeit rastlos fortzusetzcn, indem er der Negierung seinen Beistand für Epidemien rc. zur Verfügung stellte; ferner sucht derselbe nach wie vor für Schulung von Krankenpflegerinnen Sorge zu tragen und deren Zahl zu vermehren. Albertville, Hauptst. des gleichnamigen Arr. im französischen Dep. Savoie, am Arly oberhalb dessen Mündung in die Jsöre, an dem Vereinigungspunkte von fünf Thälern; hat kkntcrpräfect, Tribunal, Fricdensgericht, Normalschule, ausgezeichnete Schicferbrüche, Blei- u. Silberschmelzwcrk; 4430 Ew. 1835 aus der Vereinigung der beiden Orte Conflans und l'Hopital entstanden und dem König von Sardinien, Albert, zu Ehren so be. nannt. Nach Gesetz vom Mai 1874 sollen bciN- Festnngswerke anfgefllhrt werden. Alberns, Erasmus, s. u. Alber 2. Albi, Hauptst. des gleichnamigen Arr. des französischen Dep. Tarn u. des Dep. selbst, am Tarn, über welchen 2 Brücken führen (die eine aus dem 13. Jahrh.), und an der Eisenbahn (Perigncux- Tonlousc); Präfectur, Erzbischof, Hauptseminar, Tribunal erster Instanz, Assisenhof, Friedensgericht, Handelstribunal, Lyceum, Normalschule, Museum, Bibliothek von 14,000 Bänden, Theater. Unter den Gebäuden sind zu nennen: der erzbischöfliche Palast ans dem 13. u. 14. Jahrh., festungsartig gebaut, die Kathedrale (1282 angcfangen, 1480 geweiht, 1512 vollendet, neuerdings restaurirt) ist ein außerordentlich kühner Backsteinban mit einem 78 in hohen Thurme, die Kirche S. Salvy kn romanischem Stil, der Jnstizpalast, die Präfectur, das schöne Lyceum n. a.; 16,600 Ew., welche Anis, Koriander, Safran, Pastel, Wein bauen, Leinwand, Kattun, Tischwäsche, baumwollene Decken, Bürsten, Glas, Kerzen, Fadennndeln, Ligneur (Anis, Absinth rc.). 362 Albigenser Hüte rc. sabriciren. A. ist Geburtsort La Peyrouses, welchem 1843 eine Bronzestatue errichtet wurde. Im Alterthum hieß die Stadt XldiZa u. gehörte zum Aquitanischen Gallien. Die Umgegend von A., im Mittelalter ^.UÜAeois genannt, bildete eine Grafschaft in Ober-Languedoc u. fiel im 13. Jahrh. an die Grafen von Toulouse. Sie war Hauptsitz der Albigenser u. Schauplatz der Albigenser-Kriege. Albigenser, gemeinschaftlicher Name aller sogenannten Ketzer, die durch ihre sittliche Strenge und evangelische Gesinnung in Conflict mit dem Klerus gekommen waren u. sich nach SFrankreich gefluchtet hatten; so nannte inan daher die Anhänger Peters v. Bruis, Heinrichs v. Lausanne, die Katharer, auch die Waldenser. Sie hießen anfangs krovinoialss Imsrotioi (die Ketzer in der Provence oder Toulousische Ketzer) u. seit Anfang des 13. Jahrh. A-, weil die ersten kriegerischen Unternehmungen gegen sie in Albigeois stattfanden. Sie waren schon 1119 auf dem Concil von Toulouse verdammt worden, und 1179 von dem 3. Lateranconcil zur Unterdrückung mit Gewalt vernrtheilt; doch hatten weder feindliche Angriffe, noch friedliche Missionen von Seiten der Kirche die Ausbreitung der A. in SFrankreich bis nach Oberitalien hindern können, so daß sie gegen Ende des Jahrh. in dem ersteren die herrschende Partei waren, die den Klerus mehr u. mehr verdrängte; ein hervorragender Führer Gras Roger v. Beziers. Energisch trat Papst Jnnocenz IH. gegen sie auf. 1198 sandte er zwei Legaten mit unbeschränkter Vollmacht zur Vertilgung der Ketzerei ab, deren erste Erfolge mehr scheinbare waren, gleichwie die von Peter von Castelnau in Verbindung mit Do- minicns, Stifter der Dominikaner, unternommene Bekehrung durch Religionsgespräche resultatlos blieb. Der Elftere wurde 1208 von unbekannter Hand ermordet; der schon lange der Curie verdächtige, dieser That fälschlich bezichtigte Gras Raimund VI. von Toulouse rettete sich 1209 durch demüthige Unterwerfung vor dem Angriffe des gegen ihn gepredigten Krenzzuges. Das Kreuzheer wandte sich nun, den wüthendcn Arnold v. Citaux als päpstl. Legaten an der Spitze, gegen den Grafen Ray- mund Roger. Beziers wurde mit Sturm genommen, verwüstet n. zerstört u. die Bewohner niedergemetzelt. Zäher war der Widerstand Carcassonnes unter Anführung Raimund Rogers. Endlich mußte die Stadt capituliren; den Bedingungen der Ca- pitulation entgegen wurden über 400 Bürger verbrannt; Raimund Roger wurde in den Kerker geworfen, wo er umkam, seine Güter dem Grafen Simon von Montfort geschenkt, der nun den Oberbefehl übernahm und schrecklich hauste. Hierauf wandte sich bas Heer 1211 gegen Raymnnd von Toulouse, der verdrängt und seines Besitzes für verlustig erklärt wurde; dem es aber, nach dem Tode seines Hanptgegners Simon von Montfort, 1^8, gelang, sein Land wiederzuerobern und bis zu seinem Tode 1222 zu behaupten. Durch einen neuen Krenzzng und die Betheiligung des Königs Ludwig VIII. von Frankreich wurde endlich Graf Raimund VII. 1229 zur Unterwerfung gezwungen; die Reste der A. durch die von Papst Gregor IX. eingerichtete u. von den Dominikanern betriebene Inquisition unter furchtbaren — Willi. Gräuelthaten ansgerottet. Vgl. Basnage, Historie äs In rsiiZiou äss öglisss relormses, Rotterdam 1725; Simonde di Sismondi, Die Krenzzüge gegen die A., aus d. Franz., Lpz. 1829; Faber, In- guir/ into tilg iüstor^ anä tirsoio^ ok tirs anorsnt Vailonsss auä VIbiAsnsss. Lond. 1838; Fauriel, 6rvisaäs oontrs iss X1di§sois, Paris 1838; Hahn, Gesch. der Ketzer im Mittelaller, Stnttg. 1845—47, Bd. 1; Peyrat, Rrstairs äss LIbiFsois, Par. 1870—72. Albignac, Phil. Franc. Maur., Graf d'A., geboren in Milhaut 1775. Mit seinem Vater emigrirte er 1792 n. nahm in Österreich Dienste; nach dem 18. Brumaire kehrte er nach Frankreich zurück, trat 1806 als gemeiner Ordonnanz-Gens- d'arm der kaiserlichen Garde wieder ein u. avan- cirte bis zum Obersten. Nach Auflösung dieses Corps trat er 1807 in westfälische Dienste, wurde Flügeladjntant des Königs Jerome u. stieg schnell bis zum Divisions-General, Großstallmeister und Kriegsminister, auch ernannte ihn derselbe zum Grafen von Ried. 1809 verfolgte er mit einigen tausend Mann Westfalen n. der holländischen Division Gratien das Freicorps Schills. Darauf begleitete er den König von Westfalen auf seinem Zuge gegen den Herzog von Brannschweig, kehrte dann nach Frankreich zurück, machte den Feldzug 1812 in Rußland als Chef des Generalstabes des 6. Armeecorps unter St. Cyr mit, organisirte 1813 die 4. Reservedivision im Departement Gard. 1814 schloß er sich den Bourbonen an, ging 1815 als Ordonnanzoffizier des Herzogs von Angou- lbme mit diesem nach Gent, ward daun im Kriegsministerium Generalsekretär u. endlich Gouverneur der Kriegsschule zu St. Cyr. Zum Marschall ernannt, st. er 1824. , Alüini, Franz Joseph Martin, einMann, der wegen seiner deutschen Gesinnung von dem Historiker Johannes von Miller dem „großen Charakter" Stein als ebenbürtig zur Seite gestellt wird. Er ist der Enkel Joseph Anton A-s, der, aus Schwaben stammend, 1763 ein Reichsritter- Diplom erhalten hatte. Geb. den 14. Mai 1748, studirte er zu Pont-ü-Monsson, Dillingen u. Würzburg die Rechte, prakticirte beim Reichshofrath, ward 1775 Assessor am Reichs kammergericht zu Wetzlar, wurde 1787 Geh. Reichsreferendar des Erzkanzlers Kurfürsten von Mainz, in welcher Thätigkeit Kaiser Joseph II. ihn kennen lernte u. ihn mit außerordentlichen Missionen an verschiedene deutsche Höfe betraute. Nach des Kaisers Tode 1790 trat er in Kurmainzische Dienste, in denen er endlich kurfürstlicher Staats- n. Conferenz- minister u. Hofkanzler wurde. Als die Franzosen Mainz überzogen, hielt er bis zum letzten Augenblicke aus u. unterschrieb auch nicht die Kapitulation der Festung. 1797 war er kurfürstlicher Gesandter auf dem Reichsfriedenscongreß zu Rastatt. Nachdem daselbst seine Proteste gegen die französische Occupatio» von Mainz wirkungslos geblieben waren, schloß er einen Subsidienvertrag mit England, rief einen Mainzischen Landsturm von 16,000 Mann ins Leben, an dessen Spitze er die Franzosen bei Hattenheim, Höchst n. an der Nidda schlug. Am 24. Nov. 1800 führte er bei Aschaffenburg einen erfolgreichen Überfall gegen den Ge- Albüü-Brättdlinsches neral Dnmoncean aus. Als nach dem Luneviller Frieden der Kurfürst Friedrich Karl von Ecksal starb, blieb A. auch unter dessen Nachfolger, dem bisherigen Coadjutor von Dalberg, der erste Manu am geistlichen Hofe u. hielt bei Dalberg, als dieser das Großherzogthum Frankfurt erhielt, als dessen Minister der auswärtigen Angelegenheiten aus. Als dieser Staat 1813 zerfiel, stellten ihn die Verbündeten an die Spitze der in Frankfurt gegründeten provisorischen Verwaltung. 1815 trat er in österreichische Dienste n. wurde 1816 zum ersten Bnndcstags-Präsidial-Gesandten ernannt; er starb jedoch auf dem Schlosse bei Driburg, bevor er in diese Stellung eintreten konnte, am 8. Jan. 1816. Mit seinem am 10. März 1794 geborenen Sohne Friedrich Karl Joseph, der als bayerischer Hauptmann den 19. Mai 1823 ohne Nachkommenschaft starb, erlosch das ruhmreiche Geschlecht der Reichsfreiherren von A. Albini-Brändlinsches Gewehr, s. Gewehr. Albinismus (v. lat. albus, weiß; Osncnstbio- xia, Osucopatiria, Osncosis), eigenthümlicher, bei Menschen und Thieren gefundener pathologischer Zustand, welcher seinen Grund hat in dem mehr oder minder vollständigen Mangel an Farbstoff in Haut, Haar und Auge. In Folge davon ist die Haut sehr hell, milchweiß, das Haar weiß, während die Regenbogenhaut des Auges blaßroth u. die Pupille tiefroth erscheinen, weil bei ihnen die Blutgefäße durchschimmern. Die Haut ist empfindlich; auch wird das Auge von größerer Lichtfülle unangenehm berührt, daher Blinzeln der Augen u. Lichtscheu. Die Grunde dieses Farbstoffmangels sind unbekannt. A. ist stets angeboren, theils erblich, theils Plötzlich erscheinend; unheilbar. Daher: Albmo (Kakerlak), ein Mensch oder ein Thier im Zustande des Albinismus. Hierher gehörende Menschen sind meist schwächlich; häufiger unter den Negern, seltener bei hell gefärbten Nationen. Bon Thieren bemerkenswert!): die weißen (heiligen) Elefanten, Frettchen, Kaninchen und Mäuse; seltener bei Affen, Eichhörnchen, Natten, Hamstern, Maulwürfen; von Vögeln bei Raben, Tauben, Cana- rienvögeln, Pfauen rc. Auch Bienen, die weniger dunkel gefärbt u. weniger kräftig ausgebildet sind, nennt man so (Albeln). Albinovaims, Pedo, römischer Ritter, ein Dichter n. Freund Ovids; schr. Epopöen über die Thaten des Theseus n. besang einen Stoff seiner Zeit, vielleicht die deutschen Kriege des Germani- cus, 16 n. Ehr., sowie Epigramme (Fragmente im 4. Bd. von Wernsdorfs Oostae Int. min.). Er galt als Dichter von mittlerer Güte. Früher wurden ihm ohne Grund auch die Lonsointlo nci Oi- vinm äs morts Ornsi (eine Elegie des 15. Jahrh.) u. 2 Gedichte der Lateinischen Anthologie auf den Tod des MLcenaS (aus der Kaiserzeit) zugeschrieben. Albinus, Bernhard Siegfried, geb. zu Frankfurt a. d. O. 1697, 1721 Professor der Anatomie n. Medicin zu Leyden; st. 9. Sept. 1770; einer der berühmtesten Anatomen seiner Zeit, dessen Vorlesungen selbst von promovirten Ärzten aus fast allen Ländern Europas besucht wurden. Er schr.: Os ossibns corporis Immani; Ölst, mns- Gewehr — Alboni. 363 oniornm; Oabulns sosloti st mnscuiorum corporis linmani. Albto (Albion), Heerführer der Sachsen, vermählt (angeblich) mit Gisela (Hasela), Wittekinds Tochter; machte 774 mit seinem Schwiegervater Witcekind einen Einfall in den fränkischen Hessengau; von Karl d. Gr. geschlagen, entwichen Beide nach Nordalbingien, unterwarfen sich aber 785 u. ließen sich zu Artigny taufen. Vgl. Abel, Jahrb. des Fränkischen Reiches unter Karl d. Gr., I., Berl. 1866. Albion, 1) (celt., d. i. Bergland) älterer Name für Britannia. 2) Alter Name für die NWKüste von NAmerika. 3) Hauptort des County Orleans im Staate New-Iork, amEriekaual u. der Rochester- Lockport-Niagarafall-Eisenbahn; hat 5 Kirchen, 2 Banken; 3500 Ew. Albiouprcsse, Handpresse für Buchdrucker; zuerst von R. W. Cope in England hergestellt. Albireo, Stern im Schwan (s. d.). Albis, lateinischer Name der Elbe. Albis, 3—4 üm breiter, 20 üm langer Nagel- flnh-Höhenzng im schweizerischen Kant. Zürich, am unteren Züricher-See; höchster Punkt der Bürglen- stutz (918 m); seine umfassendste Nnndsichtstelle die Hochwacht (880 m, Panorama von Keller); sein populärster Kulm der Ütli oder Uto (373 m bei Zürich), zu welchem eine Vergnügungs-Eisenbahn geführt ist. Oben großer Kurhaus-Betrieb in Entwickelung. An der südlichen Abdachung des Berges (Gemeinde Hausen) die renommirte Kaltwasser- Heilanstalt Albisbrunn (635 m) u. das Zwingli- Denkmal, wo kämpfend in der Schlacht bei Kappel 1531 der Reformator als Streiter fiel. An der östlichen Abdachung bei Zürich die Manegg, wo die Burg stand, welche im 13. Jahrh. Rüdiger von Maneß bewohnte, der Minnesänger, welcher die nach ihm benannte Liedersammluna veranstaltete. Albo, Gerichtsbezirk.des schwedischen Läns Christianstad; darin Andrarum, das älteste Alaunwerk SGothlands (seit 1637). Alboin, Sohn des Longobardenkönigs Audoin; folgte seinem Vater 561 als König in Pannonien, führte mit Hilfe der Avaren gegen die Ostgothen n. Gepiden glückliche Kriege, brach 568 mit einem durch Sachsen verstärkten Heere in Italien ein, wo er das Longobardische Reich mit der Hauptstadt Pavia gründete; s. Langobarden. Er wurde auf Mistiftcn seiner zweiten Gemahlin Rosamnnde, der Tochter des von ihm erschlagenen Gepiden- köuigs Knnimund, 572 zu Verona durch ihre Buhlen Helmigis u. Peredeo ermordet. Alboni, Marietta, geb. 1823 zu Cesena, vortreffliche italienische Alt-Sängerin, die der berühmten Fr. Bertolotti ihre Ausbildung u. Rossini das Einstndiren mehrerer Partien ans seinen Opern dankt. Sie betrat zuerst in Bologna, 16 Jahre alt, die Bühne, trat 1843 mit durchschlagendem Erfolge in Mailand n. anderen Städten Italiens ans, begleitete den Impresario Morelli nach Wien n. ging endlich nach Petersburg. Von 1844 bis Februar 1847 sang sie auf Leu größeren Bühnen Deutschlands, Ungarns n. Böhmens, wandte sich sodann von Rom ans nach London, ^wo sie neben Jenny Lind am Queens-Theater 364 Alborak — mit demselben Beifall, wie kurze Zeit darauf iu Paris bei der Italienischen Oper, sang. Nach einer Reihe von Gastspielreisen durch Spanien, Nord- u. Südamerika hcirathcte sic 1854 in London den Grafen Carlo Pepoli u. entsagte nach dessen Tode (1866) der Bühne. Auber hat für sie die Partie der Zerline im Orangenkörbchen geschrieben. Alborak, Name eines dem Esel u. Maulesel ähnlichen Thieres, ans welchem, nach dem arabischen Interpreten des Koran, Mohammed in der Nacht der Auffahrt bis in den 7. Himmel geritten sein soll. Albornvz,GilAlvarezCarrillo,ausCuenya üt Neucastilien (Spanien), Almosenier des Königs Alfons XI. von Castilien, dann Archidiakon von Calatrava n. zuletzt Erzbischof von Toledo. Staatsmann u. Krieger zugleich, nahm er an den Kämpfen gegen die Mauren theil, rettete in der Schlacht von Algesiras dem König das Leben u. leitete die Belagerung von Algesiras 1342—44. Bei Peter dein Grausamen in Ungnade gefallen, flüchtete er zu Papst Clemens VI. nach Avignon, der ihn zum Cardinal ernannte. Papst Jnnocenz Vl. sandte ihn als Legaten nach Rom (1354), wo er für die Wiederherstellung der päpstlichen Macht erfolgreich wirkte, 1357 Cesena eroberte und es durchsetzte, daß Papst Urban V. 1367 wieder nach Rom zurückkchren konnte. Er st. 24. Aug. 1367 zu Viterbo; schr. ein interessantes Werk über den damaligen Krieg in Italien zu Gunsten oer Römischen Kirch'e, das 1473 zu Jesi erschien. Vgl. Scpulveda, Listoria cks doUo in Itaita, eonkoeto ad X-gg'. Xtdornotio, Bologna 1623. Albrecht, deutscher Name, s. I. Weltliche Fürsten. X) Deutsche KnstVr: 1) A. I., ältester Sohn des deutschen Königs Rudolf von Habsbnrg, geb. 1248; wurde 1273 Landgraf in Ober-El>aß und erhielt 1283 Österreich und Steiermark als Lehen; nach seines Vaters Tode wählten die Fürsten ans Veranlassung des Erzbischofs von Mainz, Gerhard von Eppcnstein, nicht ihn, von dem sie wegen seiner bedeutenden Hausmacht Gefahr für ihre Unabhängigkeitsgclüste befürchteten, sondern Adolf von Nassau; als aber dieser seine Versprechungen nicht hielt, wurde A. 1298 als Gegcnkönig ausgestellt, wodurch die Entscheidung dem Schwerte anheimsiel. Es kam bei Göllheim zum Kampfe, wo Adolf fiel, wie inan sagt, von der Hand A-s, der im August desselben Jahres in Aachen gekrönt wurde. Dem Papste Bonisacius VIII., der ihn nicht anerkennen wollte» und dem mehrere Kurfürsten beistinimtcn, trat er kräftig entgegen, verband sich sogar mit dem Feinde des Papstes, König Philipp dem Schönen von Frankreich, bändigte die feindlichen Fürsten, ließ sich aber später ans Unterhandlungen mit dein Papste ein, wobei er sogar dessen höheren Rang zngab. Endlich aber gericth er durch sein Streben nach Erweiterung seines Fainilicnbesitzes in mehrfache Händel mit Böhmen, Thüringen u. den Friesen; sein Conflict mit den schweizerischen Waldstättcn beruht dagegen auf sagenhafter Überlieferung. Bei Lucka in Thüringen erlitten seine Truppen 1307 eine Niederlage durch den Landgrafen Friedrich mit der gebissenen Wange, wodurch die kaiserlichen Ansprüche auf Thüringen u. Osterland beseitigt wur- - Albrecht. den. Bet einem Zuge in die Schweiz wurde er am 1. Mai 1308 ans Len Ruinen von Vindonissa (Windisch) bei Brugg, in der Nähe der Habsbnrg, von seinem Neffen Johann von Schwaben und dessen Mitvcrschworenen ermordet, wofür aber seine Wittwe blutige Rache übte. A. war vermählt mit Elisabeth, Tochter des Grafen Meinhard II. von Tirol, die ihm 11 Kinder gebar, darunter die Herzöge Friedrich denSchönen ».Leopold (s.Österreich). Vgl. A. Mücke, A... I. v. Habsburg, Gotha 1867; A. Preger, A. v. Österreich u. Adolf v. Nassau, 2.Ausl., Lpz. 1869; E.Kopp, Geschichte der eidgenöss.Bünde, з. Bd. (König Albrecht n. seine Zeit). 2) A. II., Sohn A-s IV. von Österreich, geb. 1399 (1397); folgte seinem Vater (1404) unter Vormundschaft H^'zog Wilhelms des Artigen u. seit 1405 unter der, seines Öheims Leopold des Dicken als A. V. in Österreich u. übernahm 1411 die Regierung selbst; s. Österreich. Er vermählte sich 1422 mit Elisabeth, der Tochter des Kaisers Sigismund, u. ward dadurch nach dessen Tode 1437 König von Ungarn и. 1438 auch von Böhmen, worauf er auch die Wahl zum deutschen König annahm, aber schon 27. Oct. 1439 auf einem Zuge gegen die Türken bei Gran starb. L) König von Schweden: 3) A., Sohn des Herzogs A. I. von Mecklenburg, wurde von den mit Magnus II. unzufriedenen Schweden 1363 zum König gewählt, machte sich aber ebenfalls mißliebig, worauf die Unzufriedenen die Königin von Dänemark u. Norwegen auch ans den schwedischen Thron erhoben. Im Kriege mit dieser wurde er 1389 bei Falköping mit seinem Sohne Erich gefangen, bis 1395 in Lindholm in Haft gehalten und entsagte 1404 dein Throne. Nach Mecklenburg znrückgekehrt, wo er als A. II. regierte, st. er dort 1412 (1416). Er war vermählt mit Richarde, Tochter des Grafen Otto von Schwerin (st. 1380), dann mit Agnes von Brannschweig. Vgl. Lisch, A. II., Herzog von Mecklenburg, Schwerin 1835. 6) Andere regierende Fürsten: n) Herzog von Bayern: 4) A. IV., der Weise, Sohn vou A. III., geb. 15. Dec. 1447, erhielt das Hcrzogthum 1465 nach dem Rücktritte seines -Bruders Sigismund und st. nach einer unruhigen Regierung 10. März 1508; er führte die Primogenitur im Hanse Bayern ein ,(s. cbd.). Er war vermählt mit Kunigunde von Österreich, Tochter des Kaisers Friedrich III. Seine Tochter Sabine war mit dem Herzog Ulrich von Württemberg vermählt. Vgl. Silbcrnagel, A. IV., Münch. 1857. b) Markgraf Hon Bayreuth und Kulmbach: 5) A. Alcibiades oder der Krieger, Sohn des Markgrafen Kasimir, geb. zu Ansbach 28. März 1522, erhielt 1541 Bayreuth durch das Loos; ein kriegerischer, ausschweifender Fürst, der bald gegen Kurfürst Moritz von Sachsen (wo er 1547 in Rochlitz gefangen wurde), bald mir diesem für die Protestanten focht; 1552 trennte er sich wieder von ihm und führte, in die Grnmbachschen Händel verwickelt, den sogenannten Markgräflichen Krieg gegen den Bischof von Würzburg; er ward geächtet n. im Kampfe besiegt, worauf er eine Zeit lang landlos umherirrte u. endlich nach Frankreich floh. 1556 kehrte er nach Deutschland zurück und st. 1557, nach Anderen 1555 in Pforzheim; s. Bayreuth. Er dichtete das Lied: Was mein Gott will, geschch' 365 Albrecht. allzeit. Vgl. Voigt, Markgraf N. Alcibiades, Bert. 1852, 2 Bde. o) Markgrafen n. Kurfürsten von Brandenburg: 6) A. I-, der Bar oder der Schöne, gcb. nach der gewöhnlichen Angabe 1106, Sohn des Grafen Otto des Reichen von Ballenstädt; folgte 1123 seinem Vater als Graf von Balleu- städt u. Aschersleben, erhielt 1124 von Heinrich V. und 1125 vom Kaiser Lothar II. die Lausitz als Reichslehen, wurde 18. Febr. 1126 auf einem Zuge mit dem Kaiser gegen Böhmen von dem Herzog Sobieslav I. gefangen, zog 1132 mit Lothar nach Nom u. erhielt statt der 1131 verlorenen Lausitz 1134 die Nordsächsische Mark n. vom Kaiser Kon- rad III. 1138, nachdem sein Schwager, Heinrich der Stolze von Bayern, geächtet worden war, das Herzogthum Sachsen, das er aber nicht behaupten konnte. In dem Frieden mit Heinrichs Sohne, Heinrich dem Löwen, 1142, behielt er die Mark Nordsachsen u. erhielt für den Verlust des Herzogthums Sachsen das schwäbische Erzkämmercramt; dann eroberte er die Mittelmark und einen Theil der Neumark u. stiftete die Markgrasschaft Brandenburg. 1147 machte er den Krenzzng gegen die Wenden mit, lag 1150 u. 1152 mit Heinrich dem Löwen in Fehde, wallfahrtete 1158 nach dem gelobten Lande u. gab 1160 seinen Söhnen Anthcil an der Regierung. 1166 — 69 nahm er wieder an dem Kampfe mit Heinrich dein Löwen theil, jedoch ohne Glück. Er st. 18. Nov. 1170 n. wurde zu Ballenstädt beigcsetzt. Er war vermählt in 2. Ehe mit Sophie, Tochter des Grafen Otto von Reineck, nach Anderen Friedrichs von Hohenstaufen (st. 1160); er hatte 4 Töchter und 7 Söhne. Vgl. Heincmann, A. der Bär, Bannst. 1864. 7) A. III., Achilles oder Ulysses, 3. Sohn des Kurfürsten Friedrich II., geb. zu Tangcrmünde 24. Nov. 1414; erhielt 1440 von seinem Vater Franken unterm Gcbirg (Ansbach), 1464 von seinem Bruder Johann Franken über dem Gcbirg (Bayreuth), 1470 von seinem Bruder Friedrich II. das Knr- sürstenthumBrandenburg, behielt aber seinenWohn- sitz in Ansbach (auf der Kadolzbnrg) bei, während sein Sohn Johann Cicero als Statthalter in Brandenburg residirte; er st. 11. März 1486 in Frankfurt während der Königswahl Maximilians I. Ausgezeichnet durch ritterliche Tapferkeit, feine Bildung n. große Klugheit, hielt er treu znm Kaiser Friedrich III. u. war mit Herzog Albrecht von Sachsen (A. 15) dessen hauptsächlichste Stütze. Näheres s. unter Brandenburg. Er war vermählt mit Margarethe von Baden (1457) n. in 2. Ehe mit Anna, Tochter des Kurfürsten Friedrich II. von Brandenburg (st. 1512). ä) Herzog von Brau tschweig: 8) A. I., lonZns oder der Große, auch der Löwe, Sohn von Otto dem Kinde, gcb. 1236 u. folgte 1252 seinein Vater; er führte 1256 eine glückliche Fehde gegen den Erzbischof Gerhard von Mainz, unterstützte seine Schwiegermutter, Sophie von Brabant, im Thüringischen Erbfolgekriegc u. die Königin Margarethe von Dänemark gegen Schleswig und Holstein. Als er sich 1263 wieder am Kriege um Thüringen betheiligte, wurde er am 27. Oct. best. I. bei Besenstädt von den Söhnen des Markgrafen Heinrich gefangen und erst 1264 freigegeben. Die folgenden Jahre machte er einen Zug gegen die heidnischen Preußen u. thcilte 1267 mit seinem Bruder Johann, wobei er Wolfenbüttel erhielt; wurde Vormund des jungen Königs Erich von Dänemark und st. 1279; s. Brannschweig u. Thüringen. Vermählt mit Elisabeth, Tochter des Herzogs Heinrich von Brabant, n. in 2. Ehe seit 1265 mit Adelheid, Tochter des Markgrafen Bo- nifacius von Montferrat. s) Markgrafen zu Meißen: 9 ) A. I., der Stotze, der älteste Sohn Ottos des Reichen, mit welchem er in offenem Kriege 1188 und 1189 wegen der Erbfolge in Meißen lebte; nach dem Tode seines Vaters 1190 Markgraf, wurde er auf dem Wege nach Meißen, angeblich auf Anstiften des Kaisers oder der Alten- zellcr Mönche, vergiftet (1195); s. Meißen. Vermählt mit Sophie, Tochter des Herzogs Friedrich von Böhmen. 10 ) A. II., der Ausgeartete (.41- bsrtua ÜsKsner), auch der Unartige genannt, ältester sohn Heinrichs des Erlauchten, geb. 1240, seit 1265 Landgraf von Thüringen n. Pfalzgraf von Sachsen n. seit 1288 Markgraf von Meißen. Er war vermählt seit 1256 mit Margarethe, Tochter des Kaisers Friedrich II., entbrannte aber in Liebe gegen ein Hoffräulein, Kunigunde von Eisen- bcrg, und kam darüber mit seiner Gemahlin in Zwist, weshalb dieselbe von der Wartburg 24. Juni 1270 entfloh n. bald darauf in Frankfurt starb, worauf sich A. mit Kunigunde vermählte. Seinen mit dieser gezeugten Sohn Albrecht ließ er legitimsten, um ihm Thüringen zuznwendcn, gerieth aber dadurch in Streit mit seinen Söhnen erster Ehe, Heinrich, Friedrich und Dietrich, von denen Heinrich während des Krieges st., Friedrich aber den Vater gefangen nahm (1288). Seine 3. Gemahlin bewirkte eine Versöhnung mit Friedrich, dem A. endlich die Regierung abtrat. Er st. 1314 zu Erfurt. Weiteres s. u. Meißen n. Thüringen. I) Hcrzöge n. Erzherzöge von Österreich: 11 ) A. II. (IV.), der Weise oder der Lahme, 4. Sohn Albrcchts I., geb. 1298, ursprünglich Geistlicher, übernahm aber nach dem Tode seiner Brüder die Regierung; er führte unglücklich Krieg in der Schweiz u. st. 16. Aug. 1358; er ist der Stammvater aller späteren Habsburger; seine Gemahlin war Johanna, Tochter des Grafen Ulrich von Pfirt; s. Österreich. 12 ) A. III. (V.), mit dem Zopfe oder der Astrolog, ältester Sohn des Vor., geb. 1348, regierte erst seit 1358 gemeinschaftlich mit seinen Brüdern n. kheilte nach Rudolfs Tode 1365 mit seinem jüngeren Bruder Lcopolo II. (III.) mehrmals, bis er endlich 1379 Österreich definitiv bekam; übernahm 1387 die Administration Äärn- thens für seinen Neffen n. st. 29. Ang. 1395 zu Laxenburg (s. ebd.); gründete die Universität in Wien. Er war vermählt mit Elisabeth, Tochter des Kaisers Karl IV. (st. 1373), dann mit Beatrix, Tochter des Burggrafen Friedrich IV. von Nürnberg. 13 ) A. VI., der Verschwender, 2. Sohn Ernst des Eisernen von Steiermark, geb. 1418; erhielt von seinem Bruder, Kaiser Friedrich III., die schwäbischen Besitzungen und später Österreich gemeinschaftlich als sein Erbtheil, lebte aber mit jenem fortwährend in Streit. Er stiftete die Universität Freibnrg im Breisgan und st. kinderlos 1463; s. Österreich. §) Herzöge von Preußen: II) A., Enkel Albrcchts III. von Brandenburg n. Sohn des Markgrafen Friedrich von Ansbach, 366 Albrccht. geb. 17. Mai 1490, Domherr zu Köln, dann 1511 Hochmeister des Deutschen Ordens in Preußen; nahm 1525 die Reformation au und ward zugleich erblicher Herzog des Landes Preußen unter polnischer Lehensherrlichkeit; st. 20. März 1568 zu Tapiau (s. Preußen); war Stifter der Universität zu Königsberg u. vermählt mit Anna Dorothea, Tochter des Königs Friedrich I. von Dänemark; in 2. Ehe mit Anna, Tochter des Herzogs Erich von Braunschweig-Lüneburg, die ihm Albrecht Friedrich, seinen Nachfolger, gebar. Ii) Herzog von Sachsen: 15) A. der Beherzte (Albertus Lnimosus), 2. Sohn des Kurfürsten Friedrich II. und der Margarethe von Österreich, geb. 17. Juli 1443; wurde mit seinem älteren Bruder Ernst 1455 ans dem Schlosse zu Altenburg durch Kunz von Kanffungen geraubt, aber gerettet (s. Prinzeuranb); wurde bereits 1459 in Eger mit Sidonie, Tochter des böhmischen Königs Georg Podiebrad, vermählt (factisch erst 1464), regierte seit 1464 nach seines Vaters Tode mit seinem Bruder, dem Kurfürsten Ernst, gemeinschaftlich, bis nach dem Anfall Thüringens 1485 die Theilung vorgenommen wurde, wobei ihm der Meißener Antheil zufiel. Er wurde Stammvater der Albertinischen Linie in Sachsen und führte in derselben das Recht derPrimogenitur ein; s. Sachsen. Er focht 1475 mit Kaiser Friedrich III. gegen Burgund u. dann gegen Matthias Corviuus von Ungarn; ward 1488 kaiserlicher Statthalter in den Niederlanden und 1498 Erbstatthalter von Friesland, wo er 12. Sept. 1500 an einer bei der Belagerung von Groningen erhaltenen Wunde in Emden starb. Vgl. Langren, Herzog A., der Beherzte, Lpz. 1838. II. Prinzen, a) Erzherzöge von Österreich: 16) A. VII., 3. Sohn des Kaisers Maximilian II. u. der Marie, Tochter des Kaisers Karl V., geb. 1559; wurde in Spanien am Hofe Philipps II. erzogen, widmete sich dem geistlichen Stande, ward 1577 Cardinal und 1584 Erzbischof von Toledo, 1594 Vicekönig von Portugal, 1596 Gouverneur der Niederlande. Nach erlangter Dispensation u. Niederlegung der Kirchenwürden heirathete er 1598 Jsabella, Tochter Philipps II.; mit ihr bekam er die katholischen Niederlande, Burgund u. Charolais als selbstständiges Reich. Über seine Regierung u. Kriege, besonders mit Moritz von Nassau, s. n. Niederlande. Im April 1609 schloß er mit Moritz den 12jährigen Waffenstillstand und st. 1621 kinderlos, daher die katholischen Niederlande wieder an Spanien fielen. 17) A., ältester Sohn des Erzherzogs Karl, geb. 3. Aug. 1817, trat 1837 als 2. Öberst in das 13. Jnf.-Regiment ein, wurde 1839, um auch den Rciterdienst kennen zu lernen, zum 4. Cürass.-Negiment versetzt, 1840 Generalmajor in Graz, 1843 Feldmarschalllieutenant u. 1845 commandireuder General von Österreich ob und unter der Enns, dann Salzburg. Nach den Märzunrnhen in Wien 1848 legte er dieses Com- mando nieder und ging zur Armee nach Italien, wo er unter Radetzky namentlich bei Santa Lucia mit Auszeichnung focht. Im Feldzuge 1849 führte er eine Division des 2. Armeecorps, welche fast immer als Avantgarde benutzt wurde, u. trug wesentlich zu den Siegen von Mortara und Novara bei. Im September dess. I. wurde A. Comman- dant des 3. Armeecorps in Böhmen u. am II.Oct. Gouverneur der Buudesfestuug Mainz; 1850 General der Cavallerie und 1851 Commandeur der з. Armee in Ungarn, sowie Militär- u. Civilgou- verneur dieses Königreiches; während des Krimkrieges befehligte er dann das Öbservationsheer an der ungarisch-türkischen Grenze. Im April 1859 wurde er mit einer Sendung an den preußischen Hof betraut, um vor Ausbruch des Krieges eine Verständigung mit Preußen herbeizuführen, die jedoch keinen Erfolg hatte, ebenso wenig wie seine Mission dahin im Frühjahr 1864. 1860 kehrte er aus Ungarn zurück u. wurde Commandeur des 8. Jnfanteriecorps und 1863 Feldmarschall. Er commandirte 1866 die Südarmee in Italien und erfocht am 24. Juni den Sieg bei Cnstozza, der freilich ans den Ausgang des Krieges ohne Einfluß blieb. Er wurde jetzt an Benedeks Stelle zum Commandeur der gesammteu österreichischen Heere ernannt, doch kam inzwischen der Prager Friede zum Abschluß. Er war seit 1. Mai 1844 mit Hildegard, Schwester des Königs Max von Bayern, vermählt (st. 2. April 1864 in Wien); seine jüngste Tochter Mathilde starb in Folge erhaltener "Brandwunden 6. Juni 1867 zu Schloß Hetzendorf,, bei Wien. Erzherzog A. besitzt weite Güter in Österreichisch-Schlesien, Ungarn u. Galizien, ans denen er großartige industrielle Etablissements betreibt,namentlichStahl-u.Eisenwerke, Holzschneidemühlen, chemische Fabriken rc., Währendseine Güter in Ungarn sich durch großartige Viehzucht auszeichnen. d) Von Preußen: 18) A., geb. 4. Oct. 1809, 4. Sohn des Königs Friedrich Wilhelm III., ! trat, wie alle preußischen Prinzen, in seinem 10. Jahre (4. Oct. 1819) in die Armee als Second- Lieutenant ein, ward October 1828 Major im 1. Garde-Reg. zu Fuß, 1831 Oberst, 1833 Generalmajor und Commandeur der 6. Cavallerie- Brigade, 1842 Generallieutenant, 1852 General der Cavallerie, 1871 Generaloberst der Cavallerie, woinit der Rang eines General-Feldmarschalls verbunden ist, 1872 im September russischer Feldmarschall, Chef des lithauischen Dragoner-Reg. Nr. 1 Prinz A. von Preußen, des 7. branden- burgischen Jnfanterie-Reg. Nr. 60 n. mehrerer russischen Regimenter. Im I. 1842 bereiste er s SRußland u. den Kaukasus u. betheiligte sich an den Kämpfen gegen die Tscherkessen; 1864 nahm er ohne besonderes Commando am dänischen Kriege theil; 1866 führte er die Cavalleriereserve bei Gitschin u. Königgrätz; 1870 war er Commandeur der 4. Cavalleriedivision bei der 3. deutschen Armee, welche thätigen Antheil an dem Zuge von Weißenburg und Wörth über Sedan nach Paris nahm, ferner an den sämmtlichen Operationen gegen die Loire-Armee unter v. d. Tann, Großherzog von Mecklenburg u. Prinz Friedrich Karl bis zu Ende des Feldzuges. Dem constitnirenden и. ersten norddeutsch. Reichstage seit 1867 gehörte er als nie fehlendes Mitglied an. Er war vermählt 1830 mit der Prinzessin Marianne von den Niederlanden; 1849 von derselben geschieden, vermählte er sich 1853 mit der Gräfin Rosalie v. Hohenau, Tochter des verstorbenen Generals v. Rauch. Er st. 14. Oct. 1872. 19) Sein einziger Sohn, A. Friedrich Wilhelm Nikolaus, 367 Alvrccht. Prinz von Preußen, geb. 8. Mai 1837; 1847 als Sec.-Lieutenant in die Armee eingetreten, 1860 Major 1861 Oberst, 1865 Generalmajor, 1871 Generallieutenant und Commandcur der 20. Division (Hannovers. 1874 commandirender General des 10. Armeecorps Chef des brandenburgischen Dragoner-Reg. dir. 21. Brigadrcommandenr der Cavallerie im I 1866, führte er führend des Krieges 1870 als Generalmajor die 2. GardeCavallerie- Brigade (zum Garde-Armeecorps gehörig) in der Schlacht bei Gravelotte und bei Sedan. Am 24. Dec. verstärkte er die Armee Mantcuffels gegen die französische Nordarmee unter F-aidhcrbe n. nahm Antheil an den Kämpfen bei Bapanme und den weiteren Zügen im Norden. Bei den Operationen an der Somme, im Januar 1871, erhielt er den Befehl über ein combinirtes Detachement (2 Regimenter Infanterie, 2 Regimenter Cavallerie, nebst entsprechender Artillerie), mit dem er rühmlichst an der Schlacht bei Saint Quentin, 19. Jan., theilnahm. Er ist vermählt feit IS. April 1873 mit Marie, Tochter des Herzogs Ernst von Sachsen-Altenburg, e) Bon Sachsen: aa) Ans der Albertinischen Linie: 20) A., Herzog von Sachsen-Teschen, Sohn Augusts III., Königs von Polen und Kurfürsten von Sachsen, geb. 11. Juli 1738 zu Dresden; vermählte sich 1766 mit der Erzherzogin Christine, Tochter des Kaisers Franz I., und erhielt mit derselben das Herzogthum Teschen, hielt sich jedoch mit seiner Gemahlin, die Oberstatthalrerin in den österreichischen Niederlanden war, für gewöhnlich in Brüssel auf; befehligte Vorübergehend'l778 im Bayerischen Erbfolgekriege ein Corps in Böhmen. Nach Ausbruch des Aufstandes in Belgien 1789 ging er nach Wien u. kehrte nach der Unterdrückung desselben mit dem GeneralBender nachBrüssel zurück. Im Kriege gegen Frankreich befehligte er 1792 das Corps, das Lille blokirte, mußte aber, 6. Nov. bei Je- mappes geschlagen, Belgien räumen; 1794 zum Reichsfeldmarschall ernannt, zog er sich, als die Aufstellung einer Reichsarmee am Oberrhein un- terhlicb, nach Österreich zurück, lebte dort den Künsten, besonders der Malerei n. Kupferstichkunst, u. st. zu Wien, 11. Febr. 1822, kinderlos; Erzherzog Karl war der Erbe seiner Kunstsammlungen, welche nachher an den Erzherzog Albrccht kamen. Daraus sind lithographische Copien erschienen. Vgl. v. Vivenot, Herzog A. v. Sachsen-Teschen als Reichsfeldmarschall, Wien 1864 — 66, 2 Bde. III. Geistliche Fürsten. 21) A. II., jüngster Sohn des Kurfürsten Johann Cicero von Brandenburg, geb. 1489, wurde 1513 Erzbischof zu Magdeburg u. Administrator zu Halberstadt, auch 1514 Erzbischof zuMainz, 1518 Cardinal. Für eine Schuld von 30,000 Gulden, welche er zur Zahlung nach Rom für das Pallium von Fugger ausgenommen, erhielt er die Hälfte der in seinen Provinzen eingehenden Ablaßgelder, und der berüchtigte Mönch Tezel war sein Agent; so wurde er, der Verehrer des Erasmus u. Gönner Huttens, ein Feind Luthers. Doch versuchte er 1531 eine Vermittelung zwischen dem Kaiser und den Protestanten u. ließ 1541 die Reformation im Erzstifte Magdeburg, insbesondere in Halle, geschehen, verlegte aber seine Residenz von da nach Mainz u. starb zu Aschaffenburg 24. Sept. 1545. Vgl. I. Mai, Erzbischof A. von Mainz u. Magdeburg. 22) A., der 3. Bischof von Livland, 1198—1229, nahm seinen Sitz in dem neu erbauten Riga, vollendete mit Hilfe des von ihm 1202 gestifteten Schwertordens nach vielem Blutvergießen die Christianifirnng Livlands. IV. Schriftsteller. 23) A. von Halberstadt, Scholasticns an der Propstei Jechaburg bei Sondershausen wo er um 1210 auf Antrieb des Landgrafen Hermann von Thüringen Ovids Metamorphosen übersetzte oder vielmehr den Anschauungen und Empfindungen seiner Zeit gemäß in thüringischer Mundart nachbildeke. Von der ursprünglichen Gestalt dieses- Werkes sind nur kleine Überbleibsel einer einzigen Handschrift bekannt geworden. Das Ganze besitzen wir nur in der rohen Überarbeitung von Jörg Wickram (s. d. Art.), Mainz 1545. Vgl. K. Bartsch, A. von Halberstadt u. Ovid im Mittelalter, . Quedlinb. u. Lpz. 1861. 24) A. von Eybe, der sich wesentliche Verdienste um die deutsche Prosa erwarb, gehörte zu einem edlen, aus Frauken stammenden Geschlechts, geb. 1420; wurde Archidiaconus in Würzburg, Domherr zu Bamberg und Eichstädt, auch Kämmerling des Papstes Pins 11., st. 1475. Sein Ehezncht.sbüchlein, oder „ob einem manne sey zu nemen ein elich Weib oder nit", 1472 u. ö., dem er Novellenübersetzungcn einflocht, u. sein Spiegel der Sitten, eine Sammlung biblischer u. anderer Sprüche, Angsb. 1511, zeichnen sich durch praktische Lebensweisheit ans. Er übersetzte auch das italienische Schauspiel Philogcnia, die Menächmen und die Bacchides des Plautns, 1. Ausg. 1511. 25) A. von Scharfenberg, bayerischer Dichter, wahrscheinlicher Verfasser des um 1270 geschriebenen sogenannten jüngeren Titurel. Der Verfasser folgte den Spuren Wolframs von Eschenbach, u. Jahrhunderte lang hielt man den Altmeister selbst für den Verfasser des Werkes und dieses für die Krone deutscher Nitterbücher. Es wurde bis ins 17. Jahrh. hinein gelesen n. beschäftigte im 18. den wiedererwachten Sinn für die altdeutsche Literatur frühzeitig. Fr. v. Schlegel träumte von dessen hoher Vortrefflichkeit. Aber es ist ein ohnmächtiges, weitschweifiges, langweiliges Machwerk, gespickt mit mystischen Spielereien und Hochmüthi- ger, wenn auch für jene Zeit anzuerkennender Gelehrsamkeit und wimmelt von Reminiscenzen u. Plagiaten. Es hat schöne und reine Tugendleh- rcn, steht aber unter dem Banne der Askese und eines schroffen hierarchischen Geistes. Erster Druck (in Folio) mit dem Parcival von 1477; neue Ausgabe von Hahn, Quedlinb. und Leipz. 1842, 8. 26) A. von Kemenaten, ein alemannischer Dichter, den Rudolf von Ems im Wilhelm von Orleans (um 1235) u. Alexander (1241—50) unter den Meistern seiner Zeit als einen noch lebenden gmhmt, ist in den uns erhaltenen kleinen Bruchstücken eines in 13zeiligen Strophen abgefaßten Heldengedichtes „Goldemar" (Ausgaben in von der Hägens Heldenbuch II., Lpz. 1855, unter der Aufschrift „Dietrichs Brantfahrt", und vonZupitza im Deutschen Heldenbuche, Th. 5, Berl. 1870) gegen alle in unseren deutschen Sagendichtungen beobachtete Gewohnheit als Verfasser genannt. 368 Albrccht Albrecht, 1) Wilhelm, geb. 1789 zu Rothenburg a.d. Tauber; er wurde erst Lehrer anFellen- bergs Institut zu Hofwyl, dann Director des land- wirthschaftlicheu Instituts zu Idstein in Nassau, welches später nach Hof-Geisberg verlegt wurde; gründete auch den Landwirthschaftlicheu Verein für Nassau , dessen Secretär er war; 1849 legte er seine Ämter nieder u. st. 21. December 1868 in seinem Geburtsorte. Er gab heraus: Landwirth- schastliches Wochenblatt für Nassau; Jahrbuch des Landwirthschaftlicheu Vereins daselbst. 2) Wilhelm Eduard, geb. 1800 zu Elbing; seit 1823 Privatdocent des Deutschen Rechtes u. 1827 Professor in Königsberg u. 1830 in Göttingen, hier aber in Folge seiner Mitunterzeichnnng der Protestation gegen das königliche Patent (s. Hannover) 1837 seiner Stelle entsetzt, lehrte er seit 1839 in Leipzig, wo er 1840 ordentlicher Professor mit dem Titel Hofrath wurde. Er war 1848 einer der 17 Vertrauensmänner beim Bundestage, wo er auch mit Dahlmann den Entwurf zu der Verfassung bearbeitete; an der Nationalversammlung, von einem hannoverischen Wahlbezirke gewählt, nahm er nur kurze Zeit theil. 1863 erhielt er den Titel Geheimer Hofrath, u. 1869 trat er in den Ruhestand und hat dann nur noch im Herbste 1871 aushilfsweise wieder Vorlesungen gehalten. Durch sein 1828 erschienenes Werk: Die Gewere, als Grundlage des älteren deutschen Sachenrechtes, u. durch seine langjährigen geistvollen Vorträge ist er von bestimmendem Einflüsse ans die Fortentwickelung der Wissenschaft des Deutschen Rechtes gewesen. 3) Karl, geb. 1823; studirte 1843—48 in Leipzig. Wegen Theilnahme an den Dresdener Maiercig- nissen 1849 zu 10 Jahren Zuchthaus vcrnrthcilt, aber nach 2j- Jahren Gefängnis; in Leipzig n. Hu- bertusbnrg, die er zu eifrigem Studium der verschiedenen Stenographien n. der neueren Sprachen verwendete, begnadigt, wurde er Lehrer amMo-! dernen Gesammtgymnafinm u. der Hauschildschen höheren Töchterschule, 1869 Oberlehrer für französische n. englische Sprache an der höheren Bürgerschule für Knaben in Leipzig. Hervorragend als praktischer Stenograph u. Lehrer für Stenographie. Er sehr. u. a.: OrnmmationI Ilietio- uar^ ob tüs ImiiZnaM, Gotha 1854; Lehrbuch der Stenographie nach der calculirenden Methode, 1. Cnrsns, 25. Ausl-, 2. Cursns, 6. Ausl., kbd.; Babelsbergers Leben u. Streben, 1858, ebd. Seit 1864 Redacteur der Mg. Stenographen-Ztg. Albrechtsberger, Joh. Georg, geb. 1736 zu Kloster-Neubnrg bei Wien, einer der bedeutendsten Theoretiker u. Lehrer der Musik, Contra- pnnktisten, Kirchencomponisten u. Orgelspieler; war erst Organist in Raab n. Mölk, 1772 Hoforganist in Wien, 1792 Kapellmeister an der Stephanskirche zu Wien; st. 1809. Zu seinen Schülern gehörten Beethoven n. Seyfried. Von seinen 244 Werken (Kirchenmusikstücke u. Fugen, Oratorien, Concerte, Symphonien -c.) sind nur 27-gedruckt. Er schr.: Anweis, zur Eomposition, 3. Ausl., 1821; Sämmt- liche Schriften über Generalbaß, Harmonielehre rc., herausgcg. von Seyfried, 3 Bde., Wien 1826. Alürechtsdorf, Dorf im Gerichtsbezirke Tann- wald des böhmischen Bezirkes Gablenz, am Ka- menitzbach; 13 Glasschleifmühlen; 4254 Ew. — Albret. Albrcchtsleute, strenge Partei der Methodisten in NAmerika, welche sich selbst „Evangelische Gemeinschaft" nennt, 1803 von dem Deutschen Jakob Albrecht in Pennsylvanicn gestiftet. Alürechtsorden, 1) (Anhaliischer Hausorden Albrechts des Bären) am 18. Nov. 1836 von den 3 regierenden Herzogen zu Anhalt-Dessau, Wernburg u. Köthen gestiftet, zur Belohnung von Tugend, Verdienst, Treue, Anhänglichkeit, Talent n. Amtstreue. Er hat 3 Klassen: Großkrcuze, Com- mandeurs 1. u. 2. Klasse u. Ritter 1. u. 2. Klasse. Zeichen: ein goldener Bär in einem ovalen Reifen. Umschrift: Fürchte Gott u. befolge seine Befehle. Auf der Rückseite: Albrecht der Bär, reg. 1123 bis 1170. Band: grün mit ponceaurothen Streifen. Ordensstern: silbern n. achtspitzig; von der I.Kl. über der rechten Schulter, von der 2. um den Hals, von der 3. im Knopfloch getragen. Der Senior des Hauses ist Großmeister. Dazu eine Verdienstmedaille in Gold n. Silber mit gleichem Zeichen. 2) König!, sächsischer Orden, gestiftet vom König Friedrich August II. am 31. Dcc. 1850, s zum Andenken an den Stammvater der Alberti- nischcn Linie, Herzog Albrecht den Beherzten, zur Belohnung für bürgerliche Tugend n. hervorragende . Leistungen in Wissenschaft u. Knust; das Recht der Verleihung steht dem König zu.- Der A. besteht ans Großkrenzen, Comthuren 1. u. 2. Kl., Rittern n. Ehrenkrcnzen. Das Ehrenzeichen des Ordens für die 4 ersten Klassen besteht in einem goldenen, weiß emaillirien Kreuze mit emaillirtem Mittelschilde, ans der Vorderseite das Bild des Herzogs Albrccht von Gold, darum ein blau cmaillirter Rand mit den Worten: ^Ibsrtna ^.nimomw; auf der Kehrseite das sächsische Wappen n. im blauen Rande das Stiftnngsjahr 1850; dem Kreuze ist ein freistehender, grün cmaillirter Eichenkranz beigefügt. Das Kleinkrenz ist einfacher u. in Silber. Ordensband: grün mit weißen Randstreifen. Die ! Großkrcuze n. Comthnre 1. Kl. tragest dazu einen Stern auf der linken Brust. Albrcüa, Stadt an der Mündung des Gambia im 'Negerreiche Barra (Senegambien), französische Niederlassung u. Handelspostcn; Factorci 1857 an Großbritannien abgetreten; 7000 Ew. Albret, eines der ältesten Adelshänser des südlichen Frankreich. Ms sein Stammhaupt wird Ainanjau, Herr v. A. (im 11. Jahrh.), bezeichnet. Einer von dessen Nachkommen, Tharles, Herr v. A., i Graf von Dreux, Vicomte v. Janas, Vetter des I Königs KarlVI., ward 1402 Connetable von Frank- ^ reich, 1411 durch die Partei der Bourzuignons s gestürzt. 3 Jahre danach wieder in sein Amt ein- j geführt, befehligte er 1415 die französische Armee bei Azinconrt und verlor in dieser Schlacht sein Leben. Johann v. A. heirathete 1484 Katharina, die Schwester u. Erbin von Francois Phöbns von i Navarra und wurde nach dessen Tode durch seine Gemahlin 1494 König von Navarra. Er konnte ! aber die ganze Erbschaft nicht behaupten, floh mnthlos, als ihn Ferdinand der Katholische, König von Spanien, 1511 angrifs, und verlor 1512 an sdie Krone von Castilien das obere Navarra; ihm l blieb nur Bearn, n. bei seinem Tode 1515 hinter- ttieß er seinem Sohne Heinrich II. nur den Titel von Navarra. Des Letzteren Tochter, Johanna 369 Albrizzi — Albumin. 4 7 ! d'A., gcb. 1525' vermählte sich 1553 mit Anton Bourbon, Herzog von Bendöme, folgte mit ihrem Gemahl 1555 ihrem Vater, regierte nach dem Tode Antons (1562) mit Weisheit u. Festigkeit, führte 1567 das Calvinische Bekenntnis) in ihrem Lande ein u. erzog in demselben ihren Sohn, der später als Heinrich IV. den französischen Thron bestieg. Zur Feier der Vermählung des Letzteren mit Margaretha von Valois nach Paris eingeladen, st. sie daselbst 9. Jnni 1572, 2 Monate vor der Bartholomäusnacht, wie man annimmt, durch Gift. Mit Cäsar Phöbns d'A., Gras von Mossaus, der zuerst unter Moritz von Oranicn in Holland diente, 1653 Marschall von Frankreich wurde u. 1676 st., erlosch der Name Albret. Albrizzi, Jsabella Teotochi, Gräfin d'A., geb. 1763 auf Korfu; heirathete in zweiter Ehe den Staatsinquisitor Giuseppe A. zu Venedig u. st. daselbst 1836; sie war Gönnerin Ugo Foscolos u. versammelte in ihren literarischen Cirkeln alle berühmte Gelehrten u. Künstler Venedigs, Italiens und des Auslandes. Sie schr.: Vita äi Viktoria 6olonna u. Ritratti, Brescia 1807. Llbüvs ü. (Stiftblnme), Pflanzengattung ans der Familie der Liliaceen (VI. 1). Arten: L. aitissiina, major, winor rc., am Cap; bei uns Zierpflanzen. Albuera, Dorf in der spanischen Provinz und bei Badajoz (Estremadura), in weiter, getreidereicher, aber fast baumloser Ebene. Hier den 16. Mai 1811 im Spanisch-portugiesischen Befreiungskriege blutiger Sieg der Briten, Spanier u. Portugiesen unter Beressord über die Franzosen unter Sonlt, welche das von den Engländern belagerte Badajoz entsetzen wollten. Albufera, 22 km langer und 7 km breiter Küstensee in der spanischen Provinz Valencia, durch einen Kanal mit dem Meere verbunden; der Sage gemäß ansgegraben von den Mauren; reich an Fischen u. Wasservögeln. Diesen See mit dem dazu gehörigen Landgute, eine frühere Domaine des Herzogs von Alcudia, erhielt der Marschall Suchet, welcher hier am 9. Jan. 1812 den englischen General Blake gefangen nahm u. dadurch Valencia eroberte, von Napoleon I., und davon den Titel Herzog von Albufera. Älbnla, 1) Bezirk des schweizerischen Kantons Graubünden, die Kreise Alvaschein, Belfort, Ber- gün und Oberhalbstein umfassend; 6434 Ew., die von Viehzucht u. Alpenwirthschaft leben; die meisten Ortschaften über 1000 m, einige sogar 1600 m ü. M. Die beiden Bergstraßen über den Julier und über den Albnla (s. d.) dnrchschneiden diesen Bezirk. 2) A.-Grnppe, Theil der Rhätischen Alpen in Granbünden; umfaßt die Alpen, welche zwischen dem Ober-Engadin, dem Oberhalbsteiner Thal, dem Davos u. der Flüela-Straße liegen. Bedeutendste Erhebung in den Gletschermassen des Piz Kesch oder Piz Eschia 3417 m; außerdem: Piz Uertsch oder Piz d'Albula 3273 m, Piz d'Aela 3320 m, Lima da Flix 5206 m, Piz Munteratsch oder Piz Julier 3385 m u. Piz d'Err 3393 m. Kristallinische Schiefer und Hornblendegesteine, welche den Gneis fast verdrängen, sowie mächtig auftretende Trias-Gebilde machen die Hauptmasse der Gesteine aus. 3) A., Fluß im Kanton Granbünden, wel- Pierers Universal-LonversatiimL-Lexüon. 8. Aufl. I. cher ans einem kleinen Bergsee unten am Piz Uertsch abflicßt, bei Tiefenkasten den Oberhalbsteiner-Rhein aufnimmt, den hochromantischen Schyn-Paß durchfließt u. unweit Thnsis im Dom- leschger-Thal, 728 nr ü. M., in den Hinterrhein sich ergießt, der 15 km tiefer mit dem Vorderrhein zusammenfließt. Im Schyn überspannt die neue steinerne Solis-Brücke 80 m über den: Wasserspiegel den Felsenschtnnü der A.; früher galt die hölzerne Solis-Brücke als der am höchsten in ganz Europa über einen Fluß gespannteViadnct. 4) A.- Straße mit 750 in Paßhöhe (Postdienst), welche von Ponte im Engadin nach Bergün im Albula- Thal seit Mitte der 60er Jahre führt. Auf der Höhe Spuren einer alten Römer-Straße. Im Frühjahre der Schneestürze halber gefährlich. ülbum (lat., Weißes), 1) (röm. Ant.) weiße, mit Gips überzogene Tafel, auf welcher mit schwarzen Buchstaben geschrieben wird. Solche Tafeln waren bei den Alten in allgemeinem Gebrauche, u. bei ihnen hatte L.. 2) die Bedeutung von Verzeichniß, so der Senatoren (albnm sonatrw). Da eine solche Tafel auch zur Bekanntmachung des Prätorischen Edicts diente, so heißt 3) V. schlechthin nach dem Sprachgebrauchs der Pandcnen so viel wie Prätorisches Edict. 4) Jetzt auf Universitäten das Verzeichniß der akademischen Bürger, Matrikel. 5) Buch von weißen Blättern, um hineinzuschreiben oder zu zeichnen, oder von Befreundeten, Gelehrten, Künstlern rc. sich hineinschreiben oder zeichnen zu lassen; vgl. Stammbuch. 6) Ein solches Buch, das aus dergleichen Zeichnungen besteht. 7 ) Auch Druckwerke, welche kurze Aufsätze oder Gedichte von namhaften Gelehrten u. Dichtern enthalten, sowie andere Sammelwerke von Bildern, Kunstblättern, Poesien, ferner für Photographien, Briefmarken u. dergl. m. ülbömsn (lat.), Eiweiß; s. Samen. Albumin, Eiweiß, ein zu der Klasse der Pro- temkörper (s. d.) gehörender Stoff, der sich in wässeriger Lösung im Thier- und Pflanzenreiche weit verbreitet findet, zum Aufbau n. zur Erhaltung der Körpergewebe beim Stoffwechsel dient u. einen der wichtigsten Nährstoffe bildet. Es tritt in 3 wenig von einander abweichenden Formen auf: a) Das Pflanzen-A., ein in den meisten Pflanzensäften vorkommender, noch wenig untersuchter Stoff, welcher sich beim Erhitzen seiner Lösung in geronnenem Zustande abscheidet, b) Das Blut- oder Serum-A., kommt im Blutserum der Wirbelthiere, in der Lymphe, im Chylns'u. anderen im Normalzustands befindlichen lhierischen Flüssigkeiten vor, auch in geringer Menge in der Milch; pathologisch erscheint es bei Nierenkrankheiten im Harn. Zur Darstellung desselben wird das Blutserum nach Fällung der übrigen Proteüi- stoffe durch Essigsäure bei möglichst niedriger Temperatur, ca. 40°, verdunstet. Um es von den Salzen zu trennen, kann man auch die concentrirte Lösung der Dialyse (s. d.) unterwerfen, öder mit Bleiessig fällen u. den Niederschlag durch Kohlensäure zersetzen. Das sich hierbei lösende A. nimmt etwas Bleioxyd auf, welches durch Schwefelwasserstoff entfernt wird. Die nach dem Verdunsten zu- rllckbleibende gummiartige, gernch- und geschmacklose Masse löst sich unter ansänglichein Ausquellen . Band. 24 370 Albumiuate — in Wasser zu einer klaren Flüssigkeit ans, die beim! Erhitzen auf 70—72» gerinnt. Diese Temperatur ^ wird durch Anwesenheit von Säuren oder Salzen erhöht, durch Alkalien erniedrigt. Alkohol erzeugt in der Lösung des Blut-A-s einen Niederschlag, der gleich nach der Fällung in Wasser löslich ist, bald aber in den unlöslichen Zustand übergeht. Äther fallt die Lösung nicht. Salzsäure erzeugt einen im Überschuß der Säure löslichen Niederschlag, während Kohlensäure, verdünnte Miucral- säureu und, Weinsäure keine Fällung bewirken, o) Dem Serum-A. sehr ähnlich ist das Eier-A., welches aus dem Eiweiß der Vogeleier durch Eindampfen bei niedriger Temperatur als fester Rückstand erhalten wird, den mau zur Entfernung der Fette noch mit Alkohol u. Äther auszieht. Danach stellt es eine gelbliche, durchsichtige Masse von spec. Gew. dar, die sich in ihren Eigenschaften wenig vom Blut-A. unterscheidet. Es enthält freies Alkali n. Salze, von denen es wie das Blut-A. getrennt werden kann. In Wasser löst es sich unter Aufquellen u. coagulirt bei derselben Temperatur, aber unter Entwickelung von Schwefelwasserstoff, wodurch es sich vom A. des Blutes unterscheidet. Durch Alkohol wird es gefällt, ebenso durch Salzsäure; letzterer Niederschlag ist in Wasser sowol, als in überschüssiger Säure sehr schwer löslich. Auch die meisten übrigen Mineralsänren, die gewöhnliche Phosphorsäure ausgenommen, erzeugen einen Niederschlag, der aus einer Verbindung der Säure 'mit coagulirtein A. besteht. Essigsäure u. die meisten anderen organischen Säuren fällen die Lösung nicht. Einen Niederschlag geben ferner die Products der trockenen Destillation, wie Kreosot, Anilin rc. Versetzt man eine coucentrirte Lösung von Blut- oder Eier-A. mit Kalilauge, so entsteht eine durchsichtige Gallerte von Kalium-Albnminat. Die Polarisationsebene wird vom Eier-A. etwas schwächer nach links gelenkt, als vom Blut-A. Da das A. die Eigenschaft hat, beim Gerinnen durch die Hitze andere in Flüssigkeiten suspendirte Körper einzuschließen, so findet es häufig technische Anwendung zum Klären von Flüssigkeiten, z. B. von Zuckersaft, zu welchem Zwecke auch der Eiweiß- aehalt des geschlagenen Ochsenblutes benutzt wird. Ähnlich wirkt es als Gegenmittel bei Vergiftungen durch Ouecksilbersublimat. Seine klebenden Eigenschaften machen es geeignet zum Zeugdruck u. zum Vergolden. Mit Kalk gemischt gibt es einen Glas- und Porzellankitt. Albumiuate, 1) Eiweißkörper; 3) die Verbindungen von Albumin mit Basen, z. B. Kalium- albuminat; s. Albumin. Alüuininin (Oonin), die Substanz des äußerst feinen, gewöhnlich nicht zu erkennenden Häutchens, welches das Eiweiß der Vogeleier in Zellen einschließt, von Couerbe dadurch abgeschieden, daß er das Eiweiß einen Monat lang einer Temperatur von 0—8» aussetzte, wobei es nicht gerann. Es bildet eine weiße, häutige, stickstofffreie Substanz, die sich gegen Reageutien von Eiweiß verschieden verhält. Albuminolde, so v. w. Eiweißkörper. Albumittös, Albumin in vorwiegendem Maße enthaltend; Albuminose, diejenige Beschaffenheit der Blutmischnng, wo das Albumin auf Kosten! - Albuquerque. sauberer Bestandtheile vorwiegt; albuminose oder s albuminös-eitrige Exsudate, die bei Entzündungen ausschwitzenden Flüssigkeiten, wenn Albumin darin vorherrscht; albuminöser Urin, U., welcher Eiweiß enthält (s. Albuminurie); Albuminosa, Eiweiß enthaltende Nahrungs- u. Genußmittcl, wie Ei, Öl, Cacao rc.; Älbuminuretica, Mittel, die Las Erscheinen von Albumin im Harne erwirken helfen. Albuminsäure, so v. w. Albumin. Albuminurie (Albuminorrhöe, v. Lat. u. Gr.; Med.), Eiweißharuen, eine Erscheinung, der man bei mancherlei Krankheiten u. Zuständen begegnet, so bei tiefgreifender Entzündung der Nieren, bei Entartung dieser Organe, bei Katarrh der Harnwerkzeuge u. in allen Verhältnissen, welche hohen Blutdruck in den Nieren mit sich bringen. Nach Einnahme gewisser Medscamente, so Canthariden, Karbolsäure, Brechweinstein, zumal bei längerem Gebrauche oder bei größeren Mengen, erscheint Eiweiß im Urin; desgleichen bei Genuß großer Mengen von Hühnereiwciß. Die A. ist entweder bleibend, oder nur vorübergehend; vorübergehende A. beobachtete man bei Lungen- und Herzkrankheiten, Typhus, Rheumatismus, Kindbettsieber, Darmentzündung, Bleichsucht. Um Eiweiß im Harne uachznweisen, muß man zuvor ermitteln, ob der Urin alkalisch, oder sauer ist; bei alkalischem Urin fällt auf Zusatz von Salpetersäure, bei sauerein Üriu durch Erhitzen das Eiweiß in Flocken heraus. — F. Th. F-rerichs, Die Brightsche Nierenkrankheit, Brannschw. 1851; Dickiuson, On Urs Uatllol. Link 'Irealm. olLllbumiimria, Lond. 1868; Neubauer u. Vogel, Analyse des Harnes, 6. Aufl., Wiesb. 1872; F. W. Beneke, Grundlage der Pathologie des Stoffwechsels, Berl. 1874; Albunol, Stadt (Villa) in der spanischen Provinz Granada, in der Sierra de Contravissa; vorzüglich Weinbau; 4080 Ew. Albuquerq»e, 1) befestigte Stadt in der spanischen Provinz Badajoz (Estremadura), nahe der portugiesischen Grenze; Stammsitz der Herzoge V.A.; z 7530 Ew.; starker Wollhandel. 3) (A. y Alameda) s Poststadt im County Berualillo in Neu-Mexico (NAmerika), am linken Ufer des Rio Grande; 1307 Ew. In der Nähe Camp Vigilance, Militärposten der Verein. Staaten; auf der anderen Seite des Flusses das große Dorf Atrisco. Alümfuergue, edle portugiesische Familie, entsprossen von den alten Königen von Portugal. Merkwürdig find: 1) Don Juan d'A., Erzieher, Minister und Großkanzler Peters des Grausamen von Castilien; später überwarf er sich mit dem König, ging nach Portugal, wo er einen Kriegszug gegen seinen alten Herrn vorbereitete, als er plötzlich 1354 starb. 3) Alfonso d'A., ocr Große oder der Portugiesische Mars, geb. 1452 zu Al- handa; ward am Hofe des Königs Alfons V. von Portugal, wo sein Vater Gon^alo eine einflußreiche Stelle bekleidete, erzogen, trat früh in die Kriegsmarine u. zeichnete sich in den Kämpfen der Portugiesen in NÄfrika aus. 1503 mit einer kleinen Flotts nach Ostindien gesendet, versuchte er die Insel Ormus, damals Sitz des Welthandels und Stapelplatz der Waaren des Ostens, zu erobern m. brachte auch den Herrscher der Insel zur Anerkennung der portugiesischen Hoheit und der Er- ^.Ibuiiinm — Mcalde. 371 - i ! laubniß, eine Festung daselbst anzulegen; doch wurde! letztere Erlaubniß wieder zurückgcuommen, n. mußte A. nach zweimaliger Belagerung, von einigen seiner Hauptleute verlassen, die Insel aufgeben. Von Len Saracenen eroberte er 1S07 die Insel Soco- tora u. sperrte dadurch die Handelsstraße der Ve- netianer u. Genuesen nach Indien. Nachdem er 1508 Nachfolger des alten Almeida im Vicekönig- thum in Ostindien geworden, eroberte er 1510 im November die Stadt Goa, 1511 Malacca, dann Ceylon, bombardirte Aden, während ein Theil seiner Flotte bis zu den Molukken vordraug u. die Herrscher von Siam, Java u. Sumatra um seine Freundschaft baten, n. eroberte endlich 1515 Or- mus, das die Hauptstütze der portugiesischen Macht in Asien wurde. Im Vicekönigthnm liberall beliebt, ward er bei König Emanuel herrschsüchtiger Pläne verdächtigt und erhielt, eben von Ormus kommend, vor Goa die Nachricht von seiner Entsetzung, die den in seiner Gesundheit schon Geschwächten zum Tode erschütterte; st. 16-Dec. 1515 dor Goa. Lein natürlicher Sohn Blas d'A. gab in den (loinmontarios cko Arancko Xil'oiwo cl'X. eine sehr gute Lebensbeschreibung von ihm. 3 ) Eduarde d'A., Coelhe Marquis von Baste, Graf von Pernambnco, zeichnete sich im Kriege des damals mit Spanien vereinigten Portugal gegen Holland in Brasilien, besonders in Bahia aus und lieferte ein Tagebuch dieses Krieges von 1680 an (s. u.). Als Portugal mit Brasilien unabhängig wurde, 1640, blieb er auf spanischer Seite u. zog sich nach Madrid zurück, wo er 1658 starb. Nomorias ciiarias cks 1s, Ansrra äol Lrarii pur Disonrso äs nnovo anos smporancko äescko ol NOOXXX, Madr. 1654, in 4". 4 ) Alfonso, Herzog von A., spanischer General, war mit Romana in Dä- neniark; führte, 1808 nach Spanien zurückgekehrt, eine Brigade unter dem Herzog von Jnfantado gegen die Franzosen, zeichnete sich bei Medellin u. als Divisionsführer bei Ocana aus u. warf sich 1810 mit 8000 Mann ans die Insel Leon, wo er den Oberbefehl übernahm. Er vertheidigte Cadiz bis 1811 gegen die Franzosen u. trat dort an die Spitze einer Centraljnnta, entzweite sich aber mit der Regentschaft u. ward nachLondon geschickt, wo er1813,starb. Murnum (Bot.), s. Splint. ülburnus LonL, Laube, Fischgatl. der Karpfcn- familie; chrrakterisirt durch die kurzen Rückenflossen und die langen Afterflossen; Schlundzälme in 2 Reihen, zu 2 und 5. Dahin die gemeine Laube, Uckeley (X. Inoiäus UscL.); klein, selten bis 20 am; die Schuppen des ganz kleinen dienen zur Fabrikation unechter Perlen; gegen 20,000 Fische sollen davon nur H stx liefern. Albus (W Pfennigs!, eine frühere silberne Scheidemünze, deren Name um 1360 unter Kaiser Karl IV. entstand, um die guten Pfennige von den (schwarzen) ans Billonsilber zu unterscheiden. Derselbe war besonders im Kurrheinischen geprägt — 64 Pf. Conv.-Münze u. erhielt sich dort bis 1798, im Änrhessischen aber bis 1842 (der Hessen-A.); dieser, früher — 9 Pf, Conv.-Münze, galt seit 1814 beinahe 10H Pf. preußisch. Der Reichs-A. in der Pfalz, Mainz, Frankfurt und Hanau gab 1761 2 Kreuzer. In Basel gab es noch A. als^ Rechnnngsmünze zu 2 Kreuzern. ! Lies L., Gattung der Schwimmvogelfamilic Alken (s. d.); Schnabel mittellang, stark zusammengedrückt, mit queren Furchen. Dahin der Riesenalk (X. imponnis L.), flugunfähig; lebte noch im Anfänge dieses Jahrhunderts häufig in Island n. Grönland; scheint gegenwärtig ansgerottet; in den „Kllchenabfällen" Dänemarks häufig Knochenreste. Der Tordalk (X. torcka L.), flugfähig; lebt gesellig im hohen Norden, wo er auf den Vogelbeizen schaarcuweise brütet; besucht im Winter Norwegen n. selbst die Nord- n. Ostseeküste. Alcacer do Sal, St. im portugiesischen Distr Lissabon, rechts an dem von hier schiffbaren Sado; bedeutender Handel mit Salz u. Espartogeflechten; 2600 Ew.; ist das alte Salacium, ein römisches Muuicipium. Im 12. u. 13. Jahrh. Schauplatz verschiedener Kämpfe zwischen Mauren u. Christen. Alcala, mehrere spanische Städte, z. B.: 1) A. de Chisvert (Ghisbert), in der Provinz Castellon in Valencia; 5460 Ew. 2) A. de Henares (6om- plutnw), St. am Henares in der spanischen Prov. Toledo, Hauptstation der Eisenbahn Madrid-Saragossa; ist von stattlicher Bauart n. mit starken Mauern umgeben, hat 4 Kirchen, darunter die des Colegio S. Mdefonso, 8 Nonnenklöster, 13 ehemalige Collcgieu, 4 Spitäler, Palast des Erzbischofs von Toledo, große Lcinengarnspinnerci, Webereien, Fabriken von Seife n. Leber; Getreide-u. Garten- früchtc und Weinbau; 8800 (unter den Arabern 60,000) Ew.; hier früher Universität (gestiftet 1499 vom Cardinal Ximenes, aufgehoben 1807); Cervantes' Geburtsort; Druckender Complutenstschen Bibel, deren Original in der dortigen Bibliothek anfbewahrt wird. 3) A. la Real, in der span. Provinz Jaen am -kenil; Abtei, mehrere Klöster, vorzüglicher Wein, Gemüse u. Gartcnfrüchte; 6700 Ew. 4 ) A. de Guadaira, Flecken am Guadaira in der spanischen Prov. Sevilla; festes Schloß, 4 Pfarrkirchen, 4 Klöster, 2 Spitäler; 7340 Ew.; hier beginnt der nach Sevilla führende Aquäduct. 5) A. de los Gazules, St. in der spanischen Prov. Cadiz; 5500 Ew. Nach ihr sind 1558 die Herzöze von A. benannt, die aus der Familie Ribera hervorgiugeu; der Titel kam später an das Hans Medina Celi. Alcirla, Don Parafan de Ribera, Herzog von A., Nachfolger Albas als Viceköuig von Neapel 1558—1571; bewährte sich durch gerechte Handhabung der Gesetze u. suchte den Adel dadurch zu schwächen, daß er die großen Lehen zertheilte u. an mehrere Mitglieder des niederen Adels ver- thcilte. Von der ihm wegen seines Widerstandes gegen die Einführung der Inquisition drohenden Ungnade befreite ihn der Tod; st. 1571 zu Neapel. Älcalde (span., aus dem arabischen al llackr d. i. Richter) bezeichnet in Spanien und den Staaten des ehemaligen spanischen Amerika den Vorstand einer politischen Gemeinde in administrativer u. richterlicher Beziehung. Er wird von der Gemeinde aus dem Gemeiuderathe (den Re- gidoren) auf ein Jahr gewählt u. von der Negierung bestätigt u. ist dann Vorsitzender (ähnlich dem französischen Maire) des Gemeinderathes ''Ayuntamiento). In den Provinzialhauptstädten ! werden die A-n vom König ernannt und haben j hier, wie in den größeren Städten, ihre Gehilfen, 372 Alcaluretica — Alcazar. X-8 tsnisntss. Für kleinere Gemeinden unter 30 Mitgliedern wählt der Provinzial-Gouverneur den A-u (X. peäanso), der dann unter den A-n des Gemeindedistricts steht. Die übrigen A-n sind für ihre Ausführungen der Gcmeindebeschlüsse n. sonstigen Handlungen den Provinzial-Gouverneuren verantwortlich. In richterlicher Beziehung steht ihnen als Friedensrichtern die endgiltige Entscheidung in Bagatellsachen und die Leitung der Voruntersuchung in Criminalfällen zu, unter Aufsicht der Obergerichte. Endlich in Dörfern besteht noch als Dorsrichter ein X. äs Xläsa. Alealuretrca, Arzneimittel, welche die Absonderung eines an Alkalien reichen Urins bewirten, z. B. kohlensaure, essigsaure u. viele andere pflanzensaure Alkalien, manche Speisen und Getränke, welche Alkalien enthalten, wie manches Obst, die Mineralquelle von Vichy rc. Die A. werden gebraucht, um die Bildung von harnsauren Niederschlägen in den Urinwerkzeugen zu verhüten, oder bereits gebildete Steine u. Ablagerungen zu lösen, i Alcämo, St. der italienischen Prov. Trapanh (Sicilien), am Freddo; Gymnasium, Waisenhaus, altes Schloß; in der Nähe die Ruinen von Segesta, besonders eines Venustempels u. eines Theaters mit wunderbarer Aussicht auf Land und Meer; 20,800 Ew. ^ Alkklitiz^ St. in der spanischen Prov. Teruel (Aragonien), am Guadalupe, in fruchtbarer, mit! Öl- u. Maulbeerbäumen bepflanzter Ebene; Handel mit Öl, Honig, Alaun; vormals Sitz der Groß- comthnrei des Ritterordens von Alcantara. Alcanna, s. Alkannawurzel. Alcantara, 1) St. in der spanischen Provinz Caceres (Estremadura) am Tajo, über welchen eine von den Römern erbaute, 185 m lange Brücke mit 6 Bögen führt; auf derselben steht ein Triumphbogen Trajans; Wafscnplatz, Seidenfabriken, Tuchweberei; einst Sitz des Alcantaraordens; 4300 Ew. Zur Römerzeit soll die Stadt Oolonia Xiotwiww geheißen u. von den Mauren nach jener Brücke den jetzigen Namen (A., arabisch, Brücke) erhalten haben. A. wurde 1212 bis 1213 von König Alfons VIII. von Castilicn belagert u. 1218 dem Orden von St. Julian übergeben; s. Ritterorden v. A. Am 6. April 1706 wurde dieser Platz durch die verbündeten Engländer, Portugiesen u. Spanier (der Fracrion Karls) erobert. 2) Küstcnsladt in der brasilianischen Provinz Marauhao, an der Mündung des Amazoncustroms, der Insel gleichen Namens gegenüber; Plantagen, Seesalzbereitung, Fort, Hafen; 10,000 Ew. 3) Vorstadt von Lissabon (s. d.). Hier am 25. August 1580 Schlacht zwischen Spaniern unter Herzog Alba u. den Portugiesen unter dem Groüvrior Antonio von Erato, wodurch Portugal Me ZNr lDh an Spanien kam. Alcantara, Ritterorden von, von den Brüdern Don Suero u. Don Gomez Barrientos 1156 zur Vertheidigung des Greuzcastells St. Julian del Peral gegen die Mauren als Waffenbrüderschaft (Order äs 8. .Ivliano) gegründer, 20. Dec. 1177 vom Papst Alexander III. zu einem geistlichen Ritterorden unter St. Benedicts Regel erhoben, zur Vertheidigung des christlichen Glaubens u. zu ewigem Kriege gegen die Mauren bestimmt, mit großen Privilegien ausgestattet, nur dem Heiligen Stuhle unterworfen. 1218 erhielt der Orden von Alfons IX. die Stadt Alcantara, wohin er seine Residenz verlegte u. seinen Namen davon annahm. Tracht: weißer Wappenrock, schwarzer Pilgerkragen mit Kapuze, schwarzes Scapulier bis zum Gürtel, seit 1441 statt des Kragens und Scapuliers ein grünes Lilieukreuz; Zeichen: Malteserkreuz, die Arme durch Lilien verbunden, am grünen Bande. Im Wappen führt der Orden einen Birnbaum (?srai) mit 2 Balken. Die Ritter, welche adelige Abkunft durch 4 Generationen Nachweisen mußten, gelobten Armuth, Gehorsam, Keuschheit u. Ver- theidignng der unbefleckten Empfängniß Mariä, erhielten aber 1540 die Erlaubuiß, sich zu ver- heirathen. Der Orden verbreitete u. bereicherte sich durch ganz Spanien, lebte fortwährend in Händeln mit den übrigen Ritterorden u. in inneren Zwistigkeiten, bis der Papst die Großmeisterwürde 1402 mit der Krone Spaniens vereinigte. König Joseph nahm 1808 dem Orden alle Einkünfte; Ferdinand VII. rcstituirte ihn seit 1814, aber 1835 wurde er als geistlicher Örden aufgehoben n. bestand seitdem als militärischer Orden fort mit dem Zeichen: goldenes u. grünes Lilienkreuz au einem grünen Bande um den Hals, in Seide gestickt aus dem Rocke und dem weißen Mantel. 1873 wurde der Orden durch die Republik aufgehoben. Alcantara, Grasen, s. n. Stillfried. Alcaräz, 1) Sierra A., Gebirge in den spanischen Provinzen Albacete u. Ciudad Real, 1460 bis 1625 m hoch. 2) St. am nördl. Fuße desselben n. am Guadarmena in der Prov. Albacete; Citadclle, große antike Wasserleitung, Tuchfabriken, Blech- u. Messingfabrikativn; 3000 Ew. A. hieß im Alterthum Arcilacis, im Celtibererland. In der Nähe bei S. Juan de Alcaräz am Rio Mundo ergiebige Zinkbergwerke und Schmelzhütten, mit großer Blech- n. Messingfabrik. Alcarräzas (v. Arab.), unglasirte Trinkgssäße aus porösem Thon, die das Wasser durchschwitzen lassen; indem dieses verdampft, erzeugt es, zumal bei starkem Luftzuge, Verdunstungskälte, wodurch man sich in heißen Ländern (Spanien, Afrika) kaltes Wasser verschafft. Alcaudetc, Stadt in der spanischen Provinz Jaen (Andalusien), fast ganz aus schwarzem Marmor erbaut; altes Castell; Olivenbau: 5800 Ew. Alcavala hieß die unter Alfons XI. in Casti- lien zur Bekriegung der Mauren eingeführte und bis in die neueste Zeit in Spanien beibehaltene Steuer von 10 Procent, von allem beweglichen u. unbeweglichen Vermögen erhoben, so oft es verlauft oder vertauscht wird. Alcäzar (span., spr. Alkädsar, Port. Alcacer, arab. al icassr), im Allgemeinen Festung, Cita- delle, festes Schloß, z. Ä. zu Sevilla, Segovia rc.; dann überhaupt Stadt: 1) A. de S. Juan, St. in der spanischen Provinz Ciudad Real (Neu- Castilien), Knotenpunkt der Eisenbahnen von Madrid nach Cadiz und Alicante) mit großer Salpetersabrik, Pulver- u. Chocoladcmnhlen, Seifenfabriken, Wollwebereien; 8000 Ew. Dabei reiche Galmei- u. Eisengruben. 2) St. in Fez; s. u. Alkassar. Mcazaba —' Alchemie. 373 Alcazaba, 3412 m hoher Gipfel im westlichen Theil der Sierra Nevada in Spanien. Livedo, s. Eisvogel. LIves, s. Elenn. Alchemie. Mit diesem im Mittelalter aufgekommenen Worte, zusammengesetzt aus dem arab. Artikel al und dem griechischen Worte Chemie, be- zeichnete man viele Jahrhunderte hindurch die Lehre vondcr künstlichen Erzeugung von Metallen, namentlich von Gold und Silber. Der Glaube an die Möglichkeit einer Verwandlung von unedlen Metallen in edle war offenbar durch die falsch verstandenen That- sachen erzeugt, daß aus gewissen Erzen Metalle darstellbar sind, ohne daß inan vorher deren Anwesenheit direct wahrnehmen konnte; es war dazu nur eine gewisse Art experimenteller Behandlung erforderlich, n. dem Kenutuißlosen mußte es scheinen, das Metall oder die Metalle hätten sich in den Rohstoffen neu gebildet. Man weiß nicht, wann u. wo dieser Glaube entstanden ist, doch ist, wahrscheinlich, daß er in sehr früher Zeit in Ägypten aufkam. Der Ursprung der A. wird von Einigen znrückgeführt ans den Ägypter Hermes Trismcgistos (s. d.), daher auch die Bezeichnung Ägyptische oder Hermetische Knust; von Änderen auf den persischen Magier Osthanes rc. Doch scheint sie weit später in Alexandria zuerst geübt worden zu sein. Ägypten ist vom Ende des 4. Jahrh. n. Ehr. an der Centralpunkt der A. u. aller Bestrebungen, die mit derselben Zusammenhängen, so namentlich der alt- ägyptischen Priestermystcrieu und mancherlei damit zusammenhängender geheimer Kenntnisse. Der Einfluß der Alexandrinischen Akademie überdauerte den Untergang des Weströmischen Reiches; namentlich Griechenland u. Byzanz, damals der Hauptsitz der Wissenschaft in Europa, wurden wesentlich von Alexandria aus beeinflußt. Mit dem Zusammenstürze des alten Heidenglaubens drangen die ägyptischen Mysterien in weitere Kreise n. entwickelten sich allmählich zu der A., welche im Laufe der Zeit eine erschreckende Ausdehnung gewann. „Ihre Bekenner u. Beförderer gehören allen Ständen an: Kaiser u. Könige, wie arme Umzügler, Geistliche, Ärzte, unabhängige Liebhaber der Naturwissenschaften wechseln ab als die Bewahrer ihrer Kenntnisse; bald in Klöstern, bald in Apotheken haben wir die Tempel dieser Wissenschaft zu suchen; zu ihr bekennen sich Taschenspieler und Glücksritter, wie schulgercchte Gelehrte." (H. Kopp, Gesch. d. Chemie, Bd. 1.) Der Inhalt der alchemistischen Schriften ist durchweg so räthselhaft, daß sie für uns ganz unverständlich sind. Das Geheimuiß- volle der alchemistischen Kunst sollte sich auch widerspiegeln in den Bezeichnungen ihrer Substanzen u. Manipulationen. Auch in späteren Jahrhunderten ist diese dunkle, bilderreiche, unverständliche Schreibweise für die Alchemisten charakteristisch. Bei den Arabern, die zur Zeit der Eroberung Ägyptens noch wenig der Wissenschaft huldigten, ist der Ursprung der A. keinesfalls zu suchen. Erst im 8. Jahrhundert finden wir sie mit A. beschäftigt, und durch sie wird dieselbe nach Spanien übertragen. Geber, entweder ein Araber aus Mesopotamien, oder ein zum Islam übergetretener Grieche, u. in der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts Lehrer an der arabischen Hochschule in Sevilla, zeigt in den von ihm herrührcnden oder doch ihm zngeschriebenen, später großentheils ins Latein übersetzten Schriften bedeutende theoretische und praktische Kenntnisse, und die Möglichkeit der Metallveredlung ist ihm über allen Zweifel erhaben; es ist mir erforderlich, den Stein der Weisen zu besitzen. Ob er diesen zugleich auch schon als Universal-Medicin betrachtet, ist zweifelhaft. Er war offenbar der bedeutendste Vertreter arabischer Wissenschaft während langer Zeit, n. selbst Avicenna u. mehrere nicht unbedeutende Alchemisten der nächsten Zeit kommen ihm nicht gleich. Bis zum 13. Jahrh., wo die wissenschaftliche Bedeutung der Araber ihrem Ende entgegeneilte, haben diese geistig befruchtend ans die Völker ihrer Umgebung gewirkt und die alchemistischen Kenntnisse auf eine Reihe von Gelehrten des Abendlandes übertragen. Schon Karl d. Gr. gründete Schulen, die auch sehr bald wieder die Pflanzstätten der A. wurden; noch mehr war dies der Fall bei den im 12. u. 13. Jahrh. gegründeten Hochschulen. Schon im 13. Jahrh. war die A. über einen großen Theil des nordwestlichen Europa verbreitet. Ein Hauptvertreter derselben war Albertus Magnus; „groß in natürlicher Magie, größer in der Philosophie, am größten in der Theologie", sagt sein Biograph Tritheim von ihm. Ihm ist unzweifelhaft, daß Silber leicht in Gold zu verwandeln ist, denn nach seiner Ansicht sind die Mietalle qualitativ gleich, nur Farbe u. Schwere sind also zu ändern; doch warnt er vor Betrügern, an denen es gewiß auch damals schon nicht gefehlt hat. In seinen alchemistischen Ansichten u. Bestrebungen steht sein Zeitgenosse, der Engländer Roger Bacon, auf demselben Standpunkte; Beide fußen ans Geber n. den Arabern. Bacon führte auch den christlich- fanatischen Raimund Lullus in die A. ein, u. war derselbe auf die weitere Entwickelung derselben von größtem Einflüsse. Doch bereicherte er die Chemie mit vielen neuen Beobachtungen. Der Stein der Weisen ist nach seiner Ansicht nicht nur im Stande, ungeheure Mengen unedlen Metalls in Gold zu verwandeln, er ist auch ein nie trügendes Heilmittel. Noch weiter geht Basilius Valentinus, vielleicht Mönch in Erfurt, in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts, der die Beschäftigung mit A. für Ausübung der Religion u. die Erlangung des Steines der Weisen für eine Belohnung inniger Frömmigkeit hält. Er will das Geheimniß seiner Bereitung allen seinen Klosterbrüdern mitgetheilt haben, doch läßt sich ans seinen Schriften nicht erkennen, was er dargestellt hat und wie. Es würde zu weit führen, auch nur die bedeutenderen der alchemistischen Schriftsteller u. Wortführer noch weiter zu behandeln. Ihre Zahl, wenn auch nicht ihre Bedeutung, wächst mit der Ausbreitung der Wissenschaften, die mit der Vermehrung der Hochschulen im 14. u. 15. Jahrh. in den verschiedenen europäischen Staaten immer mehr Gemeingut der Völker zu werden begannen. Doch blieben die schlimmen Folgen des allgemeinen Jagens nach einem chimärischen Ziele nicht ans. Das planlose Experimentiren nach unverstandenen u. unverständlichen Receptcn verursachte bedeutende Kosten und stürzte bei der Leidenschaftlichkeit, mit welcher das Ziel verfolgt wurde, in Schulden n. Armuth, und -7 4 Alchemie. um weiter arbeiten zu können, wurden Betrügereien u. Verbrechen aller Art nicht mehr gescheut. Wer in der Meinung Anderer in den Verdacht kam, Adept zu sein (von ackipwei, erlangen), d. h. das Geheimnis) der Metallverwaudlung wirklich erforscht zn haben u. zu besitzen, war vor Neidern seines Lebens nicht mehr sicher, u. zu diesen Neidern gehörten besonders auch die Fürsten, die sich gegenseitig einen so seltenen u. für die stets leeren Staatssäckel so nützlichen Vogel wegzufangen suchten, damit er im Kerker seine goldenen Eier lege. Schon früh hatte man diese nachtheiligen Folgen der A. erkannt, u. doch erhielten sie sich mit ihrer Ursache bis in die 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Schon 1317 hatte Papst Johann XXII. durch eine Bulle die Goldmachesncht verdammt, aber dies half so wenig, wie spätere schwache Versuche, dem Übel Einhalt zn thnn. Betrug aller Art, absichtlicher und Selbstbetrug, wucherte nach allen Seiten üppig ans, und die Falschmünzerei nahm stetig überhand; ja, Heinrich VI. von England ging um 1450 selbst unter die Falschmünzer, während sein Vorgänger Heinrich IV. 1404 alche- mistische Beschäftigung bei schweren Strafen verboten batte. Das Eifern Einzelner gegen die Möglichkeit einer Metallverwandlung vom Standpunkte der Wissenschaft verhallte im allgemeinen Geschrei nach Gold.,, Wenn Melanchthon mit seinen gegentheiligen Äußerungen bei den Alchemisten keine Wirkung hatte, so ist das nicht zu verwundern: er wurde als außer der Zunft stehend einfach nicht beachtet. Aber auch andere kompetentere Schriftsteller eiferten gegen die A. Doch mehrten sie sich erst im 17. Jahrh., ohne aber ans die große Masse Einfluß gewinnen zu können. War doch kaum der Beweis zn führen, daß Gold überhaupt nicht künstlich dargestellt werden könne; u. wenn auch Tausende von Betrügereien nachgewiesen waren, so konnte doch nicht bei jeder behaupteten Metallver- wandlnng der Beweis eines vorliegenden Betruges beigebracht werden. Dies führt uns auf die Anschauungen vom Wesen der Materie, welche der A. zu Grunde lagen und dieselbe ermöglichten. Die vier alten Aristotelischen Elemente: Feuer, Wasser, Luft und Erde, sollten nur die physikalische Verschiedenheit der Körper, die Grundzustände der Materie repräsentiren; durch ihr Zutreten zn der an sich eigenschaftslosen Materie wurden dieser erst verschiedene Eigenschaften verliehen. Daß die chemischen Eigenschaften, welche den Unterschied der verschiedenen Stoffe bedingen, etwas diesen Stoffen selbst Znkonnnendes seien, war damals (und noch viel später) ganz unbekannt, und nur dadurch ist es erklärlich, daß überhaupt die A. sich entwickeln n. ausbreiten, konnte. Man glaubte eben, daß es sich nur um Änderung der Eigenschaften, nicht der Substanz der Metalle handeln könne. Solche Änderungen waren aber schon in früher Zeit bekannt. Das Kupfer konnte sich durch Einwirkungen gewisser Substanzen goldgelb, durch andere silberweiß färben. Man stellte sich diese Änderung etwa in der Art vor, wie harter Stahl in weichen n. umgekehrt verwandelt werden kann. Und wenn auch die Elemente des Aristoteles bei der Weiterentwicklung der A. in den Hintergrund traten, so wurden sie doch nur ersetzt durch ähnliche eingebildete Repräsentanten physikalischer Eigenschaften., Indem Geber u. der Arabischen Schule das Quecksilber als Repräsentant des Glanzes, der Geschmeidigkeit u. Schmelzbarkeit, der Schwefel als Repräsentant der Veränderlichkeit durch Feuer, der Brennbarkeit, galt, wurde von ihnen angenommen und gelehrt, daß diese Eigenschaften der Metalle durch einen Gehalt an Quecksilber u. Schwefel bedingt seien, daß diese demnach in den verschiedenen Metallen in verschiedenem Mengenverhältniß und in verschiedener Reinheit enthalten seien, u. daß die Metallverwandlung durch Abänderung dieser Verschiedenheiten bewirkt werden könne. Und als diese Arabischen Elemente für die Ausführung des unmöglichen Problems nicht ausreichten, nahm man von Basil. Valentinns an noch das Salz als weiteren Bestandtheil dazu, ohne deshalb weiter kommen zu können. Auch Paracelsus (1493 bis 1541) steht ganz ans diesem Standpunkte und spricht ihn klarer als seine Vorgänger aus. Bei dem Brennen eines Körpers erkennt man dessen Gehalt an Schwefel, denn nur dieser ist brennbar; was wegraucht, ist Quecksilber, denn mir dieses ist, ohne zn verbrennen, im Feuer flüchtig; die Asche, die zurückblcibt, ist Salz. Ganz wesentlich aber unterscheidet er sich von seinen Vorgängern dadurch, daß er nicht die Goldinacherei als Hauptaufgabe der Chemie ansieht, sondern die Bereitung von Heilmitteln und das richtige Erkennen der Krank- heitserscheinnngen. Er war somit der Vater der Jatrochemie (s. d.) oder medicinischen Chemie, aus welcher sich sehr allmählich die moderne Chemie entwickelte. Welche Stellung Paracelsus zur Goldmachern cinnahm, ist nicht recht klar. Wahrscheinlich seit dem 9. Jahrh., gewiß seit dem 11. Jahrh., ist der Name Stein der Weisen im Gebrauch; auch das große Elixir (von alixare, absicden), das große Magisterinm (Meisterstück), die rothe Tinctnr rc. wird die Masse genannt, die mit dem eifrigsten Bemühen von den Alchemisten gesucht wurde. Je nach seiner größeren oder geringeren Vollkommenheit sollte der Stein der Weisen entweder alle Metalle in jedem Mengenverhältniß in Gold oder doch wenigstens in Silber verwandeln können, oder nur eine begrenzte Menge eines bestimmten unedlen Metalls. Gewöhnlich wird ein rothes oder safranfarbcnes oder graues Pulver mit diesem Namen bezeichnet, das auf das geschmolzene Metall gestreut, oder in Wachs eingcschmolzen darauf geworfen wird. Die wunderbarsten Eigenschaften werden dem Sieiuc der Weisen zngcschrieben: so soll er biegsam wie Harz und zugleich spröde wie Glas sein. Merkwürdig ist auch die gewichtvermehrende Kraft, die demselben zngcschrieben wurde: so sollten 3 Loth Quecksilber mit 1 Gran des Steines 5 Loth Gold erzeugen können. Andere übertrieben die Gcwichtsvermchrung noch viel mehr. Eine Masse aber, dw solche Metallveredlnng bewirken konnte, mußte auch heilend, stärkend und verjüngend ans den menschlichen Körper einwirken; daher wurde der Stein der Weisen denn auch als die große Panacce gepriesen. Schon im 8. Jahrh. tritt diese Idee ans. An Betrügern fehlte es auch da nicht, die sich mit Hilfe der großen Panacee ^Idioviilla. o/o verjüngt haben wollten n. behaupteten, allen Krank- j heilen und dem Tode trotzen zu können. Anderei drücken sich in Bezug auf den Tod vorsichtigem ans, so Basil. Valentinus: „Keine Armnth wird der Besitzer des Steines der Weisen verspüren, keine Krankheit wird ihn rühren u. kein Gcbrcste ihm schaden, bis zu dem gesetzten Ziele des Todes, bis zu der letzten Stunde, so ihm von seinem Himmelskönige gesetzt ist." Die Bereitung des Steines der Weisen beruht nach Ansicht der alten Alchemisten auf göttlicher.Beihilfe; es ist also Sünde, Den in das Geheimniß cinznweihen, dem die göttliche Gnade mangelt. Gar Viele aber hielten sich für würdig n. anserwählt u. suchten ans jahrelangen Reisen Denjenigen, der ihnen das große Geheimniß anvertrauen könne. Fürsten hatten das nicht nöthig. Sie sperrten Diejenigen, die im Gerüche standen, Adepten zu sein, kurzweg ins Ge- fängniß, hielten sie so lange in strenger Haft u. sparten selbst die Qualen der Folter nicht, bis sie entweder ihre Unkenntniß bekannten n. nicht selten am vergoldeten Galgen ihr Betrügerleben endeten, oder, wie Böttcher in Dresden n. ans dem Konig- stein, durch irgend einen Zufall oder eine glückliche Flucht gerettet wurden. In allen möglichen unorganischen u. organischen Substanzen wurde nach der nmtoria prima, ans welcher der Stein der Weisen zu bereiten sei, gesucht, und da die mystischen, bilderreichen und durchaus unverständlichen Recepte der vorausgegangenen Schriftsteller alle möglichen Deutungen zuließen, so war dem Unverstände n. der Thoryeit Thur n. Thor geöffnet. Noch 1608 erschien ein Buch, in welchem gelehrt wurde, daß aus 24 Juden 1 Loth Gold gemacht werden könne; noch 1616 ein anderes: „Ulcp- wistica, d. i. wahre Kunst, aus Kuhmist gut Gold zu machen". Daß bei all diesem blinden Tappen u. Suchen da und dort für die eigentliche Chemie der Zukunft auch ein Bröcklein Thatsache abficl, kann nicht wundern. Wir erinnern nur an die Entdeckung des Phosphors durch den Alchemisten und bankerotten Kaufmann Brandt in Hamburg 1669, der aus Harn den Stein der Weisen dar- znstellen suchte, und an Böttchers Erfindung des Porzellans. Zahlreich waren die Münzen, die aus künstlich dargestellrem Golde geprägt sein sollten. Für die Alchemisten waren dieselben hinreichende Beweise für die Möglichkeit einer Metallverwandlung. Viele derselben ergaben sich aber bei den genaueren analytischen Untersuchungen spaterer Zeit als nicht probehaltig — offenbar war hier ein Betrug mit untergelaufen — oder sie bewährten sich, u. dann müssen wir annehmen, daß der Betrug eben geschickter und vollkommener ausgcführt wurde. Ten blinden Anhängern der A. lag freilich der Gedanke an einen Betrug fern; höchst ergötzlich sind die Versuche, die namentlich später vielfach angefochtene Lehre von der Metallverwandlung zu begründen. So fand Becher, einer der klarsten und speculativstcu Köpfe Deutschlands, um 1670, für nöthig, ernstlich einem Gegner der A. entgegenzutreten, der behauptet hatte, eine Metall- Verwandlung sei überhaupt nicht möglich, weil sonst Salomo, der im Besitze aller Weisheit Himmels und der Erde gewesen sei, auch davon Kenmuiß gehabt haben müsse. Aber Salomo habe ja Gold von Ophir holen lassen, auch Steuern erhoben. Warum aber Schiffe fortschicken, warum das jüdi'che Volk besteuern, wenn er auf alchemistischcm Weg- Gold machen konnte? Gegen diesen boshaften Angriff auf die A. wehrt sich Becher sehr entschieden. Daß er Steuern erhoben habe, meint Becher unter Anderem, sei kein Beweis dagegen, denn Kaiser Leopold I., der doch gewiß Adept gewesen, habe auch Steuern erhoben, weil diese für die Unterthanen das eigentliche Zeichen des Umer- worfcnseins seien. Daß Salomo von Ophir Gold holen ließ, sei erst recht kein Gegenbeweis, denn es sei wahrscheinlich, daß Salomo nur die Schiffe ausgeschickt u. ihnen den Stein der Weisen milgegeben habe, um in Ophir Gold zu machen u. so das Geheimniß der Wandlung zu wahren. Je mehr Anhänger die medicinijche Chemie gewinnt, um so mehr verliert die A. an Boden, obgleich beide noch geraume Zeit neben einander hergchen. Der Niederländer I. B. van He lmont (1577 —1644) war ein Hanptvertreter der medi- cinischen Chemie n. vereinigte tiefes mcdicinisches und chemisches Wissen; und doch glaubte er fest an die Existenz des Steines der Wellen; obgleich er sich nie um seine Darstellung bemühte, war er vollkommen von der Möglichkeit der Metallverwandlung überzeugt und stellte selbst 1618 aus 8 Unzen Quecksilber mit Gran des Steines, den er von Unbekannten erhalten, reines Gold dar. Bei seinen chemischen Kenntnissen ist unbegreiflich, wie er sich täuschen konnte. „Es gehört dies Factum zu denen, wo es Einem fast ebenso schwer wird, die Möglichkeit einer Täuschung anzunehmen, als an die Wahrheit der Sache selbst zu glauben." (Kopp.) Doch sind nur wenige derartige Fälle bekannt. Als die Wissenschaft sich schon ganz von der A. abgewaudt hatte, fand dieselbe noch zahlreiche gläubige Anhänger in den ausgedehnten wissenschaftlich halb- oder ungebildeten Kreisen. Erst mit Ende des vorigen Jahrhunderts hatte die A. ihr wissenschaftliches Ansehen vollkommen ein- i gebüßt, u. es muß als eine Anomalie erscheinen, ! daß der Arzt Kortüm, der Verfasser der Jobsiade, ftioch einmal 1796 eine freilich nur fingirte Her- ünetiiche Gesellschaft gründen konnte;' aber die ausgedehnte Correspondenz derselben zeigt, daß immer noch in den Köpfen von Vielen das chimärische Problem der Goldmacherei spukte. Ja, es ist nicht unwahrscheinlich, daß selbst heute noch da oder dcrc !von unwissenden Thoren an der alchemiftischcn Aufgabe gearbeitet wird. Vgl. H. Kopp, Geschichte der Chemie, Braunichw. 184.1, Bd. 1 u. 2; dessen Aussatz: Über den Verfall der A. und die Hermetische Gesellschaft in den Denkschriften der Gesellschaft für Wissenschaft und Kunst, Gießen 1847; ! dessen: Sonst u. Jetzt in der Chemie, Braunichw. >1847; dessin: Entwickelung der Chemie in der ! neueren Zeit, München 1871. ! ülcbsmlllri (so genannt wegen ihrer ver- mieintlichen alchemistischen Kräfte; Sinau, Frauenmantel, Löwensnß), Pflanzengatinng aus der Familie der Rosaceen (Sanguisorbcen, IV. I-; grünlich-gelbe Vlüthen mit glockiger Kelchröhre, am Saume mit 4 breiten n. 4 abwechselnden kleineren Zipfeln; 1 oder 4 Staubfäden; die Kronbläner fehlen. Arten: -O vuissmis T.(Alchemistenlraut,gem. 376 ^.lolioi-iieu — Alcuin. Frauenmantel), in Deutschland, mit nierenförmigen, 7—9lappigen Blättern mit runden gezähnten Wappen; ehemals Kraut-und Wurzel, als ein gelind zusammenziehendes Mittel, besonders bei Wunden, officinell; auch als Futterkraut sehr nützlich; alpiva L. (Alpenfrauenmantel), auf Alpcnweiden, wo sie das beste Futter ist, auch zum künstlichen Anbau auf Rieselwiesen geeignet;L..arvLN8i8 §cox. häufig ans Äckern u. trockenen Triften. ülobornes §ro., Pflanzengattnng ans der Familie der Enphorbiaceen. Einzige Art: latikolia Arv., auf Jamaica; nicht Mutterpflanze der Alcornoqne- rinde, denn Liese wirkt nicht, wie die L.-Ninde, brechenerregend. Alchoruin, s. Alkornin. Alci (Alx, Alces; deutsche Myth.) nennt Tacitus (6srm. 43) zwei Brüder, die bei den germanischen Naharvalen in einem altheiligcn Haine als Götter verehrt wurden und die er mit Castor n. Pollnx vergleicht. Wahrscheinlich fielen sie mit den nordischen Brüdern Baldur u. Hödhr zusammen, welche gleich den unähnlichen oder feindlichen Brüdern so vieler Märchen eine Personification von Tag und Nacht waren. Vgl. Simrock, Deutsche Mythol., S. 295 ff. Alciäti, Andrea, geb. 8. Mai 149-2 in Alzate bei Como; seit 1518 Lehrer der Rechte zu Avignon, Bonrges, Bologna, Ferrara und Pavia, wo er 12. Jan. 1550 starb. Er war der berühmteste Rechtslehrer seiner Zeit und kann als Vater dcr sogenanntcn eleganten Rechtsschule gelten, insofern er zuerst Kritik und Methode in die Behandlung rechtswisscnschastlicher Gegenstände brachte. Seine Opsra, 4 Bde., Basel 1546 — 49, 6 Bde., Lyon 1560—61, Frankfurt 1617, enthalten seine juristischen Schriften; außerdem schrieb er antiquarische Abhandlungen, Geschichte Mailands u. Epigramme (Emblemata). Älciäso, s. Alken. Alcrca, Stadt in der spanischen Provinz Valencia, auf einer kleinen Insel im i'ncar, über dessen beide Arme zwei schöne Steinbrücken führen, aü der Eisenbahn Atmansa-Valencia; von hohem Alter u. höchst unregelmäßiger Bauart; hat 3 Kirchen, 6 Klöster, 1 Spital, 1 Theater, bedeutende Seidenzucht, Reis- n. Südfrüchtebau; 13,300 Ew. A., von den Carthagern gegründet, gelangte unter den Römern u. Mauren zu hoher Blllthe. Im Juni 1823 wurde die Stadt von den Franzosen unter Molitor erobert; 1840 war sie der Mittelpunkt der Jnsurrection der Provinz; auch 1854 erklärte sie sich für den Ausstand O'Donnells. Alcobaga (Evora de A., das alle Ebnro- brnium), Stadt im District Leiria der portugiesischen Provinz Estremadura, an der Vereinigung der kleinen Flüsse Baca u. Alcoa; Baumwollspinnfabrik u. Tuchwebereien; 1400 Ew. Dabei das ehemalige, 1148 vom König Alfons I. gegründete Cisterciensermönchskloster, das reichste in ganz Portugal (mit260,000 GuldenJahreseinkünften), dessen Mönche sämmtlich adelig sein mußten, und worin die portugiesischen Könige Alfons I. und II., Sancho I., Pedro I. u. dessen Geliebte Jnez de Castro begraben liegen; wurde 1811 von den Franzosen in Brand gesteckt n. geplündert. Alcolea (A. del Rio), Stadt in der spanischen Provinz Cordova (Andalusien), mit schöner Brücke ans schwarzem Marmor über den Guadalquivir, an der Eisenbahn nach Madrid; 2060 Einw. Hier am 7. Juni 1808 Niederlage der Spanier unter Echeverria durch die Franzosen unter General Dupont; am 28. Sept. 1868 Niederlage der Königlichen unter dem Marquis von Novalichcs durch die Insurgenten unter Serrano, deren Folge die Erhebung von Madrid, der Sturz der Bourbonischen Dynastie u. die Flucht der Königin Jsabella nach Frankreich war. Alcöra, Stadt in der spanischen Prov. Valencia; Fayence- u. Porzellanfabriken, Weberei; 4500 Ew. Hier 17. Juni 1874 Gefecht zwischen den Carlisten u. Regierungstruppen, siegreich für letztere. Alcöy, industrielle Stadt in der spanischen Provinz Alicante, am Abhange der Sierra Mariola, an dem von derselben herabkommenden Salto de los Agnas, welcher hier Cascade» bildet; umgeben von Gärten; Mittelpunkt der Valencianischen Papierfabrikation, hat außer 33 älteren Papiermühlen auch Dampfpapierfabriken, worin das echte Cigarrettcnpapier verfertigt wird; außerdem Tuch- und Leinwandwcbereicn, Baumwollspinnereien, Färbereien; 25,200 Ew. Die Stadt war 9. u. 10. Juli 1873 der Schauplatz eines com- munistischen Aufstandes, unter unerhörten Gräueln (grausame Ermordung von über 60 Personen aus den höheren Ständen), der trotz seiner localen Unterdrückung durch Militär sich weiter fortpflanzte; s. Spanien. Alcuchiharz, der eingctrvcknete Saft von Ivioa, ^raoonellmi ^Ircbk. aus der Familie der Burse- racecn, einem in Guyana, einheimischen Baume, der auch den flüssigen Aracouchini- oder Acouchi- oder Araknsiri-Balsam liefert n. officinell ist. Alcudia, 1) Stadt auf der Insel Mallorca der spanischen Provinz der Balearen; ist stark befestigt, hat einen schlechten Hafen, erzeugt die beste Schafwolle der Insel; Korallenfijcherei; Leuchtthurm; 1570 Ew. 2) Villa in der spanischen Provinz Valencia, von welcher der ehemalige Friedensfürst Godoy den Herzogstitel führte; 2200 Ew. Alcudia, Herzog von, s. Godoy, Manuel de. Alcui» (Alcewin, Flaccus Albinus), stammte aus einen: edlen angelsächsischen Geschlechts, geb. um 735 zu S)ork; studirte in der dortigen Schule u. wurde 766 ihr Rector, unternahm 781 eine Reise nach Rom, wurde ans der Rückreise zu Parma mit Karl d. Gr. bekannt, der ihn 782 zu sich berief u. fortan an ihm den thä- tigsten Gehilfen für sein großes Werk der Bildung der Franken hatte. A. schuf Frieden in der Kirche durch Beilegung des adoptianischen Streites, förderte die Wissenschaften in den Klöstern, legte Schulen an, wirkte für volksthllmliche Predigt, für den Kirchengesang, überall persönlich mit eingreifend, ein treuer, unerschrockener Rathgeber seines Herrn. Seit 796 Abt der von ihm gestifteten Klosterfchnle St. Martin zu Tours, starb er hier 804. Die Klosterschnle zu Tours wurde ein Muster für alle Bildnngsanstaltcn des Reiches. A-s Werke (theologischen, ajcetischen, grammatik. Inhaltes, Gedichte, Briefe rc.) gaben Frobenins, Regensb. 1777, 2 Bde., Wattenbach n. Dllmmler in Jaffes Libliotir. rsr. Aornmnio., Bd. 6, Berl. 1873, heraus. Vgl. 377 Hc^ons-ria, Lorentz, Alcuins Leben, Halle 1829, u. Monnier, Llonin sb 6bs.r1enni.AQS, 2. Aufl., Par. 1864. ülevcnisris (Ootsetinis MwrbA.), Ordnung der Korallenthiere (s. d.), Polypen und Polypenstöcke mit 8 gefiederten Fangarinen. llle^onslla La»r., Gattung der Mooskorallen (Lrxcwos); bildet schwammähnliche, unregelmäßige Massen, d. h. Thierstöcke aus hornigen, röhrenförmigen, dicht zusammengedrängten Zellen mit unregelmäßig fünfeckiger Mündung. Art: L.. knu- Zoss In Seen u. Teichen häufig. kle^omum, s. v. w. Korkschwamm. Aldan, 1) schiffbarer Nebenfluß der Lena in Sibirien; entspringt im Jablonoi-Chrebet (s. d.), fließt zwischen diesem und dem Aldangebirge, ist gegen 2200 bm lang u. mundet unterhalb Jakutsk in die Lena; sein Wasser ist rein u. sehr fischreich, sein rechtes Ufer wild n. öde, auf dem linken fruchtbare Landschaften. 2) Gebirg in Sibirien, läuft als Kette nördl. von der Vereinigung der Flusse Schilka und Argun nach NO. längs des A. hin, ist 670 1cm lang u. trägt 1225 m hohe Berge. Aldborough(Aldebnrgh, spr.Aldbörro), 1)See- stadt in der englischen Grafschaft Snffolk; Hafen, Fischerei; 4200 Ew.; ist vom Meere bedroht, indem dasselbe hier immer tiefer ins Land greift. 2) Stadt an der Ouse in der englischen Grafschaft Jork; 2100 Ew. Aldea, 1) (A. Galldga) Stadt in der portugiesischen Provinz Estremadura, an der Bai von Lissabon, der Hauptstadt gegenüber; bietet eine prachtvolle Aussicht über Lissabon u. Umgegend dar; hat bedeutenden Transithandel nach Spanien und ca. 2800 Ew., welche größtentheils Fischer u. Seeleute find. 2) (A. del Rio) Villa in der spanischen Provinz Cordova (Andalusien); Tuchfabriken; 3940 Ew. Aldebaran (Ochsenauge), der mit « bezeichnet Stern 1. Größe im rechten Auge des Stiers; s. d. Aldebert (Adelbert), Geistlicher in den Gegenden des Mittelrhcins, welcher mit dem Schotten Clemens die römisch-hierarchischen Veranstaltungen des Bonifacins heftig bekämpfte. Dieser stellte A. als hochmüthigen Schwärmer n. zugleich Heuchler u. Betrüger dar u. ließ ihn von 2 Synoden, in Soissons 744 u. Rom 745, verdammen. Zuletzt soll A. im Kloster Fulda eingesperrt und, daraus entflohen, von Hirten erschlagen worden sein. Seine Anhänger (Aldebertiner) verehrten ihn als Heiligen. Aldegonde, v. Mont Ste. A., s. Marnix. Aldcgrever (Aldegraf, Albrccht vonWest- falen), Heinrich, geb. 1502 zu Paderborn, Maler u. Kupferstecher, Schüler Albr, Dürers; starb zwischen 1556 und 1560. Werke zu Berlin (das Jüngste Gericht), München (der barmherzige Samariter), in der alten Pinakothek, Wiener Galerie (das Paradies), Nürnberg auf der Burg (die 3 Männer im Fenerofen) u. a. m. Der Schwerpunkt seines Wirkens lag zeitgemäß in der vervielfältigenden Kunst: im Holzschnitt und Stich. Sehr schätzbar sind seine Muster für das Kunstgewerbe, namentlich die Goldschmiedekunst, deren er gegen 100 hinterließ. Selber praktischer Goldschmied, kannte er das Bedürfniß des Gewerbes. Aldehyd (Acet - A., Essigsäure - A.; Chem.), — Aldehyde. 62II4O, das erste Oxydationsproduct des Äthylalkohols, von welchem er sich durch Wasserstoffentziehung ableitet; daher sein Name, von si(oolwl) äoli)'ü(roAsnstnm), d. i. von seinem Wasserstoff (llzwiroAsnium) befreiter Alkohol. Seiner Zusammensetzung nach steht er zwischen Alkohol 62856 u. Essigsäure 628462. Der A. bildet sich bei der Einwirkung von Oxydationsmitteln, wie Braunstein n. Schwefelsäure, Chromsäure, Salpetersäure, Platinmohr bei Gegenwart von Lust, auf Alkohol oder auch auf andere organische Körper, wie die Eiweißstoffe. Als Rednctionsprodncl erhält man ihn ans der Essigsäure bei der trockenen Destillation eines Gemisches von essigsaurem u. amcisen- saurem Kalk. Im Großen wird er aus dem sogenannten Vorlauf, d. i. den zuerst übergehenden Producten der Spiritnsdestillation, dargestcllt. Zur Reindarstellnng wird das durch Oxydation aus Alkohol erhaltene Product mit Äther vermischt, Ammoniakgas eingeleitet und das sich hierbei bildende Aldehydammoniak niit Schwefelsäure zersetzt. Er stellt eine dünne, wasserhelle Flüssigkeit vom spec. Gew. 0,Mi bei 0" dar, siedet bei 21° u. 760 mm Druck, mischt sich in jedem Verhältniß mit Wasser, Weingeist u. Äther, riecht eigenthümlich erstickend; die eingeathmeten Dämpfe bewirken Brustkrampf; seine Lösungen reagiren neutral. Angezündet verbrennt er mit schwach leuchtenderFlamme. Schwefel, Phosphor u. Jod werden darin aufgelöst. An der Luft oxydirt sich der A. leicht zu Essigsäure, rascher in Berührung mit Platinmohr, auch durch Chromsäure, Salpetersäure, Chlorwasser rc. Rückbildung von A. in Alkohol erfolgt beim Zusammenbringen von A. mit Natriumamalgam und Wasser. Als stark reducirende Substanz bewirkt er beim Erwärmen mit salpetersaurem Silberoxyd u. Ammoniak Ablagerung eines glänzenden Silberspiegels. Mit Ammoniak verbindet er sich zu Aldehydammoniak 628,86, welches in großen farblosen, in Äther schwer löslichen Krystallen anschießt, mit sauren schwefeligsaureu Alkalien zu krystallisirenden Verbindungen. Durch Erwärmen mit Kalilösung entsteht eine harzartige Substanz, das A-Harz. Bei Einwirkung von Schwefelwasserstoff entsteht Sulf.- A. 62848, eine krystallinische, in Alkohol u. Äther lösliche, nach Knoblauch riechende Substanz; war der Ä. mit Ammoniak versetzt, so bildet sich eine schwefelhaltige Base, das Thialdin 658,2882. A. dient zur Darstellung violetter u. grüner Anilinfarben; s. Anilin. Aldehyde (Aldide), Verbindungen, welche in der Mitte zwischen den primären Alkoholen und ihren zugehörigen Säuren stehen, indem ste 2 Atome Wasserstoff weniger als die ersten und 1 Atom Sauerstoff weniger als die Säuren enthalten. Sie entstehen allgemein aus Len Alkoholen durch Einwirkung oxydirender Mittel, wenige kommen in der Natur fertig gebildet vor, z. B. der Cnmin-A. im Römisch-Kümmelöl. Sie gehen sämmtlich leicht durch Oxydation in die entsprechenden Säuren über, die meisten auch in die zugehörigen Alkohole durch Einwirkung von Wasserstoff im Entstehungszustande. Mit sauren schwefelig- sauren Alkalien bilden fast alle krystallinische, in Wasser n. Alkohol meist lösliche, in Äther unlösliche Verbindungen. Auch Ammoniak wirkt auf 378 Aldekerk — Aldobrmidüii. die A., jedoch verschieden ein u. bildet charakteristische Verbindungen. Einige der wichtigsten A. sind der gewöhnliche A., der Valer-A., der Acryl- A. (Acrolein), der Croton-A., der Benzoyl-A. rc. Aldekerk, Flecken im Kreise Geldern des Regbez. Düsseldorf (Preußische Rheinprovinz), an der Eisenbahn Köln-Kleve; Seideuband-, Tuch- u. Lein- wandweberci; 1530 Ew. Aldenhoven, Flecken im KrciseJülich des preuß. Regbez. Aachen; Dampfmahlmühle, Maschinenfabrik, Verfertigung von Holzwaaren; 2900 Ew. Hierim Französischen Nevolntionskriege Schlachten zwischen Franzosen und Österreichern 1. März 1793 und 2. Oct. 1794, ersterc siegreich für die Österreicher unter Erzherzog Karl, letztere für die Franzosen unter Jonrdan. Aldcramin, Stern a im Cephens. Aldcrman (spr. Ahldermänn, angelsächsisch Oal- ckorman, Ältester), 1) in England unter den Angelsachsen der Vorsitzende der Grafschaftsgerichte neben dein Bischof, sowie in Kriegs- und Fricdenszeiten der oberste Führer und Beamte der Grafschaft; er wurde anfänglich vom König gewählt, später jedoch blieb das Amt meist in der Familie; nach der normannischen Eroberung traten die Jarls (Earls) an ihre Stelle. 2) Jetzt in England (u. NAmcrika) die Vertreter einer Stadtgcmcinde, die in London, Uork u. Dublin den Lord Mayor, in den anderen Städten den Mayor aus ihrer Mitte wählen, ihrerseits aber von den Wahlberechtigten jedes Stadtviertels gewählt werden. Sic haben die polizeiliche Oberaufsicht über ihren Wahldistrict, u. die drei ältesten unter ihnen, sowie die, welche bereits Mayor gewesen, zugleich auch das Friedens- richteramt. Aldcrneh (fr. Anrigny), Marktflecken auf der gleichnamigen britischen Insel iin Kanal; Hafen, Ackerbau, Viehzucht, Strumpfwirkcrei, Bereitung der kleinen gelben A-käse; 1500 Ew. Dabei Fclsen- Caskets mit 3 Leuchtthürmen. Alderney-Vieh, eine Rinderrace ans den Kanalinseln, von mittlerer Größe, weiß-gelb oder braun gefleckt, mit einer weißen Einfassung um das Maul. Die Thiere werden zu den besten Milchkühen Englands gezählt. Aldershytt, Kirchspiel im nordöstlichen Theil der englischen Grafschaft Hants. Hier ist seit April 1855 auf einer 7063 Acres haltenden Haidefläche (A.-Heath) ein stehendes Feldlager für das englische Militär errichtet. Dasselbe ist durch den Basingstokctanal in ein North- und ein Sonth- Camp geschieden und hat gemauerte Baracken, welche gewöhnlich 4—5000 Mann, bei den großen Revuen (Oielä - iaz-s) jedoch 15—18,000 Mann beherbergen. Das Lager ist von 6 verschiedenen Eisenbahnstationen ans zugänglich. In der Nähe hat sich seit 1855 eine neue Stadt gebildet, welche 1871 bereits 21,680 Ew. zählte und verschiedene schöne Kirchen n. öffentliche Gebäude enthält. Aldhelm (Adelm, St.), englischer Bischof, geb. in Wiltshire um 655, Mönch zu Malmesbury, seit 705 erster Bischof vonShcrbnrne,Freund desKönigs Inas; st. zu Duliing oder Dunting in Wiltshire 25. Mai 709. Schriften: Lateinische Briefe an Bonisacius (unter dessen Briefen, s. d.); ein prosaisches n. ein poetisches Werk über die Keuschheit, ! letzteres auch: Os kancls virxinnm oder: Oe Isuäs 88. Oabrnm sb Vir§1uum. (Wharton, Beda, Lond. 1693; Oasirnns, subiguas leetiouss, Jngolst. 1608.) A. war auch Verfasser berühmter, aber verlorener angelsächsischer Gedichte (Wright, Lio§r. Orit. libt. I), und gilt als der erste lateinische Dichter Englands. Über ihn: Beda, Rist, oooi. vok. 18; Vibcr lklckiiekmi v. Wilhelm, InZssta xontiüeum O. V; Wharton, Vnxftia ssora, p. 59V Aldtni, Antonio, geb. 1756 zu Bologna, dort Advocat n. Professor der Rechte; wurde nach dem Frieden von Tolentino u. der Abtretung Bolognas an die Cisalpinische Republik von seinen Mitbürgern als Gesandter nach Paris gesandt 1797, zu- rückgckehrt Präsident des Rathcs der Alten der Cisalpinischen Republik u. Mitglied der Regiernngs- commission. Bonaparte, der ihn schätzte, berief ihn 1801 in die Consnlta von Lyon u. ernannte ihn dann zum Präsidenten des Staatsrathes der Republik, von welcher Stelle jedoch A. aus persönlichen Rücksichten bald zurücktrat, um erst 1805 wieder an die Öffentlichkeit zu treten, u. zwar als Graf u. Minister des Königreichs Italien. Nach der Restauration zog er sich nach Mailand zurück, von Österreich ebenso geehrt, wie von dem verbannten Napoleon, der ihm noch einen Abschiedsgruß sandte. A. st. zu Pavia 5. Oct. 1826. Aldinische Ausgaben (Aldinen), von Aldus Mauritius und seiner Familie besorgte Ausgaben klassischer Schriftsteller, u. Aldinische Lettern, von demselben eingeführte schlanke Schrift. Aldobrandini, berühmte adelige, später durch Papst Clemens VIII., der selbst ein A. war, gefürstete Familie zu Rom. Berühmt: 1)Salvestro, geb. 24. Nov. 1499 zu Florenz, einer der größten Rechtsgelehrten seiner Zeit; war Lehrer der Institutionen zu Pisa, wurde 1530 als Gegner der Medici verbannt u. lebte nun nach einander in Nom, Neapel, Fano, wo er 1636 Podesta wurde, 1537 in Bologna als Richter, Vicelegat u. Viceregent 1538 in Ferrara, von wo ihn Papst Paul III. nach Rom berief u. zum Advocaten der apostolischen Kammer ernannte. Er starb hier 6. Juni 1558. Seine Schriften waren seiner Zeit hoch- geschätzt, u. a.: Oommsntar. in Ilb.I. iusbib. lusbin. Von seinen 5 Söhnen sind zu nennen: 2) Giovanni, war Lmälbor Ootas, Bischof von Jmola und seit 1570 Cardinal; auch juristischer Schriftsteller. 3) Pietro, des Vaters Nachfolger als Advocat der apostolischen Kammer und ebenfalls Verfasser juristischer Schriften. 4) Tommaso, Secretär des Papstes PanlIV.; st. sehr jung,machte sich aber einen Namen durch die mir Anmerkungen versehene lateinische Übersetzung des Diogenes Laer- tins, welche sein Neffe Pietro mit dem griechischen Originaltext (Nom 1594) hcransgab. 5) Jppo- lito, der jüngste Sohn S. A-s, 1636 zu Fano geb., wurde als Clemens VIII. Papst 1592 und starb 1605. 6) Pietro, Sohn von A. 3), geb. 1571 zu Rom; wurde 1593 Cardinal, ging als Legat nach Frankreich und vermittelte 1601 den Lyoner Frieden, leitete unter seinem Oheim Clemens VIII. die Regierung, wurde unter Panl V. 1606 Erzbischof von Ravenna und st. 10. Nov. I l621 in Rom; ein Freund der Wissenschaften, ver- Aldobrandim faßte er die ^popbtilsssmata äs xerkeeto prin- oixe (Par. u. Franks. 1600 n. 1603). 7) Giov. Francesco, Enkel von A. 1), geb. 1546; war Castellan der Engclsburg, Gouverneur von Borgo u. päpstlicher General, wurde von seinem Oheim Clemens VIII. in den Fürstenstand erhoben, führte 1594 n. 1601 dem Kaiser ein Hilfsheer nach Ungarn gegen die Türken zu und st. 1601 zu Wa- rasdin. Sein Sohn Salvestro wurde bereits in seinem 14. Jahre Cardinal, u. seine Tochter Mar- gherita Gemahlin des Herzogs von Parma. Mit Ottavia, Tochter des Giovanni Georgio A., Fürsten von Nossano, erlosch das A-sche Haus, und kamen dessen Güter an die Borghese und Pam- fili 1681. Slldobrandini (Villa A.), prächtiges Landhaus bei Frascati in der italienischen Prov. Rom, angelegt von dem Cardinal Pietro A. nach den Entwürfen des Giacomo della Porta; gehört jetzt den Fürsten Borghese. Aldobrnndinische Hochzeit, ein antikes Wandgemälde von hervorragendem Werthe. Dasselbe ward um 1606 in den Gemäuern des Es- qnilinischen Berges, wo vordem die Gärten des Mäccnas gewesen, in einem verschütteten Gemache gefunden, ans der Wand gesägt und in die Villa Pamfili Aldobrandim, 1818 aber ins Vaticanische Museum gebracht, wo es sich noch befindet. Das ganze Bild hat eine Länge von 2,,g rn und eine Höhe von nahezu I,z m. Die Figuren sind ca. 50 om hoch, das Feld NM das Gemälde war mit Linien und Epheuranken umgeben. Die Technik des Bildes ist ganz dieselbe, wie bei den in Pompeji u. Herculanum aufgefundenen alten Wandgemälden. Die Entstehungszeit des Werkes läßt sich nicht mehr mit Sicherheit erkennen. Einige wollen es, mit Unrecht, bis in die Zeit des Au- gnstns hinauf versetzen; Andere meinen, es stamme aus der des Titus. Unverkennbar ist in fast allen Theilen desselben griechische Kunst, so daß man zum Mindesten an die glückliche Nachahmung eines bedeutenden griechischen Werkes glauben darf. Den Gegenstand bildet eine Hochzeitfeier. Die Anordnung ist die alte, an die der Reliefs erinnernde, welche die einzelnen Figuren neben, nicht hinter einander stellt. Die gcsammte Composition zerfällt in 3 unter einander verbundene Gruppen. Rechts vom Beschauer Sängerinnen auf dem Vorplatze des Brantgemaches n. der Bräutigam, ungeduldig harrend', an dessen Schwelle. Drinnen die Braut mit der redegewandten Zusprechcrin (skronuda) u. daneben die Brautjungfer als Salbenspenderin. Links endlich Frauen, das Brant- bad bereitend. Von Perspective ist nur so weit die Rede, als das Flachrelief dieselbe kennt. Die Archäologen haben es sich nicht nehmen lassen, dem Bilde eine symbolische Deutung zu geben. Seit man aber eine namhafte Anzahl antiker Genre- Gemälde'kennen gelernt, hat man keinen Grund mehr, dem Bilde einen symbolischen Gedanken unterzulegen, u. nimmt keinen Anstand, es einfach als Sittenbild zu betrachten, das die griechischen Hochzeitsgebräuche zur Anschauung bringt. Vgl. Völliger, Die Aldobr. Hochzeit, Dresden 1810. Alorich, Thomas Bailey, namhafter nord- imerikanischer Dichter, geb. 11. Nov. 1835 zu — Aldnngcr. 379 Portsmouth in New-Hampshire in den Verein. Staaten; wurde in seiner Jugend in Louisiana erzogen. Später ging er nach New-Aork, um als Buchhalter in ein Handlungshaus zu treten, welche Stellung er jedoch bald mit der eines Correctors in einem großen Verlagsgeschäfte vertauschte, und dies führte ihn bald dazu, sich auch als Schriftsteller zu versuchen. Er trat zuerst im XsrvVorlc biveninA LIinor ans u. ward dann Redacteur des Hains äonrnai und der Latnräs/ Uress. Die meisten feiner Gedichte u. Prosaskizzen erschienen in Pntnams Vlrs Lnislcsrkoslcer, Har- pers LlontiUz- u. im Atlantis. Seine Schriften kamen in London sämmtlich zur Wiederveröffent- lichnng. Er schrieb: Vüs LsUs. 1854; Daisx Nssiclaos, 1856; VIis üaliaä ob Lad/ Lei! anä otstsr kosms; Vlls (ücmrss ok 1'rus Havs rc., 1858; iUnmpmsa anä otüsr i?osm.8, 1861; Onb ok bis Usaä, ein Roman, 1862; kosins, 1863 u. 1865; HisLtorz- ob a LaciiZo^, 1869, n. Llar- z'oris Vaav anä otiisr keopis, 1873. Mdridgc, Jra (spr. Eirä Ahldridsch), namhafter Schauspieler, Neger, geb. um 1810 in der Nähe Baltimores; zeigte schon in seinen Jngendjahren einen regen Trieb für die Schauspielkunst, der sich in der Gründung eines Liebhabertheaters für Negerknaben manifcstirte. Zum Geistlichen bestimmt, bezog er, durch Vermittelung der Bischöfe Brenton n. Milner, seiner Gönner, die Glasgower Universität, trat aber 1826 in Keans Dienst und begleitete seinen Herrn nach England. Nach Amerika znrückgekehrt, betrat er in Baltimore ohne Beifall die Bretter, ging wieder nach England, wo er sich an Provinzialbühnen weiter ausbildete n. endlich neben Kean als Othello durchschlagende Erfolge errang. Ebenso fand sein Macbeth, Shylock, Richard III. u. a. vielen Beifall. A. spielte seitdem auf allen bedeutenden Theatern Großbritanniens, kam 1852 mit einer englischen Schanspielergesellschaft nach dem Continent, wo er in Brüssel, Köln, Bonn, Aachen, Berlin, Leipzig, Pest u. mehreren Hofbühnen mit Beifall auftrat. Obgleich 1857 am Coveutgardentheatcr angcstellt, verließ er doch England und gab seit 1858 Vorstellungen in Petersburg, Moskau, Ungarn, Polen u. wieder in Deutschland, seit 1866 in Frankreich. Er st., im Begriffs, wieder nach Rußland zu gehen, den 7. Aug. 1867 zu Lodz in Polen. Aldringer, Johann Freiherr v. Koschitz, Graf Lipna, geb. um 1590 zu Diedenhofen; war erst Lakai in Paris u. später Secretär beim Bischof von Trient. Er wurde kaiserlicher Soldat in Innsbruck, stieg schnell zum Offizier, ward 1622 Obrist, 1625 Geueral-Commissär bei Wallensteins Heer. 1626 vertheidigte er den Brückenkopf bei Dessau gegen Mansfeld, wofür er 1627 zum Freiherrn von Noschin n. Groß-Lipna erhoben wurde. 1628 belagerte er Glückstadt ohne Erfolg, 1629 betrieb er als kaiserlicher Bevollmächtigter die Restitution der geistlichen Güter in Niedcrsachsen n. nahm theil an den Friedensunterhandlnngen mit Dänemark in Lübeck. 1630 Generalmajor, nahm ^ er theil am Kriegszuge gegen Mantua, nach dessen Einnahme (18. Juli 1630) er s>s herzoglichen Schatzes bemächtigte und der. .rnd zu seinem späteren großen Vermögen legte. 1631 als Gras 380 Al-Dschcsir — nach Deutschland zurückgekehrt, zwang er den Herzog von Württemberg, sich dem Kaiser zu unterwerfen, vereinigte sich nach der Schlacht bei Breitenfeld mit Lilly, half Notenburg u. Windshcim einnehmen u. ward in den Treffen bei Bamberg u. am Lech verwundet; er erhielt nun nach Tillys Tode den Oberbefehl über das liguistische Heer u. eroberte Landsberg n. Günzbnrg; 1636 vereinigte er sich mit dem Herzog von Feria, ging mit ihm nach dem Elsaß, ward aber von dem schwedischen General Horn wieder nach Bayern znrückgedrängt; 1634 vertrieb er die Schweden von der Mittcl- donau u. ans der Oberpfalz u. wurde bei der Verthcidignng des Überganges über die Isar bei Landshnr 12. Juli 1634 erschossen. Seine Güter, darunter die ihm verliehenen gräflich Kinskyschen (Herrschaft Teplitz), kamen durch seine Schwester an die Clary (s. d.), welche sich seitdem Clary-A. nennen. Al-Dschesir (arab.), so v. w. Mesopotamien. Aldstone Moor (spr. Alston M»r), Stadt an der Tyne und Neet in der englischen Grafschaft Cumbcrland; Blciminen, deren Ertrag dem Militärhospital zu Greenwich gehört; 7000 Ew. Ale, starkes englisches Bier, reich an Kohlensäure u. Alkohol. Es wird aus einer starken Würze gebraut u. die Gährnng so geleitet, daß zwar die Hefe vollständig abgeschieden wird, aber viel Zucker »»zersetzt bleibt, was die lange Haltbarkeit des A. u. seinen eigenthümlichcn Geschmack veranlaßt. Das A. wird in gut verkorkten u. »erpichten Flaschen expedirt. Fast jede Provinz Englands hat ihre eigene Art. In Berlin, Bremen, Hamburg und Stettin befinden sich die größten Alebranercien Deutschlands. Ms (lat.), das Würfelspiel der Römer, s. u. Würfel. iLIon jasta sst, der Würfel ist gefalle», s. v. als: ich Habs gewagt; so sagte Cäsar nach Suetons Zeugniß, als er durch Überschreitung des Rubicon den Bürgerkrieg unvermeidlich machte. In der Rechtswissenschaft heißt X. der Inhalt eines Vertrages, durch welchen ansgesprochcnermaßen Gewinn n. Verlust von der Gestaltung eines ungewissen Umstandes abhängig gemacht wird; daher aleatorische Verträge: gewagte Geschäfte. Dahin gehören z. B. vorzugsweise Spiel u. Wette, theil- weise auch Versicherungsverträge. Alea (a. Geogr.), 1) Stadt der Carpetani in Wapania, Darraeon.; jetzt Alia. 2) Stadt in Arkadien, später zu Argalis gerechnet, welche daher den gleichen Beinamen führte, mit Tempeln der Athene. Aleander» Hieronymus, geb. 1480 zu La Mothe in der Mark Treviso; lehrte seit 1508 Humaniora zu Paris, trat aber bald nachher in die Dienste des Bischofs Eberhard von Lüttich; für Liesen ging er nach Rom, wo ihn Papst Leo X. zurückhielt. Er ward 1517 Bibliothekar des Va- ticans, entwarf in Rom 1520 mit Eck u. A. die Bannbulle gegen Luther u. ging als Nuntius nach Deutschland, sie in Vollzug zu bringen; betrieb namentlich auf dem Reichstage in Worms 1521 die Acht gegen den Reformator u. die Verurtheil- ung seiner Schriften zum Feuer. Clemens VII. gab ihm 1524 Erzbisthnm Brindisi, schickte ihn als Gesaut ../ -,n ./inig Franz von Frankreich, dann abermals nach Tentschland, wohin er auch ^.lootoi'olojüius. -von Paul II!., zum Cardinal erhoben, 1538 gesandt wurde; er st. 1542. Schrieb ein geschätztes j IHoon Araseo-Iabimun. Par. 1512. Vgl. Friedlich, Der Reichstag zu Worms nach den Briefen ^A-s, Münch. 1871. Alenvdi, Aleardo, italienischer Dichter, geb. 1814 zu Verona; widmete sich in Padua den Naturwissenschaften, dein Natnrrecht u. dem Römischen Recht u. ward Advocat in Verona, gab aber die Praxis bald wieder auf, um Beamter zu werden, erhielt jedoch, da er der österreichischen Negierung verdächtig war, keine Anstellung. 1848 wurde er mit Tommaseo als Vertreter der provisorischen Regierung von Venedig nach Paris geschickt, ging dann wieder nach Italien, ward während des Italienischen Krieges mehrmals verhaftet, jedoch nach dem Frieden freigelassen, trat in das italienische Parlament und lebte dann zurückgezogen in Verona. A. schrieb viel, u. a.: Xrualäa, (Gedicht), Mailand 1842; Illims storis, Verona 1857 (schon 1845 geschr.); II monts 6ir- oello, Verona 1858 (1846 geschr.); Leiters a ülaria, eb. 1848; Hs (littst italians marinars s oomsrsianti, eb. 1856; Ralkaslo s In llornarina, gedr. 1857; Pis kiumi, 1857; Ls tre kstnoinlle, 1858; Drists äramma., eb. 1859; I setts sol- äati, Flor. 1861; 6anto politiso, Verona 1862; 6outi, Flor. 1867 (eine Auswahl derselben ist ins Deutsche übertragen, Basel 1872). Als Dichter »ahm er sich vielfach Catnll zum Muster. Seine Schriften sind durchaus der nationalen Wiedergeburt Italiens gewidmet. Alcatiico, süßer, aromatischer Wein von Mnsca- tellertrauben; der echte A. kommt von Florenz, auch in Elba und an a. O. wird (unechter) A. bereitet; letzterer ist mit gekochtem Most u. etwas Rum versetzt. Aleatorische Verträge, s. XIsn. Alccsaudri, Vasile, Staatsmann u. Schriftsteller, geb. 1821 in der Moldau; stndirte seit 1834 in Paris und beschäftigte sich nach der Rückkehr in sein Vaterland (1839) theils als Mitarbeiter an liberalen Journalen, theils mit der Saminlnng. von rumänischen Sagen u. Volksliedern ; nachdem er darauf Mitdirector des Theaters in Jassy, für welches er mehrere Lustspiele schrieb, gewesen war, machte er eine Reise nach dem Orient u. Griechenland. Im Jahre 1848 betheiligte er sich bei der politischen Bewegung in den Donanländern u. ging nach deren Unterdrückung nach Frankreich. 1847 war er Mitglied des Divan für Berfassnngsangelegenheiten und Oct. 1859 bis Mai 1860 Minister des Auswärtigen; darauf trat er in den Privatstand. Er schr.: Dramatisches Repertoire, Jassy 1852, 2 Thle.; Doinas, Par. 1853; Volksballaden Rumäniens, Par. 1853, 2 Bde.; voins sl laorimioars, Buk. 1863; kossis populär« als Komanilor, Buk. 1867; Answahl seiner Journalartikel, Jassy 1857; einen Theil der von ihm gesammelten Volkslieder übersetzte er selbst ins Französische (Lallaäss st oliants populairss äs ln Iloumanis, Par. 1855), ins Deutsche W. v. Kotzebue, Berl. 1857. llleetoriäLs, Hühnerstelzen (s. d.), Fam. der Sumpfvögel. /lleotorolopdus Hall. (v. alslltör, Hahn, und Alegre Alemannen. 381 loxlios Kamm), Hahnenlamm, so v. w. Uliinon- tiins Alegre, s. Porto Alegre. Alegre, Jves Baron v. A., ans einem alten Adelsgeschlechte der Auvergne; begleitete 1495 den König Karl VI II. zu dessen Huldigung als König von Neapel nach Italien u. wurde zum Gouverneur der Basilicata ernannt, mußte jedoch bei der Vertreibung der Franzosen bald weichen. Hierauf Gouverneur von Mailand, wurde er nach der Wie- dererobernng des Königreichs Neapel Gouverneur in demselben, übergab aber nach den Niederlagen am Garigliano 1505 vorschnell Gabt«; nachdem 1506 in Genua eine Empörung gegen die französische Herrschaft ausgebrochen war u. A. 1507 die Stadt hatte bezwingen helfen, ward er Gouverneur von Savona. Ein Wassengefährte von Bastard und Gaston de Foix, entschied er den Sieg von Ravenna gegen das liguistischc Heer, suchte aber, da in dieser Schlacht seine beiden Söhne gefallen, den Tod n. fand ihn auch noch am 11. April 1518. Im 16. Jahrbundert wurde diese Familie durch auf einander folgende Mord- thaten berüchtigt. Ein Uves, Marq. v. Alegre zeichnete sich als Feldherr in französischen Diensten aus während der in dem letzten Jahrzehnt des 17. Jahrh. gegen Deutschland geführten Kriege, wurde 1724 Marschall von Frankreich; st. 1733, 80 Jahre alt. Alekto, eine der drei Furien (s. d.). Alektryomachie, ^lelctrz-önlin agSnss (gr.), Hahnenkämpfe, im alten Griechenland sehr beliebt. Alcktryonomantie (gr.), eine Art Weissagung im späteren Alterthum. Man schrieb in einen in 84 gleiche Segmente getheilten Kreis die Buchstaben des Alphabets, legte je ein Weizen- oder Gerstenkorn bei n. deutete die Weissagung, indem inan aus der Reihenfolge, in der ein abgerichteter geweihter Hahn die zu den Buchstaben gehörenden Körner fraß, Wörter zusammensetzte. Wollte man eine längere Antwort haben, so legte man wieder frische Körner hin. Alcrnan, Mateo, spanischer Romanschriftsteller, geb. zu Sevilla, um 1568 Secretär bei der Hosstaatslässe des Königs Philipp II.; mußte, in eine Defraudationsklage verwickelt, diese Stelle aufgebcn, widmete sich der Schriftstellerei, wandelte nach Mexico aus u. st. daselbst um 1610. Er sch leb u. a. den Schelmenroman: idtalaxa äs la viäa irnmana, nachher betitelt dcmwann cis Ularaeiis, Madr. u. Val. 1599 u. 1605, 2 Bde., in vielen Auflagen gedruckt (am besten in Uri- Irans Lilrlioteoa äs antorss espaLolss, Madr. 1846, B. 3), und fast in alle Sprachen übersetzt, deutsch von Ägidins Alberlinus, Münch. 1615; dazu ein 3. Bd. von Frcudcnhold, 1632; eine neue deutsche Übersetzung, Lpz. 1782, französische Bearbeitung von Le Sage, Par. 1772 und 1785 2 Bde., daraus die neueste deutsche von Gleich, Magdcb. 1828, 4 Bde. Alemannen (Alamannen), Völkerbund in Germanien, zwischen Rhein, Main n. Donau; die Hauptvölker, meist snevischen Stammes, waren die Teukterer, Usipeter, Kalten u. Vangionen. In der Geschichte finden sie zuerst Erwähnung unter Kaiser Caracalla, welcher 211 n. Chr. gegen sie kämpfte u. davon den Namen Alcmannicus erhielt; sie wohnten damals in den Maingcgcnden. Später dehnten sie sich weiter über den Rhein ans, ließen sich an der gallischen Grenze, in einem Theil des Gebietes der Sequaner und des belgischen Gallien nieder u. beunruhigten die Römer. Kaiser Alexander Severus erkaufte 234 den Frieden von ihnen; Maximums drängte sie 237 über den Rhein zurück. Unter Gallienus brachen sie, geführt von Chrocns, 259 wieder in Gallien ein, wurden aber von Postumius 260 bei Arles geschlagen n. wieder ! zurückgctriebcn n. gegen sie der Römerwall (s. Pfahl- ! graben) angelegt, doch wiederholten sie ihre Streif- ! zllge in das römische Gebiet. Um 270 kamen sic nach Italien, wurden aber von Aurelian zurückgcwieseu; 281 von Probus gänzlich geschlagen, mußten sie im Vereine mit anderen besiegten germanischen Völkern 16,000 Jünglinge nach Rom liefern, die in die römischen Provinzen vertheilt ivurdcn. Nach 283 dehnten sie sich zwischen Rhein u. Iller ans. 298 erlitten sie auf dem Plateau von Langres eine Niederlage durch Constantius Chlorus, wobei 60,000 Männ fielen; der Rest zog sich durch den Paß von Belfort über den Rhein zurück. Sie kamen jedoch verstärkt wieder, weshalb die Römer in der Nähe des Rheinknies mehrere Befestigungen (Basilia, Robnr, Stabula rc.) anlegten. Ihren häufigen Einfällen in Gallien u. Noricum seit Anfang des 4. Jahrh. machte Kaiser Julian durch drei siegreiche Schlachten ein Ende. Schon unter Valen- tinian I. begannen die Kriege mit ihnen wieder; dreimal besiegt, bei Durocaialauuum u. Solicinium, und von Gratian bei Argentaria (Horburg), drangen sie dennoch weiter vor; seit 403 gaben ihnen die Römer das Elsaß preis. Zur Zeit der Völkerwanderung überschwemmten die A. Gallien, dehnten sich iängs des West-Rheins aus u. nahmen in der ersten Hälfte des 5. Jahrh., nachdem die römischen Kaiser sie znrückzndrängen sich vergebens bemüht hatten, Helvetien ein, so daß sie das Land zwischen Alpen, Vogesen, Main u. Iller im Besitz hatten. Bei einem Zuge gegen Sigbert, einen fränkischen Häuptling zu Köln, wurden sie von Chlodwig 496 bei Tolpiacum geschlagen, wobei ihr König blieb. Der nördl. wohnende Theil unterwarf sich den Franken, u. ihr Land wurde Kammer- gut der fränkischen Könige; ein anderer Theil wanderte aus n. erhielt von dem Ostgothcnköuig Theoderich Sitze in Rhätien; der Rest behielt seinen Sitz in der südwestlichen Ecke Deutschlands, zwischen Alpen, Vogesen, Rhein, Neckar n. Lech (Vlsmannio proprio,, Algan) u. bildete fortan das Hcrzogthum Alcmanuien mit eigenen Herzögen. Unter dem Einflüsse der Franken n. Gothen ward nun auch das Ehristenthmu unter Len A. gepredigt, u. durch den ostfränkischen König Theoderich erhielten sie die erste Auszeichnung ihres Volks- . rechtes (s. Alemannisches Recht). 536 trat der !gothische König Vitigcs an Theudebert den Franken !auch die A. ab, welche in Rhätien wohnten, als ^ deren Herzöge Bucelin u. Leuthar genannt werden, i welche 552 in Italien für die Gothen gegen Be« ! lisar kämpfend fielen. Leudfred, der unter Childe- jbert Herzog war, wurde wegen Theilnahme an seiner Empörung gegen den König durch Anceler > ersetzt. Im I. 630 leistete Rotbert dem König Z82 Alemannischer Dialekt — Alembert. Dagobert Hilfe gegen die Wenden. Herzog Leu- dien oblag und seltene Fortschritte darin machte, tdar II. war in die Streitigkeiten Grimoalts u., Nachdem er Liese Lehranstalt verlassen, studirte er Ottos verwickelt n. tödiete Letzteren 6-12. Ans die-!noch Medicin und Inrisprndcnz und wurde sogar sen Lenthar wird der Ursprung der Grafen vom'Advocai; sein Lieblingsstndium aber blieb nach wie Elsaß znrlickgcsiihrt, die deshalb auch später den vor Mathematik. Seit 1739 lieferte er der Aka- Titel der Herzoge von Aleinannien führten. Bei dcmie der Wissenschaften mathematische Arbeiten Chlodwigs III. Tode (695) gelang cs dem dama-uind wurde schon 1741 selbst als Mitglied anfgc- ligen Herzog Gotsrid, gegen Pipin von Hcristal derFiommcn. Seine 1iokuxion8 8nr 1a sanso g'sns- fränt. Hoheit sich zu entledigen; aber schon sein Lohn rale «Iss vvuts (Par. 1717) trugen ihm dann auch Thcoba'.o ward 732 von Karl Martell untcrwor-!die Mitgliedschaft der Berliner Akademie ein. Seit sen n. seine späteren Versuche 712 n. 711, sich wieder 1749 lieferte er für die berühmte Französische loszurcißen, von Pipin dem Kleinen vereitelt. Theo- EncyklopLdie (s. d.), die er anfangs in Gemein- bgld selbst wurde gefangen n. znm Tode verurthcilt, schaft mit Diderot heransgab, die Einleitung, die 746, n. nach Besiegung des letzten Boltsherzogs mathematischen n. physikalischen u. mehrere philo- Lantfrid, der sich mit Gripho, dem Usurpator von sophische n. literarische Artikel. Als die franzü- Bayern, gegen ihn verbündet hatte, zog Pipin 751 Fische Regierung aber in Folge der hämischen An- die alemannische Herzogswürdc gänzlich ein, ver-l griffe, die die Encyklopädie seitens der Kirche n. der band die Provinz Aleinannien unmittelbar mit Sorbonne erfuhr, das dem Unternehmen 1716 er- dcm Fränkischen Reiche n. ließ sie von Kammer-Iheilte Patent anfhob, trat A. davon zurück n. bc- boien verwalten. Diese aber warfen sich nmer schäftigte sich nunmehr hauptsächlich mit Unter- Ludwig dem Kinde wieder als Herzoge ans; die A. Fuchnngen über die Conscgncnzen des Newtonschen erhielten das Recht, ihre Herzüge zu wählen, wie-lGravitalionsgesetzcs, über Planetenstörnngen, das der, u. Erchanger nahm den Titel Herzog v. AleFVorrückcn der Nachtgleichcn, die Nntation der mannien zu Anfang des 10. Jahrh. an. Die^Erdaxe, über die Knotenbewcgnng der Satelliten Würde wurde erblich und das Herzogthnm Ale-m. s. w. Seit 1772 war A. Sccretär der Fran- mannien bildete im 11. Jahrh. eine nicht nnbe- zösischen Akademie und widmete fast ausschließlich deutende Macht, die aber bald durch innere Strci-Feine Thätigkeit diesem Institut und seiner Corrc- tigkencn zerfiel. Zn Ende des 11. Jahrh. wurde spondcnz mit Friedrich II., Voltaire u. A.; eine das Land in zwei Theile, in den südlichen (Bur- glänzende Stelle als Erzieher des Sohnes der gnnd n. dis nördliche Schweiz) n. den nördlichen Kaiserin Katharina II. schlug er ans, ebenso eine (Schwaben)'gethcilt. Elfteren erhielt das Hans. Einladung Friedrichs II., sich in Berlin niederzu- Zähringcn, letzteren das Hans der Staufer, und lassen. Als ihm aber die Französische Akademie von da an verschmilzt die Geschichre Alcinannicns in Folge seiner freien Denkweise sein Gehalt ent- mit der Geschichte Schwabens. Vgl. Ammianus zog, nahm er ein JahreSgchalt von Friedrich II. Marcellimis, Annalen in Pertz Leripb. I : Nlerkel, , an, bis er 29. Oct. 1783 an der Steinkrankheit Vs ropubliea, ^.Ismannvrum, Berl. 1819; Haas, starb. Sein Leben war ein friedliches, sparsames Urzustände Alemanniens, Erlang. 1866; Bacmeister u. dabei doch wohlthätiges; er stand in vertranten Alemann. Wanderungen, Stnttg. 1867; Stalin, Ge- Verhältnissen mit der von allen schönen Geistern schichte von Württemberg (I. Bd. 1841.). Frankreichs als Inbegriff aller Liebenswürdigkeit Alemannischer Dialekt, s. Deutsche Sprache, bewunderten Frau de l'Espinasse, nach deren 1776 Alemannisches Recht (Llamannorclin lex), erfolgtem Tode er sich gebeugt n. lebenssatt fühlte, das Voltsrecht der Alemannen, zuerst auf Vcran- Seine Grundsätze stützen sich auf die Philosophie lassung des ostfränkischen Königs Thcodcrich um Lockes; in der Metaphysik war er Skeptiker. An 550 unter dem Namen Pactus ausgezeichnet, dann Voltaire schrieb er einst: In allen metaphysischen unter Chlotar II. (613—628) neu bearbeitet, wahr- Fragen finde er nur den Skepticismns vernünftig; schcinlich unter Dagobert '. (628—638) vermehrt er fühle sich versucht, anzunchmen, daß Alles, n. von Herzog Lantfried (st. 730) erneuert n. end- was wir wahrnehmen, nur Sinnestäuschung sei, lich unter Karl d. G. mit Einschaltung von 6 und er komme immer wieder ans die Frage jenes neuen Artikeln in verbesserte Abschriften gebracht, indischen Königs: „warum es überhaupt Etwas Abgedruckt ist es im 3. Bande der voxes von Pertz, gebe," u. ans den Wahlsprnch Montaignes: „was Nouumc-nla Zerm. Iwöt., Hannover 1863. weiß ich?" zurück. Die Verbindung der Theile Alembert, Jean lc Rond d', einer der größten in den Organismen scheine ans eine bewußte französischen Gelehrten, geb. zu Paris 16. Nov. Intelligenz hinznweisen; aber wie diese sich zur 1717; wurde von seiner Mutter, der Salondame Materie verhalten, sei undenkbar, da wir weder von Tencin, an der Kirche St. Jean lc Rond (daher von der Materie, noch voin Geiste eine vollständig sein Vorname) ansgesetzt n. von einer armen Gla- deutliche Idee haben. Seine vermischten Schriften sersfran, Namens Rousseau, ausgenommen u. er- erschienen gesammelt als Oauvrs8 MIosoMignW, zogen. Seine unnatürliche Mutter kümmerte sich nicht Iristoriguss eb libtsrairss, hcransgegeben von um ihn; sein Vater, LerDichter Destouches, setzte für Bastien, Par. 1805, 18 Bde.; später von Didot, seine Erziehung eine Jahrcsrente von 1200 Livres ebd. 1821, 16 Thle. in 5 Bdn.; neue Ausgabe ans. Seine ausgezeichnete geistige Begabung ent- von Condorcet, ebd. 1852. Lescnswerth ist auch wickelte sich sehr frühzeitig. Mit dem 12. Jahre A-s Briefwechsel mit Friedrich II., sowie das von kam er in das Collegium Mazarin, wo er mit! Condorcet geschriebene VIo§s desselben, großem Eifer erst philosophischen n. theologischen^ D'Äl cmberts L ehrsatz. Essci--x eineFnnction dann aber fast ausschließlich mathematischen Stu-; von x, u. z- — x — -> x, ferner sei zi- x eine an- ^.Isinbiu HZwIköion — Alrppo. 383 dere Function von x, so ist zi- x — zi- z- -s- g> x <1 z, 1.2äv- 1. 2. 3. ä 7°- ->- . Dieser von Condorcet als ein Theorem d'Memberts in der Lnezwlopockis möbiiockigus angeführte Satz ist nichts Anderes als der ältere Taylorsche Lehrsatz. /llembio 8s»oron, s. Mkoholometrie. Alcinbröth (Chald.), Schlüssel der Kunst, Satz der Weisheit; Alembrothsalz (8al Xksmbrobki, Salz der Wissenschaft), alchemistischer Name eines Doppelsalzes von Quecksilberchlorid und Salmiak. Man stellt es dar, indem man 2 Theile Qneck- silbersnblimat u. 1 Theil Salmiak in Wasser löst und die Lösung zur Trockniß verdampft; es wird zum Vergolden gebraucht. Alemdar (türk.), der Offizier, welcher dem Padischah bei Festanfzügen die grüne Fahne des Propheten vorträgt. Alemqner, Stadt (Villa) im Distr. von Leiria der portug. Prov. Estremadura; viele Gartcnfrüchte, Wein u. Getreide, große Papierfabrik; 4370 Ew. Alemtejo (L. i. jenseit des Tejo), ehemalige Provinz in Portugal, zwischen Estremadura, Beira, Spanien, Algardien u. dem Meere; 24,380ffZllm (442, zg üsjDl); 332,841 Ew.; meist eben, mit vielen unangebanten, zum Theil dürren, wellenförmigen Haiden, auf denen jedoch Viehzucht getrieben wird, nur im S. gebirgig: Serra de Mameüe u. Portalegre, de Ossa, de Evora u. a., im S. die zu 1300 rn ansteigende Serra de Monchique; Flüsse: Tejo, Guadiana, Sadao u. mehrere kleinere; Klima sehr warm und trocken, aber gesund, mit Ausnahme der sumpfigen Küstengegenden, wo sich auch die Lagunen von Pera u. OLemira befinden. Producre: Weizen, Gerste, Reis, Mais, Obst, Südfrüchte, besonders vorzügliches Olivenöl, Marmor und feine Thonerde, Mineralquellen. Die Provinz wird von den Eisenbahnen Lissabon-Madrid (Abrantes-Badajoz) und Lissabon-Beja durchschnitten. Jetzt ist A. getheilt in die Districle Evora, Beja, Portaleqre; Hauptst. war ehedem Evora. Alerrpon» Hauptst. des französischen Dep. Orne u. des gleichnamigen Arr., an der Vereinigung der Sarthe u. Briante u. an der Linie Le Mans-Mezidon der Westbahnen; Präfectur, Asfisenhof, Tribunal, Handelsgericht, Gewerbekammer, gelehrteGesellschaft, Lyceum, Normalschule, Museum, Bibliothek (15,000 Bde.), Gartenbaugesellschaft; schöne Kathedrale ans dem 15. Jahrh., Überreste des alten Schlosses der Herzoge von A., große Getreidehalle. Die Industrie, welche sich früher besonders in den berühmten Spitzen und Blonden von A. auszeichnete, deren Fabrikation jetzt fast ganz aufgehört hat, erstreckt sich auf Pique- und Barchentweberei, Baumwollspinnerei, Fabrikation von Musselin, Kattun, Stickereien, Strohhüten, Handschuhen, künstlichen Blumen, chemischen Producten; außerdem gibt es Bleichen, Gerbereien, in der Umgegend Eisen, Zinnober u. schöne Quarzkrystalle, welche als A-er Brillanten zu Schmucksachen verarbeitet werden: 16,115 Ew. A. ist der Geburtsort des Gesü.ichlschreibers Mezeray. Es war ursprünglich ein Schloß, dem-Hause Bellesme gehörig, u. kam mit Bellesme früh an die Grafen von Perche; indeß schon 1028 würben zwei Linien gestiftet, deren eine die Herren von Bellesme u. Grafen von A. bildeten; der erste war Robert 1033. Unter Robert II. wurde A. vom König von England an das Haus Anjou gegeben, doch erhielt es 1119 Roberts Sohn Wilhelm III. zurück. Im I. 1217 st. die Linie der Grafen von A. aus, und das Land wurde unter dem Namen Alenyonnois vom König Philipp II. mit der Krone Frankreich verbunden. König Ludwig IX. gab A. mit Perche 1268 als Herzogthum seinem 5. Sohne Peter, nach dessen Tode es jedoch wieder an die Krone zurückfiel. 1293 gab König Philipp der Schöne beide Grafschaften an seinen Bruder Karl I. v. Valois; diesem folgte 1322 sein Sohn Karl II., für welchen 1328 die Grafschaft A. zn einer Pairie erhoben wurde, u. diesem 1346 sein Sohn Karl III. Als letzterer 1361 ins Kloster ging, theilten seine beiden Söhne: Robert erhielt Perche, A. kam an Peter II., nach dessen Tode sein Sohn Johann III. der Weise, geb. 1385, A. und Perche wieder vereinigte. Dieser siel 1415 in der Schlacht .bei Azinconrt. Sein Sohn Johann II. (IV.) der Schöne, geb. 1409, verlor sein Herzogthnm 1417 an die Engländer, erhielt es aber wieder nach deren Vertreibung; er nahm vielfach an Len inneren Streitigkeiten Frankreichs theil u. wurde zweimal, wegen Verschwörungen gegen Karl VII. u. Ludwig XI. verdächtig, zum Tode verurtheilt, aber wieder freigelassen; er st. 1476. Rene, des Vor. Sohn, erhielt des Vaters eingezogene Güter zurück, wurde, dem König Ludwig XI. verdächtig, 3 Monate in einen eisernen Käfig gesperrt, aber unter Karl VIII. wieder freigelassen n. st. 1492. Sein Sohn Karl IV., geb. 1489, verursachte 1525 Lurch schlechte Führung des linken Flügels bei Pavia den Verlust der Schlacht n. die Gefangenschaft des Königs. Mit ihm erlosch die alte Linie A., u. das Herzogthnm fiel nach dem Tode seiner Gemahlin Margarethe 1549 wieder an die Krone. Karl IX. verlieh es erst 1566 seiner Mutter Katharina von Medici u. 1570 seinem Bruder Franz, nach dessen Tode 1584 es wieder mit der Krone vereinigt wurde. Heinrich IV. verpfändete es 1605 au den Herzog Friedrich I. von Württemberg, dessen Sohn Johann Friedrich es wieder an die Krone Frankreich vertauschte. Seitdem wurde der Titel Herzog von A. an französische Prinzen verliehen, so 1774 an den Grasen von Provence, nachmaligen König Ludwig XVIII. Jetzt führt denselben Ferdinand, der zweite Sohn des Herzogs von Nemours, geb. 12. Juli 1844, vermählt seit 1868 mit Prinzessin Sophie von Bayern. Aleph, 1 . Buchstabe des hebräischen Alphabets, s. u. A. Aleppo (Haleb), 1) Ejalet im türkischen Asien, am Mittelmeer,'Theil von «Syrien; nach der neuen Eintheilung 105,560 Hjlcm (1917 UM) und 535,714 Ew. Im O. u. SO. Wüste; im St. u. W. Gebirge: Alma- u. Kystldagh, beide Theile deS Amanus (der Alten), der mit dichten Wäldern bedeckt ist, an der WSeite des Plateaus von Haleb liegt, im N. mit dem Taurus in Verbindung steht u. im SW. mit dem Pierins oder Tolos (Dschebel- Koserik) endet; im O. des Plateaus streicht der Libanon. Flüsse: Euphrat, Orontes oder Asy n. 384 Mcppokrcmkheit — Alessandri. der Steppenflnß Koik (Kowail); Seen: Kinnesrin, Dschebnl; Klima angenehm n. gesnnd. Beschäftigung der Einw.: Ackerbau wenig (etwas Gerste, Weizen, Hirse), mehr Gemüse- u. Südfrüchtebau, Viehzucht (zumal bei dem nomadifirenden Theil der Ew.); bedeutender Karawanenhandel nach der Türkei und Persien, dessen Ausfuhr hauptsächlich aus Baumwolle, ordinärer Schafwolle, vorzüglichen Galläpfeln, Sesam, Schwämmen, Oliven- und Ricinusöl, die Einfuhr in Baumwollengarn (England u. Schweiz), englischen Merinos, Kaschmir u. roihen Mützen ans Böhmen, Lyoner Goldfäden rc. besteht. Die Einwohner sind Osmanen n. Tnrk- mancn, Araber, Kurden, Armenier, Inden u. a. 2) Hauptst. des Ejalcts (morgenländisch Halcb-i- schcchba, d. i. die Schöne), am Koik, ans der Ebene u. 8 Hügeln, in schöner, überaus fruchtbarer Gegend mit weit berühmten Gärten; Sitz des Pascha, eines griechischen Metropoliten und armenischen Patriarchen, eines jakobitischen und maronitischen Bischofs, auch der Consnln aller größeren europäischen Mächte; hat 12 große Vorstädte, Wasserleitungen, Castell, 100 Moscheen, viele Kirchen, 2 Bibliotheken,mehrere Gerichtshöfe,Bazars,Schulen; ehemals 200,000, jetzt 100,000 Ew. (worunter 15,600 Christen, 4700 Inden). Man fertigt seidene, baumwollene u. a. Maaren, Goldstoffe, Seife rc.; treibt damit, wie auch mit von Arabien geliefertem Kasse n. Gummi, ausgebreiteten Handel. Hanptniederlage von Waaren ans Europa, Persien, Indien, Armenien, Syrien u. Arabien. A. wird von Einigen für das alte Chalybon (Chelbon) gehalten, in der makedonischen Zeit hieß es Bcröa. Mit Syrien wurde A. von den Römern erobert und kam nach der Theilnng des Reiches an die byzantinischen Kaiser, denen es 636 unter Omar von den Arabern entrissen wurde. Stadt n. Land erfuhren, nun wieder unter dem alten Namen, in der Folge die wechselndsten Schicksale, indem sie der Schauplatz einer Reihe blutiger Kämpfe und der Sitz einer Menge verschiedener Dynastien wurden. Im 11. Jahrh. wurde A. der Sitz einer seldschukischen Dynastie, die aber 1117 bereits ihr Ende fand. Während der Kreuzzüge (s. d.) fanden hier viele Kämpfe statt. Im I. 1154 wurde A. mit Damast n. 1171 mit Ägypten vereinigt. Um 1200 war es wieder unabhängiges Sultanat. 1260 wurde cs von den Mongolen heimgcsucht u., nachdem es 1293 von einem Erdbeben zerstört, aber neu wieder anfgebaut worden, 1401 von den Horden Timurs. 1517 wurde A. dem Türkischen Reiche cinverleibt. 1822 zerstörte ein großes Erdbeben abermals die Stadt; 1832 wurde A. von den Ägyptern erobert und an Mehemed Ali abgetreten, der es jedoch nach den Beschlüssen der Londoner Conferenz 1840 den Türken wieder räumen mußte. Am 16. Oct. 1850 brach in A. eine Empörung gegen die dortigen Christen ans, weil dieselben vom Militärdienste frei waren, wobei Frauen und Mädchen geschändet, Häuser geplündert und 3 Kirchen verbrannt wurden; der Aufstand wurde Anfang November durch Militärgewalt blutig unterdrückt. Alcppokrankhcit (lila! ck'LIspxo, b'sbrm ^leppsnsm), in Aleppo und der Umgegend einheimisches Übel, wobei nach einem 24 Stunden anhaltenden Fieber eine große Beule, Hitzblatter oder Bubo (Aleppobeule, Aleppopustel) an irgend einem Theil des Körpers, besonders im Gesicht, erscheint, die weder schmerzhaft, noch gefährlich ist, wenn sie nicht geritzt oder zurückgetrieben wird; die Geschwulst eitert unter Aussickcrn einer Feuchtigkeit fast ein ganzes Jahr und hinterläßt eine tiefe, nie wieder verschwindende Narbe; befällt Eingeborene, auch Fremde in der Regel nur einmal, aber selten entgehen letztere diesem Übel. Alepposcammoninm, Aleppischcs Scammo- nium, Sorte des Scammoninmharzes (s. d.). Alcppütranbe (fr. Llorillon xannolis), sehr schöne Gartentranbe mit schwarz und grün gestreiften Beeren und mitunter ganz schwarzen und ganz weißen Trauben an derselben Pflanze; reist ziemlich früh. Wer, Paul, geb. 9. Nov. 1656 zu St. Beit im Luxemburgischen; trat 1676 in Trier in den Jesuitenorden, wurde 1701 Professor der Theologie daselbst, 1703—13 Regens des Gymnasiums u. st. 2. Mai 1727 zu Düren. Schrieb ein reichhaltiges Olctionarium Aöimaiiiso-latinnin, 2 Bde., Köln 1727; daun u. a.: 6ra«Ins all l?arnas8nru (ein Sammlung von Synonymen, Epitheten und poetischen Phrasen, mit Bezeichnung der Quantität jedes Wortes), Köln 1702 und öft., neueste Bearbeitung von Koch, Leipz. 1867. Alerm (früher Alalia), Dorf an der OKnste von Corsica im Arr. Corte; genuesisches Castell, Gestüt, römische Ruinen; 930 Ew.; A. war im 6. Jahrh, v. Chr. von Phokäcrn gegründet, welche von hier aus Elea in Unteritalien colonisirten. Unter Sulla wurde A. zur römischen Colonie erhoben Hier stieg am 12. März 1736 der westfälische Baron Theodor v. Nenhof, nachmaliger König von Corsica, zuerst ans Land. Alerte (fr., eig. all' sicka, auf der Hut, v. lat. erisssre), fertig, flink, wachsam. Aleschki, St. in Rußland, Gouv. Taurien, an der Mündung des Dniepr; 8500 Ew. Alesia (a. Geogr.), St. der Mandubier in Gallia Lugdunensis, berühmt durch die helden- müthige Vertheidigung des Vercingetorix gegen Cäsar; jetzt Alise St. Reine (s. d.). Vgl. Napoleon III., Leben Cäsars, 2. Band. Alessaudreskn, rumänischer Schriftsteller, geb. 1812 zu Tirgovisti in der Walachei; vertauschte die anfänglich ergriffene militärische Laufbahn 1834 mit der politischen. Er schloß sich der liberalen Opposition gegen den Hospodar Alexander Ghika an, wurde wegen seiner politischen Fabeln in einem Kloster bis zu Ghikas Thronentsetzung, 1842, gefangen gehalten, war 1859 kurze Zeit Finanzminister. Während der Gefangenschaft verfaßte er seine bekannte politische Schrift: DaS Jahr 1840. Seine Erinnerungen n. Eindrücke, Briefe und Fabeln erschienen Bukarest, 1847, n. vermehrte Aufl. 1863. Alcsiandri, Vasile, s. Alccsandri. Alcssandri, Alcssandro (^loxanckor ab Llox- anckro), 1461—1523, Advocat zu Neapel, welcher sich nach Nom zurückzog, um das Alterthum zu stndiren. Schrieb ein reichhaltiges Sammelwerk, Dies Fsmalov, 1522, welches nach dem Vorbilde ! I ! > 385 Alessandria — des Gcllius in bunter Reihe Gegenstände des Alter- thnins behandelt. Alefsandria, 1) Pro», des Königreichs Italien, zwischen den Provinzen Novara, Pavia, Genua, Turin u. Cuneo, 5050 Usicin (91,^ sI)M) mit 683,361 Ew.; im S. gebirgig durch die Lignrischen Apenninen, im westlichen und mittleren Theil hügelig u. bewaldet, im O. eben u. fruchtbar, bewässert vom Po, Tanaro, Bormida, Stura, Scrivia, mit einem Netze von Eisenbahnen überzogen u. eingetheUr in 6 Bezirke (A., Acqni, Asti, Casale Monserrato, Novi Ligure u. Tortona), 67 Mandamenti n. 344 Commnni. 2 ) Hauptst. am Einfluß der Bormida in den Tanaro, von Sümpfen umgeben; Knotenpunkt von 5 Eisenbahnen, starke Festung mit 1728 erbauter Citadclle, zu welcher eine gedeckte Brücke führt, 6 Bastionen mit vielen Außcnwerken. A. ist Sitz eines Präfectcn, eines Bischofs, einer Finanz-Intendanz, eines Civil- tribunals re., hat 7 Hanptplätze (der schönste am Kanal Carlo Alberto), königl. Palast, Palast der Ghilini, 19 Kirchen (darunter die 1823 erbaute Kathedrale), königl. Lyceum, Gymnasium, technische Schule, Gcwerbeinstitut, Notariatsschnle, Seminar, Akademie der Wissenschaften n. Künste (äs! Immobil!, 1562 gegründet), zahlreiche Wohlthätig- keitsanstalten (darunter 2 Kindcrbewahranstalten, 3 Waisenhäuser rc.). Die Industrie erzeugt Leinen-, Wollen» n. Seidcnwaaren, Strümpfe, Hüte; die Stadt bildet den Mittelpunkt des Verkehres und Handels zwischen Genua, Turin u. Mailand und hat jährlich 2 besuchte Messen (24. April u. 11. Octbr.); 57,080 Ew. A. ward 1168 von den gegen Friedrich I. verbündeten lombardischen! Städten erbaut, hieß anfangs Cäsarea, bekam aber nach dem Papst Alexander III. u. von ihm wegen ihrer tapferen Bertheidignng gegen den Kaiser (1175) den Namen A. mit dem Zusatze äolls, kaAlia, d. h. von Stroh, vielleicht weil die ersten Häuser mit Stroh gedeckt waren. Sie wurde 1522 vom Herzog Franz Sforza u. 1527 von den Franzosen unter Lautrer erobert, 1657 von den Franzosen unter dem Prinzen Conti vergebens belagert, 1707 von den Kaiserlichen unter Prinz Engen eingenommen u. vom Kaiser Joseph I. dem Herzog v. Savoyen überlassen. A. kam 1796 an Frankreich u. wurde Hauptstadt des Dcp. Marengo; 1799 wurde es von den, Franzosen tapfer ver- theidigt, aber von den Österreichern und Russen eingenommen. Hier Vertrag am 16. Juni 1800 zwischen dem österreichischen General Melas und Napoleon Bonaparte, nach der Schlacht von Marengo (s. Französischer Revolutionskrieg). Im I. 1821 wurde die Stadt wegen des piemontesischen Aufstandes von den Österreichern besetzt und die französischen Festungswerke meist zerstört. A. war 1848 u. 1849. der Hauptwaffenplatz der Piemon- tesen; wurde von; 24. April bis 17. Juni 1849 wieder von den Österreichern besetzt; seit 1856 ist es wieder stark befestigt worden. Alcssandrini, Antonio, berühmter Naturforscher, gcb. 30. Juni 1786 in Bologna; studirte in Modena u. in seiner Vaterstadt Medicin, wurde hier Proscctor n. lehrte vergleichende Anatomie u. Thicrheilknude, wurde später auch in den Sanitätsrath gewählt u. st. 6. April 1861. Er ist Be- Pierers Univcrsal>Conversation§-Lexilon. 6. Aufl. I. - Aletschhorn. gründer der Museen der vergleichenden Anatomie und Paläontologie in Bologna; seine zoologischen u. anatomischen Abhandlungen sind in verschiedenen Zeitschriften abgcdruckt, bes. in den von ihm mit heransgegebenen tlnnali äi sboria naturale, Bol. 1829 ff., u. biuovi ^.nusli äolls soisnro naturali, ebd. 1838—54, 30 Bde.; er schr. auch: (lataloM äsZfli vMetti s prsxarati cksl Zabi- nstto ck'anatomia oomp. ckoll' uuivsrsitä ä! Lo- loAnn, ebd. 1854. Alesst, Galeazzo, geb. 1500 znPerugia, gest. 1572, Architekt u. Ingenieur, Schüler n. Freund Michel Angeles; entfaltete eine große architektonische Thätigkeit, namentlich in Genna, welches er mit einer fast unglaublichen Anzahl von Palästen u. Villen schmückte. Zu seinen bedeutendsten Bauwerken dieser Art gehören die Paläste Grimaldi, Briguola, Careja, Lescari, Giustiniani u. Sauli, alle in Genna, die meisten mit großartigen Treppenhäusern, inneren Höfen u. Loggien ausgestattet. Von ihm rührt ferner die Restauration der Mariä- Himmelfahrtskirche auf dem Hügel Carignano in Genua her, der Umbau der dortigen Metropolitan- kirche, die großartige Hafenanlage daselbst; ferner eine Reihe anderer Bauwerke zu Mailand, Bologna und Perugia. Alessiö (Alise, Ljesch), 1) feste St. in Türkisch- Albauicn, am linken Ufer des Drin, der in den Meerbusen von A. mündet; dort Hasen der Stadt, 2 feste Schlösser, Bischofsitz; 3000 Ew.; lebhafter Handel; Grabmal Skanderbegs, der 1466 hier starb. A. ist das vom syrakusischen Tyrannen Dionysius gegründete Lissus in Jllyria. 2 ) Cap !an der SÖKllste der Insel Sicilien. Alet (Aletta), St. am Fuße der Pyrenäen im Arr. Limonx des französischen Dep. Aude, am Audc; Reste einer Abtei von 1018, alter bischöflicher Palast, Mineralquellen mit Bad (äs Io. Larguo), 4 Thermalquellen von 30" 6. n. eine kalte Stahlquelle, Tuchfabrik, ansehnlicher Handel mit Schafen, Wein u. Früchten; 1270 Ew. In der Nähe Kupfer- u. Eisengruben, Eisenhämmer und Naqelschmicden. Alctheia (gr.), Wahrheit; auch allegorische Gottheit der Wahrheit, Tochter des Zeus, weiß gekleidet. Der ägyptische Oberpriester trug nach Plutarch ihr Bild am Halse. Alcthologie, Lehre von der Wahrheit; Alethophilos, Wahrheitsfreund. Aletschgletscher, größter Gletscher Europas bei dem gleichnamigen Weiler im Kanton Wallis (Schweiz), liegt in der großen Firnmulde zwischen Jungfrau, Grindelwalder- und Walliser-Viescher- Hörner u. dem Aletschhorn (Berner-Alpen); hat mehrere Nebenzweige, wie den Aren- oder mittleren u. den oberen A.; Länge fast 30 üin, höchste Lage 2700 m, tiefster Abschmelzpnnkt unterm Riedcrhorn bei 1566 m, wo die Massa, Nebenfluß der Rhone, hervorbricht. Den populärsten Übersichtspunkt hat man auf dem jeden Sommer von Tausenden besuchten Eggischhorn 2941 in. Ungefähr in der Mitte seiner Entwickelung, unmittelbar unterm Eggischhorn, liegt der Mcrjelen- oder Aletsch-See (2550 in), in welchem während des Hochsommers Eisblöcke umherschwimineu. Aletschhorn, mit 4198 IN, der zweithöchste Gipfel des Finsteraarhorn-Central-Massiv (Beruer- . Band. 25 386 Atetum — Alpen) im Kant. Wallis (Schweiz), zuerst von dem englischen Gelehrten Tucket mit Führer Bennen am 18. Juni 1859 erklommen. Aletum (a. Gcogr.), St. im Lugdunensischen Gallien; jetzt Guich-Alet, auf einer Landspitze bei St. Servan, mit vielen Ruinen. Aleuädii, uraltes thessalisches Adelsgcschlecht, welches seine Abkunft von Herakles ableitete u. in Thessalien, namentlich zu Larissa, aber auch zu Pharsalos und zu Krannon durch Seitenzweige lange die höchste Gewalt ausübte. Ihre Tendenz, in Larissa eine erbliche Dynastie zu bilden, für das gesammte Land aber die fürstlichen Bun- deshänpter oder Herzoge zu stellen, fand bei der Masse der thessalischen Ritterschaft immer mehr Widerstand. Und darüber wurden die Aleua- den wiederholt zu höchst antinationalen Schritten fortgerissen; so ergriffen sie in dem großen Perserkricge die Partei des Lcrxcs. So sind sic später — als nach blutigen Kämpfen sich in Pherä seit 375 ein ihnen höchst feindliches, mächtiges Tyrannenhaus siegreich erhob — völlig auf Seite Makedoniens getreten und haben dem großen Eroberer Philipp die Bahn zur völligen Eroberung Thessaliens geebnet. /Ueuriies Iscoikora lsiML, ein in Südasien heimischer Baum ans der Farn, der Enphorbiaceen; liefert eine harzartige Masse, aus welcher der ceylonische Lackfirniß bereitet wird. Aleurometer (griech.), ein von BolanL erfundenes Instrument, um die relative Tauglichkeit des Weizenmehls zum Brodbacken zu bestimmen. Aleuron (Klebermchl), sehr verbreitete körnige Ablagerung irr den Zellen ölhaltiger reifer Samen (wie Leinsamen, Mandeln, Cacao u. v. a.). Das A. läßt sich als feines, weißes, stärkeähnliches, aber stickstoffhaltiges Pulver darstellen, wenn man die gepulverten Samen mit Öl vermischt,„die sich ab- lagcrnden Zellhänte entfernt u. das Öl dann mit Äther auswäscht, in welchem das A. unlöslich ist; auch in Alkohol, Benzol n. Chloroform ist es unlöslich, zuweilen dagegen löslich in Wasser, wässerigen Säuren und Alkalien. Die A-körner sind von Hartig entdeckt; über ihre Struktur n. chemische Beschaffenheit hat in neuester Zeit Pfeffer entscheidende Untersuchungen angcstellt. Die Zellen fettreicher Samen enthalten eine aus Fett n. Eiweißstoffen bestehende Grnndsubstanz, in welche die A-körner als rundliche oder eckige, den Stärkekörnern zuweilen ähnliche, kein Fett enthaltende Körner eingebettet sind. An den letzteren sind zu unterscheiden: eine eiweißartige Grnndsubstanz u. die in dieser vorkommendcn Einschlüsse. Elftere ist entweder amorph u. dann in Wasser, besonders kalihaltigem, löslich, oder als Krystallord (s. d. ausgebildet u. dann unlöslich. Die Einschlüsse sind theils Krystalle von oxalsaurem Kalk, theils Glo- boide, rundliche, in keinem A-korn fehlende Körnchen, aus Magnesia und Kalk mit einer gepaarten Phosphorsäure bestehend. Die A-körner verschiedener Pflanzenarten unterscheiden sich von einander theils durch ihre Größe und Löslichkeit, theils durch die Art, Zahl und Größe ihrer Einschlüsse. Alentische Insel» (Ale-u-ten) oder Katha- rinenarchipcl, über 140 meist kleine Inseln, im Alexander. Nördlichen Eismeere, zwischen Kamtschatka in Asien u. der Halbinsel Alaska in NAmerika, 26,430 (480 (I)M) groß u. 170 M. weit sich erstreckend, vielleicht Überreste eines untcrgegangenen Verbindungsgliedes zwischen Asien u. Amerika; felsig u. vulcanisch, daher Erdbeben nicht selten. Sie enthalten 36 Feuerberge, darunter den 2800 in hohen Schischaldin ans Unimak. Das rauhe u. wechselnde Klima ist der Vegetation nicht günstig: nur Kartoffeln und Rüben gedeihen, Getreidebau gelingt nicht, Bäume fehlen; auch Hausthiere kommen hier nicht fort. Die Einwohner heißen wie ihre Inseln, sie sind nur thcilweise zum Christenthum bekehrt u. gehören zum Stamme der Kamtschadalen (oder den Beringsvölkern), sie wohnen in Erdhöhlen von 20—25 IN Länge, sind gutmüthig, aber auch reizbar u. höchst rachsüchtig, zieren ihre durchlöcherten Ohren, Nasen, Lippen mit durchgesteckten Knochen n. diese wieder mit Glasperlen, fertigen künstliches Gcräth, Boote u. dgl. Früher den Russen un- terthan, gehören die Inseln seit 1868 den Ver. Staaten (s. Alaska) n. entrichten Tribut in Pelzen. An Seetüchtigkeit übertreffen die Einwohner sogar die Eskimo, denn mit ihren einlnkigen Fellboten oder Baidarken, die ein Eigengewicht von nur 30 haben, legen sie in einem Tage oft 200 üm zurück. Die Jagd auf solchen Baidarken gehört zu dein täglichen Nahrungscrwcrb. Außerdem sind auch die Jagd der Pelzthiere (farbige Füchse, Bären, Biber, wilde Nennthiere, Seehunde, Seelöwen, Wölfe), die Fischerei und der Vogelfang ergiebig. Von Mineralien kommen Steinkohlen in mächtigen Lagern, Kupfer, Eisen, Graphit, Serpentin -c. vor. Man theilt die Inseln in 4 Gruppen: die Sahinga- oder Nearinseln oder die eigentlichen A., dann die Khao- oder Ratteninseln, die Nogho- oder Andreanowschen Inseln, endlich die Fnchsinseln. Von einzelnen Inseln sind bemerkenswert!): Unimak, die größte der letzteren Gruppe, ferner Unalaschka, Umnak, Atka, Amtchitka, Attu rc. W. H. Dall, der die A. 1872 und 1873 besuchte, fand Überreste von menschlichen Wohnungen aus uralter Zeit, namentlich auf Unalaschka, u. brachte vorgeschichtliche Funde von Schädeln, Geräthschaften, Schnitzwerken rc. mit; auch in naturgeschichtlicher Richtung machte er eine reiche Ausbeute von Vögeln u. wirbellosen Seethieren, einer Menge Pflanzen u. Gesteine; auf Kyska nahm er einen schönen Hafen ans. Die A. wurden seit 1728, wo Bering zuerst eine der Inseln auffand, von den Russen entdeckt u. nach n. nach in Besitz genommen u. 1785 die ersten befestigten russischen Niederlassungen dorr gegründet, welche, Privatunternehmen, 1799 die Russisch-amerikanische Handelscompagnie übernahm, der die Erwachsenen 4—5 Jahre dienen mußten. Seit 1868 sind die A. mit dem übrigen russischen Amerika an die Ver. Staaten durch Kauf übergv- gangen. Über die al'entische Sprache findet man einen ausführlichen Artikel in Ermans Archiv für wissenschaftliche Kunde von Rußland, Bd. 7, S. 134—142. Alexander (gr. Alexandros, der Männer Ver- theidigende). I. Regierende Fürsten. L.) Im Alterthum, ^.a) Römischer Kaiser: 1) A. Severns (Marcus Aurelius A. S.), Sohn des Alexander. 387 Genesins Marcianus und der christeufreuudlichen Julia Mammäa, geb. 208 u. Chr. zu Akra in Phönicien; erhielt von seiner Mutter die sorgfältigste Erziehung, wurde vom Kaiser Heliogabal adoptirt und folgte demselben 222 als römischer Kaiser, ein glänzender Stern in der Reihe der römischen Imperatoren, ein Freund der Gelehrten (Paulus u. Utpianns) u., obwol Heide, auch der Christen, gerecht gegen die Bürger, streng bei der Amtsbewerbung u. gegen das Prätorianerthum, woher er auch den Namen Severus, der Strenge, erhielt. Er führte 231 einen siegreichen Krieg gegen Persien u. wurde auf einem Feldzuge gegen die Germanen von den über seine Strenge erbitterten Prätorianern 235 ermordet; s. Rom. 8b) Könige: a) Der Juden: 2) A. II,, Sohn des Aristobulos II. ; wurde mit seinem Vater 63 v. Chr. gefangen u. nach Nom geführt, entkam jedoch u. stiftete eine Empörung gegen die Römer an, ward aber zuerst im I. 57 u. bei einem neuen Versuche im I. 55 v. Chr. von Gabinius geschlagen; er wurde auf des Pompejns Befehl im I. 49 v. Chr. hingerichtet, weil er sich für Cäsar erklärt hatte; s. Hebräer, b) Von Makedonien: 3) A. I., Sohn von Amyntas I., reg. 480—454 v. Chr.; s. Makedonien. 4) A. II., Sohn von Amyntas II., reg. 369—368, in welchem Jahre er von Ptolemäos Alorites ermordet ward; s. ebd. 5) A. III., der Große (^.. LlnAnns), Sohn des Königs Philipp u. der Epirotin Olpmpias, geb. zu Pella den 21. Juli 356 v. Chr., in der Nacht, in der der Tempel der Diana zu Ephesos abbrannte. Schon als Kind u. Jüngling zeigte er große geistige Gaben, Muth und Thatcudurst; seine Erziehung leitete Leonidas, ein Verwandter seiner Mutter, seine Geistesbildung verdankte er vor Allem dein Aristoteles. Erst 15 Jahre alt, führte er in seines Vaters Abwesenheit die Regierung und kämpfte nachher entscheidend siegreich 338 mit bei CHL- ronea. Mit seinem Vater wegen Verstoßung seiner Mutter Olpmpias zerfallen, ging er nach Epiros, kehrte jedoch bald nach Makedonien zurück. Nach der Ermordung seines Vaters (Anfang Aug. des I. 336), an welcher A. aber keine Mitschuld trägt, wurde er König von Makedonien; ging alsbald nach Griechenland u. ließ sich zu Korinth die Hegemonie n. den Oberbefehl über die Griechen gegen Persien (wie dieses bisher seinem Vater zngestanden) übertragen und begann, nachdem er vorher noch (im I. 335) einen großen Feldzug gegen die Triballer u. Illyrier ansgcfnhrt, sowie die inzwischen abgcfallenen Thebancr vernichtet hatte, im Frühling des I. 334 v. Chr. den Krieg gegen die Perser, die er in den drei Schlachten am Granikos, bei Jssos u. Arbela besiegte. Er eroberte Klein-Asien, Syrien, Ägypten, Babylonien, Assyrien, ganz Iran u. Turan n. den nordwestl. Theil von Indien (334—325). Vgl. die das Reich A-Z d. Gr. darstellende Karte. Er heirathete die Perserinnen Roxane u. Statira, ergab sich aber auch mit Ungestüm der kolossalen Schwelgerei des Orients u. st. 11. Juni 323 an den Folgen seiner Ausschweifungen zu Babylon. Sein Reich umfaßte bei seinem Tode außer Makedonien nebst Thrake u. Griechenland noch das ganze Persische Reich und einen Theil Indiens. (Vgl. Van der Lhys, tabula Zso^r. Imperii Lloxanäri Leyden 1828.) Sein Leichnam wurde (321), nach 2jährigen Vorbereitungen zu dem Transport, in einem goldenen Sarge auf einem prächtig ansgeschmückten und von 64 Manlrhicrcn gezogenen Wagen nach der Küste geführt. Er sollte nach Makedonien gebracht werden; aber der kluge La- gide Ptolemäos I. bemächtigte sich der Leiche n. brachte sie nach Ägypten; dort wurde sie anfangs in Memphis, später in Alexandrien in einem eigens dazu erbauten Tempel beigcsctzt. Zur Anfertigung seines Bildnisses hatte A. die 3 größten griechischen Meister gewählt, darunter Apclles u. Lysippos. Seine Geschichte erzählt Plntarch, der ihn mit I. Cäsar vergleicht; vgl. auch I. G. Droyscn, Geschichte A-s d. Gr., Bcrl. 1833. Der persische Zug A-s war nicht allein Gegenstand der Beschreibung vieler griechischen Historiker (s. A-Z d. Gr. Asiatischer Feldzug), sondern auch vieler orientalischen Dichter, welche ihn Jskender oder Dsul Karnein (der Gehörnte, wegen seiner Darstellung als Jupiter Ammon mit Widderhörnern) nennen. Vgl. Spiegel, Die Alexandersage bei den Orientalen, Leipz. 1851; endlich auch des christlichen Mittelalters, s. Alexanderlied. 6) A. IV., Sohn des Vor. und der Roxane, nach des Vaters Tode im I. 323 v. Chr. geboren; erhielt mit seinem Onkel Philipp Arrhidäos die Herrschaft, jedoch nur dem Namen nach, da sic in der That in den Händen der Feldherren n. Statthalter seines Vaters war; Kassandcr ließ ihn mit seiner Mutter 311 v. Chr. ermorden; s. Makedonien. 7) A. V., 3. Sohn Kassanders u. der Thessalonike; mußte vor seinem blutgierigen Bruder Antipater im I. 295 v. Chr. nach Griechenland zu Demetrios Poliorketcs flüchten; nach raschem Schicksalswechsel wurde A. später im I. 294 durch denselben Demetrios bei einem Gastmahl zu Larissa ermordet; s. Makedonien, v) Tyrann von Pherä: 8) A., Neffe des Tyrannen Polyphron; verschaffte sich durch Ermordung desselben 369 v. Chr. die Herrschaft. Die Aleuaden und mehrere von diesem ebenso grausamen, als regsamen, hochstrebcnden Tyrannen bedrückte Städte von Thessalien riefen erst die Makedonier, dann die Thebaner gegen ihn zu Hilfe; Pelopidas und Epaminondas besiegten ihn wiederholt u. beschränkten seine Herrschaft seit 364 ans Pherä. Er wurde 358 von seiner Gemahlin Thebe ermordet, ä) Könige von Syrien: 9) A. I. Balas, angeblich Sohn des Königs Antiochos IV. Epiphanes; begab sich mit Erlaubnis; der Römer nach Syrien, gewann 152 v. Chr. Ptolemais und besiegte im Bunde mit mehreren benachbarten Königen des Antiochos IV. Neffen, den König Demetrios I., 150; er reg. bis 147 v. Chr., wurde von Demetrios II., dem Sohne seines Vorgängers, geschlagen u. entthront n. starb an den in der Schlacht erhaltenen Wunden; s. Syrien. 10) A. II. Zabina, Sohn eines Händlers in Alexandrien; bemächtigte sich 126 v. Chr. mit Hilfe des Ptolemäos Physkon des syrischen Thrones u. behauptete ihn 125 bis 121 v. Chr.; er wurde vom Volke vertrieben, als er den Tempel des Zeus in Antiochien plündern wollte, n. wurde auf der Flucht durch einen dynastischen Gegner getödtet; s. Syrien. 8) In 25 * 388 Alexander. der neuen Zeit, Kaiser von Rußland: 11) A. I., Pawlowitsch, geb. 23. Dec. 1777, Sohn des Kaisers Paul; am 9. Oct. 1793 mit Louise Marie Auguste, Tochter des Erbprinzen von Baden, die nach ihrem Übertritt zur Russischen Kirche den Namen Elisabeth annahm, vermählt, solgte er seinem Vater nach dessen Ermordung am 24. März 1801 in der Negierung. Er war in den Plan der Verschworenen, den Kaiser Paul gefangen zu nehmen u. zur Abdankung zu zwingen, eingeweiht, hatte sich jedoch vergeblich ansbednn- gen, daß das Leben desselben geschont würde. Seine Großmutter Katharina hatte die Leitung seiner Erziehung dem freisinnigen, eine idealistische Richtung verfolgenden Schweizer Laharpe übertragen, und dessen Einfluß gab sich auch in der Hinneigung A-s zu einer mystischen Demokratie zu erkennen, die er in der ersten Hälfte seiner Regierung in der inneren u. äußeren Politik, durch eifrige Pflege der Wissenschaften und eine radicale Reform der Gesetzgebung mit der Legitimität zu vereinigen suchte. Nachdem sich sein Vater schon Frankreich und dem Ersten Consul Bonaparte genähert hatte, betheiligte er sich lebhaft an dem Friedenswerke von Lnneville u. der neuen Organisation des Deutschen Reiches im Interesse der russischen Politik, was ihn auch veraulaßte, 1802, nachdem er eben (Juni dess. I.) bei einer persönlichen Zusammenkunft mit dem jungen König von Preußen einen engen, treu gehaltenen Frennd- schaftsbund geschlossen, mit Bonaparte in sehr enge politische Beziehungen zu treten, um mit ihm gemeinsam die Dinge in Europa friedlich zu ordnen u. zu leiten. Jndeß erkannten beide Theile bald, daß der Eine den Zwecken des Anderen dienen sollte, u. so kam es schon 1804 zum Bruche; am 11. April 1805 kam der förmliche Bundesvertrag zwischen Rußland und England zu Stande, der Concert-Tractat, dem am 9. Aug. Österreich, am 3. Oct. Schweden beitrat u. endlich am 3. Nov. auch Preußens König. Aber schon nach der unglücklichen Schlacht von Austerlitz, 2. Dec. 1805, schied A. zu Kalisch vom Kaiser Franz, u. reiste, ohne an den weiteren Verhandlungen theilzu- nehmen, nach Petersburg zurück, den Bundesgenossen seinem Schicksal überlassend. Erst 1807, als Preußens König den größten Theil seiner Monarchie bereits verloren, trat A. wieder auf den Schauplatz, nicht mehr, um den Krieg als Hilfsmacht für einen Bundesgenossen, sondern für die eigene Macht zu führen: waren ja doch bereits die eigenen Grenzen bedroht. Aber auch hier war kein Glück; A. mußte sich verstehen, den Frieden von Tilsit zu vermitteln, u. 4 Tage nach dem zu diesem Behufe abgeschlossenen Waffenstillstände, 25. Juni 1807, kamen Rußlands u. Frankreichs Kaiser auf einem mitten im Niemen stehenden Floße zusammen. A. ward aufs Neue gewonnen, mit Napoleon die Verfügung über Europa zu theilen, ein Einverständniß, das der Erfurter Congreß 1808 besiegelte, den früheren Erklärungen A-s u. den durch sie in Europa erregten Hoffnungen zum Trotze, war A. doch dafür freie Hand gegen Schweden n. die Türkei gelassen zur ungestörten Eroberung Finnlands und der Donaufürstenthümer. Jndeß auch diesmal hielt der Bund nicht lange; A-s Hingebung für Krieg u. Frieden lohnte Napoleon mit Forderungen, die, mit anderen Vorgängen zn- sammentrcffend, A-s Empfindlichkeit erregen mußten; gleichwol wollte er den ersten Kanonenschuß ans seine Grenzen abwarten u. stellte als Grundlage für die Unterhandlung wegen der streitigen Punkte nur die eine Forderung, daß der preußische Staat von französischen Truppen geräumt werde. Dem Krieg suchenden Napoleon war dies Anlaß genug zur Kriegserklärung an das damals ganz isolirte, ja mit England noch im Kriege befindliche Rußland. Rasch war die französische Armee im Herzen des Czarenreiches, bis die Katastrophe von Moskau zur Rückkehr zwang u. endlich der preußische General Port durch die mit dem russischen General Dieöitsch am 30. Dec. 1812 abgeschlossene Convention von Tauroggen die Bahn zur selbstständigen Erhebung Preußens brach, die zaudernde Berliner Politik auf diese Bahn drängte. Nach Abschluß des Bündnisses zwischen Preußen und Rußland kam am 15. März A. selbst nach Kalisch, um mit Friedrich Wilhelm III. vereint am 25. März durch den Aufruf von Kalisch das deutsche Volk zum Kampfe aufzufordern und ihm die Wiederherstellung eines einigen freien Reiches „ans dem ureignen Geiste des Volkes" zu verheißen, — mit welcher Verheißung allerdings die Bedingungen des Neichenbacher Vertrages mit Österreich wenig stimmten, da sie Napoleon die Elbgrenze, Rheinbund rc. vollständig beließen. A-s persönliche Betheilignng an dem nun folgenden Kriege, dem seit 12. Ang. sich auch Österreich anschloß, seine Thätigkeit in Wien u. beim zweiten Pariser Frieden bewiesen wol, daß er ernstlich Napoleons Macht brechen wollte, — aber nur um au die Stelle des Beseitigten zu treten, dem russischen Einfluß freie Bahn bis an den Rhein zu brechen, durch ein stark bleibendes Frankreich Deutschland schwach zu erhalten. Noch huldigte er liberalen Anschauungen u. bekundete dies bei Regelung der inneren Verhältnisse Deutschlands, bei Anerkennung der Neutralität der Schweiz, bei § Sicherung einer republikanischen Selbstständigkeit s der Jonischen Inseln, bei Ertheilung einer Eon- l stitution an das im Wiener Congreß gewonnene Polen, bei der auszeichnenden Behandlung, die er seinem ehemaligen Lehrer Laharpe in Paris zu Theil werden ließ. Jndeß bald war der Jubel der von ihm die Freiheit erwartenden Völker vergessen. Der Einfluß der großen Ereignisse, des Gelingens aller seiner Pläne, vereint mit der Beeinflussung, welche die frömmelnde Julie v. Krll- dener u. ihr Anhang auf das mystische, christlichfromme Geniüth des Kaisers übte, führte zur Stiftung der Heiligen Allianz, die, auf den Bund der conservativen Interessen gegründet, nur zn rasch zu jenem allen wirklichen politischen Fort- , schritt hemmenden Represfivsystem u. der auf den Congressen zu Troppau, Laibach und Verona in- augurirten Reaction ansartete. A. hatte in der ersten Zeit seiner Regierung die innere Entwickelung Rußlands möglichst zu fördern gesucht durch Ordnung des ReichSsinanzwesens, Errichtung von über 2000 Elementar- u. höheren Schulen, durch Milderung, bezw. Aufhebung der Leibeigenschaft, durch Zulassung der Bauern zu Handel u. Industrie, Alexander. 889 Lurch Einführung eines Bürgerlichen Gesetzbuches rc. — Jetzt aber, von Mißtrauen gegen das Volk erfüllt, überall nur Verschwörung und Aufstand witternd, Ehrte er Censur und strengste Überwachung der Büchereinfuhr ein, legte jede wissenschaftliche Bewegung in Bande, unterdrückte Freimaurerlogen u. Missiousgesellschaften, breitete über das ganze Reich ein Netz von Untersuchungen gegen demagogische Umtriebe, unterstützt durch eine über ganz Rußland sich ausdehnende, allen Handel u. Wandel hemmende offene u. geheime Polizei; einst den griechischen Bestrebungen günstig, sah er jetzt in der Erhebung der Griechen gegen die Pforte nur sine widerrechtliche Auflehnung eines Volkes wider seinen rechtmäßigen Herrscher und trat somit der Begeisterung der Russen sür die glaubeusvcrwand- ten Griechen kRt, ja schroff entgegen. Daß er dadurch, wie durch die eben bezeichnet«! Maßregeln mit den Sympathien seines Volkes, aber auch mit seiner Vergangenheit in Widerspruch gerathen war, fühlte er wol selbst; denn es trat bei ihm eine früher nicht gekannte Verbitterung zu Tage, gegen welche er umsonst in den Zerstreuungen eines glanzenden, üppigen, dabei aber immer frömmelnden Hofes u. in kirchlichem mystischem Hinbrllten Erleichterung suchte. Das schon verdüsterte Ge- niüth erlitt noch einen neuen Stoß Lurch den Tod seiner einzigen, natürlichen Tochter, der Gräfin Romanow ff. Narischkin), 1823, dann durch die furchtbare Überschwemmung von Petersburg 1824, bei der seine angeborene Menschenliebe wieder glänzend hervortrat, endlich durch den Schrecken einer russisch-polnischen Verschwörung gegen das Kaiserhaus, so daß A. nun auch körperlich leidend wurde u. mit Todesgedanken umging. So trat er Mitte Sept. 1825 mit seiner Gemahlin, die für ihr Leiden in der Krim Heilung finden sollte, eine Reise dorthin an, ward aber bald von einem der Halbinsel cigenthümlichen Fieber ergriffen und ft., nachdem er noch in den letzten Tagen seiner Krankheit die den Tod beschleunigende Kunde über die Einzelheiten jener Verschwörung erhalten hatte, am 1. Der. 1825 in Taganrog, — eine von Hause aus edel angelegte u. hoch begabte, aber durch den eigenthümlichen Hang zur Mystik u. die demselben geradezu widerstrebende liberale Erziehung mit sich selbst in Körper u. Geist zerstörenden Widerspruch gcrathene Persönlichkeit. Da er keinen Sohn hinterließ, der ältere seiner Brüder, Con- stantin, aber im Geheimen der Thronfolge entsagt hatte, folgte ihm Nikolaus, der jüngere Bruder. Vergl. Rußland unter A. I., 9 Bde., von H. v. Storch, Lpzg. 1803—1811; A. I-, von H. E. Lloyd, aus dem Englischen, Stuttg. 1826; Choi- seul-Gonfsicr, Llsinoires sur I'Lmpersnr -V., Par. 1829; Oertel, Los äsrnisrs jours äs I'Lmpsrsnr iV, Pctcrsb. 1827; Rob. Lee, IRs last ll'nzn ob Id., Lond. 1854; Bernhard!, Gesch. Rußlands, Lpz. 1863, Bd. 1; Das wichtigste Werk über die Stiftung der Heil. Allianz ist das Werk des Gricchen- sreundes Eynard: Vis äs Naä. äs Irruäsner, Par. 1849. 12) A. II-, Nikolajcwitsch, ältester Sohn des Kaisers Nikolaus, geb. den 29. April 1818; trat nach dem Tode seines Vaters, am 2. Marz 1855, in einer der schwersten Krisen, die Rußland erlebt hat, die Regierung an. Seine erste Erziehung erhielt er unter der Leitung seiner Mutter Alexandra F-codorowna, worauf Oberst Kawelin sein Erzieher, General Mörder, ein deutscher Protestant, sein erster Lehrer n. endlich, bezeichnend für sein innerliches und nachdenkliches Wesen, Wassily Schukowski, der Begründer der modernen romantischen Schule in Rußland, Leiter seiner Studien war. Im Jahre 1834 majorenn erklärt, machte er als Commandant der Garde- Ulanen, als Ataman der Kosaken u. erster Adjutant des Kaisers unter der Leitung seines Vaters die militärische Schule durch. Vom strengen Tagesdienste jedoch nicht befriedigt u. von Melancholie ergriffen, begab er sich auf eine Reise nach Deutschland, wo sein Aufenthalt in Darmstadt zu seiner Verlobung mit der großherzoglichen Prinzessin Marie, Tochter des verstorbenen Großherzogs Ludwig II., führte. Schon im Jahre 1836 zum Kanzler der finnischen Landesunivcrsität ernannt, legte er sich nach seiner am 28. April 1841 erfolgten Vermählung besonders auf das Werk der Versöhnung, die Mißstimmung der Finnen gegen Rußland zu mildern und auszugleicheu; ward mehrmals während der Reisen seines Vaters inS Ausland mit der Regentschaft und dann zu verschiedenen Malen mit besonderen Missionen an die Höse von Wien und Berlin rc. betraut. Mitten im Krimkricge auf den Thron berufen, setzte er mit aller Energie diesen fort, besuchte selbst den Kriegsschauplatz, Oct. 1855, u. eiferte seine vom Mißgeschick verfolgten Truppen zu neuem Mnthe an. Judcß schon ein halbes Jahr später, am 30. März 1856, war der Pariser Friede geschlossen, der Rußlands Macht auf dein Schwarzen Meere brach n. an die Stelle des russischen ProtectoratS über die Christen in der Türkei das Protectoraj der europäischen Großmächte setzte, u. nun trat A. sofort mit seinem „alle geistigen u. materiellen Kräfte entwickelnden" F-riedensprogramm hervor, setzte ein neues Ministerium ein, — Gortschakoff an Nesselrodes Stelle — erließ zu Gunsten der polnischen Flüchtlinge eine Amnestie u. verhieß den Adelsmarschällen Reformen in der Verwaltung. Vor der Krönung am 7. September 1856 verkündete er Europa durch Circular v. 2. Sept., daß Rußland die Thatsache der Auflösung der Heiligen Allianz anerkenne, ebenso aber auch seine Jsolirung; indeß „Rußland schmollt nicht, es sammelt sich". Anfangs machte zwar A. noch einige Versuche, im Westen Fuß zu fassen u. Verbindungen auzuknüpfen. Jedoch die Erwerbung Villa-Francas als Flottenstation vom König von Sardinien blieb ohne Folgen; auch seine Zusammenkunft mit dem Kaiser Napoleon III. im Sept. 1857zuStnttgartkonntebeiderAbgeschlossenheit,mit welcher beide Monarchen sich cntgegentraten, keine Früchte tragen, u. die darauf folgende Zusammenkunft der Kaiser von Rußland u. Österreich zu Weimar, 1. Oct. 1857, änderte Nichts in den seit langem schon erkalteten russ.-östcrr. Beziehungen. Um so eisriger 'wandte sich A. Len inneren Reformen zu. Die Reife derselben begann mit der Emancipation der Leibeigenen, zu welcher allerdings sein Vater schon die ersten Vorarbeiten eingeleitet hatte. Unter der Leitung des im Anfänge des Jahres 1858 zusammengetretenen Haupt- 390 Alexander. coiintes wurde dieselbe im Laufe der folgenden Jahre durchgcsetzt, das Eigenrhumsrechtdes Bauers über sein Haus, Gehöft u. seinen Hausgarteu, sowie sein Recht zur Benutzung eines Theils des bisherigen Genieindcackers und die Entschädigung des bisherigen Grundherrn festgesetzt. Neben diesem gewaltigen Werke ward fast gleichzeitig, Ende 1862, die Reorganisation der Armee, für welche seit dem Krimtriege bis 1863 keine Re- Irutirung mehr vorgenoinmen worden war, in aller n. jeder Beziehung vollendet, der bnreau- kratische Organismus in allen Berwaltungszwei- gen reformirt, ja, selbst der Übergang zu einer ständischen Verfassung geplant. Indessen die geistige, Erregung, welche die seit 30 Jahren streng niedergehaltene Bevölkerung in Folge dieser Reformen ergriff, namentlich aber der Aufstand in Polen ließ diesen Plan nicht weiter gedeihen, als zur Einführung von Provinzial- (Gonvernemeuts- und Kreis-Mepräsentationen (Ukas vom 1. Jan. 1864) behufs Berathung der ökonomischen Interessen u. Bedürfnisse der Provinzialbevölkerun- gen. Auch in das wenig günstig stehende Finanzwesen suchte der durch das Beispiel der Sparsamkeit voranlenchtende Kaiser einige Ordnung zu bringen; aber auch hier trat der polnische Aufstand von 1863 störend dazwischen. Dixser Aufstand, welchen England, Frankreich und Österreich mit ihren Noten vergeblich unterstützten, führte zu einer allmählich, aber consequent fortschreitenden Russificirung' des Königreichs Polen, die zuletzt, am 1. Sept. 1873, mit der Einführung der russischen Sprache im mündlichen u. schriftlichen Verfahren ihren Höhepunkt erreicht n. von der Nnssi- ficirung der Unirten Kirche in Lithauen begleitet wurde. Die Erfahrungen des Krimkrieges bewogen den Kaiser, der Vermehrung der Eisenbahnen einen besonderen Eifer zu widmen. Rußland, welches im Jahre 1860 kaum einige hundert Meilen Eisenbahnen besaß, hatte 1872 schon 14,450 Icm in Betrieb, u. seitdem sind auch die 3700 Icm, zu Lenen damals die Vorlagen erledigt waren, in Angriff genommen. Im Gebiete des Unterrichts- Wesens sind große Reformen durchgeführt, für den Volksunterricht ist viel geleistet n. das Realschul- u. Gymnasialwesen gründlich gefördert worden. Nachdem durch Ukas vom 14. Oct. 1862 schon die Trennung der Justiz von der Verwaltung vorbereitet worden n. damit in Verbindung eine Justizreform nach modernen Principien, trat diese letztere 1871 ins Leben n. muß in der That als eine der gelungensten des Kaisers bezeichnet werden; sie erstreckt sich von dem Institut der Friedensrichter bis zur neuen Organisation des Petersburger Cassationshofes. Den Schlußstein dieser Reformen bildet das am 13. Jan. 1874 vom Kaiser bestätigte Gesetz über die allgemeine Wehrpflicht, die Conseqnenz der Aufhebung der Leibeigenschaft. Daß unter diesen Verhältnissen, zumal die früheren Hemmnisse des inneren Verkehres gehoben wurden, Handel u. Industrie einen mächtigen Aufschwung nahmen, leider aber auch das Actienwesen in einer nothwendig eine Reaction nach sich ziehenden Weise zunahm, ist beinahe selbstverständlich. In politischer Beziehung ist her- dorzuheben die von der Londoner Conferenz im März 1871 angenommene Kündigung der Bestimmung des Pariser Friedens über die Neutralisation des Schwarzen Meeres u. die Festsetzung Rußlands in Centralasien, welche durch die Einnahme Khiwas n. durch den am 24. Aug. 1873 mit dem Beherrscher dieses Khanats geschlossenen Vertrag ihre ConsoliLirnng erhalten hat. An diese Festsetzung in Centralasien knüpft sich die beschlossene Erweiterung des Eisenbahnsystems bis zum Kaspischen Meere und die Projectirung weiterer Bahnlinien und Verkehrswege in das innere Asien. Das gegen A. am 16. April 1866 von dem Mitglieds der Nihilistengesellschaft Karakasow gerichtete Attentat, sowie das Attentat Berezews- kis am 8. Juni 1867 zu Paris, wo der Kaiser zur dortigen Weltausstellung war, noch mehr aber der polnische Aufstand gaben der slavi- schen Reaction der altrussischen Partei und ihrem Gegensätze gegen das westliche Europa neue Nahrung; jedoch gelang es A., dessen Sympathien 1870 u. 1871 wie 1866 entschieden ans Seiten Preußens standen, das Auflammen des Pan- slavismus zu besänftigen, u. seine Besuchein Berlin zur Dreikaiserzusammenkunft 1872 u. in Wien zur Weltausstellung 1873, sowie die Gegenbesuche der Kaiser Wilhelm u. Franz Joseph in Petersburg riefen eine Art von Schimmer der früheren Heiligen Allianz hervor. Die Söhne A-s sind Nikolaus, geb. 20. Sept. 1843, Alexander, geb. 10. März 1845, Wladimir, geb. 22. April 1847, Alexis, geb. 14. Jan. 1850, Sergius, geb. ri. Mai 1857, u. Paul, geb. 3. Oct. 1860. Nachdem Nikolaus 1865 gestorben, ist Alexander Thronfolger (Cäsarcwitsch). Die Tochter des Kaisers, Großfürstin Marie, ward am 11. Januar 1874 mit dem Herzog von Edinburgh zu Petersburg vermählt. Vergl. Jomini, La Russis sous 1'Lm- xerour L. II, Bert. 1862; Schnitzler, L'ernpire äss 'Isaro an point aetnsl äe la aoisnce, Straßb. 1862, 2 Bde.; Das Attentat vom 4./16. April 1866 u. seine Folgen, Lpz. 1867. Lb) Andere Fürsten: a) Herzog von Anhalt-Bernbnrg: 13) A. Karl, geb. 2. März 1805 zu Ballenstedt; trat nach dem Tode seines Vaters Alexius am 24. März 1834 die Regierung über Anhalt-Bernburg an; seine 1834 mit Friederike, Herzogin von Holstein- Glücksburg, geschlossene Ehe blieb kinderlos, so daß bei seinem 19. Aug. 1863 in Ballenstedt eingetretenen Tode mit ihm die Linie Bernbnrg erlosch und das Land an Dessau-Köthen fiel, wodurch die Anhaltmischen Lande wieder in einer Hand vereinigt wurden, d) Herzog von Parma: 14) A. Farnese, geb. 1544, Sohn von Ottavio Farnese u. Margarethe, der natürlichen Tochter Karls V.; folgte seinem Vater 1586, blieb aber nur kürze Zeit in Parma, da er Statthalter der Niederlande (s, d.) war u. sich fast immer dort aufhielt; erwies sich als ein bedeutender Feldherr. Er war seit 1565 mit Marie, Infantin von Portugal, vermahlt u. starb 1592. o) Fürst von Rumänien: 15) A. Johann, nach s. Familiennamen A. Cusa, geb. 20. März 1820 zu Galacz; ward, nachdem er im Cadetten- hause in Potsdam erzogen, juristische Studien in München gemacht u. längere Zeit in Paris gelebt, nach mehrjährigem Militärdienste in der Heimath Alexander. 391 Vi ceprasident des Gerichtshofes und 185!) schon Pr äsect des Bezirkes Galacz, nahm aber, mir der liberalen Unionspartei in engste Verbindung getreten u. damit in Opposition gegen den Kaimakam Vogorides seine Entlassung u. dann in der Gesetzgebenden Versammlung das Mandat für die Stadt Galacz an. Im selben Jahre (1858) trat er als Kriegsminister in das Cabinet der provisorischen Kaimakarnie für die vereinigten Fürstenthümcr u. wurde am S./17. Jan. 1859 in Jassy zum Fürsten der Moldau, am 24. Jan. (5. Febr. 1859) in Bukarest einstimmig zum Fürsten der Walachei gewählt, worauf er den Eid aus die Constitution von 1856 u. die Pariser Convention v. 19. Aug. 1858 schwor und zugleich versprechen mußte, die vollständige Union der Donaufürstenthümer durchzusetzen und dann zu Gunsten eines europäischen Prinzen abzudanken. Im Oct. 1859 ertheilte ihm die Pforte die Investitur für die Moldau, die für die Walachei erst im Oct. des nächsten Jahres und darauf erst am 23. Dcc. 1861 den Bestätig- ungsferman als Fürsten der vereinigten F-ürsten- thümer, deren Union unter dem Namen Rumänien noch am selben Tage in Jassy u. Bukarest verkündet wurde. Damit zu seinem Ziele gelangt, gedachte A. weder seines Eides, noch seines Versprechens, setzte Ministerien ein u. ab, wie es ihm beliebte (20 in 7 Jahren), brachte durch seine Verschwendung das Land in große Finanznoth u. führte endlich durch Staatsstreich am 14. Mai iNK eine neue Verfassung ein nach Napoleonischem Muster, welche seine Rechte bedeutend erweiterte u. auch die Anerkennung der Garantiemächte erhielt. Die Unzufriedenheit des Landes darüber wurde noch erhöht durch den nun folgenden Absolutismus, so daß endlich alle Parteien eine Rettung nur im Sturze des Fürsten sahen. In der Nacht zum 23. Febr. 1866 drangen einige Offiziere in seine Gemächer u. nöthigten ihn zu seiner Abdankung, die er am folgenden Morgen zugleich mit seiner Expatriirung vor der provisorischen Regierung noch bestätigen mußte. Seitdem lebte er als Privatmann in Wien, Wiesbaden und Heidelberg, an welch letzterem Orte er am 15. Mai 1873 starb. Seit -.'844 war er mit der Tochter des Großbojaren Rosetti, Helene, geb. 17. Juli 1827, vermählt u. dadurch mit dem ganzen höheren Adel des Landes verschwägert, ci) Russische Großfürsten: 16) St. A. I. Newskij (A. Jaroslawitsch Newskij), geb. 1219 zu Wladimir, 2. Sohn Jaroslaws II., der gegen die andringenden Mongolen anszog u. seine Söhne Fcdor, der bald starb, u. A. als Statthalter zurückließ. Nachdem Rußland 1238 trotz mächtiger Gegenwehr unter mongolische Hoheit gekommen u. A. ihr Vasall geworden, sicherte er die Grenzen des Landes gegen andere Feinde, schlug die Schweden an der Newa 1240 (woher der Beiname Newskij) u. 1242 die Schwcrtritter auf dem gefrorenen Peipussee. 1247 folgte er seinem Vater als Großsürst in Nowgorod u. 1252 seinem Bruder Andreas in Wladimir u. st. 14. Nov. 1263. Ein Versuch des Papstes Jnnoccnz IV., unter seiner Regierung die Griechische Kirche mit der Römischen zu vereinigen, wurde von ihm energisch zurückgewiesen. Das russische Volk verehrte ihn als Nationalhelden, die Russische Kirche als Heiligen, u. Peter d. Gr. erbaute ihm zu Ehren zu St. Petersburg das Alexander-Newskij-Kloster u. stiftete auch zu seinem Andenken den Alexander-Newskij- Orden (s. d.); sein Namenstag ist der 11. Sepr. n. St. (30. Aug. a. St.). 17) A., 2. Sohn des Kaisers Alexander II., geb. 10. März 1845, (26. Febr. a. St.) nach dem Tode seines älteren Bruders (s. oben 12) am 24. April 1865 als Cäsarewitsch u. Thronfolger proclamirt; heiralhete die Braut seines verstorbenen Bruders, Prinzessin Dagmar von Dänemark (nach ihrer Conver- sion Marie genannt), am 9. Nov. 1866. Er ist Commandeur des neu errichteten Gardecorps, auch Inhaber eines österreichischen Infanterie- und Chef eines preußischen Ulanenregiments. Er galt bisher als das Haupt der panslavistischeu und deutschfeindlichen Partei, hat jedoch, als dieselbe seit 1873 in den Hintergrund trat, selbst eine strenge Reserve beobachtet, e) Fürst von Serbien: 18) A. Karageorgewitsch, geb. den 11. Oct. 1806, Sohn des Kara-Georg, des ersten Befreiers Serbiens, u. Gegner der Familie, die von dem zweiten Befreier dieses Landes, Mi- losch Obreuowitsch, abstammt. Mit seinem Vater seit 1813 die Verbannung thcilend, trat er nach dessen Ermordung 1817 in die russische Armee u. 1839 in die Dienste des Michael Obreuowitsch, dem er am 27. Juni 1843 durch Volkswahl in der Regierung folgte, nachdem derselbe seine Stellung als unhaltbar erkannt und die Flucht ergriffen hatte. A. wandte sein Hauptaugenmerk auf die innere Entwickelung des Landes, sah sich jedoch überall von inneren u. auswärtigen Jntri- guen behindert, beging aber auch den Fehler allzu großer Nachgiebigkeit nach außen, die ihn beim serbischen Volke unpopulär machte. Diese Stimmung stieg aufs Äußerste durch seine neutrale Haltung im Krimkriege und die Überlassung der Untersuchung über eine gegen ihn gerichtete Se- natoren-Verschwörnng an türkische Commissäre, so daß eine Skupschtiua am 22. Dec. 1858 seine Abdankung verlangte, und als er in Folge dessen nach Belgrad floh, seine Absetzung am 24. „Dec. aussprach. A. lebte seitdem abwechselnd in Österreich u. in der Walachei. Als Michael Obreno- witsch am 10. Juni 1868 ans einem Spaziergange im Hirschpark von Topschidere bei Belgrad ermordet wurde, vernrtheilte das Belgrader Gericht am 27. Juli, indem cs eine Menge Complicen annehmen zu müssen glaubte und 16 derselben zum Tode vernrtheilte, welches Urtheil auch Tags darauf vollzogen wurde, zugleich den Fürsten A. als angeblichen Leiter der Verschwörung zum Verluste seiner Güter u. zu zwanzigjähriger Zuchthausstrafe. A., der in Ungarn ansäßig war u. in Pest weilte, wurde nun, nachdem die ungarische Regierung seine Auslieferung an Serbien verweigert hatte, vor die ungarischen Gerichte gezogen, aber nach Durchlanfnng mehrerer Instanzen, u. nachdem er schon zu achtjährigem Kerker verurtheilt worden, vom obersten Gerichtshöfe mit seinen Mitangeklagten am 3. Juni 1871 wegen unzulänglicher Beweise freigesprochen. Die Gerichte Rumäniens, wo A. auch angesessen ist, wiesen das Verlangen der serbischen Regierung nach Aus- 392 Alcxl führnng der Belgrader Confiscationsurtheils znriick. H. Prinzen. 19) A., jüngster Sohn des Großherzogs Ludwig II. von Hessen, gcb. 15. Juli 1823 zu Darmstadt; trat jung in hessische, dann in russische Kriegsdienste, wo er sich in den kaukasischen Feldzügen anszeichnete. Seit 1851 lebte er in Darmstadt u. aus seinem Landsitze Heiligcn- berg an der Bergstraße, wo er sich wissenschaftlich, besonders mit der Numismatik, beschäftigte. 1852 trat er in österreichischen Kriegsdienst als Generalmajor u. Brigadier, wurde im Italienischen Kriege 1859 nach der Schlacht bei Montebello zum FclL- marschalllicnlcnant ernannt und leitete nach der Schlacht bei Solfcrino die Waffcnstillstandsver« Handlungen mit Napoleon III. ein. Beim Ausbruch des Deutschen Krieges 1866 wurde er zum Commandircnden des 8. Bundcsarmeecorps ernannt, konnte jedoch unter den vielerlei hemmenden Einflüssen bei der bunt zusammengewürfelten Bundesarmee einen Erfolg nicht erzielen. Er schr.: Das Heiligenberger Münzcabinet, Graz 1854—1856, 3 Bde., u. gab auch sein Fcldzugs- journal von 1866 heraus, Darmst. u. Lpz. 1867. Bermählt mit der zur Prinzessin von Battenberg erhobenen Tochter des verstorbenen kgl. polnischen Kriegsministers u. Woiwoden Grasen Moritz von Hauke. 20) A. Friedrich Karl, geb. 24. April 1771, Sohn des Herzogs Friedrich Eugen v. Württemberg;. begann seine militärische Laufbahn 1790 als Obrist in neapolitanischen Diensten, machte den Feldzug gegen die Franzosen 1793 als österreichischer Obrist mit, zeichnete sich bei Kaiserslautern aus, trug als Feldmarschalllicute- nant bei Stockach 1799 viel zum Siege bei, con- mandirtc eine Brigade unter Hotze in der Schweiz u. siegte in einem Gefechte bei Schmerikon. 1801 trat er in russische Dienste u. ward Gcncralgou- verncnr von Weißrußland u. Mitglied des Staatsraths; 1812 übernahm er an Bagraiions Stelle bei Mosaisk den Oberbefehl über, den linken Flügel. Nach dem Frieden kehrte er als Gouverneur nach Weißrußland zurück, ward 1822 Director des Jngenicurcorps, Minister und Generaldircctor aller Communicationcn zu Land u. See u. machte sich durch Verbesserungen, besonders durch Kanalbauten, um dieses Fach sehr verdient. Er starb auf einer Reise nach Deutschland 4. Juli 1833 in Gotha. A. war vermählt mit Antoinette Ernestine Amalie, Prinzessin v. Koburg (st. 1824). 21) A., Graf von Württemberg, Sohn des Herzogs Wilhelm v. Württemberg, geb. 5. Nov. 1801 in Kopenhagen; nahm württembergische Militärdienste, in welchen er bis znm Obersten stieg; st. 7. Juli 1844 in Wildbad; er war vermählt mit Helena, geb. Gräfin v. Festctics-Tolna. Er schr.: Gedichte, Stuttg. 1837; Gesammelte Gedichte, ebda. 1841, dabei die Lieder des Sturms (ebd. 1839); Gegen den Strom, Sonette, ebda. 1843. III. Prälaten. X. Päpste: 22) A.I., der 6. Papst, Römer von Geburt, von 110—119; soll das Weihwasser, das ungesäuerte Brod beim Abendmahl, sowie die Vermischung des Weines mit Wasser angeordnet haben u. den Märtyrcr- tod gestorben sein. 23) A. II., der 162. Papst, Mailänder von Geburt, zuvor Bischof Anselm v. Lncca; wurde 1. Oct. 1061 durch die Cardinäle gewählt (der erste auf diese Weise), erhielt jedoch, nur durch die Hilfe des Normannenfürsten Richard v. Capua eingesetzt, schon am 28. Oct. in dem zu Basel meist von den deutschen Bischöfen gewählten Honorius (II.), vorher Cadalus, Bischof von Parma, einen Gegenpapst, der, von der kaiserlichen Partei unterstützt, am 14. April 1062 in Rom einzog. Durch Vermittelung des Markgrafen Gottfried v. Toscana kehrten jedoch beide Gegner in ihre vormaligen Bisthümer zurück, bis eine Synode zu Augsburg, berufen durch den Erzbischof Hanno v. Köln, am 28. Oct. 1062 die Wahl des Honorius verwarf n. A. als rechtmäßig anerkannte. Ein zweiter Versuch des Honorius, sich ihm gegenüber geltend zu machen, hatte nur die allgemeine Anerkennung A-s durch die Synode von Mantua, 21. Mai 1064, zur Folge. Auf Andringen seines Kanzlers Hildebrand (nachmals Gregor VII.) richtete A. von nun an sein Hauptstrebcn ans gänzliche Befreiung der Kirche von der weltlichen Herrschaft und die Befestigung der päpstlichen Suprematie, in welchem Sinne er auch den durch die Sachsen und Thüringer wegen Tyrannei u. Ämterhandels bei ihm verklagten Kaiser Heinrich IV. zur Verantwortung nach Rom lud. Jndeß erlebte er die Folgen dieses Schrittes nicht mehr; er starb bald danach, 21. April 1073, gerühmt als ein ebenso streng sittlicher, wie gelehrter Kirchen- fllrst, der nur zu sehr den Eingebungen seines Kanzlers und Nachfolgers Gehör schenkte. 24) A. III., der 176. Papst, 1159—1181, vorher Roland Bandinelli, Cardinal u. Kanzler Hadrians IV.; von der päpstlichen Partei gewählt, wogegen die kaiserliche Partei den Cardinal Octavian zum Papst wählte und auch in den Lateran einführte. Während A. III., nach 9tägiger Einschließung von Oddo Frangipane befreit, am 20. Sept. zu Niesa geweiht wurde und erst zu Terracina unter dem Schlitze des sicilischcn Königs, dann zu Anagni in der Campagna seinen Sitz aufschlug, ließ sich Octavian, am 4. Oct. als Victor (IV.) geweiht, in Segni unweit Anagni nieder, bis das von Kaiser Friedrich I. berufene Concil von Pavia nach vergeblicher Vorladung des „Cardinals Roland" diesen 11. Febr. 1160 als Schismatikern. Verschwörer in den Bann that und Victor (IV.) als rechtmäßig erklärte. A. III., der Octavian schon vorher mit dem Banne belegt hatte, anwor- tete Anfangs März mit verschärftem Bannflüche gegen den Kaiser und ging dann, nach kurzem Ansenthalt in Nom unter dem Schutze der Fran- gipani, nach Präneste und Fcrentino, von wo er die lombardischen Städte gegen den Kaiser unterstützte, bis ihn das Waffenglllck des letzteren zur Flucht nach Frankreich veranlaßte, dessen Hof, wie die von Spanien und England, ihn anerkannte und unter dessen Schutze er 1163 zum Zwecke kirchlicher Reformen eine Synode in Tours abhielt. Nach Victors Tode, 20. April 1164, an dessen Statt die Kaiserlichen sofort Guido von Crema als Paschalis III. wählten, durch die Bemühungen seines Vicars, des Cardinals Johann, von Rom zurück- berufen, zog A. III., nun auch von mehreren deutschen Kirchenfürsten anerkannt, 23. Nov. 1165 im Lateran ein und behauptete sich, bis Kaiser - 7- N'/- Alexauder. 393 Friedrich, erbittert über das durch A. zu Stande gebrachte Bündniß zwischen Sicilien, Byzanz u. dem lombardischen Städtebunde, herbeieilte, um den von ihm bestätigten Paschalis nach Rom zu führen. Nach einer furchtbaren Niederlage der Römer 29. Mai 1167 nahm Friedrich Barbarossa 22. Juni die Leostadt bis zum St. Peter, wo die Päpstlichen sich verschanzt hatten, sich aber nach heftiger Gegenwehr ergaben, worauf A. III., nachdem Paschalis sich zum Papst hatte einsctzen lassen, verkleidet aus Rom entwich und seinen Aufenthalt zu Veroli in der Campagna nahm. Eine günstige Wendung der Dinge rief ihn jedoch bald wieder ans den Thron. Friedrich mußte in Folge einer Fieberpest schleunigst seinen Rückzug antreten, Paschalis starb 20. Sept. 1168, u. als der von den Kaiserlichen gewählte Gegcnpapst Abt Johann v. Struma als Calixt (III.) sich als Schwächling erwies, ließ der Kaiser 1170 Friedensvorschläge machen. Auf die Forderung völliger Unterwerfung antwortete dieser durch einen neuen Römerzng, der aber nach der für Friedrich unglücklichen Schlacht bei Legnano mit dem Frieden von Venedig (I.Ang. 1177) endete, durch welchen Calixt (III.) abgesetzt, A. III. anerkannt u. ihm der Besitz des Kirchenstaates garantirt wurde. Dabei empfing er die persönliche Huldigung des Kaisers, der vor ihm auf die Knie fiel, ihm den Steigbügel hielt und seinen Zelter führte. Am 12. März 1178 hielt A. seinen Einzug in Rom. Gegen die Könige v. England, Schottland u. Dänemark schritt er wegen eigenmächtigen Vorgehens in kirchlichen Angelegenheiten mit Bann u. Kirchenstrafen ein. Ans dem dritten ökumenischen Coucil im Lateran (März 1179) decretirte er vor 500 Bischöfen, daß fortan die 2/g - Majorität der Cardinäle bei der Papstwahl entscheiden solle, leitete aber auf demselben Concil dnrch Verfluchung der Waldenser die Religionskriege und Ketzerverfolgnngen der nächsten Jahr- Hunderte ein. A. starb 1181 in Tivita-Castellana. Seine Mißliebigkeit in Nom war so groß, daß der römische Pöbel seine Bahre init Steinen n. Koth bewarf u. die Cardinäle dem großen Vorkämpfer für die Oberherrlichkeit des Papstthnms über die weltliche Macht nur mit Mühe ein Grab im Lateran erkämpfen konnten. Vgl. Reuter, Gesch. A-s III. u. der Kirche seiner Zeit, Lpz. 1860—61, 3 Bde., u. M.Mcyer, die Wahl A-s III., Gott. 1872; Räumers u. Schirrmachers Hohenstaufen. 25) A. I V., der 187. Papst, vorher Graf Reynald von Segna, Cardinalbischof v. Ostia u. Velletri, gewählt am 12. Dec. 1251 u. geweiht 27. Dec.; ein äußerst gutgesinnter, aber ebenso schwacher Mann, überall Schmeicheleien u. schlimmen Eingebungen zugänglich, unter dessen Pontificat das Ansehen des Papstthums nach innen wie nach außen fast zu einem Schatten herabsank. Im I. 1257 mußte er sogar eine Zeit lang aus Rom fliehen, in Folge der vom König Manfred v. Apulien u. Sicilien unterstützten Aufstände der Zünfte Roms wider Adel u. Klerus. Für Ausbreitung der Herrschaft der Kirche unter den Ungläubigen that er viel, stellte die Vorrechte der Franciskaner u, Dominikaner wieder her u. errichtete den Orden der Augustiner-Eremiten. A. stark, am 25. Mai 1261 zu Viterbo. 26) A. V., der 212. Papst, 1409—1410, vorher Pietro Phi- largijro, ein Grieche aus Candia; als Bettclknabe von einem Franciskaner unterrichtet u. in dessen Kloster gebracht, von da nach Italien, wurde er, von Oxford n. Paris als Gelehrter miedergekehrt, Bischof zu Vicenza, dann zu Navarra u. 1102 Erzbischof in Mailand. Vom Papst Jnnocenz (VII.) zum Cardinal ernannt, war er bereits 70 Jahre alt, als er am 15. Juli 1409 vom Concil zu Pisa zum Papst erwählt wurde. Nach einem kurzen Kampfe mit den beiden Gegenpäpsten Benedict (XIII.) u. Gregor (XII.) huldigte ihm Nom am 1. Mai 1410; aber schon zwei Tage danach starb A. V., ohne nach Rom gekommen zu sein, wahrscheinlich durch Gift, das ihm der Cardinal Balthasar von Cossa, sein Nachfolger auf dem päpstlichen Stuhle, beigebracht. 27) A. VI., der 222. Papst, geb. 1430 zu Valencia, aus edlem Geschlechts, ursprünglich Rodrigo Lenzuoli oder Len- zolio, nahm aber später den Geschlcchtsnamen seiner Mutter, einer Schwester Calixts III., an n. nannte sich Borgia. Anfangs der Rechtswissenschaft zngethan, dann in Kriegsdiensten, ward er 1456 von seinem Onkel Calixt III. zum Erzbischof von Valencia u. zum Cardinal erhoben. Trotz seines offenen Umganges mit der schönen Rosa Banozza, die ihm 5 Kinder gebar, wußte er sich den Ruf eines der frömmsten Prälaten zu wahren. (Hier soll übrigens nicht unerwähnt bleiben, daß Ollivisr, äss Vrsres preolionrs, in seinem Werke: Iw Laps X. VI st Iss Lorgia, I. Partie: Hs earäinal llanyol^ Horgia, Paris 1870, Nachweisen zu können glaubt, daß A. vor seinem Eintritt in den geistlichen Stand in legitimer Ehe mit Julie Farnese die 5 Kinder erzeugte, u. daß Vanozza nicht der Name einer Mätresse, sondern das familiäre Diminntivum des Namens Giovanna, der Mutter der Julie Farnese ist, welche mach deren frühem Tode die Erziehung der Kinder leitete.) Nach Jnnocenz VIII. kam er 1492 durch Bestechung auf den päpstlichen Thron u. „entfaltete nun eine Schlechtigkeit, die selbst den Barbaren unbekannt war", — Alles nur um den Kirchenstaat zu befestigen, aber hauptsächlich um sich u. seinen Kindern Reichthümer zu verschaffen und sein Haus zu einer mächtigen Dynastie zu erheben. Seinen anfänglichen Verbündeten Ludwig Sforza von Mailand gab er auf u. begünstigte dessen Gegner Ferdinand, König beider Sicilien, als dieser dem Papst-Sohne Gottfried die reiche Erbin Sancia von Aragonien versprochen hatte. Seinen ältesten Sohn Johann, Herzog von Candia, beschenkte er mit dem unter Beistimmnng der bestochenen Car- Linäle vom Kirchenstaate losgetrennten Herzogthum Benevento. Seine Tochter Lucretia Borgia ver- heirathete er an Sforza, Herrn von Pesaro; sein Licblingssohn Cäsar Borgia aber, der die früher ihm verliehene Cardinalswürde niedergelegt hatte, vom König von Frankreich zum Herzog v. Valen- tinois und von seinem Vater zum Gonfalonierc der Kirche ernannt war, wurde zuw Gemahl der Tochter Friedrichs, Königs von Sicilien, bestimmt. Von diesem jedoch damit abgewiesen, verband sich A. mit Ludwig XII. von Frankreich znr Theilnng Italiens. Ludwig eroberte Mailand, worauf Cäsar Borgia zum Herzog von Veltlin u. der Romagna ernannt wurde, nachdem er Jmola u. Forli mit 394 Alexander. Waffengewalt an sich gerissen hatte, waZ einen neuen italienischen Srädtebund gegen die Gewalt- lhaten A-s und seines Sohnes Cäsar zur Folge hatte. Wo offene Gewalt nicht ausreichte, nahm man, vorzüglich gegen die Häupter des neuen Bundes, seine Zuflucht zum Meuchelmorde, vor dem weder Cardinäle und Prälaten, noch die eigenen Verwandten, ja Kinder u. Lieblinge selbst des Papstes sicher waren, am wenigsten als Gäste der üppigen Bankete, an denen außer beispiellosen Sittenlosigkeiten der Giftbecher eine so große Rolle spielte und der Liebling Cäsar wie die Tochter Lucretia die gröbsten Ausschweifungen begingen. Zur Bestreitung des verschwenderischen Aufwandes wurde dann mit Dispensen aller Art der gewissenloseste Schacher getrieben. Zugleich ging A., um sich zu bereichern, auch au die Bücher-Censur n. erließ 1501 an die Erzbischöfe von Köln, Mainz, Trier und Magdeburg eine Bulle, worin die Druckereien u. Druckschriften der Aufsicht u. Censur der Bischöfe u. geistlichen Gerichte unterstellt, die Bestrafung frevelnder Schriftsteller u. Buchdrucker mit Kirchenbußen u. Geldstrafen verordnet, der Verkauf ketzerischer Bücher verboten u. deren Verbrennung befohlen ward. Auch das jammervolle Schicksal des puritanisch-strengen, die Absetzung A-s fordernden Dominikanermönchs Girolamo Savouarola egura in seinem kosma, äs ^loxanäro. Rudolf von Ems hielt sich in seinem Alexander (1240—1250), von dem nur die fünf ersten Bücher und ein Theil des sechsten auf uns gekommen sind, vor Allem an Curtius, außerdem an Josephus, Methodius rc. In der zweiten Hälfte des 13. Iahrh. schöpfte Ulrichs von Eschcn- bach Alexander hauptsächlich aus Gauners Alexandreis, und übersetzte dieses französische Gedicht der Bischof Brandur Jonsson. Aus dem Valerius u. dessen Epitomator u. aus dein Vinccntins von Beauvais floß, wenn auch in abgeleiteter Strömung, der nach 6naltnsrus äs OastsIIions bearbeitete, ebenfalls der zweiten Hälfte des 13. Iahrh. angehörende flandrische Alexander des Jakob von Macrlandt. Die arabischen u. persischen Dichter, welche sich mit Alexander d. Gr. beschäftigten, Abul Faradsch, Abu Tahos von Tartessus, Firdnsi, Masudi, Nizami rc. schöpften aus den ägyptischen oder verwandten Quellen; von den Persern ging die A. zu den Türken n. mohammedanischen Hindu über. Noch jetzt leiten die kleinen Häuptlinge des Jndnsthals sowol, wie des indischen A.rchipel in sagenhafter Weise ihre Abstammung von Alexander her, und ist bei den Malaien dessen Geschichte ein allgemein beliebtes Volksbuch. — Vgl. H. Weismann, Alexander, Gedicht des 12. Iahrh., vom Pfaffen Lamprecht, Franks, a. M. 1850, 2 Bde.; Spiegel, Die A. bei den Orientalen, Leipz. 1851; W. Foerster, Hexanäsr NaAnns, eollsotio sc.riptornm nä ka- dnlosam sjnsäsm kästoriam psrtinsntinm, Lpz. 1874, u. die Artikel über die einzelnen oben angeführten Schriftsteller und Werke. Alexanderschlacht, ein 1831 als Fußboden im sogenannten Hause des Faun zu Pompeji aufgefnndcnes und jetzt im National-Museum zu Neapel befindliches großes Mosaikgemälde. Die Komposition, voll bewegten u. dramatischen Lebens, zeigt einen Kampf zwischen Griechen oder Römern und Asiaten im letzten entscheidenden Augenblick, nach der gewöhnlichen Auffassung den Kampf zwischen Alexander u. Darms. Aber Kugler schließt aus dem Costüm, daß die hier auftretenden Helden einer dem Untergänge Roms schon nahe stehenden Zeit angehören, u. derselben Ansicht ist H. Weiß iin 2. Bande seiner Geschichte des Costüms. Der größte Theil der europäischen Gestalten ist leider zerstört. Alexanders des Großen astatischer Feldzug. Der Grund zu diesem weltgeschichtlich, kulturhistorisch und wissenschaftlich wichtigen Kriege, zu welchem schon Alexanders Vater, Philipp, umfassende Vorbereitungen getroffen hatte, war die am makedonischen Hofe seit Jahren genährte Idee Philipps u. Alexanders, als kriegerische Vertreter der griechischen Hegemonie die Rache an Persien zu vollziehen für die einst durch Terxes an Griechenland verübten Frevel. Aber während König Philipps Pläne höchstens auf die Eroberung von Lleinasieu u. allenfalls noch von Syrien gegangen dcs Großen asiatischer Feldzug. waren, verfolgte Alexander von vorn herein die Idee, das gesammte Persische Reich Len Achämc- niden zu entreißen. Nach dem Tode seines Vaters ließ A. sich in Korinth (Herbst 336) zum Ober- feldhcrrn des griechischen Heeres (zu dem jedoch die Spartaner keine Truppen stellten) ausrnsen. An der Spitze eines ausgezeichneten Heeres von 30,000 Mann zu Fuß u. 5000 Reitern unter der Führung von Männern wie Pcrdikkas, Antigonos, Kratcros, Könos, Alexander Lynkestes, Parmenion, Philotas, Attalos, Klitos u. v. A-, begleitet von seinem Freunde HephLstion und vielen Gelehrten, setzte A. im Frühling des I. 334 v. Ehr. über den Hellespont. Er stieg zuerst von Allen ans asiatische Ufer und opferte ans der Bnrghöhe von Ilion der Athene, dem Priamos u. den hier gefallenen griechischen Helden. Die Perser, obwol seit Ende 335 stark gerüstet, hatten sich doch durch Alexanders Einbruch überraschen lassen. Bald aber stellten sich die Satrapen von Kleinasien den Makedoniern mit einem trefflichen Heere, wobei 20,000 griechische Söldner u. 20,000 iranische Reiter, am Flusse Granikos in Mysien entgegen, u. hier kam es zur ersten Schlacht. A. selbst führte den rechten, Parmenion den linken Flügel; die Perser suchten vergebens den Übergang über den Fluß zu verhindern: A. schlug sie gänzlich aufs Haupt, Mai 334. Die Frucht des Sieges war die Eroberung der Westküste Kleinasiens; nur Milet u. Halikarnassos, wohin sich Reste der persischen Armee zurückgezogen hatten, leisteten Widerstand; besonders letztere Stadt unter dem Befehl veS Nhodiers Memnon, der jetzt von Darms zum Oberbefehlshaber aller persischen Streitkräfte zu Wasser u. zu Lande in Borderasien ernannt worden, aber zum Glück für A. schon im Sommer 333, im Ägäischen Meere operirend, starb. — Von Halikarnassos setzte A. im Spätherbste 334 seinen Marsch dem Meeresufer entlang fort bis nach Aspendos, von wo er sich wieder nördlich durch Pisidien nach Phrygien wendete, in Gordion im März 333 ankam u. sowol die Colonne des Parmenion, als auch zahlreiche Nengeworbene u. Urlauber an sich zog. Hier zerhieb A. den Gordischen Knoten, an den sich die Sage knüpfte, daß, wer ihn löse, Herr von Asien werden würde. Zunächst ergab sich nun Paphlagonien, wodurch A. Herr von Kleinasicn bis an den Halys wurde. Von hier erreichte er, die gefährlichen Kilikischen Pässe durchziehend, Tarsos, die Hauptstadt von Kilikien, wo er (Scpt. 333) gefährlich erkrankte in Folge einer starken Erkältung, die er sich durch ein Bad in dem Flusse Kydnos zugezogen hatte, jedoch von dem Arzte Philippos geheilt wurde, dem er sich, obgleich ihm derselbe verdächtigt worden, rücksichtslos anvertrant hatte. Darauf wandte sich A. nach Syrien, kehrte aber bei der Nachricht, daß der mit großer Heeresmacht anrückende Perserkönig Darms Kodomannus ihn im Rücken bedrohe, eilig nordwärts zurück u. traf mit ihm im Nov. 333 bei Jssos zusammen. In höchst ungünstiger Stellung am Flusse Pinaros gefaßt, wurde das an Zahl ungeheuer überlegene persische Heer (angeblich 5 —600,000 Mann) unter ungeheuren Verlusten gänzlich geschlagen, wobei das ganze persische Lager mit der Mutter, der Gemahlin und KN» L?' -X X -dLtlkü» ^ 0^ ^^8 /).) L'L ^ <^-ÜLrckr, ' V -/ 7! . 7,-1-,- t??*!.Z» " --»XL >.. L/2s^^ KS«MMEÄö«^^, V.7 ^«LilK^ ^ XX"?' n -. ^ tz. -X i '» ^ Zis- ^--.7 "»'«> „sf U»/Us^ - ^7-»X S LL'V, PK >^EKKck 5? ° -X-Z^ LMl-M V 8 x^/ .-^^o ^(.^ -Ä'.^P E sSSniÄ"LMW! EMxX ^! i Ä^^v>x ' ' - ^ -^7 L -, ^ D I'k.-^, < "-rM ^ rr ^'' < ° r. vergitterten Fenstern, darunter auch elende Lehmhütten. A. ist der Sitz eines Gouverneurs, eines koptischen Patriarchen, der Marine- nnd Handels-Etablissements, der Militär- und Marineschulen. Die Stadt hat eine Garnison von 2- bis 3000 Mann, außerdem ist durch Wacht- hänser und Polizeimannschaften für die öffentliche Sicherheit ausreichend gesorgt. Der auswärtige Handel A-s ist bedeutend und reprä- scntirt in der Einfuhr etwa 500 Will. Piaster, während die Ausfuhr das Doppelte erreicht. Die Zahl der aus- und einlanfenden Schiffe beträgt ca. 3000, darunter über V Dampfer. Ansgeführt wird hauptsächlich Baumwolle und Baumwollensamen (ungefähr 77pCt.), Weizen (4 pCt.), Gummi (3H pCt.), Wolle (1 pCt.). Es sind betheiligt bei der Ausfuhr: England mit etwa 75 pCt.,„ Frankreich mit 9 pCt., Italien mit 7 pCt., Österreich mit 6pCt., die Türkei, Syrien u. a. Länder mit 3pCt; bei der Einfuhr, die in europ. Seiden-, Baumwollen-, Lederwaaren rc. besteht, dagegen England mit etwa 40pCt., Frankreich mit llpCt., Österreich mit 11 pCt., die Türkei mit 12 pCt., Italien mit 8 pCt., Syrien, Berberei u. a. Länder mit 18 pCt. Zur Unterstützung des Handels dienen eine Bank für Ägypten und seit 1873 eine solche für A., Assecuranzgesellschaften rc.; eine Eisenbahn führt nach Kairo und Suez, eine zweite nach Ramle, und Dampferlinien verbinden A. mit Marseille, Genua, Brindisi, Triest und Con- stantinopcl. Die Hafenanlagen, welche von ausgedehnten Magazinen umgeben sind, bestehen aus 2 Theilen, dem westlichen (oder alten, auch afrikanischen), der den Nil anfnimmt, und dem östlichen (neuen oder asiatischen Hafen), der allein bis An- 400 Alexandria — Alexaudrinische Bibliothek. fang diese? Jahrh. den Europäern geöffnet war, während jctzr in beiden die Schiffe aller Nationen einlanfen können. Das Klima A-s leidet durch die Nähe der Sümpfe, doch ist es nicht gerade ungesund: die Hitze wird durch den Seewind gemindert, so Laß die Tcmparatnr selten bis zu 26° 6. steigt; im Winter fällt fast täglich Regen. Die Einwohnerzahl betrug 1871 annähernd 220,000 Seelen, davon der 4. Theil Europäer (meist Italiener, Franzosen, Griechen, weniger Deutsche rc.). A. war von Alexander d. Gr. 332 v. Ehr. durch Dinochares an der Stelle der uralten ägyptischen Stadt Om (später Rhakotis) erbaut und durch Griechen, Römer, Kleinasiaten und Juden bevölkert. Von den Ptolemäern, die es zur Residenz wählten, ward es vergrößert und unter anderen der königliche Palast und der Pharos gebaut. Seine glückliche Lage, seine Verbindung durch Kanäle mit dem Nil machte es für die Dauer von 6 Jahrh. zum Emporium zwischen Europa, Indien und Klcinasien. Im Alexandrin. Kriege wurde Cäsar hier belagert. Unter römischer Herr- ichaft hielt sich A. lange als wichtiger Handels- vlatz; erst als Constantinopel Hauptstadt des Römischen Reiches wurde, verlor A-s Handel und Ansehen. In der christlichen Zeit war A. Sitz eines der 4 Patriarchen; hier wurden 342, 350, 362, 399 n. 430 Concilien gehalten. Im 7. Jahrh. bemächtigte sich der Khalis Omar A-s, das später (s. Ägypten, Gesch.) Sitz eines ägyptischen Khalifats n. zum Theil-auch Residenz wurde u. durch das ganze Mittelalter der Haupthandclsplatz zwischen Abend- uud Morgenland blieb; es sank aber durch die Entdeckung des Seeweges nach Indien, litt unter der Herrschaft der Mamlukenbeys und hob sich erst wieder, seitdem der Vicekönig Mehemed Ali sich der Stadt annahm. Damals bestand sie mir aus ärmlichen Hütten, mit etwa 7000 Ew. A. mit Umgebung war auch der Schauplatz der ersten und letzten Ereignisse u. Kämpfe, die aus der ägypt. Expedition der Franzosen hervorgingen. Hier landete Bonaparte 2. Juli 1798 u. nahm die Stadt mit Sturm, und hier capitulirten die von Bonaparte zurückgelassenen Franzosen im Oct. 1801. Alexandria hießen außerdem mehrere andere, meist von Alexander d. Gr. gegründete Städte des Alterthums, u. zwar: 1) L.. ml Issum (^.. soa- biosa), St. in Nordsyrien, am Jssischen Meerbusen, mit Hafen und Handel; jetzt Alexandrette. 2) A. Charakos, St. in Susiana, zwischen dem Tigris und Pasitigris, beim jetzigen Awas; vom Wasser zerstört, ward sie von AntiochoS Epiphanes an einem höher gelegenen Orte am Tigris wieder ansgebant. Auch hier war sie dem Verfalle wieder nahe, bis der arabische Emir Pasines (Spasines), daher auch kasinn oder L.. Lpasruu, sie zu seiner Residenz machte. 3) X. lläwas, römische Colonie, 3 Meilen von Ilion in Troas, der Insel Tenedos gegenüber; von ihrem Erbauer hieß sie Antigonia, ward aber von Lysimachos, Alexander d. Gr. zu Ehren, A. genannt; jetzt Eski Stam- bnl. 4) Außerdem viele nach Ländern, Flüssen ober Gebirgen genannte Städte, die ihren Ursprung denl Feldzuge Alexanders verdanken, z. B. L. Oao- ti'iaua, uä LlarZum, sä karopanisum. f Alexandria, 1) Vorstadt von Warschau. 2) St. ,im gleichnamigen Kr. des südrnssischen Gouv. Cherson, am Jngulez, non gebaut; mit starkem Maisban; 10,500 Ew. 3) Ort auf der Insel Kad- jak im Territorium Alaska, NordamerikanischeUnion; Hauptstapelplatz für Pelzwerk. 4) County im nordamerikanischen Staate Virginia unter 30" n. B. u. 77 w. L., mit 16,755 Einw.; gleichnamige Hauptstadt, am rechten Potomakufer; bequemer Hafen für große Schiffe; 13,570 Einw. Ein Wasserleitnngs-Canal führt von hier nach Georgetown; Eisenbahnverbindungen von dort nach allen Richtungen. 5) So v. w. Alessandria. Alcxandrrna, See in Südaustralien, auch Victoria genannt, durch den sich der Murray ins Meer ergießt. Alexandrme, 1) Friederike Wilhelmine A. Maria Helene, geb. 23. Febr. 1803, Tochter des Königs Friedrich Wilhelm III. v, Preußen; vermählt 1822 mit dem Großherzog Paul Friedrich von Mecklenburg-Schwerin; seit 7. März 1842 Wittwe; sie ist Mutter des jetzigen Großherzogs Friedrich Franz II. 2) A. Luise Fried. Elis. Sophie, geb. 6. Dec. 1820, älteste Tochter deS Großherzogs Leopold v. Baden; seit 3. Mai 1842 mit Herzog Ernst II. v. Koburg-Gotha kinderlos vermählt. Alexandriner, ein jambischer Vers von 6 Füßen mit bald männlichem, bald weiblichem Schluß, der in der neufranzösischen Form, in welcher er ins Deutsche übergcgangen ist, am Schluß des dritten Fußes nothwendig eine Cäsur hat: Meist sind die Verse paarweise gereimt (aabb): Die Abendglocke ruft ff den müdeu Tag zu Grabe; Matt blökend kehrt das Vieh ff in langsam schwerem Trabe Heim von der Au; es sucht ff der Landmann seine Thür Und überläßt die Welt ff der Dunkelheit und mir. Doch finden sich auch gekreuzte Reime (abab) und sonst umgestellte (z. B. abba). Bei den Franzosen (und Holländern) ist der A. noch die herrschende Vcrsart für alle Gedichte von größerer Allsdehnung. Im Deutschen schon von P. Melissns ein- gcführt, kam er durch Opitz für längere Gedichte, auch die Tragödie (hier zuletzt 1788 bei Götter) zur allgemeinen Geltung, wurde aber auch für Strophen, Sonette, Epigramme verwandt. Seit Klopstock und Lessing wurde der namentlich im Deutschen sehr eintönige A. durch den Hexameter u. 5füßigen Jambus verdrängt u. blieb auf das Lustspiel beschränkt, für welches ihn sein Schlagwörter rc. begünstigender Bau sehr geeignet macht. Neuerdings hat Rückert längere Gedichte (z. B. Röstern und Suhrab und die Weisheit des Brah- nranen) in A-n verfaßt, n. auch Freiligrath hat den A. (Das Wüstenroß von Alexandria) z. Th. in freierem Bau u. mit anderen Versen vermischt, wieder gebraucht. Reimlose A. sind selten. Genannt ist der A. wahrscheinlich nach dem altfranzösischen Heldengedicht Rvumau ä^lixauäro oder nach dessen Nmdichter Llsxauärs v. Bernay. Alexaudrinische Bibliothek, die von Ptole- mäos I. Lagi gestiftete n. von seinen Nachfolgern bis zu 700,000 Bänden (Rollen) vermehrte Biblio- 401 Alexandrinische Philosophie — Alexandropolis. thek zu Alexandria. Ein Thcil derselben ging im Kriege mit Cäsar (48—47 v. Chr.) bei dem Brande des Bruchion lcs war dieses das königliche Residenzquarlier im nordöstlichen Theil der Stadt, wo auch das Museum und die Bibliothek lagen) in Feuer auf, ward aber durch die der Klcopatra von M. Antonius geschenkte Pergamenische Bibliothek (200,000 Bände) wieder ersetzt; der andere Theil war bei dem schnellen Zuuehmen des Büchervorrathes in der westlichen Stadthälfte, im Serapeion, aufgestellt worden, u. wurde unter Theodosius 390 n. Chr. von einem fanatischen Haufen unter Anführung des Bischofs Theophilos mit dem Serapeion zerstört. Eine bloße, erst im 13. Jahrh. aufgekommene Fabel ist es, daß die Araber nach der Eroberung Alexandriens, unter Omar 642, die Bücher der A. B. vernichtet, oder- gar ein halbes Jahr lang die Bäder damit geheizt hätten; damals existirte die Bibliothek gar nicht mehr. Alexandrinische Philosophie, die unter den Ptolemäern in Alexandrien cultivirte synkretistische Art und Weise des Philosophirens, welche orientalische, Pythagoräische, Platonische u. Aristotelische Philosophemata mit einander in Verbindung brachte und aus welcher schließlich der Neuplatonismus (s. d.) hervorging. Alexandrinischer Codex (in den kritischen Bibelausgaben mit bezeichnet), griechische Handschrift, welche die Septuaginta-Übers. des A. T. und das N. T., außerdem die Briese des Clemens Romanus enthält. Er ist mit Uncial-Buchstaben auf Pergament im 5. oder 6. Jahrh. in Ägypten (nach der Sage von der hl. Thekla, einer Schülerin des Apostels Paulus) geschrieben. Der Patriarch Cyrillus Lukaris nahm ihn 1621 bei seiner Versetzung von Alexandrien nach Constanti- nopel mit dahin u. schenkte ihn 1628 dem König Karl I. von England, wo er jetzt im britischen Museum anfbewahrt wird. Das N. T. hat Woide, Lond. 1786, Fol., u. Cowper, ebd. 1860, das A. T. aber Baber, Lond. 1816—27, 5 Bde. Fol., herausgegeben. Alexandrinischer Dialekt, s. u. Griechische Sprache. Alexandrinisches Jahr, so. v. w. Neuägyptisches Jahr, s. n. Jahr. Alexandrinischer Krieg, Krieg, in welchen Jul. Cäsar 48 v. Chr. nach der Schlacht bei Pharsalus mit den Ägyptern verwickelt wurde; 47 glücklich für Cäsar beendet; s. Ägypten. Die angeblich von Hirtius verfaßte Beschreibung dieses Krieges, LeUnm alsxanärinum, ein nüchternes und trockenes Werk, findet sich gewöhnlich in den Ausgaben des Julius Cäsar. Alexandrinischer Lorbeer ist Rasens llvpo- xdiUam. Alexandrinische Theologie. Alexandria, der Mittelpunkt heidnischer und jüdischer Wissenschaft, wurde im 2. Jahrh. auch ein Hauptsitz der von der katholischen Kirche abgewandten christlichen Gnosis. Eine erste katholisch-christliche höhere Bildungsanstalt erössnele daselbst PantäuoS bald nach der Mitte des 2. Jahrh. Durch Clemens (st. um 220) und Origenes (st. 254) gab diese Schule, die sogenannte ältere Alexandrinische Schule, Piercrs Unldersal-CmwersationZ-Lexiton. S. A»fl. auf lauge Zeit der ganzen Theologie, insbesondere der exegetischen, ihre Richtung. Die Gnosis, als Einsicht in den Sinn und Grund der Pistis, des Glaubensinhaltes, sollte durch Zusammcnbetrachten der christlichen Offenbarung mit der alttestamcnt- lichen u. mit dem besseren philosophischen Hellenismus, namentlich mittels allegorisircndcr Schrift« auslegnng gewonnen werden. Die jüngeren Älex« andriner, Athanasios und die 3 Kappadoken im 4., Kyrillos im 5. Jahrh. bildeten, mit unter dem Einfluß des Gegensatzes der Antiochener Schule, die ältere Richtung fort u. theilweise um, beschränkten das Allegorisiren allmählich auf den nicht dogmatischen Schriftiuhalt u. ordneten sich mehr und mehr dem kirchengesetzlichen Abschließen der Forschung unter. Alexandrinisches Zeitalter, die Zeit von der Gründung der Herrschaft der Ptolemäer in Alexandria seit 323 v. Chr. bis zur Alleinherrschaft Roms 31 v. Chr. Dadurch, daß unter den Griechen die Stammesnnterschiede schwanden u. auch die Nichtgriechen des Orients an griechischer Sprache und Bildung während dieser Zeit theilnahmen, wurde diese in ihrem Charakter verändert; das individuelle, ja, das nationale Element schwand daraus. Indem nun die Ptolemäischen Könige Poesie und Wissenschaft in hohem Grade begünstigten u. dafür stehende Einrichtungen schufen (Bibliothek, Museum), entstand bald — in Verbindung mit jenem Schwinden des charakteristisch Ausgeprägten, sowie mit dem Versiegen des schöpferischen Geistes in der griechischen Sprache — das geistige Gepräge des A. Z., welches in der Poesie nichts originell Großes, nur Gelehrtes oder Gekünsteltes, in künstlerisch stilvoller Prosa aber Nichts mehr leistete. Um so bedeutender wurden, durch den regeren Weltverkehr begünstigt, die Leistungen in den exacten Wissenschaften (Mathematik, Mechanik, Mcdicin) u. in der Sprachwissenschaft und Philologie; letzteres wirkte freilich auf die eigenen poetischen Schöpfungen in sprachlicher Beziehung »erkünstelnd ein. Die römischen Dichter hängen in manchen Dingen von den Alexandrinern ab. Alcxandrinismus daher so v. w. sich spreizende, »erkünstelte, nicht originelle Gelehrsamkeit. Vgl. Bartheleiny St. Hilaire, Vs 1'seols ä'^Isxanäris, Par. 1845; I. Simon, Rist. äs I'sools ä'41sx., Par. 1844 ; Fr. Ritschl, Die Alex- andrinischen Bibliotheken 1838. Alexandrinus, 1) Gold- und Silbermünze Alexanders d. Gr.; 2) die von den Römern für Ägypten in Alexandria geschlagenen Kupfer- und Silbermünzen, von M. Antonius bis Diocletian. Aiexandropol (sonst Gümri), russische Stadi u. Festung im Gouv. Eriwan, an der Grenze der türkischen Prov. Kars, mit vielem Verkehr und römisch-katholischer Kirche; 17,300 Ew. Hier am 30. Oct. 1853 Sieg der Russen unter General Barjatinsky über die Türken. Alexandropolis (Alexandriopolis, a. Geogr.), St. der thrakischen Mäder am oberen Strymon, von Alexander d. Gr. in Abwesenheit seines Vaters Philipp bei einem Aufstande wieder unterworfen (340—339 v. Chr.), dann aber mit neuen Ansiedlern bevölkert und nach ihm benannt. I. Band. 26 402 Alexandrow — Alexei. Alexandrow, Fabrikstadt (Tuchfabrik) in dem russisch-polnischen Gouv. Warschau; 4000 Ew. Alexandrowkn (Melitöpol), Stadt mit 6000 Ew. im Gouv. Taurien, am Tokmak oder der Molotschnaja, an welchem sich zahlreiche deutsche u. andere Colonien von 1789 bis 1817 niedergelassen haben; 1855 zählte man 17,148 Ew. in 50 Colonien, welche Ackerbau, Obstcultur, bedeutende Viehzucht u. eine sehr ausgedehnte Gewerbe- thätigkeit unterhalten, wobei sie sich durch sittliche Reinheit, Arbeitsamkeit u. Zuverlässigkeit vortheil- haft auszeichnen. Alexandrowsk, 1) russische Niederlassung im Amurland am Golfe v. Keualshaja, der Insel Tara- kai gegenüber, 1855 gegründet; günstig gelegener Hafen, aufblüheuder Handel. 3 ) Hauptst. im gleichnamigen Distr. der südrussischen Statthalterschaft Jekaterinoslaw, am Dniepr; wichtiger Stapelplatz für den Waarennmsatz nach dem Süden, da hier dis zu Lande angekommeuen Maaren nach dem Schwarzen Meere wieder eingeschifft werden; 4600 Ew.; in der Nähe deutsche Colonien. Alexei (russisch, so v. w. Alexius), 1) A. Michailowitsch, zweiter Czar von Rußland aus dem Hause Romanow, geb. 10. März 1629; folgte am 12. Juli 1645 seinem Vater Michael Feodoro- witsch, sich ganz der Leitung des Okolnitschi Pleschtschejew und seines Erziehers, des Bojaren Morosow, hingebend, bis in Folge einer Empörung der Erstere 1648 sein Leben verlor u. Morosow sich von' den Geschäften zurückziehen mußte, dessenungeachtet dieser aber noch immer A-s Rathgeber blieb, zumal er den jungen Czar mit Maria Miloslawskoi vermählt und selbst deren jüngere Schwester geheirathet hatte. Weitere Unruhen bereiteten zwei Prätendenten, der von Wladislaw IV. v. Polen unterstützte dritte falsche Demetrius (s. d. Art.) und der für einen Sohn des Czars Wasilij Schuiskoi sich ausgebende An- kudinow, aber beide ohne Erfolg. In die reiferen Jahre getreten, wandte A. seine volle Aufmerksamkeit der Ausbildung seines Heeres, der Ordnung im Innern, namentlich der Hebung von Gewerbe, Handel u. Schiffbau zu u. schritt dann erst zur Vergrößerung seines Reiches: in einem ersten Kriege mit Polen (1654—1655), das sich den Prätendenten günstig erwiesen u. dem aufstrebenden Czarenthum feindlich gegenüberstellte, behielt er im Waffenstillstände von Wilna (Nov. 1656) die von ihm eroberten Provinzen Smolensk, Tscher- nigow, Witepsk u. Wilna. Ein Krieg mit Schweden 1655—1658 setzte ihn nur zeitweilig in Besitz von fast ganz Livland u. Jngermanland; im Frieden zu Karins (21. Juni 1661) mußte er den Frieden zu Stolbowa (17. Febr. 1617) erneuern u. beides herausgeben. Kaum hatte A. 1662 die andrängenden Tataren zurückgetrieben, ward er wegen der Kosaken, die sich unter polnischen Schutz begaben, in einen zweiten Polenkrieg verwickelt, der 1667, 20. Jan., mit dem Frieden von An- drussow endete u. den Dniepr als definitive Grenze gegen Polen festsetzte. Nach Osten hin dehnte er seine Herrschaft über Sibirien u. durch den Hermann Cha- barow über Daunen u. das Amurland ans; endlich unterdrückte er nach furchtbarem Blutvergießen den Ausstand der dänischen Kosaken 1671. Schon während dieser Eroberungen, besonders aber nach denselben suchte er neben der Thätigkeit für die innere Organisation, von der das berühmte, unter ihm zu Stande gekommene russische Gesetzbuch Ilioseirenis zeugt, Verbindungen mit China und Persien, sowie mit Holland n. anderen europäischen Staaten anzuknüpfen; die Privilegien der englischen Kaufleute in Rußland aber zog er in Folge der Hinrichtung Karls I. ein. Viele Sorge bereitete ihm das durch den Patriarchen Nikon beginnende Schisma in der Russischen Kirche. Während neue Feindseligkeiten wegen der Kosaken mit der Pforte drohten, starb A., ein für seine Zeit nicht gewöhnlicher Herrscher, 29. Jan. 1676, aus erster Ehe seinen unmittelbaren Nachfolger Feodor, aus zweiter Ehe mit der schönen Natalia Narischkin den nachmaligen Peter d. Gr. hinterlassend. Ein charakteristisches Bild von A. u. seiner Zeit gibt das von ihm erlassene Jagdstatut sammt Briefwechsel darüber, hcrausgegeben 1856 in Moskau. 2 ) A. Petrowitsch, der älteste Sohn Peters des Gr. und der Eudoxia Lapuchin, geb. 18. Febr. 1690 zu Moskau; von Haus aus gut begabt, fiel er bald in die Hände der den Reformen seines Vaters feindlichen Partei der „Langbärte" und dazu in Geist u. Körper ruinirende Ausschweifungen, so daß Peter, wahrscheinlich auch durch seine zweite Gemahlin Katharina aufgestachelt, ihm nur die Wahl ließ zwischen Sinnesänderung oder Verzicht auf die Thronfolge u. Eintritt in ein Kloster A. wählte, znm Schein willig, das letztere, entfloh aber, sobald Peter ü. Gr. seine zweite Reise nach dem westlichen Europa angetreten, 1717, vorgebend, dem Vater nachreisen zu wollen, nach Wien u. von da nach Neapel, von wo er erst ans des Vaters Befehl u. überredet von den ihm nachgesendeten Gardehauptmann Rumjanzow und Geh. Rath Tolstoi zurückkehrte. Peter aber empfing den Sohn als einen Majestätsverbrecher, enterbte ihn durch Ukas vom 2. Febr. 1718 u. ließ gegen ihn, wie gegen Alle, welche um seine Flucht wußten, Criminaluntcrsuchung einleiten, deren Er- gebniß theils schwere Strafe, theils Hinrichtung für die Letzteren, für A. aber das von 144 Richtern wegen Hochverrathes ausgesprochene Lodes- urthcil war. Obgleich kurz, nachdem ihm dasselbe vorgelesen worden, die Begnadigung erfolgte, starb A. doch in Folge der erlittenen Gemüths- anfregung u. Angst — nach Anderen unter Aussicht des Generals Adam Weide, eines Deutschen, im Gefängniß enthauptet — schon wenige Tage darauf, 7. Juli (26. Juni) 1718. A. hinterließ von seiner Gemahlin, Charlotte Christine Sophie, Prinzessin von Braunschweig-Wolfenbüttel, die seinetwegen viel erduldet u. schon 1715 gestorben war, eine Tochter, Natalia (1728 gest.), u. einen Sohn, den nachmaligen Czar Peter II. Die Acten seines Procefses hatte Peter d. Gr. veröffentlichen lassen, u. sind weitere Documente dazu iu Usträ- lows Isboria rarotuvorvanija kstra IVsIiicarvo (Bd. 6, Petersb. 1859), sowie in Pogodins Untersuchung über den Proceß des Czarewitsch A-, (Petersb. 1860) — eine Ehrenrettung für den Prinzen — u. endlich in den Veröffentlichungen der Gesellschaft für russische Geschichte und Alter- thümer (Mosk. 1861) enthalten. Dramatisch ist 403 Alcxiancr der Stoff von Gehe u. in Jmmermanns Trilogie Alexis behandelt. Alcxiancr (auch §ratrss Oellitas), voni Botte Lollharden genannt (s. d.), um 1300 zu Werten der Barmherzigkeit an Kranken n. Todten vereinigte, nach ihrem Schutzheiligen Alexius benannte Brüderschaft, welche sich von Antwerpen aus in den Niederlanden u. Deutschland verbreitete. Später durch Papst Sixtus IV. unter Au- gustinischer Regel als eigentlicher Mönchsorden constituirt, errichteten sie viele Klöster in den Niederlanden, Deutschland und Polen, mit allen Privilegien der Bettelorden; sie nehmen keinen Priester in den Verein auf, unterrichten die Kinder, versorgen zur Pcstzeit die Kranken, müssen den Exemtionen der Misscthäter beiwohnen u. die Todten begraben. Tracht: schwarzer Rock mit schwarzem Scapulier u. Kapuze im Hanse, auf der Straße darüber ein schwarzer Mantel mit spitzer Kapuze. Die Alexianerinnen hatten gleiche Bestimmung n. gleiche Tracht, doch wohnten sie nicht in Klöstern. Nlcxinah, St. in Serbien, an der Morawitza; 4000 Ew.; mit Kreisamt, Gericht, Postamr, Quarantäne ; Hanptplatz für die Einfuhr aus der Türkei. Der gleichnamige Kreis (48,000 Ew.) treibt starken Tabakbau. Alcxkos (d. i. der Helfende). I. Kaiser: a) Von Byzanz: 1) A. I. Komnenos, mit dem Beinamen Bambakorax (der Stammelnde), jüngster, hochbegabter Sohn des Johannes Komnenos, geb. 1048 zu Constantinopel; focht als tüchtiger Offizier unter Michael VII. glücklich gegen verschiedene Gegner des Reiches und wußte, als dieser der Krone entsagte (1078), die Gunst auch des neuen Kaisers Nikcphoros III. zu gewinnen. Als ihm aber Letzterer seine Gunst wieder entzog, erhob sich A., stürzte den Kaiser u. bestieg selbst (2. April 1081) den Thron. Er war ein befähigter Herrscher, aber auch nicht verlegen bezüglich der Mittel, um seine Zwecke zu erreichen. Mit großer Tapferkeit und noch größerer Schlauheit wußte A. das durch Jnsnrrection, durch seldschuckische u. normannische Feinde gefährdete Reich wieder aufs Neue zu befestigen. Gegen die andringenden Türken suchte er Lurch eine Gesandschaft bei der in Pia- cenza die Befreiung des Heil. Landes berathenden Kirchenversammlung Hilfe u. gab wirklich dadurch den letzten Anlaß zum ersten Kreuzzuge; indeß die Masse der Kreuzfahrer machte ihn mißtrauisch, u. selbst als die meisten Fürsten ihm den Lehnseid für die in Asien zu erobernden Länder geleistet, erhielt sich dies Mißtrauen, n. zwar gegenseitig, da er die gemachten Versprechungen nicht einhielt u. durch seine Toleranz gegen die Türken sogar in den Verdacht des Einverständnisses mit ihnen kam; diesen widerlegten seine Siege über die Türken 1115 u. 1116. Er starb am 15. Aug. 1118. Seine Tochter Anna Komnena hat sein Leben in der Alexias beschrieben; s. Byzantinisches Reich. 2)A. II. Komnenos, Sohn des Kaisers Manuell., geb. 1167; folgte seinem Vater 1180 unter Vormundschaft seiner bildschönen Mutter Maria, einer Tochter Raimunds, Grafen von Portiers u. Fürsten von Antiochien, und ward (im Oct.) 1183 Lurch seines Vaters wilden Vetter Andronikos — Alexios. Komnenos sammt seiner Mutter ermordet; s. ebd. 3) A. III. Angelas Komnenos, ein lasterhafter, grausamer Mensch, entthronte u. blendete seinen älteren Bruder, den Kaiser Isaak Angelas, im April 1195; wurde (vierter Krcuzzug) im Jahre 1203 durch seinen mit Venetianern n. fränkischen Kreuzfahrern verbündeten Neffen ans der Hauptstadt vertrieben und floh nach Thrakien. Als Abenteurer wurde er endlich in Asien im Jahre 1210 von seinem Schwiegersöhne, Theodor Las- karis, gefangen genommen und in das Kloster Nikäa gesperrt; s. ebd. 4) A. IV. Angelas, Neffe des Vor., Sohn des Kaisers Isaak ÄngeloS (geb. 1183); wurde von seinem Oheim A. III. in Haft gehalten, entkam aber auf einem iralien. Schiffe nach Rom, wo er seinen Schwager, den deutschen Kaiser Philipp von Schwaben, u. Papst Jnnocenz I!1. für seinen Vater u. sich gewann; mit Hilfe der lateinischen Kreuzfahrer gelangte er 1203 auf den Thron, wurde aber durch Murtznphlos am 8. Febr. 1204 ermordet, der als 5) A. V. Du- kas Murtznphlos (d. i. mit zusammengewachsenen Augenbrauen) selbst den Thron bestieg, aber vor den Lateinern, die nunmehr Constanti- nopel im April 1204 eroberten, fliehen mußte; von seinem Schwiegervater gefangen u. geblendet, gerietst er in die Gewalt der Kreuzfahrer n. ward zu Constantinopel als Kaisermörder von der Theo- bosianischen Säule hinabgestllrzt. 6) A. Komnenos, Enkel des Kaisers Andronikos; hatte sich schon während der Wirren unter Isaak Angelas, unterstützt von einigen Großen in seiner Statthalterschaft Trapeznnt den folgenden Usurpatoren gegenüber als Basileus erhalten und behauptete sich auch nach Einnayme Constantinopels durch die Lateiner 1204 in dem eigenen neuen Staate Len seine Nachfolger als Kaiser von Trapeznnt bis 1461 regierten, b) Von Rußland: 7) A. Michailowitsch. 8) A. Petrowitsch, s. Alexei. 11. Heiliger: 0) St. A., Sohn des römischen Senators Euphcmianns zur Zeit des Kaisers Theodosius des Großen; wurde mit einer edlen Jungfrau, Adriatica, vermählt, verließ dieselbe am Abend des Hochzeitstages, zog im Bettlergewande als Büßer umher u. kam ins Heilige Land; nach langen Jahren kehrte er nach Rom zurück und starb an den Stufen des väterlichen Palastes; erst nach seinem Tode von seiner Braut erkannt, wurde er auf dem Aventinns begraben, und ihm, an dessen Sarg Wunder ohneZahl geschahen, daselbst eine Kirche gebaut. Als Adriatica lange danach starb, ward sie in dem Sarge des Bräutigams beigesetzt, dessen gebleichte Gebeine znsammcnrück- ten, um der Braut zur Aufnahme Platz zu machen. Schutzheiliger der Alexianer; Tag: 17. Juli, in der griechischen Kirche der 17. März. Die Alexius- legende war im Mittelalter sehr populär u. findet sich griechisch von Simeon MetaphrasteS, lateinisch, altfranzösisch (zuletzt als: iOa vis äs 8b. VIsxia, posme ckn Xlrns sisoio smit Bearbeitungen des 12. -14. Jahrh.f, heransgcgcben von G. Paris u. L. Pannier, Par. 1872), provenzalisch, spanisch, italienisch und 8mal mittelhochdeutsch, u. A. von Konrad von Wllrzburg (s. d.), bearbeitet. Vgl. Maßmann, St. Alexius' Leben, Onedlinb. u. Lpz. 1843. IV. Gelehrter: 10) A. Aristenus, 26 * 404 Alcxipharmakon — Alshcini. Jurist um die Mitte des 12. Jahrh.; schrieb Scholien zu einer (ihm selbst zugeschriebenen) L/uopsw Xauöiwn. herausgegeben von Beveregius in dem Synodykon, Oxf. 1672. V., Bon anderen Personen: 11) A., nach einer Überlieferung der Freund Luthers, welcher 1505 bei Erfurt an dessen Seite jählings starb, welche Begebenheit Mitver- anlassung zu Luthers Eintritt ins Kloster gewesen sein soll (s. Luther). Alexipharmäkon (gr., v. gr. püLimastou) Heilmittel), Gegengift. 2) Mittel, welches Schädlichkeiten im Körper überhaupt tilgt. Nikander von Kolophon, Priester des Karischen Apollon, hat unter dem Titel ^lexipllarmaüa ein Gedicht in Hexametern verfaßt, welches, eine Fortsetzung seines Gedichtes Mrsriaica, Gifte u. Gegengifte in ihren Wirkungen trefflich schildert. Alcxiphrettkon (v. gr. pvretäs, Fieber), b'ebriku^um, Fieber vertreibendes oder abwehrendes Mittel. Alexis, 1) ans Thurici, Dichter der mittleren Komödie in Athen; lebte ca. 390—290 v. Ehr. In seinen 245 Komödien war außer literarischen u. mythologischen Stossen besonders das feine, gebildete Privatleben der Athener seiner Zeit behaglich u. elegant dargcstellt; er soll die später so bedeutende Charakterrolle der Parasiten erfunden haben. Fragmente bei Meineke, issraKmeuta oo- mioornm grasearum, Bd. 3. 2) So v. w. Alexius u. Alexei. 3) Willibald, Pseudonym für Häring (s.d.). Alexisbad, Badeort im anhaltischen Kreise Ballenstedt an der Selke, in romantischer Gegend, 315 m ü. M.; die Mineralquellen, von denen der Selkebrunnen oder die Badequelle (6H" R.) u. der Alexisbrunnen oder die Trinkquelle (7° II.) gebraucht werden, sind reine Stahlwässer, besitzen eine bedeutende Menge an hydrochlorsanrem Eisen, schweselsaurem Eisen- u. Manganoxydul n. Kieselerde, aber geringen Gehalt an Kohlensäure und werden gegen weißen Fluß, Mutter - Blntflüsse, Bleichsucht, Blutarmnth rc. angewendet; Fichtennadelbäder, schöne Promenaden, prächtige Buchenwälder. Die Badeanstalt ist seit 1810 neu eingerichtet u. nach dem Herzog Alexius (s. Anhalt- Bernburg) genannt. In der Nähe die Victorshöhe mit Aussichtsthurin auf dem Ramberge. Vgl. Richter, Das A., Quedlinburg 1857. Alexiusd'or, Goldmünze des Herzogs Alexius von Anhalt-Beruburg, von 1791 — 1 Friedrichs- d'or. Alcxodunum, lat. Name der Stadt Hexham (Grafschaft Northnmberland). I'extöeleur, nach dem Äußern. I'sxtrLmitö (fr.), in der äußersten Noth, am Rande des Verderbens. Alcxy, Karl, Ungar. Bildhauer, geb. 1823 zu Poprad in der ZipS; bildete sich in der Wiener Akademie aus u. wurde im Auslande zuerst durch seine lebensgroße Porträtbüste und eine Reiterstatuette der Königin Victoria (1841) bekannt. Nachdem er 1843 Deutschland besucht und zahlreiche Werke, wie die Gruppen Faust und Gretchen, Egmont und Klärchen, eine lebensgroße Statue des Erzherzogs Friedrich u. 16 Bronzestatuctten berühmter Feldherren vom 16. Jahrh. bis auf unsere Tage in 18 vollständigen Wiederholungen ausgeführt, auch das Modell zum Denkmal des Matthias Corvinus vollendet hatte, machte er 1845 eine Studienreise nach Italien u. Frankreich. 1849 wurde er in Pest gefangen gesetzt und erst 1852 entlassen. Er ging darauf nach London u. fand dort vielfache Beschäftigung. 1861 kehrte er nach Ungarn zurück und wurde Professor der Modellir- kunst an der Oberrcalschule in Pest. Alf heißt in der nordisch-deutschen Mythologie so v. w. Zwerg, d. h. ein im Schooße der Erde lebendes zwerg'haftes Wesen, das zu den zwischen Göttern u. Menschen stehenden Dämonen gehört (daher abgeleitet: Elfen (s. d.). In der Edda führen den Namen A. mehrere Personen, unter welchen A., der Sohn Hialpreks (der gleiche Name wie Chilperich), Königs von Dänemark, hervorragt, der sich mit der Wittwe König Sigmunds, Hiördis, vermählte und so der Stiefvater Sigurds (Siegfrieds) wurde. Nach der späteren Wölsunga-Saga war es der Vater Alfs, hier Halfrek, welcher die junge Wittwe heirathete. Auch ein fabelhafter König Schwedens hieß Alf. Alf, 1) linker Nebenfluß der Mosel im preußischen Negbez. Koblenz; mündet bei 2)A., Dorsim Kr. Zell des gen. Negbez., in reizender Gegend; Weinbau; 1150 Ew. Dabei ein bedeut. Eisenwerk, die Burgruine Arras und die Ruinen des 1127 gegründeten Nonnenklosters Marienburq mit prachtvoller Aussicht. Alfadir, so v. w. Alfödr. Alfalu, Df. im siebenbürgischen Stuhle Csik, an dem Maros ; Mineralbad; 5040 Ew. Alfaqnes (San Carlo), Stadt u. Hafen (von Tortosa), an der Mündung des Ebro u. des Kanals de S. Carlos, in der spanischen Prov. Tarragona (Catalonien); 4000 Ew. Dabei auf dem Ebrodelta die Salinen los A. Al Farabr, Abu Nasr Mohammed Ebu Tar- chan A. F., aus Balah in der Prov. Farab; einer der ersten arabischen Philosophen, welche griechische Philosophie studirten und dessen Schriften so hoch geschätzt wurden, daß man ihn den zweiten Vernunftlehrer nannte. Nlfnro, Stadt in der spanischen Prov. Lo- grono (Catalonien), am Einflüsse des Alhama in den Ebro und an der Eisenbahn Miranda-Alagon; sehr heruntergekommen, voller Ruinen; Gerbereien, Seifensiedereien; 5100 Ew. Alfeld (Ahlfeld), Stadt im Kr. Marienburg der preußischen Landdrostei Hildesheim, an der Leine und der hannov. Südbahu; Sitz des Kreisamtes; Schullehrerseminar, Fabriken in Papier und landwirthschaftlichen Maschinen, Eisengießerei, Flachs- u. Hopfenbau, Handel mit Leinwand ; 2815 Ew. Alfcnid, Nensilber, das versilbert in den Handel kommt. Man fertigt die Maaren, Tischzeug, Becher, Schellen rc., aus Neusilber und versilbert dieses galvanisch, so daß die Maaren ca. 3pCt. Silber enthalten. Alfenius, Pnblins, s. Varus. Alsheim (nordisch-deutsche Myth.) heißt in der sog. älteren Edda die Wohnung des Gottes Freyre in der Götterburg Asgard; in der jüngeren Edda trägt denselben Namen der Aufenthalt der sog, Lichtalfen, deren Unterscheidung von den eizent- 405 Alfieri — liehen Alfen, hier Swartalfar, Döckalfar genannt, jedoch eine spät entstandene u. künstliche ist. S. Elfen u. Zwerge. Alfieri, 1) Vittorio, Graf von A., italienischer Dichter, geb. zu Asti 17. Jan. 1749; in der Akademie zu Turin erzogen, ergriff er zunächst die militärische Laufbahn, durchreiste seit 1767 Europa, widmete sich, nach Turin zurückgekehrt, 1773 ganz der Poesie und trat 1776 mit seinem ersten dramatischen Versuche Kleopatra hervor; auf einer Reise nach Florenz lernte er die Gräfin Albany (s. d.) kennen, mit der er fortan in Rom und Florenz, seit 1788 im Elsaß und in Paris lebte. 1789 ging er nach England, und nach wiederholtem Aufenthalt in Paris 1792 nach Florenz, wo er 8. Oct. 1803 starb und in Santa Croce ein prächtiges Grabmal von Canovas Hand erhielt. Am 16. Nov. 1862 wurde in seiner Geburtsstadt Asti seine Bildsäule aufgestellt. Außer einem Epos, lyrischen Gedichten, Satiren, metrischen Übersetzungen des Terentins, Virgilius und einzelner Stücke griechischer Tragiker u. des Ari- stophanes schrieb er 21 Tragödien (darunter Filippo, Virginia, Agamemnon, Timoleon, Orestes, Antigone, Saul, Mirrha, Merope, Maria Stuart), 6 Komödien n. die sog. Tramelogödie (d. h. Melotragödie) Abel; nach seinem Tode erschien die Sonettensammlung Nisogallo (gegen die Franzosen). Er gab der italienischen Tragödie einen neuen Aufschwung, indem er strenge Charaktere mit echt stoischen Gefühlen zeichnete u. einer edlen Diction u. dramatisch-wirksamer Handlung sich befleißigte u. so die erschlaffte Denkungsart seiner Zeitgenoffen zu kräftigen sich bemühte. Seiner Poesie fehlt indeß Wärme der Empfindung, individuelle Charakterzeichnuug und melodische Gefälligkeit. Sämmtliche Werke, Padua u. Brescia 1809—11, 37 Bde., Pisa 1805—15,22Bde. Eine vonMilanesi über den Originalhandschriften revidirte Ausgabe der IrnAeäis, Flor. 1855, 2 Bde., metrisch ins Deutsche übersetzt von Rehfues und Tscharner, Berl. 1804 (unvollendet); Selbstbiographie, fortgeführt bis 5 Monate vor A-s Tode, zuerst in Opsrg xootums, 1804, übers, von Hain, Lpz. 1812, 2 Bde.; Lebensbeschreibung von Centofanti, Flor. 1842, u. Teza, ebd. 1861. 2) Cesare , Marchese di Sostegno, italienischer Staatsmann, geb. den 13. Aug. 1796 in Turin; erst Militär, dann in die diplomatische Laufbahn übergetreten, war er nach einander Legationssecretär in Petersburg, Berlin, Florenz und seit 1825 in Paris, wo sein Vater, Marchese Carlo Emanuele A., Gesandter war. Vom König Karl Albert an den Hof berufen, verkehrte er viel mit Cavour, den beiden Azeglio , mit Santerre, Perrons, Collegno, Cesare Balbo u. a. Liberalen u. öffnete sein Haus freigebig allen politisch Verfolgten. Aber seine allzu stark ausgesprochene Gesinnung kostete ihm die Gnade des Königs, er erhielt den Rath, eine Reise ins Ausland zu machen. Von derselben znrückgekehrt, war er als Mitglied und später als Präsident der von Cavour gestifteten Nckerbaugesellschaft und als Mitglied der philanthropischen Gesellschaft äslla Llatsrnitn ungemein thätig. Endlich schenkte ihm Karl Albert seine Gunst wieder und machte ihn zum Vorsitzenden - Alfons. der Reförmcommission, als welcher er besonders thätig für die Emancipation der Universitäten Sardiniens, für Errichtung neuer Lehrstühle war und, nachdem er endlich mit den übrigen Reformfreunden den König zur Gewährung einer freien Verfassung bewogen, das italienische Statut redi- girte. Nach dem Tage von Custozza 1848 ward A. Ministerpräsident, mußte aber bereits Anfangs Oct. Gioberri weichen. Er war von 1856 bis 1860 Senatspräsident und st. 17. April 1869 in Turin. Nlfinger, Ambrosius, Entdecker von Neugranada n. Begründer von Venezuela u. Mara- caybo, nach welchen Ländern er 1528 u. 1530 als Factor der berühmten Augsburger Handelsfirma Welser zwei Entdeckungsreisen machte, seinen Namen jedoch durch Habgier und Grausamkeit befleckte. Alfödr (nord.), d. i. Allvater; s. d. Art. Deutsche Mythologie und Odin. Alfons (Alfonso, Alphonsus, aus althochdeutsch, nrspr. ^.äalkuus, dann chlkuus, d. i. bereit, geneigt, sich durch Geschlecht (Adels auszuzeichnen), Name mehrerer Könige in Spanien, Portugal, Sicilien rc. I. Regierende Fürsten, a) Bon Aragonien: 1) A. I., R Latallaäoi (der Streiter, weil er in 29 Schlachten gefochten hatte), Sohn Sanchos V.; folgte 1104 seinem Bruder Peter I., erhielt durch seine Gemahlin, Urraca v. Castilien, dieses Land u. Leon, konnte sich jedoch nicht daselbst behaupten. Glücklicher war er in seinen Kämpfen mit den Mauren, gegen welche sich ihm bei seinem Vordringen bis Granada viele Tausende von Christenfamilien anschlossen, die seit 3 Jahrhunderten sich in den Gebirgen behauptet hatten. Während der Belagerung der Grcnzfeste Fraga verwundet, starb er einige Tage später, 17. Juli 1134, kinderlos, ein Held gegen die äußeren Feinde, ein kräftiger Förderer der Rechte des dritten Standes (s. Spanien). 2) A. II., Sohn Raimund Berengars, Grafen v. Barcelona; erhielt 1162 die Regierung, im selben Jahre auf dem Wege der Erbschaft die Provence u. 1177 auf gleiche Weise die Grafschaft Roussillon; starb, beliebt bei seinem Volke, 26. April 1196 (s. ebd.). 3) A. III., der Prächtige, folgte seinem Vater Peter III. 1285. Sofort bei seinem Regierungsantritte von den Ständen angefeindet, gab er nach zweijährigem Widerstande deren Forderungen zu, um einen Parteikrieg zu vermeiden, u. bewilligte auf dem Reichstage zu Zaragoza 1287 die sogenannten Unionsprivilegien. Mit Frankreich, Neapel und dem Papste schloß er den Frieden zu Brignole 1291, durch den er von dem über ihn verhängten Bannflüche losgesprochen wurde, aber auch seinen Bruder Jakob von Sicilien preisgab, dem er, kinderlos, bei seinem bald darauf erfolgenden Ableben den Thron hinterließ, 18. Juni 1291 (s. ebd.). 4) A. IV., der Gütige; folgte seinem Vater, dem eben genannten König Jakob II., 1327, kam trotz all seiner Güte mit den Ständen wegen einiger seiner zweiten Gemahlin, Tochter König Ferdinands IV. von Castilien, gemachten Schenkungen in Conflict, den er dadurch befestigte, daß er die Schenkungen znrück- nahm. Mit den Genuesen wegen Sardiniens im Kampfe, könnte er mit dein verbündeten Castilien 406 Alfons. u. Portugal nicht kräftig genug gegen die Mauren Vorgehen; st. 1330 (s. ebd.). o) A. V., der Groß- müthige, folgte seinem Vater Ferdinand I., 1416 bis 1458. Von der Königin Johanna II. von Neapel u. Sicilien wegen der gegen Ludwig von Anjou u. Sforza geleisteten Hilfe zum Erben erklärt, konnte er, 1423 dieser Erbansprüche verlustig geworden, für dieselben, erst nachdem er im Innern mit Castilien sich auseinandergcsetzt, 1435 nach Johannas Tode mit den Waffen in der Hand eintreten. Während er Gacta belagerte, dessen Bürger die Genuesen zu Hilfe riefen, wurde er mit seinem Bruder u. vielen Großen gefangen genommen und dem Herzog Philipp Maria von Mailand, Gaetas Oberherrn, ausgeliefert, der ihm jedoch nicht nur die Freiheit gab, sondern ihm auch zur Eroberung Neapels Hilfe versprach. Nach fünfjährigen Kämpfen erhielt er endlich die Oberhand über Renatus, den von Johanna eingesetzten Erben, n. wurde bald darauf auch vom Papste mit Neapel belehnt, 1442, u. nahm als König von Neapel und Sicilien den Namen A. I. an. Auf weitere Eroberungen verzichtend, suchte er von Italien jeden fremden Einfluß fernznhalten und griff dort nur als bewaffneter Vermittler in die Verhältnisse ein. A. war einer der ersten Beförderer des wiedererwachenden wissenschaftlichen Strebcns und des Studiums der alten Literatur in Italien. Er st. 27. Januar 1458, während der Belagerung von Genna (s. Spanien u. Neapel). b) Von Asturien (vorher Oviedo): 6) A.I., der Katholische, Sohn des Herzogs Pedro von Cantabrien, Abkömmling des K. Rcccared, geb. 693;' kämpfte unter König Pelayo von Asturien gegen die Araber, heirathete Pclapos Tochter Ermesintha u. ward, als deren Bruder Favila kinderlos starb, 739 König von Asturien. Als solcher eroberte er von 740—756 Galicien u. alle Länder bis an den Duero; er st. 757 (s. Spanien). 7) A. II., der Keusche, Froilas Sohn und Enkel Alfons' I., geb. 757, hatte sich während der Thronstreitigteilen, die nach des Vaters Tode unter den Verwandten des königlichen Hauses ausbrachen, in den canta- brischcn Gebirgen ansgehalten und, znm Jüngling herangewachfen, gegen die Mauren dort erhalten, bis er 791 zur Regierung gelangte. Nachdem er die Mauren bei Lodos aufs Haupt geschlagen, drang er über den Tajo vor bis zum heutigen Lissabon, wurde aber von Verschwörern entthront u. in ein Kloster gesperrt. Ans demselben befreit u. wieder König, zog er wieder gegen die Mauren, sic vor sich hertreibend, suchte aber dabei auch den Staat nach innen zu befestigen, erhob Oviedo zum Königssitze u. gründete den berühmten Wallfahrtsort S. Jago di Compostella. 842 schloß der Tod seine ruhmvolle Regierung ab (s. Spanien). 8) A. III., der Große, König von Leon, Asturien und Galicien, geb. 848; folgte seinem Vater Or- dono I., 866, nachdem er den Usurpator Froila besiegt. Sobald er den gegen die Erblichkeit derKrone sich erhebenden Adel desReiches unterworfen, richtete er seine Waffen nach außen und vergrößerte sein Reich durch mehr als 30 siegreich geführte Feldzüge mit Theilen von Portugal und Altcastilien; er unterwarf das abgefallene Navarra, nahm Loimbra und bevölkerte Burgos wieder. Jndeß brachen in Folge des durch diese Kriege veran- laßten Abgabendrnckes wiederholt Aufstände aus, u. 888 stellte sich sogar sein eigener Sohn Gar- cias, nach des Vaters Krone lüstern, an die Spitze eines solchen. A. besiegte den Rebellen, fand aber dann in der eigenen Gemahlin n. deren Anhang im Adel und seinen beiden anderen Söhnen neue Widersacher, die ihn endlich nach einem blutigen Kriege zur Abdankung zwangen, zu Gunsten des Garcias u. der beiden anderen Söhne, unter die er 910 das Reich theilte. Danach zog er nochmals als seines eigenen Sohnes Feldherr gegen die Mauren u. starb, siegreich zurückgekehrt, 912 zu Zamora (s. ebd.). Die übrigen Könige von Asturien, A. IV.—XI. s. unter Könige von Leon und von Castilien. o) Von Castilien: Die ersten A. I.—III.,so- v. w. A. 6)—8) von Asturien, n. A. IV. u. V., so v. w. A. von Leon; s. u. 15) u. 16). 9) A. VI., 2. Sohn Ferdinands des Gr., Königs von Castilien und Leon, erhielt in der Thcilnng 1065 das Königreich Leon, ward 1070 von seinem älteren Bruder Sancho, welcher Castilien bekommen hatte, seines Reiches beraubt und in das Kloster Sahagnn geschickt, entfloh jedoch u. machte sich, nachdem Sancho, 5. Octbr. 1072, ermordet worden, zum König von Leon u. Castilien. Im folgenden Jahre nahm er seinem jüngeren Bruder Garcias das demselben in der Theilung zu- gcwiesene Königreich Galicien durch List. Nachdem er von Navarra Alava n. Rioja erobert, bezwang er Jochin, den Tyrannen von Toledo, nahm 1081 Uzeda, Guadalaxara, Talavcra rc. und Mai 1085 selbst Toledo, wohin er seinen Königssitz verlegte. 1092 eroberte er einen Theil von Portugal, das er testamentarisch seiner an den Statthalter daselbst, Heinrich von Burgund, verheiratheten natürlichen Tochter Theresia als eine Erbgrafschaft vermachte. Kräftigst endlich unterstützte er noch den Cid in seinen Kämpfen gegen die Mauren, ans deren Mitte er sich die Zaide zur Frau nahm (in der Taufe Jsabella Maria). Er st. 1109 (s. Spanien). 10) A., Gemahl der Urraca, Tochter des Vor., Erbin von Castilien, so v. w. A. 1); zählt hier als A. VII. 11) A. VII. (VIII.), Ramo (Raimund), Sohn der Urraca, von deren erstem Gemahl Raimund Berengar I. von Catalonien, Enkel von A. VI.; als Kind seit 1112 König von Galicien, sollte er seiner Mutter, wenn ihre 2. Ehe mit A. I. von Aragonien kinderlos bliebe, in Leon u. Castilien folgen; weil sich aber Urraca durch ihre Ausschweifungen mißliebig gemacht hatte, ward A. noch bei ihren Lebzeiten 1122 zum König von Castilien u. Leon erhoben. Er führte glückliche Kriege gegen Aragonien, Navarra, deren Könige, ebenso wie die Grafen von Barcelona u. Toulouse ihm huldigten, wie auch gegen die Mauren, n. ließ, von dem Gedanken geleitet, alle christlichen Gebiete der Halbinsel zu einem kräftigen Ganzen zu vereinen, sich ans einer Versammlung zu Leon 1135 znm Kaiser von Spanien ausrufen. Aber das Kaiserthum war kurzen Bestandes, da schon 1139 der Erbgraf von Portugal sich als König selbstständig machte, u. auch die Kämpfe der einzelnen Staaten unter einander wieder begannen. Bei seinem Tode, 1157, theilte er, der Stifter 407 Alfons. > > eines neuen Zweiges der Königsfamilie, des bnr- gnndischcn, das Reich unter seine Söhne. 12) A. IX. , der Edle oder der Guts, Sohn Sanchos III., folgte diesem 1158, 3 Jahre alt, unter Vormundschaft, ward aber innerer Unruhen wegen 1170 für mündig erklärt und vermählte sich im^ selben Jahre mit Eleonore Plantagenet, Tochter! Heinrichs II. von England. Nachdem er mit Aragonien und Navarra die schwebenden Fehden ausgeglichen, zog er in den Jahren 1182—1194' sechsmal gegen die Mauren; seit 1193 mit dem beiden genannten Neichen verbündet, mußte er nach! einer Niederlage gegen die Mauren (bei Alarca,! 18. Juli 1195) nochmals gegen Navarra kämpfen und siegte endlich mit diesem und Aragonien bei! Alacab unweit Tolosa, 7. Juli 1212, über den Islam. Erst. 5. Ang. 1214 (s. Spanien). 13) A.! X. , der Weise, A. der Philosoph, A. der Astro-! nom, Sohn Ferdinands III. n. der Beatrix, der Tochter Philipps von Schwaben, geb. 1226; folgte 1252 seinem Vater, wurde 1257 während des Interregnums nach Konrads IV. Tode von einigen deutschen Kurfürsten znm König gewählt (s. Deutschland); aber weder von der Mehrzahl der Kurfürsten, noch vom Papste anerkannt, auch mit seinen Ansprüchen auf das Hcrzogthnm Schwaben (von der Mutter her) abgewiesen, kam er nie nach Deutschland. Im Innern durch den Bruder Heinrich bedroht, zwang er diesen zur Flucht, zog dann gegen die Mauren, 1262, u. nahm ihnen Murcia u. einen Theil von Algarbien, beides mit Castilicn vereinigend. 1271 erhob sich sein Sohn Philipp gegen ihn, den er erst nach dreijährigem Bürgerkriege besiegte. 1277 in neue Kämpfe, diesmal um die Snccession nach seines älteren Sohnes, Ferdinands de la Cerda, Tode verwickelt, mußte er seinen eigenen Bruder hinrichten lassen, u. da er sich während dieser häuslichen Fehden von den Mauren den Frieden erkauft, empörte sich sein Sohn Sancho n. raubte ihm 1282 die Krone, die A. vergebens mit Hilfe der Mauren wieder zu erlangen suchte. Ein Flüchtling, starb er 4. April 1284 zu Sevilla (s. Spanien). Der gelehrteste Fürst seiner Zeit, ließ er die Alfonsinischen Tafeln (s. d.) anlegen, die Bibel ins Spanische übersetzen u. die erste allgemeine Geschichte Spaniens schreiben, während er selbst eine Kirchengeschichte und eine Geschichte der Krenzzüge verfaßte; weiter hat man ton ihm noch LI Issoro (philos. Syst.) und LI danclaäs (alchem. Werk), Astronomische Schriften, spanisch herausgegeben von D. Rico y Sinobas, Madrid, 1863 f., Fol.; seine Opusoulos Isxalss hat 1836 die Königliche Akademie in Madrid her- ansgegeben. Den größten Ruhm aber erwarb er sich durch die Vollendung der von Ferdinand III. begonnenen Sammlung der castilianischen Gesetze: Le^ss äs las xartiäas, welche 1501 als allgemeines Landesrecht anerkannt wurden. 14) A. XI., Sohn u. Nachfolger Ferdinands IV., beim Tode desselben 1312 erst 2 Jahre alt; ergriff, nachdem seine Vormünder Oheim Peter und Großoheim Johann 4 Jahre lang um die Vormundschaft sich gestritten, die Mauren inzwischen eingebrochen n. Peter u. Johann gegen sie Sieg und Leben verloren (bei Tiscar 1319), neuer Streit über die Regentschaft wieder ausgebrvchen, 1325 die Regierung, mit ! blutiger Strenge die Ordnung wiederherzustellen, 'woher der Beiname: der Rächer. Er machte Granada sich zinspflichiig u. schlug, mit Portugal vereint, die ans Afrika zu Hilfe eilenden Mauren am Saldedo bei Tarifa, 30. Octbr. 1340; zwei ebenso entscheidende Siege der castilianischen Flotte an der castilianischen Küste brachten eine Reihe fester Plätze Granadas, darunter Algeziras, seither der Hanptstützpunkt der maurischen Angriffe gegen die Christen, in seinen Besitz; bei der Belagerung von Gibraltar raffte ihn die in seinem Lager ansgebrochcne Pest dahin, 1350 (s. Spanien). ä) Von Galicien: so v. w. Könige von Asturien (s. A. 6) ff.). s) Von Leon: A. I.—III. sind die 3 ersten A. von Asturien; 15) A. IV., der Mönch, Sohn Ordonos II., folgte 924 seinem Oheim Froila II.; allgemein verhaßt, entsagte er 928 zu Gunsten seines jüngeren Bruders, Ramiros II., der Regierung und ging ins Kloster; bei einem Versuche, die Regierung wiedcrzugewinuen, ward er geblendet n. ins Gefängnis; gebracht, wo er 932 st. 16) A. V., folgte 999 seinem Varcr Bermndo II., 5 Jahre alt, unter Vormundschaft seiner Mutter Elvira; er verlor 1027 sein Leben bei der Belagerung von Visen gegen Navarra. — A. VI.—VIll. sind die Könige von Castilien, s. o. A. 9)—11); 17) A. IX., Sohn Ferdinands II., folgte diesem 1188 u. st. 1230. Er führte Kriege mit Aragonien, Navarra und den Mauren und zeigte sich besonders feindlich gegen die Castilier bis zur Vermählung mit seiner zweiten Frau, Berengaria von Castilicn, von der er sich aber scheiden lassen mußte, nachdem die erste Ehe mit Therese von Portugal schon wegen der herrschenden Blutsverwandschaft aufgelöst worden war. Ein habsüchtiger Fürst, hat er indeß doch auch Gutes gethan, indem er das Reich gegen die Mauren vergrößerte n. die hohe Schule von Salamanca stiftete (s. Spanien). I) Von Neapel: 18) A. I., so v. w. A. 5). 19) A. II., der Großmüthige, geb. 1456, Sohn Ferdinands I., erst Herzog von Calabricn; folgte seinem Vater 1494 in Neapel; von König Karl VIII. von Frankreich, der die Ansprüche des Hanfes Anjou auf Neapel sich anmaßte, zu See und zu Lande besiegt, übergab er 22. Jan. 1495 seinem Sohne Ferdinand II. die Negierung und st. 21. Nov. als Mönch 1495 im Kloster Mazzara ans Sicilien. Mehr s. n. Neapel. §) Von Portugal: 20) A. I. Henriquez, El Konquistador (der Eoberer), Sohn Heinrichs von Burgund, Grafen von Portugal, geb. 1110; entriß seiner Mutter Teresa von Castilien, welche seit Heinrichs Tode i/Wh mit ihrem zweiten Gemahl Ferdinand Paez die Regierung führte, 1128 dieselbe, verhaftete die Mutter und verbannte den Stiefvater. Er erkannte noch die castilische Oberhoheit an, bis er nach dem Siege bei Ourique über die Mauren, 25. Juli 1139, sich zum König ausrusen ließ und darauf vom Papste, als dem künftigen Oberherrn, gegen jährlichen Zins 1142 anerkannt wurde. Auf dem Tage von Lamego 1143 setzte er die Thronfolgeordnung, die Rechte des Adels u. die Rechtspflege fest. Er führte mit Glück Krieg gegen die Mauren, eroberte Lissabon 1147, fiel aber 1168 in die Gefangenschaft seines s. 408 Alfonsinische Tafeln — Alford. Schwiegersohnes Ferdinand von Leon, von dein er erst gegen Rückgabe von Galicien rc. wieder freigegeben ward, und st. 6. Dec. 1185; seit 1178 Wittwer von Mafalde (Tochter des Grafen Amadeo III. von Savoyen), die er 1146 gehei- rathet. Er nahm die Johanniter und Templerritter ins Land n. stiftete neue Ritterorden (s. u. Portugal). 21) A. II., der Dicke, geb. 1185, Enkel des Vor.; folgte 1211 seinem Vater Sancho I. und st. 1223, nachdem er mit Mühe, ja selbst rnit Verlust an Land, Portugals Selbstständigkeit gegen Leon gewahrt und viel mit der Geistlichkeit gestritten (s. Portugal). 22) A. III., der Wiederhersteller, geb. 1210, 2. Sohn des Vor.; kam nach Absetzung seines Bruders Sancho II. zur Negierung, ward aber erst nach dessen Tode 1248 znm König ausgerufen; er legte dem bisherigen Königstitel noch den eines Königs von Algarbien bei, obgleich er dafür Castilien huldigte. Der vom Papste wegen feiner Strenge gegen die Geistlichkeit und seiner an dieselbe gestellten Forderungen über ihn verhängte Bann ward erst auf dem Todtenbette von ihm genommen, 1279 (s. Portugal). 23) A. IV., der Kühne, geb. 1291, Sohn und 1325 Nachfolger des Königs Dionys. Er führte Kriege mit seinem Vater u. natürlichen Bruder, Sancho d'AIbuquerque, mit Castilien und den Mauren u. selbst mit seinem Sohne Peter, nachdem er dessen heimlich angetraute Gattin, Ines del Castro, hatte ermorden lassen; zwei Jahre später, 1357, st. A. (s. u. Portugal). 24) A. V., der Afrikaner, geb. 1432; folgte 1438 seinem Vater Eduard I., unter Vormundschaft seiner Mutter, der aragonischen Eleonore, und dann ans Wunsch der Stände unter der seines Oheims Dom Pedro, bis 1448, wo er sich gegen diesen auflehnte u. selbstständig machte. Durch seine Eroberungen gegen die Mauren in Afrika erwarb er sich den Beinamen: der Afrikaner. Da Heinrich IV. von Castilien ihm seine Tochter Johanna mit der Krone anbot, 1471, suchte er nach Heinrichs Tode gegen deren Schwester Jsabella, die ihn verschmäht u. nun mit Ferdinand dem Kath. vermählt war, diese zu erlangen, 1475; die Cortes aber erklärten Johanna als unechte Tochter, deren Mutter wol Heinrichs Frau, die portugiesische Johanna, deren Vater aber der Günstling Bertrand de Cneva sei (woher sie auch Bertrandilla oder Bertraneja genannt wurde), und Ferdinand der Kath., Jsabellas Gatte, schlug ihn 1. März 1476 bei Toro. Vergeblich bei Frankreichs König Ludwig XI. Hilfe suchend, wollte er der Krone entsagen, wurde aber zur Rückkehr beredet, schloß 1479 zu Alcacevas Frieden mit Castilien, worin er auf Johannas Hand und die Krone Castilien verzichtete, u. ging, immer mehr der Negierung und der Welt müde, ins Kloster, wurde aber ans dem Wege dahin vom Tode ereilt, in Cintra 1481. Unter ihm, der mehr Ritter als König war, beginnen die großen Entdeckungen n. Colonisationen der Portugiesen. (Über die unter ihm, resp. unter der Vormundschaft Dom Pedros erschienene Alfonsinische Gesetzsammung s. Portugal). 25) A. VI., ans dem Hause Braganza, geb. 1643; folgte 1656 seinem Vater Johann IV., unter Vormundschaft seiner Mutter, Luise de Guzman, die auch nach seiner Volljährigkeit im Besitze der Regentschaft blieb, bis er mit Hilfe des Grafen von Caslelho Melhor am 23. Juni 1662 die Zügel der Regierung in die Hand nahm, um sie sofort wieder diesem zu überlassen, der auch mit Hilfe Englands zwei große Siege über Spanien erkämpfte. 1666 mit Maria Francisco Elisabeth von Nemours vermählt, sah er sich bald von dieser betrogen, da sie ihre Liebe seinem Bruder Peter schenkte u. ihm am 21. Nov. 1667 erklärte, das er (A.) nie ihr Gatte gewesen. Am 23. Nov. 1667 mußte er zu Gunsten Peters abtreten, der dann Maria hei- rathete, nachdem am 24. März 1668 die Ehe zwischen A. und Maria als nie vollzogen erklärt ward. 1669 nach Terceira verbannt n. 8 Jahre später als Staatsgefangener auf Schloß Cintra gebracht, st. A., immer mehr Knabe als Mann, 12. Septbr. 1683 (s. Portugal). Ir) Von Spanien. 26) A. XII., einziger Sohn der seit Scpt. 1868 entthronten Königin Jsabella II. von Spanien, die am 25. Juni 1870 zu seinen Gunsten abdankte. Geboren 28. Nov. 1857, folgte er seiner Mutter ins Exil und erhielt seine Bildung im kaiserlichen Theresianum in Wien (20. Jan. 1872 bis 21. Juli 1874), besuchte darauf die Militärschnle in Sandhurst (England) u. machte dann eine Reise durch Mitteleuropa, bei welcher Gelegenheit er auch Berlin besuchte. Ende Dec. erfolgte die durch die innere Lage Spaniens begünstigte u. durch das vielversprechende Manifest des Prinzen vom 1. Dec. vorbereitete Erhebung, welche ihn auf den Thron bringen sollte. Am 28. Dec. erklärte sich General Martine; Campos in Valencia für ihn, worauf bald die ganze Armee u. Flotte folgte; am 1. Jan. 1875 war der Übergang von der Republik znm Köuigthnm bereits vollendete Thatsache. Am 14. Jan. hielt A. seinen Einzug in Madrid und begab sich wenige Tage darauf zur Nordarmee auf den Kriegsschauplatz: i. Svanicn. Älfonstltische Tafeln sind ' astronomische Tafeln, welche auf Veranlassung des Königs Alfons X. von Castilien 1240—1252 unter Direktion Alkabitis u. Aben Nagels, besonders von Isaak Ebn Said Hazan gefertigt wurden. Man hatte in ihnen noch die Hypothese von Thabit (um 860) äs motu Irspiäationis angenommen, nach welcher die Fixsterne sich nicht gleichförmig in der Richtung von West nach Ost längs der Ekliptik verschieben (vgl. Präccssion), sondern nach gewissen Zeiträumen znrückkehren, um dann wieder sich vorwärts zu bewegen. Nachdem aber bald darauf die Theorie des Albategnius von der gleichmäßigen Bewegung der Fixsterne durchgedrungen war, wurde die erste Ausgabe der A-n T. 1256 durch eine neue ersetzt; doch enthält auch diese noch mehrere Unrichtigkeiten. Alföras, so v. w. Alfurier. Alford, Henry, Decan vonCanterbury, englischer Kritiker, Dichter u. namh. Theolog, geb. zu London 1810; stndirte auf dem Trinity-Collegium zu Cambridge. Seine erste literarische Arbeit war I?osms null Uostioal §raAmsnbs, 1831; 1835 folgte Rias Loliool cck tiis Usait, anä otüsr kosum (2 Bde.), ein Werk, das in England u. Amerika verschiedene Auflagen erlebte. 1834 ward er Mitglied des Trinity-Collegimns n, im folgenden 409 Alfort - Jahre Vicar zu Wymeswold in der Grafschaft Leicester. 1841 hielt er die IInIssau-Vorlesungen zu Cambridge, welche- er 1842 unter dem Titel l lis Divino Rsvolabion ok Usäswption veröffentlichte. Von 1841—1857 fungirte er als Examinator in der Logik u. Philosophie an der Londoner Universität, und von 1853—1857 war er Prediger an der aristokratischen (juebso-strsot dllapsl; Predigten gab er 1855 unter dem Titel tznsdsL Olmpei Lermons heraus. 1857 ward er zum Decan von Canterbury ernannt, als welcher er 12. Jan. 1871 starb. A-s größtes Werk trägt den Titel Lire drösle Lestamsnb, ^vitli nobss, 1849—1861 erschienen. In den letzten Jahren war er Herausgeber der 6ontsmpors.rx Rs- visiv, in welcher er n. a. sein berühmtes Hussn's stlnAlisü veröffentlichte. Bergl. über ihn: Liks, llournais anä Lotters ok 8. 4., b/ Iiis Vkiäoiv, 1873. Alfort, Dorf im Arr. Sceaux des französischen Dep. Seine, östlich bei Paris an der Marne; Schloß, berühmte Thierarznei- u. landwirthschaft- liche Anstalt (1766 durch Minister Bertin gegründet) mit botanischem Garten, zootomischem Theater, chemischem Laboratorium, Natnraliensammlunq; 3840 Einw. Alfred, 1) A. der Große, jüngster Sohn des Äthelvnlf u. der Osburh, Enkel des ersten Heptarchen Ecgberht (Egbert, s. d.), geb. 849; gest. 28. October 901; folgte 871 seinem Bruder Aethelred als König von England. Die Regierung, die er unter den traurigsten Umständen und ungünstigsten Zuständen des Landes angetreten, führte er in Krieg n. Frieden in glorreichster Weise durch, so daß das Land sich bei seinem Tode in der blühendsten Lage befand. Die eingefallenen Normannen hatten Sie Gewalt im Lande u. raubten und plünderten, was in ihrem Bereiche lag. Selbst A. mußte eine Zeit lang flüchten. Klugheit u. Ausdauer, verhalfen allmählich zu Vortheilen. Er selbst schlich einst als Harfner verkleidet in das Hanptlager der Feinde, um deren Macht anszukundschaften. Das Glück begünstigte ihn, u. es gelang ihm, die Normannen zu vertreiben und später noch zwei neue Angriffe derselben siegreich znrückzuschlagsn, worauf sie für immer verschwanden. Die Feindseligkeit der Dänen beschwichtigte er durch einen Vertrag. Größer als im Kriege zeigte sich A. im Frieden. Er nahm eine zweckmäßige Eintheilung des Landes vor, ordnete und befestigte die Gerichtspflege, sammelte die Gesetze, bewirkte die Hebung des Ackerbaues und brachte Schifffahrt u. Handel zu hoher Blüthe. London erhob er zur Hauptstadt des Reiches. Wissenschaften u. Künste wurden in gleicher Weise gefördert. Das Familien- u. Privatleben, sowie die allgemeinen menschlichen u. religiösen Pflichten vernachlässigte A. dabei keineswegs, so daß er gleich hoch als Mensch, Regent u. Krieger steht. Vermählt war er mit der mercischen Grafentochter Ealhsvith; seine älteste Tochter war Äthclfläd (Ethelfleda), dann folgten „Eadveard (Eduard), sein Nachfolger , Athelgeofu, Äbtissin von Shaftesbnry, Alfdryd, Gräfin von Flandern, Äthelveard. Schon als Knabe lauschte A. stets eifrig dem Vortrage angelsächsischer Gedichte und behielt sie auswendig. - Alfrik. Auch als König ließ er nicht ab, sich dieselben einzuprägen und sie vorzutragen. Er übersetzte ins Angelsächsische die sonsolatio piiilos. des Boethius, deren poetische Theile frei dichterisch wiedergegeben n. erweitert u. — wahrscheinlich von einem Späteren — in alliterirende Verse umgeschrieben worden sind (das Ganze herausgegeben von Car- dale, Land. 1829; von Fox, Hing L.-s atrglos. Version ok tlls Llstrss ok Loebirius, 1835; von Grein, Biblioth. der angelsächsischen Poesie, 1858, 2, 295 ff.; vgl. Wright, Liogr. Lrit. litt. I.); — ferner: den Lider pastoralis Gregors I., einige Soliloquia des Augustin, die Historia, evol. Zontis 4mgL (Smith, Beda 1722 , Whelock, Cambr. 1644), die Geschichte des Orosius, der er zwei wichtige Excnrse, eine Beschreibung v. Skandinavien nach den Berichten der von ihm ausgesandten Seefahrer Ohthere und Vulfstan und eine von Deutschland mit interessanten ethnographischen Notizen beifügte (herausg. von Barrington, Lond. 1773, v. Thorpe in d. Uebers. v. A-s Leben, engl, v. Bosworth, Lond. 1855 u. ö.). Werke, herausg. v. Bosworth, Lond. 1858, 2 Bde.; A-s Lebens- beschr. von seinem Zeitgenossen Asser (s. d., herausg. von Parker, Lond. 1574, v. Whise 1772 n. ö.), v. Pauli, Berl. 1851, v. Weiß, Schaffh. 1852. Vgl. auch Laxon Oiirouiols, das von 873—924 besonders ausführlich ist (sä. dilss, OxL 1844). 2)A., Ernst Albert, Herzog von Edinburgh, 2. Sohn der Königin Victoria, geb. 6. Aug. 1844; schlug 1859 nach üblicher Vorbildung die seemännische Carriere ein, die er von Grund auf dnrchgemacht hat. 1864 bezog er die Universität Bonn, wo er ein Jahr verweilte. Am 24. Mai 1866 ward er als Herzog von Edinburgh, Graf v. Kent n. Graf v. Ulster zum Peer des vereinigten Königreiches von Großbritannien erhoben. Nachdem er noch um dieselbe Zeit Ehrenbürger der City von London geworden, unternahm er Anfangs 1867, zum Capitän der „Galatea" ernannt, eine Reise um die Welt, besuchte Australien, China, Japan, Indien; auf dieser verübte ein Irländer, O'Farrell, während A-s Besuch in Australien, 12. März 1868, nahe bei Port Jackson ein Attentat auf ihn. Seit seiner Rückkehr präsidirt er der Hafen- u. Küsten« Überwachungsbehörde und anderen die Handelsschifffahrt betreffenden Verwaltungen. Prinz A. erfreut sich eines hohen Grades von Popularität bei den Engländern, wozu sein Beruf nicht wenig beiträgt. Er ist seit 22. Jan. 1874 vermählt mit der Großfürstin Maria Alexandrowna, einzigen Tochter des Kaisers Alexander II. von Rußland. Als 2. Sohn des Prinzen Albert von Koburg u. Gotha ist er designirter Nachfolger des regierenden Herzogs v. Koburg u. Gotha; die ihm 1862 angeboteue griechische Königskrone schlug er aus. Älfreton , Stadt der englischen Grafschaft Derby; Alebrauereien, Steinkohlenwerke, Töpfereien; 12,000 Ew. Alfrik (Älfric, Alfricur), genannt 4.biias od. draminatious (oft mit anderen A. verwechselt; vgl. Wharton, Hiss. äs äuob. Lllrieis, 4nglia saern I. 125); lebte in der 2. Hälfte des 10. Jahrh., wahrscheinlich Abt von St. Albans und Cerne in Dorsetshire u., wie es scheint, um 995 Bischof v. Wiltac (jetzt Salisbury); starb 1005, sehr verdient 410 Alfurcir — um die angelsächsische Sprache u. Kirche. Seinen Namen tragen eine Reihe von Homilien, Anszügen ans Augustin n. A. Einzelne Predigten herausgeg. v. Parker, Land. 1566, n. Fox, .lots and monnments; von Elstob, Lond. 1709, gesammelt durch die 1843 gestiftete Xllrie Looistx (Lond. 1847 , Ibs iromiliss ob tüs XnAlosax. 6bnreb, 2 Bde., von Torpe); Oauonss, von Wil- kins, Loneilia rc., Lond. 1737; angelsächsische Übersetzung des Pentateuchs (Thwaites, Oxf. 1699; Grein, Bibliothek der angelsächsischen Prosa 1.); Vorrede zur Genesis (Thorpe, Xnaloeta, 1834, u. Leo, altsächs. Sprachpr., 1838, Grein, a. a. O.); Leben seines Lehrers Äthelvald (Mabillon, acta, 88. Lensüictinormn); angelsächsisches Handbuch der Astronomie (Wright, Populär Irsatisss rc., Lond. 1841); Dialog zwischen Lehrer u. Schüler (Thorpe, Xnalocta); angelsächsische Grammatik mit Glossar (Lond. 1838). Alfurcn, auch Harasoren, im niederländischen Sprachgebrauchs die Bewohner des Innern der Insel Celebes n. einiger anderen Inseln, unter welchen man Wilde versteht; sie stehen den Ein- gebornen Australiens sehr nahe, tragen auch deutlich die Körpermerkmals der Malaien, sind wahrscheinlich eine Mischung zwischen letzteren u. den Papua und werden mit den Mta der Philippinen von Peschel als asiatische Papua classificirt. ülgso, s. Algen. Algarbien (Algarve, arabisch, d. i. Land gegen Westen), südlichste Prov. Portugals mit dem Titel eines Königreiches, 4846 (88,„g HW), mit 188,422 Ew.; ist durch das Algarbische Gebirg (eine Fortsetzung der westl. Sierra Mo- rena, welche als Scrra von Malhao, Mcsqnita, Monchigne u. Espinhaco bis zum Cap St. Vincent sich hinzieht und in dem 903 m hohen Gipfel la Foja seine größte Höhe erreicht) von Alemtejo geschieden, ist in dem mittleren Theil, dem sogenannten Barrocal, hügelig und an den Küsten flach n. sehr ergiebig. Der Guadiana bildet die Grenze gegen Spanien; unter den kleinen Küstenflüssen ist nur der Balfermoso bemerkenswerth. Das Klima ist wann u. gleichmäßig. Products: Feigen, Mandeln, Orangen, Johannisbrod, Oel, Wein, Mais; in den Gebirgen wird viel Schweine- n. Bienenzucht getrieben; an den Küsten bedeutende Fischerei u. Schifffahrt; von den vielen, meist kalten Mineralquellen ist der größte Theil unbenutzt. Die Industrie beschränkt sich auf Flechtwerk von Esparto, Pita und Zwergpalmenblättern; in den Strandsümpfen wird viel Salz gewonnen; beträchtlich ist der Handel, besonders der Exporthandel. Die Einwohner, arabischer Abkunft, sind sehr ungebildet n. roh, aber arbeitsam, genügsam, gastfrei u. tapfer. Nach der neuen Eintheilung Portugals bildet A. den District Faro, der nach der Hauptstadt benannt ist. In der Periode der maurischen Herrschaft verstand man unter A. (Algarb, d. i. Westland) den nünleren Theil der Pyrenäischen Halbinsel; indeß schon im 12. Jahrh. war der Name auf den jetzigen Landstrich beschränkt. König Sancho I. v. Portugal entriß 1189 den Mauren Silvas, die Hauptstadt von A. Die inzwischen wieder an die Mauren verloren gegangene Besitzung eroberte wieder 1251 König Alfons III. u. nahm den Titel! - Algarotti. König von A. an, mußte sie aber zum Theil an den ans sein Waffcnglück eifersüchtigen König Alfons X. von Castilien abtreten; erst 1267 verzichtete Alfons X. auf A., so daß es ganz an Portugal kam. Die nordwestliche Ecke von Afrika, welche Portugal seit dem 13. Jahrh. erobert hatte, hieß auch Algarvien, n. zwar A. daquem mar (noch jetzt El Garb), im Gegensätze zu dem europäischen A. dalem mar. Algardi, Alessandro, berühmter Bildhauer des 17. Jahrh., geb. zu Bologna 1602, gest. ebenda 1654. Der Sohn eines angesehenen Scidenhändlers, war er für eine wissenschaftliche Laufbahn bestimmt, besuchte aber schon früh die Schule Lodov. Caraccis u. wandte sich dann der Plastik zu, ward am Hose des Herzogs Ferdinand v. Mantua mit Schnitzereien und Modellen für Silber- n. Bronzearbeitcr beschäftigt. Dann bildete er sich in Venedig u. Rom, wo er mehrere Antiken schonungslos überarbeitete. Seinen Ruf begründete zunächst seine Kolossalstatue des hl. Philippus Neri, in Sta. Maria in Vallicella in Rom. Sein bedeutendstes Werk ist die Vertreibung des Attila durch den Papst Leo in St. Peter zu Rom. In seinen Arbeiten überwiegt das Malerische n. das Naturalistische. Besonders geschätzt sind seine Bildnisse n. Kinderfiguren, z. B. Hercules als Kind, in Charlottenburg, ein knieen- des Christus-Kind, in der Münchener Glyptothek, u. Eros n. Anteros, in der Lenchtenbcrgischen Galerie zu Petersburg. Bon ihm ist die Farads von S. Jgnazio in Rom u. die Kapelle der Franzoui in S. Carlo zu Genua. Auch arbeitete er viel für Spanien u. Frankreich. Algarothpulver, richtiger Alg arottpulv er (Chem., nach seinem Erfinder Vinorio Algarotto, Arzt zu Verona, gest. 1604, benannt; auch Llsr- ourins vitas), Annmonoxychlorid, der weiße Niederschlag, welcher ans concentrirter Lösung von Antimonchlorid (Spießglanzbntter) beim Vermischen mit vielem Wasser sich bildet. Es ist aus Antimonoxyd u. Antimonchlorid meist nach der Formel 281,61g,üMyOg zusammengesetzt ».wurde früher als Arzneimittel angewandt. Algarotti, Francesco, Graf vonA., italienischer Schriftsteller, geb. zu Venedig 11. Dec. 1712 ; stndirte zu Bologna, Florenz rc., lebte seit 1733 in Paris u. London, machte in Begleitung des Lord Baltimore eine Reise nach Rußland n. lernte auf der Rückkehr von dort 1739 Friedrich d. Gr. kennen, ward 1747 dessen Kammerherr u. von ihm zum Grafen erhoben; König Ang. III. von Polen, der ihn gleichfalls hochschätzte, legte ihm den Charakter eines Geheimen Nathes bei. Er lebte nun in Berlin u. Dresden, seit 1754 in Venedig, Bologna u. Pisa u. starb 3, März 1764 zu Pisa, wo ihm Friedrich d. Gr. ein Grabdenkmal im 6ampo 8antc> errichten ließ. Ein vielseitig gelehrter, geistvoller und eleganter Popular- schriftsteller, französischen Stils, Anhänger Voltaires. Obenan stehen seine poetischen Briefe (kisioli in vsrsi, 1759) n. seine Gelegenheitsbriefe. Elegant, artig n. klar geschrieben sind seine naturwissenschaftlichen und ästhetischen Abhandlungen (die den größten Theil seiner Werke einuehmen) und seine Gespräche über die Optik nach den Grund- 411 Algarovilla sätzen Newtons für Damen Meutonianismo per Is Vonno, 1737); seine LaZAi sopre Is bells arbi, heranZgeg. Mail. 1831 (deutsch von Raspe, 1769) sind bedeutend. Oxsrs, Livorno 1763 fs., 8 Bde., Crem. 1778—84, 10 Bde., von Agtietti, Ven. 1791—94, 17 Bde. (franz. Berl. 1772, 8 Bde); Vgl. Dom. Michelessi, Nsmorls intorno alla vita ä'L.. Venedig 1770. Algarovilla wird eine organische Substanz genannt, die von Peru ans in den Handel gebracht wird n. sehr gerbstoffreich ist. Sie entsteht aus den zerquetschten Hülsen der In§a Lartlias Sxnr. aus der Familie der Mimosen und dient, wie Bablah (s. d.), besonders zum Schwarzfarben. Algäu heißt seit alter Zeit das Land des ganzen Jllergebietes, innerhalb des Gebirges von Oberschwaben, somit der westlichste Thcil des bayerische» Hochlandes n. das davor liegende Hügelland, welches gegen W. u. N. etwa mit der Linie von Lindau über Lentkirch nach Memmingen u.vonda über Kaufbcnren, in südöstlicher Richtung gegen Füßen zu abgrenzt. Das A. ist von der oberen Iller, Jll, Bregenzer Aach, Argen, Wertach und Lech durchflossen und von den Algäner Alpen erfüllt. Letztere bilden eine nördliche Vorgrnppe der Rhä- tischen Alpen, sind durch den 1928 in hohen Arlberg mit diesen verbunden n. erstrecken sich zwischen Rhein u. Lech hauptsächlich in einem westlichen u. einem östlichen Arme. Das A. bewohnen etwa 180,000 Menschen, fast ausschließlich katholischer Confessio», Ackerbau u. Viehzucht treibend, mit dem Hanptorte, der Stadt Kempten, größten- theils zu Bayern und nur in Grenzgebieten zu Württemberg (Wangen, Jsny, Lentkirch) u. Tirol (Theil des Lechthals) gehörend. Im engeren Begriffe werden volksthümlich die beiden bayerischen Landgerichte Jmmenstadt und Sonthofen das A. genannt, also ungefähr ein Flächengehalt von 1100 Hjkm, mit- 30 bis 35,000 Ew., welche hauptsächlich Holzgewerbe, Viehzucht und Käse-Pro- dnction treiben, rüstiger n. aufgeweckter sind, als die Schwaben des Flachlandes. Die bayerische Staatsbahn von Augsburg nach dem Bodensee durchschneidet das Land bei Kanfbenren, Kempten u. Jmmenstadt, von welch letzterem Orte eine Zweigbahn nach Sonthofen führt. - Geologisch gehört das Gebirg entweder den Kreidegebilden u. Flysch-Formatiouen, oder den Trias-Dolomiten u. die höchsten Gebirgsthcile den Liaskalken an, — gegen das Hügelland hinaus ist es Kalknagelflnh und Molasse. Die bekanntesten EebirgSspitzen sind die Mädelergabel 2716 m, der Hochvogcl 2663 in, der Bieberkopf 2608 m, der Widderstein 2598 m, das Nebelhorn 2235 in und der Grünten 1732 m. Wegen seiner gegen N. geöffneten Lage ist das Jllerthal bedeutend rauher, als das Nachbarland Vorarlberg. Seen sind der Alpensee bei Jmmenstadt u. der Freibergsee bei Obersdorf. Die Käsebereitung ist in neuerer Zeit bedeutend; Algäner-, Walser- u. Wälder-Kühe sind weithin bekannt. Die Berggewässer liefern vorzügliche Forellen und Sälblinge. Die Schönheit der Gebirgslandschaft lockt jeden Sommer mehr Besucher ins Land. — Waltenberger, Orographie der Algäner Alpen, Augsb. 1872; Derselbe, Führer durch A., ebd. 1872. — Algebra. Algäner Vieh, schöne, hochgeschätzte Rinder- Race, mittelgroße, gedrungen gebaute, schön pro- portionirtc Thiere von grauer Farbe, mit einer helleren Einfassung um das Maul u. Hellem Streifen über den Rücken, der sich oft hiS znm Enter fortsetzt; die Thiere acclimatisiren sich leicht, geben eine fette n. gehaltreiche Milch n. sind als Zuchtmaterial zur Verbesserung der Milchergiebigkeit von großem Werthe. Algebra (Math., v. arab. al gsdr, die Ergänzung, darauf sich beziehend, daß man auf beiden Seiten einer Gleichung eins beliebige Größe addiren darf, ohne der Richtigkeit Eintrag zu thun), die Lehre von den Gleichungen, genauer von Len nicht identischen Gleichungen (s. d.), in welchen nur rationale und irrationale (nicht aber traussccndente) Functionen (s. d.) der Unbekannten Vorkommen. Rationale u. irrationale Functionen nennt man deshalb zusammenfassend algebraische Functionen; Gleichnngen,in welchen sich nursolche Functionen der Unbekannten finden, algebraische Gleichungen; positive u. negative Größen faßt man zusammen unter dem Namen algebraische Zahlen; Summen od. Aggregate von solchen Zahlen nennt man algebraische Summen; Curven n. Flächen, die analytisch durch algebraische Gleichungen ansgedrückt werden, heißen algebraische Curven n. Flächen. Im gewöhnlichen Leben versteht man oft unrichtig unter A. die Buchstabenrechnung (allgemeine Arithmetik), weil diese sich wie die A. allgemeiner Zeichen (der Buchstaben) zur Bezeichnung der Größen bedient, um ihren Rechnungen die möglichste Allgemeinheit zu geben, während sie doch das Instrument nicht nur der A., sondern jeder mathematischen Analysis ist. Die A. lehrt, wie die Gleichungen zu behandeln, nmzuformen, zu combiniren rc. sind, damit die darin verkommenden unbekannten Größen allein durch bekannte ansgedrückt werden u. dann event. numerisch zu berechnen sind; sie lehrt genau genommen aber nicht die Auffindung der Gleichungen, da hierfür keine Regeln gegeben werden können. Die Araber nannten die A. vollständig al §si>r val mooatzals,, Ergänzung und Gegen- stellnng (der zwei Seiten der Gleichung); die alten Italiener arbs maMors, höhere Kunst (im Gegensätze zu arts rniuors, niedere Kunst, Arithmetik) oder re^olrr cis In oosa, Regel über die Unbekannte (sie bezeichneten die erste Potenz der Unbekannten, wie wir jetzt nnt x, ^ oder dergl., mit oosa, Ding). Letzterer Name gab Veranlassung zu der Bezeichnung Regel Coß oder die Coß bei den älteren deutschen Mathematikern. L-chon die alten Griechen verstanden Aufgaben zu lösen, die ins Gebiet der A. fallen. Diophantos aus Alexandria (in einem der ersten 4 Jahrh. n. Ehr.) schrieb das erste Werk über A., das uns wenigstens theilweise erhalten ist u. in welchem schon reine Gleichungen zweiten Grades gelöst werden. Ohne Zweifel haben die Araber griechische Schriften über A. gekannt, sie mögen die A. indessen vervollkommnet haben, jedenfalls haben sie dieselbe durch Anwendung ihrer bequemen Zahlzeichen erleichtert. Durch sie kam die A. nach Spanien, von da nach Italien u. somit erst zur Kenntniß des Abendlandes. Mohammed ben Mnsa wird als 412 Algeden der erste arabische Schriftsteller über A. genannt. Leonardo Fibonacci aus Pisa, gewöhnlich Leonardo Pisano genannt, lebte längere Zeit m der Berberei u. wurde dort n. auf Reisen nach Ägypten u. der Levante mit der A. der Araber bekannt. Er schrieb um 1202 sein noch ungedrncktes Biber Xbaoi. Dieses ist das erste von einem Christen geschriebene Werk, durch welches indische oder arabische Zahlenrechnnng, sowie die A. im Abendlande eingeführt oder wenigstens mehr verbreitet wurde. 1404 erschien in Venedig das erste gedruckte Werk über A., des Lnca Paccioli: Lumina cks aritbmstioa, geomotria, xropormoni o pro- xorrionalitä, zum Theil in lateinischen Versen. Bald darauf, 1505, fand Scipione Ferreo zu Bologna die Auflösung eines Falles der cubischen Gleichungen, nämlich von: x° -s- px — g, veröffentlichte sie aber nicht: Niccolo Tartaglia aus Brescia (gest. 1559) einige Zeit nachher unabhängig von Jenem die mehrerer anderen Fälle n. auch des erwähnten, theilte seine Kenntniß dem Geronimo Cardano (1501—1576) mit, welcher die Lehre etwas weiter ansbildete u. wortbrüchig veröffentlichte in seinem: Xrtis ma§nas sivs äs rs^ulis Xl^sbras lidor unus, Mail. 1545. — Die erste Schrift über A. in Deutschland erschien 1524, die Coß Christoph Rudolphs aus Janer. Michael Stifel gab sie neu heraus, Königsb, 1554. Unterdessen war des Professors Scheybl zu Tübingen: XlAsbrae oompsnäiosa kaoilisgue äs- sorixtio eto., Paris 1551, erschienen; 1557 gab Robert Recorde zu London ein vielfach aufgelegtes Lehrbuch der A. heraus; ebenso Jacques Peletier, Lyon 1554, Par. 1558; der Niederländer Simon Stevinus, Leyden 1585. Das Studium der A. war jetzt in Europa allgemein. Bald trat Francois Viöte (Vieta) auf (1540—1603), der zuerst allgemein Buchstaben zur Bezeichnung von Größen einfllhrte u. die Behandlung allgemeiner Gleichungen lehrte. Seine zwei Bücher über Gleichungen gab Alex. Anderson zuerst heraus, Paris 1615; Opera inatbsinatioa, sä. B. van Lebootsn, Leyd. 1646. Wir nennen als Förderer der A. um diese Zeit noch den Engländer Thomas Harriot (1560—1621) u. den Niederländer Albert Girard (gest. 1633). Descartes wandte die A. zuerst ans die Geometrie an; er bezeichncte die bekannten Größen mit den ersten, die unbekannten mit den letzten Buchstaben des Alphabets, wie es noch jetzt üblich ist, löste höhere Gleichungen durch Con- strnction ans und eröffnete überhaupt viele neue Gesichtspunkte. Ein für die A. epochemachendes Werk ist Newtons Xritbinstioa univsrsalis, zuerst Cambridge 1707. Den großen Mathematikern seiner Zeit, unter den späteren besonders Euler, Lambert, Lagrange, Cramer, Gauß, hat die A. ihren jetzigen Standpunkt zu danken. Neuere Literatur: Rümmer, Buchstabenrechnung, 3. Ausl., Heidelb. 1851; Bland, Algebraische Gleichungen, Halle 1857; Chvquet, Braits ä'alAobrs, Paris 1856; Bega, Rechnenkunst u. A., 7. Ausl., Wien 1850; Herold, Lehrbuch der Buchstabenrechnung u. A., Nürnb. 1864; Lübsen, Lehrbuch der Arithmetik und A., 9. Anfl., Leipz. 1867. Außerdem Aufgabensammlungen von Hcis, 14. Anfl., Köln — Algen. 1864; Meier Hirsch, 10. Anfl., Berl. 1859; Hofmann, Bayreuth 1865; Rogner, Wien 1865. Algeden, westliche Landschaft in Abessinien, an Nubien grenzend. Algemcsi, Villa inder spanischen Prov. Valencia, an der Eisenbahn Almansa-Valencia; 6000 Ew. Algenfarüstoffe. Außer dem in allen grünen Pflanzcnthcilen enthaltenen grünen Farbstoffe, dem Chlorophyll, enthalten viele Süßwasseralgen, namentlich die Oscillarien einen blauen Farbstoff, das Phycocyan, das in Wasser löslich, in Alkohol unlöslich ist. Einen gelben Farbstoff, das Phy- coxanthin, erhält man durch Abdampfen des alkoholischen Auszuges der Oscillarien bei niedriger Temperatur, nachdem man vorher das Chlorophyll durch Schütteln mit Benzol ausgezogen hat. Am Lichte färbt es sich rasch gelb. In einigen Seealgen kommen überdies auch rothe Farbstoffe vor. Algenib, Stern im Pegasus (s. d.). Algenöl (Fncusol), ein dem Furfnrol ähnliches u. mit diesem isomeres farbloses Öl, welches sich bei der Destillation verschiedener Algcn-(l?uons-) arten mit verdünnter Schwefelsäure bildet. Algenstilze, Nxeoplrzeeas (Bot.), bilden den Übergang von den Algen zu den Pilzen n. finden sich besonders in zählenden Flüssigkeiten. Dahin gehört der Hefepilz (Orz'ptooooous Isrnrsntum LtÄ/.), s. Hefe, n. die sog. Essigmntter (Illvina aosti IÜSA.), s. das. Algenzncker, s. Erythrit. Algen (XlZas), Kryptogamenklassc aus der Gruppe der Thallophyten oder Lagerpflanzen. Diese niedersten Organismen, die zum Theil ans der Grenze zwischen Thier- u. Pflanzenreich zu schwanken scheinen, bestehen aus vereinzelten, oder aneinandergereihten, oder zu unvollkommenem Zellgewebe verbundenen Zellen, welche manchmal äußerlich von einer Schleimmasse (Gallerte) umgeben sind und ein verschieden gestaltetes Lager (Bballus) bilden. Sie unterscheiden sich von Len Pilzen, die ebenfalls zu den Thallophyten gehören, dadurch, daß sie Chlorophyll enthalten, also anorganische Substanzen assimiliren und keine echten Schmarotzer sind. Das Chlorophyll tritt häufig in einer roth gefärbten Modification ans, oder der Zellinhalt ist ein dem Chlorophyll sich analog verhaltender gelber, spangrüner oder rother Farbstoff. Die A. leben meist im Wasser (daher Wasser-A. oder II/äroxb)cka), einige auch in feuchter Luft, oder (seltener) ans feuchtem Erd- oder Felsboden. Sie finden sich in Bächen u. Pfützen, oft nur mikroskopisch klein, als grüner, feiner Schlamm, oder als grüne, sädig-schleimige Massen; dann erscheinen sie wieder als grüne, sadenartige Überzüge ans Mühlrädern, oder sic wohnen im Meere (Meeres- A.), wo sie mitunter eine ungeheure Größe erreichen u. ganze Wälder in der Tiefe der Finthen bilden. Die größte bekannte Anhäufung solcher Meeres-A. findet sich in dem viele tausend Qnadrat- meilen bedeckenden Sargasso-Meere (nach dem Bulletin äs la Los. äe AsoZr. äs Baris, V. 8er. X. 1865, p. 292, im Atlantischen Ocean, von 16 oder 17° bis 38° n. Br. n. 50° bis 81° w. L. von Paris), dessen Oberfläche mit vom Golfstrom znsammengetriebenem, dort nicht fructifi- 413 Algen. cirendem Becrentang (Zar^assum natans) bedeckt ist. (Columbus hielt diese Meerwiescn für die ersten Zeichen von Land.) Man kennt noch mehrere ähnliche Tangwiesen, namentlich eine im Pacific- Ocean. Auch an den flachen und sandigen Gestaden Hollands und Norddeutschlands hat man Gelegenheit, diese sogen. Tange kennen zu lernen, wo sie von den Wellen ans Ufer geschwemmt werden. Ohne diese Meergewächse würde das Leben in der Tiefe bald anfhören. Sie zersetzen, indem sie Sauerstoff ausathmen, die aus den verwesenden Leichen der Seethiere sich bildenden schädlichen Stoffe n. sind die Nahrung für zahllose Seethiere. — Nicht ohne Ordnung sind dieselben durch die Gewässer vertheilt; auch hier gelten klimatische Grenzen, wie auf der Erdoberfläche, aber auch das Licht, das, immer schwächer werdend, nicht weit über 100 in in die Tiefe hinabdringt, bedingt eine wechselvolle Reihe in der Vertheilnng der verschiedenen Arten. Zu oberst finden wir die grünen A.; dann nehmen dieselben eine olivengrüne bis braune Farbe an; zu unterst folgen die violetten u. carminrothen, oft von wunderbarer Farbenpracht n. dabei von einer Zartheit, daß sie, auf untergeschobenem Papier im Wasser schwebend anfgefangen, getrocknet u. gepreßt, wie die zarteste Malerei erscheinen. — Die einzelnen A. bestehen entweder nur aus einer, oder ans mehreren Zellen. Schon unter den einzelligen A. werden die mannigfachsten Formen gefunden, von dem kugeligen Pleurococcus u. der bewurzelten Kugelzelle des Lotrzäinm bis zu den gleichsam mit Stamm, Blättern u. Wurzeln versehenen, bis m langen Lanlsrpa-Arten der tropischen Meere. Zuweilen verästelt sich die eine Zelle vielfach n. legt ihre Zweige innigst u. in so besonderer Weise an einander, daß dadurch eine gewebeartige Struktur herbeigcführt wird n. ein Durchschnitt durch das Ganze zahlreiche Zellcnhöhlen vermuthen laßt, wo nur Ausbuchtungen einer einzigen Zelle vorhanden sind. Oft bilden viele einzellige A. einen genetisch u. organisch verbundenen Complex (Zellcolonie), der sich nach außen wie ein Individuum verhält. Die mehrzelligen A. sind entweder A-fäden, d. h. A., deren einzelne Zellen perlschnnrartig an einander gereiht sind, oder A-flächen, deren Zellen eine Schicht bilden, welche nur eine Zelle dick ist, oder endlich A-körper, deren Zellen nach allen 3 Richtungen des Raumes aufeinander gehäuft sind. Die Zellwände der A. bestehen meist aus gewöhnlicher, nicht verholzter Cellulose, welche sich durch Zusatz von Jod u. Schwefelsäure blau färbt. Bemerkenswerth ist der Umstand, daß dieselben sehr zur Gallertbildung neigen, so daß bald eine Gallerthülle den ganzen Organismus umgibt, bald eine stielartige Gallertmaffe die Alge mit anderen derselben Art verbindet. Viele sind verkalkt, u. der kohleusaure Kalk bei einigen (6o- raiiina) in der Zellwand aufgespeichert. Die Zellwände der Diatomeen (Spalt-A. oder Stückel-A.) stellen in Folge von Jncrustation mit Kieselerde wahre Kieselpanzer dar, welche weder durch Fäul- niß noch durch Glühhitze zerstört werden. Obschon höchstens 0,i mm groß, bilden diese Panzer doch Erdschichten, welche endlich, nach großen Zeiträumen, eine Mächtigkeit von 3—6 m erreichen können. Solche Sedimente bilden z. B. einen Theil der Lüneburger Haide. Man hat berechnet, baß in Folge der Vermehrung derartiger kleiner Geschöpfe ein einziges Individuum in 40 Stunden eine Nachkommenschaft von 1 Million Hervorbringen könnte. Der Tripel oder Polirschiefer, den man zum Putzen seiner Metallwaarcn benutzt, besteht gleichfalls zum großen Theil ans zahlreichen Überresten dieser u. ähnlicher mit Kieselschalen versehener, mikroskopisch kleiner Geschöpfe der niedersten Stufe. Ebenso besteht das Bergmehl oder die sogen. Infusorienerde aus Kieselpanzern von A. Die Fortpflanzung ist eine ungeschlechtliche und eine geschlechtliche. Die ungeschlechtliche Fortpflanzung wird entweder durch unbewegliche, oder durch bewegliche schwimmende Sporen vermittelt. Unbewegliche neutrale Fortpflanzungszellen heißen Tetrasporen. Die Diatomeen pflanzen sich durch Theilung fort. Die beweglichen neutralen Fortpflanzungszellcn, Schwärmsporen, Zoosporen (Gonidien), sind zumal bei denjenigen Abtheilnngen verbreitet, deren Chlorophyll nicht durch andere Farbstoffe verdeckt ist (Chlorosporeen, Conferven). Die aus dem Mntterkörpcr ausgetretene nackte Schwärmspore bewegt sich im Wasser Stunden, selbst Tage lang rotirend und zugleich fortschreitend, bis sie, zur Ruhe kommend, sich irgendwo festsetzt u. keimt. An jeder Schwärmzelle erkennt man ein vorderes, hyalines (d. i. farblos durchscheinendes), meist zngcspitztes Ende, welches bei der fortschreitenden Bewegung vorangeht, und ein hinteres, mehr dickes, gerundetes, mit Chlorophyll versehenes Ende. Kommt die Schwärmspore zur Ruhe, so setzt sie sich mit dem hyalinen (vorderen) Ende fest, bildet hier ein hyalines, oft verzweigtes Haftorgan, während das gefärbte, bei der Bewegung Hintere Ende nun zum freien Scheitel der Keimpflanze wird. Die rotirend fortschreitende Bewegung wird durch seine, schwingende Fäden, die Cilien, vermittelt, welche zuweilen in sehr großer Zahl bei geringer Länge die ganze Oberfläche des Schwärmers sammetartig bedecken, zuweilen einen Kranz um den hyalinen Theil bilden, meist aber zu zweien am Vorderrande befestigt u. dann sehr lang sind. Die geschlechtliche Fortpflanzung wird auf sehr verschiedene Weise eingeleitet; vor Allem können die Geschlechtszellen gleichartig, oder ungleichartig sein; im ersten Falle nennt man die sexuelle Fortpflanzung Cvn- jugation, im zweiten Befruchtung. Die geschlechtliche Fortpflanzung durch Conjngation findet hauptsächlich bei den Zygophyceen oder Conjngaten durch sogen. Zygosporen statt, z. B. bei Ltanroosras und Olosterinin. Die Befruchtung im engeren Sinne wird (abgesehen von den Florideen) durch Oogonien u. Antheridien eingeleitet. Oogonien sind Zellen, in welchen die weiblichen Befruchtnngs- kugeln, Oosphärcn (Eier) entstehen; die Antheridien sind Zellen oder Zellencomplexe, welche die männlichen Befruchtnngskörper oder Spermatozvl- den erzeugen. Die Spermatozorden treten durch eine in dem Oogoninm entstandene Öffnung in dasselbe ein und befruchten die Eier. Bei den Florideen heften sich die nur passiv vom Wasser bewegten Samenkörper an eine haarförmige Zelle (IriolloAxns) an und entleeren ihren Inhalt in 414 Algerien. dieselbe. Die Folge dieser Befruchtung zeigt sich bald au der Basis der Haarzelle (bei Leu Nema- lineeu), bald au ganz anderen Zweigen (bei vu- ckrssnazm), indem sich dort Kapselfrüchte (Cysti- carpien) u. in diesen Sporen bilden. Bei vielen A. ist ein Generationswechsel beobachtet worden, d. h. es folgen mehrere ungeschlechtliche Generationen auf einander, bis zuletzt eine geschlechtliche Generation entsteht, aus welcher dann wieder ungeschlechtliche Generationen hervorgehen; so bei VaneirsriL, Llostorinm rc. Die Systematik der A. ist gegenwärtig in einer tiefgehenden Umwälzung begriffen; die älteren Eintheilungen sind durch die neueren Forschungen zum großen Theil als unrichtig dargethan. Es gibt augenblicklich kein den Erfordernissen der Wissenschaft entsprechendes System der A. Die Entdeckung des Generationswechsels u. Polymorphismus in manchen Abtheilnngcn läßt die Annahme gerechtfertigt erscheinen, daß gewisse, bisher nicht genau gekannte Formen bloße Entwickclungs- zustände unbekannter Formenkreise sein könnten, während sie bisher für eigene Gattungen u. Arten gehalten werden. Es wird deshalb im Folgenden nicht sowol eine systematische Übersicht, als vielmehr eins Auswahl typischer Formen gegeben werden, um welche sich die übrigen gruppiren. Die No st och in een bilden fadenförmige oder pcrlschnurartige, meist einfache, selten verzweigte Zellreihen.' Die Fäden sind frei (Osoillatoria,), oder in gallertige Scheiden eingeschlossen, durch Verschmelzung dieser oft in größere Colonien vereinigt (Nostoc oder Zittertang). Die Nostochiueen leben im Wasser, häufiger ans feuchter Erde. Die Fortpflanzung geschieht durch Theilnng. Es ge- chören hierher Ekrooeooous, 6Iasooapsa u. i?ro- ioeoeeus nivalis, eine rothe Alge, welche dem Schnee in den Alpen u. in den Eisregionen die rothe Farbe verleiht; ferner die Familie der Ri- vulariaceen, Ballen von Schleim mit falscher Verästelung; die einzelnen Trichome sind gegliedert, nach oben verschmälert. Die Hydrodictyeen oder Confervaceen enthalten reines Chlorophyll n. bilden eine große Zahl von Schwärmsporen, die sich, zur Ruhe kommend, zu einer Familie vereinigen. Die Volvocineen bilden viereckige (6cmium), od. kugelige (Volvox, Lkspiianospiraera, iUamkorina) Zellcolonien, die entweder grün und beweglich, oder roth u. unbeweglich sind; die Zellen sind in einer hyalinen Gallerte eingelagert. Durch die Schwingungen der Lilien geräth die ganze Zellcolonie in eine rotirende und fortschreitende Bewegung. Die Conjngaten oderZygophyceen sind ein- oder mehrzellige A. ohne echte Verzweigung, bisweilen Fadcnreihen bildend; Fortpflanzung durch Zygosporen, welche durch Conjngation oder Copnlation zweier Zellen (d. i. Übertreten des Inhaltes der einen durch einen sich bildenden Kanal in die andere u. Bereinigung beider Zellinhalte) entstehen. Die Zellen der Conjngaten sind durch mannigfaltige Configuration u. schöne Gliederung ihres Chlorophyllkörpers ausgezeichnet; er tritt in wandständigen Bändern (LpiroZpra), axilen Platten (iUssoearpus), paarigen strahligen Körpern (Az-gnsma,), oder sternförmig angcvrdne- tcn Platten (Llostsrmm) rc. ans. Eine der bekanntesten Gruppen der Conjngaten ist die der Des midi een. An letztere schließt sich sehr eng an die ungemein formenrciche Abthcilung der Diatomeen (Bacillarieen), die ortsbewcgiich sind und deren Körper so von Kieselerde durch- , drungen ist, daß nach ihrem Tode, ja selbst nach längerem Glühen in der Flamme ihre Gestalt unverändert bleibt (sogen. Kieselskelett). Diese mikroskopisch kleinen Geschöpfe sind, wenn sie einzeln Vorkommen, beweglich, haben aber keine sichtbaren Wimpern. Die Fucaceen umfassen einige Gattungen großer Meeres-A., deren Thalloms (blattariige Gebilde) eine grün-braune Färbung n. knorpelige Consistenz haben. Manche Arten er- I reichen eine ungeheure Länge; von der an der ! Südspitze SAmerikas verkommenden Naeroezstis pzrikora hat man Exemplare von 200—300 m Länge gefunden. Die Befrnchtnngskugeln werden durch Bersten der Oogonien frei n. außerhalb der Stammpflanze durch die Spermatozorden befruchtet. Manche Arten sind einhäusig und entwickeln keine keimbereitenden Organe; andere sind zweihäusig, indem die eine Pflanze nur Antheri- dien, die andere nur Oogonien bildet. Die Florideen stellen eine außerordentlich formenrciche A-grnppe dar, die mit wenigen Ausnahmen dem Meere angehört; es sind roth oder violett gefärbte, fadenförmige n. gegliederte, oder in flache, genervte Blattgestalten ausgedehnte Zellpflanzcn mit rothen Sporen. Ihre Fortpflanzung erfolgt Lurch Ei- l zellen, welche in Kapselfrüchten entstehen, u. durch l Vierlingssrüchte. Letzteres sind Fortpflanzungsorgane, deren Inhalt in vier Sporen (Tetrasporen) zerfällt. Von großer technischer Bedeutung sind die A. des Meeres, die sogen. Tange. Alle himerlassen beim Verbrennen eine Asche (in Nvrdfrank- reich Varec, in Schottland Kelp genannt), aus der früher die Soda bereitet wurde; jetzt wird aus derselben das Jod gewonnen, welches sich als Jodnatrium vorfindet, u. zwar hauptsächlich in §nons rssienlosus, ssrratns n. bl nockosns. Algerien (Geogr.), franz. Colonie in N- Afrika; grenzt an das Mittelmeer, Marokko, die Sahara und Tunis, reicht vom 10—26° v. L. und 30—37° n. Br. und umfaßt 669,000 Hjkm (12,150 IHM). Von der etwa 1000 km langen, hohen und steilen Küste zieht sich ein Plateau bis zur >sahara, das theils Gebirge trägt, theils zu Ebenen sich öfsnet. Nahe der Küste liegt der Kleine Atlas, ein Gebirgszug, zwischen dessen bergigen Massen tiefe Schlnchien und Ströme, aber auch fruchtbare Thaler liegen; von seinen Höhen sind der Dscherdschera südöstlich von Algier 2317 m, der Babur 2022 m im SO. von Bongie, der Afrun südwestlich von Bougie und der Wansseris im S. von Orleansville die höchsten; Len Raum zwischen ihnen nehmen Ebenen ein, die meist cultivirt und fruchtbar sind. Die bedeutendste darunter ist die Metidscha bei Algier, 80—90 km lang, 15—19 km breit, schwach wellenförmig gestaltet n. großentheils von fetter Dammerde bedeckt. Südlich von diesen Ebenen breiten sich wieder andere Flächen aus, die theils steppenartig, theils bewaldet und dann von Salz- sümpfcn unterbrochen sind; letztere werden von Algerien. 415 den Eingeborenen Sbakh oder Saghes, Scherzi oder die Schott genannt. An den oft steil auf- steigenden Bergen, welche diese Ebenen begrenzen, sowie ans, diesen selbst, wird Gerste, die Weinrebe und der Ölbaum cultivirt, auch finden sich Überreste von Cedernwäldern, vereinzelt die Pistazie des Atlas u. a. Südwärts folgt eine zweite Gebirgskette, der Hohe Atlas; zu ihm gehört der im O. gelegene Dschebel Aurds, der im Dschebel Scheliha zu 2320 und im Dschebel Mhammel zu 2316 m anfsteigt; die ganze Kette wird von lang gewundenen Hohlwegen, Bab oder Thore genannt, durchzogen. Von dem SOEnde des Hohen Atlas an dehnt sich bis in das tunesische und tripoli- tanische Gebiet eine z. Th. unter den Meeresspiegel hinabreichende Depression aus, die wahrscheinlich einst das Bett eines größeren Sees (knluv Iritoirw) gebildet hat; Leu ganzen Süden des Landes, u. zwar von 30—34" n. Br., erfüllt die algerische Sahara (auch Wüste von Angad), die mit V4 zu Marokko gehört u. als bedeutendere Oasen ElWadi, Tnggnrt, Wargla u.Beni-Mzab enthält. Ganz Algerien zerfällt beninach, was seine Bodengestaltung betrifft, in drei scharf unterschiedene Zonen: im Norden das gebirgige, aber auch fruchtbare Land, Las insgesammt den Namen Teil führt; auf dasselbe folgt das Steppenlaud mit den Schott, und im Süden schließt die Sahara ab. Die meisten Flüsse ergießen sich ins Mittelländische Meer, die vom Süd-Abhänge des Atlas gehen in die Schott, oder versiegen im Sande. Schiffbar ist keiner der Flüsse, ihr Lauf ist sehr gewunden, ihre Ufer sind sumpfig, und ihre Mündungen meist enge. In das Meer gehen: der Mafrag (Muthul) u. der Seybnse (llndrioatno) bei Bona; der Wad ei Kebir (Rummel), der den Bu-Merzng aufnimmt und Constantine berührt; der Fluß von Bugia, dessen Quelle ans der Grenze zwischen der Prov. Constantine u. Algier liegt und der ein außerordentlich fruchtbares Thal durchfließt; der Harrach, der nahe der Bai von Sidi-Ferruch mündet, wo die Franzosen 1830 landeten; der Schelif, der einzige bedeutende Fluß, der als Sebaun-Mun (oder die 70 Quellen) am Berge Wansdris entspring! und daun unter dem Namen Nähar Wassel (d. i. entstehender Fluß) zuerst von W. nach O., dann von S. nach N. läuft, bei den Bergen zwischen Medeah und Milianah sich wieder nach W. wendet und endlich zwischen dem Cap Jvi und Mostaganem nach einem 445 üm langen Laufe mündet; endlich die Tafna, der westlichste Fluß A-s, dessen Lauf besonders unregelmäßig ist. Seit 1856 hat man durch artesische Brunnen der Wüste manches Stück Land abgewonnen. Das Klima von A. ist heiß (der Samum weht 3- bis 4mal im Jahre), in den Bergen herrscht zuweilen heftige Kälte mit Schneefall; im Ganzen nähert es sich dem des südl. Europa. Doch kennt das Land nur drei Jahreszeiten: den Winter (Regenzeit), vom Nov. bis Febr., der jedoch auch schöne Tage bringt; den Frühling, von März bis Juni, und den Sommer, von Juli bis Oct. Für die europäische Bevölkerung ist die günstigste Jahreszeit der Frühling, der sich Lurch üppige Fülle der Pflanzenwelt und die wunderbare Heiterkeit des Himmels auszeichnet. Der Sommer dagegen, meist trocken, dabei von langer Dauer, wird gefährlich für die Europäer durch Krankheiten, wie Diarrhöe, Dysenterie, Gallenfieber, Gehirnafsec- tionen rc. Die Temperatur difserirt im nördlichen Theil während des Winters zwischen 6,4 u. 16,g" R., während des Sommers zwischen 12 und 24", weiter südwärts im Sahara-Plateau kommen aber Unterschiede von 0 bis 36" R. vor, weshalb man auch im Winter genöthigt ist, sich durch zwei Burnus zu schützen, wahrend man in Algier mit einem reicht. In Algier beträgt die mittlere Jahrestemperatur 14,.,", das Maximum 25,5", das Minimum -st 8,-st 1k., in Constantine die mittlere Temperatur I3,a", das Maximum 32", und das Minimum -st l,g" R. Die Bodenerzeuguisse, für welche bis jetzt etwa 2'/z Will. Im cnlti- virt sind, bestehen hauptsächlich in Weizen, Hafer und Hülsenfrllchteu; dann folgen die Oliven, welche ein dem Proveuceröl uahckoinmendes Product geben, der Tabak von feiner Sorte, der Wein von mittlerer Güte; außerdem dehnt sich die Baumwolleucultur bedeutend aus; dasselbe gilt von der Seidenzucht, die gegenwärtig an 15,000 ÜF Cocons jährlich liefert. In den Wäldern, bes. des Nordrandes, finden sich Eichen, Nadelhölzer, Hainbuchen, Eschen, Ulmen, Kastanien, Cedern, Pistazien-, Mastix-, Johannisbrot»-, wilde Oliveubäume, Pappeln, Weiden rc.; außerdem sind bemerkcuswerth die Agave und die Opuntie, die aus Amerika stammen und hier ganz eingebürgert sind, ferner der süße Eichelbaum und die Korkeiche. Der Anbau der Dattelpalme, die bisher im Tell nur ein unfruchtbarer Zierbaum war, wird jetzt durch künstliche Bewässerung ungemein befördert. Wie die Vegetation A-s eine auffallende Übereinstimmung mit jener der Küstenländer Südenropas zeigt, so findet sich eine solche, abgesehen von den afrik. Raubthieren, auch hinsichtlich der Thierwelt. In der Viehzucht nimmt das Pferd den ersten Rang ein, es ist leicht und schlank; der Maulesel dient als Lastthier; die Rinderherden sind äußerst zahlreich, doch geben sie wegen Mangels an Wiuterfntter und fetten Weiden wenig Fleisch und Milch. Mit der Schafzucht beschäftigen sich die den Rand der Wüste bewohnenden Stämme. An der Küste wird die sehr einträgliche Fischerei der Edelkoralle und der Fischfang betrieben; in der Prov. Orau züchtet man in den Sümpfen Blutegel. An Mineralien ist großer Reichthnm vorhanden, die Ausbeute ist aber mit Ausnahme des Eisens noch gering. Eisen u. Kupfer finden sich, namentlich in der Prov. Algier, außerdem viel Blei und Schwefel, Zink, Antimon; ferner Marmor in der Provinz Oran und Constantine. Berühmte, schon zur Römcr- zeit bekannte Mineralquellen sind die heißen Quellen von Hammam Meluam u. Hammain Regha in der Prov. Algier, die heiße Quelle von Bains-la- Neiue in der Prov. Öran, endlich die heiße Quelle von Hammam Meskhutine in der Prov. Constantine, deren Wasser 72" 8. hat. Die geo- gnostische Zusammensetzung des Kleinen Atlas bilden liasähnliche Mergelschiefer mit Kupfererzen, die des südlichen Plateaus Tertiärformation, nämlich Mergel im Wechsel mit kalkigem Sandstein, i i ^ 416 Algerien. die der Metidschaebcne diluviale Horizontalschichten von Mergel in Nollkiesel. Außerdem finden sich im Lande Neste erloschener Vulcane u. trachytische Porphyre. Die Gesammtbcvölkerung A-s beträgt nach dem Census von 1872 2,414,218; davon sind 2,123,045 Mohammedaner u. 11,482 in Anstalten Befindliche, 164,175 Franzosen (davon 34,574 algerische Israeliten), 71,366 Spanier, 18,351 Italiener, 11,512 Anglo-Malteser, 4933 Deutsche nnd 9344 Fremde verschiedener Abstammung, im Ganzen also 245,117 Europäer. Im Jahre 1866 betrug die Bevülkeruugszahl 2,921,240 , davon 217,990 europ. Nationalität, die somit einen Zuwachs von 27,127 Köpfen erhalten. Der Confessio» nach vertheilcn sich die Ew. (Census vom 31. Dec. 1866) ans die verschiedenen Cnlte ungefähr, wie folgt: Katholiken 211,194, Protestanten 5000, Israeliten 35,737, andere nicht christliche Secten 17,232 nnd Mohammedaner 2,688,746. Die Hauptbevölkernng der Eingeborenen bilden, außer kleineren Stämmen die Araber und Berber. Elfteren werden beigezählt: die Beduinen (s. d.), welche nomadisch im Test, oder auch als arbeitsame Landbauer in der Sahara leben; dann die Mauren (s. d.), die, in Städten und Dörfern wohnend, sich vom Kleinhandel und Handwerken nähren. Zu den Berbern gehören die Kabylen, sie wohnen hauptsächlich in Dörfern und unzugänglichen Bergregionen des Dep. Constantine, wo sie schon de» Karthagern und Römern, später den Vandalen, Len byzantinischen Griechen, Arabern und zuletzt den Franzosen hartnäckig Widerstand geleistet haben; sie treiben Ackerbau und etwas Industrie. Von den kleineren Stämmen können hcrvorgehobcn werden: Die Biskrih, arabischer Abstammung, ans der Oase Biskarah, und die Mzabiten, berberischen Ursprunges, aus den Oasen der nördlichen Sahara und ketzerische Mohammedaner. Außer den Türken, welche in geringer Anzahl vorhanden sind, müssen noch die Inden, die nicht so sehr mit dem Handel sich befassen, sondern die auch als Schreiber, Beamte u. Handwerker thätig sind und 1870 von Frankreich emancipirt wurden, endlich die Neger genannt werden, die seit 1848 Freie sind, und meist als Tagelöhner u. Dienstboten in den Städten leben. Eintheilung und Verwaltung. Das Land für Constautine 175,000 ßIon (3178 ÜZM), für ganz Algerien 390,000 üm (7082 UM). Jedes der 3 Departements zerfällt wieder in militärische, u. Civildistricte: Constautine mit den Civil-Arrond. Bona, Constantiue, Gnelma, Philippeville, Setis n. 4 militärischen Subdivisionen; Algier mit den Civil-Arrond. Algier, Blida, Miliana, 2 militärischen Subdivisionen u. 3 weiteren Districten; Oran mit den Civil-Arrond. Mostagancm u. Oran und 3 militärischen Subdivisionen. Bei den Arabern bilden mehrere in einem Kreise zusammenstcheude Zelte einen Duar, das kleinste Gemeinwesen des Landes; mehrere Dnars eine Ferka (Kanton) unter der Leitung eines Schcikh; mehrere kleine F-erkaS oder auch eine einzige große einen Stamm mit einem Ka'id an der Spitze; mehrere Stämme unter einem Agha ein Aghalik, u. mehrere Aghaliks unter einem Kalifa oder Baschagha einen größeren Verwaltungsbezirk. Diese Eintheilung dient zur Steuererhebung und zur Aushebung der Mannschaften. In jedem ^Verwaltungsbezirke bestand vor 1870 außerdem ein sogenanntes Arabisches Bureau,' ein Begutachtungsrath (aus Franzosen, die mit Sprachen u. Sitten der Araber vertraut waren, und Arabern gebildet), welcher über Ver- waltungsfragcn sein Gutachten abgab, u. dem die Überwachung des Steuerwesens, des Unterrichtes u. zum Theil auch die Justizpflege oblag. Eine Verbesserung der Rechtspflege trat 1854 durch Trennung der arabischen Gerichte von den europäischen ein, wodurch die Araber eingeborene Gerichtsbeamte (Kadis) erhielten, welche jedoch von den Militärbehörden ernannt werden. Es bestehen, wie iiy Mutterlande, beim Gerichtsverfahren 3 Instanzen, von denen die höchste der Pariser Cassationshof ist. Die oberste Behörde eines jeden Bezirkes war vor 1870 ein französischer Offizier; dieser stand unter dem Generallieutenant der Provinz, u. an der Spitze des Ganzen der General- gonvernenr, der zu Algier residirt, die Civil- u. Militärgewalt in sich vereinigt n. unter dem französischen Kriegsministerium steht. Zu Gunsten der Arabischen Bureaux wurde im Jahre 1852 dem Gencralgonverneur die Vollmacht ertheilt, aus den Truppen, die A. verlassen, je einen Offizier vom Bataillon zurückznbehalten, wenn ein solcher für den Dienst in den Arabischen Bureaux besonders brauchbar war. Nach den französischen Verfassun- Departements. Dkw. Einwohner. Darunter in °/o Franzose». Fremde. N-T Algier . . . !l 01 M 6 Oran . . . 1289,631 Constautine 1278,068 872,951 > 7,g 513,492! 10„ 1,027,775! 4,i ^k8 9,2 2,5 87,g 80,7 93,i ^669,015 2,414,21^ 6,g Die osficiellenAngaben sind für Algier 11 0,2 Z,000 88^ Düm ist in 3 Departements (früher Provinzen) eilige- gen von 1851 nnd 1852 verlor A. wieder das theilt, welche nach Flächeninhalt u. Einwohnerzahl Recht, einen Vertreter in die Gesetzgebende Ver- (Ccnsus von 1872) hier zusammengesteüt sind: sammlung Frankreichs zu wählen. Ein Zollgesetz vom Januar 1851 hatte den Zweck, den Verkehr mit dem Mutterlande zu erleichtern u. zu befördern; ein anderes vom Juni desselben Jahres, durch Schutz die Vermehrung des Grundeigcnthums u. die Herbeiziehung von Einwanderern zu bewirken, war ohne den gewünschten Erfolg, weil dem 'Ermessen der Behörden noch zu viel eingeräumt war u. die Selbstthätigkeit des Einwanderers überall auf Hindernisse stieß. Nach dem Staatsstreiche von 1851 wurde eine Strafcolonie in A. gegründet. Ein Decret vom 3. Mai 1852 vermehrte den Bestand der aus Einheimischen gebildeten Truppen, um die französischen an anderen Orten ver- ^ wenden zu können. In neuerer u. neuester Zeit (2052 H)M), für"Oran 102,000Dskl" (1852 DM),!ist in der Verwaltung viel projectirt u. experimen- 417 Algerien. tirt worden; Weiteres darüber s. u. Geschichte. Dem Cultus der Katholischen Kirche steht der Erzbischof ron Algier vor, dem 4 Gencralvicare beigcgeben sind; ebendaselbst besteht ein großes u. ein kleines Priesterseminar. Für die Protestantische Kirche besteht ein Consistorinm, gleichfalls in A. Im Schulwesen ist zwar Manches geschehen, im Ganzen ist es aber doch gering bestellt. In den größeren Städten sind einige Mittelschulen n. (loUöAss für die europäische Bevölkerung eingerichtet. Im Budget Frankreichs für 1873 ist das Generalgouvernement A. in den Ausgaben mit 22,085,858 Fcs., in den Einnahmen mit 19,008,584 Fcs., dann noch unter dem Titel Algerische Kriegssteucr mit 13,450,296 Fcs. vorgetragcn. Scheinbar würde sich hiernach ein nicht unbedeutender Überschuß ergeben; unter den Ausgaben fignriren jedoch nur die Kosten der inneren Verwaltung, nicht auch jene für die Armee, für die Justiz, für Finanzen und Cultus. In der öffentlichen Schuld Frankreichs ist die Einzahlung der Loeiekö Zen. 41- Aörrsnns bei den kündbaren Capitalien mit 4.380.000 Fcs. Ausgaben n. 76 Mill. Fcs. Capital eingesetzt. Nach dem Gesetze vom 24. Juli 1873 über die Armeeorganisation Frankreichs wird für A. ein besonderes Armeecorps errichtet; bisher bestand die Militärmacht in A. ans französischen Mannschaften, ans fremden Volontärs und ans eingeborenen Truppen, zusammen in letzterer Zeit etwa 72,000 Mann, worunter über 9000 Lurcos n. Spahis rc.; 80 "/„ entfielen auf europäische Mannschaft. — Die noch schwache Industrie beschäftigt sich zunächst mit der Gewinnung und Bearbeitung des Metalls; die Bewohner des Teil u. der Küstcnstädte stellen Maroquin- lcder, Teppiche, Musselin und Seidengewebe her, während jene der Sahara wollene Gewänder verfertigen u. der Cultnr der Dattelpalme obliegen; die Kabylen dagegen treiben zunächst Ackerbau n. Viehzucht, nebenbei Wollweberei u. Holzschnitzerei. Ölmühlen find bei den meisten Angehörigen dieser Stämme in Betrieb. — Der Handel ist zwar im Aufschwünge begriffen, doch übersteigt der Werth der Einfuhr jenen der Ausfuhr bedeutend, wie aus nachstehender Zusammenstellung mehrerer Jahre ersichtlich ist: 1867. 1868. 1869. 1870. 1871. Einfnhr"l88 193 183 173 195 Mill.Fcs. Ausfuhr 97 103 111 124 112 „ „ Als wichtigste Ausfuhrartikel erscheinen für 1871: Getreide im Werthe von 25,873,520 Fcs., Binsen 9,141,420, Wolle 7,904,956, Schafe 5,285,538, vegetabilischcLHaar (Espartogras für Papierfabrikation rc.) 4,252,789, Blättertabak 2,179,282, fa- bricirter Tabak 2,869,958, Häute 2,384,425 Fcs.; neuerdings werden auch große Quantitäten Eisenerz aus der Nähe von Bona (Mokra el Hadid) ausgeführt; für die erste Hälfte 1873 allein 4.400.000 Ctr., größtentheils nach England und nach dem Niederrhcin. Zu den wichtigsten Ein- fuhrgegenständen gehören: gewebte Stoffe verschiedener Art, Wein, Branntwein, Zucker, Modeartikel n. Kaffe ans Frankreich; Steinkohlen, Eisen und Metallwaaren ans England. — Der Gesammt-- Schiffsverkehr des Jahres 1871 weist 3998 Pierers UmversaI-Lo»0ersationL-?esitoii. k. Ausl. Schiffe mit 795,596 Tonnen auf; davon kamen auf die französische Flagge 1611 Sch. mit 579,127 T., es folgt Spanien mit 1353 Sch. zu 57,963 T., Italien mit 596 Sch. zu 39,900 T., England mit 252 Sch. zu 98,056 T., Schiffe anderer Flaggen 186 mit 24,550 T. Die Handelsflotte A-s bestand Ende 1869 ans 152 Segelschiffen von 4609 Tonnen. Die besuchtesten Häfen sind Algier, Bona, Bougic, Mostaganem, Oran, Nemours, Pyilippe- ville, Schcrschcl und Tenes. — An Eisenbahnen sind 3 in Betrieb: Algier-Oran, 420 icm lang; Philippeville-Constantine, 86 km, u. Bona nach den Bergwerken von Ain-Mokra, 30 km lang. — Telegraphen-Verbindungen sind von Algier ans mit allen Hauptstädten, Divisionshaüptstädten u. Hanptorten der Unterdivisionen hergestellt; ein unterseeisches Kabel verbindet über Corsica A. mit Frankreich. — Die Hauptstadt des Landes ist Algier (s. d.). Geschichte. Das Gebiet des heutigen A. bildete im Alterthum theils Nnmidien, thcils Mauretanien und wurde von den Römern im Kampfe mit den Carthagern n. den nnmidischen u. mauretanischen Königen Syphax, Jngnrtha, Jnba bis 46 v. Chr. erobert. Der östliche Tbeil gehörte zu der Provinz Afrika, wurde aber im 4. Jahrh. n. Chr. eine eigene Provinz, Nnmidia; der westliche Theil war die Provinz Nanrstania tlaesarisvois. Mauretania war damals die Kornkammer des alten Rom und enthielt 33 blühende Städte, von denen wahrscheinlich die römische Municipalstadt Jcosium an der Stelle des heutigen Algier (s. d.) lag. Anfang des 5. Jahrh. wurde A. von den Vandalen erobert, die aber 533 von den Byzantinern unter Belisar vernichtet wurden. Im 7. Jahrh. wurde A. eine Beute der Araber unter den Omajjadischen Khalifen und bildete einen Theil ihres Reiches. Später aber, als die Mauren eine Anzahl kleiner Reiche bildeten, wurde Algier die Hauptstadt eines Königreiches u. hieß eigentlich Al-Dschesair. Gegründet ward die Stadt 935 von Jussus Zeiri, dessen Sohn Abnl Futnh Zeiri (970—984) Stifter der Dynastie der Zeiriden ward, welche außer Algier noch Bougic (Budschia),Hammed n. andere Plätze in Besitz hatten. Zeiri selbst eroberte noch Mrnsnria, T eipolis, Fez n. Mogreb; auch gehörte ihm Sicilien. Unter seinen Nachfolgern war es Tamim (1061 bis 11081, welcher Tunis, Kairvan, die Inseln Harba und Majorca eroberte. Unter Hassan eroberte König Roger von Sicilien 1148 Afrika und machte der Herrschaft der Zeiriden ein Ende. A. kam nun, nachdem die Fremden 1159 wieder von hier durch Abdulmumen vertrieben worden waren, unter die Herrschaft der Almohaden in Marokko bis 1260, wo die in Fez residirenden Ziauiden es eroberten; die Zianiden wurden gegen das Ende des 15. Jahrhunderts mit den Spaniern in langdanernde Fehden verwickelt; 1492 siedelten sich die aus Spanien vertriebenen Mauren und Juden größtentheils in A an u. legten sich auf Seeräuberei, meist aus Rache gegen ihre früheren Verfolger. 1506 eroberte Ferdinand von Aragonien die Städte Oran und Bongie, 1509 Lurch den Cardinal Timenes die Inseln vor A. 1516 vertrieben die als Seeräuber bekannten, vom maurischen Emir Selim I. Band. 27 413 Algerien. Eutemi zu Hilfe gerufenen Brüder Horuk und Haireddin Barbarossa die Spanier aus A., Horuk erdrosselte Selim eigenhändig, machte sich zum Sultan von A. und eroberte Tunis, Oran und Tlemcen zurück; aber der Marquis von Gomarez, von Karl V. 1517 abgesandt, nahm Oran wieder u. belagerte Horuk in Tlemcen; der Sultan versuchte von da zu entfliehen, wurde aber von den Spaniern ergriffen u. 1518 hingerichtet. Sein Bruder Haireddin, zum Sultan ausgerufen, fühlte sich der spanischen Macht nicht gewachsen u. gab 1520 A. dem türkischen Padischah zu Lehn. Der Padischah Selim I. ernannte Haireddin zum Pascha u. unterstützte ihn mit Geld u. 1000 Janitscharen in der Eroberung von Tunis, Bisenta u. Tripolis, u. 1530 vertrieb Haireddin die Spanier aus ihren Positionen u. verband die A. gegenüberliegenden Inseln durch einen Damm mit der Stadt Algier. 1535 eroberte Kaiser Karl V. Tunis u. zwang Haireddin, sich nach Bisenta zurllckzuziehen. Haireddin wurde nun als Admiral nach Constantino- pel gerufen, u. an seine Stelle trat seinSohn.Haffan Aga als Pascha von Algier. Um den algerischen Seeräubereien, welche seit dem ersten Barbarossa in erschreckender Weise überhandnahmen, Einhalt zu thun, unternahm Kaiser Karl V. im Oktober 1541 mit 370 Schiffen u. 30,000 Mann eine Expedition gegen Algier, die jedoch mißlang, da am 20. Oct. Flotte u. Lager durch einen Sturm zerstört wurden. Algier blieb nun unter türkischer Oberherrschaft u. wurde von Paschas regiert, welche, während sie die Secränberei fort trieben n. sogar die Küsten Europas heimsuchten, ihr Gebiet im W. bis Marokko und im S. bis an die Wüste ausdehnten. Versuche der Spanier, die Moslem in Schranken zu halten, mißlangen. Im I. 1600 gestattete der Padischah der türkischen Miliz in A., sich selbst aus ihrer Mitte einen Dey zu wählen, welcher mit dem türkischen Pascha die Macht theille und insbesondere ihr Anführer sein sollte. Durch die fortgesetzten frechen Seeräubereien wurde Algier endlich in Kriege mit den christlichen Mächten verwickelt. 1655 zerstörte der britische Admiral Blake die algerische Flotte u. zwang den Dey, die Gefangenen auszuliefern; 1669 und 1670 hatten eine britische u. eine niederländische Flotte wenig Erfolg. 1682 bekriegte Ludwig XIV. Algier, weil dessen Schiffe die Küsten der Provence beraubt hatten, bombardirte am 25. Juli die Stadt, wogegen der Dey den französischen Consul Bacher durch eine Kanone der französischen Flotte entge- enschießen ließ; ebenso erfolglos war das Bom- ardement am 26. und 27. Juni 1683 und am 26. Juni 1687 durch den Marschall d'Estrees. 1708 entriß der Dey Ibrahim den Spaniern Oran. 1710 wurde Baba-Ali zum Dey erhoben; er bemächtigte sich des Pascha, schickte ihn nach Tunis u. ward vom Sultan mit der ungetheilten Gewalt bekleidet. Von da an war der türkische Sultan nur noch dem Namen nach Oberherr in Algier, der Dey aber in der That souverän, zahlte auch keinen Tribut mehr, sondern schickte nur bei seinem Regierungsantritte Geschenke nach Constan- tinopel. Dagegen waren die Deys abhängig von den Janitscharen, da sie von den Offizieren derselben gewählt wurden; oft setzte der Divan an einem Tage mehrere derselben ein, u. uur selten erhielt sich einer mehrere Jahre. Biele Deys wurden überdies von der zügellosen Soldatesca ermordet. 1732 eroberten die Spanier Oran wieder, wogegen eine im I. 1775 unternommene Expedition von 25,000 Mann u. einer Flotte von 44 Kriegs- und 340 Transportschiffen unter dem General O'Rcilly scheiterte. A. trieb das alte Unwesen fort u. nöthigte die schwächeren Mächte, wie Neapel, Dänemark, Schweden u. die Hansestädte, zu einem Tribut, der aber ihre Schiffe nicht immer schützte. Während der ersten französischen Kaiserzeit verhielten sich die Algerier aus Furcht vor den großen europäischen Kriegsflotten zurückhaltender, begannen jedoch, als nach dem Frieden diese Flotten abzogen, ihr altes Räuberwesen wieder. Aber als ihre Capcr mehrmals nordamerikanische Schiffe aufgebracht hatten, griff der nordamerikanische Commodore Decatur am 20. Juni 1815 die algerische Flotte bei Cartagena an, schlug sie u. zwang den Dey Omar Pascha, die nordamerikanische Flagge zu respectiren. 1816 erhielt Lord Exmouth von der britischen Regierung den Auftrag, mit den Barbareskenstaaten wegen Aufhebung der Sklaverei u. Anerkennung eines völkerrechtlichen Verhältnisses bezüglich der Kriegs- efangenen zu unterhandeln. Tunis u. Tripolis ewilligten alle Forderungen, Algier aber weigerte jede Concession u. setzte sein verbrecherisches Treiben fort. Exmouth, verstärkt durch eine niederländische Escadre unter van der Capellen, beschoß am 27. Ang. 1816 die Stadt u. zwang den Dey durch den Frieden vom 28. Aug., alle Sklaven freizugeben, au Neapel und Sardinien das Geld zurückzuzahlcn, das diese Staaten bereits für die Loskaufung ihrer in Sklaverei gerathenen Unter- thanen bezahlt hatten, u. ferner alle kriegsgefan- genen Europäer völkerrechtlich zu behandeln. Durch den Vertrag mit England war im Ganzen die Lage der handeltreibenden Völker wenig gebessert worden, u. die Seeräuberei begann aufs Neue mit unerhörter Frechheit. Besonders die Franzosen empfanden dies schmerzlich, da der Dey Hussein, Nachfolger des 1817 ermordeten Omar, die ihnen zugchörende Korallenfischerei bei Oran auf einer Strecke von 220 icm 1826 allen Nationen freigab und ihnen sonstige Beleidigungen n. Schäden zufügte. Dieses Treibens müde, blokirte Frankreich, nachdem der Dey aus Anlaß eines hitzigen Wortwechsels dem französischen Consul Äeval einen Schlag mit dem Fliegenwedel versetzt hatte, die algerischen Häsen u. erklärte, als dies nichts half, 1830 A. den Krieg. Am 25./27. Mai 1830 segelte die französische Flotte, 11 Linienschiffe, 24 Fregatten, 7 Corvetten, 26 Briggs, 7 Dampf-, mehrere andere Kriegs- u. 400 Transportschiffe, unter Admiral Duperre und Contreadmiral Rosa- mel, mit 37,000 Mann Landtruppen unter General Bourmont von Toulon ab. Das Heer bewerkstelligte die Landung am 13. Juni in der Bai von Sidi-Feruch, 18 Icm westl. von Algier, rückte am 15. gegen letzteres vor, schlug den Ibrahim Aga am 19., den Bey von Constantine am 24. u. begann darauf die Belagerung. Am 29. Juni wurden die festen Höhen von Sidi-Beneti u. am 4. Juli das Kaiserschloß (Kaiserfort), wohin sich ! Algerien. 41S die Türken zurückgezogen hatten, erstürmt. Am з. Juli hatte auch die Flotte ihren Angriff von der Meerseite begonnen, die Einschließung Algiers wurde immer enger, und eben als die Franzosen im Begriffe waren, die Kasbah zu erstürmen, verstand sich der Dey am Morgen des 5. Juli zu einer Capitulation, in Folge deren ihm freier Abzug mit Familie u. Privatvermögcn, sowie freie Wahl des Aufenthaltsortes außerhalb Algerien bewilligt wurde; der Stadt wurde Freiheit der Person и. des Eigenthums, ferner die freie Ausübung des Islam gesichert; 17 Kriegsschiffe, 1508 Kanonen u. der Staatsschatz von 14 Mill. Thlr. fielen den Siegern zur Beute. Der Dey begab sich nach Italien und st- 1834 bei Alessandria; die Milizen gingen nach Kleinasien. Auch die Staaten Tunis u. Tripolis wurden bewogen, der Seeräuberei auf immer zu entsagen. A. war nun in der Gewalt der Franzosen. Bei der Kunde von dem Ausbruch der Julirevolution zu Paris wurden wegen der Schwäche des Occupationsheeres (kaum noch 20,000 Mann), die Detachements in Oran, Bougie und Bona zurückgerufen. Anfangs September wurde Bourmont durch General Clauzel ersetzt, dieser aber schon im Februar 1831 durch den General Berthezene abgelöst, welcher in der Organisation des Landes indeß nicht glücklicher war, als sein Vorgänger, da sich der französischen Verwaltung Alles widersetzte. Auch hatte er Unglück in den Waffen. Er erlitt am 2. Juli bei Medeah eine große Niederlage gegen die Araber, mußte die Stadt räumen u. wurde dann in Folge einer unglücklichen Expedition nach Bona im Der. 1831 abberufen. Uin den vielfachen Mißbräuchen zu steuern, wurde die Militär- u. Civiladministration getrennt, und jene dem General Savary, Herzog von Rovigo, diese dem Staatsrath Pichon übergeben. Da aber diese Trennung die Einheit des Dienstes störte, wurde schon im Mai 1832 Pichon abbernfen u. die Civiladministration dem Militärgouvernement untergeordnet. Die Occupa- tionsarmee wurde erneuert, indem man das System der Strafregimenter (Latailions ä'Ackrigus) aufgab, u. dann wurde der größte Theil der Armee stets in kleinen, zu diesem Zwecke errichteten Standlagern cantonirt. Durch den neuen Intendanten Genty de Bussy wurden zwei deutsche Colonisten- dörfer, Kuba und Dcly-Ibrahim, gegründet (die aber wenig Erfolg hatten), eine katholische Kirche und ein Hospital errichtet, die Nationalgarde in Algier u. Oran organisirt und eine neue Zeitung (Llonitsur AIZ-erisn) ins Leben gerufen. Im September 1832 brach ein allgemeiner Aufstand, von dem Marabut Sidi-Saadi angefacht, unter den Arabern um Algier aus, wurde aber niedergeworfen. Im März 1832 fiel die Citadelle von Bona durch einen mit 30 Matrosen ausgeführten Handstreich des Corvettencapitäns Armandy in französische Hände; General Monk d'Uzer wurde dort Lommandant, der durch kluges Benehmen die Einwohner gewann u. im März 1833 einen Versuch des Bey von Constantine, die Stadt wieder zu erobern, zurückwies. Im März 1833 verließ Savary, von der Regierung zur Verantwortung wegen ver gegen ihn erhobenen Klagen abberufen, A. und übergab das provisorische Commando dem ! General Avizard, der die Besorgung der Unterhandlungen mit den Arabern dem von ihm eingerichteten Lursau nrabe übertrug, aber den Oberbefehl bereits am 20. April 1833 an den ebenfalls als provisorischer Generalgouverneur nach A. gesendeten General Voirol abtrat, unter welchem der Straßenbau fortgesetzt u. Blockhäuser errichtet wurden, auch mehrere Stämme siih unterwarfen. Im September 1833 wurde Bougie (Budschia), dessen Einwohner sich an einem englischen Schiffe vergriffen hatten, durch den französischen General Trezel nach blutigem Kampfe besetzt. In diese Zeit fällt das Auftreten Abd-el-Kaders. Bon 30 arabischen Stämmen zum Emir von Maskara erwählt, beunruhigte er den General Desmichel, der unterdessen Arzew und Mostaganem besetzt hatte, fortwährend u. versuchte auch die Provinz Titteri zu fanatisiren. 26. Febr. 1834 wurde mit ihm der erste Friede geschlossen u. durch denselben seine Herrschaft über alle bis dahin noch nicht unterworfenen Stämme im W. von Algier bis an den Fluß Schelif und diesseits des Reiches Marokko förmlich anerkannt, worauf sich in den übrigen französischen Besitzungen, namentlich in der Gegend von Algier, die Verhältnisse sicherer gestalteten. Mißhclligkeiten zwischen dem General Voirol u. dem Intendanten Genty de Bussy veranlaßten im September 1834 die Abberufung Beider. Die französische Regierung hatte inzwischen eine neue Organisation für A., welches von da an als französische Besitzung im N. von Afrika bezeichnet wurde, entwerfen lassen, wonach das Obermilitär- commaudo u. die Landesverwaltung in die Hand eines Generalgouverncurs gelegt wurde, der vom Kriegsministerium in Paris re'ssortirte; unter ihm standen ein Commandaut des Laudheeres u. einer der Marine, ein Militär- u. Civilintendant u. ein Fiuanzdirector; die Rechtspflege wurde für Franzosen u. Einheimische gelrennt. Der erste Generalgouverneur war Graf Drouet d'Erlon, unter dem in der Stadt Algier im November 1834 eine Mu- nicipalverfassnng eingerichtet, das Weichbild von Algier im Mai 1835 in 14 Gemeinden getheilt, u. eine höhere Schule eröffnet, die Polizei und das Abgabensystem verbessert u. bei Boufarik ein Standlager errichtet wurde. In Bougie harte der Com- mandant Duvivier fortwährend mit Len Kabylen zu kämpfen; von Bona aus machte General Uzer einen Streifzug gegen den Bey von Constantine; in Oran war an die Stelle des Generals Desmichel der General Trezel (s. oben) zum Befehlshaber eingesetzt worden und konnte sich nur mit Mühe des Andranges Abd-el-Kaders, der den Friedensvertrag bald gebrochen u. die Feindseligkeiten wieder begonnen hatte, erwehren. Am 28. Juni 1835 wurden die Franzosen an der Makta geschlagen. Im August 1835 wurde Drouet d'Erlon durch den General Clauzel ersetzt, der jedoch im Januar 1837 wegen seiner erfolglosen Expedition nach Maskara u. Constantine (Ende 1836) durch den General Damremont ersetzt ward, der um jeden Preis Constantine erobern sollte. Nachdem, um die Ruhe im W. zu sichern, am 30. Mai 1837 mit Abd-el-Kader der zweite Friede geschlossen war, wonach demselben der ganze W. von A. überlassen wurde, während Frankreich in den Besitz 420 Algerien. eines großen Theils von Oran und des größten der Provinz Algier trat, ging am 1. Oct. 1837 die zweite Expedition gegen Constantine, 12,000 Mann stark, unter Damremont ab. Am 9. begann die Beschießung der Festung, und nachdem an Stelle des am 12. gefallenen Damremont General Valee den Oberbefehl übernommen hatte, wurde die Stadt am 13. erstürmt. Im November erhielt (nach kurzem Commando des Generals Castellane) der General Negrier den Oberbefehl über die Provinz u. beruhigte das Land so weit, daß selbst kleine Abtheilungen sicher von Constantine nach Bona gehen konnten. General Valee, an Damremonts Stelle zum Generalgouverneur von A. ernannt, bemühte sich, die Verwaltung von Bona zu reorganisiren. General Rulhieres halte am 26. März 1838 Koleah u. bald daraus Belida ohne Widerstand besetzt. Während Abd-el-Kader mit Unternehmungen im S. beschäftigt war, benutzten die Franzosen die Zeit, um sich in Con- slantine, wo General Galbois ans Negrier im Provinzialcommando gefolgt war, fester zu setzen, u. es wurden im Herbste 1838 mehrere gute Einrichtungen getroffen, Untergouvernenre (Kalisas) unter französischer Oberhoheit ernannt, Stora besetzt, im März 1839 der Hafen u. die Stadt Dschid- schelli, zwischen Bougie und Collo, erobert. Im I. 1839 wurden jedoch die Verhältnisse mit Abdel-Kader, der inzwischen eine imposante Macht um sich gesammelt hatte, immer schwieriger; er begann die Feindseligkeiten wieder und war durch Nichts zu bestimmen, in den Bau einer Straße von Algier nach Constantine durch Titteri zu willigen. Am 20. Nov. fiel er gegen den Vertrag an der Tafna in die die Stadt Algier umgebende, fruchtbare u. von den Franzosen angebante Landebene Metidscha ein und verwüstete Alles. Als Valee gegen Boufarik vorrückte, zog er sich gegen den Atlas u. in die Wüste zurück. Im Frühlings- feldzuge 1840 wurden die Städte Medeah u. Mi- lianah genommen u. besetzt, Scherschel gegen die Araber von Cavaignac tapfer vertheidigt und in dem Engpaß von Muzaia ein blutiger Sieg erfochten. Im Herbste wurde der Anfang zur Umwallung der Metidscha gemacht, wodurch die Einfälle der räuberischen Stämme abgehalten werden sollten. Am 22. F-ebr. 1841 wurde der General- Gouverneur Valee Lurch den General Bugeand ersetzt, welcher die Stämme theils durch häufige Nazzias zu ermüden, theils durch Bestechungen zu gewinnen, theils durch Entzweiung unschädlich zu machen suchte; gegen Abd-el-Kader rüstete er im Frühling 1841 eine große Expedition aus, nahm am 25. Mai Tekedempt, eine Festung des Emirs, u. am 30. Mai MaSkara, den Hauptsitz desselben, am 17. Oct. endlich Saida, des Emirs letzte Festung. In Folge Lessen unterwarfen sich mehrere Stämme den Franzosen. Nachdem am 30. Januar 1842 Tlemcen, am 9. Febr. auch Tafrua, ein Waffenplatz Abd-el-Kaders südl. von Tlemcen, erobert u. zerstört worden war, schien seine Macht gebrochen, n. er selbst begab sich auf marokkanisches Gebiet. Einfälle in das Regenlschaftsgcbiet, die er von da ans machte, hatten zwar im Anfänge Erfolg, jedoch wurde der Emir schließlich znrückgeworfen u. die Stämme, welche sich bis Constantine hin gewagt hatten, wieder zur Ruhe gebracht. So war die Ruhe wiederhergestellt, aber 24,000 Mann Franzosen lagen in den Spitälern. Inzwischen hatte Abd-el-Kader, der sich im Jahre vorher am oberen Schelif gehalten u. durch seine Anwesenheit alle Unternehmungen der Franzosen gegen die Stämme erfolglos gemacht, auch in Marokko die Moslemin fanansirt u. erschien im Sommer 1842 wieder ans algerischem Gebiete, sammelte die abgefallenen Stämme um sich und schlug die Franzosen im August bei Maskara. Später wieder vertrieben, veranlaßt er Ende Mai 1844 eine marokkanische Armee zum Einfall in Algerien, welche jedoch am 14. August von Bugeand am Flusse Jsly geschlagen wurde. Zugleich unternahm eine französische Flotte unter dem Prinzen von Joinville das Bombardement von Tanger u. Mogador, u. in Folge dessen kam durch die Vermittelung Englands am 10. Sept. 1844 der Vertrag zu Tanger, welcher aber erst am 18. März 1845 ratificirt wurde, zu Stande; darin wurde die Grenze zwischen Marokko und A. sestgestellt u. dem Sultan von Marokko zur Pflicht gemacht,. Abd-el-Kader aus seinem Reiche zu verweisen. Im April 1845 erschien Abd-el-Kader wieder aus algerischem Gebiete. Sinn war die Erbitterung der Franzosen aufs Höchste gestiegen. Ans dem Zuge gegen den Emir ließ der Oberst Pelissier (nachmals Herzog von Malakoff) 8—900 Wehrlose aus dem Kabylenstamme der Wadkia, die sich in eine Höhle geflüchtet, durch davor angezündete Feuer ersticken, nachdem er sie 3 Tage hindurch zur Ergebung aufgefordert hatte. General Cavaignac, Commandant von Orleansville, hatte zwar Glück gegen einige Stämme im SO. u. S., konnte aber gegen Abd-el-Kader nichts ausrichten. Inzwischen hatte der Generalgouvernenr Bugeand unermüdet an der Verbesserung der Einrichtungen in A. gearbeitet u. nicht nur die militärisch eingerichteten Colonien gegründet, sondern auch am 1. Sept. 1845 die Civilorganisation in Wirksamkeit gesetzt. Nachdem er im Mai 1847 noch die Kabylenstämme im Dscherdscheragebirge zur Unterwerfung gebracht u. so das fruchtbare, für den Handel so wichtige Kabylien zur Regentschaft gefügt hatte, kehrte er nach Frankreich zurück. Sein Nachfolger wurde provisorisch General Bedeau. Abd-el-Kader hatte sich inzwischen im Stillen zu einem neuen Schlage gerüstet, wandte sich nun aber gegen Marokko, nach dessen Throne er zu streben schien; schlug am 14. Juni 1847 die Marokkaner unter Kaid-el- Hamar am Wad-Alzelef, unweit Melillah, u. unternahm einen Zug gegen Fez. Als sich aber der Sultan Abdurrahman selbst an die Spitze des Heeres stellte, fielen mehrere marokkanische Stämme von Abd-el-Kader ab, der am 12. Dec. von den Marokkanern geschlagen wurde und sich nach den Kebdanabergen zurückzog. Die Marokkaner vereinigten sich mit den Franzosen, von Lamoriciere geführt; zwei Brüder Abd-el-Kaders unterwarfen sich den Franzosen, er selbst mit dem Reste seines Heeres am 25. Dec. am Engpaß von Kerbens, worauf er, entgegen der ihm ertheilten Zusage, gefangen nach Frankreich gebracht wurde (s. Abd- el-Kader). Anfangs October waren noch einige Stämme zurückgeschlagen und der Stamm Beni - Algerien. 421 Fnzal unterworfen. Im Sept. dess. I. war der Herzog von Aumalc zum Generalgouverneur ernannt und am 1. Sept. 1847 die neuen Anordnungen der Verwaltung des Landes publicirt worden, nach denen die Direktion des Kriegsministers in Frankreich für A. aufgehoben u. an die Stelle der 3 bisherigen Direktionen für jede der 3 Provinzen Algier, Oran und Constantine, neben dein Militärgonvernement, eine Direktion der Civilver- waltnng mit je einem Conseil unter dem Vorsitze des Direktors eingesetzt wurde. Im December wurde auch eine Bank für A. errichtet. Bei der Februarrevolution 1848 erfolgte in A. keine Störung der Ruhe, der Herzog von Aumale aber wurde laut Dekret der provisorischen Regierung vom 28. Febr. durch General Cavaignac, damals Militärkommandant in Oran, ersetzt. Dieser traf sogleich Anordnungen wegen der Küstenbefestigung, ««heilte der Provinzialmiliz das Recht, sich ihre Offiziere bis zum Capitän zu wählen, gab die Presse frei rc. Als er im Mai 1848 als Depu- tirter für das Departement Lot in die Nationalversammlung trat, wurde an seiner Stelle General Changarnier Generalgouverneur. Im Wesentlichen erfolgte während der Republik von 1848 keine Veränderung in der bezüglich A-s bisher befolgten Politik. Die Justizverwaltung war bereits im Mai unter das Justizministerium und das Unterrichtswesen unter das Unterrichtsministerium im Mutterlands gestellt worden. Der Krieg gegen die Stämme ruhte inzwischen nicht. Im März 1848 unterwarf sich Bu-Aud u. im Juni der Bey Siel-Hadschi in Constantine; die Raubzüge anderer Stämme in derselben Provinz schlug Oberst Famin zurück; ein Aufstand der Flittas in Oran wurde vom General Pelissier unterdrückt, einer der Ka- bylen im Juli in der Gegend von Bougie vom General-'Gentil. Da Changarnier am I.Juli als Commandant der Nationalgarde des Seinedeparte- ments nach Paris zurückkehrte, wurde der Divisionsgeneral Marey-Monge einstweiliger General- -gouverneur; derselbe ordnete zur Hebung der Oko- nopne und der Gewerbe eine jährlich im Juli zu haltende öffentliche Ausstellung aller von Europäern in A. erzielten Produkte an und bestimmte Preise für Die, welche sich auszeichneten. Im September 1848 wurde General Charron zum Generalgouverneur ernannt. Um die Bevölkerung von A. zu vermehren, wurden seit dem September 1848 einige Colonien von Arbeitern aus Paris dahin übergeführt, von denen jedoch viele nach Verlauf eines Jahres ihre Rückführung verlangten. Das I. 1849 war ungünstig für die Franzosen: in der Umgegend von Maskara empörten sich die arabischen Stämme, auch brach in der Zaaticha, einer Oase in der Provinz Constantine, ein Aufstand aus, n. es gelang dem General Her- billon erst nach ^wöchentlicher Belagerung, das feste Dorf Zaatscha am 26. Nov. zu erstürmen. Die benachbarten Stämme unterwarfen sich nun den Franzosen. Im Juni 1850 wurde eine sozialistische Verschwörung in Oran entdeckt, in welche viele Soldaten u. selbst Offiziere verwickelt waren. Im Mai 1851 wurde General Pelissier Gouverneur u. ordnete sofort einen neuen Zug gegen die Gebirgskabyleu an, welche das angrenzende Unterland fortwährend befehdeten. St. ArnauL erhielt den Oberbefehl u. besiegte den Feind binnen 24 Tagen in 6 größeren Treffen und 20 Gefechten. Nach dem Staatsstreiche vom 2. Dec. 1851 ernannte Louis Napoleon den General Randon zum Generalgouverneur (11. Dec. 1851). Im Herbste 1852 erhoben sich einige Araberstämme im südlichen Theil des Landes; auch sie wurden geschlagen, ihre Oasenstadt Laghuat 4. Dec. 1852 erstürmt u. mit dem gleichnamigen Bezirke in französischen Besitz genommen. Gleichzeitig stellte sich der mächtige Stamm der Beni-Mzab unter den Schutz französischer Botmäßigkeit. Unter Leitung Randons begann im Mai 1853 ein neuer Zug gegen die Kabylen im Gebirge Babar südl. von Dschidschelli; zwar unterwarfen sich 45 Scheikhs der französischen Botmäßigkeit, doch gelang es nicht, diese Bergvölker vollständig zu besiegen. Im Sommer 1854, nachdem ein Theil der algerischen Truppen nach der Türkei abgegangen war, nahmen mehrere Kabylenstämme unter dem Scherif Bn-Bagla den Kampf wieder auf. Im Oktober griffen die Araber im S. zu den Waffen, wurden jedoch in der Oase Meggarin geschlagen u. flüchteten in die Stadt Tuggurt, die sie ohne Schwertstreich den nachfolgenden Franzosen überließen; diese drangen noch südlicher vor, nahmen Wabi. die wichtigste Stadt des Sufgebietes, u. in den folgenden Jahren auch die Ulcd Sidi Scheich u. die Oase Wargla. Einer der mächtigsten Stämme, die Tuarik-Araber, längs der nördlichen Grenze der Sahara wohnend, schickten im December 1855 eine Gesandtschaft an den Generalgouverneur nach Algier, um ihm die Vermittelung zwischen den großen Araberstämmen in der Wüste u. den Franzosen zur Anknüpfung regelmäßiger Handels- u. Freundschaftsverbindungen anzubieten. Diese Araber beherrschen den Eingang der Wüste n. haben den größten Einfluß auf alle Handelsgeschäfte mir dem Innern von Afrika. Unter den öffentlichen Angelegenheiten des Landes stand in damaliger Zeit die Regelung der Verhältnisse der Eingeborenen theils zu einander, theils zu den Franzosen obenan. Man suchte ihrer Nationalität zu schonen n. überließ die Verwaltung ihrer Angelegenheiten angesehenen Männern ans ihrer Mitte, die jedoch, mit Ausnahme der Ältesten der Duars, von der Regierung ernannt wurden. Im 1.1856 erfolgte eine neue große Expedition Randons, die zur gänzlichen Unterwerfung aller Stämme Großkaby- liens bis zum Rande der Wüste führte. Dagegen verhielten sich die Araber gegen die französischen Civilisirnngsversnche andauernd feindselig. Das im Jahre 1858 angestellte Experiment, dem Lande ein eigenes Ministerium zu geben, wurde nach Verlauf von einigen Jahren aufgegeben, die frühere Ordnung der Dinge wiederhergestellt und Marschall Pelissier zum Generalgouverneur eingesetzt, nach dessen Tode Mac-Mahon folgte. Die Erklärung des Kaisers ('1863), daß A. eigentlich keine Colonie, sondern ein arabisches Reich sei, daß er ebenso wol Kaiser der Araber, als Kaiser der Franzosen sei, änderte ebenso wenig an der Sache, als seine im April 1865 erfolgte Inspektionsreise nach A; jene Erklärung erregte nur die Unzufriedenheit der europäischen Colonisten, 422 Algerobas die darin eine Bedrohung ihrer Rechte zu sehen glaubten. Wahrend des Italienischen Krieges hatten die Araber sich ruhig verhalten, im 1.1864 brach aber im S. der Prov. Oran ein neuer Aufstand aus, der jedoch Ende des Jahres wieder gedampft war. Im folgenden Jahre erfolgten in dieser Prov., wie auch in Kleinkabylien, neue Aufstände , von denen der gefährlichste durch den Obersten Colomb abgewehrt n. 1867 gänzlich niedergeschlagen wurde. Zn Ende d. I. 1867 u. in den beiden folgenden Jahren wurde A. durch Mißwachs u. Huugcrsnoth heimgesucht, und erst das Kriegsunglück der Franzosen 1870 ließ die Araber wieder in ihren Hoffnungen anfwachen, doch kam die Bewegung bei dem herrschenden Mangel an Mitteln n. bei der Wachsamkeit des interimistischen Gouverneurs Dnrien nicht zum Ausbruch. Als aber nach Proclamirung der Republik in Paris in ganz A. die Militärverwaltung in eine Civilverwaltung umgewandelt, von Paris aus für das Land eine neue Constitution decretirt wurde, was alles mit der größten Überstürzung und unter den sinnlosesten Mißgriffen gegen die Araber geschah, als gar die bürgerliche Gleichstellung der den Arabern so verhaßten Juden erfolgte, da brach der Sturm los. Von Constantiue ausgehend, verbreitete sich der Ausstand allmählich über das ganze Land und sogar über dessen Grenzen hinaus. Die Jnsurrection hatte zum Theil eineu religiösen Charakter angenommen, u. aus Tunis wie aus Marokko strömte Hilfe herbei. Die Franzosen mußten sich anfangs auf die Defensive beschränken, da A. wegen des Krieges im Mutterlands vielfach von Truppen entblößt war. Erst als nach Abschluß des Friedens 10. Mai 1871 Verstärkungen anlangten, konnte man zur Offensive übergehen; doch erst am Ende des Jahres durfte man den Aufstand, den heftigsten seit Abd-el-Kaders Zeit, als gedämpft ansehen. Aus der Geschichte und Statistik der Colouie A. geht hervor, daß sie für das Mutterland ein Krebsschaden ist, den nur ein so reiches Land wie Frankreich leicht verschmerzen kann. Das Land hat weder in volkswirthschaftlicher, noch in militärischer Hinsicht (als Übungsschule für die französische Armee) den Anforderungen entsprochen, die man daran gestellt hat, und ob es jemals die Zinsen der auf seine Colonisirnng verwandten Capitalicn heimzahlen wird, muß einstweilen noch in Zweifel gezogen werden. Vergl. Locher, A. unter französischer Herrschaft, Bern 1864; Nette- inent, Listoirs äs In eongusts ä'XIZsr, eerits sur äss äooumsnts ineäits st autirsntiguss, Par. 1871, 2. Aust.; Mac Carthy, 6soArapIüs xkixsigus, ssonomigus et politigus äs I'XlAsris, Mg. u. 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Wagner, Reise in die Regentschaft Algier 1836—38, Lpz. 1841; O. Schneider, Von Algier nach Tunis und Constantiue, Dresd. 1872; X. Lillins, 6eo§rn- plris pli^sigus st xolitigus äsI'XlAsris, 2. sä., Par. 1873; Maltzan, die Bewohner Algiers vor drei Jahrhunderten u. heutzutage, Globus XXIV., 1873; de Gueydon, Lxposs äs In Situation äs I'XlAsris, Rsvus mnrlt. et solon., 1873, Febr. Der Handelsverkehr u. die Schifffahrt Algiers in den Jahren 1872, 1871 u. 1862, Preuß. Han- delsarch. 1873, Nr. 27; Leeonnnissnnes än trnits äss olrsmins äs ksr äs Lonstnntins n 8stik st äs (lonstnntins n Lntnn, Lapport äs N.LI. Iss insssnlsuis ste., Constantine 1873; Ville, Lx- ploratiou AsoloZIgus äu Lsni Llrnd, äu Lnllnrn ^ st äs ln rsAion äss stsppss äs In prov. ä'XI- §sr. Par. 1873. Algerobas, Sorte Linsen aus Spanien mit bunten Körnern; eine angenehme Speise. Algesheim, Stadt, s. Gaualgesheim. Algesrras (Algeziras), St. in der spanischen Prov. Cadiz, am Meerbusen von Gibraltar; ist ! Sitz des General- u. des Marinecommandauien des x Campo de S. Roque (Grenzbez. gegen Gibraltar); hat einen durch mehrere Forts geschützten Hafen, mehrere stattliche Kirchen und Klöster, schönen Hauptplatz mit Promenade, elegante Kaufläden, einen langen Aquäduct, welcher das Trinkwasser aus dem benachbarten Gebirge zusührt, lebhaften Küstsnhandel; 14,230 Ew. A. ist eine maurische Gründung an dem Orte, wo 711 n. Chr. die vom Grafen Julian gegen König Roderich zu Hilfe gerufenen Mauren zuerst in Spanien landeten. Es gehörte dann zum Königreich Granada u. wurde nach langer Belagerung 1344 von den Mauren dem König Alfons XI. v. Castilien übergeben. Hier den 6. Juli u. 12. Juli 1801 zwei Seetreffen zwischen der englischen und spanisch-französischen Flotte; in ersterem siegten die Franzosen unter Linnois, welcher daher den Namen eines Grafen v. A. erhielt; im zweiten wurde die spanisch-französische Flotte unter Linnois und Moreno von der englischen geschlagen. Algeti, Nebenfluß der Kur in Grusieu. Algetisch (v. Gr.), schmerzhaft, durch Schmerz entstanden. Alghero (Algher), St. im gleichnamigen Bez. der italienischen Prov. Sassari, Insel Sardinien, auf der Westküste in herrlicher Lage, mit befestigtem Hafen (Porto Conde); Bischofssitz, Kathedrale (von 1510), Gymnasium, Casa Albis oder Mara- moldo, wo Karl V. wohnte; Korallen- u. Muschel- j fischerei, Weinbau (der beste der Insel), Öl und Südfrüchte, Handel mit einheimischen Producten; 8100 Ew. In der Nähe die Grotten des Neptun 5 mit schönen Tropfsteinbildungen. A. wurde 1102 von den Genuesen gegründet; später wurden Ca- Alghin — Algonkincr. 42Z talancn angcsiedelt, deren Sprache sich noch be^ hanptet. 1S41 landete hier Karl V. auf der Rückkehr von der 2. afrikan. Expedition. Alghin (Jlghun, Jlguin), Stadt am See gleichen Namens im Vilajet Koma der Asiatischen Türkei; in der Nähe warme Bäder; 12,000 Ew. Algie (v. gr. äl^os, Schmerz; Medicin), 1) Schmerz, getvöhnlich Nervenschmerz (Neuralgie), der z. B. im Gesichte seinen Sitz haben kann (Prosopalgie, Fothergillscher Gesichrsschmerz), in der Haut (Dermalgie), in den Muskeln (Myalgie), in den Gelenken (Arthralgie), in den Eiugeweiden (Enteralgie), im Rückenmark (Rhachialgie) , im Gehirn (Cephalalgie); 2) schmerzhafte Krankheit überhaupt. Algieba, Stern/im Löwen (s. d.). Algier (sranz. LI§sr, span, -ä.rgel, arab. Dseirssmrr, d. i. die Inseln), Hauptstadt der fran- zösischen Colonie Algerien an der Westseite der Bucht gleichen Namens terrassenförmig in Gestalt eines gleichseitigen Dreieckes aufsteigend, dessen Basis am Meere liegt u. dessen Spitze von der Kasbah (Kasauba) oder der ehemaligen Citadelle, dem höchsten Punkte der Stadt (124 in ü. d. M.), gebildet wird. Die St. hat nur eine einzige größere Straße, die zwischen den beiden Thoren Bab el Md u. Bab Asun die Verbindung bildet u. eine Länge von etwa 1000 m hat; die übrigen Straßen sind, mit Ausnahme der Marinestraße, kaum 3 m breit. Thore sind im ganzen 6 vorhanden, darunter ein Wasserthor. Von hervorragenden Gebäuden sind zu nennen: der Palast des Generalgonverneurs (früher der Winterpalast des Dey) an dem Gouverncmentsplatze, der Marincplatz am Hafendamm, wo auch die großen Magazine stehen, die Kasbah, ein ziemlich umfangreiches, mit Mauern und Thürmen befestigtes Schloß, in welchem der Dey residirtc, seine Schätze verwahrte u. vor welchem in den mohammedanischen Zeiten jeder Europäer vom Pferde steigen u. den Hut abnehmen mußte. Seit neuerer Zeit ist die Kasbah in Kasernen umgewandelt, deren es noch im Westtheil der Stadt gibt, wo auch Spitäler eingerichtet sind. A. hat einen Handels u. zugleich Kricgshasen, der aber keine größeren Schiffe aufnehmen kann; seine Verthcidigungswerke wurden von den Franzosen beträchtlich verstärkt. Der Hafendamm, 660 m l., steht mit dem Ber- theidigungsdamm, der mit Batterien besetzt ist und auf welchem der gleichfalls zur Vcrtheidigung ein gerichtete Lenchtthnrm, in Verbindung. Außerdem ist die Landscite der Stadt mir einer Mauer von 10 m Höhe u. etwa 3 m Dicke umschlossen, in der sich Thürmchen zur Ausnahme von Geschützen be finden. Im N., außerhalb der Stadt, liegt das Fort äss vingch gnatrs üsnros; im S., ganz an der Küste, das Fort Bab Asun, nahe dem gleichn Thore; im SW. auf dem Hügellande Massif u 204 m Höhe das Kaiserfort. Kleinere, einzelne Befestigungen laufen der ganzen Landseite entlang an der Bucht hin. A. besitzt einige katholische Kirchen, worunter eine Kathedrale, eine protestantischenglische Kapelle u. viele Moscheen, deren bedeutendste Dschamma cljKebir u. Dschamma el Dschedid sind. Für den Unterricht sind zahlreiche arabische Elementarschulen, mehrere für die Eingebornen Le stimmte Schulen u. Pensionate für höheren Unterricht, ein sranz. College rc. vorhanden; ferner gibt es ein Museum, eine öffentliche Bibliothek, ein Theater, Lesecabinete, philanthropische Vereine u. eine landwirthschaftliche Gesellschaft. Die Zahl der Ew. belief sich am 1. April 1833 auf 23,753 (ohne Garnison), 1851 auf 50,111 u. 1872 auf 48,008. A. ist der Sitz des Generalgonverneurs, der obersten Militär- und Civilbehörde, des katholischen Erzbischofs und der höheren Geistlichkeit der Mohammedaner und Juden. Außerhalb der Festungswerke der im Allgemeinen eit neuerer Zeit verschönerten Stadt liegen, namentlich auf den reizenden Anhöhen, viele Villen, maurische Kapellen und Grabmäler, um- chlossen von lieblichen Gärten und Weinbergen, in denen schon während des Januar Mandelbänme, Granaten, Rosen u. Olivenbäurne zwischen Cypres- en, Palmen n. Ledern in voller Blüthe prangen. In neuester Zeit wurde A. als klimatischer Kurort mr brnstleidende Europäer empfohlen und ausgenommen. Vgl. O. Schneider, Der klimat. Kurort Algier, Dresd. 1869 u. 1872 ; Berard, Osserip- tion ck'.^lFsr ob cks sss snvirons, Par. 1867; Geschichtliches über A. s. u. Algerien. Nlgierischcr Paß, Türkcnpaß, Seepaß, Mittelländischer Paß, vor 1830 Paß für diejenigen europäischen Schiffe, welche mit den Barbaresken- staaten Verträge abgeschlossen hatten, um vor Seeräubereien sicher zu sein; er war in zwei Hälften geschnitten, deren eine (bei Tunis n. Tripolis) aufbewahrt, die andere vom betreffenden schisse mitgeführt wurde, um sie behufs der Controle der ersteren anzupassen, wenn die Seeräuber das Schiff anhielten oder Wegnahmen. Mit der Eroberung Algiers durch die Franzosen wurde die Seeräuberei u. damit auch jeder solche Paß aufgehoben. Algierisches Metall (mstal ck'UZsr) nennt man eine Metallmischung zu Tischglocken, bestehend aus 94,-, Zinn, 5 Kupfer u. H Antimon. Algiers, Stadt im nordamerikanischen Staate Louisiana am Mississippi, New-Orleans gegenüber; Schiffswerft, Fabriken; 7000 Ew. Algoa-Bni, Bai im südöstlichen Theil des Caplandes, mit gutem Hafen u. dem Handelsorte Elizabeth; 15,000 Ew. Algodonit, ein seltenes Mineral aus der Grube Algodoner am Coqnimbo, ist 6n^8. Algodoubai, Bucht des Großen Oceaus an der Küste der Republik von Bolivia, n. zwar der wüsten Prov. Atacama; ihr mit Muscheln bedecktes Ufer ist ungemein reich an Seesäugethier-Knochen. Sie besitzt weder Wasser, noch Pflanzen, und soll, nach geognostischen Thatsachen zn schließen, seit wenigstens 2000 Jahren dort kein Regen gefallen sein, doch sind Jahrtausende alte Meuschenreste (Flachschädel) dort entdeckt worden. Das Land hat ferner Kupferminen, welche von hierher gezogenen Bewohnern bearbeitet wurden, u. dort entdeckte der Erforscher dieser Gegend E. v. Bibra Kupferchlorid, das seinen Namen von der Wüste Atacama, erhalten hat u. dessen Gang hier 2 m mächtig ist. Algol, Stern ^ im Perseus (s. d.). Algonkrner (Algonkin-Lenape), weitverbreitete Völkergrnppe der Indianer in Nordamerika, deren augehörende Stämme oder Völker einst vom Felsen- 424 Algorab — gebirge ostwärts, im Qucllgebiete des Missouri bis zum Atlantischen Occan, im N. bis an die Hudsonsbai, im S. bis an den Cumberlandfluß reichten und die Irokesen in Canada rings umschlossen. Zu ihnen gehörten die Mikmak in Nen-Braunschweig, Neu-Schottlaud, Prince-Ed- wards-Jnsel, Cap Breton, die Abenak im S. des St. John-Flusses, dann die Lenni-Lenape oder Delawaren an der atlantischen Küste, unter welchen wieder die Pennacock, Pawtucket, Nipmuck und Wampanoag (in Massachusetts), Narragansets u. Peqnot (Connecticut), Mohikaner (um New-Iork), Susquehannocks am Susquehanna, Powhattans (Nord-Carolina), Pamplicoes, Shawaeres, Illinois, Miamis, die Knistinoes oder Kris in den Hudsonsbailändern, die Sauks u. Foxes am Wisconsin, Ojibways u. Ottawas an den kanadischen Seen, die Menomennis oder Wildräslcnte an der Green- bai des. Oberen Sees, die Schwarzfüße am oberen Missonrigebiete u. viele Andere. Die Zahl der A., die früher ans 90,000 Seelen zu schätzen war, beträgt jetzt nur etwa 22,000, von denen auf die Ojibways allein 18,700 kommen. Über die Sprachen der A. vgl. Müller, Der grammatische Ban der Algonkin-Sprachen, Wien 1867. Vgl. Amerika, Bevölkerung. Algorab, 1) Fixstern 3. Größe im Sternbilde des Raben; 2 ) Fixstern 3. Größe / im Sternbilde der Zwillinge. Algorithmos (Algorismns, wahrscheinlich nach einem arabischen Mathematiker Al-Kharismi oder Al-Khoarezmi genannt), ursprünglich die Rechnung mit dem dekadischen Zahlensystem; jetzt bisweilen als gleichbedeutend mit Rechnungsart gebraucht; z. B. al^oritlimns inlmitsoimslis, Infinitesimalrechnung. Algrcen-Ussing, Tage, namhafter dänischer Jurist und Staatsmann, geb. li. Oct. 1797 zu Frederiksborg ans Seeland; studirte in Kopenhagen die Rechts, machte 1831—1832 eine Reise durch Deutschland, Frankreich u. Italien u. wurde 1836 Assessor beim Hof- u. Stadtgericht in Kopenhagen, 1841 Assessor beim Höchsten Gericht, 1846 Etatsrath u. Mitglied der dänischen Kanzlei u. Direktor für Justiz u. Polizei in Fünen, Laaland u. Falster, Jütland, für Bornholm, Island und die Faröerinscln. Daneben war er seit 1840 Professor der Rechte u. 1844 Bürgermeister in Kopenhagen. Von ihm ging 1844 im dänischen Pro- vinciallandtage, in welchem er seit 1835 saß, der Antrag über Staatseinheit u. Gleichheit der Erbfolge auch in Len Herzvgthümern aus, welcher in der Versammlung mit großer Mehrheit angenommen und wodurch der erste Anstoß der Übergriffe der dänischen Partei gegen die Herzogthllmer gegeben ward. Am 2. März 1848 wurde er an Orstcds Stelle Generalprocureur des Königsreiches u. darauf in die dänische Reichsversammlung gewählt; Mitglied des Comites, das den Grundgesetz entwurf zu prüfen hatte, erklärte er sich wider das allgemeine Stimmrecht, verlor dadurch die Voltsgunst und zog sich darauf vom politischen Leben zurück. 1854 berief ihn der König in den Reichsrath, u. 1855 bereiste er in Staatsgeschäften mehrere größere Städte Europas. Erst. 27. Juni 1872u. schrieb: HanckboA iäsa äam-lcoLriininsIrot, Alhondra. 4. A., Kopenh. 1859; I/ärsn OM Lsrvitubsr, ebd. 1846; IlancidvA 1 äsn äanslcs Xrveret, ebd. 1855; außerdem besorgte er die Ausgabe der königlichen Rescripte u. Resolutionen (1841 ff.) n. der dänischen Gesetzsammlung (1851 ff.). Algnacil (span., aus dem arab. 1Vs.sU, die durch die Gnade des Königs verliehene Macht) ist in Spanien der Titel der mit der Ausübung der Justiz betrauten Personen, die als Abzeichen der ihnen übertragenen Gewalt den Gerichtsstab erhalten. Die A-es, welche auf Grund eines erblichen oder Familien-Lehens oder einer auf sie von Seiten der Municipalität gefallenen Wahl in einer Stadt die Justiz üben, heißen X-so maz-orss, während die unteren Diener der Gerichte und der Polizei X-S8 insnorss oder oräinarios genannt werden, man gewöhnlich unter A. auch nur diese versteht; sie erscheinen bei besonderen feierlichen Gelegenheiten beritten in altspanischer Tracht. Früher hießen A-es auch die Vollstrecker der Ur- theile und Tribnnalsbefehle der Inquisition, der Crnzada, der Ritterorden rc. Alhnbor, arabischer Name des Sirius. Magi Vor»-»., Pflanzengattuug zur Familie der Schmetterlingsblüthigen (XVII. 6). Art: X. Aknn- rornin Vbnrn., in Westasien heimischer, stachlicher Strauch, Mutterpflanze des persischen Manna (s. Manna). Alhäma, I)St. in der spanischen Prov. Granada (Andalusien), wildromantisch auf einem Felsenhügel in der gleichnamigen Sierra gelegen; hat berühmte Schwefelquellen von 36° R.; 7400 Ew.; war zur Zeit der Mauren eine wichtige Festung, in welcher sich die Schatzkammer der Könige von Granada befand. In der Nähe die tiefe Felsen- schlncht der Puerta de Zafarraya, durch welche der Saumpfad von Granada nach Malaga führt. 2 ) St. (Villa), in der spanischen Prov. Murcia, besuchter Badeort mit warmen Schwefelquellen von 26—37° N. in 223 m Seehöhe, beliebter Frühlingsaufenthalt der Mnrcianer; 3642 Ew. 3 ) (A. la Seca) Dorf in der spanischen Prov. Almeria im Thal des Rio de Almeria, mit warmen Mineralquellen von 25—35 ° 8 .; 3140 Ew. 4 ) Rechter Nebenfluß des Ebro in der spanischen Prov. Alt- Castilien; mündet unterhalb Alfaro. Alhamariden, maurisch-spanische Königsdynastie in Granada, gegründet von Mohammed Al- hamar, nachdem durch die Siege der christlichen Waffen der Kreis der maurischen Besitzungen sich bis auf das früher zum Königreich Cordova gehörige, nun selbstständige maurische Königreich Granada verengt hatte. Die Alhamariden-Dynastie regierte schon seit 1246 den castilischen Königen tributpflichtig von 1236—1492, wo Ferdinand der Katholische nach eilfjährigem Kriege mit ihr den letzten A., den König Äbu-Abdallah-el-Zagri (Boabdil), 2. Jan. 1492 besiegte u. der maurischen Herrschaft in Spanien überhaupt ein Ende machte. Alhambra (arabisch, das rothe Hans), Stadt- theil nebst maurischem Königspalast in Granada (s. d.). Nlhandra (el grande), St. in der spanischen Prov. Malaga, am nördlichen Fuße der Sierra de Mijas, in reizender Lage, mit zahlreichen Land- 425 Alhcmi Hausern der Einwohner von Malaga; 6800 Einwohner. Alhena, Stern ^ in den Zwillingen (s. d.). Alhidäüe (arab., d. i. Zähler), ein Theil an astronomischen Jstrmnenten, z. B. am Theodoliten; besteht in einem wagrecht stehenden Kreise (daher Alhidadenkreis), der an einer senkrecht stehenden Achse drehbar ist. Er liegt auf einer zweiten, scstliegenden Kreisfläche, dem Horizontalkreise, von etwas größerem Durchmesser. Der von letzterem ringsum vorstehende Kreisring (Limbus) ist meist versilbert und mit einer sehr feinen Kreistheilung versehen. Der äußere Rand des A-nkreises, welcher den Limbus berührt, ist an 2 bis 4 Stellen (Nonien) ebenfalls in Kreistheilung geschnitten. Indem nun beide Theilungen scharf aneinander stoßen, wird es möglich, aus der Verschiebung beider Theilungen den Winkel abzulesen, um welchen sich der A-nkrcis, dessen Achse zugleich das Fernrohr trägt, bei der Beobachtung verschiedener Objecte auf dem Limbus gedreht hat. Al -Hufhuf, Hauptst. der Landschaft Hadschar in Arabien; 15,000 Ew. Ali, Flecken im Distr. und der Prov. Messina ans der Insel Sicilien, nahe am Meere und an der Eisenbahn Messina-Catania; besuchte Schwefelbäder; 2710 Ew. Ali (arab.), männlicher Name, bedeutet hoch, erhaben, ist zugleich ein Ehrentitel, wie unser Ihre Hoheit rc. I. Herrscher: 1) Ali ben Äbu- Taleb, erster Moslem, geb. zu Mekka 602 n. Ehr., Vetter und Eidam des Propheten, dessen Tochter Fatimeh er heirathete; wollte als solcher dem Propheten im Khalifat folgen, ward aber von Abu- bekr, dem Schwiegervater Mohammeds durch die A'ischa zurnckgedrängt u. unterlag nach Abubekrs Tode auch Omar. Erst nach Othmans Ermordung 656 gelang cs ihm endlich, Khalif zu werden, der vierte. Von den Schiiten wird er als der erste rechtmäßige Imam oder Hohepriester angesehen u. geachtet, u. sie erweisen ihm fast gleiche Ehre mit dem Propheten. Jndeß war seine Regierung ein steter Kampf mit inneren Feinden, unter denen am erbittertsten sich Aischa, des Propheten Wittwe, zeigte. (Schlacht des Kamels, wo sie ans einem Kamel gegen ihn ausritt.) Der mächtige Statthalter Moavijah von Syrien erhob mit Talhau. Zobeir Ansprüche auf die Regierung, u. während Ali diese beide zurückschlug, wobei sie das Leben verloren, bemächtigte sichMoavijah mit Amru zusammen Syriens und Ägyptens und selbst eines Theils von Arabien. Nach 5 Jahren traurigster Negieruugszeit fiel A. durch Meuchelmörder, 661. Es werden ihm weise Sprüche zugeschriebcn (herausgegeben von Fleischer: A-s Hundert Sprüche, arabisch und persisch, Leipz. 1837). Seine lyrischen Gedichte religiösen Inhaltes sind unter dem Titel Divan gesammelt, Leyd. 1745, von Kuyper heransgegeben und 1840 auch in Bulak gedruckt. Der Streit um die Rechtmäßigkeit seiner Nachfolge zog die Spaltung der Moslemin in Aliden (Schiiten) und Sunniten nach sich (s. u. Islam). 2) A. Bey, geb. 1728 in Abchasien; kam als Sklave nach Ägypten zu Ibrahim Kiaja, dem dortigen Janitscharenhäuptling, und wurde 1748 Wegen bewiesener Tapferkeit freigegebcn, 1757 — Ali. Mamluken-Bey in Ägypten und nach dem Tode Ibrahims auch dessen Nachfolger. Durch List u. Gewalt machte er sich unabhängig von der Pforte zum Sultan von Ägypten und eroberte, da die Pforte wegen des Krieges mit Rußland ihm nicht entgegentreten konnte, noch Mekka und fast ganz Syrien, 1771. Jndeß erhob sich sein Adoptivsohn u. Feldherr Mohammed-Bey gegen ihn u. nöthigte ihn znr Flucht nach Syrien, znm Scheikh Daher, seinem Verbündeten. Mit dessen Hilfe setzte sich A. mit den Russen u. Venetiauern in Verbindung, um Ägypten zur alten Macht u. znm Mittelpunkte zwischen Orient und Occidcnt zu machen. Nach einem großen Siege über die Türken u. der Einnahme von Tripoli, Antiochia, Jerusalem und Jaffa rückte A. mit Daher gegen Ägypten, gegen seinen Schwiegersohn Abn-Dehab, ward aber in der Entscheidungsschlacht, April 1773, gefangen u. starb wenige Tage danach an Gift oder an seinen Wunden. 3) A., geb. 1781, Adoptivsohn deS Nabob von Oude, Asses ed Daulah, u. Vezier des Großmogul Schah Alum; übernahm nach seines Pflegevaters Tode 1797 unter Zustimmung der britischen Regierung die Herrschaft, zeigte sich aber den Briten nicht so gefügig, wie sie wünschte», ja, widersetzte sich ihnen geradezu u. ward daher 1798 entsetzr u. nach Benares gebracht. Nachdem er hier den englischen Residenten Cherry ermordet hatte, floh er zum Nadschah von Berar, welcher ihn den Briten auslieferte; er wurde in einen eisernen Käsig eingesperrt und st. 1817. 4) A. Mnrad, Schah von Persien; folgte in WPersien nach Überwindung der verschiedenen Thronpräten- denten als Khan seinem Onkel Kerim Khan oder Kerim Wekil, da derselbe sich nicht Khan sondern Wekil (Reichsverweser) nannte, 1780. Während der erwähnten Streitigkeiten hatte sich in dem erst durch Kerim wieder vereinigten Reiche nur in Masen- deran der Kadschare Aga Mohammed unabhängig gemacht; A. zog gegen ihn zu Felde, verlor aber auf diesem Zuge 1785 das Leben durch einen Sturz mit dem Pferde. 5) Schir-A.-Khan, zum Emir von Afghanistan von seinem Vater Dost- Mohammed erklärt, sollte nach dessen Tode 1863 die Herrschaft antr>.m, wurde daran aber durch die Verwandten mit den Waffen in der Hand verhindert und kam erst nach einer fast sechsjährigen Änarchie in Besitz Afghanistans, Jan. 1869, in Folge einer entscheidenden Schlacht bei Ghasna. Nene Unruhen im Juli 1869 überwand er leicht, und nun stellte sich die britische Regierung auf seine Seite. Eine Ende März 1869 zu Amballa mit dem Geueralgouveruenr von Indien, Lord Mayo, stattgehabte Zusammenkunft, besiegelte seine Anerkennung als Herrsche^ von Afghanistan und führte zu einem Bündnisse mit der britischen Regierung, dessen erste Frucht ein friedlicher Ausgleich zwischen Schir-A. und dem Khan von Bokhara (Mnzafser Eddin) war. Schir-A. bemühte sich eifrigst, die Macht der Vasallen zu brechen u. sie zu Unterthanen zu machen, fand aber in Ab2-ul- Rahman dem Sohne seines Halbbruders Asznl- Khan, und sogar in seinem Sohne Jakub beftige ^ Gegner, welche ihm in den Nachbarländern Feinde erweckten. II. Pascha von Janina: 6) A., geb. 1741 zu Tepeleni in Albanien, ans dem 426 Alia — Älianus. Geschlechts der Tokziden, albanesischer Häuptlinge. Nach dem Tode des Vaters, 16 Jahre alt, von der Mutter an die Spitze ihrer Anhänger gestellt, gelang es ihm erst nach manchen Niederlagen u. Unfällen über die Gegner in Tepeleni zu trium- phiren u. sich als Häuptling zn behaupten. Um mit der Pforte aus guten Fuß zu kommen, unterstützte er, im Besitze aller Ländereien seines Vaters und einiger griechischen Städte, den Sultan gegen den rebellischen Vezier von Skutari und wurde Statthalter von Delvino, nachdem er den dortigen Pascha Selim überfallen und hatte tödten lassen. Durch Bestechung des Divan wurde er Stellvertreter des Dervendschi Pascha, der für die Sicherheit des Landes zu sorgen hatte, benutzte aber diese Stellung zur Unterstützung der Räuber- Häuptlinge gegen Geld. Im Kriege mit Rußland und Österreich leistete er seit 1787 der Pforte die besten Dienste, die ihm mit der Ernennung zum Pascha von Trikala in Thessalien gelohnt wurden. Durch einen untergeschobenen Ferman bemächtigte er sich der Stadt Janina, zwang die Einwohner sich ihn vom Sultan als Statthalter zu erbitten, welchen Posten er auch durch gleichzeitige Bestechung des Divan erhielt. Während der französischen Expedition nach Ägypten trat er mit Bonaparte in Unterhandlung, überfiel aber 1798 die von den Franzosen besetzten Küstenplätze in Albanien und eroberte sie bis auf Parga. Durch seine Vermittelung erhielt die Pforte 1800 alle ehemals venetianischen Städte des Festlandes, u. als er 1803, nach dreijährigem Kampfe, die Sulioten unterworfen hatte, wurde er zum Öbcr- statthalter von Romainen ernannt. Durch eine feste Regierung im Innern gesichert, machte er sich nach und nach fast ganz unabhängig von der Pforte, trat 1807 mit Napoleon in Verbindung, um Parga und die Jonischen Inseln noch zu erhalten, u. als dies nicht glückte, mit den Engländern, die Parga scheinbar der Pforte, in der That aber ihm zusprachen. 13 Jahre sah die Pforte seinem Treiben zn, bis endlich Sultan Mahmud seine Entsetzung aussprach u. zu deren Ausführung Ismail Pascha mit 5000 Mann, unterstützt von den Kapitanis der griechischen Armatolen, entsendete. A. zog sich in die Burg zurück u. schoß die Stadt selbst in Brand. Nachdem Ismail Pascha abberufen n. dessen Nachfolger Beba-Pascha plötzlich gestorben, sandte die Pforte Khurschid Pascha mit 12,000 Mann gegen A., aus dessen Seite sich nun die Albanesen n. ganz Griechenland stellten, so daß Khurschid Pascha imAug. 1821 ebenfalls ab- zichen mußte. Da indeß A. die den Griechen gemachten Versprechungen nicht hielt, verließen sie ihn, u. nun kehrte Khurschid wieder u. zwang A. endlich zu Unterhandlungen. Obwol ihm Gut u. Leben zugesichert war, u. er am 1. Febr. 1822 Janina übergeben, wurde ihm am 5. Febr. das Todesurtheil verkündet; da er sich zur Wehre sichte, wurde er mit 6 Getreuen niedergehauen, sein Kopf nach Constaminopel geschickt und seine Schätze für den Großherrn eingezogen. Seine 2 Söhne, Veli n. Muchtar Pascha, waren 1820 von den Türken gefangen u. nach Kleinasien verbannt und schon 1821 wegen ihrer Verbindung mit der Partei ihres Vaters hingerichtct worden. III. G e- lehrter: 7 ) A. Sch Ir, Sohn Behebers, eines der Großen am Hofe der Tschagataischen Sultane. Sein Großvater mütterlicher Scits war einer der ersten Emire des Sultans Butara Mirza, des ! Großvaters des Sultans Hossein Mirza, unter dessen Regierung A. zu den höchsten Ehrenämtern und zum größien Ruhme gelangte. Er lebte im 10. Jahrh. unter dem Sultan Abnl Kasein Babur Mirza in Tichagatai und nach dessen Tode in Maschhad und Samarkand, wo er seine Studien fortsetzte u. ganz den Wissenschaften oblag. Später unter der Regierung des Sultans von Khorassan, Hossein Mirza, zur Würde des ersten Veziers erhoben, verherrlichte er dessen Regierung nicht nur durch den Schutz, den er den Wissenschaften angedeihen ließ, sondern auch durch Errichtung öffentlicher Anstalten u. Ausführung zahlreicher anderer großartigen Bauten. Da er aber Muße für seine Studien zn gewinnen wünschte, so vertauschte er zuerst die Würde eines Großveziers mit der eines Statthalters in Astrabad u. gab dann auch diesl auf, um einzig und allein den Wissenschaften zu leben. Die meisten seiner Werke sind in Europa bis jetzt nicht näher bekannt. Der französisch! Orientalist Qnatreinöre hat im ersten Hefte seiner unvollendet gebliebenen (Nrrsstomatiiis on ll'uro oriental, Par. 1841, bei Finnin Didot, die Texte zweier Schriften dieses Mannes drucken lassen, namentlich 1) seine Geschichte der (alten) Könige Persiens bis ans dessen Eroberung durch die Kha- lifen; 2) eine Abhandlung über angebliche Vorzüge der türkischen Sprache vor der arabischen unter ^ dem arabischen Titel: Älnliaksmoil ul lnssliatsjn, d. i. Gericht über die beiden Sprachen. Letztere ist zum Theil ins Magyarische übersetzt, von dem bekannten Reisenden H. Vämbery im Jahrg. 1862 der zu Pest erscheinenden Sprachwissenschaftlichen Mittheilnngen Isiz-ölvtuckoinünz'i Lörlsinsnz-sk. Der russische Orientalist Beresin hat in seiner Türkischen Chrestomathie, Kasan 1857, einen Auszug aus A. Schrrs Charakteristik einer bedeutenden Anzahl osttürkischer Schöngeister, die Llollsodätis- üL-HsIaM, d. h. Oonsossns lllxssllsntium überschrieben ist, mitgetheilt. Alia, St. im Kreise Termini-Jmerese der Prov. Palermo aus der Insel Sicilien, auf steiler Höhe; Prätur; 5500 Ew. Alm (a. Geogr.), mehrere nach Mus Hadria- nus benannte Städte, z. B. Älia Capitolina, so v. w. Jerusalem. ÄltättUs, 1) Tacitus, lebte zu Rom um 100 n. Chr. und schrieb eine dem Kaiser Trajan gewidmete taktiles tlrsöria über die griechische, besonders die makedonische Anordnung der Schlachten; herausgeg. zuerst von Th. Gaza 1487, am besten in Köchly und Rüstow, Sammlung der griechischen Kriegsschriftsteller, Bd. 2 . 2 ) Claudius A., Sophist aus Präneste, im Anfänge ' des 3. Jahrhunderts n. Chr.; compilirte eine Sammlung von Geschichten vermischten Inhaltes (Varia liistoria, 14 Bücher) und eine naturhistorische ^ Sammlung (17 Bücher Mstoria animalium), beide interessante Züge aus dem Thier- u. Menschenleben in buntem Wechsel und reicher Mannigfaltigkeit darbietend, und deshalb namentlich in 427 ^lias — Angnemcnt. früheren Jahrhunderten trotz der mittelmäßigen Sprache (sie sind zum Theil nur in spätem Ex- cerpt auf uns gekommen) gern gelesen und auch im Jugendunterrichte verwendet. Ausgaben von R. Hercher, Par. 1858; die Varia Iristoria, von Dems., Leipz. 1870; die Hist, uuimalium, v. Fr. Jacobs, 2 Bde., 1831, und R. Hercher, Leipz. 1861—1866, 2 Bde. /Mas (lat.), anders, außerdem, soust. Allbaud, Louis, geb. 2. Mai 1810 zu Nis- mes; bekannt durch sein Attentat auf den König Ludwig Philipp am 25. Juui 1836, in Folge dessen er am 11. Juli dess. I. guillotinirt wurde. Alrbert, Jean Louis d'A., namhafter Me- diciner, geb. 1766 zu Villefranche; Schüler von Cabanis, Freund von Richat u. Richeraut, groß als Lehrer der Wissenschaft, Professor an der me- Licinischeu Facultät zu Paris, Oberarzt im Hospital St. Louis und 1818 Leibarzt Ludwigs XVIII., von KarlX. baronisirt; starb 6. Febr. 1837. Er schr.: 8ur los tlsvros iirtormittoutes pernlelsusss, Par. 1799, 5. A. 1820; Xouvoaux slömsus äs tlrörapsutigus eto., ebd. 1804, 5. Ansg. 1826; Dssoript. äos malaäios äs 1a poau, ebd. 1806 bis 18, Fol. (deutsch v. Müller, 1. H., Tüb. 1806); lflosoloSis Naturells, ebd. 1817—1825, 2 Bde.; ?Ii)'sioIoAis äos xassions, ebd. 1823, 2 Bde. (deutsch v. Scheidler, Wien 1826) rc. Alibi (lat., an einem anderen Orte, anderswo), bezeichnet im Criminalverfahren den rechtswirksamen Gegennachweis, daß der eines Verbrechens Angeschuldigte zur Zeit, in welcher dasselbe verübt wurde, nicht am Orte der That, sondern anderswo sich aufgehalten hat. Kann der Angeschuldigte diesen Nachweis führen, sein A. Nachweisen, so wird er wenigstens von der Thäterschaft selbst, von der physischen Urheberschaft freigesprochen, was aber, nicht ausschließt, daß er immerhin noch als intellectueller Urheber oder Theilnehmer verfolgt werden kann. Im Civilverfahren tritt der Beweis des A. durch den Beklagten als künstlicher directer Gegenbeweis ein, wenn der Kläger bei Begründung seines Anspruches die unmittelbare Gegenwart des Beklagten betont, oder in seine Beweisführung als ein Glied des Beweises ausgenommen hat, oder wenn die behauptete verpflichtende Handlung eine derartige ist, daß sie ohne die Gegenwart des Beklagten gar nicht vorgenommen werden konnte. Alicant» mehrere gute Traubensortcn: weißer A. oder frühe Lahntraube, gehört zu den besten Tafeltrauben für geschützte Gärten, reist früh und ist haltbar; außerdem sind weißer und blauer A. od. Portugieser zwei schöne, aus Spanien stammende Sorten mit großen, aber später reifenden Trauben, verlangen deshalb nach S. gerichtete hohe Mauern. Alicante, 1) Provinz im ehem. spanischen Königreich Valencia, zwischen der Prov. Valencia, dem Mittelmeere u. Murcia, 5-125 sissjlcin (98,6 HW), mit 410,470 Ew.; ist theils öde und unwirthlich, ohne Bäume und Wasser, theils aber auch außer- ordemlich fruchtbar, bringt Südfrüchte, Wein, Öl, Mais, Weizen, Seide, Hanf, Soda, Espartogras und hat viele Salinen und Salzseen; das Klima ist sehr trocken n. heiß; ein Zweig der Eisenbahn von Madrid-Valencia nach A. durchzieht die Provinz. 2) Haupts!, darin, am Mittelmeere u. an der von Madrid hierher führenden Eisenbahn. Zerfällt in die Obere, an einen 280 in hohen Felsberg hinangebaute, und in die Untere, auf der Strandebene gelegene Stadt; ist von starken Festungsmauern umgeben u. außerdem durch ein Castell und die beiden Forts S. Barbara und 5. Fernando geschützt. A. ist Sitz eines Bischofs, hat Collegial- und 2 Pfarrkirchen, bischöfl. Palast, Institut», Zeichnenschnle, Bibliothek, Theater, guten Hafen, lebhafte Industrie in Cigarren, Baumwollen- und Leineuwaaren, Seife und berühmten Weinbau (s. Alicautewein); 16,700 Ew. A. hieß zur Römerzeit Alona. Es ward 718 von den Mauren eingenommen, kam unter Ferdinand IH. an Ca- stilien und 1304 an Aragonien, dessen König Jakob II. sie zu Valencia schlug; 1332 wieder von den Mauren belagert; 1691 schoß der Graf Estrees mit einem franz. Geschwader die Stadt in Brand; 1706 erstürmten die Engländer A. für Karl III., 1709 ergab sich aber die Stadt dem franz. General Asfeld, 1812 wurde A. wieder vou den Franzosen belagert. Hier am 27. Jan. 1844 ein Volksaufstand unter Bonnet, der erst am 6. März gedämpft wurde, wo die Stadt an die Negierungslruppen capitulirte. 1873 wurde die Stadt, nachdem sie sich anfangs für unabhängig von der Regierung erklärt hatte, dann aber wieder zum Gehorsam zurllckgebracht worden war, am 27. Sepr. von den Aufständischen von Cartagena durch ein Bombardement heimgesucht; s. Spanien. Alicantewern, vorzüglicher spanischer Wein, schwer und süß; wächst namentlich am Nordabhange des Felsberges, auf welchem der obere Stadtthcil von Alicante erbaut ist; die Trauben wurden durch Kaiser Karl V. aus Deutschland dahin verpflanzt; vorzüglich ist der dunkelrothe Vino Tinto. Alrcata, Stadt, so v. w. Licata. Alienation (v. Lat.), 1) Veräußerung, Em- Äußerung; bes. 2) (ital. XIlsnamsnto) Verkauf vor dem Ausbruch eines Concurses; ist gesetzlich verboten (Alieuationsverbot), siehe unter Concurs; 3) (X. rnentis) Geistesverwirrung, Geisteskrankheit überhaupt. Alien-Bill, s. Fremdenbill. ülisni juris komo (lat.), ein Mensch fremden Rechtes, d. i. ein solcher, der rechtlich von einem Anderen abhängig, der rechtlichen Selbstständigkeit für seine Person ermangelt, im Gegensätze zu lromo sui furis, Demjenigen, der rechtlich selbstständig ist. Bei unseren gegenwärtigen Rechtsverhältnissen ein kaum mehr vorkommender Zustand. Alife, Flecken im District Piedimonte d'Alife der italienischen ProvinzTerra di Lavoro (Caserta); in ungesunder Lage, in Sümpfen des Voltnrno; Bischofssitz; 3200 Ew. Alighieri, s. Dante. Aligherri, Aligiri, Gebirg in der Südspitze Ostindiens, mit dem Permal, 2220 m hoch. Alignement (franz.), 1) (Feldmeßk.) eine auf dem zu vermessenden Felde abgesteckte Linie, welche in der Weise als Grundlage der Vermessung dient, daß von ihr aus verschiedene senkrechte Linien nach den Eckpunkten der Grenze des Feldes gezogen werden, welche dasselbe in Dreiecke und Trapeze theilen. 2) (Kriegsw.) Richtungslinie 428 Aligncinmtsinstrumeirt — Alimcntativii. k- !? einer sich anfstellenden Truppe; daher Aligne mentsanfmarsch: die Marschcolonneu der Truppen nehmen durch Aufmarsch die Richtung nach einer zu diesem Zwecke bezeichnet«! Abtheilnng der Truppen auf. 3) (Astron.) Methode der A-s, die Art u. Weise, einzelne Sterne durch gerade Linien (eigentlich Bögen) mit einander zu verbinden, wodurch Dreiecke n. Vierecke entstehen, um so die einzelnen Sterne n. Sternbilder kennen zu lernen Alignementsinstrument, ein für artilleristische Zwecke constrnirtes kleines Spiegelinstrument, hauptsächlich zum Aufsuchen der Verlängerung der Linien von Festungswerken. Aligny , Claude Franyois, Landschaftsmaler, gcb. zu Chaumes (Dep. Niövre) 6. Febr. 1798, gest. im März 1872 als Director der Kunstschule zu Lyon; Schüler Watelets und Regnanlts; wendete sich schon früh der historischen Auffassung der Landschaft zu und zählte in Frankreich zu den ersten Meistern der Neuzeit. Er malte ansschließend südliche Landschaften mit architektonischem Aufbau der Linien und mythischer Staffage. Die schwächste Seite A-s ist die Farbe: sie ist trocken und bunt, die Behandlung elegant, aber hart. Alimcna, Flecken im District Cefaln der ital. Prov. Palermo (Sicilien); Prätur; 4580 Ew.; wurde 843 von den Saracencn erobert, ist wahrscheinlich das alte Hemichara. /Uiments, 1) (Physiol.) Nahrungsmittel des Menschen, sind theils stickstoffhaltige und stickstofflose organische Verbindungen, theils anorganische Stoffe, die zum Aufbau und zur Erhaltung des Körpers verwandt werden. 2) (Rcchtw.) Unterhalt, Verpflegung; s. Alimentation. /Uimontmia tabula Irajanl, eine prasciiornm ob- sonen oder aus Stiftungen nach den Stiften, benannt, z. B. Fanstinianä und Mammäani nach den Kaiserinnen Faustina u. Mammäa, der Mutte, des Alexander Severus. Alimentation (v. Lat.), Gewährung des Unterhaltes (der Alimsnta), worunter — dies ist nach Römischem Rechte die Regel — nur das zur Leibesnahrung und Nothdnrft Nothwendige (a. natnralia) oder — deutsch-rechtlich — überhaupt diejenigen weiteren Competenzen, welche Jemand zur (standesgemäßen) Unterstützung eines Anderen gewähren muß (a. oivilia). Die.rechtliche A-spflicht kann begründet werden durch Gesetz, Vertrag oder letztwillige Verfügung. Die A-spflicht besteht gesetzlich: 1 ) gegenseitig für Eheleute, so lange nicht eine gänzliche Trennung der Ehe oder immerwährende Scheidung von Tisch- und Bett eingetreten, u. wenn nicht der Ehemann die geschiedene Ehefrau als den unschuldigen Theil alimentiren muß; erner für Ascendenten (Vater, Mutter, Großeltern gegen Kinder u. Enkel) u. eheliche Descen- denten (Kinder, Enkel gegen Eltern, Großeltern), nccessiv nach der Nähe des Grades, u. zwar, soviel die Kinder anbelangt, die ehelich geborenen, owie die Adoptivkinder; ja, das Französische Recht, Oocko Rapvlsou, verpflichtet sogar Schwiegersohn n. Schwiegertochter zur A. der Schwiegereltern. Uneheliche Kinder haben zunächst nach dem Nönnchen u. Französischen Rechte nur gegen die Mutter und deren Eltern den Anspruch ans Unterhalt, während nach dem Gemeinen Rechte u. der deutschen Particulargesetzgcbung —- nach dem Vorgänge des Kanonischen Rechtes — ihnen u. ihrer Mutter für alle Fälle gegen die außerehelichen Erzeuger die Forderung auf Gewährung eines li^atio, heißt eine auf einer großen Bronzerafels Beitrages zu den Ernährungskosten zusteht, wo 1747 in den Ruinen des alten Vetleja bei Piacenza ausgefnndcne Urkunde des Kaisers Trajan, woraus hervorgeht, daß aus einer Stiftung, welche dieser Kaiser zum Behufe der Unterhaltung und Erziehung freigeboreuer .Kinder gemacht, 1 Will. Sestercien an 52 Grundbesitzer im Gebiete von Velleja gegen Verpfändung der Grundstücke und 5 Procent Zinsen ausgeliehen war, und aus den Zinsen 300 Kinder, die Knaben monatlich 16, die Mädchen 12 Sestertien erhielten, lieber das Institut der Alimentationen n. aiimsirkarii s. Trajan und über die ladula L. Spangenberg: Iuris Romani labnlas negotiorum soUemninm, eck. 1822, und Bruns' Rontss juris Rom. nntigui, eck. II. üümentarli u. klimentmlae (lat.), 1) Personen, denen Lurch ein Testament Unterhalt (Lliinsuta) hinterlassen wird. 2) (Rom. Am.) Seit Nerva und Trajan Waisen und andere Kinder, die Spenden an Getreide oder gewöhnlich an Geld erhielten. Hadrian verordnet, daß Liese Spenden Knaben bis zum 18., Mädchen bis zum 14. Lebensjahre verabreicht werden sollten. Das Meiste darüber ist uns ans Inschriften, namentlich über die großartigen Trojanischen Stiftungen zu Velleja u. Be- nevent, auch durch solche von Privatleuten, bei Lenen diese Schenkungen später Sitte wurden, bekannt. Waisenhäuser waren damit jedoch wol nicht verbunden. Oft wurden die Kinder auf Kosten des Staates, der Kaiser, von Privarper- gegeu dem außerehelichen Vater ein Erziehungsrecht an dem Kinde vom vierten Jahre an — wenigstens nach einigen Rechten — zuerkannt ist (s. Uneheliche Kinder). Die A-spflicht der Mutter u. ihrer Eltern gegen ein uneheliches Kind besteht ebenso wie bei ehetichen. Streitig ist es, ob Geschwister gegen einander A-spflicht haben. 2) Besteht die A-spflicht für Den, der einen Anderen zur eigenen Bestreitung des Lebensunterhaltes unfähig gemacht hat (so auch bei Fabriken, Eisenbahnverwaltungen gegenüber den ohne eigene Schuld in ihrem Berufe, ihrer Arbeit Verunglückten (s. deutsches Reichsges. v. 7. Juni 1871, R.-G.-Bl. S. 207). 3) Ist eine öffentliche A-spflicht der Gemeinden oder sonstigen politischen Verbände begründet, wenn ein Hilfsbedürftiger einen privat- rechtlichen A-sansprnch nicht hat, oder wegen Vermögenslosigkeit des Pflichtigen nicht geltend machen kann (s. u. Armenwesen). Die privatrechrliche A-spflicht setzt voraus: die Hilfsbedürstigkeit des Alimentarius, die Leistungsfähigkeit der Verpflichteten, und endigt mit Wegfall des erster«! Erfordernisses, beziehungsweise der anderen Voraussetzung. Die gesetzliche A. besteht nur in der Befriedigung des nothwendigen persönlichen Bedürfnisses des Hilfsbedürftigen, wenn nicht Las Gesetz ausnahmsweise — s. Ges. v. 7. Juni 1871 — weitergehende Verpflichtungen begründet hat. Die durch Vertrag oder Vermächtniß begründete A-spflicht bestimmt sich aus der Fassung 429 Alimente - dieser Rechtstitel, eventuell würde richterliches Ermessen entscheiden. Auf die persönlichen Verhältnisse des Berechtigten wie des Verpflichteten ist dabei stets Rücksicht zu nehmen. „Bis zurMllndig- keit" vermachte Alimente sind männlichen Personen bis zum 18., weiblichen bis zum 14. Lebensjahre zn leisten. Im Zweifel beziehen a. IsZs-bn sich nur auf die leiblichen Bedürfnisse des Legatars. (S. auch Ältemheil, Leibrente, Leibzucht.) Alimente, s. Alimentation. Alimipi, See in Canada, mit dem See Superior verbunden. . ü lines (lat.), auf einer neuen Zeile; daher Alinda, Absatz im Druck oder in der Schrift. Alingsäs, St. in dem schwedischen Weneborgs Län, am Säve Äs, beim See Mjör, gut gebaut, Sauerbrunnen, Fabrikanlagen; 3000 Ew. Alioth, Stern r im Großen Bären (s. d.). Alipee, Stadt an der Küste von Malabar; 13,000 Ew. Aliphcra (a. Geogr.), St. in Arkadien, südl. vom Alpheos; mit Tempeln des Asklepios u. der Athene (deren berühmte Bildsäule von Hypato- doros daselbst stand); Ruinen beim jetzigen Ne- rovitza. Aliquoter Theil (v. lat. aliquot, etliche, ir- gendwicviel), irgendwievielter Theil einer Größe, ist eine andere, wenn sie, mit irgend einer ganzen Zahl, ausgenommen 1, multiplicirt, jener gleich wird. 3 ist ein a. T. von 27; denn 3 x 9 — 27. Eine Größe ist demnach ein Vielfaches (Multiplum) jedes a. T-s von ihr. Ist eine Große kleiner als eine andere, aber nicht ein a. T. derselben, so nennt man sie wol einen aliquanten Theil der zweiten. Aliquote Töne, s. Obertöne. Alise (A.-Ste.-Reine), Df. im Arr. Semur des französischen Depart. Cöte-d'Or, am Mont Auxois; Hospital für Hantkranke, Stahlquelle mit Badeetablissement, Eisenminen, Chocoladenfabrik, Handel mit Rosenkränzen; stark besuchte Wallfahrt am 7. Sept.; 740 Ew. Der 418 rn hohe Mont Auxois beherrscht die Thäler der Flüsse Brenna, Oze u. Ozerain; auf ihm stand angeblich das alte Alesia (s. d.); Napoleon III. ließ 1865 auf seiner Spitze durch Millet eine kupferne Kolossalstatue des Vercingeturix errichten. lllisma V. (Froschlöffel), Pflanzengatt, aus der Fam. der Wasserliesche oder Alismaceen (VI. 4), mit 3 äußeren kleineren kelchartigen u. 3 größeren kronblattartigen Blüthenhüllblättern, 6 Staubgefäßen, qnirlstäudigen, zahlreichen Fruchtknoten u. vielfächeriger Kapsel mit 1 Samen in jedem Fache. 4.. Vianta^o V. (Wasserwegbreit), deutsche Wasserpflanze, Wurzel u. Kraut als Raäix und Verba plalttaMvis aquatioas gegen die Hundswuth empfohlen; 4.. nobans, parnassikoiium, rnnnnevloi- äos, in Sümpfen, zum Theil sehr selten. lUismscese (Bot., Wasserliesche), Pflanzenfamilie mit regelmäßiger, zweireihig-sechsblätteriger Blumenhülle, 6 oder mehr freien Staubgefäßen, ein- bis zwei-eiigen Fruchtknoten, mit 1 Griffel und Narbe, trockenen Früchten u. gekrümmtem Embryo. Enthält die Gattungen Eilsum, LaZibbaria n. a. Aliso (a. Geogr.), 1) alter Name des Flusses Alme. 2) Ein von Drnsus 11 v. Ehr. gegen die — Alison. Cherusker u. Sigambrer angelegtes Castell au der Münduug der Alme in die Lippe, jetzt Las Dorf Elsen, 1^ Stunde von Paderborn, nach And. an der Vereinigung der Ahse und Lippe bei Hamm, oder bei dem Zusammenflüsse der Liese und Lippe bei Liesborn oder bei Haltern. Nach der Niederlage des Varus wurde A. von Len Römern verlassen, aber von Germanicus wieder hergestellt u. besetzt. Vgl. Giefers, Vs Llisons oa- sbello, Krefeld 1847; Effekten, Das römische Castell A., Hanuov. 1857; Ders., Gesch. der Sigambrer, Leipz. 1868. Alison, 1) Archibald, geb. 1757 zu Edinburgh, gest. 1839 als Prediger an der episkopalen Kapelle daselbst. Sein Vssa/ on bös Vaturs anck Vrinoiplss ok Basis (Edinburgh 1790 u. ö.) wird wegen der Klarheit der Darstellung n. der Schönheit des Stils von den Engländern sehr geschätzt, wenn auch die darin ausgestellte Theorie sich nichi allgemeinen Beifalls zn erfreuen gehabt hat. Auch hat man von ihm eine Reihe vortrefflicher, im Geiste Fenelons gehaltener Predigten (Lermons. 2 Bde., Edinb. 1814 bis 15 und seitdem öfter). 2) Sir Archibald, Sohn des Vor., englischer Geschichtschreiber, geb. 29. Dec. 1792 zu Kenley in Shropshire, wo sein Vater damals Pfarrver- weser war; erhielt seine Erziehung in Edinburgh, stndirte die Rechte und wurde 1814 Mitglied der schottischen Advocatenkammer (Var). In demselben Jahre reiste er nach Paris, wo er unter dem Eindrücke, den die Zusammenkunft der verbündeten Monarchen auf ihn machte, zuörst den Plan zu seinem späteren großen Geschichtswerke faßte. Eine Frucht seines Aufenthaltes in Frankreich waren seine Bravsls in Braves (1816). Nachdem er sich durch seine Vrivoipiss ok bös Orimivsl Varv (Edinb. 1832) u. Vraobies ok bbs Orimival Vav (ebd. 1833) einen bedeutenden Ruf als Jurist erworben hatte, wurde er1834Sherif von Lacajhire. Seine Visbör/ ok Vnrops krom bös 6ommsvkfl> insnt ok birs Brsvob Revolution io tirs Rssbo- rabiov ok bbs Bourbons erschien zuerst 1833 bis 1842 zu Edinburgh in 10 Bdn. u. gehört zu den bemerkenswerthesten Erschcinnugen der neueren historischen Literatur. Sie ist seitdem in zahlreichen starken Auflagen verbreitet und nicht nur in mehrere europäische Sprachen (ins Deutsche von Meyer, Lpz. 1842 bis 1846, 6 Bde.), sondern sogar ins Arabische n. Hindostauische übersetzt worden. Ihr Werth als Geschichtswerk besteht hauptsächlich in dem großen Ncichthum an Thatsachen u. der Kunst, womit der Verfasser das mit größtem Fleiße gesammelte Detail für das Gesammt- bild zu verwerthen verstand, sowie in der lebendst gen u. malerischen Darstellung. Zum Nachthcil gereicht ihr nur der beschränkt conservative Partei- standpuukt, von welchem aus A. die Dinge betrachtet. Auch fehlt es der Sprache nicht selten an Correctheit. Eine Fortsetzung des Werkes, die A. unter dem Titel Bbs Visbör/ ok Burops krom bbs Ball ok Vapvisov to tbo ^oosssiov ok Bovis Vapoisov (Edinb. 1852 — 57, 6 Bde.) erscheinen ließ, ist eine sehr flüchtige, nachlässig u. incorrect geschriebene Compilation, voll von Ungenauigkeiten, Auslassungen u. paradoxen Behauptungen. Mit Beifall wurde sein Bits ok bbs Ovbs ok Narl- 430 Mival — Alkäischer Vers. borousll (1847), welches mehrere Auflagen erlebt hat, ausgenommen. Unbedeutender sind seine Inkas sk Rord OastterauAtr und 8ir Ollarlas Ltswurt (1862). In seinen Rrinoiplss okRopulation(1840) bekämpfte er die Malthussche Theorie. Seine verschiedenen kleineren Aufsätze über politische u. national-ökonomische Tagesfragen erschienen meistens in Rlaolcwoods NaZaÄns, später in besonderer Sammlung unter dem Titel tüssavs (Edinb. 1850, 8 Bde.). 1853 wurde A. znm Baronet erhoben n. st.zu Glasgow 23. Mai 1867. 3 ) Alexander, namhafter engl. Industrieller n. Reisender, 1812 zu Leithgeb. ZumKaufmann ausgebildet, leitete ernach seines Vaters Tode die großen Eisenwerke in Lanark- shire u. Ayrshire von 1838—1844, in welchem Jahre er aus dem Geschäftslebcn zurücktrat und ausgedehnte Reisen sdnrch Europa u. Asien unternahm u. 1860 seine Rtiitosopti/ and Historz- ok 6ivi- ti^ukion veröffentlichte. 1861 ward er zum Präsidenten der Oünroti Rskormakion Lociot^ gewählt u. kurze Zeit darauf zum Vorsitzenden der 6ur- renoz- Reform Lssooiation, welche die Errichtung einer Staats-Zettelbank anstrebt; als solcher schrieb er: Mrs Improvemsnb ok Kooiskz- u. i'tw Rro- kesbant and Ouksicdio Otmrclros aomparod and vritioisod. 4 ) Sir Archibald, Sohn von A. 2), englischer Militär, geb. 21. Jan. 1826; trat nach beendigten Universitätsstudien in Edinburgh in die Armee; diente in der Krim, in Indien, u. war Militärsccretär Lord Cydes während des indischen Aufstandes, als welcher er einen Arm bei dem Entsätze von Lncknow verlor. Nach u. nach zum General u. 1870 zum ^.ssiskank ^.djudant-Lls- nsral zu Aldershot aufgestiegen, veröffentlichte er eine vorzügliche Abhandlung: On ^.rm^ Organisation, 1869. 5) William Pulteney, Bruder von A. 2), Arzt u. Professor in Edinburgh; legte 1855 seine Stelle an der Universität nieder n. st. imSept. 1859. Er schr.: Ontlinos ok Rüz-siotoM. Edinb. 3. A., 1839; Ontlinss ok Rattwtog.v and ikraotios ok Nsdioino, ebd. 1848. Er ist besonders verdient um sein Vaterland durch seine Aufmerksamkeit, welche er der Verbesserung der Lage der arbeitenden Klasse geschenkt hat. Er schr. auch: On tüs Roolaiuation ok IVasts Rands and ttieir Outtivation dz- Orokt-Imskandrz-, Edinb. 1850. Alivol, Df. im indobritischen Gouv. der NW- Provinzen, nordwestl. von Ludhiana, 4 lern vom Sedletsch, wo der Generalmajor Harry Smith am 26. Jan. 1846 die Sikb unter Nundschid-Singh schlug. Alix» P.M., Kupferstecher in Aquatinta-Manier; arbeitete von 1790—1820 in Paris Personen, Tagesbegebenheitcn u. Moden, namentlich cnlti- virte er den Farbendruck. Viele seiner Blätter sind höchst interessant für die Culturgeschichte. Alixiakamphcr,einekampherähulicheSubstanz, die oft auf dem Innern der Rinde von Hixia aromatioa in weißen, schwach aromatisch schmeckenden n. angenehm riechenden Krystallen vorkommt. Dieselben sublimiren bei 70—80° unzersetzt, lösen sich nicht in kaltem, wol aber in warmem Wasser. Nlizarin, Krapproth, Lizarinsänre (Chem.), Farbstoff der Krappwnrzel, kommt in dieser, so lange sie frisch ist, nicht fertig gebildet vor, sondern entsteht ans einem Glnkosid, der Rubierythrinsänre, durch Kochen mit Alkalien oder Säuren oder auch bei längerem Aufbewahren des gemahlenen Krapps durch Einwirkung eines darin enthaltenen Ferments auf das Glnkosid, welches dabei in A. u. Zucker zerfällt. Das auf letztere Art gebildete A. kann aus altem Krapp mit Äther oder Steinöl ausgczogen werden. Aus der frischen, grob gemahlenen Wurzel erhält mau es durch Ausziehen derselben mit einer wässerigen Lösung von schwcfcliger Säure. Die Auszüge werden bei 30—40° mit Schwefelsäure versetz:, wodurch das Purpurin (s. d.) gefällt wird. Beim Kochen der filtrirten Lösung scheidet sich dann sog. grünes A. aus, ein Gemenge von A. mit einer grünen organischen Substanz Dasselbe wird mit salzsäurehaltigem n. reinem Wasser gewaschen, getrocknet u. durch Lüsen in Holzgeist, Alkohol oder Schieferölen gereinigt. Es läßt sich auch künstlich aus dem Dibromanthrachinon darstellen (s. An- thraceu). Das A. krystallisirt in oraugerothen bis dunkelgelben Nadeln mit drei Molecüleu Krystall- wasser, welche bei 100° entweichen. Die Krystalle färben sich dabei roth u. sublimiren bei höherer Temperatur unzersetzt in oraugerothen Nadeln. In Alkohol und Äther ist das A. leicht mit gelber Farbe, in kaltem Wasser wenig, in heißem leichter löslich. Gegen Basen verhält es sich wie eine schwache, zweibasische Säure, löst sich leicht in Alkalien mit im durchfalleudcn Lichte purpurner, im reflectirten violetter Farbe. Kalk- n. Barytsalze fällen aus der alkoholischen Lösung blaue, flockige Niederschläge. Die Lösung in Alkalien gibt mit Alaun- oder Zinnsalzlö'sung schön rothe Fällung (Krapplack), mit Eiseno'xydsalz violettschwarze. Diese Eigenschaft des A-s, mit Metallsalzen unlösliche, gefärbte Verbindungen zu erzeugen, macht es zu einem wichtigen, in der Färberei und Kattundruckerei angewandten Farbstoffe. So wird z. B. das Türkischroth auf mit Öl u. Alaun gebeizter Baumwolle erzeugt (s. Färberei). Leitet inan A-dampf über erhitzten Zinkstaub, so wird es reducirt, u. es sublimirt Anthracen. Gewöhnliche Salpetersäure oxydirt das A. zuPhtal- u. Oxalsäure. Alizarintinte, s. Tinte. Aljubarröta, Villa im portugiesischen District Leiria (Estremadura); Fabriken von Bucaros (thö- ncrnen Gefäßen); 2700 Ew. Hier am 14. Aug. 1385 Sieg Johanns I. von Portugal mit 6000 Mann über König Johann I. von Castilien mit 30,000 Mann. Zum Andenken wurde das prächtige Kloster Sta. Maria da Viktoria in Batalha (s. d.) gestiftet. Alk, s. Alca. Alkähest, von Theophrastus Paracelsus erfundener Ausdruck zur Bezeichnung einer Mixtur, welche geeignet sein sollte, alle Krankheiten der Leber zu heilen, Wassersüchten vorzubengen rc. ^Ilcasiost Olaubori (Mtrum tixum), kohlensaures Kali, von Glanber im I. 1654 durch Verpuffen von Salpeter mit Kohle dargestellt. Akkord, Stern y im Großen Bären (s. d.). Alkäischer Vers, nach Alkäos 3) benannt. Er besteht ans 2 Trochäen mit einsilbigem Anstatt (nach anderer Auffassung aus 2 Jamben mit über- schicßender Senkung), auf welche 1 Daktylus u. 1Z 431 Alkalam - Trochäen folgen. Die Cäsur ist vor dem Daktylus. DieAlkäische Strophe besteht aus4Versen, nämlich aus 2 A-n V°en, einem trochäischen Vierfüßler mit einsilbigem Auftact (nach Anderen einem jambischen Vierfüßler mit überschüssiger Senkung) n. einem logaödischen Vers aus 2 Daktylen u. 2 Trochäen: Der Seraph stammelt ss und die Unendlichkeit Bebt durch den Umkreis sj ihrer Gefilde nach Dein hohes Lob, o Sohn! wer bin ich, Daß ich mich auch in die Jubel dränge? Alkalam (arab., d. i. die Rede, die Wissenschaft), bei den Mohammedanern das philosophisch-theologische System, das sie aus Aristoteles u. dem Koran zusammengesetzt haben. Die Anhänger desselben wurden später als Skeptiker und Ketzer von den Orthodoxen verfolgt. Alkalaurops, Stern im Bootes. Alkalescenz, Vorherrschen der Alkalien in Flüssigkeiten. Alkalien (Chem., Sing, das Alkali), die Oxyde, resp. Oxydhydrate der Alkalimetalle: Kaliumoxyd (Kali), Rubidium- u.Cäsiumoxyd(-hydrat), Natriumoxyd (Natron), Lithiumoxyd (Lithion) u. das als Ammoniumoxyd zu betrachtende Ammon. Die Oxyde oder wasserfreien A. (nur von Kalium, Natrium u. Lithium bekannt) ziehen aus der Luft Wasser n. Kohlensäure an u. verbinden sich mit elfterem zu den entsprechenden Oxydhydratcn oder Hydroxyden, welche ätzende oder kaustische A. genannt werden. Aus diesen lassen sich die wasserfreien Oxyde auch durch die stärkste Hitze nicht wieder Herstellen. Die kaustischen A. sind in Wasser leicht löslich, die Lösungen haben einen laugenartigen Geschmack und reagiren alkalisch, d. h. sie färben den durch Säuren gerötheten Lackmusfarb- stoff (als Tinctur oder mit dieser getränktes Papier) blau, den gelben Eurcumafarbstoff braun, den violetten Farbstoff der Veilchen, Georginen u. Malven, sowie das Pigment der Rosen, grün. Sie sind die stärksten Basen u. zwar einsäurig (s. Acidität), verbinden sich mit Säuren zu den meist löslichen Alkalisalzen (s. u. den betr. Säuren), mit den Fettsäuren zu Seifen (s. d.) u. schlagen aus den Lösungen der übrigen Metallsalze die entsprechenden Metalloxyde oder Oxydhydrate nieder (soweit dieselben nicht löslich sind). Auf thierische Gewebe wirken sie zerstörend, daher ihre Bezeichnung als ätzende oder kaustische A... und ihre Anwendung in der Chirurgie als Ätzmittel. Ihre kohlensauren Salze sind ebenfalls in Wasser löslich u. reagiren alkalisch, die Lösungen schlagen ans den Lösungen der Metallsalze theils die entsprechenden kohlensauren Salze, theils die Oxydhydrate nieder. Der Name Alkali ist arabischen Ursprungs (von lcsls-z, rösten, u. dem arabischen Artikel al); mit ihm bezeichnten die Araber das kohlensaure Kali, Natron u. Ammon. Die alten Chemiker unterschieden nur fixes (kohlensaures Kali und Natron) vom flüchtigen Alkali (kohlensaures Ammon). Fixes Alkali wurde zuerst nur aus Pflanzenasche Largestellt; in der ersten Hälfte des - Alkalisch. vorigen Jahrh. kam das aus dem Kochsalz dargestellte hinzu; mau unterschied seitdem (nach Duhamel) vegetabilisches (kohlensaures Kali) und mineralisches Alkali (kohlensaures Natron); erst Marggraf wies 1759 die Eigenthümlichkeit des letzteren nach. Man wußte schon frühe, daß milde (d. i. kohlensaure) A. durch Zusatz von gebranntem Kalk ätzend werden; das richtige Verständniß dieses Processes wurde durch Black in Schottland 1755 angebahnt. Bis zu Anfang dieses Jahrhunderts hielt man die A. für einfache Substanzen; ihre Zusammengesetztheit, schon von Lavoisier vermuthet, wurde von Davy bewiesen, der 1807 aus Kali n. Natron die in ihnen enthaltenen Metalle durch den galvanischen Strom abschied. Allkalimetalle (Chem.), die in den Alkalien (s. d.) enthaltenen einwerthigen leichten Metalle: Kalium, Rubidium, Cäsium, Natrium, Lithium (und das hypothetische Ammonium). Sie besitzen Metallglanz, sind in der Kälte spröde, bei gewöhnlicher Temperatur aber so weich, daß sie sich (wie Wachs) kneten u. schneiden lassen. Sie schmelzen leicht und sind meist in der Rothglühhitze flüchtig. Sie schwimmen (mit Ausnahme des Rubidium) auf Wasser. Ihre Neigung, sich mit Sauerstoff zu verbinden, ist so groß, daß sie schon bei gewöhnlicher Temperatur sich an der Luft rasch oxy- diren und das Wasser zersetzen, indem sie sich in Berührung mit demselben unter Wasserstoffent- wickelung in Oxydhydrate oder kaustische Alkalien verwandeln. Dieser Eigenschaft wegen bewahrt man sie unter dem keinen Sauerstoff enthaltenden Steinöl (Petroleum) auf. Alkalimetrie (Chem.), die Methoden, mittels deren der Gehalt an Alkali in einer Substanz bestimmt wird. Die A. ist demnach das Umgekehrte der Acidimetrie, nnd ihre Ausführung ist dieselbe. Man benutzt als Titrirflüssigkeit meist eine Schwefelsäure von bekanntem Gehalte, nach Gay-Lussac, oder nach Mohrs Vorgang Oxalsäure, die den Vorzug hat, sich in festem Zustande leicht rein u. von constanter Zusammensetzung Herstellen zu kaffen. Bei der Prüfung der kohlensauren Alkalien, der Pottasche und der Soda, wo die bei Zusatz der Säure entweichende Kohlensäure sofort die zugesetzte Lackmustinctur roth färbt, verfährt man nach Mohr meist so, daß man Säuren in Überfluß zusetzt, die Kohlensäure durch Kochen austreibt, und das zu viel Zugesetzte nun zurücktitrirt, mit Kali oder Natron. Eine andere alkalimetrische Methode ist die von Fresenius u. Will, welche die durch Schwefelsäure ausgetriebene Kohlensäure durch den Gewichtsverlust eines besonders dazu construirteu Apparats bestimmt; eine ähnliche Methode wird auch zur Bestimmung des Handelswerthes des Braunsteins benutzt. Alkalinisch (Chem.), s. v. w. alkalisch. Alkalisalze (Chem.), die Salze der Alkalimetalle, s. u. den betr. Säuren. Alkalisation, 1) das Abziehen des Weingeistes über Laugensalz; 2 ) so v. w. Alkalisirung - und Alkalität. Alkalisch (Chem.), von der Art der Alkalien, laugenartig; alkalische Reaction, die Wirkung der Alkalien (u. der alkalischen Erden) auf Pflanzen- ffarbstoffe; s. u. Alkalien. 432 Alkalische Erden — Alkanna. Alkalische Erden (Chem.), die Oxyde, rcsp. Oxydhydrate der Erdalkalimetalle: Baryt, Stron- tian, Kalk und Magnesia. Sie stehen in ihrem chemischen Verhalten den Alkalien nahe, find aber von denselben durch ihre Schwerlöslichkeit (Magnesia ist fast unlöslich) und durch die Unlöslichkeit ihrer kohlensaurer! Salze in Wasser verschieden. Die a. E. wurden mit Ausnahme des seit den ältesten Zeiten bekannten Kalkes erst im vorigen Jahrh. als cigcnthümliche Erdarten erkannt, man hielt sie, wie die Alkalien, für einfache Stoffe. Davy, sowie theilweise Berzelius und Pontin, wiesen 1808 nach, daß sie Metalloxyde, mithin zusammengesetzte Körper sind. An der Magnesia zeigte Black 1755 zuerst den wahren Unterschied zwischen milden und ätzenden Alkalien, resp. alkal. Erden. Alkalische Mineralwasser, solche, die Alkalien enthalten, z. A. Karlsbad, Pfäffers, Bertrich. Nlkalisiren, 1) mit Alkali versetzen; 2) zn Alkali verbrennen; 3) auslangen (Älkalisirnng). Alkaloide, Psianzcnbascn (Ehern.), Name für eine Anzahl stickstoffhaltiger organischer Basen, die, an Säuren gebunden, als der wirksame Be- standtheil in vielen Pflanzen Vorkommen und sich entweder durch Giftigkeit oder Heilkraft anszeichnen. Während die Wirkungen der betreffenden Pflanzen meist länger bekannt waren, ist die Eigenthurn- lichkeit der sie bedingenden Stoffe erst in diesem Jahrh. festgestellt worden; seitdem ist es gelungen, über 100 dieser A. darzustellen, eine Zahl, die durch fortgesetztes Untersuchen neuer Pflanzen noch bedeutend vergrößert werden mag. Nicht alle Pflanzen scheinen indeß A. zu enthalten. An» verbreitetsten sind dieselben in den Dikotyledonen, wo ihr Vorkommen mit dem Familicncharakter der Pflanzen in Verbindung steht, so daß z. B. einige Familien, wie die Solancen, reich sind an verschiedenen A-n und fast in jeder Art ein besonderes enthalten, während in anderen Familien, wie in den Strychnosartcn, dasselbe Alkaloid in vielen Arten verbreitet ist; in zahlreichen Familien, worunter einige der bedeutendsten (Labiaten n. Compositcn), sind noch keine A. gefunden worden. Wenn die A. auch in der ganzen Pflanze verbreitet find, so ist doch ihr hauptsächlichstes Vorkommen ans die Früchte und Samen beschränkt; baumartige Gewächse führen sie auch in der Rinde (Chinin). Die Methode der Abscheidnng der A. aus den Pflanzentheilen richtet sich nach der Natur derselben und ist verschieden, je nachdem sie flüssig, fest, flüchtig, in Wasser schwer oder leicht löslich sind. Die meisten A. sind krystallisirbar, nicht flüchtig und zersetzen sich beim Erwärmen. Diese werden gewöhnlich mit Säuren ausgezogen, durch stärkere anorganische Basen abgeschieden und durch oftmaliges Umkrystallisiren oder Darstellung von Salzen gereinigt. Wenige, wie Nicotin u. Coniin sind flüssig, lassen sich destilliren und enthalten keinen Sauerstoff. Fast alle sind in Wasser wenig löslich, „die gewöhnlichen Lösungsmittel sind Alkohol, Äther, Chloroform, Benzol, Amylalkohol. Die Lösungen reagiren alkalisch und schmecken bitter; mit Säuren verbinden sie sich zu Salzen, welche in Wasser mehr oder weniger löslich sind. Die Verbindungen der A. mit Salzsäure geben mit Platin-, Gold- u. Quecksilberchlorid meist schön krystallisirende Doppelverbindnngen. Gerbsäure, Phosphormolybdänsäure, Phosphorwolframsäure, Kaliumquecksilberjodid u. a. Reageniien erzeugen in den Lösungen der A. Niederschläge, ans wel- I chen die Basen durch Alkalien abgeschieden, in obigen Lösungsmitteln gelöst und ans diese Weise sowol rein dargestellt, als auch besonders in gerichtlichen Fällen nachgewiescn werden können. Der Nachweis von A-n bei Vergiftnngsfällen ist mit großen Schwierigkeiten verknüpft, weil der einzige Weg darin besteht, die oft nur geringen Mengen von A-n, welche zur Vergiftung hinreichen, aus den organischen Blassen (Speisen, Magen- nnd Darminhalt u. s. w.) in reinem Zustande abzuscheiden, um dann sowol chemische Neactio- nen, als anch physiologische Experimente au Thie- ren dankst anznstellen. Diese Untersuchungen werden dadurch erleichtert, daß meist schon Anhaltspunkte über die Natur des Giftes vorliegen und auch die Wirkung einiger Pflanzengifte auf den Organismus charakteristische Merkmale an die Hand gibt; so erweitert z. B. Atropin die Pupille. Eine nicht geringe Rolle spielt ferner das Mikroskop bei dem gerichtlich - chemischen Nachweise durch Feststellung der Krystallform der A. und gewisser Verbindungen derselben. Juden wichtigsten A-n sind zu rechnen: Nicotin, Coniin (flüssig), Aconitrn, Atropin, Berberin, Caffem, Chclerythrin, Chelidonin, die A. der Chinarinde (Chinin, Cinchonin n. s. w.), Colchicin, Curarin, Drgitalin, Hyoscyamin, die A. des Opiums (Morphin, Code'in u. s. w.), Piperin, Solanin, die A. I der Strychnosartcn, Veratrin u. a., welche fest sind (s. d. einzelnen A.). Alkamenes, 1) Eurysthenide (Agiade), Sohn des Teleklos, während des achten Jahrh., nach einer Rechnung 785—748, nach einer anderen etwa 764—726 v. Chr. König von Sparta; er vollendete mit der Einnahme von Helos die dorische Eroberung von Lakonien, und unter ihm begann der erste Messen. Krieg (s. Lakonika). 2) A., Lemnier von Geburt, Athener von Geschlecht, Bildhauer im 5. Jahrh. v. Chr., berühmtester Schüler des Phidias ; arbeitete in Marmor, Elfenbein , Bronze und Gold, vorzugsweise Götterbilder. Am gefeiertsten ist seine Aphrodite in den Gärten bei Athen, nächst ihr sein Hephästos. Als Concurrent seines Lehrers unterlag er wegen Nichtbeachtung optisch-perspectivischer Grundsätze. A. scheint auch bei den Arbeiten am Parthenon betheiligt gewesen zu sein. Alkanna. Die echte A. sind Blätter »nd Wurzel der in Ostindien, Arabien, Persien und Ägypten wild wachsenden I-nvsonin insrmis (Farn, der Lythrarreen). Die gepulverten Blätter geben mit Wasser eine gelbe Farbe, während die Wurzel einen rothen Farbstoff enthält. Dieser Farbstoff ist schon lange bekannt und wird schon in , der Bibel erwähnt. Die unechte oder gemeine ' A. (Orkanette oder Schminkwnrzel) stammt aus ^ dem Orient und den Mittelmeerländern und ist die Wurzel von Anotmoa tilloboria D. oder A1- kcrrnnn tünotoria (Fam. der Borragineen). Sie dient znnr Violett- und Grünfärben von Baumwolle, Leinen oder Seide, von Leder, von Alkäos — Alken. 433 alkoholhaltigen Flüssigkeiten und Fetten, selbst zum Färben der Fingernägel und enthält einen rothen Farbstoff, das Alkannaroth oder Alkannin, früher auch Pseudalkannin, Anchnsasäure, Anchusin genannt, welches durch Alkohol, Äther oder Schwefelkohlenstoff ausgezogen und gereinigt wird, wonach es ein rothes, amorphes Pulver bildet, in Wasser unlöslich, in obigen Flüssigkeiten, sowie in Fetten und flüssigen Ölen und Essigsäure löslich. Durch Salpetersäure wird es zersetzt, schmilzt bei 60° und snblimirt bei höherer Temperatur zum Theil unzersetzt. Mit Alkalien und Erdalkalien gibt der Farbstoff blaue, in Wasser, Alkohol, Äther lösliche Verbindungen. Die Lösung von A-roth in Alkohol bildet mit Metallsalzen verschiedengefärbte Niederschläge; durch längeres Kochen wird sie zersetzt, und es bildet sich unter Kohlen- säureentwickelung ein schwarz-grüner, in Alkohol und Äther löslicher Körper, das Alkannagrün. Die Lösung ist bei auffallendem Lichte grün, bei durchfallendem violett gefärbt. Diese Umwandlung , welche durch Salzsäure verhindert wird, findet leichter in Gegenwart eines in dem unreinen Wurzelauszuge enthaltenen braunen Extractivstoffes statt. Weil das A-roth durch die geringsten Spuren von Alkalien blau gefärbt wird, ist es ein empfindliches Reagens auf letztere, sowie die blaue Lösung zur Erkennung von Säuren dienen kann. Alkäos, 1) Fürst von Tiryns in Argolis, Sohn des Perseus und der Andromeda, Vater des Amphitryon und daher als Großvater des Herakles anzusehen, der nach ihm der Alkide heißt. 2) Sohn des Herakles von einer Sklavin der Omphale, mythischer Ahnherr der heraklidischen Könige Lydiens (1200 bis 716 v. Ehr.) bis auf Kandaules. 3) Griechischer Lyriker aus Mitylene in Lesbos, um 610 v. Ehr., Zeitgenoß u. Landsmann der Dichterin Sappho und des weisen Pit- takos. Mit Leib und Seele gehörte er dem ritterlichen Adel von Lesbos an und kämpfte daher nicht nur gegen die Tyrannen, wie Melanchros und Myrsilos, sondern ebenso heftig gegen den vom Volke erwählten Äsymneten Pittakos, der aber, obwol von A. tief beleidigt, ihm milde verzieh. Den Rest seines Lebens verblieb A. ruhig in Lesbos, nachdem ihn vorher die Wogen des Krieges bis nach Ägypten in die Verbannung geworfen hatten. A. führte Schwert und Leyer mit gleicher Begeisterung; von seinen wenigstens zehn Bücher umfassenden Liedern, welche die Liebe, den Wein, besonders aber seine Kämpfe u. die politischen Parteiungen besangen, kennen wir gerade genug Fragmente, um ihren Verlust lebhaft zu bedauern. Sie sind im äolischen Dialekt in ebenso lieblicher, wie einfach-kräftiger Sprache geschrieben; herausgegeben in Bergks §raAmsnta post. Izwio. §ras- eorrrm. Nach ihm ist das alkäische Versmaß benannt. Horaz ahmte ihn in seinen Oden vielfach nach. Alkargen, s. Alkarsin. Alkarsin (Kakodylopyd), ein schon seit 1760 bekannter und nach seinem Entdecker Cadets rauchende Flüssigkeit genannter organischer Körper, welcher bei der Destillation eines Gemenges von entwässertem essigsaurem Kali und arseniger Säure entsteht. Es bildet eine wasserhelle, stark licht- PiererL Aniversal-CMversatieiis-Lexitcn. 6 Anfl. I brechende, äußerst widerlich riechende und giftige Flüssigkeit, welche hauptsächlich ans Arsendimethyl- oxyd besteht und etwas Arsendimethyl enthält. Letzterer Körper ertheilt dein A. die Eigenschaft, sich von selbst an der Lust zu entzünden, weshalb es in gekühlten und gut schließenden Apparaten unter Wasser anfgefangen werden muß. Aus dem durch Behandeln ves A-s mit concentr. Salzsäure ebildeten Arsendimethylchlorid erlitt man durch Erhitzen mit Zink auf 100° in. einer Atmosphäre von Kohlensäure das freie Radikal Arsendimethyl (Dimethylarsin) ^s(68,)z als wasserhelle, bei —6° erstarrende, bei 170° siedende Flüssigkeit, die wegen ihres unangenehmen, dabei giftig wirkenden Geruches auch Kako- dyl genannt wird. Sie ist in Wasser wenig, in Weingeist und Äther leicht löslich, raucht und entzündet sich an der Luft und verbrennt mit fahler Flamme unter Bildung weißer Wolken von arseniger Säure. Das Arssndimethyloxyd oder Kako- dyloxyd L.S2(08g)jO, der Hauptbestandtheil des A-s, bildet sich auch bei langsamer Öxydation des Kakodyls neben Kakodylsäure. Eine ebenfalls widerlich riechende, bei 150° siedende Flüssigkeit, die weder raucht, noch selbst entzündlich ist. Der eingeathmete Dampf erzeugt Übelkeit, wirkt indeß nicht nachhaltig giftig. Es verbindet sich als starke Base mit Säuren zu Salzen, welche nicht schwer krystallisiren. Es oxydirt langsam zu Kakodylsäure (Margen) ^(OUzs-zOzll. Diese erhält man durch Einwirkung von Qneckstlberoxyd auf Kakodyloxyd oder auf rohes A. unter Wasser als große, färb- und geruchlose Krystalle von schwach saurem Geschmack, welche nicht giftig sind und bei 200° schmelzen. Mit Basen bildet die Säure Salze, durch phosphorige Saure wird sie zu Kakodyl redncirt. Letzteres bildet außerdem Verbindungen niit Brom, Jod, Fluor, Cyan u. Schwefel, die sich alle durch widerlichen Geruch auszeichnen. Das Kakodyl war lange Zeit das einzige Beispiel einer Verbindung eines Metalls (Arsen) mit einem organischen Radikal (Methyl). Seitdem ist es aber gelungen, auch andere Elemente mit organischen Radikalen zu vereinigen; so hat man Verbindungen dargestellt von Methyl, Äthyl, Amethyl außer mit Arsen auch mit Antimon, Zink, Zinn, Wismuth, Quecksilber, Blei, Bor, Silicium, Schwefel, Selen, Tellur u. Phosphor. Alle diese Körper sind deshalb von Wichtigkeit, weil sie die Unhaltbarkeit der Ansicht dar- gethan haben, die organischen Körper seien nur aus einer beschränkten Anzahl Elementen, Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff, «chwefel u. s. w., zusammengesetzt. Auch sind einzelne dieser Verbindungen dadurch interessant, daß Stoffe, wie Arsen und Antimon, in denselben vollständig ihre sonst giftigen Eigenschaften einbüßen. Alkaffar (Kassr el Kebir), Stadt am Elkos, in der marokkanischen Prov. el Garbieh; ehemals pon Bedeutung (30,000 Ew.), jetzt verfallen, (5000 Ew.). A. wurde 1217 von den Portugiesen erobert. Hier 1578 Schlacht, wo König Sebastian von Portugal verschwand u. wahrscheinlich ums Leben kam. Alken, Familie der Schwimmvögel, plumpe, fast tölpelhafte, etwa entengroße Vögel, welche durch ihre verhälmißmäßig kleinen Flügel u. ihre . Band. 28 434 Alken — Alkibiades. nach hinten gerückten Beine eine eigenthümliche, außer ihnen nur noch den Tauchern u. Pinguinen zukommende Tracht erhalten: in der Ruhe hocken sie mit fast senkrecht aufgerichtetem Körper u. vermögen auch nur in dieser Stellung zu gehen. Dagegen schwimmen sie mit den Flügeln unter dem Wasserspiegel vortrefflich u. bedienen sich ihrer Beine fast ausschließlich zum Rudern. Außer der Forlpflanzuugszeit verlassen sie selten das Wasser, dann sitzen sie zu Tausenden auf den steil dem Meere entsteigenden Felsen, sogenannten Vogelbergen. Sie leben in nordischen Meeren, ihr südlichster, noch schwach besetzter Vorposten ist Helgoland. Sie legen meist nur ein, verhältnißmäßig großes, birnsörmiges Ei; ihre Jungen füttern sie im Neste auf; sie leben von Fischen und Krebsen. Zur Brutzeit sind sie leicht zu erjagen und werden nebst ihren Eiern von Len Nordländern in Menge gesammelt und als Nahrung für fast das ganze Jahr aufgespeichert. — Dazu namentlich die Gattung Alk (Lies L.), mit seitlich quergefurchtem Schnabel. Der Brillen- oder Riescnalk (L. imponuis ckb.), auf Island, ein stattlicher, circa 80 ein langer Vogel; Oberseite glänzend-schwarz, Kehle braun, Flecken am Kopfe, Saum der Armschwingen u. Unterseite weiß. Er lebte im Nördl. Eismeer, wo ihm allzu eifrig nachgestellt wurde, und ist in Folge davon, doch erst in diesem Jahrhundert, ansgerottet worden. Der Elsteralk (^.. torcks T,.), im Nordatlantischen Meere u. der Nordsee; 45—48 em lang; oben und am Vorderhalfe schwarz, Zügelstreif u. Saum der Armschwingen, sowie Brust u. Bauch weiß. Ferner der Papageitaucher (Lund, Normon krstsrouis L'eMM.), die dumme Lumme (Uris troils 2ismm.), die Leiste (Uris M'Us Uun.), der Krabbentaucher (Llsr^ukus sils ^/.) u. a. sind die hauptsächlichsten der hierher gehörenden jetzt lebenden Arten, von denen im Winter einige selbst die Nord- u. Ostseeküsten besuchen. Älken, Df. im Kr. St. Goar des preuß. Reg.- Bez. Koblenz, an der Mosel; Weinbau, Eisenerzlager; 600 Ew.; Ruine des Schlosses Thurant, 1107 vom Pfalzgrafen Heinrich erbaut, um 1246 Raubsitz des Pfalzgrasen Zorn, dessen Sage noch fortlebt, 1246 bis 1248 von den Erzbischöfen von Köln n. Trier belagert, im 30jähr. Kriege zerstört. Alkentzer (Unter-Broddorf), Dorf im sieben- bürgischen Kr. u. Bez. Broos; 1070 Ew. Dabei das sogenannte Brodfeld mit den Ruinen der znm Andenken an den Sieg (1479) der Siebenbürgen n. Ungarn über die Türken von dem Woiwoüen Bathori erbauten Kapelle. Alkcrmes, s. Kermes. Alkcstc, 4) Tochter des Pelias, Königs von Jolkos, und der Anaxibia, Gemahlin des Adme- tos, für den sie sich freiwillig dem Tode preisgab; s. Admetos. Sie wurde von Persephone zur Belohnung ihrer Tugend aus dem Schattenreiche zurückgesandt. Ihre Aufopferung ist der Gegenstand der Tragödie Alkestis von Euripides, 2) Der 124. Planetoid, von Peters in Clinton 23. August 1872 entdeckt. Alkibiades, Athener, einer der berühmtesten Männer des hellenischen Alterthums, geb. im I. 451V. Ehr. (Olymp. 82.2) ; warder Sohn des Kümos und durch seine Mutter, die Alkmäonide Dinomache, auch mit dem großen Perikles verwandt, in dessen Hause A. nach seines Vaters Tode 447 (im Kriege gefallen) erzogen wurde. Einer der reichsten jungen Athener, war A. auch einer der schönsten Männer seiner Zeit; seine Anmnth bezauberte nicht nur die Frauen, sondern Jahre lang auch das leicht bewegliche Volk von Athen; sogar der strenge Sokrates wurde sein Freund, ohne daß es ihm (ebenso wie dem Perikles) gelungen wäre, den A. dauernd zu sittlichem Ernste zu erziehen, so daß der Athenische Staat des Gewinnes, den ihm die ausgezeichnete strategische u. politische Begabung hätte bringen können, großentheils verlustig ging. Neben sinnlichen Ausschweifungen der Herrschsucht maßlos ergeben, erleichterte ihm eine ungewöhnliche geistige Elasticität seine Erfolge. Hatte A. als junger Edelmann mehr den socialen Gegensatz gegen die bürgerliche Demagogie des Kleon gebildet, so übernahm er nach Kleons Tode (422 v. Chr.) mit dem Ausgange der ersten Phase des Peloponne- sischen Krieges die Führung der Demokratie in Athen gegenüber der aristokratisch-conservativen u. spartaner-freundlichen Politik des Nikias. Nach Ablauf mehrerer vielbewegten, für ihn aber resultatlosen Jahre auswärtiger Politik bewog er im I. 415 die Athener zu dem Wagniß eines Krieges im großen Stil gegen Syrakus zuin Zwecke der Eroberung von Sinken. Bevor er noch mit seinen Mitfeldherren Nikias u. Lamachos etwas Größeres in Sinken unternehmen konnte, setzten seine zahlreichen Feinde in Athen seine Abberufung vom Oberbefehl durch, um ihn wegen angeblich vor seiner Abreise verübten Religionsfrevels vor Gericht zu stellen. Den zuerst gegen ihn gerichteten Verdacht wegen Mitschuld an der in der Nacht vom 10./11. Mai 415 verübten Zertrümmerung der Hermessäulen in Athen hatte man zwar fallen lassen; dafür war er aber der Verhöhnung der Eleusinifchen Mysterien angeklagt. Mit gutem Grunde für seinen Kopf bangend, floh A. im Aug. 415 nach Elis, dann nach Argos, n. nachdem er in Athen als Mysterienschänder znm Tode verurtheilt und durch die Eumolpiderr feierlich verflucht worden war, Ende 415 nach Sparta, dessen Volk er racheglühend zum Kriege gegen Athen aufreizte, wodurch er indirect Urheber der furchtbaren Niederlage der Athener vor Syrakus (September 413) wurde. Nachdem die Spartaner den Krieg gegen Athen in Dckeleia und Attika selbst seit Anfang 413 eröffnet hatten, bewog er sie im folgenden I., auch den Krieg in Jonien zu beginnen und mit dem Perser Tissaphernes ein Bünduiß zu schließen. Durch die Verführung der Gemahlin des Königs Agis in Mißachtung gerathen u. vom Neide der spartanischen Feldherren bedroht, floh A. im Octbr. 412 zu Tissaphernes. Indem er diesen darauf hiuwies, daß Persiens wahres Interesse darin bestehe, die griechischen Hauptmächte ? sich einander gegenseitig schwächen zu lassen, mäßigte er dessen bisherigen Eifer in der Unterstützung der Spartaner u. wußte sich, gestützt auf den bei den Persern erlangten Einfluß, wieder Anknüpfungspunkte in dem Athenischen Heerlager zu Samos ^ zu verschaffen, u. als im April 411 die oligarchischeu Patricier in Athen die Demokratie gewaltsam ge- ' stürzt hatten und das demokratische Heer sich für Midamas — Mmävii. 433 die alte Verfassung erklärte, riefen die Führer dieser Armee den Ä. in ihr Lager, setzten auch im Juli 411 bei der Wiedererhebung der Demokratie in Athen die volle Wiederaufnahme des A. durch. Nunmehr Obcrfeldherr, wußte A. durch eine Reihe glänzender Siege vom Octbr. 411 bei AbydoS n. 410 bei KyzikoS bis zur Eroberung von Byzamion Ende 409 wenigstens am Hellcspont u. Bosporus die Herrschaft der Athener wieder herznstellcn, und kehrte mit Beute beladen im Frühjahr 408 trium- phirend nach Athen zurück. JmSeptbr. dessetben Jahres wurde er wieder mit einer Flotte nach Jonien gesandt; weil er aber jetzt Lurch sein vorsichtiges Auftreten dem Spartaner Lysander n. dem Perserprinzcn Äyros gegenüber den hochgespannten Erwartungen des Volkes nicht entsprach, enolich sogar das Unglück hatte, daß sein Untcrfeldherr in seiner Abwesenheit ein Gefecht verlor (Anfang Sommer 407), so entzog man ihm den Oberbefehl. A. zog sich darauf nach Paktya, einem festen Platze im thrakischen Chcrsonnes, zurück, entfloh aber nach der Niederlage Athens bei Ägospokamos durch die Spartaner, deren Rache fürchtend, im Frühling 404 zu dem Satrapen Pharnabazos, der ihn jedoch ans das Drängen der Spartaner zu Ende des Jahres 404 zu Melissa in Phrygien ermorden ließ. Lebensbeschreibungen von Plnlarch n. Cornelius Nepos; vergl. Bischer, A. n. Lysander, 1846, u. Hertzberg, A., Halle 1853. Alkidämas, ans Eläa in Äolis, Schüler des Gorgias, als Lehrer der Bercdlsamkeit in Athen Nebenbuhler des Jsokratcs; sein Lehrbuch der Redekunst, wonach sich Demosthenes bildete, ist verloren, die zwei erhaltenen Dcclamationen aber sind wahrscheinlich unecht; diese heransgegcben in den größeren Sammlungen der griechischen Redner. Älkinoos, Sohn des Nansithoos, oberster Fürst der Phäaken ans der Insel Schcria; nahm nach der Odyssee den schiffbrüchigen Odysseus gastfrei in seinem prächtigen Palast ans (n. A. auch die Argonauten). Seine Garrin war Arete, seine Tochter Ncmsikaa. Odysseus erzählte ihm seine Irrfahrten, wurde königlich beschenkt n. auf einem phäakischen Schiffe nach Jlhaka gebracht. Alkiphron, griechischer Rhetor, wahrscheinlich im 2. Jahrh. n. Chr., von dem wir 118 geschmackvoll n. lebendig gehaltene Briefe besitzen, in welchen er in fingirtem Briefwechsel die Denk- nnd Lebensart der Fischer, Bauern, Bnhlerinnen, Parasiten rc. darstellte, wobei er vielfach Züge aus der neueren Komödie (Menander) entlehnte. Er soll mit Lnkianos (der auch Ähnliches schrieb) befreundet gewesen sein. Herausqeqeben von Seiler, Leipzig 1853; Meincke ebd. 1853. Alkmaar, Hanptst. des gleichnamigen Bez. in der niederländischen Prov. NHolland, am NKanal u. der nordholländischen Eisenbahn; befestigt; Scgel- tuchfabriken, Handel mit Blumen, Salz, Getreide, Butter, der bedeutendste Käsehandel der Welt (bei 230,000 Ctr. jährlich); 11,600 Ew. A. ist bekannt durch die Lanrentiuskirche mit einer berühmten Orgel. Hier soll außerdem der Dichter des Lcürsostg cko Vos geboren sein. A. war ursprünglich Grenzscste gegen WFriesland, nnd Karl der Gr. legte dort einen Zoll an. Der römische König Wilhelm von Holland gab A. Stadtrechl. 1517 überfielen die Gelderner u. Friesländer A., welches hierauf seine Festungswerke verstärkte. 1573 ward A. von den Spaniern unter Friedrich v. Toledo, Sohn Albas, vergebens belagert. A. trat als eine der ersten holländischen Städte auf die Seite der Reformation. Hier am 19. Octbr. 1799 Conven tion zwischen dem franz. General Brune n. dem Herzog von Jork, nach welcher die Engländer u. Russen Holland räumten; s. Franz. Rcvoluiionskrieg. Alkman, griechischer Lyriker, um 670 oder 610 v. Chr., geb. in Sardes, n. A. ein Lakcdämonier, jedenfalls in Sparta eingebürgert, unter den Spartanern der einzige snbjcctive Dichter; schrieb Päane, Hymnen, Parthenien, Liebeslieder in dorischem, mit äolischen Ausdrücken gemischtem Dialekt. Er ward später in den Alexandriuischen Kanon der „neun Lyriker* ausgenommen. Seine Gedichte waren meist fröhlich, z. Th. selbst humoristisch, doch erfreuen sic auch durch Züge sinniger Naturbetrachtnng. Fragmente in Bergts istootas Izrivi grasvi, Lpz. 1864. Der nach ihm genannte Alkmanische Vers besteht aus vier daktylischen Versfüßen; sein Maß ist: z. B. bei Seneca: Knoops torma bcmnm inortaiibus, üixiAni äonnm brovs tvmporw, Ilt volox eulori pocks Iabori8. Er findet sich gewöhnlich mit anderen Bersarren verbunden, bei Horaz z. B. mit dem Hexameter (motwnin Flemairinm). Alkmäou, 1) Sohn des Amphiaraos nnd der Eriphyle (s. beide), ein Held der griechischen Sage wie Orestes, der, durch den Conflict der Pflichten zum Wahnsinn getrieben, indem er dem Orakel folgt, anstatt der einfachen Stimme des Gewissens, nur in wunderbarer Weise endlich entsühnt werden kann. Er wurde durch Oralelsprnch Anführer der Epigonen gegen Theben, in welchem Kriege er neben Adrastos, aber kräftiger, befehligte; endlich eroberte n. verbrannte er die siebenthorige Stadt. Vor oder nach diesem Kriege erschlug er seine Mutter ans Antrieb seines Vaters u. eines Orakelspruchcs, nnd wurde dann von den Erinnycn ruhelos umhergetrieben. In Psophis cntsündigte ihn zwar König Phegens, u. er heirathete darauf Lessen Tochter Alphesiböa (oder Arsino'e), welcher er das verhäng nißvolle Erbe seiner Mutter, Halsband u. Schleier der Harmonia, verlieh. Bald aber.wurde er in erneutem Wahnsinn flüchtig, bis er die ange- schwcmmtc Insel des Acheloos fand, die, weil erst nach dem Tode seiner Mutter entstanden, von deren Fluch über jedes Land, das ihren Sohn ans- nehmen würde, unberührt blieb. Hier ließ er sich nieder und heirathete Kalirrhoe, die Tochter des Acheloos. Als er ans deren 'Antrieb sich durch List das Halsband der Harmonia vom PhcgenS verschafft hatte, wurde er nebst der ihn noch immer liebenden Arsinoö von den Söhnen dieses Königs ermordet. Den Helden dieser düsteren und verworrenen Mythe, dessen Grab man in Psophis zeigte, während er in Theben u. A. als Heros verehrt wurde, feierten nicht wenige (Verl.) Tragödien des Sophokles, Enripides, Agathou, Ennius, Artins n. A. 2) Der 13. n. letzte lebenslängliche Archon zu Athen, 750 v. Chr. 3) A., aus Kroton» 28 * 43S Alkinämndcn Sohn dcs Peirithoos, Arzt, Schüler des Pythagoras, gegen 600 v. Chr.; beschäftigte sich zuerst mit Thierzcrgliedernngen, besonders mit dem Bau der Augen, u. schr. ein Buch über die Natur. Alkmiioniden, eins der begütertsten und einflußreichsten ALclsfamilicn in Athen, leiteten ihre Abkunft ab von Älkmäon, dem in Athen eingewanderten Urenkel dcs pylischen Nestor. Die A. erschienen historisch bekannt zuerst seit Me- gakles, dem ersten Archonten dcs Jahres 612 v. Chr., dem Mörder der Anhänger Kylons. Als Feldherr n. Politiker, zuletzt namentlich im Gegensätze zu der verwandten Familie der Pisistratidcn, spielen die A. während der athenischen Verfassnngs- kämpse dcs 6. Jahrh. eine große Rolle, immer im Gegensatz zu dem autochthonen Enpatridenadel. Bedeutungsvoll wurde endlich der entschiedene Übertritt der A. zur Demokratie. Denselben vollzog zuerst (gegen Ende des 6. Jahrh. v. Chr.) der große Bcrfassnngsreformer Klisthenes. Ünd im 5. Jahrh. v. Chr. sind ikanthippos, Perikles und Alkibiades allbekannte Athenische Parteiführer. Letztere hingen allerdings lediglich durch Heirath mit der männlichen Linie der Ä. zusammen; diese aber ist wahrscheinlich während des Peloponnesischen Krieges ansgestorben. Aikmene, die schöne und kluge Tochter dcs Elektryon und der Anaxto und Gemahlin des Ain- phitryon; Zeus, welcher die Gestalt des Amphitryon angenommen hatte, erwente sich in einer dreifach verlängerten Nacht, während A. auf KricgSzngcn abwesend war, ihrer Liebe, n. sie gebar zwei Knaben, Len Herakles (von Zeus) u. dcn Jpbiklos (von Amphitryon). Nach dem Tode des Amphitryon vermählte sie sich mit Rhadamanthys, dem Sohne dcs Zeus, und lebte zu Okalia in Böotien, dann in Athen n. zuletzt zu Theben n. ward von den! Thcbancrn wie eine Göttin verehrt. Ihr Grab war bei Megara; Agesilaos ließ cs später öffnen, um ihre Ueberrcste nach Sparta zu bringen; n. A. lebte sie später auf den Inseln der Seligen. Alkohol (Äthyl-A., Weingeist, aus dem arab. nl-stoiU. ein Farbpulver) 628.0, das Prodnci der weingcistigcn Gährung dcs Traubenzuckers, aus dem er sich bildet, wenn verdünnte Lösungen desselben bei einer Temperatur von 25° bis 30° mit Hefe znsaminengebracht werden. Der Traubenzucker spaltet sich hierbei in A. u. Kohlensäure nach der Gleichung 6.8,-0. ^ 26-8.0 Z- 260. Trmibenzuacr Alkohol Kohlensäure. Gleichzeitig bilden sich noch geringe Mengen anderer Körper, wie Glycerin, Bernsteinsänre n. s. w. Der A. kann auch ans mehreren Wegen synthetisch (aus den Elementen) dargestellt werden, durch Vc» einignng von entstehendem Wasserstoff mit Aldehyd O2Ü4O -j- 28 — 6-8.0, sowie ans dem ülbildendcn Gase (Äthylen), welches seinerseits aus dem durch directe Bereinigung von Kohlenstoff und Wasserstoff darstellbaren Acetylen (s. d.) erhalten wird. Beim Einleiten von Äthylen in conccntrirtc Schwefelsäure entsteht Äthylschwcfelsäure „6.284 L8O4 — 628^8048 Äthylen Schwefelsäure Ätbylschwefelsäure welche durch Zersetzen mit Wasser in A. n. Schwefelsäure zerfällt — Alkohol. 628.8048 -s- 8>0 — 6.8.0 -s- 828O4 Ätlr.ilschwcselsäure Wasser Alkohol Schwefelsäure. In der "Natur kommt der A. nirgends fertig gebildet vor. Seine Darstellung geschieht im Großen aus gcgohrenen Flüssigkeiten (Maische), die ihn in sehr verdünntem Zustande enthalten. Destillirt man ein solches Gemisch, so geht zuerst ein al- koholreichercs Destillat über, der Branntwein (s. d.), welcher 30 bis 40 Gewichtsprocente A. enthält. Durch weiteres Destilliren (Rectificiren) geht in den ersten Prodncten ein noch mehr con- centrirter A. über, der Spiritus oder Weingeist, der von den letzten Antheilen Wasser nicht mehr durch Destillation getrennt werden kann. Man bedient sich zu dem Zwecke wasserentziehender (chemisch wirkender) Mittel, des Chlorcalcinms, oder besser dcs srisch geglühten Kalkes, mit dem man den A. längere Zeit in Berührung läßt, worauf inan ihn abgicßt und destillirt. Durch wiederholtes Behandeln mit Kalk und Destilliren gelingt es, ein möglichst wasserfreies Product zu erhalten, welches als absoluter A. bezeichnet wird. "Nahezu absoluten A. erhält man auch, wenn man A. in einer thierischen Blase an einem warmen Orte aushängt, indem das Wasser allmählich verdunstet. Derselbe bildet eine farblose, brennend schmeckende Flüssigkeit, die fast geruchlos ist, mit Wasser verdünnt aber einen angenehmen Geruch besitzt. Sein spec. G. ist 0,.o.25 bei 0", bei 15°, bei 20°; er siedet bei 78,4° u. 760 mm Druck und wird bei —100" noch nicht fest, weshalb er sich zu Thermometern für schr niedrige Temperaturen eignet. Er ist leicht entzündlich und verbrennt mit nicht leuchtender, schwachblauer Flamme vollständig zu Kohlensäure und Wasser. An der Luft zieht er Wasser an und mischt sich !mit letzterem in jedem Verhältnis). Dabei tritt Wärmeentwicklung in Comraction der Mischung ein, welche am bedeutendsten ist, wenn 18 Gewichts- theile (1 Mvlecül) A. mit 51 Th. (3 Molecülen) Wasser znsaminengebracht werden; es ziehen sich dabei 53,... Bolnmina A. u. 19,... Vol. Wasser, zusammen 103,Bol. auf 100 Vol., der Mischling zusammen. (52,4 Vol. A. und 17,. Bol. Wasser geben nicht 100, sondern 96,.. Vol. Mischung.) Da mit zunehmendem Wassergehalt spec. Gew. und Siedepunkt steigen, so hat man Instrumente con- struirt, mittels deren man Len A.-Gehalt eines beliebigen, sowol nur aus A. und Wasser bestehenden Gemisches, als auch einer weingeistigen Flüssigkeit bestimmen kann, die außerdem andere das spec. Gew. beeinflussende Körper enthält (s. Alkoholometrie), wie geistige Getränke. Der Gehalt letzterer an A. schwankt zwischen 4"/„ in Bieren und 50"/. in Branntweinen. Der Ä. ist ein Lösungsmittel für viele„ in Wasser unlösliche Stoffe, wie Fette, flüssige Ole, Harze, Farbstoffe, Alkaloide n. s. w. Schwefel und Phosphor lösen sich wenig, Jod und Brom leicht. "Auch in Wasserlösliche Salze lösen sich in A. und ertheilen sciner Flamine charakteristische Färbungen. Chlorstrontinm und Chlorlithinm färben die Flamme roch, Chlorcalcium orange, Chlorbarynm grüngelb, Borsäure n. Kupfersälze grün. Biele Gase werden von A. in größerer Menge absorbirt, als von Wasser. 100 Bol. A. absorbircn bei 0° 7 Vol. Wasserstoff, Alkoholaturcn - 28 Vol. Sauerstoff, 13 Vol. Stickstoff, 52 Vol. Grubengas, 359 Vol. Äthylen, 433 Vol. Kohlensäure. Von seiner Eigenschaft, begierig Wasser zu ziehen, macht man Gebrauch, um anatomische Präparate aufzubewahren. Dieselben verlieren durch öfteres Übergießen mit absolutem A. ihre ganze Feuchtigkeit und bleiben dadurch vor Fäulniß geschützt. Absoluter A., in den Magen gebracht, wirkt giftig, ins Blut gespritzt, tödtend. Der A. kann sich mit einigen Salzen, wie Chlorcalcium, salpetersaurer Magnesia, so vereinigen, daß er sich ähnlich dem Krystallwasscr verhält. Man nennt solche Verbindungen Alkoholate, entsprechend den Hydraten. Kalium u. Natrium zersetzen den absoluten A. Es bilden sich unter Wasserstoffent- wickelnng Kalium- oder Natriumäthylat 6,8^80, welche sich mit A. zu farblosen Krystallen verbinden. A-dampf durch ein glühendes, mit Bimssteinstücken gefülltes Rohr geleitet, liefert mannigfache Zersetzungsproducte: Wasserstoff, Kohlenoxyd, Äthylen, Sumpfgas, Acetylen, Benzol, Naphthalin, Phenol, Essigsäure, Aldehyd. Hängt man eine stark erhitzte Platindrahtspirale in ein Gefäß, an dessen Boden sich schwach erwärmter A. befindet, so geräth der Draht in lebhaftes Glühen (Glühlampe). Wird fein vertheiltss Platin (Platin- schwarz) mit A. befeuchtet, so oxydirt er sich lebhaft zu Aldehyd und Essigsäure, wobei oft Glühen des Platins eintritt. Langsame Oxydation zu Essigsäure erfolgt bei der Essiggährung durch Einwirkung eines Ferments, der Essigmutter. Chlor wirkt heftig auf A. ein, u. es bilden sich, je nach dessen Stärke und der Intensität des Lichtes, verschiedene Products, wie Acetal, Essigsäure, Essigäther u. deren Substitutionsproducte; als Haupt- und Endprodukt entsteht jedoch bei langein Eiu- wirken auf concentrirten A. Chloralhydrat 6,61,80,820, oder auch Chloralalkoholat 6,61,80,6,8,0. Chlorkalk erzeugt mit A. Chloroform. Ähnlich wirkt Brom. Salzsäure wird reichlich äbsorbirt unter Bildung von Athyl- chlorür. Salpetersäure wirkt je nach ihrer Con- centration verschieden heftig ein, wobei sich zahlreiche Zersetzungsproducte bilden. Rauchende Salpetersäure bildet bei Anwesenheit von Silber oder Quecksilber in der Wärme knallsaure Salze. Schwefelsäure bildet mit, A. Äthylschwefclsäure, bei Erwärmen auf 140° Äther, bei höherer Temperatur und überschüssiger Säure schwefelige Säure, Kohlensäure, Äthylen u. s. w. Die hauptsächlichste Verwendung findet der A. in den geistigen Getränken; als Brennmaterial wird er meist durch das Leuchtgas ersetzt; die Auflösungen vieler Harze in A. dienen als Lack; in der Medicin wird er zur Bereitung von Tincturen, d. h. weingeistigen Lösungen anorganischer», organischer Stoffe, gebraucht, sowie zurHerstellung vonSeifenspiritus, Opodeldok rc. Alkoholatnren (Pharm.), Mischungen frischer Pflanzensäfte mit Alkohol, wodurch die Veränderung der in ersteren enthaltenen wirksamen Be- standtheile verhütet wird, weil der Alkohol gumini- nnd eiweißartige, sowie andere leicht zersetzbare Substanzen ausfällt. Sie werden meist aus glei-! chen Theilen Saft und Alkohol bereitet und nach! dem Absetzenlassen und Klären aufbewahrt. ! Alkoholdhskrasie (Med.), s. Alkoholismus.! — Alkoholismus. 487 Alkohole (Chem.), eine große Klaffe von - organischen Körpern, die ihren Namen von dem gewöhnlichen Älkohol herleiten, weil sie mit diesem gewisse Ähnlichkeit zeigen. Sie bestehen alle aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, reagieren neutral, vereinigen sich mit Säuren unter Austreten von Wasser zu zusammengesetzten Äthern. Ihrer Zusammensetzung nach lassen sie sich betrachten als Verbindungen eines Alkoholradicals mit Hydroxyl, d. i. der Verbindung von 1 Atom Wasserstoff mit 1 At. Sauerstoff (OH). Demnach ist z. B. Äthylalkohol die Verbindung von 6,8, (Äthyl) mit 08. Die A. werden eiugetheilt in ein-, zwei- u. dreiatomige; die einatomigen enthalten das Radical gebunden an einmal die Gruppe 08, die zweiatomigen an zwei-, die dreiatomigen an dreimal die Gruppe 08. Eine weitergehende Eintheilung in primäre, secundäre und tertiäre A. gründet sich auf die Stellung der Hydroxylgruppe im Molecül. Die am längsten und genauesten bekannten A. sind die primären einatomigen A., von denen man bis jetzt folgende kennt: Methyl-, Äthyl-, Propyl-, Butyl-, Amyl-, Caproyl-, Önanthyl-, Capryl-, Nonyl-, Dekatyl-, Cetyl-, Ceryl-, Myricylalkohol. Diese entsprechen der allgemeinen Formel 6,8,n->-,0 Andere primäre, einatomige A. sind der Allyl-, der Benzyl- und Zimmtalkohol. Alle diese A. sind charakterisier durch ihr Verhalten gegen Oxydationsmittel, mit denen sie Aldehyde bilden (s. d.), durch Verlust von 2 Atomen Wasserstoff u. dann durch Aufnahme von 1 Atom Sauerstoff in Säuren übergehen, z. B. 6,8,0-28 --- 028.0-j-O — 628.O, Äthylalkohol Aldehyd Essigsäure. Von diesen unterscheiden sich die secundären einatomigen A. dadurch, daß sie mit Oxydationsmitteln Ketone bilden (s. d.). Hierhin gehören der Isopropylalkohol u. a. Die zweiatomigen A. werden auch Glykole genannt (s. d.). Von dreiatomigen A-n ist nur das Glycerin näher bekannt (s. d.). Ein vieratomiger Alkohol ist der Erythrit. Als fünf- u. sechsatomige A. lassen sich die in der Natur weit verbreiteten Kohlenhydrate betrachten (s. d.). Alkoholismus, Alkoholvergiftung, Alkoholdys- krasie (Med.), krankhafte Beschaffenheit zunächst des Blutes durch unmäßigen Genuß geistiger Getränke, bes. Branntweinarten; die eigentliche Dys- krasie entsteht vorzüglich bei schlechter Kost und sonstiger schlechter Lebensweise. Die Alkoholkrankheit überhaupt verläuft entweder rasch (acut), oder langsam (chronisch); die acute kann man ganz u. gar als Vergiftung auffaffen, die chronische als Dyskrasie oder Blutentmischuug im eigentlichen Sinne. Werden große Mengen alkoholischer Getränke (die über 50K Alkohol enthalten) auf einmal genossen, so erkrankt zunächst der Magen u. das Darmrohr, u. der Tod kann durch die Folgen der Entzündung der Verdauungsorgane erfolgen. Bei Aufnahme verhältnißmäßig größerer Mengen berauschender Getränke (die weniger als 40—-50Z Alkohol enthalten) wird zunächst das Gehirn er- !griffen, u. es zeigt sich der Rausch in seinen verschiedenen Graden und Formen. Werden geistige ! Getränke täglich in schädlichen Quantitäten genossen, ! so entsteht chronische Alkoholvergiftung, die in allen 488 Alkoholometrie. Organen des Körpers sich äußern kann u. nicht selten in Schlagfluß, Wahnsinn, Verbrechen, Selbstmord den Abschluß findet. Der Säuferwahnsinn (Dsll rinrn tremens oder potatorum) ist eine auf chronische Alkoholvergiftung sich gründende Gehirnkrankheit, die unter den schlimmsten Symptomen verläuft und nicht selten zum Tode führt. — M. Huß, Chronische Alkoholkrankheit, Stockh. u. Leipz. 1852; C. PH. Falck, Die klinisch wichtigen Intoxikationen, Erlang. 1855; A. v. Franque, Das Delirium tremens, Münch. 1859; F. Habcrkorn, Alkoholmißbranch und Psychosen, Berl. 1869; C. Bouvier, Pharrnakok Stud. über das Alkohol, Berl. 1872. Alkoholometrie, die Lehre von der Bestimmung des Alkoholgehaltes in weingcistigen Flüssigkeiten. Die chemische Analyse, obgleich sie das genaueste Resultat gibt, ist für die Praxis viel zu umständlich; die A. benutzt daher die physikalischen Eigenschaften der weingeisthaltigen Flüssigkeiten, specifisches Gewicht, Siedepunkt, Spannkraft der Dämpfe, auch wol in neuerer Zeit die Lichtbrechung, um den Gehalt an Alkohol zu ermitteln. Besteht eine Flüssigkeit nur ans Alkohol u. Wasser, so ist die Ermittelung des spec. Gewichtes die einfachste und sicherste Methode, den Alkoholgehalt zu messen. Da aber beim Mischen von Alkohol mir Wasser Contraction des Volumens eintritt (s. Alkohol) n. das Gesetz, nach welchem dieselbe sich mit der Temperatur und dem Alkoholgehalt ändert, nicht bekannt ist, da selbst beim Vermischen von sehr verdünntem Weingeist mitWasser Volumcn- vcrgrößernng eintritt, so läßt sich Las spec. Gewicht der Mischung nicht aus den Mengen u. den spec. Gewichten des Wassers n. Alkohols berechnen, also auch umgekehrt ans der Dichte der Mischung mittels des gewöhnlichen Aräometers nicht auf den Procentgehalt an Alkohol schließen. Es mußten deshalb auf empirischem Wege Tabellen con- struirt werden, welche für das mit dem Aräometer gefundene spec. Gew. den entsprechenden Alkoholgehalt angeben. Solche Tabellen sind nach den von Gilpin, Tralles, Gay-Lnssac u. Kopp ausge- sührten Bestimmungen hergestellt worden. Hier nach Brix eine solche Tabelle über die Bolumen- procente Alkohol, welche im wässerigen Weingeist von verschiedenem spec. Gew. enthalten sind: Spec. Gewicht bei 12j" L. ZtzM Spec. Gewicht bei 12A" L. 9 0,9928 75 0,8773 10 9866 80 8639 15 9811 85 8496 20 9760 90 8339 25 9709 91 8806 30 9655 92 8272 35 9592 93 8237 40 9519 94 8201 45 9435 95 8164 50 9.343 96 8125 55 9242 97 8084 60 9134 98 8041 65 9021 99 7995 70 890« 100 7946 ! Indem ferner das Aräometer dahin abgeändert: wurde, daß man statt des spec. Gewichtes sofort den Procentgehalt an Alkohol dem Volumen oder dem Gewichte nach ablesen kann, sind die Messungen noch vereinfacht worden. Diese Alkoholometer (s. n. Aräometer) sind wegen der Abhängigkeit des Volumens von der Wärme für eine bestimmte Normaltemperatur constrnirt, u. man hat, wenn letztere von der Temperatur der zu bestimmenden Flüssigkeit verschieden ist, eine Correction anzu- bringcn, welche ans Tabellen abgelesen wird. Die Angaben des am weitesten verbreiteten Alkoholometers von Tralles, welches Volumenprocente ablesen läßt, beziehen sich auf die Normaltem- peratnr von 12,5" R. (genau 12F"R. — 60"!?. — 15°-" 6). Das Alkoholometer von Richter, welches Gewichtsprocente angibt, ist wenig gebräuchlich, zudem sind seine Resultate ungenau. Die Verwandlung von Volumenprocenten in Gewichtsprocente geschieht am schnellsten mittels einer Tabelle, kann aber auch durch Rechnung erreicht werden, indem man die Volumenprocente mit dem spec. Gew. (0,„„) des absoluten Alkohols mul- tiplicirt u. das Product durch das spec. Gew. des betreffenden Weingeistes dividirt. Hat z. B. ein Weingeist 85 Bol.-Proc., so heißt das: 100 obom Weingeist enthalten 85 vbom absoluten Alkohol. Das spec. Gew. dieser Mischung ist aber nach der Tabelle 0,g„g, das des absoluten Alkohols O,,^. Also enthalten 100.0,s^gsFMijchnng85.0,„„§ absoluten Alkohol, oder 100 A Mischung enthalten 85.0,„4g dividirt durch 0,g„g — 79,g x absoluten Alkohol. Die Angaben des Trallesschen Alkoholometers weichen von denen des Gay- Lnssacschen, welcher hauptsächlich in Frankreich gebraucht wird, sowenig ab, daß sie für den praktischen Gebrauch als übereinstimmend betrachtet werden können. Die Methode der Werthbestimm- img des Alkohols in England gründet sich auf ein anderes Princip. Ein Weingeist von 57,„K Tralles wird als Probespiritus (Ürookspirlt) niit 0° bezeichnet und ans denselben die Stärke der zu bestimmenden Flüssigkeit bezogen. Stärkerer Alkohol wird Überprobe (Ovsrprook), schwächerer Unterprobe (klncisrxrook) genannt; 25" Ovvrxrool bedeutet: zu 100 Bol. dieses Weingeistes können 25 Bol. Wasser gesetzt werden, um (125 Vol.) Drookspirit herznstcllen; 25" llnäsrproof heißt: in 100 Vol. dieses Weingeistes sind 25 Vol. Wasser, also 75 Vol. Drookspirit:. Der Alkoholgehalt solcher spiritnösen Flüssigkeiten, welche, wie Bier u. Wein, außer Wasser n. Alkohol noch andere, das spec. Gew. beeinflussende Bestandtheile enthalten, kann selbstredend nicht mit dem Aräometer gemessen werden. In diesen: Falle benutzt man die Eigenschaft alkoholhaltiger Flüssigkeiten, beim Sieden Dämpfe zu entwickeln, deren Spannkraft mit der Menge des Alkohols znnimmt. In Geißlers Vaporimeter wird die Flüssigkeit in einem nach oben geschlossenen Glasgefäß über Quecksilber durch Wasserdämpfe erhitzt. Das Gefäß steht mit seinem unteren, offenen Ende mit einer nach oben gerichteten engen Glasröhre in Verbindung, in welche das Quecksilber durch die Dampfe hineingedrückt wird u. zwar um so höher, je reicher die Flüssigkeit an Alkohol ist, wobei vorausgesetzt wird, daß 439 Alkoholradicale — Allan. sich keine anderen Gase entwickeln; also etwa vorhandene Kohlensäure vorher durch gebrannten Kalk entfernt worden ist. Eine empirische Theilung neben der Röhre gibt den Alkoholgehalt in Gewichts- und Volumenprocenten an. Ein anderer Weingeistmesser (Llomllio LaUeron), stellt einen kleinen Destillirapparat dar, in dem ein gemessenes Volumen Flüssigkeit zur Hälfte abdestillirt, das Destillat durch Zusatz von Wasser wieder ans das angewandte Volumen gebracht und der Alkoholgehalt dieser Flüssigkeit mit einem Aräometer unter Berücksichtigung der Temperatur n. Zuhilfenahme einer Tabelle bestimmt wird. Das Dilatometer von Silbermann benutzt die Ausdehnung der weingcistigen Flüssigkeit durch die Wärme in einem Thermomcterrohr zur Ermittelung des Alkoholgehaltes. Vgl. Brix, Das Alkoholometer n. dessen Anwendung, Berl., 3. Ausl., 1864, eine Schrift, der vom prenß. Ministerium amtlicher Charakter gegeben ist; A. Th. v. Kupfser, Handb. der A., Berl. 1865. Alkoholradicale. Aus Kohlenstoff n. Wasserstoff bestehende Atomgruppen, welche in den Alkoholen (s. d.) angenommen und meist auch aus diesen isolirt werden können. Wie man ein-, zwei-, dreiwerthige rc. Alkohole unterscheidet, thcilt man auch die A. in solche mit einer, zwei rc. Wertigkeiten ein. Ein einwerthiges Alkoholradical ishH. B. das Äthyl welches sich ans dem gewöhnlichen oder Äthylalkohol durch Abspaltung der Gruppe Oll (Hydroxyl) ableitet OyllgO — Oll^O^llz.' Alkoholvergiftung, s. Alkoholismns. Alkor, Stern im Großen Bären (s. d.). Alkorän (arab.), d. i. der Koran (s. d.). Alkornin (Chem.), ein neutraler Pflanzenstoff in der gegen Wechselsieber empfohlenen amerikanischen Alkornoqnerinde (s. d.). Man erhält es durch Ausziehen der mit Wasser erschöpften Rinde mitWein- geist, Verdampfen u. Ausziehen des Rückstandes mit kaltem Äther in Form farbloser, in Alkohol, Äther u. Terpentinöl löslicher Krystallnadcln. Sie snbli- miren unverändert, rcagiren neutral n. lösen sich in rauchender Schwefelsäure mit rother Farbe. Verdünnte Säuren u. Alkalien sind ohne Einwirkung darauf- Alkornogue-Ninde oder Chabarrorinde ist die officinelle Rinde von llzn-sonima orassikolia^secill., einem kleinen in Guiana heimischen Baume aus der Familie der Malpighiaceen niit gelben, in langen Ähren stehenden Blumen. Doch bezeichnet man mit A. in SAmerika sehr verschiedene Bäume, die aber alle eine dicke, korkartige Rinde gemein haben (s. auch ^lellornea). Alkoven (aus dem arab. alllullllatn (mit dem Artikel als, persisch Lnllllall, die Wölbung, gewölbtes Gemach, Zelt), ein vom Zimmer durch eine Glasthür oder einen Vorhang abgesonderter Raum, meist ohne Fenster; dient als Schlaskammer oder Garderobe. Alkyone, Stern r? der Plejaden; s. u. Stier. All, das Universum, der Inbegriff aller Dinge u. alles Seienden. Insofern dasselbe als Eins betrachtet wird, heißt es auch das All-Eine. Vgl. Pantheismus. ülla drevs (nämlich Nlünia, ital., nach kurzer Art), Bezeichnung, daß ein Tonstück noch einmal so rasch, als die Noten eigentlich anzcigcn, vorgetragen werden soll, also die Viertelnoten als Achtel rc. Man bezeichnet die Tactart durch ein großes durchstochenes 0, durch ^ oder 2. üllabüta, Körner von Ollsnoxockinm alllnm; s. n. Chagrin. /lila capolla, so v. w. a oaxella. Allah (für sl-ilali, der Gott), Name des Gottes, zu dessen alleiniger Anbetung Mohammed die Muselmänner verpflichtete, und der auch in die Sprachen aller Völker, die sich zum Islam bekehrten, übergegangen ist. Neben A. kommen im Arabischen noch folgende Formen von dem Worte vor, welches Gott bedeutet: ilali oder lall, ein Gott, ai-Iallomm n. lallomm, o Gott! in Anrufungen, dann lallnt, göttliche Natur, u. allat oder alllab für ai-ilallit, Name eines Götzen (Göttin). A. ist verwandt mit dem hebräischen Gottesnamen llloall. Die Muselmänner verbinden A. mit 99 Epitheten, welche den Eigenschaften Gottes entsprechen, wie allllar, groß, llaäir, mächtig, rallman, barmherzig rc., und rccitiren dieselben in ihren Gebeten in einer bestimmten Reihenfolge nach Art einer Litanei. Allahabad (Ellabad, d. h. Gottcsstadt), Hauptst. der NWProvinzen von Britisch-Ostindicn n. des gleichnamigen Bezirkes (reiche Baumwolle- n. Jn- digocultnr, zahlreiche Holzarten; 6057 djicm (110 HsMs, 1,380,000 Ew., meist Hindus); Sitz des Gouverneur-Statthalters derselben, gelegen längs der Dschamna bis zur Mündung derselben in den Ganges; 100,000 Ew. In der im Ganzen eng u. unschön gebauten Stadt sind eine Anzahl stattlicher Wohnungen für britische Beamte, Moscheen, das Serail, von Chosrn, dem Sohne Dschihangirs, zur Aufnahme von Reisenden erbaut, bemerkens- werth; über der Stadt erhebt sich eine sehr feste Citadellc mit reichem Waffcnarsenal, unter derselben ein unterirdischer Hindntempel. A. ist ein stark besuchter Wallfahrtsort für brahmanische Pilger, die in den heil. Flnthen des Ganges alljährlich das ihnen durch ihre Religion gebotene Reinignngs- bad, oft mit Lebensgefahr, vornehmen. Durch die Lage an der Eisenbahn von Calcntta u. durch den Bau eines Kanals zwischen Ganges n. Dschamna 1854, wodurch eine größere Prodnctionsfähigkeit der Umgebung herbeigcführt wird, verspricht sich die Stadt wieder mehr zu ihrem früheren Glanze zu erheben. — A. liegt an der Stelle des alten, heiligen Prajaga, daher auch der Name Preag. 1581 baute Mbar die Citadelle; in der Folgezeit zum Reiche des Großmogul gehörig; seit 1754 dem Nabob von Andh nnterrhänig, wurde A. 1765 dem Großmogul zurückgegeben. 1771 erhielt es der Nabob wieder; seit 1801 ist es von der Englisch- ostindischcn Compagnie einverleibt. Allalinhorn, auch Feehorn, vergletscherter Gipfel der Michabelgruppe im Walliser Visper- Thal (Schweiz), 4034 r,r mit dem prachtvollen 13 Hjllm großen Allalin-Gletscher, über den der A. oder Täsch-Paß, 3570 m, vom Matmark- See des Saas-Thales nach Täsch im Zermatter- Thal führt. Allan, Hngh, Gründer und Eigenthllmer der zweitgrößten Dampfschiffverbindung zwischen Nord- 44N Mantoidica - Amerika (Montreal) u. Großbritannien, geb. 29. Septbr. 1810 in Schottland; kam 1841 in Besitz seines ersten Schiffes, einer Brigg, u. ward allmählich Eigenthümer von 18 Postdampfern n. 25 Segelschiffen von ca. 20,000 Tonnen Tragfähigkeit. Besitzt auch eine Versicherungsanstalt für Unfälle zur See, ist Direktor einer der ersten Banken in Montreal u. machte sich um das Telegraphenwesen in Britisch-NAmerika sehr verdient. Allontoidica, von Milne-Edwards eingesührte Bezeichnung für die Abtheilung der höheren Wir- belthiere, zu denen die Reptilien, Vögel- u. Säuge- thiere gehören, im Gegensatz zu der Abtheilung Anallantoidica, welche die Fische und Amphibien begreift. Huxley benannte die beiden Abtheilungen Branchiata und Abranchiata. Allantom (Nllantois-, Amniossänre, Chem.), 648^02. Ein in der Allantoisflüssigkeit der Kühe n. im Kälberharn vorkommender krystallini- scher Stoff, der sich auch bei der Oxydation der Harnsäure mit Blcisuperoxyd bildet. Man erhält es, indem man das Frucht- oder Schafwasser der Kühe, das Gemenge der Amnios« und Allantois- flllssigkeit oder den Kälberharn eindampft, in wasserhellen, glänzenden Prismen, die geschmacklos u. ohne Neaction auf Lackmus sind. In kaltem Wasser lösen sie sich schwer, in heißem leichter, ebenso in Alkohol. Beim Erhitzen zersetzt es sich unter Bildung von Chanammonium. Allantöis (gr.), Harnhaut, eine längliche, dünne Blase, die während der 2 ersten Monate nach der Befruchtung bei dem aus dem Ei sich entwickelnden Fötus zwischen 2 anderen Eihäuten (dem Chorion u. Amnion) in der Nähe der Nabelschnur sich befindet. Durch diese ist sie mit der Urinblase mittels des Urachus oder Harnstrangcs verbunden. In der A-blasc findet man in den ersten Wochen einewasscrhelle, später gebliche, nrinähnliche Flüssigkeit, Allantoisflüssigkeit. Nach den Forschungen von Dobrynin(Wiener Akademie 1871) geht die A. ans nnpaarer Anlage, und zwar aus einer Faltung des Darmdrüscnblattes hervor. Vauquelin und Buniva und später Städeler und Frerichs fanden in der A-flüssigkeit einen besonderen complicirt zusammengesetzten Stoff, das Allanto'in (s. d.), welches man als ein Umsetz- nngsprodnct der Harnsäure betrachten kann; Liebig u. Wühler erzeugten diesen Stoff künstlich aus Harnsäure. Alls prima (italienisch), aufs Erstemal, in der Malerei: ohne Untermalung. Allard, Jean Franyois, geb. 1785 zu Saint Troyes (Var); war unter Napoleon Adjutant des Marschalls Brune, nach dessen Ermordung 1815 er Frankreich verließ; er ging nach Ägypten und von da erst zu Abbas Mirza nach Persien, wo er Oberst ward, dann nach Afghanistan u. 1820 nach Lahore, wo er als Capitän in die Dienste Rundschit Singhs trat, das Heer vollständig nach französischer Art organisirte, sogar die dreifarbige Fahne einführte, Generalissimus ward u. eine Eingeborene heirathete. 1835 unternahm er eine Reise nach Frankreich, wo er mit Begeisterung aufgenommen wurde und von Louis Philipp den Titel eines französischen Geschäftsträgers erhielt. Im Kriege der Sikhs gegen die - Alleghanies. Afghanen besiegte er diese am 12. Juni 1837 u. starb 23. Januar 1839 zu Peschawar. Allassao, Stadt im Arr. Brives des französischen Dcp. Corröze; baut guten rothen Tischwein; Steinkohlenlager, warme Quellen; 4050 Ew. Allata (lat., das Hinzugebrachte), s. Eingebrachtes. Alls roppa (ital., Mus.), hinkend, eine Folge solcher syntopirtcn Notcnsigurcn, bei welchen zwischen 2 Noten von gleichem Werthe eine dritte steht, die noch einmal so viel Werth hat. Alle, fischreicher, 226 km langer linker Nebenfluß des Pregel in der preußischen Prov. Preußen, entspringt unweit Neidenburg, fließt aus dem Lansker See, für kleine Fahrzeuge schiffbar, und mündet bei Wehlau. Alleotl oder ^älseti (röm. Ant.), 1) die zu einem Amte oder in ein Collegium NachgewähUen; 2) in der Kaiserzeit Diejenigen, welche Titel und Rang irgend eines Amts führten, ohne das Amt selbst zu bekleiden, z. B. Lsuaborss allseti, oder welche außer der gesetzlichen Stufenfolge zu höherem Range erhoben wurden. Die kaiserliche Ernennung dazu hieß A.llsotüo. Allee (fr.), ein Gang oder Weg, welcher an beiden Seiten mit Bäumen besetzt ist. Man verwendet dazu gewöhnlich Bäume von raschem und schönem Wüchse, wie Linden, italienische Pappeln, Eschen rc., oder des Nutzens wegen ObstbäMe, besonders Pflaumen oder Kirschen. Auch Hecken benutzt man zu A-n (Hecken-A-n). ü»es blanoke, Alpenthal mit 16 Gletschern (der Olaoisr äsl'L. b., ZI. äs Niasss, äs §rssssnax) bei Courmayeur im Kreise Aosta der italienischen Prov. Piemont, zwischen dem südlichen Fuße des Montblanc u. dem Gebirgsstocke Le Grammont. Allegan (spr. Alligän), County im nordamerikanischen Staate Michigan, unter 42" n. Br. u. 85" w. L. Flüsse: Kalamazoo (schiffbar für kleine Dampfboote), Rabbit u. Black River; Boden im Mg. hügelig, an den Flüssen angeschwemmtes Land, in anderen Theilen sandig und lehmig; große Waldungen; Products: Mais, Weizen, Hafer, Kartoffeln, Bauholz, Schweine; 32,105 Ew. Conntysitz Pine Plains. Allegc, so v. w. Lichter, Schiffsheber; daher Megement, Entladung der Lasten. Älleghantes (von Engländern so genannt) oder Appalachien (nach spanischer Benennung) bezeichnen entweder das ganze appalachisch-canadische Gebirgssystem, welches an der Ostküste Nordamerikas vom Mexikanischen Meerbusen bis zum Polarmeere reicht, oder gewöhnlich nur dessen südlichen Theil vom Hudsonslnsse bis Alabama und haben als Grundlage ein Plateau von 200—500 ui. Diese A. entsprechen den Gebirgen der Ostküste Brasiliens, theilen sich in 6—12 Parallelzüge von einförmiger Gleichmäßigkeit u. geradliniger Richtung von SW. nach NO. und streifen in einer durchschnittlichen Breite von 230 km über 2100 km weit (von 34° n. Br. u. 85" w. L. bis 43" n. Br. u. 74° w. L.) bis zu der Einsenkung des Hudsonthals, welche sich bis zu dem Lorenzostrom fortsetzt. Zwischen diesen Berggzügen, die durchschnittlich 900 w hoch sind u. Gipfel von 2000 m tragen, liegen flache Thalmulden. Im O. fallen 441 Alleghmnes. 1 die Bergketten steil ab, nach dem Mississippi zn s gehen sie allmählich in Flachland über, und bei New-Uork nähern sie sich dem Meere bis 75 km. Hier und da werden die äußeren Bergketten von pZ Flüssen u. Stromschnellen fchluchtenartig durch- H brache», doch weiten sich im Innern auch Flnß- L- thäler zn Becken aus. Die einzelnen Ketten tra- gen besondere Namen. Die östliche heißt Blaue H Berge (Blaue Kette oder Blue Mountains), die H westliche am Ohio sind die Cumberlands-, Laurel- W und Chesnnt-Berge, die mittleren (in Virginien A und Pennsylvanien) die Alleghany-Berge, und die W vielfachen Bergreihen zwischen ihnen und den A Blauen Bergen nennt man Appalachisches Tafelland H (300—700 m), dessen einzelne Bergzüge ihre be- ' A sonderen Namen haben (Katatin- oder Kitatin-, 2 Jron-, Smvky- n. Unaka-Berge), u. die Catskill- H Berge im N. Am höchsten steigen die A. in "K NCarolina (Roan-Berg 2000 m, Schwarze Berge M 2158 in, westlich von den Blauen Bergen u. nach K den Radelholzwaldungen so genannt). Die Berg- ^ ß reihen bei New-Uork heißen Adirondac-Berge (s. d.). iA Die Acadierberge bilden eine zusammenhängende H Felsenmasse mit Hügeln, Seen, zahlreichen Fjords, § culwrfähigem Boden, steilen Flußrändern, einer A Erhebung von 200—650 in u. Bergspitzen von H 1100 m. Sie reichen bis znm Lorenzostrom n. tragen prächtige Waldungen. Die Hanptbergzüge sind: die Grünen Berge (Vermont, Mansficldbcrg , 1059 in), Hoosac-Berg (Massachnsscts), Weiße K Berge (New-Hauipshire, Washingtonberg 2045 in) z H u. Romans-Hügel; Labrador u. New-Fonndland sind i's- Fortsetzungen dieses Plateaus, von gleicher Höhe, - A felsig, uneben u. mit Steilküsten. Den geologischen Ban der A. hat Credner skizzirt. Das Tafelland der A. gehört zn den ersten Erhebungen der Erdrinde, denn die Unterlage besteht aus laurentischen Gneisen mit kristallinischem Kalkstein, Serpentin S u. Eisenerzen und aus hnronischen kristallinischen A Schiefern mit Granitbänken, Eisenerzen, Kalkstci- W neu und Graphit. Beide sind das erste Product :'U- des ältesten Meeres? Ungleichmäßig aufgelagert H an den Rändern sind verschiedene Schiefer, Jta- W kolumit, Conglomerate u. s. w., n. spater am At- M lantischen Ocean vorsilurische Gebilde, wogegen - am Westufer vom Mexicanischcn Meerbusen bis >D Michigan ein Meer mit dem Busendes Ohiothals stand, ehe es nach u. nach bis Kalifornien zurück- A gedrängt wurde. In diesem Thal, als dem iU Appalachischen Becken, setzten sich versteinerung- führende Schichten ab. Sie reichten von Quebec bis Montgomery in Alabama (300 M), in- M dem sich obersilnrische und devonische Gesteine D band- n. kranzförmig um die filurische« in Ohio, Kentucky u. Tennessee anschmiegten. Später erfolgten neue Hebungen und Niederschläge des Triasmeercs, u. ein Landstreifcn schied das Meer in ein Appalachisches und ein Missonri-Jllinois- - W Kohlenmeer. Diese Formationen gruppirten sich H zu langgezogenen, parallelen Höhenzügen, wogegen I H sich in der flachen Mulde des Bassins Steinkohle ^ flachwellig ablagcrte. Denn westlich von den A. H dehnte sich eine weite sumpfige Niederung ans ^ 4 mit flachen Süßwassertümpeln n. Dschungeln von . ° Gewächsen der Steinkohlcnpcriodc, über welche sich wiederholt Sandstein, Schiefer, Conglomerate n. dgl. ablagerten, bis sich endlich das ganze Appa- lachische Gebiet hob, wobei die Schichten vielfach verrückt, verworfen u. zusammcngeschoben wurden. Da im O. der Druck am stärksten wirkte, so stiegen hier die parallelen Bergzüge am höchsten. Am Ende der Tcrtiärperiode tauchte der Nordosten des Landes 1000 m tief ins Meer; Eisberge luden hier ihre Steinblöcke und ihren Schutt ab, überstreuten den Meeresboden mit Findlingen, bis sich dieser hob und Amerika seine heutige Gestalt erhielt. Doch ist die Küste heute noch veränderlich; denn hier sinken weite Landstriche langsam unter das Meer, dort tauchen Sandbänke auf, u. rückt das Ufer weiter ins Meer vor. Dem geologischen Bau der A. verdankt die Union den unerschöpflichen Reichthum an nutzbaren Products» , besonders Metallen n. anderen Mineralien, welche ihr die Mittel zn einer großartigen Industrie liefern. Zunächst ernährt der Boden große Waldungen von Nutzhölzern, besonders die werthvollen Weißfichten, außerdem Zuckerahorn, Birken, Buchen, Fichtcnarten, Kastanien, Lärchen, Cedern n. s. w.; große Kirschbäume bedecken weithin Berghänge als Waldungen und liefern dauerhaftes Bauholz. Großartig sind die Vorräthc von Eisenerzen, Steinkohlen u. Kupfer. Der lanren- tische Gneis liefert Magneteisenerz in verschiedenen Formen (Adirondac, New-Z)ork, New-Jersey) in Lagern von 1—15 m (in Canada von 30—70 m Mächtigkeit). Man fördert es in 115 Gruben zn Tage, namentlich in Dover und Rockway in Morris County, die etwa 300 Will. KZ liefern. Verwandte Eisenerze bilden bei Peckskill in der Nähe von New-Uork ein Lager von 27 m Mächtigkeit, in New-Jersey geben Franklinit- u. Roth- zinkcrzflötze der kristallinischen Kalksteine 28 Mill. Icx Erz, 8 Mill. k§ Zinkweiß und 700,000 k§ Zink. Die Serpentine in Pennsylvanien u. Maryland führen Chromeisen, u. Graphit findet man an.vielen Orten, beutet die Lager aber wenig ans. Überreich an Erzen sind die hnronischen Schiefer, besonders führen sie Gold in Schüppchen u. Körnchen, die man in Goldseifen gewinnt (New-Schottland nahe H Mill. Doll., die Südstaaten 40 Mill.), ungeheure Vorräthe an Kupfererzen. Durch Virginien, Tennessee n. Georgien zieht sich eine Kupferzone 440 km weit in Lagerstätten von 500 m Länge n. 140 m Mächtigkeit n. in ctagenartiger Reihenfolge mit anderen Erzen. Diamanten kommen auch vor, doch durchsucht man nach ihnen den Jtakolumit nur bei Gaiuesville in Georgien. Die filmischen Gesteine liefern Zink-, Blei- u. Eisenerze, Galmei, Bleivitriol, Weißbleierz und Brauneisenstein. Besonders reich ist die Region an Petroleum (1866 an 2H Mill. Barrels ä 40 Gallonen im Werthe von 17 Mill. Doll.). Es entquillt verschiedenen Formationen in Menge in Pcnnsylvanicn u. Virginien am Flusse Allcg- hany, am Oil Creek, am Äanawha, Hughes River und bei Parkcrsbnry. Die nordamerikanischen Steinkohlenfelder bedecken an 320,000 lUkm, von denen 176,000 den Appalachen angchören, wo sich das Kohlengebiet vom nördlichen Pennsylvanien bis znm mittleren Alabama ausdchnt als flache Mulde von 8j—40 m Mächtigkeit. In Folge der verschiedenen Hebungen ist es in iso- 442 Alleghany - lirte Felder zerschnitten. Im Osten (zwischen A. und Blue Ridge) ging die bituminöse Kohle durch Verflüchtigung in Anthracit über, welcher ein 66,000 Ubiern großes Lager von länglich eirunder Muldenform bildet, und der Osten Nordamerikas lieferte 1866 über 400 Mill. Ctr. Steinkohlen. Endlich gewinnt man aus den Sphäro- sideritflötzen der Schieferthone über 27 Mill. Ctr. Roheisen, auch enthalten die obertriassischen Noth- sandsteine, namentlich in Virginien (Richmond) u. NCarolina (Raleigh), 5 Flötze bituminöser Kohlen von 20 m Mächtigkeit, daneben aber auch viel Kupfererz, Kiesclmalachit u. zuweilen gediegenes Silber, u. der Schwerspath im Rothsandstein von Connecticut liefert 240,000 Ctr. Eisen. Die Tertiärformation New-Jerseys macht durch den Kali- u. Phosphorsäuregchalt der Mergel nicht nur den Boden fruchtbar, sondern wird auch als Dünger verkauft, da er an 40 in hoch steht. Die Schichten reichen von der Mündung des Hudson bis zu der des Delaware u. lieferten 1867 bereits 40 Mill. Ctr. Grünsand. Alleghany, 1) Fluß im nordamerikanischen Unionsstaate Pennsylvania; entspringt in der Nähe des Eriesees, nimmt die Flüsse French-Creek, Tobys- Creek und Conemaugh auf n. mündet bei Pittsburg indenMonongahela, mit dem er denOhiostrom bildet. 2 ) County im nordamerikanischen Unions- gcbiete Maryland unter 39° n. Br. u. 79°w. L.; 40,814 Ew. Flüsse: Potomac, Uonghiogany, Evits- und Clade-Creek, außerdem von anderen Flüssen durchzogen, die, ans dem Alleghanygebirge u. den Appalachien kommend, sich in den Potomac ergießen; Boden fruchtbar, reiche Eisen-, Steinkohlen-, Kalk- u. Sandsteinbrüche; breite Thäler liefern Mais, Weizen n. s. w ; die Baltimore- u. Ohio-Eisenbahn Lnrchschneidet das County, dessen Sitz Cnmberland ist. 8) County im Staate New- Jork, unter 43° n. Br. und 78" w. L, mit 40,814 Ew.; Countysitz Philipp. Das County wird vom Gcnessec n. Lessen Nebenflüssen durchströmt, wobei Wasserfälle als treibende Kraft auf mancherlei Art benutzt werden; Boden fruchtbar; Erie-Eisenbahn n. der Genessce-Kanal. 4 ) County im Staate NCarolina, unter 36° n. Br. n. 81° w. L.; 3691 Ew. 5 ) County im Staate Virginia, 38° n. Br. u. 78° w. L., mit 3674 Ew.; Countysitz Covington. 6) Alleghany City, unter 40" 27' 36" n. Br. u. 80° 0'40" w. L., mit 53,180 Ew.; bildet eine Vorstadt von Pittsburg im Staate Pennsylvania, am nördlichen Ufer des Potomac, über den u. a. eine großartige Drahtbrücke führt; viele Fabriken, ein theologisches Seminar der Presbyterianer, Sternwarte; die westlich: Staats- Strafanstalt. Vergl. Pittsburg. Aklcgiance oder Ligcance (engl., spr. Älli- dschäns), in der englischen Rcchtssprache der wahre u. pflichttreue Gehorsam eines Lehnsmannes oder Unterthans gegen seinen Lehnsherrn oder Souverän: InAoantia sab vineulnva ticisi; liAoanbia est legis esssntia; daher Unterthanentrene, bei Engländern als angeboren (Mtmral A.), bei in England lebenden Ausländern nur als vorübergehend (lwos-I L.) angenommen. Oatii ol der dem König geleistete Unterthaneneid der Engländer, besieht in dem Versprechen darauf, wird jedoch - Allegorie. mir in besonderen Fällen geleistet, da diese Treue als selbstverständlich (dlatmral L.) angenommen wird. Allcgircn (v. Lat.), eine Stelle in einem Schriftstücke anziehen, sich darauf berufen; daher Allegat, die angeführte Stelle; Allegation, die Anführung einer Schriftstelle; auch so v. w. kaiserliches Re- script. Allegorie (gr. aUsAoma, von allsAorell, wörtlich: ich bezeichne Etwas auf andere Weise, d. i. uneigentlich, bildlich), bildliche Darstellung einer abstracten Idee; synonym mit Symbol, Metapher, Tropus, Parabel, Fabel, Märchen, Mythus, Sage. Das Gemeinsame dieser Bezeichnungen besteht darin, daß eine Idee, sei es Gedanke, oder Begriff, durch eine sinnliche Vorstellung (Person, Sache oder Handlung) bezeichnet wird, welche als solche (im eigentlichen Sinne) etwas Anderes bedeutet. Der allgemeinste der obigen Ausdrücke ist der Tropus, welcher schlechthin die Übertragung einer Vorstellung in eine andere Sphäre bedeutet; daher tropisch so v. w. uneigentlich. Die Metapher ist ein Tropus, welcher die Verwandtschaft von Beziehungen innerhalb zweier parallelen Reihen von Vorstellungen bedingt, von denen die eine, geistige, durch die andere, natürliche, ersetzt u. bezeichnet wird. Eine gedanklich zusammenhängende Reihe von Metaphern, welche derselben Vorstellungssphäre angehören, wird zur A., wie in dem Schillerschen Distichon: In den Ocean schifft mit tausend Masten der Jüngling; Still, ans gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis, worin also das Leben mit seinen Hoffnungen und Enttäuschungen unter dem Bilde einer Fahrt ins Meer vorgestellt wird. Eine zum in sich abgeschlossenen Gesammtbilde erweiterte Allegorie mit moralisirender Tendenz nennt man Parabel, von der das Neue Testament zahlreiche Beispiele gibt, wie die Parabel vom Säcmann, in welcher die sittliche Entwickelung des Menschen unter dem Bilde des Ausstreuens von Samen geschildert wird. Auch die Fabel gehört hierher, sofern sie das Treiben der Menschen unter der verwandten Maske des Thierlebens schildert. Mit der Fabel verwandt ist das Märchen, welches noch mehr als die Fabel dem Reiche der phantastischen Erfindung angehört u. sich bereits der Conseqnenz paralleli- sirter Vorstellnngsreihen entzieht; in ihm herrscht die Willkür ungebundener Einbildungskraft zu dem alleinigen Zwecke, die dichterische Anschauung an dem Spiel anmuthiger, aber sich der realen Möglichkeit entziehender Bilder zu erfreuen. Dies schließt jedoch nicht ans, daß dem Märchen ebenfalls, wenn auch in dunkler Tiefe, ein allegorischer Sinn unterliegen kann. Der Mythus dagegen hat in so fern einen realen Hintergrund, als er nicht der willkürlich erfindenden Einbildungskraft entspringt, sondern sich cnltnrhistorisch ans den ursprünglichen, wesentlich religiösen Vorstellungen eines Volkes von der Welt und deren geistigen und sinnlichen Gewalten, in Verbindung mit historischen Ereignissen, entwickelt. Erfundene Mythen, wie z. B. die Platonischen, sind nichts weiter als Allegorien. Die Sage endlich unterscheidet sich vom Mythus da- Allegorie. 44S !i>U durch, daß bei ihr das geschichtliche Element gegen ^ dem Drucke jener dunklen Beziehungen, zum adä- das religiöse überwicgt; in ihr handelt es sich! qnaten Ausdrucke architektonischer Harmonie erhoben nicht sowol um symbolisirte Natnrkräfte u. deren wurden. Im Mittelalter begann dann, unter dem religiöse Verwerthnng für die Einbildungskraft, Einflüsse der übermächtigen religiösen Vorstellun- als um menschliche Schicksale vorzeitlicher Helden, gen, aufs Nene das Bedürfnis; des L-ymbolisirens welche die Phantasie des Volkes mit poetischem ^ ans die Baukunst einznwirkcn, weshalb der gothische Schmucke umkleidet. Die in dichterische Form! Stil mehr oder weniger den Charakter des Sym- gcbrachte Sage ist die Ballade. Von hervorragcn-ibolischcn trägt, bis die Renaissance ans die Antike der Bedeutung ist die Stellung, welche die Kunst! znrückgriff u. ihre Formen im Dienste einer freien zu diesem gestimmten Kreise verwandter Begriffe! Ornamcntirnng verwandte. Die spätere Entwickel- einnimmt. 'In gewisser Beziehung ist das Wesen mng trägt, abgesehen von naturwidrigen Gestaltaller Kunst allegorisch, wenn man diesen Ansdruck! nngen, wie im sogenannten Jesuiten-, im Zopf-, in welchem das Symbolische nur in conventioneller Weise zum Zwecke gefälliger Ornamentirung, also als plastisches Beiwerk, z. B. zur Bekrönung des Gesimses ober als Balken- n. Treppendecoration, verwandt wird. Die Plastik ist ihrer Natur nach vorzugsweise znr-Symbolik geeignet. Das Hellcncn- thum gestaltete seine Götter- u. Herocuwclt plastisch, nicht nur in der Scnlptnr selbst, sondern für die Vorstellung überhaupt; denn die reine plastische Form gewährt dafür das adäquateste Mittel, weil sie Lurch ihre Farblosigkeit gleichsam von der realen Erscheiunngswclt abstrahirt. Eben darum aber ist die Malerei, wenn sie nicht als Wandmalerei mit ihrem gedämpften Halbfarbenton, ohnehin als Ornament sich an die Architektur anlchneud n. ihr dienend, ebenfalls auf die volle Erscheinungsrealität in etwas verzichtet, dem Gebiete des Symbolischen inadäquat; u. es kann geradezu als eine Verirrung des ästhetischen Geschmackes angesehen werden, wenn antike Vorstellungen, Mythen, geschweige denn Allegorien, Parabeln, Märchen n. s. f., in coloristischer Weise, d. h. in Form realer, that- sächlichcr Erscheinung zur malerischen Darstellung gebracht werden. Die Poesie bietet, der flüssigen Natur ihrer Darstcllnngsweise halber, ein weniger begrenztes Feld für das Symbolisircn; ohnehin ist sie ihrem formalen Wesen nach metaphorisch; aber wird. Denn die Kunst ist wesentlich repräsentativ, d. h. in dem vorgestellten Bilde ist ein allgemeiner Gcdankcninhalt gesetzt, der aber nicht als solcher, sondern als individnalisirte Vorstellung zur Erscheinung kommt. Im besonderen Sinne gefaßt, nimmt aber die A. zu den einzelnen Künsten eine sehr verschiedene Stellung ein, und hierbei kommt der wesentliche u. tiefe Unterschied des Allegorischen n. Symbolischen in Betracht. Das Symbolische wird erzeugt in der dunklen Borstellnngs- wclt eines noch unreifen, des reinen Gedanken- ansdrnckcs noch nicht fähigen Volksbcwnßtseins, cs ist eine Vorstufe des bewußten Denkens, daher als Gedankenform etwas Unbewußtes, dessen dunkler Inhalt den Charakter des Geheinmißvollcn, Mystischen an sich trägt; das Allegorische dagegen entsteht nicht ans solche unmittelbare Weise, sondern wird gemacht, erfunden mit vollem Bewußtsein. Es hat daher zwar, weil die Beziehung des dar- gcstelltcn realen Bildes ans den abstracten Inhalt dem das Bild Anschauenden nicht ohne Weiteres immer deutlich ist, ebenfalls etwas Dunkles; aber das Gchcimniß hat nichts Mystisches n. als solches Ehrwürdiges, sondern cs ist mehr Geheimnißkrä- mcrei, Rebnsmachcrei, die bei aller Räthselhastig- kcit gar keine Tiefe zu haben braucht. Wenn daher das Symbolische und z. B., da er wesentlich symbolischen Charakter hat, der Mythus ffir die! gerade darin werden in der bildenden Kunst die Kunst ein dankbares Feld der Darstellung bietet,! meisten Fehler begangen, daß inan in ihr von dem so wendet sich das prosaische Vcrsteckenspiclcn mitl Jrrthnm ansgcht, das in jenem künstlerischen Gekäst verständigem Gedankcninhalte n. das Verbergen ^ biete Mögliche auch in dem ihrigen für darstellbar desselben hinter der bloßen Maske realer Borstest-!zu halten; die vielfach verunglückten Gemälde „nach ungsbilder, das den Charakter der Allegorie bildet,; Dichtcrstellcn", in denen die Alt-Düsseldorfer Schule von dem wahren Wesen der Kunst ab. Während! überreich war, zeigen das Verkehrte dieser Ansicht, das Symbolische bei allen Völkern in den dunklen! Man vergißt, daß die wesentliche Bedingung des Anfang des sich der Ideenwelt bemächtigenden! von der Poesie ausgehenden ästhetischen Eindruckes, Volksgeistes fällt und den allerersten Inhalt der! der Fluß der Handlung, die Bewegung der poeti- sich entwickelnden Knust ausmacht, tritt die frostige! sehen Idee, der Malerei abgeht, daß überhaupt, was n. gespreizte Allegorie gewöhnlich erst dann in der innerhalb einer Kunstgattung in der ihr ange- Knnst ans, wenn diese n. der poetische Volksgcisstmesscusten Form der Darstellung originalster an- selbst den Cnlminationspnnkt ihrer Entwickelung! geschaut und gestaltet wurde, nur surrogativ, nie- wcit überschritten haben. Wenn aber die A. nn-jmals aber in adäquater und ebenbürtiger Weise bedingt als nnkünstlerisch zu verwerfen ist, so darf! durch eine andere, fremde Knnstform wicdergegeben auch vom Symbol in den verschiedenen Künsten! werden kann. In der Musik zeigt sich das Sym- nur ein sehr beschränkter Gebrauch - gemacht wcr-'bolischc darin, daß hier der Ton schlechthin, ohne den. Die Architektur, wenigstens in ihren frühesten begriffliches Beiwerk, als der Ausdruck einer sceli- Epochen, z. B. die indische, assyrische, ägyptische,! scheu Empfindung wirkt. Am reinsten offenbart war in vielfacher Beziehung symbolisch, bis die Ein- sich daher der symbolische Charakter in der wort- Pfindnng für die Gesetze der reinen Schönheit sich Kosen Musik, in der Symphonie, am wenigsten in so weit geläutert hatte, daß — bei den Hellenen — ^ der sogenannten großen historischen Oper, bei wel- die architektonischen Formen, unter Befreiung von! eher, wenn man von Len lyrischen Momenten da- 444 Allegorisch rin absieht, das AnSeinanderfallcn zwischen Ton u. Wort bis znr völligen Jncongrnenz eines willkürlichen, indifferenten Ncbeneinaiiderhergchcns gesteigert werden kann. Die Tanzkunst endlich, wenn man sie, ihrem wahren Charakter nach, als bewegte Plastik der menschlichen Gestalt zum Ausdrucke der Bewegung seelischer Empfindungen auffaßt, ist ursprünglich durchaus symbolisch; cs zeigt sich das namentlich in allen Nationaltänzen; und zwar ist cs hauptsächlich die Liebe,, welche in ihren mannigfachen Entwickelnngs - u. Änßernngsformeu darin zum lebendigen symbolischen Ausdruck gelangt. Wenn freilich, wie in den modernen Tänzen, das Bewußtsein für diesen der Tanzkunst innewohnenden symbolischen Charakter gänzlich verschwunden ist, verflacht sie sich zu einer mechanischen, höchstens sinnlich aufregenden Bewegung. In den ältesten Zeiten cnltnrhistorischer Entwickelung, als das Symbolische noch in dein Bolksbcwnßtsein ein wesentliches Moment tiefster religiöser u. kosmischer Anschauungen bildete, trug die Tanzkunst ebenfalls, namentlich als Element des Cultus, einen religiös- symbolischen Charakter. Allegorisch, Eigenschaft einer Darstellung, in welcher vermittelst sinnlich-realer Personen, Dinge n. Handlungen abstracte Bcgrifsc, Gedanken und Beziehungen ansgedrückt werden sollen; s. Allegorie. Allegorische Auslegung, s. Auslegung. Allcgorisircn, abstracte Begriffe II. Gedanken durch sinnlich-reale Personen und Dinge zur Anschauung bringen; s. Allegorie. üüogreito, s. XiUr-ro. Allegri, Gregorio, Componist, geb. zu Rom um 1580, Schüler Naninis; st. 18. Febr. 1652. Noch jetzt werden viele seiner Compositionen in der päpstlichen Kapelle anfgeführt, besonders das (von Mozart nach zweimaligem Hören ausgezeichnete n. von Bnrney abgeschriebene u. 1771 veröffentlichte) Llissrsro in der Charwoche in der Sixtinischen Kapelle. Allegro (ital., abgekürzt XUo.), 1) munter, lebhaft, zu Bezeichnung des Tempo. Das A. erleidet mehrfache Abstufungen, so XUsArstcko, nicht so schnell als A., Id. non tanto, X. ms, non iroppo, X. moäsrato, nicht zu starkes A.; Id. maostovo, würdevolles A.; X. Ziusto, so viel als eben recht ist; L. von brio, X. eon t'imeo, A. mit Feuer; X1ie§rissimo, sehr schnell. 2) Ein ganzes Musikstück von lebhafter Bewegung; so auch XUsKrotto ii. idllsArettino, ein kleineres u. ein ganz kleines Stück der Art. Alleinberechtigung, die einer Person oder einer Gesellschaft, sei es durch die Natur der Dinge, oder durch besondere Verleihung innewohnende Befugnis), ausschließlich Etwas thnn, genießen oder lassen zu dürfen; s. Monopol, Privilegien, Rechts- wohlthatcn. Alleine, rechter Nebenfluß des Donbs; entspringt im schweizer Kanton Bern, tritt in den französischen Distr. Belsort, nimmt bei Montbeliard die Savourcnse u. die Lisaine auf n. mündet bei Vanjanconrt. Alleinherrschaft, s. Absolutismus und Monarchie. Alleinseligmachende Kirche, s. Römisch- katholische Kirche. — Allen. Nllemand, l', Fritz, Schlachtenmaler, geb. zu Hanau 1812, gest. zu Wien 1866, Sohn eines Zeich- nenlchrers; besuchte die Wiener Akademie n. begründete seinen Ruf durch eine Scene ans dem Spanischen Bürgerkriege. Dieselbe vcranlaßke den Auftrag des Kaisers, das Banket der Maria- Thercsia-Ordeus-Rittcr am Jahrestage der Schlacht von Kollin ansznführen. A. malte auch Bilder ans den Napolconischcn Kriegen n. dem Deutsch-dänischen Kriege von 1861. Man rühmt an seinen Werken große Lebendigkeit der Komposition mit größter Treue der militärischen Elemente. — Sein Sohn Sigmund, ebenfalls Schlachtenmaler, malte Bilder ans dem Siebenjährigen Kriege (Schlacht bei Kollin), die Erstürmung des Königsbergcs, das Gefecht von Oeversee 1861, den Gencrälstaö des Erzherzogs Albrecht bei Cnstozza. Seine Bilder zeugen von scharfer Beobachtung u. feinem Blick für die Composition. Allemande, Name national-deutscher Tanz- weisen mit dem Charakter ruhiger Heiterkeit; cs gibt eine solche Tanzweise im zweitheiligen (;) n. eine im drcitheiligcn Tack. Sic erfordern eine natürliche Grazie in den Wendungen und in der Bewegung des Oberkörpers. Der Tanz wurde unter Ludwig XIV. am Hofe zu Versailles eingeführt (wo er, ans dem Elsaß stammend, die Einverleibung der neu erworbenen Provinzen darstcllcn sollte); unter Napoleon fand er ans den Pariser Theatern Anwendung. Außerdem heißt A. ein nicht für den Tanz geschriebenes Musikstück, welches geraden Tact (s), ernsteren Charakter und maßvolle Bewegung hat. Es kommt in den Suiten des vorigen Jahrhunderts, in der Regel am Anfänge vor. Als die vollendetsten Tonstücke der Art gelten die A. Händels u. Seb. Bachs. Alle Mann ans ! ein Commandowort auf den Schiffen, welches die ganze Besatzung auf das Oberdeck znr Ausführung irgend eines Manocnvres oder anderen Dienstes ruft. Mlcmont (Allemont cn Oisans), Flecken an der Romanche im Arrondissement Grenoble des französischen Departements Jscre; Schiefcrbrüche, Handschuhfabrikation, Rinnen des Schlosses Rochc- chinard; 1220 Ew.; früher mit einem 1080 von St. Bruno gestiften Cistercienserklostcr, Hauptsitz des Ordens. Dabei die Minen von Chalanche, mit Silber, Blei, Kobalt, Nickel, Kupfer, Anthracit, Zink, Schwefel, Gold, Quecksilber, Eisen, Mangan, Antimon, 1767 entdeckt. Allen (spr. Allen, Lo§ ok X.), über 10,000 HJüm große, 60—70 m ü. d. M. liegende Reihe von Morästen, in der Grafschaft Kildare (Irland); von einander getrennt durch einzelne cnltivirtc Streifen, enthalten die Quellen der namhaftesten irischen Flüsse. Allen, 1) County im nordamerikanischen Unionsstaate Indiana, unter 41° n. Br. und 85° w. L., mit 43,434 Ew.; Conntysitz Fort Wahne, wo sich der St.-Joscph- mit dem St.-Marysflusse vereinigt, den Manmeefluß bildend; Boden eben n. fruchtbar, Mais, Weizen n s. w. liefernd; Ohio- Jndiana-Eisenbahn,Wabash-Erie-Kanal. 2) County im nordamerikanischen Unionsstaate Kansas, unter 37° II. Br. und 100° w. L., mit 7022 Ew. 3) County im Staate Kentucky, unter 36° n. Br. und 86° w. L., mit 10,296 Ew.; Countysitz Scottville. 4) County im Staate Ohio, unter 41° n. Br. und 84° w. L., mit 23,623 Ew.; Countysitz Lima; Boden fruchtbar, Erzeugnisse Mais, . Weizen rc.; Miamikanal und Ohio - Jndiaua- I Eisenbahn. Allen, 1) William, Rear-Admiral in der britischen Marine, geb. 1792 in Weymonth; nahm theil an den Nigerexpeditionen von 1833 u. 1841 und führte auf der ersten derselben die erste Aufnahme des Niger von der Mündung bis Rabba aus; 1849 bereiste er Syrien n. Palästina u. st. am 23. Januar 1864 in Weymonth. Er schrieb u. a.: Narrative ok tNs Ni§sr Nxxoäibiou; Mrs Dsaä Loa, a nerv routs bo Inäia, Lond. 1855, 2 Bde. 8) Ethan, amerikanischer Freiheitskämpfer, geb. im County Litchfield in Connecticut 1742, nahm regen Antheil an dem Streite, der um 1770 zwischen den Ansiedlern dieses Landstriches u. den Civilbehörden von New-Dork wegen Gebietsrecla- mation stattsand, und wurde Anführer der Green Mountain Boys. Als solcher war er bei der Einnahme der britischen Festungen Ticonderoga und Crown Point, Mai 1775, in erster Reihe thätig, zeichnete sich unter General Schuylers Oberbefehl bei der Expedition Montgomerys nach Canada aus, wurde aber bei dem Versuche, Montreal zu nehmen, gefangen nach England abgeführt u. von dort erst 1778 gegen Colonel Campbell ansgelöst. In seine Heimath znrückgekehrt, wurde er zum Generalmajor der Staatsmiliz u. später zum Ab- , gesandten an den Congreß ernannt, bei dem er die Anerkennung Vermonts als eines besonderen Staates durchsetzte; er gehörte dann noch längere Zeit der Legislatur dieses Staates an u. st. 13. Febr. 1789 auf seinem Landgute Colchester; schrieb: Bsasvn blls onl/ Oracls ob Nun, or s, 6omps äious Lxstem ok Natural RollZion (1784 u. öfter), eine heftige Schrift gegen christliche Religion. Vergl. Moore, LIemoirs ob Oolonsl N. und Lparks, Niks ok N. L.. 3) William, Quäker, geb. 1770 in Spitalfield; errichtete 1792 mit Jos. Gurney Beven ein chemisches Institut in London, gründete mit Astley Cooper, Babbington, Jos. Fox u. A. eine DdilosopNical Lockst^, 1797 mit W. Philipps Lxikalüsläs 8oup Lociet^, wirkte für die Abschaffung des Sklavenhandels und der Todesstrafe für geringe Verbrechen, für Verbesserung der Elementarschulen u. des Gefängnißwesens, Gründung von Sparkassen und machte in seinen philan- thropischenAngelegenheiten 1816—1833 vier Reisen nach den Hauptländern Europas. Bis 1826 beschäftigte er sich auch mit den Wissenschaften und hielt Vorlesungen über Chemie in Guy's Hospital in London. Die letzte Zeit lebte er auf einem Landhause bei Lindfield und starb 1843; schrieb: NdouZIrts on tNo Imporkanco ob Nsli§ion, und Lriek Nsmarüs uxou tlrs 6arual anä Lxirltual ! Ltaks ob Nun, übersetzt in fast alle europäischen Sprachen. Über sein Leben vergl.: Nils ok L.., vvltlr selootions krom dis corrssxonäsnse, ' London 1846; N. Dünn, lV. L., Iris Nils anä ^ Nadours, London 1848; V. L., New-Ijork 1867. o) William, hervorragender amerikanischer Theolog und Schriftsteller, geb. 2. Jan. 1784 zu Pittsfield in Massachusetts; machte seine Studien auf dem Harvard-Collegium, dessen Regent der Prorector u. Hilfsbibliothekar er 1805 ward. In dieser Stellung begann er sein 7000 Namen enthaltenes ^msrican Dio^raxdical Dictionary, welches er dreimal umarbeitete u. vermehrte, 3. A. 1857. A. war ein thätiger Gegner der Neger- sklaverei u. vertrat die amerikanische Friedensgesell- schast auf dem internationalen Friedenscougreß zu Paris 1849. Unter seinen Schriften sind u. a. noch hervorzuheben: äunius niunasksä, worin er den Beweis zu liefern suchte, daß Lord Sackville der Verfasser der bekannten Junins-Briefe sei; ferner Vunnipoo, a take ok tlis Noosatunnnic, Odristian Lonnsts, Lacrsä Lon^s. A. war auch einer der bedeutendsten Mitarberler an Websters großem englischem Lexikon; er st. 16. Juli 1868 zu Northampton in Massachusetts. 6) Charles, bedeutender amerikanischer Nechtsgelehrter u. Staatsmann, geb. zu Worcester in Massachusetts 9. Aug. 1797; studirte die Rechts in seiner Vaterstadt und ward 1821 Advocat. Seine politische Laufbahn begann er 1829 als Mitglied der Legislatur seines Gebnrtsstaates und trat 1835 in den Senat desselben. 1842 zum Richter gewählt, nahm er 1848 einen hervorragenden Antheil an der Freiboden- Bewegung (Drso-8oi1 Lkovomont) u. ward dann zu wiederholtenmalen in den Congreß gewählt, wo er beständig die Politik der Sklavenhalter bekämpfte. 1849 war er Redacteur des Boston Rsimblican, 1858 erster Richter am obersten Gerichtshöfe im Suffolk County, u. dann erster Richter am obersten Gerichtshöfe des Staates, welches Amt er bis 1867 bekleidete und dann krankheitshalber niederlegte. Beim Ausbruche des Secessionskrieges war er Mitglied des Friedens- congresses, 1861. Er st. 6. Aug. 1869 zu Worcester. 7) David Oliver, amerikanischer Missionär, geb. 1800 zu Barre in Massachusetts; bildete sich vom einfachen Landarbeiter durch eigene Kraft so weit heran, daß er aus dem Seminar zu Andover Theologie studiren konnte. Im Sept. 1827 ging er nach Bombay u. zeichnete sich hier u. in anderen Theilen Ostindiens durch seine Missions- thätigkeit ans. 1853 kehrte er nach Amerika zurück und veröffentlichte sein werthvolles Werk: INistorx ok Inäia, aneient anä möllern, Boston 1856. Nachdem er noch zu Denham und a. O. als Prediger fniigirt hatte, st. er 17. Juli 1863. 8) Karl Ferdinand, dänischer Historiker, geb. in Kopenhagen 1811; seit 1851 Professor der Geschichte an der dortigen Universität; gest. 1871. Sein Hauptwerk, eine Geschichte der drei nordischen 446 Allenburg — Allerheim am Ries. Reiche im Zeitalter Christians II., Kopenh. 1864 bis 1872, Bd. 1—5, reicht nur bis 1526—1527; obschon von A-s politischem Fanatismus Skandi- navismns Deutschen-Haß Adelhaß rc. u. sonderbarer Vorliebe für Christian II. beeinflußt, dennoch von Bedeutung, da es das einzige hervorragende Werk von einigem Umfange in der dänischen historischen Literatur des 19. Jahrh. ist. Allenburg, St. im Kreise Wehlau des preußischen Regbez. Königsberg, an der Alle; 2420 Ew.; dabei die gleichnamige Provinzial-Jrrenanstalt. Mendorf, 1) Df. im Bezirke Salzungen des Herzogthums Sachsen-Meiningen; 330 Ew.; dabei Kloster-A. mit ehemaligem berühmtem Cistercienser- Nonnenkloster, im 13. Jahrh. gestiftet, 1528 von Kurfürst Johann dem Beständigen von Sachsen säcularisirt. 2) St. im -Kreise Witzenhausen des Preußischen Regbez. Kassel, an der Werra; Fabriken in chemischen Producten, Fässern u. Düten, Holzschleiferei; 2900 Ew. Gegenüber liegt das Salzwerk Soden, welches schon im Jahre 974 erwähnt wird, seit 1540 an die Fürsten von Hessen, jetzt an Preußen verpachtet ist. A. ist Geburtsort des Fabeldichters Burkhard Waldis. Vgl. Wagner, Geschichte der Stadt A., Mark. 1865. 3) St. an der Lunda im Kreise Gießen der großherzogl. hessischen Provinz Oberhessen; Teppichfabrikalion; 1170 Ew. Die Stadt wird schon im 9. Jahrh. als Aldendorph erwähnt u. kommt 1370 als Stadt vor. Allenstcin (Olsztyn), 1) Kreis des Regbez. Königsberg in der preuß. Prov. Preußen, 1350 s^jicm (24,60 HZMs, mit 55,615 Ew.; reich an Waldungen und Seen; Thorn-Justerburger Eisenbahn. 2) St. u. Hauptort darin an der Alle u. der genannten Eisenbahn; Sitz des Kreisamtes u. Kreisgerichtes, Volksbank, Burg (1334 erbaut), eine evangelische, 3 katholische Kirchen, Synagoge, großes Kranken- u. Waisenhaus der Barmherzigen Schwestern, evangel. Hospital, Ackerbau, Töpferei, Viehmärkte, Eisengießerei, Handel mit Leinwand, Getreide u. Holz; 5514 Ew. Die Stadt wurde 1353 erbaut. Hier am 3. Febr. 1807 Arrieregardegesecht zwischen den Franzosen unter Soult und dem sich zurückziehenden russischen Heere unter Bennigsen (auch Gefecht bei Bergfried genannt). Allcntown, Hanptst. des County Lehigh im Staate Pennsylvania unter 40° n. Br. und 75° w. L., am Jordanfluß u. der Easton-Mauch-Chunk- Eisenbahn; Akademie, 2 Bibliotheken, 5 Kirchen; 13,900 Ew. Die Umgegend fruchtbar, trefflich angebaut; auch Eisenlager, Schiefer- n. Kalkstcin- brllche; in der Nähe großartige Eisenwerke, welche ungefähr den fünften Theil des nordamerikanischen Roheisenbcdarfes decken. Das deutsche Element ist überwiegend, auch wird meist deutsch gesprochen. Aller, 162 km langer Nebenfl. der Weser, in welche sie unterhalb Verden mündet; entspringt bei Sierslebcn, Kreis Wanzleben des preuß. Regbez. Magdeburg; nimmt auf dem rechten Ufer die Kleine Aller, Foruitz, Jse, Luchte, Örze, Mießte, Böhme, auf dein linken die Ocker, Fuße, Wietze, Leine mit Innerste und Ruhme auf; wird bei Celle schiffbar. Aller christlichster König (Lox (Nirlstiaulssi- lirns), Titel der Könige von Frankreich; angeblich soll ihn Chlodwig 496 bei seiner Taufe von Papst Anastasius II. erhalten haben, weil er nicht das Arianische, sondern das katholische Bekenntniß annahm; in der That ertheilte ihn erst Papst Paul II. (1469) an Ludwig XI. Nachdem der Titel unter dem ersten Kaiserreich außer Gebrauch gekommen, führte ihn die Restauration wieder ein. Unter Ludwig Philipp wurde er abgeschafft, auch das zweite Kaiserreich nahm ihn nicht wieder auf; jedoch wurde von der römischen Curie für Napoleon Hl. der Titel, den mehrere frühere Könige Frankreichs führten: „Ältester Sohn der Kirche", wieder hervorgesucht. Allcrgetrenester Sohn der Kirche, U» I'iäsllssimus (was Einige auch durch Allergläubigst übersetzen), Titel der Könige von Portugal; vom Papst Benedict XIV. (1748) an Johann V. er- theilt, wegen dessen treuer Anhänglichkeit an die Römische Kirche. Aller Heiligen, Fest zum Andenken aller Heiligen, auch der nicht einzeln verehrten, am 1. Novbr. gefeiert. In der griechischen Kirche war der Sonntag nach Pfingsten schon im 4. Jahrh. der Tag aller Heiligen; in Rom kam das Fest erst am Ende des 8. Jahrh. auf, wol im Zusammenhänge mit der von Papst Gregor III. errichteten Kirche zu Ehren aller Heiligen. Allerheiligen, Ruine eines Prämonstratenser- klosters im Amtsbez. Oberkirch des badischen Kr. Ossenburg. Das Kloster wurde 1196 von der Herzogin Uta von Schauenburg als Propstei gestiftet, 1657 zur Abtei erhoben, 1802 säcularisirt, 1803 durch Blitzschlag zerstört und 1811 auf Abbruch versteigert. Vgl. Fecht, Beschreibung des Klosters A., Karlsr. 1872. Allerheiligenbai (Bahia de Todos osSantos), Bai, an welcher die ehemalige Hauptst. Brasiliens, Bahia (s. d.) liegt; ist einer der schönsten, geräumigsten u. sichersten Häfen von ganz Brasilien, für die größten Schiffe zugänglich. Auch die Rhede ist sicher, da heftige Stürme, abgesehen von den in den Monaten Juni bis August zuweilen vorkommenden Gewitterstürmen, selten sind. Ihren Namen führt die Bai nach dem Tage der Entdeckung durch Christoväo Jaques 1503. Allerhciligenberg, Berg an der Lahn im Amte Braubach des preuß. Regbez. Wiesbaden, mit einer vielbesuchten Wallfahrtskapelle. Allerheiligcninseln (Iss Salutes), eine Frankreich zugehörige, aus 5 kleinen Eilanden bestehende Inselgruppe in Westindien; 1256 Ew. Sie sind wenig productiv, haben aber ein gesundes Klima u. einen für die größten Schiffe zugänglichen Hafen, der wegen des ihn umgebenden Ringes vonFestungs- werken das Gibraltar der Antillen genannt wird. Allerheiligenkirsche, spät reifende Sauerkirsche mit sprossenden Blüthenstielen, so daß mehrere Früchte traubenartig an einem gemeinschaftlichen Stiel sitzen. Allerheiligster Vater, Anrede an den Papst. Allcrhciligstcs, 1) in dem jüdischen Nationalheiligthum der innerste und zu hinterst gelegene, nur vom Hohenpriester betretene Theil; s. u. Stiftshütte u. Tempel. 2) Lat. Sauetlssimum, in der katholischen Kirche die geweihte, in der Monstranz zur Anbetung ausgestellte Hostie. Allerheim am Nies, protestantisches Pfarrds. des Fürsten von Ottingen-Wallerstein.im Bez.-Amte Allermamishariiisch — Allier. 447 Nördlingen des bayer. Rcgbez. Schwaben und I tiva, sofern Gott vermöge jener auf Alles unmittel- Ncuburg, an der Wörnitz; Schloß; 720 Ew. Hier bar wirken könne. im Dreißigjährigen Kriege Schlacht am 3. Anguss Allgemein, was sich auf Alle od. wenigstens 1645 zwischen den Franzosen unter Enghien nnd;auf Biele bezieht (s. Allgemeinheit), im Gegensätze von einzeln od. besonders; so allgemeine Begriffe, s. Begriff; allgemeine Gewebe t'l'olno componon- tes), in der Anatomie, tragen zur Zusammensetzung der Gewebe bei, sind durch den ganzen Körper verbreitet nnd bilden die Grundlage der Organe; dazu gehören: das Zellgewebe, Fettgewebe rc.; den Bayern unter Mercy, welcher hier blieb; siegreich für Ersterc. Allermanusharmsch ist Allinm Viotorialis D.; davon kommt die lange A-Wurzel (Rackix ViotoriaUs lonAas), von schwachem Änoblanch- geruch; früher officinell, auch zu abergläubischen Zwecken, als Schutz gegen Behexung,'Alpdruck,! allgemeine Krankheiten, Abweichungen in der Be- Krampf, gegen Hieb u. Stich rc. gebraucht, woher; schajfenheit des gcsammten BlnreS (ailvmale Blut- wol die Benennung A. Die runde A-wurzel kommt strafen, DvSkrasicn, s. d. von (Rackrolus oommunis 7,. Beide Wurzeln sind; Allgemeines Llimmrechl, s. n. Stimmrecht, mit einem netzförmigen Ueberzuge versehen. s ölllgeineinheit, 1) Eigenschaft einer Sache, Allersberg, Flecken im Bez.-Amt Nenmarkt! nach welcher dieselbe eine Mehrheit oder alle bayerischen Regbez. Oberpfalz; Forstamt,; Gegenstände einer Art belrifst. 2) (Vnivor^nlibas) .. Die Borstellung, daß cs von Etwas leine Ausnahme gibt; kann nur vergleichnngSweisc auf Erfahrung beruhen n. ist, absolut gedacht, reine Bcrnnnftidee. Sich in Allgemeinheiten verlieren, besonders bei Erfahrungssachen, wo ein vorwiegend concretes Denken stattfinden muß, zu abstracr denken. Allgenngsainkcit (8uklio1ontia), in der Theologie, Eigenschaft Gottes, daß er keines Dinges oder Wesens außer sich bedarf. Allheit, so v. w. Totalität, eine Vielheit, die des ^ 4 Kirchen, Schloß, Fabrik von Ironischem Gold u. Silberdraht; 1550 Ew. Aller Seelen, Fest am 2. Nov., an welchem in der katholischen Kirche für alle Seelen im Feg- fcuer Dressen gelesen nnd auch (doch dies oft am Tage vorher, Allerheiligen) die Gräber von den Verwandten der Verstorbenen besucht n. geschmückt werden; gestiftet nach 1024 von Odilo, Abt von Clngny, zunächst für die Clnniaccnscrklöster. brach Odilos Tod bildete sich die Sage ans, ein aus Palästina zurückkehreuden Mönch" habe in Sicilien l zugleich als Einheit gedacht wird. Flammen der Hölle Hervorbrechen sehen u. Stim^ Ällta (a. Gcogr.), Flüßchen in Italien; kam men der Verstorbenen vernommen, welche riefen,! aus dem Crnstummischer Gebirge und fiel ober- Laß sie ihren Quälern durch das Gebet der Elm ; halb Rom in den TiberiS; jetzt Aja oder Rio cko niacensermönche entrissen werden könnten; er ver-Mosso. An der A. am 18. Juli 300 v. Ehr. kündete es Odilo, der nun das Fest anordnete. Niederlage der Römer durch die Gallier unter Dasselbe wurde bald allgemein in der Kirche, doch! Brennus. Deshalb war jener Tag (.Mionsis enthält das römische Missale keine besonderen Bor- sinn) bei den Römern ein Unglückstag, an dem schristen für die Feier desselben. Allcrseligste Jnugfran (Loatissima, vir§o) heißt Maria, die Mutter Jesu; die Klosterfrauen der A. I., so v. w. Annnnciateuorden. Alles für, Nichts durch das Volk, Herrscher- inan nichts Wichtiges unternahm, klliacöus (Bot.), knoblauchartig riechend. Alltage, Lcgirnng, Verbindung eines Metalls mit einem oder mehreren anderen. Alliance, 1) Verbindung; 2) so v. w. Büud- grundsatz, von Mirabean ausgesprochen, von Nackniß ('. d.); Heilige Allianz (s. d.),«Tripel- und poleon I. adoptirt; gilt als Wahlsprnch der ailfge-j Quadrupel-Allianz; 3) neueres franz. Äarieufpici. klärten Monarchie, welche das Volk vvn der Theil- ! lllliarla ollieinalis A.,rrkrr.. so v. w. Lwznnbaüunr uabme an Staatsgeschäften fcrnzuhaltcn sucht. I 4cklniria B'acy». Allestvohl! in der seemännischen Sprache so; Allier, 1)IinkerNebenslnßdcrLoireinFranireich; viel wie: Alles in Ordnung; auf .Kriegsschiffen; entspringt in 1425 in Seehöhe auf den Lozere- iu der Nacht von den Posten auf den, Oberdeck! bergen n. dnrchströmt die Dep. Hante-Loire, Puy jede halbe Stunde, znm Zeichen ihrer Wachsamkeit, > de Dome und Allier, wird bei Brioude schiffbar, laut gerufen. ; bewässert die ihrer Fruchtbarkeit wegen berühmte Allevard, Stadt im Arrondisscinent Grenoble; Limagne-Ebene n. mimdet, 370 üm lang, wovon des französischen Dep. Isöre, an der Breda; Schloß;;245 schiffbar, bei öleverS. Seine Hanptznslüsse 3110 Ew. In der Nähe bedeutendes Eisenverg^ sind: rechts die Luisnc n. Dore, links die Sivule. werk mit Hütten u. Hohöfcn; warme Sch!vefet-!Ini Alterthnm Elaver. 2) Dep. im iwrdwestlichen quellen mit Bad. ! Frankreich, nach A. 1) benannt, zwischen den Dep. ü»er (franz.), gehet! fort! geschwind! LIIov-iChcr, Nicvre, Savne-Loire, Puy de Tvme nnd V0U8-0N. fort! von hinnen! !Crense; besteht ans Tycilen von Bourbonnais u. Allgau rc., s. Algän. feinem Strich der Auvergne; 7208 KZlern (131,4 Allgegeuwart (Omuipraosontia), in der Theo-!djIN), mit 300,812 Ew.; bergig durch mehrere logie, die Eigenschaft Gottes, durch welche er von! Züge, welche ans der Auvergne hcrllbertreten den Schranken des Raumes, der Zeit frei gedacht;(höchster Punkt Puy de Moutoneal 1202 in), mit wird, als das Alles durchdringende, überall wir-;schönen Thälern u. zahlreichen Wäldern; Flüsse: kcnde, helfende, vergeltende Wesen. Die altensA., pwire, Cher; viele kleine Seen; Klima wech- Dogmatiker theilten die A. ein in: a) 0. sudvlan-jelnd n. ungesund, der Winker oft lang n. rauh, tiaüs. sofern der Substanz Gottes das Überallsein! Frühling kalt, Sommer sehr warm; Prvductc: im Raume u. in der Zeit znkomme, ohne jedoch! Getreide, Wein, Holz, Eisen, Porzellanerde, Stein- von demselben begrenzt zu werden; d) 0. opora-stöhlen, Marmor, Bausteine, 11 Mineralquellen. 448 Aliigation — Allitcration. (darunter die von Vichy, Cussct rc.). Die Be-sdie erhabenen Llngenränder anlegt; auf dem Nacken schäflignng der Einwohner besteht außerdem Berg-s4 Reihen Schuppen, oben gelb-bräunlich, unten Lau in Ackerbau, Weinbau u. Viehzucht (bringt shellgelb, mit dnnkleren Zeichnungen; scdcrseits r.» starke Pferde), Seidenzucht, Fischfang, dessen Ertrag bis -ZLZähne; in Sümpfen n. Flüssen Südamerikas; ergiebiger Handelsartikel nach Paris. Die Industrie betreibt an 120 Eisenhammer, Hohlsten, an 400 andere Fabriken, u. liefert Messer, Schmiede- waaren, seidene Borden, Mühlsteine, Fayence, Papier, Glas, Spiegel, Leder, Seilerwaaren rc. Das Departement wird von mehreren Eisenbahnen durchschnitten, deren Knotenpunkte Monlins und St. Germain sind. Hanptst. Monlins. Arrvnd.: Gannat, Montlnxon, Monlins, la Palissc. Alligation (v. Lat.),Beimischung,so v. w. Alliage. Die Alligationsrechnung lehrt, wie viel Ge- wichtstheile (nicht Rannitheile) man von zwei oder mehreren dem Werthe oder Gehalte nach verschiedenen Stoffen mischen muß, um einen Stoff von bestimmtem anderem Werthe oder Gehalte zu erholen; sie gehört in die elementare Algebra. Ihre allgemeinen Resultate nennt man Alligations- regeln. Die A-sregcl für zwei zu mischende Stoffe z. B. lautet: Drücke den Werth (Gehalt) der beiden vorhandenen und des gewünschten Stoffes in derselben Einheit ans, so gibt jede der beiden Differenzen zwischen den Zahlencoefficienten des Werthes (Gehaltes) des verlangten und dem des einen gegebenen Stoffes an, wie viel Theile des anderen gegebenen Stoffes zur Mischung verwandt werden müssen. Z. B.: Es koste 1 ÜA Silber 180 Mk., 1 üx Kupfer 3 Mk.; man will eine Legirung von Kupfer n. Silber Herstellen, von der 1 ÜF 120 Mk. tostet. Nach obiger Regel findet inan: auf 180 —120—60 Gcwichtstheile Kupfer müssen 120 — 3 — 117 Gcwichtstheile Silber zur Legirung genommen werden. Will man ans ISlöthigem n. lOlöthigcm Silber 12löthiges Herstellen, so muß man 15—12 — 3 Theile lolöthiges n. 12 —10^2 Theile lolöthiges Silber znsam- mcnschmelzen. Alligator: (Uligütor <7»v. oder Llmmpsa Hst^As.), Gattung der Fam. der Krokodile, mit stumpfer Lchnauze, in welcher der 4. Zahn des Unterkiefers in eine Grube des oberen paßt, und mit halber Schwimmhaut an den Hinterfüßen. Lebensart n. Nahrung hat der A. mit den Krokodilen gemein; das Weibchen legt die Eier, welche etwa so groß wie Gänseeier find, in den Sand n. bedeckt sie mit trockenem Grase. Arten: a) Hechtköpfiger A. oder Kaiman (Alligator missis- sixpiensis oder .-1. Inoius <7rrv.), über 4 in lang; auf der Oberseite schmutzig-olivengrün, hier u. da dunkel gezeichnet, auf der Unterseite lichtgelb; jederseits -Z-K Zähue; mit starken Schuppen bedeckt; mit! breiter, flacher, vorn Schnauze, mit nur 2 zngernndeter, hechtartigcr Paar großen, im Vierecke wird bis 3 m lang; frißt Fische u. andere Wasser- thiere; legt 50—60 Eier in eine selbst gegrabene Sandgrube; hält wie das vorige einen Sommerschlaf. o) L. palpobrosus mit flacher Stirn und knochigen oberen Augenlidern; in SAmerika. ä) Der Mohrenkaiman (.1. uitz-er Lhü-r.), der größte, bis 6 in lang; in Südamerika. Fossile Neste von Alligatoren finden sich bereits im Eocän vor. Alligatorschildkriite (Lüwlyckra, ä'e/twsr-N.), Gattung der SüßwasserschilLkrötcn, mit kleiner, die Gliedmaßen unvollständig bedeckender Schale, langem Schwänze, mit Kamm u. 2 Bartfäden unter dem Kinne. Die langschwänzige A. (6Ir. Serpentins, Lttvep.), hat einen braunen, mit 3 Längsleisten versehenen Rückcnschild; sie wird l,g m lang und 10 lc^ schwer u. lebt in stehenden Wässern des südlichen Nordamerika; ihr Fleisch wird gern gegessen. AlligncntcnL, s. Alignement. Alriircn cv- Fr.), ein Bündniß schließen; daher Alliirte, Verbündete. Allingham (spr. -hemm), William, anglo- irischcr Dichter, geb. 1828 zu Ballyshannon in Irland; englischer Stencrbeamtcr, seil 1864 im Genüsse einer Schriststellerpension. Seine Dichtungen athmen die Seele des irischen Volkes' n. fesseln durch den Rcichthnm naturgetreuer Gestalten ans dem heimischen Leben: kosms, 1850; keaeo nnck Var, 1854; Duz- null ibliAirt Längs, 1854, 2. bedeutend vermehrte Ausl. 1855; i?oeins, 1800; Imrvroneo Llomkiolck in Irelanck c>r tirs nsrv Imncklvrüs, 1864, 2. Ausg. 1869; Mw Lallnck Loolc. a sc-Iootion ok tlre vlioiesst Itritlsü Ballacks, 1864; chiktpmocksru Booms, 1865; ein begleitendes Boom zu Rich. Doyles: ln Bairx- lauck, a seriös vt' pieturss lrom tlio Blk- rvorlcl. 1870. Nlliöli, Jos. Franz, geb. zu Sülzbach 10. August 1793; ward 1816 Priester und ging 1818 nach Wien, um die orientalischen Sprachen zu stndireu, und von da nach Rom und Paris, ward 1821 Privatdocent u. 1823 Professor des Bibelstndiums in Landshnt u. 1826 in München, legte 1835 seine Professur nieder u. wurde Dom- capitular in Regensburg, 1838 Dompropst in Augsburg und st. hier 22. Mai 1873. Er sehr.: Aphorismen über den Zusammenhang der Heiligen Schrift A. u. N. T. rc.; Biblische Altcrthümcr; Handbuch der bibl. Alterthumsknnde, 1841; Übers, d. A. u. N. T. n. d. Vulgata, Nürnb. 1830 u. f., 6 Bde., 4. A. Regensb. 1871 mit Anmerkungen, vom Papste approbirt; sodann eine Schrift stehenden Rackenschildern; lebt truppweise ins über die inneren Motive der kanonischen Horen, Flüssen des südlichen Nordamerika; frißt Fische n.s2. Anfl., Augsb. 1848, u. über die Bronzethür andere Thiere, ist für den Menschen eine der ge-sdes Doms zu Augsburg, Augsb. 1853. fährlichsten Arten, legt seine zahlreichen (gegen 100 ) > Alliteration (Anrcim, Stabreim) heißt die Eier aufs Land, bewacht sie u. leitet die Jungen s Aufeinanderfolge von zwei oder mehreren Wörtern an; schläft zur trockenen Jahreszeit im Schlamme.! mit gleichem Änlaurc, L. h. von Wörtern, deren Die Haut wird zu Schuhen rc. verarbeitet, das i Stammsilben alle mit demselben Consonanten, Fett zu Schmiere benutzt, d) Brillenkaimansodcr mit irgend einem Bocal oder Diphthongen oder Jakare (M. sdsrops önv.), zwischen den ^beginnen. Dieser Reim findet sich neben verein- Angen eine vorspringende Hantleiste, die sich am zelten Spuren im Lateinischen, Griechischen rc. bei Milium. 449 sänuntlichcn germanischen Völkern in sprichwörtlichen Redensarten, in den Eigennamen von Verwandten, und in der Rcchtssprache, von ältester bis neuester Zeit (bau endi bodskcpi, altsächs.; dbina and dela, altfries.; der gcnande, der genas — wer wagt, gewinnt, unttclhochd.; Gibeke, Günther, Gernöt, Giselher, Grunhild, Heldensage; Stock n. Stein, Mann u. Ataus, blitzblau, nagelneu, immer und ewig, neuhochd.); insbesondere aber bildet er die älteste Versform der gesummten germanischen Dichtung, im Althochd. u. Altsächs. bis ins 9., im Angelsächs. n. Älltnorü. bis ins 12. Jahrh. n. Ehr. und spnrweise noch länger. Der alliterirende Vers beruht ans dem Wvrtgewicht oder Begriffsacccnt, nicht, wie die Verse der qnantitirenden Sprachen, ans der natürlichen Länge und Kürze, oder, wie die spätere deutsche Neimpoesie, ans der Tonabstufnng der einzelnen Silben: der Version liegt stets auf den Stammsilben von Bcgrifsswörtern (selten Formwörtern), nie ans Endungen mit sogen. Tiefton, wie in der deutschen Reimdichtnng. Solcher hochbetonten Wörter (Stabwörter) enthält der regelmäßige alliterirende Vers zwei, neben einer innerhalb gewisser Grenzen freigegebencn Anzahl von unbetonten; je 2 Verse sodann sind so zu einem Verspaar verbunden, daß von den Stammsilben der 4 Stabwörter (den 4 Stäben) 3, 2 oder auch alle 4 alliteriren, d. h. den gleichen Anlaut haben. Die Stäbe wurden ursprünglich im Bortrage vor den unbetonten Silben (Füllungen) herausgehobcn durch Saitenaccorbe: der stärkste fiel auf den sogen. Hanptstab, den 3. des ganzen Vcrspaares (selten ans den 4.), zwei schwächere ans die beiden Stäbe des 1. Verses, die sogen. Stollen. Es reimen hierbei 1) Bei dreifacher A. Stab 1 u. 2 des 1. Verses (die Stollen) auf Stab 1 des zweiten: M lä vlür, VMU I § 607 ici vulärss tlirz'in! (angels.) (O du Wonne der Weiber > durch die weiten Himmel!) 6iix virr giiinmixa, j 6L giA3 1ivsr§i. (altnord.) (Nicht Erde war irgend, I noch Kleber-Himmel, Höhnender Hrund nur, I und Hras nirgend); selten (wenn der 1. Stab des 2. Verses nicht allitterirt) auf dessen zweiten Stab, der dann aber kein einsilbiges Wort u. nicht der 2. Theil einer Zusammensetzung sein darf: (Nicht schreite das Schiff vor, j das unter dir schreibet); ebenso selten nur ein Stollen auf die zwei Stäbe des zweiten Verses: Ilm diAUolsn Silltlixuiit. i SuuuL srL suistor (althochd.) (Da besprach ihn Sindgund, j (und) Sonne, ihre Schwester) 2) Bei zweifacher A. gewöhnlich Stab 1 des 1. Verses auf Stab 1 des 2.: '(Ladübraud sprach, /Kildebrands Sohn);^ ^ ^ ^ 3) Bei vierfacher A. gewöhnlich Stab 1 auf 1 n. 2 auf 2 (überschlagcnd), oder auch alle vier Stäbe gleich: Id uuallota. suniaro ! enti uuintro sodstio (althochd.) (Ich wallte der Sommer ! und der Winter lcchzia): riöllld 6d kor, ; klöläd 6d krsistnädad (attnord.) (Biel erfuhr ich, j viel erforscht' ich). Die spätere A-spocsie schwellt in breiterer oder lebhafterer Rede oft die Verse durch Füllungen Piercrs Univcrsal-Convcrsalions-Lcxikon. L. Ausl. mehr an, besonders den Anfang des zweiten (sog. Malfüllnng); im Angelsächsischen u. Altsächsischcn hat sich daraus für die mehr lyrischen n. dramatischen Stellen eine neue Versart, der Vers mit einem Zusatzstab (und dann immer wenigstens 3 Reimen) herausgebildet: (Ich war in der Welt verworfen, l daß dir wohl würde im Himmel, Arm war ich in deinem Lrbland, l daß dir Acbcrfluß würde in meinem); 8äti§ bist tim Timon, snnu llonasss; j ni madtos tim tüat (Selig bist Du Simon, Jonä Sohn! j ni^t mochtest du das selbst erdenken, Es merken in deines Gcmiiths Gedanken, j noch mochte dir's ZNcnschen-Znnge . . .) Alliterirende Sprachdenkmäler sind: im Althochdeutschen: Hildcbrandslied, Muspilli, Wessobrunner Gebet; im Altsächsischen: der HAiand; im Altnordischen namentlich die Lieder der sogenannten älteren Edda, wo sich regelmäßige Strophen von gewöhnlich 8 (Fornyrdhalag) oder 3 (InöcilmllLttr) Versen gebildet haben, wogegen später Neun, Assonanz u. regelmäßige Füße eindringen; im Angelsächsischen fast die ganze poetische Literatur; selbst Prosawerke (Predigten) gibt es hier mit durchgehender A. — Als gelegentlicher Schmuck ist die A. auch von neueren Dichtern angewandt, als eigentliche poetische Form von den Romantikern, und sodann namentlich, in angemessener Weiterbildung, von Jordan (Nibelunge, Franks. 1870, mit theoretischem Supplement) mit Glück anf- gefrischt worden. — Über die ältere A-spocsie schrieben Schmcllcr (Abhandl. der philos.-philol. Klasse der bayerischen Akademie slV.s I, 207) n. Lachmann (Abhandl. der Berliner Akademie, 1833), nach dessen irrthnmlichcn Beobachtungen über das Hildebrandslied Viele im alliterircnden Vers auch eine bestimmte metrische Gliederung (4 Hebungen) haben finden wollen. Vgl. dagegen Vetter, Zum Muspilli und zur germanischen A-spoesic, Wien 1872. üllium, 4). (Lauch), Pflanzengattnng aus der Familie der Inliaevao-Leillüas 4?M'K. (IV. 7), mit sechsthciliger einfacher, meist weißer oder lilafarbiger, selten gelber Blüthcnhülle, 6 Staubgefäßen u. dreisächerigcr, vielsamiger Kapsel. Die Blüthen stehen in einer kopfartigen Dolde, die vor der Blüthezeit von einer 1 — 2blätterigen Blüthenscheide umgeben ist. Die zahlreichen Arten dieser Gattung enthalten meist Stoffe, die als Nahrungs-, mehr noch als Reizmittel u. Gewürz dienen, da sie ein flüchtiges, schwefelhaltiges Öl von scharfem, namentlich die Augen u. Thränen- drüsen reizendem Gerüche einschlicßen. Arten: 4. 6epa 4)., gemeine Zwiebel (s. d.), mit an der Basis beblättertem, unterhalb der Mitte bauchig aufgeblasenem Stengel, röhrig-bauchigen Blättern u. kugeliger Dolde. 4. Loirosuoprasum 44,Schnittlauch (s. L.), mit nacktem Schafte u. dünnröhrigcn Blättern; an feuchten Orten und Flußufern, auch in Deutschland, wild wachsend. 4.. ?orrum 4-., gemeiner Lauch, Porre (s. d.), mit stielrundcm, bis zur Mitte beblättertem Stengel, der ans einer l. Band. 29 450 Allix — Allmenden. einfachen Zwiebel hcrvorgeht; Blatter flach; überall cnltivirt. X. sativum K., Knoblauch (s. d.), mit breit linealen Blättern n. zwicbeltrageuder Dolde; Blüthen schmutzig weiß; überall angcbaut. .4. Opüiosoorockcm K»»., Schlangcnlanch, Rocambole, Rockenbolle, Perlzwiebcl, ist eine Varietät der vorigen Art nud wird auch da und dort als Kllchengcwürz angebant. X. soorocloprasum wird anch Rockenbolle, Rocambole (s. d.) genannt; Blätter flach, am Rande rauh, Dolde zwiebeltragend; ans Wiesen auch angebaut. X. asoaicmiouin K., Lcvantischer Lauch, Schalotte (s. d.), Blätter pfriem- lich, gleichförmig sticlrund, vollkommen röhrig; stammt aus dem Orient und wird überall angebant. 4. üstnlosnm K., Röhren-Wiuterlauch, Jakobszwicbel (s. d.), mit rührigem, in der Mitte aufgeblasenem Stengel, vollkommen banchig-röhri- geu Blättern und kugeliger Dolde; ebenfalls wichtiges Küchengewürz. -V. Xmpeloprasum 4-., aus dem Orient, wird bisweilen als Sommcrporrc angebaut. X. ursinum K., Bäreulauch, mit weißen Blüthen in lockerer Dolde; wächst bei uns in feuchten Wäldern. X. rotunäum 4-., mit kleinen Hüllblättern und zwiebeltragendcr Dolde; in Feldern und Weinbergen. X. olsrnaoum K., mit nntcrseits gekielten Blättern nud 2 langgespitzten Hüllblättern; wächst ebenda. Sehr ähnlich ist das purpurroth blühende X. oarinatum §ur., Berg- lanch, auf Triften n. Rainen u. sonnigen Wald- bergcn, ziemlich selten. X. sxlmeroevplmlum L., mir halbsticlruudcn, oben rinuigen Blättern, pur- pnrrother Blüthendolde, ohne Änollenzwiebelchen; wächst hier n. da ans Rainen u. sandigen Äckern. X. vinealo -0., Weinbergslauch, init stielrnndcn Blättern, hcllrothen, öfter fehlenden Blüthen in einer Dolde mit Kuolleuzwicbclchcn, ziemlich häufig. 4. Viotorialis K., Allcrmannsharnisch (sd.), mit knrzgestielten Blättern und netzfaserigen Häuten um die längliche Zwiebel; findet sich im Hochgebirge selten. Das gelbblühcnde X. Llol/ K., ans SEnropa und NAfrika, wird als Zierpflanze gezogen; ebenso X. rosvum K., aus dem Littoral des ALriat. Lüecrcs, mit großen rochen Blüthen. X. suavoolons -/aegc, mit wohlriechenden, hcllpnr- purncn Blüthen; wächst ans sumpfigen Wiesen in Österreich. .4. sonesosns L.,in Sibirien, ist mit X. laliux Kon. der Voralpcn verwechselt „worden. Lauch ehrten nebst den Zwiebeln die Ägypter hoch u. schwuren bei ihm; er diente bei den Griechen zur Reinigung von Verbrechen, obgleich Jemand, der ihn genossen hatte, den Tempel der Göttermntter nicht betreten durfte. Allix, 1) Peter, reformirtcr Theolog, geb. 1641 in Aleu^on; war zuerst Prediger an mehreren französischen Gemeinden, dann nach dem Widerruf des Edicts von Nantes in London für seine flüchtigen Landsleute, 1690 Canonicus zu Salisbury;' st. 1717. Von ihm rühren zahlreiche polemische n. apologetische, anch historische Schriften her. 2 ) Jacq. Alex. Fran^., Graf v. Freudenthal, geb. 21. Sept. 1776 zu Percy in der Normandie; Artillerieoffizier bei der Nordarmee, ward mit 20 Jahren Oberst, stand dann bei der italienischen Armee und ans Domingo; weil er als Republikaner sich wenig eifrig zeigte, wurde er am 18. Brumaire nicht befördert u. trat deshalb 1808 als Brigadegcneral in westfälische Dienste, in denen er 1812 DivisionSgeueral wurde. Nach dem Rückzuge aus Rußland verthcidigte er 1818 Kassel gegen Tschernitschcw und führte anch den entflohenen König Jcrome auf kurze Zeit zurück, wofür ihn dieser in den Grafeustand erhob. 1814 zum französischen Brigade- und Divisionsgeneral ernannt, trat er während der Hundert Tage wieder ans des Kaisers Seite n. befestigte nach der Schlacht bei Waterloo die Stellung bei St. Denis. Zufolge Ordonnanz Ludwigs XVIII. begab er sich 1815 nach Deutschland, durfte aber 1819 nach Frankreich zurückkehren n. ward Gcnerallientenant im Generalstabc; in der Juli-Revolution stand er auf Seiten der Volkspartei; er st. 26. Jan. 1836. Bon ihm u. a.: gg'stöms ci'artillsris cls oam- paxxno, Par. 1827. Allmacht, in der Theologie, die Eigenschaft Gottes, durch die er jede Wirkung hervorbringen kann, welche er hervorbringen will. Allmann, Bunt-Ragelfluhgebirg in den schweizer Kantonen Zürich u. St. Gallen, zwischen Rap- perswyl u. dem Toggenburg, vom Volke der Wall- maun geheißen; höchster Punkt das Schneebelhorn 1295 in. Ein vielbesuchter Aussichtspunkt ist der Bachtel 1119 in. Allinenden (Allmendcngütcr), unbewegliche Güter (meist Wald n. Wiese), welche der Gemeinde gehören, von denen aber zugleich entweder alle, oder anch nur einzelne bevorzugte Gcmeindcglieder Nutznießung haben. Die A. unterscheiden sich daher von dem Gemcindcvermögen im eigentlichen Sinne (Kämmcrcigut), welches von der Gemeinde als juristischer Person besessen u. von ihr benutzt wird. Die Nutzungsrechte an den A. hängen fast überall mit den Verhältnissen der alten Markgenossenschaft zusammen n. sind nicht selten Gegenstände vieler Streitigkeiten. Der Ursprung der A-güter ist meist darauf zurllckzuführcn, daß dieselben im ungethciltcu Eigenthnm zu ideellen heilen von den einzelnen Gemciudegliedern besessen wurden. Die Benutzung geschah dann entweder nach einer gewissen Reihe, oder nach bestimmten Loosen. Später, mit Vergrößerung der Gemeinden und dem entschiedeneren Hervortreten der Gemeinde als juristischer Person, sonderte sich diese Beziehung. Die A. wurden als Gemeinde- gütcr betrachtet, dabei aber der Inhalt der alten Berechtigungen als selbstständiges Privatrecht der Besitzer bestimmter Güter fcstgehalten, so daß neue Gemeindeglieder (Köter, Kossäten, Halbbauern, Hintersiedler rc.) daran nicht, oder doch erst nach einem bestimmt bemessenen Bestehen ihres Besitz- thums theilnahmen. Die Rechte der Einzelnen an den A. sind daher als Privatrechte anzusehen, die durch keinen Gemeindebeschluß, wie andere Gemeindegüter, beeinträchtigt werden dürfen. Zuweilen bildete die Gesammtheit der Berechtigten eine besondere Gemeinde in der Gemeinde, eine eigene Genossenschaft (die sogenannte Altgemeinde, Realgemeinde). In neuerer Zeit hat man übrigens immer mehr anerkannt, daß solche A. dem Interesse der Landbauer nicht zuträglich sind, die ! Gesetzgebung hat daher die Theilung der N. und Umwandlung derselben in Einzeleigenthnm der ! bisherigen Nutzungsberechtigten erleichtert. Gesetze Allmcrs — Allod. 451 . dieser Art sind für Bayern omch Verordnung vom 20. Dec. 1803 (revidirt 1. Juli 1834), für Preußen durch Gcmcinheitstheilmigsordnung vom 7. Juli 1821, für Branuschwcig vom 20. Dec. 1834, für das Königreich Sachsen vom 17. März 1832 re., in dem ehemaligen Königreich Hannover vom 25. Juni 1802, 30. April 1824, 26. Juli 1825. Die Entschädigung der Berechtigten erfolgt nach dem bisherigen Nntznngswerthe der Berechtigten. Allmcrs, Hermann, deutscher Schriftsteller, geb. 11. Fcbr. 1821 zu Rechtenfleth in der Osterstader Marsch bei Bremerhaven; erhielt seine Schulbildung durch Hauslehrer u. sollte Laudwirth werden, wandte sich jedoch, seiner Neigung folgend, bald dem Studium der Knust n. Poesie zu, durchstreifte in mannigfachen Wanderungen Deutschland, die Schweiz u. Italien u. cröfsnete einen regen Verkehr mit Künstlern und Gelehrten. Die erste Frucht seiner Streifzüge war das Marschenbnch (Gotha, 1857), welches interessante Land- und Volksbilder aus den bis dahin im übrigen Deutschland fast unbekannten Marschen der Elbe u. Weser bot. 'Nicht minder anziehend sind seine Dichtungen (Brcm. 1861), die viele gcmüthvolle Stimmungs-- bilder enthalten. Die schöne Frucht eines Wintcr- aufenthaltes in' Rom ist das Buch: Römische Schlcndertage (Oldenb. 1869), welches durch liebenswürdigen Humor erfreut. Sein neuestes Werk ist das Drama Elektra, in welchem nach einer Goetheschcn Idee die Orestessage zum versöhnenden Abschluß gebracht wird. A. lebt in glücklichen Verhältnissen seinen Neigungen und Studien in seinem mit vielem Kunstsinn geschmückten Elternhanse. Alton, s. Alloway. Allobröger (a. Gcogr.), Gebirgsvolk im Nar- bonensischcn Gallien, zwischen der Rhvne, der Jsörc, dem Genfer-See n. den Alpen, also in einem Theil der jetzigen Dauphine n. von Savoyen; Städte: Vienna, Gcncva, Cnlaro, welches später den 'Namen Gratianopolis (daher jetzt Grenoble) erhielt, llgnao LlIobrL^uin (Oratianas, das heutige Aix) u. a. Ihr Name taucht zuerst in der Geschichte des 2. Pnnischen Krieges bei dem Zuge des Han- nibal auf. 'Nach erfolglosen Vertheidigungsversnchen wurden sie von Qninlus Fabius Maximns (welcher dafür den Beinamen LIlobroMcus erhielt) im Jahre 121V. Ehr. der römischen Herrschaft unterworfen. Zum Frieden gezwungen, wendeten sie sich dem Ackerbau zu, ohne jedoch in den nächsten zwei Jahrhunderten treue Unterthanen der Römer zu werden; vielmehr herrschte zu Rom bis in die Kaiserzeit hinein Mißtrauen gegen die nener- nngslnstige Völkerschaft. Ullocation (v. Lat.), Ansetzung, Genehmigung eines Rechnungspostens. Allochroisch (v. Gr.), mit wechselnder Farbe, daher Altochroismns, Farbenwechsel. Allochroit (Miner.), eine Varietät des Granats (s. d.), aus Drainmen in Norwegen. Er ist ein dichter Kalk-Eiscngranat. Allocutio» (v. lat. LNoontw, Anrede), 1) (röm. Ant.), Anrede, die ein Feldherr besonders vor der Schlacht zur Anfenerung des Muthes n. der Tapferkeit an die Soldaten hielt; die beifällige Antwort der Truppen geschah durch Erheben der Schilde, oder Wafsengetös, oder Zuruf. Targcstellt. z. B. auf der Trazanssänle in Rom. 2 i Anrede, welche der Papst in lateinischer Sprache über irgend einen politischen oder kirchlichen Gegenstand an das Collegium der Cardinäle hält. Eine solche A. vertritt jetzt meist die Stelle eines Manifests an auswärtige Höfe. Allod (nach Grimm R. A. S. 492 von al totns, n. ück dounm, al-siAsu, das Ganzcigene, mere proprium). Ursprünglich war das A. der der Voltsgenossenschaft als solcher zustehende und von dieser verbürgte Grundbesitz; es beruhte auf der Anschauung unserer altgermanischen Vorfahren von der genossenschaftlichen Jnnehabung ganzer Landstriche, so daß die Landcsgemeinde zugleich als Verleiherin, sei cs durchs Loos, oder sonstige Vcrtheilung des Privatbesitzes, erscheint n. dieser unter der Autorität und Garantie der Landcsgemeinde ansgeübt wird. Somit ist A. das durch den Willen des gesammteu Volkes oder durch das Voltsgesetz zu- getheilre u. verbürgte freie eigene Besitzrhnm mit Inbegriff der Herrschaft über Alles, was auf der Oberfläche u. im Innern vorkommt, im Gegensätze zu den mannigfaltigen Formen des Besitzes, der sich auf eine vom Eigenthümer gemachte Verleihung gründet, im Gegensätze zum Nutzungs- cigenthnm oder Lehn. Wie aber nach der Eigenschaft des A-s, als Grundlage n. Verbürgung des allgemeinen gleichen öffentlichen Friedens- und Gesamnilbürgschafts- oder Staatsvercincs n. seiner einzelnen Thcile, Familie, Gemeinde rc. bis hinauf zum Reichsverein, alles gemeinschaftliche und öffentliche Recht sich an den Besitz des freien A-s knüpfte, so erwuchsen eben ans dieser Eigenschaft auch öffentliche Pflichten: außer der Laudwehr- u. Beisteuerpflicht Vie Pflicht der Haftung nicht nur für die selbstverschuldeten Bußen, sondern auch für das Löscgelü der Verwandten, wenigstens subsidiär, n. dann die aus dem System des echten Eigenthums u. der Haft der Wehrpflicht n. der Blutrache am A. hervorgehende Pflicht, das A. in seiner Gcsammtheit für die Gemeinheit, wie für die Familie zu erhalten. Das A. war demgemäß nicht ohne Zustimmung der Familiencrben zu veräußern, ja, es mußte feinem Herkommen gemäß auch des Volkes, der Genossenschaft Zustimmung zur Veräußerung, beziehungsweise zur Zulassung des neuen Eigenthümers eingeholt n. die Gewere, die feierliche Übertragung (selbst beim Übergang ans die Erben) ertheilt werden, wie denn auch stets im Falle der Veräußerung den Mark- u. Gemeindegenossen vor dem bisher ihnen Fremden gewisse Näher-, Retracts- rc. Rechte zustande». Spricht hieraus eine gewisse Eigen- thninsrechtsbeschränkung durch die politische Genossenschaft, begründet in der Eigenschaft des A-s, so tritt diese noch deutlicher in den Pflichten des Besitzers der Familie gegenüber hervor. Die Familie hat auf Grund der Anschauung, daß mit den gerichtlichen (Volks-)Znmeisnngen durch Ver- loosung oder Vertheilnng der Güter zugleich die rechtliche Nothwendigkeit der Vererbung solchergestalt zugewiesener Grundstücke auf die Descen- denten verbunden sei. — ein dingliches Recht auf ldas Gut, als ein somit gemeinschaftliches Fami- ! liengut, weshalb abgesehen von der Unmöglichkeit 452 Allodification — ^.Ilous eiiiants äs la patvis. der Veräußerung des A-s ohue Zustimmung der Familienerben der Besitzer über das A. auch nicht nach seinem Willen teftiren kann. Die Rechte am Besitze selbst gehen aus obiger Definition der srcicn Herrschaft über Alles, was auf der Oberfläche u. im Innern vorkommt, hervor; die Rechte aus dem Besitze aber sind entsprechend der politischen Statur des A.: der A-Bcsitzer ist ein Freier im vollsten Sinne des alten Deutschen Rechtes, mithin im Besitze des Stimm- n. Bewilligungsrechtes in allen öffentlichen und die Genossenschaft betreffenden Angelegenheiten, des eigenen Gerichtsstandes nur vor Seinesgleichen (oder selbst eigener Gerichtsbarkeit) n. damit im Besitze des Rechtes, dem öffentlichen Richter den Eintritt in sein Gehöfte und die Ausübung der richterlichen Gewalt auf seinem Grund u. Bodenzu verweigern. Aus diesem Berhältniffe der Freiheit des A-Besitzers, der Allodialsreiheit, kamen die Bezeichnungen Freigüter, Freiherren, Freibauern. Sie erhielt sich aber nur theilweise, da mit Ausbreitung des Feudalsystems das Allodialsystem immer mehr versank, die meisten Allodialrechte erloschen (die A-e in Lehn umgewandelt, oder ihnen wenigstens der Schein derselben (s. Sonnenlehen) gegeben wurde; als A-e selbst erhielten sich nur wenige, namentlich die in früheren Zeiten Dynastien eigenen, nunmehr als Reichsallode. (S. Slrnve, I>s allocküs imperial., llsna 1764.) Da in Folge dessen häufig Allode mit Lehn vermischt sind, so versteht mau im weiteren Sinne unter A. alle nicht zum Lchnsvcrbande gehörige, von diesem freie Habe, Mobilien und Immobilien, auch das aus dem Lehnsgnte selbst Errungene. Diese Habe muß ausgeschicden werden als Allodialmasse von der Lehnsmasse, wenn das Vermögen eines Vasallen in Concnrs geräth, oder wenn bei dem Tode des Vasallen der Lehnsfolger nicht zugleich auch Allodialerbe ist, oder wenn das Lchnsgut bei Erlöschen des Lehnsfolgegeschlechtes au den Lehnsherrn heinifällt. Beim Concnrs haben die Lehns- glänbiger nur ein Ansprnchsrecht an die Substanz des Lehnsgntes, das A. aber bleibt den anderen Glänbigernzur Befriedigung ihrer Ansprüche. Jndcß hat sich immer mehr n. mehr die Überzeugung Bahn gebrochen, daß das Lehnsinstitnt auch nur in Beziehung ans die sachcnrcchtliche Grundlage unhaltbar, die Lehnsherrlichkcit anf- znhcbcn n. unter Beseitigung aller (Lehns-) agna- tischeu Rechte die Allodification vorznnehmen sei, d. i. die Umwandlung der Lehn in A-c; cs soll der Vasall entweder gegen Übernahme einer jährlichen Geldabgabe (Kanon), oder gegen einmalige Erlegung einer Abfindungssumme von dein Lehnsherrn seiner Lehnspflicht entlassen werden u. das Lchnsgut als volles, freies Eigenthnm erhalten. In dieser Beziehung sind denn auch bei uns in Deutschland, namentlich seit 1848 in mehreren Staaten gesetzliche Schritte gethan, wie im Großherzogthum Hessen, in Bayern (2. März 1850), in Braunschweig, Sachscn-Altenburg, Lippe, Detmold rc. In Preußen hat die Verfassung vom 5. Dec. 1848 die Errichtung von Lehn untersagt, u. bestimmt, daß die bestehenden Lehn durch gesetzliche Anordnungen in freies Eigenthnm nmge- staller werden; die gesetzliche Anordnung über die Auflösung des Lehnsvcrbandcs ist aber nur für Alt-, Vor- u. Hinterpommcrn ergangen; da indeß die Rechte des Lehnsherrn beseitigt sind, so kann die sonst in Ermangelung jener gesetzlichen Anordnungen unverändert fortbestehende Lchnsver- bindnng zwischen den Mitbelehnten und Agnaten durch Familienschlnß derselben geändert oder aufgehoben werden. In Frankreich wurde die Allodification allen Lehn in der Nachtsitzung der Consti- tnirenden Versammlung vom 4. Aug. 1789 bewirkt, wogegen in England alles Land für mittelbar oder unmittelbar vom König in Besitz gegeben angenommen wird. Über Allodification vgl. Vermehren, Über den gegenwärtigen Zustand des Lehnswesens in den znin Gesammt. Ober-Apell.- Gericht zu Jena vereinigten Staaten, Jena 1862 (wobei eine übersichtliche Zusammenstellung der A-Gcsetzgcbnng in den deutschen Staaten), und Jndeich, Die Grundentlastnng in Deutschland, Lpz. 1863. S. übrigens Lehnswesen. Allodification, allodificiren, Lehn in freies Eigenthnm nmwandeln. Allodialinvcstitnr, die richterliche Einweisung in das durch Kauf rc. erworbene Eigenthnm eines Anderen; s. n. Auflassen. Allogräphttin (v. Gr.), Handschrift eines Anderen. Allom, Thomas, geb. 1804, englischer Architekt, Zeichner und Landschaftsmaler, Schüler des Baumeisters Francis Goodesin; machte zu seiner Ausbildung größere Reisen, welche er zu vielen architektonischen und landschaftlichen Aufnahmen benutzte, die er lithographirte und historisch und genrehast staffirte. Seine orientalischen Zeichnungen wurden durch den Stahlstich verbreitet. Sein bestes Werk ist das über Frankreich, das ihm die Gunst Louis Philipps erwarb. Seine Bilder sind zierlich, aber nicht frei von Manier. Von seinen Bauwerken sind zu nennen: die Christuskirche in Highbury und die kleine Peterskirche zu Nottinghill. Allomakee , County im nordamerikanischen Staate Iowa; 16,000 Ew.; Boden hügelig, abwechselnd mit Prärien und Waldungen, ziemlich fruchtbar; Producte: Mais, Weizen, Hafer; Hauptstadt: Wawkon,. Allondale (spr. Ällndehl), Stadt in der englischen Grafschaft Northumberland; Bleigruben; 4000 Ew. Allonge, 1) Verlängerungsstück. 3) Anhängsel, Anhangzettcl, bcs. bei Wechseln, wenn der Platz zum Giro nicht ansreicht, was so bewirkt wird, daß die Buchstaben von einer Zeile halb auf den Wechsel, halb auf die A. geschrieben werden. Dasselbe Verfahren fand auch bei Pässen statt, wenn der Raum zum Bisiren fehlte, wo die allon- girende Behörde das Siegel (Stempel) in gleicher Weise auf beide Blätter drückte. Daher Allongiren, verlängern, in die Länge ziehen, u. Allongement, Verlängerung. Aklonncs, Flecken im Arr. Saumnr des franz. Dcp. Maine-et-Loire am Authion; geschätzte Weine, Tuffsteine; 2400 Ew. Allons (franz.), gehen wir! fort! wohlan! Allons enlants äs >a patrie (d. i. Auf, Kinder des Vaterlandes), patriotischer Gesang; 1792 voü 453 Allopathie — Ronget de Lisle (s. d.) in Straßbnrg auf den Aus- marsch von Freiwilligen gedichtet u. angeblich von L'Allemand componirt, hieß die Hymne ursprünglich: Iw oirant äs Znerre äs I'armso äu Mün; schon im Juli 1792 von den Marseiller Frei- schaaren nach Paris gebracht u. von diesen am 10. Aug. beim Sturm auf die Tnilericn gesungen, erhielt der Gesang den Namen Marseillaise. Als republikanisch kam das Lied unter der Kaiserzeit und noch mehr unter den Bourbonen in Verruf, ward aber in den Revolutionen 1830 u. 1848 wieder Volksgesang u. erhielt sich auch unter dem neuen Kaiserreiche, worauf es sich unter der jetzigen Republik mit neuer Kraft erhob. Allopathie (Allöopathie, Allöopathik; v. gr. Mos, ein Anderer, xätiros, das Leiden), die (vermeintliche) Übertragung einer Krankheit von einem Thcil auf einen anderen; indem die Homöopathen annahmcn, daß bei allen Nichthomöopathen Heilung einer Krankheit Übertragung derselben ans ein anderes Organ sei, sie selbst aber nur solche Mittel in Anwendung brachten, die ein der vorhandenen Krankheit entgegengesetztes Leiden Hervorrufen sollten, nannten sie alle Arzte, die nicht nach diesem homöopathischen Grundsätze verfuhren, Allopathen (Allopathiker, Wopathistcu) und deren Methode Allopathische Heilmethode; s. Homöopathie. Attöphan (v. gr. Mos, ein Anderer, xirarno- mai ich scheine), Mineral, das meist in traubigcn und niereuförmigen amorphen Massen vorkommt und selten farblos ist, meist durch Beimischung von Kupferoxyd grün oder blau erscheint. Diese Farbe verschwindet vor dem Löthrohr, daher der Name. Chemisch ist er AstzSiL^ mit 5 bis 6 Atomen Wasser. Kommt vor bei Grä- fenthal, bei Saatfeld, bei Gersbach im Schwarzwald, bei Dehrn im Nassauischcn (hier farblos) u. a. a. O. Allöri, 1) Alessandro A., Historienmaler, Nesse und Schüler des Angela Bronzino u. deshalb vielfach nach ihm genannt, geb. zu Florenz 1535; eiferte dem Michel Angeld äußerlich nach; ausgezeichnet im Porträt; starb 1607. Gemälde von ihm in den florentinischen u. römischen Kirchen u. Palästen; er beschäftigte sich viel mit Anatomie und schrieb : Gespräche über die Regeln der Zeichuenkuust. 2) Cristoforo, geb. 1577, Sohn des Vor., dessen, hierauf Kardis Schüler. Er gewann jedoch bald eine in jener Zeit seltene Selbstständigkeit, die sich besonders schön in seiner Judith (im Palast Pitti zu Florenz) zeigt. Außer vielen historischen Bildern malte er auch treffliche Porträts u. schöne Landschaften. Seine Bilder sind voll Poesie, Energie der Handlung u. Wahrheit des Ausdruckes, dabei von kräftigem, warmem Colorit und fleißiger Durchbildung. Allotnicntsystem (engl.), jenes in England zur Besserung der Lage der arbeitenden Klassen in den 30er Jahren versuchte System einer micth- weisen Zutheilung von Ländereien durch parcellen- weise Verloosung an Arbeiter, um ihnen, sofern sie nicht selbst Grundbesitz haben, Antheil an solchem zu schaffen und damit ihr Einkommen von den Schwankungen des Arbeitslohnes unabhängiger zu machen, so daß sic bei einer Steigerung 7^,11' vttcrvn. der Löbne an derselben auch in ihrer eigenen Wirthschaft noch besonders tyeilnehmen, bei Kalten derselben sich wenigstens das Nöthige zu ihrem Unterhalte selbst erzeugen könnten. Es blieb indes; beim Versuche, da man sich alsbald sagen mußte, daß das System nicht durchführbar sei, schon an dem ersten Hauptpunkte bald scheitern müsse, an der Frage: woher in einem Kirchspiel weiteres Land nehmen, wen» das vorhandene bereits vcrthcilt n. neue berechtigte Anforderungen noch nicht befriedigt sind? Vgl. Robert v. Mohl, Staatsrccht, Völkerrecht und Politik, Tüb. 1869, 2 Bde., in welchem für ländliche Arbeiter ein derartiges System empfohlen wird. Allotria (gr.), Nebendinge, welche nicht zur Sache oder zur Berufsarbeit gehören. In Reden n. Abhandlungen ist Allotriologie die Einmischung fremdartiger Dinge n. die Hereinziehuug nicht in Len Zusammenhang passender Gedanken. Allotriophapic (v. gr. allätrios, fremdartig, plrätz'o, essen), Krankheit, des Magens oder Verstimmung der Nerven, mit Neigung, ungewöhnliche, unverdauliche, sogar ekelhafte Dinge (wie Kreide, Kalk, Holz, Sand, Talg, Koth rc.) zu genießen. Die A. beobachtet man nicht selten bei blcichsüchtigen n. hysterischen Frauen u. Mädchen, zumal auch bei Geisteskranken. Allotropie (Chem.), die Eigenschaft mancher Elemente, in mehreren, ganz verschiedene Eigenschaften zeigenden Zuständen zu existiren, welche man allotropischc Zustände oder allotropische Mo- dificationcn nennt. So hat der Kohlenstoff 3 allotropische Modificationen: er erscheint als Diamant, als Graphit und als gewöhnliche Kohle. Ebenso zeigen verschiedene andere Elemente, z. B. Schwefel, Selen, Sauerstoff, Phosphor, Arsen n. a. die Erscheinung der A. Daß die in ihren Eigenschaften ganz verschiedenen Modificationen wirklich ein und derselbe Stoff sind, erkennt man nur daraus, daß die ans ihnen erhaltenen Verbindungen identisch sind und daß sie sich (meist) in einander überführen lassen. Die Erscheinung der A. läßt sich nur durch die Annahme erklären, daß die (identischen) Atome der Elemente in den allotro- pischcu Modificationen in verschiedener Anordnung zu Molecülen vereinigt sind. All' ottsva (ital., in der Octave, abgekürzt M' ott' oder 8va), 1) gibt an, daß einzelne Noten oder Notenrcihcn, die mit diesem Zeichen versehen sind, eine Octave höher gespielt werden sollen. Soweit das Zeichen gilt, wird eine geschlängelte Linie gesetzt, an deren Ende loco steht, wodurch angezeigt wird, daß hier die Noten wieder in die rechte Stelle, in ihre gewöhnliche Geltung ein- trcten. 2) Bezeichnung der Stellen in bezifferten Bässen, wo der Geueralbaßspiclcr keine Accorde greifen, sondern die Grundstimme mit der höheren Octave verstärken soll. 3) In Partituren, wenn ein Instrument mit einem anderen in der Octave sortschrciten, oder wenn Notenfigurcn, die wegen bequemerer Übersicht oder wegen Mangels an Raum zwischen den Liniensystemen stehen, unr eine Octave höher, als sic geschrieben sind, ansgeführt werden sollen. Ottawa, aita bezeichnet die höhere, ottava bassa die tiefere Octave, je nachdem die Versetzung nach oben, oder nach unten stattzufindcn hat. 454 Alloway — Alluvium. Allowny, schottisch«: Hafen-, Handels- und Industriestadt, Grafschaft Clackmannan, am Firlh of Forth; Glas- n. Maschinenfabrikation, Kohlenbergbau; 6430 Ew. Alloxan (Chem.) 648282O4, Oxydations- product der Harnsäure; scheidet sich beim Einträgen von Harnsäure in Salpetersäure von 1 , 4 , spec. Gewicht als krystallinisches Pulver ab. Es bildet sich auch beim Behandeln von Harnsäure mit chlorsanrem Kali und Salzsäure oder mit Brom. Durch Umkrystallisiren erhält man es in großen wasserhellen Krystallen von unangenehmen Geschmack und widrigem Geruch. Alloxansäure (Chem.) 64848 , 0 .,. Wenn man Alloxan mit Barytwasser versetzt, so bildet sich ein Niederschlag von-alloxansaurem Baryt als weiße, glänzende Schüppchen, welche, mit Schwefelsäure versetzt, die freie A. liefern. Diese erstarrt nach dem Eindampfen zu einer strahligen Masse von stark saurem Geschmack ; im Wasser n. Alkohol löslich. Die A. ist eine starke zweibasischc Säure. Sie bildet saure, neutrale n. basische Salze, von denen die der Alkalien in Wasser löslich, die übrigen schwer oder unlöslich sind. Alloxantin (Chem.) 6^848407 bildet sich durch Einwirkung von Reductionsmitteln (Schwefelwasserstoff) ans Alloxan; wird dargcstcllt durch Behandeln von Harnsäure mit verdünnter Salpetersäure, wobei es sich als krystalliuischer, in kaltem Wasser schwer, in heißem leichter löslicher Niederschlag ansschcidet. Die Lösung reagirt sauer, hat aber nicht die Eigenschaften einer Säure. Nach dem Umkrystallisiren bildet das A. kleine farblose Krystallc mit 3 Mol. Krystallwasscr. Allstedt, St. im 8 . Verwaltungsbezirk des Großhcrzogthums Sachsen-Weimar, a. d. Rhene; Justizamt, Schloß mit Gestüte (besonders Jsa- bellcnzucht), Volksbank, bedeutende Zuckerfabrik; 3214 Ew. A. kommt als Ancstede 777 und als Altstcti im Hassingowe 935 in den fränkischen Capitnlarien vor; 974 hier Reichstag unter Otto II.; unter den Ottoncn. war es Reichs- domäuc n. kaiserliche Pfalz u. kam mit dieser an die Familie v. Goseck, die Grasen Sommersche- burg, die Markgrafen v. Brandenburg u. Grafen v. Mansfeld n. Anhalt, 1350 (1363) an das As- kanische Haus Sachsen, und fiel nach mehreren Verpfändungen an die Markgrafen von Meißen. Johann der Beständige verpfändete es an die Grafen von Mansfeld, 1554 aber wurde es eiu- gelöst, dem Ernestiuischeu Amheil zugcfügt n. kam halb an Weimar, halb an Altcnbnrg, n. erst nach Anssterben letzterer Linie 1672 ganz an Weimar. Allston (spr. Ahlstonn), Washington, Maler u. Dichter, der amerikanische Tizian genannt, geb. 5. Nov. 1779 in SCarolina in Nordamerika; erhielt den ersten Knustnnterricht durch seinen Jn- gendgenossen Malbone, stndirte zu Cambridge ans der Harvard-Universität, in Boston u. Char- lcston u. suchte sich nebenbei in der Kunst fort- zubilden, ging 1801 nach London, besuchte dort die Akademie, ging dann nach Paris n. Rom, wo er 4 Jahre leine, n. kehrte 1809 nach Amerika zurück. Doch litt es ihn nicht lange dort, er stellte schon 1811 in London, wo er nun wieder lebte, sein berühmtes Bild aus: Mis vsaäLInu restorvä^ to lils ülisaü. das die Pennsylvanier Akademie später um 3500 Pfd. St. erwarb. 1818 kehrte er nach Boston zurück, wurde gleich darauf zum wirklichen Mitglieds der Royal Academy ernannt u. malte mit Rücksicht auf seine zerstörte Gesundheit nur noch mit Unterbrechungen. A. ward im Leben vielfach überschätzt. Er starb in Massa- chusscts 8. Juli 1843. Bilder, außer dem berühmten Elias in der Wüste: der Prophet Jeremias, «saul, die Hexe von Endor, Miriams Gesang, das Fest Belsazars. Schriften: 8sipüs ol 8ro 8easons, and obüsr 8osms, Bost. 1813; 8 ints to xounA 8 raetitionsrs in 81 s 8tnck^ ok 8anci8oaps-8aiatiuA, London 1814 ; Llonalcii, a, tals, Bost. 1841; Lire rvritinAS ol KVasü. Ulston, ineiuäinA ins postüninons rvorics; New-Iork 1850, Iwetnres on K.rbs anä 8osms, New-Aork 1851. Allucrus, Celtibererfürst^in Spanien, den Publ. Scipio Asricanus d. Ä. dadurch für sich gewann, daß er die 210 v. Chr. von den Römern gefangene Braut desselben ihm und ihren Eltern nicht nur unberührt znrückgab, sondern auch das für sie erlegte Lösegeld dem Brautpaar als Hochzeitsgeschcnk znrückerstattete. A. führte deshalb dem Scipio A. 1400 Reiter Hilfstrnp- pen zu. Allndiren (v.Lat.), anspielen, scherzen, spotten, sticheln. KN' unisono (ital., abgekürzt nuis.), 1) im Einklänge; 2) in Partituren Bezeichnung, daß nicht ausgeschriebene Stimmen mit den Hauptstimmen im Einklänge fortschreiten sollen; 3) bei bezifferten Bässen n. in Klaviersachen meist so v. w. all' ottava. KNurs, Gang, Gangart, bes. von Pferden. Allusion (Rhel.; lat. allusio), Anspielung, Bezeichnung einer Eigenschaft, eines Charakters, eines Vorganges, eines Natnrgegcnstandes durch eine verwandte Erscheinung in der Geschichte oder Sage; so wenn Jemand ein Salomou, ein Attila, ein reizender Ort Elysium genannt, wenn von Argnsangen, von Hiobsgeduld gesprochen wird, oder wenn Jemand nach Cäsar sagt: Jetzt bin ich über den Rnbicon gegangen. Auch in größeren: Maßstabe kann die A. zur Anwendung 'kommen, z. B. wenn französische Historiker unter der Herrschaft Napoleons III. in brennenden Farben die Tyrannei der römischen Kaiser u. ihrer Günstlinge schilderten, damit aber in wenig verstecktem Sinne auf die Zustände ihres eigenen Landes hinzieltcn. Allnvrou (v. Lat.), 1) allmähliche Anspülung eines Stückes Erde an ein Grnndeigenthnm, das dem Besitzer desselben vermöge des Allnvions- rechtes zngehört, s. u. Accession; 2) das angespülte Erdreich. Alluviousrccht, s. Alluvion. Alluvium (Allnvialgebilde, recents Formation, Allnvionen, angcschwemmtes Land) nennt man alle Gesteinsbildungeu, welche unter Mitwirkung von Wasser erst in historischer Zeit entstanden sind u. die noch jetzt au der Erdoberfläche entstehen. Am besten werden diese Bildungen durch das ausschließliche Auftreten von Überresten noch heutzutage lebender Organismen charakterisirt, wogegen das Vorkommen menschlicher Knochen nicht dnrch- Alluvium. 455 gehends das sicherste Kennzeichen einer alluvialen s Bildung ist, da inan deren Vorkommen bis bereits! früher hinauf fcstgcslcllt hat. Die Allnvialbildnn-! gen, insofern sic täglich vor unseren Angen noch^ entstehen, geben uns Analogien an die Hand, mittels deren wir die Bildung älterer Ablagerungen erklären; denn die Natnr arbeitet heute noch in ihrem Haushalte, wie früher auch; von der Meinung, daß einzelne gewaltsame Eruptionen gewisse große Zeitabschnitte getrennt hätten, ist man längst znrückgekomme». Daß diese Abla- gernngsproccsse auf unserer ganzen Erde, wenn auch ihrem Wesen nach dieselben, doch durch verschiedene locale Umstände modificirt werden müssen, ist klar; es entstehen also ganze Reihen sogenannter Parallelformationcn, gleichzeitiger Ablagerungen, die inan vielleicht in späterer Zeit leicht für ungleichaltcrig halten kann, obgleich sic es in Wirklichkeit nicht sind. Man kann die alluvialen Bildungen cintheilen in mechanische, cheinischc n. organische, u. außerdem in Süßwasser- u. Meeresvildnngen. Die mechanischen Bildungen begreifen alle Thon-, Lehm-, Sand- u. Gcschiebablagernngcn unserer Bäche u. Flüsse, die dieselben an ihren Ufern, im Bette n. in allenfalls in ihrem Laufe liegenden Seen absetzen. Gehen Bäche in ihrem oberen Laufe durch erzführende oder edclsteinhaltige Gebirge, so reißen sie natürlich mit den Gebirgsarten Theile dieser Stoffe mit fort u. lagern dieselben in niederen Gegenden ab. Diese Ällnvialbildnn- gen, welche nutzbare Mineralien enthalten, nennt man Jeifengebirge, n. den Proccß des nochmaligen Auswaschens behufs Gewinnung der Mineralien das Ausseifcn derselben. In Scifenwcrken gewinnt man Platin im Ural n. in Brasilien, Gold in neuerer Zeit namentlich in Australien n. Cali- fornicn, in Deutschland ans dem Rhein, Zinnerze in Malacca, Banca n. Borneo, die Granaten u. Pyrope in Böhmen, Chrysoberylle in Ceylon, Smaragde in Brasilien n. Diamanten neuerdings besonders in SAfrika, neben den älteren Fundorten Brasilien u. Ostindien. Einen Theil ihres Schlammes nehmen alle Flüsse mit bis znm Meere, und staut sich ihnen dasselbe namentlich zur Flnthzcit entgegen, so sind die Bedingungen gegeben, unter welchen dieser feine Schlamin sich in dem vollkommen stehenden Wasser ebenfalls ablagern kann. Es bilden sich so die Deltas, Jnsclbildnngcn an Flußmündungen, die in ihrer Form immer einem griechischen gleichen n. ein Dreieck bilden, dessen Spitze der Landseite, dessen breite Seite dem Meere zngekehrt ist. Die bedeutendsten Deltas bilden der Rhein, Po, Nil, Ganges, Indus und der Mississippi. Wie schnell die Deltas wachsen, läßt sich ans der Lage einzelner Städte schließen, die in unserer Zeit stundenweit vom Meere liegen, während sie noch im Altcrthnm u. thcilweise im Mittelalter Küstenstädte waren, z. B. Ravenna, Adria, Agnileja rc. Neuere Bestimmungen der von Strömen mitgcführten festen Bestandtheile lassen dasselbe beweisen. Es fanden in 100,000 Gcwichtstheilen: im Ganges Everest durchschnittl. 86,xg Theile. im Mississippi Riddel Lurchschn. 80,^2 „ im gelben Strom Barrow dschn. 500,„„ „ in der Maas bei Lüttich Chan- Lellon durchschnittlich 10 ,»» Theile. in dem Rhein bei Bonn Bischof durchschnittlich 18—31,7g ,, in der Elbe bei Hamburg Bischof durchschnittlich 13 ,5 „ Kennt man nun noch die Wasserinengc, die ein Fluß täglich dem Meere znführt, so lassen sich annähernd die Massen fester Stoffe berechnen, die abgelagert werden müssen. Es sind das beispielsweise beim Ganges täglich ca. 7800 em. Vom Delta des Po ist durch Untersuchungen von Prony nachgewicscn, daß seine Verlängerung vom Jahre 1200—1600 jährlich ca. 23,., in, in den letzten beiden Jahrhunderten aber 66 in betragen hat. Wie die Flüsse, so hat auch das Meer seine mechanischen Absätze, es werden durch Meeresströmungen rc. an einigen Stellen der Küste ständig Theile abgerissen und an anderen abgelagert, oder von den Flüssen ihm zngeführte Detritusmassen weggcführt und an weit entfernten Orten abgesctzt. So setzen sich die durch die Seine dem Meere zngeführten Schlammmassen wahrscheinlich erst an der Westküste Holsteins n. Schleswigs an, verbunden mit den ans der Elbe kommenden. Durch den Salzgehalt des Meeres u. durch seinen Gehalt an kohlcnsaurein und schwefelsanrem Kalk bekommen so abgesetzte Gesteine, die in ihrer Hauptmasse ans Sand und zerriebenen Muschelschalen bestehen, unter den Tropen, wo das Wasser schneller verdunstet, oft schnell eine gewisse Festigkeit u. heißen dann jüngster Meeressandstein oder Mcereskalk. Es finden sich darin oft vollkommene Menschengerippe, u. kennt man derartige Bildungen sehr schön an der Insel Guadeloupe in der Reihe der Kleinen Antillen. Die Dünen, d. h. die am Meere sich hinziehen- den flachen Sandhügcl, sind vom Strande durch die herrschenden Winde anfgcwchte Sandmassen, recht eigentliche Sandwellcn, ebenso wie die Welten des Meeres fortschreitend ins Binnenland u. dann weit hinein Öde und Verderben tragend, bis sie endlich durch die Vegetation auf-gehalten werden. So haben nachgewiesenermaßen die Dünen in der Bretagne seit 1666 einen Weg von 6 Stunden landeinwärts geinacht, und sieht man in dem so entstandcnen Sandrnecre viele verschüttete Dörfer nur noch mit ihren Thürmcn n. Kaminen hervorragen. Allnvialbildnngcn, die chemische Ursachen haben, finden sich meist in der Umgebung von Mineralquellen. Sind dieselben kalkhaltig, so setzen sie oft ganz bedeutende Kalklagcr ab, wie z.B.die bekannten Sprudelsteine in Karlsbad. Bekannt sind auch die unter dein Namen Travertino bekannten Absätze im Trevonethal bei Tivoli in der Nähe von Rom, die als Bausteine vielfach benutzt werden. Kieselsäureablagernngen kennen wir in den Geisern Islands n. bei einigen Quellen der Azoren. Ans eisenhaltigen Wassern setzen sich binnen kurzer Zeit oft dicke n. reichhaltige Eisenerzlager ab, die Raseneisensteine, Snmpferze oder Wiescnerze genannt werden, und die man fast überall in der norddeutschen Tiefebene kennt, wo die unter der Rasendecke stagnircnde Wassermasse für ihre Bild- !nng die passenven Umstände liefert. Auch die s Bildung der Salzlager durch Anstrocknen von 456 Allwcishcit — Almada. kleinen Buchten u. Seen gehört hierher, sic zeigt j unveränderlich, ohne Vermehrung oder Vermindcr- uns noch jetzt den natürlichen Weg, auf welchem inng, daher durchaus wahr und deutlich. die großen Lager von Staßfurt entstanden sind Unter den organischen Bildungen, d.h. solchen, die nur durch pflanzliches und thierischcs Leben erzeugt u. möglich gemacht sind, haben wir vor Allem die immer noch vor sich gehende Tors- bildnng zu nennen. Sumpft und Wasserpflanzen sterben ab, sinken unter n. verwandeln sich bald in die bekannte braune, hnmnsarlige Substanz, die meist deutlich ihre organische Natur bcibehält, oft aber amb dieselbe verliert n. dann braun n. glän- Allygurh, Tistrict in Britisch-Ostindien, vom Gangeskanal durchschnitten; hatte 1853 bereits 1,135,000 Ew.; Weizen- u. Gerstenban, Handel mit Zucker, Indigo, Baumwolle, Tabak bilden die wichtigsten Erwerbszwcigc u. Prodncte. Allyl (Acryl, Chcm.) 6,85, Radical, wclches in den A-verbindungen u. im Glycerin angenommen wird. In crstcrcii tritt es als einatomiges, im Glycerin n. seinen Derivaten als dreiatomiges Radical ans. Seine Verbindungen kommen in der zend, ähnlich der Steinkohle, erscheint. Wie schnell! Natur im Kiioblanchöl n. in dem aus dem Senf- sich Torflager in Sümpfen wieder erneuern, zeigen Manien sich bildenden Scnföl vor. Das freie A. manche Moore in Hannover, wo binnen 50 Jahren (richtiger Diallyl 6^8,0) wird durch Einwirkung der Torf zum zweiten Male wieder ausgestochcn l von Natrium auf A jodür erhalten als farblose, werden kann. Auch Korallenriffe u. Inseln, die! ätherische, nach Rettig riechende Flüssigkeit vom sich vor nnscrn Augen im Indischen und Stillem spec. Gew. 0,g^ bei 14", die gegen 59" siedet u. Ocean heute noch bilden und wachsen, gehören > mit leuchtender Flamme verbrennt. Der A-alkohol hierher. Die frühere Alcinnng aber, daß die sic ! (Acrylalkohol) (1,8^0 swird durch Destillation von bildenden Polypen von bedeutender Meeresticfe! Glycerin mit Oxalsäure dargestellt, wobei man das ans dieselben anfbanten, ist durch v. Buch und!zwischcn 195 n. 200° übergehende Product anf- Ehrcnberg widerlegt worden, welche Nachweisen,!fängt. Durch Rectification, Erwärmen mit Kali- daß die bekannte, meist runde Form der Riffft Hydrat, Dcstillircn n. Entwässern erhält man den immer mit dem Vorhandensein eines unterseeischem A-alkohol als farblose, je nach seinem Wasser- Kratcrrandes zilsammcnhängt, der bis nahe zur Oberfläche aufsteigt, n. den die Polypen sich znm Anbau ansersehen haben. Bildungen durch An- sammlnng von kalkigen oder kicseligcn Jnfnsorien- schalen, ähnlich der Kreide und dem Kieselgnhr, kennt man zwar in der Gegenwart nur wenige, aber es ist anznnchmen, daß dieselben auf dem Meeresgründe, wo alle dazu passenden Verhältnisse sich vereinigen, auch nun noch vor sich gehen, gehalte bei 96—100" siedende, stechend riechende Flüssigkeit vom spec. Gew. 0,g„ bei 0°, die mit leuchtender Flamme verbrennt u. sich mit Wasser, Weingeist n. Äther beliebig mischen läßt. Kalium bildet damit gelatinöses Kaliumallylalkoholat, welches mit A-jodür den A-Lther OgLJgO gibt. Dieser ist eine in Wasser unlösliche und darauf schwimmende Flüssigkeit, die rettigartig riecht und bei 82 oder 87" siedet. Mit Schwefelsäure un- u. werden die neueren Tiefseeforschungen hierüber j vorsichtig gemischt, cxplodirt er, während er bei Licht verbreiten. l langsamer Einwirkung A-schwefclsäure bildet, die Es ist ein Verdienst unserer neueren Geologie,jein lösliches Barytsalz liefert. Durch Einwirkung alle diese beschriebenen n. vor unseren Augen noch j von Oxydationsmitteln (Chromsänre, Blcisnperoxyd vergehenden mechanischen und chemischen Processc iu. a.) auf A-alkohol entsteht Acrolct'n und Acryl- sänre, die sich znm A-alkohol verhalten wie Aldehyd n. Essigsäure znm Äthylalkohol. Chlor, Brom, Job gehörig gewürdigt n. studirs zu haben. Leopold v. Buch, Lyell und de la Beche waren für die crstercn bahnbrechend, Bischof für die zweiten, licfern'mit A-alkohol Ädditionsprodncte. Schmcfel- Nnr dadurch ist cs uns möglich geworden, nach A., s. Knoblanchöl; Schwefelcyan-A., s. Senföl. n. nach einen klaren Einblick in das Schaffen der Natur thnn zu können u. manche alberne Hypothese über Entstehung unserer festen Erdkruste als unhaltbar zu erkennen. Wie die Natur heute arbeitet, bat sic von jeher gearbeitet, und dieselben natürlichen Ursachen, die heute noch Gesteinsablagerungen schaffen, haben dasselbe von Anfang an getban. Allwcishcit, in der Theologie, die vollkommene Weisheit Gottes, vermöge welcher er als Regierer der Welt u. der Schicksale der einzelnen Menschen, wie der ganzen Menschheit, Alles auf die beste Art zu den besten Zwecken lenkt. Allwissenheit (Omiseisntia), in der Theologie, Alm, 1) in Schwaben n. Tirol, so v. w. Alp, die Viehweide; daher Almhütte, so v. w. Melk- Hütte. 2) In Österreich, der Antheil an einem Gehölz. 3) (Alma) Flllssigkeitsmaß in Constanti- nopcl — 5,2 I. Alma (n. Geogr.), kleiner Fluß auf der Süd- küste der Krim im russischen Gouvernement Taurien; mündet nördlich von Scbastopol in die Kalamita- bai. An der A. im Russisch-türkischen Kriege am 20. n. 21. Scpt. 1854 Sieg der Engländer und Franzosen unter Lord Raglan u. St. Aruaud über die Russen unter Mentschikow. Lima (lat., nährend, daher segenspendend), bei römischen Dichtern Beiwort solchcrGöttinncn, welche die Eigenschaft Gottes, vermöge deren er das voll- Nahrung n. Gedeihen gaben, daher besonders der kommcnste Wissen von allen Dingen besitzt. Dieses Ceres. Jetzt mit Bezug auf die Nahrung des Wissen ist zeitlos, d. h. nicht gebunden an die! Geistes gewöhnlich von Hochschulen gebraucht; auch Schranken und Formen der Aufeinanderfolge der! Lima matsr. Dinge; ohne Unterschicdcnheit des Vergangenen,! Almacen, so v. w. Waarcnnicdcrlage in den Gegenwärtige» und Zukünftigen; raumlos, d. h.! Häfen von Venezuela (Südamerika), ohne bestimmte Form der Ausdehnung, also cüft Almäda, St. im Distr. Lissabon der portugie- anschauendes.unmiltclbarcsDnrchdringendcrDingc! fischen Prov. Estremadura, an der Mündung des mit seinem Verstände, ihrem innersten Wesen nach; j Tcjo, Lissabon gegenüber und am Fuße eines mit Almadcn — Almansa. 457 einem Castell gekrönten Felsens; 2 Kirchen, «pital,l obernng von Chile, gerietb aber mit Pizarro, dem kleiner Hafen, Handel mit Wein; 4580 Ew. Dabei er gegen die empörten Peruaner 1536 zn Hilfe Fon S. Sebastian, welches die Einfahrt in den eilte, über den Besitz der südlich von dessen Tejo deckt. Almadcn, 1) (A. de Azoguc) St. in der spanischen Prov. Cindad-Rcal (Ncucastilicn), Hanptort der Hohen Mancha; Sitz eines Bergamtes, Überreste einer maurischen Burg, lateinische Schule, Bergschnlc, großes Spital für kranke n. alte Bergleute; 742«'Ew. Weltberühmt durch seine Zinnober- und Quecksilberbcrgwerke, welche bis zur Gebictsgrenze belcgcncn Städte Cnzco n. Lima in Streit, ward, als er gegen Lima vorrückle, um sich zum Alleinherrscher Perus zu machen, von den Brüdern des ans ihn eifersüchtigen Pizarro am 6. April 1538 bei Salinas unfern Cnzco geschlagen, gefangen u. in Lima am 26 . April dess. I. im Gcfängniß erdrosselt, sein Leichnam aber ans dem Markte vonCnzco enthauptet. 2 ) Diego d'A., Entdeckung der californischen Lagerstätten den bei!Sohn des Bor., gcb. um 1520; rächte 1541 seinen Weitem größten Thcil des in Len Handel kom-i Vater an Pizarro durch Ermordung desselben n. wenden Quecksilbers lieferten. Die Erzgänge setzen! ließ sich zum Generalcapitän von Peru ansrnfen. in silnrischen Thonschiescr ans u. bergen zahlreiche j Mit Pizarros Anhängern deshalb verfeindet, wurde Nester gediegenen Quecksilbers. Während der ans er, als er der Aufforderung des spanischen Reden Erzen ansgcschiedene reine Zinnober als^gierungscommissars zur Ruhe und Unterwerfung Farbstoff dient, wird ans den unreinen Erzen durch Glühhitze das Quecksilber dargcstellt. Das Erz enthält ungefähr 7°/st Quecksilber; in den letzten Jahren wurden durchschnittlich 14,000 Ctr. Widerstand entgegensetzte, 16. Scptbr. 1542 bei Chnpas besiegt, gefangen und mit 40 seiner Anhänger hingcrichtet. Almnguer, Stadt im Staate Canca der süd- gcwonnen (früher 20,000). Die Gruben warcm amerikanischen Republik Columbia; mit Goldbcrg- schon von den Römern gekannt, sind Eigenthmu! werken. des Staates, waren 1525—1645 an die Fugger in Augsburg, 1836—63 an Rothschild in London verpachtet, werden aber jetzt wieder vom Staate selbst betrieben. Die jetzigen Minen bilden fünf Stockwerke und sind auf eine Tiefe von 357 in gebracht. Vgl. Nöggerath, Über die Quecksilbcr- bergwcrkc zu A., Berlin 1863. In der Nähe Almadencjos, Villa mit 1460 Ew. u. ebenfalls ergiebigen Qnecksilbcrgrubcn. 2 ) (A. de la Plata) Billa ist der spanischen Prov. Sevilla (Andalusien), in der Sierra Morena; 2075 Ew.; hatte früher berühmte Silbcrbergwerke. Almagest (arab. n. gricch.), das große Werk; bei den Arabern der Name für das Lehrgebäude der Astronomie des Ptolcmäos, welches einige arabische Gelehrten in ihre Muttersprache übersetzt hatten u. das bis in das 16. Jahrh. hinein das einzige Lehrbuch der Sternkunde war. Almägro, St. in der spanischen Prov. Ciudad- Real (Ncstcastilien), an der Eisenbahn Alcazar de S. Inan nach Ciudad-Real; Sitz der Großmeister«! der Damen des Ritterordens von Calatrava; große Spitzenfabrik;-viele Gartcnfrüchte, Melonen, Wein; besuchte Esel- u. Manlcsclmärkte; 10,300 Ew. A. ist der Hauptort des vnlcanischcn Districts Canipo de Calatrava in der Mancha, berühmt durch seine Weine (besonders den von Valdepcnas), seinen Sa- sranban u. seine Mineralquellen, darunter die besuchten Hcrvideros de Fueu-santa. Almägro, 1) Diego d'A., spanischer Con- qnistador, von der Stadt A., in deren Nähe er 1475 als ansgesctztcs Kind gefunden wurde, so genannt; ging nach Amerika, schwang sich, nachdem er durch Ranbzüge reich geworden, zu einem der angesehensten Bürger der neuen Colonie in Daricn empor n. verband sich 1524 mit Pizarro n. Fernando de Luqne zur Eroberung Perus. Während Pizarros Abwesenheit in Spanien war er längere Zeit stellvertretender Statthalter dieses Landes, u. nachdem er von der spanischen Regierung die Er- laubniß erhalten, sich südlich von Pizarros Statt- , , haltcrgebiete eine eigene Statthalterschaft zn erobern/cete (Murcia), Knotenpunkt der Eisenbahnen nach unternahm er nach Lessen Rückkehr 1534 die Er-j Valencia und Alicante; Burgruinen, Getreide- und Almahadia (AlmcdcaMchediah, MediaAfrika), befestigte St. an der Ostküstc von Tunis; Wein-, Öl- u. Obstbau, Hafen, Sechandel; 5000 Ew. A. wurde im 9. Jahrh. von den Fatimiden gegründet n. war im Mittelalter Landungsplatz christlicher Flotten. ülma mater, s. u. Alma. Almaln (Elmaly), St. in der Asiatischen Türkei, Wilajet Koma, Lima Adalia, im Hochthal des lyrischen Taurus, an einem See, 1025 m ü. Dl.; mit einer schönen Hanptmoschec, vielen Mühlen, Gerberei, Maroqniufabrik, sehr lebhaftem Handel u. 25,000 Ew., darunter viele Griechen u. Armenier. Almänach. Porphyrins bei Eusebius (prncp. sv. 1. III. 4. ilaisk.) erwähnt ägypt. Kalender, die aliusuioiüaicä hießen. Dieser koptische Ausdruck fand bei den spanischen Arabern, die das sl als ihren Artikel faßten, nach Pedro de Alcala als uumüoli Pl. inanaoliib Aufnahme, daher spanisch almauagus; s. Dozyoostcrlingcn (1867) S. 11. 12. 1) Im Mittelalter Tafeln, worauf nach Art der Kalender wichtige Tage angcmerkr waren, mit allerlei astrologischen Beigaben. Aus ilmcn entstanden die Kalender. 2 ) Bücher in kleinem Format, die mit jedem Jahre gleich dem Kalender fortlaufend erscheinen, bei dcstcn aber literarische und statistische Beigaben, sowie Bilder die Hauptsache ausmachen. Stach der Verschiedenheit ihres Inhaltes u. ihrer Bestimmung sind sie dranu.n,chc, historische, genealogische, diplomatische, Musen-, Francn-A. rc.; s. n. Taschenbuch. Von Deutschland aus haben sich die A. über England, Frankreich u. NAmerika verbreitet, wo sic jetzt mehr in der Mode sind, als in Deutschland. In NAmerika haben in neuester Zeit besonders die politisch-statistischen A. Verbreitung gewonnen; sie haben meist starke Auflagen, so erscheint z. B. der Dribuna Llmmmo in 60—100,000 Exemplaren. Almandin, die dnukclrothcn Eisen-Thongra- nateu, die häufig verschlissen werden; s. Granat. Almansa, St. in der spanischen Prov. Alba- 458 Aimansor — Almeida. von Bcrwick über das cnglisch-österreichisch-spanischc stcllon (Valencia), am LNijares; 5000 Ew. Heer Karls III. unter Lord Galloway und Mar-! Alme, Slcbenflüßchen der Lippe; entspringt bei qnes de las Minas. dem gleichnamigen Dorf im preußischen Ncgbez. Almansor (Almansur) Abn-Dchaafer Abd- Arnsberg und mündet dci Llcnhans. allah bcn Mohammed, im Jahre 712 gcb.,, Alme (Almch), eigentlich Alimch, d. h. gelehrte der 2. Khalif ans dem Stamme der Abbassidcn,! Fra» (arabisch), heißen im -Orient, namentlich in Erst nach blutigen Kämpfen n. selbst! Ägypten, Sängerinnen und Tänzerinnen, welche Gesellschaften bilden n. bei Hochzeiten u. anderen Festen der höheren Stände vor den Gästen ihre 754—775. Verrath gegen seine Freunde in den Besitz seiner Macht gelangt, verfolgte er in, grausamster Weise die Christen in Syrien und Ägypten, führte die Kunst unter Begleitung musikalischer Instrumente schwarze Tracht als die Nationaltracht der Abbas-!üben. Bei den unteren Klassen der Bevölkerung sidcn ein, stellte zuerst srcigclassene Sklaven als Gouverneure der Provinzen an, gründete Bagdad u. ließ die Elemente des Euklid ans dem Syrischen, die Fabeln des Bidpai ans dem Persischen übersetzen n. von den gelehrtesten Männern seiner Zeit wissenschaftliche Arbeiten über die Lehren des Koran ansführen. Er starb ans einer Mekkafahrt, 18. October 775. wird dasselbe Gewerbe von Zigeunern beider Geschlechter, Ghawasi genannt, betrieben. Alme, die, Schrank mit Ofen, in welchem die Spielkarten getrocknet werden. Nlmei, s. Almer. Almcrda, 1) Stadt mit Festung unweit der Coa u. der spanischen Grenze im Distr. Guarda der portugiesischen Provinz Bciralta; nach Eivas die Almanzara, Fluß in der spanischen Landschaft! wichtigste Grenzfcstnng gegen Spanien; schöne Estremadura. Am A. im Spanisch-portugiesischen Kirche, stark besuchte Jahrmärkte; 4500 Ew. A. Befreiungskriege, am 4. Novbr. 1810, Niederlage der Spanier unter Blake durch die Franzosen unter Sebastian!. Almanzöra, Fluß in der spanischen Provinz wurde 1762 von Len Spaniern, 27. Aug. 1810 von den Franzosen unter Massen« durch Capitn- lation, den 10. Mai 1811 von dem englisch-portugiesischen Heere, nachdem nach einem mißlungenen Almeria (Andalusien); entspringt zwischen der Sierra Entsatzversnche Massenas die Besatzung die Werke de Baza n. S. de Bacarcs u. mündet bei Castillo! gesprengt n. sich durchgeschlagen hatte, erobert; s. Le Monircy ins Mittelmeer. > Spanisch-portugiesischer Befreiungskrieg. Hier 23. Almar, s. Almer. Juli 1833 Niederlage der Mignclisten unter Tcllez Almära;, St. rechts, unweit des Tajo, übcr.Jordao durch Villaflor; im Fcbr. 1844 fiel es in welchen hier eine 188 in lange Brücke in 43 in die Hände der Insurgenten unter Bomfim, wurde Höhe führt, in der spanischen Provinz Caceres^ Anfang April von den königlichen Truppen be- (Estremadnra); 750 Ew. Hier 24. Dccbr. 1808 schossen und capitnlirte den 20. April; s. Portugal. Niederlage der Spanier unter Galnzo durch die 3) Seestadt in der brasilianischen Provinz Espe- Franzosen unter Lcfebvrc. Mn-Santo, von den Jesuiten 1580 gegründet; ül marco (iral.), nach dem reinen Gold- und 4000 Ew. Silbergcwichte. Almarei, Almarcin, Almaring, s. Almer. Almarich, s. Amalrich. 'Almas (spr. Almasch), Name vieler Dörfer in Ungarn n. Siebenbürgen; besonders 1) im slavo- nischen Comitat Esset, an der Mündung der Drave in die Donau; Hanscnfang, Wallfahrtsort. 3 ) Homorod A.,im siebenbnrgischenKr. ULvarhcly, im Lande der Szeklcr; Salzquelle, Tropfsteinhöhle; 1730 Ew. 3 ) Dnna-A. im ungarischen 1730 ComitatKomorn, an der Donau; Marmorbrüche, Schwefelquellen, römischeAltcrthümer. 4)Nagy-A.!seine" sonstigen Erfolge erregte er da! im siebcnbürgischcn Kreise Älausenbnrg; Ruinen trauen des portugiesischen Hofes, so daß Almcrda, 1) Don Francesco d'A., Graf von Abrantes; zeichnete sich in dem portugiesischen Heere in Len Kriegen gegen die Mauren ans, wurde daher 1505 vom König Emanncl I. als erster Vicekönig nach Ostindien geschickt und rechtfertigte das in ihn gesetzte Vertrauen durch zahlreiche Eroberungen, Ausbreitung der portugiesischen Herrschaft n. Anlage von festen Plätzen u. Factorcien. Jndeß durch seine Pläne, Portugal zum alleinigen Herrn der indischen Gewässer und des ganzen ostindischcn Handels zu machen, und Miß- 1507 des Schlosses Desävar; 1670 Ew.; große Felsen-! Alfonso d'Albnqnerqne nach Ostindien gesandt wurde, höhle, öi Marktflecken im ungarischen Comitat! um seine Stelle zu übernehmen. A. erkannte Bacs; Getreidebau; 8200 Ew. ! Abnqnerqne als Vicekönig nicht an, ließ ihn viel- Alma-Tadcma, holländischer Maler der Gegen-imehr längere Zeit in Cochin gefangen halten, wart, aus der sogenannten neugriechischen Schule,!setzte inzwischen seine Kriegszüge fort u. schlug die geb. zu Dronryp (Friesland), Schüler van LeysFden Indern .zu Hilfe gekommene ägyptische Flotte ausgezeichnet durch seine historischen Genrebilder Pci Din. Nach Cochin znrückgekchrt, legte er auf von überraschend wahrer Localfarbe u. eihnogra- nochmalige Aufforderung des Königs sein Amt phischer Treue. nieder und verlor auf der Rückfahrt nach Europa Almazarron (Mazarron), St.inderspanischen am Cap der guten Hoffnung in einem Gefechte Prov. Murcia, unweit des Mittelmeeres; halb in mit den Eingeborenen, 1. März 1510, das Leben. Ruinen, aber sehr industriös, mit Ocker- u. Alaun- 3) Lorenzo, Sohn des Vor., kam 1506 mit nach gruben und einer großen Alannfabrik; 6200 Ew.! Ceylon u. entdeckte die Malediven n. Madagaskar. In dem nahen Gebirge (Sierra Le A.) Silbererze Er fiel, mit seinem Schiffe von der Flotte abge- Almeirim — Almcria. 459 - schnitten, 1507 in einer Seeschlacht bei Tschoul gegen den König von Calicut. 3 ) Manuel, Jesuit, geb. 1580 zu Visen in Portugal; lebte 1622 bis 1634 beim Sultan von Abessinien u. st. 1646 zu Goa; er schrieb eine Geschichte von Äthiopien, Coimbra 1650, und Historische Briefe, Rom 1629. 4 ) Nicol. Tolentino dÄ., portugiesischer Dichter, geb. 10. Sept. 1741 zu Lissabon, st. 1811; Satiriker; Odras xostioas, Lissab. 1801, 2Bdc., neueste Ausg. mit einer Biographie von floss äs lorrss, Lissab. 1861. 5 ) Joä Baptista d'A.-Garrett, s. Garett. Almcirim, St. im portugiesischen Distr. San- tarem der ehemaligen Prov. Estremadura; Jagdschloß (1411 von Johanni, erbaut); 3181 Ew.i Almelo, Hauptstadt des gleichnamigen Bez.! der holländischen Prov. Overyssel, an der Rechte;! Eisenbahn(Salzbergcn),overysselscherKanal(Zwollc! und Deventer); Schloß (Gras von Rechteren)/ Fabriken; 4100 Ew. Almenära, Stadt an der Nognera in der spanischen Prov. Lcrida (Catalonien); 2330 Ew. Hier im Spanischen Erbfolgekriege Schlacht, den 27. Juli 1710, zu Gunsten Karls III., vom Grasen Starhcmberg gegen Philipp V. gewonnen. Allmendingen, Ludw. Harscher v., deutscher Rechtsgclehrter, geb. 25. März 1766 zu Paris, Sohn des damaligen hessen-darmstädtischen Gesandten; ließ sich, nachdem er in Göttingen die Rechte stndirt, 1794 als Rechtslehrer an der Akademie zu Herborn nieder u. wandte im Verein mit Fenerbach n. Grolman eine besondere Thätig- keit auf die Umgestaltung der Criminalrcchtswissen- schaft, war auch mehrfach literarisch thätig (s. u.). 1803 Obcrappellationsgerichtsrath zu Hadamar, 1811 Geheimrath n. Vicedirector des Hofgerichtes in Wiesbaden, schrieb er die leider nicht vollendete, aber um ihrer Freimüthigkeit willen vielfach angefeindete Schrift: Politische Ansichten über Deutsch- iands Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Wiesb. 1814, eine gewisse Vertheidignng der kleineren Rheinbundstaaten. 1816 zum Vice- präsidcnten des neuen Hofgerichtcs zu Dillenbnrg ernannt, übernahm er die Führung des Processes zwischen der älteren u. jüngeren Linie des Hauses Anhalt-Bernburg für die verwittwete Fürstin von Bcrnbnrg-Hoyen-Schanmbnrg u. veröffentlichte die Geschichte dieses Rechtsstreites mit einer Kritik über die preußischen Behörden, welche die Entscheidung des Processes anstatt dem zuständigen Revisionshofe für die Rheinprovinzen dein Geh. Ober- tribnnal zu Berlin zngewicscn hatten. In Folge dieser äußerst scharfen Kritik wurde er vom Berliner Kammcrgericht zu einjähriger Festungs strafe verurtheilt (1822) und darauf, nachdem das Hofgericht zu Dillenbnrg das ihm angemnthete Exequatur aSgelehnt, von seiner Regierung in Ruhestand versetzt. Er st. 16. Januar 1827 zu Dillenbnrg. «eine juridischen Schriften, unter Lenen namentlich die Metaphysik des Civilproccsscs noch heute wissenschaftlich hoch geachtet ist, sind in 10 Bdn. gesammelt, Gieß. 1803—1819. Almendralejo, St. in der spanischen Prov. Badajoz (Estremadura); 9450 Ew. Hier im Spanisch-portugiesischen Befreiungskriege im Dec. 1811 für die Engländer siegreiches Gefecht gegen die Franzosen unter Soult. Almcnor, der Sprechplatz in der Synagoge (s. d.). Almcon, Almansnr, Astronom, von 1134 bis 1150; berühmt durch seine Beobachtungen über die Schiefe der Ekliptik (Mannscr. zu Oxford); schrieb: kropositionos ao ssntsntias astroloA. aä Laraosnnin ro^sm, Bas. 1530. Almer, die, Al mar, Almarey, Alma- reyn, Almaring, Almarie, Almcy, Alme» rey, hieß früher ein Kasten, Schrank, Behälter zur Aufbewahrung von Speisen, Büchern, Kostbarkeiten rc., daher denn auch so v. w. Bücher- kanimer, Sacristei. Entstanden sind die Formen ans dem (auf lat. arnnrrium znrückgehendcn) mit- tellat. alwaria. span, almario n. nrmario. Almeras, Louis d', französischer General, geb. 15. März 1768 zn Vienne; trat, kaum 13 Jahre alt, als Gemeiner in das Freiwilligcnbataillon seines Departements u. ward 1793 Capitän u. Adjutant Carrcaux' bei der Belagerung von Toulon; 1796 n. 1797 als Generalavjutant Bonapartes in Italien Dienste leistend, begleitete er diesen dann nach Ägypten. Wol wegen seiner hervorragenden Leistungen, namentlich in der Schlacht bei Heliopolis, setzte ihn der gewisse Talente nicht gern neben sich duldende Bonaparte nach Beendigung der Expedition als Comman- danten ans die Insel Elba, wo er bis 1809 fern von den Ereignissen bleiben mußte. In diesem Jahre erhielt er eine Brigade in der italienischen Armee unter dem Vicekönig Engen, kämpfte bei Raab n. Wagram, wo er verwundet wurde, und erfreute sich von jetzt ab der Gunst des Kaisers, der ihn in der Schlacht an der Mos kwa znmGcneral- lientenant ernannte. Auf dem Rückzüge gefangen u. in ein Depot an der Krim versetzt, sah er sein Vaterland erst nach Napoleons Sturz wieder. Bis 1823 zur Disposition gelassen, ward er, inzwischen mit dem Ludwigsordcn decorirt, in diesem Jahre zum Commandanten von Bordeaux ernannt, in welcher Stellung er 7. Jan. 1828 st.; er, der mehr als so mancher andere mit dem Marschalls- nnd Herzogstitel belohnte General Napoleons die höchsten militärischen Würden verdient hätte. Almerra, 1) Provinz im südöstlichen Spanien (Andalusien), zwischen den Provinzen Granada und Murcia und dem Mittelmcere, 8535 s/jlcm (155,z ÜZM); größtentheils gebirgig (Sierra Estancias, Filabres, Nevada, Alhamilla), bewässert von der oberen Sangoncra, der Almanzora, Rio Agnas, Rio Alias, Almeria n. a.: arm an Waldungen, aber reich an Erzgängcu (besonders Blei), Steinkohlen u. Mineralquellen; die 361,550 Ew., welche z. Th. in sehr zerstreuten Weilern n. Gehöften wohnen, treiben Acker- n. Bergbau, Fischerei, Schifffahrt u. Espartoflechterci. 2) Fluß- hier; entspringt in der Sierra Nevada n. mündet ins Mittelmeer. 3) Befestigte St. hier am gleich- !namigen Meerbusen; Sitz eines Bischofs, vorzüglicher, durch neue Dammbanten gesicherter und ! durch das Fort Sant' Elmo verthcidigter Hafen, ! große Citadclle (aus der Zeit der Mauren mit vielen Thürmen), viele neue schöne Gebäude; ! treibt lebhaften Handel mit den Erzeugnissen der 460 Almerodc — Almonte. Blei- n. Galmeigrnben der Sierra de Chata, mit getrockneten Weinbeeren n. Espartogras; 29,430 Ew. In der Nähe Mineralquellen von 42" R. mit Bad. — A., im Alterthnm ?c>rtns ma^nns, kam unter die Wcstgothen, nach deren König Amalrich es genannt sein soll. Nach der Eroberung Spaniens durch die Mauren wurde A. von Liesen eingenommen u. blieb 400 Jahre in ihrer Gewalt,'während deren es nächst Granada die Hauptstadt Granadas war, 150,000 Ew. zählte u. durch Gewerbe, Künste u. Handel blühte. 1147 wurde A. von Alfons VI. von Castilicn erobert n. 1490 von Jsabclla und Ferdinand einverlcibt. Almerode, s. Groß-A: Almiss a (Omisch), St. an der Cettinamünd- nng im dalmatischen Kreise Spalatro; Hafen, Franciskancrklostcr, Weinbau (guter Muscat, Moscato di Rosa), Handel mit Salz; 850 Ew. Dabei die Ruinen der Veste Mirabclla. 1437 bis 1797 gehörte A. den Venctianern. Almodö'oar, 1) A. del Campo, St. in der spanischen Prov. Ciudad-Meal (Nencastilien); Schloß; Wein-, Safran- und Ölban; 4800 Ew. 2) A. del Rio, St. in der spanischen Prov. Cordova (Andalusien), am Jenil, Schloß der Herzöge von A.; 2010 Ew. Almododar, Don Jldefonso Diaz de Ribera, Graf von A., spanischer Staatsmann, gcb. 1777 in Granada; wurde auf der Artillerie- schnle zu Segovia erzogen, trat 1808 als Lieutenant in die spanische Artillerie, ward bei der Verthei- dignng von Olivcnza verwundet und rückte bald zum Stabsoffizier ans. Rach der Rückkehr Ferdinands VII. der Freimaurerei verdächtig, kam er in den Jnqnisitionskerker von Valencia; 1820 befreit, flüchtete er nach dem Mißlingen der Revolution 1823 nach Frankreich. Stach dem Tode Ferdinands VII. znrückgekchrt, ward er Generalmajor u. Präsident der Cortes. Unter dem Ministerium Torcno ward er 1835 Generalcapitän von Valencia, stellte sich an die Spitze der Junta von Valencia, gerietst aber bald, weil man an der Aufrichtigkeit seiner Gesinnungen zweifelte, in persönliche Lebensgefahr u. mußte eine Zeit lang in der Verborgenheit leben, wurde aber bald wieder zn'Iickgerufcn. Unter Mendizabal Kricgsmiuister, trat er sein Amt später dem General Rodil ab n. übernahm das Ministerium des Auswärtigen, dankte aber mit Mendizabal ab. Nach der Revolution von La Granja 1836 wurde A. in die constituircnden Cortes gewählt n. unter Calatrava wieder Kricgsmiuister, trat jedoch ans Gesundheitsrücksichten bald wieder zurück. Nachvem er wieder in den Cortes thätig gewesen, wurde er unter der Regentin Senator, 1841 Präsident der Cortes u. Juni 1842 Minister des Auswärtigen, dankte aber im IP?kl 1843 Esparteros Sturz ab und st. 26. Jan. 1846 in Valencia. Almoga, St. in der spanischen Prov. Malaga (Andalusien); Mineralbäder; 7040 Ew. Almohädcn (Muahediu), eine ans einer mohammedanischeuSecte hervorgegangene maurisch- spanische Dynastie; vertrieben unter Abdul Mumen 1146 die Almoraviden von dem Throne Marokkos, gingen darauf auch nach Spanien und breiteten durch mehrfache Eroberungen auch hier ihre Macht ans; von besonderer Bedeutung war der von ihrem Fürsten Jaknb Almansor 1195 bei Alarcos über die Castilier errungene Sieg. 1210 kam dessen Nachfolger Mohammed mit mehr als 500,000 Streitern nach Spanien, wurde aber Lurch die vereinigten Könige von Castilien, Aragonien und Navarra 1212 bei Tolosa besiegt, in Folge dessen die Herrschaft der Almohaden in Spanien sich anf- löste. Vom König von Granada nochmals nach Spanien um Hilfe gerufen, siegte ihr Fürst Abu Jussnf zweimal über die Christenheere, bis endlich Sancho, Alfons'X. S^ ' > von Castilicn, den Abu Jussnf zur MI ^ / nka zwang, dessen Hauptstadt Marokkr // - , > damit 1273 der Herrschaft der A. te. Vgl. Aschbach, Die A., Franks. 18-. Kistor^ ot' tsto X., Leyden 1848. Almoharrem, der erste Monat des arabischen Jahres, ein heiliger Monat von 30 Tagen. Almoikäcid, 1) rechtseitigcr Nebenfluß des Ebro in Aragonien. 2) Flecken in der spanischen Provinz Toledo (Nencastilien), rechts am Tajo; 1220 Ew. Hier im Spanisch-portugiesischen Befreiungskriege am 11. Aug. 1809 Schlacht zwischen dem spanischen General Venegas u. den siegenden Franzosen unter Sebastiani. Alnionastcr la real, St. in der spanischen Prov. Hnelva (Andalusien); Kupfer- u. Bleigrnbcn; 3370 Ew. Almondbnry (spr. Amöndbörri)- St. in der englischen Grafschaft Jork; Wollenmannfactnren; 11,700 Ew.; das alte Campodunnm, späterHauptst. eines angelsächsischen Königreiches. Nlmonde, Philipp van A., holländischer Sechcld, geb. zu Bricl 1646; focht 1666 unter Rnyter, befreite 1672 diesen, übernahm nach dem Tode de Rnyters 1676 den Oberbefehl, unterstützte den Admiral Tromp gegen die Schweden n. trug viel zu den Siegen bei la Hogue u. bei Vigo bei. Im Spanischen Erbfolgekriege blokirte er 1702 Cadiz und segelte mit Admiral Schovel nach Neapel, hatte aber da kein Glück; erst. 1711 auf seinem Landsitze bei Leyden; in der Katharinenkirche in Briel wurde ihm ein Denkmal errichtet. Almonte, St. in der spanischen Prov. Hnelva (Andalusien); 4520 Ew. Almonte , Juan Nepomuceno, mexikanischer General, gcb. 1804 zu Valladolid in Mexico, angeblich ein Sohn des Priesters Morclos, der als Parteiches 1815 standrechtlich erschossen wurde; trieb zuerst in Washington Handelsgeschäfte n. trat nach der Rückkehr in sein Vaterland in die Armee; 1824 wurde er der mexikanischen Gesandtschaft in London attachirt u. ging, nachdem er 1828 zurück- gekehrt u. Congreßmitglied gewesen war, 1832 als Geschäftsträger wieder dahin u. später in gleicher Eigenschaft nach Lima. 1835 begleitete er den Präsidenten Santa-Anna als Adjutant in den Krieg gegen die Texaner, wo er 1836 bei San Jacinto gefangen wurde. Nach 6 Monaten srcigciassen, wurde er Brigadegcneral u. trat unter Bnstamente in das Ministerium für das Kriegsdepartement. 1841 wurde er Gesandter in Washington, candi- dirte 1845 für die Präsidentschaft, unrcrlag aber gegen den General Hcrrera. Dessen Nachfolger, Almora — General Paredes, betraute ihn wieder mit dem Portefeuille des Krieges u. 1846 mit der Gesandtschaft in Paris. Da inzwischen der verbannte Sanla-Anna nach Mexico znrückgerufen worden war, kehrte auch A. zurück und focht unter jenem 1847 gegen die NAmcrikaner. Nach dein abermaligen Sturze Santa-Annas gehörte er unter dem neuen Präsidenten Arista zur Opposition und trug 18S3 zur Wiederzurückbernfung Santa-Annas bei, welcher ihn dann als Gesandten nach Washington schickte, in welchem Posten er auch von den verschiedenen auf einander folgenden Regierungen unter Alvarez, Comonfort, ZÜEaga, Miramon erhalten wurde. Er vertrat Mexico in Paris, als dieser letzte Präsident von Jnarez gestürzt wurde. Im Jahre 1862 kam er mit der spanisch-englisch-französischcn Expedition wieder nach Bcracruz, wurde unter Einfluß der Franzosen im April dcss. I. an Jnarez' Stelle zum Dictator der Republik gewählt, gewann jedoch im Lande kein Vertrauen und wurde Anfang October von dem französischen General Forey abgesetzt, aber nach dem Einzuge der Franzosen in die Stadt Mexico, 23. Juni 1863, zum Präsidenten der von den Siegern eingesetzten obersten Regierungsjunta und von dieser zum Mitglieds der provisorischen Regierung ernannt, unter welcher dann die Notabelnver- sammlnug sich für die monarchische Regierungsform entschied u. den Erzherzog Ferdinand Maximilian zu ihremKaiser wählte. Dieser ernannte nach seiner! Ankunft in Mexico, im Juni 1864, A. zum Großmarschall des Reiches, Minister des kaiserlichen Hauses und Oberhofmarschall. Beim Sturze des Kaiserreiches flüchtete A. nach Paris, wo er am -,'v. März 1869 starb. Almora, Stadt am Ganges im Distr. Kninaon der nordwestlichen Provinzen des Anglo-indischen Reiches, mit Bergfcstnng; 8000 Ew.; von den Engländern 1815 erobert. Älmoratndcn (Marabnts oder Marabiten, d. i. Religionsverbnndene, Molathemim, d.i. die Schirm- bedeckten), Mohammedanische Secte, gestiftet von Abdallah bcn Jasin im nordwestlichen Afrika. Der von ihm zum Emir der Secte ernannte Abu Bekr (st. 1069) wurde, indem er die von Abdallah in Magreb gemachten Eroberungen fortsetzte, der Gründer der maurisch-spanischen Dynastie der A. Sein Nachfolger Jusuf bcn Tasfin dehnte die Macht noch weiter aus u. gründete Marokko; vom arabischen König von Sevilla zu Hilfe gerufen, schlug er die Christen bei Zalacca 1086 und machte sich dann selbst zum Herrscher des arabischen Spanien, in welcher Eigenschaft er sich 1091 vom ägyptischen Khalifen bestätigen ließ. Jndcß, nachdem die Almohaden schon 1146 ihrer Herrschaft in Marokko ein Ende gemacht, sank dieselbe auch in Spanien immer mehr, bis Abnl Hagiag an Len Almohadcn- König Jaknb I. seine letzten Besitzungen 1175 ab- zntreten sich gezwungen sah. Nur auf den Balkarischen Inseln hielten sie sich noch, bis 1229 Majorca, 1232 Minorca u. 1234 auch Jviza ihnen genommen wurde. Vgl. Aschbach, Die Almoravi- den, Franks. 1833. Almosen (v. gr. elsvmoszms, d. i. Mildthätig- keit), milde Gaben, die man Bedürftigen reicht; s. Armcnwcscn. Almquist. 461 Almosenier (v. Altfranz., neu ^.ninünior), Almosenverwalter u. zugleich geistlicher Rath bei fürstlichen Personen, namentlich in Frankreich, seit dem 13. Jahrh. Der Groß-A. seit dem 15. Jahrh. war der höchste geistliche Würdenträger inFrankrcich. Die Revolution hob die Würde auf, doch Napoleon I. stellte sie wieder her, auch Napoleon III. wählte wieder einen Groß-A., nachdem unter Ludwig Philipp die Würde unbesetzt geblieben war. In England hat der 6rnnä ^.Imcmor blos bei Krönungen an die Zuschauer die Krönungsmedaillen und der Imrci RiZIr Limonsr jährlich zweimal an so viele Arme, als der Monarch Jahre zählt, ein Geldgeschenk anszutheilen. Almquist, Carl Jonas Ludwig, schwedischer Schriftsteller, geb. 1793 in Stockholm; studirte Theologie, war 1817 — 23 Kanzlist in seiner Vaterstadt, nahm lebhaften Antheil au den Bewegungen der Literatur u. schloß sich vorerst dem Go- ticismus, d. h. der mit vermeintlich altnordischem Geiste versetzten Romantik, näher an, als dem Phosphorismus, d. h. der deutschen Romantik auf schwedischem Boden. Nachdem er seine Stelle niedergelegt und ein Jahr lang als Urbardc in Wermlands Wäldern gehaust, scheint er mit dieser Richtung völlig gebrochen zu haben. Er blieb zwar Romantiker, aber in einigen seiner Arbeiten tauchte eine sehr realistische Tendenz ans. Nachdem er 1824 sich vcrheirathet, kam er wieder nach ! Stockholm, wirkte seit 1827 als praktischer u. schriftstellerischer Pädagog und war später Regimentspastor. Als Leiter der Literaturabthcilnng des zu jener Zeit angesehenen Oppositionsblattcs ^ktcm- dl-täsb neigte er sich allmählich socialistischcn Ideen zu, schrieb gegen däs positive Christenthnm und gegen die Ehe, für die Rehabilitation des Fleisches, in Folge dessen sich ein gewaltiger Sturm gegen ihn erhob, und er schwerer Verbrechen beschuldigt wurde, wogegen er aber, im Juni 1851 aus Stockholm entwichen, von London aus protestirtc. Von London begab er sich nach Amerika, Ivo er als Professor Gustavi bis 1865 blieb, kehrte dann als Professor Wcstermann nach Europa zurück u. starb iu Bremen 26. Scpt. 1866. — A. übertrifft an Mannigfaltigkeit, schöpferischer Kraft (die ihm jedoch im Komischen versagt ist) u. oft erstaunlicher Präcision alle seine Landsleute; aber seine künstlerische Willkür, sein Hang zu psychologischen Experimenten verleiten ihn öfter zu derben Unwahr- schcinlichkciten und zur Geschmacklosigkeit. Einige seiner Arbeiten sind gänzlich mißlungen, wenige zur vollen Harmonie herausgcbildet. In seinen größeren Romanen geht das Streben nach Spannung öfter zu weit, nicht ohne Anwendung knabenhafter Mittel. Im Allgemeinen ein maßloser verwilderter Romantiker, thut A. die glücklichsten Griffe, wenn er echt realistisch das alltägliche schwedische Leben seiner Zeit abbildet. Seine Verse können sich in dem, worauf man gerade in Schweden einen besonderen Werth legt, in Wohllaut n. Glanz nicht mit denen eines Tegner, StagneliuS rc. messen. Verfasser mathematischer, historischer u. geographischer Lehr- u. Handbücher von Grammatiken rc., wurde er in Deutschland nur durch seine Romane stind romantischen Dichtungen bekannt. Romane: j Gabriele Mimanso, Amorina, Tintanara, Amalie 462 Almud — ^.loö. Hillner, Die Herren von Ekolsnnd; epische u. ro-! mantische Dichtungen: Törnroscns Bot (Dornrös-j chensBuch), Arthurs Jagd; kleinere Erzählungen: Die Mühle Skällaora, Colnmbine, Aramintha May rc. Almud, Feldmaß in Central-Amerika — 0,^5 n. Sllmuda, Getreidemaß in Mexico — 4,^25 1. Almude, F-lllssigkcitsmaß in Portugal u. Brasilien — 10,74^ 1. Almukauthnrat (v. Arab., Höhenkreis), jeder Ntit dem Horizont parallel an der Himmelskugel gezogen gedachte Kreis. Gestirne, die sich auf dem nämlichen A. befinden, haben also gleiche Hohe. Die Mittelpunkte aller A. liegen in der Las Zenith u. Nadir verbindenden geraden Linie, d. h. in der Lothlinie. Der Horizont ist ebenfalls ein A. n. zwar der größte. Al Mumcnin (arab., der Gläubigen), in Verbindung mit Emir, Fürst der Gläubigen, wie sich die Nachkommen Mohammeds nannten. Almunecar, Stadt in der spanischen Provinz Granada (Andalusien), unweit der Meeresküste; maurisches Schloß, Zuckerrohr- und Batatenbau; 4710 Ew. Almunra de Dona Gvdina, Stadt am Grio in der spanischen Provinz Zaragoza (Äragonien); Seifenfabriken, Branntweinbrennereien, Ölmühlen; 3630 Ew. Almus (a. Geogr.), Ort in Ober-Mösien an der Mündung des Lom in die Donau, mit einer Besatzung von Reitern; jetzt Lom Palanka. /klnuo Vonr»., so v. w. Erle. Aluwikk (spr. Ahnnwick), Stadt am Alne in der englischen Grafschaft Northumberland; Hafen; mit einem alten berühmten Schloss? (schön erhaltenes Stammhaus der Herzöge von Northnmberland), dabei Ehrcnsänle, dem Hanse Northumberland von seinen Pächtern gesetzt; 7046 Ew. König Malcolm IH. wurde hier 1093 gctödtct, Wilhelm von Schottland von Heinrich II. von England am 13. Aug. 1174 geschlagen. Seit 1310 gehörte es den Percy. Dabei der Bllrgerrechtsbrnnnen, durch Len Jeder, der in A. Bürger werden wollte, waten mußte. Das Schloß wurde in neuerer Zeit prachtvoll restanrirt. /Uocasia Ld/rott et LiuMc/ren (Tarro), Pflan- zcngattnng aus der Familie der Aroideen (XX). Art: X. mnororrliirn. mit tindskopfgroßcmWnrzel- stock, der frisch eine Schärfe besitzt, diese aber durch Kochen verliert und wegen seines Mchlrcichthums auf den Inseln des Stillen Öccans als Nahrungsmittel benutzt wird. Auf den Freundschafts- und Sandwichinseln wird diese Pflanze angebaut. X. luet-Men n. ouprea, von Borneo, als Blattzierpflanzen in Treibhäusern gezogen. /Uoö II., Pflanzengattung aus der Fam. der Lilia- cecn (VI. 1), mit unterständiger, rühriger, scchs- spaltiger, einfacher Blüthenhülle, am Grunde Honig absondernd, sechs dem Grunde eingcfügtcn Staubgefäßen und häutiger, dreifächcriger, viel- samiger Kapsel. Zahlreiche Arten; diejenigen mit großen, geraden, röhren- oder trichterförmigen Blüthcn u. einem mehr oder weniger ausgcbilde- ren Stamme zeichnen sich durch einen sehr bitteren Saft aus. Hierher gehören namentlich X. vulgaris Unm,, in SAfrika u. von da nach Ost- u. West- 'indien verpflanzt, X. Lveotriur La,?»., auf Soco- jtora u. am Cap, X. abxssinica Ham., X. pur- puraseens Law. und X. 8pienba II., am Cap, welche die sehr bittere und officinelle Aloe (s. u.) liefern. Aber auch noch andere Arten liefern eine ähnliche Substanz. Mehrere Arten, z. B. X. pul- elrra Law., X. arborssoens AIM., X. xstauea 4IM., X. vorruvosa Hr'I., sind bei uns beliebte Zimmerpflanzen mit dicken, fleischigen, oft warzigen, theils schön gefärbten Blättern von den verschiedensten Formen und ziemlich ansehnlichen Blü- then; gedeihen ohne Schwierigkeit in kräftiger, sandiger Komposterde bei nur mäßiger Feuchtigkeit; Vermehrung durch Theilung. (X§avs ame- rioana ss. d.j wird oft fälschlich als A. bezeichnet.) Aloesaft, auch kurz A. genannt, ist der eingetrocknete Saft aus besonderen Gefäßen der Blätter mehrerer Aloearten. Die zerschnittenen Blätter werden ausgepreßt, der Saft durch Erhitzen von den Eiweißstoffen befreit n. eingcdampft. Es werden nach Darstellung und Eigenschaften mehrere Sorten im Handel unterschieden: u) Socotrin-A. (Xloö soootrina), von X. vulgaris und voeotrina auf der Insel Socotora, mit muscheligem, glas- glänzendem Bruche, dunkelbrannroth, kantendurch- scheiuend, von angenehmem Geruch; I>) glänzende oder Cap-A. (X. Inoiäa, sapsnsm), wird am Cap der guten Hoffnung von X. opieatg,, purpuras- osn8 n. a. gewonnen, dunkler als erstere, ihr sonst ähnlich, von widrigem Geruch, beim Zerreiben ein grünlich-gelbes Pulver gebend; o) Leber-A. (X. Iropntiea), im Archipel n. Arabien aus X. vulgaris n. a. bereitet, duukelleberbrann, von unangenehmem Geruch; ä) Barbados-A. (X. tzardaäsu- 818), ans X. vulgaris, von Barbados u. Jamaica in Kürbisflaschen in den Handel kommend, besitzt schwarzbrannc Farbe, unebenen Bruch, ist undurchsichtig und riecht (beim Anhauchen) nach Safran; s) Roß-A. (X. eaballiua) ist die schlechteste, ans Abgängen der Blätter bereitere, mit Sand u. Unreinigkeiten vermengte Sorte. Als seltenere Sorten kommen vor X. ourassaviea, von Cnra^ao, u. X. äs LlooHnt, der ä) ähnlich. Sic geben alle mit Ausnahme von b) beim Zerreiben ein rhabarbergelbes Pulver, besitzen einen eigcnthümlich aromatischen Geruch, intensiv bitteren Geschmack u. sind ihrer abführenden Wirkung halber wichtige Arznei- Mittel. In Alkohol löst sich die A., in Äther wenig. In Wasser löst sie sich zu einer syrupdickcu Flüssigkeit, aus der beim Verdünnen sich ein harzartiger Körper abschcidet. Der braunrothe, wässerige, sauer reagircude Auszug oxydirt an der Luft und wird dunkler. Die Ä. besteht ans einem in Wasser löslichen n. einem unlöslichen Bestandthcil; elfterer wird durch Behandeln der gepulverten A. mit dem vierfachen Gewicht Wasser ansgczogcn, eingcdampft und bildet das officinelle lüxtraetuiu Xloss. Eine alkoholische Auflösung ist als I'iuetura Xloss officinell. Der unlösliche Bestandthcil, das A-Harz, erhärtet an der Luft. Es löst sich in Weingeist, Äther n. Alkalien mit brauner Farbe u. besitzt in ganz reinem Zustande keinen bitteren Geschmack. Die A. enthält als wirksamen Bestandthcil einen krystallisirenden Bitterstoff, das von Robinqnet entdeckte Aloin (s.d.). Verdünnte Schwefelsäure gibt mit A. Paracumarsänre OgUgOz, eine Aloöbitter — Worden. 463 krystallisirbare Saure. Concentrirte Salpetersäure löst A. in gelinder Wärme mit brauner oder grüner Farbe; beim Verdampfen der Lösung scheidet sich eine flockige gelbe Masse, die sogenannte A- sänre oder künstliches A-bitter ab, welche ein Gemenge von Aloeresin-, Alo'etin- n. Chrysammin- sänre ist. Lösungen derselben in Wasser, Weingeist, Ammon sind pnrpnrartig u. geben ans Zeugen je nach der Beize rothe, violette, braune, grüne, graue oder schwarze, nieist echte Farben (A-pnr- pur). In der Medicin wurde die A., besonders von arabischen, später von den Ärzten ans der Stahlschen Schule sehr gcmißbrancht. Sie ist ein heftiges Reizmittel für die Unterleibsorganc, befördert den Hämorrhoidalblutflnß und wirkt als Pnrgirmittel, ohne, wie andere Abführungsmittel, irgendwie beträchtlich zn schwächen, wird aber gewöhnlich später schädlich, besonders wenn man sich ihrer für die Dauer gegen Hartleibigkeit bedient. In sehr kleinen Gaben und in gewissen Fällen kann die A. die Berdaunngs- vrgane wohlthnend anrcgen, tonisch wirken u. die Absonderungen regeln; aber auch hier muß dieses Mittel mit äußerster Vorsicht gebraucht werden. A. befördert die Thätigkeit der Leber, darf aber bei entzündlichen Zuständen dieses Organs keine Anwendung finden. Sic ist unter einer Menge von Arzneigemischen, besonders in Pillcn- form (A-pillcn, Vilnius nlostious), oder auch in Tinctnren (A-tinctnr, Linetmru uiass) ein Hanpt- bestandthcil und wird auch äußerlich zur Heilung von Schäden n. zu allerhand technischen Zwecken, zur Vertilgung von Jnsecten, besonders der Holzwürmer auf Schiffen n. a., angewendct. Im Morgcnlande ward die A. zur Einbalsamirnng von Leichnamen gebraucht. Aloebktter, s. Aloin; A., künstliches, s. Alo'e. Aloehanf (Pite-Hanf oder Pitte, Domingohanf, Kampirrhe- oder Pisal-Hanf) nennt man Faserstoffe, die ans Mexico, Westindien und Südamerika zn uns kommen n. die von den Blättern verschiedener Agaveartcn (L§uvs umsrionnn, en- bsnsis, kosticia, AlAnntsa, vivipuru, siouinna.) stammen. Der A. ist von blaß-gelblicher Farbe und gibt starkes, schönes Tauwerk; auch zn Möbel lande Cochinchina mit 5—16 Dukaten per Pfd., in Japan mit 200 Dukaten bezahlt, kommt sehr selten zn uns, war schon im Alterthnm als Kau- nnd als Ränchermittcl bekannt und kam sonst zn manchen Znsammcnsetznngcn. 2) Von unechtem A. kommen mehrere Sorten vor: u) das gewöhnliche A. des Handels (Garo nach Rnmph, Aspa- lathholz), von Lgniiuriu inukusosnsis Lai»., od. L. ovuta, L., grau, schwer, sehr harzig, bitter schmeckend, wohlriechend; b) gelbes A., Varietät des vorigen, hellgelb, auf dem Schnitte orangegelb, bitter, harzig, rosenartig n. wie Anime riechend; e) bisamartigcs A. oder Agallocheholz (Adlerholz nach Martins), schmutzig - gelb - grünlich, faserig, weniger harzreich, aromatisch bitter, bisamartig n. wie Alo'e riechend, von vxoooonrin. nFslioeim; ä) A. von den Mollnkken (fälschlich mericanischeS A. genannt), nach Gnibonrt ebenfalls von Lxooe- oarig. UFnIiookiu, knotig, dicht, schwer, harzig, wie Myrrhen u. Anime riechend; s) falsches A., nach Rnmph von Lliairslia. Isiampuoon kommend, sehr bitter, wie Camillcn riechend. Zur Geschichte des echten Aloeholzes vcrgl.: G. W. Wedel, Vs Lia- Irim 8vn 11§uo nloss, Jena 1603. Aloesaft, s. Aloe. Aloefalze, durch Aloesänre mit Alkalien dar- gestellt; purpurfarben, verpuffen in der Hitze. Aloetinsiinre, s. Aloe. Aloexylon (L. Lom'.), Aloeholzbaum, Pflanzengattung ans der Familie der Cassicn (I. 10). Art: L. LAnlkoolinm, ansehnlicher Baum, ans den höchsten Gebirgen Cochinchinas heimisch; Mutterpflanze des osficinellen wahren Aloe-, Adler- Paradiesholzes (s. dass.). Alöger, v. Gr., 1) Ketzer in der christlichen Kirche 'Kleinasiens am Schlüsse des 2. Jahrh.; leugneten den Logos, verwarfen deshalb auch das Evangelium u. die Offenbarung Johannis, sowie (gegen die Montanisten) allen Chiliasmus n. Pro- pherismns. Als ein Ausläufer der A. gelten die Theodotianer, so genannt nach einem oder 2 Theo- dotos, von welchen einer Melchisedek über Christus setzte, daher seine Anhänger auch Melchisedekianer. 2) In Holland früher s. v. w. Sociniancr. Alöffie (v. Gr.), Vcrnnnftlosigkeit, Grnndlosig- swsfen n. Schcllenzügen wird derselbe verarbeitet, keit, Unsinn; daher alogisch, widersinnig; alogistisch, Neuerdings verarbeitet man ihn auch viel zu Aloe-; unbesonnen. seilen, flachen Seilen, die zur Grubenförderung Alordcn (Aloaden), Otos u.Ephialtes, Thraker, verwandt werden. Nloeharz, s. Aloe. Aloeholz (Paradicsholz, lÜMnm uloss, Vinnum »Mlloelinm, Pharm.), 1) wahres A., von Llosx/- lon TAnllooünm Lour., dunkelbraune, schivärzliche, geaderte, fast ganz ans Harz bestehende Stricke, in die sich in Folge eines krankhaften Vorganges das eigentlich weiße u. geruchlose Holz des Baumes verwandelt, das daher sich in größerer Menge im Innern abgestorbener Stämme findet. Es verbreitet, erhitzt, einen sehr angenehmen, animcarti- gen Geruch. Das beste, im Wasser zu Boden sinkende, heißt Ghark, das nur theilweis sinkende: Nimghark, das schwimmende: Semeleh. Das Kernholz, eine große Seltenheit, nennt man Ca- Söhne des Poseidon u. der Jphimcdeia, nach deren Gemahl Aloeus genannt. Sie erhielten vom Vater die Eigenschaft, alle Jahre 1 Elle in die Breite n. 1 Klafter in die Länge zn wachsen. 0 Jahre alt, unternahmen sie es, Zeus zu bekämpfen u. den Himmel zn erstürmen, indem sie den Osfa, Olymp u. Pelion anfeinanüerthürmten. Ephialtes verlangte für sich die Here, Otos die Artemis; sie fesselten sogar den Ares 13 Monate lang, der nur mit List von Hermes befreit ward. Sie wurden endlich von Apollon getödtet, oder tödteten sich gegenseitig, indem sie auf die in eine Hirschkuh verwandelte u. zwischen ihnen durchspringende Artemis mit den Sperren zielten, aber Einer den Anderen traf. In der Unterwelt wurden sie mit dem Rücken an eine lambac n. schätzt es höher, als Gold. Blässere,! Säule gefesselt, und eine Eule raubte ihnen durch weniger harzige Holzstücke kommen unter dem'ihr Geschrei den Schlaf. Hierdurch den Titanen Namen Kissina vor. Es wird in seinem Vater-: und anderen Dämonen der Urwelt verwandt, zeigen 464 Alvm — Alouchiharz. sie sich in anderen Zagen cnltnrfrenndlich: sic gründen Städte, z. B. Askra am Helikon, wo sie den Dienst der Mnsen (3 an Zahl) einfiihrten. Aloin (Chcm.) 6178^07, der Bitterstoff der Alod, kommt in einzelnen Arten schon im flüssigen Safte in kleinen Krystallkörnern vor. Es wird ans der Barbados-Aloe mit kaltem Wasser ansgezogen n. scheidet sich ans dem im Bacnum concentrirtcn Extract in branngclben Krystallkörnern ans, die durch Umkrystallisircn gereinigt werden. Anch aus der Leber- und Socotrin-Alvc läßt sich der Stoff gewinnen. Das A. ist in kaltem Wasser schwer, in heißem leichter löslich, anch in Weingeist und Äther. Die Lösungen reagiren neutral, schmecken anfangs süß, später intensiv bitter u. sind in der Wärme sehr veränderlich. Blciessig erzeugt in der wässerigen Lösung einen t-iefgclbeu Niederschlag. Es krystalli'sirt aus Wasser in gelben Körnern, ans der Lösung in heißem Alkohol in sternförmig grnppir- ten Nadeln, die bei 100° Wasser verlieren n. allmählich in den amorphen Zustand übergehen. Chlor n. Brom fällen aus der wässerigen Lösung gelbe Niederschläge. In kalter, rauchender Salpetersäure löst es sich mit brann-rother Farbe. Mit Salpetersäure erwärmt, bildet es-Chrysamminsäurc, mit Zinkstanb erhitzt, Anthracen. Ätzende n. kohlen- sanrc Alkalien lösen cs mit orangcgelber, an der Luft dunkler werdender Farbe. Alombrados (Alumbrados, die Erleuchteten), mystisch-schwärmerische Secte in Spanien um 1550, die eine innerlichere Frömmigkeit anstrebte. Sie wurde bald durch die Inquisition unterdrückt und wanderre zum Theil nach Frankreich aus, wo sie ebenfalls verfolgt wurde. Alonqe, s. Allonge. Alopa, Lorenz0, berühmter Buchdrucker in Florenz im 15. Jahrh. Besonders ausgezeichnet dnrch äußere Ausstattung waren seine Ausgaben griechischer Classiker. Alopccic, 4lopeeia, Fuchskrankhcit (v. gr. nl5- pöx, Fuchs), Ausfallen der Haare, ist die Folge von Srörnngen, welche die Haut selbst betreffen u. ursprünglich entweder in derselben, oder in der Ernähr- nngj Ncrvcnthätigkeit rc. wurzeln; das Ausfallen der Haare als Folge innerer Krankheiten bei Normal- blciben der Haut nennt man Dsüuvium eapiilorum. Man unterscheidet: L.. uroata, (korrixo äsealvnns), Kahltverden einzelner Stellen, welches von Einigen als Folge von Zerstörung des Haares dnrch Entwickelung eines Pilzes betrachtet wird, stets aber schlechte Ernährung zur Ursache hat u. bei jugendlichen Menschen vorkommt; 4.. circumscripta, bei welcher die kahl gewordenen Hautstellcn einsinken und ferneres Emporschicßen von Haaren nicht mehr gestatten; L. sxxiiiiitica, wobei Las Ausfallen der Haare Folge von syphilitischer Erkrankung der Blut- n. Säftemasse ist rc. Das Ausfallen der Haare wird demnach von örtlichen Hantleidcn u. von allgemeinen Ursachen bedingt; zu den letzteren gehören auch erschöpfende- Krankheiten, Mißbrauch von Quecksilber u. anderen heroischen Arzneien, geschlechtliche Ausschweifungen und niederdrückende Gcmüthsznstände. Moritz Lohn begreift unter A. alle Formen des mangelhaften Haarwuchses u. des Ausfallens der Haare'u. unterscheidet angeborene A. u. erworbene A. Bcrgl. die Literatur d. Hautkrankheiten. L.. untpuium, Abfallen der Nägel, s. - Nägclkrankheiten. ! -Uopeourus 4)., Fuchsschwanzgras, Grasgattung !ans der Familie der Gramineen (III. 2); walzenförmige, ährenartige Rispe, mit spiralig stehcn- jden Ästen n. nnbcwchrten Hüllspelzcn. Arten: U. !axrostis L. (Ackerfuchsschwanz), anfstehcnd, mit glatter, walzigcr Rispe; .4. pratensis I-. (Wicsen- fuchsschwanz), eines unserer häufigsten Wicsengräser und zugleich eines der besten Futtergräser, daher anch angcbant; 2r. Kcniculatus L. u. L.. InivusÄn., auf nassen Wiesen; gute Fntterkräuter. Alopens, 1) Maximil. Baron v. A., geb. 21. Jan. 1718 zu Wiborg in Finnland; studirte zu Ado n. Göttingen Theologie, ging 1768 nach Petersburg u. lvnrde dort durch den Grafen Panin, der ihn zum Secretär wählte, in das diplomatische Fach übergeleitet, beim Dep. der auswärtigen Angelegenheiten angestcllt; 1783 ward er russischer Gesandter beim Fürstbischof von Lübeck in Eutin. Für die Kaiserin Katharina führte er verschiedene schwierige Angelegenheiten mit Erfolg durch und besorgte auch für den damaligen Großfürsten Paul dessen Privatcorrcspondeuz mit Friedrich d. Gr. Seit 1790 bekleidete er Len Gcsandtschaftsposten in Berlin, dessen Hof er der russischen Politik geneigt machte; 1807 vom Kaiser Alexander in besonderer Mission nach London geschickt, kehrte er 1813 wieder nach Berlin zurück auf seinen früheren Gesandtschaftspostcn, trat aber, nachdem er noch dein Aachener Congreß beigcwohnt, 1820 aus dem Dienste u. st. 16. Mai 1822 in Frankfurt a. M. 2) Daniel, Graf A., Bruder des Vor., geb. 1769 ; lvnrde an der Militärakademie in Stuttgart gebildet, wendete sich aber der Diplomatie zu. Er war 1808 russischer Gesandter in Stockholm. Als er den König Gustav IV. anffordertc, dem Cou- tincutalsystem beizntreten, u. als die Russen Finnland besetzten, ließ ihn der König verhaften und seine Schriften mit Beschlag belegen, wofür ihn sein Monarch nach der Eroberung Finnlands glänzend entschädigte, indem er ihn zum Mitgliede des Geheimen Rathes ernannte u. in den Grafenstand erhob. Nach König Gustavs Abdankung schloß er 1809 den Frieden mit Schweden, war 1811 bis 1812 russischer Gesandter in Württemberg, 1813 Gcncralcommissar beim verbündeten Heere n. von 1820 au bis zu seinem Tode 13. Juni 1831 Gesandter in Berlin. Alöpo, Pandolsello, von niederer Geburt, Günstling der Königin Johanna II. von Neapel u. Großsencschall des Königreiches; beherrschte als solcher die Königin ganz u. ward auf Befehl ihres 2. Gemahls, Jakobs von Bourbon, dem er vor seiner Bcrhciralhung die Bedingung gesetzt, sich des königlichen Titels u. aller hieraus entspringenden Rechte zu enthalten, 1415 hiugerichtcl. Alora, St. in der spanischen Prov. Malaga (Andalusien), an der Eisenbahn Eordova-Malaga, welche hier aus einer Gitterbrücke den Gualdalhorce überschreitet; maurische Burg, kalte Mineralbäder; 8370 Ew. Alosno , St. in der spanischen Prov. Hnelva (Andalusien); Kupfer- u Silbergruben; 3060 Ew. Alost, St., s. v. w. Aalst. Alouchiharz sAlnchiharz), ein aus Madagaskar 465 ^.lo^sis, eitrioüora stammendes Harz von stark aromatischem, bitterem u. pfcfferähnlichem Geschmack. Es ist zerrciblich, außen schmutzig-weiß, innen schwärzlich marmorirt. Kalter Alkohol zieht ein leicht lösliches Harz aus, wonach siedender Alkoholdaszurückbleibende,schwerer lösliche Harz anslöst n. beim Erkalten in Flocken fallen läßt. Es schmilzt und verdampft bei vorsichtigem Erhitzen, in Höherer Temperatur snblimirt es in Blättchen; in Äther ist es leicht, in Natronlauge unlöslich. Das A. enthält außerdem ein unangenehm riechendes ätherisches Öl. LIo>sm citeioäoea Orkeya (lappig, oitriockora. südamerikanisches Citronenkrant ans der Fam. der Acanthaceen (XIV. 2), ist ein in Peru, Chi e u. Patagonien einheimischer Strauch, dessen angenehm wie Citronen riechende, lanzettförmige, ganzrandige Blätter in Spanien officinell sind, n. der bei uns oft als Topfpflanze gezogen wird. Alp, vom keltischen alp, Hochgcbirg, wahrscheinlich mit albus. weiß (Schneegebirg), zusammenhängend: 1) Fränkische A., im bayerischen Kr. Mittelfranken (s. d.); 2) Hohe A., am Fuße des Säntis; 3)RanheA., s.Schwäbische Alp; 4) (Alb) Nebenfluß des Rheins im Kanton Schwyz; 5) s. u. Alpenwirthschaft. Alp (Ineübus), krankhafter Zustand, der während der Nacht, meist nach dem Einschlafen, oder früh vor dem Erwachen in der Rückenlage ein- tritt, wobei nach einem schweren Traume eine Art Halbschlaf oder Tranmwachen folgt, mit großer Beengung der Brust, Angst u. dem Gefühl, als läge eine schwere Last auf dein Leibe (Alpdrücken). Der A. hindert das Athmen; Frauen haben dabei bisweilen das Gefühl, als wohne ihnen ein Mann bei. Vergebens suchen die vom A. Befallenen sich zu bewegen oder zu sprechen, stöhnend erwachen sie nach einigen Minuten ermattet. Der A. be- : ruht ans Störung des Blutkreislaufes u. vorzüglich ans Blutandrang nach Herz und Lunge oder. nervöser Schwäche in den Brustorgancn u. entsteht daher vorzüglich bei vollblütigen, wohlgenährten oder nervenschwachen Personen, nach unterdrückten Blutflüsscn, Unterleibsstörungen, Überladung des Magens, übermäßigem Genuß geistiger Getränke, starken Gemüthsbewegungen, ferner auch beim Vorhandensein von Würmern, organischen Fehlern in der Brust und Leber; heiße Schlafstuben und Betten befördern das Übel. In heißen Ländern kann der A. lebensgefährlich werden, doch kann er nach,Hodgkin auch in gemäßigten Himmelsstrichen als Ursache des Todes austretcn. A. wird geheilt durch strenge Diät, Bewegung in jreier Luft, Meidnng schwerer Speisen u. Spirituosen, besonders abends; durch Digestiv-, Absühr- nngs-,antispasmodische Mittel, Blntentziehnngcn rc. Vergl. I. Waller, Vom Alpdrücken, 2. Auflage, Franks. 1824; M. Strahl, Der Alp, Berl.18.8.8; Th. Hodgkin, On Xig'btmars, Lond. 1863. Das Alpdrücken hat zu einem so ziemlich über die ganze Erde verbreiteten und zum Theil heute noch bestehenden Aberglauben (Personifikation des Übels) Anlaß gegeben; vgl. Tylor, Die Ans. der Cultiir, deutsch/ Leipz. 1873. Die Alpe werden gedacht als gespenstische Wesen weiblicher, manchmal anch männlicher Gestalt (Mare, Mahrt, Trnt rc.). Sie schleichen nachts umher als Katze, Marder oder Pierers Unidersal-Cnndersations-Leiikon. v. Ausl, l . — Alpt'N, sonst ein haariges, meist schwarzes Thier, oft aüch in Gestalt eines Strohhalmes, von Ranch oder in plumper Menschengestalt, auch als Hexe, schlüpfen durch Ritzen, Schlüssellöcher in die Stuben und werfen sich dem Schlafenden von unten her ans die Brust, schnüren ihm die Kehle zusammen rc. Oft zeugen sie Kinder mit den Menschen. In manchen Gegenden verwandeln sie Menschen in Pferde, ans denen sie reiten. Näheres bei Wnttke, Der deutsche Volksaberglanbe der Gegenwart, 2. Bearb., Berl. 1869. Alpaida, Gemahlin Pipins v. Heristal, die Mutter Karl Martells. Alpakametall ist der Name des in Wiener Fabriken gefertigten Alsenid oder Nensilbers. Alpaka (Alpaka, Pako, Xuebenia kaeo k?m.), kleiner als das Lama; gleicht im Körperbaus dem Schafe, hat aber einen längeren Hals u. zierlicheren Kopf; sein Vließ ist ausnehmend weich und sehr lang, an einigen Stellen, z. B. an den Seiten des Rumpfes, erreicht es eine Länge von 10 bis 12 vm. Die Farbe ist meist ganz weiß oder schwarz, doch gibt es auch buntscheckige. Die Pakos, in großen Ebenen gehalten, weiden das ganze Jahr ans den Hochebenen Perus n. Chiles. Nur zur Schur treibt man sie in die Hütten. Schon seit uralten Zeiten fertigen die Indianer ans ihrer Wolle, ebenso wie ans der des Lama, Decken und Mäntel; sie nennen die gröbere Wolle Hanaska, die feinere Cnmbi. Letzterer steht kaum eine zweite Wollcnsorte gleich, u. man hat daher versucht, den Pako auch bei uns u. in Australien einznführen. Die Versuche, welche man in Frankreich, Holland und in Lntschena bei Leipzig anstellte, haben bis jetzt noch wenig Erfolg gehabt; die nach Australien eingcführten sollen sich dort aber bis heran vortrefflich befinden. Auch in Großbritannien wird eine Heerde (für den Grafen von Derby) gezüchtet, und englische Forscher glauben, daß das Thier im schottischen Hochgebirge bei fortdauernder Bemühung gedeihen und heimisch gemacht werden könnte. Die feine Wolle wird namentlich in England, wo Titus Salt in Bradford eine eigene Art der Spinnerei n. Weberei der Wolle erfunden hat, im Großen verarbeitet. — Als Stammform des Thicres wird, vielleicht nicht mit Recht, die Vicuna (Xuobouia Viouima, Dssm.) betrachtet. lll pari (ital.), gleich, gleichgeltend, von gleichem Werthe; im Geld-u. Wcchselverkehre steht Papiergeld al pari, wenn es seinen nominellen Geldwerth hat, unter x., wenn es mit Verlust, über p., wenn es mit Gewinn verkauft wird. Alpdrücken, s. n. Alp. Alpe Apnrrni, Zweig der Apenninen in der italienischen Prov. Toscana, durch die Thäler der oberen Magra, der Aulla u. des oberen Scrchio von dem Hauptzuge getrennt; bildet hohe zackige Marmorfelsen, welche den carrarischen Marmor liefern. Alpebettir, Alpendf. im Bezirke Aosta der italienischen Provinz Turin, einer der höchst bewohnten Orte Europas, 2326 m ü. d. NN. Alpen, tllpes (a. Geogr.). Die Gallier nannten hohe Berge überhaupt Alpen; besonders aber haftete dieser Name an dem gewaltigen Gebirgszuge im N. Oberitaliens. Die altrömische Geo« I. Band. zy 466 Alpen (Orographischcs). graphie unterscheidet in der Richtung von SW. nach N. u. O.: 1) Lkpss maritimuo (Sec-A., Li- gurische A.), von Genua bis zum Varus u. weiter nördlich bis zu den Quellen des Po. 2) L. 6ok- bias, von dem König eines ligurischen Volkes, Cottius, benannt, vom Monte-Viso bis zum Mont- Cenis. 3) tk. Oruius (griechische A., voni Mont- Cenis bis Aosta (Augusta), welche das llu^nm 6remonis (tc Cramont) u. die Oontronicas L.Ipes in sich begriffen. 4) kosninao, deren urgalli- scher Name auch auf die daselbst verehrte Gottheit Jupiter Pocninns) übertragen wurde, wie ein römischer Altar auf dem Gr. St. Bernhard zeigte; sie reichen von Aosta bis zum St. Gotthard. 5) Von da bis zur Ortlesspitze L. Wmetivg.o (rhä- tische A.) mit den Iwpontme; ein Theil dieses Gcbirgsabschnittes führte den urgallischen Namen TLänIa u. umfaßte die Rheinquellen. 6) In Südtirol 4.. Iriäsiitünns, und östl. weiter 7) Lar- uioao. 8) Mrieas. Die Berge von NTirol scheinen unter dem Namen der Rhätischcn A. einbegriffen zu sein. 9) L. .Inüus, so genannt von Julius Cäsar, dem man die Anlage von Straßen durch dieselben znschreibt; bei Ammian findet sich die Benennung L. Vsntzkao für dieselben. 10) Der illprische oder dalmatische Zweig des Gebirges, Datmatious. 11) Die nördliche Abzweigung, L. I'iumoineae. — Eine genaue Kenntniß der A. gewannen die Römer erst im letzten Jahrh.v.Chr., während früher nur unklare Vorstellungen davon bei den Südländern herrschten. Die älteren griechi-, scheu Schriftsteller fassen die A-ketten mit allen nördlich von Spanien n. Italien gelegenen Berg- rcihen unter dem Namen Rhipäen zusammen. Länge, Breite und Höhe der A. werden von den Schriftstellern des Älterthnms verschieden taxirt. Die Thäler waren bewohnt u. bebaut, besonders mit Weizen; von ihren Bewohnern, die schon damals an Kröpfen u. dicken Hälsen litten, tauschten die Bewohner der Alpen Lebensmittel gegen Harz, Pech, Wachs, Honig, Käse ein. Schon in der ältesten Zeit führte eine Straße über die A., welche von allen anwohnenden Völkern geschützt und gesichert war n. ans welcher wahrscheinlich ein friedlicher Verkehr zwischen den im S. u. N. des Gebirges wohnenden Völkern stattfand; wo, ist ungewiß. Alpen (n. Geogr.). (Hierbei 2 Karten: West- u. Ost-A.) I. Orographischcs. Dies ausgedehnteste, höchste n. sowol geologisch, als landschaftlich am bedeutendsten entwickelte Gebirg Europas dehnt sich vom 23. bis 34. Gr. ö. L. von Ferro aus und umschließt den nördlichen AnSgang der italienischen Halbinsel gegen Frankreich, die Schweiz, Deutschland und Österreich. Bon den Ufern der Rhone in den französischen Dep. Drvmc, Vauclnse u. Bar in der Provence steigen sie allmählich an u. durchziehen das südöstlichste Frankreich, die nördlichsten Theile von Italien, die südl. u. östl. Schweiz, die südlichsten Theile des Königreichs Bayern u. fast das ganze dcutsch-rcdcndeÖsterreich in eincrLängen- Entfaltung von etwa 1200 üm. Die größte eigentliche Breiten-Entwickelung liegt nördlich zwischen der Donau u. südlich der lombardischen Tiefebene u. mag ans etwa 355 bin anznschlagen sein; würde man jedoch den im Gebiete der österreichischen Kronländer gelegenen, fächerförmig sich ansbreitcndcn Ausläufern der Gebirgszüge folgen, so würde die Breite eine viel größere sein. Das l Areal, das die A. bedecken, beträgt annähernd s 250,000 Hjlcm u. wird von etwa 8 Mill. Menschen bewohnt. Die A. reichen im W. bis an b das französische Bergland, welches in nordwest- s lichcr Richtung von Len Pyrenäen bis an die deutsche Grenze ganz Frankreich durchzieht (ein schließlich des Jura-Gebirges der Schweiz); im N. bis an das süddeutsche Bergland, specicll zum schwäbischen Jura und die bayerische Hochebene, sowie die Ausläufer des Bayerischen- n. Böhmer- Waldes; im O. an die Kleinen Karpathen u. den Bakonycr-Wald; im S. fallen sie theils in die große lombardische Po-Ebene ab, theils verbinden sie sich mit den Apenninen. Ihre bedeutendste Erhebung erreichen die A. in der Mont-Blanc- Grnppe (Piemont u. Savoyen) u. in den Walliser- Alpen der Schweiz. Da nun der Monte-Rosa (Schweiz u. Piemont) 4638 m u. der Mont-Blanc 4811 m absolute Höhe ü. d. M. erreichen, aber die am tiefsten gelegenen Punkte innerhalb der k Grenze des A-Iändcs nur 120—130 in ü. d. M. ^ erlangen (wie Mailand u. Valence im südlichen Frankreich), so ergibt sich eine größte Erhebungsdifferenz von 4690 m als wirtliche, bedeutendste A-höhe. Diese Erhebung der A. gestaltet sich im westlichen Theil weit imposanter, als im östlichen; denn vom Mont-Blanc u. Monte-Rosa (4811 u. 4638 rn) sinkt sie im Finsteraarhorn der Berner- A. auf 4275, im Piz Bernina (Graubünden) aus 4052 m, in der Ortler-Grnppe auf 3905 m, im Wildpitz der Ötzthalcr-A. in Tirol ans 3776, im Groß-GIockner ans 3975, im Rnthncrhorn (Hoch- Tauern) auf 3390, in den Karnischen A. auf 3284 IN, im Hochgvlling der steierischen A. auf 2859 in rc. in fortwährend abnehmendem Ver- hältniß, bis sie zuletzt in den Mariazcller-A. (Österreich unter der Enns) den Alpencharakter ganz verlieren. Dieser in der Cnlminationsbild- ung so bedeutend sich zeigenden Anordnung folgt ^ im Allgemeinen auch die mittlere Erhebung der ! einzelnen Gebirgsgrnppen u. Centrälmaffcn, von der einzig Graubünden als Massenerhebnng eine ^ Ausnahme macht. Auch die Firn- u. Gletscherbildung ist in den schweizer A. am bedeutendsten u. ausgedehntesten entwickelt, namentlich in den Walliser-, Berner- n. Bernina-A.; gen Östen, in Tirol u. in den Tauern, nimmt dieselbe allmählich ab, und in den kärnthischen, steierischen und krainischen A. verschwindet der ewige Schnee fast gänzlich. Nach S. hin ist die Abdachung steiler als nach N., u. im W. sind bei geringerer Breite die Höhenverhältnisse bedeutender, als im O., sie bieten daher auch von S. gesehen Len am meisten imposanten Anblick dar. Das Panorama, das ! die lHochalpen von der lombardischen Ebene aus, k n. dasjenige, welches das Berner Oberland bietet, > sucht an Großartigkeit seines Gleichen. Die A. sind noch in großen Entfernungen sichtbar, so vom Arber im Böhmer-Wald. In der ganzen Ausdehnung der A. herrscht die Kettcnform, Hochebenen sind selten, Gruppen häufiger. Im Eise starrende, fast unersteigbare Rücken, F-elsengipsel und Grate, Gletscherwände, enge Klüfte und Ab- 467 Alpen (Einthcilung). gründe, tiefe, bald breite, bald wieder verengte Hanptthäler, oft wilde Scitenthäler und Nebenschluchten mit Sturzbächen bilden den Charakter der A., der in den niederen Regionen allerdings durch Pflanzenwnchs u. Waldungen einen freundlichen Anstrich erhält. Zu den charakteristischen Eigenthllmlichkeiten der A. gehören ferner: die Bergstürze; die Lawinen; die Bora, ein trockener, heftiger NOWind, welcher im Winter, besonders in den östlichen Theilen der A., mit orkanartiger Wnth auftritt; der Föhn, ein wahrscheinlich aus der Sahara in Afrika herrühreuder, oft mit verderbenbringender Gewalt heranbransender Wind; das Alpenglühen, jene zauberhafte Beleuchtung der mit Schnee und Eis bedeckten A-giPfel bei Sonnen-Auf- u. -Untergang. Die A. sind endlich ausgezeichnet durch einen großen Wasserrcichthum in Folge der reichlichen Niederschläge. Dazu kommen noch die in stetem Schmelzen und steter Neubildung begriffenen Schnee- u. Gletschermassen, so Laß die Flüsse, die auf den A. entspringen, eine große Wasserfülle u. einen ziemlich constantcn Wasserstand aufzuweisen haben und in größerem Maße schiffbar sind, als Flüsse, deren Quellen in den Mittelgebirgen liegen; ein Beispiel ist der Rhein. Die Thäler der A. sind im N. und O. meist Längenthäler, im S. und W. Qucrthäler. Die wichtigsten sind: s.) zum Stromgebiete des Rhone: das Durance-, Jsöre- u. Arvcthal; das obere Rhönethal selbst ist ein von SW. nach NO. lausendes Längenthal, dessen NOFortsetzung k>) das Rheinthal ist, zu dem die Thäler Albula, Landquart, Jll, Aar mit Limmat u. Neuß gehören; c) zuin Gebiete der Donau: das Inn-, Enns-, Leitha-, Dran- u. Savethal, es sind die am längsten gestreckten Thäler der A.; ck) das Etschthal, das einzige nach S. ausmüudcndc Längenthal; o) zum Gebiete des Po die Thäler von Dora-Riparia, Dora-Baltea, Sesia, Ticino, Adda, Oglio und Mincio. Die Eintheilung der A. in verschiedene ab- gegreuzte Gruppen hat sich nicht allen Anforderungen entsprechend Herstellen lassen, weil die geologischen Bedingungen mit den orographischen häujig in Widerspruch gcrathen u. beide wiederum den gegenwärtigen politischen Abgrenzungen nicht entsprechen. Zunächst kann man das A-Gebiet am übersichtlichsten nach seiner politischen Angehörigkeit in drei große Hauptmassen abtheilen, nämlich iL) die westlichen A. von Frankreich und Italien, etwa 66,700 sisijlcin, 8) die Central-A. der Schweiz, etwa 86,300 s^jlcm, u. 6) die östlichen oder deutsch-österreichischen A. mit den seit den Friedens-Abschlüssen von 1859, resp. 1866 zu Italien gehörenden südöstlichen A., etwa 100,000 IHlcm umfassend. Die genauere Kenntniß der A. ist erst ein Resultat der letzten Jahrzehnte. Sie wurde hauptsächlich angcregr durch die Ausbildung der Naturwissenschaften, also namentlich durch das Studium der Geologie, Botanik nt Physik in den A., dagegen mächtig gefördert einerseits durch die trigonometrischen Vermessungen der ganzen Schweiz u. Publicirung dieser exacten Materialien durch Herausgabe des Dufourschen Atlas, anderseits durch die Einwirkungen des europäischen Eisenbahnnetzes, welches seine Geleise bis an den Fuß der A. vorschob und dadurch deren Besuch wesentlich erleichterte. Zur Popularisierung der A. trug sowol die Bildung von A-Vereincn (s. Alpen- Clubs), als zahlreiche Schriften u. Werke bei, unter denen die von Bädeker, Berlepsch, Studer, Schaubach , Ruthner, Tschudi u. A. obenan stehen. — In genauer Gliederung setzen sich die A. aus einer Reihe von Hauptmassen zusammen, die im Folgenden kurz aufgezählt, in spcciellen Artikeln aber ausführlicher behandelt werden. 1) Ligu- rische A., längs des Mittelländischen Meeres auf der französisch-italienischen Küste etwa bis in die Gegend von Savona, deren Fortsetzung gegen Genua Ligurische Apenuiuen heißt. Im Gebiete derselben läuft die schon von den Römern angelegte, von Napoleon I. chaussirte Uferstraße Rondo cku tkoruioiis (Riviera cki Rauende), welche jetzt mit Eisenbahn von Marseille nach Genua befahren wird. 2 ) Die Meer- oder See-A. werden von den vorher genannten gemeiniglich durch den Col di Teuda (A-straße von Nizza nach Turin) getrennt, welche wieder in verschiedene kleinere Gruppen, wie: Tenda- u. Argentiörc-A., Basses-Alpes rc. unterschieden werden. Nördlich grenzen sie an die 3 ) Lettischen A. (französisches Dep. Hautes-Alpes), deren höchster Punkt der Monte-Viso 3836 in. Zu ihnen gehören die Gebirgszüge, welche westlich französisch, östlich italienisch, von dem Col de la Traversette, de Vars, de Sestriöres 2069 in, überschritten werden, die Berge der italienischen Waldcnser-Thäler, die A. des Brian^onuais, Mont-Genövre und der Mau- rienne; als nördliche Grenze wird gewöhnlich die Straße des Mont-Cenis angenommen. 4 ) Die A. der Dauphine, namentlich des Gressivaudan liegen nordwestlich davon u. werden gebildet durch die Berge um Bourg d'Oisans und die Pelvonx- Gruppe 3938 m, in denen die Pointe des Ecrins mit dem Pic des Arsimes die bedeutendsten Erhebungen bilden. Hier ist auch jene tiefe Einscnkung, welche den Col de Lautaret 2070 in u. den Col de Frcjns trägt, in deren Nähe der 17. Septbr. 1871 dem Verkehr übergebene Mont-Ccnis-Tuuuel (Chambery-Turin) gebohrt wurde. Direct uördl. im gleichnamigen französischen Dep. liegen 6) die Savoiischen A., also die des Fancigny u. Genevois, die Umgebungen von Chambery, der Taran- taise u. Albertville, in denen der vielleicht schon zu den Grafischen A. zu rechnende Mont-Ponrry mit 2985 in den höchsten Punkt bildet. Zu dieser Gruppe gehörte politisch das bedeutendste Erhcb- nngsmassiv der ganzen A., der Mont-Blanc, welcher jedoch, sowol geologisch, als orographisch, von denselben als getrennt zu betrachten, den Penninischen A. zugezählt wird, stieben den Bergen der Tarantaise östlich bauen sich 6) die Grafischen A. ans, welche wahrscheinlich nach ihrem Gestein, den grauen Schiefern, so genannt wurden. Das Thal der Dora-Baltea umschlingt dieselben nördl. u. östl. mit einem bis auf 300 in ü. d. Bi. sich einsenkenden, breiten Thaleinschnitt. Die Ge- birgsmassen derselben hängen nicht zusammen, sondern erheben sich, Plötzlich steil ansteigend und von Gletschern überlagert, im O. zu der Masse des Grand Paradis u. Pizzo de Nomenome, westt. von dem Mont-Ruitor, dessen höchster Punkt an; 30 * 468 Alpen (Einthciluiig). 8762 m angegeben wird. In den Bereich dieser Gruppe gehört auch die fahrbare Straße über den Kl. St. Bernhard, welche das obere Jsere- Tyal mit dem That der Dora verbindet. Hieran ^ reiht sich nnn jene Gruppe, welche die höchstem und mächtigsten A-zinnen unter der Bezeichnung Pennin ische A. ninsaßl, n. deren Gebiet von den Quellen der Arve im Chamonny und vom Val Montjoie im W. bis zn dem höchsten Punkte der schweizer Alpen, dem Monte-Rosa, im O. reicht; man theilt dieselben gegenwärtig in zwei specielle Gruppen. 7 ) Die Mont-Blanc-A., ans französischem n. italienischem Gebiete, bilden die eine Hälfte, welche die gedrängteste und selbstständigste aller Centralgruppen der A. darstellen n. welche im Bosse du Drornedaire, dem eigentlichen Gipfel des Mont-Blanc und höchsten Punkt in Europa, 4811 m erreichen u. nur ans kristallinischen Gesteinen (Granit u. Gneis) bestehen. Dieser mächtige Gebirgs-Centralkörper deckt einen Flächenraum von etwa nur 770 djkm u. nimmt in der Richtung von SW. nach NO. 50 km Längen- ansdehnnng ein. Geographisch rangirt man die bedeutend klcinereCentralmasfe der Aiguilles-Ronges, welche im Mont-Buet mit 3911 m cnlminirt, znm Mont-Blanc, während dieselbe geologisch eine selbstständige Cenlralmasse bildet. Alle bisher genannten Gruppen liegen ans französischem und italienischem Gebiete und stehen sowol in ihrer Hebung, als in ihrer Consignration untereinander nur in losem Zusammenhänge; auch ist ihre vorherrschende Richtung von S. gen N. Östlich und nördlich von den letzten Gruppen schließt sich nnn die zweite große Gruppe der schweizer A. an. 8) Die Walliser-A. bilden das erste große Massiv derselben. Sie werden im N. durch das von O. gen W. sich erstreckende Rhönethal von den Berncr-A. geschieden, während das 45 km lange Balle del Ossola sie gen O. von den Tes- sincr-A. trennt. Im S. rechnet man Alles zu den Walliser-A., auch die ans italienischem Boden liegenden Ausläufer, soweit sie die Dora-Baltea von den Grafischen A. scheidet. Sie umfassen einen Flächenranm von etwa 6600 Hflcm, erreichen im höchsten Punkte des Monte-Rosa (früher Gorner- Horn, jetzt Dufour-Spitze genannt) 4638 in und mehr als 100 Gletscher, die ineinandergeschoben einen Flächenranm von 660 si^km einnchmen würden, gehören zu dieser Centralmasse. Vom Hanptgrat gehen nördlich und südlich 14 größere Onerthäler ans, von denen das Zermatter-Thal am tiefsten, 30 km lang, in die Firn-Regionen cindringt. Früher nannte die alte Orographie alles Gcbirg vom Monte-Rosa u. den Mischabelhörnern östlich bis znm Gotthard summarisch Le politische A., eine Bezeichnung, die jedoch nicht mehr gebräuchlich ist. Im östlichen Theil übersteigt die Simplon-Straße mit 2010 m Paßhöhe die Walliser A., mährend an der äußersten westlichen Grenze der nur für Pferde gangbare Paß über den Gr. St. Bernhard läuft. Auf eine Ausdehnung von 56 km verbieten Schnee- und Eislager von etwa 15 km Breite alle Commu- nication zwischen N. und S. Hier führt auch das Matterjoch, der höchste Paß Europas, mit 3322 w, unter den Flanken des großen Mont- ! Cervin über den Gorner Gletscher. Gegenüber den Walliser-A., durch das Rhönethal von denselben getrennt, liegen 0) die Berncr-A. oder iie Central-Erhebungsmässe des Finsteraarhorns, welche im N. durch das schweizerische Mittelland, den Thuner- und Brienzcr-Sce, im O. durch das von der Aare durchflossene Hasli- Thal, oder, wenn man will, durch das Renßthal n. westlich durch die Rhonemündung in den Genfer See abgegrcnzt werden. Gewöhnlich nennt man dies etwa 7700 Hjkm einnehmende Gebirgsterrain das Berner Oberland, im Gegensätze zn dem nördlicher gelegenen, ackerbautreibenden, dichter bewohnten Theil des Kantons Bern. Die Berner- A. zerfallen wieder in zwei Hanptgruppeu, die eigentlichen, eine Höhenlinie von 2500 in übersteigenden, großartigen Schneegebirge, welche in der östlichen Hälfte aus kristallinischen, in der westlichen Hälfte aus calcinen Gebirgsanen bestehen, n.in die Berner Vor-A. (Simmcn-, Künder-, Kien-, Saanen-Thalgebiete nur Kalkgesteiue), in denen hauptsächlich Alpenwirthschaft u. Viehzucht getrieben wird. Die Berner Hoch-A. haben von dem Deut de Morcles bis zum Galenstock einen Längendurchmesser von 90 km u. erreichen in der Pyramide des Finsteraarhorn 4275 m. Ihrer Höhe nach nehmen sie somit den dritten Rang im A-gebiete ein und sind durch die vielen Reiseziele sommerlicher Vergnügungs - Touristen (Thuner- und Brienzer-See, Lauterbrunnenthal, Grindelwald rc.) sowol, als auch dadurch, dast man die meisten ihrer Hauptbergspitzen, wie Wetter- Horn, Schreckhörner, Finsteraarhorn, Eiger, Mönch, Jungfrau rc., von jedein nördlich gelegenen Aussichtspunkte der Schweiz erblickt, die bekanntesten der schweizerischen A. Auch über die Berner-A. führt in einer Ausdehnung von 100 km keine fahrbare Bergstraße; denn westlich läuft blos die Eisenbahn der Ligne d'Jtalie vom Genfcr-See her ins Rhönethal, u. östlich ist es die Gotthard- straße, welche vom Vierwaldstätier-See her über die Furka in das gleiche 90 km lange Thal leitet. Stark benutzte Saumwege sind die über die Grimsel 2165 m, die Gemini 2302 m, der Rawpl- u. der Sanetsch-Paß. Dieser alpinen Centralmasse gehört auch der längste bekannte Gletscher der Erde, der große Aletschgletscher an, der mit dem Firnfeld über 15 km lang ist. Es folgt nnn ei» größtentheils erst seit den 40er Jahren genauer durchforschtes und eigentlich bekannt gewordenes Gewirr von Erhebungsmasscn u. Thaleinschnitten zwischen den Gotthard- u. Ortler-A., welche die Geographen auch der jüngeren Zeit unter dem ganz allgemeinen Begriff der Rhätischen A. zusammenfaßten, weil die alten Völker sie so genannt hatten. Man unterscheidet dieselben jedoch neuerdings wieder in eine Menge selbstständiger Gruppen. Die meisten Bezeichnungen runoen solche nach ihrer gegenwärtigen politischen Begrenzung ab, die freilich wieder mehrfach mit ihrer geologischen Bedingung nicht znsammenstimmen. Man gruppirt demnach 10 ) die Urner- u. Vierwald- stätter-A., welche Alles umfassen, was im W. zwischen dem Hasli u. im O. vom Gotthard herunter dem Renßthal liegt und nördlich mit dem Vierwaldstätter-See abgeschlossen wird. Geologikd l ri. orographisch würde man sie als östliche Berner- U. zu bezeichnen haben, welche ün Dammastock mit 3633 m ihre bedeutendste Erhebung erreichen. In der Aufeinanderfolge ihrer Gesteine zeigen sie ungemeine Regelmäßigkeit. Von den populär , gewordenen Bergen gehören dieser Gruppe noch der Titlis im Engelberger Thal (Schneegipfel des Nöllen 3269 m), der Uri-Nolhstock 2932 m, sowie der niedrige, aber von Touristen stark besuchte Pilatus 2133 m, und der Rigi 1800 m an. Denselben schließen sich 11) dieUri-Glarner- A. oder die Tödi-Clariden-Gruppe an, welche, zum Theil schon dem Kant. Graubündcn augc- hörend, durch das Vorderrheiu-Thal im S. von Leu anderen Bündner Bergen getrennt werden. Sie culmiuiren in der Centralmasse des Tödi mit 3623 m, erreichen eine größte Längenausdehnnng zwischen Andermatt an der Gotthardstraße u. Lein Kamor in den Appenzeller-A. von 110 km, und zu denselben gehören alle Gebirge der Kantone Schwyz, Zug, Glarus, St. Gallen u. Appenzell, sowie Theile der Urner- u. Granbündner-A. Geo- ! logisch kommen in dieser Gruppe große Vcrwerf- ! uugen u. Überbiegungen vor, u. die bedeutendsten Verncano Gebilde liegen in derselben. Mehrere sehr hohe u. wenig benutzte Pässe (Kisten, Panixer, Segnes) führen hinüber. Durch die Einsenkung 'des Wallensees u. des Nheinthals führt die Eisenbahn von Zürich nach Chur. Zn den bekanntesten Höhenpunktcn gehören der Glärnisch, dieses Problem des alpinen Gebirgsbaues 2913 m, der ^ Säntis 2504 m und die Churfirsten 2303 m. Südlich vom Gotthard u. dem Vorderrheiu-Thal komineu 12) die Tessin- u. Adula-A., gewöhnlich abgegrenzt im O. durch das Thal des Hinterrheins u. das Val Misocco, im S. durch die ita- lieuischcu Seen u. im W. durch das Val d'Ossola.' Fast ohne Ausnahmen bestehen hier die A. ans Gneis, Granit u. Urschieferu n. sporadisch hervorbrechenden Dolomiten. DieTessiner-A. erreichen blos in der Kleinen-Gotthard-Grnppe (Pizzo Rotonvo 3197 m) u. im Monte - Basodine 3270 m nebst einigen benachbarten Punkten eine die Schneegrenze übersteigende Höhe. Fast alle übrigen Höhen werden im Sommer schneefrei. Die Adulamasse, die Quelleuhcimath des Hinterrheins, gewinnt im Rheinwaldhorn eine Höhe von 3398 m, überdeckt aber, weil sie sehr jäh ansteigt, nur ein relativ sehr kleines Terrain. Zwei der täglich mit Postwagen befahrenen Kunststraßen überschreiten diese Gebirgsgrnppe, die außerordentlich stark benutzte über den Gotthard, über und durch den jetzt eine Eisenbahn gebaut wird 2114 m, und die Straße über Len Bernhardin 2139 m. Außerdem führen mehrere Pässe über diesen Theil der A., von denen der Lukmanier-Paß 1912 in in den nächsten Jahren ganz fahrbar gemacht werden soll. 13) Die > Nördlichen Bündner-A. oder die Jnlier-, Albula- n. Silvretta-Gruppe, 214 Irin lang, im S. n. O. durch Len Inn (das Engadin), im W. Lurch den Himerrhcin u. die Bernhardinstraße abgegrenzt (geognostisch gehört das Tambohoru noch zur ALulagruppe), unter allen A-gebieten das mit vortrefflichen Bergstraßen am reichsten aiisgestattere. Der Splügen (2117 m Paßhöhe), der Juiier 2284 m, der Maloja 1816 m, die! Albulastraße 2313 in und die zweithöchste Postfahrstraße der A., der Flüelapaß 2105 »i, überschreiten diese Gcbirgsmasseu mir zum Theil täglich zweimaligen Postcursen. Dieser Slraßenreichiyuni ist ein Triumph des schweizerisch - graubiiudni- schen Postwcscns. Geologisch ist diese Gruppe ausgezeichnet durch die Wildheit der Gestaltungen n. durch die fast gänzliche Abwesenheit sedimentärer Formationen. Die höchsten Erhebungen zeigen sich im Piz Kesch (3417 m, Engadin), Piz Linard 3416 in und Piz d'Err 3393 in (s. Jnlier- und Silvretta-A.). Zn dieser Gruppe gehören auch noch die niedrigeren Davoser- und Schanfigger- Berge, sowie die Kette des Rhätikon, in welch letzterer die Scesaplana 2968 m erreicht. 1^) Die Südlichen Bündner- oder Bernina-A., ihrer Erhebung nach den vierten Rang im gcsanimten A-gebiete einnehmend, sind auch imposanter, als die vorige Gruppe, durch ihre compacte, mit ewigem Schnee u. Eis bedeckte Masse (Morteratsch-Roseg- u. Fex-Gletscher). Man gibt dem ganzen Gebiete bis an die tiroler Grenze 180 lcm Ausdehnung. Begrenzt werden sie im N. durch das vom Inn durchflossene Engadin, im W. durch Las Lirathal u. den Comer-See (Splügenstraße), im S. durch das von der Adda durchflossene Veltlin u. im O. durch das Stilsser Joch n. das tiroler Etschthal (Vintschgau). Auch in dieser Gruppe zeichnet sich der Kanton Graubünden durch zwei vortrefflich gehaltene Poststraßen, die Bernina- 2239 in und Ofenbergstraße 1804 in, aus. Geognostisch nimmt sie mit der vorhergenannten durch die Menge ihrer sogenannten Ur- und Durchbruchsgcstciue denselben Rang ein (s. Bernina). Die bedeutendsten Erhebungen sind: Piz Bernina 4052 in u. Piz Zupo 3999 in; seiner berühmten Aussicht (Lnngo gnardo) halber viel besucht ist der Piz LangnarL 3266 in. Unmittelbar an die schweizer A. schließen sich gen S.u.O. zunächst die tiroler u. bayerischen A., die ersten Erhebungsmassen der dritten großen Gruppe in den Gesammt- oder deutschen A. Von jeher ordnete man jedoch, ohne Rücksicht ans die politische Eintheilnng, alles bis zum alten Gebirgsübergang des Brenner Liegende unter den Collectiv-Begriff der Rhätischen A. Ist) Die Ortler-Grupp e erhebt sich, unmittelbar an die südlichen Eugadiner A. anschließend, im S. derselben blos durch den Gebirgsübergang des Stilsser Joches n. das Val Livigno geschieden. Im N. und O. grenzt sie Las Etschthal ab, im W. das obere ALda-Thal des Veltlin. Die Südgrenze würde das Val di Sole bilden, wenn nicht noch die respektable Gebirgsmasse des Adamello anfträke, welche, durch den Tonale-Paß geschieden, im S. der Ortler-Gruppe, zwischen dem Val Camonica u. Judicarien liegt. Sie trennt sich durch ihre geo- gnostische Beschaffenheit (Dolomite, schneeweiße Gesteine einer Granit-Familie des Tonalit) von der Ortler-Gruppe, während man geneigt ist, orographisch dieselbe dem Ortler zuzutheilen. Bis in die jüngste Zeit war die Kenntniß des Ortler- Gebietes noch eins ziemlich unklare; erst Oberlieutenant Payep, der bekannte Nordpol-Forscher, hat in den I. 1866 und 1867 durch seine Mess- ! ungen Aufklärungen geschaffen. Nach seinen Angaben ist die Ortler-Gruppe die höchste aller 470 Alpen (Eiiitheiluiig). österreichischen Gcbirgserhebnngen, u. erreicht der Monte-Zebru 3840 m, die Königsspitze 3957 m u. der Örtler-Gipscl 4014 m. Die größten Gletscher find der Madatsch-Ferner, die Vedretta-Zebru u. der Snldner-Ferner. Am tiefsten dringen das Sulden- u. das Martell-Thal von N. in den Gebirgskörper ein. In der Adamello-Gruppe erreicht der gleichnamige höchste Punkt 3706 m. Nördl. von dem von der Etsch durchströmten Vintsch- gau, ebenfalls nnmittelbare Nachbarn der schweizer A-, bauen sich die sternartig nach allen Himmelsgegenden Gebirgsgrate anssendenden 16) Ötz- thaler- und Stubayer- A. ans. Diese Gruppe ist erst in jüngerer Zeit von Oberstlieutenant von Sonklar ' orographisch genau durchforscht worden. Sie wird, . von der Reschen-Schei- degg ans, im W. und S. vom Etschthal, im O. durch die Brenner-Linie u. im N. durch das Innthal abgegrenzt, wenn man die Stubayer-Gruppe davon trennen will, durch das Ötzthal, das Timbl-Joch u. das Passeier-Tha! geschieden. Bei ihrem außerordentlichen Firü- und Eis-Neichthnm (man kennt 229 benannte Gletscher) hat sie auch den größten Gletscher der österreichischen A., den Gepaatscher Ferner, der in seiner größten Ausdehnung 11 km mißt. Ihre bedeutendsten Gipfel sind die Similann-Spitze 3604 m, die Weißkugel 3742 m n. die Wildspitze 3776 m. Die ganze Gruppe nimmt den siebenten Theil des Landes Tirol ein; ihre ausgedehnten Thäler sind im N. dasKanner-, Pitz-, u. Ötzthal, im O. das in das Ötzthal sich öffnende Fender- und Gnrgeler-Thal und bas ins Passeier-Thal anslanfende Pfelder- Thal, sowie im S. das Schnalser und einige kleinere Thäler. In den Stubayer-A. sind das Zuckcrhütl mit 3513 m, die Pfafsenspitze und der Schrankogel mit nahezu derselben Höhe die hervorragendsten Punkte. Es ist einer der schönsten Theile von Tirol. Den Gruppen 16) u. 13) nördlich vorgelagert sind 17) die Verwall- Grnppe (noch wenig bekannt), die Vorarlberger- u. Algäncr-Ä., im W. durch das Rhein- rhal (bis zum Bodensee), im O. vom Durchbruch des Lech (bei Füßen) u. einer von diesem gegen Imst iin Innthal zu ziehenden Linie abgegrcnzt. Nur in ihren: südlichen Theil, wie im Stanzer und oberen Lechthal, überragen sie die Schneegrenze, und gen N. lausen sie in die bayerische Hochebene ans. Die Kunststraße über den Arlberg durchschncidet sie von W. gen O. Bedeutende Höhen sind u. a. die Lobspitz u. der Kalte Berg in Verwalt 2901 m, der Groß-Kartel 2983 in, der Stanskopf 2756 m, der Widderstein 2535 m, der Hochvogel 2592 m. In den Ber- wall-A. ist das Gestein fast ausschließlich Gneis, in Vorarlberg Trias, Dolomit u. Lias u. gegen die Algäuer-A. zu Flysch, welchem Kreide in verschiedenen Gliedern vorgelagert ist. Zum gleichen System der gen N. auslaufenden Bor-A. gehören die östlich angrenzenden 18)BayerischenA.,südl. u. östl. durch das Innthal begrenzt. Zu ihnen gehört als vorherrschendste Gruppe das Wetterstein- gebirg mit der Zugspitze 2962 m, den: höchsten Gipfel des Deutschen Reiches; ferner das Karwen- del-Gebirg mit seinen weitverzweigten, fast unbewohnten Gebieten a. d. oberen Isar und die Bergzüge im N. von Innsbruck, sowie diejenigen des, Riß- u. Achen-Thals. Östlich von der Scheidungslinie der Brenner- Bahn kann man das große österreichische Alpenrevier am besten übersichtlich eintheilen, wenn mau dasselbe in drei Hauptmassen zerlegt, die größten- theils auch der geologischen Gliederung nach dieser Anordnung entsprechen. Demnach würde die erste nördl. Section, welche vorherrschend ans Jura- Kreide- n. Tertiär-Formation besteht, Alles umfassen, was nördl. von den Thälern der Salzach u. Enns liegt und bis auf wenige unbedeutende Ausnahmen nicht zu den Hoch-A. gehört. Der 2. Section gehört das großartig imposante Tanern- Gebiet an, fast ausschließlich zu den wirklichen Hoch-A. rangirend, abgegrenzt im N. von der Salzach und Enns, im S. durch das Drau- und Rienz-Thal; zur letzten Section rechnet man alles Gebirg, was südl. vom Eisack- und Dran-Thal liegt. Ans dieser ersten nördlichen Abtheilnng scheiden sich nun wieder besonders aus: 1 !>) die Kitzbüheler-A., deren bedeutendste Erhebung das nackte Kaiser-Gcbirg ist (Hochkaiser 2370 m). Südl. davon liegen 20) die Pinzgauer-A. mit Gipfeln von 2100 bis 2200 m, wie der Thorhelm, Geyerspitz, Rettenstein n. a. Hieran schließen die wegen ihrer alpinen Schönheiten von sommerlichen Reisenden außerordentlich viel besuchten 21) Berchtesgadener- und Salzbnrger-A., geognostisch fast sämmtlich dem Dachsteinkalk (oberer Keuper) angehörend. Von ihnen liegen zwischen der Saalach u. Salzach als bekannte Punkte der Watzmann 2740 m, Übergossene Alp 2600 m u. der Hohe Göll 2526 m. Im Salzkammergut, zwischen Salzach n. Enns ragen besonders hervor Las Tennen-Gebirg 2410 in und das Dachstein- Gebirg, welches in seinem bedeutendsten Punkte 3001 m erreicht. Nördlich von demselben erhebt sich als noch nennenswerth das Tobte Gebirg mit dem Großen Priel 2730 m und das Höllen- gebirg, welches etwas über 1800 m erreicht. Diese ganze Gegend ist überreich an znm Theil landschaftlich prächtigen Gebirgsseen, von denen der Traun- oder Gmundner-See, der Atter- und Mond-See die größten, der Hallstädtcr- u. Königs- See die an Decoration großartigsten sind. Endlich muß man dieser Gruppe auch noch die Ad- monter-A. anreihen. Von hier an, also östlich der Enns, verflacht sich das Gebirgsland immer mehr u. läuft mit ZZ) den Mariazeller- und Eisenerzer-A. mit dem Hochschwab 2268 ni, den Rottenmannsr-Tauern n. den steierischen A. zwischen Mur und Donau gegen das östl. Tiefland ans, in ihrem Gebirgskörper die Höhe von 600 bis 1300 in erreichend, einzelne Punkte annähernd 2000 m. Theilweise sehr malerisch, mangelt ihm jedoch die ausgesprochene Ge- birgsnatur. Eine alte Eintheilung nannte diese letzteren und einen Theil der Kärnthner Gebirge, ohne bestimmte Abgrenzung, summarisch die Norisch e n A. Die zweite große Section der österreichischen A. umfaßt die Tauern (Salzburger Tauern- Gebiet). Die Tauern bestehen fast durchweg aus Centralgncis, welcher von krystallinischen grünen u. grauen Schiefern umhüllt wird. Sie fangen bei Sterzing an der Brenner-Bahn, gegenüber 471 Alpen (Emtheilung). der Gruppe Nr. 16 an und nehmen eine Länge von 170 km von W. gen O. bis ins Lnngan ein. Sowol nach ihren geognostischen, als orographi- schen Momenten kann man sie wieder in folgende 5 Unter-Abthcilnngen zerlegen: 23) (a) Die Zil- lerthaler- n. Duxer-A., die erst durch Oberst von Sonklars Messungen und des Engländers Tuckett Ersteigungen n. Beobachtungen in bestimmteren Verhältnissen bekannt geworden. Ihre Haupt-Erhebungen sind in den Zillerthal-A. der Hochseiler 3516 m n. die Löffelspitz 3386 m, in den Duxer-A. der Fnßstcin 3491 m u. der Riff- ler 3239 m. In diesen Gebirgstheil dringen am tiefsten von N. Las Duxer- u. Zamser-Thal und der Ziller-Grnnd, v. S. das Ahrenthal ein. Der bedeutendste Übergangspunkt ist beim Hörndl 2530 m. Gen O. grenzt daran 24) (i>) die Grvß-Vencdiger-Gruppe oder die Krimler- Tanern, Hauptstock der Groß-Venediger 3674m. Diese Gruppe ist im ganzen Tauern-Gebiete eine der reichsten an Gletscherbildungen, hier allenthalben Kees genannt (Schlotten-, Ober- u. Unter- Sulzbach-Kees n. v. a.). Die beiden nächst bedeutenden Höhcnpnnkte sind die Drei-Herren-Spitz 3506 m u. die Welitz- od. Rödt-Spitz 3493 m. Stationsort zum Besuche dieses Gebirges ist Pre- garten im Jselthal; das Krimler Tauernhaus liegt in 2662 m Höhe. Im O. dieser Gruppe senkt sich das Hochgebirg zu der Einsattelung des Fel- bener-Tauern-Überganges auf 2445 m, jenseit dessen es zu der großartigsten Ccntralpartie 25) (c) der Groß-Glockner-Grnppe od. den Kaiser- und Fuscher-Tauern emporsteigt. Durch die Majestät ihrer hochalpinen Umgebung würde sie ein Reiseziel ersten Ranges sein, wenn für gute Unterkunft der Fremden besser gesorgt wäre. Einer der Haupt-Anziehungspunkte ist der Paster- zen-Gletscher, welcher sich von der 3796 m hohen Groß-Glockncr-Spitze (Chlorit-Schiefer) herabscnkt; am nördl. Abhange des Massivs ist das Vischbach- Horn 3576 m. Excursions-Station ist das am südl. Abhange (im.Möllthal) gelegene Pfarrdorf Heiligblut. Der Übergang über die Heiligblut- Tanern ins Rauris-Thal ist 2532 m. Den eigentlichen Schluß dieses Central-Massivs bilden 26) (ä) die Rauriser-, Malnitzer- und Gasteiner- Grnppe mit ihren culminirenden Punkten, dem Hochnarr 3256 m u. dem Ankogl mit dem Elend- Kees 3250 m. Hier ist es das vom N. weit ins Gebirg eindringende Thal von Dorf-, Hof- und Wildbad-Gasteiu, welches allsommerlich eine große Zahl von Kurgästen anzieht. Zu den landschaftlich ausgezeichneten Thäleru gehören noch die aus dem Unterpinzgan gegen das Gebirg ansteigenden Große Arlthal, das Rauriser- und Fuscher-Thal. Noch weiter gen O. kommen endlich 27) (s) die Radstädter-Tancru u. die A. des Lungau, welche eigentlich nicht mehr zu den Hoch-A. gehören. Sie erreichen im Hochgolling 2828 w ihren höchsten Punkt; der östliche Theil derselben wird auch Seckaner-A. genannt. Hier beginnt bereits das große, nicht bestimmt abgegrenzte Gebiet der steierischen A., welche mit den Gebirgen des Ennsgebietes (Nr. 22) zusammenstoßen. Eine alte Gebirgsstraße in 1786 m Höhe führt über die Rottenmanner-Tanern ans dem Enzthal nach Ju- dcnburg. Südl. vor den Krimler-Tauern liegen 28) die A. des Virgen- und Deffereggen- Thals, in denen das Ruthnerhorn 3390 w, der Gelenkstein-Ferner 3380 m, die Panargen- Spitz 3170 m erreichen. Das Deffereggen-Thal ist die Heimath der tiroler Teppichhändler. Es bleibt nun noch die große Gruppe der südl. vom Eisack- (resp. Puster-Thal) u. vom Drau-Thal gelegenen Erhebnngsmassen zu behandeln. Siezeichnet sich theilweise schon durch ihre geologische Beschaffenheit aus, weil innerhalb derselben die durch Form u. Farbe, so sehr auffallenden Dolomit-Gebirge liegen. Ostl. von der Abgrenzungslinie des Etschthals sind es die 29) Fassaner-A., die südl. vom Ober-Pusterthal sich ausbrciten. König aller Dolomitberge ist die stolze Pyramide der Vedretta Marmolata 3495 in. Zu dieser Gruppe zählen auf der Grenze v. Italien noch der Monte- Cristallo 3244 m u. der Sorapiß 3309 m, einem Gebieteangehörcnd, welches erst inneuererZcit durch die Forschungen von Paul Grohmann erschlossen wurde. Westl. davon dehnt sich das vielbesuchte Dolomitgebiet aus, welches in seinem Massiv des Schlern 2562 in erreicht; zu ihm gehören auch das bekannte Grödner-Thal u. die A. von Enne- berg. Zwischen dem Avisio-Thal und dem Val Sugana bauen sich ferner die 30) Östl. Trieu- tiner-A. ans, mit der Cima di Lagorei 2614 in (wahrscheinlich der höchste Porphyr-Gipfel der A.), der Cima d'Asta 2802 w, deren im Königreich Italien gelegene, noch höhere Erhebungen summarisch auch Cadorische A. genannt werden; ihre vornehmsten Erhebungen sind der Monte-Pelmo 3163 in, die Cimon della Pala 3250 m und Le Palle di S. Martina 3443 m. In dieser Gruppe übersteigt die Ampezzaner-Straße (von Belluno nach Brunecken iin Rienzcr Thal) das Gebirg. Das südlichste, in die Ebenen des Adige anslaufende Bergland, in denen die Sette Comuni liegen, wird gemeiniglich Vcnetianer-A. genannt. Ostl. von diesem, durch den Piave ungefähr abzugrcn- zcndcn Gebirgskunde liegt dasjenige, welches man früher mit dem Collectivnamen der Norischen A. belegte, die aber die neuere Wpenkünde wieder in speciellere Gruppen unterscheidet. Das, was zwischen dem Piave und Tagliamento liegt, wird 31) Karnische A. genannt, in denen der Antelao 3255 m erreicht; der Marmarole ist 2720 m. Nördl. v. denselben liegen 32) die Gailthaler-A., nach dem gleichnamigen grüßten Thal v. Kärn- then (150 km lang) so benannt u. von schöngestalteten Slovenen bewohnt. Sie liegen südl. den Groß-Glockner- u. Malnitzer-Taucrn (Nr. 25 u. 26) vor, bestehen in den Haupt-Erhebungen ans Glimmer- u. Thonschiefcr u. erreichen im Polliuik (Krcuzeck bei Ober-Vellach) 2778 in. Die südl. Gailthaler-Kctte, welche zugleich die Grenzlinie zwischen Italien u. Österreich bildet, culmiuirt im Monte-Paralba od. Hoch-Weißenstein mit 2690 m. Der südlichste Theil der Karnischcn A. wird auch unter der Bezeichnung der Frianlcr-A. zusammenge- faßt, in denen der Monte Cridola 2583 m erreicht. Sie gehen östl. in die 33) Julischen A. über, welche den Schluß des südl. Alpcnsystems bilden und in Kroatien zu Hochebenen auslaufen. Die blendend weißen, wild-zerrissenen Kalkmasscn er- 472 Alpen (Geologisches). reichen im drcihörnigcn Terglou (krainisch: Tri- glav, d. h. Dreispitz) 2858 m; (in dcngewaltigen Dolomitschrofsen des Mangart 2685 m im Montc- Canin elwas weniger). Der Raibl- oder Predil- Paß 1135 in führt hier aus dem Gailthal in das südliche Jsonzo-Thal. Eine kleine, südöstlich davon gelegene Gruppe nennt' man die Wochainer-A. Oestlich, jcnseit der Save, gehen die Gailthaler-A. in die 34 ) Karawanken über, ein Lurch seine Wasserarnmth merkwürdiges, in seiner Böschung steil abfallendes Gebirg, in dem der Ston 2233 in n. der Mittags-Kogel 2156 in erreichen. Der Loibl- Paß 1355 in verbindet das kärnthische Rosenthal mit dem Save-Thal in Krain und berührt die letzte wirkliche Alpcngrnppe, nämlich die der 33 ) Steiner-A., welche zugleich mit dem Grin- touz 2556 in, als dem letzten bedeutenden Gipfel, die endlose Schaar der über die Schneegrenze sich erhebenden Kulmen des ganzen Alpengebäudes ab- schließen. Alles, was von hier aus östlich liegt, das sogenannte Bergland von CM, das Bacher- Gebirg gegen Ungarn zu, der Karst, der Krainer- Sckneeberg iSnisnick), gehört nicht mehr zu dem Begriff A. II. Geologisches. Die Alpen bilden geologisch eine der interessantesten Gegenden des europäischen Festlandes, an deren Deutung und Erklärung sich die bedeutendsten Forscher betheiligt und abgemühi haben. Die neueste Zeit erst brachte vollkommene Klarheit n. Erkenntniß. Die Untersuchungen begannen mit Saussnres classischen Arbeiten. Wenn man früher die Ä. für eines der ältesten Gebirge Europas hielt, so zeigten L. von Buch und Elie Le Beanmont ihr verhältnißmäßig geringes Alter in den höchsten Erhebungen u. das Vorkommen von jungen Formationen in den Vorbergen. Eigentlich systematische Erforschung der A. begann erst mit Sruder und Escher v. d. Linth in der Schweiz, mit Gümbcls Arbeiten über die Bayerischen A., mit Favres Untersuchungen Savoyens, sowie mit Len trefflichen Aufnahmen der Kaiser!, geologischen Reichsansialt in Wien. Durch alle diese, das große Gebiet in gleichem Sinne betrachtenden Untersuchungen hat man nun folgende Ansichten und Resultate gewonnen: Die A. sind eine Reihe von Centralmassen, die meist aus Gneis, Granit, Pro- togin bestehen u. die von mehr oder minder breiten Zonen grüner u. grauer Schiefer n. Kalke umgeben sind. Diese Centralmasfen zeigen im Innern die sogenannte Fächerstructur, d. h. die Schichten der Schiefer scheinen mit ihrem Fuße unter den ungeschickteren Centralkern zu gehen u. fallen nach oben auseinander, wie ein ausgeschlagener Fächer. An die Cemralmassen, deren man einige 3V unterschieden hat, z. B. die Monte-Rosa-Gruppe, die Walliser- Masse mit dem Weißhorn, die Simplou-Grnppe, die Mont-Blanc-Grnppe rc., u. die die höchsten Erhebungen der A. bilden, schließen sich dann nach S. u. R. in verschiedenartiger Entfaltung n. Lagerung die neueren ncptunischen Formationen, von der Steinkohle bis herunter zum Tertiären an, in Venen namentlich die kalkigen Glieder oft mächtig entwickelt sind; was früher zu der Aufstellung eines besonderen N.-Kalkes verleitet hatte, unter welcher Benennung, wie sich später zeigte, Kalke vieler Formationen verstanden wurden, die nichts Gemeinsames haben, alsdaß sie inden A. Vorkommen, u. die oft nur sehr schwer von einander zu trennen sind. Der Granit der Central-A. ist meist sogenannter Gneisgrauit mit deutlicher schichtenförini- ger Absonderung; der massige Granit kommt nur äußerst selten vor. Die höchsten A.-Spitzen, der Monte-Rosa, Simplon, das Finsteraarhorst, die Massen des St. Gotthard, die Bernina - Gruppe, die Tauern, die Ortler-Spitze rc., alles Erhebungen von 3500—4500 m, bestehen aus ihm. Früher betrachtete man diese Granilkerne als plu- tonisch hervorgebrochene Gesteinsmasscn u. schrieb namentlich ihnen die mannigfache Überstürzung u. gestörte Lagerung der angrenzenden neptunischen Schichten zu. In neuerer Zeit sieht man in ihm nur durch Metamorphose umgewandelte geschichtete Gesteine, die entweder durch ihre Umwandelung u. andere Gruppirung ihrer Bestandtheile die Hebungen u. das Bciseitedrängcn der unveränderten Gesteine bewirkten, oder man nimmt an, wenn man sich von einer plntonischen Ursache der Hebungen nicht losmachcn kann, der hebende Ccntral- kern sei nicht zu Tage getreten und habe meta- morphosireud ans die frühen Gesteine gewirkt. Mannigfache Gangbildnngen von Granit in Granit, Einlagerungen von Kalkstein in Granit, wie die allgemein bekannte im Haslithal bei Gnttannen, machen diese Erscheinungen noch complicirter und schwerer zu deuten; denn ebenso, wie sich Kalk- einlagernngen im Granit und Gneis finden, die an ihren Rändern metamorphosirt, dolomitisirt erscheinen, findet man anderwärts Kalk, der allmählich in Gneis übergeht. Es bildet dieser Kalk die Fundstätte der vielen schönen Gotthardmineralien. Die Übergänge des Gneis in meta- morphische Schiefer, Kalk-, Glimmer- u. Chloritschiefer sind äußerst mannigfaltig, u. wenn z. B. auf dem Nuseneu-Paß in einem Glimmerschiefer sich mit Chiastolith, Granaten und Feldspathkrystallen Belemniten finden, so scheint die Metamorphose der Ceutralalpeugesteiue wol erwiesen. Die allmählichen Übergänge ans dem metamorphischen Schiefer in die grauen u. grünen Schiefer, Thon- schiefer, Serpentin- und Hornblendengcsteine sind wieder äußerst mannigfach u. Grenzen meist nicht zu bestimmen. Von anderen sogenannten Plutonischen Gesteinen finden sich in den A. noch Me- laphyre n. Porphyre, die vom südlichen Tirol bis Lugano Vorkommen und dort, in Verbindung mit den Dolomiten, die Stätte bilden, auf der L. v. Buch seine Untersuchungen über beide anstellte, um zu dem Resultat zu kommen, Laß der Mela- phyr durch directe Einwirkung n. durch Entwickelung von Magnesiumdämpfen die Dolomitisiruug der durchbrochenen n. anfgelagerten Kalksteine bewirkt habe. Die neueren Untersuchungen gestehen zwar eine Einwirkung des Melaphir auf den anfgelagerten und gehobenen Kalkstein zu, bestreiten aber seine chemische Einwirkung n. geben nur zu, daß durch Auflockerung der Schichten des Kalkes der Einfluß der magnesiahaltigen Wasser und der Austausch der Bestandtheile befördert und möglich gemacht worden sei. Die meisten der in den A. vorkommenden metamorphosirten Schiefer dürften der sogenann en azoischen Formation zu- znzählen sein. Silurische Schichten finden sich in den A. erwiesenermaßen nur bei Dienten im Salzbnrgischen in Form schwarzer Thonschiefer mit Oartlioka Interrupts., während devonische Schichten sich in weiter Ausdehnung in den östl. A. dci Leoben u. Innsbruck finden, wo sie mit ihren reichen Spatheisensteinlagern der Grund der bedeutenden steierischen Eisenindustrie sind. Die Schichten der Kohlenformation finden sich in den A. im westll n. südt. Thcil von Wallis, von wo sie sich bis in die Dauphine erstrecken; weiter nördl. finden sich nur Spuren am Titlis bei Engelberg n. am Nordabhange des Tödi, weiter östt. erst wieder in Steiermark auf der Stangcnatp. Es bestehen die Schichten aus einem harten, grobkörnigen Sandstein mit zahlreichen Versteinerungen von Landpftanzen und aus damit wcchscllagcrndcn Anthracitschiefcrn, die stellenweise Anthracitlager enthalten, welche ansgebentct werden, z. B. bei Grone, Chaudoline, Aprozo, Bramois in Wallis. Die perinische Formation findet sich in LenA. wahrscheinlich nur in dem sogenannten Sernfconzlo- merat und Sernfschiefer (rother Ackerstein der Schweizer) im Sernfthal des Kantons Glarus. Es scheinen diese Schichten dem thüringischen rothen Todtliegenden zu gleichen; auch enthält das Sernf- gestcin Kupfererze, die auf der Mürtschen Alp aus- gcbentet wurden. Im Davos treten diesen ähnliche Schichten auf. Die T r i a s f o r m a t io n, das sogenannte Salzgcbirg, kommt in den A. in großer Ausdehnung, sowol im S., als im N. der Cemral-A. vor, und überall sehr entwickelt und in mannigfacher Schichtcnansbildung. Es scheint die Formation früher ein zusammenhängendes Ganzes gebildet zu haben, das nur durch die Centralkerne vielfach gebrochen und verschoben erscheint. Zwischen Mont-Blanc, Gcufer-Sce u. Rhone finden sich Triasschichten, bei Meillerie in geringer Ausdehnung, auch bei Bex u. Morillon in Savoyen; dann kommen dieselben wieder in den Glarner-Ä. u. zwischen Inn- u. Rhcinrhal, sowie im Davos n. Oberhalbstein u. im Engadin, u. weiter nach O. bis in die Gegend von Odcnbnrg vor. In den Bayerischen A. bestehen der Wendelstein, Dachstein n. die Zugspitr ans Trias-Schichten, die Umgebung von Partenstein u. Berchtesgaden ebenfalls. Im S. der A. ist die Triaszone ebenfalls entwickelt, wenn auch nicht so, wie im N.; sic beginnt bei Lugano, geht über den Comer-See bei Bellagio nach Lecco n. Brescia u. weiter in die Gebirge von STirol bis Judcnburg n. Graz. Sowol in der Schweiz, als in den OA. finden sich darin bedeutende Gips- u. Steinsalzlager, die an vielen Stellen, z. B. bei Bex u. Berchtesgaden, zu einer lohnenden Salzgewinnung Veranlassung bieten. Um die Gliederung und genaue Unterscheidung der verschiedenen Triasschichten hat sich namentlich Gümbcl für die Bayerischen A. verdient gemacht. Die unterste Schicht bildet ein rother Sandstein, oder rothes grobkörniges Conglomerat, das nach seinem Vorkommen bei Veruca in der Lombardei Berncano genannt wird; darüber liegen die Werfenschicfer, kalkige Thonschiefer mit kosi- stonomia. (Tarne. Darauf folgt das sogenannte Haselgebirg, ein rothbrauner Thon mit Stücken von Gips n. Steinsalz, n. darüber harte kalkige Schichten, meist schwarz-grau, der GuttensteinerKalk, und der Virgloriakalk, als Vertreter des deutschen Muschelkalkes. Darauf schwarze Schiefer mit Kohlenstreifen, die Pustnachschiefer n. die Schichten von St. Cassian, und darauf noch verschiedene Kalkschichten, die hoch aufsteigcnden hellgrauen und weißen Massen des Dolomir, mit seinen zerrissenen, zackigen, vegetationslosen Gipfeln n. Schnttfeldern, welche die Kalk-A. in Bayern und Tirol bilden. Darüber noch die rhätischcn Schichten mit dem Tachstcinkatk und der bezeichnenden Llej-atockiw trignester. Diese reiche Folge von Gebirgsschich- ten findet sich natürlich nicht überall vollkommen ausgebildet vor, zeigt aber, wie wichtigen Antheil dieselben am Aufbau der A. haben, stricht minderen Antheil aber haben die Lias- n. Jnrafor- mation. Ein Band jurassischer Schichten schlingt sich vom Lignrischen Golfe an um den NRand der A. herum und läßt sich bis in die Gegend von Wien verfolgen. In der Schweiz bestehen die Hochgipfcl der westlichen A. daraus, z. B. die Blümlis-Alp n. die Gemmi; am Fuße der Jungfrau entlang, des Schreck- n. Matterhorns, legen sich die Schichreu, das Lauterbrnnner Thal ist ein Einschnitt darin, n. weiter bestehen die Fanlhorn- kettc, der Titlis und der Uri-Rothstock daraus, ebenso wie die Via mala darin einzeschnilten ist, während Tödi, Glärnisch n. Calanda dem Trias angehören. Am SRaude beginnt das Band erst am Lago-Maggiore und erstreckt sich vis Ungarn. Überall sind die Schichten vielfach durchbrochen und widersinnig anfgerichtet, so daß sie oft ihre steilen Abhänge statt dem Centralkerne dem Vor lande zuwcisen. Am meisten entwickelt sind der Lias- und der Korallenkalk. Die Gliederung ist ini Allgemeinen nicht so reich, wie im benach barten Jura, Franken und Schwaben, zeigt aber immerhin eine Menge verschiedener, wohl unterscheidbarer Schichten. Der untere Lias besteht aus den ALnethen-Kalken u. dem rochen Kalk von Iondrio, die reichlich Ammoniten enthalten, dann folgen die Hinlatzer Schichten und die Algäner Schiefer. Der eigentliche Jura besteht aus einem Eiscnoolith, auf den Mcrgelschiefer und rauchgrane Kalksteinein mannigfachem Wechsel folgen; darauf folgen die Stockhorn-Kalke u. in Bayern u. Tirol die Klausschichten und Vilser-Kalke, während der obere Jura durch eine mächtige Kalkschicht reprä- sentirt ist, die z. B. die Decke der Stockhornkette bildet, die mannigfach Mergelschiefer mit bauwürdigen Kohlenlagern einschliegt. Fast alle Schichten enthalten reichlich Versteinerungen und sind dadurch in ihrem Alter genau bestimmt. Auch die Kreideformation findet sich, dem Jura folgend, wenn auch nicht überall, in den A., und sowol auf dem NRande, wie am SAbhange finden sich Gesteine, die, wenn auch sehr verschieden, nach ihren Versteinerungen doch der Kreide znzurechnen sind. In den westlichen A. der Schweiz ist es namentlich der SRand des Vierwatdstädter - Sees, der Fuß des Pilatus, weiier östlich der Mythen, Glärnisch, die Calanda und der Senns, wo sich Kreidegebilde finden. Es ist das ans dem Jnra- gebirge sogenannteGcbilüe von Valangin, das hier, wenn auch modificirt, wieder verkommt, gebildet von harten, dunklen, zuweilen ootithischen Kalksteinen. Die gefundenen Versteinerungen, namentlich 474 Alpen (Geologisches). Poxasta tkampiosteri u. ^orvbratnka Naroonsana, kennzeichnen die Schichten als solche. Dieselben Schichten hat Gümbel in den östlichen A. nachge- wicscn. Die nächst jüngeren Kreidcschichten, das sogenannte Neocomien, der Spatangenkalk, besteht in den A. ans dunkelgranen bis schwarzen Mergeln n. findet sich fast überall, auf dem Valangin anfiagernd, am Glärnisch, den Churfirsten u. am Sentis, weiter östlich in Tirol, Bayern u. Salzburg bis Wien hin. Darüber liegt wieder ein grauer, hellerer, compacter Kalkstein, den Escher mit dem Namen Schrattenkalk bezeichnet n. der dem Urgonien des Jura entspricht. Er bildet die bekannten Karrenfelder oder Schratten in der Schweiz, wo durch Auswaschungen sich vielfach verschlungene Rinnen in ihm gebildet haben, die durch scharfe Grate getrennt sind, z. B. auf der Schafmatt und der Schrattcn-Alp im Entlibnch. Auf diesen Kalken auflagernd finden sich grünliche Sand- u. Kalksteine, die dem Grünsande im Gault entsprechen n. die auch, wie in England, stellenweise Klwllen von phosphorsaurcm Kalk enthalten, die von Fischexcrementen herrührcn. Auch diese Schichten finden sich von dem Sentis n. Wallen- see an bis in die östlichen A. hinein. Über dem Grünsand liegen an einzelnen Stellen dichte, Helle oder graue Kalksteine, die nach dem schönsten Vorkommen am Lowerzersee bei Scewen Sccwcrkalk genannt werden; in ihm finde» sich stellenweise Fenerstcinknollen, die, wie ihre unter dem Mikroskop erkannte Zusammensetzung aus lauter Rhizo- podcn, beweisen, daß er das der weißen Kreide entsprechende Glied in den A. ist. In den östlichen A. finden sich über dem Gault die von Gümbel benannten Gofanschichten, die, wie in der Schweiz, ein vielfach gegliedertes Gebilde aus Mergeln, grauen Sandsteinen u. blau-grancn und weißlichen Kalksteinen sind n. vom Gümbel wieder in mehrfachen Ünterabtheilungen nach ihren Versteinerungen geschieden wurden. Die nächst jüngere Tertiärsormation nimmt in den A. den größten Flächenranni ein, und wenn dieselbe auch nicht so reichlich gegliedert ist, als anderswo, u. namentlich nicht den Wechsel zwischen Süßwasser- u. Mceres- bildnngen zeigt, so ist ihre Ausbildung und Verbreitung für bas A-land doch von bedeutender Wichtigkeit. Als die ältesten n. Meercsbildnngcn der Tertiärzeit in den A. sieht man die Glarner Schiefer an, die im Engi, bei Matt n. a. a. O. seit der Römerzeit ausgebentet werden n. zu einer blühenden Schieferindustrie Veranlassung gegeben haben. Reichliche und wohlerhaltcne Versteinerungen charakterisiren diese Periode sehr genau, n. die ersten Vögel der Schöpfung: der Blumensche Urvogel u. der Glarner Urvogel, kommen in ihnen vor. Mit den Glarner Schiefern aus der NScitc der A. lassen sich auf der SSeitc die am Monte- Bolca bei Verona vielleicht allein parallel stellen, wenn die an beiden Stellen gefundenen Versteinerungen auch nicht genau dieselben sind. Als weitere älteste Bildungen der Tertiärzeit, sogenannte eocäne Bildungen, sind der Flysch u. das Nnmmn- lilcngcbirg anznsehen, über deren gegenseitiges Alter die Meinungen noch getheilt sind. Die Flyschgesteinc bestehen ans schwarz-grauen, leicht zerfallenden Schiefern, Fanlschiefern, u. dunklen, mit kleinen Glimmcrblättchen reichlich imprägnirten n. bestäubten Sandsteinen n. dem grünen Tavigliana- sandstein, die man als vulcanischc Asche betrachtet, wogegen die Nnmmulitengesteine theils aus harten schwarz-braunen und quarzreichen Sandsteinen und sandigen Schiefern, theils aus harten grauen und schwarzen Kalksteinen, die man als Pflaster- u. Bausteine benutzt, bestehen. An vielen Stellen tritt auch ein schwaches Steinkohlenflötz auf, das mit Unterbrechungen von Savoyen bis zum Thu- ner-See verfolgt werden kann und für Bern das Dlaterial zur Gasbeleuchtung liefert. Beide Bildungen stellen am NRande der A. ein langes, schmales Band dar, das, in Savoyen beginnend, in der Schweiz zwischen deni Genfer- u. Thuner- Sec sich entwickelt, namentlich in den Niescnketten mitten zwischen Thuner- u. Bierwaldstädter-See, besteht aus ihnen der Pilatus, das Schächenthal, die Gebirge um Pfäffers u. ein großer Theil von Appenzell. Im Vorarlberg und Bayern sind die Schichten weiter zu verfolgen über Bregenz, Füßen, Mnrnau, Tegernsee, Salzburg bis in die Nähe von Wien. Im O., z. B. bei Hering in Tirol n. bei Sotzka in Steiermark, treten wieder kohlenführende Schichten darin auf. Am SRande der A. finden sich dieselben Gestsine vom Lago-Maggiore an bis hinein nach Dalmatien und nach Laibach. Die auf diese eocänen Ablagerungen folgende Molasse des A-gebietes füllt den ganzen Raum zwischen Jura und A. und die nördliche sogenannte Ebene der Schweiz, sowie weiter nach O. alle Thäler von Tirol, Salzburg und Krain an. Gegen die A. hin sind die Molasseschichten in einer Falte gehoben, so daß sie nach S. gegen die A. cinfallen n. ebenso nach N. gegen das Flachland. Sie bestehen aus mächtigen' Ablagerungen von Sandsteinen, Mergel, Nagelflnh u. Kalk u. bilden die Kuppen des sltigi, den Speer re. Au vielen Orten kommen Braunkohlen vor, aber selten abbauwürdig. Eine reiche Flora und Fauna findet sich in diesen Schichten aufbcwahrt, sowie auch höhere Thiere, Frösche, Reptilien, Vögel n. Säuge- thiere in manchen Localitäten, z. B. bei Oningen wunderschön erhalten sind. An ihrem östlichen Ende hängt die Molasse der A. mit der des Wiener Beckens zusammen, und diese wieder mit den weiteren Molasse-Ablagerungen der mährischen n. ungarischen Ebene. Auf den anfgerichteten Schich- tenköpfen in Molasse finden sich in horizontaler Lagerung noch einige Schieferkohlengcbilde in der Schweiz, namentlich bei Utznach n. in St. Gallen, Dürnten im Kanton Zürich. Dieselben gehören alle bereits dem Diluvium an, das in großen Geröllschichten u. Findlingsbänken dieselben bedeckt. Diese Geröllschichten u. erratischen Blöcke, die einen großen Theil der Vorderschweiz bedecken, sind der Absatz der früher in den A. viel weiter ausgedehnten Gletscher, die ihren Fuß bis weit gegen den Jura hin und weit nach ^Deutschland hinein erstreckten u. hier ihre Moränen u. Schutthalden zurückließcn, wie heute noch in ihren höher gelegenen Theilcn, wo also noch dieselben Kräfte walten u. wirken u. neue Formationen vor unseren Angen bilden. Vgl. Die Urwelt der Schweiz von O. Heer, Zür. 1862; Stnder, Geol. der Schweiz, Bern 1851 n. 1853; Stnder u. Escher von der 475 Alpen (Vegetation u. Thierlcbcn) — Alpen-Clubs. Linth, Geol. Karte der Schweiz, Bern 1853, und die Arbeiten von Gümbel und der Kaiser!, geol. Reichsanstalt in den Jahrbüchern derselben von 1853—57 namentlich. III. Vegetation n. Thierleben sind in den A. bestimmt durch die Erhebung über den Meeresspiegel. Zur Charakterifirung der Flora kann man folgende 6 Regionen unterscheiden. Die Region der Obstbäume (Region der Vorgebirge) im Mittel bis 660 m ü. d. M. In ihrem unteren, tieferen Theil herrschen die Pflanzen der Ebene, ! im S. jene Italiens, im N. jene Deutschlands , vor. So hoch, wie sie, steigen die Obstbäume ! und der Wein, ani höchsten der Walnnßbaum, ! der leicht eine Höhe von 1000 m erreicht. Die Wälder bestehen meist ans Buchen, Birken, Erlen, Lärchen, Fichten und Tannen, und die obere Grenze der Eiche fällt in diese Region. Die Region der Buchen (die untere Bergregion) reicht bis 1500 rn. Birke, Bergahorn, Eberesche, ^ Haselnußstaude, wilde Kirsche und viele andere > Pflanzen, z. B. Taubnesseln, Wegerich, Gänse- l blümchen, Löwenzahn, Waldmeister und Dottcr- i blnme, erreichen hier ihre obere Grenze und vcr- schwinden mit der Buche. Gleichzeitig beginnt die untere Grenze der Alpenrosen, Enziane, Primeln u. a. Die Region der Fichte (die obere Berg- ^ region) steigt bis 1800 in. In sie fallt die Grenze ' von Edeltanne und Lärche, während die A-matten mit ihren A-rosen (Mwckocksuckron) ihre Haupt- entwickelnng erreichen. Die Bergkiefer n. Zirbel bilden in dieser Region große Wälder, ragen aber mit ihren oberen Grenzen in die folgende, in die Region des Knieholzes (untere A-rcgion), hinein. Diese steigt bis zur oberen Grenze des Knieholzes (Bergföhre), bis ungefähr 2300 in. Aus Granit-A. wird die Bergföhre häufig durch die grüne Erle ersetzt. Hier ist auch die Grenze, bis zu welcher das Vieh getrieben wird; höher steigen nur selten einige Thiere empor. Die Region der A-kränter (obere A-region, Näheres unter Alpenwirthschaft) reicht bis zur Schneegrenze, bis 2800, höchstens 3000 in. Bon Holzgewächscn hat diese Region nur die Zwergformen von Weiden, vielleicht noch einige A-rosen, die schöne rothe Haide u. die einzige in den A. verkommende L.^alsa. In der Region der Kryptogamen (Schneeregion), jenseit der Schneegrenze, hat alle Phanerogamenvege- tation anfgehört; nur Moose und Flechten finden sich noch, und die rothe Schneealge (krotosovens nivalis) färbt vorübergehend die weißen Schnee- flächen. Die Grenzen einzelner Gewächse, namentlich solcher, welche auf Sonnengluth angewiesen sind, variiren indessen mitunter ziemlich erheblich; so liegt z. B. die obere Grenze der Weincultnr in den nördl. A. bei 500 in, in den Central-A. bei 600 in, in der Gruppe des Monte-Rosa und Mont-Blanc, dagegen erst bei 900 in. Bemerkens- werth ist die Thierwelt. Die größeren Thiere treten freilich mehr n. mehr zurück, der Steinbock ist fast ansgerottet, Luchs, Wildkatze, Bär u. Wolf sind selten. Echte A-thiere sind Gemse, Murmelthier u. der weiße A-Hase. VonVögeln: Lämmergeier, A-dohle, Schneedohle, A-fltievogel (A-brannelle), A-mauerklette (A-mauerlänfer), A-seglcr, Schnee- nnd Steinhuhn. Fische sind nicht zahlreich. Von niederen Thiercn finden sich namentlich in den oberen Regionen zahlreiche, mitunter prachtvolle Jnsecten, namentlich Schmetterlinge (z. B. Apollo), und charakteristische Schnecken. 'Hausthiere sind namentlich Rinder n. Ziegen, sowie Schafe, seltener sind Pferde und Schweine. Literatur: IRs alpine Knicks bz- lolin Lall, 3 Thle., Lvnd. 1863; Plis alpine lournal, alle Jahrg.; B. Studer, Geologie d. Schweiz, 2 Bde., Bern 1851—1853; Ilealcs, l°assss anck Klaviers, 2 Bde., Lond. 1860—62; H. u. A. Schlagintweit, Untersuchungen über die physikalische Geographie n. Geologie der A., Lpz. 1850, und deren neue Untersuchungen 1854; Berlepsch, Schweizertnnde, 2. Auf!., Brannschw. 1874; Die Jahrbücher des Schweizerischen A-clubs; G. Stndcr, die höchsten Gipfel der Schweiz u. Geschichte ihrer Besteigung, 3 Bde., Bern 1869—71; Schaubach, Die deutschen A., 2. Anfl., 5 Bde., von 1865—1871: Karl Müller, Ansichten ans den deutschen A., Halle 1858; Mittheilnngen des Österreichischen A-vercines, Wien von 1863 an; Jahrbuch des Österreichischen A-Vereines, Wien von 1865 an; Mühry, Das Klima der A-welt unterhalb der Schneegrenze, Gott. 1865; F. von Tschndi, Das Thierlcbcn der A-Welt, 9. Anfl., Lpz. 1872; Berlepsch, Die A. in Natur- n. Lebensbildern, 4. Anfl., Jena 1870; Tuckett, Hochalpenstndien, Lpz. 1873—74, 2 Thle., nebst Umrißstudien. Alpen (4Ipss), Name dreier französischer Departements: Nieder-A., Hoch-A. und See-A. Sie umfassen die Provence, Ober-Danphinc und Nizza u. sind von Zweigen der Danphincer- n. Meer-A. durchzogen. Näheres darüber unter den betr. Artikeln.' Alpena, County im nordamerikanischen Unionsstaate Michigan, unter 44° n. Br. n. 83° w. L., mit 2756 Ew., am Huronsee, nahe der Thnnder- bai gelegen; Countysitz: Harrisville. Alpenbahnen, s. u. Alpenstraßcn. Alpen-Clubs (Alpenvereine, Llpins Klubs), Vereine, welche seit 1858 in verschiedenen Ländern sich bildeten, mit der Aufgabe, die bis dahin nur von einzelnen Personen besuchten Gebiete der höchsten u. unzugänglichsten Nlpenregioneninhypso- metrischer, topographischer u. naturwissenschaftlicher Beziehung zu erforschen. Zuerst (1860) entstand der Llpins Klub in London, welcher bis in die neueste Zeit die kühnsten Besteigungen im ganzen Alpcn- gcbiete ansführte und seine desfallsigen Publica- lioncn: ?salcs, ?assss anck Klaviers, Lond. 1860 bis 1862, 3 Bde.; John Ball, Knicks to tlis LIps, 1863—66, 3 Bde., und das illpins lonrual, sowie verschiedene kleinere Werke (Lxoursion Llaps ol tlis alpine vistriebs; Ranisey, I'bs olck Klaviers ok öcvitMrlanä sie.) veröffentlichte. Im Frühjahr 1862 trat darauf der Österreichische Alpenverein zusammen, welcher 2 Bde. Mittheilnngen, redigirt von Edmond v. Mojsisovics n. Paul Grohmann, 1863 n. .64, n. von 1865 an: das Jahrbuch des Österreichischen A-vereines, redigirt von E. v. Mojsisovics n. G. von Sommaruga, rc. heransgab u. fortsetzt; er hat sich die Aufgabe gestellt, das Gebiet der deutschen Alpen zu durchforschen, n. verfolgt mit einer großen Anzahl Mitglieder (2300 im Jahre 1874) diese Aufgabe. Daran schließt sich 476 Alpendohle — Alpcnstraßen und -Bahnen. dem Alter nach der Schweizerische Alpen-Club (19. April 1863 gegründet), weicher in 14 Sektionen etwa 4000 Mitglieder im Jahre 1874 zählt und nächst den Bestrebungen der anderen beiden Vorgänger auch noch die große Aufgabe der Rec- tificirnng des Dufourschen Atlas (Meßtischblätter in 1 : 50,000) durch das eidgenössische Stabsbureau anstrebt. Er leistet unbeanstandet praktisch da« Meiste. Sein Organ ist das Jahrbuch, welches bis jetzt in 10 Bdn. erschienen ist. Der Italienische 'Alpenverein in Turin besteht ebenfalls seit 1863 und veröffentlicht von Zeit zu Zeit im tstlvrnats ckells Alxi, äsM Apsniüni et ckei Voloani seine Ergebnisse. Schließlich ist noch des Deutschen Alpenvereins zu erwähnen, welcher im Mai -s69 gegründet wurde und zum Theil gleiche Ziele verfolgt, wie die anderen Vereine. Er zählte im Frühjahr 1874 3600 Mitglieder und besitzt als Organ die Zeitschrift des Deutschen Alpenvereins. Auch in Frankreich geht man seit Frühjahr 1874 mit dem Plan um, einen A. zu gründen. Alpendohle (ldrsAilns kz'rriioeorax L.), fälschlich Alpenkrähe, ist sammetschwarz; Schnabel ci- tronengelb, kürzer als der Kopf; Schwanz abgerundet; Beine korallenroth; selten unter 1500 m, in tieferen Thälern nur ini Muter. Arger Kirschendieb. Alpenflüevogcl, Alpenbrannelle (Aeesnbor alpinns 4-.), s. Alüevogel. Alpenglühen heißt die eigenthllmliche prachtvolle Beleuchtung, in der die Alpen bei Sonnenuntergang, weniger bei Sonnenaufgang erscheinen. Man beobachtet dasselbe in drei verschiedenen Abstufungen: die erste Färbung (französisch: Oolora- tion), Las zweite A. (goevncko eoloration) u. das nächtliche Leuchten (Imsnr nocturns). Die erste Abstufung zeigt sich, wenn die Sonne noch etwa 2—3" vom Horizont entfernt ist. Sobald die Sonne unter den Horizont gesunken ist, tritt das Erbleichen lfksints oackavoreuss) als Übergang zu der zweiten Abstufung ein, deren Färbung weniger intensiv, aber gleichmäßiger ist, als die erste. Die dritte Abstufung zeigt sich bei eingetretener Dunkelheit als ein blasses Leuchten, das aber keine Reflex- erscheinnng ist, sondern eine Art Phosphorescenz der Eis- und Schneemassen. Vgl. Abend- und Morgcnröthe. Alpengranit oder Protogingranit, ein kry- stallinisch-körniges Gemenge von Fcldspath, Quarz u. Glimmer, welchen die Geologie älterer Systeme für Las Urgestein der Erde (Protogin, d. h. Erstgeborener) nahm. Er bildet die Kerninasse und meist die Gipfel der äußeren, d. h. westlichen u. nördlichen Mirtelzone des Alpenzngcs, der Aignilles- Rougcs, des Mont-Blanc, der Grimsel u. des Gotthard; die Granite der inneren n. südlichen Alpen, wie Jnlier-, Adamcllo-, Bernina-Granit rc., unterscheiden sich vom A. vorzüglich durch deutlicher entwickelten Glimmer. Der A. steht bei großen Massen in der Regel vertical u. fällt auf beiden? Seiten der Achse zu. ! Alphubel, vergletscherter Gebirgsstock der Mi-! schabeigrnppe, zwischen demZermatter u. Saasthai? des Kantons Wallis, 4207 m. Neben demselben führt das Alphubel-Joch 3802 m von Fee im, Saasthal nach Täsch im Zermatterthal. ? Alpenhase, s. Schneehase (Iwpns variabiiw 4^rkl.). Alpenjäger (ital. Qaeoiatori äoUs alp!) hießen die im Italienischen Kriege 1859 von Garibaldi zum Einfall in die Lombardei organisirten Freischaaren, Freiwillige aus Italien u. anderen Ländern, die, anfangs nur nothdürftig ausgerüstet, später als gut ausgerüstete Truppe Len Kern der Garibaldischen Expedition gegen Sinken, u. zwar unter dem Namen Slldarmee, und 1862 der bei Aspromonte verunglückten Expedition bildeten. Alpenkalk nannte man früher sämmtliche in den Alpen vorkommende und, wie man glaubte, diesen eigenthllmliche Kalksteine. Die neueren Forschungen haben jedoch gezeigt, daß dieselben sehr verschiedenen Formationen, von dem Muschelkalk an bis zur Kreideformation herunter, angehören. Alpenkrähe, fälschliche Bezeichnung für die Alpendohle (s. d.). Alpenlerche, s. v. w. Berglerche; s. u. Lerche. Alpenmaucrklctte , Alpenmanerläufer, ist Lioiwäroina muraria 4i. Alpenmans (Alpeninurmelthixr), s. n. Murmelthier. Alpenpflanzen, s. u. Alpen. Alpenrose, 1)Rosa alpina 4,.; 2)RIioäoäsu- ckran tdrrnAinsnm 4). n. nirsubnm 4,. Aipenstrch, in den Hochgebirgen der Schweiz endemische n. fast in jedem Frühjahre auftrctende, leicht tüdtlich werdende Brustfell- und Lungenentzündung mit typhösem Charakter; 1771 u. 1832 bis 1833 selbst über einige Theile des nördlichen Deutschland ausgedehnt. Bisweilen erscheinen nach den Anfällen blaue Flecken (Alpflecken) auf der Haut. S. A. D. Tissot, Von der Epidemie zu Lausanne im Jahre 1766, Zür. 1797; I. Gug- genbühl, Der A., Zür. 1838; A. Feierabend, Der A. in der Schweiz, Wien 1866. Alpenstock, bis ans Kinn reichender Stock, etwa 25 mm dick, am unteren Ende mit einem starken 'Ltahlstachel versehen. Der geübte Berggänger zieht einen kürzeren A. vor, an Lessen einem Ende eins Eisaxt mit Bickel befestigt werden kann. Alpenstrafien und -Bahnen. Die Alpen, welche als ein 110—220 llm breiter Wall zwischen den Ländern germanischer und romanischer Zunge liegen, tragen trotz ihrer scheinbar mauerartigcn Geschlossenheit tiefe Einsenknngen, durch welche naturgemäße Verbindungswege führen, welche schon frühzeitig erkannt und benutzt wurden, wie der erste bekannte Alpenübergang des Bellovesus (etwa 600 Jahre v. Chr.) beweist, u. seit welcher Zeit die Geschichte der A. vielfach von blutigen Kämpfen und feindlichen Einfällen, aber auch voll friedlichen Anstrebungen des Verkehres berichtet. Hannibal führte seine Heeresmasscn über die Alpen; Römer, Gallier, nordische Völkerschaften u. Kelten errichteten Tempel auf den Paßhühen, u. räthsel- hafte Steinsäulen (wie auf dem Jnlier) weisen auf die Bedeutung hin, welche denselben im Alter- thnm als Wasserscheiden beigelegt wurde. Zur Zeit des Römischen Kaiserreiches waren die meisten jetzigen großen Ä. den Römern bekannt. Die Ströme der Völkerwanderung benutzten dieselben ebenso wie die deutschen Kaiser bei ihren Römerzügen. Aber bis fast zu Ende des 17. Jahr- 477 Alpciistrnßcn Hunderts waren cs mir Saumpfade, welche kein Gefährt passiren konnte. In den OAlpen, wo die Pässe zadlreichcr und niedriger als in den schweizer n. Salzbnrger-Alpen sind, begannen größere Straßeubanten schon vor anderthalb hundert Jahren. In der Schweiz schuf Napoleon I. die erste A. über den Simplou. Die Concnrrenz nöthigtc im O. n. W. zur weiteren Fahrbarmachnng neuer Wege, u. mit den ersten Schienengeleisen über den Semmering ist eine neue Ära für die Verbindungsziele au den Alpen erstanden. — Die Gebirgssättel, welche über die A. führen, sind seltener schmale Jochrllckeu, als breite, oft mit kleinen Seen ansgestattete Hochflächen. Sind die hinanf führenden Wege blos znm Reiten mit breiten Steinplatten belegt, so werden sie Saumpfade genannt, ans welchen Pferde u. Maulthiere den Transport b.lorgc». Kunst- und Neichsstraßen werden nur diejenigen genannt, welche die Regierungen der betreffenden Länder subventioniren, resp. erhalten. Größtentheils sind dieselben 5,5 m breit, babcn in ihren tieferen Anlagen ein Steigungsverhältniß von 5—7A und in der Nähe der Überganzshöhe häufig 7—lOs), sind an den lawinen-gefährlichen Stellen mit hölzernen oder in festem Sleinban ans- gesührten Galerien geschützt (eine Galerie an der Seite des Splügen mißt 500 m Länge) n. sind außerdem großcntheils auf der Paßhöhe mit Ho- spitien, oder an den Abhängen mit Zufluchtshämern ausgcstattet. Bei hohem Schneefall sind die Regierungen verpflichtet, den Schnee brechen, resp. einen einstweiligen Fahrweg Herstellen zu lassen. Klosterähnliche Convente von Mönchen existiren nur noch auf dem Gr. St. Bernhard und dem Simplou, durch öffentliche Wohlthätigkeit unterhaltene Hospitien nur noch auf dem Gotthard, der Grimscl u. einigen kleineren unbedeutenden Pässen in Granbünden. .4. Ans Frankreich führen 7 Bergstraßen nach Italien: 1) Der Col di Tenda, von Nizza am Mittelländischen Meere nach Cuneo (13!>km), resp. Turin; ursprünglich von Victor Amadeus III. 1779 bis 1782 angelegt, von Napoleon I. fast gänzlich nengeschaffen; Paßhöhe 1845 m. 2) Col d'Argentiöre oder della Maddalena, von Gap (Dep. des Hautes-Alpes) nach Cuneo (Piemont); ursprünglich für französische Truppentransporte bestimmt; 2019 m; in vernachlässigtem Zustande. 3) Col de la Traversctte, von Mont- Dauphin (Dep. des Hautes-Alpes) nach Saluzzo (Piemont), unterm Monte-Viso vorbei; 2917 in. 4) Cot du Lautarct (2070 m) und Mont-Ge- niwre, von Grenoble im Gressivaudan (Dep.Jsöre) nach Brianhon n. durch die Cottischen Alpen weiter nach Susa; 1802 erbaut; oder 5) von Brianhon über den Col des Sestriöres, 2014 in, nach Pinerolo in den Waldenscr-Thälcrn. 6) Mont- Cenis, Eisenbahn, von Chambery nach Turin; die ursprüngliche Straße wurde von Napoleon während der Jahre 1803—10 erbaut; Paßhöhe 2069 in; jetzt 12,220 IN langer Eisenbahntnnnel von Modane nach Bardounöche im Thal der Dora- Riparia. 7. Kl. St. Bernhard, von Albertville, resp. Cbambery (Savoyen) nach Aosta im Thal der Dor. Baltea (Piemont); 2192 (n.A. 2206) rn. Die Nr. 4, 6 n. 7 haben Hospitien. und -Bahnen ! L. In der Schweiz, resp. aus derselben sind folgende 18 Bergstraßen die am meisten benutzten: 1) Uber den Gr. St. Bernhard, von Martigny in Wallis nach Aosta (Piemont); 60 Irin lang; nicht ganz chaussirt u. ohne Postverbindnng; mit Augustiner-Chorhcrrcn-Kloster auf der Paßhöhe; 2472 m. 2) Simplon-Straße, von Bricq in Wallis nach Domo d'Ossola (Piemont); durch Napoleon I. von 1800 bis 1806 mit 18 Mill. Fcs. Kosten erbaut; 2010 m; Simplon-Hospiz; 50 km lang; im Sommer und , Winter eine Postverbindnng nach jeder Richtung. 3) Grimsel-Paß, von Meiringen im Haslithal (Bern) znm Rkwne- Gletschcr im oberen Rhönethal (Walliser Poststraße); nur Saumweg; 2165 in; altes Berggasthaus znm Logircn. 4) Furka-Paß, Knnst- n. Poststraße, von Nndcrmatt (Kant. Uri) zum Rhvnegletscher a. d. Walliser Poststraße, 24 km; 2436 m, der höchste fahrbare Paß der Schweiz; 1869 eröffnet; Gasthaus ans der Höhe; im Sommer täglich eine Postverbindung hin und zurück. 5) Gvtthardstraße, Kunst- u. Poststraße von Flüelen am Vierwaldstättersee nach Bellinzona un Kant. Tessin, 90 km; gebaut 1820 bis 1830; Hospiz und Gasthof auf der Paßhöhe; 2083 m; im Sommer 3 Postverbindungcn hin u. zurück, im Winter I; über die im Ban begriffene Gotthardbahn s. Gotthard.. 6) Oberalp-Paß, Kunst- und Poststraße, von Chur in Graubünden bis Andermatt in Uri, zum Anschluß an die Gotthard- und Fnrkastraße; 70 km lang; 2050 m; im Sommer täglich in jeder Richtung 1 Postverbindnng. 7) Lukmanier - Saum - straße, von Diffentis im Bündner Vorderrhcin- Thal nach Olivone in Tessin, 36 km lang; noch nicht ganz chaussirt, aber regulärer Ausbau beschlossen; ärmliches Hospiz in Cauiperio; 1917 m; wenig benutzt. 8) Bernhardin-Po st straße, vom Dorfe Splügen (resp. von Thusis ober Thur in Graubünden) nach Bellinzona, 90 km lang; 1818 bis 1823 mit l i Mill. Fcs. Kosten erbaut; ohne Hospiz; 2139. m; täglich 1 Postverbindnng hin und zurück. 9) Splügen- Post- n. Knnst- straße, von Chur in Graubünden nach Chiavenna, 67 km; 1818—1822 von der österreichischen Regierung erbaut: ohne Hospiz, 2117 m; täglich 2 Postverbiudungen in jeder Richtung. 10) Jnlier- Poststraße, von Chur nach Silvaplana im Ober- Engadin, 56 km laug; täglich 2 Postverbiudungen hin und zurück; 2284 m; ärmliches Bergwirths- haus. II) Maloja-Poststraße, von St. Moritz im Engadin nach Chiavenna in der Lombardei, 38 km; Hotel auf der Höhe; 1816 m; im Sommer 2 Postverbiudungen in jeder Richtung; aus Kosten des Kant. Graubünden erbaut. 12) Al- bula-Poststraße, von Chur nach Samaden im Ober-Engadin (Granbünden), 59 km lang; 2313 m; Bergwirthshaus. 13) Flü ela-Poststraße, von Eisenbahnstation Landguart im Vorderrhein-Thal nach Tarasp im Unter-Engadin (Granbünden), 70 km lang; 1869 vollendet; 2405 m; zweithöchste Straße der Schweiz; Bergwirthshaus; im Sommer 2 Postverbiudungen. 14) Beruina- Poststraße, von Samaden im Engadin nach Pos- chiavo, 30 km lang; 2239 m; mit Ospizio Bernina; neuer Gasthof. 15) Osenberg-Straße, 473 Alpcntriton — von Zernetz im Engadin nach Mals in Tirol, 37 km; seit 1872 ; 1804 in; täglich Postver- bindnng. 16) Klausen-Paß, Saumpfad von Altorf m Uri durchs Schächenthal ins Glarner Linththal, 35 Icm lang; 1962 in; ohne Schutzhaus. 17) Pragel-Paß, stark betretener Saumpfad, von Schwyz nach Glarus, 40 Inn lang; 1543 m; ohne Zufluchtshaus. 18) Brünig-Poststraße, von Sarnen (Kant. Unterwalden) nach Brienz im Berner Oberlande, 26 stur lang; 1024 in; im Sommer täglich 2 Postvcrbindungen, ini Winter 1. Außerdem existiren über 20 stärker betretene, lediglich im Sommer als Saum-, resp. Fußpfade benützte Pässe. Der höchste Gletscherübergang ist das neue Weißthor, von Zerniatt nach Macugnaga, 3612 m. 6. Österreichische Alpenstraßen. 1) Zwei vo" O. gen W. laufende Straßen, welche die schweizerischen Alpen mit den österreichischen verbinden: a) Die über den Adlerberg, welche (vom Bodensee) aus dem Vorarlberg ins tiroler Ober- Innthal führt; s. u. Arlberg, b) Die Straße über das Stilsser Joch, aus dem österreichischen Vintschgan in das italienische Vcltlin, der am höchsten steigende, für große Wagen fahrbare Paß in Europa, 2814 in; überraschend durch die Kühnheit seiner Anlage. Diese Königin der A. wurde aus Kosten der österreichischen Regierung (3 Will. Fl.) nach den Plänen Doucganis 1820 bis 1825 von Domenizi erbaut u. bis 1859 vortrefflich in baulichem Zustande erhalten. Seitdem, die Hälfte der Straße italienisch geworden ist, verfällt sie auf österreichischer Seite immer mehr. 2) Führen vier Eisenbahnlinien, freilich mit bedeutend geringerer Steigung, als die Postfahr- straßcn der Schweiz, durch die österreichischen Alpen: a) Die Brennerbahn, 1864—1867 erbaut, der älteren Brenuerstraße ziemlich parallel; erreicht 1420 m Paßhöhe; verbindet auf ihrer 275 üni langen Strecke Innsbruck mit Verona. i>) Die Semmeringbahn verbindet, 580 stin lang, Wien mit Triest; eigentliche Alpcnstrecke von Gloggnitz bis Mürzzuschlag, mit 906 m Paßhöhe; von den Ober-Ingenieuren Pilarsky und Salzmann von 1848—1854 streckenweise erbaut. Bei der Slat. Bruck zweigt eine Hauptlinie, o) die Murthalbahn, ab, welche nach Klagenfurt, resp. Villach in Kärn- then läuft u. wiederum ä) durch die von O. nach W. laufende Dranthalbahn Brixen an der Brcn- ncrbahn mit Marburg an der Wien-Triester-Bahn verbindet, letztere mit 1162 m Paßhöhe. Alle diese Bahnen bewältigen also keine großen Bergübersteigungen. Ebenso verhält es sich 3) mit den Ännststraßcn in den österreichischen Alpen; auch sind dieselben nicht so zahlreich und nahe nebcneiuandcrliegend, wie in der Schweiz, u. lassen die auf denselben sich bewegendein Postverbindungen viel zu wünschen übrig. Es sind: a) Die Reschen-Scheidcckstraße 1535 in; verbindet das Ober-Innthal mit dem Vintschgan und hat regelmäßige Fahrpostverbindung. In directcm Zusammenhänge mit dieser Linie stehen b) die durch das bayerische Oberland laufenden Bergstraßen, über Füßen (Lcrmos) 1239 in, mit Postvcrbind- ung; o) über Parlenkirchen n. Scharnitz 1212 m, beide nach Innsbruck; ä) die Achenthalstraße Alpcuwirthschaft. (Tegernsee u. Bad Kreuth) 936 m; ferner besteht v) die Lofcrerstraße (früher Wien-Salz- burger-Hauptstraße über Rcichenhall nach Wörgl an die Innsbrucker Eisenbahn) 810 m. Hier bilden die Tauern auf eine 160 üm lange Strecke eine so geschlossene Gebirgsmauer, daß es nur Pässe u. Saumpfade für Pferde und Fußgänger gibt, u. für 4) fahrbare Straßen eine doppelte Gliederung über die südlich n. nördlich der Tauern gelegenen Gebirgszüge entsteht. Die erste große NS-Linie durch die Norischcn Alpen, bildet a) die Salzburg-italienische Straße, über die Rad- städter Tauern (Hallein-Lnngan-Spittal), 1738 w. Sie findet (nach ihrer Kreuzung der Drau-Eisen- bahn: Spittal-Villach-Tarvis) b) ihre südliche Fortsetzung in der Knnststraße über den Predil 1151 in, welche bei Görz in die Triestiner Eisenbahn ausläuft. Fast parallel läuft in der südlichen (Fri- auler)Alpengrnppe, etwas westlicher, o) die Gebirgsstraße über den Plecken 1321 m, in der Niederung von Udine auf die Lombardisch-venetianische Eisenbahn anslansend. Noch mehr westlich zweigt von der Drau-Eisenbahn ä) die Ampezzancrstraße ab, Paßhöhe 1546 m, und erreicht über Coneg- liano Eisenbahnverbindung nach Venedig. 5) Die übrigen im italienischen Tirol existircnden Straßen, durch das Val Sugana, durch Judicarien rc., sind keine eigentlichen A. mehr; wohl aber die durch das Val di Non n. Val di Sole über den Tonale-Paß 2018 w, ins italienische Val Camonica führende , neue Straße, welche durch die schöne Apricastraße ihre Fortsetzung findet und unterhalb Tirana ins Veltlin mündet. 6) In Österreich ob u. unter der Enns sind es endlich noch drei Straßen, welche hierher gehören: a) die uralte Salzstraße, welche, 6 Gebirgssättel überschreitend, im Pötscheu 1022 m erreicht; b) die Nottcnmanner-Tauern- Straße 1369 m, die von Linz an der Donau über den Pyhrn führt, auf einer kurzen Strecke mit der Salzstraße zusammenfällt, daun über die Rottenmauner - Tauern ins Murthal führt, die Karawanken überschreitet u. bei Laibach die Eisenbahnverbindung nach Triest erreicht; o) die Eisenstraße, die von Linz nach Bruck an der Mur führt, 1176 m. Alle übrigen österreichischen Paßwege findet man unter den Artikeln Tirol, Kärn- then, Salzburg und Steiermark. Alpentriton, s. u. Moloch. Alpenveilchen (Oz-olninon L.), auch Erdscheibe, Sanbrod, Pflanzengattung aus der Fam. der Primulaceen (V. 1). Verschiedene Arten werden der schönen rothen, wohlriechenden Blumen wegen als Topfpflanzen, seltener als Freiland- pflanzcn, gezogen. 6. ouropnourn L. wächst in den nördlichen und südlichen Voralpen an manchen Stellen häufig. Die platt-knchcnförmigen Wurzelknvllen sind scharf und wurden früher als Pnrgirmittel augewendet, verlieren aber durch das Trocknen ihre Schärfe. 6. xsi8ioum Mrtt. und 6. nlNorioum, Varietät des vorigen, mit größeren Blttthen, als Zierpflanzen angebaut. Alpenvcreine, s. Alpen-Clnbs. Alpcnlvirthschaft nennt man das Abweiden der höher im Gebirge gelegenen, mit Fntterkräu- tern bewachsenen Stellen während des Sommers (hauptsächlich durch Melkvieh) u. die damit ver- Alpenwirthichaft. 479 bnndene Verwendung der Milch an Ort n. Stelle zu Käse oder Butter. Sie besteht von den savoi- ischen u. italienischen Bergen bis zum Ausgange der Alpen in die illyrischen n. ungarischen Ebenen, wird aber auch in anderen Gebirgsgegenden nicht alpiner Länder, wie im Jura, in Schwaben, im Riesengebirge u. in Theilen vom südlichen Frankreich, mehr oder minder ähnlich betrieben. Am rationellsten hat sie sich in der Schweiz, in Vorarlberg und im Algäu entwickelt. Der natürlichen Lage nach theilt man diese Weideplätze in untere, mittlere u. obere Staffeln, Läger oder Alpen. Die unteren Alpen (Vorsaßen, Maiensäßc,Vorsömmerig, Mayen, Heubergc), bis etwa 1300 m gehend, werden zuerst, etwa um Pfingsten, mit der Heerde bezogen; auf ihnen bleibt man, bis Witterung n. entwickelter Pflanzenwuchs es erlauben, auf die mittleren oder Kühalpcn, bis 1800 m, zu treiben, auf welchen das Vieh in der Regel während 2H Monaten (etwa Mitte Juni bis Ende August weidet. Was über 1900 m von Kräutern bewachsen ist (obere Staffel, auch Schafalpcn, wilde Berge, Ruchweid), wird vorherrschend von Schaf- hecrden u. Geißen (Ziegen) abgeweidct. Auch an den für die Thiere unzugänglichen Stellen wachsen sehr aromatische und nahrhafte Gräser und Kräuter, aus denen das sogenannte Wildheu, welches von den Wildheuern — meist mit Lebensgefahr — gewonnen wird. Da, wo die oberen Staffeln auch noch von Melkvieh benutzt werden, gibt die dort gewonnene Milch die feinsten und gewürzreichsten Käse. Alle diese Alpenweiden sind entweder Privat-Alpcn, also einzelnen Personen rechtlich zugehörend, oder Cvrporations- Alpeu, d. h. Klöstern, Spitälern, Stiftungen, Bürgerschaften oder Gesellschaften von Familien gehörend, oder Gemeinde-Alpen (Atmenden), also ganzen Ortschaften gehörig, oder endlich Domanial- Gut, Staats-Alpen (wie in Bayern, Tirol, Österreich re.), die von einzelnen Bauern oder Gemeinden gepachtet, oft so gut wie Erblichen sind, aber deshalb auch weniger sorgfältig unterhalten werden. Wo die A. eigentlich ökonomisch entwickelt ist, sind die Rechte aus solche Weideplätze durch Alpcn- Urbarien oder Rodel, Alpsey-Bücher oder ähnliche Statuten genau geordnet, u. ein Alpmeister überwacht die Benutzung, namentlich bei Gemeinde- alpen. In diesein Falle sind die Alpwcidcn nach der Zahl der Kühe abgeschätzt, die in freiem Weidegang hinlänglich Nahrung für eine bestimmte Zeit finden, u. der auf diese Weise festgesetzte einfache Normalraum wird ein Kuhrecht oder auch ein Stoß genannt. Eine Alp wird demnach mit einer bestimmten Anzahl oder einem Sennthum Kühen bestoßen. Zcitkuh ist die Bezeichnung für eine normale dreijährige Kuh. Ihr gleich (also für ein Kuhrecht) gerechnet werden 2 junge Rinder (ein- od. zweijährige Kühe od. Ochsen), ein Pferd- fohlcn oder ein Schwein; Vr Kuhrecht kommt auf ein Schaf, Kalb oder Ferkel. Ein ausgewachsenes Pferd wird je nach deni Alter auf 2 bis 4 Kuhrechte geschätzt. Die Benutzung der Gemeinde- Alpen in der Schweiz richtet sich natürlich nach dein Viehstande der verschiedenen Alpgenosscn. Als gemeiner Grundsatz gilt: Alles, was man im Thal Wintern kann, darf mau auf den Alpen frei sommern. Auch hier entstanden in manchen Alpenkantonen heftige Streitigkeiten, da die wohlhabenden Bauern alles Vieh, was sie im Winter ziehen konnten, im Sommer auf die Alp trieben, während der Ärmere nur etwa ein paar Ziegen Hinauftreiben konnte. Dieser Zwiespalt zwischen den Hornmänncrn (Reichen) und den Klancnmänncrn (Ärmeren) besteht noch. — Der Tag der Ansfahrt zur Alp ist ein Freudenfest; je nach des Volkes Charakter ist der Zug aufgepntzt. Die Leitkuh (Anführerin der Heerde) u. ein paar andere starke Kühe bekommen Vorschellen oder große Trychlcn-Glocken an breitem Halsbande, denen dann die blökende u. meckernde Schaar der Rinder, Kälber, Ziegen n. der übrigen Thiere folgt. Der Zucht- stier oder Muni wird gewöhnlich scherzweise durch den mit Blumen umwundenen Melksessel zwischen den Hörnern geschmückt. Der Senn n. seine Begleitung, der Handbnb, sowie der Rinderer oder Ganmer, auch Kllhbnb genannt, prangen im Sonntagsstaate; Len Zug beschließt ein Wägelchen, mit den Geräthschaften für die Käserei u. den Haushalt. Unterwegs wird der Zug von Len Bauern regalirt. Doch wird dieser Aufzug nicht überall so festlich begangen. — In der Schweiz wird ausschließlich männliches Personal zur A. verwendet; erfahrungsgemäß verarbeitet die männliche Hand die Milch rationeller, und deshalb steht unter den Alpenkäsen der Schweizcrkäse auf dem Weltmärkte bis jetzt unübertroffen da. Auf den österreichischen u. zum Theil auch auf den bayerischen Alpen werden starke Frauenspersonen als Kuhmägde zur Alp gesandt, die dann Sennerin, Schwaigerin (Schwägerin) oder Almerin genannt werden und ihrer Mehrzahl nach nichts weniger als solche poetische Wesen sind, zu denen die romantische Literatur sie erheben will. — Die Milchwirthschaft selbst wird in mehr oder minder praktisch u. bequem eingerichteten Holzhäusern betrieben, welche den Namen Sennhütte oder tllralst führen n. 9 Monate im Jahre leer stehen. Wo die Sennerei ökonomisch getrieben wird, hat man neben der Hütte (Wohnort des Sennen und Laboratorium) niedrige Ställe gebaut, in denen das Vieh bei schlechtem Wetter und nachts Zuflucht findet; in sehr vielen Theilen der Alpen fehlen aber solche Schutzhäuser, u. man überläßt das Vieh dem guten Glück. Zu einer ordentlichen Sennerci sind mindestens 3 Personen erforderlich: der eigentliche Senn, welcher die Kühe täglich 2 Mal melkt, die im großen kupfernen Kessi (Kessel) erwclltc Milch scheidet (s. Käse-Bereitung) und die eigentliche Käserei selbst besorgt; der Scnnjunge (Zuscun), ein völlig erwachsener Knecht, dem das Reinigen der Geräthschaften, dasHerbeischaffcn von Lebensmitteln u. Holz u. die Verwendung der Molken obliegt, drittens der Gaumer oder Chüener, welcher die Kühe aus n. eintreibt, darauf achtet, daß sie nicht an gefährliche Stellen, oder zu weit gehen rc. — Knhreihen wird, namentlich in der Schweiz, derjenige Gesang genannt, durch welchen der Senn das Vieh zur Hütte herbeilockt, um cs zu melken. In katholischen Alpcnländern singt der Senn bei einbrechender Dunkelheit einen Gcbetsprnch nach Art der katholischen Litanei vor der Alphütte, welcher der Alprnf oder der Alpsegen genannt 480 ^,'pss — wild. — Da die Hirten oft 4, 6, ja 10 Stunden von ihrer Dorfheimalh entfernt den Sommer ver-! leben u. bei regelmäßiger Pflege der Heerde anch Sonntags nicht abkommcn können, so ist in vielen katholischen Alpen eine Kapelle angebracht, in welcher ein wandernder Kapuziner oder der Geist- - liche des Dorfes einmal Messe liest. In den inneren Kantonen der Schweiz (namentlich Luzern, Unterwalden, Appenzell n. Bern) findet dann zugleich oder anch sonst bisweilen ein Alpen-Volksfest, die Stnbcte oder das Schwinget, statt, bei welchem gymnastische Übungen im Ringen, Steinstoßen rc. ^ mit Preisgericht abgehalten werden. Das Innere einer Sennhütte ist meist rauchig, schmutzig u. in sehr vielen Gegenden urprimitiv. (S. Sennhütte,' vgl. auch die Abschnitte über Sennerei in Berlepsch' Schweizerknnde, 2. Ausl., S. 446, u. Berlepsch' Alpen, 4. Ausl., Abschn. Sennenleben in den Alpen.) Neben der Sennhütte steht gewöhnlich der Käsc- speicher und der durch einen fließenden Brunnen oder durchfließendes Wasser kühl u. frisch gehaltene Milchkeller. Außer diesen Weidewirthschaften gehören zu den A-en auch noch die am Fuße der Alpen gelegenen Eggarlenwirthschaften, in denen das Land mehrere Jahre (gewöhnlich 3) zum Anbau von Getreide benutzt wird, wahrend man es in den daraus folgenden 3 Jahren zur Gewinnung von Heu als Lresch niedcrlegt; selten werden diese Ländereien abgeweidet, dagegen mehrfach gedüngt. Die besten Futterpflanzen zur Erzielung gehaltreicher Milch sind: kürnba^o alpin», das kürze Aüelgras, verschiedene I'ua-Arten oder Romeien, mehrere Gräser aus dem Schwingel-Geschlecht (llsstnoa), sowie LriW meäin, das Zittergras, Lntüoxantünm ockoratmin, das wohlriechende Ray- gras oder Honiggras n, i?ülonm alp., Lieschgras; ans der Familie der Papilionaceen bcs. mehrere Klee-Arten, wie: Irikolinm rsxsns, cs-ospitosnin, bnüinm n. likpinuin, dann llsäz-snruin obsonrnm. der Hahnenkamm, und Onobrzwlrio montan», die Berg-Esparsette; ferner verschiedene Berglinsen, der kleine Schncckenklee u. a.; aus der Familie der Compositen die ungemein artenreichen Habichtskräuter (Oropis n.blivraeiuin), die AIpen-Wermnthe (Lrbomisin) n. Schafgarben (Leüillon), die Gemsenwurzel (Linien scorploillss) n. verschiedene Oua- xlmkinm-Arten; unter den Umbelliferen sind vor allen llounr ÄlntsIIina, die Binttern, und Llsum atüinantiennr, die aromatische Bärenwurzel, sowie der Alpenliebstöckel (In^usticum sünplox) n. die Bibernelle (kiinpinolla mnM») hervorznhebeii. — Die Cnltur der Alpen ist noch sehr in ihren Anfängen; man verbessert nur, was Lawinenstürze im Frühjahre zerstören; das Nnssteinen u. Ver- ebenen der Alpenwciden, das Düngen derselben, das Ableiten von bösen Bachen n. das Aussäen von guten Futterkräutcrn geschieht nur erst sehr sporadisch. Wo ganze Gemeinden znsammentreten u. ihre Kühe der Obhut eines speciell Lazn ernannten Käsers übergeben, geht man während der Alpzcit an besonders dazu ansgekündeten Tagen 2 oder 3 Mal hinaus zu den Hütten u. notirt den Milchertrag der Kühe (man nennt dies„go messe"); nach den so gewonnenen Zahlen werden Käse, Zieger u. Butter vertheilt. Es wird aber auch von Privaten, oder von ganzen Gemeinden Alphabet. das Vieh an einen Alpnnternchmer für die ! ganze Sommerszeit verpachtet. — Die Erträge der Alpen sind in den verschiedenen Jahren durchaus nicht gleichmäßig; Kälte od. Wärme, feuchter oder trockener Sommer wirken mittelbar durch den ;mehr oder minder günstigen Stand des Futters ans den Gehalt u. die Quantität der zu gewinnen- t den Milch. Man hat deshalb in neuester Zeit sogenannte Milch-Versuchsstationen geschaffen, um über diese ganze Alpen-Ökonomie klare Einblicke zu erhalten. — Auf Len schweizer Alpen wird vorherrschend Käse bereitet, sogenannter feister od. fetter Käse von nnabgerahmter Milch; wo der Rahm zur Butterbereitung abgenommen wird, ergibt sich nur halbfetter u. magerer Käse (s. d. Art. Käse). Über die Ausnutzung der Molken zur Gewinnung des Ziegers u. Milchzuckers s. die betr. Art. Der Ertragswerth einer Kuh während der Alpfahrt läßt sich kaum allgemein bestimmen, da derselbe von dem Wechsel der Umstände abhängig ist. — Über die Benutzung der Alpenweiden durch italienische, s. g. Bergamasker-Heerden s. Bergamasker Schafe. — Literatur: Außer den genannten Werken noch: Steinmüller, Beschreibung der schwciz. A., Winterthur 1802; Kasthofer, Cnltur der Küy- alpen, Bern 1818; Ebel, Schilderung der Ge- birgsvölker der Schweiz; die verschiedenen alpen- wirthschastlichen Werke von Schatzmann, Aarau 1859 bis 1874; Emminghans, Schweizerische Volkswirthschaft, Lpzq. 1860 bis 61, 2 Bde. ülpos (lat.), s. Alpen. LI p»wvo, nach dem Stück, beim Handel mit Goldmünzen. Alpha, 1) der erste Buchstabe des griechischen Alphabets. 2) Bildlich der Anfang, wie Omega (im x. Griechischen der letzte Buchstabe) das Ende. 3) A. privativnm, im Griechischen das einem Nomen >ft Vorgesetzte a, init verneinender Bedeutung, un . ., . . .los, z. B. Abulie, Willenlosigkeit; Apraxie, , Unthätigkeit; vor Vocalen steht dafür an . ., z. B. Anämie, Blutlosigkeit. Alphabet, so v. w. Abc; bezeichnet die Folge lk sämmtlicher Buchstaben einer Schrift. Der Name ^ erklärt sich ans Len beiden ersten griechischen Buch- ' staben: Alpha a und Beta — b. — Ein Alphabet wurde erst ausgestellt, nachdem mehrere ^ Völker schon lange Schrift gehabt hatten, indem sie sich zu einer solchen mannigfacher Behelfe bedienten. Willkürlich legten sie nämlich gewissen Gegenständen eine sinnbildliche Bedeutung unter. D e sogenannte Blnmensprache (s. Sclam) ist einer ,, der letzten Ausläufer dieser noch immer unter rohen ift Völkern hierund da geübten Weise. Die Peruaner gaben verschürzten Fäden und Knoten bestimmten Sinn (s. Onipos). Andere Völker, wie namentlich die Mexikaner, behalfen sich mit spre- ft chender Malerei (s. Mexico). Diese Mittel ge- s statteten aber alle nur äußerst unvollkommenen ^ Ausdruck der Gedanken. Einen bestimmten Satz nicht blos nach seinem Inhalte, sondern mit den s, Worten, aus welchen er bestand, wiederzugeben, lernten erst die Chinesen u. die Ägypter. Indem beide Völker hierbei Abbildungen von Gegenständen sis zu Grunde legten, stellten die Chinesen mit ihnen eine - Wortschrift her (s. Chinesische Sprache u. Schrift), die Ägypter eine Silbenschrift, u. zwar dadurch, ? 481 Alphabet. daß sic, die Benennung dcr Bilder ergreifend, dein der Zeit nach bestimmbare Schriftstück unter den er Laut gelten ließen, welcher sic gab, und zwar injhaltencn ist die Inschrift ans dem jetzt im Pariser seinen consonantischen Bestandtheilcn (s. Hierogly- SNnsenm befindlichen L-argdeckel eines Königs von phen), wobei cs nicht ansbleiben konnte, Laß die Sidon, deren Anfertigung etwa tausend Jahre Ägypter vielen Bildern nur den Werth eines oder noch länger vor Len Beginn der christlichen einzelnen Buchstabens beilegten. Ein eigentliches Zeitrechnung zu setzen ist. Von diesem Alpha- Alphabet besaßen sie indcß nicht, denn sie hatten für einen Buchstaben viele Hieroglyphen; die meistens zugleich die Consonantcn einer, selbst zweier Sylben auszndrücken iin Stande waren. Auch scheinen sie zwischen nah verwandten Lauten keinen Unterschied gemacht zu haben. Nur ausnahmsweise nahmen sie Bilder für deren vocalischcn Anlaut. Dies war die vorbereitende Stufe für die Erfindung des Alphabets. Die letztere, vielleicht die größte u. segensreichste, die gemacht worden ist, erfolgte unter den Semiten im südwestlichen Asien, möglicherweise in Babylon, der großen Priester- n. Handelsstadt, wo man sonst der syllabarischcn Keilschrift sich bediente, und zwar in sehr früher Zeit, da aller Wahrscheinlichkeit nach alphabetische Schrift schon im Gebrauche war, als die Kinder Israels nach Ägypten zogen. Diese Erfindung wurde in höchst genialer, das Hauptsächliche meist richtig trefsendcrWeise gemacht. Der Erfinder mußte selbst seine Lautzergliedernng zum Abschluß bringen, weil mit einem halben Alphabet Niemand hätte schreiben können. Anlangcnd die Beschaffenheit, so hätte er zufolge der jetzt herrschenden Meinung Bilder für Lame verwendet (alka,alsk, bedeutet Ochse, dessen Bild für n; ftot, das Hans für ft rc.) u. eine Anzahl ägyptischer Zeichen für seine Lantanfstellung ansgewählt; allein der Nachweis dafür ist, obwol von Verschiedenen unternommen, keineswegs befriedigend ausgefallen. Dagegen hat Wnttke (1856 in der Zeitschr. der Deutschen morgenländ. Gesellsch., und: Die Entstehung der Schrift, die verschiedenen Schriftsysteme n. s. w., 1872), den Zusammenhang mit der ägyptischen Hieroglyphik, wie die ursprüngliche Bildlichkeit leugnend, die Buchstaben für bet gingen sämmtliche Alphabete der Völker ans, auch die Runen. Die seefahrenden Phönicier verbreiteten es unter den Völkern am Mittclmecre. Im Laufe der Zeit veränderten sich natürlich die Züge der Buchstaben vielfältig, oft bis zu einer solchen Verschiedenheit der Form, daß ihr Zusammenhang mit der ersten bekannten Gestalt nur sehr schwierig nachweisbar ist. Während die Hebräer das ursprüngliche Alphabet, welches für die Eigenthümlichkeit ihrer Sprache geschaffen war, bis zur Gegenwart beibehielten, wenn gleich mit Anbringung näherer Unterscheidungszeichen n. in umgewandelten Gestalten, haben andere Völker einige für sie nicht erforderliche Buchstaben fallen gelassen und durch den Zusatz von Buchstaben, deren sie für ihre Sprache bedurften, das Alphabet beträchtlich vergrößert. Die Sanskrit schreibenden Inder haben das ihrige, welches ilüra- näAarl (Götterschrift) heißt, bis zu 50 Buchstaben erweitert. Die erste große Veränderung erfuhr die Schrift von den Griechen. Der vorwiegend bocalische Charakter ihrer Sprache nöthiglc sie bald, alle Vocale ohne Ausnahme hinznschreibcn, u. so ist cs bei den Völkern des Abendlandes geblieben. Sodann drehten die Griechen die Schrift- richtnng um; die Semiten schrieben von rechts anfangend gen links, jene, nachdem sie eine Mittelstufe, auf welcher sie abwechselnd eine Zeile von rechts, die andere von links an (Bustrophedon, d. h. wie der Stier Furchen zieht) schrieben, dnrchgcmacht hatten, stets von links nach rechts. Auch dies nahmen alle Abendländer an; die Morgenländer bcharrtcn bei der früheren Richtung, nur Inder u. Äthiopier, die amharisch schrieben, fingen von links an. schiedenheit betrifft die lautliche Währung, der gewöhnlichen Ansicht soll das älteste Etrichelschrift erklärt; die Gestalt der allermeisten! Natürlich veränderte die Umdrehung der übcrlie- ist ein aufrechter Strich, an dem sich ein beson-lfertcn Buchstaben, welche der Grieche vornahm, deres Kennzeichen befindet. Raabe endlich ver-;ihre Gestalt. Endlich gebrauchten die Griechen suchte 1873 die Buchstabenformen auf die Ziffern! mit der Zeit einige Buchstaben anders (soft als znrückzuführen. Jndeß gehörtdcrGebranch derBuch-!s, ftft oder oft als ft, und später ft als langes s), das neue lange o). Diese Umgestaltung kam gegen 406 v. Ehr. zum ...... ... . . Abschluß, u. das so gestaltete U. hieß das ionische. tische Alphabet lediglich aus Consonanten bestanden In Italien verbreiteten die Griechen ihr älteres haben, die erste Schrift vocallos, mithin Silben- A. Weitere Abänderungen nahmen die Römer schuft gewesen sei, wogegen Kopp, Seyffarth und! vor. Ans n oder rv wnrve 1; das erste s, beide 2 Wnttke in den sog. 5 Llabriftus loerloiris die ässowie dir fielen weg; an die Stelle von / kam u. Vocale erblickten und behaupteten, daß nur kurze! oder v, an die von x, das die Römer hart ans- u. gleichgiltige, oder von selbst verständliche Vo-> sprachen, das 0 (bei ihnen gleich ft); dafür wurde cale bei dem Schreiben ohne Ausdruck gelassen! um 222 v. Ehr. ein neues § an die Stelle des worden seien. Das älteste A. bestand aus 22 s weichen 2 cingeschoben. Erst um 100 v. Ehr. nahm Buchstaben, welche (nach Wnttke) die Laute: a, ft,! man von den Griechen noch x und v an u. fügte §, ä, s, n (mit v), lindes 2 , scharfe Hauchung ftft > zum Schluffe 2 bei. In dieser Gestalt ist das Ä. (oder oft), tft, 1 (mit s), ftft (oder oft), I, in, u,lauf alle zur Römischen Kirche haltenden Völker s, 0 , x(mit t'), scharfes 2 , ft (oder g), r, soft, t bc-! Europas iibcrgegangen, u. diese haben nur geringe zeichneten; Wnttke muthmaßt, daß ein paar anfangs ^ Veränderungen daran vorgenommcn. Hinzu trat nichtvorhandcn,baldjcdochalsnähereUnterscheidnn^zn dem lateinischen Alphabet bei den deutschen genhinzngefügtseien. GebranchtwurdediescsAlpha- Völkern im Mittelalter Las rv, dessen Abbild ans bet zuerst in Babylonien u. Palästina. Das älteste zwei neben einander geschriebenen oder verschlänge- PiererZ IImdersal-ConversationS-Lcxiko». k Allst. I. Band. 61 482 Alphüvs — neu v entstand, und in den letzten Jahrhunderten die Unterscheidungen von i n. z. von u u. v. Für die Zischlaute der Czechen brachte Huß Unterscheidungszeichen auf. Spanier, Franzosen, Polen haben überdies an den üblichen Zeichen einige nähere Bestimmungen hinzngefllgt. Mangelhaft ist unser deutsches A. geblieben, insofern ihm für den Nasal, für das ctt und für das svir ein Buchstabe fehlt, während es überflüssig e, g.x und vielleicht auch n besitzt. Aus der griechischen Schrift machten Alphabete zurecht der Bischof Ulfila um 360 den Gothen, um 406 der Einsiedler Nesrob den Armeniern, mit Benutzung schon abgeleiteter Alphabete, und um 862 der Mönch (Constautin) Kyrillos aus Thessalonich den zur Griechischen Kirche chattenden Slaven die Kyril- litza. Ballhorn, Alphabete orientalischer u. occi- dentaler Sprachen, 10. Aufl., Lpz. 1870, enthält eine Sammlung vieler Alphabete. — Da mit dem Lesenlerncn der Unterricht der Kinder beginnt, versteht man unter A. auch die ersten Anfangsgründe einer Wissenschaft. Alphäos, im Reuen Testament die griechische Form für den aramäischen Namen Chaliphai, der auch in Kleopas gräcistrt erscheint; Vater der Apostel Jacobus des Jüngern und des Judas Thaddäus. Alpharo, Stern a in der Hydra (s/ d.). Alpharts Tod gehört unter die Gedichte der gothischen Dietrichssage, die sich auf die Entzweiung Dietrichs mit seinem Oheim, dem Kaiser Ermenrich, beziehen, u. erzählt den Tod Alpharts, eines jungen Helden, durch Heime u. Vitege und einen Sieg Dietrichs über Ermenrich. Die ursprüngliche Gestalt dieser Dichtung reicht in das 12. Jahrhundert zurück, läßt sich aber ans der uns allein gebliebenen Überarbeitung und Erweiterung einer Handschrift des 15. Jahrh. (v. d. Hägens Hcldenbnch, Leipz. 1855, I. 279 ff.; E. Martin im 2. Bde. des Deutschen Heldenbnchcs, Berl. 1866, S. 1 ff., mit Ausfüllung einiger Lücken übersetzt von Simrock in seinem kleinen Heldenbnche 1), nicht mehr rein herausfinden. Alpheios (früherNyt'timos, dannStymphalos), Hauprflnß des Peloponnes, entsprang in Arkadien östl. von Megalopolis. An seiner Mündung stand ein Tempel der Artemis, die deshalb den Namen Alphciusa oder Alphcionia hatte. Als Flnßgolt war A. der Sohn des Okeanos n. der Tethys n. liebte die Artemis oder die Nymphe Arethusa (s. d.). Jetziger Name: Rnphia. Der Fluß ist die Hanptwasscrader des Peloponnes. Seine Eigen- thümlichkcit, daß er mehrere Male im Boden verschwindet, bot zu mehreren Sagen Anlaß. AlphtN, Dorf in der niederländischen Prov. SHolland, am Alten Rhein; Muschclkalkbrcnnerci; 2800 Ew.; das alte Bibiana sastra. Alphen, Hieronymus van A., geb. 8. Auz. 1746 zu Gouda, sludirte Theologie, Rechtswissenschaft u. Gcschicknc n. wurde Gencralschatzmeister der Niederländischen Union; als Orangist 1795 ab- gesctzt, privatisirte er im Haag, wo er 2. April 1803 starb. Er schrieb: vrosvs v. stiz-tslzücs Asngsl- xosniz (erbauliche Gedichte), 1771—72. Am bekanntesten wurde er durch seine Cantate Vs stnr- rentteinel (der gestirnte Himmel) und namentlich - Alpirsbach. durch seine Ivsins AsäiAten vsor liincksren, Utrecht 1781—1783 (ins Deutsche von Gittermann, Emden 1832, und von Karl Abel unter dem Titel Holländische Kinderlieder, Berl. 1856, sowie ins Französische und Englische übersetzt), die noch jetzt bei Vielen fiir unübertrefflich gelten, während Andere sie nicht kindlich genug finden. Seine gesamm- j ten vi^tvsrksn, 1838 f. 3 Bde., 1871 in 1 Bd.; I Lebensbeschreibung von Koenen, Amsterdam 1844. Alphorn, Blasinstrument, früher von den Hirten der schweizer Alpen zu Signalen, wie beim Ein- und Austreiben der Hcerden, benutzt, jetzt in den viel bereisten Gegenden der Schweiz gleichsam Bettel-Instrument. Es besteht ans einem 1^ bis 1z m langen, sorgfältig ausgebohrten, 25—50 mm im Durchmesser haltenden Tannenschaft, dem unten ein gekrümmtes, schallbecherartig geformtes, in seiner ganzen Länge entweder mit Birkenrinde, oder mit jungen bindfadenartigen Tanncnwnrzeln umwickeltes Stück Tannenholz angesetzt ist. In der Nähe ist der Ton ranh, derb und unschön; im Echo, auf das er berechnet ist, besitzt er einen wunderbar sehnsuchtsvollen, melancholisch-wehmü- thigen Klangcharakter, der die Seele entzückt und berauscht. AI yiacTro (ital., spr. -dschere) od. nl piaeimonto, nach Gefallen, so daß Vortrag, Ausdruck u. Zeitmaß dem Sänger oder Spieler überlassen bleibt. Alpine, County im nordamerikanischen llnion-:- staate California, unter 38° n. Br. n. ungefähr 121° w. L., mit 685 Ew.; Minendistrict, Haupt sächlich Silber; durch den Carsonflnß bewässert; holzreich; vom Mai bis November, wo Schnee fallt wegen der Hochlage, angenehmes Klima. Alpinen, Gebirg im französischen Dep. Var n. Rhvnemündung, zwischen der Rhone, Cran u. Dnrance; bildet einen Zweig der Mecralpen; höchste Spitze Baume 3100 m. Alpinenkanal, geht ans der Dnrance bei Mallemort, theilt sich in einen nördl. u. südl. Arm, welche in die Rhone münden. Alprni, Prosper, geb. 23. Nov. 1553 zn Marostica im Venetianischen, Arzt n. Botaniker; ging 1580 als Arzt mit dem venetianischen Cou- snl nach Kairo u. ward 1584 Marinearzt unter Andreas Doria u. später Professor der Botanik in Padua, wo er 5. Fcbr. 1617 starb. Kurt Sprengel faßt A. als Len Vater der Semiotik aus. Große Verdienste erwarb sich A. uni die Botanik des Orients. Er schrieb: Vs msckicina ^.e§)'p- tiornm, Ven. 1591, Par. 1645, in Friedreichs Vollsvt. opsr. moä. antig., Nördlingen 1828; Vs praosaAisucka vita st nwrts g.«^rstuntiuw, Pad. 1601, Leyden 1710, neue Ausgabe von Friedreich, Nördl. 1828, 2 Bde.; Vs xlantis sM- tisis, Ven. 1629; Vs xlnntis 4sA/pti, Ven. 1592, Pad. 1640; vist. nnt. ^.«Az-pti, Leyd. 173S, 2 Bde.; Vs msckioina motttockica. Pad. 1611 rc. klplnla, nach dem Vor. benannte Pflanzcngattunz aus der Familie der Amomen; s. vlottaria. Alpinit, quarzreicher, zwischen Verucano und Gneis stehender grüner Schiefer, mitunter auch für gewisse Formen des Gneis angewendet. Alpirsbach, Stadt an der Kinzig im Ober- ! amte Oberndorf des württembcrgischen Schwarzwaldkreises; ehemaliges, 1095 gegründetes Bene- s —MUMM - iümÄL-sSMi L Aspnach — Alsm. s83 dictinerkloster mit schöner Kirche in romanischem Stil, Realschule, mechanische Wollspinnerei, Gerberei, bedeut. Bierbrauerei n. Holzhandel! 1200 Ew. Ehemals hier Bergbau auf Kupfer, Kobalt und Silber; dabei das Rrähenbad. Alpnach, Pfarrdorf (im KirchspiclA., 1030 Ew.) im Kanton Unterwalden, Ob dem Wald, am Fuße des Pilatus, den man von hier ans besteigt, und am Vierwaldstättcr-(Alpnacher-)See. Rach der Schlacht am Morgarten, 1315, überfielen die Eidgenossen hier den österreichischen Grafen v. Straßberg n. jagten ihn über die Grenze. Alprcmkcn, so v. w. 8 olanun> Ilnioamttrtt I-. Alpteglfin (Abnstakin), eigentlich AbckkaKhan, ein horikischcr Türke, ursprünglich Sklave; machte sich als Statthalter der Samanidcn unabhängig, SOI, eroberte Ghasna und gilt als Ahnherr der nach dieser Stadt gebannten Dynastie der Ghas- naviden, welche bis 1180 über Ghasna, Theile v. Iran a>. Tnrkestan herrschte. A. starb 976. Alpujarras (al Buscherat, d. i. Grasplatz) heißt der Complex von Thälern auf der südlichen Seite der Sierra Nevada in den spanischen Provinzen Granada u. Almcria (Andalusien); dieselben werden durch die Loma de Jator, einen niedrigen Gebirgszweig, welcher die östliche Sierra Nevada mit der Sierra Contraviesta verbindet, in die östlichen n. die westlichen A. getheilt. Ersterc umfassen die Becken von Ugijar und Canjayar, die westlichen oder hohen A. alle die Thäler, welche in das Längenthal des Bal de Lecrin ansmündcn. Sic haben ausgedehnte Weideplätze (Borreguiles genannt), u. ihre Vegetation erstreckt sich von der alpinen Flora durch alle Klimate bis znm Gedeihen der Südfrüchte n. des Zuckerrohrs. Die Bewohner, zum Theil noch maurischer Abstammung, trcihen Schafzucht, Wein- u. Sübfrüchtebau u. etwas Bergbau ans Blei, Antimon n. Silber. Allfucire, Hohlmaß für trockene Gegenstände in Brasilien — 36 I. Alraini, Stern a im Schützen (s. d.). Alraun, 1) (Gold-, Galgen-, Wichtel-, Wurzel-, Erdmännchen; niederländisch lUsäissjs, d. i. Harndiebchen) nach dem deutschen Aberglauben kleine, aus der rübenartigen, in 2 Enden ausgehenden Alraunwurzel (lllttnärn^orn okliauntlis ÄM.), oder ans der Wurzel eines Hundskürbisses gebildete, koboldähnliche, höchstens Iss Schuh hohe, meist männliche, mit Bart versehene Figur, nach dem Boltsaberglanben unter dem Galgen ans dem Harn oder Samen eines unschuldig Gehenkten entstanden und von einem schwarzen Hunde aus der Erde gerissen, wobei der A. einen dumpfen Seufzer ausstößt. An seinen Besitz ist Segen des Hauses, Freiheit von Krankheiten und Gefahren, Glück bei Processen, Fruchtbarkeit der Weiber, glückliche Niederkunft derselben rc. gebunden. Jedes über Nacht zu ihm gelegte Geldstück findet man frühmorgens verdoppelt; daher heißt er auch Heck- mändl. Er wird deshalb sorgfältig an einem verborgenen Orte anfbewahrt, Prächtig geschmückt u. Freitags gebadet. Auch soll er die Zukunft verkünden. Er weicht nicht von seinem Besitzer, n. selbst weggeworfen, kehrt er wieder, außer wenn «r wohlfeiler verkauft wird, als er erworben war. Vcrgl. Wnttke, Der deutsche Volksaberglanbe der Gegenwart, 2 . Bearb., Berl. 1869. Chamisso n. ! Arnim haben die Fabel von dem A. zu Novellen I benutzt. 2) So v. w. Alrune. Aircd (Alurcd), geb. zu Beverbay in Vortsbire, Canonicns daselbst; starb 1128 (1129). Die von ihm geschriebenen Annalen der Briten, Sachsen n. Nvrmänner, bis auf Heinrichs I. 29. Regier nngsjahr fortgesührt, hcrausgcg. von Hcarne, Op ford 1710, haben ihm den Namen eines englischen Florus eingebracht. Alrnncn (vom germanischen rinnt, Geheimnis;), bei den Germanen heilige Frauen, welche weissagten; sie waren in weiße, mit Gürteln zusammengehaltene Gewänder gekleidet, gingen barfuß und mit aufgelöstem Haar. Alsa (a. Geogr.), Fluß westlich von Aqnileja; an seinen Ufern ward 3W n. Chr.Constantinns II. von seinem Bruder Constan^w geschlagen und blieb; jetzt Ausa. ülsstls, lat. Name des Elsaß. Alschani, Stern /S im Adler (s. d.). Alse (Klausa Ua/.), Gattung der Fischsamilie der Häringe; ganz ohne Zähne, oder doch nur kleine Zähne in der Oberkinnlade. Arten: n) Matfisch, Alse (^V. vulgaris <7nn.), Kopf klein, Unterkiefer etwas vorstehend, Seiten weiß n. schwarzgefleckt, oben blau, orange u. grün schillernd, 60 ein lang, nicht über 4 Pfund schwer; lebt in den Meeren um Europa, gehl zur Laichzeit im Mai in die Flüsse n. ist dann wohlschmeckend. I>) Finte (^.. I'inttt Ouv.), an den Seiten mit 5 —6 schwarzen Flecken; im Mittelmeere, steigt im Juni in die Flüsse; weniger geschätzt, e) Pilchard (L.. ?UeImr- äns II/.), dem Häring ähnlich, bis 26 ein lang, Oberseite bläulich-grün, Seite n. Bauch silberweiß, Kiemendeckcl goldig schimmernd und dunkler gestreift; hauptsächlich im W. Europas, im S. Englands bis gegen Gibraltar; lebt auf dem Meeresboden, wird meist mit Grundnetzen, gefangen, ein- gesalzen, gewöhnlich aber später in Öl gekocht n. in Blechbüchsen als Sardelle, Sardine in den Handel gebracht. Frankreich führt jährlich über 10 Millionen Büchsen oder über 200 Millionen derartig bereiteter Fische ans. Die Pilchardcn sind nicht mit den echten Sardellen oder Anchovis (LiiAranIw snorasidrolus L.), höchstens 15 ein lang, zu verwechseln. ül segno (ital., spr. senjo), bei, an dem Zeichen; gewöhnlich Z, gibt an, daß ein Theil eines Musikstückes bis an dieses Zeichen von einem anderen gleichen Zeichen (ckal 8 e§na) an wiederholt werden soll. Alsen, die schönste n. fruchtbarste der zu der preußischen Prov. Schleswig-Holstein gehörenden Inseln, im Kr. Sonderbnrg, 313 s^lcin ( 5,7 ^M), durch den 19 hin langen u. bis 4 icin breiten Alscnsund vom F-cstlandc, Snndewitt, getrennt, im R. n.O. vom Kleinen Belt umgeben, der im S. den II Icin langen, 3Z- hm breiten Fjord Hörnphaff bildet. Es gibt auf A. kaum einen unangcbau- ten Fleck; der 80 m hohe Högebjcrg ist der höchste Punkt. Das Hörnphaff, von 0—15 Faden Tiefe, mit Lenchthnrm, ist ein Winterhafen 1 . Klasse und bildet die mir durch die Landenge Dreict mit der Insel zusammenhängende Halbinsel Kckenis. Bon den vielen anderen Föhrden ist es besonders 31 * SWj I Ml Ml 8 V V Ä. 8 S 484 Alscnz — Alslcbm. dcr 4—5 Faden tiefe Angustcuborgfjord, dessen innerer Theil durch einen Damm in einen Winterhafen 1. Kl. umgewandclt ist n. in der Kriegsgeschichte von 1864 einen bleibenden Namen erlangt hat. Der tiefe, im N. 2—4 Ion, im S. nur 400 in breite Alsenjnnd ist, dcr St. Soudcrbnrg gegenüber, durch eine Pontonbrücke mit Snndcwitt verbunden. Dicht am User die Stadt Sonderburg mit 5445 Ew. (Dec. 1871), einem jetzt von gewaltigen Schanzen u. versenkten Blockhäusern umgebenen Hafen n. unmittelbar daran das uralte Angnstcnbnrgischc, jetzt in eine Kaserne verwandelte Schloß Svnderborg, das dcr Stadt den Namen gegeben, n. wo einst.KönigChristian II. 16 Jahre lang gefangen gehalten wurde. Sie treibt starken Handeln, ist in lebhaftem Aufblühen; eine Eisenbahn nach Flensburg steht in Aussicht. Augustcnburg, lieblicher Flecken von 1100 Ew., mit dem herzoglichen, jetzt zur Kaserne verwandelten Schlosse u. der von den Dänen geplünderten großen Bibliothek, am Meerbusen gl. N.; Norbnrg, Amtsflecken mit altem Schlosse, jetzt Amtshaus; 1400 Ew. Die Sprache unter dem Landvolk ist dänisch, in St. u. Flecken meist deutsch. Übcrfahrts fahren sind: nach Fünen Fünenshaff, nach Arrö Mummark, nach Snndewitt HarLcshöi. A., von jeher dcr Zankapfel zwischen den dänischen Königen u. den Herzogen von Hdlstcin-Gottorp, gehört seit Erich von Pommern (1606—1486) zu Schleswig. 1848 bemächtigten sich die Dänen der Insel, als eines für Len Land- und Seekrieg wichtigen Punktes, und drangen von hier nach dem blutigen Avamgardengefechte bei Krösau bis Flensburg in Schleswig vor, von wo sie am Ostertage wieder von Preußen und Schleswig-Holsteinern verjagt u. in der Schlacht am 5. Juni vollends nach A. vertrieben wurden. Im letzten preußisch - österreichisch - dänischen Kriege wurde die Insel am 29. Juni 1864 nach einem geschickt geleiteten Übergang von preußischen Truppen unter Herwarth von Bittcnfeld erstürmt und die Dänen noch an demselben Tage zur Räumung der Insel gezwungen. Ein 30. Sept. 1872 enthülltes, 25 in hohes Denkmal dient zur Erinnerung an diese Waffenthat. A. mit den Fortifica- tionen bei Sonderburg u. auf den Düppeler Höhen bildet den nördlichsten preußischen und deutschen Wafscnplatz. Alsenz, 1) rechter Nebenfluß der Nahe in der bayerischen Rhcinpfalz; mündet bei Ebcrnburg; durch ihr Thal läuft die Ä-bahn, ein Theil dcr Pfälzer Nordbahn: Hochspeyer-Münster am Stein. 2l Marktflecken im Bezirksamts Kirchheimbolanden des bayerischen Rcgbcz. Pfalz, an der A. und der A-bahn; Steinkohlengruben; 1560 Ew. Alscr, Flüßchen bei Wien, von welchem die Ä- Borstadt u. das A-bad, eine Okererde, Glaubersalz :c. enthaltende Mineralguelle, ihren Namen führen. Alsfeld, 1) Kreis dcrgroßherzogl.hessischenProv. Oberhcssen, 621 Hjüm (11, 2 s ÜM) mit 37,812 Ew. (Einth. vom 11. Juni 1874); liegt an der Ohm n. Schwalm u. wird von dcr Linie Gießen- Fulda der Oberhessischen Eisenbahn durchschnitten. 2> Stadt darin an der Schwalm n. der genannten Eisenbahn; Kreisamr, Landgericht, Oberförsterei, altes Schloß, 3 Kirchen, Realschule, altes Rathhaus, Industrie in Leinen- n. Halblcinenwaarcn, Tuch, Woll- und Baumwollspinnerei, Tabakfabrik, bedeutender Pfcrdchandel; (1871) 3612 Ew. Die angebliche Erbauung 298 n. Chr. ist eine Fabel, das noch auf dem Rathhanse aufbewahrtc sog. Schwert Karls des Gr. gehört einer späteren Zeit an, die Abhaltung eines Landtages in A. im I. 937 durch Otto den Gr. beruht nur auf den Angaben späterer Chronikenschrciber. Urkundlich erscheint es wahrscheinlich zuerst um 1076 als Ade- lcsfclt, sicher am 13. März 1222. In der Mitte des 13. Jahrh. kommt es nicht nur als Burg u. Stadt, sondern auch als Münzstätte vor. Um 1319 suchte dcr Abt von Fulda, 1637 Rabcnhaupt, der Commandant von Zicgenhain, .vergebens die Stadt einzunehmen. Bis zum Ende des 30jähr. Krieges wurde die Stadt schwer heimgesucht. A. war die erste Stadt in Hessen, welche das evangelische Glau- bensbckenntniß aunahm. Die ältere Geschichte u. Verfassung der Stadt hat W. G. Soldan, Zur Gcsch. der Stadt A., Gießen 1801/62 (2 Gymn.- Progr.), gründlich erörtert. Das 1501, 1511 u. 1517 wiederholt anfgeführte A-er Passivusspiel ist von Grein, Kassel 1874, mit Wörterb. herausgegeben. klsins lUa/ilenü., Pflanzcngattung aus der Familie dcr Alstnecn (X. 3); ohne Nebenblätter, mit (5 oder 4) Kelch- und ebenso vielen Blumenblättern, 10 Staubgefäßen, 3 Griffeln n. 3klappiger Kapsel. X. tminifvlia II^albA., mit rispigcm Blüthenstande; auf Äckern, bes. mit sandigem Boden häufig; .4. innrinn NIL., mit fleischigen Blättern u. tranbigem Blüthenstande, u. einige andere Arten sind charakteristische Meeresstrands« u. Salzpflanzen. ülsineae HU LI), Pflanzenfamilie (meistX. 3, L.), mit zwilterigen Blüthcn, freien Kelchblättern, 4—10 Staubfäden, einfächerigen, vicleügcn Fruchtknoten, zgweilen knotigem Stengel und opponirten Blättern. Gattungen: 8a§iua, Xlsins, Xrsnaria, 8ts1Iaria, Osraskillin,ÜIaInoiiinin, LporZuln, 8per- gnlaria, Holostenm, Llosnelii-t n. a. Aistrat (ul, arab. Artikel), die haarfeine, im Koran über den Höllenabgrnnd führende Brücke, welche die Seelen überschreiten müssen. Wie der Koran eine Menge offenbar parsischer Ideen durch Vermittelung jüdischer Schriften, bes. des Talmud, ausgenommen hat, z. B. die Auferstehnngslchre, die meisten Legenden über Himmel n. Hölle, die ganze Dämonologie, die Schilderung des Todten- gerichtes, die Grabespeiu durch die beiden Engel Monkir n. Nekir, so ist auch die Vorstellung von dcr haarfeinen Brücke Siral ohne Zweifel parsisch u. ans dem Midresch in den Koran übergegangen. Alsrmn (a. Geogr.), Stadt in Etrurien, seit dem 1. Punischen Kriege römische Kolonie (6o- lonia Xlsionsis); jetzt Palo. Alslebcn, 1) Stadt an der Saale im Mans- felder Scckrcisc des preußischen Rcgbcz. Merseburg; große Zuckerfabrik, Gemüse- n. Kstinmelbau; 3030 Ew.; gehörte ehemals zum Herzogthum Magdeburg; dabei das Dorf Alt-A., mit 2400 Ew. 2) Groß-Ä., Stadt im anhaltischen Kreise Ballenstedt; bildet eine Enclave im preußischen Regbez. Magdeburg: Leinen- und Damastweberei, Zuckerfabrik; 1750 Ew. ^.Isoäsin, — Altai. 435 -Isoüem i?. Des., Pflanzengattnng anSder! Fam. der Biolariecn. Hierher gehören tropische' Pflanzen, meist ans SAmcrika. Blatter n. Rinde! von A. 6uspa Hm., in Colnmbia, sind bitter nnd ^ adstringircnd; die Blätter der brasilianischen L.. «astauaokolia n. A.. Hodolobo sind schleimig u. werden gekocht als Nahrnngsmittel verwendet. Alsop, Richard, nordamerikanischer Satiriker, ,geb. 23. Jan. 1761 in Connecticut; st. 20. Aug. 1815. Gab eine satirische Zeitschrift heraus, die in eine politische überging nnd namentlich heftige Angriffe auf die demokratische Partei richtete. Besonders günstig ausgenommen wurde seine Monodie aus den Tod Washingtons. Außerdem schrieb er eine Menge Übersetzungen ans dem Französischen, Italienischen u. Griechischen. Aus- gewählte Stücke in Duyckincks 6^slop. ok L.msr. Üitsr. Alstaden, Dorf im Kr. Mülheim a. d. Ruhr des preußischen Regbez. Düsseldorf; 3113 Ew.; Kohlenbergbau (jährlich 2A Will. Ctr.). Alster, rechter Nebenfluß der Elbe; entspringt bei Süllfeld in Holstein, bildet bei Hamburg einen See (Große- oder Außen-A.), der von Wiesen, Gärten, Ortschaften und Billen umgeben ist, und in der Stadt ein 1750 m im Umfang haltendes Becken (Binnen-A., gewöhnlich A-bassin genannt), dessen Umgebungen, der alte nnd neue Jungfcrn- stieg u. der A-damm mit den prächtigen Quais u. Len palastähnlichen Gebäuden, den Glanzpunkt Hamburgs bilden. Die A. ist fischreich, für kleine Schiffe fahrbar und mündet nach 37 km langem Laufe in der Stadt selbst in mehreren Kanälen in die Elbe. Alstone (Alstonemoor, spr. Alst'n, Alstonmohr), Stadt am South-Tyne in der englischen Grafsch. Cumberland, in dürrer Gegend; 5680 Ew.; Wollfabrikation, Schrotthürme, in der Nähe sehr reiche Bleibergwerke, ferner Kupfer- u. Silbergruben. lllstoma Ä. Lvcmnr, nach Charles Alston (Professor der Medicin in Edinburgh, geb. 1683, gest. 1760; schrieb u. a. Lrrooimnm botan. Läinbnr§., Edinb. 1753) benannte Pflanzcngattnng ans der Fam. der Apocyneen (V. 1):A.. selioiaris LLr., Schulholzbanm; die bittere, etwas aromatische Rinde dieses in Ostindien einheimischen Baunies ist in Java als Gortsr ladsrrmomontanas offi- cinell, hat aber mit dem in Britisch-Guiana einheimischen Baume Pabsrnasmonbana ntilis (s. d.) gar nichts zu thun. A-arten werden auch als Zierpflanzen in Treibhäusern gezogen. Alströmer, 1) Jonas von A., geb. 1685 zu Alingsäs in WGothland, Kaufmann; legte in seinem Geburtsorte Alingsäs Tuch- u. Wollenzeug- maunfacturen, Färbereien, Strumpf- und Band-, fabriken, eine Tabakspinnerei, Pseifenfabrik, Walkmühle rc. an, errichtete ökonomische Anstalten (Schäfereischnle, Anstalt für angorische Zucht) und führte den Kartoffelbau in Schweden ein; er wurde geadelt u. st. 1761. 2 ) Älas, Freiherr VonA., Sohn des Vor., geb. 1736; legte auf eigene Kosten die neue Landstraße zwischen Alingsäs n. Gothenburg an u. machte sich sehr um die Industrie verdient; er war Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Stockholm, wurde 1778 in den Frciherrnstand erhoben u. st. 1794. Er sehr.: Über die Verbesserung der Schafzucht u. a. Alstrosmeria L., nach Alströmer 2) benannte Pflanzengattnng der Fam. der Amaryllidecn(Vl.1). Arten: 4. IPIvgriim li., aus Peru n. Chile (die -1. ksrsgrina der Gärtner), mit blaßrothen, LnN kelroth gefleckten Blumen; -sc. xulolrolla L., der vorigen ziemlich ähnlich, in SAmerika heimisch, iit deutschen Gewächshäusern cnltivirt. Die stärkemehlreichen Knollen können als Nahrungsmittel anqewendet werden. Alt (Altstimme, ital. LIto, franz. Hanls eontrs), die tiefere Mädchen-, Knaben-, Castraten- ir. besonders Frauenstimme, meist im Umfange vom kleinen A bis zum 2gestrichencn o; zweite Oberstimme der 4 angenommenen Hanptstimmen, sich znm Discant wie der Baß zum Tenor verhaltend. Alt, Jakob, Landschaftsmaler, Aquarellist u. Stcinzeichner, geb. 27. Scpt. 1789 in Frankfurt a. M.; ging 1811 nach Wien, besuchte die historische Schule der dortigen Akademie, trieb aber nebenher Landschaftsmalerci; besuchte die österreichischen Donau- u. Alpengegcnden, Oberitalien, später Rom und inalte zahlreiche Bilder. Größer ist seine Bedeutung als Steinzeichner; >er trat in dieser Kunst zuerst 1822 mit seiner Maleri scheu Donanrcise ans. Später wandte er sich auch mit gutem Erfolge dein Aquarell zu. Starb am 20. Sept. 1872. Sein ältester Sohn Rudolf, ebenfalls Landschafts- u. Architekturmaler, Aquarellist n. Lithograph, geb. zu Wien 20. Aug. 1812, verräth in seinen Arbeiten hohes Natnrgefühl n. gewissenhafte Treue. Altafnlla, Ort in Catalonien; hier im Spanisch-portugiesischen Befreiungskriege 23. Jan. 1812 Sieg des französischen Generals Lamarque über den spanischen General Eroles. Altai (Alkäisches Gebirg, Altai-Altin, d. i. goldenes Gebirg, bei den Alten Easns mous, Alltags montss, Annita montss, bei den Chinesen Kin-schan, was Goldbcrg bedeutet), ein Gebirgs- system in Asien, nordwestlich von der Wüste Gobi, westlich von dem Baikalsee zwischen 47° und 52° n. Br., das sich zwischen 100—120° östl. L. in der Richtung von W. nach O. vom Schlangcnbcrge (im NO von Semipalatinsk) bis zur oberen Se- lenga ungefähr 1500 Am ansdehnt. Der eigentliche oder der russische, auch kolywansche A-, der durch seinen außerordentlichen Metallreichthnm so berühmt ist nnd der nur ein Viertel des ganzen Systems ansmacht, bildet gleichsam ein Borgebirg, das im W. liegt u. in die barabinskische u. Kir- gisensteppe hinanstritt; er reicht vom Schlangenberge bis zu dein Teleyki-Sec n. umfaßt einen Flä- chcnranm von ungefähr 115,000 j^üm. Die südlichste Kette heißr (nach A. v. Humboldt) das Narymgcbirg, dann folgt das Sailnghemgcbirg, das in einer Massencrhcbnng besteht und unter anderen Bergen Len 3352 m hohen, majestätischen Bjelncha (weißer Berg) oder Kabnnja-Seilen trägt; berühmt ist der Rossypony wegen der in seinen Klüften vorkommenden Massen von Beryll u. anderen Halbedelsteinen. Zwischen dem Koksn u. der Aba sind die Ilbinskischen Berge, zwischen Ursnl n. Kamny die Teraktinskischen Alpen n. zwischen Tscharysch n. Aurin wieder andere Berge cinge- 48b Maische Völker und Sprachen — Altar. schoben, von denen viele mit ewigem Schnee bedeckt sind. Innerhalb der Vergreisten streichen Hochebenen, die sich meilenweit ausdehnen u. thcils mit Sümpfen oder mit Schnee bedeckt sind, oder von Granit n. anderen Fclstrümmern überlagert werden; die zwischen den Gipfeln n. Ketten liegenden Thäler dagegen tragen häufig eine reiche Vegetation, wahrend die Abhänge von Lärchenwäldern, worin Birken und Fichten, bestanden sind. Der A. ist ausgezeichnet durch seinen Wasscrreichthnm: cs liegen die Quellen des Jrtysch, Qb, Jenissei u. a. Ströme in demselben, die alle sehr schnell fließen. Um die geognostischen Untersuchungen haben sich Tschihatschefs, v. Humboldt, Rose n. v. Cotta große Verdienste erworben; nach denselben bildet der Thonschiefer die Hauptmasse, untergeordnet erscheinen Diorit, Granit u. Porphyr als Dnrchbrnchfelscn; im Hochgebirge dagegen, nimmt der Granit große Ausdehnung an. Eine der oben genannten Hochebenen (das Plateau von Koksnn) ist in den höheren Theilcn ihrer Oberfläche mit einer Brcccie von Jaspis, Chalcedon, Carneol rc. bedeckt, unter welcher eine Schicht von Schiefer liegt; unter dieser befindet sich ein Lager von Jaspis und unterhalb dieser ein sehr schöner rother Porphyr. Noch wichtiger aber als diese Mineralien erscheinen die Erz- lagcistätten. Solcher fand man bereits mehr als tausend, namentlich von Silber n. Kupfer; ihr Abbau wird aber gegenwärtig fast nur in der Umgebung des Schlangeubcrgcs betrieben. Sichere Nachrichten über den Bergbau im A. erscheinen erst im Anfänge des 18. Jahrh. Die von Peter dem Großen auf die Nachrichten von den Mctallreich- thümern des A. hin abgesandten militärischen Expeditionen blieben erfolglos; die Russen entdeckten erst 1723 Kupfer dort, und 1720 legte der russische Staatsrath Demidoff die erste Schmelzhütte an, nachdem er die Freiheit der Bergwerke im A. erlangt hatte. Gold und Silber fand man erst 1730 in den Schlangcnbcrgcr Gruben; Demidoff trat dieselben sammr seinen Hüttenwerken an das kaiserliche Haus ab, und dieses ist seitdem im Privatbesitze des dortigen Gesamnil- gebictcs. Der Betrieb des Bergbaues trägt jährlich im Durchschnitt 30 Pnd (a 16,g Iix) Gold und 1000 Pud Silber, dieses mit einem Nettoerträge von 1 Mill. Silberrnbel, ein. Im Aufträge des Kaisers untersuchte v. Cotta 1868 die dortigen Verhältnisse n. fand, daß die Lager, im Gegensätze zu den neuerdings erhobenen Bedenken, unmöglich erschöpft sein können, daß aber für den weiteren Betrieb entweder Kohlen im A. selbst anfgefuudcn werden, oder daß solche von den nördlich vom Ob gelegenen großen Kohlenlagern mittels einer zu erbauenden Eisenbahn geholt werden müssen. Die einheimische Bevölkerung bilden die heidnischen Kalmücken, die an der SOSeite des Gebirges nomadisch leben, n. Kirgisen längs der NScite; außerdem haben sich Russen angesiedelt; im Ganzen mag die Volksmenge gegen 200,000 Köpfe betragen. — Die im NO. des Dsaissan-Sees streichenden Kurtschnn-Akpen, ferner die an die Ostieile des A. anschließende Sajanische Kette, welche im SW. am oberen Jenissei Schabia- Oola heißt, dann der Alatau oder Bjelvgori u. a. sind nicht mehr zum eigentlichen A. zu rechnen. Vgl. B. v. Cotta, Der A., sein geologischer Bau u. seine Erzlagerstätten, Leipz. 1871. Alkäische Völker u. Sprachen, so v. w. Turanische Völker und Sprachen. Altamura, Hauptst. des gleichnamigen Distr. in der italienischen Prov. Terra di Bari; Unter- präfectur, Prätnr, Lycenm, Gymnasium, Convict, technische Schule, bedeutender Weinbau; 17,200Ew. Altamura, Saverio, einer der angesehensten italienischen Maler der Gegenwart, gcb. zu Foggia in der Capitanata 1824; sollte Arzt werden, besuchte die Akademie zu Neapel, u. bildete sich vorzugsweise im geschichtlichen Genre aus. Altan der, oder die Altane (ital.), ein auf Maucrwänden, Pfeilern oder Säulen ruhender Vorbau mit oder ohne Dach, dessen Fußboden zugleich einen darunter befindlichen Raum deckt, nicht mit dem Balcon zu verwechseln, der auf Kragsteinen ruht. Altan (Althan), altes, ursprünglich in Friaul ansässiges Geschlecht, dann auch in Venedig, Tre- viso u.Padua; wurde 1470 vomKaiserFriedrichlll. in den Reichsgrafcustand erhoben u. erhielt 1821 die Bestätigung der reichsgräflichen Würde von Seiten Österreichs. Das Geschlecht blüht in 5 Linien. Bemerkenswert!) ist: Maria Anna Josephs, geb. zu Alcudia in Spanien 26. Juli 1689, gest. zu Wien 1. März 17SS, Tochter des Marchese Pignatelli, Herzogs von Belriguardo, Sie kam als Anhängcrin des Prätendenten Karl von Spannen nach Wien und besaß großen Einfluß aus diesen, den uachherigen Kaiser Karl VI. von Österreich, inmitten der gegen Prinz Eugen thätigen Hofpartci. Sie vermählte sich mit dein Grafen Johann III. Althan und war Beschützerin der Künstler n. Gelehrten, des Apostolo Zeni, Gurellis u. insbesondere Metastasios. /Uta llitava, s. all' ottava. Altar (v. Lat.), 1) Erhöhung von Erde, Asche, Stein, Holz, Metall, zur Verrichtung von Öpferu, auch zum Gedächtnis; gewisser göttlicher u. menschlicher Thaten. Der religiöse Sinn will das der Gottheit Geweihte nicht auf Len gewöhnlichen Erdboden legen, stellt auch gern in der Erhöhung über diesen die Richtung des Gemüthes nach oben dar, wie denn die alten Völker vorzugsweise die Höhen, welche der Gottheit näher liegen sollen, zu Cultstätten erwählten. In diesem Sinne verbürgt der A. die Gegenwart, den Schutz eines Gottes, wird zur Zufluchtsstätte der Verfolgten u. Bedrohten, zum Ort u. Zeugen des Schwörens u. dgl. Die Bibel läßt schon Noah u. die weiteren Patriarchen Altäre errichten. Eine der uralten A-formen ist wol in den noch auf vielen Bergen, besonders des Elsaß sich findenden keltischen Opfertischen (Dol- Fnen), großen Felsplatteu, die von Steiiikreisen ! (Cromlech) umgeben sind, zn erkennen. Das ge- ! bränchlichste Material blieb der Stein, bald durch !die Kunst geschmückt, theilweise durch das Erz ersetzt, oder mit edlen Metallen geziert, bei den ! Griechen und Römern mit Bildern, an festlichen > Tagen auch mit Kränzen u. Blumen. Form n. fHöhesindsehrmannigfaltig. Bei den Hebräern sollten von Anfang an die Altäre der Stiftshütte, später ^des Tempels, der Brandopfer-A., der Räuchcr-A. u. der Schaubrottisch die einzigen Altäre im Lande sein, wurden es aber erst durch die Könige Hiskia u. Josia. Die ältesten Christen bedienten sich zur Feier des Abendmahls und der Agapen gewöhnlicher Tische. Diese erhielten später den Namen Altäre, weil man Brod u.Wciu, das bei dem Abendmahl darauf lag, als das Opfer Christi betrachtete, und man gab denselben die bei Inden und Heiden gewöhnliche Form. In der altchristlichen Basilika stand der ursprünglich hölzerne, seit dem S. Jahrh. meist steinerne Altartisch in dein Raume der Priester (Presbyterium, Apsis), gewöhnlich, wo! mit Beziehung ans Off. Joh. 6, 9, über dem Grabe eines Märtyrers (der sogenannten Confessio oder Krypta); über dem A. ein durch Vorhänge verschließbarer Baldachin zur Aufbewahrung der Abendmahlselemcnre, Ciborium genannt, an dessen Stelle später das thnrmartige Tabernacnlum trat. In der Höhlung des Ä-s wurden die Reliquien, die nicht in der Krypta ruhten, aufbewahrt. Die romanische Basilika des Mittelalters hatte den A-tisch auf der Grenze der Apsis n. des quadratischen Chorranms, so daß ein Umgang um denselben frei blieb, was schon darum nothwendig war, weil ursprünglich der Las Opfer verrichtende Priester hinter dem A. stand, das Angesicht der Gemeinde zuwendend. WährenddieOrientalischeKirche an dem Grundsätze der alten Kirche, daß in jedem Gotteshanse sich nur ein A. befinden soll, festhielt, kam in der Römischen, mit dem ausgedehnten Rc- liquiendienste u. der Einführung der Privatmcssen, zu dem Hoch-A. eine Mehrzahl von sogenannten Nebcn-Altären an den Pfeilern, den Wänden oder in Len Scitenkapellen auf, welche sämmtlich besonderen Heiligen geweiht sind. Auch wurden, seitdem die Altäre vom Bischof geweiht sein mußten, die kleinen Tragaltärc (^.Itnria, port-rbilia) gebräuchlich, die besonders Fürsten im Felde u. Missionäre mit sich führten; oder man weihte kleine viereckige, mit einer Reliquie versehene Platten, die man überall anbringe» konnte, in der Griechischen Kirche bloße A-decken, beide besonders zu Krankencommnnionen. Seit dem 9. Jahrh. wurden die Altäre prächtig verziert, n. seit dem 10. prangten Lichter, heilige Gefäße, Heiligenbilder n. Reliquien darauf. Gewöhnlich wurden jedem A. fromme Stiftungen n. Vermächtnisse zugewendet, für deren jährliches Einkommen die betreffenden Meßpriester (Altaristen), die Messen zu besorgen hatten. Altäre mit besonders wichtigen Reliquien erhielten vom Papste häufig das Recht des Ablasses für bestimmte Tage, an denen dann dorthin gewallfahrtet wurde. An die Stelle des Tisches unter einem Sänlenbaldachin (llAbsrimonInm), der in der Mitte das Gefäß mit dem Wcihbrod (Oidorinm), oft in Form einer Taube, enthielt,», der gegen die Gemeinde hin mit Vorhängen versehen war, durch welche sich der Priester dem Anblick der Laien entziehen konnte, trat später der Heiligcnschrein mit Flügclthüren (Ostia). Im 15. n. 16. Jahrh. kam der Flügel- A. mit 2 oder 3 Flügeln (Diptz'viron, 1'riptMwn), mit Malerei auf einer Seite oder beiden ans. Über dem A. befindet sich oft ein hoher durchbrochener Tabernakelbau. Die Einweihung der Altäre erfolgt unter vielen Cercmonien, u. ihre Bekleidung ist je nach den Fcstzeiiori weiß, roth, grün, violett, oder schwarz; am Charfreitag wird sie, weil an diesem Tage Christus seiner Kleider beraubt worden, ganz abgcnommcu. Das Ältlich heißt Älappa (kalla), darüber das leinene Oorxoralo (das Leibtuch, nämlich Christi). Neben dem Hoch-A. brennt die Ewige Lampe. An der Wand hinter dem A. ist meist ein Gemälde, in den Kirchen des Mittelalters oft von bedeutendem Kunstwerthc, angebracht. In der Griechischen Kirche ist der A. gewöhnlich nur einfach verziert, bedeckt mit 4 Tüchern, die an den 4 Ecken auf Seideu- zeug die 4 Evangelisten zeigen. Die Lutherische Kirche (u. so auch die Union) gestattet unr einenA.; an ihm wird die Liturgie abgehalteu, das Abendmahl gefeiert, Trauungcnu. Ordinationen verrichtet, kirchliche Reden gehalten. Von Holz oder ans Stein hergcstcllt, ist derselbe gewöhnlich mit einem damastenen Tuche mir goldenen oder silbernen Tressen, auch wol mit Stickerei bekleidet, in der Fastenzeit nicist schwarz. Auf dem A. steht ein Crucifix, in streng-lutherischen Kirchen rechts und links davon je ein Leuchter mit Wachskerzen (A- kerzen), die außer beim abendlichen Gottesdienste auch bei der Feier des Abendmahls augezündet werden. Die reformirte Kirche hat statt des A-s einen Tisch u. verwirft alle Ausschmückung. Vgl. Laib und Schwarz, Studien über die Geschichte des christlichen Altars, Stuttg. 1857; Schund, Der christliche Altar u. sein Schmuck, Regensb. 1871; Meurer, Altarschmuck. Ein Beitrag zur Para- mentik in der evangelischen Kirche. Leipz. 1867. 2) (Freim.) In Logen der Tisch, woran der Meister vom Stuhle sitzt, und auf welchem die Symbole des Bundes angebracht sind. Altar, Sternbild am südlichen Himmel; gehört zu den 48 Sternbildern, welche nur den Südländern sichtbar sind, enthält 2 dicht unter einander stehende Sterne 3. Größe und einen etwas darüber stehenden. Nach der Mythe baute Poseidon den Göttern, als sie mit den Titanen kämpfen wollten, einen A., an welchem sie dein Zeus Treue schwuren, der ihn dann unter die Sterne versetzte. Altar de los Collanes, Vulcan in Ecuador (SAmerika), 5250 in. Alta Ripa (a. Geogr.)) 1) St. der Ncmetes im belgischen Gallien; jetzt Altrihp, in der Nähe des heutigen Speyer. 2) St. in Niedcrpannonien an der Donau; jetzt Paks. Altarleheu, 1) das Recht, den Geistlichen für einen bestimmten Altar zu bestellen, oder mit den zu einem Alrar gestifteten Gütern und Einkünften zu belehnen; 2) diese Güter selbst. Altarleuchter (Oorvcckvrals, Omräviudrum) ist nuten rund, besser dreieckig, im Mittelalter höchstens 25 om hoch. Beim romanischen A. läuft das Fußgcstell immer nach 3 Seiten u. in geflügelte Greife ans. Seit der Renaissancczcit wurden die A. groß, oft von Silber mit förmlichem Altarschmuck. Altaroche, Marie Michel, französischer Pu- blicist, geb. 18. April 1811 in Jssoire; stndirte in Paris Jurisprudenz n. wendete sich in der Julirevolution der politischen Schriftsteller« für republikanische Blätter zu; seit 1834 war er Mitarbeiter des Charivari und 1837—48 ChefreLacteur desselben; 1848 wurde er als Regierungscommissar 488 Altavilla milica — Altcls. nach dem Dcp. Puy de Dome geschickt u. von dort in die Constituante gewählt, wo er zu der gemäßigten Linken gehörte. Darauf trat er von dem politischen Schauplatze ab u. widmete sich der Verwaltung mehrerer Pariser Theater, des Odeon, der Folies-Nouvelles und des Vergnügnngslocals Cabourg-Dives hervor. Er schr.: Laoüawdrsst iss ecoles 1831, satirisches Gedicht; karis rsvo- Intionnairs, 2 Bde., 1834; (Lansons, 2 Bde, 1835 bis 1836; Lautes cksmocratignss, 1837, Abdruck früher veröffentlichter Zeitungsartikel; ^.vsuturss cks Victor VnAsrob, 2 Bde., 1838; I-a rskorms st In rsvolutiou, 1846, u. mehrere Theaterstücke. Altavilla milica, Flecken im Distr. Termini der italienischen Prov. Palermo, unweit des Meeres, an der Eisenbahn von Palermo nach Girgenti; alte Kirche (1277 von Roger Guiscard gegründet); Thnnfischfang; 3240 .Ew. /llta vitlls (ital.), so v. w. Bratsche. Altbayern, eigentlich das von den alten Baju- varen nach ihrer Vertreibung aus Böhmen bewohnte Land zwischen Lech, Donau n. Alpen; jetzt Bezeichnung der bayerischen Rcgbez. Ober- und Niederbayern. Altchristliche Baustile, s. Baukunst. Altdeutsch hat zum Gegensätze nendeutsch n. bezeichnet also im Allgemeinen Alles, was in Sprache, Sitte rc. dem früheren Deutschen gemäß ist. Der Ansdruck hat aber etwas Schwankendes, je nachdem man das Deutsch faßt. Mitunter ist Ä. ebenso viel wie altgermanisch, so daß es go- thisch, altnordisch, altfriesisch altsächsisch, mittelniederdeutsch, mittclnicderländisch, althochdeutsch, mittelhochdeutsch umfaßt; manchmal aber nimmt man deutsch in dem unszgcläufigcn engeren Sinne, u. begreift unter A. das Althochdeutsch u. Mittelhochdeutsch im Gegensätze zum Neuhochdeutsch. Wo es auf Genauigkeit ankommt, wird man meist die bestimmteren Benennungen verziehen. Altdeutsche Malerschnlc, s. u. Malerei. AltdentscheSchrift, so v. w.Gothische Schrift. Altdeutscher Baustil, s. u. Baukunst. Altdorf, 1) (Altorf) St. (seit 1387) im Bcz.- Amr Nürnberg des bayerischen Rcgbez. Mittel- franken, unweit der Schwarzach; Sitz eines Landgerichtes, altes Schloß, protestantisches Schullehrerseminar im ehemaligen Universitätsgcbäude, ausgezeichneter Hopfenbau (schon seit dem 14. Jahrh.), Bierbrauerei, Fabrikation von Holzwaaren; 3160 Ew. Das 1575 von Nürnberg hierher verlegte Gymnasium wurde 1623 vom Kaiser Ferdinand II. in eine Universität verwandelt, diese aber 1809 aufgehoben u. ihre Fonds u. Gebäude größtentheils zur Gründung des Lehrerseminars benutzt. 7 Im davon bei Weißenbrnnn die Höhle Heidenloch und die an Versteinerungen reiche Teuselsgrube. A., früher Reichsdomäne, ward vom Kaiser Albrecht I. 1299 mit anderen Rcichsgütern an den Grafen Emich von Nassau verpfändet und von Karl IV. 1348 als erbliches Lehen dem Hause Nassau überlassen, das jedoch A. 1360 an Albrecht, Burggrafen v. Nürnberg, verkaufte, welcher es seiner Tochter Anna 1374 bei ihrer Verheirathung mit Herzog Swantibor von Pommern als Mitgift schenkte. Dieser verkaufte A. 1393 an Ruprecht v. d. Pfalz, u. es blieb bei der Pfalz, bis es 1503 im Pfälzischen Kriege von den Nürnbergern erobert wurde, in deren Besitz es durch Vergleich mit der Pfalz bestätigt wurde. Im Kriege mit Markgraf Albrecht d. Gr. von Brandenburg litt A. viel; 1732 wandelten hier viele Salzburger ein. A. ist Geburtsort des Malers Altdorfer u. des Geschichtschreibers Männert. Bgl. Will, Gesch. u. Beschreibung von A.; Ders., Gesch. der Universität A. 2) Df. im Bez.-Amt Ettenhcim des badischen Kr. Freiburg; Schloß des Frciherrn v. Türkhcim (seit 1783), mit botanischem Garten, Münzsammlung und reicher Bibliothek; Weinbau; 1160 Ew. 3) Marktflecken u. Hptort des schweizer Kant. Uri, mit 2724 Ew., schön im Reußthal, zu beiden Seiten des wilden Schächenbachcs und am Fuße des Grünberges (Bannberges) gelegen, dessen Waldungen den Ort gegen Lawinen schützen. Hier soll der Überlieferung nach der berühmte Apfelschuß der Tcllsage stattgcfnnden haben; Gips- denkmal Teils. 1799 brannte der Ort fast ganz ab. In der Kirche Gemälde von van Dyk; Gymnasium, Mädchenschule der Klosterfrauen. Von hier zog Suwaroff am 25. Sept. 1799 über den Kinzig- Paß, weil die von ihm geschlagenen Franzosen alle Schiffe in Flnelcn am Vierwaldstätter-See mitgenommen hatten. Durch das Schächcnthal geht von hier ans der Weg über den Klauscn-Paß (37 üm) nach Stachelbcrg im Kanton Glarus. Altdorfer, Albrecht, Maler, Kupferstecher, Zeichner und Baumeister zu Rcgensbnrg, geb. vor dem Jahre 1480 zu Ältdorf, nach seinem Wappen ans der Rathsfamilie der Ä., die zu Landshut, Abensberg und Regensburg ansässig war, gest. in Regensbnrg 1538; arbeitete in Dürerscher Richtung; ein geistvoller Künstler, dessen Bilder ein poetischer Hauch, reiches Leben, Sinnigkeit und Säuberten charakterisiren. Sein Hanptbild ist: Alexanders Sieg über Darms. Als Kupferstecher wird er der kleine Dürer genannt. Als Baumeister trug er viel dazu bei, 1529—30 Wien gegen die Türken zu befestigen; von ihm waren die Ostenbastei, die Kreuzbastei und die Eiscngrcd, wo Eisengeräthe u. Geschütze ausbewahrt wurden. Altea, St. in der spanischen Prov. Alicante (Valencia), am Meere; Ankerplatz, Wein- nnd Seidenbau, Fischerei; 5200 Ew. Alte Feste (Attenberg), Berg mit zerfallender Burg im Bez.-Amt Nürnberg des bayerischen Kreises Mittelfrankcn, bei Zllrndorf, wo Wallenstein 1632 sich verschanzte n. gegen König Gustav Adolfs Stürme behauptete; s. Dreißigjähriger Krieg. Alte Land, Marschland an der Elbe, in der preußischen Prov. Hannover zwischen Stade und Buxtehude, 206 Hsüm (3,7-, UM), ein im 12. Jahrh. durch Mederländer ansgetrocknctcr Sumpf; die Bewohner treiben blühenden Ackerbau, Viehzucht, Schifffahrt und Handel, sind treffliche Seeleute u. haben besondere Sitten u. Gebräuche. Altelbe, mehrere todte Elbarme, früher Thcile des Hanptstromes, so bei Magdeburg rc.; in ähnlicher Weise: Altdonau, -Oder, -Weser, -Weichsel, -Rhein. Altcls, Jurakalk-Hochgipfel der westlichen Berner-Alpen, 3634 in, unmittelbarer Nachbar des Balmhornes, östl. vom Gemmipaß, ganz im ewigen Schnee; zuerst im Jahre 1834 Lurch Landleute von Frutigen bestiegen. 489 Alten — Alten, m Hannover in Sachsen ansässige alte Familie lutherischer Konfession, die seit dem 13. Jahrh. urkundlich vorkommt, seit dem 15. Jahrh. in die Ncnstädter und Wilkcnbnrger Linie gethcilt und seit 1815 nach dem Rechte der Erstgeburt in den Grafenstand erhoben ist. Graf Karl August, aus der Wilkenbnrger Linie, geb. 20. Oct. 1764 in Bnrgwedel; wurde 1776 Page, 1781 Fähnrich, 1785 Lieutenant der Fnßgardc, 1790 Oberadjntant des Fcldmarschalls von Reden, 1793 des Fcld- marschalls von Freitag, zeichnete sich bei F-amars und Hondschooten, sowie bei der Belagerung von Valcncienncs aus u. schlug sich 1794 als Hanpt- mann mit der Besatzung von Menin durch. Im Jahre 1795 war er Major, 1800 Obcrstlieutenant, ging nach der Kapitulation der hannoverischen Armee zu Lancnbnrg nach England, ward dort 1803 Oberstlicutenant in der englisch-deutschen Legion, führte 1805—1806 als Oberst die Leichte Brigade und die Vorhut der Expedition nach NDeutschland n. wohnte später den Expeditionen nach Rügen und Kopenhagen bei. 1808 ging er als General nach Portugal, deckte dort mit seiner Brigade den Rückzug des Generals Moore nach Koruna, befehligte 1809 die Leichte Brigade bei Walchcrcn n. vor Blissingen u. commandirte, nach England znrückgekehrt, die in Snssex stationirtcn Truppen. 1811 ging er mit der Leichten Brigade wieder nach Portugal und nahm unter Beresford an der Belagerung von Badajoz und an der Schlacht von Albncra thcil. 1812 befehligte er von Ang. bis Oct. ein combinirtes Corps in der Nähe von Madrid und nahm dann 1812—1814 an fast allen Schlachten, Vitoria, Nivellc, Toulouse, thcil. 1814 Gencrallientenant, focht er als Com- mandeur einer Division der Wcllingtonschen Armee 1815 bei Quatrebras, trug dann nüt seinen Truppen viel zur Entscheidung der Schlacht bei Waterloo bei und wurde selbst schwer verwundet. Er ward 1815 in den Grafcnstand erhoben u. avancirte zum General der Infanterie, erhielt dann das Commando des hannoverischen Kontingents in Frankreich und ward nach seiner Rückkehr Kriegsministcr, Minister des Auswärtigen u. Generalinspector der Armee; nach der Thronbesteigung des Königs Ernst August 1837 legte er das Ministerium des Auswärtigen nieder und behielt 'nur das Kriegsministerium bei. Er st. 20. April 1840 auf einer Reise in Botzen; 1849 wurde ihm in Hannover ein Denkmal errichtet. Altena, 1) Kreis des Regbez. Arnsberg in der preußischen Provinz Westfalen, 663 s^Icin (12,il M), mit 56,910 Ew.; gebirgig durch das Ebbcgebirge, durchflossen von der Lenne; mit geringem Ackerbau, aber bedeutender Viehzucht, Bergbau auf Eisen n. Kupfer, ein Hanptsitz der Drahtzieherei n. Messingfabrikation, starke Industrie in Eisen- und Stahlwaaren, deren Fabrikationswerth 7^ Mill. Thaler erreicht. Die Bcrgisch-märkischc Bahn (Hagen-Siegen oder die Ruhr-Sicg-Bahn) n. die Zweigbahn Hagen-Brügge durchziehen den Kreis. 2) Stadt darin in einem tiefen Thal, am Einfluß der Nette in die Lenne und an der Ruhr-Sieg-Bahn; Sitz des Krcisamtes; 3 Kirchen, altes Schloß auf der Wnlfsegge, Stammhaus der Grafen von A., welche schon 967 zur Mtenbcrg. Zeit Ottos d. Gr. urkundlich Vorkommen n. deren Besitz unter Adolf III., 1198—1249, an die Graf schaft Mark überging; jetzt Heil- u. Pflegcanstalt des Johanniterordcns mit 100 in tiefem Brunnen; bedeutende Fabriklhätigkeit in 14 Drahtziehereien, 7 Drahtnägel-, 11 Eisen-u. Stahlwaaren- (Ahlen, Nieten, Klavierstifte, Schnallen rc.), 5 Ketten-, 7 Messingwaaren- (Fingerhüte rc.), 5 Nadel- n. Angelhakenfabriken, Neusilberwaaren-, Bronze- u. Knopffabriken, mehrere Eisen- n. Stahlwalzwerke; 7164 Ew. In der Nähe von A. bei der Station Werdohl Ruinen von Haus Pungelscheidt, Stamm Haus der Familie Nenhof, ans welcher der bekannte Baron Theodor stammte, den die Corsicancr 1736 zn ihrem König wählten. Altenahr, Flecken im Kreise Ahrweiler des preußischen Regbez. Koblenz, in pittoresker Lage, links an der Ähr; Weinbau; 800 Ew. Hier Burgruine A., Stammhaus der Grafen von Are, später der Grasen von Hochstaden, im 12. Jahrh. erbaut; wurde 1689 den Franzosen durch Kapitulation übergeben, im Spanischen Erbfolgekriege zerstört. Dabei das sogenannte Kreuz mit prachtvoller Aussicht; in der Nähe Blei- und Eisengrubcn. Vgl. Mönch, A. und seine Umgebungen, Linz 1867. Altenau, Bergstadt im Kreise Zellerfeld der Landdrostei Hildesheim (preußische Prov.Hannover), im Oberharz, an der Ocker; Bergbau n. Hüttcn- betrieb auf Silber (jährlich 15,000 Mark), Blei (40,000 Ctr.), Kupfer (8000 Ctr.) und Vitriol (10,000 Ctr.), ehemals auch auf Eisen; 2175 Ew. Altenbeken, Dorf im Kreise Paderborn des preußischen Regbez. Minden, an der Bete in einem Thal der Egge, Knotenpunkt der Han- nover-Altenbekener, der Westfälischen Eisenbahn u. der Zweigbahn A.-Holzminden; 1250 Ew. Dabei Eiscnsteingruben n. Eisenhütte n. der Bnllcrborn, eine mit Gepolter bald stärker, bald schwächer hcr- vorsprndelnde Quelle. Altenberg, 1) Bergstadt in der Amtshanpt- mannschaft Freiberg des sächsischen Regbez. Dresden, zwischen dem Kahlen- und Geisingberge; Gc- richtsamt, Bergamt, Bergschule, ergiebigstes Zinn bergwerk Deutschlands, seit 1458 betrieben (liefert jährlich gegen 2500 Ctr. Zinn, außerdem Wi§- muth, Arsen rc., Spitzcnklöppclei, Strohflechterei, Holzwaaren- und Cigarrcnfabrikation; 2352 Ew. Hier 30. Ang. 1813 Gefecht zwischen den Russen n. Franzosen; dabei die Oberförstern Hirschsprnng u. das Jagdschloß Bärenbnrg. 2) Df. im Kreise Mülheim des preußischen Regbez. Köln, an der Dhüne; Strickgarnspinnerei. Vormals Schloß und Stammsitz der Grafen von Berg (s. d.), vom Grafen Eberhard v. Berg 1133 in ein Kister cienserkloster verwandelt, in das der Stifter nebst seinem Bruder Adolf III. selbst eintrat. Der erste Abt war Bernon, der 57. und letzte Joseph Gräff aus Köln; in der herrlichen, 1255 gegrün deten Kirche (der Bergische Dom genannt, ein Meisterwerk der gothischen Baukunst, im Stil des Kölner Doms, 118 m lang, 63 m breit, 30 m hoch) sind viele belgische Grafen und Hcrzöge (zuletzt 1511 Wilhcln III.) beigesetzt. 1803 wurde das Kloster aufgehoben, kam an Bayern n. wurde 1806 an einen Privatmann verkauft, der eine Fabrik darin anlcgte; seit 1819 gehört es dem 490 Altenberga - Freiherr» v. Fürstcuberg (1815 abgebrannt, 1817 wiederhergestellt); die Kirche, seit 1847 van König Fr. Wilhelm IV. erneuert, ist jetzt die Pfarrkirche für Odcnthal. Bgl. Schimmel,- Die Cistercicnser- abtci A., Münster 1832; Zuccalmaglio, A. im Dhiinthal, Köln 1848; Momanns, Das Kloster A. im Dhiinthal, Elbcrf. 1851. 3) Galmcilagcrstätre u. Grube in einem 1815 neutral erklärten Landstrich zwischen den Kreisen Aachen n. Eupen der preußischen Rhcinprovinz und der belgischen Provinz Lüttich; früher mir sehr bedeutender Förderung, jetzt fast ganz erschöpft. Die dortigen Etablissements bildeten neben älteren belgischen Hütten den Besitzstock der neuerdings in ganz Europa verbreiteten Bergwerks- u. Hültcngescllschaft Vioillo NoiUagnv, domicilirt zu Angleur bei Lüttich. Die politische Bezeichnung der ans dem Allenberg angelegten Ortschaften ist Morcsnet; man unterscheidet: Preußisch-, Neutral-, Belgisch Morcsnct. Verhandlungen über die Aufhebung der 'Neutralität und über Gebictslheünng zwischen Preußen und Belgien schweben noch. Altcnücrga, Dorf im Amte Wackershausen, Hcrzogrhnm Gotha; 320 Ew. Dabei Berg, auf welchem die Johanniskirche, als älteste Kirche Thüringens, angeblich von Bonifacins als Kapelle 724 erbaut, an deren Stelle 1041 von Ludwig mit dem Bart eine Kirche errichtet und 1811 ein 0 m hoher Candclaber ausgestellt wurde. Bergt. Polack, Der Thüringische Candelabcr, Gotha 1855. Altcnberge, Df. im Amte Kahla desHerzog- thnms Altcnburg; 270 Ew.; Schloß. Hier im Juni 1704 Convent der stricken Observanz der Freimaurer, wo der Betrüger Johnson durch den Freiherrn v. Hund entlarvt wurde; s. Freimaurerei. Altcnbochmn, Dorf im Kreise Bochum des preußischen Regbcz. Arnsberg; Dampfmahlmühle, Kohlenbergbau; 2000 Ew. Altenbruch, Flecken an der Werne, im Amte Otterndorf der Landdrostei Stade (preußische Prov. Hannover); Handel, Hafen; 2160 Ew. Die Stände von Hadeln versammelten sich sonst jährlich hier unter freiem Himmel. Nltenbnrg, 1) Herzogthnm A., s. Sachsen- Altcnburg. 2) Haupt- n. Residenzstadt des Herzogthums an der Sächsisch bayerischen und Zeitz- Altenbnrger Eisenbahn, schön gebaut, doch mit steil ausgehenden Straßen; Sitz der obersten Landesbehörden, des Kreishanptmanns, der Landesbank, zweier Gerichlsämrer über 158 Ortschaften. Das herzogliche Residenzschloß, nördlich von der Stadt auf einem Porphyrfclsen, ist eines der größeren Deutschlands; die Schloßgcbände sind zu verschiedenen Zeiten (nach dem Brande von 1444, 1518, 1606—1609) aufgeführt, seine jetzige Gestalt erhielt das Schloß 1706—1744; die Brände vom 24. Ang. 1864 u. 30. Sept. 1868 zerstörten mehrere Flügel, welche indeß schöner wieder anf- gcbant wurden (der sogenannte Saalflügcl mit dem prachtvollen großen Saal, auf rothen Marmorsäulen ruhend, mit Fresken von Meßdorf); die Schloßkirche, im spätgothischcn Stil 1410 n. 1411 erbaut, wurde 1413 durch Wilhelm den Reichen zu einer Collegiatstiftskirche (St. Georgenstifr) erhoben, hat im Chor reiches Holzschnitzwerk n. das Grabmal der Knrfürstin Margarethe, der Stamm- Aitcuburg. mutter des sächsischen Regenlenhauses. An öffentlichen Gebäuden sind außerdem 5 Kirchen der Stadt (darunter die 1089 gegründete Hauptkirche St. Bartholomäi u. 1 katholische) bcmcrkcuswcnh. Die Rothen Spitzen (ehemaliges, 1172 vom Kaiser Friedrich l. gegründetes, 1533 aufgehobenes Angustincrmönchsklostcr, von dessen Kirche noch die zwei im romanischen Stil erbauten, 1872 reno- virten Thürme stehen, welche jetzt zur Aufbewahrung des Staatsarchivs dienen), das Rathhans (1562—1564 erbaut), das Gymnasium, die Landesbank, das Theater (1871 eröffnet), das Museum (1872—1874 erbaut, mit den v. Lindenau- schen, dem Staate geschenkten Sammlungen an altitalischcn Originalgemälden, Gipsabgüssen und römischen Altcrrhümern, den Sammlnnger der natnrforschcnden u. der alterthumforschcndcn Gesellschaften). Das Friedrichs-Gymnasiu» (Josephinum), Schullehrcrseminar (1787 gegründet), Realschule,Handelsschule, naturforschendc, geschicht- nnd alterthu.nforschende Gesellschaften, Gewerbe- Verein, Knnstvcrcin, herzogliche Bibliothek von 50,000 Bdn. Zwei Hospitäler. Schöne Prcmr- naden im Schloßgarten, sowie in den sich daran anschließenden Anlagen und besonders auf dem südlich vor der Stadt den großen Teich umgebenden Damm mit Kastanien- und Lindenalleen, der Gottesacker mit der 1840 im gothischen Stil erbauten Fürstcngrnft. Freimaurerloge (Archimedes zu den 3 Reißbrettern, eine der ältesten in Deutschland, gestiftet 1742), Gründerin einer Spaarkasse; die Industrie A-s erstreckt sich auf Cigarren, bunte wollene Strickgarne, Handschuhe, Bürsten, Hüte, Ziehharmonikas, Glas, Spiegel, Maschinen, Gcld- schränke, Fässer, Möbel, Glacepapicr, Messing- waaren, Spirituosen, Chemikalien, künstliche Mineralwasser, Spielkarten, Porzellanmalerei, Holzschnitzerei, Bierbrauerei; in der Nähe bedeutende Braunkohlcngruben; lebhafter Handel: besonders Wechsel- u. Transitgeschäft, Getreidehandel, große Buchdruckerei (Piercrsche Hofbuchdrnckerei); 19,966 Ew. — Das A-er Schloß ist wahrscheinlich im 9. oder 10. Jahrhundert gegründet und wurde unter den Hohenstaufen Reichsbnrg; die Umgegend war Reichsland n. von kaiserlichen Burggrafen (s. n. 3) verwaltet, die nebst dem Pleiß- nifchen Landrichter n.den Bnrgmännern ihre Wohnung auf dem Schlosse hatten. Die hohenstansischen Kaiser kamen oft nach A., besonders Friedrich Barbarossa. Kaiser Friedrich II. verpfändete A. nebst Chemnitz u. Zwickau dem Markgrafen Heinrich dein Erlauchten v. Meißen als Mitgift seiner Tochter Margarethe, die noch als Kind mit Heinrichs Sohn, Albrecht dem Unartigen, verlobt ward, n. Heinrich nahm um 1253 für seinen Sohn von A. Besitz. Albrecht der Unartige n. seine Söhne behielten A., immer um den Besitz hadernd, und Albrecht nahm sein Hoflager oft in A. Nach seinem Tode übernahmen die Markgrafen v. Meißen die Provinz, bis 1290 Rudolf von Habsbnrg A. und den Plcißcngau wieder einlöste. 1202 verpfändete Kaiser Adolf A. an den König Wenzel von Böhmen. Seit der Schlacht bei Lucka, 1307, blieb A. beim Hause. Meißen: doch erst 1329, als der letzte Burggraf von A., Albrecht IV., gestorben war, erhielt Friedrich der Ernsthafte von dem Altruburg — Altuihvf. 491 Kaiser Ludwig A. in Lehen. Später war A. oftVich, allein sic waren Beide in den Deutschen Or- AufenthaltBkeißnischcr Plarkgrasen,n. Friedrich der; den getreten, und der Erstcre wurde Hoch- und Strenge (1381), Wilhelm der Reiche (1113) und! Deutschmeister in Prcntzen, 1331 dis 1361 (s. Friedrich der Streitbare (1128) starben hier. 113tsi Preußen), daher folgte ihm sein Oheim Dietrich II-, wurde A. von den Hnssircn eingenommen u. inlLllbrcchtS II. 2. Sohn; dieser st. 1301, gefolgt Brand gesteckt, nur das Schloß blieb erhalten. 1115 von seinem älteren Sohne Albrecht IV., der bei kam cs durch Erbtheilnng an die Kurfürsten von dem Markgrafen Friedrich von Meißen in großem Sachsen, welche zeitweilig hier Hof hielten. In! Ansehen stand. Da Albrecht IV. 1320 ohne der Rächt vom 7./8. Juli 1155 führte Kunz von Kaufungen hier den sogenannten Prinzenraub (s. d.) aus; Margarethe von Österreich erhielt A. als Wittthnm n. st. 1486,Laselbst. Anfangs Jan. 1519 hier Unterredung zwischen Luther und dem väpst- ichen Kämmerer von Miltitz über den Ablaß. Die Reformation wurde in A. 1522 eingcsührt, besonders durch Spalatin, welcher hier Domherr n. seit 1525 Oberpfarrer u. Superintendent war. Ans dem hiesigen Rathhanse Collogninm zwischen den kurfürstlichen und herzoglich sächsischen Theologen wegen Beilegung der majoristiichen, synergistischen n. adiaphoristischen Streitigkeiten (21.Oer. 1568 bis 9. März 1569). Am 13. Fcbr. 1640 männliche Nachkommen starb, kamen seine Erbgüter an den Burggrafen Otto von Lcisnig, den Gemahl seiner Tochter Elisabeth, die Bnrggras- schaft aber, als erledigtes Reichslchcn, siet an den Landgrafen Friedrich den Ernsthaften von Meißen (Herrn von Rochsbnrg). Vgl. Braun, Geschichte der Burggrafen von A., Altenb. 1868. Altenburst (andere Orte): 1) (Deutsch A.) Df. an der Donau, im Bez. Bruck des österreichischen Landes unter der Enns; har Schloß mit Museum hier gefundener Allenhümer, schöne gothische Kirche, warme Schwefelbäder von 21" II., die schon von den Römern benutzt wurden; 810 Ew.; ist das römische Carnntnm. 2) (Ungarisch-Ä., ungarisch: Erbvertrag zwischen den Herzogen Albrecht und, Magyar Ovar, slaviich: Stare Hrady, früher Moos- Ernst von Weimar u. Friedrich Wilhelm II. von A., wodurch der letztere die kobnrgischen Lande erhielt. Da 1603 A. ein selbstständiges Herzvg- thum wurde, so residirten die Herzöge der älteren Linie Sachsen A. bis zum Ansstcrben dieser Linie, 1672, auf dem Schlosse zu A.; s. Sachsen. Als das an Gotha gefallene A. nach dem Tode des Herzogs Friedrich IV., 1825, als Herzogthnm A. an den Herzog von Hildburghansen kam, wurde A. seit 1826 wieder Residenz der neuen Alten- bnrgisckcn Linie; s. cbd. Unweit A. am 28. Sept. 1813 Gefecht zwischen den Russen n. Österreichern unter Plaww und den Franzosen unter Lcfebvre, der besiegt wurde. Am 11. und 15. Oct. 1813 war hier das Hauptquartier des Kaisers Alexander und der Generäle der großen Böhmischen Armee. Im Septbr. 1830 demokratische Unruhen, welche sich im Jahre 1818 in größerem Maßstabe wiederholten; s. ebd. Vgl. Huth, Geschichte der Stadt A. zur Zeit ihrer Reichsnnmittelbarkeit, Altenb. 1829; I. Lobe, Beschreibung der Residenzstadt A., cbd. 1811, 2. A. 1818; Braun, Die StadtA. in den Jahren 1350—1525, cbd. 1872; M. Löbc, Die herzogliche Schloßkirche in A., ebd. 1873. 3 ) Die Bnrggrafschaft A. Bormals war in A., als einer kaiserlichen Stadt, ein bloßer Castellan, dem jedoch im 12. Jahrh. außer den militärischen Functionen auch noch die Gerichtsbarkeit und die polizeiliche Aufsicht über die Stadt anvertranl wurde. Die A-er Burggrafen waren mit denen zn Leisnig verwandt», besaßen Pcnig, Rochsbnrg, Flößbcrg, Frohbnrg :c. Der erste derselben war Heinrich I., er kommt 1172 urkundlich vor n. st. um 1200; sein Sohn Dietrich I. hielt es in dem Streite zwischen den Kaisern Philipp u. Otto mit dem Ersteren und st. vor 1210; sein Bruder Al- brccht I. verließ nach der Wahl des Kaisers Friedrich die Partei Ottos IV. u. brachte große Opfer bürg oder Mösebnrg), Marktflecken im ungarischen Comitat Wiesclbnrg, an der Leitha n. Donau; Sitz der Comitatsbehörden, altes Schloß, Colleg der Plansten (seit 1736), katholisches Untergymnasinm, vom Herzog Albert von Sachsen-Teschen 1818 gestiftete landwirthschaftliche Lehranstalt, Knnstmnhlc, Spiritnssabrik, Merinoschäferei; 3150 Ew. Hier im Juli 1809 die ersten Friedensbesprcchnngcn zwischen Frankreich (Champagny) und Österreich (Metternich und Nugcnt); die späteren Unterhandlungen führten Marct n. Bnbna, wo,auf am 11. Oct. der Friede von Zchönbrnnn zn Stande kam. Altenburger Bauern, die Landbewohner des Ostkreijes des Herzogthnms Sachsen - Altenbnrg; zeichnen sich durch besondere Tracht (namentlich beim weiblichen Geschlechte höchst barock) u. Sitten aus n. sind wahrscheinlich gcrmanisirte Wenden. Vgl. Kronbiegel, Sitten u. Gebräuche, Trachten, Mundart rc. der A. B., 3. Anfl. von Hempel, Altenb. 1839; Ulbrich, Volksklänge in Altenburger Mundart, 2. Anfl., Zwickau 1861. Altcndorf, Df. im Kr. Bochum des preußischen Regbez. Arnsberg; Burgruine, Kohlenbergbau (über 3i Mill. Scheffel jährlich), Dampf- mahlmühlc, Tabakfabrik; 2011 Ew. Altenesch, Pfarrdf. im oldcnbnrgischcn Amte Berne, an der Weser; alte Kirche von 1299, Denkmal (seit 1831) zur Erinnerung an den hier erfochtenen Sieg der Krenzherrcn über die Stedin- ger (6. Juni 1231). Altencfsen, Ort im Kr. Essen des preußischen Regbez. Düsseldorf, ander Köln-Mindeneru. Rheinischen Eisenbahn; bedeutender Kohlenbergbau zlö^ Mill.Scheffel jährlich); in derGemeiiidc 10,100 Ew. Altcnglischcs System, eines der beiden Systeme der englischen Freimaurerei, welche sich erst 1813 vereinigten; s. Freimaurerei. Altenheim, Df. im badischen Amtsbezirke n. im Dienste des Kaisers; er st. 1228: sein SohittKreise Offcnburg; Getreide-, Hanf-, Tabak-, Ei- Albrecht II. zwilchen 1263 n. 1275, dessen ältester l choricn- n. Flachsbau; 2125 Ew. Sohn Albrecht Iil. 1279. Auf Albrecht III.! Altenhos, Df. im Kr. Eckernförde des prcu- folgte sein ältester Sohn Heinrich II., der 1291 st.; Huschen Regbez. Schleswig, an der Südseite dcs zwar hatte er noch zwei Brüder, Dietrich n. Hein-, Eckernsörder Meerbusens; 510 Ew. Hier am 21. M W -192 Attenkirchen April 1848 Gefecht zwischen deutschen u. schleswigholsteinischen Freischaaren (Wasmcr, Ranzau und v. d. Tann) u. den Dänen, wobei letztere zurückgedrängt wurden. Altenkirchen, 1) Df. auf der Insel n. im Kr. Rügen des preußischen Regbez. Stralsund; 730 Ew. Hier war der Dichter Kosegarten 1792 bis 1808 Prediger. 2) Kr. im preußischen Regbez. Koblenz; 650 ssIem Hl1,gl HsM) mit 55,603 Ew.; vom Westerwald durchzogen (höchster Punkt der 500 m hohe Druidenstein) und von der Wied u. Sieg mit Niester und Helder durchflossen; wenig fruchtbar, aber reich an Eisenerzlagern. Die Köln- Mindener Bahn (Deutz - Gießen und Betzdorf- Siegen; 36,n Irin) dnrchschneidet den Kreis. Darin 3) Marktflecken an der Wied, früher Hanptort der ehemaligen Grafschaft Sayn-A.; Kreisamt, Kreisgericht, 2 Kirchen, mehrere Eisenstein- und Bleierzgrnbcn; 1700 Ew.; dabei Papier- und Stärkefabrik. Schon im 12. Jahrh. gehörte A. den Grafen von Sayn, kam 1294 an die ältere Linie Sayn, 1641 durch Verheirathung der Tochter des letzten Grafen Ernst mit Johann Georg von Sachsen-Weimar-Eisenach an diesen, weshalb die eingefllhrte Linie den Namen Sayn-Wittgenstein- A. annahm; ging 1741 an den Markgrafen von Brandenburg-Ansbach über und kam 1791 an Preußen, 1802 an Nassau-Usingen, aber 1815 an Preußen zurück. Bei A. im Französischen Revo- lntionskriege am 4. Juni 1796 Gefecht zwischen den siegreichen Franzosen unter Kleber und den Österreichern unter Prinz Ferdinand, wogegen 19. Sept. 1796 Jourdan vom Erzherzog Karl hier geschlagen wurde. Altenkirchcr, Johann, Pseudonym für Joh. Michael Schmidt. Altenötting, s. Altötting. Altensalze, Df. im Kr. Kalbe des preußischen Regbez. Magdeburg an der Stadt Großsalze; Salzquellen mit Gradirhäusern, ans welchen das Salzwerk in Schönebeck mittels einer 2200 in. langen Röhrenleitung mit Soole versehen wird; 930 Ew. Altcnsteig, St. an der Nagold im Obcramte Nagold des württembcrgischen Schwarzwaldkreises; Forstamt, gewerbliche Fortbildungsschule, großartiges Schloß über dem Ürte; Wollspinnerei, Tuchfabrik, Knnstmllhle, Gerberei, bedeutender Holz- u. Viehhandel; 2400 Ew.; kam 1603 an Württemberg. Altenstein, herzogliches Schloß im sachsen- meiningischen Bez. Salzungen; ehemals Burg der Gangrafen des Grabfeldes, an deren Stelle 1580 ein Schloß gebaut wurde, welches das Geschlecht der Hundt u. Wenkhcim zu Lehen trug; nach dem Ansstcrben derselben kam A. 1722 an die Herzöge von Sachsen-Meiningen; 1733 brannte das Schloß ab, 1736 wurde durch Herzog Anton Ulrich das jetzige erbaut und durch die Herzöge Georg u. Bernhard seit 1798 der Park (mit Kapelle, Tenfclsbrückc, chinesischem Häuschen rc.) angelegt. Nordöstlich davon die Luthersbnche (,1841 durch einen Sturm zerstört n. nur noch in Überresten vorhanden), mit Denkmal (seit 1857), an der Stelle, wo Luther am 4. Mai 1521, von Worms znrückkehrend, anfgegriffen wurde, um auf die Wartburg in Sicherheit gebracht zu werden. — Altmistmi. Südlich davon die Glücksbrnnner Höhle, eine 1799 entdeckte, 150 m lange Kalksteinhöhle mit einem unterirdischen See. Altenstein, Karl, Freiherr vom Stein zum A., preußischer Staatsminister, geb. 7. Oct. 1770 zu Ansbach; studirte zu Erlangen u. Göttingen, begann den Staatsdienst als Referendar bei der Kriegs- und Domänen-Kammer zu Ansbach, ward 1799 von Hardenberg nach Berlin berufen, zum Vortragenden Ministcrialrath ernannt n. kam wenige Jahre darauf als Geheimer Ober-Finanz-- rath in das General - Directorinm. Nach der Schlacht bei Jena (1806) folgte er dem König nach Königsberg, u. nach dem Rücktritte Steins (1808) trat er als Finanzminister an die Spitze der Verwaltung. In dieser Stellung hatte er zu gleicher Zeit die Forderungen des Feindes zu erfüllen und für die Bedürfnisse der Heimath zu sorgen; als er aber in seiner Ratlosigkeit zu dem Schlüsse kam, daß der Verkauf Schlesiens das einzige Rcttnngsmittcl aus der Noth sei, übertrug der König nach Befragung Hardenbergs diesem durch die Verordnung vorn 7. Juni 1810 die Leitung der Staatsangelegenheiten, n. das A-sche Ministerium ward aufgelöst. A. lebte darauf in Schlesien als Privatmann den Wissenschaften und ward 1813 zum Civilgouvernenr dieser Provinz ernannt. 1815 leitete er zu Paris mit W. v. Humboldt die Reclamation der von den Franzosen aus Preußen wcggeführten Kunst- u. Literaturschätze. Die bedeutendste Epoche seines Lebens begann 1817 mit seiner Ernennung zum MMWe des nengebildetcn Ministeriums der geistlichen, Unterrichts- u. Medicinalangclegenheiten. Seine philosophische Bildung n. sein Bestreben, zwischen Glauben u. Wissen, Religion u. Philosophie eine vermittelnde Stellung cinzunehmen, versprachen ihm eine große Zukunft. In der That legte das Gesetz vom Jahre 1819 über den gcsammten Volksnntcrricht den Grund zu der bedeutenden Entwickelung des preußischen Schulwesens. Für die Förderung seines Versöhnungswerkes zwischen Wissen u. Glauben auf den Universitäten berief er Hegel nach Berlin. Das Werk der Union zwischen den protestantischen Kirchen hoffte er durch die Agende, die er im Jahre 1830 für die ge- sammte evang. Kirche cinführen ließ, dauernd zu befestigen. Allein schon 1830 erhob sich gegen die allgemeine Geltung der Agende unter Scheibel n. Huschke in Breslau die Opposition der Lutheraner, welche darum anhieltcn, daß ihnen die Ausübung ihres Gottesdienstes nach alter Weise gestattet würde. Mit großer Strenge verfocht A. die Anfrechterhaltung der Agende u. setzte gegen die lnth. Bewegungen einen Kriegszustand fort, der erst nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. aufhörte. Ebenso wenig gelang es ihm, auf dem Boden des Katholicismus eine Ausgleichung zwischen den Anforderungen Roms und den Ansprüchen der Staatsregierung in Bezug auf die gemischten Ehen und auf die durch den Bonner Professor Hermes vertretene freie Untersuchung der Dogmen dnrchzusetzen. Der nach dem Tode des versöhnlich gesinnten Erzbischofs von Köln, Grafen Spiegel, am 1. Decbr. 1835 zum Erzbischof gewählte Freiherr von Droste-Bischering 493 Altcnthcil hielt sich an die strenge Observanz in Bczng ans die gemischten Ehen n. brachte Las päpstliche Ber- darnmungsdecret vom 20. Scpt. 1835 gegen den indeß verstorbenen Herines zur Ausführung. A. wandte gegen ihn die Mittel der Staatsgewalt an, n. der Erzbischof ward am 30. Nov. 1837 nach Minden gebracht. Mit gleicher Entschiedenheit brachte A. gegen den Erzbischof von Posen und Gnesen, Martin von Dnnin, der sich gleichfalls an die päpstlichen Erlasse in Betreff der gemischten Ehen hielt, die Staatsgesctze zur Anwendung n. ließ ihn, als er die Verhandlungen zu Berlin Lurch die Flucht nach Posen (am 3. Dec. 1830) unterbrach, nach Kolberg schaffen. Mitten in diesen Kämpfen, und während durch das selbstständige illustreren einer jüngeren Hegelschen Fraktion der Friede zwischen Glauben n. Wissen auch innerhalb der Hegelschen Schule und auf den Universitäten unterbrochen war, starb A., 14. Mai 1840. Tief- wissenschaftliche Bildung, rastlose Thätigkeit paarten sich in ihm mit seltener Bescheidenheit n. großer Charakters estigkeit. Altcnthcil (Ausgedinge, Auszug, Leibgcdinge, Leibzucht, Pfründe) ist der Inbegriff der vermö- geusrechtlicheu Bortheile, welche der Baucrngnts- besitzer bei Abtretung des Gutes an den Anerben, oder bei audermcitcr Veräußerung für sich persönlich, oder auch im Falle seines Todes für seine unversorgten und hiljsbcdnrftigen Familiengticdcr (Ehefrau, Kinder) ausbcdingt. Inhalt des A-s- rechres Pflegt vor Allem das Recht auf freie Wohnung in einem bestimmten Hause oder Thcil des Haupthauses, Bezug gewisser Naturalien, auch wol von baarem Gelde zu sein. Der A., bezw. dessen Bestellung, beruht in der Regel aus freier Vereinbarung der beiden Betheiligten; nur für bestimmte Fälle ist dessen Einräumung durch das Gesetz selbst begründet. Bei abhängigen Bauerngütern hat die Gutshcrrschaft die Genehmigung zu erthcilen. Auch findet sich partikular- rechtlich, daß die A-s-Verträge gerichtlich oder von einer Verwaltungsbehörde (z. B. in der Provinz Hannover) bestätigt werden müssen. Die Größe des A-s richtet sich nach Leistungsfähigkeit und .Größe des Gutes, wenn nicht schon überhaupt durch Vertrag ein Bestimmtes festgcstellt ist; doch ist durch die Gesetzgebung meist zur Verhinderung der Übcrbürdnng eines Gutes ein Maximum des A-s festgesetzt. Der A. ist eine dingliche Last des Pflichtigen Gutes n. geht beim Verkaufe auf den neuen Besitzer über. War der A-er beim Antritt des A-s verheirathet, so behält in Ermangelung anderer gesetzlicher oder vertragsmäßiger Bestimmungen nach dem Tode des einen Ehegatten der überlebende den ganzen A., sofern er untheilbar ist, von dem theilbarcn nur die Hälfte. Der Witt- wer gewordene Auszügler kann wieder heiralhen u. die Frau mit in die Wohnung nehmen, auch die aus dieser Ehe stammenden Kinder bei sich behalten, sofern er nicht nur Mitbenutzung der Wohnung des Eigcnthümers, sondern getrennte Räume als A. hat. Ans dem A-svcrtrage Habens ber die zweite Ehefrau u. deren Kinder für sich keinerlei Rechte; solche könnten nur durch einen neuen Vertrag zwischen dem A-er u. dem Besitzer des Pflichtigen Gutes entstehen. — Alter. l Altenwerder, Halbinsel mit Df. an der Elbe !im Amte Harburg der Landdrostei Lüneburg (preußische Provinz Hannover); Obst- u. Getreidebau, Schiffswerft; 1715 Ew. Im Juli 1872 große Fenersbrunst. Altenzclle, Staatsgut im Gerichtsamte II. bei Nossen des königl. sächsischen Regbcz. Dresden, an der Freibergcr Mulde; mit großer Schäferei und Park. Dabei die Ruinen des gleichnamigen Ci- stcrcicnscrklosters, ursprünglich Maricnzellc und erst später im Gegensätze zu dem 1243 gestifteten Cistcrcienscrklostcr Nencnzelle im Kreise Guben so genannt; dasselbe wurde 1102 vom Markgrafen Otto dem Reichen von Meißen gestiftet u. 1175 mit Mönchen ans Kloster Pforta besetzt; rühmlich bekannt durch Len wissenschaftlichen Sinn seiner Mönche im 13. u. 15. Jahrh., die eine blühende Klosterschnle hier unterhielten, fleißig Bücher ab- schricben n. die bedeutendste Bibliothek in Sachsen sammelten (besonders durch Abt Martin v. Lochau 1403—1522 vergrößert, die Mauuscripte kamen nach der Säkularisation in die Leipziger Universitätsbibliothek, das Archiv nach Dresden); hier ist auch das (siirouicon Votvro-Oollonss musus n. Llironioon minus (im 2. Bd. von Menckcns Leriptt. rsrnm Zermun.) geschrieben. In der Klosterkirche u. der 1347 vom Markgrafen Friedrich dem Ernsthaften erbauten Bcgräbnißkapelle sind die Angehörigen der markgräflichen Familie von Otto dem Reichen bis auf Friedrich de» Streitbaren und dessen Gemahlin bcigcsetzt. Die Gruft wurde nach der Säkularisation des Klosters 1544 beibchalten, bis sie 1500 nebst der Kirche abbrannte; erst Kurfürst Friedrich August III. unternahm 1787 wieder den Aufbau. Bcrgl. Martins, Altenzclle, Freib. 1822 f., 2 Bde.; Beyer, Das Cistercienscrstift u. Kloster Alt-Zelle, Dresd. 1855. Alter, die Zahl der seit der Geburt verflossenen Jahre. L.. In physiologischer Hinsicht. Die gestammte Lebenszeit zerfällt in gewisse Entwickelnngsperioden, deren jede mit besonderen Erscheinungen (Altcrserscheinnngeu) verbunden ist. Die einzelnen, beziehungsweise von einander verschiedenen Lebenspcrioden werden ebenfalls als A. (Lebensalter) bezeichnet. Im gewöhnlichen Leben unterscheidet man Kindes-, Jugend-, männliches (u. Frauen-) u. Greiscnalter. Am einfachsten theilt man das Lebensalter in Entwickelung, Fortbildung u. Stückbildung. Genauer ist es, folgende Perioden auznnchmen: Fötus-, Säuglings-, Kindes-, Knaben- und Mädchen-, Jünglings-, u. Jungfrauen-, Mannes- u. Frauen-, höheres Mannes- und Frauen- und Greisenalter. Die Dauer dieser A-sabschnitte ist bei beiden Geschlechtern verschieden, und cs wird diese Verschiedenheit durch das Erwachen und Erlöschen des Zeugnngslebens, durch das Maß der körperlichen Kräfte und das Verhältnis) der Geistes- thätigkciten und vor Allem der Lebensweise bestimmt, so daß der Eintritt dieser oder jener Altersperiode sich je nach Umständen beschleunigt oder verzögert. Im Allgemeinen tritt bei Menschen von verfrühter Geschlechtsreife Alter n. Gebrechlichkeit früher ein, als bei solchen, deren Geschlechtsreife verzögert wird, besonders wenn sie 4 94 Alter. in ihren Genüssen Maß zu halten wissen. Je weiter nach Süden, desto rascher verlaufen die A-sperioden, desto schneller verleben sich die Menschen. Gewisse Stämme u. Racen werden später geschlechtsreif, leben länger und bleiben im Alter frischer, als andere; zu diesen gehören die Bewohner nördlicherer Küsten u. Inseln, hoher Gebirge u. solcher gesunden Lander oder die Glieder solcher Volksschichten, die nicht unter dem Einflüsse der Übercivilisation leiden. Im Laufe des Lebens nimmt der Wassergehalt der Organe ab, die Säfte werden concentrirter, die Gewebe treten markirter hervor; hiermit hängen die im A. her- vortrctcnden Veränderungen der körperlichen Erscheinung und auch des geistigen Lebens der Menschen ursächlich Zusammen. Horatins, Zpi- stnlas, II.3, 15V rx.; Bacon von Verulam, Ilist. vibns ot mortis, Amstcrd. 1663; F. Hofmann, Letatrmr mntnticmss, Halle 1728; C. Linnc, Notnmorpiwsis Humana, Upsala 1767; Th. Jamcson, tüssax on tlw Oban^ss ok tirs human Lock/ at its (Uikorsnt L^ss, London 1811; I. Johnson, Lire Leonomz- ob Usaitir, 3. oä., sttew-Dork 1858; O. Heyfclder, Die Kindheit des Menschen, 2. Ausl., Erl. 1858; C. Canftatt, Die Krankheiten des höheren Alters, Erl. 1830; E. Reich, Hygieinische Betracht, über Lebensalter, Prag 1865; Allgem. Ratnrlehre des Menschen, Gieß. 1865. II. In rechtlicher Beziehung. Alle Rechtsarten berücksichtigen die Verschiedenheit des A-s, stimmen meist in den Begriffen, nicht aber in der Annahme der A-sperioden überein, auf welche Klima n. Cnltnr vielfachen Einfluß äußern. Das in der Hauptsache auch hierin bei uns geltende Römische Recht unterscheidet zwischen Großjährigkeit (Lotus inojor oder Lotus ter-itima) u. Minderjährigkeit (Lotus miuor). Gemeinrechtlich tritt jene mit dem vollendeten 25. Lebensjahre ein, n. ist dieser Termin durch das Nöm. Recht schon 490 n. E. R. (I.o.r I/LlltoniL) fcstgestellt worden. Das Particnlarrcchr hat aber Liesen Termin vielfach herabgesetzt, meist ans das vollendete 21. Jahr f6ocks isiapolvou. Deutsches Reich); ans das 24. nach, Prenß. L.-R. n. Oestcrr. G.-B; ans das 23. in Bern, Waadtland rc. Ausnahmsweise kann sic bei Bürgerlichen durch fürstliche Majorcnnitäts- erklärung, Vonia notatis (Jahrgcbung), mit dem 2V. oder 18. Jahre schon cintretcn. Bezüglich der Thronfolge lassen neuere Staatsverfassnngen einen jugendlichen Prinzen schon vor Eintritt der gewöhnlichen Großjährigkeit zur Übernahme der Regierung zu (18. Jahr), während bei fürstlichen Personen u. Mitgliedern des hohen Adels Hans- gcsetze und Famuienstatntc die Großjährigkeit besonders zu bestimmen pflegen, jedoch bei nicht regierenden nur mit Genehmigung des betreffenden Landesherrn. Hier und da findet sich auch eine verschiedene Altersbestimmung für die Großjährigkeit der Frauen. Mit Eintritt der Großjährigkeit hat der Mann die Befngniß, jede Rechtshandlung des bürgerlichen Lebens vor- zuuehmcn, sofern nicht das Gesetz eine Ausnahme macht, d. h. der Betreffende nicht unter väterlicher Gewalt oder aus besonderen Gründen unter Cu- ratcl steht. Die Bestimmungen des ältesten Deutschen Rechtes sind unbekannt, doch wnrde hier, wie auch früher in Nom, zugleich die körperliche Reife berücksichtigt. Durch das Hinznfügen des deutschen Jahr u. Tag zu dem Alter der Großjährigkeit, - das nach ältestem Deutschen Rechte schon mit dem 12. Jahre eingetreten zu sein scheint, bildete sich die Lchensmüudigkeit von 13 Jahren 6 Wochen 6 Tagen. Die Eidesmllndigkeit trat nach Römischem Rechte mit dem 20. Jahre ein, nach neueren Gesetzgebungen mit dem 18. oder 16.; dagegen ist die Wählbarkeit zu Landtagen, Ämtern rc. meist auf einen späteren Zeitpunkt als der allgemeinen Großjährigkeit festgesetzt. Die Minderjährigen (M- noros) stehen nach Römischem, in der Hauptsache jetzt geltendem Rechte entweder im A. der Unmlln- , digkcir (Lotus prima), oder der Mündigkeit (Lotus ssouiiäa), deren erster Abschnitt, kubsrtus minus plona, beim Jüngling mit vollendetem 14., bei der Jungfrau mit dem 12. Jahre; der 2. Abschnitt, slubortus plonu, bei jenem mit dem 18., bei dieser mit dem 14. Jahre beginnt. Unmündige stehen stets unter elterlicher oder fremder A-s- vormnndschaft, u. Rechtsverbindlichkciten derselben können nur durch Einwilligung des Vormundes herbeigeführt werden. Der Mündige dagegen (vom 18., resp. 14. I.) kann schon giltige Willenshandlnngeu vornehmen, Consens zu Verlöbnis;, Ehe, Adoption ertheilcn, testiren u. als Zurechnungsfähiger wegen unerlaubter Handlungen zur Strafe gezogen werdet;. Znm Schutze in seiner Unerfahrenheit steht ihm aber ein Vormund zur Seite, ohne dessen Zustimmung er weder Verbindlichkeiten unwiderruflich eingehen, noch Veräußerungen oder Verzichte vornehmen kann. Unmündige unter 7 Jahren heißen Kinder (Iirkurrtos), deren Handlungen ohne alle rechtliche Bedeutung sind. Das Greisen-A. (Souootus) wird meist mit dein 60. Jahre als beginnend angenommen n. rechtlich vielfach berücksichtigt. In strafrechtlicher Hinsicht unterscheidet man im Allgemeinen die Kindheit, das jugendliche Alter im engeren Sinne oder die Jugend. Die Kindheit begrenzt das Römische n. Kanonische Recht mit dem vollendeten 7. Lebensjahre, während die neueren St.-G.-Bücher deren Grenzen bis znm 10., 12. oder 14. Jahre ansdehnen. Das Deutsche St.- G.-B. erklärt alle Handlungen für straflos, welche von Kindern unter 12 Jahren begangen wcroen, n. bestimmt für das jugendliche Alter cas A. zwischen 12 n. 18 Jahren. Ein Angeschuldigter, welcher zu einer Zeit, als er das 12., aber nicht das 18. Lebensjahr vollendet hatte, eine strafbare Handlung begangen hat, ist aber nach Z 56 freizusprechen, wenn er bei Begehung derselben die zur Erkenntniß ihrer Strafbarkeit erforderliche Einsicht nicht besaß, kann aber bis zum vollendeten 20. Jahre einer Erziehnngs- oder Besserungs-Anstalt übergeben werden. Hatte er eine Einsicht, so liegt in seiner Jugend der Strafmildernngsgrund: die höchste Strafe für ihn ist 15 Jahre Gefäugniß. Reben der Jugend wird auch das Greisen-Ä. in Criminalfällen dann berücksichtigt, wenn A-s- schwäche eingetretcn (s. Z 51), in einigen St.- G.-B. trifft der Strafvollzug den Hochbejahrten besonders schwer. In England kann ein Kind unter 7 Jahren nicht am Leben gestraft werden, wol aber vom 14. Jahre an, obschon auch fril- ^Itsrimbivo. 495 iVItLrn ^ars ?6tii Here Bestrafungen vorgekommen sind. In Frankreich wird bei einem Verbrecher unter 16 Jahren untersucht, ob er ohne Bcurtheilnngskraft (Öisosr- nsrnölli) gehandelt hat, n. er wird solchen Falles losgesprochen und für seine Erziehung bei seinen Eltern ober in einem Arbeitshanse gesorgt, im entgegengesetzten Falle aber wird ein milderes Srafmaß in Anwendung gebracht. Vgl. Mündigkeit. Alters psrs Petri (lat.), 1) der 2. Thcil der Logik des Perrns Ramus, welcher vom Judicium handelte; daher 2) so viel wie Judicium, Scharfsinn. Alteration (provenz. altsrado, span, -don, ital. -dcms, sranz. albvrativn sdas Mittellatein, dtgratio — niborvatioj), Gemüthsbcwegung, Ärger. Altcrcation (v. Lat.), 1) Debatte bei Gericht; 2) Hader, Zwist. Alter ege (lat., das andere Ich), wer von einem Anderen bevollmächtigt ist, vollständig in seinem Namen zu handeln, die ihm (dem Anderen) innewohnenden Befugnisse zu üben. Solche Bevollmächtigung wurde z. B. einst von den spanischen Königen erlheilt u. war auch im Königreich beider Sicilien ebendaher üblich. Die letzte, und zwar berüchtigte derartige Vollmacht ertheilte König Ferdinand I. von beiden Sicilien, als er seinen Sohn Franz, Len Kronprinzen, bei der Revolution von 1820 zu seinem Xlbsr vAO ernannte. Solche hatten das Recht, in höchster Instanz zu entscheiden, u. das Recht über Leben n. Tod, waren nach Spanischem Staatsrecht inappellabel. Alba in den 'Niederlanden, spanische Vicekönige in Sicilien. Alter im Felde (Bergr.) hat Derjenige, welcher, mit einem richtigen Schürfschein oder Schürfzcttcl von Seiten der zuständigen Bergbehörde versehen, eine bauwürdige Lagerstätte gesunden, und hat danach die Priorität vor jedem Anderen, der das betreffende Mineral nach ihm entdeckte, und kann vor ihm die Beleihung mit dem Grubenfelde für sich in Anspruch nehmen. Des Rechtes auf diese Beleihung aber geht er verlustig, wenn er nicht innerhalb der durch die Bergordnnng — gewöhnlich sehr kurz — gestellten Frist um diese nachzesncht, gemnlhet hat. Altcrircn Znittellat. alterars, v. lat. alter), verändern, besonders zum Nachtheil verändern; erschüttern, erschrecken, ärgern. Alterirt, angegriffen, indem normalen Zustande gestört, z. B. alredrte Flanke, alterirter Huf. Alterirende Mittel >,4.1- torantla, A.Iteratrva, Allosotres), Mittel, welche, ohne daß sichtbarlich Stoffe aus dem Körper ans- gefllhrt werden, in diesem eine gewisse Veränderung hervorbringen. Älter Alaun, 1) Grubenranm, aus welchem die nutzbaren Mineralien ausgswonncn sind. 2) S. Altmann. Alternsns (lat., Bot.), abwechselnd, von Pflan- zeuthcilen, welche mit anderen ungleichnamigen Theilen so gestellt sind, Laß sic in oder vor den Zwischenräumen derselben sich befinden, wie z. B. Staubfäden oft mit Kronblättern oder Krön abschnitten abwechscln; dagegen wird Xlbermw. wechselständig, abwechselnd, von solchen Theilen gebraucht, welche ans einer gemeinschaftlichen Achse sin verschiedenen Höhen entspringen, so daß sie eine s Spirallinie beschreiben, wie vnllsach die Blätter an iden Zweigen. > Alternat (v. lat. s1tsruu8, Einer tun Len Andern), allg. wechselseitige Ablösung Zweier oder ! Mehrerer in irgend einem Geschäfte, wechselseitiges Entnehmen der Stelle des Einen Lurch den > Anderen. Ans politischem Gebiete kommt ein A. svor, wenn Staatsoberhäupter oder Staatsreprä- !sentanten bei Congrcssen, Conferenzen rc. im Vorsitze oder bei der Aufzählung der Staaten, bezw. Unterschriften unter den von ihnen gefertigten Vertrags- oder Friedens-Instrumenten in bestimmter Reihenfolge wechseln. So pflegen in Staalsver- trägen die Vertragsmächte zur Kennzeichnung ihrer Ranggleichheit, sowol bei Benennung der Paciscen- ten in dem Eingänge und Inhalte, als auch bei der Unterschrift zu wechseln, so Laß jede von ihnen in demjenigen Exemplar, welches für sic bestimmt u. in ihrer Kanzlei ansgefertigt ist, den ersten Platz einnimmt. Contrahirtcn und Unterzeichneten mehr als zwei solcher Mächte, unter welchen das A. besteht, so gilt, wie dies in Utrecht 1718 und 1748 auf dem Congreß zu Aachen angenommen wurde, als Ausknnftsmittel, daß jeder Theil einem jeden der übrigen Paciscenten eine von ihm allein Unterzeichnete Urkunde zustellte. Da aber dadurch eine Masse von Exemplaren nothwendig wurde, so hat der Wiener Congreß in dem annectirten Reglement 'Nr. XVIl, ck. <1. 0. Juni 1815, beider Ausfertigung nur eines Exemplars dem Loose die Entscheidung über die Ordnung, nach welcher die Unterzeichnungen zu erfolgen haben, übertragen, jedoch unter Wahrung des ersten Platzes für den ansfertigenden Staat. 'Nach der früheren deutschen Reichsverfassung war auch im Fürstenrathe zwischen der geistlichen und weltlichen Bank ein A. bezüglich der Abstimmung eingeführt u. überdies noch ein solches unter mehreren Stimmen. Diese sogenannten alternirenden Häuser waren Pommern, Mecklenburg, Württemberg, Hessen, Baden n. Holstein-Glnckstadt, die nach zehn Ordnungen nmer einander alternirren (sog. Strophen). Endlich bestanden noch A-e in der deutschen Bundesversammlung bei der 13. Curie, Brannschweig und Nassau (von 3 zu 3 Monaten), beider 16. Curie (Liechtenstein, beide Renß,Schanmburg-Lippc, Wal- Leck n. Hessen-Homburg) jeden Monat u. bei der 17. Curie (Lübeck, Frankfurt, Bremen u. Hamburg) von Jahr zu Jahr. In der gegenwärtigen Verfassung des Deutschen Reiches gibt es ein A. nicht mehr. Alternativa (v. Lat.), Ab- oder Verwechslung; daher A. der Größen, Verwechslung der Größen in ihrer Ordnung oder Stelle, das, was man jetzt Permntation nennt. Alternativ (v. Lat.), ab-, umwechsclnd; z.B. Alternative Strafen, wo zwischen zwei gleichgeltenden Strafen gewählt werden kann, z. B. zwischen Geld- n. Gefängnißstrafe; Alternativer Kauf, s. u. Staatspapicre. Die Alternativ e ist die entscheidende Wahl zwischen zwei Dingen, das Entweder-Oder. Altsrnatlvo (Altorimbiramsirts, ital.), die Art, >wonach zwei kleine Tvnstücke, z. B. Menuctto u. sTrio, wechselweise vorgetragen werden sollen. 496 Alternativvbligaticm Altcrnatltwblistnkion heisti der Vertrag, welcher dem Gläubiger die Wahl läßt, eine von mehreren Leistungen zu fordern, oder dem Schuldner, eine von mehreren zu erfüllen. Die nachher eintretende Unmöglichkeit einer der Leistungen befreit den Schuldner nicht, er kann aber wählen, ob er die möglich gebliebene Leistung erfüllen, oder für die anderen Schaden prästiren will. Ging der Gegenstand einer der Leistungen aber durch Schuld des Gläubigers oder Schuldners zu Grunde, so steht dem anderen Thcil dieselbe Wahl frei. Alternativvcrmächtnift x ist das Vermächt- niß, bei welchem von zwei oder mehreren individuell vermachten Sachen oder Leistungen eine vermacht ist. Nach Justinianischem Rechte steht in solchen Verhältnissen die Wahl stets dem Legatar zu, und geht das Wahlrecht auf die Erben des Wahlberechtigten über. Sind mehrere Wahlberechtigte vorhanden, so haben sic bei Mangel gütlicher Einigung unter sich das Loos entscheiden zu lassen; die einmal getroffene Wahl ist stets unabänderlich. Geht die gewählte Sache nach der Wahl durch Zufall zu Grunde, so ist bas Recht des Legatars erloschen. Altorniren, ab-, umwechseln; Alternirende Functionen, die Functionen veränderlicher Größen, welche, wenn man zwei beliebige derselben gegen einander vertauscht, ihre Vorzeichen ändern, ohne ihren absoluten Werth zu ändern; z. B. x—z-, X)'2— slnX-SÜI)', (x-^)(x-?) Die Bezeichnung a. F. (t'ouokious altsrnöo--) ist von Canchy 1812 eingcfnhrt worden. kltornus, s. -Lltsrrmns. Alter rothcrSandstein (014 rsä samlstono), im Gegensätze znm 'Renen rothen Sandstein (lllorv rscl samlstono) nennt man nach dem Vorgänge der englischen Geologen die unterste Schicht der Steinkohlenformation oder die oberste der devonischen Formation. Er besteht meist ans sehr grobkörnigen Conglomeratcn n. ist in England sehr ansgcbildct; weniger in Deutschland, wo er namentlich bei Hainichen in Sachsen u. am Ausgehende des Saarbrücker Kohlengebirges bei Oberstem im sogenannten gefallenen Felsen vor- komml. Altcrsfolge der Gcbirgsarten (Geol.). Indem man aus der Übercinanderlagernng geschichteter Gesteine schließt, daß das unten liegende bei ungestörter Lagerung das ältere sei, ergibt sich eine gewisse Alterssolge der Gcbirgsarten. Weiteres s. n. Geologie. Altcrskreis (ILreus senilis, Greiscnbogcn, Oö- routoxon), eine graulich-weiße, ans fettiger Entartung des Hornhantgewebes beruhende Trübung, in Gestalt zweier Mondsicheln den oberen u. unteren Rand der Hornhaut umfassend oder auch die ganze Peripherie derselben umkreisend; wegen seiner peripherischen Lage von keinem störenden Einfluß auf daS Sehvermögen. Der A. ist eine Alterserscheinnng (analog dem Wcißwerdcn der Haare rc.), zuweilen kommt er schon bei öOcrn vor, während er ein anderes Mal bei hohen 60crn noch fehlt. Altersschwäche, der das höhere Alter (Grei- senalter) begleitende Zustand, der mit der Zunahme der festen Bcstandthcile und der Abnahme des — Altcrthumskunde. Wassergehaltes im Körper u. mit der rückschrei- tcndcn Metamorphose der Organe eintritt n. in der allgemeinen Verminderung der Kräfte, in Abmagerung, Energielosigkeit, geschlechtlichem Unvermögen, Knrzathmigkeit, rascher Ermattung rc. besteht. Man kann die A. unterscheiden in gei- >1 stige n. körperliche; erstere hängt mit der Verkleinerung des Gehirnes im höheren Alter zusammen n. kennzeichnet sich'durch mehr oder minder bedeutende Abnahme der geistigen Fähigkeiten, Kindischwerden rc.; letztere (in Höherem Grade u. bei mehr krankhafter Beschaffenheit Narasmns senilis genannt) durch Ausfallen der Haare und Zähne, 'Steifwerden der Muskeln n. dgl. m. Alter Stil, die Zeitrechnung nach dem Jnlia- nischen Kalender; s. n. Kalender. Altcrthum, nach der gewöhnlichen Eintheilnng H der Weltgeschichte die Zeit bis zur Völkerwander- t nng, zum Sturze der weström. Herrschaft, zur ! Begründung der christlich - germanischen Reiche. ^ Unter dem elastischen A. versteht man die Zeit l der Griechen und Römer von den Anfängen ihrer höheren Cultur bis zur Auflösung derselben (S. d. Art. Elastisch). Das Wort A. deutet aber auch auf die vorgeschichtliche Zeit jedes Volkes hin, sollte dieselbe auch (wie bei den Skandinaviern) das Mittelalter überschreiten. Alterthümer (Antiquitäten): theils Gebilde menschlicher Hände (Ge- räthe, Gefäße, Waffen rc.), welche ans dem Alter- thnm sowol unterirdisch in Gräbern rc., unter dem Wasser, wie die Reste der Pfahlbauten, als ( auch über der Erdoberfläche, wie Baudenkmäler l verschiedener Art, erhallen und in späterer Zeit durch Ausgrabungen oder sonstige Entdeckungen l wieder anfgcfnnden worden sind; theils die Einrichtungen und Gebräuche in Verfassung, Krieg, Cultns, Familie, kurz in dem ganzen öffentlichen u. häuslichen Leben der Alten, wie sie uns in deren Schriften geschildert sind. In der systematischen Ordnung zerfallen die Alterthümer mit Ausschluß der Knnstdentmäler, welche in einer eigenen Wissenschaft, der Archäologie, beschrieben werden, in: 4.) Staatsaltcrthümer, betreffend Verfassung, Rechtspflege, Polizei-, Finanz-, Kriegswesen, religiösen Cultns, Industrien. Handelswesen; 8) Privatalterthümer, welche sich auf Familienleben, Kleidung, Speise, Trank, Feste, Todtenbestattung rc. beziehen. Zur Erforschung localer Alterthümer, sowie zu deren Sammlung n. Aufbewahrung sind in neuester Zeit, besonders in Deutschland zahlreiche Vereine und Museen gegründet worden. S. Alterthumsvereine. Die Darstellung der Alterthümer ans der Blüthezeit der Hebräer Pflegt man als biblische A-sknnde und die der alten christlichen Kirche als christliche A-sknnde zu bezeichnen. Die Ä-swissenschaft verfolgt die Aufgabe, alles dem physischen, geistigen und sittlichen Leben im Alter- thnm der Völker Angehörige zu erforschen und ^ in systematischer Ordnung darzustelleu (was bisher vorzugsweise nur vondem Leben der Griechen und Römer geschehen ist, weshalb auch die Wissenschaft des elastischen Alterthnms im engeren Sinne Alterthnmswissenschaft oder Philologie heißt). Alterthmnskunde, s. unter Wterthum und Philologie. Altcrthumsvcreine. 497 Alterthumsvereinc, Vereine znr Erforschung der Borzeit, insbesondere der Denkmäler, welche aus dem Alterthum erhalten sind (Alterthümer), u. zwar weniger des Alterthums im Allgemeinen, als der Alterthümer eines bestimmten Landes oder einer besonderen Zeitperiode, womit dieselben das Sammeln von Alterthümern in Museen, wie auch die einschlägige geschichtliche Forschung verbinden, also zugleich historische oder geschichtforschende Gesellschaften sind. Die A. sind nieist Privatgesellschaften, zuweilen unter fürstlichem Protektorat u. hier u. da vom Staate durch Geldbeiträge unterstützt. Wie die Akademien haben sie Statuten, n. ihre Mitglieder zerfallen in ordentliche, Ehren- n. correspondirende Mitglieder; auch geben sic, wie diese, periodische Schriften heraus. Wenn auch Deutschland die eigentliche Heimath der A. ist, so gebührt doch dem Auslande die Ehre der Initiative. Die im 1.1717 restanrirte Looiot^ ok Luti- gnariss in London war bereits 1572 durch Parker gestiftet worden ».wurde 1751 vonGeorgll. als öffentliche Gesellschaft anerkannt. In Frankreich (Paris) war der 1814 alsLooiöts äss antiguairss äs Graues neuorganisirte Alterthumsverein bereits 1805 als Lsaäömis oslbigns gestiftet worden. In NAme- rika wurde die ^msrioan L.nbiguariau Looist^ zu Worcester im Staate Massachusetts, welche Irano- aotions anä 6ollsotion8, 1820—36, 2 Bde., veröffentlichte, 1812 von Jesaiah Thomas ins Leben gerufen. Die übrigen historischen Vereine in Nord- Amerika s. u. Nordamerik. Literatur. Der erste Alterthumsverein in Deutschland ist die 1819 auf Anregung des Freiherrn v. Stein gegründete Gesellschaft für Deutschlands ältere Geschichtskunde zu Frankfurt a. M. Sie bezweckte besonders eine neue Sammlung von Quellenschriftstellern für die deutsche Geschichte, womit auch 1826 in den Noimmonba Osrmanias llistorloa, durch Pertz, seit 1873 durch die Berliner Akademie geleitet, der Anfang gemacht wurde; sie gibt auch ein Archiv, Franks, u. späterHannover, seit1820 heraus. Nach demMuster der Frankfurter Gesellschaft bildeten sich nun in rascher Folge fast in allen deutschen Ländern ähnliche Vereine. 1852 wurden aus den nach Dresden u. Mainz ausgeschriebenen Generalversammlungen der deutschen Geschichts- und Alterthumsforscher Statuten für den Gesammtverein der deutschen Geschichts- und A. entworfen, ein zu Dresden sitzender Verwaltungsausschnß gewählt, als Organ das Correspondenzblatt bestimmt u. eine jährlich abwechselnd in deutschen Städten abzuhaltende Generalversammlung beschlossen. Gleichzeitig wurde auf Anregung des Freiherr» v. Aufseß zu Nürnberg das Germanische Museum (s. d.) gegründet, wobei dessen reiche Sammlung als Grundlage genommen und Nürnberg als Sitz gewählt wurde. Deutschland zählt jetzt in 89 Orten über 100 Vereine. Zu erwähnen sind: Der Verein für die Gesch. der Mark Brandenburg in Berlin (gestiftet 1837); die Deutsche Gesellschaft in Königsberg (1743, pnblicirt seit 1830); die Schlesisch-patriotische Gesellsch. (1829) u. der Verein für Gesch. u. Werth. Schlesiens in Breslau (1846); Gesellsch. für Pommerische Gesch. u. Alterthumskunde zu Stettin (1824); der Thüringisch- sächs. Verein für Erforschung der vaterländischen Piercrs Universal-Conversations-Lexikon. 8. Ausl, I Alterthümer, 1819 zu Naumburg gegründet». 1823 nach Halle verlegt; Sächs. Alterthnmsverein (Dresden 1824); Verein für die Geschichte Leipzigs (1867); Freibcrger Alterthumsverein (1860); Harz-Verein für Geschichte u. alterthumskunde in Wernigerode (1868); die Geschicht- u. alterthumforschende Gesellschaft des Osterlandes zu Altenburg; der Voigt- ländische alterthnmforschende Verein zu Hohen- lanben; Verein für thüring. Gesch. u. Alterthumskunde in Jena (1852); Verein für Alterthumsfreunde im Rheinlande in Bonn (1841); Verein für Gesch. u. Alterthumskunde in Wetzlar (1834); der Historische Verein für Niedersachsen in Hannover (1835); Verein für hessische Gesch. u. Landeskunde in Kassel (1834); Verein für nassauische Gesch. u. Alterthumskunde in Wiesbaden (1821); die Schleswig-Holstein-Lanenburgische Gesellsch. für Sammlung u. Erhaltung vaterländischer Ulterthü- mer in Kiel (1836); Verein für mecklenburgische Gesch. u. Alterthumskunde in Schwerin (1835); Histor. Verein für das Großherzogth. Hessen in Darmstadt (1834); Hessischer Verein zur Aufnahme mittelalterlicher Kunstwerke (1845); Verein zur Erforschung der rhein. Geschichte u. Alterthümer in Mainz (1844); der Histor.VereinfürObcrbayern in München (1830); Histor. Verein für Schwaben u. Nenburg in Augsburg (1834); Histor. Verein für Oberpfalz u. Regensburg (1831); Histor. Verein für Oberfranken in Bamberg; Histor. Verein für Mittelfranken in Ansbach (1830); Histor. Verein für Untersranken u. Aschaffenburg in Würzburg (1836); Histor. Verein für die Pfalz in Speyer (1841); Looiöts xour la oonssrvatiou äss mo- uumsnis Iiistoriguss äs I'^äsass in Straßburg, seit 1870 ins Stocken gerathen; Verein für Kunst und Alterthum in Oberschwaben in Ulm (1841); Verein für Lübeckische Gesch. u. Alterthumskunde (1821); der Hansische Gcschichtsverein in Lübeck (1871); der Verein für Hamburgische Geschichte; Verein für Gesch. u. Alterthumskunde zu Frankfurt a. M.; außerdem viele A. an kleineren Orten, wie Brandenburg, Erfurt, Osnabrück, Salzwedel, Stade, Trier, Paderborn,, Münster, Minden, St. Wendel, Görlitz rc. In Österreich bestehen: zu Graz das Johanneum, seit 1810; der Histor. Verein für Steiermark; zu Innsbruck das Ferdinandeum, seit 1823; zu Prag die Gesellsch. des vaterländischen Museums in Böhmen, seit 1816; in Wien Verein für vaterländische Gesch., seit 1832; seit 1854 ein zweiter Alterthnmsverein; die Centralcommission zur Erhaltung u. Erforschung der Baudenkmäler in der österreichischen Monarchie; in Linz das Francisco-Carolinum, seit 1835; zu Klagenfurt Histor. Verein für Kärnthen; zu Laibach Histor. Verein für Kram; zu Brünn die Histor.-statistische Sectio» der Gesellsch. für Ackerbau u. Landeskunde Mährens; in Hcrmannstadt Histor. Verein für Siebenbürgen. In den Russischen Ostseeprovinzen: die Esthländische literarische Gesellschaft zu Reval, seit 1832; die Gesellsch. für Gesch. u. Alterthumskunde der Ostseeprovinzen zu Riga, seit 1834. In der Schweiz: die Allgemeine schweizerische geschichtforschende Gesellschaft, seit 1840s, und die Histor. Gesellschaft zu Basel; in Zürich die Gesellsch. für vaterländische Alterthümer n. die Antiquarische Gesellsch.; ähnliche Vereine . Band. 3kl 498 Alterthumswissenschaft bestehen in St. Gallen, Thurgau, Aargau, Schaff» Hausen, Freiburg, Genf, Granbünden, Waadt; der Geschicht- und alterthumforschende Verein für Luzern, Uri, Schwyzh Unterwalden u. Zug, seit 1843. Unter den A-u anderer Länder sind besonders zu nennen: die Vereine in Rom, Florenz, Neapel (Herculanische Akademie), Madrid, Lissabon, London, Paris (soeiöbs äs I'Iristoirs äs Kranes), Amiens, Brüssel, Lüttich, Leyden, Kopenhagen, Stockholm, Upsala rc. Alterthumswissenschaft, s. Alterthum und Philologie. /worum tantum (lat.), noch einmal so viel als die Sache, von welcher die Rede ist, das Doppelte. Alter vom Berge, Stifter der Assassinen (s. d.). Alter-Weiber-Sommer (Fliegender Sommer, Sommerflng, Testas vokitans), feines Spinnen- gewebe, welches vorzüglich im Spätsommer die Felder überzieht, sich bisweilen losreißt u. durch die Luft fliegt und wahrscheinlich nicht, wie inan angenommen, von einer, sondern von mehreren Arten Spinnen u. zwar im jungen Zustande herrührt. Man hat nämlich die Beobachtung gemacht, daß fast alle jungen Spinnen solche Gewebe anfertigen, mit denen sie dann, sich dein Winde überlassend, oft durch die Lüfte segeln. Dies hat zu der irrigen Ansicht Veranlassung gegeben, als ob die Spinnen das Gewebe in die Luft schössen u. es in der Luft weiterspännen. Bei ihrem Erscheinen im Frühjahre sagt der Landmann: der Sommer kommt an, im Herbste, wo sie häufiger sind: der Sommer zieht weg. Der A. heißt auch Mädchensommcr. Die Bezeichnung hängt wahrscheinlich mit den Normen zusammen. In Holstein sagt man bei der Erscheinung des A-s: die Metten (Normen) haben gesponnen. In Frankreich wird er auf die heil. Jungfrau bezogen und heißt §ils äs In Vierte; ebenso in Süd- dentschland, wo er Mariengarm und ähnlich heißt. In England wird er Oossamsr (Gottes Schleppe) n. in Schweden vvärAsnät (Zwergnetz) genannt. Der A. ist sogar in der Literatur vertreten, da der Engländer Chancer (st. 1400) ihn besungen hat. Alte Sprachen, im Allgemeinen die Sprachen der alten Völker; insbesondere so v. w. die alten Sprachen der Griechen und Römer. /Messe, Hoheit, Ehrentitel fürstlicher Personen, die den Titel I?rriros führen; die französischen Lews haben dagegen nur das Prädicat Lxeellsnoe; Imperials, kaiserliche Hoheit; ^ . rozmls, königliche Hoheit; sersmssims, Durchlaucht. Älteste, 1) bei manchen Völkern des Altcr- thums, insbesondere den Juden, vermöge der Ehrerbietung, welche die Morgenländer dem Alter widmeten, die Häupter der Familien, der Gemeinden, Stämme u. des Volkes. Schon Mose fragte in allen wichtigen Angelegenheiten zuerst die A-, u. noch unter den späteren Königen vertraten sie die Stammesgemeinde; unter der Schriftgelehrtenherrschaft war der Ältestenrath ein heilsames Gegengewicht gegen die Hierarchie. 2) Im N.T. die 70Mitglieder des aus jenem Ältestenrath hervorgegangenen Syn- cdrinm. 3) Vorsteher der einzelnen christlichen Gemeinden in der Apostolischen u. theilweise noch — Altgräfliche Häuser. jetzt in der Evangelischen Kirche; s. Presbyter. 4) In Sachsen die obersten Mitglieder der Ge- meindcräthe. Altfränkisch, eigentlich was den alten Franken angehört, angemessen ist. Noch um 1313 werden die aktsn krsnütsollsn Links (Leute) im Renner 22,266 als (im guten Sinne) einfältig, treu, zuverlässig gerühmt. Da aber das Fränkische Reich einer vergangenen Zeit angehörte, so bedeutete schon im 15. Jahrh. (Licdersaal 3, 89) albkrensell, wie noch jetzt altfränkisch, Alles, was in Kleidung, häuslicher Einrichtung, in Sitten u. Gebräuchen, auch wol in Denkart und Charakter veraltet und dem herrschenden besseren Gcschmacke der Zeit nicht mehr entsprechend ist. Bisweilen wird der Name gleichbedeutend mit Rococo (s. d.) gebraucht. Altfränkische Sprache. Die Sprache der alten Franken ist uns außer den Eigennamen u. wenigen Worten in Urkunden fast nur in der äußerst verderbten sog. Malbergischen Glosse erhalten. Hinsichtlich der Consonanten steht dieselbe auf der gothisch-niederdeutschen Stufe, sonst aber zeigt sie eine im Laufe der Zeit zunehmende Annäherung aus Althochdeutsche. Am auffälligsten ist, daß in der Merowingischen Zeit fränkisch skr dem gemeindeutschen kr gegenübersteht, vgl. z. B. fränk. tkllilxsiiens, althochd. Uslkriii, neuhochd. Helsrich; fränk. tRoäovsns, althochd. Wuäsrvie, neuhochd. Ludwig; fränk. OtirSäsbertns, althochd. Hrnoäpsralrt, neuhochd. Ruprecht. Näheres bei I. Grimm, Gesch. der deutschen Sprache, S. 536 ff. Altfranzösifch, altitalienisch re., s. Roma» irische «sprachen u. Literaturen. Altfriestsch, s. u. Friesische Sprache und Literatur. Alt für Neu, in der Seeassecnranz bei der Versicherung des Schiffes, wodurch sich der Asss- curateur vor dem Nachtheil bewahrt, welcher für ihn aus einer unangemessenen Schätzung des Schiffes entstehen könnte. Es ist ihm danach gestattet, einen Abzug für den Unterschied zwischen Alt u. Neu zu machen, somit die Schätzung des Schiffes nach dem Älter vornehmen zu lassen. Altfürstliche Häuser, die deutschen Fürstenhäuser, welche auf dem Reichstage zu Augsburg 1582 schon Sitz und Stimme unter den Fürsten hatten u. deshalb einen höheren Rang bekleideten, als die später gdfnrsteten oder als Reichsfürste» anerkannten Häuser. Die A. H. waren: Österreich, Pfalz, Sachsen, Brandenburg, Brannschweig, Württemberg, Hessen, Baden, Mecklenburg, Holstein, Anhalt, Aremberg; Ligne wurde, obwol erst 1502 gefürstet, auch dazu gerechnet. Die Neufürstlichen Häuser waren solche, welche aus den Reichstagen Sitz u. Stimme hatten, wie Hohen- zollern, Lobkowitz, Salm, Dietrichstein, Nassau, Auersperg, Fürsteuberg, Schwarzenberg, Liechtenstein, Thurn u. Taxis, Schwarzbnrg, u. solche, welche nicht im Fürstencollegium saßen, von jetzt regierenden Häusern Waldeck u. Reuß. 'Altgräfliche Häuser waren n. sind diejenigen gräflichen Familien, welche vor 1658 den Grafen- titel erlangt haben; sie zählen zum sogenannten Hohen Adel, während die nachmals ernannten Reichsgrasen durch diese Titelverleihnng bezüglich 499 Althäa — Althochdeutsch. der politischen Rechte ihrer Familie eine Erhöhung uichr erhielten; dieselbe hatte kaum andere Wirkung, als daß die erhöhte Familie entsprechende Titel n. Wappen führen u. den damit verbundenen Rang in Anspruch nehmen durfte, und daß «ine Verbindung von Personen aus rcichsständi- fchen Häusern, dein Hohen Adel mit Personen aus solchen standeserhöhten Familien nicht als notorische Mißheirath galt. Dagegen ist eine Dame aus altgräflichem Stande Fürsten ebenbürtig. Althäa, Tochter des Äolischen Königs Thcstios u. der Eurythemis, Gemahlin des kalydonischen Oneus, war von diesem oder vom Ares Mutter des Meleagcr u. von Bacchus der Dejanira. Stach dem von ihr verschuldeten tragischen Ende des Meleager nahm sie sich selbst das Leben. /iltlmea X. (Eibisch), Pflanzengaltung ans der Familie der Malvaccen (XVI. 4). X. unterscheidet sich von ülukva, durch den 6—9spaltigen Vorlelch u. die öspaltige Krone. Merkwürdige Arten: X. oannadina X., mit gefingerten Blättern, rosenfarbe- nen Blüthen, in Österreich, auch bei Jena heimisch; X. otlieinaUs X., in Deutschland heimisch, auch cul- tivirt, niit aufrechtem, filzig-zottigem Stengel, beiderseits weichbchaarten, herzförmig eirunden, undeutlich 3—4lappigen Blättern, großen fleischfarbigen Blumen, in allen ihren Theilen viel Schleim enthaltend. Bon dieser Pflanze stammt die offi- cinelle Althäenwurzel, Althee- oder Eibischwurzel (Luäix Xlbimoas), reich an Schleim, äußerlich aschfarben, innerlich weiß, geruch- und geschmacklos, von der Dicke einer Federspule bis zu der eines Fingers; innerlich und äußerlich als schmerz- und reizminderndes, erweichendes- Mittel gebraucht; auch die Blätter (I?oI1a u. Hsrda Xitlmsas) sind officincll. Die Wurzel dient als Zusatz zu Brust- thee (Lpsoiss psetoralsr,) und znm Althäensyrnp (Lzrupus Litimsas). auch, besonders früher, zur Bereitung von Althäenpaste (Althäenzucker, Hustenleder, Weiße Reglisse, istasta Xlblmoao) und Althäeusalbc (Ilngnonvum Xitiiasas); die Blätter zu den erweichenden Kräutern (Lpeoiss smollisn- tes), zu Gnrgclwasser (Zpvoisa aä LlarAarisma) rc. Die Pflanze wird besonders in Franken im Großen angcbaut, gedeiht am besten auf gutem, humusreichem, lehmigem Sandboden in etwas feuchter Lage; die ans Samen oder durch Theilung erhaltenen Pflanzen werden in tief gelockerten Boden 60—80 ein von einander gepflanzt, nach 2—3 Jahren die Wurzel im Herbste ausgegrabcn, frisch geschält u., oft in Scheiben geschnitten, getrocknet. X. rosss, X. (Stockmalvc, Rosenmalve), aus dem Orient stammend, mit hohem, aufrechtem, vielblumigem Stengel, herzförmig 5—7ccki- gen Blättern, großen, oft gefüllten, in verschiedenen Farben vvrkominendcn Blüthcu, von denen die schwarzrothen als Illorss malvag ardorsas osficinell sind (als Gurgelthee bei leichten Halsentzündungen gebraucht) u. auch als Farbstoff, bes. für Wein, Essig rc. verwendet werden. X. üoilolia l-av. (Goldmalve), in Sibirien heimisch, mit 7lap- Pigen, handförmigen Blättern, verschieden nüan- cirten gelben, oft gefüllten Blumen; wie die vorige als beliebte Zierpflanze in Gärten häufig cultivirt. Alt-Haldensleben, Dorf an der Bever im Kreise Ncu-Haldcnsleben des preußischen Negbez. Magdeburg; Simultankirchc, ehemalige, 1228 von Erzbischof Albrecht II. von Magdeburg gestiftete und 1807 säcularisirte Cistercienscrabtci; dieselbe kaufte G. Nathusius von der westfälischen Regierung u. legte darin eine große landwirthschaftliche Gewerbeanstalt mit einer Anzahl Fabrikanlagen an, von welchen indeß die meisten cingcgangcn sind u. nur noch Thonfabrikcu u. eine Zuckerfabrik bestehen; schöne Gartenanlagen, Hopfen- n. Tabakbau; 2316 Ew. Althann, altes, von den Grafen v. Tann (919) aus Schwaben abstammendes Geschlecht, in Österreich n. Preuß.-Schlesien ansässig; wurde 1574 in der Person Wolfgangs v. A. in den Frciherrn- n. 1610 in der einen Linie in den Rcichsgrafcn- stand erhoben. 1) Gras Michael Adolf, k. k. Fetdmarschall; trat 1610 zur katholischen Confcssion über u. bestimmte, daß seine männlichen Nachkommen den Namen Michael (seine Conversion geschah am Michaelstage) und die weiblichen den Namen Marie sührteu. Er wurde in den Reichs- grafeustand erhoben, vermittelte 1615 den Frieden mit den Türken u. 1625 den mit Bethlen Gabor u. starb 1636. 2) A., Reichsgraf Gnndackar Ludw. Joseph, geb. 1665, gest. 1749, General- bandirector u. Protektor der Kaiser!. Akademie der vereinigten bildenden Künste, Erbauer des Hof- bibliothek-Gebändes in Wien. 3) Graf Michael Wenzel; ward unter Karl VI. Kämmerer u. Geh. Rath u. erhielt 1714 das Erbschcnkenamt. 4) Graf Michael Friedrich; wurde 1718 Bischof von Waitzen, 1719 Cardinal u. 1722—28 Vicckönig von Sicilien. Ein großer Eiferer für die katholische Kirche, lehnte er sich gegen das von Kaiser Karl VI. zu Gunsten der Ungar. Protestanten erlassene Mandat vom 6. April 1731 auf, in Folge dessen seine Protcstationsschrist öffentlich vernichtet n. seine Güter zeitweilig sequestrirt wurden; er starb 20. Juni 1734. 5) Michael Leopold Ferdinand, Graf v. A., geb. 29. Juli 1808, Generalmajor und Lieutenant bei sder Leibgarde des Kaisers; zeichnete sich als Commandant eines östcrr. Streifcorps in den ungarischen Kämpfen 1848 u. 1849 aus. 6) Michael Karl, jetziger Chef des Hauses, Sohn des 1834 verstorbenen Grafen Michael Max, geb. 2. Mai 1801, erbliches Mitglied desHcrrenhauses im österreichischen Reichsrathe; folgte 1861 seinem Bruder Michael Joseph. Altharzdorf, Df. in der böhm. Bezhptmann- schaft Bunzlau; 2 Wollspinnereien, Maschinenfabrik, Schafwollstoffdruckcrci; 2650 Ew. Althcim, 1) (Hohen-A.) Pfdf. im Bezirksamte Nördlingcn des bayerischen Regbez.Schwaben; Lustschloß des Fürsten v. Öttingen-Wallerstein; 450 Ew. Hier 876 Theilung des Reiches Ludwigs des Deutschen unter seine Söhne Karlmaun, Ludwig n. Karl d. Dicken; 916 Reichstag u. Kirchenvcrsamm- lnng. 2) A., Marktflecken im Oberamte Ulm des Württemberg. Donaukreiscs; starke Töpferei,Flachsbau; 1170 Ew. Hier 7. April 1372 Sieg des Grafen Eberhard v. Württemberg über den Reichs- städtebnnd. Althochdeutsch heißt die Sprache, welche vom 7. bis zum 11. u. 12. Jahrh. im eigentlichen Obcr- Dcntschland (Elsaß, der deutschen Schweiz, Schwa- 500 Althorp - ben, Bayern) u., sich dem Niederdeutschen schon mehr annähernd, in Franken, Hessen u. Thüringen herrschte. Streng-althochdeutsch heißt die Sprache, in welcher die althochdeutsche Lautverschiebung am strengsten durchgeführt ist, wie namentlich in den Keronischen Glossen n. denJn- terlinearversionen der Hymnen und der Benedic- tinerregcl. So lauten z. B. Burg, tragen, Kind streng-althochdentsch pnruo, traican, obinä, in dem weicheren Althochdeutsch des Tatian aber bnrA, Iraxan, icliici. Nachwirkungen jener härteren Lautgestaltung zeigen sich noch jetzt vielfach in dem Alemannischen Dialekt; s. übrigens unter Deutsche Sprache. Althorp, Viscount, s. Spencer. Althütten, Df. im Bez. Dobris in Böhmen; Schichtamt, Eisenwerk mit Hohofen, 4 Stab- u. Zainhämmer, Maschinenfabrik, Eiscnsteinbcrgwerk (jährlich gegen 150,000 Ctr. Eisenerze); 1100 Ew. Alti, in der nordischen Gestalt der deutschen Heldensage Bruder Bryuhildens, mit Sigurds Wittwe Gudrun vermählt; ladet seine Schwäger Gunnar u. Högni, um von ihnen die Herausgabe des Hortes zn erzwingen, arglistig an seinen Hof, überwältigt sie nach blutigem Kampfe u. läßt sie, weil sie ihr Leben nicht mit dem Horte erkaufen wollen, umbringen, worauf ihm seine Gattin, um ihre Brüder an ihm zu rächen, das Blut der mit ihm erzeugten beiden Knaben zu trinken gibt n. ihn selber tödtct. Über das Verhältnis) zwischen diesem nordischen Sagenkönig, dem Etzel unserer mittelhochdeutschen Dichtungen u. dem historischen Attila s. deutsche Heldensage. Altichieri da Zevio, Maler der 2. Hälfte des 15. Jahrh.; abwechselnd in Verona u. Padua thätig, bildete sich nach Giotto, der in Verona gemalt, u. zeichnete sich durch naturalistische Durchbildung der Darstellung aus, so daß er in der obcritalienischen Kunst eine bedeutsame Stufe zwischen Giotto u. ihrer höchsten Entwickelung bildet. Hauptwerke: die Fresken, in der Kapelle S. Fclice, in der Kirche des hl. Antonius in Padua, in der Kapelle S. Giorgio daselbst, in der Kapelle Ca- valli in S. Anastasia in Verona u. in der Sakristei von San Zeno ebenda. Altieri, 1) Emilio Carlo, letzter Sprößling einer altsürstlichen angesehenen Familie in Rom, geb. 1608 in Rom; erhielt 1669 durch Clemens IX. den Cardinalshut u. ward 1670 als Clemens X. Papst. Damit seinGeschlecht nicht aussterbe, adoptirte er den Gatten seiner Nichte Laura, den Gasparo Palazzi, setzte dessen Kinder unter der Bedingung, daß sic Titel n. Wappen der A. annähmen, zn seinen Erben ein n. verlieh ihnen den Titel Herzog v. Monter- rauo u. Fürst v. Oriolo. Die jetzige fürstliche Familie besitzt in Rom den Palast A., mit bedeutenden Kunstwerken, bes. Gemälden. 2 ) Fürst Ludovico A., geb. 17. Juli 1805 zn Rom; ward 1836 apostolischer Nuntius am österreichischen Hofe, 1837 Bischof von Ephesus, 1845 Cardinal, 1846 Secre- tär der Bittschriften, 1847 Präsident der Comarca in Rom u. im Febr. 1848 Mitglied des geheimen Consistoriums zur Erweiterung des Staatsgrnnd- gesctzes u. endlich am 2. Mai desselben Jahres Staatssekretär, des Auswärtigen. Nachdem die Franzosen u. Österreicher 1849 die päpstliche An- — Altkatholikcn. torität im Kirchenstaate wiederhergestellt, wurde A. Mitglied der außerordentlichen Negierungscommission in Rom, welche bis zum 12. April 1850 die Regierung des Kirchenstaates für den Papst führte. 1851 bereiste er in politischer Mission den Kirchenstaat, Mailand u. Wien u. wurde dann President von Rom u. der Comarca, 1855 wieder Secretär der Bittschriften, 1857 Erzkanzler der römischen Universität u. zuletzt Präsident derFinanz- consulta; er st. 11. Aug. 1867 in Albano. Altimeter (v. Lat. u. Gr.), Höhenmesser, u. Altimetrie, Höhenmessung; daher Altimetrisch, was sich ans Höhenmessung bezieht. Altin, 1) frühere russische Rechnungsmünzc, 1718 noch in Silber geprägt — ilß- Pf. preuß. Cour. (33^ A. — 1 Rubel). 2 ) So v. w. Alrün. Alting, Joh. Heinrich, namhafter refor- mirter Theolog, geb. 1583 zu Emden, wo sein Vater, von Geburt ein Holländer, sich als Prediger durch Unduldsamkeit gegen die Lutheraner einen Namen machte; ward 1608 Hofmeister in Heidelberg, 1613 Professor der Theologie daselbst, 1623 Lehrer des ältesten Sohnes des vertriebenen Kurfürsten Friedrich von der Pfalz u. 1627 Professor der Theologie zu Groningen; starb das. 1644. Er schrieb u. a.: I-ooi IbooloAioi; MrsoloZia xrobls- inatioa; Mioolo^ioa bistorioa. /Utingis IVo»'., Pflanzcngattung aus der Familie der Lalsamilinas (XX, 1). Art: X. oxoslsa I-'ers. (lügnül g-mbar XltinZiannin Zkrtm,), schöner Baum in den höheren Waldgegenden der westlichen Provinzen von Java, wo er die sog. Rosamala-Wälder bildet. Die Rinde enthält sehr viel von einem aromatischen Wcichharze, welches der echte orientalische flüssige Storax ist. Altlnum (a. Geogr.), Stadt an der Mündung des Silis, blühender Handelsort; wurde 452 von Attila zerstört, worauf die Einwohner sich auf den benachbarten Inseln ansiedelten u. so den Grund zur Stadt Venedig legten; jetzt Altiüo, Dorf bei Venedig. Mi7ra (lat.), Höheres oder Tieferes; XUioris inlla^Inis, von tieferer Forschung. Altitalicuisch, s. Romanische Sprachen. ÜIUus tolionäi jus, das Recht, höher als das Nachbarhaus bauen zu dürfen; Gegensatz: Lorvitns altins non toUsncii; s. Servitut. Altkatholikcn neunen sich diejenigen Katholiken in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die sich den auf dem letzten Vaticanischcn Concil 18. Juli 1870 proclamirten, im Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit gipfelnden Grundsätzen nicht unterwerfen, sondern den alt-kirchlichen Glauben beinhalten wollen u., ohne Lossagung von der katholischen Kirche, dieselbe von innen heraus rcformiren möchten. Die Bewegung war, ob- wol von Gelehrten ausgehend, voran Döllinger, Friedrich, Huber in München, Michelis in Braunsberg, Knoodt, Langen u. Reusch in Bonn, Reinkens in Breslau, v. Schulte in Prag rc., rasch eine populäre geworden u. zeigte sich sofort nicht blos in Versammlungen, Protesten u. dgl., sondern auch in Bildung von Gemeinden (die erste in Mering, Diöc. Augsburg, durch Pfarrer Renftle) thatkräf- tig, zumal politische Umstände ihr zn Statten kamen. Nach einer Borberathung von Delegirten in Hei- Altkirch — delbcrg trat im September 1871 der erste altkatholische Congreß in München zusammen, bestellte eine ständige Commission zur Durchführung einer organisirten Bewegung u. beschloß, trotz Döllingers Widerspruch, Herstellung einer regelmäßigen altkath. Seelsorge au allen Orten, wo das Bedürfniß sich umstelle. Der zweite Congreß, in Köln September 1872, wagte schon von den Regierungen volle Selbstständigkeit, staatliche Anerkennung u. Do- tirnng der zu wählenden Priester u. Bischöfe, Mitgebrauch aller kath. Kirchen, Mitberechtigung an allen kirchlichen Stiftungsgütern n. am Staatsbudget für kath. Gottesdienst n. Unterricht zu fordern; auch wurde von diesem Congreß die Organisation der Seelsorge festgestellt, zwei Central- romites in Köln u. München eingesetzt, die Presse organisirt rc. Am 4. Juni 1873 wählte eine Synode von 22 Priestern u. 55 Laicn-Deputirten den Prof. Joseph Hubert Reinkens (geb. 1. März 1821) zum Bischof, mit dem Sitze in Bonn; der jansenistische Bischof von Deventer weihte ihn, n. die Negierungen von Preußen, Baden und Hessen erkannten ihn noch im Herbste 1873 an. Ein 3. Congreß zu Konstanz im Herbste 1873 genehmigte die schon in Köln proponirte Gemeinde- und Synodal-Ordnnng, wonach der Bischof jährliche Synoden, vorerst aus sämmtlichen Priestern und je einem Laien aus 200 Männern bestehend, ein- beruft u. einen Ausschuß ans dieser Synode (Syn- odalrepräscnlanz) sich zur Seite hat. Durch den Freiburger Congreß im September 1874 wurden insbesondere die Ansprüche der altkath. Gemeinden an das bestehende Kirchenvermögen geregelt. In Konstanz 1873 konnte die Zahl der eingeschriebenen Gemeindeglieder in Deutschland zu 50,000, der kirchlich mit denselben Verbundenen zu 150,000 angegeben werden. Zu Anfang 1874 zählte man in Baden 27, in Bayern 34, in Preußen 29 Gemeinden oder Vereine, 41 Priester u. 14 Stu- dirende altkatholischer Theologie in Bonn. Außerdem bestehen in der Schweiz verschiedene altkatho- lischc Gemeinden. Auf dem Konstanzer Tage traten auch diese letzteren in engere Verbindung mit den deutschen A., während die Zugehörigkeit der österreichischen unter dem Priester Anton in Wien als einer unkirchlichen Partei nicht anerkannt wird. Eine Entscheidung des preußischen Obertribunals, wonach die A. keine der Bestätigung bedürftige, mit den großen Kirchengemeinschaften nicht durchaus gleichberechtigte Partei, sondern einen Theil der Römisch-katholischen Kirche bilden, u. noch mehr die neuesten preußischen n. deutschen Gesetze zur Regelung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche werden die Sache der A. wesentlich fördern. Aber es ist nicht zu leugnen, logisch u. historisch haben die deutschen Bischöfe Recht, wenn sie in Fulda September 1872 erklärten: nur Derjenige sei ein katholischer Christ, der die göttliche Einsetzung eines gegen Jrrthum sicher gestellten kirchlichen Lehramtes glaube; wer den Entscheidungen desselben in Glanbenssachen sich nicht gläubig unterwerfe, leugne nicht blos den in Frage 'stehenden Lehrsatz, sondern das katholische Glan- benssystem u. habe eben damit aufgchört, Katholik zu sein. Also können die A. gar nicht bei der bloßen Verneinung der neuesten katholischen Lehre - Altmark. 501 stehen bleiben: sic müssen reformircnd vorwärts, oder ganz zurück nach Rom. Auf Erstcres deuten die Beschlüsse der 27./29. Mai 1874 in Bonn gehaltenen ersten altkath. Synode hin, welche zunächst hinsichtlich der Ohrenbeichte, des Fastens und der Abstinenz, sowie des Gebrauches der Volkssprache beim Gottesdienste eine „echt kirchliche Reform" bezwecken, nach dem Grundsätze, daß eine solche „das, was der Reform fähig ist, nicht zu beseitigen, sondern von den Auswüchsen u. Mißbräuchen zu reinigen, auf die christl. u. kathol. Grundlage zurückzuführen u. dieser u. den religiösen Be- dttrfnissen der Gegenwart entsprechend ansznbilden hat". Vgl. Nippold, Ursprung, Umfang, Hemmnisse u. Aussichten der altkatholischen Bewegung. Bcrl. 1873. Altkirch, 1) Kr. des deutschen Neichslandes Elsaß- Lothringen, 56,081 Ew. 2) Kreisstadt darin, rechts an der Jll und an der Eisenbahn Mülhansen-Bel- fort; Landwirthschaftskammer, Colleg, Hospital, Baumwollspinnerei, Kattunweberci, Fayence- u. Ofcnfabrik, Töpferei, Steinbrüche, Getrcidehandel; 3193 Ew.; früher zur Grafschaft Pfirt gehörig u. Residenz der österr. Herzöge, bis 1870 Hptort des gleichnamigen Bezirkes des französischen Dep. Obcrrhein. Altklausel, Tonfolge der Altstimme bei vollkommenem Tonschluß. Altklughcit, bei Kindern die Nachahmung der ceremoniellen u. wichtigthuenden Förmlichkeit in Reden n. Manieren, die oft bei älteren Personen gefunden wird. Vermöge ihrer starken Assimi- lationsfähigkeit eignen Kinder sich dergleichen leicht an, büßen dabei aber in der Ziegel den besten Theil ihrer Kindlichkeit: Unbefangenheit, Ursprünglichkeit u. Frische, ein. Alt-Landsberg, Stadt im Kr. Niedcrbarnim des preuß. Regbez. Potsdam, a. d. Stieuitz; Stift-- unq für Predigerwittwen; 2175 Ew. Altliberalismus, s. Liberalismus. Altlnthcrancr, s. u. Lutherische Kirche. Altmann, Bischof von Passan, Sohn des Grafen Meinhard von Laimbach u. Pütten; wurde Caplan Kaiser Heinrichs HI.; nach dessen Tode stand er der Kaiserin Agnes treu zur Seite u. wurde 1065 Bischof von Passan. Als solcher war er eines der gefügigsten Werkzeuge Papst Greogors VII. in dessen Kampfe gegen Kaiser- Heinrich IV.; er st. 1091. Vita Vltinuuni bei Pertz, Loript. rsr. ^.uotr. I. Ältmann, Alter Mann, Berg auf der Grenze der schweiz. Kantone Appenzell (N.) u. St. Gallen (S.), 2435 in. Von seinen beiden Gipfeln ist der südl. der höhere, nur für schwindelfreie Kletterer- erreichbar und ergänzt die Aussicht des Sän- tis, indem sich auf ihm das Rheinthal übersehen läßt, das er selbst dem Besteige:- des Säntis verdeckt. Altmark, ehemalige, zur Knrmark Brandenburg gehörige Provinz zwischen der Pricgnitz, Mittclmark, Hannover u. dem Herzogthum Magdeburg; bestand ans den Landrcitercien Stendal, Tangermünde, Annabnrg, Seehausen, Arendsen, Salzwedcl; 1807—13 war sie Theil des Königreichs Westfalen, hieß damals Departement der Elbe mit der Hauptstadt Stendal; seit 1815 Theil 502 Altmeister - der preuß. Prov. Sachsen, RegLez. Magdeburg; Kreise: Stendal, Osterburg, Salzwedel u. Gardelegen; 4515 s^jlcm (82 s^W) mit etwa 193,000 Ew.; meist ebenes und sandiges Land. Die Geschichte der A-, vormals Nordmark oder Nordsachsen, s. u. Brandenburg. 1440 ward die A. mit der Priegnitz dem Markgrasen Friedrich dem Dicken als Eigenbesitz zugetheilt, der aber 1463 kinderlos starb, worauf die A. wieder an Brandenburg fiel. Vgl. Wohlbrück, Geschichte der Altmark bis znm Erlöschen der Markgrafen ans dem Ballen- städt. Hanse, mit Zusätzen heransgegeben von C. v. Ledebur, Bcrl. 1856. Ein Wörterbuch der altmärkisch-plattdeutschen Mundart lieferte I. F. Danneil, Salzwedel 1859. Altmeister, 1) so v. w. Obermeister, s. u. Zunft; 2) in der Freimaurerei Ehrentitel, gewesener Meister vom Stuhl. Altmorschen, Df. im Kr. Melsungen des prenß. Rcgbez. Kassel, an der Fulda u. der Hess. Nordbahn; Obstbau, Leinenweberei; Vorwerk Hcu- dau mit Schloß und Ackerbanwerkzeugfabrik; 790 Ew. Altmühl, linker Nebenfluß der Donau in Bayern; entspringt bei Hornau im Regbez. Mit- tclfrankenam siidl. Abhänge des frank. Landrückens, nimmt die Wiseth, Mörach, Schwarzach, Sulz n. a. ans u. mündet nach 200 km langem Laufe bei Kclheim; von Beilngrics, Einmündung des Lndwigskanals, schiffbar. Altmüllcr, Karl, deutscher Schriftsteller, geb. 1. Jan. 1833 zu Hersfcld; studirte in Marburg, Berlin n. München die Rechte. Daneben trieb er mit Vorliebe literarische u. philosophische Studien. 1859—60 gab er in Kassel die Wochenschrift: Der Telegraph heraus, die durch ihre frische u. witzige Kritik rasch Aufsehen erregte. Nachdem er kurze Zeit in Leipzig in einem kaufmännischen Geschäfte fnngirt, trat er beim Obergerichte zu Kassel in den Vorbereitungsdienst, erhielt jedoch erst bei der preußischen Occupation 1866 eine Anstellung; 1871 schied er aus dem Staatsdienste; zur Zeit ist er Vorstand u. erster Bibliothekar der von den Gebrüdern Murhard der Stadt Kassel gestifteten Bibliothek. Als bedeutendste Frucht seines Talents ist die Novelle: Die Ironischen, Kassel 1858, zu betrachten, die eine Fülle echten Humors enthalt. In seinen Gedichten, Kassel 1864, zeigt sich eine eigenthümliche Verbindung von Gemüthsinnigkeit u. scharfem, zersetzendem Verstände. Seine Anthologie, Deutsche Lieder, ist seit 1858 durch mehrere Auflagen verbreitet. AltN., Abkürzung für altnordisch. Altniederdeutsch nennt man gewöhnlich die Sprache, welche in dem Gebiete zwischen Rhein u. Weser, Weser und Elbe gesprochen wurde, wobei jedoch Niederländer und Friesen nicht mit einbegriffen find. Das Altniederdeutsche ist die Mutter des Mittelniederdeutschen, aus dem sich dann später das heutige Plattdeutsch entivickeltc. Das bedeutendste Denkmal des A. ist der eigentlich altsäch- fische Heliand; die Kleineren altniederdeutschen Denkmäler hat M. Heyne, Paderborn 1867, heraus- gegcben. Grammatisch ist die Sprache, außer von I. Grimm, in M. Heynes Kurzer Grammatik der altgermanischen Dialekte, 3. Ausl., Paderb. 1874, - Altvmontc. behandelt worden. Dgl. Altsächfische und Deutsche Sprache. Altnordische Literatur, ungenaue Bezeichnung der isländischen Literatur des 12.—14.Jahrh.; s. Isländische Literatur; vgl. auch Norwegische Literatur. Altnordische Sprache, gewöhnliche, aber ungenaue Bezeichnung der isländischen Sprache des 12.—14. Jahrh.; auch so, daß die davon wenig verschiedene gleichzeitige Sprache Norwegens mit einbegriffen wird. Beide waren von der nur durch Runcninschriften bekannten dänischen und schwedischen Sprache des 9. bis 10. Jahrhunderts sehr verschiede«, wobei zu erinnern, daß die Runenschrift nur sehr unvollkommen die Laute aus- drückt, daher nicht alle Verschiedenheiten bezeichnen kann. Der Ausdruck A. S. wird auch so gebraucht, daß er die Sprache dieser Inschriften mitbcfaßt. Man hat auch einige weit ältere Inschriften, besonders in Schweden n. Norwegen (5.—7. Jahrh.), mit anderen Runen n. ganz anderer Sprachform; die Linguisten sind darüber uneinig, ob darin ein älteres Stadium der späteren nordischen Sprachen, oder die Sprache eines anderen Volksstammes vorliegt. — Siehe weiter die einzelnen nordischen Sprachen. Altobasso, musikalisches Instrument von summendem Tone, besonders in Venedig beliebt, bestehend aus einem hölzernen, mit Darmsaiten bezogenen Kasten, gestimmt nach Maßgabe der Stimme oder der Flöte, welche der Spieler mit der Rechten behandelte, während er mit der Linken den A. mit hölzernem Hämmerchen schlug. Altodouro, weinreiche Gegend am obere» Douro in Portugal, zum größeren Theil in der Prov. Traz vs Montes, zum kleineren in Beira alta; erstreckt sich von der Mündung des Tua bis fast an die Mündung des Tamega, besteht zum Theil aus vielen zerklüfteten Thaleinschnitten, zum Theil aus reizendem Hügelgelände u. bringt den besten, meist rothen Portwein (jährlich circa100,OOOPipen) hervor. Zur Förderung des dortigen Weinbaues wurde 1756 die 6ompansiia Asral cka aLrionI- tura das vinims äo ^.Ito-Oonro gegründet, welche 1834 aufgelöst, aber 1838 wieder ins Leben gerufen n. 1843 neu organisirt wurde. Altomonte, Flecken im Distr. Castrovillari der italienischen Prov. Calabria citer.; techn. Schule; 3140 Ew. Altomonte, 1) Martin, eigentlich Hohenberg, Historienmaler aus Tirol, geb. 8. Mai1657 in Neapel, gest. 14. Sept. 1745 in Heiligenkrcuz (Niederösterrcich); kam 1672 nach Rom, wo er bei Bacciccio lernte, ward dann Schüler C. Marattas u. besuchte die Akademie zu Rom, die ihn an den König Johann Sobieski von Polen empfahl. In Warschau malte er den Entsatz von Wien, den Sturm der Türken auf die Lowelschanze und den Polnischen Landtag. 1703 ging er nach Wien u. wurde dort Mitglied der Maler- und Bildhauer- Akademie, siedelte 1720 nach Linz über u. ward dann kanrikiario des Klosters Hciligenkreuz. Werke von ihm: mehrere Altarblätter in der Hauptkirche z» Warschau, im Belvedere zu Wien, eine Susann« im Bade, Altarbilder in St. Stefan, St. Peter u. in der St. Karlskirche zu Wien, in der Alum- Altomünster — Altona. natskirche zu Linz, in der Spitalkirche zu Salzburg rc. Seine Bilder find nicht ohne äußerliche Wirkung, aber ohne tieferes Leben. 3) Bartholomäus, Sohn des Vor. und dessen Schüler, Maler, geb. zu Warschau 1702, gest. zu Linz 12. Sept. 1779. Seit 1717 Schüler des Marc Antonio Franceschini in Bologna, ging er 1719 nach Rom zu Lutti» 1721 nach Neapel zu F. Sollmena u. kehrte 1723 zu seinem Vater nach Linz zurück, wo er bis zu seinem Tode blieb. 1770 ward er Mitglied der Wiener Akademie. Werke: Altarblatt in der St. Josefkirche in Margarethen zu Wien; ein solches am Ursula-Altar in der Ursulinerinnenkirche zu Linz, Fresken in der Elisabethinerinnenkirche daselbst rc. Altomünster, Marktflecken im Bez-Amte Aichach des bayerischen Rcgbez. Oberbayern; schöne Pfarrkirche, ehemal. Bencdictinerkloster, nach dein schottischen Prinzen St. Alto benannt, der 750 als Heidenbekehrer hierher kam, von Pipin den damals unbebauten Landstrich erhielt und 770 st.; jetzt Nonnenkloster der Brigittinerinnen und besuchter Wallfahrtsort; 950 Ew. Alton (spr. Ahltn), 1) St. am Wey in der engl. Grafschaft Southampton; Wollspinnerei, Seidenweberei; 3800 Ew. 2) St. im County Madison im nordamerikanischen Staate Illinois, unter 38° 57^ n. Br. u. 90° 14/w.L.; Hasen n. Landungsplatz iM Mississippi; steht durch Eisenbahnen mit Chicago, St. Louis u. Terre-Hante in Verbindung, hat 11 Kirchen, Lyceum, theologisches Seminar, Arbeitshaus, Mühlen und Eisengießereien; 8665 Ew., unter denen viele Deutsche, doch ist das anglo-amerikanische Element überwiegend. In der Umgegend Kalkstcinbrüche, Steinkohlenlager, Waldungen mit Bauholz. Alton, 1) Richard, Graf d'A-, geb. 1732 zn Lachand (Irland); trat in österreich. Dienste, focht 1759 bei Saalfeld, Msch u. Kunersdorf, 1760 bei Landshut, 1762 bei Burkersdorf, 1778 bei Arnau mit Auszeichnung. Zuletzt war er Fcldzengmeister u. Commandirendcr in den österreichischen Niederlanden, als 1787 die dortigen Unruhen ausbrachen. Ungeachtet mehrerer glücklichen Gefechte mußten sich die Oesterreicher nach den festen Plätzen u. Brüssel zurückziehen, wo d'A. 1789 zur Capitulation ge- nöthigt wurde, vermöge deren er sich mit 8000 Mann nach Luxemburg zurückzog. Er st. zn Trier 16. Febr. 1790. 2) Eduard, Graf d'A., Bruder des Vor., geb. 1737 zu Grenanstown (Irland); trat ebenfalls in österreichische Dienste, zeichnete sich im Siebenjährigen Kriege bei Dresden u. Torgan 1760, besonders aber 1762 vor Großpartha, dann gegen die Türken ans, focht als Feldmarschalllieutenant in den Niederlanden gegen die Franzosen, befehligte dann eine Abtheilung vor Valen- ciennes, ferner das Corps Österreicher, welches den Herzog v.Aork zu der Expedition nach Dünkirchen begleitete, und fiel in der Schlacht bei Dünkirchen 24. Aug. 1793. 3) Peter, Graf d'A, Sohn des Vor., geb. 1775; trat 1790 in österreichische Dienste, socht mit Auszeichnung n. trat nach der Capitulation von Ulm in englische Dienste; er starb 1851 zu Dublin. 4) Joh. Wilh. Eduard d'A., geb. 1772 zu Aquileja; war erst Militär in Wien, studirte dann in Italien Archäologie und widmete r.03 sich der Zeichnenknnst, machte dann wissenschaftliche Reisen in Deutschland u. Westeuropa, lebte in Ticffurt, Würzburg und Paris, und wurde 1818 Professor der Kunstgeschichte u. Archäologie zu Bonn, wo er 14. Juni 1840 st. Er gab heraus die anatomischen Prachtwerke: Staturgeschichte des Pferdes, Bonn 1810—17, Fol., u. Vergleichende Östeologie der Thiere, Bonn 1821—28, 12 Liefgn., letzteres gemeinschaftlich mit Pander. Die Knpfer- tafeln beider Werke zeichnete und stach er selbst. Außerdem fertigte er noch an 300 Radirnngen theils zu wissenschaftlichen Werken, thcils nach Zeichnungen und Gemälden von Rubens, Rembraudt, Titian, Michel Angelo und Angelica Kaufmann (Winckelmanns Porträt). Auch führte er die ersten Kreidezeichnungen auf Stein ans. Seins hintcr- lassene Gemäldesammlung enthielt Originalbilder von Rubens, Titian, Rembraudt u. A., die theils nach England, thcils in das Berliner Museum wanderlen. 5) Joh. Sam. Ed. d'A., Anatom, Sohn des Vor., geb. 17. Juli 1803 zn St. Goar; studirte iu Bonn u. Paris Medicin u. Staturwissenschaften, wurde 1827 Professor der Anatomie an der Akademie der Künste in Berlin, 1830 Prosector an der anatomischen Anstalt n. Professor der Anatomie an der Universität, 1834 Professor der Anatomie in Halle, wo er 25. Juli 1854 ft. Er schrieb die Fortsetzung zu seines Vaters Vergleichender Osteologie, Bonn 1827—38, 2. Lief.; Handbuch der vergleichendenAnatomiedesMenschen, 1850; ferner Vs monstrornm cknplioium oriZins, Halle 1849; Vs monstrls, guibua sxtrsmitatc« sllpsrüuao ouspsnsas sunt, ebd. 1853; nüt Bnr- meister: Der fossile Gavial von Voll, ebd. 1854. Altona, St. in der preußischen Prov. Schleswig-Holstein, mit den angrenzenden Ortschaften Ottensen und Nenmühleu einen Kr. von 83,172 Ew. bildend, am rechten Elbnfer, ganz dicht a» der Hamburger Vorstadt St. Pauli (Hamburger Berg); 74,131 Ew.; Sitz der Kreisbehörden u. Pro- Viuzial-Steuerdirection, (seit 1872) eines königlichen Commerzcolleginms u. des Generalkommandos des 9. Armeecorps. A. ist größtentheils nach holländisch-niederdeutscher Manier gebaut; die Straße« sind fast sämmtlich gerade u. breit, besonders zeichnet sich die Palmaille, eine gerade, mit doppelten Lindenalleen besetzte Straße aus, in deren Mittelpunkt das 1852 errichtete eherne Standbild des 1845 verstorbenen Grafen Konrad von Blücher- Altona. A. hat 4 lutherische Kirchen (darunter die schöne Haupt- oder Dreifaltigkeitskirche (1742 neu erbaut), eine Kirche für den nördlichen Stadt- theil ist im Bau begriffen), 1 reformirte, 1 katholische und eine menonitischc Kirche, 2 Synagogen, 1 der portugiesischen u. 1 der deutschen Juden, schönes Rathhaus, Tonhalle, Gymnasium (1736 gestiftet, 1771 neu eingerichtet, mit Bibliothek von 20,000 Bdn.), städt. Realschule (seit 1870), Sonntagsschule (technische Fortbildungsanstalt), königliche Navigationsschule (seit 1870), Hufbeschlagschnle (seit 1869), Rettungshjus (seit 1870), Hcbammeninstitut, städtisches Krankenhaus, Museum mit Lesezimmer und Coucertsaal, Sternwarte (1823 gegründet), Waisenhaus, gräflich Reventlowisches Armenstift nüt Kirche zum Heiligen Geist, Versorgnngsanstalt für Schwache, Alte ü. unheilbare Kranke, allgemeines 504 Altona — Altruismus. Krankenhaus, 2 Kinder-Hospitäler, Sparkasse und Unterstützungsinstitnt für Handwerker u. Gewerbetreibende, Spar- und Creditbank (seit 1870) patriotische Gesellschaft für Holstein und Schleswig, Freimaurerloge. Bon A. nach Kiel führt seit dem Jahre 1844 die Altona-Kieler Eisenbahn (König Christian VIII., Ostseebahn), mit Zweigbahnen nach Glückstadt u. Rendsburg, eine andere von A. nach Blankenese. Außerdem steht die Stadt vermittels der Hamburg - Altonaer Zweigbahn, wie durch Dampfschifffahrt nach Hamburg-Harburg mit dem deutschen Eisenbahnnetze inVerbindnng. Regelmäßige Dampfschiffverbindung findet ferner mit Blankenese, Buxtehude, Stade n. Brunsbüttel statt. Der Handel A-s ist bedeutend: 1871 liefen 1038 Seeschiffe ein; eingeführt werden besonders Baumwolle, Kaffe, Cacao, Farbchölzer, Tabak, Zucker, Petroleum, Reis, Matten, Salpeter, Sesam rc.; die Ausfuhr geht hauptsächlich nach Amerika. A. ist Freihafen u. gehört seit 1872 mit einem Theil des Stadtgebietes dem Zollverein an. Die Börse hat A. mit Hamburg gemeinschaftlich. Auch die Industrie leistet Bedeutendes, so in Cichorie, Hüten, Tabak, Wachs- u. Segeltuch, Zucker, Spiegeln, Mobilien, Wagen, Instrumenten, Uhren, eife, Öl, Haartuch, Bier, Branntwein, Wolle, Baumwolle, Leder; namentlich find hervorzuheben die 2 großen Baumwoll- und Wollmanufacturen, die 4 großen Dampfmühlen, 6 Lackfabriken, 4 Schiffsbauwersten, das Schwimmdock (seit 1869); außerdem gibt es 5 Buch-, 6 Kupfer- u. Stein- druckcreien, 13 Buch- u. Kunsthandlungen. Der Altonaer Mercnr ist eine der ältesten Zeitungen Deutschlands. Die Lage der Stadt auf dem über 30 m ansteigenden Elbufer ist eine sehr anmuthige. A. war um ISO» Df., brannte 1547 ab u. erhielt 1604 den Namen u. die Rechte eines Marktfleckens. 1640 fiel A. durch Aussterben des Hauses Holstein-Schauenburg an Dänemark. 1664 erhielt es Sladtrechte. Den 20. Juni 1689 ward hier der Altonaer Tractat geschlossen, nach dem der durch den König von Dänemark vertriebene Herzog Christian Albrecht von Holstein wieder in seine Rechte eingesetzt wurde; s. Holstein. Am 9. Jan. 1713 äscherte der schwedische General Steenbock A. zur Repressalie für Stade, das die Dänen genommen hatten, bis auf 30 Häuser ein. Zur Zeit des Nordamerikanischen u. noch mehr des Französischen Revolutionskrieges hob sich die Stadt unter dänischer Neutralität wieder zur Bedeutung. Später hatte sie jedoch unter dem französischen Continental- systcui viel zu leiden. Die Gefahr, 1814 wie Hamburg von den Franzosen in Brand gesteckt zu werden, wendete der Oberpräsident v. Blücher ab. Im März 1848 schloß sich A. der schleswig-holsteinischen Bewegung an und wurde am 8. April von preußischen Truppen besetzt. 1849 erhielt A. holsteinische Besatzung, welche am 6. Febr. 1851 österreichischen Truppen Platz machte, die bis 20. Febr. 1852 die Garnison bildeten. Hier am 23. Jan. 1866 Massenversammlung zu Gunsten des Erbprinzen Friedrich v. Augustenburg. ^Fn ' demselben Jahre kain die Stadt zu Preußen. Vom 27. Aug. bis 15. Oct. 1869 hier stark beschickte internationale Industrieausstellung nebst Viehans- stellung. Vgl. Schmidt, Versuch einer historischen! Beschreibung A-s, Altona 1747; Beitrag zu der Gesch. von A. während der Einschließung von Hamburg imWinter1813 u. 1814, A.1815; Wichmann, Gesch. A-s, ebd. 1865. Altona, St. unter 40" 37' n. Br. u. 78° 22' w. L., am Fuße der Alleghanies im Blair County des nordamerikanischen Unionsstaates Pennsylvania, an der Central-Eisenbahn gelegen; Hat10,610 Einw.; Locomotiven-n. Eiscnbahnwagenfabrikation. Mo riliövo (ital.), Hoch-Relief, s. Relief. Altos de Almanzor, höchster Gipfel des ca- stilischen Scheidegebirges, 2530 m. Altos de Huessos, Gebirgspaß von 4137 m Höhe, in SPern, über welchen die Straße von Arequipa nach Puna führt. Altötting, Marktflecken im gleichnamigen Be- zirksamte im bayerischen Regbez. Oberbayern, an der Mörn; Bezirksamt, Landgericht, Forstamt, 7 Kirchen u. Kapellen, Kapuzinerkloster u. englisches Fränleinstift, besonders berühmt durch die Wallfahrtzn dem schwarzen, aus dem6.—8.Jahrh. stammenden Marienbilde in einer alten, 1511 sehr erweiterten Kapelle (auf dem Fundament eines heidnischen Tempels, 696 von St. Ruprecht zur christlichen Kirche geweiht, birgt die Herzen der bayerischen Landesfürsten seit Maximilian I.); die Lilly- oder Peterkapelle hat die Grabmäler Tillys n. des Herzogs Albrecht IV., die Kirche des 1808 aufgehobenen Collegiatstiftes das Grabmal des Herzogs Karlmann; Messing- u. Eisengießerei; 2500 Ew. A., im Mittelalter XutiuAa villa, oder OtiuAg, pslatium genannt, wurde 907 von den Ungarn zerstört. Hier 1681 Subsidienvertrag zwischen Maximilian Emanuel von Bayern n. Kaiser Leopold wegen zu leistender Türkenhilfe. Dabei der St. Georgsbrunnen, eine alkalisch-erdige Mneral- quelle. Alt-Preußen, 1) die eigentlichen Preußen in ihrenursprünglichenSitzen ander Ostsee, s. Preußen; 2) die Provinzen Preußens, die schon früher als 1815 (1806) fortwährend unter preußischem Scepter standen: Ost- und Westprenßen, Pommern, Mark Brandenburg, Schlesien. Altranstädt, Df. im preußischen Kreise und Regbez. Merseburg; 500 Ew. Hier am 24. September 1706 Friede zwischen Karl XII. von Schweden und August I. von Polen und Sachsen, wodurch letzterer die Krone Polen verlor; s. u. Nordischer Krieg. Am 16. Aug. 1707 Bündniß zwischen Karl XII. u. Preußen u. am 22 Aug. und 1. Sept. 1707 Convention zwischen Kaiser Joseph I. mit Karl XII., nach welcher Ersterer den Lutheranern in Schlesien die weggenommenen Kirchen wiederherstellen und freie Religionsübnng sichern mußte. Geburtsort des Klaus Narr. Altrrngham (spr. Altringhäm), Marktflecken in der englischen Grafsch. Chester; Spinnereien; 6600 Ew. Altripp, Pfdf. imBezirksamteSpeyer des bayerischen Regbez. Pfalz, am Rhein; Fischerei; 860 Ew.; bei den Römern Xlta ripa, mit Castell, dessen Fundamente im Rhein bei niedrigem Wasserstande zu Tage stehen. Altrömische Baukunst, s. n. Baukunst. Altruismus, nach Comtes Positivismus die chöchste Tugend, darin bestehend, daß der Mensch 505 Alrsachsen sich völlig dem Wohl des Nebenmenschcn hingibt, also der Gegensatz vom Egoismus (vgl. Gegenseitigkeit) ; daher altruistisch, auf das Wohl Anderer gerichtet, wohlwollend. Altsachse» heißen im Gegensätze zu den Angelsachsen die Sachsen, welche auf deutschem Boden verblieben, zwischen der Weser und dem Rhein wohnten n. in Engern, Ost- u. Westfalen eingc- theilt waren. Altsächsisch ist die Sprache der Altsachsen. Da die Hauptquelle für unsere Kenntniß des Altniederdeutschen der altsächsische Heliand ist, so Pflegt man auch die genauer als niederfränkisch u. westfälisch zu bezeichnenden kleineren Denkmäler (s. Altniederdeutsch) unter der Benennung altsächsisch mit zu umfassen. Vgl. Deutsche Sprache. Altsattel, Df. im böhmischen Bez. Falkenau; Bergbau aus Braunkohlen und Schwefelkies; bedeutende chemischeFabrikenu.Alaunwerke; 1141 Ew. Altschadenwasser, s.v.w.Lqua xkmAsäasmos,. Altscheitmg, Df. an der Alten-Oder im preußischen Kr. u. Regbez. Breslau; fürstlich Hohcn- lohesches Schloß mit Park, zahlreiche Villen; Ver- gnüqungsort der Breslauer; 500 Ew. Ältschlüssel (Mus.), s. u. Noten. Altshausen (Altschhausen), Marktflecken im Oberamte Saulgau des Württemberg. Donaukr., an einem See und an der Bahn Leutkirch-Anlendorf; evang. u. kathol. Pfarrkirche, königl. Schloß, ehemals Sitz des Landcomthurs der Deutschordensballei Elsaß u. Burgund; Rübenzucker- u. Nudelfabrik, Hopfenban, Torfstich; 2330 Ew.; war ehemals ein Reichsdvrf; die Comthurei kam 1806 an Württemberg. Altsohl (OZölyom), königliche Freist, im ungarischen Com. Sohl, an der Gran n. Szlatina, sowie an der Eisenbahn Fülek-Ruttek, mit Abzweigungen nach Neusohl; Stuhlrichter-, Steuer- und Rentamt, Essig- und Branntweinfabrikation; 2050 Ew. Dabei 12 Mineralquellen, welche kohlensaures Natron und Magnesia enthalten; auf einer Anhöhe an der Szlatina altes Schloß, zur Zeit Stephan d. Heil, erbaut und später von Matthias Eorvinus bewohnt. In 4 Lm Entfernung an der Gran das Df. Ribar mit dem berühmten Szliacser Bade, dessen kohlensäurehaltige Eiseuthermen stärkend, auslöscnd und nervenbelebend wirken. Altstadt, 1) Stadt im mährischen Kreise Olmütz, am Schnceberg, bei den Quellen der March, mit Leinenwebcrei, Papiermühle, großer Bleichanstalt; 2100 Ew. 2) Df. im mährischen Bez. u. bei Ung.-Hradisch; 2090 Ew.; Überreste der ehemaligen Residenz Wellchrad. 3) A.- Waldenburg), Df. im Gcrichtsamte Waldenburg der Amtshauptmannschaft Glauchau im sächsischen Negbez. Zwickau, rechts an der Mulde; Fabrikation von Strnmpfwaaren, Weberei, bedeutende Töpferei (sogenannte Waldenburger Maaren); 1440 Ew. Altstädte», gewerbereiches Pfdf. bei Zürich (Schweiz); 1190 Ew. Gabelung der Bahnen von! Zürich nach Basel und Luzern. Altstetten, wohlgebaute Stadt u. Hauptort des Bez. Oberrheinthal im schweizer Kant. St. Gallen, etwa 1 Stunde vom Rhein n. an der Eisenbahn Norschach-Chnr; 7575 Ew.; große Kirche, vor-l — Altvil. treffliche Schulen, viele Wohlthätigkeits-Anstalten, bedeutende Baumwollen-Industrie, Nonnenkloster Mariahilf. Während der Reformation war der berüchtigte Karlstadt hier Prediger. Von hier führt die Ruppenstraße hinauf nach Trogen n. die Stoßstraße nach Gais, u. beide weiter nach St. Gallen. Altstimme (Mus.), so v. w. Alt. Altthicr, das Weibchen vom Roth- u. Dammwilde, sobald es zum erstenmal gebrunflet hat. Altii» (Altünen), türkische Goldmünze zu 3^ Piaster alten Werthes. Altvater, 1487 m hohe n. höchste Spitze des Schles. - mähr. Geb., mit Aussicht auf die Karpathen, den Zobten, den Glatzer Schneeberg und das Bielcthal; südlich davon der 1335 m hohe Kleine A. oder Peterstein. Altvatcrrecht, so v. w. Altentheil, Leibzncht. Altvil. Im L-achscnspiegel (Landrecht I. 4) heißt es: Auf LItvils und ans Zwerge erstirbt (— fällt durch Erbschaft) weder Lehn, noch Erbe, noch auf Krüppelkinder. Die im Original ungenau gereimte Stelle fehlt den ältesten Handschriften, findet sich aber in denen des 14. Jahrh. Außerdem kommt Altvil nur in wenigen, vom Sachsenspiegel abhängigen Rechtsbüchern vor. Daß der Ausdruck schon früh nicht mehr verstanden wurde, zeigen die starken Schwankungen in der Wortform, und die auch im Mittelalter schon anseinander- gehenden Erklärungen. Neuerdings war die von I. Grimm und Homeyer angenommene, auf alte Deutungen gestützte Erklärung von Altvil durch Zwitter dieherrschende. Etymologisch faßte I. Grimm früher (Rcchts-Alterth. 410) den Ausdruck im Anschluß an die Lesart altvil als aus verstärkendem ul u. althochdeutsch wicüllo, /rsrmaMrockrkits, zusammengesetzt, später (Gesch. der deutsch. Sprache, 947) glaubte er aus der Kasseler Glosse „altes, «'kr'mtlakcr" schließen zu dürfen, alt in altvil bedeute Glied, u. vil sei ^ viel. Homeyer dagegen (Sachsensp. Th. II. Bd. I., S. 560) theilte al- tvil, nahm ersteres als verstärkend, letzteres als eine Ableitung vom plattdeutschen tvo (zwei), die zweigliederig bedeute. A. Hoefer bekämpfte in einem eigenen Schriftchcn (Altvile im Sachsenspiegel, Halle 1870) und in Bartschs Germania 15,417. 18, 29 die gewöhnliche Ansicht, zeigte einmal das Gewagte der obigen Etymologien, dann aber, daß man in der Stelle des Sachsenspiegels die Zwitter kaum erwarte, dagegen die Blödsinnigen vermisse. Da auch schon alle Erklärungen u. Übersetzungen Altvil als blödsinnig fassen (auch in der Iuris;,ruck. Irisioa s15. Jahrh.s, die Hettema, Leeuwarden 1834/35 herausgegcben, wird II. 222, Tit. 66, Z 1 das Altvile in der Stelle des Sachsenspiegels durch äertsn lzmsil, verrückte Leute, wiedergegeben), so erklärte er sich für diese Deutung u. trägt dann (Germ. 15,418) nach, daß in Twenthc, Provinz Overijssel, oläs teils noch jetzt in dem von ihm angenommenen Sinne volksüblich sei. Für die ursprüngliche Form hält Hoefer das altüberlieferte l ultüls, was er als alte Feile erklärt. Er stützt sich dabei auf die Eigennamen ^.ItLi (um 1180) iil- Isiklgl (1590), und hinsichtlich der Bedeutung auf das Verwenden von alte Feile als Scheltwort n. ! auf das Englische, wo Lie — nichtsnutzige Person, > Feigling rc.; olä LIs, alter Geizhalz; a rum old 506 Aluminium. Altwasser — LIe, ein absonderlicher Kauz. Die Form ans Twenthe ist übrigens dieser Etymologie nicht günstig, denn in Feile (linm) müßte man nach dortiger Mundart doch wol den Laut !, nicht si erwarten. Leverkns, Lübbcn n. Rochholz (Zeitschr: für deutsche Philol. 3, 317—342) suchen zwar in L-Itvil einen ähnlichen Sinn wie Hoefer, schlagen aber in etymologischer Beziehung wieder ganz andere Wege ein. Eine durchaus befriedigende etymologische Deutung bleibt noch immer zu wünschen. Altwasser, Df. im Kr. Waldenburg des preußischen Rcgbez. Breslau an der Polsnitz, sowie an der Breslau-Freiburger und der Schlesischen Gebirgsbahn; 6985 Ew.; neues Schloß der Herren vonMutius, cvang. (seit 1856) u. kathol. Pfarrkirche, Thielsche Porzcllanfabrik (mit 25 großen Brennöfen und 1500 Arbeitern), große Spiegelfabrik, Flachsspinnerei, Spath- n. Brauneisensteinlager, Steinkohlcnzeche; 7 Mineralquellen (von denen der Luisenbrnnnen erst seit 1857 existirt), alkalisch-erdig, auch freie Kohlensäure haltend, vorzüglich zum Baden u. zum Trinken (Georgsbrnn- nen) benutzt, von 7" R., gegen katarrhalische Assertionen der Luftwege u. des Magens, Blntarmnth, weißen Fluß, Leberhyperämie rc. angewendet, Moorbäder. Dabei die Eisengießerei n. Maschinenbauanstalt Karlshütte. Der Ort kommt schon als ^.gns, antigna in der Mitte des 14. Jahrh. vor; die Quellen werden besonders seit dem 17. u. der Mirte des 18. Jahrh. besucht. Vgl. Wendt, Die eisenhaltigen Quellen zu A. in Schlesien, Bresl. 1841. Altyll (türk.), bedeutet Gold. Altyschar oder Altyschähär, d. i. Gebiet der sechs Städte, ist die frühere chinesische Provinz Thianschan-Nanlu, die man gewöhnlich Kleine oder Hohe Bucharei, oder Östturkestan, auch Ostdsungarei rc. nennt; sie wurde 1865 in ein selbstständiges Reich unter der Herrschaft Jakub Begs nmgewandelt u. von ihm mit dem Namen Dschiti Schahar (Schitaschar) belegt. Die sechs Städte, von denen das Land den Namen hat, sind: Kaschgar, welche von Norden aus auf der über den Paß Sankt im Thianschan führenden Karawanenstraße erreicht wird und neuerdings auch dem russischen Handel eröffnet worden ist; Jan- ghisar (Jangisar, Dengischehr); Jarkand (Aar- kand), die größte Stadt des Landes; Chotan (Jli-tschi, Eltschi), ausgezeichnet durch seine Seidenraupen und die Fabriken von feinem Filztnch, Teppichen, Halbseidenzeng (Maschru), feinem Boi, Seidenstoffen (Darai); Nsch-Turfan, berühmt durch seine Viehmärkte und seinen guten Tabak; Aksu, wichtig als Centralpunkt des chinesischen Handels im Westen und in militärischer Hinsicht als Vereinignngspnnkt der Straßen aus den, inneren China und des Jli; berühmt sind die Fabriken von Daba (die sogenannte Schicha) u. Lcder- waaren. Alula, 1) Stern / im Großen Bären. 2) So v. w. als, spnria, der Asterflügel der Vögel. AltMttNa (Chem.), so v. w. Aluminiumoxyd. Aluminate (Chem.) nennt man salzartige Verbindungen von Aluminiumoxyd (als Säure) mit basischen Metalloxyden. Die A. der Alkalien entstehen durch Lösung von Alumininmoxyd-(Thon- erde-)hydrat in Lösungen kaustischer Alkalien. Natürliche A. sind besonders der als Edelste« bekannte Spinell, sowie der Chrysobryll, Pleonast u. Gahnit Alnminatschlacken, s. Schlacken. Almninit, ein in nierenförmigen weißen Knolle», die sich unter dem Mikroskop als Aggregate von kleinen Prismen zeigen, vorkommendes Mineral, das aus schwefelsaurer Thonerde gemäß der Formel LIyLOe-s-OllyO besteht; spec. Gewicht 1„; sehr weich; findet sich namentlich in Kaolinlagern bei Halle a. S. Aluminium (vom lat. Llnmsn, Alaun; Chem.); chem. Zeichen: H; Atomgewicht 27,«. Leichtes Metall der Thonerde u. des Alauns; silberweiß, von schönem Metallglanz, fast so dehnbar u. hämmerbar wie Silber; leitet die Elektricität gut; läßt sich zu Draht ausziehen, zu Blech (bis zum feinsten Blatt-A.) auswalzen; schmilzt in der Nvth- glühhitze; sein spec. Gew. ist sehr gering, nur 2,«„ gehämmert 2,g, (es ist also mehr als 4 mai leichter als Silber, 7H mal leichter als Gold); das compacte A. steht in seinem Widerstande gegen Einwirkung feuchter Luft den edlen Metallen nahe. Diesen Eigenschaften verdankt cs seine Anwendung in der Industrie zu Schmncksachen und Metall- gcräthen verschiedener Art. Im Zustande feiner Vertheilung ist das A. leichter oxydirbar. Das seinvertheiltc A., wie es Wöhler 1827 zuerst darstellte, zersetzt kochendes Wasser, wenn auch langsam; ebenso das Blatt-A. Dieses, sowie seiner A-draht, verbrennt in starker Hitze mit Hellem Lichte zu A-oxyd. Verdünnte Säuren, mit Ausnahme der Chlorwasserstoffsäure, lösen das A. nicht; wol aber wird es von ätzenden Alkalien unter Wasserstoffentwickelung gelöst. Auch con- centrirte Salpetersäure löst das A. langsam auf. Das A. findet sich in der Natur nicht gediegen, ist aber in vielen u. sehr verbreiteten Mineralien enthalten. Es kommt vor als Oxyd in der reinen Thonerde oder (früher) Alaunerde (Saphir, Rubin, Korund und Smirgel), als Oxydhydrat (Bauxit, Gibbsit, Diaspor), als A-stlicat n. namentlich auch in großer Verbreitung als A-doppelsilicat, sowie in den Berwitterungsproducten des tzteren (Thon, Kaolin); als Doppelfluorid (Kryolith); endlich ist es in dem Alaun enthalten. Obwol die Ackererde immer Thon enthält, findet inan doch in den Pflanzenaschen (mit Ausnahme von Lycopodium) keine A-verbindnngen. Schon Davy hielt die Thonerde (Alaunerde) für das Oxyd eines Metalls, dessen Abscheidnng ihm aber nicht gelang. Erst Wöhler stellte das A. 1827 ans A-chlorid mit Kalium dar, u. zwar in feiner Vertheilung als graues Pulver; 1845 erhielt er das Metall in compacterem Zustande; bald darauf auch Deville; Letzterer wandte Natrium statt des Kalium an. Es wurden ihm, nm eine für fabrikmäßige Darstellung des A. geeignete Methode anfzufinden, große Summen von der französischen Regierung zur Verfügung gestellt, und er begründete die A-bereitnng im Großen. Gleichzeitig stellte Bunsen A. durch Elektrolyse dar. Die Verwendung von Kryolith zur Gewinnung des A. zeigte Rose 1855. Fein Vertheiltes A. erhielt Wähler 1827 s Aluminiiimbronze - (neben Chlorkalinm, resp. Chlornatrium) durch Glühen von A-chlorid mit Kalium oder Natrium. Zur Darstellung des A. als compactes Metall bringt mau nach der von Wühler begründeten u. von Deville spater zur Darstellung im Großen angewandten Methode in eine Glasröhre A-chlorid u. mehrere Porzellanschiffchcn mit Stücken von trockenein Natrium, leitet, um die Lust zu verdrängen, Wasserstoff in die Röhre u. erhitzt diese, bis das A- chlorid sich verflüchtigt. DieDämpfedesselbenzersetzen sich mit dem Natrium in Chlornatriuin und A.; die Porzellanschiffchen werden darauf in einer Porzellanröhre im Wasserstoffstrome zum Glühen erhitzt, wobei das Metall zu einem Regulus zusammenschmilzt u. nach dem Erkalten durch Waschen mit Wasser von anhängendem Chlornatriuin befreit wird. Ferner stellt man A. dar durch Znsammen- schmelzen von Kryolith mit Natrium, Chlornatriuin ». Chlorkalinin. Die Darstellung des A. im Großen für technische Zwecke geschieht seit 1853, und zwar nach demselben Princip, nach dem Wühler 1827 und später Deville arbeitete, nur mit vcrvollkommne- ten Apparaten. Doch hat die Darstellung aus Kryolith auch bereits 'Ausdehnung gewonnen. In neuester Zeit ist auch Elektrolyse des A-chlorid zur Darstellung des A. im Großen empfohlen worden. (Dian vergl. hierüber die Berichte der deutschen chem. Geseüsch., Bd. 6, S. 150.) Der Preis, der anfangs 800 Ll per ic§ betrug, beträgt heute nur noch 96—100 Ll. Die Haupt- sabrikcn find in Frankreich Nanterre u. Rouen u. in England Newcastle am Tyne, Deutschland hat keine. Blau löthet A-gegenstände mit einem A- löthkolben u. Loth, das aus A., Kupfer n. Zink legirt ist (90 Zink, 4 Kupfer, 6 A.). Es läßt sich umschmelzen, auswalzcn u. auf der Drehbank zu allerlei Gegenständen, Thee- und Kaffe- kannen rc., verarbeiten. Das Poliren geschieht am besten mit einer Emulsion von Olivenöl in Rum n. dem Polirstein. Zum Reinigen daraus gefertigter Gegenstände nimmt man Benzin, in das man die Gegenstände eintancht und dieselben dann in Sägemehl abtrocknet. Auch plattiren mit Gold u. Silber läßt es sich, doch nur schwierig. Von seinen Legirnngen haben nur die mit dem Kupfer Anwendung gefunden, die sogenannte A- bronze, die man darstellt, indem man die erforderliche Menge feinsten Kupfers (90—95 Theile) einschmilzt n. dann das A. (10—5 Th.) zufügt. Es zeichnen sich diese Legirungcn durch eine schöne goldgelbe Farbe und große Festigkeit, welche fast die des Stahls erreicht, ans. Es werden daraus Lagerschalen für Maschinen gemacht, die sich bewähren, ebenso Läufe von Gewehren u. Pistolen. Auch zu Unterlagen von Lochmaschinen für Fabrikation der Briefmarken wird die A-bronze mit Vorthcil gebraucht. Das A. selbst findet bis heute eine sehr beschränkte Anwendung und hat nicht die technische Wichtigkeit erlangt, die man anfangs von ihm erwartete. Seiner Anwendung als Münzmetall sieht seine leichte Auflösbarkeit in Alkalien entgegen. Am meisten Verwendung noch findet es in der Schmuckwaarenfabrikation, wo seine Leichtigkeit es zu Armbändern u. Kopfschmuck empfeh-^ — Aluminiumoxyd. 507 len. Ferner benutzt man es seiner Leichtigkeit u. Nnveränderlichkeit wegen zu Federhaltern, Rockknöpfen, Leuchtern, Messcrhesten, Hausschlüsseln u. zu Fassungen von optischen u. physikalischen Instrumenten. Auch für musikalische Instrumente ist cs empfehlenswertst. Alttininiumbronze, s. Aluminium. Aluminiumlegirungen, s. Aluminium. Aluminiumchkorid (Chloralnminium, Chem.), besteht ans Aluminium u. Chlor in dcmVerhält- niß ^.IgOIg, ist gelblich, krystalliuisch, raucht an der Luft, ist zcrfließlich u. in Wasser unter Erhitzung löslich, sehr flüchtig und nur in größerer Menge schmcizbar, ohne vorher zu verdampfen. Die Lösung, welche auch durch Lösen von Thonerdehydrat in Salzsäure gewonnen werden kann, zersetzt sich leicht beim Abdampfen in der Wärme; im Vacnnm abgedampft, läßt sie Krystalle von wasserhaltigem A., zurück. Wasserfreies A. wird jetzt zur Darstellung von Aluminium im Großen angewandt. Dian gewinnt es, indem man Chlor zu einem glühenden Gemenge von (aus Bauxit dargcstelltem) Alnminiumoxyd mit Kohle leitet. Alnunniumdoppclsulfate (Chem.), Doppelsalze von schwefelsaurer Thonerde mit anderen schwcfelsanren Salzen; s. u. Alaune. Aluminiumdoppelsilicate (Chem.), Doppelsalze von kieselsaurer Thonerde n. anderen kieselsauren Salzen; so mit kieselsaurcm Kali n. Natron (s. Feldspath, Leucit, Analcim), Lithion (s. Petalith), Kalk, Magnesia, Baryt, Eisen- u. Manganoxydul (s. des. u. Granate, Zeolithe). Aluminimnfluorid (Fluoraluminium, Chem.), Verbindung von Aluminium und Fluor; Formel L.Izl'a; farblos, in Würfeln krystallisirend, schwer flüchtig, in Wasser und Säuren schwer löslich. Wichtig für die Darstellung des Aluminium ist das als Kryolith natürlich vorkommende Natrium- A., Aluminrumhydroxyd (Chem.), so v. w. Alu- mininmoxydhydrat. Alnminiumoxyd (Thonerde, Chem.), aus Aluminium und Sauerstoff nach der Formel HzOz zusammengesetzt, das einzige bekannte Oxyd des Aluminium. Es kommt in zwei Modificationen vor, einer krystallisirten u. einer amorphen. Die erstere findet sich in der Natur als Korund. Der edle Korund ist durchsichtig u. ein kostbarer Edelstein. Er heißt Saphir, wenn er (durch Spuren von Kobalt) blau, Rubin, wenn er (durch Spuren von Chrom) roth gefärbt ist; es gibt auch eine gelbe (orientalischer Topas) u. eine purpurfarbene Varietät (orientalischer Amethyst). Der gemeine Korund oder Diamantspat!) ist eine (durch Eisenoxyd) getrübte Varietät. Auch amorphe Thonerde findet sich in der Natur als Smirgcl. Er wird, wie der gemeine Korund, zum Schleifen u. Poliren von Edelsteinen, Glas u. Metall benutzt. Das krystallisirte A. ist nächst dem krystallisirten Bor u. dem Diamanten der härteste Körper; man bezeichnet seinen Härtegrad mit 9. Es ist in Wasser u. Sänren unlöslich u. schmilzt nur im Knallgas- gebläsc. Das amorphe A. stellt ein weißes, ge- schmack- u. geruchloses, in Chlorwasserstoff- u. nicht ^zn concentrirter Schwefelsäure lösliches Pulver dar. 508 Aluimmumoxydhydrat — Mvarado. welches beim Glühen zu einer porösen, Wasser bc- ierig anfsaugenden, sehr harten Masse zusammen- ackt. Je stärker dasselbe geglüht wurde, desto mehr verliert es die Fähigkeit, Wasser aufznsaugen u. sich in Säuren zu lösen. Das unlösliche A. wird durch Schmelzen mit Alkalien oder saurem schwefel- saurem Kali löslich gemacht. Vor dem Knallgasgebläse schmilzt die amorphe Thonerde zu einer farblosen, beim Erkalten kristallinische Strnctur annehmenden Masse. Darstellung des amorphen A. durch Glühen des aus Alaunlösung mittels kohlensaurer! Ammon gefällten Niederschlages, oder von Ammonalann, des krystallisirten durch Glühen von Alaun u. schwefelsanrem Kali, oder von Thonerde mit Schwefelkalinm, wobei farblose Krystalle erhalten werden. Durch starkes Glühen von Flnor- alnmininm mit Borsäure erhält man künstlichen farblosen Korund, den man durch kleine Mengen Fluorchrom färben kann (künstlicher Rubin). Alnlninimnoxydhydrat(Älnuiininmhydroxyd, Thoncrdehydrat, Chem.), Verbindung von Aluminium, Sauerstoff u. Wasserstoff von der Formel --lizOukkg, findet sich kristallinisch in der Natur als Hydrargyllit; man stellt es künstlich durch Fällen eines Aluminiumsalzes mit Ammon dar, der Niederschlag ist erst gallertig u. trocknet schnell ein; cs löst sich in Säuren zu Alnmininmsalzcn und in Alkalien (aber nicht in Ammon) zu Aluminatcn, ferner in Alnminiumchlorid u. essigsaurer Thon- crdc auf. In Wasser ist es unlöslich. Eine in Wasser lösliche Modification erhält man durch Dialyse der Lösung in Aluminiumchlorid oder essigsaurer Thouerde; es wird aber bald von selbst unlöslich u. scheidet sich dann aus. Beim Glühen geht es unter Wasserabgabe in Aluminiumoxyd über. Praktisch findet das A. in der Färberei u. Lackfarbenfabrikation Verwendung, welche darauf beruht, daß es organische Farbstoffe auzieht und sich mit denselben zu unlöslichen, auf der Ge- spinustfaser haftenden Verbindungen vereinigt. Ein zweites Oxydhydrat des Aluminium findet sich in der Natur als Diaspor. Ein drittes, Kieselsäure und Eisenoxyd enthaltendes Hydroxyd ist der Bauxit, der für die Aluminiumfabrikation von Bedeutung ist. Älmninimnsalze (Chem.), Salze, deren Basis Thonerde ist. Einige (kicselsaure, basisch schwefel- saure n. phosphorsaure Thouerde und namentlich auch in großer Menge gewisse Doppelsalze, wie Feldspathe, Alaune rc.) finden sich in der Natur, andere erhält man aus Thonerdehydrat durch Zusatz der betreffenden Säuren. Sie sind meist in Wasser oder doch in Salzsäure löslich, reagiren sauer, schmecken süßlich u. zusammenziehend, gehen, wenn die Säure flüchtig ist, beim Glühen in Alu- mininmoxyd über und gehen, mit salpetersaurein Kobaltoxydul befeuchtet n. vor dem Löthrohr erhitzt, eine schön blaue Masse. Aus den Lösungen wird durch Kali- und Natronlauge, sowie durch Ammon u. Schwefelammoninm gallertiges Thonerdehydrat niedergeschlagen, welches in den beiden ersten, nicht aber in den Heiden letzten Fällungsmitteln löslich ist; kohlensaure Alkalien geben einen gelatinösen, in der Kälte u. bei verdünnten Lösungen Kohlensäure enthaltenden Niederschlag; nach dem Auswaschen u. Trocknen, sowie wenn er heiß bereitet ist, besteht der Niederschlag aus Thonerdehydrat. Die einzelnen Salze s. u. den betreffenden Säuren. Aluminiumstlicate (Chem.), kieselsaure Salze des Aluminium. Disthcn, Andalusit u. Chiastolit sind wesentlich kieselsanre Thouerde UzZiO^; im Topas ist ein Theil des Sauerstoffes durch Fluor vertreten; Stanrolith ist eisenhaltige, Allophan u. Kaolin sind wasserhaltige kieselsaure Thouerde der Lehm u. Thon ebenfalls, doch mehr mit anderen (namentlich Kalk-, Magnesia-, Eisen- und Mangan-) Verbindungen verunreinigt. Alle Porzellan-, Steingut- u. Thouwaaren, Cemeut, sowie das Ultramarin enthalten A. als wesentlichen Bestandtheil. Almniniumsulfat, -Phosphat rc. (Chem ), s. schwefelsaure, phosphorsaure rc. Thonerde. Alumnat, s. u. Alumneum. Alumnem», Alumnat (v. Lat.), Anstalt, in welcher Knaben oder Jünglinge (Alumnen) Pflege, Kost, Erziehung und Unterricht unentgeltlich erhalten; Alumnat auch der Stand eines Schülers in einem bischöflichen oder päpstlichen Seminar. Im Rechts wesen ist ein Alumnus so v. w. Pflegekind. Alunit, so v. w. Alaunstein. Alnnno, Niccolo (eigentlich Niccolo di Li- beratore), Historienmaler in der Mitte des 15. Jahrhunderts, zur Umbrischen Schule gehörig. Werke von ihm im Dome zu Assisi, in S. Agostino zn Fuligno, in der Brera zn Mailand. A. zeichneie sich durch die glückliche Behandlung des Holdseligen und Innigen aus, dem er eine festere Gestalt zn geben wußte. Aluschta, befestigtes Dorf in der Krim mit tatarischer Einwohnerschaft; es ist das Alustan des Mittelalters, wo die byzant. Kaiser im 7. Jahrh. eine noch vorhandene Citadelle errichteten; früher volkreich u. mit Bischofssitz; Weinbau. Alüta (Oltul), 556 Icm langer rechter Nebenfluß der Donau; kommt von den Karpathen in Siebenbürgen, tritt durch den Rothenthurmpaß nach Rumänien, bildet die Grenze zwischen der Großen u. Kleinen Walachei, nimmt die Lotra u. den Oltez auf u. mündet zwischen Jslaz n. Turna. Alva de Tormes, 1) Hcrzogthnm, früher Besitzt!)!!!!! des Herzogs von Alba, der davon seinen Namen entlehnte. 2) Stadt in der spanischen Provinz Salamanca, am Tormes, über welchen eine Brücke von 26 Bogen führt; Schloß (Stammburg der Herzöge v. Alba), 9 Kirchen; 2350 Ew. Hier im Spanisch-portugiesischen Befreiungskriege 28. Nov. 1809 Niederlage der Spanier durch die Franzosen unter Kellermann. Alvarado, 1) Pedro de, geb. zn Ende des 15. Jahrh.; nahm 1518 an einer Expedition nach Cuba u. 1519 nach Mexico theil, über das er die ersten Berichte brachte. Seine Grausamkeit war die Ursache, daß die Spanier 1. Juli 15,20 gezwungen wurden, Mexico zu räumen. Er fiel 1541 bei einer Expedition gegen die Indianer. 2) Alfons d'A., geb. zn Burgos; begleitete Pi- zarro nach Peru. Als Almagro sich gegen Pizarro empörte, gerieth er, von den Seinigcn verlassen, in Gefangenschaft, entkam aber u. vereinigte sich mit Pizarro, zu dessen Sieg über Almagro 1538 509 Alvarcz — er viel beitrug. Nach der Ermordung Pizarros trat er in den Dienst des Oberrichters Vaca de Castro u. half 1542 den Sieg bei Chupas über den jüngeren Alinagro erkämpfen, ward General u. trug durch Strenge viel zur Zerstreuung der Unzufriedenen bei. Er starb 1553, nachdem er die Schlacht von Chucinqua verloren. Alvärcz, 1) Pedro Cabral, gcb. um 1460, aus einer edlen portugiesischen Familie; entdeckte, von K. Emanncl von Portugal zum Admiral der nach Ostindien ausgerüsteten Flotte ernannt, indem er zu weit westlich segelte, Brasilien n. nahm dieses Land am24.April 1500 sürPortugal in Besitz. Nach einer höchst unglücklichen Fahrt endlich nach Ostindien gekommen, schloß er mit dem indischen Fürsten in Calicnt die ersten für Portugal so wichtigen Handelsverbindungen mit Ostindien. Er st. um 1526. Seine Reisen sind beschrieben in dem 1835 neu erschienenen Abdruck von Ramusios isis-vi- xationi s vinM (3 Bde., Vened.). 2) Mariano, spanischer Generallicutenant; als Generalcomman- dant der Avantgarde der catalonischen Armee wurde er durch die smonatliche Vertheidignng von Gerona (6. Mai bis 10. Der. 1809) berühmt n. st. als Kriegsgefangener zu Figueras Anfang 1810. 3) Juan, mexikanischer General, geb. gegen 1780 im jetzigen Staate Guerrero; stammte ans einer indianischen Familie und gründete, wegen seiner Grausamkeit der Panther des Südens genannt, in den südlichen Theilen Mexicos eine Art Fürstenthum. Als sich Santa Anna zum lebenslänglichen Präsidenten erhoben hatte, empörte sich A. gegen ihn u. vertrieb ihn im August 1855. Im selben Jahre, nach General Carreras Abdankung, zum Präsidenten erwählt, hob er die Vorrechte der Armee u. des Klerus ans, mußte aber am 10. Dec. von seinem Amte wieder zurücktreten. Er st. 1863. 4) Don Jose, geb. zu Priego (Prov. Cordova) 23. April 1768, einer der ersten spanischen Bildhauer der Gegenwart; war der Sohn eines armen Steinhauers u. selbst Steinhauer, besuchte dann die Akademie zu Granada, ward vom Bischof von Cordova unterstützt, 1800 vom König nach Paris und Rom gesandt, fertigte 1804 in Paris seinen Ganymed (im Museum zu Madrid), ward 1816 zum Hofbildhaner ernannt, kehrte aber erst 1826 nach Madrid zurück und st. 26. Nov. 1827. Die Gruppe des Antilochos u. Nestor trug ihm seine Ernennung zum Akademiker ein; außerdem muß genannt werden sein Ornpo solossl äs 2rwn§oM, eine Scene ans der Bertheidignng von Saragossa im 1.1808—1809. Nach dem Vorbilde der Antike gebildet, zeigte er nahe Verwandtschaft mit Canova, aber größere Energie in der Darstellung leidenschaftlicher Momente. Alveld, Augustin, gcb. zu Alfeld im Hildes- hcimijchen, Rector eines Franciskanerklosters zu Leipzig, war heftiger Gegner Luthers. Dieser beauftragte einen seiner Schüler, Lonicerns, mit einer gedruckten Abfertigung der zahlreichen Schmähschriften A-s, während er selber sich begnügte, in seinen Briefen höchst geringschätzig von ihm zu schreiben. A. st. 1523 als Franciskaner- Guardian zu Halle. Alvcneu, Pfarrdorf an derAlbnla, im schweizer Kant. Graubünden, 1324 in ü. Bi., mit vor- Alvcuslcbcii. trefflich eingerichtetem, stark besuchtem kaltem Schwefelbade. Über das Davoser Landwasser ist eine 65 m hohe Brücke gespannt. Mvenslebcn, ein altes Geschlecht, welches sich im Laufe der Zeit in der Altmark, im Magdebnrgi- schen und in den angrenzenden brandenbnrgischen Landestheilen zahlreiche Güter erworben hat. Ür- kundlich erscheint zuerst: Richard v. A. 1165 als Ministerial des Bischofs von Halberstadt u. Hüter der bischöflichen Veste Alvenslcben an der Bcver, in deren Nähe sein Sohn Gebhard ein eigenes Schloß erbaute. Von Richard stammen 2 Linien, von denen eine in der Mitte des 14. Jahrh. erlosch, ans der anderen wurde durch Ritter Alst recht I. von Calve die Schwarze Linie, durch Ritter Gebhard IV. von Klözze die Weiße Linie u. durch Friedrich II. die Rothe Linie gestiftet. Die letzte erlosch 1534 in dem Zweige von Erxle- ben und 1553 in dem von Kalvörden. Ans der Schwarzen Linie wurde 1798 August Ernst n. aus der Weißen Linie die Brüder Wilhelm (geb. 1798) u. Ferdinand (geb. 1803) 1840 in den persönlichen Grafenstand erhoben. I. Schwarze Linie: 1) Graf Philipp Karl, geb. 1745 zu Hannover; ward mit Friedrich Wilhelm II. und dessen Bruder Prinzen Heinrich von Preußen zu Magdeburg erzogen, stndirte in Halle u. ward 1770 Referendar beim Kammergerichte zu Berlin, 1774 Hofcavalier des Prinzen Ferdinand u. 1775 Gesandter am sächsischen Hofe, n. erwarb sich in dieser Stellung die Gunst Friedrichs II., indem er zu Dresden in Bezug ans die bayerische Erbfolge eine geheime Convention abschloß. Von Friedrich Wilhelm II. ward er zu verschiedenen diplomatischen Sendungen verwandt u. ging 1788 als außerordentlicher Gesandter nach den Niederlanden n. England. 1791 zurückgekehrt, ward er Staatsminister des Auswärtigen, 1800 zum Grafen erhoben u. st. 21. Oct. 1802. 2) Johann Ang. Ernst, Graf v. A., geb. 6. Ang. 1758 zu Erx- leben bei Neuhaldensleben; stndirte zu Helmstädt u. wurde Referendar zu Magdeburg, von welcher Stelle er aber schon 1787 zurücktrat; 1788 wurde er Domherr n. 1796 Domdechant zu Halberstadt u. 1798 in den Grafenstand erhoben, privatisirte nach der Auflösung des Stiftes, ward aber nach dein Tode des Staatsministers Grafen Schnlen- burg durch Georg IV. und den Grafen Münster erster Minister von Brannschweig, 1823 dann Landtagsmarschall der Provinz Brandenburg, sowie Mitglied des preußischen Staatsrathes und starb 27. Sept. 1827. 3) Albrecht, Graf v. A., preußischer Staatsminister, ältester Sohn des Vor., geb. 23. März 1794 zu Halberstadt; stndirte seit 1811 in Berlin, trat als Freiwilliger in die preußische Gardecavalerie u. ward bald Offizier. Stach dem Frieden wurde er 1817 Referendar am Stadt-, dann beim Kammergericht in Berlin, wo er zum Assessor n. 1826 zum Rath ansstieg, aber bald als Hilfsarbeiter zum Geheimen Obertribnnal kam und Mitglied des Revisionsgerichws der Provinz j Brandenburg wurde. Rach dem Tode seines Vaters 1827 übernahm er dessen Güter und ward Generaldirektor der Magdebnrgischen Feuerver- ! sichcrungsgesellschaft. 1833 ward er Geheimer !Jnstizrath ».Mitglied des Staatsrathes u. 1834 510 Alvenslebcu — Alvin. mit Antillen Abgeordneter bei der neuen Ministc- rialconferenz zu Wien zur Vermeidung fernerer Unordnungen in Deutschland, erhielt 1835 die provisorische u. 1836 die definitive Verwaltung des Finanzministeriums als wirklicher Staatsminister n. im April 1837 einzelner Zweige des jetzigen Handelsministeriums. Unter ihm trat der bereits am 1. Januar 1834 gebildete Zollverein wirklich ins Leben. 1842 trat er in den Privatstand zurück, wurde 1849 in das Herrenhaus berufen, vertrat 1850 Preußen bei der Dresdener Ministerialcon- ferenz (f. Deutschland) u. ging im Mai 1854 in vertraulicher Mission nach Wien in Sachen des Vertrages vom 20. April. Er war seit 1840 auch Erbtrnchseß im Fürstenthum Halberstadt u. starb 2. Mai 1858. Mit ihm erlosch diese.Linie. II. Die Weiße Linie blühte einst in 3 Ästen, dem zu Jscrnschnippe (starb 1680 aus), dem zu Eimers- lcben (starb 1743 aus) n. dem zu Erxlebcn. Jetziger Chef der letzteren ist Ferdinand, geb. 23.Jan. 1803, mit seinem älteren (2.Dec. 1853 gestorbenen) Bruder Friede. Will). August 15. Oct. 1840 in den Grafcnstand erhoben. Er ist Mitglied des preußischen Herrenhauses aus Lebenszeit u. mit Luise, geb. v. d. Schnlenburg, vermählt. Alvcnslcben, preußische Generäle, 1) (A. I.) Gustav v., geb. 30. Sept. 1803; trat 1821 als Cadet in die preußische Armee ein u. war von 1837—41 Lehrer erst des Prinzen Georg von Mccklcnburg-Strelitz u. dann des Erbprinzen Leopold von Lippe; als Major war er 1849 Chef des Generalstabcs in Baden; 1858 wurde er Generalmajor, 1861 Gcncraladjutant des Königs u. 1863 Gcnerallieutenant; im Kriege gegen Österreich 1866 begleitete er als solcher das Große Hauptquartier des Königs n. wurde dann (Octobcr 1866) mit dem Generalcommando des 4. Armeecorps beauftragt; 1868 zum General der Infanterie ernannt, machte er 1870 mit seinem Corps den Krieg gegen Frankreich zuerst unter dem Oberkommando des Prinzen Friedrich Karl mit. Nach dem 18. Aug. wurde er der Maasarmee unter dem Oberbefehl des Kronprinzen von Sachsen zugetheilt u. schlug am 30. Aug. die siegreiche Schlacht von Bcanmont, nahm ruhmreichen Anthcil an der Schlacht bei Sedan und an den Kämpfen bei der Belagerung von Paris. Jetzt, vom Generalcommando entbunden, ist er Generaladjntant des Kaisers «. Chef des 3. Magdcburgischen Jnfanterie-Rcg. Nr. 66. 2) (Ä. II.) Constantin v., geb. 26. Aug. 1809; im Cadettencorps erzogen u. 1827 zum Offizier befördert, 1853 Major, ward er zum Gcneralstabc commandirt u. wurde 1858 Obcrstlieutcnant, in welcher Eigenschaft er als Chef des Generalstabes zum 1. Armeecorps n. 1860, zum Obersten befördert, als Chef der Abtheilnng für Armeeangelegenheiten in das Kricgsministerinm trat. Er erhielt 1864 als Generalmajor das Commando der 2. Garde- Jnfauteriebrigade, mit welcher er 1866 bei der Armee des Kronprinzen den Feldzug in Böhmen mitmachte. An der Schlacht von Soor 28. Juni hatte er ruhmreichen Anthcil; seine Hanptwaffen- that aber war die Erstürmung n. Behauptung von Chlum in der Schlacht von 'Königgrätz, wodurch die Entscheidung des Tages herbcigeführt wurde. Nach dem Frieden wurde" er Mitglied der Stndicn- commission der Kriegsakademie, Geuerallieutenant u. Commandeur der 1. Garde-Infanteriedivision. Im Kriege gegen Frankreich 1870 führte er das 3. Armeecorps in der Armee des Prinzen Friedrich Karl. Den beiden Divisionen dieses Corps fiel die Aufgabe zu, am 16. Aug. die abziehcndc französische Armee in der Flanke anzufallen u. fest- zuhaltcn, was ihnen durch heldenmüthige Behauptung der Positionen von Vionville u. Mars-la-tour, erst später durch einzelne Theile des 10. Corps unterstützt, gelang. Die französische Armee wurde am Abziehen verhindert u. ihre Einschließung in Metz ermöglicht. Später führte A. sein Corps mit steteni Erfolge in den Feldzügen an der Loire. 1873 nahm er aus Gesundheitsrücksichten seinen Abschied. Alvcnslcben, Karl Louis Friedrich Wilhelm Gustav v., psenüon. Gustav Sellen, deutscher Schriftsteller, geb. 3. Mai 1800 zu Berlin; machte 1813 in hannoverischen Diensten den Feldzug in Mecklenburg und Holstein mit, wurde 1814 Offizier, trat nach dem ersten Frieden von Paris in den Civilstand zurück, nahm 1815 als Freiwilliger preußische Dienste n. war 1817—1823 preußischer Artillerieoffizier. Er studirte 1825—1828 in Leipzig die Rechte, widmete sich aber der Schriftstellerei, wurde wegen seiner Theilnahme an der Vcrtheidignng von Wien im Oct. 1848 zu einjähriger Festnngsstrafe vcrurtheilt u. st. 8. Aug. 1868 in Wien. A. gründete 1832 die Allgemeine Theatcrchronik, die bis 1873 bestand u. werthvoll für die Geschichte des Theaters ist. Außerdem hat er sich um den Schauspielerstand durch Gründung einer Allgemeinen deutschen Theater-Pensionsanstall verdient gemacht, eine Idee, die sich aber erst 1871 in der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger mit Glück realisirte. Er schrieb eine Menge von Romanen n. Novellen, Geschichtliche Werke rc. Alveole, A lv e o lit nennt man den inneren, viel- kammerigen Theil der Belemnitcn, einer ansge- storbcnen Cephalopodenart, die häufig sich allein noch versteinert erhalten hat, u. die man früher, ehe man die Construction des Thieres erkannte, für Ortlioeoratitss hielt. Alveolen (lat. alveoli), Zahnfächer. Zahnhöhlen, die der Größe der jedesmaligen Zahnwurzeln, die sie aufznnehmen bestimmt sind, entsprechenden Vertiefungen in den Knochen des Ober- u. Unterkiefers. Sic sind ein- oder mehrfächerig n. verschieden tief in den Knochen reichend. Daher Alveolar, 1) was einen höhlenartigen, fächerigen, den Alveolen ähnlichen Bau hat; so hat z. B. die Kropfdrüse des Menschen einen alveolaren Bau; eine Art von Krebsgeschwulst heißt Alveolarkrebs; 2) was auf die Zahnfächer Bezug hat, so z. V. Alveolararterie, -kanal, -nerven, -Venen, -rand, so v. w. Zahnfächerarterien rc. Alverma (Sacro Monte della Verna), Berg in der italienischen Prov. Arezzo, im sogenannten Casentino, auf dessen Gipfel ein Franciskanerklostcr mit der besuchtesten Wallfahrtskirche Toscanas steht, 1213 von Franz v. Assisi gegründet. Alverstoke, Stadt in der englischen Grafschaft Hampshire; Hafen, Forts, Hospital; mit Gosport, ebenfalls Hafen, 22,700 Ew. Alvin, Louis Joseph, belg. Schriftsteller, 511 Alvinczy geb. 18. März 1806 zu Cambrai; wurde 1830 Secretär im Unterrichtsministerium, 1845 Mitglied der Belgischen Akademie, 1850 erster Bibliothekar der Brüsseler Bibliothek. Er schrieb: 8ar- ämmpal (Drama), 1834; Im kollioulairo anonyme, (Lustspiel) 1835; Lonvsmr» <1s inn vis libtsrairs, 1843; l-os nisllos äs In bibl. ro/als äs Lel^igns 1857; I-'snknncs äs äosns, Dabloanx llamanäs (Gedicht), 1860; l/nllinncs äs I'arb ob äs I'in- änotris, 1864; lms acnäsmis» st Iss nnbrss seolss äo äossin äs In Lslgigns on 1864, 1866. Alvinczy, Joseph v. Barbaren!, Freiherr v. A., geb. 1. Febr. 1735 zu Alvincz; trat früh in Dienst bei den österreichischen Husaren, stieg im Siebenjährigen Kriege durch Tapferkeit schnell bis zum Obersten; im Bayerischen Erbfolgekriege nahm er den Prinzen v. Hesfen-Philippsthal bei Habelschwert gefangen, ward Generalmajor u. Lehrer der Taktik des nachmaligen Kaisers Franz II. Unter Laudon machte er den Türkenkrieg mit und stürmte vergeblich Belgrad; 1789 zum Feldmar- schalllientenant avancirt, zeichnete er sich 1793 bei Neerwinden aus, wurde aber bei Hondschooten geschlagen; 1794 wurde er Feldzeugmcister, comman- dirte 1795 am Oberrhein, wurde 1796 in den Hofkriegsrath nach Wien berufen, bald aber mit dem Commando nach Italien u. Tirol gesendet ». ordnete in Tirol den Landsturm. Im Spät- herbste 1796 übernahm er den Oberbefehl des Heeres in Italien, um Mantua zu befreien. Bei mehreren glücklichen Gefechten bei Scaldaferro, Montebaldo u. a. verlor er die Schlachten von Lrcole(15. Nov. 1796) u. Rivoli(14. u. 16. Jan. 1797), worauf Erzherzog Karl das Commando der Armee in Italien übernahm u. A. als comman- dirender General nach Ungarn ging. A. leistete bei Organisation des Militärs in Ungarn 1808 wichtige Dienste, wurde zum Feldmarschall erhoben, auch schenkte ihm der Kaiser eine Herrschaft im Banat; er st. 25. Sept. 1810 zu Ofen. Alvus (lat.), Bezeichnung für Unterleib, Darmkanal in gewissen Verbindungen, so z. B. Obstructiv alvi, Verstopfung, äoplstio nlvi, Entleerung des Darmes u. s. w. Altvar (Machery), einer der unter brit. Schutze stehenden Radschpntenstaatcn Vorderindiens mit Hauptstadt gl. Namens; 9360 Hjbm (170 HW); 280,000 Ew. Alxinger, Joh. Baptist von A., deutscher Dichter, geb. 24. Januar 1755 zu Wien; stndirte Philosophie u. Rechtswissenschaft, wurde k.k. Hofagent, 1794 Hoftheaterdirections-Secretär, Ritter; st. 1. Mai 1797. Er besaß vielseitige u. gründliche Gelehrsamkeit, trug durch den Fleiß, Len er auf die Sprache seiner Dichtungen, verwandte, zur Veredlung des Geschmackes in Österreich, durch seine Schriften u. literarischen Verbindungen zur Unterhaltung des Zusammenhanges der österreichischen mit der deutschen Literatur bei. Seine Dichtungen, auch seine der Schule Wielands angehö- rendeu romantischen Epopöen sind veraltet: Doolin von Maynz, ein Rittergedicht in 10 Gesängen, Lpz. 1787, 2. Verb. Ausl., Lpz. 1792; Bliombcris, ein Rittergedicht in 12 Gesängen, Lpz. 1791, 1792 u. 1802; Werke, Wien 1812, 10 Bde. Alyattes, König von Lydien, aus dem Stamme — Alzey. der Herakliden; regierte 617—560 v. Chr. Als seine Hanptthat erscheint die Vertreibung der Kimmerier aus den asiatischen Cultnrstaaten. Vgl. Thiersch, Üb. d. Grabmal d. Alyattes, in Abhandl. d. K. Bayer. Akad. d. Miss., 1835. Das Grabmal des A., in der Nähe des Gygäischen Sees, ein Erdhügel auf steinernem Unterbau, hatte 440 m Breite u. über 1000 m im Umfange u. soll so hoch gewesen sein, daß man es von allen Theilen Lydiens sehen konnte; darauf standen 5 Säulen mit Inschriften. Neuerdings Ausgrabungen. Alypius, vielleicht im 3. Jahrh. n. Chr. Verfasser einer für die Kenntniß des griechischen Notensystems wichtigen Schrift (LisnASAS innsibs), herausgegeben in Meiboms ^.nstoros nntignao mnsicas, 1652. AI^ssum H. (v. gr. n xrivabivnm u. wahrsch. Iz-ssa, Wuth, weil man darin ein Mittel gegen die Hundswnth gefunden zu haben glaubte; Steinkraut) , Pflanzengattung der Familie der Cruci- feren (XV. 1). Alle krautartigen Theile sind durch anliegende Sternhaare weiß. Von den verschiedenen, gelb blühenden deutschen Arten ist X. eal/- cinnm V,. am häufigsten, seltener X. monbannm T,., saxatüls II. n. a. LFxin Ä. L>., Pflanzengattung aus der Fam. der Apocyncen, tropische Pflanzen mit präscntir- tellcrförmiger Koralle; 21 Arten, von denen L. Innrina L. Lr. (auf den Molukken) u. X. aromabica Äsrnw. (auf Java) als Arzneimittel gegen Fieber u. Verdauungsbeschwerden und wegen ihres aromatischen Geruches zu Parfümerien verwandt werden u. daher nicht unwichtige Handelsartikel sind. Alyxiakampher, die weißen, haarförmigen, aromatisch schmeckenden, angenehm riechenden Kry- stalle, welche zuweilen ans der inneren Seite der Rinde der Xlz-xia nronmtica, Vorkommen. , Alz, rechter Nebenfluß des Inn im bayerischen Regbez. Oberbayern; kommt aus dem Chiemsee, nimmt die Traun ans u. mündet oberhalb Markt!. Alzate y Ramires, John Antonio, bed. mexicanischer Geograph und Astronom in der 2. Hälfte des 16. Jahrh: Er verfaßte eine Reihe geographischer u. astronomischer Schriften n. war auch correspondirendes Mitglied der Akademie in Paris. Alzenau, Hauptort im gleichnamigen Bezirksamt des bayerischen Regbez. llntersranken, an der Kahl u. dem Hahnenkamm; Sitz des Bezirksamtes, eines Landgerichtes, Schloß, Papierfabrik, Obst- n. Weinbau; 1150 Ew. A. bildete früher ein Freigericht, kam später an Mainz und Darmstadt u. fiel 1816 an Bayern. Alzette, 1) Fluß, so v. w. Elz. 2) (Ulzet) Rechter Nebenfluß der Sauer im Großherzogthnm Luxemburg; entspringt bei Esch und mündet bei Ettelbrück oberhalb Diekirch. Alzey, 1) Kr. der hessischen Prov. Nheinhessen; 311 Iljüm (5,gg IHM); 35,854Ew. 2) Stadt u. Hauptort darin an der Selz, sowie an der Strecke Bingen-Monsheim der Hess. Ludwigsbahn; Kreisamt, Bezirks- u. Friedensgcricht, 1 katholische u. 2 evang. Kirchen, Synagoge, Ruinen einer alten Burg, in welcher Kaiser Friedrich II. 1235 seinen Sohn Heinrich, der ihm nach dem Leben trachtete, gefangen hielt, Reglschule L, Ordnung^ Fr eima urer- 512 Alzog — löge, Wollwirkerei, Fabrikation von Leder, Möbeln u. Bürsten; 5237 Ew. A. ist römischen Ursprunges (neuerdings werthvolle Alterthümer), wird im Nibelungenliede erwähnt u. halte im Mittelaller seine eigenen Herren, welche das Trnchscßamt am pfälzischen Hofe bekleideten; sie starben zu Ende des 16. Jahrh. aus, n. A, kam an Kurpfalz. > 620 wurde die Stadt von Spinola n. 1688 u. 1689 von den Franzosen arg hcimgesucht. Alzog, Johannes, tathol. Kirchenhistoriker, geb. 29. Juni 1808 in Ohlan; studirte in Breslau n. Bonn Philosophie u. Theologie, wurde 1835 Professor der Exegese u. Kirchengeschichte am Kle- rikalseminar zu Posen, 1845 Professor n. Director des Klcrikalseminars in Hildesheim u. 1854 geistlicher Rath n. Professor der Kirchengeschichte zu Frciburg i. B. Sein Hauptwerk: Universalgeschichte der christlichen Kirche, 9. Ausl., Mainz 1872, nannte der Protestant. Kirchenhistoriker Hase 1844 „das erste kirchcngeschichtliche Lehrbuch in der deutschen Katholischen Kirche, welches mit einem echt wissenschaftlichen Charakter den lebendigen Hauch des Geistes verbindet"; Grundriß der Patrologie, 2. A., Frcib. 1869. üm, chcm. Zeichen für Ammonium (HHJ; Atomgew. 18. L. IV!., Abkürzung 1) für anno mnnäi, im Jahre der Welt; 2) Bezeichnung für die Stunden vor Mittag (anbs insriäism), besonders in Amerika gebräuchlich, im Gegensätze zu ?. N., post meri- äism, die Stunden nach Mittag; 3) für Xrbinm nmAwtsr, der (schönen) Künste Meister. ünmblle (Xmabiliments, ital., Mus.), lieblich, so v. w. Xmoroso. Amack, richtiger Amacker, dänisch Amager, 55 H) Ion große, durch die Meerenge Kallebod- strand von Seeland getrennte Öresundinsel, auf welcher der Kopenhagener Stadttheil Christians- Hafen (Havn, spr. Hann, dän.; Ilamn, schwed.) belegen. Roch bis ins 16. Jahrh. war sie fast unangebam; La ließ König Christian II. auf Anrathen seiner Gemahlin Jsabella v. Spanien, der Schwester Karls V., holländische Colonisten ins Land rufen, sich 1516, 24 Familien stark, auf A. niederließen, wo der König ihnen das Dorf Maglcby und die Insel Saltholm unter der Bedingung schenkte, daß sic Kopenhagen mit Gemüsen versorgen sollten. Die nach Saltholm gekommenen Familien zogen um 1550 nach Bötö und GjedserodLe, der Südspitze der Insel Falster. Sowol hier, als auf A. haben die Frauen und Mädchen ihre nordholländischen Trachten bis auf die heutige Zeit beibehaltcn. Dragör, hübscher Flecken am Sund, mit 1800 ,Ew., Hafen, Lootsen- und Bergnngsinspcctorat, Olsiederei und Kalkbrennereien; Landbau u. Gartencultur sind Hanpt- erwerbungsqncllen der 8000 Bewohner v. A. Amade, ung. Familie, 1760 in den Freiherrn- u. 1782 in den Grafenstand erhoben. Aus diesem Geschlechter Freiherr Ladislaus, geb. 1703, k. k. Rath u. als vielseitig trefflicher lyrischer Dichter berühmt; st. 1764. Eine leider unvollständige Sammlung s. Gedichte erschien erst im I. 1836. Arnadco, Giovanni Antonio, italienischer Bildhauer; st. 1522. A. nahm hervorragenden Antheil an der Ausbildung der oberital. Kunst des Amadeus. 15. Jahrh. Bon ihm das Grabmal der Medca Colleoni n. ihres Vaters Bartolomeo Colleoni in S. Maria Maggiore zu Bergamo, die Fayade der Certosa zu Pavia und die Kuppel des Mailänder Domes. Amadeus (aus ital. Xmaäea. d. i. liebe Gott, latinisirt), Name mehrerer Grafen, Fürsten und Könige ans dem Hause Savoyen: 1) A. I., der älteste Sohn des Grafen Humverl, Herr von Turin; st. 1049. 2) A. IV., geb. 1197; kam 1233 zur Regierung u. erhielt von Friedrich II. den Herzogstitel v. Aosta n. Chablais; st. 1253. 3) A. V., d. Gr., geb. 4. Sept. 1249; erhielt von seinem älteren Bruder, Thomas III., Grafen v. Piemont, 1282 das Hcrzogth. Aosta u. von seinem Onkel Philipp 1285 die Grafschaft Savoyen, wurde 1310 von Kaiser Heinrich VII. mit feinen Ländern belehnt u. in den Reichsfürstcnstand erhoben n. 1312 kaiserl. Statthalter in Oberitalien. 1313 mit der Grafsch.Ästi belehnt, erstritt er 1322 die Anerkennung der Gerichtsbarkeit Savoyens vom Grafen v. Genevois u. zugleich vom Dauphin den Verzicht auf die savoiischen Besitzungen in Burgund. Von seiner Tapferkeit gab er Zeugniß bei den Kämpfen auf der Insel Rhodus mit den Moslemin, und ein Beweis seiner Einsicht war es, daß Kaiser Heinrich VII., wie die Könige v. Frankreich u. England, sich bei ihm Rath holten. Die zweite Linie des Hauses Savoyen wurde durch ihn Hauptlinie, und er somit Stammvater des noch blühenden Hauses Savoyen; er st. 16. Oct. 1323. 4) A. VI., der Grüne Graf, geb. 4. Jan. 1334; unter Vormundschaft 1343 zur Regierung gelangt, erwarb er im Kampfe mit dem Dauphin die Herrschaften Fancigny u. Gex, von Jakob von Piemont die Souveränetät über Piemont, durch Kauf das Waadtland rc. Kaiser Karl IV. erhob ihn 1365 zum Reichsstatthalter über Oberitalien, einen Theil der Schweiz u. die Bisthümer Lyon, Macon n. Grenoble. Siegreich kämpfte er 1366 mit dem byzantin. Kaiser gegen die Türken und Bulgaren. Nach mehrjährigen Kämpfen mit Johann Galeazzo Visconti von Mailand erlangte er im Vertrage von Pavia 1378 die Anerkennung seines Besitzes in Piemont. Durch seine weise Vermittlerrolle stand er bei den Staaten Italiens in großem Ansehen. Er st. 2. März 1383. 5) A. VIII., der Friedfertige, geb. 4. Sept. 1383; folgte 8 Jahre alt seinem Vater A. VII., 1391, übernahm 1394 die Regierung selbst, erlangte dafür, daß er die Bestrebungen Kaiser Sigismunds für Beseitigung des Schisma eifrigst unterstützte, die Erhebung Savoyens zum Herzogthum (1416) u. später (1422) Genf als Lehen. Am 7. Nov. 1434 zog er sich als Einsiedler in klösterliche Einsamkeit zurück, wurde aber 1439 vom Baseler Concil zum Papst erwählt u. am 24. Juli 1440 als Felix V. gekrönt. Jndeß nicht allgemein anerkannt und nicht im Stande, das Schisma zu beseitigen, leistete er 1449 Verzicht auf den päpstl. Stuhl u. st., zum Cardinällegaten in den savoiischen Ländern, Basel rc. rc. ernannt, 7. Jan. 1451 in Genf. 6) A. IX., führte durch sein Testament vom 10. Sept. 1470 die Primogenitur- erbfolge ein. 7) A. I., Ferdinand Maria, König v. Spanien, geb. 30. Mai 1845, zweiter Sohn Amadia — des Königs Victor Cmanuel v. Italien, u. als solcher Herzog v. Aosta; erhielt den General Gins. Rosst als Erzieher, focht 1859 gegen Österreich, bereiste 1862 mit seinem älteren Bruder Humbert Italien u. besuchte Constantinopel, wurde 1866 bei Custozza leicht verwundet u. erhielt später den Rang eines Contreadmirals. Nachdem die spanischen Cortes nach Vertreibung der Königin Jsa- bella im Sept. 1868 die Beibehaltung der Monarchie beschlossen u. man die Krone nach einander dem Vater des Königs v. Portugal, dem König Ludwig v. Portugal selbst n. dem Prinzen Thomas v. Savoyen, einem Neffen des Königs Victor Emanuel, vergeblich angeboten, Espartero sie abgelehnt u. auch Prinz Leopold v. Hohenzollern von der Candidatur zurückgetreten war, bot man A. die Krone an. Die Wahl erfolgte in der Cortessitzung vom 16. Nov. 1870, u. die ihm dieselbe meldende Deputation ward am 4. Dec. im Palast Pitti feierlich empfangen, bei welcher Gelegenheit auch die Acte unterzeichnet wurde, in welcher der Herzog v. Aosta die ihm angebotene Krone definitiv annahm, wogegen gleich darauf die Proteste der Königin Jsabella u. des Prätendenten Don Carlos erfolgten. A. landete am 30. Dec., am Todestage des Generals Prim, durch den er zur Krone gelangt war, in Cartagena, hielt am 2. Jan. 1871 seinen Einzug in Madrid, leistete sofort in den CorteS den Eid auf die Verfassung u. ward als König proclamirt. Seine streng konstitutionelle Regierung war keineswegs eine erfreu- ' liche. Heftige Parteistreitigkeiten beunruhigten andauernd das Land, u. von Mitte Juli 1871 bis Juni 1872 wechselte das Ministerium sechs Mal. A. zeigte mehr Geduld, als Energie u. Geschick, doch unter den fortwährenden Parteikämpfen, Jn- triguen, klerikalen Umtrieben, wozu auch das Umsichgreifen des Carlistenaufstandes u. ein Attentat auf sein Leben kam (18./19. Juli 1872), endlich der immer mehr hervortretenden Unmöglichkeit, dem seit zwei Menschenaltern zerrissenen Spanien die Ruhe wiederzugeben, eine dauernde constitutionelle Regierung zu gründen, reifte in ihm der Entschluß , der Krone zu entsagen. Nachdem er denselben 11. Febr. 1873 den Cortes kundgethan, verließ er Spanien und kehrte über Lissabon nach Italien zurück. Beim Betreten des ital. Bodens, 8. März, legte er den Königstitel förmlich nieder. Victor Emanuel ernannte ihn zum Ge- uerallientenant u. stellte feine Thronerbrechte, auf die er als König v. Spanien Verzicht geleistet, wieder her, während die Kammern die Wiederauszahlung einer jährl. Apanage von 400,000 Fcs. an ihn votirten. Er ist seit 30. Mai 1867 verheirathet mit Marie, Tochter des 1864 verst. reichen Fürsten Karl Emanuel della Cisterna; Kinder: Emanuel, geb. 13. Jan. 1869, u. Victor ' Emanuel, geb. 24. Nov. 1870, Ludwig, geb. 31. Jan. 1873. Amadra (Amadieh), Hauptst. des gleichnamigen Distr. in Türk.-Armenien, nördl. v. Mofful; mit verfallenen Befestigungen, armenischem Kloster; 8000 Ew., meist Kurden; ist wichtiger Handelsplatz für Galläpfel. Amadis de Garrla, altportugiesisch prosaischer Ritterroman, nach seinem Helden so genannt. Das Pierers Universal-ConversationL-Lexikoii. 6. Aufl. l Amalafrida. 513 portugiesische Original, für besten Verfasser gewöhnlich Vasco de Lobeira (gest. 1403) gehalten wird, ist verloren u. wird ersetzt durch Garcia Ordonez de Montalvos spanische Übersetzung (1492). A. v. Gallien, nach seinem Schildeszeichen auch der Löwenritter u. nach seinem Leben in der Einöde Dunkelschön (Relteirsbros, 1s Rsan tsnebrsnr) genannt, war ein Kind der Liebe des sagenhaften Königs Perion v. Frankreich u. der Elisena, Tochter des Königs Garinter v. Bretagne. Er kommt als Jüngling an den schottischen Königshof u. verliebt sich in Oriana, die Tochter Lisuarts von Großbritannien. Abenteuer der buntesten Art, bei welchen oft der Hauptfaden der Erzählung ganz verloren geht, knüpfen sich an diese Liebe. Die zeitweilig entzweiten Geliebten versöhnen sich wieder und werden schließlich durch die Ehe verbunden. A. ist eine Nachahmung der Romane von Lancelot u. Tristan. Das franz. Rittergedicht des 13. Jahrh. L.maäas st Väoins, herausgeg. von C. Hippeau, Paris 1863, ist eine ältere Gestaltung der Sage, welche in der Legende vom h. Amandus ihren Ürsprung zu suchen hat. De>- ursprüngliche Prosaroman von A. bestand aus 4 Büchern und erschien zuerst im Drucke 1496. Montalvo selbst fügte ein 5. Buch hinzu, welches von Esplandian, dem Sohne des Amadis u. der Oriana, erzählt. 1526 folgte ein 6. Buch, u. 1549 waren bereits 6 weitere Bücher hinzugekommen, welche die Thaten der Enkel, Urenkel u. spätesten Nachkommen des A. berichten. 1540 wurde A. von Herberay des Essarts in das Franz, übersetzt u. später bis zu 24 Büchern erweitert. Duverdier fügte die locker verknüpften Bücher fester zusammen u. gab sie unter dem Titel Roman äss Romans, 1626, in 7 Bdn. heraus. Die Übersetzung von Herberay wurde1779 vom Grafen de Treffan moder- nisirt, u. danach verfaßte 1813 A. Creuze de Lester seine poetische Bearbeitung in 20 Gesängen u. vor ihm W. Stewart Rose sein Amadis äs dank, a xosm in tdrss booics, Lond. 1802. Ähnliche epische u. dramatische Versuche rühren her von dem Italiener Bern. Taffo u. dem Spanier Hernando Herrera. Schon 1546 war eine italienische, 1569 eine deutsche, 1619 eine englische Prosabearbeitung vorhanden. Wielands Neuer A. hat nur den Titel mit dem alten gemein. Die neueste Untersuchung über A. rührt her von Th. Braga: A. de Gaula, Porto 1873. Eine ziemlich vollständige Bibliographie der A.-Romane aller Sprachen findet sich in Kellers Nachschrift zu seiner Ausg. des ersten Buches der ältesten deutschen Amadisbearbeitung, Tübing. 1857 (40. Public, des Stuttg. lit. Vereins). Amadinen, s. Prachtfinken. Amador, County im nordamerikanischen Unionsstaate Californien, unter 38" n. Br. u. 120" w. L., mit 9582 Ew.; hat reiche Kupfer- u. Goldminen u. Steinkohlenlager; nur einige Thäler sind fruchtbar; Countysitz Jackson. majori aä minus (lat.), vom Größeren auf das Kleinere; a minori aä mafns, vom Kleineren auf das Größere (schließen). Amak, s. Amack. Amalafrida, Schwester des Ostgothenkönigs Theoderich u. Gemahlin erst eines edlen Östgothen u. dann des Vandalenkönigs Thrasamund; wurde . Band. ZA 514 Ainalasuintha 523 Wittwe, von Thrasamunds Nachfolger Hild- rich in Haft gehalten u. nach Theoderichs Tode (526), hingerichtet. Ihr Sohn erster Ehe war Theo- dat; ihre Tochter Amalaberga heirathete den Thüringerkönig Hermanfrid. Nmnlasuintha (Amalasuntha, Amalaswinth), Tochter des Ostgothenkönigs Theoderich und der fränkischen Prinzessin Audifleda, Gemahlin Eutha- richs; wurde 522 Wittwe u. 526 mit Cassiodorus Borninnd ihres Sohnes Athalarich im Ostgothi- fchen Reiche in Italien; nach dem Tode ihres Sohnes (534) nahm sie Theodat als Mitregenten an, wurde jedoch auf dessen Veranlassung ermordet (s. Gothen). Amalekiter, heidnisches Volk in Palästina, zwischen Jdnmäa, der Wüste Sinai u. Ägypten; sollen von Amalek, Enkel Esaus, abstainmen, scheinen aber schon zu Abrahams Zeit vorzukommen. Ein zur Zeit Sauls lebender König derselben hieß Agag. Sie lebten mit den Israeliten in fast ununterbrochener Fehde, bis ihre letzten Überreste zu Hizkias Zeit ausgerottet wurden. Über die Glaubwürdigkeit der arabischen Nachrichten über sie vgl. Nöldeke, Über die Amalekiter, Gott. 1864. Amalcr, Helden- u. Herrschergeschlecht der Ostgothen; stammten nach der Sage.von einem alten Häuptling Amala (s. Gothen). Daher heißen Dietrich von Bern (Theoderich) u. seine Recken, als Nachkommen der A., im Hcldenbnche die Amelun- en. Die darauf bezüglichen Lieder des Hclden- uchcs: Wieland der Schmied, Wittich, Ecken Ansfahrt, Dietleib, Sibichs Berrath, die beiden Dietriche, die Rabenschlacht, die Heimkehr, hat K.Sim- rock als Amelungenlied bearbeitet, 3. Aust., Stuttg. u. Tüb. 1863 f., 3. Bd. Amalfi, St. am Meerbusen von Salerno in der ital. Prov. Principato citeriore, am Ausgange einer- tiefen Felsenschlucht; Sitz eines Erzbischofs; sehens- werthe Kathedrale S. Andrea aus dem 11. Jahrh., im lombardisch-normannischen Stil erbaut, mit Glockenthurm von 1276; Seemannsschule in dem vormaligen, 1212 vom Cardinal Pietro Capuano gestifteten Kapuzinerkloster; Fabriken in Papier, Maccaroni u. Seife; ehemals mächtige Handelsstadt, bis zu 50,000 Ew. zählend, jetzt 6500 Ew. Dabei das enge, an 2 km lange Mühlenthal (VnIIo äs Lloli.nl), mit Resten des Castells Pontone, u. in der Umgebung viel Wein-, Oliven- u. Obstbau. Das Seerecht von A. (Inbnlu L.ma1übnna) galt sonst in ganz Italien. Hier wurden die Pandekten, welche ein Amalfinischer Kaufmann ans dem Orient mitgebracht hatte, aufgefunden. A. war die Vaterstadt Masaniellos und Fl. Giojas, der fälschlich als Erfinder des Compasses gilt. Unter Constantin d. Gr. gegründet, kam die Stadt an die Herzoge von Neapel u. um 834 an Sichard, Fürsten von Benevent. Als sich 851 Salerno von Benevent losriß, blieb A. dem Fürsten von Salerno treu, wählte aber seine eigenen Präfecten u. machte sich zuletzt ganz unabhängig. Seine Verfassung war freier, als in den anderen kleinen italienischen Fllrstenthllmern; an der Spitze standen Consuln, Grafen u. Herzoge, welche von dem griechischen Kaiser bestätigt u. zuweilen mit dem Namen Patricier geehrt wurden, aber nicht erblich waren. Der Staat A. hatte sich Lurch Kriegsglück — Amalgam. u. Seehandel so vergrößert u. an Macht gehoben, daß er zu Ende des 9. Jahrh. im O. bis nach Vico Vecchio, im W. bis zur Punta della Cam- panella reichte, im N. gehörte dazu Lettre, Gra- gnano, Pimoute, im S. Scala, Ravello, Atrani, Tramonti, Positano, Cirara u. a. Die Herzöge regierten von 892 bis zur Eroberung durch Robert Guiscard, 1077, der es mit seinem Königreiche vereinigte. Seitdem u. besonders seit der Plünderung durch die Pisaner, 1135, u. seitdem König Roger Salerno mehr u. mehr begünstigte, hörte der blühende Handel A-s ans. Dazu verschlang seit dem 12. Jahrh. das Meer allmählich einen Theil der Niederstadt, n. größere Verwüstungen brachte imJ. 1343 eine furchtbare Überschwemmung. Erst im 15. Jahrh. wurde das Herzogthum A. wiederhergestellt, als König Alfons I. Raimund Orsini, Fürsten von Salerno, damit belehnte; König Ferdinand belehnte 1461 damit Antonio Todeschini Piccolomini, einen Neffen des Papstes Pius II.; ihm folgte sein Sohn Alfons I. und 1498 dessen Sohn Alfons II. 1584 st. der Letzte dieser Linie, u. A. löste sich mit 216,160 Ducaten vom Lehens- verbande; zwar belehnte König Philipp IV. 1642 den-General Octavio Piccolomini mit A., indeß machte die Stadt ihre Freiheit geltend, woraus der König seine Belehnung zurllckzog, Piccolomini aber gleichwol den Titel als Herzog von A. fort- sührte u. sich durch schwere Opfer einige Rechte dort erkaufte. Amalgam (wahrscheinlich v. griech. inälLAiua, weicher Körper; in dem Vorgesetzten u vermuthet man den arabischen Artikel ul; Chem.), flüssige, breiartige, oder feste u. krystallisirbare Legirnng oder Verbindung des Quecksilbers mit Metallen. Die meisten Metalle verbinden sich leicht mit Quecksilber, daher man viele A-e direct durch Zusammenbringen der Metalle mit Quecksilber erhalten kann. Viele Metalle gehen mit dem Qnecksilber chemische Verbindungen in bestimmtem Verhältnis ein, die durch überschüssig zugesetztes Quecksilber nur verdünnt, in demselben suspendirt sind u. beim Durchdrücken durch Leder in letzterem Zurückbleiben. Von den verschiedenen A-en benutzt man das Kalium- u. Natrium-A. zu Operationen der organischen Chemie; Kupfer-A., welches, wie das Zinn-A., anfangs weich ist, nach einiger Zeit aber erhärtet, zu Zahnkitt; Zinn-A. bei der Fabrikation der Spiegel, indem man die Zinnfolie mittels Quecksilbers fest am Glase haften macht. Die Reibkissen für die Elektrisirmaschinen reibt man mit einem A. von 1 Theil Zink, 1 Theil Zinn u. 2 Theilen Quecksilber (Kienmayers A.) ein. Das Gold- u. Silber-A. findet ausgedehnte Benutzung bei der Vergoldung und Versilberung unechter Waaren, der Feuervergoldnng und Fenerversilber- ung, sowie bei der Gewinnung von Gold und Silber, s. Amalgamation. Natürliches Silber-A. findet sich in den Quecksilbergruben der bayerischen Nheinpfalz bei Obermoschel und Mörsfeld, dann in Ungarn und bei Almaden in Spanien. Es krystallisirt regulär, in den mannigfachsten Combinationen, hat das spec.Gew. 13,? u. ist silberweiß; der Silbergehalt ist schwankend. Auch natürliches Gold-A. findet sich in Columbia in den Platinadistricten u. in Californien in rundlichen, Amcilgaracitwn - -oft weichen Massen; der Goldgehalt ist wechselnd; spec. Gew. I5,z. Amalgamation, in der Hüttenknnde die Operationen, welche auf der großen Verwandtschaft des Silbers n. Goldes zu Quecksilber beruhen u. die Extraction der beiden Metalle aus wohlvorberei- I . teten Erzen n. Hüttenproducten zum Zwecke haben. Es geschah dies zum Theil in sogenannten Amal- gamirmiihlen, zum Theil ohne deren Anwendung. Amalgamirwerke auf Silber u. Gold waren in SAmerika schon seit 1557 im Gange, v. Born führte sie 1785 in den österreichischen Staaten, namentlich in Ungarn ein, und Gellert und Char- pentier bewirkten in Sachsen die Anlegung eines Amalgamirwerkes bei Freiberg, worin mit kalter A. jährlich gegen 70,000 Ctr. Erz amalgamirt und dadurch mehr als 30,000 Mark Silber gewonnen wurden. In neuerer Zeit hat die europäische A. vielfach anderen, wohlfeileren u. weniger gefährlichen Methoden Platz machen müssen, wogegen in den WStaaten von NAmerika, welche enorme Massen von Silbererzen verarbeiten, nach vorgängiger Röstung der Erze die wirkliche A., aber in bedeutend verbesserter Weise zur Ausführung kommt. Näheres s. u. Silber. Amalgamirwerke sind mechanische Einrichtungen auf Hüttenwerken, um das Silber aus seinen Erzen mittels der Amalgamation ausznziehen. Amalie, Frauenname, zunächst aus ital. ^ML- lia entlehnt, dies aber geht auf altnord, aml, (althochdeutsch in Zusammensetzungen) amal-, Ge- ,* schästigkeit, zurück, also — die Geschäftige. Bei Deutschen hat Weinhold (Die deutschen Frauen im Mittelalter, S. 24), den Namen erst aus dein 15. Jahrh. verzeichnet. 1) Marie A. (Amelie), Königin der Franzosen, geb. 26. April 1782, Tochter Ferdinands I-, Königs beider Sicilien, seit 1800 Gemahlin Ludwig Philipps und 1830 durch seine Thronbesteigung Königin; lebte nach dem Sturze der Dynastie Orleans 1848 als Gräfin von Neuilly zu Claremont in England, wo sie 24. März 1866 starb. 2) A., Königin von Griechenland, Tochter des verstorbenen Großherzogs August von Oldenburg, geb. 21. Dec. 1818, vermählt seit 22. Nov. 1838 an den König Otto von Griechenland; lebte, seitdem der König im October 1862 den Thron ver- l loren hatte, in Bamberg u. wurde 26. Juli 1867 Wittwe. Am 18. Sept. 1861 während der Abwesenheit ihres Gemahls in Athen durch einen Studenten, Aristides Drosios, Attentat auf ihr > Leben. 3) A. Elisabeth, Landgräfin von Hessen, Tochter des Grafen Philipp Ludwig II. von Hanan- Münzenberg, geb. 1602, vermählt 1619 mit dem Landgrafen Wilhelm dem Beständigen von Hessen- Kassel; regierte nach dessen Tode für ihren unmündigen Sohn Wilhelm VI. von 1637—50 u. st. 1651; s. Hessen. Justi, Versuch einer Dar- ? stellung des Lebens der A. Elisabeth, Gieß. 1812; vgl. auch Rommels Geschichte von Hessen, Kassel (Gott.) 1858. 4) Anna A., Herzogin von Sachsen- Weimar, Tochter des Herzogs Karl von Braunschweig, geb. 24. Oct. 1739; vermählte sich 1756 mit Herzog Ernst August Constantin von Weimar ! u. führte nach dessen am 28. Mai 1757 erfolgtem § Tode bis 1775 die Vormundschaft für ihren Sohn, l den nachmaligen Großherzog Karl August (s. u. — Amalicnruhe. 515 Sachsen-Weimar). Sie zeigte große Thatigkeit n. Einsicht, besonders bei der im 1.1772 wallenden Hungersnoth n. nach dem Schloßbrande in Weimar 1774. Sie berief Wieland von Erfurt ans zum Lehrer ihrer Söhne (1772), womit Weimar der Sammelplatz ausgezeichneter Geister zu werden begann; später (1774) ernannte sie Knebel zum Hofmeister ihres zweiten Sohnes Constantin. Sie sorgte eifrig für Bildnngsanstalten u. lebte, nachdem ihr Sohn am 3. Sept. 1775 die Negierung übernommen hatte, den Künsten u. Wissenschaften; componirte u. a. die Operette: Erwin n. Elwire. Ihr Lieblingsaufenthalt, wo sie gern einen geistig belebten Kreis um sich sammelte, 'war das unscheinbare Schlößchen Tiefurt an der Ilm. Im I. 1788 trat sie einen längeren Aufenthalt in Italien an, wo in Sachen der bildenden Künste Heinrich Meyer u. Burg ihre Berather waren; auf der Rückreise (1790) kam ihr Göthe bis Venedig entgegen. Von den Kriegsereignissen des Jahres 1806 gebrochen, starb sie am 10. April 1807. Göthe widmete ihrem Andenken einen Aufsatz in Redeform, der von den Kanzeln verlesen wurde. Ihr Leben beschrieb F. Arndt, Berl. 1872. 5) Maria Anna Charlotte A., geb. Prinzessin von Pfalz-Sulzbach, geb. 1722, vermählt an den Herzog Clemens von Bayern (st. 1778), daher die Herzogin Clemens genannt; sie widerstand eifrigst der Absicht ihres Bruders Karl Theodor, Bayern zum Theil an Österreich abzutreten, u. begünstigte deshalb die Schritte Preußens u. des preußischen Gesandten, Grafen Görz; sie st. 1783. 6) Anna A., geb. 1723, Schwester des Königs Friedrich II. von Preußen; war seit 1744 Äbtissin von Quedlinburg u. st. 1787. Sie war eine gute Klavierspielerin u. componirte Mehreres. 7) Marie A. Friederike Auguste, Herzogin zu Sachsen, deutsche dramatische Dichterin, geb. 10. August 1794, die älteste Tochter des Herzogs Maximilian. Sie erhielt eine sorgfältige Erziehung, machte dann mit ihrem Vater u. ihrem Oheim, dem nachmaligen König Anton, Reisen durch Frankreich, Italien u. Spanien, lebte hierauf abwechselnd in Dresden u. Pillnitz, wo sie 18. Sept. 1870 starb. Ihre Erstlingswerke, die metrischen Schauspiele: Der Kröunngstag (1829) u. Mesru (1830), erschienen unter dein Namen Amalie Heiter. Unter ihren folgenden Dichtungen sind besonders hervorzuheben die Schauspiele: Der Oheim, Die Fürstenbraut, Vetter Heinrich, Der Siegelring, u. die Lustspiele: Der Verlobungsring, Der Majoratserbe u. Das Fräulein vom Lande. In allen ihren Dichtungen ist die Charakterzeichnung sorgsam u. mit vielen feinen Zügen ausgestattet; es weht darin ein Geist der echten Menschenfreundlichkeit. Ihre sämmt- lichen, aus dem Nachlasse vervollständigten dramatischen Werke gab Rob. Waldmüller in 6Bdn. (Lpz. 1873—74) mit einer Lebensskizze der Dichterin heraus. Zwölf ihrer Schauspiele sind ins Englische übersetzt. Ämalienrnhe, Lustschloß bei Baurbach im mei- ningischen Kr. und Bez. Meiningen, in romantischer Waldgegend; 1718 von der zweiten Gemahlin Ernst Ludwigs, Elisabeth Sophie, erbaut u. So- phienlnst genannt, 1758 an Charlotte Amalie, Gemahlin Anton Ulrichs, abgetreten u. A. genannt. 33 * 516 Amalinsäure - Amalinsänre (Chem.), Zersetzungsproduct des Caffeöns. Amalrich (Amalricus), von Bena, einem Flecken bei Chartres; war Lehrer der Theologie zu Paris, auch beim Dauphin angestellt. 1204 von der Universität als Pantheist verdammt, suchte er in Rom vergeblich Hilfe, mußte 1207 widerrufen u. starb aus Gram darüber 1209. In demselben Jahre wurden mehrere seiner Schüler in Paris verbrannt. Besonders erregte Anstoß seine u. seiner Schüler Lehre, daß nunmehr nach der Zeit des A. u. N. Testaments die 3. Periode, die des Heil. Geistes beginne, in welcher die Bibel, die Sacramente, der ganze Cultus ungiltig werde, der Papst als Antichrist, die Rom. Kirche als Babel sich herausstelle rc., Lehren, welche unterden Brüdern u. Schwestern des freien Geistes sich fortpflanzten. Amalthea, 1) Tochter des Königs Melisseus od. Olenos in Kreta. Sie und ihre Schwestern nährten dentjungen Zeus mit der Milch einer Ziege, die auch selbst A. genannt ward. Ein Horn, das die Ziege an einem Baume sich abstieß, umwand A. mit Kräutern, füllte es mit Früchten an u. brachte es dem Zeus, der es mit der Ziege unter die Sterne versetzte (s. Capella). Nach Anderen gab Zeus seinen Erzieherinnen, den Töchtern des Melisseus, ein Horn der Ziege A., welches mit Allem, was sie nur wünschten, sich füllen sollte, das Horn des Reichthums (6ornu ooxias, Füllhorn), welches an Statuen des Zeus, des Pan, der Flußgötter u. A. oft angebracht wurde. Auch wurde Amaltheas Horn schon im Alterthum als Büchcrtitcl für Schriften mannigfaltigen Inhaltes gebraucht. Wiens nannte den Garten seines Landhauses in Epirus Amaltheum, Cicero weihte ein Heiligthum auf seinem Arpinum. Auch Böt- tiger gab seiner archäologischen Zeitschrift ihren Namen. 2) Der 113. Planetoid, von Luther in Bilk 13. März 1871 entdeckt. Ämainbahi, Gebirg in Südamerika, Wasserscheide des Parana n. Paraguay. Amance, Marktflecken im Arr. Vesoul des franz- Dep. Ober-Saöne; Baumwollweberei, Steinbrüche. Ruinen eines mittelalterl. Schlosses; 974 Ew. Kaiser Friedrich II. nahm hier 1218 den Herzog Theobald I. v. Lothringen gefangen. li manco (ital.), 1) Abgang, was an Geld oder Waare fehlt; 2) Vorschuß, welchen der Kaufmann dem Correspondenten leistet. St. Amand, 1) (St.-A.-les-Eaux), Stadt an der Scarpe im Arr. Valenciennes des franz. Dep. Nord; 2 Friedensgerichte, Communalcollege, schöne Ruinen einer Klosterkirche; 4 schon den Römern bekannte Schwefelthermen von 19—35" 6. mit Schlammbädernu.im Jahre1858 restaurirtem Bade- Etablissement, Mittelpunkt des Leinbaues für Batistleinwand, lebhafter Fabrikbetrieb in Leinen, Baumwolle, Fayence, wollenen Strumpfwaaren, Seilerwaaren, Nägeln, Riemen, Spitzenzwirn, Salz u. Salpeterraffinerie, Schiffbau, bedeutender Handel; 10,370 Ew. 2) Stadt im gleichnamigen Arr. des franz. Dep. Cher, an der Mündung der Mar- mande in den Cher, an einem Zweigkanal des Berrykanals u. an der Eisenbahn (Orleanslinie), Souspräfectur, Gerichtshof, Communalcollege, Handel mit Vieh, Eisen, Hanf, Kastanien; dabei 2 - Amanuensis. bedeutende Eisenhütten, eine Kanonenbohrfabrik, Porzellanmanufactur und auf dem 314 m hohen Biedere ein Thurm zum Andenken an den Krimkrieg; 8760 Ew.; wurde 1410 auf den Ruinen des von den Engländern niedergebrannten Fleckens Orval gegründet. 3) Df. in der belg. Prov. Namur, wichtiger Punkt in der Schlacht von Ligny. Amandola, Flecken im Distr. u. der ital. Prov. Ascoli (Marken); 4760 Ew. Amandus (lat., der Liebenswürdige), Name mehrerer Heiligen, die sämmtlich Bischöfe waren. Am bekanntesten: 1) St. A., der Apostel Belgiens, Bischof von Tongern, unter König Dagobert, wie in den Niederlanden, so in der Gascogne als Heidenbekehrer thätig; ging zuletzt in das Kloster Elnon (St. Amand) u. st. um 670; Tag: 6. Febr. 2) Johann, aus Westfalen, Ablaßprediger in Norddeutschland; AnhängerLuthers, 1523—24 Prediger in Königsberg, von wo er als Bilderstürmer entfernt wurde, dann in Stolpe u. Stettin; hier 1526 wegen seiner heftigen Predigten festgenommen, kam A. auf Luthers Fürsprache wieder frei, wurde zuletzt Superintendent in Goslar und starb dort 1530. Lmsnita L. (Wnlstblätterschwamm, Hüllenpilz), Untergatt. Per zur Familie Hutpilze (Lz-msnoin^- oston) gehörigen Gattung Mariens L. (s. Blätterschwamm), durch denWulst am Grunde des Strunkes u. den bisweilen fehlenden Ring oder Schleier ausgezeichnet. Hierher gehören 2 entschieden giftige Arten: musearius L., s. Fliegenschwamm, u. der Knollenblätterpilz, xliaUoickss H.; mehrere wenigstens verdächtige, z. B. va.Aina.tus Lull, der Seidenschwamm; pantllsrinus L. 6., Pantherschwamm, ^.A. solitarius Lull.; ^.A. as- per Le/s., L.A. rubsseens L>., Perlschwamm; u. zwei ganz unschädliche Arten: L.A. oassarous Lelras/fi, s. Kaiserling, u. II. ovoiäsus L. <7. Amanitin (Agaricin, Chem.), ein im Fliegenschwamm (AZarieus oder Linauiüa musearius L.) und anderen Agaricusarten enthaltener Stoff, die Ursache der giftigen Wirkung dieser Schwämme. Man erhält ihn daraus als klare Flüssigkeit von widrigem Geruch und, Geschmack, leicht löslich in Wasser, Alkohol und Äther; er läßt sich unzersetzt destilliren. St. Amans-Soult (St.-A.-la-Bastide), Flecken im Arr. Castres des franz. Dep. Tarn, am Taore; Schloß der Familie des Marschalls Soult, der hier geboren ist u. begraben liegt; Fabrikation von Tuch u. Baumwollenzeug, Leinenweberei; 2430 Ew. Amanten (Calabro), Stadt im Distr. Paolo der italienischen Prov. Cosenza cit., am Tyrrhenischen Meere, aus hohen Felsen, früher befestigt; vorzüglicher Olivenbau; 4480 Ew.; das alte Amantia (in Bruttien); war 1806 von Royalisten besetzt, welche die Angriffe franz. Truppen abschln- gen, sich aber im folgenden Jahre ergeben mußten. Amannensis, 1) (röm. Aut.) in der Kaiscrzeit Sklave, der für seinen Herrn als Secretär thätig war; 2) jetzt auf höheren Schulen, Universitäten u. Bibliotheken Schüler oder Student, welcher dem Lehrer, Professor oder Bibliothekar dergleichen Dienste leistet; auch ein jüngerer Arzt, welcher einen älteren in der Praxis unterstützt. (Vgl. Famulus.) Amanus — Amaravati. 517 Amäittls (a. Geogr.), Zweig des Taurus in Kilikien mit den Syrischen u. Amanischen Pässenj; Lurch erstere drang Alexander d. Gr. nach Jssus, und denselben Weg nahmen die Kreuzfahrer; jetzt Almadagh. Amapala, Stadt auf der NSeite der zum k mittelamerikanischen Staate Honduras gehörenden Insel Tigru, an der Bai de Fonseca des Stillen Oceans, auch Golf von A. genannt, welcher einen der größten u. wichtigsten Häfen an der Westküste Amerikas bildet. Die Einfahrt besteht aus 4 Kanälen zwischen vorliegenden Inseln, welche das Becken (50 Miles lang, 30 Miles breit) vor dem Wellenschläge schützen. Zwei über 1000 m hohe Berge an den beiden Spitzen bilden weithin sichtbare Landmarken. Da an ihm die Hondurasbahn mündet u. das umliegende Land fruchtbar und reich an Bauholz, edlen Metallen und Steinkohlen ist, so steht dem Orte u. Hafen eine große Zukunft bevor. St. Amar. aus Grenoble, ursprünglich Advo- cat in seiner ^ aterstadt, sodann als Anhänger der Revolution von 1789 in den Convent gewählt, wo er zur Bergpartei gehörte, sich zu den Grundsätzen Robespierres bekannte u. im Januar 1793 für den Tod des ^Königs stimmte. Als Regier- ungscommissär in Bourg ließ er sich große Ungerechtigkeiten zu Schulden kommen, weshalb ihn das Departement Ain beim Convent verklagte; gleichwohl wurde er in den Wohlfahrtsausschuß gewählt u. spielte hier seine blutige Rolle fort. * Sowol nach dem 10. Thermidor, als auch während der 100 Tage wußte er sich der Verfolgung der Machthaber zu entziehen u. st. 1816 zu Paris. ümärs (lat.), bittere Arzneimittel, vorzüglich aus dem Pflanzenreiche, welche zunächst aus die Ver- dauuugsorgane wirken und dieselben zu erhöhter Thätigkeit anregcn. Man unterscheidet: rein bittere, aromatisch bittere u. zusammenziehend bittere Mittel, u. macht von denselben in der Heilkunst den verschiedenartigsten Gebrauch. Amaräh, Hauptort von Sukot (Nubien), am rechten Nilufer; altägyptische Tempelruinen. Lmarantaoeae Xnss., dicotyle Pflanzenfamilie aus der Ordnung der Caryophyllinen, nahe verwandt mit den Chenopodeen; meist Kräuter mit ungetheilten Blättern; die in reichblüthige Blü- thenstände zusammengedrängten kleinen Blllthen mit je 3 Deckschuppen sind regelmäßig, zwitterig, vielehig oder einhäusig; Blütheuhülle unterständig, mehr od. weniger trockenhäutig, 2—5 Staubgefäße, > frei oder verwachsen, freier, einfächeriger Fruchtknoten. Zahlreiche, meist den warmen Erdtheilen angehörige Gattungen, u. a.: Oomxürerm X., koh-eusmum X., Xmaraulus X., Dsloaia X. u. a. Amarante, Villa im Distr. Oporto der ehemaligen portugiesischenProv. EntreDuero-e-Minho, ^ am Lamega, über den eine schöne Brücke führt; ist ummauert, hat 2 Kirchen; 4000 Ew. Hier den 2. Mai 1809 ein für die Franzosen siegreiches Gefecht gegen die Portugiesen. Amarantenorden, 1) ein von der Königin Christine von Schweden 1653 gestifteter Keuschheitsorden für 15 Damen n. 15 Herren, dessen Decoration in einem goldenen Lorbeerkranze mit der Devise: Dolos ustta msworia (süße Erinnerung) bestand u. an dunkelrothem, grüngekautetem Cordon getragen wurde von ledigen Männern, welche Ehelosigkeit gelobten, von verheiratheten, die versprachen, nach dem Tode ihrer Gemahlin nicht wieder heirathen zu wollen. Die Mitglieder des Ordens hatten das Recht, jeden Sonntag an der Tafel der Königin zn speisen. Als aber die Tochter Gustav Adolfs zum katholischen Glauben übertrat, ward der A. von der schwedischen Regierung aufgehoben, 1656. 2) Ein dem geselligen Vergnügen geweihter, der Maurerei nachgebildeter Gesellschaftsorden mit belustigenden Ceremonien, der noch in einigen großen Städten Schwedens existirt, jedoch wegen der dort herrschenden Abnei- gung gegen geheime Verbrüderungen mehr und mehr in Vergessenheit geräth. Ämarantholz, von Cayenne, ist das Holz eines südamerikanischen Baumes aus der Familie der Biguoniaceen, das in Balken und Scheiten von ansehnlicher Größe als rothes Färb- und feines Tischlerholz in den Handel gebracht wird. Es ist fest, hat ein seines, welliges, sehr unregelmäßiges Gefüge und wird durch Politur schön rothbrauu. Die Farbe ist nicht oder kaum in Wasser, leicht in Alkohol u. alkalischen Bädern löslich. Auch das Holz von LvAstsnia, LlallaAoui X., das Mahagoniholz, wird A. genannt. Lmaesntus X. (v. gr. amärantos, unverwelklich), Pflanzengattung aus der Familie der Amaran- taceen (XXI. 5), mit einhäusigen Blüthen, die männl. mit 3—5 Staubgefäßen, Früchte aufspringend. Arten zahlreich, einjährig, z. Th. Zierpflanzen. X. enuäabus X. (Fuchsschwanz, Tausendschön), wegen seiner langen, rothen, überhangenden Blüthenähren als Gartenzierpflanze geschätzt; gilt auch, weil getrocknet nicht verwelkend, als ein Symbol der Ewigkeit, Unsterblichkeit; X. trioolor X., in Ostindien und China wild, mit grün-, gelb- u. glänzend roth gefärbten Blättern; X. Llibum X., wilder A„ bei uns Unkraut auf bebauten Orten, in Griechenland als Gemüse benutzt; X. rstroüsxus X., da und dort in Getreide, wahrscheinlich mit fremder Saatfrucht eingeschleppt, u. a. Arten. Amarapüra (Umerapura), bis zum Jahre 1857 Hauptstadt des hiuterindischen Reiches Birma, zwischen dem Jravaddi u. einer Kette von Seen, 1783 angelegt. Die einst 175,000 Ew. zählende, durch Mauern und Citadelle befestigte, mit königlichem Palast u. prachtvollem Tempel geschmückte Stadt ist, schon 1839 Durch Erdbeben fast ganz zerstört, seit der Verlegung des Hoflagers nach Maudalay 1857 mehr n. mehr verödet. In der Nähe Kue- hang, Tempel der Unsterblichkeit, u. der Arakän- tempel, einer der besuchtesten indischen Wallfahrtsorte, mit über 3 m hohem Bilde des Buddha von vergoldetem Kupfer. Ämaravati (Umravatti), Stadt in dem Distr. Nagpore der Central-Provinz von Brit.-Ostiudien, an der Straße von Nagpore nach Nurcngabad; blühende Handelsstadt, Mittelpunkts eines großen Baum- wollendistricts; Magazine, worin die von den umwohnenden Pflanzungen Angebrachte Wolle gereinigt, verpackt u. auf der Eisenbahn nach Bombay versandt wird; daher heißt die beste ostind. Baumwolle Amaravati oder Umravatti. 518 Amarcllcn — Amarillas. Amarellen oder Ammern, mehrere Sorten Kirschen, zu den kleinen Sauerkirschen mit dünnen hängenden Zweigen u. kleineren, fester stehenden, dunkelgrünen Blättern gehörend; sie haben nicht färbenden Saft u. Helle Haut u. bilden die 10. Klasse der Kirschen. ümsrsrrs (ital.), Bitterkeit, Gram; von a., bei Musikstücken, Vortrag mit tiefem Schmerz. Nmari, 1) Michele, italienischer Politiker u. Geschichtschreiber, geb. in Palermo den 7. Juli 1806. Er wurde von seinem Lehrer u. Erzieher Prof. Dominico Scina mit den revolutionären Principien bekannt gemacht. Er war kaum nach Vollendung seiner Studien bei einer Verwaltungsbehörde angestellt worden (1822), als sein Vater wegen Theilnahme an einerVerschwörung zum Tode verurtheilt ward u. ihm seine zahlreiche Familie zur Erhaltung hinterließ. Bei seinen Mitbürgern in hoher Achtung wegen der Vorsichtsmaßregeln, die er zur Bekämpfung der Cholera 1837 getroffen, bei der Regierung aber verdächtigt, doch als vortrefflicher Arbeiter bekannt, ward er nach Neapel ins Justizministerium versetzt, wo er seine Mußestunden dem Studium der Geschichte u. Literatur widmete u. seine die öffentliche Meinung der Sicilianer wiedergebende Geschichte derSici- lianischen Vesper, ImAnsrraäolVsspro Lieiliano, schrieb. Er mußte deshalb flüchten u. ging nach Paris, wo er Arabisch u. Neugriechisch studirte u. geschichtliche Vorarbeiten machte. 1848 ward er als Professor des öffentlichen Rechtes zurückgerufen, bei seiner Ankunft aber zum Vicepräsiden- ten des Kricgscomitcs ernannt, dann ins Finanzministerium berufen und mit Sendungen nach Frankreich n. England betraut. Er gab in Paris eine Broschüre, Sicilien und die Bourbonen, heraus. Beim Wiederansbruch der Feindseligkeiten im April 1849 kehrte er nach seiner Heimath zurück, mußte jedoch sofort wieder ins Exil wandern und lebte nun wieder in Paris seinen Studien n. literarischen Arbeiten bis 1860, wo er in Folge der Ereignisse dieses Jahres ans die Insel Sicilien znrückkehrte, unter der Diktatur Garibaldis im Sommer 1860 das Auswärtige übernahm, besonders die Unterhandlungen mit Cävonr leitete und dann in verschiedenen anderen Ämtern stand. Im Juli 1861 ward er Gouverneur von Modena u. im Dec. 1862 Unterrichtsminister im Ministerium Farini, was er auch im Cabinet Minghetti bis Sept. 1864 blieb. Seitdem hat er sich ins Privatleben zurückgezogen. Seine Hauptwerke sind: 1-s.Ansrra cksl Vssxro LieiUano, Palermo 1842, 2 Bde., 6. A. Flor. 1859 (engl, von Lord Ellesmere, deutsch v. Schröder, Hildesh. 1851, auch ins Franz, übers.) u. 8toria äsi Nn- srümLnni äi 8ioi1in, Flor. 1853; auch gab er heraus Lidliotsoa ^ra,k>o-8ion1a, Par. 1856—58, 3 Abth., u. I äixloini aradi (von 1150—1509), äsl areüivo klorsntino, Flor. 1863. Er schrien ferner: Abhandlungen für die Rsvno areüeolo- §igns, das llonrnnl ^mntigns u. a. Zeitschriften, u. übersetzte Jbn Dschafers 8o1cvan, Mohammed Jbn Dschobairs Reise in Sicilien (1846), Jbn Haukals Beschreibung von Palermo (1845) aus dem Arabischen und Walter Scotts Narraion aus dem Englischen. 8) Emerigo, fälschlich als Bruder des Vorigen angesehen, aus einer gräflichen Familie stammend, ital. Pnblicist, geb. 1810 in Palermo; studirte Strafrecht, Philosophie u. politische Ökonomie, gründete mit Ferrara, dem National- ökonomen in Palermo, das Statistische Journal n. schrieb 1838 Über die Natur n. den Fortschritt der Industrie; 1841 zum Professor des Strafrechtes an der Universität Palermo u. zum Director des Fremdenspitals ernannt, gab er die Abhandlung über i die Theorie des Fortschrittes heraus und wurde 1842 Vorstand des neuen Strafhanses in Palermo. Beim Januaraufstande 1848 wurde er verhaftet, aber nach der Übergabe der Citadelle befreitu. Mitglied des Wohlfahrtsausschusses. In der sicilia- nischen Kammer zählte er zu den ersten Rednern, war bei der Deputation an Karl Albert wegen Übergabe der sicilianischen Krone an den Herzog v. Genua, mußte aber, wieder znrückgekehrt, Ende Marz 1849, weil der inzwischen wieder ausgebro- I chene Krieg eine ungünstige Wendung für die Si- ! cilianer nahm, nach Piemont flüchten, wo er die . Professur des constitutionellen Rechtes an der Universität Genna versah. 1861, nach der Annectirnng ! Siciliens an das Königreich Italien, wurde er ! sicilianischer Minister des Innern u. ital. Depu- tirter. Er war Mitglied der Philosophischen Aka- s demie Italiens, aber bei aller Freiheit seiner Phi- ! losophischcn Ideen ein strenger Katholik im Sinne ! des Vatikanischen ConcilA Er st. 20. Sept. 1870 ! in Palermo. I Lmsri kontss, so v. w. Natronseen. ^ Amarillas, alte span, adelige Familie: 1) * Don Agusto Giron d'Ahumada, Marques de las A., General der 1748 nach Genna gesandten span. Hilfstruppen; führte nach dem Aachener Frieden den Jnfanten Don Philipp in sein neues Besitzthum, Parma u. Piacenza, ein, wurde dann Gouverneur v. Barcelona u. 1755 Vicekönig v. Mexico, wo er 1760 starb. 3) Don Pedro Giron, Marques de las A., Herzog v. Ahnmada, geb. 1788 in S. Sebastian; diente anfangs in der spanischen Garde n. dann im Span. Unabhängigkeitskriege als Generalstabsoffizier. Nach Ferdinands VII. Rückkehr zog er sich, dem König wegen seiner Zurückhaltung vom Hofe n. seiner liberalen Anschauungen mißfällig, auf seine Güter zurück. In Folge der Revolution von 1820 zum..rriegsminister ernannt, zog er sich, jetzt von den Liberalen ebenso verfolgt, wie früher von den Absolutisten, bei Auflösung des Ministeriums Arguelles ins Privatleben zurück; ein Versuch, ihn wieder ins Ministerium zu bringen, scheiterte am Mißtrauen des Königs. Indessen ernannte ihn Ferdinand doch aus Achtung vor seinem Charakter in seinem Testament zum Mitglieds des Regentschaftsrathes, der während der Minderjährigkeit Jsabellas der Königin - Regentin beigegeben war. Diese Stellung benutzte A. zur Bekämpfung der vom Ministerium Mar- s tinez de la Rosa wider die insurgirten Provinzen getroffenen Maßregeln, sowie zur Bekämpfung der Zulassung der Granden als solcher in die Kammer der Proceres, bis er vom franz. Botschafter zu einem Vertheidiger einer Ersten Kammer mit erblichen Mitgliedern umgestimmt wurde, eine Wandlung, die ihm bei den Proceres, deren Präsident er war, wie bei der Regierung großen Einfluß l 519 Amarin - verschaffte, ihn aber um seine Popularität brachte, zumal ihn die Regeutin zum Herzog von Ahn- mada (Andalusien) erhob, nachdem er an der Ausarbeitung des Zstatnbo real V. 10. April 1834 (der beschränkten constitutionellen Verfassung mit zwei Kammern) den eifrigsten Antheil genommen. Unter dem Ministerium Toreno 1835 wieder Kriegsminister, wollte er das Heerwesen verbessern, stieß aber überall auf Widerstand, was ihn, in Verbindung mit der gegen ihn erhobenen Beschuldigung des Nepotismus, zum Rücktritte bewog. Nochmals trat er in der Grandenkammer 1835—36 in entschiedene Opposition gegen Mendizabal, bis er sich 1837 nach Wiederherstellung der Constitution von 1812 veranlaßt sah, Spanien den Rücken zu wenden. Nach längerem Aufenthalte in Bordeaux kehrte er krank in sein Vaterland zurück u. st. 17. Mai 1842. Amarin (Benzolin, Pikramin, Chem.), mit dem Hydrobenzamid isomer; entsteht aus demselben durch Erhitzen auf 120—130°, ist ein färb- n. geruchloser, schwach bitter schmeckender Körper, in Wasser unlöslich, leicht lösl. in Alkohol n. Äther, krystallisirt aus der weingeistigen Lösung in glänzenden, sechsseitigen Säulen. Die weingeistige Lösung rcagirt alkalisch. Es schmilzt bei 100° n. erstarrt beim Erkalten zu einer strahligen Masse. Mit Säuren bildet es meist schwer lösliche Salze. St. Amarin, St. im Kr. Thann im Ober- Elsaß, im gleicht:., von dem Thurbach durchflossenen Thal u. an der Eisenbahn Thann-Wesserling; Leinen- n. Kattunweberei, Maschinenfabrik, Fayence- u. Töpferwaaren, Bleichen; 2314 Ew. Amäro, Berg in den Apenninen. Amarkantak, Plateau in Vorderindien, Landschaft Gondwana, gegen 1100 m über dem Meere, mit einem Teiche, welchem der Fluß Nerbudda entquillt, u. um welchen an diesem den Hindu geheiligten Orte, dessen Name einen Sammelplatz der Unsterblichen andentet und an den sich viele Mythen knüpfen, mehrere kleine Pagoden stehen. /lmar>I!ic!ens L. L,.. monocotyle Pflanzensam. aus der Ordnung der Mistoren, mit zwitterigen, großen u. schön gefärbten Blüthen, unterständigem, Zfächerigem Fruchtknoten, krautiger, aus 2 3blät- terigen Kreisen bestehender Blüthenhlllls, die am Grunde mehr oder weniger rührig ist u. zuweilen eine Nebenkrone am Schlunde t.ägt; 6 Staubgefäße. Viele Pflanzen dieser Familie sind ihrer Schönheit wegen beliebte Zierpflanzen, theils fürs Freiland, theils für Topfcultur. Me sind Zwiebelgewächse, die meist den warmen Ländern angehören. Wichtigste Gattungen: Amarsilis H, Ritterstern, Narcissenlilie: istaroissus H, Narcisse; Isneojnrn H, Knotenblume, und Oslantkins 15., Schneeglöckchen; kaooratinm H, Meerstrands- narcisse. Lmar>>lis 15. (Narcissenlilie), Pflanzengatt, aus der Familie der Amaryllideen (VI. 1), mit ober- ständiger, unregelmäßiger, fast zweilippiger Blume, in der Blumenrohre angehefteten, niedergebogenen Staubgefäßen und 3fächeriger, 3klappiger, etwas fleischiger Kapselfrucht. Sämmtliche Arten find durch interessanten Bau und schöne Färbung der Blumen ausgezeichnet n. stammen meist ans dem Süden Amerikas u. Afrikas. Bekannteste Art: — Amasia. V. kormosissima H (Jakobslilie, die Iris sns- eien der Gärtner), mit großer, vor den Blättern ans der Zwiebel hervorkommender, nickender, kar- minrother Blüthe in einblüthiger Scheide; in Südamerika heimisch, häufig als Topfzicrpflanze culti- virt. Für freies Land eignet sich die auch sehr schön blühende bsllaciomia II, vom Cap, mit ausgebreiteten Blumen in vielblüthiger Scheibe, deren Zwiebel übrigens stark giftig ist; A. par- ciina LooL., ans Peru; blüht prachtvoll roth; Warmhauspflauze. Noch größer u. prachtvoller ist A. Drzmäes VskI, in den Wäldern um Rio de Janeiro. Für Zimmercnltnr eignen sich außer A. kormoslssima, noch besonders A. rodusta Llvesk. n. A. squsstris H, aus SAmerika, V. rmäulata. H u. A. purpuren Art., vom Cap. Man Pflanzt dann die Zwiebeln in eine Mischung von Laub, Haide-, Rasenerde u. Sand in Töpfe, begießt sie, wenn sie ausgetrieben sind, reichlich mit gering erwärmtem Wasser, nach der Blüthezeit muß man das Begießen allmählich rednciren und schließlich ganz einstellen; das Verpflanzen geschieht im Spätsommer, am besten nur alle 2—3 Jahre. Bei A. robnsta läßt man die Blätter nicht abstcrben, gießt deshalb gleichmäßig fort; A. xurpursa blüht im Sommer und stirbt dann im Herbste bis auf die Zwiebel ab. Älle A-Arten werden durch Brutzwiebeln vermehrt. Bon den zahlreichen Arten des tropischen Amerika, die theils in Felsspalten, theils im Moder alter Bäume wachsen, sind zahlreiche Varietäten gezüchtet worden, die sich alle durch Schönheit der Blüthenbildnng u. Farbenpracht anszeichnen. Amarythrin (Chem.), s. Erythrinbitter. Amasia (a. Geogr.), Name zweier Städte: 1) nach Ptolemäus im nordwestl. Germanien, vielleicht derselbe Ort, den Tacitns Amisia nennt; 2) in Pontos, Geburtsort des Strabo (s. d. folg.) Amasia, St. im gleichnamigen Sandschak des Vilajet Siwas im nördlichen Kleinasien, in einen: abgeschlossenen Thalkessel am Jeschil-Jrmak, etwa 400 m n. d. M.; durch Natur n. Kunst stark befestigt. Bemerkenswerth durch die Menge ihrer Alterthllmer n. den bes. durch deutsche Kräfte in der neuesten Zeit herbeigeführten Änfschwnng der Seidenerzengnng. Außerdem wird Obst, Wein, Senf n. Tabak gebaut. Unter den fünf über den Jeschil-Jrmak führenden Brücken rührt die eine noch von den Römern her. Die Köuigsgräber v. A. sind Felsgrotten, welche in drei Gruppen in die steilen, über den Fluß aufsteigenden Felswände eiugehauen sind u. mannigfach verzierte Eingänge haben; sie rühren offenbar ans dem 5. Jahrh. n. Chr., der höchsten Blüthezeit der Stadt, her; nur eines von ihnen, das prächtigste, gehört wahrscheinlich dem 2. Jahrh. ::. Ehr. an. Vor der Felswand, in welche die Gräber eingehanen sind, breitet sich eine künstlich ausgeführte Terrasse ans, welche nach der Stadtseite zu durch große Mauerwerke befestigt war. Diese Gräber befinden sich an demselben Felsen, auf dessen Gipfel die ein hohes Alter bekundende, jetzt verödete Akropolis liegt; die Mauern derselben, sowie die eines zweiten Castells, sind in der Hauptsache mittelalterlichen Ursprunges. Außer diesen Bauwerken finden sich auch viele Ruinen aus der Zeit der Seldschuken. Die 520 Amasis - St. hatte einst 200,000, jetzt 25,000 Ew.; Sitz eines griechischen Metropoliten, hat viele Moscheen (darunter die von Bajazet H. 1490 erbaute), Klöster u. 18 höhere islamit. Schulen (Medresses), mit über 2000 Schülern, deren Unterhalt aus den Einkünften der Schulen bestritten wird. — A., früher schon A. oder Amasda, war nach Mi- thridatcs Residenz der Könige von Pontos. Sultan Melck Ghasi, von der Familie der Damisch- mends, nahm A. 1083 den Griechen; 1174 eroberte sie Kilidsch Arslan für die Seldschuken u. Bajazet II. 1485 für die Osmanen. Hier 1555 Friede zwischen Sultan Soliman u. Persien, (s. Türk. Reich). A. ist Geburtsort von Strabo u. des Sultans Selim I. Bgl. Perrot, Xntiquitss ä'Xwaoia, in der Rsvus arellsoloAiqus, 1862, x. 277 ff. Amasis (Amoses), 1) A. I., König v. Ägypten, 1706—1681 v. Chr. (nach Brugsch), aus der XVIII. Dynastie, begann die Herrschaft der Hyk- sos zu stürzen s. u. Ägypten. Brngsch, List. ä'LZ>pts, I. 84 ff. 3) A. II., aus der XXVI. Dyn., angeblich aus niederem Stande; wurde 571 v. Chr. an der Stelle des Apries vom Heere zum König von Ägypten gewählt. Er begünstigte die Griechen, nahm fremde Söldner in seine Dienste u. brachte durch weise Regierungsmaßregeln Ägypten zu hoher Blüthe; er st. 527. Er war der Freund des durch das Schillersche Gedicht bekannten Polykrates von Samos. (Vgl. Brngsch, I. 258 ff.) Er verschönerte den Tempel zu Sais durch den Bau der Propyläen. Vgl. G. Ebers, Os ÜMastia, vieesima ssxta rsZum XsAzqchioruw, Berlin 1865. Amasonis L., Pflanzengattung, nach Thomas Amason, amerikanischem Reisenden, benannt, aus der Farn, der Berhenaceen (XIV. 2), mit 5thei- ligem Kelche, röhriger, btheiliger Blume u. 4sami- gcr Steinfrucht. Arten: A.. erseta T., krautartig, mit gelben Blumen, aus Surinam; puuiesa Vastk., Strauch, aus Trinidad, mit Hochrothen Blumen. Amaffera (Amastris), Seest. an der Küste des alten Paphlagonien, im türk. Vilajet Kastamuni (Kleinasien), auf einer Halbinsel am Schwarzen Meere, mit Trümmern der alten Stadt; 4000 Ew. A. hieß früher Sesamos und erhielt den neuen Namen von Amastris, welche im I. 322 v. Chr. sich mit Dionyfios, dem Tyrannen von Heraklea am Pontos, vermählt hatte. Später gehörte A. Len Königen von Pontos und wurde mit der Unterwerfung des Pontischen Reiches römisch. Als sich aus dem Byzantinischen Reiche das Kaiserthum Trapezunt bildete, kam A. 1210 an dieses, dann an Genua und ward von Mohammed II. nach der Eroberung von Constantinopel eingenommen u. ^/g der Ew. nach jener Stadt versetzt. ümassetto (fr.), Spatel, Farbenmesser von Holz, Horn, Eisen rc., womit die Maler die Ölfarbe auf dem Reibstein u. der Palette zusammenreibeu (amassiren). In neuerer Zeit, seitdem ein mehr pastoser Vortrag üblich geworden, benützen manche Maler die Spatel selbst zum Aufträgen der Ölfarbe auf die Leinwand, um so eine stärkere Wirkung zu erzielen, die sich bei Mauchen bis zum Plastischen steigert. - Amazia. Amat, Gewicht in Batavia — 2 Pikuls oder 123 Kilo. Amnta (lat., die Geliebte), 1) weiblicher Vorname; 2) Gemahlin des Latums, s. u. Äneas. Amateur (fr.), Liebhaber, Freund. Amatha, 4 von den Arabern stark benutzte Schwefelquellen von 34—43° 6., am Jarmuk (Scherial el Mandhur), Nebenfl. des Jordan in Palästina. Amäthie (v. Gr.), Unwissenheit, Ungelehrigkeit. Amathus (Amathonte, Amathunt), St. auf der SKüste Cyperns, mit einem berühmten Tempel der Aphrodite, welche daher den Beinamen Amathusia hatte. Die Ruinen des Tempels fand Hammer- Purgstall in dem Dorfe Agios Tychonos wieder. Än Stelle der alten Stadt liegt jetzt Alt-Li- massol. Im Alterthum war die Gegend durch Bergwerke, in der Neuzeit ist sie durch Cyperwein u. Johannisbrod für den Handel wichtig. Die Verehrung der Aphrodite hat den Namen Amathonte typisch gemacht als Bezeichnung eines der Liebe geweihten Ortes. Amäti, eine Familie Cremoneser Geigenmacher im 16. u. 17. Jahrh., deren Instrumente man schlechthin Amatis oder Cremoneser nennt. Die vorzüglichsten wurden von den Brüdern Antonio, Geronimo u. von Niccolo , dem Sohne des Letzteren, im 17. Jahrh. gebaut. Die echten Amatis sind zu einer Seltenheit geworden. Amatitlan, St. am See gl. Namens in der mittelamerikanischen Republik Guatemala; warme Mineralquellen, Handel mit Früchten, Seide, Salz; vor 30 Jahren noch ein kleines Jndianerdorf, jetzt durch den Cochenillebau Ort von nahezu 7000 Ew. Amstonus (lat.), verliebt; daher Xmaborius mnsvülus (Anat.), Liebesmuskel, derjenige Gesichtsmuskel durch dessen Zusammenziehung das Grübchen in der Wange entsteht — Lachmuskel (musoulua risorius). Amatrree (spr. -tritsche), St. im Distr. Citta- ducale der italienischen Prov. Abruzza ulteriore II. (Aquila), am Tronto; 6300 Ew. Amaul, Fisch, s. Sander. Amaurose (v. Gr.), schwarzer Staar, so v. w. Blindheit, wenn dieselbe hedingt ist durch Störungen im Bereiche des lichtempfindlichen Apparats (Netzhaut, Sehnerv, Gehirn). Meist ist alsdann mit Hilfe des Augenspiegels Atrophie der Sehnerven nachzuweisen. Amausen sind durch Zinnoxyd undurchsichtig gemachte Gläser, auch Emaillen genannt. Amaxichi (Ämakuki), Hauptstadt LN der NO- Küste der ionischen Insel Sta. Maura (Leukadia); griechischer Bischofssitz, 15 Kirchen, 2 Klöster. Wegen der häufigen Erdbeben, deren eines 1825 die Stadt fast ganz zerstörte, sind die Häuser meist von Holz gebaut. Der Doppelhafen ist nur für kleinere Fahrzeuge zugänglich; Schifffahrt, Handel; Öl u. Südfrüchte; gegen 6000 Ew. In der Nähe auf einer Landzunge die Festung Sta. Maura, die mit der Stadt durch eine Wasserleitung aus der Zeit der venetianischen Herrschaft in Verbindung steht. Amazaleks, einer der bedeutenderen Kaffern- stämme; s. u. Kafsern. Amazia, Sohn u. Nachfolger des Joas als Amazirghen — König von Inda (838—809 v. Chr.); erfocht einen Sieg über die abgefallenen Edomiter, wurde im Kampfe gegen den König Joas von Israel geschlagen u. gefangen; wieder frei, herrschte er noch 15 Jahre in Juda, bis er zu Lachisch durch Verschworene fiel. Amazirghen, ein Hauptstamm der marokkanischen Berber; wohnt vom Atlas bis ins Riff am Mittelmeere, wo man die Bewohner als Seeräuber fürchtet, und am Südabhange des Atlas bis Tafilelt hinein als Bienen- u. Ziegenzüchter, die unter Zelten oder in Höhlen leben. Amazonas (auch Alto A.), 1) nach Matto- Groffo die größte Pro», des KaiserthnmS Brasilien, an beiden Ufern des Amazouenstroms; grenzt im N. an Columbia, Venezuela und Guiana, im O. an die Provinz Gräo-Para, im S. an die Provinz Matto-Grosso und die Republik Bolivia, im W. an Peru u. Ecuador; sie zählte 1867 auf 1,951,467 fiflciu (35,439 ^ZM) 70,000 Freie u. Sklaven, außerdem eine sehr große Anzahl von Indianern, deren Zahl für A. und die Provinz Gräo-Para zusammen auf 140,000 angegeben wurde. Durch den Amazonenstrom u. dessen zahlreiche Nebenflüsse für den Handel günstig gelegen, steht dieser Provinz eine große Zukunft bevor, da auch der Boden äußerst ergiebig ist. Products: Reis, Zuckerrohr, Kautschuk, Kaffe, Baumwolle, Indigo, Südfrüchte (doch nicht Feigen u. Wein), Jalappe, Jpecacuanha, Sassaparilla, Ingwer, Vanille; Landbau u. Viehzucht sind unbedeutend. Das Klima ist sehr heiß. Hauptstadt: Manoas, auch Barra do Rio Negro genannt, am Rio Negro, 15 km von dessen Einfluß in den Amazonenstrom; 6000 Ew.; sie ist die Hauptstation für die Dampfschifffahrt am Amazonenstrom, zugleich Stapelplatz der Landesproducte, die für Para bestimmt sind. 2) Departimento in Peru, im N. des Landes, am Maranon u. in den östlichen Cordilleren; meist ebenes, reich bewässertes Land von großer Fruchtbarkeit, die aber nur wenig ausgenutzt werden kann wegen Mangels an Arbeitskräften; zur Ausfuhr gelangen gute Strohhllte u. Hängematten; kaum 38,000 Ew.; Hauptstadt: Chachapoyas mit 8000 Ew. Amazonen, 1) (griech. Myth.), kriegerische Frauen, Töchter des Ares, die bei Homer nur beiläufig als Kämpferinnen in„Lykien u. Phrygien, dann aber in dem Epos Äthiopis des Arktinos unter ihrer Königin Penthesilea als Freundinnen der Trojaner mit Achilleus u. den Griechen im Kampfe erscheinen. Die ausgebildete griechische Sage kennt sie als aus dem Reiche der Skythen eingewandert, wohnhaft am Kaukasus, in Kappa- dokien und am Schwarzen Meere, wo auch ein Berg Amazonws u. eine Niederlassung Ainazo- nion erwähnt wird, u. von wo aus sie Ephesos, Smyrna u. andere Städte gegründet haben sollten. Die A. Pflogen, nach der Sage, der Erhaltung ihres Staates wegen nur im Frühjahr mit den Männern der Nachbarstaaten Umgang; alle Knaben, die sie gebaren, wurden entweder sogleich getödtct, oder den Vätern zugesandt; die Mädchen dagegen wurden von Jugend auf in den Waffen geübt. Die A. trugen einen halbmondförmigen Schild, Streitaxt, Lanze, Bogen u. Pfeile u. fochten meist zu Amazonenstrom. 521 Pferde. Jede Amazone mußte Jungfrau bleiben, bis sie 3 Feinde getödtet hatte. Von ihren anderen Kämpfen sind der Raub des Gürtels der Königin Hippolyte (auf Vasenbildern heißt sie An- dromache) durch Herakles und die Entführung der Antiope durch Theseus nebst der darauf fol- enden Schlacht zwischen den A. und Athenern erühmt. In späteren Kämpfen mit den Griechen gerieth ein Theil der A. in Gefangenschaft: diese ermordeten ihre Wächter, entkamen u. verbanden sich mit einem Stamme freier Skythen, aus welcher Verbindung die Sauromaten entsprungen sein sollen. Nach einer anderen Sage lebten A. unter der Königin Myrine am Triton-See in Afrika; dieselben machten große Eroberungszüge, bis sie von Herakles ausgerottet wurden. Noch Alexander d. Gr. ward von einer Amazone, Thalestris, besucht, die durch ihn ihr Geschlecht fortpflanzen wollte; ja, Zeitgenossen Pompejus d. Gr. wollten noch A. am Kaukasus gesehen haben. Die bekannte Deutung des Wortes Amazone als Brustlose ist unrichtig, eher richtig ist die Deutung: als Starkbrüstige. In der plastischen Kunst sind sie auch immer mit zwei Brüsten, nie mit einer dargestellt. Vergl. Pott, Namen von A. in KuhnS Zeitschr. für vergleichende Sprachforschung, VIII., 425 ff. Nach Herodot hießen sie bei den Skythen Oiorpata, Männertödterinnen. Zur Entstehung der Sage von den A. mag eine dunkle Kenutniß von Verhältnissen, wie bei den Skythen, wo um 530 v. Ehr. die Massageten von der Königin Tomyris beherrscht wurden u. die Frauen auf die Jagd u. in den Krieg zogen, mitgewirkt haben. So auch in Afrika: der König des Negerstaates Dahomeh hat noch jetzt eine starke weibliche Heerschaar; ebenso hatte der König von Dingka am Weißen Nil eine aus Weibern bestehende Leibwache. Auch in Böhmen sollen tapfere Frauen, die 739 ihre Männer ermordeten, sich 7 Jahre lang mit den Waffen behauptet u. selbstständig gewaltet haben; s. u. Böhmen. Aus der Literatur über die A. sind zu erwähnen: Nagel, Gesch. der A., Stuttg. 1838; Mordtmann, Die A., Hann. 1862; Steiner, Über A-mythus in der alten Plastik, Leipz. 1857; Stricker, Die A. in Sage u. Gesch., Berl. 1868. Die A. waren stets ein beliebter Stoff der Kunst, so für Phidias, Alkameues u. A. (vgl. Bassä), u. in vielen Statuen u. Sarkophagreliefs sind uns A. erhalten. Unter den neueren Gemälden ist die Amazonenschlacht von Rubens in München, von plastischen Darstellungen die Amazone von Kiß vor dem Museum zu Berlin berühmt. 2) So v. w. kühne Reiterinnen. Amazonen, Benennung mehrerer Vögel, z. B. 1) des A-Ammers (Lmberira, amuMua), aus Surinam, braun, gelbscheitelig; 2) des A-Eisvogels (^.loscko a.). dunkelgrün, weiß und schwarz, aus Cayenne; 3) des Ä-Papagei (Lürz'sotis ainaro- nious), hellgrün, Stirn himmelblau, Wangen und Kehle gelb, Flllgelbug roth. Amazoncnstcin, grüne, aus Sibirien und Grönland stammende Varietät des Feldspaths die als Halbedelstein öfter verschlissen wird. Schöne Exemplare finden sich im Petersburger Cabinet. Amazonenstrom (Maranon, von den Indianern G ne ana genannt), der, wenn auch nicht 522 Amoioncnstrom. der längste, so doch mächtigste Strom der Erde, für dessen riesige Verhältnisse dem Europäer jede Vorstellung fehlt. Sein Flußgebiet, welches den größten Theil von Ecuador, Peru und Bolivia, ganz NBrasilien, sowie Theile von Columbia u. Venezuela umfaßt, beträgt ca. 690,000 fDkm, n. A. nur etwa 500,000 Er nimmt über 60 Flüsse von der Größe der Wolga u. der Donau auf, mehrere derselben rivalisiren in Bezug auf Wassermasse u. Bedeutung mit dem Hauptstrome. Der Strom, der in seinem unteren Laufe Amazonas heißt, ist von der Straße von Obidos an durchschnittlich 7 Icm breit und über 40 m tief. Bei seinem Ansflusse mißt er eine Breite von über 300 Icm u. ist mehr als 180 m tief. Noch über 290 Icm in die See hinaus ist seine Fluth bemerkbar, u. beim Eintritt ins Meer bietet er in Verbindung mit der Fluth eine der großartigsten Naturerscheinungen, gleichsam einen Zwcikai. Pf zwischen Fluß und Meer (Pororoca), wodurch die Einfahrt zeitweise sehr gefährlich ist. Der Einfluß von Ebbe u. Fluth macht sich über 740 Icm aufwärts bemerkbar. Er hat verschiedene Stromschnellen (durch Verengerung der Ufer z. B. beim Pongo von Manseriche, wo er, von 80 m auf 48 m zusammengedrängt, in 1 Secunde mehr als 4 m durchläuft), weiter dnrchschneidet das Flußbett eine wenig geneigte Ebene, zeigt namentlich in seinem unteren Theil viele Inseln und verursacht zur Regenzeit regelmäßig ungeheure Überschwemmungen, die, bis zu 16 m steigend, das Land auf viele Meilen weit 3—4 Monate laug unter Wasser setzen u. daher eine unüberwindliche Schwierigkeit für die Colonisation der Ufer bilden. DerOnell- flnß des A-s wird gebildet ans den Flüssen ->) Tunguragna, der 3800 m ü. d. M. auf dem Hochlande der Anden in der peruanischen Provinz Jnnin aus dem See Llauricocha entspringt, vorzugsweise den Namen Maranon trägt u. in nordwestlicher Richtung bis Jaen de Bracomoros strömt, wo er schiffbar wird n. sich östl. wendet; b) Hnallaga, welcher 4400 m ü. d. M. ebenfalls auf den Anden bei Cerro de Pasco entspringt; e) Ucayale, welcher seine äußerste Quelle in dem von den Kordilleren bei Caylloma kommenden Apnrimac hat, sich durch den bei Ayacucho entspringenden Mantaro verstärkt, eigentlich der wahre Onellstrom ist u. bei Nauta sich mit dem Maranon vereinigt. Von hier an führt der Strom den Namen Solimöes, nimmt von N. her den Napo, von S. den Davari auf, zieht sich daun, seinen Lauf ostwärts verfolgend, durch die brasilianische Provinz Alto-Amazonas, nimmt unweit Barro do Rio Negro den Rio Negro auf, durchströmt, von der Einmündung des Madeira an erst A. genannt, die brasil. Pro». Gräo-Para, nimmt weiterhin rechts den Tapajos u. Lingu auf u. mündet nach einem Laufe von annähernd 6000 km, wovon fast 4000 Icm durch Dampfschiffe befahren werden können, in den Atlantischen Ocean, wo er durch einen kleinen Arm mit dem Rio Para, der Mündung des To- cantins, in Verbindung tritt, mit welcher er die Insel Marajö bildet. Durch den Casiquiare steht der Rio Negro u. so der A. mit dem Orinoco in Verbindung. An seinen Ufern herrscht die üppigste Vegetation, u. enthalten die Waldungen (Urwälder) eine fast beispiellose Fülle von ausgezeichneten Pro» ducten aus dem Pflanzen- u. Thierreiche. Überdies erzeugt der vortreffliche Boden Kaffe, Cacao, Zucker u. Baumwolle in reichlicher Menge, während das Mineralreich große Schätze bietet. Die Bewohner sind fast ausschließlich Indianer, die in mehr als 80 Stämme zerfallen. In neuerer Zeit haben sich, durch die brasilianische, peruanische u. bolivianische Regierung begünstigt, mehrere Gesellschaften gebildet, und sowol auf dem A. selbst, von Peru aus bis an seine Mündung, als auch auf seinen größeren Nebenflüssen regelmäßige Dampfschifffahrten organisirt, welche in den letzten Jahren sich günstiger entwickelten und dazu beitragen werden, die Wichtigkeit des A-s in Bezug auf Handel und Civilisation von Südamerika zu erhöhen. Ebenso wird von Seiten der brasilianischen Regierung die Colonisation der Ufer unterstützt. Die Mündung dieses Stromes wurde von dem Spanier Pinzon 1498 entdeckt; befahren wurde er zuerst 1541 von Orellana, von Ursna 1560, Raphael Fcrrer 1602; Terjeira kam bis nach Pahamino aufwärts, Acuna n. Artieda fuhren von Perm ans bis Para herab 1639, Coudamine befuhr den ganzen Fluß 1743 und 1744, später mehrere Andere. Der Jesuit Samuel Fritz (Apostel des A-s genannt) gab 1707 die erste Karte von ihm herans. In den letzten Jahrzehnten besuchten ihn A. v. Humboldt, R. Schombnrgk, Pöppig, der 1826—1832 den größten Theil Amerikas (Reise in Chile, Peru u. auf dem A., Lpz. 1835, 2 Bde.) u. I. I. v. Tschudi, der 1828—35 Peru (Peru, St. Gallen 1846, 2 Theile) bereiste; ferner: Prinz Adalbert von Preußen 1842, Graf Castclnau 1846. In den Jahren 1842—46 ließ die brasilianische Regierung durch eine astronomisch-nautische Expedition eine vollständige Aufnahme vom Laufe des A-s ausführen. Namentlich ist auch z» erwähnen die im Aufträge der Negierung der Ver. St. von NAmerika unter Leitung der beiden Marinelientenants L. Hcrndon und Lardner Gibbon 1850—1852 unternommene Expedition. Agassiz, der den Strom 1867 bereiste, fand 1163 neue Fischspecies in seinen Gewässern. Der Engländer Wickham befuhr den Rio Negro und Orinoco 1869, Bericht, Lond. 1872; der deutsche Ingenieur Keller-Leuzinger 1873 den A. u. Madeira. Die im I. 1852 gebildete brasilianische Dampfschifffahrtsgescllschaft hat sich mit einer englischen Gesellschaft vereinigt. Para, an der Mündung des A-s, steht durch regelmäßige Dam- pferliuieu mit Liverpool, Havre, Nem-Dork u. Rio Janeiro in Verbindung. In den letzten Jahren hat man dem oberen Laufe der bolivianischen u. peruanischen Nebenflüsse, wo jetzt auch Schienenwege gebaut werden, besondere Aufmerksamkeit zu- geweudet. Seitdem die brasilianische Regiernng die Schifffahrt auf dem A. freigegeben (7. Sept. 1867), ist überhaupt ein neues Leben auf dem Strome entstanden, der in der durch ihn u. seine Nebenflüsse gebildeten schiffbaren Straße von 130,000 Icm und dem mannigfaltigen Reichthum seiner Uferlandschaften ein unerschöfliches Gebiet für den Handel eröffnet. Vgl. Herudon, Rxxlo- raticm ob Valls^ ok ^marou, Wash. 1854; Batcs, Rire diainraliat on tbs River ^ma^ouas, 2. A., Lond. 1864, deutsch, Leipz. 1866; Ooutribubiolls Amazula - Io Inssei I'auna ok tlrs .^ma^on Valley, London 1867; Markham, Lxpoäiiion into tbo Valley ob llio Lma^onas, Lond. 1859; Marcoy, Vo^aAS L iravors 1'L.msriguo än 8nä äs I'Ossanikaeiüqus ä I'Oc^an ^tianiigno. Paris 1869; Agassiz, L äonrns^ in Lraxii, 6. A., Bost. 1868; 8oisntiüo Ikssnlts ob n äournsz- in Lrarii, London 1870; Kcller-Leuzinger, Vom Amazonas und Madeira, Stnttg. 1874. Amazula, der mächtigste u. am meisten civi- lisirte Kaffernstamm (Zulukaffern), unter einem König. Unter ihm auch die meiste Misfionsthä- tigkeit. Hier 17 Stationen der verschiedensten Gesellschaften. Amba, abessinische Bezeichnung für tafelförmige und sehr jähe Felsen, die sich oft auf Platcaux finden u. natürliche Festungen bilden; daher A- Geschen, A-Hadschi u. A-Hai, Gebirge in Abessinien (vgl. Abessinien). Lmbsbus (lat.), a. manibns, mit beiden Händen, d. h. sehr gern (zngreifen). Ambacht, die alte Form für Amt; daher A-s- lehen, so v. w. Amtslehen, ihre Besitzer A-slente, die daraus entspringenden rechtlichen Verhältnisse A-srecht. Ambacti (Ant.), bei den Galliern freie Männer, Clienten eines Vornehmen u. gleichen, dem sie zur Kriegsfolge verpflichtet waren. Das Wort hängt mit dem gothischcn Lnäbaklts, althochdeutsch ampallt, Diener, zusammen, die mit dem goth. Lnäbaiati, althochdeutsch ampaiat, holländisch am- baolit,, unserem Amt, verwandt sind. Ambadsch (Lsäomons mirabiiis ), eine baumartige Lcgnminose in NOAfrika, mit gelber Blüthe, deren Stamm 8—13 om im Durchmesser n. 4—5 m in der Höhe mißt, ein leichtes, weißes, hollundermarkartiges Holz hat u. kleine, dicht zn- sammengedrängte Blätter trägt; besonders häufig in den Sumpfgegenden des Bahr el Ghasal, dessen seeartig erweiterter Zusammenfluß mit dein Bahret Homr von dieser Pflanze den Namen A-See erhalten hat. ümbsgss (lat.), Umschweife, Weitläufigkeiten; daher psr nmimAss, auf Umwegen. Ambala (Umbala), St. in Ostindien, an der Eisenbahn zwischen Delhi n. Lahors; 22,000 Ew. Hier ini I. 1869 Convention zwischen dem englischen Bevollmächtigten u. dem Emir von Afghanistan, wonach das freundschaftliche Einvernehmen zwischen beiden Ländern hergestellt wurde. Ambalema, St. im Staate Cnndinamarca der südamcrikanischen Consöderation Columbia, links am schiffbaren Magdalenastrom; mit ausgedehntem u. ausgezeichnetem Tabaksbau (Ambalema); 9700 Ew. Ambarnlva, Ortschaft in der Rcsidentie Sama- rang auf Java, mit der Hauptfestung der Insel. Amharri (a. Geogr.), keltisches Volk im Lug- dunensischen Gallien, an der Ostseite des Arar, zwischen den Allobrogern u. Äduern, im jetzigen Breffe des französischen Departements Am. Ambarvalia (röm. Ant.), der feierliche Umzug, welchen die Besitzer von Ländereien zur Zeit des Arvalenfestes hielten. Dabei wurden ein Schwein, ein Schaf u. ein Stier um die jungen Saaten herumgesührt u. dann für das Gedeihen der Felü- - Arnberg. 52K früchtc geopfert. Vielleicht sind die A. mit dem Arvalenfest identisch; s. n. ^rvalss kratrss. Ambassscie (fr.), Gesandtschaft; ^.mbassaäsur, Botschafter erster Klasse, s. n. Gesandter. Llmbaffi (Moxikongo-Adnngo, San Salvador der Portugiesen), Hauptstadt des früher mächtigen, jetzt bedeutungslosen Reiches Kongo, an der WKüste von Afrika, an der Mündung des Lucs in den Lilnnda; früher Bischofssitz, mit 12 Kirchen u. vielen Klöstern, seit der Zerstörung durch die Jagga im Anfänge dcs17.Jahrh. in Ruinen liegend u. jetzt nur aus zerstreuten Gehöften bestehend. In der Nähe der Mündung des Loge (Loze) haben die Port»» gicsen 1855 den Ort Ambriz angelegt. Aufwärts am Loge befinden sich die berühmten Kupferminen von Bembe (Pemba), welche von den Portugiesen schon seit langer Zeit ansgebentet werden. Südöstlich von Ambriz, zwischen den Küstenflllssen Onza n. Lufune (Lifnme), liegen die Libangoberge mit Steinölquellen u. Asphaltlagern. Ambato, Handelsstadt in der südamerikanischen Republik Ecuador, Prov. Leon, in der Nähe des Chimborasso; 13,000 Ew. Amb-r (v. Lat.), 1) Verbindung der Dinge, je zwei und zwei; 2) Doppeltreffer im Lotto. Ambclaki, Dorf auf der griechischen Insel Salamis, wo die alte Stadt Salamis stand. Amüclakra (türk. Embelek), Stadt im Ejalet Saloniki, am Fuße des Ossa, mit 5000 Ew.; Türkischrothfärberei, wichtiger Handel mit Wolle u. Garn, Weinbau. Amber, s. Ambra. Amberg, 1) Bez.-Amt im bayerischen Regbez. Oberpfalz, an der Vils, 728 jüjon (13,22 (D N); 24,825 Ew.; begreift die Landgerichte A. u. Vils- eck, hat viel Wald u. von den Linien Schwandorf- Nürnberg u. Winden-Nenkirchen der Bayerischen Ostbahn durchschnitten. 2) Stadt des bayerischen Regbez. Oberpfalz und Regcnsbnrg, an beiden Seiten der schiffbaren Vils u. an der Linie Schwan- dorf-Nllrnberg der Bayerischen Ostbahn; Schwurgericht für den Regbezirk, Handels-, Bezirksund Stadtgericht, Landgericht, Handelskammer, Reut-, Berg-, Forstamt, Archivconservatorinm, Kreis-Landwirthschafts- u. Gewerbschnle 1. Klasse, kathol. Stndicnanstalt (seit 1628), Lyccum, Provinzialbibliothek der Oberpfalz (an 32,000 Bde.), Waisenhaus, großes Spital, neues städtisches Krankenhaus, großes Strafarbeitshans für männliche Gefangene. Die Stadt ist wohlgebaut, mit einer doppelten Mauer umgeben; gothisches, 1490 erbautes Rathhans, königliches Schloß (jetzt Sitz des Bezirksamtes), Zeughaus, große königl. Ge- wchrfabrik, Theater, St.-Martins-Pfarrkirche von 1421, mit Gemälden u. Grabmälern (so des Pfalz- grafen Ruppert, st. 1397) u. 98 m hohem Thurm, 10 andere katholische Kirchen, eine protestantische Kirche, vor dem Vilsthore Monument des Königs Max Joseph I. von 1824. Außer Gewehren fäbricirt A. Fayence, Farben, Blechwaaren, Wollen- und Lcinenzeuge, Tabak, Bier, Essig und hat starken Getreide-, Hopfen- und Gemüsebau; große Rinder- und Schweinemärkte; 11,700 Ew. In der Nähe Eisensteingruben (schon seit 1283 bebaut) ans dem Erzberge, welche jährlich gegen 50,000 Ctr. Eisenerze liefern, und die schöne- H24 Amberg — Wallfahrtskirche auf dem Mariahilfberge, mit Franciskauerhospiz. — A., im 11. Jahrh. Dorf Am merk erg im Nordgau, kam durch Kaiser Konrad II. 1034 an den Bischof von Bamberg; um 1140 heißt A. ein Markt; 1163 gab Kaiser Friedrich I. der Stadt A. ebenso große Handelsfreiheiten, wie den Nürnberger». Die letzten Hohenstaufen waren von den Bischöfen v. Bamberg mit A. belehnt; dem Testament Konradins zufolge .ging 1269 dies Lehen auf den Kurfürsten Ludwig den Strengen v. Bayern über. Durch den Hausvertrag zu Pavia 1329 kam A. mit dem Nordgau (von nun an Oberpfalz genannt) an die Nachkommen Rudolfs I., Kurfürsten v. d. Rheinpfalz. Als 1621 Friedrich V. in die Acht erklärt wurde, wurde A. 1623 u. 1628 sammt der Oberpfalz wieder mit Bayern vereinigt. Kurfürst Maximilian I. ließ die Stadt stark befestigen. Im Spanischen Erfolgekriege 1703 u. im Österreichischen Erbfolgekriege 1745 wurde A. von den Österreichern bombardirt, und das erste Mal durch Ca- pitulation, das zweite Mal nach Abzug der französischen Besatzung übergeben. Zu Ende des 18. Jahrh. wurden die Wälle in Alleen und Spaziergänge verwandelt. Am 24. Aug. 1796 schlug hier Erzherzog Karl die Franzosen in einem Gefechte, das in so fern von Wichtigkeit war, als dadurch der Plan Bonapartes, seine Heere im Herzen Deutschlands zu vereinigen, nicht zur Ausführung kommen konnte. Vgl. Lipowsky, Gesch. d. St. A., Münch. 1848. Llmberg, 10 lcin langer, 220 in hoher, rother Granitfelsen am Lstl. Ufer des Wetternsees in der schwedischen Prov. Ostgothland, mit Kalkstein- u. Schieferbrüchen, welche viele Versteinerungen enthalten. Amberg, Wilhelm, Genremaler, geb. zu Berlin 25. Febr. 1822, Schüler Herbigs und Karl Begas', dann Cogniets in Paris; ging 1845 nach Italien; ist seit 1869 Mitglied der Berliner Aka- . Lenne. Er hat ein entschiedenes Talent für Farbe, schöne Technik und weiß namentlich den Liebreiz jugendlicher Weiblichkeit darzustelle»; er zählt zu den fruchtbarsten Künstlern der Gegenwart. Amberger, Christoph, geb. um 1509 zu Amberg, Geschichts- und Porträtsmaler aus der Holbein'schen Schule, st. um 1568 zu Augsburg. Werke iu Augsburg, Wien, Dresden, Berlin, Siena u. Florenz. Auibericu, Stadt im Arr. Belley des französischen Dep. Ain, an der Albarine; Knotenpunkt der Eisenbahnen von Lyon, Macon und Gens (Lyonliuie); Leinwand-, Leder-und Papierfabriken; .3050 Ew. Nmberkraut, so v. w. Katzcngamander, Mastixkraut, I'suorium Uarum T,.; s. Isnerinm. Ambcrt, Stadt im gleichnamigen Arr. des französischen Dep. Puy de Dome, an der Dore; Gerichtshof,Handelsgericht, Communalcollege,schöne Kirche St. Jean (1471—1518 erb.); A. sabricirt die besten Anvergner Käse, außerdem Papier, Leinwand, Tuch, Schnüre, Bänder, Stecknadeln, Spitzen, Holzschuhe, Stärke, hat Färberei, Wollspinnerei, Seidenzurichtung, lebhaften Handel; 7500 Ew. Ambcsaten, nach Fronsperg die geringsten - TVrnüitus. Unteroffiziere unter den Fußknechten des Mittelalters. Ambialet, Stadt im Arr. Alby des französischen Dep. Tarn, auf einer Halbinsel des Tarn; Eisenmine und Hüttenwerk, große Ruinen eines festen Schlosses u. einer Benedictinerabtei; 3225 Ew. Ainbiäni (a. Geogr.), Volk im belgischen Gallien, mit der Hauptstadt Samarobriva, jetzt Amiens oder St. Quentin; sie stellten 10,080 Mann gegen Cäsar ins Feld. /lmbiatlnus vlous (a. Geogr.), Ort der Trevirer im belgischen Gallien, bei Koblenz; Geburtsort des Caligula. Ambierle, Flecken im Arr. Roanne des französischen Dep. Loire, an der Trissonne; einer der besten Loireweine; 2000 Ew. ümbigu (fr.), so v. w. zweideutig, doppelsinnig; Ambiguität, Zweideutigkeit, Doppelsinnigkeit. Ainbin (Mont), 3384 m hoher Gebirgsstock zwischen dem Mont-Cenis u. dem Mont-Thabor auf der Grenze von Savoyen. Ambiörix, Häuptling der gallischen Eburonen, der 54 v. Ehr. sein Vaterland von der Herrschaft der Römer zu befreien suchte, Cäsars Legaten Q. Titurins Sabinus in einen Hinterhalt lockte, denselben während einer Unterredung tödtete u. dessen Legion fast völlig vernichtete. Der schnell zu Hilfe eilende Cäsar unterdrückte die weitere Ausdehnung des Aufruhrs, schlug den mit den Trevireren ver- kündeten A. u. verheerte furchtbar das Land der Eburonen, wodurch er bewirkte, daß A. in seinem eigenen Laude allen Anhang verlor (s. u. Gallischer Krieg). Er soll später über den Rhein ge- gangen sein u. dort eine Zuflucht gesunden haben. Ämbir, Stadt in der Radschaschast Dscheipor der vorderindischen Provinz Adschmir, früher Hauptstadt u. Sitz der Gelehrsamkeit (Mathematik); dabei das Bergschloß Umir. Ambiren (v. Lat.), sich um Etwas, besonders um ein Amt bewerben; daher Ambient, Bewerber; s. ^mditio u. L,mditus. ümbitlo (röm. Ant.), das gewöhnliche Umher- gehen der sich um ein Amt bewerbenden Candi- daten bei den Bürgern, um sich deren Stimmen zu erwerben; vgl. ^.mbitns 1). Ambition (v. Lat.), Ehrgefühl, Ehrgeiz; daher Ambitioniren, ehrgeizig nach Etwas streben, aus Ehrgeiz sich beeifern; Ambitiös, ehrgeizig. -lmtüUvuo paguo (m. Geogr.), vielleicht so v. w. Llozinsnsis paZus (N. eampus), Maifeld, im Regbez. Koblenz. ümbltus (lat.), 1) (röm. Ant.) eigentlich die Bewerbung um ein öffentliches Amt, s. -4mbitio. Später 2) die unrechtmäßige Bewerbung um ein Amt (^mditns oriuwn), z. B. durch Bestechung oder Drohung. Es galt als ein Verbrechen, gegen welches mehrere I-sAss äs amdibn gegeben waren: a) die erste von 431 v. Chr.; d) Iwx kosbslia, 358 v. Chr., vom Volkstribunen C. Pötelius, gegen die Romines novi, die besonders au den Markttagen um Ämter warben; o) I,sx Oornslia, Lasdia, 181 v. Chr., unter dem Consulat des P. Cornel. Ce- thegus u. M. Bäbius Tamphilus, wonach die des L. Überführten sich in 10 Jahren um kein Amt bewerben durften; ck) IwL^.oi1ia, tkaipnrnia, 67 v. Chr., wonach die Überführteu auch noch eine Geld- Ambivareti - strafe erlegen sollten u. um kein Amt mehr sich bewerben durften; s) Osx lulliu, 63 V. Chr., vom Konsul M. Tullius Cicero, wonach Keiner, der sich um ein Amt bewerben wollte, 2 Jahre vorher dem Volke Festlichkeiten geben u. die Überführten mit lOjährigem Exil bestraft werden sollten; I) Osx Oompoza äs vi et ambibu, S2 v. Ehr., wodurch das Exil auf Lebenszeit ausgedehnt wurde; §) nach der Osx lulia, 18 v. Chr., wurde nur die Anwendung gewaltsamer Mittel mit dem Exil bestraft. Da unter Tiberius das Wahlrecht aus den Senat überging, wurden die Bestechungen bei den Senatoren angewendet, wogegen „Kaiser Trajan einschritt. Später wurden die Ämter durch die Verwendung der Umgebung des Kaisers vergeben, u. es entstand ein förmlicher Handel damit. Rinkes, Os orimius ambitus, Leyden 1854 (Preisschr.). 3) In der Musik der Umfang einer Tonreihe, insbesondere der für den altkirchlichen Gesang festgesetzte Tonumsang, sowie die Jutervallen- complexe, aus welchen die einzelnen Tonarten bestehen. Ambivareti, gallisches Volk, unter dem Schutze der Äduer, vermuthlich nördl. an deren Grenze. Ambleside (spr. Ämbelseid), hübsch gelegener Flecken am Winandermeer in der englischen Grafschaft Westmooreland; hat Wollenzeugfabriken, röm. Alterthümer; 1988 Ew.; im Sommer viel von Reisenden besucht. Ambleteuse, Hafenstädtchen im Arr. Boulogne des französischen Dep. Pas de Calais, an der Mündung der Slack; Fischerei, Seebäder; 700 Ew.; 1689 Landungsort des vertriebenen Königs Jakob II. von England. Dabei eine 1805 von Napoleon der Armee errichtete Granitsänle. Amblyopie (v. Gr.), Stnmpfsichtigkeit, Schwachsichtigkeit, bedingt durch Störungen im Gebiete des lichtempfindlichen Apparats, also der Netzhaut, des Sehnervs und Gehirns; kommt angeboren, häufiger aber erworben vor, oft mit Farbenblindheit sin den peripherischen u. centralen Theilen des Gesichtsfeldes, sowie mit anderweitigen Gesichtsfeldstörungen combinirt. Unter den mannigfaltigen Ursachen spielt auch der Mißbrauch von Tabak u. Spirituosen eine Rolle. Die A. geht durch Fortschreiten oft in Amaurose über. Ambo, so v. w. Ambon. Amboina, Insel, s. Amboinen. Ambomaholz, rothgelbes, sehr hartes, feines Tischlerholz, von Amboina. Ämbornen, Inselgruppe im Indischen Ocean, zu den Molukken gehörig, zusammen 29,572 km ('537 !HM), wovon 479 s^M den Niederländern unterworfen sind, mit 170,600 Ew. (1866), Al- furen der einheimischen Bevölkerung, meist ins Innere verdrängt, Malaien, Europäern, Chinesen; gebirgig (bis 2900 m) u. fruchtbar, aber schwach angebaut; Hauptproduct: Gewürze. Hierzu: a) Amboina, unter niederländischer Herrschaft; 16 s^M; 31,000 Ew. Die Insel besteht aus erhobenen Korallen, bedeckt mit vulkanischen Thonmassen; ungesund u. von Erdbeben heimgesucht; der Hauptsitz des Gewürzuelkenbanes; ferner Muskat- u. kostbare Holzbäume. DieStadtÄmboina, an einer breiten Bucht, ist Sitz des Gouverneurs der Molukken; Handel, Schiffswerft; 10,000 Ew. b) Ceram — Amboise. 525- (Sirang), 330 UM, 66,000 Ew.; gebirgig, vulkanisch, mit heißen Quellen, reich an Sagopalmen. An der Küste seeräuberische Malaien, unter dem Niederländern zinspflichtige Häuptlinge, im Innern rohe Alfuren; Orte: Festung Karin, OrtElaputi, Hafen u. Feste Wahaai; in der Nähe die Inselgruppe Keffing. o) Buru, 103 HW, PN Innern mit großem,See; 60,000 Ew., Malaien u. Alfuren; Stadt: Buru; Handel, ä) Die kleineren Inseln westl. Amblau, Mauipa, Kelang, Bonoa^ südl. Haruko (Oma), Saparna (Hanimoa), Nussa- Laut, östl. Ceram-Laut, Goram, Tenimbar, Mana- vulka u. a. Die A. wurden 1564 von den Portugiesen besetzt, welche sie aber 1607 an die Holländer verloren. Zu gleicher Zeit suchte die Eng- lisch-ostindische Compagnie sich dort festzusetzen, was zu langwierigen u. blutigen Kämpfen Anlaß, gab. 1796 kam Ä. in den Besitz der Engländer, im Frieden von Amiens 1801 an die Holländer; 1810—14 waren wieder die Engländer Herren der Insel; durch den Pariser Vertrag von 1814 befindet sich die Inselgruppe im unbestrittenen Besitze der Holländer. Das Colonialsystem, welches die Holländer auch hier eingeführt haben (s. Nieder!. Gesch.), hat sich wenig bewährt und ist theilweise schon seit 1824 aufgegeben; die gänzliche Aufhebung wird wol nicht mehr lange ausbleiben. Amboise, St. an der Mündung der Masse in die Loire (über die eine große eiserne Brücke) u. der Bahn Orleans-Tours, im Arr. Tours des franz. Dep. Jndre et Loire; Schloß, Fabriken in Wollen- und Seidenzeugen (Amboisienne), Tuch, Etamin, Stahl, Eisen- u. Stahlwaaren (hes. Feilen), Leder, bedeutende Leinenweberei, Handel mit Wein rc.; 4188 Ew. Das auf hohen Felsen gelegene, mit Rundthürmen versehene Schloß, aus der Römerzeit stammend, im 9. Jahrh. von den Normannen zerstört, aber wieder aufgebaut, wurde unter Karl VII. erweitert und befestigt, später Staatsgefängniß, von Louis Philipp wieder zur königl. Residenz hergestellt u. restaurirt. A. wird erst im 6. Jahrh. von Gregor v. Tours als Am- bacia erwähnt. Hier am 30. Sept. 1174 Friede zwischen König Heinrich II. v. England und seinen Söhnen (s. England.). A. gehörte anfangs den Herzögen v. Anjou, später eigenen Herren v.. A., denen es 1431 wegen Felonie abgesprochen wurde. Es kam nun in königlichen Besitz, und oft verweilten die Glieder des Hauses Valois hier; Ludwig XI. stiftete hier den Michaelsorden; Karl VIII. wurde dort 1470 geb. n. st. daselbst 1498; er soll in den Thürmen des Schlosses 15,000 Personen haben verschmachten lassen. Hier 1560 Verschwörung der Hugenotten unter la Re- naudie, welche die Gefangennahme des Königs Franz II. u. der Guisen bezweckte, aber entdeckt wurde; 1200 Protestanten wurden in Folge davon hingerichtet. Den 19. März 1563 Publicir- ung des Edikts von A. wegen der freien Übung, des reformirten Gottesdienstes der hohen Lehensbesitzer. 1762 kam A. an den Herzog v. Choi- seul u. dann an den v. Penthiövre. In der neuesten Zeit gehörte es der Familie Orleans u. ward im Juli 1852 von dem Kaiserthum confiscirt, nach dessen Fall wieder restituirt. 1848 bis 1852 saß Abd-el-Kader im dortigen Schlosse gefangen. H26 Amboise - Amboise, adeliges französisches Geschlecht, Besitzer der Stadt A.; erlosch mit Snlpice III. schon im 13. Jahrh. in männlicher Descendenz; die Erbtochter Margaretha heirathete Reinald von Bervie, nnd deren Sohn, Johann I. (st. 1274), ward der Gründer des neuen Hanfes Ä.; seine 2 Enkel, Peter I. n. Hugo, stifteten im 14. Jahrh. 2 Linien. Von der älteren Linie ist: 1) Louis, bekannt durch die Verfolgungen, welche er von La Tremonille, Karls VII. Günstling, erfuhr. Er verlor schon 1431 die Stadt A. wegen Felonie u. st. 1469; mit ihm erlosch seine Linie. Von der jüngeren Linie: 2) George, geb. 1460, anfangs Bischof von Montanban u. Almosenier des Königs Ludwig XI., dann Erzbischof von Narbonne und 1493 von Rouen, seit 1498 erster Minister unter Ludwig XII. Papst Alexander VI. ernannte ihn zum Cardinal, zu seinem Legaten in Frankreich, u. nach dessen Tode strebte A. vergebens nach der päpstlichen Tiara, weshalb er ein erklärter Gegner Papst Julius' II. war und selbst ein Schisma zwischen der päpstlichen Curie n. der französischen Kirche ins Leben rief. Als Minister Ludwigs XII., welche Stellung er bis an seinen zu Lyon am 25. Mai 1510 erfolgten Tode behauptete, erwarb er sich die Liebe des Volks, führte eine Reform der Justiz durch u. erhöhte trotz der verderblichen Kriege, welche zum Theil durch seine Schuld die Regierung Ludwigs XII. erfüllten, niemals die Steuern. Lebensbeschreibung von Montagncs, Paris 1631, und von Legendre, Rouen 1724, Amst. 1726. 3) Charles A. de Chaumont, geb. 1472, wurde 1502 Generallientenant u. Gouverneur von Paris, 1506 Gouverneur von Mailand u. Genna, war auch Marschall u. st. 1511. Die jüngere Linie starb mit Franxois Charles, französischem Generallientenant, der 1650 bei Bordeaux u. 1651 in Catalonicn focht nnd zuletzt General- gouverneur von Languedoc war, 1656 ans. Ambon (gr.), Bühne, besonders in den alt- christlichen Kirchen der um mehrere Stufen erhöhte, unseren Kanzeln entsprechende Standort im Schiff der Kirche, von welchem herab die biblischen Abschnitte vorgelesen wurden; am Fuße desselben hatten die Sänger ihren Standort; daher Ambonoklasten (d. h. Abbrccher des A.), Eiferer gegen die Kirchenmusik. Die Ambonen waren ursprünglich paarweise angebracht, mit 2 ausge- kragtcn Pulten. Die Form derselben sehr verschieden, rechteckig, achteckig, oder auch halbkreisförmig; die Brüstungen meist prachtvoll ansgestattet mit Mosaik, Marmorplattcn rc. In der Griechischen Confcssion findet sich der A. nur in den bischöflichen Kirchen; hier legt vor der Gemeinde der Bischof die liturgischen Kleider an. Ambosäten, 1) s. Ambcsaten; 2) (türkische A.) bei den Niederländern im 16. Jahrh. 1 Fuß lange Eisen an den Spitzen der Palissaden. Amboss, 1) Werkzeug der Metallarbeiter aus Eisen oder Stahl von verschiedener Größe u. Gestalt, zur Unterlage bei dem zu hämmernden Metall. Hammer-, Grob-, Anker-, Huf- u. Waffenschmiede haben schwerere (2 bis 20 Ctr.); Schlosser, Kupferschmiede, Klempner rc. kleinere; Nagelschmiede, Gürtler, Gold- u. Silberarbeiter rc. noch kleinere; die kleinsten die Uhrmacher u. Mechaniker. — Ambra. Die größeren sind, damit sie fest stehen, mit dem Fuße (Angel) in einen schweren, theilweise eingegrabenen Klotz, den Amboßstock, eingelassen; die kleinsten (Stecke!) werden beim Gebrauch in einen Schraubstock gespannt. Alle A-e sind auf ihrer oberen, horizontalen, länglich viereckigen Fläche (Bahn) gut verstählt, sehr eben n. glatt. Au den gewöhnlichen A-en befindet sich an der Seite der Bahn ein Loch zum Einstecken von Hilfswerkzengen (als Abschrot, Gesenke rc.); auch sind in der Höhe der Bahn seitliche Verlängerungen, Hörner, angebracht, von denen das eine kegelförmig, das andere viereckig zngespitzt ist u. welche namentlich beim Umbiegen der Metalle nützlich sind. Besondere Arbeiten erfordern andere Formen der A-e: so die Stock-A-e mit kugelartigen Köpfen zum Ausschlagen entsprechender Gefäße, die Hals-A-e für röhrenartige Formen, gekröpfte A-e mit runden oder halbrunden Köpfen rc. Die A-e werden mittels eines, viele Ctr. schweren, durch Dampf- oder Wasserkraft bewegten Hammers zusammengeschmiedet. Die Bahn wird oft mit einer eigenen Schleifmaschine geschlissen. Die größten Amboße kommen bei Dampfhämmern vor und haben ein der Schwere des Hammerbärs entsprechendes Gewicht. Es gibt deren von über 4000 Ctr. Der A. (lat. inons, gr. aümiin) soll nach der Sage von Kinyras mit anderen Schmiedewerkzeugen erfunden worden sein; er kommt schon bei Homer vor, wo sich seiner auch schon Goldschmiede bedienen. 2) (Anat.) Eines der drei Gehörknöchelchen, seiner Ähnlichkeit mit einem A. wegen so benannt; s. n. Ohr. Ambra (Amber, graue A., L. Arioso,), eine Substanz, die an den Küsten tropischer u. zwischen den Wendekreisen liegender Länder (China, Java, Sumatra, Madagascar u. a.) in Stücken von verschiedener, zuweilen sehr ansehnlicher Größe aus dem Meere gefischt, oder an den Felsen hangend gefunden wird. Sie ist eine Art krankhafter Ausscheidung aus den Gedärmen der Pottwale, in denen man sie bei todten oder kranken Thieren gefunden hat. Es ist eine meist grau-braune, von schwarzen, weißen oder gelben Adern durchzogene Masse, die zuweilen Überreste von Seethieren (Tintenfischen), der Nahrung der Pottfische, enthält. Beim Erwärmen in der Hand wird sie weich u. verbreitet einen angenehmen Geruch; sie verbrennt mit rußender Flamme, wird von Wasser nicht, von kaltem,Weingeiste schwer, leichterten heißem, sowie von Äther, flüchtigen u. fetten Ölen aufgelöst, ebenso von wässerigen Alkalien u. Ammoniak beim Erwärmen. Hauptbestandtheil Am- brafett, daneben kommt etwas Bcnzod- und Bernsteinsäure vor. Durch Destillation mit Wasser erhält man das hellgelbe, wohlriechende A-öl. Während sie früher als Medicament benutzt wurde, dient sie jetzt nur noch zu Parfümerien. Sie kommt wegen ihrer Seltenheit wenig rein im Handel vor n. ist oft nur ein mit Moschus par- fümirtcs Gemenge von Benzoeharz, Weihrauch u. anderen,Stoffen. Doch läßt sich die echte A. durch ihr Äußeres u. ihre Löslichkeit in Alkohol und Äther von den gefälschten Producten unterscheiden. Flüssige A., so v. w, Storax. Gelbe A., so v. w. Bernstein. Ambra bäum Anibrabaum, 1) so v. w. Ligniäambar; 2) so v. w. ^nbiiospormnm. Ambrafett (Ambrain, Ambreln, Ambraharz), der aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff zusammengesetzte Hauptbcstandtheil der grauen Ambra, aus welcher man ihn beim Ausziehen mit heißem Alkohol bis zu 85°/o erhält. Beim Erkalten krystallisirt er in weißen, kugelig grnp- pirteu Nadeln aus, die angenehm riechen, in reinem Zustande aber gernch- u. geschmacklos,, sind, sich nicht in Wasser, dagegen in Alkohol, Äther, flüchtigen u. fetten Ölen lösen, bei 25" erweichen, bei 35° schmelzen n. bei 100° vollständig sublimsten. Mit Alkalien bildet das Fett keine seifen. Durch Oxydation mit Salpetersäure in ver Wärme bildet sich A-sänre, kleine, farblose Krystall- tafeln, wenig in Wasser, leichter in Weingeist n. Äther löslich, deren Schmelzpunkt bei 100° liegt. Sie besteht aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff u. Stickstoff, bildet flelbe, unbeständige Salze, von denen die der Alkalien in Wasser löslich, die anderen unlöslich sind. Ambraharz, s. Ambrafett. Ambraholz, so v. w. gelbes Sandelholz. Ambraln, s. Ambrafett. Ambrakia, 1) (a. Geogr.) Gebiet der gleichnamigen Stadt, an der NKnste des Ainbrakischen Meerbusens (^.mbrnoins vinns, jetzt Bnsen von Arta). 2) Feste Stadt, am Fluß Arachthos, mit Castell Ambrakos, auf dem steilen Berge Peranthes. A. war eine alte dorische Stadt; 660 v. Chr. führte Gorgos oder Gargorsos, Sohn des Königs Kypselos von Korinth, eine Cvlonie von Korinth dahin. Äskulap wurde in A. verehrt. König Pyrrhos residirte hier, verschönerte die Stadt, baute einen Palast, das Pyrrheum. Die Ainbra- kioten schlossen sich später aus Furcht vor Makedonien an den Ätolischen Bund an, bis A. von den Römern unter M. Fulvius 189 v. Chr. belagert n. zur Übergabe gezwungen wurde. Ambras (Amras), Df. im tiroler Bez. u. bei Innsbruck, am Inn: 1300 Ew.; mit Schloß, welches, im 13. Jahrh. erbaut, Hauptsitz der Gan- grafen von Andechs war, dann der Grasen von Tirol, später Lieblingsaufenthalt des Erzherzogs Ferdinand II. und seiner Gemahlin Philippine Welser; dessen 1570 hier angelegte berühmte Äm- braser Sammlung von Alterthümern, Rüstungen, Gemälden, Handschriften rc., von welcher nur der kleinste Theil hier geblieben ist, wurde 1806 nach Wien gebracht u. im Belvedere ausgestellt. Vom Schloßthnrm genießt man eine herrliche Aussicht über das Innthal. Vgl. Köhler, Ambrosische Hel- dcnrüstkammer, Nürnberg 1735; Aloys Primisser, Beschreibung der Ambr. Sammlung, Wien 1819; Jos. Bergmann, Übersicht der Ambr. Samml., 3. Ausl., Wien 1856. Das Ambraser Liederbuch von 1582, wieder herausgeg. v. I. Bergmann, Stuttgart 1845 (12. Pnbl. des Literar. Vereins), ist eine 1582 gedruckte Samml. von 262 Liedern, deren einziges Exemplar in der Ambr. Sammlung erhalten. (Ein ganz ähnliches Liederbuch von 1584 ist in der Stadtbtbliothek von Frankfurt a. M.) Ambrieres, Stadt im franz. Arr. und Dep. Mayenne, am Zusammenflüsse der Mayenne und Varenne; Schloßruine, schöne Kirche aus dem 12. — Ambrosia. 527 Jahrh., Fabrikation von Calicot, 18 Mühlen; 2615 Ew. Ambviz (Qnibanza), ein portugiesischer District in der Cvlonie Angola auf der Küste von Süd- gninea, zwischen dem Zaire und dem Flusse A. (oder Loge), der unter dem Gouverneur von Angola steht. Die Stadt A., auch A. Porto do Am- briz, an der Mündung des Loge, wo der Hafen eines kleinen Negerrciches, dessen Haupt- n. Residenzstadt Qnibanza war. Die Portugiesen nahmen 1855 A. in Besitz und bauten daselbst ein Fort; jetzt hat es mehrere Factoreien, hauptsächlich portugiesische, eine Kirche n. bedeutenden Haulel mit Elfenbein, Kupfererz von Bcmba (Pcmpe), Eopal n. bis in die neuere Zeit auch mit Sklaven. Anrbroix (Saint), Stadt im Arr. Alais des französischen Dep. Gard, an der Cöze u. der Eisenbahn (Lyonlinie); Seidenspinnerei, Zinkschmelzhütte, Gerberei, Ziegclfabrikation; 4650 Ew. Ambrönes (a. Geogr.), germanisches oder keltisches Volk, wahrscheinlich erst am Niederrhein; begleiteten die Cimbern und Teutonen auf ihren Zügen u. waren seit deren Niederlage vermnthlich in der Gegend von Embrnn seßhaft. Ambros, August Wilhelm, Schriftsteller u. Componist der Gegenwart, geb. 17. Nov. 1816 in Mauth (Böhmen); studirte die Rechte in Prag, wo er sich, wie auch später, mit Musik beschäftigte; er wurde 1839 beim Fiscalamt in Prag angestellt, 1848 Staatsanwalt in Preßangclegenheiten u. 1850 Staatsanwalt beim Prager Landgerichte, hierauf Directionsmitglied des Conservatoriums in Prag; im Jahre 1869 übernahm er die Professur der Musik an der dortigen Universität und siedelte 1872 nach Wien über, wo er u. a. als Lehrer bei Hofe u. als Redacteur des Feuilletons der Wiener Zeitung thätig ist. Er componir.e Ouvertüren u. Pidcen zu Genofeva, Öthello, Käthchen von Heilbronn, Lieder, ein 8babat rnatsr, eine Symphonie rc. u. schrieb: Cultnrhistorische Bilder aus dem Musikleben der Gegenwart, 1860; Über die Grenzen der Musik u. Poesie, 1856 u. 1872: sein Hauptwerk; die vortreffliche Geschichte der Musik, Breslau 1862—1868, 3 Bde. rc. Amürosch, Joseph Julius Athanasius namhafter Alterthumsforscher, geb. 18. Dec. 1804 zu Berlin; studirte daselbst 1825—1829 Philologie, besuchte 1829—1833 Italien, lehrte seit Michaelis 1833 zu Berlin als Privatdocent u. ward 1334 Professor der Philologie n. Archäologie zu Breslau; starb 29. März 1856. Er sehr.: Vs Inno, Berl. 1829; Ds Llmrontö kArnsoo, Berl. 1836 f., u. verschiedenes auf römische Alterthümer Bezügliche. Ambrosia (gr.), 1) Ämme des Dionysos zu Dodona u. später Bacchantin; wurde in eine Rebe verwandelt. 2) Speise der Götter, wie Nektar deren Trank war; ihr Genuß gab nie verblühende Jugend u. Unsterblichkeit (was auch das Wort A. bedeutet) u. war daher den Menschen versagt; nur Einzelnen wurde sie durch die Gunst der Götter gewährt, jedoch mit Ausschluß der ewigen Erhaltung. 3) Salböl der Götter; daher 4) bei den alten Ärzten mehrere geheim gehaltene Mittel. 5) Verschiedene liebliche Gegenstände, wie die Lilie, eine Art süßer Kuchen, ein Getränk ans Wein und Honig u. a. 528 — Ambulance. ümbrosis L., Pflanzengatt., zur Familie der Ambrosiaceen (XXI. 6) gehörig; männl. Blüthen röhrig auf kahlem Fruchtboden, weibl. ohne Krone. Der Name kommt von dem angenehmen Gerüche der geriebenen Blatter, sonst sind die Pflanzen unansehnlich. Arten: X. maritima L., in Italien, Kleinasien rc. am Meeresnfer, sonst als vsrba ambrosias officinell; X. artsmisiaekolia V., in NAmerika gegen das Fieber gebraucht. ümbrosiaceae Lr'-rL., eine den Compositen nahe verwandte dicotyle Pflanzenfamilie ans der Ordnung der Lzmanäras; Blüthen zweihänsig, die männl. mit 5 freien oder verwachsenen Staubgefäßen im inneren Köpfchen, die weibl. einzeln oder zu zweien; Frucht vom verhärteten Hüllkelch eingeschlossen. Sie enthält wenig ansehnliche Pflanzen, die keine Verwendung, auch nicht als Zierpflanzen finden. Gattungen: Xmbrosia, L., Xransoiia, <7crv., Xantiimm L. Ambrosianische Bibliothek, die vom Erzbischof Borromeo 1602 gegründete, 1609 eröffnete u. nach St. Ambrosius genannte Bibliothek in Mailand; s. u. Mailand. Ambrosianische Liturgie (Xmbrosiannm olüoinm, Xmbrooianns ritns), von dem römischen unterschiedenes Meßritual der Kirche zu Mailand, vom heil. Ambrosius eingeführt. Ambrostanischer Kirchengesang, der angeblich vom heil. Ambrosius zuerst in Mailand einqeführte Gesang; s. u. Kirchengesang. Ambrostanischer Lobgcsang, der lateinische Hymnus Vs vsum lanäanms. Ambrosisch (v. Gr.), 1) von Ambrosia daher unsterblich, unsterblich machend; 2) göttlich, auch 3) herrlich duftend, z. B. ambrosische Nacht. Ambrosius (v. Gr.), 1)St.A., Sohn eines röm. Präfecten in Gallien, geb. um 340 in Trier oder Arles; zeichnete sich früh schon in Rom als Redner u. Philosoph aus u. wurde 369 unter Valentinian Statthalter von Oberitalien in Mailand. Er gewann sich bei Verwaltung dieses Postens alle Herzen so, daß man ihn nach dem Tode des Arianischen Bischofs Auxentius 374 zum Bischof ist Mailand wählte. Als solcher belegte er den Kaiser Theodosius, weil derselbe die empörten Einwohner von Lhessalonike hatte niedermetzeln lassen, mit dem Banne, den der Kaiser auch 8 Monate dulden mußte. Er starb 4. April 397, liegt im Dome zu Mailand begraben u. ist Schutzpatron dieser Stadt. Sowol der Tag seiner Weihe als Bischof, wie sein Todestag werden gefeiert. Sein Kreis, sagt Niedner, war weniger die Wissenschaft, aber in einem Maße u. Umfange, wie sonst selten, das religiöse Leben in allen seinen Beziehungen u. Interessen. Für Beförderung der Rechtgläubigkeit (bis zur Engelverehrung), des Mönchthums, des Kirchengesanges rc. war er un- abläßig thätig. Schr.: Üsxasmsr««, heransg. von Gilbert, Lpz. 1840; Vs olkicüs ministrornm, heransg. von Krabinger, Tüb. 1857; Vs kiäs, äs oxiritn saneto; vpistolas, beste Ausgabe von den Maurinern, Par. 1686, 1690, 2 Bände; ein Commentar zu den Briefen des Paulus (der sogenannte Ambrostaster) ist unecht. Vgl. Rudelbach, Christi. Biographie, I., Lpz. 1849. 2) A. der Camaldulenser, geb. 1386 zu Portico bei Florenz; 1431 General des Camaldulenser-Ordens, versuchte diesen zu reformiren, worüber sein vo- äosporlüon, Florenz 1678, eine Beschreibung seiner Visitationsreise und seine vpistolas berichten; starb 1439. 3) A. (russisch Amwrosfij). Unter diesem Namen ist der als Metropolit von Nowo- grod 1818 verstorbene Vodobjädof bekannt; früher Mönch u. Prediger an der geistlichen Akademie in Moskau, darauf seit 1774 Rector u. Archimandrit des Zaikonospaskischen Klosters in Moskau, und seitdem Katharina II. durch seine Beredsamkeit auf ihn aufmerksam gemacht wurde, Bischof von Sjäwsk, Kasan u. 1795 Beisitzer des heil. Synod; 1799 wurde er Erzbischof von Petersburg und 1801 Metropolit von Nowogrod. Kurz vor seinem Tode gab er seine Erbauungs- u. sonstigen Reden heraus, früher eine Anleitung zum Lesen d. Heil. Schrift (1779). Ambrosoli, Francesco, italien. Belletrist u. Gelehrter, geb. in Mailand am 27. Jan. 1797, 1840 Professor der Ästhetik an der Universität in Pavia; nach der Revolution von 1848 seines Ämtes entsetzt, erhielt er einen Ruf nach Wien; zuletzt war er Secretär des Lombardischen Instituts für Wissenschaft und Literatur; st. 15. Nov. 1868. A. war Mitarbeiter der vibllotsea Ita- liana, eines von der österr. Regierung zur Bekämpfung des Liberalismus gegründeten Werkes, seine bedeutendste Leistung für dasselbe eine Übersicht der Literatur von 1815 bis 1825. Vgl. St. Grosso, 8n§ii »tnäil äi v. X. neils Isbt. Arselis s lat., Niliwo 1872. Ambroz, linker Nebenfluß des Alagon in der spanischen Prov. Cäceres; durchströmt ein äußerst malerisches und fruchtbares, mit Oliven, Wein, Gartenfrüchten, Kastanien angebautes Thal. Ambryssos (a. Geogr.), Stadt in Phokis, am Parnasses, von den Thebanern gegen Philipp v. Makedonien befestigt. In der Nähe Tempel der Artemis Diktynnäa; beim jetzigen Distomo. Ambulacralfnsichcn sind die eigenthümlichen Bewegungsorgane der Stachelhäuter oder vow- noäsmmta (Seeigel, Seesterne rc.). Ambulacrum (röm. Ant.), 1) grüner, schattiger Spaziergang in der Nähe des Wohnhauses, besonders Allee, auch Spaziergang im Allgemeinen; 2) Sangplatte der Ambulacralfüßchen bei den Stachelhäutern (Seeigel, Seesterne rc.). Ambulante (stanz., v. lat. amimlars, hinkt. herwandeln), 1) leichtes Feldlazareth (s. Feldla- zareth). Die leichten (oder Divisions-)Lazarethe sind bestimmt, den Verwundeten ans dem Schlachtfelde die erste Hilfe zn leisten und deren Behandlung u. Pflege so lange zu übernehmen, bis die Patienten einem schweren (Corvs-)Lazarethj. übergeben, oder in eine andere Heilanstalt geschaßt werden können. Zu diesem Zwecke wird jedes Divisions-Lazareth in zwei Abtheilungen: ein fahrendes Detachement mit den nöthigen Wagen n. ein Depot, getheilt. Das fahrende Detachement hat die Bestimmung, den Truppen unmittelbar auf das Schlachtfeld zu folgen u. hier an einem bei Tage durch eine Fahne, bei Nacht durch eine Laterne markirten Berbindeplatz, den Verwundeten ärztliche Hilfe durch den ersten Verband und die nöthigsten Operationen zu leisten u. die Patienten durch Labungsmittel zu erquicken. Die Beförderung der Verwundeten, welche sich nicht selbst nach dem Verbindeplatze begeben können, ist Aufgabe der Krankenträger-Compagnien. Das Depot hat sich dem Verbindeplatze seines fahrenden Detachements möglichst zu nähern, in einer Ortschaft oder in einzelnen Gebäuden zu etabliren u. alle Vorbereitungen zu treffen, um die Patienten, welche ihm vom fahrenden Detachement zugehen, lagern, beköstigen n. ärztlich behandeln zu können, insbesondere auch erforderliche Vervollständigungen des Verbandes oder solche Operationen, welche sich nicht unmittelbar auf dem Verbiudeplatze haben bewirken lassen, auszufllhren. Vom Depot aus gelangen die Patienten in das zunächst befindliche schwere (Corps-)Lazareth, oder in die rückwärts etablirten Heilanstalten. Das fahrende Detachement folgt, sobald es hie Verwundeten an das Depot abgegeben hat, das Depot, sobald es sich durch Abgabe der ihm zngcfiihrten Verwundeten frei gemacht hat, sofort den Bewegungen der Truppen. Mau versteht unter A. auch die znm Transport der Kranken eingerichteten Wagen. 2) Fahrende Postexpedition auf Eisenbahnen, bestehend in einem bureaumäßig eingerichteten heiz- u. er- leuchtbarcn Waggon, der allen Post- m Schnellzügen rc. beigegebcn ist u. die Bestimmung hat, den betr. Postdienst (Empfangnahme, resp. Ausgabe der Poststücke auf den Stationen oder an eine anschließende A.) zn vermitteln. Es werden dazu besondere Beamte beordert. Ambulant, ohne festen Sitz, umherstreichend; Ambnliren (v. Lat.), lustwandeln, umherstreichen; A-e Loge, s. u. Freimaurerei; A-e Schauspielergesellschaften, s. u. Schauspieler; ebenso Ambulatorische Klinik, ärztliche Behandlungsanstalt, wo Kranke sich Rath erholen (Ambulatorische Praxis), s. Klinik; A-e Geschütze, diejenigen Geschütze in einer Festung, welche zur wechselnden Ausstellung theils auf den verschiedenen Werken, theils im Vorterrain bestimmt sind. ümbulattnes (lat.), Gangvögel, Vögel, Äderen Unterschenkel bis zur Fußbenge befiedert ist. Ambulatorisch, s. u. ambulant, ümburbium (röm. Ant.), in Rom feierlicher Umzug durch die Stadt n. um die Ringmauern, wodurch inan nach großen Unglücksfällen oder vor drohenden Gefahren die Götter versöhnen u. die Stadt entsüudigen wollte; das dabei vor der Stadt gebrachte Opfer hieß ^mdurdinm saoriüoiniu. kinb^stoma lUse/n inoxieanrun oder Lirsäon xlsoikorinis ist der Axolotl. Amc (Seele), französischer Name der Stimme oder des Stimmstockes in der Geige. Ameca, goldreiche Gebirgslandschaft in Mexico, südöstlich von der Hauptstadt. Amcdschi Efendi, Cabinetssecretär des Reis- Efendi, dessen Vorträge er auszeichnet und dessen Staatsschriften u. Verhandlungen er ansfertigt, wozu ihm 5 Secretäre beigeordnet sind. Er erhebt auch die Gebühren von allen Tinwes und Siamets (Amed, d. i. Eingekommen). Arncglia, Flecken im Distr. Levanto der italienischen Provinz Genua, nahe der Mündung der Magra; Mineralquelle; 2020 Einw. Dabei die Ruinen der alten berühmten Stadt Etruriens PiererZ Umversal-Tmversations-Lexikon. ö. Aufl. Luna, von welcher noch jetzt die Gegend die Luni- giana heißt. Ameis, Karl Friedrich, deutscher Philolog n. Schulmann, geb. I8l1, gest. 1870; besonders bekannt durch seine Schulausgabe der Odyssee. Ameisen (k'ariniearias, §orinioiäae), Jnsecten- familie aus der Ordnung der Hautflügler, Unterordnung Hautflügler mit Wehrstachel (^onlsata). Bei ihnen finden sich neben geflügelten Männchen n. Weibchen noch flügellose Arbeiter u. von diesen zuweilen 2 Formen, eine mit großem Kopfe (sogenannte Soldaten), und eine mit kleinem Kopfe. Die Arbeiter sind geschlechtlich unausgebildete Weibchen und entsprechen mithin den Arbeitsbienen. Der dreieckige, deutlich von der Brust abgesctzte Kopf trägt bei Männchen u. Weibchen außer den zusammengesetzten Augen auf seiner Oberseite noch 3 deutlich erkennbare einfache Punkt- oder Nebenaugen, welche den Arbeitern fehlen. Die Fühler sind gekuieet, bei den Männchen ist indessen der Schaft oft sehr kurz. Die Oberkiefer sind kräftig u. hervorstehend; die Unterlippe besitzt einen großen hornigen Tasterträger u. eine ganz kleine häutige Zunge. Bei den Arbeitern ist der erste Brustring, bei Männchen u. Weibchen der zweite stark entwickelt; der Hinterleib ist von der Brust stark abgcschnürt. Arbeiter u. Weibchen besitzen an ihrem Hinterleibsende entweder einen vorstreckbaren,durch- bohrten Stachel (aenlsus), welcher mit einer Giftblase in Verbindung steht, oder nur eine Giftdrüse. Das Gift, die scharf ätzende Ameisensäure, fließt entweder während des Stechens in die Wunde, oder es wird aus dem etwas emporge richteten Hiuterleibe dein Feinde oft auf beträchtliche Entfernungen entgegengespritzt. — Das Vorhandensein dreier Formen deutet ans eine Vereinigung zahlreicher Individuen zu einem gemeinsamen Staatenleben, welches bekanntlich den meisten Arten cigen- thümlich ist; einzeln lebende Arten finden sich, wie es scheint, meist als Gäste in den Bauten der geselligen vor. In diesen Bauten, die entweder in morschen Bäumen, oder in der Erde (Ameisenhaufen) angelegt werden, findet man im ersten Frühjahre nur Arbeiter, außerdem aber Eier oder Larven, welche die Nachkommenschaft eines vorigjährigen Weibchens sind. Die Eier sind kleine, weißliche Körnchen; ans ihnen schlüpfen nach wenigen Tagen fußlosc, weiße Larven, welche von den Arbeitern gefuttert werden. Nach etwa 14 Tagen verpuppen sich die Larven in eiförmigen, seidenartigen Cocons, den als Nachtigallenfutter bekannten, fälschlicherweise sogenannten Ameiseneiern, u. aus diesen entwickeln sich, bald früher, bald später, neben Arbeitern, geflügelte Männchen und Weibchen. Die letzteren, gcschlcchtsreifen Thiere verlassen bald den Ban, um sich auf einem Hochzeitsfluge zu begatten. Jetzt sterben die Männchen. Die befruchteten Weibchen aber fallen zu Boden, werden von den Arbeitern ergriffen, ihrer Flügel beraubt und in den Ban geschleppt, um dort die Eier abzn- legcn. Solche von Arbeitern umgebene Weibchen dienen hinfort dem gemeinsamen Staate meist nur durch Eierlegen. Anfänglich entwickeln sich ans den Eiern nur Arbeiter, u. erst ans den im Spätsommer gelegten Eiern gehen Männchen u. Weibchen hervor. Wnrde aber ein befruchtetes Weib- l. Band. 34 530 Amciscii. chen nicht von Arbeitern aufgefunden, dann bildet es allein einen Staat, es knickt sich selbst die Flügel ab, beginnt den Bau und erzieht sich die Arbeiter, welchen spater die mechanischen Verrichtungen obliegen; denn die Arbeiter müssen den Stock anlegen, erweitern, ausbanen u. Zerstörtes wiederherstcllen; sie müssen auch der Brut warten und Pflegen, ihr Nahrung verschaffen, selbst den harten Cocon der Puppe dürchnagen, um dem sertig ansgebildeten, aber noch schwachen Jnsect den Eintritt ins Leben zu ermöglichen. Endlich müssen die Arbeiter auch noch den Staat vertycidigcn, wenn Gefahr ihm droht oder Feinde nahen. Bei denjenigen Ameisen, bei welchen sich noch groß- köpfige, sogenannte Soldaten, vorfinden, besteht zwischen diesen n. Len kleinköpfigen Arbeitern eine weitere Arbcitsthcilung, indem jene mit ihren scharfschneidigen Oberkiefern die Nahrung zerschroten, wahrend die zarter gebauten Arbeiter die Stückchen nach Hanse bringen n. ans solchen Proviant- zngcn znm Schutze in Gefahren von den Soldaten begleitet werden. Da die A. fast in allen ihnen begegnendenThieren Feinde erblicken, so ist dasBer- häitniß gewisser Arten zu ihren Sklaven u. Hausfreunden um so auffallender. Zn den sklavenmachendcn Raub-A. oder Amazonen-A. gehört z. B. unsere blntrothe Ameise (§ormioa sanAnuwa). Diese stürzt sich in Schaaren ans k?orinion knsen n. §. ouni- enkaria, raubt deren Brut, schleppt dieselbe in ihren Bau u. läßt sich von den herangewachsenen A. gleich wie von Sklaven bedienen, während sie selbst die Vertheidigung des Gesammtstaatcs übernimmt. Was diese Ameisenart zu ihren Sklaven- jagden veranlaßt, ist unbekannt, dagegen entbehren einige Raub-A., nämlich I'olz'orxuv inkosoono und 8tronNloKnaktni8 tostneous der Organe, welche sie zu mechanischen Verrichtungen fähig machen, da ihre Kinnbacken, abweichend von denen aller übrigen Arten, cplindrisch u. ungezähnt sind. So können sie wol Sklaven machen, aber dieselben Sieger sind nicht im Stande, sich selbst zu ernähren, einen Bau ausznführen, ihrer Brut zu warten, und sind so ans fremde Hilfe angewiesen; solche wird ihnen denn von ihren Sklaven zu Theil, und diese sind so treue Diener, daß sic, wenn ein Feind den Staat bedroht, die Brut ihrer Herren, ja diese selbst in Sicherheit zu bringen sich bemühen. — A-Freunde (Myrmekophilen, Inquilinen) hat man gewisse Jnsccten genannt, welche unangefochten bei den A. leben. Man kann sie in 3 Gruppen einthcilen: 1) A-Freunde, welche nur als Larven oder Puppen in den A-nestern leben und als unschädliche Gäste geduldet werden. So nährt sich z. B. die einem Engerling ähnliche Larve des gemeinen Goldkäfers (Ösbonia nuraba) von den vermodernden Holzstückchen des unteren Nestlhcits bei der Waldameise. 2) A-Frennde, welche als vollkommene Jnsecten bei den A. an- zutrefsen sind. Dahin gehören einige Stutzkäser (klistsr) u. Staphylinen, sowie die Blattläuse, welch letztere aber nicht freiwillig, sondern von den A. geraubt, bei ihnen als „Milchkühe" leben müssen. Sie besitzen nämlich an ihrem Hinterleibe zwei aufgerichtete Röhrchen, ans welchen sie von Zeit zu Zeit süßen Hvnigthau, den A. eine erwünschte Speise, absondern. Daher streicheln die A. oft die Blattläuse liebkosend mit ihren Fühlern, um diese zur Spendung des Honigs zu veranlassen. In heißen Ländern, wo Blattläuse fehlen, vertreten kleine Cicaden deren Stelle. 3) A-Freunde, welche in allen Vcrwandlungsstnfen u. ausschließlich bei den A. leben u. deren ganze Existenz von den A. abhängt. Dahin gehören namentlich einige kleine gelbbraune Käferchen aus der Gruppe der Kcnlen- käfer (kselapinis) u. einige Staphylinen. Erstere sind blind und werden von den A. gefüttert, doch scheinen sie ans Büscheln gelber Haare, welche am äußeren Hinterwinkcl der Flügeldecken stehen, einen besonderen Saft auSzusondern, welcher die A. anzieht, wenigstens sieht man, wie die Haarbüschel von diesen beleckt werden. In Deutschland kennt man bis jetzt über 300 Arten von Jnsecten, welche sich bei den A. zeitweilig oder für immer aufhalten, darunter allein gcgenlOOStaphylinen. Die meisten Gäste leben bei Imsius kuli^innsus (130 Arten) n. b'ormioa, ruka (100 Arten). Von den wenigsten A-Arcnnden kennt man indcß zur Zeit die näheren Beziehungen, in welchen sie zu ihren Wirthen stehen. — Das intellektuelle Leben der A. erhebt sich, wie aus Vorhergehendem bereits ersichtlich, auf eine selbst für Jnsecten ungewöhnliche Höhe; man muß ihnen gewiß Gedächtniß zuer- kenuen. Manche Arten bahnen sich z. B. sternförmig von ihrem Bau ansstrahlende Wege, auf denen man sie geschäftig hin- und hereilen sicht; solche Wege darf keine fremde Ameise betreten, sie würde von den rechtmäßigen Eigcnthümern sofort getödtet werden; diese aber kennen einander, ja, scheinen niit einander zu verkehren, als ob sie eine Sprache besäßen, Meinungen mit einander ans- tanschten u. sich gegenseitig zur Arbeit ermunterten. Die Stimme der A. hat bis jetzt freilich kein Mensch vernommen; dieihncn verwandtenBicnen-A. geben aber einen zirpenden (stridnlirenden) Laut von sich, u. zwar sowol Männchen, als Weibchen. Ähnliche Tonapparate, wie diese, haben aber auch unsere gesellig lebenden A.; sie sind an den Hinterleibsringeln gelegen n. durch qnergeriefte Flächen angedeutet. — Man hat das große Heer der A. (man kennt bereits über 1250 Arten) in 5 Sippen geordnet, und von Len europäischen diejenigen Drüscn-A. (b'orniiviäas) genannt, deren nicht eingeschnürter Hinterleib an einem eingliederigen Stiel sitzt; bei den Stachel-A. (konorickas) wird zwischen dem ersten und zweiten Hinterleibsriuge ein deutlicher Einschnitt bemerkbar; ein zweigliederiger Hinterleibsstiel u. eine dornige Mittel- brnst endlich kennzeichnen die Knoteu-A. (Ick^rini- oiäas); dazu kommen noch die in Europa nicht vertretenen Bolton u. ILbtn. — Zu den Drüsen- A. gehört insbesondere die Gatt. Ameise; Bauchstiel mit einfacher Schuppe; statt des Stachels eine Drüse, aus welcher die starkriechcnde, brennende Ameisensäure ansgespritzt wird. Untergattungen: n) polz'srAus Latv., Fühler neben dem Munde; Art: blaßrothe A. (Amazonen-A., ?. rukovoons), Oberkiefer ungezähnt, b) Eigentliche A. (§ormiea Urbv.), Fühler neben der Stirn; Arten: na) Holz- A. (Hügel-A., braune A., Klammer-A., §. ruk» L.), Kopf u. Leib schwarz, Hals zusammengedrückt, rostfarbig, in Wäldern; Haufen oft 50 ein hoch, aus Nadeln, Holzstückchen rc.; dazu nehmen diese Ameisen. 581 Nester unter der Erd« noch größere Dunensionen an, als über derselben, und enthalten ein Gewirrs von kreuz und quer sich vereinenden Gängen und kleinen Höhlungen, und nach allen Seiten ziehen Haupt- und Nebenstraßen weit von dem Hügel hinweg; sie sammeln den wilden Weihrauch (A-Harz, Stücke von Wachholdcr, Fichten-, Tannenharz), liefern die Ameisensäure; bb) Roß- ZI., (Rieseu-A., I?. bsreutansa L.), schwarz, 15 mm lang, die größten deutschen A.; in Wäldern, in kleinen Gesellschaften; oe) blutrothe A. (i?. snnFmnsa Lakr.), Hinterleib schwärzlich-grau, rauben wie die blaßrothen (s. o.); <1ck) schwarze A. (Negcr-A., §. niFrn T,atr.), klein, schwarz, unter Steinen, in der Erde; ss) gelbe A. (i?. kiava 1i.), kleinste europäische; dringen oft schaarenweise in Küchen u. Gewölbe; tk) NÜnir-A. (§. euniouinria), schwarz und blaßgelb, werden wie die FA) großen schwarzen A. (§. tusea Dato.), bräunlich-schwarz, Füße röthlich, unter Ruinen, von den Amazonen-A. geraubt; bb) die doppeldornigen A. (i?. bispinosa). in Cayenne, bauen aus Pflanzcuwolle ein Nest; ii) Zucker-A. (k. saovbarivora), gefürchtete Feinde westindischer Zuckerplautagen, dienen nach Humboldt zu einem Teige geknetet den Eingeborenen am Rio Negro zur Nahrung. Von der ebenfalls hierher gehörenden Höcker-Ameise (I.asius) ist Iwsins knii- Zinosus über fast ganz Europa verbreitet; sie legt Jrrgänge in alten Baumstämmen an, oder kittet den Mulm im Innern alter Baumstämme zu einem wabenartigen Baue zusammen. — Die Stachel-A. führen ihren Namen daher, weil Arbeiter u. Weibchen mit einem Stachel bewehrt sind; ihre Colvuien bestehen ans nur wenigen Individuen; in Europa sind sie sparsam vertreten. Dahin die Treibcr-A. (.^nomma aresns tküsst- woock), Bewohnerinnen des westlichen Afrika. Die Gesellschaft, in welcher sich größere, bis 10 mm lange, und kleinere Individuen befinden, hat keine festen Wohnsitze, sondern führt ein vagabun- direndes Leben. Ihnen scheinen die brennenden Sonnenstrahlen verderblich, sie Hallen sich daher bei Tage unter Gras u. in Dickicht verborgen n. ziehen nur nachts auf Raub ans; finden sie keinen derartigen Schutz, dann übermauern sie die Straße, welche siezichen, durch ein Gewölbe aus mit Speichel gemengter Erde. Aus ihren Raubzügcn fallen sic größere Thiere an, u. sollen sie deren Augen znm ersten Angriffspunkt wählen. Dem getödtcten Opfer saugen sie das Blut aus, zerschroten das Fleisch und schleppen es in ihre Schlupfwinkel. Lassen sie sich in menschlichen Wohnungen blicken, dann mahnt die allgemeine Flucht der Ratten, Eidechsen und anderen Ungeziefers den Menschen, schleunig die Flucht zu ergreifen. — Zu ven eigentlichen Knotcn-A. (Llxrmion Lat,-.) gehören meist kleine, hellgefärbte, in Europa zahlreich vertretene Arten. — Die E citons leben in Brasilien u. Mittelamcrika u. sind bisher nur als Arbeiter bekannt geworden. Bei ihnen finden sich groß- ». kleinköpfige Arbeiter, welche aber nur bei einigen Arten durch verschiedene Bildung der Kinnbacken beweisen, daß sie verschiedene Arbeiten verrichten, während in den meisten Fällen Übergänge in Körpergröße u. keinerlei Unterschiede der Verrichtungen wahrgenominen wurden. Leiton llnmatn u. L. ciropanopbora bewohnen die Ufer des Amazonenstroms, wo sic in gedrängten Schaaren zu Millionen umherziehen. Sie überfallen u. tödten alles niedere Gethier, plündern u. zerstören selbst Wespennester. Das Zwitschern u. unruhige Flattern einfarbiger Vögel, der A-drosseln, macht auf sie aufmerksam. — Die Zug- oderVisiten-, auch Jäger-Ameise oopbaiotos L.) ist in ganz SAmcrika unter dein Namen 8auba gefürchtet, weil sie viele Bäume, meist Cultnrbänme,' ihres Laubes beraubt u. in manchen Gegenden, wo sic in ungeheuren Massen vorkommt, den Ackerbau fast unmöglich inacht. Den Indianern gelten die mit Eiern angefüllten Leiber der Weibchen als Leckerbissen. Sie bauen, wenn auch nicht sehr hohe, so doch recht umfangreiche Hügel in Pflanzungen u. Gehölzen, u. gerade als Material zur Übcrwölbnng der Gänge ihrer Wohnungen wählen sie Blätter. Eine andere ihrer Untugenden besteht auch in den nächtlichen Besuchen, welche sie den Häusern abstattcn, um Alles zu plündern, was sie an süßen Stoffen für sich verwcrthen können. Wenn von ihnen erzählt wird, daß sie die menschlichen Wohnungen von lästigen Jnscctcn befreien u. so als deren Wohl- thäter erschienen, so dürste dies auf einem Jrr- thnm beruhen; daß sie, ohne eigentliche Ranb- A. zu sein, auch Jnsecten fressen und besonders deren Saft lecken, unterliegt keinem Zweifel; aber der Schade, den sie in den Wohnungen anrichten, ist entschieden viel größer, als ihr Nutzen. Welch wichtige Rolle die A. im Haushalte der Natur spielen, geht aus dem Gesagten deutlich hervor. Sie beseitigen hauptsächlich in den Tropen die nachtheiligen Folgen der dort schneller als bei uns eintrelcnden Verwesungs- u. Fäulnißproccsse n., indem sie, wie bei uns die Schlupfwespen, dort unter dem Ungeziefer anfränmen, sorgen sie für natürliches Gleichgewicht. Doch ist diese Ber- nichtungsarbcit dadurch auf ein gewisses Maß beschränkt, daß sie wiederum von Vögeln, Gürtel- thieren, A-frcssern rc. verzehrt werden. Jedenfalls ist auch der Schade, den unsere einheimischen A. der Hausfrau durch Angreifcn ihrer Vorräthe, dem Naturforscher durch Zerstörung seiner Sammlungen zufügen, nicht beträchtlich, zumal man sie durch stark riechende Substanzen (Kampher rc.) vertreiben, durch Feuer u. siedendes Wasser vertilgen und von Obstbäumen durch Thcerringe abhalten kann, ja, dieser Schaden ist gegen ihren Nutzen ganz verschwindend; denn gleich den tropischen tödten sie kleinere Jnsecten und räumen kleinere Aase fort, wie man denn von Fröschen, Vögeln u. dergl. schöne Skelette erhält, wenn man dieselben, cingeschlosscn in eine durchlöcherte Schachtel, in einem A-Haufen vergräbt. Auch verwendet man sie selbst u. ihre Haufen zu warmen Bädern und bereitet aus formlos, rusir und 1?. inFra den A-spiritns (spiritns kvrmioarum), welcher A-säure, Fette und flüchtige Öle enthält. Früher gab man A. auch innerlich als diuretisches Mittel. Die kleinen Harzstückchen, welche in A-Hanfen gefunden wurden, nannte man Lanäaraog. Fsrmuuioa oder Olibanum silvsstrs oder 0. torrestra und benutzte sie zu Räucherungen rc. — Klugheit und Kunstsinn der A. waren schon den Alten bekannt; in der Bibel und bei Hesiod gelten sie als Shm- 34 * 532 Amcisciibädcr - bol der Arbeitsamkeit und des Fleißes. Daß sie auch im Volksaberglaubeu eine Rolle spielen, kann nicht wundern: Zaubcrmittel sollen gekräftigt werden, wenn man sie in einen A-Haufen legt rc. — Fossile A. finden sich vielfach, namentlich in den jüngeren Tertiärschichten, u. a. auch oft in Bernstein eingeschlossen. — Die mitunter, aber nicht mit vollem Liechte hierher gezogenen Biencn-A. (Mntilliden) s. u. Bienen; die weißen A. oder Termiten s. u. Termiten. Amciscnbädcr, ans einem Aufguß von zerdrückten Ameisen oder Ameisenhaufen mit heißem Wasser bereitete Bäder, in denen das leidende Glied oder der ganze Körper selbst gebadet wird, oder dessen Dunst mit dein geschwächten Thcil in Berührung gebracht wird (Ameiscndunstbad). Zuweilen steckt man auch ein Glied in einen Ameisenhaufen, oder bedeckt den ganzen Körper damit (trockene A.). A. sind heilsam bei Lähmungen, Gliederschwäche, Rheumatismus rc. als ableitcnde Mittel. Zur Erzeugung solcher Bäder bedarf es jedoch keiner Ameisen, sondern es erfüllt ein Zusatz von künstlich bereiteter Ameisensäure zu dem Badcwasser vollständig den Zweck. Ameisenbär, so v. w. Ameisenfresser. Ameisenfresser (Uz-rmsoopKuKu L , von mzwmöx, Ameise, und püuFvlu, fressen), Gatking der Familie der Wnrmzüngler (VsrmiliuAuia,) aus der Säugcthierordnung der zahnarmen Thiere; ohne Zähne; Schnauze lang; Ohren klein, rund; langbehaartcr odeuWickclschwanz; Vorderfüße mit 2—4, Hinterfüße mit 4—5 scharfen, hakenförmigen Krallen, auf denen sie aber nicht laufen, sondern die sie einschlagen n. auf den: seitlichen Ballen gehen, bis sie sich eine Höhle graben, einen Ameisen- oder Termiteuhaufcn anfscharrcn wollen, oder bis sie angegriffen dieselben heransschlagen, das feindliche Thier damit fcsthaltcn und sie in dessen Fleisch cinbohren; in SAmerika heimische, stark behaarte/unschädliche, nächtliche, träge Thiere, die von Ameisen n. Termiten leben, in deren Haufen sie ihre lange klebrige Zunge hiueinstecken. Arten: u) Zwcizehiger A. (Ll. ckickuetzguL.), Wickelschwanz, Haar weich, gelblich, ins Röthliche spielend; so groß wie ein Eichhorn; klettert wie der folgende aufs Bäume, b) Dreizehiger A. (N. triäaebM fauch tobraäuotMj L., Tamandua), 1 in lang, Wickclschwanz, Haar wollig, kurz, gelbroth, Ohren hängend; frißt Honig und Bienen, s) Großer A. (Tamanoir, Ä judatu D.), va lang, Schwanz langbchaart, steif, Haare braungran, Schultern mit schwarzem, weiß eingefaßtem Bande; lebt in Thälcrn; ein kräftiges Thier, das sich bei feindlichen Angriffen auf den Rücken wirft u. den Feind zu erdrücken sucht; klettert nicht; frißt blos Ameisen, durch ungemein schnelles Vorstrecken und Zu- rllckziehen der Zunge. Amciscilgcist, so v. w. Ameiscnspiritus. Ameisenharz, s. u. Ameisen. Ameiscntgel (kodläna ; fabelhaftes Ungeheuer der Alten), Gatt, der Fam. der Schnabel- thiere, Säugcthierordnnng der Cloakenthiere, mit rüsselförmig verlängerter Schnauze, zahnlosen Kiefern n. wnrmförmig vorschnellbarer Zunge; der mit Horustacheln bekleidete Leib kann sich zusammen- lngelu; Füße, mit kräftigen Scharrkrallen, machen! — Ameisensäure. ein rasches Eingraben möglich; leben wie Ameisenfresser von Ameisen und Jnsecten. O. dMrix (7uu., in gebirgigen Gegenden des südöstlichen Lien- Holland; bl. setosn Ouv., in Ban-Diemensland. Amcisenkriechen (Ameisenlaufen, lat. Oorwi- eatio, gr. Llzwmoüisinos), Empfindung, als ob Ameisen auf oder unter der Haut hernmliefen, vorzüglich in Händen und Füßen; Vorläufer und Begleiter vieler Krankheilszustände (so von Schlagfluß, Lähmung rc.), auch des Einschlafens der Glieder. M. Bruck, Os Nzwrnseiasi, Berl. 1824. Ameisenlöwe» (Aineisenjungfcrn, Axrmeea- Isonticiao, vom gr. mzwmsx, Ameise, Is7!n, Löwe), Familie der Jnsectenordnung der Netzflügler; mit vielgliederigen, zwischen den Augen eingcfügten, langen, am Ende verdickten Fühlern; Taster 4-bis Sglicdcrig, fadenförmig; Flügel lang, dachförmig liegend; Hinterleib walzig; Beine kurz; die Larven leben in der Erde, nähren sich vom Raube und spinnen sich ein. Gattungen: i>1)wmsoo1eon Lr«r»r. (Ameisenlöwe) u. L.8oa1apdu8 Fi (Falterjungfer). Die erstere Gattung hat gekrümmte, und mit einer länglichen Keule endigende Fühler; die rückwärtslaufende, breite, dicke, etwas unförmliche Larve baut sich einen Trichter in den Sand, lauert unten auf hinabfallende Jnsecten, meist Ameisen, die sie mit ihren scharfen Fanghakcn erhascht und aussangt; diejenigen, welche entfliehen wollen, bewirft sie mit Sand, daß sie Hinabstürzen. Ihre Pup- pcnhülse ist kugelrund, inwendig mit Seide, äußerlich mit Sand umzogen. Arten: U. kormieurius L., N. kirmioulzmL Dcrtr.; schwärzlich, brann gefleckt, die Flügel mit einem weißen Endfleck; in sandigen Gegenden Europas. Ameisennaphtha, so v. w. Ameisensäureäther. Ameisenöl (Oleum kormiourum.), 1) fettes A., gelbes, bis röthlich-braunes, anfangs mild, nachher kratzend schmeckendes Öl, das auf dem Wasser schwimmt, in der Kälte erstarrt und durch Auspresser: des beim Dcstillircn vyn Ameisen mit Wasser bleibenden Rückstandes gewonnen wird. 2 ) Flüchtiges A., wird erhalten beim öfteren De- stillircn von Ameisen mit Wasser oder Alkohol, wobei es als angenehm riechendes, nicht brennend schmeckendes Öl auf den: Destillat schwimmt. 3) Künstliches A., s. Fnrfurol. Ameiscnpslug, ein von Bradley erfundenes Werkzeug zun: Zerstören der besonders auf Wiesen so häufig vorkommenden Ameisenhaufen. Ameisensäure, Formylsäure, -Veiäumkormiei- oum, 6 A 2 O 2 , organische Säure, das erste Glied in der Reihe der Fettsäuren; kommt sowol in: Thier, als im Pflanzenreiche fertig gebildet vor, namentlich im Safte der rothen Ameise (Ooriuiea ruka), den dieselbe zu ihrer Vertheidigung benutzt; ferner in den hohlen Haaren und den Fäccs der Pro- cessionsraupe (Lomd^x zn-oosssionsu), im Blute, in der Milzflüssigkeit, im Fleischsaft, im Harn u. Schweiß des Menschen; im Pflanzenreiche ist sie verbreitet in den Haaren der Breunesscln, in den Fichtennadeln, in ben Früchten des Seifenbaumes (Laxincka uaponariu), im Kiefernreisig, oft auch als saurer Bestandtheil des käuflichen Terpentinöls, im Guano und einzelnen Mineralwassern. Sie entsteht bei der Oxydation vieler organischen Kör- ! per, bei der trockenen Destillation von Holz, Torf, 533 Ameisensäure - Äther. Weinsäure u. a. m.; bei der Gährnng von diabetischem Harn. Ans dem Holzgeist, zu dem sic sich verhält, wie die Essigsäure zum Alkohol, entsteht sie durch Oxydation mit Salpetersäure oder Platinschwannu. Als Reductiousproduct entsteht sie z. B. bei Einwirkung von Jod auf Natrium- alkoholat. Synthetisch bildet sie sich beim Erhitzen von feuchtem KalihyLrat in Kohlenoxyd: 60 -j- 880 — 68628 Kohlenoxyd Kalihydrat ameiscns. Kall u. aus Kohlensäure, wenn diese in feuchtem Zustande auf Kalium eiuwirkt. Eine wässerige A. erhält mau, wenn mau Ameisen zerquetscht u. der Destillation unterwirft. Die bequemste Darstellung geschieht durch gleichförmiges Erhitzen der Oxalsäure. Um dies zu erreichen, mengt mau sie mit feinein Ouarzsaude, oder besser mit eiugedampftein Glycerin, u. erhitzt sie in der Retorte. Die Oxalsäure zerfällt dabei in A. u. Kohlensäure: --- ON2O2 8 6O2, Oxals. Amelsens. Köhlens. während das Glycerin unverändert bleibt. Um sie ganz rein zu erhalten, erhitzt man ameisensaures Blei in einem Strome von Schwefelwasserstoff. Die so erhaltene Säure siedet bei 99,/(748 mm) und erstarrt bei —1°; sic bildet eine farblose, gn der Luft schwach rauchende Flüssigkeit von starksaurem Gerüche, die auf der Haut Entzündung her- vorbriugt; fpec. Gew. 62227 bei 0°. Mit Wasser laßt sie sich beliebig verdünnen, ebenso mit Alkohol. Au der Luft bleibt sie unverändert, mit Platinschwamm oxydirt sie sich zu Wasser u. Kohlensäure, ihre Dämpfe brennen mit blauer Flamme. Coucentrirte Schwefelsäure zerlegt sie in Kohlenoxyd, welches angezündet mit blauer Flamme verbrennt, und Wasser: 682O2 ^ 00 st- 8,0. Ameisens. Kohlenoxyd. Wasser. Dieselbe Zersetzung tritt beim Erhitzen jedes amei- sensauren Salzes eiu'uud dient daher als Reactiou auf A. Ein anderes Erkennungsmittel, das sie namentlich von der Essigsäure unterscheidet, ist die Abscheidung von metallischem Quecksilber aus Quecksilberoxyd beim Erwärmen. Bei Einwirkung von Chlor bildet sich Kohlensäure und Salzsäure. Salpetersäure und Chromsäure, oxydireu sie zu Kohlensäure und Wasser. Die A., in ihrer Verwandtschaft zu den Basen noch über der Essigsäure stehend, bildet mit den Metalloxydeu leicht Salze (Formiate). Eisen, Zink u. a. werden unter Wasserstoffentwickeluug gelöst. Sie verhält sich als einbasische Säure. Die neutralen Salze sind alle in Wasser löslich und krystallisirbar, meist auch löslich in Weingeist. Beim Erhitzen der Salze unter Luftabschluß verkohlen diejenigen der Alkalien u. Erden, u. cs bleibt kohleusaures Salz im Rückstände. Die Verbindungen mit schweren Metallen hinterlassen Metall. Werden die Alkalisalze allein oder mit kohleusaurem Alkali erhitzt, sS bildet sich anfangs nur Wasserstoff u. oxalsaures Salz, später aber entsteht Kohlenoxyd, und kohlensaures Alkali bleibt zurück. Die Lösungen der Formiate werden durch Eisenoxydsalz dnnkelgelbroth gefärbt. Das Aluminiumsalz ist zerfließlich n. schwierig krystallisirbar; das neutrale Ammouiumsalz O8O2884 krystallisirt in rhombischen Nadeln, ist zerfließlich, schmilzt bei 100" und zerfällt bei 180" in Blausäure u. Wasser. Das in rhombischen Säulen kry- stallisireude Baryumsalz ist in Alkohol und Äther unlöslich. Das Bleisalz (O8O2I28K unterscheidet sich vom cssigsauren Bleioxyd durch Unlöslichkeit im Alkohol. Das Eisenoxydsalz, durch Auflösen von Eisenoxydhydrat in A. erhalten, krystallisirt in gelben Krystalleu, es reducirt salpetersaurcs Silberoxyd nicht u. gibt beim Erhitzen der Lösung ein unlösliches basisches Salz; das Eiseuoxydulsalz scheidet sich aus der Lösung von Eisen in A. in hellgrünen Tafeln ab; in Alkohol unlösliches Kalium bildet ein neutrales Salz O8O2 8, schwierig in Alkohol u. Äther löslich, u. ein saures Salz Ol-lOzK-j-Ol^O^ leicht löslich in Alkohol. Das Kalksalz krystallisirt meist in kleinen, schwieriger in größeren rhombischen Krystalleu. Kupfer bildet ein neutrales, ein saures u. mehrere Doppelsalze mit Baryum, Strontium rc. Von Natrium ist ein neutrales, wasserhalteudcs und wasserfreies, sowie ein saures Salz bekannt. Das Quecksilberoxydsalz zerlegt sich in der Wärme und bildet Oxydulsalz; letzteres zerfällt am Lichte und beim Erwärmen der Lösung in A., Kohlensäure ».Quecksilber. Durch Stoß u. schnelles Erhitzen verpufft es. DasSilbersalz schwärzt sich am Lichte. Die Verbindungen der A. mit organischen Radikalen s. u. Ameisensäure-Äther. Ameisensäure-Äther (Chem.) entstehen aus dem Ameisensäurehydrat durch Substitution des basischen Wasserstoffs durch Alkoholradicale. Amei- sensäure-Äthyläther (Ameiseuäther) 68(6285)62 bildet sich beim Erwärmen von Ameisensäure mit Alkohol, bei der Oxydation von Stärkemehl mit Braunstein n. Schwefelsäure bei Gegenwart von Alkohol n. auf andere Arten. Mau stellt ihn dar durch Destillation von 7 Th. trockenem, ameisensaurem Natron mit einem Gemenge von 10 Th. Schwefelsäure u. 6 Th. Alkohol. Nachdem dem Destillat durch Kalkmilch die mitllbergegangeue Säure entzogen worden ist, wird dasselbe über Chlorcalcium getrocknet u. rectificirt. Auch durch Erhitzen von wasserfreiem Glycerin mit gleichen Äquivalenten Alkohol und Oxalsäure wird A. erhalten , wobei man die sich zuerst bildenden Dämpfe durch einen Rückflnßkühler condensirt. Er stellt eine klare, dünnflüssige, aromatisch, dem Arrac ähnlich riechende Flüssigkeit dar, von 0,^ sp. Gew., bei O" n. dem Siedepunkt 54,g, bei 760 mmDruck. Mit Alkohol, Äther, Holzgeist rc. mischt er sich in allen Verhältnissen, gebraucht aber 9 Th. Wasser zu seiner Lösung. Durch Einwirkung von wässerigen Alkalien, auch schon von Wasser, welches er aus der Lust auzieht, zerfällt er. Chlor wirkt zersetzend auf denselben ein. A-Allyläther 68(6285)02, eine bei 82" siedende, scharf senfartig riechende Flüssigkeit. A-Amyläther OOsOzU,,)», wird aus Amylalkohol auf ähnliche Weise dargc- stellt, wie der A-Äthyläther, aus gewöhnlichem Alkohol; wasserhelle, leichte Flüssigkeit, vom Siedepunkt 116" u. angenehmem Obstgeruch. A-Butyl- äther 68(6489)62 siedet bei 100°. A-Mcthyläther entsteht, wie der Äthyl- u. Amyläther, bei Anwendung von Holzgeist. Er ist farblos, besitzt nicht den angenehmen Geruch der übrigen Äther und siedet bei 33". A-Propyläther 68(6287)62, farblose, nach Birnen riechende Flüssigkeit, vom Siedepunkt 82". 834 Ameisensäure Salze — Amendement. Ameisensäure Salze, s. Ameisensäure. Ameis enscharrcr (Or^otdropus vom gr. orz-ssvin, graben, Ms, Fuß), Gattung der Wurmzüngler (VormilinAuia., aus der Ordnung der Zahnarmen Säugethiere); ohne Vorderzähne, mit 5—6faserigen Backenzähnen; Ohren länglich; Schwanz schlaff, behaart; Vordersätze mit 4, Hinterfüße mit 5 starken, wenig gebogenen Krallen; graben Höhlen n. nähren sich wie Ameisenfresser; Fleisch fett n. wohlschmeckend. Art: Afrikanischer A., Erdferkel, Erdschwein (0. sonogalsnsis Lss«., 0. oapensis , eine am 1. Fcbr. 1864 gegründete Vereinigung von Zeitungsexpcditionen zur leichteren u. prompteren Verbreitung in- u. ausländischer Zeitungen, indem dieselben an Agenten u. Buchhandlungen init Rabatt bis zn 30"/v abgelassen werden. Später wurde das Unternehmen auch auf den Verkauf sonstiger literarischen Erzeugnisse, Mnsikalieu n. Schreibmaterialien aus-' gedehnt. Seit Ende 1868 gibt die Gesellschaft eine Zeitschrift heraus. Mehrere Concurrenzanstalten sind bereits ins Leben getreten. American River, Fluß im mittleren Califor- nieu, durch den Zusammenfluß der North u. South Forks im Kanton Eldorado gebildet; ergießt sich bei Sacrameuto in den gleichuam. Fluß. Amerigi, Michel Angelo (nicht Amerighi), Maler, nach seinem Geburtsorte Caravaggio genannt, geb. 1569, Begründer der naturalistischen Richtung. Erst Bildnißmaler, ging er von Mailand nach Venedig, woselbst er Giorgione studirte, u. arbeitete dann in Roin unter dem Cavaliere d'Arpino, dessen falscher Idealismus ihn bald an- widcrte. Rasch beliebt geworden, fand er bald ebenso viele Gegner als Freunde u. mußte Nom in Folge vielfacher blutiger Händel verlassen. Von Neapel ging er nach Malta, ward dort wegen eines Streites mit einem angesehenen Ritter gefangen gesetzt, entfloh aber nach «sicilien u. ging von da nach Neapel. Auf dem Wege nach Rom starb er 1609 in Porto Ercole. Obwol A. es liebte, die gemeine Wirklichkeit uachzuahmcn, be- 5Z6 Amerigo Vespucci — Amerika. saß er gleichwol eine gewisse Großheit und eine Poesie des Lichtes u. der Farbe. Werke von A, in allen größeren Galerien. Amerigo Vespucci, s. Vespucci. Amerika. (Hierbei 2 Karten: Nord-, und Süd-A.) I. Entdeckungsgeschichte. A., die sogenannte Nene Welt, der'zweitgrößte Erdtheil, auf der westlichen Halbkugel der Erde gelegen. SowoldieVermnthnnqen, daß A. den Alten bekannt gewesen sein könnte, aks auch die auf Einwanderung aus Europa gebenden baden sich als irr'iq erwiesen; dagegen b at die Annahme einer solchen aus Asien (wol ülier die Beringsstratze) an Wahrscheinlichkeit gewonnen. N ach Bliimciibacy sollte die amerikam'ichc Mace von den Nacen der übrigen Erdtheile wesentlich verschieden sein; neuere Forschungen jedoch haben die nahe Verwandtschaft derselben mit der mongolischeiHauger ancm Zwcgei gesteltt, indem Merkinaie oer letzteren uvcr ganz A. verbreitet sind. Nach Peschel gibt es sogar keine körperlichen Merkmale, welche allen Urame--. rikancrn gemcinsaln und zugleich den Mongolen fremd sind. Anderseits sprechen für eine selbstständige Stellung der amerikanischen sogenannten Indianer ihre unter sich verwandten moralischen u. geistigen Eigenschaften u. der Bau ihrer Sprachen (Polysynthetismns, s. Amerikanische Sprachen), ferner ihre Bauwerke u. ihre Alterthttmcr, au welchen man überall denselben Grundcharakter, nur in verschiedenen Graden der Entwickelung, wiederfindet (s. Amerikanische Alterthümer). So liegt denn die Wahrscheinlichkeit vor, daß die ältesten "Bcwotmer A-s ans Auen m uncivit inrtem .lii- stände cingewailLcrd ü. erst in der neuen Welt zu einer höheren Eultur emporgestiegen sind^ L-chon lange vor der eigenmchen Entdeckung A-s durch Colnmbns hatte n isländische Seefahrer d ie Küsten dieses Erdtheils* gesehen n. besucht. 877 n. Ehr. erblickte der Isländer Gunnbjörn die gebirgige Küste von Grönland; aber erst über IVO Jahre später, 983, besuchte es der isländische Häuptl ing Erich der Rothe, unternahm 3 Jahre ' nachher mne Expedi tion dahin und legte die erste' ""eUropaiM Kolonie an der südwestlichen Küste an. ^ Erich^Söhii,"Lcifj n nternähm 99ll eine neue Neve " nach'Süden üV enTeckkeme'Inseln u. das F-est- Aand v'oii'Ai, 'indem er d,s in die Gegend des cheu tiqeii'Ne'w-Aörs 'drän g , d.ese.he Winlano nannte u. auf dein Rückwege Neu-Schottland, Lienfnud- laud u. Labrador berührte. Leif führte, nachdem er sich 999 in Norwegen hatte taufen lassen, das Christenthum in Grönland ein. Gardar war der Sitz des Bischofs u. des königlichen Statthalters; hier ward ein lebhafter Handel mit Obst, Walfischen, Robben rc. getrieben, und es entwickelte sich bald eilt lebhafter Verkehr zwischen Win- land n. Island. Von Gardar. in Grönland ans unternahmen 1266 einige Priester eine Entdeckungsreise durch den Lancastersnnd u. die Barrowstraße nach Gegenden, die erst neuerdings durch Parry, John u. James Roß u. A. bekannt geworden sind. Die letzte ans den isländischen Nachrichten nachweisbare Entdeckungsreise datirt von 1347. Da nämlich die dort angelegten Colonien vom Mutterlands nicht ausreichend unterstützt wurden, hatten sie keinen Bestand. Ob und inwieweit man im südlichen Cnropi Kunde von den Entdeckungen der Skandinavier in A. hatte, ist unbekannt. Jndeß finden sich schon auf der von den seefahrenden Brüdern Zeno ans Venedig zu Ende des 14. Jahrhunderts gefertigten Karte die Länder Estotitand und Drogca (Labrador und Neuschottland), welche sie selbst besucht hatten; auch die Karten des Vcnetianers Andr. Bianco von 1436 u. des Nnrnbergcrs Mart. Begann von 1492 verzeichnen westl. von Europa eine große Insel Antillia, die aber als eine Erdichtung anzusehcn ist. Die eigentliche Entdeckung von A. war dem Genuesen Christoph Columbns Vorbehalten, der, ausgerüstet mit einem Freibriefe des Königs Ferdinand von Spanien, kraft dessen er zum Großadmiral aller Meere u. znm Statthalter oder Vicekönig u. Richter aller Inseln n. Länder, die er entdecken würde, ernannt war u. worin ihm auch ^ aller Erzeugnisse dieser Länder zugesichert worden, am 3. Ang. 1492 den Hafen von Palos mit 3 kleinen Schiffen verließ n. nach 9wöchentlichcr Fahrt, während welcher er neben anderen Drangsalen eine Meuterei der Bemannung gegen sein Leben zu bekämpfen gehabt, endlich am 11. Oct. die Küste der Insel Gnanahani erblickte. Am folgenden Tage nahm er vom Lande Besitz, indem er mit Tagesanbruch das Kreuz u. die königlich castilische Standarte anfpflanzte. Als Admiral, Vicekönig n. Statthalter anerkannt, gab er der Insel den Namen San Salvador. Über den von Columbns zuerst entdeckten Punkt der Westindischen Inseln bestehen übrigens verschiedene Ansichten; vgl. hierüber O. Delitsch, Westindicn u. die Südpolarländer, Lpz. 1871, oder Stein, Handbuch der Geographie u. Statistik Westindiens, Lpz. 1871, S. 1860. Im weiteren Verlaufe seiner Fahrt entdeckte Columbns die Inseln Cuba u. Hayti, u. auf seinen 3 folgenden Reisen Portorico, Dominica, Guadeloupe, Jamaica u. viele kleinere Inseln, sodann die Mündung des Orinoko und die Insel Trinidad (s. Columbns). Die Entdeckung A-s durch die Spanier brachte jedoch diesem Erd- chheil kein Hell. Die ausbeutcnde Wirthschaft derselben verursachte die Entvölkerung ganzer Länder. 'Besonders hatte Wcstindien (und später Mexico) darunter zu leiden; so war z. B. die Bevölkerung von Hispaniola (Hayti), die zur Zeit der Entdeck- ,nng durch Columbns 1 Million betrug, bald auf 60,000 herabgesunken. Die Ehre, dem neu entdeckten Erdtheil den Namen zu geben, ward jedoch dem Columbns nicht zu theil, sondern dem Florentiner Amerigo Vespucci, der 1497 mit dem spanischen Admiral Hojcda nach Westindien gereist war u. sich in einer Beschreibung dieser Reise gerühmt hatte, das Festland zuerst betreten zu haben. Die Reisen des Columbns hatten den Anstoß zu einer Reihe ähnlicher Unternehmungen gegeben. Die Venetianer Johann u. Sebastian Gabotto, von den Engländern Cabot genannt, entdeckten 1496 n. 1497 in englischem Dienste Labrador, Neufundland, die Insel St. Johns u. die Küste des Festlandes von Nord-A. bis Florida hin; Vinccnz Janos Pinzon drang 1499 an der Ostküste Süd- A-s bis südl. von der Mündung des Amazonenstroms vor; die Portugiesen Corterea! u. Mar- 537 § I> l Amerika (Entdcckungsgeschichte). tens Hörnen besuchten 1500 ebenfalls Labrador und Neufundland, um einen nordwestlichen Weg nach Indien zu suchen. Der Portugiese Pedro Alvarcz Cabral entdeckte 1500 Brasilien; 1501 bereiste Amerigo Vespucci für Portugal die Küste Brasiliens von 5" — 17° s. Br. u. gründete Bahia. In demselben Jahre besuchte der Portugiese Juan de Nneva Galego die brasilianische Küste, 1504 Vasco Nunez de Balboa Guiana, das Land zwischen dem Orinoco u. Amazonenstrom. Die Franzosen Jean DeniS u. Comart nahmen 1506 eine Karte von Neufundland auf, welches damals Terra cks baeeallraos (Land der Stockfische) hieß. 1507 entdeckten die Spanier Diaz de Solls u. Pinzon Incatan, PoncedeLcon 1508 Florida; 1515 Perez de la Rua Peru, u. in diesem u. dem nächsten Jahre besuchte Diaz de Solis die Küsten von La Plata bis nach Rio de Janeiro. Neu-Spanien, vom Cap Catoche bis Vera-Crnz, wurde von Inan de Grijalva 1518 untersucht, n. 1519 eroberte Fernando Cortez Mexico. Bei allen diesen u. anderen Reisen war es der Spanier eifrigstes Bestreben, eine westliche Durchfahrt nach den Molukken zu finden. 151S unternahm der in spanischen Diensten stehende Portugiese Fernando Magelhaens eine neue Entdeckungsreise dieser Art: er segelte mit Sebastian dcl Cano von dem Rio de Plata die Küste Siid- A-s hinab, fand die nach ihm benannte Magel- haensstraße u. entdeckte auf seiner Fahrt durch das Stille Meer die Ladronen und Philippinen. Er selbst ward 1521 auf der Insel Matan erschlagen, aber Cano kam ans den Molukken an, segelte dann um das Cap der guten Hoffnung nach Spanien zurück u. hatte so die erste Erdumsegelung bewerkstelligt. Gil Gonzalez Avila untersuchte 1522 das Caraibische Meer, die Küsten von Nicaragua und Guatemala; der Florentiner Giovanni Verazzani befuhr 1524 im französischen Dienste die Ostküste Nord-A-s u. landete zuerst im heutigen Staate Georgien. Rodrigo Bastides nahm die Nordküstc Süd-A-s in Besitz; Pizarro eroberte 1526—61 Peru; Sebastian Cabot besuchte 1526 für spanische Rechnung die brasilianischen Küsten, die Länder am La-Plata-Strom u. drang bis Paraguay vor; von Karl V. mit Venezuela belehnt, nahmen die deutschen Kauflente Welser diese Provinz 1526 in Besitz, u. Schmiedel (1534) u. Phil, von Hutten (1541) durchzogen Süd-A. 1533 entdeckten Bezarra u. Grijalva Californien, das 1536 de Valle n. 1539 Ulloa u. A. untersuchten; Marco de Niza besuchte 1533 als Missionär die Länder nordwestl. von Mexico; Simon d'Alcazova'drang 1534 durch die Magelhaensstraße u. durchforschte die öden Steppen Süd-A-s; der Franzose Jacques Cartier entdeckte 1534—1535 Canada u. denSt.-Lorenz-Strom; Diego d'Almagro erforschte 1535 Chile, Pedro de Mendoza untersuchte 1535 die Länder am La Plata u. gründete Bncnos-Ayres; Juan deAyoba reiste 1537 im Innern von Süd-A., u. in demselben Jahre nahm Ferd. de Soto für Spanien Florida iu Besitz. Francesco Vasquez Coronado zu Lande u. Hernando de Alarcon zur See erforschten 1540 den Golf von Californien bis zu seinein Nordende «. die Westküste von A. bis 53° n. Br.; der Spanier Orellana befuhr 1541 den Amazoncnstrom; Francois de la Roque de Roberval nahm Canada u. Acadia für Frankreich in Besitz; Juan.Rodri- guez de Cabrilho untersuchte 1542 die WKüste A-s bis 42° n. Br. und entdeckte den Hafen Navidad n. Cap Mendocino; die Mündung des Mississippi fand 1543 Moscoso Alvarado. Die Portugiesen nahmen 1549 nach dem Ausspruche des Papstes Alexander VI. Besitz von Brasilien, u. 1555 bereiste Hans Stade, ein Deutscher, dieses Land. Der spanische Mönch Andreas Urdanieta unternahm 1556 eine Entdeckungsreise durch das westliche Nord-A., während gleichzeitig der Spanier Hurtado de Mendoza iu Süd-A. die Landschaft Chaco entdeckte u. eroberte. Jean Nibaut entdeckte 1562 den Fluß Port-Royal n. den Norden Floridas u. nahm das Land für Frankreich in Besitz; der englische Admiral John Oxnam durchreiste 1575 die Landenge von Panama und befuhr den Großen Ocean, u. Francis Drake fand auf seiner Erdumsegelung 1577—1580 Fcuerland, umschiffte die Südspitze A-s, befuhr dann einen großen Theil der NWKüste A-s u. nahm das Land unter dem Namen Neu-Albion für England in Besitz; ihm folgte 1584 Sir Walter Raleigh mit der Besitzergreifung von Virginien, welches Land Sir Richard Greenville darauf näher untersuchte; Thomas Cavendish landete 1586 auf Patagonien und befuhr die ganze Küste von Chile u. Peru; Richard Hawkins entdeckte 1593 die Falklands-Jn- seln; Raleigh besuchte 1595 Guiana; Sebastian Vizcaino reiste 1596 von Acapulco nach Port S. Sebastian n. untersuchte von dort aus die Küste 100 Meilen weit nordwärts. Gleichzeitig mit diesen Entdeckungen wurden auch Versuche zur Auffindung einer nordwestlichen Durchfahrt (s. Nordpolreisen) gemacht. Die Auffindung der Magel- haensstraße hatte cs wahrscheinlich gemacht, daß A. ein abgeschlossenes Festland sei und daß eine Straße zwischen Asien u. A. nach Ostindien bestehe. Der Portugiese Gaspar de Cortereal hatte bei einer Reise zu diesem Zwecke im I. 1500 Labrador entdeckt; der Spanier Urdanieta wollte 1556 die Straße zwischen A. und Asien wirklich gesehen haben. Dänische Seefahrer suchten sie 1564 von Island aus; auch der Engländer Martin Frobishcr unternahm 1567, 1577 u. 1578 drei Reisen nach jenen Gegenden u. bestimmte die Lage Grönlands, ohne aber die Durchfahrt zu finden; glücklicher mar John Davis, der 1585—87 drei gleisen unternahm u. die nach ihm benannte Davisstraße zwischen Grönland n. dem Baffins- land auffand. Der Engländer Henry Hudson, der von 1607—15 vier Reisen zur Auffindung dieses Weges unternahm, entdeckte das Binnenmeer, das seinen Namen (Hndsonsbai) führt. Der Holländer Jan Mayen entdeckte die nach ihm benannte Insel, der Engländer Baffin die nach ihm benannte Straße u. Bai. Die Chesapeakebai u. der Jamesfluß in Virginien wurden 1607 von John Smith gefunden; 1608 ward Quebec von Samncl Champlain gegründet; Johann Georg Oldenburg bereiste 1613 Brasilien n. die Länder des La Plata. 1668 war der Canadier de Groffeillcr mit Indianern zu Lande bis an die Hudsonsbai vorgedrungen; John Nar- borough hatte 1669 die Südspitze A-s untersucht. Die Engländer, welche sich schon 1622 in Carolina angesiedelt hatten, ließen sich 1680 in Penn- 538 Amerika (Entdeck» ngsgeschichte). sylvanien nieder; seit 1653 hatten die Dänen eine Niederlassung ans den Laraibischen Inseln gegründet, u. die Holländer, nachdem sie das 1630 genommene Brasilien 1654 wieder verloren hatten, besetzten 1668 Surinam. Während die bisherigen Reisen mehr zum Zw ecke von Eroberungen, zur Entdeckung von Handels- wcgen, Erwerbung von Rcichthümern unternommen worden waren, trat seit Anfang des 18. Jahrhunderts auch das wissenschaftliche Interesse mit in den Vordergrund. Im südlichen A. reiste der deutsche Missionär Pater Samuel Fritz, der 1707 eine vollständige Karte des Amazonenstroms entwarf; von 1707 an bereiste der Minorit Louis Fcnillb die Antillen, entwarf eine treffliche Karte vom Caraibischen Meere u. bestimmte die geographische Lage der Küsten von Peru u. Chile; de la Condamine nahm mit Bouguer und dem Spanier Antonio Ulloa 1736 in Peru unter dem Äquator Gradmessnngcn vor u. beschrieb den Amazoncn- strom. Der Spanier Qniroga durchforschte 1746 Magclhaensland. In den Jahren 1799 —1804 unternahmen Alexander von Humboldt u. Anne Boupland ihre denkwürdige Reise. Nachdem sie in Cnmana gelandet waren, untersuchten sieNcn- Andalusien, durchstreiften Venezuela, Neu-Barcelona n. das spanische Guiana u. durchwanderten bis zum Äquator die Ebenen von Apure, Cala- bozo u. die Llanos, worauf sie den Orinoco u. dessen Verbindung mit dem Rio Ncgro durch den Casiquiarc ermittelten und das Caucathal, den Magdalcnenflnß u. die Kordilleren von Quito u. Peru bereisten, bei welcher Gelegenheit sie 1802 den Chimborasso zu einer bisher noch, nicht erreichten Höhe bestiegen u. dann das Gebiet des Amazonenstroms betraten, von dessen Laufe Humboldt eine Karte entwarf. Dann nochmals die Anden übersteigend, kamen die Reisenden wieder nach Peru, begaben sich nach Mexico u. kehrten 1804 über Havana nach Europa zurück. Vgl. A. v. Humboldts Reisen in den Äquinoctialgcgen- dcn des neuen Continents, Stnttg. 1859/60. In ebenfalls gründlicher Weise bereiste Stevenson von 1805—1823 Araucanien, Chile,Peru u. Columbia, während Brasilien von Prinz Max von Neuwied 1815—17 u. 1817 außerdem von den Deutschen Spix u. Martins u. A. bereist wurde. Der Engländer Hippcsley unternahm 1817 eine Fahrt ans dem Orinoco u. Apure; 1819 bereiste Caldoleugh Peru u. Chile; die Küsten dieser Länder 1820—22 der Capitän Hall; in Columbien forschte 1822 Mollien; Schomburgk durchforschte seit 1830 Guiana; über Paraguay boten wichtige Aufschlüsse: Nengger, Sello, Beauchamp, Miers u. Head; Bonssingault bestieg 1833 den Chimborasso; Pohl, namentlich aber 1835 Poppig untersuchte sehr gründlich die Verhältnisse Brasiliens; Darwin u. Descalzi 1839 den Rio Negro. Der deutsche Zoolog Burmcister bereiste 1851 einige Theile Brasiliens n. hatte sich 1856 von Neuem nach diesem Laude begeben n. damit 1857 — 60 eine Reise in den La-Plata-Staaten u. Uruguay verbunden. Der Amerikaner Gillies untersuchte 1849—52 besonders Chile; Mansfield 1852—53 die Länder zwischen La Plata u. Ämazonenstrom. Nicht wenig haben auch südamerikanische Regierungen, namentlich die brasilianische, dazu beigctra- gen, über die Beschaffenheit der weiten Länder, ihre Producte, ihre hydrographischen Verhältnisse rc. Kenntniß zu verbreiten. In der neueren Zeit bereisten den südlichen Continent: Ave-Lallemand 1858—59; Tschudi Anfang der 60erJahre; Mark- Ham, Agassiz 1865. Eine besonders rege Thätig- keit hat sich seit 1870 knndgegeben. Die Höhcn- verhältnisse u. die Beschaffenheit der Anden u. die Erforschung des Amazoneustroms u. seiner Nebenflüsse war dabei das Hauptziel. In ersteren Regionen reisten die Deutschen vr. Stübel, Or. Reiß, Fr. Seybold u. der Chilene Gormaz; in der zweit- gcnannten: A. Glaziou, Prof. Hartt, Chandleß, Dr. Abcndroth n. G. Squier. Sonstige Reisen: in Patagonien Lieutenant Musters, in Brit.-Guiana B. Brown, in der Republik Guatemala Bernoulli. Die Eiseubahnbanten in Chile, Peru, Argentina n. Brasilien haben, obwol noch von keiner großen Ausdehnung, nicht verfehlt, das Ihrige zur Landeskunde beizutragen. Die mittelamerikanischen Staaten sind besonders gründlich untersucht worden, seitdem der schon von Alex. v. Humboldt in Berücksichtigung gezogene Plan einer Durchstechung der Landenge von Panama zur Erlangung einer genaueren Kenntniß je ner Länder antrieb. Die Alterthümer in jenen Ländern untersuchten: Dupaix, Galiudo, Gailha- band, Nebel, Stephens, Squier u. Jefsers, Waldeck, Normann u. A. Von den Reisenden in Mittel- A. sind neuerer Zeit zu nennen: Franc. Jrias, der den Cocoflnß untersuchte; Pirschel, der 1851—54 besonders den Vulcanen von Mexico seine Aufmerksamkeit znwandte; 1854 Mor.Wagncr (der auch in Süd-A. sich längere Zeit wissenschaftlich beschäftigte) u. Schcrzer, welche umfassende Nachrichten besonders über Costa Rica n. Nicaragua boten; Trnqui u. Craveri, welche 1855 den Po- pocatepetl untersuchten; Gaspar Sanchez Ochoa, der 1856 an diesem Riesenvulcan ungeheure Schwefellager entdeckte; A. Habel, der 1871 von einer 7jährigen, der mittelamerikanischcu Ethnologie, Meteorologie n. Zoologie gewidmeten Reise nach New-Dork zurückkehrte. Die neuesten Reisen standen außerdem meist mit der Vermessung der interoceanischen Kanalliuie in Verbindung, die 1870—71 ans gemeinsame Kosten der mexicani- schen u. nordamerikanischeu Regierungen ausge- sührt wurden; die Linie würde den Isthmus in einer Seehöhc von 218 m überschreiten; das Projcct ist zu 31,636,000 Doll, veranschlagt. In Nord-N. gingen zahlreiche Reisen mit der mehr n. mehr vorschreitenden Colonisation Hand in Hand. 1726 entdeckte Bering die nach ihm benannte Meerenge zwischen Asien u. A.; Starke forschte 1766 in Florida; de Pages ging 1767 am Mississippi u. Red River aufwärts u. entwarf eine Karte von den noch ganz unbekannten Ländern; Samuel Hearne drang 1769 nach NW. vor u. entdeckte den Knpferminenflnß; Mackenzie kam 1789—93 noch 20" weiter nach W. u. gelangte längs des nach ihm benannten Flusses bis an das Eismeer; Vancouver und Bronghton nahmen von 1790—95 die WKüste von 30" bis zu 614° n. Br. auf u. entdeckten die Mündung des Columbia. Auch David Wood durchforschte 1793 Amerika (Geographie). 539 - I Nordwest-A.; 1804 drangen Lewis in Clarke nach W. bis zuni Großen Ocean u. bereisten den Columbiastrom mit seinen Zuflüssen; Kotzcbne entdeckte 1815—18 den nach ihm benannten Sund; Franklin durchzog 1810—22 mit Richardson, Hood und Back den NW. bis zum Eismeere; School- craft entdeckte 1820 die Quellen des Mississippi; Long drang 1810—20 am Missouri auswärts bis nach den Rocky Mountains; der Herzog Bernhard von Weimar durchforschte 1825 — 20 die Verein. Staaten; Washington Irving bot seit 1835 Nachrichten über die westlich wohnenden Indianer; v. Wrangel bereiste 1839 das russische Nord-A.; Nicollet drang 1838—39 mit Fremont nach dem oberen Mississippi vor; Letzterer unternahm 1842 seine erste Reise nach dem Westen, erforschte den Südpaß in dem Felsengebirge, erstieg das Wind- rivergebirg, in welchem die größten nordamcrika- nischen Ströme ihr Quellgebiet haben, untersuchte 1843 das Utahbecken zwischen den Rocky Mountains n. der Sierra Nevada u. stieg über letzteres nach Californien hinab. Auf der 1845 unternommenen dritten Reise nahm er 1846 Besitz von Californien für die Verein. Staaten. 1840 u. 1847 bereiste A. Wisliceuius das nördliche Mexico (Nein, vk a Dour to kflortRsrn Nsrioo, Wash. 1848; deutsch von G. M. von Roß, Brannschw. 1850). Die Entdeckung der Goldlagcr in Californien 1848 führte außer den Göldgräberschaarcu auch eine Menge Forschungsrciscndc nach diesen Gegenden; außerdem wurden sie unter der Dircction von I. D. Whitney durch eine Commission geologisch ausgenommen. Stansbnry wandcrte 1849 zum Utah-See; Möllhausen stellte Untersuchungen über die Indianer in Oregon an; Capitän Marcy entdeckte 1852 die lange vergeblich gesuchten Quellen des Red River; Frömout unternahm eine vierte Reise nach dem Westen; Bartlctt u. Gray untersuchten 1849 — 53 Texas, Nenmexico u. Californien (Reisebeschreibnng, New-Dork 1854, 2 Bde.); Moore, Goddart u. Ebbets drangen 1853 von Californien aus in die Sierra Nevada. Wahrhaft epochemachend für den nordamerikanischen Westen war der von 1864—69 ausgeführte Bau der Pa- cific-Eisenbahn. Die Regierung der Verein. Staaten beorderte seitdem eine Menge von Reisenden n. Commissionen zur Erforschung der noch unbekannten Gegenden, so 1871 eine Expedition zur topographischen, geologischen u. ethnographischen Erforschung von Nevada und Arizona. Die Rocky Mountains wurden untersucht 1869 von Whitney, 1870 von Professor Haydcn, der 1871 auch das bereits vom General Washburne beschriebene vulkanische Wunderland am oberen Vcllowstone (Nebenfluß des Mississippi) bereiste. Major Powell befuhr 1870 — 71 die großen Canons des Green River u. Colorado, während das nördlicher gelegene Alaska durch Pinard u. Dall untersucht wurde. Die projectirte n. bereits begonnene British Pacific Railroad, die von Montreal in Canada nach Bri- tijch-Columbia den Continent in einer Länge von 4400 lcm von O. nach W. durchschneiden wird, stellt eine neue Serie großartiger Aufschlüsse in Aussicht. Für die Kcnntniß der zu A. gehörenden Nordpolarländer sind die Nordpolarexpedi- tivnen besonders förderlich gewesen. Obwol A. der jüngst entdeckte Erdtheil, so ist er doch nächst Europa der am meisten bekannte, ein Umstand, der nächst dem Productcnreichthum desselben, der Menge u. beispiellosen Ausdehnung seiner schiffbaren Flüsse, seinen Eisenbahnen, seinen Tclegraphen- linicn u. der zum Thcil außerordentlichen Betriebsamkeit seiner Bewohner zuzuschreibcn ist. II. Geographie. L.. Lage, Grenzen u. allgemeine Verhältnisse. A. begreift das Festland der westlichen Halbkugel, mit den darumlic- gendcn Inseln, grenzt südl. an die Scheidelinie zwischen dem Atlantischen u. Großen Ocean, von denen der crstere die OSeite, der letztere die WSeite des Erdtheils bespült, u. nördl. an das Nördl. Eismeer. Es reicht von dein nördlichsten Punkte der Halbinsel Boothia Felix u. 73" 54' n. Br. bis zmu Cap Froward in nahezu 54" s. Br., daun vom Cap Prinz Wales (au der Beringsstraße) 150" w. L. bis zum Cap Branco 17" w. L. von Ferro. Rechnet man aber die Inseln dazu, so befindet sich der südlichste Punkt des Erdtheils, Cap Hoorn, in 55" 58' 41" s. Br., während man nach Norden das Ende noch nicht erreicht hat. A. dehnt sich demnach von den eisigen Regionen der nördlichen Zone bis nahe an die südliche kalte Zone aus. Die Ausdehnung des Landes von R. nach S. beträgt fast 14,800, die größte Breite südl. vom Äquator 5900 Im, während unter 45" n. Br. die größte Ausdehnung von O. nach W. 5000 km beträgt. Die Küstenlänge am Großen Ocean wird zu 26,000, am Atlant. Ocean zu 37,000 n. am Eismeere zu 5600 üm angegeben. Durch den an der Ostseite einbuchtenden Atlantischen Ocean gliedert sich der Continent in Nord- u. Süd-A., welche durch die schmale Landenge vvn Panama (schmälste Stelle 45 üm) mit einander in Verbindung stehen; jedem dieser beiden Theile liegt die Gestalt eines Dreieckes zu Grunde, Lessen Spitze nach S. gerichtet ist. Nord-A-, mehr gegliedert, als Süd-A., hat 44,000 kcm Küste, während aus Süd-A. nur etwa 25,000 Icm kommen. Der Flächengehalt von ganz A. beträgt nach den neuesten Berechnungen 41 Mill. HZIul (747,680 HjM), wovon auf Nord- ZI. mit Mexico 22,., Mill., Central-A. mir Westindien 716,000, aus Süd-A. 18,^ Mill. HZlcm kommen. An der reicher gegliederten Küste Nord-A-s liegen die Halbinseln Labrador, Neu-Schottland, Maryland-Delaware, Florida, Incatan, Alaska und Californien, die zusammen ein Areal von 1,480,000 >D>cm repräsentircn. Süd-Ä. ist fast ohne alle Gliederung, so daß es in dieser Hinsicht Afrika u. Australien zu vergleichen ist. Nord-A. bietet bei seiner bedeutenden Küstengliederung auch eine größere Zahl von Meerbusen u. Meerengen, als SüdA., von Lenen allerdings gar manche wegen ihrer hohen Breitenlage dem Weltverkehre wenig dienen. Im Nördlichen Eismeere liegen vonW. nach O. der Kotzebuesund zwischen den Caps Prinz Wales u. Goloirnin, der Mackenziebusen an der Mündung des gleichnamigen Stromes, die Livcr- poolbai, die Franklinsbai, die Coronationsbai an der Mündung des Kupferminenflusses, die Dcase- n. Simpsonstraßc; östlich von Boothia Felix liegt der Boothiagolf, aus welchem nordwärts die Prinz- Regent-Einfahrt zur Barrowstraßen.znm Lancaster- jund u. dadurch zur Baffinsbai u. zur Davisstraße 540 Amerika (Bodengcstaltung). führt, während ostwärts die Fury- n. Heklastraße zum Foxkaual leiten, in welchem westlich die Lyon-, Gore- u. Repulsebai liegen; aus der letzteren führt der Noes - Welcome - Kanal in die Hndsonsbai, die durch die Hudsonstraße mit dem Atlantischen Ocean in Verbindung steht; ihre südlichste Einbuchtung bildet die Jamcsbai. Dem Atlantischen Ocean gehört der St.-Lorenz-Busen, der an seinem Nordende mit der Bdlle-Jsle-Straße ansmündet, die Fundybai, die Massachusettsbai, der Long-Jsland- Snnd. die Delaware- u. südl. davon die Chesapeake- bai, der Albemarle- u. der Pamlicosund. Das Mittelmccr der Neuen Welt oder das Westindische Meer zwischen Nord- u. Süd-A,, zu welchem der Bahamakanal u. die Straße von Florida führen, zerfällt in den Golf von Mexico mit der Appalachen- u. der Campechebai u. in das Autillen- oder Caraibische Meer mit der Hondurasbai; zwischen den beiden Hauptthcilcn des Westindischen Meeres liegt der Kanal von Uncatan als Verbindungsglied. Aus dem Caraibenmeere führen mehrere Straßen, wie der Windwardskanal, die Mona- passage u. a., in den Atlantischen Ocean. In die Ostküste von Süd-A. schneiden die Golfe von Venezuela, Triste u. Paria, noch im Antillen-Meere; die Allerheiligeubai, di: Efpiritu-Santo--Bai, der Golf von "Rio de Janeiro, die Cairucubai, die Bahia Blauca, die Golfe von San Maltas und St. Georg. Die Magclhaensstraße führt ans dein Atlantischen in Len Großen Ocean zur WSeite A-s. Hier finden sich weit weniger Gliederungen von Belang, die meisten sind kleine, offene Buchten; beträchtlicher ist der Golf von Panama, der Golf Dolce, die Golfe von Nicoya, Fonseca u. Tehuantepec; dann kommt man unter dem nördlichen Wendekreise in den Meerbusen von Cali- fornien oder Mar Bcrmejo. An der WSeite Neu-Californiens liegt die Bucht von Sau Francisco. Weiter nordwärts führt die Jnan-de-Fuca- Einfahrt zu dem Admiralitätstänal n. einer von SO. nach NW. gerichteten Meerenge, die im N. mit dem Königin-Charlottcn-Sund in Len offenen Ocean übergeht. Bon hier an reihen sich zahlreiche Baien u. Fjords an, von denen wir nur den Milbanksund u. den Lyonkaual nennen; nahe der Halbinsel Alaska liegen der Keuaisund u. die Schelachowstraße, im Bcringsmeere der Kwitschach- u. der Nortonsund; endlich in 209° ö. L. die Bc- ringsstraße. Die Inseln Amerikas lassen sich in sechs Haupt- grnppcn theilen, nämlich in die nördliche, östliche, westindische, südliche, westliche n. nordwestliche Gruppe. Die Inseln der uördl. Gruppe sind überaus zahlreich, theils größer, theils kleiner, zwischen den verschiedenen Meeresarmen zerstreut. Die größte derselben ist Grönland, die nach Leu neueren Forschungen der Polarexpeditionen nicht nur mit Amerika nicht zusammcuhängt, wie früher angenommen wurde, sondern sehr wahrscheinlich aus einem Archipel besteht; außerdem sind hcrvorznheben: von W. nach O. Bankslaud, Prinz Albert u. Prinz Wales; der Parryarchipel (Prinz Patrik, Melville u. Cornwaliis), Norddevon, Nordsommerset, Cock- burn, Nordlincoln, Ellesmere u. Griuell-Land; im Norden der Hndwnsbai liegt Southampton. Zu Len östlichen Inseln gehört Neu-Fundland mit St. Pierre u. Mignelon, Long-Island u. der kleine Archipel der Bermudas- oder Sommer-Inseln. Die westindische Gruppe zerfällt in die Ba- hamainseln, in die Großen u. Kleinen Antillen, zu denen noch die an der Küste liegenden kleinen Inseln kommen. Die südliche Gruppe begreift das . Feuerland (Tierra del Fuego, Fuegia, oder auch ! Magelhaensarchipel) an der Südspitze von Süd-A., ! ans einer größeren n. mehreren kleineren Inseln be- ! stehend, die patagonischen Inseln vom Westende der j Magelhaensstraße bis zum Cap Tres Montcs u. 47° i s. Br., endlich die Falklandsinseln oder Malouinen ! unter 51° bis 53° s. Br. Zu den westlichen Inseln gehören die Jnan-Fernandcz-, die Galapa- ! gos- u. die Rcvilla-Gigedo-Gruppe. Die nordwestliche Gruppe beginnt bei der Juan-de-Fuca- Eiufahrt u. umfaßt den Vancouver- u. Quadra- ^ Archipel, dann die Muten. > L. Bodengestaltnng. A. hat das lang- ! gedehnteste u. nächst Asien das höchste Gebirgssystem ! der Erde u. weist in seiner senkrechten Gestaltung s Eigenthümlichkeiten auf, die kein anderes Festland ! mit ihm theilt. Das Hauptgebirgssystem, die Cor- > dilleren oder Anden (biorärlloras äs los ^näss), ^ durchzieht den Westen des ganzen Erdtheils von ; der Südspitze des Continents bis über den nörd- ;s lichen Polarkreis hinaus in vorherrschender Me- ridianrichtung, während an seiner OKüste mehrere s Tiefländer von ungeheurer Ausdehnung liegen. 8 In Süd-A. fallen die Cordilleren fast überall I schroff ohne Stufen- u. Plateaubildung zu den k schmälen Küstenebenen u. den Meeresufern ab, während der östliche Abfall sanfter ist u. Hochthä- ler u. Terrassen enthält; sie zeigen im Ganzen eine reichere Kettengliederuug u. tragen die bedeutendsten Höhen des Continents. Den nordameri- kanischen Cordilleren dagegen liegen im Westen breite Ebenen vor, sie find minder senkrecht gegliedert u. haben eine geringere Höhe. Einen auf- s fallenden Contrast bildet das Gebirg auf der Landenge von Panama, wo es nicht nur die ine- ridianale Richtung verläßt, sondern auch in seiner Höhe u. Breite sehr beträchtlich abnimmt. Die Gcsammtlänge der Cordilleren beträgt 15,000 bin, ihr Flächeuranm nahezu 1,630,0Y0 Hstcm. Die südamerikanischen Cordilleren, zwischen 54° südl. Br. uördl. 10° 21' n. Br., haben eine Länge von 7250 bm, rm Mittel eine Breite von 500 llm u. eine mittlere Kammhöhe von 3400 bis 3600 in; die meisten Pässe liegen außerordentlich hoch, u. die zahlreichen Bnlcaue stehen meist zwischen den beiden Hauptketten. Im S. sind sie niedrig u. von tiefen Thälern zerschnitten, weiter nordwärts steigen sie immer mehr auf, u. in 42° s. Br. erscheinen sie schon als ein mächtiges Gebirg, das seine höchste Erhebung im Nevado von 'Sorata (gleichzeitig der höchste Berg des Continents) in 7566 in Höhe findet. Man benennt die einzelnen Hauptabtheilungen meist nach den Ländern, in denen sie liegen. Näheres s. unter Cordilleras de los Andes. Auf der Landenge von Panama ist der Zug des Cordillercnsystems unterbrochen. Moritz Wagner unterscheidet die schmale, niedrige Kette von etwa 60 Irm Länge u. 8 Lm Breite, welche die Landenge bildet und zu den Anden von Choco in mehrfachem Gegensätze steht, als ein Amerika (Bodengestaltung). selbstständiges Gebirg. Dieses besteht aus einer doppelten Kette mit schmalen, reich bewaldeten Län- acnthälern in der Mitte u. hat nach beiden Occanen gleich steilen Abfall; Plateanlandschaften, Terrassen- u. Stufenbildungen fehlen ebenso, wie die Vulcane, gänzlich; die mittlere Kammhöhe beträgt zwischen 600 u. 800, weiter westwärts nur mehr 450 m. Das mittelamcrikanische Gebirgssystem beginnt im Nordwesten der Landenge von Panama in steilen Ansteignngen mit den Cordilleren von Guatemala, hat eine Länge von 1500 km bei einer mittleren Breite von 120 km n. einer mittleren Kammhöhe von etwa 2000 m, über welche sich die höchsten Berge bis gegen 4500 m erheben, u. ist durch das Ouerthal des Sau-Juan-Flusscs in zwei zusammengehörige Glieder getrennt. Hier finden sich wieder viele thätige u. erloschene Vulcane u. fast überall parallele Doppelketten. Im N. schließt diese Cor- dillere mit der Einsenkung von Tehnantcpec, jcn- seit welcher die Cordilleren von Mexico folgen, die bei einer Länge von 2000 km u. einer mittleren Breite von mehr als 600 km das ganz ebene Plateau von Anahnac u. Ren-Spanien zwi-^ scheu sich fassen, welches wieder von niedrigen Landrücken in verschiedene Ebenen getheilt wird. Eine Reihe von 14 Vnlcanen, davon sechs noch thätige, durchsetzen das Plateau von W. n. O.; der höchste, zugleich prachtvollste derselben ist der 5450 m hohe Orizaba oder Citlaltepetl, d. h. der Sternberg. Die östliche Kette des Plateaus von Mexico ist die filberreiche Sierra Madre. Von ihr ist die östliche Hanptkette der Rocky Mountains (Felscngcbirge) durch die Hochebene des Rio Gila scharf getrennt. Diese Hanptkette beginnt u. 36° n. Br. u. reicht, wenn auch unter verschiedenen Namen, bis gegen die Polarküste A-s; die westliche Hanptkette, Sierra Nevada, nimmt ihren Anfang mit dem Cap Lncas auf der Halbinsel Alt- californien, zieht, meist der Küste genähert, bis zur Halbinsel Alaska n. trägt im nördlichsten Abschnitt die Vulcane Schönwctterbcrg 4484 m u. Eliasberg 4563 m, die beide noch vor Kurzem thälig waren. Nach NW. setzt das Gebirgssystem bis jenseit des Polarkreises sich fort, u. zwar, wie cs scheint, als eine continuirliche Kette, vielleicht mit unbedeutenden Unterbrechungen, die den Namen Chippeway - Gebirg trägt. In 52° n. Br. kommen noch Berge von über 5100 m vor (Mount Hooker u. Mount Brown). Zwischen der Küstenkette n. dem Felsengebirge breitet sich durch 10 Breitegrade eine dürre n. an Salzseen reiche Hochebene, das große Becken genannt, aus, das den großen Salzsee enthält. Näheres unter Rocky Mountains. Jsolirte Gebirgssysteme finden sich in Südamerika vier; das umfangreichste bildet das Gebirgs- land von Brasilien, welches mit keinem der übrigen in Verbindung steht, fast den vierten Theil Süd- A-s bedeckt, aber zu ^5 ans Hügelland besteht. Dem Ganzen liegt ein Plateauland zu Grunde, auf welchem mehrere, meist der atlantischen Küste parallel ziehende, oder auch in querer Richtung streichende Bergketten, wie Serra do Mar, Serra Mantiqneira (in ihr der höchste Gipfel Brasiliens, der Pico dos Orgaos sOrgelpiks mit 2372 m), mehr nördlich die Serra da Malta da Corda. Die Wasserscheide zwischen dem Amazonenstrom u. dem Parana bildet die Serra dos Verteiltes. (Näheres unter den einzelnen Namen.) Das zweite isolirte Gebirgssystem, das Hochland von Gniana oder die Sierra Parima, zwischen dem Amazonenstrom, dein Orinoco u. dem Meere, besteht aus einem nicht sehr hohen Plateau, auf dem viele, theilweise parallele Ketten liegeil, welche durch vegctations-, nainentl. waldreiche Längenthäler getrennt sind u. nach W. Allmählich an Höhe zunehmen. Höchster Gipfel der Maravaca über 2560 m. Als drittes isolirtes Gebirg Süd-A-s erscheint das Küstengebirg von Venezuela, das mit den Ostcordilleren von Columbia mittels Hochebenen einen Zusammenhang hat und ans zwei der Küste parallelen Zügen besteht, die steil nach N-, sanft nach S. abfallen; höchste Erhebung der Pic v. Nirguata mit 2800 m. Die Sierra de Santa Marta, die vierte isolirte, zugleich kleinste Gebirgsgruppe, zwischen der Mündung des Magdalenensiroms u. dein Maracaibogolf, erhebt sich bis zu 5830 in. Zwischen Süd- u. Nord-A. bilden die Inseln des amerikanischen Mittelmeeres ebenfalls hervorragende Theile eines in seinen niedrigsten Theilen vom Meere bedeckten Gebirges, dessen höchste Spitze der Pic von Uague auf Hayti (2955 m) ist. In Nord-A. findet sich nur ein gesondertes Gebirg, die Appalachen oder Alleghanies, deren höchste Erhebung etwas über 2000 m beträgt. Wie bereits angedentet, breiten sich vom Ostfuße des Systems der Cordilleren Ebenen, Pampas u. Llanos (Ljanos) in Süd-, Prärien in Nord-A. genannt, von Patagoniens Südspitze an bis zn den polaren Gegenden aus, die meist den Charakter der Tiefebene tragen und sich durch einen unermeßlichen Vegetationsreichthum anszeichnen. In Süd-A. erscheinen nur die Ebenen von Patagonien durchaus pflanzenarm; die mit Trümmergestein überdeckten Flächen nähren nur verkrüppelte u. zwerghafte Pflanzen. Ähnlich verhält es sich mit den südlichen Gegenden der Pampas des La Plata, die jedoch weiter nordwärts, wo der Boden durch die übertretenden Flüsse Befeuchtung erhält, außerordentliche Fruchtbarkeit zeigen, von der üppigsten Vegetation bedeckt sind u. an den Ufern der Ströme Bäume von seltener Größe tragen; Die Ebene vonTucuman, westlich vom Rio Salado, zeichnet sich besonders durch Fruchtbarkeit ans, während die westwärts davon gelegene, bis zum Fuße der Anden hin sich erstreckende Salzsteppe Las Salinas außer Salz n. Salzpflanzen fast Nichts erzeugt; sie liegt kaum 70 m ü. d. M. Die größten der südamerikanischen Ebenen bilden die Llanos u. Wälder (Selvas) des Amazonenstroms, ihr Flächeninhalt beträgt '/g von dem Europas, wovon 2/7 Wald sein mag; sic ziehen sich in einer Breite von 550 bis 1300 km 2960 km weit am Strome hin. Von besonderem Interesse sind hier die Urwälder, die Burmeister (Der brasilianische Urwald) schön geschildert hat. Die höheren Zwischenräume zwischen den Strömen heißen Campos, sie sind in der Regel waldlos und goldreich; die höchste Erhebung, östlich von den Anden von Loja, beträgt nur 370 m. Im Norden reihen sich die Llanos des Orinoco an, deren Fläche man bis zu 400,000 Hjkm schätzt; sie sind theils baumlose 542 Amerika (Bewässerung). Llanos, meist im N theils bewaldete Ebenen, welche die Region zu beiden Seiten des Guaviari einnchmen; letztere, hier und da hügelig und auch felsig, sind mit hohen Bäumen und undurchdringlichem Unterholze bedeckt. In Nord-A. nehmen die Ebenen, die hier häufig Savannen oder Prärien, d. h. unabsehbare Grasflächen, bilden, fast die Hälfte des Continents ein. Von der Ostseite der Alleghanies erstreckt sich bis zum Atlantischen Ocean'die atlantische Kiistcncbene, die, wellenförmig gestaltet, im S. am fruchtbarsten ist, aber da auch sumpfige Küstenstriche u. Sandflä- chcn, namentlich in Florida, enthält, während sie im N. wenig Culturboden einschließt. Da, wo weder Sumpf, noch Sand vorhanden ist, freilich ver- hältnißinäßig seltene Stellen, baut man Baumwolle u. Mais; in den Niederungen von Carolina n. Georgia, die der Meeresfluth zugänglich sind, wird Reis cultivirt. Die mittlere Ebene Nord- A-s breitet sich zwischen den Felsengebirgen und den Alleghanies ans, erstreckt sich von 24—70" n. Br. u. umfaßt 8H^ Mill. sie besteht aus der Mississippi-Ebene u. der arktischen Fels- n. Seenplatte. Erstere hängt im S. mit der atlantischen Küstcncbene zusammen und steigt nach den Cor- dilleren hin allmählich bis 650—960 m auf; dies ist der höher gelegene Theil der Platte, der im N, von ungeheuren Savannen, zwischen Arkansas n. Nebraska aber von Sand- n. Gcröllwüstcn erfüllt wird, wobei ihn weit ausgedehnte Hochebenen durchziehen. Im Qucllgebiete des Red River liegt der Llano Estacado (d. h. die abgesteckte Ebene), die bedeutendste der großen Tasclflächen (oder Mesas) jener Gegend, eine schreckliche Wüste v. 8200 Hstcni bei einer Mittelhöhe v. 1460 m, die des Jahres wasserlos ist u. nur durchzogen werden kann in der Richtung, welche durch eingcpflanzte Pfähle bezeichnet ist. Gegen das südöstl. gelegene Tiefland fallen diese Gegenden in terrassenförmigen Stufen, worunter die gegen 324 m hohen Hügel der Sierra de Texas u. des Ozarkgebirgcs, allmählich ab. Der gesammte Raum zwischen dieser Hügelzone und dem W. der Alleghanies bis gegen den Eriesee hin, nur in der Ohiomündnng durch das Thal des Mississippi unterbrochen, heißt die rollende Prärie. Sie ist zusammengesetzt ans mäßig hohen, wellenförmigen Hügeln, welche theils reichen Graswuchs, theils (in den Ohiogegenden) dichte Wälder tragen. Weniger bekannt ist die arktische Fels- und Seenplatte, die an Areal die Hälfte der Größe Europas einnimmt und durch einen wenig bedeckten Fclsbodcn, großen Seenreichthum, Sumpf-, Moos- u. Grasboden, endlich durch geringen Waldwnchs über den 60. Brcite- grad hinaus charakterisirt ist. Ihre Flüsse sind meist kurz u. reich an mächtigen Wasserfällen und Stromengen, die Seen häufig salzig. Die Grenze zwischen ihr u. der mittleren Ebene läßt sich durch die Wasserscheide zwischen den Flüssen des Eismeeres, der Hudsousbai und der zum Mississippi gehenden Gewässer bezeichnen, die etwa unter 49° n. Br. liegt; weiterhin sind ostwärts beide durch eine Depression getrennt, in welcher die kanadischen Seen liegen, die ihr Wasser durch den St.- Lorenzo-Strom dem Atlant. Ocean zusenden. 6. Bewässerung. Den großartigen horizontalen u. vertikalen Gliederungen A-s entsprechen ebenso großartige hydrographische Verhältnisse. Die- selben lassen sich in zwei Kategorien theilen: in solche, die der Tiefebene, und solche, die der Hochebene angehörcn. Letztere beschränken sich fast ausschließlich auf Nord-A. u. sind charakterisirt durch reiche n. zum Theil außerordentlich große Seen- bildung. Dieser Gruppe gehören an: a) Im Gebiete des Nördlichen Eismeeres 1) der Mackenzie, der, im Felsengcbirge unter dem Namen Athabasca entspringend, den Athabascasee bildet, diesen unter dem Namen Sklavcnfluß verläßt, den Großen Skla- vcnsee durchfließt u. dann den Abfluß des Großen Bärensees aufuimmt; 2) der Kupfcrminenfluß, der Abfluß des Rothfelseusees; 3) der Churchill oder Missinippi, der, aus dem Methyesee entspringend, durch den Büffel-, La-Crosse- u. Nelsonsee fließt; 4) der Nelson oder Saskatschawan, dessen Quelle» im Felsengebirge liegen u. der den Großen Wiui- pegsee durchfließt, b) Im Gebiete des Atlantischen Oceans der St.-Lcwcnzostrom, der Abfluß der fünf canadischen Seen, die, eine Fläche von nahezu 275,000 ssHIcm bedeckend, durch Stromschnellcn u. Katarakte verbunden u. stufenförmig in folgender Weise gelagert sind: der Obere-See 191 m, der Michigan- u. Huronsee 181 m, der Eriesee 172 w, der Ontariosee 71 m ü. d. M. Von den sie verbindenden Kanälen ist nur der Michillimakiuak zwischen dem Huron- und Michigansee schiffbar. Zwischen dem Huron- u. Eriesee bildet die Verbindung der von erstcrem abflicßende St.-Clair- Fluß, welcher in den gleichnamigen See geht, aus dein der Detroitflnß in den Eriesee leitet; die Untiefen des letzteren sind ein großes Hindcrniß für die Schifffahrt. Die Verbindung zwischen Erie- u. Ontariosee ist der Niagaraflnß, der etwa in der Mitte seines Laufes die berühmten 40 m hohen Niagarafälle bildet; über den Fluß führt in kurzer Entfernung davon eine für Fuhrwerke passirbare Hängebrücke von nahezu 60 m Höhe. Der Outariosec entsendet endlich den St. Lorenzo- Strom. Alle diese Flüsse bieten mit Ausnahme des letztgenannten für die Schifffahrt wenig Vor- thcil, theils weil sie unwirthlichen Gegenden an- gehören, theils weil ihr Lauf durch zahlreiche Katarakte u. Stromschncllen unterbrochen ist. Die zweite Gruppe begreift diejenigen Flusse des Continents, die, den Hochgebirgen entspringend, in den unermeßlichen Ebenen desselben jene Entwickelung gewinnen, die von keiner anderen der Erde an Großartigkeit u. Wasserreichthnm erreicht wird. Sie gehören alle dem Gebiete des Atlantischen Oceans an. In Nord-A. ist nur zu nennen: der Mississippi, dessen wahrer Qncllstroiu der viel bedeutendere Missouri ist, u. der durch die ausgedehnte Schiffbarkeit seiner Wasserstraße und seiner Nebenflüsse, besonders des Ohio, zu Len wichtigsten Strömen der Erde gehört u. in dieser Hinsicht thatsächlich auch den ersten Rang eiuuiuuut. Süd-A. gehören in dieser Hinsicht an: der Ama- zoncnstrom, der nicht nur der mächtigste Strom der Erde, sondern auch derjenige ist, der mit seinen Nebenflüssen die längste schiffbare Straße bietet; als würdiger Nebenbuhler folgt der aus der Vereinigung des Parana und Uruguay gebildete La Plata, während der Orinoco, obwol 543 Amerika (Gcol. u. mineral. Verhältnisse). wasserreich, in dieser Hinsicht vcrhältnißmäßig geringere Bedentung hat. Bon den kleineren Flüssen A-s sind besonders die von Nord-A. von Bedeutung; sie gehören theils dem Gebiete des Atlantischen, theils dem des Grossen Oceans an. s Von ersteren sind zn nennen: der St. John in Britisch-A., der Connecticut, der Hudson, der Delaware, der Susquehannah u. der Potomac, ferner der Colorado n. der Rio Grande; von letzteren: der Große Colorado, der Sacramento, der Columbia oder Oregon u. der Fraser. Alle diese Flüsse sind mit wenigen Ausnahmen schiffbar und znin Theil für den Verkehr von großer Bedeutung. Die kleineren südamerikanischen Flüsse gehören sämmtlich dem Gebiete des Atlantischen Oceans an, da der schmale Küstensanm, den die Cordilleren lassen, nur Küstenflüsse zulüßt. Es sind: der Mag- dalencnstrom, der Paranahyba u. der S. Francisco. Die mittelamerikanischen Flüsse entbehren jeder Bedeutung. Außer den bereits aufgcführten Seen sind noch von Nord-A. zn nennen: der Große Salzsee in Utah, der in einer Depression des Rockp-Moun- tains-Systems in41° n. Br. liegt; er mißt 22,000 Usicm und ist ohne Abfluß. Südlicher liegt der fischreiche Iltahsec, der den Jordanfluß zum Großen Salzsee sendet. Der Nicaraguasee (der alte Cocibolca) in Central-A. liegt 36 in über dem Caraibischen Meere, enthält zahlreiche, malerische Inseln, u. am Fuße des am Ufer stehenden Mom- l bacho liegen Hunderte von kleinen vulkanischen k Inseln; er wird hinsichtlich der Schönheit u. Groß - artigkeit der Sceuerien als einzig dastehender See der Welt bezeichnet; aus ihm fließt der San Juan nach dem Caraibcnmeere. Nördlich von hier liegt der Managnasee, dessen südlicher Abfluß Tajitapa Lurch Len Estero da Pamalaya mit dein Nicaraguasee in Verbindung steht. In Süd-A. liegt 15 z—16H" s. Br., 52—53" w. L. der Titicaca- See, dessen Abfluß, der Dcsaguadero, in den kleinen See Aullagas in Bolivia endet. I). Geologische und mineralogische Verhältnisse. In Folge sorgfältiger Forschungen nordamerikanischcr u. englischer Geologen vermögen wir uns ein ziemlich genaues Bild von dem stufenweise erfolgten geologischen Aufbau von A. zu machen. Wir finden als Grundlage des Erd- theils 1) die llrgebirge (azoische oder primitive Formation), d. h. 30,000 in mächtige Schichten- ! reihen kristallinischer Gesteine, in deren Meere nur Tange u. niedere Thiere (Eozoen) lebten. Die un- .. terste Abthcilung dieser Formation, die Larnentische llrgueisformatiou, die besonders viel Glimmergneis, Granit, Kryolith, Serpentin, 300 m mächtige Couglo- meratschichten u. erzreiche Fallbänder mit Maguet- cisen, Kupfer rc. enthält, bildet in Cauada eine 10,000 nr starke Schicht. Die Gneiszoue als Skelet der Appalachen erstreckt sich 2200 Icm weit von Georgia bis zur Lorenzomünduug, eine andere vom Arktischen Meere südöstlich bis zum Mississippi u. seitwärts durch Minnesota und Wisconsin bis zum Obern-, Huron- u. Ontario-See, u. nördlich am Lorenzo hin bis zum Atlantischen Ocean. In Brasilien streicht sie nordöstlich vom Meere 1850 km „gegen die Anden u. durchsetzt diese nördlich vom Äquator als 470 km breite Zone. Auch im Gebirge Venezuelas n. der Anden findet man diese Formation, sowie in Grönland und westlich vom Mississippi. Theilweise lagert über diesen Gneisen als obere Abthcilung die huronische Ur- schieferformatio» (krystallinisches Schieferspstem), 8000 in hoch, mit zahlreichen Erzstätten und den Glimmer- und Thonschiefern. Ramentlich sind die Schiefer von Georgia u. Brasilien stark durchzogen von Eiscnglimmcr. Auch findet mau viele Quar- zit-Conglomerate und den quarzigen Jtacolnmit, der in Brasilien, Virgiuieu, Carolina n. Georgia Diamanten u. Gold führt. In Michigan lagern ans ihm aber auch 600—1000 in mächtige krp- stallinische Kalksteine, Serpentine rc., außerdem wellige Schichten von Rotheisensteinen, die Gruppen von 20—250 in Mächtigkeit bilden. Weit verbreitet sind Magneteisensteine u. Kupferkiese, die in Tennessee eine Zone von 500 m Länge u. 250 m Breite bilden u. sich bis Georgia erstrecken. Auch Gold kommt in verschiedenen Formen vor. Diese Formation lagerte sich in Mulden ab u. erlitt viele Eiliknickungen, oder umlagert mautclartig die Gneise. Sie bildet die Umgebung des Öbern- Sees, die Grundlage der atlantischen Staaten, große Theile von Brasilien, Venezuela und Len Anden; doch ward sie oft von Eruptivgesteinen gang- oder stockförmig durchbrochen, verschoben u. von Erzgängen durchsetzt. 2) Die Übergangs- oder Granwackefor- mation lagerte sich als silurische u. eine spätere devonische ab in einer Gesammtmächtigkeit von 9—10,000 m. Die silurische schließt in A. reiche Erzlager (Eisen in New-Uork, Brauneisenstein in den Appalachen, Galmei u. Zink in Pennshlvanien, Bleiglanz in Birginien) u. auch einige Steinsalzlager (New-Iork n. Michigan) ein. Im Ganzen breitet sich das Gestein horizontal aus n. bedeckt sehr weite Strecken. In parallelen Bändern ziehen sich silurische Gebilde um den Südfuß der cana- dischen Gneiszoue u. den Westfnß der Appalachen hin, bedecken Wisconsin u. Minnesota, außerdem überziehen sie vereinzelte Striche in Nord- und Süd-A. u. bilden die Knpferregion am Obern- See, eine 118 km lange Halbinsel, und die 6600 Hjlcm große Blciglanzrcgiou zwischen Wisconsin u. dem Mississippi. An diese pflanzenlosen, flachen Inseln der amerikanischen Urzeit setzte die devonische Formation ihre Alt-Rothsandsteine ab, aus denen in Pennffflvanien die Petroleumquellen entspringen, da diese Formation wagerecht große Strecken übcr- kleidet, namentlich die flachen Mulden der Silurschichten füllt und sich als breiter Saum den Alls- ghanies entlang ausdehnt, durchsetzt von meileu- langen Granitgängen. In den Mulden der Übergangsgebirge lagerten sich muldenförmig 3) die Steinkohlengebilde ab, u. zwar a) als appalachischcs Kohlenfeld 132,000 s^km; d) als Illinois- u. Missouri- Kohlenseld 121,000 süsicm; e) als das von Michigan 11,000 s)Zkm; ck) das von Texas; s) das von Rhodc-Jsland, und k) die von Ncu-Schott- land und Neu-Brannschweig 40,700 sUkm. 4)Die permische FormationalsRothliegendes u. Zechstein mit Kupfer-, Mangan-, und Quecksilbererzen, Gips- u. Steinsalzlagern überzog als 544 Amerika (Gcol. u. 820 in mächtige Schicht den Ostabfall der Fel- sengebirge, Strecken in Kansas, Nebraska n. Nen- Mexico, worauf mm die Trias ihre Nöthen Sandsteine als breiten Saum 1850 km weit am Ost- abhange der Allcghanics n an den Felsengebirgcn absetzte u. Küsten wie Thälern romantisch geformte Steingebildc verlieh. Dagegen schlugen sich ans dem Jnramecrc mir am Ostabfalle der Felsengebirge graue und weißliche Kalksteine nieder als Streifen von 300 in Mächtigkeit. Dagegen bedeckten die Formationen des Kreidcmeercs sehr große Strecken, indem sie als 44 km breiter Streifen von New-Aork bis Carolina hinzogen, den Südfuß der Alleghanics nmkränztcn, und im Mississippithal in großer Breite sich zur Ohioinündung ansdehntcn. Ein viel größerer Niederschlag erfolgte von Mexico am Ostabfalle der Felsengebirge entlang bis zum Eismeere, und ein dritter Streifen zi/ht sich am Ufer des Großen OceanS entlang. Mit der Erhebung der Cordilleren, welche 5) in die Tertiärperiode fällt, gewannA. die Gestalt einer flachen, langen Insel, welcher vereinzelte Inselgruppen vorgelagert waren. Es entstehen die vielartigen Nnmmnlitenkalke, die später anssterbenden Ricsenthierc und der Mensch; es bilden sich Qnadersandsteine und Braunkohlenlager, die sossilicnreichcn Mnschelsandsteine, die goldreichen Conglomcrate Kaliforniens, als die Sierra Nevada sich hob u. der Sacramcnto ein neues Flnßsystem sich auswühlcn mußte; Süßwasserablagernngen zogen am Ostfuße der Felsengcbirge hin bis zum oberen Missouri, n. üppige Laubwälder erwuchsen dem fruchtbaren Boden Grönlands. Doch stand noch der größte Thcil des heutigen Nord-A. unter dem 1000 m tiefen Meere, als die Eiszeit cinbrach. Die Küste bezeichnet das alte Festland von Baltimore westlich bis znm Mississippi, lief nordwestlich am Felscngebirge entlang n. erreichte in Alaska das Eismcergcstade. Alles Übrige war Meer, aus welchem nur vereinzelte gletscherbedeckte Juscln hervorragten. Eisberge schwammen nach Süden u. hinterließen ihre Spuren in den zahlreichen Findlingen u. glattgeriebenen Felsenenden n. den tief eiugerisscncn Furchen im Boden. Ein Südmccr reichte im Mississippithal bis zur Ohiomündung u. bedeckte einen großen Theil Mittel-A-s. Nun ersvlgcn auch die Dilnvialablagcrungen von Kanada bis Pennsplvanien, in Michigan, Wisconsin, Minnesota, Ohio, Indiana, Iowa u. Illinois, steigen an den Berghängen 2000 m hoch hinaus, füllen die alten Flußthälcr, während Gletscher von allen Hochgebirgen nicderhingen u. Kalktuff- n. Lehmablagernngcn die Pampas Süd-A-s schufen, das schmale Gcbirg aber fast von einem Pol bis znm anderen reichte. Die Bulcane gaben endlich durch Hebnngens Senkungen n. Zerspaltungen dem heutigen A. seine Gestalt, und die Flüsse füllten nach n. nach die Niederungen mit ihrem Schlamme, die Meeresströmungen veränderten ihren Lauf, u. die verschiedene Erhebung des Bodens änderte das mathematische Klima ab. Näheres unter den einzelnen Ländern u. Gebirgs- systemen. Mit nutzbaren Mineralien ist A. ungemein gesegnet. Die an Gold reichsten Gegenden sind: mineral. Verhältnisse). Brasilien: in Goyaz u. Matto Grosso, besonders bei Villa Rica und in der Provinz Minas Ge- raes; Columbia: bei den Städten Antiognia, Choco u. anderen; Chile, Bolivia u. Peru; die Argentinische Republik, die fünf Staaten von Mntel-A., insbesondere Honduras; Kalifornien in Nord-A., wo cs 1849 entdeckt wurde; außerdem mehrere anderen Länder der Vereinigten Staaten, namentlich die südöstlichen (Birginien, Nord- und Slld- Caroliua, Georgia); Kanada; Ncn-Schottland. An Silber ist das reichste Land Mexico, dort liefern die größten Mengen die Bergwerke von Zacatecas n. von Guanaxuato, beide seit Mitte des 18. Jahrh. in Betrieb, n. die von Chihuahua, wo überall gediegen Silber gewonnen wird. Mit Schwefel verbunden liefern Silber: Peru in seinen großen Erzdistricten von Castro-Vireyna; die Minen des Cerro de Pasco, jene von Potosi in Bolivia, deren Ertrag A. v.Hnmboldtscinerzeitanf1600Mill. Thalcr geschätzt hat, wo aber 1851 18 Gruben verlassen waren; Copiapo in Chile, wo es auch als Jodsilber und als Wismuthsilber gewonnen wird, n. Mexico. In den Vereinigten Staaten gewann man 1867 Gold n. Silber zusammen im Wertste von 72 Mill. Dollars, wovon auf das Gold 56tz, auf das Silber 15^ Mill. treffen; in Mexico für 20 Mill. Dollars, wovon auf Gold 1, ans Silber 19 Mill. fallen; endlich in Central- nnd Süd-A. zusammen für 15,300,000 Dollars, welche sich auf Gold mit 5,300,000, auf Silber mit 10 Mill. vertheilen. Wie hoch sich der Ertrag dieser beiden Edelmetalle seit der Entdeckung A-s beläuft und wie viel von demselben ausgesührt wurde, zeigen Schätzungen und Berechnungen in: Blake, 'I'Iio I'rockuetüon ok tlio xrooions Llstnie, New-Uork u. Loud. 1869; vgl. auch: llourn. 8tat. 8oo., Bd. XIV. 43. Platin wird in den Goldminen von Columbia, dann in der Provinz Matto Grosso, ans der Insel Hayti im Saude des Dakeflnsses, endlich in Ostcanada u. in Kalifornien gefunden. Quecksilbergruben haben Peru, in Huan- cavclica; Chile, Mexico, zn San Onofrio, dann Californien, namentlich in Neualmaden n. Neuidria rc., südlich von Francisco, wo es überall in der Nähe der Goldlagerstätten (xlscvrs) vorkommt u. reichlich (durchschnittlich im Monat gegen 5Mqxi- ! mum Mini- Boston Buenos-Ayre^ Caracas Cincinnati . Falkiand -Ins. Havanna . Jamaica St. Louis . Lima . . Martinique j29„ 28„ 33,( 21„ 25,> Maxi-I —28,-; Montreal. 29,^ — 1,7 N.-Orleans — 8,8^O.-Canada 3^,^ —21 ^Paramaribos 2 7 ,5 — 4,ü Quebec . ^ — 6 ,,» Quito . 17,5 14,2 RioJaneiro 27 ,5 Mini- ! mum —29.» 12. 30,8 !-20,o 28 12 . '4 ; ! llO,- dcckie man bei Durango, Chihuahua u. Coahuilaider Temperaturverhältnisse des Conkinents finden iu Mexico, dei Laura Fe de Bogora, wo ein! sich Beispiele in nachstehender Tabelle: förmlicher Regen von Eisenklumpen startgcfunden zu haben scheint rc. Eisenerze kommen in den Kordilleren von Chile, Peru, Columbia vor, dann in Brasilien in Minas Gcräcs, in Michigan, am Obcrn-See, wo mehrere 1000 Fuß mächtige Eisenberge liegen. Zinngrnbcii besitzen Peru, Columbia und Mexico. Blei ist in ungeheuren Mengen vorhanden in Missouri, Illinois, Iowa u. Wisconsin als Bleiglanz (Schwefelblci), ebenso am oberen Mississippi, zv. Ziinapan und Gnanaxuaw in Mexico rc. In überaus reichen St. Louis . — —22,« Salem Massen findet sich auch Zink (als Galmei) in Lima . . — 11 „ Bera-Cruz Nord-A., besonders in New-Jcrsey. An Stein- Martinique 28,« 13„ Wmtcr-Jm kohlen ist A. reicher, als jeder der übrigen Erd- theile. Erwähncnswerrh sind hier noch der Kryo- lirh (eine Verbindung des Fluor mit Natrium n. Aluminium), den man bei Jviktut, am Arksnltfjord iu WGrönland, südlich von Julianchaab gesunden hat; der Borax im Clairsce in Calisornieu; der -Natron- oder Chilesalpeter in Chile und in den Vereinigten Staaren Nord-A-s; Brom in Verbindung mit Silber (pkata, verüo oder grlincs Silber) im District von Plateros bei Zacatccas iu Mexico, ferner in Silbergängen bei Coquimbo in Chile; Steinsalz fast überall in Keuper -c. Tie Ausbeute an Petroleum, das in Len Vereinigten Staaten u. Canada gewonnen wird, ist iu neuerer Zeit zu einer enormen Höhe gestiegen. Die werthvollstcn Edelsteine, namemüch Diamanten, liefert Brasilien bei Diamauliua in der Provinz Minas Geräes; als neue Fundgruben werden die Gegenden bei Acapulco in Mexico u. die Iracolnmitregion einer Goldwäsche in Nordcarolina bezeichnet. L. Klimatische Verhältnisse, Flora und Fauna. Das Klima A-s zeichnet sich durch Feuchtigkeit der Luft n. entsprechend große Regenmenge aus. „Die geringe Breite des Cotztinents," sagt A. von Humboldt, „seine Verlängerung nach den eisigen Polen hin; der Ocean, dessen ununterbrochene Oberfläche von den Passatwindeu erfrischt wird; Strömungen sehr kalten Wassers, welche von der Magelhaensstraße bis Peru gehen; zahlreiche Gebirgsketten, voller Quellen, und deren mit Schnee bedeckte Gipfel sich über die Wolkenregion erheben; die große Zahl von ungeheuren Flüssen, welche nach 'vielfältigen Umwegen immer die entferntesten Küsten aussuchen; Wüsten, die im Allgemeinen nicht sandig n. folglich weniger fähig sind, sich zu erhitzen; undurchdringliche Waldungen, welche die unter dein Aeqnator gelegenen n. fluß- reichen Ebenen bedecken n. in den von dem Ocean u. den Gebirgen entferntesten Theilcn des Landes ungeheure Wassermassen erzeugen, die sie aus der Luft an sich gezogen haben, oder die sich durch die Wirkung der Vegetation bilden: alle diese Ursachen bringen in den niederen Theilen A-S ein Klima hervor, welches durch seine Frische und Feuchtigkeit in entschiedenster Weise gegen das Klima Afrikas absticht. Diesen Ursachen allein muß man die so üppige, so überreiche, so saft- reiche Vegetation u. dieses so dichte Laubwerk beimessen, welche den besonderen Charakter des neuen Cominenrs machen." Für die äußersten Grenzen Pierers Umversal-Conversations-LexilDn. 6 Allst. Hinsichtlich des wässerigen Niederschlages ans der Atmosphäre hier gleichfalls einige Beispiele mitdem Beifügen, daß manden ungefähren jährlichen Rcgenfall ans der ganzen Erde zu etwa 162 om schätzt u. für die nicht gebirgigen Theile Europas 62, für die gebirgigen 113 am annimmt. Es beträgt die Jahresmcngc des Regens in ein in San Francisco 59,,, Baltimore io:!,«, Charleston (Carolina) 121 ,«, Nashvillc (Tcnessec) 137,«, Nat- chez (Mississippi) 147,,, New-Uork 127,«, Philadelphia 106„, Mobile (Alabama) 169,«, Cayenne 351,«, Paramaribo 362,«, Caracas 391,«, Per- nambuco 269„, Havana 231,«, Rio de Janeiro 134,« om. Ein solches Klima ist namentlich dem Pflanzen- wnchse günstig. So finden wir denn auch die Pfla n - zcnweit weit reicher n. mannigfaltiger entwickelt als die Thisrwclt. A. zerfällt in 13 Pflanzcngebicte. Das Gebiet der arktischen Flora umfaßt den hohen N. jcnseir der Polargrenze der Wälder. Folgt man, bei der Beringsstraße beginnend, ungefähr dem nördlichen Polarkreise bis zum Großen Bären- see, um sich von da südlich zu bewegen, auf einer geraden Linie, welche Labrador unter dem 58. Breitengrade trifft, dann hat mau die Grenze der arktischen Flora gegen das südlichere nordamerikanische Waldgebict. Der Charakter der arktischen Flora ist beding! durch die verhältnißmäßig geringe Dauer der Vegctarionsperiodc. Drc Pflanzen, welche ihr angchörcn, müssen einen wenigstens ncnnmonatlichen Winterschlaf anshaltcn können. Sie besitzen eine geringe Größe der oberirdischen Theile u. perenniren fast alle durch unterirdische Stämme, während einjährige Pflanzen fast ganz fehlen. Laubmoose, Flechten, Gräser n. Cypcrgräser, wenige Stauden (Steinbrccharten) u. einige Zwcrgsträncher (Weiden, Birken, Hcidclbecrgewächse), sowie immergrüne Alpenrosen u. Andromeden bilden die durch Größe n. Farbenpracht der Blüthcn ausgezeichnete Flora; Cnltnrpflanzen fehlen. Eigenthümlich sind die Tundren, weite, von Moosen oder von Flechum bedeckte Ebenen. Die Moose lieben die Feuchtigkeit u. bilden die nassen Tundren; die braunen, schwarzen, grauen oder gelblichen Flechten vcgetiren dagegen auf dem sandigen Vcrwitternngsproduct granitischer Felsmassen n. bilden die trockene Tundra. Letztere gewährt dem Thierreiche (Rcnthier) Nährstoffe u. ist diesem daher förderlicher, als die nahr- ungslose Moostundra. Südl.von der arktischen Flora durchzieht eine breite i. Band. Z5 546 Amerika Waldzone ganz Nordamerika; eine Linie, welche von der Mündung des Oregon nach dem Wini- Pcg-See sich nach N. wendet, von da plötzlich nach S. nmbiegt n> an den Mündungen des Mississippi endigt, grenzt sie nach den südlichen Gebieten ab. In diesem Waldgebiete ist cs unter gleichen Parallelkreisen kälter, als in der Alten Welt. So beträgt die Jahreswärme in New - Fort unter 41 " X Br 10,5" 6., n. jene von Brüssel unter 51 " n. Br. 10,4" 6.; dieser Unterschied von 10 Breitengraden gleicht sich indessen nach S. hin mehr u. mehr aus, während er nach N. zu noch wächst. Auch nimmt die Wärme nach dt. zu rasch ab, weil die kalten Gewässer der Polarmcerc durch die seichte Bcringsstraßc n. in der Hndsonsbai keinen genügenden Abfluß haben. So findet man in New-'ljork den Sommer Roms n. den Winter Kopenhagens, in Quebec die Sommerwärme von Paris u. die Wintcrkälic von Petersburg. Diese wechselnden Sommer- u. Wintcrtcmperatnrcn bestimmen den pflanzlichen Charakter. — Den Nordgürtel umfaßt das Gebiet der weißen Tanne, welche in Amerika die Fichte der östlichen Hemisphäre vertritt. Nadelwälder, ans Bäumen von oft ungewöhnlicher Größe, untermischt mit wenig Laub- hölzern, vermitteln, als Zone der Oregon-Tannen, den Übergang zur Zone der Laubhölzer mit periodischer Betäubung. Bon den entsprechenden Eichen- und den Bnchenzonen Europas unterscheiden sich diese Wälder durch die größere Mannigfaltigkeit ihrer Eichen, durch ihre Ulmen, Eschen u. Ahorne. Die Waldzouc der südlichen Staaten wird, wie in Südeuropa, charakterisier durch immergrüne Lanb- holzbänme, denen sich Vertreter tropischer Familien beimischcn. Durch ihre feuchten Sommer erinnern diese Staaten an China u. übertreffen so an Pro- dnctionsfähigkeit in Baumwolle, Reis, Zuckerrohr Europa beträchtlich. Doch gehen diese Vorzüge theilweise wieder verloren Lurch die öde Beschaffenheit des sandigen u. sumpfigen Bodens von Louisiana bis Virgiuicn, welche die langnadcligc Kiefer (kinns arwdralis) bewaldet, n. durch die fast unzugänglichen morastigen 'Niederungen an der Küste des Atlantischen Occans. Die meisten europäischen Culturgewächse gedeihen in Nord-A. Doch ist der Tcmpcratnrwechsel tropischen Gewächsen, z. B. der Orange, oft nachthcilig. Interessant ist, daß der Mais bis zu höheren Breiten angebaut wird, als in Europa, während der Weinstock nur vereinzelt mit Erfolg cnltivirt werden konnte. — Den noch übrigen Theil Nord-A-s, bis znm Wendekreise des Krebses, bedecken das kalifornische Pflanzengebkct u. die Prärien. Die Prärien, die Steppen Nord-A-s, sind baumlose Ebenen, in denen auf die strenge Winterkälte eine sehr kurze, von vorübergehenden Regen cin- gelcitete Vegetationsperiode u. ein dürrer, regenloser Sommer folgen. Ursache der Sommerdürre ist die Trockenheit der vorherrschend westlichen, pacifischen Windströme; diese selbst aber ist Folge davon, daß die kalifornischen Küstenketten u. die Rocky Mountains den Winden ihre Feuchtigkeit entziehen. Die hier sich sammelnden Wassermassen speisen zwar große Ströme, welche die Prärien durchziehen, aber die oft gewaltigen Wasserläufe, die Zuflüsse des Mississippi, des Colorado, des (Flora). Rio Grande dcl Norte dienen der Bodenbcwässer- ung nur wenig, weil sie sich tief in das Land ein- gcschnitten haben, oft so tief, daß in den Schluchten (oanons) kein urbarer Thalbodcn übrig bleibt, bisweilen nicht einmal Banmwnchs die Ströme begleiten kann. Den nordwestlichen Theil des Gebietes bedeckt eine nmvirthbare Salzwüste, deren Boden oft völlig nackt ist, oder eine Vegetation zeigt, welche fast nur aus zerstreut wachsenden Gänsefuß- und geselligen Beifnßgewächsen besteht. Doch gibt es auch hier und dort von der allgemeinen Öde ansgesonderte Oasen, unter denen die der Mormonen von Utah die bedeutendste zu sein scheint. Im Gegensätze zu der Salzwüste ist der nordöstliche Theil des Gebietes eine eigentliche Grassteppe, die Heimath des Bisons, während im S. Agaven u. Liliaceenbänme (istnoea) prangen u. die Cactuspslanzen den höchsten Reichthnm ihrer Bildung entfalten. Die seltenen Bäume n. Stränchcr, welche sich an Ufern u. Gebirgsabhän- gen hin n. wieder finden, sind meist vom Wald- gebiete aus eingewandert. Charakteristisch sind noch Mimoscngesträuche (krosopw), welche für sich allein die Formation der Mezgnite, mit anderen Dorn- stränchern vermischt die der Chapärals bilden. In dem kalifornischen Gebiete bedingen die Gleichmäßigkeit der Temperatur (Sommer und Winter diffcriren oft nur um wenige Grade) n. ein regelmäßiger Wechsel einer feuchten, kälteren u. einer regenlosen, sommerlichen Zeit den Charakter dieses vom reinsten Secklima beherrschten Küstenlandes. Durch die Milde u. kurze Dauer des Winters bevorzugt, durch den regenlosen Sommer vom Waldgcbiete jenscit des Oregon n. durch das der Entwickelung vonBanmsormen nöthige Zeitmaß der Vegetationsperiode von den Prärien geschieden, gleicht Californicn dem europäischen Mittelmcergebiete, wiewol dessen Wärme nicht erreicht wird. Hier hat der europäische Weinbau Wurzel geschlagen, Feige, Pfirsich und andere Früchte reifen zu seltener Vollkommenheit, Cerealien u. Fnttergewächsc liefern stellenweise außerordentliche Erträge. Ungewöhnlich gesteigert erscheint aber die Vegetationskrafr in dem Mammnthbamne (Loguoia o'iMiwgz,), der größten Conifere der Erde, deren Höhe an die der höchsten menschlichen Bauwerke hinanreicht. Andere riesenhafte, wenn auch minder große Nadelhölzer, Lanbhölzer in immergrünem Schmucke, Eichen, Linden, Eschen u. Weiden, Sträncher von Oleander-, Myrten- u. Haidekrautform, sowie zahlreiche Standen n. Matten bildende Gräser vollenden die oft partähnliche Flora dieses kleinen, aber ausgezeichneten Gebietes. Das mexikanische Gebiet zerfällt nach seiner Erhebung über den Meeresspiegel in 3 Zonen: die Golfzone, die Zone des mexikanischen Hochlandes u. die pacifische Zone. — Die Golfzone, ein schmales Küstengebiet, erhebt sich über dem dürren Küstensaume in sanft geneigten Grassavannen, welche zuweilen von Waldungen, selbst reinen Palmenbeständen unterbrochen sind. Eine viel reichere Vegetation tropischer Gewächse erfüllt die feuchteren Schluchten, die Barrancas, welche in die Vulkane von allen Seiten einschneiden. Den oberen Abschnitt der tropischen Region bedecken feuchte Ge- birgswälder mit immergrüner Belaubung. Zu 547 Amerika hochstämmigen Lanbhölzern gesellen sich Farnbäumc, baumartige Lilien, zahlreiche Lianen, darunter die Sarsaparille u. die Vanille, blüthenrciche Orchideen in größter Mannigfaltigkeit, namentlich auch Broineliaceen, mit ihrer Krone, der Ananas. Die tropischen Cnltnren des Kaffes, Pisangs n. Zuckerrohrs finden hier ihre Höhengrenze. Den schneidendsten Gegensatz zu dieser Fülle bietet Jucatan, eine flache, steinige, heiße Savanne, welche nur durch ihre Campechewälder einige Bedeutung besitzt.' Die südlich davon gelegene Mosqnitoküste mit ihren Mahagoniholz liefernden Wäldern bildet den Übergang znm cisäqua- torialen Süd-A. Das Hochland des tropischen Mexico hat ein äußerst gleichmäßiges Klima mit einer etwa dem Sommer von Paris entsprechenden Wärme. In seinem Vegetationscharaktcr, seinen Agaven, dornigen Mimosen n. Cactnspflan- zen nähert es sich den südlichen Prärien, doch gestattet es vielfach die Cultur des Ölbanmes, der Maulbeere, der Rebe, namentlich auch der den Pnlqne liefernden Agaven ist das Reich der Landkrabben. Affen sind selten; am weitesten nach stk. gehen die Klammeraffen (-Lto- kss). Zahlreich finden sich die Fledermäuse, namentlich die Blattnasen. Bon Fleischfressern Par- 5oO Amerika (Fauna). delkatze, Vielfraß, Wickel- und Waschbär, Stink- Ihier, Fischotter. Unter den Nagern reichen Agnti und Paka ans die Antillen. In den Maisfeldern der mexicanischen Hochebenen ist die Tascheninaus (A-soomz-s nrsxillktnns) charakteristisch. Das crd- wühlende Stachelschwein ist durch ein banm- bewohnendes (Osroo1nbs8) ersetzt. Zwei kleine Hirsche vertreten die Wiederkäuer. Die zwei Nabelschweine find die häufigsten Jagdthicre nnd werden zuweilen gezähmt. Die Vögel haben thcils nord-, theils slidamerikanischcn Typus. Papageien bewohnen die Küstenwälder, ksittn- cus t'osbivus ist eine Plage für die Maispflan- zungcn. Penelope- nnd Hokkohühner steigen nicht über 600 in hinauf. An ständigen Sängern fehlt cs. In den waldigen Bergen der Antillen wohnt der fruchtfresscnde westindische Rabe. Von Reptilien sind die Panzercchsen durch 2 Krokodile und 3 Alligatoren vertreten; von den Eidechsen treten die Leguane in den Vordergrund, unter diesen die Anobi; neben kletternden Echsen erscheinen schon Baumschlangeii, doch fehlen die Klapperschlangen. Bcinerkenswerth der Bentelfrosch (Opm- tlioäelpbz-s). Schnellkäfer nnd Bockkäfer ragen unter den Jnsectcn hervor. Besonders charakteristisch sind aber die Züge des Tnrlurn, einer nächtlichen, blntrothcn, pflanzenfressenden Landkrabbe, welche zu Hnnderttansenden zur Brunft nach dem Meere ziehen. Mollusken sind sehr zahlreich, man kennt über 400 Arten: Schnirkcl- nnd Säulchenschnecken sind am zahlreichsten, dann Vielfraß-, Achat- und Puppcnschnccke. Jede der Antillen hat ihre Eigcnthümlichkciten. Besonders reich ist Jamaica. Brasilien, das Reich der Zahnlosen, der breitnasigen Affen nnd der Welse, umfaßt die Pflan- zcngcbiete der Hyläa und des transäquatorialen Brasilien. Die Fauna unterscheidet sich ganz von jener Nord-A-s, zeigt aber manche Anklängc an Ostindien und die Sundainseln. Den zoologischen Charakter bilden von den Landthiercn die zahlreichen (10 Arten) Zahnlosen (Amciscnfresscr, Gürtelthiere, Fanlthiere) nnd die breitnasigen Assen (80 Arten). Außer den Affen finden sich noch zahlreiche banmklctternde Säugethiere mit Greifschwänzen. Ein negativer Charakter ist noch der Mangel an kolossalen Säugethiercn, wie sie in den Tropen der Alten Welt Vorkommen (Elefant, Nashorn rc.). Unter den Fledermäusen fehlen die sruchtfrcssenden gänzlich, dagegen sind die blntsaugenden (Vampyre) zahlreich. Jnscctenfresser fehlen. Die Marder werden durch kleine Beutel- rarten n. Stinkthicre ersetzt. Die Katzen sind zahlreich (Puma, Jaguar rc.), erreichen aber niemals die Größe jener der Alten Welt. Trotz des Wald- rcichthnms sind die Eichhörnchen weniger zahlreich, als in Nord-A., u. die Flughörnchen n. Feldmäuse fehlen; dafür baumbewohnende Schrott- mäuse nnd Stachelschweine. Die mit husartigen Pfoten versehenen Nager sind sür Süd-A. charakteristisch, unter ihnen das größte Nage- khicr, das Wasserschwein. Bon Wiederkäuern einige Hirsche. Im Orinoco n. Madeira leben Delphine. Manatis (Seekühe) gehen den Amazonas hinauf und bilden stellenweise ein Hauptnahrungsmittel. An Neichthnm u. Mannigfaltigkeit der Vögel über- trifft dieses Reich jede andere Gegend der Erde (allein von den spcrlingsartigen Vögeln besitzt cs mehr als 1000 ihm eigenthllmliche Formen). Unter den Raubvögeln sind die aasfressenden vorherrschend; unter den Singvögeln sind typisch Kolibri, Kletterschwänze, Töpfervögel, Guacharo (Ltsatornm), Schmuckvögcl (Uipra), Felshühncr (Unpivoln), Tanagra, Trnpiale, Staardohlen, Madenfresser, Tukane n. Glanzvögel (Onlbullän); dazu kommen zahlreiche (über H der bekannten 350 Arten) Papageien. Von Hühnern sind die Penclopiden oder Jaknhühner zu erwähnen. Ans den großen Ebenen Brasiliens lebt der amerikanische Strauß (Nandu, Itbsn). Unter den Echsen finden sich viele Krokodile und Alligatoren (z. B. der Jacarc), Warneidechsen n. a. Die Riesenschlangen (nur Lvläa) sind beinerkenswerth, so der Königs- schlinger, bis 10 in, nnd die Anakonda, bis 13 m lang; Klapperschlangen sind zahlreich; Wickelschlangen n. prachtvoll gefärbte Banmschlangen sind charakteristische Formen. Dazu von den Echsen noch die oft fnßlosen und dann schlangenähnlichcn Doppelschleichen. Landschildkröten in der Ebene des Orinoco halten in der trockenen Jahreszeit einen Sommerschlaf. Frösche sind zahlreich, darunter als eigenthllmliche Formen die Wabenkröte, Horn-, Panzer-, Trngfrosch n. bunte Laubfrösche. Die Fische des Slißwassers sind verwaltend Lachse, Welse (250 Arten, die Hälfte aller bekannten) und Lippfische. Bezeichnend sind die Panzcrwelse, elektrischen 'Aale und die Rochen ii:i Orinoco. Vom Amazonas kennt man 2000 Fisch- artcn, n. fast täglich entdeckt man neue. Die Familien zeigen vielfache Verwandtschaften mit marinen Gruppen, was der Fischfanna ein reichhaltiges Gepräge gibt. Sehr viele von den Wasserlachen der Urwälder haben ihre eigenen Fischfor- mcn. Ungeheuer ist die Zahl der Jnsecten: in Übereinstimmung mit dein Pflanzcnreichthnm und der Feuchtigkeit ist ihre Zahl Oinal so groß, als die Europas, auch finden sich hier die größten Arten (Hercnleskäfer). Die Vcgetationsgcbiete der Andes, von Chile, sowie die nördliche Hälfte des antarktischen Wald- gebictcs bilden in zoologischer Hinsicht nur ein Reich, Peru-Chile, das Reich der Kamelschafe u. des Kondor. In den niederen Regionen zeigen die Säugethiere eine große Übereinstimmung mit den brasilianischen, und an den östlichen Abhängen der Cordillcrcn geht die andesische Fauna in die brasilianische über. Äffen, Fledermäuse, Hunde, Katzen u. Beutelratten sind indessen minder zahlreich, als dort. Als Thiere der höheren Regionen, die sich im heißen Tieflande nicht finde», von denen aber mehrere längs der Anden in die südlich gemäßigte Zone übergehen, sind vor Allein zu erwähnen die äußerst wichtigen Kainelschase (Lama, Alpaka, Viknnna n. Guanako), sodann der Andeshirsch und einige Nager. Von Vögeln sind die Geier zahlreich vertreten; der größte von allen, der Kondor, folgt den hohen Andesrücken bis nach Patagonien; die übrigen Typen zeigen Verwandtschaft mit den brasilianischen. Von niederen Thieren sind große landbewohnende Würmer erwähnens- werth. Die Pampas bilden ein besonderes Thierreich, k 551 Amerika (Bevölkerung). gleichwie sie mich ihre eigene Flora besitzen: sie sind das Reich der Hasen- oder Wollmänsc und der Harpalidcn (gewisse Laufkäfer). Im oberen TheU dieser Region zeigt sich ein allmählicher Übergang zur brasilianischen Fauna, denn einige Affen, Blannasen, Nasen- n. Waschbär reichen bis nach Paraguay. Bon vorwiegender Bedeutung sind aber die grabenden Nagethiere, die Wollmänsc (namentlich der Biscacha). Gürtclthicre sind über die ganze Ebene verbreitet. Hnfthierc fehlten ursprünglich, haben sich aber seit Besitznahme der Spanier massenhaft vermehrt. Die Bügel nehmen von N. nach S. immer mehr ab; bemerkenswert!) dic Höhlcncule; Heerden des amerikanischen Straußes kommen noch vor, zu ihm gesellt sich im südlichen Theil der Darwinsche. Reptilien sind schwach vertreten. Unter den Jnsccten sind die Laufkäfer zahlreich n. unter diesen die Gruppe der Harpalidcn. — Die südliche Hälfte des antarktischen Waldgebietes bildet das patagonische Thierreich, das Reich der Gnanako und des Darwinschen Straußes. Als vorwaltende Thiere erscheinen auch hier die grabenden Nagethiere; zu ihnen kommen einige Gürtelthicre. Das Gnanako findet sich häufig in kleinen Heerden und ersetzt die Antilopen der Stcppcngegenden der Alten Welt. Der Kuguar reicht noch bis hierher. Unter den Vögeln ist ein kleiner Srranß (Lima Oarrvivü.) der bezeichnendste. §. Bevölkerung. Die Gesammtzahl der Einwohner beträgt gegenwärtig nach Schätzungen in runder Summe 84,524,000, wonach sich eine relative Volksmenge von nahezu 114 Ew. ans 1 UM berechnet, während in Europa 1657, in Asien 988, in Afrika 351 und in Australien 25 Menschen auf eine UM kommen. Hiervon fallen auf Nord-A. 51,964,000, ans Snd-A. 25,675,000, auf Mittel-N. 2,671,000 u. auf Westindien 4,214,000. Sic theilcn sich in 3 Haupkacen, die amerikanische, mittelländische n.Negerracc; die crsterc wird von der amerikanischen Urbevölkerung gebildet, die zweite u. dritte bestehen ans den cingcwandcrten Enropäernu. Afrikanern; hierzu kommen die Mischlinge n. die seit neuerer Zeit gleichfalls eingewan- Lerten Chinesen n. Japaner in Nord-A., namentlich in Californicn n. Wcstindien, dann die Indier (Kulis) ans den Antillen und in Gniana. Die Ureinwohner lassen sich ans zwei Hanptstämme zurückführen: Eskimo n. Indianer, die aber, nach der neueren Annahme, beide ans Asien her über die Beringsstraße eingcwandcrt sind (s. oben). Die Eskimo, deren Name (Esgnimantsik) Roh- fleischcsser bedeutet, wurden von Blnmenbach zur mongolischen Race gerechnet, in neuester Zeit aber hat man sie mit verwandten Völkern Asiens und Europas der arktischen u. borealen Race vereinigt, während Peschel sic als Beringsvölkcr wieder zur mongolischen Race rechnet. Sie bewohnen die Pvlargcgenden, in denen sie hin- und herziehend vorzugsweise von Jagd u. Fischfang leben n. bei Weitem nicht die Zwerghaftigkeit besitzen, die ihnen gewöhnlich beigelcgt wird. Sprach- n. blutvcr- wandt mit den Eskimo sind die Bewohner in dem nördlichen und westlichen Theil des ehemals russischen A., die man auch alaskische Eskimo genannt hat; ihre Wohnplätze sind die User des Beringsmeeres, die Halbinsel Alaska u. die angrenzende Küste ostwärts bis zum Eliasberg (vgl. Whymper, Alaska, Brannschw. 1869). Die Indianer bewohnen Las ganze Festland von Nord- und Süd-A. und können, obwol sich eine außerordentlich große Anzahl von Völkerschaften mit mehr als 400 Sprachen Nachweisen läßt, nach Morton unverkennbar ans einen gemeinsamen Stamm znrnckgefnhrt werden. Roihe Race, Roth- hant sind nicht für alle passende 'Namen, weil die Hautfarbe durchaus nicht bei allen eine n. dieselbe ist, sie schwankt vielmehr von südenropäischer Bräunung bei den Botokudcn bis zur tiefsten Dunkelnng bei den Aymara, oder bis zu kupfer- roth bei dem sonorischen Völkerstamme; der Schädel zeigt nicht selten vorspringende Kiefer, aber, wie bei den asiatischen Mongolen, bleibt der Progna- thismns stets in mäßiger Ausbildung. Man thcilt sie in folgende Völkerstämme: 1. Die Kcnai-Völ- ker in Alaska n. den angrenzenden Thülen des britischen Nord-A. 2. Die Athapasken (bei den Engländern Oiiipxervaz'ans), vom Ausflusse des Mackenzie südwärts und vom Unkon im W. bis zur Mündung des Churchill im O.; zu ihnen gehören die sogenannten Hasen-, Hnndsrippcn-, Gclbmesser-, Kupferminen-, Biber- und Berg- Indianer u. im S., vom Hanptgebicte getrennt, die Apachen. 3. Die Algonkin im O. der Hud« sonsbailändcr, ehemals auch im NO. der jetzigen Ver. Staaten, wo sie den Stamm der Lenni-Lenape oder Delaware» bildeten; auch die Illinois, Sanks und Foxes gehörten zu ihnen; ihr nordwestlichster Theil sind die Schwarzfüße an den Zuflüssen des Saskntschawan. 4. Die Irokesen, welche am Lorcnzstrom u. an den canabischen Seen wohnten n. von den Algonkin rings umschlossen waren; zn ihnen gehörten die Mohawk, Onondago, Hnronen n. A. 5. Die Dakotah (Sioux) am oberen Missouri, mit den Kansas, Osagcn, Mandancn, Assineboins n. A. 6. Die Pawnce am Platte u. Kansas. 7. Die Appalachen, ehemals östlich vom Mississippi bis znm Atlantischen Ocean, mit den Cherokee, Ca- tawba, Choctaw, Creeks, Alabama, Natchcz n. A. 8. Die Nordwcst-Indianer in Alaska n. Britisch-Columbia am Großen Ocean (Jalntat, Koloschen rc.) u. auf der Vancouver-Jnsel. 9. Die Oregon-Indianer. 10. Die californischen Völker. 11. Die Duma am unteren Colorado und Gila. 12. Die Indianer von Sonora n. Texas. 13. Die Ureinwohner Mexicos (Totonaken, Otomi, Mix- tekcn rc.). 14. Die einstigen Überwinder der Vorigen, die Azteken u. ihre Verwandten (Utah, Schlangcnindiancr, Comanchen rc.). 15. Die Maya in Uncatan. 16. Jsolirtc Völker Central-A-s und Westindiens (Cholntekcn, Ororina, Chondal, Tcrraba, Bornca rc.). In Snd-A. finden wir 17. die Arowaken n. Caraiben in Venezuela n. Gniana; 18. die Tnpi, Guarani und Omagua zwischen dem Maranon und Paraguay, zu denen u. A. die Bvtokndcn und Puri gehören; 19. die Andes-Völker, westlich von den Vorigen im O. der Cordillercn (dazu u. A. die Moxo, Chignito in Peru u. Bolivia rc.); 20. die Gnaycuru-Abi- poner in Paraguay n. dessen Umgebung; 21. die Pnelchen in den Pampas des Platastroms; 22. die Tehuelchcn oder Patagonicr; 23. die Feuer- länder. Im W. der Anden endlich wohnen: )52 Amerika (Religionen, Sitten, Staatliche Einteilung). 24. Die Araucaner in Chile n. thcilweisc östlich davon in den Pampas; 25. die Qnihna-Völkcr mir den Aymara, einst die Besitzer des Reiches der Inkas nnd 26. die Chibcha oder Mnisca in Co- lnmbia. Die wichtigeren dieser Stämme werden in besonderen Artikeln besprochen werden. Bon der mittelländischen Race leben in A. hauptsächlich Einwanderer n. Nachkommen solcher von der germanischen nnd romanischen Familie, von jener vorherrschend in Nord-A. mit circa 40 Mill., darunter etwa 8 Mill. Deutsche, von dieser dagegen in Mittel-- nnd Süd-A. mit etwa 20 Drill., und zwar vorwiegend Spanier und Portugiesen. Semiten, und zwar Inden von europäischer Cnltnr gibt cs besonders in Nord-A. Die schwarze oder Negcrrace zählt in A. an 10 Mill. Seelen, von denen gegen 4ls Mill. ans die Bereinigten Staaten in Nord-A., 4 Mill. auf Brasilien nnd die übrigen ans Wcstindien kommen; die Sklaverei ist überall abgeschafft nnd bei sehr vielen Negern, wie auch bei den Mischlingen, hat das Christcn- thnm eine Stätte gefunden; auf Hayti sind sie zur Bildung eines selbstständigen, aber nichts weniger als geordneten Staates gelangt. Während die Urbevölkerung stets an Zahl abnahm, wuchs die Negcrrace ungeachtet der Sklaverei fortwährend, nnd zwar in den Vereinigten Staaten von 1780 bis in die neueste Zeit mit jedem Deccnninm mn 28 Proccnt. Unter den Mischlingen (etwa 10 Mill.) sind die zahlreichsten die Mulatten (Nachkommen von Europäern und Negern), dann die Mestizen (Nachkommen von Europäern und Amerikanern), die Zambo (Nachkommen von Indianern und Negern). ü. Bon den Religionen hat das Christen- thuin in allen Ländern A-s Eingang gesunden, der Protestantismus ist vorherrschend in ganz Nord-A., dann in den Colonicn der Engländer n. Holländer, während der Katholicismns in den Staaten spanischen n. portugiesischen Ursprunges, d. h. in den mittel- und südamcrikanischen Republiken nnd Brasilien, ferner in den französischen n. spanischen Besitzungen überwiegt. Die Eskimo u. Indianer sind Heiden, doch hat auch bei ihnen das Christcnthum schon ziemlich, weite Verbreitung gefunden; bezüglich der Sprachen j. Amerikanische Sprachen. 8. Über Sitten u. Gebräuche, Gewerbe, Industrie nnd Handel findet man unter den einzelnen Ländern das Erforderliche. Es sei jedoch hier summarisch bemerkt, daß in A. im I. 1874 an Eisenbahnen 126,343 Am, an Telegraphen- linicn mindestens ebenso viel in Betrieb waren, u. daß cs mit Europa allein durch mehr denn 30 Postdainpfcrlinien u. durch 5 unterseeische Kabel in Verbindung steht. I. Mit Ausnahme einer einzigen Monarchie (Brasilien) sind die selbstständigen Staaten A-s Republiken, sie heißen von N. nach S.: 1. Die Bereinigten Staaten von Nord-A., 2. Mexico, 3. Guatemala, 4. San Salvador, 5. Honduras, 6. Nicaragua, 7. Costarica (die 5 letzten in Cen- tral-A.), 8. die Negerrcpnblik Hayti, 9. San Domingo (diese beiden ans der Insel Hayti), 10. Venezuela, 11. Columbia, 12. Ecuador, 13. Peru, 14. Bolivia, 15. Chile, 16. die Argentinische 'Conwderation, 17. Paraguay, 18. Uruguay, 19. das Kaiserthnm Brasilien. Die vorhandenen Colonien u. Besitzungen der Europäer sind: a) die britischen, weitaus die bedeutendsten, welche bestehen ans: Dominion ok Oanaäa, umfassend Ober- canada (Ontario n. Niedcrcanada (Quebec), Neu- Schottland, Ncn-Brannschweig, Prinz Edwards- Insel, Manitoba, Britisch-Colnmbia n. Nordwest- territorinm, was alles zusammen 9,099,000 dsicm oder 165,250 sWM mit (1871) 3,718,745 Ew. ausmacht; dazu kommen noch die Insel Neufundland, die Bermuda- nnd die Bahamainseln; von den Kleinen Antillen: Trinidad, Tabago, Grenada, St. Vincent, Barbadoes, Santa Lucia, Dominica, Antigua, Barbuda, Angnilla, St. Christoph (Kitts), Nevis n. Montserrat; von den virginischcn >I»scln: Virgingorda, Tortola u. Anegada; dann !Jamaica, Honduras oder Balize auf Aucatan; weiter Britisch-Gniana, die Falklandsinseln und die unbewohnte Staateninsel, woraus sich für die britischen Besitzungen in A. insgesammt (mit Einschluß obiger Summe) 9,507,650 (Wui oder 172,669(IW mit 5,161,210 Ew. ergibt, b) Spanien besitzt nur mehr die Inseln Cuba und Portorico mit 128,147 Hstcm oder 2327 ^IM mit ^ 2,060,870 Ew. o) Holland hat an Westindien durch die Inseln Cnra^ao, Ornba, St. Martin, , Bonaire, St. Enstache n. Saba u. durch Surinam jan Gniana thcil, was zusammen 119,321 2167 HIM, mit 60,000 Einw., ausmacht. cl) Frankreich gehören die Inseln St. Pierre nnd Miquelon bei Neufundland, Guadeloupe n. Martinique in Westindicn n. das französische Gniana, zusammen 124,456 (Win oder 2260 WM mit 360,680 Ew. o) Dänemark besitzt in Westindien die Insel St. Thomas, n. St. John n. Ste. Croix (Santa Cruz), welche zusammen 359 (Klein oder etwas über 6^-HID(mil37,821 Ew. beziffern, dazu kommen seine Niederlassungen in Grönland, in welchen man 9825 Menschen zählt. Endlich t) Schweden hat die Antillcninscl Barthclemy mit 21 HIKm -- 0,38 HW u. 2900 Ew. Weiteres s. bei den Namen der einzelnen Länder. L. Literatur. A. v. Humboldt nnd I. Oltmann, Untersuchungen über die Geogr. des neuen Continents, Par. 1810; A. v. Humboldt n. A. Bonpland, VozaAs anx röAions egninoxinlos än nouvsau oontinsnt kalt sn 1799—1804, mit Atlas, Par. 1815—1831; A. v. Humboldt, Ansichten der Natur, Stnttg. 1849 ; Dcrs., Dxamsn oritigus cis 1'Iristoirg äs In AevAr. ein nouveau eontinsnt rc., Par. 1836—1839; Ders., Vne (iss 6orciiUsrss st monumsnts (iss peuplos inäiZsnss äs 1'A.merigns, Paris 1816; H. G. Hind, Dxplorations in tirs Interior ob tirs Da- draäor psninsnla, Lond. 1863; G. M. Sproat, Lesnos ancl Ltnäies ob savaAe Dito (Vanc. Islanä), Lond. 1868; Wappäns u. Delitsch, Handb. der allgemeinen Geogr. von A., Lpz. 1855—1871; Long, Porter u. Tucker, ^msrioa anä ilis Vest- Inäiss, AsoArapüieaUz- clssoribocl, Lond. 1845; Evcret, Amsiiea or a Ksnsral Lurvsv ot tüo politisal Lituation ob tirs ssvsral Dovers ok tirs Gestern Oontinsnt, Philad., deutsch Hamburg 1828; Waterson, >VanäsrinZ;s in Lontir America, tks istortüvest ob tüo Ilnitsci Ltatos anä tüs W-nn-^ WW AjDW S- ' kV / .-«K v v V .,V 7- F.MsLL. » ^WU K ^ '» "M WWW -W. 5 .'!-°;. 'ÄWM s ... ?WWÄ-4r4M MM - HL^MFV c 7?-^ VtÄ'-B LL>^'M -sÄV"^ 'M >' 7 / >r -S 8 S M i^> ^ 7 ' VL ^r e2.-< ^ 8 sT °s MÄM Lb«M Amerikanisch,: Mcrthümcr. 553 stillos, Lond. 1825, neu 1871; O. Delitsch, West- indicn u. die Südpolarländcr, geogr. und statist., Lpz. 1871; Kunstmanu, Die Entdeckung A-s nach den ältesten Quellen dargestcllt, Miinch. 1859; Kohl, Geschichte der Entdeckung von A., Bremen 1861; Frdr. von Hcllwald, Die amerikan. Völkerwanderung, Wien 1866; v. Martins, Beiträge zur Ethnogr. n. Völkerwanderung A-s, Lpz. 1867; v. Martins, Beiträge zur Ethnogr. n. Sprachen- knnde A-s, Lpz. 1867; Brinton, Mrs mMis ok tüs I7e>v ^Vorlci; a trsatiss ok tbo sznnbolism anci mvtüoloA^ ok tüs reck rase in Amerioa, New-?/ork 1868 ; A. Morclct, Reisen in Central- ameritä, deutsch v. Hertz, Jen. 1872; Die Eisenbahn durch die Anden von Peru, Mitthl. der Geogr. Gescllsch. in Wien, 1873,Nr. 7; v. Hlibner, Ein Spaziergang um die Welt, Lpz. 1874. Amerikanische Alterthiimcr. "Alexander v. Humboldt unterwarf die A-n A. zuerst einer wissenschaftlichen Forschung. Seitdem haben sowol ganze Gesellschaften (n. a. die Ethnographische in New- Jork), als auch einzelne Gelehrte, wie Sqnicr, Davis, Schcrzer, Stephens, Norman, Dr. S. Wilson, Fr. v. Kittlitz u. A. sich erfolgreich mit der Aufsuchung n. Classificirung derselben beschäftigt, das Gefundene ausführlich beschrieben und das Sammelbare in Museen aufgehoben, so zu New- Jork, Mexico, Washington. Alan theilt dieA-n A. in nord-, süd- n. mittamcrikan. A. Von den cin- sachsten Cnltnrzustände» zeugen die in den Vcr. Staaten, namentlich im Stromgebiete des Mississippi, aber auch in Florida n. sogar in Utah gefundenen. Es sind meist hügelartige Erdanhäuf- nngcn (Llounäs), hin n. wieder unter Verwendung von Steinmaterial errichtet, in erstaunlicher Anzahl (im Staate Ohio allein über 10,000) n. oft von großer "Ausdehnung; so ist der Monnd von Cahokia 220 m lang, 160 m breit n. 28 in hoch. Oft bilden sie in ihrer Form Nachahmungen von Menschen- oder Thiergcstalten, oder symmetrische Figuren. In den Ländern am Golfe von Mexico findet man sowol in den Umwallungen der Monnds, als auch in ihrem Innern Backsteine. Man will in ihnen Gräber, Altäre, Tempel oder die Überreste von Wohnungen erkannt haben. In den Monnds finden sich oft gebrannte Vasen, Pfeifcnköpfe, Schmncksachcn, Waffen ans Stein n. Kupfer, letzteres um so merkwürdiger, als die Indianer, mit denen die zuerst in Amerika an- kommcnden Europäer znsammcntrafen, nur steinerne Geräthc kannten. Es wäre vergeblich, die Zeit der Entstehung der Monnds, die ethnographische Zugehörigkeit ihrer Erbauer rc. fcststellen zu wollen. Sicherlich waren sic nicht die Vorfahren der heutigen Indianer, eher stehen sie mit den Tolteken Mexicos in verwandtschaftlichem Zusammenhang. Weit bedeutender sind die Stcin- u. Felsbantcn SAmcrikas, darunter (unwcit'La Paz in Bolivia) die riesigen Mauern bei Tiahna- naco, ans Felsblöcken von 120 ebm bestehend, dann die Ruinen eines Jnkatcmpels und die des Pachacamac; ferner zahlreiche Knnststraßcn, wie die großartige, theils über Abgründe, theils durch Felsen geführte Straße von Quito nach Cuzko; endlich Sonnentempcl, wie der zu Cuzko. Auch Hieroglyphen und rnnenartige Schriftzeichen auf Felswänden, sowie Mumien finden sich in Südamerika. Die plastischen Arbeiten in Thon oder edlen Metallen sind meist sehr genau und naturgetreu gearbeitet. Die Architektur der in exica irischen Denkmäler (12. oder 13. Jahrh.) trägt durchaus den pyramidalen Charakter. Die Teocallrs (Gotteshäuser) steigen meist terrassenartig bis zu einer Höhe von 40—50, ja sogar 100 m empor u. haben eine größere oder kleinere Plattform, auf der sich eine Kapelle oder eine Halle befindet. An einer oder mehreren Seiten sind sie mit breitcli, steilen Treppen versehen, die oft zickzackartig von Stufe zu Stufe weitcrführcn. Große Höfe und Priesterwohmmgcn umgaben den Fuß dieser ab gestumpften Pyramiden. "Am berühmtesten sind diejenigen von Cholnla, Papantla, Jochicalco n. a. In den Tempeln n. Wohnungen fand man Inschriften, gemeißelte Ornamente, auch Statuen n. Reliefs von strenger, aber nicht unedler Form, kolossale Götzenbilder, alles meist mit lebhaften Farben angemalt, sauber gearbeitet n. von großer technischer Fertigkeit zeugend. Auch finden sich in verschiedenen Gegenden Ruinen von Stavren. Die eigentliche Region derStädtcrnineu ist aber Mittel - Amerika. In Guatemala kennt man deren außer kleineren 7 größere. "Auch Honduras hat eine bedeutende Anzahl solcher gininen mit znm Theil kolossalen Gebäuden n. künstlerisch hochstehenden Scnlpturarbciten aufznweisen. Die "Alterthümer Nicaraguas befinden sich größtentheils auf den Inseln des gleichnamigen Sees; auf einigen derselben entdeckte Squier 1850 eine Anzahl großer Götzenbilder, welche von den übrigen Sculptnren dieser Region gänzlich verschieden sind. Alles dies wird aber durch Großartigkeit u. Pracht von den Alterthümern der Halbinsel (Yucatan übcrtrofscn, wo die Zahl der bis jetzt entdeckten Rninenstädte nicht weniger als 45 beträgt. "Auch hier finden sich große, mit Stein gepflasterte Straßen, außerdem zahlreiche Cistcrn'cn (wegen des Wassermangels der Halbinsel), sogar eine unterirdische Wasserleitung, eine 19 m lange Brücke rc. Die meiste Bewunderung haben die Monumente in Nxmal, Nochacab, Kebah, Chichen-Jtza, Jabah n. a. O. hervorgcrnfcn. Peru hat uralte Tcmpelruinen ans riesigen Terrassen, mit Begräbnißstätten, sowie Fclscnscnlptnrcn, von welchen Hutchinson behauptet, sie seien weit älter, als die Zeiten der Inkas. Ans den Chincha-Jnscln fanden sich unter dein Guano in großer Tiefe geschnitzte Götzenbilder n. Gefäße von schöner Politur. Vgl. Brannschweig, Amerikanische Denkmäler, Berl. 1840; Bradford, ^morioan Xntignitiss, New-Dork 1842; Kings- borough, Antignities okLloxioo, Lond. 1829—48, 9 Bde.; Gailhabaud, iLntiguitso moxioaiirss. Par. 1834—36; I. L. Stephens, Inoiäsnts ok Travel, Osntral America, 10. oclit., 2 Bde., Lond. 1843, heransg. v. 6atlrsrtvoocl. ebd. 1854; Inoicisnts ok Travel, luoutan, 2 Bde., ebd. 1843;Rcbcl, Vozaixs pittoresgns st areltsoloAigno sn ltlexigne, Par. 1836; Waldeck, VoxaAS yittorssgus st arefiso- loAistue snHatan, ebd. 1834; Norman, Rambles (inHatan, Pbilad., 7. A. 1849; Charnay, Oitss ^et ruius8 amsrio., Par. 1863; Squier, Ämeiont , lilonuments ok LIississippi Valley, heransg- v. (Davis, Wash. 1848; ^.ntiguitiss ok tlrs Ktats 554 Amorikanischc Gans — vk Xmv-Xork, New-Aork 1851; blistorz' ok Xi- ) der Jroke- sische Sprachstamm an der Ost- n. Westseite des Mississippi u. an den Seen; zu ihm gehören die Sprachen der sechs Nationen (Mohawk, Senekä, Onondago, Oneioa, Caynga n. Tnscarora), der Hnroncn, Wyandot, Winnebago u. a.; o) die Sprache der Sioux (Nadowessier, Dacotah und Osagcn); ä) der Athapaskische Sprachstamm, Sprache der Apachen, Lipane, Navajo; s) die Algonkin-Sprachen, dicsseit des Mississippi, Mohe- gan, Ottawa; k) das Appalachische, die Sprache von Florida, im S. der Ver. Staaten, wozu die Sprachen der Chickesah, Choktah und Cherotesen gehören; §) die Oregon-Sprachen, Atnah, Chinook; dazu gehören noch einzelne Familien, das Koloschische und Keuai im N., das Duma und Pcricn in Californien, die Sprache der Pueblo in Texas. L) Unter den Sprachen Mittel- Amerikas sind zu nennen: u) der Poconchi-Stamm, K wozu außer dem eigentlichen Poconchi in Guatemala die Kachikcl-, Maya- u. Huasleka-Sprachen gehören; b) der aztekische Stamm auf dem Plateau von Mexico, namentlich die Mixtcca-, Totonaca-, Otomi-, Pirinda- und Tarasca-Sprache; e) die Sprachen nördlich von Mexico, unter denen die Cora, mit der mexicanischen verwandt, die Tcpe- guanische, Tarahnmarische u. Pima-Sprachc zu erwähnen sind. 6) In Südamerika sind folgende Sprachstämme oder Sprachengrnppen zu rmter- schciden: u) die Sprachen der nordwestlichen Ge- birgsländcr bis zur Landenge Darien, unter denen die Chibcha oder Muiska noch am bekanntesten ist, sind ansgestorben; l>) die Tamanakische, Arowa- kische und Caraibische Sprache an der Nordküste; e) die Sprachen der Völkerschaften um den Ca- sanare und oberen Orinoco, der Darnro, Gnajiro u. Ottomaken; ä) die Sprachen der Völkerschaften zwischen dem Rio Negro u. oberen Orinoco, unter Lenen die Maipnri und Salivi am bekanntesten sind; e) die Sprachen der Agnano, Maina, Jamco, Oinagna n. A. im O. von Quito bis znm Rio Negro hin; k) die Sprachen im O. von Peru, als die Zamuca-, Chiqnito-, Rkoxo-Sprache n. a.; tz-) die Sprachen Perus, namentlich die Kechna und Aymara; li) die Sprachen der Völker S au der Westseite des Paraguay bis zum nördlichen . Chako hinauf, unter denen die Mbaya, Abipo- nischc, Gnaycnrn und Lule die wichtigsten sind; i) die brasilischen Sprachen, deren man, mit Ausnahme der sogleich zu erwähnenden Tnpi- sprache, 51 gezählt hat, von denen aber wenig oder nichts als die Namen bekannt sind; k) der Gnaranistamm, wozu auch die Sprache der Tnpi l Amorimmsmus — Amgun. 55L oder Ureinwohner Brasiliens gehört; I) die Spra- chen verschiedener Völkerstämmc an der Ostküstc zwischen dem Rio de Plata n. Maranon, wie der Charrna, Daro, Kasigna n. a.; in) die Sprachen der Südspitze, worunter die der Araucancn, auch Moluchen genannt, in Chile, und die der Te- hnelche in Patagonien am bekanntesten sind. Die wichtigsten dieser Sprachen sind in besonderen Artikeln behandelt. Amerikanismus, 1) die englische Sprache, wie sie in den Der. Staaten NAmcrikas gesprochen wird. Sie unterscheidet sich von der in England herrschenden durch nicht selten verschlechterte Aussprache, fehlerhafte Flexionen, Gebrauch gemeinsamer Wörter in anderer Bedeutung, Entlehnung von Ausdrücken ans fremden Sprachen u. Neudildungcn. Örtliche Verhältnisse, besonders die Mischung der englischen Ansiedler mit anderen Nationalitäten, haben diese im Ganzen doch mir verschwindende Verschiedenheit herbeigesiihrt. Die besten dahin einschlagendcn Wörterbücher sind die von F. Pickering, Boston 1816, n. I. Bartlett, New-Aork 1818. 2) Außerdem versteht man unter A. auch die Anmaßung der Angloamerikaner in den nordamerikanischen Unionsstaatcn, sich als Amerikaner pur oxasllsnoo auznsehcn und ihre Eigenthümlichkeiten geltend machen zu wollen. Als ein Hanplsitz des A. sind die Neu-England-Staaten anznsehen, wo der herrschsüchtige Gebnrtsdünkcl (Nativismus) sich namentlich auch in kirchlichen Glanbenssachen breit macht. Amerling, Friedrich, Porträtmaler, geb. zu Wien 14. April 1803, Sohn eines armen Handwerkers; ward nach 1826 Schüler von Lawrence in London, 9 Monate später von Hör. Bernet in Paris und trat dann in Wien als Historienmaler ans. Nach seiner Rückkehr ans Italien 1832 ward er rasch der beliebteste Porträtmaler in Wien, ging 1841 wieder nach Italien n. malte auch Einzel- fignren, namentlich von bestimmtem nationalem Charakter. Amersbnry (Amesbnry, spr. Ehmsbörri), Städtchen in der englischen Grfsch. Wilt mit 1200 Ew.; dabei die Stonehenge, Überreste eines Drni- dentempels. Amersfsort, St. im gleichnamigen Bezirke der niederländischen Provinz Utrecht, an der schiffbaren Eeni und der Ccntral-Eisenbayn; 13,250 Einw.; Fabriken in Glas, Hüten, Seide und Wolle, Tabak (bester in Holland), Bückingsbercitnng, Getreidebau, Handel; Seminar zur Heranbildung von Geistlichen der bischöflichen Klerisei in Utrecht. In der Nähe der Heilige Berg, welcher der Ursula u. den 11,000 Jungfrauen geweiht ist. A. kommt urkundlich 1006 vor, erhielt 1259 Stadtrechte, ward 1483 vom Erzherzog Maximilian und 1672 von Montecncnli eingenommen. Geburtsort von Pieter Both, erstem General- gonvernenr von Indien, u. dem Rathspensionär Johan von Oldenbarneveldt. ll msrvsiils (fr.), znm Verwundern, wunderschön. Amcs (spr. Ehms), William (Ainesius), geschätzter holländischer Theolog, geb. 1576 in England; ging wegen der Verfolgungen der Puritaner nach Holland, wo er als Calvinist wider die Ar- minianer stritt, Professor der Theologie zu Franeker wurde und, als Prediger der englischen Kirche zu Rotterdam berufen, 1633 starb. Gegner der Remonstranten u. Socinianer. Seine lateinischen Schriften erschienen Amsterdam 1658. Amesbnry, Stadt am Merrimack, im County Essex des nordainerikanischen Staates Massachusetts; Flanellwebereicompagnie; 4200 Ew. Amcstrutirs (a. Geogr.), Stadt in Sicilien; wurde von den Carthagern eingenommen n. befestigt, von den Römern im 1. Pnnischen Kriege nach lanaer Belaaeruna erobert und geschleift; Ruinen bei Mistretta. Amestris, Gemahlin des Königs L'erxes I. von Persien. ü motL (ital., v. lat. msäistntoin), zur Hälfte, für Jeden von Zweien gleichen Thcil; s. (lonto ü, Mötü. Amethyst (v. griech. amÄIrxston, nicht trunken machend, weil die Alten Amnlete ans ihm als Mittel gegen die Trunkenheit betrachteten), eine Onarzvarietät von violetter Farbe, die man früher als von einem Mangangchalte herstammend betrachtete, von der Rose aber vermnthct, daß sie von Eisenjänre herrühre. Er findet sich meist in Äryställen in Achatmandcln und wird vielfach zn Petschaften, Perlen, Ringsteinen rc. verschlissen. kmstii>stos tb., Pflanzcngatt. ans der Familie derLippenblüthlcr (II. 1); Kelch glockig, Unterlippe der Blume lang u. ausgehöhlt. Art: A.. ooorn- Isa. in Sibirien heimisch, mit Rheiligen, gesägten Blättern; einjährig; wegen zierlichen Wuchses n. blau gefärbter Zweige als Zierpflanze cnltivirt. Amcthystkollbri (Amethystvogel, Oallixliiox nirwtitxstina,), s. Kolibri. dlmethystschlange ist ?Mrcm Lolmsrcksri. Ametric (v. Griech.), Maßlosigkeit, Mangel an Ebenmaß, Mißverhältnis); daher Ametrisch, von unrichtigen Verhältnissen. Amötrie (v. gr. mötra, Gebärmutter), Mangel der Gebärmutter. Ametropie (v. gr. itlplrn privativnm, niströü, ich messe, n. öps, das Auge), Abweichung von dem emmetropischen Ban des Auges, indem die Netzhaut nicht wie bei der Emmctropie mit dem Hanptbrennpnnkte des im Zustande der Accomo- dationsrnhe befindlichen dioptrischen Systems des Auges znsammenfällt, sondern entweder vor, oder hinter demselben liegt (meist durch anormale Achsenlängen des Auges bedingt, wie durch die Untersuchungen besonders von Donders bewiesen wurde). Im ersteren Falle besteht Hypermelropie, Übersichtigkeit, im letzteren Brachyinetropie oder Myopie, Kurzsichtigkeit. Ameublement, Zimmereinrichtung, besonders als harmonische Gesammtheit. Um dieser Anforderung zn entsprechen, muß dieselbe aus einer u. derselben Holzart n. in gleichem Stil angefertigt sein, in Übereinstimmung stehen mit der Ausschmückung der Wände und Decken. Die richtige Auswahl eines A-s erfordert daher neben den betreffenden Kenntnissen auch einen besonderen Geschmack. Amga, 820 ion langer Nebenfluß des Aldan im Gonv. Jakutsk (Sibirien). AmgNN oder Hyngn, letzter bedeutender Nebenfluß des Amur; entspringt am Bnrejagebirge, ;6 Amhura ^mia. durchfließt ein welliges, sumpfiges Waldland (russisches Gebiet am Amur) und mündet links, nahe der Mündung des Hanptflusses, der Insel Sachalin gegenüber. Unweit der Mündung des A. findet inan auf einem Berge berühmte buddhistische Inschriften in Stein. Amhära, der centrale und die höchsten Berge enthaltende Theil des früheren Kaiserreiches und Alpenlandes Abessinien, zwischen dem Takazze n. Blauen Nil und um den Tsanasee herum. Am mächtigsten erheben sich dort der Nas Datjam (Dctschem) mit 4400 m und der ebenso hohe Ankna. Es wird von einem tapferen Volke bewohnt, das den Kern der Abessinier bildet und einen semitischen, dein äthiopischen verwandten Dialekt spricht. Nachdem das alte Königreich Abessinien in Trümmer gegangen war, erhob sich 1833 Ras Ali znin Herrscher über A., wurde aber von Kasai, später Theodor II., vom Throne gestürzt, worauf A. unter Letzterem bis 1868 wieder einen Theil des Abcssinischcn Reiches ansmachte. Nach dem Tode Theodors gelangte einer seiner ersten militärischen Würdenträger, Gobazyc, 1868 zur Herrschaft, der ein neues Königreich ans A. bildete. Weiteres n. Abessinien. Amharischc Sprache, die jetzige Sprache in Abessinien, benannt nach der Landschaft Ainhara, wo sie, wie auch in Schva, Hangota und Jfata, mit einigen dialektischen Abweichungen, im Gebrauche ist. Das A. ist ein semitischer, aus dem alten, jetzt nicht mehr gesprochenen Äthiopischen hervorgcgangencr Vnlgärdialekt, der sich zu diesem verhält, etwa wie das Romanische zu dem Lateinischen. Auch die amharischc Schrift ist dieselbe wie die äthiopische und wie diese eine Syllabar- schrift, nur mit einer Vermehrung von 7 Charakteren, welche die Laute svfi, tj, die Nasallaute n, eii, das weiche soll, äs, tsok ansdrückcn. Vocalc n. Diphthongen sind nach Zahl und Aussprache dieselben, wie im Äthiopischen; ebenso gelten hier die dort herrschenden Lautgesetze. Die Nominal- bildnng unterscheidet sich wenig von der äthiopischen. Eine GcschlcchtSbezeichnnng fehlt. Die Tcclinalion geschieht mittels gewisser Partikeln, nur der Accnsativ wird durch eine Endung gebildet. Das Verbum erscheint in 4 Modifikationen: als Activ, doppeltes Factitiv u. Passiv; Präteritum, Präsens und Fnrnrnm unterscheiden sich streng durch formelle Bildung. Außer dem Con- jnnctiv des Präsens, Imperativ n. Infinitiv gibt es noch eine cigcnthümlichc Art von Parricipinm. Zahl- n. Fürwörter sind in Gestalt u. Gebrauch böllig semitisch. Dasselbe gilt fast durchgängig von den Partikeln. Die Syntax zeigt, den anderen semitischen Sprachen gegenüber, einige stärkere Eigcnlhümlichkcitcn. Das A. ist bis jetzt ohne alle Literatur. Ludolf, Iwx. und 6rnmm. Amär., Frkf. 1698, Fol.; Jsenberg, Lexikon, Lond. 1841, Grammat., Lond. 1842. Amherst (spr. Ämmcrst), 1) Jeffrey, Lord Holmesdale, englischer Fcldmarschall, geb. 29. Jan. 1717 in der Grafschaft Keilt; trat früh in engl. Militärdienste, machte den Feldzug 1743—45 in Deutschland n. Holland gegen die Franzosen als Adjutant des Generals Legommier mit, ging 1748 nach Nordamerika, wurde 1756 Oberst, landete finit General Wolfe 13. Sept. 1759 an der Westseite von Quebec, übernahm nach Wolfes Tode iam selben Tage den Oberbefehl n. vollendete die ^ Eroberung der französischen Besitzungen in Canada, wofür ihm das Parlament seinen besonderen Dank anssprach n. ihm der Bathorden verliehen wurde. Bis 1703 Oberbefehlshaber der englischen Armee in * Amerika, wurde er in diesem Jahre Gouverneur von Virginien, 1770 Gouverneur von Gnernscy u. 1776 als Lord A. von Holmesdale unter die Peers versetzt; endlich 1795 Fcldmarschall, st. er 3. Ang. 1797 kinderlos, so daß die Pecrage auf die Nachkommenschaft seines Bruders überging. 3) William Pitt, Earl of A., Sohn des Generallieute- nants Will. A., Neffe des Vor. n. des Ministers Pitt, geb. 14. Januar 1773; stndirte in Oxford, folgte seinem Oheim in der Baronie, ging als Gesandter nach Oberitalien n. 1816, um den britischen Handel dorthin besser zu gestalten, als außerordentlicher Gesandter nach China, von wo er jedoch, weil er sich den eines Engländers unwürdigen Ceremonieu vor dem Kaiser nicht unterzog, unverrichteter Sache über St. Helena (wo er eine I Unterredung mit Napoleon hatte) nach England znrücktchrte; 1823 Generalgonvernenr von Indien, , führte er seit 1824 den Krieg gegen die Birmanen, bis diese endlich die Provinz Assam an die Ostindische Compagnie abtraten, wofür er 1826 in den Grafcnstand erhoben wurde. 1828 abberufen, lebte er, mit reicher Pension belohnt, bis 13. März 1857 ans seinem Familiensitzc Änole Park; ihm 1 folgte in Titel und Besitz sein Sohn William s Pitt rc., geb. 3. September 1805. Der Di- ^ rcctor des botanischen Gartens zu Calcntta, Wallich, gab zu Ehren der Gräfin A. und deren Tochter «arah einer wegen ihrer außerordentlichen Größe n. Schönheit bemerkenswertsten, zu der Familie der Cäsalpiniecn gehörigen indischen Blume, mit langen, kchariachrolhen Blüthentranben, den Namen fitinliorstia rwbilis Amherst, 1) County im nordamerikanischen Unionsstaatc Virginia, vom Jamesflnsse n. Blauen Gebirge (Lluo Iliä^s) begrenzt; malerische Gebirgslandschaft, reizende Thäler, Boden fruchtbar; Prodncte: Mais, Weizen, Hafer, Heu, Tabak; 14.000 Ew.; Hauptstadt: Amherst Court Honse. 3) Stadtbezirk im nordamerikanischen Unionsstaate Massachusetts, County Hampshire, unter 42° 22' n. Br. n. 72° 43' w. L., vom Connecticntstrome durchflossen; Fabriken von Leber u. Wollenwaaren, Tuch n. dgl.; blühende Akademie, Amherst College, 1821 gestiftet, mit bedeutenden Schenkungen, wodurch 80 Freistellen ermöglicht sind, Bibliothek mit 11.000 Bänden; 3500 Ew. 3) Britische Ansiedelung an der Tenasserimknstc, am südlichen Ufer des Salucnflnsses in Hinterindien; einer der bedeutendsten Stapclplätze des Handels für Indien u. China, 1826 gegründet. Die Stadt Amherst- ^ town zählte 1827 erst 1600 Einw., jetzt über 30,000; sie erhielt ihren Namen zu Ehren des damaligen Gcneralgonvernenrs Lord William P. Amherst. ! kmi (fr.), 1) Freund; äs eonr, falscher ! Freund; 3) Liebhaber. ! Lima D. (Wallerfisch), Gattung ans der Fa- ,milie der Kahlfischc (Amiaäos); Kopf rauh, mit f i^mi.i-aeus ftmi- oxi8 rc. Amiant (v. gr. aminvtos, d. h. unbefleckt), so v. w. Asbest. Ainiäta (Monte-A.), 1732 m hoher Trachyt- Gipfel des roscanischen Subapcnnin, die höchste vulcanischc Erhebung des italienischen Festlandes. Amici (spr. Amihtschi) Giov. Battista, geb. 25. März 1784 zu Modena, erst Professor der Mathematik das., dann Direktor der Sternwarte and Professor der Astronomie zu Florenz; machte sich hauptsächlich durch Erfindung neuer und verbesserter Instrumente um die Optik u. Astronomie verdient. Er constrnirre berens zu Anfang dieses Jahrhunderts Dpicgelrcleskope von 2,, m Brenn h weite und 15,, em Öffnung, später ein Fernrohr von 6,°8 m Länge u. 28,^ mu Durchmesser, ferner > ein Teleskop mit eurem Hohlspiegel und einem im , Mittelpunkte durchbohrten Planspiegel. Auch seine z Spiegclmikroskope waren vorzüglich. Er verfertigte cinMikroskop mitOOcnlarcn u.3Objectivcn,das im ft Durchmesser 4135 Via! n. in der Fläche 17 Will. Mal vergrößert, vervollkommnete die Oainora lu- : eiäa. machte Beobachtungen über die Doppelsternc, s die Sonne, die Jnpitersmonde, ferner über den Kreislauf des Saftes in den Pflanzen, die Befruchtung derselben, sowie über Jufnsionsthierchcn rc., die er veröffentlichte. A. starb zu Florenz 16. April 1863. Amicisten (Mosellancr), in dem 2. Dritttheil ! des 18. Jahrh. weit verbreiteter Studentenorden. Vgl. Laukhard, Der Mosellancr- oder Amicistcn- orden, 1799. ! ümivitis (lat.), Freundschaft; auch als Göttin > personificirt. Amiconi, Jacopo, Maler, geb. 1675 zu ! Venedig; bildete sich in den Niederlanden, lebte ! erst in München, dann in London u. st.,,1752 als Hofmaler zu Madrid. Von ihm ist ein Ölgemälde > im Schlosse von Aransuez, eine Heilige Familie im Oratorio dcl Salvador in Madrid, die 4 Jahrcs- < zeilen im Theater Buenretiro :c. Heitere Farben und große Leichtigkeit in der Ausführung zeichnen , seine Gemälde aus. -mivtus (lat.), 1) (röm. Ant.) umgeworsenes Kleid, oft so v. w. Toga oder Pallium; 2) (Kirchw.) so v. w. Humerale. ämlcus (lat.), Freund; politischer Anhänger; ftivierw xoxuii Romani, ein vom Senat fremden Fürsten, wie Dejotarns von Galalien, beigelegter Ehrentitel; ftrnioi xrlneipis.(Freunde des Fürsten), Titel der Rathgeber, welche die römischen Kaiser (oft den Einzelnen für nur eine bestimmte Specia- lität) sich aus Lebenszeit erwählten, darunter hohe Staatsbeamte, Vornehme, Dichter u. A., später z. Th. Titel hoher Staatsbeamter. Sie waren nach den Admissionen (Audicnzordnnngen) abge- thcilt. Amiens eortus in re ineerta oeriübur, ein sicherer Freund wird in einer ungewissen Lage erkannt, ftiniorw Riuto, amieus ftrwtobeiss, inag'is amioa veritas. ein Freund ist Platon, ein Freund Aristoteles, eine nähere Freundin die Wahrheit. Amid, 1) A. cl Katib, s. Katib. 2) Ali Ebn '.Vkohammcd Ebu Selim Seiffeddiu A., arabischer Philosoph, geb. 1155 zu Amid fDiar- bckr); starb 1233; schrieb u. a. das metaphhsische Werk Ebkiaral Efkiar (d. i. Jungfrauen der Gedanken), welches von Kennern der arabischen Literatur sehr geschätzt wird. Amid, hypoihensches, aus Stickstoff u. Wasserstoff bestehendes Radical von der Formel Aunda (a. Geogr.), Stadt in Sophcne (Groß- Arnienicn), unfern der Quellen des Tigris; vom Kaiser Coustautius gegen die Perser befestigt, von Tamerlan 1393 erobert, 1515 von Selim I. dem Schah Jsmael entrissen; jetzt Diarbckr u. bei den Türken Kara Amid (Schwarz-Amid). Nmidam, landschaftlich, z. B. in Leipzig, so v. w. Stärkemehl; vgl. Amidon. Amide (Chcm.), in der organischen Chemie Verbindungen, die sich vom Ammoniak durch Ersetzung des Wasserstoffes, durch Säureradicalc ab- leircn. Ersetzt man z. B. im Ammoniak 8g8 ein 'Atom Wasserstoff durch das Radical der Essigsäure, Acetyl 0.,ilg0, so entsteht,dcrAcetamidO^gO'iblil.,. Vergleicht man diese Formel mir der der Essigsäure O.AI^O'Ohl, so kann man den Acetamid auch als Essigsäure betrachten, in welcher die Hydroxylgruppe 08 durch chik>2 (das hypothetische Amid) ersetzt ist. Ammoniakderivale, in Lenen wie beim Alceiamid eiuWassersloffatom durch ein Säurcradical ersetzt ist, heißen primäre A. Werden 2 Wasserstofsatome substitnirt, so entstehen die secundärcn A. od. Jmide,z.B.Diacetamid ((FIIgO^iM. Die 2At. Wasserstoff können dabei auch durch 2 verschiedene Säureradicalc crsetztwerden,z.B.028g0'0.285-X8, Äthylacctamid. Tertiäre A. sind solche, bei Lenen auch das 3. Atom Wasserstoff vertreten ist, z. B. Triacctamid ((.^IlzO)^. Die zweibasischeu Läuren, d. h. solche, die zweimal die Gruppe OH enthalten, können dieselbe einmal oder zweimal durch 88? substituireu, wodurch z. B. ans der zweibasischeu Kohlensäure 00(08)2 entstehen; 1) die Carbaminsäure 00 08 882 und 2) das Carbamid oder der Harnstoff 00(818)2, und mau nennt allgemein die A. zweibasischer Säuren, in denen nur ein 08 durch 882 ersetzt ist, Ämin- oder Amidsäureu (Carbaminsäure), diejenigen, in welchen beide 08-Gruppen vertreten sind, Diamide (Carbamid). Die Anzahl der bekannten sowol, wie der theoretisch möglichen Ä. wird bei den drei- oder mehrbasischen Säuren noch größer. Die meisten A. sind fest, schmelzbar und oft unzersetzt flüchtige Verbindungen, die in ihrem chemischen Verhalten zwischen Basen u. Säuren stehen, sich sowol mit Säuren, als mit Metalloxyden zu salzartigen Verbindungen vereinigen. Einige kommen in der Natur fertig gebildet vor, wie Harnstoff, Aspara- gin u. a., die meisten werden künstlich dargestellt. Amidin (Chcm.) wird von Einigen der lösliche Bestandtheil des Stärkemehls genannt (s. Stärke). ^68 Amidobeuzol - Amidobcnzol (Chem.), so v. w. Anilin, insofern man letzterem die Constitntionsformel 60M.X82 gibt, d. h. Anilin (6^878) als Benzol (Og8g) betrachtet, in wclchein t At. Wasserstoff (8) durch das hypothetische Radical Amid (Xll^) ersetzt ist (s. auch Amide). Amidon (franz. amiäou, aus griech. amzlou), so v. w. Stärkemehl. Amiel, Henri Frederic, Schriftsteller der franz. Schweiz, gcb. 1822 zu Genf; machte große Reisen u. wurde später Professor der Philosophie an der Genfer Akademie. Schr.: vu mouvsment lit. cians la Luisse rom., 1849; 8tuäs surk'Xoaä. eie ösuövs, 1859; auch philosophische Gedichte: Orains äs mil, 1844; s?snseroso, 1858; 8a,pari äu revs, 1863. Amiens, Hanptst. des gleichnam. Arr. des franz. Deport. Somme, an der schiffbaren Somme (für Seeschiffe bis zu 50 To.) n. an der Nordbahn (Knotenpunkt der Eisenbahnen nach Paris, Rouen, Bonlogne, Brüssel, Reims); hat eine Citadclle (unter Heinrich IV. erbaut), während die Wälle in Boulevards verwandelt sind und als Hauptspaziergang dienen; Sitz eines Bischofs; Gerichtshof i. Instanz, Assiscnhof, Handelsgericht, Handelskammer, Gencralhandelsrath, Steuer- Lircction, 4 Fricdensgcrichte, mehrere Klöster und OrdcnShänscr, Bildnngsanstaltcn und wissenschaftliche Institute, Vorbereitnngsschnle der Medici» u. Pharmacic, Lyccnm, College, Normalschule für Lehrer und Lehrerinnen, Ackerbanschule, Com- mnnalbibliothek (50,000 Bde., 572 Mannscriptc), Dinscum, botan. Garten, Akademie der Künste u. Wissenschaften, Gesellschaft für Altcrthnmsknnde der Picardie, Vereine für Kunst, Gewerbe, Gartenbau rc., Snccnrsalc der Bank von Frankreich. Unter den hauptsächlichsten Gebäuden sind zu erwähnen: die Kathedrale, eines der schönsten gothi- schcn Bauwerke Europas, 1220 bis 1288 erbaut, 127 IN lang, 70 m hoch, mit einem 110 NI hohen, 1529 errichteten Thurme, schönen mit Reliefs und Standbildern geschmückten Portalen, Marmorstandbildern des heil. Vinccnz von Paula und des heil. Karl Borromäus, schönen geschnitzten Chorstühlcn, prächtigen Fensterrosen rc., die Kirchen St. Germain und St. Leu (aus dem 15. Jahrh.), St. Remy aus dem 14. u. 15. Jahrh., das sogen. Wasserschloß, das Stadthaus ans dem 16. Jahrh., Fagade von 1760, der Justizpalast, die Präfectnr, das Theater (1773 — 79 erbaut), das Museum (1854—64 erb.). Bor der Kathedrale die Bronzestatue von Peter v. A., auf dem Platze St. Denis die von Caudron gefertigte u. 1849 aufgestellte Statue des hier geborenen Sprachforschers Ducange. A. ist eine der bedeutendsten Fabrikstädte Frankreichs; die Industrie erstreckt sich hauptsächlich auf Fabrikation von Baum- wollenwaaren, Wollenatlas und Sammet; die Fabriken von Sammetmanchester produciren jährlich über 100,000 Stück, die Wollenwebereien jährlich 100,000 Stück, die Utrcchter-Sammet- Fabriken 20,000 Stück; außerdem gibt es 6 Hanf- und Flachsspinnereien, 2 Fabriken in Tüll, 16 Wollcnspinncrcien, Seidenspinnereien, Leinen- Webereien, ferner Fabriken in Teppichen, Glanzleder, Maschinen, Seife, Chocolade, Nudeln, chemischen — Amilimnis. ; Producten, Macronen, Öl, Zucker, Papier, berühmte Entenpasteten rc. Lebhafter Handel mit den Erzeugnissen der Localindustrie, mit Wein, Holz n. besonders mit Rübenzucker; große Torflager, bedeutende Fischerei; 63,747 Ew. Dabei das ehemalige Augustinerkloster St. Achenl, später Jesuitenerziehungsanstalt, welche vor 1830 über » 1000 Zöglinge hatte, doch nach der Julirevolntion * cinging. — A. ist das alte Samarobriva, Hanptst. der Ambianer. Durch die Erbtochter des Grafen Raonl von Vermandois kam A. an den Grafen Philipp vom Elsaß u. von Flandern, der eS 1185 dem König Philipp August von Frankreich abtrat. 1435 kam A. durch den Vertrag von Arras an Philipp von Burgund. Ludwig XI. nahm es wieder ein u. vereinigte es 1477 mit Frankreich. Am 11. März 1597 wurde es von den Spaniern überrumpelt n. besetzt, aber am 26. Sept. dess. I. von Heinrich IV. nach 4mouatlicher Belagerung wiedcrerobcrt. Hier am 25. u. 27. März 1802 Friede zwischen England und Frankreich, welcher den Französischen Revolntionskrieg zeitweilig endigte. Am 27. Nov. 1870 Sieg der Deutschen ^ unter General Manteuffel über die 40,000 Mann i starke französische Nordarmee, welche die Bestimm- l ung hatte, gegen die deutsche Belagerungsarmee c vor Paris zu operiren. Die Franzosen wurden nach lOstündigem hartnäckigein Kampfe auf A. zurückgeworfen, das sie räumten. Französischer i Verlust über 3000 Mann an Todten u. Verwundeten, 800 Gefangene, 9 Geschütze, 2 Fahnen; ^ prcußischcrscits betrug der Verlust 1234 Mann, i darunter 56 Offiziere. Am 30. Nov. ergab sich s auch die Citadelle von A. Amiens, Peter von A., s. n. Peter. Ämilia oder Emilia, seit Constantin d. Gr. der Name für die Landschaft u. den Vcrwaltungs- j bezirk nin die nach dem Consnl M. Ämilius Le- pidns genannte Äinilische Straße (via ^.smikia). Seit der Lougobardenzeit erstreckte sich die Landschaft Ä. westlich bis zum Tauaro, u. der östliche Theil bildete das byzantinische Exarchat. Nach ^ dem Sturze des longobardischcn Reiches, 774, wurde das Exarchat päpstlich (Romania), der west- > liche Theil der A. kam zum Fränkischen Reiche. Seit im 10. Jahrhundert Obcritalien unter viele Herren gcrieth, kam der,Name außer Gebrauch, er erhielt sich aber in dem Volksmunde für die Landschaft n. specicll für die Stadt Reggio. Als 1859 die Herzogthümer Modena n. Parma u. die Romagua von ihren Fürsten abfielen, nahmen sic den alten Namen Emilia wieder an, um dadurch ihre frühere Zusammengehörigkeit zu bezeichnen, und diese Länder wurden unter diesem Namen 18. März 1860 an Sardinien annectirt, doch hat der Name bei der neuen Eintheilung des Königreichs Italien officiell keine Aufnahme gefunden, ausgenommen bei Reggio Emilia, zum Unterschiede , von Reggio Calabria. Amiliänus, 1) Beiname der Livier. 2) Beiname des Scipio Africanns Minor. 3) Casus Jul. Ämilius Ä., geb. 207 n. Chr.; Statthalter in Mösien u. Pannonien, wo er 253 n. Chr., nach dem Tode des Kaisers Gallus, zum Kaiser ansgerufen, aber nach 3 oder 4 Monaten bei Spoleto im Heere ermordet wurde. Ämilius Ammmmü. 559 Amilrus, zur Lemilia Aens gehörende alban.! Familie, angeblich genannt nach Ämilins, Sohn! des Akanios, Enkel des Äneas; dazu gehörten die Faiuilicn Barbnla, Lepidns, SNacer, Paulus, Scaurus. Amilpas, einer der Vnlcane der Cordilleren » in Guatemala, 3880 in hoch. Amine, s. Basen, organische. Annnsäuren (Chem.), s. Auride. Amiot (Amyot), 1) Jacques, geb. 1513 zu Melnn, Professor der griechischen und lateinischen Sprache zu Bonrgcs, Lehrer der Söhne des Königs Heinrich II., 1578 Großalmosenier u. Bischof zu Auxerre n. Cyrator der Universität zu Paris; starb 1503. Er übersetzte den Plntarch u. m. a. ins Französische. Vgl. ding, de Blingniöres, Il88ai nur Par. 1851. 2) Jos., Jesuit, Missionär in China, geb. 1718 zu Toulon, gest. 1794. Von ihm viele Schriften über China, größtentheils vereinigt in den Neinoirss oonovrnant 1'Iüstcürs, ! Iss seieness et Iss rrrts ckss 6Iüuois, Par. 1770 ff. Amira, Georg, Maronit ans Eden; kam ^ 1583 in das Maronitischc Collegium zu Rom, j kehrte 1595 nach dem Orient zurück, wurde 1590 l Bischof von Eden, 1033 Patriarch der Maroniti- schen Kirche; st. 1044. Er verfaßte eine ansgc- ! zeichnete syrische Grammatik in lateinischer Sprache (Rom 1590), welche bis zur allcrnenestcn Zeit H das maßgebende Grundwcrk für die syrische Phi- >! lologie war u. noch jetzt Beachtung verdient, l Ämirabad, starke Festung in Persien, Prov. Khorasan, am Dledschidflnß. ^ Amirantc (span.), Oberbefehlshaber der Land- ! u. Seemacht, ähnlich dem Feldmarschall; in diesem ! Sinne hatten im Mittelalter verschiedene König- i reiche in Spanien A-s, so cki Lastilla; später ! so v. w. Admiral. Amiranten (Admiranten, Admiralsinseln), Inselgruppe von 11 kleinen, den Briten gehörenden ostafrikanischen Inseln im Indischen Occan; ! mir spärlich bewohnt, durch Korallenriffe u. Sand- - banke unter einander verbunden; sie sind waldig ; u. gut bewässert; Producte: Mais, Kassave, Reis § u. Südfrüchte aller Art; Vieh (Schafe n. Rinder), ! Schildkröten, Fische, Geflügel. Die größte ist Ile ! des Roches oder Wood-Island. Sie bilden eine Dependcnz der Insel Mauritius. ! Amis, 1) mittelhochdeutsches erzählendes Gedicht vom Stricker. 2) A. u. Amiles, Helden einer weit verbreiteten mittelalterlichen Sage, welche die bis zu den größten, selbst unsittlichen u. widernatürlichen Opfern gehende Freundestrcne verherrlicht. Die betreffende lateinische Legende kleidete zuerst Raoul Tortaire, 11. Jahrh., in Verse; dann folgte eine dichterische Bearbeitung des 12. Jahrh., die später mannigfache Fortsetzungen erhielt. (C. Hofmann: ^nÜ8 eb Amiles, > und Jourdains de Blaivics Erlang. 1852, wo auch der zahlreichen weiteren Bearbeitungen in allen möglichen Sprachen Erwähnung geschieht.) Andere Gestaltungen der Sage: Athis und Pro- Philias, Engelhard n. Engeltrnd (s. Konrad von Wiirzbnrg). Amislll, 1) (— Nmisins, Ainasins) schiffbarer Fluß im Lande der Bructerer (Germania), jetzt Ems; er bildete an seiner Mündung viele Sümpfe, !n. auf ihm lieferte Drusus den Bructcrcrn 12 vor ! Chr. ein Schiffsgcfccht. 2) Hafen am linken Ufer der A. im Lande der Friesen. Amrsos (a. Gcogr.), das jetzige Samsun, blühende Handclsst. in Pontos am Schwarzen SNeere, von Milesiern oder Phokäern unter dem Namen Lykastia gegründet; den Fürsten von Äappadokien unterworfen, erhielt sie den Namen A., wurde von Paphlagouiern zerstört, aber von den Athenern wieder anfgcbaut (die es Piräens nannten); war später abwechselnd mit Sinopc Residenz des Königs Mithridatcs d. Gr. n. wurde von demselben durch den neuen Stadtthcil Eupatoria vergrößert ; sie wurde von Lucnllns nach langer Belagerung erobert, von Angnstns mit großem Landgebiete frcigcgebcn, von Hadrian aber in ihren Freiheiten beschränkt. Amissa, Fluß im Lande der Aschanti. Amite, 1) ein in den Manrexassce mündender Fluß des nordamerik. Unionsstaatcs SNississippi, 90 üm lang; für kleinere Fahrzeuge schiffbar. 2) County im vorgenannten Staate, unter 31" n. Br. n: 90" w. L.; 10,973 Ew; Boden fruchtbar für Mais, Reis u. Banmwolle; Conntysitz Liberty. Amitcrnnm (a. Geogr.), sabinische Stadt am Aternns; seit 290 v. Chr. den Römern gehörig; Geburtsort Sallusts. Amling, Wolfgang,Superintendent inZerbst; weigerte sich, die Concordienformel zu unterzeichnen, schaffte bei der Taufe eines anhaltischen Prin-, zen den Exorcismns ab und trug viel dazu bei, die rcsormirte Kirchenlehre in Anhalt cinzuführeli. Er st. um 1005. Amlwch (spr. Äntinlnk), Hafenstadt auf der NKüste der englischen Insel Anglesea, mit Hafen u. berühmten Kupferbergwerken, deren Ertrag jedoch neuerdings sehr abgcnommcn hat; 3207 Ew. Amman, das alte Rabbath Ammon, Hauptsr. der Ammoiüter, griech. Philadelphia, im O. von Palästina; jetzt in Trümmern, unter deren zahlreichen interessanten Bestandtheilen ein schöne? Theater von beinahe 40 m Durchmesser, von dessen Sitzreihen 43 gut erhalten sind; auch die Ruinen der Akropolis und einiger Tempel sind merkwürdig. Amman, 1) (Aman) Jost (Jodocns), namhafter Maler, Radirer u. Formschnittzeichncr, geb. 1539 in Zürich; siedelte 1500 nach 'Nürnberg über n. st. hier 1591. Er zeichnete sich sowol in der Öl-, als Glasmalerei aus, fertigte besonders eine große Menge geistvoller Radirungen und Holzschnitte. Er war der fruchtbarste Büchcr-Jllnstra- tcnr seiner Zeit, gab auch ein Werk über Dicht-, Maler- und Bildhauerkunst heraus. Seine Gemälde sind selten n. sehr gesucht. Vgl. C. Becker, Jobst Amman, Lpz. 1854. 2) Joh. Konrad, Arzt, geb. 1609 zu Schaffhausen; lebte seit 1087 in Holland, besonders in Amsterdam, dann ans seinem Landgnte Warmnnd bei Leyden; st. 1724; verdient um den Unterricht der Taubstummen, da er diese sprechen lehrte; schr.: Luräus loqnsns, deutsch Prenzlan 1747, von Graßhoff, Bert. 1828; gab den Cölius Aurclianus heraus, sowie eine holländ. Übersetzung einiger Platonischen Dialoge. Ammanäti, Bartolomeo, Bildhauer und Baumeister, geb. zu Florenz 1511, gest. ebein a 560 Ammann — Ammer. 1589. Zuerst Schüler Baccio Bandincllis, ging j der Kinder enorm sei, während sic bei Ernährung er bald nach Venedig zu Sansovino; heimgekehrt, der Säuglinge mit Muttermilch auf das Betracht- studirre er namentlich Michel Angela. Julius III.! lichste sich vermindere. Leider aber sind die Aus- dcrief ihn zu den Arbeiten am Capitol, u. Cosimo ^ sichten dafür eher im Abnehmen als im Zunch- von Medici ernannte ihn zu seinem Architekten. ^ inen begriffen. Schon im Altcrthnm machte man Als Bildhauer hat A. eine nur mittelmäßige Be-!die Erfahrung, daß die Mütter da am meisten deutnng; dagegen ist seine Stellung im Knust-!sich der Pflicht, ihre Kinder zu sängen, entzogen, leben als Architekt eine höchst bedeutsame: der Barock-Stil hat von seinen Bauwerken wesentliche Charakterzngc empfangen. Seine Hauptwerke sind: die Statuen am Grabmal Saunazars in Neapel, Las Grabmal des Cardinals de Monti in Rom, die Dreicinigkeitsbrücke, der Ausbau des Palazzo Pini in Florenz. Ammann, d. h. Amtmann, in der deutschen Schweiz ein Titel für verschiedene Behörden. Land-A. heißt in mehreren Kantonen der von der Landsgemcindc oder dem Großen Rathe (meist auf ein Jahr! gewählte oberste Bollzichnngsvcanne (Regierungspräsident). Es gibt meist neben einander einen regierenden (im Amte stehenden) und einen stillstehenden (stellvertretenden) Land-A. In der Medialionszeit (1803—1813) hieß der Präsident des jeweiligen Vorortes (des Kantons, der nach der Reihe die eidgenössischen Angelegenheiten leitete) Land-A. der Schweiz. Seit 1830 wurde in mehreren Kantonen ohne Landsgcmeinden (St. Gallen, Aargan, Thurgau u. a.) der Regierungspräsident La»d-A. genannt. In Bern führte 1830 bis 1846 der Präsident des Großen Rathcs diesen Titel. In Granbünden heißt der Gerichtspräsident jedes Kreises (früher Hochgerichts) Land-A. Bezirks-A. heißt in St. Gallen n. Thurgau der Statthalter der Negierung im Bezirke (im Aargan Bezirksamtmann). Gemeinde-A. oder A. schlechtweg heißt in mehreren Kantonen der Vorsitzende des Gemeindcrathcs (Bürgermeister), in anderen dagegen der Vollzichnngsbeamre der Gemeinde für Schuldbetrcibungen. Ammc, Frauensperson, die für Lohn ein fremdes Kind sängt. Von höchster Wichtigkeit ist die physische u. moralische Beschaffenheit solcher Personen für das Gedeihen n. die ganze Entwickelung des Säuglings. Wenn A-n nicht zu einer Schädlichkeit ohne Gleichen werden sollen, müssen sie nicht nur jung, gesund und um dieselbe Zeit entbunden sein, wie die Mutter ihrer Pflegebefohlenen, sondern auch ein gutes, zufriedenes Gcmüth haben n. ohne schlimme Neigungen, Laster sein. Solche Personen ansznwählcn, wäre eigentlich Sache der Gcsnndhcitsbehörde, u. wurde schon im vorigen Jahrh. durch Errichtung der sogenannten A-nbureanx (worüber I. P. Frank, Medic. Polizei), Frankenth. 1791, Bd. 5) erzielt. In gegenwärtiger Zeit hat man dem A-nwescn zwar viel Aufmerksamkeit zugewandt, konnte aber die wesentlichsten Schwierigkeiten nur znm geringen Thcil überwinden. Das Vorzüglichste ist und bleibr: durch Verbesserung der allgemeinen Gesundheit u. derSitten, sowie durch Überwindung derVorurtheile, möglichst alle Frauen in den Stand zu setzen und zu veranlassen, ihre Kinder selbst zu sängen. Muttermilch ist das erste Bedürfniß für jeden Säugling, und gute A-n sind weit besser, als die vorzüglichst geleitete künstliche Auffütterung. O. du Mesnil fand, daß bei letzterer die Sterblichkeit wo Sittenverdcrbniß und Entartung ani größten waren. Vgl. L. Pappcnhcim, Sanitätspolizci, 2. Anfl., Berl. 1808—70, Art. A-nwescn. Ammei, Samen a) von 8won A.mmi, wahrer A., Mohreukümmcl in SEuropa, in älteren Zeiten als ein blähnngtreibcndcs Mittel geschätzt; bi von Aaruni masns, 2jährige Doldcnpflanze SEuropaS, von gleichförmiger, doch etwas schwächerer Wirkung; statt a) gebraucht; e) Koptischer A. (Ägyptischer A.), von .-Vmmi eoptienm. Ammclid (Chcm.) (.'„XgllgOg bildet sich beim Auflösen von Melam, Melamin oder Ammclin in conccntrirtcr Schwefelsäure. Nach dem Fällen mit Alkohol oder kohlcnsaurem Kali bildet es ein weißes, in Wasser unlösliches, in Säuren lösliches Pulver, welches beim Schmelzen mit Kalihydrat in cyausaures Kali übergeht. Ammclin (Chcm.) Ogiöl-.IIzO, durch Köchen von Melam mit verdünnter Schwefelsäure u. Fällen durch kohlensaures Kali als weißes, voluminöses Pulver erhallen, welches gegen Säuren die Eigenschaften einer schwachen Basis zeigt, mit Salpetersäure große Krystalle bildet, beim Erhitzen in Ammoniak in Mellon zenfällt u. durch schmelzendes Kalihydrat in cyausaures Kali verwandelt wird. Ammcnmiirchcn, s. Märchen. Ammcnsleben (Groß-), Dorf im Kreise Wol. mirstädt des preuß. Rcgbcz. Magdeburg,' an der Eisenbahn Magdeburg-Nenhaldenslcbcn; ehemals Benedictiuerkloster; Simnltankirchc; Franencis- u. Gipsgrubcn, chemische Bleiche, Bandfabrik, Färberei u. Zuckerfabrik; 2000 Ew. Ammcnzcugunsi, s. u. Zeugung. Ammer, 1) (Amper) linker Nebenfluß der Isar in Oberbayeru; entspringt unweit der tiroler Grenze in den Alpen am Geiersberg, fließt durch den fischreichen, 10 l Am langen, 5,5 Am breite», bis 80 m liefen A-see, nimmt die Maisach, Würm u. Glon auf, dient znm Holzflößen n. mündet bei Moosburg. Von Dachau geht aus ihr der Dachauer Kanal östlich nach Schleißheim. In seinem oberen Laufe bildet er Las reizende Thal Aminer- gau, dessen Bewohner besonders Schnitzereien aus Holz u. Elfenbein verfertigen. 2) Linker Nebenfluß des Neckar in Württemberg; entspringt in der Gegend von Herrenberg, berührt Tübingen n. mündet bei Lustnau. Ammer (üimbsrma,), Gattung aus der Fam. der Kegelschnäbler, d. i. körnerfressender Singvögel mit kurzem, kegelförmigem Schnabel. Der Oberkiefer ist durch Einbiegung der Ränder schmäler u. meist niedriger, als der Unterkiefer. Gefieder gewöhnlich gelblich-grau, oder gelb u. gesprenkelt, oben dunkler. Verbindungsglieder zwischen Lerchen u. Finken, charakterisier Lurch die langzehigen Füße, deren Hinterzehe einen spornartigcn Nagel trägt; Lauf mit Schienen. Der Gesang ist nicht von großer Bedeutung, alle haben aber ein wohlschmeckendes Fleisch. Sie leben in Gärten und Amim'rgau — Ammon. 561 Wäldern, sich von Samen u. Jniecken nährend.' Nmmcrmüller, Christoph Fricdr., Schrift- Man thcilt sie in 2 Untergattungen: -i) Sp or n-j steiler im Fache der'Naturwissenschaften n. der Tech- A., Svorncr liUIscirnpUanoL ü/. cke 115), Nagel nologie, geb. 6. Nov. 1809 in Stockach; war der Himerzehc länger als diese, ohne Schwiele am Ganmen; die S chn ec-A. (L. s. ?I. nivalis D.), Scheitel u. Wangen braun, Weibchen weiß, 15 ein lang; in NEnropa, lomink aber auch nach Deutschland bis an den Harz. L) Eigentliche A. (Dmbori^n D.): istagel der Hintcrzchc kürzer als diese, am Ganmen eine Knorpclschwiele (der sog. A-zähn). Arien: n) Gold-A. (Emmerling, H. oitri- uelka D.), Rücken rorhgelb, schwarz gefleckt, Unterleib schön gelb, innerer Rand der 2 äußersten Schwanzfedern weiß, Weibchen grauer u. weniger gelb; in Europa und Asien, an Dörfern im Gebüsch; baut ein künstliches Nest ans der Erde, zieht sich bei Kälte nach den Häusern, b) Grau-A. (Gersten-A., 11. miliariu, D.), 21 om lang, gran- brännlich, dunkelbraun gefleckt; in Europa' und NAsien, im Getreide n. Grase, oft in Deutschland, Zugvögel mit den Lerchen; baut ihr Nest ans der Erde, v) Rohr-A. (L. selioenielns D.), vorn schwarz mit weißem Schnabelwinkcl, hinten und nnlen weiß, oben rostfarbig n. schwarzfleckig; im Schilf; schreit viel; frißt Sämereien u. J-nsecten; nistet in Wcidenwnrzeln. ä) Spcrlings-A. (H. xasserina), der vor. ähnlich, nur kleiner; Lebensart wie diese; in Asien, doch einzeln auch in Deutschland; wird oft für den Ortolan verkauft, e) Ortolan (Garten-A.); 10 om lang; oben sperlingfarbig, unten rostroth; Zugvogel in S.- u. Mittel-Europa, nördlich bis zur Lüneburger Haide, jetzt in Deutschland seltener. Schon von den Römern wurden die Ortolanen (Ailiaria) gefangen, gemästet u. gegessen; auch jetzt noch werden sie in SEuropa gemästet u. abgekocht in den Handel gebracht. 1) Zaun-A. (Cirlus, Hecken-A., L. eirlusD., k. olasotliornx Lse/iÄ.), Kehle schwarz, gelbe Seiten des Kopfes, olivengrüne Brust, oben zimunbrann, schwarz n. gelb gemischt, Flügel oli- vcngriin, Schwanz schwarz u. gespalten, schwarzer Sircis durchs Auge; Weibchen Heller; in SEuropa an Zäunen, bei uns selten; Fleisch sehr wohlschmeckend, wird auch für den Ortolan verkauft. §) Zipp-A. (Wiesen-A., H. ein L.), Unterleib rölhlich grau, Kopfseite weiß, Zscitig schwarz eingefaßt, Kops aschgrau, Rücken n. Schultern roth- braun, weiß gefleckt, Unterhals grau, Unterleib rostbraun; in SEuropa n. SDentschland in bergigen Gegenden; wohlschmeckend, d) Comman- deur (H. Anlisruator), zeisiggrlln, mit schwarzen Flügeln, Schwanz, Kehle, Backen n. Federbnsch, unten u. Stirn gelb. Ammergan (Ober- u. Unter-), 2 Dörfer im Bezirksamte Werdenscls des bayerischen Regbez. Oberbayern, ander Ammer; Zeichnungs- u. Mo- dcllirschule, Holz- und Elfenbeinschnitzerei (Spielsachen, Crucifixe, Heiligenbilder rc.); 1198,bezw. 682 Ew. In Ober-A. finden die zur Erinnerung an die Pest 1631 . .. 1837—52 Vorsteher der Oberrealschnle in Reutlingen, seit 1854 Fabrikant in Stuttgart, wurde 1862 in die Kammer der Abgeordneten u. 1868 ins Zollparlamcnt gewählt, in welchem er der süddeutschen Fraction angehörte. 'Ammersee, s. n. Ammer 1). Ammcrsweicr, officicll Ammerschweicr (Ma- reville), Gemeinde im Kr. Rappoltsweilcr im Ober- Elsaß, früher zur Grafschaft Landsberg gehörig; vorzügl. Weinbau; 1871 1862 Ew. ümmi D. (Ammei), Pflanzcngatt. zur Fam. der Doldcnpflanzen (V. 2); Früchtchen mit flachem Eiweiß, seitlich zusammengcdrückt, ungeflügclt; Blumenblätter ungleich, zweilappig; Hülle u. Hüllchen viclblätterig, Blättchen der erstcren dreitheilig. In Deutschland hier n. da D. majns L., mit einfach n. doppelt zusamnicngcsetzten Blättern u. weißen Bliithen; Früchte (Samen) früher in der Heilkunde benutzt. L. oopbienm D. (Lnninm oopb. 5hn'.), dessen Samen, Adiowänsamen, dem Kümmel und Anis ähnliche Heilkräfte besitzt, n.A. Visna^a Da»»., Zahnstochcr-A. genannt, weil seine Doldenstrahlen als angenehm schmeckende n. riechende Zahnstocher benutzt werden; beides einjährige Pflanzen, erstere in Ägypten und auf Kreta, letztere überhaupt in den Mittelmeerländcrn heimisch. Ammiänns Marcellrnus, l at. Schriftsteller anck Anrionpa, lcvle im 4. ^sayrh. n. Chr., machte unter Constantins einen Feldzug nach Gallien u. gegen die Alemannen, dann unter Kaiser Julian gegen die Perser mit, lebte später in Rom n. st. um 400 das. Er schr. in 31 Büchern als Fortsetzer des Tacitns eine Geschichte der römischen Kaiser (Rss §ostas) bis Valens (96—378 n. Ehr.), deren einleitende 13 Bücher (bis 353) verloren sind. Er ist von hohem Werthe wegen seiner Wahrheitsliebe u. persönlichen Thcilnahme an manchen Ereignissen; für die Anfänge der Völkerwanderung n. a. der wichtigste Autor. Ausgaben zuerst Rom 1774, Fol., von Valesins, Par. 1636, n. A. 1681; Wagner (vollendet von Erfurdt), Lcipz. 1808, 3 Thlc. mit Erklärungen; Eyßenhardt, Berl. 1871; deutsch von Troß und Büchels, Stnttg. 1827 bis 1829, 8 Bdchcn. Ammochösie (v. gr. LMM 08 , Sand, oliönuzmsl, znschüttcn), ^renatio, Oammismos, Bad in von der Sonne erwärmtem Meersande (s. u. Bad). Lmmooostes (ämmos, Sand, sioitö, Lager, Bett), Querder, Uhle, ist das blinde, zahnlose, wnrmähn- liche, im Sande lebende Junge des gemeinen Neunanges,welches früher als besonderes Thier galt. Ammon, ägyptische Gottheit, s. n. Amnn. Ammon, 1) St. A., so v. m. Ammonios 4). 2) Christoph Heinrich von A., prenß. Mimachte sich besonders beim Aachener Frieden Ulster; 1748 u. in Paris verdient, ward von Friedrich II. aufgcführten berühmten Passions-s geadelt und st. 1750. 3) Christoph Fricdr. spiele statt (s. Passionsspiele). v. A., Theolog, geb. 16. Ja». 1766 zu Bayreuth, Ammerland (Ambria), holzreiche Gegend imnvo sein Vater (st. 1812) preußischer Kammerrath westlichen Theil von Oldenburg; Flachs- un^war;ward 1789 zn Erlangcn Profcssor der Philo- Hopfcnbau, Leinweberei; wurde seit den Karolingern sophie u. 1792 der Tbeologie u. Universitätspre- von eigenen Grafen regiert, von welchen die Grafen ^diger, ging 1794 in gleicher Eigenschaft nach Göt- von Oldenburg und Delmenhorst abstainmten. gingen, kehrte 1804 nach Erlangen zurück, wo er Pierers Uinversal-Conversaiions-Lexikon. 6. Aufl. I. Band. Ztz 562 Ammon — Ammoniak. Zugleich Superintendent u. Consistorialrath in Ansbach ward; 1813 folgte er einem Rufe als Obcr-j hofprcdiger u. Oberconsistorialrath nach Dresden.^ 1831 ward er Mitglied des Staatsrathcs u. des Nttnisteriums Lcs Cultus u. öffentlichen Unterrichtes, später Biccpräsident des Obcrconsistorinms; trat 1849 in 'Ruhestand n. st. 21. Mai 1850 in Dresden. Zuerst als Anhänger der Kantschen Philosophie bemüht, das kirchliche System zu ratiouali- siren (Entwurf einer wissensch. praktischen Theol., Gott. 1797, u. zahlreiche andere Schriften), trat er später ans die orthodoxe Seite, pries sogar die nnionsfeindtichcn 95 Thesen von Klans Harms als „Bittere Arznei für die Glanbcnsschwäche unserer Zeit" (1817), wofür er von Schleiermacher derb gezüchtigt wurde. Seine letzten Schriften: Lumina tüooloAiao, 4. Anfl. 1830; Die Fortbildung des Christcnthnms zur Weltreligion, 2. Ausl., Leipz. 1836 ff.; Geschichte des Lebens Jesu, Leipz. 1842 ff., zeigen wieder den ursprünglichen rationalen Snper- nalnralismns. Lebensbeschreibung, Leipzig 1850. 4) Friedr. Wilh. Phil. v. A., Sohn des Bor., gcb. 7. Fcbr. 1791 zu Erlangen; wurde 1820 Archidiaconns zu Erlangen, später Tecan u. Professor der Theologie n. st. daselbst 1855. Schrieb u. a.: Geiler von Kaiscrsbcrg, Erlang. 1826; Gal- lerie dcnkw. Personen, welche im 16., 17. n. 18. Jahrh. von der Protest, zur Kathol. Kirche über- getrcten sind; Erl. 1833; 5) Friedrich Ang. v. A., Bruder des Bor., verdienstvoller Augenarzt, geb. zu Göttingen 10. Sept. 1799; ward 1824 Arzt am Blindeninstitnt zu Dresden, 1829 Professor an der mcdicin.-chirurgischen Akademie in Dresden, 1837 königlicher Leibarzt daselbst, Mitglied vieler gelehrten Gesellschaften n. st. 18. Mai 1861. Bon seinen zahlreichen Schriften sind die bedeutendsten: Im Gebiete der Angenheilk.: Do gnnosi st nsn maonkas Intsas, Wcim. 1830; Do Düvsiokog'ia 'Isuotomiae, Dresd. 1837; Klin. Darst. der Krankh. u. Bildnngsfchler des menschl. Auges, Berl. 1838 (Hauptwerk); Die Bchandl. des Schielcns, Berl. 1840; Do iriticio, Dresd. 1843 (Prcisschr.); Jll. path. Anat. der menschl. Oornva, Lekora, Olmroickea und der optischen Nerven; nach des Berfassers Tode hcrausgegebcn von Warnatz, Lpz.1862; gab heraus: Zcitschr. für Ophthalmologie, Dresd. n. Hcidclb. 1830—36, 5 Bde.; Monatsichr. für Angenheilk. u. Chirurgie, Lpz.1838—40, 3 Bde. Ans dem Gebiete der Chirurgie: Die angeborenen Krankheiten des Menschen, Berl. 1839—42; Die plastische Chir., Dresden 1842 (Prcisschr.). Bon sonstigen Schriften: Brmmendiätetik, Wien 1825, 5. Anfl., Dresd. 1854; Die ersten Mutter- Pflichten, Wien 1827, 17. Anfl., dnrchgcsehen von Winckel, Lcipz. 1873. 6) Kar! Will)., verdienstvoller Pferdearzt und Pferdczüchtcr, geb. 1777 zu Trakchncn im preußischen Lithauen; stndirte Thicr- arznciknnst zu Berlin, wurde 1797 Pferdearzt bei dem königl. preußischen Gestüte zu Friesdorf bei Ansbach, 1802 Krcisthierarzt zu Ansbach, 1813 Hofgcslütmeister zu Rohrenfeld bei Nenbnrg an der Donau; seit Dcc. 1839 pcnsionirt, wohnte er zu Ansbach u. st. 1842. Er schr.: Abh. über die Krankheiten des Pferdes n. desRindviehs, Nürnb. 1802, 2.A.; das Hansvieharzneibuch, 3. A. 1846; Handbuch der Pserdearzneiknnst, Hcilbronn 1804—1807, !2 Bde., 2. A. 1825; Über die Angencntzündung jbei Pferden, 1807; Über den Milzbrand, 1808; Über die Verbesserung und Beredt, der Landes- pferdczncht :c., Nürnb. 1829—31, 3 Bde; gab Reitzcnsteins Pferdckcnucr, Ansbach 1805, 2 Bde., Sebalds Bollständ. Naturgeschichte des Pferdes rc., ebd. 1815, und Sinds Pferdcarzt, Franks, a. M. 1811, 10. A. 1839, heraus. Er st. 1842 in Ansbach. 7) Georg Gottlicb, Bruder des Bor., gcb. 1780 zu Trakchnen, Jnspector des k. prenßi-, scheu Pfcrdcgestütes zu Besra, kundiger Pferde- züchtcr; st. 26. Sept. 1839; schr.: Tic Zucht und Veredlung der Pferde, Berl. 1818: Magazin für Pferdezucht rc., Hildburg!). 1826; Über die Eigenschaften des Solbatenpferdcs, Berl. 1828; Mittel, gute Pferde zu erziehen, 2. Anfl. von Krcißig, Königs!'. 1849; Handbuch der GcstütSkunde, Königs!'. 1833; 8) Friedr. Ferdinand von, Ap- pcllationsgerichtsrath in Köln, gcb. 17. Nov. 1794 zu Dinslaken bei Wesel, gest. 14. Nov. 1874 zu Köln. Nachdem er in Düsseldorf das Gymnasium absolvirt hatte, bezog er 1813 die Universität Heidelberg, die er jedoch bald verließ, um.als preußischer Jäger den Feldzug 1814 mitzumachen. Nach nochmaliger Unterbrechung durch den Krieg von 1815 vollendete er seine Studien in Göttingen n. Heidelberg, wurde 1818 Anscultator, 1825 Assessor in Trier, 1828 in Köln. Im Jahre 1832 wurde er Oberprocnrator in Düsseldorf, 1835 Rath des Appellationshofes zu Köln, in welcher Stellung er bis zu seiner Pensionirnng 1870 verblieb. In seiner richterlichen Carriers wurde er in der Zeit der Reaction mehrfach übergangen und wiederholt in Conflicte mit dem Ministerium verwickelt, ans denen er jedoch stets mit Ehren hervorging. Berufungen nach Berlin n. 1848 als Oberbürgermeister von Köln schlug er ans. Durch rege Betheilignng am staatlichen und öffentlichen Leben that er sich stets hervor; 1847 u. 1848 nahm er an den Verhandlungen zur Umgestaltung des Rechtes n. Ausarbeitung der Verfassung theil; 1850 war er Mitglied der Ersten, 1858—64 der Zweiten Kammer. Ammon (Chem.), so v. w. Ammoniumoxyd. s. Ammonium. Ammön und nmmoniakhnltige Düngemittel, s. Stickstoffhaltige Düngemittel. /lmmonmcmn, s. Ammoniak n. Ammoniakgnmmi; -1. enrbunionm, s. kohlcnsanres Ammoniak; 4. o. p)ro-v1so»um, s. Hirschhornsalz; 4. Ipvckroeülora- tum, s. Salmiak; 4. b. korrntum, s. Eisensalmiak; 4. sokntum ninsntnm, anishaltige Ammonium- flüssigkcit; 4. Lneoinionin solntum, bernsteinsaure Ammonimnflüssigkeit. Ammonink z4mmor>iaenin, 4mmoninm, flüchtiges 'Alkali; Chem.; der 'Name A. von sai arinenincnm. später s. ammoniaenm, dem alten 'Namen des Salmiak), ans Stickstoff und Wasserstoff nach der Formel fflDg zusammengesetztes Gas von eigenthümlich stechendem Geruch, dessen wässerige Lösung als Ammoniakflüssigkeit oder Salmiakgeist bekannt ist. n) Bildung u. Vorkommen. Das A. findet sich in der 'Natur nicht in freiem Zustande. Die Verbindungen desselben oder vielmehr die Verbindungen des Ammonium aus welchen das Ammoniak gewonnen wird, entstehen Ammoniak-Alaun - durch die Verwesung stickstoffhaltiger pflanzlicher u. thicrischcr Überreste, sowie in kleiner Menge in fenchkcr Luft durch den Blitz, ja selbst durch die bloße Verdunstung LeS Wassers; da diese Verbindungen flüchtig sind, so finden sich dieselben in der Luft, aus welcher sic in das Rcgcnwasser n. mit diesem in den Boden übergehen. Den Pflanzen dient das A. der Luft n. des Grundwassers als Nahrungsmittel, indem sie ans demselben einen Thcil des in gewissen Pflanzenstoffcn enthaltenen Stickstoffes gewinnen; die Pflanzendecke der Erde vermindert also den A-gchalt der Luft, n. zwar in demselben Maße, als er durch die zuerst genannten Proccsse vermehrt wird, so daß die Luft stets einen verschwindend kleinen Gehalt au A. besitzt. Die genannten Verbindungen bilden sich ferner bei der trockenen Destillation stickstoffhaltiger organischer Stoffe, z. B. der Knochen, des Hornes, trockenen Blutes; auch Steinkohlen enthalten etwas Stickstoff, n. man findet deshalb in dem bei der Leuchtgas- bercitung als Nebenprodukt sich bildenden Theer- wasscr stets kohlcnsanrcs Ammon. Dieselbe Verbindung entsteht auch im faulenden Harn ans dein Harnstoff. Das kohlensaure Ammon des Thecr- wassers ist jetzt die Hauptqnellc des A. n. der Am- mouiumvcrbindnngen des Handels. Durch Zusatz von Salzsäure wird dasselbe in Salmiak verwandelt, welcher dann zur Darstellung des A. benutzt wird. — b. Darstellung n. Eigenschaften des A. Das A. wird gewonnen, indem mau Salmiak mit Kalk erhitzt. Dasselbe ist ein farbloses Gas von stechendem, zu Thränen reizendem Gerüche; sein spcc. Gewicht ist 0,5^. Durch Abkühlung ans — 40" 6. oder durch einen Druck von 7 Atmosphären bei -j- 16,," verdichtet cs sich zu einer tropfbaren Flüssigkeit von 0,^34 spec. Gewicht; bei — 80" erstarrt diese zu einer weißen, geruchlosen festen Masse. Das A-gas kann die Verbrennung n. das Athmen nicht unterhalten, wirkt ätzend n. reagirt stark alkalisch. Es verbindet sich mit Chlorwasserstoff (Salzsäure) zu Salmiak, mit Wasser zu Am- moninmoxydhydrat und mit wässerigen Säuren zu Ammoninmoxyd- oder Ammonsalzen (s. bei den betreffenden Säuren). Beim Durchgang durch eine glühende, mit Platindraht gefüllte ikiöhrc, sowie bei öfterem Hindurchschlagen elektrischer Funken wird es in seine Bestandtheile, Stickstoff n. Wasserstoff, zerlegt. — 0. Ammoniakflüssigkeit. Von Wasser wird das A-gas in großer Menge absor- birt (1 Bol. Wasser nimmt bei 0" 1050 Vol. A. ans); diese wässerige Lösung des A. heißt Ammoniakflüssigkeit (Salmiakgeist, Ingnor nmmonii esw- stioi). Dieselbe ist specifisch um so leichter, je wehr A. sie enthält. Folgende Tabelle gibt das spccifische Gewicht der A-flüssigkeit bei verschiedenem Proccntgehalte an. Proc. Spcc. Gew., Proc. Spec. Gew. Proc. Spcc. Gcw. 36 0,8844 26 0,90-8 16 0,9380 34 0,8885 24 0,9138 ! 14 0,9449 32 0,8929 22 0,9191 l2 0,9520 30 0,8976 20 0,9251 0,95.93 28 0,gO2ü 18 0,03,4 8 0,9670 Offic nell ist ein e A-flü sigkeit voi spccifischem Ge- - Amiiwilitikginnllii. 563 Gewicht 0„g, also von etwa ISA Gehalt an A. Die A-flüssigkeit riecht sehr stark nach A-gas und hat im Allgemeinen die Eigenschaften desselben, ist eine der stärksten Basen und findet besonders als solche in der Praxis vielfache Anwendung. — ä) Anwendung. Die Ammoniakflüssigkeit wird als Mittel gegen den Stich von Jnsecten u. selbst von giftigen Schlangen empfohlen; cingeathmet wirkt das A. belebend (bei Rausch, Betänbnug); größere Dosen bewirken Entzündung der Schleimhäute, unter Umständen auch den Tod. Mit Fetten und Ölen bildet das A. Seifen, welche als Einreibe- mittel verwendet werden (Linimente). Der Chemiker verwendet die A-flüssigkeit zum Fällen der Mctalloxyde ans den Lösungen der Metallsalzc. Neuerdings wird endlich die durch Verdunsten von flüssigem A. erzeugte Kälte zu Eisbereitung im Großen (so in der Carrofchen Eismaschine) benutzt. — s) Theoretisches. Man nimmt an, daß in der A-flüssigkeit das A. mit Wasser zu (IMZOIll verbunden ist, und sieht diese Verbindung als das Oxydhydrat eines zusammengesetzten Metalls (Ammonium) an. Das A. hat das Eigcnthüm- lichc, daß die drei in ihm enthaltenen Wasserstoffatome ganz oder thcilweise durch gewisse Metalle oder Kohlenwasserstoffe ersetzt werden können. Solche von dem A. abgcleitctcte Körper nennt man Ammoniakbasen (Amidbasen, Amine, Imine); sie verhalten sich meist dem A. sehr ähnlich n. gehören znm größeren Theil der organischen Chemie an. Ammoniak-Alaun (Chcm.), s. n. Alaun. Ammoniakalisch, Ammoniak enthaltend. Ammonicike (Ammonia, Oase des Amnn, a. Geogr.), Oase in der Libyschen Wüste, 12 Tagereisen wcstl. von Memphis. Hier war ein Priesterstaat mit der Stadt Ammon und dezn Ammons- tcnipcl Ammonion (s. Amnn), mit berühmtem Orakel; Alexander der Große besuchte dieses Orakel (s. Alexanders d. Gr. asiat. Feldzug). Zur Zeit des Thcodosius war cs bereits vergessen. Jetzt die Oase Siwah; diese ist zuletzt von der Rohlfsschen Expedition 1873—74 berührt und geographisch untersucht worden. Bergt. Minutoli, Reise zu dem Tempel des Ammon, Berlin 1824; Parthey, Das Orakel u. die Oase des Ammon, Berlin 1862. Ammoniakflüssistkcit, wässerige, wcingcistige (Uignor nininoini eaunküoi spiriknwsus), pharina- centischcs Präparat; wird dargcstellt durch Einleiten von Ammoniakgas in Alkohol von spccifischem Gewicht 0,,„„ so lange bis die Lösung ein specifischcs Gewicht von 0,,,«—0,»„, hat, was einer lOpro- centigen Lösung entspricht. Ammoniakgnmmi (A-Harz, Oschalgnmmi, 6nmwi-rosina aininoniaenm), der eingetrocknete Milchsaft von Dorounr .4nolwri B'M«. oder I>. -unnwninouiu. Don., einer in Persien einheimischen Doldenpflanze. Es kommt in den Handel entweder in rundlichen, erbsen- bis walnußgroßen Stücken (Ouinmi nminoninonin in inorpinw), die außen gelblich-weiß bis bräunlich sind, schwach muscheligen, wachsglänzcnden Bruch besitzen, kanten- durchscheinend sind n. zu unregelmäßigen Stücken zusammengebackcn das ü. annnon. ainpMinloickes bilden, oder als chr. ein synonymisches Wörterbuch, Hanptansg. von Valckenaer, Leyden 1739, u. A. von Schäfer, Leipz. 1822. 6) A., Sohn des Hernrias, nenplatonischer Philosoph (angeblich im 5. n. 6. Jahrh. n. Ehr.) zu Alexandria, Schüler des Proklos, Lehrer des Simplicius, Erklärer des Aristoteles, zn dessen Werken er theilwcise Com- menrarc schrieb, bei Brandis Latiolin ln eLristo- boleM, Berlin 1830. Ammoniten (Ammonshörner) find vorweltliche vicrkiemige Cephalopodcn, Kopffüßler, unserem noch lebenden Nannlns ähnliche Thicre. Die Schalen derselben sind mannigfach gewunden u. im Innern durch Scheidewände in Kammern abgetheilt, in deren letzter offener das Thier wohnte. Alle anderen waren nur durch den Sipho, einen Fortsatz des Thieres, mit der Wohnkammer verbunden, n. dieser Sipho war in einer kalkigen Schale enthalten, die sich durch alle Kammern fortsetzte. Die leeren Kammern dienten also dazu, das Thier mit seiner Schale schwimmend zu erhalten, n. der Sipho zur Befestigung an der Schale. Die Thiere lebten wahrscheinlich, wie unsere Nanlilnsarten, nur auf hohem Meere und kamen wol auch ebenso nur selten an die Oberfläche. Mit den A. zusammen und sogar in ihrer Mündung findet man oft Versteinerungen, iLptpollns genannt, welche aus zwei dreiseitigen Theilcn bestehen, die einander ähnlich sind, aber nicht ans einander passen; Schloß u. Mnskeleindruck, wie bei zwei- schaligen Mollusken, für die man sie früher hielt, fehlet:; man hält sie neuerdings für Theile der A., entweder Deckel, oder Knochen derselben. ^Der Sipho liegt nun bei allen A. am Rücken der Schale, d. h. an der den Windungen abge- Ammonium. 565 t 4 L.x»1^okus liimollosus von Solnhofen. wandten Seite, während . er bei anderen Cepha- ! lopoden, z. B. dem ! Nautilus, nach innen, bei noch anderen, den Belemniten,in der Mitte liegt. Die Schalen der A. waren meist äußerst zart und dünn, n. die Wohnkammer die letzte, ist daher selten erhalten. Wo die Kammerwände an die Außenwand anstoßen, zeigen sich an den Steinkcrnen die Verwachsungsnähte, u. deren Form u. Gestaltung liefert dasHauptunterscheidungsmcrkmal fllrdieA. Siebil- den mehrere, meisttz Ein- n. Ansbiegungen, die man Sättel u. Loben oder Lappen nennt. Die Loben sind die nach hinten gerichteten Einbiegungen, die Sättel die nach vorn gelegenen Ausbiegungen. Bei der Gattung 6onig.tibsi4 verlaufen nun diese Loben u. Sättel einfach in aus- u. einwärts geschwungenen Linien, die weiter nicht gezahnt oder gelappt sind. Es sind dieses die ältesten A., die bereits in der devonischen Formation Vorkommen. In der Zechsteinformation finden sich keine A., erst im Muschelkalk treten sie wieder ans u. hier bereits in complicirteren Formen. Beider hierher gehörigen Gattung Oratitss sind die nach der Mündung gerichteten Sättel glatt, die Loben aber gezahnt. Auch eigentliche A., A. im engeren Sinne, mit vielfach gefalteten, gezahnten n. gelappten Sätteln u. Loben, erscheinen bereits im 'Muschelkalk, aber häufig u. sehr zahlreich kommen dieselben erst im Jnragebirge und in der Kreide vor, wo der Ar- tenreichthnm ein enormer ist. Mit der Kreide hören die A. ans; die neueren Formationen, ebenso wie die Jetztzeit, haben diese Thiere nicht mehr. Merkschiede in den Formen zeigen die A. noch in Bezug auf die Eiurollnng, die mehr oder minder vollkommen ist. Die in den älteren Formationen vorkommenden sind alle vollkommen spiralförmig und in einer Ebene aufgerollt, auch so, daß die Waldungen sich alle berühren; aber in der Kreide treten noch allerlei andere Formen auf: die Baculiten sind gerade, die Toxoceratiten hornförmig gekrümmt, die Hamiten schleifenartig, die Scaphitcn erst vollkommen anfgerollt, dann gerade u. in die Mündung wieder zurückgcbogen, die Turrilitcn winden sich thnrmartig auf. Es scheint, als habe damit die Natur noch einmal ihren Formenreichthum zeigen wollen, ehe sie anjhörte, Ä. zu schaffen. Da die U. sich sehr häufig und in den mannigfachsten Formen finden, auch für manche Schichten vollkommen bezeichnend sind (Go- niatitenkalk), so haben dieselben zahlreiche Bearbeiter gefunden. Vgl. Reinecke, Claris pratoxasi Nautilus ob L.r§onanta, vulgo eornas. ^.wmo- nis in agro 6odur§ioo, Kobnrg 1818; G. de Haan, monagrapiiias ^.inmonitoruiu et 6-oniatv- tsornm sxoeimen, Leyden 1825; Leop. v. Buch, lieber A. u. ihre Sonderung in Familien, Berl. 1832, die Schriften der Bert. Akademie; Fr. Aug. Qnenstedt, Die Cephalopoden, Tübing. 1849. Ammointeilgclenke (Pal.), Bruchstücke von Kammern von Ammoniten. Ammoniter, Volksstamm im O. von Palästina, jenscit des Jabbok, mit der Hanptst. Rabbath, dessen Stammvater der Sage nach in Blutschande von dem Patriarchen Lot erzeugt war. Seit der Richterzeit mit den Israeliten in fortwährender Fehde, waren sie den letzteren zeitweilig tributpflichtig, rissen aber nach dem Untergänge des nordisraelitischen Reiches die ostjordanischen Provinzen an sich n. schlossen sich später gegen Juda den Chaldäern an; noch zur Makkabäerzeit kämpften sie gegen die Juden. Seitdem verschwinden sie aus der Geschichte. Ihr Hanptgötze war Miltom (Malkam), der mit dem Moloch-Saturn identisch ist. Ammonium, ein aus Stickstoff u. Wasserstoff nach der Formel Xll^ zusammengesetztes Nietall, welches als das Radikal des wässerigen Ammoniaks angenommen wird. Dieses zeigt nämlich eine Reihe von Eigenschaften, welche mit gewissen wesentlichen Eigenschaften der kaustischen Alkalien — Oxydhydrate, besser Hydroxyde, der Alkalimetalle — genau übereinstimmen. Es wirkt, wie diese, ätzend, reagirt alkalisch n. verbindet sich mit Säuren zu wohl charakterisirten Salzen. Wenn ein ätzendes Alkali mit einer Säure znsammen- gebracht wird, so bildet sich das entsprechende Salz unter Austritt von Wasser; z. B. .MOU -s- MI — Xn6I -s- kl,0 Ätznatron u. Cblorwasser- gibt Natrinmchlorid u. Wasser stosssänre oder XnOU -s- MO, — XaXO, -s- 8^0 Ätznatron u. Salpetersäure gibt salpetersaures u. Wasser. Natron Sicht man nun die Ammoniakflüssigkeit als eine bloße Auflösung von Ammoniak in Wasser XU, -s- xHO an, so muß man consequenter Weise annehmen, daß das Ammoniak als solches sich mit den Säuren verbinde; dann findet aber der Austritt von Wasser bei der Salzbildung nicht statt: XII, -s- Ml ^ Xllg.MI Ammoniak u. Chlorwasserstoff gibt Chlorwasscrstoffsaures Ammoniak (Salmiak) oder XHg -l- 8X0, ^ X8-.8X0, Ammoniak u. Salpetersäure gibt salpetcrsauresAmmoniak, Die Analogie zwischen der Ammoniakflüssigkeit n. den Ätzalkalien geht dabei scheinbar verloren. Dieselbe tritt aber sofort hervor, wenn man (wie jetzt allgemein geschieht) annimnit, daß in der Ammoniakflüssigkeit nicht Ammoniak als solches, sondern LaS durch Verbindung desselben mit den Bcstand- rheilen des Wassers entstehende sog. A-oxydhydrat, Ä-bydroxyd oder Ätzammon enthalten ist: ' X8, -I- 8,0 — X8..08 Ammoniak u. Wasser gibt A-Htzdroxhd. Dann gestaltet sich die Salzbildnng folgendermaßen : X8,08 -s- MI ^ X8.6I -j- 8.0 A-Hhdroxnd u. Chlorwasser- gibt A-chlorid u. Wasser stoffsälzre (Salmiak) 566 ^inrlioniuui oai-konioiim — Ammoniumchlorid. oder: M40H 4- N^0, ^ XN,.X0., 4- Is.O A-üydroxyd u. Salpetersäure gibt salpetersaures u. Wasser. Ammon Nach dieser Auffassung entspricht also dem Ätznatron ^ /'Ätzammon, Natronhydratod. ^.rOII /Ammonhydrat, Natriumhydroxyo) ^Amnwniumhndroxyd; dem Natriumchlorid t ^ /Ammoniumchlorid od Chlornalr.um (^^4)^^od.Chlorammonium; dem salpeters. NatronXaXOg salpeters. Ammon, also dem Natrium (^ 4 ) Ammonium; u. dem Natriumoxyd ^ „ l Ammoniumoxyd od. °d. Natro» Man hat, um die Analogie noch deutlicher auszn- drückcn, an Stelle der Formel (RN,) das Zeichen .-Lm für A. cingcführt; dadurch nehmen obige Formeln folgende Gestalt an: Rn08 Rn6i RaROg Rn R^O Am 08 ^mEI LmiROg ^m L.n^O Analogie der Eigenschaften laßt stets auf eine entsprechende Analogie der Zusammensetzung schließen. Die durch die angeführten Formeln veranschaulichte Analogie, die auch durch Len Klang der Namen — Natrium, Ammonium, Natron, Ammon — angedcntct werden soll, macht es demnach wahrscheinlich, daß in den sogenannten Amnwniakvcr- bindungen der Gruppe R84 das A. wirtlich existirt (nicht zur Vereinfachung der Auffassung b.ös gedacht wird), n. es liegt nahe, zu fragen, ov die Annahme von der Existenz des A. n. von seiner (dem Kalium oder Natrium entsprechend) metallischen Natur durch anderweitige Gründe unterstützt werde, ob es vielleicht sogar gelungen sei, dieses bis dahin hypothetische Metall isolirt darzn- stcllcn. Erstere Frage ist unbedingt, letztere mit einer gewissen Einschränkung zu bejahen. Die mci- sten Metalle haben nämlich die Eigenschaft, sich mit Quecksilber zu mctallähnlichen Legirnngen, den sogenannten Amalgamen, zu vereinigen. Einige derselben können in krystallinischcr Form dargestellt werden. Nichr-mctallische Körper zeigen diese Eigenschaft nicht. Wenn man durch eonccntrirte Ammoniakflüssigkeit oder Salmiaklvsnng den elektrischen Strom leitet n. dabei als negativen Pol Quecksilber benutzt, so wird am positiven Pol Sauerstoff frei, während das als negativer Pol dienende Quecksilber unter bedeutender Volnmenvergrößernng sich in eine mctallglänzcnde Masse von (bei gewöhnlicher Temperatur) bntterartiger Consistenz verwandelt, welche beim Anfhören der Stromwirk- ung sich bald in Quecksilber, Ammoniak n. Wasserstoff zersetzt; n. zwar entwickeln sich die beiden letztgenannten Gase in dem Verhältniß R8z zu 8, d. h. so, daß sie ans einer Verbindung 88^ her- vorgcgangcn sein müssen. Da die erwähnte voluminöse Verbindung (welche auch in der Kälte kry- stallisirt erhalten werden kann) ganz die Eigenschaften eines Amalgams besitzt u. gerade mit den Amalgamen der Alkalimetalle eine besondere Übereinstimmung zeigt, so schließt man, daß derselbe eine wirkliche Lcgirnng sei, daß also die in derselben enthaltene Gruppe R8,, ein metallischer Körper sein müsse. Jene Verbindung, die wir demnach als A-amalgam zu bezeichnen haben, entsteht auch beim Znsammcnbringen einer Lösung von Salmiak mit Kalium- oder Natrinmamalgam: (R8ZLI -P (L-stxltz) - L6l Z- (88,-s-x8§) Lalmicik od. u. Kalium- gibt Chlor- u. A-amalgam. Chlor-A. amalgimi. kalnn» Ist schon durch die Existenz u. die Eigenschaften des A-amalgams die Existenz n. die metallische Natur des Ä. so gut wie erwiesen, so gewinnt die A-theorie noch mehr an Evidenz dadurch, daß es höchst wahrscheinlich gelungen ist, das A. iso- lirt darznstellen. Eine dunkelblaue, mctallglänzende Flüssigkeit, welche ans Chlor-A. und Kalinm-A. dargestellt wurde, scheint freies A. zu sein. Da indessen der fragliche Körper nur in zugcschmol- zenen Röhren dargcstellt werden kann n. sich rasch in Ammoniak u. Wasserstoff zersetzt, sich also einer genauen analytischen Behandlung entzieht, so leidet die Ansicht, daß sie wirklich das reine freie A. sei, an einer gewissen, bis jetzt nicht zu beseitigenden Unsicherheit. Das A. hat die Eigenthümlichkeit, daß sein Wasserstoff ganz oder thcilweise durch Metalle «Kalium, Natrium, Kupfer n. a.) n. durch organische Radicale ersetzt werden kann. Die A- theorie wurde in ihrer jetzigen Form durch Antpöre begründet n. durch Berzelius entwickelt. Ammonium carbonioum (Pharm.), flüchtiges Langensalz, reines Hirschhornsalz, s. köhlensaures Ammoniak; A. onrtzonioum pz ro-olsosnm, s. Hirschhornsalz; dllorntnm, s. Ammoniumchlorid; X. düorntnm korratum, N. mnrintionm umvtnnbnm, s. Eisensalmiak; plwsplwriouin, s. p hosphorsanres Ammoniak. Ainmoulumbromid, B r 0 m a m m 0 ninm (Ccm.), Verkündung von Ammonium mit Brom, chcin. Formel R8ZZr; farbloses, an der Luft gelb werdendes Salz von stechend salzigem Geschmack, in Wasser n. Alkohol löslich; entsteht n. a. durch Sättigen von Ammoniakflüssigkeit mit Bromwasser- stoffsänrc, sowie bei Einwirkung von Brom ans Ammoniak oder Schwcfelammoninm, wobei im ersteren Falle Stickstoff, im letzteren Schwefel frei wird; endlich nebst schwcfelsanrcm Kali durch Sublimation von Bromkalinm mit schwefelsaurcm Ammon. Es findet in der Photographie Anwendung. Ammoninmchlorid, Chl 0 ra m m 0 nin m, Salmiak (sal nrmsniaonm), weißes, in Oktaedern kryställisircndes, ans Ammonium und Chlor nach der Formel 88^61 zusammengesetztes Salz. Es schmeckt scharf salzig, ist in Wasser, namentlich heißem, leicht löslich u. läßt sich unverändert sublimiren. In hoher Temperatur jedoch zersetzt sich der Dampf in Ammoniak- n. Chlorwasserstofsgas, die sich beim Erkalten wieder zu A. vereinigen. Es entsteht beim Zusammentreffen von Chlorwasserstoff- n. Ammoniakgas als weißer, ans sehr kleinen, festen Theilchen bestehender Nebel, sowie in gelöster Form beim Sättigen von freiem oder kohlcnsanrcm Ammon mit Salzsäure. Früher kam das A. des Handels ans Ägypten (ägyptischer Salmiak), jetzt stellt man dasselbe in großem Maßstabe in Fabriken dar, u. zwar aus den Produkten der trockenen Destillation stickstoffhaltiger organischer Substanzen, z. B. verschiedener Thierstoffe u. namentlich der Steinkohlen. Das bei der Fabrikation des Leuchtgases, der Knochenkohle, des Blntlangensalzes als Nebenprodukt « l >« , 567 « Amiiwniumjodid erhaltene Theerwasser, sowie gefaulter Harn enthalten kohlensaurcs Ammon; durch Neutralisation mit Salzsäure n. Abdampfen gcwinnr man daraus den rohen Salmiak, der durch Sublimation gereinigt wird. Der snbliinirte Salmiak stellt weiße Kuchen von faserig - kristallinischem Gefüge dar. Diese Struktur rührt daher, daß die Oktaeder, in welchen das Salz krystallisirt, sich zu langen; biegsamen Fasern aneinandcrfügcn; in Folge davon ist der Salmiak schwer zu pulvern. Auch auf andere Weise werden die Ammon enthaltenden Products auf A. verarbeitet. Anstatt das kohlcn- sanre Ammon dnrch Salzsäure zu Neutralismen, kann inan dasselbe z. B. auch mit Schwefelsäure sättigen u. das entstandene schwefelsaure Ammon mit Chlornatrimn (Kochsalz) snblimiren, wobei A. Mblimirt n. schwcfclsanres Natron zurückblcibt. In der Natur findet sich A. nur selten; so als vnl- canisches Product in Spalten n. auf der Oberfläche der Lava u. in geringer Menge im Speichel, Harn, der Thräncnflüssigkeit n. im Blagensafte der Wiederkäuer. Man verwendet das A. namentlich u. a. als Arzneimittel, zur Darstellung des Ammoniak u. der Ammoniakflüssigkcit, in der Färberei, beim Löthen u. Verzinnen, zur Darstellung von Platin (ans Platinsalmiak). Ammoniumjodid, Jodammonium, Verbindung von Ammonium n. Jod; chemische Formel: 884.I; farbloses, in Wasser und Alkohol lösliches, zerflicßlichcs, leicht (unter Freiwerden von Ammoniak) zersetzbares, scharf schmeckendes Salz; bildet sich durch Neutralismen von Ammoniakflüssigkeit mit Jodwasscrstofssäure, sowie durch Wechsclzersetznng von schwefelsanrem Ammon und Kaliumjodid unter Zusatz von Alkohol (in welchem das entstehende schwefclsanre Kali unlöslich ist). Es findet in der Photographie Anwendung. Aminoniumoxyd n. Slnimonirnnhydroxyd, s. Ammoniak, Ammonium u.Ammoninmoxydhydrat. Ammoninmoxydhydrat, Ammoniumhydroxyd, Ammonhydrat, Ätzammon, Verbindung von Ammonium, Sauerstoff n. Wasserstoff der Formel (884)6.8, ist die in der Ammoniakflüssigkeit enthaltene, den Alkalien analoge Basis; cs entsteht durch Znsammcnlretcn von Ammoniak und Wasser Mg -I- 82O — (884)6.8 Ammoniak und Wasser gibt Ainmoniumhhdroxyd u. zerfällt leicht wieder in dieselben beiden Stoffe, namentlich beim Erwärmen; s. Ammoniak. Mit Säuren vereinigt es sich zu Ammonsalzen. Das Ammoniumoxyd, das Anhydrid des A. (884)28, ist noch nicht dargcstellt worden. Ammoniumplatinchlorid (Platinsalmiak), Doppelsalz ans Ammoniumchlorid und Platinchlorid, 28846I -st 816 ^, entsteht als gelber Niederschlag beim Derwischen der Lösungen dieser beiden Salze u. wird zur Darstellung des Platin- schwammes verwendet. Ammoninmsalze, s. Ammonsalze. Ammoninmsnlfhydrat, A-hydrosnlfid, Schwefelwasserstoff - Schwefelammonium (Chcm.), Verbindung von Ammonium, Schwefel und Wasserstoff in dein dnrch die Formel (884)8-8 dargestellten Verhältnisse; entsteht dnrch Vereinigung gleicher Ranmtheile Ammoniak und Schwefelwasserstoffgas: — Ailuiwnsalze. 88g -st 8.8 — (884)88 Ammoniak n. 'Schwefelwasserstoff gibt Ammoniuminlslwdrat n. entspricht demnach dem Ammoninmoxydhydrat, ans welchem es dadnrch abgeleitet werden kann, daß man dessen Sauerstoff dnrch Schwefel ersetzt denkt: Ammoninmoxydhydrat (88,)6.8, Ammoninmsnlfhydrat (884)8.1 l; es ist demselben auch in so fern analog, als cs alkalisch reagirt, überhaupt sich als starke Basis verhält n. sich mit Snlfosänren, d. i. clektronegativen Schwefelmetallen, zu Snlfosalzen vereinigt. In wässeriger Lösung erhält man es dnrch Sättigen von Ammoniakflüssigkeit mit Schwefelwasserstoff. Das so erhaltene A. (Schwefelwasserstoff-Schwefel- ammoninm oder Schwefelwasserstoff - Ammoniak, auch wol, unrichtig, schlechtweg Schwefelammoninm der Laboratorien) ist anfangs farblos, färbt sich an der Luft unter Bildung von Polysnlfnretcn gelb und scheidet zuletzt Schwefel ab. Es riecht stark n. höchst unangenehm nach Ammoniak und Schwefelwasserstoff und löst Schwefel n. mehrere Schmefelmetalle auf. Man wendet es in der qualitativen chemischen Analyse zur Erkennung u. Scheidung der Metalle an, da cs einige derselben, welche von Schwefelwasserstoff nicht niedergeschlagen werden, als Schwefelmetälle ans ihren Salzlösungen fällt n. einen Theil der dnrch Schwefelwasserstoff niedergeschlagenen Schwefelmetälle löst. Mit Säuren bildet es die diesen entsprechenden Ammonsalze unter Entwickelung von Schwefelwasserstoff. Ammoniumsnlfnrctc (Chcm.), Verbindungen von Ammonium mit Schwefel. Man kennt außer dem einfachen Ainmoniumsulsnret oder Einfach-Schwefelammoninm noch A. mit mehr als 1 Atom Schwefel, Ammonium-Polysulfnrete. Einfach-Schwefelammoninm (884)28 entsteht dnrch Vereinigung von 2 Vol. Ammoniakgas u. 1 Vol. Schmefelwasserstoffgas in der Kälte: 2882 -st 828 ^ (884)28 Aniiiwmak und Schwefelwasserstoff gibt Schwcfelammonium und stellt farblose Krystalle dar, welche alkalisch reagiren u. sich leicht von selbst (unter Entwickelung von Ammoniak n. Bildung von Ammonium- sulfhydrat) zersetzen; in wässeriger Lösung erhält man A., indem man dem durch Sättigung 1 Thcils Ammouiakflüssigkeit mit Schwefelwasserstoff erhaltenen Ammoninmsnlfhydrat noch 1 Theil Ammoniakflüssigkeit znsctzt. Es dient, wie das Snlfhydrat, als Reagens, um die durch Schwefelwasserstoff nicht fällbaren schweren Metalle aus den- Lösnngen ihrer Salze in Form von Schwefel- metallen niederznschlagen. Ammonsalze, Ammoniumsalze, auch Ammoniaksalze (letztere Bezeichnung ist vom Standpunkte der Ammoninmtheorie unrichtig; s. Ammonium), die Salze des Ammonium, welche dnrch Neutralisation von Ammoniak mit Säuren (Säure- Hydraten) gebildet werden können. Sie enthalten nach der jetzt geltenden Ansicht kein Ammoniak (dieses geht'mit den Anhydriden der Sauerstoff- sänren auch Verbindungen ein, welche aber nicht Salze sind, sondern erst dnrch Aufnahme von Wasser in dieselben übergehen). Alle A. sind, zum Theil unter Zersetzung, flüchtig, einige zer- 568 Amiiwushoru — Amnion. setzen sich beim Verdampfen ihrer Lösung, selbst beim bloßen Liegen an der Lnfr, unter Entwickelung von Ammoniak. Die A. sind farblos (wenn es die Säure ist), haben einen scharf salzigen Geschmack u. losen sich leicht in Wasser. Mit ätzenden Alkalien oder alkalischen Erden zusammengerieben oder erwärmt entwickeln sie Ammoniak, welches außer an seinein charakteristisch stechenden Gerüche noch an seiner alkalischen Rcaction u. der Eigenschaft zu erkennen ist, mit Chlorwasserstoff- sänredampf weiße Nebel zu bilden. Mit Platinchlorid geben sie einen gelben Niederschlag von Ammoninmplatinchlorid oder Platinsalmiak, welches beim Glühen reines Platin in Form von Platinschwamm hinterläßt. Mit Brncin n. Salpetersäure geben auch die kleinsten Spuren eines A-s eine rosenrotste Färbung. Die A. sind mit den Kalisalzen isomorph. Über die einzelnen Salze s. n. den betr. Säure». Ammonshorn, 1) (Anal., lat. eorun ammo- om) bogenförmiger, hornähnlich gekrümmter Theil des Gehirns, das außen ans weißer Substanz, innen ans grauer besteht, von einem Ende zum anderen an' Stärke znnimmt und durch mehrere Einschnitte in 3—5 Wülste am unteren, dickeren Ende abgetrennt ist. 2 ) (Pal.) So v. w. Ammonit. Ammonsoase, s. Ammoniake. Amnesie (v. Gr.), Vergessenheit, Vergeßlichkeit. Amnestie (v. Gr., das Nichtgcdenken, Bereisen), die Zusicherung des Vergebens bestimmter egangener Verbrechen und damit der Einstellung aller desfalls vom Gesetze vorgeschriebenen stras- gcrichtlichcn Maßregeln. Diese Zusicherung kann nur vom Inhaber der höchsten Staatsgewalt aus- gehen als ein Act der Gnade, wie denn überhaupt Ä. eine Art Begnadigung ist, aber doch in den Motiven, wie in ihrem inneren Wesen von dieser sich wohl unterscheidet. Die Begnadigung ist individuell, die A. generell; die Begnadigung bezieht sich nnr auf den Einzelnen n. dessen Verhältnis; zur begangenen That gegenüber dem starren Rechte, die A. dagegen umfaßt eine oder mehrere bestimmte Klassen von Verbrechen n. kommt Allen zu Gute, die wegen derselben vernrthcilt oder in Untersuchung sind. Die A. Pflegt ans politischen Anlässen, vor Allem nach glücklicher Beendigung internationaler Kriege, nach inneren Unruhen, Bürgerkriegen, bei WenhMge» im Staatslebcn erlassen zu werden, u. hat dann im Wesentlichen den Zweck, die glücklicheren Verhältnisse der Gegenwart nicht durch das Elend u. den Kummer, welche die Strafe für die davon Betroffenen und ihre Familien hervorriefen, getrübt zu sehen. A. pflegt aber auch sonstige polnische Ereignisse, wie auch Familien-Erlcbnisse des Regenten (Vermählung des Fürsten, Geburt des Kronprinzen rc.) zu begleiten, als öffentliche Bezeugung des landesherrlichen Wohlwollens. Sie ist eine allgemeine (unbedingte), wenn jedem Theilnehmer gewisser Vergehen ohne Ausnahme Straflosigkeit gewährt wird, eine beschränkte (bedingte A.), wenn sie gewisse Fälle, besonders Hochverrats, oder gewisse Klassen, z. B. die Offiziere bei Militär-Ä-u, ausschließt, oder wenn sie ein besonderes Nachsnchen darum in bestimmter Frist n. die Erklärung der Unterwerfung verlangt. Die A. kann Nicht-Vollstreckung oder nicht weitere Vollstreckung der bereits erkannten Strafen, oder auch Niederschlagung aller Untersuchungen wegen der bestimmten, au sich strafbaren Handlungen sein. Amnestirte Beamte können auch in Folge der A. wieder in die verlorenen Ämter eintretcn. Die A, ist griechischen Ursprunges. Das erste Beispiel davon kommt in Athen nach dem Sturze der 30 Tyrannen 403 v. Ehr. vor, wo aus Rath des Thrasybnlos ein Gesetz erging, daß Niemand wegen vergangener politischer Verschuldungen angcklagt oder bestraft werden sollte. Diese Straflosigkeit wurde nachmals öfter in Athen gewährt, aber nicht unter dem Rainen A. (dieser Ausdruck kommt erst bei späteren Historikern vor), sondern Adie (acksis. d. h. persönliche Sickicrhcit). Auf jene erste A. in Athen Pflegte man sich nachmals in Rom zu beziehen, wenn die Straflosigkeit politischer Vergehen n. Feindschaften (ObUvio, AVolitio) beantragt oder dccretirt wurde; hier erließ Cäsar die erste, indem er nach der Schlacht bei Munda im I. 45 v. Chr. Allen, die gegen ihn die Waffen getragen hatten, Verzeihung gewährte. Eine spätere Abolitio er- theilte Aurelian den politischen Verbrechern unter seiner Regierung, bei welcher Gelegenheit auch das Wort Amnestie vorkommt (Bopisc., ,4mrs1. 39). Beschränkungen n. Ausnahmen kamen auch schon damals in Anwendung; so wurden bei der athenischen A. die 30 Tyrannen u. ihre 10 Nachfolger ausgeschlossen und cxilirt; Aurelian schloß von der A. gemeine Verbrecher, wie Beamte, welche öffentliche Kaffen bestohlen, oder sich Geld- erprcssnugen hatten zu Schulden kommen lassen, aus. Neuere Am waren der Passancr Religionsvertrag, 1552, der dritte Religionsfriede von St. Gcrmain-en-Laye, 8. Ang. 1570, der den Hugenotten Ä. gewährte, die im Westfälischen Frieden 1648 zugesicherte A., die Gcncral-A. nach Karls II. von England Thronbesteigung, 1660, wovon nnr die Richter Karls 1. ausgeschlossen waren; in Frankreich die Olmrts evustitmtiuiwllo von 1814, hinsichtlich aller Vergehen in der französischen Revolution, die A. Napoleons I. vom 13. März 1815, von der nur 13 Personen (Talleyrand, Bonrrienne, Dalberg rc.) ausgenommen wurden, die allerdings sehr beschränkte der Bourbonen vom 12. Jan. 1816; in Spanien die A-n von 1832 und 1830 in Folge der Carlistischen Erhebungen; in Polen nach Len Unruhen von 1830 n. 1831 eine sehr beschränkte, erst beim Regierungsantritte des Kaisers Alexander II. 1855 erweiterte; dann die desselben Kaisers für die an der letzten polnischen Revolution von 1863 Bctheiligten. Besonders zahlreich sind A-u in Deutschland seit 1840 n. 1848 ertheilt worden; so in Preußen 1840 u. 1866; in Bayern 1848 und 1865. Bemerkenswerth ist die Gencrat-A. für alle im Kaiserthmn Österreich 1848 n. 1849 begangenen politischen Verbrechen, im Mai 1857; im Juni 1867, bei Gelegenheit der Krönung in Ofen, eine Gcneral- A. für Ungarn, beide von Kaiser Franz Joseph. Ainmas (a. Geogr.), Fluß in Paphlagonien, wo 89 v. Chr. MithridateS über die Römer und Bitbyner einen Sieg erfocht. 'Amnion (Amnium), Schafhäntchen, die innerste Haut der Eihüllen, welche den Fötus der Säuge- Amiw:r — Amöneburg. )69 » !s thiere u. des Menschen umschließt; sie enthält eine Flüssigkeit (A-wasser, Fruchtwasser, Schafwasser), welche den Fötus schwimmend vor Druck n. Stoß schützt; s. Fötus, Entwickelnngsgeschichte. Am- niorrhod, vorzeitiges Abflicßen des Fruchtwassers bei der Geburt. Amnon, 1) Sohn des Königs David u. der Ahinoam; er schändete seine Stiefschwester Tha- mar und wurde deshalb von Absalom getödtet. 2 ) Rabbiner um 600 n. Chr.; schr. Tosiaplr tkrs- plnllalr. d. i. Gebetstärke, welches die Inden zu Anfang des Jahres und am Verföhnnngstage beten. Amöbäisch (v. Gr.), abwechselnd; daher A-cs Gedicht (6arnrsn nnwobavum), Wcchselgesang, wie ihn die griechischen und sicilianischen Hirten improvisirten, wovon die bukolischen Gedichte des Theokrit n. Birgil in ihren Idyllen Nachbildungen enthalten. Der Heransgeforderte machte den Anfang, der Andere folgte in ebenso viel Versen n. mit demselben Refrain, wie der Erste; entweder widersprach er darin dessen Behauptungen, öderer steigerte sie zu noch schärferem Ausdruck. Ein Dritter entschied zuletzt gewöhnlich über den ausgesetzten Preis. Amöben (v. gr. amorbö, Wechsel) nannte man früher alle mikroskopisch kleinen lebenden Wesen (Thicre u. Pflanzen), welche ihre Gestalt verändern können. Jetzt ist der Name beschränkt auf eine Gattung der Familie ^.inosliina, welche zu der Klasse der Wurzelfüßer, u. nicht, wie wol fälschlich angegeben wird, zu den Infusorien gehört. Jhr Körper besteht aus jenem eigcnthnmlichcn Stoffe, welchen man bei Thicrcn vorzugsweise als Sar- köde, bei Pflanzen als Protoplasma bezeichnet. Diese halbflüssige, schleimähnlichc Leibcssubstanz besitzt eine Helle, zähe Rindenschicht u. eine körnchen- reiche Marksnbstanz. Letztere ist in lebendiger, oft pnlsircndcr Bewegung begriffen und sendet breite, meist fingerförmige, leichtfließende Fortsätze, seltener zähflüssige, haarförmige Fäden ans, welche sowol zur Fortbewegung, als auch zur Nahrungsaufnahme dienen. Viele besitzen eine Art von Kern, sowie eine oder mehrere pnlsirende, mit wässcrigcr Flllssigkeit gefüllte Räume, sogenannte Vacuolen. Viele, so die eigentlichen A., sind nnbeschalt, andere besitzen eine bald biegsame (Psonäoeirlamvb), bald feste (Lroellrr), kugelige (Turplnronolla) napf- oder krugförmige (vikttng-in) Schale. Fortpflanzung durch Theilnng. Sie finden sich in stehenden Gewässern, seltener in der Erde n. im Innern von Thiercn. Die relative Selbstständigkeit, welche in der besonderen Benennung der Wesen foder, wie Andere wolle», in der Erhebung der Wesen zu einer Art) ihren Ausdruck finden soll, dürfte namentlich für die nackten A. noch schr wenig sicher zu sein, n. ist es wahrscheinlich, daß Wesen der verschicdenstcn Bedeutung einstweilen unter diesem gemeinsamen Namen znsammcngeworfcn werden. Amöboide Bewegung, die den Amöbenbewegungen ähnlichen Erscheinungen, die man an gewissen Zellen beobachtete, z. B. bei den Eiter- u. Schleimzellen, farblosen Blutzellen, Leberzellcn rc. Man sah solche sogar wandern u. andere Körperchen anfnehmen, umschließen. Amol (Rmnl), Handelsstadt in Persien, Prov. Masenderan, am Heruvsch, über den eine Brücke von 12 Bozen führt; hat im Winter die stärkste ' Bevölkerung, weil da die Bewohner, die sich wäh- i rcnd der heißen Jahreszeit in die Gebirge znrück- /ziehen, wieder heimkehren; man gibt überhaupt 10,000 Seelen an. Die Stadt ist vom Khalifen Harun al Raschid erbaut und soll im II. Jahrh. 1 Mill. Ew. gehabt haben. Im I. 1392 Eroberung der Stadt durch Timur, wobei unter den ketzerischen Fedai (Assassinen) ein schreckliches Blnt- ^ bad eingerichtet wurde. ! A-moi>, die erste der 12 weichen Tonarten. Da 'sie in ihrer abwärts steigenden Tonleiter aus lauster ursprünglichen, d. h. weder erhöhten, noch er- s niedrigten Tönen besteht, so wird sic als Muster Per weichen Tonarten betrachtet. Amollircn (v. fr. ninoUrr, lat. mottis), erweichen, verweichlichen. Amomcn (^münrr, 8emen ainorui, 8. zamai- oonse, Jamaica-Nelkenpfeffer, Nene Würze, Piment), die Beeren von Lkzrtus pimsntg, T., s. kimenba, aromakioa einem 6—10 m hohen Baume Westindiens aus der Familie der Myrtaceen; sie werden unreif gesammelt n. rasch getrocknet; im Handel haben sie die Größe der Erbsen, durch den bleibenden Kelch genabelt, von Farbe gelb- bis schwärzlich-braun, fein runzelig, unter der brüchigen Schale meist 2 Samen enthaltend, scharf aromatisch, wie Gewürznelken, zugleich aber etwas zimmt- und nmskatnnßartig schmeckend; enthalten viel scharfes, Ätherisches, grünes, fettes Öl, Extractiv- und Gerbestoff, Harz, Gummi und Zucker. Die A. sind arzncikraftig, dienen aber mehr noch als Küchengewürz. ümomum L. (Amvme), Pflanzengattnng ans der Familie der Zingiberaceen n. der Klasse der Scitamineen (I. 1), mit röhrigem, an der Spitze dreilappigem Kelche, dreitheiligcr, fast regelmäßiger Blumcnkronc, ansgebreiteter Honiglippe, 1 Staubfaden, der über dem Beutel kämmförmig vorsteht, dreifächeriger Kapsel, die zahlreichen Samen bemäntelt. Arten (alle im tropischen Asien oder Afrika heimisch): s.) die Cardamom-A. (ll.. Oar- ckamomnm ikö.), auf den Molukken, Java u. Sumatra, liefert die runden Cardamomen; k>) die pfeffer-artige A. (^.. Arans. k?araäisr L.), in Guinea, liefert die Paradieskörner p o) die gewürzhafte A. (tl.. nrornabionm Äo.vb.), in Ostindien, liefert die langen Cardamomen, und ck) die schmalblätterige A. (T. s-ngustikolinm §ou».), die großen Car- damomen. Amon, König von Inda, Sohn u. Nachfolger des LNanasse, 6L1—639 v. Chr., wie dieser dem Götzendienste ergeben. Er fiel als Opfer eiuer Verschwörung seiner eigenen Beamten, welche aber voin Volke gemißbilligt ward. Amön (v. Lat.)/ anmnthig, lieblich; daher Amönität, Anmnth, Lieblichkeit. Amöna (a. Gcogr.f, feste n. blühende Handelsstadt in Pannonien; jetzt Laibach. Amöneburg (althochdeutsch.LmanSbnrc, d. i. die Burg an der.Tmanü, ncnhochd. Ohm; die Landbevölkerung der Gegend soll noch Amöneburg ! sprechen, falsche Gelehrsamkeit aber hat den Na- !>nen an lat. amoenns, angenehm, angclchnt), 'Stadt im Kreise Kircbhain des preußischenRegbez. i Kassel, an der Ohm, ans dem Gipfel eines 680 in 570 Amontvns — Amort. ü. d. M. hohen Basaltfelscns; war ehedem eine starke Festung; Schloßruine, Kirche mit vorzüglichen Holzschnitzereien; 1000 Ew. Bonifacins gründete hier ein Kloster. Im Dreißigjährigen Kriege am 27. Nov. 1033 vom Landgrafen von Hessen erobert, am 27. Juni 1640 Sieg der Schweden unter Wrangel über die Bayern; im Siebenjährigen Kriege den 21. Sept. 1762 Ar- tillcriegefecht zwischen den Franzosen u. Alliirten, das durch die Nachricht der abgeschlossenen Friedenspräliminarien unterbrochen wurde. Daraus bezügliches Denkmal. Nmontons, Wilh., gcb. in Paris 31. Ang. 100,3, Mechaniker, gcst. 11. Oct. 1705; verbesserte das Barometer, Thermometer u. Hygrometer, gab auch die erste Idee znm Telegraphen n. schrieb: 8ur In eonstrnetion ci'uns nonvells olopsz'ärs sie., Par. 1695. Amor (lat.), 1) Liebe. 2) (Myth.) So v. w. Eros; daher Xmiwss, Eros n. sein Bruder An- teros; überhaupt Liebesgötter, Amoretten, beliebter Gegenstand der späteren antiken Kunst im kleineren Stil. Tt. Amor, Aqnitanier von Geburt, predigte im 7. Jahrh. das Christenthnm im Hessischen (vgl. Amorbach). Amorovictn, Ort in Spanien, wo der Marschall Scrrano 24. Mai 1872 mit den Insurgenten eine Convention schloß, nach der die früheren Offiziere der königl. Armee wieder ihre damaligen Chargen erhalten sollten, n. welche von dem Con- grcß am 4. Juni angenommen wurde. Amorbnch, 1) Landgcrichtsbezirk (früher fürstlich lciningisches Herrschaftsgericht) im bayerischen Regbez. Unterfrankcn, früher knrmainzisch, daun ans kurze Zeit zuerst zu Baden, dann zu Hessen gehörig, 1810 an Bayern abgetreten. 2) Stadl darin an der Bill und Mndan; Sitz des Landgerichtes, schönes fürstliches Schloß, lateinische Schule (seit 1807), Krankenhaus, ehcmal. Bencdictincrkloster, unter Karl Martell 730 erbaut, 1803 aufgehoben; Fabrikation von Papier, Tapeten, Knöpfen, Leder, Lignenr, Pumpen rc.; jodhaltige Stahlguelle (Jordansbad); 2380 Ew.; ^ Stunde davon die Kapelle Amorsbrnnncn, bereits 714 erbaut, mit berühmter Quelle, Schloßrninen Waldenburg, Schloß Watdlciningen, Sommerresidcnz des Fürsten. ümorve, 1) Lockspeise. 2)Zündkraut. 3) Satzloch an Minen; daher amorciren, anlocken, an- fenern. Amoretti, 1) Carlo, italienischer Gelehrter, gcb. zu Oncglia 13. März 1741, Zögling der Piaristen; ward 1757 Augustiner, trat in den Stand der Wcltgeistlichen n. wurde 1772 Professor des Kirchcnrechtes in Parma u. 1797 Bibliothekar an der Ambrosianischcn Bibliothek zu Mailand, wo er 25. März 1816 starb. Er veröffentlichte Xnova soolba ciöpnseoli intersssanti 8tclls 8 vivn 2 s e nulls arii, Vlailand 1775 bis 1788, 27 Bde.; OoUn rabäoman 2 m ossia slsttroinstria nnimnlo, ebd. 1808, n. einen Auszug: Olvmenti äl elsttr. auim.. Blailand 1816, n. gab mehrere Handschriften der Ambrosiana heraus. 2) Maria Pelle- grina, Nichte des Bor., geb. 12. Mai 1756; ver- thcidigle im 10. Jahre öffentlich philosophische Lehrsätze, erhielt 1777 die juristische Doctorwürde zu Pavia n. st. zu Oncglia 12. Nov. 1787. Sie schr.: Os furo clutium apnci Ikomanos. Amorstos (a. Gcogr.), eine der Sporaden im Ägäischen Meerc, südöstlich von Naxos, mit den Städten Arkcsine, Minoa, Ägiale. Hier Verfertigung der berühmten feinen Amorgischcn Leinwand; Vaterland des älteren Dichters Simonidcs. Jetzt Amnrgo (Morgo), 165 Usicm mit 3700 Ew.; s zur Eparchie Thera n. zur 'Noniarchie der Cykla- s den (Griechenland); der Hauptort Äastro mit Hafen n. 2000 Ew.; Handel mir Korn, Öl, Wein. Amoriter, mächtiger kanaanilischerVolksstamm, thcils dicsfcit, thcils jcnscit des Jordan wohnend, von den Israeliten unter Moses überwunden n. seiner Besitzungen jenscit des Jordan beraubt, welche nach der Überlieferung den Stämmen Rüben, Gad n. der Hälfte von Manasse zngethcilt wurden. Die letzten Überbleibsel derselben machte Salomo tributpflichtig. ümoerso (ital.), 1) Liebhaber, besonders auf ( dem Theater; so primo -1.. erster Liebhaber; 2) (Mus., VorrragSbczeichnnug) zärtlich, lieblich, einnehmend. " 'Amorph (v. gr. n privativmn u. märplm, Gestalt, also gestalt- oder formlos) nennt man Körper, welche auch in ihren kleinsten Theilcn keinerlei krystallinische Structnr besitzen u. dem entsprechend keinen körnigen, sondern einen sog. muscheligen i Bruch haben. Sic zeigen nach allen Richtungen gleiche Cohäsion n. Spaltbarkeit, gleiche Wärme- 1 leitnng u. sind nicht doppclbrechcnd. Einige Stoffe 1 kommen Mlr im amorphen, oder nur im krystallini- > scheu Zustande vor; andere, wie Kohlenstoff, Schwefel, Phosphor,arsenigeSäure,Kieselsäure, kennt mail, in beiden Zuständen. Manche a-e Körper gehen von selbst allmählich in den krystallinischcn Zustand 1 über, dabei wird stets Wärme und zuweilen auch !' Licht entwickelt. Manche Körper können künstlich l ans dem krystallinischcn in den amorphen Zustand t übergcführt werden, namentlich geschmolzene durch ) rasches Abtuhlen; so Schwefel durch Schmelzen u. darauf Ausgießen in kaltes Wasser; Phosphor durch - anhaltende Einwirkung des Lichrcs, oder durch längeres Erhitzen auf 250"; amorpher Schwefel geht von selbst in einigen Tage», schr rasch durch Erwärmen auf 100" u. amorpher Phosphor durch > Erhitzen auf 200" in die gewöhnliche Modification über. — A. erstarrende Körper sind geschmolzen - zähflüssig, nach dem Erstarren glasartig u. durchsichtig. Beim Übergang in den krystallinischen Zustand werden sie oft undurchsichtig. — Den amorphen Zustand nennt man Amorphie oder Amorphis mus. üinorpbs 15., Pflanzengattnng aus der Fam. der Schmetterlingsblüthigcn (I'npiliormooao.XVII. 0). Art: X. trntieaoa 15., mit zierlichen Fieder- , blättern und ährenständigen, schwarzbraun-pnrpur- ! neu Blumen; in Carolina heimisch; häufig in r Gärten als Zierstrauch. Die Blätter (wilder Jn- disto) geben abgekocht eine roth-gelbe Brühe, die mit Alaun citronengclb färbt. Amort, Eusebius, Thcolog, geb. 1692 in Oberbayern; längere Zeit in Rom; gründete 1720 eine gelehrte Gesellschaft, die um literarische Cnltur sich verdient machte, wurde Domherr in Augsburg, 1740 Dechant des Augustinerklosters Polling, Amortisation - 1759 Mitglied der Münchener Akademie; st. 1775. Obgleich streng römisch gesinnt, war A., ein trefflicher moralischer Charakter, unter den Ersten, welche die Aufklärung in Bayern förderten. Biogr. von Savioli, Münch. 1777. Amortisation (v. Lat., fr. tLmortsisssmont, Ertödtnng, Anslöschnng), 1) in der Rechtssprache des Mittelalters dre Veräußerung von Grundstücken an die Kirche, welche die Todte Hand hieß, weil sie einmal Erworbenes bei den gegen Wiederver- änßcrnngcn von Kirchengnt bestehenden Grundsätzen des Kanonischen Rechtes nicht wieder heransgab. Da nun alles Kirchengnt steuerfrei war, durch dessen Anhäufung aber dem Staate die höchste Gefahr n. grüßte Belastung erwuchs, so wurde, nachdem schon Karl IV. n. Sigismund der Zunahme solcher unbeweglichen abgabenfreien Güter Schranken zu setzen sich bemüht, von Karl V. die Erwerbung von Grundstücken durch die Kirche an die Genehmigung des Staates gebunden, ja, ein Verkäufer einer Liegenschaft mußte zuweilen eidlich erhärten, daß er es nicht znm Vortheil einer solchen Tobten Hand verkaufe. Reichsstädte, wie Frankfurt und Nürnberg, erhielten Privilegien, baß die Geistlichkeit keine Grundstücke kaufen durfte n., wenn ihr solche durch Erbschaft znfielen, an einen Bürger verkaufen mußte. In Folge der Reformation und der späteren Säkularisationen kam ein großer Theil dieser dem Verkehre entzogenen Güter wieder in denselben, n. ans Vorsorge haben auch neuere Lan- desgesctze n. selbst Verfassnngsnrknnden durch besondere A-sgesetze derartige A-en von der Genehmigung des Staates abhängig gemacht. 2) Eine weitere, heutzutage die häufigste BeLenmng der A. ist die Entkräftung einer Schnldnrkunde (Mor- rification, A-sverfahren), eines acceptirten Wechsels, einer Anweisung, eines Staatsschuldscheines au xortour, d. i. die Ungiltigkcitserklärung eines solchen Creditpapiercs, wenn dasselbe verloren gegangen, oder sich augenblicklich nicht vorfindet, u. zwar in der Absicht, den Nachtheil einer eventuellen doppelten Zahlung — an den ersten Besitzer des Verlorenen n. an den Finder desselben —von dem Schuldner, oder den Verlust einer Forderung von dein Gläubiger abznwenden. Der Verlierer wendet sich zur Erlangung der rechtsgiltigcn A. an die zuständige Behörde, welche den etwaigen Finder durch Vorladung in den öffentlichen Blättern auffordert, innerhalb einer festgesetzten Frist sich zu melden. Erfolgt hierauf keine öffentliche Meldung, so wird das A-scrkenntniß publjcirt (s. Mortisa- tionsschein). Erscheint aber etwa der jetzige wirkliche Inhaber der verlorenen Urkunde, so wird zwischen ihm u. Demjenigen, welcher die A. nachsuchte, im weiteren Rechtswege verhandelt. Ähnlich ist das Verfahren bei A. alter Hypotheken, wenn die Urkunden entweder verloren gegangen sind, oder in den Hypothekenbüchcrn Eintragungen alter Hypotheken sich finden, zu denen keine Berechtigten bekannt sind. Auch hier wird ein Edictal- Proecß eiugcleitet n. daraus nach Befinden entweder die Ausstellung neuer Urkunden, oder die Löschung .jener alten Hypotheken verfügt. Bei Privatschnld- scheinen genügt an Stelle des gerichtlichen Verfahrens häufig auch eine einfache schriftliche Erklärung des Gläubigers (Mortifikationsschein) zur — Amortisircu. 571 Entkräftung. Nach der Deutschen Wechsel-Ordnung 8 37 kann der Eigenthümer eines abhanden gekommenen Wechsels nach Einleitung des desfalls beantragten A-svcrfahrens vom Acceptanten Zahlung fordern, wenn er bis zur A. des Wechsels Sicherheit bestellt; ohne solche Sicherheitsstellnng ist er nur die Deposition der aus dem Acccpt schuldigen Summe bei Gericht oder einer sonstigen zur Annahme von Depositen ermächtigten Behörde oder Anstalt zu fordern berechtigt. Dieselben Bestimmungen bezüglich der A. gelten nach H 305 des D. H.-G.-B. für abhandengekommcne Anweisungen und Verpflichtnngsscheine, welche.von Kanflenten über Leistungen von Geld oder eine Quantität vertretbarer Sachen oder Werthpapiere ausgestellt sind, während die A. von Connossemen- tcn der Seeschiffe n. Ladescheinen der Frachtführer, Auslieferungsscheinen (Lagerscheinen, Warrants) überWaaren oder andere bewegliche Sachen, welche von einer zur Aufbewahrung solcher Sachen staatlich ermächtigten Anstalt ausgestellt sind, endlich von Bödmereibriefen n. Seeassecnranzpoliccn nach den Landesgesctzen sich richtet. 3) Eine dritte Bedeutung hat die A. als allmähliche Tilgung von Schulden (Amortissemcnt), welche vom Staate oder einer Stadtgcmeindc, von Credit- n. Actien- vcreinen, oder anderen vom Staate dazu ermächtigten juristischen Personen contrahirt worden sind. Die Tilgung geschieht iin Allgemeinen nach einem im voraus bekannt gemachten A-splan mittels periodischer baarer Rückzahlung eines bestimmten Thcils der aufgcnommcnen Anleihe. Die Ermittelung der znrückznzahlcnden Schuldscheine geschieht insgemein durchs Loos. Hier und da geschieht die A. auch in der Art, daß man bis zur völligen Tilgung der Anleihe die dem ganzen Schuldbeträge entsprechenden Zinsen, soweit sie durch die jährliche Abfindung einer gewissen Anzahl von Gläubigern entbehrlich werden, fortbe- zahlt an eine Tilgnngskasse, n. sic somit zur Rückerstattung des Capitals mitbenntzt — ein von Robert Walpole 1710 angewandtes, aber im Grunde doch nur illusorischen Vortheil bietendes Verfahren. Eine weitere Art der A. ist Las gelegentliche Zurückkäufen der ausgcgebenen Schuldscheine, und zwar die gewöhnliche bei den perpctnirlichen Renten, bei denen keine bestimmte Rückzahlungszeit festgesetzt ist. Bei Conrrahirung von Staatsanlehen pflegt die Tilgung durch Gesetz vorgeschrieben zu werden; sie ist meist einer besonderen Stelle, der Haupt-Verwaltung der Staatsschulden re. — einer eigenen A-skasse — zugewicsen, die in gewisser Unabhängigkeit von der übrigen Finanzverwaltung steht und in vielen Staaten auch durch ständische Beigeordnete überwacht ist. Über weitere A-sartcn s. Convertirnng n. Tilgungsfonds, auch Staatsschulden, Staatspapierc. Vgl. Ran, Fiuanzwissen- schaft, L. Ausl., Lpz. 1871, . u. v. Stein, Lehrbuch der Finanzwisscnschaft, 2. Ausl., Lpz. 1871. 1) Überhaupt Tilgung oder Abtragung einer Schuld, wie auch Abtragung eines Anlagekapitals, indem man dassclberatcnwcise auf die laufenden Geschäftskosten übernimmt. 5)Znrückweichende oder schmäler werdende Abschlicßnng eines Bautheils nach oben. Amortifircn (v.' Fr.), schwächen, mindern, tilgen, ungiltig machen. 572 Auws — Ampcrc. Amos, hebräischer Prophet, Hirt aus Thekoch im Stamme Juda, dessen Wirksamkeit in die Zeit der Könige Usia von Juda u. Jerobcam ll. von! Israel (ca. 7t>0 v. Ehr.) fällt, sich aber vornehm-! lich nur ans das nördliche Reich bezog. Bon dem! durch seine Freimüthigkcit verletzten Priestcrstandc ans dem Lande vertrieben (Am. 7, 10 ff.), soll er nach einer späteren Sage von einem Pricster- sohne erschlagen worden sein. Sein prophetisches Buch steht unter der Zahl der zwölf kleinen Propheten u. charaktcrisirt sich durch eine Fülle von Bildern, wie durch Klarheit, Kraft u. Schwung der Rede. Nettere Bearbeitungen in den Commcn- taren über die kleinen Propheten von Hitzing, 3. Anfl., Lpz. 1863; Über die Propheten von Ewald, 2. A., Gött. 1867; außerdem von G. Banr, Gießen 1848; Schmollcr, Biclef. 1872. Amoskeag (Skcag), Fabrikort im County Hills- borough des Nordamerika». Staates Ncw-Hamp- shire, am Mcrrimack, neuerdings mit Manchester vereinigt. Die MnoslcsaA AnuuknotnriuF 6om- panv liefert mit nahezu 63,000 Spindeln n. 1665 Webstühlen täglich 65,000 Sjards Zwillich, Leinwand und andere Weißwaaren. dlnßerdem Maschinenfabriken :c. Der Ort beschäftigt im Ganzen über 4500 männliche und weibliche Arbeiter. St. Amour, St. im Arr. Lons-le-Saulnier des französischen Depart. Jura, an der Eisenbahn (Lyonlinie); Marmorbrüche, Maschinenfabrik; 2554 Ew. Amovircu (v. Lat.), 1) entfernen, entsetzen; 3) entwenden ; daher amovibel, absetzbar, u. Amo- vibt'lität, Absetzbarkeit. Amol) (Emny, chinesisch: Hiamnn, Hiamenho), 1) Insel, gehörig zu dev chinesischen Prov. Fokicn, zwischen dem Festlande und der Insel Formosa; ungefähr 110 dsicm (2 dM) mit etwa 400,000 Ew. 2) Stark befestigte Stadt darauf, mit vortrefflichem Hafen, berühmtem Tempel des Fo n. merkwürdigen buddhistischen Heiligthllmern; etwa 200—250,000 Ew. A. gehört, seit es 1842 durch Vertrag von Nanking dem fremden Handel er-! öffnet wurde, zu den bedeutendsten Handelsplätzen! Chinas; Einfuhr von Opium und europäischen! Tuchen; Ausfuhr hauptsächlich Thcc, dann Baum-! wolle, Reis. Der Handel ist fetzt größtentheils inj Händen von Chinesen; Werth der Ausfuhr (1860)' etwa 18 Mill. Thaler. Ampannan (Ampinnan), St. u. Hafen auf der Westküste der Sundainsel Lombok. /linpolilleas //nmb., Louzpl., Ln-M, dicotyle Pflanzenfamilie ans der Ordnung der Frangn- linen; Blüthen regelmäßig, zwitterig, oder durch Fehlschlagen eingeschlechtig; 5ielch 4—5zähnig, oder! ganz, 4—5 Krvnblätter und ebenso viele Staub-! fäden; Beercnfrncht; Blätter gcgcnübcrstchend, mit! Nebenblättern; kletternde Sträncher mit Ranken! u. vortretcndcn Knoten. Arten: Vitia, Weinstock,! ^.mpoiopais, wilde Rebe. j Llillpclius, Lucius, römischer Schriftsteller! der späteren Kaiserzeit; schrieb: lüker moinoriaiis' (kurzer Abriß von Denkwürdigkeiten ans der Ge-! schichte, Geographie, Astronomie, wahrscheinlich für! die Schule bestimmt), von El. Salmasins entdeckt,, heransgcgebcn gewöhnlich zusammen mit FlornS, > einzeln von Wölfflin, Lpz. 1863. j ümpetopsls A/c/tw., Gattung ans der Familie der Ampclidcen (V. 1), mit kurzem, nngetheiltem Kelche, 4—5 an,der Spitze freien Blumenblättern n. ebenso vielen Staubfäden. V lwlloraooa O.(7. (wilder Wein), ans NAmerika, mir gefingerten, im Herbste roth werdenden Blättern, rankendem Stengel; häufig seiner reichen Belaubung wegen zur Bekleidung von Wänden und Lauben benutzt; Früchte ungenießbar ; an den Enden der Nankenzwcige oft Sangschwiclen znm Festhalten, z. B. an Mauern. Ampelpflanzen, Schlinggewächse, welche in von der Decke hcrabhängenden Ampeln gezogen werden. Als A. empfehlen sich vorzüglich:-Loselri- uantlins L'ranclitiorna, das Zymbelkraut (I-inaria, ez'inbnlai'ia), das scharlachrot!) blühende Schiefblatt (LsAonia knoiisiuillo^). der Schlangcncactns (Lorsns tia§e11ikormis), die gefüllte rosablühenbe 6alz-sts§1a pubssoous. hporniisrAia vivipara s. 6klloro)llrz-1Ium ötornborginnum, die Indische Erdbeere (bVag'arin lullten), mit gelben Blüthen und schön rothcn, aber fade schmeckenden Beeren, lln- brutimmuus elsAnus, mit rothen Blüthen, die Ca- narische Winde (Ipomaoa ennarionsls), mit blaß- rothen Blumen, I-vpbospsrmnm aennäsus, mehrere Arten von ülanrnullin, Llosembrz-nntlrsmum, 8s- llnm, 8nxilrnAn, Lllonuin ssnsololllss, ?oIarAo- nlnm psltatnm, 1'oronin nsintion, Vrnllosenntln rsbrinn, Vropnsolnm lobbinuum, Ephen, Immergrün rc. Auch die tropischen Orchideen gehören zu den A., die aber in besonders durchbrochenen, mit Moos n. Torfcrde gefüllten Llmpcln im Warm- hanfe zu züchten sind. Ampclurgie (v. Gr.), Weinbau. Ampelusia (a. Geogr.), Borgebirg in Manre- tania Tingitana (Afrika); jetzt Cap Spartet. Amper, Ampcrthal :c., s. Ammer. Ampere, 1) Andre Marie, berühmter Mathematiker u. Physiker, geb. 22. Jan. 1775 zu Lyon; ward 1801 Professor der Physik u. Chemie an der Ccntralschule des Depart. Ain zu Bourg, später am Lyceum zu Lyon, 1805 Repetitor an der polytechnischen Schule in Paris, 1809 Professor der Analyse u. Mechanik, Mitglied der Akademie, 1824 Professor der Experimentalphysik am (lclllöAS llo I^auos; starb 10. Juni 1836 zu Marseille. Er machte wichtige Entdeckungen über Elektromagnetismus (s. A-s Gesetz, A-s Regel, A-s Theorie des Magnetismus) n. schrieb: blssal snr la tböorio luatliümatigno llu zen, Lyon 1802; Roonsil ll'observntious öloetrallvnLmiqnes, Par. 1822; Israels llo la tlolnris llvL Menoin-mo» öloetro-llvuamiPws, ebd. 1824; Ossorixtiou ä'nn apfiaroll elostro-llvimmnzuo. ebd. 1824; Düvoris äos pliönoiuöuoz elootro-llznmiulguss, ebd. 1830. Außerdem enthalten die Llömoirss der Akademie u. die tbunalos llo plrz-zigno st äs Äiimio viele wcrthvolle Beirräge ans seiner Feder. Über A-s Leben schrieben Saintc-Bcnve u. Lirtre. 3) Jean Jacques Antoine, französischer Literarhistoriker, Sohn des Vor., geb. zu Lyon 12. Ang. 1800 ; studirtc in Paris neuere Sprachen, bereiste Italien, Deutschland, Dänemark, Schweden u. Norwegen u. kehrte 1829 nach Frankreich zurück. Er hielt literarhistorische Vorlesungen im Athenäum zu Marseille n. ward 1831 Professor am llo 573 Amperes Gesetz Rranes und Lupplsant Villemains au der Reels normale. Mit Merimee besuchte er 1840 die Le baute u. 1845 Ägypten u. würbe 1847 Mitglied der Ü.caäem1s äss insoriptions; st. 27. März 1864 in Pan. Er schrieb: Disvours sur 1'IüMoirs äs 1apossie, Par. 1830; Disoonrs sur 1a. libterab. Irany. clans sos rapports avev los littsra-turss. etianZerss au inozwn-ngs, ebd. 1833; Dittsra- ture et voz-aAss (eine Sammlung von Jonrnal- artikelu sprachlichen u. literarischen Inhaltes), ebd. 1834, 2 Bde.; Rist. Ilt. äs 1a Graues avant 1s XII. siecle, 1839, 2. A. 1867, 4Bde.; Ilistoirs äe 1a tormation äe la lauAus Irany., 1841, 3. A. 1871; Ha tlreos, Homo et Dante, 1850, 2. A. 1859; D'Iristoiro roinains a Roms,Par. 1856—64, 4 Bde.; Oesar, sesnss Iiistorignss, ebd. 1859; Ilourss äss poesies, 2. A. 1863. Vgl. Pottou, Rtnäss sur ü., Paris 1867. Amperes Gesetz, das von Ampere entwickelte clekrro-byuamische Gesetz von der Wirkung zweier elektrischen Ströme ans einander; s. Galvanismus. Amperes Gestell, ein von Ampere angewandter Apparat, mittels dessen man die Gesetze der Anziehung n. Abstoßung zweier elektrischen Ströme experimentell Nachweisen kann; s. Galvanismus. Amperes Regel, die von Ampere ausgestellte Regel, nach welcher sich vorausbcstimmcn läßt, in welcher Richtung ein frei beweglicher Magnet durch einen in seiner Nähe befindlichen elektrischen Strom von seiner ursprünglichen Richtung abgelenkt wird; s. Elektromagnetismus. Amperes Theorie des Magnetismus ist die von Ampere aufgestellte Ansicht, daß jedes magnetische Molecül von einem geschlossenen Strome umkreist werde, und daß ein Magnet ein Körper sei, dessen Molecüle von nahezu parallelen u. in gleichem Sinne rotircnden Kreisströmcn umflossen werden. Der Südpol liegt auf der Seite, von welcher aus gesehen der Strom sich in demselben Sinne bewegt, wie der Zeiger einer Uhr; s. Elektromagnetismus. Ampezzo, Bez. in Tirol, ehem. Kreis Brixcn; 5963 Ew.; mit dem M. Tofano n. M. Cristallo; durchflossen von der Boita und durchschnitten von der Ämpezzanerstraße, welche zur Verbindung des Pusterthals mit dem Boitathal 1829 u. 1830 von Matrolli von Toblach bis Ceneda gebaut wurde. Hanptort ist Cortina di Ampezzo, in prachtvoller Lage, umgeben von hohen Dolomirfelsen; bedeutender Holzhandel; 2980 Ew. In der Nähe die Pentclsteiner Klamm, ein Felsendnrchbrnch des Baches Felizion. Ampfer, die Pflanzcngattung Rumsx. Ampstng, Pfarrdorf im Bezirksamts Mühldorf des bayerischen Regbez. Oberbayern, an der Isen U. der Eisenbahn München-Simbach; 900 Einw. In der A-er Haide, ans der Hirschknhwiese, am 28. Scpt. 1322 siegte Ludwig der Bayer über seinen Gegenkönig Friedrich von Österreich (der gefangen ward); 1705 hier Congreß zwischen dem österreichischen Regierungsverwalter in Bayern u. den bayerischen Insurgenten (s. Span. Erbfolgekrieg); im Französischen Revolutionskriege Sieg der' Österreicher unter Erzherzog Johann über die' Franzosen, 1. Dec. 1800. — Amphibien. l Amphca (Amphra, a. Gcogr.i, kleine St. in Messenien, ans einem Hügel am Flusse Amphitos an der Grenze von Lakonika; im ersten Mcsseni- schcn Kriege von den Lakedämoniern erobert und zerstört; beim jetzigen Kokla. Amphiaraos, berühmter Held n. Wahrsager des Alterthums, «ohn des Otkles oder des Apollon n. der Hypermnestra, König von Argos, Vater des Alkmäon n. Amphilochos; bcthcili'gte sich an der Kalydonischen Jagd n. am Argonautcnznge; am Thebanischcn Kriege aber wollte er keinen Amheil nehmen, weil er seinen baldigen Tod in demselben ahnte. Er verbarg sich deshalb, bis seine selbstsüchtige Gattin Eriphyle sein Versteck ihrem Bruder Adrastos verrieth, der ihr dafür das goldene Halsband der Harmonia versprochen hatte. Nun unterwarf sich A., der Eriphyle grollend und seine Söhne zu deren Ermordung mahnend (s. Alkmäon); er zog als Befehlshaber mit vor Theben, ward aber ans der umliegenden Ebene mit seinem Heere geschlagen und ans der Flucht mit seinen Rossen Thoas n. Dias u. dem Wagen von der Erde verschlungen. An dieser Stelle wurde ihm als weissagendem Dämon ein Hciligthnm erbaut, dessen Überreste man bei Ma- vrodilissi, nahe dem alten Oropos, aufgefnnden hat. Dort war ein Traumorakel; der Fragende bereitete sich durch Fasten n. Enthaltung des Weines vor, opferte an dem Altar einen Schafbock und überließ sich ans dem Felle desselben dem Schlafe, worauf ihm das Orakel ertheilt wurde. Auch ein Fest,, Amphiareia, wurde ihm daselbst gefeiert. Ähnliche Orakel bestanden in Theben n. ArgoS. Den Thebanern war die Benutzung jedoch untersagt. Amphmrthröse (v. Gr.), straffes Gelenk, welches nur geringe Beweglichkeit erlaubt (s. Gelenk). Amphibien, nackte Amphibien, Lurche, il.in- plübla (v. 'gr. amplii, auf beiden Seiten, dies, Leben, im Wasser u. ans dem Lande lebend), Klasse der Wirbclthiere mit kaltem Blute, mit Lungeu- n. vorübergehender oder bleibenderKiemenathmung, mit unvollständig doppeltem Kreisläufe, welche sich ohne Schafhant (Xmuion) u. Harnhant (^.llantois) entwickeln u. in ihrer Jugend eine Metamorphose (Verwandlung) durchleben. Nach der Linneschen Eintheilnng bildeten die nackten A. oder Lurche mit den beschuppten A. oder Reptilien die zweite Wirbclthierklasse. Jetzt hat inan diese in 2 Klassen, in Amphibien n. in Reptilien, getrennt. Die A. schließen sich in ihrem Bau den Fischen an, von denen die durch Lungen und Kiemen athmenden Lnrchfischc den Übergang vermitteln. Die äußere Körpcrgestalt der A. weist schon ans den beidlcbigcn Aufenthalt hin, zeigt indessen mannigfaltige, zu den kriechenden, kletternden und springenden Landthieren hinfnhrendc Gestaltnngsformen. Im Allgemeinen findet sich ein langgestreckter, cylindrischcr, oder znsammen- gcdrückter Körper, der häufig in einen ansehnlichen, flachen Ruderschwanz endet. Gliedmaßen fehlen bei einigen vollständig, wie bei den drch- rnnden, unterirdisch in feuchter Erde lebenden Blindwühlern, in anderen Fällen finden sich blos kurze, am Halse angebrachte Vordergliedmaßen, oder vordere u. Hintere Stummel von lMedmaßcn 574 Amphibien. mit geringer Zchcnzahl und unfähig, de» sich schlängelnden Körper schwebend zu tragen. Auch da, wo die beiden Gliedmaßcnpaare ansehnlich entz wickelt sind, wirken sic oft mehr als Nachschicber zur Fortbewegung des langgestreckten, biegsamen Rumpfes; nur die froschartigen A.,'deren kurzer, gedrungener Rumpf im ansgebildeten Zustande des Schwanzes entbehrt, besitzen kräftige, zum Laufen u. znm Springen, selbst zum Klettern geeignete Gliedmaßen. Die Haut ist nicht nur als Körperbcdccknng, sondern auch als Absondcrungs- nnd Respirationsorgan von Bedeutung. In der Regel ist sic nackt, glatt u. schlupfrig, u. nur die Biindwühlen besitzen an Fischschnppen erinnernde, schiencnartig verdickte Hantringe. Sie umschließt Drüsen n. Farbstoffe, welch letztere bei den Fröschen durch selbstständige Gcstaltsändernngcn das schon länger bekannte Phänomen des Farbcn- wechsels bedingen. Bei einigen geschwänzten A. erfährt die Haut auffallende periodische Wucherungen; so erhalten besonders die männlichen Trito- nen zur Bcgattnngszcit häutige Flosscnkämme des Rückens n. öfter Fransen an den Zehen, welche bei den Weibchen schwächer sind oder ganz fehlen. Auch ist die Oberhaut in beständiger Erneuerung begriffe» und wird von den Fröschen in großen zusammenhängenden Blättern abgestoßen. Das Skelet bildet stets knöcherne, anfangs biconcavc (mitunter doppclkegclförmige) Wirbel, welche stets (im Gegensätze zu den Fischen) durch Zwischen- wirbclknorpel getrennt sind. Die Zahl der Wirbel ist meist bedeutend; bei den Fröschen besteht dagegen die ganze Wirbelsäule nur ans 10 Wirbeln mit anfsallend langen Qucrfortsätzcn, welche die häufig fehlenden Rippen zugleich mit vertreten. Das Nervenshstem entspricht einer tiefen Lcbeus- stnfe, erhebt sich aber in mehrfacher Hinsicht über das der Fische. Bon Sinnesorganen fehlen die Angen niemals, doch bleiben sie bisweilen klein u. rudimentär unter der Haut versteckt, wie dies namentlich für den unterirdische Gewässer bewohnenden Olm (Protons) n. die Biindwühlen oder Schleichenlnrche gilt. Der Ban des Gehörorgans schließt sich dem der Fische an; Geschmack- und Geruchssinn sind vorhanden, wenngleich oft wenig entwickelt. Alle A. besitzen 2 ansehnliche Lnngcn- säcke, neben denselben aber noch, sei es nur im Jngcndalter, oder auch im ansgcbildctcn Zustande, 3 oder 4 Paare von Kiemen, welche bald in einem von der Haut des Halses bedeckten Raume mit äußerer Kicmenspalte cingeschlossen liegen, bald als ästige oder gefiederte Hantanhänge frei am Halse hervorragen. Das Herz besitzt in der Jugend nur 1 Bor- u. 1 Herzkammer, der Kreislauf ist dann, ähnlich dem der Fische, ein einfacher, d. h. das Blut tritt als arterielles ans den Kiemen in den Körper, das venöse Blut von da in die Vorkammer, dann in die Herzkammer und wird ans dieser wieder in die Kiemen getrieben. Später, nach Beendigung der Metamorphose (s. u.), theilt sich die Vorkammer in 2 Vorkammern, der Kreislauf wird dann ein unvollkommen doppelter. Ans den Lungen tritt das arterielle Blut durch die Lnn- gcnvcne in den linken Vorhof, von da in die einfache Herzkammer, wo cs sich mit dem ans dein rechten Vorhofe kommenden venösen Blute mischt. Ans dem Vorhofe geht dann das (gemischte) Blut durch die Körpcrartcricn in den Körper, kommt von da als venöses Blut durch die Venen in den rechten Vorhof zurück, tritt von hier wieder in die Herzkammer, ans welcher ein Thcil des (gemischten) Blutes durch die Lnngcnartcrie in die Lungen geführt wird. Männchen n. Weibchen unterscheiden sich oft durch Größe u. Färbung, sowie durch mancherlei, namentlich zur Brunstzeit im Frühjahr und Sommer hervortrcteude Eigenthümlichkeitcn. Die Eier werden meist außerhalb des mütterlichen Körpers befruchtet, doch gibt es auch lebendig gebärende. Eine Brutpflege findet sich nur ausnahmsweise, so bei der bei uns einheimischen Geburtshelferkröte oder Foßler n. der südainerika- nischen Wabenkröte (?i;>n). Während sich das Männchen der erstercn die Eierschnnr (schnnrförmig zusammenhängende Eier) um die Hintcrschenkel windet, dann in feuchter Erde vergräbt und sich seiner Last erst nach vollendeter Embryoualbildnng entledigt, streicht die männliche Pipa die Eier auf den Rücken des Weibchens, welcher alsbald um die einzelnen Eier zellartigc Hüllen bildet, in denen nicht nur die Embryonalentwickclung vor sich geht, sondern auch die ansgeschlüpften Jungen bis nach vollständigem Ablauf der Metamorphose Schutz u. Nahrung finden. Die Eier werden einzeln an Wasserpflanzen geklebt (Wassersalamander), oder in Schnüren oder Klumpen abgesetzt, in denen die Eier von einer gallertartigen Eiwcißsnbstanz umgeben und zusammengeklebt sind. Die Entwickelung der Eier geht ohne Bildung von Amnion und Allantnm, jener für die höheren Thicre- so wichtigen Embryoualhänte, vor sich n. stimmt dadurch mit der der Fische überein. Die Jungen verlassen sehr frühzeitig die Eihüllcu, n. cs folgt eine mehr oder minder ausgeprägte Metamorphose (Verwandlung) mit anfangs ausschließlicher Kie- menathmnng. Die ansgcschlüpfte Larve erinnert au die Fischform, erst später sprossen die Extremitäten hervor. Dann bilden sich auch die Lnngcn- säcke, der RnLcrschwanz verkürzt sich u. wird bei den Fröschen vollständig abgcworfen. Die A. sind durchaus oder nur während der Larvcuperiode an das Wasser gebunden, aber auch ini letzteren Falle scheint ihnen eine feuchte Atmosphäre Be- dürfniß zu sein. Viele leben einsam, andere gesellig; sie gehen vorzugsweise in der Dämmerung auf Nahrung aus. Die Nahrung besteht fast durchweg aus Jnsecten n. Würmern, im Larvcn- lebeu jedoch vorzugsweise aus pflanzlichen Stoffen. Das Nahrnngsbcdürfniß ist ein geringes: viele können monatelang hungern u., wie die Frösche, im Schlamme verborgen überwintern. Die Lebens- zähigkeit ist bedeutend: Verstümmelungen wichtiger Organe überdauern sie lange Zeit n. ersetzen verloren gegangene Körpertheile oft wieder auf dem Wege der Reproduktion. Fossile Reste treten, abgesehen von der ansgestorbcnen, der Trias auge- hörigen Familie der Labyrinthodonten, erst im Tertiärgcbirge auf. Man unterscheidet 3 Ordnungen: 1) L.f>ocia, Blindwühle», klcinbeschnppte, wnrmförmigc A. ohne Gliedmaßen; 2) slanckata, Schwanzlnrchc,nackthäntigeinitbleibendeinSchwanz, dahin z. B. die Salamander oder Molche; 3) La- traeiüa, Frösche oder schwanzlose Lurche. 575 Amphibiolithm - Amphibiolithtii, versteinerte Thicre ans den^ Klassen der Aniphivien nnd Reptilien. Ria»! glaubte früher, erst in den späteren Formationen träten dieselben ans, die Entdeckung aber von ^rolrexosLurns Dscüeni in der Kohlenformation Saarbrückens u. von ImIiz-rintRockon 8nlaunrn- äroickv8 in den devonischen Schichten zeigte, daß dieselben bereits in den ältesten Gesteinen Vorkommen. Vielfach finden sich ihre Ucberreste, namentlich die der sogenannten Saurier, in der Jura- n. Liasformation, während in der Tertiärformation Krokodile vorherrschen. Amphibische Pflnnzcn sind solche, die auf dem festen Lande, wie im Wasser wachsen können, z. B. Uolz'Konnm ampüibinm, Uaunnoulrw ngua- biiis, Llonvmitlw8 trikoliata, Hi8irra U1aiibnp;o u. a. Nicht nur Süßwasserpflanzen können amphibisch sein, sondern auch solche des Brackwassers n. der Seelüfte. Amphibol (Min,), so v. w. Hornblende. Amphibolic (v. Gr.), Zweideutigkeit, Doppelsinn, entweder aus doppelt zu fassender Constrnc- tion, oder ans Undeutlichkeit einer nothwendigen Ergänzung, oder ans mehrfacher Bedeutung, oder auch verschiedener Betonung eines Wortes, oder ans verschieden gedachter Jnterpnnction entstanden. In der Philosophie ist die A. so v. w. Begriffs- Verwechslung. Amphibolisch, zweideutig. Amphibolit nennt man massige Gcsteinsarten, die überwiegend aus Hornblende bestehen; je nachdem dieselben als weiteren Gcmengtheit Orthoklas oder Mbit enthalten, sind dieselben eigentlich Syenite oder Diorite. AmphibrnchlsS (gr., ans beiden Seiten kurz), Versfuß ans zwei kurzen Silben, die eine lange einschließcn Amphidromra (gr., das Umlaufen), attisches Familienfest, am Abend des 5. Tages oder etwas später nach der Geburt eines Kindes gefeiert, wobei dasselbe in Gegenwart der Verwandten n. Freunde um den häuslichen Herd getragen n. ihm der Name gegeben wurde. Es wurden dabei Geschenke gebracht n. ein lustiger Schmaus gehalten. Bisweilen wurde der Name erst einige Tage später gegeben. Amphrdsalze (Chcm.), nach Berzclins Salze, welche (nach dualistischer Ansicht) ans einer binären Säure n. einer binären Base zusammengesetzt sind, wie die Sanerstoffsalze, z. B. schwefelsanres Natron, salpctersanres Knpfcropyd oder die Sulfo- salze, z. B. Schwefelkohlenstoff - Schwcfclkalinm; im Gegensätze zu den Halordsalzen, welche, wie Chlorkalinm, Jodnatrinm, nur ans einem Metall u. einem Salzbildner bestehen. Amphiklea (a. Gcogr.), St. in Phokis, mit Tranmorakel des Bacchus, besonders für Kranke; beim jetzigen Dadi. Amphikthon, 1) Sohn Denkalions n. der Pyrrha; vertrieb seinen Schwiegervater Kranaos vom athenischen Throne, wurde nach 12 Jahren von Erichthonios verdrängt; führte die Verehrung des Dionysos ein. 2) König in Thermopylä oder Lokris, Sohn des Dcnkalion (viell. gleich 1), sagenhafter Gründer des Bundes der Amphiktyoncn; angeblich 1522 v. Ehr. Amphikthönien (v. Gr.), so v. w. Bund der Umwohnenden. So ' nannten die Griechen die — Amphiktyoilien. ' ältesten Verbindungen verschiedener Stämme ihres Volkes, ursprünglich zur Pflege nnd zum Schutze eines in ihrer Mitte bclegcncn, ihnen gemeinsamen Heiligthnms. Daran knüpfte sich die gemeinsame Begehung der an solches Hciligthnm sich an- lehncndc Cultc n. Feste; bald auch die Feststellung gewisser völkerrechtlicher Beziehungen zwischen diesen Stämmen. Die bedeutendste aller griechischen A., auch wo! schlechthin „der Bund der Amphiktyoncn" genannt, war die delphische, welche ans der vordorischen Zeit in das hellenische Zeitalter hineingcwachscn ist. Die zugehörigen Völker waren die Thessaler, Böotier, Dorer, Jener, Perrhäbcr, Magneten, Lokrer, Ötäer oder Äniancn, Phthio- tischen Achäer, Malier, Doloper, Phoker, Delphcr. Der Bund war gestiftet znm Schutze der beiden Heiligthümer, des Apollon zn Delphi n. der Demeter zu Anthcla an den Thermopytcn, in ihren Rechten n. Besitzungen. Das schauerliche Kriegsrccht der alten Zeit sollte bei Kriegen unter den am- phiktyonischen Völkern gemildert werden durch einige bestimmte völkerrechtliche Grundsätze. Etwa seil dem 8. Jahrh. v. Ehr. umfaßte der Amphiktyonenvnnd den größten Theil der griechischen Völker. Zn einem wirksamen politischen Bunde ist er niemals entwickelt worden; er hat sich namentlich im 4. Jahrh. v. Ehr. Lurch fanatische Entflammung der sogenannten Heiligen Kriege für Griechenland als höchst schädlich erwiesen. Zur Zeit Phitipps von Makedonien fanden jährlich 2 Zusammenkünfte lPylä) statt, im Frühling am delphischen Tempel u. im Herbste znAnthela. Bon derVersammlnng derMenge (Ekklesia) war geschieden das Syncdrion der Amphiktyoncn (Amphiktyonra, Amphiktyonenrath). Dieses bestand ausdenStellvcrtrcternder 12, zuletzt 30 Städte oder Staaten (Amphiklyonrdes). Jede Völkerschaft sendete 2 Personen, einen Pylagoros (Redner) n. einen oder mehrere Hicromnemonen (Schreiber); meist bestand der Bnndesrath ans 24 Personen. Die Pylagoren allein hatten das Stimmrecht, die Hicromnemonen nahmen nur berathcnd Anthcil. Ans diesen scheint der Hiercus (Priester) gewählt worden zn sein, unter dessen Namen der Beschluß auf eherne Tafeln gegraben n. im Tempel zn Delphi ausgestellt ward. Die Beschlüsse bezogen sich auf Schlichtung der Streitigkeiten der Bnndcs- glieder, Strafen für Verbrechen gegen den delphischen Tempel, oder Verletzung des Völkerrechtes, Ausschließung unwürdiger Mitglieder rc. Seit der Mitte des 4. Jahrh. v. Ehr. dominiren in dem Ain- phiktyonenbnnde zuerst in Folge der sogcnanntenHei- ligen Kriege die Könige von Makedonien; nachmals herrschten, in Delphi bis zur Vorherrschaft der Römer die Ätolcr. Der durch Kaiser Angnstns re- organisirte Bund vegctirtc bis gegen das I. 394 n. Ehr. u. endigte mit dem Untergänge des Delphischen Orakels. — Auch andere Genossenschaften ali- griechischer Stämme bestanden, so: der Bund der um Delos wohnenden Cykladeninsnlaner n. der anderen Joner, welche ein an den Apollocnltus geknüpftes 4jährigcs Bnndesfest feierten, u. der Bund von Kalauria, er bezog sich auf die Verehrung des Poseidon auf dieser Insel; an demselben nähmen sieben Städte Theil, nämlich Hcrmione, Epidanros, Ägina, Athen, Prasia, Nauplia n. (böot.) Orchomenos. 57ö Amphilochos - Nmphilöchss, Lohn des Amphiaraos n. der Eriphyle, Wahrsager; nahm sa»um seinem Bruder Alkmäon Anthcil an dem Zuge der Epigonen nach Theben, sowie (nach der Angabe von Dichtern) auch am Trojanischen Kriege, wo er Freundschaft mit Kalchas und Mopsos stiftete; mit letzterem gründete er Mallos in Kilikien. Er kehrte später nach Argos zurück, zog aber von dort bald nach Akarnanicn n. gründete dort Argos Amphilochikon. Als er in der Folge wieder nach Mallos kam n. Theilnahme an der Herrschaft begehrte, entstand zwischen ihm n. Mopsos Streit, welcher Beiden das Leben kostete. A. wurde als Heros verehrt, hatte ein berühmtes Orakel zu Mällos und mir seinem Vater Amphiaraos einen Altar zu Oropos. Amphilogic (v. Gr., zweifache Rede), Streit; Am hhilo gisch, streitig. Amphimaccr (gr., an beiden Seiten lang), Versfuß, so v. w. Creticns (----—.) Ainphioik, Sohn der Böoticrin Anriope u. des Zeus; mit seinein Zwillingsbrnder Zethos auf dem Kithäron geboren oder ansgcsctzt, wurde er mit diesem von Hirten gefunden n. erzogen. A. war sanften Charakters, ein Liebling des Hermes n. der Binsen u. lebte der Musik, während der rauhe Zethos die Jagd pflegte. Ihren Oheim Lykos, welcher ihre Mutter mißhandelt hatte, erschlugen sie, ließen dessen auf Anliope eifersüchtige, grausame Gemahlin Dirke an einen Stier binden n. so zu Tode schleifen (s. Farnesischcr Stier) u. bemächtigten sich der Herrschaft von Theben. A. gehört zu den mythischen Beispielen von der Macht der Musik: unter den Tönen seiner Leier sollen sich die Steine zu den Mauern der Stadt Theben von selbst znsammengesügt haben. Von Niobe, Tochter des phrygischen Königs Tantalos, hatte A. 7 Söhne n. 7 Töchter, welche von Apollon n. Artemis getödtet wurden. Aus Schmerz über diesen Verlust nahm er sich selbst das Leben, oder er ward von denselben Gottheiten getödtet. -mplnoxus Lanzettfisch, eine Thier- gattnng, die so verschieden von allen übrigen Wirbctthieren ist, daß man sie bald als besondere Unterklasse allen übrigen Fischen, bald gar als besonderen Nnicrtypns allen anderen Wirbel- thiercn gcgenübergcstcllt hat. Die europäische Art wurde bekanntlich von ihrem ersten Beobachter Pallas für eine Nacktschnecke gehalten und als lümnx Iaveeo1akn8 beschrieben. Der lanzettförmige Leib erreicht ungefähr 5 om Länge, erscheint nach beiden Seiten zngespitzt n. mit einem rücken- ständigen u. einem aftcrständigcn, aber strahlen- loscn Flosscnkamm besetzt, welcher ohne Absatz in die Schwanzflosse verläuft. Der Leib wird in seiner ganzen Länge anstatt einer Wirbelsäule von einem gallertigen knorpeligen Stabe, Rückensaite (Oiiorcka.) durchsetzt. Oberhalb dieser Chorda u. von einer häutigen Röhre umgeben, liegt das Rückenmark, an dessen Vorderende das Gehirn n. in der Umgebung dieses vorderen Endes eine dem Schädel entsprechende Änorpelkapsel fehlt, so daß ein Kopf vom Rumpf nicht zu unterscheiden ist. Von Sinnesorganen findet sich das Auge als unpaarer Farbstofsflcck, ferner eine links gelegene kleine Geruchsgrnbe; Gehörsorgane nicht vorhanden. Der Mund liegt bauchständig nicht — Amphipolis. ftveit vom vorderen Körpcrende. Mundhöhle n. Schlund sind zu einem Sacke erweitert, welcher zugleich Arhmnngsorgan ist. Ein Herz fehlt, doch pnlsiren die größeren Gcfäßstämme. Das Blur ist weiß. lancoolatu.-; Hr., der Lauzeitfisch, ist an sandigen Küstcnstcllen der Nordsee, des Mittelmcercs n. SAmerikas vervrcitct. Lmplnpocla (Mo., Flohkrebse, Unterordnung der Ringelkrebse; Leib meist seitlich znsammenge- drückr; besitzt 7, seltener 6 freie Brnstringe n. in der Regel einen langgestreckten Hinterleib, dessen 3 vordere Abschnitte ebenso viele Schwimmsnß- paare tragen, während die 3 Hinteren mit ebenso vielen nach hinten gerichteten Schwanzfüßen (Cau- dalfüßen) besetzt sind. Von Brustfüßcn sind 7 Paare vorhanden; mit Ausnahme des ersten tragen dieselben an ihrem Grunde kleine häutige, blascnför- migc Organe, welche man als Kiemen ansieht. Sie pflanzen sich durch Eier fort, ihre Jungen durchlaufen in der Regel keine Verwandlung. Alle leben im Wasser, die meisten im Meere; einige sind Röhrcnbewohncr, andere finden sich in Gängen zernagten Holzes, einige sind Schmarotzer. — Einthcilnng: a) Hüpfer, Laltatoria oder OammL- rirm, welche auf der Seite liegend schwimmen u. auf dem Grunde u. dein Trockenen Hüpfen. Hierher Olmmmarus pnlsx Dsr/., Flnßgarncle; die beiden vorderen Fußpaare sind Grciffüßc mit hakigem, zurückschlagbarem Endgliedc; ayt Hintcrleibe Spring- füßc; die letzten Hinterlcibsringe mit Stacheln; gelbgrüne oder bräunliche, in Flüssen u. Quellen lebende, nicht ganz 2 ein lange Thiere. b) Wandler, Tinbnlatoria, welche mit dem Bauche nach unten liegend schwimmen u. auf dem Grunde laufen. Ooioxitturn IvnMeorns M.; Körper lang u. dünn, nur mit Gangbeinen mit langen, unteren Fühlern, womit sie den Uferschlamm aufwühlen; um die darin versteckten Würmer zu erlangen; häufig an der Küste der Nordsee. Manche rechnen dahin noch e) die Kehlfüßler, Inwmockipöüa, mit verkümmertem Hinterleib, welche nicht schwimmen, theils zwischen Secpflanzcn, theils wie die Walfischlans, LF-Lmns Osti, als Schmarotzer leben. Amphipolis (a. Geogr.), St. der Edoner, früher zu Thrake, später zu Makedonien gehörig, in der Gegend Ennea Hodoi (9 Wege) am Slry- mon n. am Strymonischen Meerbusen, mit dein Hafen Etvn (jetzt Kontcssa oder Rendina). Hier legte der Milesier Aristagoras, als er vor Darms floh, eine Colonie an, wurde aber von den Edo- ncrn erschlagen; 32 Jahre später schickten die Athener Colonisten dahin, welche von den Thrakern 465 v. Chr. ermordet wurden; erst unter Agnon siedelte sich 437 v. Chr. eine Athenische, Mit vielen anderen Griechen vermischte Colonie dauernd dort an n. gab dem Orte den Namen A. Sie war für Athen wichtig als Handelsverbindung nach Ober-Thrake. Im Peloponnesischcn Kriege wurde die Stadt 424 v. Chr. von den Lakedä- moniern besetzt, im Frieden des Nikias zwar den Athenern wieder znerkannt, ohne daß sie die Stadt aber in Besitz nahmen, weil die Bewohner nicht unter Athenische Herrschaft znrllckkehren wollten. Später geriet!) A. unter makedonische Herrschaft, ans welcher sie Philipp zwar 359 entließ, aber nur, um sie 358 wieder zu erobern n. Makedonien - t ! 1 I t k l i I i Aiiiphiprostylvs einznverleiben. Nachdem die Römer Makedonien unterworfen hatten, machten sie A. zur Hauptstadt von Macedonia I. Im Mittelalter hieß A. Chry- iopolis (wegen der nahen Goldminen); jetzt Ruinen bei Ncokhori. Amphiprostplos (griech. Bank.), ringsum mit Säulen umgeben; eine Form antiker Tempel. Amphis, griechischer Komödiendichter der mittleren Komödie; lebte noch 330 v. Chr.; Fragmente von 28 theils literarischen, theils mythologischen Lustspielen im 3. Bd. von Meinekes VraZm. oomioornm Araseornm, Berlin 1847. Lmpbisbnsna Doppclschlciche, eine fnßlose, zu den Ringelechscn gehörende Eidechsengattung mit schnppenloser, durch Qncrfnrchcn geringelter Haut; SAnicrika. Amphissa (a. Geogr.), St. der Ozolischen Lokrer. Hier ward den Diosknren (Anaklcs) ein Fest gefeiert. Da die Einwohner die gebannte Feldmark der tcmpelränbcrischen Krissäer bebaut hatten, so wurde 339 v. Chr. durch die Amphi ktyonen Strafe über sie verhängt; König Philipp von Makedonien wurde mit der Exccntion beauftragt u. zerstörte die Stadt. Sie ward später wieder anfgcbaut; die Akropolis wurde 192 v. Chr. vergebens von den Römern belagert. Erst später wurde die Stadt römisch n. vom Kaiser Angustns mit Ätolern bevölkert; jetzt Satona. Lmpkistoma Lock, (gr.: nmplN, nach allen Seiten, n. sböina, Mund), Gattung der zu den Eingeweidewürmern gehörenden Sangwürmer, mit Mund am Vorder- und Saugnapf am Hinterende. oonienm K., im Magen der Wiederkäuer. Amphitheater (v. Gr., röm. Ant.), bei den Römern zuerst vorkommendes Gebäude von ovalem oder rundem Grundriß, ohne Dach, zur Veranstaltung von Fechterspielen u. Thiergefechten bestimmt, in dessen Mitte sich die sogenannte Arena (^rsa), ein mit feinem Sande bedeckter, je nach der Form des A-s ovaler oder runder Schauplatz, befand. Rings um diesen Raum waren außer den Behältern für die zum Kampfe bestimmten wilden Thiere die Aufenthaltsorte der Gladiatoren n. Wasscrgc- wölbe angebracht, mittels deren die Arena zu den seit Vespasian anfkommenden Seegefechten (Nan- machien) unter Wasser gesetzt wurde. Nach den neuesten Ausgrabungen am Colosseum zu Rom (s. u.) scheinen die Thierbehältcr jedoch zum Aufenthalte der größeren Thiere nicht gedient zu haben; die dort Vorgefundenen Behälter sind zu klein für diesen Zweck, und waren die wilden Thiere dort wahrscheinlich in einer außerhalb befindlichen, durch einen unterirdischen Gang mit dem A. in Verbindung stehenden Menagerie nntergebracht.' Über den vorbenannten Räumlichkeiten erhoben sich trep- pcnartig die verschiedenen Sitzreihen, von denen die unterste (Uockinm) für die Victoren n. Kampfrichter (vor der Nähe der Gefechte durch Gitter geschützt), die anderen für die Senatoren, Richter u. das Volk bestimmt waren. Nach außen zeigte das A. gewöhnlich mehrere übcreinanderstehende Arcaden, deren unterste die Eingänge enthielt (einer davon durch Pracht der Ausstattung sich auszeich- »cnd, für die hohen Beamten bestimmt), durch die man nicht allein zur Arena, sondern auch zu den nach anßen liegenden Abtheilungen u. von diesen PiererZ Uiüversal-Coiwersations-Lexikon. k. Aufl. I — Amphitheater. 577 ans Treppen zu den verschiedenen Stockwerken (Llnomnnn) der Sitzreihen (tlraäntionss) gelangen konnte. Die Stockwerke waren durch Gänge (Nrnseinetnonech von einander geschieden, ans denen Pforten (Vomitoria), mit Thüren versehen, zu den Sitzreihen führten. Die Höhe einer solchen Sitzreihe war zuerst 36 om, ° ebenso die später erst beträchtlich sich vergrößernde Breite. Zum Schutze gegen sonne n. Regen wurde über das ganze Gebäude ein Tuch (Velnrinm) gespannt; dabei bewirkte man durch sinnreiche Vorrichtungen feine Sprühregen von wohlriechenden Essenzen. Auch im Übrigen war die Ausstattung der ursprünglich ans Holz gebauten A.cine überaus prachtvolle. Weder mit Marmor u. Erz, noch mit plastischem Zicrrath wurde gegeizt. A. in Holz waren noch das Cäsars, 44 v. Chr., das des Statilins Tanrns nntcrAngnstns, auch wol das nntcrTibcrins bei Fidenä znsammcngestürztc (begrub 50,009 MenschenN Vespasian zuerst begann den Ban eines steinernen A-s, welches unter seinem Sohne Titus, 80 n. Chr., vollendet wurde. Dieses-VinpiütNen- trnm Vospasiani faßte über 100,000 Menschen, hatte eine Höhe von 60, einen Umfang von 630 m n. erforderte einen Kostenaufwand von 14 bis 15 Mill. Thlr. Martial stellt es über die Pyramiden, Babylons schwebende Gärten u. das Mausoleum der Artemisia. Leider ist cs über ein Jahrhundert lang als Steinbruck) benutzt worden, so daß nur noch zwei Dritttheile seiner Mauern stehen, die mit dem Namen Coliseo bezeichnet werden. Wie behauptet wird, soll Papst Paul II. zuerst Steine des Riesenwerkes zum Marcus-Palast verwendet, Papst Benedict XIV. der Zerstörung Einhalt gc- than haben. Außer dem N.. Vssxnsl-uU waren noch in Nom das V. Lalbi in der 9. Region, dem Kaiser Angustns von Balbus erbaut; das -I. 6n- strouss in der 5. Region ans dem Esqnilinus, von Backsteinen, wovon noch Überreste vorhanden sind; das N.. Vrnjnni auf dem Marsfelde, vom Kaiser Hadrian abgebrochen. Von Rom ans verbreiteten sich die A. bald über die Provinzen, n. wie sehr sie im Römischen Reichs in der Mode waren, beweist der Umstand, daß die Zahl der A., von Lenen man Kenntniß durch handschriftliche Nachrichten oder Überreste hat, die Zahl 270 erreicht. So gab es A. in Adria, Albano, Agrigent, Arezzo, Arles, Antnn, Basel, Bordeaux, Brescia, Capna (Durchmesser 280 m, für 85,000 Zuschauer), Catania, Constantinopel, Cnmä, Donay (in Anjou), Florenz, Frejns, Gnbbio, Hcrcnlannm, Hispellnm, Lyon, Nimes, Narbonne, Metz, Neri, Otricoli, Orleans, Padua, Placentia, Pola, Pompcja, Perigncux, Pozznoli, Syracns, Smyrna, Tunis, Vienna, Trier, die meist noch in Ruinen vorhanden sind und in Verona, welches allein noch in seinem Innern wohl erhalten ist. In diesem Jahrhundert (1806—7) baute Lnigi della Canonica ein A. in Mailand, welches 30,000 Personen faßt. Vgl. L. Fontano, Xnütsntro Istnvic», Haag 1828; Fricd- länder, Ds nmpIUtlisntrm, Kgsb. 1860—63. Das System der A. ist auch ans neuere zur Befriedigung der Schaulust dienende Gebäude über- gegangen, wenn auch der Name nicht mehr gebräuchlich ist; so die Gebäude, in denen in Spanien die Stiergefechte abgehalten werden (piaxn üo l. Band. 37 578 Al.lvhitrits toros) ii. dir oft 30,000 Menschen fassen; ferner die Knnstrciterbuden (eirgnes egncstres); auch die Anordnung der Sitzplätze in unseren Theatern ist amphithcatralisch. Amphitritc, Tochter des Nereus oder Okeanos n. der Doris, Gemahlin des Poseidon, Herrscherin des rauschenden, tosenden Meeres n. Mutter des Triton. Man stellte sie dar mit wallenden Haaren, nackt oder halbbekleidet auf einem Delphin sitzend, oder auch auf einem von Delphinen gezogenen Mnschelwagcn stehend. /kmpknlrits Lnm., der Köcherwnrm. Amphitropisch (v.Gr.), sich nach beiden oder nach allen Seiten wendend; Amphitropische Pflanzen, solche, deren Embryo so gebogen ist, daß seine beiden Enden gegen den Samennabel gerichtet sind, so das; Blatt n. Wnrzelkcime eine zirkclförmigc Krümmung bilden (I-zotznis, iUortuInea, 6an- nabis). Amphitruo oder Amphitryon, Sohn des Alkäos, Enkel des Perseus, König von Tiryns; erkämpfte seinem Oheim Elektryon die von den Tclebocrn geraubten Rinderheerdcn zurück, tödtcte denselben aber durch einen unglücklichen Zufall, weshalb er von Stheuelos ans Argos vertrieben wurde und Zuflucht bei Kreon, dem König von Theben, suchte, dem er das Land von dem temnes- sischen Fuchse befreite. Seine Gattin war Alk- mene, Tochter des Elektryon, welche von ihm Mutter des Jphikles, von Zeus aber des Herakles wurde. Rach vielen tapferen Kämpfen siel A. in einer Schlacht gegen die Minyer und wurde in Theben begraben. Die Sage ist oft von Dichtern sowol in Tragödien, als in Lustspielen (Plantus, Moliöre, Kleist) behandelt worden. llmolüums s. Aalmolch. Aniphöra (gr. u. rinn. Aut.), 1) Zweihenke- ligcs, schon bei Homer vorkommcudes, meist thöner- ncs Gefäß, der Gestalt nach mehr oder minder weitbanchig, bald schlanker, bald gedrückter, mit längerem oder kürzerem, verhältnißmäßig engem Halse, nach unten oft spitz zulanfend, zum Al,lehnen an Wände. Es gab solche Gefäße von größter Einfachheit bis zur prachtvollsten künstlerischen Ausschmückung. Sie dienten zum Anfbewahren von Flüssigkeiten, besonders Wein, später auch der Asche Verstorbener. Weine, welche längere Zeit lagern sollten, wurden ans den großen Behältern (Dolinm) in Ampborä abgesüllt, deren thönerne Pfropfen man mir Pech verdichtete. A. hieß auch das Flüjsigteitsmaß in Griechenland und Rom; hier wie dort — 10,^ 1, in Rom später als römischer Cnbikfuß 80 A S Wasser fassend n. den 20. Thcil des neuen Cnlcus bildend. 2) sAnfora) Venctian. Weinmaß, 58,^ Liter fassend. Ampffötis (griech.), zweihenkeligcs Gefäß von Holz, dessen die Bauern des alten Griechenland zum Melken n. zum Trinken sich bedienten. Nmphrisus sOrnitlloptora. X.), durch seine Größe ausgezeichneter Tagschmetlerüng von Java; Kopf n. Brust schwarz, Halskragen im 'Nacken feurig rotb, Hinterleib oben dunkelbraun, unten gelb, Bor- derflügcl sammerschwarz mit weißgcsänmten Adern, Hinterflügel lebhaft goldgelb, am Saume schwarz gezackt. Die mit dicken Flcischzapfen reihenweise besetzte Raupe kann ans dem 'Nacken 2 gabclför- — Ampola. mige Hörner vorstrecken, welche einen üblen Geruch verbreiten und dem Thiere als Schützt»! t.l dienen. Ampttls, Tit. A. Balbns, Volkstribnn, 63 v. Ehr., Anhänger des Pompejus; brachte mit Labie- nns die ^.mpia ksx ein, in welcher dem Pompejus nach der Besiegung Asiens in den Circusspielen, die Auszeichnung eines Triumphators gewährt wurde. Er wurde nach dem Falle des Pompejus von Cäsar exilirt, aber ans CiceroS Verwendung wieder znruckzernfen. Amplectircn (v. Lat.), umarmen, umfassen; Subst.: Amplexns. Nmplepnis, Flecken im Arr. Villesranche des stanz. Dcpart. Rhone, an der Eisenbahn (Lyonlinie), mit bedeutenden Baumwollspinnereien und Webereien, Bleichen, Färberei, Fayencefabriken; 645 Ew. llmplsxioaulis (lat.), den Stengel umfassend, von Blättern, z. B. bei Lrassiorr razm ob napus. Llmplcxus, s. Amplcctiren. Anipliation (lat.), Anffchnb des Processcs. Wenn die Richter noch nicht genügend informirt waren, um die Entscheidung zu sprechen, ordnete der Prätor oder Oberrichter die A. an durch die Formel: amplins coAnvseoucknm, d. i. weiter zu untersuchen. Amplificiren (v. Lat.), erweitern, ansdehnen; daher Amplification, überhaupt Erweiterung; besonders in derRhetorikdieErweiterung üesHanpt- begrifscs durch Ncbenbegrifse zur Vervollständigung, Kräftigung oder Ausschmückung desselben. Wvrt- erwciternngcn werden besonders durch Metaphern, verbundene Synonyme, Umschreibungen, Wiederholungen gebildet; Sacherweitcrnngcn aber durch Häufung von Prädicaten, durch Angabe von Neben- nmständcn, durch Entwickelung der Ursachen, Lurch Erzählung der Folgen, durch Gleichnisse und Beispiele, durch den Coiitrast. A. des Fernrohrs, so v. w. Augmentation. Amplitude (v.lat. amplituclo, Weite), 1) (Math.) Weite eines Bogens; der Winkel, welchen die ans den Endpunkten des Bogens errichteten Normalen einschließen; im Polarcoerdinatensystem der gewöhnlich mit co bezcichnete Winkel, welchen der Radinsvcctor mit der Achse bildet, so v. w. Anomalie; wenn eine complexe Zahl unter der Form r (o,o8 A -s- s sin S) dargestellt wird, so heißt /> die A. derselben; als Fnnctionszeichcn bedeutet nach Jacobi am u, gelesen A. v. n, die einfachste elliptische Function. 2) (Phys.) Weite einer Schwingung, z. B. bei Saiten; auch die Größe der Schwankungen bei meteorologischen Instrumenten innerhalb bestimmter Zeiträume, z. B. die Differenz des höchsten u. niedrigsten täglichen, monatlichen rc. Barometerstandes. lkmplitiläo (lat.), Weite, Breite, Größe, Herrlichkeit, Glanz; in der Astronomie: ^.. oooiäim, so v. w. Abeudweue, n. ortära, Morgenweite. lkmplus (lat.), weil, ansehnlich; ^.inplissi- mns, hochansehnlich. Ampola, Fort im Bezirke C:n)ino des tiroler Kr. Trient; wurde im Preußisch-österreichisch-ita- lienischcn Kriege nach dreitägiger Beschießung am 21. Juli 1866 durch Kapitulation der österreichischen Besatzung von Menotti Garibaldi genommen. 579 /Vmsiosis — Amposls (griech.), das Znrncktretcn der Säfte in die inneren Thcile des Körpers. Amposta, St. im Bez. Tortosa der span. Prov. Tarragona, rechts am Ebro n. am Anfänge des Kanals S. Carlo; große Lakritzenfabrik; 2800 Ew. Ampriitsicn, alte schwäbische Familie, ans dem Schlosse A. im Brcisgan stammend. NNerkwürdig: Johann Kaspar, geb. 1619; war seit 1664 Großmeister des Deutschen Ordens n. wurde 1673 zum Gubernator von Ungarn und dessen Nebcn- landcrn ernannt, als Leopold I. dort den Absolutismus einführen wollte. In dieser Stellung hatte er wenig Einfluß, da die verhaßten Befehle zur Unterdrückung der Verfassung n. zu den Pro- testanteuverfolgnngen unmittelbar vom Hofe ergingen. In Folge von Tökölys Aufstand wurde 1679 das Gnbernium aufgelöst, A. kehrte in seine Residenz Mergentheim zurück und wurde 1683 Oberhanptmann von Schlesien; er st. 1684. Nmpsivarier, s. n. Ansibarii. Ampuis, Dorf im Arr. Lyon des französischen Departements Rhone, an der Rhone; 1860 Ew.; hier wächst der berühmte Wein Ebbe Lütie. Ampnlla (lat., daraus unser Ampel), 1) bei den alten Römern ein bauchiges Gefäß mit engem Halse, aus Thon oder Glas, zur Aufbewahrung von Flüssigkeiten, Öl, Wein, Essig ans der Reise, auch des Salböls in den Bädern. 2 ) In der Römisch-katholischen Kirche das Gefäß, in welchem das heilige Salböl anfbewahrt wird; auch die beim Meßopfer gebrauchten Wasser- und Weinkänuchcn. -V Uomensm (Ua 8amts Xmpunke) hieß das bei der Salbung Chlodwigs I. zum König der Franken, 496 zu Reims, benutzte Salbgefäß, welches eine Taube vom Himmel bcrabgebracht haben sollte. Das angeblich unversiegbare Öl darin wurde bei der Salbung aller Könige von Frankreich bis ans Ludwig XVI. gebraucht. In der Revolution wurde das Gefäß zertrümmert, aber etwas Öl in einem Bruchstücke gerettet u. damit Karl X. I82ö gesalbt. /impulla (Bot.), Schlauch, Blase, ein rundliches oder elliptisches, blasenartiges, mit Luft gefülltes Gebilde, das bei verschiedenen Arten von Etricm- laria, z. B. II. vulgaris, an den linienförmigcn Abschnitten der vielfach zertheilten Blätter ansitzt und als Schwimmblase dient. Amputation flat.), chirurgische Operation, durch welche selbstständige, für sich ein Ganzes bildende Körperthcile, wie Arm, Bein, weibliche Brust, Penis rc., abgetrennt werden, sofern dies nicht in einem Gelenke geschieht, in welch letzterem Falle man von Eparticnlation spricht. Bis auf Celsns amputirte man nur nach Brand, u. zwar nicht im gesunden Fleische, weil man die Blutung nicht zu stillen wußte, sondern an der Grenzlinie zwischen brandigem n. gesundem Gewebe, und ob jener wirklich im Gesunden amputirt, oder nur Len Grundsatz, daß dies geschehen müsse oder könne, ausgesprochen, ist ungewiß. Erst seit der Wieder- erfindnng der Arteriennnterbindung (sie war im Alterthum bekannt, aber nicht allgemein geübt u. wieder in Vergessenheit gerathen) durch Am- broise Pare und der Angabe des Tourniqn'cts durch Morel (1674) ward die A. eines der gewöhnlichen Opcrationsverfahrcn. Noch bedeutend folgewich- Nmputation. tiger ist das neuerdings von ESmarch angegebene unblutige Verfahren für die Verallgemeinerung der Möglichkeit, zu amputiren, darin bestehend, daß man mittels elastischer Binden das betreffende Glied vor der Operation, von dem äußersten Ende anfangend und nach dem Rumpfe fortschreitend, einwickelt n. so das Blut ans ihm entfernt. Ist dies geschehen, so legt man um die Endstelle der Ein- wickelnng (also dem Rumpfe zunächst) einen starken Gnmmischlanch fest an und beseitigt die Binden wieder. Es kann nunmehr Blut voll Mmm, nicht Zuströmen, weil die Arterie durch den Schlanch- druck geschlossen ist. Das darin seither vorhandene Blut aber ist durch den Bindendrnck entfernt, n. so kann man mit Ruhe u. Muße ohne einen ucnnens- werthen Blutverlust amputiren, was besonders bei zu Operirenden von Wichtigkeit ist, die durch vor- ausgegangcne Verblutung, oder durch langwierige Erkrankung blutleer sind. Veranlassungen zur Operation sind: Zerschmetterung eines Gliedes durch Schuß, Quetschung rc., überhaupt Verletzungen, welche den Bestand oder Gebrauch des Thcils unmöglich machen, daun Krebs, Gelcnkkrankheitcu, Knochenfraß, Formfehler (z. B. überzählige Finger) rc. Die nöthigen Instrumente: Messer von verschiedener Größe n. Form, sogenannte Zwischeu- knochcnmesser, Änochenhautmesser, Sägen, Zangen, Feilen, Unterbindnngspincetten n. -Haken, gerade und krumme Nadeln rc. sind meist in dem sogenannten Amputationsbcsteck vereinigt. Methode der Operation: n. kreisförmig geführter Schnitt um Las ganze Glied — Zirkelschnitt in 2, 3 oder gar 4 Messcrzügen, oder auch in 1; b. Lappenschuitt, bei dem 1 oder 2 Lappen ans den Seiten-, oder den vorderen und Hinteren Theilen des Gliedes durch Einstechen und Ausziehen des Messers, oder durch Führen des Messers von der Haut ans nach innen und oben bis zur AbsetznugSstelle gebildet werden; e. Ovalar-, Trichter-, Kegel- oder Schrägschnitt, so benannt nach der Form der Schnitt-, resp. Wnnd- bildnng. — Früher suchte man die Öperation möglichst rasch (der alte Langenbeck in der Zeit, während einZnschaner abgcweudet eine Prise nahm) ansznsühreu. Seit Entdeckung des Äthers (1846) n. Chloroforms (1848) n. des bereits erwähnten Es marchschen Verfahrens istdieSchnelligkeitkcinHanpt erfordcrniß mehr. Je nachdem die A. entweder gleich nach der Verletzung (Früh-, Primär-A.), oder später, wenn Entzündung oder Eiterung einge- trcten (Secundär-A.), stattfindet, sinkt oder steigt die Sterblichkeit bei den Amputirtcn. Langenbeck wünscht daher die unvermeidlichen A-en sogleich ansgeführt. Doch erhält man neuerdings selbst bei großen Verletzungen noch Glieder (conjer- vative Chirurgie), die man früher amputirte. Die Nachbehandlung ist sehr wechselnd, im Allgemeinen aber neuerdings der Art, daß mau keine schwere Belastung der Wunde durch Binden und Charpie rc. mehr zuläßt, sie entweder ohne eigentlichen Verband der Luft ausgesetzt läßt, oder durch Len Listerschen Verband mit Carbolsäure (antiseptische Wundbehandlung) vor Luftzutritt schützt, um Pilzeinwanderung n. damit Eiterung — wie man annimmt — zu verhüten. Die Entscheidung über die Vorzüge der einen oder anderen Methode müssen noch weitere Erfahrungen bringen. So 580 Amraoti — Amru'l Kais. viel aber ist unzweifelhaft gewiß, daß die einfachen Erfordernisse: Luft (Vcmilanoin und Reinlichkeit, gehörige Temperatur :c. zur Verminderung der Sterblichkeit ungemein beitragen (Barackensystem statt der alten Verwnndetcnkascrne — u. der uralten verwinkelten Hospitalgcbände — Zerstreuung der Verwundeten an Stelle des früheren Znsam- menhäusens rc.). Die Behandlung der Wunde mir Kalkwasser hat durch den sogenannten Lister- schen Verband sehr abgenommen. Amraoti (eig. Amravati), Hauprst. des gleich- nam. vorderindischen Distr. in dem unter britischer Verwaltung stehenden Lande des Nizam von Hyderabad, 282 m ü. d. M., an der Eisenbahn, mit 23,500 Ew. Der Distr. des gleichen Namens erzeugt jährlich gegen 60,000 Ballen Baumwolle u. Hai auf 6827 Hjkm. 407,300 Ew. Nmraphcl, altbabylonischcr König zur Zeit Abrahams, der mit Kcdorlaomer von Elam einen Zug nach Vorderasicn unternahm. Amretstr, s. Amntsar. Amriswyl, thnrganische Mnnicipalgcmeinde, Bez. Bischofzell (Schweiz), an der Schweizer Nord- ostbahn; 2152 Ew.; Weberei u. Strnmpfwirkerei. Amrit, Ruinenstätte an der Küste des alten Phönicicn (Syrien), 7 km südlich von der Hafenstadt Tortosa. A. ist das alte, schon im 2. Jahrh. v.- Ehr. von den Aradiern zerstörte Marathos welches zum Gebiete der Jnselstadt Arados (Ar- wad der Bibel, jetzt Rnad) gehörte. Die Ruinen wurden schon im 17. Jahrh. durch den Orientalisten Pococke bekannt, aber erst neuerdings durch Erncst Renan untersucht; vgl.Rsvuo nrolwoloAigno, 1862, S. 273 ff. Das bedeutendste Monument dieser Ruinenstätte, zugleich ohne Zweifel der wichtigste Überrest semitischer Tempelbauknnst, ist das unter dem Namen El-maabcd (der Tempel) bekannte Bauwerk. Es besteht ans einem viereckigen, auf drei Seiten von Felsmanern umschlossenen Hose von 52 m Länge u. 46 in Breite, in dessen Mitte sich ein aus dem Felsen gehauener Würfel von 4,,, Hjm befindet, welcher die Basis einer ebenfalls von drei Seiten geschlossenen, 4,g m hohen n. mit einem großen Stein bedeckten Cella bildet, die zur Aufbewahrung von Nationalheiligthümern diente. Zwei andere, dieser Cella ganz ähnliche Bauwerke entdeckte Renan außerdem. Unter diesen Monumenten liegen Gravkammern, deren viele aufgedeckt wurden; sie befinden sich bald neben, bald über einander. Ein Grabdenkmal (der Schneckenthnrm genannt) hat im Innern zwei über einander liegende Räume. Dem ersterwähnten, größten Bauwerke gegenüber liegt ein Stadium, dessen Sitze zum Thcil in den Felsen gehauen sind. Amrita (ind. Ncl.), Unsterblichkeitstrank der indischen Götter. Der Mythus über die Entstehung desselben ist in einer Episode des Mahabharata (Amritamanthanum) ausführlich beschrieben, die aber zu den jüngeren Thcilen dieses berühmten indischen Epos gehört. Gildemeister hat sic in seine Ausgabe der ilntüioloMa, savseritiea von Lassen ausgenommen. Amritsar (Amretsir, Umritsur, Amhersos, aus dem indischen Amritasara, See der Unsterblichkeit), bedeutendste Stadt der vorderindischen Provinz Pend- jchab; (1871) 133,813 Ew., darunter etwa^ Siks. Von Alters her heilig, ist die Stadt durch den in der Milte eines künstlichen, spiegelklarcn Sees erbauten prachtvollen marmornen Tempel, in dem unter seidenem Baldachin das heilige Buch der Sikh, der Granth, anfbewahrt und verehrt wird, seit 1581 der Ccntralpnnkt der Religion dieses vorderindischen Stammes geworden u. noch jetzt ein besuchter Wallfahrtsort, dessen Bevölkerung noch jüngst sich zu Aufruhr ans religiösen Motiven hin- reißen ließ. Schon früher Handelsplatz, ist es, nun durch Eisenbahnen mit Lahors, Peschavar n. Delhi verbunden, der wichtigste Stapelplatz für Kaschmir-Shawls u. Scidenmauufacturen, ebenso Centralpnnkt des ostindischen Handels mit dem ' westlichen Asien durch Afghanistan. A. liegt zwi- ! scheu den Flüssen Jravadi (Ravi) und Vjasa in 270 m Höhe; in der Nähe das Fort Govindgnrh, worin Rundschit Singh seine Schätze anfbewahrte. Amrom (Amrum), in der Sturmfluth von 1634 vom schlcswigschen Festlande abgerissene, 28 Hjkm große Insel der prenß. Provinz Schleswig-Holstein, Kreis Tondern, an der Seeseite von einer bis 33 m hohen Dünenkette geschützt, mit Ansuahme der Ostscite ganz wüst. Die 700 Bewohner treiben Seefahrt, Landban, Viehzucht und etwas Ansternfang. Hanptkirchdorf zu St. Clemens. An der Südspitze ans dem 20 m hohen Hügel Erdenshöh eine trigonometrische Station. Sprache nordfriesisch. (Vgl. Ehr. Johansen, Die nordfriesische Sprache nach der Föhringer u. Amrnmer Mundart, Kiel 1862; Sprüchwörter in Amrnmer Mundart in ^ Haupts Zeitschrift für deutsche Alterthümer, 8,350.) f Amru bcn Abnl, arab. Feldherr unter den ersten Khalifen. Unter Abu-Bekr eroberte er 632 Palästina; unter Omar führte er die, ersten arabischen Schaaren von 640 an gegen Ägypten, erstürmte Memphis n. Alexandria, dessen Bibliothek, nach einer bestrittenen Tradition, er auf Befehl des Khalifen verbrannt haben soll; dann nahm er an der Eroberung Nordafrikas bis Tripolis theil. Von Othman znrückgerufcn, stand er bei den folgenden Thronstrcitigkeiten auf Seiten des Omajjaden Moahmijah n. st. 663 als Statthalter von Ägypten. Amru bcn Kultsnm, mit dem Beinamen sseir-Lelionkorn (d. i. LcrDicklippige), arab. Dichter und Fürst der Erakim, die zu dem Stamme der Taglebitcn gehörten; tödtete den König von Hira, Amrn den Hind, um den Tod des Dichters Parafa zu rächen, oder, wie Andere behaupten, ans Anlaß vcs Urthcils, das er bei einem Streite zwischen den Bcni Bekr und Beni Tagtet zu Gunsten der Erstercn fällte; er st. 570 n. Chr. Von ihm eine der 7 Moallakat, hcrausgeg. von Kosegartcn, Jena 1810, und Arnold, Leipz. 1850. Ob er andere ihm beigelegte Gedichte, darunter Satiren, verfaßt habe, ist zweifelhaft. Amru'l Kais (richtig Jmrunlkais) beit Hodschr ' bcn Amru al Kindi, der berühmteste arabische k Dichter der Vorzeit, geb. 500 n. Chr. in der l Landschaft Wedschd, dem Sitze der Beni Esed. Sein eigentlicher Name war Hindndsch, sein Zuname Malik-ul-Dhelil, d. i. der irrende König, u. Dsn l-Kuruh, d. i. der mit Geschwüren Behaftete. Wegen seiner Verse u. einer Ungezogenheit gegen Mädchen von seinem eigenen Vater Hodschr, dem grausamen Fürsten der Beni Esed, verbannt, nahm > Amrum — 581 » er, als dieser im Jahre 525 von seinem eigenen Stamme erschlagen worden, die Ausübung der Rache auf sich, mußte aber, da er sein Rachewerk nicht nach Wunsch zn Ende führen konnte, von ! Neuem entfliehen. Er wandte sich nun an den H oströmischen Kaiserhof; allein Justinian ließ ihn mittels eines vergifteten Gewandes zu Angora ans dein Wege schaffen. A. gilt als ein Vorbild in Lob- u. Spottgedichten. Außer seiner Moallakat, heransgcg. von Lette, Leyden 1748, Hengstcnberg, Bonn 1823, Arnold, Leipzig 1850, erschien noch sein ganzer Divan in der Ausgabe von M. G. ! de Slane, Paris 1837 (Übersetzung von Fr. Rückcrt, Stuttg. 1843). Von den ihm zugeschrie- s benen 68 Gedichten soll jedoch fast die Hälfte un- l echt sein. Den Namen Jmruulkais führen auch ! noch 17 andere Dichter, von denen mehrere zur Zeit des Islam lebten. Amrum, s. Amrom. ^ Am Sand, Wirthshans bei St. Martin im Bez. St. Leonhard des österreichischen Kronlandes Tirol, links an der Passeir; Geburtsstätte u. Haus Andreas Hofers, 1838 zu einem landessürstlichen ^ Lehugute erhoben. Arnsberg, Aug. Phil. Christian Theodor v. A., geb. 17. Juli 1780 zu Rostock, gest. 9. Juli 1871; Kammersecretär zu Braunschweig, später Kammerassessor u. Kammerrath; führte die Ver- , Handlungen wegen Bctheiliguug BrannschweigS an dem Steuervcrcin u. Mitteldeutschen Haudelsverein, » wurde 1833 Direktor des Fiuanzcollegiums, 1835 s Chef der Steuerdirection u. 1850 Chef der Eisenbahn- u. Postdirection. Er machte den ersten Plan zur Anlage von Eisenbahnen in Deutschland. Amschaspauds, s. Amshaspands. Amschclverg, Marktflecken im böhmischen Bez. ! Selczan (ehern. Kreise Tabor); Pfarrkirche, Synagoge, Schloß; Alkohol- u. Lederfabrikation, Bierbrauerei; 2870 Ew. Amschiu, der 6. Monat des türkischen Kalenders. Amsdorf, Nikol, von A., Genosse Luthers; stammte aus einer Meißnischen Adelsfamilie, war geb. 3. Dec. 1483 zu Großen-Zschopa bei Wurzen; studirte seit 1502 in Wittenberg, lehrte dort seit ! 1504 Philosophie, seit 1511 Theologie, u. stand von 1516 an treu zu Luther, den er 1519 zur Leipziger Disputation n. 1521 auf den Reichstag zu Worms begleitete. 1522 wurde er Prediger in Wittenberg u. 1524 Superintendent in Magdeburg, wo er die Reformation begründete; 1537 war er auf dem Convent in Schmalkalden u. 1541 beim Colloquium in Negensburg; 1542 wurde er von Kurfürst Johann Friedrich dem Großmü- thigen als erster evangelischer Bischof v. Naumburg berufen n. von Luther ordiuirt; aber 1546 vom s Herzog Moritz vertrieben, kehrte er nach Magdeburg zurück. 1550 wurde er von den Söhnen des gefangenen Kurfürsten zum Oberkirchenrath ernannt und nahm seinen Wohnsitz in Eisenach. Dort starb er nach endlosen Kämpfen für die lutherische Rechtgläubigkcit gegen das Augsburger und das Leipziger Interim, gegen Adiaphoristen, Synergisten rc., 14. Mai 1565. Er schrieb Vieles, veranstaltete auch die Jenaer Ausgabe von Luthers Schriften, 1555 ff. Lebensbeschreibung von Presset, > Elberf. 1862; Meier, Lpz. 1863. Amsel ist die Schwarzdrossel; s. u. Drossel. Amselbeerc (Amselkirsche) ist lUmmim« eu- tiiartiea L. Amselfeld (lat. Oampus insrüiarum, serbisch Ilussorvopolso oder nur Losscnvo, ung. IliAmusM), hügelige Hochebene (nach A. Bone 450 m) in der europäischen Türkei, Alt-Serbien, Paschalik Prisren, deren Länge von Nerodimlja bis Mitrowitza 70 u. die Breite 30 Icm beträgt. A. liegt zwischen Makedonien und Bosnien; von Makedonien trennt es das hohe Gebirge Ljubatin, gegen NW. liegt das Gebirge Rogosua, südöstl. ist der Engpaß Kaczanik. Die Ebene durchfließt der Fluß Sitnitza, u. der größte Theil derselben ist mit Waldungen bedeckt; im Übrigen ist überall fruchtbarer Ackerboden, ausgenommen das morastige Quellgebiet der Sitnitza. Bewohnt wird A. fast ausschließlich von mohammedanischen Schkipetaren (Albanesen), welche sich hier seit 1690 festsetzten, nachdem die serbische Einwohnerschaft nach Ungarn auswan- derte. Das A. ist herühmt wegen der vielen Schlachten, die hier ausgcfochten wurden. Zuerst gewannen hier im I. 1073, als das A. noch zu Bulgarien gehörte, in der Nähe von Prischtina die Serben einen glänzenden Sieg über die verbündeten Griechen und Bulgaren. Im I. 1170 schlug unter Zweczan an der Sitnitza der große Scrbenzupan Stephan Nemanja, der nachmalige Begründer des großen Serbeurciches, seine Brüder, welche ihm mit den Griechen vereint die Obergewalt entreißen wollten. Am 27. Juni 1389 brachten hier die Türken unter Murad I. den Serben unter Knes Lasar eine totale Niederlage bei. 1403 gewann bei Gracanitza der Sohn des unglücklichen Serbeuczars Stephan Lasarcwie einen Sieg über Sultan Musa, den Enkel Mnrads. Am 17., 18. u. 19. Oct. 1448 zwischen Prischtina n. Wuczitin Niederlage der Ungarn unter Johann Hunyadi gegen die Türken unter Murad II., 17,000 Ungarn deckten das Schlachtfeld, und der Rest rettete sich nur durch einen eiligen Rückzug. 1689 gewannen die Türken unweit von Prischtina einen Sieg über den österreichischen Heerführer Piccolomini. 1831 wurden die bosnischen Insurgenten unter Capitäu Hussein Gradaschczewic von dem gegen sie angcrückten türkischen Militär zersprengt u. fast gänzlich vernichtet. Eine ausführliche Beschreibung des A-es haben Hilferding und Hahn in ihren Werken gegeben, und die groß? Schlacht am A-e bringen viele Nationallieder, welche Karadzic in seiner Sammlung den kommenden Geschlechtern erhalten hat; aber eine geschichtlich wahre Darstellung derselben ist nirgend vorhanden. Amsclmövc ist die schwarze Seeschwalbe. Amshaspands, in der Zoroastrischcn Lehre die 7 höchsten Lichtwescn, von welchen alle guten Existenzen ausgehen. Ihr Oberhaupt ist Ähnra Mazda, oder Ocmuzd; mit ihnen hat man die indischen Aditjas und die hebräischen Erzengel verglichen. In einem späteren, nicht altbaktrischen Stücke werden 33 A. genannt, was wol zn der Annahme berechtigt, daß der Name Amshaspand auch in weiterem Sinne gebraucht wurde u. die unsterblichen Genien des Himmels überhaupt bezeichnete. ümsinokis I-s/im., Pflanzengatt. anS der Fam. 5 82 Amslcr — der Boragineen (V. I), einjährige Pflanzen aus N. u. SAmerika, mir thcils schönen Btütyen, die sie als Zierpflanzen empfehlen; z. B. V. spootnvilis ch I/.. anS Californien; intermoclin Ille/»»., wurde mir Madiasamen ans Chile in Europa ein- gefiihrt und wuchert nun als neues Unkraut seit einer Reihe von Jahren in der Gegend von Moissac am Tarn. Amslcr, Samuel, einer der berühmtesten neueren deutschen Kupferstecher, gcb. 17. Dccbr. 1791 zu Schinznach, Schüler von Pips u. Heß; studirte von 1820—1824 in Rom, ward 1829 Professor der Knpferstecherknnst an der Akademie der bildenden Künste zu München. A. cnltivirte vorzugsweise den plastischen Stich, de» Cartonstich, wie z. B. im Alcxandcrznge; doch besitzen wir auch tressiichc Farbenstichc von ihm, so namentlich in der Grablegung. Auch stach er nach eigener Zeichnung, so die Bildnisse von Pins VII., Thorwaldsen und Fohr. Biele seiner Werke bcfineen sich im Städtischen Institut zu Frankfurt a. M. A. starb zu München 18. Mai 1849. Amsoldingen, heimisches Psarrdorf im Bez. Thun («Schweiz), an einem kleinen lieblichen See, mit den malerischen Trümmern von Jagdberg; 029 Ew. Amsteg, nrnerischcs Filial-Dörfchcn (Schweiz) im Reußtyal an der Gonhardstraße, mit große,» Biehmarkt. Ans dem Flühli die wenigen Trümmer, welche für die Reste der angeblich 1308 zerstörten Burg Twing-Uri gelten. In der Nähe beginnt der im Ban befindliche Tunnel der Gotthardbahn. Amskcl, 1) Fluß in N-Holland, kommt ans dem Rhein n. der Bccht, mündet bei Amsterdam in das A. 2) Früheres Schloß im ältesten Thcil Amsterdams. 3) Geschlecht van A., blühte vom 11.—15. Jahrh. in Amsterdam. Amsterdam (^mstolockamnin), die größte Stadt des Königreichs der Niederlande; führt den Titel der Hauptstadt Hollands, Residenzstadt ist jedoch der Haag; an der Amstel, ans Sumpfboden halbmondförmig um das U gebaut, in das der für die größten Schiffe passirbare Nordholländische Kanal, sowie der westlich direct zur Nordsee führende, seit 1870 in Angriff genommene, mit Hafen verbundene neue Kanal ansgeht; ans der Land- scite mit einem mit Ulmenallccn bepflanzten und mit Gartcnanlagcn bedeckten Walle und vielen Windmühlen umgeben; die Stadt zählt 27,600, meist ans eingcrammten Pfählen ruhende Häuser und hat seit 1854 eine Wasserleitung. A. hat eine» Gerichtshof erster Instanz, auch Handelsgericht n. Fricdensgericht, das Seedepartcmcut der Znider- sce rc. Bon 12 öffentlichen Plätzen sind der Damm, der neue Markt und der Botermarkt die schönsten, unter den mit Klinkers (kleinen Backsteinen) und Lütticher Kalkstein gepflasterten Straßen: die Heeren-, Keizcrs- n. Prinscngracht, Kalvcrstraat, Nieuwedijk. Viele, im Sommer zuweilen übel dunstende Kanäle (Grachten) ziehen in halbmondsörmigcn, immer weiter geschwungenen Bogen durch die ganze Stadt; sie sind meist von Straßen n. Banmreihen flankirt n. bilden gegen 90 Inseln, die durch 290 Brücken verbunden sind. Die Amstclbrücke ist 360 Schritte lang, mit 35 Amsterdam. Bogen, von denen 11 zum Durchlässe» von Schissen eingerichtet sind. Unter den 47 Rirchen befinden sich 13 reformirte, 3 lutherische, 1 presbyteriani- schc, 21 katholische, 1 armenische, 5 janscnistische, 1 griechische, 2 mcnnonilischc. Die alte Kirche der Neformirten (St. Nicolai) hat schöne Glasmalereien, 2 Orgeln, Glockenspiel (36 Glocken) n. Denkmäler verschiedener Scehelden, z. B. Hecms- kerks n. van der Hnlsts; die Neue (Katharinen-) Kirche, ans 6044 Pfählen, mit de Richters, van Galens, Bondeis, Kiusbcrgens und van Spcyks Grabmalen,; die Wcstkirche mit 95 m hohem Thurme. In den Amsterdamer Kirchen wird in 8 verschiedenen Sprachen gepredigt. Ferner gibt es 5 Synagogen, darunter eine deutsche u. eine portugiesische. Merkwürdige Gebäude sind: der kö- nigl. Palast (ehcin. Stadthaus), ans 13,659 Masten ruhend, von Quadern erbaut, die 1845 erbaute Börse mit 42 ionischen Säulen, das Nathhans (sonst Prinzcnhof), das Admiralitätsgebäude, das Admiralitätsmagazin mit Schiffswerften n. Zeughaus, der 1864 vollendete schöne Jndnstriepalast, 126 m lang, 31 in breit n. 57 in hoch, das 300 Zimmer enthaltende Amstel-Hotel, die Bank der 'Niederlande, die neue, August 1872 mit einem Grnndcapital von 10 Mill.Gulden gegründete Bank, die große Kaserne, die Seeschnle, die Gebäude der ehemalige» Ostindischen Compagnie, das 1856 vollendete, neu erbaute Postcomptoir, der Gerichts- i Hof, das Museum Fodor mit 462 trefflichen Ge- I mäldcn ans der Niederländischen Schule, das der 1 Stadt vermachte Cabinet von van der Hoop, das Trippenhnis mit werthvollen Gemälden alter Meister, die Kunstakademie; der Bau eines großartigen Rationalmnsenms steht bevor. Unter den wissenschaftlichen Anstalten verdienen Erwähnung: die Königliche Akademie der Wissenschaften u. schönen Künste, der Zoologische Garten, einer der reichhaltigsten an lebenden Thieren, verbunden mit einer großen Natnraliensammlnng, Bibliothek und ethnographischem Cabinct, der Botanische Garten, der 15 Im große Vondelspark, die Sce- cadcttenschnle, die Äckerbaugesellschaft, die 1777 von W. M. Writs gestiftete Akademie DVIix Dlo- ritis (zum Unterricht in Philosophie, Mathematik n. a., auch mit physikalischen Sammlungen, Abgüssen u. Sternwarte),Athenäum, mehrere Semina- rien, Gymnasien, Bibliotheken. Unter den Wohl- thätigkcitsanstalten: das reformirte Männcr- n. Franenhaus, mehrere Waisenhäuser für mehr als 4500 Kinder, mehrere Krankenhäuser, ferner die Gesellschaft znm allgemeinen Nutzen (tot mit van 't alxwmoeii), die Gesellschaft I^sonutimlioop (Seemannshvffnnng), ein Verein zur Unterstützung alter gedienter Seeleute n. deren Wittwen n. unmündigen Kinder, ein Verein zur moralischen Hebung u. Unterstützung der dienenden Klasse, n. , v. a. Die Stadt ist äußerst betriebsam n. zählt k mehrere hundert Fabriken aller Art, so in Tabak, ! Metallwaaren, Leder, Seide, Tapeten, Wollcnzen- i gen, Porzellan; ferner große Zuckersiedereien, Borax-, Kampher- n. Garancinc-Raffinerien, sowie . Bereitung seiner wohlriechender Olc, vorzügliche Diamantschleifcreien; die Schiffswerfte beschäftigen über 3000 Arbeiter; die Stückgießerei ist bedeutend; endlich großartige Etablissements für Maschinenbau > Amsterdam — Amt. 583 und Eisencenstrnction. Äußerst reich ist A. an Spaziergänge» (VondclSparli und Vergnügnngs- localen aller Art, entsprechend dem lebhaften, zn fröhlicher Geselligkeit neigenden Charakter der Einwohnerschaft n. dem großen Fremdenverkehr. Die Stadt wird dnrch eine Reihe von Forts vcrthci digt n. kan» durch künstliche Überschwemmungen ab- gcsperrt werden. Der Handel hat sich seit der Trennung Hollands von Belgien mehr und mehr ausgedehnt n. wird sich dnrch die neue Kanal- n> Hafcnanlage unzweifelhaft noch mehr heben. Schon jetzt ist A. einer der ersten Handels - und Seeplätze Europas n. der Hanptmarkl der Colonial- prodncte, so daß sich die übrigen Märkte nach den Preisen der großen Anclionen richten, welche jährlich zweimal dnrch die hier seßhafte Handels-Maat- schappij abgehalten werden. Die großartige», mit Docks und ausgedehnten Magazinen versehenen Hascnanlagen fassen über 1000 Schiffe. Im I. 1873 liefen 1283 Schiffe mit 470,052 Tonnen- gehalt ein, während 1340 mit 478,111 Toimcn- gehalt ansliefc». In den letzten 2 Jahren zeigte sich im Tonnengehalt der ein- und ausgelaufenen Schiffe eine Verminderung von 82,252 Tonnen, was hauptsächlich der geringen Zahl Segelschiffe unter fremder Flagge znznschreibcn ist. Unter den eingelaufcnen Schiffen ist Rußland (Ostsee) mit 259 Segel- u. 34 Dampfschiffe» (87,926 T.), Preußen mit 48, resp. 54 (75,676 T.), Hamburg u. Bremen mit 31, resp. 69 (35,597 T.) vertreten. Von den ostindischen Besitzungen (Java n. Sumatra) liefen 105 Segel- u. 21 Dampfschiffe mit 74,500, resp. 34,258 Tvnnengchcckt ein; von Surinam kamen 24 Schiffe mit 4960 T. Besonders groß ist die Zahl der ans dem Mittelländischen und Schwarzen Meere einlanfcnden Schiffe. Dampferverbindnngen bestehen mit den meisten europäischen Seehafen, außerdem überseeisch mitBatavia. Auf dem Rhein u. der Rheineisenbahn kamen bereits 1868 über 5 Mill. Ctr. Güter an n. gingen über 1 Mill. Ctr. zur Abfuhr. Am 3. Dcc. 1843 wurden die ersten Eisenbahnen in den Niederlanden von A. nach Utrecht n. Haag dem öffentlichen Verkehre übergeben; außerdem führt eine Linie nach dcmHelder, während eine neneLinicnachAmersfoort im Bau begriffen ist. Ein Centralbahnhof, der auf einem dem U dnrch Anspumpen abgcwonne- ncn Terrain errichtet wird, soll alle diese Linien vereinigen. Die Zahl der Einwohner betrug bei der Zählung von 1869 264,049 und ward für das Jahr 1872 geschätzt auf 277,765, darunter die Mehrzahl Rcformirtc, über 60,000 Katholiken, 35,000 Lutheraner, 30,000 Juden ic. A. ward dnrch Fischer gegründet, die sich an der Amstel ansiedeltcn. Gijsbrccht van Amstel legte im 13. Jahrh. dort eine Burg an; 1296 wurde A. von den benachbarten Kcnncmers zerstört, weil sich Gisbert IV. van Amstel an der Ermordung des Grafen Floris von Holland bethciligt hatte. Lin» kam A. an die Grafen von Holland, wurde wieder aufgcbanr n. 1300 (1301) mit städtischen Rechten beschenkt, die 1334 von Graf Wilhelm IV. erneuert wurden. Die Stadt wuchs mm in einem langen Frieden rasch, hatte gegen Ende des 15. Jahrh. schon 2500 Häuser; neue Vergrößerungen fanden 1585 statt, indem die Stadt dnrch den ! Aufstand der Niederländer gegen Spanien u. dnrch >deu Portugal entrissenen ostindischcn Handel, be- i sonders dnrch die Wegnahme Antwerpens durch Ine Spanier ungemein gewann. 1587 machte sder Engländer Leicester den Versuch, sich durch Vcrrath in den Besitz der Stadt zn setzen, was aber dnrch die Klugheit des Bürgermeisters Hooft vereitelt wurde. Wnm auch A-s Handel und Blüthe in der Mitte des 17. Jahrh. in Folge des Krieges mit Spanien sehr sank, so hob er sich doch danach schnell wieder, und die im 17. Jahrh. n. zu Anfang des 18. wachsende Macht Hollands, sowie der Tractat, der den Ausfluß der Schelde für Antwerpen sperrte, mehrte den Wohlstand von A. In der Nacht auf den 30. Juni 1650 suchte der Erbstatthaltcr Wilhelm II. A. vergebens zn überrumpeln; s. Niederlande. Seit der Eroberung Hollands durch die Franzosen 1795 n. besonders seit der Continentaüpcrrc unter Napoleon I. litt die Stadt sehr. Nach der Scheidung Hollands von Belgien (1831) hat sich der Handel Ä-s, welcher seit der Mitte des 16. Jahrh. durch die Blüthe Rotteidams n. Hamburgs gelitten hatte, immer mehr gehoben, wozu die schon früher gegründete Handels-Maatschappij wesentlich bcige- rragen hat. A. ist die Gcbnrtsstadr vieler berühmten Männer, wie der Historiker Jan Wagcnaar n. Geraert Brandt, des Geschichtschreibers n. Dichters Hooft, des Philosophen Spinoza, des Naturforschers Swammerdam, des Dichters Bildcrdijk, des Staatsmannes n. Diplomaten van Benningen (st. 1693), der Admirale Hecmskerk und van der Hnlst, ferner einer Reihe berühmter Maler. Amsterdam, 1) städtischer Bez. im Eonnty Montgomery des nordamerikanischen Staates New- öjork; 4600 Ew. 2) St. darin, am. linken Ufer des Mohawkflnsses, mit Brücke darüber, an der Utica-Schencctady-Eiscnbahn; Bank, Akademie, verschiedene Fabriken; über 3300 Ew. 3) Insel im Indischen Meere, mit 900 m hohem Vnican, heißen Quellen; unbewohnt, wie die südlichere St. Paul. 4) New-A-, befestigte Hafenstadt in Britisch-Gniana, SAmerika. New-A. war auch der ursprüngliche Name des jetzigen Rcw-Pork. Amstctten, Marktflecken im öftere. Kronlande Unter der Enns, an der Ljbbs und der Westbahn; Bezirks- n. Stencramt, landwirrhfch. Bezirksverein, Hammerschmiede, viele Gewerbe; 1223 Ew.; wurde von Karl d. Gr. gegründet, 1276 znm Marktflecken erhoben. Hier 5. November 1805 Gefecht der österr.-russischen Arriercgarde unter Bagration gegen die Franzosen unter Mnrat. Amt in adstrnebo ist 1) auf politischem Gebiete das verfassungsmäßige Organ, dnrch welches die Staatsgewalt ihre einzelnen Functionen verrichtet, n. unmittelbar mit der Existenz des Staates gegeben. Würde auch begrifflich Nichts entgegen- stehcn, wenn die Sonvcränetät des Landesherrn sein Amt im Staate genannt wird, so sind doch im staatsrechtlichen Sinne unter dem Amt, im Gegensätze zn dem zur Bedienung des Fürsten n. Besorgung seiner persönlichen Angelegenheiten bestellten Kiofämtern, nur diejenigen Einrichtungen im Staate verstanden, dnrch welche im Namen n. Aufträge des Souveräns die einzelnen Regicrnngs- rechte verwirklicht werden. So verschieden diese 584 Amt — Amtsbeleidigung. Rechte sind, so verschieden sind mich die Ämter des Staates: der Jnstizpflcgc dienen die Gerichte nebst den Behörden der freiwilligen Gerichtsbarkeit, der Staatsvcrwalmng die verschiedenen Regierungsbehörden. Es gibt unmittelbare n. nur mittelbare Staatsämter; zn letzteren gehören vor allen seit Anerkennung des Tclbstverwaltnngsrechtes der Gemeinden die Gemeindeämter. Die Ämterverfassung begreift einmal das System der gesammten A-s- organisation im Staate (verschiedene Instanzen, Disciplinarverhältniß), dann aber auch die besondere Einrichtung eines bestimmten A-es. Die Rechte n. Pflichten jedes A-es werden durch physische Personen wahrgenommcn, welche dadurch Beamte (Beamtete) werden u. einen von ihrer Eigenschaft als Privatpersonen zn unterscheidenden Charakter n. eine der Wichtigkeit des von ihnen bekleideten A-cs entsprechende Ehre (A - sehr e) erhalten; manche deutsche Staaten lassen mit den höchsten Staats- ümtern noch den persönlichen Adel verbunden sein (A-s-, Dienst-Adel). Die pflichtmäßigen Handlungen derselben haben als A-shandlungen besondere Wichtigkeit, ihre Beglaubigungen publica klclss (öffentliche, d. h. nicht erst weiter nachzuweisende Glaubwürdigkeit). Die Anforderungen an die persönlichen Eigenschaften u. das Verhalten der Beamten sind verschieden, je nach der Art des A-es: juristische, technische, cameralistische Quälification, oder nur eine allgemeine Bildung u. praktische Befähigung. Das Blaß der Anforderungen steigt mit der Bedeutung des A-cs, n. wie h ö h eren. niedere Ämter, so gibt es auch höhere u. niedere (Unter- odcr Subaltern-) Beamte. Der neu angestellte Beamte hat die gewissenhafte Erfüllung seiner Dienstpflichten, sowie die Befolgung der Verfassung n. der Gesetze des Staates u. Treue n. Gehorsam gegen den Landesherr» eidlich zn geloben (A-s- oder Diensteid). In strafrechtlicher Beziehung kommt es indeß für die Begründung der amtlichen Eigenschaft auf diesen Eid nicht weiter an (s. K 359 des D. Str.-G.-B.). Verletzungen der besonderen A-s- pflichten sind A - svergchcn oder A - sverbrechen; die ersteren werden entweder im strafgerichtlichcn, oder im Disciplinar-Vcrfahren geahndet. Besonderen Schutz gewährt das Strafrecht dem Beamten durch härtere Bestrafung der A-sbeleidignngen. Mit dem A. Pflegt eine bestimmte Besoldung (Dienst- oder A-s-einkommen) verbunden zn sein, neben welcher auch noch für außerordentliche Dienstnukosten besondere Entschädigungen (z. B. für Dienstreisen) gewährt werden. Nur ausnahmsweise wird die Verwaltung eines A-es als Ehrensache (Ehrenamt) betrachtet; so namentlich in der Gemeindeverwaltung. Zu den Ehrenämtern zählten auch die sogenannten Erzämter des Deutschen Reiches n. die Erbämter. 2) Auch die Verfassungen der christlichen Kirchen haben ein Ämterjystem ausgebildet. Der Begriff des A-es in abstracto ist hier ein dogmatischer, n. ergeben sich daraus die Conseqncnzen für,die Competenz n. Verfassung der kirchlichen Ämter; welthistorische Berühmtheit hat das hierarchische System des Ämterwesens der katholischen Kirche erlangt. Seine Bedeutung hat sich auch namentlich wieder in dem durch das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit hervorgerufcncn kirchenpolitischen Kampfe der Gegenwart gezeigt. (S. d. Artikel Kirchcnrecht.) 3) A. bezeichnet auch den Vcrwaltungs-, Gerichts-, Steuer-, Zoll-, Forst- rc. Bezirk, für den ein Beamter oder ein Beamtencollegium angestellt ist; erscheint dann namentlich als Verwaltungsbezirk auch als ein geographisch - politischer Complex. Als die landesherrlichen Einkünfte durch Abgaben der Pfleghaften, Gerichtsgefälle rc. sich mehrten, wurde schon im Mittelalter das Land behufs Herstellung geordneter Verwaltung in Ämter getheilt, welche Eintheilung auch später als Grundlage der örtlichen Verwaltung diente. — Das Wort A. lautet goth. das anclbabti, althochd. das am- pabti, ampubt, mittelhochd. das ambet, ammet, ampt, holländ. noch ambaebt. Goth. umlbabtjan, althochd. ampabtan, mittelhochd. umbubteu, am- bobton (das wäre nenhochd. amten) heißt dienen, n. goth. der amlbabts, althochd. der ampabt, Diener. Mit diesen Wörtern hängt zusammen das latinisirte aurbactus, Soldknecht (6loss. Imbbasi), so wie die bei 6assar clo bell. 6all. erwähnten ambacti, welche von Zöpsl (Deutsche Rechtsgesch.) in der Auffassung von Äliuisterialss (Hofbeamtc) mit Ampachts-Leutcn erklärt werden. Amt, Ämter Christi, s. Christus. Amt Gehren, Marktflecken, so v. w. Gehren. Amtmann war ursprünglich der Verwalter eines Kammergntes, zugleich auch Richter in Klagsachen im Bereiche des Kammergntes; später wurde ihm auch die Polizei übertragen. Von der ersten Function kommt es, daß noch in einigen Strichen Norddentschlands die Pächter oder Verwalter eines Kammergntes den Titel A. führen. In mehreren Staaten Deutschlands ist der A. der Vorstand eines Bezirkes (Vcrwaltungs-, oder Gerichts-, oder Finanz-), oder, wie in Bayern, eines Bau- Amtsbezirks; so daß wir Bezirksamtmänner, Ober- Amtmänner, Amtmänner, Reut-, Bezirksgerichts-, Gerichts-, Justiz-, Bau- rc. Amtmänner haben. S. auch Ammann. Amtsactnar, der Actuar, welcher einem Amtmann (gewöhnlich bei Gerichten) zu den Geschäften des Amtes zngeordnet ist u. unter ihm steht. Er ist in einigen Staaten nur Subaltcrn- beamtcr, in anderen wieder, wo höhere Befähigung wegen höherer Dienstleistung für das Actuariat nothwendig, mit pragmatischen Rechten angestellt n. zum Vorrücken in höhere Stellungen berechtigt. Amtsadjuuct, ebenfalls ein dem Amtmann beigegebener Beamter, meist aber nur in provisorischem Dienstverhältniß. Nmtsangehörige, die im Amtsbezirke wohnenden Nnterthanen. Amtsbeleidigung (Amtsehrcnbeleidigung), Amtsehrenkränknng. Insofern der Beamte im Amte als Repräsentant der öffentlichen Staats- (Gcmeinde-)Autorität erscheint, hat er im Gegensätze zn der gemeinen bürgerlichen Ehre Anspruch auf die von der Rechtswissenschaft aufgestellte sogenannte vorzügliche bürgerliche Ehre. Die moderne Strafgesetzgebung hat daher für eine einem Beamten bei Ausübung seines Amtes oder in Beziehung auf dieses zngcfügte Beleidigung ein höheres Strafmaß, ja, in einzelnen Strafgesetzbüchern sogar sic als besonderes Vergehen aufgestellt, so das Pr. Str.-G.-B., in welchem die A. eine besondere 585 Amtsblatt — u. zwar eine qualificirte Art der Beleidigung bildete. Das D. Str.-G.-B. gibt dieser Auffassung indes; nicht Raum, indem es sich nur auf die Bestimmung beschränkt, dasi, wenn eine Behörde, ein Beamter, ein Religionsdiencr, oder ein Mitglied der bewaffneten Macht in der Ausübung des Berufes oder in Beziehung auf diesen beleidigt wird, nicht nur die unmittelbar Beleidigten, sondern auch deren amtliche Vorgesetzte zur Stellung des Strafaurragcs berechtigt sind (A 196i, u. im Zusammenhänge damit, daß, wenn gesetzgebende Versammlungen — Reichstag oder Eiuzeilandtag — oder andere politische Körperschaften beleidigt wurden, die Beleidigung nur unter Ermächtigung der Beleidigten verfolgt werden darf. Auch das Militär-Str.-G.-B. stellt der A. ähnliche Beleidigungen auf, die Militärpersoneu gegen ihre Vorgesetzten oder im Dicnstrange Höhere begehen, n. unterscheidet hier bezüglich des Strafmaßes solche, die außerdienstlich, oder im Dienste, bezw. in Beziehung ans eine Dicnsthaudlung, oder Lurch Verbreitung von Schriften, Darstellungen rc., oder gar < in verleumderischer Absicht begangen werden. § Amtsblatt ist in den kleineren Staaten glcich- ' bedeutend mit Gesetzsammlung u. bestimmt, die Gesetze u. Verordnungen der Landesregierung, bezw. der Behörden in rechtsverbindlicher Weise zu verkünden. In größeren Staaten beschränkt sich sein Zweck auf die Veröffentlichung der Erlasse u. Bekanntmachungen bestimmter (höherer) Behörden. In Preußen sind die Amtsblätter Publications- ! organe der Bezirksregierungen. Auch Zeitungen, in welchen die officiellen Erlasse gewisser Bchör- jj den auf staatliche Anordnung erscheinen, heißen A. s Amtsbotc, der in 'Pflicht stehende Amtsdicner, ^ welchem persönliche Ausrichtungen, mündliche Be- ! stellnngen, Überbringung schriftlicher Vorladungen obliegen. - Amtseid, der vom Beamten bei Übernahme des ihm übertragenen Amtes zu mistende Eid, daß er dem Staatsoberhaupts unterthänig, treu n. gehorsam sein, die Verfassung befolgen u. die ihm obliegenden Verpflichtungen treu n. gewissenhaft r erfüllen wolle. Beim Verrücken u. damit Eintritt ,' in ein neues Amt erfolgt insgemein nur schriftliche i Erklärung oder Versicherung mittels Handschlags, s daß der neu eintretcnde Beamte sich durch seinen früher geleisteten A. auch für die getreue n. gewissenhafte Erfüllung der ihm neu übertragenen ! Obliegenheiten verpflichtet halte. Strafrechtlich ! ist der A. ohne Einfluß (s. 8 359 des Deutschen ' Str.-G.-B.) ^ Amtsentlaffunls, Enthebung vom Amte in ( Folge des Nachsucheus von Seiten des Beamten, s oder wider dessen Willen, sei cs nun aus Zweck- I inäßigteitsgrüudeu, oder wegen eingetretener Un- ' Nichtigkeit des Beamten, sein Amt weiter sortzn- t führen. Bei richterlichen Beamten kann sie, fotz fern nicht eingetretene Schwäche der geistigen u. I körperlichen Kräfte die A. nothwendig machen — für welchen Fall aber auch besondere Einrichtungen meist getroffen sind — nur in Folge, eines Richter- spruchcs geschehen. Bezüglich der übrigen Beam- ! ten ist in den Staatsdienergesetzen oder Staats- dienerpragmatiken ein besonderes Verfahren wegen Entlassung derselben vorgesehen (s. prcuß. Ges. v. Nmtshauptmmm. 21. Juli 1852). Nur bezüglich der Minister steht dem Staatsoberhaupte unbeschränktes Recht zur A. zu. In England werden mit dem Ministerium sämmtliche höhere Staats-u. Hvfbeamte entlassen; in den Vereinigten Staaten beim PräsiLentcn- wechsel bis herab zu den niedrigsten Posten u. ebenso beim Gonvernenrswechsel in den einzelnen Staaten. AiiltSeiitsehttNg, die Entfernung eines Beamten, in Folge eines richterlichen Spruches als Bestrafung über ihn verhängt. Ihre Voraussetzung ist immer ein grobes Dienstvergehen oder gemeines Verbrechen, ihre Wirkung meist Verlust des Ranges n. Titels, des Dieusteinkommens, der Pensionsausprüche n. die völlige Ausschließung vom Staatsdienste. Man bezeichnet dieselbe auch mit Cassation. Amtserschleichung, im engeren Sinne, die im eigenen oder im Interesse eines Anderen durch widerrechtliche Einwirkungen auf die zur Verleihung des Amtes befugten Personen erstrebte Amts- erlangnng, orimon ninbitno (s. ambitus), welche schon die Röm. Republik durch eine Reihe von Gesetzen mit Strafen bedrohte, während die A. im weiteren Sinne, L. i. diü-widerrechtliche AmtSbe- setznng, der Mißbrauch der Befugniß der Amls- verleihung zu widerrechtlicher Besetzung des Amtes, erst durch spätere Kaiscrgesetzc mit Cvnfiscationen der angenommenen Geschenke, Exil, seldst Züchtigung bestraft wurde, für den Candidaten aber Unfähigkeit zur Verwaltung des fraglichen Amtes zur Folge hatte. Die neueren Gesetze verbanden dci der A. im engeren Sinne mit dem Verluste des erschlichenen Amtes zugleich auch die Strafe der als Mittel der A. verübten Verbrechen, n. dies nicht blos bezüglich der Staats- n. Commnnal Ämter, sondern auch in Ansehung der Stellung als Volksvertreter, Geschworene rc., bei der widerrechtlichen Amtsbcsetzung aber an Stelle des Verlustes des erschlichenen Amtes den Verlust des Ernemmngsrcchtes setzend. Das Deutsche Strafgesetzbuch kennt ein eigenes Verbrechen der A. nicht u. zieht im betreffenden Falle also nur die dazu angewandten rechtswidrigen Mittel bezüglich der Strafbarkeit in Betracht. Dagegen hat es über die Strafbarkeit des Kaufes u. Verkaufes von Wahlstimmen in A 109 dahin bestimmt, daß solcher mit Gefängnis; von einem Monat bis zu 2 Jahren bestraft werden soll n. auch den Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte nach sich ziehen kann. — Der weltlichen A. steht die kirchliche, geistliche A., eine Art Simonie, entgegen: diese (ninlntn.-i ooelssi-mtüeus) bedrohte Las Kanonische Recht mit Wiederabsetznng n. Excommunication. Amtsfroffn, derjenige verpflichtete untere Amts- diener, welcher auf Anordnung des Beamten üdcr- hanpt zu persönlichen Verrichtungen bei Ausübung der Polizei u. Criminaljustiz gebraucht wird u. besonders mit Arretirung, Beköstigung u. Bewachung der Gefangenen sich zu befassen hat. Amtshauptimnin , Bezeichnung der Beamten der unteren Verwaltnngsinstanzen im Königreich Sachsen u. in der Provinz Hannover, in manchen Ländern Landrath. Mehrere A-schaften stehen in Sachsen z. B. unter dem Kreisbanptmann, je Loch nicht überall ist dieser Vorgesetzter oder In- 586 Amtskleidung -- stanzbehörde des A-s; in Hannover hat er nur einige Angelegenheiten allgemeinerer Art für die AmlShanptlenle des Kreises wahrznnehmen. Slmtsklcidnnsi, s. Amtszeichen. Amtsmisibrauch, s. Amrsverbrcchen. Amtssasscn, die im Amte Angesessenen. Der in Sachsen früher bestandene Unterschied zwischen schriftsässigen und amtSsässigen Rittergütern ist durch die neuere Gesetzgebung vollständig ansgeglichen worden. Die Schriftsässigen harten, wie ihre Belehnung u. Konfirmation von den Landcs- n. Provinzialregiernngcn ansging, den Gerichtsstand in erster Instanz bei den höchsten Landes-, bezw. Provinzialgericbtcn, die Annssässigen dagegen bei den Ämtern, inner denen sie auch bezüglich der Belehnung n. Coufiscation standen. Amtssnsprnssyu, die von einer Vorgesetzten Behörde als Tisceplinarstrafc angcordnete vorübergehende oder in Folge einer wider den Beamten wegen schweren Vergehens oder gemeinen Verbrechens cingelenetcn Untersuchung verhängte Entheb nng eines Beamten von der Ausübung seines Annes. Ist sie als Tisciplinarstrase verhängt, so ist je nach dem Straffalle damit der Verlust des gesannnten oder eines ThcilsdesDicnstciukonnncns sürdie Dauer der A. verbunden. Wenn sie wegen cingcleilcter Untersuchung versügr wird, so verbleibt dem davon Betroffenen insgemein bis znm Abschluß der Untersuchung ein Thcil des Gehaltes, indeß der andere zur Besoldung des sogleich nach Vcrsügnng der Suspension zur Stellvertretung berufenen, zur Bestreitung der Kosten rc. znrückbchalten wird. Endet die Untersuchung mit gänzlicher Freisprechung durch Unheil, so kann der Beamte die volle Nachzahlung des ihm bis dahin entzogenen Ge- haltsantheils fordern, doch lann je nach der-Veranlassung zur Untersuchung immcrhüi noch der Betrag der Stcllvcrtrctnngs- u. Untersnchnngs- tosten znrückbchalicn werden. Amtstitel, der dem Beamten mit u. wegen der Uebcrtragnng des Amtes verliehene Titel, der genau den betreffenden Geschäftskreis n. die betreffenden Bcamtcnkatcgorien angibt n. vom Beamten bei Dicnsthandlnngcn in der Regel bci- gcsügt werden muß. Dem in Ehren entlassenen Beamten verbleibt dieser Titel, während der entsetzte oder cassirre ihn verliert, sowie der pen- sionirle Beamte, der sich eines Vergehens schuldig macht, welches, im Dienste begangen, mit Amts- einsetzung bestraft worden wäre. Unbefugte Führung eines A s ist strafbar. ','lmtsvcrbrechen (Amtsvergehen), im Allgemeinen alle von einem Kirchen-, Staats- oder anderen öffentlichen Beamten begangenen Handlungen oder Unterlassungen, welche die durch das Amt ihm obliegenden besondere» Pflichten verletzen; im engeren, eigentlichen Sinne die criminell strafbare Verletzung einer besonderen Amtspflicht durch einen Beamten. Nicht hierher gehören die Dienstvergehen der Militärpersonen (mit Ausnahme der Militärbcamren), desgleichen nicht die blos durch Civilklage verfolgbarcn Amtsznwiderhand- lnngen. Die Ä. oder A svergehen find entweder bloß disciplinarisch-, oder criminell-strafbar. Sind sie letzteres, dann können sie stets zugleich dis- ciplinarisch-strafbar sein. Die criminell-strafbaren - AilirSvcrbrechcil. werden von den Gerichten im gewöhnlichen Strafprozeß geahndet; das Disciplinarischc wird nur vor der Vorgesetzten Behörde verhandelt. Nach dem heutigen Stande der Wissenschaft u. der Gesetzgebung sind criminell-strafbar diejenigen Verletzungen der Amtspflicht, welche nach dem Geiste des allgemeinen Strafgesetzes zugleich die allgemein-bürgerlichen Pflichten, sei es die Redlichkeit, oder sonst, criminell verletzen; also Unterschlagung oder Fälschung im Amte, Erpressung, strafbare Freiheits-Einziehung n. a. — Hiernach sind criminell strafbar auch diejenigen Vergehen des Beamten, die er zwar nur als Beamter begehen kann, z. B. sich bestechen lassen, die aber nach dem Geiste des ganze» Strafgesetzes gleich schwer sind, wie verwandte allge- meine'Znwiderhandlnugen. Was im criminellen Verfahren rechtskräftig scstgcstellt, ist auch für die Dis- ciplinarbchörde unbedingt maßgebend, so daß ein z. B. von Fälschnna n. Unterschlagung freigespro- chcncr Beamter zwar etwa wegen unordentlicher Buchführung, nicht aber wegen Unredlichkeit disciplinarisch nachbcstraft werden kann. Dagegen sind die Disciplinar - Verfügungen oder -Urthcile für das Strafgericht unverbindlich. Das D. Sr,- G.-B. v. 15. Mai 1871 beschäftigt sich mit den Verbrechen n. Vergehen im Amte in den ZA 331— :!5tl n. erklärt alS Beamte im Sinne dieses Strafgesetzes alle im Dienste des Reiches oder in unmittelbarem oder mittelbarem Dienste eines Bnndesstaates, auf Lebenszeit, auf Zeit oder nur vorläufig angestellte Personen, ohne Unterschied, ob sie einen Diensteid geleistet haben, oder nicht, ungleichen 'Notare, nicht aber Advocaten n. Anwälte. Als A. werden bezeichnet: Annahme irgend welcher Vortheilc, Geschenke rc. für pflichtgemäße, wie für pflichtwidrige Amtshandlungen, Bestechung, Bestechlichkeit eines Richters, Schiedsrichters, Geschworenen oder Schöffen, bestraft mit Geldbuße bis zu 100 Thlr. oder Gefängniß bis zu 6 Monaten, refp. Zuchthaus bis zu 5, bezw. bis zu 15 Jahren; pflichtwidrige Eheschließung von Seiten eines Geistlichen oder Perfoncnstandesbeamten mit Zuchthaus bis zu 5 Jahren, widerrechtliche Nö- thignng zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung durch Mißbrauch der Amtsgewalt oder durch Androhung eines bestimmten Mißbrauches derselben, mit Gefängniß; Parteilichkeit bei Führung oder Entscheidung einer Rechtssache mit Zuchthaus bis zu 5 Jahren; vorsätzliche unberechtigte Verhaftung, Festnahme oder Zwangsgestcllnng, Verlängerung der Dauer einer Freiheitsentziehung mit Gefängniß bis zu 3 Monaten; Hausfriedensbruch in Ausübung oder Veranlassung der Ausübung des Amtes mit Gefängniß bis zu 1 Jahre oder 300 Thlr.; Anwendung von Zwangsmitteln zur Erpressung von Geständnissen oder Aussagen mit Zuchthaus bis zu 5 Jahren; vorsätzliche Verhängung einer Untersuchung über Unschuldige, vorsätzliche Vollstreckung einer ungerechten Strafe mit Zuchthaus bis zu 5 Jahren, fahrlässige Handlungsweise dabei mit Gefängniß oder Festung bis 1 Jahr oder 300 Thlr.; Unterlassung der Verfolgung einer Strafe, überhaupt vorsätzliche Pflichtverletzung durch Nichkansübnng der Strafgcwalt mit Zuchthaus bis zu S Jahren; falsche Beurkundung, vorsätzliche Vernichtung von Urkunden AiiüSvcischlvibgc'uheit — Amuk-Laufen. 187 oder Fälschung derselben mit Gefängnis; bis zu 5 Jahren, bei gewinnsüchtiger Absicht bis zu 10 Jahren Zuchthaus; Unterschlagung von in amtlicher Eigenschaft empfangenen Geldern mit Gefängnis; von 3 Monaten bis zu S Jahren, bei Hinzukommen von Urkundenfälschung bis zn 10 Jahren Zuchthaus; Erhebung nicht verschuldeter Gebühren von Seiten eines Beamten, Advocaten rc., sowie rechtswidrige Erhebung oder rechtswidrige Abzüge mit Gefängniß von 3 Monaten bis zu 1 Jahre, oder bis zn 100 Thlr.; Verletzung des Briefgeheimnisses von Seiten eines Postbeamten, Dcpeschenverfälschnng von Seiten eines Tclcgraphenbeamten rc., Unterschlagung von Briefen u. Depeschen, rechtswidrige Mitthcilnng an Dritte rc. mit Gefängniß von 3 Monaten u. weiter; pflichtwidriges Verhalten des Anwaltes oder Rechtsbeistandes durch Unterstützung der Sache des Gegners zum Nachthcil des Clienten, oder dadurch, daß er in derselben Sache beiden Parteien dient, mit Gefängniß bis zn 3 Monaten, resp. Zuchthaus bis zu S Jahren; Verleitung Untergebener zn pflichtwidrigen Handlungen, oder Geschehenlasseu solcher von Seiten des Vorgesetzten mit der für diese strafbare Handlung bedrohten Strafe. — Die Disciplinarstrafen sind: Warnung, Verweis, Geld- n. Ordnungsstrafe, Versetzung, Entlassung, bei kath. Geistlichen n. im Staatsdienste gegen Unterbeamte auch Gefängniß als Znchtmittel. — Nach Gemeinem deutschem Recht konnte die Amtsent- lassnng, weil sie kein Zuchtmittel mehr war, nur von dem bürgerlichen Strafgerichte ausgesprochen werden; dies gilt nicht mehr, bedingt aber um so höhere Gewähr für die Selbstständigkeit der Dis- ciplinargerichtshöfe. — Geschichtlich ist der Begriff A. zur Zeit des beginnenden Verfalles der Römischen Republik entstanden (srimvn rspstnn- üarum ob äs rosiäuis). Amtsverschwiegenheit, die Pflicht des Beamten, alles ihm amtlich zur Kcnnlniß Kommende, in Sonderheit die Amtsgeheimnisse, strenge für sich zn bewahren, nicht an unbefugte Dritte mit- zmheilen, oder zn deren Veröffentlichung behilflich zu sein, oder gar öffentlich bekannt zn machen. Sie ist eine Pflicht, auf deren Einhaltung von Seiten der Vorgesetzten um so strenger zu sehen ist, als durch Verletzung derselben nur zn leicht Störung der Geschäfte, Nachtheile für den Staat, wie für den Einzelnen entstehen können. Amtszeichen, das besondere äußere Zeichen, das dem Beamten mit n. wegen der Übernahme des Amtes zugleich mit dem Titel zn tragen besohlen wird n. das seine amtliche Eigenschaft an- zeigr, d. i. eine vorschriftsmäßige Uniform oder sonstige Amtskleidnng, Dicnstzcichen an der Mütze oder der Brust, am Arme, auch ein Stab rc. DaS Tragen eines Amtszeichens von Seiten eines Unbefugten zieht nach dem D. St.-G.-B. eine Geldstrafe bis zu SO Thlr., oder entsprechende Gefängnißhaft nach sich. Einzelne Staaten haben die Verordnung, daß jeder Beamte bei Ausübung des Amtes seine Amtskleidnng, resp. ein Dienst- zcichcn zn tragen habe, eine Vorschrift, die finden Verkehr des Pnblicnms mit den Beamten in Geschäftssachen jedenfalls von Vortheil ist. Amu, 1) (Amn Darja, Amu Deria, Gihon, der Opus der Alte»), Fluß in Turan; entspringt ans einem kleine» Alpensee, dem Saryknl oder Sirikol, der an den Gebirgen des Plateaus von Pamir (Dach der Welt) in einer Höhe von 1080 in ü. d. M. i^gt, unter dem Namen Pendfch; geht zunächst durch das GebirgSland Wakhan n. Öro- schan, fließt dann an dem malerischen, schönen Lande Badakschan vorüber und wendet sich durch Bokhara dem Aralsee zn. Von Norden fließen ihm zn der Surhab und Kafirnihan, von S. die bedeutende Wasscrmenge des Kokscha, der auch als Qncllarm des Oxns betrachtet wurde, der Khnn- dnz und die unbedeutenden Chulnm u. Balkhab. Im Allgemeinen ist die Richtung des Laufes zuerst eine westliche, von der Mitte desselben ab eine nordwestliche, die er bis zu seiner Mündung an der Südseite des Aralsees beibehält; während dieser zweiten Laufrichtung gehtderFlnß durch die unter 10° n. Br. beginnende Oase von Khiwa, verändert nun häufig sein Bett und bildet dann nach einem 200 M. langen Laufe ein sumpfiges, ganz mit Schilf bedecktes Delta, das aus drei Hauptarmen, dem westlichen, Landau, dem mittleren, Taldik, u. dem östlichen, Knvon Dscharma, besteht; von dem mittleren zweigt sich der Alkün ab, auf welchem Dampfschiffe bis Knngrad fahren können; er hat eine durchschnittliche Breite von 111—360 in u. eine Tiefe von 1,?—12,^ m. 165 Ion oberhalb Pitnjak setzen Stromschnellen der Schifffahrt ein Ziel. Deutliche Spuren weisen darauf hin, daß der A. sich einst in den Kaspischen See ergossen habe; noch heute läßt sich ein südlicher Arm, Oghuz genannt, als ein trockenes Flußbett mit scharfen Uferrändern bis zur Ostküste des Kaspischen Sees verfolgen. Mehrere Bewässerungs-Kanäle, deren Ausführung Sultan Mehemed, der letzte Chandiniiche Khan, veranlaßte, führen zn nördlichen Gegenden von Khiwa n. bewirken eine überaus große Fruchtbarkeit des Bodens. Die Russen sind in Folge des Feldzuges 1873 gegen Khiwa in den Besitz des am rechten Ufer bis zur Einmündung des Taldik in den Aralsee liegenden Landes gekommen. Vgl. Lenz, lUsnwiros äo I'Toaäsmis äs 8t. Uö- tei-sboui-A, 16. Bd., 1871, n. Lerch, Die Russische Revue, 2. Bd., 1873; Petermann, Gcogr. Mitthlg., 1870, S. 72 n. 311; das. 1871, S. °271; äonr- nni äo 8t. Ustersbour^, März 1872; Lenz, Unsere Kenntnisse über den früheren Lauf des Amn-Da- ria, mit 2 Karten, St. Peterb. 1870; Jswestya der K. rnss. Gcogr. Ges., Bd. 6, Nr. 7, 1870. 2 ) Provinz des rnss. Tnrkestan, zwischen den Unterlaufen der Ströme A. n. Syr. Darja, 1873 gebildet. 3) Fluß in Obergninca in Afrika, auch Schirana oder Volta, in seinem oberen Laufe Adiri genannt; kommt vom Konggebirge, bildet die Grenze zwischen Dahomeh n. dem Aschantireiche n. mündet in den Atlantischen Ocean. Seine Mündung ist durch Sandbänke für die Schifffahrt gesperrt. Amncn, See in Brit.-Gniana (SAmcrika) von nach der Jahreszeit wechselnder Ausdehnung. In seine Umgebung legt man das in der Phantasie des 16. Jahrh. mit fabelhaften Schätzen ansgestattcte n. von vielen Abenteurern anfgesnchte Land Eldorado. Amuk-Laufen (vom javan. Worte amoalc, tödtcn), eine eigenthümliche barbarische Sitte unter 588 Amul — Amur. mehreren malaiischen VolkSstämmen, z. B. den Eingeborenen der Insel Java, wobei Opinm- beranschte sich mit einem Kris (Art Dolch) bewaffnet anfj die Straßen stürzen n. Jeden, der ihnen entgegenkommt, verwunden, oder tödten, bis sie unschädlich gemacht werden. Amul, St., so v. w. Amol. Amülct (lat. amnlötnm. dies ans arab. lla- innkat, was getragen wird; Talisman), ein mit oder ohne Charaktere, Formeln rc. versehener Gegenstand (Kränker, Korallen, Steine, Münzen, Zettel rc.), welchen man znm Schutze gegen Krankheiten und Zauberei an einer Schnur um den Hals, als Armband oder als Fingerring trug. Die Ägypter bedienten sich dazu der Scarabäen (vgl. Abraxas); die Inden trugen Pergament- strcifen bei sich, worauf die 10 Gebote geschrieben standen, denen man besonders die Wirkung zn- schrieb, böse Geister von sich abzuwehren; die Chaldäer trugen kleine, mit Keilschrift beschriebene Cylinder an einer Schnur am Halse; bei den Römern wurden vielfach A-e von obscöner Form (Phallus rc.), besonders als Mittel gegen den bösen Blick getragen. Vgl. O. Jahn, Über den Aberglauben des bösen Blickes bei den Alten, Berichte der Sachs. Gesellschaft d. Wissensch., 1855, S. 28 fs. Auch bei den Christen waren A. gebräuchlich, wurden aber seit dem Concil zu Lao- dicea bis auf Karl den Gr. herab zu verschiedenen Malen verboten. Sehr gewöhnlich waren A-e mit den griechischen Anfangsbuchstaben 10ll lbll 1 8 Issons Oirrlstös ll'dson Rzws 8l-tsr, Jesus Christus, Gottes Sohn, Heiland) bezeichnet. Als A-e gebrauchte Münzen u. Schaustücke (A-münzen) galten Ablaß-, Benedicts-, Jesus-, Peters-, Sebastianspfennige, mansfeldische, ungarische Georgcuthaler, Johannisgroschcn, Lödgerthaler, Raben- dncaten u. a. Im Orient sind A-e als Talismane noch jetzt allgemein im Gebrauch. Was Europa betrifft, so hat sich deren Anwendung dort (selbst in Mitteleuropa) noch keineswegs verloren. Zur Zeit des vorletzten Dänischen Krieges wurden in Hamburg Tausende von Zanbcrzetteln, die gegen Schuß, Hieb u. Stich sichern sollten, verkauft. Ebenso war es im Italienischen Kriege 1859. Auch auf den böhmischen Schlachtfeldern von 1866 wurden viele solcher Zettel gefunden. Vgl. Wnttke, der Deutsche Bolksaberglanbe der Gegenwart, 2. Bearb., Berl. 1869. Die A-e galten früher, hin u. wieder auch noch jetzt, in gewissen Fällen als wirkliche Arzneimittel , die auch thierisch - magnetisch wirken sollen; s. Thierischer Magnetismus. Amnleto- logie, Lehre von den A-en u. ihrer vermeintlichen Kraft. Vgl. Emele, Über A-e, Mainz 1827. Beschreibung n. Erklärung der Inschriften findet man in Kopps kalasoAiapllia, orlkloa, Mannh. 1817 ff., Bd. 3—4. Amullus, nach der römischen Sage jüngerer Sohn des Königs Procas von Alba; schloß seinen älteren Bruder Numitor vom Throne aus u. machte sich znm König von Alba Longa; später ward er von seinen Neffen Roinulus n. Remus ermordet. Amülo (Amolo), stndirte auf der Schule zu Lyon unter Agobard n. wurde 840 dessen Nachfolger als Erzbischof von Lyon, kämpfte gleich diesem gegen den kirchlichen Aberglauben in der Nelignienverchrnng, aber auch gegen den unglücklichen Gottschalk; er starb 852. Anmn (Ammon, Hammon), ägyptischer Gott, abgebildet als König, sitzend auf einem Throne, in der Hand das Sceptcr, auf dem Kopfe eine Krone mit 2 hohen Federn u. lang hinabhängendem Bande. Er war ursprünglich Localgott von Theben, wurde dort blanfarbig u. widderköpfig abgebildet, n. cs waren ihm Widder u. Schafe heilig. Unter den Königen der Thebanischen Dynastie verbreitete sich sein Dienst über ganz Ägypten, n. man verband ihn mit anderen Provinzialgottheiten, so mit dem Sonnengott zu Amnn-Ra als König der Götter, weshalb ihn die Griechen mit Zeus identificirten. Er galt auch als Schöpfer der Welt, hieß als solcher Thro u. wurde mit einem Käfer auf dem Kopfe dargestellt. Seine Gemahlin heißt Mut n. sein Sohn Chons. In Theben hatte er ein Orakel. Ferner war er der Gott des Planeten Jupiter n. Vorsteher des Löwensternbildes. Über sein zweites Orakel in Ammoniake, s. d. St. Anrnn (Amon), ägyptischer Einsiedler, Freund des heil. Antonius; st. 356 n. Chr.; Tag 4. October. Amur (tnngnsisch Schilka, mandsch. Sachalian Ula, d. i. schwarzer Fluß, chines. Che-long-Kiang, d. i. Fluß der schwarzen Drachen), aus dem auf der Grenze der Mandschurei in Ostasien erfolgenden Zusammenflüsse der Schilka (gebildet aus Onon u. Jngoda in der russischen Prov. Trans- baikalien) und des Argun (vorher Kerlon oder Ke- rulen mit dem Ursnn n. a. ans der Mongolei) gebildeter Fluß; dnrchströmt in einem großen Bogen die Mandschurei, nimmt hier rechts den Chumar, Snngari (S.-Ula), Ussnri, links den Amasar, Oldo, Seja (mit dem Silimdschi), Njuman oder Bureja u. Amgnn auf u. mündet nach einem Laufe von 4360 llm, wovon 2400 schiffbar, der Insel Tar- rakai (fälschlich «Sachalin genannt) gegenüber bei der Festung Rikölajewsk in ein seichtes Meeresbecken, das Liman, das in den Ochotskischen Meerbusen ausläust. Sein Gebiet beträgt 2,200,000 Hjkm, und der direkte Abstand von der Quelle bis zur Mündung 2250 Irin. Der Lauf des A. ist charak- terisirt durch reiche Jnselbildnng, die schon bald nach seinem Ursprünge beginnt. Bis zu 50° n. Br. sind die Ufer waldig und steil; von hier an beginnen ausgedehnte, znm Theil angcbante Ebenen zu beiden Seiten; erst nach der Vereinigung mit der Bureja steigen die Ufer wieder und sind von Bauholz besetzt und mit Weinreben bebaut. Nachdem er Las Chinchaugebirg durchbrochen, wendet er sich Plötzlich nach O., Lurchströmt eine unbewohnte Gegend und nimmt nach seiner Vereinigung mit dem Snngari eine nordöstliche Richtung an. Dieser Theil seines Laufes ist an Inseln besonders reich. Kurz vor seiner Mündung gibt das Gebirg Sichota-Mn dem Strome Plötzlich eine Richtung nach Norden znm Meere. Nach dem A. ist benannt das A m nrland zwischen dem Jablonoi- u. Stanowoi-Chrcbet im 9t., dem ChinchangebirgeimW., demSchan-Alinoder weißen Gebirge im S. u. dem Oceanim O. Der nordwestl. Theil des Landes bis an die Seja ist Gebirgsland, von da bis zur Bureja meist eben; Seja n. Bureja sind neben A. die Hauptflnsse des Gebietes. Das Klima des A.-Gebietes wechselt zwischen überaus strengen Wintern u. sehr heißen Sommern, u. die Extreme der Temperatur liegen oft nm mehr als 60" K. aus einander; dies gilt besonders von dem oberen Laufe des A. und znm Theil von seiner Mündung, die von October bis April zngefroren sind; ini mittleren Laufe desselben ist das Klima gemäßigt, u. in der Umgegend des Chaeta-Sees im Ussnriland (dem südlichen Theil des Küstengebietes) ist es selbst milde. Der Boden des südlichen Theils ist fruchtbar, bedeckt mit schönen Wiesen u. prachtvollen Laubwäldern, die einen unerschöpflichenReich- thum an Nutzhölzern: Eichen, Linden, Ahornen, Ulmen, Eschen, Walnnßbämnen bergen. Das Land ist ungemein reich an Wild n. Pelzthieren, die Gewässer sind sehr fischreich, besonders an Stören n. Lachsarten, sowie an einer großen, weißen Delphinart im Amur; an Metallen ist kein Mangel, selbst Gold hat man gefunden in beträchtlichen Lagern in den Ausläufern des Jablonoigcbirgcs, dessen Ausbeutung seit 1865 freigegebcn ist; auch große Steinkohlenlager sind vorhanden (besonders auf der Insel Tarrakai); das Land ist demnach nicht nur für Ackerbau und Viehzucht trefflich geeignet, sondern bietet auch Aussicht auf weitere Erwerbszweige, aber es ist noch äußerst dünn bevölkert u. deshalb ans Colonisation von außen her angewiesen. Daß dieselbe bisher noch wenig Erfolg aufweisen kann, liegt vielfach in der Willkür der Berwaltnngsbeamten gegen die Colonistcn. Nur in einigen Gebieten der Amnrprovinz und in den drei Kreisen des Küstcnbezirkes (s. u.) machte die Colonisation Fortschritte. Die Eingeborenen gehören dem Tnngnsischcn Stamme an, im Küstengebiete finden sich Ghilem oder Giljaken, die Nomadismen n., wie die Tnngnsen, Jagd- n. Fischfang treiben. Europäer finden sich in verschiedenen Stationen den Amur entlang zerstreut und ebenso Chinesen in 44 Ansiedelungen auf dem linken Ufer des A. unterhalb Blagoweschtchensk. Nach der politischen Eintheilung zerfällt das Ge- sammtgebiet in die A-provinz, 282,416 sIem (5129 UM) mit (1869) 28,700 Ew., u. in die zu dersibirischenKüstenprovinz(PrimorskischenProvinz) gehörenden Kreise: Nikolajewsk, Sofiesk u. Ussnri, die einschließlich der Insel Tarrakai n. der Schantar- Jnscln 434,453 fHIcm (7890 f^M) mit (1869) 30,194 Ew., worunter 16,619 Russen u. 13,575 Nicht-Russen, umfassen; zns. also 716,869 — 13,019 H>M, mit 58,903 Ew., wozu noch 5000 Mann russ. Truppen u. 10,646 chincs. Untcrthanen zu zählen sind. Diese Einwohnerzahlen sind aus dem Rechenschaftsbericht der Commission geschöpft, welche 1869 unter Admiral Skolkowa die Landstriche am A. untersuchte (vgl. Jstwestija der K. rnss. Geogr. Gesellschaft, Bd. vIII. Nr. 8, St. Petersb. 1871). Die wichtigeren Orte sind: Blagoweschtschensk mit 3344, Nikolajewsk mit 5300 Ew.; die 1858 von Gustav Radde gegründete Stanitza Radefka hatte i. 1.1869 bereits 443 Ew. An der Ussurimündnng wurde von den Russen die Stadt Chabarowka angelegt und nach dem ersten tapfern Eroberer der A-region benannt. Die Cnltnrlosigkeit des Landes, sowie der Umstand, daß der A. einen großen Theil des Jahres zugefroren ist u. die Russen die Aus- Amur. Ü89 fuhrartikel mit Zöllen belegen, haben verhindert, daß der Handel bisher Bedeutung gewonnen hat, doch wird derselbe sich jedenfalls günstiger gestalten, wenn es der russischen Regierung gelingt, von China den freien Verkehr mit der Mandschurei zu erlangen. Die wichtigsten Handelsorte sind bis jetzt Nikolajewsk und Wladiwostok, das zugleich der bedeutendste Hafenort ist u. in welchem bereits mehrere russische Handlungshänser etablirt sind. Seit 1871 reicht eine theilweise schon im Jahre 1867 vollendete Telegraphenlinie von Nikolajewsk nach Chabarowka und von da südlich nach Wladiwostok mit zwei Drähten, von wo sie einerseits unterseeisch nach Nagasaki und China, anderseits aber durch Sibirien nach Europa (Petersburg rc.) führt; sie dient zugleich als ein Glied jenes Telegraphengürtels , der vom Großen Ocean nach San Francisco, durch Amerika, den Atlantischen Ocean Europa u. das nördliche Asien um die Erde reicht Auch hat bereits ein reger Dampfschiffverkehr ans dem Lürome seinen Anfang genommen. Die erstenNachrichtenvomA-landekamennm 1640 durch Kosaken nach Rußland u. veranlagten eine Reihe mehr oder weniger erfolgreicher Ranbzüge, die zv langwierigen n. blutigen Kämpfen mit den Chinesen führten. Der Friede von Nertschinsk (1689) sicherte den Chinesen das ganze Gebiet zu. Im Jahre 1849 nahm Graf Nikolai Mnrawjew, Generalgonvernenr von OSibirien, die alten Pläne wieder ans. Bis 1853 beschränkte er sich darauf, die Küsten nnier- snchen zu lassen u. einzelne Punkte zu befestigen, wie Mariinsk u. Nikolajewsk, das in: Iah'" "or- her gegründet worden war. 1854 sandte - eine bedeutendere militärische Expedition von Schil- kinskoi-Sawod ab, die den dauernden Grund für die russische Herrschaft legte. Durch die Übersiedelung der früher zu Peter-Paulshafen in Kamtschatka stationirten Kriegsschiffe nach Nikolajewsk, in Folge des Krieges mit den Weltmächten 1855, gewann die Colonie bedeutend, doch nahm die Wichtigkeit des Hafens selbst wegen ungünstiger loca ler Verhältnisse eher ab als zu, da die meisten Schiffe es vorzogen, an der weit günstiger gelegenen Castriesbai (51° n. Br.) zu landen. Die Chinesen halten diesen Unternehmungen, wie auch drei späteren Expeditionen weiter abwärts, keine Schwierigkeit in den Weg gelegt. Durch Ukä- vom 31. Oct. 1856 wurden die früheren Provinzen Ochotsk u. Kamtschatka init dem unteren A-gebiete unter dem Namen Küstenprovinz von OSibirien vereinigt und später unter dieselbe die drei obengenannten Kreise gestellt. 1857 ging der Admiral Graf Putjatin nach China, nm die förmliche Abtretung des A-landes zu erlangen. Der Gouverneur von Aignn Unterzeichnete 1858 den Vertrag, wurde aber zur Strafe dafür enthauptet. Der Beitrag von Aignn wurde jedoch am 13. Juni durch einen Handelsvertrag bestätigt, den Graf Putjatin in Tien-tsin abschloß. Die Grenze zwischen China u. Russisch-Asien wurde aber erst durch einen Vertrag festgesetzt, den der General Jgnatjew mit dem Prinzen Kong am 14. Novbr. 1860 zu Peking schloß. Vgl. v. Schrenck, Reisen u. Forschungen im A-land 1854—56, 4 Bde., Petersb. 1858; Col- lins, blxploralion ok llinoor Rivgr, Wash. 1858, u. Desselben A. VoxaZs ckcnvnbiis ^.moor sie., New" 590 Amuivtt- oder Schrif Iork1860; Tie Bedeutung des A. iu commercieller Hinsicht, im Preußischen HandelSarchiv,Jahrg. 1860, Jir. 10 u. II; Über die EntwickeliingSgeschichtc des A-landes rc., in der Baltischen lNonatsschrifr, Riga 1860; Das A-land, seine Berhältnisse und Bedürfnisse, von F. Ä. Lühdorf, in Pctermanns Mitlheilnngcn, IX.; Atkinso», Travels in tlia Iko- ^ions vt' tiro npper auä lorver Amoor, Land. 1860; Schmidt, Glehn n. Brylkins, Reisen im Amnrland, 1868; Berichte mit Karte sind in Lapiski der K. russ. Gcozr. Gesellscki., Allg. Geographie, 4. Bd., Sk. Pctersb. 1871; Auszüge in deutscher Sprache gab F. Marths in der Zcitschr. der Geschichte für Erdk. in Beil., 6 Bd. 1871; außerdem findet sich eine reichhallige Literatur in Pctermauiis Mit- thcilliugcn, 18ü!) fj., 187l, 1872 rc. Amnrctt- oder Schriftholz. Unter diesem Namen kommen zweierlei rothe Hölzer von Südamerika, namentlich Gniana aus in den Handel; eines, mit schwarzen Flecken ans dem Längsschnitt, die chinesischer Schrift ähnlich sind, stammt von Tiratinora pniaiionsis ^ckrib/., einem hohen und starken Baume, bei dem aber nur der Stammlern roth gefärbt ist. Das andere ist dnnkelroth, harzig n. dem Amarantholz nahe verwandt. Amusctten, leichte, meist einpfündige Kanonen, welche namentlich Graf Wilhelm von Schaum- bnrg-Lippe im 18. Jahrh. bei der von ihm commandirten portugiesischen Armee als Negi- mentsgejchützc benutzte, weil sie, meist auf Gabel- lafctteii n. leicht transportavel, im Gebirgskriege sich bewährten. Die neuere Zeit hat sie als nicht mehr genügend außer Gebrauch gesetzt. Annrsie (v. Gr.), 1) Mangel an Kunstsinn n. Schönheitsgcfühl; 3) Mißklang, Disharmonie. ^ Amiisircn (v. Franz.), unterhalten, belustigen; davon Adj. amüsant n. Snbst. Amüseineiit. Aniydon, s. Stärke. Amhclic (v. Gr.), Mangel des Rückenmarks, der Wortbedeutung nach Mangel an Mark (mpo- Ivs) überhaupt. /inivgäala, 1) (Bot.) so v. w. Mandel, der Kern; Aiuy^ilitla iiiriiüiia, so v. w. Mecrmandcl. 3) AinvMialaa (Anat.) die Mandeln, zwei Aggre gate von Balgdrnsen im weichen Gaumen; s. Toiisillao. ünivgilLlätum (lat.), so v. w. Mandelmilch. km^göslsaa /,'arK. (Vrnpacaes H.((). dicotyle Pflanzenfamilie ans der Ordnung der Resistoren (XII. I); Blüihen regelmäßig, zwittcrig, Kelch n. Krone Szählig, 15 n. mehr dem Kelchrande ein- gefügtc Staubfäden, Fruchtknoten frei, einfächerig, mit 2 wandständigcn Eiern, 1 Griffel; Steinfrucht, meist einsamig, selten beide Eier zu bann meist nnregclinäßigcn Samen ausgebildet fBictliebchen), Samen eiweißlos; Blätter mit meist hinfälligen Nebenblättchen. Das den Steinkern umgebende Fruchtblatt wird bei der Reife der Frucht entweder fleischig, saftig wie der Aprikose, oder cs bleibt ledcrig und ist ungenießbar, wie bei der Mandel. Bäume oder Stränchcr. Anen: Amz- Ailalns. Mandel, Uorsiea, Pfirsich, Trniins, Pflaume, Zwetsche, Trnioniacn, Aprikose rc. Amhfldnlin (v. lat. ainzp-cknla, die Mandel; Cbein.) das Glncosid der bitteren Mandeln. Es findet sich krystallinisch außer Holz — 7^iiiv§cl:ilu8. in diesen noch in den Kernen der Aprikosen, Pfirsiche, Zwetschen, der Früchte des Kirschlorbeers, der Trauben- oder Ahlkirsche (krunus iknckus). Aus anderen Pflanzenthcilci!, Blättern des Kirsch- lorbecrs und sonstiger Amygdalecn wurde es als dnnkelgelber, durchsichtiger, harzartiger Körper (amorphes A.) gewonnen, das sich aber chemisch wie das krystallinische verhält. Die bitteren Mandeln u. Pfirsichkeriie enthalten bis zu 3"/„ Ä. Nur die elfteren werden zur Darstellung benutzt, zu welchem Bchnfe man sie durch Ansprcssen vom Öl befreit n. mit Alkohol extrahirt. Nachdem sich das noch gelöste Ol durch Stehen abgesondert hat, wird ^ des Alkohols abdestillirt u. aus dem Rückstände das A. Lurch Äther abgeschieden. Durch Umkry- stallisiren ans heißem Alkohol wird das A. rein erhalten. Aus 80proccntigem Weingeist krystalli- sirt cs in weißen, perlglänzenden Schuppen, die 2 Mol. Krystallwasser enthalten, aus Wasser oder schwächerem Weingeist in durchsichtigen Prismen mit 3 Riol. Krhstallwasscr, die an der Luft trübe werden. Es ist geruchlos, von schwach bitterem Geschmack, neutraler Reaction. Es ist löslich in beliebiger Menge in heißem Wasser, in 12 Theilen kaltem Wasser, in heißem Alkohol leichter, als in kaltem, in Äther unlöslich. Das A. schmilzt bei höherer Temperatur, bräunt sich bei 160", entwickelt Geruch nach Caramel u. zersetzt sich schließlich vollständig. Beim Kochen mit verdünnter Schwefelsäure wird cs unter Bildung von Bittermandelöl, Blausäure n. Zucker zerlegt. Concen trirte Schwefelsäure löst es mit rother Farbe, di- beim Erhitzen schwarz wird. Mit concemrirter Salzsäure cingedampft, bildet sich Mandelsänre. In Berührung mit Emulsin und Wasser zerfällt das A. in Blausäure, Bittermandelöl und Zucker (und Ameisensäure), ein Gährniigsproceß, bei dem das Emulsin als Ferment wirkt (s. Gährnng). Das A. ist an n. für sich nicht giftig; nur wenn es mit Körpern, wie Emulsin, zusammen in den Magen kommt, wirkt es in Folge von Blansäurc- bildung lödtlich. Daraus, daß in den bitteren Mandeln und den Kernen mancher anderen Amy- gdalecn A. n. Emulsin gleichzeitig enthalten sind, erklären sich die giftigen Eigenschaften derselben. A., mit wässerigem Kali oder" mit Barytwasser gekocht, zerfällt in Ammoniak und Amygdalin- sänre Osl-bl^Oi 2, die eingedampft eine zer-- fließliche gumniiariigc Masse bildet, aber auch in kleinen, sehr hygroskopischen Krystallen erhalten werden kann. Sie ist wenig sauer n. verbind^ sich mit Basen nur zu krystallisirbaren Salzen. Amhgdalit, so v. w. Mandelstein. Amz-giiLlus D. (Mandelbanmi, Pslanzengatt. ans der Fam. der 'Amygdalecn zXIk. 1), mit rührigem oder glockigem, fünfspaltigem Kelche, 5 Kron- blättern, 20—30 Staubgefäßen n. einer flanmig- sammetartigen Steinfrucht, die äußere Hülle bei der Reife saftlos und unregelmäßig anfrcißend, die Holzschale mit oder ohne eingegrabenc Löchelchen. Arten, ursprünglich aus Asien und Afrika: Xinv^ci Ins communis der gemeiner Mandcl- banm; T. pninila /... der niedrige, n. T. uaini D.. der Zwergmandelbaum, niedrige, sehr reichlich im Frühling roth blühende, von der Tatarei bisSEnropa einheimische, häufig zur Zierde in LKW Amyklä — Amyloid. >9l Gärten cnltivirte Slränchcr. Die gefüllten Varietäten D. xorsrca tl. pi. nnd i-tuuiia ti. pi. gehören zn den schönsten blühenden Gehölzen fürs freie Land, an denen ini ersten Frühjahr die zahlreichen rochen oder weißen, gefüllten Blüthen erscheinen ; erstercwerdeuaufPflaumen-oderSchlehen stamme veredelt, letztere sind gewöhnlich wnrzel- echt nnd werden durch Theilnng vervielfältigt; in kälteren Gegenden sind beide im Winter zn decken. Sie lassen sich anch sehr gnt im Winter in Gewächshäusern oder im Zimmer treiben, wenn man iin Freien gezogene kräftige Pflanzen im Herbste in Töpfe Pflanzt. Auch für -V. umm, die einfache Zwergmandel, gilt dasselbe. Aniijklü (a. Geogr.), Stadt in Lakonika, am rechten Ufer desEnrotas, Residenz LcS TyndarenS, Geburtsort der Dioskuren, mit Denkmälern der Kassandra u. des Agamenmo», der hier geherrscht hatte. Beim Einfall der Hcraklidcn erhielt sic der Achäer Philonomos, weil er Lakedämon an die Dorer vcrrathen hatte. Im 0. Jahrh. v. Chr. empörten sich die Amyklüer gegen die Spartaner, welche die Stadt eroberten. Dem Apollon war hier eine kolossale, 12 m hohe eherne Bildsäule auf einem mit vielen Bildern u. Reliefs ver- ziertenThrone (Amykläischer Thron , ein Werk des Bathykles) in einem Tempel außerhalb der Stadt geweiht, dessen Dienst von Priesterinnen besorgt wurde. Apollon hatte davon den Beinamen Amykläos. Amyl (lat., von amz-Ium, Stärkemehl; Chem.) 858^, organisches Radical, welches im Amylalkohol n. seinen Derivaten anznnehmen ist. Es wurde im freien Zustande (als Diamyl LhoH.^) zuerst von Frankland Largestellt durch Erhitzen von Jodamyl mit Zink in zngeschmolzenen Röhren. Es läßt sich auch durch Elektrolyse der Capron- säiire n. auf andere Arten erhalten als farblose, schwach ätherisch riechende Flüssigkeit; unlöslich im Wasser, löslich in Alkohol n. Äther; sp. Gew. — 0,745 bei 0°; bei —30" wird cs dickflüssig; Siedepunkt 155". Erhitzt verbrennt es mit weißer Flamme. Amylalkohol (Kartofselfnselöl) 65H12O ist ein Nebenprodnct der weingcistigen Gährnng des Zuckers. Er wird ans dem rohen Fuselöl dargestellt, indem man diesem durch Schütteln mit Wasser Len Weingeist entzieht, dasselbe über Chlorcalcinm trocknet und den bei 128—132" übcrdestiUirendcn Theil anffangt. Der A-alkohol ist eine farblose, ölartige Flüssigkeit von widrigen, Geruch und scharfem Geschmack, die ans Papier vorübergehende Fettflecken erzeugt; sp. Gew. 0,g24g bei 0"; Siedepunkt 131,§ bei 713 mm; bei — 21 bis 26° erstarrt er; in Wasser wenig löslich, in Alkohol n. Äther in jedem Verhältniß, auch in fetten nnd flüssigen Ölen. Er löst Jod, Alkalihydrate, Fette, Harze, Kampher, wenig. Phosphor und beim Kochen wenig Schwefel. In geringer Menge genossen, wirkt er berauschend, in größerer betäubend u. giftig n. bedingt, wen» er in Branntwein enthalten ist, die Übeln Folgen des Branntweinransches. Er verbrennt mit Heller, weißer Flamme, oxydirt sich an der Luft zn Valeriansänrc, rascher.bei Gegenwart von Platinmohr. Oxydationsmittel, wie Salpetersäure, Chromsänre n. andere, verwandeln ihn in Valeral, Valeriansänren. deren A-äther. Conccntrirte Schwefelsäure färbt ihn roth nnd bildet A-schwefelsänre, eine der Äthylschwefelsäure entsprechende einbasische, einatomige Säure, die mit Baryt ein lösliches Salz bildet. Beim Erhitzen deAelben bildet sich A-äther färb- u. geschmacklose Flüssigkeit von angenehmem Gerüche, unlöslich in Wasser. Concentrirte Salzsäure bildet mitA-alkoholA chlorür. Chlor wirkt heftig ans A-alkohol ein unter Bildung verschiedener Produkte. Chiorzint liefert Amyleii. Kalium n. Natrium lösen sich in A. unter Bildung von Kalium- nnd Natrinmamylat (6.,I-l„IM und 6s8,,XaO). Mit Chlorcalcinm bildet der A- alkohol eine krystallinische Verbindung. Der gewöhnliche A-alkohol ist eine Mischung von 2 isomeren, einer optisch wirksamen n. einer inactiven Substanz, die sich von einander trennen lassen. Außer dem beschriebenen A-alkohol sind noch eine Anzahl anderer Alkohole von derselben empirischen Formel 8.,8l,0 bekannt, die sich durch ihre verschiedene Strnctnr unterscheiden und nur künstlich Largestellt werden. Der A-alkohol bildet den Ausgangspunkt zur Darstellung der meisten übrigen A-verbindnngen, der Baleriansänre, des Cyamin, mehrerer zusammengesetzten Äther, und dient zum Extrahiren vieler Alkaloide. üm>laces oder l^srinisn (nmzckoir, Satzmehl, kariiwaus, a. um, mehlig), 1) Stärkemehl n. die diesem chemisch verwandten Stoffe. 2) Stärke- mehlhaltige Nahrungsmittel, wie z. B. Getreide- arten, Kartoffeln. 3) Die als Arzneimittel gebrauchten Arten des Stärkemehls. S. Kohlenhydrate, Stärkemehl, Zucker, Arrowroot rc. Amylamin (Chem.), organische Base, die als Ammoniak lchl.,X) betrachtet werden kann, in dem 1 At. 8 durch Ämyl 658,, ersetzt ist: (c^ll.ZID.tV; entsteht beim Erhitzen von Jodamyl mit Ammoniak, bildet sich auch beim Kochen von Horn mit concentrirter Kalilauge und ist im Guano und Dippelschen Thieröl gefunden worden; farblose Flüssigkeit von sp. Gew. 0,„,„5 bei 18"; Siedepunkt 05"; riecht nach Ammoniak n. Amylalkohol; verbrennt mit leuchtender Flamme. Zwei andere flüssige Basen sind Las Di- n. Tri-A., als Ammoniak zn betrachten, in dem 2, bez. 3 At. Wasserstoff durch Amyl ersetzt sind. Am!)!?!! (Chem.) 0^8,0. Durch Einwirkung wasserentziehender Mittel, z. B. Chlorzink auf Amylalkohol, entsteht der Kohlenwasserstoff A. als klare, leichte Flüssigkeit, deren Siedepunkt je nach ihrer Darstellung von 33 bis 42" schwankt. Es riecht nach faulem Kohl u. verbrennt mit leuchtender Flamme. Amyloid (Chem.), 1) eine von Schleiden untersuchte Substanz, welche die Zellrinde verschiedener Samen (Loltulia lackikolia, Hzmwnaea 6our- karil n. a.) bildet. Sie steht in ihrem chemischen Verhalten der Stärke nahe, bildet beim Kochen mit Wasser ähnlich wie diese einen Kleister nnd wird durch Jodtiuctnr blau gefärbt; wässerige Iod- lösnng färbt sie gelb. 2) Thicrisches A. (Substanz der corpuseula nmvlaesa), ein stickstofsreiches Albnminokd, welches in Gehirngrannlationen nnd pathologisch degenerirter menschlicher Milz vorkommt. Das Ä. bildet eine glasige Masse, in asser n. verdünnter Salpeter- n. Salzsäure nn- 592 Amyloii - löslich, in coucentrirter löslich. Seiner chemischen Zusammensetzung nach gehört cs zu Len Eiweiß- körpcrn. Amylon, Amylnm, s. Stärke. Amynandcr, König oder besser Häuptling der cpirotischen Athamanen im Stromgebiete des oberen Acheloos,' ein kriegerischer und auch diplomatisch thätigcr Fürst iu dem Zeitalter der, ersten großen Zusammenstöße zwischen Römern, Atoleru n. Makedoniern. A. verband sich zuerst im I. 199 v. Chr. mit den Römern gegen den ihm bisher (seit 206 durch das Geschenk der Insel Zakynthos) befreundeten makedonischen König Philipp, und half auch die Ämter bereden, die Waffen gegen denselben zu ergreifen; 197 war er unter den Gesandten, welche wegen des Friedens mit Philipp nach Rom gesandt wurden; er blieb ein Bundesgenosse der Römer, bis ihn 192 der König An- liochos der Große von Syrien u. die Ätoler zur Gegnerschaft Roms hinüberzogcn. Es war ein Fehler des Häuptlings, denn schon 191 mußte er vor den Römern n. den diesen zur Zeit verbündeten Makedoniern nach Ambrakia fliehen, wnrde aber 190 von den Athamanen znrückgernfen und vertrieb die Makedonier wieder aus einem Theil seines Landes. Dagegen unterwarf er sich im 1.189 wieder den Römern u. behauptete dadurch den Rest seines Ländchcns in Frieden; Zakynthos wnrde an die Achäer verkauft; sein Sohn Galästes trat später in ägyptische Dienste. Amyntas, 1) A. I., König von Makedonien, Sohn des Alketas und Vater Alexanders I., regierte 540 bis 498 v. Ehr.; s. Makedonien. 2) A. II. , Sohn des Arrhabäos oder Arrhidäos, Urenkel Alexanders I., Schwiegersohn des Archelaos; stürzte im I. 393 den Pansanias, des Usurpators Aeropos Sohn, und regierte bis 369 v. Chr. 3) Sein Enkel A. III., Sohn des Pcr- dikkas III., folgte diesem unmündig 360 bis 359, wurde von Philipp dem Gr., seinem Oheim, entthront; nachher Philipps Schwiegersohn, wnrde er im I. 336 ans dynastischen Besorgnissen durch Alexander d. Gr. ans dem Wege geräumt 4) A., der letzte König von Galatien, war zuerst Staats- secrctär u. Heerführer des bekannten Königs Dc- jotarus. In dem Kriege des Brutus n. Cassins gegen M. Antonius n. Octavian führte er den Ersteren galatische Hilfstrnppen zu, ging aber im I. 42 nach der ersten Schlacht bei Philippi und dem Tode des Cassins zu M. Antonius über. Zur Belohnung verlieh ihm dieser Römer denn auch zuerst im I. 39 v. Chr. Pisidien, und als Kastor, der Enkel des im I. 40 gestorbenen Dejo- tarns, nach Paphlagonicn versetzt wurde, im Jahre 36 die Herrschaft über Galatien, wie auch über Lykaonien, Jsanrien, Theile von Phrygien, Pamphylien n. (Wein aspora. Da A. so schlau war, vor der Schlacht bei Actium zu Octavian übcrzugehcn, so bestätigte ihn der Sieger nach dieser Schlacht im I. 31 im Besitze seines Reiches, welches A. dann bis zu seinem Tode (25 v. Chr.) regierte. 5) A., Feldherr Alexanders des Gr., Sohn des Antiochos; ging aus Haß gegen Alexander d. Gr. vor Lessen Znge nach Asien zu den Persern über, verließ aber den König Darms > nach der Schlacht bei Jssos und fiel bei eineins - Amytis. Ranbznge gegen Ägypten im Kampfe gegen die Einwohner u. den persischen Feldherrn Mazares (333 v. Chr.). Aiiihat, s. v. w. Amiot. Amyrnldns (Amyrant), Moses, reformirter Theolog, geb. 1596 zu Bourgueil in der Touraine; stndirte erst Jurisprudenz in Poiticrs, dann Theologie in Sanmnr; wnrde reformirter Prediger zu Sr. Aignan und 1626 zu Sanmnr, 1633 auch Professor der Theologie daselbst n. st. 1664. Er vertrat ,seine Glaubensgenossen mit Erfolg vor Ludwig XIII. n. dessen Minister Richelieu, fand aber bei den Reformirten selbst dadurch, daß er, wie sein Lehrer Camero, die Lehre von der Gnadenwahl gegen die Dortrechter Synode zu mildern suchte n. eine durch den Glauben bedingte allgemeine Gnade Gottes lehrte, vielen Widerspruch, besonders durch Spanhcim in Leyden, aber auch viele Anhänger, darunter Blondel, Dalläus rc. Er schrieb zahlreiche gcschichtl., dogmat., kirchcn- regimentl., polem., apologet., ircnische Schriften. Vgl. Schweizer in den Tüb. Theol. Jahrb. 1852. llm^ricksae L. L--. (Bnrscraceen, Balsambänme), dicotyle Pflanzensam. ans der Ordnung der Terc- binthinen, meist tropische, durch gnmmiharzige Säfte ausgezeichnete Bäume und Sträucher, mit ans dem Fruchtboden oder einer perigynischen Scheibe befestigten Staubfäden und Kronblättern u. meist 1—5fächeriger Steinfrucht, deren Arten mehrere officinelle Stofse liefern. Ans der Rinde von Dalsamocksinlron iikrsnberAiannm Hei'A. n. L. Närrin! IVse« (in Arabien) fließt von selbst ein gnmmiharziger, an der Luft erhärtender Saft von terpcntinartigem Geruch und bitterem Geschmack, die Myrrhe, die innerlich und äußerlich als Heilmittel angewendet wird n. bei den Alten als Parfüm diente. L. Aiiiacksnss L. und 8. opodai- samnm H., der Balsamstranch von Gilcad und Mekka, liefern in geringer Menge den früher sehr geschätzten Gilead- und Mekkabalsam. Lomvoliig. papzwit'sra, Koc/rst., der Weihranchbaum (unserer Eberesche ähnlich), liefert den echten ostindischen Weihrauch, Olibanum oder PIrns. Er enthält Harz, Gummi und ätherisches Öl, schmeckt balsamisch bitter und riecht, ans Kohlen gestreut, sehr angenehm. Unter Len gemeinen Weihrauch werden noch andere Harze, namentlich von Wachholderarten, gemischt. IRapbrinm tomsntcwnm n. L. exoslsnm Lrt-M., in Mittel- u. SAmerika, liefern das Takamahakharz und loioa iaieariba D.O., in Brasilien, angeblich das Elcmiharz. Amyrin (Chem.), der krystallisirbare Bestand- theil des Elemiharzes. L., tropische Pflanzengattnng ans der Fam. der Amyridecn, ist in eine Anzahl kleinerer Gattungen zerrissen worden und zerfällt jetzt in X. IRapIrrinm Occyi.. Laisamocksnckrcm Limtsi, Ilsmiolotia Ärc/t., leien n. a. Ir. bsxan- ckra 1/anr^t (X. kinmisri 11.0.) liefert ein mit Elemi übereinstimmendes Harz. Das Holz von X. balsamilera 1>., von Jamaica, Rosenholz, wird zum Banen benutzt. Amyxie (v. Gr.), Mangel an Schleim im Körper. > Amytis, Tochter des Astyages, Königs von Medien, mit Spilamas vermählt; gezwungen ver- Au... — rieth sie das Versteck ihres Vaters an Kyros, der ihren Gatten ermorden ließ u. sie heirathete; sie wurde von ihn: Mutter des Kambyses u. Smcr- Les u. vergiftete sich nach des Letzteren Ermordung. Doch wird diese Geschichte von G. Rawlin- son (§1vs Arsab Nonareliiss ol tiis aneisnb Lastsrn 'VVorlcl, III. 381) stark bezweifelt. An ... (gr.), Vorsilbe statt des a xrivaiivum, wenn das componirte Wort mit einem Vocal anfängt, z. B. An-ämie, Blutlosigkeit; an-odyn, schmerzlos. Ana, griech. Präposition, bedeutet 1) in Zusammensetzungen aufwärts, oben, wie in A-basis, A-bates; anck) zurück, rückwärts, wieder, wie in A-gramm, A-lepsis. 2) (Abbreviirt ä oder ää, Med.) Je, zu gl. Theilcn; s. u. A. Ana, Stadt am Euphrat im asiatisch-türkischen Ejalet Kharbrnt; Sitz eines arabischen Emir; 5000 arabische Ew. -ana, als Endsilbe an Personennamen gehängt, bildet den Titel von Sammlungen witziger Einfälle, Anekdoten, histor. Züge rc. ans dem Leben bestimmter Personen; so zuerst in Frankreich Scaligerana von den Brüdern Dupuys 1666; dann Perron! ana, Colomesiana, Thuana, Menagiana, Arlequi- niana u. a.; in England Baconiaua; in Deutschland Taubmauniana; in Holland Mooyeriana; in Dänemark Tychoniana; in NAmerika Washing- toniana, denen viele andere Sammlungen derart nachfolgten, wie Kotzebueana, Schilliana, Bndetii- ana, Voltairiana, Mooriana. Vergl. L.na on Ooilsobion äo bons-mots, oontos, xsnssss äb- tnoiises oto., Amsterd. 1799, 10 Bde.; Peignot, Rvpsrbvirs äso bibliograplriss spsolalss, Paris 1810; Ludewig, I-s livrsb ckos L.us,, Dresd. 1837; Namur, Liblio^rapüls ävs onvra^. pudilss sons 1v noin ck'^na, Brüss. 1839. Anabaptisten (v. Gr.), Wiedertäufer. Anabara, 590 üm langer Fluß in Sibirien, bildet die Grenze zwischen den Gouv. Jeuisseisk u. Jakntsk, fällt in die Bai Preobraschensk des Nördlichen Eismeeres; die User sind wenig bewohnt; ergiebige Jagd. ünabas önv. (v. gr. anabainein, hiuanfsteigen), Kletterfisch. L.. seanilsLs Dalck., ostindischer, zu den Labprinthfischen gehörender Fisch, dessen obere Schlundknochen durch Aushöhlungen das Ansehen vielfach gewundener Blätter darbieten u. in den Zwischenräumen das zur Benetzung der Kiemen nothige Wasser zurückhalten; er vermag daher längere Zeit außerhalb des Wassers auf dem Laude nmherznkriechen u. soll mittels der Stacheln des Kiemendeckels sogar au Bäumen emporklettern. Anabästs (gr.), das Anfsteigen; Reise oder Feldzug nach höheren Gegenden; Aufschrift zweier berühmten Gcschichtswerke: von Tenophon und von Arrian. /lnabssw IN, Pflanzengattung aus der Familie der Meldengewächse. X. tamarlseilokis, I-,, ein Strauch des südlichen Spanien; liefert in den getrockneten Blümchen den spanischen Wnrmsamen; L.. axüMa L., in NAfrika u. dem ganzen Orient; liefert verbrannt viele Soda. Anacahuiteholz, Holz von Oorckia Lolsoisri, einem in Mexico einheimischen Baume, welches bon den dortigen Eingeborenen als Mittel gegen Picrers Ünioersal-Conversatwiis-Lexikon. 6 Anfl. I Anachorsis. 593 Lungenschwindsucht augewendet wird und zuerst 1861 nach Europa kam. Anacantbini, Weichflosser, deren Schwimmblase, wenn vorhanden, ohne Lnftgang ist; ohne oder mit banchständigen Bauchflossen. Hierher die Schollen, Dorsche, Kabeljau u. s. w. Anacapri, Flecken auf der Insel Capri in der italienischen Prob. Neapel; Ruinen einer von dem Seeräuber Barbarossa zerstörten Burg, römische Minen; 1675 Ew. lknacsi-lliaoeLe (Terebinthaceen, auch Cassu- vieen), dicotyle Pflanzenfamilie ans der Ordnung der Terebinthinen, zu welcher zahlreiche Bäume und Sträucher der heißen Länder zwischen den Wendekreisen gehören; viele zeichnen sich durch einen harzigen Milchsaft ans, der nieist scharf ist. Die kleinen Blumen sind gewöhnlich durch Verkümmerung eingeschlechtig, Kelch meistens frei, Blumenblätter an Zahl den Kelchlappcn gleich, selten fehlend; die Staubgefäße von gleicher oder doppelter Zahl; 1 Fruchtknoten, selten mehrere, dann aber außer einem bis ans die Griffel verkümmert; Frucht eine eiusamige Steinfrucht oder Nuß, zuweilen auf großem, fleischig werdendem birnenartigem Frnchtboden; Keimling ohne Eiweiß. Gattungen: Rbns IN, Lsmsoarpns IN, Lmaoar- cllum I-., kisbaoia II., NanAikora. II. Ans dem Samen von NwnAilsra. iuäiea wird eine vorzügliche Stärke gewonnen. ünaoarclmm IN (Nierenbaum), Pflanzengattung ans der Fam. der Anacardiaceen (IX. 1), Kelch n. Krone 5zählig; 10 Staubgefäße. Art: X. oooi- äsntals, ans SAmerika u. Westindien, dessen auf einem fleischigen Fruchtboden sitzende, nierenförmige Früchte, ssmon ^naoarckii ocoicionbolis, nebst denen von Lsinsearpns .^naearckinm II. M, oder X. latikolinm L»m., 8. F.na(;nrckii orisntalis als Elefautenläuse (Caschnnüsse) bekannt find und zur Bereitung des Cardol und einer unauslöschlichen Tinte, sowie als Mittel gegen Gliederreißen dienen, n. ans dessen Stamm das Acajonharz gewonnen wird; damit bestrichene Bücher werden nicht von Termiten angefressen. Almcardsiiure (Chem.), eine den Fettsäuren, namentlich der Ölsäure nahestehende organische Säure, die sich im Pericarp der westindischen Ele- fantenläuse (von Lmaoaräinm oooickontals) vor- findet n. daraus in krystallinischer Form dargestellt werden kann. Sie schmeckt schwach aromatisch, erwärmt entwickelt sie einen eigenthümlichcn Geruch, schmilzt bei 26" und zersetzt sich über 200°. Sie bildet neutrale u. saure Salze. ünaclirwis, Wasserpest, s. u. Llockön. Anacharsis, 1) skpthischer Weiser; kam (nach der Sage) um 600 v. Chr. mit seinem Freunde Toxaris nach Griechenland, wo er durch sein gesundes Urtheil u. seine anständige Lebensweise die Aufmerksamkeit auf sich lenkte n. die Freundschaft Solons gewann; ans Ansichten seines Bruders, des Königs Sanlios, wurde er, wie es heißt, nach seiner Rückkehr ermordet, weil er griechischen Cnl- tus einsühren wollte. Er wurde später zu den sieben Weisen gerechnet. Die ihm fälschlich beigelegten 9 Briefe stehen in den Briefsammlungen von Aldus, Cnjacius n. Lnbin. 2) Der jüngere A., erdichtete Person, die Barthelemy in seiner i. Band. 38 594 Auachoveü'tt - V07S8S än zo-ilw SU OE NM Platons Zeit nach Griechenland reisen und über altgriechisches Leben, Sitte u. Philosophie referiren läßt. Anachoretcn (gr., Einsiedler), in der frlihestcn christlichen Zeit, besonders seit de» Christenver- fvlg»ngen im 2. n. 3. Jahrh., Solche, die sich in die Einsamkeit, Höhlen rc. znrückzogen, nm durch Kasteiungen, Fasten und Beten Gott in würdiger Weise zn dienen, nach dem Vorgänge eines Elias, Johannes des Täufers und Jesus in der Wüste, sowie der jüdischen Essaer n. Tberapentcn. Durch Antonius den Gr., welcher den A. Regeln für ihre asketischen Übungen gab, ging gegen Ende des 3. Jahrh. das A-thum allmählich in das Cönobitenlebeu n. das Mönchthum über. Anachronismus (v. Gr.), Fehler in der Zeitrechnung, den man dadurch begebt, daß inan ein geschichtliches Ereignist oder eine Sitte späterer Zeit in eine frühere versetzt. Mit dem Namen A. werden auch Erscheinungen belegt, die als rückständige Elemente gegen den Zeitgeist verstoßen. Auachundll ist tAiIanum Isrox i-., aus Malabar; der Absud der Blätter und Wurzeln dient in der Heimath der Pflanze als Heilmittel in fieberhaften u. gewissen Liingenkrankheitcn. Anarker, Aug. Ferdinand, Componist, geb. 1790 zu Freiberg'; studirtc in Leipzig , war Cantor in Freiberg, wo'er die Singakademie gründete n. das Bergmusikchor einrichtcte, dessen Dirigent er wurde; st. 1854. Bon seinen Compositionen sind besonders die Cantaten Lcbensgrnß und Lebens- nnbestand n. Bergmannsgrnß bekannt, auch sein musikalisches Drama Markgraf Friedrich oder Berg- mannstrcne. Anacletus, I) A. I., der 3. Papst, 78—91. 2) A. II-, Cardinal und Legat, der 170. Papst, Gegenpapst gegen Jnnocenz II. 1130—38, seinem Todesjahre; s. Papst. Anakonda, s. Anakonda n. Riesenschlange. Kimv^cllis L., Kreisblnme, sttingblnme, Pftanzen- gattnng aus der Fam. der Compositen (XIX. 2), wie Xntllsinis, aber die Achenen beiderseits breit geflügelt. Arten in SEnropa: X. anrous L. n. Vnlsntiuus L., in Deutschland als Zierpflanze gezogen; X. pvrelürnm ä'cNrcick., in NAfritä, Arabien u. Syrien; liefert die officinelle echte oder römische Bertramswnrzel ((Unckix pz-rsbirri); sie hat einen brennenden Geschmack; X. ot'tiviiiariim, im südlichen Europa; wird im Thüringischen, bei Magdeburg rc. im Großen angebant, da die Wurzel wie die Bertramswnrzel als Heilmittel dient. Anadalga, IIOO sZlcm großer See in den La-Plata-Scaaten. Auadiplöfis (gr., Verdoppelung), 1) (Gramm.) so v. w. Nednplication; 2) (Rhetor.) nachdrückliche Wiederholung eines Wortes, namentlich eines den Satz beendigenden im Anfänge des folgenden Satzes. Änadöli, s. Natalien. Anavöli Hiffar und Anadoli Ünluak, 2 Schlösser in Kleinasieii, Ejalet Chodawendikjar, zur Vertheidignng des Bosporus, jenes an der Mündung des Göksn mit kaiserlichem Lnsthansc, dieses am Eingänge des Bosporus. Anadosis (gr., das Hervorbringen, die Ver- theilung), die Vertheilung des Nahrungssaftes Lurch - Airaguostctt. den Körper und die dadurch bewirkte Ernährung. Nnadyomeuk (gr., die saus dem Meeres Auf- steigende), Beiname der Aphrodite. Aniidlir (Anadür), Flust im Lande der Tschuk- tschen in Sibirien; entspringt ans dem SeeJwaschko, fließt anfangs ans O. nach W., dann ostwärts mit einem nach N. gerichteten Bogen, ist sehr seicht n. kaum schiffbar n. mündet nach einem etwa 740 Icm langen Laufe ins Meer von Kamtschatka, wo er den Anadyrischen Meerbusen (mit der gegen N. gerichteten Heiligen-Ärenz-Bncht) bildet. Nnnerobicn (Avinicinos) nennt Pasteur mikroskopische niedere Organismen, welche nur bei Abwesenheit von Sauerstoff leben können n. nach seiner Ansicht Fänlniß der an der Luft liegenden feuchten organischen Stoffe einleiten, nachdem von anderen aii der Oberfläche lebenden Organismen, Infusorien n. Schimmelpilzen der im Wasser gelöste Sauerstoff absvrbirt ist. Letztere, welche an der Luft leben, bewirten dann auch die Vollendung des Fänliiißproccsscs; sie werden Mrobien (Xxvmiguev) genannt. ävagsllis (Gauchheil), Pflanzcngattung ans oer Fam. der Primnlacecn (V. 1); Kelch fiinf- theilig; Krone radförmig oder trichterig, mit llthciligem Saume; 5 Staubfäden; Blumen einzeln in den Achseln der Lanbblätter; Frucht eine kugelige, ringsum aufspringende Kapsel. Arten: X. -irvonsis L.. Gauchheil, kleines, in Gärten n. auf Äckern häufig als Unkraut wachsendes Pflänzchen mir mcnnigrotheii Blüthen; X. ovoruisv. AI/., auf Äckern, blau blühend; X. eolUnn ä'e/rousb., ans Marokko, n. X. iiioiwlli, ans Italien (beide perciinirend), mit blauen Blüthen; Zierpflanze. Anaglypten (Anaglyphen, v. Gr.), in der Plastik ganz oder halb erhabene Arbeit (Hoch-oder Flachreliefs); daher Anaglyptik (Nnaglyphik), Knust, solche zn verfertigen; Anaglhptoskop, eine von Oppel angegebene Vorrichtung, durch Um- lehriing der Beleuchtung die scheinbare Umkehrung des Reliefs yervorznrnfen, so daß eine Matritze (vertiefter Abguß einer Medaille) wieder als Pa- tritzc (erhaben, wie di« ursprüngliche Medaille) scheint. Vgl. Poggendorsfs Annalen der Chemie und Physik für 1855; Hclmholtz, Physiologische Optik, 1867. Anagni, Stadt im Distr. Frosinone der italienischen Provinz Rom, unweit der Eisenbahn Rom-Neapel; Bischofssitz, Prätnr, Kathedrale di Sta. Maria ans dem 11. Jahrh., mit Krypta, berühmten Musivarbeiten und Fresken; 8220 Ew. A. ist das alte Nnagnia, war im Altcrthnin eine blühende Stadt, im Mittelalter oft Wohnsitz der Päpste, deren mehrere (Jnnocenz III., Gregor IX., Alexander IV., Bonifacins VIII.) hier geboren wurden. Hier wurde 7. Sept. 1303 Papst Boni- facius VIII. von Wilhelm v. Nogaret auf Geheiß König Philipps IV. gefangen genommen. Hier 1295 Friede zwischen Frankreich und Aragonicn. Vgl.Magistris, Isiorin ckella. cittä il'X., Rom 1740. Anagnla (a. Geogr.), Stadt der Hernici in Latium, wo früher die Congresse der kleinen umliegenden Staaten gehalten wurden; später römisches Mnnicipiiim; jetzt Anagni. Anagnosten (v. Gr., lat. Iweborss), gebildete Sklaven oder Freigelassene, die ihren Herren als Auagogc — Vorleser diente»; in der Kaiscrzeit auch wol Freie, die vor dein Volke, im Theater rc. vorlasen; in der Kirckengeschichlc so v. w. Lectoren. Daher Anagnosterion, Ort, wo die Anagnosten beim Vorlesen standen, Lesepult; Anagn'ostisch, zum Borlesen geeignet; Anagnosma, Stück zum Borlesen, Lectürc. Anagögr, Anagogic (v. Gr.), Erhebung, Ziirückführen ans ein Allgemeineres, Geistiges; Erhebung des Geistes zu Gott in Verzückung oder Speculation. Daher Anagogisch, geisterhcbend, qeheimsinnig; Anagogische Schristauslcgnng, wie sie bei den Älcxaiidrmischcn Juden, besonders Philo, in der christlichen Kirche seit Origenes sich findet, eine solche, die neben dem grammatisch-historischen, ethischen Sinne auch den angeblich tieferen mystischen ». typischen zu ergründen sucht. Verwandt ist die allegorische und tropologische Auslegung. Anagramm (v. Gr.), I) das Rückwärtslescn der Buchstaben eines Wortes, wobei ein anderes Wort erscheint, z. B. Sarg, Gras. 2) Ein durch die Versetzung eines oder mehrerer Buchstaben eines Wortes gebildetes anderes Wort, z. B. Blei, Leib. Ans diese Weise werden auch Pseudonyme aus den Namen von Schriftstellern gebildet, z. B. H. Clanren aus Carl Heim. Das Ä. ist eine Erfindung deS Morgenlandes, die schon im Alter- thum bekannt war. Eine Reihe von sSchriften und Sammlungen sind dieser müßigen Spielerei gewidmet. Vgl. Wheatly, On XmiArumv eie., London 1862. llnagM -k-., Pflanzengattniig aus der Familie der Papilionacecn (X. i). Arten: X. lootiäa L. (Stinkbaum), Iss — 2^ in hoher Strauch in SEuropa, mit hübschen blaßgelben Blüthen. Die bitterschmeckcnden u. zerdrückt übelriechenden Blätter werden von französischen Ärzten als drastisches Abführuugsmittel in Anwendung gebrockt. Die Samen dienen als Brechmittel. X. iuiikcckiu /1rori.°v-., auf Teneriffa. Anal;, St. am Euphrat, im nördlichen Theil des türk. Paschalits Bagdad; Karawanenstation. Anaheim (Aunaheim), eine rein deutsche Ansiedelung in Kalifornien, 12 engl. Bl. von der Seelüfte, 3 Bl. vom Santa-Ana-Flussc; im Sommer 1867 von einer Gesellschaft Deutscher, meist Rheinländer, gegründet; 4000 (nach Anderen nur 1000) Ew., die starken Wein- n. Obstbau betreiben; deutsche Schule, Postamt und Landungsplatz am Occan. Anahit (Anaitis, Änais), weibliche Hauptgottheit der Armenier, welche sie mit den Medern n. Persern gemeinschaftlich verehrten. Sie galt als Tochter des Aramazd (Ormuzd)' und ist mit der Artemis identisch. Von Strabon (XI., XII.) wird sie irrthümlich mit der Aphrodite verglichen und ihr ein äußerst üppiger Cnltus zngeschrieben. In Wirklichkeit wurde sie aber verehrt als die Mutter aller Tugenden, als die Erhalterin u. der Ruhm der Nation. Ihr Haupttcmpcl war in Eraz (Eriza) in der Provinz Excliatz; dort stand ihre goldene Bildsäule. Jbr Hauptfcst fiel ans den 6. Aug. und hieß Warda ivars, d. i. Rosenglanz; sie selbst wurde die goldene, goldarmige, rosen singerige genannt. Nach Einführung des Ehristen- thums wurde dieses Fest unter Beibehaltung des Aiicikviwsie. 5i'5 alten NamenS in das der Verklärung Christi verwandelt. Anahiliik (d. i. das Wassernabei, I ursprünglicher Name des alten Königreichs Mexico. 2> Die im südlichen Theil von Mexico, in einer mittleren Höbe von 2400 in, von 17" bis 2l" n. Br. fick erstreckende, in die Sierra Madre a»slaufeude Hochebene; sie steigt im O. von der .llüsteuebene von Cuctlachtlaii steil ans u. flacht sich gegen W. in die Küstenebcue von Colima ab; außer einigen kleinen Lllpenscen ist sie fast ohne alle Bewässerung. Das Land war ursprünglich von den Tol- tekcn, Chechcmeken, Acolhua n. Azteken bewohnt. 'Nach den Küsten zu ist cs zwar fruchtbar, aber, namentlich für Europäer von höchst unzuträglichem Klima. Die höchsten Gipfel befinden sich ain Ost- rande; es sind die Vulcane Popocatepeti !>420 m, der Citlaltepetl (Pic von Orizaba) 5450 m, der Jztaccihnatl 4780 m, und der Nanhcampatepctl 4110 in. Aimkal>iptcrr«i (gr., Aut.). Am 1. oder 2. Tage nach der Hochzeit schickte die junge Frau dem Gatten als Geschenk ein Gewand n. erhielt dafür Gegengeschenke, die R. hießen, weil sie sich ihm von jetzt an nnverschleicrt zeigte. Auch die Verwandten und Freunde brachten Geschenke dieses Namens dar. In Sicilicn hieß so das- Fest, welches zur Erinnerung der Vermählung der Proscrpina mit Pluto gefeiert wurde. Rnakaiiiptik (v. Gr., Phys.), Lehre von der Znrückwerfnng des Lichtes (>. Katoptik), oder des Schalls (s. Widerhall). Daher Ana kamptisch, die Strahlen, den Schall zurückwerfcuL. Anakatharsie (v. Gr.), Reinigung,Aufhellung; in der alten Medicin: Reinigung des Blagens ic. durch Brechmittel. Anaklasc (v. Gr., Anakläsis), Rcfraction, besonders der Lichtstrahlen. Daher Ana klastikj, so v. w. Dioptrik; Ana klastische Instrumente nannte man früher Instrumente, die zur Darlegung der Gesetze der Strahlenbrechung dienen. Anakletos, St. A. I., ans Athen, soll, von Petrus zum Presbyter geweiht, 12 Jahre lang als Nachfolger des Linus Bischof in Rom gewesen und unter Domitian als Märtyrer gestorben sein; Tag: 12. Juli. Aunklin, St. II. Festung in Rnssisch-Naukasicn, Gouv. Kntais, am Schwarzen Meere; trieb bis 187,6 ansehnlichen Handel und wurde in diesem Jahre während des Orientalischen Krieges von den Türken zerstört. Anakoläthon (Anatoluthie, v. Gr.), Unfolge, Folgcwidrigkcit in der Satzfüguug; in der Rhetorik Umschlagen aus der Consiruction des Vordersatzes in eine andere Construction des 'Nachsatzes. Anakonda, Kurnriuba (Umwoto.i luurinus INttyl.), brasilianische Riesellscklaugcuart, welche, in der Tiefe des Wassers rndend, den zur Tränke kommenden Thieren anslauert. Plumps oliveu- farbig, auf dem Rücken mit paarig gestellten schwarz-braunen Flecken, Angcnfleckc» au den Seiten u. mit einem gelben, braun gefaßten Streifen Lurch das Auge. Anakönösis l gr., Miitheilung, Berathschlagung, Berabrednug, lai. ci-minuuiiiaiio), rhetorische Figur, worin der Redner den Gegner, den Richter 38 * 596 Anakreoil - oder die Zuhörer scheinbar um Rath fragt, um ihre Aufmerksamkeit zu spannen. Annkrron, einer der beliebtesten griechischen Lyriker, gcb. um 550 v. Chr. zu Teos in Jonien; wanderte in seiner Jugend mit seinen Landsleuten nach Abdera in Thrakien, wurde Erzieher und später Freund des Polykrates, des Tyrannen von Samos, an dessen glänzendem Hofe auch Jbykos n. zeitweise Pythagoras lebten, u. war nach Ermordung seines Freundes 522 in Athen bei Hip- parchos. Als auch dieser 514 ermordet worden war, kehrte er bald nach Teos zurück, floh aber beim Aufstande der Ionier gegen die Perser (500) nach Abdera, wo er, 85 Jahre alt, der Sage nach als treuer Diener des Bacchus an einer Weinbeere erstickte. Seine Bildsäule stand auf der Akropolis von Athen und zeigte ihn als heiteren, wcinbegeisterten Greis. Bon seinen Gedichten in ionischer Mundart sind nur Fragmente übrig; er folgte dem Alkäos und der Sappho in den Rhythmen, sabcr nicht in der hohen Gesinnung und der Glnth der Empfindung; denn seine Dichtung bewegt sich außer dem Preise des Polykrates nur um Liebe und Wein, in leichter, annmthiger Weise und mit feinerem Tact maßhaltend (worin Horaz ihm ähnlich ist). Seine Gedichte wurden zur Lyra gesungen und blieben sehr lange in Ansehen. Die 67 uns erhaltenen, zum Thcil reizenden, zum Theil auch recht matten Dinoroontes, (Lieder in A-s Art) besingen die Freuden der Liebe, des Weines n. des Lebensgenusses; sie gehören jedoch einer späteren Zeit und verschiedenen Verfassern, bis in die byzantinische Periode hinein, an. Diese sind herans- gegeben zuerst von H. Stephanus, Paris 1554, n. A. von Schäfer, Lpz. 1812; vermehrt um die von Matranga, Rom 1850 edirten späteren -Limcrsonten, in Bcrgkslü'NKm. hrioorum 6rnoe., 3. Anfl., Lpz. 1867, wo auch die echten Fragm.; deutsch n. A. von Ramler (heransg. von Späl- ding, 1801); Uschner, Berl. 1864. ' AnakrcontischeBcrsart.Siebestehtnrsprllng- lich auszweilvntLisnirnnors (steigendenJoiiikcrn): in den griechischen sogenannten Anakrcontischen Gedichten ist am häufigsten die umgebrochene Form: cs findet sich aber auch: Die letztere Art ist im Deutschen am häufigsten: Der Gatte Kytherens Nahm Stahl in Lemnos' Esse. Anakrusis (gr., Anstatt, Vorschlagsilbe), bieder ersten Arsis, als dem Anfänge des Rhythmus eines Verses, vorhergehende Thesis, welche kurz n. lang sein kann, seltener aus 2 Kürzen besteht; z. B. in Die lange schrankenlose Zeit deckt Alles auf ist die Silbe Die die A. Anaktorion (a. Geogr.), 1) Vorgebirg in Akarnanien, am Ainbrakijchcn Meerbusen im Ionischen Meere. 2) Korinthische Colonie u. Hafenstadt daselbst, deren Einwohner nach der Seeschlacht von Actum, 31 v. Chr. ans Angustns'^ Beseht nach Nikopolis übersicdeln mußten. ! - Analogie. Analabn, Stadt im Königreich Atschin, an der NWKüste von Sumatra. Analcim (v. gr. ännlkis, schwach, weil er erhitzt oder gerieben schwach elektrisch wird; Min.), ein Mineral, das im regulären System krystallisirt, n. zwar meist in sogenannten Lcucitoedcrn; spcc. Gew. 2,°; chcm. Formel 2L0; es findet sich in klaren, oft auch weißen Krystallen in Drnsenränmen plntonischer Gesteine, namentlich schön im Fassathal, Aussig n. auf den Faröer-Jnseln. Analcktcn (v. Gr., d. i. Anfgelescncs), Gesammeltes aus Büchern oder Titel von literarischen Sammlungen, besonders ans nngcdrnckten Handschriften, z. B. von Mabillon, Montfaucon, Brnnck; endlich Sammlungen vermischter Aufsätze, z. B. Wolfs A. Daher Dialektisch, was sich ans solche Sammlungen bezieht. Analcmma (gr., Erhöhung), 1) in der Astronomie: die Vorstellung des Himmels auf der geraden Fläche des Meridians, wobei man sich das Auge in unendlicher Entfernung n. im Morgen- odcr Abendpnnkte des Horizonts zu denken hat. 2) Ein schon im Altcrthnm den Alexandrinischen Astronomen bekannter Apparat, dessen einer Theil, in einer Fläche von Holz oder Metall bestehend, diese Projection zeigt, während der andere einen beweglichen Horizont darstellt, Analepsie (v. gr. nnnispsis, das Anfnehmen, die Wiederherstellung, Wiederbelebung), das Verfahren, Kranke, deren Kräfte durch übermäßige Anstrengungen, Ausschweifungen oder Krankheiten gesunken sind, wieder zu stärken. Analeptik, der Theil der ärztlichen Knust, der für Förderung der Wicdergencsnng sorgt; Analeptische Mittel (-Lrmlsptioa), Mittel, welche in kleinen Dosen die gesunkene Lebensthätigkcit schnell wecken u. heben. Dicse Begriffe sind jedoch sehr weil u. schwankend, und die Ausdrücke dafür lassen nur im Allgemeinen sich anwenden. Analgesie (gr.), Unempfindlichkeit gegen Einflüsse, welche Schmerz erregen. Analog (v. Gr.), 1) nach Berhältniß; 2) ähnlich, übereinstimmend; 3) einer bestehenden Regel entsprechend. A-es llrtheil, Urthcil über Dinge nach ihrer Ähnlichkeit; A-e Erkenntniß, Erkenntnis;, die ans der Ähnlichkeit mit anderen Dingen hergclcitct ist; A-er Schluß (Analogisma, Analo- gismns), den man aus der Ähnlichkeit mit anderen Dinge,1 folgert; A-e Krystalle, die Krystallc, deren Form mehrere merkwürdige Übereinstimmungen zeigt. Daher Analogon (gr.), ein Analoges, ein in mancher Hinsicht Ähnliches; L. ra- tionis, etwas der Vernunft Angemessenes; dann das Vernunftähnliche in den Thieren, was jedoch gewöhnlich nur als ein D iutslloetns (Verstand- ähnliches) angenommen wird; vgl. Jnstinct. Analogie (v. Gr.), Verhältnißmäßigkcit, Übereinstimmung von Dingen in bckanmcn Eigenschaften, besonders in bekannten Verhältnissen, sofern sich darauf die Annahme gründet, daß auch in anderer Beziehung gleiche Übereinstimmung stattfinden werde. Das Wort A. ist ein Kunst- ansdrnckin fast allen Wissenschaften: in dcrSprach- lehre ist Ä. Übereinstimmung in der Bildung der Wörter; in der Philosophie sind A-n der Erfahrung Verstandesgrnndsätze zur Erkenntniß von 597 Analvgium — Analysis (Philosophie). -Erfahrnngsgegenständen, die als solche zwar nicht zu völliger Gewißheit, wol aber zur Wahrscheinlichkeit fuhren können; in der Medicin ein sehr gewichtiges Mittel der Erkcnntniß, das in unzähligen Fällen als Wegweiser des Behandelns dient. Die A. des Glaubens (analog ra üäsi) gilt in der protestantischen Dogmatik, nach irriger Erklärung von Rinn. 12, 6, für die wichtigste Richtschnur der Bibel-Auslegung, indem behauptet wird, jeder Lehrsatz sei in der Bibel in deutlichen Stellen gelehrt, aus diesen ergebe sich die rogmla kiäoi (Glanbensregel), nach deren A. die minder deutlichen Stellen ansznlegen seien. Der katholischen Theologie ist die rvAnka u. analo^ia ückoi die kirchliche Tradition. In der Rechtswissenschaft kennt man eine A. des Rechtes u. des Gesetzes. Da der Gesetzgeber unmöglich alle denkbaren Fälle Lei der Gesetzgebung umfassen kann, mithin im concretcn Falle sich Lücken ergeben müssen, so sucht man diese in der Weise zu ergänzen, anszufnllen, wie der Gesetzgeber in Con- segnenz seiner übrigen Vorschriften in betreffendem Falle genrthcilt haben würde, n. gelangt hierzu, indem man nach dem Grunde des Gesetzes entscheidet. Das Verhältnis; der ans diesem Wege gewonnenen Rechtssätze zu dem wirklich gegebenen Gesetze heißt dann die A., u. zwar Rechts- oder Gesctzcs-A-, je nachdem bei ihrer Auffindung der Geist des ganzen Rechtssystcms, der ganzen Gesetzgebung, oder nur einer einzelnen gesetzlichen Bestimmung zu Grunde gelegt wird. Während die A. überhaupt für das Gemeine deutsche Civil- recht fcststeht, mit Ausnahme der Gesetze, welche an sich schon das Wesen einer Ausnahme von der Regel haben (Privilegien, jnra sin^nkornm), ward ihre Anwendung auf Strafgesetze ebenfalls, nur mit der Beschränkung zulässig erachtet, daß die A. nicht nur dem Geiste des Gesetzbuches an sich entspreche, sondern namentlich auch dem Sinne der einzelnen Bestimmung, die eben zur Anwendung kommen soll, d. h. cs ward unter Ausschluß der Rechts-A. nur die Gesetzes-A. statnirt. Die neuere Zeit hat auch mit dieser Maxime gebrochen. Wie in so vielen Beziehungen, that es zuerst die franz. Revolution, n. zwar derart, daß selbst das ziemlich drakonische altnapoleonische Strafgesetzbuch von 1810 (Oocko penal) den Satz im Art. 4 wiederholte: „Keine Übertretung, kein Vergehen, kein Verbrechen darf mit Strafen belegt werden, die das Gesetz nicht verhängt hatte, ehe sie begangen wurden." Wenn auch z. Th. langsam und spät, sind die Strafgesetze der übrigen Völker dem franz. Vorgänge gefolgt. Auch das Deutsche Strafgesetzbuch schließt die A. ganz ans, indem Z 2 bestimmt, daß eine Handlung nur dann mit einer Strafe belegt werden kann, wenn diese Strafe gesetzlich bestimmt war, bevor die Handlung begangen war. In der Math ematik bezeichnet? man früher Proportion mit A. Analoglum (lat., v. Gr. analo^eion), 1) das Lesepult des Ambons. 2) So v. w. Zlartz-rolvAinm. 3) Eine über der Grabstätte eines Heiligen errichtete Kapelle. Analphabeten, diejenigen Personen, welche weder schreiben, noch lesen können. Während man diese Personen früher in Betreff der Form der Testamentserrichtnng den Blinden gleichgestellt wissen wollte, ist in dieser Beziehung festgestellt, daß, wer nicht schreiben kann, aber in schriftlicher Form testiren will, diesen seinen letzten Willen dictiren muß, und dann, da er auch nicht unterschreiben kann, zu den sieben Zeugen noch eine achte Person zngezogcn werden muß, nicht aber als Zeuge, sondern als Unterschreibender, welcher statt des Te- stirenden in dessen Namen u. auf dessen Begehren unterzeichnet, u. zwar den Namen desselben und dann den eigenen mit der erklärenden Notiz. Das Preußische Recht läßt A. nur wie Blinde mündlich zu Protokoll testiren, die Unterschrift durch Bezeugung von zwei glaubwürdigen, im Besitze der Eigenschaft gütiger Testamentszengen befindlichen u. weder im Testament bedachten, noch mit dem Richter verwandten Männern ersetzen. Schriftlich abzufassende Verträge können A. nur in gerichtlicher Form abschließen. Im Übrigen wirb ihre Unterschrift bei Behörden durch ein Handzeichen ersetzt n. von dem betreffenden Beamten attestirt. Jndeß ist die Behandlnngswcise in den einzelnen Ländern sehr verschieden. Statistische Erhebungen über die Zahl der A. wurden in der neueren Zeit fast in allen civilisirtcn Ländern vorgenommen, in manchen Staaten, wie in Italien und Spanien, freilich mit sehr traurigen Ergebnissen. Annlhseur, so v. w. Zerlegnngsspiegcl; s. u. Polarisation. Annlysiircn (v. Gr.), 1) auflösen, entwickeln, zerlegen; 2) zu den Anfangsgründen, Grundpriu- cipicn zurücktchren. Analysis, Analyse (vom griech. auähsis. Auflösung, Zergliederung, Zerlegung). I. In der Philosophie die Auflösung oder Zerlegung eines Begriffes, Urtheils, Schlusses oder auch einer ganzen Gedankcnreihe in ihre einzelnen Bcstand- theile n. Merkmale, im Gegensätze zur Synthese. Diesen elemcntarischen Theil der Logik hat man daher nach dem Vorgänge des Aristoteles Analytik genannt. Ein Begriff, der durch A. eines anderen neu gewonnen wird, heißt deshalb ein analytischer Begriff. Analytische Erklärungen oder Definitionen sind solche, die einen schon gegebenen Begriff in seine Merkmale zerlegen, während die synthetischen ihn selbst erst znsammensetzcn oder coustrniren. Analytische Urtheile heißen diejenigen, in welchen das Prädicat ans dem Begriffe des Subjects selbst unmittelbar hervorgeht, wie: der Kreis ist rund. Synthetisch werden dagegen die Urtheile genannt, wenn die Verknüpfung zwischen Snbject und Prädicat erst durch ein Drittes vermittelt werden muß, z. B.: die Luft ist schwer, weil sie auf das Quecksilber im Barometer drückt. Analytisch e-Methode der Beweisführung ist diejenige, vermöge welcher man die Thatsachen der Erfahrung zergliedert, um die Principien aufzusnchen, von denen sie abhängcn (rsxxrosous a prinoipiatis all prin- oipia); die synthetische ist dagegen das umgekehrte Verfahren (proArossus a prineipiis ack prin- oipiaka). Deshalb heißt die analytische auch die regressive, die synthetische die progressive Methode; auch wird jene die erfinderische oder heuristische (weil nach ihr das Unbekannte ans dein Bekannten gefunden wird), diese die didaktische oder lch 5S8 Analysis (Mathematik). rcnde genannt. Der Unterschied zwischen der analytischen nnd synthetischen Methode wnrde zuerst von den Philosophen der Metrischen Schule, namentlich von Sliipo angedcnlet, ist aber erst in neuerer Zeit durch .staut (Kritik der reinen Verminst) genauer bestimmt. II. Mathematik. .1. Methode zur Auslösung marhemat.Aufgaben, auch analytis che Methode genannt. Sie ist das allgemeinste u. genau genommen einzige Verfahren, durch welches mau planmäßig zur Veautwortnng mathematischer fragen gelangt, li. besteht darin, daß man die Ausgabe als gelöst ansieht nnd mittels dieser angenommenen Äsung einen Weg sucht, ans dein man zur wirkliche» Äsung kommt. Sic dient sowol bei Berechnungen (1. arithmetische A.), als bei Auffindung von Constrnctionen (2. geometrische A.) n. von Beweisen (3. analytische Beweismethode). Bei I. n. 2. beantwortet man zunächst die gestellten Fragen durch eine oder mehrere unbestimmte Größen nnd untersucht, wie diese beschaffen sein müssen, uni der Aufgabe zu entspreche», in welchem Verhältnisse sie zu den in der Aufgabe gegebenen bekannten Großen stehen, indem man sic mir Liesen den Bedingungen der Ausgabe gemäß verknüpft. Hierzu je ein Beispiel: l. Arithmetische A. Eine Gesellschaft bestehr anS M> Personen, darnmer 8 Frauen mehr ais Männer, doppelt so viel Kinder als Erwachsene. Wie viel Männer, Frauen, Kinder sind es.'? Tic als Unbekannte angesehene Anzahl der Männer wirb der Aufgabe gemäß mil den gegebenen Großen durch eine Gleichung in Verbindung gebracht n. daraus berechnet: die Anzahl der Männer als x gesetzt, ist die der Frauen x -st 8, die der Erwachsenen x -st (x -st 8) — 2x -t- 8, die der Kinder 2. ( 2 x st 8) — tx -l- !,'< Alle zusammen sind '.nt, also ist x -st (x -st 8) -st (Ix -st Uli — tzx -st 2 l — M'>, Nx — m> — 21 — 72; X — l 2. Die Amwdrt ist: 12 Männer, 20 Frauen, stl Kin der. 2. Geometrische A. Man führt die verlangte Consirnclion auf schon bekannte n. alw ansführbarc dadurch zurück, daß man sich eine ungefähre Figur entwirft, von der man voranssem, daß sie die 'Aufgabe erfülle, daß man hieraus die sich zunächst darbictenden Hilfslinien zieht, z. B. Berbindmtgslinien verkommender Punkte, Verlängerungen von Pinien bis zmn Durchschnitt n. , dgl.,n. durch die Eigen- - schanendersich so ergebenden Figur LcilFnsam- menhang der gesuchten Größen mit den gegebenen zu erforschen lucht. Eine gegebene Pinie so zuweilen, daßdasRcchi- , ect ansderpinien.einem s > Tyeil derselben gleich ^ dem Quadrat über dem > anderen Theit ist lEukl. 0 , Limo. II. >1). Tie gegebene Pinie sei AL (Fig. 1 .) Ick nehme an, ! Laßsie i» k ans die vcr- ...iK lcingteWeisegetbeilt sei, conslunie über KL das mache kill! in k so ! Ist I st ! - - L.-X All. Hst . X c' lk.A Quadrat KIM st! u. über AK das Rechteck LKKA, wo Kd' — HL ist; dann ist LKKA — KL 1)0. Ich verlängere die betreffenden Linien bis L ». stl, halbire LO in I, errichte über III das Quadrat ILDIx, über LI das Quadrat OlLK, verlängere LA bis stl; so ist AI KOL --- KOK), weil AK ^ stil, KO — Ist); I.stfkA — OILstst weil In) — t)I' — 01 ^ Iv; also ()ItX l -st AKOK -st I.chlststl — t)ILO -st Ist;Ich. -st 01 IM oder »ILI( — KOLO -st OILK, n. weil KLI'O — LKKA, auch I)II.Ist ^ KOLK -st LKKA -st OILX — LOLA -st OILst; also I>I- — AL-- -st LI-; LI aber ist ein ^LO — ^LA: damit ist die Constrnction ausführbar, wie sie weiter nmen ange- gegeben wird. 3. Analytische Beweismethode. Man sicht den zu beweisenden Satz als richtig a» n. zieht ans dieser Voraussetzung unter Zuhilfenahme von erwiesenen Sätzen nnd event. von Hilfsconsirnctionen Folgerungen, bis man auf einen Lay kommt, der als falsch oder richtig fcst- steht. Fm ersten Falte ist der zu beweisende Satz ! falsch, im zweiten richtig; der Beweis geht den Fbcn versoigten Weg rückwärts. Soll ich ;. B. ! untersuchen, ob die Eonstrnctio», wie sie anS 2. i shcrvorgcht, richtig ist, so ist das ein Beispiel ^ i hierzu. Lehrsatz: Errichte im Endpnnlte L einer f A'inie AL eine Senkrechte LI — -AL, ziehe IA, verlängere IL, bis IL — Ist ist, mache kk ... y — LI), so ist AK, ^ getheilt, daß AK KL- ist iFig. 2). Ich ^ ziehe nach Bedarf die Hilfs- 1 linicn der Figur l, so soll / / ! LIMA ^ KLIX! sein; ! dann müßte auch LKKA -st ! KOLK, d. i. LOLA - f KLDO -st KOLK, d. i. ! KOIX!: LOLA -st OIM ^ KOIX'-st I.i.)KA „veil ^ OILX — I.tskstl l — t)i>XI -st IA.)KAI -st AIKOL sweil KOL) — AIKOL) — KILL: oder AL"- -j- Lk ^ LI- — Ak sweil LI — AI) fein, und LaS ist nach dem ^ Pythagoreischen Ährsatze richtig. .Hiermit ist das analytische Verfahren zu Ende, jedoch ist der Beweis noch nicht geführt, ebenso wenig wie am Ende von 2. die Eonsirnclion gefunden war. Das Bestimmen dieser selbst, wie sie nmer !!. sicht, und so auch der Beweis selbst, gehört nicht mehr zur Analysis, sondern zur Synthesis, die jedesmals ans die 'Analysis folgen muß. Ter Beweis wird lauten: Es ist AL- -st LI- — AI- (Pythagoreischer Lehrsatz', also kt!LA -st VISA — I.ILL .denn AI — KI. ' AI'-- — 01-); ferner LOLA ^ KILL - I.()KAI sdenn 01LX ^ L()KA>); LOL.) ! — ()ILK — KOK)" ^ KILL — IA)KX ^ — I)IKL — Alklüx idem, AII'OL — > KOL)',; d. i. LKKA — ri'.l'C, AKAL KL-, was zu beweisen war. Es ist klar, daß die Analysis mrr zmn Anffinden des Weges führt, welchen die Synthesis in umgekehrter Weist wie jene einschlagen muß; jenes ist jedoch die Hanplsache. Die A. ist sonach anscheinend ein indireclcS Verfahren, in Wahrheit aber ein direktes, denn es führt ja zu diesem, zur Symhcsis, Analysis (Mathematik). 6VS z» welcher man sonst NM' dnrch Intuition, indem inan die A. mehr oder weniger unbewußt im Kopse anwendet, oder dnrch Probircn gelangt. Der Ausdruck analytischer Beweis ist falsch, ein Beweis ist immer synthetisch. Den Unterschied zwischen Synthesis und A. könne» wir, wie folgt, erklären: Während die Synthesis darin besteht, von der Summe bereits gewonnener Erkenntniß zu dem fortznschreitcn, was dnrchZusammensetzung u. Combination des Vorhandenen sich ergibt und also von erwiesenen Prämissen nach den Regeln logischer Schlußfolgerung zu neuen Schlüssen übergebt, sucht die A. einen Lehrsatz, den sie zu beweisen, oder eine Aufgabe, die sie zu losen beabsichtigt, so lange zu zergliedern, bis sic de:, Zusammenhang derselben mir solchen bereits erwiesenen u. bekannten Sätzen sinder, ans denen sich das Gesuchte herlcitcn läßt. Von den Alten wird die Erfindung der A. dem Plaro zngeschrieben. Sie verstanden darunter die analytische Methode nur in so fern, als sie ans geometrische Untersuchungen angewandt wurde. Die Neueren folgten ihnen zunächst darin; als man aber anfing, die Arithmetik ans die Geometrie anznwcndcn, geometrische Aufgaben mittels jener löste, übertrug man den Nainen A. auch ans die arithmetischen Äsungen geometrischer Probleme u. auf arithmetische Lösungen überhaupt um so leichter, als der enge Zusammenhang aller dieser erkannt wurde. Tann richtete die Arithmetik ihr Augenmerk ans Forschungen, die für jene Zwecke nützliche Resultate ergaben, n. so gewöhnte man sich allmählich, den Inbegriff alles Lessen, was für die geometrische A. von Werth war, A. zu nennen, woraus sich der Begriff A. als Wissenschaft entwickelte. 8. A. als Wissenschaft. Nach Erfiudnng der Differential- und Integralrechnung bezeichneke man diese mit A., weil sic verhällnißmäßig ein- sachc und leichte Auflösungen von mathematische», vorzüglich geometrischen Problemen ermöglichte, die znm Theil bis dahin der Kunst der Mathematiker widerstanden hatten, oder deren Lösung wenigstens außerordentlich schwierig gewesen war. Jetzt saßt man den Begriff weiter u. versteht unter A. denjenigen Theil der reinen Mathematik, welcher unter Zugrundelegung unbestimmter, durch Buchstaben bezeichnercr Zahlcugrößcn die Eigenschaften derselben allgemein, d. h. ohne Bezugnahme auf Zahlen, Längen, Kräfte rc., untersucht. Die Vorstellung einer stetigen, lückenlosen, unendlichen Zahlenreihe, dercnMöglichkeitn.Norhwendigkeitdie niedere Arithmetik zeigt, bildet die Grundlage derselben. Während Arithmetik und Algebra nur Größen behandeln, die entweder schlechthin unveränderlich, oder, wen» sind Änderungen unterworfen sind, als ans discreten Theilen zusammengesetzt angesehen werde» n. sich also sprungweise ändern, läßt die A. gewisse Größen sämmtiiche Wertste der nnendlichen Zahlenreihe annehmen, so daß ihre Wertste nicht mehr sprungweise in einander übergehen, sondern eine stetige Reihe bilden, u. nennt sie veränderlich oder variabel. Auch theilt sie die Größen nicht, wie die Algebra, in bekannte n. unbekannte, sondern in veränderliche n. unveränderliche oder con- stante, welche letztere nur einen, im Allgemeinen freilich auch nicht näher bestimmten Werth habe». Jene bezeichnet sie mit den letzten Buchstaben des Alphabets, r, zy r rc., diese mit den ersten, a, b, o rc. Ist eine Größe in irgend einer bestimmten Weise von einer Variabel» abhängig, entsteht sie also dnrch irgend eine bestimmte Rechnung ans ihr, so heißt sie eine Function derselben, die für verschiedene Wertste der Variablen meist verschiedene Werthe und zwar eine continnirliche Reihe von Werrhcn anuiutint. Sie heißt abhängig veränderlich, im Gegensätze zu der unabhängig veränderlichen Größe, von der sic eine Function ist. Gegenstand der Untersuchungen der A. sind die Functionen, ihre Natur, Eigenschaften, ihr Zusammenhang unter, Veryälmiß zu einander rc., weshalb man die A. auch Theorie der Functionen nennen kann. Soweit sie ihre Untersuchungen ohne Zuhilfenahme unendlich kleincr Größen macht, heißt sie algebraische A. (s. n.) oder allgemeine Arithmetik, niedere A. oder A. des Endlichen; endlich ist hier also der Gegensatz zu unendlich klein, nicht aber zu unendlich im gewöhnlichen Sinne, als unendlich groß; das Unendliche, unendliche Reihen rc. werden vielfach in der A. des Endlichen behandelt. Sie untersucht mit den Mitteln, welche Algebra u. niedere Arithmetik biere», die Functionen, die sich in letzteren finden, also Summe, Differenz, Product, Quotient, Potenz (Wurzel), Erponentialgröße, Logarithmus, ferner die gonioinetrischen n. cyklomctri- schen Functionen, insoweit es ohne höhere A. möglich ist, führt imaginäre Größen u. complexc Zahlen ein, zeigt, Laß das Zahlengeüiet nicht unter dem Bilde einer unendlichen Geraden, sondern einer unendlichen Ebene vorstellig gemacht werden muß, und leitet durch Betrachtung der Werthe, welche die Functionen annehmen, wenn sich die Variablen dem Unendlichen n. 0 nähern, also unendlich groß oder unendlich klein werden, der sogenannten Grenzwerthe, aus die höhere A. über. Sie gibt als ersten Theil eine elementare Theorie der allgenieine» Eigenschaften der Functionen u. als zweiten Theil eine specielle Theorie der oben angeführten Functionen; sie ist die Einleitung in die A. des Unendlichen. Vgl. Euler, knkrsäuotis in annkz'mn intinitornm. Lcyd. >797; Conchy, 6oura ä'miitkxse alAsbrimw. Pac. l824, deutsch von Huzler, Königsb. 1828; Schlümilch, Handbuch der algebraischen A., i. bl., Jena 1868. Der zweite und Haupttheil der A., die A. des Unendlichen oder höhere A., führt unendlich kleine Größen in die Betrachtung ein, schafft vermittels ihrer die neuen Rcchnnngsarten der Differential-, Integral- und Variationsrechnung, und erhält an diesen Werkzeuge von erstaunlicher Wirksamkeit. Mit deren Hilfe entwickelt sie die allgemeine Theorie der Eigenschaften der Functionen überhaupt u. specielle Theorien der schon genanmen und der höheren Functionen, wie der Gamma-, elliptischen, Abelschcu Functionen rc. Vgl. Schlö- milch, Compcndimn der höheren A., Braunschw. 1874; Moigno, Iwyons äs ealonl äikksrsnbisl sto., Paris 1844. Die große Wichtigkeit der A. beruht darin, daß sie durch Einführung stetig veränderlicher allgemeiner Größen eine Anwendung der Rechnung u. ihrer Resultate ans die stetig veränderlichen Größen des- Raumes u. der Zeit er- 600 Analysis möglicht, wie dem: jede neue Entdeckung derselben von der Mechanik rc. bald verwerthet wird. Sie wurde von Newton n. Leibniz gleichzeitig gegen 1700 erfunden n. von Euler gegen 1750 zuerst in ein System gebracht. Seitdem hat sie sich zwar schon außerordentlich entwickelt, das Ende dieser Entwickelung ist jedoch bei ihrer unbegrenzten Entwickelungsfähigkcit nicht abzusehen. Das Nähere unter Malhemank (Gcsch.). III. In der Chemie versteht man unter A. die Lehre von der Ermittelung der Zusammensetzung eines Körpers, nennt aber auch Analyse die Untersuchung selbst und unterscheidet, je nachdem der Zweck derselben die bloße Erforschung der Bestand- theilc, oder aber die Ermittelung der Mengen dieser Bcstandtheilc ist, qualitative und quantitative A., von denen erstere selbstredend der letzteren vorauf- gchcn muß. - Die qualitative A. weist die Stoffe nicht (oder in den wenigsten Fällen) als solche nach, wie sie in dem zusammengesetzten Körper enthalten sind, sondern führt dieselben in andere Verbindungen über, die sich durch charakteristische Merkmale, Form, Farbe :c. von einander unterscheiden. Zur Hcrvorrnfung dieser Verbindungen bedient man sich sogenannter Reagentien, d. h. Stoffe von bekannten Eigenschaften, die, mit den unbekannten Körpern zusammengebracht, diese in die zur Erkennung geeignetere Form überführen. Die durch die Reagentien hervorgcbrachten Erscheinungen nennt man Reactionen. Ein genaues Studium des chemischen Verhaltens der verschiedenen Körper zu einander hat uns gezeigt, daß ganze Klassen von Verbindungen durch ein u. dasselbe Reagens in gleicher oder ähnlicher Weise verändert werden, weshalb ein solches als Grnppcnrcageus dazu dient, diese Klasse von Verbindungen von den übrigen zu trennen. Die unverändert gebliebenen Körper zerlegt man durch andere allgemeine Reagentien weiter in Gruppen, die immer weniger Stoffe umfassen n. gelangt schließlich durch Anwendung charakteristischer Reagentien zur Erkennung der einzelnen Bestandtheile. Bevor man aber zu diesem systematischen Gange sich wendet, stellt man mit dem Unlcrsuchuugsobject Vorprüfungen an, welche für die spätere Untersuchung wichtige Anhaltspunkte bieten können. Zur Vorprüfung benutzt man die trockene Substanz, erhitzt eine Probe derselben in einen: au dein einen Ende zngeschmolzenen Glasröhrchen und beobachtet etwaige Entwickelung von Gasen u. Dämpfen, die durch Farbe, Geruch, Reac- tion rc. erkennbar sind, sowie die Entstehung eines Beschlages an der Nöhrcnwand, der die Anwesenheit flüchtiger Körper, wie Schwefel, Arsen, Salmiak, Quecksilbcrverbindnngen, anzeigt. Eine andere Probe erhitzt man vor den: Lölhrohre auf der Kohle, wobei eintretende Verpuffungen ans sal- pctcrsanre, chlorsanre n. andere Salze deuten, während manche Metalle in geschmolzenem oder ungeschmolzenem Zustande mit oder ohne Oxydbeschlag sich zu erkenusn geben. Die Farbe einer an: Platiudraht, in der Flamme erzeugten Perle von Borax oder Phosphorsalz, die eine Spur der zu untersuchende:: Substanz enthält und sowol in der oxydircndcu, wie in der reducirenden Flamme zu beobachten ist, gibt Aufschluß Mer manche Metalloxyde, z. B. Kobalt, welches die Perle blau färbt. t (Chemie). Viele Verbindungen geben, wenn mau sic, mit Salzsäure befeuchtet, am Platindraht in die nicht leuchtende Flamme hält, charakteristische Flammenfärb- ungcn, z. B. die gelbe der Natrium-, die rothe der Lithium- und Strontiumverbindungen. Erwärmen mit concentrirter Schwefelsäure führt zur Auffindung mancher Metalloide, namentlich der Halordverbindungen. Für den jetzt folgenden systematischen Gang der A. ist es nöthig, die Substanz in Lösung zu bringen. Sie wird fein gepulvert und je nach ihrer Natur in Wasser, Salzsäure, Salpetersäure, oder Königswasser gelöst. Ein unlöslicher Rückstand wird durch Schmelzen mit kohlcnsaurem Kalinatron aufgeschlossen u. alsdann mit obigen Lösungsmitteln behandelt. Zum Auf- schließeu von stark geglühtem Eisenoxyd oder Thonerde dient Schiuelzen mit saurem schwefelsaure::: Kali. Hat man die Substanz auf irgend eine Weise in Lösung gebracht, so schreitet man zur Untersuchung auf Basen, indem mau nach einander Schwefelwasserstoff, Schwefelammonium u. kohlcn- sanrcs Amnion zusetzt; die entstehenden Niederschläge, welche jedesmal für sich durch Filtriren vou der übrigen Lösung getrennt werden müssen, enthalten dann je eine, der nicht gefällte Theil die 4. Gruppe von Basen, deren jede für sich auf die einzelnen Bestandtheile untersucht wird. Die Säuren lassen sich zwar auch in einzelne Gruppen scheiden, die aber bei weitem nicht so streng gc- theilt sind, wie die der Basen, weshalb ein systematischer Gang wie bei diesen nicht eingchaltcn werden kann. Viele Säuren sind auch schon bei der Vorprüfung, sowie bei der Nachweisung der Oxyde erkannt worden. Die quantitative A. zerfällt in zwei große Abtheilüngen, die Gewichts- u. Maß-A. oder Titrirmethode. Die Gewichts-A. bestimmt die Biengen der Bestandtheile eines zusammengesetzten Körpers, wie es schon im Worte liegt, mit Hilfe der Wage, u. zwar dadurch, daß sie dieselben entweder als solche abscheidet, wie sie in der Substanz enthalten waren, oder in andere Formen überführt. So kann z. B. der Wassergehalt eines iiörpers durch den Gewichtsverlust berechnet werden, den derselbe beim Erhitzen auf bestimmte Temperaturen erleidet. Kohlensäure ergibt sich aus dein Gewichtsverluste, den der Körper beim Behandeln mit einer zugleich mit ihn: gewogenen Menge einer stärkeren Säure erfährt. Beide Verbindungen können aber auch durch die Gewichtszunahme vou Körpern gesunden werden, welche dieselben absorbireu (Wasser durch Chlorcalcium, Kohlensäure durch Natronkalk rc.). In den meisten Fällen aber sucht man die zu bestimmenden Bestandtheile in einer Form abzuschciden, in der sie in der ursprünglichen Substanz nicht enthalten waren. Diese Form muß nun so gewählt werden, daß sie genau gewogen u. aus derselben vermöge ihrer konstanten Zusammensetzung die Menge des betreffenden Bestaudtheils genau berechnet werden kann, eine Bedingung, die nicht immer auf einfache Weise zu erfüllen ist. Es sind diese Formen daher oft andere, als die, welche die qualitative A. benutzt, um die Körper scharf zu erkennen, manchmal aber auch dieselben. Beispielsweise wird Kupfer qualitativ in Form von Kupferoxydammoniak sehr bestimmt erkannt, kann aber 60 l Analysis nie als solches gewichtsanalytisch bestimmt werden, sondern muß in metallisches Kupfer, Kupferoxyd oder Schwefelkupfer verwandelt werden, Formen, die durch Answaschen, Trocknen, Glühen rc. sich in unveränderlicher und bekannter Zusammensetzung ans die Wage bringen lassen. Dagegen benutzt inan den in Wasser u. verdünnten Säuren unlöslichen schwefslsauren Baryt, um Schwefelsäure sowol, als Baryt qualitativ zu erkennen n. quantitativ zu bestimmen. Zur quantitativen Bestimmung der Bestandtheile eines Körpers besitzt die Gewichtsanalyse eine große Menge Methoden, die für dieselben Bestandtheile durch die Gegenwart anderer oft sehr abweiche». Während bei der gewöhnlichen quantitativen A. jeder einzelne Bcstandtheil der Verbindung in einer für die Wägung n. Berechnung geeigneten Form abgeschieden wird, ist es mit Hilfe der indirectcn A. möglich, die Mengen der Bestandtheile eines Gemenges zweier ähnlichen, schwer zu trennenden Körper auf dem Wege der Rechnung zu ermitteln. Gesetzt, man habe ein Gemenge von schwcfelsanrem Kali u. schwefelsanrem Natron zu untersuchen, so bestimmt man in 1 x des Gemenges die gesammte Schwefelsäure n. berechnet ans den bekannten Mengen Kali und Natron, welche znr Sättigung einer gegebenen Menge Schwefelsäure nöthig sind, das Verhältnis, in welchem diese Basen in der Mischung enthalten sein müssen, um gerade 1 ^ schwefelsaure Salze zu geben. Diese Art der indirecten A. ist auf viele ; andere Fälle anwendbar, z. B. uni kleine Mengen von Jod- n. Bromverbindnngen neben Chlorverbindungen zu bestimmen; sie gibt umso genauere Resultate, je größer die Differenzen der Atomgewichte der zu bestimmenden Körper sind. Eine Methode, die im Großen n. Ganzen sich einheitlicher darstellen läßt, bildet die sogenannte Elementar- A. organischer Körper. Diese, nur aus wenigen Elementen: Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff, bisweilen auch Schwefel u. Phosphor bestehend, sind hauptsächlich durch die verschiedenen - Mengenverhältnisse dieser Elemente unterschieden, !! wobei es jedoch vorkommt, daß qualitativ u. quan- !> titativ gleich zusammengesetzte Körper sich chemisch H verschieden verhalten. Die Aufgabe der Elemen- >! tar-A. besteht nur darin, das Verhältniß der Men- ! gen dieser wenigen Elemente in der Verbindung >! festzustellen, dis Verschiedenheit letztgenannter Kör- k Per kann sie daher nicht coustatiren. Der Elemcn- tar-A. muß ebenso gut wie der quantitativen A. l unorganischer Körper eine qualitative Prüfung vor- ! ausgehen, indem die Anwesenheit von Stickstoff, Schwefel oder Phosphor das Verfahren modifi- cirt; außerdem können künstlich dargestcllte organische Körper auch die verschiedensten anderen ! anorganischen Elemente enthalten, namentlich Chlor, ) Jod, Brom, sowie auch Metalle. Auf Kohlenstoff, j der in organischen Körpern (ihrer Definition nach) i immer vorhanden ist, braucht qualitativ nicht geprüft zu werden; Wasserstoff ergibt sich gleichzeitig bei der Bestimmung des Kohlenstoffes. Stickstoff wird gewöhnlich an der Bildung von Ammoniak erkannt, die beim Glühen der Verbindung mit >> Natronkalk eintritt, Schwefel und Phosphor weist I man nach der Oxydation durch Schmelzen mit I Soda u. Salpeter als Schwefel- u. Phosphorsänre (Chemiv). nach. Die übrigen anorganischen Elemente können nach der Methode der qualitativen A. in dem nach dem Verbrennen der organischen Substanz bleibenden Rückstände erkannt werden, ausgenommen die in der Hitze flüchtigen Elemente. Die quantitative Bestimmung von Kohlenstoff und Wasserstoff wird gleichzeitig ausgeführt, indem man die Substanz, mit Knpferoxyd gemengt, der Glühhitze anssetzt (verbrennt). Eine schwer schmelzbare Glasröhre (Verbrcnmingsröhre) wird zuerst an dem zngeschmolzenen Ende mit geglühtem Knpferoxyd beschickt, dann eine gewogene "Menge der Substanz, mit Knpferoxyd gemengt, eingefüllt und der übrige Thcil des Rohres wieder mit reinem Knpferoxyd angefüllt. Mit dem Verbrenn- ungsrohr wird mittels eines trockenen Korkes eine gewogene Chlorcalciumröhre verbunden, an diese ein mit Kalilauge gefüllter n. ebenfalls gewogener Apparat (Liebigscher Kugelapparat) gefügt und darauf das Knpferoxyd am vorderen Ende der Röhre, die in einem Gasofen (Verbrennungsofen) liegt, zum Glühen gebracht. Allmählich rückt man mit dem Erwärmen nach den: Hinteren Ende der Röhre zu und leitet dieses so, daß die auf.Kosten des Sauerstoffes des Kupferoxyds gebildeten Ver- brennnngsproducte, Kohlensäure u. Wasserdampf, langsam durch die Absorptionsapparate durchstreichen. Gehen keine Gasblasen mehr durch, so ist die Verbrennung beendigt, man bricht den Hinteren Theil des in eine Spitze ausgezogcnen Ver- brennnngsrohres ab u. sangt einen langsamen Luft ström durch den Apparat. Die Gewichtszunahme des Chlorcalcinmrohres und des Kaliapparats gibt die Menge des gebildeten Wassers und der Kohlensäure an, aus der man den Gehalt an Kohlenstoff und Wasserstoff berechnet. Stickstoffhaltige Körper, die beim Glühen mit Natronkalk Ammoniak entwickeln, werden auf ähnliche Weise mit dieser Substanz zusammen geglüht, das Ammoniak in Salzsäure anfgefangen, das entstandene Chlorammonium als Ammoninmplatinchlorid gefällt n. hieraus der Stickstoffgehalt berechnet. Aus den übrigen stickstoffhaltigen Körpern treibt man den Stickstoff als Gas durch Glühen mit Knpferoxyd, nach vorherigem Verdrängen der Luft ans dein Apparat, ans u. bestimmt ihn dem Volumen nach. Der Sanerstoffgehalt wird indirect gesunden, indem inan die Summe der übrigen Elemente, in Procenten ausgedrückt, von 100 abzicht. Chlor, Jod, Brom werden durch Glühen mit Kalkhydrat in Chlor-, Jod-, Bromcalcium verwandelt und daraus berechnet. FlüssigeKörperwerden in kleinen, zu einer Spitze ausgezogenen Glaskugeln in die Verbrennungsröhre gebracht. Über Maßanalyse s. Titrirmethode. Die Analyse von Gasen (gasvolnmetrische, gasometrische Analyse, Endioinetrie, Gasome- trie) wird fast ausschließlich auf volumetrischem Wege ansgeführt. Bei der Abhängigkeit der Gas- volnmina von der Temperatur, dem Drucke und Feuchtigkeitsgehalte werden die Messungen bei der Gas-A. ungleich umständlicher, als dies bei der Titrirmethode der Fall ist. Die Messung wird in kalibrirten, durch Quecksilber abgeschlossenen Glasröhren vorgenommen. Die Gas-N., früher hauptsächlich zur Ermittelung der gasförmigen Bestand- 602 Analysis theile der Atmosphäre benutzt, findet jetzt wichtige Anwendung zur Analyse der Gase von Mineral- wasserguellen, von Berbreiinnngsproducte», z. B. bei Hohöfen rc. Ähnlich wie mau die Trennung der sesten Körper in gelöste»! Zustande durch Ausfällen mittels Reagentien erreicht, benutzt man zur Trennung der gasförmigen Bestandiheile eines Gemisches verschiedeneAbsorptionsmittel, von denen bekannt ist, welche Gase sie abiorbiren ». welche sie unverändert lassen. So läßt sich Kohlensäure durch Kalilauge, Chlorwasscrstossgas durch Wasser. Ammoniak durch verdünnte Schwefelsäure absor- biren n. ans der Differenz des ursprünglichen u. des nach der Absorption gemessenen Volumens die Menge dieser Gase ermitteln, Liegt ein verbrennliches Gasgemisch zur Untersuchung vor, so kann Lies auch, je nach seiner Natur mit Wasserstoff oder Sauerstoff gemengt, in einer durch Quecksilber abgeschlossenen Glasröhre mittels des elektrischen Funkens, der zwischen zwei in die Röhre (Eudiometer) eingeschmolzenen Platindrähten überspringt, verbrannt u. ans den Verbrennnngspro- dncteii, sowie dem Volumen der überschüssigen Verbrennnngsmntel die Zusammensetzung indirect ermittelt werden. Ein sehr wichtiger, aber wegen der Schwierigkeit der Untersuchungen noch lange nichr zur Vollkommenheit gediehener Zweig der analytischen Chemie ist die zooche m ische A. Dieselbe hat die Untersuchung der Bestandiheile des Thierkörpers, sowol der lhierischcn Flüssigkeiten, wie der Gewebe rc., in qualitativer n. qnamitativer Hinsicht zum Gegenstände, u. cs knüpfen sich die Fortschritte der Physiologie n. Pathologie an ihre Resultate. Wenn auch die Untersuchung einer thierischen Substanz ans eine bestimmte, ihren! Wesen nach schon bekannte chemische Verbindung nicht zu große Schwierigkeiten bietet, so treten diese um so mehr hervor, wenn es sich darum handelt, die Zusammensetzung einer schon bekannten oder gar ihrem Ursprünge n. Wesen nach unbekannten thierischen Materie im Einzelnen zu ermitteln. Diese Schwierigkeiten erhellen ans der leichten Zersetzbarkeit organischer Körper durch Fäulnis;, Hitze, Anwendung starker Reagentien, ferner ans dem Mangel an scharfen Erkcnnnngsmirteln, ob die hier meist in amorphem Zustande zur Untersuchung kommenden Körper chemisch rein sind, ob sie schon fertig gebildet in der Substanz vorhanden waren, oder erst während der Untersuchung ans anderen entstanden sind. Die zoochemische A. veschränkt sich in ihren Hilfsmittel» nichr auf die qualitative n. quantitative, Gewichts- und volumetrische A., sondern benutzt mit vielem Vortheil jede aus physikalischem Wege mögliche Untcrsnchnngsmethode, namentlich das Mikroskop (die mikrochemische A.), die Spectral-A., das Polariskop (s. Polarisation), die Dialyse u. a. Die colorimetrische A., ans die Annahme gegründet, daß die Farbcnintensität einer Lösung proportional sei dem Gehalte an färbender Substanz, bestimmt letzteren durch Vergleichung mir einer Lösung von bekanntem Gehalte (Normällös- nng). Die hierzu dienenden Instrumente bestehen gewöhnlich aus zwei durch Glasplatten verschlossenen Röhren, in welche die zu vergleichenden Flüssigkeiten gefüllt werden. Die gleiche Stärke der l (Chcmie). Färbung wird dabei entweder durch Verdünnung der zu untersuchenden Lösung, bei gleich bleibender Dicke der Schicht, erreicht, oder auf die Weise, Laß die Dicke der Flüssigkeitsschicht der zu untersuchenden Lösung durch Ausziehen der Röhre vergrößert oder verringert wird. Bei letzteren Apparaten ist (obige Annahme als richtig vorausgesetzt) der Gehall der Löningen umgekehrt proportional den Längen der Flüssigkeitssänlen. Diese Annahme ist aber nicht unbedingt richtig, da die Anwesenheit farbloser Körper in der Lösung deren Färbung beeinflussen kan». Dennoch ist die Methode brauchbar zur Bestimmung von Metallen, wie Kupfer, Ciscn, Chrom, Kobalt rc., von Chlor, Jod, Ammoniak, namentlich zur Werthbestimmnng von organischen Farbstoffen, wie Indigo, Krapp, Anilinfarben, in der Zuckerfabrik zur Bestimmung der entfärbenden Wirkung der Knochenkohle u. endlich des Fettgehaltes der Milch. — Die Temperatur- ernicdrignng (latente Schmelzwärme) beim Auflösen von Salzen, die entweder kein Krystallwasser anfnchmen, oder den höchsten Gehalt an solchem besitzen, ist für die einzelnen Salze verschieden n. bildet die Grundlage der thermometrischen A. von Salzgemischen. Nach den Versuchen Gay- Lnssacs z. B. sinkt beim Auflösen von 50 g Chlorkalium in 200 g Wasser die Temperatur um 11 , 4 °, dagegen beim Auflösen von 50 g Chlor- natrinm in 200° g Wasser nur nm k.g". Löst man nun öO g eines Gemenges dieser Salze in 200 g Wasser, so wird eine mittlere Temperatur- crniedrignng eintreten, ans der man das Verhältnis; der beiden Salze zu einander und weiter die proccntische Zusammensetzung des Gemisches berechnen kann. So einfach und leicht das Verfahren erscheint, darf demselben doch nicht zu großes Vertrauen beigelcgt werden, indem mancherlei Umstände, Größe ii. Masse der Gesäße, in denen die Mischung vorgenomnicn wird, Schnelligkeit der Reaction, der Grad der Trockenheit des Salzgcmenges rc., das Resultat beeinflussen. Anwendbar ist dasselbe zu technischen Zwecken in der Salpeterfabrikation, wo es sich darum handelt, im Chlorkalinm, welches zur Umwandlung des Nalrou- in Kalisalpeter dient, den Gehalt an Chlornatrimn zu bestimmen. Dabei darf aber kein drittes Salz in der Mischung vorhanden sein. Außerdem läßt sich die thcrmometrische A. zur Unterscheidung fetter Tle benutzen, da dieselben beim Vermischen mit concentrirter Schwefelsäure sich verschieden stark erwärmen. — Der Gebrauch des Aräometers zur Bestimmung des specifischen Gewichtes von Flüssigkeiten n. daraus des Gehaltes an Säuren, Salzen, Alkohol rc. gehört auch in das Gebiet der A. u. wird als densimetrische A. bezeichnet; dieselbe kann indirect n. mit Hilfe von Tabellen auch zur Werthbestimmnng fester Körper, z. B. des Stärkegehaltes der Kartoffeln, dienen.—Bestimmung des specifischen Gewichtes und des Licht- brechnngsvermögens flüssiger Körper liefern eine sehr brauchbare Methode der optischen A- zur Ermittelung der Zusammensetzung eines Gemisches, besonders organischer Verbindungen, senden! iu neuester Zeit Instrumente constrnirt werden, mit Hilfe deren das Lichibrechungsvermögen rasch u. genau sich bestimmen läßt (s. Refractomeler). Analytik — Literatur: Beilstein, Anleitung zur gnal. cheui. A-, 8 . Aufl., Leipz. 1878; Birnbaum, Leitfaden der chem. A., 2. Anfl., Lpz. 1873; Derselbe, Löthrohrbnch, Brannschw. 1872; Volley, Handbuch der tcchn.-cheni. Untcrsuchnngc», 8. Aufl., Lpz. 1866; Bniiscii,Gasomclrische Methoden, Brannschw. 187,7; Derselbe, Einleitung zur A. der Aschen- n. lllline- ralwasscr, Hcide>b. 1871; Claasen, Grundriß der analyt. Chemie, gnalitat. A., Bonn 1878, gnantit. A., Erlang. 1871; Dragcndorff, Gericht!. - chem. Ermittelung von Eisten, Pciersb. 1868; Fresenius, Anleitung zur gnalit. chem. A., 18. Ausl., Brannschw. >866; Derselbe, Anleitung zur gnantit. chem. A., 6. Anfl., Brannschw. 1871 ff.; Derselbe, Zeitschrift für analyt. Chemie, Wiesb. seit >862; Gornp-Besanczh Anleitung zur gnalit. n. qnamit. chem. A., 8. Anfl., Brannschw. 1871; Hager, Untersuchungen, Lpz. 1871—71; Hoppe - Seyler, Handbuch der physiol.- n. patholvgisch-chem. A., 8. Ausl., Bert. 1870; Neubauer n. Vogel, A. des Harnes, 5. Anfl., Wiesb. 1867; Dito, Anleitung zur Answittelnng der Gifte, Brannschw. 1870; Naminclsbcrg, Leitfaden für die gnalit. chem. A-, 5. Anfl., Bert. 1867; Derselbe, L. f. d. gnantit. chem. A., 8. Anfl., Bert. 1871; Rivot, Handbuch der analyt. Mincralchemic, Lpz. 1863—66; Rose,Handbuch der analyt. Chemie, gnalit. A., 6. Anfl., Lpz. 1867, gnant. A., 6. Anfl., Lpz. 1871; Sonnenschein, Handb. der analyt. Chemie, gnalit. A., Berl. 1870, gnant. A., Verl. 1871; Derselbe, Gericht!. Chemie, Berl. 1869; Städclcr, Leitfaden für die gnalit. A., 7,. Anfl., Zürich 1871; Tiemann, Anleitung zur Untersuchung von Wasser, Brannschw. 1871; Will, Anleitung z. chem. A., 9. Anfl., Lpz. 1873; Derselbe, Tafeln z. gnalit. chem. N., 9. Anfl., Lpz. 1873; Wühler, Die Mincral-A. in Beispielen, 2. Anfl., Glitt. 1861; Wolfs, Kurze Anleitung zur gnalit. chem. Untersuchung anorgan. Stoffe, Bert. 1867; Derselbe, Anleitung zur chem. Untersuchung landwirthschafUrcher wichtiger Stoffe, 2. Auflage, Berl. 1867. Analytik, die Wissenschaft der Analysis. Aualy tik, nnbc st im in t e, oderD i ophantische Analysis ist der Theil der Algebra, welcher sich mit der Behandlung von Aufgaben beschäftigt, in denen zur Bestimmung der Unbekannten weniger Gleichungen als unbekannte Größen gegeben sind, denen deshalb im Allgemeinen eine unendliche Anzahl von Wcrthcn der Unbekannten genügt, n. die danach unbestimmte heißen. Indem man indessen bestimmt, die Lösung solle z. B. in ganzen oder in positiven Zahlen stattfindcn, oder allgemein, indem man die Form der Lösung an eine Bedingung knüpft, macht man nur einen Theil jener unendlich vielen genügenden Werthe der Unbekannten, osr nur einen Werth zulässig (die Bestimmung der Form der Lösung ersetzt gewissermaßen eine fehlende Gleichung). Aufgabe der unbestimmten A. ist es, diese Werthe mittels besonderer Methoden direct zu finden. Hier ein einfaches Beispiel einer dioph antischen oder unbestimmten Aufgabe: Ein Bauer bringt Eier zum Markte, mehr als 200, weniger als 300; verkauft er sic nach Dutzenden, io bleiben! ihm 10 übrig, nach Mandeln, so bleiben ij wie; viel Eier hat er'? Er habe x volle Dntzend, vj Analytisch. 603 volle Mandeln; so ist 12 x -tz 10 — 15 7 -t- i die einzige für die Bestimmung der Unbekannten zn Gebote stehende Gleichung, ans welcher sich findet x — ; d,e,e gibt für jeden Werth von 7 einen Werth von x, z. B. d. h. ich kann jener Gleichung mit einem beliebigen Wenhe von 7 genügen. Zunächst muß 7, die Anzahl der Mandeln, eine ganze Zahl sein; nach dieser Beschränkung kann 7 nur eine der unendlich vielen ganzen positiven Zahlen sein; für die meisten dieser Werthe von 7 wird x ein Bruch; sie alle sind unzulässig, weil x, die Anzahl der Dntzend, kein Bruch sein darf; immer bleibt noch eine unendliche Anzahl von Werthen von 7 übrig, die jene Gleichung erfüllen, wie die unbestimmte A. zeigt, 7 ^ 2, 6, 10, 11, 18 , 22.siir welche bez. x — 2, 7, 12, 17, 22, 27. .. . wird. Gemäß jener Gleichung kann der Bauer mithin 2 Mandeln -l- l, 6 Mandeln 1- 1,10 Mandeln -z- 1 -, d. i. 81, 91, 151, 211, 271, 331 . . . Eier haben; cs sind aber zwischen 200 n. 800, also entweder 211, oder 271 Eier. — Die Untersuchungen der unbestimmten A. sind im Allgemeinen schwieriger Art, besonders wenn sie Gleichungen höheren Grades betreffen; vielfach werden Ketten- brnche dabei angewandt; sie führen meist auf Probleme, welche in der Natur der ganzen Zahlen begründet sind, und die jetzt in einer besonderen Wissenschaft, der Zahlcnrheorie', behandelt werden, so daß die unbestimmte A. mit dieser in genauestem Zusammenhänge steht n. in der Hauptsache nur eine Anwendung derselben ist. Als ihr Erfinder gilt meist der Alexandriner Dio phantos, in dessen auf uns gekommenen 6 Büchern arithm. Anfg. vorzüglich unbestimmte Aufgaben meisterhaft gelöst werden. Wahrscheinlich ist er aber nicht der Erfinder, sondern nur Sammler des schon Entdeckten. Nach ihm hat erst Pieta die unbestimmte A. weitcrgebildet, dann Bachet, in vorzüglicher Weise Fermat, ferner Euler, von dem ihr Name herrührt, Lagrange, Legendre n. hauptsächlich Gauß, seit welchem die Zahlenthcorie n. damit indirect die unbestimmte A. vielfach eingebaut wird n. bedeutend ansgcbildet worden ist. Die Elemente der unbestimmten A. finden sich in den meisten Lehrbüchern der Algebra. Pgl. Baltzer, Elem. der Math., Bd. 1 , 3. Anfl., Lpz. 1868; Diophantns, Arithm. Anfg., übersetzt v. O. Schulz, Berl. 1822; Euler, Algebra, Pcrersb. 1802, oder dieselbe, bearb. v. Garnier, Par. 1807; Legendre, Zahlentheorie, 3. Anfl., Par. 1830; Gauß, vls- gnisitnonss aritirmstieno, Lpz. 1801 n. Gölt. 1863. Analytiker, ein in der Analysis Erfahrener; besonders praktischer Chemiker. Analytisch (v. Gr.), 1) anflösend, zerlegend; Gegensatz von synthetisch, s. Analysis; so a-cr Begriff, a-e Definition, a-es Urtheil ic., besonders die a-c Methode in der Katechetik, bei welcher ein Begriff oder Satz in seine BestanLthcile zerlegt !n. erklärt wird; in der Homiletik, wenn der Prediger den Text Wort für Wort oder Satz für S-ao /durchgeht, ohne ein Thema an die Spitze zn siel- 604 Anam — Amincis. len. Beim Unterrichte kann die a-e Methode nicht allein angewcudet werden, sie geht hier Hand in Hand mit der synthetischen Methode. 2) (Math.) Was zur Analysis gehört, wobei die Analysis gebraucht wird, oder was als Hilfsmittel in der Analysis dient, als a-e Gleichung, a-e Formel, a-e Auflösung, a-e Methode, a-e Geometrie, a-e Mechanik rc. 3) A-e Chemie, der die Ausführung der Analysen lehrende Theil der Chemie. Anain, so v. w. Annam. Anamaboe, (Anamabu, Annama), St. n. britisches Fort auf der Goldküstc; Sitz des Gouverneurs, Schule für Ncgerkinder, Handel; 5600 Ew. Annumlly-Dcrgr (Elefantenberge), Theil des Aligirigcbirges im S. von Vorderindien, mit dem 210 w hohen Ukka-Mullay; das Gcbirg hat große Bestände von Teakholz und weite Strecken zum Kaffcban geeigneten Landes. Anämatose (v. gr. au-, un-, Imlma, Blut, luü- matüü, ich verwandle in Blut), ungenügende Vlntbereitung, insbesondere ungenügende Erzeugung rother Blutkörperchen; ein Instand, der viele Veranlassungen hat n. bei mancherlei Krankheiten vorkommt. Ungenügende Zufuhr nahrhafter Nahrungsmittel, Mangel an Luft, Licht u. Hautpflege, niederdrückende Gemüthsbcwegungcn, Leiden der Athmnngs- u. Vcrdannngsorganc: dies sind die vorzüglichsten Quellen der A. S. Blut. Anambas, Inselgruppe des Reiches Sambas an der WKüste von Borneo; von Malaien bewohnt; zerfällt in 3 Gruppen: die nördliche, wovon Siantan die größte ist; die mittlere mit der Hanpt- inscl Dschimadscha, u. die dritte, unbedeutende. Anamcsit, ein feinkörniger Dolerit, in dem die Gemengtheile, Kalkfcldspath n. Angit, nicht mehr mit bloßem Auge zu unterscheiden sind; meist grau n. schwarz von Farbe; Vorkommen wie Dolerit n. mit diesem. Anämie (v. Gr.), s. Blutarmnth. ünamirta Pflauzcngatt. aus der F-am. der Menispermccu (XXII. 6), mit unansehnlichen Blüthen u. 1—Zsamigcn Steinfrüchten. Tropische Pflanzen, unter welchen X. Oeeulns <ü , ein Schlingstranch von Ceylon, Java, Am- boina n. Malabar, als Mutterpflanze der Kokkelskörner bemerkenswertst. Anammelcch, wie Adrammelech, eine babylonische Gottheit, deren Cult die nach Samaricn versetzten Colonistcn von Sepharvaim nach ihrer neuen Heimath verpflanzten. Der Name bedeutet: Ann ist König, n. die Gottheit ist also mit Anu- Oannes identisch. Auamnests (gr., Erinnerung), in der Rhetorik vorgebliches Wicderbesinncn des Redners auf eine ihm entfallene Sache; in medicinischer Hinsicht ist A. Anamncstik, der Theil des mcdicinischen Äraukenexamcns, welcher sich mit Erforschung der einer Krankheit voransgegangcnen Umstände, der Erscheinungen, welche das frühere Leben des Kranken darbot, der Ursachen des Leidens, soweit selbe in dem Vorleben liegen, beschäftigt; anamnestische Zeichen, die dadurch gewonnenen Krank- heitszcichen. Anamorphöic (v. Gr., Umbildung, Verbildung), 1) (Bot.) so v. w. rückschrcitende Metamorphose; s. u. Met. der Pflanzen. 2) (Med.) Umbildung einer Krankheit in eine andere. 3) (Physik) Optische A., eine verzerrte Zeichnung, die, von einem bestimmten, schief zum Einfallslothe geneigten Standpunkt aus, oder durch einen eigenthüm- lich gekrümmten Spiegel, oder durch ein besonders geschliffenes Glas gesehen, ein ordentliches Bild gibt. Daher anamorphotisch, verzerrt, verunstaltet. ünanipsss, Gatt, der Lippfische. Anämrs, Xnauassa sabiva Lr'mK. (wahre, eßbare oder Kron-A.), Pflanze ans der Fam. der Bromeliacccn aus dem tropischen Amerika. Sie hat secgrüne, dornig gezähnte, rinncnförmige, aloeartige Blätter; in der Mitte derselben steigt ein dicker, Lei der cultivirten Pflanze noch dickerer und fleischigerer, über 6 äm hoher Stengel empor, der sich in einen Blüthcnkolbcn mit bleibendem Blätterschopfe verlängert; unter diesem stehen in einer dichten Ähre die kleinen Blümchen. Die drei inneren Abschnitte des Pcrigons sind mit zweiröh- rigcn Schuppen besetzt. Die drei Narben sind fleischig. Die Frucht ist eine große, zusammengesetzte, tannzapfenförmige Beere, ans den verwachsenen Fruchtknoten u. Dcckblättchen gebildet. Die Samen schlagen oft fehl. Zur Reifezeit ist die Frucht groß, goldgelb oder röthlich n. von außerordentlich angenehmem Geruch n. Geschmack, so daß sie mit Recht zu den größten Dclicatcssen — nicht ihres hohen Preises allein wegen — gerechnet wird. In größeren Mengen wirkt sie nachtheilig ans Zahnfleisch, Zunge u. Magen. In Blechbüchsen eingemachte A. haben von ihrem köstlichen Arom etwas verloren, sind aber jetzt billig im Handel zu haben. Ans den Blattfasern lassen sich Gewebe Herstellen. Von dieser ausgezeichneten Frucht gibt cs in den Gärten eine große Menge Spielarten von sehr ungleichem Wcrthe. Die A. verlangt in hohem Grade Wärme n. Feuchtigkeit, gedeiht nur, wenn man erstere in den A-Hänsern oder A-kästen durch Heizung n. Fermentation gleichmäßig n. andauernd hervorbringen kann u. cs an letzterer während der Wachsthnmsperiode nicht fehlt; sie werden in Töpfe oder auch auf Erdbeete gepflanzt, gedeihen in den verschiedensten Erdarten, welche vorzugsweise aus Pflanzenresten bestehen u. das Wasser leicht durch- lasscn, sogar in reinem Moose; die nöthige Düngung wird zur gehörigen Zeit am besten in flüssiger Form gegeben. Die Anzucht geschieht aus den jungen Trieben (Kindeln), welche am Grunde des Stengels reichlich erscheinen, n. aus den über der Frucht sitzenden, jedoch weniger geeigneten Kronen. Unter den verschiedenen Cnltnrarten gehört folgende zu den gebräuchlichsten. Im Sept. werden die von der Pflanze getrennten Kindel einen Tag lang trocken gelegt n. dann auf ein warmes Mistbeet mit 15—20 cm hoher lockerer Erddecke 15 cm weit von einander flach cingepflanzt; die Wärme des Beetes muß während des Winters durch Erneuerung der Mistnmschläge oder zweckmäßige Heizvorrichtnng gleichmäßig auf etwa 1 8" 1i. erhalten werden. Im März Pflanzt man die A. dann in einen neu angelegten, etwas tieferen warmen Mistbeetkasten, welcher bei weiterem Wachs- thnm gehoben werden kann, mit sämmtlichen Wurzeln bei 60 cm Entfernung in lockere Erde, gießt jetzt reichlich n. bespritzt sie täglich abends mit er- Aimimsäther - wärmtem Wasser; durch Lüftung der Fenster u. leichte Beschattung ist die übergroße Hitze zu mildern. Im Scpt. werden die nun kräftig herangewachsenen Pflanzen in 20 am große Töpfe in lockere Erde gepflanzt, wobei gewöhnlich die Wurzeln, die sich rasch wieder bilden, nebst dem untersten Theil des Strunkes ganz abgeschnittcn werden; die Töpfe werden in einen frisch erwärmten Wintcrkastcn, oder in das 24" Ii. haltende Lohbcet eines Warmhauses bis an den Rand eingegraben, woselbst sie den Winter über bleiben können, oder auch zeitig in ein Frnchthans gebracht werden. Die Einrichtung des letzteren ist verschieden: es wird der blcichmäßigen Erwärmung wegen möglichst tief in die Erde gelegt n. mit einem Lohbeete versehen, welches durch Wasserheiznng oder Dünger von unten beliebig 20—24" II. warm gemacht werden kann, u. auf welchem die Pflanzen, frei eingepflanzt, oder mit den Töpfen eingcgraben, nahe unter die Fenster kommen. Hier blühen sie bei 18—20" Lnftwärme im Frühjahre u. reifen von Juli bis Oct.; begossen werden sie reichlich u. auch, außer während der Blüthe- n. Reifezeit, täglich mit erwärmtem Wasser bespritzt. Der lästigste Feind der A-Caltnr ist die A-Schildlans, welche nicht wieder zu vertilgen ist, wenn sie überhand genommen hat, n. die Cnltnr zu Grunde richten kann; sie muß von den größeren Pflanzen sorgfältig abgesncht n. ihre rasche Vermehrung durch Lüften der Fenster u. öfteres Bespritzen der Pflanzen mit Wasser eingeschränkt werden; kleine, nicht wcrthvolle Pflanzen, ans welchen sic sich findet, sind zu cassircn, u. dürfen die Kindel von den mit Schildlänsen behafteten Pflanzen niemals zur Anzucht verwendet werden. Amnmsiither (Ananasessenz, Ananasöl), eine der Ananas ähnlich riechende Mischung von Bntter- sänreäthyläther mit dem 8—lOfachcn Volumen- Alkohol. Er wird sowol in der Parfümerie, als znm Aroniatisiren von Conditorwaaren benutzt. Ananas-Erdbeere. Von diesen beliebten groß- früchtigeu, meist hell gefärbten Erbeeren gibt es viele Sorten, welche durchgängig in etwas schwererem Boden noch gut gedeihen n. reichlich tragen; s. Erdbeere. Ananashanf oder Pinna, ein ans denBlatt- sasern der ^mrnassa sativa LüwU. gewonnenes hanfartiges Material, das zu ziemlich seinen Geweben tauglich ist. Ananaskartoffcl, eine feine, sehr schmackhafte, längliche, mit vielen Augen versehene Kartoffelvarietät. Ananaskarallc (.st.8trass, Ananas), im Atlantischen Meere, weiß oder gelb, faustgroß, gewölbt, mit über die Wölbung hervorstehendcn Sternen, so daß tiefe Gänge zwischen ihnen liegen. Ananas-Neinctte, zur Klasse der einfarbigen Reinetten gehörende, mittelgroße, ergiebige Apfelsorte von feinem, gewürzhaftcin, ananasähnlichem Geschmack und citrongclber Färbung; eine der ver- hältnißmäßig wenigen Apfelsorten, welche sich wegen ihres Wuchses auch zu Pyramidcnbänmen eignen. Ananas-Schildlaus, s. Ananas. linsnassa T-r'mll., Pflanzengatt, ans der Fam. der Bromeliaceen (VI. 1). Art: -V. snbiva liliull. (Lromolia.stnanas T,.), die eßbare Ananas. - Aiiaphvttr'sis. 605 Anandrie (v. Gr.), Unmännlichkeit. Anamas, Mitglied der ersten Christengemeinde in Jerusalem; gab vor, zu deren Besten seine Güter zu Verkäufen, behielt'aber einen Theil des Erlöses zurück, worüber er, von Perrns verflucht, mit seiner Frau Sapphira Plötzlich starb. Ananke (gr.), Nothwendigkeit, Verhängnis;, Schicksal, welchem selbst die Götter unbedingt unterworfen sind (vgl. Parzen). Anankophästie (gr. Ant.), vorgeschriebenc kräftige Diät der Athleten. Anapa (Anap, Anape), befestigte Hafenstadt am Schwarzen Meere in Rusfisch-Kantäsien (Gonv. Kuban), mit 9000 Ew.; an der Stelle des alten Sind«; einer der wichtigsten Punkte in den russischen Operationen gegen den Kaukasus; sie ist Garnisonsstadt, Proviantort n. Flottenstation; Handel m Wachs, Honig, Wolle rc. 1784 von den Türken als Grenzfestung gegen die Russen errichtet, wurde A. von diesen dreimal genommen: im Juni 1791 durch Gndowitsch, worauf es im Frieden von Jassy 1792 wieder znrückgegeben wurde, dann im April 1807, wonach es der Friede von Bukarest 1812 wieder znrückbrachte, endlich im Juni 1828, seitdem cs zufolge des Friedens vonAvria- nopcl 1829 bleibend an Rußland kam, welches jedoch 185S während des Krimkrieges die alten Befestigungen zerstörte. Anapäst (v. Gr., der Znrückprallcnde), 1) Versfuß, besteht ans 2 kurzen Silben n. einer langen —). Die gebräuchlichsten anapästischcn Verse sind: 1) der vollständige Dimeter: O du Weltnnheil! o du Schicksalstag! 2) Der unvollständige (kätalcktische) Dimeter: Ans der Verbindung beider entsteht 3) der kata- lcktische Tctramcter des Aristophancs: Im Gesnndheitsglanz wird Jeder vielmehr j auf der Kampfbahn blühend dich schauen. 4) Der Archcbnlische Vers: geht auf eine logaödische Reihe ans. 3) (Griech. Lit.) A-e, in Anapästen abgcfaßte Spottgedichte. Anapetic (gr.), bei den alten Ärzten, nach Galenos, die Erweiterung von Räumen überhaupt, von Gefäßen insbesondere, im Leibe der thierischen Wesen. Anäphe, eine der Sporaden im Ägäischcn Meere, östlich von Thera, die Apollon der Sage nach ans dem Meere hervortanchen ließ, als die Argonauten auf der Rückkehr in stürmischer Nacht ihn um Hilfe anricfen. Heutzutage Anaphi, 68 (Ijkin (14- s^M), mit 1000 Ew. n. gleichnamiger Hauptstadt; im Ganzen kahl, in den Thälern jedoch das Genügende an -Getreide, Wein und Früchten bietend, namentlich Zwiebeln in Überfluß. An der SKüste Ruinen eines Apollomempcls n. der alten Stadt. Anaphonösis (gr.), Declamatwn, der ans die Athnmngs-, Stimm- n. Sprachwerkzenge bezügliche Theil der Gymnastik; stand bei den Griechen als Erziehnngs-, Gesnndheits- und Heilmittel in wohl verdientem Ansehen. 606 Anaphora oder Anapher — ^irn-ztnsirnm lox. Anaphora oder Anapher (gr., Wiederholung), 1) eine rhetorische Figur, in welcher mehrere aufeinanderfolgende Satzglieder mit besonderem Nachdrucke dasselbe Wort und dieselben Wortverbindungen wiederholen; z. B.: „Nicht seine Freunde, nicht seine Beschützer, selbst nicht seine Unschuld konnten ihn retten." 3) In der Griechischen Kirche, was in der Römischen der (nimm mw-nw: die Cousecration dcrAbendmablselcmente. sj) Buch, worin die Abcnbmahlstiturgie enthalten ist. Anaphrodtsir, Anaphroditis mus (v. Grp, thcilweises oder gänzliches, vorübergehendes oder dauerndes Unvermögen der Zeugung, als Folge gewisser Zustände der den Fortpflanzungsvorgän- gcn vorstehenden Gchirnorgane, oder örtlicher Assertionen der Nerven der Genitalien, je nach den Ursachen, dem Grade u. der Art entweder leichter, oder schwieriger, oder gar nicht heilbar. Erschöpfung der Kräfte durch Ausschweifung, übermässige Körper- oder Geistesanstrengnng, besonders bei Mangel der entsprechenden Ernährung n. sonstigen Leibcspftege, allzu lange Enthaltung vom Beischlafe u. eine Zahl von Erkrankungen, dies alles führt zu A.; anch wird A. verursacht durch verschiedene BildnngSschlcr in den GeschtechtS- thcilcn. S. Impotenz. Anaplasis (gr. Anaplasmns), 1) Wiederbild nng, Umbildung.' 3) Einrichtung eines gebrochenen Gliedes, vorzüglich der Act der Wiederznsaui menfügnng der Bruchstücke. Anaplasnk, die Kunst, verlorene Körpertheile, z. B. die ücase, ans einem anderen Thcil desselben Körpers zu bilden und anznheilen; die Mittel dazu Ana plastische Mittel. Dieser Theil der Chirurgie verdank: vorzüglich Dieffenbach seine jetzige Höhe. Aunpv, Fluß ans der Insel Sieilie», der Ana Pos der Alten, mündet südlich bei Syracns, nimmt oberhalb seiner Mündung rechts einen siusluß auf, welcher ans der Quelle Kuane (jetzt Pisma) entspringt. In diese Qnellc wurde der Sage nach die gleichnamige 'Nymphe verwandelt, weil sic sich dem Pluto entgegenwarf, als dieser die Proserpina raubte; Letzterer zu Ehren feierten die Syracnsier jährlich hier ein Fest. Umveit der Quelle die Ruinen des berühmten Tempels deo ZcuS Olym- pios (Olympiaion). Ehemats waren hier die Grabmälcr des Getön n. der Tamarata. Annvadschapürn (Aunradhapura), Ruinen der ehemal. Hauptstadt ans der Insel Ceylon, von den Portugiesen zerstört; Wallfahrtsort. ihr uugsort des heiligen Zahnes des i Anarchie (v. Gr.), der Znsian» wobei die richtende n. ausübende >' ansgehört hat, oder doch so gebeut . n ist, daß den Gesetzen kein Nachdruck , werdet'. kann n. die Sicherheit der Person und des EigenthunlS aufgehoben ist. Ein Zustand, der indes;, seiner Natur nach ein acuter, nie lauge ankalten kann, wol aber schlimme Nachwelten mir sich bringt: Schwächung der Autorität einer-, Re- aclion anderseits. Bon rationalistischer Seite wurde der Gedanke ausgestellt, die A., Herrschafts- losigkeit, als einen regelmäßigen Zustand cinzn- fübren, inner der Behauptung, daß, da der Mensch vermöge seiner Vernunft an sich gesetzmäßig handle, eine äußerliche Herrschaft des Gesetzes oder eine Autorität nicht nur überflüssig, sondern den natürlichen Menschenrechten gerade zuwider sei; und ebenso haben französische socialistcn die Ansicht ansgc sprachen, die Gesellschaft würde ökonomisch sich am besten befinden, wenn jedem Einzelnen vollste Freiheit bezüglich der Production wie der Con sumtion gelassen würde. Es liegt auf der Hand, daß jenes politische, wie dieses ökonomisch-sociale System unhaltbar, denn beide verleugnen den Mensche», der eben nicht reines Bcruunftwese», sondern anch ein mit Leidenschaften begabtes, sinnliches Wesen ist, und würden die Gesellschaft in beiden Beziehungen vollständig auflöse». Die Lehrer dieses Systems, wie Die, welche solche Zustände Hervorrufen u. nähren, bezeichnet inan als Anarchisten, den Zustand der Gesetzlosigkeit als anarchisch. Aniircsis (Rhet.), Verneinung oder Widerlegung dessen, was der Gegner mit Gründen dar- getban hat. Anas (a. Gcogr.), Grenzfluß von Lnsitanien und Bätica; jetzt Guadiana. Kons die Gattung Ente. Anasarle, Anasarkie'(v. Gr.), Hantwasser- sncht, lpvckrops -Vniwnroa. die wässerige Ausschwitzung in das unter der Haut liegende Zellgewebe; gewöhnlich ein Zeichen schwerer Erkrankungen innerer Organe. Bei beträchtlicher Hauk- wassersncht findet man auch das unter den serösen Häuten der großen Körperhöhlen gelegene Zellgewebe mehr oder weniger wässerig infiltrirt. A. kann activ oder passiv, fieberhaft oder fieberlos sein und anch aus Erkrankungen der Haut selbst entspringen, z. B. nach Scharlach, Blasern u. dgl. Eine gewisse Blutmischnng, welche Mangel an Fibrin u. Blutkörperchen, Überschuß au Blutserum bietet, begünstigt die Entstehung von A. unter sonst geeigneten Verhältnissen. Anaseh, Völkerschaft im Peträischen Arabien von ca. 60,OM) Köpfen, mit Stadt gl. N. Annspa'oie, Epispadie, s. Hypospadie. Annstäst, Brakanowski, einer der berühmtesten russischen Kauzelredner, geb. 1761 bei Kiew; zuletzt Erzbischof zu Astrachan; st. 1816. Seine ErbanungSreden, 4 Bde., werden noch heute vielfach von russischen Geistlichen zu Rathe gezogen. S. Anastasia, St. in der italienischen Pro». Neapel; 6620 Ew. Anastasia, 1) Sta. A. dicÄltere, vornehme Römerin, angeblich Schülerin des Petrns u. Paulus, unter Nero hingerichtet; Tag: der 15. April. 3) Sta. A. die Jüngere; wurde von ihrem heidnischen Vater an einen ausschweifenden Heiden vermählt, der sie von aller Gemeinschaft mit den Christen fernhiclt. Da sie nach dem Tode des Gemahls ihre Habe den armen Christen znwandtc, wurde sie unter Diocletian um 305 verbrannt; Tag: 25. Tec. ei) Sta. A., schöne Griechin am Hose Jnstinians; verbarg sich vor dessen Nachstellungen als Mönch verkleidet in ein Kloster zu Alexandria; st. 567; Tag: 10. März. ünastssläns lex, ein vom Kaiser Anastasius (191 bis 518 n. Chr.) erlassenes Gesetz, wonach der Cessionar, der Käufer einer Forderung, eigentlich von dem Schuldner nicht mehr einklagen kann, als er dem Cedenten für die Forderung bezahlt 607 AiinstasivZ — Anästhesie. Hat; s. n. Cessio». Das Gesetz bezieht sich nur auf wirkliche Käufe,, nicht auf kaufähulichc Geschäfte, nicht auf Käufe in öffentlichen Versteigerungen, ober auf Forderungen ans Inhaber- oder Ordrepapieren re., wurde aber von mehreren Particularrechten, als mit den neuen Verkehrs- Verhältnissen nicht vereinbar und daher nicht zu handhaben, ganz aufgcbobcn (Preußen, Sachsenrc.I. Anastanos , Byzantinische Kaiser: I) A. I. Dikoros, geb. 431 zu Dyrrbachinm, angeblich ein Nachkomme Pompejus' d. Gr.; hatte seine Laufbahn im Palastdienste zu Constantinopel begonnen n. wurde Kaiser, indem ihm Ariadne, die Wittwe des 9. April 4SI vcrst. Kaisers Zeno, die Hand reichte; er starb l. Juli 518, angeblich vom Blitze gctödtct: s. Byzantinisches Reich. Er suchte in den monophysitischen Streitigkeiten, ohne Einmischung in die religiösen Meinungen, nur die bürgerliche Ruhe zu wahren, wofür er von den Fanatikern noch im Grabe verketzert wurde. 2) A. II. (Artemius), vorder vertranter Gebeim-- rath des .Kaisers Philippikos BardancS, dem er im Juni 713 als Kaiser folgte: zwang die griechischen Bischöfe, von dem durch seinen Vorgänger begünstigten monotheletischcn Bekenntnisse zur Orthodoxie znrückzukebren; 715 bei einer Soldaten- empörung abgesetzt, ging er 716 in ein Kloster. Er wurde 719 bei einem Versuche, wieder Kaiser zu werden, ermordet. Anastasis (gr.), Wiederanfstchen; Genesung. Anastasius, I. Päpste: 1 St. A. I., Römer von Geburt; folgte auf Siricins 498, als der 40. Papst; verdammte die Manichäer n. den Origcnes; er st. 14. Dec. 401. 2) A. II., der .',1. Papst, folgte 496 ans GelasinS I.; st. 498. Er wurde in Folge seiner Nachgiebigkeit gegen die Orientalen in der Zäjäbrigen Kirchcntrennnng fälschlich als Mouopbysit bezeichnet, welcher Jrrtlmm Dante veranlaßte, den »nschnldigcn Papst zu den ewig verlorenen Häretikern in die Hölle zu setzen. 3) A. III., der 125. Papst, 911—9l3, zur Zeit des berüchtigten Weiberregiments. P) A. IV., der 174. Papst, 1153 1154, freundlich gesinnt gegen Kaiser Friedrich I. II. Patriarchen re.: 6) A. der Sinait, früher Einsiedler; wurde 559 Patriarch i» Antiochien; als Gegner der Llphthartodoketen wurde er für einige Zen 572 verbannt; er starb c>99. 6) St. A., folgte dem Bor. als Patriarch n. wurde 609 von den Inden bei seinen Bekehrnngsversnchcn ermordet. 7) A., Schüler und 730 'Nachfolger des im Buderstreite abgesetzten Patriarchen in Constantinopel, Germanus; unterwarf sich Kaiser Leos Verordnungen gegen den Bilderdienst, trat dann dem für die Bilder kämpfenden Artabasdus bei, wofür er vom Kaiser Constantin Koprvnymos schimpflich bestraft wurde, gewann aber später die Gunst des Kaisers und seine Stelle wieder: er starb 753. 8) A., Bibliothekar am Vatikan um 886; verdient als Bearbeiter deS Inbor poutitioalw, einer Zusammenstellung der Lebensbeschreibungen der Päpste bis Nikolaus I. Anastasius Grün, s. u. Auersperg. änaststlea L., Pflanzengattung aus der Familie der Kreuzblüthler (XV. 1). Einzige Art: X Nioroobullbiaa L. (Rose von Jericho), 1^—2 ckm hoch, ästig, mit weißen, trngdoldenartig zu sammcngestellten, wiukelständigcn Blüthcn n. weiß flaninigcn Blättern; an Meercsnfern in Ägypten, Palästina, der Berberei, Syrien n. Arabien, i Beim Trocknen biegen sicb die Zweige gitterförmig zu einer Kugel nach oben gegen einander, breiten sich aber, so oft die Pflanze durch den Regen oder durch Eintauchen in Wasser befeuchtet wird, wieder ans. Deshalb wnrde die Pflanze früher heilig gehalten n. war Gegenstand vielfachen Aberglaubens. Die Legende sagt, sie sei in der Wüste an den L-tellen hcrvorgefprvßt, welche Maria auf ihrer Flucht mit dem ChristnSkinde mit ihren Füßen berührte. Man behauptete, sic öffne sich nur an hohen Festtagen, vorzüglich am Weihnachtstage, solle auch glückliche oder unglückliche Niederkünfte rc. anzcigen n. ganz vorzüglich heilkräftig bei meh reren Krankheiten sein. Häufig wurde sie, namentlich von Wallfahrern, nach Europa gebracht, n. auch jetzt noch wird bei Unwissenden viel Unfug damit getrieben. Der Name Jcrichorose ist nicht zutreffend, den» sie ist keine Rose n. mit Jericho har sie Nichts gemein. Anastatischer Druck, ein von Rudolf Appel erfundenes, 1845 von Faraday empfohlenes Verfahren zur Vervielfältigung von Kupferstichen n. Typendrnck. Das mit'stark verdünnter Salpetersäure getränkte Original wird auf eine mittels Zmirgel n. Wasser u. daun noch einmal mit trockenem Smirgel oder Smirgclpapicr unter Reiben nur nach einer u. derselben Richtung gut pu- lirte Zinkplatte aufgepreßt, welche von der Säure angegriffen wird, während die Druckerschwärze keine Säure annimmt, was zur Folge hat, daß die geschwärzten Stellen des Originals auf der Platte erhöht erscheinen, wie das bei Stereotyp- Platten der Fall. Übrigens erreicht der durch den A. D. hcrgestellte Abdruck nie die Reinveit des Originals, daher dessen geringer Werth für Knnst- zweck. Um die 'Nachahmung voll Papiergeld zu verhindern, wnrde von Glyne n. Appel das anti- anastatische Patenrpapier hergcstellt. Dieses ist mit einer tnpfcrbaltigcn feinen Schicht überzogen, welche keine unmittelbare Berührung des Papiers mit dem Zink znläßt, so baß das Werthpapier nur fetzenweise abgclöst werden kann. Anästhesie (v. Gr.s, EmpfindnngSlähmnng, bezeichnet den Zustand, in welchem die Thätigkeit der sensibel» Nerven, d. h. derjenigen, weiche das Gefühl vermitteln, völlig oder zum Thcil aufgehoben ist. Die A. erstreckt sich entweder nur auf einen beschränkten Körpcrthcil, oder auf den ganzen Körper, n. in entsprechender Weise auf einzelne, oder anf sämmtlichc sensible Nerven des Körpers. Die Ursache n der A. liegen entweder in Veränderungen des Gehirnes oder Rückenmarkes feen träte Ä.), oder in Zustände», welche ans der peripherischen Bahn des 'Nervs, also von seinem Abgänge vom Gehirne bis zu seiner Endausbreitnng in der Haut rc. gerechnet, die Aufnahme- n. Leitnngsfähigkeit von Gcfühlseindrücken aufgehoben haben (peripherische A.). Schneidet man einen sensibel» Nerv Lurch, so gelangen keinerlei Reize, die mall auf die unterhalb des Schnittes gelegene Strecke des Nervs ausübt, zum Bewußtsein (werden nicht gefühlt); Reize dagegen oberhalb der Trennung»- 608 Anastomose stelle werden bis in die Endausbreitungen der betreffenden Nerven verlegt, und fühlt event. also Jemand Schmerz in der großen Zehe seines am- pntirten Unterschenkels, wenn diese Nervenfasern am Oberschenkel, oder sonst an einer Stelle vom Amputationsstnmpfe an bis znm Rückenmarks oder Gehirne gereizt werden (^. clolorosa). Ebenso interessant ist die Erscheinung, daß in einzelnen Fällen bei ungestörter Tastempfindung Reize, die sonst Schmerz erzeugen, diese Wirkung nicht haben (Analgesie). Die Vorgänge in Gehirn und Rückenmark, welche eine centrale A. bedingen, bestehen in Blutergüssen, entzündlichen n. wässerigen Ausschwitzungen, Erweichung, Geschwülsten daselbst; künstlich kann eine centrale A. hervorgcrnfcnwerden durchdie sog. ^niiatlrsbiea, zu denen vorzugsweise Chloroform, Äther, Stickoxydulgas gehören, die eingeathmet außer einer völligen Bewußtlosigkeit die sämmtlichen sensiblen Nerven unempfindlich machen n. daher bei schmerzhaften Operationen von großer Wichtigkeit find. Ähnlich wirken Opium u. Alkohol bei innerlichem Gebrauche. Einige Metalle, namentlich das Blei, haben in chronischen Bergiftnngssällen A. zu ihrer Erscheinung. Die peripherische A. entsteht durch Druck von Geschwülsten ans die peripherische Base sensibler Nerven, durch Verletzungen bei Operationen, durch Einwirkung starker Kältegrade (rheumatische A.). Auch die peripherische A. läßt sich künstlich Herstellen durch Einspritzung von Morphium oder Karbolsäure unter die Haut, durch örtliche Anwendung der Kohlensäure, durch starke Abkühlung eines Äörpcrthcils, durch Eis oder Äther, doch erreicht man örtlich niemals eine vollkommene Anästhesie, sondern nur eine Abnahme der Gcfühlsempfindnug. Es dürfte nicht unnütz sein, vor dem jetzt so üblichen Mißbrauche zu warnen, daß die Kranken selbst sich ihre schmerzstillenden Einspritzungen unter die Haut machen. Erfahrungen der neuesten Zeit lehren, wie unheilvoll nicht selten dieser Mißbrauch ist, u. hat man völligen Wahnsinn von zu häufigen Morphiumeinspritzungen beobachtet. Über die Anästhetischen Mittel s. d. einzelnen Art. Eine Übersicht der Arbeiten übers A. enthalten die physiologische Lehrbücher und Pltha - Billroths Chirurgie II. 2. 2., S. 575. Anastomöse (v. gr. auaickörliöaw, Einmündung), 1) (Anat.) gegenseitige Verbindungen zweier oder mehrerer Zweige einer u. derselben, oder verschiedener Arterien in Form von einfachem, winkeligem oder bogenförmigem Znsammentrctc», oder in Gestalt von Netzen, Geflechten rc. Auch Venen, Lymphgefäße n. Nerven bilden solche, nur gehen bei letzteren die einzelnen Zweige nicht in einander vollständig ans, sondern liegen nur innig an einander. Durch die A. wird der Übergang von Blutflüssigkeit aus einer Arterie in die andere, ans einer Vene in die andere (selten aus einer Arterie in eine Vene) ermöglicht. Die A. ist deshalb sehr wichtig, weil'sie z. B. gestattet, einen großen Gesäßstamm zu unterbinden, ohne daß der abwärts gelegene Theil ganz blutleer wird u. folglich abstirbt. In solchem Falle erweitern sich die kleinen, oberhalb gelegenen Zweige der unterbundenen Arterie und die einer anderen, abwärts gelegenen, — ^.iirrttüns. die vorher schon mit einander anastomosirtcn, und stellen so den Kreislauf wieder her, verhüten also das Absterben. Die A. ist besonders wichtig bei Operationen, aber auch in Krankheiten, durch welche Gefäßstämme verstockt werden. (Anastomotisches ! Aneurysma heißt die Verbindung von Arterien ' mit Venen in Form von flachen oder erhabenen s Gefäßgeschwülsten.) Anastomosiren, durch Ge- I fäßzweige mit einander verbunden sein, z. B. zwei ^ Arterien anastomosiren mit einander rc. 2) (Bot.) ! Verästelung der Ecfäßbnndel bei Pflanzen, insbesondere bei den Blättern der Dicotylcdonen, wobei die Äste an ihren Enden thsilweisc wieder zn- sammenfließcn u. dadurch eine netzartige Verbind- ! ung darstcllen. Anaströphe (gr.), Hinwendung, in der Gram- j matik eine Wortversetzung, wie z. B. lat. kaeiani vobis satis (genug werde ich euch thnn) statt satis laciain völlig (ich werde euch genug thnn. Aliätas, im Tetragonalsystem krystallisirte Ti- tansänre, bestes Beispiel von Polymorphismus in der Natur, da Brookit n. Rutil ebenfalls Titansäure sind, aber in rhombischen n. anderen Formen des tctragonalen Systems krystallisiren; spec. i G. — 3,go! phosphorcscirt plötzlich beim Erhitzen, . ist aber für sich unschmelzbar. Findet sich in metallglänzenden u. meist tiefblau oder roth durchscheinenden Krystallen in Chlorit oder Glimmerschiefer, am schönsten in der Dauphin«,'am St. Gotthard u. im Fichtelgebirge. Anathema (gr.), 1) Anathema (gr. anä- ^ tlwma), das Ans- u. Ausgestellte, besonders Weih- ^ geschcnke in Tempeln. 2) Anathema (gr. ami- ! tlröma), in der Bibel ein zur Schau u. Schande ausgestellter Mensch, ein Verfluchter, auch gleich dem ! hebräischen Cherem, der Fluch selbst, die Ausschluß- ! ung eines Israeliten, eines Christen von allen Vorrechten; der Kirchenbann. -L. nmrnnallm (d. i h. sei verflucht, der Herr kommt), l. Kor. 16,22 I war schwerlich eine hebräische Bannformcl. L. osto, L. sit, er sei verflucht! Anathcmatisiren, mit dem Banne belegen, verfluchen. knstbsi'um, eine ostindischc Grasgattnng, von welcher imuioatnm auch ans Bourbon n. Jsle Le France angcbaut wird. Die aromatische Wur zel dient zu Flechtwerk u. Matten, wird auch als Arzneimittel angewendet. Harckim, Ingwer gras, hat ähnliche Eigenschaften. Anathöth, Priesterstadt im Stamme Benjamin, nördlich bei Jerusalem; Geburtsort des Propheten Jeremias. Anätia, Unschuld; auch als Personification. /lustlos praporklo, das gleiche Maß- n. Ge- wichtsverhältniß (Pharm.); s. unter ^.na. /lnstiäse entcnartige Vögel, auch Zahnschnäbler (Immskliroskrss), Fallt, der Schwimmvögel, mit breitem, am Grunde hohem Schnabel, welcher von einer weichen, nervenreichen Haut bekleidet, an den Rändern durch Querblättchen wie gezähnelt erscheint n. mit einer nagelartigen Kuppe endet. Die Qnerblätter stellen eine Art Sieb her, durch welches beim Gründeln die Nahrung zurück- gehalten wird, während das Wasser abfließt. Dem Schnabel entsprechend, ist die große, fleischige, am Rande gefranste Zunge zum Seihen eingerichtet. Hierher insbesondere die Gattungen Flamingo Anatocismus — Anatomie. 609 (I'üoenieopterus), Schwan (Oz-Anus), Gans (Insert, Ente (Tuns) u. Säger (LlerZus). Anatocismus (v. Gr.), in der Rechtskunde i Zins von Zinsen. Man unterscheidet T. eonjnne- tns, wobei die Zinsen zum Capital geschlagen, u. ! 8opsratus, wobei die Zinsen, als ein neu ver- M zinsliches Capital dem Schuldner gelassen werden. I Elftere Art galt im Gemeinen Rechte als Wucher, i Hinsichtlich der den A. betreffenden Gesetze s. Zin- . sen u. Wucher. Anatolien (Anatolia), so v. w. Natolien. ! Anatolros, 1) A., aus Alexandria der Erste, der den Aristoteles in die christliche Theologie einführte; zuerst Lehrer in seiner Vaterstadt, seit 270 Bischof von Laodicea; führte die Osterrechnnng nach dem 19jährigen Cyclus ein. 2) A. , aus Alexandria; wurde 449 Bischof von Constantinopel; unter ihm begann der langwierige Kampf der Eifersucht zwischen den Bischöfen von Rom u. Constantinopel; er st. 458. Anatom (v. Gr., Zergliederer), Naturforscher, der sich mit Untersuchungen über den Bau des menschlichen (thierischen n. pflanzlichen) Körpers u. seiner Theile befaßt u. jenen zu solchem Zwecke im Ganzen betrachtet, oder in seine einzelnen Be- standiheile mittels mechanischer Hilfsmittel (Messer, optische Instrumente) trennt. Anatomie (v. gr. anatsmuoin, zerschneiden), umfaßt 1> praktische A. (Secir-, Präparirknnst), die Kunst (Arbeit) der Zergliederung organischer Körper (speciell des Menschen) zum Zwecke der -i- Erforschung ihrer Form, Lagerung, ihres Baues, s gegenseitigen Zusammenhanges rc.; 2) die Wissenschaft von diesen Dingen: theoretische A. Beide gehören jedesmal als Theile sowol der A. der Pflanzen (Phytotomie), als der A. der Thiere (Zootomie), als der A. des Menschen (Anthropo- ! tonne) an. Die theoretische A. des Menschen zerfällt in a) allgemeine A. oder Lehre vom Körper in seiner Gesammtheit n. in seiner Zusammensetzung aus feinsten Theilcn (allgemeine Morphologie, mikroskopische A.); b) specielle A. (auch beschreibendes oder Beschreibung bestimmter Theile, Organe u. Gruppen von Organen, sowie der Art der Theilnahme beider am Aufbau des Körpers. Die specielle A. iheilt man in systematische u. topographische A. Die systematische A. classifi- cirt man nach Zusammengehörigkeit in Bau und Verrichtung der Theile u. erhält auf diese Weise folgende Ünterabtheilungeu: an) Osteologie, Lehre von den Knochen; bb) Syndesmologie, Lehre von den Bändern u. Knorpeln; ee) Myo- logie, Lehre von den Muskeln; clcl) Splanch- nologi e, Lehre von den Eingeweiden n. Sinnesorganen; oo) Angcologie, Lehre von den Blut- n. Lymphgefäßen; K) Neurologie, Lehre vom Nervensystem. Die topographische A. betrachtet , zu gewissen praktischen Zwecken (besonders für ' chirurgische Operationen) bestimmt abgegrenzte Körperrcgionen u. beschreibt Lagerung u. Zusant- menhang der Theile innerhalb dieser. Die vergleichende A. betrachtet vergleichend den Bau des ganzen Körpers u. der einzelnen gleichartigen Theile durch alle Thierklassen, sucht die Einheit in der Entwickelung u. Organisation der Formbestand- lheile, sowie das stufenweise Fortschreiten von den PicrerL tlnioersal-ConversalionL'Lexikcn. ti. Aufl. einfachsten bis zu den höchst organisirten Formen n. umgekehrt. Die pathologische A. ist die Lehre von durch Krankheit hervorgerufcnen Veränderungen der Organe (im tobten Körper). Sie erst lehrt die Krankheiten recht verstehen, sicher erkennen durch Rückschluß auf den gesunden Zustand n., wo dies möglich, die Heilung anbahncn. Geschichtliches. Die Ärzte des Alterthums zergliederten znm Theil ans Ehrfurcht gegen die Verstorbenen, znm Theil ans religiösen Vorur- thcilen keine menschlichen Leichname u. hatten deshalb vom Bau des menschlichen Körpers nur unvollkommene, ja falsche, meist nur aus Beobachtungen beim Schlachten u. Verzehren von Thiereu, sowie ans absichtlichen Thierzergliedernngen hergeleitete Kenntnisse. Nur in Bezug ans die Osteologie war ihr Wissen offenbar zum Theil auf die Kenntniß menschlicher Knochen, besonders des Schädels ba- sirt (solche erhielten sie ja wol öfter bei Umgrabungen von Gräbern) u. deshalb richtiger, als hinsichtlich der übrigen Körpergebilde. Im ganzen Alterthnm bis in die Zeit des 16. Jahrh. hielt man die Arterien für Lnftgefäße, weil sie nach dem Tode leer gefunden werden, n. trennte sie nicht sicher von anderen strangförmigen Gebilden, wie Nerven, Venen, Sehnen rc. Der große griechische Arzt Hippokrates z. B. kannte nicht einmal die Natur der Gefäße. Der Thier-A. kundig waren Anaxagoras, Demokritos, Alkmäou, Empe- dokles, ganz besonders der große Naturforscher n. Philosoph Aristoteles, nach ihm Dioklcs. Hcro- philos n. Erasistratos ans der Alexaudrinischen Schule (in dem 2. Jahrh. v. Chr. blühend) haben zweifellos Untersuchungen an menschlichen Leichen gemacht. Galenos (131 n. Chr.), legte seinen zahlreichen Schriften vorzugsweise Thierzergliederungen zu Grunde. Die Kenntnisse der arabischen großen Arzte (circa 1000 n. Chr.) in der A. waren wo möglich noch unvollständiger, als die der Griechen u. Römer, obwol sie aus den Schriften jener den größten Theil ihres ärztlichen Wissens schöpften. Zwar hatte schon der kirchlich ungläubige Kaiser Friedrich H. bezüglich der Hochschule von Salerno befohlen, daß jeder Operateur in der A. sich ans- bildc, weil ohne deren Kenntniß keine Operation sich gehörig ausführen lasse. Gleichwol scheinen Zerlegungen menschlicher Leichen — vielleicht höchstens bas halbmaurische Salerno ausgenommen — bis ins 14. Jahrh. nicht stattgefuuben zu haben. Da unternahm es Mondino de Luzzi, Professor zu Bologna, im I. 1315, zwei menschliche Leichen zu seciren; er verfaßte dann das erste anatomische Lehrbuch. Allein wieder dauerte es zwei Jahrhunderte, bis weitere Fortschritte erfolgten. Jac. Berengar v. Carpi veröffentlichte .1521 ein größeres Werk über A. u. setzte die in seiner Vaterstadt begonnenen Untersuchungen zn Ferrara fort. Noch im nächsten Jahrhundert waren fast alle hervorragenden Anatomen Italiener, während man in den anderen Ländern noch zum großen Theil an den durch Galen u. A. aus der Zootomie in die An- thropotomie übertragenen halbrichtigen Vorstellungen hing. Um diese Zeit wurde durch Vesalins, der in der Schärfe seiner Beobachtung u. Genauigkeit seiner Abbildungen alle früheren Anatomen übertraf, eine neue Epoche der A. begründet. Ihm folgten l. Band. zg 610 Anatomische Abbildungen — Eustach, Faloppio u. Vcsals Schüler Colomb, n. anatomische Lehrinftitute wurden auf allen europäischen Akademien u. Universitäten errichtet. — Der spanische Arzt Michael Server (der Nämliche, der auf Calvins Betreiben wegen Unglaubens zu Genf lebendig verbrannt wurde), entdeckte uni die Mitte des 16. Jahrh. den kleinen Blutkreislauf, jedoch wurde seine Entdeckung nur von Wenigen beachtet. Erst die Untersuchungen (obwol anfangs stark angegriffen) des Engländers Harvcy zu Ende des 16. Jahrh. lehrten den Kreislauf des Blutes vollständig kennen n. begründeten die allgemeine Anerkennung desselben, obwol sie von Rom ans als gottlos förmlich verdammt worden war. Aselli entdeckte zu Anfang des 17. Jahrh. die Lymphgefäße; gleichzeitig untersuchte Willis (st. 1675) Gehirn u. Nerven. Zn Ende desselben Jahrhunderts wurde Malpighi (st. 1694) in Bo logna der eigentliche Schöpfer der mikroskopischen A., indem er zuerst das Mikroskop in ausgedehntem Maße aus die Untersuchung der Gewebe in Anwendung brachte. Im Anfänge des 18. Jahrh. untersuchte Rnysch den Verlauf der feinsten Ge- fäßverzweignngcn mit Hilfe einer verbesserten Jnjectionsmethode (Einspritzen von geschmolzenem Wachs), ein Verfahren, dessen man sich noch heute bedient (man gibt dein Wachse für Arterien eine rothc, für Venen eine blaue Färbung); für Lymphgefäße nimmt man Quecksilber. Gleichzeitig legte Morgagni den Grund zur pathologischen A. Albin lieferte vorzügliche anatomische Abbildungen. Albrecht v. Haller (st. 1777) verband das anatomische Studium mit dem der Physiologie. Bichat (st. 1802) wurde durch seine Untersuchungen über die Gewebe der Reorganisator der bisherigen mikroskopisch - anatomischen Wissenschaft. Die vergleichende A. ist eine Schöpfung des vorigen und dieses Jahrhunderts Von Cnvicr, Blnmenbach, Meckel, Goethe, Carus, Gcvffroy de St. Hilaire, Owen, Rud. Wagner, Siebold, Leuckart, Schnitze, Gegcnbanr u. Ä. ward sic vorzüglich gepflegt. In der pathologischen A. haben sich außer anderen bedeutenden Ärzten ganz besondere bahnbrechende Verdienste erworben: Rokitansky in Wien u. Virchow in Berlin. In der praktischen A. oder Zergliederungs- kuust versteht man unter Section die kunstgerechte Eröffnung der Körperhöhlen (auch Situs genannt) u. Untersuchung ihrer Theile, z. B. zum Zwecke der Ermittelung der Todesursache, unter Präparation das kunstgemäße Bloßlegen eines bestimmten Organs oder Organtheils zum Zwecke des speciellen Studiums desselben. Einen durch Präparation bloßgelegten, vom übrigen Körper meist abgetreuntcn Körpertheil nennt man ein anatomisches Präparat. Solche heißen, nachdem sie durch die Einwirkung der Trockcnhitze u. durch andere Mittel vor F-äuluiß bewahrt u. gefirnißt find, getrocknete Präparate; meist aber bewahrt man jene in mit etwas verdünntem Alkohol oder mit anderen Fänlniß verzögernden Mitteln gefüllten Kästen, Gläsern (Spirituspräparate), welche letztere am besten durch eingeschliffene Glasstöpsel verschlossen werden. Für anatomische Sammlungen (anatomische Museen), eignen sich sowie für das Privatstndinm außer Liesen Prä- Ancrtümischcr Heber Wolffs. paraten Nachbildungen in Wachs, Papiermache rc., wie sie in Leipzig von dem Bildhauer Sieger angefertigt werden. Der zu Sektionen und zum Präpariren erforderliche Apparat besteht ans verschiedenen Secirmessern (Scalpellen), Scheere, Muskclhaken, Pincctte, Sonde, Jnjectionsspritze, Säge, Klöpfel, Meißel rc., die in einem gemein, schaftlichen Etui, dem anatomischen Besteck, anfbewahrt werden. — Secirsaal, anatomischer Saal, d. i. Arbeitssaal von besonderer Einrichtung, in welchem die Studircnden der Meinem die praktische A. erlernen, selbstständig oder unter Anleitung des Prosectors präpariren. — Literatur: C. E. Bock, Handb. der A. des Menschen, 4. Anfl., Lpz. 1864; Wagner, Lehrbuch der Zootomie, bearbeitet in Gemeinschaft mit Frey u. Leuckart, Leipzig 1843—1847; Wagner, Ivonoo rwotomivas, Atlas der vcrgl. A., Leipz. 1841; v. Sicbold n. Stannins, Lchrb. der vergl. A., Berl. 1846 n. 48; E. O. Schmidt, Handb. d. vergl. A., Jena 1852; Bergmann und Leuckart, Vergl. A. n. Physiol., 1854; I. Victor Carus, System der Morphologie, Lpz. 1853, u. dessen loonos Mokomieas, Lpz. 1857; Gegenbaur, Grundzüge der vergl. A., 1870; Leydig, Lehrb. der Histologie, n. dessen Tafeln zur vergl. A., 1864; Stricker, Gewebelehre, 1869 sf.; Heitzmann, Deskriptive n. topographische A. d. Menschen, Wien 1870; Onain, Lehrb. d. A., deutsch von Hofmann, Erlang. 1870; Aeby, Bau des menschl. Körpers, Lpz. 1870; Köllikcr, Handb. der Gewebelehre des Menschen, 5. Anfl., Leipz. 1870, 2 Bde.; Hyrtl, Lehrb. der topographischen Anatomie, 12. Ausl., Wien 1872; Luschka, Brust- u. Bancheingeweide, 1857 ff.; Förster, Lehrb. der patholog. A., 1868; Rud. Maier, Lehrbuch der allgemeinen patholog. A. f. Stndirende n. Ärzte, 1871; v. Rokitansky, Handb. der pathalog. A., Wien 1860; Klebs, Patholog. Anatom., Berl. 1871; I. Heule, Lehrb. der A. des Menschen, 3 Bde., 1873; Vieweg, Jahresberichte über die Fortschritte der A. und Physiologie, von Hoffmann, Prof, in Leipzig, u. Schwalbe, Prof, in Jena, 1872 ff. Anatomische Abbildungen oder Tafeln (loonvs, ttatmlas unatoinieas), Abbildungen anatomischer Gegenstände, als Hilfsmittel für anatomische Studien; oft in Atlanten zusammengefaßt (oft colorirt); die älteren in Kupferstich, andere in Stahlstich, Lithographie, neuerdings photographisch hergcstellt (so L. A-n A. von Rüdin- ger, noch nicht vollständig erschienen). A. Atlanten von Bock, Froriep, Öfterlein, Weber, Wagner rc. Anatomische Präparate, s. n. Anatomie. Anatomische Spritze, größere oder kleinere, gut gearbeitete Spritze zur Jlyection der geschmolzenen Wachsmasse in die Gefäße; s. n. Anatomie. Anatomischer Apparat, anatomisches Besteck, s. n. Anatomie. Anatomischer Heber Wolffs, dünne blecherne oder gläserne Röhre, mit einem 1—2 ckm weiten, niedrigen cylinderischen Gefäße communi- cirend, ans Lessen obere Öffnung Blasen u. andere häutige Theile gespannt werden. Gießt man die Röhre voll Wasser, so wird die Blase Lurch den hydrostatischen Druck straff convex u. so aus- 611 Anatvnnschcs Theater — Auaxagoras. einandcrgetriebcn, daß man die Strnctur der Blase deutlicher erkennen kann. Anatomisches Theater, Räumlichkeit zu anatomischen Vorlesungen n. Übungen; um den Tisch, worauf die anatomischen Zergliederungen geschehen, erheben sich ringsherum amphitheatralische Sitze für die Zuschauer. Anatripsis (Anatrrbe, gr.), 1) Zermalmung, z. B. eines Blasensteines, eines Knochens; s. Li- thotripsie. 2) Einreibung, Reiben einzelner Glieder oder des ganzen Körpers; s. Friction. Ana- trip tische Mittel, Heilmittel, die auf der Haut cingerieben werden, theils zur Ableitung, theils zur Zertheilnng der unter derselben angesamrnel- ten Stoffe; Anatriptik, Anatripologie, Heilart mittels Einreibungen, s. Einreibung. Anatrop (v. gr. nimtrepgin, nmwenden; Bot.), gegenläufig oder gegenwandig, wird die Samenknospe genannt, wenn der Knospenmnnd neben der Basis des Nabclstranges liegt, während der Nabelfleck auf der dem Knospenmnnde entgegengesetzten Seite liegt; so z. B. beim Kürbis, der Gurke, der Wolfsmilch. Anawal, Ort in der Provinz Gnzerate im britischen Ostindien, südöstlich von Snrate; heiße Quellen von 35—40° IU, von zahlreichen Kranken jährlich besucht. Anaxagoras, einer der bedeutendsten griechischen Philosophen, geb. um 500 v. Ehr. zu Kla- zomenä im ionischen Klcinasien. Er wurde frühzeitig mit der ionischen Philosophie, besonders mit der Lehre des Auaximenes vertrant. Als er 20 Jahre alt war, wnrde Jonien vom persischen Joche befreit, n. er schien durch Reichthum n. vornehme Herkunft berufen, sich an dem nun eintretendcn Aufschwünge des politischen Lebens in hervorragender Weise zu bethciligen. Allein ans Liebe zur Wissenschaft hielt er sich von jeder Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten fern, u. als man ihm deshalb Mangel an Patriotismus vorwarf, erklärte er, daß er das Universum als sein Vaterland ansehe n. in der Betrachtung des Kosmos seine Lebensaufgabe finde. Durch Liesen Kosmo- politismns wurde ihm bald der Aufenthalt in seiner Vaterstadt verleidet, wo man ihn als einen unpraktischen Schwärmer betrachtete. Nachdem er seinen Grundbesitz an Verwandte abgetreten, unternahm er wissenschaftliche Reisen. Im Alter von ungefähr 36 Jahren ließ er sich in Athen nieder, das damals durch Perikles der Mittelpunkt der griechischen Kunst n. Wissenschaft wurde. A. bürgerte dort zuerst die philosophische Forschung ein. Unter dem Schutze des Perikles, dessen vertrautester Freund u. Rathgeber er wurde, verbreitete er. im Umgänge mit den geistvollsten Männern Athens seine von dem Volksglauben sehr abweichende Weltanschauung. Er hatte auf seinen Reisen alle bisherigen Richtungen der Philosophie genau kennen gelernt; mit Parmenides u. Zenon, den Häuptern der Eleatischen Schule, kam er in Athen selbst zusammen. So war er zu einer neuen, selbstständigen Ansicht von dem Wesen n. der Entstehung des Weltalls gelangt, welche er in seiner Schrift: Über die Natur veröffentlichte. Diese Schrift erregte in Athen ein außerordentliches Aufsehen. Die Naturwirkungen, in Lenen man die Macht der Götter verehrte, waren hier zum ersten Mal rein mechanisch erklärt, n. statt der Götter war daneben nur von der Vernunft die Rede, auf welche hier alle Ordnung in der Welt znrnckgeführt wnrde. Als daher kurz vor dem Peloponnesischen Kriege die Gegner des Perikles diesen dadurch zu stürzen suchten, daß sie seine Freunde angrifsen, wurde A. von ihnen als Leugner der Staatsgötter an- gcklagt. Diopcithes, ein fanatischer Priester und Demagog, setzte ein Gesetz durch, wonach Diejenigen, welche die Landesreligion leugneten u. über die göttlichen Dinge philosophirten, als Staatsverbrecher belangt werden sollten. A. wurde ins Gefängniß geworfen n. entzog sich, wahrscheinlich mit Htlfe des Perikles, durch die Flucht der Todesstrafe. Nach einer anderen Überlieferung wurde er ans Athen verbannt. Er lebte noch 4 Jahre, bis um 428, zu Lampsakos, einer ionischen Pflanzstadt am Hellespont. Hier wnrde er hochgeehrt; nach seinem Tode errichtete man zu seinem Andenken der Vernunft n. der Wahrheit Altäre n. feierte ein jährliches Gedenksest, welches Jahrhunderte lang bestanden hat. Aus den von A-s Werken erhaltenen Bruchstücken ergibt sich, daß er in Bezug auf den logischen Ansatz seiner philosophischen Forschung mit Empedokles vollständig übereinstimmt. Aber er verwarf die von diesem ohne hinreichenden Grund beibehaltenc Annahme, daß die Welt räumlich begrenzt sei, n. bestritt, daß die voll Jenem angenommenen vier Elemente (Feuer, Wasser, Erde, Luft) die Grundbestandtheile der Körperwelt sein könnten, weil sie keine einfachen Stoffe seien. Statt dessen nahm A. als Grnndbestand- theile qualitativ gleichartige Stoffe im Sinne unserer heutigen chemischen Elemente an: Homöo- menie. Diese Stoffe sind aber nach seiner Ansicht nicht atomistisch zu denken, da er mit Empc- dokles, im Gegensätze zu Lenkipp, den leeren Raum leugnet u. die Materie für unendlich theilbar hält. Der Urzustand der Welt ist das Chaos, d. h. wie bei Empedokles eine vollkommene Mischung aller Elemente, worin alle qualitativen Unterschiede derselben ncntralisirt sind. Da nun die Körper qualitativ unendlicher Unterschiede fähig sind, so muß es eine unendliche Anzahl von Grundstoffen geben. Sollen sich dieselben in der vollkommenen Mischung wirklich ganz durchdringcn, so müssen sic auch in dem kleinsten Thcil dieser Mischung sämmtlich vorhanden sein; sie sind also darin thatsächlich in unendlich kleine Massen getheilt. A. gibt dem Zenon nicht zu, daß das unendlich Kleine — 0 ist, vielmehr werden nach seiner Ansicht die unendlich kleinen Partikel durch die unendlich große Zahl der Elemente zu endlichen Größen. Diesen Kernpunkt seiner Lehre bezeichnet gleich der uns erhaltene merkwürdige Anfang seiner Schrift: „Alle Dinge waren zusammen, unendlich an Zahl n. Kleinheit; denn auch die Kleinheit war unendlich, u. La Alles zusammen war, so war wegen der Kleinheit Nichts zu unterscheiden." Eine solche Mischung enthält überall den Keim zu allen Gestalten, eine Pan- spermie der Formen, welche sich allmählich dnrch Entmischnng heransbilden. Da das ursprüngliche Chaos dem gestaltlosen lnftförmigen Urstoffe des Lnaximeues gleiche, konnte A. an der ionischen Kosmogonie im Wesentlichen festhalten. Er schreibt 30 * 612 Aimxandridcs. daher auch, wie alle ionischen Philosophen, der Erde und Len Gestirnen eine scheibenförmige Gestalt zn; nur zieht er die Conseqnenz, daß die Gestirne ebenfalls erdartiger Natur sind, nnd stellt z. B. die für die Athener höchst paradox klingende Ansicht aus, daß der Mond bewohnt sei. Ans sehr unvollkommene Weise sucht er die Stellung der Gestirne zum Horizont zu erklären, welche die Pythagorcer bereits richtig ans der Kugelgestalt der Erde abgeleitet hatten. Rach der ionischen Kosmogonie mußte der Nordpol des Himmels senkrecht über dem Mittelpunkte der Erdscheibe stehen; n. die Gestirne müßten daher ihre Bahnen sämmtlich über dem Horizont u. parallel mit demselben beschreiben. A. nimmt an, daß dies ursprünglich auch der Fall gewesen, daß sich die Erdschcibe aber allmählich nach Süden gesenkt habe. Den Umlauf der Sonne nnd der Planeten in der Ekliptik erklärte er durch die Hypothese, daß diese Gestirne durch den Widerstand der Luft zu rückläufigen Bewegungen genöthigt würden. Ein großer Fortschritt der Ansicht des A. gegenüber alten früheren Systemen liegt aber darin, daß er zuerst die altionische Annahme unendlich vieler Welten mit der Pythagoreischen u. Eleatischen Ansicht von der Einheit des Universums vereinigt hat. Einheitlich ist das Universum durch den vollkommenen mechanischen Zusammenhang aller seiner Theile. Wenn in der zusammenhängenden Körpermaße der Welt eine Bewegung von einem Punkte anegcht, Pflanzt sie sich in unendlichem Fortgange fort. Gehen von verschiedenen Punkten Bewegungen aus, so wird dadurch die Einheit des Ganzen nicht gestört, sondern es entsteht nur ein compli- cirtes System von Bewegungen. Daher hält A. an der altionischen Ansicht fest, daß jenscit unseres Weltsystems, zu welchem auch die Fixsterne gehören, das gestaltlose Chaos liegt, in demselben aber unendlich viele dem nnsrigen ähnliche Weltsysteme. Er gibt dabei die Meinung des Empe- doklcs aus, daß die jetzige Entwickelung des Weltalls zu einein Maximum der Entmischung führen müsse u. dann wieder ein Rückgang zn der vollkommenen Mischung, d. h. zum Chaos, eintreten werde. Aber er kehrt auch nicht zn der altionischen Vorstellung zurück, daß die neben einander bestehenden Welten einzeln entstehen n. vergehen. Vielmehr sieht er in der Entwickelung einen beständigen, auch durch alle periodisch wiederkehren- dcn Erscheinungen sich abwickelnden Fortschritt. Bei der unendlichen Größe des Universums u. der unendlichen Zahl der in dem Chaos überall vorhandenen Elemente ist der Fortschritt unbegrenzt. Die Entwickelung der Welt hat auch nach A. nicht — wie seine Lehre meist irrthümlich ausgelegt wird — einen Anfang in einem bestimmten Zeitpunkte gehabt. Da sie nach ihm im unendlich Kleinen beginnt, so liegt vor der jetzigen Phase der Weltbildung eine unendliche Zeit; denn wenn wir die bisherige Entwickelung gleichsam auftren- nen, kommen wir in derVcrgangcnhcit ebenso wenig zur Erfassung des unendlich Kleinen, wie in der Zukunft zur Umfassung des unendlich Großen; die Vergangenheit ist ebenso endlos, wie die Zukunft. In der gesammten Weltbildung erkennt A. nicht wie Heraklir ein Spiel des Zufalles, den er als leeres Wort ansichr, auch kein unvernünfiiges Fatum, Gesetz u. Vernunft. Er untersuchte mm genauer, worin das Wesen der Vernunft im Menschen besteht. Sic liegt hier im Denken, im Bewußtsein, welches wol stets mir Körpcraffectioncn verbunden, aber selbst darin verschieden ohne sinnliche Qualität ist u. in seinen mathematischen Con- strnctionen selbstständig über alle körperlichen Eindrücke hinausgeht, indem es hier Alles ans punktuellen Einheiten erzeugt, also in seinen Gebilden feiner als eine unendlich kleine Körpermaße erscheint. Ferner ist die Vernunft bei allen Menschen absolut identisch, da die Wahrheit für alle dieselbe ist; es gibt nur ein Denken, welches in den verschiedenen denkenden Wesen einstimmig ist. Da nun die Wahrheit ewig unveränderlich ist, so ist das Denken ewig einstimmig, woraus folgt, daß die Vernunft, die in der Welt seit unermeßlicher Zeit wirkt, ihrer Natur nach dieselbe sein muß, wie die Vernunft im Menschen. Wie also das Denken unseren Körper bewegt, lenkt, so erzeugt es alle Bewegung in der Welt, nur frei von allen endlichen Schranken. A. legt mithin der Vermmst dicselbcnEigenschaften bei, wie ikcnophanes (s. Elea- tischc Philosophie) der Gottheit: reine Geistigkeit, völlige Einheit n. Einstimmigkeit, ein ewiges Sein ohne Veränderung, unbeschränkte, allmächtige That- kraft. Dies Denken ist aber nicht blos wie die Gottheit der Eleaten über die Zeit, sondern auch über den Raum erhaben; cs unterscheidet sich von der räumlich zeitlichen Weltsecle der Pythagorcer dadurch, daß es von der Körperwclt völlig getrennt ist; die Wcltseele ist der Welt immanent, das göttliche Denken nach A. ist transcendent. Hierdurch istA. der Begründer der dualistischen Weltanschauung (s. Griechische Philosophie). Der ewigen Vernunft, dem Princip aller Bewegung, steht ein ewiger, an sich unbeengter Stoff gegenüber. Die Bewegung in demselben unterscheidet A. in eine mechanische n. lebendige. Jene ist die Fortpflanzung des vor unendlicher Zeit gegebenen Anstoßes; diese die unmittelbare Wirkung der ewigen Vernunft. A. sieht in der Entwickelung der organischen Welt nur eine stufenweise fortschreitende mechanische Entfaltung der anorganischen; aber alle Organismen von den Pflanzen aufwärts sind zugleich beseelt, d. h. endliche Organe für die unmittelbare Einwirkung der Vernunft, deren Kraft um so vollkommener hervortritt, je vollkommener jene Organe sind. Als Endzweck der Weltentwickelnng erscheint hiernach eine ewig fortschreitende Dnrchgcistigung der Körperwclt. Ob A. hierbei die Einzclseelcn als vergängliche oder als unzerstörbar individuelle Organe der Wclt- vernnnft gedacht hat, läßt sich nicht bestimmen. Gladifch, A. u. die alten Israeliten, Lcipz. 1864, sucht nachzuweiscn, daß sich die Philosophie des A. unter dem Einfluß der israelitischen Weltanschauung gebildet habe (vgl. hierüber die Art. Griechische Philosophie und Hermotiinos). Die Fragmente der Schrift des A. sind zuletzt gesammelt von Mnllach, §ra§insnta xiiiiosoplioruin grauoornm. Bd. 1, Paris 1860. Aimxandridcs, Dichter der mittleren Komödie ans Kamiros auf Rhodos, nach And. aus Kolophon; dichtete um 376—344 v. Chr. Seine Ko- i Anaximandcr mödien sind theils mythologischer Art, theils Charakterstücke. Bedeutung hat er als Vorläufer der neueren Komödie, indem er zuerst Liebeshändel auf die Buhne gebracht haben soll. Von seinen 65 Komödien sind nur noch die Titel von 30 und einige Fragmente erhalten; gesammelt im 3. Bdc. von Meinekes lkrap'monta eomieorum ^raoeorum, Berl. 1847. Aimximander (gr. ^.uaximauäros), griechischer Philosoph, gcb. zu Milet um 610 v. Chr., gest. nach 546. Über sein Leben ist nichts Sicheres bekannt. Sein Buch Über die Natur wird von den Alten als die älteste philosophische Schrift der Griechen bezeichnet; es scheint schon im späteren Alterthum nicht mehr vorhanden gewesen zu sein. Über seine Philosophie, deren Kenntniß wir hauptsächlich dem Aristoteles verdanken, s. d. Art. Jonische Philosophie. Vgl. Schleiermacher, Über Anaximandros, akad. Abh. v. 1811, abgedruckt in Schleiermachcrs Werken, Zur Philosophie, Bd. 2. Anaximcnes, 1) A. aus Milet, griechischer Philosoph, jünger als Anaximander n. wahrscheinlich auch persönlich dessen Schüler. S. den Art. Ionische Philosophie. 2) A. aus Lampsakos, Schüler des Cynikers Diogenes von Sinope n. des Rhetors Zoilos, selbst Rhetor u. als solcher Feind des Jsokrates u. seiner Schule. Er stand in Gunst bei Alexander dem Gr. Seine Schriften find verloren, doch wird er neuerdings für den Verfasser der Schrift Rlwtorioa acl Xioxanckrurn (heransgegcüen von Spengcl, Zürich 1844, u. in den Llwkoroa Zrasei Bd. I., Leipz. 1853) gehalten, welche man früher für ein Werk des Aristoteles hielt, die älteste erhaltene griechische Rhetorik, bald von der des Aristoteles weit übertroffen. In historischen Werken (Lollouioa und ikiülippiea) rivalisirte A. mit Theopompos und schob diesem die Schmähschrift Irioarauus unter. Anazarbos (Anazarbe, a. Geogr.), St. am gleichnamigen Berge Oilieia eampsstria; hieß ursprünglich Äyinda und wurde dem Augustus oder Tiberius zu Ehren auf kurze Zeit Cäsarea genannt; unter Justinian war sie Hauptstadt von Oilieia sseuuäa und ward öfter durch Erdbeben zerstört; jetzt Ainzarba. Anbau, St. am Euphrat, im osman.-asia- tischen Vilajet Bagdad!; Sitz des ersten Abassiden. Anbetung (Adoration), die Handlung des religiös bewegten Gemüthes, welches Gott die ihm allein gebührende Ehre geben will. In der Katholischen Kirche sind auch Maria, als Mutter Gottes, die Engel, die Heiligen, die Reliquien, die in den Leib Christi verwandelte Hostie in der Messe, das Kreuz Christi Gegenstände der A., doch so, daß theoretisch, wenn auch nicht in der Praxis, zwischen eigentlicher A., Adoration (llm- tria) und bloßer Verehrung, Veneratiou (vnlia), unterschieden wird. Anbetta, Gwerbetta u. Villbetta, drei weibliche Schutzheilige an verschiedenen Orten deutscher u. welscher Zunge u. unter allerlei abweichenden Benennungen. Auf ihre Bitten sind Quellen u. Bäume entstanden, wurden Goldadern gefunden, wurde die Pest vertrieben rc. Sie fallen ganz mit den drei Jungfrauen oder Feen der Märchen n. vieler -Kinderlicder mythischen Ursprunges zusammen u. — Anbrühen. 613 haben mit diesen ihre gemeinsame Quelle in den Normen, den Schicksalsgöttinnen des nordischen Altcrthums. Die Namen hat man in verschiedener Weise abzuleiten gesucht, jedoch ohne bestimmtes Ergebnis;. (Vgl. Sunrock, Deutsche Mytbologie, S. 344 ff., 4. Ausl. Bonn 1860.) Anblasen, 1) (Hüttenw.)ProcedurderJnbetricb- setznng eines jeden Ofens, welcher mit comprimirtcr Luft gespeist wird. Gewöhnlich aber bezeichnet mau damit die Eröffnung des Schmclzens iu einem Schachtofen, besonders in einem zu Roheiscnfabrika- tion bestimmten Hohofen. Hier spielt die Wind- fiihrung eine hervorragende Rolle unter den be. züglichcn Manipulationen, u. es wird deshalb der Zeitpunkt des Anlassens der Gebläse, des Anblasens, mit besonderer Vorsicht bestimmt. 2) (Jagdw.) Zeichen von etwas Begonnenem, z. B., daß die Jagd angefangen habe, ein Hirsch aufgctrieben sei; das Gcgentheil: Abblasen. Anbohren, 1) (Bergb.) durch Bohrarbeit eine Gestciuschicht oder ein Mineral erreichen; vgl. Bohren. 2) (Chir.) Operation, die mittels eines eigenthümlichen Instruments, welches iu einer an beiden Enden offenen, enganschließenden, dünnen Röhre läuft, vollzogen wird, um Flüssigkeiten, die in Organen und Höhlen des Körpers sich ansammelten, zu entfernen. Anbrcchvohrer (Bergb.), Bohrer zur Untersuchung des Terrains u. zur Auffindung von Erzlagern und Flötzen. Anürinste», bei Gericht anzeigen; rechtliches A., jede Klage oder Beschwerde vor Gericht, besonders im mündlichen Vortrage. Anbruch, 1) (Bergw.) das beim Grubenbetriebe angetroffene Erz. 2s (Thicrheilk.) A.,An- brüchigkcit, Fäule, Leberfaule, Leberegelkrankheit oder Lebcregclsenchc, eine ziemlich häufige Heerden- krankhcit der Schafe, veranlaßt durch einen in der Leber derselben wohnenden Parasiten, den Lebcr- egel, das Leberdoppelloch, viatömum Iispationm Zur Entstehung des A-es ist die Ausnahme der Larven des Lebcregcls erforderlich. Diese erfolgt im Sommer u. Herbste beim Weiden auf feuchten Stellen (Verhüten). Ein halbstündiges „Verhüten" kann den Todeskeim in die ganze Heerde legen. Zwischen Verhüten u. offenbarer Erkrankung liegt ein Zeitraum von l^ bis 6 Monaten. Die Krankheit wird durch die Veränderungen bedingt, welche derAnfcnthalt der Egel in der Leber veranlaßt. Sie verläuft chronisch n. kann sich S—1 Jahr lang hinzichen. Ihre Beur- theilnng ist höchst ungünstig, sie verläuft fast immer tödtlich. Alle Arznei ist völlig wirkungslos. Wirksamstes Vorbengnngsmittel ist ein umsichtigerSchä- fer, der die Thiere von Weideplätzen, auf denen Ansteckung erfolgen kann, fcruhält. Anbrnchigkcit (Anbrüchig sein), auhebende Verderbuiß im Innern. Anbrühen (Viehz.), das übergießen der schwerverdaulichen, trockenen Futtermaterialicn mit heißem Wasser, wodurch dieselben leichter verdaulich gemacht werden. Statt des Wassers benutzt man auch wol, wo dieselbe zur Disposition steht, heiße Branntweinschlempc. Man erreicht obigen Zweck durch A. leichter und vollständiger, als durch das Einweichen in kaltem Wasser. Steinerne Behälter 614 Ancastcr — Anchovis, sind zum A. zweckmäßiger, als hölzerne, die schwieriger zu reinigen. Das Futter^ bestehend aus Häcksel n. bcigemcngten Krastfnttcrmitteln, wird in Schichten über einander geschüttet; das Ganze wird mit der kochenden Flüssigkeit übergossen, alsdann in dem Behälter fcstgetreten n. fest zugedeckt. Voll das Futter verfüttert werden, was am besten nach Verlauf von 12—24 Stunden geschieht, so wirst man dasselbe erst ans einander n. läßt es gehörig abkühlen. Dies Brühfutter wirkt, wenn inan es den Thicren längere Zeit allein verabreicht, erschlaffend n. schwächend auf den Vcrdauungsorga- nismus, man kann es deshalb zweckmäßig nur Thiercn geben, welche man nicht lange zu halten gewillt ist, also den Milch- und Mastthiercn, nicht aber dem Jung- und Zuchtvieh. Ancastcr (spr. Ännkestr), Flecken in der engl. Grafsch. Lincoln; gegen 450 Ew.; früher Römerstation, mit Überresten ans jener Zeit. Gab der Familie Bertwie, Grafen von Lindsey, seit 1716 den Titel als Herzöge von A., für welche die Groß- kämmererwürde von Großbritannien erblich war. Ancclot, 1) Jacq. Arsene Polyc. Fran^., franz. Dichter, geb. 9. Jan. 1794 zu Havre; war Bibliothekar am Arsenal zu Paris, begleitete 1826 den Herzog v. Ragusa nach Rußland (8ix mois sn Rnssio, 1827) verlor durch die Jnlirevolntion 1830 Stelle und Pension, wurde aber 1841 Bo- nalds Nachfolger in der Akademie n. st. 8. Sept. 1854. Schr., außer einigen Vaudevilles, die Tragödien: Iwnis IX., 1819; Iw marrs (in Calais, 1823; Bissgus, 1824; die Dramen: OIZs,, 1828; lilissdeür ä'XnAlolsrrs, 1829; das epische Gedicht Claris äs Lra-banl, 1825; die Romane: I/Iiowme clo nnmäo, 1827, 4Bde.; Iwsvmprmits nnx salons äs Baris, 1834; das ethische Merkchen Bainilisros, 1843; Im Uns - tzuineampoix, 1848; (Luvres eompistes, 1837. 2) Margne- rite Louise Virginie, geborene CHardon, geb. 15. März 1792 zu Dijon, Gemahlin des Vor.; schrieb die Romane: 6abrisiis; Bmsrones, Ns- äörins; Nsnss änVarviiis; Uns ronts saus issne; Im kills ä'uno jonenss; Uns tämiile xarisionns; lln ncsnä cks ruban; ^.ntmiia Vornan u. mehrere Vaudevilles; auch das Lustspiel Iw mariaxs raisonnabls, und die Dramen Narre, Los lermss cko Baris, u. die Studie: Bos saions cko Inaris, lozers etsints, 1857; ihr Büeatrs eoinpist, Paris 1848, 4 Bde., enthält 20 Vaudevilles. Aneenis, Hauptst. des gleichnamigen Arr. im Dep. Niederloire, an der Loire u. der Eisenbahn zwischen Angers und Nantes; Nntcrpräfcctnr, Gerichtshof, Dcpartementsgefäugniß; fabricirt Weinsteinsalz, Zucker, landwirthschaftliche Instrumente; Handel mit Bauholz, Wein, Getreide; Steinkohlenbergbau, Hammerwerke; 4358 Ew. (1872). 1468 Vertrag zwischen Ludwig XI. und Franz II. von Bretagne, /inosps (lat., zweiköpfig, unbestimmt), 1) (Prosodie) Silbe, die bald lang, bald kurz gebraucht werden kann; sie wird bezeichnet durch 2) (Botanik) Zweischneidig, d. h. zusammen- gedrückt, mit - zwei scharfen Kanten, z. B. der Stempel. AirKer, 1) Kvfod, s. Kofod Anchcr, Peder. 2) Bernt, geb. zu Christiania 1746, dänischer Confcrenzrath; brachte zuerst norwegische Products nach Ostindien zur Ausfuhr, legte die Kupscr- werke Stuckenbroksminde und Hadeland an, stellte das Eisenwerk Mos wieder her, errichtete 1778 zu Christiania ein Waisenhaus für 12 Kinder u, starb 1805. Anchiiile, St. in Thrakien, am Schwarzen Meere; 270 n. Chr. von den Gothen zerstört; jetzt Anchiali (Akiali, Ajolou), mit Hafen u. 4000 Ew. Anchieta, Josef de, geb. 1533 zu Teneriffa, gest. 1597 in Brasilien. Mitglied des Jesuitenordens, gehörte er zu Denen, die sich hauptsächlich um Ausbreitung der christlichen Religion in Brasilien bemühten. Auch bei der Gründung von Rio de Janeiro u. der Vertreibung der Franzosen daraus war er thätig. Ein bleibendes Verdienst erwarb er sich durch seine Darstellung der einheimischen Sprachen Brasiliens, namentlich des Tnpi, in seiner: Xrts äs g'rainmaties, äs, iinAva mais nsaäa na, oosta äo Brasil, 1595. Anchrses, Sohn des Trojanerfürsten Kapys, Herrscher in Dardanos am Jdagebirge, mit König PriamoS verwandt. Er zeugte, der Sage, nach, auf dem Berge Jda mit der Aphrodite den Äncas, welcher ihn nach der Eroberung Trojas auf seinen Schultern aus der brennenden Stadt rettete und mit ihm nach Italien flüchtete. Er soll auf Si- cilien in Drepanum gestorben u. auf dem Berge Eryx begraben sein. In Virgils Äneide erscheint er als ehrwürdiger Greis. Nach einer anderen (älteren?) Sage wurde er von Zeus getödtet, weil er das Geheimniß seiner Vertraulichkeit mit der Aphrodite verratheil hatte. Anchithea (Alkathea, Alkithea, Theand), nach Polpän die Gemahlin des vormundschaftlicheil Regenten Klcombrolos von Sparta, Mutter des Platää-Siegers Pausanias. Als dieser ihr Sohn nachmals zum Landesverräther geworden war und sich, entdeckt, nach dem Asyl des Heiligthums der Athene Chalkioikos geflüchtet hatte, trug sie den ersten Stein herbei, als nun der Tempel vermauert wurde, nm den Frevler durch Hunger zu , tödten (um 469 v. Chr.). ^ Anchoribirnc (Anchojebirne) wird die Frucht von 6rias oaniiliora L. genannt, einem Baume ans der Familie der Myrten (Barringtoniaceen, XIII. 1), der in Wcstindien häufig wächst n. auch durch die Schönheit seines Wuchses n. die Größe seiner Blätter ausgezeichnet ist. Die Frucht von der Größe^eines Alligatorcis ist sehr wohlschmeckend u. wird namentlich auf der Insel Jamaica häufig gegessen.^ Anchovis, kleine, mit Gewürzen n. Salz eingemachte Fische, besonders die gemeine oder unechte Sardelle, Anchovis - Sardelle (LnArauiis snorasiviroins, am Mittelmeerc Sardon), die auf ihren Wanderzügcn an den französischen, italienischen, englischen und norwegischen Küsten gefangen werden. Die größeren werden zu Sardellen eingcsalzcn, die kleineren als A. in Füßchen mit einer Gewürzbrühe von Salz, Piment rc. eingelegt. Die französischen A. sind daran kenntlich, daß ihnen die Köpfe'abgeschnitten sind; am geschätztesten sind die von der italienischen Insel Gorgona. Kleine Weißfischchcn werden häufig auch als A. znbereitet u. statt der echten verkauft. ^Iiolinsu, — Ancillon. 615 Anekü8s (Ochsenzunge), Pflanzengattung ans der Familie der Ranhblätterigcn (Asperifolien) oder Borragineen (V. 1), mit 5spaltigem Kelche, trichterförmiger Blumenkrone mit gerader Röhre, 5 Gewölbschuppcn im Schlunde und runzeligen, unten eingedrückten Nüßcheu. Arten zahlreich: .4.. olüeinalis L., deren Wurzel, Blätter und Blumen ähnlich wie die von L. itaiioa ln arvsnsis pharmaceutisch benutzt wurden; blüht violett; fast in ganz Europa, vorzüglich in Deutschland; iinotoria 11., in SEuropa n. NAfrika, in Frankreich häufig cnltivirt; die Wurzel (unechte Alkanna- wnrzel) enthält in ihrer Rinde einenrothen Farbstoff. Anchusin, so v. w. Alkannaroth; s. n. Alkanna. ünob^losiömum (voolrmius), Gattung kleiner Fadenwürmer. Bemerkenswerth: ckuoäsnäls Ärib., Männchen bis 10, Weibchen bis 18 mm lang, bis 1 mm dick; 1838 von Dubini in Mailand im Menschen entdeckt; 20°/o der untersuchten Leichen enthielten den Wurm. Seitdem ist er besonders bei den Bewohnern der Nilländer, wie auch von Brasilien n. Madagaskar gefunden. Nach Griesinger leidet der vierte Theil der Bevölkerung Ägyptens daran. Er lebt hauptsächlich im oberen Theil des Dünndarmes zwischen den Querfalten verborgen. Mit seinem Zahnapparat hakt er sich in die Schleimhaut ein, verursacht dadurch fort- währendeBlutnngen, schwächt allmählich dieKranken u. führt Darmblutungen u. anämische, sowie chlo- rotische Zustände herbei. Die ägyptische Chlorose wird durch die massenhafte Anwesenheit des Wurmes erklärlich. Ancieimetät, Dienst-, Amtsalter, sofe«i es bei Beförderungen berücksichtigt wird; nach ihr wird besonders beim Militär das Avancement vorgenommen. In den unteren Chargen bis zum Major wird bei Beförderungen in der deutschen Armee häufig von der A. abgewichen (zu Gunsten der Generalstabsoffiziere oder anderer als besonders tüchtig empfohlenen Offiziere); vom Major au aufwärts geschieht die Beförderung meist lediglich nach der Änciennität. Wo 2 Offiziere im Dienste znsammenkommen, hat der der A. nach ältere, wenn auch desselben Grades, das Commando. Jeder Offizier erhält ein Patent, welches beim Aufrückeu in eine höhere Charge erneuert wird; das Datum dieses Patents bestimmt die A. — Auch im Civildienste kommt die A. in Betracht; einen rechtlichen Anspruch auf solche Beförderung pflegt sie aber nicht zu begründen; namentlich ist die Beförderung in eine Stellung mit besonderer Verantwortlichkeit, welche auch besondere Befähigung erfordert, nicht durch eine bestimmte A. bedingt. Anoisn rögime, die durch die französische Revolution von 1789 gestürzte Staatsordnung; dann auch jede Staatsordnung, welche vor einer Revolution herrschend war. AneNe (röm. Ant.), kleiner, länglich nmder Schild, welcher zu König Numas Zeit der Sage nach vom Himmel in dessen Hände herabfiel. Egeria erklärte, von der Erhaltung des Schildes hänge das Heil Roms ab. Um Entwendung zu verhüten, ließ Numa von dem kunstreichen Schmiede Mamnrius Veturius 11 jenem ganz gleiche Schilde verfertigen. Sie wurden in einer Kapelle ans dem Capitolinischen oder Palatinischen Hügel aufbewahrt u. von den Salischen Priestern alljährlich im März unter Gesängen und altcrthümlichen, springenden Tänzen in Procession durch die Stadt getragen. knollla ttwologme (lat.), Magd der Theologie, nämlich der sogenannten positiven oder kirchlichen ist eine unstatthafte Bezeichnung der Philosophie; insofern Letztere jedoch, wie im Mittelalter, den Kirchenglaulien logisch zu stützen suchte, ist sie treffend. Ancillon, französische Hugenotten - Familie, 1) David, geb. 18. März 1617 zu Metz; stn- dirte Theologie in Genf und wurde Prediger in seiner Vaterstadt. Stach Aufhebung des Edikts von Nantes ging er nach Frankfurt a. M., wurde frauzösisch-reformirter Prediger in Hanau, später in Berlin n. st. hier 1692. 2) Karl, Sohn des Vorigen, geb. 28. Juli 1659 zu Metz; war AL- vocat daselbst; er ging 1686 mit seinem Vater nach Berlin u. ward hier Richter u. Direktor der französischen Colonie und 1691 Gesandter in der Schweiz; 1695 — 1699 war er Rath des Markgrafen von Baden-Dnrlach, kehrte dann nach Berlin zurück und ward königlicher Historiograph und Polizeidirector; st. 5. Juli 1715. Er schr. u. a.: lüirrsvooadilit« äolöckitcksiikantes.Amsterd. 1709; Hist, cks I'etabiisssmont ckss l?ransais rslutzlss clans i'stal äs Lrancksbour^, Berl. 1690; Hist, cks In vis cls Koliman II., Rotterd. 1706. 3) Friedr. oder Jean Pierre Frederic, preußischer Staats- und Cabinetsminister, Urenkel des Vorigen, geb. 30. April 1767 in Berlin; wurde, nachdem er in Genf Theologie studirt, 1790 an der französischen Kirche in Berlin Prediger u., da er neben der Theologie eifrigst historischen u. philosophischen Studien oblag, 1792 zugleich Professor an der Militärakademie, 1803 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und königlicher Hofhistoriograph in Folge der' Herausgabe seiner Revolntionsgeschichte. Im August 1810 übernahm er die Erziehung des Kronprinzen, machte mit diesem die Feldzüge von 1813 u. 1814 n. wurde, als der Kronprinz am 14. Oct. 1814 majorenn wurde, bereits zu dem Berufe des Staatsmannes tibergetreten, Wirkt. Geheimer Legationsrath im Auswärtigen -Ministerium, 1817 Mitglied des Staatsrathes, namentlich des Ausschusses für die Bearbeitung u. Einführung der provinzialständischen Verfassung n. seit 1818, als auf Hardenberg Graf Bernstorff im Auswärtigen gefolgt war, mit der Leitung der politischen Sektion betraut. Im Mai 1831 zum Wirkt. Geheimen Rath und Chef des Departements für das Fürstcnthnm Renfchatcl, 25. Juli dess. I. zum Staatssekretär der auswärtigen Angelegenheiten ernannt, folgte er 1832 dem Grafen Bernstorff als Minister des Auswärtigen und erwarb sich als solcher ein besonderes Verdienst durch seine THLtigkcit für die Gründung des ersten Deutschen Zollvereins, der auch glücklich 1834 zu Stande kam. Schon während der Jnli- revolution, ganz im Einverständuiß mit König Friedrich Wilhelms III. politischen Anschauungen, ging sein Streben überall auf Vermittelung und Vermeidung scharfer Konsequenzen hin: Bekämpfung der Revolution durch Reformen, Alles für, Nichts durch das Volk, aber strengste Wahrung der monarchischen Rechte. Dies waren die Leitsterne 616 Auckarström — Ancona. seiner Politik n. auch seiner publicistischen Thätig- keit, weshalb er bezüglich der letzteren gerade von den Staatsrechtslehrern nicht immer besonders günstig benrthcilt wurde, ja, Rob. Mohl in seiner Geschichte u. Literatur der Staatswissenschaften das, was A. bot, als mittelgut bezeichnet. A. starb kinderlos 19. April 1837. Von seinen Schriften sind n. a. zu nennen: Tableau rc., 1829, 2 Bde. Auckarström, Jak. Joh., bekannt als Mörder des Königs Gustav III. von Schweden, geb. Mai 1762; trat in die schwedische Armee n. nahm 1783 als Hanptmann seinen Abschied. 1790 wegen Thcilnahme an einem reichsfeindlichen Aufstande angcklagt, jedoch vom König Gustav III. begnadigt, verlangte er strenge Untersuchung; da ihm dies aber verweigert wurde, so erreichte seine schon lange gehegte Feindschaft gegen den König den Gipfel. Er verschwor sich in Stockholm mit mehreren Adeligen, dem General Pcchlin, den Grafen Horn n. Ribbing, dem Freiherrn Bjelke, dem Oberstlientenant Liljehorn n. A. gegen das Leben des Königs, wobei ihn das Loos zur Ausführung der That traf. Auf einem Maskenball in Stockholm, am Abend des 15. März 1792, erschoß A. den König, der ihm durch den Grafen Horn mit dem Gruße: Guten Abend, schöne Maske! bezeichnet worden. Ohne die Namen seiner Mitverschworenen, trotz aller Versuche, sie ihm abzunöthigcn, genannt zu haben, legte er nach dreitägiger Auspeitschung am 27. April z» Stockholm den Kopf unter das Henkerbeil. Anck'arslviird, 1) Michael, Graf v. A., geb. 9. März 1742, Sohn eines Bergwcrksbcsitzcrs in Westmanland; diente im Siebenjährigen Kriege als Sergeant, Constabel u. Fähnrich, ward Offizier und 1772 noch als Lieutenant in den Adelstand erhoben. Zur Flotte übergctretcn, entwarf er 1790 als Oberst den Plan zur Expedition gegen Petersburg u. trug viel zum Seesiege im Swcnskasnnde bei; er ward in den Freiherr«-, zuletzt in den Grafcnstand erhoben, avancirte zum Generallieutenant, Seraphinenritter n. Reichstagsmarschall u. st. 1838. 2) Karl Henrik, Freiherr v. A., Sohn des Vor., geb. 22. April 1782 zn Swcaborg; wurde, als Gardelieutenant in die Armee ausgenommen, schon 1808 Major n. Adjutant beim Grasen Armfelt, dann bei Ccdcrström, nahm am Kriege in Finnland theil, ward 1809 von Adlersparre in die Revolution verflochten u. avan- cirte znm Obersten, ging 1813 beim Feldzuge gegen Frankreich als Adjutant mit dem damaligen Kronprinzen nach Deutschland, nahm aber in Folge eines Briefes an denselben, worin er sich gegen den Krieg ans Seiten Rußlands aussprach, seinen Abschied und lebte dann auf seinem Gute Karlslund in Nerike. Im Reichstage 1817 trat er als Haupt der adeligen Opposition gegen die Regierung auf, schadete aber seiner Partei durch seine Leidenschaftlichkeit, weshalb er auch seinen Parteieinfluß nach n. nach verlor. Als er beim Reichstage 1829 nicht Vorstand des Constitntions- ausschnsses wurde, verließ er Plötzlich den Reichstag u. wurde deshalb von seinen Gegnern des Verrathes an seiner Sache bezüchtigt, wogegen er 1833 seine Politischen Grundsätze schrieb; 1839 wurde er Vorstand des Constitutionsausschusscs, fand jedoch mit seinen Vorschlägen für die Verfassung zu Gunsten des Adels beim Reichstage keinen Anklang. Er gehörte auch fernerhin zur Opposition n. st. 25. Jan. 1865 in Stockholm. Anco, Hanptst. der gleichnamigen Provinz im peruanischen Dcp. Ayacncho am Apurimac. Ancona, 1) Mark A-, bis 1861 Theil des Kirchenstaates, am Adriatischen Meere, von einem Theil der Apenninen durchzogen; 3965 Usicm (72 ÜI>M); 419,600 Ew. Die Mark A., als Theil des ehemaligen Herzogthums Spoleto, kommt selbstständig seit Mitte des 11. Jahrh. n. zwar in der Ausdehnung vom Tronto bis nordwestlich an S. Marino, westlich bis zn den Apenninen vor, zuerst als Llaroa 6narnori, benannt nach Gnarner, der (1052) vom Kaiser Heinrich III. als Markgraf dort eingesetzt wurde. Unter den Streitigkeiten der Päpste n. Kaiser inachten sich die Städte der Mark frei, schlossen nach Willkür mit einander Bündnisse u. befehdeten sich. Die meisten stellten sich gegen Entrichtung eines Tributs unter den Schutz des Papstes. Die Mark A. blieb nun beim Kirchenstaate u. wurde durch den Vertrag von 1274 zwischen Gregor X. und dem Kaiser Rudolf dem Kirchenstaate für immer einverleibt, so daß die ferneren Markgrafen von A. päpstliche Statthalter waren. 1808 schlug Napoleon die Mark A. znm Königreich Italien u. theilte sie in die Departements Metanro, Musone und Tronto ein; 1815 erhielt sie der Papst wieder; 1861 wurde die Mark dem Königreich Italien einverleibt. 2) Prov. des Königreichs Italien; 1907 sUkm (34, Lg H!M); 262,349 Ew. 3) Hauptstadt u. Festung mit Citadellc n. mehreren Forts, auf einer Landspitze des Adriatischen Meeres, in herrlicher Lage, zwischen den beiden Vorgebirgen des Monte-Ciriaco n. M.-Conero (Guasco), amphitheatralisch erbaut, an der Eisenbahn nach Bologna, Rom n. Süditalicn, mit vortrefflichem Hafen, der seit 1860 wieder hcrgestellt und zum Kriegshafen u. zur Flottenstation der adriakischen Küste erhoben wurde. Der seit 1732 bestandene Freihafen wurde 1. Nvvbr. 1872 aufgehoben. Der Hafendamm, von Kaiser Trajan erbaut, ist 628 m lang; auf ihm Triumphbogen, im Jahre 112 n. Ehr. vom römischen Senat dem Kaiser Trajan errichtet n. auf der von Clemens XII. erbauten Fortsetzung des Hafendammes ebenfalls ein Triumphbogen für Papst Benedict XIV. Die Stadt hat krumme n. winkelige Straßen, aber viele herrliche Gebäude, n. a. die Kathedrale S. Ciriaco, auf den Ruinen eines Venustempels im 12. Jahrh. im romanischen Stil in Form eines griechischen Kreuzes erbaut; (in einer Krypta der schöne Sarkophag des Titus Gorgonius, Prätors von A. rc.), Kirche S. Francesco, S. Maria della Piazza mit romanisch-lombardischer Fayade, S. Agnstino mit schönem gothischem Portal, außerdem 6 andere Kirchen; ferner die Börse (von Ti- baldi in gothisch - maurischem Stil 1443—1453 erbaut), die Präfectur, der Palazzo communale (1270 erbaut), Palast Ferretti, die 2 Theater, das See- u. Militärlazareth am Hafen (1733 erbaut), Arsenal, Irrenhaus, Staatsgefängniß. Auf der Piazza maggiore oder di S. Domenico steht die Bildsäule des Papstes Clemens XII.; auf der 617 Ancre — ' Piazza Cavour, am Ende des Corsa Vittorio Emanuelc, eine Colossalstatue Cavonrs (1868 errichtet). 45,741 Ew., worunter 6000 Inden; Bischofssitz, Präfectnr, Appellationsgericht, Generalkommando, Finanzintendanz, Tribunal, 2 Prä- turen, Handels- und Gewerbekammer, Lycenm, Gymnasium, Gewerbeinstitnt mit nautischer Schule, technische Schule. Die Industrie der Stadt erstreckt sich besonders auf Fabrikate von Segeltuch, Tauwerk, Hüten, Papier, gebleichtem Wachs, Leder, feiner ölseife (Anconitanische Seife, sogenannte Ve- netianische Seife), Seide, Bleiweiß, Zucker. Lebhafter Handel: eingeführt werden Getreide, Tabak, Colonialwaaren; ansgcführt Weinsteine, Lamm- u. Ziegenfelle, Walnußholz, Mais, Mandeln, Wachs, Seide. A., auch im Alterthum so genannt, um 394 v. Chr. von Auswanderern aus Syracus angelegt, die einzige griechische Stadt in Mittel-Italien, war wurde im 1. Jahrh. v. Chr. römische Colonie u. unter Trajan als Handelsstadt und Flottenstation blühend. Die Gothen eroberten u. zerstörten A., Narses stellte es wieder her; dann kam cs an die Langobarden, welche dort einen Markgrafen einsetzten (s. o. 1); im Jahre 839 wurde cs durch Einfälle der Saracenen verwüstet. 1174 von deutschen Truppen unter dem Erzbischof Christian von Mainz belagert, wurde cs entsetzt. Im Jahre 1532 nahm Papst Clemens VII. durch Gonzaga A. ein und schlug die Stadt samint Gebiet zum Kirchenstaate. Derselbe Papst ließ die Citadelle bauen. 1796 wurde die Stadt von den Franzosen durch Capitulation genommen, diesen aber von den Österreichern, Russen u. Türken unter dem österreichischen Feldmarschalllieutenant Fröhlich 29. Oct. 1799 entrissen. 1805 besetzte es Napoleon n. 1813 die Neapolitaner; 1815 kam es wieder unter päpstliche Hoheit. Vom 22. Febr. 1832 bis Dec. 1838 wurde es von den Franzosen besetzt, um den Einfluß Österreichs zu schwächen. In der italienischen Revolution war A. der Schauplatz der Gränelthaten der sogenannten Höllischen Schaar, wurde 24. Mai 1849 von den Österreichern unter Wimpffen belagert, 8. Juni beschossen u. 18. Juni durch Capitulation genommen. Die Österreicher hielten es bis 1859 besetzt. Hierher zog sich Lamoriciörc mit der päpstlichen Armee nach der Niederlage bei Castelfidardo 18. Sept. 1860, mußte aber 29. Sept. den vereinigten Neapolitanern und Piemontesen (unter Ciaidini) gegenüber capitnlircn. Mit den Marken kam A. 17. Dec. 1860 an das Königreich Italien. Im Jahre 1866 war A. Operationsbasis der italienischen Flotte unter dem Admiral Pesaro, die nach einigen Wochen der Unthätigkeit sich endlich zu dem Unternehmen gegen die Insel Lissa anfraffte, aber, 20. Juli von der österreichischen Flotte unter Admiral Tegethofs daselbst total geschlagen, nach A. zurückflüchtete. Ancre, Baron v. Lussigny, Marschall d'A., eigentlich Concino Concini, Florentiner von Geburt; kam 1600 mit seiner Frau Eleonore Dori, Kammerfrau, im Gefolge der Maria v. Medici, der zweiten Gemahlin Heinrichs IV., nach Paris u. übte, den Zwist zwischen Heinrich u. Maria nährend, einen unseligen Einfluß ans die Letztere; als sie 1610 nach Heinrichs Tode Reichsregentin Andalusien. geworden, bemächtigte er sich der Staatsgewalt, wurde 1613, obgleich er nie einen Krieg mitgemacht, Marschall von Frankreich u. erster Minister, kaufte das Marquisat Ancre, von dem er den Titel annahm, aus den Pfründen u. Sinecnren, die er sich znlegte, u. wirthschaftete in einer Weise, die ihn bei Adel und Volk gleich verhaßt machte. Auch gegen Ludwig XIII., nach dessen Majorenni- tätserklärnng er noch seinen Einfluß behielt, trat er mit dem Stolze und der Anmaßung auf, wie gegen die Prinzen, bis endlich der König, durch Luhnes im Aufträge der Großen und der Prinzen dazu gebracht, die Ermordung d'A-s befahl. Als A. am 24. April 1617 ins Louvre trat, eröffnete ihn: Baron Vitroy seine Verhaftung im Namen des Königs, und im nächsten Moment streckte den Betroffenen die Kngel eines Gardisten nieder. Sein Leichnam wurde vom erbitterten Volke ansgegraüen, durch die Straßen geschleift n. verbrannt, seine Gattin der Zauberei angeklagt u. hingerichtet; der 12jährige Sohn wurde des Adels u. aller Güter verlustig erklärt u. mußte Frankreich verlassen; st. 1623 in Florenz. Ancnd, Hanptst. der chilenischen Pro». (Insel) Chilo'e; Hafen, Sitz des Bischofs von Chiloc, Navigationsschule, Untcrrichtsanstaltcn; 4900 Ew. Nncns MarclUs, mythischer römischer König, Sohn der Pompilia, der Tochter des Königs Numa, u. des Marcius, des ersten Obcrpriestcrs unter Numa Pompilius; folgte nach der Überlieferung als 4. König von Rom ans Tullns Hostilius 638 n. regierte bis 614 v. Chr.; s. Rom. Er hob die Ncligionsinstitute, begünstigte den Ackerbau, kämpfte glücklich gegen die benachbarten Latiner, befestigte den Janushügel (Janiculum), baute die Holzbrückc über den Tiberis u. gründete am Ausflüsse desselben die Hafenstadt Ostia. Anctj-le-Franc, St. im Arr. Tonnerre des französischen Dcp. am Armanyon, am Kanal de Bourgogne n. an der Eisenbahn Paris- Lyon; schönes Schloß (1545—1621 erbaut), alte Kirche,Fayencefabriken,Hohofen, Glashütten, Steinbrüche; 1850 Ew. Ancvlocörss, Gatt, der Ainmonsbörner. Ancyra, s. Angora. Andacht, die Richtung der Gedanken ans irgend einen Gegenstand, besonders auf Gott und Göttliches, im innigen Gebete, beim aufmerksamen Anhörcn des göttlichen Wortes, beim von Herzen gehenden Gesänge rc.; Andächtigkeit ist der Zustand des Gemüthes, in welchem sich die A. längere Zeit fortsetzt; Andächtelei die gemachte, zur Schau getragene A. A-sbücher (Asketische Schriften) bezwecken die Weckung n. Befriedigung der A.; s. Erbaunngsbüchcr. Anäa LomesH VnW. ist ein brasilianischer Baum aus I>er Fam. der Enphorbiaceen, mit citronen- großen Früchten u. süß mandelartig schmeckenden Samen, die unter dem Namen Lomina Anckns drasilisnsis als Pnrgirmittel gebräuchlich sind. Die Baumrinde, ins Wasser geworfen, betäubt die Fische. Andalusien. (Nach der gewöhnlichen Herleitnng eigentlich Vandalusien, von den Vandalen; eine von Dozy für irrig gehaltene Herleitnng, ob- wol auch nach seiner Erklärung jenes wilde Volk 618 Andalusit — Andeca. wenigstens mittelbar Veranlassung zu der fraglichen Nainensbildung gab; die Araber nannten das ge- sammte von ihnen diesseits der Meerenge von Gibraltar eroberte Land Andalusien, während' die Christen dasselbe mit dem Namen Spanien bezcichneten). A. umfaßte gegen Ende des Mittelalters die vereinigten Königreiche Sevilla, Jaen, Cordova und Granada n. war die letzte Stätte der Mauren in Spanien. Jetzige Eintheilnng in acht Provinzen, Sevilla, Cadiz, Hnelva, Cordova, Jaen, Granada, Almcria, Malaga; hat 87,105 (1582 IHM) mit (1860) 2,980,001 Ew. (unzuverlässige Schätzung für 1870 3,264,640). Im W. u. S. vom Atlantischen Ocean u. dem Mittelländischen Meere bespült, im Übrigen von Murcia, Neucastilien, Estremadura n. Portugal begrenzt u. vom Guadalquivir u. dessen Nebenflüssen Gnadiato, ikenil, Guadiana mcnor, Guadalima n. a. bewässert. Jni N. befinden sich die Sierra de Cordova u. Sierra Morena; im südl. Theil ziehen sich die steilen Fclsterrassen des granadischen Küstcngcbirges hin, das in der Sierra de Gador bis 2100 m aufsteigt und sich bis zur Straße von Gibraltar in den Sierren von Malaga und Nonda fortsetzt. Man unterscheidet Hoch-Ä. (Lmäuiucia, alba), d. i. die grauadische Bergterrasse u. das Becken des oberen Guadalquivir, n. Ricdcr-A. (L.. daja), d. i. dgs bätische Tiefland. In den Thälern des Guadalquivir ist, das Land äußerst fruchtbar und liefert Wein, Öl, Baumwolle, Zucker, Getreide, Südfrüchte; die fruchtbarsten u. am besten angcbanten, dazu kunstreich bewässerten Gegenden heißen Begas, die größte und berühmteste derselben ist die von Granada; im W. dagegen liegen weite Strecken unbebaut n. öde, theils wegen Mangels au Wasser, theils von Natur Steppen. Rindvieh-, Ziegen- n. Pferdezucht stehen auf hoher Stufe, namentlich find die audalusischen Hengste berühmt; die Sierra Morena» liefert Stiere für die Stiergefechtc. Der Bergbau ergibt hauptsächlich Quecksilber, Blei n. Kupfer, außerdem Marmor, Schwefel, Salz, Steinkohlen. Die Industrie liefert Leder, Kattun, Seide, Tabak rc. Der Handel ist bedeutend, Cadiz der wichtigste Handelsplatz. Für den inneren Verkehr fehlten bisher Straßen n. Communicationswegc; seit Eröffnung der Eisenbahnlinien Manzanares- Cordova, Cordova-Cadiz, Cordova-Granada und -Malaga haben Ackerbau, Industrie und Handel einen großen Aufschwung genommen. In klimatischer Hinsicht bildet A. den Übergang von Europa zu Afrika; es ist das wärmste Land unseres Erd- thcils u. hat am meisten von den heiße» afrikanischen Winden zu leiden. Die Andalusier sind stark mit arabischem Blute durchkreuzt u. die Bewohner der höchsten Alpnjarrasthälcr, die Moriscos, find noch jetzt fast reine Mauren; sie haben mittlere Statur, dunklen Teint, meist schwarze Augen u. schwarzes Haar, sind tapfer, stolz, fröhlich u. leichtsinnig, aber auch thätig, voll Verstand u. lebendiger Einbildungskraft, n. gehören zu den besten Elementen der spanischen Nation. Ihr Dialekt hat noch viele arabische Bestandthcile. Außer der eigentlichen maurisch-spanischen Bevölkerung gibt es noch viele tausend Zigeuner. A. nahm im I. 1868 einen hervorragenden Antheil an der Revolution u. war nach dem stürze der Königin Jsabella ein Hauptsitz der republikanischen Partei. Weiteres s. u. den oben genannten Provinzen. Andaluslt, Mineral, Las im rhombischen System krystallisirt; chemisch .^LiOg; sp. Gew. 3,2»; meist in perlgrauen oder flcischrothcn Krystallen eingewachsen, in Gneis, Granit oder Glimmerschiefer, bei Pcnig in Sachsen, Bodenmais in Bayern u. in Tirol, am schönsten in Brasilien. Andamanen, Inselgruppe im Bengalischen Meerbusen, südlich von 14" n. Br.; 6608 Usiciu (120 sUMj mit etwa15,000Ew., die zu den niedrigst stehenden Menschen gehören. Der Race nach den Negritos zngerechnct, bei denen es bestritten ist, ob sie eine verdorbene Abart der Papua, oder der Rest eines untergegangenen asiatischen Stammes sind. Ohne festen Wohnsitz und fast ohne Kleidung, finden sic ihre Nahrung vorzüglich in Fischen; ihre Sprache ist nicht näher erforscht; ihre Zahl vermindert sich jedes Jahr. Products: vor- zügliches Bauholz in Menge, Palmen, Melonen; wenig Landthiere, doch viele Arten Fische und Schalthiere. Das Klima ist wegen vieler Sümpfe ungesund. Die Bodengestaltung meist flach; auf der Insel Großandaman ist ein Gebirgszug bis zu 785 m Erhebung im Sattelberg, auf der Insel Barren ein noch 1792 thätiger Vulcan. Die Inseln gehören den Briten, welche 1791 auf einer der nördlichsten Inseln (Chatham) eine Verbrecher- colonie (Port Cornwallis) anlegten, zwar 1796 wieder aufgaben, aber 1858 für indische Verbrecher wieder einrichteten. Im I. 1869 betrug die Zahl der Dcportirtcn ungefähr 8000 Köpfe. Am 8. Fcbr. 1872 wurde hier Lord Mayo, Gouverneur von Ostindien, von einem Sträfling ermordet. Vergl. ?roeosäinA8 ob tüo HMMio Looietx ok Löutz'al, 1870; Day, Obssrvntious ou tüs ^n- äamoso; v. Liebig, Die A-Jnseln (Bericht der Geogr. Gesellschaft in München, 1871). Ändamento (ital., Mus.), bedeutet im Allgemeinen Gang, Bewegung, spcciell einen Theil (Zwischensatz) der Fuge. Andanm (a. Geogr.), Stadt in Messenien, älteste Residenz der messenischen Könige, mit ka- birischem Demetercnltns unb -Mysterien; lag zu Pausanias' Zeit in Trümmer»; beim jetzigen Elliniko Kastro. A. war der Geburtsort des Ari- stomencs. Andante (ital., ruhig, schrittmäßig fortgehend), Kunstausdruck in der Musik, der dritte unter Len fünf Hanptgraden der musikalischen Tcmpoarten, zwischen Adagio n. Allegro. Als Bezeichnung für ein Tonstück bezieht sich das Wort auf bas Zeitmaß, wie auf den Charakter desselben. Das Auch antino bezeichnet ein etwas schnelleres Tempo, als A.; als Bezeichnung für ein Tonstück ist An- dantino ein kurzes A. Andantino, s. Andante. Andchuy, Hanptst. eines gleichnamigen kleinen Khanats in Tmkcstan, südlich vom Oxus, an der Karawanenstraße von Samarkand nach Herat; Kamelgestüte, Handel mit schwarzen Lammfellen nach Bokhara; etwa 15,000 Ew. Die Stadt war oft der Zankapfel zwischen Bokhara n. Afghanistan u. soll vor ihrer Zerstörung im Jahre 1840 circa 50,000 Ew. gehabt haben. Andern, letzter König der Sueven in Galicien; » > > Andcccivi — Aiidcrlinge. 619 4 ! > ! ward 585 durch den Westgothcukönig Lcovigild vom Throne gestoßen. Vgl. Aschbach, Gesch. der Westgothen, S. 211. S. Spanien. Andecävi, Volk im Lugduncnsischen Gallien, im jetzigen Anjou; daher Ändecavia, nculatei- nischer Name für Anjou. Ihre Hauptstadt war Jnliomagus, auch A. genannt, jetzt Angers. Andechs, Schloß, jetzt Benedictinerkloster, im Bezirksamt Blünchen des bayer. Regbez. Ober- Bayern, links von der Isar, am östlichen Ufer des Ammersees; war ursprünglich eine feste Burg, Stammschloß der Grafen von A.; die Burg war um 889 erbaut worden und wurde vom Herzog Ludwig I. von Bayern zerstört. Das im Schlosse 1458 von Herzog Aibrecht III. von Bayern- München gestiftete Kloster wurde 1803 vollständig ansgeplündert. König Ludwig I. von Bayern, welcher A. durch Kauf an sich brachte, errichtete hier ein neues Benedictinerkloster; viel besuchter Wallfahrtsort, Erziehungsanstalt für verwahrloste Kinder. Andechs (Grafen von A.), altes bayerisches Dynastengeschlccht, das von Rathold, Sohn des Kaisers Arnulf n. seiner Concubine Ellinrat oder Helingarde, der um 889 die Burg erbaute, herstammen soll, bedeutenden Grundbesitz an der Etsch u. am Inn hatte und durch eine Erbtochter des ostfränkischcn Markgrafen noch große Besitzungen in Franken erhielt (Herren von Plasscnbnrg). Berthold IV. (I.) erhielt 1180 Besitzungen in Tirol n. den Titel als erster Herzog von Dalmatien vom Kaiser Friedrich I.; er st. 1192. Sein Nachfolger Berthold V. (II.) (st. 1204) besaß Tirol, Istrien, Dalmatien n. Kroatien n. nahm den Titel Herzog von Meran an. Otto I. (st. 1234) erheirathete1208Hochburgnnd. Mit Ottoll. erlosch das Geschlecht im Mannsstamme 1248, die Güter erbte Albert I., Graf von Tirol. Andrer, granbündner Pfarrdorf im Kreise Schams (Schweiz), am südlichenEnde der Via mala: 583 Ew. Nahebei die Trümmer der 1451 von den Bauern zerstörten Barenburg und Castellay; unweit die salinische Eisenquelle von Pigneu, deren Wasser zum Baden hierher geleicht ist. Von hier ersteigt man den 3000 m hohen Piz Bcvcrin. Andelstngen, Groß- u. Klcin-A., 2 Flecken im gleichnamigen Bez. des schweizer Kant. Zürich, einander gegenüberliegend, an der Thur, welche die Nordostbahnstrccke Winterthnr-Schaffhanscn auf einer 140 m langen Brücke überschreitet; Wein- u. Getreidebau; 800, resp. 1130 Ew. Andelle, 60 km langer Nebenfluß der Seine; kommt ans dem Dep. Seine-Jnferieure, tritt in das Dep. Eure u. mündet bei Port de Pistres; dient zum Holzflößen nach Ronen n. Paris. Andelnans, Dorf im französischen District u. südlich von Belfort, an der Savonrense; Eisen- mincn; 260 Ew. Hier fanden während der Belagerung von Belfort verschiedene Gefechte statt, von denen das am 13. Decbr. 1870 das bedeutendste war. Audelys (Les), Hauptort im gleichnamigen Arr. des französischen Dep. Eure, an der Seine u. dem Gambon; Fabriken in Leinwand, Tuch, Wolle u. Baumwollenzengen, Modcwaarcn,Perl-u.Schmelz- arbciten, Zucker, Leder; Handel damit und mit Rindvieh, Korn, Mehl, Wolle, Obst u. Obstwein; schwefelhaltige Mineralquelle; 5379 Ew.; Ruine des Schlosses Gaillard. Die Stadt besteht ans den zwei Theilen Groß- u. Klein-A.; erstcres ist das alte Andelia (Andilegum, Rupos Xnäoli); hier ist ein Denkmal für den Maler Nie. Poussin errichtet, welcher in dem nahen Dorfe Villcrs geboren wurde; Thomas Corneille und der Luftschiffer Blanchard liegen hier begraben. In dem Schlosse Gaillard, das wegen vieler in seinen Kerkern verübten Greuel- u. Mordthatcn berüchtigt war, wurde auch Margarethe von Burgund, Gemahlin Ludwigs X. von Frankreich, erdrosselt (1314). Heinrich IV. ließ die Feste schleifen bis ans den Hanptthurm, den erst Ludwig XIII. zerstören ließ. Anden (Andes), 1) s. Cordilleren. 2) Dep. in der chilenischen Prov. Aconcagua; 29,400 Ew. Andcnnc, St. im District n. in der Provinz Namur (Belgien), an der Maas n. der Eisenbahn von Lüttich nach Namur; Gymnasium; Fabriken in Papier, Fayence, feuerfesten Materialien; Steinkohlenbergbau n. Rohciscnfabrikation; 6300 Ew. Andcnpalmc ist 6sroxz1on anäieola, Luinb. Nachdem er sein philologisches und philosophisches ^ > Examen glänzend bestanden, trat er 1833 eine größere Studienreise an. Seitdem bildete das Reisen A-s Lebensclemcnt n. eines der wirksamsten Anregungsmittel für seine reiche dichterische Thätigkeit. Er besuchte die meisten Länder Europas n. legte seine Reisecindrücke in verschiedenen Schilderungen nieder (s. u.). Dem ehelichen Leben blieb er fern. Mit gelehrten Titulaturen ausgezeichnet u. decorirt mit zahlreichen Orden, lebt er jetzt in Kopenhagen. A-s erster Schritt auf der schriftstellerischen Laufbahn war mit Dornen reichlich besäet. Seine „Fußwanderung nach Amack" n. a. seiner früheren Arbeiten (1829—1830) wurden zwar mit einigem Beifall ausgenommen; doch bald erhob sich gegen ihn eine förmliche kritische Verfolgung, an der sich selbst die angesehensten Kritiker, wie die Dichter Hciberg n. Hertz, betheiligten. Obgleich A. seit 1835 sein eigentliches Feld in der Märchendichtung fand und von von da ab eine mit dem Improvisator beginnende Reihe Prosadichtnngen lieferte, die zwar nicht classisch waren, in denen aber der Hauch echter § Poesie wehte, blieb der Erfolg in seiner Heimath ^ ; immer noch ans. Während ihm das Ausland reich- ! > lichen Beifall spendete, wurde er von dänischen ! Schriftstellern verspottet. Aber nach und nach trat seinen verwunderten Landsleuten das unleugbare Factum vor die Augen, daß diese verlachte Persönlichkeit im Anslande der bei weitem berühmteste u. gelesenste, ja gewissermaßen der einzige berühmte und gelesene dänische Schriftsteller sei. Vom Anslande gezwungen, kehrte sich der Tadel bald in ebenso einseitiges Lob um. Die anstallende I Erscheinung, daß A-s Ruhm den weit überlegener 621 Anderson - Geister in Schatten stellt, laßt sich, ohne den Einfluß des Zufalls und der Mode zu leugnen, am einfachsten daraus erklären, daß A. sich an die ^ Reminiscenzen des Kindlichen bei Erwachsenen, ! also an etwas Elementares u. Universelles, von > der Nationalität Unabhängiges wendet. Dies ist seine Zauberruthe. Seine Märchen n. Historien (seit 1835) sind größtentheils trefflich; seine grö- ßern Prosadichtnngen (Romane) enthalten viele Schönheiten, ohne daß eine einzige als Totalität befriedigend wäre; als Dramatiker steht er nicht l hoch; auch nicht eigentlich in den lyrischen Ge- ^ dichten; total mißlungen sind die Arbeiten, worin er mehr als Denker oder historischer Seher auf- trcten will (Ahasverns; Sein oder nicht Sein). Seine Selbstbiographie, das Märchen meines Lebens, erschien zuerst deutsch, Lpz. 1845—1846, später dänisch. Von seinen Romanen nennen wir: Improvisatoren, Kopenh. 1835; O. T. ebd. 1836; Kun en Spillemand, ebd. 1837, 2 Bde. (deutsch v. Jenssen, 1838, 3 Bde.); De to Baronesser, ebd. 1849, deutsch von ihm selbst, 1848; von den Reise- beschreibungcn: Reiseschatten, 1831; In Schweden, 1841; En Digters Bazar, ebd. 1842; In Spanien, 1863; von Dramen für das kleine Theater in Kopenhagen geschrieben: Mulatten, ebd. 1840; Maurerpigen, ebd. 1840; Kongcndrömmer, ebd. 1844; Den nye Barselstun, ebd. 1850; von Märchen-Komödien für ein Secondtheater in Kopenh. ^ geschrieben: Meer end Perler og Gnld (nach Rai- > mund), ebd. 1849; Ole Lnköie, ebd. 1850. Die tz, dänische Sammlung seiner Werke ist bisher auf 28 Bände gestiegen; es existiren mehrere deutsche, ' die Leipziger, 1853—1872 von ihm selbst besorgt, zählt 50 Bde. Viele seiner Werke sind, außer ins Deutsche, auch ins Holländische, Schwedische, Französische, Englische u. Czechische übersetzt. Die Märchen, von denen unzählige Sammlungen und Ausgaben bestehen, sollen zum Theil in indische Sprachen übersetzt sein. Anderson, 1) Lorenz, schwedischer Reformator, geb. 1480; von den Brüdern Peterson für die Reformation gewonnen, war er Archidiaconus, später von König Gustav Wasa zum „Kanzler ernannt, als solcher u. außerdem durch Übersetzung des stk. T. in die Landessprache (1526) um die Reformation in Schweden hoch verdient. Als er, in eine Verschwörung gegen Gustav verwickelt, seiner Ämter entsetzt wurde, starb er ans Gram 1552. 2) James, geb. 1685, anglicanischer Prediger in London, angesehener Freimaurer; st. 1746; er schr.: Mrs Constitution ok tüs k'rss-Llnsons, Lond. 1723, umgearbeitet 1758 u. in viele Sprachen übersetzt. 3) Alexander, berühmter nord- ! amerikanischer Holzschneider, der erste seines Faches in Amerika; auch Kupferstecher; geb. 1775 zu New-Dork, wo er Ende der 50er Jahre starb. 4) Nils, schwedischer Maier, geb. 1817; bildete I sich unter Couture in Paris, gründete in Stockholm 1856 eine Schule, ward im selben Jahre Hofmaler, 1857 Professor an der Akademie u. starb 1865. 5) Robert, geb. 1821 in Kentucky und zum Militär auf der Schule zu Westpoint herangebildet; betheiligte sich 1842 an den Kämpfen gegen die Semiuolen in Florida und nahm 1845 an dem Feldzuge gegen Mexico theil. Der Suc- - Anderssen. ccssionskrieg fand ihn als Major im Fort Mnltrie in SCarolina, aus dem er sich freiwillig 27. Dec. 1860 nach Fort Sumter znrückzog; die hartnäckige Bertheidignng desselben gegen die Südstaaten bis zur Übergabe 13. April 1861 machte seinen Namen in weiteren Kreisen bekannt. Später zum General ernannt, kämpfte er in Kentucky, mußte jedoch wegen Krankheit den Dienst verlassen u. starb in Nizza 26. Oct. 1871. 6) Arthur, Begründer großartiger industrieller und gemeinnütziger Unternehmungen in England, geb. 1792 auf der Shetland-Insel Mainland; war erst Seemann, widmete sich aber seit 1815 mit großem Erfolg der Schiffsrhederei, betheiligte sich besonders an dem Kampfe für den Freihandel und gründete die Peninsnlar- und Oriental-Dampfschifffahrtsgesellschaft, welche den Verkehr Englands mit seinen ostindischcn n. australischen Colonien, mit China n. Japan über Ägypten vermittelt; seit 1867 ist er Hanptdirector dieser Gesellschaft. 1847—1852 saß er für die Orkney- u. Shetlandsiuseln im Parlament, wo er besonders für die Befreiung von den Handelsbeschränkungen u. die Aufhebung der Navigationsacte sprach. Als Beförderer gemeinnütziger Unternehmungen that er sich hervor z. B. bei der Erbauung des Krystallpalastes von Sydenham, bei dem Bau von Wohnungen u. Schulen für Matrosen n. Arbeiter; in Lerwick, der Hauptstadt von Mainland, stiftete er ans eigenen Mitteln eine Erziehungsanstalt für arme Kinder der Insel. 7) Sir James, geb. 1824; machte die gewöhnliche Laufbahn in der Handelsmarine durch n. fuhr, Capi- tän geworden, vorzüglich in den ostindischen Gewässern; 1851 trat er in den Dienst der den Verkehr zwischen Liverpool u. NAmerika vermittelnden Cnnaro-Linie. 1865 übernahm er im Dienste der Atlantic-Telegraph-Company das Commando des Great Tastern bei der Legung des Kabels nach NAmerika. Für seine Verdienste verlieh ihm die Königin die Ritterwürde. Anderson, I) County im nordamerikan. Unionsstaat Kansas, unter 38° u. B. und 95° w. L.; 5220 Ew.; Countysitz Garriett. 2) County im nordamerikan. Unionsstaate Kentucky, unter 38" n. Br. und 85° w. L.; 5449 Ew.; Coumy- sitz Lawrence. 3) County im nordamerikan. Ünionsstaate SCarolina, unter 34° n. Br. und 82" w. L.; 24,049 Ew.; Countysitz Anderson. 4) County im nordamerikan. Unionsstaat Tennessee, unter 36° n. Br. und 84° w. L.; 8704 Ew.; fruchtbare, vom schiffbaren Clinchfluß bewässerte Thäler; hat Steinkohlen, Mineral- n. Schwefelquellen; Countysitz Clinton. 5) County im nordamerikan. Unionsstaate Texas, unter 31° n. Br. n. 95° w. L.; 9239 Ew.; ungesund, am Trinity- fluß, der für Dampfboote schiffbar ist. Anüersonis L Lr., Pflanzengattnng aus der Familie der Epacridecn (V. 1), strauchartige Gewächse in Neu-Holland. -V. LprenAolio'iäos Ä. Lr., röthlich blühender Zierstrauch; Benennung zu Ehren des Schiffswundarztes Anderson, der Cook auf seinen Reisen begleitete. Andersten, Adolf, berühmter Schachspieler, geb. 6. Juli 1818 in Breslau; stndirte daselbst Philosophie u. Mathematik, lebte erst in Stolpe, dann seit 1851 in Berlin und zeichnete sich in 622 Audcrsson diesem Jahre in dem zu London ansgefochtenen Schachturnier ans; 1852 kam er an das Friedrichsgymnasium in Breslau u. rückte bald in die erste Oberlehrerstclleanf, verlor aber bei der ausgedehnten Bernfsthätigkeit an Spielpraxis, so daß er 1858 dem Amerikaner Morphy in Paris unterlag, welche Scharte er aber 1862 auf dem 2. Londoner Schachturnier u. auf dem Internationalen Schachturnier in Baden 1870 auswctztc: in beiden blieb er erster Sieger. Gab mit Kossak u. A. die Berliner und jetzt mit I. Minckwitz die Deutsche Schach- zeitnng heraus. Andersson, 1) Nils Johan, geb. 20. Febr. 1821 im Kirchspiel Gärdserum in Smaland; war seit 1846 Doccnt der Botanik in Upsala und seit 1847 Lehrer an der neuen Elementarschule in Stockholm; machte in den Jahren 1851—1853 als Botaniker die schwedische Erdumsegelung auf der Fregatte Eugenie mit und war nach seiner Rückkehr als Adjunct u. botanischer Demonstrator an der Universität zu Lund thätig; 1856 wurde er als Professor und Intendant der botanischen Sammlungen der Akademie der Wissenschaften, sowie als Lehrer an der Bergianischcn Garten- schnle nach Stockholm berufen. Er schr.: Lalioss Iwpponias, Ups. 1845; Oonsxsotms vsMtatnonis I-aWoniae, ebda. 1846; Imrsbok i Lotanilc, Stockh. 3 Bde.; ökvsr ckon nicanckin-rvisica Llornns kainiljsr, ebda. 1849; Llantao Lorrncki- mrvirrs cksnoriptionibns st tixnris amrlvtids ackumbratao, ebd. 1849—1852;Uotanis1i-r notisor, ebd. 1849—1863; OalaxaAoo-Öarnvs Llora, ebd. 1858—1860, 2 Bde.; Lalioss LoreaU-^Vmori- sanas, Cainbr. 1858; InlsäninA tii Ilobaiülcun, Stockh. 1860—1863, 3 Bde. Die Schilderung seiner Reise ans der Fregatte Eugenie veröffentlichte er als Ln VorläsomssAlin^, Stockh. 1853 f., 3 Bde. (deutsch von C. L. Kannegießer, Lpz. 1854, n. A. 1865). 2) Charles John, Äsrika- reisender, geb. 1827 in Schweden; schloß sich der von Francis Galten unternommenen Expedition nach SAfrika an; erforschte mit diesem 1850 und 1851 das bis dahin gänzlich unbekannte Ovam- boland n. begab sich nach Galtons Rückkehr nach Europa von der Walfischbai durch Groß-Namaqua- Land nach der Capstadt. 1853 und 1854 unternahm er von der Walfischbai eine Reise zum Ngamisee, befuhr diesen und erreichte auf dessen Zufluß, Teoge, die Residenz des Baynye-Hänpt- lings. Nachdem er sich daraus kurze Zeit in Europa anfgshalten hatte, begab er sich 1856 wieder nach SAfrika, unternahm von 1858 — 1859 mehrere Reisen in nördl. Richtung und entdeckte 22. März 1859 den Fluß Okavango, welchen er als einen Arm des Teoge erkannte, mußte aber in Folge von Krankheit u. Mangel an Hilfsmitteln znrückkehren. 1860 verheirathete er sich, ließ sich als Elfenbeinhändler im Gebiete der Damara nieder, führte sie gegen die Namaqua in dem Kampfe, in welchem ihm 1864 das Bein zerschossen wurde, so daß er lange in der Capstadt krank lag. 1866 aber machte er, obwol noch leidend, einen neuen Versuch, nach dem Cunene vorzn- dringen, den er auch erreichte; er starb aber ans dieser Reise, 5. Juli 1867, im Ovambolande an der Dysenterie. Er schr.: Laics istZami or Lx- ^ — Audlaw. xlorations snck Oiseovoriss eto., Lond. 1856, 2 Bde., deutsch von H. Lotze, Lpz. 1858; Mw Okavango Rivsr sto., Lond. 1861, deutsch von H. Hartmann, Lpz. 1863. Arides, s. Cordilleras de los Andes. Andessprachen. Unter diesem Collectivnamen begreift man die verschiedenen in Peru gesprochenen Sprachen, hauptsächlich die verschiedenen Dialekte des Aymara n. das Kechua, die Sprache der alten Peruaner; über ihren sprachlichen Charakter s. Amerikanische Sprachen. Andefin, ein triklinoedrisch krystallisirendes, dem Albit äußerlich ähnliches Glied der Feldspath- familie; kommt in den Porphyren der Anden häufig vor; spec. Gewicht 2,^; chemisch ist er ein Kalk- natronseldspath; s. n. Feldspath. And estt, Felsart, häufig in den „Anden Süd- Amerikas; gleicht dem Trachyt im Äußern n. besteht ans Andesin u. Hornblende oder Angit. Andivienkraut, so v. w. Endivie. Andlau, Flecken im Kreise Schlettstadt im Elsaß; alte Baronie u. Bcnedictinerabtei (aufgehoben), Billard- n. Tuchfabrik; Handel mit Wein, Getreide ! n. Vieh; 2000 Ew. Dabei die Ruine des Schloß ! ses des Geschlechtes A. aus dem 13. Jahrh. n. die ! Ruine Spesburg. Andlaw (Andlau), ein altes Geschlecht, das schon zur Zeit der Hohenstaufen blühte und 1274 von den Habsbnrgern die ihm gehörige Burg u. Stadt A. im Elsaß (s. o.) zu Lehen nehmen mußte u. später der Reformation hartnäckig widerstehend, nachdem dem Ältesten von Karl V. das Recht be- ! (tätigt worden, sich Erbritter des Hl. Römischen . Reiches zu nennen, am 16. März 1676 vom Kai- ' ser Leopold I. in den Reichsfrciherrnstand erhoben wurde. Später theilte sich das Geschlecht in mehrere Linien in Deutschland, Frankreich und der Schweiz, von denen jetzt noch zwei gräfliche u. eine freiherrliche bestehen: 1) Die Linie zu Klein- Landau, 1750 in den französischen Grafenstand erhoben; 2) die Linie zu Homburg, 1814 in den österreichischen Grafenstand erhoben u. gegenwärtig durch den Grafen -Otto v. A., geb. 7. Sept. 1811, vertreten, u. 3) die frciherrliche Linie, A-Birseck, um 1660 von Ernst Friedrich von A. gegründet. Zn bemerken sind: 1) Franz ikaver, Ches des Hauses, geboren 6. October 1709, badischer Geh. Rath; stndirte dis Rechte, machte nach der ! Staatsprüfung Reisen durch Italien, Frankreich und England n, trat 1824 als Beamter i» das Ministerium des Äußern zu Karlsruhe. 1826 betrat er die diplomatische Laufbahn, war erst Attache n. dann Secretär bei der badischen Gesandtschaft in Wien u. kehrte auch, nachdem er ! 1830—32 Legationsrath in Paris gewesen war, ! dahin zurück; ,1836 u. 1837 war er Rath beim Mi- ! ^ nisterinm des Äußern in Karlsruhe, dann 1838—43 Geschäftsträger u. Ministerresident in München, , darauf bis 1846 in Paris n. zuletzt Gesandter in Wien, wo er, mit Ausnahme von 1848—49, bis Juli 1856 blieb; seitdem in den Ruhestand getreten, lebt er in Baden-Baden, ein streng konservativer u. katholisch gesinnter Mann, stark zu Österreich neigend, allem Norddeutschen sich frcmd haltend. Er schr.: Erinnernngsblätter ans den Papieren eines Diplomaten, Franks. 1857; Die Frauen in > Audi) — Andovcr. 623 der Geschichte, Mainz 1861, 2 Bde.; Mein Tagebuch, v. 1811—61, Franks. 1862, 2 Bde.; Die byzantinischen Kaiser, ihre Paläste u. Familiengeschichten, Mainz 1865. 2) Heinrich Leonhard, Bruder des Vor., geb. 20. Ang. 1802; trat 1821 in den badischen Militärdienst, quittirte denselben jedoch schon 1825 n. war seit 1833 für den grnnd- herrlichen Adel ober der Mnrg Mitglied der Badischen Ersten Kauuner, wo er, als ein Gegner der Constitution von 1818 u. Vorkämpfer der katholischen Fracdion, seine streng conservativen Grnnd- säbe stets mit großer Conseqnenz aussprach; er st/ 3./4. März 1871. Er sehr.: Der Aufruhr u. Umsturz in Baden, eine Folge der Landesgesetz- gcbnng, Freibnrg 1850. Andii (d. i. Enteninsel), Insel am Andsfjord im norwegischen Archipel Lofoten n. der Abtheilung Vesteraalen, mit den beiden Hafenorten Dvergbjerg u. Björnskin n. dem Lenchtthurme An- denes; 650 fistln (11 HjM.). Die 1600—1700 Ew. beschäftigen sich mit dein Einsammeln von Eiern u. Federn der sich in dieser Gegend zahllos einfindenden Eidergänse u. mit Fischfang. In jüngster Zeit sollen auf A. Kohlenlager entdeckt sein. Andoai», St. in der spanischen Prov. Gui- pnzcoa, rechts am Oria u. der Eisenbahn nach S. Sebastian; Anker- u. Kupferschmieden, Eisengießerei; 1050 Ew. In der Nähe bei Urcamendi 23. u. 24. Febr. n. 7. n. 8. Dec. 1874 Gefechte zwischen den Carlisten n. den Regiernngstrnppen unter General Loma; in dein letzten wurde dieser schwer verwundet. Alldokrdes, der zweite unter den 10 attischen Rednern, Sohn des Leogoros, ans vornehmer Familie, geb. um 441, n. And. um 468 v. Ehr. In den berüchtigten Hermokopidenproceß (s.Alkibiades) verwickelt, mußte er aus Athen fliehen; kehrte aber nach der Vertreibung der 30 Tyrannen bei der allgemeinen Amnestie 403 nach Athen zurück n. wurde im Korinthischen Kriege in eine Gesandtschaft nach Sparta gewählt, die den Frieden vermitteln sollte (393 v. Chr.), was ihm aber trotz fiünes lebhaften Wunsches nicht gelang. Todesjahr unbekannt. Von ihm haben wir 4 Reden, . herausg. n. A. von Blaß, Lpz. 1871. Andorn, die Gattung Llarrixbinm; insbesondere die Art Llarrnbinin vulAaro T,., weißer gemeiner A-, in NEnropa, an Wegen und auf wüsten Stellen; Stengel aufrecht, bis 0,g in hoch, filzig, meist grau; Blätter runzelig, filzig, ungleich gekerbt; Blüthen in kugeligen Quirlen, Kronröhre mit Haarkranz, Oberlippe fast flach; Kelch lOzäh- nig, die Zähne mit hakenförmig nach außen zurückgebogener Dornspitze. Die Blätter (Horba inarru- dii aibi s. miliaris ob kraoii) riechen frisch angenehm aromatisch, schwach moschnsartig, getrocknet schwächer u. schmecken balsamisch bitter, etwas - scharf; sie enthalten vorwaltend ätherische u. har- I zige Theile nebst vielem Extractivstoff u. waren seit : den ältesten Zeiten officinell. - Andorno (Cacciorna), Flecken im Distr. Biella der italienischen Prov. Novara n. Hanpt- ort des vom Cervo durchflossenen gleichnamigen Thals; Prätnr; Kalksteinbrüche; 2354 Ew. Das Thal hat 10 Dörfer mit gegen 12,000 Ew., welche in de» dortigen Eisen-, Kupfer- n. Blei- grnben n. einem Eisengnßwerke Beschäftigung finden, auch Weberei, Seiden- u. Weinbau treiben. Andorosso (Androssa, Andrnssa), St. am Pirnatsa in der griechischen Nomarchie Messenia; Bischofssitz; Bad, Feigen- Öl- u. Tabakbau; 2000 Ew.; in der -Nähe das alte Messenc. Andorra (Andorrc), Freistaat in den Pyrenäen, zwischen Frankreich (Dcpart. Ariege) und Spanien (Catalonien), in einem von dem Balira, einem Zuflüsse des Segre, bewässerten n. von den Schneebcrgen der östl. Pyrenäen umgebenen Thal; ca. 385 sUkm (7 HsM) groß, mit 34 Ortschaften u. 6 Gemeinden: Andorra, Canillo, Encam, Marana, Ordino, S. Julian. Die Angaben über die Bevölkerung, welche sich hauptsächlich von Viehzucht, namentlich Schafzucht ernährt u. unbedeutenden Handel mit Holz, Kohlen, Eisenerzen n. Schafwolle treibt, schwanken zwischen 14,000 u. 12,000. Die Einwohner sind gntmüthig, fleißig, gastfrei, freiheitsliebend, streng' sittlich n. gehören ihrer Abstammung n. Sprache nach zu den Cataloniern. Merkwürdig ist ihr stark ausgeprägter conscrvativcr Sinn, mit dem sie hartnäckig an dem Überlieferten festhalten u. alle fremdartigen Elemente von sich weisen. Das Land hat schöne Wälder n. Weiden, Eisengruben u. Mineralquellen; Hanptnahrungs- zweig ist Viehzucht; Handel n. Gewerbe gering. A. wurde durch die Privilegien Karls des Gr. n. Ludwigs desFrommen ein Freistaat instand von je unter dem Schutze des Bischofs v. Urgel in Spanien. Seit 1278 übten die Grafen von Foix die Souveränctät ans, jedoch unbeschadet der Rechte der Bischöfe v. Urgel; seit Heinrich IV. steht die Republik unter der Oberherrschaft Frankreichs u. der genannten Bischöfe u. zahlt jährlich abwechselnd 960 Fcs. an jenes u. 891 Fcs. an diese. Die Regierung führt ein Generalrath von 24 Mitgliedern, welche auf 4 Jahre durch 4 Familienchefs einer jeden Gemeinde gewählt werden; an der Spitze desselben steht als Präsident ein erster Syndicns, dem ein zweiter beigegeben ist, diese werden von den Rächen selbst auf 4 Jahre erwählt. Der erste Syndicns hat die execntive Gewalt. Die Justizverwaltung steht 2 Viguiers (Statthaltern) u. einem Civilrichter zu; je ein Viguier wird von Frankreich n. dem Bischof v. Urgel ernannt, der Civilrichter abwechselnd von ihnen. Das Gesetzbuch ist am 7. Rov. 1846 pnblicirt. Ans Mord steht die Todesstrafe; das Todesnrtheil muß von den Vertretern aller Gemeinden bestätigt werden. Die Einnahmen bestehen in Pachtgeldern für die Gemeindeweiden, in Zahlung einer geringen Personal-, Grund- u. Vichstener. Zum Kriegsdienste werden alle männlichen Bewohner vom 16.—60. Lebensjahre herbci- gezogen; das Aufgebot kann von den Viguiers zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe, aber nicht zum Kriege bewirkt werden, über den nur die Volksversammlung entscheidet. Der Hanptort gleichen Namens, 1051 in hoch am Fuße des Anclar gelegen, hat ein interessantes altes Rathhans u. 900 Ew. Vgl. Berthet, Iw Val ü'Vmiorrs, Paris 1873. Andouille, Flecken im Arr. Laval des französischen Dep. Mayennc; Eisenmine, Eisenhammer, Fabrik von Weberschiffchen; 2960 Ew. Andöver, 1) St. ani Anson in der englischen 624 Audrnche — Grassch. Hampshire, 5500 Ew.; Malzhandel: Seidensabrikation, Eisengießerei. 2) Städtischer Bez. im County Essex in, nordöstlichen Winkel des nordamcrik. Unionsstaates Massachusetts; Leinen- n. Baumwollenwaarenfabriken; Philipps-Akademie, von Samuel u. John Philipps 1788 gegründet n. mit 60,000 Doll, dotirt, mit chemischem Laboratorium ».Bibliothek; theologisches Seminar, 1807 mit einem Capital von 400,000 Doll, gegründet (Bibliothek von 21,500 Bänden), gewährt den Zöglingen freien Unterricht und freie Station; außerdem eine Bildnngsanstalt für Lehrerinnen; 5521 Ew. Andrache (Andraix), Hafenst. auf der spani- Jnsel Mallorca; 4500 Ew. Audrada» 1) Jose Bonif. d'A. e Silva, aus altem, nach Brasilien übersiedeltcin Geschlcchte, geb. 13. Juni 1703 zn Santos in der Prov. S. Paulo (Brasilien); stndirte zu Ccimbra Staats- u. Naturwissenschaften, auch unter Werner zu Freiberg, u. ward 1801 Professor der Gcognosie zn Coimbra, dann Oberberghauptmann. 1807, als die Franzosen in Portugal einficlen, kämpfte er als Freiwilliger im Unabhängigkeitskriege mit, kehrte aber, vielfach angefeindet, 1819 nach Brasilien zurück. Als Viccpräsident der Provinzial- jnnta von S. Paulo vermochte er 1821 Dom Pedro, der nach den Decrcten der portugiesischen Cortes nach Europa znrückkehre» sollte, zum Verbleiben in Brasilien; .wurde 16. Jan. 1822 als Minister des Innern an die Spitze der Verwaltung berufen u. suchte die Provinzen wieder zu einem Ganzen zn vereinigen. Am 25. Oct. er- Inelt er seine Entlassung, wurde aber nach 5 Tagen, da das Volk ihn znrückverlangte, wieder in seinen Posten eingesetzt; im Juli 1823 trat er freiwillig zurück n. vereinigte sich mit der Opposition gegen das Ministerium. Deshalb verbannt, ging er nach Frankreich n. lebte in Bordeaux wissenschaftlichen Studien, bis er 1829 die Erlaubnis; zur Rückkehr erhielt. Als Kaiser Dom Pedro zu Gunsten seines Sohnes 1831 abdankte, ernannte er A. zu dessen Vormund; indeß, nachdem er drei Jahre die Stelle mit größter Gewissenhaftigkeit versehen, wurde er, im Verdachte, die Rückkehr des Exkaisers zn begünstigen, 1834 durch die Regentschaft der Vormundschaft enthoben. A. zog sich nun in den Pnvatstand zurück n. st. 6. April 1838 ans einer kleinen Insel bei Rio de Janeiro. A. ist Verfasser einer größeren Reihe von wissenschaftlichen n. politischen Abhandlungen u. zählt durch seine koesias «Hruoiieo Lh'sso, Bordeaux 1825, zu den besten der älteren brasilianischen Dichter. 2) Antonio Carlo, Bruder des Vor.; war Beamter zu Olinda, als er wegen Theilnahme an der Revolution von 1817 verhaftet wurde. Nach seiner Freilassung (1820) ging er als Mitglied der Cortes nach Lissabon, wo er für die Unabhängigkeit Brasiliens sich anssprach, dann aber, da ihm die neue portugiesische Constitution für Brasilien nicht angemessen erschien, den Eid aus dieselbe verweigerte. Beim Ausbruche der Revolution kehrte er nach Rio de Janeiro zurück n. wurde in die constituircnde Versammlung gewählt, in deren Auftrag er den Eid entwarf, welcher Dom Pedro u. dessen Dynastie die Krone von Brasilien sicherte; 1840—41 war - Andrassy. er Finanzmiuistcr Brasiliens. 3) Martin; Francesco, Bruder der Vor., geb. 1776 in Santos; widmete sich mineralogischen Studien u. wurde Lehrer der Mineralogie in Brasilien. Seit 1821 an der Politik sich betheiligend, wurde er unter seinem ältesten Bruder brasilianischer Finanzminister u. trat mit demselben zurück; als Führer der Opposition gegen die neuen Minister mit verbannt, spielte er in der brasilianischen Revolution eine bedeutende Rolle; 1840 wurde er neben seinem zweiten Bruder Minister des Innern, trat aber bereits 1841 mit diesem zurück n. st. 23. Fcbr. 1844 in Santos. Von seinen Söhnen Jose Bo- nifacio d'A. und Martini Francesco d'A. Lichtete der Erstere liosas s Zoivos, S. Paul 1849; der Letztere Im^rimas s sorrisos, Rio 1847, u. llanrmrio 6areiu (Drama), ebd. 1849. 4) Antonio d'A., geb. zn Oleiros 1580, Jesuit; reiste als Missionär, entdeckte Tibet, gründete daselbst eine Mission u. ging nach China; starb als Provinzial des Jesuitenordens in Goa 19. März 1034. Von ihm: Mvo ckssorubiinento äos rozmos cks ll'idot, Lissab. 1620, neu bearb. in franz. Sprache VozmAv au libot, kalt out625 st 1626, Par. 1795. Ändral, Gabriel, einer der berühmtesten französischen Ärzte, namhafter Förderer der Pathologie, geb. zu Paris 6. Nov. 1797; seit 1824 Mitglied der medicinischcu Akademie, wurde er 1827 Professor an der medicinischen Facultät daselbst; st. 5. Febr. 1851 zu Paris. Er schrieb: OUuigus meäioalo, Par. 1823—27, 3 Bde., 4. Ausl., 1840, 5 Bde. (deutsch von Flies 1842 ff., 5 Bde.); krsois ck'anatomiü patUoloA., ebd. 1829, 2 Bde. (deutsch von Becker, Lpz. 1829 f., 2 Thle.), die erste allgemeine pathologische Anatomie, welche überhaupt erschien; isiraitö ck'tmsenltaticm ino- ckiats ok äu eoonr, ebd. 1836, 2 Bde.; 6ours äo patlrologsio interne, Par. 1837, 3 Bde., 2. Ausl. 1848 (deutsch von Unger, 1836—38, 3 Bde.); Lssai ä'UsmatvIoMs patiioloAicius, 1843 (deutsch von Herzog, 1844). Andrassy (spr. Andraschi), eine seit Anfang des 11. Jahrh. urkundlich genannte Familie in Bosnien, magyarischen, nach Anderen griechischen Ursprunges. Schon früh hatte sich ein Zweig nach Italien gewendet, dessen Glieder sich Markgrafen von A. n. Ritter v. Rivalto nannten, n. der 1793 ausstarb; die bosnische Linie, ausgezeichnet durch eine Reihe von Kriegsheldcn, wandte sich 1571 nach Ungarn, wo sie Schloß u. Herrschaft Kraßna- Horka erwarb, durch Hcirathen zum Besitze von Monok, Somos, Görtsöny, Csctnck gelangte und zu Ende des 16. Jahrh. die Baronen- n. im 18. Jahrh. die Grafenwürde erhielt. Sie führt das Prädicat: von Csik-Szent-Kiräly n. Kraßna-Horka u. zerfällt»; 2 Linien: A. Ältere Linie: 1) Karl, Gras, Generalmajor, geb. 1723, starb 1782; kämpfte im Siebenjährigen Kriege mit Auszeichnung. 2) Graf Karl, geb. 29. Febr. 1792 zu Gömör; machte sich einen Namen durch seine Wirksamkeit auf Len Reichstagen von 1839—44 als Opposi- tjonsmitglied, sowie als Vorsitzender der Gesellschaft für die Regnlirnng der Theiß u. als Be- sörderer der Bergwerks- u. Fabrikvereine; er st. 1845 zu Brüssel auf einer Jnspectionsrcise. Er schr.: Umrisse einer möglichen Reform in Ungarn. Andravida — Andr6 625 Chef der Linie ist: 3) Graf Mano (Emannel) A., ältester Sohn res Bor., gcb. 3. März 1821; Oppositionsmitglied auf dem Reichstage von 1847 u. später unter dem ungarischen Ministerium Obergespan von Torna; machte 1849 eine Reise nach OAsicn und wurde 1860 Obcrgcspan des Zem- pliner Comitats. Er ist vermählt seit 1855 mit Gräfin Gabriele, geb. Gräfin Palfft) v. Erdöd. 4) Gras Gyula (Julius), Bruder des Vor., geb. 8. März 1823; zeichnete sich 1847 als Vorsitzender der Gesellschaft für die Theißrcgnlirnng n. auf dem Reichstage als glänzender Redner ans. Bei der Revolution 1848 war er Obcrgcspan von Zemplin u. befehligte in der Schlacht von Schwechat eine Abthcilnng Landsturm. Bei der russischen Intervention ging er als Gesandter der ungarischen Negierung nach Constantinopel, um die Pforte zu einer Diversion gegen Rußland zu bewegen, jedoch ohne Erfolg. Nach dem unglücklichen Ansgang der Revolution ging er ins Exil nach Paris, wo er mit Tcleki an der Spitze der ungarischen Emigration n. im innigsten Verkehre mit den höchsten Gesellschafts- n. Regierungskreisen stand. Zn Hanse aber wurde er mit 39 Landsleuten n. Gesinnungsgenossen im Jahre 1850 zum Tode durch denStrang vernrtheilt n. im Bilde aufgehängt. Nach 6 Jahren amnestirt, kehrte er 1860 nach Ungarn zurück n. trat 1861 in den ungarischen Reichstag, wo er als eifriger Vertreter der ungarischen Sache zur Partei Deals hielt. Nachdem er das österreichisch-ungarische Ansgleichsgesetz ausgcarbeitct, verhandelt und im Reichstage durchgesttzt hatte, welches, bis zum Jahre 1877 in Giltigkeit, den Dualismus der österr.-ungarischen Monarchie begründet, wurde er am 17. Febr. 1867 Präsident des ungarischen Ministeriums. Im Novbr. 1871 wurde er Nachfolger des Grafen Beust, Minister des Äußern u. des k Kaiser!. Hauses, mit dem Vorsitze im gemeinsamen I Ministerrathe. In dieser Stellung vermittelte er ! wiederholte Zusammenkünfte der Kaiser von Deutsch- 1 land u. -Österreich, die Drei-Kaiser-Znsammenkunft I in Berlin 1872, den Besuch des Czars in Wien ! 1873 u. begleitete Franz Joseph 1874 nach Peters- I bürg, womit freundlichere Beziehungen zu Rußland ; «„gebahnt wurden. Im Herbste 1873 veranlaßte . i er den Besuch Victor Emanuels in Wien, was man !, I als das Anfgeben der alten traditionellen Politik i I Österreichs deutete. Als Redner genießt U. gro- > I ßes Ansehen; er bekleidet noch den Rang eines I > Honvcdgencrals und ist vcrheirathet mit Katha- ! rina (Katinka), geborene Gräfin Kendefy von ^ Malomyrz, aus welcher Ehe zwei Söhne n. eine . Tochter entsprossen sind. 5) Graf Aladär (Al- i > sred) A., Bruder des Vor., geb. 1827; nahm eben- ^ falls an der Revolution thätigen Anthcil n. focht ; inner Bem in Siebenbürgen. L. Jüngere Li- ! »ie; Chef: 6) Graf Georg A., Sohn des 1812 js gestorbenen Grafen Stephan, gcb. 5. Febr. 1797; ^ war Dircctor der ungarischen Akademie, während der Dauer des ungarischen Ministeriums Ober- ! ^ gespan des Saroscher Comitats u. wurde im April ^ 1863 stnäox enriao von Ungarn; er st. 19. Dcc. ! 1872 als Verwaltungspräsidenr der Theißeisenbahn u. als Directions- u. Ehrenmitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Andrnvlda, St. in Griechenland, Morea, Nom. Achaia, Eparchie Elis, mit den Ruinen des alten Kyllcnc. Andre, I) Jacques d'Albon, Marquis de Fronsac, Marschall Le St. II., französischer Marschall, geb. bei Lyon; kam sehr jung an den Hof Franz' I., erwarb sich die Gunst des Dauphin, zeichnete sich vor Bonlogne u. 1544 bei Cerisolcs ans und ward, als Heinrich II. zum Throne gelangte, Marschall; hatte aus dessen Regierung durch des Königs Mätresse großen Einfluß, begleitete Len König 1552 nach Lothringen, befehligte dann in der Champagne und leitete den Rückzug von Ouesnoy; 1557 ward er mit Montmorency bei St. Quentin gefangen, trat nach dem Tode Heinrichs II. zu der Partei der Gnisen über u. ward von d'Anbigny im Gefechte bei Dreux 1562 erschossen. 2) John, geb. um 1752, im nordamerikanischen Befreiungskriege Major u. Generaladjutant des brit. Generals Clinton, dessen geheimen Briefwechsel mit dem verräthcrischen nord- amerikanischen General Arnold er besorgte; wurde, als er in die Hände der Amerikaner fiel n. man Briefe u. Festnngspläne, die seine Verrälherei erwiesen, bei ihm fand, 1780 als Spion gehängt, wofür König Georg III. von England ihm ein Denkmal in der Wcstminsterabtei setzen ließ. 3) Johann, geb. 28. März 1741 zu Offenbach; ursprünglich Kaufmann, gründete er einen Musika- lienverlag nebst Notendrnckerei in seiner Vaterstadt u. ging unter Beibehaltung seines Geschäftes 1777 als Mnsikdirector zum Deutschen Theater in Berlin; 1784 kehrte er nach Offenbach zurück u. übernahm seine Musikalienhandlung wieder; starb 18. Juni 1799. Er wendete in Deutschland zuerst den Zinndruck an; componirte mehrere Opern u. Balladen, deren Musik sich durch Frische u. Natürlichkeit anszeichnet, n. a. auch die Melodie zu dem Liede: Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher; schrieb: Komische Versuche, Lustspiele. 4) Joh. Anton, Sohn des Bor., geb. 6. Oct. 1775 zu Offenbach; studirte 1796 in Jena, übernahm 1799 das väterliche Geschäft, Las er durch Umsicht n. durch Ankauf des Mozartschen Nachlasses zu bedeutendem Aufschwung brachte; er st. 5. April 1842. Er wandte beim Norcndrnck zuerst den Sencfelderschcn Steindruck an; componirte über 100 Musikstücke (Opern, Lieder, Quartette) n. schr.: Lehrbuch der Tonsetzkunst, Offenb. 1832 bis 1843, 2 Bde. 5) Karl August A., Sohn des Vor.; ließ sich in Frankfurt a. M. nieder, wo er eine Musikalienhandlung und Klaviersabrik errichtete. Die letztere erwarb sich während ihres etwa 30jährigen Bestehens (seit 1839) einen besonderen Ruf durch die sogenannten Mozartflüg>?l. Unter den übrigen Söhnen machte sich 6) Julius A. in Offenbach als Componist u. durch Arrangements von Orchesterwerken einen geachteten Namen. 7) Christian Karl, verdienstvoller pädagogischer u. populär-landwirthschaftlicher Schriftsteller, geb. 20 März 1763 zu Hildbnrghanscn; war längere Zeit eine Hauptstütze des Salzmann- schen Instituts, gründete 1797 mit Becker in Gorha den Rcichsanzeiger, ward 1798 Direktor der protestantischen Schule zu Brünn u. 1812 sllrstl. Salmscher Wirthschaftsrath daselbst. In elfterer Stellung gab er heraus: Patriot. Tageblatt für sämmt- 40 Pierers Umvcrsal-Convcriatilms-Lexikon. k. Aufl. I. Band. 626 Andre — ^närenönosAS. liehe Bewohner aller k. k. Erbländer, Brünn 1800 bis 1805, 10 Bde.; Hesperns, Prag 1809—20 u. Stuttg. 1821—31, und den Nationalkalender, Prag 1810—24. In der zweiten wirkte er besonders durch seine Ökonomischen Neuigkeiten, Prag 1811—37. Mit seinem Schwiegersöhne Tempski besaß er eine Zeit lang die Calvesche Buchhandlung zu Prag n. war seit 1817 Assessor des Georgikons zu Keszthely in Ungarn; 1821 trat er als Secrctär bei der Centralstellc des landwirthschaft- lichen Vereins in wnrttembergische Dienste u. st. 19. Juli 1831 in Stuttgart. Er gab gemeinschaftlich mit Bcchstein heraus: Gemeinnützige Spaziergänge ans alle Tage im Jahre, Brannschw. 1700—05, 10 Bde.; compendiöse Bibliothek der gemeinnützigsten Kenntnisse, Halle 1790—95, 120 Hefte. Bon seinen sonstigen Schriften: Mannigfaltigkeiten zum Nutzen u. Vergnügen für Hausväter, Prag 1818; Neuer Hans- u. Volksfrcnnd für den deutschen Bürger und Landmann, Leipz. 1822—29. 8) Emil, Sohn des Vor., geb. 1. März 1790 zu Schnepfenthal, Forst- n. Landwirth u. Schriftsteller seiner Fächer; erwarb sich große Verdienste um die Rnnkelrübcnznckerfabrikation u. die Veredlung der Schafzucht. Er setzte die Ökonomischen Neuigkeiten fort n. gab statt deren 1846 f. die Rene Ökonom. Zeitschrift heraus. 9) Jules, französischer Maler, geb. 1804 in Paris; bildete sich bei Jolivard und Watelet, bereiste seit 1827 Südfrankreich, Belgien u. den Rhein; lieferte seit 1831 viele gerühmte Bilder französischer Landschaften, war 1845—56 Maler in der Porzellanfabrik zu Sevrcs, erntete als solcher auf den Ausstellungen durch seine Arbeiten Ruhm; Werke im neuen Lonvre und im Hotel d'Albe; er starb 17. Aug. 1869 in Paris. Andre (St. A. de Cubzac), St. im Arr. Bordeaux des franz. Dep. Gironde an der Dor- dogne; Friedcnsgericht, College, Schloß, Eisengießerei; Handel mit Wein, Branntwein, Getreide, Holz; 3505 Ew. Andrea, Girolamo d', römischer Cardinal aus einer neapolitanischen Adelsfamilie, geb. 12. April 1812 in Neapel; war zuerst Erzbischof von Mity- lene in pnrtibns, dann Bischof von Sabina, endlich Cardinal n. ARbats oommsiniatorio von Sn- biaco, theilweise zum Danke für seine eifrigen Dienste als außerordentlicher Commissär beiWieder- herstellnng der päpstlichen Herrschaft 1850. Als Präfect der Jndexcongregatwn war er gegen die Verurtheilnng der Werke Rosminis, der gallicani- schen Schriften u. 1361 gegen die Schritte wider die Universität Löwen; 1859 suchte er Len Papst zur Annahme mehr liberaler Regierungsformen zu bewegen, und 1864 sprach er sich in scharfer Weise gegen die Encyklika aus. Durch all das übcrwarf er sich mit Antonelli u. den Jesuiten u. begab sich 1864 gegen den Willen des Papstes nach Neapel, wo er mit der Regierung Victor Emanuels in offenkundige Verbindung trat. 1866 entzog ihm der Papst die Verwaltung der Diöcese u. Abtei n. die Cardinalseinkünfte, u. im Sept. 1867 erfolgte seine Absetzung, worauf er nachgab. Am 17. Fan. 1868 erfolgte seine Rehabilitation, aber schon in der Nacht des 14. Mai 1868 starb er ganz unerwartet, dem Gerüchte nach, an Gift. St. Andrea, 1) Insel vor dem Hafen von Brindisi, mit Castell, in der italienischen Prov. j Terra L'Otranio. 2) St. in Obergninea (Goldküste), wichtig durch ihren Handel. Andrea, 1) Ja kob, eifriger lutherischer Theo- . log, geb. 25. März 1528 zu Waiblingen in ä Württemberg, Sohn eines Schmiedes (daher ' auch Schmiedlin); wurde 1546 Diaconns in Stuttgart, aber 1548 durch das Interim verdrängt; 1549 Diaconns in Tübingen, 1553 Superintendent zu Göppingen, 1562 Professor der Theologie, Kanzler der Universität und Propst zu Tübingen. Zahlreiche deutsche Reichsstände, wie Baden, Pfalz, Hagenau, Brannschweig rc., beriefen ihn zur Einführung der Reformation; in späterer Zeit wirkte er unablässig für die Einigung der durch Lehr- strcitigkeiten gespaltenen Protestantischen Kirche, u. die endlich nach langen Unterhandlungen 1580 zu Stande gekommene Concordia ist zu einem guten Theil sein Werk. Er st. 7. Juni 1500 zu Tübingen. Außer vielen Predigten n. Dissertationen kennt man von ihm über 60 Streitschriften. 3) Joh. Valentin, Enkel des Vor., den er als Theolog und Schriftsteller durch Vielseitigkeit und Originalität übertrifft, der schwäbische Arndt, geb. 17. Aug. 1586 zu Herrenberg in Württemberg; studirte in Tübingen, machte Reisen nach Genf, Paris, Italien rc., wurde 1614 Diaconns in Vaihingen, 1620 Dccan in Kalw, 1639 Hofpre- j diger u. Consistorialrath in Stuttgart, 1650 Prälat in Bebenhansen, 1654 Abt von Adelbsrg mit it dem Sitze in Stuttgart; st. am letzteren Orte 27. Juni 1654. Seine humane u. patriotische Wirksamkeit unter den Nöthen des 30jährigen Krieges, wie sein theologischer Freimnth, der auf ein praktisches Christenthnm statt todter Streittheologie drang, sind einer der wenigen Lichtpunkte in jener dunklen Zeit; seine Schriften, von denen leider die wenigsten deutsch sind, hat Herder, den Verfasser eine Rose unter Dornen nennend, ans der Vergessenheit gezogen. In mehreren derselben: bärnatrabsrnitatis des löblichen Ordens des Rosenkreuzes, 1614, Lonkssmo derSocietätu. Bruderschaft U. 6., 1615 rc., verspottet A. den Zug der Zeit zu mystischen und alchymistischen Gesellschaften u. will zugleich, wie die meisten späteren Schriften zeigen, die Stiftung eines echt christlichen Freund- schaftsbuudes anregen (s. Rosenkreuzer). Weiter verdienen Beachtung: die satirischen Gespräche Llenippns, die ä.polo§1 Ollrisblnni, die ksipu- biieasc: llrisiiang.s ässoriptio, das Gespräch Pllso- pirilns, die geistliche Knrtzweil mit der schönen Pastoraltheologie in Versen: Das gute Leben eines rechtschaffenen Dieners Gottes, neu von Herder, Löhe, zuletzt Laurent, Stuttg. 1865; Die Kämpfe des christlichen Hercules, deutsch Franks. 1845; . Die Christenburg, neu von Grüneisen, Stutt- > gart 1836. ünlireseaceLe Leckw., Steinmoose, Fam. aus der Klasse der Laubmoose, rasenbildende, kleine, Licht beblätterte Moose von dunkelbrauner bis fast schwarzer schmutziger Farbe. Die Kapsel der A. springt mit 4 Längsrissen auf, die dadurch entstandenen Klappen bleiben aber am Scheitel verbunden; dadurch unterscheiden sich die ä. von allen anderen Moosen. Die Arten der einzigen Gattung 627 Andrea in — .llnckrsasa Mr/i. (nach dem Apotheker Andrea in Hannover benannt) wachsen ans nackten Felsen hoher Berge. Andrcäni, Andrea il Mantuano, Kupferstecher u. Formschneider zn Rom, genannt der kleine Albrecht Dürer, geb. zu Mantua um 1560, gcst. 1623. Er arbeitete in malerischer Weise, wenn auch nicht, wie Ugo da Carpi, mit Übcreinander- drucken mehrerer Tonplatten ohne eine Stich- platte; er wendete vielmehr stets eine Stichplatte cm, der zwei oder mehrere Platten mit dunkleren oder helleren Tönen anfgedruckt sind. Andreas (gr., der Mannhafte), St., Apostel, einer der 12 Jünger Jesu, Sohn des Jona, eines Fischers zu Bethsaida, Bruder des Petrus, früher Jünger des Johannes d. T. In der Apostelgeschichte kommt er gar nicht vor. Nach der Jage predigte er in Skythien (daher Apostel der Russen), Klcinasien, NGriechenland n. Epiros das Evangelium und erlitt zu Paträ in Achaia im Jahre 62 oder 70 den Märtyrertod an einem Kreuze mit schräg gestellten Balken (s. Andreaskreuz). Er wird, außer in Rußland, auch in Schottland, Burgund, Brabant, Luxemburg, Holstein rc. als Lan- Lesheiliger, ebenso als Schutzpatron mehrerer .Handwerker, besonders der Fischer, auch als Ehe- procurator verehrt; Tag: 30. November (siehe Andreastag). Andreas, I. Könige, s.) Von Neapel: 1) A., Sohn Karl Roberts, ans dem Hanse Anjou, Königs von Ungarn, geb. 1327; ward als 7jähriger Knabe an seine Cousine Johanna von Neapel vermählt, bestieg nach dem Tode des Großvaters derselben, Roberts, 1343 mit ihr den neapolitanischen Thron, ward aber 20. Ang. 1345 erdrosselt; s. n. Neapel, b) Von Ungarn: 2) A. I., Sohn Ladislaws des Kahlen; ward 1046 nach dem Usurpator Peter König von Ungarn und regierte bis 1058, wo er in einem inneren Kriege gegen seinen Bruder Bela l. fiel; s. Ungarn. H) A. II., der Hierosolymitaner (wegen seines Zuges nach Jerusalem so genannt), Sohn Bclas III-, Bruder Emrichs, welchen! er 1196 die Krone zu entreißen suchte. Emrich hielt ihn bis 1204 gefangen, ließ ihn aber dann frei und ernannte ihn zum Vormund seines minderjährigen Sohnes LadiSlaw, dem A. 1205 als König folgte; 1218 mißglückte ihm ein Krenzzug nach Palästina; er st. 1235 (1236). Unter ihm wurde 1222 die ^nroa bnlla (die Constitution Ungarns) erlassen 4) A. III-, der Venetianer, Enkel des Bor., Sohn des Stephan Posthumus n. der Tommasina Morosiui, geb. zn Venedig; war seit 1278 Herzog von Slavonien, Kroatien und Dalmatien, bestieg nach Ladislaw III. 1290 den Thron von Ungarn, schlug 1292 bei Agram seinen Nebenbuhler Karl Martell, den Sohn Karls II. von Anjou, Königs von Neapel, u. st. 14. Jan. 1301; s. Ungarn. Mit ihm erlosch die Arpadsche Dynastie im Mannesstamm (s. Ungarn). II. Prälaten und sonstige Geistliche: I) St. A. Hierosolymitanus, Basilianermönch; zuletzt Erzbischof v. Kreta; wird unter den griech. Hyniuendichtern genannt; st. 723. 2) A. Suno- nis, aus Seeland, Kannts VI. Kanzler, später Erzbischof von Lund und Primas von Schweden; zog Andreasinsi'!. 1207 dem Bischof von Riga gegen die heidnischen Lievländer zn Hilfe; st. 1228. sj) A., Dominikaner, Erzbischof von Krain u. Cardinal, Vorläufer der Reformation; wurde vom Kaiser Friedrich III. nach Rom gesandt, dort vom Papst Sixtus IV., dem er ins Gewissen reden wollte, verhöhnt und verfolgt, suchte darauf in Basel ein zweites Concil zur Kirchen-Verbesserung zu Stande zn bringen, wofür ihn der Papst mit dem Banne belegte und die Stadt Basel mit dein Jntcrdict bedrohte, 1482. Erst, wahrscheinlich zu Basel im Gefängnis), 1484. Vcrgl. Bnrckhardt, Erzbischof A. und der letzte Concilsversuch in Basel, 1853. 4) St. A. v. Avellino, Thcatincrinönch u. Prediger; st. 1608; er ist einer der Schutzheiligen von Neapel und Sicilicn; Tag: 10. November. Andreas, ein angelsächsisches Gedicht des (locker Voreellsn.Us (s. Angelsächsische Literatur); es bearbeitet in lebendiger, frei inythologisircnder Darstellung die Legende des hl. Andreas: wie dieser, von Gott aus Achaia berufen und von ihm selbst auf einein Schiffe übers Meer geführt, wo er vom Leben Jesu berichtet, ins Land der incnschenfresscn- den Mermedouen kommt, den dort gefangenen Matthäus nebst anderen Opfern befreit, dafür von den hnngcrnden Mermedonen mißhandelt, aber von Gott geheilt wird, worauf er, durch Wnnderzeichen beglaubigt und von vielen Bekehrten beweint, Abschied nimmt. In Grein, Bibliothek der angelsächsischen Poesie ll. I ff.; Übersetzungen in Lessen „Dichtungen der Angelsachsen stabreimcnd übersetzt", I I. i ff. St. Andreasbcrg, Stadt auf dem Oberharz im preußischen Landvrosteibezirke Hildesheim, in 591 in Sechöhe; Sitz einer Berginspection und eines Hüttcnaimes zur Verwaltung der in der Nähe gelegenen fiscalischen Blei- u. Silbererz-Grube», rcsp. Hüttenwerke; ist auch klimatischer Kurort mit Molkcnknr n. Fichteniiadelbädern. Der Haupt- erwerbszweig der 3384 Ew. ist Bergbau u. Hüttenbetrieb, außerdem Zündhölzerfabrikation, Spitzenklöppelei n. Zucht von Kanarienvögeln. Der An- drcasbcrger Bergbau ist der älteste im Oberharz n. geht um in einer Teufe bis zu 890 in unter Tage; er hat mit den Schwierigkeiten zu kämpfe», welche das sporadische Vorkommen der reichen Erze des Harzes im Gefolge hat, und ist deshalb sehr wechselnd im Ertrage; jedoch lohnte beispielsweise ein im Jahre 1870 gemachter Anbruch in Silbererz die während des Vorjahres angewandten Bemühnngen. Die beim Bergbau n. Hütte,ibe- triebe erforderliche Kraft leistet das Wasser.' Dasselbe wird gesammelt in einem 1 Stunde von der Stadt angelegten Wasserreservoir im Oderthal, dein sogenannten Odcrteiche, welcher beinahe 1z Mill. ebm faßt n. den Berg- u. Hüttenwerken das Wasser Lurch Gräben von 8000 m Länge znfllhrt. Außer den Erzen, welche der nachbarliche Bergbau liefert (ca. 45,000 Ctr. pro Jahr), werden mexi- canische Silbererze verarbeitet, welche die preußische Regierung in Gemeinschaft mit der sächsischen (für die Freiberger Silberhlltten) u. der Maus selber Gewerkschaft ankaufen läßt. Andreasinsel, Dönauinsel im ungarischen Count. Pest, 25 bin lang, 5,z icru breit; fruchtbar, mit einigen Dörfern. 40 * 028 Andreaskreuz — Andreaskreuz, 1) (Zimmcrw.) schräg stehendes Balkcnkreuz, bei Fachwänden gebraucht, um bereu Verschiebung zu verhüten, so genannt, weil der Apostel Andreas angeblich au einem solchen seinen Tod fand. 2) Wappen der Herzoge von Burgund; daher auch Bnrgnndischcs Kreuz. A> (Geol. n. Bergb.) .Zwei Lagerstätten machen ein A., d. h. kreuzen sich. Andrcasmünzcn, Münzen mit dem Bildniß des heil. Andreas. A-Dncaten, brannschweig- lüncbnrgischc Münze, von 1726 n. 1760; russische, von Peter I. und später von Anna ans den An- drcasordcn geschlagen, Doppclrnbel — 2 Thlr. 22 Sgr. A-Groschen, braunschweigische und hannoverische Groschenstücke von ungleichem Wcrthe — 1^—1Z Sgr. A-Pfennig, brannschweig- lünebnrgischcr Kupferpfcnnig. Ä-Gnlden, flandrische Goldmünze, vom Karl dem Kühnen 1470 geschlagen; braunschweig - lünebnrgischer Gulden, 26^ Sgr. Werth. A-Thaler, braunschweig lünebnrgische Münze von mehreren Geprägen, im Werthe von 1 Thlr. 16Z Sgr.; auch eine von Graf Ernst von Hohenstein 1540 geprägte Münze. Andrcasordcn, 1) russischer A., gestiftet von Peter d. Gr. am 30. Novbr. (11. Dcc.) 1608, zu Ehren des Apostels Andreas; der vornehmste, ans einer Klasse bestehende Orden des Russischen Reiches, den nur Glieder der kaiserlichen Familie, Fürsten, Generäle en estek n. Solche, die ähnlichen Rang haben, erhalten; Ordenszcichen, blau email- lirtcs Kreuz, das ans einem ansgcbrcitcten doppel- köpfigen russischen Reichsadler ruht, n. auf welchen: St. Andreas gekreuzigt abgcbildet ist, darüber die Krone n. in den 4 Ecken des Kreuzes die Buchstaben 8. .4. ?. II. (d. i. Lanetim Mnlroas IM- troinm lUmsias); die Rückseite zeigt den Rücken des Adlers, auf dem ein schmales, weißes, geschlungenes Bändchen liegt, worauf (russisch) „Für Glauben n. Treue" steht. Das blaue Ordensband (wovon früher auch der Orden das Blaue Band dies;) wird von der rechten zur linken, der Ordcns- stern ans der linken Brust getragen. Ordensfesr ist der Stiftnngstag; an ihm tragen die Ritter eine eigene Ordenskleidung. Die Ertheilnug der Insignien mit Brillanten ist eine besondere Auszeichnung. Zugleich mit ihm wird auch der Alcxander-Ncwskij- und der Annenordcn 1. Klasse verliehen. 2) Schottischer A. (Distclordcn), dem Apostel St. Andreas zn Ehren, nach Einigen von Jakob V. von Schottland 1540 gestiftet, nach Anderen von ihm nur erneuert n. weit früheren Ursprunges; besteht mir in einer Klasse; durch die Reformation verfallen, wurde er von Jakob II. von England 1687, Anna 1703, Georg I. 1723 erneuert; er erhielt auch 1827 und 1833 erneute Statuten. Er zählt 12, nach Anderen 13 Mitglieder, Zu Ehren Jesu und seiner Apostel. Ordenszcichen: ein ovaler Schild, ans welchem St. Andreas hinter seinem Kreuze, von der Ordensdcvise: Pleins ms impnns laeessit (d. h. Niemand reizt mich ungestraft) umgeben steht. Es wird an einem dunkelgrünen Bande von der rechten Schulter nach der linken Hüfte getragen, u. auf der linken Brust ein silberner Stern, ans dem ein Andreaskreuz u. ans diesem eine blühende Distel in einer Andree. von der Ordensdcvise umgebenen Rundung angebracht ist. Bei festlichen Gelegenheiten wird der Orden an einer aus goldenen Disteln bestehenden Kette ans der Brust getragen. Ordcnstag: 23. Nov. Jakob II. von England soll ihn auch als höheren Grad der Fr?imanrerei ansgetheilt haben, n. auch als solcher wird er noch jetzt in verschiedener Gestalt in mehreren maurcrischen Ordenssystemen getragen; s. n. Freimaurerei. Andrcastag, der 30. Novbr., besonders der Vorabend dieses Tages ist, dem Volksaberglanben nach, der für künftige Ehen günstige Tag. Es soll sich nämlich in der dem A. voransgehenden Nacht den heirathslnstigen Mädchen der künftige Gemahl im Traume n. s. w. zeigen, zu welchem Behuf ein besonders formnlirtes Gebet an den heiligen Andreas gerichtet wird, oder allerlei sonstige Manipulationen vorgenommen werden. Vgl. Wnttke, Der deutsche Volksaberglanbe der Gegenwart, 2. Bearb., Bert. 1869. Die Bedeutung desselben hängt wahrscheinlich mit einem Feste des alldeutschen Freyr, des Gottes der Fruchtbarkeit und der Ehen, zusammen, das ans dieses Datum fiel. Andrenslvnlde (Koszinowen), Df. der Svci- nianer im Kreise Johannisbnrg des preußischen Regbez. Gumbinnen; Rittergut; 100 Ew. Andrer, 1) Karl Theodor, namhafter deutscher Schriftsteller, geb. 20. Octbr. 1808 in Brannschweig; stndirte seit 1826 in Jena, Berlin u. Göttingen. Seine Verwickelung in die Dema- gogennntersuchnng hinderte ihn an der Ausführung seines Plans, sich an einer Universität zu habili- liren, weshalb er sich der Pnblicislik widmete. Er redigirte nach einander seit 1838 die Mainzer Zeitung, dann mit Giehne die Oberdeutsche Zeitung in Karlsruhe, seit 1843 die Kölnische Zeitung, seit 1846 die Bremer Zeitung, 1848 dicDentscheReichs- zeitnng in Braunschweig n. seit 1851 das Bremer Handelsblatt. 1855 wendete er sich nach Leipzig. Er widmete sich nun ausschließlich geographischen n. besonders ethnographischen Studien, als deren Früchte er eine Reihe trefflicher Schriften veröffentlichte, so: NAmerika in geographischen n. geschichtlichen Umrissen, Brannschweig 1850 s., 2. A. 1854; Buenos Ayres u. die Argentinische Republik, Lpz. 1856; Geographische Wanderungen, Dresd. 1859, 2 Bde.; Forschungsreisen in Arabien und OAfrika, Lpz. 1860 f., 2 Bde.; Geographie des Welthandels, Stnttg. 1863 bis 1872, 2 Bde. (in der Bibliothek der gesammten Handelswissenschasren, welche er mit Bleibircn u. A. hcransgibt); ist auch Herausgeber der Zeitschriften: Das Westland, Braunschw. 1851 bis 1853, 5 Bde., u. des Globus, Hildbnrgh. 1861—1867, Braunschw. 1867 sf. (bis 1874, 26 Bde.). A. war von 1858—1870 Consnl der Republik Chile für das Königreich Sachsen. Seit mehreren Jahren in Dresden wohnhaft, hatte er thätigen Antheil an der Gründung des Vereins für Erdkunde. 2) Richard, Sohn des Vor., Geograph, geb. 26. Februar 1835 in Brannschweig; stndirte und promovirte in Leipzig. Nachdem er mehrere Jahre in Böhmen im Hütren- fache praktisch thätig gewesen, wendete er sich speciell geographischen u. ethnographischen Studien zn, bereiste Schottland, namentlich dessen nördliche /riiäroiiu — Andria. 62 S ZLlischc Theile u. richtete, durch sciucn Aufenthalt miter den Czechen angeregt, sein Augenmerk besonders auf die slavijchen Verhältnisse. Er schrieb: Vom Tweed zur Pentlandföhrde (seine Reise in Schottland), Jena 1866; Das Amnrgcbict, Lpz. 1807; Livingswnc, der Missionär, ebd. 1807, 2. A. 1869; Abessinien, ebd. 1869; Die deutschen Nordpolfahrcr, ebd. 1868—72, 2. Anfl. 1874; Tic Nationalitätsvcrhältnisse und Sprachgrenze in Böhmen, 2. Ausl., ebd. 1872; Czechische Gänge, Bielefeld 1872; Das Sprachgebiet der Lausitzer Wenden, Prag 1872, nebst ethnographischer Karte der Lausitz; Wendische Wandcrstndicn, Stuttgart 1873. /imlrena NI, Bicncngattung ans der zwischen Wespen u. Honigbienen stehenden Familie der An- dreniden, so v. w. Trauerbicne. Andreoffl), Antoine Franxois, Graf d'A>, geb. 6. März 1761 zu Castclnandary; nahm 1781 holländische Kriegsdienste als Artillerieoffizier, geriet!) 1787 in preuß. Gefangenschaft, trat nach feiner Entlassung in die Dienste der Franz. Republik n. stieg bald zum Generalinspcctor auf, begleitete Bonapärte als General nach Ägypten u. machte sich durch seine wissenschaftlichen Versuche dort sehr verdient (die Resultate in den LIsmoirss ä'LMpts). Nach dem Staatsstreiche (18. Bru- maire, 9. November 1799), zu dessen Gelingen er wesentlich beigetragcn, wurde er Kriegsministcr und nach dem Frieden von Annens Gesandter in London, hierauf Botschafter in Wien bis zum Ansbruche des Krieges 1809, und zuletzt bis zur Restauration Gesandter bei der Pforte. Während der 100 Tage erhielt er die Pairswürde, sprach aber dann für die Rückbernfnnq der Bourbonen und ward Präsident der Sektion des Krieges; er lebte nachher im Privatstande u. st. 10. Sept. 1828 zu Montanban. Er schr.: Ilisb. Aon. äu Oanal cin miäi, Par. 1800, 2 Bdc.; Ilslatlon äs 1a oampaAne snr 1s Nein st 1a Leänit? äs 1'armeo ^allo-babavs, 1802; Oonslantinoplo nt Is Lospirors äs TIrraco psnäant Iss aunsss 1812—14 et 1826, Par. 1828 (deutsch Leipz. 1828); Operation äss pontonnisrs tranh. sn Italis ponäant Iss vampaAuss äs 1795 L 1797, nach seinem Tode Par. 1843 herausgegcben. Andrcom, St. u. Festung am Kasp. 'Meere in der persischen Prov. Dahistan. S. Andres dcl Palomar, St. in der span. Prov. Barcelona (Catalonien); Baumwvllspinn- sabriken, Webereien, Töpfereien, große Bäckereien, welche Barcelona zum Theil mit BroL versehen; 8450 Ew. Audrescn, 1) Andreas, namhafter Knnst- schriftstcller, geb. 14. Nov. 1828 in Schleswig, wo er 1848 bei den Freischaarcn diente; stndirtc in Kiel, Berlin u. Bonn u. widmete sich 1857 Kunststn- dien im Germanischen Museum. 1862 übernahm er in Leipzig die Leitung von 'Naumanns Archiv für die zeichnenden Knuste u. die Bearbeitung der Knnstkataloge LeS Wcigclschen Knnstanctionsinsti- tuts, das er nach Weigels Tode 1871 käuflich erwarb. Er st. 1. Mai 1872. Schriften: Der deutsche iUeintrs-Oravvur, Leipz. 1864 ff., 3 Bde; Die deutschen Maler-Radirer, Leipz. 1866 ff., 5 Bde., n. a. 3) Emmerich, Bildhauer, geb. zu Untersecn in Holstein; lebt in Dresden, wo er sich bildete; namentlich bekannt durch eine lebensgroße Marmorstatue der gefesselten Psyche, jetzt Eigenthum des deutschen Kaisers. Andrctta, Flecken im Distr. S. Angela der ital. Prov. Campanien, Bez. Avcllino; Prätur; 4372 Ew. Andrew (spr. Ändrnh), County im nord- amerikanischen Unionsstaate Missouri, unter 40° n. Br. n. 95° w. L., mit 15,137 Ew.; Produkte: Mais, Weizen, Hanf; Conntysitz: Savanuah. Andrem (spr. Ändrnh), John Albion, Gouverneur des Staates Massachusetts, Ver. Staaten, geb. 31. Mai 1818; seit 1847 hervorragendes Mitglied der Anti-Slavery-Socicty, von beden- dendem Einfluß bei der Wahl Lincolns zum Präsidenten und bekannt durch seine Thätigkeit in Ausrüstung von Streitkräftcn zu Anfang des Seccssionskriegcs und im Verlaufe desselben; er st. 30. Oct. 1867.,, AndreMs (spr. Ändruhs), 1)John, geb. 1787 zu London; Mitbegründer der Dampfschifffahrt zwischen Havre und He^Iflcur 1820, leitete nachher den Ban der Dampfböte auf den obcritalienischen Seen, rief 1828 die Donandampfschifffahrtsgcsell- schaft zu Wien ins Leben, für welche er die vier ersten Dampfschiffe baute und die er später an sich brachte; st. 1847 zu Obristwy. 3) Joseph, einer der besten amerikanischen Kupfer- n. Stahl- stccher, geb. 17. Aug. 1806; erhielt 1825 den ersten Unterricht in der Kunst des Stichels, besuchte London und Paris, kehrte dann nach Amerika zurück, blieb 1841—43 wieder in Europa und lebt jetzt in seiner Hcimath, Boston in Massachusetts. Er sticht meist Porträts. St. AndreMs (spr. Ändruhs), St. an der gleichnam. Bucht in der schottischen Grafsch. Fife; ist schön gelegen und Hut gebaut, hat eine 1412 gestiftete Universität, die älteste in Schottland, jetzt noch mit 2 Colleges, von denen das eine für Theologie, Las andere für Sprachen n. Philosophie bestimmt ist, ferner das von Belt 1836 gegründete Madras College oder Seminar, mit über 1000 Schülern, welche in den klassischen n. neuen Sprachen, Geographie, Mathematik, Schreiben, Zeichnen rc. unterrichtet werden. Von der schönen Hanptkirche, die 1160 bis 1318 gebaut, 1559 aber zerstört wurde, sind noch Ruinen vorhanden, ebenso von dem Castell, lange der Sitz eines Erzbischofs und der einst wegen ihres Reichtlmms berühmten Priorei; der Hafen versandet; 7ioo Ew. Die Stadt, seit alter Zeit wegen ihres Ballspiels bekannt, im I. 1140 zum Borongh erhoben, nahm bis zum 16. Jahrh. durch Handel einen großen Aufschwung, dann aber sank sie durch die heftigen Erschütterungen, die sie während der religiösen n. bürgerlichen Kämpfe als Hanptplatz der kathol. Partei erlitt. Andrllt, St. im Bezirk Barletta der italienischen Provinz Bari; Bischofsitz, Kathedrale, in welcher Jolantha, die zweite Gemahlin Kaiser Friedrichs ll., die 1228 hier starb, und auch dessen dritte Gemahlin Jsabella von England bei- gesctzt waren; Handel mit Mandeln; 34,063 Ew. A. wurde 1112 bis 1190 von den 'Normannen beherrscht; 1221 kam die Stadt unter Friedrich II., 030 Andrian-Werburg — Androgynie. der ihr viele Privilegien erthcillc u. hier besonders gern verweilte. Andrian-Werburg, alladeliges, ans Tirol n. Görz stanuncndcs Geschlechk, welches 1323 die Herrschaft Werburg erwarb u. 1032 die Rcichs- freiherrnwürde erhielt. Freiherr Victor, Sohn des 1827 verstorbenen F-reihcrrn Emannel Ferdinand Anton, geb. 17. Sept. 1813; erhielt seine Bildung zu Wien u. trat 1834 in den österreichischen Staatsdienst in Venedig ein, welchen er 1846 erließ, nm an den ständischen Bewegungen eifrig Anthcil zu nehmen. Schon 1841 war anonym von ihm erschienen: Österreich und seine Zukunft (3. Ausl. Hamburg 1843), in welchem er für con- stitntioncllc Einrichtungen das Wort führte und großes Aufsehen erregte; 1847 ließ er den zweiten Theil gleichfalls in Hamburg erscheinen. 1848 wurde er in Frankfurt a. M. beim deutschen Vorparlament in den Fünfzigeransschnß gewählt und wirkte nachher für die Coinpetcnz der Nationalversammlung bei der österreichischen Regierung. Ais Vertreter von Wiener-Neustadt in Frankfurt ward er zum Viccpräsidcnren der Versammlung erwählt u. war Mitglied des Verfassung?- u. Ccntralwahlausschusscs und Vorsitzender des östcrr. Clubs in der Lokratesloge; stand auch an der Spitze der Deputation, welche dem Erzherzog Johann seine Wahl zum Rcichsverwcser anzcigtc. Im Ang. 1848 ging er als Gesandter des RcichSministcriums nach London, wo er in der Schleswig-Holsteinischen Verwickelung, wie auch in der Osrerr.-italienischen Frage für Deutschlands Interesse wirkte. Im Dcc. 1848, bei Schmerlings Rücktritt vom Ministerium, nahm auch er seine Entlassung, blieb aber auf Gagcrns Wunsch noch einige Zeit in London n. kehrte erst Jan. 184!» nach Frankfurt zurück, das er im März 184!» verließ. Er st. 25. Nov. 1858 in Wien. Er schr. ferner: Centralisalion u. Dccentralisation in Österreich, Wien 1850. In seinen letzten Lebensjahren lebte er auf seinen Gütern u. machte wiederholt Reisen in den Orient. Atldrichan, Sr. im galizischcnKrciscWadowice; Bezirks- u. Stencramt, schönes Schloß; großartige mit Dampfkraft betriebene Lcinwandwalke, bedeutende Leinen- u. Tuchweberei; 2680 Ew. Andrieu, Bcrrrand, französischer Stcmpcl- schneider, geb. zu Bordeaux 4. Rov. 1761, gcst. zu Paris 10. Dccember 1822 ; kam 1788 nach Paris, folgte der Richtung Davids und zeichnete sich durch Correcthcir der Zeichnung n. Sorgfalt der Ausführung ans. Seine Medaillen aus der Kaiserzcit lassen den ganzen Verlauf derselben überblicken. Andrienx, Francois Guillaume Jean Stanislas, geb. 6. Mai 1759 zu Melun; wurde Advocat und trat 1798 für Las Seine-Departement in das 6orps löL'isiutik', wurde nach dem 18. Brumairc Tribun, 1800 Secrelär u. dann Präsident des Tribunals, aber von Napoleon wegen seiner Frcisinuigkeit 1802 entfernt, worauf er sich den Wissenschaften und Künsten widmete. 1803—15 war er Professor an der Polytechnischen Schule n. dann am (loklsLS äs brause, wurde, nachdem er schon 1797 bei der Stiftung des Instituts in dasselbe als Mitglied der Klasse der Literatur ausgenommen war, 1816 Mitglied u. 1829 beständiger Sccretär der Akademie; st. 10. Mai 1833. Schon 1782 war er mit der Komödie !^.ii!tximanärs anfgctrclen; 1788folgte die Dtouräis, ^802 llslvstins. Vielen Erfolg hatten seine Er- !zählnngcn in Versen, deren erste Reihe 1800 erschien, sowie seine Erzählungen in Prosa; auch war er Mitbegründer der Osoaäos pl>i1o3. et litt., 1794—1807; mit seiner Tragödie sinnina 8rutn3 trat er 1828 auf. Die Sainmlnngen seiner Werke von 1817 n. 1823 sind nichts we- ger als vollständig. Andrö, Karl Christopher Georg, dänischer Staatsmann, geb. 1812 auf der Insel Möcn; ward 1828 Jngcnicurlieutcnant, 1842 Capitän im Gcncralstabe u. Lehrer der Topographie, Geodäsie, mathematischen Analyse u. Mechanik an der militärischen Hochschule in Kopenhagen, 1848 Major, 1851 Obcrstlicntenant und Mitglied der Königlichen Gescll'chaft der Wissenschaften; zugleich aber auch politisch thätig: er war 1848 Mitglied der gewählten Commission zur Eulwerfung der dänischen Staatsvcrfassnng vom 5. Juni 1849, deren Mitrcdactcnr und alleiniger Rcdacteur des 'Art. 15, 1849 Mitglied des Volksthing, 1850 Vorsitzender des Landslhing, u. wurde 1854 wegen seiner Opposition gegen das Ministerium Plötzlich ans Dienst und Amt entlassen; indeß kehrte er im selben Jahre noch in den Dienst zurück, und zwar als Fiiianzmiuister n. Leiter der allgemeinen Angelegenheiten des Rcichsrathes, wurde 1855 Ge- beimerStaatsrarh,dochim selbcnJahre seiner hohen Ämter enthoben, aber im Fcbr. 1856 znm zweiten Mal Finanzministcr, um im Juli 1858 abermals abzutrctcn. AvürosaLum (Bot.), der männliche Apparat einer Blüthe, also die Gcsammthcit der Staubgefäße. Alldrogcos, Sohn des Königs Minos von Kreta u. der Pasiphad; errang in den Panathc- näischcn Spielen zu Athen den Preis; Ägeus aber, um ihn zu entfernen, schickte ihn gegen Len Marathonischcu Stier, im Kampfe gegen den er fiel; n. A. ließ ihn Ägeus ermorden. Zur Rache überzog sein Vater Athen n. legte den besiegten Athenern den Tribut von 7 Jünglingen und 7 Jungfrauen für den Minotanros auf (s. Thesen?,). In Athen wurden ihm unter dem Namen Enrygycs Leichenjpiclc gefeiert. Androgynie (v. gr. <>nvr, Mann, AVUS, Weib), Mannweibheit. Die einfachste und ursprünglichste Form des Auftretens von Geschlechtsorganen ist die zwittcrige, bei welcher beide Zenguugszellcn, die Eier und der Samen, in dem Körper eines u. desselben Individuums, eines Zwitters, erzeugt werden. Nur in seltenen Fällen, so namentlich bei den Landwürmcrn, kann sich der Zwitter selbst befruchten, er ist dann ein Hermaphrodit; meist bedarf es auch bei den Zwittern zweier Individuen zur Fortpflanzung; diese Form derGeschlechts- vertheilung heißt A. Sie findet sich besonders bei langsam oder wenig beweglichen u. bei vereinzelt verkommenden Thieren, so bei Landschncckcn, Würmern, Mantelthieren, Rankenfüßern rc., bei Wirbel- thiercn ist sie noch nicht beobachtet worden. In einigen Fällen können sich die beiden audrogynischcn Thiere gleichzeitig befruchten (Wechsclbesrnchtnng), 631 Aiidrohimgsthcorie — Andromkos. wie z. B, bei Gartenschnecken u. Regenwürmern. l Häufig findet man auch große Massen von andro- gynischen Thicrcn beisammen, wobei gleichzeitig das erste Thier vom zweiten, dieses von einem dritten, dieses vom vierten :c. befruchtet wird. 1 Androgynisch heißen ferner eingeschlechtliche ^ (männliche n. weibliche) Blürhcn, wenn sie sich, wie I bei Nadelhölzern, dem Walnnßbaume, der Eiche s n. a., auf derselben Pflanze vereinigt finden. Eine solche Pflanze heißt dann eine einhäusige oder monöcische. ! Androhnngstheorie, s. u. Criminalrcchts- thcorie. Andrordc nennt man Automaten, die menschliche Figuren darstellcn. Andröklcs, athenischer Redner; spielte als Demagog zweiten Ranges eine Rolle während der Mitte dcS Peloponnesischen Krieges. Hervorragend nntcr Len demokratischen Gegnern des Alkibiades, trat A. zur Zeit des Hermokopidenprocesses im I. 415 mit der ersten Klage gegen ihn wegen Verletzung der Elensinischen Mysterien ans. Als nachher im Frühling des I. 411 die oligar- chische Partei ihre 'April-Revolution gegen die Demokratie vorbereitete, wurde A. auf ihren Betrieb vor dem Ausbruch der Bewegung ermordet. Androlepsla (gr., d. i. Menschenfang), attischer Rechtsbrauch, wonach die Angehörigen eines ! außerhalb des attischen Gebietes ermordeten athenischen Bürgers, wenn der Staat, wo der Mord s begangen worden war, die Auslieferung des Thä- s ters verweigerte, das Recht halten, von dort 1—3 Staatsangehörige wegznsangen, um diese in Athen vor Gericht zu stellen. Androlithen, s. Anthropolithcn. Andromäche, die edle Tochter Eetions, eines mysischen Königs, Gemahlin HcktorS, Mutier des Ästyanax oder Skamandrios. Ihre innige Liebe zu Hektor n. ihr Abschied von ihm, als sic ihn vergebens vom Hinansziehcn in den Kampf abmahntc, gehört zu den schönsten Schilderungen der Ilias. Nach Hektars Tode bei Trojas Zerstörung wurde ihr Sohn von einen: Thurme gestürzt, u. sie selbst fiel dem Ncoptolemos (Pyrrhos), dem Sohne des Achilleus, als Beute zu, welcher S Söhne mir ihr zeugte (von denen Molossos die Äakiden foripflanztc) n. sie später dem Helenes, König von Epiros, zur Gemahlin gab. Nach dem Tode des Helcnos ging sie mit einem ihrer Söhne nach Pergamos zurück, wo sie starb. Ihre letzten Schicksale behandelte Enripidcs in einer noch erhaltenen, nach ihr benannten Tragödie. Andromächos der Ältere, Leibarzt des Kai- > sers Nero; sllhrtc zuerst den Titel Archiater (Ober- ! arzt). Er ist bekannt durch die Erfindung eines ! Gegengiftes, des Theriak, den er in einem von ! Galenos erhaltenen griechischen Gedichte beschrieb. Andromanie (v. Gr.), so v. w. 'Nymphomanie. Andromeda, Tochter des äthiopischen Königs Kepheus u. der Kassiopeia; ward von ihrer Mutter für schöner als die Nereide» ausgegeben; deshalb sendete Poseidon Überschwemmung und ein See- ungeheuer, dem sie, an einen Felsen geschmiedet, Preisgegeben wurde. Perseus rettete sie, indem er mittels des Medusenhauptes das Ungeheuer in Stein verwandelte, erhielt sie, nachdem er noch ihren früheren Verlobten Phineus besiegt, zur Gemahlin u. zeugte mit ihr 5 Söhne. A. wurde von der Athene unter die Sterne versetzt; ihre Geschichte vielfach, z. B. von Pierre Corneille, in Dramen behandelt. Andromeda, ein großes, leicht erkennbares, ein gefesseltes Weib darstellendes Sternbild des nördlichen Himmels in der Nähe des Perseus, des Kcphcus n. der Kassiopeia; hat nach F-lamstecd 66 Sterne, worunter 3 von zweiter Größe: Alarnak östlich am Fuße, Mirach am Gürtel und ck am Kopfe. Sie befinden sich nahezu in gleichem Abstande und in einer Linien Über dem mittleren, Mirach, erblickt man bei reinem Himmel schon mit bloßem Auge einen Nebelfleck von länglicher Gestalt, den Bond mit seinem großen Teleskop in eine Anzahl kleiner Sternchen auflöste. /lnäromeckn O. (Rosinarinhaide), Pflanzengatt. ans der Fain. der Ericaccen oder Haidekränter (X. 1); Srränchcr mit immergrünen, lederigen Blättern, kleinem fiinftheiligcm Kelche, kugeliger Blume n. sachspalng aufspringender Kapsel. Meist in nördlichen Ländern, doch .1. mariana T., .4. ldrru^inea IRAN. Rnrs/r., X. rizicka /Att's/r., T. kpeoiosn A/leL. in NAmerika bis Carolina rc. u. X. zamaieensi.-; ,d'rv. in Wcstindicn. A. poiikolia T., in NEnropa, Sibirien n. LlAmerika, kleiner Strauch mit röthlichen Blättern, rorhem Kelche n. weißer Krone, narkotisch giftige, torfbildende Pflanze ans Torfmooren, z. B. des Harzes; X. arborsa T., ein aus LlAmerika stammender, bis 7 in hoher Baum mir flaumigen, grünlich-weißen Blumen, bei uns als Zierbanm in Gärten. Dagegen hat L. IpVpiw'iäW L. von Lappland das Aussehen eines Mooses u. bedeckt in dichten Raten weite Strecken, die es mit seinen schönen rothen Blüthen schmückt. Einige Arten lassen sich im freien Lande ziehen; sie verlangen Haidcerdc n. bilden unter sich, oder mit Rpockockenckron u. dgl. zusammengcpflanzt, oft schöne Gruppen der Gärten: Vermehrung durch Samen n. Thcilnng der Pflanzen. Andromcus, Livius, Grieche aus Tarent; kam 272 v. Chr. bei der Einnahme seiner Vaterstadt noch jung in römische Gefangenschaft, unterrichtete in Rom die Kinder des M. Livins Salinator n. wurde dann von diesem frcigclassen, woraus er von lateinischem n. griechischem llinerrichtc lebte, Erklärungen zu griechischen Schriftstellern gab n. so das Interesse für die griechische Literatur in Rom weckte; er starb im hohen Älter nach 207. Er ist der älteste römische Dichter, d. h. er übersetzte die Odyssee in steife saiurnische Verse, mindestens 9 Tragödien (deren leichtere griechische Versmaße er beibehielt) u. einige Komödien; die erste Aufführung fand 240 statt. Ihm zu Ehren durften die Dichter in Rom ein OokloMum gründen. Fragmente in RibbcckS Lcavnioae Roman, poesis irassm., Lpz. 1871 u. 73; die der Odyssee herausgeg. von Bartsch, Der saturnische Vers, Lpz. 1867. ^ Andromkos, Name von vier byzantinischen Kaisern: 1) A. I., Sohn des Isaak Komncnos, der letzte Komncne; gericlh 1141 ans der Jagd in türkische Gefangenschaft, ans der er jedoch nach Jahresfrist wieder freikam; später hielt ihn der Kaiser Manuel, welcher ihn fürchtete, 12 Jahre 632 Androiükos — ^.näroskioe, gefangen. A. entfloh nach Kiew, kehrte 1183 zurück, ließ Manuels Wittme hinrichtcn u. sich selbst zum Kaiser ansrufcn, wurde jedoch 1185 ermordet. 2) A. II., Sohn des Michael Paläologos; gelangte 12.?:! zur Regierung, wurde nach blutigen Bürgerkriegen 1321—28 oon seinem Enkel gestürzt und ins Kloster gesperrt. Er war entschiedener Gegner einer Union zwischen der Griechischen n. Römisch- katholischen Kirche n. darum vom Papste in Bann gethan. 3) A. III., Enkel des Vor.; ebenso ausschweifend als schwach, überließ er die Regierung seinem Günstling Kantakuzenos, kämpfte unglücklich gegen die Bulgaren, deren König er 1337 seine Tochter geben mußte, u. Türken, die eine Provinz um die andere von dem Reiche nahmen; verhaßt beim Volke, st. er 1341. 4) A. IV., ältester Sohn des Kaisers Johann VI. Paläologos; stürzte 1375 seinen Vater mit Hilfe der Genueser vom Throne; trat aber, um einen Bürgerkrieg zu vermeiden, wieder zurück, u. starb, von den Türken gefangen genommen, am Hofe des Sultans Basazct I.; s. Byzantinisches Reich. Andronlkos, 1) A. ans Kyrrhos in Syrien, Architekt, in der Mitte des letzten Jahrh. v. Ehr.; Erbauer des noch zum Theil erhaltenen sogenannten Thnrmcs der Winde in Athen, eines Achtecks aus weißem Marmor, welches unter dem Haupt- gcsinise ans jeder Seite die Gestalt eines Wind- gottcs in erhabener Arbeit zeigte. Auf der Spitze war die eherne Figur eines Triton angebracht, der, vom Winde bewegt, mit einem Stabe auf diese Reliefs hinabwies. Unterhalb des Frieses sind die Linien der Sonnenuhr auf den Wänden eingemeißelt, n. im Innern des Bauwerkes bemerkt man noch die Vorrichtungen zu einer künstlichen Wasseruhr. 2) A. von Rhodos, peripa- tetischcr Philosoph und Zeitgenosse des Cicero, Commentator des Aristoteles. 3) A. Kallistos, aus Lhessalonike, Aristotelischer Philosoph; lebte bis 1453 in Constantinopel, flüchtete nach Nom, lehrte hier, in Florenz n. Ferrara griechische Sprache u. Literatur; st. 1478 in Paris. Die Schrift über die Leidenschaften, Angsb. 1593 n. ö., welche unter seinem Namen geht, wird von Einigen dem A. von Rhodos zngcschriebcn; angezweifclt ist auch seine Autorschaft von Commentarcn zu Aristoteles. Andronikow, 1) Iwan Malchasvwitsch Fürst A., russischer General, bekannt aus dem Orientkricgc 1853—54, gcb. 1801 in Tiflis; trat 1817 in Petersburg in die Garde zu Pferde u. ging 1824 als Major mit einem Dragonerregiment nach dem Kaukasus; seit 1826 focht er in dem Kriege gegen Persien, wurde 1827 Obcrstlicntc- nant, 1828 Oberst n. erhielt das Commando des Nishegoroder Dragonerregiments. Nach dem Frieden eine Zeit lang inactiv, übernahm er dann wieder ein Commando im Kaukasus, wo er besonders 1840 Len Aufstand der Osseten unterdrückte; 1842 wurde er Generalmajor, 1850 Mi- litärgonverneur von Tiflis u. 1851 Gencrallieute- nant. In dem Kriege gegen die Türken 1853 entsetzte er die Festung Achalzik und schlug den Feind bei Suplis, worauf er in das türkische Gebiet einficl; 1854 Commandenr sämmtlicher Truppen in Gnricn, Jmeretien, Mingrelien, mußte er beim Erscheinen der verbündeten Flotte Redout- Kale räumen, zwang aber die Türken durch den Sieg bei Osurgcti, 16. Juni, Gnrien u. Mingrelien wieder aufzugeben. 1855 legte er wegen Kränklichkeit sein Commando n. bald darauf auch seinen Posten als Gouverneur nieder. 2) Fürst Rcwas Jwanowitsch A., russischer General- licutcnant in den Kämpfen im Kaukasus; nahm 1859 an dem Feldzüge theil, der mit der Gefangennahme Schamyls endete. Androphagen (v. Gr.), Menschenfresser; so hießen auch im Alterthum wilde Völker am Bo- rysthcnes, nahe den Skythen, u. in Äthiopien. Androphobie (v. Gr.), Männerschcu. Androphörmn, Stanbgefäßträger (Bot.), 1) die Verlängerung der Blüthenachse zwischen der Blumenkrone und den Staubgefäßen; 2) die Staubgefäßröhren, d. h. die zu einer Röhre verbundenen Staubfäden. ünäropügon 4-, (Bartgras), Gatt., ans der Fam. der Gramineen (Gräser, III. 2); Ähren fingerig zusammengestcllt, die lincalischen, cinblüthigen Ährchen zu zweien an den Gelenken der Ähre; das eine derselben ist sitzend n. zwittcrig, das andere gestielt u. männlich. Arten: L. Isolnrsmum ein schönes, an trockenen, sonnigen Orten wachsendes Gras mit 5—10 Ähren, deren Spindel u. Stiele seidenartig behaart sind; mnriestnin Äsk. (^.nakliornm mnrlcatmm Leann.), in Indien, auch auf Bourbon und Jslc de France angebant der wohlriecheiwcn Wurzeln wegen, die als Arzneimittel n. zu Flcchtwcrk n. Matten verwendet werden. -V. Ivnraiunma Ikowb. (.V 8olwonantlins II., ll. eiti'ntus der Gärtner), in Indien, mit citronen- ähnlich riechenden Blättern, ist officinell u. wurde als Mittel gegen Cholera empfohlen; (^uatüe- rnm) imrclus II. (Jngwcrgras), hat ähnliche Eigenschaften; noch andere A-arten zeichnen sich durch ihren Gehalt an ätherischen Ölen aus; 8org- dnm LOM. oder Durra n. L.. saooliarabns iko.rl>. od. Schalu werden in Indien als Getreide angebant. Andropogonöl, s. Grasöl. Andros, 1) die nördlichste der Kykladen, zwischen Tinos u. Euböa, im Alterthum von Ioniern bevölkert; wurde nach den Pcrserkriegen, in denen sie Partei für die Barbaren genommen hatte, von Athenern besetzt; später kam sie an Makedonien n. durch Attalos an das Pergamcnische Reich, mit welchem sie die Römer erhielten. Ä. gehörte im Mittelalter der venetianischen Familie Dandolo. Im I. 1556 wurde sie von den Türken erobert, gehört aber jetzt znm Königreich Griechenland, No- marchie der Kykladen,,, eigene Eparchie; baut Gerste, Wein, Seide, Öl, Limonen; 248 Uslcm; 20,000 Ew. 2) Hauptstadt auf ihr, mit Hasen, Bergschloß, Tapctenwirkerei; 7500 Ew. Vgl. Hops, Gesch. der Insel A., Wien 1855 f. ünclroosoo T. (Mannsschild), Pflanzengatt, ans der Fam. der Primnlaccen (V. 1), mit fünfzahnigem Kelche, eiförmiger Blumcnkronröhre u. klappig aufspringender Kapsel. Vier deutsche Arten: .4. olonAata II., T. ssptonbrioimlis T., .V maxima L. u, L. obbnsilolia ^lll. Einige ausländische (^. carnen II., mit fleischrothen, 6Immasjasms Il'rtl/'., mit plirpurnen, n. -4. Vitalliana mit gelben Blüthen) werben als Topfpflanzen cnltivirt. 633 ^.nclrosLeinum — Aucas. -lnärosasmum -4L (Grundheil), Pflanzcngattnng aus der Familie der Harthcugewächsc (XVIII. 4). X. ollioiimls mit ansehnlichen gelben, in Doldentranben stehenden Blüthen, harzartig riechenden Blättern; in SEnropa n. dem Kaukasus heimisch; als Harn- und wnrmtreibendes Mittel hier und da arigewendet. Androscoggin, 1) County iin nordamerikani- schen Unionsstaate Maine, unter 43° n. Br. u. 70° w. L., mit 35,866 Eiuw.; Cvnntysitz: Anburn. 2 ) Fluß, der im Staate New-Hampshire entspringt, durch Maine strömt u. sich dann in den Atlantischen Ocean ergießt. Nndrospörcn, Bcfruchtnugssporen, Sporen, welche die Befruchtung übernehmen, insofern sie Spcrmatozo'idcn in sich erzeugen; sie setzen sich nach Lein Schwärmen an einer bestimmten Stelle der weiblichen Pflanze an u. erzeugen nach ihrer Keimung die Spcrmatozo'tden. /MärostUum, sov. w.Grifselsänle; s. u.Orchideen. Aitdrynuc, Alexander, französischer Schriftsteller, geb. 1708 zu Paris; wurde in Folge seiner Theitnahme an den Bestrebungen der Carbonari im Lombardisch - vcnctianischen Königreiche znm Tode vernrtheilt, dann zu Gcsängnißstrafe begnadigt, die er ans dem Spielbcrg bei Brünn verbüßte. Seine dort erhaltenen Eindrücke legte er nieder in den Llümoirss ck'un prisonnier ci'ötat, Par. 1838, 2 Bde., 4. Anfl. 1862. Im Jahre 1832 wurde ihm die Freiheit geschenkt. Er st. 1862 zu Paris. dlndüjar (Anduxar), Stadt in der spanischen Prov. Ja'en am Guadalquivir, über welchen eine Brücke von 17 Bogen führt, u. an der Eisenbahn Manzanarcs-Cadiz; 5 Pfarrkirchen, mehrere Klöster, 3 Spitaler, 1 Theater n. lebhafte Industrie, besonders in porösen Wasscrkrügen u. -Flaschen (Al- carrazas) ans rothem n. weißen Thon zur Abkühlung des Wassers; große Messe im April; 12,600 Ew. Am Brückenköpfe von A. 18. bis 20. Juli 1808 heftige Gefechte zwischen Franzosen unter Dupont und Nedel und Spaniern unter Castanos. Anduze (sonst Andusia), Stadt im Arr. Mais des französischen Dcp. Gard am Gordon; Handelsgericht; Fabriken in Wolle, Leder, Strnmpf- waarcn, Hüten, Seidenspinnerei, Wein-, Maul- beer- n. Olivenban; 5200 Ew. Aneautiren (v. Fr.), 1) vernichten, tilgen; 2) anfheben, für nichtig erklären; daher Anean- tissement, Vernichtung. Aneas, 1) edler Troer, mit König Priamos weitläufig verwandt, Sohn des Anchises und der Aphrodite, auf dem Jda geboren u. anfangs von Nymphen, dann von seinem Vater, n. A. von seinem Schwager Alkathoos in Dardanos erzogen. Am Kampfe mit den Griechen bethciligte er sich erst, nachdem Achilleus seine Hcerden weggcführt u. ihn aus Dardanos vertrieben hatte. Er war einer der gcehrtesten und tapfersten Vertheidiger Trojas, und der Einzige, welchen der sonst den Troern feindliche Poseidon schützte. Er tödtete viele Griechen; von Diomcdes bedroht, rettete ihn Aphrodite, indem sie ihr Gewand um ihn schlug und ihn unsichtbar machte. In der brennenden Stadt kämpfte er, bis Alles verloren war, und führte dann eine Schaar von Troern mit Weibern u. Kindern auf den Berg Jda. Von La ab sind die Sagen verschieden. Während er nach Homer in Troas blieb und über das wieder gesammelte Volk eine neue Herrschaft gründete, wan- dcrte er nach späteren Sagen ans. 'Nach Hcspe- rien (Abendland) läßt ihn zuerst der Dichter Ste- sichoros 600 v. Ehr. gelangen. Seit etwa 300 v. Ehr. hielten ihn Griechen u. Römer (wol durch Einflüsse von Cnmä in Campanien) für den Stammvater der Letzteren. Die Sage von der Auswanderung des Ä. beschrieb u. A. Virgil in der Änerde. Rach derselben verließ Ä. bei Trojas Zerstörung mit den Götterbildern (Penaten und Palladium), indem er seinen Vater Anchises auf den Schultern trug (daher plus Xe., der kindlich liebende Ä.), mit seinem Sohne Askanios oder Jnlns u. seiner Gattin Kreusa, die er auf der Flucht verlor, und einer großen Anzahl Beglener auf 20 Schiffen seine Hcimath. Auf seiner Irrfahrt berührte er Thrake, wo er sich niederlassen wollte n. die Stadt Änos zu bauen begann, Delos, wo er das Orakel befragte, Kreta, wo ihn eine Pest vertrieb, Epiros, wo er in Actinm dem Apollon zu Ehren Spiele feierte, u. Helenas n. Andromache fand; von hier Sicilicn, wo bei Drc- pannm Anchises starb. Im 7. Jahre der Flucht wurde er von Stürmen nach Carthago verschlagen, wo ihn die Königin Dido freundlich anfnahm u., von Liebe entflamme, bei sich zurückhalten wollte; in Jupiters Auftrag aber gebot ihm Mercnr, Carthago zu verlassen, u. er kam wieder nach Sici- lien, wo er, von Accstcs gastlich ausgenommen, die Stadt Accsta baute. Hier verbrannten die Weiber seiner Gefährten die Schiffe, um die Wci- terfahrt zu verhindern; Ä. aber ging unter Zurücklassung derselben von Neuem in See, landete bei Cnmä, wo er auf den Rath und mit Hilfe der Sybille in die Unterwelt Hinabstieg und dort seine Verstorbenen sah. Dann reifte er bis Latium, wo ihn König Latinus gastlich anfnahm, ihm einen Platz zur Erbauung einer Stadt gab n. ihm seine Tochter Lavinia zur Ehe versprach. Da diese aber von ihrer Mutter Amata bereits dem Rutnlcrfürsten Turnus versprochen war,'so entstand um sie ein Krieg, in welchem der Arcadier Evander, auf dem Boden des späteren Rom wohnend, dem Ä., der Etrnskcrsürst Mczentins dem Turnus half; ein Krieg, der den, trojanischen Kämpfen vielfach Hochgebildet ist. Ä. besiegte n. tödtete zuletzt seinen Gegner n. vermählte sich mit Lavinia. Mit ihr zeugte er den Äneas Suivins, den Stammvater der Könige von Alba Longa, deren Hauptstadt dem Askanios (Jnlns) ihr Dasein verdanke. Bon Jenem leiteten die römischen Könige ihr Geschlecht ab, von Diesem das Geschlecht der Jnlier, dem Angnstus (Cajns Julius Cäsar Oc- tavianns), der erste römische Kaiser, entstammte. Die Römer verehrten den Ä. nach seinem wunderbaren Verschwinden als Jupiter Indizes, (vaterländischen Jupiter); man stellte ihn dar auf den Schultern seinen Vater Anchises tragend, an der Hand den kleinen Askanios führend; so z. B. auf der wichtigen Tabula Jliaca. 2) Ä. Tak- tikos, Feldherr der Arkadier, gegen 360 v. Chr.; von seinen strategischen Werken ist ein Abschnitt, 634 Äneas Sylvius 8 oiiorlcvtiicön (die Kunst, Städte zu belagern), erhalten; herausgegcben von Köchly und Rüstow, Griech. Kriegsschriftsteller, Bd. 1 , mit deutscher Übersetzung, Leipz. 1853; vonHcrcher,Berl. 1871. Äneas Sylvius, s. Pins II. Ancasratte (Surinamischer Äneas, Dicielpfiz-s chne- pels, Äsche, Moränen rc., welche trotz ihrer Verschiedenheit so ziemlich denselben Hang bekunden, genügen Fliegen und Würmer, dem eigentlichen Lachse oder Salm dagegen muß man einen kleinen abgezogenen Aal oder ein Stückchen rothen Tuches 639 l I Angel — Angclicasäurc. Listen. Die wegen des schmackhaften Fleisches geschätzten Forellen werden überlistet durch an der Oberfläche schwimmende Fliegen und im tiefen Wasser durch Wnrmköder. Für den schlimmsten Räuber der deutschen Gewässer, den Hecht, wendet man als Köder lebendige oder todte kleinere Fische an. Da es häufig schwierig u. in manchen Fällen unmöglich, diese Lieblingsspeisen zu beschaffen, hat man die Köder künstlich hergestellt, u. solche Nachahmungen (ein Jnscct, eine Larve, ein Fisch von Porzellan rc.) täuschen die Fische vollständig, so daß sie dieselben wie die natürlichen verschlingen. Der Vortheil bei der Verwendung des künstlichen Köders ist um so auffälliger, als er wiederholt brauchbar ist, während ein wirklicher Wurm, Fisch oder Frosch bei jedem Anbiß unbrauchbar wird. Auch kommt die größere Reinlichkeit dabei in Betracht. Für Sonutagsfischer ist der künstliche Köder ein durchaus unentbehrliches Requisit. Für besondere Liebhaber des Angelns werden complicirte thenre A-n, im Preise bis zu mehreren hundert Thalern (besonders in England n. Nordamerika, wo die Angelfischerci am leidenschaftlichsten betrieben wird), in den Handel gebracht. Die Angclfischerei, die praktische Ausübung des Fischens mit der A., ist in den meisten Fällen Geduldsprobe. Erstaunliches leisten hierin die Engländer, welche mit der erhabensten Ausdauer ihrer Liebhaberei nachgehcn. Meist beschränkt sich die ganze Thätigkeit des Anglers auf geduldiges Harren, bis die zuckende Bewegung des Schwimmers anzeigt, daß ein Fisch anbeißt, u. das Untertauchen desselben, daß er sich gefangen bat; bei größeren, scharf beißenden Fischen macht die Bergung des Fanges allerdings einige Schwierigkeit n. erfordert Kenntniß u. Geschicklichkeit. Die Kunst, die A. richtig zu stellen und am geeigneten Orte anszuwerscn, kann nur durch lauge Praxis erlangt werden. Uber Las Angeln schrieb: Davy, 8a1- monia, Lond., 2. Ausl. 1829 (deutsch von Neu- bert, Lpz. 1840); Blakey, Lixtorisal Küetviieo ob Uw anAlinA litornture ob nUIlations. Lond. 1855; Bischofs, Anleitung zur Angelfischerci, 1860; Der praktische Angler, Lpz. 1865; d'Alquen, Handbuch der feineren Angclkunst, Lpz. 1862; Joh. Mocrbe, Die vollständige Angelfischerei, Berl. 1866; Nützlich, der prakt. Angler in Deutschland, 3. Ausl., Renduitz-Leipzig, Förster 1871; Baron v. Ehren- krcuz, Das Ganze der Augelfischerei und ihre Geheimnisse, OneLlinb. 1873; Horrot, Die Anqcl- fischcrei, Weimar 1874. . Anstel, im Allgemeinen Drehungsachse irgend eines Körpers; im Besonderen der zum Drehen eines Thürflllgels erforderliche Mechanismus, welcher in der Regel ans zwei oder mehreren am Rande der Thüroffuung befestigten Haken besteht, auf welche die Thür niittels entsprechender, in Achsen auslanfender Bänder gehängt wird (s. auch Beschlag). Bei Werkzeugen (Messern, Feilen, Sensen rc.) heißt A. der Theil, welcher in oder an der Handhabe befestigt ist. Angela, 1) A. von Folignv, genannt Miso- loxorum inuAwtra, gelehrte Nonne. 2 ) Sta. A. von Brescia, geb. zu Desenzano; stiftete 1537 Zu Brescia den Orden der Ursulinerinnen zur Krankenpflege und Unterweisung armer Mädchen; starb 1546 und ward 1807 kanouisirt; Tag der 21. März. Angelborste, Angelhaar (lAoolUs. Bot.), Haar, Borste oder Stachel mit Widerhaken; daher anqelborstig (wioekiävns, wlocüickätus n. cki- u. trißflöelüs). Angclchcs, Engelchen, ist der gemeine Zeisig oder der Erlen-Zeisig (bAingiUL 8pinns ^.). Angeld (Handgeld), ein Geldbetrag, derbe! Abschluß eines Contracts gezahlt wird, zum Zeichen, daß der Vertrag perfect geworden; beide Theile sind dadurch an den Bertrag gebunden, auch wenn eine schriftliche Ausfertigung noch nicht erfolgt ist. Angelfischerci, s. n. Angel. Angeli, Heinrich v., Maler, geb. 8. Juki 1840 zn Ödcnbnrg in Ungarn; begann 1854 seine Studien an der Wiener Akademie, ging 1856 nach Düsseldorf und ward dort Lentzes Schüler. Von 1859 an lebte er in München n. nahm von 1862 an seinen bleibenden Aufenthalt in Wien, wo er bald als einer der ersten Porträtmaler galt. Als historischer Genrcmalcr ward A. namentlich durch sein Bild: Der Rächer seiner Ehre bekannt. Von großer Wirksamkeit ist auch seine Verweigerte Absolution. Neuerdings war A. als Bildnißmaler am deutschen Kaiserhofe thätig. üogelws , Pflanzengatt, ans der Fam. der Doldengewächse, ilmboUitsrao (V. 2); die flachgedrückten Früchtchen haben 3 fadenförmige Nippen und breite häutige Nandflügel; Kelchrand verwischt, Blumenblätterlanzettlich zngespitzt; Dolde groß, gewölbt; Hülle fehlend oder wenig-, Hüllchcn vielblätterig; Blüthe anfangs röthlich, später weiß. Art: L. siivestris L. (Brustwnrz), in Deutschland auf Wiesen n. in Wäldern. Die Wurzel (Ange- licawnrzel) dieser Pflanze wird zuweilen mit der echten Engelwurz verwechselt; sie heißt in den Apotheken znm Unterschiede von jener Ikaäix eas silvostris, wird aber jetzt nur noch in der Thierarzneikunde und von Landleuten als Hausmittel gegen Läuse angewendet. 2 ) S. u. ^.rolmn- gelloa. Angelicabalsinn, -öl, -wachs, s. Angclica- wnrzcl. Augclicasänrc (Snnibulsänrc, Chem.) 0-,kl,0.,. flüchtige organische Säure, zur Ölsänrereihe gehörend; findet sich fertig gebildet in der Wurzel v. ^rsiianAsIloa oküoiim1wKo/fm., sowie indcrSum- bul- oder Moschnswurzel, aus welchen man sie durch Auskochen mit Kalkmilch u. Destillation des ein- gedampften Filtrats mit verdünnter Schwefelsäure erhält. Zur Reinigung sättigt man das Destillat mit Natron, dampft ein u. destillirt nochmals mit Schwefelsäure, wonach sich die A. dein: Stehen in der Kälte in Krystallen abschcidet und Lurch öfteres Umkrystallisiren aus heißem Wasser gereinigt wird. Aus dem Römisch-Kamillenöl, in dem das Aldehyd der A. enthalten ist, bildet sie sich durch Erhitzen mit Kalihydrat. Künstlich entsteht sie ans Pencedanin und Laserpitin durch Kochen mit Kalilauge. Sie stellt wasserhclle, glänzende Nadeln u. Prismen dar, die bei 45" schmelzen, bei 0" erstarren, u. bei 190" unverändert destilliren. Sie besitzt einen eigenthümlichen aromatischen Geruch, einen sauren, brennend gewürzhaften Ge- O-tO Angclicawurzcl — St. Angelo. schmack, löst sich ivcr.ig in kaltem, leichter in heißem, Wasser, Alkohol, Äther, Terpentinöl und seilen Ölen. Die Säure ist einbasisch. Von ihren Salzen sind die der Alkalien, das Kalk- n. Silbcr- ialz in Wasser löslich und verlieren beim Kochen leicht Säure. Der A-Äthyläther, durch Destillation von angclicasaurem Natron mit Alkohol und Schwefelsäure erhalten, bildet eine farblose, nach saulcn Äpfel» riechende Flüssigkeit von süßlichem Geschmack. Ihr Dampf reizt znm Husten u. verursacht Kopfschmerzen. Die A. verbrennt beim Anzündcn mit leuchtender Flamme. Mit Brom vereinigt sie sich direct zu Dibrom-A. einer weißen, krystallinischen, in Wasser schwer, in Alkohol n. Äther leicht löslichen, bei 7«" schmelzenden Masse, die mit Basen Salze bildet und mit Na- triumamalgam wieder in A. u. Bromnatrinm zerfällt. Erhitzen mit Jodwasserstoff und amorphem Phosphor verwandelt die A. in Valcriansäure. Beim Schmelzen mir Kalihydrat liefert sie pro- pion- u. essigsanres Salz. A-anhydrid entsteht beim Behandeln eines A-salzcs mit Phos- phoropychlorid als farblose, ölartige, neutrale Flüssigkeit. Angclicawurzel (Engelwnrzel, Kaclix Arolr- suAslieae, Wurzel von ArolmvAeliea, oktioinnlis ck/oL»r., nicht zu verwechseln mit der unechten, von .4n§. silvostrio L. Zu officinellem Gebrauche wird die zwei Jahre alte Wurzel im Frühjahr gesammelt u. getrocknet; dieselbe ist spindelförmig, faserig, außen braun, innen weiß. Ans dem ein- gedampftcn weingeistigen Auszuge löst Wasser: Zucker, Äpfclsäure, Bitter- u. Gerbstoff u. andere, unbekannte Stoffe. Der Rückstand liefert beim Ausziehen mit Älher n. Verdampfen des letzteren den Angelicabalsam, eine schwarzbraune, in Alkohol, Äther, flüchtigen u. fetten Ölen lösliche harzige Masse. Durch Destilliren desselben (oder auch der frischen Wurzel) mit, Kalilauge erhält man das Ang eli caöl, ein farbloses, durchdringend kamphcr- artig riechendes u. gewürzhaft brennend schmeckendes, an der Luft sich braun färbendes u. verharzendes Ol, welches auf dem Wasser schwimmt, während das Augelicawachs znrückbleibt. Löst man den Angelicabalsam in Kalilauge, dampft ein, löst in Alkohol u. zersetzt die alkoholische Lösung der Harzseife durch Kohlensäure, so zieht Äther dem nach dem Verdampfen bleibenden Rückstände das An- gelicin aus, einen in färb- u. geruchlosen Nadeln krystallisircnden Stoff, der einen, anfangs nicht hcrvortretenden, daun brennend gewürzhas- len Geschmack besitzt. Angelicasä ure destillirt beim Erhitzen der Wurzel oder des Balsams mit Schwefelsäure über. Angcliclu, s. Angelicawurzel. Angelrco, Fra Beato, gen. da Fiesole. AngeltN (Chcm.), Alkaloid, von einem in Brasilien einheimischen, dort Sepopira genannten Baume (Neroirs, sxeetabiliL). Im Splint dieses Baumes sind große Mengen eines Harzes (An- gelim-Pedraharz) enthalten, die zum größten Thcil aus A. bestehen. Das Harz wird in plattenförmigen, röthlich gefärbten, geschmack- n. geruchlosen Stücken gewonnen, die beim Ausbewahren in verschlossenen Gefäßen einen kothartigcn Geruch annehmen u. von den Einheimischen unter dem Namen Sulfats an Stelle des Chinins gegen Wechsclficbcr benutzt werden. Es verbrennt mit Heller Flamme, ist in Wasser, Alkohol, Äther fast unlöslich, dagegen löst es sich in Alkalien, ans denen cs durch Säuren thcilweise in braunen Flocken ansgeschieden wird. Das reine A. wird aus dem Harze gewonnen, indem man dieses in Salzsäure j löst, das salzsanre A. durch mehrmaliges Krystal- lisircn reinigt u. schließlich das Älkolvtd Lurch Verdünnen mit Wasser frei macht, worauf es in der Kälte in weißen, scidcglänzcndcn Nadeln krystallisirt, die über 150" schmelzen n. krystallinisch erstarren. Angelina, der 64. Planetoid, 4. März 1861 ^ ! von Tempel in Marseille entdeckt. ! Angelinbaum, -Lnctira. raoomosa Lam., ein 10—12 m hoher brasilianischer Baum ans der Fam. der Cassien, mit hartem, innen schwarz- rvthem Stammholz; liefert harte, brann-rothe Nüsse, welche einen bitteren, übel schmeckenden Kern enthalten. Diese Kerne kommen unter dem ! Namen 8smina Lmgolia als Wurmmittel in den j Handel; auch die Rinde wurde als solches empfohlen. ! Augclini, Teto, Bildhauer, gcb. zu Sieapcl 16 ! März 1806, Professor der Plastik an der Akademie zu Neapel. A. gehört der classischen Richtung an; er besitzt eine wahrhaft bestechende Geschicklichkeit in der Behandlung des Marmors, n. sein Ruf hat sich weit über die Grenzen Italiens ! hinaus verbreitet. ! Angeln, 1) germanischer Volksstamm, der in i den Zeiten der Völkerwanderung ans Westfalen ! u. den mittleren Elbgegenden gen Norden zog u. ? sich zwischen der Schlei ii. der Flensburger Föhrde niederließ, wo dieser Landstrich nach ihm Angeln genannt wurde. In der Mitte des 6. Jahrh. betheiligte sich ein Theil der A. mit Len Sachsen, ihrer Nachbarschaft, an der Eroberung Englands (s. England u. Angelsachsen). 2 ) Landstrich in der preußischen Prov. Schleswig-Holstein, im SO. des ehemaligen Schleswig, zwischen der Schlei und dem Flensburger Busen; 826 Hjlcm, mit über ! 50,000 Ew.; äußerst fruchtbar u. wohlhabend. Darin die Baronie Gelting u. die großen adeligen Güter Stundhof n. Drölt der Familie v. Rumohr rc.; ! Kappeln, Flecken an der Schlei, mit 2600 Ew.; ! Arnis, Fl. auf einer Halbinsel der Schlei, mit 876 Ew.; Brarnp, großes Kirchdorf, wo jährlich ein von Tausenden besuchtes Volksfest, Brarnpcr Markt, gefeiert wird; Miffnnde. Hier heftiger Artillerie- kampf 1864; Schlacht bei Jdstedt am 25. Juni 1850 zwischen Dänen und Schleswig-Holsteiner». S. Angelo (spr. Andtchelo), 1) LaotsIIo Bischofssitz, technische Schule; 3926 Ew. 4 ) (S. ^ s A. de' Lombardi) Stadt im gleichnamigen ! Distr. der italienischen Provinz Principato ulter.; > ' Sitz eines Unterpräfecten, Bischofs; Civiltribunal, ^ Waisenhaus, Seminar; Rinderzucht; 6654 Ew. ^ 5 ) (S. A. di Brolo) St. im Distr. Patti der ^ S italienischen Provinz Messina (Insel Sicilien); ! " 5300 Ew. 6) (Monte S. A.) St. im Distr. t Foggia der italienischen Provinz Capitanata, am ^ 641 Angclo — Monte Gargano; schöne Bnrg, berühmte Wallfahrtskirche S. Michele mit einer Höhle, in welcher nach der Legende i. I. 491 der heil. Michael dem heil. Lanrentins, Erzbischof v. Sipontum, erschien; jährlich findet hier am 8. Mai ein großes Fest statt; 14,760 Ew. 7) (Monte S.A.) 1524 m hoher Berg ans der Landzunge zwischen dem Golfe von Neapel u. dem von Salerno, mit wundervoller Aussicht. Anflklo (spr. Andschelo), 1) so v. w. Poliziano. 3t So v. w. Rocca. 3) Michel A., s.Buonarotti. Anfielolatric (v. Gr.), Anbetung der Engel. Anfleloloflie (v. Gr.), Lehre von den Engeln. Aogelonia /I. i. A»fl. Angelsachsen. cher während seiner Negierung (800—836) alle jene Reiche theils unmittelbar unter seinem Scep- ter, theils unter seiner Oberherrschaft vereinigte u. so Stifter der Dynastie der angelsächsischen Könige wurde, welche ihre Blüthe unter Alfred dem Großen erreichte n. mit kurzer Unterbrechung bis 1066 regierte; s. England. Die A. wurden seit dem 6. Jahrh. von Rom ans mit besonderer Milde n. Nachsicht zum Christcnthnm bekehrt, n. die Angelsächsische Kirche blieb bis ins 10. Jahrh. ziemlich unabhängig vom Papstthum. Die Verfassung der A. ging ans der altgerman. Mark- n. Ganverfassnng hervor: die 8eir (engl, süirs) war eine der Hanptgrnndlagen. Wie die Mark, so hatte der Gau seine staatliche Organisation zu religiösen, rechtlichen u. politischen Zwecken, über welche das Koir^vmüt Beschlüsse faßte. Die 4 der altgermanischen Verfassung entsprechenden Stände waren im Volke die des oorl, des ans adeliger Familie Gebürtigen, des osorl, des Gemein- freien, welcher freien Grundbesitz hatte, des tiwMi, welcher nicht der vollen Frciheir genoß, n. tüoürv oder unfreien Knechtes. An der Spitze des Staates stand der König (egmmA), welcher mit dem rviboimAemüt die gesetzgebende Gewalt ausübre. Nächst dem König erschienen als höchste Staatsbeamte die Ealdormänner der größeren Reichste czirke einflußreich in seinem Rache. Für kleinere Bezirke in verschiedener Ausdehnung übte im Aufträge des Königs der xerska (Gras) die Jurisdiction: so gab es in der seir einen Aerccka, aber auch zuweilen einen rviCAoröka, (etwa Dorfgraf), tün-xoröka (Zaungraf, für einzelne Gehöfte) rc. Die Volksrechte der A. (Angelsächsische Gesetze) bestehen aus einer Reihe Willküren und wirklichen Gesetzen, welche bis in das 6. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung hinauf reichen. Sie zeichnen sich dadurch von den übrigen Volks- rcchten aus, daß sie zum Theil in der Volks-, n. nicht alle in lateinischer Sprache verfaßt sind. Die ältesten Stücke wurden unter König Äthelbirht in Kent zwischen 591 u. 604 ausgezeichnet. Sie sind abgedruckt in Wilkins Imxss 4mAlo-8axonic:aL, Lond. 1721; ^.noisnt I-savs null Institnbss ob Ln^lanä, ebd. 1840, in 1 Bd. Fol. od. 2 Bdn. 8"; R. Schmid, Die Gesetze der Angelsachsen, 1. Ansg., Lpz. 1832, 2. Ansg. mit treffl. Glossar rc. 1858. Vgl. Philipps, Versuch einer Geschichte des Angelsächs. Rechtes, Gött. 1825. Über die Geschichte der A. vgl. Lappcnbcrg, Gcsch. von England, Hamb. 1834; Kemble, Nüs 8axona in binc;'- lanä, Lond. 1848, 2 Bdc., übersetzt von Brandes, Lpz. 1852—1854, 2 Bdc.; Turner, blisior/ okbks .^.nglosaxons, 3 Bdc., 6. Anfl., Lond. 1852; Palgrave, Ilistor/ ob türs ^n--b>saxon8, Lond. 1872. In kulturhistorischer Hinsicht sind die A. interessant, wenn auch nicht von großer Bedeutung. Der-angelsächsische Baustil ist eine Abzweigung des romanischen Stils, der bis 1020 in England angewandt n. dann durch die anglonormannische Bauweise verdrängt wurde, welche im 13. Jahrh. wieder der englisch-gothischen weichen mußte. Es sind nur geringe Überreste des angelsächs. Baustils erhalten. Was die Bildnerei u. Malerei der Angelsachsen betrifst, so bieten zunächst die Miniaturmalereien der angelsächsischen Manuscripte des 7. I. Band. 41 642 Angelsächsische Sprache und Literatur. n. der folgenden Jahrhunderte besonderes Interesse. In denselben erscheinen die Gestaltender altchristlichcn Kunst auf eine durchweg cigenthümliche, zwar barbarische, aber doch höchst conscguent dnrchgcbildctc Weise nmgewandelt. Nicht minder cigcnthümlich erweisen sich die Formen des Ornaments: kunstreich incinanderflicßcnde Linien wechseln mit phantastischen Thierbildnngen u. treten in scharfer n. seiner Zeichnung u. mit grellen Farben lebhaft heraus. In derselben Weise sind die Architekturen dargcstellt, an denen nicht selten Capitäle n. Basen der Säulen ans lauter phantastischen Thiergcstal- tcn zusammengesetzt sind. Noch auffälliger tritt dieses nordisch-nationale Element in den irischen Miniaturen zu Tage. Menschliche Gestalten werden in wunderlich phantastischer Weise in kalligraphische Schnörkel aufgelöst. An Liese ältere Malerei schließt sich im 11. Jahrh., der eigentlichen Periode des angelsächsischen Stils, eine andere an, welche in der Regel leichte skizzenhafte Umrisse mit schwacher Andeutung von Farbe und hastig geknitterter Manier der Technik anfwcist, daneben aber Loch nicht selten durch lebendige Anschauung, kühne Motive n. poetische n. phantasie- volle Darstellung überrascht. In Metallen war die Kunstfertigkeit der Angelsachsen selbst im Auslände geschätzt. Im Ganzen nahm das Volk eine ziemlich niedere Stufe der Civilisation ein. Die berühmte angelsächsische Gelehrsamkeit, von der die Besprechung der betreffenden Literatur ein Bild geben mag, beschränkte sich vorzüglich auf die Geistlichkeit. Ausführlicheres s. u. England (Großbritannien). Nach Sinnes-, Lebensart n. Sitten bewahrten die Angelsachsen ihren germanischen Charakter. Sie kleideten sich in Thierfellc u. entbehrten des Schmuckes, wohnten in elenden Hütten, die meist abgelegen u. selten zu Ortschaften, nirgends aber zn größeren solchen vereinigt waren. Bis zur Zeit Alfreds d. Gr. gab es, außer mit Sklaven, keinen nennenswerthen Handel. Viehzucht n. Fischerei waren Hanpternährnngs- zweige. Der wohlthätige Einfluß, den die Ausbreitung des Christenthnms geübt, ging mit den Einfällen der Normannen ini 9. Jahrh. größtev- theils wieder verloren. Noch mehr wurde der ursprüngliche Geist der Angelsachsen modificirt seit der Unterwerfung des Landes Lurch Wilhelm Len Eroberer (1066). Angelsächsische Sprache mid Literatur. I. Sprache. Angelsächsisch (nach dem latent. tdnAlosaxoiw», während das Volk selbst sich stets nur lmFls, ^n§e1ttzeüä rc., die Sprache Dn^Iiss nennt) heißt die Sprache der Angeln, Sachsen n. Inten, deren nahe verwandte Mundarten — durch zahlreiche Inschriften vom 4. Jahrh. an uns bekannt — sich seit ihrer Eimvandernng in England (Mitte des 5. Jahrh.) einheitlich und selbständig entwickelten. Das Angelsächsische bildet mit dem Alt- sächsischen (im norddeutschen Binncnländc) u. Alt- sricsischcn (an der Norbscel'üste) Len altniederdent- schen Sprachstamm, welchem der altskandinavische zur Seile, der althochdeutsche (in Oberdeutschland), namentlich durch Wandlung der Consonantcn (zweite Lautverschiebung), gegenübersteht. Eigcnthümlich ist der a-n S. die Vereinfachung der Nominal- flcxion n. die Mannigfaltigkeit der Vocalschwäch- nngcn, -Brechungen u. -Trübungen (L zu ä, L zu w, L u. i zn orr n. so, au zu sä, ln zu sö), ferner das Festhalten an dem alten — ttz (daneben im Inlaute ätz), die Schreibung e (— !c) auch vor i, s rc. Die Schrift der Angelsachsen , ist seit ihrer Christianisirung die lateinische, er- ,« gänzt durch einzelne Zeichen aus der früheren I Runenschrift, welche sie in der Hauptsache mit den ^ ^ übrigen germanischen Stämmen in Skandinavien n. Deutschland gemein hatten (s. Runen). Von den Dialekten, in welche das Angelsächsische in historischer Zeit zerfiel — Northum drisch, Mer- cisch (von Angeln gesprochen), Kentisch (Jüten) u. Wcstsächsisch (Sachsen) — wurde der letztgenannte in Folge der Vereinigung der 7 Königreiche unter der Dynastie von Wessex (Egbert 827) zur Hof- u. Büchersprache, neben der sich nur noch der northumbrische in einigermaßen bedeutenden Denkmälern erhalten hat (d. sog. vurtzam Book, 10./11. Jahrh., eine Evangclicnübersetzung, her- ausgcg. von Bonterwek, Gütersloh 1857; Üitnalo soel.vnrwimonsis, heransgeg. vonStevenson, Lond. ! 1840; früher Sprüche Bedas sin Hattemcr, St. Gallens Sprachschätze I. 4) u. Cacdmons sin Alfreds Beda 4, 24j n. a.). Um dieselbe Zeit begann die literarische Thätigkeit der Angelsachsen in Aufzeichnung von Gedichten u. Gesetzen, sowie, angeregt durch Alfred d. Gr., in Übertragung lateinischer Werke n. in eigener Production, deren Blüthe in die Zeit Älfrics (gegen Ende des 10. Jahrh.), fällt. Der Einfluß der dänischen Herrschaft auf die Sprache bezieht sich blos ans den ^ Wortschatz, nur iin Northumbrischen wahrscheinlich ! auch ans Laute n. Formen. Mit der normänni- ^ ^ scheu Eroberung 1066 beginnt der Verfall der a-n ^ ' S., die jetzt nur Sprache des Volkes wird und spärliche literarische Verwendung findet, während Hof, Gericht n. Schule die nordfranzösischc Sprache annchmcn. Die beginnende Sprachmischung der Periode von 1100—1250 nennt man halbsächsisch auch nen-angelsächsisch). Die politischen Lieder nach 1250 zeigen bereits das Englische im Wesentlichen ansgcbildet: Beeinträchtigung der Flexion, Verkürzung der Wörter, Vereinfachung der Wortstellung u. massenhafte Aufnahme romanischer Wörter sind schon Kennzeichen des Altenglischen (1250—1350), wie später des Mittel- (—1500) n. Neuenglischen. — Das Studium des Angelsächsischen begann mit der Reformation; doch ! ' sind die Leistungen von Somner, Hickes, Whelock, Thwaites, Lye, Elstob n. A. durch neuere Arbeiten entbehrlich geworden. Über die Sprache vgl. Rast, > An^slsntzsislc LproAlwrs, Stockh. 1817, engl. v. Thorpe, Kopenh. 1830, 2. Ausg. London 1865; sodann als grundlegend I. Grimms Deutsche i Grammatik, Gött. 1822—1831; danach Ettmllllers nnd Heynes Abrisse (Heyne, Kurze Grammatik d. ^ , altgerm. Dialekte, Padcrb. 1870); ferner Kochs. s engl. Gramm.; Scherer, Zur Geschichte der deutschen Sprache; Grammatiken v. Bosworth, Lond. i 1823 u. 26; Vernon, ebd. 1855; Loth, Etymolog. ^ angels.-engl. Gramm., Elberf. 1870; auch Dietrich Leo Bonterwek, Grein, Müllenhoff, in England selbst namentlich Kemble, Thorpe u. Wright haben sich um die Erforschung der Sprache verdient ge- ^ macht. — Zur Geschichte der a-n S.: Worsaae, - ^ 643 Angelsächsische Sprache und Literatur. 1 s i riinäer am tlrs Vanslrs o§ Xorämänäous i H»x- lauck. Lkotlanä a^ Irlanck, Kopcnh. 1852 (engl. Land. 1852, deutsch v. Meißner, Lpz. 1852); Ferguson, Mrs Xortllnwn in (Inmborlanä anälVssb- inorolanck, Land. 1856). — Wörterbücher: v. Lye, Land. 1772; Bosworth, London 1830; Kurzer, ebd. 1855; Ettmüller, Quedlb. 1851; Grein, Bibl. der angcls. Poesie, Bd. 3 u. 4, Gott. 1861—64. II. Literatur, n. Die poetische Literatur (Sammlung von Grein, Biblioth. der angess. Poesie, Text u. Glossar, 4 Bve., Gott. 1857—64: Übersetzung des Wichtigeren: Grein, Dichtungen der Angelsachsen, stabreimenL übersetzt, Gött. 1857) ist sehr reich, mannigfaltig und von hohem dichterischem Werthe. Ein eifrig gepflegter Volksgesang liegt zu Grunde. Bei den Gastmählern ging die Harfe im Kreise herum, und Schande brachte cs, Nichts dabei vortragen zu können (s. u. Caedmon); das kriegerische Leben wurde durch Heldenlieder gefeiert und gehoben, und um den Grabhügel des Helden ritten seine Mannen, den Tod des Herrn beklagend und seine Tapferkeit n. Milde besingend (I. Beowulf). Frühzeitig aber entwickelte sich bei den Angelsachsen, wie bei den Skandinaven, ein eigener Säugerstand, der von seiner Kunst lebte. Der Sänger (aovp) war bei den großen Gelagen der unentbehrlichste Gast; wo der Schenk aus vollem Älkruge den klaren Suß- trank spendet, da läßt auch der Sänger sein heiteres Lied ertönen, und es erhebt sich der Helden Jubel (Bcowulf V. 495, 88); für ein trauriges, freudeloses Leben dagegen ist das Bezeichnende, daß „nicht der Harfe Wonne tönt, nicht die Freude des Lustbaums" (ebda. 2262). Vermittler alles Wissens u. Könnens, vielgewanderter Kenner der Welt und des Lebens, Dichter und Sänger zugleich, war der Scöp Genosse der Könige u. Fürsten; seine Kunst wurde auf die Götter und noch in christlicher Zeit au! eine göttliche Berufung u. Weihe zurückgeführt (s. Caedmon). Bald bei seinem Herrn weilend, bald nach Sängerart von Hof zu Hof, von Land zu Lande wandernd, kleidete er Episoden aus der Heldensage — später auch aus der beit. Geschichte (Schöpfung, Beowuls SO) — oder ans der unmittelbarsten Vergangenheit in Lieder u. trug diese den Fcstvcrsammlungen vor. Sv erfährt Beowuls durch einen Säuger die Thaten des Umhicrs, das er daun zu bekämpfen auszieht, und der kaum erfochtene Sieg wird auch bald von dem Säuger des befreiten Königs gefeiert. Der poetische Stil der angelsächsischen Lit., wie wir ihn aus den allerdings späteren Aufzeichnungen dieser Dichtungen kennen, liebt zahlreiche Epitheta und Appositionen, vielfache Umschreibungen und breite Schilderungen, lebhaftes, mannigfaltigstes Kolorit, doch fast ohne eigentliche Gleichnisse. — Dieselben Züge sind im Wesentlichen auch der auf die Heldenlieder folgenden christlichen (ebenfalls vorherrschend epischen) Poesie der Angelsachsen eigen, in welcher noch oft der Waffen- n. Becher- klang der Heldendichtung durchtöut. Die poetische Form blieb nach wie vor die ursprünglich germanische des Stabreimes oder der Alliteration, in imstrophischen Berspaaren, wobei, wenn die Harfe begleitete, wol auf die 4 Haupthebungen (Stäbe) jedes Verspaares je ein Saiteuaccord fiel. Erst im 10./11. Jahrh. drang der Endreim ein, bisweilen noch mit der Alliteration sich mischend, welche auch als Schmuck der Prosa, u. zumal der geistlichen Prosa (wir haben sogar durchgehend alliterircnde Predigten) noch lange zähe fort- danerte. Überhaupt zeigten sich die angelsächsischen Bekehrer u. Gelehrten weit toleranter gegen die altheidnische Poesie, als z. B. die deutschen: St. Aldhelm war als bester angelsächsischer Dichter bekannt; Beda u. Bvnifacius brauchen angelsächsische Verse; Alfred d. Gr., der als Knabe von seiner Mutter mit Eifer die alten Hcldcngesängc gelernt, soll einst selbst, als Sänger verkleidet, singend und zugleich auskundschaftcnd ins feindliche Lager gedrungen sein; in einer seiner Übersetzungen führt er statt des fremden Fabricius geradezu den weisen Schmied (Faber) Weland der alten Heldensage ein. Dieser Anhänglichkeit an die nationale Dichtung entstammen auch die Überarbeitungen ans christlicher Zeit, welche auch die volksmäßigsten der uns erhaltenen Gedichte durchgemacht haben. So gleich der Beowulf, ursprünglich wol ans dem 6. Jahrh., überarbeitet im 8., die Thaten des Geatenfürsten gleichen Namens, insbesondere seine Kämpfe mir Unholden n. Drachen erzählend, mit unschätzbaren Schilderungen altangelsächsischcu n. überhaupt germanischen Heldenlebens zur See u. in der Methhalle. Balbcre, Bruchstücke eines Gedichtes von Walter n. Hildegund und ihrer Vcr- theidiguug gegen Günther u. Hagen am Wasgen- stein (Stephens, Lond. 1860; Haupts Zcitschr. f. deutsch. Altth. 12,. 264 ff.; RiegcrS alt- u. angcls. Leseb., Gießen 1861 , XVIII.; Grein, Beownlf nebst den Fragm. Finnsburg u. Valdcre, Kass. u. Gött. 1867; 'liäserilst Ivr lÜtilolo»! »A kiul. VIII. 1872, 305) ist etwa im 9. Jahrh. ausgeschrieben; am Schlüsse des vorhergehenden Jahrh. mag das Lied vom Wanderer (Vldmäir), in der ursprünglichen Anlage ans der 2. Hälfte des 6. Jahrh. stammend, überarbeitet worden sein (hcransg. v. Ettmüllcr, koöpos vieliäli, Sängers Weitfahrt, Zürich 1839, mit Übers, n. Änm. von Thorpc, mit d. Beowuls 1855;Ricger a. a. 0.1851,Grciua.a.0.1.25t), eine ethnologisch und literarhistorisch interessante Aufzählung der Fahrten eines Sängers n. Schilderung seines Berufes. Byrhtnoths Fall (um 1000 ) ist ein glänzendes Beispiel epischer Behandlung eines Ereignisses der unmittelbaren Gegenwart, des Kampfes von Mäldun, der „herrlichste Kommentar der taciteischen Nachricht über das Coini- tatswescn", sowie derjenigen „über zeitgenössische Lieder von Arminins" (Grein I. 343, Rieger 84). Die Mehrzahl der uns erhaltenen epischen Denkmäler jedoch behandelt geistliche Stoffe ans Bibel oder Legende, mit größter Freiheit u. Selbst- thätigkeit und allen: Reichthum einer im Helden- gesange vielseitig ansgebilüetcn Dichtcrsprache. Die Didaxis, welche schon in den christlichen Überarbeitungen der Heldenlieder sich geltend gemacht, nimmt hier einen noch breiteren Raum ein; insbesondere aber ist der angelsächsischen Poesie eigen- thümlich die lyrisch-didaktische Hymnenform, welche, mit lyrischer Apostrophe anhcbend, an den besungenen Gegenstand eine lehrhafte Betrachtung knüpft u. besonders von Cynewulf gepflegt wurde. Hier besonders tritt in den bewegteren und breit didak- 644 Angelsächsische Sprache und Literatur. tischen Stellen eine längere Versart von 2x3 Stäben mit 4- oder mehrfacher Alliteration ein. Deni Caedmmi im 7. Jahrh. werden eine Anzahl schöner biblischer Dichtungen (Genesis, Exodus, Daniel, Satan) zngeschrieben, welche die betreffenden Stoffe, mit feinfühliger Heranshebung des Epischen». Dramatischen, ms heidenmäßige Gewand der angelsächsischen Poesie kleiden. Ein Fragment behandelt die Geschichte der Judith (Grein I. 120; Rieg. 07). Eine Reihe von meist geistlichen Dichtungen sind im sogenannten 6oclvx IIxv- uiensis (bixotor Bvolc, hcransg. von Thorpc, Land. 1842) vereinigt: Cyncwnlfs schwungvoller Hym- ncnkranz vom dreifachen Kommen Christi, n. ebendesselben Legende von Juliana, ferner die des hl. Gnthlac, Azarias oder die 3 Jünglinge im Fenerofen, Gedichte über die Höllenfahrt Christi, über das Jüngste Gericht, über das Schicksal, über die Schöpfung, Reden der abgeschiedenen Seele an den Leichnam, Allegorien vom Phönix, Walfisch rc., weltliche Klage- n. .Botschaftslieder, sodann Hymnen, Gebete, Sprüchwörter u. gegen 100 scharfsinnige, znm Theil noch ungelöste poetische Räthsel (Las Genannte bei Grein und theilweise b. Rieger). Eine zweite Sammelhandschrift, der 6ociox Veroeilsnsm, enthält die Legenden vom Andreas n. von >Elenc, eine Bision vom hl. Kreuz (Bonterwek, Cacdmon I. 6HVIII.; Grein II. 143) u. Kleineres. Ein poetischer Hciligenkalendcr oder Mkcnologium (Hickes 'I'üsssnrus 203, n. Fox, Lond. 1830), eine allitcrircndc Übersetzung der Psalmen (Thorpe, lüb. Psalm., Oxs. 1835), eine poetische Erklärung der Runen (Hickes 135 n. ö.), ein Gespräch zwischen Salomon u. Saturn (herausg. von Kcmble, Lond. 1848) u. a. sind ebenfalls bei Grein (II.) zu finden. Von König Alfreds Übersetzung des Bocthins (s. unten u. den Art. Alfred) wurde der metrische Theil von einem Späteren alliterirend übersetzt, und diese Metra dann oft ihm selbst zngeschrieben (herausg. von Fox, Lond. 1833, Grein II. 295); ebenso tragen die Proverbs ob IvinA ^li'rvil (12. Jahrh., herausg. in Peliguiss autignas, Lond. 1843) fälschlich, diesen Namen. Der halbsächsischcn Zeit gehören an: eine Bearbeitung des 1Ioins.ii äs Prnt von Laya- mou, um 1190, aber in späterer Reccnsion erhalten (herausg. von Madden, Lond. 1840—48); eine metrische Evangclienharmonie von Orm (IIis Ormuinm, 12./13. Jahrh., herausg. von White, Oxs. 1852); Plis Oivi snä blio M^üiiuAsIv, von Nicholas von Guilford, um 1250 (herausg. von Stevenson, Lond. 1838, von Wright, Lond. 1843). b. Die Prosa (Sammliing ebenfalls von Grein begonnen: Bibliothek der angels. Prosa, Kassel u. Gott. 1872 ss.) ist im Verhältniß zur Poesie dürftig, mit Ausnahme der kirchlichen Rhetorik. Als Originalwcrk steht obenan die Angelsächsische Chronik (Laxon Oüroniols), wahrscheinlich unter König Alfred begonnen und über ihn besonders ausführlich; jede Handschrift derselben enthält eine besondere Reccnsion, sowie verschiedene Fortsetzungen bis 1154: bisweilen sind Verse eingestrent. Ausg. von Gibson; Ingram (nnkrit.); dann Thorpe (mit Übers.), 1801; Carle, Isivo ok tlis iV. 6. (die älteste und jüngste), Oxs. 1865. Des Orosius Listorms säv. paZsnos, des Beda Hisb. eoel. xsntis ^.nAlornm, des Bocthins 6onsvlstw piii- los. u. a. (s. d. Art. Alfred) wurden von König Alfred frei übertragen und mit selbständigen Ex- cursen versehen. Werthvoll für die Geschichte des Germanischen Rechtes sind die alten Gesetze von angelsächsischen Königen u. einigen keltischen (ins Angels, übertragen): so von Äthclbirht von Kent, Alfred, Ine, Edward, Äthelstan, Edmund, Edgar, Äthclrcd, Knut; sodann eine Reihe von weiteren gesetzlichen Bestimmungen (gesamm. von Lambard, Lond. 1508, Wheloc, Cambr. 1044, Wilkins ebda. 1721, Price u. Thorpe ebda. 1840, Leo, Ilsotmlinos sinAnIsrnm personarnm, Halle, 1842, R. Schmid, die Gesetze der Angelsachsen, Lcipz. 1858, mit Übers, und Glossar); eine große Anzahl von Urkunden (gesammelt von Kcmble, Locisx äiploinatnons nevi 8sxonioi, Lond. 1839 bis 1848 u. von Thorpe, Diplomstarinm ^nx- lienis ssvi Lax., Lond. 1805). Auch in der Prosa herrscht die theologische Literatur vor. Von Legenden u. Heiligenleben sind die von Fnrsens (Relig. siibigu.se, Bd. 1, auch in Romilios ok bbs T.-8. (lliuroli P. I., vol. II. 334), von St. Ncot (in Gorhams Ilisb. smi snbignibiss olPz'nosbur)-, Lond. 1820—24), von St. Gnthlac (dem Älfric beigelcgt, herausg. von Goodwin, Lond. 1854h von St. Andreas u. St. Veronica (herausg. von Goodwin, Lond. 1852) sämmtlich nach dem Lateinischen bearbeitet. Eine eifrige Pflege fand zu Älfrics Zeit (st. 1005) die kirchliche Homilie; z. B.: Lsrmo I,nyi all -LnAlos von Wulfstan (Pupus Ppiseopus, st. 1823, herausg. von Elstob,, Oxs. 1701; bei Rieger 181) u. die reiche, unter Älfrics Namen bekannte Sammlung (Pbe Ilomilivs ob büs ^nAlo Lsxon Obnroli, pnbl. bzc bbs iLIIrie 8o- oiot/, P. I.). Älfrics Übersetzungen von Pentateuch, Josna, Richter u. Hiob, mit Einleitung znm Alten n. Neuen Testament, sowie speciell zur Genesis (Grein, Bibl. der angelsächsischen Prosa I.), u. die ungefähr gleichzeitige Evangclienübersctznng in wcstsächsischer, wie auch in northumbrischer Sprache bezeugen den kirchlich-wissenschaftlichen Eifer der Zeit, Älfrics angelsächsische Grammatik n. Glossar, nebst den zahlreichen glossirten Handschriften n. Glossarien (z. B. dlossss ^.inpionisnas zu Erfurt) die Sorgfalt für die Muttersprache, eine angelsächsisch geschriebene Grammatik des Lateinischen (in Diobionür. ssxoiüeo-Isiiuo-snAiionm 1659) die fleißige Beschäftigung mit der jtirchcnsprachc. Kirchen- n. Klostcrordnungcn cxistiren in großer Anzahl: 2 Briefe an die Priester oder Lsrmo all saeercioios (vgl. darüber Dietrich in der Zeitschr. für histor. Theologie 1855 IV. u. 1856 kl.); mehrere Übers, der Benedictinerregel, u. A. von Ethel- wold(925—98); Lonkossionsls u. Poonibentisls v. Egbert v. Dock; Bcncdictionale von Ethclwold (herausg. von Gage, Lond. 1832). Endlich sind noch eine angelsächsische Übersetzung des beliebten Romans ^.poilonii Pxril vits und einige Schriften astronomischen u. medicinischen Inhaltes (11. Jahrh.) zu nennen, welche Wright 1841 herans- gcgebcn hat. Sammlungen u. Lesebücher für die Poet. u. Pros, angelsächsische Literatur: Conybeares Iliu- sirsbions ob.4nAlo-Laxon Postrv, Lond. 1826; Wright n. Halliwcll, 11eliDkm (326 (DM); 131,000 Ew., welche in Wohlstand leben u. Ackerbau, Viehzucht u. vorzügliche Leinwaudweberei, auch Bergbau treiben. Handelsstadt Hernösaud am Ansflusse des Angermanelf in Len Bottnischen Meerbusen. Angermünde, 1) Kreis im preußischen Reg.- Bez. Potsdam; 1294 (Dkm (23,§ (DM); 64,252 meist Landban treibende Ew.; liegt zwischen dem unteren Finow- und dem Randow-Welsethal und an der Oder, hat mehrere Seen (Grimnitzer- See, mit dem Werbellincr-See, Paarsteincr-See), wird von Linien der Berlin - Stettiner Eisenbahn (94,5 km) durchschnitten. 2 ) Hauptstadt hier, am See Munde u. am Bereinignngspunkte der genannten Eisenbahnen; Kreisamt, Kreisgericht, 3 evangelische Kirchen; Acker- u. Tabakbau, Wollen- u. Leincnweberei, Handel mit Getreide; 5680 Ew.; wurde 1254 von Johann I. erbaut. Angcröna, in der röm. Myth. Schutzgöttiu, welche den Kummer tragen half n. davon befreite; - Angcrs. nach Einigen Göttin des Schweigens, n. A. Göttin des geheimen (zu verschweigenden) Namens der Stadt Rom; dargestellt als Frau, die den Finger auf den Mund legt, oder mit verbundenem Munde. Den 21. Dcc. wurde ihr das Fest der Angerona- lien gefeiert. Angers, Hauptort im gleichnamigen französischen Arr. u. des Dep. Maine n. Loire, an der Maine, oberhalb deren Mündung in die Loire u. unterhalb des Zusammenflusses der Maycnne n. der Sarthe, welche die Maine bilden, Knotenpunkt der Eisenbahnen nach Tours, Le Maus u. Nantes (Orleans- u. Westbahn). A. ist getheilt in die eigentliche Stadt ani linken Ufer der Maine und den Doutre genannten Theil am rechten Ufer, hat im älteren Theil enge, steile Gassen, im neueren gerade Straßen, schone Häuser, breiten Quai, Boulevards und Promenaden; Bischofssitz, Appell- und Gerichtshof, 3 Friedcnsgerichte, Handelstribuual, Priester- u. Knabensemiuar, mehrere Klöster, Lh- ceum, Lehrerseminar, Bibliothek von 40,000 Bdn., Gemäldesammlung, Museum David, Archäologisches Museum, Botanischer Garten, mehrere Spitäler, darunter das 1849—1854 erbaute Hospital Ste. Marie, Zellengefängniß. Hervorragende Gebäude: die Kathedrale St. Moritz im gothi- schcu Stil (1225 begonnen, mit herrlichen Glasmalereien, Tapisserien, der Statue der hl. Cäcilie und einem Calvarienberge von David d'A., war ehemals Begrabnißstätte der Herzoge von Anjou n. der Könige von Neapel und Sicilien aus diesem Hanse), Kirche St. Serge (1036 —1056 erbaut uud thcilweise erneuert), Toussaint (aus dem 12. Jahrh., gehörte zu der gleichnamigen Benedictiucr- abtci), der heil. Dreieinigkeit (im romanischen Stil, neuerdings restaurirt), St. Jakob u. a.; das Schloß mit 18 Thürmcn, ehemaliger Sitz der Herzöge von Anjou, aus der Zeit Ludwigs IX., 1589 zur Hälfte abgetragen, dient jetzt als Kaserne, Arsenal u. Pulverfabrik; die Präsectur in Leu Gebäuden des vormaligen Klosters St. Aubin ist 1855 hergestcllt worden; das Rathhaus ist von 1671; Stame des Königs Reue, ferner des Bildhauers David (seit 1852), dessen Geburtsort A. ist. Die 58,500 Ew. treiben Wollen- n. Lcineuweberci, Wollen- u. Baumwollenspinnerei, Fabrikation von Seilerwaaren, Segeltuch, Regenschirmen, Kerzen, Zündhölzern, Ziegel- u. Chamottewaaren, Glockengießerei; ferner gibt es 5 Eisenhütten, Kalk- und l Gipsbrennereien, ausgezeichnete Baumschulen uud große Schieferbrüche, welche über 3000 Arbeiter beschäftigen. Ansehnlicher Handel wird getrieben, besonders mit Getreide, Mehl, Fntterkörncrn, Hanf, Lein, trockenen Gemüsen, Wein, Baumwollen- ' waarcn, Schiefer, Öl, Holz. A. hieß in der ältesten Zeit FmäsAuvum; zu Cäsars Zeit Julio- magus; unter Chlodwig siel cs in die Hände der Franken und theilte nun als die Hauptstadt von Nieder-Anjou das Loos der Grafschaft Anjou. In den Jahren 455, 1055, 1269, 1365 und 1448 wurden hier Kirchenversammlungen (Oonoilra Xn- ckeKavonsia) gehalten. 1620 Residenz von Maria de Medici. Die von Ludwig IX. gestiftete Universität ging durch die französische Revolution ein. Hier am 18. Sept. 1793 Sieg der Vendeer unter Charette über die Republikaner unter Kleber; 647 An gewachsen - am 5. Dec. dess. Jahres vergeblicher Sturm der Vendeer auf diesen Platz. Im Nov. 1815 wurde die Stadt von den Preußen unter Thielemann besetzt. Angewachsen (acknatns), mit dem Grundtheil der Oberfläche eines Pflanzentheils an einen anderen angeheftet; z. B. die Nebenblätter mit dem Blattstiel bei Rosa eanina. Der Fruchtknoten heißt a. oder nnterständig, wenn die Krone oder Staubgefäße auf demselben stehen (Kernobst). Anghiarj, Flecken im italienischen District u. in der Prov. Arezzo (Toscana); Gymnasialschule, bedeutende Fabriken in Gewehren u. chirurgischen Instrumenten; 7000 Ew. A. ist das römische öastrum angulare. Hier 1440 entscheidende Schlacht zwischen den Mailändern unter N. Piccinino n. den Florentinern. Anghiera, Flecken, so v. w. Angera. Anghiera (Anglerius), Conte d'A., gewöhnlich Peter Martyr, Pietro Martiro, genannt; erwarb sich als Staatsmann u. Historiker einen Namen. Geb. zu Arona 1455, lebte er seit 1477 im Verein mit den berühmten zeitgenössischen Dichtern u. Gelehrten in Rom; ging 1488 mit Lopez Mendoza nach Spanien u. diente 1489 hier gegen die Mauren als Soldat, trat aber 1494 in den geistlichen Stand n. wurde Lehrer der Pagen. 1501 ging er als Gesandter Ferdinands V. zu dem Sultan von Ägypten nach Kairo, wurde bald nach seiner Rückkehr zum apostolischen Protonotar ernannt n. starb, seit 1505 Prior an der Kathedrale zu Granada, 1526. Seine Schriften: Ds redus oosnnieis ab orbs novo ckooackes trss, Sevilla 1516; vsenckss ooto (das Ganze umfassend), Alcala 1530, Paris 1536, u. sein Oxrm spisbvinrnm, Alcala 1530, Amsterd. 1670, sind für die Geschichte der Entdeckung Amerikas u. die Geschichte seiner Zeit von großer Wichtigkeit. „Auch schilderte er ans Anlaß seiner Mission nach Ägypten dessen Zustände in I-ogabionis Labzionioas übri trss, mit den Decadcn gedruckt Paris 1536. St. Angilbert, vornehmer Franke, Lieblings- jchüler Alcnins, Freund Karls d. Gr.; als Mitglied der Königlichen Akademie zu Äachen Ho- merus genannt, um 782 t?riiniosrin8 pajatii bei Karls unmündigem Sohne Pipin, in der Folge Kapellan Karls, der ihn 792, 794 u. 796 zu wichtigen Gesandtschaften an den Papst verwendete; 794 zuerst als Abt des Klosters Centnla oder St. Riqnier in der Picardie erwähnt; st. 18. Febr. 814. Sein vertrautes Verhältnis) mit Karls Tochter Bertha hat vielleicht die Sage von Eginhard u. Emma veranlaßt. Das auf uns gekommene größere treffliche Bruchstück eines Gedichtes über Karl d. Gr. (abgedruckt in Pertz' Lion. Bd. II., S. 391—403) ist vielleicht ihm beiznlcgen. Vgl. über A.: W. Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter, 2. A., 1866, S. 117 ff. Angiocarpe Flechten werden Flechten mit geschlossenen, einen Fruchtkern einschließenden Gehäusen genannt. Angion (gr.), Gefäß, Blutgefäß; in Zusammensetzungen, wie: Angiodiastasis, Klaffen einer geöffneten Ader, Auseinandcrliegen znsammenge- hörender Gefäße. Angiographie, 1) Gcfäßbe- schreibung, ein Theil der Archäologie n. Handelswissenschaft; 2) Beschreibung der Blut-u. anderen — Angkor. Gefäße des thicrischen Körpers. Angiortis, AderentzünLnng. Ängiolencrtis, Entzündung der Lymphgefäße. Angiolögic, Lehre von den Blut- u. anderen Gefäßen des thicrischen Körpers (Haupttheil der Anatomie); die Blutgefäße werden behufs der anatomischen Demonstration in dem Leichnam mit Wachsmasse, u. zwar die Arterien roth, die Venen blau, die anderen Gefäße mit Quecksilber ausgespritzt, uni sie sichtbar zu machen u. ihren Verlauf besser zu zeigen. An- giomalacie, GefLßcrweichnng. Angiopathie, Gefäßleiden. Angioplanie, Abweichung der Gefäße vom normalen Ban. Angioplerösis, Gcfäßüberfüllnng. Angioplokc, Gefäßknoten, Dnrchschlingung der Gefäße zum Behnfc einer Blutstillung. Angiopyrie, Aderfieber, nannte man früher jedes entzündliche Fieber, also eine Entzündung von Fieber begleitet. Angiorrhä- gie, Blntflnß ans Gefäßen, besonders activer n. starker; wogegen der passive, langwierige insbesondere Angiorrhöe heißt. Angiorrhcxis, Zerreißung eines Gefäßes. Angiostenösc, Ader- Verengerung. Angiosteösis, Verknöcherung der Gefäße. Ängiostrvphe, Torsion der Arterien; daher AngiostrophLus (Nngiostroph?um), Instrument zur Torsion der Arterien. Angiote- nisch, mit Spannung der Gefäße verbunden; daher Angiotenisches Fieber, so v. w. Angiopyrie. Angiotrtis, Ohrgcsäßcntzündnng. Än- giotomie, anatomische Zergliederung der Blutgefäße des thicrischen Körpers oder überhaupt Aufschneidnng der Blutgefäße, z. B. bei Aderlaß. üngiospermin (Angiospermen), 1) im natürlichen Pflanzensystcm diejenige Abthcilung der Phanero- gamen, deren Fruchtblätter eine geschlossene Höhlung bilden u. die Samen einschließen; den Gegensatz bilden die Gymnospermen, deren Fruchtblätter (wie bei den Tannenzapfen) flach bleiben n. die Samen nur bedecken. Die A. zerfallen in zwei Klassen: Monocotyledonen und Dicotylcdonen. 2 ) Im (künstlichen) Linneschen System diejenige Ordnung der 14. Klasse (Didynamia), mit 2 langen n. 2 kurzen Staubgefäßen, deren Frucht eine zweifächerige Kapsel ist. Es gehören dahin die natürlichen Familien der Antirrhineen oder Löwenmäuler, der Rhinanthaceen oder Hahnen- kämme n. a. Angiosporen (Bot.), diejenige Abtheilnng der Kryptogamen, bei welcher die Sporenmntter- zellen oder Sporangien bleiben, also die reifen Sporen noch in denselben eingcschlossen sind, entgegengesetzt den Gymnosporen. Angitola, 103 ürn langer Fluß in der italie- Provinz Calabria ult.; mündet in den Golf von Sta. Enfemia. Angkor (Ongkor), alte, in Ruinen liegende Hauptstadt in Hinterindicn, nördlich von der Stadt Siemreap, unfern vom Tale-Sab, einem ans der Grenze von Kambodja n. Siam gelegenen See, mitten im Urwalds. Den best erhaltenen Be- standtheil bilden die Tempelbautcn (A. Wat, Nakhon Bat, Nakhon Tom), die sich auf einer Terrasse in drei über einander aufsteigenden Plattformen mit 9 Thürmen als eine imposante Masse erheben. Die rechtwinkelige Umfassungsmauer mißt eine Länge von 3550 in. Der eigentliche Tempel 648 /iiiglniss - besteht aus den rechteckigen, ineinandergcschobenen Terrassengalcricn, ans deren Mitte sich der höchste durch Galerien in 4 Stockwerke gethcilte Thurm erhebt, der, obgleich die Spitze hcrabgestnrzt ist, eine Höhe von 56 in mißt. Die Ruinen weisen gegen 1800 meist viereckige Säulen auf, größten- thcils mit monolithischem Schafte, meist 4, 5 , m hoch n. 40 am stark. Fast alle Thcilc der Gebäude sind mit Ornamenten u. Basrclifs von bewundernswertster Kunst n. „Technik geschmückt. Die Bauwerke haben große Ähnlichkeit mit den vorder- indischen Pagoden', doch zeichnen sie sich vor denselben durch klassische Einfachheit in Formen und Verhältnissen vorthcilhaft aus, derart, daß man sie mit der Pctcrskirchc in Rom verglichen hat. Inschriften sind in großer Menge vorhanden, doch ist die Entzifferung der wichtigeren noch nicht gelungen. Wie bei den meisten hinterindischen Bauwerken, so bestehen auch über den Ursprung von A. nicht einmal Überlieferungen bei den Eingeborenen, die deren Ausführung einfach den Göttern znschrciben. Die übrigen - Ruinen der alten Königsstadt sind größtenthcils stark zerfallen u. von der mächtig wuchernden Vegetation anscinander- gcsprcngt oder überdeckt, doch zeugen auch diese Reste von alter Herrlichkeit n. Größe, so daß in ganz Ostasien, ja vielleicht der ganzen Welt kaum eine Rnincnstätte A. an Pracht, Großartigkeit n. Kunst übcrtrcffcn dürfte. Vgl. R. Zöllner, Jndo- chines. Land u. Volk, in der Zcitschr.: Ans allen Weltthcilcn, IV. Jahrg., Lpz. 1873. ünglaise (fr., engl. Oountr)' clanoe). 1) Tanz von lebhaftem Charakter (gewöhnlich Contrctanz genannt), dem, bald in H-, bald in 2-Tact geschrie-- den, eine mehr oder weniger schnelle Bewegung eigen ist n. dessen Touren (meist 4) denen der Ecossaise ähneln. 2 ) Ans Frankreich stammender Tanz, der die Nationalität der Engländer versinnlichen soll. Er wird in Seeoffizierstracht, im j- Tact, mit kurzen, sehr zusammengesetzten n. rasch aufeinanderfolgenden Pas getanzt. Ansilenront, E. H. Scipion de, französischer Dichter, geb. 28. Deccmber 1798 zu Pont Audcmcr, Dcp. Eure; schloß sich der romantischen Richtung in der französischen Literatur an. Er schr. folgende längere Gedichte: LsAonckss Ir., 1829— 1833, 2 Bde.; LölerinaZos, 1835; Le Lrvässtine, 1839; Los Lnmemäss, 1840; Los amours äs Lraneo, 1841; Los rosos äs HoöL Eine Sammlung seiner Dramen erschien als Lnstols ckrama- tignos. Paris 1872. Anstlcr-Biey, ein Nindviehschlag, welcher sich durch seine, große und lang andauernde Milch- crgicbigtcit auszeichnct. Färbung hcllbrannroth, breiter Kops mit mittcllangcn, oben nach auswärts gebogenen Hörnern, feiner, mittcllangcr Hals, ziemlich breite Brust, schön gerundeter Leib mit breitem Hintcrtheil; MastfLhigkcit mittelmäßig, Fleisch dagegen fein faserig und wohlschmeckend. An Weide gewöhnt u. gegen Wittcrnngscinflüsse nicht schr empfindlich, gedeihen die Thiere am besten auf Weidegang n. sind in den Küstcngegcn- den der Nord- n. Ostsee, besonders in der östlichen Geest (dem Höhenlande) von Schleswig- Holstein weit verbreitet. Anglesca (Anglesey, spr. Ängelsih, früher — Anglesey. ^.n^Iorum insnia, Mona), Insel in der irländischen See n. Grafschaft von Wales (England), getrennt von diesem durch den Menaikanal; 782 feiern (14 HZM) mit 51,040 Ew. Der meist flache, sandige Boden ist für Ackerbau u. Viehzucht trefflich geeignet. Wichtiger Bergbau auf Kupfer n. Steinkohlen. Die nördlich von Snowdon der Küste entlang laufende Eisenbahn von Chester überschreitet hier die 180 in breite Mcnaistraße mittels der seit 1850 erbauten Röhrenbrücke (Bri- tanniabrückc), 33 in über dem Meeresspiegel; sie besteht ans 2 Reihen kolossaler Eisenröhren, deren eine für die Hin-, die andere für die Herfahrt bestimmt ist, u. wird durch 3 Thnrmpfeiler unter stützt, von denen der mittlere auf einem Felsen im Meere steht. Eine zweite Überfahrt wird durch die 1819—25 erbaute Kettenbrücke vermittelt, welche 175 in lang ist, auf 7 Stciubogcn ruht u. 32,5 vr über dem Wasserspiegel liegt. Hauptstadt ist Beaumaris mit gutem Hafen. Die Insel war einst Hauptsitz des Drnidencultus u. ist reich an drnidischcn Alterthümern. Anglesey, Earls of A. oder Grafen v. A., in England, von der ihnen gehörenden Insel n. Grafschaft Anglesea. Der erste dieses Titels war Christopher Billiers, Bruder des Herzogs v. ^ Buckingham (1623). Als sein Sohn Charles 1659 ohne männliche Erben starb, ernannte König Karl II. Arthur Annesley, den Sohn des iri scheu Barons von Monntnorris u. Viscount von Valentin, geb. 10 . Juli 1614, 1661 znm Baron von Newport-Pagnell u. Earl von A.; er war unter Karl II. bis 1682 Großsiegclbcwahrer n. st. 1686. Nach dem Tode Richard Annestcys, Earls of A., 1761, wurde dessen Sohn Arthur nicht als legitim anerkannt, n. ihm Nachfolge n. Titel als Earl of A. versagt, weshalb dieser Titel erlosch u. erst 1815 als Marqnisat verliehen wurde an Henry William Paget, Earl von Uxbridge, geb. 17. Mai 1768, Sohn des Obersten Uxbridge, der sich im Nordamerikanischen Kriege anszeichnele; focht zuerst als Oberst Paget mit einem selbst geworbenen Infanterieregiment 1793 n. 1794 in Flandern, befehligte dann ein Cavalcriccorps zu Ipswich, ward General n. führte seit 1808 als solcher die britische Reservecavalerie auf der Py- i rcnäischen Halbinsel, deckte Moores' Rückzug nach Cornna, siegte bei Benavcnte n. nahm den General Lcfdbre Desnonettcs gefangen. Er führte als Graf Uxbridge die englische Cavaleric 1815 in Belgien n. verlor bei Waterloo ein Bein. Nach dem Kriege ward er zum Marquis von A. und zum Chef der Artillerie ernannt, 1818 zum Ritter des Hosenbandordens erhoben; er war unter Canning Mitglied des Ministeriums n. ward im Fcbr. 1828 Vicekönig von Irland, wo er sich die Liebe der Katholiken erwarb; dessenungeachtet, oder vielmehr deshalb wurde er Ende 1828 von Wellington abbcrufen, aber 1831, als der Haß der Katholiken gegen die Oranienmänner in offenen Kampf auszubrechcn drohte, wieder dahin gesendet u. blieb bis 1833 daselbst, ohne die Nu Zufriedenheit der Iren beschwichtigen zu können. Ende 1842 wurde er Oberst n. Chef der reitenden Grcnadiergardc, 1846 Feldmarschall n. Ge- neralfeldzengmeister u. st. 29. April 1854. Sein Anglicamsche Kirche. 649 ältester Sohn, Henry Paget, Graf v. Uxbridge, 2. Marquis von A. , gcb. 6. Juni 1797, trat 1833 als Baron Paget ins Oberhaus, war unter dem Ministerium Melbourne bis 1811 Lordkammer- herr der regierenden Königin und folgte 1854 seinem Vater in derPeerage; er st. 8. Febr. 1869. Sein Nachfolger als 3. Marquis von A. ist sein Sohn Henry, geb. 1821, der zuvörderst in der Garde diente n. dann von 1834—57 die Grafschaft Stafford im Unterhanse vertrat. Der zweite Sohn, Lord Clarence Edward Paget, s. Paget. Anstlicanischc Kirche (Englisch-bischöfliche Kirche oder Episkopalkirchc), die protestantische Staatskirche in England und den Co- lonien, ohne Einschluß von Schottland, das von Anfang an seine besondere Kirchenverfassung hat, und Irland, wo die Staatskirche seit 1869 aufgehoben ist. König Heinrich VIII. erklärte 1534 die völlige Unabhängigkeit der A-n K. von Nom, ließ aber, indem er einfach an die Stelle des Papstes die Krone setzte, die alte katholische Verfassung fast unverändert stehen. Die durch Eduard VI. begonnene, durch die katholische Königin Maria aufgchaltene innere Reform vollendete Königin Elisabeth in den Jahren 1559—71. Die Snprcmatsacte 1559 uberträgt die oberste Kirchengcwalt der Krone, die Uniformitätsactc vom gleichen Jahre ordnet den Gottesdienst durch eine Revision des von Eduard VI. eingeführten Allgemeinen Gebetbuchs, die von der kirchlichen Con- vocation 1563 angenommenen 39 Artikel stellen, 1571 zum StaatSgesctze erhoben, die kirchliche Glaubenslehre endgiltig fest. Die Gottesdienst- ordnnng u. die Kirchenlehre sind bis heute unverändert geblieben. Dagegen hat die kirchliche Verfassung, welche alle Staatsbürger zu Gliedern der einen Kirche, alle Diener der Kirche zu Staats- dicncrn, unter der Krone als dem einen Haupte von Staat n. Kirche, machte, in Folge des nicht rastenden Kampfes der protestantischen Sccten (Dissenters) u. der Katholiken wesentliche Änderungen erlitten. Die Herstellung der Einheit unter Karl II. durch die verschärfte Uniformitätsacte 1662, in Folge deren 2000 Prediger ihre Stellen niederlegtcn, u. durch die Conventikelacten 1664 und 1670 war von kurzer Dauer. Längeren Bestand, bis in unser Jahrhundert, hatte die Testacte von 1672, welche das Recht der Bekleidung öffentlicher Ämter an das anglicanische Glaubensbekenntnis; knüpfte; aber auch sie hielt die Folgen der politischen Revolution für die Kirche nicht ans. Die Toleranzacte von Wilhelm und Maria (1689) setzt an die Stelle des von Elisabeth eingeführten, von Jakob I. verschärften Snprematseides einen neuen, in welchem die Anerkennung des Königs als kirchlichen Oberherrn wegfällt, spricht die Dissenters, welche diesen Eid leisten, von den bisherigen Strafen frei n. öffnet ihnen den Zutritt zu Ämtern, die sie, falls die besonderen Amtseide ihr Gewissen belasten, durch Stellvertreter verwalten dürfen, erläßt den Geistlichen der Dissenters die anstößigsten der 39 Artikel u. schließt von der Duldung nur die Katholiken u. Socinianer aus. Die Aushebung aller Beschränkungen der Dissenters u. Katholiken hinsichtlich der Amtsfähigkcit, Eheschließung rc. brachten erst die Jahre 1828 u. folgende, das Fallen der letzten Schranken für. die Katholische Kirche Irlands das Jahr 1869. Die letzten Jahre rüttelten gewaltig an den Privilegien der Staatskirche. Die im Parlament gestellten Anträge ans gänzliche Abschaffung derselben erhielten erhebliche Minderheiten; das neue liberale Schulgesetz bricht den Einfluß der Geistlichkeit ans die Schule; das Verkaufen der kirchlichen Ämter n. Verpfänden der Pfründen wurde verboten, die Unmöglichkeit für die Geistlichen, zu einem anderen Berufe überzugehen, aufgehoben; die bisher rein staatskirchlichen Universitäten Oxford n. Cambridge sind seit 1871 allen religiösen Denominationen geöffnet, nur die Vorsteher der Colleges n. einige Beamte, nicht aber die Lehrer werden ans die 39 Artikel verpflichtet. 1872 wurde von einer Kir- chenconvocation ein erster Schritt gethan, sich von der Unfreiheit und Gleichförmigkeit der Liturgie etwas losznmachcn. Am meisten aber ist die Macht der Staatskirche bedroht durch die inneren Spaltungen, insbesondere den Ritualismus (s. n.), deren Gewinn mit Nothwcndigkcit Rom u. den Dissenters Zufällen wird. Die Lehre der A-n K. in den 39 Artikeln stimmt fast durchaus mit den deutsch - lutherischen Symbolen überein, nur daß die Abcndmahlslchre caivinisch gefaßt ist. Die Stellung der Kirche zum Staate ist trotz der erwähnten Neuerungen, welche die Kirche nach unten in ihrer Macht beeinträchtigen, nach oben noch immer die der Einheit von Kirche und Staat, sofern Regierung und Parlament sich in die Oberaufsicht über die Kirche theilen, die höchsten Kirchenstellen vom Ministerium Namens der Krone vergeben werden, der Geheimerath, in welchem nur Weltliche Stimmrecht haben, höchster Appellationshof für geistliche Ängelegenheitcn ist. Die innere Verfassung der Kirche hat sich in 300 Jahren kaum verändert. Die Geistlichkeit, deren Angehörigen die Ehe gestattet, ist im Übrigen mehr katholisch, als protestantisch, durch die pricsterliche Weihe, Ordination, ein besonderer Stand, gegliedert in den hohen u. niederen Klerus. Die Hohe Geistlichkeit, die Bischöfe, sind die eigentlichen Träger der Staatskirche. Sie werden dem Namen nach von den Capiteln, in Wirklichkeit durch die Krone gewählt, vom Erzbischof der Provinz con- secrirt, haben Sitz u. Stimme im Haus der Lords, in der Kirche das ausschließliche Recht der Ordination, Confirmation, der geistlichen Disciplin n. Gerichtsbarkeit. Obenan im Primat stehen die Erzbischöfe von Canterbury u. Äjork, welche Mitglieder des Geheimraihcs sind, die Lolouialbi- schöfe ernennen rc. Die Bischöfe ordiniren n. berufen die Geistlichen und anderen Kirchenbeamten ihres Sprcngcls u. dürfen Diöccsan-Syuoden hatten. Die niedere Geistlichkeit theilt sich in die Capitelgeistlichkcit am Bischofssitze, zur Besorgung des Kathcdralgottesdicnstes, n. die Pfarrgeistlich- kcit, die letztere in Pfarrer (Rectoren, Vicare genannt), Hilfs-geistliche (Cnratcu) und Capläne, je nach der Dotirnng der Pfarrstclle. Der Patron hat den Geistlichen vorznschlagcn (Vresoutution); dem Bischof, wenn er nicht selber Patron ist, in welchem Falle ihm sofort die Collection znkommt, steht die Zulassung (Vämission) u. Anstellung (Institution) zu, nachdem der Präsentiere verschiedene 650 Anglisircir Eide abgelegt. Endlich folgt die Einführung (In- (tncckicm) durch einen vom Bischof bevollmächtigten Geistlichen. Ein Geistlicher kann mehr als eine Stelle haben; in der Regel soll er auf seiner Pfarre wohnen. Die Vorrechte der Geistlichen sind in neuerer Zeit mehrfach beschränkt worden, sie bestehen noch in der Freiheit von bürgerlichen 'Ämtern und von der Pflicht als Geschworne zu dienen. In das Haus der Gemeinen können sie nicht gewählt werden, auch sind sie im Besitze von Grund und Boden, sowie in der Bethcilignng an Handel u. Gewerbe beschränkt. Die A. K. befindet sich übrigens im Besitze größerer Ncichthiimcr, als der Klerus irgend eines anderen Landes, selbst das frühere Spanien nicht ausgenommen, jemals besaß. Die Pfarrstcllcn sind sehr ungleich dotirt; ncncstcns ist die Gesetzgebung bemüht, größere Gleichmäßigkeit des Einkommens herbcizufiihrcn. Nach der ursprünglichen Verfassung sollte die Landes-Geistlichkeit von Zeit zu Zeit in einer Synode, Convocation genannt, znsammentretcn; die Regierung hat ihr aber seit dem Jahre 1717 die Erlaubniß zu rcchtsgiltigen Verhandlungen entzogen. Nur die beiden Provinzen Canter- bnry und Jork haben noch ihre besonderen Con- vocationcn. In den Einrichtungen der kirchlichen Gemeinden findet sich die größte Mannigfaltigkeit uralter Gebräuche, welche aller Einwirkung der Gesetzgebung trotzen. Die Gemeindeversammlung (Vssiw)') verwaltet ihre Angelegenheiten selbst, wählt einen Ausschuß, die Gemcin- dcbcamtcn, insbesondere je ans ein Jahr die Kirchenvorstchcr, legt sich selbst die Kirchensteuern ans :c. Der Gottesdienst ist durch das Allgemeine Gebetbuch (Lomrnon Lrapvr Look) genau geregelt. Er ist mit seinen vielen Bibcl- iectionen, Responsorien, Gesängen n. Gebeten am Lesepult und Altar sehr umständlich, die Predigt tritt in den Hintergrund. An Feiertagen, Vigilien n. Fasttagen mit kirchlicher Feier ist Überfluß, die Sonntagsfeier fast oberstes Gesetz. In dieser anscheinend so einheitlich organisirten Kirche fällt seit dem vorigen Jahrhundert unter dem Einwir- kcn der allgemeinen Cnltur und Literatur immer mehr eine Spaltung ins Auge, zuerst in 2, heutzutage in 3 Parteien: die hoch-, nieder- n. breit- kirchliche (lli§k, Iwv>- n. llroaä Ollnrelr LarhZ. Unter den Hochkirchlichen wird die ritualistische, ans Herstellung der altkirchlichen Tradition in Lehre n. Ritus dringende Richtung der Puseyiten, Tractarianer, Anglotätholiken (s. Pusey) immer mächtiger, am meisten aber in den Kreisen der hohen Aristokratie. Ihr Gottesdienst, den der oberste Gerichtshof in einem Specialfalle principiell anerkannt hat, ist bereits ein getreues Abbild des römischen Rituals; ihrer Lehre hat das Organ der englischen Katholiken bereits das Zengniß gegeben, daß es kaum einen Nitualistcn gebe, der nicht offen seinen Glauben an die Transsnbsian- tiation im Meßopfer, an die unbefleckte Empfängniß der heiligen Jungfrau bekenne. Gegen dieses „Rom in der Kirche von England" hat jüngst (April 1874) der Erzbischof von Canterbury mit seinem Collegen von Sjork dem Oberhause eine Bill zur Regelung des Gottesdienstes in der Staatskirche vorgclcgt. Im Dogma streng orthodox. — Angola. ' reicht die niederkirchliche Partei, welche sich selber die evangelische nennt, in der kirchlichen Praxis, in Missions- und Bibelvereinen, Allianzversamm- lnngcn (Evangelische Allianz) und socialen Liebes- werken den Dissenters die Hand. Die dritte Partei, die breitkirchliche, von den anderen auch die > rationalistische genannt, ursprünglich von dem um s Bunsen sich sammelnden Kreise, namentlich Thomas Arnold, ausgehend, lucht vor Allem durch Anschluß an die deutsche Wissenschaft — den» eine nennenswcrthe englische Theologie hat cs nie gegeben — der Kirche anfzuhelfen. Bei solcher Spaltung befremdet das rasche Wachsen der Dis- sentcrgcmcindcn und der Katholischen Kirche nicht. Die Zahl der Dissenters betrug (nach übrigens unzuverlässigen Schätzungen) im Jahre 1660: 4,ig Proccnt der Bevölkerung, 1845: 8,„s, 1866: 17,gg. Von den Kirchgängern zählt man 47,, Procent ans die Staatskirche, 5,g ans die römische, 48,7 auf die anderen Kirchen. Am 10. Oct. 1873 betrug, nach den Berichten des Negistrar General, die Zahl der Secten in England n. Wales, welche registrirte Stätten der 'Gottesvcrehrung haben ^ (einschließlich der Katholiken), 131, die Anzahl jener Stätten 10,483, die Seelenzahl 9 Millionen Dissenters n. mehr als 1 Million Katholiken gegen 12^ Million Angehörige der bischöflichen Kirche. Die Römisch-katholische Kirche in England und Wales zählte — ohne staatliche Anerkennung derselben — bis 1851 acht Districte mit je einem vom Papste ernannten apostolischen Vicar an der Spitze. 1851 wurde ohne gesetzliche Erlaubnis; § durch die sogenannte kwpst ^Mrsssion eine Hierarchie eingcfiihrt, die zur Zeit auS dem Erz- bischof von Wesrminster (dem bekannten Renegaten der A-n K. Or. Manning) und 12 Bischöfen besteht. (Selbst in Schottland gibt es drei Districte mit einem Erzbischof und 2 Bischöfen in partidns inkiäolium an der Spitze.) In den nordamerikanischen Colonien existiren 4 römische ^ Erzbischöfe, unter ihnen 18 Bischöfe; in Westindien 1 Erzbischof mit 2 Bischöfen; in Afrika 5 Bischöfe; in Britisch-Jndien, Birma, Ceylon 2» römisch-apostolische Bicare als Bischöfe oder Erz- ! bischöfe; in Australien findet man einen römischen Erzbischof und 14 Bischöfe. Es zeigt sich überall das Bestreben, der A-n K. und Hierarchie eine römische Organisation an die Seite zu stellen. Die Geldmittel, welche dafür zur Verwendung stehen, soweit sie im Bereinigten Königreiche gesammelt werden, halten jedoch keinen Vergleich niit den für Missionszwecke von den Protest«»- ! tischen Confessioncn aufgebrachten ans. Die der ! A-n K. zngchörende Bevölkerung der Erde wird vom Rcgistrar General of England 1873 ans 17 Will, geschätzt (um etwa 2 Will, zu niedrig). Anglistrcn, so v. w. Englisiren. A Anglo, Stadt in Oberguinea (Goldküste), östl. r von der Mündung des Amn (Rio Volta). . s Angloamerikaner, Bewohner Amerikas, die von Engländern abstammcn. Angloindisches Reich, 's. u. Ostindien. Anglomlinie, Sucht, englische Sitten u. Gebräuche nachznahmen. Angola (Ngolay 1) im weiteren Sinne Ge- i sammtname der portugiesischen Besitzungen an der 651 Angolaholz — Angom. WKüste Afrikas von 5" bis 18° s. Br.; 2 ) im engeren Bezeichnung der den Portugiesen ge hörigen, von Kongo durch den Dande getrennten Landschaft; die Grenze nach dem Innern ist schwankend, einzelne Posten nähern sich dem Kongo. Ursprünglich hieß das Land Andonzo, die spätere Benennung Angola erhielt es nach dein dort gebräuchlichen Äönigstitcl Ngola. Es besteht ans einem schmalen, sandigen Küstensanme u. den diesem parallelen Gebirgsketten, welche die Portugiesen im allgemeinen Serra do Crystal nennen. Von den zahlreichen Flüssen, welche das Land bewässern n. während der Regenzeit bedeutend anschwellen, aber der Schifffahrt nur wenig dienen, sind der Koanza n. der Knnene zu nennen. Das Klima ist nur im Hochlande gesund, wo die mittlere Jahrestemperatur ->-16° 1i. beträgt, in den Küstenstrichen dagegen ist die Hitze fast unerträglich n. für die Gesundheit gefährlich; man unterscheidet zwei trockene und zwei Regenzeiten, letztere vom Nov. bis Jan. u. vom April bis Juli. Während die Änstengegen- den baumarm n. meist nur von grobem Grase bewachsen sind, erscheint das gebirgige, reich bewässerte Land in dichten, herrlichen Urwäldern mit Orchideen, Farrenbänmen, Olpalmen; die En- seda, eine Ficnsart, die von ihren Zweigen reichliche Luftwurzeln in den Boden herabsendet, liefert in ihrer Frucht ein wichtiges Nahrungsmittel, in ihrer Rinde Material für Hütten u. Boote n. in ihrem Baste Stoff zur Bekleidung. Das Land erzeugt Reis, Tabak, Uams, Indigo, Baumwolle, Zuckerrohr, Kaffe, Cacao, Tamarinde, Getreide, Hülsensrüchte rc., doch findet kein Export statt, da die Portugiesen der Kolonie nicht die uöthige Sorgfalt zuwenden. Fast nur das Thierreich, das durch verschiedene wilde Thiere Afrikas, zahllose Arten von Vögeln (Pelikane, Kolibri, Papageien rc.), Süßwasser- u. Seethiere n. eine überaus große Zahl von Jnsecten vertreten wird, liefert Handelsartikel, wie Wachs, Häute n. Elfenbein. Die Gebirge enthalten Gold, Eisen, Blei, Kupfer, Lagn- nensalz u. Schwefel, die znm Theil bergmännisch gewonnen werden, während man das häufig frei zu Tage tretende Petroleum unbeachtet läßt. An Straßew fehlt es fast ganz, n. da unsere Lastthicre ebenso wenig gedeihen, wie das Kamel, so ist der Transport auf die Vermittelung von Sklaven angewiesen. Die Einwohnerschaft gehört den Bunda- völkcrn an, zerfällt in mehrere Stämme n. ist, ob- wol sie im 16. Jahrh. durch Jesuiten großentheils dem Christenthnm gewonnen war, jetzt wieder dem Fetischdienste zugcthan. Nicht nur in A, sondern auch in den benachbarten Ländern, wie in Loango, herrscht, im Gegensätze zu den weiter nordwärts gelegenen Gebieten, vermuthlich in Folge der ungleich leichteren Commnnication, nur ein Sprachenstamm, weshalb alle Bewohner jener Gebiete einander vollkommen verstehen: sie sprechen sämmt- lich Idiome, welche zur Bandnsprache gehören, deren hauptsächlicher Charakter durch ihre eigen- thümlichen Präfixe bestimmt wird. Von Europäern sind fast nur Portugiesen, u. zwar in sehr geringer Anzahl vorhanden; eine von ihnen begonnene Linie von Forts quer durch Afrika nach der Mo- zambiqueküstc wurde nicht beendet, aber sie haben verschiedene Stützpunkte, Presidios oder Militärstationen, errichtet, die im O. bis znm Coango reichen. Nach Behm n. Wagner stellt sich das Gcsammtgebiet nach Areal und Bevölkernngszahl zusammen, wie folgt: Are UM. al in üüüm. Bewohner. Ambriz n. Kongo 4200 231,260 2,100,000 Angola. 1200 06,075 600,000 Benguela .... 2740 150,870 1,820,000 Djiambandi . . . 113 0,222 77,500 Mossamedes. . . 6447 354,990 4,400,000 Summa 14,700 ^ 809,400 9,000,000 Bei dem Mangel fester Grenzen ist die Berechnung des Areals vollständig unsicher; in noch weit höherem Maße ist es die Schätzung der Einwohnerzahl. Bevölkernngsaufnahmen, auch in der unvollständigsten Weise, haben nie statrgefunden, und die Schätzungen weichen ungemein von einander ab, schwankend zwischen 1—9 Mill. Die den Portugiesen wirklich unterworfenen Landschaften dürften schwerlich mehr als 700,000 Menschen umfassen. Der Sitz des Gouverneurs für A. ist San Pablo de Loanda oder Angola; Benguela hat gleichfalls einen Gouverneur, Mossamedes n. Ainbriz je einen Untergonvernenr. Die Hauptstadt Angola hat eine verhältnißmäßig gesunde Lage, einen schönen Hafen, Zollgebäude u. Kasernen, freund liche zweistöckige Häuser n. 3 Kirchen, 2 Theater, zahlreiche Cabarets u. Cafes, viele große Läden n. am Bengoflnß hübsche Häuser; Ew.-Zahl 12,500, von denen 9000 Schwarze, 2400 Mulatten n. 830 Weiße rc. Andere bemerkenswerthe Orte sind: Cassangi oder Kassandschi, die am weitesten nach Osten vorgeschobene Port. Station, ans etwa -l-i Häusern bestehend; Massangano, rechts am Koanza, mit einem Fort, unter A. Porto do Ambriz. Die Küste wurde 1486 von den Portugiesen entdeckt, welche sich allmählich dort ansiedelten n. den Besitz mit kurzer Unterbrechung behauptet haben. Vergleiche G. Taues, Die Port. Besitzungen in Süd- wcstafrika, Hamb. 1848; Wilson, VVvsturn Atrien, Loich. 1856 ; Ladisl. Magyar, Reisen in SAfrila, Lciz. 1859; Valdcz, 8ir 1chnr8 in 5Vs8toru, ^.lrion, Lond. 1861; Livinqstone, LIi88ionnrv PravslÄ, Lond. 1868. Angölaholz, Rothholz aus Angola, ähnlich dem Fernambltt- n. Marthaholz; kommt von der Küste von Angola in die französischen Seestädte zu Markte. Angora (Anguri), 1) türk. Vilajcr im Innern Kleinasiens, das alte Galatien; ist meist Hochebene n. wird von den Flüssen Kisil Jrmak, Sa- karia u. a. bewässert; Heimath der Angoraziege; 69,379 (1260 s^M) mil 514,080 Ew. 2 ) (Engyrich, tnrkoman. Aidinkari, tatar. Kennen Akra, arab. Amuria oder Kalai Mntabak oder Kalai Silasil) Hanptst. dieses Vilajets; liegt am Engyri-See, einer der Quellen des Sakaria, hat meist enge Straßen, 84 Moscheen, nämlich je eine für jedes Quartier u. ist von einer Mauer umschlossen, die aus Marinorbruchstücken, Statuen, Säulen rc. zusammengesetzt ist; dabei die Citadelle ans einem steilen Felskegcl. Die Stadt ist Sitz eines 652 Angorakatze - Bischofs der kathol. Armenier, soll 45,000 Ew. zählen, wovon 25,000 Türken, 12,000 Armenier, 3000 Griechen und 1000 Juden. Den Extremen der Temperatur — im Winter oft monatelang fußhoher Schnee und ein nicht seltener Thermo- mclcrstand von —13° L., im Sommer dagegen sehr große Hitze — will man einen Einfluß auf die Erzeugung des feinen Haares der dortigen Ziegen, Schafe, Katzen n. Schäferhunde zuschrei- den. Das Kamelhaar der A-Ziegen u. die daraus bergestellten Camelots bilden die wichtigeren Ansfnhrgegenstäude des herabgekommenen Handels, den meist die Armenier in Händen haben, außerdem kommen noch dazu die Gelbbeeren, Krapp, Mastix, Traganthgnmmi, Wachs, Honig u. Zicgeufelle. A. hieß im Alterthnm Ankyra u. war Hauptstadt der Tektosagen in Galatien, mit fester Burg, von Midas erbaut, eine Zeit lang Aufenthalt Alexanders d. Gr.; Kaiser Angustus machte sie nach dem Tode des Amyntas znm Hanptorte von Galatia, wo sie Emporium des Handels zwischen Byzanz n. Ostasien wurde; unter Len griechischen Kaisern sank ihre Bedeutung. Hier wurden 2 Kirchenversammlungen (315 und 358) gehalten. 1402 besiegte hier Tamerlan Bajazct I. u. nahm ihn gefangen. Es finden sich hier viele Alterthümer, fowol älteren, als byzantinischen, wie römischen Ursprunges. Auf den Ruinen der alten Burg fand Busbecq das Nonu- meubnm ^.nezrannin, das auf 2 Erzpfeilern des Kaisers Angustus Thaten tlncksx rornnr n as Zsstn- rurn) enthielt, heransg. von Franz und Zumpt, Berl. 1845, am besten erklärt von Mommsen, Berl. 1865. Angorakatze, s. Katze. Angoraziege (Kämelziegc, 6apra anZvron- eis), eine in Äleinasien häufig vorkommendc Race, die aber mit der gemeinen Race wol keine Verwandtschaft hat. Beide Geschlechter haben Horner. Diese sind beim Bocke stark znsammengedrückt, nicht gedreht, scharf gekantet u. hinten stumpf zngespitzt; gewöhnlich stehen sie dreifach gebogen wagrecht vom Kopfe ab. Die Ziege trägt kleinere, rundere, schwächere Hörner. Das Vließ ist überaus reichlich, dicht u. lang, fein, weich, glänzend, seidenartig u. lockig gekräuselt. Nur Las Gesicht, die Ohren u. der unterste Theil der Läufe sind mit kurzen, glattan- liegcnden Haaren bedeckt. Beide Geschlechter tragen einen ziemlich langen, straffhaarigen Bart. Die Färbung ist vorherrschend blendend weiß, selten dunkler. Das bis 30 ein lange Scidenhaar des Vließes ist das eigentliche Wollhaar, welches die Grannenhaare fast gänzlich verdeckt, während bei anderen langhaarigen Zicgenartcu das Umgekehrte der Fall ist. Im Sommer fällt das Vließ in großen Flocken aus, wächst aber sehr rasch wieder. Das Thier trägt seinen Namen nach der Stadt Angora. Mau schätzt die Zahl der dort gezüchteten auf 5—800,000. Es wird jährlich im April oder Mai geschoren u. liefert pro Jahr n. Kopf circa 2 ÜA Wolle; der Export von Angorawolle beträgt ungefähr 50,000 Ctr. pro Jahr, obschon die feinsten Vließe an Ort und Stelle selbst verarbeitet werden. In Spanien, Italien, Frankreich, selbst Schweden hat mau das Thier zu acclimatisiren gesucht, n.zwar, wo die Thiere naturgemäß behandelt wurden, nicht — Angvsturiu. ohne Erfolg; es wird sogar behauptet, daß die Wolle der in Frankreich geborenen feiner sei, als ^ die der Eltern. Auch am Cap der guten Hoffnung, in Algier, in Rußland finden sich größere Heerden. Mit zunehmendem Alter der Thiere wird die Wolle gröber, bei einjährigen Thiercn ist ^ sic wunderschön, verliert schon bei zweijährigen; sechsjährige Thiere sind zur Wollcrzeugung nicht mehr geeignet. Die Wolle, Angorawolle oder Kämelhaar wird zu feinen Garnen und Zeugen (?oik äo osisvrs, Nosiair), das Fell zu Saffian u. Cordnan verarbeitet. Angornn, St. im Reiche Bornu in Mittel- Sudan, mit stark besuchten Märkten; 30,000 Ew. Augos, Reich im Lande Mozambique, an der Ostküste von Afrika. üngosoidzo, von unAoaeiainsnto, anAoaesvols (ital., Mus.), Bortragsbezeichnung: ängstlich, mit dem Ansdrucke des Kummers. üngostura oder ^nArmbnra L Li (Oslipea L7., tluaparia Li L.), Pflanzcngattung aus der Familie der Diosmeen; südamcrikanische Bäume. X. 6u8purs Ä.,?. (OaUpsa. 6u8pari.aiN.Li7.) wurde früher nach Humboldts Angaben für die Stamm- Pflanze der officinellen Angostnrarinde gehalten. Angostüra (span., d. i. Enge; früher Sau Tome de Gniana, San T. de Angostüra, jetzt Ciudad Bolivar), Hauptst. des Staates von Gniana in der Republik Venezuela (SAmerika), mit Seehafen; bei der ersten Niederlassung 1586 mehr abwärts ain Orinoco; Befestigungen, Bischofssitz, Congrcßpalast, Hospital; etwa 8000 Ew. Hier ward am 15. Fcbr. 1819 der Congreß eröffnet, welcher die span. Colonien Neugranada u. Venezuela zur Republik Columbia erklärte. Angosturarindc. Die echte A. (Oortsx au§o- sturao vsras) stammt von einein immergrünen, im Orinocogebicte wachsenden Baume (silakixea oküoinalm Laue.) ans der Fani. der Diosmeen. Sie ist 1—3 mm dick, außen weiß-gelb, bräunlich oder weiß n. gefurcht, innen braun-gelb, auf dem Bruche zimmtfarbig n. harzig glänzend; riecht n. schmeckt widrig gewürzhast; Las Pulver hat frisch die Farbe des Rhabarbers, später des Ockers. Der wässerige Aufguß ist dunkelorangenfarbcn, ändert die blaue Lackmusfarbe in weißlich, gibt mit Eisenvitriol einen weißlich-grauen, mit Brech- wcinstein oder Galläpfeltinctnr einen reichliche», gelblichen, flockigen Niederschlag. Sie enthält 0„ eines weingelben, gewürzhast riechenden flüchtigen Öles, vom spec. Gew. 0,go^ n. dem Siedepunkte 266°, ferner einen Bitterstoff, das Cusparin (An- gosturin), welcher beim Verdunsten des weingeistigen Auszuges der Rinde in Krystallwarzcn sich abscheidet. Er besitzt einen stark bitteren Geschmack, ist in Alkohol, wässerigen Säuren n. Alkalien löslich n. ist in relativ großen Mengen ohne Einwirkung auf den Organismus. Die echte A. dient gegen Wechselficber u. soll die Chinarinde zu ersetzen im Stande sein, wird aber wenig gebraucht wegen der Verwechselung!!. Verfälschung mit der unechten A. (Oorbox anZusturae 8puriu8 8. x8onäo- auArwturas), der giftigen Rinde von Ltrzwünos mix vomioa, die Strychnin n. Brncin enthält u. in ihrer Wirkung den Krähcnaugen ähnlich ist. Nngosturin oder Augusturin, s. Angosturarindc. 653 Angomoinc. Artgouleme, Hanptst. im gleichnam. Arr. und des französischen Depart. Charente, an der Charente, Knotenpunkt der Orleans- u. der Charente- Bahn, auf einein steilen Felsen, an dessen Abhange die Vorstadt l'Houmean erbaut ist; 102 in über dem Meere. Die früheren Befestigungen sind in schöne Promenaden verwandelt, von denen man die mannigfachsten Allssichten genießt. A. ist Sitz eines Bischofs u. der Behörden des Dep. n. des Arr.; Tribunal 1. Instanz, Assiscnhof, 2 Friedensgerichte, Handclstribnnal; Kathedrale St. Pierre (ans dem 12.—10. Iahrh., im romanischen Stil), Kirche St. Martin (von 1852, ebenfalls im roman. Stil), altes Schloß mit vielen Thürmen (1223 bis 1282 erbaut), schönes Rathhaus, Jnstizpalast, bi- schöfl. Palast, großes Seminar, mehrere Klöster, Lycenm, Kammer für Künste n. Gewerbe, Bibliothek von 16,000 Bdn., Ackerbangesellschaft, Verein für Archäologien. Geschichte, fürMedicin u. Pharmacie, für Musik rc., Snccursale der Bank von Frankreich; Wasserleitung; 25,928 Ew.; bedeutende Papier-, Fayence- u. Wollfabrikcn, Pulverfabrik des Staates (liefert jährlich 1 Million Ic§ Pulver), Zuckerraffinerie, Fabriken in Metallwaareu, Kupferdraht, Leder, Hüten rc.; Brüche von berühmten weißen Bausteinen, die weithin ansgesührt werden; bedeutender Handel mit diesen Erzeugnissen und mit Branntwein, Eisen, Kupfer, Honig, Trüffeln, Getreide, Pferden u. Rindvieh. A. ist Geburtsort von Margaretha v. Valois, Ravaillac u. Gnez de Balzac. Es hieß in alter Zeit Jculisma n. war eine Stadt der Santoner in Aquitanien; im 3. Jhrh. wurde hier ein Bischofssitz errichtet; 509 wurde sie von dem Frankenkönig Chlodwig I. den Gothen entrissen. Jin 9. Iahrh. wurde es von den Normannen zerstört; später wieder anfgebaut, wurde es die Hauptstadt des Bezirkes Angonmois; von ihr führten königliche Prinzen der älteren Bonr- bonischen Linie den Titel eines Herzogs von An- qoulbme. 1619 Vertrag zwischen Ludwig XIII. n. seiner Mutter. Ängoulrme, franz. Geschlecht, das seinen Namen von der Grafschaft A. führt. Der Letzte des Geschlechtes war Aymar Taillefer, der während der Gefangenschaft des Königs Richard Löwenherz in das Gebiet desselben einficl n. von diesem später dafür gezüchtigt wurde. Er st. ohne männliche Erben 1218, u. durch seine Tochter Jsabella kam die Grafschaft an den Grafen Hugo von Lnsignan. Da das Hans Lnsignan im I. 1303 ansstarb, ward die Grafschaft von König Philipp dem Schönen von Frankreich cingezogcn u. wurde von da an meist Apanage von Gliedern oder Verwandten des königlichen Hauses. Unter diesen sind zu nennen: 1) Jean, Graf v. A., der jüngste Sohn Ludwigs von Orleans, eröffnet die Reihe der Angoulemes; st. 1467. 2 ) Charles, Sohn des Vor., gest. 1495; Gemahl der berühmten Luise von Savoyen, welche durch den Einfluß, den sie übte, es dahin brachte, daß ihr Sohn als Franz I. den französischen Thron bestieg, der dann für sie 1515 die Grafschaft zu einem Pairie-Herzogthnm erhob. 3 ) Charles de Valois, Duc d'A., natürlicher Sohn Karls 'IX. von Frankreich, geb. 28. April 1573; wurde 1580 Großprior von Frankreich; anfangs Anhänger Heinrichs IV., führte er nachher 1604 mit den Spaniern einen verräthcrischen Briefwechsel u. ward deshalb vom Parlament znm Tode vcrnrtheili, aber von König Heinrich IV. zu ewigem Gefängnis; begnadigt. Ludwig XIII. ließ ihn 1616 frei u. gab ihm 1619 das Hcrzogthnm A. 1620 ging er als französischer Gesandter' zn Kaiser Ferdinand II., commandirte 1628 in Rochelle u. dann in Languedoc, Deutschland n. Flandern mit Auszeichnung. Er st. 24. Sept. 1650. Die ihm zngeschriebencn illsmorrov pour vorvir n 1'Irisboirs (Iss röxnss äs Henri III. st IV., Paris 1662, beruhen ans Mitthcilnngen von ihm, sind aber nicht von ihm verfaßt. 4) Louis Antoine oe Bourbon, Duc d'A., geb. 6. Ang. 1775 zu Versailles, der älteste Sohn des Grafen v. Artois n. der Marie Therese v. Savoyen n. daher, nachdem sein Vater 1824 als KarlX. den französischen Thron bestiegen hatte, Dauphin. In der ersten Revolution wandcrte er mit seinem Vater 1789 aus n. ging nach Turin, wo er Artilleriewissenschaft stndirte. Nachdem er 1792 ein Commando bei der Armee der Emigranten geführt u. sodann sich nach Edinburgh zu seinem Vater begeben hatte, folgte er seinem Oheim, Grafen v. Provence, nachmaligem Ludwig XVIII., nach Mitau. Daselbst vermählte er sich am 10. Juni 1799 mit Marie Therese Charlotte von Bourbon, der Tochter Ludwigs XVI. u. der Marie Antoinette. Darauf hielt er sich in Rußland u. England auf, kehrte l814 nach Frankreich zurück n. bildete in Bordeaux den Mittelpunkt der Royalisten. Während der Restauration war er Generaloberst der Cürassicre und Dragoner u. Admiral von Frankreich, mußte aber nach Napoleons Rückkehr, von dessen Truppen eine Woche lang gefangen gehalten, nach Spanien gehen. Rach der Schlacht bei Waterloo besetzte er Toulon, errichtete einige Bataillone Freiwilliger, ging dann nach Paris u. wurde znm Präsidenten der Wahlcollegien des Girondedepartements ernannt. Während der ganzen Rcstaurationsperiode war er eine Hauptstütze der Reactions-, namentlich der Klerikalen- n. ALelspartei. Bei der französischen Intervention in Spanien 1823 machte er als (nomineller) Oberbefehlshaber der Revolution ein Ende n. erhielt dafür den Titel als Fürst von Troca- dero. Bei der Jnlirevolntion richtete sich die Bolkserbitterung insbes. auch gegen ihn. In der Hoffnung, die franz. Krone den älteren Bourbonen zu retten, Unterzeichnete er den am 2. August 1830 zu Rambouillet auf Befehl seines Vaiers dessen und seine eigene Verzichtleistung auf die Krone zu Gunsten des Herzogs von Bordeaux, begleitete daraus seinen Vater nach England, 1832 nach Prag u. 1836 nach Görz, wo er als Graf von der Marne lebte u. am 3. Juni 1844 kinderlos starb. Seine Gemahlin Marie Therese Charlotte, Duchesse d'A., geb. 19. Oct. 1778 zu Versailles, hatte in ihrer Jugend die Schrecken der Revolution dnrchgcmacht, da ihre Eltern der Guillotine verfielen und sie selbst eine Zeit lang gefangen gehalten wurde. Starr kirchlich und aristokratisch gesinnt, zeigte sie in dieser Richtung die größte Energie, so daß man Napoleon I. die Worte beimißt: es gibt nur einen Mann unter den Bourbonen, und das ist die Herzogin von Ä. Sie war dermaßen für die royalistisch- 654 Angumois klerikale Partei thätig, daß sie selbst den Argwohn ihres Onkels, Ludwigs XVIII., erregte. Nach dem Tode ihres Gemahls lebte sie in Frohsdorf, wo sie am 19. Oct. 1851 starb. Allgoumois, ehemals franz. Grafschaft, umfassend mit Saintogne n. Aunis 11,776, in der engeren Bezeichnung (das eigcntl. A.) 4866 sD'-rm, spater den Depart. Charente, Dordogne, Charente infericurc n. Dcnx-Sevres zngctheilt; Hauptstadt Angonlöme; wurde 1303 mit der Krone vereinigt, 1515 von Franz I. zu Gunsten seiner Mutter zum Herzogthnm erhoben u. dann von Ludwig XIV. zur Apanage des Herzogs von Berry bestimmt. kngravoum 27i., Pflanzcngattnng ans der Fam. der Orchideen. Von X. kra^raus TV-t. 27-., einer Schmarotzerpflanze der Mascarenen, kommen die großen, ledcrartigen, ganzrandigcn, dreinervigen, an der Spitze zweispaltigen und stumpfen Blätter mit angenehmem Toncagernch als Thee (b'vlia XnLraolli) in den Handel. Ansiri, St. in der italienischen Prov. Salerno (früher Principato citcriore), an der Eisenbahn zwischen Neapel n. Eboli; Baumwollen- u. Seidenspinnerei; als Gem. 10,332 Ew. Angriff (Kricgsw.). Man unterscheidet strategischen n. taktischen A., je nachdem die dazu erforderlichen Bewegungen außerhalb ober innerhalb des Gesichtsfeldes ansgcfllhrt werden. Das Ergreifen der Fnitiative ist von großer moralischer Wirkung ans beide Thcilc. Ein überraschender strategischer Angriff wird bedingt durch eine zweckmäßige Heeresvrganisation, die eine schnelle Mobilmachung gestattet. Im Kriege 1870 bewährte sich in dieser Hinsicht die deutsche Armee vorzüglich. Außerdem ist besonders ein zweckmäßiges Eisenbahnsystem von hoher Wichtigkeit. Stört man Lurch den strategischen A. den strategischen Aufmarsch des Feindes, so ist damit schon ein großer Erfolg errungen. Der taktische A. muß durch Feuerwirkung wohl vorbereitet werden und daun möglichst überraschend geschehen. Ein reiner Frontal-A. ist bei den heutigen Feuerwaffen mit den größten Berlnsten verbunden, daher man denselben stets mit Flankenangriffen zu combiuiren Pflegt. Angrifssplan, s. Disposition. Ansiriffsüattcricn, auch Belagerungsbatterien, allgemeine Bezeichnung der Batterie-Anlagen, die seitens des Angreifers vor einer belagerten Festung ansgcfllhrt werden. Angriffspunkt einer Kraft ist der Punkt eines Körpers, auf welchen eine Kraft unmittelbar wirkt. Angrivarii (a. Gevgr.), germanisches Volk an beiden Seiten der Aller bis zur Mündung der Leine u. dann nordöstlich (wahrscheinlich) bis an die Elbe, vielleicht auch zum Thcil im südlichen Westfalen. Sie wurden von den Römern durch Stertiuins, Fcldherrn des Germanicus, unterworfen, bekriegten unter Nerva mit den Chamavcrn die Bructcrer, traten später in Len Sachscnbund n. erschienen nach der Völkerwanderung als An- garii längs der Weser in dem nach ihnen genannten Ängarra (Angrivarra, Engern); sie wurden durch Karl d. Gr. in den Sachsenkriegen vernichtet. Angst, Ahnung eines wirklich oder angeblich bevorstehenden Übels, begleitet von quälender Ban- — iVttAUÜttN. gigkeit, Herzklopfen und allgemeiner Unruhe, mit dem Bewußtsein der Unfähigkeit, das Übel abzuwenden. Der eigentliche körperliche Aufenthalt der A. ist in den Beziehungen zwischen Gehirn und Herz zu suchen. Andauernde A. ist nicht selten von Erkrankungen des Herzens gefolgt. ^ Die Wirkungen der A. erstrecken sich auf die will- s kürlichen Muskeln, deren Tonus herabgesetzt und die der Herrschaft des Willens ineyr oder weniger entrückt werden, ans die Organe der Absonderung u. auf die Sinne. Kalter Schweiß, Stuhl- l u. Urinentleerung, Zittern der Glieder, Versagen > der Stimme, nicht selten Ohnmacht gehören zu den Erscheinungen, durch welche A. sich anszu- drückcn pflegt. Gewisse Leiden des Nervensystems, des- Herzens u. der Unterleibsorgane sind von A. begleitet. Die A., welche man zur Zeit mörderischer Seuchen, wie Cholera, Pest, bei ganzen Bevölker- nngsmassen wahrnimmt, hat die verhangnißvollsten Wirkungen auf Gesundheit, Sitte und öffentliches Leben. Hecker, Girette n. Andere haben dies schlagend nachgewieseu. Die höchsten Grade sind die Ä. in der Hnndswnth u. die Todes-A., die A der Melancholischen, Herzkranken. Ängstlichkeit ist unnöthige A. u. ine das Gemüth beherrschende Neigung zu ihr. Änsiltröm, Anders Jönes, geb. 13. Ang. 1813 zu Mcdelgad; machte sich als Observator an der Sternwarte zu Upsala durch sehr genaue u. umfassende Darstellungen der dunklen Linien des Sonnenspectrums verdient; er st. 21. Juni 1874. Asiua, Ncbenfl. des Bellcgaz in Woggera, dem § Centralalpenlande in Abessinien, der in der Regenzeit einen ununterbrochenen 400m hohen Fall bildet. /inglllter (lat., d. i. Schlangenträger; Aftron.), so v. w. Ophiuchos. /wguilla (7nv., Aal, Gattung der Fische. Dazu der Fluß-Aal; s. Aale. Anguilla, 1) (Anguila, Schlangeninsel, Suakc- Fsland, spr. Snehk Eiländ), englische Insel, zu den Bahamas (WJndien) gehörig; ist 69 dsbni (Fr (IM) groß, mit 3100 Ew., meist Negern; hat Viehzucht, Zucker-, Baumwollen, Tabak- nne Maisbau; Salzsee, aus dem Salz gewonnen wird (jährlich an 3( Mill. irx). 2) Vorgcbirg, s. Neufundland. Aitsinillära, 1) Flecken im Distr. Conselve der italienischen Prov. Padua, an der Etsch; 3990 Ew. 2) (A. Sabazia) Flecken im italien. Distr. u. der Prov. Rom, am See Bracciano unweit des Ausflusses des Arrone aus demselben; Schloß, Stammsitz der einst mächtigen Grasen V.A.; 1330Ew. Anguiletten (vom Jtal.), kleine Aale aus Len Mündungen des Po, welche marinirt oder «ungesalzen in den Handel kommen. -ngullluw L/tbA. (von XuAulIIg,, Aal), Älchen, ! >> Aalthierchcn, Gattung der Fadenwürmer. ! linguis <7nv., 1) Gatt, der Fam. Sandechsen oder Scinke, welche zu der Ünterordnung der ^ kurzzüngeligen Eidechsen gehört; ohne Beine, aber mit Spuren von Schulterblättern n. Bcckcuknochcu; ^ auch mit Augenlidern, kurzem Brustbeine und ! schlangenförmigcm Körper. Art: die gemeine Blindschleiche (X. kraArlw). 2) (Aftron.) Die Schlange. kngöius (lat.), Winkel, Ecke; in der Anat. win- ^.iiAulus visorius — Anhalt. 6ö5 kelartiger Theil eines Knochens, z. B. LmKuIus maxillao inksrioris, llnterkiefcrlvinkel, Lmtzmius soapulas, Schulterblattknochenwinkcl. Davon: Angular, lat. angularis, 1) (Bot.) kantig, bes. vom Stengel, wo dann drei-, vier- rc. kantig (tri-, gnackri- eto. auAnlüris) unterschieden wird; 2) überhaupt, was ans einen Winkel Bezug hat; so heißt in der Anat. ein Zweig der Gesichtspulsader L.rtsr1a anAminris, weil er in der Nähe des inneren Augenwinkels liegt, Ln- Anlimstrss (Zool.), Kantenschnäbler. /lngulus visorius, Gesichtswinkel, ist derjenige Winkel, den die von den Endpunkten eines Objects gezogenen Geraden oder Richtungslinien im ersten Knotenpunkte des Auges miteinander bilden; er ist gleich dem Winkel, welchen die von Len Endpunkten des zu dem betreffenden Object gehörenden Netzhautbildchens gezogenen Geraden im zweiten Knotenpunkte des Auges bilden. Meist kann man den ersten Knotenpunkt ohne wesentlichen Fehler mit dem zweiten znsammenfällcn lassen, n. der letztere heißt alsdann der Kreuzungspunkt der Richtnngslinicn. üngurls (Angurie oder Arbnsc), so v. w. Wassermelone. Angus (spr. Änngöß), Grafschaft, so v. w. Forfar. Angns (spr. Änngöß), schottisches Grafengeschlecht, bas vom Hause Stewart durch Margareth Stewart, Schwester des Grafen von Angns, vermählt mit dem Grafen William von Douglas (in dessen 2. Ehe), sich fortpflanzte in deren Sohne George, der 1389 diese Grafschaft erhielt; f. n. Douglas. Ängus-Bieh, in den Grafschaften Forfar und Kincardine ander östlichen Küste Schottlands; zeichnet sich namentlich durch große Mastfähigkcit ans; ohne Hörner, von sehr großem und kräftigem Körperbau, mit langgestrecktem Leibe, breiter Brust u.kräftigen Gliedmaßen; die starkeHaut mit seinem, schwarzem Haar bedeckt. Das Fleisch ist sehr zart u. wird namentlich von den Engländern sehr geschätzt n. mit hohen Preisen bezahlt. Anhägern, bei einem Strome, Sand oder Erde ansetzen (vgl. Häger); daher Anhägcrungsbühne, eine Bekleidung des Ufers von Bohlen n. Balken, um die Anhägerung zu erzielen. Anhaken, 1) durch den Bootshaken Schiffe von einem Gegenstände zum anderen fortziehen, oder an ein anderes Schiff anlegen; 2) ein Schiff anhaken, so v. w. entern. Anhalscn, dem Jagdhunde das Halsband an- legcn. Anhalt, verfallene Stammburg der Herzoge von A., auf dem Hausberge, im anhaltischen Kr. und etwa 7 km von Ballenstedt, am rechten Ufer der Selke; nach der Sage um 940 erbaut von Esiko IV., Grafen v. Ballenstedt, in der That aber wahrscheinlich erst begonnen von Otto dem Reichen im 12. Jahrh. und von Albrecht dem Bären vollendet, welcher letztere sich wenigstens zuerst Markgraf von A. nannte; sie wurde 1140 zerstört, von Heinrichs des Löwen Anhängern zwar wiederhergestcllt u. bis ins 14. Jahrh. bewohnt; in der Mitte des 16. Jahrh. lag sie jedoch schon in Trümmern. Anhalt, Herzogthnm des Deutschen Reiches, zusammengesetzt aus den seit 1603 getrennten und seit 19. Oktober 1863 wieder vereinigten Herzogthümern A-Dessau, A-Köthen u. A-Bern- bnrg; ist mit Ausnahme einer 8 Icm langen Strecke, welche an Braunschweig grenzt, überall vom preußischen Gebiete, u. zwar nördlich von dem Regbez. Magdeburg n. Potsdam, südlich vom Regbez. Merseburg eingeschlossen; besteht aus 2 Theilen und 5 kleineren Parcellen; 2347 siZIcm (42,x., HW); 203,437 Ew., darunter 3378 Katholiken und 1896 Israeliten, der Rest Protestanten. Das Herzogthnm gehört ganz zum norddeutschen Ticflande und bildet größtentheils eine Ebene bis auf den westlichen, am Fuße des Harzes gelegenen Theil (höchster Punkt Rambcrg 537 m mit Bictorshöhe) u. den Landstrich auf der Grenze gegen Brandenburg, wo sich der Fläming erhebt. Das Land wird von der Elbe, Mulde, Rosian, Nnthe, Saale, Fuhne (Landgrabcn), Wipper, Elne, Bode, Seide durchflossen; Seen: der Wörlitzer und der Knhn- auer; Mineralquellen: Alexisbad, Beringerbad, Ernabrnnnen. Die Elbe mit der schiffbaren Saale u. außerdem 178 Icm Eisenbahnen, wovon mehrere durchgehende Linien, sowie gute Landstraßen bilden günstige Vorbedingungen für den Handel, denen auch durch die Fruchtbarkeit des Bodens u. die Gewcrbthätigkeit der Bewohner in reichem Maße entsprochen wird. Hauptbeschäftigung: Ackerbau u. Viehzucht, worin besonders in der Schafzucht Treffliches erzielt wird. Sonstige Producte: in erster Linie Runkelrüben zur Znckerfabrikation, ferner Getreide, Hülsenfrüchte, Gemüse, Tabak, Obst, Kartoffeln, Flachs, Ölfrüchte, Hopfen; das Land bringt außerdem Nutz- und Bauholz (die Waldungen bedecken 12H UM, von denen 10 HsM fiskalische Forsten sind), Wildpret in Menge, zum Theil gehegt, ferner Geflügel, Fische, Bienen, Pferde, Rindvieh. Der Bergvan lieferte 18/1. Bleierze für 115,500 LI; Eisenerze für 8100'LI; Braunkohlen (im östlichen Theil des Herzogthums) für 1,673,100 LI; Kalisalze rc. für 2,101,400 LI, zus. für 3,898,100 LI gegen 2,802,500 LI pro 1870. Gewerbt.hätigkeit begreift Wollen- und Leinenweberei, Öl-, Papier- und Branntwcinbereitung, Bierbrauerei (bes. in Dessau n. Zerbst), Fabrikation von Zucker (1872/73 wurden in 36 Fabriken 7,056,370 Ctr. Rüben verarbeitet), F-ayence- u. Eisenwaaren u. Maschinen. Handelsplätze sind Dessau (mit bedeutenden Wollen- n. Getreidemärkten), Koswig, Zerbst u. Köthen; der Handel vertrcibr Getreide, Vieh, Holz, Wolle, Zucker, Spiritus, Mehl, Kleie, Strohpapier, Tuch, Eisenwaaren rx. n. führt ein Roheisen, Guano, Kohlen, Döaterial- waaren, Farbehölzer, Schiefer, Palmöl, Thran rc. In Dessau gibt es eine Landcsbank n. eine Cre- ditanstalt für Handel u. Gewerbe. Das Schulwesen ist in bester Verfassung: man zählt 5 Gymnasien (darunter 1 israel.), 2 Schullehrerseminare, 1 Handelsschule, 1 Landwirthschafts- u. Gewerbeschule, 2 höhere Bürgerschulen, 1 Lchrerinnen- bildnngsanstalt, 5 höhere Töchterschulen, 1 herzogliche gymnastische Akademie, 275 Elementarschulen, verschiedene Privaterziehnngsinstitute n. Rettungs- Häuser. Einth eilung in 5 Kreise: 1) Dessau mit 45,347 Ew.; 2) Köthen mit 42,350 Ew.; 3) Zerbst 656 Anhalt (Geschichte). mit 36,100 Ew.; 4) Bernburg mit 54,011 Ew.; 5) Ballenstedt mit 25,629 Ew.; sämmtlich mit Hauptstädten gleichen Namens. Man zählt im Ganzen 22 Städte nnd 277 Flecken nnd Dörfer. Staatsform: constilntioncll-erbliche Monarchie. Regierender Fürst Friedrich ff. n. Gcsch.), mit dem Titel Hoheit. Ter Landtag, der mindestens alle 3 Jahre einbcrnfen werden muß, besteht ans 36 Abgeordneten; darunter oom Herzog für die Dauer der Landschaftsperiode ernannt: 2: durch indircctc Wahl: 8 durch die meistbesteucnen Grundbesitzer, 2 durch die mcistbcstenerten Gewerbetreibenden, 24 durch die übrigen Wahlberechtigten, nnd zwar 14 der Städte und 10 des Landes (Gesetz vom 19. Februar 1872). Durch die mit dem 1. October 1870 in Kraft getretene Krcisordnnng haben die Kreise die selbständige Berwaltnng' ihrer Com- mmialaugelegenheiten und des Krcisvermögens, das Recht der Erhebung von Krcisstcnern u. eine nach dem Muster der landständischen Vertretung des Herzogthums gebildeteKrcisvertrctnng erhalten. Je ein vom Herzog ernannter Krcisdircctor steht der Kreisverwaltung n. den den Kreis betreffenden Geschäften der Landesverwaltnng vor. Sitz der Centralverwaltung ist Dessau; oberste Behörde das Staalsministcrinin mit einem Staatsminister an der Spitze, dem als obere Verwaltungsbehörden der Regierung: Abtheilnng für Finanzen, Domänen u. Forsten n. Abtheilnng des Innern n. der Polizei, das Consistorinm rc. unterstehen. Neben dem Staatsministerimn steht als Jmmcdiatbehörde die Verwaltung des Staatsschuldenwescns für das gcsammte Herzogthnm, deren Mitglieder der Herzog n. der Landtag je zur Hälfte ernennen. In der Justizpflegc bilden die erste Instanz die Kreisgerichte, die zweite das Dcssauer Obcrlandsgericht, die dritte das Oberappellationsgericht in Jena; in jeder Stadt- u. Landgemeinde besteht nach Gesetz vom 10. Aug. 1864 ein F-riedensgericht. In Dessau ist auch der Sitz des Consistoriums, dessen Unter- behördcn in jedem Kreise je eine Snpcrintendenlnr, nnd des Statistischen Bureaus; in Bernbnrg der des Oberbergamtes n. in Köthen der der General- Commission für Separation u. Ablösung. Finanzen: der Hanptfinanzetat für das Jahr 1874 betrug an Einnahmen 13,231,800 an Ausgaben 13,296,300 LI. Unter den Einnahmen kamen von den Domänen 2,410,486 II, von den Steuern 1,031,208 LI, Salzwcrk Lcopoldshall rc. 2,867,840 LI, Verschiedenes 455,455 LI ein; die Einnahme für Las Reich belief sich ans 6,466,800 LI. Von den Ausgaben betrugen die für Lie allgcm. Staatsverwaltung 409,608 LI, für Verwaltung der Justiz 505,576LI, für Verwaltung des Innern 739,963LI, für Cultus nnd Unterricht' 831,181 LI, Bauwesen 1,746,734 LI, Matricularbeiträge 279,558 LI, Reichsstciier 6,466,800 LI. Die Staatsschuld belief sich im Januar 1874 auf 7,445,417 LI, denen 4,873,241 LI Acticncapitalien entgegenstehcn, so daß die eigentliche Schuld nur 2,572,176 LI beträgt, darunter befinden sich 2,850,000 LI Papiergeld. Das Herzogthum stellt znm Deutschen Reichstage 2 Abgeordnete, hat eine Stimme im Bundesrathe u. stellt zur Armee des Deutschen Reiches nach der das Militärwesen A-s mit Preußen verschmelzenden Convention vom 28. Juni 1867 das Infanterie-Regiment Nr. 93, das der 7. Division des IV. Armeecorps zu- getheilt ist. Landesfarbcn eigentlich roth, grün u. weiß, gewöhnlich aber nur grün u. weiß. Das Landeswappcn ist ein zweimal gespaltener n. dreimal gner getheiltcr Schild von 12 Feldern. II. Geschichte. Vor Beginn der Völkerwanderung wohnten in den auf den: linken Elbnfer gelegenen Landesthcilcndcr Vermnthnng nachScin- nonen, znm Volke der Sncvcn gehörig; später erschienen in den heutigen anhaltischen Landen Thüringer, u. zwar hieß der von ihnen besetzte Strich (Ohre n. Unstrut) Nvrdthüringen. Als das Reich der Thüringer von den Franken unterworfen worden war, zogen hessische u. schwäbische Ansiedler an das linke Saal- u. Elbnfer, von welchem letzteren noch bis in die spätere Zeit ein Thcil den Namen des Schwabenganes führte. Auf dem rechten Ufer jener Flüsse hatten sich Slaven niedergelassen. Im 8. Jahrh. wurde das Land mit der östlichen Mark des Frankcnreichcs vereinigt, hier das Christeiithmn zuerst gepredigt, u. von hier ans' drangen Deutsche siegreich bis in das Brandcn- bnrgische n. bis zur Lausitz vor. Unterden Deutschen, welche sich erobernd n. ordnend anszeichneten, ragt im 10. Jahrh. Markgraf Gero hervor, welcher auch nach dem Tode seines einzigen Sohnes die Abtei Gernrodc als Wittwcnsitz für seine Schwiegertochter 958 erbaute. Sein Schwager Christian besaß die Gegend um Zerbst und Koswig. Esiko, im 11. Jahrh. Graf v. Ballenstedt im Schwaben- gan n. von mütterlicher Seite mit Gero verwandt, ist der erste sicher nachweisbare Stammvater des Hauses A., der Assanier; er hatte von seiner Mutter 1031 ansehnliche Güter zwischen Elbe nnd Saale geerbt. Sein Enkel, Otto der Reiche, der die Burg Manien baute n. sich zuerst Graf v. Manien, Aschcrslebcn u. Ballenstedt nannte u. der eigentliche Stammvater der Manier ist, da von ihm erst die ununterbrochene Reihe derselben beginnt, erhielt auch nach dem Anssterbcn der Bill- ungcn, 1106, Lurch seine Gemahlin Elike, jüngere Tochter des Herzogs Magnus von Sachsen, einen Theil der Billungschen Güter, darunter Schloß n. Herrschaft Bernburg. Im Jahre 1115 erfocht er bei Köthen einen glänzenden Sieg über die Slaven. Er st. 1123. Sein Sohn Albrccht der Bär folgte ihm nach als Graf v. Ballenstedt, erhielt 1124 die Lausitz n. die Mark Soltwedel, eroberte von den Slaven die Mittelmark und wurde Markgraf von Brandenburg; er erwarb auch Orlamünde nnd Plötztau n. st. 1170 (s. u. Brandenburg). Von seinen 7 Söhnen traten Siegfried u. Heinrich in den geistlichen Stand, Otto folgte in der Mark Brandenburg u. in Nordsachscn, Hermann erhielt die Grafschaft Orlamünde, Dietrich die Grafschaft Werben aus den Billungschen Gütern, Albrecht Aschersleben u. Ballenstedt, u. Bernhard das den Slaven entrissene Land an der Mittelelbe, welches nun den Namen A. erhielt. Bernhard war ein Gegner Heinrichs des Löwen u. erhielt 1180, als dessen Land getheilt ward, einen Theil von Sachsen, worauf er sich Herzog von Sachsen nannte (s. Sachsen). Als Heinrich der Löwe Sachsen wiedcrge- wann, behielt Bernhard wenigstens Lauenburg, als Thcil der Billungschen Güter; von seinem Bruder Albrccht erbte er dessen Besitzungen am l > - i ! ! 1 Anhalt (Geschichte). 657 Unterharz 11 st. 1212. Von seinen Söhnen erhielt der ältere, Heinrich, Aschcrslebcn n. die an- halnschcn Besitzungen, der jüngere, Albrechl, der Staniinvaicr der askanischen Kurfürsten von Sachsen, Sachsen n. Lauenburg. Heinrich I., der sich zuerst Fürst v. Ä. nannte, st. 1251, n. von seinen 5 Söhnen wählten zwei Len geistlichen Stand, Heinrich II. erhielt Aschersleben, Wegleben n. GernroLe, Bernhard Bernburg nnd Ballenstedt, Siegfried Köthen, Dessau, Koswig n. Roßlan. Es entstanden dadurch drei Linien: die Ascherslebener, die alte Bernburger n. die ältere Zerbster Linie. Die Ascherslebener Linie starb schon mitOttoll., Enkel HeinrichsII., 1315 ans, u. das Land fiel an Bernburg. Die alte Bernbnrger Linie machte unter Bernhard II. von 1315 ab vergebliche Versuche, Halberstadt in ihren Besitz zu bringen; dabei verlor sic noch Ascherslcbcn an den Bischof von Halverstadt Bernhard II. schaffte 1293 im Verein mit seinem Vetter Albrecht I. von der Zerbster Linie den Gebrauch der wendischen Sprache in den öffentlichen Gerichten ab. Der letzte Fürst dieser Linie, Bernhard VI., übergab 1466 einen Theil seines Landes an das Erzstift Magdeburg u. nahm ihn als Lehen zurück mit der Bedingung, daß er nach seinem Tode an seine Gemahlin als Leibgeding n. nach deren Tode an seine Vettern von der Zerbster Linie als Lehen käme. Den Bemühungen seiner Wittwe gegenüber, die den Nachlaß ihres 1486 verstorbenen Gemahls gern ganz an Magdeburg gebracht hätte, setzten es die Fürsten von Zerbst Lurch, daß sie im Besitze verblieben. Die ältere Zerbster Linie dauerte bis 1526. Siegfried I. brachte 1307 Zerbst an sich, 1310 die Grafschaft Lindau. 1396 spaltete sich die Linie in zwei Zweige: die Albrechtsche Linie in Zerbst n. die Sigmnndsche Linie in Dessau. Erstere starb 1526, nachdem deren Glieder in fortwährenden inneren Streitigkeiten gelebt, mit Adolf II. aus. Von den Gliedern der letzteren, an welche die Zerbster Besitzungen gefallen waren, erwarben sich mehrere bedeutende Verdienste um die Reformation, so besonders Wolfgang, der sie bald nach dem Reichstage zu Worms (1521) in Bernbnrg u. Köthen einführtc, 1530 die Augsburger Confession Unterzeichnete u. Mitglied des Schmal- kaldischen Bundes wurde, als welches er nach der Schlacht beiMühlbcrg (1547) seiner Lande verlustig ging ln. sie erst mit Hilfe des Kurfürsten Moritz wieder erhielt; er st. 1566. Durch Joachim Ernst (st. 1586) wurden die anhaltischen Lande 1570 in einer Hand vereinigt, Loch fand bereits 1603 wieder eine Theilung statt, wodurch die 4 Linien Dessau, Bernburg, Zerbst nnd Köthen, mit dem Besitz der betreffenden Länder, entstanden. A.) Linie A.-Dcssan. Johann Georg I., der älteste Sohn von Joachim Ernst, welcher in der Theilung Dessau erhalten hatte, st. schon 1618; ihm folgte sein Sohn Johann Kasimir, der 1660 starb. Im seine Regierung fällt der Dreißigjährige Krieg, von dem sein Land namentlich 1625 nach der Schlacht an der Dessauer Elbbrücke und dann von 1635 ab, nachdem er vom'Schwcdischen Bunde znrückgetrercn war, schwer zu leiden hatte. Sein Sohn Johann Georg II., der in schwedischen n. zuletzt in brandenburgischen Kriegsdiensten stand, gründete Oranienbanm n. st. 1693. Ihm folgte sein Sohn Leopold, der als „der alte Dcs- saner" inpreußischenKricgsdiensten berühmt wurde (s. Leopold v. Dessau), dabei aber auch um sein Vaterland sich verdient machte, den Ackerbau verbesserte, neue Dörfer anlegte n. das Erstgeburtsrecht in seinem Hause einführtc; er st. 1747 zu Dessau. Sein Sohn Leopold Maximilian machte sich ebenfalls als preußischer General einen Namen, tilgte durch strenge Sparsamkeit die Schulden des Landes, st. aber schon 1751. Dessen Sohn Leopold Friedrich Franz, focht im Anfänge des Siebenjährigen Krieges mit, widmete sich aber nach der Schlacht bei Kollin ganz seinem Lande, sorgte für Schulen, bessere Rechtspflege, Polizei, Chausseen, Fluß- u. andere Bauten. Er verschönerte die Umgebung Dessaus Lurch zahlreiche Parkanlagen im Versailler Geschmack u. schuf den Wörlitzer Garten, kaufte auch die letzten Rittergüter in seinem Für- stcnthum an und erbte 1797 den dritten Theil von Zerbst. Er trat 1807 dem Rheinbunde bei nnd nahm den Herzogstitel an; 1813, noch vor der Schlacht bei Lützen, schloß er sich den Alliirten an. Er st. 1817, nachdem ihm der Erbprinz Friedrich schon 1811 im Tode vorangegangcn war. sein Nachfolger u. Enkel Leopold Friedrich begünstigte besonders das Schulwesen u. schloß sich dem preußischen Zollverein 1834 an. Nach dem Erlöschen der Köthenscheu LinieimMannsstammc (1847)nahm er, gemäß der Familienverträge, als Senior des Gcsammthauses Las an die beiden noch bestehenden Linien Dessau n. Bernburg fallende Herzogthum Köthen in Besitz n. übernahm, bis zu weiterer Vereinigung mit Bernburg, die Regierung des Landes. Die Anfang März 1848 durch ganz Deutschland gehende Bewegung ließ auch die anhaltischen Länder nicht unberührt. In Folge von Adressen ans Dessau n. Köthen (10. n. 13. März) an den Herzog erfolgte eine vollständige Gewährung der Volks- Wünsche, darunter: Emancipation der Inden nnd Vertheilnng von Äckern aus herzoglichen Domänen, Trennung der Verwaltung von der Justiz, Aufhebung der Patrimonialgerichtsbarkeit; an die , Stelle der bisherigen Landesregierung trat ein Oberlandesgericht, das Consistorium wurde von der Regierung getrennt und in eine selbständige oberste Kirchenbchördc nmgewandelt, die der Regierung zuständig gewesenen Verwaltungssachen wurden der Kammer zugewiesen. Am 31. Juli trat der vereinigte Landtag von Dessau u. Köthen in Dessau zur Berathung einer gemeinsamen Verfassung zusammen, welche ziemlich freisinnig ansfiel und am 29. Octbr. vom Herzog bestätigt wurde. Aber bereits 1849 begann unter preußischem Einfluß die Reaction; der vereinigte Landtag wurde nebst den beiden Sonderlandtagen am 12. Novbr. ausgelöst, u. preußisches Militär rückte, znm Schutze der Souveränetätdes Herzogs, ein, da A-Dcssausein Contingent zum Feldzüge gegen Dänemark gestellt hatte. Der am 9. Juli 1850 znsammcngctrctenc Landtag wurde sofort wieder aufgelöst, und nun folgte ndie Gefetzesoctroyirungen u. am 4. Nov.1851 die Auflösung der Verfassung vom 29. Oct. 1848 und der Grundrechte des deutschen Voltes. Zur Regelung der Versassungsverhältnisse für die sämnit- lichen anhaltischen Herzogthümer trat eine beson Piercrs Umversal-Conversations-Lexlkon. k. Ausl. I. Band. 42 658 Anhalt (Geschichte). dere Commission in Berathung, welche bis März 1852 eine für die anhaltischen Herzogthümer berechnete Verfassung entwarf, die auf dem alten ständischenVerfassungsgcsetze betreffs der Gesammt- landschaft beruhte u. am 1. Oct. 1859 als Land- schaftsordming filr ganz A., nachdem die Negierungen von Dessau u. Bernbnrg sich mit den Mitgliedernder anhaltischen Gesammtlandschaftvereiuigt, in Kraft gesetzt wurde. Am 5. Fcbr. 1853 kam endlich nach jahrelangen Verhandlungen zwischen Dessau u. Bernbnrg die völlige Vereinigung Köthens mit Dessau zu Stande, wonach der Herzog von Bernbnrg seine bisherigen Rechte ans Köthen an den Herzog von Dessau übertrug u. die bisherigen getrennte» Ministerien zu einem herzoglich anhaltischen Gesammtministerium verschmolzen wurden. Nur das dessauische und köthensche Staatsschuldenwesen blieb noch bis 24. Dec. 1856 getrennt. Über die Trennung der Schnldentilg- ungssonds der beiden Herzogthnmer fanden aber Differenzen zwischen Anhalt-Dessau u. den altland- schaftlichen Mitgliedern aus dem Ritterstande statt, welche die Einmischung des Bundestages veran- laßtcn und durch die herzogliche Verordnung vom 9. Ang.1862, betr. den Hauptfinauzetat der beiden Herzogthnmer, ihr Ende fanden. 1k) Linie A.-Bernburg. Fürst Christian I., der 2. Sohn von Joachim Ernst, hatte 1603 Bernbnrg erhalten, doch kam er bis 1624 selten in sein Land, da er erst in knrpfälzischen Kriegsdiensten u. unter Friedrich V. von der Pfalz Statthalter in Böhmen gewesen, 1620 aber nach der Flucht desselben ebenfalls flüchtig geworden war. Durch die Vermittelung Sachsens u. Brandenburgs mit dem Kaiser versöhnt, st. er 1630, gefolgt von seinen Söhnen Christian ».Friedrich, welche 1635 das Land theilten n. zwei neue Linien stifteten: a) Fried- richische oder Harzgerodische Linie, die schon 1709 mit Wilhelm, dem Sohne Friedrichs, erlosch, wodnrchdas Land an Bernburg znrnckfiel. b) Chri- stianische od. eigentlich Bernburgische Linie. Christian II. (1635 — 56), Victor Amadeus, (bis 1718), Karl Friedrich (bis 1721), Victor Friedrich (bis 1765), Friedrich Albrecht bis 1796) waren um das Wohl ihres Landes besorgt und dafür eifrig thätig. Unter Friedrich Alörechts Sohne Alexius Friedrich Christian fiel 1797 der 3. Thcil des Fürstenthnms Zerbst an Bernburg. Er nahm 1806 den Herzogstitel an, trat 1807 dem Rheinbünde bei, stellte sein Contingent für Napoleon (cs focht in Spanien, Rußland u. Deutschland, zuletzt in der Schlacht bei Kulm 1813), wandte sich aber im Oct. 1813 gegen Frankreich, wurde 1817 Senior des Hauses A. u. st. 1834. Ihm folgte sein Sohn Alexander Karl, für den wegen seiner geistigen u. körperlichen Schwäche ein ans 5 Mitgliedern gebilderer Consercnzrath die Landesver- waltnng leitete, aber schon vor 1848 keine Sympathien im Vvlke besaß, namentlich wegen der wenig günstigen Lage der Finanzen n. des mittelalterlichen Justizwesens. Bei dem Eintritte der deutschen Bewegung im März 1848 lnd der Con- ferenzrath durch eine Proklamation des Herzogs vom 14. März das Volk zur Darlegung seiner Bitten n. Wünsche ein, worauf am 20, März eine Petition eingcrcicht ward, welche im Wesentlichen die allgemeinen deutschen Forderungen enthielt. Da diese Forderungen aber nicht im Sinne des leitenden Nathes waren, so hielt er die Beweg- ^ nng dnrch Temporisiren hin, bis die Mißstimmung des Volkes ihn zwang, als verantwortliches Ministerium (v. Kersten, v. Braun, v. Salmnth n. v. Krosigk) am 3. Mai dem Landtage gegenüber ein- ^ zntreten, laut provisorischer Verordnung. Am 31. Juli trat der Landtag zur Berathung der Verfassung ! vom 5. Juli zusammen, die schon am 31. Oct. be- > endigt war, worauf der Landtag bis zu der Sanc- tion der Verfassung sich permanent erklärte. Der Herzog zögerte jedoch mit der Genehmigung der ihm vorgelegten Constitution, da sie zu viele Interessen verletzte, entließ das bisherige Ministerium n. ernannte'v. Krosigk zum Staatsminister, woraus der Landtag, da auch der gesandte Reichscommissär, der Appellationsgerichtsrath v. Ammon aus Köln, Nichts erreichte, beschloß, daß der Herzog von Anhalt-Dessau unter Wahrung der Selbständigkeit des Landes die Regentschaft über dasselbe übernehmen solle. Diesem Beschlüsse folgte die Auf- ^ lösung des Landtages trotz dessen Protestes und eine octroyirte Verfassung vom 14. Dccember, deren Revision dem nächsten Landtage Vorbehalten bleiben sollte. In Folge der tnmnltuarischen Scene» bei den ans den 18. Fcbr. 1849 ausgeschriebenen Neuwahlen in Bernburg verhängte - je Regierung den Belagerungszustand über Bernbnrg u. rief preußisches Militär herbei, welches 5 Monate dort verblieb, während der Belagerungszustand am 11. April wieder aufgehoben wurde. tzf Am 9. Juni schloß sich Bernbnrg unter Lossagung , von der Neichsverfassung dem Dreikönigsbündniß an, und am 15. Mai 1850 wurde die Ansgangs Febr. zu Ende berathene, an die preußische Verfassung sich anlehnende Verfassung mit Wahlgesetz, Gemeinde- n. Kreisordnnng verkündet. Der neu berufene Landtag wurde wegen neuerdings entstandener Conflicte 1. Scpt. 1850 aufgelöst. Mit dem am 2. Nov. 1851 eröffneten, überwiegend conservativ gesinnten Landtage vereinigte sich zwar die Regierung über verschiedene wesentliche Ver- fassnngSmodificationcn, aber eine wirkliche Zufriedenheit trat nicht ein, um so weniger, als der seit 1851 als Minister berufene preußische Regier- nngsrath v. Schätzcll überall beargwöhnt wurde, daß er das Recht des Landes zu Gunsten der Herzogin Friederike, geb. Prinzessin von Holstein- . Glücksbnrg, welche auch 5. Oct. 1855 zur Mitregentin ernannt worden war, verkümmere. Man wandte sich in Petitionen an den Herzog und an den Bundestag um Trennung des Staatsgutes vom herzoglichen Allod, drängte auf Schätzclls Entlassung, ja, beantragte selbst eine Anklage gegen ihn; aber umsonst, so daß die Mißstimmung immer höher stieg, zumal auch in kirchlichen Dingen die Regierung nun immer eigenmächtiger vorging. O Der Tod des Herzogs Alexander Ka.rl machte der Sache ein Ende; derselbe st. 19. Ang.' 1863, nachdem er schon seit mehreren Jahren, ganz von der Negierung entfernt, weil geistesschwach, im Schlosse zu Hoym in völliger Zurückgezogenheit gelebt hatte, n. Bernbnrg kam nun, kraft des Erbvcr- gleiches von 1665, wieder an Dessau, von welchem es seit 1606 getrennt gewesen war. Weiteres s. n. Anhalt (Grüchichte). 659 L. v) Bernburg < Schanmburg - Hoymschc Nebenlinie. Obgleich Victor Amadeus das Erstgeburtsrecht eingeführl hatte, so verlieh er doch seinem 2. Sohne Leberecht das Amt Hoym und einige Güter, aber ohne Landeshoheit. Dieser vermählte sich 1692 mit Charlotte, der Erbtochter des Grafen von Nassau-Schanmbnrg, u. brachte so die Herrschaft Schanmburg an seine Linie; er st. 1727. 1812 erlosch die Linie, u. Hoym fiel an Bernburg, wahrend Schanmburg als Allodinm den beiden ältesten Töchtern des Prinzen Victor II. znfiel. 0) Jüngere Linie A.-Zerbst. Rudolf VII., 4. Sohn von Joachim Ernst, erhielt 1603 das Fürstenthnm Zerbst als Antheil. 1609 trat er der von protestantischen Fürsten zmn Schutze ihrer Confessio» gestifteten Union von Anhausen bei u. ging 1610 als Gesandter derselben zu Christian IV. von Dänemark. Er st. schon 1621 u. hinterlicß einen Sohn, Johann III., dieser vertauschte die Reformirte Confessio» mit der Lutherischen, weshalb es zu manchen Händeln kam; er erbte 1667 von seinem Oheim mütterlicherseits die Herrschaft Jever in Osifriesland und st. noch in demselben Jahre. Während seiner Regierung hatte sein Länd- chen viel durch den Dreißigjährigen Krieg zu leiden. 1026 nahm Mansfeld die Stadt Zerbst ein u. rückte von l>a „ach Dessau gegen Walleustein; dieser bestrafte Zerbst nach der siegreichen Schlacht an der Dessauer Elbbrücke durch eine große Con- tribution. Später wurden Stadt u. Land wiederholt ' u ch die Schweden geschädigt, besonders 1642. Johanns Sohn Karl Wilhelm führte die Primogenitur ein, jedoch so, daß die nachgcborenen Prinzen einen Antheil an der Regierung behielten, schloß einen Erbvertrag mit den anderen anhalti- schen Linien und st. 1718. Sein Sohn Johann August st. 1742 ohne Erben, worauf seine Vettern Johann Ludwig (bis 1746) und Christian August (bis 1747) u. endlich Friedrich August, des Letzteren Sohn, folgten, mit dem 1793 die Linie erlosch. Das Land fiel an Dessau, Bernburg u. Köthen, die cs erst gemeinschaftlich verwalten ließen und 1797 theilten; die Herrschaft Jever aber fiel zunächst an die Kaiserin Katharina II. von Rußland, Schwester des Fürsten Friedrich August, u. dann an Oldenburg. v) Linie A.-Köthcn. a) Erste Köthcusche Linie, gestiftet 1603 von Ludwig, des Fürsten Joachim Ernst jüngstem Sohne, welcher 1649 starb. Sein Sohn Wilhelm Ludwig folgte unter Vormundschaft seines Oheims August u. regierte seit 1660 allein; st. aber schon 1665 unbeerbt, u. Köthen fiel nun in Folge der Abmachung von 1603 an die Söhne Augusts von A.-Plötzkau. b) Plötzkan-Äöthensche Linie. August,der 3.Sohn Joachim Ernst, hatte zwar 1603 auf seinen Antheil gegen eine Summe von 300,000 Thlr. verzichtet, aber später seinen Bruder Christian von Bernburg bewogen, ihm das Amt Plötzkau abzutreten; er st. 1653. Seine Söhne Lcbcrecht n. Emannel führten die Regierung gemeinschaftlich (der Letztere, nachdem er mehrere Jahre in venetia- nischcn Diensten auf Candia gegen die Türken gefachten hatte), bis ihnen 1665 Köthen znfiel, worauf sie Plötzkau an Bernburg abtraten u. Köthen gemeinschaftlich regierten, e) Z w e i t e K ö t h c n s ch e L i n i e. Unter den ersten Fürsten dieser Linie, Emannel Lcberccht (1692—1704), Leopold (bis 1728), August Ludwig (bis 1755), gab cs viele religiöse u. sonstige innere Streitigkeiten. Ludwigs Sohn Karl, der nach einander indänischen, preußischen n. kaiserlichen Kriegsdiensten stand, wirkte für Verbesserung dev Rechtspflege, that viel für Ackerbau n. Industrie u. st. 1789 zu Semlin im Feldzüge gegen die Türken. Sein Sohn August Christian Friedrich vergrößerte sein Land 1797 durch den 3. Thcil von Zerbst, nahm 1806 den Herzogstitel an, trat 1807 dem Rheinbünde bei n. stellte sein Contingent für Napoleon. Er organisirte 1810 sein Land ganz auf französische Weise, führte den (Nxlo Piapulvou. ein u. st. 1812. Sein Nachfolger u. Nesse Ludwig hob die französischen Einrichtungen wieder auf und st. 1818. Mir ihm erlosch die ältere Linie Köthen, u. das Land fiel an den Fürsten Friedrich Ferdinand von A.-Pleß, der die 3. Linie A.-Köthcn stiftete (s. s). ä) Linie A.-Pleß. Friedrich Erd- inaun, der 2. Sohn des Fürsten August Ludwig von Köthen und der Bruder des Fürsten Karl Georg Leberecht, hatte 1765 von dem Grafen von Promnitz die Herrschaft Plcß in Oberschlcsien als Schenkung unter den Lebenden erhalten. Er stiftete die Linie A.-Pleß, die eine Secundogcnitnr der Hauptlinic bildete, u. st. 1797. Sein Sohn Friedrich Ferdinand folgte ihm in der Herrschaft Plcß, welche 1817 vom König von Preußen als Oberlehnsherrn zu einem Fürstenthnm erhoben wurde. Nach dem Anssterben der Hanptliuie trat er die Regierung des Herzogthnms Köthen 1818 an, während sein Bruder Heinrich das Fürsten- thum Pleß erhielt. Friedrich Ferdinand ist der Stifter der v) neuesten Linie Köthen. Er trat 1825 in Paris zur Katholischen Kirche über n. hob die Vereinigung der reformirtcn u. lutherischen Glaubensgenossen wieder auf. 1828 erwarb er einen großen Landstrich in Südrußland, wo oania uova gegründet war (1876 verkauft). Als er 1830 starb, folgte ihm sein Bruder Heinrich, damaliger Fürst von Plcß; dieser schloß sich dem preußischen Zollverein an u. machte ernstliche Versuche, das Land aus der finanziellen Verlegenheit zu befreien, in die es namentlich unter der Regierung des Herzogs Ferdinand gcrathen war, so daß die Schuldenlast sich ans 4 Millionen Thlr. belief. Heinrich st. 23. Nov. 1847, u. da mit ihm die Linie im Manucsstainmc erlosch, fiel Köthen an Dessau (s. oben V). K) Vereinigtes Herzogthnm A. In der Regierung Leopold Friedrichs von A.-Dessau als Herzog von ganz A., seit 19. Aug. 1863, brachten die Ereignisse von 1866 und 1870/71 wesentliche Umgestaltungen der politischen Stellung des Herzogthnms. Im I. 1866 stellte A. sich auf die Seite Preußens, indem cs 14. Juni im Bundestage gegen den österreichischen Antrag stimmte, seinen Austritt aus dein Bunde am 21. erklärte n. als Preußens Bundesgenosse an, Feldzüge nach Bayern theilnahm, auch dem Norddeutschen Bunde beitrat n. mit Preußen eine neue Militärconvention schloß. Im Kriege v.m 1870 focht das anhaltische Contingent vor Tonl, bei Beaumont (Mouzon) u. hatte bei der Cernirnug von Paris mehrere Kämpfe zu vestehen. Die 42 ^ 660 Anhaltende Mittel — Anharinonischcs Verhältnis). inneren Verhältnisse des Hcrzogthums ersuhren in so fern eine wichtige Wandelung, als die drückenden Domauialverhältnisse eine (wenn auch wenig als befriedigend anerkannte) Regelung fanden. Seit 1663 hatten die anhalt. Linien Domänen bis zu ^ der ganzen Bodenfläche erworben, die jährlich über 1,100,600 Thlr. ertrugen, gleich dem vierten Theil der sämmtlichen Staatseinnahmen. Ein Antrag beim Landtage, diesen Domanialbesitz als Privateigenthum anzuerkennen, mußte von der Regierung zurückgezogen werden, worauf das Ministerium Siutenis einem Ministerium Larifch (früher altcuburgischer Minister) weichen mußte, das nach heftigen Kämpfen mit dem Landtage im Juni 1800 die Regelung so weit herbciführte, daß der Herzog gegen Verzicht auf die Civilliste einen Theil der Domänen mit einem Gcsammtertrage von 295,070 Thlr. in Besitz erhielt. Mit dem am 22. Mai 1871 erfolgten Tode des Herzogs Leopold trat Herzog Friedrich (gcb. 29. April 1831) die Regierung an. Aus dieser Regierung ist die im Winter 1872 nach einem neuen Wahl- modns erfolgte Zusammensetzung des Landtages hervorgegangen u. die endliche Regelung der Do- manialangclegenheiten mit diesem Landtage pro 1874. Vgl. Siebigk, Das Hcrzogthmn A. historisch, geographisch n. statistisch, Dessau 1867. Anhaltende Mittel (Med.), Heilmittel, welche Erbrechen, Speichelfluß, starke Ausflüsse von Blut, Schleim, dünnem Stuhl, auch wol Schweiß hemmen sollen. Es sind Mittel theils adstringirender, theils belebender Natur, wie Tannin, Opium, Eis, Kaffem rc. In heftigen Fällen ist deren Gebrauch selbstverständlich von der Verordnung des Arztes abhängig zu machen. Anhaltepnnkt (Markschcidek.), der Punkt, von welchem der Markscheider seine Messung beginnt, sei es Ncu-Mcssnng, oder weitere Messung. Im letzteren Falle ist der A. als Schlußpunkt der vorigen Messung durch ein an der Zimmerung od. im Gestein befestigtes Holztäfelchcn (die Markscheiderstufe) erkennbar. Unharmonisches Verhältnis? (eigentlich unharmonisches V., Math.), anharmonische Function, Doppelschnittsverhältniß, Doppclvcrhältniß von 4 Punkten, Geraden oder Ebenen. 1) Man stelle sich eine von 2 Punkten X n. L begrenzte gerade Linie vor, betrachte die Richtung von X nach L als positiv, die von L nach X als negativ, oder umgekehrt, u. nehme beliebig auf der Linie XL oder ihren Verlängerungen zwei Punkte X u. X an, so nennt mau die Linie XL durch X in dem Verhältnis) seiner Abstände von X u. L , also der äX XX Strecken ^ durch X in dem Verhältniß ^ ge- thcilt od. geschnitten. Das Verhältnis) od. der Quotient dieser Schuittverhältnisse, also das Doppelschnittsverhältniß ^ ^ heißt das an harmonische Verhältniß der Punktreihe X, L, X, X (in dieser Ordnung). Die beiden elfteren Punkte X u. L, ebenso die beiden Punkte X n. X nennt man zngeordnete od. conjugirtc Punkte. Das a. V. ändert sich natürlich im Allgemeinen, wenn sich die Lage eines der conjngir-j ten Punkte X u. X oder beider ändert, u. hat begreiflicherweise sehr verschiedene Werthe, je nachdem einer oder beide zwischen, oder nicht zwischen den anderen conjugirteu Punkten X u. L liegen. Wenn die Strecke XL durch den Punkt X innerhalb u. durch den Punkt X außerhalb, aber durch beide in demselben Verhältniß gethcilt wird, so nimmt Las a. V. den Werth —1 an; es heißt dann harmonisches V. u. die Punkte harmonisch gelegen. 2) Man stelle sich einen von 2 Geraden u u. d einge- schlosscuen Winkel ad vor, betrachte die Drehungsrichtung von a nach d als positiv, die von d nach a als negativ, oder umgekehrt, u. nehme beliebig in der Ebene des Winkels u. durch dessen Scheitel gehend zwei andere Gerade x und x an. Versteht man min unter sin(ux) den Sinns des von a n. x (Richtung von a nach x) eingeschlossenen Winkels, so ist ähnlich wie oben siujax) sinjux) sin (xd) ' sin (xd) das a. V. des Strahlenbüschels a, d, x, x. Die Strahlen a u. d, ebenso die Strahlen x u. x heißen zugeordnete oder conjugirtc Strahlen. Auch hier nimmt das a. V. je nach der Lage der con- jugirten Strahlen des einen Paares an und für sich und zu derjenigen des anderen die verschiedensten Werthe an; es heißt, wenn es den Werth —1 angenommen hat, harmonisches V., und das Strahlenbüschel wird dann harmonisch genannt. 3) In ähnlicher Weise läßt sich das a. B. eines Ebenenbüschels von 4 Ebenen a, A y, welche sich in einer u. derselben Geraden schneiden, de- finiren als sin (nF) . 8M (ar,) siu (ll veranschaulicht. 4) Eigen- N j schäften. Das reine A. ist eine farblose, ölige Flüssigkeit von aromatischem (dem des frischen jsonigs ähnlichem) Geruch, brennendem Geschmack, I ,„2 spec. Gw. bei 16° 6., starkem Lichtbrechungs- Vermögen und schwach alkalischer Reaction. Es siedet bei 182°, brennt mit leuchtender n. rußender Flamme, ist im Wasser „wenig, in Alkohol, Äther, Schwefelkohlenstoff n. Ölen leicht löslich n. löst selbst Schwefel, Phosphor und Harze. Ans den thierischen Örganismus übt es eine schädliche Wirkung aus. Es verdunstet bei gewöhnlicher Temperatur u. bildet, wie Ammoniak, mit Salzsäure Nebel, Mit Chlorkalk u. unterchlorigsaurcn Salzen gibt A. eine violette Färbung, eine ähnliche violett-rothe beim Erhitzen mit Zinnchlorid, Arsen säure rc., eine blaue mit saurem chromsanrem Kali und Schwefelsäure. An der Luft färbt sich das A. roth, dann braun u. verharzt endlich; es fällt Eisenoxydnl, -oxyd, Zink- u. Thonerdesalze, vertreibt ans Ammonsalzcn in der Hitze Ammoniak, während es in der Kälte von diesem aus den A-salzen gefällt wird. Es ist eine Basis, verbindet sich mit Wafserstofssänre u. Säurchydratcn zu Salzen, welche dem Fichtenholze n. Holluuder- marke gelbe Färbung geben, wodurch Holzfaser im Papier nachgewiesen werden kann. 5) Verbindungen. a.) Salze. Die A-salze sind in Wasser u. Alkohol löslich, krystallisiren gut, färben sich an der Luft röthlich, besonders wenn sie nicht ganz trocken sind. Salzsanres A. Lgll^llOl bildet farblose Nadeln, ist sublimirbar und bildet mit Platinchlorid ein in Äther unlösliches Doppelsalz. Schwcfelsanres und oxalsanres A. sind in Wasser leicht, in Alkohol wenig löslich. Essigsaures A. krystallisirt nicht. Die Salze des A. mit organischen Säuren gehen beim Erhitzen in Anilide über (s. u.). d) Additionssalze des A. entstehen durch directe Vereinigung des A. mit Metallsalzen, werden aber auch als A-salze angesehen, deren A. für Wasserstoff substituirte Metalle enthält, Metall- anile. Sie entsprechen den Additionssalzcn des Ammoniak. So bildet das A. mit Chlorzinklösung einen weißen krystallinischen Niederschlag: 8 n 6 I.,-i- 26 oll,ll oder ^n ^(6oll,)2-i-2ll61 „ salzsaures Zinkanil. Ähnliche Niederschläge entstehen beim Znsammenbringen des A. mit den Lösungen von schwefelsaurem Zink- n. Knpferoxyd, Zinuchlorür u. -chlorid, salpetersaurem Quecksilbcr- oxydul n. -oxyd, Chlor- u. Cyanguecksilbcr, Chlor- autimou, Chlorwismuth rc. Mit Säuren behandelt, verwandeln sich diese Verbindungen in Doppelsalze. 6) Substitutionsprodncte. Das A. ist als Ammoniak anznsehcn, in welchem 1 Atom Wasserstoff durch das Radical Phenyl ersetzt ist (s. u. 3). Es gibt nun zweierlei Substitutionsprodncte des A., nämlich a) solche, in welchen ein oder beide Wasserstoffatome außerhalb des Phenyl durch Radicalc ersetzt sind, u. d) solche, in welchen ein oder mehrere Wasserstoffatome des Phenyl durch andere Elemente oder Radikale vertreten sind. Aus der großen Zahl der Substitutionsprodncte oder Derivate des Ä. von oft sehr verwickelter Constitution erwähnen wir nur einige, deren Zusammensetzung eine verhältnißmäßig einfache ist. a) In die erstcre Gruppe gehören: 0«ll. Äthylanilin (^ll^ ll ll, Methylanilin 6 llg ! ll, ll in welchem Wasserstoff durch das Radical des Weingeistes, Äthyl Oll ll., resp. das Radical des Holzgeistes, Methyl 6llg, vertreten ist; sie werden durch Behandlung des A. mit Bromäthyl, resp. Brommethyl dargcstellt; ferner die Anilide, in welchen an Stelle des Wasserstoffes Säureradicale getreten sind u. welche durch Wasserentziehung aus den A-salzen entstehen (s. o.); so z. B. das Acet- 664 Anilin. welches mit Kalilauge Nitranilin anilid, welches das Radical der Essigsäure, Acetyl enthält: 0 ?I 8.0 8. Äthyl-u.Methyl- aniliu sind schwer siedende Flüssigkeiten, ersteres bildet leicht-, letzteres schwcrlösliche Salze; beide werden von Chorkalk gebläut; Acctanilid bildet farblose, in heißem Wasser, Alkohol u. Äther leicht lösliche Krystallc n. gibt ünt Salpetersäure Nitracet- 6,84(862) > anilid 628,0 l 8 j 6,8,(862) l 8 >8 bildet (s. unten l>). 8 I b) In die zweite Gruppe gehören Monochlor-A. (6,^828, Dichlor-A. ((l,A°)828; Trichlor- A. s ebenso Mono-, Di-, Tribrom- A., Nitranilin (s. 0.) rc. Monochlor-A., eine schwache Basis, bildet in Alkohol lösliche Ärystalle u. krystallisirbare Salze u. wird durch Rednction des Nitrochlorbenzols oder durch Destillation von Chlorisatin mit Kali erhalten; Di- n. Trichlor A. sind keine Basen. Nitranilin bildet gelbe, in heißem Wasser, Alkohol u. Äther lösliche Ärystalle. Insbesondere gehören hierher die Homologen des Benzol, Nitrobenzol und a., welche für die Darstellung der A-farben von Wichtigkeit sind. Sind nämlich in dem Phenyl, dem Radical dieser Verbindungen, 1, 2, 3, resp. 4 Wasscrstoffatome durch das Radical des Holzgeistes, Methyl 68,, vertreten, so entsteht eine dreifache Reihe einander entsprechender (homologer) Verbindungen. Es entsprechen in der oben angedeutcten Reihenfolge: dem Benzol dasTirluol, Xylol, Cumol u. Cymol; „ Nitrobenzol „ Nitroioluol,Nitroxylol,Nitrocumol,Nitrocymoü „ Anilin „ Toluidin, Xylidin, Cumidin, Cymidin. Äns der Formel des Phenyl 6,8, ergeben sich die Formeln: 0- (08,) 6 °( 68 ,), /I — sl Ns ^(68,),— -6787 für das Radical des Toluidin, -- 6 , 8 , Xylidin, Cumidin, Cymidin, 8 ^°(68,). es ist demnach: Anilin — (6,8,) 8,8, eutspr. dem Benzol 6,8, Toluidin — (6787) 8,8, „ „ Toluol 678, Xylidin — (6,89)828, „ „ Xylol 6,87g Cumidin—(6,8,7)828, „ „ Cumol 6,8,2 Cymidin—(6ig8l,)828, „ „ Cymol67,8,4. Das Methyl-A. (s. u. 6n) 68° ! 8^678,8 nn- 8 ' terscheidet sich also z. B. von dem isomeren Toluidin 0,84(68,) l 8 , 8—678,8 dadurch, daß das Niethyl, welches bei jenem ein Wasserstoffatom außerhalb des Phenyl vertritt, bei diesem in das Radical Phenyl selbst eingetreten ist. Hofmann hat l872 gezeigt, daß (salzsanres) Mcthyl-A. sich beim Erhitzen auf 335" in (salzsanres) Toluidin verwandelt. Das Toluidin krystallisirt in farblosen Blättern, die bei 40 ,schmelzen, es siedet bei 198^, während A. bei 182° siedet; das Xylidin u. §u- midin sind farblose, bei 214—216", resp. 225" siedende, das Cymidin ist eine gelbe, bei 250" siedende Flüssigkeit; in ihren Eigenschaften stehen sic dem Ä. nahe. Die homologen Kohlenwasserstoffe, besonders aber Toluol, finden sich nun in größerer oder kleinerer Menge im käuflichen Benzol vor, n. deshalb ist das A-öl oder das rohe, ans jenem dargcstelltc anilinhaltigc Product ein Gemenge von A. mit wechselnden Mengen von To- lnidin II. dem isomeren Pseudotoluidin. Da nun weder reines A., noch reines Toluidin einen rothen Farbstoff gibt, wo! aber ein Gemenge von A. mit Toluidin, resp. Pseudotoluidin, so ist klar, daß das Vorkommen dieser Beimengungen für die Fabrikation der A-farben gerade von der größten Wichtigkeit ist. Durch sogenannte fractionirte Destillation kann man nun das käufliche Benzol in einen Theil, der unter 100", n. einen anderen, welcher über 100" siedet, trennen. Ersterer, das Änphobenzol, enthält fast alles Benzol mit wenig Toluol, letzterer, das Barobenzol, nur wenig Benzol, aber viel Toluol. Ans dem Kuphobenzol erhält man daher auch ein leicht siedendes oder Kuphanilin, welches ans viel A. mit wenig To- lnidin besteht; ans den: Barobenzol erhält man dagegen schwer siedendes oder Baranilin, d. i. vorzugsweise Toluidin n. Pseudotoluidin mit geringen Mengen der anderen Homologen. Indem man nun diese beiden A-ölsorten in verschiedenen Verhältnissen mischt, erhält man A-öle, wie sie zur Erzeugung der verschiedenen A-farben geeignet sind. 8. Die A.-farben. 1) Historisches. Aus dem U. oder vielmehr dem aus A., Toluidin u. Pseudotoluidin bestehenden A-öl läßt sich eine große Reihe prachtvoll gefärbter Verbindungen darstellen, welche A-farben genannt werden. Auffallende Farbenreactioneu des A. sind schon früh beobachtet worden. Runge entdeckte 1835, daß A. mit Chlorkalk eine tief, violette, allmählich in schmutziges Roth übergehende Färbung annimmt. Fritsche erhielt ans A. mit Chromsänre einen blau-schwarzen, Beißenhirz mit Schwefelsäure n. chromsaurem Kali einen rein blauen Körper, Lessen Färbung indessen bald verschwindet. Derselbe wurde seit 1856 von Perkins untersucht u. in der Färberei eingeführt; cs ist das sogenannte Mauvein. Eine rothc A-farbe wurde von Hofmann 1843 mittels rauchender Salpetersäure aus A. dargestellt, doch war dieses Roth kein Fuchsin. Das Auftreten von Fuchsin beobachteten zuerst Ratason 1856 beim Erhitzen eines Gemisches von A. mit Äthylenchlorid auf 200" u. Hofmann bei Einwirkung von Chlorkohlenstoff auf A. Mit der Entdeckung Vergnins (1858), daß bei Einwirkung von Zinnchlorid ans A. Fuchsin gebildet wird, beginnt die technische Verwendung des letzteren. Auch andere Substanzen, wie Quecksilberchlorid, Arsensäure rc., erzeugen denselben Farbstoff. Doch entsteht derselbe nur aus solchem A. (A.-öl), welches zugleich Toluidin (Psendotol.) enthält, wie Hofmann gezeigt hat. Andere Farbstoffe stammen ans Neben- prodncten bei der Darstellung des Fuchsin, sowie Anilin. 665 von Umwandluugsproducten aus demselben und aus dem Anilin. 2) Anilinroth (Huchsin, Aza- lem, Solserino, Magenta, Rosel'u) nennt man die verschiedenen, als rothe Farbstoffe in den Handel kommenden Salze einer an sich farblosen Base, des Nosanilin. Das Rosanilin 6208,08g, dessen Zusammensetzung zuerst von Hofmann festgestellt wurde, entsteht bei Einwirkung von Zinnchlorid oder Arsensäurc (Kohlenstoffsuperchlorid, Quecksilberchlorid u. salpctersaurem Quecksilberoxyd, Anti- monsäurc rc.) auf eine Mischung von A. u. To- luidin. Man nimmt an, daß durch diese Re- agentien dem Radical des A. u. demjenigen des Toluidin je ein Wasserstoffatom entzogen werde, u. daß die (zweiwerthigcn) Reste, Phenylen 6g8, n. Tolylen 0,8g, mit Wasserstoff u. Stickstoff zu einem Zfacheu Ammoniak zusammcntreten, in welchem 2 Wasserstoffatome durch Phenylen, 2x2 durch Tolylen vertreten sind: (0,8s)" ( -V- _ 0 ll X (6,8g)" ^ 8g ) Das Rosanilin wird meist mit Arscnsäure darge- stellt. Diese Darstellungsweise desselben ist von Medlock u. dticholson entdeckt worden. Man schmilzt (bei höchstens 160") 6 Theile Arsensäure, 6 Theile Wasser u. 5 Theile A-öl; das Product ist arsensaures und arsenigsanrcs Rosanilin, rohes Füchsin, Fuchsinschmelze. Diese löst man in Salzsäure u. > fügt Kochsalz hinzu, wobei sich salzsaures Rosanilin H abscheidet. Letzteres ist stets arsenhaltig (0,.zg"/g bis 10,g°/g) u. daher höchst giftig. Zur Gewinnung i von 100 IcA Rosanilin sind 400 lcA Arscnsäure ! erforderlich. Neuerdings wird aus A-öl, Nitrobenzol (s. H.. 2.), Salzsäure u. etwas Eisen ein arsenfreies Fuchsin (salzs. Rosanilin) dargestcllt, eine Methode, die sich in der Technik nicht bewährt hat. — Das reine Rosanilin trystallisirt in farblosen Tafeln, die sich in Äther gar nicht, in Wasser schwer, in Alkohol mit dunkelrother Farbe lösen; es färbt sich an der Luft roth und kann sich nnt 1 u. 3 Molecülen Säure verbinden. Die Salze mit 1 Molecül Säure sind im durchfallenden Lichte roth, im auffallenden metallglänzend grün. Salzsaures Rosanilin, Fuchsin, ist in Wasser schwer, in Alkohol leicht löslich. Das leichtlösliche Rosem ist essigsaures, Azalein salpetersanres Ros- anilin. Die Lösungen dieser Salze besitzen eine ungeheure färbende Kraft (mit 1 KZ Fuchsin kann man 200 LZ Wolle färben). Alkalien entfärben dieselben, durch Säure wird die Farbe wiederhergestellt. Ferner werden sie durch Zinn- chlorür in der Kälte entfärbt, in der Wärme weinroth, durch nnterschwefeligsaures Natron violett gefärbt, durch Chlor nach vorübergehender Blän- ung, sowie durch Chlorkalk u. übermangansaures Kali entfärbt. Beim Erhitzen verkohlen sie zum Theil unter Entwickelung von Ammoniak u. A, Die Salze mit 3 Molecülen Säure sind gelb-braun. Eine Mischung von A. und Pseudotoluidin liefert (bei gleicher Behandlung) eine dem Rosanilin isomere Base von ähnlichen Eigenschaften, das Pseudorosanilin. Da nun das käufliche A-öl A., Toluidin u. Pseudotoluidin enthält, so ist das käufliche Fuchsin eine Mischung von Rosanilin- und Psendorosaniliusalz. Auch -kylidin liefert mit A. und Arsensäure einen rothen Farbstoff, Rosaxylidin oder Lylidinroth OggUggXg. Durch Behandeln mit Schwefelammonium geht das Rosani- lin unter Wasserstoffanfnahme in das farblose Leuk- anilin 6.2082,8g über, das sich durch Oxydation leicht wieder in Rosanilin verwandelt. ZsAnilin- pouccan, Geranosin, ein ponccanrvther Farbstoff, entsteht ans A-roth nach Zusatz von Wasser- stoffhypcroxyd und Sieden der Mischung. Ein chlorhaltiger, gelb-rother A-farbstoff, A-rvsa oder Safrauin 62,82,846k ist l868 von Perkins dargcstellt worden. Das Safraniu des Handels ist ein gelb-rothes Pulver oder eine Pate, ans welcher sich der eigentliche Farbstoff durch' Wasser ausziehcn läßt. Derselbe ist auch in Alkohol, nicht aber in Äther löslich. Durch Zusatz von Salzoder Schwefelsäure nehmen die Lösungen der Safra- ninsalzc eine violette Farbe an, die bei vermehrtem Zusatze in Tiefblau, Dunkel- n. endlich Hellgrün übergeht. Man stellt das Safrauin durch succes- sivc Behandlung von (Bar-)A. mit salpeteriger Säure und Arsensänre dar. 4) Ans der rohen Fuchsinschmclze gewinnt man nach Ausziehen der Rosanilinsalze u. (mittels Natronlauge) der arseni- gcu Säure 3 neue Farbstoffe. Wird der getrocknete Rückstand in A. gelöst und mit Säure versetzt, so schlägt sich Biolanilin 6,o8,,,8g — ((kgH^gllgXg nieder, dessen in Alkohol lösliche Salze dunkelblau mit violettem Reflex färben; aus der restircnden Flüssigkeit wird durch Kochsalzlösung Manvanilin 6,g8„8g --- (6o84)2(6„8o)8g8g gefällt, dessen in Wasser lösliche Salze eine prachtvoll purpurne Färbung geben; wird endlich das rückbleibende Filtrat mit Alkali übersättigt und Las Anilin abdcstillirt, so bleibt Chryfotoluidin 62,82,8g — 6,,8g)g8g8g als Rückstand, dessen Salze gelb färben. In diesen Stoffen können die 3 Wasserstofsatome durch Radicale (Äthyl, Methyl, Phenyl, Toluyl) ersetzt werden, wodurch wieder neue, in der Technik verwendbare Farv flösse entstehen. 5) Anilinblau, a) Durch Erhitzen der Rosaniliusalze mit Ä. entstehen unter Entweichen von Ammoniak je nach der Dauer der Einwirkung ein purpurner, ein violetter und endlich ein blauer Farbstoff. Letzterer, das A-blau, wird dargestcllt, indem man gleiche Theile A- roth u. A. 5 bis 6 Stunden lang aus 165» erhitzt u. die entstandene violette Masse so lange mit verdünnter Salzsäure wäscht, bis sie schön blau ist. Dieses A-blan ist iu Alkohol löslich, hat kupferigen Metallglanz u. ist als Triphenyl- rosanilin, d. i. als Rosanilin, anznsehen, dessen 3 Wafferstoffatome durch Phenyl ersetzt sind: (6g84)(6,8o)2(6s8g)g8g. b) Durch Erhitzen dcsÄ-roths mrtToluidin entsteht Las ähnliche Tolnidinblau oder Tritoluylrosauilin. 0) Wasserlösliches A-blau. Wenn man A-blau (salzsanres Triphcnylrosanilin) iu concentrirte Schwefelsäure einträgt u. die Lösung einige Stunden erwärmt, so erhält man je nach der Temperatur verschiedene Sulfosänren des A-blaus, deren Alkalisalze in Wasser löslich sind und als wasserlösliches Blau, Nicholsonblau, Alkaliblau in den Handel kommen. 6) Anilinviolett, a) Als Ncuviolett, Jod- 666 Anilin. violett, Hofmanns-Violett, Dahlia, Primula kommen violette A-farbstofse in den Handel, welche durch Erhitzen von Rosanilin mit Äthyljodür nnd Weingeist, (Äthylalkohol), oder mit Methyljodür u. Holzgeist (Methylalkohol) dargestellt werden; sie lösen sich in Alkohol u. verschiedenen Sänren, ihre Essig- u. salzsanren Salze anch in Wasser. Das Violob äs Inaris wird ans Methylanilin durch Jod nnd chlorsaures Kali, oder salpctersanres Knpferoxyd, oder essigsanres Qnecksilberoxyd .gewonnen. Das illenviolett ist als Triäthyl- oder Thrimethylrosanilin, d. i. als Rosanilin, zu betrachten, dessen 3 Wasserstoffatome durch Äthyl, resp. Methyl vertreten sind; das Violob äs karls als Trimcthyl-Violanilin. h) A-violett wird ferner durch Erhitzen von Rosanilin mit A. erhalten; die Erwärmung muß kürzer dauern, als bei Darstellung von A-blau (s. S)a). Das so erhaltene Product ist Diphenylrosanilin (Violebimpsrial). v) Jndisin, Phenamekn, Violst lignor, I'ourprs firanyais, Anilem, Harmalin, Mauve, Rosalan, Violin, A-pnrpur ist das älteste A-violett und zugleich die älteste A-farbe. Man erhält dasselbe aus A. oder dessen Salzen bei Einwirkung oxydirender Substanzen, wie von Chlorkalk (Runges Blau), von Schwefelsäure u. chromsanrem Kali, Braunstein oder Bleisnperoxyd, von übermangansaurein Kali, rothem Blutlaugensalz rc. Es ist in Alkohol u. Sänren leicht, in Wasser schwerer löslich, wird durch Chlorwasscr u. starke Rcdnctionsmittel entfärbt; die Farbe wird im er- steren Falle Lurch Schwefelsäure, im letzteren durch Chlor wieder hcrgestellt. Die Basis desselben (wenigstens der meisten der genannten Farbstoffe) ist Mauvein ein schwarzer, krystalli- nischer, in Alkohol mit violetter Farbe löslicher Körper, dessen Salze metallglänzend u. in Wasser, leichter in Alkohol mit Purpurfarbe löslich sind, ä) A-blan u. A-violett werden auch ans anderem als dem obenbczeichnetcn Wege aus Rosanilin dargestellt, so mitAldehyd,Holzessig,alkalischer Schellack- iösung (Lltzn, resp. Vinlsv äs Llulliorws), Äthy- lenchlorid u. -bromid (Äthylenblau u. -violett) rc. 7) Anilingrün, u) Sogenanntes Jodgrün wird erhalten, indem man essigsanres Rosanilin mit Jodmethyl n. Methylalkohol unter Druck erhitzt; heißes Wasser löst dann den grünen Farbstoff, ein gleichzeitig entstehender violetter bleibt größ- tcntheils ungelöst, der gelöste Antheil wird durch Kochsalz und Soda ausgcschieden. Die Flüssigkeit enthält dann einen grünen Farbstoff von der Formel ; ber ans ihr mit Pikrinsäure entstehende dunkelgrüne Niederschlag kommt als Jodgrün in den Handel; er ist in Wasser nicht, in Alkohol schwer löslich, d) Pariser Grün entsteht aus Benzylanilin n. anderen A-derivatcn durch Wasserstofsentziehnng. o) A-grün, Aldehydgrün, Verb ä'IIssbs, wird dar gestellt, indem man eine mit Schwefelsäure versetzte Lösung von schwefelsanrcm Rosanilin mit Aldehyd vorsichtig erwärmt nnd die schön grüne Flüssigkeit mit nnterschwefeligsanrem Natron oder Schwefclammoninm kocht, ä) A-grün entsteht n. a. noch durch Einwirkung von chlorsaurem Kali ans salzsanres A.; es kann direct ans der Faser erzeugt werden, indem inan das Gewebe mit Lösung von chlorsanrcm Kali tränkt, trocknet, in die A-lösung bringt nnd endlich längere Zeit in feuchter warmer Luft hängen läßt. 8 ) Anilingelb. u) Wird der beim Auslangen der Fuchsin- schmclze bleibende Rückstand mit Wasserdampf behandelt n. die entstehende Lösung mit Sapeter- sänre versetzt, so entsteht ein schwer löslicher Niederschlag von salpetersanrem Chrysanilin, aus welchem das reine Chrysanilin 6 . 2 oblieg durch Ammoniak ansgeschieden werden kann. Dasselbe ist in Wasser schwer, in Alkohol leicht löslich; seine Salze, welche ans Alkohol in rothen Nadeln krystallisiren, färben Seide u. Wolle prachtvoll gelb, b) Zinalin entsteht beim Einleiten salpeteriger Säure in Fnchsinlösnng; es ist in kaltem Wasser nicht, in heißem wenig, in Alkohol und Äther rc. leicht löslich u. färbt Wolle u. Seide schön gelb. Die Farbe wird durch Ammoniak vorübergehend in Roth verwandelt. 0 ) Mönes Gelb entsteht durch Einleiten von salpeteriger Säure in alkoholische Lösung von A. 9) Anilinbraun entsteht durch Überhitzen von Fuchsiuschmclze, Lurch Erhitzen von A. mit Rosauilinviolett oder -blau, oder mit Pikrinsäure, von salzsaurem A. init Fuchsin rc. 10) Anilinschwarz wird vorzugsweise ans der Faser erzeugt u. beim Kattundrnck verwendet. Man bedruckt z. B. die Faser mit einer Mischung von salzsaurem A., chlorsaurem Kali, Kupferchlorid nnd Salmiak nnd bringt sie dann in einen feuchten warmen Raum, wo durch Einwirkung des Sauerstoffes der Luft allmählich das A-schwarz gebildet wird. Jetzt kommt ein flüssiges A-schwarz von Lncas in den Handel; ein anderes (von Coupier) wird durch Erhitzen von Nitrobenzol, A.-Salzsänre, Eisen- u. Knpfcrspänen u. Lösen des Products in Schwefelsäure erhalten; die gefärbten Gewebe müssen noch durch eine Lösung von nnterschwefelig- sai r in Natron gezogen werden. 11) Anilingrau wird durch Einwirkung von Aldehyd ans A-violett, sowie aus A. mit Salzsäure, saurem chromsanrem Kali, Eisenvitriol nnd Schwefelsäure dargestellt. 12) Die A-farbenindnstrie hat in den letzten Jahren eine enorme Ausdehnung gewonnen. Eine Fabrik in Mannheim erzeugte im Jahre 1870 täglich 600—1000 Pfd. Fuchsin. Au Anilinöl wurden verbraucht: im Jahre 1867 1 H Mill., 1868 2 Will., 1869 3—3Z Mill. Pfd., wovon Deutschland allein 2 Mill. Pfd., die Schweiz, England n. Frankreich den Rest verbrauchten. Für Jodgrün (s. 7a) allein wurden 1869 ca. 90,000 Pfd. Jod consnmirt. 13) Die A-farben sind zwar nicht, wie das A., an sich giftig, enthalten aber sehr häufig giftige Beimengungen, wie insbesondere arscnige Säure, Quecksilbersalzc, Pikrinsäure, A. Trotzdem sind sie zur Fälschung von Sy- rupen verwendet worden, welche als Erdbeer-, Johannisbeersyrnp rc. verkauft wurden nnd Vergiftungen hervorriefen. Zur Unterscheidung dienen folgende Merkmale: Echte Syrnpe werden durch Schwefel-, Salpeter- und Salzsäure lebhafter ge- röthet, falsche gelb-roth gefärbt; kohlcnsanrcs Kali (Pottasche) färbt dagegen die echten rothen Frncht- syrnpe grün, läßt aber die mit A-roth gefälschten unverändert; Bleiessig färbt Fuchsinsyrnp roth, echten grünlich. 1P) Vorkommen von Ä-farben in der Natur, a) Der Seehase, .-Lplz-ma clepilans 1-., 667 Anilinfarben - eine zu den Gasteropoden gehörige, im Meere lebende Molluskenart, sondert zu seiner Verteidigung aus einem unter dem sogenannten Mantel liegenden Organ eine violett-rothe, giftige Substanz ab, welche das Wasser undurchsichtig macht n. aus einer concentrirten Lösung von A-roth n. A-Violett besteht, l>) Das Roth- n. Blanwcrden von Speisen (Wunder des blutenden Brotes) beruht darauf, daß mikroskopische thierische Organismen, Vibrionen, in den Proternstofsen der Nahrungsmittel einen Fäulnißproceß Hervorrufen, dessen Prodncte in einem gewissen Stadium rothe u. blaue A-farben find. 15 ) Literatur. Rei- mann, Technologie der A., Berl. 1866; Oppler, Chemie u. Industrie der Mineralöle, 1866; Ders., Theorie u. praktische Anwendung von A. in der Färberei, Berl. 1866; vr. MaxVogel, Entwickelung der A-Judustrie, 2.Aust., Leipz. 1870;Hofmann,I>r. Laire n. Girard, Bericht über die A-farben der Pariser Ausstellung in den betr. Ansstellnngsbe- richtcn, 1868; Schiitzenberger, die Farbstoffe, Berl. 1868 bis 1870; Beckers, Anilinfärberei, Berl. 1871; Mnspratt, Theoretische n. praktische Chemie, 5. Bd., Braunsch. 1870; Wagner, Jahresbericht über die Leistungen der chemischen Technologie. Anilinfarben, s. n. Anilin. Anilkraut, s. Indiz. Anilleros, die Männer des Ringes, eine politische Partei in Spanien, welche, die Gemäßigten unter den Freimaurern, während des Verfassnngs- kampses zu Anfang der 20er Jahre, seit 1820 namentlich unter Arguelles Führung die konstitutionelle Sache förderten und insonderheit gegen die Exaltados u. Commnneros eine» und gegen die sogenannte Apostolische Partei anderseits zu schützen suchten. Ihr Auftreten gegen die Abgeordneten von Mexico, Peru und Caracas in den Cortes, ihr Drängen nach Fortdauer einer gewissen Abhängigkeit dieser Colonien vom Mutterlands brachte aber dem Lande großen Schaden, indem dadurch der zwischen Spanien n. seinen Colonien bereits bestehende Riß noch erweitert wurde. Anilore, 192 Lm langer Nebenfluß des Madeira (SAmerika). kmina (lat.), eigentlich Lust, Hauch, Athem; daher auch bas scheinbar durch das Athmen bedingte Lebensprincip; das thierische, physische Leben; endlich Seele, Geist. .4,. inuncii, Weltseele, Weltgeist. Lmimam ckobeb, er ist seine Seele schuldig, hat Leib u. Seele verpfändet, lateinisches Sprichwort des Terenz von Denen, die viele Schulden haben, ^iiimürurn ckiss, Allerseelentag. Animaboc, britische Stadt mit Fort auf der Goldküste, Obergninea; 4000 Ew. llninisävsrsw (lat.), 1) Anmerkung; 2) Verweis, Strafe, z. B. L. esnsoris-, die von den Tensoren verhängte Strafe (s. u. Censor); besonders 3) Vollziehung der gesetzlich zuerkannten Strafe. LinmnI (lat.), 1) jedes beseelte Geschöpf, den Menschen mit eingeschlossen; clisputax (streitsüchtiger Mensch; besonders 2) das Thier; daher ^.mmalsnlg, kleine Thierchen; rl. vpsrmsckiva, Samenthierchen, besser: Samenfaden. Animales Blatt (seröses Blatt), das Äußere der ans 2 Häuten bestehenden Blase, welche den - Animismus. Keim des Fötus einschließt, im Gegensätze zu dem inneren, dem Schleim- oder vegetativen Blatt. Animaliien (v. Lat.), thierische Körper, insbesondere Fleischspeisen, im Gegensätze zu den vegetabilischen Nahrungsmitteln. Daher Animalisa- tion (Animalisirnng), 1) die Umwandlung nicht- thierischer Stoffe in thierische; 2) Vcrthierung, Herabsinken znr Thiernatur. Animalisch, was dem Thiere, namentlich im Gegensätze zur Pflanze, eigenthümlich ist oder von ihm stammt; so a-er Organismus, a-es Leben, a-e Nahrungsmittel, a-e Wärme. A-e Functionen oder Verrichtungen, solche, die nur im thierischen Körper vor sich gehen, im Gegensätze zu den vegetativen Functionen, welche auch den Pflanzen znkommen; zu elfteren gehören Empfindung und willkürliche Ortsbewegung, zu letzteren Ernährung und Fortpflanzung. A-cs Nervensystem nennt man das Cercbrospinal- oder Gehirn- und Rückenmarksnervcnsystem, weil ihm die Leitung der a-en Functionen znkommt; im Gegensätze dazu heißt das den vegetativen Functionen vorstehende Gangliennervensystem das vegetative. Animalität oder Animalismus, Thierheit, thierische Natur. Animalische Bäder, s. u. Bad. ünlms rbei (Rhllbarberseele), wässerige Rha- barbertinctur, welche vorzüglich Kindern als gelindes Abführmittel, 5—10 Tropfen in Wasser, verabreicht wird. /lnimÄo (ital., Mns.), beseelt, belebt, aufgeregt, in Bezug auf den Vortrag eines Tonstllckes. Nnrmebaum (Ilzinsinrsa 6onrbnril L-, Lo- knslbaum, Heuschreckenbanm, Hülsenbanm), ans der Familie der Papilionaceen, ein hoher Baum in SAmerika n. Westindien, mit starkem Stamme u. breiter Krone; das hellbraune, dicht, in Wasser zu Boden sinkende Holz eignet sich gut zu Tischlerarbeiten; das um die Samen befindliche Mehl wird von den Brasilianern roh gegessen, bisweilen zu Brot verbacken; die Blätter dienen gegen Würmer. Weit wichtiger aber ist das von diesem Baume stammende Animeharz oder Anime (IkosiiiL animo), welches ans Einschnitten in Stamm n. Zweigen ausflicßt. Es bildet blaßgelbe, durchscheinende, leicht zerreibliche Stücke, mit glasigem Bruche und 1,„g spec. Gew. Es erweicht in der Hand, riecht beim Erwärmen angenehm aromatisch n. schmeckt schwach balsamisch. In Wasser ist es unlöslich, in kochendem Alkohol, in Terpentinöl, Benzol, auch in warmem Ammoniak vollständig löslich. Die Hauptmasse besteht ans zwei Harzen, einem in kaltem u. einem in siedendein Alkohol löslichen, und enthält außerdem ein flüchtiges Öl. Es kommt noch eine braune Lwrte im Handel vor von unbekannter Abstammung, die das spec. Gew. 1,„g besitzt, nicht so leicht erweicht n. in kaltem Weingeist vollkommen löslich ist. Das seltenere ostindischc oder orientalische Anime ist ebenfalls in kaltem Alkohol löslich; seine Abstammung ist nicht bekannt. Das Harz ist nicht officinell und wird hauptsächlich zu Firnissen, Siegellack n. Räucherpnlvern benutzt. Animiren (v. Lat.), beseelen, anfregen, ermuntern; daher animirt, aufgeregt, heiter, munter. Animismus (v. lat. nnlirm, nuimn8, Seele, 668 Animos — Anis. Geist), philosophisches und physiologisches System, welches die denkende Seele als Lebensprincip jeder Thätigkeit im Körper hmstellt. Der A. als philosophische Lehre hat seine Wurzeln im indischen und griechischen Altcrthnm. Der Hauptvertrcter des neueren A. war G. E. Stahl, dessen Anhänger Animisten genannt werden. A. wird auch noch in einem anderen Sinne genommen: Tylor, versteht unter A. die tief eingewurzelte Lehre vom geistigen Wesen, welche die Grundidee des Spiritualismus n. die Grundlage der Religion von den wildesten Völkern bis hinauf zu den höchstgcsitteten Nationen darstellt. G. E. Stahl, Mrsorla msälon vorn, heransgegcüen von L. Chonlant, Lpz. 183l bis 1833, 1 Bd.; Lemoine, I-s vitalisins st I'nniinisms äs 8taiä, Par. 1864; E. B. Tylor, Die Anfänge der Cnltnr, deutsch, Leipz. 1873, Bd. I. u. II.; Ccrise, I/animisins en zidzsiol. st sn pszelwl., Paris 1863; Cerise, Lslan^ss mväieo - psz'olroloAignss , heransg. von Foissac, Paris 1872. Animos (v. Lat.), hitzig, aufbrausend, aufgebracht: datier Animosität, Leidenschaftlichkeit. Animose, so v. w. Schwcfelerde. Animoso, künstliches Düngemittel, besteht aus einem Gemenge von Torfstaub, Kochsalz, Gips, verrieben mit den flüssigen Produkten bei Destillation thierischcr Körper. Ünim7so (ital., Mus.), muthig, beherzt, bezeichnet eine regsame lebhaftere Bewegung und eine feste Acccntnation beim Vortrage eines Tonstllckcs. Utttmüccia (spr. Animutscha), Giovanni, gcb. um 1460 zu Florenz, Kapellmeister an der Pe- terskirchc in Rom; starb daselbst 1571. A. nimntz eine wichtige Stelle in der Musikgeschichte ein, da er zu denjenigen Tonsetzern der Römischen Schule gehört, welche die Entwickelung der Kirchenmusik durch freiere und harmonisch reinere Behandlung des Contrapunktes wesentlich förderten. Folgenreich wurde seine Composition der Imnäi, welche er ans den Wunsch des heiligen Filippo Neri unternahm u. in 2 Büchern (1565 und 1570) veröffentlichte. Sie enthalten, außer Messen u. a., jene mehrstimmigen Gesänge mit eingelegten Soli, welche man als die Anfänge des Oratoriums betrachtet. Von ihm rühren Madrigale, Psalmen n. viele andere Tonstücke her. ünmius (lat.), 1) Seele, Gcmüth; 2) Neigung, Wille, Absicht; in der Jurisprudenz die rechtswidrige Absicht, bei gewissen Verbrechen u. Vergehen als erschwerender Umstand. Anro, 1) (a. Gcogr.) Fluß in Mittclitalien; entsprang auf den Apcnnincn (im alten Hcrniker- gebirge) bei Treba, bildete die Grenze zwischen Latinern und Sabinern, dann bei Tibnr die berühmten Wasserfälle u. mündete bei Antemnä in den Tiberis. An dem A. 211 v. Chr. Hannibals Lager; jetzt Tcvcronc, auch Rnicnc genannt. Die Wasserfälle sind seit 1835 Lurch Bauvorrichtungcn verlegt worden; vgl. Tivoli. 2) novns und vstns, 2 Wasserleitungen in Rom. 3) (Agno) Fluß in der italienischen Prov. Cascrta (Terra di Lavoro); geht in den Busen von Gaeta. Anion (PW.), s. Anode. Aniridie (Jrideremie, v. Gr.), Mangel der Iris oder Regenbogenhaut des Auges; eine Hemmungsbildnng und als solche angeboren und manchmai ererbt, fast ohne Ausnahme nur doppelseitig beobachtet. Entweder ist keine Spur der Iris vorhanden (totale A.), oder nur Rudimente derselben in Form eines schmalen Ringes, oder an einzelnen Stellen vorhandener, mehr oder weniger ausgebildcter Segmente (partielle A.). Angen mit totalem JriSmangcl zeigen leicht das Phänomen des Augenlcnchtens; die Pupille erscheint dann nicht schwarz, sondern in röthlichem Lichte (vgl. Augenspiegel nnd Angcnleuchten). Sehr häufig ist dieser Fehler noch mit anderen complicirt, so mit Trübung der Hornhaut und der Linse, mit Luxation der Linse, mit Nystagmus oder Augenzittern, wobei die Augen beständig hin- und herrollcn. In solchen Fällen ist die Sehschärfe stets berabgcsetzt. Außerdem ist meist Lichtscheu vorhanden, ü. die Kranken sehen besser bei temperirtem Lichte, z. B. in der Dämmerung , als bei Heller Tagcsbelcnchtnng, daher auch dunkle Brillen von Vorthcil sind. Von Wichtigkeit in physiologischer Beziehung ist es, daß das Accomodationsvermögen bei der A. in nicht com- plicirtcn Fällen als normal vorhanden nachgewiesen worden ist, woraus hervorgeht, daß die Verengerung der Pupille bei Accomodation für die Nähe mit dem Mechanismus der Accomodation direct nichts gemein hat. Durch A. v. Gräfe ist das Fortbestehen des Accomodationsvermögens auch in einem Falle von erworbener A. constatirt worden bei einem Patienten, bei welchem sich bei einer Operation die ganze Iris von ihrer Insertion am Strahlcnkörpec abgelöst hatte. Anis, 1) gemeiner A. (Üimpinslla Lnrsni» L.) ist der Samen einer in Ägypten u. Syrien heimischen u. vielfach in Deutschland cnltivirten Dol- dcnpslanze, mit weißen u. roscnrothen Blüthen in zusammengesetzten Dolden ohne Hüllen u. Hüllchen, herzförmig-rundlichen, dreispaltigen Wurzelblättern n. 3- bis 5theiligen Stengelblättern, und länglich eiförmigen, auf einer Seite platten, auf der anderen erhabenen nnd gestreiften, grau-grünlichen, lieblich gewürzhaft riechenden u. etwas scharf, doch süß schmeckenden, ätherisches Öl enthaltenden Samen (A-samen, 8smsn ^.nisi vnWris). Der A. war schon den Alten bekannt; Plinius nennt ihn Lmisnm, Dioskoridcs iLnison. Der Samen wird Ende März oder Anfang April wie Hirse gesäet und reift Ende August. Den A-samen braucht man in der Arzneikunst in Form von Pulvern, Pillen, Latwergen, oder im Aufguß, und gehört derselbe zu den ältesten Medikamenten; auch benützt man ihn in der Scidenfärbcrei, um die schwarze Seide gelind zu machen, zum A- branntwcin nnd A-confect. Über die einzelnen pharmaceutischcn Compositionen u. technischen Bereitungen s. die Zusammensetzungen init A. Der Anbau ist nur in warmen Lagen nnd auf gutem leichtem, nicht nassem, besonders auf kalkhaltigem Boden lohnend; die Reihensaat ist vorzuziehen, im Großen säet man aber gewöhnlich breitwürfig und eggt den Samen unter; das Unkraut muß durch Jäten entsernt werden; die zuerst reifenden Samen werden zeitig ausgeschnitten, weil sie bis zur Hanpternte ausgefallen sein würden. 2) S t e rn- A. (Indischer A., ^.nrsnm steUatnm, Laäia- 1 § 5 669 Amsaldehyd — Anjou. um» sksUatum et moseovitüeum), von Illieium suisatum D., Baum aus der Fani. der Niagno- liaceen, von der Höhe des Kirschbaumcs, in China, Cochinchina, Japan u. auf den Philippinen. Die Brammen halten den Baum für heilig u. flechten den Göttern u. Len Verstorbenen Kranze aus feinen Zweigen. Rinde hell- oder dunkelgrün, trocken, außen aschgrau, mit gewürzhaftem Geschmack, zum Räuchern gebraucht; Frucht meist 8steruförmig aneinandersitzcnde, einsamige, längliche, rostfarbige, außen runzelige, inwendig glatte Samenkapseln, mit eiförmigem, flachem Samen, der in einem glänzenden braunen, zerbrechlichen Umschläge einen weißlichen Kern einschließt. Der Schiffsherr Thom. Candi brachte ihn gegen Ende des 16. Jahrh. zuerst nach London. Der Samen wird ebenso benutzt, wie der gemeine A., gleicht ihm in Geruch und Geschmack, ist jedoch noch lieblicher und wirkt als Arzneimittel kräftiger. „ Samen und Kapsel enthalten viel ätherisches Ol, den wirksamsten u. den eigenthümlichen Geruch verleihenden Bestandtheil. Anisaldelst)d(anisylige Säure Chem. OgUgO^), entsteht durch Oxydation des Auethvls als hellgelbe, aromatisch riechende u. brennend schmeckende Flüssigkeit, die gegen 250" siedet. Durch Behandeln mit alkoholischer Kalilösung entsteht daraus der Anisalkohol 6s3iv0.2, ein in weißen glänzenden Nadeln krystallisirbarer Körper von angenehmem anisartigem Geruch. Durch Oxydation mit Salpetersäure entsteht aus diesem die Anissänre. Anisbranntwcin, Branntwein über Aniskörner oder Sternanis abgezogen; wirkt magenstärkend u. blähungtreibend. Der Mannheimer u. Danziger sind vorzüglich; der stärkere, nur aus Weingeist u. A. bereitet, heißt Anisgeist (Anisspiritus, Anisessenz, Spiritus uuksi); der feinere Ä. heißt Anisliqneur (Auisette), Anisratafia, besonders kommt er von Bordeaux; in Holland brennt man sogar Arrak (Anisarrak) aus A. In SAmerika ist ein mit Anis abgeüampfter Zuckerrohrbranntwein (Anisado) Nationalgctränk. Anischurie (vom Gr.), luoontiueutia, uriuas, Las Unvermögen, den Harn zu halten, welches von Lähmung oder Erschlaffung des Schließmuskels der Blase herrührt. -luishaltiger Salmiakgeist (Spiritus sulis a-mmouiuei rwisutus, lüguor auuuouii auisatus), Auflösung von 1 Th. Anisöl, 24 Th. Alkohol unter Zusatz von 5 Th. Ammoniak. Anisholz, ein aromatisch riechendes u. schmeckendes Holz, am Orinoco; stammt nicht vom Sternanisbaum, sondern wahrscheinlich von einem Baume aus der Familie der Laurineen. änism, lateinischer Name des Flusses Enns. Auiskiirbcl, Myrrhenkörbel, AFrrkms oäorata L'eox., eine im Orient und dem südlichen Europa häufig wachsende, in Gärten nicht selten angebaute Doldenpflanze, deren Kraut wegen seines Gehaltes an ätherischem Öl osficinell ist. AnisoäsctM, Ungleichzeher; sonderbar zusammengewürfelte Famitie der Dickhäuter, ausgezeichnet durch die unpaare Zahl ihrer Zehen; dahin Tapir, Nashorn und Klippdachs. Anisöl (Dracol, Phenylsäure, Methyläther) 6782O bildet sich bei der Destillation von Anissänre mit Baryt, ebenso bei der Zersetzung von Salicylsäure-Methyläther, farblose, sehr bewegliche Flüssigkeit von angenehmem aromatischem Geruch; unlöslich in Wasser, leicht löslich in Weingeist u. Äther; spec. Gewicht 0,ggi bei 15"; siedet bei 152". Rauchende Salpetersäure verwandelt es in Snbstitntionsproducte; Chlor u. Brom bilden ähn liche Producte; Kali löst das A. nicht auf. A-e heißen allgemein Verbindungen, die sich vom Phenol ((^Uz-Oll) durch Ersetzung des Wasserstoffes (8) der Hydroxylgruppe (i)8) durch einatomige Alkoholradicale ableiten. Anisöl (Oleum Mist), officinelles ätherisches Ol, durch Destillation der Samen (2"/u Ausbeute) oder der Spreu (0,6"/o) von kimpinella uuisum erhalten, gelbliche, mehr oder weniger dicke Flüssigkeit von Geruch n. Geschmack des Samens, die das spec. Gewicht 0,^—0,gg besitzt und in absolutem Alkohol, Äther, Ätherischen und fetten Ölen löslich ist. Das Ol erstarrt bei -s- 6 bis 18° 0. Das Stearoptcn, d. h. der krystallisirbare Theil, ist das Anethol; der flüssige Theil ist nicht näher untersucht. Der Gehalt an Anethol schwankt zwischen A und ^ des Gewichtes. Älteres Öl ist dickflüssig und weniger leicht krystallisirbar. Es dient zur Bereitung von Ligneurcn, in der Medicin zur Darstellung des anishaltigen Salmiakgeistes , auch äußerlich gegen Ungeziefer. Im Handel wird russisches n. deutsches A. unterschieden. Anisometropie (v. Gr.), Verschiedenheit im Nefractionszustande beider Äugen, indem z. B. ein Auge emmetropisch, Las andere kurzsichtig oder übersichtig sein kann. ümsosperma §. Mrns., südamerikanische Pflanzengattung aus der Familie der Cucurbitaceen; von A.. kussillmu enthalten die Samen (8ava> cks Sun lAuacüa, Oustuulur cko .lobotu) ein bitteres Öl init einer seisenartigen u. harzigen Substanz u. werden in Brasilien als sehr magcn- stärkend angesehen; in großen Mengen wirken sie abführend. Anissänre (Änisyl- , Draconsäure; Chem.) 6s8^0g entsteht durch Öxydation des Anisalkohol oder -Aldehyd und wird aus dem Anisöl (oder Fcnchelöl) durch Erwärmen mit saurem chromsanrem Kali und Schwefelsäure dargcstellt. Sic bildet farblose glänzende Nadeln, die in kaltem Wasser fast gar nicht, in heißem Wasser und Alkohol löslich sind, bei 175" schmelzen und bei höherer Temperatur sublimircn. Sie ist eine ein basische Säure, bildet mit Alkalien u. Erdalkalien lösliche u. krystallisirbare Salze, mit schweren Metallen schwer oder unlösliche Salze. Anjengo, Sr. mit Hafen in der britisch-vorderindischen Provinz Travancorc; Pfefferhandel. Anjer, niederländische Hafenstadt mit Fort auf der Insel Java, Residentschaft Bantam, an der Sundastraße; etwa 3000 Ew.; Station zur Ausnahme von Vorräthen für die diese Straße pas sirendcn Schiffe. Anjou, ehemalige Provinz in Frankreich, 8938 sHüm(162s^>M) umfassend, woraus das jetzige Departement Maine-et-Loire gebildet und außerdem Theile an die Departements Maycnue, Sarthe und Jndre-et-Loire abgegeben sind; Hauptstadt 67Ü Anjuan war Angers. Die Bewohner von A. waren im Alterthnm die von Cäsar den Römern unterworfenen Andcgaver, die 464 n. Chr. unter fränkische Herrschaft kamen. 850 erhielt Robert der Starke von König Karl dem Kahlen die Mark A. zur Vertheidignng gegen die Bretagner; sein Sohn Endo war Herzog von Francien u. endlich König von Frankreich. Die diesseitige Grafschaft erhielt Jngelger von Karl dem Kahlen und wurde Ahn der Grafen v. A.; er st. 888. Sein Nachfolger Fnlco I., der Rothe (st. 938), vereinigte ganz A. Mit Gottfried II. st. 1060 das alte Grafenge- fchlecht von A. aus. Durch seine Schwester Ermengarde kam die Grafschaft an das Hans Gatinais, aus dem Fnlco V. 1131 König von Jerusalem wurde. Dessen 3. Sohn Gottfried, als Graf v. A. der V. dieses Namens, war der Ahnherr der Plantagcnets, während seine ersten beiden Söhne ihm auf dem Königsthron von Jerusalem folgten. Gottfried V. eroberte den größten Theil der Normandie u. heirathcte 1127 Mathilde, die Tochter des Königs Heinrich I. von England, wodurch sein Sohn Heinrich 1154 den Königsthron von England bestieg, während ihm sein 2. Sohn Gottfried (VI.), gcb. ll34,inA. folgte. Aufdemenglischen Thron blieb Las Hans A. bis 1485. Die Grafschaft A. wurde nach dem Tode Wilhelms, 3. Sohnes Gottfrieds V., nun auch den englische» Besitzungen in Frankreich zugcfügt, bis sie 1203 durch Philipp August mit Waffengewalt wieder für die französische Krone gewonnen wurde, die sie von nun an als Lehn willkürlich vergab. Zuerst erhielt sie Philipp, Sohn von Ludwig VIII., u. als derselbe bald starb, 1246 sein Bruder Karl zugleich mit Maine, der als Karl I. König von Neapel würde; das Land wurde Nebenbcsitz von Neapel. Karl I., der Stifter des älteren Hauses A., das außer Neapel auch Sicilien und Ungarn Könige gab, st. 1285, u. ihm folgte König Karl II. auch in Ä. n. Maine. Sein Enkel Karl Robert (Karobert)wurde 1307zumKönig v.Ungarngewähn n. auch wirklicher König, nachdem schon sein Vater Karl Märtel, Karls II. ältester Sohn, 1290 vom Papste mit der ungarischen Krone belehnt worden war. Mit A. belehnte 1291 Karl II. seinen Eidam, Karl von Balois, 2. Sohn Philipps IV. von Frankreich, Gemahl seiner Tochter Margarethe, u. nun erhob König Philipp A. 1297 zur Paine. Sein Sohn Philipp V., Graf von A., ward als Philipp VI. 1328 König von Frankreich, n. A. kam sonach wieder an die Krone Frankreichs. König Johann der Gute erhob A. 1356 zum Herzogthnm mit einem eigenen Rechte, aber dem Parlament von Paris nmergeordnet, n. gab es nebst Maine seinem 2. Sohne Ludwig, der damit der Stifter des jüngeren Hauses A. und alS Lndwig I. 1382 König von Neapel wurde, wodurch das Hans A. zum zweiten Mal auf den Thron von Neapel kam und das Herzogthnm bei den allerdings nur mit Mühe sich behauptenden Königen von Neapel dieses Hauses blieb, das aber mit Neues II., Titnlarkönigs von Neapel, jüngere!» Bruder Karl v. A. 148 l erlosch, nachdem schon 1480 nach Neues Tode Ludwig XI. das Herzogthnm an sich genommen u. mit der Krone Frankreich vereinigt hatte. Bon dieser Zeit an — Anker. bestand der Herzog von A. nur noch als Titel für französische Prinzen, so für Heinrich III. vor seiner Thronbesteigung, dann für dessen Bruder Franz von Alen^on und endlich den Enkel Ludwigs XIV., der als Philipp V. 1701 den Thron von Spanien bestieg. Anjuan, eine der Comoroinkeln zwischen Afrika und Madagaskar; 30,000 Ew.; fruchtbar, stark bewaldet. Ankäos, Sohn des Poseidon u. der Astypaläa, König in Samos. Jhin wurde, als er einen Weinberg anlegtc, die Weissagung, daß er nicht von den Früchten desselben genießen werde. Da er nun schon den Becher mit dem ersten Wein von diesem Berge an die Lippen setzte n. des Orakels sportend gedachte, kam die Botschaft, daß ein Eber in den Berg gebrochen sei und denselben verwüste. U. eilte hinaus und ward von dem Eber getödtet. Daher das griechische Sprüchwort: Vieles kann geschehen zwischen Bechern. Lippenrand; lateinisch: inisr oo sb otlam (zwischen dem Munde u. dem Bissen). Ankaratra-Bcrg (Ankatara), der höchste, ans auf 3600 in geschätzte Berg ans der Insel Madagaskar, im SW. der Hauptstadt Tauanarivo. Ankcimen (Vorkcimcn), eine Vorbereitung des Samens zum sicheren n. schnellen Anfgehen. Bei Obst- und anderen größeren Samen ist es das Sicherste, dieselben im Herbste in steinerne Gefäße schichtenweise zwischen feuchten Sand zu legen n. im Keller aufznbewahrcn, oder auch, durchZndccken gegen Mäuse geschützt, an nicht feuchter Stelle ^ m tief in die Erde einzugraben; zeitig im Frühjahre müssen dann die gewöhnlichen, schon etwas gekeimten Samen vorsichtig ansgesäet werden. Alle angekeimten Samen müssen bis znm Anfgehen durch Begießen der Saatbcetc vor dem Austrocknen oewahrt werden. Anker, 1) Bernhard, namhafter norwegischer Industrieller u. Schisfsrhedcr, gcb. 1746 in Norwegen; stndirte zu Kopenhagen, betrat nach einer Reise die diplomatische Laufbahn, übernahm dann den Besitz und das Handelsgeschäft des verstorbenen Vaters und zeichnete sich als Förderer des Bergbaues, der Industrie u. der Holzausfuhr, als Gründer einer Geschützgießerei u. als Rheder aus u. hatte als solcher 40 Schiffe auf der Sec, darunter einen Ostindienfahrer; er stiftete bas Waisenhaus in Christiania; starb 1805. 2) Pedcr, Bruder des Vor., geb. 1749; machte nach Vollendung seiner Studien in Kopenhagen Reisen; seit 1789 Generalintendant für den Wegebau in Norwegen, machte er sich verdient um die Anlage neuer VerbinLnngsstraßen, z. B. über das Dovre- fjeld, über das Fillcfjcld rc.; Ende 1814 wurde er norwegischer Staatsministcr, gab 1822 seinen Posten auf und st. 1824 in Bogstad auf seinem Gute bei Christiania. Anker, 1) das meist ganz aus Schmiedeeisen gefertigte Werkzeug, welches, cingegraben in den Grund, das schwimmende Schiff mittels der mit demselben verbundenen A-kette oder des A- taues an einer bestimmten Stelle festhalten soll. Der gewöhnliche A. besteht ans dem starken eisernen A-schafte, mir Lessen unterem, dem stärksten Ende, demA-treuz e, 2leichtuach innen gekrümmte,kurze, 671 Anker. starke Arme fest verbunden sind. Jeder Arm endigt in einer breiten Schaufel, der Hand, deren äußerste, zum leichteren Fasten etwas hervorstchende Spitze Finger genannt wird. An dem anderen, oberen n. vierkantigen Ende des A-schaftes befindet sich rechtwinkelig znr Ebene der Arme der A°stock. Der A-stock, von der ungefähren Länge des A- fchastes, ist entweder von Holz u. besteht alsdann aus 2, den letzteren umfassenden n. durch eiserne Ringe znsaminengehaltencn Theilen, oder er ist von Eisen, in welchem Falle er durch ein Loch des vier verstärkten A-schaftes hindurchgcstcckt ist. Der A-schaft nimmt an seinem Ende oberhalb des A- stockes den A-rin g, einen starken eisernen Ring, auf, in welchem die A-kette oder das A-tan befestigt wird. Nach dem Fallenlassen des A-s veranlaßt der Zug der A-kctte die wagercchtc Lage des verhältnißmäßig langen A - stockes ans dein Grunde, wodurch die Arme in senkrechte Lage kommen n. sich die eine Hand in den Boden so weit eingräbt, daß alsbald der A. hält, wodurch das Schiff vor demselben festznliegen kommt. — Neben dieser ältesten u. immer noch am ineisten gebräuchlichen Construction kommen noch A. anderer Con- strnction znr Berwendnng. Bei dem Porter-A. sind die aus einem Stucke bestehende» Arme um einen durch das A-krcnz hindnrchgehenden starken Bolzen beweglich; die Hände sind ebenfalls von etwas veränderter Form. Dasselbe ist bei dem Rodgers-A. der Fall, der sich hauptsächlich auch noch dadurch von der gewöhnlichen Construction unterscheidet, daß sein Stock auf den Schaft gestreift wird. Die Eigenthümlichkeit des Martins- A-s besteht darin, daß die ebenfalls ans einem Stücke bestehenden Arme sich derartig in dem A- kreuzc drehen können, daß beide Arme sich gleichzeitig in den Grund eingraben n. halten. — Nach der sehr verschiedenen Größe der Schiffsgefäße, für welche ein A. Verwendung finden soll, sind Größe u. Gewicht derselben sehr verschieden: von 1 Ctr. bis etwa 100 Ctr. Ein Linienschiff von 120 Kanonen führt z. B. neun An 4 zu 4500, 1 zu 4000, 2 zu 1350, 1 zu 1250 n. 1 zu 600 icA. Man unterscheidet Bug- und Rüst Ä., Strom-A. und Warp- oder Wurf-A.; Boots-A. u. sogen. A-Draggen 'für Boote. Bug n. Riist-A. unterscheiden sich nur durch die Art der Berwendnng, indem der erstcre immer zuerst gebraucht wird, während letzterer als Rcserve- A. dient. Die verschiedenartige Bezeichnung kommt von dem Aufbewahrungsorte, da der Bng-A. am Bug, der Rüst - A. in der Rüst des Schiffes für gewöhnlich hängt. Der tägliche A. wird noch derjenige Bng-Ä. genannt, welcher von den beiden vorhandenen für gewöhnlich zuerst gebraucht wird. Strom-A. n. Warp-A., von derselben Construction, wie die vorher genannten, unterscheiden sich nur durch die Größe, da der schwerere Strom-A. unter gewissen Umständen zum Verankern des Schisses n. ähnlichem Zwecke, der leichtere Warp-A. zum Warpen (Fortbewegung des Fahrzeuges) dienen soll. Boots-A. sind die kleinsten dieser Art, zum Gebrauch für Boote, n. A-draggen kleine A. ohne Stock, mit inehr als 2, gewöhnlich 4 Armen, mitunter zu gleichem Zwecke angewendet. Für Bng- u. Rüst-Ä. der Schiffe kommen nur A-kettcn zur Verwendung, während für alle übrigen kleineren Sorten A-tanc verschiedener Stärke gebraucht werden. Die A-kcttcn bestehen aus einzelnen schmiedeeisernen Gliedern, welche durch gußeiserne Qner- stntzcn oder Stege verstärkt sind. Die Ketten werden in den Kettenschmieden in einzelnen sogen. Längen von 12H oder 15 Faden gefertigt, welche durch Schäckel mit einander verbunden sind. — In dem Seewesen kommen in Verbindung mit dem Worte A. folgende Ausdrücke hauptsächlich vor: A-n, zu oder vor A. gehen, wenn ein Schiff den A. fallen läßt; Ä. lichten, wenn es den A. anS dem Grunde anfnimmt; das Schiff liegt vor oder zu A., nachdem es geankert hat; es reitet vor A. im Sturme n. hohem Seegang, wenn cs heftig stampft; es reitet den Sturm ab; den A. fischen oder katten, den A. an Bord nehmen, nachdem er gelichtet; sowie einen A. fischen auch einen verloren gegangenen, auf dem Grunde liegenden A. suchen n. lichten bedeutet; A-boie ist ein mit einem Tan (Bojerccp) am Ä. befestigter Schwimmer, welcher ans der Wasseroberfläche die Stelle anzeigt, wo der A. liegt; der A. hält, oder der A. schleppt, wenn der A. entweder im Grunde festhält, oder das Gegentheil stattfindet, d. h. der A. durch oder über den Grund von dem treibenden Schiffe fortgeschlcift wird; den A. oder die Kette schlippcn, wenn man die Kette abschäckclt, weil Las Lichten ans irgend einem Grunde nicht angängig ist; dasselbe geschieht, wenn das A-tan gekappt, d. h. mit einem Beil durchschlagen wird. A-wache ist die Wache ans dem vor A. liegenden Schisse; A-Schmicde, eine Schmiede, in welcher die A. gefertigt werden, gewöhnlich verbunden mit der Ketrcnschmiede; A-David ist ein Krahn, welcher zum Krahncn des Bng-A-s dient u. entweder ein für alle Mal fertig n. am Schiffsring angebracht ist, oder zu dem Zwecke jedesmal besonders zngc- takclt wird; A-stropp ist ein zum Befestigen (fest- pnrren) des A-s dienender Tanring. — In den ältesten Zeiten kannte man den A. der heutigen Construction nicht; noch bei Homer werden die Schiffe mittels großer, an Seilen ins Wasser gelassener Steine fcstgclegt; später wurden die 'A. (griech. anicz-ra, lat. srworn) von Eisen verfertigt, waren aber nur mit einem Arme versehen. Auch die Alten hatten mehrere A. ans einem Schiffe; der größte, welcher für den Fall der Roth aufbcwahrt wurde, hieß der heilige A. 2 ) Der A. gilt als das Sinnbild der Hoffnung n. Standhaftigkeit. 3 ) (Bank.) Eisen-, auch Holzstücke (Ankerbalken, Ankerholz), um bereits verbundenem Mauer- n. Holzwerke größere Sicherheit u. festeren Zusammenhang zu geben. Man hat Zng-A., um der Scitcnanswcichnng von Mauern, Gewölben n. Dächern vorznbcngcn, n. Trag-A., um Decken u. Gewölbe gegen das Einstürzen zu sichern. Eiserne Trag-Ä. bestehen ans einer Schiene mit Schraube (A-schienc), die oben eine A-scheibe, unten eine Schraube mit Schraubenmutter hat. Gabel-A. sind eiserne A. , deren eines Ende die Form einer Gabel hat, beide Theile durch eine Schraube verbunden werden. 4 ) Beim Faschinenban eine Vorrichtung, wobei durch gedrehte Banmäste (A - wcedcn, A- piquct), die an dem einen Ende um die Faschine 672 Anker — Anklage u. Auklageproccß. geschlungen, mit dem anderen im Innern der Brustwehr angepflöckt werde», das Einstürzen derselben verhindert wird. 5) (Phys.) Ein Stück Eisen, welches zur Erhaltung n. Verstärkung der magnetischen .straft an den Magnet gehängt wird; s. u. Magnetismus. 6) (Uhrm.) S. Uhr. Anker, Flüssigkeitsmaß — Ohm, als solche in Großbritannien ä 10> Gallons — 47,7„<; 1 „ Prenßen(früher),, 30 Quart — 34,^i» „ Rußland „ 30 Krnschken — 36,^7 „ „ Sachsen (früher) ,, 36 Kannen — 33,gg^ „ „ in Schweren „ 15 „ — 30,2^x „ Ankerit, Mineral, das aus den kohlensanren Verbindungen der isomorphen Basen Kalk, Magnesia, Manganoxydnl n. Eisenoxydul in unbestimmtem Mischungsverhältnis besteht. Es krystallisirt rhom- boedrisch, kommt aber meist in derben, gelblich-weißen bis braunen Massen vor, je nachdem der Eisen- vxydulgehalt schon inehr oder minder in Eisenoxyd verwandelt ist; sp. G. 3. Es enthält oft 8—16°/„ Eisen u. ist darum werthvoller Zuschlag für den Hohofen. Findet sich namentlich in Steiermark, wo es auch Rohwand, Rohe Wand, Wandstcin oder Roßzahn genannt wird, ebenso in Äärnthen n. ani Rathhausberge bei Salzburg, und ist mit Grundlage der dortigen Eisengewinnung. Ankeruhr, s. Uhr. Ankctkeln (Strumpfw.), zwei besonders gewirkte Theile einer Strninpfwirkerarbeit gut vereinigen. Ankirren (Iagdw.), Haarwild durch Futter anlockcn. Ankitar (Malek A., d. i. König von England), bei arabischen Geschichtschreibern Name des Königs Richard Löwenhecz. Anklagejurl), ein englisches Rechtsinstitut, das seine Entstehung den von den Angelsachsen überlieferten Rngegerichten verdankt, welche von den (noch heute aus dem höchsten Gerichtshöfe Englands hcrvorgehenden) königlichen Nciserichtern benutzt wurden, um zu verhüten, daß ein Verbrechen wegen Mangels einer Anklage unbestraft blieb. Die Rügenzengen wurden früher ans den einzelnen Hundertschaften, seit Mitte des 14. Jahrh. ans der ganzen Grafschaft gewählt, n. ans diesen Rü- gcnzeugen ging die heutige A., auch große Jury genannt, hervor. Dieselbe besteht ans mindestens 12, höchstens 23, ans einer besonderen, vom Sheriff für sie angefertigten Liste ansgcloosten freien Grundbesitzern n. angesehenen Personen der Grafschaft u. hat die Entscheidung über die Zulässigkeit der Anklage, sowie sie gestellt ist, selten nur von Amts wegen über die Erhebung einer Anklage selbst. Sie verhandelt in geheimer Sitzung unter einein selbst gewählten Vorsteher, vernimmt Len Ankläger u. die Zeugen, die einzigen Personen, die vor ihr erscheinen, n. spricht dann ihr brus biil — die 'Anklage ist genehmigt — oder not biU die Anklage ist zu verwerfen. Unmittelbar nach dem not biU wird der Verhaftete freigelassen, während nach dem trns biU der Angeklagte der Urtheilsjury überliefert wird. Jndeß kann nach Verwerfung der Anklage der Ankläger dieselbe so oft erneuern, bis sie angenommen wird. — In Frankreich hatte man das Institut auch eingeführt; es wurde jedoch 1808 durch den 6ocko ck'in- strurtion orinnnsl beseitigt, da Napoleon nicht etwa die Einrichtung verbessern, sondern Las Volks- elemcnt in der Rechtspflege, das sich nicht ganz beseitigen ließ, wenigstens beschränken wollte; die Prüfung der Anklagen ward nun den rechtsgelehrten Richtern übertragen. Anklagckammer, Anklagerath, Anklagesenat, ein System, das auch in Deutschland nun zur Annahme gelangt ist. Anklage u. Anklageproceß. Anklage ist die von einer dazu bestellten Behörde vor Gericht erhobene Klage, daß eine bestimmte Person ein Verbrechen begangen habe, verbunden mit dein Anträge auf Einleitung des Strafverfahrens deshalb n. zugleich unter der Verbindlichkeit, daß der die Klage Erhebende, der Ankläger, dieselbe als Gegenpartei des Angeklagten durchführen und beweisen wolle. Sie unterscheidet sich von der Anzeige (Denunciation) dadurch, daß der Dennnciant das, was er in Beziehung auf ein Verbrechen weiß oder vermnthet, dem öffentlichen Ankläger anzeigt, diesem aber überlassen ist, ob n. welchen Gebrauch er davon machen wolle. Die Anklage war in Rom nur Privatanklage, da der Staat selbst sich nirgend um Verletzung der Rechtsordnung oder Nichtbeachtung bloßer Civilansprüche kümmerte; erst später unter den Kaisern ward erkannt, daß der Staat auch das Verbrechen zu verfolgen habe, n. demgemäß Einrichtung zur Erlangung von Anklägern, sowie zur Ermächtigung des Gerichtes zum selbständigen Auftreten getroffen. Das ältere deutsche Strafverfahren hat gleiche Grundsätze: bas Gericht kann nur in Folge einer Klage cin- schrciten. Erst später kam die A. von Amts wegen auf, unter dem Einflüsse des Kanonischen Rechtes, welches der Kirche ein allgemeines Anfsichtsrecht über alle Gläubigen vindicirt n. damit es ihr zur Pflicht macht, deren verborgenen Vergehen nach- znspüren u. sie zur Buße n. Strafe zu bringen. Die Ankläger können entweder Privatkläger sein, die Verletzten selbst, oder andere um das Verbrechen Wissende, oder öffentliche, d. h. vom Staate allgemein, oder für den einzelnen Fall zur Erhebung der A. angestelltc Ankläger. A-Proceß oder accu- satorisches Verfahren nennt man dasjenige gerichtliche Verfahren in Criminalsachen, welches gegen bestimmte Beschuldigte nur durch die erhobene A. eines Privat- oder öffentlichen Anklägers begründet n. nach seiner rechtlichen Betreibung dieser A. zu Ende geführt wird; der Richter steht hierbei also wie im Civilproceß nach der Vcrhandlnngsmaxime zwischen beiden Parteien ,. prüft u. gewährt ihre gegenseitigen Anträge und Forderungen nach den Gesetzen u. leitet n. entscheidet hiernach den Proceß. Den Gegensatz hiervon bildet der Jnqnisitionspro- ceß oder das ingnisitorische Verfahren, welches gegen bestimmte Beschuldigte dadurch begründet n. in der Art geführt wird, daß das Gericht selbst die Rolle des Anklägers n., nachdem es auch für die Entschnldignngsgründe sorgen soll, zum Theil zugleich die Rolle des Angeklagten übernimmt, und alle ihm zur Überführung, wie zur Ermittelung der Schuld n. zur Schätzung der Unschuld zweckmäßig scheinenden Schritte n. Einrichtungen des Protestes ans eigenem Antriebe beschließt u. vornimmt. Die Carolina, Karls V. Peinliche Gerichtsordnung von 1532, setzte als allgemeine Regel l Anklagestand — Anklam. 673 noch in ganz Deutschland den A-proceß voraus, gestattete aber den Jnquisitionsproceß, dieses aus dem Kanonischen Rechte u. den, geistlichen Gerichten herübergekommene Verfahren, da, wo ihn die Landesgesetzgebung bereits ausgenommen hat. Jn- deß schwand in den folgenden zwei Jahrhunderten unter dem Einflüsse der politischen Verhältnisse n. der materiellen Rechtsentwickelung der A-proceß, obgleich er nie wirklich abgeschafst wurde u. dem Bürger stets das Recht verblieb, auch in Crimi- nalsachen klagend vorzutreten, immer mehr n. mehr in Deutschland, u. trat an seine Stelle das geheime inquisitorische Verfahren selbst durch ausdrückliche Landesgesctze, zumal bei der Überhandnahme des Polizeisystems. Hier u. da erhielt dasselbe eine Verbesserung durch den sog. siscalischen Proceß, wo nach geschlossener Voruntersuchung ein besonders bestellter Fiscal (öffentlicher Beamter) die Anklageartikel entwirft, aber die Besserung war gering, weil eben immer das inquisitorische Verfahren die Grundlage bildete, wenn man auch den accusato- rischen Proceß als seine Grundlage erklärte und demgemäß umzugcstalten suchte, sowie man auf der anderen Seite den civilrechtlichcn Klageproceß nach der Verhandlungsmaxime als die ebenfalls nur modificirte Grundlage des A-processcs behandelte. So konnte der Criminalproceß, so sehr auch das Criminalrecht einer Fortbildung im humanen Geiste seit Beginn dieses Jahrhunderts sich erfreute, bei der in der Natur des inquisitorischen, oder auch selbst siscalischen Processes liegenden Hinneigung zum Geheimhalten u. zur Schriftlichkeit doch nie genügende Garantien, weder für die Gerechtigkeit des Urtheils, noch für die Unschuld und Vertheidigung des Beklagten, bieten; zudem wurden verschiedene, bes. polit. Processe in ihren Einzelheiten bekannt, welche das allgemeine Rechtsbewußtsein aufs Tiefste verletzten. Es konnte daher auch nicht Wunder nehmen, daß das Verlangen nach öffentlichem Verfahren immer mehr zu Tage trat, zumal bereits auf dem ganzen linken Rheinufer, auch dem wieder deutsch gewordenen Theil, seit der französischen Occupation ein A-proceß mit einer Jury nach französischem Muster angenommen u. beibehalten worden war. Diesem Verlangen entsprach zuerst das Großherzogthum Baden mit seinem Strafproceßgesctze v. 1845 u. zum Theil auch Preußen 1847 durch Annahme des Grundsatzes der Öffentlichkeit und Mündlichkeit in das strafrechtliche Verfahren, aber ohne Jury — u. damit noch unvollkommen, so daß im I. 1848 unter die Forderungen des Volkes auch die nach öffentlichem u. mündlichem Verfahren ausgenommen wurde; u. in der That haben die seitdem in Deutschland angenommenen Strafproceß- ordnungen fast überall das Anklageverfahren nach französischem Muster mit Staatsanwaltschaft — öffentlichem Ministerium — sich zu eigen gemacht, ein Verfahren, das von dem eigentlichen A-proceß sich wesentlich unterscheidet. (S. Criminalproceß, Schwurgerichte). — Die A., wie sie vom Staats- anwalte (öffentlicher Ankläger), oder dem etwa berechtigten Privatankläger eingereicht wurde, wird ob ihrer Zulassnngsfähigkeit vom Gerichte (meist einer ans 3 Mitgliedern bestehenden sogen. Raths kammer) geprüft — höchstens im Beisein des PiererL Uuiversal-Convcrsations-Lexikon. k. Aufl. Staatsanwaltes — u. dann darüber Beschluß gefaßt (A-Beschluß). Durch denselben kann die A. abgelehnt werden (Ablassnngsbeschlnß), oder die Nachbringung gewisser Beweise oder Vornahme weiterer Erhebungen beschlossen werden. Der Beschluß, welcher die That nach ihrer rechtlichen Bedeutung zu bezeichnen hat, wird mit der A. in Abschrift dem Angeklagten behändigt, wogegen dem A. nach einigen Gesetzgebungen aus gewissen Gründen ein Beschwerderecht eingeräumt ist, ebenso dem Staatsanwalte. Nach einigen Gesetzgebungen wird der Angeklagte unmittelbar vorgeladen u. auf Einspruch desselben ein besonderer Beschluß über die A. gefaßt. Wo nach dem Gesetze der zu erhebenden A. ein A-beschluß vorauszugehen hat, wird der A-beschluß als die Versetzung in den A-stand bezeichnet. Erfolgt ein Ab- lassnngsbeschluß, so ist der Betroffene, sofern nicht neue Thatsachen oder Beweismittel offenkundig werden, vor einer Wiederaufnahme sicher. Bei mündlicher Erhebung der polizeilichen A. vor dem Schöffengerichte, unter Vorführung oder freiwilliger Gestellung des Anzuklagenden, wird ein A-beschluß nicht gefaßt. Nach dem Entwürfe der D. Straf- proccßordnung hat dem A-beschluß die Einreichung der A-schrift vorauszugehcn. Anklagestand , das Befinden unter Anklage, welches eintritt durch die Verweisung vor das Strafgericht wegen eines qualificirten Verbrechens (im Gegensätze zu einem Vergehen oder einer bloßen Polizciübertretung). Diese Verweisung erfolgt im Anklageproceß durch einen gerichtlichen Beschluß (der Anklagekammer, des Anklagcsenats) über die Fortführung des Verfahrens, auf Grund der aus der Voruntersuchung gewonnenen Anhaltspunkte, um gegen den bisher nur Angeschu digten nun mit dem entscheidenden Beweisoerjahren vorzugehen u. die Anklage durchznfllhren. Bürgerlich u. politisch nachtheilig wirkt der A., wenn der in denselben Versetzte in der Ausübung bürgerlicher Ehrenrechte n. der Führung eines öffentlichen Amtes snspendirt wird. > Anklam, 1) Kreis des prenß. Regbez. Stettin; 660 (11,gi UM); 30,400 Ew.; 26,^ km der Neu-Vorpoinmcrschen Bahn. 2 ) Hauptstadt hier an der Peene und an der genannten Bahn; Kreisamt, Kreis- u. Schwurgericht, zwei evang. Kirchen (die Nikolaikirche mit 100 in hohem Thurme), Gymnasium (seit 1847), Kriegsschule (seit 1871), Strafanstalt, Freimaurerloge, Sternwarte; 10,739 Ew., welche Ackerbau, Schifffahrt, Schiffbau, Bierbrauerei, Fabrikation von Dachpappe u. Seife und ansehnlichen Handel treiben. A., eine wendische Gründung, ursprünglich Tanglen (Tan- klim) genannt u. befestigt, im 12. Jahrh. durch deutsche Ansiedler gcrmanisirt, war lange Zeit ein Streitpunkt zwischen Slaven n. Deutschen. Sie wurde 1121 von Herzog Boleslaw III. von Polen zerstört; später wieder anfgebaut, trat sie im 13. Jahrh. der Hansa bei. 1387 empörten sich die Bürger und ermordeten den Rath, wofür sie von Bognslaw VII. von Pommern hart gezüchtigt wurden. 1570 neu befestigt, 1627, 1630, 1637, 1659 b/agert, wurde A. 1679 den Schweden ansgeliefert. 1713 ward es von den Russen geplündert, dann voti den Brandenburgern, 1715 l. Band. 674 Ankobar - von den Schweden besetzt n. im Frieden von Stock- Holm 1720 an Brandenburg abgetreten. Auch in der Folge, namentlich während des Siebenjährigen Krieges, litt es viel; 1762 wurden die Festungswerke demolirt. Am 30. Octyb. 1806 capitnlirten hier die Generale v. Bila u. Hagen. A. ist eine der reichsten Städte Pommerns, besitzt ansehnliche Waldungen, n. ihr Gebiet erstreckt sich bis zur Grenze des Kreises von lleckermünde. Vgl. R. v. Ortzeit, Statist. Beschreibung desKreiscsA.,A. 1869. Ankobar (Ankober), Hauptstadt der abes- sinischen Landschaft Schoa, in 2500 m Seehöhe, mit Residcnz'chloß u. 15,000 Ew. Ankogl, B:rg der Hohen Tauern (Ostalpen), südl. von Salzburg, 3253 m. Anköhren, das in vielen, vorwiegend von Viehzucht lebenden Gegenden vorgeschriebene Verfahren, wonach diejenigen Hengste und Bullen, welche fremde Stuten u. Kühe gegen Entgelt decken dürfen/ hier u. da selbst die Stuten, durch von der Regierung dazu bestimmte Beamte als zur Zucht geeignet bezeichnet werden. Ankonäen (v. gr. anicün, Ellenbogen, Anat.), .Knorrenmuskel, vier Mnskelbänche, von denen 3 den dreiköpfigen Armmnskel bilden, der 4., ans der Rückseite des Vorderarmes gelegen, der kleine Knorrenmuskel heißt. Sie haben den Namen wegen ihrer Beziehung zum Ellenbogen, den sie strecken. Ankündigung des Rechtsstreites, siehe lütis äermncintn». Ankyle (griech.), Krümmung; Armbug, Knic- bnq, Kniekehle, eine Art von Bechern. Ankyloglossnin (v. gr. anb)'Io8. gekrümmt, AillSva, Zunge), Verwachsung der Zunge; meist angeborener Bildungsfehler, veranlaßt durch ei» zu weit nach vorn befindliches od. zu kurzes Zungenbändchen, durch Neubildungen, welche die Zunge im Grunde der Mundhöhle oder an das Zahnfleisch befestigen; ein Hinderniß des Sprechens, Schluckens u. Saugens. Ersteres wird durch Einschneiden (Lösung der Zunge) des Bändchens auf einem am breiten Ende gespaltenen Spatel beseitigt; letzteres durch Trennung der Häute mit einem eigens dazu gefertigten krummen Messer (Ankylotom, Ankylo- glossotom) oder der Scheere. Das A. tritt auch zuweilen in Folge von Entzündungen ein. Ankl lssis (gr., Verwachsung), krankhafter Zustand der Gelenke, in welchem bei aufgehobener Beweglichkeit die Gelenkflächen oder Gelenkbänder mit einander verwachsen sind (wahre A.); oder wo durch verschiedene Assertionen ohne Verwachsung die Fähigkeit der Bewegung der Glieder aufgehoben, oder doch sehr beschränkt ist (falsche A.). Veranlassungen: Entzündungen nach mechanischen Verletzungen, Gicht, Rhachitis, Scropheln, Lnstscuche, Verbrennungen rc., auch Mangel der Absonderung der Gelenkfeuchtigkeit, oder unterlassene Bewegung. Das höhere Alter ist vorzüglich dazu geneigt. Die wahre A. hat man durch Bildung eines neuen Gelenkes zu heilen, oder durch eine Operation, die das gekrümmte Gelenk in eine für den Gebrauch vortheilhaftere Richtung brachte, wenigstens zu bessern gesucht; gegen die falsche find erweichende u. dann stärkende Einreibungen, Zugmittel, Räucherungen, Mineral-, Mineral- - Anlauf. schlämm-, Donchebäder rc. von Nutzen. Nußbanm, die Pathol. u. Therapie der Ankylosen, Münch. 1862; Bannet, Neuere Erfahrungen aus dem Gebiete der Gelenkkrankhciteii, Lpz. 1864; C. Hüter, Klinik der Geleukkrankhciteu, Leipz. 1870—71; C. Reyher, Über die Veränderungen der Gelenke bei dauernder Ruhe, Leipz. 1873 (D. Zeitschr. f. Chir. III.). Ankyra, s. Angora. Anlage, im Allg. Vorbereitung, Entwurf, erster Anfang zu Etwas; in geistiger Hinsicht die hervorstechende Befähigung zur Erlernung einer Hand- tirung, Kunst oder Wissenschaft, überhaupt zu geistiger Entwickelung (s. n. Fähigkeit); in patholog. Hinsicht so v. w. Disposition zu einer Krankheit: dann Beifügung eines Schriftstückes zu einem Schreiben; endlich eine von einer Gesellschaft oder Gemeinde znsainmenzubriugende Summe, daher Gemeinde-A-, Kirchcu-A., auch Veranlagung. Anlagekapital. Die Capitalicn lheilt man je nach der Art ihrer Verwendung in stehende und umlaufende, Anlagekapital und Betriebskapital. Das A. ist dasjenige, welches zur Production benutzt wird, aber indem es der Produ- cent behält, d. h. also dasjenige Capital, welches aufgewendet wird, um ein productives Unternehmen herzustellen u. auch zugleich zur Production zu befähigen. Die Höhe des A-s richtet sich nach dem Unternehmen selbst: es kann bei dem einen Gewerbe ein sehr geringes sein, bei dem anderen gewerblichen Unternehmen ist es für den Einzelnen unerschwinglich (Eisenbahnen, große Fabriken rc.). Zu demselben werden gezählt die Capitalien zur Anschaffung von Grundbesitz, Gebäuden, Maschinen, Werkzeugen rc., im Gegensätze zum Betriebs-, umlaufenden Capital, das hier in Gestalt der Rohstoffe, Arbeitslöhne, bei der Land- wirthschaft in Gestalt von Futter, Saatgut, Dünger rc. verbraucht wird u. immer wieder ersetzt werden muß. Allerdings werden Gebäude, Maschinen u. Werkzeuge auch unbrauchbar u. müssen wieder ersetzt werden, aber dieser Verbrauch ist nur ein allmählicher; der durchschnittliche Betrag desselben muß daher nach kaufmännischen Grundsätzen jährlich abgeschrieben werden, wie auch der Zins des A-s stets berechnet u. den Productions- kosten zugeschlagen werden muß. Der Ersatz des A-s aber muß aus dem Ertrage der Production gewonnen werden. Neben dem A. ist zur Production das Betriebskapital erforderlich, da dieses erst jenes productiv macht; indeß ist die Grenze zwischen beiden in einzelnen Fällen schwierig zu bestimmen. Anlassen, 1) so v. w. in Gang setzen, z. B. eine Dampfmaschine, ein Wasserrad, ein Gebläse rc.; 2) (Hüttenw.) so v. w. anblasen; l!) so v. w. anlausen; 4) Flüssigkeit, bcs. Wasser, in einen leeren Behälter fließen lassen, wie Wasser in einen Teich (den Teich anlassen), oder Salzsoole in die leere Salzpfanne; 5) das stufenweise Erhitzen von Metallen, um sie zur Bearbeitung weicher zu machen. Anlauf (Hüttenw.), erstes gares Product des j Stabeisenfrischproccsses, gewonnen in Form eines i schweißwarmen Überzuges von ganz weichem seh- ckiigem Eisen auf einer in das Frischfcuer einge- steckten kalten Eisenstange, die dann als Handhabe 675 Anlaufen - benutzt wird, um den durch mehrfaches Anlaufnehmen gebildeten Kolben fertig abznschmieden. (S. auch Anlauffrischen, Eisen.) Anlaufen, 1) (Jagdw.) dem Jäger zu Schüsse kommen, bes. bei Treibjagden. 2) Ein Schwein ^ a. lassen, wenn der Jäger sich dem ans ihn zu- ^ kommenden Wildschwein entgegenstellt, um es abzufangen (s. u. Schwein). Z) (Seew.) Einen Hasen oder eine Rhede a., so v. w. mit dem Schiffe den Hafen besuchen. 4) Von Metallen, die auf ihrer Oberfläche durch Luft, namentlich durch Erhitzen an der Luft sich mit einer je nach der Temperatur verschieden gefärbten, dünnen Oxydschicht bedecken. So läuft Kupfer durch Hitze violett oder taubenhälfig an, Messing röthlich; besonders heißt beim Stahl Anlaufenlassen Las Hervorbringen von einer purpurnen, blauen oder gelben Farbe, die man dem durch Glühen u. darauf folgendes rasches Ablöschen glashart gemachten Stahl gibt, um denselben bis zu einem durch die Anlanffarbe genau bestimmten Grade weicher zu machen. Der bearbeitete, gehärtete n.polirte Gegenstand wird dazu auf glühende Kohlen gelegt, ein kleinerer auf ein dünnes Eisenblech (Aulaßblech), feine Gegenstände auch auf erstarrende Metalllegirungen von bestimmtem Schmelzpunkt. Durch steigende Hitze gibt man ihm nun die verlangte Farbe (Anlanffarbe). Der Gegenstand behält dann bei ^ schnellem Abkühlen auf einem kalten Amboß oder ! in trockenein Sande den entsprechenden Härte- N grad; je mehr der (anfangs glasharte) Stahl erhitzt ward, desto weicher wird er. Man kann folgende Anlauffarben unterscheiden, die bei den bemerkten Hitzegraden erzeugt werden: 220° 0. blaßgelb (chirurg. Instrumente); 230" 0. strohgelb (Rasirmesser, Grabstichel); 255" 6. braun (Scheeren); 265° 6. purpurfleckig (Äxte, Taschenmesser); 277° (l. purpurn (Tischmesser); 288° 0. hellblau (Uhrfedern); 293° 6. dunkelblau (Bohrer, Dolche); 316" 6. schwarzblau (Sägen). Anlauffrischen (Anlaufschmieden), eine Art der Verwandlung des Roheisens in Stabeisen im Frischfeuer, wobei man die kleinen Mengen des allmählich gebildeten Schmiedeisens an einer in das Frischfeuer gehaltenen Eisenstange einsammelt, anlausen läßt u. nach n. nach ausschmiedet. Anlaut (von Jak. Grimm eingeführte grammatische Benennung), der Vocal oder Consonant, ^ mit welchem ein Wort beginnt, Ball z. B. har ein b, alt ein a im Anlaute. Im Neuhochd. können Wörter mit schl, schm anlautcn (Schlaf Schmach), nicht im Lat. u. Griechischen; dagegen kennt Las Griechische anlantendes mir, po, xb (Mnemonik, Psalm, Ptolemäos), was in echt deutschen Wör- ^ tern nicht vorkommt. Anlehen, s. Anleihe. Anlchnen, die Flanken einer Gefechtsstellnng an beträchtliche Bewegnngshindernisse anstützen, > die wo möglich übersichtlich sein müssen (Gewässer, Sümpfe rc.), um die Bewegungen des Feindes beobachten zu können; ein Wald ist daher die schlechteste Anlehnung. Anleihe, im Allg. die Entnehmung einer bestimmten Summe von Vertzranchswerthen gegen — Anleihe. die Versicherung der späteren Rückgabe gleichartiger Werrhe; im gewöhnlichen Sinne dann Erborg- ung einer Summe Geldes gegen gewisse Zinsenentrichtung zu beslimmtenTerminenbis zur Zurückzahlung der Summe selbst Lurch Schuldverschreibung oder Contract (Darlehensvertrag). Von besonderem Interesse sind die A. öffentlicher Cor- porationen zu Corporationszwecken , welche mit den gewöhnlichen Mitteln nicht gedeckt werden können und zu Gunsten auch späterer Geschlechter verwendet werden sollen. Darunter treten dann wieder die Staats-A-u besonders hervor. Hier ist der Staat der Schuldner u. setzt sein Vermögen (Staatsgüter, seine industriellen Anlagen, sein Einkommen rc.) zum Pfände. Die Aufnahme der Staats-A-n geschieht mittels Staatsschuldscheinen, Bonds, Obligationen; der Betrag aber wird durch Subscriptiou, gewöhnlich zu einem Cours umer Pari, aufgebracht, die Einzahlung ratenweise bewirkt u. das Capital durch Verloosnng nach einem bestimimen Plan, mitunter auch durch Ankauf solcher Schuldscheine auf der Börse rc. getilgt. Dabei werden gedruckte Antheilscheine, mit der Angabe des Stückwerthes u. begleitet von einein Talon mit einer Serie von Zinsconpons, dem Subscribenten eingehändigt, der, wenn er die Stücke nicht verkaufen will, nur die Coupons und etwa zur Verloosnng gekommenen Stücke an den Verfalltagen u. den betreffenden Orten einznlösen hat. Der Cours der A-stücke richtet sich einestheils nach der Höhe des garantirten Zinsfußes, an- derntheils nach der Sicherheit, welche der leihende Theil bietet. Bis zur neueren Zeit kamen auch Zwangs-A-n vor (z. B. noch 1866 in Baden). Prämien-A-n gibt es mit u. ohne Verzinsung. Im letzteren Falle wird der ganze Betrag, Len der Schuldner als Zins entrichtet, zu Prämien verwendet (z. B. ältere badische, hessische, türhess., nassauische Anlehensloose), während im erstercnFalle (z. B. bei den versch. österreichischen Papieren dieser Gattung, der 1866er bayer. und badischen) ein Theil als gewöhnlicher Zins entrichtet, während ein anderer Theil zur Bezahlung von Prämien dient. Die Tilgung dieser Art geschieht auf dem Wege einer Lotterie, wobei jeder Subscribent früher oder später mindestens seinen Einsatz wieder gewinnt, wenn ihm nicht das Glück noch eine höhere oder niedrigere Prämie znführt. Das Reichsgesetz vom 8. Juni 1871 gestattet die Ausgabe von Jnhaberpapieren mit Prämien innerhalb des Deutschen Reiches nur auf Grund eines Reichsgesetzes und nur zum Zwecke der A. eines Bundesstaates oder des Reiches. Wegen sogenannter Annuitäten s. d. Art. Ferner sind zu n.nnen Leibrenten u. Tontinen; am gewöhnlichgen ist in dieser Hinsicht die immerwährende (perpemirliche Rente), wo, wie in Frankreich, England, Rußland u. Preußen, ohne die Verpflichtung des Staates zur Tilgung der Schuld in vorgängig bestimmt festgesetzten Terminen der Gläubiger jährlich nur eine gewisse Summe als Zinsen vom Staate erhält. Daß die A-n häufig unter dem Nominal- werthe abgeschlossen werden, liegt in der Natur der Sache; oft müssen sie aöcr unter dem Drucke ungünstiger Verhältnisse zu so niedrigen Preisen abgeschlossen werden, daß der Staat dadurch einen 43 * Anmeldung — Anmuth. sehr empfindlichen Schaden erleidet. Unerhört in den Annalen des A-wesens waren die beiden französischen S"/o A-n von 1871 u. 1872: die erste, von 2 Milliarden Fcs., zum Cours von 82Z emittirt, mit Z, 2 «"/>> Jouissance, somit netto zu 7V,.//o, wurde um mehr als das Doppelte überzeichnet, so daß die Subscribenten nur 45°/o ihrer Zeichnungen erhielten, während auf die zweite von 3H Milliarden Fcs. zum Cours von 84^, netto 80,g^, nicht weniger als 43,816 Millionen gezeichnet wurden, wovon auf das Ausland allein 37 Milliarden kamen, so daß die Subscribenten nur 7,gg°/„ ihrer Zeichnungen erhielten. Selbstverständlich war bei dieser Zeichnung von den meisten auf eine starke Übcrzeichnung gerechnet worden; denn eine Geldsumme von 43 Milliarden zu realisiren, dürfte allerdings eine baare Unmöglichkeit sein. (Vgl. d. Art. Staatspapiere, Staatsschulden). Anliegend einer Seite heißt ein Winkel, dessen einer Schenkel jene Seite ist; zwei Winkel heißen a., wenn sie den Scheitel und einen Schenkel gemeinsam haben. Anluvcn, s. Abhaltcn. Anmaßcn,sich, sich ohneerwiesenenRcchtsgrund Etwas zueignen, oder Etwas zur Beeinträchtigung Anderer unternehmen. Anmaßend ist Jemand, der für seine Meinung Geltung verlangt, ohne sich ans etwas Anderes als seine Persönlichkeit oder Autorität zu stützen. Anmaßung, im Rechtswesen, im Allgemeinen der Mißbrauch mit fremden Rechten, speciell die Ausübung öffentlicher Befugnisse und gewisser Hoheitsrechte seitens Unbefugter. Ihrem Wesen nach wird die A. von den verschiedenen Gesetzgebungen als Hochverrath od. Aufruhr, Fälschung u. Betrug, Amtsmißbranch, amtliche Erpressung rc. aufgefaßt u. mit Strafe bedroht. Anmeldestellen, im Deutschen Zollverein Zollstellen, bei welchen die für den Übergang aus gewissen Gebieten in andere zu zahlende Gebühr für Frachtfuhren zu entrichten ist. Anmeldung, s. d. Art. Polizeiwesen, Ge- wcrbewesen. Anmusterung des Seemannes ist der Act, durch welchen derselbe, nachdem der Heuervertrag zwischen ihm und dem Schiffer (Capitän) abgeschlossen ist, in die diesen Vertrag enthaltende Musterrolle des Schiffes ausgenommen wird und diese in Gegenwart des ganzen Schiffsvolkes in äuplo unterzeichnen muß. Mit diesem Act beginnt der Antritt des Schiffsdienstes, wenn nicht zuvor Anderes bedungen, und ist von da ab die Heuer zu zahlen. Wird ein Schiffsmann aber erst nach diesem Act geheuert (gemiethet), so gelten für ihn in Ermangelung anderer Vertragsbestimmungen die nach Inhalt der Musterrolle mit der übrigen Schiffsmannschaft getroffenen Abreden, insbesondere kann er nur dieselbe Heuer fordern, welche nach der Musterrolle den übrigen Schiffsleuten seines Ranges gebührt. Die Vorschriften über die Musterung der 'deutschen Seeleute finden sich in der Seemannsordnung vom 27. Decbr. 1872 (R.-G.-Bl. S. 410). Anmuth ist eine besondere Art der Schönheit u. bildet als solche einen Gegensatz zur Erhabenheit. Synonyme Begriffe sind: Grazie, Lieblichkeit, Zierlichkeit, Niedlichkeit. Schiller stellt An- mnlh der Würde gegenüber; Würde ist jedoch nur eine besondere Art der Erhabenheit, sofern sie speciell dem Menschen angehört, n. zwar der ethischen Seite desselben, als Ausdruck von Charaktergröße. Anmuth, wie Erhabenheit greifen aber über, die menschliche Sphäre hinaus bis in das Natur- leben, u. auch ein Gewittersturm, das Meer in der Ruhe rc. sind erhaben; die Bewegungen eines- Windspiels, eines feurigen Pferdes, das von leisem Winde in Wellen bewegte Getreidefeld rc. gewähren einen aumuthigcn Eindruck. Schiller unterscheidet in der Schönheit der Gestalt zwei Elemente: die architektonische Schönheit des Baues und die- Schönheit der Bewegung. Diese letztere nennt er,, sofern sie den Charakter der Unwillkürlichkeit trägt» A. Hiernach müßte der Erhabenheit Las Moment der Ruhe znkommen: beides ist nicht richtig. Zwar kann man Anmuth wol als Schönheit der Bewegung fassen; doch ist dabei svwol der Begriff der Bewegung, wie der der Schönheit genau zu. bestimmen. Was die Bewegung berrifft, so ist darunter nicht blos die wirkliche Bewegung, z. B.. in der Anmuth des Tanzes, zu verstehen, sondern auch — bei vollkommener äußerlicher Ruhe — der Fluß der Linien, welche die Gestalt begrenzen u. die einzelnen schönen Formen in harmonischen Zusammenhang bringen. So kann eine schlafende weibliche Gestalt — man erinnere sich des Marmorbildes der Königin Luise im Mausoleum zu Charlottenburg — einen anmuthigen Eindruck Hervorbringen. Was das Moment der Schönheit in der Anmuth betrifft, so haftet ihr, im Gegensätze zur Erhabenheit, der Charakter des Kleinen, Sanften, harmonisch Maßvollen an, weshalb sich diese Art der Schönheit in der menschlichen Sphäre hauptsächlich beim weiblichen Ge- schlechte findet, oder, wenn beim männlichen, nur im Knaben- u. Jünglingsalter, in welchem das Charakteristische des Geschlechtes noch nicht scharf ausgeprägt ist. Weibliche Anmuth, sofern sie als natürlicher Ausdruck harmonischer Empfindung in schöner Form sich darstellt, ist Grazie, in Beziehung auf den in der Seele des Beschauers hervorgerufenen Eindruck: Lieblichkeit. Zur Zierlichkeit wird die Anmuth — auch bei Sachen — wenn sich speciell damit der Begriff des Kleinen, Niedlichen verbindet, daher die Anmuth bei Kindern, namentlich kleinen Mädchen, den Charakter des Zierlichen trägt. Verbindet sich damit das Moment des Bewußten, Absichtlichen, so schlägt die Anmuth in Ziererei, weiterhin, in Verbindung, mit dem Zwecke des Gefallens aus Eitelkeit, in Koketterie um, wodurch der Eindruck der A., deren höchster Reiz gerade in der sich ihrer selbst unbewußten Harmonie liegt, zerstört und in sein Gegentheil verkehrt wird. Entsprechend dem spe- cifischen Charakter der in der A. liegenden Schönheit nimmt die A. in den einzelnen Künsten eine sehr verschiedene Stellung ein. Am beschränktesten ist die Anwendung anmuthiger Formen in denjenigen Künsten u. Kunstgattungen, die ihrer Natur nach ans Größe des Stils u. monumentale Ruhe tendiren, wie in der Architektur u. in der monumentalen Plastik. In ihnen tritt mehr Las Moment der Erhabenheit in Wirkung. In der Ma» 677 Anna. Aerei sind es mehr die kleinen Gattungen, wie das kleine (naive) Genre, die idyllische Landschaft, die Blumenmalerei, worin dieA. ihren vollenAusdruck findet, während sie in der Historienmalerei, dem historischen u. ernsten Genre, nur als Beiwerk, in Nebenfiguren, zur Geltung kommen darf. In der Musik u. den anderen Künsten der Bewegung (Poesie und Tanz), welche an sich, des zeitlichen Wechsels der dargestellten Empfindung halber, ein weiteres Feld umfassen, als die Künste der Ruhe, kommt sowol die Schönheit der A., wie der Erhabenheit gleichmäßiger zu ihrem Recht. In der Symphonie z. B. repräsentiren die verschiedenen Sätze: Adagio u. Scherzo, Allegro u. Rondo, beide Seilen der Schönheit. Aber auch ganze Musikstücke können, sei es einen vorwaltend erhabenen, sei es anmuthigen, Charakter tragen, z. B. das Oratorium u. die komische Oper. Auch der Tanz ist sowol eines erhabenen, wie eines anmuthigen Charakters fähig. Die Poesie, als die umfassendste aller Künste, ist auch des mannigfaltigsten Ausdruckes aller besonderen Arten von Schönheit fähig. Im Drama z. B. wird der Gegensatz der Erhabenheit u. der A. durch die Tragödie u. die Komödie repräsentirt. Immer aber — wo sich der Gegensatz von Erhabenheit u. A. geltend macht — wird die elftere das Gepräge des Ernsten, Großen, Strengen, Stilvollen, Monumentalen zeigen, das unter Umständen bis zum Furchtbaren u. Grausigen gesteigert werden kann, während die A. stets den Charakter des Heiteren, Kleinen, Zarten, Gefälligen tragen muß. Anna, I. Mythische Person. 1) A., Tochter des Königs Belns von Tyrns, Schwester der Dido, welcher sie auf deren Flucht nach Afrika folgte und zu deren Selbstmord sie den Scheiterhaufen baute. Nach manchen Erlebnissen floh sie dann nach Italien, wo Äneas sie seiner neuen Gemahlin Laviuia zuflihrte. Da ihr diese aus Eifersucht nach dem Leben trachtete, stürzte sie sich in Len Fluß Numicius in Lalinm u. ward unter dem Namen A. Perenna als Nymphe dieses Flusses verehrt. An ihrem Todestage (15. März) wurden in Nom, am User des Tiber, Volksfeste mit Gesang, Tanz u. Gelagen gefeiert, die, weil man die Götter um so viel Lebensjahre bat, als man Becher Weines leeren konnte, gewöhnlich stark ausarteten. Doch ist die Jdentificirnng der carthagischen und launischen A. schwerlich eine sehr frühe. H. Biblische u. heilige Personen. 2) A., so v. w. Hanna. 3) Sla. A., soll die Tochrer des Priesters Matthäus zu Bethlehem, Schwester der Mutter Johannes des Täufers, Gattin des heiligen Joachim, dem sie nach 20jähriger Unfruchtbarkeit Maria, die Mutter Jesu, gebar, gewesen sein. Sie wird zuerst von Epiphanios im 4. Jahrh. genannt; im 8. Jahrh. wurde sie schon hoch verehrt u. ihr Leichnam der Sage nach im Jahre 710 von Jerusalem nach Constantinopel gebracht. Sie ist Schntzpatronin der Tischler, der Stallknechte, der Stadt Braunschweig; Tag: der 28. Juli, in der Griechischen Kirche der 9. Dec. Ihre Legende ist von den Malern seit Giotto oft dargestellt; ihr Tag besonders in Sachsen seil 1494 «in Fest. III. Fürstinnen. X) Kaiserinnen, a) Von Griechenland: 4) A. v. Savoyen, Tochter des Grafen Amadeus V., vermählt 1327 in 2. Ehe an den nachmaligen byzantinischen Kaiser Ai'-dro- nikos III.; sie wurde nach dessen Tode unter fortwährenden heftigen Kämpfen mit dem von ihrem Gemahl zum Reichsverweser ernannten Kantaknzen 1341 zeitweilig Regentin für ihren unmüud'-gen Sohn Johannes^? Paläologos u. st. nach 1351; s. Byzantinisches Reich, b) Von Deutschland: 5) A. (Gertrude), Tochter Burkhards, Grafen v. Hohenberg u. Haigerloch, seit 1245 erste Gemahlin des nachmaligen KWW Rudolf v. Habsburg, dem sie 11 Kinder gebar, darunter dennachmaligen K«M Albrecht I.; st. 1281. o) Von Rußland: 6) A. Jwanowna, 2. Tochter Iwans III. (V.), des älterenHalbbrudersPeters d.Gr., geb.25.Jan. 1693, Wittwe des Herzogs Friedrich Wilhelm v. Kurland; wurde, nachdem ihre Vermählung mit dem Grafen Moritz v. Sachsen durch Mcnschitöff verhindert worden, 1730 nach Peters II. Lode im Einverständniß mit der Adelspartei durch den Grafen Ostermann auf den russischen Thron erhoben, regierte aber, trotz der von ihr schriftlich gegebenen Zusicherung, Nichts ohne Zustimmung des aus dem vornehmsten russischen Adel zusammengesetzten Reichsrathes zu thnn, keineswegs im Sinne ihrer bisherigen Gönner, sondern auto- kratisch, durch ihren Günstling Biron, sowie Müunich und Ostermann; ließ die Anführer der Adclspartei hinrichten und verbannte mehrere tausend nach Sibirien. Durch ihren Einfluß wurde August III. König von Polen u. Biron Herzog von Kurland. Sie st. 28. Octbr. 1740, und Iwan Vl., der Sohn ihrer Schwestcrtochter A., folgte ihr als Kind dem Namen nach, doch nur auf kurze Zeit (s. Iwan), unter Birons Regentschaft; vgl. Schetschebalsly, sVstupIenis mrpre8tv1 Imp. Xnna, Mosk. 1859. 7) A. Karlowna, Tochter des Herzogs Karl Leopold von Mecklenburg u. Katharinas, der Schwester der A. Ir nowna, geb. 1718 ; wurde 1739 mit Anton Ulrich. Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, vermähl, übernahm für ihren von der Kaiserin A. zum russischen Thronfolger bestimmten, noch nicht einjährigen Sohn Iwan VI. als Großfürstin von Rußland nach deren Tode 1740 die Regentschaft, indem sie Biron stürzte n. ihn nach Sibirien ins Exil schickte. Sie lebte zum Verdruß der Höflinge sehr zurückgezogen, nahm sich der Regierung nicht an n. wurde daher bereits 6. Dec. 1741 in Folge einer Palastverschwörung durch Elisabeth, Tochter Peters d. Gr., gestürzt u. mit ihrem Gemahl nach Cholmogory an der Dwina im Gouv. Archangelsk verbannt u. st. daselbst 18. März 1746. II) Königinnen. a) Von England: 8) A. v. Nevil, Tochter des sogenannten Königsmachers im englischen Kriege der Rothen u. Weißen Rose, Grafen v. Marwick; war erst mit dem Prinzen v. Wales, Sohn des Königs Heinrich VI., dann mit König Richard III. vermählt; sie st. 1485, wahrscheinliw an Gift. 9) A. Boleyn, geb. 1507, Tochter von Sir Thomas Boleyn, dem tapferen, aber äußerst leidenschaftlichen nachmaligen Grafen v. Wiltshire. Sie kam in ihrem 7. Jahre an den Hof von Frankreich mit der an Ludwig XII. vermählten Prinzess.., Marie von England, lebte anfangs am französischen Hofe, seit 1525 am englischen, wo sie als Ehrenfränlein der Königin die Liebe des Königs Heinrich VIII. durch ihre Schönheit und ihre Talente als Dichterin, Sängerin u. Tänzerin so gewann, Laß er sich 14. Nov. 1532 heimlich mit ihr vermählte, sic zur Marquise v. Pembroke erhob u., nachdem er die Trennung von seiner Gemahlin Katharina bewerkstelligt, sie am 1. Juni 1533 unter großem Pomp als Königin krönen ließ. Am 7. Sept. 1533 wurde sie Mutter der nachmaligen Königin Elisabeth. Durch die Begünstigung der Reformation zog sie sich jedoch die Feindschaft vieler Großen, besonders ihres Oheims, des Herzogs v. Norfolk, zu. Da Heinrich VIII. inzwischen seine Liebe der Jane Seymour zuge- wandt, gab er leicht verleumderischen Einflüsterungen Gehör u. ließ A. auf den Verdacht des Ehebruches u. nach durchaus-ungerechtem Proceßver- sahren in den Tower gefangen setzen, wo sie am 1i>. Mai 1536 enthauptet wurde, nachdem ihr Bruder und vier angebliche Mitschuldige ihr in diesem Schicksal voransgegaugen waren. Vgl. Wpat, Xxtraets Irom IIis Inks ol Husen X. Ü., Lond. 1818; Miß Beuger, Llsmoirs ol X. L., ebd. 1822, 2 Bde.; Dixon, klistorx ol trvo Husens, llnns, Lolspn sie., ebd. 1873. 10 ) A. v. Kleve, Tochter des Herzogs Johann VIII. v. Kleve; wurde am 6. Jan. 1540 die 4. Gemahlin Heinrichs VIII., der sich aber schon nach Jahre von ihr scheiden ließ, da er an ihr nicht das fand, was er aus ihrem von Holbeiu gemalten Porträt sich versprochen; sie st. 1557. 11 ) A. Stuart, Tochter Jakobs II. von England und der Anna Hyde, geb. 6. Febr. 1664 zu Twicken- ham; wurde protestantisch erzogen und vermählte sich 1683, kürz vor ihres Vaters Sturz, mit Georg, Prinzen von Dänemark, welcher 1708 starb. Sie bestieg nach dem Tode Wilhelms III. (8. März 1702) Len Thron, ihrem unfähigen Gemahl den Titel Prinz belassend. Unter ihrer Regierung, welche thatsächlich vom Herzog v. Marlborough u. Lessen Gattin geleitet u. durch die Theilnahme am Spanischen Erbfolgckriege hcrvortretend war (s. England), wurde Schottland mit England unter dem Namen Großbritannien vereinigt. Nachdem sie sich vergeblich bemüht, die Thronfolge wieder den Stuarts znznwenden, und zu diesem Zwecke Marlborough gestürzt u. durch Bolingbroke ersetzt und den ihrem Lande nachtheiligcu Frieden von Utrecht geschlossen hatte, st. sie 1. Äug. 1714. Ihre 17 Kinder hatte sie sämmtlich überlebt. Vgl. Earl Stanhope, Üistor/ ok Kurland ckurinZ Ilis llvig'u sl Husen Xnns, Lond. 1870, 4. Aust., 1873. I>) Von Frankreich: 12) A. v. Beaujeu, Tochter des Königs Ludwig XI., geb. 1462, eine Frau von seltenen Geistesgaben; wurde nach dem Tode ihres Gemahls, des Herzogs Peter II. von Bourbon, zufolge des väterlichen Testaments, während der Minderjährigkeit ihres Bruders Karl VIII. (1483—1491), Rcgentin von Frankreich; sic starb 1522; s. Frankreich. 13) A. v. Bretagne, Erbtochter Franz' II., des letzten Herzogs v. Bretagne, geb. 1477 in Nantes; 1491 dem Kaiser Maximilian durch Procuration angetrant, ließ sie sich durch die Großen der Bretagne, die ihr seit 1488 zugcfallen war, und endlich das Drängen u. Bestürmen Karls VIII. von Frankreich bewegen, diesem die Hand zu reichen, 6. Dcc. 1491, der hierdurch die Bretagne mit Frankreich vereinigte; in 3. Ehe heirathete sie 1499 Ludwig XII., dessen Nachfolger; sie st. 11. Januar 1514 zu Blois; s. Frankreich. 14 ) A. v. Österreich, älteste Tochter des Königs Philipp III. von Spanien, geb. 22. Sept. 1601, 1615 mit Ludwig XIII., König von Frankreich, vermählt; Mutter Ludwigs XIV. n. Philipps, des Stammvaters des Hauses Orleans. Nach dem Tode ihres Gemahls übernahm sie, vom Parlament zur Rcgentin bestellt, 1643 die Regentschaft für ihren älteren Sohn Ludwig XIV., die in ihrem Namen Mazarin klar und fest führte; eines Aufruhrs wegen floh sie nach St. Germain-en- Laye, kehrte aber, als "Ludwig XIV. mündig wurde, 1651 nach Paris zurück. Nach Mazarins Tode (1661) ging sie in das von ihr gestiftete Kloster Val de Grace u. st. 20. Jan. 1666; s. Frankreich. Sie soll mit Mazarin insgeheim vermählt gewesen sein. Zu dem werthlosen Sagenkreise, der die Geschichte der Eisernen Maske umgibt, gehört auch die abenteuerliche Annahme, daß unter derselben ihr Sohn versteckt gewesen sei. e) Von Polen: 15 ) A. (Aldo na), Tochter des Großherzogs Gedimin von Lithauen; wurde 1325 getauft u. zugleich vermählt mit König Kasimir III. oder dem Großen von Polen u. 1333 mit diesem gekrönt; eine seltsame, aber herzlich gute Fürstin. Als Brautschatz brachte sie ihrem Verlobten eine edle Gabe: die Freilassung aller gefangenen Polen, deren 24,000 gewesen sein sollen. Sie st. 1339. ck) Von Spanien: 16 ) Maria A. von Österreich, Tochter des Kaisers Ferdinand III., 1649 in 2. Ehe an Philipp IV., König v. Spanien, vermählt; sie führte nach dessen Tode 1665 die Regentschaft für ihren Sohn Karl II., u. behielt, zwei Jahre abgerechnet, die sie wegen ihrer Mißregierung im Kloster znbringen mußte, ihren Einfluß auf die Regierung bis an ihren Tod (1696). 6) Gemahlinnen anderer regierenden Fürsten: 17 ) A., einzige Tochter des Herzogs Albrecht Friedrich v. Preußen n. der Marie Eleonore (der ältesten Tochter des Herzogs Johann Wilhelm v. Jülich n. Kleve), seit 1594 Gemahlin des Kurprinzen, nachmaligen Kurfürsten Johann Sigismund v. Brandenburg u. Herzogs v. Preußen. Vermöge dieser Heirath machte Johann Sigismund gegründete Ansprüche auf die klevesche Erbschaft (s. Kleve). A. starb, noch bevor ihr Gemahl zur Regierung kam. 18 ) A., Tochter des Königs Christian III. von Dänemark, geb. 1531, seit 1548 erste Gemahlin des nachherigen Kurfürsten August I. v. Sachsen, dem sie 9 Söhne u. 6 Töchter gebar; nicht blos eine gute Hausfrau, sondern auch eine wahre Landesmutter, Helferin der Bedrängten u. Kranken, deshalb auch Mutter A. genannt; st. 1. Oct. 1585 an der Pest. Von ihr wurde das Schloß Anna- burg erbaut. Sie hinterließ ein Arzneibüchlein u. erfand mehrere Arzneimittel. 19 ) A., Tochter des Kurfürsten August I. v. Sachsen u. der Vor., geb. 1567, 1584 vermählt mit Herzog Johann Kasimir von Koburg. Ein Liebesverhältnis) erst mit dem Italiener Hieronymus Scotus, dann mit 6?!) Anna — ' Ulrich von Lichtenstein, Kammerjnnker am Hofe ihres Gemahls, ward entdeckt, A. durch eigenes Geständniß der Untreue überführt und 1583 von ihrem Gemahl geschieden. In dem auf Verlangen Johann Kasimirs angestrengten Criminalproceß sprach der Schöppenstuhl zu Jena über A. und Lichtenstein das Todesurtheil ans, welches jedoch der Herzog in Gefängnißstrafe auf Lebenszeit verwandelte. A. ward in strengen Gewahrsam gebracht u. starb 27. Jan. 1613 im Gefängnisse ans der Feste Koburg. 30) A. Luise, Tochter des Apothekers Föse in Dessau, von Herzog Leopold von Anhalt nach jahrelanger Verzögerung unter dem heftigsten Widerstande seiner Mutter 1698 zur Gemahlin erhoben. 1701 anerkannt u. in den Reichsfürstenstand erhoben, starb sie 1745 nach musterhaft glücklicher Ehe, die Einzige, welche Len rauhen Charakter des Herzogs zu beeinflussen n. zu mildern vermochte. Ihre Ehe bot den Stoff zu vielen literarischen Bearbeitungen, so dem Drama Annaliese. Vgl. Varnhagen v. Ense, Biogr. Denkm., Bd. 2. v) Andere fürstliche Personen: 31) A. Komnena, Tochter des byzantinischen Kaisers Alexios I. u. der Irene, geb. 1. Dec. 1083; wurde Gemahlin des jüngeren Nikephoros Bryennios, den sie vergeblich zu einem Kampfe gegen ihren Bruder um den Besitz des Thrones anfzureizen suchte, n. ging nach dessen Tode 1137 in ein Kloster, wo sie 1148 st. Sie war wissenschaftlich gebildet u. in der Philosophie bewandert u. schrieb: Dioxins (die Geschichte ihres Vaters in 19 Büchern), öfter herausgegcben, u. A. von Schopen, Bonn 1839, übers, von Schiller (im 1. und 2. Bde. von dessen historischen Memoiren). 32) A. Sophie, Tochter des Landgrafen Georg II. v. Hessen-Darmstadt, geb, 17. Dec. 1638; wurde 1656 Pröpstin u. 1680 Äbtissin zu Quedlinburg. Ihr Schwager, der Pfalzgraf Philipp Wilhelm v. Nenburg, versuchte eifrigst, aber vergebens sie zur Katholischen Kirche zu bekehren. Sie st. 13. Dec. 1683; schr.: Der treue Seelenfrennd Jesus Christus (geistliche Lieder), Jena 1658, 2. Ausl., 1676. (Vgl. Stromberger, der Landgräfin A. S. Leben u. Leiden.) 33) A. Feodorowna, Tochter des Herzogs Franz v. Sachsen-Koburg, hieß eigentlich Juliane, geb. 23. Sept. 1781 u. vermählt 1796 mit dem Großfürsten Constantin von Rußland, dem Sohne Kaiser Pauls I.; wegen ihrer verschiedenen Charaktere war die Ehe keine glückliche und wurde 1. April 1820 aufgelöst. Seitdem lebte A. F. in der Schweiz auf der Villa Boissiöre bei Genf, später ans dem Landgute Elfenau bei Bern, n. genoß wegen ihres Wohl- thätigkeitssinnes allgemeine Verehrung. Sie st. 15. Aug. 1864 ans Elfenau. Anna, 1) eine kleine Rechnungsmünze in Ostindien, r/,g der sogenannten Compagnie-Rupie, d. i. 142/n Pf.; 3) ein Perlengewicht in Bombay — 0,0121 §; 3) ein Salzmaß daselbst — - 100 Parah — 2634,2s I; 4) ein Gold- u. Silbergewicht in Calcutta */ig Tola — 0,12s u. endlich 5) ein Handelsgewicht in Hindostan, sowie Maß oder Gewicht sür Reis auf der Insel Ceylon. Anna, auch männlicher Name, wie Maria, besonders in südlichen Ländern gewöhnlich. 1) A., Annaburg. Sohn Redwalds, König von Ostanglien, 635 bis 654. 3) Santa A., s. Santana. Sta. Anna, 1) St. ans der Insel Guadeloupe; 7000 Ew. 3) (Sta. Anna de Coro) St. in der südamerikanischen Republik Venezuela; 10,000 Ew. 3) (Rio Santa A.) Nebenfl. des Rio d'Ouro, im Diamantendistrict des Kaiser- thnms Brasilien; die ans ihm kommenden Diamanten gelten für die schönsten. Annaüerg, 1) St. im gleichnam. Gerichtsamte des sächsischen Negbez. Zwickau, im Erzgebirge, in 600 m Seehöhe, durch eine Eisenbahn mit Chemnitz verbunden; 11,693 Ew.; Steueramt, Bezirksgericht, Hauptzollamt, mehrere Kirchen, darunter die St. Annenkirchc (ans dem Anfänge des 16. Jahrh.), eine der schönsten des Königreichs Sachsen, Progymnasium, Realschule, Schullehrerseminar, bedeutende Wasserleitung; Bergbau auf Silber, Kobalt, Nickel, Zinn, Eisen. Die Bedeutung der Stadt als Bergstadt ist nicht mehr so groß, wie früher, dagegen hat sie sich zu einem der ersten Jndustrieorte Sachsens erhoben. Spitzenklöppcln (A-er Spitzen), besonders aber Seidenmanufactnr, Posamentirwaaren- u. Bandfabrikation; wöchentlich ein Spitzenmarkt, wo Klöpplerinnen, oder auch sogenannte Vorkäufer Spitzenwaarcn den Kauflentcn zum Verkaufe brir gen. Bei A. das A-er Wiesenbad (sonst Iobs- bad, auch Sophienbad), salinisch-alkalischcs Bad, von 17" R., mit Badeanstalt. Gegründet wurde A. 1496 unter dem Namen Neustadt durch Herzog Albert u. erhielt 1501 vom Kaiser Maxuni lian den Namen A.; gehörte vormals zum Mühlamte A., welches ursprünglich die dem Grafen v. Hartenstein gehörige u. 1440 definitiv an Sachsen gekommene Herrschaft Balberg (Pöhlberg) begriff und so genannt war nach einer Mühle, wo bis 1558 die Hanptmünzstätte von Sachsen sich befand und wo die Engelgroschen (Schrcckenberger, A-er Mühlsteine) geprägt wurden. Der A-er Bergbau, dessen Blüthe in das 16. Jahrh. fällt, erlitt durch den 30jährigen Krieg schwere Schädigung u. erreichte seitdem nicht wieder die ehemalige Höhe. Gegen das Ende des 16. Jahrh, wandertcn viele Niederländer in A. ein, d.e besonders die Posamentirprofession trieben. 1834 wurde der Barb. Uttman, die hier im 16. Jahrh. die Spitzenklöppelci einsührte, ein Denkmal gesetzt. Früher war A. auch der Sitz eines Bergamtes, welches 1856 nach Marienberg verlegt wurde. Annabon s. Annobon. Annaburg, Flecken im Kr. Torgan des prcnß. Regbez. Merseburg am Neuen Graben und dem Zweig Wittcnberg-Falkenberg der Berlin-Anhalti- schen Bahn; 1900 Ew. A. hieß bis 1573 Lochan n. war eine Stadt. In dem von Anna, der Gemahlin des Kurfürsten August, 1572 bis 1575 erbauten Schlosse befindet sich seit 1762 eine Erziehungsanstalt für Soldatenknaben. Ans der Annaburger (Lochaner) Haide ward 24. April 1547 Joy. Friedrich der Großmüthige vom Kaiser Karl V. gefangen genommen. Ans dem früheren, jetzt nicht mehr bestehenden Schlosse Lochan starb 1525 Friedrich der Weise, u. ward am 5. Oct 1551 ein geheimes Bündniß zwischen Kurfürst . Moritz u. den Bevollmächtigten des Königs Hein« 680 Annäherung rich II. von Frankreich gegen Kaiser Karl V. abgeschlossen. Annäherung Math.), an den wahren Werth, findet bei Zahlen oder überhaupt mathematischen Ausdrücken dann statt, wenn sie nicht ganz richtig sind, ihr Werth vielmehr von dem wahren verschieden ist, ihm jedoch nahe steht. 17 verhält sich zu 52 annähernd oder angcnähert oder approximativ wie 1 zu 3. Man begnügt sich oft mit A-cn, wenn vollkommene Genauigkeit für die vorliegenden Zwecke unnütz ist, um dadurch die Rechnung bequemer zu machen, oder die Übersichtzu erleichtern. Man muß sich mit A-cn begnügen bei allen Zahlengrößcn, die sich durch die Einheit u. ihre Theile nicht vollständig ansdrücken lassen, Len sogenannten irrationalen Zahlen, wie Len meisten Wurzeln, Logarithmen, goniomctrischen Functionen rc.; ferner sehr häufig bei Decimal- brüchen, in welchen auch viele rationale Zahlen, z. B. H — 0,gg., nicht genau darstellbar sind; ferner, wenn man nicht im Stande ist, den genauen Werth durch Rechnung zu finden, sondern vielleicht nur die Grenzen, zwischen denen er liegen muß, weil die vorhandenen Methoden nicht ansreichen, wie z. B. bei der Auflösung von Gleichungen höheren Grades, oder schwierigeren Integrationen, oder den meisten Summationen von unendlichen Reihen; endlich auch bei vielen analytischen, Buchstabcnausdrücken, z. B. wenn sie unter der Form unendlicher Reihen austreten. Wenn man sich der A-en bedient, so muß man ihre Genauigkeit kennen, will man wissenschaftlich verfahren, d. h. man muß wissen, um wieviel sie höchstens von dem wahren Werthe abweichen. Annahme, Zngeständniß einer Voraussetzung; rechtlich Einwilligung in eine Offerte; handelsrechtlich besonders das Empfangen der Güter durch den Käufer. Der Käufer ist zur Annahme der Waare verpflichtet, sofern sie vertragsmäßig beschaffen, oder von mittlerer Art n. Güte ist. Die A. hat sofort zu geschehen, wenn nicht ein Anderes bedungen, oder ortsgcbräuchlich, oder durch die Umstände geboten ist (D. H.-G.-B. Art. 346). Die von einem anderen Orte gesandte Waare ist bei Ablieferung sofort zu untersuchen und, wenn sich dieselbe nicht als vertragsmäßig oder gesetzmäßig ergibt, dem Verkäufer sofort davon Anzeige zu machen, widrigenfalls die Waare als genehmigt gilt (das. Art. 347). Solche Mängel tonnen aber nach Ablauf von 6 Monaten seit der Ablieferung nicht mehr geltend gemacht werden (das. Art. 349). Durch A. des Gutes u. des Frachtbriefes wird der Empfänger verpflichtet, dem Frachtführer nach Maßgabe des Frachtbriefes Zahlung zu leisten (das. Art. 406). Verweigert der bezeichnte Empfänger des Gutes die A., oder entsteht Streit über die A. oder den Zustand des Gutes, so kann der Betheiligte den letzteren durch Sachverständige scststellen lassen und auf Ansuchen desselben das Gericht den theilweisen oder vollständigen Verkauf des Gutes behufs Bezahlung der Fracht u. übrigen Forderungen des Frachtführers anordnen (Las. Art. 407). Durch A. des Gutes n. Bezahlung der Fracht erlischt jeder Anspruch gegen den Frachtführer. Nur für Verlust oder Beschädigung, welche bei der Ablieferung äußerlich nicht erkennbar war, — Anncil. kann der Frachtführer selbst nach A. in Anspruch genommen werden, wenn ohne Verzug Feststellung des Verlustes oder der Schädigung nachgesncht ist u. bewiesen wird, daß dasselbe während der Zeit seit der Empfangnahme bis zur Ablieferung ent- standen ist (das. Art. 408). Über einen Antrag unter Gegenwärtigem zur Abschließnng eines Handelsgeschäftes muß die Erklärung sogleich abgegeben werden, widrigenfalls der Amragende an seinen Antrag nicht länger gehandelt ist (das. Art. 318). Bei einem unter Abwesenden gestellten Anträge bleibt der Antragende bis zu dem Zeitpunkte gebunden, in welchem er bei ordnungsmäßiger, rechtzeitiger Absendung der Antwort den Eingang der letzteren erwarten darf (das. Art. 319). A. im Wechselwesen s. u. Accept. A. au Zahlungsstatt s. u. Zahlung. Ännäl (v. lat. NNNN8, Jahr), 1) was jährlich geschieht, oder was ein Jahr dauert; so ^nunlss aetiönss, im Römischen Rechte Klagen, die nur binnen Jahresfrist, von der Zeit an gerechnet, wo Gelegenheit dazu gegeben wurde, giltig sind; ^.n- imiis olavns, Nagel, der von dem höchsten Magistrat in Rom, also dein Consnl oder Diktator (bisweilen ward ein solcher nur deshalb erwählt), alljährlich am 13. Sept. in die rechte Seite des Jupitcrtempels ans dem Capitol eingeschlagen ward, um danach die Jahre zu zählen; später geschah dies nur in Zeiten der Pest u. der Bürgerkriege. Auch in Volsinii war cs Sitte, die Jahre durch Einschlagen von Nägeln in dem Tempel der Nortia zu bemerken. 2 ) Was auf Jahre Bezug hat; so ^.nnlllsa IsZss, gaben an, welches Lebensalter zur Bewerbung stun die einzelnen Magistratswürden gehöre; so bestimmte namentlich die Viiiia Isx, vom Volkstribun L. Villius (gen. Annalis) 180 v. Ehr., für die Quä- stur das 25. oder 27., für die Ädilität das 37., für die Prätur das 40., für das Consulat das 43. Lebensjahr; hiervon konnte aber der Senat n. besonders später der Kaiser dispensiren. Annalen (v. Lat.), 1) geschichtliche Jahrbücher, welche die bemerkenswerthesten Vorfälle jedes Jahres in chronologischer Folge enthalten. Die ältesten derartigen Geschichtbücher finden sich bei den alten Ägyptern, z. B. die A. des Königs Tutmos III. im Tempel zu Karnak nur 1600 v. Ehr. Dann folgen A. von assyrischen Königen seit dem 12. Jahrh. v. Ehr. Bei den Römern waren die ältesten die Lunalss pontitVeuin M waxrmi), geschrieben von Priestern, gewöhnlich vom Pontifex Maximus, u. wurden auf einer weißen Tafel (albnm) in seiner Wohnung zur allgemeinen Ansicht aufgestellt; sie enthielten in kürzester Form, Tag für Tag durchnchmend, die Hauptbegebenheiten des vorigen Jahres in Rom n. auswärts, auch Wundererscheinungcn u. Lgl. Um 120 v. Ehr. hörte diese Sitte ans, und sie wurden nun in 80 Büchern gesammelt publicirt. Die I-ibri Unter, auf Leinwand geschrieben, enthielten besonders Verzeichnisse der Beamten und ihrer Amtshandlungen. Die A. der Adclsfami- lien dienten dem Ruhme derselben M xrivati), stellten von diesem Standpunkt aus die Geschichte Roms dar, was natürlich, wie Niebuhr erkannte, oft bewußte oder unbewußte Geschichtfälschnng 4 Aiinam. 681 veranlaßte, u. führten den Stammbaum der Patri- cierfamilien möglichst weit (den der Julier z. B. auf Äneas) zurück. Diese 3 Arten waren die z. Theil also trüben Quellen der alten römischen Historiker; doch reicht vielleicht keine über 390 v. Chr. zurück (s. u. Römischer Literatur), u. was von früher erzählt wird, ist nach dem gallischen Brande aus dem Gedächtniß restaurirt. Später wählten auch Historiker den Namen A. für ihre Geschichrswerke, besonders solche, in denen sie die Ereignisse in chronologischer Ordnung erzählten, so die Annalisten, römische Geschichtsschreiber seit 200 v. Chr., die anfangs sehr kurz und trocken chronikartig erzählten, tz>äter oft Adelsfamilien oder politischen Parteien zu Liebe ihre Erzählungen färbten. Über die annalistische Geschichtschreibung der mittelalterlichen Völker vgl. besonders Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen, 3. Ausg., S. 107 fs. 2) Überhaupt Geschichte eines Voltes. 3) Titel wissenschaftlicher Zeitschriften; s. unter Zeitungen und Zeitschriften. Annam, eigentlich Ngan-Nam, Reich, in Wirklichkeit jetzt Vasallenstaat Frankreichs an der Ostküste von Hinterindien; grenzt nördlich an China, östlich an das Chinesische Meer, südlich an die französischen Besitzungen (Cochinchina), westlich an Siam und Birma und erstreckt sich von 10" bis 23° n. Br. und 122" bis 127° ö. L. Die Größe wird, nach dem Verluste der südlichen Provinzen an Frankreich, auf 512,911 , die Einwohnerzahl auf 10H Will, angegeben. Das Land wird von N. nach S. von einem mäßig hohen Gebirge durchzogen, das, der Küste in gleicher Richtung n. fast gleichem Abstande folgend u. der Flußentwickelung wenig Raum lassend, bei dem Cap St. James unter 10 " 16' n. Br. an das Meer tritt. Der bedeutendste Fluß ist der Songka (Sangkoi) im nördl. Theil, wo das Gebirg mehr von der Küste zurücktritt u. einer weiten Alluvialebene Raum gibt, er fließt an der alten Hauptstadt Kescho vorbei in den Golf von Ton- kin; der von ihm bewässerte Theil des Landes, die Provinz Tonkin, oder Daug-ugoai, ist der fruchtbarste und bevölkertste; den südlichen Theil dnrchströmen nur kleine Küstenflüsse. Die alte Hauptstadt des Reiches ist Kescho am Songka, angeblich 80,000 Ew.; jetzige Residenz Hüe (Phn- thua-thien) angeblich 100,000 Ew.; sonstige Städte von Wichtigkeit: Hai-doug, Kuang-bin, Kuang-nam (Turon), Bindin (Quinhon), Bin-thuan u. a., sümmtlich in der Nähe oder unmittelbar an der Küste gelegen. Der Handel nach außen ist unbedeutend, außerdem durch eine despotische Negierung gedrückt. Producte: Gold, Elfenbein, Kupfer, Eisen, Zinn, Diamanten, Salz, Gummi- bäume, Reis, Beuzo'e, Zucker, Thee, Kaffe, Bataten, Gewürz, Obst n. a.; in der Thierwelt: Elefanten, Tiger, Nashörner, Hirsche, Gazellen, Affen, Geflügel, Fische, Seidenraupen; die Wälder sind reich an edlen Hölzern, darunter viel Teakholz. Das Klima ist tropisch, mit 2 Jahreszeiten; zu den Landplagen gehören die Teifune, Stürme, die oft mit verheerender Gewalt auftreten. Die Einwohner gehören znm hinterindischen Stamme der mongolischen Race, sind von kleiner Statur u. untersetztem Körperbau, mit schwarzen, dichten Haaren, niedriger Stirn und platter Nase; ein Rest von ihnen verschiedener Urbewohner, Moi oder Myong, findet sich noch in den Gebirgen der Provinz Tonkin. Dem Charakter nach sind' die Annamiten heiter, gelehrig, gastfrei, aber hinterlistig, diebisch, im Äußern unreinlich. Die Frauen müssen die meisten Arbeiten verrichten u. sind, wie die Kinder, verkäuflich. Kleidung buntfarbig, weite Pantalons, wollene, weitärmelige Röcke; darüber wird als Staatskleid noch ein bis an die Knöchel fallender seidener, farbiger, auch schwarzer Rock getragen; orange ist königliche, weiß die Trauerfarbe. Die Haare werden ungeschoren hinten aufgcbunden u. mit einem Turban bedeckt. Die Häuser sind meist einstöckig, aus Holz oder Lehm mit Schilfdächcrn, in den sumpfigen Niederungen ans Pfählen gebaut, geradlinig beisammenstehend. Die Künste sind den Chinesen entlehnt, ohne deren Kunstfertigkeit zu erreichen, übcrtreffen aber diejenigen der Bewohner des übrigen Hinterindien. Es werden Banmwollcn- ,zeuge, Seidcngewebe und Lackwaaren sabricirt; Seidenzucht wird mit Sorgfalt getrieben; Bergbau treiben in Tonkin besonders ansässige Chinesen. Religion ist der Buddhismus des Fo; große Tempel gibt es wenig, dagegen viele Kapellen und Klöster. Schon seit der Einwanderung der Portugiesen hat das Christenthnm Eingang gefunden und soll gegen 300,000 Anhänger zählen; zeitweise grausam unterdrückt, steht es jetzt unter dem Patronat der französischen Regierung, die in neuester Zeit durch einen Vertrag vom Aug. 1874 ihm volle Duldung und Freiheit — mit welchem Erfolge, steht nach den Erfahrungen dahin — ausgewirkt hat. Die Regierungsform ist despotisch, au der Spitze ein sog. Kaiser; Thronfolger ist der älteste Sohn, wenn der Kaiser selbst nicht anders verfügt; nur eine Gemahlin ist Kaiserin, daneben jedoch eine große Anzahl Concubinen. Die Regierung versehen ein Staatsrath und 6 Minister (für Ceremonien und Religion, Archive, Kriegssachen, Schatz, Justiz, Ban- u. Seewesen), mit 3 Kun, deren 2 Vicekönige von Tonkin und Cambodscha (letzterer nur noch titulär), der 3. (Mandarin der Elefanten) Premierminister ist. Die verwaltende Behörde ist in 10 Klassen getheilt, von denen die 2 ersten die Minister u. Staatsräthe bilden. Diese 10 Klassen bilden zugleich den (jedoch nur persönlichen) Adel; sonst sind Bürger und Sklaven hinsichtlich ihrer Rechte gleich. In den Provinzen besteht der Rath aus dem militärischen Gouverneur, der Gewalt über Leben u. Tod im Kriege u. bei Empörung hat, u. einem Neben- u. Untergonverneur. Jede Provinz zerfällt in 3 Departements (Hupen), diese in 3—4 Districte (Tn); jeder Tu hat einen Mandarin, jedes Dorf einen vom Volke gewählten Richter. Die Rechtspflege ist willkürlich; sie wird gehandhabt von den Dorfrichtern mit Geschworenen ans der Gemeinde, von den Behörden der Tu u. Hupen. Die Strafen sind meist barbarischer Art. Die Polizei wird von den Docfrichtern besorgt. Die Finanzen bestehen in den Einnahmen von der Kopfsteuer (1 Dollar vom Kopf), Grundsteuer (8 pCt.), Frohnen, Handelszoll, Pacht von Krongütern (18 pCt.) und bedeutenden Monopolen. Beamte sind von dirccten 682 Annam. Abgaben frei. Bei dieser außerordentlich hohen Besteuerung wird das Volk noch durch das Mau- darinenthuui geknechtet u. ausgesogeu. Das große Heer, zum Theil nach europäischer Art ausgerüstet (bis 200,000 Mann stark), verursacht eine besondere Belastung des Landes. Eine eigentliche Marine ist nicht vorhanden; die wenigen Kanonenboote und Galeeren sind ohne Bedeutung. Vgl. Crawfnrd, llournal ok an smbassz- cck blls Mission io 8iam anä Uns, Lond. 1828; Bonillevanx, VazcaAS ckans i'Inüo-6Irins 1846—1856, Paris 1858; Veuillot, In Looiiinebins st In Nonguin, Par. 1859; 6ocks anamiis, lois st rsAlsnisnts ein roz-anms, traüuits ein tsxts obinois pur ,4.ubarst, Par. 1865, 2 Bde. Geschichte. Die beiden unter dem gemeinsamen Namen A. zusammengefaßten Länder Ton- kin und Cochinchina, in der Vorzeit der Wohnsitz gesetzlos lebender Wilder, wurden 214 v. Chr. der von dem Kaiser Schihoangti dem chinesischen Reiche einverleibt u. unter der Regierung seiner Nachfolger, namentlich des K. Wnti durch zweckmäßige administrative Eintheilung, durch Anlage von Straßen n. Handelsplätzen, z. B. des heutigen Kcscho, der Cultur erschlossen. Im Jahre 263 n. Chr. durch den Cochinchinesen Knlina befreit, stand das Reich seitdem unter der Regierung einheimischer, aber China tributpflichtiger Herrscher, die sich unter heftigen Kämpfen mit anderen chinesischen Vasallen mehrere Jahrhunderte behaupteten. Kriegszüge der chinesischen Kaiser beschränkten seit dem 7. Jahrh. diese Fürsten auf ein kleines Gebiet u. stellten den größten Theil wieder unter chinesische Oberhoheit; die Empörung von Li- ticngte im Jahre 1076 mißlang. Nach längeren, schwankenden Kämpfen wurde 1164 Tonkin durch Likienso, 1166 Cochinchina durch Tsauvena befreit und in der Folge von Herrschern regiert, deren Selbständigkeit auch von China anerkannt war. Seit 1230 unter Fürsten aus der Familie Tschin blieben auch diese Länder nicht von den Einfällen der Mongolen unter Kublai-Khan verschont; doch befreite sie K. Tschinghivcn von Tonkin 1288 durch einen großen Sieg von denselben. Die folgende Zeit war für beide Länder meist eine Zeit des Friedens, unterbrochen durch Kriege Ton- kins mit China u. Cochinchinas mit Cambodscha, bis 1407 Tonkin wieder vollständig zu einer chinesischen Provinz gemacht wurde. Aber schon 1428 errang Liti dem Lande die Selbständigkeit wieder, die von seiner Dynastie behauptet und durch Eroberung der Nachbarländer, 1470 Cochinchinas, gekräftigt wurde. Seit dieser Zeit führt der nördliche Theil den Namen Tonkin statt des früheren Nganan. Die Schwäche der nachfolgenden Könige ließ schon 1558 Cochinchina wieder der Herrschaft unabhängiger Regenten anhcimsallen u. machte anderseits in Tonkin auch die mehrfach in Asien übliche Institution von zwei Herrschern möglich, deren einer, der erbliche, nur nominell war und keine Macht besaß, während der andere als Nachkömmling eines Empörers regierte. Handelsverbindungen, seit 1511 von den Portugiesen, nicht lange daraus von den Holländern eröffnet, machten den Europäern diese Länder u. Völker bekannt n. zugänglich, über die in dieser Zeit eine despotische Herrschaft schaltete. Nach mehreren mißglückten Empörungen bewirkten endlich 1765 3 Brüder (Tayson) von niederer Herkunst einen Aufstand u. rotteten die herrschenden Dynastien aus. Nur die Königin von Conchinchina rettete sich nebst ihrem Enkel Nguyen-ang, der von dem französischen Missionär Pigneaux de Behain erzogen ward. Ihm blieb der südliche Theil des Landes, während Nhak, einer der Tayson, den mittleren Theil (außer Hud) n. die Tonkinesen den Norden erobert halten. 1782 machte Nguyen-ang einen Angriff auf Nhak, hatte aber kein Glück u. mußte liehen. Pigneaux ging 1787 mit Nguyen-angs ältestem Sohne nach Frankreich u. erlangte hier für die königliche Familie ein Schutz- und Trutz- bündniß, wogegen er an Frankreich Bucht und Halbinsel Turon abtrat. Von da datirt sich die Einmischung Frankreichs in die hinterindischen Verhältnisse. Inzwischen eroberte Longn-Hung, der jüngste der Tayson, 1788 nicht allein den Norden, sondern auch Tonkin u. vernichtete 1789 eine chinesische Armee von 40,000 Mann. Nun kam 1790 Pigneaux mit französischer Hilfe an, u. von Saigun aus wurde zu Wasser u. zu Lande Krieg gegen die Tayson geführt, welche endlich (1799) unterlagen n. ausgcrottet wurden. Die Familie Nguyen kam in den unbestrittenen Besitz Conchin- chinas; Nguyen-ang, welcher den Namen Gialong (d. i. der vom Glück Begünstigte) annahm u. sich den Kaisertitel beilegte, vereinigte 1802 Tonkin, 1809 den größten Theil von Cambodscha mit seinem Reiche, das er von der Oberherrlichkeit Chinas befreit u. durch ein großes, europäisch geübtes Heer zu einem der mächtigsten Ostasiens gemacht hatte. Nach seinem Tode (1820) bestieg sein natürlicher Sohn mit Übergehung des legitimen Nachfolgers unter dem Namen Ming-Maug (d. i. glänzendes Geschick) den Thron; er setzte alle Statthalter der Provinzen ab, mit Ausnahme des von Untercochin- china, Ta-kong, welcher bei dem Volke wegen Erleichterung des Handels mit China n. Singapore in größerem Ansehen als der Kaiser stand und in seiner Provinz bis zu seinem Tode (1831) ziemlich unabhängig regierte. Unter Ming-Mang begannen auch die Verfolgungen der Christen und der Missionäre, welche im Jahre 1833 viele Opfer forderten. Gleichzeitig brach eine Empörung unter Thay aus, welche erst 1837 unterdrückt ward, wobei Thay u. der sranzösiche Missionar Marchand hingerichtet wurden. Ming-Mang brachte auch Laos an sich, indem er die Söhne des um 1834 verstorbenen Königs sammt der ganzen königlichen Familie dort ermorden ließ. Sein Nachfolger, Thien-Tri, war allen Neuerungen abhold u. setzte die Verfolgung der Christen fort, weil er in der Sendung von Missionären nur eine Vorbereitung zur Eroberung A-s durch die Fremden sah. Dies führte zur Einmischung der Franzosen. 1847 vernichtete der Coinmodore Lapicrre auf die Weigerung des Kaisers, die Verfolgung einzustellen, die annamitische Flotte fast gänzlich, ohne jedoch den Verfolgungen, die nach dem baldigen Tode des Kaisers von seinem von ihm eingesetzten jüngeren Sohne Hoang-nam, der den Namen Tu-duc (d. h. tugendhafte Vergangenheit) annahm, fortgesetzt Annambu — Amultrii. 68S i. wurden, vorläufig ein Ziel gesetzt zu haben. Wiederholte Mahnungen blieben ohne Erfolg, ebenso die Erstürmung der Citadclle von Tnron im Jahre 1856. Endlich, als im Juli 1857 der Bischof von Tonkin, ein Spanier Namens Diaz, auf Befehl des Kaisers Tn-dnc hingerichtet worden war, verband sich Spanien mit Frankreich zu einer gemeinsamen Expedition, die unter dem Oberbefehl des französischen Viceadmirals Riganlt de Ge- nonlly 1. Sept. 1857 die Forts von Tnron, 10. Fcbr. 1858 die Stadt Saignn in Cambodscha eroberte, hierauf aber, ohne Ersatz und durch das mörderische Klima decimirt, ihre Siege nicht verfolgen konnte, zuletzt sogar in Saignn blokirt wurde. Im Febr. 1861 erschien der Viceadmiral Charner mit frischen Kräften, entsetzte Saignn, eroberte die Hafenstadt My-tho u. drängte die An- namesen trotz hartnäckiger Gegenwehr auf allen Punkten zurück, u. so kam, nachdem sich mehrfach die Verhandlungen zerschlagen, endlich 5. Juni 1862 der Vertrag von Saignn zn Stande, nach welchem die drei Provinzen Saignn, Binhoa n. My- tho an Frankreich zu vollem Eigcnthnm abgetreten n. in der Provinz Tonkin drei Häfen dem europäischen Handel geöffnet wurden; der Kaiser Tn- dnc sollte nicht mehr Truppen halten dürfen, als von der französischen Regierung bewilligt wurde; die katholische Religion sollte ungestört ausgeübt werden dürfen. Der Vertrag wurde vom Kaiser aber erst ratificirt, nachdem nochmals von den Waffen Gebrauch gemacht worden war (14. April 1863). Die abgetretenen Besitzthcile wurden nach französischem Muster eingetheilt und der Colonialver- waltnng unterstellt, obwol vielfach gegen die Übernahme dieser ungesunden u. kostspieligen Colonisn Einspruch erhoben wurde. Durch weitere Empörungen, die durch die Mandarinen angezettelt waren, sahen sich die Franzosen 1867 abermals ge- nöthigt, mit den Waffen einznschreiten, u. der Admiral de la Grandiere eroberte im Juni dess. Jahres ein Gebiet westl. vom unteren Mekhong mit den Städten Tschandok, Hathien und Vinh-long; die Insel Pulo-Conda haben sie schon 1862 occnpirt. Nachdem A. im I. 1871, um sich der lästigen Bevormundung von Seiten Frankreichs zu entziehen, eine Gesandtschaft mit Tribut an den Kaiser von China gesandt, dieser aber nicht im Stande war, Etwas zn Gunsten von A. zn thnn, so verlangte Frankreich im Jahre 1873 durch ein von Saignn abgehcndes Kriegsschiff von A. Anerkennung seines Protcctorats. Nach langen Verhandlungen kam 1874 ein Vertrag zn Stande, welcher A. thatsächlich zum franz. Vasallenstaate macht, dessen auswärtige Beziehungen ganz von der franz. Regierung abhängig sind. Vgl. Ritter, Asien, Bv. III.; Gützlaff, Gesch. des Chinesischen Reiches, Lpz. 1847; Lassen, Jnd. Alterthumsknnde, Bd. III., Leipz. 1861; Bastian, Die Völker des östl. Asien, Bd. I., Leipz. 1866. Annambu, englische Stadt mit Fort an der Goldküste, Obergninca. Annamitischc Sprache. In grammatischer Beziehung die einfachste aller einsilbigen Sprachen, hat sie gleichwol ein reicher entwickeltes Lautsystem, als die chinesische, u. noch mehr bedeutsame Stimm- biegungen. Die einheimischen Grundwörter sind von gleichbedeutenden chinesischen wesentlich verschieden; aber eine große Anzahl von Wörtern dieser Sprache ist mehr oder minder umgeformt ins An- nanütische eingedruugen. Der Ännamit schreibt die eingebürgerten chinesischen Wörter mit denselben Schriftzeichen, wie der Chinese; aber um seine heimischen Wörter zu schreiben, wählt er gewöhnlich entweder ein chinesisches Schriftzeichen, das bei gleicher oder ähnlicher Aussprache eine von dem annanütischcn Worte verschiedene Bedeutung ansdrllckl, oder er schafft sich durch Zusammensetzung zweier schon vorhandenen Schriftzeichen selbständig ein drittes, in welchem der eine Bestandtheil die Bedeutung, der andere aber die Anssprache anzcigt. Vergl. W. Schott, Zur Beurtheilung der annamit. Schrift u. Sprache, iw den Abhandlungen der Berl. Akademie der Wissenschaften vom Jahre 1855. Annamöka (Annamuka oder Namoka),. niedrige Koralleninsel, zur Gruppe der Freundschaftsinseln gehörig; fruchtbar; 2000 Ew. Annan (spr. Annan), St. in der schottischen Grafschaft Dnmfries, am Flusse gleichen Namens;. Hafen, Lachsfang, Küstenschifffahrt; 3470 Ew. Anna Parlina (Naparima), neu angelegte- St. auf der WSeile der Insel Trinidad (Britisch- Westindien); schöner Hafen. Annapolis, 1) Hauptst. des nordamerikanischen. Unionsstaates Maryland n. Conntysitz von Ann. Arundel, unter 38" n. Br. und 76° 29' w. L.,. mit 5744 Ew., am rechten Ufer des Sevcrnflnsscs, nahe vor seiner Mündung in die Chesapeakcbai; ansehnlicher Handelsplatz u. Hafen; Marine-Akademie; Eisenbahnverbindung zum Anschluß an die Baltimore-Ohio-Bahn. 2) Befestigte Hauptst. der gleichnamigen Grafsch. im britischen Gouv. Nen- Schottland, NAmerika, am Flusse gleichen Namens;. 2000 Ew. Die Stadt, 1605 von den Franzosen angelegt, hieß früher Port Royal. Ann Arbor, St. im nordamerikanischen Unionsstaate Michigan, unter 42" 16' 48" n. Br. und 83"43' 30" w. L., am Hnronfluß n. der Michi- gan-Centraleiscnbahn; 7363 Ew.; Hanptsitz des Washtcnaw - County, Sternwarte, Universität; Wollen- und Eisenwaarenfabriken. Annas (hebr.), auch Hannas (bei Josephns griech. Ananos), in den Jahren 7 bis etwa 16 n. Chr. jüdischer Hohepriester. Wenn er später neben Kaiphas, seinem Schwiegersöhne, als Hohepriester genannt u. Jesus nach seiner Gefangcn- nehmung zuerst zu ihm geführt wurde, so geschah dies wohl wegen seiner einflußreichen Stellung im Ältestcn-Rath (Sanhedrin). Annalen (v. lat. Lnrmtas), die Abgaben, welche bei Verleihung einer Kirchenpfründe, eines Beneficiums, kirchlichen Amtes an den päpstlichen Stuhl zn entrichten u. nach den Einkünften des ersten Jahres zn berechnen sind; gewöhnlich auch Bestätignngs- u. Weihegebühren überhaupt. Ursprünglich kamen die A. an die Bischöfe, seit Bo- nifacins IX. (1389), u. zwar unter diesem Namen an die Curie, u. bildete sich somit im Gegensätze zn dem früher geltenden kirchlichen Grundsätze, daß das Sacrament der Weihe unentgeltlich ertheilt werden müsse, ein eigenes Bestenernngssystem, das zu vielfachen Streitigkeiten Anlaß gab, insofern als ^Al 684 Ami-Arundcl — Amiciwidm. zur Befriedigung des päpstlichen Aufwandes diese A. nicht nur auf kolossale Summen erhöht, sondern auch, um sie öfter von einer Pfründe erheben zu können, die Prälaten von Rom aus willkürlich abgesetzt wurden u. endlich das Bisthnm oft nur der Meistbietende erhielt. Auf dem Con- cil zu Bafel kam es endlich 1435 zu gänzlichem Verbote der päpstlichen A. u. Lervitin (d. h. die an das Cardinalscollegium. resp. Consistorinm eom- innrüa,, u. die mivntn, die an das niedere päpstliche Kanzleipersonal zu machenden Leistungen), u. wurde dasselbe für Deutschland 1446 zum Gesetze. Jndeß schon 1448, durch das Wiener Concordat, wurde das Gesetz wieder aufgehoben, u. vom Tri- dentiner Concil der Beschluß gefaßt, daß nur jene A. verboten seien, welche nicht der Papst bezieht, womit die Sache wieder aufs Alte kam. Die Sache steht jetzt so in Deutschland, daß die Ser- vitien als auf den Pfründen ruhend gelten, welche der Papst im Consistorinm einem Bcirathe der Cardiuäle verleiht (Bisthümer rc.) und in dem Werthe eines fixen Jahreseinkommens bestehen; indeß sind sie vielfach herabgesetzt, u. bezahlt z. B. der Freiburger Stuhl 3228H Gulden, der von München-Frcising 4833ss Gulden, der von Breslau 3210 Thtr., der von Mainz 2170 Gulden. Diese Taxe fällt als Lsrvltlnsommnviadem früheren Kanzlei-Personal gemeinschaftlich mit dem Consistorinm zu, nachdem zuvor noch eine Quote von 3H"/o für die niederen Kanzleibeamten der Curie für die Ausfertigung der Verleihnngsbnllen weggenommen, die Lsrvltin minnba. Die von den Pfarreien, Canonicaten rc. päpstlicher Collatur zu erhebenden A. im engeren Sinne betragen die Hälfte des ersten Jahreseinkommens, sofern dasselbe über 24 Ducaten Reinertrag liefert (Wiener Concordat von 1448). Da nun aber diese Pfründen insge- sammt unter diesem Werthe in die römischen Tax- tabellen eingetragen sind, so besteht diese Abgabe für die Deutschen nicht mehr, so wenig als für Spanien, Belgien rc. In der Gallicanischen Kirche ist sie ausdrücklich abgeschafft, in der Anglikanischen ging das Recht durch Heinrich VIII. ans den Landesherrn über. Die früher noch bestandenen u. überhaupt von ledig stehenden Pfründen zu entrichtenden A. sind durch Martin V. 1418 aufgehoben worden. Noch gegen Ende des 18. Jahrh. zog der röm. Hof aus Deutschland im Durchschnitte jährlich 195,000 Gnld. für A. u. 215,000 Guld. für Pallien; im Ganzen sollen ihm aus allen nördlichen Ländern während 600 Jahren gegen 1020 Will. Guld. zngeflossen sein. Aus Spanien u. Portugal bezog derselbe seit dem 12. Jahrh. (nach Canga Arguelles) gegen 14,580 Mill. Realen. Ann-Ärundcl, County im nordamcrikanischen Unionsstaate Maryland, unter 38" n. Br. u. 76" w. L., mit 24,457 Ew.; Products: Weizen, Tabak, Eisen, Kupfer, Serpentinstein rc.; von mehreren Eisenbahnen durchschnitten; Countysitz: Annapolis. Anne (St. A. d'Auray), Df. im Arr. Lo- ricnt des französischen Dep. Morbihan, an der Or- leansbahn; berühmte Wallfahrtskirche (ursprünglich 1625 erbaut, neuerdings durch ein großes Gebäude in Renaissancestil ersetzt); 1700 Ew. Annebaut, Claude d'A.,Baron v. Retz, französischer General, geb. in der zweiten Hälfte des 15. Jahrh.; zeichnete sich jederzeit durch Tapferkeit u. Treue ans, folgte nach der Schlacht von Pavia (1525) dem König Franz I. in die Gefangenschaft u. diente demselben in den Feldzügen in Italien, Flandern, der Champagne mit großem Erfolge. Er wurde nach einander General der leichten Ca- valerie, Gouverneur von Piemont, Marschall von Frankreich, Admiral, dazwischen mehrere Male Gesandter, zuletzt Minister. Seine Landung in England 1545 mißlang. A.st. zu La F-öre 2.Nov. 1552. Annectircn (v. Lat.), anknüpfen, anhängen; s. u. Annexiren. Annccl), Hauptst. des gleichnamigen Arr. u. des französischen Dep. Hante-Savoie, am See gleichen Namens in 443 m Seehöhe prächtig gelegen, der ' bedeutendste savoyische Gewerbeort, von der Zweigbahn Aix-les Bains-A. der Lyonlinie berührt; Bischofssitz, Tribunal I. Instanz, Assisenhof, Ly- ceum, Seminar, Cominunalcollege, Protest. Schule, Kathedrale (1523 erbaut), 3 andere Kirchen, darunter die Kirche des Klosters der Visitation mit den Reliquien des heil. Franz von Sales, der hier geboren ist), Felsenschloß (jetzt Kaserne), schönes Präfecturgebäude, Museum, Münzensammlung, Bibliothek (12,000 Bde.), im öffentlichen Garten die Statue des Chemikers Barthollet v. Marocheti, am See schöne Villen; bedeutende Baumwollenspinnereien, Kattundruckereien, Seiden- u. Stroh- waarensabriken, Glashütten, Eisen- und Messerschmieden; 11,581 Ew. A. oder vielmehr das nahe Dorf A.-le-vieux (jetzt mit Glockengießerei ^ u. 1340 Ew.) ist das Lantus der Römer; die Vorstadt Ls Losul die olvltas bovis des Mittelalters. Im Mittelalter war es unter dem Namen Annesium der Sitz der Grafen von Genevois; 1535 nahm der aus Genf verjagte Bischof u. das Domcapitel hier seinen Sitz. In A. st. 1857 Eugen Sue im Exil. Ännehmcn, 1) einen Wechsel a., ihn accep- tiren; daher Annehmer des Wechsels, so v. w. Acceptant. 8) (Jagdw.) Von Schwarzpvild, Bären rc., auf Jäger, Hund oder Pferd losgehen; vom Hunde, die Fährte a., auf derselben fortsuchen. ünneückss, Anneliden, ist die Klasse der Ringelwürmer. Annen, Dorf im Kr. Dortmund des preuß. Negbez. Arnsberg, an der Zweigbahn Herdecke- Dortmund der Bergisch-märkischen Bahn; Hauptort der Gemeinde A-Wullen, mit Gnßstahlfabrik, Eisenwerk, mehreren Glasfabriken u. bedeutenden Steinkohlengrnben; in der Gem. 4450 Ew. Annenbrnder, seit der Mitte des 13. Jahrh. über ganz Mitteldeutschland verbreitete Brüderschaft, die von den Jesuiten neu organisirt wurde, mit Aufnahme nur Solcher, welche sich als echte Katholiken erwiesen. In Bayern u. der Schweiz bestehen sie noch. ^ Annenordcn (Orden der Sta. Anna), 1 russischer Orden, ursprünglich vom Herzog Karl Friedrich v. Holstcin-Gottorp in Kiel 3. (l4.)Febr. 1735 zu Ehren seiner Gemahlin Anna Petrowna, späterer Kaiserin von Rußland, gestiftet und vom Kaiser Paul I. 1796 für einen russischen erklärt. Er bestand ursprünglich ans 1 Klasse von 15 Rittern; Kaiser Paul theilte ihn in 3, mit der Bestimmung zur Belohnung des Verdienstes für alle i Ainicnpfcmng — Amio. 68L Stände, u. Alexander 1815 in 4 Klassen. Ordenszeichen: ein viereckiges, roth emaillirtes goldenes Kreuz, dessen Flügelwinkel mit goldenem Laubwerk, die Vorderseite mit dem Bilde, die Rückseite mit dem gekrönten Namenszuge der hl. Anna geschmückt ist. Die erste Klasse trägt es über der linken Schulter an einem breiten ponccanrothen Baude mit gelber Einfassung, nebst einem silbernen Stern auf der rechten Brust, in dessen Mitte ein rothes Kreuz mit der Devise: Xmantidns lustitium, skistatsm, §iäsm (d. h. Denen, die lieben Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Treue); die 2. Klasse an einem ähnlichen, schmäleren Bande um den Hals; die 3., ein kleineres Kreuz, auch mit Schleife, im Knopfloch; die 4., nur an Militärs verliehen, an demselben Bande im Knopfloch (sonst emaillirt aris dem Stichblatte des Degens, auch mitKrone. Eine 5. Klasse, nur für Unteroffiziere u. Soldaten, besteht aus einer goldencnMedaille mit roth emaillirtem Kreuze. Nikolaus I. hat als besondere Auszeichnung für die 1. n. 2. Klasse noch die Decoration mit Brillanten oder mit einer goldenen Krone am Ringe des Kreuzes u. dem obersten Strahl des Sternes eingeführt. Das Ordensfest wird am Stiftuugstage gehalten, u. ist dafür, wie für gewisse Festlichkeiten ein besonderes Ordenskleid vorgeschricben, bei der 1. Klasse ein rothsammetner, mit Gold n. Silber durchwirkter Mantel. Für die 1. Klasse (Groß- krenze) ist der Rang eines Generalmajors oder wirklichen Staatsrathes erforderlich. Die unteren Klassen sind wegen ihrer häufigen Vertheilnng wenig geachtet. Mit dem Orden sind Pensionen von 50—200 Rubel verbunden. Annenpfennig, 1) silberne Scheidemünze der Stadt Hannover, von 1500, mit der Sta. Anna und Maria mit dem Kinde; 2) alte sächsische kupserne Denkmünze von Annaberg. Annex (v. Lat.), zugehörig; daher Xnnsxa, Zugehör, Anhängsel, Beigüter; Annexion (An- nexation), Anschluß, Anfügung, besonders in politischer Beziehung; s. u. Aunexiren. Anncxbattericn, auch Anschluß- oderZwischen- brtterien, die Batterien, welche der Vertheidiger einer Festung außerhalb u. zwischen den Werken, namentlich Vorwerken der Festung, anlegt. Annexircn, annectiren, in neuester Zeit der Ausdruck für Einverleibung einer Provinz oder eines kleineren Staates in einen anderen solchen. Das Wort Annexion für ein solches Ereigniß wurde zuerst 1860 bei der Einverleibung Savoyens u. Nizzas in Frankreich angewendet, wobei eine Scheinabstimmung in Scene ging; dies war auch bei der Einverleibung der mittel- u. süditalieuischen Staaten und Venetiens in das neue Königreich Italien der Fall. Von einer solchen Operation wurde bei den neueren deutschen Annexionen (Hannover, Kurhessen, Nassau, Frankfurt n. Schleswig- Holstein an Preußen, 1866, u. El'aß-Lothringen an Las Deutsche Reich, 1871) Umgang genommen u. das neue staatsrechtliche Verhällniß durch Gcsetzege- regelt. In Schleswig-Holstein wurde jedoch der Bevölkerung zwischen der Annahme der dänischen ober deutschen und in Elsaß-Lothringen zwischen jener der französischen oder deutschen Nationalität die Wahl gelassen (im letzteren Falle Option). In der Umgangssprache hat der Ansdruck A. in komischer Anwendung die Bedeutung von stehlen erhalten. Annihilircn (v. Lat.), nichtig erklären, vcr Nichten, aushebeu; daher Annihilirnng, Annihilation, Nichtigkeitserklärung, Aufhebung. Anmvorssrlus (lat.), 1) was-jährlicb wiederkehrt, besonders 2) (Lnnivsrsarinm saerum, jährlich zu bestimmter Zeit einer Gottheit gebrachtes Opfer oder gefeiertes Fest; auch 3) die jährliche Feier des Begräbnißtages durch Todtenopser (Inkorlas) au den Gräbern; 4) (Kanals, Xnrmals) in der Christlichen Kirche, der jährlich zum Andenken an Verstorbene mit Messen u. Almosenaustheilen ge- feierte Tag, wozu oft besondere Stiftungen gemacht wurden. Annivicrs, Val d' (deutsch-Einfischthal), 40 km langes, bis an die Gletscher des Wcißhornes hin- aufzichendes linkes Seitenthal, im Bezirke Siders des schweizer Kantons Wallis, von dem zur Rhone strömenden wilden Gletscherstrome Usenz oder Navi- sance durchflossen, voll der großartigsten Scenerien der Walliser-Alpen. Die Bewohner, eine Art wohlhabender Nomaden, sind je nach der Jahreszeit Viehzüchter, Ackerbauer u. Winzer. Sie sollen, der Volkssage nach, von einem Trupp Hunnen abstammen, welche, in diesen Thalgrund versprengt,, erst im 12. Jahrh. die christliche Religion an- nahmen. Sitten, Gebräuche u. Bauart der Häuser sind absonderlich, die Sprache ein französisches Patois. Von den Dörfern ist Zinal, im Sommer von Alpensreunden belagert, zu nennen. Von hier führt das Tristjoch oder der Col de Zinal über den Durand-Gletscher 3540 m nach Zermatt. Bon den das Thal umgebenden vergletscherten Spitzen ragt das Ziual-Rothhorn 4223 m empor. Westl. zweigl das Torrent-Thal ab, welches der Glacier de Moiry schließt. Aus demselben führen hinüber noch Evolena in Val d'Herens die Pässe: Col de- Torrent, Col du Zate 2875 m n. Col de Breonna. 2918 m. Weiteres s. unter Eringcr-Thal. Geologisch u. mineralogisch gehört das Einfischthal zu. den interessantesten und reichsten der Schweiz. Anno, 1) so v. w. Hanno. 2) St. A. II., stammte aus dem Geschlecht der von Steußlingen a. d. oberen Donau, geb. um 1010; studirte in der Schule zu Bamberg, die er eine Zeitlang auch leitete, lebte dann am Hose des Kaisers Heinrich III. und wurde Canonicus und bald Propst des Stiftes in Goslar. 1056 folgte er auf Hermann III. als Erzbischof von Köln und Kanzler des Kaisers Heinrich III., dem er bald in hochfahrendem Ehrgeize in den Weg trat. Nach Heinrichs Tod entriß A. mit den Erzbischöfen von Mainz, und Bremen, dem Bayernhcrzog Otto u. A. den jungen Heinrich IV. i. I. 1062 der Vormundschaft seiner Mutter u. brachte die Reichsverwaltung wesentlich in seine Hände, bis Adalbert von Bremen sie ihm entwand. Gleich diesem der von Kaiser Heinrich III. u. Papst Leo IX. begonnenen Kirchenreform zugethan, war er doch am meisten darauf bedacht, Köln zum deutschen Rom zu erheben, wie Adalbert Bremen zum Rom des Nordens machen wollte. Dabei verfeindete er sich aber ebenso mit dem König, wie mit den Kölnern, die ihn 1074 aus der Stadt trieben, um. alsbald seine Rache bitter zu empfinden. Ver- «86 — Annvnay. lassen und gebeugt, zuletzt auch körperlich schwer leidend, st. er 4. Dec. 1075. Er wurde in Siegburg bcigesctzt, in Legende u. Lied viel gefeiert u. 1183 heilig gesprochen; Tag: der 4 Dec. Vgl. Lie mönchische Vita Xnwowis bei Pertz, Lion. bist. Asrin. (XI.), 465 ff.; Äg. Müller, Anno der Hl., Lpz. 1858; Th. Lindner, A. II., der H!., ebd. 1863. /wno (lat., Ablativ von minus), ini Jahre; daher X ab urbs eonälta oder V. wrbis eonllitas (4. V. 6.), im Jahre nach Erbauung der Stadt (Rom), d. i. 753 (754) v. Ehr.; X aoras vul- Käris, im Jahre der gewöhnlichen Zeitrechnung, L. i. nach Christi Geburt; X ants (llvristurn und X. post Obristuin (natum), (V. a. 6br. u. 4. p. im laufenden Jahre; X llomini (4. ä.), im Jahre des Herrn «nach Christi Geburt); X. slapso (X s.), im verflossenen Jahre; X ku- turo (V. I.), im künftigen Jahre. Annobon, Insel an der WKüste Afrikas, südlich von St. Thome unter 2" s. Br., mit dem gleichnamigen Hauptorte. Die 1471 von den Portugiesen entdeckte und seit 1778 Spanien gehörende Insel ist gebirgig, aber fruchtbar u. zählt uns 225 Hjlcm kaum 1000 Ew. Annoenlin, Flecken im Arr. Lille des fran- zösischeuDep. Nord, an derDeule; Gerberei, Leinen- weberci, Zuckerfabrik; 3980 Ew. Annolicd, zu Ehren des Erzbischofs Anno von Köln (st. 1075) noch im 11. Jahrh. von einem Geistlichen in oder um Köln in der nieder- vheinischen Sprache gedichtet. Ein aus dem Ganzen der Weltgeschichte, insbesondere der deutschen Geschichte hervorgeheudes Lebensbild des berühmten Mannes. Der Gedanke des von Christo zur Erlösung des Menschengeschlechtes gegründeten, über alle weltlichen Reiche emporgekommenen, in Rom conccntrirten, auch unter den deutschen Völkern befestigten Gottesreiches auf Erden, an dessen Ausbau der heilige Anno von Köln als ein erwähltes Rüstzeug mitgearbeitet, bildet die Einheit dieses in seiner Gliederung nnverhältnißmäßigen Gedichtes. Die Musen, die es eiugaben, sind ein im Positiv-kirchlichen weit reichender, dabei männlicher, znm Kampfe mit der Welt und mit dem Bösen gewappneter n. zugleich in Werken der Liebe sich bewährender Glaube, warme Anhänglichkeit an das deutsche Vaterland n. die Heimath. Aus dem Erze des Glaubens und der Liebe gießt der Dichter mit fester u. kunstvoller Hand die mächtige Statue des Kirchenfürsten von Köln: er ist ans verklärender Ferne ausgenommen, wie aus den Flammen der Reinigung hervorgegangen. Vor ihm prangt ein gewaltiger Schilv, in den die ersten Gestalten der weltlichen und heiligen Geschichte mit großem Sinne u. mit plastischer Kraft eingemcißelt stehen. Das Gedicht blüht in allen seinen Strophen von Schönheit, Frische und Gesundheit. Die knappe und doch nirgends kalte Sprache darf in ihrer Art als elastisch bezeichnet werden. Ausgaben: von M. Opitz, Danzig 1637 ff.; von Roth, Leben des heil. Anno, München 1847; von Bezzenbergcr, Nwrs von Lento Xnnon, Quedlinb. 1848 (die beste); von Jos. Kehreiu, Franks. 1864. ünnominatlo, -LAuoininatno (lat.; gr. xaranowa- sia; Rhet.), Beibenennnng, Nebcneinanderstellung ähnlicher Wörter oder Wiederholung eines Wortes bei verschiedener Bedeutung, Wortspiel, z. B. vsni.it a ts (anteguum Roman: venit, er wurde von dir verkauft, bevor er nach Rom kam). Sind in diesem Falle die verschiedenen Andeutungen einander entgegengesetzt, so tritt die Antanaklasis ein. X heißt auch die Aufeinanderbcziehnng von Wörtern, die demselben Stamme angehören, z. B. wenn ich still die Augen lenke au die abendliche Stille; die Schlacht ist geschlagen. knwnu (lat.), 1) (röm. Ant.) das ganze Jahrcs- erzengniß an Früchten. 2) Sämmtliche Victna- lien, die aus den Markt gebracht werden. 3) Der Marktpreis. 4) Später Grundsteuer, Proviant des Militärs, sowie die Naturalleistungen an die Beamten. 5) Göttin, welche die jährlichen Früchte schützte und segnete. /Warna oder Xwna X.Maschcnbaum), Pflanzen- gattnug aus der Fam. der Auouaceen (XIII. 7). Arten: Stränchcr od. Bäume, iw Amerika, Ostindien rc.: 4. mnrwäta IV., mittelgroßer Baum in Ost- u. Westindicn, mit fast herzförmigen, großen, 3—4 leg; schweren, grau-grünlichen, mit weichen Stacheln besetzten, melonenartigen Beeren, ein weißes, sehr saftiges n. weiches, lieblich riechendes n. angenehm süß-säuerlich schmeckendes Fleisch enthaltend; 4. sguunwsa, IV, kleiner Baum in SAmcrika, Ost- u. Westindieu; faustgroße, rundliche, grau-grünliche, schuppige, der Ananas ähnliche Frucht, mit zartem, süß-weinartig, sehr angenehm gewürzhaft schmeckendem Mark; X. spiwososns IV, in Brasilien; das mit Milch gekochte Fruchtmark dient als ausweichendes Mittel bei Geschwüren, u. das Pulver der Samen ähnlich wie Jnsectenpulver. Aehnlich verwendet werden die unangenehm riechenden Blätter von 4. sgnaiuösa IV; mit einem Absud derselben waschen die Eingeborenen Indiens ihre Haare; in Brasilien wird die Wurzel von 4. paluslris IV wie Kork verwendet; X 6IwrinwI1a MIA (X. tripetalu Xrt.), Tschirimaja-Baum, in Peru, ». Neugranada Wälder bildend, mit Hangenden Ästen, unten filzigen, braunen Blättern u. sehr wohlschmeckenden kugeligen Früchten. ünnonsosao, Anonaceen, natürliche Pflanzenfam. ans der Klasse der Polycarpen, mit Zwitterblumen, dreiblätterigem Kelche, 6 freien Blumenblättern, Staubgefäßen von meist unbestimmter Zahl, zahlreichen Fruchtknoten, mit 1 aufrechten oder mehreren aufsteigenden Eiern; die Frucht ist eine Kapsel oder Beere, mit aufrecht oder wagerecht liegendem Samen ohne Samcnmantcl; tropische Bäume u. Stränchcr, die in allen Theilen einen starken aromatischen Geruch enthalten; einige werden dadurch, andere durch ihre außerordentlich wohlschmeckenden Früchte nützlich. Gattungen: LoeaZva, Sk. .WA, Ilvaris. X, Ilalwslia Aee. /rA, 6uattsria RwrL. .?av., XzloxiaX, AmnonaX Annonay, Stadt im Arr. Tournon des französischen Dep. Ardöche, am Zusammenflüsse der Cance und Deume; Haudelstribunal, Schloß, Snccnrsale der Bank von Frankreich; ist die ge- werbreichste Stadt des Dep., mit bedeutender Wcißgerberei für Handschuhleder in mehr als 80 Fabriken mü 1200 Arbeitern, berühmter Papier- Annonce — Annoncen-Burcou. 687 Fabrik, Seiden-, Baumwollen-, Tuch- u. Handschuh- sabrikcn; 17,033 Ew.; Geburtsort der Luftschiffer Montgolsier und des Präsidenten der Nationalversammlung Boissy d'Anglas, dem hier eine Brouzestatue von Hebert errichtet ist. Annonce, Ankündigung, besonders in Zeitungen (s. Anzeige u. Reclame); daher annon- ciren. Etwas öffentlich anzcigen. Annoncen-Bnrean (A.-Expedition), ein Ge. fchäfts-Etablissement, welches sich ausschließlich mit der Vermittelung zwschen dem inserirenden Publi- cuni u. den Expeditionen aller existirenden Zeitungen, Zeitschriften, Kataloge, Kalender und sonstiger Annoncen ausnehmenden Druckschriften besaßt u. seinen Auftraggebern größtentheils dieselben Preise berechnet, welche sie an jene Expeditionen bei directem Verkehre zu zahlen hätten. Ein solches Bureau steht mit allen Zeitungen in fortlaufender Geschäftsverbindung, ist bei denselben creditirt u. findet neben Deckung seiner Betriebskosten einen entsprechenden Nutzen lediglich in der Provision, welche ihm seitens der Zeitnngsbesitzer in Form eines Abzuges von dem Brutto-Betrage der vermittelten Insertionen gewährt wird. Das A.-B. dient somit ausschließlich dem Zwecke, zunächst Veröffentlichungen in Organen zu ermöglichen, resp. zu erleichtern, deren directe Bestellung theils wegen weiter Entfernungen u. dadurch bedingter Portokosten, theils wegen Verschiedenheit der Landessprache n. sonstiger, nur dem A.-B. bekannter Einrichtungen des Zeitungssatzes n. der Annonccn- Annahme nur Opfer an Zeit, Geld u. Mühe verursachen würde, ohne daß man das Erscheinen der aufgegebenen Ankündigung mit gleicher Sicherheit erwarten dürfte, als bei der Vermittelung durch das A.-B. Aber auch für leichter zugängliche Blätter gewährt dieses Institut die Vortheile, Laß es, bei Berechnung von Original-Zeilenpreisen u. Einrichtung der Annonce in jeder vom Auftraggeber gewünschten Form, die Anfertigung jeder noch so großen Anzahl erforderlicher Manuskripte, die Annahme der auf anonyme u. mit Chifsern bezeichnte Angebote eingehenden Meldungen u. größtentheils auch die Lieferung der die aufgegebenen Insertionen enthaltenden Belegblätter kostenfrei besorgt. Es sind dies nicht zu unterschätzende Vortheile, zu denen noch die Bequemlichkeit der Abrechnung am Orte der Bestellung, die Anfertigung von Kostenanschlägen und die Gewährung eines Rabatts bei wiederholten Annoncen tritt. Der Hauptvortheil aber bleibt wol die genaue u. auf langjähriger Erfahrung beruhende Auskunft über die Wahl der Zeitungen, welche von den großen, bekannten A.-B-x ertheittwird, sowie deren stannens- werthe Zeitnngsverzeichnisse, welche — nach Erd- theilen, Ländern u. P rovinzcn geordnet, bei Fachzeitschriften auch nach den Wissenschaften — alljährlich in neuer Auflage, verbessert in Bezug auf stattgehable Veränderungen in Zeilenpreisen, Erscheinungsweise u. Höhe der Auflage, erscheinen. Hieraus erhellt der große Nutzen, welcher der ganzen Geschäftswelt u. auch dem übrigen inserirenden Publicum aus dem Bestehen solcher wol mit Recht als internationale Sammelstellen für Zeitungs-Annoncen zu bezeichnenden Etablissements erwächst, während anderseits dem Zeitungsbesitzer durch Concentrirnng seines Hauptgeschäfts- Verkehres auf möglichst wenige auswärtige n. als sol- venterwiescne A.-B-x eine Erleichterung n.Ersparniß geboten wird, die ihn veranlassen, diesen Bnreanx die obenerwähnte Provision zu gewähren. Der Betrieb eines A.-B-x erfordert Arbeitskräfte, welche neben allgemeiner KenntnißdesZeitungswesens u. fremder Sprachen noch ganz besonders reiche Erfahrungen über Wirksamkeit, Leserkreis, Tendenz der Blätter, sowie Spaltenbreite n. Grundschrift des Annoucen- theils derselben besitzen; ebenso unerläßlich ist cs, daß der Unternehmer eines solchen Geschäftes, wegen der unvermeidlichen Ausdehnung über ein unbeschränktes Zeitungsgebiet, im Stande sei, über nicht geringe Mittel zu disponiren. Die enorme Ausdehnung, welche das ganze, der wachsenden Industrie immer unentbehrlicher werdende Anuoncen- wesen innerhalb der letzten Jahre gewonnen hat, ist wol zum großen Theil der Thätigkeit der A.-B-x u. der durch dieselben ermöglichten raschen n. sicheren Beförderung einer Anzeige in die entferntesten Theile der cultivirten Welt zu verdanken. Wie aber dieser Geschäftszweig einerseits der Industrie wesentliche Dienste geleistet, anderseits ans das ganze Zeitungswesen fördernd n. reformirend eingewirkt hat, so konnte es nicht ansbleiben, daß die ersten Etablissements dieser Branche in Folge ihres unerwarteten Emporblühens eine zahlreiche Concurrcnz hervorriefen, deren Bestehen jedoch, in Ermangelung der oben erwähnten Ersordernisse an Kenntnissen u. Betriebsfonds n. des öffentlichen Bei - trauens, nur von kurzer Dauer war, oder nur geringe Resultate lieferte. Die bedeutendsten Firmen dieses Geschäftszweiges sind diejenigen vonHaasen- stein L Vogler (schon 1855 in Altona gegründet, dann nach Hamburg verlegt u. jetzt an 40 Hauptplätzen Deutschlands, Österreichs u. der Schweiz domicilirt, durch ihre Verbindungen mit überseeischen Ländern noch besonders hervorragend); ferner Rudolf Messe u. Jnvalidendank in Berlin, Daube L Cie. in Frankfurt a. M. Die erstgenannten beiden Firmen haben das in Frankreich seit Jahren acceptirte Verfahren, den Jnseraten- theil verschiedener großer Blätter in Regie zu nehmen, von anderen die ausschließliche Annahme von Inseraten sich übertragen zu lassen, mit Erfolg in Deutschland zur Geltung gebracht. Das älteste u. bedeutendste A.-B. in Frankreich ist das von Havas, Lafitte, Bnllier äc Cie., Pächter des Annoncentheils der größeren Pariser u. französischen Provinzial-Zeitungen, nächstdem hervorragend die Firmen Prince Gallien L Cie. (Spe- cialität für südamerikanische Blätter), Eugcnie Orain (für orientalische), C. A. Saavedra (für spanische u. portugiesische), sämmtlich in Paris. Für England, in welchem Lande jedes A.-B. eine specielle Art von geschäftlichen oder behördlichen Ankündigungen cnttivirt, sind die Firmen Frederick Algar (seit 1840 in London bestehend u. das Annoncen- geschäst nach -en Colonien fast ausschließlich in Händen haltend) u. Bates Hendy L Co. (besonders nach Südamerika thätig) zu nennen: in Belgien A. N. Lebögue L Cie. (Brüssel); in Holland Nijgh L van Dittmar (Rotterdam); in Dänemark Aug. I. Wolfs L Co. (Kopenhagen); in Rußland P. I. Jürgenson u. A. Louri - ob psonäonvmis, Hamb. 1674; dessen ^lioatrum anoii) worum, ei psonllon/morum, ebd. Anorganisch. 1708; dazu Supplem. von Mylins, Hamb. 1740; Bardier, Oiotion. llss ouvraZss anonymes «t pssullonz'mss, Par., 2. Ausl., 1822—27, 4 Bde.; de Manne, kstonvsanx rsoneils llss onvragss airon. ob psonäon., Par. 1834. In der Anatomie erhalten mehrere Theile des menschlichen ^ Körpers noch jetzt ihre Bezeichnung als a., so A-e ff Arterie (Lrioria anonxma), erste, große, ans den: i Bogen der Aorta entspringende, in die Schlüsselbein- u. rechte Kopfarterie sich spaltende Pulsader; A-er Knochen (Os anonxmum s. imiomiimbum), ^ so v. w. Hüftknochen; A-er Leberlappen (üodulno ^ anonz-mns s. guallratus iiopabis); s. Leder. A-e Gesellschaft, so v. w. Actiengesellschaft, weil die ! Actieninhaber nicht genannt zu werden drauchen, ! da sie nicht nnt ihrer Person, sondern nur mit ! ihren eingezahlten Beiträgen haften. Anophthalmie (v. Gr.), das angeborene oder erworbene Fehlen eines oder beider Augen. Anoplotherium, ein nun ansgestorbenes, zur Tertiärzeit lebendes Säugethier, dessen versteinerte Überreste sich im Pariser Grobkalk finden. Es war ungefähr von der Größe eines Esels, glich aber mehr dem Nashorn oder Tapir, war also ein ^ Bielhufer. ünoplura Teacä. sind die Pelzfresser (Nallo- xlmAa), eine Fam. der parasitischen Jnsecten. Anopsie (v. Gr.), 1) Mangel des Gesichtes, Blindheit. 2) Nichtgebrauch der Sehfähigkcit; so > spricht man von ^mdlxopia sxanopsia u. versteht ^ darunter die Schwachsichtigkeit, z. B. eines schielenden Auges, indem man annimmt, daß das schie- ^ lende Äuge, um das aus seiner falschen Stellung hcrvorgehcnde Doppelsehen zu verhüten, seine Netzhautbilder unterdrückt und so mit der Zeit das Sehen gleichsam verlerne u. schwachsichtig werde. Anor, Df. im Arr. Avesncs des franz. Dcp. Nord, am gleichnamigen Rebenfl. der Oise, Knotenpunkt von Eisenbahnen nach Anlnoye, Hirson u. Mariembourg in Belgien (Nordbahn); Eisen- u. Stahlhämmer, Glashütte, Siebmachcrei, Marmor- brüche; 3637 Ew. Anorchis (v. Gr.), Hodcnmangel. Anordnung, die zu bequemer Übersicht n. gefälligem Eindruck erforderliche richtige Stellung n. Rei- ! henfolge der einzelnen Theile eines Ganzen. In der ' Logik: die richtige stieben-, Über- u. Unterordnung ^ der Begriffe; in der Redekunst, so v. wie DiSposi- ! tion; in der bildenden Kunst, speciell auch der Baukunst: Zusammenstellung der einzelnen Theile oder ! Gruppen eines Kunstwerkes zu einem harmonischen ! Ganzen; im praktischen Leben: Zweckmäßigkeit in der Thätigkeit, so daß kein unnöthger Zeitverlust n. keine unnöthige Störung erwächst. Anorexie (v. Gr.), Mangel an Eßlnst; stets ein Symptom allgemeiner, sowie fieberhafter Krankheiten mit Daniederlicgcn oder Schwäche der Ver- > dannngswerkzcuge, oder aber Zeichen von Ergriffen- ' ^ sein des Magens selbst. Bei Behandlung dieses Übels muß zunächst die Ursache desselben ergriffen werden. Biel wichtiger als die Anwendung von Heilmitteln ist eine angemessene Diät, verbunden ' mit einer die Erholung begünstigenden allgemeinen s Lebensweise (angenehme Zerstreuungen, Reiscinc.). Anorganisch (gr.), ohne Organe, wie die unbelebten Naturkörper, die Mineralien, das Wasser, 697 Aiwrthit — Anreicherorboit. die atmosphärische Luft rc., iin Gegensätze zu den Organismen. Die Scheidung der Naturstoffe in anorganische und organische wird neuerdings von vielen Naturforschern als eine willkürliche bezeichnet, weil in den organischen (Thier- u. Pflanzen-) Körpern kein Grundstoff verkommt, der nicht auch außerhalb derselben in der sogenannten leblosen Natur zu finden wäre, u. die chemischen n. physikalischen Unterschiede, welche zwischen den Organismen u. Anorgancn existiren, ihren materiellen Grund demnach nicht in einer verschiedenen Natur der sie zusammensetzenden Grundstoffe haben, sondern in der verschiedenen Art u. Weise, in welcher dieselben chemisch verbunden sind. Anorganochemie oder a-e Chemie, Chemie der a-cn Körper, derjenigen Verbindungen, welche weder im Pflanzen- u. Thierkörper entstehen, noch aus so entstandenen dargestellt werden; letztere Verbindungen — welche sämmtlich Kohlenstoff enthalten — sind Gegenstand der organischen Chemie. Anorga- nographie, Beschreibung der a-cn Körper, und Anorganologie, Lehre von denselben. Anorthit (Christiauit, Jndianit), Name für den reinen Kalkfeldspath; s. Feldspath. Derselbe kommt vom griech. an-, un-, u. ortlws, bedeutet also: nicht gerade, oder: nicht rechtwinkelig, weil der A. triklin krystallisirendcr Feldspath ist. Anorthöskop (v. Gr.), ein von Plateau erfundenes optisches Instrument, durch welches eine auf eine Scheibe aufgetragene entstellte Figur in ihrer natürlichen Gestalt erscheint. Es besteht ans n mit verschiedener Geschwindigkeit drehbaren Scheiben, deren Drehungsachsen in eine Gerade fallen; die vordere ist schwarz n. enthält in gleichen Abständen Spalten; ans der Hinteren, transparenten und von hinten erleuchteten Scheibe befindet sichdie entstellte Figur. Wenn nun z. B. die Scheiben sich in entgegengesetztem Sinne bewegen n. die Hintere viermal schneller, als die vordere, so muß die entstellte Figur um das Fünffache der Winkelbestände auscinandergczerrt sein, damit sie, durch die Spalten der vorderen Scheibe ge sehen, in ihrer natürlichen Gestalt erscheine; zugleich wird sie dann nicht einfach erscheinen, son dern fünfmal in gleichen Abständen ans dem Umkreise der Scheibe. Diese optischen Erscheinungen beruhen auf dem physiologischen Gesetze, daß die in der Netzhaut hervorgernfenen Empfindungen noch eine Weile nach der Einwirkung des Lichtes andauern. Die Aufhebung der Verzerrung erklärt sich ans der ungleichen Winkelgeschwindigkeit der Scheiben. Vgl. Plateau in Pvggendorffs Annalen der Chemie u. Physik, 1836, u. Hclmholtz, Physio- log. Optik, Lcipz. 1867. Anosmic (v. Gr.). 1) Geruchlosigkeit. 2)Ano- sphrasie, Unfähigkeit, Gerüche zu empfinden, bedingt entweder durch Lähmung der Riechnerven, oder durch Verstopfung der Nase, oder durch Krankheit der Nasenschlcimhaut. — A. kann angeboren, oder im Laufe des Lebens erworben sein, vorübergehen, oder andauern. Die angeborene zeigt sich bei Mangel der Geruchsnerven, bei Bildungs- fehleru der Geruchsorgane rc.; die vorübergehende tritt als Symptom örtlicher, sowie allgemeiner Krankheiten auf u. verschwindet mit diesen wieder. Anpassung, s. Adaptation. Anquetil, 1) Louis Pierre, französischer Geschichtschreiber, geb. 21. Januar 1723 zu Paris; wurde Director des Seminars zu Reims, 1757 Prior an der Abtei Noe, später Director des College von Senlis, endlich Pfarrer zu Paris. Während der Schreckenszeit der Revolution gefangen gehalten, ward er bei der Gründung des Instituts Mitglied desselben u. unter Napoleon dem Ministerium des Auswärtigen bcigegeben. Er st. zu Paris 6. Scpt. 1808. Er schrieb die Geschichte der Stadt Reims, 3 Bde.; I^prib ,lo la Ug'uo, 4 Bde.; Iwnis XkV., sa o»ur ot la rezent, 2 Bde.; Nrseis cke l'liistoirs imivoi'Ksllo, 12 Bde.; Ilotiis äes ^rwrros et >1v8 traits» äs paix; Hist, äs llraiws (bis zur Revolution), 15 Bde.; fortgesetzt von Beuillet, 1862, 6 Bde. 2) Abraham Hyacinthe Anquötil-Tuper- ron, bedeutender Orientalist, Bruder des Vor., geb. zu Paris 7. Dcc. 1731; ging, von unwiderstehlichem WisscnStricb erfüllt, 1755 als gemeiner Soldat nach Indien, lernte unter Mühe» n. Entbehrungen erst zu Pondichery das Nenpersische, dann in Surate Zend und Pchlwi, u. gelangte hier zur Kenntnis; der heiligen Bücher des Zcnd- volkes, indem die parsischen Priester ihm den Inhalt neupcrsisch dictirten. 1762 kehrte er mit einer Menge von Manuscripten nach Paris zurück, ward Dolmetscher der morgenländischen Sprachen an der köuigl. Bibliothek u. st. 17. Jan. 1805. Seine franz. Übersetzung der Zendavesta erschien Paris 1760—1771, 3 Thle. (deutsch von Älcuker, Riga 1776—78); schrieb außerdem Imgsislutiun orientale, Amsterd. 1778; lioolrerelws llwt, et Zsog-r. sur l'Incio, Bcrl. 1786, 2 Bde.; Im cii-;i>itv (in eominores st äs l'bltat ckn eoinmeryuut. Paris 1780; I/Incks su rapport aveo l'Ilurope, Paris 1700, 2. Ansg. Hamb. 1708; Ouimsküat, eine lateinische Übersetzung des Upanischad, Par. 1802 bis 1804, 2 Bde. Seine Übersetzungen sind im Einzelnen oft fehlerhaft n. unkritisch. Sein Bruder veröffentlichte über ihn eine Xoties karr la vis ü'Angustil Oupsrron. Anlfnicken nennt man bei der Amalgamation das Versetzen der gehörig gerösteten Erze mit Quecksilber n. Eisen behufs Extraction des Goldes n. Silbers ans denselben. Dasselbe geschieht in Fässern, die um eine horizontale Achse drehbar sind, den Anqnickfässeru, durch deren darauf folgendes anhaltendes Rotireu die innige Mischung n. Extraction vollbracht wird. Anra-Mninhu, so v. w. Ahriman. Anrath, Flecken im Kr. Krefeld des preußischen Regbez. Düsseldorf, Station der Bcrg.-märk. Strecke Gladbach-Ruhrort; 3830 Ew. Aurcrcherarbcit (Hlltteuk.), Verfahren, wodurch in einem geringhaltigen Hüttcnprodnct eine größere Menge der ausznbringcuden Substanz conccntrirt wird, indem mau cs von Neuem mit Erz in die hüttenmännische Operation nimmt, oder den betreffenden Bestandthcil durch Verminderung der übrigen relativ vermehrt. Es beziehen sich die Ausdrücke anreichcrn, Anreicher - schlacken, -stein, -lech ic. meist auf die Gewinnung von Gold u. Silber. Für die Gewinnung anderer Metalle, z. B. des Kupfers, benutzt man vorwiegend die Ausdrücke concentrircn, 44 * 692 Anrep-Elmpt — Ansatz. Concentrativn, neben den allen spleißen. Spleißöfen -c. Anrcp-6-lmPt, Joseph, Graf A.-E., russischer General, gcb. 1796 in Livland; trat 1815 als Offizier in die russische Armee, fand zuerst im Türkenkricge 1828—29 Gelegenheit zur Auszeichnung u. nahm als Adjutant des Felduiarschalls Die- bitsch 1881 theil an dem Kriege gegen Polen. Einige Jahre nach dem Frieden zog er sich nach Livland ans sein Gm zurück, trat jedoch in Mitte der dreißiger Jahre wieder in Aktivität, machte mit Auszeichnung die Feldzüge im Kaukasus, specicll in Daghcstan u. gegen die Lesghier mit u. wurde 1889—1842 mir dem Befehl über die Linie des Schwarzen Meeres betraut. 1849 commandirte er die Avantgarde der russischen Truppen in Ungar», erhielt sodann den Befehl über die 1. leichte GarLccavalcricdivision u. rückte bei Ausbruch des Krieges mit der Türkei 1853 unter Gorlschakoff mit in die Walachei ein, wo er die Cavalcrie ans dem rechten Flügel der russischen Stellung (Kalafat n. Csctate) befehligte; nach dem Kriege trat er in Disponibilität n. st. 28. Juli 1860. Anrotten, einen Weinberg aulegen. Anrüchig, was im üblen Rufe steht, besonders ein Mensch, dessen Ruf nicht tadellos ist. Nach juristischen! Begriffe ist Anrüchigkeit der Makel, der auf einer Person wegen eines Gewerbes, oder der Geburt, oder der nustäten Lebensweise (Zigeuner, Gaukler, Spielleute, fahrendes Bolk rc.) Hafter, und bewirkte früher Ausschließung von Ämtern, geistlichen Corporationen, Zünften und Handwerken. Die weite Ausdehnung im Mittel- alter auf viele Gewerbe, als Müller, Bader, Schäfer, Weber, Zöllner, hob schon die Rcichspolizei- ordnung von 1577 auf, u. die Anrüchigkeit war nach Reichsbeschluß von 1731 nur den Abdeckern u. ihren ihnen im Gewerbe beistehendeu Kindern, sowie den unehelichen Kindern verblieben, ist aber auch bei diesen jetzt in allen Ländern gesetzlich aufgehoben. Der Makel der Anrüchigkeit konnte durch auf Ansuchen voin Landcshcrrn ertheilte Ehrhaft- machuug, bei unehelich Geborenen durch landesherrliches, sie als ehelich erklärendes Rescript, oder durch nachfolgende Ehe der Eltern beseitigt werden. Anrufung (Anruf), 1) so v. w. Appellation. 2) (Lal.Invoo.rtio) Beim Gebete die NeunnugDessen, an welchen daS Gebet gerichtet ist. Bei den alten Dichtern war die A. an Apollo oder an die Blusen um die Gabe des Gesanges üblich; im christlichen Gebete an Gott und Christus; in der Katholischen Kirche auch an die Engel, die heil. Jungfrau, die Heiligen: s. Anbetung. Daher A-ssormelu, in Urkunden bis zum 13. Jahrh. die gewöhnlichen religiösen Eingangsformeln, die einen frommen Wunsch oder eine Empfehlung der Sache, worüber die Urkunde ausgestellt ist, in göttliche Obhui re. enthalten. In oberherrlichen n. landesherrlichen Verordnungen, Friedens-, Vertrags- u. Notariats- Instrumenten haben sie sich bis ans unsere Zeit erhalten, so: In nomine sanobas eb inllrvillrmv 'Iri- niiatis, oder In nomine I)oi omnipotentiv kabris, Hin eb Spiritus Sunoti; auch wurden zuweilen A-en an die Jungfrau Maria oder einen Heiligen beigefügt. Die gewöhnlichste A. in deutscher Spräche ist: Im Namen Gottes, Amen. /insu (lat., Henkel, Griff), I) Handhabe, z. B. des Steuerruders. 2) Die Scheere des beweglichen Wagebalkcns u. Sturmbockes. 3) (A. tvrruinüiis nervöruin, Anat.) Bogen- oder winkelförmige Verbindungen (von Gefäßen n.), bcsond. von Nerven. Ansammlnngsapparatc, elektrische, alle Apparate, die eine Ansammlung größerer Mengen von Elcktricicät gestatten, als der Conductor der Elektrisirmaschine oder der Deckel des Elektrophors. Sic bestehen im Allgemeinen ans zwei einander gcgcuüberstehenden parallelen, durch einen Nichtleiter getrennten Metallflächen, deren eine, der Collecior, isolirt ist u. mit dem Conductor, resp. dem Deckel des Elektrophors in Verbindung gesetzt wird, während die andere, der Condensator, mit der Erde leitend verbunden ist. In dem Maße, als sich ans dem Collector z. B. positive Elektri- citäl ansamnielt, häuft sich ans dem Condensator durch Vertheilung negative Elcktricität an; hierdurch wird die positive Elcktricität des Colleetors gebunden, d. h. am Ausströinen verhindert. Die wichtigste» Formen des elektrischen A-s sind der Condensator n. die Ladnngsapparate, Franklinsche Tafel n. Leydener Flasche. Ausarier (Ansars, Anssari), von dem arab. Plur. -pnsZr, Gehilfen, Helfer, kommt als Bezeichnung der Bewohner Medinas, die Len Propheten in seiner Religion in Schutz nahinen, im Koran vor. Ansässtg sein, sich ini Besitze von unbeweglichem oder sonst mit diesem gesetzlich gleichsteheu- dem Eigenthum an einem Orte befinden. Mit dem A. s., der Ansässigkeit, sind gewisse besondere Vorrechte verbunden, welche in der Garantie ihren Grund haben, die der unbewegliche Besitz an sich bietet. Ist anch das Bürgerrecht nicht mehr an das A. s. geknüpft, so ist doch wenigstens für das passive Gemcindebürger-Wahlrecht die Ansässigkeit noch fast in sämmtlichen Städte- und Gemeinde- ordnnngen als eine Voraussetzung der Geltendmachung aufgestellt; in einzelnen Gesetzgebungen anch für das staatsbürgerliche active, wie passive Wahlrecht. Auch im gerichtlichen Verfahren hat der Ansässige, besonders Ivo es sich um Sicherstellung handelt, gewisse Vortheile. Ansatz, 1) (Epiphyse, Anat.) die Endstücke der Röhrenknochen, die im Gegensätze zu den Mittel- stücken schwammig gebaut ü. in den Jugcndjahren mit diesen durch Knorpel (Epiphysenknorpel) verbunden sind, welch letztere nach der Pubertät verknöchern. Sic tragen die Gelenke. 2) (Bot.) A., Apophysc, nennt man die eigenthümliche Erweiterung des Fruchtstiels mancher Moose, bevor derselbe in die Büchse übergeht, sowie eine Verdickung an der Spitze der Zapfenschuppcn bei manchen Abietineen. 3) (Math.) A. einer Aufgabe ist eine derartige Anordnung der gegebenen bekannten Größen, daß man ans ihr die verlangten unbekannten mittels Rechnung finden kann; s. u. Regel de tri. 4) (Mus.) Die Art, wie Blasinstrumente an Len Mund gesetzt n. zur Toncrzeugung gehand- habt werden; ferner der beim Gebrauch an den Mnnd gesetzte Theil derselben; daher A-stücke, einzelne Theile, welche wegen höherer u. tieferer Stimmung an musikalische Instrumente angefügt werden. Niisatzrvhrc Ansatzröhre, Ausflußröhre, Röhre, die eine Flüssigkeit aus einem Behältnisse nach außen oder in ein anderes strömen läßt. Gibt man einer solchen Röhre eine konische Form, so daß sie die Gestalt des znsammengezogenen Wasser- oder Gasstrahls erhält, so wird die Menge der ansflicßen- den Flüssigkeit nicht vermehrt; dies geschieht dagegen, wenn man an die eben beschriebene Röhre eine andere ansetzt, die sich nach außen erweitert, oder wenn man eine cylindrische Ausflußrohre anwendet; s. Ausfluß. Ansäuern, 1) (Chem.) von Flüssigkeiten, so v. w. sauer machen, einer Flüssigkeit so viel von einer Säure znsetzcn, daß sie sauer rcagirt, v. h. blaues Lackmnspapier roth färbt. Das A. wird namentlich bei der qualitativen chemischen Analyse von Metallverbiudungen angewendet zur Trennung der Metalle, welche aus angesäuerter Lösung durch Schwefelwasserstoff (als Schwefelmetall) gefällt werden, von denjenigen, bei welchen dies nicht der Fall ist. 3) (Viehz.) Das Vermischen der stärkemehlhaltigen Futtermaterialicii (Kartoffeln u. Getreide) mit Malz u. Stehenlassen bis znr sauren Gährung; das so erhaltene Futter heißt saure Maische. Ansanger, Fisch, ist der Schiffshalter. Ansaugung (Imbibition, Tränkung), die Aufnahme von Wasser u. Einlagerung desselben zwischen die Mvlecüle der organisirten Pflanzen- und Thiersnbstanzen. Das so ausgenommen-! Wasser heißt Jmbibitionswasser; s. auch u. Absorption. Ansbach (Ouolzbach), früher Fürstcnthnm in Franken: 3579 siZüm (65 UM); 300,600 Ew.; zuletzt von Markgrafen ans dem Hanse Brandenburg (Hohenzollcrn) regiert, jetzt ein Thcil des bayerischen Regbez. Mittelfranken. Es gehörte früher zum thüringischen Königreiche und war ein Theil des Ranganes. Nach dem Sturze der thüringischen Könige (528) kam es unter die Herrschaft der Franken, und Karl d. Gr. versetzte 804—805 viele Slaven hierher. Unter den Dynasten des Gaues ragten die Grafen von Abenberg und die Vögte von Dornberg hervor; die letzteren besaßen die Stadt A., welche sie 1288 an die Grafen von Otlingen n. diese 1331 an die Burggrafen Johann n. Albrecht von Nürnberg, aus dem Hanse Hohenzollcrn, verkauften. Johanns Sohn, Burggraf Friedrich V., wurde 1362 in seiner fürstlichen Würde von Kaiser Karl IV. bestätigt n. theilte 1398 das-Land unter seine beiden Söhne: Johann erhielt Kulmbach (später Bayreuth genannt) oder das Land oberhalb des Gebirges; Friedrich VI. erhielt R. oder das Land unterhalb des Gebirges u. brachte 1415 die Mark Brandenburg an sein Hans. Als er 1437 seinen Ländercomplex unter seine 4 Söhne theilte, erhielt der älteste, Johann, Bayreuth, u. der dritte, Albrecht Achilles, A., welcher 1464 von Elfterem Bayreuth erbte u. 1470 seinem zweiten Bruder, Kurfürsten Friedrich II. von Brandenburg, in der Knrwürde folgte. Albrecht Achilles, der als Gründer der fränkischen Linie der Markgrafen von Brandenburg angesehen wird, theilte durch sein Hausgesetz 1473 seine Besitzungen in zwei Hanpt- theile: Brandenburg erhielt sein Ältester Sohn Johann Cicero; von Franken gab er A. an — Ansbach. C'siF Friedrich u. Bayreuth an Sigismund. Albrecht selbst verlebte seine letzten Jahre in Franken und starb hier 1486. Als Sigismund 1495 ohne Erben starb, wurde Bayreuth, dem Hausgesctzc zufolge, mit A. vereinigt. Der Markgraf Friedrich mußte wegen Zerrüttung seiner geistigen Kräfte seinen Söhnen Kasimir und Georg die Negierung gemeinschaftlich überlassen, n. als Kasimir, der Besieger der Bauern in Franken, 1527 starb, führte für dessen noch minderjährigen Sohn Georg der Fromme die Regierung allein. Derselbe trat 1528 der protestantischen Lehre bei, Unterzeichnete 1530 die Angsburgische Confession u. nahm 1532 den ersten Religionsfrieden an. 1541 theilte er mit dem volljährig gewordenen Sohne Kasimirs Albrecht Alcibiades durch das Loos, wobei der letztere Bayreuth und Kulmbach erhielt. Schon 1543 starb Georg, für dessen minderjährigen Sohn Georg Friedrich sein Oheim in Bayreuth die Regentschaft führte. In die Kriege dieses länder- gierigen Fürsten verwickelt, litt Ä. sehr n. wurde von den Kaiserlichen besetzt und vom Kaiser mit Sequester belegt, dessen Aufhebung nach Albrechts Tode (1557) dem nunmehrigen Herrscher, Georg Friedrich, schwere Opfer kostete (s. u. Bayreuth). Im I. 1573 übernahm er die Regentschaft von Preußen für seinen geistesschwachen Vetter, den Herzog Albrecht. Bei seinem Tode (1603) fielen, da er keine Erben hatte, die fränkischen Markgrafschaften an Brandenburg zurück. Bayreuth kam an Christian, A. an Joachim Ernst, Söhne des Kurfürsten Johann Georg; welche Trennung bis zum Anssterben der Bayrcuther Linie (1769) dauerte. Joachim Ernst trat 1608 der Union der protestantischen Stände bei u. wurde in den 'Niederlanden znm Bundesfeldherrn ernannt. Bei seinem Tode (1625) folgte ihm sein minderjähriger Sohn Friedrich unter der Vormundschaft seiner Mutter, Sophie von Solms. 1629 rückten kaiserliche Executionstruppen zur Vollziehung des Re- stitutionsedicts in A. ein, u. 1631 wurden A. n. Bayreuth ein Tummelplatz der Schweden u. Li- guisten. Die Markgrafen traten auf Gustav Adolfs Seite, und da Friedrich bei Nördlingen blieb (6. Sept. 1634), übertrug der Kaiser die Verwaltung des Fürstenthnms dem Laudeshanptmann v. Wolf- stein. Nach dem Frieden von Prag (1635) wurde Albrecht, Friedrichs Bruder, znm Markgrafen ernannt, der bis 1639 unter der Vormundschaft seiner Mutter regierte, während welcher Zeit bas Land fortwährend von den Kaiserlichen militärisch besetzt war und bis 1648 ein Tummelplatz der kriegführenden Mächte blieb; die Bevölkerung sank unter den damaligen Kriegsdrangsalen auf ein Drittel herab. Ans Albrecht folgte 1667 sein Sohn Johann Friedrich, der unter der Vormundschaft des Großen Kurfürsten stand u. 1672 die Regierung antrat, aber schon 1686 mit Hinterlassung von 3 minderjährigen Söhnen starb, die einander in der Regierung folgten. Der älteste, Christian Albrecht, starb, noch bevor er majorenn geworden war (1692), u. als sein Bruder Georg Friedrich 1703 in dem Gefechte bei Kuttensee gegen die Bayern geblieben war, folgte der dritte Bruder, Wilhelm Friedrich, der eine eigenmächtige n. verschwenderische Regierung führte n. 1723 st. Sein 6S4 Ansbach — lljährigcr Sohn, Karl Wilhelm Friedrich, folgte ihm unter der Vormundschaft seiner Mutter, Christiane Charlotte von Württemberg, u. des Königs Friedrich Wilhelm I. von Preußen, dessen Tochter Friederike Luise er 1729 (18. Mai) heirathcte, und seit dieser Zeit regierte er selbständig. Er gründete in Neustadt au der Aisch 1732 ein Ly- cenm, in A. 1736 ein Gymnasium u. 1743 die Universität zu Erlangen u. st. 1737, nachdem er kurz zuvor dem Bunde u. der Achterklärung gegen König Friedrich II. von Preußen, seinen Schwaiger, beigetreten war. Sein Sohn u. Nachfolger, Christian Friedrich Karl Alexander, war den Lasten der Regierung nicht gewachsen u. trat 2. Decbr. 1791, nachdem er 1769 Bayreuth wieder mit A vereinigt hatte, freiwillig sein Land gegen eine Jahresrente an Preußen ab. Nach der Schlacht von Austerlitz trat Preußen A. an Frankreich ab, u. am 24. Fcbr. 1806 besetzten es die Franzosen, welche es 1810 an Bayern gaben. Das Fürstenthum A. bildete nun einen Thcil des Rezatkreises, der nachher den Namen Mittelfranken erhielt. Vgl. Barth, Versuch einer Landes- u. Regenten- gesch. der beiden Fürstenthümcr Bayreuth u. A., Hof 1795; Göß, Statistik des Fürstenthums A., ebd. 1805; K. H. Lang, Annalen des Fürsten- thnms A. unter der preuß. Regiernng von 1792 bis 1806, ebd. 1806. Ansbach, 1) Bezirksamt im bayerischen Reg.- Bez. Mittelsranken, an der Altmühl u. der fränkischen Rezat, von der Eisenbahnlinie Gunzen- Hausen-A.-Würzburg durchschnitten; ohne die unmittelbare Stadt A. 513 sftftlcm (9,gz IHM) mit 24,612 Ew. in 2 Landgerichten (A. u. Leutershausen). 2) (Onokäinnm) Hauptst. des ehemaligen Fürstenthums u. jetzt des Regbez. Mittelfranken, an der Mündung des Onolzbachcs in die fränkische Rezat u. an der genannten Eisenbahnlinie; Sitz der Kreisregicrung und des Bezirksamtes, eines protestantischen Consistorinms, Landgerichtes, einer Handelskammer rc.; hat ein Schloß (von 1713, sonst Residenz der Markgrafen), 2 protestantische Pfarrkirchen (Johanniskirche von 1441 mit der Gruft der Markgrafen von A., Gumbertnskirche mir der St. Georgskapelle, in welcher sich 12 Steindenkmäler von Schwancn- ritlern befinden), 1 katholische Kirche (Ludwigskirche im griechischen Stil, von 1827), Synagoge, Gymnasium und lateinische Schule (gegründet 1529 von Markgras Georg dem Frommen), Gewerbeschule (seit 1833), Waisenhaus, Krankenhaus, Hospital, Theater; A. ist Sitz des Historischen Vereins für Mirtelfrankcn. Die nicht unerhebliche Industrie erzeugt Wollenwaaren, Maschinen, Cigarren, Strohmosaikflechtercien, Tischler- waaren, beinerne Knöpfe, Posamentir- u. Goldstickerarbeiten, Spiritus n. Preßhefe, Bier, Ziegel rc.; außerdem gibt es eine große Knnstmühlc, Steinbrüche, besuchte Pferde- u. Viehmärkte. Die Stadt hat 12,636 Ew. u. ist Geburtsort der Dichter Utz, A. v. Platen n. A. v. Cronegk u. des Arztes G. F. Stahl; für Utz u. für Kaspar Hauser sind Im Schloßgarten Denkmäler errichtet; vor dem Schloßgarten steht seit 1859 Platcns Standbild. A. (früher Onolzbach) verdankt seinen Ursprung dem von Sr. Gnmbert ans dem fränkischen Her- Anschaililiig. zogsgeschlechts um 750 gegründeten u. nach ihm benannten Bcncvictinerstifte, welches 1057 in ein Chorherrnstift verwandelt und 1560 säcularisirt wurde. 1288 kam der Ort an die Grafen von Öttingen, 1331 an die Burggrafen von Nürnberg; diese verlegten ihre Residenz hierher, u. 1398 ward 7 A. die Hauptstadt des Landes unterhalb des Gebirges. 1791 wurde die Stadt mit dem Fürstenthum preußisch, 1806 von den Franzosen besetzt ft u. 1810 bayerisch. Vgl. Jacobi, Urgeschichte der - Stadt n. das Fürstcnthnms A., Ansb. 1868. Ansbacher Vieh, aus ostfriesischein, schweizer, simmenthaler und fränkischem Vieh erzielte Nace, die sich durch gute Milchergiebigkeit u. große Mast- ! ; fähigkeit anszeichnet n. kräftige Zugthicre liefert, aber nur bei gutem u. reichlichem Futter gedeiht. Lebendes Gewicht 14 Ctr. und darüber; starker Knochenbau, langer u. starker Kopf, kräftige Hörner, kräftiger und breiter Widerrist u. Rücken, tiefe, ft weite Brust u. Leib; Färbung bunt, selten schwarz. Die Extremitäten sind etwas hoch, aber kräftig gebaut, jedoch sind die Hinterfüße mehrfach säbelbeinig u. knhhessig gestellt. Ansbert, Kleriker des 12. Jahrh.; nahm theil an dem Kreuzzngc des Kaisers Friedrich Barbarossa u. erzählte die Geschichte des Unternehmens in der klistoria, äs expsäiiions lAicksrioi. Die wegen ihrer wahrheitsgetreuen Darstellung und namentlich auch wegen ihrer Mittheilungcu über den Zug Philipp Augusts u. Richards von England schätzenswcrthe Schrift wurde 1824 von Dobrowski zufällig entdeckt n. hcrausgegcben (Prag 1827). / Anschaffung oder Kauf von Maaren, beweglichen Sachen, Werthpapieren, um dieselben weiter zu veräußern, ist ein Handelsgeschäft, und ! macht es keinen Unterschied, ob die Maaren oder anderen beweglichen Sachen in Natur, oder nach ! einer Bearbeitung oder Verarbeitung weiter ver- ! äußert werden sollen. Sonst ist A. noch in der ! Handelssprache eine Übersendung von Geld, An- ! Weisungen, in Sonderheit von Wechseln (s. Rimesse). Im Übrigen versteht man unter A. überhaupt käufliche Erwerbung, da n. dort provincialiter auch einen Auftrag. St. Anschar, s. Ansgar. Anschauung, im engeren Sinne die Wahrnehmung eines Gegenstandes durch das Gesicht oder eine Gesichtsvorstellnng; im weiteren Sinne ! jede nicht durch Verstandesbegrifse vermittelte sinn- ^ liche Vorstellung von einer Sache. Sic kann eine ! äußere (unmittelbarer Sinncseindrnck) sein, welche die Dinge im Raume n. in der Zeit anffaßt, oder ^ ^ eine innere, die nur an die Zeit, nicht aber an i den Raum gebunden ist. Im ersteren Falle tritt ! bei der A. das Objektive (die Beschaffenheit des i vorgestellten Gegenstandes), im letzteren aber das ! Subjektive (der Zustand des vorstellenden sub- > jects) stärker ins Bewußtsein. Kant u. Schopcn- ^ Hauer unterschieden zwischen reinen (A. »priori) li u. empirischen (A. a posksriori) A-en, u. ver- , standen unter den reinen diejenigen, welche sich auf Raum n. Zeit überhaupt n. das darin unabhängig von der Erfahrung Construirbare (die Gegenstände der reinen Mathematik) beziehen; unter den empirischen diejenigen, welche sich auf die in Raum u. Zeit wahrnehmbaren Erfahrungsgegenstände 695 Anschauungsunterricht — Anschütz. beziehen. In den meisten neueren philosophischen Systemen finden wir die A. als Bedingung aller Erkenntniß zu Grunde gelegt, n. zwar in den idealistischen die reine (apriorische), in den realistischen die empirische (apostcrioristische). Die intellcctuale A. ist eine solche, die vom Verstände, die rationale A. eine solche, die von der Vernunft ausgeht. Schclling verstand jedoch unter der intellektuellen A. die unmittelbare Erfassung und Erkenntniß des Absoluten n. der in ihm liegenden angeblichen Identität des Endlichen n. Unendlichen. Die A. des Mystikers u. Theosophen ist in den meisten Fällen eine durch die Einbildungskraft vermittelte Vergegenwärtigung übersinnlicher Dinge, also ein Gebilde der Phantasie. Etwas anschaulich machen heißt, etwas begrifflich Gedachtes durch Gegenstände der sinnlichen Erfahrung darstellen n. verdeutlichen. Anschauungsunterricht, die Art des.Unterrichtes, welche von äußeren, sinnlichen Anschauungen n. Wahrnehmungen ausgeht n. an dieselben die Belehrungen anknüpft. Die Anschauungs- Übungen bilden besonders in den Unterklassen einen wichtigen Unterrichtsgegenstand. Hauptsache dabei bleibt, daß das Kind zur Selbstthätigkcit angeleitet wird. Man zeigt den wirklichen Gegenstand oder das Bild desselben u. verbindet damit einfache Besprechungen oder Erklärungen von Seiten des Kindes. Der Unterrichtsstoff wird zunächst aus dein Kreise der Dinge genommen, von denen die Kinder unmittelbare Anschauung haben, z. B. von Schule, Haus, Hof, Garten, Feld, Wald rc., den Jahreszeiten gemäß geordnet, u. schreitet dann zu entfernteren Gegenständen fort. So viel wie möglich muß jeder Unterricht auch in den oberen Klassen anschaulich sein. Den A-, der von den meisten Pädagogen als der allein naturgemäße u. hygienisch ersprießliche anerkannt wird, empfahlen schon Bacon von Bcrulam u. Amos Comenius, besonders aber Pestalozzi; er wurde allmählich auf fast alle Disciplincn mit Erfolg angewendet, wird aber bis jetzt in noch in viel zu geringem Maße benutzt. In Deutschland waren namentlich Diesterweg, der den Satz: Unterrichte anschaulich! für den Hanptgrnndsatz des neueren Unterrichtes erklärte, Denzel, Graser, Cnrtmann, Wurst, Knauß, F. Fröbel, Harder, Eckardt, Haesters dafür thätig. Ganz besondere Beachtung verdient Schlotterbcck in Wismar mit seiner Forderung, daß der A. in seinen ersten Stufen zu Sinnesübungen, also namentlich zur Übung u. Schärfung des Auges u. Ohres benutzt werde. Aus der überreichen Literatur: Karl Richter, Der A. in der Elcmentar- klasse, Leipz. 1869 (Preisschrift), worin eine kritische Übersicht der hier einschlagenden Literatur gegeben ist. Anschlag, 1) eine an einem öffentlichen Platze angeheftete Anzeige. 2) (Bank.) Der Falz an Thür- u. Fenstereinfassungen, an welchen die Thür- u. Fensterflügel beim Schließen derselben ihre Anlage bekommen. 3) Die Stellung Dessen, der sich mit dem Gewehre schnßsertig gemacht hat. 4) Die Art, die Tasten bei Klaviaturinstrumenten mit den Fingern niederzndrücken. Bei dem Klavierspiel sind Gleichmäßigkeit, Bestimmtheit n. Leichtigkeit die Haupterfordernisse des guten A-es, welche durch besondere Übung der Finger u. Loslösung der Handbewegung von der Schwere des Armes erzielt werden. Das Orgelspiel erfordert insbesondere eine sehr sorgfältige Bindung und Stätigkeit im Anschläge. 5) A. eines Gutes, die specielle Begutachtung des Werthes u. Nutzens eines Grundstückes zur Feststellung seiner hypothekarischen Sicherheit, seines Kauf- oder Pachtnutzuugswerthes, wozu vereidete Taxatoren angcstellt sind; auch für Kostenanschlag gebräuchlich. Anschlägen, ein in verschiedenem Sinne angewandtes Zeitwort, so z. B. ein Zeichen mit einer Glocke geben, zum Gebete oder znm Anfang oder Ende der Arbeitszeit; von Hunden, besonders von Jagdhunden, wenn sie ein Stück Wild audenten rc. Anschläger (Bergb.), der Arbeiter, welcher die zu fördernden, mit Mineralien gefüllten Gefäße auf den Förderkorb aufschiebt oder am Förderseil befestigt u. durch Anschlägen des Signals das Zeichen zum Beginne der Förderung gibt. Anschlagtvinkel, Winkelmaß, dessen einer Schenkel vorspringt. Der Vorsprung wird gegen die Kante des Arbeitsstückes geschoben (angeschlagen), ans welcher der betreffende Winkel errichtet werden soll. Anschleichen (Jagdw.), so v. w. beschleichen; daher Anschleichschirm, Jagdschirm, hinter welchem verborgen sich der Jäger unbemerkt au den Platz schleicht, wo das Wild steht. Anschneiden, einem etwas zurechnen, weil sonst die Rechnung nach Schnitten aufgestellt wurde, welche ans dem Kerbholze gemacht waren; daher Anschnitt, im Bergwesen die monatliche Abrechnung der Grube, so v. w. Stcigerjonrnal. Änschoppnng (Inksretnw, Med.), Blutüberfüllung, insbesondere der großen Umerlcibseinge- weide, Übcrfüllung der Pfortader mit dickem Blute; dies u. Aehnliches nannte mau Jnfarct. Es wurde mit diesem Worte sehr viel Mißbrauch getrieben u. sehr viel Unwissenheit verdeckt. Die neuere pathologische Anatomie bedient sich des Wortes Jnfarct, um eine Art des Blntanstrittcs zu bezeichnen, wo die Zwischenräume der Gewebe erfüllt sind, ohne zerstört zu sein, u. wo zugleich die Capillargefäße strotzen: hämorrhagischer Jnfarct. Anschovis, so v. w. Anchovis. Anschütz, 1) Heinrich, berühmter Schauspieler, geb. 8. Febr. 1785 zu Lnckan in der Niederlausitz; studirte erst in Leipzig, ward aber durch die Theatervorstellungen, vor Allein durch den Umgang Ludwig Devricnts zur Bühne hingezogen und wurde durch Devricnts Vermittelung in Nürnberg, wo er zuerst austrat, engagirt. Nach seiner Verehelichung (1810) mit Josephine Kette veranlaßte ihn die Händel - Schütz nach Königsberg zu gehen, von wo er sich 1812 nach Danzig, 1814 nach Breslau begab, um 1821 einem Rufe nach Wien an Las Burgthcarcr Folge zu leisten. A. war vom ersten Abend an der erklärte Liebling des Wiener Publicums, was sich besonders bei seinem 50jährigen Jubiläum am 16. Sept. 1857 zu erkennen gab. Seine Verdienste als Regisseur und Schauspieler lohnte der Kaiser an diesem Tage durch eine seltene Auszeichnung: die Verleihung des Ritterkreuzes des Kaiser - Franz-Josephs-Ordens. A. starb, dnr.. 69ü Anschlüßen Gastspiele in ganz Deutschland bekannt, am 29. Dec. 1865 in Wien. Die Helden seiner jüngeren, ebenso wie die Heldenväter und Charakterrollen seiner älteren Jahre, waren Meisterwerke dramatischer Gestaltung. Vgl. Heinrich A., Erinnerungen aus dessen Leben und Wirken; nach eigenhändigen Aufzeichnungen u. mündlichen Mit- theilnngcn, Wien 1866. Ans seiner zweiten Ehe mit der Schauspielerin Emilie Butenop (treffliches Käthchen von Heilbronn) stammt sein 1818 geborener Sohn Roderich, der sich in österreichischem Staatsdienste u. durch die Dramen: Brutus u. sein Haus, Johanna Grah, Kunz von Kauffungen rc. einen Namen gemacht hat. 2) August, namhafter Rechtsgelchrter, gcb. 9. Jan. 1826 zu Suhl in Thüringen; studirte in Bonn n. Berlin Jurisprudenz. 1852 Privatdocent in der juristischen Facultät in Bonn, wurde er 1856 außerordentlicher Professor, 1859 ordentlicher Professor des Deutschen Rechtes in Greifswald, 1862 in Halle, wo seine Lehrthätigkeit sich auf das Privatrccht, Handelsrecht, deutsche Rechtsgeschichtc erstreckte. Er st. 3. Ang. 1874. Literarisch war er in weitem Umfange thätig: außer einer Reihe von Abhandlungen in verschiedenen Zeitschriften über privatrechtliche u. handelsrechtliche Materien besorgte er die 5. Anfl. des Handbuches des franz. Civilrechts von Zachariä, Heidelb. 1853, gab mit v. Völ- derudorff den Commentar zum Allgemeinen deutschen Handelsgesetzbuch heraus, 3 Bde., Erl. 1867 ff., u. war für Herausgabe longvbardischer Rechtsquellen thätig; die Lombard«-Commentare des Ariprand u. Albertus, Heidclb. 1855; die Lumina legis Iwllgobarckorum, Halle 1870; auch war er Mitherausgeber des Archivs für civilistische Praxis. Anschlveißeu, Bereinigung eines Eisen- oder Stahlstückes mit einem anderen durch Erhitzen bis zur Weißglühhitzc, vorsichtiges Aufeinauderlegen u. Einwirkung mechanischer Stöße oder mechanischen Druckes. Anschwemmen, Anschwemmung, An- schwemmnngsrrcht (Rechtsw.), s. Allnvion und Accessio». Ansdell, Richard, Genre- n. Thiermaler, geb. 1815; wandte sich erst in seinem 21. Lebensjahre der Malerknnst zu n. erregte 1842 die allgemeine Aufmerksamkeit durch sein geistreich com- ponirtes Bild: Der Tod Sir Lambtons bei Marston Moor. Er bereiste 1856 und 1857 Spanien u. stellte eine Reihe anziehender Genrebilder ans dem spanischen Volksleben dar; doch blieben Thierbilder seine Hanptstärke, durch die er dreimal die HeywvoL-Medaillc in Manchester und 1855 die goldene Medaille in Paris erhielt. Seit 1861 ist er Mitglied der K. Akademie. A. weiß auch die Radirnadel mit großer Gewandtheit zu führen. Anse, St. im Arr. Villcfranchc des französischen Dep. Rhone, an der Azergne, unweit deren Mündung in die Saune, u. an der Eisenbahn nach Lyon; Schloß, neue Kirche, Sreinbrüchc, Weinbau; 2036 Ew.; ist das Ans» der Römer. Hier Kir- chenversammlnngen unter Joh. XX. 1025, unter Gregor VII. 1075, unter Paschalis II. 1107, unter Lonifacius VIII. 1298. Anscsta, ein im nördlichen Theil von Abessi- — AnsclimiS. ^ nieu entspringender Nebenfl. des ebenda entspringenden Barka, der sich südl. von Snakin in das Rothe Meer ergießt. Anscghem, Flecken im Bez. Kortrijk, Provinz j WFlandern (Belgien); 4000 Ew.: Handel mit ! Vieh, Butter u. Lumpen, Holzschnhen; Bereitung ^ von Bier, Branntwein, Ol. Ansegrsus, 1) A., aus altem fränkischem Adel stammend; wurde Benediktiner und 807 Abt des Klosters St. Gcrmain de Flay, welches er ganz wiedcrherstellte; von da wurde er an Len Hof Karls d. Gr. berufen u. unter Eginhard bei den kaiserlichen Bauten, sowie als Botschafter verwendet. 817 wurde er Abt zu Lnxcil u. 823 zn Fontanclla (Vandrille im Sprengel v. Rouen). Er starb hier 833, nachdem er die Capitularien Karls d. Gr. u. Ludwigs des Fr. von 789 bis 817 gesammelt u. heransgeg. hatte. Gcdr. im 1. Thl. von Pertz' Lion, derman. distorios, lsgum. 2) A., geb. bei Reims; war Abt zu St. Michael in Beauvais u. seit 871 Erzbischof von Sens, als solcher Roms vornehmstes Werkzeug im Westfränkischen Reiche, durch Papst Johann VIII. 876 > Generalvicar in den Ländern Karls des Kuhlen u. Primas der Fränkischen Kirche, nach Karls Tod seines Einflusses beraubt, starb er 882. Ausclmus, 1) St. A. von Canterbnry (Onntuarensls), ans lombardischem Adelsgeschlcchr, geb. 1033 zu Aosta in Piemont; nach stürmischer Jugend Schüler seines Landsmannes Lanfranc zu Bec in der Normandie, 1063 Prior u. 1078 Abt daselbst, 1093 Lansrancs Nachfolger als Erzbischof ^ zn Canterbnry. Zweimal (1097—1100 u. wieder 1103) mußte er England wegen Streitigkeiten mit den Königen Wilhelm II. u. Heinrich I. über Investitur n. Lehnseid verlassen. Für seine Rechte als Primas der Englischen Kirche streitend, für Herstellung der Zucht bei Laien, Kloster- u. Weltgeistlichen unermüdlich thätig, starb er 1109 zu ^ Canterbnry; Tag: 21. April. In den philosophisch-theologischen Streitigkeiten seiner Zeit ist i A. der Hanprvertreter des Dogmaticismus u. Realismus gegen den kritischen Nominalismus eines § Roscclin, Abälard rc. Dem Glauben, der zum ! Begreifen fortschrcitet, ist Gott, wie alles Sein, ! auf dein Wege rein logischer Thätigkcit vollkommen erkennbar: von diesem Grundsätze ans sucht A. mit scholastischem Scharfsinn die kirchliche Lehre von Gott iLIonolvZiuin n. kstroslogiuin) n. vom Gottmenschen ((lurvsus domo) gegen alle Schwank- I nngen der Wissenschaft festznstellen. A. gilt für den ersten Scholastiker u. wurde 1720 vom Papst Clemens XI. in die Reihe der Kirchenlehrer ausgenommen. Werke heransg. von Gerberon, Par. 1675, n. A. 1721, Fol., Ven. 1744, 2 Bde., Fol.; eine Auswahl der Opnsoudr pdikosopdioo- tdsoloZstoa. gab K. Hanse, Tüb. 1863 f., heraus. Monographien über ihn von Hasse, Lpz. 1841 bis / 1852, 2 Bde.; Franck, Tüb. 1842; Remnsat, Par. 1853. 2) A. (X. 8 odolastious I,auckunen- ^ sis), geb. zu Laon, Schüler des Vor.; seit 1076 « Lehrer der Theologie zu Paris; leitete später in Laon als ArchidiaconnS u. Scholasticns eine theologische Anstalt; st. 1117; er schrieb: Kkossa in- ! terliusaris in Vet. et Xluv. Dost.. Basel 1502 , n. ö.; tl^uuneut. in Lluttd. st lod. ste. I 697 Ausciie - Ansene (Enscueh), 'Ruinen des alten Anti- noopolis, beim Dorfe Scheik-Abadeh, am Nil in Mittelägypteu, Bezirk Fayonm. Unser (lat.), Gans, Mehrzahl Unseres, A.n- soriäos, gansartige Vögel, Gänsevögel. St. Anssfar (Anschar, Anscharins, der Apostel des 'Nordens, geb. 801 in der Picardie, erzogen in der Klosterschule von Korvey; trat in den Benedictinervrden, wurde Rector jener Schule n. später der von Nen-Korvcy. 826 sandte ihn Kaiser Ludwig der Fromme mit Autbert nach Dänemark, uni das Christenthum zu verbreiten; 830 ging er in gleicher Absicht nach Schweden, hier wie dort mit Erfolg wirkend. Nach seiner Rückkehr übertrug ihm K. Ludwig 831 das von ihm errichtete Erzbisthum Hamburg als Missionshaus für den ganzen Norden bis znm Eismeere; nach der Verwüstung Hamburgs durch Seeräuber und als in Schweden eine blutige Reactiou eintrat, mußte er indeß fliehen n. stiftete das Kloster Ramelsloh im Bardengau, von wo ans er seinen Sprengel regierte. Auf einer zweiten Reise nach Schweden um 850 gelang es ihm, für Las Chri- stenthnm den Schutz des Königs Olaf II. u. des Reichstages auszuwirken. A. starb 865 in Bremen, das Ludwig der Deutsche 847 mit Hamburg zu einem Erzbisthum vereinigt hatte, und wurde vom Papst Nikolaus I. kanonisirt; Tag: 3. Febr. Seine Statue vou Steinhäuser wurde 1861 in Bremen aufgestellt. Er schr. das Leben seines Vorgängers im Bisthum Bremen St. Willehad, in Pertz' Nonuiu. Oerm. bist., Bd. 2, S. 378 ff. Lebensbeschreibung A-s von seinem Liebling n. Nachfolger Rimbert (heransg. in Nonnm. 2683 ff., deutsch von Miesegaes, Bremen 1826; Laurent, Berk. 1856; Kruse, Altona 1823; Kraft, Hamburg 1840; Klippel, Bremen 1845 n. 1865). Ansibarier (Ampsivarier), germanisches Volk an der Mittelems; von den Chanken aus ihren Wohnsitzen theilweise vertrieben, versuchten sie unter Lein König Bojocalus im Jahre 59 im Vereine mit den Bructerern sich Sitze am Niederrhein zu erobern, wurden aber von den Römern znrückgeschlagen n. der Vernichtung preisgegeben. Der zurückgebliebene Theil stand später unter der Hegemonie der Chanken u. verschmolz mit anderen deutschen Stämmen von den Franken. Ansicht, 1) Art n. Weise, wie sich Etwas seiner Form nach dem Auge darstellt; 3) subjective Betrachtungsweise, die Kenntniß einer Sache, Meinung u. Urtheil darüber. Ansiedcn 1) (Probirknnst) bei der Ermittelung des Silber- n. Goldgehaltes von Erzen, Abfällen, Nebcnprvdncten und manchen Lcgirnngen, die zu probirenden Materialien mit möglichst silberfreiem Blei und den noch etwa nöthigen Flußmitteln in offenen Scherben in der Muschel, oder mit Blei- Verbindungen (Glätte u. Chlorblei) in Tiegeln im Windofen cinschmelzen. Dadurch wird die Bildung von bleihaltigen Schlacken n. von silber- u. «goldhaltigeni Blei veranlaßt, das der Treibarbeit übergeben wird. (S. n. Silber- u. Goldprobe). 2) (Färb.) Zeuge durch Sieden in Alaun (oder anderen Beizen) zur Annahme von Farbestoffen vorbereiten. Ansiedlung, Einrichtung eines neuen bewohn- - Ansoit. teil selbständigen Grundbesitztbuuis durch Ban vou Wohuplätzen auf einem selbständigen, bisher unbewohnten Grundstück, oder auch durch Umwandlung eines bisher unselbständigen, aber mit besonderen Wohngebäuden bereits versehenen Grundstückes nach Abtrennung desselben vom Hanptgnte. Das Recht zu neuen A-en ist begründet in den Verfügungsbefugnissen des Grundeigenthümers, kann aber ans politischen, wirrhschaftlichen u. juristischen Gesichtspunkten nicht unbeschränkt gelassen werden. Die Entscheidung über Zulassung oder Abweisung ist insgemein der Bezirksverwattnng, resp. dem Magistrat anheimgegeben, unter Ausschluß des Rechtsweges, jedoch vorbehaltlich des Recurses an die Regierung n. der Beschwerde an das Ministerium des Innern. Die A. neuer Ortschaften ist an die Genehmigung der Regierung auf Grund eines an dieselbe cingereichten förmlichen Plans über die Einrichtungen u. Rechtsverhältnisse derselben gebunden; die Ertheilung des Corporations- rechtes der neuen Gemeinde kann nur von dem Landesherrn ansgehen. Wo es sich um A. behufs Urbarmachung bisher uncnltivirter Landstriche, Haiden, Torfmoore rc. handelt, treten indeß wesentliche Erleichterungen für die Ansiedler ein. Anslo, einer der alten Namen der norweg. Stadt Christiauia. Attslo, Reyer (ober Reimer), holländischer Dichter, geb. 1626 in Amsterdam, Sohn einer bürgerlichen Baptistenfamilie, die aus Norwegen stammte, daher sein Familienname (s. den vorigen Artikel); 1646 durch die Taufe in die Baptistengemeinde ausgenommen, aber ein paar Jabre nachher katholisch geworden. 1649 ging «i »ach Italien, wurde wahrscheinlich kacholischer Priester und Secretär des Cardinals Caponi und starb 1669 zu Perugia. Sein Vorbild war namentlich Vondel, dessen Ton er sich ganz anzneignen wußte. Seine Zeitgenossen stellten ihn, „den Fürsten der Amsterdamer Dichter" (Six van Chandelicr), schr hoch;.doch wird er oft schwülstig n. dann wieder platt. In seiner Uoörx, Rotterd. 1713, befindet sich ein Trauerspiel, die Pariser Blnthochzeit. Am meisten hcrvorznheben sind sein Abschied an Amsterdam, sein Gekröntes Amsterdam n. die Pest zu Neapel. Anson (spr. Anns'n), Lord George, einer der berühmtesten englischen Sechelden, geb. 23. April 1697 zu Shngborongh in Staffordshire; trat früh in die englische Marine, wurde 1723 Capitän, n. als er bald darauf nach der Flottenstation in NCa- rolina beordert wurde, kaufte er dort bedeutende Ländereien n. baute eine Stadt darauf, welche seinen Namen erhielt. Von 1740—1744 machte er einen abenteuerreichcn Seckriegszng gegen die spanischen Niederlassungen in der Südsee, wobei er eine Beute von 1 Mill. Pf. St. machte n. gleichzeitig eine Reise um die Welt ansführte, die in nautischer Hinsicht für die damalige Zeit von großer Bedeutung war u. von seinem Schifsspre- diger Richard Walter im Vereine mit dem Mathematiker P. Robins als VoxaZo rounck tbo Vorlck, Lond. 1748, beschrieben wurde (deutsch von Totze, Gött. 1762). Zur Belohnung wurde er znm Contrc- admiral der Blauen und 1746 zum Coutre- admiral der Weißen Flagge und 1747, als er mit 698 Ausvn — Ansteckung. Warner den franz. Admiral Jonquiere beim Capi Finisterre geschlagen hatte, zum Baron v. Sober- ton n. 1751 znm ersten Lord der Admiralität ernannt. Er blokirte 1758 Brest n. deckte die brit. Landung zu St. Malo u. Cherbourg, ward znm Admiral erhoben u. st. 6. Juni 1762. Lebensbeschreibung von Sir John Barrow: Lite oküeorAe I,orck Lond. 1839. 2) George, englischer General, geb. 1797; trat früh in die schottische Fü- silirgardc, socht bei Waterloo u. schwang sich bis znm Oberstlieutenant hinauf. Seit 1818 Mitglied des Unterhauses, stand er ans Seite der Whigs, wurde, inzwischen zum Obersten u. Generalmajor avancirt, 1846—52 Kanzleichef im Fcldzcngamte n., obwohl nie in Indien gewesen, 1855 als Generallieutenant zum Oberbefehlshaber in Indien ernannt, wo er sich einem beschaulichen Leben hingab, ans dem ihn der furchtbare Aufruhr der Sipoys 1857 ganz unerwartet riß. Auf dem Wege zur Übernahme des Commandos der gegen Delhi bestimmten Truppen st. er in Kurnaul an der Cholera 27. Mai 1859. Anson, County im nordamerikanischen Unions- staatc NCarolina, unter 35" n. Br. u. 80" w. L.; 1650 Hjkcm (30 H>M); 12,420 Ew.; Products: Mais n. Baumwolle; Conntysitz: Wadcsboro. Anspielung, s. Allusion. Ansprache bezeichnet in der Musik die Art u. Zeit der Tonerscheinnng nach Eintritt der mechanischen Vorbedingungen. Insbesondere kommt dabei die Schnelligkeit und Leichtigkeit, mit der ein Ton erklingt, in Betracht. Ein Instrument spricht gut an, wenn der Ton unmittelbar ». ohne störende Zwischenlaute nach seiner mechanischen Vorbereitung hörbar wird. Man gebraucht den Ausdruck soivol von Tasten-, wie von Blasinstrumenten. Ansprechen, im Jagdw., aus dem Anblick (Farbe, Größe, Zahl der Enden des Gehörns rc.), oder aus der Fährte u. Spur jA., auf Fährte oder Spur) eines Jagdthieres Gattung und Art, Geschlecht und Alter desselben erkennen. Von ästhetischen Gegenständen, so v. w. gefallen, Wohlgefallen erregen. Ansprnng, so v. w. Milchschors, Flechtcngrind. Anssa, schiffbarer Küstenfluß des Adriatischen Meeres, auf der Grenze zwischen Österreich und Italien. Anstand, 1) (Vevorrrm, De cenz), die seinen Lebensverhältnissen gemäße, würdevolle u. achtbare Haltung eines Menschen, besonders in sittlicher Beziehung n. zufolge gewisser conventioneller Grundsätze, die dem Wechsel unterworfen sind. Jnsbeson» dere ist A. die äußerliche, körperliche Haltung, wie sie Einern zu Folge seines Lebensalters oder seines Standes geziemt, z. B. militärischer A., A. ans dem Theater rc. Daher A-srollen, solche Theaterrollen, bei denen es besonders auf äußerliche Repräsentation ankommt, und A-sdamen, Liebhaberinnen aus den gesetzten Jahren. 2) (Jagdwesen) Das Lauern auf das zu erlegende Wild, wie auch der Ort, wo dies geschieht; Ansitz, wenn der Jäger sich sitzend (besonders ans Bäumen) verbirgt. Ansteckung (Jnscction), Aufnahme eines Krankheitsgiftes in den Körper. Dieselbe kann erfolgen, > Undem ein in einem Individuum erzeugtes Krankheilsgift aus ein anderes Individuum übertragen wird (Contagion), oder indem ein außerhalb eines Individuums, im Erdboden, im Wasser entstandenes Krankhcitsgift in den Körper eines Individuums eindringl (miasmatische Jnscction). Man unterscheidet danach contagiöse Krankheiten, und gehören zu diesen die acuten Exantheme (Masern, Scharlach, Pocken), die Typhen, die Ruhr, die Diphtheritis, der Hospitalbrand, die Cholera, die Syphilis, der Keuchhusten, der Rotz, die Hundswuth, der Milzbrand, die Lungensenche; ferner miasmatische Krankheiten, und gehören zu diesen die Snmpfgistkrankheiten (Malariakrankhei- tcn), deren Gift sich in stehenden Gewässern (Sümpfen) bildet. Als eine dritte Klasse der Jnfectionskrankheiten sind die contagiös - miasmatischen Krankheiten zu nennen, und zählt man zu diesen diejenigen Krankheiten, die sowol durch direkte Übertragung des Krankhcitsgiftes von Individuum zu Individuum (contagiöse Verbreitung), als auch dadurch entstehen können, daß das Krank- heitsgist in den Boden gelangt und von diesem durch Verdunstung oder durch Trinkwasser in ein neues Individuum gelangt (miasmatische Verbreitung). Im letzteren Falle bildet also der Boden das Mittelglied zwischen dem ansteckenden und dem angestecktcn Individuum oder, wie Pcttenkofer sich ausdrückt, die Hilssursache. Die beiden Krankheiten, die hierher gehören, sind die Cholera und der Unterleibstyphus. Figürlicher Weise hat man endlich von einem nervösen Contagium gesprochen, durch welches die Verbreitung gewisser Nervenkrankheiten erklärt werden soll, z. B. des Veitstanzes, der Epilepsie rc. Da jedoch die Entwickelung dieser Krankheiten nicht auf der Übertragung eines Krankheitsgiftes beruht, sondern in Imitation u. anderen psychischen Thätigkeiten, so ist die Bezeichnung unzutreffend. Die Krankheitsgifte sind entweder flüchtiger, oder fixer Natur, und zwar sind die der miasmatischen Krankheiten immer nur flüchtiger Natur, d. h. die Luft bildet den Träger derselben, während die der con- tagiöscn Krankheiten flüchtiger, oder fixer Natur sein können. So ist das Krankheitsgift der Syphilis, einer exquisit contagiösen Krankheit, an den Eiter der syphilitischen Geschwüre, an das Blut und an den Samen gebunden, also fixer Natur, dagegen das Krankheitsgift des Scharlachs, der Masern rc. an die Hantansdünstnng und an die ausgeathmcte Lust, also flüchtiger Natur. Über das Wesen der Krankheitsgifte wissen wir sehr wenig und kennen ihre Eigenthümlichkciten nur aus ihren Folgen, ans den durch sie hcrbcige- führten einzelnen Erkrankungen. In neuester Zeit hat man dasselbe in Pilzformen (Moroooeons) gesucht (OonbitAluna Ultimatum der Alteren) und einen Diphtheritispilz, einen Cholerapilz, einen Kcnchhustenpilz rc. angenommen. Die Pilze sollen entweder in mechanischer Weise durch Eindringen in die Gewebe und Dnrchwuchern derselben die verschiedenen Krankheiten erzeugen, oder in chemischer Weise, indem sie eine Art Gährung vermitteln; durch Übertragung der Pilze werde die specifische Krankheit übertragen. Der besonnene i Beobachter geht jedoch bei dieser Hypothese nur > ! 69S Ansted — soweit, anzuerkennen, daß man bei den einzelnen Infektionskrankheiten zwar Pilze findet, und daß diese Thatsache eine Bereicherung unserer Krankheitskunde ist, läßt es aber vorläufig unentschieden, inwieweit die Pilze Ursache oder Folge der Krankheit sind. Diese Reserve wird so lange nöthig sein, bis man botanischcrscits im Stande sein wird, die einzelnen Pilzartcn gehörig von einander zu unterscheiden, und weitere Erfahrungen darüber Vvrliegcn, unter welchen Verhältnissen die Pilze die bestimmten Krankycitsformcn zu erzeugen vermögen. Vorläufig sind wir nicht im Stande, die einzelnen Micrococcusarten von einander zu unterscheiden; sämmtlich erscheinen sie als kleine, nur mit dem Mikroskop wahrnehmbare Körnchen; ebenso ist cs uns unklar, warum in dem einen Falle sehr wenig, in anderen Fällen sehr viele Mikrokokken bei gleichem Krankheitsbilde Vorkommen; auch fand man unter ganz heterogenen Krankheitsverhältnissen, z. B. in der Cholera u. bei Arsenikvergiftung, ganz dieselben und sehr massenhafte Mikrokokken. Die Aufnahmestellen der Krankheitsgifte bilden die Lungen, der Verdauungskanal, die Haut, besonders die verletzte, und verbreitet sich der Ansteckungsstofs von der localen Jnfectionsstelle ans auf den übrigen Körper. Alle Jnfectionskrankheiten sind daher zunächst locale Assertionen u. werden erst später allgemein. Außer dem Krankheitsgiste gehört zu jeder Ansteckung eine individuelle Disposition. Dieselbe ist bei den einzelnen Individuen sehr verschieden. So erkrankt nur ein Theil der Kinder an Scharlach oder Masern; ja, cs gibt Personen, bei denen selbst intensive Gifte nicht haften, z. B. das syphilitische Gift. In der Regel ist allgemeine Schwäche des Körpers ein Kennzeichen einer gesteigerten Disposition zu Infektionskrankheiten, namentlich zu Typhus und Cholera. Zu allen Zeiten hat man nach Mitteln gesucht, Infektionen zu verhüten, u. nennt man diese Mittel Des infe ctionsmittel. Die wichtigsten sind Carbolsäure, Eisenvitriol, Chlorkalk, übermangansaures Kali. Man verlasse sich jedoch nicht allein u. zu sehr aus dieselben u. denke daran, daß z. B. bei Typhus- u. Cholera-Epidemien reine Luft in Len Zimmern u. in den Häusern, gutes Quell- Wasser, Reinlichkeit rc. weit bessere Schutzmittel gegen die Krankheitsgiste bilden, als die obigen Desinfektionsmittel. Vgl. Griesinger im Handb. der spec. Pathologie u. Therapie, von Virchow, 2. Ausl., Erlang. 1864, Bd. II., Abth. 2; Uhle u.Wagner, Handb. der allgcm. Pathologie, 6. Ausl., Lpzg. 1874; Petlenkofcr, Zeitschrift für Biologie, 1872, VIII.; Nemak, Med. Centralz. 1864, Nr. 87; Biermer in Volkmanns klin. Vortragen, 1878, Nr. 53; Panum in Virchows Archiv, 1847; Öster- len, Die Seuchen, Tüb. 1873. Ansted, David Thomas, namhafter englischer Geolog, 1814 zu London geboren; stu- dirte zu Cambridge, wo er sich 1839 den Grad eines Magisters erwarb, ward 1840 Professor der Geologie am Kings College in London, 1845 Lector der Geologie am Ostindischen Militär-Seminar zu Adiscombe und kurze Zeit daraus Professor am College des Livil-Engiueers zu Putucy (London); inzwischen 1844 auch Vicesecrerär der - Anstctt. Geologischen Gesellschaft, von deren Vierteljahresschrift er die ersten Bände redigirte u. herausgab, und 1868 Examinator im Fache der physikalischen Geographie im Departement der Kunst und Wissenschaft. Seine mannigfachen in der Royal Institution zu London gehaltenen Vorträge erfreuen sich einer großen Popularität u. eines starken Besuches. Er schr.: 6oolo§/, mtrodrwtor/. dssarip- tüvs null praekioal, 1844: OooloAisk's lext- Loolc, 1845; Mrs ^iwisnt IVorld, 1847; 6ald- Lsolcor's Minimal, 1849; Llsmsntar/ (lonrss ok (lsoloZ/, LlineruIoA/ und kirxsieul OooArupd/, 1850 n. öfter; Loener/, Leiorwo ändert, 1854; (lsoloxxioul Loisires, 1855; (IsoloAwui (lossip, 1860; IRs Arsnb Ltons Loolc ok ikuturs, 1863; Oorrolukion ok tiw kstutnrai Ristor/ goisnoss, 1863; Mrs Mpylioations ok OsoloA/ Io tiw Mrts and Mlarmkuoturos, 1865; ikb/sioul 6so- Frapl,/, 1867 n. 5. Aufl. 1871; 'I'iro Iss-wld rvo livs in, 1869 (12. Tausend in 1872); Mw lilartb's Ilistorv, or lkirst I-sssons in OooioA/, 1869; Mvo I'irousuird Hiwstions on lCIr/siasI üsoArapiiz', 1870; Mw kll/sioui tlso^rupi!/ and 6oo1ox/ ol' ttw 6 Mittel, ! welche den Gcschlcchtstricb, besonders den übertriebenen, mäßigen oder anfhcben, z. B. tüchtige salinische Abführmittel, kaltes Wasser, magere Kost, gegenständliche Beschäftigung unter Aufsicht; , ehedem hielt man auch den schwarzen Kaffe für p ein a. M.; ebenso soll dem Kampher diese Wirk- 1 mig beiwohnen; 2) dergleichen gegen die Lnst- ! scuche. Antapoplektische Mittel, Mittel gegen den Schlagfluß. Antara bcn Schedad ben Moavijjah, arabischer Dichter des 6. Jahrh. n. Chr. In dem 40jährigen Kriege zwischen den Absitcn und Dsobjanitcn zeichnete sich A. durch ungewöhnliche Tapferkeit ans; er soll bei einem Strcifzngc gegen einen Zweig des Stammes Tajji von dem Nab- haniten Wazr erschlagen worden sein. Obgleich sein Divan ans 27 Gedichten besteht, so behaupten doch arabische Gelehrte, er habe nur eine einzige Kaside gedichtet, die als Moallakah aufgcsührt wird. Ansg. von Mcnil n. Willmct, Lcyd. 1816, Übers, in PH. Wolffs Moallakat. A-s ritterliche Thatcn gaben den Stoff zu dem berühmten Rittcr- roman, betitelt Antarnameh, welcher aber einer späteren Zeit, vielleicht dem 8. Jahrh., angehört. Dieser erschien im Auszüge, ins Englische überseht von Hamilton, in 4 Bänden, London 1820. Siche auch I,störe sur llnta.r im lonrmil ^.aiatigno, III. Serie, Bd. 10, S. 433—471. Bgl. Thorbeckc, A., des vorislamischen Dichters Leben, Heidelb. 1868. Autarados (a. Geogr.), syrische Stadt in Sclcnkis, an der phönikischcn Grenze, vom Kaiser Constantinns wiedcrhcrgestellt' und deshalb Constantia genannt; jetzt Tortosa. Antares, Stern 1. Größe im Skorpion. Antarktisch (v. Gr.), dem Bären (nämlich dcni Stcrnbilde des Großen Bären) gegenüber, d. i. dem Südpol nahe; daher a-cr Kreis n. Pol, südlicher Polarkreis u. Südpol; a-c Länder, a-er Continent, so v. w. Südpolarländer; a e Expeditionen, Reisen dahin; a-es Meer, so v. w. südliches Eismeer; a-e Luft- n. Meeresströmungen, die vom SPol stammenden kalten Strömungen. Antarthrrtischc Mittel (v. gr. urtlirttm. Gicht), Mittel gegen die Gicht. Alltasthenrsch, zur Beseitigung der Asthenie dienend: daher a-e Methode, a-c Mittel. /intooällens (lat.), 1) vorhergehend; .4. eanss morbi, disponirende Krankheitsursache. 2) Das Vorhergehende, im Gegensätze zu Oonssgnvim. dem Nachfolgenden, also Grund, Ursache (6onss- guons: Folge, Wirkung); bei Urthcilen -V.: das Snbject (Lonsognsns: dasPrädicat); Vordersatz (Lonasgusns: Folge- ob. Hintersatz). 3) (Rhet.) Redewendung, Begriff, Urtheil, woraus Etwas (6oimoguon8) hervorgeht. -1) (Math.) BeiZah- lenvcrhältnisscn die vorausgestellte Zahl, mit welcher eine andere verglichen wird. Antece- dentien, frühere Vorkommnisse, welche auf Ausgang in der Gegenwart schließen lassen; A. einer Person, die Vergangenheit oder früheren Verhältnisse derselben. AnteceLiren, vorhcrgehcn, den Vorrang haben. Antcccllircn (v. Lat.), übertreffeu. kntsoessor (lat.), Vorgänger, im Amte. ünte Lkelstum (L. Oür.) oder -I. 6>ir. natnm, vor Christo, vor Christi Geburt. -ntvouegor (lat.), Vorläufer. Antcdatircn (v. Lat.), einen früheren Tag, als den wirklichen Tag der Ausstellung eines Schriftstückes unter dasselbe setzen. ünte «iisin (lat.), vor dem Tage, vor der festgesetzten Zeit. Äntedilnvianisch (v. Lat., Geologie), vorsünd> 702 Antejustmiancijches Rocht — Antevolute. flnthlich, eine von der Geologie in viele Unterabtheilungen getheilte Zeit; daher a-e Menschen (vgl. Anthropolithen). Figürlich für veraltet oder altmodisch. Antejustinianeisches Recht, Inbegriff der römischen Rechtsbestimmungen vor Jnstinian und die Rechtsqucllcn aus der Zeit vor Jnstinian, im engeren Sinne diejenigen römischen Gesetze, Edicte u. Constitutionen rc. ans der Zeit der Republik, wie der Kaiser vor Jnstinian, welche in dem 6or- pus cknris önstmianZuin überhaupt gar keine Aufnahme, oder nur in veränderter Form gesunden haben. Sammlungen hiervon: Bücking, 6orp. stur. Rom. antojustininiiäum, Bonn 1845; Huschle, ckurigpruckonbias aniojustiniansae gn-ro .-inperuunt. Lpz. 1861; weiter s. noch die Literatur: Vangerow, Lehrbuch der Pandekten, Mark. 1863. S. u. Römisches Recht. Nntelasparicr, eine Fraction in der Hollän- disch-reformirten Kirche, welche Gott als wirklichen n. alleinigen Urheber der Sünde und Vcr- dammniß annaymcn, indem sie die unbedingte Prädestination in die Zeit vor der Schöpfung u. dem Süudcnfall setzten, in der Schöpfung u. dem Sllndenfall aber göttliche Mittel zur Vollziehung der Prädestination erkannten. ünislogmm (v. lat. nute, vor, u. gr. läg'o», Rede; 1s das Recht, zuerst zu reden: 3 t Borrede. Antelncänisch (v. Lat.), was vor dem Lichte, vor Tagesanbruch geschieht. Antemcridiänisch (v. Lat.), vormittägig. Antcmetische Nüttel (^.ubemetwa, v. gr. unti. gegen, und emetistös, Brechen erregend), Mittel gegen Brechneigung und Erbrechen. Antcmundan (v. Lat)), vorweltlich. Anten, einer der Hauptstämme der slavischen Ration, welcher zur Zeit seines Bckanntwcrdcns dieGegendeu nördlich von der Donau am Schwarzen Meere und zwischen dem Dniepr n. Dniestr ein- nahmcn n. sich ivcit nach Norden hin ansdehnten, wie Procopius sagt, in einer unzähligen Masse. Jornandcs bezeichnet sie als die tapfersten aller Völker am Pontns. Sie dürften sich in den heutigen Russen, resp. deren Hauptmasse erhalten haben. Anteil (v. lat. antas), die pfeilerartige Endung der Stirnseite einer Mauer, besonders an der Giebelseite der antiken Tempel, im Gegensätze zu Wandpilaster, oder pfeilerartigcr Vorsprung aus der Mitte der Mauer heraus. Antrnantiösrs (gr., Rhet.), Gegenwiderspruch, Bezeichnung eines Begriffes durch Verneinung seines Gegensatzes, z. B. nicht ungelehrt, statt gelehrt, verwandt mit der Litotes. Antenat (mittellat.s, Erstgeborener, Vorfahr; Antenaginm- Erstgeburt, Erstgcbnrtsrecht. Antennen (lat. antsnnno, Scgelstaugeu), bei Jnsecten die Fühlhörner. , Antenor (griech. Sagengeschichte), Sohn des Äsyetes, bei Homer einer der trojanischen Stadt- ältesten, ein beredter u, gerechter Greis, welcher zur Auslieferung der Helena au die Griechen u. zum Frieden rieth. Wegen seiner Friedensliebe u. Gastlichkeit stellt ihn die spätere Sage als Vcr- räther an seiner Vaterstadt hin, indem durch seine Beihilfe die Eroberung Trojas erfolgt sei, wofür die Griechen sein Haus bei der Einnahme durch ein Pardelfell kenntlich gemacht u. verschont hätten. Er soll nach Einigen auf den Trümmern Trojas ein neues Reich errichtet haben. Virgil u. andere Römer lassen ihn mit den Henetern (Venetern) in Oberitalien landen u. dort die Stadt Patavium (jetzt Padua) gründen. ünts vlntum nemo bestus (lat.), vor dem Tode ist Niemand glücklich (zu Preisen), bekannter Ausspruch des Solon gegen den König Krösos. /knteooovpatffo (lat., Rhet.), s. Änticipatiou. Antependinm heißt der vor die Mensa des christlichen Altars gespannte, mit mancherlei figürlichem n. symbolischem oder auch nur decorativem Bildwerke geschmückte Teppich, worin aber dann nie das Kreuz fehlt. Anteponiren (v. Lat.), vorziehen. Ante- Position, Vorzug. Altteqnera, 1) (Sierra de A.) Theil der grana- dischen Bergterrasse in der spanischen Prov. Malaga, Verbindungsglied zwischen der östlichen und ! westlichen Abtheilnng jenes Gebirges; steigt bis 1430 m an. 2 ) Stadt in der spanischen Prov. Malaga, links am Guadalhorce u. an der Eisenbahn von Malaga nach Granada; hat ein großes, ^ in Ruinen liegendes maurisches Castell mit schöner gothischcr Kirche der hl. Jungfrau, 6 Pfarrkirchen, große Fabriken in Flanell u. Papier, viele Ger- ^ bereicn) Seidenwebereien n. Seifenfabriken, Han- ^ del mit Südfrüchten, Öl u. Orseille; 27,200 Ew., größtentheils sogenannte Hidalgos (unter denen I noch 1845 die Blutrache Sille war). A. ist das , .ämtigrnrrin oder ^ulüoaria, der Alten, wurde 712 ' von den Mauren genommen und kam erst 141d s durch den Jnfanten Ferdinand wieder in die ! Hände der Spanier. kntoriüres (lat.), Vordere, besonders Vorfahre». ! Antcriorität, Frliherseiu, Zeitvorzug. ff Nntcros, Sohn des Ares u. der Aphrodite, ursprünglich der rächende Genius der verschmähten Liebe; Gott der Gegenliebe. knterotwum (v. Gr.), Mittel gegen Liebesbrunst; vgl. Antaphroditische Mittel. üntosignüni (röm. Aut.), auserlesene llustüti, die : in der Schlacht zum Schutze der Manipelzeichen ! (8!§mi) vor denselben ausgestellt wurden; seit Cäsar aber eine besonders tiichiige Elite, die a!s Avantgarde der Legion fnngirte und oft vorübergehend von ihr detachirt wurde. Sie waren zugleich Excrcirmeister. /inte tubam trepiäsro (lat. Sprüchw.), vor den: ^, Angriffssignal zittern, d. h. bevor die Gesaln ein tritt. Antcvenircu (v. Lat.), zuvorkomme». Antekiolnte (v. Lat.), Kurve, die einer anderen krummen Linie ans entgegengesetzte Art wie die Evolute zugeordnet ist. Während diese entstein, wenn man die Enden aller Krümmungshalbmesser ^ einer Cnrve durch eine Linie verbindet, io entstellt >! die A. einer Cnrve, wenn man jene Halbmcper ° über die Cnrve hinaus um ihre Länge verlängert n. die neuen Endpunkte durch eine Linie, die L., verbindet. Jac. Bernoulli erdachte duffe Cnrve, die aber meist nur bei der logarithmrschcn Sviran angewendet wird, deren A., sowie Evolute ivieeer eine logarithmische Spirale ist. Autheilbau — Anthcilbau (Antheilwirthschaft) ist das Ver- hältniß zwischen Arbeitgebern nnd Arbeitern, wo letzteren statt des Lohnes eine Theilnahme am Reinerträge des Ackerbaues gewährt wird. Es liegt diesem Lohnsystem die an sich ganz richtige Annahme zn Grunde, daß es gerathen sei, die landwirthschastlichen Arbeiter für den gesammten Betrieb der Wirthschaft zu interessiren. Schon v. Thümen hat beispielsweise in den zwanziger Jahren die Einrichtung getroffen, daß die Insassen seines Gutes Teltow einen bestimmten Antheil an dem jährlichen Reinerträge desselben erhalten; diese Einrichtung besteht noch heute dort n. hat sich durchaus bewährt. Auch von einem Engländer, Lord Walsconrt, wurde bei der Cnltnr seiner Ländereien in Irland das System der Gewinnbetheilignng der Arbeiter angewcndet; es hatte den Erfolg, daß der nachlässige irische Bauer zn emsigem Fleiße angestachelt wurde, n. Wohlstand u. Zufriedenheit sich über einen Districr verbreitete, wo ehedem nur Hungcrsnoth n. Ver- zweiflung herrschte. Es ist offenbar, daß auf der Grundlage dieses Lvhnsystems die Stellung der Arbeiter eine ganz andere wird, daß hier nicht blos eine praktische, sondern auch principiellc Bcr äudernng in dem gesammten socialen Vcrhält- nisse des Arbeiters vor sich geht, daß er von dem Standpunkte bcr Maschine zn dein eines lebendigen Gliedes der Anstalt erhoben wird. Jedenfalls bietet dieses Verfahren Len geeignetsten Weg einer Vermittelung n. Ausgleichung zwischen den Interessen der Arbeitgeber nnd Arbeitnehmer u. ist das wirksamste Mittel zur Steuerung all der Wühlereien, die gegenwärtig die gesellschaftliche Welt so tief aufregcn. Vgl. R. Seifert, Über die genossenschaftliche Gutsbewirthschastung u. Antheilwirthschaft, Leipz. 1873. Über die Anwendung dieses Systems bei industriellen Unternehmungen s. u. Industrielle Theilhaberschaft (Inckustrial kartnerslrip). Anthcilschcin, so v. w. Actie. Authcktische Mittel (v. gr. anti, gegen, u. üelctilcös, an Brustübeln leidend), im Allgemeinen Mittel gegen die Auszehrung. üniliola (Bot.), Spirre, ein Blüthcnstand, dessen Hanptzwcige nach Art eines Ebenstraußes (6orz-inl»m) abwechselnd ans einer gemeinschaftlichen Achse oder nach Art einer Trngdoldc dicht unter einer Gipfelbüthe entspringen, wobei die untersten Zweige länger als die anderen, alle aber über die Griffelblüthe hinausragend sind, z. B. bei Loirpus silvabwns, Imnula n. a. tlntbelix (Anat., Gegcnleiste des Ohres), die (vom Rande der Ohrmuschel an gerechnet) zweite, knorpelige, wulstartige Erhabenheit, welche vorn, im Innern der Ohrmuschel, mit zwei convergi- renden Theilen anfängt, die man die Schenkel des A. nennt. Anthelmintische Mittel, Xuttzslmiub loa (v. gr. Iwlmins, Wurm), Mittel gegen die Eingeweidewürmer; s. Bandwürmer. AntheMlUS, 1) Flavins A., weströmischer Kaiser, Sohn des Prokopios, aus Galatien, vermahlt mit Euphemia, der Tochter des Kaisers Marcian, unter Leo dem Großen Consul n. Pa ricier in Constantinopel, Sieger über die Hunnen - ^.utlioricrum. 7 03 an der Donau; wurde 467 n. Ehr. von den von Ricimer und den Vandalen bedrängten Römern zum Kaiser gewählt und von Ricimer ermordet; s. Rom. 2) A., Baumeister ans TralleS in Lydien; baute mit Jsidoros von Milet von 531 bis 537 unter Justinian die mit wenigen Abänderungen erhaltene Sophienkirche zn Constanti- uopel und ward so der Gründer des eigentlichen byzantinischen Baustils, der hierin seinen charakteristischsten u. bedeutendsten Ansdruck erhielt nnd das Muster des gesammten orientalischen Kirchen- banes wurde. Ä. war der Erste, der eine Kuppel auf einer Bogenstellnng aufführtc. Er soll anch Plastiker n. Mechaniker gewesen sein. llntiiomis X. (Hundskamille), Pflanzcngatt. ans der F-am. der Eompositen (XIX. 2); Hüllkelch halbkugelig, vielreihig, dachig; die randständigcn Blüthcn weiblich, znngcnförmig, mit rnndlich-ciför- migem Saume, meist weiß (nur bei X. tinotorin gelb); Schcibenblüthen meist gelb, mit flach zn- sammengcdrücklcr, zweiflügeliger Röhre u. fünfzäh- nigeni Saume; Frnchtboden sprcnblättcrig; Achenen flügellos, od. schmal geflügelt, ohne Pappns nnd statt desselben mit vorspringendcm Rande. Arten: X. tinotoria X. (Färberkamillc), mit kugeligem Frnchtboden, kleinen gelben Znngenblüthen und doppelt fiedcrspaltigcn Blättern n. kammfvrmig gestellten gesägten Lappen; an sonnigen Orten; dient znm Gelbfärben n. war früher anch als Arzneipflanze benutzt. X. arvoimik? X. (Acker- hundskam.), mit kegelförmigem, nicht hohlem Frnchtboden (während der kegclf. Frnchtboden der echten Kamille hohl ist), lanzettlichen Sprcn- blättchen u. doppelt fiederthciligen weichhaarigen Blättern; eines unserer gemeinsten Unkräuter auf Sandplätzen n. Äckern. X. Ootnla X. (stinkende H.), mit lineal-borstlichen Sprcnblättchcn an der Spitze des kegelförmigen Fruchtbvdens n. fast stiel- runden Achenen; von unangenehmem Geruch; ans Schutthaufen u. Brachfeldern; früher officincll. Die gepulverten Blüthenköpfchcn sind als Ersatz des persischen Jnsectcnpnlvers empfohlen worden. X. uoliili.-; /i. (römische Kamille), mit häutigen, gezähnten Sprcnblättchcn n. gefiederten Blättern mit vielspaltigcn Blättchen; in SEnropa; die zicml. großen Blüthcn (klares (ülamninillao Ilumunae) von stärkerem Geruch u. ähnlicher, aber schwächerer Wirkung als die der echten Kamille, sind officincll n. reich an ätherischem Öl; deshalb wird die Pflanze in Deutschland vielfach in Gärren gezogen. X. arabloa X. (lllackantlms proliloruv X.k.'. >, ans NAfrica, wird der schönen Blüthcn wegen in Gärten gezogen. Antheren (XniReras, Bot.), so v. w. Staubbeutel. llntliorwum X. (Zaunlilie), Pflanzengatt, aus der Fam. der Liliaceen (VI. 1); ausdauernde Kräuter init linealen Blättern, weißer, sechsblätteriger Blüthenhlllle, 6 psricmlichen Staubfäden mit entfliegenden Staubbeuteln u. mit einem Gelenke versehenen Blllthensticlchen. X. XiliüAo X. (gemeine Z.), mit einfachem Schafte n. abwärts gcneigteul Griffel, u. X. ranmsniu X. (ästige Z.), mit ästigem Schafte u. geradem Griffel; beide in europ. Gebirgsgegenden; die Wnrzelstöcke waren sonst als Kack. KimlanAn non rainN.^i n. ramH^i osficinell. 70t Aiithcridieii Antheridlen (Bot.) sind die Bcfruchtungsor- gane bei Kryptogamen, welche eine den Antyeren der Phancrogaincn ähnliche Function haben. Bei den höher organisirten Kryptogamen entwickeln sich in den inneren Zellen der A. Spiralfäden, welche sich nach dem Zerreißen der Zellwand u. öffnen des ganzen Organs frei nnd lebhaft im Wasser bewegen. Sie werden Schwärmfäden (^niüvrcmo'ükil. Lpsrinntoiwi'äa) genannt. Antherpetischc Mittel (v. gr. iiörps.?, kriechendes Übel), Mittel gegen die Flechten. Nnrffestcrla (gr. Ant.), das dreitägige Fest des Dionysos, welches zn Athen im Monat An- thcsterlon (Februar), also in der Zeit des Wieder- cnvachens der Natur n. der Klärung des gekelterten Weines gefeiert wurde. Am 1. Tage des Festes. dem 11. des Anthcstcrion, wurde der gegorene Wein angczapst, wobei Kinder nnd Andere mit Blumen bekränzt wurden, Pithoigia (Faßcröff- nnng); am 2. Tage, Chocs (Kanncnfest), wurde der gezapfte Wein um die Wette getrunken n. der Sieger gefeiert: am 3., Chytroi (die Töpfe), wurden abgekochte Hnlsenfrüchte als Opfergabe für den unterirdischen Hermes n. die Seelen der Abgeschiedenen ausgestellt. Auch Sklaven durften an diesem Feste tycilnchmen, welches thcilweise eine heitere Fasrnachtsstimmnug athmete, besonders in den lustigen Umzügen des zweiten Tages, theil- weise auch geheimnißvollcm Cultns gewidmet war, bei dem die Gemahlin des Archon Basilens dem Dionysos vermählt wurde. üntiiilliuin Wciür.. Inscctengatt., zur Fam. der Wespen gehörend; die Weibchen haben an der Unterseite der letzten Hinterleibsringcl dicht gestellte Borstenreihcn, mit welchen sie den Blüthenstanb sammeln: sind also sogenannte Bauchsammler. Alle derartigen Gattungen hat man auch wol zn einer Unterfamilie der Wespen als Banchsammlcr (An- tbickiinas) vereinigt. äntbocerateas (v. gr. üntlros, Keiin, Blüthe, u. üvrns, Horiu, Ordnung der Lebermoose; Laub- körpcr (Thallus) ftechtcnartig, nüt etwa kreisrunden, flach ansgcbrcitcten, an der Spitze sich gabelig verzweigenden Lappen; Anthoridien und Ärchogonien scheinbar regellos an der Oberseite des Laubes eingcscnlt; das gestielte, hornförmigc Sporogvnium (Büchse) ist mit einem Mittelsänlchen versehen u. enthält neben den Sporen spiralförmige Schlendern. Die Ordnung enthält nur eine Familie, die Anthocerecn, n. diese die einzige Gattung Lmblwooro» AI/eL. Die Arten: Ä. lasvio T., mit glattem Laub n. gelben Sporen, n. W. zmnetatns L., mit warzigem Laube u. schwarzen stacheligen Sporen, sind kleine, im Sommer ans feuchtem Lehmboden wachsende Pflanzen. /latlwäium (Bot.), gemeinschaftliche Blumenhülle der zusammengesetzten, einen Blüthenkops bildenden Blumen. Anthographie (v. Gr.), Blumenschrift, Mit- theilnng durch die Blnmensprache. Antholithen (v. Gr., Versteinerungen von Blüthen; dieselben sind im Ganzen selten'. Anthologie (v. Gr.), 1) Blumensammlnng, Binmenlese; besonders 2) Auswahl dichterischer Literaturcrzeugnisse. Griechische A n, meist epigrammatische Gedichte verschiedener Verfasser ent- — Anthoii. haltend, gab cs schon früh, indem Meleager von Gadara im 1. Jahrh. v. Chr. einen Kranz von Epigrammen sammelte, später Philippos von Thcssalonike um 100 n. Chr., Straton um 150, Diogcnianos von Heraklca vor 200, der zuerst den Namen A. anwcndetc, dann Agathias im 6. Jahrh. A-n vereinigte, bis endlich im 10. Jahrh. der Byzantiner Konstantinos Kephalas die uns erhaltene Griechische A. zusammenstellte. Die Gedichte derselben, ans den verschiedensten Epochen stammend, sind hauptsächlich in Liebes-, Widmungs-, Grabgcdichte, Epigramme des hl. Gregorios von Nazianz, cpideiltische, ermahnende Gedichte, Trinklieder n. Spottgedichte, nebst Stratons Dichtungen auf schöne Knaben cingctheilt, herausgeg. von Fr. Jacobs, Leipzig 1794 ff., 3 Bde. in 1813 ff., 3 Bde., Dübner, Paris 1864—72, 2 Bde., deutsch von Herder, 1785, Jacobs 1824, u. vollständig von Weber u. Thndichnnt, Stuttg. 1869. Die Ä. des Maximus Planndes im 14. Jahrh. ist nur ein ungeschickter Auszug ans der des Konstantinos. Lateinische A-n kannte das Altcrthnm nur in geringer Zahl; besonders seit dem 16. Jahrh. wurden solche angelegt, theils aus urschriftlichen, theils ans anderen Gedichten, besonders des 4. n. 6. Jahrh. n. Chr. bestehend, welche eine nur selten (z. B. bei Syui- phosins) originelle Nachblüthe der römischen Poesie zeigen; herausgeg. von Niese, Lpz. 1869—70, 2 Bde. Die sehr zahlreichen orientalischen A-n thei- lcn sich in Sammlungen der schönsten Stellen aus classischcn Dichtern oder Prosaikern u. in eigentliche A-n der vorzüglichsten Stellen der Dichter; s. n. Arabische Literatur, Persische Literatur, Türkische Literatur rc. Auch dis deutsche Literatur hat solche Sammlungen anfzuweisen, jedoch meist nur zum Unterricht und für populäre Zwecke. Der Sammler einer A. heißt Antholog oder Antho- logist. 3) Exegetische Ä-n, so v. w. Catenen. Anthologüun, in der Griechisch-katholischen Kirche das Missalc, in 12 Monate getheilt; enthält die an Festtagen zu singenden Officia (Hymnen, Gebete rc.). Antholhsc (v. Gr., Blüthenauflösnng) nennt man diejenigen Fälle der rückschreitenden Metamorphose, durch welche die normale Zahl und Stellung der Blüthcntheile verändert wird; s. Metamorphose (Bot.). üntiwlxrs (Bot.), Pslanzengatt. aus der Fam. der Jridcen (III. 1); die Blüthe hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem anfgesperrtcn Rachen eines Thicres. Arten: aotlnoxica L X.. mit orangefarbenen, Oniiorüa H^., mit scharlach- rothen, fast schmelterlingsförmigen Blüthen; beide am Cap, in Europa Zierpflanzen. äotkom^a, Blumenfliegc, Gattung der Jn- sectengrnppe der wahren Fliegen; ans Gesträuch und Blüthen; Larven im Dünger; die kleineren tanzen gesellig. Anttzon (spr. Änntonn), Charles, gcb. 1797 zn New-Pork, Professor der alten Sprachen am Columbia College; gab heraus Lempriercs Olaosi- esl Diotionarv, 1841; den Horatins, 1830, neue A. 1860, n. eine Serie griechischer n. lateinischer Classiker; schrieb außerdem Werke über alte Geo- ^lUffonoiuus — Anthrakose. 705 graphie, griechische n. römische Alterthümer, My- ihologic, Literatur, Grammatit n. Metrik. lwibonoimis <7srm., Bliithcubohrer, Käfergatt, der Familie der Rüsselkäfer; kleine Arten, deren Weibchen im ersten Frühjahre die jungen Blüthen- kiwspen der Obstbäume mit dem Rüssel anbohren, l inn ein Ei hineinzulegcn; die Larve nährt sich von ! Knospentheilen n. verhindert so die Entwickelung der Frucht. Arten: .V. llruparum L., Kirschen- blüthenbohrer, n. pvmornm L., Apfelblnthen- bohrer, den Äpfel- n. Birnbäumen zuweilen durch ihre Menge sehr schädlich. Anthöily, Susan, geb. lö.Fcbr. 1820, Herausgeberin der in New-Aork erscheinenden Franen- emanciparions-Zeitung Revolution und eine der ! hervorragendsten n. unermüdlichsten Vertreterinnen ! der sogenannten Franenrechtspartei. ! /tntkopklla (griech., Blnmenfrenudin), 1) (.4. cü Änbir.) Gatt, der Enlchen; stleben- 1 äugen groß, Brustschild glatt, Sauger hornartig, l Fühler borstenförmig, Taster schuppig; des Tages ^ fliegend; europäische n. einige ausländische Arten - 2) Tmtr.) Name zur Bezeichnung der Jnsecten- Familie der Bienen. -ntbopliöra Jnsectengattnng der Wespen zur Unlerfainilie der Schicnensammlcr, bei welchen die äußere Seite der Hinterschienen u. Tarsen bei den Weibchen mit Haaren zum Sammeln des Blüthcnstanbes besetzt sind. ^ Antbopkzlli (lat.), Gewürznelken. ! Anthophymt (Min.), Varietät der Hornblende. « Anthos (gr.), 1) Blume, Btüthe; daher viele Zusammensetzungen mit Anth ... n. Antho ..., Len deutschen mit Blume n. Bliithe entsprechend. 2) Rosmarin. , 0 ) (^. sikvestris) I>ecknm paknsbrs. i /lntboxanikum L. (Ituchgras), Pflanzengatt, aus der Fam. der Gräser (ll. 2); Rispe ährenförmig, j fast gleichseitig, Ährchen von der Seite her zn- sammengedrllckt, das unterste Hüllblatt kaum halb so lang als das zweite, die beiden obersten behaart, ans dem Rücken gcgrannt, von den unteren eingehüllt. Art: A. vckoratum, gemeines stiuchgras; in Wäldern, auf Wiesen, besonders auf Waldwiesen ! hänjig; getrocknet von angenehmem, steinklcearti- i gern Geruch, welcher sich dem Heu mitthcilt; gutes l Futtergras. Aus der kräftig riechenden Wurzel, mit anderen Kräutern vermischt, wird ein Schnupf- h tabak (Radica) bereitet. Mit dem Grase gefüllte Kränterkissen sollen bei dem Rothlanf schnelle Linderung der Schmerzen geben. tlntboruL (Blnmenthicrc) oder koh-pi sind die Koralienthicre. ^ Anthraceu (v. gr. antiirax, Kohle, Parana- , phthatin, Chem.) v^bl^, Product der trockenen De- ! stilalion kohlenstoffrcichcr organischer Substanzen, u. als solches ein Bcstandtheil des Steinkohlen- ! thccrs. Um cs aus diesem zu gewinnen, wird ^ der Theer der fractionirten Destillation nntcrwor- A sen n. diejenigen Theilc, welche über 300" übergehen, besonders aufgefangen. Dieselben erstarren beim Erkalten und können von den beigemengten flüssigen Prodnctcn durch Abpressen getrennt werden. Die noch vorhandenen leicht löslichen An- rheile werden durch Lösen in Petroleum oder Schwefelkohlenstoff entfernt n. das znrückblcibende A. ans Benzol umkrhstallisirt, oder durch Snbli- Pierers Univcrsal-Coiirersalions-Lcxiko». 6. Zlufl. I mation gereinigt. A. krystallisirt in farblosen Tafeln, die in ganz reinem Zustande eine blaue Fluorescenz zeigen, bei 213" schmelzen und über 360" nnzcrsctzt sublimsten. Es ist in kaltem Alkohol, Äther u. Schwefelkohlenstoff schwer löslich, dagegen leicht in heißem Benzol, ans dem es sich beim Erkalten krystallinisch abscheidet. Wenn eine Auflösung von A. in Benzol der dirccten Einwirkung von Sonnenlicht ansgesetzt wird, so scheiden sich farblose oder gelbliche Tafeln von Par-A. ans, welche dieselbe Zusammensetzung wie A. haben, aber in Benzol unlöslich sind n. bei 244" schmelzen, wobei sich das Par-A. wieder in A. umwandelt. Auch beim Ansbewahren von A. in durchsichtigen Gefäßen bedeckt sich dasselbe mit einem Ucberznge von Par-A. Das A. schmilzt n. verbrennt mit stark rußender Flamme; cs bildet Ad- ditions- n. Substitntionsprodncte. Bei der Einwirkung von Chlor bildet sich A-bichlorid (stZstoOIg, welches durch alkoholische Kalilösnng in Monochlor- A. (l^kllgC'l verwandelt wird. Durch längere Einwirkung von Chlor entsteht Dichlvr-A. Entsprechende Verbindungen existircn mit Brom u. Nntersalpetersäure. Wirkt Salpeter- oder Chrom- sänre ans A., so entsteht Anthrachinon (oder Ox- A.) cS krystallisirt in gelben Radeln, wenig in Alkohol und Äther, leicht in Benzol löslich u. schmilzt bei 273". Bon Wichtigkeit ist das Dioxyanthrachinon O^kkgO.,, welches aus dem Dichloranthrachiuon durch Schmelzen mit Kali- Hydrat erhalten wird: (st.lstOstlst -st 2L011 ^ -f- 2L(!I Dichloranthrachinon Kalihydrat Dioxyanthrachinon Chlor- laliuni. Dieses Dioxyanthrachinon ist nämlich identisch mit dem wichtigen Farbstoff des Krapps, dem Alizarin, welches auf diese Weise künstlich ans dem A. dargestellt wird. Anthracit (Kohlcnblende), eine nicht backende Kohle von 90 "/o Kohlenstoffgehalt, die ans der kibergangsformation stammt, also älter als Steinkohle ist. Er hat flach-muscheligen Bruch n. ist cisenschwarz; spec. Gew. 2—2,g, also größer, als bei den Steinkohlen. Weil er nicht backt, paßt er trefflich znm Hohofenbetriebe statt der Coks, u. ans seinem Vorkommen in England, Schottland n. Pennsylvanien beruht ein großer Theil der an diesen Orten damit betriebenen Hohöfen. Auch in der Stcinkohlcnsormation und dem Jura kommen anthracitähnliche Kohlen vor, dieselben sind aber keine wahren Anthracite. Anthrakokali, gegen Flechten empfohlenes Mittel, durch Zusammenreiben von 7 Thcilcn Kalihydrat und 5 Theilen Steinkohle erhaltenes schwarzes Pulver. Anthrakometer (Anthrakonister, gr.), Kohlen- säuremesscr, von Humboldt angegebener Eudiometer zur Bestimmung des Gehaltes der Kohlensäure in der Luft mittels Kalkwassers. Anthraköllit, durch Kohle schwarz gefärbte Marmorarten; das Llarmor ImenlksnindesPlinius u. der lstoro anbioo der Italiener gehören dazu. Auch die sogenannten Stinksteine, bitnmcnhaltige schwarze Kalke, die beim Reiben durch ihren Bi- tnmcngchalt stinken, sind A. Anthrakose, 1) Anthrax der Augenlider, am I. Band. 706 Anthrax — gefährlichsten als Milzbrandcarbunkel, wenn van milzbrandtranken Thieren durch Fliegen u. dgl. übertragen; 3) Brand im Allgemeinen; 6) eine in Schmelzhütten, bei Kohlenhändlern u. Schmieden vorkommende Krankheit; s. u. Berufskrankheiten. Anthrax (griech., Kohle), 1) dunkelrothe Korunde n. Spinelle, deren Farbe einer dnnkelroth glühenden Kohle gleicht. 3) (Med.) Eine Geschwulst, bestehend aus einer unter der Haut befindlichen umschriebenen Entzündung des Zellgewebes u. rasch in brandige Zerstörung der ergriffenen Theile übergehend. Man unterscheidet gutartigen A. (Furunkel), der in wenigen Wochen heilt, n. bösartigen A. (knstula maiigma, schwarze Pocke), der, ein pestartiges Leiden, den ganzen Körper in Mitleidenschaft zieht und häufig mit dem Tode endet. A. kommt in verschiedenen Ländern endemisch vor n. führt die verschiedensten Namen, z. B. Pustel von Aleppo, sibirischer Carbunkel, Pokalwar; A. ist auch Symptom mehrerer Krankheiten, z. B. der Pest. S. Pocken, Milzbrand, Pest. A. Hirsch, Haüdb. der histor.-gcogr. Pathol., Erl. 1800—64, Bd. II.; A. George, Lssni snr In stnstnks maligne, Par. 1872. üntbrsx Soox., Gattung der Hummel- oder Schwebfliegen. ünttirena, (^ntlrronobas), so v. w. Blnmen- bienen. üntkrönus <7soLr., Gattung der Jnsectenfam. der Spcckkäser (veruwi-tnni). Die Larven von L. varins -fflrb. n. wnLvornm L. sind die schlimmsten Feinde von Jnscctensammlnngen, die ihren Larven als Behausung dienen. üntbrlbus 6«»//'»'-, Gattung der Rüsselkäfer. Art: aldluns L., rehbraun beschuppt; 8—10 mm lang; an Birkenholz häufig. ünttwiscus (Klettenkerbel), Pflanzengatt, ans der Fam. der Doldengewächse (V. 2), mit verwischtem Kelchrande, weißen, verkehrt-eiförmigen Blumenblättern mit cingebogcnem Läppchen n. stiel- runden Früchtchen mit gereiftem Schnabel. Bekannteste Art: L. llsrokolium (Gartcnkcr- bel); Stengel über den Knoten wollig; Blätter dreisach-gefiedert; Früchtchen glatt, doppelt so lang als ihr Schnabel; ans SEuropa, bei uns als Küchcngcwächs in Gärten (s. Kerbel). .-I. silrestris (Wiesenkerbel); Stengel unten ranhhaarig, Blätter doppelt-gefiedert, Früchtchen glatt od. zerstreut-knotig, ümal länger als der Schnabel; ans Wiesen gemein. Seltener ist d.. vnlgario mit kahlein Stengel und stacheligen Früchtchen. Anthrop. . - s. u. Anthropos. Anthropocentrische Weltanschauung, der Mensch, als vorbedachtes Endziel der irdischen Schöpfung. Authropodämon, 1) vergötterter Mensch, Heros, Gottmensch; 3) böser Dämon in Menschengestalt. Anthropogenie (v. Gr.), 1) Entstehung des Menschen; 3) Lehre von derselben. Anthropo- gonie, Erzeugung des Menschen. Bgl. Schöpfung u. Menschenraccn. Anthropognosie (v. Gr.), Menschenkenntniß, spcciell Kenntnisz des menschlichen Wesens, seiner Natur, wie seiner Entwickelung nach. Anthropologie. § Anthropogräphie (v. Gr.), 1) Beschreibung (Naturgeschichte) des Menschen, der Theil der Anthropologie, welcher die den Menschen von den l Thieren unterscheidenden Eigenschaften entwickelt, ä bcs. die Racen-, die Bildungs- und durch das j Klima erzeugten Verschiedenheiten des Menschengeschlechtes; dann auch Anatomie n. Physiologie des Menschen. 3) Darstellung des Menschen durch die zeichnenden Künste. Anthropolätrie (v. gr. latroia, Dienst, Gottesdienst), Menschenverchrnng, Anbetung solcher Wesen, welche von Anderen für bloße Menschen gehalten werden. Daher Anthropolatrcn (lat. ÜominioAas), 1) bei den Heiden anfangs alle Christen, weil sie den Menschen Jesus andeteten; 3) so v. w. Polemiauer (s. u. Apollinaristen). kntkropoläos Gattung der Kraniche; dazu der Jnngfern-Kranich (A. virgo L.), in SEuropa u. Mittelasien; zieht nach Mittelafrika n. SJndicn. Anthropolithen (v.Gr.)^ Steine von Menschen, versteinerte Menschen. Die Frage, ob es versteinerte Menschengerippc gebe, wurde früher als besonders maßgebend erachtet bezüglich des Alters des , Menschengeschlechtes überhaupt. Nachdem einige für versteinerte Menschcnknochcn gehaltene Gebeine als solche von urweltlichcn Thieren erkannt waren, setzte sich die Meinung fest: man finde nirgends versteinerte Menschen, womit dann die j spätere Entstehung unseres Geschlechtes erwiese» sein sollte. Die neueren wissenschaftlichen Forsch»»- ! gen haben jedoch unzweifelhaft dargcthan, daß ». auch solche Petrcfacten allerdings vorhanden sind 1 (n. a. ist ein trefflich erhaltenes Exemplar eines s versteinerten Menschen von der Insel Guadeloupe s im Britischen Museum ausgestellt); allein diese i, Forschungen haben weiter erwiesen, daß solche > Versteinerungen auch in der Neuzeit, n. zwar selbst in sehr kurzen Zeiträumen sich vollziehen. Was aber das Alter des Menschengeschlechtes betrifft, so ist, seitdem man den Blick nicht mehr gegen zahllose, offen vorliegende Thatsachen verschließt, unwiderlegbar erwiesen, daß der Mensch schon Zeitgenosse nutergegaugcner Thierarten, wie des Mammnths u. Höhlenbären war u. in einer Periode lebte, welche der heute vorhandenen Erdbildung entschieden voranging. Die ersten gebührend beachteten Fnnde von Mcnschcnknochen in Gemeinschaft von solchen jener Thicrarten erfolgten erst 1828 in Sndfrankrcich. Seit de» 1840er Jahren haben sich die dcsfallsigcn Entdeckungen ins Massenhafte gehäuft, n. die Richtigkeit der betr. Thatsachc kann wissenschaftlich nicht mehr bestritten werden. § Anthropologie (v. Griech.), die Lehre (Iö§os) vomMenschen(antNrchwk!),umfaßtimwahrenSimie desWortes ei»eLehre,u.weiljedcLehre nnsErkennt- ^ niß geben solffeineErkcnntniß desMcnschen als Einzel-, wie als Gesammtwesen. Der Mensch ist gleichzeitig Product der Natur, wie der Geschichte, n. als solches Doppclwcscn wird ihn auch die A. oder allgemeine Menschenkenntnis) zu nehmen haben. Als einzelnes Natnrproduct bietet er sich zunächst den: Forscher dar. Wie er als solches im Ganzen n. Verlaufe der Geschichte sich gestaltet hat, wird erst Sache einer weiteren, »m - ^ ^ Anthropologie. 707 fasscnderen, vorgeschritteneren wissenschaftlichen Reflexion sein, wobei jedoch die letzte Seite ihre Bedeutung u. ihre wissenschaftliche Grundlage nur durch die Kenntnis; des menschlichen Wesens, seiner Anlagen n. geistigen Fähigkeiten, seiner ans innerer Gesetzlichkeit hcrvorgchcnden Bestimmung erhält. Hiermit ist im Allgemeinen Begriff, wie nothwendige Entwickelung der A. als Wissenschaft gekennzeichnet. Die natürlichste u. zweckmäßigste Methode für die A-, wie sür alle Wissenschaft überhaupt, ist die der reinen n. vollständigen Beobachtung, verbunden mit einem scharfen, um- u. znsammenfassen- den Denken. Der Mensch zunächst ist nur durch Wahrnehmung und Beobachtung der Gcsammt- erscheinungen seines eigenen Lebens kennen zu lernen. Der psychische Forscher vor Allen ist zunächst nur ans die Beobachtung seines eigenen seelischen Wesens angewiesen. Alle Menschenkenntnis; ist somit von diesem Gesichtspunkte aus Selbst- erkenntniß. Wäre hiermit aber immer nur Einzel- erkcuntniß gewonnen, so liefert ihm nun sein von Widersprüchen reinigendes, das Einzelne ans einander beziehendes, umfassendes, allgemeine Gesetze bildendes Denken das zweite Mittel, »eben der Einzelbcobachtnng mit Hilfe der Sprachwissenschaft, Ethnographie, Reisebeschreibnngen, Biologien, der Geschichte, Politik, Statistik, Rationalökonomik, vor Allem der Archäologie, Paläontologie, sowie jedes Zweiges der Altertyumswisscnschaft, endlich auch der Gesellschaftswissenschaft zu einer umfassenden Kenntniß der Gesetze der Menschheit als Ganzes zu gelangen. Wahrnehmen, Beobachten u. Denken müssen, wie bei jeder Wissenschaft, ganz besonders bei der A. Hand in Hand gehen. Ihrem ganzen Begriffe n. Wesen gemäß zerfällt demnach die A. in 2 Theilc, deren erster sich mit dem Menschen als naturgemäßem Einzclindi- vidnnm oder Einzelobjcct, der zweite hingegen mit dem Menschen als Gattnngswesen, mit der Menschheit überhaupt beschäftigt. Der erste kann als der besondere, der zweite als der allgemeine Theil bezeichnet werden. Der besondere Thcil der A., der sich mit dem Menschen als Einzelindivi- Lnnm beschäftigt, zerfällt naturgemäß wieder, je nachdem sich die Beobachtung u. Forschung ans die körperliche oder geistige Seite des Einzelnen richtet, in eine körperliche oder somatische A. u. in eine geistige oder psychische A. Die erstere beschreibt die Entwickelung, den Ban, die Einrichtung, die Verrichtung der einzelnen Organe, sowie des ganzen Leibes als Organismus, die Erhaltung u. Pflege desselben u. streift in die Gebiete der Anatomie, Physiologie, Diätetik, Medici». Die psychologische A. hingegen sucht durch innere Selbstbeobachtung u. Forschung über die Grundverrichmngen des geistigen Lebens, des Denkens, Fühlcns u. Begehrens (Wollens), und deren gesetzmäßigen Eintritt, Verlauf u. Zusammenhang sich Klarheit zu verschaffen u. hierdurch Material für die philosophische Disciplin der Psychologie zu gewinnen, die nur eine weitere rationelle Entwickelung der psychischen A. ist; sowie endlich über den natnrnothwendigen Zusammenhang beider Reiche, soweit Beobachtung ».Denken gehen, Aufschluß zu erthcilen. Jene erste Seite ist mehr Sache der Naturwissenschaft, diese letztere mehr Object der Philosophie. Insoweit alle Künste, Malerei, Plastik voran, aber selbst die geistigste aller, die Poesie, die ja vorwiegend das Denk-, Gemüths- u. Willcnslebcn der Menschheit im Einzelnen, wie in großen Geschichtsobjectcn zur Darstellung bringen soll, den Menschen als höchstes Object znm Gegenstände haben, sind sie alle bedingt u. hängen alle ab von der A., die ja vorwiegend den Menschen als einheitlichen, beseelten Organismus behandelt. Die allgemeine A., die ja naturgemäß die spätere ist und bereits einen cultnrgcschichtlichen Fortschritt in der Entwickelung u. Reife eines Volkes voranssetzt, betrachtet nun den Menschen als Gcsammtindividuum, als Menschheit im Großen u. Ganzen, n. diese zwar vom culturgcschicht- lichen, nationalökonomischen, socialen, politischen, künstlerisch-wissenschaftlichen u. religiösen Standpunkte. Sie hat sich demgemäß zunächst einen Überblick über die verschiedenen Typen n. Racen der auf dem Erdball vertheilten Völker (Ethnographie u. Ethnologie) zu verschaffen, und diese nun von den verschiedenen Seiten ihrer durch Land n. Bodcnbeschafscnhcit bedingten cultnrhistorischen Entwickelung (Geographie n. Cnlturgcschichte) des erwcrbsmäßigcn socialen Lebens (Nationalökonomik und Statistik), der politischen Errungenschaften, Kämpfe n. Bedeutung (Politik), des künstlerisch- wissenschaftlichen Lebens (Kunst u. Wissenschaft), der Religionsanschannngen der einzelnen Völker (Religionsformcn) u. endlich der verschiedenen gesellschaftlichen Gestaltungen in Vergangenheit u. Gegenwart zu betrachten, um so zu einer Ge- sammtcrkenntniß u. zu einem Gcsammtüberblick der Gattung Mensch zu gelangen. Sie greift somit in die verschiedensten Zweige der Geistesarbeit der Menschheit ein n. enthält das, was anderwärts als sociale, politischeA. bezeichnet wird. Wenn endlich die jung, aber kräftig empört lüjcndc vergleichende Sprachwissenschaft (W. v. Humboldt, Bopp, Gebrüder Grimm, Pott n. deren Nachfolger Schleicher, Cnrtius) uns nicht nur eine Kenntniß der verschiedenen, aber zusammenhängenden Sprachen der hauptsächlichsten Cultnrvölkcr der Erde, ihrer Sitten, Gewohnheiten u. wissenschaftlichen Prodncte, sondern auch des in der Sprache allein niedcrge- legten Geistes- u. Gedankenschatzes der einzelnen Völker geben, so gewinnen wir aus diesem Zweige der A. eine Grundlage sür eine vergleichende Völkerpsychologie, für welche bereits ein Organ in der seit 1859 von Lazarus u. Steinthal r'edi- girten Zeitschrift für Völkerpsychologie gegründet ist. Als allgenieine hätte nun die Ä. vorwiegend die Resultate der einzelnen Fachwissenschaften zu benutzen, und zu sehen, was für allgemeine, namentlich völkerpsychologische Gesetze sich über die Gesammtentwickelung der Menschheit auf- stellcn ließen. In diesem Sinne trat Voltaire (st. 1778) von Seiten der Geschichte an die A. heran. Er faßte das in allen Verhältnissen gütige Natürliche des Menschen ans, was dann weiter ansgeführt wird von den schottischen Geschichtschreibern Ferguson (1706), Home (1774), der Lurch die Allgemeinheit seiner Combinationen hervorragt. Von den Schotten gingen Liese allgemein anthro- 45 ^ 708 Anthropologie. Möglichen Bestrebungen zunächst noch einmal zu den Franzosen über (Valckenaer, Dssai snr l'üist. äs l'espscs Irnmains, Genf 1798; Volney, Nss rnines, 1791; später August Comte: 8MLiuo äs xolitigus positive 1824, u. Bnchez, Introäuetion ä In ssienes äs I'lilstoire, 1833 seine Physiologie der Gesellschaft); Qnetelct, Llsiuoirss snrlos Isis äss nnissnnsss st äs In uiortalitö, 1825, und: Do l'iutiusnee äu lidrs urbitrs äs 1'Ironrms sur Iss tnits sooianx; e:idlich: Lutliropoiustils ou mssnrs äss äibksrsutos kaoultss äs läiomms), n. von da zu den Deutschen, wo zunächst hervor- rageu I. Jseliu, Über die Geschichte der Menschheit, Basel 1786; Mciuers u. Förster. Hier kam auch allmählich der Name Anthropologie in Aufnahme. (Das Weitere s. u. Geschichte u. Literatur) Wenn Goethe Recht hat, daß für den Menschen der Mensch das Nächstliegende höchste Object ist, so ist die Ä.. namentlich von ihrer philosophischen n. allgemeinen Seite nicht nur der Anfangs-, sondern auch der Endpunkt alles unseres wissenschaftlichen Strebcns. Tie macht den Menschen mit sich selbst vertrant, lehrt ihn seine organische n. geistige Einrichtung im Einzelnen, wie seine Entwickelung im Ganzen des Menschengeschlechtes kennen, u. indem sie gleichsam das Trieb- n. Räderwerk seines Wesens anfdeckt, zwingt sie ihn, Achtung (als moralisches Fundament) vor sich selbst, Scheu vor der Verletzung u. Verschwendung seiner physischen n. geistigen Kräfte zu haben, n. reizt ihn des. zur Ausbildung seiner körperlichen n. geistigen Anlagen, zur Veredlung seines Wesens, zum Streben nach seinen höchsten politischen, socialen, wie religiösen Zielen auf. Hierin liegt ihr Werth n. ihre Würdigung. Die geschichtliche Entwickelung der Anthropologie/ sowie der in ihr Gebiet einschlagenden Spccialwissenschaftcn hielt im Allgemeinen, wie naturgemäß, gleichen Schritt mit der geistigen Entwickelung der Menschheit überhaupt. Es war natürlich, daß erst die besondere A. sich zeitiger entwickelte, n. daß erst, seit die Verkchrsstraßcn zu Wasser n. zu Lande nach allen Seiten des Erdballes sich öffneten, auch die allgemeine A. sich mehr n. mehr Bahn brach. Selbst in Lein ersten Thei! haben es die ältesten Cnlturvölker der Inder, Perser, Ägypter, Inden kaum über die rohesten Anfänge gebracht, da entweder Scheu, oder religiöse Satzungen die Secirnug von Thiercn und von menschlichen Leichen verboten. Erst dem künstlerisch wissenschaftlichen Volke der Hellenen war es Vorbehalten, auch hier die erste Bahn zu brechen. Da in der Natnrbetrachtung noch Experiment nach Maß u. Gewicht fehlte, so richteten sich die erfolgreichen Beobachtungen wesentlich ans die psychisch - ethische Seite der A. und schufen hier die bleibenden grundlegenden Momente. So Herodot, Demokrit, der durch seine umfassenden, großartigen, den damaligen bekannten Con- linent umfassenden Reisen auch bereits Vater der allgemeinen A. hätte werden können, wären seine Werke nicht verloren gegangen. Empedokles, Anaxagoras, die Sophisten, Sokrates, Platon erforschten die geistige Natur des Menschen; n. vor Allen kann Aristoteles durch seine Schriften über die Seele n. feine weiten, die ganze 'Natur n. den Menschen insbesondere umfassenden Beobachtungen als der wahre Vater u. Begründer der A. 'im Altcrthnm betrachtet werden. Ärzte, wie Hippo- kratcs n. später darauf fußend Galcnos, stellten bereits anatomische n. Letzterer auch bereits Physiologische Untersuchungen an. Während des Mittelalters verfielen unter der Herrschaft der Scholastik n. des kirchlichen Einflusses die Studien der A. ganz. Erst die von Italien ausgehenden humanistischen Bestrebungen (Arnoldns de Villanova, st. 1363, secirtc zuerst öffentlich zu Bologna zwei weibliche Leichen), sowie vor Allem der geistige Aufschwung der Wissenschaften im Rcformations Zeitalter brachten auch der A. neues Licht. Dazu kam die Entdeckung Amerikas, die Eröffnung der Sceverkehrsstraßcn nach Indien, die Erfindung der Bnchdruckerknnst, der Fall ConsiaMinopcls im 15. Jahrh., welche auch der allgemeinen A die Bahn brachen. Mit allem diesem vereinte sich endlich noch der befreiende Einfluß von den scholastischen Formen des Mittelalters durch die bahnbrechenden Männer der Philosophie, einen Carte- sins, Spinoza, Lcibniz, Wolfs, n. vor Allem durch die von England ausgehende, mehr der empirischen Forschung zugewandte Richtung eines Bacon v. Vernlam, Hobbes, Locke, Sbaftesbnry, David Hunie, der für Kant das Licht zur Erkenntniß der Kritik der reinen Vernunft anfflackcrn ließ. So waren nun alle Momente vorhanden, um der A. in ihrem besonderen, wie allgemeinen Theil den günstigsten Vorschub zu leisten. Nun kamen die Einzclstndien, unter denen namentlich die glückliche Entdeckung des Blntumlanfes durch den Engländer Harvey (st. .1658), die somatische A. auf die beste u. erfolgreichste Bahn lenkte. Dies wurde die Veranlassung zu dem Aufschwünge, den die Naturwissenschaften überhaupt, Anatomie n. Physiologie voran, in den beiden letzten Jahrhunderten ge- nommcnhaben, begründet durch Männer wic Cnvier, v. Sömmerung, Blnmenbach, Camper (Campcr- schcr Gesichtswinkel), Treviranns, I. F. Meckel, Joh. Müller, als Vater der modernen Physiologie, Ehr. Bell, als Schöpfer der neueren Nerven- physiologic, n. fortgesetzt in unserem Jahrhundert durch Männer wie Bichat, Wagner, Schwann, Virchow (Gewebelehre), Kölliker, His (Embryologie), Du Bois-Reymond, Helmholtz, Ludwig (Ex- perimentalphysiologic), wodurch namentlich den mehr willkürlichen Deutungen der früheren Phrenologie oder Kranioskopie (Gall, Spnrzheim) erfolgreich entgegengetreten wurde. Mission und wissenschaftliche, theils auf Privat-, thcils auf Staatskosten unternommene Reisen (Cook, A. v. Humboldt), sowie die neueren, Afrika u. a. noch unbekannte Länderthcile bereisende Männer bereicherten die Ethnologie. Hierbei war es natürlich, daß die Aufmerksamkeit der Anthropologen allmählich mehr auf die Urgeschichte der Menschheit hingelcnkt wurde. Geologie n. Gcognosie unterstützten diesen Zweig der A. Zahlreiche Funde in alten Gräbern u. Torfmooren erregten zunächst die Aufmerksamkeit der skandinavischen Archäologen Thomson, Nilsson u. A.; -die Auffindung der Pfahl bauten, das Vorhandensein von Skclcttheilen, Schädeln, rohen Instrumenten, thcils in anfge- schwemmiem Erdreich, thcils in den Höhlen von Ailthropoiiirtrir — Frankreich, Belgien, Deutschland (Höble von Aurignac, Schädel ans dein Neandcrthals, führten zu der Annahme, die bereits vielfach modificirt ist, daß der Mensch lange vor seiner geschichtlichen Existenz eine vorgeschichtliche in drei Perioden, eine Stein-, Bronze-, Eisen-Zeit durchwandert und in diesen Zeiten gleichzeitig mit dem Nenthier, Höhlenbären n. Mammuth auf europäischem Boden gelebt habe. Vgl. Nilsson, Die Ureinwohner des skandinavischen Nordens; Das Bronzealter, 2. Aufl., Hamb. 1866; Derselbe, Das Steinalter rc. (a. d. Schwed. von Metsdorf, ebendas. 1868); Hnxley, Zeugnisse für die Stellung des Menschen in der Natur (a. d. Engl, von Carus, Brann- schweig 1863); Lyell, Das Alter des Menschengeschlechtes (a. d. Engl, von Büchner, 2. Anfl., Lpz. 1873); Tylor, Forschungen über die Urgeschichte der Menschheit (a. d. Engl, von Müller, Lpz. 1866); Derselbe, Die Anfänge der Cultnr (deutsch von Spcngel nnd Poske, daselbst 1873, 2 Bde.); K. Vogt, Vorlesungen über den Menschen, seine Stellung in der Schöpfung nnd Geschichte der Erde, Gießen 1864; Derselbe, Köhlerglaube n. Wissenschaft, Gießen 1854 (satirisch gegen Wagner in Göttingcn gerichtet); Derselbe, Physiologische Briefe, Stuttg. 1845—47 n. ö.; Büchner, Die Stellung des Menschen in der Natur, in Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft rc., Lpz. 1869. Eine diesen Zweig der A. ganz besonders fördernde Anregung erhielt die Wissenschaft durch die Ausführung des von dem alten Philosophen Empedokles bereits ausgesprochenen, von CH. Darwin weiter ausgeführten Gedankens von der Entstehung, Umwandlung n. Ableitung der Arten u. Gattungen aus wenigen Urchccies durch natürliche Zuchtwahl in Folge des Kampfes ums Dasein. Darwin widmete der Erforschung dieses Gedankens sein Leben und legte seine Resultate nieder in den Schriften: Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl rc. (a. d. Engl, von H. G. Bronn, durchgesehen n. berichtigt von V. Carus), Stuttg. 1870; Die Abstammung des Menschen u. die geschlechtliche Zuchtwahl (a. d. Engl, von V. Carus, 2 Bde., Stuttg. 1871 n. 1872). Seine Gedanken fanden eine umfassende Fortbildung durch Häckel in Jena: Natürliche Schöpfungsgeschichte, 4. Aufl., Bcrl. 1872. Vgl. Radenhausen, Isis, 2. Aufl., Hamb. 1872. Daneben entfaltete nun die Philosophie, durch Kants (st. 1804) kritische Forschungen über das Wesen der reinen Vernunft (Denkvermögen) angeregt, ihre Untersuchungen über den geistigen Factor der Menschheit. Gegen den ans Frankreich eingewanderten crassen Materialismus trat in dem Idealismus Kants zunächst n. den daraus hcrvorgcgangenen idealistischen Systemen eines Fichte, Schilling, Hegel, Schopenhauer n. Herbart ein ebenbürtiger Gegner auf, einen Kampfbeginncnd, der erst in dem philosophischen Realismus sein Ende finden wird. Eine wichtige Stelle in der geistigen Seite der A. nimmt auch Ludwig Feucrbach ein. Die hauptsächlichsten neueren Äierke der A. seit Ende des vor. Jahrh. sind: E. Plattner, Nene A. für Arzte u. Weltweise, Lpz. 1790; P. Usteri, Grundlage medicinisch-anthropologischer Vorlesungen für Nicht- Aiithropomorphcn. 709 ärzte, Zürich 1791; I. Ith, Versuch einer A. oder Philosophie des Menschen nach seinen körperlichen Anlagen, Bern 1794—95, 2 Thle.; I. D. Metzger, Mcdicinisch philosophische A. für Ärzte u. Nichtärzte, Lpz. 1798- Im. Kayt, A. in pragmatischer Hinsicht, Königsb. 1798; L. Pölitz, Populäre A. oder Kunde von dem Menschen nach seinen sinnlichen n. geistigen Anlagen, Lpz. 1800; H. Abicht, Psychologische A., 1. Abth. Erlang. 1801; I. Wenzel, Mcnschcnlehre oder System einer A. nach Len neuesten Beobachtungen, Versuchen u. Grundsätzen der Physik n. Philosophie, Lpz. >802; L. Funk, Versuch einer praktischen A., Lpz. 1803; G. E. Schulze, Psychische A., 1816, 1819, neue Anfl. 1826; I. F. Fries, Handbuch der psychischen A. rc., Jena 1820, 1821, 2. Aufl. 1837—1839: Hcinroth, Lehrbuch der A., Lpz. 1822, 2. Aufl. >831; H. B. v. Weber, Handbuch der psychischen A. rc., Tüb. 1829; Hensinger, Grundriß der physischen u. psychischen A., Eisenach 1830; R. Wagner, Physische Geschichte der Menschen u. Völker rc., Kempten 1831; Chou- lant, A. oder Lehre von der Natur des Menschen für Nichtärzte, Dresd. 1828, 2 Bde.; Lin- näns Martin, Naturgeschichte des Menschen (a. d. Engl, von Moritz u. Thomä), 1844; Klemm, Cnltnrgcschichtc der Menschheit, 1848; Bnrdach, A. für das gebildete Publicum, 2. Aufl., Stuttg. 1847; Prichard, Naturgeschichte des Menschengeschlechtes (a. d. Engl, von R. Wagner, Lpz. 1840) bis 1845); Frankcnheim, Völkerkunde, Bert. 1852; Vollgraf, Erster Versuch einer wissenschaftlichen Begrüiidnng der allgemeinen Ethnologie durch die A., wie auch der Staats- nnd Rechtsphilosophie durch die Ethnologie, 3 Bde., Marburg 1853; Lotzc, Medicinische Psychologie, Lpz. 1852; I. H. Fichte, A., 2. Anfl., Lpz. 1860; Th. Waitz, A. der Naturvölker, Lpz., 1859—73, 6 Bde.; L. Diesenbach, Vorschule der Völkerkunde u. Bildnngs- gcschichte, Franks, a. M. 1864. Von Zeitschriften sind zu erwähnen: llournal ob tirs Tntiiropoiogi- cal Instituts ob Orsnt Uritain null Irolauch Lond.; Lnilotin cko in Loeistö ä'P.ntIn'opviog'1s cts i?aris, Paris; ^.rolnvio psr I'untropoiogsia s In etnoio- §ia, Florenz; Archiv für A., Ethnologie nnd Urgeschichte, Braunschw.; Correspondenzblatt der Deutschen Gesellschaft für A., Braunschw.; Zeitschrift für Ethnologie, Bcrl.; Mittheilnngen der Wiener Anthropolog. Gesellschaft, Wien. Anthropometrie (v. Gr.), Menschenmessung, die Lehre von den Maßverhältnissen der Körper- thcilc n. nach neuester Auffassung auch von dem Maße der Kräfte des Menschen. Die Ermittelung dieser Verhältnisse haben schon die alten Völker zu einem Gegenstände des Forschens gemacht, u. die Griechen unternahmen zu künstlerischen, die Römer zu militärischen Zwecken die genaueste Ausmessung des Menschcnleibes. Vgl. A. Zeising, Nene Lehre v. den Proportionen, Leipz. 1854; A. Quetelet, Anthropometrie, Brüss. 1870. Anthropomorphc» nennt Darwin denGorilla, Schimpanse u. Orangntang; nach demselben soll die ganze Afscnfamilie aus einem sog. Boraffen- gcschlecht, der Mensch aus einem über den A. stehenden, aber ansgestorbenen Affenmenschen sich entwickelt haben; vgl. Mensch. Anthrop omor- 710 Anthropomorphismus phisch, menschenähnlich, von Menschengestalt, aplch Gott vermenschlichend. Anthropomorphismus (v. Gr.), die in allen Religionsformcn wiederkehrende Vorstellung von etwas Übermenschlichem, unter menschlicher Gestalt; vgl. F-euerbach, Ursprung der Götter, 2- A., Leiste 1866. Anthropomorphose (v. Gr.), Vermenschlichung. Anthropomorphosiren, menschliche Gestalt beilegen. Anthropopathismus (v. Griech.), diejenige Art des Anthropomorphismus, welche Gott menschliche Gefühle, Afscctc n. Leidenschaften zuschreibt. Anthropophagcn (v. Gr.), Menschenfresser, auch Cannibalen. Das griechisch-römische Alter- thnm kannte als A. vorzugsweise einige skythische Völkerschaften u. aus der mythischen Zeit die Zyklopen. Nach den neuesten Forschungen scheint jedoch die Annahme berechtigt zu sein, Laß sic in der vorhistorischen Zeit eine mehr oder weniger allgemeine Erscheinung gewesen n. daß auch Europa hierin keine Ausnahme gemacht habe, wie die aufgefnndenen zerschlagenen n. entmarktcn Mcnschen- knochen, sowie die. Überlieferungen in Sagen und Märchen (Menschenfresser) unzweifelhaft darthnn. Jetzt ist die Anthropophagie mit Ausnahme der Papua n. Polynesier nicht mehr über ganze Völkcr- grnppcn verbreitet, sondern tritt mehr vereinzelt ans, n. zwar außer den genannten Gegenden hauptsächlich in Afrika und Amerika; in Europa ist sic gänzlich erloschen, in Asien bestehen kaum nenncns- wcrthc Spuren. Dennoch soll die Zahl der A. (nach Richard Andrer) noch etwa 5 Millionen betragen. Der Hanptbcweggrund der Anthropophagie muß weniger in sinnlicher Gier oder Mangel an Lebensunterhalt, als vielmehr in abergläubischen u. religiösen Vorstellungen gesucht werden. Die Art n. Weise, wie man sich das Verhältnis; von Leib u. Seele u. die Fortdauer nach dem Tode dachte, scheint hier die bedeutendste Rolle gespielt zu haben. Die Vorstellung einer Fortdauer nach dem Tode, im Wesentlichen als einfache Fortsetzung des menschlichen Lebens, n. die Vorstellung, daß den einzelnen Gliedern n. Organen die jedesmaligen Kräfte n. Eigenschaften materiell innewohnten, ist fast allen wilden Racen gemeinsam. Der Neuseeländer, der seinen Feind verzehrt, gibt ihn nach seiner Voraussetzung dadurch der Vernichtung anheim; dessen Seele geht in die seinigc über, n. er hat ihn im jenscitigcnLeben nicht mehr zu fürchten. Gleichzeitig aber macht er sich alle Eigenschaften des Feindes dadurch zu eigen, er gewinnt also dadurch nach seiner Vorstellung. In diesem Sinne werden bei den wilden Racen aller Welttheile einzelne Körpcrtheile besonders bevorzugt, in erster Linie das Herz, als Sitz des Mnthcs und der Tapferkeit, dann folgen, je nachdem man diese oder jene Eigenschaft höher oder niedriger schätzt, das Auge als Sitz des Scharfsinnes, die Gcschlcchts- theile als Sitz der Mannheit, die Nase als Sitz der Spürkraft rc. Daß man den Seelen der Verstorbenen und gemäß dem unter allen Völker- schasten verbreiteten Anthropomorphismus den Gottheiten ebenfalls A. zuschricb, ist natürlich u. durch die Thatsachen überall erwiesen. Daraus entstanden zum Theil die Menschenopfer. — i^utliuninm. Die Annahme, daß die mcnschcnfrcssendcn Völker absolut die rohesten u. nncivilisirtcsten, die in moralischer n. intellectneller Hinsicht am nicdrigst stehenden seien, läßt sich weder logisch begründen, noch ist sie mit den Thatsachen übereinstimmend. Es ist eine gewöhnliche Erscheinung, daß Gewohnheiten religiöser Natur auch bei fortschreitender Cultnr sich erhalten, höchstens aber sich verfeinern, oder symbolische Gestalt annehmcn. Thatsächlich aber stehen viele mcnschenfrcssende Volker ans einer vcrhältnißmäßig nicht ganz tiefen Stufe, wie aus der Aufzählung derselben nach den verschiedenen > Welttheilcn hervorgehen wird. 1) Asien. Das Festland ist ganz frei von Anthropophagie, dieselbe findet sich nur bei den Batta, einem nicht unintclligenten Volke auf der Insel Sumatra. Sic ist bei denselben gesetzlich regnlirl u. findet bei gewissen Verbrechen Anwendung. 2) In Afrika ist die A-gic hauptsächlich in dem äquatorialen Theil zu finden, u. zwar tritt sie hier in ihrer scheußlichsten n. abschreckendsten Gestalt ans, so bei den Fan, den Njam-Njam, den Mon- bnttn, obwol diese Völker sonst auf keiner.ganz niedrigen Cultnrstufe stehen. Auch die Basnto in SAfrika waren nicht frei davon. 3) Amerika. Während in N.- n. Mittel-Amerika die Anthropophagie größtentheils der Geschichte angehört, da die dortigen Völker, welche ihr ergeben waren, so z» sagen, ausgestorben sind, so die Caraibcn, die Azteken, ist sie in SAmerika (wo die ansgestor- benen Inka ebenfalls A. waren) bei verschiedenen, allerdings höchst nncivilisirten Völkcrstämmen im ^ Gebiete des Amazonenstroms, sowie bei den Bro- tocndcn in Brasilien gebräuchlich. Dagegen ist I hervorzuheben, daß die Inka n. Azteken auf einer - ziemlich hohen Cnltnrstnfc standen. 4) Anstra- s lien und Polynesien. Auf dem australischen Fcstlande sind die auf sehr niedriger Cnltnrstnfe stehenden, aber stark im Aussterbcn begriffene» Eingeborenen der Anthropophagie ergeben, ebenso ans den meisten Inseln (Polynesien), so auf Neuseeland, Ncn-Caledonien, den Luisiadcn, Nen-Hebri- der, Nen-Guinca, Fidschi-Inseln, deren Bewohner größtentheils ziemlich intelligent n. etwas cnltivirt sind. Vgl. N. Andree, Die Verbreitung der Anthropophagie, in den Mittheilnngcn des Vereins für Erdknndc zu Leipzig, ebd. 1874; O. Peschcl, Völkerkunde, Lcipz. 1874. Anthropophagie als pathologische Erscheinung kommt zuweilen bei Frauen im schwangeren Zustande vor; doch kennt man auch ! Beispiele bei männlichen Individuen; so hatte um 1770 ein Hirt in Berka bei Weimar mehrere Mordthaten begangen, um sich in Besitz von Mcnschenfleisch zu bringen. : Anthropos (gr.), der Mensch; daher die ! vorhergehenden Zusammensetzungen; ferner: An- D throposkopie, Menschcnschau, so v. w. Physio- f> gnomik; Anthroposomatologie, Menschenleibk- s' lehre, so v. w. Anatomie; Anthroposophie, Wissenschaft der'Kenntnis; des Menschen, nach philosophischen Principien; Anthropothe 7 smns, Vergötterung des Menschlichen; Anthropoth crapie, s, Menschenheilknndc; Anthropothysia, Menschen- s opfer; Anthropotomie, Menschenzergliedernng, ! Anatomie. Antiniinum (Bot.), Pflanzengatt, ans der Fani. 711 ^lltlnis — der Aroideen, welche von Schott u. Endlicher von der alten Gattung kabiros getrennt wurde; die weiften amerikanischen kotiros gehören jetzt zu L.. Tropische Pflanzenarten: X. Üarrisü Dnckk., in Brasilien; X. §raeilo . glanoa AcLott), in Mexico; X. lonAikolinro DL. cs Ke/cott, ebenda. -ntbus DeoLsk. (Pieper), Vogclgattnng ans der F-ain. der Bachstelzen. Anthydropische Mittel (v. gr. Irxäröxs, Wassersucht) Mittel gegen die Wassersucht. -ntk>»is D. (Wollblume, Wundklee), Pflanzengatt. aus der Fam. der Papilionaccen (XVII. 6); Staubgefäße einbrüderig; Kelch flinfzähnig, verwelkend, der fruchttragende bauchig, bleibend, trockenhäutig, die Hülse einschließend; Schiffchen stumpf oder kurz zngespitzt; Flügel nicht gefaltet. Arten theils stranch-, theils krantartig, fast alle ausländisch. Einheimisch: X. vulneraria D., mit gelblicher Krone, Kelch behaart, auf trockenen Bergtriften u. Wiesen, sonst die Blätter (Herba antbz-- liüis) als Wnndkrant benutzt; X. Drinaeoa D., in Spanien n. der Berbcrei wachsender, sehr ästiger, über 3 w> hoch werdender Stranch mit dornigen Zweigen, kleinen Blättchen u. in Büscheln stehenden röthlich - blauen Blumen; die Wurzel, wurde als Heilmittel empfohlen. Anti, 1) griechische Präposition, bedeutet in der Zusammensetzung gegen, wider, z. B. Antikritik, Antichrist, Antiphrase; in der Geographie dient sie auch zur Bezeichnung des Gegenüber, z. B.: Antilibanon, Antiparos, Antitauros. 2) Lateinisch tritt airti für ante, vor, voraus, ein in antüoipo, autisto (neben antesto) nebst deren Ableitungen, sowie in airticloo, antiäbae, anticisa; vgl. z. B. Anticipation. Nach dieser Analogie ist auch Antichambrc gebildet. Antiabolitionisten, Gegner derAbolitionisten. Antiarharz, das in dem eingctrockneten Milchsäfte (llpao antisr) des sogenannten javanischen Gift- banmes Xntiaris toxiearia), ans dem die Eingeborenen des ostindischen Archipels das Pseilgift Antjar bereiten, enthaltene Harz, welches mit Äther, Benzol oder kochendem Alkohol anSgezogcn werden kann u. sich in Flocken abscheidet. Es bildet eine amorphe, weiße, unlösliche Blasse mit glasigem Bruche, von spcc. Gew. 1,«g, die leicht zcrreiblich, geruchlos ist, sich in kochendem Alkohol, in Äther u. Benzol leicht löst. Das A. schmilzt bei 60°. Es besitzt keine giftigen Eigenschaften; diese gehören vielmehr dem Antiarin an, einem Körper, der nach Abschcidung des A-es ans dem alkoholischen Auszüge durch Eindampfen und Ausziehen des Rückstandes mit Wasser erhalten wird und sich in farblosen, silberglänzenden Blättchen ausschcidct, in Äther schwer, in Wasser u. Alkohol leichter löst. Die Lösungen reagiren neutral; es schmilzt bei 220°. Das Än- tiarin, sowie das Upas antiar (welches davon 3,5°/« enthält, sind, schon in kleinsten Mengen ins Blut gebracht, giftig u. wirken meist tödlich. Antiarin, s. Antiarharz. kntisris Deseste». (Antschar), Pflanzengattnng aus der Familie der Artocarpecn (XXl. 3). X. toxioarrs Desc/w»., der berüchtigte Giftbaum von Java, der das Antiarharz (s. d.) liefert. Antichlor. Antibakchlos (Palimbakchios,Mctr.), drei- sylbiger, ans 2 langen u. 1 kurzen Silbe (-----) bestehender Versfuß, z. B. oantarg; Großmeister. Antibarbarns (v. Gr.), Gegner oder Feind der Roheit, Unwissenheit; besonders in Bezug auf die Sprache: Feind unrichtigen oder unschönen Ausdrucks; so heißen z. B. fürs Lateinische Schriften von Cellarins, Krebs u. A., welche zur Bekämpfung von Barbarismen bestimmt sind. Antikes, St. im Arr. Graste des französischen Dep See - Alpen am Mittelmcerc und der Eisenbahn Toulon Nizza; Citadcllc, Hafen für Schiffe von mittlerem Tiefgange mit 470 in langem, von Vanban erbautem Molo; Handelsgericht, hydrographische Schule, Commnnalcolleg; Schiffswerft, Tabaksmagazin, bedeutende Ausfuhr von Töpfer- waaren u. Töpferthon, Parfümerien, Tabak, Holz, Öl, Südfrüchten, Sardinen und Anchovis; Reste vormaliger Altcrthümcr, eines Amphitheaters, Aguädncts, zweier Thürme; 6850 Ew.; hierbei der Golf von Juan, wo Napoleon 1. März 1815 von Elba ans landete. Das Vorgebirg La Ga- ronpe, Fundort von Resten vorweltlicher Thiere, mit Lenchrthurm u. Kapelle n. prachtvoller Aussicht. A. hieß früher Antipolis, daher jetzt noch Antibonl, war Colonie der Massilier, später römisches Mnnicipium, kam dann an die Gothen n. Franken und ward Ende des 9. Jahrh. von den Saracenen zerstört, im 10. wieder erbaut, mehrmals von Seeräubern geplündert, weshalb der bischöfliche Sitz, der seit Anfang des 6. Jahrh. hier war, 1252 nach Grasse verlegt wurde. Im Mittel- alter stand A. unter der Botmäßigkeit der Herren v. Grimaldi (Fürsten v. Monaco), wurde im 16. Jahrhundert befestigt u. 1747 von den Wirten unter Browne im Österreichischen Erbfolgckriege bombardirt. Attticaglien (v. Jtal., spr. Anticaljcn), kleine Alterthümer, z. B. Münzen, Schmuck, Waffen rc., als Gegensatz zu antiken Gegenständen größeren Umfanges u. monumentalen Charakters. Antichambrc, 1) Vorgemach; besonders 2) in den Behausungen der Vornehmen n. Hohen Wartezimmer für Personen, denen eine Audienz bewilligt worden, oder die solche nachsnchen, oder die sich anmeldcn lassen; bei Fürsten gleichzeitig Aufent- haltsranm für die Adjutanten n. Lakaien; 3) Zimmer, wo sich bei Höfen die Gesellschaft versammelt, bevor sie die inneren Räume betritt. Daher Antichamb riren, im Vorzimmer warten; oft auch mit dem Nebenbegriff der Kriecherei und Gunstbettelei, des Ausforschens bei den Bedienten. Antichlör (Techuol.), Stoffe, welche den Zweck haben, das nach dem Bleichen der Papier- oder Gewcbcfaser von dieser zurückgehaltene Chlor zu entfernen und unschädlich zu machen, damit sich nicht allmählich Salzsäure daraus bilde, die das fertige Papier später zerstört. Man braucht hierzu schwefeligsaures u. namentlich unterschwefeligsaures Natron, deren Wirkung auf der durch das freie Chlor vcranlaßten Bildung von schwefelsaurem Na tron u. Salzsäure beruht, deren ersteres sich leicht auswaschen, letztere sich durch etwas Soda ab- stumpfen läßt. Ebenso wirkt Zinnsalz durch Bildung von Zinnchlorid n. Chlorwasserstoffsäure, oder schwefeligsaures Ammoniak. Auch Leuchtgas hat 712 Antichrcsis — inan dazu verwendet, und vielleicht wären auch andere Kohlenwasserstoffe, wie Benzol, Petroleum, Photogen rc>, als A. verwendbar. AntichrcD (gr.), Pfandniitznug, s. Hypothek. Antichrist (v. gr. auti, wider, n. Oüristös, Christus, Widerchrist; indem aber der erste Theil von Antichrist ähnlichen Lautwechsel erfuhr, wie deutsche Wörter, so : gothisch nnäeis, althochd. snti, zuweilen noch mit a im Stamme, mittclhochd. snäo, nenhochd. Ende, bildeten sich die mittelyochd. Formen lilnte-, Lnclelerist, noch bei Luther Endechrist), 1) im weiteren Sinne jeder Gegner Christi. 2) Eine bestimmte Person der auf jüdischer Grundlage anfgcbauten christlichen Glaubenslehre. Die Juden erwarteten vor dem Anbruch des Mcssianischen Reiches nach der Weissagung Ezechiels eine Entscheidungsschlacht gegen den Fürsten Gog, nach dem Buche Daniel die Besiegung eines Fürsten, der das Hciligthum entweihen u. den Gräuel der Verwüstung aufstcllcn werde. Unter dem römischen Kaiser Caligula glaubte man diese Zeit gekommen, als er plötzlich vor Ausführung seines Vorhabens starb (41 n. Chr.). Wenig später (etwa 54 n. Chr.) zeichnet dann der Apostel Paulus das Wicderkommen Christi ganz ähnlich: zuvor werde geofsenbart der Mensch der Sünde, Las Kind des Verderbens, derWidcrsacher, welcher sichltberhebt über Alles, was Gott oder Gottesdienst heißt, also, daß er sich in den Tempel Gortcs setzt und von sich selbst kund thut, er sei Gott (2. Thcss.). Bald sah die verfolgte Christengemeinde den verheißenen A. in dem Wütherich Nero. Er ist in der Offenbarung Joh. das Thier, das die Welt verführt, die Heiligen mordet n. schließlich vom Messias überwunden wird rc. Dagegen fassen die Johanneischen Briefe n. überhaupt die jüngeren Briefe des N. T. den A. als die Gesammthcit der Jrrlehrer, die Irrlehre überhaupt. Die ältesten uns erhaltenen deutschen Schriftdenkmäler, worin der Antichrist anftritt, sind: jenes im bayerischen Dialekt abgc- faßte Gedicht, welchem der erste Herausgeber, A. Schmeller, die Aufschrift Muspilli vorsetzte, der altsächsische Heliand und Otfrieds althochdeutsche Evangelienharmonie, alle drei aus dem 9. Jahrh. An Muspilli, einem erschütternden Bilde von den letzten Dingen, scheinen zwei Verfasser gearbeitet zu haben; denn der erste u. der zweite Theil weichen in dogmatischen Einzelheiten von einander ab. Dort erfolgt das ewige Gericht sogleich nach dem irdischen Ableben, hier bricht es nach der Bewältigung des Autichrists als etwas ganz Neues, zum ersten Mal Entscheidendes, ohne entfernte Beziehung ans ein früheres Gericht, herein. Beide Vorstellungen können als die abstracten Hälften der damaligen Kirchcnlehre angesehen werden, die zwei Gerichte über die Seele enthielt, indem sie das zweite Gericht als eine Steigerung und Vervollständigung des ersten betrachtete. Der erste Theil des Muspilli schließt sich der Orthodoxie genauer an; der zweite drückt mehr den christlichen Volksglauben ans und ist, insofern er nach dem strengen Maßstabe der damaligen Kirchenlehre als willkürlich erscheint, wol ans einige Nachwirkungen des Heidenthnms (s. d. Art. Götterdämmerung), aber mehr noch auf apokryphischc - Anlicipation. Traditionen innerhalb der Kirche, namentlich auf das 2. Buch der sibyllinischcn Orakel znrückznführen. (Vgl. F. Vetter, Zum Muspilli n. zur germanischen Alliterationspoesie, Wien 1872.) Die deutsche Literatur des späteren Mittelalters weist zahlreiche Dichtungen über den Antichrist auf; vgl. Hofs- maun v. Fallersleben, Fundgruben für Geschichte der deutschen Sprache u. Literatur, 2. Theil; dessen Verzeichnis; der alten Handschriften zu Wien; in Haupts Zeitschrift für deutsches Altcrthnm 1,117; 6, 368; 7, 442; 8, 258; 10, 205; Müllen- hoffs und Scherers Denkmäler; Aufscß, Anzeiger 1834, S. 354. Noch besitzen wir ein lateinisches Osterspiel (Imärm pLmelnrlis) (Io aäventu sb intsritn nnbioüristi, aus dem Ende des 12. Jahrh. (Pcz, Mrssanrns novissim. nnsocivt. II. 3, 185 f.). Das Mittelalter sah als A. besonders gern den Mohammed, Wicliffe, die Hnssitcn u. später namentlich Luther u. die strengen Lutheraner den Papst, neuere Bibelfanatiker den ersten Napoleon, weiterhin sogar die Revolution von 1848, den modernen Staat rc . Bei den späteren Juden Heißt der AT auch ÄrimlluS (Bileam Off. 2, so v. w. Volksverstörer); bei den Mohammedanern Dadschdschall, von welchem sie erwarten, daß der Imam Mahagi mit Christus ihn besiegen und darauf den Islam mit dem Christcnthnm vereinigen werde. Änticipatio» (v. Lat.), Voransnahme, Vor- ausgreifung, Voraussetzung, ein Ausdruck, welcher in verschiedenen Beziehungen eine bestimmte technische Bedeutung hat. So bedeutet A. in der Rechtswissenschaft eine dem gesetzlichen Nechts- gange vorgreifende, früher, als es durch diesen gestattet wäre, unternommene Handlung, die stets wirkungslos, in vielen Fällen sogar straffällig ist. Im Proceß die Verfrühung eines processuali- schen Acts, z. B. die freiwillige Antretung des Beweises, bevor noch über das Bemeisthema, die Beweispflicht und die Bcweisfrist gerichtlich erkannt ist. Namentlich wird der Beweis anticipirt, wenn er durch Urkunden, Augenschein, oder durch Zeugen, deren alsbaldiges Wegfallen zu besorgen ist (probatio in psrpstmun rot momoriam), erbracht werden soll. Durch A. des Beweises wird auf Geltendmachung anderer Beweismittel im eigentlichen Beweisvcrfahrcn nicht verzichtet. In derMilitärverwaltungheißen Anticipientcn Die, welche vor Beginn der persönlichen Militärdienstpflichtfreiwilligeintreten. A-sgeschäfte heißen diejenigen handelsrechtlichen Geschäfte, bei welchen die Leistung von der einen Seite früher geschieht, als nach der Verabredung der Contrahenten oder nach der Natur des Geschäftes an sich zu erwarten gewesen wäre. Der Vortheil des zu früh Empfangenden Pflegt durch den Discont (intsr- nsurinm) ausgeglichen zu werden; auch eine vor dem vereinbarten Termin geleistete Zahlung (An- ticipandozahlung), wobei eineZinsenvergütungstatt- findet. A. von Staatseinnahmen ist wol, bei Krisen der Staatsfinanzverwaltnng verfügt, immerhin eine sehr bedenkliche Maßnahme, weil sie die Leistungsfähigkeit der Zahlungspflichtigen schwächt u. das Finanzsystem ins Schwanken bringt. Diese Art und Weise der Steuererhebung ist jedoch seit Entwickelung des Staatsanlcihcsystems im Wescnt- 713 Auticipatiülisschciile — Antigone. licheil beseitigt, obwol einzelne Fälle anch in der Neuzeit (z. B. in Italien) noch vorkauten. A. in der Philosophie, die willkürliche Annahme eines Satzes, um ihn als Beweisgrund für einen anderen Satz zu benutzen. Da dieses Verfahren zu Jrr- thümern aller Art führt, stellte Bacon von Beru- lam für die Natnrforschnng den richtigen Grundsatz ans, daß die Natur nicht zu anticipiren, sondern zu interpretiren sei. A. der Wahrnehmung nennt Kant diejenigen Urtheilc, nach welchen wir vermöge der Organisation unseres Geistes die Naturerscheinungen auffassen. In der Musik bilden die Anticipationen den Gegensatz zu den Verzögerungen oder Vorhalten und bestehen in der Vorausnahme einzelner oder mehrerer Töne oder anch ganzer Accordc (z. B. wenn der Scxtaccord ans Ir schon znm Baßtone e vorausgenommcn wird), in welchem Falle in der Regel die Baßstimme ligirt wird. In der Mcdicin spricht man von A. beim anormal frühen Eintreten einer normalen physiscben Erscheinung (Menstruation rc.) Anticipationsscheine hieß das durch die Finanzpatentc vom 20. Jan. n. 20. Juni 1811 und vom 16. April 1813 von Österreich in seiner dem Staatsbankerott Angeführten Finanzlage zum Ncnnwerthc von 45 Mill. Gulden ansgegebene, später aber im Stillen bedeutend vermehrte Papiergeld. Zn diesen den anticipirten Grundsteuerer- trag repräsentirendcn A-n gehörten nur die daneben laufenden Einlösungsscheine zur sogenannten Wie- L ner Währung (Schcingeld), welche 1820 ans 2 > Fünftel des Nennwerthes im Preise gegen Silbcr- 1 Conventionsmünzc herabgesetzt wurden, d. i. 5 fl. Wiener Währung (Schein) — 2 fl. Silbcrmünze. Die Nationalbank übernahm laut Übereinkommen vom 23. Fcbr. 1854 mit dem Finanzministerium die Einlösung des gcsammten österr. Staatspapier- geldcs gegen Banknoten, in Folge deren die Wiener WährnngSscheinc, das Scheingeld, ganz verschwanden. Anticipiren (v. Lat.), 1) voransnehmen; 2) Etwas früher thun, als es eigentlich geschehen ! soll; daher ankieipancio zahlen, d. h. im voraus ^ zahlen. ! -ntioontsgwsa (v. lat. oonkaZinm, das Ansteckende), Mittel gegen das Contaginm, welche Len Ansteckungsstoff zerstören, oder vor Ansteckung Schutz gewähren sollen. Änti-Cornlatv-Leagne (engl., spr. Antitorn- lahlikh), Verein gegen das Peelsche Korngesetz von 1842 in England; s. Korngesetze ».Großbritannien. Anticosti, Insel der britischen Colonie Neufundland (NAmerika), an der Mündung des St.- ' Lorenz-Stroms; 6828 Hstcm (124 HjiN); dünn bevölkert; sie ist im N. hochfelsig, wenig fruchtbar, P dabei waldig, im S. sumpfig und niedrig; ihre x Küsten sind gefährlich; das Klima ist rauh; cs d gibt viel Wild, namentlich wilde Ziegen; Robben- und Kabcljanfang. kniickosnm L., Pflanzengatt, aus der Fam. der ! Autidcsmeen (XII. 5), mit kleinem, özähnigcm Kelche, 5 einem Ringe ausgewachsenen Staubgefäßen, kurzem Pistill mit 5 Narben u. cinsamiger Nuß. nltzxikorinin 1P) (Flachsbanm), mittelgroßer, innnergrttner Baum mit länglichen, glän- ! zenden Blättern, achselständigen Blütheiitranben, rothcn, sauren, in Trauben stehenden, eßbaren Früchten. Die Abkochung der Blätter wird als nutzloses Gegengift des Bisses einer malabarischen Natter, der Bast des Baumes zu Stricken und Garn verwendet. X. pnbssosns Äowb., mit unten behaarten Blättern u. endständigen Blüthenrispen; hat genießbare Früchte; die Blätter werden voll den EingcborencnJndicns als Heilmittel verwendet. Beide in Ostindien. üntickesmeae (Bot.), Pflanzcnsani., in Ostindien und Madagaskar heimisch, Bäume oder Sträncher, mit einfachen, abwechselnd stehenden Blättern», kleinen Blüthen; einhäusig, 2 oder mehr Staubfäden, keine Krone; die steinfruchtartigen Samen werden gegessen. Gattungen: Xnkickösma 7)., LtilaAO ID., Waloorwria 2?oi/ls, LtilnAinsIIa NrD, 6rom.o8baoI>.)-8 2'nl. Autidöron (Gr.), 1) Gegengeschenk. 3) In der Griechischen Kirche die Überbleibsel des gesegneten Brodcs, dessen Rand, ans welchem die Worte: ll. Olr. vielt standen, nach der Cvmmnnion an das anwesende Volk vertheilt wurde n. als ein Schutzmittel gegen Unglück rc. galt. Antidotum (v. gr. äickümi, ich gebe), Gegengift, Mittel zur Beseitigung und Aufhebung der Wirkung eines Giftes. Die älteste Schrift über die Gegengifte ist von Galenos. Antidotarisch, als Gegenmittel dienend, und Autidotarrum, von Gegenmitteln handelndes Buch, anch Schatz von Gegengiften. Gegengifte sind nicht zu verwechseln mit Gegenmittel. Antietam, 75 Icm langer linker Ncbenfl. des Potomac in Nordamerika; entspringt in Pennsyl- vanien am Alleghanygebirge u. mündet bei Sharps- bnrg in Maryland. An seinen Ufern, zwischen Sharpsburg n. Middleton (16.n. 17. Sept. 1862), Schlacht zwischen den Unionistcn unter Mac Clel- lan und den Conföderirten unter Lee, worauf sich die Letzteren (Verlust 12—13,000 M. an Todten u. Verwundeten auf jeder Seite) über den Potomac znrückzogen. üntilebriüa (Antifebrilische Piittel, v. lat. ksbrm, Fieber), Fiebermittel, ficbcrvertreibende Mittel. Hierunter versteht man seltener die Heilmittel, deren man zur Beseitigung oder Milderung der Fiebererscheinnngen in hitzigen Krankheiten sich bedient, als vielmehr die Arzneien rc. wider die Malariafieber. Antigna, Jean Pierre Alexandre, Maler, gcb. zu Orleans 7. März 1817, Schüler von P. Delaroche; begann seine Künstlerlanfbahn als Maler religiöser Stoffe n. ging 1848 zum socialen Genre über. Anch malt er geschätzte Scene» ans dem Kindcrlcben. In der letzten Zeit wendete er sich mehr Gegenständen heiterer und anmnthiger, aber anch phantastischer Art zu. Werke in Avignon (Museum), im Luxembourg, im Museum zu Bordeaux, zu Angers rc. Er ist Meister in der Darstellung des Nackten, hält aber darin nicht immer Maß. Antistöne, die heldenmüthige ältere Tochter des Ödipus, der sie u. JSmene, Eteoklcs u. Po- lynikes mit Jokaste gezeugt hatte, ohne in dieser seine Mutter zu ahnen. Nachdem er sich aus Verzweiflung über sein Verbrechen des Augenlichtes beraubt, begleitete A. den greisen blinden 714 Antigonos - Vater in das Exil nach Kolonos in Attika und kehrte nach dessen Tode nach Theben zurück, wo sie ihren im Feldzuge der Sieben gegen Theben etödteten Bruder Polynikes, wider Kreons Ver- ot, heimlich begrub u. dafür zum Tode vernr- theilt wurde. Sie wurde mm in das Grabgewölbe der Herrscherfamilie geführt, wo sie sich erhängte u. Hamvn, der Sohn KrconS, ihr Bräutigam, sich ans ihrer Leiche erstach. Diese erst von den attischen Tragikern ausgebildete Sage findet sich zum Thcil.m Äschylos' Sieben gegen Theben u. Sophokles' Ödipus auf Kolonos, besonders aber in des Letzteren Antigone, der ältesten Tragödie, die eine reine Liebe zum Gegenstände hat. Die Vereinigung des Starken, ja Heldenhaften und Trotzigen mit der steten liebevollen Aufopferung gibt diesem Charakter eine eigenthümlich ergreifende Hoheit. Antigonos, 1) A. Monophthalmos, einer der Feldherren Alexanders des Gr. u. einer der bedeutendsten Männer des Zeitalters der Diadochen, geb. um 381 v. Chr., stammte aus dem makedonischen Fürstengeschlechte von Elymiotis; wurde von Alexander dem Gr. im Jahre 333 mit der Satrapie von Groß-Phrygien betraut und erhielt bei der Vertheilung der Satrapien des Alexandri- schen Weltreiches 323 v. Chr. dazu noch Lykien u. Pamphylien. Mit Antipater, Krateros n. Pto- lemäos erhob er sich 321 v. Chr. gegen Pcrdikkas, der die oberste Reichsregierung energisch zu handhaben trachtete, und setzte nach dessen Ermordung den Krieg gegen die Partei des Perdikkas in Asien, namentlich gegen Eumcnes fort, nahm diesen im östlichen Asien im Jahre 316 gefangen und ließ ihn tödteu, suchte nun aber die oberste Herrschaft in den großen Reiche an sich zu bringen und kam dadurch seit 315 mit den übrigen Diadochen in Krieg. Nach mehrjährigem Kriege schloß er mit seinen Gegnern zu Gaza 311 Frieden, wonach Jeder bis zur Volljährigkeit des jungen Alexander seine Länder behalten sollte. Mit seinem Sohne Demetrios Poliorketes begann er jedoch schon 310 einen neuen Krieg gegen Selenkos, bald auch gegen Ptolemäos u. Kassander u. nahm, nach dem See- fiege bei Cypern durch seinen Sohn, nebst diesem im Jahre 306 den Königsütel an; so schleppte sich ohne Anfhörcn der Kampf fort, zuerst gegen Kassander, dann auch gegen Ptolemäos, Lysima- chos u. Seleukos. Endlich verlor in der Schlacht bei Jpsos (in Phrygien) 301 oder 300 v. Chr. A. gegen Seleukos u. Lysimachos Reich u. Leben. Vgl. Dropsen, Geschichte der Nachfolger Alexanders des Gr. 2) A. I. Gonatas, König v. Makedonien, Enkel des Vor., Sohn des Deme- trios Poliorketes u. der Phila (Tochter des Antipater), geb. um 320 v. Chr.; herrschte seit 287 v. Chr. über den Peloponnes, nahm 283 den Königstitel an, wurde aber von Ptolemäos Ke- rannos 280 geschlagen, als er seine Ansprüche ans Makedonien nach dem Tode des Selenkos geltend machen wollte. Erst 276 kam er in den wirklichen Besitz von Makedonien, den er nachher noch (273) gegen Pyrrhos von Epiros zu ver- theidigen hatte, u. st. 240 v. Chr.; s. Makedonien. 3) A. II. Doson (d. i., der da geben will, weil er viel versprach u. wenig hielt); führte seit 230 — Antigua. v. Chr. die Regentschaft für seinen Neffen Philipp III., regierte aber nachher als selbständiger Herrscher. Die Kämpfe zwischen den Spartanern und dem Achäischen Bunde, bei denen ihn seit 223 Aratos zu Hilfe rief, machten cs ihm möglich, Len makedonischen Einfluß in Griechenland zu erneuern. A. zertrümmerte im Jahre 222 den Nest der Spartaner bei Sellasia u. gewann damit (Atollen ausgenommen) die Hegemonie über alle Hellenen. Er st. 220. 4) A. II., Sohn von Aristobnlos II., der letzte König von Judäa ans makkabäischem Stamme; hatte nach seines Bruders Alexander Untergang schon im Jahre 42 v. Chr. sein Recht auf Judäa mit Gewalt, aber ohne Erfolg geltend zu machen gesucht; es gelang ihm seit dem Jahre 40 mit Hilfe des parthijchen Pa- corns. Er regierte bis 37 v. Chr., in welchem Jahre er durch Herodes d. Gr. wieder besiegt u. durch die Römer hingerichtct ward; s. Hebräer. 5) A., Sohn des Echekrates u. Neffe des A. 3); gehörte zu den Vertrauten des makedonischen Königs Philipp III. u. entdeckte demselben die Unschuld seines durch die Jntrignen seines Bruders Perseus zum Tode getriebenen Sohnes Demetrios. Philipp beabsichtigte deshalb dem A. die Regierung zu übertragen; bei Philipps Tode 179 v. Chr. bemächtigte sich jedoch Perseus der Herrschaft und ließ den A. ermorden. Antigonos, 1) Karystios, aus Karystos ans Euböa, Philosoph und Geschichtschreiber (um 270 v. Chr.); von seinen historischen, grammatischen n. naturhistorischcn Schriften ist nur noch übrig: seine Sammlung von wunderbaren Geschichten aus dem Thierreich, heransg. von Lylander, Basel 1568; von Meursius, Leyden 1619; von Beckmann, Lpz. 1791; von Westermann in den Leriptoros rsrnm mirabilinm Zr.> Braunschw. 1839. 2) A. So- chäos, ans Socho, Lehrer des Sadok, Präsident des Großen Rathes zu Jerusalem; st. 264 v. Chr. Nach seiner Lehre, daß man Gott nicht, der Vergeltung wegen dienen müsse, leugneten die Sad- üucäer die Vergeltung nach dem Tode u. die Auferstehung der Verstorbenen. 3) A., Bildhauer u. Kunstschriftstcller im 2. Jahrh. v. Chr., mit Jsi- gonos, Pyromachos und Stratonikos Gründer u. Hanptvertreter der Kunstschule von Pergamon unter Attalos I. bis zu Eumenes. Ans ihr gingen n. a. der sterbende Fechter u. die Gruppe Arria u. Paetus, eigentlich ein Gallier u. sein Weib, die, um der Gefangenschaft zu entgehen, sich selbst tödten, hervor. Atttigräphu»! (v. gr. nntigiÄpIion), 1) Abschrift; 2) (att. Recht) Abschrift der DocumeiNe n. sonstigen gerichtlichen Beweismittel; die Anti- grapha standen bei Processen in einem Behältnisse (Echinos) dem Sprechenden zur Seite, ans dessen Begehr ein Gerichtsschreiber (Grammatens) sie ihm reichte; nach dem Verfahren wurden sie versiegelt und erst bei der Urtheilsprechnng wieder geöffnet. Antigua, 1) eine der Kleinen Antillen englischer Besitzung, nördlich von Guadeloupe; bei den Caraibcn Damaka, d. h. Land mit Quellen; hat 280 mim (5,„g, mit Inbegriff der gewöhnlich dazu gerechneten kleinen Insel Barbuda 8,« ÖN), eine ovale Gestalt, zahlreiche Buchten n. viele Korallen- Antik — Antilibanon. 715 u. Sandbänke in der Nähe u. tvird in der Mitte von einer welligen Ebene durchzogen; die Sheker- leykctte, 306 in, im SW. der Insel, ist die höchste Erhebung. An Quellen ist die Insel arm; die wenigen Bäche enthalten nur spärlich Wasser, und eigentliche Flüsse gibt es gar nicht; das Trinkwasser wird theils in natürlichen, theils in künstlichen Cisterncn gesammelt. Der Ackerboden ist meist sehr fruchtbar, daher die Pflanzenwelt reich, besonders werden viele Früchte, vorzugsweise aber Zuckerrohr gebaut. Klima sehr trocken, doch im Ganzen gesund. Der Gesammtwerth der Ausfuhr betrug 1871 217,030, jener der Einfuhr 175,741 Pf. Sterl., wobei Zucker den wichtigsten Ausfuhrartikel bildet; 1866 liefen 418 Schiffe mit 20,564 Tonnen ein, n. 410 mit 28,498 Tonnen ans. A-s Bevölkerung betrug 1871 34,345, Barbuda einbegriffen 35,157 Seelen, worunter 2146 Weiße, 26,386 Neger und 6625 Farbige; seit 1863 hat man mit der Einführung der Kuli begonnen. Kirchliche Gebäude gab es schon vor langer Zeit 22; für den Unterricht ist durch Sonn- u. Wcrktagsschulen ziemlich gut gesorgt, 1866 gab es 52 Schulen mit 3505 Schülern. Die Finanzen der Colonien wiesen 1871 43,746 Pf. Sterl. Einkünfte, 40,579 Ausgaben und 53,982 Pf. Sterl. Schulden aus. Hauptstadt: Saint Johnstown. Die Negierung führt ein britischer Gouverneur mit einem Senat von 12 u. einer Assembler von 25 Mitgliedern für Gesetzgebung u. Controle. Die Insel wurde 1493 von Colnmbus entdeckt, 1632 von den Briten besetzt und 1636 durch Lord Willonghby colonisirt. Vgl. O. Delitsch, Westindien Lpz. 1871 rc. 2) (il-a. Lnti^uu) Stadt in Guatemala (s. dort). Antik (v. lat. Lnbigmio, alt) bezeichnet, da man unter den Alten vorzugsweise die Griechen u. Römer zu verstehen pflegt (s. Alterthum), das äußere u. innere Leben dieser Völker, ihre staatliche u. gesellschaftliche Entwickelung, ihre Religion, Kunst u. Wissenschaft. Die Schriften n. Kunstwerke der Griechen aus der geistigen Blüthezeit dieses Volkes gelten vorzugsweise für klassisch, ein beschränkterer Antheil an dieser Auszeichnung wird den Produktionen der Römer zngestanden. Im engeren Sinne versteht man unter A-en die Werke der bildenden Kunst ans dem griechischen n. römischen Alter- thmn, im engsten Sinne die Werke des Meißels n. Erzgusses, meist in Statuen, Brustbildern u. Reliefs bestehend u. die höchste, zugleich idealste n. natürlichste Ausbildung der Kunst darstellend. (Kleinere Arbeiten jener Periode, wie geschnittene Steine, Münzen, Schmuckwaareu u. dgl., fallen unter den Begriff Anticaglien.) Antikensammlungen im engsten Sinuc (Antikencabinete) sind die Sammlungen des Vatikans u. Capitols zu Rom, des Museums zu Neapel, der Galleria degli Uffizi zu Florenz, des Louvre zu Paris, des Museums zu Berlin, zu Dresden, die Glyptothek zu München rc. Altcrthümersammluugeu hingegen sind die Sammlungen im Britischen Museum zu London, in der Hofburg zu Wien, in Petersburg, Stockholm u. a. Sammlungen, in welchen bei Aufstellung u. Anordnung keine Rücksicht auf den Werth des Classisch-Antiken stattgcfnnde» hat. Vgl. die antiquarischen Werke von Spon, Mont- faucon, Winckelmanu, Caylus, Lessing (bes. seine» Laokoou), Heyne, Visconti, Zodga, Millin, Goethe (Propyläen), Völliger, Hirt, Welcker, Thiersch, Gerhard, O. Jahn, Helbig u. v. A. Abbildungen von A-cu hat mau in den die einzelnen Sammlungen darstellenden Abbildungen unter dem Titel Lluooum (Lbnsso, Nunvo); außerdem z. B. von Stuart u. Revett (.4ntiguiiioo ob rdtirsim, Lond. 1762); Winckelmanu (Llonnmouti insckiti 1767); Guat- tani (Nonnm. inockiti, Rom 1784 bis 1789, 1805, n. Admorio enoidop. Roman.. 1806—17); Zobga, üussi rilisvi untioiii 1807ff.; Lpooimoim ob unoisnb süulptmrs, von der 8odot>- ob Dilsbtunti, Lond. 1809; Millingen, Anoisni insäitock Llonumonts, Lond. 1822; Raoul-Rochette Nonninont« inöckits ll'untig., Paris 1828 ff., 2 Bde,, Fol.; Ed. Gerhard, Antike Bildwerke, 1827—39, n. a.; neuerdings besonders die Nonnmonbi. .Vnnaki und Rnl- Isttini ciülk' Istibnto cli oorrisponcksn^n nrdrso- loAioa in Rom (seit 1829), u. i» systematischer Übersichtlichkeit die Denkmäler der alten Kunst von Otfr. Müller u. Österley, 2 Bde., Gott. 1854. Vgl. E. Guhl u. W. Koner, das Leben der Griechen n. Römer nach ant. Bildwerken, Berl. 1872 (3. Aufl.); auch Panly, Neal-Encyclopädie des class. Alterth., Stuttgart 1837—52 (2. Aufl. 1862—66), 6 Bde. Antiketes (a. Geogr.), Fluß; jetzt Kuban. Antikistrcn, so v. v. die antiken Formen der Kunst nachbilden, auch wenn dies in affectirter u. unpassender Weise geschieht. Antikleia, Tochter des Aiitolykos, Geliebte des Sisyphos, dann Gemahlin des Laertes, K. von Jthaka, von jenem oder von diesem Mutter des Odysseus. Antiklimax(gr.,Nhet.), Gegenleiter (Gegensatz von Klimax, Leiter), ein von den Neueren erfundenes Wort; s. Klimax. Antikritik (v. Gr.), Gegenbeurtheilung, Erwiderung auf eine ungünstige Kritik. Antikyra (a. Geogr., Antikirrha), Seestadt in der griechischen Landschaft Phokis, am Antiky- ranischen Meerbusen, mit Hafen; hieß anfangs Kyparissos. Bei A. auf einem Felsen Dianeii- tempel mit Statue der Göttin von Praxiteles. Im Phorischen Kriege ward auch A. verwüstet; neu erbaut, litt es sehr durch T. Qnintins Fla- mininus, nachdem es sich mit König Philipp von Makedonien verbunden hatte; jetzt Df. Aspra Spitia. Auf den benachbarten Bergen wuchs viel Helle- boros (Nießwnrz), weshalb die Stadt von Kranken als Kurort aufgesucht wurde. Da Nießwnrz als ein Mittel gegen Schwachsinnigkeit galt, so sagte man sprüchwörtlich von einem damit behafteten Menschen, er müsse nach N. reisen. Wieland läßt seinen Abderiten durch Hippokrates reichliche Gaben Helleborus verordnen. Antilcgomcna (gr.) so v. w. Bestrittenes, nicht einstimmig Anerkanntes, heißen insbesondere die nicht von Allen als apostolisch anerkannten Bücher des N. T.; s. Bibelkanon. Antilcpsis (gr.), Gegenannahme, Einwand gegen einen angenommenen Satz, Widerlegung. Antilibanon (arab. Dschebel es Scherki), Gebirg in Syrien, auf der östlichen Grenze des türkischen Liwa Tarabulus, Vilajet Syria, dem 716 Antillen. Libanon fast parallel; im Ganzen niedriger als dieser, überragt aber im Dschcbel es Scheikh (Großer Hermon) mit 3000 m, dessen höchste Spitzen. Das Gebirg erstreckt sich in der Richtung von SW. nach NO. in mehreren Ketten, welche gegen dt. hin sich allmählich verflachen, im südlichen Theil an einem Knotenpunkte liegt der Große Hermon; weiterhin im Süden schließt sich der bis znm See von Gcnezareth reichende, Dschebel Heisch genannte Gebirgszug an. Zwischen dem dl. und Libanon liegt die Thalcbene, welche das alte Kölcsyricn bildete. Die gcog- nostischen Hauptbestandtheile sind Kreidcschichten. Auf dem A. entspringen: Nähr cl Asy (Nähr Makuib oder Nähr el Orent, Orontes), el Litani (cl Kasmieh, Leontcs),' der Jordan n. a. Die Prodncte sind denen von Syrien gleich. Die Bewohner des nördlichen Theils sind größtentheils arabische Nomadcnstämmc, die des südlichen Drusen; sie leben in größeren und kleineren Ortschaften. Von Ruinen n. historisch merkwürdigen Punkten des A. sind hier Heliopolis (s. Baalbek), das Grab Noahs bei Sachte, die Jakobsbrücke über den Jordan, südlich vom See Me- rom rc. Über den südlichen A. führen mehrere Straßen nach Dainask. Antillen. (Hierbei eine Karte). Inbegriff der Inseln, welche mit den Bahamas das amerik. Westindien ansmachcn. Sic schließen in einen, von dem Wendekreise des Krebses bis zu 10 ° n. Br. sich ausdchncndcn Halbkreise den Mexikanischen Meerbusen u. das CaraibischeMeer ein n. vermitteln den Übergang von NAmcrika (Florida) zn SAmcrika (Gniana) ans der Ostscite. Es sind gegen 100 Inseln, mit zus. 243,000 üssüm (4360 sH>M) u. 4,150,000 Ew., in zwei geographischen Gruppen: die Großen A. u. die Kleinen A. oder Caraibischen Inseln. Alle A.-Jnseln sind gebirgig, ihre höchsten Erhebungen sind der 2375 in h. Pic de Tarquino auf Cuba, der 2341 m h. Cold Ridge auf Jamaica, der 2264 m h. Westmorclandpik auf derselben Insel n. der Pic de Uague auf San Domingo 2184 m; über die Kleinen A. ist eine Vulcanreihe verbreitet, die init Caracas znsammen- hängt n. 10 noch thätige Virlcane enthält, darunter die Sonsriere auf St. Vincent, deren letzter Ausbruch am 30. April 1812 und die Soufribre ans Guadeloupe, welche seit der Eruption von 1797 nur Dampf n. Asche ansgcworfcn hat. Zn den großen Plagen Wcstindiens gehören die Erdbeben, die bald in weiterem, bald in engerem Umfange ihre Verheerungen anrichten. Die geognostischc Grundlage der Gr. A. bilden krystallinischc Gesteine, über welchen Jurakalk n. Sandsteine (wahrscheinlich den neuen n. neuesten Formationen angehörig) lagern; an den Küsten ist fast überall Korallenkalk p vnlcanische Bildungen fehlen fast ganz, während sie auf den Kl. dl. um so zahlreicher sind. Sämmtliche Inseln liegen in der tropischen Zone, doch wird die Hitze ans denselben durch die Seewinde gemindert. Die Passatwinds wehen dort mit großer Regelmäßigkeit von O., ONO. oder NO. n. verleihen den Inseln ein ausgeprägtes Secklima. Doch sind nur die Gebirgslandschaften der größeren Inseln der Gesundheit zuträglich; in den tiefer gelegenen Landschaften stellen sich häufig Wechsel- n. katarrhalische Fieber, Nerveufieber, ganz besonders auch das gelbe Fieber n. a. Krankheiten ein. Nach den Wind- verändernngen unterscheidet man Inseln über dem Winde (die nördlich von Dominica gelegenen) n. Inseln unter dem Winde (südlich von Dominica), IVinckrvnrci Islands n. Imvrvurd Islands. Von den vielen werthvollen Pro ducken, welche auf Len A. für den Handel erzielt werden, sind hervorzn- heben: das Zuckerrohr, das die Spanier 1513 von den Canarischen Inseln nach Hayti n. dann nach Cuba verpflanzten n. dessen Production dermalen auf 16 bis 18 Mill. CU. jährlich berechnet wird; der Kaffe, dessen Cnltnr 1720 auf Martinique n. 1769 auf Cuba begann n. dessen Ertrag zu 1 Mill. bis 1,200,000 Ctr. auznnehmen ist; der Cacao, der 1684 von SAmerika in die A. gebracht wurde n. von dem am meisten die südlichen Kl. A. prodncircn, während die ehemals bedeutenden Cnltnrcn auf Jamaica, Hayti rc. aus verschiedenen Veranlassungen sehr znrückgegangen sind; der Tabak, dessen Anbau 1614 ans den A. freigegebcn wurde n. von dem man sehr verschiedene Pflanzensorten (grünen Tabak, Amazonentabak , Zuugentabak, Barinas, nach einem Orte in Venezuela benannt, rc.) unterscheidet; Indigo u. Orlean oder Rocon als Farbestoffe, Gewürze, doch kaum erwähnenswcrth für die Ausfuhr. Das Thierreich wird in geringfügiger Weise ansgcbcntet, denn weder die Fischerei, die wegen des Reichthnms an Fischen, Schildkröten, Krebsen n. Krabben an den seichten Küsten große Erträgnisse liefern könnte, noch die Viehzucht werden sonderlich betrieben, so daß noch immer Fleisch n. Fische eingeführt werden müssen, letztere namentlich aus Neufundland, u. lufttrockenes Fleisch (darin) sseoo) aus Uruguay, Argentina rc. Auch die Industrie ist noch sehr gering, besser dagegen hat sich die Handclsbewegnng gestaltet. Spe- cielles, auch über die politische Stellung der Colo- nien zu den Mutterländern, sowie Geschichtliches unter den einzelnen Inselgruppen. Eingeborene Bewohner gibt cs auf den A. nicht mehr, sie gehörten verschiedenen Stämmen der amerik. Race an, wurden aber durch die Weißen gänzlich vernichtet; Letztere bestehen aus Europäern des romanischen (Spanier, Franzosen rc.) u. des germanischen (Briten, Holländer rc.) Stammes, dann Afrikanern n. Mischlingen der verschiedenen Racen; i» neuerer Zeit hat man Chinesen und Kuli (Ostindier) eingeführt, um die Lücke in den Arbeitskreisen ausznfüllen, welche durch die Aufhebung der Sklaverei, die in allen Besitzungen mit Ausnahme der spanischen zur Durchführung gelangte, entstanden ist. Der Name Westindien rührt von der Meinung der spanischen Entdecker her, de» äußersten Theil von Indien gefunden zu habe». Der Name A. kommt von einer fabelhaften Insel Antiglia (Antilia), die man vor der Entdeckung Amerikas im W. der Azoren u. Canarischen Inseln vermnthete. Nach ihrer politischen Zugehörigkeit zerfallen die A. in folgende Abtheilnngen: 1) Die spanischen Colonien, wozu Cuba mit Pinos, Portorico n. einige kleinere in der Nähe dieser, zusammen 128,147 sUstcm (2327 sDM), mit 2,025,000 Ew., gehören; 2) die beiden Rep»- Autilochos - bliken Hayti und Sun Domingo ans der Insel, welche diese beiden Namen führt, zusammen 72,000 sMm (1318 UM), »nt 708,500 Ew.; 3) die britischen Colonicn; sie umfassen Jamaica, die Jungfern- oder Virginischen Inseln: Tortola, Ane- gada, Spanisch-Tonga (Virgingorda); Anguilla, Barbuda, St. Christoph, Newis, Antigua, Mont- ferrat, Dominica, Sta. Lucia, St. Vincent, Bar- badocs, Grenada, Grenadinen, Tabago, Trinidad, 35,773 Uslcm (649 sM!), mit 1,064,500 Ew.; 4) die französischen Besitzungen: Martinique, Guadeloupe, La Dcsirade, Marie galante, Les Samtes, St. Martin zum kleineren Thcil, zusammen 2832 Uslcm (51 HW), mit 375,200 Ew.; 5) die dänischen Besitzungen: St. Thomas, St. Jean, Stc. Croix, zusammen 358 Usicm (6^ fljNt), mit 37,820 Ew.; 6) die schwedischen Besitzungen: St. Barthelemy und einige ganz kleine Jnselchen, wie die Cocos-, Fregatteninsel rc., zusammen 21 Usicm (A HW) u. 2900 Ew.; 7) die niederländischen Besitzungen: St. Eustachius, Saba, St. Martin zum größeren Theil, Cnrayao, Aruba n. Bonaire, zusammen etwa 1130 Uslcm (20^ HsM), mit 36,160 Ew. Antillenmeer, so v. w. Westindisches Meer. Vgl. O. Dclitsch, Westindieu u. die Südpolar-Länder, Leipz. 1871; Lauser, Die Zustände u. Ereignisse auf Len A. in unserer Zeit, Leipz. 1871. Antilochos, in der griech. Sagengeschichte der jüngste der griechischen Helden vor Troja, ausgezeichnet durch Schönheit und Tapferkeit; 'W,. Sohn Nestors und der Eurydike, Freund des ? Achilleus; rettete den Vater im Kampfe mit dem ! Äthiopicrfürsten Memnon durch Aufopferung seines s eigenen Lebens. Er wurde auf dem Sigeischen Vor- ! gebirge neben Achilleus und Patroklos bestattet. Antilopen (^.ntilopinas), Unterfamilie der ' Wiederkäuerfamilie der Hornthicrc, meist schlanke, schön gebaute, harmlose, muntere, sehr flüchtige u. scheue Thiere, die in ihrer Gestalt den Hirschen n. Rehen, in einzelnen Formen jedoch auch den ^ Ziegen u. Rindern, selbst den Pferden gleichen; s ihre Größe wechselt zwischen der einer jungen s Ziege n. der eines mittleren Pferdes; ihre meist i nahe über den Augen stehenden Hörner sind zn- ! weilen auf das Männchen beschränkt, rund, ge- ! ringelt oder spiralig gedreht, ecrade oder auf ver- ^ schiedenc Weise gebogen, ihr Kern ist ohne Poren; i sie haben zuweilen Thränengruben, die Nasenspitze ist kahl n. das Kinn ohne Bart. Das Haar- ! kleid ist kurz, eng anliegend, mitunter durch Bart und Mähne geziert. Sie werfen 1 bis 2, Junge, j Sie nähren sich von Pflanzen, Gräsern, Kräutern i n. Knospen; sind genügsam; können längere Zeit > des Wassers entbehren. Die Stimme ist bald l blökend, bald meckernd, oft pfeifend und stöhnend, doch wird sie meist nur zur Brunstzeit laut, oder 1 wenn man die Thiere erzürnt. Zur Brunstzeit H kämpfen die Böcke sehr heftig um den Besitz der , Ziegen mit einander. Sie kommen in vielen Arten, ! meistens in den wärmeren Gegenden der Erde, ! besonders in Asien u. Afrika, u. zwar oft in sehr s großen Heerden vor n. werden nur selten gezähmt, i sind dagegen vielfach in Zoologischen Gärten ver- l s treten. In Europa kommt nur die Gemse und js Gaiga vor. Da ihr Fleisch gegessen n. ihr Fell, — Antilopen. 717 auch wol ihre Hörner vielfach benutzt werden, wird oft Jagd auf diese Thiere gemacht, u. zwar in Asien n. Afrika nicht selten mittels des Jagdpanthers oder Gepards. Die zahlreichen Arien werden nach der Gestalt u. dem Vorkommen der Hörner und Thränengruben, sowie nach der Behaarung des Halses u. Schwanzes, endlich nach der Zahl der Zitzen in Gruppen geordnet. Zur Gruppe der Gazellen, welche sich durch geringelte, lcicrförmig gekrümmte Hörner, schlanke Hirschgestalt, Thränengruben, lange spitze Ohren n. zwei Zitzen anszeichnen, gehören: die eigentliche Gazelle (ilntilopo vorea» Lm/tk.), ein schlankes Thier von Rehgröße, isabellfarbig, mit weißer Unterseite u. braunen Streifen im Gesichte nnd auf den Seiten des Bauches, schwarzen, in der unteren Hälfte geringelten Hörnern, großen, lebhaften Augen, beweglichen Ohren, langem, dünnem Halse nnd kurzem, mit einem Haarbüschel geziertem Schwänze. Sie lebt in NOAfrika, namentlich zwischen dem Stil nnd dem Rothen Meere, auch in Syrien n. Arabien, in großen Heerden, welche bei herannahender Gefahr mit Windesschnelle fliehen u. eifrigst gejagt werden; Hansthier bei den alten Ägyptern. Der Springbock (Zug-, Prnnkbock, C.. IRivIwra MorRsr), im südlichen Afrika, gehört noch hierher. Eine zweite Gruppe, die der ziegenähnlichen Antilopen, hat kurze, einfach gekrümmte Hörner nnd 4 Zitzen. Dahin die Gemse (^V. rnpieapra welche in den Alpen und Pyrenäen zu Hanse ist, allbekannt als Gegenstand einer mühseligen nnd gefahrvollen Jagd. Im Frühling hellgrau, färbt sie sich den Sommer nnd Herbst hindurch dunkler n. ist im Dcc. schwarz-braun bis schwarz; Kopf nnd Kehle sind weiß, mit brauner Binde vom Auge zur Schnanzenspitze. Sie hat große röth- liche Angen, scharfkantige, spitze nnd sehr harte Hufe, denen der kleinste Felsvorsprung zur Stütze genügt. Sic lebt in Rudeln von 5 bis zu 60 Stück, im Sommer auf den höchsten, unzugänglichsten Alpenspitzen, im Winter tiefer in der Na- dclholzregion; die weidende Heerde stellt einen Wachtposten ans u. flieht blitzschnell, wenn dessen Pfiff eine nahende Gefahr anzeigt. Ihre Sinne sind ungemein icharf, ihre Sicherheit nnd Gewandtheit in Lauf n. Sprung unübertrefflich. Sie liefern einen schmackhaften Wildbraten; die Haut wird zu Leder verarbeitet; die an der Spitze hakig zurückgebogcnen Hörner werden als Stockgrifse verwendet. Die ihr sehr ähnliche, doch größere Gabelgemse (-V. knreikor ,?»».), der einzige gehörnte Wiederkäuer mit gegabelten Hörnern, lebt auf Bergwiesen des wcstl. NÄmcrita. Die Gruppe der Spicßböcke (Orz-x) zeichnet sich durch lange, geringelte Hörner, 4 Zitzen, Mähne und Schwanzquaste ans; der dahin gehörige Capsche Gems- bock (Passan, 0. 6arwUa ä'uua!.) ist von Hirsch- größc, hat gerade Hörner, graues Haarkleid mit brauner Mähne, weißes Gesicht mit schwarzen Binden, schwarzen Kehlstreif, der über die Brust n. von da gabelig nach den Beinen verläuft, nnd weißliche Unterseite. Er findet sich in kleinen Rudeln vom Cap bis nach dem Rothen Meere hin n. wird um seines Fleisches u. seiner Haut willen gejagt. In Persien, Arabien nnd den Nilländern iebt die verwandte weiße A. (SteppcntNh, Alga- 718 Äntuimcchuwell zelle 0. Isnoor/x7?uM) u. die Schranben-Antilope (Mendez-A., Aääax inmomarulatus 6-na»/), welche, wie die südafrikanische Elen-Antilope (ElanL-A., Uosslapiius 6aama der Riese unter den A. von mehr als Pferdesgröße (2—8 m lang, 2 in hoch), schraubig gewundene Hörner hat. Die zu den Steppeukühen gehörende Bc'isa(0rsx LomaÄnMi) ist auf den alten Denkmälern Ägyptens oft dargestellt; sie soll das den fabelhaften Sagen vom Einhorn zu Grunde liegende Thier sein. Die Kuh- Antilope (-Voronotns bubalis k?nai/), in NAfrika, mit dicken, vorgeneigteu, an der Spitze knicförinig gebogenen Hörnern, rothbraunem Fell u. schwarzer Schwanzqnaste, repräsentirt eine neue Gruppe, öubulrm, zu welcher noch die zimmtbraune, unten weiße Hartcbeest-Antilope (Ochsen-A., Capschcr Hirsch, rL. oaama,), zu zählen ist. Eine weitere Gruppe, 6atob1epas, als deren Repräsentant das Gnu (Wildcbeest, (l. 6un ,^unck) genannt sein mag, hat Mähne, Pferdeschwcif, Borsten um Auge und Schnauze, am Grunde flache Hörner und zwei Zitzen. Das Gnu ist braun mit schwarzer und weißer Mähne, hat erst vor-, dann aufwärts gekrümmte Hörner u. lebt, viel gejagt u. darum, soweit Europäer vorgcdrnngen sind, bereits selten, in SAfrika; verwandte Arten sind der Koknn (6. taurina) und das gebänderte Gnu (0. 6or§on). Während in den bis jetzt genannten Arten beide Geschlechter gehörnt sind, fehlen die Hörner den Weibchen der folgenden. Dem Hirsch in Natur und Größe gleich, aber ohne Thränengrubcn, hat der Kudu (Tedal, Agaseen, Lbropsioeros eaponsis <7,'»!/) mit den Ziegen den Bart gemein. Seine Hörner sind schraubig gewunden, das rostbraune Haarkleid mit weißem Rückenstreifen und davon beiderseits herablanfcndcn Querstreifcu gezeichnet; lebt in Süd- und Mittelafrika. Die Hirschziegen- A. (Osrvioaprir vertreten durch die Hirsch- ziegeu-Antilope (Ena, Safi, Safin, 6. ksMartioa ^att.), in Indien, n. durch die zweite in Europa heimische A., die Steppen-A. (0. 8ai^a), besitzen einen kurzen Schwanz, Thränendrüscn, 2 Zitzen; nur die Männchen haben Hörner, dieselben sind geringelt. Die Hirschziegen-Antilope spielt in der indischen Götterlehre eine wichtige Rolle; unzählige Gedichte preisen sie; sie nimmt im Thierkreise der Hindus die Stelle des Steinbockes ein und ist dem Gott Tschandra, dem Monde, heilig; sie hat Ähnlichkeit mit dem Damhirsch, ist aber etwas kleiner u. schlanker, als dieser. Das Männchen ist säst schwarz mit weißer Unterseite und weißem Äugenringe, das Weibchen ist gleich gezeichnet, aber mehr grau. Die Steppen-Antilope ist merkwürdig durch die weit über den Unterkiefer vorragende, knorpelige und rührige Nase; ihre großen Angen stehen weit ans einander, die Ohren sind kurz u. breit, das Fell grau mit braunem Rückenstreif. Eine in Südafrika lebende Gruppe, die Ried- Antilope (blloobruAus , zu welcher wir als Beispiel den Riedbock (K. arunckinaoons 6Ecri/) nennen, hat am Grunde geringelte u. nach vorn gebogene Hörner. Die kleinsten A. sind durch kurze, gerade Hörner charaktcrisirt. Dahin der Klippspringer (Sassa, Orootraxus saltatrix in Südafrika und Abessinien u. am Cap, u. der Ducker (Lopstakoplms werg'vna H. Än.), der sich — Antünetabole. durch Niederdncken ins Gras vor Gefahr schützt. Die kleinen, geraden Hörner hat mit dieser Gruppe gemein die Gruppe kortax, deren Vertreter, der Nylgau (Uortax piotus IbaM.), schiefergran, mit weißem Ring am Fuße, großer Mähne n. langem, schwarz gequastctem Schwänze, zu den größeren A-arten gehört. Durch den Besitz von 4 Hörnern ist endlich von allen übrigen Gruppen die Tschi- karra (ll'straoorus guacirioornm V/. Kn.) unterschieden, ein oben roth-braunes, unten weißes, knrzgcschwänztes Thier von Rehgrößc, welches, wie das vorher genannte, in Indien lebt. Die fossilen Arten sind bei Weitem nicht so zahlreich, als die jetzt noch lebenden. Man findet sie seit den mittleren Tertiärschichten in Europa n. Asien, sowie in Brasilien, welches jetzt keine lebende Form mehr aufznwcisen hat, in Höhlenausfüllnn- gcn. Mehrere Arten sind noch unsicher bestimmt, weil die Ähnlichkeit der Fragmente mit denen von Schaf n. Ziege die Untersuchung oft sehr erschwert. Antimacchiaticll, Schrift Friedrichs des Großen zur Widerlegung des „Fürsten" von Macchiavelli. Antimcichos ans Kolophon, griechischer Grammatiker n. Dichter (um 400 v. Ehr.), Freund Platons. Er war der Vorläufer der Alexandrini- schen Dichtcrschnle durch fein von mythologischer Gelehrsamkeit strotzendes langes und schwülstiges, auch in der Sprache affcctirtcs Epos Thcbais, sowie durch die Elegie Lyde, die ihn über den Tod seiner Gattin trösten sollte; die Alexandriner gaben ihm denn auch den ersten Platz nach Homer. Es sind von seinen Gedichten nur noch Bruchstücke vorhanden; heransgcgcben von Stock, Dillcnb. 1845, und in Gaisfords k?oökae Kraeoi minoros, Bd. 3. A. veranstaltete auch eine Ausgabe der Homerischen Gedichte; er erklärte Kolophon für die Vaterstadt Homers. ünti-lVIasons (spr. Antimchs'ns), d. h. Anti- Manrcr, eine im I. 1827 in den Ber. Staaten gebildete Partei, zu deren Gründung das räthscl- haftc Verschwinden und die angcblich'e Ermordung eines gewissen William Morgan zu Batavia, im westlichen Thcil des Staates Ncw-Iork, Veranlassung gab. Derselbe sollte von den Freimaurern wegen beabsichtigter Enthüllungen ihrer Geheimnisse entführt u. bei Seite geschafft worden sei». Gerichtliche Untersuchungen führten zu keinem Resultat, was den gegen die Freimaurer gehegten Verdacht bestärkte, n. es bildete sich eine Gesellschaft der deren Zweck die Befestigung der Maurerei in den Vcr. Staaten war. Obwol sie rasch einen politischen Charakter annahm und zu bedeutender Macht heranwnchs, konnte sie doch nichts gegen den Bund ausrichtcn, der im Gcgcn- theil in den Ber. Staaten seitdem eine größere Ausdehnung gewann, als in irgend einem anderen Lande. 1834 verschmolz sie mit der Partei der Whigs. Antimensium, in der Griech. Kirche das Altarbuch, das, vom Bischof geweiht, über den Altartisch gebreitet, diesen znm Opfcraltar macht, an dem das Meßopfer gebracht werden kann. Nntimetabole (griech., Rhet.), Gcgcnvcrändcr- ung, lat. oammntaklo, auch griech. motatiwsis, Umstellung, lat. eonvsraio, eine Umkehr des Verhältnisses zweier Begriffe, z. B>: Nicht nni zu l Antimo — Antimonblttthe. 719 essen, lebe ich, sondern nm zu leben, esse ich. Die A. ist eine Art von Antithese. Antimo (Sant' A.), Flecken im Distr. Casoria der italienischen Prov. Neapel; wichtige Märkte; in der Gesammtgemeindc 8850 Ew. Antrinon (Min.) kommt im Mineralreiche sowol gediegen, meist mit etwas Arsen verunreinigt, als auch in mannigfachen Berbindungen mit andereren Metalle», oder als Schwcfel-A. mit anderen Schwefel- u. Arseniknietallen verbunden vor. Das gediegene A. ist selten; es krystallisirt rhom- bo'cdrisch, isomorph mit Schwefel, Lellnr, Arsen u. Wismnth n. findet sich bei Sala, Andreasberg u. in der Dauphine ans Gängen. Das Schwefel-A. findet sich als Granspießglanzerz oder A- glanz n. ist das zur A-darstellung allein verwandte Ä-erz, indem ans ihm durch bloßes Ans- saizern aus der Gebirgsart das .Xuliincmiurn eru- äuin dcS Handels dargestcllt wird. Es krystallisirt rhombisch, isomorph mit Auripigment und Wismuthglanz, den gleichartigen Schwefclverbin- dungen von Arsenik u. Wismnth. Sein spec. Gew. ist 4,8 u. seine Farbe ein reines Bleigran. Es findet sich im Harz, bei Frciberg, in Böhmen, Ungarn u. Cornwallis, reichlich auch ans Borneo n. in Newada. Als elektronegativer Bestandtheil tritt A. auf in a) dem A.-Silber oder Dyskrasit das rhombisch krystallisirt u. als sehr reiches Silbererz sich bei Andreasberg, Wolfach u. in Chile findet; b) in A.-Nickel (Breithanptit) !>(i.8b, der hexagonal krystallisirt, eine leicht knpfcrrothe metallische Farbe hat n. sich bei Andrcasberg findet; e) in A. - R i ck e l g l a n z (Ullmanait)lsti(88b.1s) 2 und dem Korynit; beide krystallisiren regulär, haben grau metallische Farbe und finden sich im Siegenschcn u. am Harz. Als Schwcfel-A., verbunden mit anderen Metallen, findet sich A. in der Natur als Eisenantimonglanz (Berthierit) b'08 -st 8t>28g, Knpferantimonglanz LuzL -st 81,28g, Bleiantimonglanz (Zinkenit) ?K8 -st Lb^g, die alle isomorph sind u. rhombisch krystallisiren; dann als Silberantimonglanz (Miargyrit) A.Az8 -st 8bz8g, als Plagionit 5I'I,8 -I- 48i>28g, Brongiardit 2(A§2?b)8 -st bbzLg, Jamesonit 2l?l>8 -st 8i>28g, Boulangerit 8?b8 -st 8bg8g, Bonrnonit 8(602^1)8 -st 8l>28g, Rothgültigerz -st 8dg8g, Sprödglaserz 5^2^ 4- LbzLg u. dann in allen Fahlerzen n. mehreren seltenen Minera licn, auch als unwesentlicher Bestandtheil, oder, einen Theil des isomorphen Arsen vertretend, in vielen anderen. Die Sauerstofsverbindnngen des A. finden sich in der Natur als A-blüthe ü. Senarmontit, die beide 8d.20g sind, aber dimorph krystallisiren, erstere in Formen des rhombischen Systems, letztere in regulären Formen, die sich sehr schön in Algier u. auf Borneo finden, ofl ganz hell durchscheinend sind n. Diamantglanz besitzen. Die ersteren Formen finden sich ebenda und bei Horhausen, in Brännsdorf n. in Ungarn. Die Verbindung 810^ oder ZbzOg -st 8l>20v findet sich als A-ocker, selten krystallisirt, als gelbe, erdige Masse, meist als Zersetzungsprodnct anderer A-erze, u. dieselbe Verbindung mit 2 Mol. Wasser als Stiblith, ebenfalls meist erdig n. von gelber Farbe unter denselben llmständen. Die als Mineralkermes in der Chemie bekannte Verbindung von A-oxyd mit Schwefcl-A. -st 28l>x8, findet sich als Rothspießdlanz- erz oder A-blende in kirschrothen, diamantglänzcn- den, durchscheinenden Nadeln, die dein monoklinen System angehören, namentlich bei Bräunsdorf mit anderen A-erzen. Antimon (Chem.), Spießglanzmetall, Spießglanzkönig, ^.utüinonium, lkoAnlus ankümonii, 8li- diuin; Zeichen: 8i> (von 8til>ium); At. - Gew. 122; ein in Rhomboedern krystallisirendes, sprödes u. leicht zerrcibliches, blätteriges, metallglänzendcs, bläulich-weißes Element, welches von Einigen zu den Metallen, richtiger aber — wie das in mehrfacher Hinsicht ähnliche Arsen — zu den Metalloiden gerechnet wird. Über das natürliche Vorkommen des A. u. seiner Verbindungen s. d. Art. Antimon (Min.) An der Luft geglüht verbrennt es zu A-oxyd. Dieses verflüchtigt sich dabei als ein weißer Rauch, der sich an kalten Körpern anlegt und oft in weißen, glänzenden Krystalleu (More» antiinonü urgentes, A-blumen) anschießt. Sein spec. Gew. beträgt 6,7. Es wurde zuerst von Basilius im 15. Jahrh. ans dem natürlichen Schwefel-A. (.Intümonium eruckum, s. A-sulfide) dargestcllt, aus welchem man es auch noch setzt im Großen gewinnt. In den Hüttenwerken wird das A. dargestcllt entweder durch Schmelzen des -1.n- bimoninm eruilnm mit einein Zusatze von Eisen, das sich mit dem Schwefel desselben verbindet, oder durch Rösten desselben; hierbei bildet sich unter Entwickelung von schwefeliger Säure die sogenannte Spießglanzasche (antimonsaures A-oxyd), welche durch den Schwefel des noch unzersetzten A-snlfids oder durch Schmelzen mit Kohle n. Flußmitteln zu A. reducirt wird. Die erstere Art der Gewinnung heißt Niederschlagsarbeit, letztere Röstarbeit. So gewonnenes A. ist durch Eisen, Blei, Schwefel und Arsen verunreinigt. Vom letzteren befreit man es durch Schmelzen mit Salpeter; die Vernnreimgung von Eisen verringert man durch Zusatz von schwefelsauren Alkalien und Kohle. Reines A. erhält man im Kleinen durch Schmelzen von 100 Theilen Schwefel-A., 42 TheilcnEisen- feile, 10 Theilen wasserfreien schwefclsanren Natron u. 2 Theilen Holzkohle. Wenn man von dem geschmolzenen, auf der Oberfläche erstarrten Metall das noch flüssige abgießt, so bleiben im Innern regelmäßige Krystalle. Das A. schmilzt bei 450° (l. u. verwandelt sich bei starker Rothglüh- hitze in Dämpfe. In einem kegelförmigen Gefäße erkaltet, ist cs sternförmig, in Strahlen, die von der Achse ausgehcn, krystallisirt M «teliatnm). Das A. dient in der Pharmacie zur Darstellung vieler Präparate, die im Allgemeinen die A,sou- derungen befördernd, in größerer Gabe Brechen erregend wirken, in der Technik aber zu mehreren Metallvcrbindungen, besonders mit Blei u. Zinn, die dadurch härter werden (s. A-legirnngcn). Aus Lösungen durch Zink gefällt erhält man das Antimon als feines, graues Pulver, welches, mit Öl angerieben, zu stahlfarbigem Anstrich vou Statuen dient. Antimonasche, so v. w. antimonsanres Antimonoxyd; s. u. Antimonsänre. Antimonblci, s. Antimonlcgirnngcn. Antimonblüthe, s. Antimon (Min.). RG U 720 Aiilii»v>ibro»iid — Antimonbromid (Antimoiilribromid) 8dkr<, entsteht durch directe Vereinigung von Antimon mit Brom unter Entzündung n. snblimirt zu einer farblosen kristallinischen Masse und wird durch Wasser analog dem Trichlorid zersetzt. Antiiuonbntter, so v. w. Antimontrichlorid; s. Antimonchloride. Antimonchloride, Verbindungen von Antimon mit Chlor. Wir kennen deren zwei: a) Anti- inontrichlorid (A-chlorür, A-chlorid, Ll-butter, Lnt^inm ^.ntimonll) 8d6Ig stellt eine weiße, butterartige, in der Wärme wie Öl fließende, beim Erkalten strahlig kristallinisch gestehende Masse dar, die leicht schmelzbar, sehr flüchtig, überaus scharf ätzend ist, unangenehm scharf riecht, an der Luft dicke, weiße Nebel ansstößt n. zerfließt, dagegen nnt viel Wasser vermischt einen voluminösen weißen Niederschlag (Algarothpulver, A-oxy- chlorür,28k6Ig -s- öÄ^Og) fallen läßt. Weinsäure verhindert diese Fällung. Man stellt es dar durchBe- handeln vonüberschüssigem Antimon mit Chlor, durch Destillation von Antimon mitQnccksilbcrchlorid, oder durch Lösen von Schwcfelantimon in Salzsäure, 'Abdampfen und Dcstilliren des Rückstandes. In der Medicin bedient man sich gewöhnlich einer conccntrirten Auflösung desselben (des Ingnor sti- liii irmriatiei, Dig. stib. olllorati, Lntz-rumKn- timonit ligniänw, Crmtsriiim antlmonials), lvelche Lurch Lösen von A-oxyd oder Schlvefelantimon in concentrirter Salzsäure n. Eindampfen bis zu einem bestimmten spec. G. (1,gg) erhalten wird, als eines kräftigen Ätzmittels; dieselbe Lösung bient znm Brüniren von Eisenwaarcn, besonders der Flintenlänfe; sie erzeugt nämlich auf denselben einen braunen, von Eisenoxyd und Antimon her- rührenden Überzug. Ein schwacher elektrischer Strom scheidet aus Antimonchlorid metallisches, Chlorid enthaltendes Antimon aus, welches Lurch Ritzen, Schlag oder Erwärmung ans 200" cxplodirt. b)Antimonpentachlorid lAntimonsuperchlorid, Antimonchlorid) 8bOlz ist eine farblose, stark rauchende, widrig riechende n. höchst ätzende Flüssigkeit. Man stellt cs dar, indem man in bei gelinder Wärme geschmolzenes A-chlorür trockenes Chlorgas leitet, so lange dieses ausgenommen wird, oder durch Behandeln von Antimon mit überschüssigem Chlor; wirft man Antimonpulver in eine mit trockenem Chlor gefüllte Flasche, so bildet cs sich unter Fenererschcinnng. In der Hitze verwandelt es sich unter Entwickelung von Chlor in Trichlorid. Mit Wasser zersetzt cs sich unter Freiwerden von Wärme zu Chlorwasserstoff und Pyroantimonsäure (s. Antimonsäurc). Antimoneifen, s. Antimonlcgirnngen. Antinronstlanz, s. Antimon (Mim). Antimonglas, s. Antimonsnlfide. Antimonige Säure, s. Antimonoxyd. Antimonjodid (Antimontrijodid) 8düg, roth- brannc, krystallinische, zerrieben zinnobcrrothe Masse, leicht schmelzbar u. flüchtig, durch Znsam- menreiben von Antimon u. Jod, sowie durch Behandeln von Antimon mit Schwefelkohlenstoff-Jod- lösung erhalten; wird durch Wasser analog dem Trichlorid zerlegt. Antimonlcgirniistcn, Verbindungen des Antimon mit Metallen. Sie sind härter und sprö- Antiliwmiickclglanz. der, als die reinen Metalle. Die Legirnng des Antimon mit Kalium, eine graue, strahlig-krystallinische, mctallglänzcnde, an der Luft zerfallende, sich mit Kali bedeckende, im Wasser unter Erhitzung Wasserstoff entwickelnde Masse, wird durch Glühen vonAntimon oder dessenSauerstoffverbindungen mit I Weinstein, oder durch Glühen von Brechweinstein mit Kicnrnß dargestellt. Die auf letztere 'Art (100 Th. Brechweinstein, 3 Th. Kienrnß) erhaltene Masse entzündet sich an der Luft (Pyrophor); A. mit schweren Metallen werden Lurch Znsammenschmelzen derselben mit Antimon in bestimmten Verhältnissen hervorgebracht. Das gute Lettern- (Schriftgicßer-, Typeu-Metall (Schrift- zeug) besteht ans 75 pCt. Blei, 23 pCr. Antimon, 2 pCt. Zinn. Die ans diesen Metallen gegossenen Typen sind hart, dauerhaft n. liefern beim Gebrauche einen sehr schönen Druck mit scharfen Contnren. Die Legirnng von ITH.Antimon mit 9 Th. Zinn, das Britan niam etall, wird zu Kannen, Leuchtern rc. verarbeitet, die von 1 Th. Antimon mit 10 oder 11 Th. Zinn ist silberweiß n. wird zu Knöpfen, Leuchtern rc. benutzt. Andere Lcgirnngen mit Zinn (auch Wismnth, Blei und Kupfer)' werden zu Löffeln, Zapfenlagern rc. gebraucht, so bcs. das metal ru-Mniün (85,g Zinn n. 14,,, Antimon) n. Las Asberrymetall (77„ Zinn, 19,4 Antimon u. 2,» Zink) zu Lagern für Lokomotiven n. Waggons. Mit Zink geht das Antimon zwei bestimmte krysiallisirende Verbindungen ein, Drittel- u. Halb-Antimonzink AnzsZbz und j Li^d. Ersteres krystallisirt in trikünomctrischen Prismen, letzteres in rhombischen Oktaedern. Die erstere Verbindung hat die Eigenschaft, Wasser besonders bei seinem Siedepunkte lebhaft zu zersetzen. 200 ^ davon liefern in 10 Minuten 130 ebom Wasserstoff. Antimoneisen ist so hart, daß es mit der Feile Funken gibt. Antnnonialmittel (.lutimonialia, Pharm.), Arzneimittel, welche 'Antimon, Spießglanz als Hauprbestandtheil enthalten. Die wichtigsten sind: Brechweinstein, ll'artarns omotions od. »tilüatui-, ans Antimonoxyd u. Weinstein bereitet; hierzu gehören: der Brechwein, vinnm stldiatnm, ans 1 Th. Brechweinstein, in 250 Südwein (Madeira, Sherry, Malaga) gelöst, bestehend. Goldschwefcl, 8ultür anratuinAntlmonii, ein gelb-rothes Pulver, ans fünffach Schwefelantimon bestehend ; Mineral- Kermes, Lsrmos minerale, ein brann-rothcs Pulver ans dreifach Schwefelantimon und Antimouoxyd bestehend. Es sind dies die einzigen noch im Gebrauche befindlichen A. Eine große Anzahl aus früherer Zeit ist vollkommen obsolet, so: Antimonbutter, lönt^rum Anlimonü, dreifach Chlor- antimon in Salzsäure gelöst; schweißtreibender Spießglanz, Antimoinum ckiapliorotieum, großcn- theilsÄntimonsäure; lMlv. altsransklummeri. ans gleichviel Goldschwefel u. Calomel gemengt, n. a. Die A. wirken bei innerlichem Gebrauche in sehr kleinen Dosen (ln rotraeta äosi) Übelkeit' und Angstschweiß erregend, in etwas größerer Menge brechcnerregend, bei anhaltendem Gebrauche giftig, tödtlich. Der innerliche Gebrauch ist in neuerer Zeit sehr eingeschränkt worden. Antimonnickel, s. n. Antimon (Min.). Antimonnickclglon;, s. n. Antimon (Min.). Aiitiiiwnoxyd — Alttimonoxyd (antimonigc Säure, Aittimonig- sänrcanhydrid, Antimontrioxyd) SbzOz. Darstellung: Blau erhitzt das Metall bei Luftzutritt in einem Tiegel, dann setzt sich das Oxyd in glänzend weißen Nadeln (Spießglanzblnmen) aii die Wand des Tiegels; oder man digcrirt Algaroth- pnlver (Antimonoxychlorür) mit kohlensaurer Kali- lösnng. Der ausgewaschene Rückstand stellt ein granlich-wcißcs, geschmackloses, in Wasser unlösliches Pulver dar, das in trockenem Zustande, mit einem glühenden Körper berührt, zunderartig verglimmend, sich in antimonsanres A. verwandelt. Das A. bildet mit Säuren die A -salze, deren wichtigstes der Brechweinstein, ein Doppelsalz von weinsanrem A. und Weinsäuren! Kali, ^LbOK^HiO^-l-tlsO, ist (s. n. den betreffenden Säuren). Sie sind farblos, werden durch Schwe- selwasscrstofssänre orangegelb, durch Zink, Kadmium, Eisen metallisch gefällt; die löslichen werden durch vieles Wasser in saure n. basische Salze, zmn Thcil auch vollständig zerlegt. Gegen starke Basen verhält sich das A. wie eine Säure; daher antimonige Säure. Antimonoxyde, Verbindungen des Antimon mit Sauerstoff. Wir kennen deren drei: das An- timonoxyd, die Antimonsäure n. eine zwischen beiden in der Mitte liegende Oxydationsstufc, welche neuerdings allgemein als eine Verbindung derselben angesehen wird (s. Autimonsänre). Antimonpentoxyd, s. Nntimonsäure. Antttnonsiiure (Metantimonsänre, Loiänm stibionm, lck8bOg) lvird als ein weißes Pulver erhalten, indem man Antimonmetall mit Salpetersäure oder Königswasser behandelt. Dieselbe ist in Wasser sehr wenig löslich, rvthct aber Lackmnspapier. Sie entspricht der Metaphosphorsänre. Die der gewöhnlichen Phosphorsänre entsprechende eigentliche A. llggstO^ ist in freiem Zustande nicht bekannt; wol aber die der Pyrophosphorsäurc entsprechende Pyro-A. welche durch Fällen von Antimonchlorid mit Wasser in Form eines weißen Pulvers erhalten wird. Sie wunde früher (nach Fremy) als Met-A. bezeichnet. Durch Erhitzen (aber nicht bis znm Glühen) verwandelt sich die Met-A. unter Wasserverlnst in Antimonsänrcanhydrid (Autimonpentoxyd), LiwOz, ein gelbes, in Wasser n. Säuren fast unlösliches Pulver, welches beim Glühen unter Saner- swffentwickclnng in weißes, unschmelzbares antimon- saures Antimonoxyd (Antimonasche) LbyOg-i- LdzOk — 8b,0» übergeht. Antimonsnnre Salze (Antimoniate, resp. Mctantimonsanre Salze oder Mctantimoniate), Verbindungen, welche durch Bereinigung der An- timonsänrc urit Basen entstehen. Sie sind, mit Ausnahme des Kali- n. Ammonsalzes, in Wasser »»löslich, durch Säuren leicht zersetzbar; in starker Hitze erglühen viele n. sind dann schwer zerlegbar. Antimonsaures Kali (L-Ui stibintnm), richtiger als mctantimonsaurcs Kali bezeichnet) L8bOz, wird durch Verpuffen von A. mit Salpeter erhalten; cs löst sich in heißem Wasser auf. Durch Schmelzen mit Kalihydrat verwandelt es sich allmählich in pyroantimonsanrcs (sonst weniger richtig metantimonsanres) Kali dessen (mit wenig Wasser zu bereitende) Äsung ans Pierers Unidcrsal-Cvnversatlons-Lexikon. L. Auf>. Autiinonsulfidc. 721 den Lösungen der Natronsalzc pyro-(met-)anti- monsanres Natron niedcrschlägt n. deshalb als Reagens auf Natronsalze angewendet wird. Mit viel Wasser behandelt, zersetzt es sich unter Bildung von schwer löslichem saurem pyroanrimon- sanrem (metamiinonsanrein, Kali -i- tiblzO. Allmählich verwandelt cs sich in Lösung von selbst inmetantimonsanrcs(antimonsanresiKali. Antimonsaurcs Antimonoxyd, s. Amiuion- sänrc. Antimonsulside, Verbindungen des Antimon mit Schwefel. Wir kennen deren zwei: a) Anti- montrisnlfid (Antimonsnlfid, Antimonsulsür, Schwefelantiinon, äLntirnoninm oruänni, in fein zerthciltem Zustande 8tibinm onltnrntum ni^rnm oder Tntimonium ornckum laori-xabnin od. prns- paratnm) Zb.zL», kommt in der Natur als Grauspießglanz oder Antimonglanz vor n. wird von der Gangart (bcigeinengtcm Gestein) durch einen Saigerproceß (am besten im Flaminofen) getrennt, wobei das A. abfließt, die Gangart aber zurückbleibt. Das aus diese Weise gewonnene Antimoniurn orucknw konunt in abgestumpft kegelförmigen Kuchen in den Handel, deren oberer Thcil unrein n. deshalb znm mcdicinischen Gebrauche untauglich ist. Im Bruch sind dieselben strahlig-krystallinisch, mctällglänzend, graphitfarbig. Das Trisnlsid ist leicht schmelzbar; von 4,^ spec. Gew. Mit chlorsanrein Kali znsammengeriebcn, verbrennt cs unter heftiger Explosion; ein mir Bindemitteln hergestelltes Gemenge beider Stoffe explodirt beim Reiben an rothcm (amorphem) Phosphor. Daher die Anwendung zu phosphorfreien Zündhölzern. Das käufliche ist oft mit anderen Metallen, sowie mit Arsenik verunreinigt. Man stellt es deshalb auch künstlich durch Znsammenschmclzen von (chemisch reinem) Antimon mit Schwefel, sowie durch Fällen von Antimontrichlvrid mit Schwefelwasserstoff dar ; auf letztere Weise erhält man cs als schön orangegelben Niederschlag. Außer der gewöhnlichen kry- stallinischcn, die Elektricität gut leitenden Modifi- cation kennt man auch eine amorphe, nichtleitende, welche ans ersterer durch Schmelzen und rasches Abkühlen erhalten wird. Das Schwefelantiinon war schon im Alterthnm bekannt und wurde n. a. von den morgenländischen Frauen znm Schwarzfärben der Augenbrauen benutzt. Weil dadurch die Augen größer erschienen, nannte man cs s?lat)'öplitimlinon (v. gr. plabz's, breit, opst- tlmlnws, Auge). Im Mittelalter war es Gegenstand häufiger alchimistischer Untersuchungen, woraus sich das Bekanntwerden vieler Antimonialpräpa- ratc ergab. Es lvird in der Medicin und Thicr- arznciknnüe angewcndet, dient zur Darstellung mehrerer Präparate, namentlich des Antimonmetalls, auch zu Fenerwerkerzwecken !!., wie bemerkt, zu phosphorfreicn Zündhölzern n. zur Herstellung von Zündpillen für Hinterlader. Durch Erhitzen an der Lust (Rösten) verwandelt es sich unter Bildung von schwcfeligcr Säure in eine glasartige, braune oder dnnkelrothe Masse, das Äntimonglas (Vitrnm ^nbimonii), welches ans Schwefelantimon u. Antimonoxyd besteht u. früher zur Darstellung des Brechweinsteins benutzt wurde. Das Rothspicßglanzcrz ist ein natürlich vorkommcndcs Antimonoxysnlfid. Der Kermes (Mineralkcrmes, l. Band. .xn 722 Antinwutrioxyd Ksrmos minoralo, I'nlvis (lart-nsranarnm, 8ti- -ium Lnltürntuin rubrum der Apotheken) ist ein auf nassem Wege bereitetes Gemenge von Antimon- trisulfib u. Antimonoxyd. Dian kocht Schwefelanti- mon mit einer Lösung von kohlensanrcm Natron in Wasser u. fittrirt heiß; beim Erkalten des Filtrats scheidet sich daraus der Kermes aus. Derselbe ist ein rot- braunes, feines, leichtes, gcschmack- n. geruchloses Pulver, -) Antimonpentasnlfid (Antimonsupersnlfid, illntimonsulfid, Sulfantimon- säure, Goldschwcfel, orangefarbener Spießglanz- schwcfel, gulpliur auratum anbimonii, 8uk;i-ur sti-iabum aursnkiomn) 8-285, ist ein leichtes, dunkel orangefarbiges Pulver, welches als Arzneimittel vielfach angewcndct wird. Dasselbe ist eine Sulfosaurc; cs verbindet sich mit Snlsobasen z» Snlfosalzcn (Snlfamiinoniaten). Das bekannteste derselben ist das Natriumsulfantiinoniat (Antimonpcntasnlfid-Schwefelnatrium, sulfantimon- saures Natrium, Schlippesches Salz) I7ag8-8«, welches durch Kochen von Antimontrisulfid mit Natronlauge n. Schwefel u. Krystallisirenlasscn erhalten wird. Setzt man zu der Lösung dieses Salzes verdünnte Schwefelsäure, so scheidet sich das Auti- monpentasnlfid als orangerother Niederschlag aus. Ferner gewinnt man A. durch Fällen von Anti- monpcntachlorid mit Schwefelwasserstoff. Durch Erhitzen wird das Pcntasulfid in Schwefel u. Tri- sulfid zerlegt. Antimontrioxyd, so v. w. Antimonoxyd. dlntimouwasserstoff H»8b, ein farbloses Gas, das sich neben Wasserstoff bildet, wenn man Zink bei Gegenwart von Antimonoxyd mit verdünnter Schwefelsäure znsammenbringt. Beim Leiten durch ein erhitztes Glasrohr setzt sich daraus das Antimon als ein dem Arscnspicgel ähnlicher schwarzer Metallspicgcl ab. Reinen A. erhält man durch Übergießen von Natrimnamalgam mit zieml. con- centrirtcm Antimonchlorid. Beim Entzünden brennt der A. mit grünlich-weißer Flamme unter Bildung eines weißen Rauches von antimonigcr Säure; hält man kaltes Porzellan in die Flamme, so setzt sich auf diesem ein schwarzer Antimonflcck an, der sich von den ähnlichen Arsenikftecken durch seine Nichtlöslichkeit in untcrchlorigsanrcm Natron unterscheidet. Der A. zersetzt sich leicht bei gewöhnlicher Temperatur; concentrirte Schwefelsäure zersetzt ihn n. bildet zuerst festen A., dann Schwefelantimon. NiltiinonzilUlober (Techn.), ein Antimonoxy- snlfid von der Formel 2 8-285 -l- 8-265, erhält man, wenn man nnterschwescligsaurcs Natron in schwachem Überschuß auf eine Lösung von Anti- nionchlorid in Wasser cinwirken läßt; es scheidet sich langsam in der Kälte, rasch beim Erhitzen bis zum Sieden ein anfangs gelber, dann orange und endlich schön roth werdender Niederschlag ab, der sich leicht absetzt, ausgewaschen u. getrocknet wird. Er bildet ein karminrothes, zartes Pulver von sammctähnlichem Aussehen, welches als Wasser- u. Ölfarbe angewandt wird. Luft n. Licht verändern den A. nicht, Kalk u. Alkalien zersetzen denselben, weshalb er zur Frescoinalerei untauglich ist. Antimoralismus(v. Gr. u. Lat.), jedes System, welches der Moral oder Sittlichkeit widerstreitet; besonders aber das, welches allen Unterschied — Antinoos. zwischen gut u. böse aufhebt u. alle menschlichen Handlungen für sittlich gleichgiltig erklärt. Antinomie (v. Gr.), 1) (Rechtst».) der Widerspruch der Gesetze oder der Theile eines Gesetzbuches unter sich, der seinen Grund einestheils in der Art des Zustandekommens unserer Gesetzsammlungen, in der Geltendmachung der Principien der Staatsraison oder anderer Rücksichten neben dem Hanptprincip, anderncheils überhaupt in der Unmöglichkeit, daß Einer das Ganze schasse, in der menschlichen Unvollkommenheit, der Mangelhaftigkeit der menschlichen Intelligenz, oft auch der Sprache hat. Gegen solchen Widerspruch gilt dann die RcchtSregel, daß das spätere Gesetz dem früheren, das besondere dein allgemeinen dcrogire, Abbruch thne, vorstehe u. sonst daß ans dem Geist n. Zweck der Gesetzgebung die den Widerspruch beseitigende Auslegung gesucht werde. 2) (Philos.) S. n. Kant. Antinomisinus (v. gr). auti, wider, n. nä- mos, Gesetz), Streit gegen das Gesetz, wurde nach vielen ähnlichen Erscheinungen bei den christlichen Gnostikern und Mystikern, insbesondere in den theologischen Streitigkeiten des Nefor- mationszeitalters die Richtung der Agricola, Amsdorf und A. genannt, welche in falscher Überspannung des Gnaden- u. GlanbcnsbegriffeS lehrten: das Gesetz gehöre anss Rathhans, nicht in die Kirche; gute Werke nach dem Gesetze seien zur Seligkeit nicht nur nicht nothwendig, soydern geradezu schädlich. Zur Beilegung der Streitigkeiten wurde 1527 ein Colloquium zu Torgau veranstaltet,. in welchem es Luther gelang, Agricola von der Unrichtigkeit seiner Meinung zu überzeugen, aber nur vorübergehend; denn 1557 in der Disputation zu Wittenberg vertrat sie Agricola wieder um so heftiger. Luther widerlegte sie von Neuem in seinen Disputationen gegen die Antinomisten, bis endlich 1540 Agricola von Berlin ans einen vollständigen Widerruf seiner Lehre erließ n. damit Len Streit in Deutschland beendete. Am weitesten gingen die Antinomistcn in England; sie waren aber nie zahlreich n. seit Ende des vorigen Jahrh. außer aller kirchlichen Verbindung. Antinoos, 1) Sohn des Eupithcs, aus Jthaka; war während der Abwesenheit des Odysseus der frechste u. schamloseste unter den Freiern der Penelope n. der Anstifter aller bösen Pläne gegen Tclcmachos, weshalb er bei dem Freiermorde zuerst von Odysseus erschossen wurde. 2) Ein ,, durch seine Schönheit berühmter Jüngling, Günstling des Kaisers Hadrian; ertränkte sich ans Lebensüberdruß unweit Besä in Ägypten im Nil. Der Kaiser gründete ihm zu Ehren die Stadt An- tinoopolis bei Besä, erbaute ihm einen Tcmpcl zu Maminea in Arkadien, benannte ein Sternbild nach chm n. ließ zu seinem Andenken alljährlich ein Fest, die Antinoeia, feiern, welches sich bis ins 4. Jahrh. hinein erhielt. Das Andenken des A. wurde vielfach durch Statuen, Reliefs n. Münzen gefeiert, von denen manche zu den schönsten Denkmälern der alten Kunst gehören. Berühmt ist die Statue des A. von Belvedere, jetzt im Vatican, u. die auf dem Capitol, lj) Sternbild im nördlichen Himmel, östlich an der Milchstraße, als Knabe Antinori — mit Pfeil u. Bogen dargestcllt, mit 8 Sternen i dritter Größe, von denen ,, veränderlich ist. > Antinori, 1) Vincenzo, italienischerPhysiker, I aus einem alten florentinischenGcschlechte entsprossen : u. geb. in Florenz den 25. Febr. 1792: stndirtc i Mathematik n. Physik n. wirkte dann an dem Na- i turwissenschaftlichen Museum in Florenz, zog sich ' aber, nachdem 1814 „ach der Restauration des Hauses Lothringen die Vorlesungen im Museum aufgehoben worden waren, zurück; 1833 ward er ' zum Dircctor ernannt, und damit begann am Museum ein neues Leben. A. war Mitglied der Lovncksmin ckvlla Ornson u. ward 1848, als Marchese Ridolfi Minister des Innern geworden, zum Erzieher des Prinzen Leopold II. berufen u. 1856 Oberhofmeister bei dem Erzherzog Ferdinand; im April 1859 legte er letztere Stelle u. nach der Annectiruug Toscanas auch die Direktion des Museums nieder u. st. am 22. Juli 1865 in Florenz. Neben seiner amtlichen u. Lehrtätigkeit beschäftigte er sich mit Untersuchungen über den Ursprung der Galileischcn Experimeutalschulc, sowie über die Geschichte der Lovackemia ävl 01- wmrUo, u. veröffentlichte das Ergebniß derselben 1841. Ihm verdankt auch die Iribnnn cki Olaliloi ihre Gründung. Ll-s Schriften bilden vorwiegend Compendien der Geschichte der Physik in Italien; dahin gehören seine Forschungen über Galilei n. das Leben Voltas u. Nobilis (1868) rc. 2) Ora- zio, Marchese, berühmter Naturforscher u. Reisender, geb. 28. October 1811; hat die Kenntnis; OAfrikas erheblich gefördert (Reise vom Bahr el Gazal zum Lande der Djur, Gotha 1862), die Sprache der Njam-Njam aufgchellt (Loli, cks 8oo. Aso^r. ital., 1868 I.), wichtige Mittheilungen über die Assab-Bai im Rotheu Meere gemacht (Petermauns NNittheil., 187l, 2) u. mit der Kunde afrikanischer Vögel sehr eingehend sich beschäftigt (Oakalo^o ciesor. üi nun ooUsr. cki neooUi. Ailana 1864). A. lebt ganz seiner Wissenschaft, welcher er große Opfer bringt, und hat sich außerdem auf politischem G'biete einen allgemein geachteten Namen erworben. Antiochcnischc Schule, theologische Schn e zu Antiochia in Syrien, seit dem 6. Jahrhundert, welche, im Gegensätze zur allegorisirenden, spcculi- renden Alexandrinischcn Schule, in Schriftauslegung mit nüchternem, geschichtlichem Sinne ihre Thätig- keit vorzugsweise auf die Erforschung des Wort- sinnes richtete, in der Philosophie mehr^dem Aristoteles als dem Platon folgte u. in der Streitfrage über die Natnren in Christo mehr für die Trennung der göttlichen u. menschlichen Natur stimmte. Nach den 'Anfängen durch Julius Africanus, Hip- polytus u. A. im 3. Jahrhundert ragen im 4. n. 5. hervor: Eusebius v. Emesa, Cyrillus v. Jerusalem, Ephram der Syrer, 2 Apollinaris, Jo Hannes Chrysostomus, Theodoras v. Mopsu Hestia, Theodorctns, der letzte als Geschichtschreiber dem Alexandriner Eusebius mehr als ebenbürtig. Vgl. Kühn, Die Bedeutung der A. Sch. auf dem exeget. Gebiete, Weißend. 1866. Slntiochenisches Fiirstenthnm. Nachdem Antiochia den Daraceuen von den Kreuzfahrern nach längerer Belagerung 3. Juni 1008 entrissen war, gründete der Normanne Bohemuud von - Antiochia. 723 Tarent das Fürstenthum Antiochia, das sich westlich bis Tarsus in Kilikien u. östlich bisHeraklca erstreckte, u. vererbte es mit der Grafschaft Tripolis an seinen Sohn Bohemuud II. (1109), welcher aber bis 1126 unter Regentschaft Tancreds, Rogers von Sicilien n. des Königs Balduin II. von Jerusalem stand. Nach Bohemunds II. Tode 1130 kam das Fürsten«!,, an seine Tochter Constantia n. durch deren Hand 1135 an ihren Gemahl Raimund I., Grafen von Poiticrs, der schon 1137 Lehnsmann des byzantinischen Kaisers Johannes werden mußte u. gegen Nnrcddin von Aleppo 1149 siel. Bon da ab wurde der Besitz des Fürstcnthums bei den Nachkommen Bohemunds I. immer unsicherer, bis es endlich 1268 lmter Bohemuud VI. von Sultan Bibars von Ägypten erobert u. zugleich die Stadt A. verwüstet wurde. Nach 2i hundertjähriger Herrschaft unter den ägypt. Mameluken ward cs durch Sultan Sclim I. 1516 der Türkei ciuverleibt. Antiochia, 1) A. Epidaphues, aä Orontsm, A. ack Onplmsm, St. in der syrischen Landschaft An- tiochene, am Oroutes, spätere Hauptstadt Syriens, Residenz der Selenkiden u. Sitz der Wissenschaften; bestand aus 4, zu verschiedenen Zeiten gegründeten Städten (daher auch Tetrapolis) u. hatte zur Zeit der Blüthe 18 km im Umfange; unter den Kaisern war sie nebst Byzanz, Alexandria und Kyzikos, Münzstadt im Orient. A. ward von Seleukos Nikator im Jahre 301 v. Chr. erbaut u. nach seinem Vater Antiochos benannt. Als Residenz der lyrischen Könige wuchs die Einwohnerschaft so heran, daß eine 2. «tadt angelegt werden mußte. Seleukos Kallinikos legte daraus eine 3. u. Antiochos Epiphancs sogar eine 4. an. Jede dieser Städte hatte eine Mauer für sich, außerdem wurden sie von einer gemeinschaftlichen Riugmaner umschlossen. Als Syrien römisch ward, hatte hier der römische Statthalter seinen Sitz, auch viele vornehme Römer u. selbst Kaiser wählten die Stadt zu ihrem Aufenthalte. A. wurde 115 n. Chr. durch Erdbeben n. 155 durch eine Fcuers- brnnst verwüstet. Zwar von Trajan n. Antouinns Pins wieder hergcstellt, aber wiederholt von den Persern erobert u. 541 von Khosroes I. zerstört; Jnstinian ließ sie wieder anfbanc». Antiochia war eine der ältesten Christengemeinden (der Name Christen wurde dort zuerst genannt) n. in der Folge der Sitz eines der 4 Patriarchen, n. es wurde dort von 264—448 eine Reihe von Concilien abgc- halten (331, 341, 345, 358, 361, 363, 372, 379, 443, 448). Uber die hier blühende n. durch Schriftforschung ausgezeichnete Antiochcuische Schule s. d. Art. I. I. 637 wurde A. von Omar erobert u. verlor nun seinen alten Glanz n. seine Bedeutung. 966 kam es durch Nikephoros II. Phokas au das Byzantinische Reich u. fiel 1084 in die Hände der Saraceuen. Im ersten Ärcuzzugc wurde die Stadt am 3. Juni 1098 nach nennmonatlicher Belagerung von Len Christen erobert (s. Krenz- zügc) n. imn daselbst das Fürstenthum A. gegründet (s. Antiochcnischcs Fürstenthum). Sie heißt jetzt noch Antiochia (türk. Antakie) und liegt im Vilajet Haleb; die alten, jedoch fast in Trümmern liegenden Mauern haben 30 km im Umfang, umschließen viele Gärten und eine große Menge von Altcrthllmern, darunter die römischen Be- 46 * 724 Antiochischor Krieg — Antiochos. fcstigungen, von denen noch Ncanerrcste nnd 50 theiis viereckige, thcils runde Thürme (einst 130) übrig sind. Innerhalb derselben befinden sich anch warme Quellen, welche, an gewissen Tagen besucht, jede eine besondere Krankheit heilen sollen. Handel mit Seide, Kamelhaaren, Perlen, Ledcrwarcn (Saffian), Seidcnzengcn. Der nach dieser Stabt genannte griechische Patriarch wohnt zu Damascus. Die Zahl der Ew. wird zu 10—18,000 angegeben. Im Altcrrhum betrug sie zur Zeit ihrer Bliithc angeblich 500,000. Am 3. April 1872 ging bei einem Erdstöße der dritte Thcil der Stadt zu Grunde, n. verloren Hunderte von Menschen das Leben. In der Nähe der Flecken Babela mit den Reliquien des heiligen Babylas. Vgl. O. Müller, Xntninibatos Xntiooü., Gort. 1830. 2) (T. ack Nsvsnärnm) St. am Mäander in Äarien, in fruchtbarer Gegend, wo die Triphylli genannten Feigen wuchsen; später Sitz eines Bischofs; unweit Las jetzige Kuynja. 3 ) (. 4 . kisiäiso) St. auf der Grenze von Groß- Phrpgien u. Pisidien, am Tauros, von Antiochos 1. gegründet u. von Colonisten ausMagncsia bevölkert; mit großem Ländergcbiete. Die Römer schenkten, sic erst dem König Enmenes II. von Pergamos n. dann dem Amyntas von Galaticn, nach dessen Tode die St. mit dem Römischen Reiche vereinigt wurde. Für die Ausbreitung des Christeuthnms war A. von großer Bedeutung, da die hier von Paulus gestiftete Gemeinde die Mnttergemeinde des hcllenistisch-paulinischen Christeuthnms n. der Mittelpunkt der ersten Missionsreisen in die Heidcn- länder war. Die Ruinen von A., unweit Jalo- wadsch, sind in der neuesten Zeit, besonders von Richter 1833, von Arnndel, Hamilton u. A. besucht n. beschrieben worden. 4) (X. sä Isurnm) St. in Kommagenc (Syrien), am Tanros; jetzt Aintab. 5) (4. NsvAisns) St. in ZNargiana, am Margns; früher Alexandria stNargiana; jetzt Merw (Mavri). 6) (-4. sä (Irsp'nm) Küstenstadt im Rauhen Kilikien, am Kragos; jetzt Autiochetta. 7) (4. iilz'x-äoniss) So v. w. Nisibis. Llntiochischer Krieg, Krieg zwischen dem König Antiochos III. von Syrien n. den Römern; s. n. Syrien. Alltiochös. I. Könige des syr. Diadochen- rciches ans dem Geschlcchte der Selcnkidcn: 1) A. I. Sotcr, Sohn des Selenkos Nitator, gcb. im I. 321 v. Chr.; heirathxte seine Stiefmutter Stratonike, welche ihm sein Vater, um ihn aus einer lebensgefährlichen Krankheit zu reiten, in die ihn eben die Liebe zu Stratonike gestürzt hatte, abtral, wobei er ihm als Mitgisl die östlich vom Euphrat liegenden Provinzen seines Reiches gab (i. I. 203); er folgte 280 v. Chr. seinem Vater als Beherrscher des gesammten Reiches, bekämpfte nachmals mit Glück die Kelten n. Galater in Klcin- asien n. st. 201. S. Syrien. 2) A. II. Theos (von den Milesiern so genannt, weil er sic (im I- 250 v. Chr.) von ihrem Tyrannen Timarchos befreit hattest Sohn nnd 261 v. Chr. Nachfolger des Vor., ein wüster Schwelger. Mit Ptolc- mäos ll. Philadelphos seit 258 v. Chr. in unglücklichem Kriege, mußte A. bei dem Fricdenschlnß i. Z. 218 ciinvilligen, seine Gemahlin Lavdikc zu verstoßen u Vereinte, Tochter des Ptolemäos, zu hcirathcu. Nach dem Tode des Ptolemäos (217/0) nahm er die Laodike wieder zur Gemahlin, die ihn aber 210 v. Chr. zu Sardes vergiftete nnd die Vereinte nebst deren Sohn zu Antiochia hinrichten ließ. S. Syrien. 3) A. HI., der Große, Sohn von Selenkos Kallinikos, geb. 212 v. Chr.; kam i.J. 222 v. Chr. zur Negierung. Nachdem er mit Ägypten, dem Griechisch-baktrischcn Reiche im Pendschab n. mit Empörern im eigenen Lande in viclbewegtem Leben bis znm I. 205 meist glücklich gekämpft u. in einem neuen Kriege mit Ägypten 201—197 anch Kölcsyricn, Phönikien nnd Palästina erobert hatte, zog er 197 gegen Klcinasien n. Thrakien, nm die von den Ägyptern n. Makedoniern aufgcgebenen Besitzungen für sich zu nehmen, wodurch er schließlich mit den Römern in Krieg gericth (Antiochischer Krieg). Zn diesem Kriege, der im Herbste 192 v. Chr. ansbrach, reizte ihn besonders Hannibal, der nach seiner Flucht ans Carthago bei ihm lebte, dessen Rath- schlägc er jedoch nicht befolgte, indem er sein ohnehin viel zu schwaches Heer in Griechenland zur Unzeit in Unthätigkeit ließ n. nach mehreren Niederlagen zu Lande n. zur See (i.J. 191 bei den Thermopylcn, bei Chios n. Myvunesos) endlich im Spätherbste d. I. 190 in der Hauptschlacht bei Magnesia am Sipylos gänzlich besiegt, dann im I. 189 zur Abtretung seines Reiches' bis an den Tanros genöthigt ward. Er wurde in einem Volksaufstande zu Elymais 187 getödtet. S. Syrien. 4) A. IV., Epiphanes, Sohn des Vor., war in Rom seit 189 als Geisel u. folgte seinem Bruder Selenkos Philopator i. I. 175 v. Chr. auf den Thron. Er war kunst- n. prachtlicbend, führte großartige Bauten, namentlich Tempel aus nnd veranstaltete pomphafte Kampfspiele. Von 171 bis 168 führte er einen höchst glücklichen Krieg gegen Ägypten wegen Rückgabe von Äölesyrieu, Phönikien n. Palästina; nur die Intervention der Römer hinderte ihn, Ägyptens Macht völlig zu brechen. 'Nachher suchte er die Inden zur Annahme des Hellenismus n. der griechischen Cnltnr zu zwingen, weil er dadurch die ägyptische Partei in Palästina zu brechen hoffte; durch solchen Mißgriff n. durch Plünderung des Tempels rief er aber die hclden- müthigc Erhebung der Juden (167 v. Chr.) gegen Syrien hervor. Er st. 161. S. n. Hebräer. 5) A. XIII. Asiaticns, der letzte syrische Selcnkide; regierte den Rest des Syrischen Reiches 68—61V. Chr., wo Pompejns d. Gr. dieses Land zur römischen Provinz machte. II. Philosophen n. Gelehrte: 6) A. Askalonita (A. Kyknos, d. i. der Schwan), ans Askalon, Akademiker, Schüler n. Nachfolger des Pyilon in der Akademie, in Athen Lehrer des Cicero, Varro n. Lncnllns, Freund des Aiticus; lehrte in Athen, Rom n. in Alexandria, schrieb ein Buch (Sosus) gegen Philon, worin er zu beweisen suchte, Laß die Stoiker n. Peripa- tetiler, wenn anch nicht in den Worten, doch in den Lehren übcreinstimmtcn; er ward Stifter der sogenannten 5. Akademie, indem er die Akademie mir der Stoa vereinigte, n. führte so die Akademie vom Skcpticimns zuerst zu jenem Synkretismus, aus dem sich seit Ansgang des 2. Jahrh. n. Chr. die nenplatonifche Philosophie entwickelte. Vgl. Dav. d'Allcmcind, Ilo Tntiooüo -Vsesl., Par. 1850. St. Antiocv - St. Autiöco, Insel an der SWKüstc der italienischen Insel Sardinien, znin Distr. Jglcsias der Prov. Cagliari gehörig; Salzsiedereien; 3080 Ew., meist Fischer; früher Molybodcs (die Bleiinsel) oder Enosis. Antiöpe, 1) Amazone, Tochter des Ares und der Otrcra, der Schwester Hippölytcs; sie wurde von Herakles oder dessen Begleiter Thesens nach Attika entführt, was den Zug der Amazonen gegen Athen veranlaßtc. A. fiel in der Ama- zonenschlacht oder als Vermittlerin des Friedens an der Seite des von ihr leidenschaftlich geliebten Thesens, dem sie den Hippolytos oder den Demophon geboren hatte. 2) Tochter des Flnß- gottes Asopos, von Zeus Mutter des Amphion n. Zcthos. Als sie ihre Schwangerschaft merkte, floh sie aus Furcht vor ihrem Vater zu Epopcus nach Sikyon, ward aber von ihrem Oheim Lykos gefangen znrückgeführt u. von dessen Gattin Dirke in langjähriger Haft hart behandelt. Sie entkam endlich zu ihren Söhnen, welche die ihre Mutter verfolgende Dirke durch einen wilden Stier zu Tode schleifen ließen. Die Verbindung des Zeus mit A. ist auf einem bekannten Gemälde Correggios im Louvre dargcstellt. Im Altcrthum gab ihr tragisches Geschick der Tragödie Stoff; z. B. dem Pacuvius. Antioguia, 1) einer der Vcr. Staaten von Columbia in SAmcrika, zwischen den Staaten Cauca, Bolivar, Santander n. Tolima; wurde 1857 ans den Provinzen A., Cordova n. Medellin der Republik Ncngranada gebildet u. begreift das Gebiet der West- u. Centralcordilleren von Neugranada mit ihren Abfällen; durchflossen vom Caucafluß. Der Boden ist größtentheils gebirgig (größte Höhe 2790 m), reich au edlen Metallen u. znin großen Thcil noch mit Urwald bedeckt, weshalb die Einfuhr von Lebensmitteln, besonders von Vieh nothwcndig ist. Der Flächeninhalt beträgt über 59,000 Hjknr (ca. 1072 HjM), die Einwohnerzahl 805,974; der Hauptcrwcrbszwcig ist der Bergbau; größte Stadt Medellin, mit angeblich gegen 30,000 Ew. 2) Sta. Fe de A., Stadt darin am Canca, in heißer, aber nicht ungesunder, goldreicher Gegend; ziemlich gut gebaut; hat Gewerbe u. 14,000 Ew.; wurde 1542 gegründet. Anlipäpa (gr. n. lat.), Gegcnpapst; Antipapist, Gegner des Papstthnms; daher Antipapistisch, Antipapismus. Antipäros, im Alterthmn Oliaros, eine Ky- kladcuinsel im Griechischen Archipel, zwischen Paros u. Siphenos; 28 djicm (H festst) groß ; 500 Ew.; erzeugt Baumwolle und Wein zur Ausfuhr, zur Genüge Getreide und Gemüse; etwas Viehzucht. Auf ihr ist eine weltberühmte Tropfsteinhöhle, welche in ihrem Hauptranmc, b. i. dem untersten Thcil derselben, bis 25 m hoch, 95 m lang n. 30 m breit ist n, dort eine Menge von ausgezeichneten Stalaktiten- und Slalaginitenbildnngcn enthält; ein natürlicher Säulengang an dem Fuße eines Berges führt zu der Öffnung, durch welche man mittels Seilen u. Brettern zuerst in ein sehr hohes n. geräumiges Gewölbe gelangt; weiter abwärts gestalten sich die Räume labyrinthisch; zuletzt erreicht man den oben bezeichneten Hanptranm, der 28 m tief unter dem Eingänge sich befindet. - AutiphclloS. 72 -', 'Neuerdings sind hier auch reiche Bleilagcr ansge- schlossen worden. Antrpas, Beiname des Herodcs, der seit 4 v. Chr. in Galiläa regierte. Antipascha, in der Griechischen Kirche der l. Sonntag nach Ostern. Antipater, 1) (Antipas) gcb. UNI 400 v. Cbr,, , -sohn des Jollas oder Jolaos, einer der ausgezeichnetsten Staatsmänner n. Feldherren des großen makcdonischcnKönigsPhilipp n. während des Zuges Alexanders d. Gr. gegen Persien Rcichsvcrwescr in Makedonien; hielt in dieser Zeit die unruhigen Thraker nieder und bändigte i. I. 830 den großen Aufstand der Spartaner durch den blutigen Sieg bei Megalopolis. Nach Alexanders Tode warf A. in dem schweren Lamischen Kriege 323 bis 321 Leu erneuten, fast allgemeinen Aufstand der Griechen nieder. Nach der Ermordung des Perdikkas (Sommer 321) eilte A. nach Synen n. wurde im Herbste d. I. zu Triparadisos zum Reichsverwcser ernannt, starb aber schon 3l9 v. Chr. in Makedonien, nachdem er mit Übergehung seines Sohnes Kassander den Polyspcrchon zu seinem Nachfolger ernannt. S. Makedonien. 2) A. ans Sidon, geb. um 90 v. Chr. zu Athen; Verfasser vieler Epigramme in d. Griech. Anthologie, Erfinder der Tragijambcn. Antipathie (v. gr., pütiios, Stimmung), 1) Abscheu, Abneigung überhaupt. 2) Bestimmte Abneigung gegen Wesen u. Dinge außer uns, die meist instinctiv oder unbewußt ist n. je nach unseren Zuständen n. je nach den Verhältnissen des Gegenstandes an Maß n. Beschaffenheit sich gestaltet. Oft verschwindet dieselbe nach schweren Krankheiten, oder entsteht auch wieder nach solchen. Verschiedene Bornrtheile n. Irrlehren sind der A. förderlich. Kränkliche Menschen mit angegriffenen Nerven bekunden sie am leichtesten. In gewisser Beziehung zu ihr steht die ganze Geschlechtsvcr- richtnng, wie man bei Fröschen, Hamstern, Katzen, Rehen rc. n. auch bei Menschen wahrnehmcn kann. A. hängt mehr mit Gcmüth, Phantasie n. Sinnen, als mit Verstand u. Vernunft zusammen: ein Umstand, welcher bei der Behandlung nicht außer Acht gelassen werden darf; vgl. Abneigung. Antiperistaltisch (v. Gr.), der natürlichen (pcristaltischen) Bewegung der Gedärme, die von oben nach unten geht, entgegengesetzt; daher A-e Bewegung; A-c Mittel (ämtipormtaltiva), die jene Bewegung, also nach dem Munde, statt nach dem After, bewirken, so v. w. Brechmittel. Antiphciues ans Rhodos, griech. Dichter der mittleren Komödie (um 370 vor Chr.); schrieb gegen 300 Komödien, die ein vielseitiges u. gewandtes dramatisches Talcm beweisen und ihn! eine hohe Stellung unter seinen damaligen Knnstgcnossen erwarben; Fragmente im 8. Bd. von Meinckes lü-aAin. camioornm xriwe. i.ntipbsrmacs, Mittel gegen Krankheiten, gegen Zauber, gegen Gifte. Antiphcllos, Stadl an der Küste von Lykien war der Hafenplatz der unfern im Innern des Landes liegenden Stadt Phcllos. Ursprünglich hieß sie Habessus n. war durch ihre weiche» Schwämme berühmt; jetzt Andifilo, mit den Ruinen eines Theaters und Felsengräbern. 72ü Antiphoriui — Antipherna (gr.), Gegengeschenk des Bräu-i tigams cm die Braut siir die Niitgift; vgl. Aussteuer. Antiphilos, griechischer Maler aus Ägypten, am Ende des 4. vorchristlichen Jahrh., Nebenbuhler von Apelles, den er vergeblich bei Ptole- mäos Lagi verleumdete. Von Ouimilian zu den 7 großen griechischen Malern gerechnet, war er hauptsächlich im komischen Genre u. in der Cari- catur bedeutend. Antiphlogistisch (v. Gr.), wider Las Phlo- giston gerichtet, entztindnngswidrig, Hitze dämpfend; daher A-e Chemie, das von Lavoisicr begründete System der Chemie, sofern es gegen Stahls Lehre von dem Phlogiston gerichtet ist, das sonst als Ursache der Brennbarkeit der Körper angenommen ward; Antiphlogistiker, Gegner der Phlogistontheorie; A-c Mittel, kühlende, die Aufregung des Organismus, Fieber, Hitze n. Entzündung dämpfende Mittel: Blutentzichnngen, Kälte, vorzüglich Las kalte Wasser, Säuren und Salze, hauptsächlich die abführenden, sind die namhaftesten; sic bewirken Verminderung der Temperatur durch Veränderung der chemischen Beschaffenheit des Blutes; die knnstgcmäße Anwendung dieser Mittel nach festen Principicn wird die A-c Heilmethode genannt; A-c Diätist jenes Verhalten in Nahrungsaufnahme rc., welches auf Verminderung der sogenannten plastischen Bcstand- theile des Blutes hinzielt. Anti.phlogistik ist die Lehre von den a-en Mitteln, sowie von deren Anwendung. A-e Schule, die Verkünden», n. Antiphlogistiker, die Anhänger dieser Lehren. Antiphon, 1) aus Rhamnos in Attika, Sohn des Sophilos, geb. 48» (47») v. Chr., Lehrer des Thnkydidcs, griechischer Redner; war der Erste, welcher die Redekunst auf politische Gegenstände anwcndetc. Im Peloponnesischen Kriege war er mehrfach Befehlshaber u. betheiligte sich in angesehener Weise an den Staatsgeschäften, ward aber wegen des Verdachtes, die demokratische Verfassung stürzen zu wollen, 411 v. Chr. hingerichtet. Im Alexandrinischen Kanon wurde er unter den Rednern an die erste Stelle gesetzt. Die von ihm noch übrigen 17 Reden sind herausg. zuerst Vencd. 1513, Fol., dann in der Reis- kcschen, Bckkerschen, Baitcr-Sanppcfchen u. Müller- scheu Ausgabe der griechischen Redner, einzeln von Mätzner, Berl. 1838. Vgl. Dryander, Do Xubi- plwnkis kUminn. vitn ob soriptis, Halle 1838. 2) Athenischer Sophist n. eifriger Gegner des Sokrates. Er schrieb ein Buch: Über die Wahrheit, welches die Erkenntnißtheorie ün Sinne der So- phistik behandelte u. wovon nur ein kleines Fragment bei Snidas erhalten ist. Außerdem scheint er eine Schrift über Traumdeutungen verfaßt zu haben. Vgl. Jak. Bernays im Rhein. Mus., n. F. IX., S. 255 ff.; Sauppe in den Ornborov Xtbioi beim Redner Antiphon. Antiphon, Spruch oder Vers, den der Vorsänger intonirt, .worauf die Gemeinde einen Psalm anstiimnt. Im Allgemeinen sind die A-e als Be- standtheile der Antiphonie anfzufassen. Antiphonic (v. Gr., Gegengesang), in der christlichen Kirche Wcchselgesang zwischen Priester u. Gemeinde, dem jüdischen Tempelgesang nachge- Antipodcninscl. i bildet, von Ignatius zu Antiochia (um 70), von Ambrosius in die Lateinische Kirche u. von Gregor d. Gr. in den katholischen Ritus eingesllhrt. Letzterer stellte in dem Antiphonarium oder Antiphonalc eine Sammlung von A-n u. Ge- sangstcxtcn zusammen. Vgl. Antiphon. Äntiphrasts(gr.,Rhct.), Widerspruch,Einwendung, 1) Benennung, die mit dem Wesen ihres Gegenstandes im Widerspruch sicht, Bezeichnung einer Person oder Sache durch ein Wort von entgegengesetzter Bedeutung, n) im Ernste, oder d) im Scherze, ersteres aus Aberglauben, z. B. der Gebrauch des Wortes Enmenidcn (die Gnädigen) für die Rachegöttinnen, die Benennung der Durons (der Schonenden), die Bezeichnung des Schwarzen Meeres als Düntos oüxeinos (gastliches) Meer statt D. nxoinos (ungastliches Meer); n) ist eine Art des Euphemimus, b) eine Art der Ironie. 2) Versicherung, daß man Etwas von einer Person nicht sagen wolle, mit der Absicht, es aber doch damit zu sagen, eine Art der Ironie. Antipoden, 1) (v. gr. anbi, gegen, u. PVÜS8, Füße) Gegenfüßler, Menschen, die auf entgegengesetzten Theilcn der Erdkugel unter entgegengesetzten Meridianen u. Parallelkreifen wohnen u. um die Hälfte des Erdnmkreises (180°) von einander entfernt, deren Füße also gegen einander gerichtet sind. Sie haben stets entgegengesetzte Tageszeiten (Mittag gegen Mitternacht) u., mit Ausnahme der in der Nähe des Äquators Wohnenden, auch entgegengesetzte Jahreszeiten. Deutschlands A. z. B. würden, falls dort festes Land wäre, in die Gegend südöstlich von Neu-Seeland fällen. Schon bei den alten Griechen kannte man dieses Verhältnis). Die Kirchenväter eiferten dagegen, weil die Idee nicht mit den Worten der Schrift llbcrcmstimmte (so Lactantins, Augustinus u. Lirgilius, Erzbischof von Salzburg), und die spanischen Gelehrten widcrsetzten sich aus diesem Grunde den, Unternehmen des Columbus. Die Erdbewohner unter demselben Meridian, in entgegengesetzter Richtung gleich weit vom Äquator entfernt, also unter gleichem Breitengrade, doch die einen nördlicher, die anderen südlicher Breite, nennt man Periöci (Ncbcnbewohner); sic habe» stets entgegengesetzte Jahres-, aber gleiche Tageszeiten. Deutschlands Periöci würden weit südlich vom Caplande fallen. Antöci (Gegcnbewohner) heißen die unter entgegengesetzten Meridianen, also 180 Längengrade von einander, aber auf derselben Seite des Äquators (nördlich oder südlich) unter demselben Breitengrade Wohnenden; sie haben entgegengesetzte Tages-, aber einerlei Jahreszeiten. Deutschlands Antöci sind die Bewohner der Fuchs - inseln (Alentcn) in NAmerika. Unter dem Äquator fallen die A. mit den Antöci zusammen. Synöci (Znsammenwohncr) sind die unter einem Himmelsstriche Wohnenden. Der Ausdruck A. wird auch, besonders als Eigenschaftswort, bildlich gebraucht, um diametral entgegengesetzte Meinungen zu bezeichnen. 2) A. der Keimbläschen (Bot.), s. Befruchtung. Antipodcninsel, südlich von Neu-Seeland liegende, 1800 von Waterhouse entdeckte Insel, so genannt, weil sie dem Meridian-Anfangspunkte von Greenwich beinahe antipodisch entgegengesetzt 72? ^ntlsflntrecHiiosa liegt, nämlich 178° 20' ö. L. von Greenwich in 49° 48' s. Br. 4ntlputreck!n7ss, Mittel gegen die Fäulniß, so v. w. Antiseptische Mittel. Antipyretische Mittel (v. gr. xzwstöo, Fieber), Fiebermittel; s. Fieber. kntlqua (lat.), die gerade lateinische Schrift, im Gegensätze zur deutschen oder Fractur- und zur Cursiv-Schrift. Antiquar (v. lat. Xvtüguarirw), 1) bei den Römern Einer, der gern alte Ausdrücke u. Formen (Archaismen) brauchte, auch in der Literatur die älteren Werke den neueren vorzog. 3) Kenner des Alterthums, Altcrthumssorscher, Archäolog. 3) Im Mittelalter Abschreiber alter Bücher, vorzüglich in Klöstern, wo sie eine eigene Wohnung (Lorixtorinm) hatten. 4) In Italien so v. w. früher Cicerone. 5) Händler, der mit alten Büchern, Landkarten, Kupferstichen, Gemälden u. sonstigen alten Kunstgegenständen handelt. Früher war das A-Geschäft mit dem Buchhandel verbunden, ist jetzt, besonders in Deutschland, eine eigene Branche, u. finden sich einschlägige Handlungen in säst allen großen Städten. Einzelne Firmen, besonders solche, die Specialitäten der Buchdruckerei n. Kunstproduction Pflegen, haben sich große Verdienste um Literatur- u. Kunstgeschichte erworben, z. B. T. O. Weigel in Leipzig. Antiqniren (v. Lat.), veralten, für veraltet erklären. Antiquität (v. Lat.), s. Alterthnm. Antireformers (v. Engl.), die sich gegen alle Reformen, sowol in der Staatsverfassung, als auch in der Kirche, erklären. Antirenters, die Ansiedler in NAmerika, welche die von der Niederländisch-westindischen Compagnie hcrstammenden u. trotz der Gesetze von 1779 u. 1785 gegen das Lehnsvcrhältniß noch forterhaltenen Erbpachtverhältnisse in den.Hndsonstromlän!- dcrn aufzuheben sich zur Aufgabe stellten u., seit 1839 in Vereine znsammengetreten, gegen die Rentmeister allerhand Gewaltthaten verübten. Nachdem ihrem Beginnen durch die Staatsbehörde gesteuert war, bildeten die A. eine politische Partei mit der Tendenz, alle Härten der Überreste der früheren Lehnsverhältnisse anfzuheben, was ihnen auch gelungen ist. Antirrheoskop (v. Gr.), ein von Oppelconstrnir- ter Apparat für die Beobachtung des Gesichtsschwindels, der durch eine während einer gewissen Dauer angeschaute Bewegung entsteht; besteht aus mehreren parallel neben einander liegenden, nach derselben Richtung drehbaren Walzen, aus deren Oberfläche Spiralen gezeichnet sind. Bei Bewegung der Walzen wird durch die Spiralen die Bewegung des Wassers im Flusse nachgeahmt. Wenn nun ein Beobachter eine Zeitlang diese scheinbare Bewegung angeschant hat u. dann ruhige Objecte betrachtet, so scheinen diese rückwärts zu gehen; s. Gcsichtsschwindel Vgl. Oppel in Pog- gendorffs Annalen der Chemie u. Physik für 1850; Helmholtz, Physiologische Optik, 1807. üntirrlimsoeae oder tlntirrlünese Abtheil- nng der Braunwnrzpflanzen (Loroxknlarinsas). kntirelnnum L., Pflanzengatt, aus der Familie der Scrophularineen (XIV. 2), mit zweilippiger, — Antisthcncs. maskirter, am Grunde sackartig höckeriger Blumenkrone, 2 langen u. 2 kurzen Staubgefäßen u. zwei- fächeriger, mit 3 Löchern an der Spitze aufspringender Kapsel. Arten: X. majus 4?. (eigentliches Löwenmaul), wahrscheinlich aus «Europa, in Gärten überall; Blüthcn in dichten Trauben; Krone bis über zolllang, pnrpnrroth, zuweilen hellroth, gelblich gefleckt; in zahlreichen Varietäten vielfach als Zierpflanze angebant, auch verwildert. In Persien wird ans dem Samen Ol geschlagen. Sonst galt das scharfe Kraut als officinell, ja, man schrieb ihm sogar Wun- derkräfte zu. Dasselbe gilt von .4. Oroutium T., mit Hellpurpnrrother, dunkler gestreifter, selten mit gelbem Gaumen versehener, fast weißer und dunkelroth geaderter Krone; auf Äckern, Rainen; ist betäubend giftig. Die reife Kapsel gleicht dem Schädel eines Affen. Antisabbatharicr, s. Sabbatharier. Antisäna, thätigcr Vulcan der Kordilleren in der Nähe von Quito in der südauierikanischen Republik Ecuador, 5850 m hoch; stets mit Schnee bedeckt; er wurde von Alexander v. Humboldt u. von Bonssingault erstiegen; auf ihm liegt 3780 m hoch eine Meierei. Antiseptischc Mittel (v. gr. vopö, ich faule), 1) das Eintreten und Fortschreitcn der Fäulniß hindernde Stoffe; s. Desinfection. 2) Heil- und diätetische Mittel, welche die Blutzersetznng verhindern. Antiskirrhöse Mittel, Mittel gegen den Skirrhns (Krebs). Antiskorbutische Mittel, Mittel gegen den Skorbut. Antisocral (v. Gr. n. Lat.), was dem allgemein gesellschaftlichen Zustande u. den gesellschaftlichen Interessen widerspricht. Antispasmodische oder Antispastische Mittel (v. gr. 8PL8I8, Krampf), krampfstillende Büttel; s. Krampf. Antispäst (v. Gr., entgegengczogen), ein aus einem Jambus u. einem Trochäus (^-v) bestehender Fuß, z. B. Geduldsprobe. Der Antispastische Versfuß kommt jedoch selten n. bei den Römern nie so vor, daß er allein einen Vers bildete. Antissa (a. Geogr.), Seestadt auf Lesbos; wurde von den Römern zerstört (192 v. Ehr.), weil sie einen Befehlshaber des Antiochos unterstützt hatte; die Einwohner wandcrten nach Me- thymna aus; A. war Geburtsort Terpanders; Ruinen beim jetzigen Kalas Limneonas. üntistss (lat.), 1) Vorsteher; 2) besonders eines Tempels, daher Priester; 3) Abt, Bischof; 4) in einigen Städten der Schweiz Titel des 1. refor- mirten Geistlichen, der zugleich Superintendent ist. Antisthcncs, griechischer Philosoph ans Athen, Zeitgenosse des Sokrates; sein Gebnrts- u. Todesjahr sind unbestimmt. Er war der Sohn eines Atheners u. einer thrakischcn Sklavin u. lebte zu Athen in großer Dürftigkeit. Jn seinerJugend genoß er den Unterricht des Gorgias, verkehrte auch mit anderen Sophisten n. trat später selbst als Lehrer der sophistischen Rhetorik auf. Er stand wahrscheinlich bereits im männlichen Alter, als er Sokrates kennen lernte, dem er sich nun mit 728 Aiitistia - schwärmerischer Begeisterung anschloß. Nach Sokrates' Tode setzte A. die freie Lehrtätigkeit desselben fort; er versammelte seine Zuhörer in den Gängen des Gymnasiums Kynosargcs, welches als Turnplatz für halbbürtige Athener bestimmt war. Hiervon erhielten seine Anhänger den Namen der kynischcn (cynischcn) Schule. A. hatte in Folge seines rauhen n. strengen Auftretens wenige Schüler, verbreitete aber seine Lehre, den Cynismus (s. d.), durch zahlreiche Schriften, deren Stil von den Alte» sehr gerühmt wird. Erhalten sind von denselben nur wenige Fragmente; zwei kleine, ziemlich nn- bedentcndc Declamationen: Aias n. Odysseus, die ihm zngeschrieben werden, sind wahrscheinlich unecht. Die sämmtlichen Überreste sind gesammelt von Winckelmann, tLnbistüonis IraAwenta, Zur. 1842 Bgl. Chappnis, ^.ukistlwns, Paris 1854; Ad. Müller, Vs Lntistkrsni» lFmioi vita ob aoripbis, Progr. des Vitzth. Gymn. in Dresden, 1860; Mnllach, vraAmsnta i>üilo8opttoruin Kraseoruni, Par. 1867, Bd. I. Antistm, 1) Gemahlin des Äppins Claudius, des römischen Consnls im I. 143 v. Chr., durch ihre Tochter Claudia Schwiegermutter des Tib. Gracchus. 2) Tochter des P. Antistins, im I. 86 v. Chr. mit Pompejns d. Gr. verbunden n. im I. 82 ans Sullas Betrieb wieder von demselben geschieden. Antistms, Labeo, ans einem angesehenen plebejischen Geschlechts Roms, Schüler des Tre- batins, Jurist, unter Angnstns Prätor; schrieb Mehreres, namentlich vosberiores. vrobabilia, Rospoiwa rc. Er stiftete mit seinem Schüler Sempr. ProcnlnS die Schule der Procnlejancr, griff den Schlendrian der alten Juristen an, brachte die Auslegung der Gesetze ans allgemeine Grundsätze zurück, gab den Begriffen eine genauere Bestimmung n. der Jurisprudenz durch Hilfe derGeschichts- tnndc eine bessere Gestalt. Über ihn s. Rudorfs, Röm. Rcchtsgcsch. I., 178 ff., u. Ä. Antistrophe (gr.), 1) in dcwRhetorik Gegen- wcndung, lat. retorsio, Wendung eines von dem Gegner vorgcbrachten Beweises gegen denselben zu Gunsten des Redners; 2) im lyrischen Gedichte n. dem Chor des alten Dramas die zweite, mit der ersten Strophe gleiches Versmaß habende Strophe; 3) in der Metrik Gegenstrophe (s. Strophe). Antisyphilitische Mittel, Mittel gegen die Lustseuche; s. Syphilis. Antitakten (v. Gr., die Widerstrebenden), s. u. Gnostiker. Antitanrus, s. Taurus. Antithese (v. Gr.), 1) (Rhet.) Gegenüberstellung, Entgegcnstellnng, oder Antitheton, Las Entgegengesetzte, lat. eontenbio, eonbrapoaitnm, von Begriffen mit rednerischem Nachdrucke in parallelen Satzgliedern; z. B.: „Im Frieden verlangst Dn nach dem Kriege, im Kriege ersehnst Du den Frieden." Wissenschaftlich-rednerisch beleuchtet Schiller gern einen Begriff durch unterscheidende Vergleichung mit seinem Gegensätze; z. B.: „Der Realist wird fragen, wozu eine Sache gut sei, und die Dinge nach dem, was sie Werth sind, zu taxircn wissen; der Idealist wird fragen, ob sie gut sei, und die Dinge nach dem taxiren, was sie würdig sind." „Der Idealist wird die - Ailtttlill. Mängel seines Systems mit seinem Individuum und seinem zeitlichen Zustande bezahlen, aber er achtet dieses Opfer nicht; der Realist büßt die Mängel des -einigen mit seiner persönlichen Würde, aber er erfährt nichts von diesem Opfer." Eine Art der A. ist die Antimctabolc. 2) (Math.) Das Verfahren, durch welches in einer Gleichung ein Glied von der einen Seite ans die andere dadurch gebracht wird, daß man cs ans beiden Seiten, wenn es positiv ist, snbtrahirt, wenn cs negativ ist, addirt. Antitheton (gr.), Contrast; stellt zwei Objecte in Vergleichung einander entgegen, die nur in einigen Merkmalen sich ähnlich sind, in den übrigen aber contrastire». Antitrinitnrlcr (v. Gr. n. Lat.), Gegner der Trinitäts- oder Dreicinigkeitslehrc. Schon in der frühesten christlichen Kirche traten die Monarchia- ner, Sabellianer, Arianer als A. auf, gebräuchlich aber wurde dieser Name erst, seit im 16. Jahrhundert Lndw. Hetzer, Joh. Denck, I. Campanus, Mich. Servetns, Camillo, Renato, Bernardin Ochino, Matteo Gribaldo, Paul Alciati, Georg Blandrata, Val. Gcntile, die Socinianer n. Ä. gegen die Trinität eiferten. Im 18. Jahrh., wo die Gleichgiltigkeit u. Feindseligkeit gegen die Orthodoxie sich ganz besonders wider dieses Dogma wandte, gründeten in England Lindscy, Christ» u. Priestley antitrinitarischc Gemeinden, n. in letzter Zeit ist besonders NAmerika ein fruchtbares Feld für die Lehre geworden. S. d. Art. Unitarier. Bgl. Trechsel, Die Protest. A. vor F. Socinns, Heidelb. 1839—44; Wallace, ^ntibrinitarinn viog'raply', Lond. 1850, 3 Bde. Antitrop (Bot.), gegenläufig od. gegenwandig, wird ein Keim im geraden Samen genannt, in welchem Kernspitze n. Nabclfleck einander gcgen- überliegcn und der äußere Anheftnngspunkt mit letzterem zusammenfällt, der Basis des Keimes aber gerade entgegengesetzt ist. Antityp (v. Gr., s. Antitypie), Gegenbild, Abbild, Copie; daher Antitypisch, gegen-, abbildlich. Antitypie (v. Gr.), Gcgenschlag, Rückwirkung, Widerstand. Daher 1) so v. w. Antagonismus. 2) Verhältnis; des Bildes zum Gegenbilde (Antityp os); s. Typus. 3) (Gramm, n. Rhet.) Härte, Mißklang von 2 aufeinanderfolgenden Worten, wiederholte Rückkehr zu demselben Worte am Schlüsse von Sätzen oder Satztheilen; z. B.: Die Piinicr hat das römische Volk durch Gerechtigkeit besiegt, durch Waffen besiegt, durch Freundlichkeit besiegt; auch bedeutet A. die Figur der voborsio, d. h. der Wendung eines von dem Gegner vorgebrach- tcn Beweises für denselben, zu Gunsten des Redners; s. Antistrophe. AntttlM (a. Geogr.), reiche, befestigte Seestadt der Volsker in Latium, , am Tuskischen Meere; mit Tempeln des Neptun, Äskulap, Apollon, der Venus und Fortuna. Vom König Tarqninins II. zum Latinischen Bunde gezogen, blieb A. doch auf Seite der Volsker, wurde 468 v. Chr. von den Römern bekriegt, erobert u. colonisirt, 338 v. Chr. aber nach einem Abfalle mit ganz Latium den Römern unterworfen u. eine Colonie dahin geschickt; ihre Kriegsschiffe wurden nach Nom geschafft u. dort 729 Autiunionist — Antlitz. thcils auf das Werst gebracht, thcils zerstört n. mit den Schiffsschnäbeln die Rednerbühne verziert. Später wurde A. eine der schönsten Städte Italiens n. Erholungsort reicher Römer; Neros Gebnrts- ort. Durch die Einfälle der Saracencn im <1. n. 10. Jahrh. wurde A. verwüstet; 1378 hier Sieg der Venctianer unter Bittore Pisani über die Genuesen. Der Apollo von Belvedere, der Bor- ghesische Fechter u. andere Antiken sind in neueren Zeiten hier ausgcgraben worden. Ruinen bei Ncttnno oder Porto d'Anzo. Antiunionist (v. Gr. n. Lat.), Gegner der Union. Autiväri (Bar), St. im europäisch-türkischen Ejalet Skntari, nicht weit vom Adriatischcn Meere; Station der Lloyddampfcr: mit Triinmiern einer Citadelle; Sitz eines katholischen Erzbischofs; etwa 6000 Ew., aus Muselmanen, Serben, Griechen, Albanesen und Zingarcn bestehend. Antlitz (topogr. Anat.), Vorderseite des Kopfes, die eine große Anzahl bedeutsamer Gebilde enthält, so den Mund, als Eingang znm Berdannngskanal, die Nase, welche den Eingang znm Athmnngs- apparat mit dem vorigen abwechselnd bildet, die Augen. Außer diesen sofort sichtbaren Theilcn findet sich vor dem Ohre beiderseits je eine Ohrspeicheldrüse, unmittelbar unter der Haut, mit äußerst zahlreichen Nerven, Arterien, Venen und Lymphgefäß-, Lymphdrüscnmasscn; desgleichen sind Wangen n. Stirn durch Blut- und Ncrvenrcichthnm ausgezeichnet. Die Haut des A-cs ist verschieden gefärbt, bald Heller, bald dunkler, zeigt auf ihrer ganzen Oberfläche sehr zarte Wollhaare, beim männlichen Geschlechts nach der Geschlechtsreife wechselnd stark entwickelte, straffe Barthaare, über den Angenbogen die verschieden gefärbten Augenbrauen mit ihren straffen, cigenthümlich gestellten Haaren. An der Nase, besonders da, wo diese in die Wangen übergeht, sind zahlreiche Talgdrüsen, die sich oft sehr erweitern, verstopfen n. dann die sogenannten Mitesser bilden. In der Slirnhant finden sich besonders lebhaft secernirende Schweißdrüsen. Das Fettgewebe unter der Haut (Unter- hautfektgcwebe) ist bald stärker, bald schwächer entwickelt n. verleiht dadurch dem Gesichte Rundung, resp. Faltung, welch letztere nach Alter und Geschlecht verschieden stark ist. Im Allgemeinen sind diese Faltet! Wirkungen der A.-, der sogenannten mimischen Gesichtsmuslcln, die, was schon ihr Name sagt, das wechselnde Spiel der Mienen durch ihre Eontraction, resp. Erschlaffung bewirken. Zn denselben rechnet man: den Niederzieher der Nasenflügel, blusoulus cko- prsssor alao uasi, am hintersten Thcil dieser letzteren; dicht davor den Hinteren, dicht vor diesem, immer noch ans den Nasenflügeln, den vorderen Nasenflllgclerweitercr, blbsvuli ckilatatorss nartnm posterior et anterior; auf dem Nasenrücken n. zur Seite dieses den Zusanimcndrllcker der Nase; ans der Nasenwurzel den Nasenriickcn- muskel, bl. clorsalis nasi. Nm den Mund rundum findet sich der Mnndschließnmskcl, bl. orbioularis oris, ein Ringmuskel, welcher Art auch der Augenschließmnskel, bl. ordicularis palpebrarum, ist. Unter den Augenbrauen liegt der bl. eor- ruZator suporoilii, der Muskel, der die Augenbrauen zusamnienfaltet. Vom inneren Augenwinkel zum Nasenflügeln.Mundwinkel geht derNasenflügel- erhcbcr, bl. b-vator atao nass, u. der Mnndwin- kelcrhcber, bl. lov. labii superioris proprius. Vom äußeren Augenwinkel znm Mundwinkel verläuft der kleine Jochbcinmnskel, bl. nz-Aomaticiis ininor, vom Jochbein znm Mundwinkel der große Fochbem- mnskel, bl. nv^om. masor. Vom Mundwinkel znm Unterkieferrande schräg herab der AbwärtSdrückcr der Mundwinkel, bl. cloprossor an^uii oris; vom Unterlippen- znm Kinnrande der Hcrabdrückcr der Unterlippe, bl. ckoprossor labii inlerioris; der Erheber des Kinnes, bl. Ivvatvr msnti; vom Jochbein znm Umertiefcrwintcl und au die Gegend vor diesem der Kaumuskel bl. massotor. Unter dem letzteren, nach dem Mundwinkel sich verbreiternd, liegt der Backcnnmskel, bl. bnooinator. Über die Stirn erstreckt sich der Stirnmuskcl, bl. kronta- lis. Außer diesen zahlreichen Muskeln finden sich dicht unter der Haut viele, aber nicht sehr dicke Arterien, am reichlichsten in der Gegend der Ohrspeicheldrüsen. Zwischen Kinn und Unterkieferwinkel tritt die äußere Unterkicferpnlsader, tLrtvria maxillaris oxtsrna, ins Antlitz, welche Mnskeläste abgibt: an den Kaumuskel, an den Backenmnskel, den Angenschließmuslcl; dann eine eigene Kranzpnlsader für die obere, .b. eoronaria labii superioris, eine für die untere Lippe, b. vor. lab. inlerioris, n. eine Ader für die Seite der Nase, b,. nasalis lateralis. In der Gegend vor dem Ohre verzweigen sich nach vorn bin andere Äste der äußeren Kopfpnlsadcr, und zwar von dem Schläfcntheil dieser: die vorderen OhrpnlS- adern, b.rtoriao anrioulares anteriores, die mittlere Schläfcnpnlsadcr, T. temporalis moilia, die Jochbeinangcnhöhlenpnlsader, die quere A-pnls- adcr. In der Mitte des unteren Angcnhöhlen- randcs, etwas unterhalb dieses, kommt von hinten her ans der inneren Kicferpnlsadcr die Üntcr- angenhöhlcnpnlsadcr, T. inlraorbitalis, die init den Zweigen der T. nasalis lateralis vielfach zn- sammeninündet. Mitte des oberen Augcnhöhlcn- randcs tritt von innen her gegen die Stirn die obere Angenhöhlcnpnlsader, ü. supraorbitalis, die sich im weiteren Verlaufe in Angcnlidpnls- adern, .-Vetoriae palpebrales, Skirnpnlsadcr, -l. krontalvs, n. Nasenpnlsader, b. nasalis. gabelt. Entsprechend diesen zahlreichen Pulsadern ist auch die Anzahl der Blutadern, welche die meisten der vorigen in der Zweizahl begleiten. Gleich bedeutend ist die Menge der Nerven, die sich im Gesichte verbreiten. So tritt ins Antlitz durch d:e Ohrspeicheldrüse hindurch und reichlich sich in dieser selbst, sowie auch vor ihr verästelnd: der Antlitznerv, blorrus laeialis. Etwas seitlich vom Ki»n"jederscits tritt ans den Untcrkicfcrknochen der bl. montalis (Kinnnerv), vom dritten Aste des dreigctheilten Nervs, mit der Untcraugcnhöble»- pnlsader, der bl. inkraorbitalis (Unterangenhöh- lennerv), vom zweiten Aste des dreigethciltcn Nervs. Mitte des oberen Angcnhöhlenrandes tritt der Obcr- angenhöhlenncrv, 17. supraorbitalis, vom ersten Aste des dreigetheilten Nervs hervor n. verzweigt sich mit dem Stirnnerv, bl. trontalis, an der Stirn, sowie an den oberen Augenlidern. Eine große Anzahl von Lymphgefäßen entsteht in 730 Antogost den Theilen des Des, und zwar sowol oberflächliche, als auch tief gelegene. Jene sammeln sich nach den Umerkieferdriisen hin, diese nach den hinter dem Kiefer gelegenen tiefen A-drüsen, durch welche sic hindurchgehen. Begreiflich wird durch die große Zahl der genannten Gebilde die Wichtigkeit des A-es für die operative Chirurgie. Antognst, Badeort im Bezirksamt Oberkirch des badischen Kreises Offenbnrg, 488 in ü. d. M., südlich am Fuße des Kniebis; hat einen eisenhaltigen Kalknatronsänerling von 7"U., bestehend besonders aus kohlensaurer Kalkcrdc, kohlensaurer Magnesia, kohlensanrem und schwefclsaurem Natron, in 2 Quellen (Trink- und Badcqnelle), welche gegen Blutarumth und Nervenleiden gebraucht werden. Antoinette, franz. Name für Antonie. Merkwürdig ist besonders Maria A., Gemahlin Ludwigs XVI. von Frankreich; s. n. Marie. Antombuc (Diego Suarez), Bai mit Stadt gleichen Namens aus dem nördlichsten Theil der WKüste der Insel Madagascar, von dem 1863 ermordeten König Radama II. 1862 an die Franzosen mit dem anliegenden Gebiete abgetreten; bildet einen der schönsten Häfen der Welt; mehrere Flüsse, wie der Makes (Onghe Vareikes) n. Ca'imans (Onghe Goucyes), münden in die Bai; die »inliegenden Wälder sind reich an Schiffbauholz. Das Innere der Bai besteht aus fünf großen Rheden. Antonnnarchi, Francesco, geb. 1780 auf Corsica, Prosector beim Hospital Sta. Maria zu Florenz (1812—15 unter Mascagni), seit 1819 Arzt Napoleons auf St. Helena. Nach Napoleons Tode, der nach A. nicht in Folge des Magenkrebses, sondern in Folge eines auf der Insel herrschenden Fiebers eingetrcten, ließ er sich in Paris nieder und gab seine vielgelescne Schrift über Napoleons letzte Augenblicke (s. u.) heraus. Nachdem er während der polnischen Revolution in Warschau als Arzt gewirkt, ging er nach Italien und 1836 nach Amerika, erst praktischer Arzt in New-Orleans, dann auf Cuba, n. starb daselbst 3. April 1838 zu San Antonio, wo Napoleon III. ihm 1855 ein Denkmal errichten ließ. Schr.: I>S8 äerniei'8 Moments cks Xaxolson, Par. 1823, 2 Bde. (deutsch Smttg. 1825, 2 Bde.), und veröffentlichte Paolo Mascagnis ikroäromo clella Arunäo anrrtomia, Florenz 1819 Fol. Anton (fr. Antoine, span. u. ital. Antonio, engl. Anthony), männlicher Vorname, abgeleitet von dem römischen Geschlechtsnamen Antonius. I. Könige, a) Von Navarra: I) A. von Bourbon, ältester Sohn des Herzogs Karl von BendSme, geb. 1518, vermählt 1548 mit Johanna von Rlbret, Erbtochter des Königs Heinrich II. von Navarra, .und Vater Heinrichs IV. von Frankreich; wurde 1555 König von Navarra n. ging 1559 an den Hof Franz' II. von Frankreich, um sich des Vertrauens des jungen Königs und so der Zügel der Regierung zu bemächtigen, ward aber kalt empfangen. Hierauf neigte er znr Partei der Hugenotten, um mit seinem Bruder Ludwig von Conde die Gnisen und das königliche Haus zu stürzen; doch söhnte er sich 1560 nach Franz' II. Tode durch Katharina von Medici mit — Anton. dem Hofe wieder aus und verband sich, zum Gouverneur von Frankreich und zum Generalissimus der Armee gewählt, mit den Herzögen von Guise u. Montmorency zur Bekämpfung der Hugenotten und seines Bruders, Prinzen Ludwig von Conde, und starb 17. Nov. 1562 an einer bei ., der Belagerung von Ronen erhaltenen Wunde. Über seine Regierung in Navarras. Spanien. b)Vou Sachsen: 2) A. Clemens Theodor, Sohn des Kurfürsten Friedrich Christian und der Marie Antoinette von Bayern, geb. 27. Dcc. 1755; wollte sich dem geistlichen Stande widmen, gab diesen Vorsatz aber wieder auf, als die Ehe seines Bruders Friedrich August I. als König ohne Erben blieb, und lebte dann in stiller Zurückgezogenheit auf Wcscnstein, seinem Licblingsstudium, der Genealogie, dann der Musik n. Andachtsllbungen sich widmend, bis er 5. i>Pstl 1827 seinem Bruder Friedrich August als König folgte. Er nahm 1830 nach den revolutionären Bewegungen seinen Neffen, den Prinzen Friedrich August, zum Mitregenten an u. st. 6. Juni 1836 zu Pillnitz. S. u. Sachsen. Er war vermählt in 1. Ehe mit der Prinzessin Marie von Sardinien (gest. 1782), in 2. Ehe 1787 mit der Prinzessin Maria Theresia von Toscana, Tochter des nachmaligen Kaisers Leopold, II. (st. 1827); die Kinder aus dieser Ehe starben vor ihm, nachdem die erste Ehe kinderlos geblieben war. II. Herzöge n. Fürsten, n) Herzog von Brabant: 3) A. von Burgund, 2. Sohn des Herzogs Philipp des Kühnen von Burgund, geb. 1348; kam 1405 znr Regierung und blieb 1415 bei Azincourt (s. Brabant); er war vermählt 1402 mit Johanna, in 2. Ehe 140S mit Elisabeth, Beide luxemburgische Prinzessinnen, b) Herzog zu Brannschweig - Wolfenbüttel: 4) A. Ulrich, 2. Sohn des Herzogs August, geb. 4. Oct. 1633 in Hitzacker; wurde schon 1643 Coad- jutor von Halberstadt, vermählte sich 1656 mit Juliane, Tochter des Herzogs Friedrich von Holstein, wurde 1659 Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft (der Siegprangcnde), 1685 Mitregent seines Bruders Rudolf August, 1704 Allcin- regent, ging 1710 in Bamberg öffentlich zum Katholicismus über; st. 27. März 1714. Er war prachtliebend, Pflegte aber Künste und Wissenschaften eifrig u. verfaßte selbst Romane, worin er für seine Zeit Muster wurde, Singspielen. Lieder. Seine Romane: Die durchlauchtige Syrerin Aramena,Nürnb. 1669—1675,5 Bdc.,u.Octavia, römische Geschichte, Nürnb. 1677—85, 7 Bde., wurden vielfach aufgelegt n. in späteren Ausgaben von ihm ansehnlich vermehrt; Aramcna, abgekürzt von Altbrecht, Berlin 1782,3 Bde. Hier verliert sich A. U., wie.Hcttner sagt, phantasielos zum Erschrecken, in die abgeschmackteste Lehrhaftigkeit. Er liebt die halb offene, halb verblümte Anspielung auf geheime Hofgeschichten seiner Zeit. Von ihm auch: Christ Fürstliches Davids-Harpfenspiel, zum Spiegel und Für- bild Himmel-flammender Andacht, mit ihren Arien oder Singweisen hervorgegebcn, Nürnb. 1677 rc., Auswahl von Wendebourg, Halle 1856. e) Herzog von Sachsen Meiningen: ,5) A. Ulrich, geb. 1687, jüngster Sohn Bernhards I. und der Elisabeth Eleonore von Braunschweig AntvnM. 731 Wolfenbüttel; diente als pfalz-ncuburgischer Offizier während des Spanischen Erbfolgckrieges in dm Niederlanden; regierte seit 1724 als Vormund, seit 17^> in Gemeinschaft mit seinem Bruder, seit ; 1746 allein und st. 1763 in Frankfurt a. M., - nachdem er trotz der vielen Wirren, in welche er ? verwickelt wurde, doch seinem Lande manches Gute gebracht; s. Sachsen-Meiningen. Er war vermählt seit 1711 mit Philippine Ccsar, der Tochter eines hessischen Hauptmanns (st. 1745), welche ihm 10 Kinder gebar; in 2. Ehe seit 1750 mit einer Prinzessin von Hesscn-Philippsthal, von welcher ^ er 8 Kinder hatte. III. Prinzen, n) Von Anhalt: 6) A. Günther, Sohn des Fürsten Johann von Anhalt- Zerbst, geb. 11. Nov. 1653; focht unter dem ! Pfalzgrafen Johann von Birkenfeld in holländischen Diensten vor Ondcnarde und Grave, 1676 mit der Reichsarmcc vor Philippsbnrg und unter dem Kurfürsten von Sachsen, Johann Georg III., gegen die Türken; seit 1690 focht er in den Niederlanden, ward 1698 preußischer Generalmajor, zeichnete sich bei Bonn u. Huy aus, ward 1705 > Gcnerallientenant und starbin Zerbst 1714. d) Vo n Brannschwcig-Bevern: 7 ) A. Ulrich, geb. ' 28. Aug. 1714, 2. Sohn des Herzogs Ferdinand Albert von Brannschweig-Bcvern; wurde von der russischen Kaiserin Anna zum Gemahl ihrer Nichte, der Prinzessin Elisabeth Katharina Christiane, als russische Großfürstin Anna Karlvwna, erwählt, 1 1733 Oberst eines Cürassicrregiments mit bedenkender Pension, endlich 1739 mit der lange widerstrebenden Prinzessin vermählt. 1740 entsproß aus dieser Ehe der Prinz Iwan, den die Kaiserin auf dem Sterbebette unter Birons Ein- - fluß n. Regentschaft zu ihrem Nachfolger bestimmte. A. versuchte nach dem Tode der Kaiserin (28. Oct. 1740) diese Bestimmung, soweit sie Birons Regentschaft betraf, nmzustoßcn, zog sich aber dadurch von Senat und Generalität einen Verweis zu, in Folge dessen er seine militärischen Würden niederlegte. Jndcß kam durch den Minister u. General Münnich Rettung, und Biron wurde am 20. Nov. gestürzt, Anna Karlvwna als Regentin und A. als Mitregent erklärt. Beider Regiment gefiel nicht, und am 6 Dec. 1741 wurden, nach der Erhebung der Kaiserin Elisabeth auf den ' Thron, Anna n. ihr Gemahl erst in die Citadclle von Riga gebracht u. dann in die nördlichen Pro- vinM Cholmogory im Gouv. Archangel, verbannt, wo Anna 1746 im Elend starb, A. Ulrich aber, da Katharina II. wohl ihm, aber nicht seinen 4 Kindern die Freiheit geben wollte, theilte mit diesen die Gefangenschaft bis zu seinem Tode, 1776, wahrscheinlich aber erst 1780; seine Kinder starben im Exil in Horscns in Jütland,äußerlich gilt gestellt, aber ohne die Auszeichnungen ihrer Gc- ^ burt. e) Von Burgund: 8) A. von Bnrgnnd, der große Bastard genannt, Sohn des Herzogs Philipp des Gnten von Burgund, geb. 1421; focht zuerst mit seinem Bruder gegen die Mauren; dann unter seinem Halbrnder, Karl dem Kühnen, gegen die 'Lütticher, führte den Vortrab > gegen die Schweizer 1476 bei Granson, ward 1477 bei Nancy gefangen und an Ludwig XI. ausgeliefert. A. trat mm in dessen Dienste, und für seine Treue gab ihm der König 1478 die Hcrzogthümer Grandprc und Chateau Thierry; er st. 1504. Nntonclli, I)Giacomo, Cardinal». Staats- sceretär des Papstes, geb. 2. April 1806 zu Son- nino, einem Flecken der Delegation Frosinouc im ehemaligen Kirchenstaate, Sohn eines Holzhauers und Rinderhirtcii, dessen Familie Briganten zu ihren Mitgliedern zählt. Nach Zerstörung des RLnbcrnestes Soinlino 1819 kam A. nach Rom, wo er sich für den geistlichen Stand bestimmte u. seine weitere Ausbildung im Großen Seminar erhielt. Vom Papst Gregor XVI., der seine höhere Begabung erkannte, zur Verwaltung hcrangezoge», wurde er bald Prälat, Beisitzer des obersten Staats- gerichlshofcs, dann Delegat von Orvicto, Viterbo u. Macerata, an welchen beiden letzteren Orten der junge Prälat jedoch durch seine Galanterien die Unzufriedenheit der Curie erweckte, so Laß er nach Rom abberufen wurde. 1841 ernannte ihn indeß der Papst znm Substituten des Secrctariats der inneren Staatsangelegenheiten, 1844 zum Unter- n. 1845 znm Gcneral-Schatzmcister oder Finanz- minister an Tostis Stelle. Nach Gregors XVI. Tode wußte er bald das Mißtrauen des neuen Papstes Pins IX. gegen ihn zn überwinden, indem er, obgleich im Innern eifrigster Anhänger der starren Hierarchie, den liberalen Reformideen des neue»Herrschers huldigte. Gleichwol »mßtePinsIX. ihn als Finanzminister 1847 dem Votkswillcn opfern. Indeß als General-Schatzmeister war A. Prälat cko üoeiistto und konnte als solcher sein Amt mir verlieren, um Cardinal zn werden: am In. Juni 1847 erhielt er den Cardinalshut und wurde darauf Präsident des neu gebildeten Sraats- rathcS, der ersten Reformschöpfnng Pins' IX., 1848 (Februar) Mitglied der Commission für Ausarbeitung eines neuen Staatsgrnndgesctzcs und endlich Präsident des am 10. März ans Weltlichen und Geistlichen zusammengesetzten Ministeriums, in welcher Stellung er, der nationalen Stimmung zu schmeicheln, ohne Auftrag den Piemontcsen ein päpstliches Corps zur Unterstützung wider die Österreicher in die Lombardei sandte. Am 3. Mai mußte A. einem Ministerium Mamiani weichen, an dessen Stelle Pins IX. ans A-s Anrathen Anfangs August das Ministerium Rosst treten ließ. Durch den nationalen Unwillen hierüber, so wie, daß Pins IX., ebenfalls von A. veranlaßt, bereits am 16. Juni, unmittelbar nach der Capi- tulation der päpstlichen Truppen bei Vicenza, Len Krieg gegen Österreich verdammte, sah sich der Papst nach dem Angriffe des Volkes auf den Oni- rinal am 25. Nov. 1848 zur Flucht nach Ga'eta gezwungen, wohin auch A. folgte. Dort gewann er bald den vollen Einfluß über den in seiner Reformpolitik so bitter getauschten, durch Vorwürfe u. Rathschläge der Diplomatie u. der Cardinäle ins Schwanken gebrachten Herrscher. A. wurde in Gäeta Staats'secretär des Papstes und betrieb nun eifrigst die Unterhandlungen über eine Intervention in Rom, die er, freilich nicht durch die Macht Österreichs, von der er sie am meisten gewünscht, endlich auch erreichte. Übrigens wußte er nach Wiederherstellung der päpstlichen Herrschaft in Rom am 15. Juli 1819 die Rückkehr des 732 Autonello da Messina — Aiitvnienhttttc. Papstes zu verzögern, um erst aus der Ferne die Restauration zu betreiben, ohne daß den Papst in ihn das Odium über die Art und Weise des Vergebens gegen die Unznsricdencn träfe, ein Vorgehen, über das selbst Österreich sich tadelnd anssprach. Nachdem Pins IX. durch Motuproprio v. 12. Scpt. 1849 einen Staatsrath, eine Staats- consulta für die Finanzen, Organisation der Provinze» ». Gemeinden und eine Finanzreform versprochen n. zugleich eine allerdings sehr bedingte Amnestie crthcilt, zog er am 12. April 1850 in Rom ein, den Staatssekretär A. zur Seite, welcher nun Ministerpräsident n. Minister des Auswärtigen, durch Ausführung des Motuproprio nicht nur Chef des gesammtcn politischen Staatswcsens, sondern auch, an die Spitze der Spccialcommission für Revision aller im Kirchenstaate geltenden Gesetzbücher und für Reorganisation der Tribunale gestellt, Leiter der Rechtspflege in höchster Instanz wurde. Jndcß trotz dieser Einrichtungen n. Versprechungen wurden die Verhältnisse nicht besser, u. schob man, da sich der Papst mehr und mehr ans seine geistlichen Functionen beschränkte, die Schuld der wachsenden Verwahrlosung n. Erbitterung, die sich auch in einem erfolglosen Attentat ans A. (durch den Hntmacher Antonio de Felice) Luft machte, dem Cardinal-Staatssekretär zu. Manchmal kam A. in kritischen Momenten nm seine Entlassung ein, aber er war seinem Gebieter unentbehrlich, n. statt der Entlassung erfolgte nur eine neue Gunstbezeigung, so daß A. an der Spitze der Geschäfte blieb bis zur vollständigen Annexion des Kirchenstaates durch das Königreich Italien, Oct. 1870. Seitdem leitet er noch die auswärtigen Beziehungen des Papstes, mit dem altgewohnten non xossumna gegen berechtigte wie unberechtigte Anforderungen, und, wie cs seine Stellung mit sich bringt, unter, wenn auch erfolgloser, so doch fort n. fort gleich energischer Wahrung der Rechte seines Souveräns, manches scharfe Wort seinen Gegnern znschlendernd. Dem Vatikanischen Conkil von 1870 blieb er äußerlich fremd, jede persönliche Beziehung mit demselben, weilscincm politischem Amte als Staatssekretär zuwider, ablehnend, vertheidigtc jedoch in seinen darauf bezüglichen Noten, besonders an Österreich und Frankreich, die Unterordnung der weltlichen Macht unter die kirchliche. Der wiederholten Absicht des Papstes, Rom zu verlassen, trat A. mit aller Entschiedenheit und mit Erfolg entgegen. Welch bedeutenden Einflusses n. welch hoher Gunst A. sich bei Pius IX. erfreut, beweist n. a. auch die Thatsache, daß er 1868 auch den goldenen Stab erhielt, der ihm - während eines Eonclavc nur den übrigen Cardinaldiakonen die provisorische Regierungsgewalt verleiht. Was das Uriheil der Zeitgenossen über A. betrifft, so ist dasselbe ein sehr verschiedenes: so viel dürfte jedoch als feststehend betrachtet werden, daß er ein Mann von außerordentlicher Geschicklichkeit und Thätigkeit, Energie und seltener Klugheit ist, der oft unter den schwierigsten Verhältnissen Erstaunliches geleistet hat. Daß er mit den Jesuiten gegangen, dagegen streiten die Thatsachen: er hatte vielmehr manchen schweren Kampf mit denselben zu bestehen, wobei er manchmal auch vor ihren Einflüssen die Segel streichen mußte rc.; doch rasch hob er sich wieder, da er stets nach einem politischen System handelt, welches er als ein zwingendes, über der maßgebenden, selbst über der höchsten Persönlichkeit stehendes hinzustellen und durchzuführen weiß. Indes; kann auch nicht verschwiegen werden, daß A. dem Nepotismus sich nicht fern zu halten n. auch sehr wol für sein n. seiner Familie Interesse zu sorgen wußte, weshalb ja auch 1847 das lMk seine Entfernung vom Gencralschatzmeistcramte verlangte. 2) Giuseppe, Ritter, iial. Buchdrucker n. Verleger, geb. in Venedig 1708; erst Tagcsarbeitcr, cröffnetc er 1829 eine eigene Druckerei, beschäftigte bald 800 Arbeiter n. 40 Pressen u. gründete auch eine lithographische Anstalt. Er machte große Reisen durch Italien, Frankreich, England n. Deutschland, verkehrte vielfach mit Gelehrten ans aller Welt n. erhob seine Druckerei bald zu einer der erste» in Europa. A. war der Erste, welcher den lithographischen Überdruck, den galvanoplastischcn Druck und die Elektrotypie in Italien einführte. Die Werke, welche ans seiner -Ofsicin hcrvorgingen, umfassen so ziemlich alle Gegenstände des menschlichen Wissens; die Zahl der Bände wird, die zweiten Auflagen ungerechnet, ans 10 Millionen angegeben. Er st. 20. Dec. 1861 in Venedig. Antoncllo da Messina (A. d'Antonio), berühmter italienischer Maler, geb. zu Messina nm 1414; bildete sich nm 1448 bei dem niederländischen Maler Joh. van Eyk und führte die Ölmalerei in Italien ein. Er starb wahrscheinlich 1493. Seine Bilder sind selten. Antonia, das von Herodes in der Unterstadt ans der Höhe Baris angelegte Castell von Jerusalem, zu Ehren des Marcus Antonius genannt; diente zur Römcrzcik zur Überwachung der Stadt. Antoniädis, Emannel, griechischer Patriot, geb. 1791 auf Candia; bis 1821 Kaufmann in Constantinopel, kehrte er nach Ausbruch der griechischen Revolution nach Candia zurück, wo er, zunächst als Kanzleisccrctär Aphentnnicffs, sich an dem Aufruhr der Insel gegen die Türken be- thciligte und von wo er als Depntirter in die Nationalversammlung geschickt wurde. Nach der Wicdereinnähme von Kreta verlegte er seinen Wohnsitz nach Griechenland. Als Gegner Kapodistrias' bethätigte er sich 1831 an der Erhebung gegen denselben; obgleich Haupt der englischen Partei, lehnte er doch die Thcilnahme an der Septemberrcvolntion 1843 ab, wie er auch den Aufstand in Thessalien 1854 verwarf. Er war Depntirter bei allen Nationalversammlungen und starb 1. August 1863 in Athen. Seit 1832 gab A. die in Ranplia erscheinende Zeitschrift Athen« heraus. Antonianer, 1) (Xnboniani) die Partei des Trinmvir M. Antonius. 2) Ritter vom Antoniusorden. 3) Antinomistische Secte in der Schweiz, Anhänger Anton Unternährers, Ende des 18. n. Anfang des 19. Jahrh. Antonicnhütte, Df. im Kreise Bcnthen des preußischen Regbez. Öppeln,' mit dem Grafen Henkel vonDonncrsmark-Sicmianowitz gehörigem Eisenwerk (1801 begründet), Zinkweri, Thon- waaren-, Chamotte- u. Ziukweißfabrik; 3766 Ew. 733 Antviiiowkz — Ailtoniewic,;, Karl Boloz, geb. 6. Nov. 1807 in Galizien im Zolkiewcr Kreise; stndirte in Lemberg; in dein polnischen Aufstande vom Jahre 1830 trat er in Dwcrnickis Legion, verließ dieselbe aber bald wieder, kehrte nach Galizien zurück nnd bcwirthschaftete seine Güter. Nach dem Tode seiner Gattin (1830) ergriff er den geistlichen Stand, trat in den Jesuitenorden n. begann seit 1846 seine Missionsthätigkeit in Galizien während der Schrcckcnzcit des Bancrnanfrnhrs, in Krakau nach dein Brande dieser Stadt 1850, in Schlesien n. Posen während der Cholera, deren Opfer er selbst wurde (14. Nov. 1852 in Obra). Cr schr. n. a.: Sonette, 1828; Lioi.-mp (Gedicht, seine Reise nach Jassy beschreibend), 1820; Briefe über die galizische Mission, deutsch von Fritz. Besonders hochgeschätzt werden seine Erbaunugs- schriften für das Volk, erschienen i» mehreren Ausgaben. Vgl. Jgn. Polkowski, Erinnerungen an das Leben n. die Schriften A-s, Warschau 1861. St« Antonin, Stadt am Zusammenflüsse des Aveyron und der Bomiette im Arr. Montanban des französischen Deport. Tarn-Garoime, an der Orleansbahn; Fabriken in Sohlenleder, Leinwand, Wollenzengen, Papier; schwefcl- nnd eisenhaltige Mineralgnellen, Weinbau, Handel; 5100 Ew. Antomna, Tochter eines Wagciiwettrcnncrs; wurde die Gemahlin Belisars, beherrschte denselben trotz ihrer Treulosigkeit n. stand ihm in allen Beschwerden n. Gefahren mnthig zur Seite; sic ward 564 zugleich mit Bclisar verhaftet, aber 565 frcigelassen n. stiftete ein Kloster. Vgl. Mahon, Inko ob Lslioarino. 1820. Antoninische Thermen, prachtvolle, von A. Caracalla in Rom angelegte Bäder, von denen noch jetzt riesenmäßige Ruinen vorhanden sind. Antoninns. I. Römische Kaiser: 1) A. Pins, eigentlich Tit. Aurelins Fnlvns Bojonins, gcb. 86 n. Chr. in ^innvinm, Sohn des Anrelins Fnlvns n. der Arria Fadilla; war erst einer der 4 Verwalter Italiens, dann Proconsnl von Asien; vom Kaiser Hadrian adoptirt, wurde er dessen Nachfolger als römischer Kaiser nnd regierte 138 bis 161 n. Chr. gerecht, mild, freigebig, unterstützte Künste n. Wissenschaften, führte mir gegen die Mauren in Afrika, die Räuber in Britannien, Germanen nnd Dacicr Krieg nnd behandelte die Christen mit Schonung; an ihn richtete Jnstinns Martyr eine seiner Apologien; s. Rom. A. P. war ein wahrer Vater seines Volkes. Den Namen Pins erhielt er, weil er für Hadrian beim Senat die übliche .Ehre der Vergötterung desselben und die Anerkennung von dessen Anordnungen durchsetzte. Seine Gemahlin war die unwürdige Fanstina Da er keine Söhne hatte, so adoptirte er seinen Schwiegersohn Marc Aurel n. Lucius Berns. Ihm wurde eine der A-sänlen in Rom gewidmet. Bergl. Sievers, A. Pins, Hamb. 1861; Bossart n. Müller, Zur Gcsch. des Kaisers A. Pins, Lpz. 1868. 2) Marcus Anilins Berns Anrc- linS A., gewöhnlich A. Philosophns oder kurz Marc Aurel genannt, Sohn des Anilins Berns und der Domitia Calvilla, geb. 26. April 121 n. Chr. zu Rom; erhielt eine vortreffliche Erziehung v. Stoikern, zu deren Philosophie er daher sich in Lehre und Leben bekannte; A. Pins adop- - St. Antonio. tirtc ihn u. gab ihm seine Tochter Fanstina zur Gemahlin. Er war einer der bestell Kaiser, die Rom regiert haben. A., als Regent, wie als Heerführer, besonders gegen die Markomannen n. gegen den Empörer Avidins Cassins in Asien ruhmreich, st. 180 ans seinem 2. Zuge gegen die Markomannen nnd Sarinaten in Pannonien; s. Rom. Ihm wurde die andere der beiden A- säulen gewidmet. Auch an ihn richtete Jnstinns Martyr eine seiner Apologien und Anthenagoras seine Schrift über die Auferstehung. Er schr.: Betrachtungen über die menschlichen Pflichten nach stoischen Grmidsätzen, in griechischer Sprache; zuerst herausg. von iylandcr, Zürich 1558; dann n. A. von Korai, Paris 1816 n. von Schulz, Schleswig 1700; Briefe an Herodes Atticus, in der Ansg. des Fronto von A. Mai, Rom 1823. Uber ihn schr.: No'öl des Bergers, bissar vur Nare «Lurele ä'aprüs los moimmeirts öpiN'apiiignW, Paris 1860; Snckan, IRmIs -mr iilaro Anrölo, Paris 1857; Wietersheim, Geschichte der Völkerwand., Btu II.; Champagny, Iws Antonius, 3 Bde. 1862. II. Schriftsteller: 3) A. Liberalis; lebte unter A. Pins; sammelte 41 Metamorphosen oder Erzählungen von mythischen Verwandlungen, ans verschiedenen Dichtern nnd Prosaikern gesammelt n. zum Thcil ans denselben Quellen beruhend wie Ovids Metamorphosen, herausg. u. A. von .lylander, Basel 1568, und von Westermann, in den LIMw^raplü ^r-rooi, Braunlchw. 1843. Vgl. Bast, lüyist. orit. snyor .Vntmüno Inb., lat., Lpz. 1800, deutsch v. Jacobs, Stuttg. 1860. St. Antoninns, gcb. zu Florenz 1380; trat 1405 in den Dominicancrorden, für dessen Reformation er als Generalvicar schr thätig war, nahm 1430 an den Nnionsverhaildlnugen mit den Griechen in Florenz thcil und wurde 1446 Erzbischof in Florenz. Er st. 1450 n. wurde 1523 tänoiiisirt. Tag in der Römischen Kirche: 2. Mai, in Paris: 10. Mai. Er schr. n. a.: Summa tiioo- Io.glca. Nürnb. 1478 n. oft bis ins vor. Jahrh. Antoninttssäulcn, zwei Säulen in Rom, die eine dem Antoninns Pius, die andere dem Anto- ninns Philosophns gewidmet; s. Rom (a. Ggr.). Lt. Antonio, 1) Df. im Distr. n. der italienischen Prov. Piacenza, Hauptorr einer Gemeinde von 3110 Ew. „Hier 1700 Niederlage der Franzosen durch die Österreicher n. Russe». 2) Eine der Inseln des Grünen Vorgebirges, mit dem erloschenen Bnlcan Caldeiro; sic ist die best bewässerte jener Inseln, fruchtbar u. mit gesundem Klima, liefert vortrefflichen Kaffe, auch Wein, Zucker, Mais rc. n. hat Blei, Zinn nnd Mineralgnellen; ihre Einwohnerzahl beläuft sich ans mehr als 14,600 Seelen; die der glcichnam. Stadt ebendort (S. Antonio, Santa Cruz) ans 6000 Ew. 3) Städtchen ans der Prinzeninsel (im Busen von Guinea); liegt in einer wnnderlicblichen Bai, hat etwa 3000 gastfreundliche Ew. u. liefert ausgezeichneten Kasse n. einen trefflichen Cacao. 3) (S. A. de Tcjnco) St. in der Comarca Serro Frio der brasilianischen Prov. Minas Geräes; Mittelpunkt eines reichen Dianiantendistricts, 1730 nach Auffindung der ersten Diamanten dieser Gegend von einigen Abenteurern gegründet; erhielt 1831 den Namen Diamantin a, erhob sich aber erst zu einer ansehn Antonio — Antonius. 73 t lichcn Stadt, seitdem die Gesetze der Diamanten- gewinnnng rcformirt wurden; 6 Kirchen und 2 Kapellen, llntcrrichts- u. Wohllhätigkeitsanstalten; 6000 Ew. si) St. A. de Praya, ans der Insel Annabon. dlnßcrdem finden sich unter dem Namen Santo A. noch wenigstens 17 Orte in Brasilien. Vgl. Wappäns, Kaiserreich Brasil., Lpz. 1871. Antonio, Prior von Crato, portugiesischer Kronprätendent, geb. 17>3l, natürlicher Sohn des Herzogs Ludwig v. Beja, Bruders K. Johanns III. von Portugal, von einer Jüdin Jolanta da Go- mez; stndirtc zn Coimbra, ward dann Johanniter, Prior v. Crato u. von König Sebastian zum Connctablc des Reiches erhoben. Bei der Expedition desselben nach Afrika war A. einer der Hanptan- flihrcr n. wurde in der Schlacht von Alcazar-Qui- vir 4. Ang. 17,78 unerkannt gefangen. Nach 40 Tagen durch einen Sklaven befreit, kehrte er nach Portugal zurück, fand aber den Thron bereits durch den Oheim Sebastians, den Cardinal Hein ricb, besetzt n. wurde, da er als Kronprätendent auftrat, mit Verlust aller Würden als Aufrührer des Landes verwiesen. Dom A. wandte sich nun nach Castilic», um Philipp II. zu gewinnen, der aber eigene Ansprüche geltend machte; dagegen fand er England n. Frankreich geneigter, auch der Papst unterstützte ihn n. ordnete eine neue Untersuchung des Proccsses an. Hierdurch ermnthigt, begab A. sich heimlich nach Portugal zurück und ward 31. Januar 17,80 nach Heinrichs Tode aü mehreren Orten u. selbst in Lissabon zum König ansgcrufen. Jndeß erhob Philipp II. von Spanien auch seine Ansprüche auf Portugal, u. A., am 25. Ang. bei Alcantara von Alba geschlagen, konnte nur mit Mühe, nachdem er geachtet einige Monate lang verkleidet nmhcrgcirrt war, nach Frankreich entkommen, wo Katharina von Medici ihm eine Flotte bewilligte; er landete mit derselben 1582 auf der Insel St. Miguel, richtete aber ebenso wenig ans, als 1580, wo er mit einer englischen Flotte unter Drake bei Lissabon zu landen versuchte. 17,04 ging er nach Frankreich zurück und st. als Titnlarkönig von Portugal in Paris 17,05, nachdem er dem König Heinrich II. von Frankreich seine Rechte auf Portugal abgetreten hatte. Seine Schrift: ?salmi oonkdsmonales ist ins Französische n. ins Deutsche übersetzt, n. d. Tit.: Heilige Betrachtungen; für die Zeitgeschichte wichtiger sind seine Briefe an die Päpste seiner Zeit. Sein 2. Sohn Christoph verfaßte eine Lebensbeschreibung von ihm. Antonius. I. Römer: Die Tntonin Fvno war einerseits eine patricische, anderseits eine plebejische; letztere wurde durch den Triumvir M. Antonius in den Patricierstand erhoben. 1) Marcus A., der Redner, geb. 143 v. Chr.; ward Quästor in Asien u. 104 Prätor, dann Statthalter von Kilikien mit dem Range eines Proconsnls, Consnl 09 v. Chr., 07 Censor; wurde im Kriege zwischen Marius u. Sulla, indem er zu des Letzteren Partei stand, 87 v. Chr. auf Cinnas Befehl ermordet n. sein Haupt auf der Nednerbühne ansgestellt. Er war einer der berühmtesten Redner vor Cicero. Vgl. Westermann, Gesch. der röm. Bcredtsamkeit, Z 46 ff. 3) Cajns A. Hybrida, ^ohn des Bor. Auf seiner Rückkehr ans Asien mit Sulla (83 v. Chr.) bereicherte er sich in Griechenland durch Plünderungen, weshalb er von I. Cäsar 76 belangt n. später wegen wiederholter Räubereien zeitweilig ans dem Senat entfernt wurde; wieder restitnirt, wurde er Ädil und 65 Prätor u. begünstigte insgeheim die Catilinarischc Verschwörung. 64 mit Cicero Consnl, mußte er gegen Catilina das Heer nach Etrurien führen, übergab aber am Tage vor der Schlacht den Oberbefehl seinem Legaten M. Petrejns n. ging in seine Provinz Makedonien, wo er unglücklich gegen die Dardancr n. Bastarner kämpfte u. sich neue Erpressungen zu Sch. ld n kommen ließ. Deshalb u. wegen der Thcilnapme an der Catili- narischcn Verschwörung 50 angcklagt, wurde er vor Gericht vernrtheilt n. nach der Insel Kepha- lonia verbannt, kehrte aber 44 nach Rom zurück. 3) Marcus A., der Triumvir, geb. 83 v. Chr., Sohn des PrätorS A. Creticus und der Julia, einer Verwandten Cäsars, und Enkel von A. 1). Als Jüngling schon höchst ausschweifend, flüchtete er vor seinen Gläubigern nach Griechenland, stndirtc dort Kriegskunst und Bcredtsamkeit und ward vom Proconsul Gabinins zum Anführer seiner Reiterei ernannt, in welcher Stellung er gegen Aristobulos in Palästina n. dann in Ägypten sich auszeichnete n. es verstand, sich durch persönliche Vorzüge, verschwenderische Freigebigkeit n. echt kriegerische Sitten die Gunst des Heeres und des Volkes zu erwerben. 54 ging er nach Gallien zu seinem Protector Cäsar, wurde durch dessen Einfluß 52 Quästor, machte nun die Feldzüge in Gallien mit, wurde, 50 nach Rom znrückgekehrt, Augur n. Bolkstribnn, bekämpfte als solcher den Scnatsbeschlnß wider Cäsar n. floh deshalb, aus der Curie verwiesen u. in Anklagestand versetzt, zu diesem, der ihn im Kriege gegen Pompejus zu seinem Legaten n. nach der Eroberung Italiens j zum Oberbefehlshaber daselbst erhob. Nachdem er k die Schlacht bei Pharsalns mitgcmacht, kehrte er 5 als Bcfehlhaber der Reiterei und Statthalter von k Italien nach Rom zurück, wurde nach der Rück- s kehr Cäsars aus Spanien dessen Mitconsnl 44 u. I wollte ihm als solcher den Königstitel verschaffen; s indessen wurde bald darauf Cäsar ermordet, n. A. « hatte es nur dem Brutus zu verdanken, daß ihn k nicht auch der Dolch traf. Angesichts der Rath- P u. Thatlosigkeit der Mörder bemächtigte sich A. rs der Papiere Cäsars, seines Testaments und des ch Schatzes, verband sich mit dem an der Spitze einer p Legion in die Stadt eingerückten Lepidus, ent- tz flammte nun durch die dem Cäsar gehaltene Leichenrede das Volk zur Wnth n. Rache u. riß die un- f nmschränkte Gewalt über Rom an sich. Den » Adoptivsohn n. Erben Cäsars, den jungen Octa- t vianus, suchte er möglichst niederznhaltcn, bis 1 es diesem endlich gelang, sich die Gunst des Volkes ; zu erwerben u. damit den A. wider den Willen des Senats nach Gallia cisalpina als Statthalter I zu schicken, wo A. mit Decimus Brutus, der diese I Provinz verwaltete, in Krieg gerieth, während I in Rom seine Gegner, die Anhänger der Repn- I blik, die Oberhand gewannen. Endlich nach Ciccros I Reden gegen ihn für einen Feind des Vaterlandes ! erklärt n. von den Consnln Hirtius n. Pausa im ^ Verein nnt Octavian im April 43 bei Mntina t Antonius. 735 geschlagen, floh A. in Trauerklcidern über die Alpen nach Gallien in das Lager des Lepidns, wo es ihm rasch gelang, Heer u. Führer für sich zn gewinnen, so daß er schon knrze Zeit danach an der Spitze von 17 Legionen nach Italien verrückte. Dort stand Octavianns an der Spitze des republikanischen Heeres, wünschte indeß eine Aussöhnung mit Antonius n. Lepidns, veranlaßte die Rücknahme der gegen Beide gerichteten Scnats- decrete n. traf mit ihnen ans einer Insel des Neno, nach Anderen des Lavino zusammen: nach 3tägigcr Bcrathnng ward Ende- Octobcr 43 das zweite Triumvirat geschlossen, durch welches diese Drei die römische Welt unter sich theiltcn und Mord und Schrecken über Italien brachten. Ciceros Haupt n. rechte Hand ließ A. an der Rednerbllhne'ausstellen, von der herab derselbe seine Philippica gegen A. geschleudert hatte. 42 gingen A. n.Oc- tavian nach Makedonien u. machten bei Philipp! den Cassius u. 20 Tage später den Brutus, ihre beiden Gegner, unschädlich, worauf A. erst nach Griechenland u. von da nach Asien sich wandte u. in Kilikicn die Königin Kleopatra von Ägyp ten zur Verantwortung vor sich rief. Von deren Reizen geblendet, folgte ihr A., anstatt sic zu strafen, nach Alexandrien, in ihren Armen Politik u. Alles vergessend, bis trübe Nachrichten aus Italien ihn anfrüttelten. Sofort brach A. ans, nachdem er verschiedene Truppenkörper an sich gezogen; indeß schon vor seiner Ankunft in Italien war der kurze Krieg zn Octavians Gunsten entschieden, n. da auch Fnlvia, seine Gemahlin, inzwischen starb, wurde die Aussöhnung zwischen A. n. Octavian noch erleichtert durch die Vermählung des A. mit Oc- tavia, der Schwester Octavians. (Ans dieser Zeit datiren einige noch erhaltene Briefe des A.) So thcilten nun diese Beiden zu Brundisium 40 das Reich unter sich. A. erhielt den Orient, Octavian den Occident, Lepidns blieb Afrika. Nachdem das Volk in Nom beruhigt n. mit Sextns Pompejus ein Vergleich geschlossen war, ging A. nach Athen, wo er sich ganz der Wollust hingab, sich als Bacchus verehren und sich die Schutzgöttin Athene als Gattin antranen u. eine Million Drachmen als Aussteuer dazu geben ließ. Sein Legat kämpfte indeß siegreich gegen die Parther, während Octavian in Italien gegen Sextns Pompejus allein fechten mußte, worüber neue Mißhelligkciten ansbrachen, die A. veranlaßten, nach Tarent zu gehen, wo sie durch die Octavia vermittelt wurden. Von da Latin die Erneuerung des Trinmphirats auf 5 Jahre, ohne daß das Volk weiter befragt worden wäre; aber es war auch die letzte friedliche Zusammenkunft der Beiden. A. ging nach Asien, dort dem schändlichsten Leben sich hingebend, ohne alle Rücksicht ans Len Staat u. dessen Interessen gan-,e Provinzen an seine Geliebte Kleopatra und die mit ihr erzeugten Kinder verschenkend, einzig nur ihr, der Königin der Könige, huldigend, so daß endlich Octavian begann, solches Betragen in Rom zn kennzeichnen, das Volk gegen ihn auf- zurcizen, was um so leichter wurde, als A. zuletzt die edle, in Rom hochgeachtete Octavia öffentlich verstieß, um ganz der Kleopatra. sich hinzugebcn. A. seinerseits verklagte den Octavian beim Senat, wogegen dieser' mit seiner Gegenklage Senat u. Volk für sich gewann, zumal A. jetzt in der That auch Italien bedrohte, indem er seine Truppen n. Flotten an den Küsten des Miitelmcercs sammelte: der Kampf war unvermeidlich. Znm zweiten Mal wurde A. für einen Feind des Vaterlandes m zugleich der Kleopatra der Krieg erklärt. Am 2. Sept. 31 kam es zur Schlacht bei Actium, in der der entnervte A., sobald Kleopatra mit, ihrer Flotte floh, auch seine Flotte im Stiche ließ ihr nacheilend. Nachdem die so verwaiste Flotte geschlagen war, ging das 7 Tage umsonst seines Führers harrende Landhcer zn' Octavian über. Als A. die Niederlage erfuhr, wandte er sich nach Libyen, fand aber auch hier Las Heer ans Octavians Seite. Jetzt sah er erst den Abgrund vor sich u. wollte sich in sein Schwert stürzen, ward aber von seinen Freunden nach Alexandria gebracht, wo er sich rasch wieder den früheren sinnlichen Genüssen hingab und mit Octavian neue Unterhandlungen begann, gemeinschaftlich mit Kleopatra. 30 erschien Octavian, der mit Kleo- patra, wie sie mit ihm, ein Doppelspiel trieb, an der ägyptischen Grenze, n. sofort ging die ägyptische Flotte ans Geheiß der Kölligin zn ihm über, während A. das Landhcer führte, das aber ebenfalls sofort die Flucht ergriff, worauf auch er in die Stadt Alexandria flüchtete, dort, da er die von Kleopatra ausgesprengte Nachricht von ihrer Selbst- entlcibung erfuhr, sich in sein Schwert stürzte, sich aber, als er vernahm, daß sie doch noch lebe, zu ihr in das ihm verrathcne Versteck bringen ließ n. in den Armen der Undankbaren das Leben aushanchte (30 v. Chr.), A. war ein vielbcgabier, Menschen-».geschäftskundiger 'Mann, ein schlagender Redner, aber ein Mann ohne Charakter, nach oben schmeichlerisch, nach nuten tyrannisch, ohne Beständigkeit u. Grundsätze u. im höchsten Grade sinnlich u. schwelgerisch, -t) Marcus A. Primus, ans Tolosa, geb. 24 n. Chr.; ward wegen eines dem Domitius Balbns unterschobenen Testaments ans dem Senat gestoßen; diente dann unter Galba in Pannonien n. bot nach dessen Ermordung OS n. Chr. dem Otho seine Dienste gegen Vitellins an. Als darauf Vcspasianus gegen Vitellins austrat, schloß sich A. dem Vcspasianus an und drängte bei der Versammlung der Feldherren zu Petovio in Noricum zum sofortigen Allgriffe gegen Vitellins, nahm Aquiteja, schlug die Vitellianer bei Cremona u. eroberte Rom, wo er großen Einfluß ausübte, der aber nach Mucians Ankunft gebrochen wurde. Durch Vespasians Eifersucht gekränkt, zog sich A. nach Tolosa zurück, wo er den Wissenschaften lebte u. nach 84 n. Chr. st. 5) C. A. Saturninus, römischer Statthalter in Obergermanieu zur Zeit des Domitian; warf sich zum Gegenkaiser auf u. ward bald durch Norbanns besiegt. . II. Heilige: 6) St. A. (A. der Große, A. der Abt, A. von Theben), der Vater des Mönchthums, geb. um 251 in Ägypten, aus altkoptischer Familie; floh schon in seiner Jugend den geselligen Umgang, schenkte seine Habe den Armen u. lebte in asketischen Übungen zuerst mit älteren Geistesgenossen, dann, vor den Versnchnngcn der Dämonen fliehend, in einer Felsgrotte, später in einer alten Schloßruine. Seit 305 sammelte 736 Aiitviiiiissvuvr — Antrag. er Schüler um sich, errege durch Lehren u. Wunder Aufsehen, so daß rings um ihn die Wüste sich mit Eiusicdlerhütteu bevölkerte. Daun und wann kam er im hohen Alter nach Alexandrien, Verfolgte zu stärken, Ketzereien zu bekämpfen, auch wol den Märtyrertod anfznsnchen. Aber er starb friedlich 356. Tag: 17. Januar. Seine Überreste wurden gegen des Sterbenden Anordnung nach Alexandrien, von da nach Constantinopel n. 980 nach St.-Didier-la-Mothc gebracht n. galten fortan als Schutzmittel gegen Krankheiten, wie das Antoniüsfeucr, sowie auch Bilder von ihm (An- toninsbildcr) den Häusern, in denen sie ansgchängt werden, als Schutzmittel gegen Fencrsbrünste dienen sollen. Ans Dankbarkeit für eine Kur wurde der Antoninsorden gestiftet. Die Legende von seinen Versuchungen ist vielfach von Malern behandelt worden. Die ihm bcigclcgtcn Schriften sind unecht. 7) St. A. von Padua, gcb. zu Lissabon 1195, war erst Augustiner, dann Fran- ciscaner; unternahm 1221 eine Bekehrnngsreise nach Afrika, wo er jedoch Nichts ansrichtete. Er stndirte darauf Theologie und lehrte dieselbe in Bologna, Toulouse, Montpellier n. Padua, bald aber widmete er sich ganz dem Predigtamte n. fand in Italien n. Frankreich großen Beifall. Nach der Legende sollen sogar die Fische seiner Predigt gelauscht haben. A. st. 1231 zu Padua. 1232 wurde er kanonisirt; Tag: 13. Juni oder 20. März. Er ist Schutzheiliger von Padua n. Hildcshcim, sowie Patron der Fische, Pferde n. Esel. In Rom wird ihm das Fest der Thierwcihe gefeiert. Ikl. Gelehrte und Schriftsteller: 8) A. Mnsa, Freigelassener und Hausarzt des Kaisers Angustns, den er 23 v. Ehr. durch eine Kaltwasserkur von einer Krankheit rettete, wofür ihn der Senat mit einer Statue n. ritterlicher Auszeichnung belohnte. Schrieb: Ds eompositkoiw moäivnmsiwornm (verloren); zngeschricben wird ihm: Do betanken, heransgeg. von G.Hnmelberg mit Apulejns, Zür. 1537; Oarinon äo vakotnüine vanservancka, in Marcellus Empiricns' Do moäk- enmontis erhalten n. mit anderenArztenherausgeg.; I-'ruAinonts, heransgeg. v. Flor. Caldani, Bassano, 1800. i>) Älius A. .Nebrissensis, eigentlich Elio Antonio, ans Lebrija (sonst Ncbrissa), geb. 1-142 oder 1444; stndirte in Salamanca n. dann in Italien, wo er 10 Jahre lang alle Wissenschaften, namentlich Humaniora trieb. Rach seiner Rückkehr lehrte er 1473—1476 in Sevilla Grammatik, Rhetorik rc., wurde 1513 Professor zu Al- cala dG Henares n. st. 2. Juli 1522. Er war Mitarbeiter an der Complnkensischen Bibelpolyglotte n. schrieb u. a.: (juingnttFona, koeornm 8. 8erkpturas non vuIZaritor onarratornm, Paris 1520, Basel 1543 (in exegetischer Rücksicht vorzüglich merkwürdig, weil er sich an den Grnndtcxt der Bibel hält). Antoninsfcuer, 1) (heiliges oder persisches Feuer, Link ckss ^rckons. .irsnra), zu Ende des 11. Jahrh. in ganz Europa, besonders in Frankreich herrschende Volkskranthcit, bei welcher die Glieder brandig wurden u. abfielen, nach Fuchs (D. heil. Feuer im Mittelalter, Bert. 1834) identisch mit der brandigen Form der Kriebelkrankheit (Urg'otimrms Aanxraonomio); tödtcte unter de» I fürchterlichsten Schmerzen; wo der Tod nicht erfolgte, blieben die von der Krankheit Befallenen zeitlebens Krüppel. Nach St. Anlonivs genannt, weil dessen in der Kirche zu St.-Didier-la-Mothe anfbewahrten Gebeine Wunder gegen dasselbe ge- Ihan haben sollten. 2) (Brandiger Rothlanf) Die häufigste Form des Milzbrandes beim Schweine, dadurch charakterisirt, daß an der inneren Fläche der Schenkel, am Bauche, an der Brust n. am Halse rothe Flecken anftreten, welche rasch sich ansbrciten u. znsammcnfticßen n. alsdann eine einzige rothlanfartigc Anschwellung dieser Theilc dar-' stellen. Tt. Antoninskrant ist1)8crai>bnlarinugnn- tien; 2) Drunokkn vukAnrks; 3) Dpklobknm an- KnsMokium. Antoniuskreuz, ein -wie ein '1' gestaltetes Kreuz. Antoninsorden, 1) Mouche n. Klosterfrauen des St. Antonius, im 4. Jahrh. nach dem Vorbilde des St. Antonius in Afrika u. Asien entstandene Vereine, die noch jetzt in jenen Ländern viele Klöster haben u. nach St. Antonius' Regel wenigstens sich nennen. 2 ) (Antonier, Antoniner, Regnlirte Chorherren des St. Anton von Vienne, Hospitaliter von St. Anton) vom Ritter Gaston I095zn Vienne ans Dankbarkeit für die Rettung seines Sohnes von dem St. Antoninsfeuer als Hospita- litcrvcrcin gestiftet, 1096 von lkrban II. zur Angnstinischen Ehorhcrrenschaft erhoben n. bald über ganz Europa verbreitet; 1502 vom Kaiser Max I. mit einem Reichswappen beschenkt; 1616 wegen vieler Mißbräuche reformirt; behielt zuletzt nur noch seine Comthnrei zu Höchst, welche 1803 auch einging. Tracht: Weltpriesterrock n. Baret schwarz, auf der linken Brust ein himmelblaues Antoninskrenz. Antonomasie (gr., Rhet.), Umbenennung, lat. Dronoininatko, die Erwähnung eines Gegenstandes nicht durch seinen Eigennamen, sondern Lurch ein Prädicat, z. B. Pelidc für Achilleus, der Fürst der römischen Beredtsamkcit für Cicero. Antorf, s. Antwerpen. Antrag, die Aufforderung an eine bestimmte Person oder eine Mehrheit von Personen, einem von dem Anfsordcrnden (A-stcller) knndgegebencn Willcnsact, sei derselbe nur aus Annahme eiiicr Ansicht, oder ans eine Handlung, oder ans den Abschluß eines Rechtsgeschäftcs gerichtet, beizntretcn. Durch die A-stellnng letzterer Art ist weder der Anfgcfordertc in irgend welcher Weise gebunden, noch, so lange dieser eine bestimmte Erklärung, wie er sich zum A. stelle, gegeben, der A-steller. Bei Handelsgeschäften (Handelsgesetzbuch Art. 318 bis 323) muß aber über einen Antrag unter Gegenwärtigen sogleich die Erklärung abgegeben werde», widrigenfalls der A-stcllcr an seinen A. nicht mehr gebunden ist; wird der A. ans brieflichem Wege gestellt, so ist der Antragende dis zu dem Zeitpunkte gebunden, zu welchem bei ordnungsmäßiger rechtzeitiger Absendnng der Antwort diese eingegangcn sein kann. Trifft die rechtzeitig abgesandte Annahme-Erklärung erst nach diesem Zeitpunkte ein, so besteht der Vertrag nicht, wenn inzwischen oder sofort nach Eintreffen der Annahme der A-steller seinen Rücktritt erklärt hat. 737 Antmigncs - Eine nur bedingte oder beschränkte Annahme des A-es gilt als Ablehnung desselben n. Stellung eines neuen A-es. Ein Anerbieten znin Verkaufe durch Preislisten, Muster u. Proben ist kein zum Kaufe verbindender A. Parlamentarisch ist der A. die in geschäflsordnungsmäßiger Form n. unter Klarlegung der Motive dazu ausgesprochene Forderung, eine in den Geschäftsbereich der betr. Versammlung gehörende Sache zum Gegenstände der Verhandlung behufs bestimmter Beschlußfassung darüber zu machen. Solche Anträge können von der Kammer u. ihren einzelnen Mitgliedern, wie von der Regierung gestellt werden, außer in England, wo die Minister nur in ihrer Eigenschaft als Parlamentsmitglieder Regierungsanträgc ein- bringeu können. Über die Form der A-stellnng bestimmt das Gesetz, bez. die Geschäftsordnung. Antragsverürechcn u. A-vergchen, solche Verbrechen u. Vergehen, welche nur dann bestraft werden, wenn der Verletzte vom Gerichte die Bestrafung verlangt (darauf anträgt). Das gemeine Recht bezeichnet als solche Injurien u. Verleumdungen, Ehebruch, Entführung, Betrug; das Strafrecht (s. unser Deutsches Strafgesetzbuch v. 15. Mai 1871) läßt die Verfolgung von Verbrechen wider deutsche u. fremde Souveräne, wider die Sittlichkeit (Noth- zncht, falsche Vorspiegelung behufs des Beischlafes), wider die öffentliche Ordnung (Hausfriedensbruch), wider die persönliche Freiheit, wider Treu und Glauben, wider das Eigenthum, wider die Ehe j u. das Verhältniß der Ehegatten unter sich rc. nur auf Antrag eintreten. Antragsberechtigt ist jeder durch die That Verletzte, wenn nicht ausnahmsweise ein besonders Berechtigter bezeichnet ist. Der Antrag kann mündlich oder schriftlich bei den für die Strafverfolgung bestimmten Beamten n. Behörden gestellt werden. Die Zurücknahme des Antrages ist in der Regel bis zur Verkündung eines auf Strafe lautenden Erkenntnisses zulässig, nur bei Nothzncht ist die Befugniß dazu auf die Zeit bis zur Erhebung der förmlichen Anklage beschränkt u. bei Beleidigungen auf die Zeit bis zum Beginne der Urtheilsvollstreckung ausgedehnt. Während die Staatsbehörde n. das Gericht nach gestelltem Strafantrage alle zur Überführung n. Bestrafung erforderlichen Schritte, also auch die Beweisführung, resp. Beschaffung der Beweismittel von Amts wegen zu betreiben hat, ist bei leichteren Injurien u. Beleidigungen die Beibringung der Beweismittel dem Antragsteller überlassen. Antraigues, Flecken im Arr. Privas des frauz. Dep. Ardöche; zahlreiche Mineralquellen, Schloßruinen; 1872 1434 Ew. Die Umgegend ist durch Naturschönheiten und merkwürdige vul- canischc Gebilde (dlmusses des Asants, Riesenweg) berühmt. Antraigues, Ein. Louis Henry Delaunay, ! Comte d'A., geb. um 1755 in Villeneuvc de Berg (Dep. Ardeche); war erst Soldat u. machte dann eine Reise in die Türkei. Nachdem er sich darauf in den Strudel der vaterländischen Verhältnisse geworfen u. 1788 durch sein Nsrnoirs snr Iss ütats Aenöraux die revolutionäre Bewegung gegen das Königthum gefördert hatte, wurde er 1788 in die Generalstände gewählt, aber von seinem früheren Lehrer, dem Abbs Maury, für die monarchischen Piercrb Niiwersal-Conversalions-Lexikon. t>. I — ^iitriiili. Grundsätze gewonnen. Er vcrtheidigte nun die Vorrechte des Adels, widersetzte sich der Vereinigung der drei Stände u. stimmte für das Veto des Königs; 1790 trat er aus der Versammlung u. ging dann mit diplomatischen Aufträgen der Bourbonen nach Petersburg u. Wien; 1797 nach Italien gesendet, ward er zu Mailand aus Befehl der frauz. Regierung 1798 verhaftet, entkam jedoch mit Hilfe seiner Gemahlin, der früheren Opernfängerin St. Hnberry, und ging wieder über Wien nach Petersburg; hier trat er zur Griechischen Kirche über u. ward 1803 russischer Staatsrath, u. als solcher mit diplomatischen Aufträgen nach Dresden gesandt, wo er gegen Napoleon die Schrift: IkraAiusut ein XVIII. livrs cks^I'o- 1) bs, trouvs snr Is mont Xtiros, verfaßte. Dadurch, daß er nach seiner Entweichung nach London die größtentheils England betreffenden geheimen Artikel des Friedens von Tilsit der englischen Regierung mittheilte, erlangte er in England großen Einfluß in den französischen Angelegenheiten. Er wurde am 22. Juli 1812 aus einem Landhanse bei London nebst seiner Gattin durch seinen Kammerdiener erschossen. Antreten, sich au den gehörigen Ort stellen, so zum Tanzen, zum Fechten, von Soldaten beim Beginnen des Marsches oder des Exercirens; 2) (Vogels.) sich ans den Antritt setzen; s. u. Nvgclherd. Antrim, 1) Grafschaft in der irländischen Prov. Ulster, die wegen des an ihrer Nordküstc befindlichen Riesendammcs (Kiauts-Oauservax) besonders bekannt geworden ist: dieser besteht aus schönen, senkrecht gestellten Sänlenmasscn von Basalt, die sich weit ins Meer hinaus erstrecken. A. hat 2882 siüüm (52; jDM), mit (1871) 419,782 Ew.; ist meist hügelig, im Innern fruchtbar, mitunter sumpfig n. enthält unter den vielen Seen den IwuAÜ Xsaß-Ir, den größten Irlands. An Prodnctcn sind erwähnenswert!) viel Getreide, dann Flachs, Kartoffeln, Rinder, Fische, Steinkohlen und elwas Eisen; Hauptstadt Belfast. 2) Stadt hier, am fischreichen See Neagh; Bleichen; 2130 Ew. 3) County im nordamerikanischen Unionsstaate Michigan, unter 45" n. Br. u. 85" w. L.; 1985 Ew. Antrimölith, ein Mineral aus der Grafschaft Antrim in Irland u. eine Varietät des Mesolith. Antrodoco, St. im Distr. Cittaducale der italienischen Prov. Abruzzo ulter. II., am Flusse Velino; wichtige Märkte; 3780 Ew. üntroüsxlo uteri (Vutroversio ntsri), Vorwärts- bengung der Gebärmutter, wobei die Längsachse der letzteren horizontal liegt; die Vorwärtsneigung der Gebärmutter, bei welcher die Längsachse dieses Organs nur wenig von der Norm abweicht, kann als unterste Stufe der X. n. betrachtet werden. Dem sog. Häugebanche der Schwangeren liegt A-n zu Grunde. Am besten ist es, wenn Frauen, deren Gebärmutter nach vorn geneigt ist, eine entsprechende Bauchbinde nagen u. nachts in der Rückenlage mit etwas erhöhtem Kreuze verharren; bei größeren Beschwerden ist ärztliche Hilfe unbedingt anznrufen. Lntrum (lall), 1) Höhle, Grotte; z. B. in Rom X. tlaoi, X. I'auni et i?ici; s. Rom (a. Gcogr.). . Band. 47 783 Autriistwncn 2) (Anat.) Sutrum IligRnwri. Highmorshöhle, großer Hohlraum im Oberkieferkuochen, der mit der Nasenhöhle durch eine Öffnung in Verbindung steht. pzkvri, Ausbuchtung in der Nahe des Darmendes des Magens, des sog. Pylorus. 3) (Bot.) Fruchthöhle, Kernhaus der Apfelfrucht; früher wurde die ganze Apfelfrncht auch A. genannt. Nntrustioncn heißen in der fränkischen, vorkarolingischen Zeit Personen, welche im königlichen Gefolgschaftsverbande standen, von truatm, dem Treuverbande, in welchem sie zum König sich befanden. Dieses Verhältniß drückte sich durch Ablegung des Fidelitätseides in die Hände des Königs aus, dessen Haus- u. Tischgenossen, ausgewählte Dienerschaft u. besonderes Gefolge ans den Reichstagen sie waren. Ihrer erhöhten Stellung gemäß hatten sie ein dreifaches Wergeld. Jn- deß konnten auch nicht blos vornehme oder freie Franken, sondern auch Römer, Lidi u. selbst unfreie königl. Hausgenossen in das Verhältniß der A. ausgenommen werden, worauf ihnen dann auch dreifaches Wergeld wurde. Antunnäcum (a. Geogr.), Ort der Ubier in Gallien; jetzt Andernach. Antwerpen (älter deutsch auch Autors, franz. ^nvsrs, lat. ^utrvsrpia), 1) Prov. in Belgien, früher das französische Dcp. beider Nethen, der alten Markgrafschaft A. u. Herrschaft Mecheln entsprechend, zwischen Nord- und SBrabant, Limburg und OFlandern; 2836 Hjüin (51,g sJM); bei der Zählung vom I. 1866 473,167, 1870 nach bloßer Berechnung der Ab- und Zugänge 492,482 Ew., Flamänder, katholischer Confessio». Flüsse: Schelde, die hier die Rüpel mit der Nethe, Dplc u. Senne aufnimmt; viele Kanäle. Boden meist flach u. sandig, in den nördlichen Theilcn morastig u. haidig (die Campine); Klima feucht, gemäßigt; Acker- und Gartenbau, Handel, Industrie (besonders Spitzenklöppelci) n. Viehzucht; 3 Bezirke: A., Mecheln und Tornhont. 2) Hauptst. der Prov., erste Handels- u. Seestadt, stärkste Festung u. Hauptwaffenplatz von Belgien, Sitz des Gouverneurs u. des I. der beiden (seit Nov. 1874 bestehenden) belgischen General- Commando-Bezirke, am rechten Ufer der hier für Seeschiffe fahrbaren Schelde, mit trefflichem, aus 2 älteren (von Napoleon I. angelegte») und 4 neueren Bassins u. Docks bestehenden Hafen für mehr als 1000 Schiffe. Die alten Festungswerke sind in großartigster, Leu neueren Anforderungen entsprechender Weise durch Forts erweitert und neu errichtet worden; das Gebiet der Stadt hat dadurch eine sechsfache Erweiterung gewonnen. Die Stadt hat schöne Kirchen, darunter die Kathedrale Unserer Lieben Frauen (in goth. Stil 1422—1518 nach Amelins' Plan gebaut), eine der großartigsten Kirchenbauten Europas, in Belgien und den Niederlanden unbedingt den ersten Rang einnehmend; darin Gemälde von Rubens, die Kreuzabnahme u. Kreuzerhöhung u. v. a.; besonders prachtvoll ist der unvergleichlich schön durchbrochene, 120 in hohe Thurm, der ein Glockenspiel von 99 Glocken enthält; der zweite Thurm ist nur auf ein Drittel der Höhe gebracht. Sehr bemerkens- werth sind auch die Jakobskirche (mit Rubens, — Antwerpen. Grabmal), Pauls-, St. Augustiuskirche u. a. Andere Gebäude u. Anstalten: die nach Stil u. Plan der i. J. 1531 erbauten, 1858 abgebrannten, 1869—1872' neu errichtete Börse, das Haus der Osterlinge (Hanseatisches Haus, einst Niederlage der alten Hansa), Arsenal, schönes Rathhans; Rubensdenkmal (1840 errichtet) und Van-Dyk Standsänle (seit1856); kgl. Gymnasium (Lklieneo), Schisifahrtsschule, Bibliothek; Akademie der schönen Künste (als Brüderschaft von St. Lucas im Anfänge des 15. Jahrh. entstanden, brachte die berühmtesten Maler der Flandrischen Schule hervor n. erhielt 1510 den Namen 'Akademie der Bildhauer- und Malerkünst, 1855 reorganisirt), Königl. Gesellschaft der Grammatik u. Poesie, Gesellschaft der Freunde der Künste u. des allgemeinen Nutzens; Museum (ein ehemaliges Karmeliterkloster, reich an Gemälden aus der Flämischen Schule, besonders von Rubens, Quiu- tin Messis, Voß, Jordans, van Dyk rc.), Zoologischer Garten (11 da groß). Mannfacturen und Fabriken in Spitzen, Tapeten, Tuch, Baumwolle, schwarzen Seidenstoffen, Kattun, Zucker, Bleiweiß, Gold- u. Silberwaren; Schiffbau, Zuckersiedereien, Brauereien, Edelsteinschleifereien. Handel bedeutend u. dauernd im Aufschwünge begriffen. Die Anzahl der 1873 in A. eingelaufenen Schiffe fremder Nationen betrug 4797, darunter 362 unter deutscher, 2319 unter französischer n. 440 unter holländ. Flagge. Die Antwcrpener Handelsmarine selbst betrug Ende 1873 47 Fahrzeuge mit 4l,156 Tonnen Gehalt. Die Ausfuhr erreichte 1873 den Werth von 15,316,052 Fcs., die Einfuhr stieg über 20 Will. Fcs. Regelmäßige Dampferlinien nach Hamburg, Bremen, Petersburg, Rotterdam, London, Liverpool, Havre, Bordeaux, Lissabon, Odessa u. a.; überseeisch nach Brasilien, Havana, New-Iork. Die Zahl der über Antwerpen verschifften Auswanderer belief sich 1873 auf etwa 12,000. Eisenbahnlinien nach Gent, Mecheln (Brüssel), Mastricht, Rotterdam u. weiterhin mit Anschlüssen nach Deutschland n. Frankreich. Kanalvcrbindungen nach Holland n. zur Maas u. damit auch nach den vorbenanntcn Ländern. An Handelsinstituten besitzt die Stadt Central- bauk, Zweigbank der Belgischen Bank u. Filiale der 8ooists Generals in Brüssel, Handelsbank, Jndustriebank, Börse, Handelsgesellschaft, Handelsgericht rc. Geburtsort von beiden Teniers, Vau Dyk, Segher, Crayer, Floris u. Brill. Einwohnerzahl nach der Schätzung voml.Jan.1874: 153,655. Geschichtliches. N. kommt zuerst im 8. Jahrh. vor, u. durch seine zum Handel geeignete Lageblühle es so schnell auf, daß es im 11. u. 12. Jahrh. schon ein bedeutender u. reicher Platz u. im 16. Jahrh., nachdem die Hansa ihre Magazine von Brügge nach A. verlegt hatte u. damit alle fremden Kauflcnte, mit Ausnahme der Spanier, nach A. zogen, der Mittelpunkt des Welthandels war u. oft zugleich 2500 Schiffe in seinem Hafen geborgen haben soll, während in jeder Woche über 2000 Frachtwagen den Verkehr mit Deutschland u. Frankreich vermittelten, wobeidieZahlderEw. auf 200,000 gestiegen war. Unter Karl V. war die Stadt (damals meistens Antgef genannt) die schönste der ganzen Christenheit. Diese Glanzperiode überdauerte jedoch nicht 739 Amw-rpener Blau — Amine das 16 . Jahrh. Unter den Folgen der religiösen Unruhen in den Niederlanden litt die Stadt am meisten, so Laß sie schon nach wenigen Jahrzehnten verödet war. 1540 wurden die früheren Festungswerke durch den Italiener Paciotti angelegt. Herzog Alba ließ 1568—72 die Citadelle bauen. Am 4. Nov. 1576 kam es in der Stadt zwischen den deutschen u. ständischen Truppen einerseits u. den Spaniern anderseits zum Kampfe, wobei die Verschanzungen der Erstcren erstürmt, die Stadt geplündert, 600 Häuser verbrannt und 10,000 Bürger getödtet wurden (Spanische Furie). Am 1. Aug. 1577 wurde den Bürgern die Citadelle eingeränmt, worauf sie die die Stadt domi- > nirenden Forts zerstörten. Im I. 1584 belagerte -! der Statthalter Alexander Farnese A. u. eroberte es trotz der tapferen Vertheidignng von Philipp , Marnix, Herrn von Mont-Saiute-Aldegonde, nach ; 14monatlichcr Belagerung durch Capitulation am 17. Ang. 1585, worauf alle Protestanten die 1 Stadt verlassen mußten. Am 2. April 1609 Abschluß des 12jährigen Waffenstillstandes zwischen den Verein. Niederlanden u. Spanien. Durch die Abtretung der Scheldemünduug an Holland (im Westfälischen Frieden „1648) wurde der Handel von A. vernichtet. Im Östcrr. Erbfolgekriege wurde die Citadelle vom Marschall v. Sachsen 1746 erobert; nach der Schlacht bei Jemappes öffnete die Stadt den französischen Truppen ihre Thorc (5. Nov. 1792). Erst durch die Eroberung der > Stadt von Seiten der Franzosen unter Pichegru (Juli 1794), u. ihre Vereinigung mit Frankreich wurde die Schelde wieder geöffnet u. damit auch dem Handel wieder aufgeholfen. Durch Decret vom 21. Juli 1803 wurde A. zum Kriegshafen erklärt u. daun die Festungswerke verstärkt. Vom 3.—5. Febr. 1814 wurde der Platz durch Engländer u. Preußen unter Graham blokirt und bombardirt u. vom Gouverneur Caruot am 5. Mai übergeben; s. Rnssisch-deutsch-franz. Krieg von 1812—14. A. kam nun zum Königreich der Niederlande. Als sich 1830 die Belgier gegen die Regierung empörten, zog sich der Gouverneur Chasse in die Citadelle, n. als diese von den Empörern angegriffen ward, ließ Chasse am 27. Oct. das Stadtviertel St. Andreas bombardiren, wobei das Arsenal niederbrannte. Nach den Bestimmungen der Londoner Cvnferenz sollte A. bei Belgien bleiben, Holland wollte aber die Ci- ladclle nicht räumen, weshalb ein franz. Armeecorps von 43,000 Mann unter Gcrard vor A. erschien, in der Nacht aus den 30. Nov. 1832 die Trancheen cröffnete u. die Citadelle beschoß; erst nachdem das Fort St. Laurent den 14. Dec. genommen u. später in die Bastion Bresche gelegt worden war, capitulirte Chasse (am 23. Dec.). I Seitdem gehört die Stadt zu Belgien. Wegen i der seit 1858 projectirten Neubefestiguug der Stadt lag diese lange Zeit mit der Regierung in Streit, der erst 1870 durch Concessionen von Seiten > letzterer sein Ende fand. Durch den zwischen der ^ belg. Regierung u. Strausberg in Berlin abgeschlossenen Vertrag sollte letzterer die Schleifung der südlichen Citadelle ausführeu; er trat seine Rechte an die (iompLAnis immobilisrs ab, wogegen A. sehr energisch protestirte. Erst im März 1874 gelang es der zähen Ausdauer der Stadt, ihre Forderungen dnrchznsetzeu und die Schleifnngs u. Anlagearbciten selbst zu übernehmen. Am 17. Aug. 1874 erfolgte die Sprengung der berühmten Citadelle von A., deren Bau genau 300 Jahre vorher begonnen, im Beisein des Königs Leopold II. Im I. 1863 erfolgte die Ablösung der Scheldezölle; von dem ans 36 Millionen angesctzteu Rllckkaufscapital übernahm A. etwa ein Drittel. S. Belgien. Vgl. auch E. Gens, ili-t. äs la vilks ä'^nvsrs. Äntw. 186l. Antweriicucr Blau, Mincralblan, vom Berliner Blau 'durch seine hellere Färbung, in Folge des größeren Thoncrde-Gchaltes, unterschieden. Nun (On), Stadt in Unterägypten; s. Heliopolis. Amr, assyrisch-babylonische Gottheit, auf den Denkmälern durch den mit einer Fischhaut bekleideten Mann darstellt, der Oannes der Griechen. Anüürs (eigentlich Anepn, ägypt. Myth.), Sohn des Osiris u. der Nephthys. Isis, die Gemahlin des Osiris, erzog den fremden Schn und suchte niit ihm den Leichnam des Osiris. Man verehrte den A. als Wächter und Schützer der Grenze Ägyptens, auch als Wächter an den Pforten der Ober- u. Unterwelt, welcher die Seelen ans der einen in die andere führt und dort die Thaten der Verstorbenen mit Horos abwägt. Abgebildet ward er mit einem Schakals- oder mit einem Hundskopfe, mit spitziger Schnauze und Ohren, in der Rechten das Sistrum, in der Linken den Schlangenstab haltend. Bei den Griechen wurde er mit Hermes ideutificirt, daher auch Her- manubis genannt. /lnüra (Zool.) oder Latwaotna, so v. w. uuge- schwänztc, froschartige Amphibien. Annradschaptlra (Anarodgbnrro), bei den Griechen Anurogrammon, die jetzt in Ruinen liegende alte Hauptstadt der Insel Ceylon, angeblich 2300 v. Chr. erbaut u. einst Hauptsitz der buddhistischen Hciligthümer, vor Allem Aufbewahrungsort des h. Zahnes Buddhas, der heiligsten Reliquie. Noch jetzt zeugen die Trümmer von der Größe der Monumente: Terrassen für die heiligen Feigenbäume, ein großes Viereck von 1600 Säulen, große Mausoleen mit Reliquien Buddhas, von denen noch einzelne Säulen, Basreliefs rc. erhalten sind. Anurie (v. gr. a privalüvnin, üron, Harn) oder Jschnrie (isoliö, ich hemme), gnxprossio uri- nas, nach Julius Vogel ein höherer Grad von Verminderung des gewöhnlich entleerten Urins, bis zur völligen Unterdrückung der Harnsccrctiou; die geringeren Grade dieses Leidens nennt Vogel Oligurie (oliZos, wenig). Die A. ist entweder vorübergehend, oder dauernd. Organische Nierenkrankheiten, acute Nierenentzündungen, Harnsteine in den Nieren, der Prvceß der asiatischen Cholera, außerdem Leiden der Harnleiter, Harnblase, Krampf des Schließmuskels der Blase, dies alles veranlaßt A. Die Folgen, besonders der andauernden A. können sehr bedenklich werden. Der Urin wird concentrirter u. schlägt leicht Harnsedimeute, Harnsteine nieder; im Zellgewebe erfolgt leicht Wasserausscheidung (Wassersucht), oder es entsteht durch Zersetzung des Harnstoffes Harnvergiftnng des Blutes (Urämie), die unter den fürchterlichsten Er- 740 ^uns — Anwartschaft. scheinungen verläuft u. tödtlich ausgeht. Die Behandlung der A. richtet sich nach den Ursachen. Vgl. I. Vogel, Krankheiten der harnbcreitenden Organe, Erl. 1865. Anus (lat., Anat.), der Aster; Analöffnung, so v. w. Afteröffnnng; Analarterien, Analvenen, zusammen Analgesäße genannt. Lnus xrastor- natnralis, so v. w. widernatürlicher After, After an falscher Körperstelle. S. n. After. Anvari, einer der berühmtesten u. gelehrtesten persischen Dichter, der am Hofe des Seldschuken- fürsten Saudschar lebte, als Satiriker u. als Lobdichter gleich ausgezeichnet; er starb im I. 1190 oder n. A. 1200 n. Ehr. in Balkh. Ausführliche Lebensbeschreibung von Vnllers in seiner Festschrift zum 50jährigen Stiftnugsjubiläum der rheinischen Universität Bonn vom 2. Ang. 1868. S. auch Jos. v. Hammer, Gesch. der schönen Redekunst Persiens, Wien 1818, S. 88 ff., worin mehrere Proben von A-s noch nngedrnckten Gedichten in deutscher metrischer Übersetzung. Auville, Jean Baptiste Bourgnignon dÄ., berühmter französischer Geograph, gcb. 11. Juli 1687 zu Paris; schon in seinem 22. Jahre erster Geograph des Königs, später Privatsecretär des Herzogs von Orleans u. 1775 Adjunct der Akademie der Wissenschaften; st. 28. Jan. 1782. Cr gab heraus: 4tlas Asnöral, Par. 1737—80, gr. Fol., 46 Karten in 66 Blättern; Ronvol Xtlas cts In 6Inns, Haag 1737, 42 Blätter; ücklas nntignns major, Par. 1768, Fol., 12 Bl.; dazu als Text OeoZ'rnpiüs anoieiuw, Par. 1768, 3 Bdc. (Nachslich, Nürnb. 1784, Fol., 12 Bl., Text dazu bearbeitet von Hummel, Stroth, Heeren, Bnms, Ditmar n. Paulus, ebd. 1794—98, 3 Bde.); schr.: Utats borinss ouLnrops aprös In elrüts clo I'smpirs rowaill sn Oooiäont:, Par. 1771 (deutsch von Dil- linger, Nürnb. 1782 u. 1796); ikraitö ckss mssuros itinörairss anvisnnss sb moäsrnes, Paris 1769; Mnvres, von Bemanne heransgeg., Paris 1834. Seine über 10,000 Nummern enthaltende Land- kartensammlnng wurde von der französischen Regierung für die kvnigl. Bibliothek erworben. Anwachsung (Med.), Vereinigung zweier Flächen Lurch ausgeschwitzte, eine feste Verbindung bewirkende Lymphe, in Folge von Entzündung; kann behufs Heilung mit Absicht erwirkt werden, oder aber krankhaft sein. Anwalt, Vertreter eines Anderen in Rechts- angelegcnheiten, besonders vor Gericht, und zwar entweder kraft ertheilter, oder kraft vermutheter Vollmacht. Als vcrmnthete Bevollmächtigte gelten nahe Verwandte, Streitgenossen u. zuweilen auch Verwalter, Rentmeister, oder andere Privatbeamte; sic werden einstweilen als Vertreter zugelassen, müssen aber Vollmachten uachbringen. Den ständigen A. einer Gemeinde oder sonstigen Körperschaft nennt man vielfach Syndicus, eine ans der römischen Kaiserzeit stammende Bezeichnung. Die A-schast ist heutzutage vielfach mit der Ad- vocarnr verschmolzen u. begreift danü auch das Ertheilen von Rath u. die Gewährung von Rechtsbeistand durch Wort u. Schrift in sich; doch unterscheiden sich A. u. Advocat wesentlich von einander, indem dieser der Partei beisteht, neben ihr steht, jener für die Partei einsteht, sie vertritt, vor Gericht, wie dem Gegner gegenüber. S. Advocat, Consnlent, Syndicus, Attorney, Staatsanwalt. Anwaltszwang, die gesetzlich ausgesprochene Verpflichtung der Parteien, sich in gewissen, namentlich wichtigen, vor Collcgialgerichte gehörigen Sachen eines Anwaltes zur Betreibung ihrer Rechts- n angelegenheiten zu bedienen. Der A. besteht in den Rheinlanden, wo das französische Verfahren gilt, in so fern, als die Partei, abgesehen von den vor Friedens- n. Handelsgerichte gehörigen Sachen, ihre schriftlichen Anträge u. Schriftstücke nur durch einen Anwalt anfertigen lassen darf u. selbst bei persönlichem Eintreten in der mündlichen Verhandlung doch einen solchen zur Seite haben muß. Der Entwurf zur Deutschen Civilproceß-Ordnnng hat denselben auch angenommen und schreibt im Z 72 vor, daß die Parteien sich vor den Landgerichten u. allen Gerichten höherer Instanz immer durch einen Rechtsauwalt vertreten lassen müssen. Wo für Criminalsachen die Strafproceß-Ordunng das mündliche Verfahren mit Geschworenen angenommen hat, ist meist die Zuziehung eines Ver- theidigers aus dem Anwaltstande als wesentliche Bedingung der Giltigkeit des Verfahrens vorgeschrieben n. somit der A.< u. zwar hauptsächlich > mit Rücksicht darauf, daß damit eine sachgemäße > Vertheidigung gesichert und auf schnellstem Wege eine sachgemäße Entscheidung des Richters geför- ! dert wird, gerechtfertigt. Man hat den A. verwerflich erklärt u. sich dabei auf die alten Zeiten s berufen, wo bei allen freien Nationen jeder Bürger frei selbst u. allein vor Gericht ausgetreten sei. > Abgesehen, daß dies nicht historisch nachweisbar, 8 so besteht doch zwischen den damaligen, höchst ein- > fachen politischen, volkswirthschaftlichen u. privat- g rechtlichen Verhältnissen n. den heutigen ein ge- ^ wattiger Unterschied. Je freier der heutige Jurist ! dem Buchstaben des Gesetzes gegenübersteht, je j weniger die neueren, Öffentlichkeit n. Mündlichkeit ! dnrchführenden Proccßordnnngen die Formen der !. Rechtsvcrfolgung einengcn, nur so dringender ist ! dafür zu sorgen, daß die Vorträge der Parteien s kurz, sachgemäß, klar, den nöthigen Tact und die U unerläßliche Achtung auch vor dem gegnerischen i Rechte beobachten. Dem Laien würde dies, wie h! das Erfassen der Rechtssätze, wie sie sich ans un- i serem Verkehrs- n. Rechtsleben jetzt bilden, unendlich schwer fallen, ja, unmöglich sein; das Interesse des Laien erfordert vielmehr den A. h Anwartschaft, Exspectanz, das auf Grund ü ertheilter u. angenommener Zusicherung erworbene l. Recht, eine Nutzung oder Stelle im Falle der Erledigung derselben zu erhalten, dann aber auch das auf bereits bestehende Verfügung sich stützende Recht ans den Anfall einer Sache (Erbschaft). Die ( A. hat sich besonders im Lehenrecht entwickelt, in- ^ sofern Könige n. Landesherren in Ermangelung f eines eben erledigten Lehens den durch Verdienst oder besondere Gunst für Verleihung eines solchen H Ausersehenen die Zusage machten, daß ihnen, so- 3 bald ein Lehen aus irgend welchem Grunde erle- 8 digt würde, dasselbe zufallen solle; allgemeine S Exspectanz, im Gegensätze zur speciellen, wenn ein : ganz bestimmtes Lehen zngesichert worden. Dann fl scheidet man auch in einfache n. gnalificirte A. t Bei ersterer hat der Anwärter nur das persönliche k' 741 Anweisung. Recht, im Falle der Erledigung den Lehcnsherrn an die Zusage zu erinnern n. die Belehnung zu verlangen, während bei der letzteren derselbe sofort ohne weitere Verwilligung unmittelbar nach der Eröffnung das Lehen antreten, von ihm Besitz ergreifen kann, nachdem ihm dieses Recht bereits mit der Zusage des Lehens zugestanden worden. In ähnlichem Verhältnisse stehen die A-en in solchen geistlichen Anstalten, die, durch die Säcu- larisation ihrer eigentlichen Bestimmung entfremdet, nun bestimmt sind, Unterhaltsmittel n. Pensionen an Pfründner zu ertheilen; solche A-en bestehen namentlich noch bezüglich säcularisirtcr Stifter, Domkapitel rc. Ans Ämter u. öffentliche Dienste, also ans das staatsrechtliche Gebiet A-en herüberznziehcn, ist rechtswidrig, ein Mißbrauch. Kommt sie vor, d. h. wird Jemandem die Zusage ertheilt, daß er bei Offenwerden einer Stelle Berücksichtigung finden solle, so darf aus dieser Zusage noch kein Recht für den Kandidaten gemacht werden. Nur bezüglich solcher Fälle, wo einem Amtsinhabcr wegen vorgerückten Alters oder geschwächter Gesundheit, oder damit ein Geschäftskundiger, Eiugeübter bei Eintritt der vollständigen Lcistnngsnnfähigkcit desselben zur Hand sei, ein Hilfsbcamter bcigegeben wird, kann eine A. für diesen Letzteren als zulässig angenommen werden, vorausgesetzt, daß eben unter einer Stockung oder Unterbrechung gerade in diesem Amte das allgemeine Interesse leiden würde. Die A-en auf Hof- - ämter können rechtlich nicht als Mißbrauch be- ' zeichnet werden, die auf Erbhofämter fallen aber, wie die Fideicvmmisse, unter die A-en auf Erbfolge. Anweisung, 1) (Pädag.) der theoretische Unterricht, der ohne unmittelbaren Bezug ans das Handeln nur die Grundsätze entwickelt, ans welchen das Handeln beruhen soll. Im Fortschreiten wird sic Anleitung, L. h. Nachwcisnng zur Anwendung der Grundsätze ans das wirkliche Leben unter den Angen des Lehrers, doch in Bezug n. in steter Rücksicht ans empfangene Belehrung. 2) Assignation (Rechts- und Handclsw.) der Auftrag, welcher einen Anderen bevollmächtigt, an einen Dritten eine Sache anszuliefern, oder eine Summe Geldes zu bezahlen, und zugleich diesen Dritten zur Entgegennahme oder Erhebung der Sache oder Summe ermächtigt, oder, wie das Preußische Landrecht sich ansspricht: „Den Auftrag, Etwas, das der Zinstragende vom Dritten zu fordern hat, für eigene Rechnung zu erheben." Die Form ist meist, wie folgt: Gut für 100 Fl. Prag, den 7. März 1875. Gegen diese meine 'Anweisung zahlen Sie an Herrn Heinrich Seydlitz oder Ordre einhundert Gulden. Joseph Wcnzig. s Zlu Herrn Ernst Kahler in Wien. Wenzig ist hier der Anweisende (Assignant), Seydlitz der zur Erhebung Angewiesene (Assignatar), Kahler der zur Bezahlung Angewiesene (Assignat). Wenn auch ein Schuldverhältniß zwischen den Interessenten bei der A. als Anlaß angenommen werden kann, so ist es doch nicht unerläßliche, selbstverständliche Voraussetzung derselben; es können vielmehr auch andere Motive, z. B. Credit- schafsnng rc., der A. z» Grunde liegen. Die A. kann mündlich oder schriftlich geschehen; berubt die angewiesene Schuld auf einer Schuldverschreibung, so ist diese nach Prcnß. Landrccht als Zn behör zur A. dem Assignatar zur Vorzeigung beim Assignaten ans Verlangen auSznhändigen. A. ist nicht Zahlung; auch liegt in ihr noch keine, Verpflichtung für den Assignatar zur Erhebung, oder für den Assignaten zur Auslieferung, resp. Zahlung. Eine Verbindlichkeit ergibt sich für Beide erst von dem Augenblicke an, wo Erstcrer das mit der A. gemachte Angebot der Übernahme eines Erhebniigsanftrages, u. Letzterer den für ihn in der A. enthaltenen Antrag zur Übernahme eines ZahlniigSmandats aber angenommen hat. Der Assignant aber kann jederzeit die noch nicht erfüllte A. widerrufen, jedoch nur unter desfallsiger Erklärung an beide Beauftragte, d. i. an den Assignatar u. an den Assignaten; hat er den Widerruf nach der einen Seite hin unterlassen, so kann er nach dieser hin sich nicht ans die an die andere Seite erlassene Erklärung berufen. Die Verbindlichkeit für den Assignatar besteht darin, daß er den 'Auftrag auch ansführt, den Assignaten zur Erklärung über die A., beziehentlich zur Erfüllung veranlaßt, von einer allenfallsigcn Verweigerung der Ausantwortnng des assignirten Objects (Zahlung) von Seiten des Assignaten Leu Assignanten sosor, in Kenntniß setzt u. endlich für jedes Versehen, jcde Vcrsänmniß der Auftragsausführung dein Assignanten haftet. Der Assignat hat, sobald er die Annahme derA. erklärt, auch die Pflicht, das Zahlnngsmandat zu erfüllen, im Falle der Zurücknahme der Zahlungszusage dem Assignanten für allen diesem daraus erwachsenden Schaden zu haften. Das Rechtsverhältnis;. zwischen Assignant und Assignatar, dem crsterer überhaupt bis zur wirklichen Einlösung der A. verpflichtet bleibt, wird bei verweigerter Annahme oder Zahlung der A. nach der Veranlassung der A. bcnrthcllt; sollte durch die A. eine Schuld des Assignanten bei dem Assignatar getilgt werden, so gibt dem Assignatar die von ihm angenommene A. nicht das Recht, den Betrag derselben, resp. das Object der A. vom Assignanten nun zu verlangen, sondern er kann seinen Regreß nur aus dem ursprünglichen Forderungsrechte nehmen, nur aus dem Schuld- Verhältnisse selbst klagen; hat sich aber der Assignatar zugleich die Forderung vom Assignanten abtreten lassen (Cession), dann ist der letztere nur für die Wahrheit der Forderung bei etwaigem Zweifel haftbar; hat der 'Assignatar dagegen erklärt, daß er sich wegen der Forderung nur an den Assignaten halte, und den Assignaten somit aller Verbindlichkeit gegen ihn enthoben (Delegation), so geht der Assignant im Verweigernngsfalic ganz frei aus. Endlich kann der 'Assignatar die A., sofern er nicht blos ein Jncasso für den Assignanten damit besorgen soll, auch einem 'Anderen übertragen n. tritt dann zu diesem in das Verhältniß des Assignanten znm Assignatar; im Weigerungsfälle desAssignaten steht diesem Dritten dann weder an Len ersten Assignaten, noch an den Übertragenden ein Regreß zu, vielmehr ist der 'Regreß auch hier nur ans dem ursprünglichen Geschäfte, resp. der Forderung zu nehmen. Der Assignat endlich hat, wenn er 7t2 Anwuchs - Schuldner des Assignanten, »lil der geleisteten Zahlung bis z» deren Betrag seine Schuld getilgt: sonst aber, wenn er ihm Nichts schuldete, oder von ihm den Betrag zur Deckung der A. nicht erhalten hatte, den Assignanten znrWiedcrerstattnng der gezahlten Summe ans Grund des ihm in der A. gewordenen u. von ihm ausgeführten Auftrages anznhalten. Das Deutsche Handels-Gesetzbuch hat einen Unterschied zwischen kaufmännischen und anderen A-eu geschaffen, den man bisher nicht gekannt, auch noch heute für das Gemeine Recht leugnet, in damit einige der oben zusammengestellten Grundsätze geändert: Art. 300—305. Über Leistungen von Geld oder vertretbaren Sachen oder Werthpapieren von Kanflcnten ausgestellte A-en n. Vcrpflichtnngsscheine, in denen die Verpflichtung zur Leistung von einer Gegenleistung nicht abhängig gemacht ist, können, wenn sic ans Ordre tauten, durch Indossament übertragen werden; der Acccptant einer solchen A. ist Dem, zu dessen Gunsten sie ausgestellt ist, oder au den sie indossier ist, zur Erfüllung verpflichtet. Durch das Indossament gehen alle Rechte an? dem in- dossirlcn Papier auf den Indossatar über. Die Urkunde selbst ist für die Einrede des Verpflichteten maßgebend. Erst gegen Aushändigung dcs qnittirrc» Papiers ist der Schuldner zur Erfüllung verpflichtet. Im Übrigen vgl. Deutsche Wechselordnung. Einzelne Particulargcsetzgebuugcu stellen A-eu den Wechseln ganz gleich (Königreich Sachsen, u. nach Lessen Vorgang Sachsen-Weimar, -Altcn- bnrg, Rcnß rc.). Verwandt mit den obigen A-en von Kauslente» sind die holländischen Lsüsisr- ffriokse^ u. die englisch-amerikanischen Olrsekcs. Anwuchs, die jungen Holzpflanzen in einem Verjüngungsschlage, besonders die durch natürliche Besamung (Auslug oder Aufschlag), oder durch künstliche Cnltur entstandenen, im Gegensätze zum Stock- oder Wnrzelansschlag. Auwurf, I) eiserne Kettel u. Kloben an einer Thür, um ein Vorlegeschloß daran zu legen; 2) in Münzen, so v. w. Stoßwerk (bnlruieier). Anxur (a. Geogr.), alte, reiche Stadt mit Ci- tadellc; ursprünglich volskisch; von den Römern erobert 328 v. Ehr. Hier Tempel des Jupiter Anpur u. in der 'Nähe der Hain der Feronia. Es hieß früher Tarracina, jetzt Tcrraeina. Auffkvs, athenischer Volksführer, seines Berufes Lederhändler, der nach einer lebhaften Thätigkcit während der letzten Hälfte des Peloponnesischen Krieges ein Hanptgcnosse des Thrasybnlos bei dem Sturze der sogenannten Dreißig Tyrannen (403 v. Ehr.) war. Nachher befleckte er seinen Ruf, indem er der Hanptauktägcr in dem Todesproccß des Sokrates (300) wurde. Als dann die Athener Rene über des Sokrates Tod erfaßte, wurde A. verbannt n. ging nach dem Politischen Heraklca, ward aber auch hier vertriebe» u. nach Einigen sogar gesteinigt. AttZck (Auzasca), rechter Nebenfluß des Toce in Piemont, an der Südseite des Monte-Rosa. Sein Thal, Val d'Anzasca, hat 7000 Ew., meist deutscher Herkunft, welche Bergbau u. Alpenwirth- schafl treiben. Anzeichen, mehr oder weniger auffallend sich knndgebeiide Merkmale oder Umstände, welche einem - Anzeige. - Ereigniß vorhergehen und nach denen mau den ungefähren Zeitpunkt seines Eintrittes und dessen - Beschaffenheit annähernd bcurtheilen n. berechnen t kann; so spricht man von A. in Bezug ans Wit- ^ terung, Veränderungen im Gesundheitszustände, ' ans den Tod u. s. w. und unterscheidet im All- l gemeinen A. guter oder schlimmer Art. Wie im > täglichen Leben die A. eine bedeutende Nolle spic- l len, so haben sic besonders Eingang gesunden im Volksaberglanbcn als sogenannte Vorgeschichten. Vgl. Symptom, Omen, Auspicien, Judicien. f. Anzeiffc, 1 (Rcchtsw.) die Mitlheilung eines !; Vorganges, der rechtlich von Einfluß sein kann, r entweder durch Benachrichtigung eines Privatman- h ncs in Gcschäftssachen, oder eines Gerichtes in p Civil- wie Criminalangelegenheiten. Von be- s soliderer Wichtigkeit sind die A-n in letzterer Hi»- s sicht von bereits begangenen oder noch bcvorste- s hcnden strafbaren Handlungen. Die A. von bereits i begangenen Verbrechen ist unter Strafandrohung > nach einigen Gesetzgebungen beim Hochvcrrath ( rc. gefordert, auch wol, wenn der mit deni wirk- » lichcn Urheber eines Verbrechens Bekannte er- -e fährt, daß ein Unschuldiger in Untersuchung gczo- s gen worden ist. Im klebrigen aber ist zur A. : begangener Verbrechen oder Vergehen, sofern es ^ sich nicht um solche handelt, welche blos auf Antrag des Verletzten oder dessen Angehörigen oder ^ Vormünder verfolgt werden, Jeder berechtigt; ver- K pflichtet aber zur Ä. strafbarer Handlungen ist nach ? den meisten neueren Gesetzgebungen nur Der, welchem eine besondere Amtspflicht dazu obliegt, d. i. also die öffentlichen Beamten, welche, wie das D. St.-G.-B. 346 sie bezeichnet, vermöge ihres Amtes bei Ausübung der Strafgcwalt oder bei Vollstreckung der Strafe mitzuwirken haben, und wird nach Vbm D. St.-G.-B. überhaupt mir in diesem Falle die Nichtanzeige begangener Ver- ^ brechen oder Vergehen bestraft. Dagegen macht das Österr. St.-G.-B. die Anzeige aller bevor- - stehenden Verbrechen Jedermann zur Pflicht, während das D. St.-G.-B. die A. eines bevorstehenden Verbrechens nur bei Hochvcrrath, Landcs- verrath, Münzverbrechen (nicht auch Vergehen), ! Mord, Raub, Menschenraub oder eines gemeingefährlichen Verbrechens Jedem gebietet u. Den- ! jenigen, welcher zu einer Zeit, in der die Verhütung des Verbrechens möglich ist, glaubhafte Kenntniß davon erhält und es unterläßt, die Behörde oder die durch das Verbrechen bedrohte Person zur rechten Zeit zu benachrichtigen, mit ' Gefängniß bestraft, wenn das Verbrechen oder ein strafbarer Versuch desselben begangen worden ist. Wenn indeß der Verpflichtete durch unwidersteh- K liehe Gewalt, oder durch eine Drohung, welche mit einer gegenwärtigen, auf andere Weise nicht abwendbaren Gefahr für Leib oder Leben seiner selbst oder eines Angehörigen verbunden war, zur Unterlassung der A. genöthigt worden, ist, so entfällt die Bestrafung der Nicht-A. Das Österr. St.-G.-B. hat diesem Strafausschließungsgründe noch weitere Ausdehnung gegeben, u. andere Strafgesetzgebungen entbinden von der A-pflicht ausdrücklich den Beichtvater, die Verwandten u. Verschwägerten u. sonst zu dem Thäter in näherer Beziehung Stehenden. Die hier u. da üblichen Belohnungen strafrccht- 74? Anzcli — sicher oder polizeilicher A. (Denuncialionsgebühren) sind in Preußen seit 1868 abgeschaffr. 2) (An- nonce, Ankündigung) Bekanntmachung irgend einer Art in öffentlichen Blättern. Die A-n sind: Amtliche A-n, von Behörden ausgehend; oder Privat-A-n, von das Privatleben, Handel und Wandel re. betreffenden Gegenständen. S. u. Reclame. Wer öffentlich angeschlagene A-n von Behörden oder Beamten böswillig abreißt, beschädigt oder verunstaltet, wird nach dem D. St.- G.-B. mit Geldstrafe bis zu 100 Thlr., oder mit Getailgniß bis zu 6 Monaten bestraft. 3) Polizeiliche A-n. Als solche sind besonders zu erwähnen die gesetzlich erforderten der Gewerbetreibenden; diese müssen Beginn des Gewerbes und eventuell auch Änderung desselben und der Betricbsstättc anzeigen. Nothwendige polizeiliche A-n sind anch die zu den Standesregistern u. die der An- u. Abziehenden in den Gemeinden. Ferner sind zn nennen die Mittheilungen, welche der Versicherte bei Schließung des Vertrages mit dem Assccnra- tenr diesem zn machen verpflichtet ist und die sich ans die ihm bekannten Umstände beziehen, welche nach vernünftigem Ermessen ans die Schätzung der Gefahr n. somit ans den Entschluß des Versicherers, die Assecnranz zu übernehmen, Einfluß haben. Die Unterlassung einer solchen A. macht entweder die Assccuranz ungiltig, wobei jedoch dein Assecnra- tenr der Anspruch auf die Prämie bleibt; oder sie führt für den Versicherten gewisse Nachtheile herbei, gewöhnlich einen geringeren Grad der Verantwortlichkeit des Versicherers. 4) (lnäieabio, Mcdicin) Der aus dem Gesammtzustande des Kranken u. ans allen Erscheinungen der Krankheit, ans deren Ursachen u. zu gewärtigenden weiteren Phasen gewonnene Standpunkt für die Wahl des .Heilverfahrens. Die bestimmenden Krankheitsmomente werden anzeigende Momente (Imlioan- tia), die nothwendig erachteten Mittel angezcigte (Inklioata) genannt. Die A. bezieht sich aber entweder als therapeutische A. ans die wirkliche Heilung der Krankheit, oder als Lebcns- A. mehr auf die Erhaltung des Lebens; als Cau- sal-A. ans die Entfernung der Ursachen; als symptomatische A. vornehmlich ans Beseitigung einzelner Zufälle; als prophylaktische auf die Vorbeugung, oder endlich als palliative A. ans die Milderung verschiedener Symptome der Krankheit. Der A. entgegengesetzt ist die Gegen-A. (Oonkrainäieatio), die Summe der individuellen n. äußeren Verhältnisse, welche den Entschluß des Arztes bestimmt, eine gewisse Heilmethode, ein gewisses Heilmittel nicht in Anwendung zu bringen. Die anzeigenden Tage (vis« inärea-nioa, D. ooinkorn- xlabils.?) galten als die Zeiten, wo man aus dem Zustande einer acuten Krankheit bisweilen ver- mnthcn zu können glaubte, ob an den kritischen Tagen eine Krise eintreten werde. Es galten dafür die zwischen je 7 Tagen mitte» inne liegenden, der 4., 11., 17., 24. Ehedem suchte man die A. in den Gestirnen. Anzeli (Enzeli), Stadt in der Prov. Ghilan (Persien), am gleichnamigen Busen des Kaspischen Sees; Einschiffungsort der nach Astrachan gehenden persischen und indischen Maaren. Anzengruber, Ludwig, Pseudon. Gruber, Anziehung. dramatischer Dichter, geb. zu Wien 26. Nov. 1839; erlernte zunächst Len Buchhandel, wurde aber, seinen Sympathien für das Theater folgend, 1860 Schauspieler, arbeitete in diesem Berufe 7 Jahre lang u. trat hierauf als Polizeibeamter in den Staatsdienst. Der Conflict zwischen dem Altkatholi- cismus u. Romanismus veranlaßte ihn zur Dichtung eines antiklerikalen Volksstückcs: Der Pfarrer von Kirchfeld, das von 1870 ab fast ans allen deutschen Bühnen mit vielen Beifalle gegeben wurde. Durch diesen Erfolg crmuthigt, entsagte A. seiner Beamtenstelle u. widmete sich ganz der dramatischen Schriftstellerei. In seinem zunächst erschienenen Volksstückc: Der Meineidbaner zeigt er einen bedeutenden Fortschritt: die Handlung entwickelt sich hier mit großer Lebendigkeit, der Träger des Stückes ist meisterhaft durchgeführt. Weniger gelnngen sind: Die Kreutzelschreiber, Elfricde und Die Tochter des Wucherers. Vorzüge A-s sind: poetische Anschauung, psychologisch-richtige Motivirnng, tiefe Empfindung, fließender Dialog, körnige Sprache; Schwächen: das Hcrvorragen einzelner Personen über den Rahmen des Volksschauspiels, hier und da sich bemerklich machende Breite. A. ist als Dichter des Theaters an der Wien angestellr. Anzetteln (Weber), Garn oder die Garnsädcn in die Länge zn einem Gewebe anlegen; diese Anlage heißt Anzettel oder Kette. Anzi, Flecken im District und der italienischen Prov. Potenz« (Basilicata); 3650 Ew. Anziehen, 1) (Forstw.) in Harzwaldnngen, die Wunden der Bäume auffrischen; 2) (Jagdw.) vom Hühnerhunde, auf dem Geläuf des Federwildes langsam u. vorsichtig suchen; 3) (Techn.) Schrauben a., so v. w. sestdrehcn; 4) (Anat.) adducircn, einen Körpertheil der Mittellinie des Körpers oder einer Extremität entgegenführen; s. Addnctoren. Anziehung (Attraction) nennt man jede Kraft, vermöge deren zwei Körper sich einander zu nähern streben, oder einander festhalten. Es sind zu unterscheiden: a) Massen-A., Gravitation, die Anziehung zwischen Körpern als Ganzem. Jeder Körper zieht jeden anderen an mit einer Kraft, welche dem Product der Massen beider Körper direct, dem Quadrat ihrer Entfernung umgekehrt proportional ist; d. h. wenn die Einheit der A. die Kraft ist, mit welcher zwei Körper von der Masse 1 in der Entfernung 1 einander anzichen, so ist die A. zweier Körper, deren Massen LI, resp. LI' -^find u. deren Entfernung v ist, — — ^ Dies ist das New- tausche Gravitationsgesetz. Ist insbesondere der eine der beiden anziehenden Körper die Erde, der andere irgend ein irdischer Körper, so heißt die A. zwischen ihnen Schwerkraft, b) Moleculare A. Die Molecüle ziehen einander mit Kräften an, welche nur auf verschwindend kleine Entfernung wirken und dem Gravitationsgesetze nicht folgen. Die A. zwischen den Molekülen eines und desselben Körpers heißt Cohäsion; dieselbe äußert sich als Härte, Festigkeit, Elasticität rc. Nach dem Grade der Cohäsion unterscheidet man den festen, tropsbar-flüssigen u. elastisch flüssigen , oder gasförmigen Aggregatznstand. Eine Wirkung 744 Anzin - der Cohäsion beim Übergänge in den festen Aggregatzustand ist die Krystallisation. Die A. zwischen den Molecülen zweier verschiedenen (sich berührenden) Körper heißt Adhäsion, e) Chemische A. (Affinität) ist die A. zwischen den Atomen verschiedener Stoffe; s. Chemie, ci) Elektrische u. magnetische Anziehung; s. Elektrici- tät und Magnetismus, s) (Ph ysiologie) Bewegung eines Gliedes gegen die Mittellinie des Körpers oder einer Extremität; vgl. Anziehen, Adductoren. Anzin, Flecken au der Schelde im Arr. Va- lenciennes des französischen Deport. Nord, an der Eisenbahn Somain-A. (Zweig der Nordbahn); hat eines der bedeutendsten Steinkohlenbergwerke des Landes, welches seit 1734 ausgcbeutet wird, gegen 100 m tief ist, über 1000 Arbeiter beschäftigt u. jährlich ungefähr 11 Milt. Iil Kohlen pro- ducirt; ferner bedeutende Eisenhütte und Hohöfen, Maschinen-, Glas-, Zuckerfabrik; 8000 Ew. Anzola dell' Emilia, Flecken im Distr. u. der italienischen Prov. Bologna, Hanptort einer Ge- - meinde von 5 Ortschaften; schöne Kirche, Ruinen eines Castells; 4100 Ew. A. d'Ossola, Df. in der Prov. Novara; 500 Ew. Anzucht 1) (Viehz.) diejenigen jungen Thiere einer Heerde, welche vom Besitzer selbst aufgezogen u. gezüchtet sind. 3) (Hüttenw.) Die im Fundament der Schmelzöfen liegenden Kanäle, die dazu dienen, die Feuchtigkeit aus diesen abznführcn u. den Boden steintrocken zu halten. Anzugsgeld (Einzugsgeld, Osusns, OadoUa immi^rationis) ist eine Abgabe des Fremden für den Antritt des Bürgerrechtes in einem Staate oder in einer Gemeinde. Erstere Abgabe ist, insofern sie zur Erwerbung des Staatsbürgerrechtes geleistet werden mußte, meistentheils infolge internationaler Verträge aufgehoben. Dagegen wurde sie für Erwerbung des Bürgerrechtes m einer Stadt oder größeren Gemeinde als Bllrgcrgcld, in den ländlichen Gemeinden, Dörfern als Einzugs- oder Nachbargeld noch bis in die neueste Zeit erhoben, obgleich sie sich kaum rechtfertigen läßt, in der Regel das nicht erzielte, was damit bezweckt wird, wol aber das Capital des neuen Bürgers zum Schaden seines Geschäftes u. damit des Gemeinwesens schon von vorn herein schmälerte. Der Betrag desselben ward durch die Localverhältnisse u. das Gemeindestatnt bedingt, in einzelnen Städten, z. B. Hamburg, Frankfurt a. M., in einer ganz bedeutenden Höhe, ebenso in einzelne» preußischen Städten, bis für Preußen durch Gesetz v. 14. Mai 1860 das Einzugsgcld genau nach der Größe der Gemeinden normirt wurde. Die neue deutsche Gesetzgebung hat endlich, nachdem man anderwärts längst von dieser Abgabe Abstand genommen, in dem Gesetze über die Freizügigkeit v. 1. Nov. 1867, jetzt Rcichsgesetz, auch dieses Institut beseitigt. In Frankreich ist dasselbe schon seit 1789 aufgehoben. A O (Alpha und Omega), der Anfang und das Ende (s. unter A); findet sich viel auf altchristlichen Denkmälern. Aöde (gr. aoläs), eine der 3 älteren Musen, Göttin des Gesanges; Gesang. Aödos, Sänger, Dichter, Seher. - Äotos. Avisen (Äolla, ÄSlis, a. Geogr.), Colouie von Äoliern in Klcinasien, wo von ihnen an 30 Städte gegründet wurden, welche WMysien, ganz Troas u. die Küste des Hellespont bis zur Propontis entnahmen, zu Kyme einen gemeinschaftlichen Tempel und gemeinschaftliche religiöse Feste hatten, und von denen die mächtigsten 12 (Kyme, Temnos, Atarnens, Kanä,„Pitane, Eläa, Grynion, Larissa, Neon Teichos, Ägä, Myrina u. Smyrna) als Republiken den Äolischen Bund aus- machten. Derselbe war indessen von wenig politischer Bedeutsamkeit, namentlich als später Smyrna zum Jonischen Bunde überging. Durch KrösoS kam A. an Lydien u. mit diesem durch Kyros au Persien, nach Alexander d. Gr. an das Syrische Reich, mit diesem an die Römer; unter Thcodo- sius ward cs zu dem Orientalischen Kaiserthum zugefügt n. wurde endlich mit Kleinasicn türkisch. Aolier, einer der 3 Hanptzweige der Hellenen, der Sage nach von Äolos entsprossen. Diese Gruppe umfaßte eigentlich die sämmlichen älteren Stämme der Hellenen, im Gegensätze zu den Jo- nern, Dorern u. den Achäern ini engeren Sinne. Hauptglieder der äolischen Gruppe waren die Elier, Böoter, Thcssaler, Lesbier n. die Colonialgricchen in Klcinasien von Smyrna bis znm Jda. Aolipile (vom gr.-lat. aoölns, Gott der Winde, daher hier für Wind, und Ma, Ball; Phys.), Dampfgebläselampe; besteht gewöhnlich ans einem über einer Weingeist- oder Öllampe angebrachten Metallgefaße mit enger Mündung, an welche sich ein enges, nach unten gebogenes und dicht hinter der Lampe mit einer feinen Öffnung endendes Rohr ansetzt. Das Gefäß enthält Weingeist. Znm Gebrauche zündet mau die Lampe an, der Weingeist im Gefäße wird dadurch erwärmt, allmählich znm Sieden erhitzt, n. nun tritt ein kräftiger Strom des hochgespannten, brennbaren Dampfes durch die untere Öffnung aus, bläst die Lampenflamme nach Art des Löth- rohres au u. erzeugt, selbst brennend, eine Stichflamme von großem Hitzeffccr, die als bequemer Ersatz einer Löthrohr- oder Gcbläscflamme beim Löthcn und Glasblasen hier und da benutzt wird, ohne deren Wirkung ganz zu erreichen. Äolische Berse, s. u. Logaädischc Verse. Äolodton (Äolodikon, Äoliue, Windharmo- nikä), jetzt veraltetes Tasteninstrument von 6 Octaven, in Form eines Klaviers, dessen Töne durch freistehende n. mittels Luftdrucks in Bewegung gesetzte Metallznngcn hervorgebracht werden. Erfunden 1800 von Eschenbach in Hamburg, erlitt das Instrument vielfache Modificationen u. gab Veranlassung znm Bau der jetzt beliebten Physharmonika. Eine Abart ist Las Äolklavier mit Holzstäbchcn, welche, in Schwingung versetzt, den Ton erzeugen. Äölos, 1) Enkel des Denkalion, Sohn des Hellen u. der Orseis, der Stammvater der Äolier. 2) Ein Sohn, des Poseidon oder Hippotes, Beherrscher der Äolischen (jetzt Liparischen) Inseln im Tyrrhenischen Meere. Er war fromm, gerecht u. gastfrei, lehrte zuerst den Gebrauch der Segel u. wurde von Zeus znm Hüter der Winde bestellt. Über sein Verhalten gegen Odysseus s. d. Nach 745 Äolsharfe der Angabe Virgils wurde A. durch die Gunst der Juno zum Gott n. Beherrscher der Winde erhoben. Äolsharfe (Windharfe, Windmonochord), Saiteninstrument, bestehend aus einem langen, schmalen Kasten oder Rahmen, auf dem ein dünner Resonanzboden angebracht ist, mit 8—10 starken, an 2 Stegen befestigten Darm- oder feinen Drahtsaiten; derselbe wird über einem Thllrfenster, oder in einem Fenster einer offenen Thür gegenüber dem Lastzüge ausgesetzt, wodurch die Saiten in Vibration kommen n. harmonische Töne durch 2 und sogar 3 Octaven entstehen. Da die Saiten leich gestimmt zu sein Pflegen, so ist es wnnder- ar, daß sie gleichzeitig verschiedene Töne Hervorbringen. Äsoung hat diese Erscheinung näher untersucht, indem er von seiner A. alle Saiten wegnahm bis ans eine n. dennoch gleichzeitig verschiedene Töne hörte. Es zeigte sich, daß sich die Saite in mehrere selbständig schwingende Abtheilungen thcilte, welche neben dem Tone der ganzen Saite ihre Octavc, hohe Quinte n. s. f. ergaben. Denn berührt man den vorher berechneten Ort eines Schwingnngsknotens, so dauert der entsprechende Ton fort, während er aufhört, wenn man seinen Schwingnngsbogcn berührt. Der Ton scheint, bevor er die richtige Stimmung erreicht, erst einige Stufen durchlaufen zu müssen, weil sich die Saite erst successive in die betreffende Anzahl gleicher Abschnitte theilt. Manche der hörbaren Töne sind auch vielleicht Combinations- töne derjenigen, welche wirklich schwingenden Saitenlängen entsprechen. Die naheliegende Erfahrung, daß der Wind Harfen znm Tönen bringt, ist wahrscheinlich schon sin alter Zeit gemacht worden. Die moderne Ä. wird bereits von Athan. Kircher (1602—1680) beschrieben; verbreitet wurde sie „zunächst in England durch Anregung Popes. Äon (gr.), 1) Zeitalter, Ewigkeit; 2) in der phönikischen Religion der Gott der Zeit; 3) bei den späteren Gnostikern, hauptsächlich bei Kcrin- thos, aus Gott cmanirte Geisterwesen, welche über die verschiedenen Weltzeiten n. Weltordnnngcn gesetzt sind; s. unter Gnosis. Aonra, alter Name von Böotien. Daher Aonier, so v. w. Böotier,», aonisch, alles Mythische, was auf Böotien Bezug hat; besonders der Aonische Berg, so v. w. Helikon; die Aonische Quelle, so v. w. Aganippe; die Aonische Grotte, die Grotte ans dem Helikon, wo die Musen (daher Aonldcs) wohnten. ksonis, Gattung der Trilobiten. Aorai, Berg ans der Insel Tahiti (Gesellschaftsinseln), der sich in den dortigen wallartig gestalteten, zackigen Gebirgen 2450 in erhebt. Aorist (v. Gr., unbegrenzt), in der griechischen Grammatik das zur Erzählung dienende Tempus, welches das Eintreten der Handlung in die (vergangene) Wirklichkeit bezeichnet. Im Wesentlichen entspricht ihm das französische Defini. Das Lateinische n. die germanischen Sprachen besitzen kein blos zur Erzählung dienendes Tempus. Latein, soripsi drückt sowol den griechischen A. ögrapsa. französisch .s'öorivis, als das griechische Perfectmn Aögraxim, französisch s'si sorlt, ans; das deutsche ich schrieb sowol Len griechischen A. ö§rap.sa, französisch — Aorta. j'eorivis, als das griechische Jmperfectnm v8'ra- plian, französisch s'sorivnis, lateinisch soribobam. Aorst (a. Gcogr.), sarmatisches Volk am Kaspischen See, von wo sie nach dem Schwarzen Meere wandcrtcn; sie trieben ausgebrcitctcn Handel mit indischen und babylonischen Maaren, die sie ans Armenien u. Medien holten; im Mittelalter Arsai. Einige halten die finnischen Ersc (Ersa, Ersjä) im Gonv. Wologda für ihre Nachkommen. Aorta (Änat.), stärkste, den Stamm für alle dem großen Kreisläufe des Blutes (s. Blutkreislauf) angehörigen Arterien (Aortensystcm) bildende Pulsader, am Anfänge 2^ cm stark. Aus der linken Herzkammer (Aortenkammer) entspringend, hat sic an ihren Ursprnngstheilen drei, den Rücktritt des Blutes nach dem Herzen im geschlossenen Zustande verhindernde halbmondförmige Klappen, Aortenklappen (Valvnlas somilnnaros), jenseit welcher sie sich in drei flache Gruben erweitert, die man als Linus aartioi oder Vaissivno. deren Gesammtheit aber, eine leichte Anschwellung darstellend, als Aortcnzwiebel (Lnibns aortas) bezeichnet. Jede Klappe enthält in ihrer Spitze meist ein kleines Knötchen, Knötchen des Aranzi genannt (dloänlns arantii). An der Klappe beginnt der aufsteigcnde Theil der Aorta, der etwa 6si om lang ist (^.orta asosncksus) u. in den A o r t e n - bogen (Ärons aortas), mittels dessen sic, etwa hinter der Gegend des zweiten rechten Rippen- knorpelS, sich nach links n. hinten wendet, direct übergeht. Der Aortenbogen liegt in der Höhe des dritten Brustwirbels, etwa 5 ein lang, ganz außerhalb des Herzbeutels. Derselbe sei?! sich in die absteigende Aorta fest, welche, so lange sie in der Brust, 18—20om lang, links hinten im Mittel- fellraume verläuft, Brnst-A. (4.orta tlmraoioa) heißt, dann aber, nachdem sie durch das Aortenloch des Zwerchfells in der Gegend des zwölften Brustwirbels in die Bauchhöhle übergetretcn ist, zur Bauch-A. (Aurta abäominaiis) wird. Diese ist etwa vom zwölften Brustwirbel bis an ihr Ende vor dem vierten Lendenwirbel 13 om lang. Im AnfangStheil 2 om weit, nimmt sic erst an Dicke ab n. gabelt sich vor dem letztgenannten Wirbel in die beiderseitigen gemeinsamen Hüftpnls- adern (Artorias iliacas oommnnos) ans einander. Die aufsteigende Aorta ragt mit ihrem vorderen Stiel frei in den Herzbeutel hinein, wird ganz im Anfänge von der Lungenpnlsader bedeckt, weiter aber links von dieser u. rechts von der oberen Hohlvene begleitet. Nach hinten liegt sie ans den Vorhäfen des Herzens, besonders dem rechten. Sie gibt ab: die rechte n. die linke Kranzpnlsader des Herzens (^.rtsria oorcmnrin corclis (ioxtrn st sinistra). Der Aortenbogen liegt vor dein Ende der Luftröhre n. der Thcilung der Lnngcnarterie, mit welcher er durch den nur im Mntterleibe offenen Onotns artoriosns Lotaili in Verbindung stand, der später zu einem Bande (InZAMsntnm urtoriosnm) wird, das nur äußerst selten noch durchgängig ist. Weiterhin verschlingt er sich nach links n. hinten, indem er den rechten Zweig der Lungenschlagader u. den linken Luftröhrenast umgreift. Aus ihm entspringen die nnbcnannte Pulsader (L.rtoria anonz-ma), die linke gemeinschaftliche Kopfpnlsader (.Vrtoria carotis oommnnis sinistra) 746 Aortenkammer — Avaft. in die linke Schlüssclbcinpulsader(-Irteria subclavia sinistra). Die absteigende Brust-A. liegt anfangs links von der Wirbelsäule, später vor ihr. Rechts von ihr befinden sich der Brnstlymphgang und die Speiseröhre, vor ihr Herzbeutel n. linke Lungen- ivurzcl. Sie entsendet die Luftröhrenpulsadern (^rtoiias bronolrinlos), Speiseröhrenpnlsadern (Lr- torias ossoxba^oas), Hinteren Mittelfellpnlsadern (^.rtsrias meckiastiualss postsrioros) n. 9 paarige Zwischenrippenpnlsadern (^rtorias inboroostalss). Die Ban ch-A. liegt vor der Wirbelsäule, hinter dem Bauchfell, von Pancreas, Zwölffingerdarm, Gekrös- Wurzel bedeckt, nach rechts an die untere Hohlvene grenzend. Ans ihr entspringen die Zwerchfellpulsadern (,ä.rtoriae pbrenivae), die Eingeweidepnls- ader (Lrtsria eoeliaoa), die obere (^. msssntorioa suporior) u. die untere (4,. nass, inkeriar) Gekrös- pnlsader, die Nebennieren- u. Nierenpnlsadern (^.. suprarenalss et renales), die inneren Samen- pnlsadern (rä. spsrmatieao intornas), die Lendenpulsadern (L.. lumbales) und endlich die mittlere Kreuzbeinpnlsader (a. saeralis). In Bezug auf den Vorsprung der Zweige des Bogens kommen viele Varietäten vor. Aortcktasic (v. gr. slctasis, Ausdehnung), Erweiterung der Aorta (Ollatatlo aortas); kommt meistens an Stellen vor, welche am stärksten der Gewalt des Blutstoßes ansgesetzt sind, u. entsteht vorzüglich bei krankhafter Beschaffenheit der Ge- fäßhäntc. In der Regel ist A. der Anfang des Aneurysma der Aorta. Aortcnaneurlisma (v. Gr.), das Aneurysma der Aorta. Bei einiger Größe erkennt man das A. der Aorta des Unterleibes an der deutlich fühlbaren pulsirenben Geschwulst in der Bauchhöhle, so daß die Pulsation durch Verschiebung der Geschwulst nicht verändert wird, die Percussion einen gedämpften Ton, die Anscultation ein Biasebalg- geränsch gibt. In Folge des N-s entsteht Hypertrophie der linken Herzkammer. Meistens kommt das A. an dem anfsteigenden Theil u. am Bogen der Aorta vor und erreicht manchmal sogar die Größe eines Kindskopfes. Das Aneurysma der Brustarterie kennzeichnet sich durch pnlsirende Geschwulst oberhalb der Schlüsselbeine, in der Mitte od. zu beiden Seiten des Brustblattes, oder am Rücken. Aortenkammer, die linke Herzkammer. Aortenklappeninsufstcienz, s. Jnsnfficienz. Aortenmündungsstcnose, s. Stenose. Aortcnverengerung, beim Fötus normal u. durch den Botallischcn Gang bedingt; im Lause des Lebens meistens an der Einmündnngsstelle des Botallischen Ganges sich zeigend und angeborener Fehler; mir in höheren Graden der Gesundheit n. dein Leben gefährlich. Aortcnzerreißittlg erfolgt bei Erkrankung der Ringfascrham, besonders bei Hypertrophie des linken Herzens, nach heftigen Schlägen auf den Brustkasten, nach außergewöhnlich heftigen Ge- müthsbewegnngen rc. Aortenzwiebcl (Anat.), s. Aorta. Aortitis (Aorlenentzündnng) kommt am häufigsten an der Mündung der Aorta vor, aber auch an Bauch- n. Brnstaorta. Ihre Folgen sind meist Verknöcherung der Arterienwand od Atherom- bildnng, seltener Verstopfung oder Zerreißung. Aosta, 1) ehedem Herzogthum in Piemont, jetzt District der italienischen Provinz Turin, im N. an Wallis, im W. an Savoyen grenzend; 3263Hjkm (59j-s^M), mit 82,300 Ew.; bildet ein von der Dora-Baltea mit dem Butticr durchströmtes Alpeu- thal, welches arm an Getreide, aber reich an Nadelholz, Obst, gutem Wein, Öl ist. Die Ew. reden französisch, treiben Viehzucht, Alpenwirthschaft, Bergbau auf Kupfer, Eisen,Blei,Silber, Marmor, Schiefer, bereiten Theer, Pech, Terpentin; viele wandern als Schornsteinfeger umher. Das Herzogthnm A. ward von den Longobarden errichtet u. kam bald an die Grasen von Savoyen, die den Titel davon führten. 2 ) Hauptstadt desselben, an der Mündung des Buttier in die Dora u. an der Vereinigung der Straßen über den Großen und den Kleinen St. Bernhard, ist Sitz eines Unterpräfecten, eines Tribunals, eines Bischofs n. s. w., hat eine moderne Kathedrale mit eigenthllmlichem Portal u. Fresken u. dem Grabmal des savoyischen Fürsten Thomas, Lycenm, Gymnasium, technische Schule, Hospital, ansehnliches neuesRathhans anfder Piazza Carlo Alberto n. Überreste ans den Römerzeiten (Triumphbogen des Angnstus, Stadtmauern und Stadtthor s?orta prastorias, Brücken, Trümmer einer Basilica); 1871 7669 Ew., welche Handel mit Leder, Käse und Wein treiben. A. war die Stadt der Salassier; durch ihre wichtige Lage den Römern oft sehr unbequem. Unter Angnstus (25 v. Ehr.) durch Terentius Varro zerstört, wurde sie von einer Militärcolonie wieder anfgebaut und lämzusba Urastoria Lakassorum, später I'urinona genannt. In der Völkerwanderung kam sie nach einander unter die Herrschaft der Longobarden, Franken, Burgunder, unter die Markgrafen von Jvrea und dann an die Grafen von Manrienne, die später Grafen von Savoyen wurden. Vgl. Promis, I-s antiebitä cko Turin 1862. Apaches (Apache-Indianer, Apachen, Apacher), ein raubsüchtiges, wildesJndianervolk der Athabas- kahorde in Texas u. Nen-Mexico, dessen verschiedene Hauptstämmesich in viele kleine Banden theilen. Sie bauen keine eigentlichen Wigwams, sondern führen Zelthütten mit sich u. treiben weder Ackerbau, noch Viehzucht und leben größtentheils von Jagd, Raub n. Plünderung; ihre Hauptwaffen, Pfeil n. Bogen, handhaben sie mit großer Geschicklichkeit; ihre Streifzüge dehnen sie bis Californien, Sonora, Durango u. Chihuahua aus. Ihre Zahl in den Vereinigten Staaten schätzt man auf höchstens 11,000, von den übrigen kennt man die Zahl nicht. Vgl. Browne, Reisen in das Apachenland, Jena 1870. Apäst (Abaffi), 1) Michael I., geb. 1632, ans niederem siebenbürgischem Adel; machte 1656 unter Fürst Georg II. Raköczy den Feldzug nach Polen mit n. wurde dort von den Tataren gefangen. Nach seiner Befreiung lebte er zurückgezogen auf seinem Erbgute Ebesfalva, bis er 1661 auf Betreiben der Türken gegen den österreichisch gesinnten Joh. Kemeny zum Fürsten von Siebenbürgen gewählt wurde. Durch den Sieg bei Nagy-Szöllös über Kemeny kam er zwar in ruhigen Besitz seiner Würde, hatte aber doch stets das drückende Gefühl, Schützling der Pforte zu sein, ein Verhältniß, das ihn auch in mancherlei Ber- Wickelungen brachte, bis er endlich 1686 mir seinem Fürstenthiim für immer von der türkischen Botmäßigkeit befreit wurde. A., ein Freund der Wissenschaften-». Verfasser einer im österr. Archiv anf- bewahrten Selbstbiographie, starb, seit dem Tode seiner Gattin (1688) schwer leidend, 15.Llpril1690; j. Siebenbürgen. 2) Michael II., Sohn des Vor., gcb. 1677; von den Türken, wie von Kaiser Leopold schon zu Lebzeiten des Vaters als dessen Nachfolger anerkannt, wurde er von dem mit Hilfe der Türken ihm entgegengestellten Grafen Emmerich Tököly vertrieben, Sept. 1690, indeß 10. Jan. 1692 durch die Stände als rechtmäßiger Fürst anerkannt, n. zwar unter der Vormundschaft Leopolds I. In Wien schon mißliebig angesehen wegen seiner ohne Wissen des Hofes 1695 mit der Gräfin Katharina Bcthlen abgeschlossenen Ehe, ließ man ihn nur unbehelligt, weil man fürchtete, daß er bei den Türken Hilfe suchen werde, verlangte aber im folgenden Jahre doch, daß er die fürstliche Würde nic- derlcge n. außerhalb Siebenbürgens lebe; da er dies verweigerte, wurde er unter militärischer Begleitung nach Wien gebracht n. mußte dort nach Abschluß des Karlowitzer Friedens 1699 gegen ein Jahrgeld von 12,000 fl. sein Fürstenthiim an Österreich abtretcn. Er st. 1. Fcbr. 1713 kinderlos in Wien (s. Siebenbürgen). llpsgs (gr. u. lat.), weg von hier, von hinnen! Apastögc (gr., die Hinwegführung), Anklagen. Rufen vor das Gericht, besonders wegen Diebstahls; folgte der Beklagte nicht, oder verbarg er sich, so trat die Ephcgbsis, eine Requisition des Gerichtes nach der That, ein. Apagogischcr Beweis (v. Gr.), auch indi- recter Beweis, heißt der Beweis eines Satzes durch Widerlegung seines GegcntheilS. Vgl. d. Art. Beweis. Apaisiren (v. Fr.), besänftigen, befriedigen. Apalachen, so v. w. Appalachen; s. Alle- ghanies. Apalachenthce (Ili-ml ckrinst der Amerikaner) sind die Blätter von Ilex vomitorin einem in Carolina n. Florida heimischen Strauche aus der Familie der Jlicinecn. Die Blätter werden zuerst geröstet n. dann der Thecanfgnß bereitet, der bei den Indianern auch als Beranschnngsmittel dient; die Beeren wirken brechenerregend. Apamea (Apamra) hießen 7 Städte im Nlterthnm, wovon die bedeutendsten: 1) A. Kibö- tos, Stabt in Großphrygien, am Mäander (daher aci Nnesnclrnm). von Selenkos Nikator erbaut, nach seiner Mutter Apama genannt n. mit den Einwohnern von Kelänä bevölkert; sie war später nach Ephesos die erste Handelsstadt in Asien u. producirte eine gute Sorte Wein (Apa- meischer Wein). In die Gegend von A. versetzt die Mythe den Wettstreit des Marsyas mit Apollo. In der Römerzeit war A. Sitz des Lpamensis convonkus, des 3. Gerichtssprengels im römischen Asien; jetzt Dineir. 2) Lgrine. Hauptstadt der syrischen Provinz Apamene, welche das Land jenseit des Bargylosgebirges zu beiden Seiten des Orontcs begriff; sie lag an dem von dem Orontes gebildeten Apameniichen See, ans einer Anhöhe südlich von Antiochia; ihren früheren Namen Pharnake änderten die Makedonier in Pella u. SeleukoS Nikator in A. Hierhin zog sich Cä- cilius Bassus nach der Schlacht bei Pharsalos, n. hier erfocht 273 n. Ehr. Aurelian einen Sieg über Zenobia; im Mittelalter Famieh; jetzt Kalaat el Medik, mit Ruinen der alten Stadt. Apanage (fr., v. neulat. spaiMAMw. apanars, Brod geben), ein in der Einführung der Primogenitur begründetes Rechtsinstitut des hohen deutschen Adels (regierende Fürsten n. Mcdiatisirte), ist die den Nachgeborenen eines regierenden Hauses zum standesmäßigenUnterhalte ansgcsctzte Versorgung, die sich wesentlich vom Pflichtthcil u. von der Alimentation unterscheidet. Anspruch ans A. haben die an sich thronfolgefähigen, aber durch die Primogenitur von der Thronfolge ansgcschlossencn Familienglieder und eigentlich auch erst von dem Zeitpunkte an, wo durchAblcben rc. des Regierenden die Primogenitur und damit ihre Ausschließung von der Thronfolge wirksam wird. Indessen haben die meisten fürstlichen u. hochadeligen Hausgesetze bestimmt, daß den Söhnen des Negierenden vom Tage der Volljährigkeit ab, öder bei Begründung eines eigenen Haushaltes ein Anspruch ans A. zusteht. Aber auch viel entfernter stehenden Prinzen und Prinzessinnen sind A-cn zn- gesprochen. Der Betrag der A. richtet sich insbesondere nach dem Familienvermögen. Die Ver- thciluug der A. geschah früher allgemein an die Linien und findet sich auch noch in verschiedenen Hansgesetzen so, daß die einzelne» Linien dotirl werden u. die A. in Erbgang kommt, die Söhne die A. des Vaters unter sich thcilen und sie mit dem Erlöschen des Letzten ans dieser Linie an den Regierenden heimfällt. Da aber durch die mehrmalige Thcilnng die Erb-A. sich ans einen Betrag verringern kann, der nicht mehr zu einem standes- mäßigen Unterhalte ansreicht, so ist ein Minimum hansgesetzlich festgestcllt, bei dessen Eintreten dann die A. wieder auf eine gewisse Höhe ergänzt wird. Eine andere Vertheilnng der A. ist die nach Individuen; hier richtet sich die Höhe der A. nach der Nähe der Verwandtschaft, n. fällt die A. mit dem Ableben der Npanagirtcn an den Regierenden oder die Staatskasse heim. Da aber bei diesem System die Gesammtsnmme der zu zahlenden A-n zu einer die verpflichtete Kasse zn sehr überlastenden Höhe steigen kann, so haben die Hausgcsetze mit Ausnahme der die Staatskassen belastenden Fälle in dieser Hinsicht meist ein Maximum der Summe bestimmt, nach dessen Eintritt die Beträge der einzelnen A-n herabgesetzt werden. Die Leistung der A. geschieht aus dem Hansvermögen, oder ans der Staatskasse, u. zwar hier unter landständischer Mitwirkung. Wenn in früherer Zeit dem nachgeborenen Prinzen ein Landestheil mit gewissen Regiernngsrechtcn unter der Oberheit des Souveräns ausgesetzt wurde, so war dies keine A. mehr, sondern ein Paraginm, u. der damit Ab- gesnndene hieß paragirt. Eine A. kann die vom Inhaber einer Civilliste ans dieser an Prinzen seines Hauses bezahlte Unterhaltssumme im eigentlichen Sinne nicht genannt wcrdeik! Wo der Souverän nach Verwandlung der zur Bestreitung des gelammten Staatsaufwandcs n. folglich insbesondere auch der persönlichen Bedürfnisse der gesammten Fürstenfamilie bestimmt gewesenen Kam- 748 Apar — liier- oder Fideicommißgüter in Staatseigenthnm auf Civilliste gesetzt ist, sind neben dieser auch die A-n auf die Staatskasse gesetzt. Vgl. Hermann Schulze, Die Hausgesetze der deutschen Fürstenhäuser, Jena 1862; Heffter, die Sonderrechte der souveränen und der mediatisirten Häuser Deutschlands, Berlin 1871. Apar oder Matako, Impflrasbes ^par, ein noch wenig bekanntes Gürtclthier in SAmerika. Apart (v. Fr.), bei Seite, besonders, für sich. Apartemerrt, s. Appartement. Apate (gr.), Täuschung, Betrug; personificirt als Göttin ist A. Tochter der Nacht u. hat ihren Tempel in der Stadt des Schlafes. Daher Apathisch, falsch, trüglich, verfänglich. Apathie (gr. axütlieia, von n-, UN-, nicht-, u. pälüios, Leiden), 1) Gleichgilttgkeit, relative Gefühllosigkeit,' einTemperamentsznstand, derentweder unter dem Einflüsse unrichtiger Erziehung, oder ungeeigneter Lebensverhältnisse sich ausbildet, oder aber Folge von erschöpfenden, das Nervensystem erschütternden Krankheiten ist; kennzeichnet sich durch Mangel an Reizempfänglichkeit, sowie durch geringe Reaction. 3) Gleichmuth, Leidenschaftslosigkeit, entweder als natürliche, oder erworbene Eigenschaft; in letzterem Sinne bei den Stoikern das Ziel des Weisen, weil die leidenschaftliche Erregung den Menschen leicht zu unbedachten Handlungen hinreißt; jedoch darf dabei nicht die Energie, L. h. die Fähigkeit, je nach den Umständen handelnd anfzuireten, beeinträchtigt werden. Apathisch, unempfindlich. Apati, mehrere Orte in Ungarn, darunter (Jasz-A.) Marktflecken im Distr. Jazygicn, jen- scit der Theiß; Stuhlrichtcr- u. Steueramt, schöne Pfarrkirche, Hauptschule. Asiatin, Marktflecken im ungarischen Comitat Bacs, links an der Donau; Seidenraupenzucht, Wollenzeugweberei, vorzüglicher Hanfbau, Handel und Fischfang; 11,050 Ew. Von hier geht die sogenannte Römerschanze, die sich bis zur Theiß zieht, nach Einigen Bcfestignngswerke der Avaren. Apatit, ein Mineral, das aus phosphorsanrem Kalk LagikzO, mitgeringcnMengen Chlor- u.Fluorcalcium besteht. Es krystallisirt hexagonal, isomorph mit den entsprechenden phosphorsauren, arseniksauren u. vauadinsanren Verbindungen des Bleies, dem Pyromorphit, Mimetesit u. Vanadinit; spec. Gew. 3. Die Krystalle sind meist durchscheinend u. farblos oder weiß, oft auch schwach grün, röth- lich oder fleischfarben, u. finden sich schön am St. Gotthard, imZillerthal, mit Zinnerzen beiSchlacken- wald und in Cornwallis. Dichte erdige Massen finden sich im Nassauischen, in Spanien und der Wetteran mit Thon u. kohlensaurem Kalk verunreinigt, u. werden als Phosphorit u. Osteolith gemahlen n. ihres Phosphorsäuregehaltes wegen als werrhvollcs Düngemittel, verwandt. Der Name A. kommt vom griech. nML, ich täusche, weil ältere Mineralogen denselben nicht erkannten und ihn zum Beryll, Amethyst u. Turmalin rechneten. Erst Werner erkannte 1786 seine Natur n. benannte ihn. Lpstüra Fdrb., Schillerfalter, Gatt, der zu den Tagfaltern gehörenden Schmetterlingsfamilie der Nymphaliden; Vorderbeine zu sogenannten Putz- Apc'ldovrn. Pfötchen verkürzt; Fühler allmählich in eine Keule verdickt, Flügel ausgeschweift, blanschillernd, die Hinteren mit einem Augenflecke. Raupen mit 2 langen Hörnern am Kopfe, schneckenförmig, nackt. L. Irls IN, Flugweite 50 — 54 rum; ans Waldwegen; Raupe ans Weiden u. Zitterpappeln. Apllturla (gr. Ant.), ein den Jonern gemeinschaftliches, besonders athenisches, dreitägiges Fest im Monat Pyancpsion (Oct. bis Nov.)/zu welchem die Mitglieder der Phratrien zusammcntrateu. Der erste Tag des Festes hieß Dorpia, weil man sich an demselben im Hause eines reicheren Znnftgenossen zur Abendmahlzeit vereinigte; der 2. Anarrhysis, an welchem dem Zeus Plna- trios u. der Athene geopfert wurde; der 3. K irrer! tis, wo man die ehelichen im letzten Jahre geborenen Knaben der Znnftmitglieder den Genossen vorstellte u. für jeden ein Schaf oder eine Ziege opferte; der Tag der Nachfeier hieß Epibda. Äpcchema (gr.), 1) Widerhall, Nachklang. 2) (Contrasissur, Med.) Ein der Stelle der Einwirkung der äußeren Gewalt entgegengesetzter Knochenbruch, zumeist an der Basis des Schädels. üpeibn -4ubk., tropische Pflauzcngatt. ans der Familie der Linden. Die geraden Zweige von iL. Alabra werden in Surinam von den Indianern zu Reibfenerzengen verwendet. Apcl, 1) Johann August, deutscher Schriftsteller, gcb. 17. Septbr. 1771 zu Leipzig; studirte hier n. in Wittenberg seit 1789 die Rechte, Naturwissenschaften u. Philosophie, ward ALvocat n. 1801 Rathshcrr in seiner Vaterstadt n. st. daselbst 9. Aug. 1816. Allseitig gebildet, ein scharfer Beobachter, war er in den verschiedensten Gebieten des geistigen n. socialen Lebens zu Hause, wie dies seine Schriften beweisen, als: Metrik, Lpz. 1814—16, 2 Bde., n. A. 1834; mehrere Novellen im Gespcnsterbnch (z. B. Erzählung, die zur Oper Der Freischütz den Stoff gab); Cikaden, Berl. 1810; Die Zeitlosen, ebd. 1817; Die Trauerspiele Polydos, Die Ätolier, Kalirrhoe, Kunz von Kauffnngeu, Faust n. a. 2) Guido Theodor, Sohn des Vor., deutscher Schriftsteller, geb. 10. Mai 1811 zu Leipzig; studirte die Rechte, nebenbei Poesie u. Musik treibend; erblindete in Folge eines Sturzes seit 1836 fast gänzlich, privatisirie seitdem in seiner Vaterstadt u. starb daselbst 26. Rovbr. 1867.. Neben seinen gemüthvollen und geistreichen lyrischen und epischen Dichtungen (Gedichte, Lpz. 1840, u. Melusine, Gedicht in drei Gesängen, Lpz. 1844) sind hauptsächlich seine dramatischen Arbeiten hervor- znheben (Gesammelte dramatische Werke, Lpz. 1856), darunter die gelungenste das ans vielen Bühnen mit Beifall gegebene Schauspiel: Das Nähkäthch'en. Von A. ist auch der Führer auf den Schlachtfeldern Leipzigs; das. 1863 und die 1866 das. erschienene Tabellarische Zusammenstellung der Kricgs- ereignisse bei Leipzig im Oct. 1813. Apeldoorn (Appeldoorn), Pfarrdorf im Bez. Arnheim der niederländischen Prov. Geldern; Cantvnalgericht, Kirche mit den Grabmälern der Gemahlin des Statthalters Wilhelm V. u. des Admirals v. Kingsbergen, Landbauschule mit Werk- zengcabinet, Papierfabrikation; 12,500 Ew. im Gemeindebezirke. Die ganze Gemeinde hat 38 Maschinenpapierfabrikeu. In der Nähe das Lust- Apcllvs — schloß Loo, Sommeraufenthalt des Königs der Niederlande; ist durch den Griftkanal mit der Assel verbunden. Apelles, einer der berühmtesten griechischen Maler; arbeitete schon für König Philipp von Makedonien u. fand seine Hanptthätigkeit unter Alexander d. Gr., so daß seine Wirksamkeit den größten Theil der 2. Hälfte des 4. Jahrh. v. Chr. umfaßt. Zn Kolophon geboren, hatte er seine Adoptivheimaih in Ephesos u. in Kos das Ehrenbürgerrecht. Schüler des sonst unbekannten Ephoros von Ephesos, trat er später in die sikyonischc Malcrschnle ein, lernte um diese Zeit die jüngere Lars in Korinth kennen, traf in Eleusis mit Phryne zusammen, trat in lebhafte Beziehungen zmn makedonischen Hofe n. ward der erste Hofmaler 'Alexanders. In Folge der Kricgszüge dieses Königs nahm A. seinen Hanptanfcnthalt in Ephesos, von wo ans er Rhodos n. Alexandria besuchte. Zuletzt scheint er in Kos gewohnt zu haben. Bon seinen Werken gilt als das berühmteste die Aphrodite Anadyomcne, mit den Händen das Mecrwasser aus ihren Haaren auspresscnd. Wahrscheinlich war nur die obere Halste des nackten Körpers sichtbar. Eine zweite Anadyomcne blieb in Folge seines Todes unvollendet. Ferner eine Diana im Kreise opfernder Jungfrauen, mehrere symbolische Gestalten u. Bildnisse Philipps n. Alexanders d. Gr., ein nackter Heros n. a. Die Hanpt- vorzügc dieses Malers waren vollendete Anmnth und ungewöhnliche Virtuosität der Hand. In der Behandlung des Helldunkels dürste er kann: hinter der sikülischen Schule znrückstehen. Was seine Technik betrifft, so kannte er nur die Tempera-, nicht die enkanstische Malerei. In Vergleichung mir späteren Malern dürfte er mit Correggio, dem Maler der Grazien, am meisten Ähnlichkeit haben. Jndeß kann cs nicht die blos technische n. malerische Vollendung gewesen sein, die A. die hohe Bewnndcrnng des Alterthnms verschaffte. Zeigten auch seine Werke nicht die geistige Tiefe Polygnots, nicht die religiöse oder poetische Auffassung, die ethische oder psychologische Durchbildung, nicht die dramatisch bewegte, scharf begrenzte Handlung, so dürfen wir den Künstler doch nach dieser Seite hin nicht unterschätzen, denn in seiner Kunst lag die wahre Größe des Stils. Seine Kunst war eine ideale, indem sic über die natürliche Erscheinung den Zauber der Schönheit goß, wobei sie Hoheit und Ernst mit Anmnth verband. A. bildet den Schluß, Len Gipfel der hellenischen Malerei. Apclt, Ernst Friedrich, deutscher Philosoph, geb. 3. März 1812 zu Reichenau (Oberlansitz), seit 1839 Professor der Philosophie in Jena, wo er d. 31. Oct. 1859 starb. A. war der bedeutendste Vertreter der Friesischen Schule. Er schrieb: Ernst Reinhold u. die Kantische Philosophie (Lpz. 1840); Anti-Orion, znm Nutzen n. Frommen des Herrn von Schaden (Jena 1843); Epochen der Geschichte der Menschheit (Jena 1845, sein Hauptwerk); Kcpplers astronomische Weltansicht (Leipz. 1849); Die Reformation der Sternkunde (Jena 1852); Theorie der Induktion (Lpz. 1854); Metaphysik (Lpz. 1857); Religionsphilosophie (heransg von Frank, Lpz. 1860). Apemiiiieii. 749 Apcittltnen, eine thcils mit Wald bewachsene, größtenthcils aber kahle, höhlenrciche Bergkette, die von den Mecralpen bei Savona an Italien in einer Länge von etwa 1190 km bei einer Breite von 30—135 km durchzieht, sich im ehemaligen Königreich Neapel in zwei Zweige theilt, deren einer an der Meerenge mit Cap Sparti- vento, der andere im Cap Lcnca endet. Das Gcbirg, das einen Flächenranm von mehr als 220,000 Hskm bedeckt, wird cingethcilt in die nördlichen, mittleren u. südlichen A. I. Nördliche A., von den Mecralpen an bis zur Tiber - quellc; diese werden durch die Scrchioquellc in die Lignrischen oder Sardinischen A., längs der NKüstc des Golfes von Genna, mit dem Monte Cimone 2168 m, Alpe di Sncciso 2016 m, Alpe di Cam- poraghcna 2000 m als höchsten Spitzen, n. in die Hctrnrischen oder Toskanischen N. geschieden; höchste Spitzen der letzteren: Corno alle Scale 1800 m, M. Falterone 1648 m, Prato Mcyno 1580 m. II. Mittlere A., von der Tibcrquellc bis zum Passe von Lagonegro, welche die Römischen A., die Abruzzen, den höchsten n. wildesten Theil des Gebirges, und den Neapolitanischen Apennin umfassen; höchste Spitzen: M. Viktore 2479 m, M. Regina 2333 m, Pizzo di Sevo 2420 m, Gran Sasso d'Jtalia mit dem 2909 in hohen u. höchsten Gipfel Corno del Frcrone, M. Velino 2494 in, Milctto 2056 in. III. Südliche oder Calabrische A., von dem Passe von Lagonegro bis zur Südspitze Italiens; höchste Spitzen: M. Pollino 2160 m, M. Cocnzzo 1713 in, Aspromonte oder M. alto 1374 in. Ans der Halbinsel "vn Manfrcdonia, südl. von den Abruzzen, erhebt sich das von den A. getrennte vnlcanischc Gebirg des M. Gargano mit dem 1559 m hohen M. Calvo. Während die A. im O. steil abfallcn, laufen sie nach W. hin nördlich vom Arno bis südlich zum Golfe von Salerno in den verschiedenen Zügen des sogenannten Snbapennin ans, der im M. Amiata 1732 in hoch anfsteigt; hier sind auch das Albancr- gebirg mit dem M. Cavo 964 in u. die Sabiner- bcrge mit dem M. di tre Confini 1254 in; im S. erhebt sich der Vesuv zu 1140 in Höhe. Das A-gebirg mit seinen Nebcnzügcn hat nach außen hin reizende Gelände u. Abhänge mit subtropischer, bis zu 380 in immergrüner Vegetation. Der Olivenbanm nimmt neben dem Weinstock, dein Feigen-, Mandel- n. Maulbeerbaum eine hervorragende Stelle ein. Im Süden auch Citronen-, Orangen-, Johannisbrodbäume, Aloe, Cactns rc. Seine Gewässer sendet cs meist ins Mittclmeer (Tiber, Arno n. a.); ins Adriatische gehen mir einige Nebenflüsse des Po n. mehrere Küstenflüsse. Es besteht bis znm Golfe von Policastro hauptsächlich ans Granit und krystallinischcn Schiefern, südlich davon ans Kalkstein, Dolomit, Mergel, Sandstein, Macigno, Albarese rc., führt Erze, Schwefel, Erdöl, Edelsteine rc. und ist reich an Mineralquellen, Versteinerungen aus demPflanzen- nnd Thierreiche. Das Joch des Gebirges wird durch 14 Hanptpässe (Kunststraßcn) n. durch mehrere Eisenbahnlinien (Savona - Alcssandria, Gcnua- Alessandria, Florenz-Bologna, Ancona-Foligno, Neapel-Foggia) überschritten. Zn Napoleons I. Zeit wurde ein französisches Deparrement in Li- 750 Apmrade gurien nach den A. genannt, dessen Hauptstadt Chiavari war. Apenrade (dän. Apneraa), 1) Kreis in der preuß. Prov. Schleswig-Holstein, an der Ostküste derselben; Boden fast ganz eben u. meist fruchtbar, doch enthält er auch viele Haideflächen; 771 s^kiu (14 s^M), mit 29,l23 Ew., die meist Landwirth- schaft und Handel mit Landesproducten lrciben; 34,z bin der schleswigschcn Eisenbahnen. 2) Kreisstadt daselbst, zwischen Hügeln am Apenrader Fjord und einer Zweigbahn der schleswigschcn Hauptbahn; 5932 Ew. Die Stadt hat 5 vorzügliche Schifsswerfte, ausgebreiteteu Holz-, Eisen- n. Kornhandel, Schifffahrt u. große Ziegeleien; in der Fvhrde Pfahlmuschelnfang. A. ist auch ein besuchter Seebadeort; der Sitz des Landrathamtes ist Schloß Brunlnnd (Brnndlund) bei A. Die Stadt erfuhr viel Kriegs- u. Brandheimsuchnng: schon 1148 wurde sie von den Wenden, 1247 vom Dänenkönig Erik Plogpenning im Streite mit seinem Bruder, Herzog Abel von Schleswig, eingeäschert, erstand jedoch immer wieder; 1628 hatte Walleustein hier lange sein Hauptquartier u. ließ da eine Escadre von 18 Kriegsschiffen bauen, die indessen theils von den Dänen genommen wurden, theils in einer Sturmflulh untergingen. In den Kriegsjahren von 1848—50 u. 1864 fielen hier wiederholte Kriegsereignisse vor: am 5. April 1849 wurde A. von dänischen Schiffen beschossen, u. 1850 war es eine Zeit lang von Schweden besetzt. Auf dem Rathhause wird die Pergamentrolle aufbe- wahrt, worauf das Opneraa Skraa in lateinischer Sprache geschrieben, das 1. Mai 1335 vom Herzog Waldemar V. bestätigt wurde u., neben den alte» Stadtrechten von Schleswig, Flensbnrg u. Haderslcbeu, dem Jydske Lov König Waldemars II. entnommen ist. Apcpsie (v. gr. L-. UN-, nicht-, P6p8is, Verdauung), geschwächte oder aufgehobene Verdauung, ein Zustand, der vielen Krankheiten vorhergeht u. auch nachfolgt u. theils vom Magen ursprünglich den Ausgang nimmt, theils secundärer Art ist. Apeprisch, 1) unverdaulich; 2) an Apepsie leidend. Aper, 1) Marcus, Gallier, zu Vespasians Zeit einer der berühmtesten Redner in Rom; war zuletzt Prätor; in Tacitus' Dialog Vs oratoritzim spielt er eine Hauptrolle u. hebt die Vorzüge der Beredtsamkeit vor der Dichtkunst hervor. 2) Ar- rius, Präfectns Prätorio unter Kaiser Carus; er ermordete ans Herrschsucht seinen Schwiegersohn, den Kaiser Numerianus, 284 n. Ehr.;. Kaiser Diocletian ließ ihn hinrichtcn. Apsrs, so v. w. -ä.Arostis. Aperception (fr.), so v. w. Apperception. lkpeeyu (fr., v. mittellat. ackpersipers), 1) Übersicht, Entwurf; 2) Betrachtung, Wahrnehmung, Gedanken in aphoristischer Darstellung. Aperen (Oavia apsrea v.) , eine Art des Meerschweinchens, in Brasilien u. Paraguay nach Art des wilden Kaninchens lebend. üperientm (Aperitivs, v. lat. aperio, ich eröffne), Ausleerungen, Stuhlgang bewirkende Arzneimittel. Aperiodisch (Telegr.), s. u. Galvanometer. Apert (v. Lat.), offen, geöffnet, eröffnet; so — Apfel. apsrto term'iw. nach eröffnetem Termin, während der Gerichtsverhandlung. Apertio (lat., Eröffnung), der Theil der Taus- Handlung in der Katvol. Kirche, wo der Priester, unter Benetzung der Ohren und Nasenlöcher mit Speichel, ruft' Hephata (Thu' dich auf)! üpertorlum (von aporio. ich eröffne: Chir.), Instrument zur Erweiterung einer Öffnung des Körpers; s. Lpoeulniu. Apertur, 1) Öffnung. 2) (Anat.) Öffnung in Knochen rc. zum Durchtritte von Gefäßen und Nerven rc., gewöhnlich eine Mündung von Kanälen bildend. 3) (Astr.) Bei Fernrohren der Durchmesser der Öbjectivlinse, bei Spiegelteleskopen derDnrchmesser des Spiegels.; vgl. Fernrohr. -petalus (Bot.), blumenblattlos, von Blüthen, welche keine Blumeukronblätter (psta-Ia) haben. Davon: Lipstalae, Blnmenblattlose, d. h. ohne Blnmenkrone. oder nur mit einfacher Blüthenhülle; bei Endlicher 2. Cohorte der 5. Section, mit den Klassen der Pfeffergewächse, der Wasserpflanzen (OvrstoMMas, vallitriollineas, vockostsinsas), der Kätzchenblüthler, Kohlgewächse, Thymeleen n. Serpentarien. üpsx (lat., Spitze), 1) (röm. Aut.) kegelförmiger Priesterhut der vlaminss n. 8alii. Der vla-iuen ckialis durfte ihn nur in seiner Wohnung ablcgen. 2) (Gramm.) In der Kaiserzeit Bezeichnung der Länge eines Vocals; jetzt auch Zeichen der Zn- sammenziehung zweier Sylben in eine (-^), z. B. inKeni stattinAsnii. 3) (Astron.) Apex nennt Schia- parelli in seinen Unterslichungen über die Sternschnuppen denjenigen Punkt am Himmelsgewölbe, gegen welchen die Erde sich hinbewegt n. ans welchen die Tangente der Erdbewegung hiuweist. Der A. durchläuft in einem Jahre die ganze Ekliptik u. bleibt stets in Folge der Richtung der Erdbewegung iiri Mittel etwa 90" westlich von der Sonne entfernt, steht also durchschnittlich für einen gegebenen Ort um 6 Uhr im Meridian. Der A. ist von so großer Wichtigkeit für die Sternschnuppen, daß er auch die meteorische Sonne genannt wird. Vergl. Sternschnuppe». 4) (Anat.) Spitze eines Organs oder Theils, z. B. L. linAnas, Zungenspitze, L.. nasi, Nasenspitze, pnlmoimm. Lungen spitze rc. Apfel, Frucht des Apfelbaumes, eine der nutzbarsten Öbstarten in den gemäßigten Zonen, sehr verschieden nach Größe, Farbe, Gestalt, Geschmack, Reifezeit u. Haltbarkeit, welche Eigenschaften bei Bestimmung der Sorten vorzugsweise berücksichtigt werden. Die Farbe wechselt von Grün bis zum schönsten Goldgelb, ist dabei oft roth gestreift oder verwaschen, besonders aus der von der Sonne beschienenen Seite, oder sie ist auch roth über die ganze Frucht, oder grau, und dann die Oberfläche gewöhnlich rostartig n. rauh anzufühlen. Hinsichtlich der Gestalt unterscheidet man längliche, runde, platte, walzenförmige, zugespitzte, breite, kantige rc. Äpfel; der Geschmack ist sauer, säuerlich süß oder rein süß, dabei oft gewürzhaft in der verschiedensten Weise; am meisten geschätzt sind die Ä., welche angenehm gewürzig, aber weder vorherrschend süß, noch sauer sind. In Bezug auf die Reifezeit lheilt man die Ä. in Sommer-Ä., die im August u. Septbr., Herbst Ä., die im Octobcr u. Apfel. November, u. Winter-Ä., welche im December u. später zeitig werden; nach der vorzugsweisen Benutzung werden sie als Tafel- u. Wirthschafts-Ä. bezeichnet. Die vielen Hunderte jetzt bekannter Sorten werden nach Diel in,7 Klassen eingetheilt: a) Calvillen oder Kant-Äpfel, mit den Ordnungen: echte Calvillen, Schlotter-Ä. u. Giilder- linge; die echten Calvillen sind fast nur Tafel-Ä., die Bäume verlangen gut bearbeiteten Boden u. sonnigen Stand, tragen friih u. reichlich, werden aber selten sehr groß n. alt. Dahin: weiße und rothe Winter-, Sommer- u. Hcrbft-Calvillen, Grä- fensteiner, Danziger Kant-Ä. u. a.; die Schlotter-Ä. sind meist große, aber nur gewöhnlichere Wirth- schafts-Ä, die Bäume wachsen ans weniger gutem Boden, werden groß u. alt: rheinischer Krumm- stiel, Winterpostoph, Prinzen-A., süßer Königs-A. u. a.; die Gülderlinge gehören zu den schmackhaftesten, feinen Ä-n mit reincttenartigem Fleische, die Bäume tragen reichlich, werden aber nicht sehr groß u. alt: edler Prinzessin-A., doppelter Holländer, Winter-Karthäuser, Gold-Gülderling u.a. b) Ro- sen-Äpfel u. zwar na. zugespitzte oder längliche, bb. runde oder platte; unter den Rosen-Ä. sind viele frühe Sorten von sehr feinem, angenehm gc- würzhaftem Geschmack, die Bäume eignen sich wegen ihres schwachen Wuchses zu Zwergbänmen, verlangen aber meist guten Boden: rother, weißer u. gestreifter Tauben-A-, rother Astrachan, Agath-, Zicad-, Zimmt-A. u. a. o) Rambour- oder Pfund - Ä., nur große Wirthschafts-Ä., oft aber von angenehmem Geschmack, die Bäume wachsen kräftig, auch auf geringerem Boden u. werden alt: rother Cardinal, Häusmüttcrchen, Kaiser-Alexander, Lütticher Rambour u. a. ä) Reinetten, sehr zahlreiche Sorten von den verschiedensten, aber sfets regelmäßigen Formen n. fast nur gute Tafel- Ä.; viele verlangen freilich einen guten Boden u. geschützten Stand, werden leicht krank und nicht alt, andere gedeihen aber auch unter weniger guten Verhältnissen, u. eignet sich die Mehrzahl auch für Zwergbäume; an. einfarbige R.: Ananas-, Wachs-, Rambour-, Edel-, Landsberger R., Non- pareil, Goldpipping u. a.; bb. rothe R.: Blut-, Champagner-, Limonen-, Baumanns-, Mandel-R., Borsdorfcr, Zwiebel-Ä. u. a.; vo. graue R., mit stark rostiger Schale u. großer dkeigung zum Welken, weshalb sie nicht zu früh abgenommen werden dürfen: grauer Kurzsticl, graue französische Spitals-R., Parkers Pippiug, Carpentin u. a.; ää. Gold-R., alles nur ausgezeichnete Früchte: Kasseler-, Königs-, Granat-, Orleans-R-, englische Winter-Goldparmaine, französische Gold-R. u. a. e) Streiflinge, sämmtlich rothgestreifte, meist gute und viele süße Wirthschafts-Ä., die Bäume wachsen kräftig, sind gesund, tragbar u. dauerhaft, eignen sich gut zu öffentlichen Anpflanzungen: Königlicher-, Winter- u. 3 Jahre dauernder Strcif- ling (rother Paradies-A.), Neutzerling, Matrheinischer Bohn-A. n. a. b) Spitz-Äpfel, meist Wirthschafts-Ä., die Bäume'gedeihen gut u. werden alt: Königin Luise, Fleiner, Melonen-, Blut-Ä. u. a. §) Platt-Äpfel, großentheils Wirth- schafts-, aber auch mehrere sehr schmackhafte Ä., die Bäume wachsen kräftig u. gesund: rother ».gelber Stettiner, weißer Taffr-, grüner Fürsten-, Winter- Citron-A., Winter-Bredeke, weißer Pauliner, Haw- thornden u. a. — Neuere Pomologen haben mehrere Klaffen gebildet, indem sie die Dielschcn Ordnungen als Klassen annehmen u. noch weitere Theiluttgen machen; Lucas z. B. theilt die Ä. in lö Klassen ein. — Die vollkommene Ausbildung u. Schmackhaftigkeit der Ä. hängt vorzugsweise von einem guten Standort, günstiger Witterung u. vollkommener Reife ab, n. können bei größeren Unterschieden in dieser Beziehung die Früchte derselben Sorte oft sehr von einander abweiche», selbst in der äußeren Form, weshalb die richtige Bestimmung oft schwierig ist. Die Ernte der Ä. muß zur gehörigen Zeit geschehen, erst dann, wenn sie sich mit dem Stiel vom Baume leicht lösen lassen: Sominer-Ä,, wenn sie weich und schmackhaft sind, Winter-Ä. werden solches erst auf dem Lager, dürfen selten vor Anfang December ab- gcnomnien werden; es soll bei trockenem Wetter ». mit Vorsicht geschehen, um sie haltbar zu machen. Die Aufbewahrung geschieht am besten in frost- freien, trockenen Räumen auf Unterlagen von Holz oder Stroh bei möglichster Abhaltung von Luftn. Licht, deshalb gewöhnlich in trockenen Kellern oder in Kisten zwischen Asche, Sand, Stroh u. dgl., oder noch besser einzeln in Papier gewickelt. Die Benutzung der Ä. ist sehr mannichfaltig. Mäßig roh genossen sind sie für Gesunde eine unschädliche Speise, in manchen Krankheiten sehr erquickend n. kühlend; gekocht schaden sie dagegen nur selten u. tragen viel zur Verdaulichkeit anderer Speisen, besonders der Mehlspeisen u. Hülsenfrüchte bei. Als Heilmittel benutzt man sie u. a. zu A.-Pomade, apfelsaurem Eisenextract u. gleichnamiger Tinctur; gebratene Ä. dienen als Breiumschlag zur Kühlung und Zertheilung von Geschwülsten. Getrocknete oder gedörrte Ä. werde» sehr häufig genossen, u. ist dies eine der besten Methoden, um sie aufbewahrbar zu machen; meist werden sie geschält, dnrchgcschnittcn und Las Kernhaus durch Ausschneiden oder Ausbohren entfernt, kleine platte Ä. aber auch ganz gelassen; das Trocknen geschieht bei geringeren Mengen auf Fäden gereiht in der Sonne n.Lnft, häufiger im Backofen, nachdem das Brod herausgenommeii, oder derselbe besonders dafür geheizt ist; die beste Art des Trocknens ist die in besonderen Trocken- oder Darröfen. Immer muß Vorsicht angewendet werde», damit nicht durch zu große Hitze die Ä. verbrennen, oder der Saft änslänft; die Aufbewahrung muß in hölzernen Gefäßen, Körben und dgl., nicht in Steintöpfen geschehen, u. zwar auf einem trockenen Zimmer, wo sie sich alsdann viele Jahre gut erhalten. Außerdem werden die Ä. noch ans die verschiedenartigste Weise entweder für sich allein, oder in Verbindung mit anderen Nahrungsmitteln gekocht, gedämpft, geschmort, gebacken u. eiiigemacht u. sind dann immer eine angenehme, meist gesunde Speise. Der Apfel spielt in der Mythen- n. Sagenwelt eine bedeutende Nolle. Da er wegen seiner rundeil Gestalt ein Bild der Welt im Kleinen, oder auch der Erde oder anderer Weltkörper ist, so war er häufig ein Attribut der Götter oder ein Symbol der Göttlichkeit oder der Macht überbaupt. Im Orient war er Symbol der Sonne, daher 1000 N 752 Apfelbaum — Apfelbrechcr. Trabanten der persischen Könige (Melophori) goldene Ä. an ihren Lanzen trugen. Die Ä. der Hesperiden, welche nach der griechischen Mythe im Westen von einem Drachen als Bild der Nacht gehütet werden und welche zn holen eine der Arbeiten des Herakles war, bedeuten die Sterne, welche der am Morgen erscheinende Sonnengott wegnimmt. Durch hingeworfene goldene Ä. hielt Melanion oder Hippomencs als Sonnengott die Mondgöttin Atalantc auf, so daß sie im Wettlaufe mit ihm besiegt wurde. Nach späterer griechischer Mythe war Bacchus als Sonnengott Schöpfer des Ä-s n. hatte diese Gabe der Aphrodite mitgetheilt; dadurch ward der A. ein erotisches Bild, daher auch iu der Mythe von der Veranlassung des troi- schen Krieges bei der Hochzeit des Polens u. der Thetis durch einen von der Eris geworfenen A. (Apfel der Eris, s. Eris u. Thetis), den dann Paris der Aphrodite als Preis der Schönheit überreichte, Streit erregt ward. In der hebräischen Sage gilt der A. des Paradieses, weil Bild der Weit, als Sinnbild der Erkenntniß des Guten n. Bösen. So ist auch der Reichs-A. in Deutschland kein A., sondern eine Kugel, u. zwar die Erdkugel. In vielen Sagen verschiedener Völker hat ein großer Baum mit goldenen Ä-n deutlichen Bezug aus das Weltall. Da die Sterne von: Sonnenstrahl getroffen nntergehen, dieser aber in den Händen des Sonnengottes oft als Pfeil erscheint, so bildete sich die Sage von dem Meisterschüsse ausgezeichneter Schützen auf einen A., weiche bei allen Stämmen der arischen Race als nationale Überlieferung vorkommt (s. Teil). Apfelbaum (Bot.), k/rus maluaD., ans der Familie des Kernobstes (Pomaceen, XII. 2); wächst im Orient u. vielen europäischen Gebirgs- wäldern wild u. ist seit uralter Zeit in zahlreichen, sreis sich vermehrenden Varietäten veredelt worden. Die Rinde des Stammes ist rauh, blätterig sich avschuppend, von den jüngeren Zweigen herb u. scharf bitter; die Zweige sind an der Spitze dornig; die Blätter (besonders ans der Unterseite) meist filzig, sonst glatt; die Blüthen röthlich, größer n. später erscheinend, als die des Birnbaumes; die Frucht rundlich, abgestutzt und in den veredelten Varietäten sehr wohlschmeckend. Erst durch die langjährige Cultnr ist der A. für das gemäßigte Klima so sehr nützlich geworden; in Italien, Südfrankreich n. Spanien gedeiht er schon nicht recht mehr, ebenso wenig nördlich über die Brette von Petersburg hinaus; durch wiederholte Aussaat der Samen von den besten Früchten in Verbindung mit sorgfältiger Cnliur der Bäume sind nach und nach die vielen Hunderte der-jetzt bekannten Abarten entstanden , während schon die Griechen deren mehrere n. die Römer 29 Sorten kannten. Der A. liebt guten, tiefgründigen, humusreichen, nicht zn schweren Lehmboden und eine etwas gegen die rauhen Winde geschützte Lage; in sogenanntem gutem Roggenboden pflegt er am besten fortzukommen; er erreicht dann cme beträchtliche Größe und ein Alter von über 109 Jahren; aber auch unter weniger günstigen Verhältnissen läßt er sich noch mit Vortheil ziehen, wenn nur der Boden nicht allzu schwer, zu naß, zu leicht n. trocken oder sehr flachgründig u. die Lage nicht zu ranh u. windig ist. Der A. wird vorzugsweise als Hochstamm gezogen u. dann in Abständen von 8 bis 10 m gepflanzt, oder in den schwach wachsenden Sorten auch als Niederstamm, wobei die Entfernung geringer sein kann. Die Anzucht der wilden Stämme geschieht ans Samen, die Vermehrung der guten Sorten durch Veredlung (Pfropfen, Copnliren n. Ocnliren), wobei für die Hochstämme die ans Samen von kräftig wachsenden Äpfeln gezogenen Wildlinge, für die Riederstämme der Paradies-, Johannis- u. Kirsch-A. als Unterlagen genommen werden. Die Apfelbäume werden in der Baumschule erzogen, später in Gärten, Banmgärten, an Wege n. in einzelnen Gegenden auch in die Felder verpflanzt, wobei besonders zn beachten ist, daß sie ans gut vorbereitete Pflanzlöcher u. nicht tiefer, als sie Wurzel haben, in den Boden zn stehen kommen; Düngung ist zuträglich, wenn sie im Wüchse Nachlassen, übrigens zn starke Düngung, -besonders mit frischem Miste, sehr leicht verderblich, erzeugt Brand, Krebs n. andere Krankheiten; mäßiges Zurückschneiden der Kronen ertragendie größeren Apfelbäume gut u. werden dadurch oft in kurzer Zeit wieder kräftig n. gesund; auch überwinden sie bei naturgemäßer Pflege ziemlich leicht äußere Beschädigungen u. Krankheiten. Das schöne, bräunliche, leichte, aber ziemlich feste Holz des A-s wird zu Tischler-, Schnitz- n. Drechslerarbeiten benutzt, auch die A-rinde, besonders die vom wilden A. ist nutzbar durch einen gelben Farbstoff, welcher statt der amerikanischen Qnercitronrinde verwendet werden kann. Die Hanptnntznng sind jedoch die Früchte (s. Apfel) der edlen Sorten, welche roh n. ans die mannigfachste Weise zubercitet als Nahrung für die Menschen dienen u. außerdem zn einigen medicinischen Zwecken verwendet werden; die Früchte des wilden A-es schmecken sauer, sind übrigens eine gute Äsung für das Wild u. werden auch von Rindvieh n. Schweinen gern gefressen; ferner können sie zur Bereitung eines guten Essigs und Branntweins benutzt werden; die Samen liefern Öl. Apfelbamn-Gespinstmotte n. -Glasflügler, s. Gespinstmotte n. Glasflügler. Apfelbein (Anat.), so v. w. Jochbein. Apfelbliithenkäfer (Apfelblüthenbohrer, Apfelrüsselkäfer , Xntttouomua pomorum L.), Art ans der Gattung Langrüsselkäfer, Familie der Rüsselkäfer; 8 mm lang, braun geflammt, Flügeldecken rostig, hinten weißliche n. schwarze Binde, Schildchen weiß; kommt im Frühjahr aus der Erde, sticht die zarten Frnchtboden der Apfelblüthen an, legt ein oder mehrere Eier hinein; die daraus entstehenden Larven sind 2 mm lang, weiß mit braunem Kopfe, fressen die Staubgefäße n. den Fruchtknoten, auch die zarten Blumenblätter an, welche sich zn einem Dache umbengen. Ost mißrätst durch sie eine ganze Apfelernte; gewöhnlich hält man solche Blüthen für erfroren. Apfelblüthenstecher, s. Blüthenstecher. Apfelbrecher (Apfelpflücker), Instrument zum Pflücken der Äpfel, welche man mit der Hand nicht erreichen kann; es besteht aus einem an einem langen Stiel befestigten, tellerförmigen, am Rande mit anfstehenden Zacken versehenen Holze; am zweckmäßigsten wirb die Mitte des ff Os Apfclfrucht — Brettchens ausgesägt u. darunter ein Beutclchcn zur Aufnahme der Früchte angebracht. Apfelfrucht (koinnin, Bot.), eine Fruchtform, die vorzugsweise durch den dickfleischigen Kelch u. Blütheuboden (Ussooarpinm) gebildet wird, welcher in seinem Innern das pergamentartige Samengehäuse enthält, dessen 5 Fächer, ebenso vielen Fruchtblättern entsprechend, entweder im Centrum verschmelzen (Birne), oder getrennt bleiben (Apfel). Bei beiden sind die Fruchlfächer je 2samig, bei der Quitte vielsamig; bei Nsspilus u. 6ratae- §N8 liegen die Samen in steinhart werdenden holzigen Fruchtfächcrn. Apfelstebirg, Geb. auf der Grenze der Mongolei n. Daurien, im Qucllgebiete des Amur, in nordöstlicher Richtung als Jablouoi- u. Stanowoi- Chrebet sich fortsetzend; höchster Punkt Sochondo 2400 m. Über den Paß von Tschita 1200 m führt die große Heerstraße nach Daurien. Apfelkrallt oder A.-Sprnp, der möglichst dick eingekochte Saft der Äpfel; die Zubereitung erfordert große Aufmerksamkeit und geschieht säst nur in besonders dafür eingerichteten Krautkochereien. Apfelmost, noch nicht ausgegohrcuer Apfelwein oder Cider. Apfelöl, s. u. Fruchtessenzen. Apfelpomade, so v. w. Lippenpomade. Apfelguitte, Quitte von derGestaltcinesApsels. Apfelrose ist Ross, vilioss.. Apfelrüssclkäfcr, so v. w. Apfelblüthcnkäfer. Apfelsägcwcspe, s. Blattwespe. Apfelsailgcr, s. Blattflöhe. Apselsäurc (Lvicknm malionm) (^lloO^,, eine im Pflanzenreiche sehr verbreitete, fast in allen sauren Früchten vorkommende zweibasische Säure. Sie ist namentlich enthalten im Safte der unreifen Äpfel n. in großer Menge in dem der Vogelbeeren. Ferner rührt der saure Geschmack der Kirschen, Pflaumen, Johannisbeeren, Himbeeren, Erdbeeren rc. von A. her. Auch Tabaksblätter, Hauslauch u. a. Pflanzen enthalten die Säure. Auf künstlichem Wege entsteht sie aus der Monobrombernsteinsäure durch Kochen mit Silberoxyd. Man stellt sie am besten aus dem Safte unreifer Vogelbeeren dar, indem man denselben mit Kalkmilch annähernd neutralisirt und kocht, wobei sich neutraler apselsaurcr Kalk abscheidet. Löst man diesen in heißer verdünnter Salpetersäure, so krystallisirt beim Erkalten reiner saurer apselsaurer Kalk aus. Derselbe wirdnachmehr- maligem Umkryställisiren mit Bleizuckerlösung gefällt n. der Niederschlag von apfels. Bleioxyd mit Schwefelwasserstoff zersetzt, wonach die eingedampfte Lösung farblose, büschelförmig vereinigte Nadeln von A. absetzt, die geruchlos sind, stark sauer schmecken, sich in Wasser und Alkohol leicht lösen und an der Lust zerfließen. Die Krystalle schmelzen gegen 100"; bei längerem Erhitzen auf 140°—180° verliert dieA. Wasser n. verwandelt sich in zwei neue isomereSänren: die Fumarsäuren. Maleinsäure, beide von derFormelQ^H^O^. Schwefelsäure zersetzt die Ä. in der Wärme in Kohlensäure n. Essigsäure; Salpetersäure oxydirt sie zu Oxalsäure; Salzsäure ist ohne Einwirkung; durch Chromsäurc wird sie zu Kohlensäure oxydirt; durch Erhitzen mit Kalihydrat in Essigsäure und Plerers Umversal-Convcrsations-Lexilo». k. Ausl, l - Apfelwickler. 753 Oxalsäure verwandelt, während Wasserstoff entweicht. Unter Mitwirkung von Fermenten, wie Bierhefe, faulender Käse,'faulendes Fleisch u. a., zerfällt sie in neutraler Lösung in Lcrnsteinsäure, Essigsäure, Buttersänre u. Kohlensäure. Apfelsänresalzc, Verbindungen der Apfel- säure mit Basen. Dieselben sind neutral, oder- sauer, je nachdem zwei oder ein Atom Wasserstoff der Säure durch Metalle ersetzt wird. Die meisten sind in Wasser löslich. Die sauren Alkalisalze sind leicht krystallisirbar, die neutralen nicht. Die neutralen Salze von Thoncrde, Eisenoxyd, Mangauoxydul u. a. sind gummiartige, leicht lösliche Substanzen. Die meisten Salze gehen beim Erhitzen in fumarsaure Salze über. Das Eiscnoxydsalz macht einen Bcstandthcil des osficinelleu Dxtracknm korri pcmratn aus. Apfelschimmel, grauweißes Pferd, welches über den ganzen Körper oder au einzelnen Thei- leu, namentlich am Hinterthcil, mit runden dunkleren Flecken (Äpfeln) gezeichnet (geapfelt) ist. Apfelsine, d. h. Sina-(China-)Apfel, Frucht des Apfclsincnbanmcs (Librus anrantium sinonsis L-, 6. sinensis 6. aurantinm srain. OrtMAvr ä kruit cionx, ital. tlranvio, I>art,o^allo>, nach Riffo eine besondere Art der Gattung ^A>-u- meu (6itrus), nach Anderen nur Abart (Var. ckuleis) der bitteren Orange von Dixaräm vulgaris L. Es ist dies ein dorniger Banm mit eirund-länglichen, spitzigen, gesägten, beim Drucke leicht zns'ammenschießenden Blättern, mit wenig geflügelten Stielen, weißen Blüthen n. abgeplatteten, selten zugcspitztcn oder warzigen Früchten (A-n). Diese haben eine orange- bis blutrothe Farbe, oder sind mit diesen Farben gefleckt oder gestreift, mit convexen Rindenbläschcn und sehr säst- und znckerrcichcm, faserigem gelbem oder blutrothem Fleische, das angenehm aromatisch, süß-säuerlich schmeckt. Es gibt auch Abarten ohne Kerne, sowie andere mit von der Schalc abgclöstcm Frnchtbrei, so die etwas kleineren maltesischen Mandarinen. Die A-n kommen aus SEnropa, die besten ans Malta, Genua u. vom Gardasee. Der Apfelsinenbanm wurde von Portugal ans, wohin er 1548 unter Johann Ilk. aus China gekommen war, verbreitet; im Norden wird er nur in Gewächshäusern gezogen. Die saftreichsten, schwersten, dünnschaligen A-n sind die besten; sie werden meist roh, in Stücke geschnitten oder zertheilt, mit oder ohne Zucker gegessen. Die Schalen mit Rothwein und Zncker geben ein dem Bischof ähnliches Getränk; über die Schale wird auch ein Branntwein, Apsclsinen- rosoglio, abgezogen. Die A-n kann man einmachen; auch in der Küche werden sie wohl verwendet. Apfelspinner, s. -Nonne. Apfelwein, s. v. w. Cider. Apfclwicklcr, Obstschabe, Birnmottc (si'ortrix pomonana TlÄbrr.; Mnsir pomunollnT,.; Orapiro- libiis, xomonells, Tirertse/tLe), ein kleiner Schmetterling von 16 min Flugweite; Vorderflügcl röthlich, schicfergran, dunkler gewellt, nahe am Hinterrande ein großer dunkelbrauner Fleck mit knpferigeu Striemen, Hinterflügel braun. Die Raupe (Made, Wurm), im Apsel allgemein be- l. Band. 48 754 Apfelwurm - kannt, ist blaßrötblichgclb, mit grauen Wärzchen, Schwanzklappe und. Nackenschild; Kopf braun, sowie der getheiltc Nackenschild schwarz gefleckt; Puppe hellbraun, mit Hakenborsten am Hinterleibe. Die Raupe lebt in den Früchten des Kernobstes, Äpfeln u. Birnen, welche sie bis in die Fruchthöhlen durchbohrt u. so nicht nur die Samen (Kerne), sondern auch das Fleisch verdirbt. Die Raupe erscheint im Juli, verfertigt sich im September und Oktober, nachdem sic die Frucht verlassen, zwischen den Nindcnspalten ein seidenartiges, dichtes Gespinust, das sie mit Holzsplitterchen vermengt, überwintert darin, verpuppt sich im Frühjahre u. schlüpft Anfangs Sommer aus. Apfclwurm ist die Raupe des Apfelwicklers. Aphkgic (v. gr. a-, UN-, und xirä^omai, ich esse), Unvermögen, zu schlingen oder zu essen; rührt entweder von örtlichen Erkrankungen der Schlingwerkzeuge, der Speiseröhre oder des Magens her, oder ist Symptom allgemeiner Leiden des Nervensystems, z. B. von Krampfkrankheitcn. Aphaka (a. Gcogr.), Stadt am Adonis in Kölesyrien, mit Tempel der Aphrodite (Aphakitis), welchen Constautin der Gr. zerstörte; jetzt Afka. Aphakie (v. Gr.), ein von Dondcrs eingcführter Ansdruck für das Fehlen der Krystaltlinse im dioptrischcn System des menschlichen Auges; das durch Extraction des grauen Staars operirte Auge ist also ein aphakisches. Aphänit nennt man feinkörnige Varietäten der Diorite, Grünstcine u. Gabbro; sind in der gleichförmigen A-grundmasse einzelne Krystalle von Oligoklas, Anorthit, Augit ober Hornblende aus- geschieden, so entstehen die A-porphyre; auch mit Blasen als A-mandelstein kommt er vor. Viele Horustcine sind A-e. Er findet sich überall mit Grünsteinen, z. B. im Dillenbnrgischen, am Harz, in der Mclaphyrpartie im Nahethal (Weichselberg) u. a. a. O. Sein Name kommt vom gr. ap1mu68, undeutlich, weil man seine näheren Be- standthcile, Feldspath n. Augit oder Hornblende, nicht mit bloßem Auge erkennen kann. Aphiircma (a. Geogr.), eine der Toparchien Palästinas, welche durch Demetrios Soter von Samaria abgerissen u. dem Makkabäer Jonathan geschenkt wurden. Aphiiresis (griech.,Wcgnchmen) 1) (Gramm.) Abwerfung eines Buchstabens am Anfänge des Wortes, z. B. 's ist zu spät! 2) (Philosophie) So v. w. Abstraktion. Aphasie (Med.) bezeichnet eine Sprachstörung, bei welcher die Kranken das Wort nicht finden können, obwol das Bewußtsein n. die Zungenbewegung im Ganzen intact ist. Die Kranken haben die Worte in der Vorstellung u. können sie häufig sehr gut schreiben oder durch Mimik Ausdrücken, aber nicht aussprechen, u. ist das Bewußtsein immer so weit erhalten, daß Sprachvorstcllun- geu gebildet werden. Nicht selten fehlt es jedoch an der Vollständigkeit der einzelnen Bestandtheile des Worldegriffes, oder die Association der Sprach- vorstellung „ist mangelhaft. Die Krankheit war schon den Ärzten des 17. und 18. Jahrhunderts bekannt, u. trennten dieselben schon recht gut den Verlust der Sprache vom Verluste der Stimme (Aphonie). Von Len Ansichten über den Sitz der — ^.psiocsius. Sprachstörung im Gehirne hat sich die von Bro ca am längsten gehalten, daß die A. in einer Läsion des linken Stirnlappcns im Hiutertheil der dritten Froutalwindung begründet sei. Die neueren Untersuchungen haben gelehrt, daß allerdings der Sitz der A. in der angegebenen Hirustelle ist, aber nicht ausschließlich in der linken Windung, sondern daß Heide dritte Stiru- windungcn in Beziehung zur Sprache stehen. Als Ursachen der A. kannte man Schlagfluß, Verstopfung einer Hirnarterie, Hirnerweichung, Hirngeschwülste rc., und tritt die A. als Symptom dieser Krankheiten öfters auf; bisweilen wird sie nach Typhus, Brightscher Krankheit, Zuckcrharn- ruhr, Hysterie u. Epilepsie beobachtet. Niemals ist die A. eine selbständige Krankheit, sondern immer Folgeerscheinung, begleitendes Symptom eines anderweitigen krankhaften Processes im Gehirne. Die Behandlung fällt mit der des Grund- leidenS zusammen; in einzelnen Fällen wandte man die Elektricität mit Erfolg an. — Bonna- font, Aphasie, Par. 1805; Santlus, Notizen, Neuwied 1865; A.Ferraud, I/^piikwio, Par. 1870; F. Bateman, On llxlraAa., Norwich u. Lond. 1870; A. Froust, Vs I'L.., Par. 1870; Samt, Zur Aphasiefrage,Berl. 1872 (Arch. s. Psychiatr. III. 3); W. Hannes, Ein Beitrag zur Lehre v. d. A., Breslau 1873. Apbelanära L. Ln., Pflanzengatt, aus der Fam. der Acauthaceen (XIV. 2). Art: X. ori- 8tata L L, Strauch in SAmerika, mit scharlach- rothen Blüthen in dichten Ähren. Diese und X. Lnrantüaoa. Lr'nckk. werden als Warmhauspflanzen gezogen. Aphelrum (v. gr. axo, von, weg, u. chAic>8 die Sonne, also Sonnenferne), der Punkt der Planetenbahn, wo der Planet am weitesten von der Sonne absteht, iin Gegensätze znm Perihelium (Sonnennähe). Die Erde befindet sich am 2. Juli im A., 20,340,000 M. von der Sonne entfernt; am 1. Jan. dagegen im Perihelium, 19,660,000 M. von der Sonne entfernt, ist ihr also in diesem um etwa ^ näher, als in jeneni, u. bewegt sich auch im A. um langsamer. Beide rücken gegen die Ekliptik jährlich va. 1 Min. 2 Sec. vorwärts u. daher in etwa 58 Jahren um 1 Tag. Vgl. Sonne. Aphetä (a. Geogr.), Hafen in Thessalien, am Eingänge in den Pagasäifchen Meerbusen, von wo die Argonauten ausliefeu, beim jetzigen Trikheri. Aphetor (gr., Schütze), Beiname des Apollon in Delphi. /lpbläas (^.xliiäs8, ^xlnäii, ^.xbicklna) ist die Fam. der Blattläuse. Aphidna (Aphidnä, a. Geogr.), attischer Demos. Hier verbarg Theseus bei seinem Freunde Aphidnos die geraubte Helena, und im Spartanischen Kriege setzten die Spartaner sich hier sest und verheerten von hier aus das Land. Aptns L., die Gattung der Blattläuse. Aphobie (v. Gr.), Furchtlosigkeit. llpboäius IMF. (Dunggräber), eine Gattung der Blatthornkäser (Iiaruslllooinia). Die Arten, von geringer Größe u. meist unscheinbarer Färbung, sind allen Gegenden eigenthümlich u. leben schaarenweise im Miste beisammen. Die Eier 755 Aphonie — «erden vom Weibchen in Mist gelegt, in welchem die Larve sich eine Höhlung bereitet und von welchem sie zehrt. In Europa allein über 100 Arten. Eine der gemeinsten ist: lirnstarlns L., glänzend schwarz, Vorderwinkel der Brust u. der Flügeldecken mennigroth; 5—6 mm lang; in Deutschland überall gemein. Aphonie, Stimmlosigkeit, höchster Grad von Heiserkeit. Dieselbe kann ihre Ursache haben in chronischem Kehlkopfskatarrh und in gcschwürigen Zerstörungen der Stimmbänder, oder in Lähmung der Verengerer der Stimmritze. Im letzteren Falle bleiben bei der Tonbildung die Stimmbänder von der Medianlinie entfernt, die Ary- knorpel rücken nicht an einander, sondern stehen weit von einander ab, u. die Stimmritze bekommt eine keilförmige Gestalt, deren Basis nach hinten und deren Spitze nach vorn liegt. Die A. durch chronischen Katarrh u. Geschwür erzeugt beobachtet man am häufigsten bei Lungenschwindsucht und Syphilis, die paralytische A. nach übermäßigen Anstrengungen des Stimmorgans, z. B. bei Sängern, ferner nach langwierigen Kehlkopfskatarrhen, bei Druck auf den Kehlkopfsnerv rc. Vergl. Lehrb. der praktischen Medicin von C. F. Kunze, Bd. II. S. 41 u. 17. Aphörie (vom gr. a-, un- u. pirsrv, ich trage), Unfruchtbarkeit der Frauen. Aphorismen (v. Gr.), im Allgemeinen kurze, abgerissene, unter sich nicht in unmittelbarem Gedankenzusammenhang stehende Sätze; im engeren Sinne aber solche einzelne Sätze, in welchen zwar mit innerem fortlaufendem Zusammenhang, aber ohne äußere Verbindung Programm und Hauptinhalt einer Lehre oder Wissenschaft zusammengefaßt u. vorgetragen wird. Haupterforderniß ist immer eine fast sprüchwortliche Kürze (A. des Hypokrates). Daher Aph oristisch, abgebrochen, kurz; Aphoristische Schreibart, Schreibart in abgebrochenen Sätzen, ohne stilistische Verbindungsglieder. Aphraates (Farhad), der älteste syrische Kirchenvater; nannte sich Jakob, als er Bischof in dem Kloster Mar Mattai (Matthäus) bei Mossul wurde. Das Concil zu Seleucia-Ktesiphon beauftragte ihn 344 mit der Abfassung eines Rundschreibens an die christlichen Gemeinden des Persischen Reiches. Er .schrieb 23 Abhandlungen polemischen Inhaltes (meist gegen die Juden) für einen Abt Gregor. Die alte armen. Übersetzung dieser Abhandlungen gab Cardinal N. Antonelli 1756 zu Rom heraus mit tat. Uebers. (8. laoobi Kisibsni opsra omnia). Das syr. Original pu- blicirte W. Wright 1869 zu London (Mrs iromiliss vl ^plrraatss, llrs kersian 8nAo). Acht von diesen Abhandlungen hat Bickell in der Kemptener Bibliothek der Kirchenväter übersetzt. Aphrit (Min.), eine schaumig-erdige Varietät des kohlensanren Kalkes, daher auch Schaumspath oder Schaumerde genannt; er dient z. Poliren. tipbrltib, Gattung Moderfliege. Aphrodiska, Feste der Aphrodite, in ganz Griechenland, besonders in Paphos auf Kypros, gestiftet von Kinyras, aus dessen Nachkommen die Priester gewählt wurden; das Fest wurde nur mit unblutigen Opfern gefeiert. Aphrodite. Aphrodisla (gr., LiebeSgcnnß), Begattung u. Begattungstrieb. Davon .-Ipkruilisiaenm, Mittel zur Erregung des Gcschlechrstricbes u. znr Anreizung zum Liebesgenuß. Nahrhafte Kost, Wärme, aromatische Substanzen, Sellerie, Petersilie, Zwiebeln, ferner Aufregungen der Phantasie sind die wirksamsten, Cautharidentinctur aber das gefährlichste, da es die nachthciligste Wirkung auf 'Nieren u. Harnwege ausiibt, ja, zuweilen den Tod bringt. Wenige Fälle ausgenommen, muß jedes eigentliche A. streng vermieden werden. Aphrodisisch, auf die Begattung Bezug habend, dazu reizend. Aphrodisische Krankheit (Llorbus apdroclisiu-t), so v. w. Lustscuchc. Aphrodisisches Mittel, so v. w. ^.plirückisiaeum. Nphrödit (eigentlich Anaphrodit), Mensch, bei dem die Geschlechtstheile höchst mangelhaft entwickelt sind, oder gänzlich fehlen. Aphroditis- mns, Geschlechtslosigkeit. Aphrodite (lat. Venus), Göttin des Werdetriebes, deren Allmacht die Welt schuf, dann des Keimens n. Blühens in der Natur n. daher der Liebe, der Schönheit, der weiblichen Reize. Sie ist eine Verschmelzung der uralt griechischen Dione (galt später als Mutter der A., ihr Vater war Zeus) mit der orientalischen Astarte. Nach Hesiod u. A. entstand sie ans dem Schaume des befruchteten Meeres; daher ihr Beiname Aphrogeneia (d. i. die Schaumgeborene) oder Anadyomene (d. i. die aus dem Meere Anftanchende). Nach ihrer Entstehung kam sie auf einer Muschel schwimmend nach Kythera, wovon sie den Namen Kytherca führte, u. von da nach Kypros (Cypcrn), wo ihr immer große Verehrung gezollt wurde u. woher sie den Beinamen Kypria (Kypris) erhielt. Von hier erhob sie sich, von den Horen geschmückt, in den Olymp und wurde mit freudigem «staunen von den Göttern empfangen. Sie trug einen Gürtel, in welchem Liebe, schmachtendes Verlangen, Reiz u. sanfter Zauber verborgen waren n. mit welchem sie die Herzen der Götter und Menschen fesselte. Sie heißt die goldene, süßlächelude, die himmlische (Urania) oder die das Volk regierende (Paudemos), d. h. die Götter u. Menschen durchdringende u. durch die Ehe zu Familien n. Gemeinden verbindende Liebe; später freilich ist A. PandemosinRom(Vsnus vnlssiva^a) dieGöttin der sinnlichen Geschlechtsliebe mit allen ihren Ausschweifungen, die ihren höchsten Grad in Korinthos erreichten. Neben ihrem Gemahl Hephäslos hatte A. mehrere Liebhaber; ihre Liebeshändcl mit Ares verrieth Helios dem Hephästos, der die Liebenden einst in einem eigens dazu gefertigten künstlichen Netze fesselte u. die so Gefangenen znr Schau den Göttern preisgab, die darob in ein unauslöschliches (homerisches) Gelächter ansbrachen. Eros und Anteros waren ihre Söhne, Harmonia ihre Tochter von Ares; dem Bacchus gebar sie den Hymen. Auch Menschen erfreuten sich ihrer Liebe, wie Adonis, Butes, dem sie den.Eryx gebar, Anchises, von dem sie Mutter des Aneas (u. damit Stammesmutter der Äneaden, d. h. der Römer) wurde. Indem sie dem Paris dafür, daß er ihr einst bei ihrem Wettstreite mit der Pallas n. Here um die Schönheit den Preis (Apfels zu- erkaunt batte, bei der Entführung der Helena 48 * 756 ^.füiroäits — Beistand leistete, wurde sie indirect die Urheberin des Trojanischen Krieges, in welchem sie mit Ares ans Seiten der Troer stand. Durch den Umgang mit Ares hatte sie selbst einen kriegerischen Anstrich erhalten, wie denn auch Pcitho, eine der Chariten, als ihre Waffenträgerin galt. Ihr Gefolge bildeten Nymphen n. Charitinnen (Grazien), die Peitho (Suada), Eros n. die Eroten. Geheiligt waren ihr Sperlinge, Tauben (von denen ihr Wagen gezogen wurde), Schwäne, Böcke, Widder; Myrten, Rosen und Äpfel. Die bedeutendsten Tempel der A. waren zu Paphos u. Amathus ans Cypern, ans dem Eryx in Sicilien, auf dem attischen Vorgebirge Kolia, daher ihre Beinamen Paphia, Ämathusia, Erycina u. Kolias; in Knidos A. Enploia oder Pontia (als Meergöttin). Feste: besonders die Aphrodisia n. Anagogia; heilig war ihr der Monat April: ihre Opfer waren junge Kühe n. Tauben, auch Schweine. Beinamen außer den genannten waren n. a.: Morpho (Schönheitsgeberin), Apostrophia- (d. i. die Abwcndende, lat. Verticordia), sofern sic die gesetzlosen frevelhaften Begierden abwenden sollte; Epistrophia, dieHcrzenslenkerin; Nikephoros (die Siegreiche, lat. Victrix). In Rom hieß sie nrspr. Murcia (die Besänftigende); ferner Libentia oder Libitina, Göttin des Vergnügens; doch wurde in dein Tempel der Libentia auch Alles verkauft, was zu den Todtenbestattnngen gehörte (man glaubte entweder, dieselbe Göttin, welche den Menschen ins Leben rufe, solle auch bei dem Ausgange desselben zugegen sein, oder die Erinnerung an den Tod dürfe auch bei dem größten Sinncsgcnnsse des Lebens nicht fehlen); Calva, weil ihr zu Rom die Weiber einen Tempel gebaut hatten, nachdem sic bei der Belagerung der Stadt durch die Gallier ihr Haupthaar für Strickleitern u. Wurfgeschosse hergegcbcn; Cloacina oder Cluacina (nicht die Göttin der gemeinen Sinnenlust, von Cloaca), die Reinigende, weil die Sabiner u. Römer, als sie nach dem Raube der Sabinerinncn sich bekriegen wollten u. dann Frieden schlossen, an der Stelle mit Myrtenzweigen gereinigt wurden, wo nachher das Bild der Venus Cloacina stand. Die Kaiscrzeit feierte besonders Venns Genetrix als Göttin des Julischen Kaiserhauses; Hadrian erbaute den PrachttempelderVennsu. derRoma. Roch bis in das Mittelalter Pflanzte sich die Sage von dieser Göttin (Frau Venus) fort, u. sic ward damals, wie alle heidnischen Götter, als ein teuflisches Wesen betrachtet, in dessen Gestalt böse Geister die Menschen znm Heidcnthum n. zur Sünde zu verführen suchten. So erscheint sie z. B. in der Sage voin Tannhänser. Auch bei Turnieren u. den I snL lioronnx im Mittelalter spielte Frau Venus, als Personification der Liebe, eine große Rolle. A. ward ursprünglich bekleidet (die Dichter schildern oft ihren prächtigen Schmuck), dann halbentblößt, etwa seit Praxiteles nackt dargestellt; die Künstler gaben ihr ein ovales Gesicht, heitere Angen, etwas gedrückte Augenlider, mit blinzelndem, Liebe verlangendem Blick, kleinen holden Mund, ziemlich runde Nase, reizend volle Wangen, rundes Kinn mit leichtem Grübchen; der Kopf sitzt mit leichter Neigung auf dem schönen Halse. Die berühmtesten Darstellungen der A. sind° ans älte- Aphthenseuche. rer Zeit die der siegreichen A. (Venus viotrix), besonders die Venus von Milo, welche 1820 ans der Insel Milo gefunden wurde u. jetzt im Louvre zu sehen ist, ein Werk aus der höchsten Blüthe- zeit hellenischer Classicität, voll Hoheit u. Würde; sie ist halb bekleidet u. setzt den einen Fuß auf eine kleine Erhöhung; ihr Blick zeigt Stolz und Selbstbewnßtsein; die Körperformen sind schlank, aber fest n. kräftig. Die Venus von Capua u. die von Arles sind ähnlicher Art, aber nicht so vorzüglich. Aus späterer Zeit stammt die Medi- ccische Venns von Kleomenes; sie ward in der Villa Hadriani bei Rom in mehreren Stücken gefunden, die aber geschickt zusammengesetzt sind; sie stand lange im Mediceischen Palaste zu Rom (daher der Name), bis sie Herzog Cosnio III. nach Florenz bringen ließ. A. ist völlig nackt, aus dem Meere oder aus dem Bade steigend dar- gestellt, den Kopf ein wenig gegen die linke Schulter gewendet, die rechte Hand vor dem Busen, ohne diesen zu berühren, die linke legt sich vor den Schooß; ihre Haltung ist etwas nach vorn gebeugt, das rechte Knie etwas vorgesetzt. Zur Seite befinden sich ein Delphin u. zwei Amoretten; oft nachgcbildct. Der Mediceischen Venns ähnlich war die Kindische A. des Praxiteles, welche im Bade mit der Linken das Gewand ablegte, sehr berühmt; n. die A. Anadyomene nach einem Gemälde des Apclles, aus dem Meere steigend, trocknet sie mit beiden Händen das herabhängende Haar; A. Kallipygos ist mit rückwärts gewendetem Haupte dargestellt, als wollte sie den Blick des Beschauers auf den Hinterkörper lenken. äplnocittö (Zool.), Gattung der Würmer; dahin die Seeranpe. Üplwüpnors Ssrm., Gattung aus der Familie der Kleinzirpen, zur Jnsectcnordnnng der Schna- ,, belkerfe, Unterordnung Zirpen oder Cikaden, ^ gehörig. Überall sehr verbreitet und artenreich. Die Larven sangen Pflanzensäfte u. umgeben sich s dicht mit Schaum, der ans ihrem After in Form von Wasscrbläschen hcrvoriritt, der sogenannte Knknksspeichel. tl. spumarla L. (dieSchaumzirpe); 10 mm lang; gelb-grau; in Europa sehr gemein. Aphrostderrt (Min.), eine von Sandberger entdeckte und benannte dunkelgrüne Varietät des Chlorits aus dem Nassanischen. Aphrosyne (gr.), Sinnlosigkeit, Jrrereden in Fiebern, Wahnsinn; als Göttin Personification des Unverstandes, der Thorhcit. Aphthen (v. gr. iiplitiiai, böser Ansschlag), so v. w. Schwämmchen. Aphthenkrankheit der Genitalien, eine beim Pferde, Rinde u. Schafe vorkommende Krankheit der Gcschlechtstheile, welche sich dadurch zu erkennen gibt, daß an den Genitalien' linsen- bis erbsengroße Bläschen entstehen, die nach einigen Tagen bersten u. eine gelbliche Flüssigkeit entleeren, dann oberflächliche, rundliche, ganzrandige Geschwüre bilden, die sich beim Zutritte der Lust mit einem dünnen Schorfe bedecken. Nach dem Abfallen des Schorfes bleibt auf dunkler Haut eine glatte Narbe zurück. Die Krankheit ist ansteckend, doch verläuft sic in 2—4 Wochen und inacht kaum eine ärztliche Behandlung nöthig. Aphthcnseuche, Maul- u. Klauenseuche, eine 757 Aphthonios bei Rindern, Schafen, Ziegen u. Schweinen verkommende epizootifche u. ansteckende Krankheit, die sich durch fieberhaften Blasenausschlag auf der Schleimhaut des Maules (Maulscuche) und im Klauenspalte (Klauenseuche) zu erkennen gibt. Die Seuche erlangt in manchen Jahren eine ungeheure Ausbreitung u. schreitet in solchen Fällen im Allgemeinen stets von Osten nach Westen — von Rußland bis zum äußersten Westen Spaniens — vor. Sie verbreitet sich ans dem Wege der Ansteckung; ob nebenbei selbständige Entwickelung vorkommt, ist noch nicht mit positiver Geivißheit dargethan worden. Nach stattgefnndener Ansteckung erfolgt in 3—6 Tagen der Ansbruch der Krankheit. Die Genesung tritt meist in 6—1V Tagen ein. Während der Krankheit, die an sich nicht lebensgefährlich ist, gehen die Thiere bedeutend im Ernährungszustände zurück. Der Genuß der ungekochten Milch von erkrankten Thieren bewirkt bei Kindern häufig Kopfweh, Schwindel, Erbrechen u. Durchfall. Aphthonios, gricch. Rhetor in Antiochien, zu Ende des 3. u. Anfang des 4. Jahrh.; ist außerdem, daß seine (meist von Hermogcnes entlehnten) Progymnasmata im 16. n. 17. Jahrh., besonders in Deutschland zum Leitfaden in der Rhetorik dienten, bcs. bekannt durch die nach ihm benannte Osiria Xpsitiwniuna; s. Chria Seine Schrift in Spengel, lillstorvs grasoi, Bd. 2, Leipz. 1854, und besonders herauszegcben von Petzholdt, Leipz. 1839. /kpkipllae (Bot.), Blattlose, ist die große Abthcil- ung der Kryptogamen ohne eigentliche Blätter, u. werden dahin die Algen, Flechten u. Pilze gerechnet. Sie sind an das Wasser oder wenigstens an feuchte Luft gebunden, finden sich reichlichst in den Polargegendcn, spärlicher in den Tropen, bedecken die Gebirge ins zur Schneegrenze, bereiten die verwitternde Erde für die höheren Pflanzen vor, füllen Sümpfe u. Moräste aus n. sind für die großen Zwecke u. Ziele der Natur wichtiger, als für den Nutzen des Menschen. üpb>I!antbas L-, Pflanzeugattnng aus der Fam. der Liliaceen (VI. 1); nackter Stengel, am Ende mit einem kleinen Büschel blauer Blüthen. Art: L.. wonspsklisnsis IV., Nelkenlilie, in SFrankreich, blau blühende Gartcnblnme. »pb^IIus (v. Gr., Bot.), blattlos. üpk>ieis L. M (Ilzänora V/runb.). Pflanzengattung aus der Fam. der Cytineen (XVI. 1). X. h^änors. V. /L (OFänora, alrioanu 27»mb., Pitzmalve), eine der merkwürdigsten Pflanzen; sie wächst am Cap parasitisch aus der Wurzel der Onpkwrbia mauritsnioa, einem Banchpilze od. der Trüffel ähnelnd, indem der zur Blüthe sich entwickelnde Fruchtknoten unmittelbar aus derselben hervortritt; wird von den Hottentotten gegessen. Apia, Hafenstadt auf der Schifferinsel Upolu, von Europäern bewohnt; protestantische u. katholische Kirche, katholische Schule, Schiffswerft; Consulate; reger Handel: im Jahre 1871 liefen im Hafen ein 67 Schiffe mit 14,282 Tonnen Gehalt, davon 36 deutsche mir 8696 Tonnen. k pmcöi-o (ital., spr. piatschere), 1) (tV piaoi- insnto, Mus.) nach Belieben. 2) (Handelswesen) Nach freier Wahl; wird bei Wechseln gebraucht, — Äpilius. um dadurch dem Inhaber anheimznstellen, den Wechsel vorzuzeigen u. einzuziehen, wann es ihm beliebt. Durch diesen Ausdruck wird ein Wechsel einem auf Sicht lautenden gleich. Apianus, 1) (eigentlich Bicnewitz od. Bennewitz) Peter A., geb. 1495 bei Leißuig in Sachsen; studirte in Leipzig, wurde 1523 Lehrer der Mathematik in Ingolstadt u. von Karl V., bei welchem er als Astronom in Ansehen stand, »obilisirt; st. 1552 zu Ingolstadt. Schr.: 6osma- xrapllia, Landsh. 1524 (in mehrere Sprachen übersetzt); Xstrorwmia oassarsa, ebd. 1532; In- soiiytioncs s. 8. vstustatis, ebd. 1534. 2) Philipp, Sohn des Vor., geb. 1531; erhielt das Amt seines Vaters, fertigte eine Karte von Bayern, Bayerische Landtafcln (Münch. 1566, 24 Bl.); als Lutheraner mußte er 1568 von Ingolstadt fliehen, wurde Lehrer der Mathematik in Tübingen n. st. hier 1589. Apisrlao k?ev8t. (Xntkwylülas O-ntr.), die Jtt- secrenfamilie der Bienen oder Immen, üpiainum (lat.), Bienenhaus. Apice (spr. Apitschc), Flecken im Bezirk u. der ital. Prov. Bencvcnto; Olban; 3660 Ew. üpkces Iuris (lat.), juristische Spitzfindigkeiten. Apictus, Name zweier römischen Schlemmer, von denen der Eine, Marcus Gabius A., zur Zeit des Angustus u. Liberias lebte u. mehrere nach ihm benannte Gerichte erfand u. selbst in den höchsten Kreisen als Autorität galt. Als sein Vermögen nur noch etwa 300,000 Thlr. betrug, vergiftete er sich aus Furcht, verhungern zu müssen. Das unter seinem Namen erhaltene Werk über römischeKochkunst: Os arte onkinuria od. Os opsouiis st oouckimontis, öfter heransg., so von Torinns, Bas. 1541, zuletzt: Os rs ooguinaria librl äsoom, Hcidclb. 1867 von Schuch (2. fTitel-Mufl. 1874), rührt nicht von ihm her, sondern von einem gewissen Cölins, der den Namen A. nur aus Spekulation angenommen hatte. Vgl. Dierbach, Olvru upieianu, Heidelb. 1831. üpiouMtus (Bot.), spitzendig, kleinspitzig, plötzlich in ein kurzes Spitzchen (Xxioukum) ausgehend, ü pioä (franz.), zu Fuß. Apii» (Chem.) ein m der Petersilie u. in kleinerer Menge in der Sellerie vorkommendes Glucosid; bildet ein weißes, geruch- u. geschmackloses Pulver, das bei 180" schmilzt und in heißem Wasser leicht löslich ist u. beim Erkal- ten„eine Gallerte bildet. ApMUs, Franz Maria Ulrich Theodor (sein eigentlicher Familienname Huch war von einem seiner Vorfahren gräcisirt, nach dem gr. aipeinos, hoch), geb. 13. Sept. 1724 zu Rostock; studirte daselbst u. wurde zuerst hier Privatdocent, 1755 Professor der Astronomie bei der Akademie der Wissenschaften in Berlin, 1757 Professor der Physik an der kaiserlichen Akademie zu Petersburg, Lehrer des Großfürsten Paul, wirklicher Staatsrath im Collegium der auswärtigen Angelegenheiten, Direktor des adeligen Cadettencorps und Oberanfseher der Normalschnlcn, 1797 Gehcim- rath n. st. als Privatmann zu Dorpat 1802. Von ihm rührt eine Methode her, Stahl durch de» Doppelstrich zu magnetisireu; auch hat er schon die Jnflueuzelektricitäteu auf Nichtleitern nachgewiesen. Bon seinen zahlreichen Schriften 758 ^pioii — mathematischen u. physikalischen Inhaltes handeln die meisten über Elektricität n. Magnetismus. -ploo /kerbst, Gattung der Rüsselkäfer, deren Larven meist in Len Samen von Hiilsenfrüchren, seltener im Marke von Krautstengcln leben. -pms /Ati-s/r.. Pflanzenga'tung ans der Fam. der Papilionaceen (XVII. 6). Arten: X. tmbo- rosa ü/onekr (Olivins apios /5., Virginische Knoll- wicke, Ltmerit. Erdnuß), mit runder, knolliger, eßbarer Wurzel, gefiederten Blättern mit lanzettli- chen Blättchen u. eirunden Trauben, mit duntel- purpurroth n. fleischfarben bunten, wohlriechenden Blüthen; X. krutssesns ?ur«ü.. virginische Schlingpflanze mit violetten Blüthen; beide wegen ihrer traubcnständigen, ivohlriechenden Blumen Garten- zierdcn. Aprric (v. Gr.), Mangel an Erfahrung; daher Apirisch, unerfahren. -pis (lat.), Biene. Llpis (ägypt. Hapi), der von den Ägyptern in Memphis verehrte, dem Osiris geheiligte Stier. Er war von einer unberührten, durch einen Mondstrahl (n. Herodot einen Himmelsstrahl) befruchteten Kuh geboren, schwarz von Farbe, mit weißem Dreieck aus der Stirn, halbmondförmigem Zeichen auf der rechten Seite u. käferföruügcm Wulst (Kantharos) unter der Zunge. Seine Auffindung, die durch die Priester erfolgte, war mit besonderen Feierlichkeiten verknüpft; er wurde in Proccssiou nach Nikopolis geführt, wo er von nackten Weibern bedient wurde, u. von hier nach 40 Tagen zu Schiff nach Memphis in den Tempel des Phthah gebracht, wo ein 7tägiges Fest mit großen Opfern gefeiert wurde. Täglich wurde er gewaschen, gesalbt u. geräuchert u. ihm jährlich eine Kuh zngeführt, die nachher sterben mußte. Sein 7tägigcs Fest bezog sich auf das Steigen des Ml n. wurde beim Eintritte desselben jährlich mit Umzügen u. Tänzen gefeiert. Je nachdem A. seinen Aufenthalt in den beiden Gemächern wechselte, u. ans der Art n. Weise, wie er sein Futter cnt- gcgcnnahm, deutete man Orakelsprüche. Lebte er nach Verlauf von 25 Jahren noch, so wurde er von den Priestern in den heiligen Brunnen gestürzt; ' starb er früher, so wurde er in einem prachtvollen Sarkophag in dem Todtcnselde bestattet; in ganz Ägypten herrschte so lange Trauer, bis ein neuer A. gefunden war. Der A. galt als Bild der Seele des Osiris; sein 2Sjähriges Leben bezeichnet- einen Cyktus von 25 Jahren (Apispe- riodc), mit dessen Ende Sonne und Mond wieder denselben Stand gegen einander entnahmen. Vgl. Mncvis. Apiftie (v. Gr.), Unglaube, Mißtrauen; Treulosigkeit; Unglanblichkcit; Ungehorsam. Apiy (eigentlich Albrecht), geb. um 1269, natürlicher Sohn des Landgrafen Albrecht des Unartigen v. Thüringen v. Kunigunde v. Eisenbcrg, die ihn, als sie 1272 mit Albrecht getraut wurde, uiit unter den Mantel nahm; er wurde 1290 durch den Kaiser Rudolf legitimirt n. von seinem Vater zum Erben von Thüringen bestimmt, wodurch jener in Streit mit seinen rechtmäßigen Söhnen gerieth (s. Thüringen). A. st. 1304. -psum (Eppig), Pflanzengattung aus der Familie der Doldengewächse (V. 2); Kelch ver-l ^P 00 )'I 16 L 6 . wischt; Krvnblätter rundlich, mit dicht eingerollten Spiychen; Frucht rundlich, 2knotig, mit südlichen, etwas geschärften Hanptriefen. Wichtigste Art: X. »ravsoleirs /,,, s. Sellerie. -plaoontaius, Sängethiere ohne Placcnta, sind die Schnabelthiere n. die Beutelthiere, deren Fötus sich ohne Mutterkuchen (klaoenba) entwickelt; s. Sängethiere. ApllUMtisch (v. gr. a-, un-, nicht, n. planäo- mai. ich irre umher, also nicht abirrend) nennt man Linsen ohne sphärische Aberration; s. u. Abweichung. Aplauiren (v. Fr.), ebnen,- gleich machen, auch im bildlichen Sinne. Aplerbeck, Df. im Kr. Dortmund des preuß. Regbez. Arnsberg, an der Emscher n. der Ber- isch-Märkischen Eisenbahn; bedeut. Steinkohlenberg- au, Eisensteingruben, Puddlings- und Walzwerke; 4173 Ew. Aplit, Haplit (v. gr. Imxlöos, einfach), nennt man einen Granit, der keinen Glimmer enthält, der also nur aus Quarz u. Feldspath als Gemengtheilen besteht. Aplom, so v. w. grüner Granat. -ptomb (fr., eigentlich a ploinb, nach dem Blei), 1) (Nivellirw.) senkrecht nach dem Bleilolh; 2) bestimmtes, festes Benehmen n. Wesen. -pFsis L. (Seehase), Schneckengatt.; sondert einen aus Anilinroth u. -violett bestehenden Pur- pursaft aus den auf der Körperoberfläche verbreiteten Hautdrüsen ab. X. üspilans L., im Mittelmeere. Apnöe (vom gr. a-, NN-, nicht, u. pnoü, ich athme), Athemlosigkeit, Luftmangel, das sogenannte Steckenbleiben; momentane Unterbrechung des Athmcns durch Stimmritzenkrampf beim Husten u. hysterischen Allfällen. Apo (gr.), Präposition, bedeutet von, in der Zusammensetzung ab-, weg-, fort-, zurück-, hat daher auch zuweilen den Sinn des a prrva- tivuru (un-). Apobat (v. griccki. apobatos, Abspringer), in Wettkämpfen Einer, der während des Rennens von einem Pferde oder Wagen herab- und auf den anderen hinaussprang; hieß bei den Römern Oasultor. Apobäthra (a. Geogr.), Ort auf dem Thra- kischen Chersounes, bei welchem die Brücke des Lcrxes auslief; jetzt Boja. - päoo s püoo (ital.), 1) allmählich, nach u. nach; 2) (Mus.) dem Worte korto oder piano beigesetzt, bezeichnet es die allmähliche Zu- oder Abnahme der Tonstärke. -poa^nsae lki. L'r., dicotyle Pflanzenfam. aus der Ordnung der Contorten, mit rcgclm. zwitterigen Blüthen; Kelch öspaltig oder öthcilig; Krone trichterförmig mit abstehendem Saume; die Lappen in der Knospe gedreht u. etwas schief; 5 Stbgef.; 2 meist getrennte Fruchtknoten, aus je 1 Fruchtblatte gebildet; Blätter ohne Nebenblätter; milchende Pflanzen der warmen Erdstriche, bei uns nur Sinngrüu oder Immergrün (Vinoa); Ausländer dagegen die Gattungen Lolütss, Klammerstrauch, Xpoezmurn, Hundskohl, Xorium, Oleander, Xlstv- nia, Schulholzbaum, 'WrlAlrtüa, Ilresola, Krug» blume, Ifluinisria rc. -"Vpoovirrnri — Lpoo^num L. (Hundskohl, Hundswolle), Pflan- zcngattung aus der Fam. der Apocyneen ohn war der Grammatiker Herodianos. Bon einem anderen A. ist die Sammlung von wunderbaren Geschichten, heransg. in Wcstermanns Lcript. paraäoxoArapIii, Br. 1839, u. in Jdelers 8eript. moäioi, Bcrl. 1841. 6) A. aus Dralles, Sohn des Artemidoros n. Schüler des Mcne- krates, Bildhauer, lebte kurz nach Alexander d. Gr.; schuf im Vereine mit seinem Bruder Tauriskos die berühmte plastische Gruppe des Faruesischen Stiers. Apollonischc Parabel (Math.), die gewöhnliche Parabel, ein Kegelschnitt, zum Unterschiede von höheren Parabeln; so genannt nach dem Mathematiker Apollonias von Perga; s. Parabel. Apolloinus von Tyrus, ein im Original verloren gegangener griechischer Roman aus dem 5. oder 6. Jahrh. n. Chr. Schon im 9. Jahrh. wird einer lateinische Übersetzung erwähnt. Eine Nacherzählung enthält Gottfrieds von Vitcrbo (2. Hälfte des 12. Jahrh.) Pantheon od. allgemeine Chronik. Zum Theil aus dieser Quelle scheinen drei im Wesentlichen übereinstimmende lateinische Bearbeitungen geflossen zu sein: 1) in den llssta Lomaiiornm; 2) eine u. a. von Welser herans- gegebcne, Angsb. 1595; 3) eine ohne Jahreszahl u. Druckort in den letzten 3 Jahrzehnten des 15. Jahrh. erschienene. Bereits im 12. Jahrh. war dieser Roman in deutscher Dichtung vorhanden. Einen (bis jetzt nngedrucktcn) A. von Tyrland dichtete, wahrscheinlich nach den Costa Ho- maiiornm, im Anfänge des 14. Jahrh. der Arzt Heinrich von der Neuenstadt zu Wien (Auszug in Neichardts Buch der Liebe, 1779, S. 363 ff.). Aus dein 15. Jahrh. stammt die prosaische Bearbeitung von Heinrich Stcinhövcl (Angsb. 1471 u. a.). Das deutsche Volksbuch (Angsb. 1471 rc., niederdeutsch Hamb. 1601) scheint aus Gottfried von Biterbo hervorgegangen. Eine angelsächsische Bearbeitung gehört dem 11. Jahrh. an (heransg. von Torpe, Lond. 1834). Nach Gottfried von Biterbo gab Joh. Gower (14. Jahrh.) den Roman in seiner Conlsssio amanbis, Inst. VIII., wieder. Aus dem Französischen stammte das englische Volksbuch, 1510, 1576, 1607. Der unter Shakespeares Namen gehende keriolss Nrinos ol 'IZrs ruht auf der Gowerschen Erzählung u. dem englischen Volksküche, das mit dem deutschen genau übereinstimmt. Antönungen an den A. finden sich in Shakespeares Wintermärchen, Irrungen, Viel Lärm um Nichts. Aus dem Perikles schöpfte GeorgWiltins seine gleichnamigeErzählung(1.Ausgabe 1608, neuere von Tycho Mommsen, Oldenb. 1857). Übersetzungen des A. in fast allen Sprachen des Abendlandes. Vgl. Karl Simrock, Die Quellen des Shakespeare in 'Novellen, Märchen u. Sagen, mit sagcngeschichtlicheu Nachweisnngen, 2. Aust., Bonn 1870, II. 163 ff.; Wiedergebung des Romans nach den Costa Rornanorum u. dem deutschen Vollsbuche, sodann ein Abschnitt zur Sagenvergleichnng. Apollos, Abkürzung aus Apollonios, Alexan- drinischer Jude, als Gelehrter und Redner geschätzt; trat seit 55 in Ephesos u. anderen Orten als Prediger des Evangeliums u. Täufer auf, ging später nach Korinth, wo er wider seinen Willen zu Parteiungen Anlaß gab, gegen welche Paulus, den A. selbst werthschätzend, im ersten Korintherbriefe streng eifert. Das Besondere an A-s Lehre wird die sog. Philonische Theologie mit ihrer angeblich tieferen Schriftdeutung und rhetorisirenden Schulweisheit gewesen sein. Gegen Luthers Vermuthung, daß A. den Hebräerbrief geschrieben, spricht das nachgewiesene jüngere Alter der Schrift. Apollyon (so v. w. Verderber), Name des Abaddon, Offenb. Joh. 9, 11. Apologet (v. Gr.), Vertheidiger einer Sache oder Person mit Gründen gegen Einwürfe. Daher Apologetik, die Wissenschaft, welche, im Unterschiede von der die Wahrheit des christlichen Glaubens im Ganzen voranssetzendeu Dogmatik, das Christenthum mit philosophischen und historischen Gründen gegen seine Gegner zu vertheidigen sucht. Sie will zeigen, daß der von der Religionsphilosophie gewonnene allgemeine Rcligionsbcgriff im Christcnthum concret erfüllt sei, will psychologisch und historisch die absolute Bestimmung desselben, Religion für alle Völker u. Zeiten, die Religion des einzelnen Menschen u. der Menschheit zu sein, Nachweisen. Je nach der Art u. Form der Beweisführung berührt sich die Apologetik mit der Polemik. Die ersten christlichen A-en stellten das Heiden- thnm in seiner Süchtigkeit, das Judeuthum in seiner Unzulänglichkeit, das Christenthnm in seiner göttlichen Größe und Einzigkeit dar: Qnadratus, Aristides, Jnstinus Martyr, Athenagoras, Tatian, Theophilns, Tertullian, Minncius Felix, Clemens, Origenes, Eusebius, Arnobius, Lactantius, Augustin (Corpus apoloZotarum, herausgeg. vouOtto, Jena 1848 ff.). Später galt es die Vertheidig- nng noch fortwährend gegen die Angriffe der Juden u. jetzt besonders auch gegen den Islam: Agobard von Lyon, Abälard, Thomas von Aguino, Ray- mnnd Martini. Seit dem Aufkommen des Humanismus, dann der Philosopie und endlich der Naturwissenschaften mußte die apologetische Tätigkeit gegen deren Kritik n. Skepsis sich wenden: Marsilius Ficinus, Savonarola, Grotins, Pascal, Locke, Clarke, Addison, Lilienthal, Euler, Haller, Sack, Jerusalem, Nösselt, Leß, Spalding. Steuere deutsche Werke von Sack, Drey, Stirm, Ullmann, Hundeshagen, Delitzsch, Luthardt, Christlieb, Zesch- witz, Baumstark rc. Vgl. Tzschirner, Geschichte der Apologetik, 1. Theil, Lpz. 1805; G. H. van Senden, Gesch. der Apologetik, 1831 ff. (deutsch von Quack u. Binder, Stuttgart 1846, 2 Bde.); Werner, Gesch. der apologetischen u. polemischen Literatur der christlichen Theologie, Schaffhansen 1861—65, 4 Bde. Apologie (v. Gr.), Schutz-, Vcrtheidigungs- schrift (s. u. Apologet); Name mehrerer Schriften der Alten; bekannt sind die A-n des Sokrates von Platon u. Tenophon u. die A. des Apnlejns, eine Selbstvertheidigung gegen die Beschuldigung der Zauberei. Apologie der Augsburgischen Confesston, eines der symbolischen Bücher der Protestantischen 765 Apologus — Aporie. Kirche. Nachdem die Protestanten auf dem Reichstage zn Augsburg ihr Glaubeusbekeuutuiß übergeben hatten, ließ Kaiser Karl V. durch katholische Theologen eine Widerlegungsschrift (Lonlntatio) verfertigen, mit deren Verlesung (3. Aug. 1530) er die ganze Sache als abgethan betrachtet wissen wollte. Die erbetene Abschrift wurde den Evangelischen verweigert; Melanchthon aber verfaßte nach dem, was ihm von der Confutation im Gedächtniß geblieben war u. was sich Camerarius u. A. während des Verlesens ausgezeichnet hatten, eine Bcr- thcidignng der Angsbnrgischcn Confession. Der Kurfürst von Sachsen ließ sie dem Kaiser am 22. Septbr. 1530 unter Verwahrung gegen die Behauptung des eben verlesenen Reichstagsabschiedes, daß das Bekenntniß der Evangelischen durch die Confutarion widerlegt sei, überreichen; der Kaiser, schon im Begriffe, dieselbe anznnehmcn, wurde durch einen Wink seines Bruders veranlaßt, sic znrückznweisen. Später verschaffte sich Mclanch- thon ein Exemplar der Confutation, überarbeitete -eine Vertheidignngsschrift und gab sic im April 1531 heraus. Die lateinische Fassung Melanch- thons wurde von Justus Jonas noch 1531 ins Deutsche übersetzt; an den späteren Ausgaben hat Melanchthon selbst mehrfach gebessert. Ranke nr- theilt von der A., daß sie der Hauptsache nach der Confession gleichartig, die Art u. Weise der Abfassung aber in einem sich von dem Katholi- cismns wieder mehr entfernenden Sinne ausgefallen sei. Vgl. Plitt, Die A., geschichtlich erklärt, Erlangen 1873. Apolögrrs (v. Gr.), Erzählung, äsopische Fabel, allegorische Darstellung, -Märchen. Apolpsis (gr., Entlassung), so v. w. Nissn, Messe. Apolytrösts (gr.), Loskanfung; in der christlichen Dogmatik die Erlösung des Menschen Lurch den Tod Jesu, indem dieser als Lösegeld betrachtet wird. Apomorphin (Chem.) 6„II„ist0.2, Alkaloid; entsteht aus dem Morphin durch Erhitzen mit Salzsäure in zugeschmolzeucn Röhren und bildet eine weiße, an'der Luft rasch grün werdende Substanz. Aponeurösen (Anat.), Scyncnhäute, feste, aus dicht verfilzten Bindegewebsfasern init wenig elastischem Gewebe bestehende häutige oder mehr strangförmige Gebilde, welche gewisse Theile bedecken, oder Muskeln mit den Knochen in Verbindung setzen. Sie sind von glänzend bläulich- weißem Aussehen, großer Festigkeit, geringer Dehnbarkeit. Sammelt sich Eiter unter ihnen, oder sind die Gebilde innerhalb solcher entzündet, so bewirken sie, der letztgenannten Eigenschaften wegen, große Schmerzhaftigkeit, Retention des Eiters, der sich, wenn nicht künstlich ein Ausweg verschafft wird, meist senkt n. an ganz entfernten Stellen durchbricht. Wir nennen die Hohlhand-A. (Lpo- nsnrosis xalinaris), Fußsohlen-A. (L. plantaris), die A. des zweiköpfigen Muskels rc. Übrigens ist die Abgrenzung der A. von den Fascien nicht bestimmt. Als aponeurotische Haube (6alsa apo- nsnrotioa) bezeichnet man die dem Stirn- und Hinterhauptsmnskel gemeinschaftliche, das Schädeldach wie eine Haut bedeckende, glänzende, Licht »uter der Haut gelegene A. äponogeton 7/urb., Pflanzengatt, ans der Fam. der Fluvialcn (VI. 3). Arten: V. cki8tael>xon H, am Cap; A.. nwuostaelrxon T,., in Ostindien n. China; die knollige Wurzel dient den Eingeborenen znr Nahrung; beides Wasserpflanzen n. eine Zierde der Aquarien. Apophlegmatismus (v. gr. ap», von, weg, u. püIvAing,, Schleim), Ausleerung von Schleim. VpopIilsAw.atisanria, Mittel, welche den Schleim aus Nase, Mund, Gaumen n. der ganzen Mundil. Rachenhöhlc lockern u. ansleercn; die besten dieser Mittel sind die zerstäubten Flüssigkeiten. Apophthegmn (gr.), kurzer, inhaltsvoller Dcnk- pruch, wie die Sprüche der 7 Weisen Griechenlands; daher Apophthegmatisch, kurz n. inhaltvoll. Apophyllit (v. gr. a,po-püMi/,ö. ich blauere ab, weil er sich vor dem Löthrohr ansblättert; auch Jchthyophthalm, d. i. Fischangenstein, vom gr. lofltliz's. Fisch, und opütüalniäs, Auge, weil seine weißliche Farbe dein Auge eines gekochten Fisches gleicht; oder Albin, v. lat. albus, weiß), ein ans kieselsaurem Kalk, Flnorkaliiim u. Wasser nach LerForrnel IllIÜaLi.Flg-i-LIk -j- zusammengesetztes, tetragonal krystallisircndcs Mineral vom spec. Gew. 2,^; findet sich in meist farblosen und durchsichtigen oder röthlichen Krh- stallen ans Erzgängcn, z. B. Andreasberg im Harz, oder in Blasenränmen plntonischer Gesteine, z. B. bei Aussig, im Fassathal n. auf Island. Apophhsc, I) (Bot.) Anschwellung der Borste mancher Moose unter der Büchse; vgl. Ansatz. 2) (Anat.) Fortsatz an Röhrenknochen, welcher während der Entwickelung einen eigenen Knochen- kcrn hat. Apoplanests (gr., Abführung vom rechten Wege, Verirrung), 1) rhetorische Figur, bestehend in der Umgehung einer Beschuldigung, mit dem Zwecke, den Richter in der Bcnrtheilung irre zn leiten. 2) (Med.) Verirrung der Säfte, Hingchen von Hanptströmen derselben nach ungewöhnlichen Stellen. 3) Erscheinen der Menstruation an ungewöhnlichen Orten, z. B. an den Fingerspitzen. Apoplexie (v. gr. plöxls, Schlag), jeder durch Zerreißung eines im Innern des Körpers u. unter unverletzter Haut befindlichen kleineren oder größeren Blutgefäßes entstandene Bluterguß in das Gewebe; in der Regel versteht man unter A. den blutigen Schlagflnß, d. i. den Austritt von Blut im Äehirn. Apoplektisch, auf Schlagfluß bezüglich; apoplektischer Hab rtus, znr Apoplexie geneigte Körpcrbildung. Aporem (v. Gr.) heißt seit Aristoteles der Nachweis von Aporien, d. i. von logischen Schwierigkeiten, welche darin bestehen, daß zwei widersprechende Urtheile in gleichem Grade zulässig erscheinen. Durch das A. wird der Zweifel begründet, welcher eine nothwcndige Vorstufe der vollen Gewißheit ist; denn in dieser müssen sich alle Zweifel lösen. Die Skeptiker, welche eine volle Gewißheit für unerreichbar halten, finden in jedem Gegenstände unlösbare Schwierigkeiten; ihre Beweisführung besteht nur i» Ä-n, und sie heißen daher auch Aporetiker. Aporie (v. Gr.), logische Schwierigkeit; s. d. A. Aporem. 766 Aporti — Apostclfasten, Aporti, Fcrrante, italienischer Philanthrop, geb. 1792 in San Martina dell' Argine im Mantuanischen; studirte in Cremona, ward Priester, bildete sich dann in Wien weiter in der Theologie u. in den orientalischen Sprachen aus u. erhielt Anstellung als Professor am Seminar zu Cremona. 1833 gründete er nach Robert Owens Einrichtungen und System, unter den italienischen Verhältnissen entsprechenden MoLificationen, das erste Kinderasyl Italiens in seinem Geburtsorte, dem bald in anderen Städten unter seiner Leitung dergleichen folgten. AufAnsuchen des Königs KärlAlbert ward A. zu gleichem Zwecke von der österreichischen Negierung 1845 nach Turin geschickt und siedelte nach dem Tage von Custozza, 1848, ganz nach Piemont über; vom König zum Erzbischof von Genua ernannt, aber vom Papste nicht bestätigt, wurde er dann Senator u. Präsident des Universitätsrathcs zu Turin, zog sich aber später zurück u. st. 28. Nov. 1858, Las Verdienst mit sich nehmend, durch Schrift u. That die Reform des Erziehungswesens u. Elementarunterrichtes in Italien augebahnt zu haben. Aposiopesis (gr., lat. Retüoentia, das Verstummen), bedeutungsvolles Abbrechen des Satzes an der Stelle, wo die Hauptsache kommen soll, z. B. Birg. Änetde I. 139: „Hno8 e§o — —" (Ich will euch — Apositie (v. Gr.), Mangel an Eßlnst; Nüchternheit. » posso all ss3o (lat., vom Können auf das Sein), von der Möglichkeit auf die Wirklichkeit schließen. Apostasie (gr.), Abfall von einer Partei oder einer Parleiansicht in politischer, wissenschaftlicher oder religiöser Hinsicht. Apostat, eine Person, die einen derartigen Schritt unternimmt; s. Reli- gionswcchscl. üpostasieao, den Orchideen nahestehende Pflan- zensamilie, von welchen sie sich durch den drei- fächerigen Fruchtknoten und drei im Mittelwmkel flehende Samcnträger unterscheiden; sie wachsen in feuchten Wäldern des heißen Indien. Gattungen: .Ipovtasia Llrtme u. ^snvisäia Lknvw. Apostasis (v. gr. vtäms, Standort), 1) so v.w. Apostem, Absceß; 2) (Metastase) Versetzung einer Krankheit von einem Theil auf einen anderen; 3) Beendigung einer Krankheit durch irgend eine kritische Ausleerung; 4) Abstoßung eines Theils, z. B. eines brandigen Knochens. Apostel (v. gr. apöatoloo, Gesandter) heißen insbesondere die 12 von Jesu zur ständigen Begleitung ausgemählteii Jünger, die derselbe zu Verkündigern des Evangeliums bildete. Die Zahl 12 bezog sich wahrscheinlich auf die 12 Stämme Israels. Ihre Namen sind: Simon Petrus, Andreas, Jacobus (Sohn des Zebedäus), Johannes, Philippus, Bartholomäus (wol derselbe wie Na- thanael), Thomas, Matthäus (Levi), Jacobus der Kleine (Sohn des Alphäus), Judas Lebbäns oder Thaddäus (des kleinen Jacobus Bruder), Simon der Kananil oder Eiferer, Judas Jschariot. Sie waren sämintlich Männer aus dem Volke, meist Galiläer, zum Theil mit Jesu verwandt oder befreundet, einige vorher schon Schüler des Täufers Johannes, einer oder der andere verheiralhet. Eine Rangordnung fand unter ihnen nicht statt. Indessen bildeten Petrus u. Johannes mit Jacobus dem Älteren einen engeren Kreis um den Meister. Die A. begleiteten ihn auf seinen Reisen, wohnten seinen Vorträgen u. den Unterredungen mit den Schriftgelehrtcn bei und standen längere Zeit in seiner Lehre, bis er sie erstmals zur Verkündigung des Evangeliums je 2 n. 2 aussandte. Aber in nationalen Vornrtheilen befangen n. auf ein irdisches Messiasreich hoffend, worin sie für sich hohe Stellungen erwarteten, konnten sie selber nur schwer die Idee Jesu von dem Reiche Gottes fassen. Bei ihres Herrn Gefangennehmnng u. Tode zerstreuten sie sich, fanden sich aber nach seiner Auferstehung wieder mit ihm zusammen u. begaben sich auf seine Weisung nach Jerusalem, wo ihnen der verheißene Heilige Geist am Psingstfcste ertheilt wurde. Darauf gründeten sie eine Muttergemeinde in Jerusalem n. breiteten bald auch das Evangelium nach Samaria und Syrien, besonders in Antiochia aus. An Stelle des Judas Jschariot, der seinen Verrath an Jesu durch Selbstmord büßte, hatten die A. den Matthias in ihre Mitte ausgenommen; dazu kam bald Paulus als Heiden- Ä. Die besonderen Schicksale der A. s. u. den einzelnen Namen. In der Katholischen Kirche gelten die. A. für Heilige und haben oder hatten früher ihre Feste (A-tage); Liese wurden auch in der Lutherischen Kirche noch längere Zeit, in der Evangelischen Kirche Württembergs bis heute gefeiert u. bestehen auch noch in der Anglikanischen .üirchc. Ein gemeinsames Fest für alle A. kam nie dauernd zu Stande; der Tag schwankte zwischen 1. Mai, 39. Juni, 15. Juli, 39. Novbr. Vgl. Cave, -Intignit. Lpost., Lond. 1677 (deutsch, Lpz. 1724); Wilhelms, Christi A., Heidelb. 1825. Mit dem Namen A. wurden auch verschiedene Verkündiger des Christenthnms im Mittelaller bezeichnet, so St. Rupert, Apostel der Bayern; St. Amandus, A. der Belgier; Bonifacius, A. der Deutschen: St. Patrik, A. Irlands; St. Anschar, A. des Nordens; St. Adalbert u. Bruno, A. der Preußen; St. Cyrillus u. St. Methodius, A. der Slaven; Eliot, A. der Indianer rc. Auch Chlo- tilde, Gemahlin des fränkischen Königs Chlodwig I., welche diesen zur Annahme des Christenthnms vermochte, erhielt daher den Namen Lpovtola l?ran- oornm. A. der Secten des Mittelalters, welche die alten A. nachahmten; A. der Jrvingianer, Mormonen rc. (s. d.). Apostel (Nechtsw.), f. Apostoli 2). Apoitelbrüder, so v. w. Apostelorden. Apostel-Concil, Apostelconvent, die in 2 nicht ganz übereinstimmenden Berichten (Apostelgeschichte Cap. 15 u. Galaterbrief Cap. 2) überlieferte, von den Aposteln im Jahre 53 zu Jerusalem gehaltene Versammlung, auf der das Vcrhältniß des Christenthnms zum Mosaischen Gesetze aus Veranlassung des darüber zwischen den Juden- und Heidenchristen entstandenen Streites durch ein Compromiß geregelt, Paulus u. seine Heidenmission durch die älteren Apostel anerkannt wurde. Die Katholische Kirche führt auf dasselbe den Beginn ihrer ökumenischen Concilien zurück. Apostelfastcn, Fastenzeit der Abessinischen u. Griechischen Kirche, von Pfingsten an so lange V 767 Apostelgeschichte — Apostoli dauernd, als Tage zwischen Ostern u. dem 2. Mai liegen; zur Erinnerung an die Borbereitung der Apostel auf die Erthcilung des Heiligen Geistes. Apostelgeschichte (lat. .Vota ^postoloruiu), ein Theil des Neuen Test., Fortsetzung des Evangeliums von Lncas; enthält im ersten Theil kurze Nachrichten von der ersten selbständigen Thätig- keit der Apostel, besonders des Petrus in Palästina n. Syrien, im 2. die Geschichte der Wirksamkeit des Paulus bis zu seiner Gefangenschaft in Atom. Die Abschnitte, in welchen mit Wir erzählt wird (Cap. 16, 20, 21, 27, 28.), gelten für die ältere Quelle der späteren Zusammenfassung, welche Len Zweck haben soll, zwischen dem auf Petrus fußenden Jndenchristemhuin n. dein Panlinifchcn Christenthum zu vermitteln. Tie Ä. wurde von den Marcioniren, Manichäern, Ebionucn aus dogmatischen Gründen verworfen. Vgl. Schncckcnburger, Über den Zweck der A., 1841; Schwanbcck, Über die Quellen der A., 1849; Banmgartcn, Halle 1852 f., 2 Thle.; E. Zeller, D. A. nach ihrem Ursprung u. Inhalt, Stnttg. 1854; de Weites Commentar, 4. A., von Overbeck, Lpz. 1870. Über die Apokryphische A. s. n. Apokryphen. Npostclorden (Apostclbrüder, Apostolikcr), eine christliche Secte des 13. n. 14. Jahrh., um 1260 von Gerhard Segarelli in Parma gestiftet, der, für die Einfachheit der Apostol. Kirche begeistert, gegen die Verweltlichung der Papstkirche eiferte. Die Mitglieder der Secte, zu der auch Frauen gehörten, durchzogen predigend, betend, singend, bettelnd Italien, die Schweiz, Frankreich bis Spanien. Papst Honorius IV. verbot 1286 den Orden, u. Segarelli erlitt in Parma den Feuertod. Jetzt trat der Mailänder Dolcino an die Spitze der Brüderschaft u. entflammte sie durch apokalyptische Weissagungen zu solchem Fanatismus, Laß der Papst gegen sie einen Äreuz- zug predigen ließ. Dolcino erschien von Dalmatien aus mit einer bewaffneten Schaar in Italien, verschanzte sich 1307 ans dem Berge Zebello bei Bercelli, wurde aber von einem Kreuzheere besiegt u. mit einer großen Anzahl seiner Anhänger verbrannt. Seit der Verdammung durch die Synode zu Narbonne 1374 verschwand der A. Vgl. Schlosser, Abälard und Dulcin, Gotha 1807; Baggiolini, Dolomo s 1 kataroni, Novara 1838; Krone, Fra Dolcino u. die Patareuer, Lpz. 1844. Aposteltage, s. u. Apostel. Apoftcltheilung (Dostum äivisiouis -1p o- stoiorum), Fest der Katholischen Kirche am 15. Juli, gefeiert zur Erinnerung daran, Laß sich die Apostel nach der Himmelfahrt Christi in die Länder der Erde getheilt haben sollen, uni das Evangelium zu predigen; nach späterer Auslegung zum Gedächtuiß der Trennung der früher zu Rom verwahrten Gebeine der Apostel Petrus u. Paulus. Apostel» (Vpostsma, gr.,) 1) so v. w. Abs- ceß; 3) jede Ansammlung von Flüssigkeit, durch welche eine Geschwulst am lebenden Körper sich bildet. Apostematös, anfAbsceß überhauptBe- zug habend, eiternd. kl posteriori (lat.), ist dem Wortlaute nach das, was aus logisch Späterem, dem logischen Posterius erkannt ist, a priori dagegen Las aus dem logisch Früheren, dem logischen Prius, Erkannte. Die Ausdrücke weisen ans Aristoteles zurück. Dieser unterscheidet logisch, d. h. für das Erkennen, ein Früher und Später in subjektiver und objektiver Beziehung. Objectiv, d. h. der Natur der Sache nach, ist die Ursache das Frühere, die Wirkung Las Spätere. Daher ist Las Allgemeine, da es die das Einzelne constituirenden Gesetze enthält, objectiv früher, als das Einzelne. Aber das Einzelne ist uns in den Erscheinungen zuerst gegeben; das Allgemeine, der Grund der Erscheinungen wird daraus erschlossen. Daher ist das Einzelne subjektiv (für die Auffassung) früher, als das Allgemeine. Dieser Aristotelischen Anschauung gemäß nannte man seit dem 14. Jahrh. einen Beweis a priori die Herleituug der Wirkungen aus den Ursachen, während die Herleitung der Ursachen aus den Wirkungen ein Beweis a posteriori hieß. Die Gegenüberstellung findet sich zuerst in dem logischen Coiupendium des Scholastikers Albert von Sachsen. (Vgl. Prantl, Geschichte der Logik im Abcnd- lande, IV. S. 78). Im 13. Jahrh. erhielten die Ausdrücke allmählich eine andere Bedeutung, die aber ebenfalls aus der Aristotelischen Ansicht stammt. Chr. Wolfs nannte Erkenntniß a posteriori die Erkenutniß aus den Sinueserscheinnngcn, weil diese die Wirkungen der Dinge ans unsere Sinne sind; Erkenntniß a priori ist dagegen die ans bereits bekannten allgemeinen Wahrheiten dcmon- strirte Erkenntniß. Lambert stellte nun (Organon Z 639) mit Bezug auf die durch Locke n. Hnme angeregten erkcuutniß-thcoretischeu Fragen zuerst die Ansicht auf, a posteriori im absoluten Sinne müsse das genannt werden, was überhaupt ans der Erfahrung gefunden werde; u priori wäre daun eine Erkenntniß, welche ganz unabhängig von der Erfahrung sei. Lambert bezweifelt, ob es hiernach eine apriorische Erkenntniß gebe. Kant nahm diesen Gedanken auf u. behauptet, daß alles apodiktische Wissen apriorisch sei, d. h. aus der Vernunft selbst stamme, da sich aus der Erfahrung keine streng allgemeinen und uolhwcndigeu Sätze gewinnen lassen; jede empirische Erkenntniß ist demnach a. posteriori. Rein apriorisch ist dasjenige Wissen, dem nichts Empirisches bcigemischt ist, z. B. die reine Mathematik im Gegensätze zur angewandten, worin die apriorischen Sätze ans empirische Thatsachen Anwendung finden. Weiteres s. u. Kant unter Deutsche Philosophie. Aposthie (v. gr. pästbö, Vorhaut), Mangel der Vorhaut. Apostill (ital. der apostipsiio, die upostilla n. postilia, sranz. die apostiiis, aus lat. post ilia ssc. vsrbs, auctoris), d. i. nach jenen snäml. Wortendes Verfassers)), rechtlich beglaubigte Nachschrift an einem Dokument (bes. einer Supplik); auch das auf eine Supplik erfolgte, an den Rand gesetzte Rescript und daher auch so v. w. Randbemerkung. Apostolat, früher das Amt, die Würde der Bischöfe als Nachfolger der Apostel; später ausschließlich der Päpste. Diese bezeichnen ihre Nc- gierungsjahre oft mit diesem Ausdruck, z. B. Vpostolatus uostri anno primo. socuuüo ctc. Apostoli (v.Gr.), 1) die Apostel. 2) (Rcchtsw.) Die Bescheinigungen des Unterrichters od. Notars an den Appellanten über die vom letzteren einge- 768 ^ostolioa sestes — legte Appellation; in ihnen wird angezeigt, daß der Appellant über richtige Beobachtung der nöthi- gen Formen u. Fristen die Entscheidung der höheren Instanz angerufen habe. Sie können zugleich die Zulassung der Appellation oder deren Verwerfung anssprechen, oder die Beurtheilung über die Zulassung dem Obergerichte anheimstellen. /lposlolws seäos, s. Apostolischer Sitz. Apostolicität (v. Lat), in der Dogmatik der Römisch-katholischen Kirche das Hauptkennzeichen der wahren Christlichen Kirche, darin bestehend, daß sie die reine Lehre der Apostel immer bewahrt habe u. von Kirchenoberen, die den Aposteln in ununterbrochener Reihe folgten, bis auf die Gegenwart regiert worden sei. Apostolische Briefe, 1)Lchr- n.Ermahnnngs- schreibcn, welche die Apostel an christliche Genieinden oder Gemeindevorsteher richteten. Sie machen Len 2. Theil des N. T. ans u. werden gethcilt in die (13) Paulinischen, den Hebräer- u. die Katholischen Briefe. 2) So v. w. päpstliche Briefe. Apostolische Constitutionen (Oonotitntio- uss ayostolioae), griechisch abgefaßte Sammlung liturgischerFormcln, Gebete n. angeblich apostolischer Vorschriften für das kirchliche Leben. Bon der Trullanischcn Synode 692 verworfen, im Abendlands gar nie anerkannt, wurden sie im Orient auch später noch mehrfach benutzt. Beste Ausgabe im 1. Bd. von Coteliers 1'atrss axwstok-, Par. 1672, Amst. 1724; von de Lagarde, Lcipz. 1862. Vgl. Krabbe, Ursprung n. Inhalt der A. C., Hamb. 1829; Drey, Neue Unters, über die Coust. u. Kan. der Apostel, Tübingen 1832. Apostolisches Concil, s. u. Apostel-Concil. Apostolisches Glaubensbekenntnis? (Apostolisches Symbolnm, Lzmrbolum apostolieum) oder von seinem Anfänge das Oreäo (ich glaube) genannt, Las erste u. älteste u. von allen christlichen Kirchen angenommene Symbol; enthält die 3 christlichen Glaubensartikel von Gott Vater, Sohn und Heil. Geist. Es soll von den Aposteln am ersten Pfingstfcstc in Jerusalem gemeinsam, so daß Jeder einen Satz gegeben habe, als Lehrnorm für ihre Verkündigung des Evangeliums verfaßt worden sein; eine Sage, die seit Laur. Valla als solche erkannt wurde. Es scheint nach und nach aus der Taufsormel (Matth. 28, 19. 2V) entstanden und im 6. Jahrh. zum Abschluß u. zur Geltung gekommen zu sein. Vgl. Lisco, das A. Gl., 2. Ausl., Berl. 1872; Semisch, das A. Gl., Verl. 1872. Apostolische Junta, s. Apostolische Partei. Apostolische Kammer, Behörde zu Rom, welche die päpstlichen Finanzen verwaltet. Apostolische Kanones, d. h. Ziegeln für Las kirchliche Leben, welche von den Aposteln stammen sollen. So heißt namentlich eine seit dem Ende des 4. Jahrh. erwähnteSammlungvon85 Regeln, welche theils als Anhang der sog. Apost. Constitutionen, thcils selbständig in zweifachem Text sich findet. Die Griech. Kirche nahm die ganze Sammlung, die RLm. nur die 50 ersten Kanones an. Ihr Zweck scheint hauptsächlich, eine Disciplinar-Ord- nung für die Geistlichkeit aufzustellen. Ihre Heimath ist ohne Zweifel Syrien, ihre Entstehungs- Apostolijche Partei. zeit die 2. Hälfte des 4. Jahrh. Neueste Ausgabe von Bruns 6Lnoue8 Xpostolorum. Vgl. Drey, Neue Unters, über die Const. u. Kan. der Apostel, Tüb. 1832; Bickell, Gesch. des Kirchenrechtes, Gieß. 1843. Apostolische Kirche, 1) (Apostolische Gemeinde, Urgemeinde) eine von den Aposteln gegründete bischöfliche Kirche, namentlich die zu Rom, Jerusalem, Antiochia, Ephesos u. Korinth; 2) später alle Kirchen, die einen Bischof (Apostolns) hatten; 3) (Xeelsma, axostolioa) nach katholischen Ansichten die Röm.-katholische Kirche (s. Apostolicität.) Apostolische Kirchenordnung, eine Sammlung den Aposteln zugeschriebener moralischer Vorschriften und kirchlicher Verordnungen; sie stimmt vielfach mit dem 7. u. 8. Buche der Apostolischen Constitutionen überein, stammt aus dem Anfänge des 3. Jahrh. u. hat sich in äthiopischem, arabischem u. griechischem Texte erhalten, letzterer abgedruckt in Bickells Geschichte des Kirchenrechtes, Gießen 1843. Apostolische Kleriker, s. Jesuaten. Apostolischer König (Apostolische Majestät), Titel des Königs von Ungarn, vom Papst Sylvester II. im Jahre 1000 dem Herzog Stephan I. von Ungarn wegen seines Eifers für die christliche Religion verliehen u. von Clemens XIII. 1756 für Maria Theresia und ihre Nachkommen erneuert; 1848 in Wegfall gekommen, wurde am 28. Dez. 1851 der Titel für den Kaiser von Österreich als Apostolische Majestät wieder hergestellt u. am 14. Nov. 1868 aus den König von Ungarn beschränkt. Apostolische Männer, Schüler, Gehilfen u. Freunde der Apostel, Nachfolger derselben, theil- weise als Lehrer der ersten christl. Gemeinden. So die 70 Jünger Jesu, Stephanus, die Evangelisten Marcus n. Lncas, Aqnila, Barnabas, Clemens von Rom, Epaphras, Erastus, Philemon, Silas (Silvanus), Timotheus, Titus u. m. A. Apostolische Monate (Päpstliche Monate), hießen nach den Wiener Concordaten von 1448 die 6 ungeraden Monate Januar, März rc., in welchen die niederen geistlichen Beneficien in Deutschland vom Papste vergeben werden sollten. Apostolische Partei benannte sich in Spanien die Partei der Ultra-Katholiken u. der Absolutesten, welche bald nach der Revolution von 1820, von Portugal mit Geld u. Waffen unterstützt, mit dem Hofe in enger Verbindung, aber in Castilien, Aragonien und den baskischen Provinzen auch mit dem Volke in nächster Berührung, eine apostolische Junta gründete, indeß, von dem damaligen Regiment ganz ausgeschlossen, sich bald auf den gewaltsamen Widerstand zur Erreichung ihrer Zwecke, absolutes Regiment, wobei aber der absolute König nur ihr Werkzeug sein sollte, angewiesen sah. Jedoch mißlangen mehrere ihrer desfallsigen Versuche (s. Quesada u. Spanien); nur in Urgel hielt sich die Regentschaft, LerA.P.,am 15. Ang. 1822 als Oberste Regentschaft constitnirt u. auf eine Glaubensarmee sich stützend, die im Namen des gefangenen Königs befahl, den Stand der Dinge vor März 1820 wicderherzu- stellen, n., sobald eine französische Intervention in Aussicht stand, auch zum Angriff schritt; indeß 769 Apostolische Schlüssel — Apostroph. die Armee wurde geschlagen, u. die Regentschaft floh nach Frankreich. Als die Franzosen einrückten. stand aber auch schon wieder eine neue Glanbensarmee von 10.000 Mann bereit, n. unter Auflösung der alten Regentschaft bildeten Calderon, Eguia, Eroles u. Erro eine provisorische Ncgicr- ungssunta (9. April 1823), die auch neben der von den Franzosen (24. Mai 1823) errichteten offi- ciellen Regentschaft sortbcstand. Nach Wiedereinsetzung des Königs bildete sich ans dieser Partei eine bei Hofe einflußreiche Camarilla, deren Erhebung gegen das gemäßigte Ministerium Zea 1825 Bessieres mit dem Leben büßen mutzte. 1826 erhob sich die Partei wieder n. unterstützte die portugiesischen Gesinnungsgenossen, u. 1827 mußte selbst der König gegen einen von ihr angestifteten Aufstand in Catalonien entschreiten. Seit 1830, seit Entstehen der carlistischcn Partei, ging die A. P. in dieser ans. Apostolische Schlüssel, 1) so v. w. Schlüsselgewalt; 2) die beiden Schlüssel im päpstlichen Wappen. Apostolischer Segen, der vom Papste als Nachfolger des Apostels Petrus crtheilte «egen. Apostolischer Sitz (Sackes npostoiioa), 1) so v. w. Apostolische Kirche 1); 2) (ap. Stuhl) die päpstliche Regierung, weil die Päpste sich als Nachfolger des Apostels Petrus ansehen. Apostolisches Symbölum, so v. w. Apostolisches Glaubensbekenntnis;. Apostolische Tradition, angeblich von den apostolischen Vätern u. deren Schülern gesammelte mündliche Aussprüche der Apostel über kirchliche Disciplin rc. Die Katholische Kirche gibt der A. L. gleichen Werth mit den kanonischen Büchern des N. T.; die Protestanten verwerfen dieselbe als unerwiesen. Apostolische Bäter, diejenigen Schüler und Genossen der Apostel, von welchen wir echte oder unterschobene Schriften vorwiegend praktischen Inhaltes haben: Barnabas, Clemens Romanus, Her- mas ans dem Kreise des Paulus; Ignatius, Polykarp, Papias, Schüler des Johannes; endlich Dionysios Arcopagita, angeblich Schülerdcs Paulus in Athen. Nene Ausgaben von Hcfcle, 4. A., Tüb. 1856; Dresscl, 2. A., Lpz. 1863; Jacobson, 4. A., Oxford 1863 (deutsch von Scholz, Gütersloh 1865). Vgl. Hilgenfcld, Die ap. B., Halle 1853. Apostolischer Bicar, Gesandter des Papstes bei wichtigen Missionen. Apostolisches Zeitalter, die Zeit der Begründung des Christenthnms durch die Apostel u. ihre unmittelbaren Gehilfen, im Allgemeinen das I.Jahrh. christlicher Zeitrechnung umfassend. Von Jerusalem, der eigentlichen Mnttcrgcmeinde, von welcher die anfangs noch wenig umfangreiche Missionsthätigkcit ihren Anfang nahm, ging bald auch der große Gegensatz aus, der dem ersten christlichen Jahrhundert sein Gepräge gibt. Seit dem Jahre 44 zog Jacobns der Jüngere in seine eigene, streng asketische Gesetzlichkeit mehr n. mehr die ganze Jernsalemischs Gemeinde n. alle Apostel hinein. Als durch die Anfänge einer Mischung von Juden- n. Heiden-Christen in den syrischen u. phönikischcu Gemeinden und noch mehr durch die Heiden-Missionen des Paulus an die Mutierge- Plercrs Unioersal-Convcrsatioils-Lexikoil. ü. Aufl. meinde die Frage herantrat, ob das Christcnrhnm auch fernerhin nur eine Genossenschaft innerhalb des Jndcnthums bleiben solle, gelang es dem großen Hcidenapostel, wenigstens für sich freies Feld zu erringen. Aber die Partei von Jerusalem fuhr fort, seine Gemeinden mit ihrer Predigt von der Nothwendigkcit der Beschncidung und anderer Satzungen zu verwirren. Dieser Streit überlebte die Apostel und ihre ältesten Stiftungen in Palästina, die im Jüdischen Kriege nmergingcn. Was aber auch geblieben, theilweise freilich in eine durch mehrere Jahrhunderte sich hinzichende Entwickelung cingetretcn ist, das sind die wesentlichen Bestandthcilc der von jenem Gegensätze kaum berührten inneren Verfassung der ältesten Gemeinden. So groß der Einfluß der Apostel gewesen sein mag, regiert haben sie die Gemeinden nicht; u. was man von den Ältesten n. Propheten (Predigern, Lehrern) erfährt, zeigt, daß die apostolische Zeit keinen Episkopat, keine Priester hat, ja nicht einmal, was man ein geistliches Amt nennen kann. Erst die Folgezeit sah ein geistliches Vorsteheramt sich bilden u. ans diesem weiterhin den Episkopat hcrvorgchen. Über das Besondere der Lebens- u. Gottcsdicnst- ordnnng s. die einzelnen Art. Vgl. von kritischer Seite besonders Baur, Paulus, 2. A., Lpz. 1866; Hausrath, Neutestamentliche Zeitgeschichte Bd. 2: Bd. 2: Die Zeit der Apostel, Heidclb. 1872. Apostool, Sam., mennonitischcr Prediger zu Amsterdam; st. 1644; nach ihm sind die Apostoo- len, eine extreme Partei der Wiedertäufer, genannt; s. n. Wiedertäufer. Apostroph, der (gr. die apoströxdos, abge- Ivandt, lat. die nxostropdus, sranz.die npostropdo, ital. der npostroko). Das neben (nicht über) dem Worte stehende Häkchen ('), welches gricch. meist neben dem Schlnßbnchstaben rechts als Zeichen des Abwerfens eines Eudvocals, der Eli sion verwandt wird, z. B. epeit' für vpsita; seltener bezeichnet es den Wegfall eines kurzen anlantcnden Vocals t mo'§ü, statt me e^ö. Lateinisch steht das Auslassungszeichen nicht nur für einen weggesal- lenen Vocal, wie in nostin', ain' für nostino, aisns, sondern auch für das von altlat. Dichtern wcgge- lassene s: eertissimn' nnntin' mortis (eortissimus nuntius mortis). Ital. kann der A. zu Anfang n. zu Ende eines Wortes (nicht in der Mitte) für weggefallene Vocale u. Diphthonge stehen. Franz, wird durch den A. nur in wenigen, meist einsilbigen Wörtern der Wegfall des stummen o, in i' für In der des a, n. in si vor il, iis der des i, bezeichnet. Im Deutschen kann der A. am Ende, zu Anfang n. in der Mitte der Wörter den Wegfall eines Bocals bezeichnen, z. B., so Hab' ich's gehalten von Jugend an; Wie groß ist des Ällmächt'gen Güte. Oft wird auch bei Eigennamen ein A. gesetzt um die Genitivform von der des Nominativ sicherer zu unterscheiden: Gocthc's Werke. Neuerdings sucht inan den Gebrauch des Zeichens mehr n. mehr zu beschränken. Holländisch ist namentlich das häufige Weglasscn des Vocals zu Anfang der Wörter zu bemerken: 'k —ib, ich; 't —det, das (aber t'—ts, zu); 's—ävs, des, und — is, ist. Vgl. 'd den, ich bin; 't duis, das Hans (aber t' duis, zu Hause); clit's. dies ist, u. die Städte- 's ürnveudaAs (Haag), d. i. des Grafen 49 -namen: I. Band. 770 Apostrophe Haag; 's IlvrkoAonbo8oIi (Herzogenbusch), d. i. des Herzogs Basch. Englisch heißt z. B. tilg boz'8 iiooü, das Buch des Knaben: ich« bozo, die Knaben; düs bo)-8' dooüs, die Bücher der Knaben. Den Gen. des Namens LVUIcin schreibt man LVil- kin's, den des Namens LViUcins aber LViUciii8'8. Sehr häufig ist der Gebrauch des A-s in Lustspielen u. dgl., nm den Wegfall von Vocalcn, Consonauten oder auch ganzen Silben zu bezeichnen. Bgl. z. B. 'bovs (adove), a'most (almoob). 'oi^s (n88ixs), '8tsaä (rnstsack), 'em (büsm), §1' ins (^ivc ms), Iian't (üavo not), I 'ck (I Imä, I ivoiilä). — LI' bedeutet als römischer Borname Llaniuo, bei schottischen Eigennamen aber Lias, Sohn, LI' ?Iiei 80 n (Llaoplterson). — In Handschriften steht der A. öfter statt einer r enthaltenden Silbe: mis'a (miosra), auch wol für die Silbe N8: i§nan' (lAnavus). L.p 08 tröplrn 8 heißt auch das Zeichen 0, welches in lat. Inschriften für den Vornamen Sasa n. als Abkürzung für die Silbe von gebraucht wird, des. aber als römisches Zahlzeichen vorkommt (II), 500 ;' Il)l), 5000 ; 1660, 50 , 000 ; 616, 1000 ; 60166, 10,000 rc.). — Nicht verwechseln darf man mit dem A. den Spiritus lenis n. die Koronis, das Zeichen der Krasis, der Verschmelzung zweier Wörter. Die Gestalt dieser Zeichen ist zwar von dem A. nicht verschieden, aber sie stehen inuner über dem Worte, der Sp. lenis über dem Anfangsvocal (ex, eit), die Koronis über der Mitte des Wortes (r-xstro für tö auto). 'Apostrophe (gr. Abwendung, auch LIstadasls, nvsrsio; Rhet.), Anrede Abwesender als Gegenwärtiger, lebloser Dinge als lebender, beseelter; in der attischen Gerichtssprache auch Abwendung des Redners vom Richter zudem Beklagten od. Kläger; auch gelegentlich Anrufung einer Gottheit. Apo- strophiren, Einen hart anredcn; auch mit dem Apostroph versehen. Apotelcsma (gr., so v. w. Vollendung, endlicher Ansgang), 1) Einfluß der Gestirne n. ihrer Constellation auf das «Schicksal der Menschen. Daher Apotelcsmatiker, so v. w. Nativitätssteller; Apotelcsmatische Kunst (Apotclesmatik), so v. w. Astrologie. 2) (Apotelesmata) In der lutherischen Dogmatik im Streite gegen Osiander und Stancarus die Bibclsätze, worin von dem Mittleramte Christi so die Rede ist, als gingen seine Handlungen nur von einer der beiden Naturen aus. Apotbocium, die Sporenfrucht der Flechten. Apotheke (gr.),1)Niederlage, Magazin. 2) Seit dem 14. Jahrh. Haus für den Handverkauf von Arzneistoffen, oder 3) (Officrn) Gesammtheit von Mcdicamenten, mit Utensilienbehältnissen zu h r er Aufbewahrung, Zubereitung n. Darreichung. Der Apothekerverkchr erstreckt sich, außer Arznei- istoffen, Arzneizubereitnngen und ausschließlichem Giftvcrkaufe, auch über andere Materialien und chemische Prodncte zu technischen Zwecken, Färberei, Malerei :c. Die Apothekerwaaren sind entweder einfache (Siinplicieu), die von den Apothekern entweder selbst gesammelt, oder in eigenen ^ Äpothckergärtcn gezogen, oder von Sammlern,« Gärtnern, zumal ausländischen, ans Drognerie-! Handlungen bezogen werden; oder sclbstbereirete! — Apotheke. Präparate. Die Maaren werden entweder im Handverkäufe nach Verlangen, oder auf ärztliche Vorschrift nach Necepten verabreicht. Nach den verschiedenen Zwecken und Bedürfnissen gibt es außer den ständigen Officinen in Städten noch Feld-A-n, welche nur eine bestimmte Anzahl Me- dicamente gegen Krankheiten im Felde n. Verwundungen enthalten; Reise-A-n, ebenso Haus - A-n mit Arzneimitteln für den augenblicklichen Gebrauch; Homöopathische A-n sind solche, welche sich die homöopathischen Ärzte für ihren Bedarf selbst halten; s. u. Homöopathie. In den A-n sind die Arzneien nach einer gewissen Ordnung aufgestellt und werden ans Verlangen in bestimmter Form verabreicht; außerdem besteht das Laboratorium, eine oder mehrere Materialkammeru, nebst Kränterbodcn n. Kellerranm als Aquarium rc. Die Wissenschaft der Zubereitung der Arzneimittel heißt Pharmacie. Von Zeit zu Zeit erfolgt eine Aporhek c nrev ision (A-nvisitation), wobei die vorräthigcn Arzneien und der ganze Zustand derselben durch Sachverständige (Medicinalbeamte) u. einige Magistratspersonen als Zeugen revidirt werden. Die A-n genießen Privilegien, nach denen ihre Zahl an einem Orte bestimmt ist; dagegen sind sie mehreren Bestimmungen, zuweilen eigenen Apothekerordnungen, welche mit dem Dispensatorium in naher Beziehung stehen, unterworfen. Auch eigene Apothekertaxcu bestehen, wonach die A-n Preise n. Rechnungen zu rcgnliren haben. Die erste dieser Taxen führte Kaiser Friedrich II. 1224 ein; im 16. n. 17. Jahrh. wurden sie durch Europa allgemein. Steigen und Fallen der Einkaufspreise begründen Verschiedenheiten in der Taxe, die daher auch hiernach Abänderungen erheischt. Der Gewinn muß bei dem Apotheker darum größer sein, als bei dem Kaufmann, weil er sehr viele dem Verderben leicht ausgesetzte und selten gebrauchte Arzneien in frischem Zustande halten muß u. darum häufig bedeutende Verluste an seinen Borräthen erleidet. Beim sogenannten Handverkauf ohne Reccpt werden die Arzneien billiger, unter der Recepttaxe verabreicht. Der Besitzer oder Verwalter einer A. (Apotheker) ist Kaufmann, Gelehrter u. Staatsdiener, insofern er unter Controle des Staates steht. Als Apothekcrlehrlin g muß er in Deutschland beim Eintritt in die Lehre die Berechtigung zum einjährigen Frciwilligendicnste Nachweisen, muß besonders im Fache der 'Naturwissenschaften, namentlich der Chemie u. Naturgeschichte, umfassende Kenntnisse, zugleich aber die zur Führung des Apothckergeschäftes nöthigen Fähigkeiten erwerben,die er als Apothekergchilfc (Provisor) zu erweitern n. ausznbilden hat. Vor Übernahme der selbständigen Verwaltung einer A. muß er den Besuch einer Universität während 3 Semestern Nachweisen und sich der Apotheker-Staatsprüfung (Apothekerexamen) unterwerfen u. das eidliche Versprechen ablegen, die in den Medicinalordnungen jedes Staates enthaltenen Vorschriften genau zu erfüllen. Vgl. Wcnderoth, Über Apotheker u. Apothekerwesen, Gießen 1805; Schmidt, Versuch einer geschichtlichen Übersicht der Apotheken, 3. Abth., Schlesw. 1822; Derselbe, Historisches Taschenbuch über die Entstehung der Apotheken, Flensb. 771 Apothckerkuiist 1835, 2. A.; Philippe, Geschichte der Apotheker, deutsch, Jena 1854. Die erste öffentliche A. der Welt errichtete im Jahre 765 der arabische Khalif Alinansur zu Bagdad; Lurch die Araber kamen die A-u nach Spanien u. von da nach Italien, dann nach Frankreich n. Deutschland, wo in Augsburg schon Ende des 13. Jahrhunderts eine solche bestanden haben soll, Prag 1342, Nürnberg 1404, Leipzig 1400, Basel 1440, Berlin 1488 n. andere Städte die ersten Anstalten dieser Art erhielten. Näheres in geschichtlicher, wie in staatlicher Hinsicht s. n. Pharmacie. Apothekcrkunst, s. u. Pharmacie. Apothekerordnung, Apothekertaxc, s. n. Apotheke. Apothekern ereilt, Verein der deutschen Apotheker zur Vervollkommnung der Pharmacie und der zu ihr in Beziehung stehenden Hilfswissenschaften, Verbesserungen des Apothekerwescns und Erleichterung des Geschäftsbetriebes, gegenseitige Unterstützung bei unverschuldeten Unglücksfällen u. Unterstützung verdienter würdiger Gehilfen in Alter, Krankheit rc. Der A. besteht seit 25. März 1821 u. hält nach Art der Wandergesellschaften seine jährlichen Versammlungen an verschiedenen Orten; die erste fand 1821 in Minden (Westfalen) statt. In Deutschland bestanden bis zum Jahre 1873 2 Abtheilnngen des Apolhekervereins, eine norddeutsche und eine süddeutsche; seit 1873 vereinigt, wurde die erste Generalversammlung im Sept. 1873 in Köln gehalten. Vgl. Grundsätze des Apothekervereins im nördlichen Deutschland, Lemgo 1821 u. ö.; Archiv des A-s, heransgegebcn von Brandes, Schmalkalden 1822 f.; seit 1846 Archiv der Pharmacie rc., heransg. von Brandes n. Wackcn- roder, Hannover. Ein gleicher A. besteht auch in der Schweiz. Apotheker:,eichen. Beim Gebrauche des metrischen Gewichtes finden gar keine Zeichen mehr statt, sondern das Gramm wird als Einheit angenommen; die Thcile derselben stehen hinter dem Komma; z. B. 7,°s bedeutet ohne Weiteres 7 u. Gramm. Apotheina (gr., Math.), eine ans dem Mittelpunkte eines regulären Vieleckes auf eine Seite desselben gefällte Senkrechte. Apotheose (v. Gr.), k) Vergötterung, Versetzung unter die Götter, mit göttlicher Verehrung verbunden. Dieser Brauch geht von der göttlichen Verehrung der Könige im Orient aus. Doch erhielten auch bei den Griechen ausgezeichnete Menschen nach ihrem Tode diese Ehre, bes. Wohlthäter ihres Volkes, so Thesens bei den. Athenern und andere Heroen. Unter den Nachfolgern Alexanders, bes. den Ptolemäern, apothcosirte der Sohn den Vater als Vorfahr in der Regierung. Bei den Römern hieß die A. Loimseratio n. beruhte darauf, daß man die verstorbenen Seelen od. Manen als göttliche Wesen, vii Llanso, dachte. Die Consecration des Romnlns ist ein vereinzelter Fall der Vergötterung durch das Volk. In späterer Zeit, besonders seit Cäsar, wurde die A. in Rom allgemeine Sitte, n. wurde dieselbe allen römischen Kaisern, meist in Folge Senatsbeschlusses, zu Theil, mit Ausnahme des Vespasian, der darauf verzichtete; selbst einigen christlichen Kaisern — 2^ siotioii. ward diese Ehre zu Theil. Die Ä. wurde unter bestimmten Ceremonicn ausgefllhrt. Nachdem die Bestattung der Leiche, dem üblichen Branche entsprechend, prunkvoll ausgefllhrt war, wurde Las in Wachs verfertigte Ebenbild des Verstorbenen vor dem kaiserliche» Palast auf einem kostbaren Paradebctte 7 Tage lang ausgestellt, während welcher Zeit Mitglieder des Senats und Frauen von hoher Geburt dasselbe in tiefer Trauer umgaben. Sodann fand auf dem alten Forum eine Art musikalischer Vorfeier zu dem Hauptact statt, dessen Schauplatz der Liiinpu» Llar- tius war. Dort war in mehreren, pyramida- lisch sich verhängenden Stockwerken ein im Innern mit dürrem Reisig angefüllter, mit kostbaren Teppichen u. Kunstwerken ansgeschmückter viereckiger Bau von kolossalen Dimensionen aufgeführt, in dessen zweitem Stockwerke die Bahre auf- gestellt u. mit Räucherwerk aller Art umschichtet n. überhäuft wurde. Nachdem dann ein imposanter Umzug der gesammtcn Ritterschaft zu Pferde (ckoonraio) erfolgt war, gab der Thronerbe das Signal zur Entzündung des Aufbaues, indem er eine brennende Fackel hineinschlcnderre, welchem Beispiel von allen Seiten Folge gegeben wurde, so daß der stolze Bau alsbald in lichten Flammen stand. Aus dem obersten Stockwerke ließ man zuletzt einen Adler (bei Kaiserinnen einen Pfau) auffliegen, womit das Aufsteigen der Seele in den Himmel angedeutet werden sollte. Der Apotheo- sirte hieß nun Oivns u. erhielt Priester (Lollalos n. Lneorävtsv) zngeordnet u. somit einen religiösen Culrns. Auf Münzen werden die Apotheo- sirten mit einem Strahlenkränze, oder auf einem Adler (Phönix) schwebend dargestcllt; oft befindet sich auch nur das Wort Loiwocratio auf dem Revers. Die A. der Frauen wird auf Münzen durch einen Pfau angezeigt, auch durch einen Sessel der Inno. Es fehlte nicht an Verspottungen dieses zur Unsitte gewordenen Brauches, z. B. in der Apokolokyntosis (Verwandlung in einen Kürbis, Versetzung unter die Kürbisse), einer dem Seneca beigelcgten Spottschrift auf den Kaiser Claudius. Unter den auf erhaltenen Denkmälern dargestellten A-n ist am bekanntesten die Homers, ein Relief, 1658 auf einem Grundstücke des Fürsten Colonna ausgegraben, wo Kaiser Claudius ehemals ein Landgut hatte; sic ist in mehreren Kupferwerken abgebildet, besonders im Clememi- nischen Museum des Vaticans. 2) Im christlichen Sinne die Vertheidigung der göttlichen Natur Jcsn; in dieser Bedeutung gibt cs ein Gedicht von Prudenlins. Apothcsis (Apothese, gr., das Ablegen), 1) (Ant.) Aussetzung der Kinder; daher Aporhetai, eine Schlucht am Taygetos bei Sparta, wohin die schwächlichen n. mißgestalteten Kinder gleich nach der Geburt ausgesetzr wurden. 2) (Anlauf, Bank.) S. u. Ablauf. 3) (Chir.) Wiedcrein- richrnng von Verrenkungen. -1) (Gramm.) Absatz, Rnhepnnkt in einem Satze. 5) (Metrik) Die Schlußsilbcn eines Verses. ü potwri (lat.), nach der Hauptsache, nach der Hauptperson, nach der Mehrzahl. L putiori üb üonomiimtio, nach dem Vorzüglicheren, Vornehmeren geschieht die Benennung. 49 * 772 Appalachen - Appalachen, s, u. Alleghanies. Appalachicola, 1) Fluß im nordamerikanischen Unionsstaate Florida; mündet in der Appalachen-! bai des Golfes von Mexico. 2) Connlysitz an der Mündung des A., unter 29° 43' 13" n. Br. u. 84° 58' 58" w. L.; guter Hafen, Baumwollenhandel; ca. 2000 Ew. Appanoosc, County im nordamerikanischen Unionsstaate Iowa, unter 40° n. Br. u. 93° w. L.'; 10,956 Ew.; gut bewässert durch mehrere Flüsse mit viel Wasserkraft; von Eisenbahnen durchschnitten; fruchtbarer Boden; Producte: Mais, Wolle, Steinkohlen; Connlysitz: Centreville. Apparat (v. lat. Lpparatus, franz. apparoil, engl, apparatns), Zurüstmig, bes. Sammlung von Hilfsmitteln u. Werkzeugen zur praktischen Betreibung einer Wissenschaft oder Ärmst, z. B. chemischer A., chirurgischer A.; auch die zur Ausführung eines einzelnen chemischen oder physikalischen Versuches erforderlichen Gegenstände; endlich eine einzelne solche Geräthschafi. Ein literarischer A. ist die Ansammlung von Büchern, Handschriften rc. oder von Notizen aus denselben, Znm Zwecke einer wissenschaftlichen Untersuchung oder zur Ausgabe eines Schriftstellers. In der Anat. einem bestimmten Zwecke dienende Organe n. zusammengesetzte Systeme, welche unter gemeinschaftlichen Gesichtspunkten anfgefaßt werden, z. B. Zeugungs-A., Ernä hrnng s-A., Sinnes- A., Athmnngs-A., Bewegnngs-A. rc. üppsroil (fr.), 1) Znrüstnng. 2) Glanz, Pracht. 3) So v. w. Manerverband. 4) So v. w. Apparat, des. in technischer Hinsicht, z. B. Windcrhitznngs- apparat (X. ü air elranck); s. Windleitung. Nppareil (fr.), 1) (Auffahrt, Rampe) die Auffahrt, welche von der Straße zu einem hoher liegenden Gebäude oder Schlosse führt; sie ist zum sanfteren Aufstcigcn entweder schlangenförmig, oder bogenförmig gewunden. 2) Die Auffahrt aus dem inneren Raume eines Festungswerkes oder einer Feldschanze ans den Wallgang, zur Herauf- schaffnng der Geschütze; dagegen führt Na stelle, (Abfahrt) in den Graben hinab. Apparcnce (fr.), änß. Schein, Wahrscheinlichkeit; apparent, anscheinend, offenbar. Apparition (v. Lat.), Erscheinung. Appartement (fr.), 1) Appartements, eine Reihe zusammengehöriger Zimmer in herrschaftlichen Wohnungen, Schlössern rc., getrennt für den Herrn und die Frau vom Hanse; 2) so v. w. Abtritt. üppassionäto (ital., M»s.), leidenschaftlich, sowol beim Tempo, als beim Vortrage. Appcl, Christian, Freih. v. A., österreichischer General, geb. 1785 zu Neusohl in Ungarn; nahm als Cavalcrielientenant an den Feldzügen 1805, 1809 u. 1812 u. als Second-Rittmeister an den Feldzügen 1813—15 theil, rückte 1822 znm Major ans u. wurde 1826 Oberstlieutenant u. General- adjntant des Kaisers Franz, 1829 Oberst und 1834 Generalmajor. 1843 znm Feldmarschall- Lieutcnant befördert, übernahm er Len Befehl über das 3. Armeecorps, mit welchem er dem Feldzüge 1849 gegen Piemont beiwohnte u. sich besonders bei Novara durch Tapferkeit n. Einsicht auszeichncte. Nach der Abberufung Haynaus! - Appellation. > vom Commando der 3. Armee in Ungarn, erhielt !A. 1850 dasselbe mir Beförderung zum General !der Cavaleris interimistisch, trat es jedoch schon im October 1851 an den Erzherzog Albrecht ab; er st. 22. Jan. 1854 in Graz in stiller Zurückgezogenheit. Appell, 1) Ruf. 2) Signal znm Sammeln im Gefechte. 3) Die Versammlung der Truppen compagnieweise rc. zur Bekanntmachung der Befehle u. zu Zwecken des inneren Dienstes (z. B. Löhnungs-A.). 4) Man sagt: eine Truppe hat Appell, wenn sie Achtsamkeit u. schnelle Ausführung der Befehle zeigt. 5) Die Eigenschaft des Jagdhundes, aus erfolgten Ruf seines Herrn sogleich zu demselben zurückzukehren; dann das Ab- u. Anrufen der Jagdhunde. 6) (Fechtk.) Starker Tritt mit dem rechten Fuße, womit der Schüler beweist, daß er mit dem Körper im Gleichgewichte liegt; im Duell eine Finte. Appellation, Berufung, dasjenige Rechtsmittel, durch welches gegen eine für unrichtig gehaltene richterliche Entscheidung oder Verfügung bei dem unmittelbar höheren Richter Beschwerde erhoben wird. Die A. soll das subjektive Recht gegen die Fehler oder Jrrthümcr eines richterlichen Ur- thcils sicher stellen. Konnte man im alten Rom auch einmal gefällte Erkenntnisse nicht abändern lassen, so war doch ein Verzug in ihrer Vollstreckung dadurch zu erlangen, daß man Berufung an das Volk cinlcgte n. den Einspruch eines oberen Magistrats anrief (provoeatio und intoreossio); erst Kaiser Augnstns statuirte ein bestimmtes A-s- vcrfahren u. durch Aufstellung der Beamten- Stnsenfolge einen wirklichen Jnstanzengang bis hinauf zum Kaiser. Dies nachahmend, ließ das Kanonische Recht in geistlichen Sachen auch eine Berufung an den nächsten Kirchenoberen bis hinauf an den Papst zu, ja, wollte selbst weltlichen Gerichten gegenüber eine Berufung an die Kirche ermöglichen. Das alte Deutsche Recht hatte auch schon seine Art Berufung gegen gesetzwidriges Urtheil: eine Beschwerde wegen ungerechten Ur- theils wurde zur Untersuchung an andere Richter verwiesen, und die Capitnlarien der fränkischen Könige (Pipins 765 ff.) gestatteten schon wiederholt, gegen Urtheile, durch die man das Recht verletzt glaubte, an das Palatinum u. an den Sendboten zu gehen, während für die Lehnsleute, wenn der untere Lehnsherr das Recht verweigerte, das Gericht des höchsten Lehnsherrn, des Königs, cintrat. Die Berufung mußte aber damals sofort geschehen durch das sogenannte Urtheilschelten, worauf dann die Sache an den höheren Richter, zuletzt vor den König kam, oder, wie bei den Sachsen, das Besicbnen, oder später die Verweisung an den Oberhof, ein ursprünglich im Städtewesen begründetes Institut, der etwa unseren Spruchcollsgien entsprach. Mit dem Eindringen des fremden Rechtes wich die Einrichtung des Urtheilsschcltcns der immer allgemeiner werdenden Berufung gegen das Urtheil an JuristenfacnltLten, oder, wo bereits Obergerichte bestanden, nach den Grundsätzen des Kanonischen Rechtes, an diese, bis endlich eine regelmäßige Prüfung der Urtheile (in Frankreich schon unter Ludwig Xl. eingeführt, aber nur mit einer A.) durch höhere Gerichts- 773 Appellativuni Höfe eingeführt wurde in Folge der Errichtung des Rcichskammergerichtes von 1495. Seitdem bestand das bis zu Anfang des 19. Jahrh. gütige System der drei Instanzen: 1. grundhcrrliche Gerichte; 2. Hof derLandcsherren, d. i. Gerichtscol- legien, Hofgerichtc, Negierungen, Justizkanzleien; з. Reichsgerichte, Reichskammergericht n. Reichs- hofrath. Wußten auch die größeren Reichsstände dieser dritten Instanz ihre Urtheile durch Erlangung der A-ssreiheit (llno . Ärx, Reim-Chronik des Appenz. Krieges, St. Gallen 1825. Gabr. Rusch, Der Kanton Appenzell, historisch, geogr., statist. geschildert, St. Gallen 1835; Zcllweger, I. C., Gesch. des Appenz. Volkes, 4 Bde., St. Gallen 1842. Eine sehr tüchtige Arbeit über die Appenz. Sprache ist T. Toblers Appenz. Sprachschatz, Zürich 1837. Apperccption (v. lat. porcipore, ein-, an sich nehmen, empfangen, übertr., geistig in sichanf- nehmen, begreifen), einer der schwierigsten Termini der modernen Philosophie. Cartcsins bezeichnete jede durch die sinnliche Wahrnehmung znm Bewußtsein gelangte Vorstellung mit porcoptio. Diese natürliche, dein Lateinischen entstammende Bedeutung des Wortes fand ihre Modifikation in der Leibnizschcn Philosophie, in welcher auch der Terminus A. zuerst auftritt. Leibniz' metaphysisches Princip ist die Monade, als eine spontan (durch freie Thätigkeit) ans sich selbst alle Momente des Lebens herausentwickelnde Krafteinheit. Diese Monaden sind wie für das bewußte Seelenleben, so auch für die Körpcrwelt um uns bildende Element, als schlafende, unbewußte Monaden. Dieser Unterschied mußte auch in der realen Thätigkeit derselben ihre gradwciscn Unterschiede haben. Sie hebt Leibniz sorgfältig hervor. Er bezeichnet die Vorstellung, als ursprüngliche monadologische Äraft- thätigkcit, überhaupt mit Perccption n. unterscheidet davon die bewußte menschliche Vorstellung als A. Von hier ging der Begriff in die Kautschs u. von da in die neuere Philosophie über. Kant spricht in seiner Kritik der reinen Vernunft häufig von der transcendeiitalcn n. nothwendigen Einheit der A., von einer synthetischen Einheit der A., oder auch von einer ursprünglichen A. Diese Termini, die im Wesentlichen immer dasselbe bedeuten, bezeichnen nichts Anderes, als das diesel- bige, einheitliche Bewußtsein, als den Samm- lungspunkt und Schauplatz alles unseres empirischen Wahrnchmungs- n. Dcnklebcns, das ursprüngliche einheitliche Centralbcwnßtsein. Einen noch anderen Sinn erlangte das Wort in der Herbartschen Philosophie. Sein metaphysisches Princip ist das Reale, als ein einfaches, ranmloses, geistiges Wesen, was durch die Störungen anderer solcher einfachen Wesen zu Selbst- erhaltnngcn (Vorstellungen) gcnöthigt wird, Vorstellungen, die nur unter einander Verbindungen n. Verschmelzungen entgehen. Als kleine Kraft- intensitätcn gibt cs für dieselben eine Schwelle, über welcher sie bewußt, unterhalb welcher sie unbewußt sind n. werden. Durch neue hinzutre- tende Vorstellungen, die sich verbinden, verschmelzen n. ins Gleichgewicht bringen, entsteht nun eine Borstcllungsinaffe, als Kraftintcnsität, Kraftsumme. Tritt nun eine neue Vorstellung ins Bewußtsein, so wird sic von der bereits vorhandenen ähnlichen Vorstellnngsmaffe als Kraftsunime ausgenommen u. ins Gleichgewicht gebracht. Die ausnehmende, bereits vorhandene, ins Bewußtsein tretende Vor- stcllnngsmasse nun nennt Herbart die appercipir- ende, die anfgenomiiiene, einzelne Vorstellung die — Appert. appercipirte, während der Begriff der Per- ception im Allgemeinen für Borstellen bei- behaltcn wird. Somit ist im Allgemeinen A. gleichbedeutend mit Bewußtsein, u. apperci- piren, s. v. als mit Bewußtsein eine Sache wabrnehmen. Appert, 1) Fran^., Gutsbesitzer zu Massy im Depart. Seine n. Offe, vorher Koch n. dann Conditor in Paris; nach ihm ist ein Verfahren zur Aufbewahrung von Nahrungsmitteln benannt, beschrieben in il'art cio consorvsr poiniant plu- sionrs annsos tontos Iss substaiicos animales st vsAstaiss, Paris, 4. Ausg. 1831, deutsch Kobl. 1810, Wien 1822. 2 ) Bcnj. Nicol. Marie, bekannter Philanthrop, geb. 10. Septbr. 1797 zu Paris; ward 1814 Lehrer an der kaiserl. Zeichnenschnlc daselbst; 1815 ans polit. Gründen abgesetzt, führte er seit 1816 in den Elementarschulen im Depart. du Nord u. mehreren Negi- inentsschnlcn den gegenseitigen Unterricht ein und leitete 1818 in Paris eine Anstalt für Offiziere n. Unteroffiziere zu diesem Zwecke. Seit 1820 unterrichtete er selbst in dem Militärgcfängniß von Montaign, wurde aber, verdächtig, das Entspringen zweier Sträflinge begünstigt zu haben, selbst gefangen gesetzt. Nach seiner Freisprechung widmete er, nun auch mit dem Leben in den Gefängnissen bekannt, seine ganze Thätigkeit der' Erleichterung u. Verbesserung des Looses der Gefangenen und bereiste seit 1825 zu diesem, wie anderen philanthropischen Zwecken Frankreich; 1830 nach Paris zurückgelehrt, wurde er gleichsam Privat-Almoseiiier des Königs Ludwig Philipp. Eine von ihm 1842 in Lothringen gegründete Colonie für entlassene Sträflinge u. Kinder von Gefangenen versprach viel, konnte aber aus Mangel an Mitteln nicht fortgeführt werden. Er besuchte von 1816—50 die Strafanstalten in Belgien, Preußen, Österreich, Sachsen, Bayern, Hamburg n. lebte dann unter dem Titel eines Gencraldircctors der französischen Gefängnisse in Preußen, wo ihm jedoch 1853 der Besuch der Gefängnisse, Hospitäler und Kasernen untersagt wurde; 1854 war er in den Donauländcrn u. 1855 in Griechenland. Erschrick: Llanusi äos eoolos rsAimsutairos, Par. 1822; llonrnal ckos prisons, ckes öcoles et ckss ötablissoiuonts cko bionkaisaiios, cbd. 1825; Kahnes, priscms st erimiiisls, 1836, 4 Bde.; 6onköronsss contra Is sz-stsmo oeUulaire, Brüss. 1846; Oix ans a 1a conr ckn Hoi Iwnis lUiil. st Lonvonirs än tomps cio i'Lmpirs, Bert. 1847, 3 Bde. (deutsch von Plötz); Voz-aZs sn IlslAigiio, Brüssel 1846, 2 Bde.; Voz-aZo sn I>russs, Berl. 1847; donseiis anx panvrss prisonuisrs, 1850 (deutsch Berl. 1850); HambonrA, sss prisons st iiospicss, Hamburg 1850 (deutsch 1850); Die Geheimnisse des Verbrechens u. Gefängnißlebens, Leipz. 1851, 2,Bde.; Rathschläge für Directoren, Geistliche u. Ärzte von Gefängnissen, Hamburg 1851; Die Gefängnisse, Spitäler, Schulen rc. in Österreich, Bayern, Preußen, Sachsen n. Belgien, Wien 1851; Über Wohlthätigkcits- n. Strafanstalten, Leipzig 1853; Voz aZs äans los ?rinci- pantss äannbisnnes, Mainz 1854. .-i)Eugöne, franz. Historieiimalcr, geb. 1814 in Angers, ein Schüler von Jngrös; st. 1867 in Cannes. Er 778 Appcrtincnticn gehörte zu den tüchtigeren neueren sranz. Künstlern seines Faches. Sein Gemälde Papst Alexander III. als Bettler befindet sich im Luxembourg zu Paris. Appcrtincntikii (Pcrtinentien; v. Lat.), Zn- behörungen; s. n. Accession. Appctcnz (v. Lat.), Begierde. Appetit (lat. nppotrtus, leidenschaftliches Verlangen), 1) Begierde nach einem Gegenstände überhaupt. 2) Der Zustand der Geschmacksnerven, in welchem der Mensch znm Genüsse von Speisen, besonders von wohlschmeckenden, sich angercizt fühlt; der Hunger dagegen ist nur der Ansdruck des Verlangens des'Magens nach Füllung, ohne weitere Wahl der Speisen. Somit kann Ä. ohne Hunger n. umgekehrt bestehen. Mangel an A. (A-losigkeit) kann eintrcten, wenn, die Empfind- nngsfähigkcit der Geschmacksnervcn durch Krankheit oder vorübergehendes Unwohlsein verringert ist. Widernatürlicher A. findet sich oft bei Kindern, bei Bleichsucht und Schwangerschaft u. deutet ans irgend einen abnormen Zustand hin. Zuweilen fällt der sogenannte widernatürliche A. ans augenblicklich nützliche Dinge, wie Kalk, Kreide, Salz rc. Appetitlich sind Speisen, die dem Auge oder Gerüche so schmeicheln, daß sie znm Genüsse entladen. 3) (Psychol.) S. Begehrnngsvermögen. /lppla aqua (a. Geogr.), Wasserleitung in Rom; bei einem Bassin derselben ans dem Forum Jnlii, nicht weit vom Tempel der Venus Gcnetrix, standen die Appiädes, eine Rymphengrnppc ans Marmor. Appiäni, Andrea, namhafter Historienmaler, gcb. 23. Mai 1754 zu Bosisio im Mailändischen; hieß Maler der Graticn, weshalb auch Thorvald- sen diese ans seinem Grabmal abgebildct. Napoleon I. ernannte ihn zum Hofmaler. Die österreichische Regierung entzog ihm sein Gehalt, so daß er 8. Nov. 1817 dürftig starb. Werke: Fresken der Kuppel S. Celso n. im Palazzo Reale in Mailand; Die Toilette der Juno (Ölgemälde). Appiänus, Geschichtschreiber, ans Alexandrien, um ISO n. Chr., Sachwalter in Rom, dann Pro- curator, ob in Ägypten, oder als kaiserlicher Fi- nanzvcrwalter in Rom, ist unbestimmt; schrieb eine Geschichte Roms vom Anfänge der Stadt bis auf Augnstus in 24 Büchern. A. ist ziemlich wahrheitsgetreu, aber meist trocken; er behandelt vornehmlich die Kriege, welche die Römer mit den barbarischen Völkern führten. Erhalten sind nur noch die spanische, punische, parthischc, syrische, pontisch-illyrische Geschichte und 5 Bücher M- den Bürgerkriegen; 1. Ansg. von R. Stephanus, Par. 1551, Fol., von H. Stephanus 1557; Schwcighänscr, Straßb. 1785, 3 Bde., dann Paris 1840, mit den von A. Mai neu aufge- sundencn Fragmenten von Bekker, Lpz. 1852—53, 3 Bde.; deutsch Stuttg. 1828—34, 15 Bdch.; von Zeiß, Lpz. 1837. Vgl. Hannak, A. u. seine Quellen, Wien 1869. Appia via (Appische Straße), italienische Landstraße; führte von Rom über Capua nach Bene- vent: s. u. Via. Appingadam, Stadt, so v. w. Dam. Appins, römischen Vorname, aus dem sabi- — Applegath. nischen Attus entstanden, bes. in der xons Olan- ciia: s. auch Herdonius. Npplanircn (v. Lat.), ebnen, ins Gleiche bringen (auch bildlich); daherApplanirung, Abplattung. Applaudiren (v. Lat.), Beifall klatschen, Beifall bezeigen. Hiervon Applaus, lauter Beifall, Beifallsklatschen und Beifallsruf, fr. Vpplan- äis8smsnt), der Beifall, der durch lauten Zuruf u. sonstige Zeichen öffentlich anftretenden Personen, Virtuosen und Schauspielern bezeigt wird. Die nördlichen Völker lassen ihn in Händeklatschen, höchstens Bravorufen bestehen, während die südlicheren (schon die Franzosen) neben den Händen auch die Füße in Bewegung setzen u. pochen. In Frankreich, besonders in Paris bildet das A. ein eigenes Gewerbe, das der Claqueurs, die sowol von der Theaterdirection, als auch von Actenrs und Sängern bezahlt werden. In London besteht sogar eine Jndnstriegesellschaft, mit der Künstler n. Theaterdirectionen sich wegen des Erfolges in Verbindung setzen müssen, wenn sie nicht Anfeindung gewärtigen wollen. Auch in Deutschland hat das Claqueurwescn in einer wenig erquicklichen Weise Wurzel gefaßt. Jedenfalls ist dieses Gewerbe als eine der widerwärtigsten Erscheinungen des Theaterwescns und des öffentlichen Lebens überhaupt zu bezeichnen. Auf dem alten römischen Theater wurde nach Beendigung des Spiels von der Bühne durch den Tibienbläser oder als letztes Wort der Schauspieler zngerufcn: IVauäitö! (Klatschet!), worauf von den Zuschauern der ganzen Spielergescllschaft durch Klatschen und Zurufen applaudirt wurde. Die Claqne war auf dem römischen Theater nicht so sehr üblich, als auf dem Markte bei den Gerichtsrcden, wo Redner, um des Beifalls gewiß zu sein, eine ansehnliche Menge gemeiner Leute durch Geld n. Geschenke bestechen ließen, nach beendigter Rede zu applaudiren. Diese Claqueurs hießen in Rom mit dem griechischen Spottnamen Sophokles (kluge Rufer) oder lat. Imnäieosni (d. i. Schmutzlober) oder Llanoipss (Erkaufte). In der alten Kirche war es nicht ungewöhnlich, den Predigern laut Beisall zu spenden (Chrysostomos); ja, die Geistlichen, selbst Erzbischöfe, hielten sich eine Schaar gedungener Klatscher, die an zuvor bezcichneten Stellen lauten Beifall knndgabcn; selbst Gregor von Nazianz, also einer der größten u. frömmsten Kirchenlehrer seiner Zeit, duldete nicht blos diesen Gebrauch, sondern begünstigte n. beförderte denselben ausdrücklich (s.NcandersKirchcngcsch., 5. Thl. S. 678). Auch bei den Methodisten pflegen die Zuhörer während der Gebete ihren Beifall durch Klatschen mit den Händen, Klopfen mit den Füßen n. Stöcken zu erkennen zu geben. Appledore (spr. Äpp'lLor), Flecken in der engl. Grafschaft Devon, an der Mündung des Torridge, Landungsplatz der Dänen im 9. Jahrhundert. Applegath, Augnstus, Erfinder einer Buchdruckschnellpresse, bei welcher der Schriftsatz ans einem überaus großen, senkrecht stehenden Cylindcr befestigt wurde. Dieselbe war für Zeitungen mit großen Auflagen von Wichtigkeit, indem sic durch die um den Hanptcylinder "sich befindenden acht Druckcylinder das achtfache Quantum Drnckexem- Applctvii — Plare in derselben Zeit erzeugte, wie die gewöhnliche Schnellpresse. Sie wurde durch bessere Con- structionen verdrängt. Daß dieselbe wesentlich zu der neuerdings verwirklichten Idee, auf endloses Papier zu drucken, beigetragen, darf als wahrscheinlich angenommen werden. A. starb in Dartford am 10. Fcbr. 1871. Applcton, Daniel, geb. 1785; gründete mit geringen Mitteln eine Buchhandlung in Ncw- Uork, die er durch Fleiß n. Umsichtigkeit bald zu einer der bedeutendsten Verlags- und Importgeschäfte der Der. Staaten erhob; er starb am 27. März 1849. Applicätc, 1) so v. w. Ordinate; 2) Applikaten nannte man früher ein System von Sehnen einer krummen Linie, welche einer gegebenen Linie parallel sind und von einem Durchmesser der krummen Linie halbirt werden. Applikation (v. lat. aWlioo, ich wende an), 1) Anpassung, Anwendung. 2) Anwendung einer allgemeinen Wahrheit auf Fälle der Erfahrung. 3) (Med.) Anwendung besonders von äußeren Heilmitteln. 4) Fähigkeit, sich in Etwas zu finden, Brauchbarkeit. Applicationsdruck, so v. w. Tascldruck; daher Applicationsfarben; s. u. Zcngdruck. Applicatur (v. Lat.), Fingersatz beim Spiele» musikalischer Instrumente, wobei Höhe n. Tiefe der Töne durch Anschlag oder Ausdrücken der Finger hervorgebracht wird. Von der richtigen A. hängt der Grad der Fertigkeit, Sicherheit n. Schönheit des Spiels ab. Appling, County im nordamcrik. Unionsstaatc Georgia, unter 31" n. Br. u. 82° w. L.; 5080 Einw.; Boden schlecht; Conntysitz: Holmcsvillc. Applombircn, s. Plombiren. /lppoggiüto (ital., gestützt, angelehnt) bedeutet beim Vortrage von Vocal- und Jnstrnmcmal- Cantilenen Las harmonische, getragene Jneinander- verschlingcn zweier Töne und ist daun gleichbedeutend mit kortairwniu. Appoint (fr., ital. LppuMo), ans den Punkt, genau, 1) ein Wechsel, wenn durch denselben eine Schuld genau ausgeglichen wird; dann auch, wenn er als ergänzender oder einzelner Thcil einer größeren Summe angesehen wird; 2) so v. w. Wechsel; wird 3) auch anstatt Stück (Abschnitt bei Papiergeld, Wcrthpapicren u Wechseln) gebraucht; -4) A-s (Appuuto) trassiren, durch Wechsel eine Forderung vollständig entnehmen. Appomodox, 1) Fluß im nordainerikanischcn Unionsstaate Virginia, nördlicher Zweig des James- flusscs; bis Petersburg für kleinere Fahrzeuge 40 engl. M. schiffbar, von da noch eine Strecke weiter kanalisirt. 2) County im vorgenannten Staate, unter 37° n. B. und 78° w. L.; 8950 Einwohner; Producte: Mais, Weizen, Tabak; Eisenbahn von Petersburg nach Lynchbnrg; Conntysitz: Cloverhill. Apponircn (v. Lat.), beisetzen, hinzusügeu; da« von 4ppormtur, es werde beigefügt oder beigelcgt; Lxxonantllr aeta. cs sollen die Acten beigelegt werden, ans Eingaben von den mit dem Referat über dieselben Beauftragten geschrieben. Appontji, alte ungarische Familie, die 1718 vom Kaiser Karl VI. in den Freiherrn- u. 173 Appreiiti. 779 in den Grafenstand erhoben wurde. Sic thcilt sich in die ältere und jüngere Linie. Aus crslerer bemerkenswerth: 1) Graf Anton Georg, ungarischer Staatsmann, geb. 4. Dec. 1751; starb 17. März 1817; Gründer der Apponyilchcn Fa« milicnbibliothck, die Graf Georg, 50,000 Bbc. stark, 1827 in einem eigenen Hause in Prcßbnrg der Benutzung des Publicums übergab. 2) Gr.. Anton, Sohn des Vor., geb. 7. Scpt. 1782; widmete sich dem diplomatischen Fache, ward Gesandter zu London n. Rom u. 1826 in Paris. Hier leistete er besonders 1830, nach der Iuli- Rcvolntion, dem Kaiscrstaate die ausgezeichnetsten Dienste u. bekleidete diesen Posten bis Sept. 1849; er starb 17. Oct. 1852. 3) Gr. Georg, nngar. Staatsmann, geb. 29. Dez. 1808; war anfangs' Hofsccrctär an der ungarischen Hofkanzlci in Wien, wurde seit 1846 zum zweiten u. seit 1847 zum obersten ungarischen Hoskanzlcr ernannt; Führer der Conservativen gegen die Partei Kossuths. Rach Auflösung der Hoskanzlei in Folge der Revolution, im März 1848, zog er sich ins Privatleben zurück, ans dem er jedoch 1859 wieder hervortrat. 1860 in den verstärkten Rcichsrath nach Wien berufen, verthcidigte er daselbst die legitimen Rechte Ungarns u. wurde am Ende des JahrcS .Incksx onriao zu Pest, welches Amt er im April l8l>3 niederlegte. Seit 1872 bemüht er sich, eine katholische Partei in Ungarn zu gründen. 4) Graf Rudolf II., älterer Sohn von A. 2), geb. 1. Ang. 1812, zuerst Secretär bei der Botschaft in Paris, seit 1849 Gesandter in Turin n. dort Ende Sept. 1853 abberufen, 1856 Gesandter in München, 1860 Botschafter in London, seit 1871 in Paris, wo er 31. Jan. 1872 die Stellung antrat. Apportiren (fr. apxortor), 1) hcrzubringcn; 2) besonders von Hunden, welche dem Herrn bestimmte Gegenstände bringen; s. n. Dressirc». Davon Apportirbock, so v. w. Dressirbock; apporto; bring' her! Apportage, Trägerlohn. Apports (fr.), beigebrachte oder vielmehr bei- zubringcnde Wcrthe bei Gründungen zur Verhütung von Schwindel u. Betrug; in der bctr. Gesetzgebung bisher noch viel zu wenig beachtet. Apposition (v. Lat.), Hinzusetzung; iu^der Grammatik nähere Bestimmung des in einem Substantiv enthaltenen Begriffes durch nachsolgcnde substantive Ergänznng; z. B.: Paris, die Hauptstadt Frankreichs; Alexander der Große rc. Apprccation, flehentliche Bitte; daher appre- catorisch, inständig bittend. Appreciiren (v. Franz.; lat. a-tiircn) schätzen, abschätzen; davon Appreciation, Schätzung, Würdigung. Apprehcndircn (v. Lat.), ergreifen, anffasscn. Davon apprcycnsiv, leicht ergrcifbar, reizbar, aus Einbildung furchtsam. Apprehensiou, 1) das Erfassen, Ergreifen; 2) (Psychol.) die Verknüpfung des Mannigfaltigen der sinnlichen Eindrücke zur Einheit der Wahrnehmung; 3) Begriffsvermögen, Intelligenz; 4) (Med.) so v. w. Starrsucht. Apprenti (fr.), 1> Lehrling; daher Appren- lissage, Lehrzeit. 2) (Mittellat.) -Ipprontüoii nä legaru, Solche, welch! sich durch einen sechsjährigen Aufenthalt auf Rcchtsakademien (Inus 780 Appression ok eonrt) als Sachwalter heranbilden; s. Lar- ristor. Appression (v. Lat.), Andrückung; daher A-s- Pumpe, so v. w. Druckpumpe, u. A-swerk, so v. w. Druckwerk. In der B otauik heißt A. die Anschmiegung gestreckter Pflanzcuorgaue (Stengel von Schlingpflanzen, Klammerwnrzeln rc.) an einen festen Körper bei dauernder Berührung. Appretur, 1) (Appretiren) die Verrichtung, wodurch Fabrikaten, besonders gewebten und gewirkten Maaren ein schöneres Ansehen gegeben wird. Der solches verrichtet, heißt Appreteur. Die A. des Tuches umfaßt das Rauhen, Scheren n. Pressen; s. Tuchfabrikation. Beim Appretiren der glatten Wollenzenge werden die einzelnen und kurz hervorstehcnden Haare abgesengt oder weggebrannt; darauf reinigi man sie in einer Art von Walkmühle n. wäscht sie in reinem Wasser aus, glänzt sie durch den Druck von glatten Walzen in einem Kalander, oder reibt sie mit einem glatten Steine; zuletzt werden sic gepreßt. Die holländische A. besteht darin, daß man die Zeuge mit einem Absud von Gummi, Akclei- samen, Flöhsamcn und Hanscnblasc anfcuchtct n. dann in die Presse bringt. Beim Pressen werden die Zeuge auf einer kupfernen Platte ansgebrcitct, die ans einem unter der Presse stehenden eisernen Tische befestigt ist. Unter letzterem ist ein Kvhlcnfencr. Baumwolle uzen ge werden bei der Appretur auch gesengt u. in der Walke gewaschen, hierauf gebleicht, gestärkt, geglättet n. gepreßt. Gleiches, nur ohne die Manipulation des Scngens, geschieht bei der Appretur der Leinwand. Die gleichseitigen glatten Seidenstoffe (Taffet rc.) werden durch Überziehen über Walzen geglättet u. später gepreßt. Leichte Waare wird vorher mit Gummi genäßt und getrocknet. Die schweren zweiseitigen Seidenstoffe (Atlas rc.) ohne A.; solche mit Kattuncin- schlag oder leichte ganz seidene Waare wird aus der Rückseite mit Gummi genäßt, schnell getrocknet, damit Nichts dnrchdringt, darauf kalandert (eine Papicrwalze u. eine Eisenwalze) n. endlich gepreßt. Schwere ganz seidene Sammete ohne A.; leichte Waare mit baumwollenem Einschläge, besonders Schappsammete werden geschoren, dann auf Rahmen gespannt, links mit Gummi bestrichen, schnell getrocknet, endlich durch Überziehen über heiße Walzen geglättet. Bei gewirkten Maaren erfolgt die A. nach den Stoffen, aus denen sic bestehen; bei Stroh hüten durch Bestreichen mit Stärke oder Gummi u. darauf folgendes Glänzen durch Reiben mit einem glatten Holze; beim Appretiren des Leders krispelt man dasselbe mit dem Krispelholze, wodurch die Narben hervorge- triebcn werden, oder bringt die Glätte durch Reiben mit Kork oder einer Glaskugel hervor. 2) Was auf die Zeuge aufgetragcn wird, um ihnen Glanz zu geben. Approbircn (v. Lat.), gntheißen, billigen, genehmigen nach ersolgtcr Prüfung. Daher Approbation: 1) Billigung, Zustimmung, insonderheit behördliche Genehmigung zur Ausübung einer Handlung, eines Geschäftes oder Amtes, nachdem der dieselbe Nachsnchende sich auch als befähigt u. berechtigt dazu erwiesen hat. 2) In der Kathol. — ApPUN. Kirche die Erklärung des Bischofs, daß gegen den Druck eines Buches von religiösem Inhalte kein kirchliches Bedenken obwalte; daher das solchen Schriften zum Beweise ihrer Rechtgläubigkcit bei- gefügtc A.pxrobs,t>ur. 3) Die von der obersten Kirchenbehörde ausgesprochene Genehmigung der Anstellung eines Glistlichcn. App rochen (v. Franz.), Laufgräben. Ap- prochiren, mit Laufgräben (u. überhaupt) sich nähern. Approchant, annähernd, ähnlich. Ap- prochement, Annäherung. Appropingnation, 1) Annäherung, das Her- annahen; 2) die Annäherung der Schädclknochen des Kindes bei der Geburt während des Durchganges durch das Becken. Appropriation, 1) An-, Zueignung, Anmaßung. 2) Die Wiedervereinigung eines vorher zu Eigenthum n. zu Nießbrauch getheiltcn Eigen- thnnis, wo dem Einen Grund n. Boden, dem Anderen aber die Nutzung desselben zngehörte, in der Person Dessen, welchem das nutzbare Eigen- thnm zustand. S. Consolidation. A-sklansel, die mit dem irländischen Zehntgcsetze 1834 in Verbindung gebrachte Zusatzbestimmung, daß die durch jenes Gesetz erzielten Überschüsse der Einkünfte vom Kirchengnte zu gemeinnützigen Zwecken, besonders im Schul- und Armenwesen verwendet werden sollten; bildete bis Ang. 1838, wo sie von beiden Häusern des Parlaments angenommen wurde, einen Gegenstand ernsten Zwiespaltes zwischen Whigs und Tories. In späteren Jahren mehrmals wieder zur Sprache gebracht, hat die Sache ihre volle Erledigung durch die 1869 von beiden Häusern angenommene und unterm 26. Juli sanctionirte Irische Kirchenbill, welche die Entstaatlichung der Irischen Kirche und die Säcn- larisation der Kirchengüter dnrchführte. S. Großbritannien. Approviantircn (v. Fr.), so v. w. Vcrpro- viantircn. Approximation, 1) Annäherung überhaupt, besonders in der Mathematik; s. Annäherung. 2) In der Theologie die Annäherung der göttlichen Substanz an die Seelcnsnbstanz des Menschen, als Endergebnis; der vollendeten Gnaden- wirknngen des Heiligen Geistes; schwärmerische Lehre, besonders Inst. Fenerborns, um 1620. Approximativ, annähernd, ungefähr, der Wahrheit nahe kommend; daher Approximative, der Annäherungspunkt bei Verträgen. Apptti (fr.), 1) Stützpunkt, so besonders ^.ppni- rmrin, der Malerstock, worauf der Maler die arbeitende Hand stützt. 2) (Kriegsw.) Stützpunkt, Anlchnnngspnnkt; s. auch anlehnen. Appulcjus, s. Apulcjns. Appuls (v. Lat.), 1) Anstoß, Antrieb; 2) das scheinbare Anstößen eines Himmelskörpers an einen Faden oder ein sonstiges im Gesichtsfelde des Fernrohres angebrachtes Merkmal. Appnn, Karl Ferdinand, Naturforscher u. Reisender, geb. 24. Mai 1820 in Bunzlan; wurde 1849 vom König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zur Erforschung SAmerikas ausgcsen- det n. bereiste 10 Jahre lang Venezuela, dann Demerara, einen Theil Brasiliens auf dem Rio Branco, Rio Negro u. dein Amazonenstrom bis nach Tabatinga an den Grenzen Perus. 1868 kam er wieder in keine Heimath, kehrte 1871 nach Amerika zurück n. st. am 18. Juli 1872 in Britisch- Gniana an den Folgen einer schweren Verletzung mit Schwefelsäure, die er zum Schutze gegen die Indianer mit sich führte. Er schr.: Unter den Tropen (über Venezuela und Britisch-Gniana), Jena 1871, 2 BLe. kppunto (ital.), s. ^.xgioinb. ü prseo. n. ü prset., Ablnrzung für anno prao- osäeute, im vorhergehenden, oder anno praots- rito. iin vorhergegangcnen Jahre. Apraxin, russische Grafcnfamilie, deren Adel ans dem 15. Jahrh. datirt: 1) MarfaApraxina, Tochter des Grafen Matwei; wurde 14. Febr. 1682 die Gemahlin des Czars Fedor III. n. st. 31. Dec. 1715. 3) Graf Peter Matwejewitsch, älterer Bruder der Bor., gcb. 1659; begleitete Peter d. Gr. 1697 nach Holland, war an der Bekämpfung der Strelitzcn bctheiligt u. erfocht als Gcncral- licntcnant mehrere Siege über die Schweden; 1703 zu den rebellirendcn Völkern an der Wolga geschickt, brachte er den Kalmückenkhan Ajuka unter russische Botmäßigkeit; im Proceß gegen Alexei, Sohn Peters d. Gr., in den er verwickelt war, wurde er freigesprochen; starb 1720. 3) Graf Fedor Matwejewitsch, Bruder des Vor., geb. 1671; einer der hervorragendsten Feldherrn Perers d. Gr., dessen Errichtung einer Marine er namentlich unterstützte. Zuerst Woiwodc von Archangcl, betheiligte er sich später ruhmvoll an den Kriegen seines Kaisers, vereitelte 1709 die Expedition des schwedischen Generals Lübckcr in Jngermanland, eroberte als General-Admiral der Flotte 1710 Wyhorg in Karelien, 1713 Helsingfors n. Abo in Finnland und zwang von' 1718 an durch eine Operationen an der schwedischen Küste dies Reich zu dem Frieden von Nystadt 1721 (10. Sept.), in welchem es die Ostsccproviuzcn (Kurland ausgenommen) n. das östliche Finnland verlor. 1722 bethciligte er sich an dem Feldzüge gegen Persien. Obwol ein Gegner der Reformen Peters, stand A. bei demselben in solcher Gunst, daß er zweimal von der Schuld der Bestechlichkeit u. Veruntreuung sich loskaufen durfte. A. st. 10. Nov. 1728 zu Moskau. 4) Stephan Fedorowitsch, Verwandter der Vor., geb. 1702; machte den Türkenkrieg unter Münnich mit, wurde, noch sehr sehr jung, General n. benutzte seine einflußreiche Stellung zur Bekämpfung des Grafen L'Estocg und der preußischen Partei am russischen Hofe. Als Feldmarschall führte er Ende Juni 1757 die russische Armee gegen Preußen und schlug nach Eroberung der Festung Memel den General Lehwaldt 30. Äug. 1757 bei Großjägerndorf. Da er diesen Sieg nicht benutzte, sondern im Einver- ständniß mit dem Reichskanzler Bestnschew sich mit Hinterlassung der Kranken nach Kurland zurückzog, wurde er vor ein Kriegsgericht gestellt, vor dessen Entscheidung er jedoch im Gefängniß 31. Ang. 1758 starb. (S. Biographien der russischen Feldmarschälle, 4 Bde., Petersb. 1840—41). Das jetzige Grafengeschlccht A. stammt von Andrei Matwejewitsch, einem jüngeren Bruder Peters n. Fedors (2 u. 3), dem I. Febr. 1722 in den Grafenstand erhobenen Oberschenkel! am Hose Peters d. Gr. Aprikosciirulc. 781 üptds (fr., v. lat. ack xrvasiiiii), 1) hernach; 3) Nachspiel. Aprica-Pasi, 1235 IN hoher Paß in der ital. Prov. Brescia; führt westl. von Edolo aus dem Val Camonica in das Vcltlin. Apriccna, Flecken im Distr. San Severo der italienischen Prov. Capitanata, an der Eisenbahn Ancona-Brindisi; die Gemeinde mit Zugchör 5370 Ew. Aprics (Hophra), König von Ägypten, Nachkomme des Psaminctich; regierte 590—571 v. Ehr., wo eine Empörung unter der Anführung des Amasis gegen ihn ausbräch, in Folge deren er gestürzt n. vom Volke getödtet wurde. Diese von Hcrodot erzählte Geschichte erscheint jedoch nach neueren Forschungen nicht glaubwürdig. Aprikose ist die höchst wohlschmeckende Frucht von ^rmoniasa viilAUi!» INr,»., einem ans Persien u. Armenien stammenden Baume ans der Fant, der Amygdalecn, der jetzt überall bei uns cultivirt wird. Die sehr harte Hülle der Samen liefert eine schwarze Farbe; die Samen selbst sind wie die Mandeln thcils süß, theils bitter. Die Zahl der durch die Cultur erhaltenen Sorten ist nicht so groß, als bei unseren anderen besseren Obstarten, n. deren Verschiedenheit unter einander nicht so bedeutend, daß sich daraus eine als brauchbar anzncrkenncnde Eintheilnng gründen ließe; auch der Unterschied der Früchte mit süßen n. solcher mit bitteren Kernen ist für die Classification zu unsicher. Die A-n haben ein angenehmes, saftiges, schmelzendes, gewürzhaftcs Fleisch, welches bei einigen Sorten jedoch leicht mehlig wird, weshalb solche Früchte etwas vor der völligen Reife abzunehmcn u. bis zum Weichwerden anfznbe- wahren sind. Die mehr oder weniger runden, meist orangcgelben u. mit wolliger Haut bedeckten Früchte gelten roh genossen als etwas schwer verdaulich, sind aber eingemacht oder als Compot schr beliebt. Der Aprikosenbaum verlangt in den kälteren Gegenden eine warme Lage und Schutz im Winter, gedeiht am besten in warmem, sandigem und kalkhaltigem Boden, wogegen er in schwerem oder kaltem Boden leicht dem Erfrieren ausgcsetzt ist; in den wärmeren Gegenden wird derselbe als Hochstamm u. am Spalier, gezogen, in den kälteren nur am Spalier bei Bedeckung im Winter. Die Vermehrung geschieht meist durch Veredlung, am besten durch Ocnlircn auf Pflaumen- oder A-wildlingc; auch durch Aussaat der Steine von den guten Sorten pflegt man wieder edle Sorten, wenn auch nicht ganz dieselben, zu erziehen; die auf Pflaumen veredelten Stämme sind aber dauerhafter. Richtiges Beschneiden der A-nbänme ist zur Erziehung schöner Spaliere erforderlich, aber ziemlich schwierig; im Allgemeinen darf cs nicht zu stark geschehen u. wird am besten in den wärmeren Gegenden im Herbste, in kälteren im Frühjahre erst kurz vor der Blürhe, welche bei Len A-nbänmen am frühesten von allen unseren Obst- bänmcn eintritt, vorgenommen. Aprikoscneule (Pfeilnachtfalter, ^.eronzetn ?8i Oe/issm/i.), Schmetterling aus der Fam. der Eulen. Die behaarte Raupe ist schwarz, weiß, gelb u. roth gezeichnet n. trägt ans dem vierten 782 Aprikoscnöl — Ringe eine zapfenförmige Erhöhung; sie lebt auf Aprikose, Pfirsich, Rose, Birke, Hagebuche u. Weißdorn, wo man sie gegen Ende Sommers amrifft u. wo sie mitunter argen Schaden anrichtet. Im Spätjahre verwandelt sie sich in einem aus Ge- spinnstfädcn u. Holzsplittern gefertigten Cocon in eine rorh-branne Puppe mit behaarter Schwanzspitze, welche sich erst im folgenden Sommer entwickelt. Der Schmetterling ist röthlich-gran mit zickzacksörmigen Zeichnungen n. welligem Rande; Große 40 mm; Europa, nordwärts bis Schweden. Äprikoscnöl, ein ans den Samen der Aprikosen dargcstelltes fettes Öl, mit welchem zuweilen das Mandelöl verfälscht wird. Aprikosenspinncr (Lastträger, Sonderling, Esparsettvözclchcn, Bürstenbinder, Or'b.vm anti- gna. L.); Raupe dünnbaarig, mit gelben oder schwarzen Haarbüscheln (Bürstenranpe), grau, oben schwarz, beide Farben durch weiße Linien getrennt, mit rothen Punkten; lebt auf vielerlei Bäumen, namentlich ans Obstbänmen, Rosen, Erlen, Weiden, Schlehen; ist mitunter sehr schädlich. In der Mitte des Sommers fertigt sie ein braun-graues Gcspinnst u. verwandelt sich darin in eine blaßgelbe, dunkelbraun gereiste Puppe, ans welcher nach 3 Wochen der kleine Schmetterling kommt. Männchen mit dunkelbraunem Leibe, Flügel roth- brann, auf den vorderen stehen einige dunkle Striche u. am Hinterrande ein weißer, dunkel eingefaßter Fleck; Größe 22 mm. Das Weibchen hat einen dicken, grau-braunen Leib, aber keine Flügel; Europa, nach Norden bis Schweden. April (angeblich von lat. aporrrs, öffnen: der die Blnihcn öffnende; iral. Aprils, franz. -Vvril, engl. Lpril, lat. TprUis, von itarl d. Gr. Ostor- mnnvtii, Holland. Orasmaauck genannt), im altrömischen Kalender der 2., im Jnlianischen der 4. Monat des Jahres, der Venus geweiht; bestand zu Nomnlns Zeit ans 30, zu Numas Zeit ans 29 Tagen, bis zu Julius Cäsar, der ihm wieder 30 Tage zutheilte; man personificirte ihn auch als Gottheit. Für Feld, Wiese, Garten ist der April einer der Monate, welche die Thätigkcit des Landwirthes am meisten in Anspruch nehmen. Wegen der öfteren u. rascheren Veränderung der Witterung im A. nennt man veränderliche Witterung Aprilwettcr u. danach die Wünschen. Einfälle eines unbeständigen Menschen Aprillaune. Die durchschnittliche Temperatur in Mitteleuropa beträgt 1" U. Das Aprilschicken ist zweifelhaften Ursprunges, nach Grimm wahrscheinlich der Überrest eines keltischen Festes n. ans Frankreich zu uns hernbcrgcbracht. Aprilsnarr, der in den A. Geschickte. Im Volksabcrgl auben gehört der 1. A. zu den Unglückstagen, spccicll weil an ihm Judas Jschariot geboren sein soll. Wer an diesen, Tage zur Welt kommt, bleibt krüppelhast, stirbt eines schlimmen Todes, am Strang, oder geht elend unter u. s. w; am 1 . A. darf man keine Milch verkaufen, sonst stirbt die Kuh n. s. w. Vgl. Wnttke, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, Berl. 1869. Aprilblume ist Lrwmons usmorosa, Aprilsnarr, s. u. April. Aprilwcizcn, Wcchsclwcizen, engl. Bartweizen, welcher sich besonders zur Aussaat im zeitigen Frühjahre eignet. Da er auch im Spätherbste gesäet werden kann, nennt inan ihn auch Wechselweizen. /i prima vista (ital., auf das erste Sehen), vom Blatte (spielen, singen). - pridri (v. Lat.), s. n. a posteriori. /l propos (v. Franz.), so v. w. beiläufig, bei dieser Gelegenheit. Apsaras (Nom. Sg. Apsarlls; ind. Myth.) sind himmlische Nymphen, wohnen in Brahmas Welt, dienen dem Indra u. werden ans Bitten der Götter von Indra auf die Erde gesandt, um Büßer, die durch ihre Kasteiungen eine zu große Macht zu erlangen im Begriffe sind, zu verführen u. sie ihres errungenen Verdienstes zu berauben. In der himmlischen Welt empfangen sie die im Kampfe gefallenen Krieger als Garten. Ihre Zahl ist sehr groß, doch werden nur wenige von ihnen mit Namen angeführt. Apscheron, Cap, Halbinsel; s. n. Baku. Apsiden (v. gr. irapsis, Vcrknotnng, Znsam- mcnfügnng, Gewölbe), die beiden Punkte der elliptischen Planetenbahn, in welchen der Planet der Sonne am nächsten stehr (Pcrihelinm) u. dann wieder am entferntesten von ihr ist (Aphelinm). Sie bezeichnen die äußersten Endpunkte der großen Achse der Erdbahn, welche daher auch A-linie genannt wird. Die A-linie thcilt die Ellipse, in welcher sich der Himmelskörper bewegt, in 2 symmetrische Hälften. Apsis, Aüsis, Apside (v. Gr.), auch Tribuna, Concha, Exedra, die Urform des hohen Chores in den christlichen Kirchen; wird in der altchristlichen n. romanischen Baukunst der meist in Form einer halbkreisförmigen Nische das Mittelschiff abschließende Altarplatz genannt; nicht selten sind indessen die Apsiden inwendig halbkreisförmig, von außen polygonal abgeschlossen. Solche Nischen wurden in der späteren römischen Zeit besonders bei einer Gattung öffentlicher Gebäude, den Basiliken, gebräuchlich und sind als deren Nachbildung zu betrachten. In der späteren christlichen Zeit erhielt die Apside dadurch eine Verlängerung, daß man ihr den eborns, der früher im Schiff war, zufügte, wodurch dieser Raum den Namen hoher Chor erhielt. Apsychie (v. Gr.), höchster Grad der Bewußtlosigkeit, der Öhnmacht; Scheintod. Äpt, Hanptst. im gleichnamigen Arrond. des französischen Dep. Vanclnse, amCanlon; Sitzeines Untcrpräfccten, Communalcolleg, alte Kathedrale; fabricirt Wachskerzen, vorzügliche Confiturcn und eingemachte Früchte, Seide, Fayenccwaaren, Leder; treibt Handel mit Vieh, Trüffeln, Korn n. Südfrüchten; 5892 Ew. Die Stadt ist römischen Ursprungs u. wurde von Julius Cäsar verschönert, daher sie Hpta lluiin hieß. Das frühere Bis- thnm wurde in der Revolution von 1789 aufgehoben. Dabei eine römische Brücke von drei Bogen (kont llnkion). kptonoMos (kin-zt., Gatt, der zu den Schwimmvögeln gehörenden Fam. der Pinguine. L.. xa- taAonioa, der Königstanchcr. üpters (gr. Flügellose), nach Linne, der dabei dem Aristoteles folgte, die flügellosen Jnsecteu; schon von Fabricius u. später von Len französi- 783 iVptSI'IIS — schm Naturforschern ganz geändert, kheils in besonderen Classen (Orustaeea n. Xraoimiäss) zn- sammengestcllt, theils unter die eigentlichen Jn- secten vcrtheilt. Hier jetzt eine Unterordnung der Schnabclkerfe, umfaßt die parasitischen Familien der Pelzfresser n. Läuse. llpterus (gr., nngeflügelt), Beiname einiger Jnsectcnartcn, die der Unter- oder Oberflügel, oder beider entbehren; z. B. Xnbis aptsrn, Ün- rabi nptsri. kpter^x -Maro,, höchst absonderlicher Vogel, der in den unbewohnten, waldreichen Gegenden der Nordinsel von Neuseeland lebt, aber dem Anssterben nahe ist. Erst 1812 kam er durch Barclay nach Europa, ist jetzt unter dem Namen Kiwi (A-. Amntslii) bekannt u. wird unter dem 'Namen Zwerg- oder Schncpfenstrauß mitnntcr den Straußen angereiht. Eine zweite Art (.1,. Owvni) gehört der Südinsel an, ans welcher auch noch eine dritte, größere Art (X. Uos-ron) Vorkommen soll. Der Körper, etwa von der Größe eines Huhnes, ist ganz bedeckt mit langen, locker herabhängenden, haarartigcn Federn, welche am meisten an das Gefieder des Kasuars erinnern n. ebenso wie dort die Flügelstnmmel gänzlich verdecken. Der von kurzem Halse getragene Kopf läuft in einen überaus langen, rundlichen Schncpfenschnabel aus, an dessen äußerster Spitze die Nasenöffnnngen münden. Es sind Nachtvögel, welche sich den Tag über in Erdlöchern versteckt halten n. nachts ans Nahrung (Jnscctcnlarven n. Würmer) ansgehen. Sie leben paarweise. Das Weibchen legt, wie es scheint, zweimal im Jahre ein ausfallend roßes Ei, welches in einer ausgegrabenen Erd- öhle vom Weibchen, nach Anderen abwechselnd vom Männchen n. Weibchen bebrütet werden soll. Aptiren (v. Lat.), brauchbar machen, zn- richten; von Theaterstücken: zur Aufführung cin- richtcn (inscenircn). Aptitndc (fr.), natürliches Geschick, das Passende oder Tüchtige, Aptirtes Zündnadelgewc hr, das durch Änderung des Verschlusses verbesserte, mit neuer Patrone und Visircinrichtung versehene ältere preußische Zünb- nadclgcwehr. Aptirtc Geschützrohre u. Lasset en rc., durch Umänderung, z. B. der glatten Kanonen in gezogene, noch verwendbar gemachtes älteres 'Artilleriematerial. üpt^clnis, s. n. Ammoniten. Apüa (a. Gcogr.), Stadt in Ligurien; jetzt Ponte Tremoli. Die Apuauer widerstanden den Römern lange, wurden aber 180 v. Chr. besiegt u. nach neuer Empörung ins Samniterland versetzt. Nach A. benannt sind die Apuanischen Alpen, mächtiger Gebirgsstock des Hetrurischen Apennin, nördl. vom Serchiothal, zwischen Carrara n. der Garfagnana, in der italienischen Prov. Massa-Carrara, mit dem Pnnto Li Uccello 1877 m, Monte Sagro 1810 m, Monte Pisanino 2046 in, Piania dclla Croca 1845 in u. a.; hat steile Abhänge n. birgt den ausgezeichneten Marmor von Carrara. Apulejns (Appulejus). Die Xxuisjn §ens war ein angesehenes römisches Geschlecht, mit den Familien Celsns, Decianns, Pansa, Saturninns, Tappo (in Aqnileja) rc. Außerdem: Lucius A., Platonischer Philosoph, Redner u. Schrift - - Apulien. stellen, geb. um 130 n. Chr. zu Madanra in Afrika; studirte zu Carthago n. Athen. Durch den Tod seines Vaters vermögend geworden, durchreiste er Griechenland, wo er in alle Mysterien sich einweihen ließ. 'Nachdem er sein Vermögen ans diese Weise erschöpft hatte, lebte er kurze Zeit als Sachwalter in Rom, dann wurde er Lehrer der Philosophie n. Priester in Carthago. Hier durch die Verheiralhung mit einer alten reichen Wittwe, Ämilia Pudcntiila, in den Verdacht der Zauberei gekommen, vcrtheidigle er sich mit Glück in einer noch vorbandcnen Rede (XpoloMn äs maZia, hcransg. von G. Krüger, Berl. 1864) n. wurde srcigesprochen. Er lebte dann noch lange hochgeehrt zu Carthago. A. war ein Mann von Geist, vielem Wissen n. vielseitigem Interesse, aber von sehr äußerlicher, selbstgefälliger Gesinnung. Wegen seines großen Formtalcnts, das jedoch oft schwülstig u. affectirt erscheint, n. wegen seiner reichen, oft abenteuerlichen Phantasie ist er einer der interessantesten Autoren aus der Verfallzeit Roms, zumal er auch für die religiösen Tendenzen der Zeit ein lebhaftes synkrelistisches Interesse zeigt; dem Christenthum ist er jedoch abgcwandt. In der Philosophie folgt er besonders dem Platon. Von seinen mannichsaltigcn, lateinisch geschriebenen Schriften sind noch erhalten: Llobamorylrosson iibri XI. oder Xsinus aureus (der goldene Esel), humoristisch - phantastischer Roman, mit Lncians Im- Icios verwandt, doch noch weiter ansgeschmückt, hcransg. von Eyßenhardt, Berl. 1869; berühmt ist darin die Episode von Psyche u. Amor, her- ausgeg. von O. Jahn, Lpz. 1856, deutsch von I. Bintz, Lpz. 1872. Ferner schr. er: Os äso Loeralis: Ölvriäa (Blnmenlese ans seinen deklamatorischen Vorträgen); Oloriäorum guae supor- sunt, von G. Krüger, Berl. 1865; Os äo^mako Olaivnis; Os iminäo. Sämmtliche Werke hcransg. Rom 1469, Fol., von Ondendorp, vollendet von Bosscha, Leyden 1786 —1823, 3 Bde.; Hildebrand, 1842; deutsch: Der goldene Esel, von Rode, Dessau 1783, 2 Bde. Der Oermss'I'rismsAistns n. a. Schriften sind ihm untergeschoben. Apulien (Apnlia), 1) (a. Gcogr.) im weiteren Sinne der südöstliche Theil von Italien, also Dannia, Peucetia n. Japygia (Messapia u. Calabria) mit der Iksgio Laisntinorum; im engeren Sinne die Districie Dannia n. Penceria: lag zwischen den Frentani, dem Adriatischen Meere, dem Tarentinischen ZNeerbusen, Samninm n. Ln- canien; die Bevölkerung bestand ans den ausoni- schcn Apnlern n. cingewanderteu Illyriern n. Hellenen. 2) (M. Gcogr.) Im Mittelalter wurde unter A. oft das gcsammte Festland des Königreichs beider Sicilien verstanden. Der 'Normanne Wilhelm Eismann, Eroberer Unteritaliens, nannte sich 1043 Graf von A., sein Bruder, Robert Guiscard, 1059 Herzog von A., Calabricn n. Sicilien; durch Errichtung des Königreichs beider Sicilien unter Roger 1130 verschwand der 'Name A. als Landesbezeichnnng. 3) (N. Gcogr.) Das alte A., im Volksmunde noch Puglia, zerfällt jetzt in die italienischen Provinzen Capiranara, Terra di Bari n. Terra d'Ortanto, zusammen 22,115 ssZIcm mit (1871) 1,420,892 Ew., umfassend 236 Gemeinden. Das Land ist von seiner frü- 784 Apure — Heren Blüthe tief heruntergekommen. Der Boden! ist zum Thcil sandig, steppcnartig, wasserarm, meist wellig (isolirt der 1500 m hohe M. Gargano), doch nicht unfruchtbar, n. hat Weiden n. Waldungen. Die unwissenden, trägen n. rohen, aber gastfreundlichen Einwohner betreiben Bich- zncht, Fischfang, Wein- n. Obstbau (Südfrüchte); ans den Strandscen wird Salz gewonnen. 4) Geschichte. Die alten Bewohner A-s hatten eine monarchische Verfassung, welche jedoch später der republikanischen der einzelnen Städte wich. Mit den Römern kamen die Apnlcr zuerst 326 v. Ehr. in Berührung, indem sie ihnen Hilfs- lrnppen gegen die Sammler lieferten. Zu der Folge stellten sie sich ihnen jedoch feindselig entgegen, fochten aber stets unglücklich, so 323—317, bis sie im 3. Samnilischcu Kriege als Verbündete der Sammler 297 v. Chr. Lurch P. Dccius bei Malevcntnm vollständig geschlagen u. unterworfen wurden. Im 2. Panischen Kriege stellten sie sich auf Hannibals Seite n. wurden nach dessen Besiegung abermals unterworfen, um nun dauernd unter römischer Herrschaft, zu bleiben u. Roms Schicksal zu theilen. Nach dessen Untergang vst- gothisch, dann unter Byzanz, verblieb letzterem seit 568 nur der südliche Theil, mährend der nördliche zu dem longobardischcn Herzogthnm Bcne- vcnt gezogen wurde, dessen Fürst Landulf I. 929 auch den nördlichen Theil A-s eroberte; erst nach nahezu 50 Jahren kam A. wieder an die Griechen zurück, die aber durch die Härte ihrer Regierung zu wiederholten Empörungen Anlaß gaben. Während einer dieser Empörungen (981) unter dem apulischen Bürger Melos kamen die ersten Normannen in das Land, die auch nach Melos' Flucht den Kampf gegen die Griechen fort- setztcn. Im Herbste 1022 kam Kaiser Heinrich II., durch den von ihm zum Herzog von A. ernannten Melos veranlaßt, selbst, um die Angelegenheiten des Landes zu ordnen, wobei auch die Normannen reichlich bedacht wurden, dafür aber auch Las Herzogthnm zu schützen hatten. ' Jndcß wurden bald aus den Beschützern Eroberer und Herrscher, und 1043 schon ward der Normanne Wilhelm I., der Eisenarm, unter der Lehnsherr- schafr der Könige von Italien zum Grasen von A. erwählt u. das Land in 12 Grafschaften ge- thcilt. Wilhelm st. 1046. Sein Bruder Hum- srcd, Nachfolger des 1051 ermordeten Drogo, schlug die Griechen, nahm den Papst gefangen u. machte weitere Eroberungen in A.; er st. 1057. 'Nach ihm erhob sich sein Bruder, Gniscard von Calabrien, nachdem er kurze Zeit für seinen Neffen BccelarL (Abecelard) die Regentschaft geführt, zum Grafen von A., erhielt 1059 vom Papst Nikolaus II., wegen der ihm gegen den Kaiser geleisteten Hilfe, Len Titel eines Herzogs von A. u. Ca- ^ labricn u. 1060 die Belehnung mit diesen Ländern nebst allen Theilen Italiens u. Siciliens, die er ^ den Saracenen entreißen würde (woher der päpstliche Stuhl für immer ein Lehcnrecht über diese Besitzungen des Königs von Neapel in Anspruch nahm). Robert hob die Vorrechte u. die Selbständigkeit ans, welche der apnlische Adel bis dahin genossen hatte, eroberte 1060 durch seinen jüngsten Bruder, Roger, Grasen von Calabrien, einen Theil , - Apyrcxie. >von Sicilien n. vollendete bis 1072 die Eroberung Siciliens, wodurch er die das nachmalige Königreich Neapel bildenden Staaten unter seinem Sccptcr vereinigte. 1070 nahm er auch Bari, 1076 n. 1077 Amalfi u. Salerno ein n. wurde vom Papste nach Anssterbcn des Fürstenhauses von Bcne- vcnt mit dem Herzogthnm gleichen Namens belehnt. Von 1080 an führte er glücklich Krieg gegen den byzantinischen Usurpator Alexius Komncnos, starb aber, im Begriffe, gegen Constantinopel vorznrücken, ans Cephalonia 1085. In dem nun folgenden Succcssionsstreitc zwischen Roberts Söhnen Bohe- mund n. Roger behielt letzterer zwar die Oberhand, ging indcß 1088 eine Theilung ein, nach welcher er seinem Bruder Bohcmnnd Cittä d'Oria, Otranto, Gallipoli und Tarent abtrat. 1089 erkannte Roger die Oberhcrrlichkcit des Papstes an. 1100 folgte ihm sein Sohn Wilhelm II., der den Papst gegen Kaiser Heinrich V. unterstützte u. 1127 kinderlos starb. Nun besetzte Roger II. von Sicilien A. u. Calabrien, vereinigte beide Theile wieder u. behauptete sich nicht nur gegen die störrischen Barone n. Städte, sondern auch gegen den diese Lande selbst beanspruchenden Papst, u. zwang denselben sogar, ihm 1128 A. u. Calabrien als Lehen zu übergeben u. ihn als Herzog dieser Lande anznerkenncn. So kam A. u. Calabrien an Sicilien, später mit Si- cilien an Neapel, dessen Schicksale sie theiltcn, u. 1860 zum neuen Königreich Italien. Apürc, 1) linker 'Nebenfluß des Orinoco in der südamcrikanischen Republik Venezuela, 1576 bm lang, wovon 1400 Icm schiffbar; entspringt in der Provinz Merida, ans dem östlichen Theil der Anden, unter dem Namen Uribantc. 2) Staat in Venezuela; grenzt im O. n. S. an Guiana und Columbia, hat über 50,000 Hjkm und 32,485 Ew.; der Boden ist tiefeben n. ganz bewaldet, dagegen gibt es gute Weideplätze, welche die Viehzucht besonders begünstigen; das Klima ist heiß u. gesund, ausgenommen in der Nähe der Lagunen. Eintheilnng in 4 Kantone: Achaguas, San Fernando, Mantccal und Guadualito mit gleichnamigen Hauptstädten. Apurlmac, Nebenfluß des Ucayali, der einen der Quellströme des Amazonenstromes bildet; entspringt auf den Anden in Peru, westlich vom Titicacasee. Apüs (gr.,Mehrzahl Apödes, im Nentr. Apöda), 1) fnßlos; daher 2) an Apodie leidend. 8) Einst Name des Paradiesvogels (IMraciisoa apväa 4,.), 4) Gattung der zu den Krustenthieren gehörigen Familie der Blattsüßer. üopvornls maxlmus (Ns. v. gr. aipz-s, hoch, u. ürvis Vogel, lat., max., der größte, also größter Hochvogel), Riesenvogel auf Madagaskar, dessen Laufknochen im Alluvium u. dessen wohl- crhaltcne Eier im Schlamme aufgefunden wurden, zur Ordnung der straußartigen Vögel, von Anderen zu den Geiern gerechnet. Die Eier sind 5—-6mal so groß als die des Straußes u. 150mal so groß wie Hühnereier. Ob der Vogel noch lebt, wie von den Eingeborenen behauptet wird, oder ans- gcstorben ist, ist noch zweifelhaft. Apyrcxie (v. Gr.), Fieberlosigkeit, fieberfreier Zeitraum zwischen 2 Anfällen des Wcchselfiebers Apyrisch — Aquarellmalerei. 785 während deren der Kranke sich gewöhnlich wohl befindet. Apyrektisch, fieberfrei. Apyrisch, nicht brennbar, feuerfest. Apyrit nennen die Edelsteinhändler den Turmalin aus Sibirien. Aq., auf Recepten so v. w. Aqua, Wasser; als chemisches Zeichen bedeutet aq. so v. w. 8-0, d. h. 1 Molecül Wasser; man gebraucht dieses Zeichen wol nur zur Bezeichnung des Krystall- wassers; z. B. 8^60, -s- 10 aq. ist dasselbe wie NSzvOg Z- lOlizO. Aqua (lat.), Bezeichnung für Wasser; bedeutet auch Wasserleitung, z. B. A.qna Llauckia, vir§o sto.; wird endlich u. hauptsächlich in der pharma- ceutischen Kunstsprache gebraucht. Der Plur. bedeutet Gesundbrunnen; s. ^.qnas. Aqua A.mxAäaIarum amararum, Bittermandelwasser; ^.q. ^mxgäal. am. äiinta oder oera- oorum, Kirschwasser, verdünntes Bittermandelwasser; aromabioa 8 . osxsiallea 8 . Lmdrxo- unm, Schlagwasser (Destillat verschiedener Kräuter u. dgl. mit Wasser u. etwas Weingeist); 6 al- oarlas s. Oalois o. Oaloaria solnta, Kalkwasser; A.. oardonata, künstliches Sodawasser; il. 6 sia- momillas, Kamillenwasser; L. elllorata 8 . dilori s. Lsilorum oolntnm 8 . Liquor olllori 8 . A.q. ox)'muriatioL, Chlorwasser; H.. 6 iunamomi, Zimmtwasser; A.. oommnnio, gemeines Brunnen-, Fluß- oder Regenwasser; L. äs 8 tillata, destillirtes Wasser; Lquas äsotiilatas, destillirte,über verschiedene Arzneistoffen abgezogene Wasser; A.. Illorum L-nrantü, Orangenblüthenwaffer; L. illosniouli, Fenchelwasser; L. kostiäa anrifi^atsrioa 8 . A,q. L. 8 as kootiäas eomposita 8 . A,. kostiäa 8 . antiii^- otorioa?raAen 8 i 8 , zusammengesetztes Stinkasantwasser ; I,)-ärotlliolliLa, Schwefelwasserstoffwasser; L.. Lrooaoti 8 . Lrsoaotum oolutum, Kreosotwasser; L. Lauro-Lsraoi, Kirschlorbeerwasser; A.. Neliaoas, Melissenwasser; L. Llsntsias oriapas, Krause- minzwaffer; A. Nsntiras xipsritas, Pfefferminzwasser; L. Opli, Opiumwasser; A.. Letrooslini, Peterstlienwasser; L.. kliaxsäaonioa 8 . Liquor LlxckrarA^ri diesilorati eorromvi oum Oaloaria N 8 ta, Phagedänisches oder Altschadenwasser, Quecksilberchlorid in Kalkwasser; L.. piiaAöäaoniea ni^ra 8 . L. vi§ra, morourialia oiZra, Liquor 8 x- ärarg)'ri clllorati mitis oum Laloaria usta, Schwarzes Wasser, Quecksilberchlorür in Kalkwasser; L. Lieio 8 . L. xiesa, Theerwasser; A.. Llumbi 8 . oarturuiva, Blciwasser; A.. Llumdi Oouiarcki 8 . A.. vsAeto-minsralia 6 oul. 8 . Llumbi 8 pirituo 8 N, Goulardschcs (mit Weingeist vermischtes) Bleiwasser; A.. rogin, Königswasser oder Salpetersalzsänre; lO lioaas, Rosenwasser; A.. Radi Ickaoi, Himbeerwasser; L. Lalvias, Salbei- wasser; il.. Lamduoi, Fliederblumen- oder Hol- lnnderblüthenwasser; L.. Lilias, Lindenblüthen- wasser; A.. Valsrianas, Baldrianwasser; A.. vul- noraria opirituosa, weiße Arquebusade, aromatisches Destillat von verschiedenen Kräutern mit Wasser und Weingeist. In der Anatomie,wässerige Flüssigkeit, z. B. A.. lad^rintlli 8 . Ootuuni, im Vorhofe, dem Labyrinth u. der Schnecke des innersten Ohres enthaltene klare Flüssigkeit; -1. vitrsa auckiiüva, desgleichen in dem länglichen u. rundlichen Säckchen Pierers Nniversal-Convcrsations-Lexikolr. b. Aufl» des Vorhofes des Ohres von dickerer Consistenz, als im Labyrinth. Aquas (a. Geogr.), Städte mit Gesnndbrunnen- quellen u. Bädern; so in Helvetien, jetzt Baden in der Schweiz, und Pannonien, jetzt Baden in Österreich; gewöhnlich durch Zusätze näher bezeichnet, so: A.. Li§oiroium, Bagnöres de Bigorrc, A^. Llattilleas, Wiesbaden; Ü. Amrolias, Baden- Baden; A.. mortuao, Aignes-Mortes; A.. Lsxtiao, Aix in der Provence; A. 6 ratianao oder A.I- lodroAvm, Aix in Savoyen, u. a. Aquaeäuctus (lat.), 1) (Aquäduct) Wasserleitung. 2) (A,quaAium) Das Recht, Waffer durch eines Anderen Grundstück auf das eigene zu leiten ; dagegen A.quas ju 3 , das Recht, aus den großen Wasserbehältern der Aquäducte Wasser durch Röhren abzuleiten; ^quas karwtrw, in Rom das Recht, aus dem einem Anderen gehörigen Wasserbehälter Wasser zu schöpfen. 3) (Anat.) Mehrere kleine Kanäle in Knochen (dem Felsenbein) oder weichen Theilen (dem Gehirn) zum Durchgänge von Nerven u. Gefäßen n. zur Aufnahme von Flüssigkeit; so L. voeklöao (Wasserleitung der Schnecke), s. u. Ohr; A.. L^Ivri, Wasserleitung des Sylvins, s. u. Gehirn. Aquso et ignls intsräiotm (lat.), Versagung von Wasser und Feuer, Landesverweisung, überhaupt Ausstoßung aus aller menschlichen Gesellschaft. Aqua koetis, so v. w. Salpetersäure. Aqua kaeret (lat.), das Waffer stockt (nämlich in der Wasseruhr), sprichwörtlich sür: man ist in Verlegenheit, kann nicht weiter. Aquamanile (Aquamanus), das Wassergefäß, in welchem der katholische Priester die Hände wäscht, bevor er die Consecration beginnt. Aquamarine, Edelsteine die eine ähnliche Farbe wie das Meerwasser (A.qna marina) haben. Man versteht darunter meergrüne Berylle und Topase. A. wird auch künstlich mit Glasflüssen nachgeahmt. Aqnapim, Reich auf der Goldküste von Ober- gninea, westlich von unteren Amn; gebirgig, fruchtbar, gut bebaut, Hauptproduct Zuckerrohr; Ameisen Landplage; Hauptort: Ningo, mitdänischemFort. Aquarellmalerei (v. ital. aquarsllo, Wasserfarbe), französisch en Aonaoiw, die Malerei mittels mit Wasser verdünnter Farben. Das Verfahren dabei ist ein doppeltes: entweder wird die Con- tour mit Blei, chinesischer Tusche, Sepia oder dergleichen Umrissen u. das Ganze darauf mit durchsichtigen Farben ansgesnhrt; oder es wir)) ohne Untertnschnng gemalt. Man bedient sich bei der A. zumeist der Sastfarbeu, weil sie durchsichtiger sind u. brillanter wirken; doch benutzt man jetzt auch fein geschlemmte Erdfarben. Am meisten gebrauchte Aquarellfarben sind: Sepia, Indigo, Bister, Karmin, Ocker, Berliuerblau, Sienaerde, Gummi- gutt, Jndischgelb, chinesischer Zinnober, Saftgrün, Nußbraun rc., zu deren Bindung gewöhnlich Thcile arabischer Gummi, ^ Theil Senegal- Gummi u. 1 Theil weißer Caudiszucker, in gelinder Wärme aufgelöst, gebraucht werden. Nach Bedarf wählt man Papier von mehr oder minder grobem Korn, das gut geleimt, markig u. von rein weißer Farbe sein muß, u. gute elastische Haarpinsel, mit denen man die ans Porzellan oder m..uge schlif- senen Glastafeln abgeriebenen Farben auflrägt. i. Band. 50 786 Aquarellzcichnung — Aquarium. Zur Verdünnung der Farben benutzt man leichtes Gummi, oder (n. zwar öfter) reines Wasser. Als Gegenstand der A. kann Alles bezeichnet werden, was die Ölmalerei zur Darstellung bringt; doch eignen sich große Flächen dafür weniger, als kleinere, weshalb denn auch Historienmaler sich der A. seltener zu bedienen Pflegen. Die Hcimath der A. ist England, n. dort wird sie, nachdem sie zu Anfang dieses Jahrh. zuerst in selbständiger Weise betrieben worden war, auch jetzt noch mit besonderer Vorliebe gepflegt. Zuerst illuminirte man sorgfältig ausgeführtc nntertuichte Zeichnungen; bald aber vervollkommncte namentlich Turner die Technik durch neu erfundene Hilfsmittel. Insbesondere wurde den Farben, um sie körperlicher und kräftiger zu machen, ein dancrbares Weiß bcige- mischt, n. wurden auch die Fortschritte der Chemie ausgenntzt. In London bestehen zwei Loeioties ob I'ainters in rvator oolours, welche regelmäßige Jahresausstcllnngen veranstalten n. gute Geschäfte machen, obwol die Arbeiten wenig eigentlichen Knnstwcrth besitzen. Besonders bekannte englische Aquarellmaler sind Pront, Lewis, Hunt, Brunwhite, Tvplane, Landsecr, die Brüder Warren, Constable, Lee, Cattcrmolc, Stanfield, Calcott n. A. In Frankreich suchte man einem flüchtigen Ge» danken einen, cffectvollen Ansdrnck zu geben, und Jsabey der Ältere, Hubert, I. Onvric, Fort, Gne, Delacroix, Redonte, Olivier, Grand u. A. zählen zn den gcrühmtcstcn Aquarellisten. Von den deutschen Künstlern haben namentlich Alt in Wien, Neurcuther in München, Schemen in Düsseldorf, Werner n. Hildcbrandt in Berlin die A. mit bestem Erfolge gepflegt. In der letzten Zeit wird ein neues Bindemittel für Aquarellfarben empfohlen, das aus einer Lösung von 3 Th. Schellack mit 1 Th. Ammoniak und 6—8 Th. Wasser besteht, die damit gemalten Bilder gegen Wasser unempfindlich macht und die Wirkung des Kolorits steigert. Eine Art der A. ist die Gouache. Aquarellzeichmmss heißt die Malerei mit durchsichtigen bunten Wasserfarben, wenn dabei Stist oder Pinsel zur Anwendung kommt. Die A. war im 16. Jahrh. derart beliebt, daß man in Antwerpen allein über 150 Maler dieser Art zählte. Aquarium, seiner eigentlichen Bedeutung nach Wasserbehälter. , Jetzt versteht man darunter allgemein nur einen Wasserbehälter, in dem Thiere u. Pflanzen cultivirt werden. Bereits seit 150 Jahren wird bei uns der Goldfisch in kleinen Aquarien gehalten. Seit 20 Jahren werden diese Behälter aber noch, wie man sagt, ans erste Anregung einer Engländerin, Mrs. Tine, durch Wasserthiere n. Wasserpflanzen verschiedenster Art bevölkert; so entstand das Zimmer - Süßwasseraqnarinm, dergleichen man jetzt vielfach n. in geschmackvollster Ausstattung kaufen kann. Am empfehlenSwerthe- sten sind solche, deren Wände ans Spiegelscheiben bestehen, welche durch Zinkguß-Vcrbandstückc zu- sainmcngehaltcn werden. Bei größeren läßt sich im Innern ans Kalksteinen, Schlacken, Korallen u. dgl. ein kleiner Berg errichten, dessen Höhlungen n. Durchgänge der kleinen Bevölkerung willkommene Schlupfwinkel darbieten. Als Kitt für diesen der Phantasie freien Lauf gestattenden Aufbau wähle man Cement, mit Sand vermischt, ein Material, das man leicht bei jedem Maurer erhalten kann. Der Boden des A-s ist mit reinem Sande u. kleinen Kieseln zu bedecken. In diesem wachsen Wasserpflanzen leicht, z. B. Hahnenfuß, Tausendblatt, Vallisnerien, Seggen, Snmps- schirm, Wasserschierling, Schwertlilien, Froschlöffel, Charen n. zahlreiche andere Wassergewächse, wie sie das Bett eines Baches oder Teiches darbieten. Von Thicren setze man in solchen Behälter Goldfische, aber zn diesen verhältnißmäßig trägen Chinesen auch kleine, muntere Bach. n. Flußfischchen- Stichlinge, Gründlinge, Schmerlen; dazu Frösche, Krebse, Salamander, kleine, zn diesem Zwecke besonders feilgebotcne Wasserschildkröten, Teichschnecken, Wasserkäfer, Libellcnlarven rc. Da hat man denn reichlich Gelegenheit, Thier- n. Pflanzenlcben in seinem innersten Wesen n. Treiben zu beobachten. So lange die Pflanzen in kräftiger Vegetation begriffen sind, bleibt das Wasser frisch und braucht nur selten erneuert zn werden; im anderen Falle wird sich bald nach der Lichtseite hin die Innenseite der Glasscheiben mit grünlichen Gebilden (mikroskopisch kleinen Algen) besetzen, und zwar so dicht, daß man kaum mehr in das Innere hineinschanen kann. Für alle Fälle empfiehlt cs sich, einen kleinen Springbrunnen mit dem A. in Verbindung zu bringen. Haben die Algen eimnal angesetzt, so müssen sie täglich von den Glasscheiben abgcwaschen werden, weil sich sonst aus dem Wasser eine stcinartige Kalkkrnste ans sie niedcr- schlägt. Ist dieser Fall eingctrcten, dann entscrne man' mittels eines Gninmischlanches, den man wie einen Heber wirken läßt, das Wasser n. putze die Scheiben mit einem Lappen, welchen man mit verdünnter Salzsäure befeuchtet hat. So macht das A. zwar viel Mühe, doch lohnt es dieselbe reichlich. Was die Thiere betrifft, so darf man selbstverständlich nicht unterlassen, sie zn füttern. Es besteht ein eigenthümlicher Wahn, Goldfische bedürften keiner Nahrung; freilich halten sie verhältnißmäßig lange, selbst Monate, ohne Nahrung aus, selten aber länger; füttert man sie aber, dann halten sie sich nicht nur Jahre lang, sondern sie werden mit der Zeit auch so zahm, daß sie die Nahrung (Oblaten, welche in der Apotheke gekauft werden müssen, da die gewöhnlichen oft ar- senikhaltig sind, Würmer, Fleischstückchen u. dgl.) aus der Hand ihres Pflegers entgegcnnehmen. Zuweilen wird man Gelegenheit haben, wahrzu- nehmcn, wie ein Bewohner des A-s einen anderen angreift, wol auch verzehrt, daher halte man arge Räuber, namentlich größere Wasserkäfer fern. Todte Thiere, nicht gefressenes Fleisch entserne man schleunigst, da dergleichen das Verderben des A-s herbeiführt; todte Krebse z. B. bewirken dies schon, wenn sie auch nur einige Stunden im A. bleiben. Zu einer besonderen Zierde gereicht es dem A., wenn man die über das Wasser hervorragende, napfförmig anszuhöhlende Spitze des Berges mit Farnkräutern, Moosfarn, Gräsern und ähnlichen Kräutern bepflanzt. Im Schlafzimmer dulde man das A. nicht, da die Ausdünstung des stehenden Wassers Krankheiten, namentlich Wechselfieber, zn erzeugen im Stande ist. Aus dein kleinen Zimmer-Süßwaffer-A. ging 787 ^.qunriiis - das combinirte Süß-u. Seewasser-A. hervor. Dasselbe ist in großartigem Maßstabe angelegt, ein förmliches Banwerk, im Innern ansgckleidet mit Tuffstein, Schlacken, unregelmäßigen Felsblöcken, die mehr oder weniger hohe Wölbungen, Grotten, Abhänge bilden; dazwischen Gänge und Treppen, mehr oder weniger geräumig, zur Benutzung der Beschauer. Diese Aquarien, welche in ihren Grotten einen großen Theil der Flora n. Fauna des Meeres n. des Süßwassers dem Beschauer bieten, befinden sich gewöhnlich in Souterrains, theils um die Temperatur der Wassermassen gleichmäßiger zu erhalten und so die Sterblichkeit der oft kostbaren Insassen zu vermindern, theils auch um das Licht von oben einznlassen, wobei der Beschauer, im Dunkeln stehend, die Thiere nicht erschreckt u. ihren Anblick ruhig genießen kann. Bei solchen Aquarien wird stets ein Luftstrom in das Wasser eingepreßt, dessen aufsteigende Blasen euren zierlichen Anblick gewähren und dem Wasser den Lnftgehalt geben, dessen die Wasserthiere zum Athemholen bedürfen. Ist es ja auch nur Mangel an Luftgehalt des Wassers, welcher Goldfische mitunter veranlaßt, an die Oberfläche ihrer Behälter zu kommen n. dort schmatzend zu athnren. Dein Namen u. ursprünglichen Charakter des A. sremd ist die Beigabe ausländischer Vögel und anderer Thiere, wie sie z. B. das Berliner A. bietet, dem Beschauer freilich immer eine willkommene Zugabe. Dergleichen Anstalten sollte man eigentlich Vivarien, d. i. Schaustellungen lebender Wesen, nennen. Solche architektonische Aquarien findet man heute in vielen großen Städten. Das größte der Anlage nach ist das im August 1872 in Brighton (England) eröffnetc, wogegen das 1869 unter Brehm eröfsnete, bereits erwähnte Berliner das bedeutendste u. schönste ist. Letzteres bedeckt einen Flächenraum von 1330 Ufin, enthält 110 Räume zur Aufnahme vonThieren, deren Zahl sich über 20,000 beläuft u. worunter sich die seltensten u. schönsten Exemplare befinden. Andere Aquarien von Bedeutung finden sich in Paris, London, Venedig, Neapel, Hamburg, Hannover, Köln, Brüssel rc. Ein großes Verdienst um die künstlerische Anlage u. Ausstattung solcher Aquarien hat sich der leider zu früh verstorbene, hoch begabte Architekt Luer aus Hannover erworben, welchem man drei der schönsten Anlagen dieser Art, die zu Hannover, Berlin und Köln, verdankt. Verwandt mit den Aquarien sind die Terrarien, Glaskasten zur Cnl- tur feiner Gewächse, eigentlich kleine Gewächshäuser. Vgl. Roßmäßler, das Süßwasser-A., 2. Ausl., herausg. v. Brehm, Lpz. 1869; Regel und Endcr, Der Zimmergarten, Zürich 1868; Jäger, Zimmer- u. Hansgärtnerei, Stnttg. 1870; Gosse, Üanckbooic to tirs Narius-L.., Land. 1855. üquainus, 1) (L.esn. u. a. üquilsgia L., Pflanzengatt, aus der Fam. der Ranuncnlacecn (XIII. 5); Kelch sünfblätterig, blumenkronenartig; fünf trichterförmige, in einen hohlen, gekrümmten Sporn ausgehende, honigtragende Blumenblätter; zahlreiche Staubgefäße, die innersten zu häutigen Schuppen verkümmert; Kapsel aus 5 bis 15 cinfächerigen, vielsamigen Balgkapseln zusammengesetzt; Blüthen nickend. Arten: X. vuIZaris L. (Pantöffelchen), in Deutschland; X. eanaäsnsis L., in Canada, Virginien rc. Die A-arten sind beliebte, ausdauernde Stauden unserer Gärten, deren glockenförmige blaue, weiße oder rothe, einfache oder gefüllte Blüthen zeitig im Frühjahre erscheinen; ans nicht allzntrockenem Boden gedeihen sie leicht ohne weitere Cnltur; Vermehrung durch Samen und Theilung. Asinileja (Aglar oder Aquilcgla), im Alter- thnm blühende Stadt mit angeblich über 100,000 Ew.; jetzt armseliger Ort im Bez. Gradisca des österreichischen Kr/ Görz (Küstenland), H Stunde voin Adriatischen Meere, am Canal della Virgine n. durch den schiffbaren Canal Anfoca mit dem Meere verbunden; hat einen 1019—42 erbauten Dom, einst Metropolitankirche des Patriarchen von A., viele römische Alterthümcr; 830 Ew. A. wurde 186 v. Chr. von den transalpinischen Galliern angelegt ». 181 von den Römern in eine lateinische Colonie umgewandelt; sie war znm Schutze gegen die nordischen Barbaren stark befestigt und galt als der Schlüssel Italiens von NO. Mit dem Süden stand sie durch die Via XomiUa in Verbindung, und da von ihr alle Straßen nach Rhäticn, Pannonien, Dalmatien ausgingcn, gelangte sie bald zu hoher Blüthe. Marc Aurel machte A. auch zur ersten Festung des Römischen Reiches. 167 n. Chr. machten die Germanen einen vergeblichen Versuch, A. in ihre Gewalt zu bringen; auch Maximians belagerte cs 235 vergebens n. st. dabei. 340 Niederlage des Kaisers Constantia II. gegen seinen Bruder Constans, wobei Ersterer blieb; 388 Niederlage u. Tod des Usurpators Maximns durch Theodosius I: am 6. Scpt. 394 Niederlage des Usurpators Eugenins durch denselben. 452 wurde es von Attila gänzlich zerstört; ein Theil der Einwohner flüchtete sich auf die Lagnneninsel der Brenta u. legte den Grund zu der Stadt Venedig; A. kam, obgleich von den Ostgothcn wieder anfgebaut, nicht wieder in Blüthe. Am 28. Aug. 489 Niederlage Odoakers durch die Ostgothen. Hier die Aqnilcgischen Concilien, 381 (gegen die Arianer), 556, 698 u. 1184. In der Mitte des 6. Jahrh. wurde das Bisthnm in ein Patriarchat verwandelt, welches den ersten Rang nach dem Papste erlangte u. in langein Streite mit KN-! ^akIM^DMiLdiLÄd ÄoÄMsi^ di^ Äquilibrismus — Aquitania. 791 dem 606 von ihm sich trennenden Patriarchen von! Grado lag. Der Patriarch Rodoald (963 bis um 983) von A. legte durch die Gunst der Kaiser, sowie des Herzogs von Kärnthsn und des Markgrafen von Verona den Grund zur nachmaligen Größe dieses geistlichen Fürstenstuhls, zu welchem nach u. nach die Mark Kram (1079), die Grafschaft Istrien und endlich unter dein Patriarchen Ulrich ganz Friaul kam. Patriarch Wolfker, Bischof zu Passan (gest. 1218) wird von Otto IV. im Besitze dieser Länder bestätigt. Judeß von Mitte des 13. Jahrh. erbleicht der Stern des Patriarchats von A. in Folge der Schwäche der Patriarchen gegenüber den Wirren jener Zeit u. des Schürens von Seiten Venedigs, an das endlich der Patriarch Ludwig von Leck 1420 Alles außer A., S. Daniel u. S. Vito verliert. A. stand nun unter dem Schutze Venedigs, wohin 1451 das Patriarchat verlegt ward, bis 1542 Kaiser Ferdinand I. dem Patriarchen A. sammt „Gebiet völlig entriß. Die von nun ab zwischen Österreich u. Venedig waltenden Streitigkeiten über die Ernennung des Patriarchen beendete Papst Benedict XIV. dadurch, daß er 1750 das Patriarchat von A. ganz aushob u. statt seiner die 2 Erzbisthümer Üdine und Görz (später Laibach) errichtete. Zu dem Verfalle von A. hat auch das durch die Versumpfung der Küste ungesund gewordene Klima viel beigetragen. Vgl. Bartoli, I-s auttclllta ck'X. prolaus s aa^ro, Venedig 1739. Äquilibrismus (v. Lat.), 1) Lehre vom Gleichgewicht (Xoqmilidiium). 2) Freiheitslehre, nach welcher der Mensch nur da die wahre Freiheit in seinen Handlungen haben soll, wo ein völliges Gleichgewicht zwischen Erkenntniß u. Willen statt- findet, weil die Seele dann nach keiner von beiden Seiten hin stärker gezogen werde. Der Ä. wird in der Fabel von Buridans Esel verspottet. Äquilibrist (neufranz. sgnilidriLts, v. lat. asguilidiinm, s. vorher), meist vagabondirender Künstler der niedrigsten Gattung, dessen Darstellungen auf Gewandtheit des Körpers, hauptsächlich der Fertigkeit im Balanciren basircn (z. B. Seiltänzer). Die größte Fertigkeit in den äquilibristischen Künsten findet man unter den Indiern (vgl. Jongleurs) u. Japanesen, in Europa bei Italienern n. Franzosen. Aquilifer (lat.), Adlerträger bei den römischen Legionen. Kqutlo, der N- oder NOWind. Aquilonia (a. Geogr.), St. der Hirpiner in Samnium; jetzt bei Carbonaro. Hier 293 v. Ehr. Sieg der Römer unter Papirius Cursor über die Samniter. Aqnluas (d. i. Einer ausAquino), 1) Thomas, s. d. 2) Philipp A. (eigentlich Mardochai), geb. zu Carpentras in der Provence; ward 1610 wegen seiner Neigung zum Christenthnm ans der Synagoge von Avignon verwiesen u. ließ sich zu Aquiuo taufen, wurde Professor am Oollo^s cto Id-auos u. st. hier 1650. Schr.: viotionar. Iwdraoo- o.lio lckaao-Ia lmnclieo-ralibillie.. Par. 1629, Fol. (Acincum, a. Geogr.), röm. Festung ' ^n der Donau; jetzt Alt-Ofen, m Distr. Sora der italienischen »emals Terra di Lavoro), an der Eisenbahn zwischen Rom und Neapel; Bisthum (mit Poniecorvo und Sora vereinigt); Kirchen- rnine'Sta. Maria Libcra (im 11. Jahrh. auf einem antiken Tempel errichtet); 2115 Ew. Geburtsort des Dichters Juvenal u. des Kaisers Pescennius Niger; ans der nahen Burg Rocca Secca ist der Philos. Thomas v. A. geboren. A. ist das alte Aqninnm, von dem noch Überreste der Mauern, Thore, eines Theaters, eines Triumphbogens u. von Tempeln der Ceres u. Diana vorhanden sind. Äquinoctral (v. Lat.), zur Nachtgleiche gehörig. Ä-compaß, Werkzeug, den Stand des Mondes zu bestimmen. Ä,- kreis, jeweilige Benennung des Äquators. Ä-uhr, eine Art der Sonnenuhr. Ä-zone, die heiße Zone, zwischen dem Wendekreise gelegen, so genannt, weil in derselben Tag und Nacht das ganze Jahr hindurch fast,, gleich sind. Äquinoktium (v. lat. asgnns, gleich, uox Nacht, Nachtgleiche) heißen die beiden Zeitpunkte im Lause eines Jahres, in welchen Tag u. Nacht auf der ganzen Erde einander gleich sind, mithin 12 Stunden betragen. In ihnen durchschneidet die Erdbahn oder Ekliptik den Äquator in den Äquinoktialpunkten. Mit den Äquinoktien hebt (astronomisch) abwechselnd in den beiden Erdhemisphären Frühling u. Herbst an, daher auch: Frühlings-Ä., am 21. März, n. Herbst-Ä. (Herbstpunkt, Nullpunkt der Wage), am 23. September. Der Punkt des Frühlings-Ä-s ist auch in so fern von Wichtigkeit, als von ihm aus die Längen u. die Recta- scensionen der Gestirne gerechnet werden. Beide Äquinoctialpnnkte ändern ihren Ort, indem sie sich von O. nach W. bewegen. Äquinoctial- regen und Äquinoktialstürme, Regen und Stürme im März u. September oder Oktober, die zur Zeit der Nachtgleiche, besonders im Herbst, am stärksten n. anhaltendsten sind u. in SAinerika, in der heißen Zone, den Winter ausmachen. Äqui- noctialkalender, Kalender, in dem das Jahr mit dem Herbstäquinoctium anfängt, wie der in der, französischen Revolution eingcführte. Äquipollent, gleichbedeutend. Äqnipollcnz, das Verhältniß verschieden ansgedrückter Sätze von einerlei Sinn. Äquipollente Urtheile u. Sätze, solche, die den gleichen Gcdankeninhalt haben, wenn auch ihr Ausdruck in Worten verschieden lautet, z. B. Philipp war der Vater Alexanders d. Gr., n. Alexander d. Gr. war der Sohn des Philipp; eben solche, die positiv n. mit doppelter Negation gebildet sind. Daher Äqui- pollenzschlüsse (Gleichgcltungsschlüsse, Itatio- eirna per asguipollsutiam), die Klasse von unmittelbaren Schlüssen, die auf dem Verhältniß äquipollenter Urtheile beruht, nämlich sofern das eine Urtheil, als gleichgeltend mit dem anderen, auch für dasselbe gesetzt werden kann. üequiponülum (lat.), Gleichgewicht. Aqnisgränum, alter Name von Aachen. Aquitania (Aquitanien), der südwestliche Theil des alten Gallien; umfaßte die Wohnsitze der Aquitani, Ausci, Bituriges n. A. zwischen den Sevennen, der Garonne, dem Atlantischen Meere u. den Pyrenäen; seit Augustus waren die Grenzen A-s Las Lugduneusische und Narbonensische 792 Aquitanischcs Meer — Äquivalent. Gallien, die Loier, das Atlantische Meer nnd die Pyrenäen. In den ältesten Zeiten war A. von Iberern bewohnt. Im 4. Jahrh. ward es in 3 Provinzen getheilt: L,. prima, im N., mit der Hauptstadt Avaricum u. mit Berry, Bourbon- nois, Auvergne, Velay, Limousin, Rovergue, Ouercy; H.. ssouucia, der mittlere Theil, mit der Hauptst. Burdigala und mit Angoumois, Sain- tonge, Poitou, Bourdelois, und L.. tsrtia oder Novempopulana, im S. Im Anfänge des 5. Jahrh. eroberten die Westgothen unter Wallia die beiden letzteren Theile, welche der Franken- könig Chlodwig 508 ihnen abnahm; s. Gothen. 200 Jahre blieb nun A. ein Theil des Frankenrciches, hatte auch 630—631 einen eigenen Fürsten an Aribert, Sohn des Frankeukönigs Chlothar II., welchem sein älterer Bruder Dagobert I. A. überlassen hatte. Ariberts Sohn Chil- derich starb schon 631; aber seine Brüder Boggis n. Bertrand wurden 637 als erbliche Herzoge von A. anerkannt. Auf sie folgte 688 Endo, welcher die Grenzen seines Landes bis fast an die Loire ansdehnte. Mit Chilperich verbunden, wurde er 719 von Karl Martell bei Soissons geschlagen, zu dem er übertrat. 721 schlug er die Araber bei Toulouse; 732 befreite er, mit Karl verbunden, A. von den es überschwemmenden Mauren durch die Schlacht bei Poitiers n. st. 735. Ihm folgte sein Sohn Hunold, der sich gegen Karlmann und Pipin empörte, aber 742 von ihnen unterworfen wurde, worauf er sich in ein Kloster auf der Insel Rhe zurückzog. Auch sein Sohn u. Nachfolger Waifar führte gegen Pipin u. Karlmann mehrfache Kriege, die erst 768 mit der Unterwerfung A-s endigten. Er starb noch in demselben Jahre, 'worauf A., nach einem mißlungenen Versuche Hn- uolds zur Wiedererlangung der Herrschaft, von Karl d. Gr. 769 mit der fränkischen Monarchie vereinigt u. durch Grafen regiert wurde. Nur in der Gascogne erhielten sich Waifars Nachkommen als Herzoge. 778 erhob Karl d. Gr. A. zu einem Königreiche, welches aus Languedoc, Ernenne u. Auvergne bestand, u. belehnte damit seinen Sohn Ludwig den Frommen. Als dieser 814 auf seinen Vater als fränkischer König folgte, übergab er A. seinem Sohne Pipin, der als Pipin I. König desselben u. 817 in der Theilung als solcher bestätigt wurde. Pipin säuberte 819 Vasconien von den Rebellen, kämpfte 824 gegen dis Bretagner, machte auch 827 einen Zug wider die Saracenen in die Spanische Mark; 830 erhob er sich gegen seinen Vater, Ludwig den Frommen, aber 832 wurde ihm auf der Versammlung zu Limoges A. abgesprochen n. er selbst mit Gemahlin u. Kindern in die Haft seines Vaters gegeben, welcher nun die aqui- tanischen Vasallen dessen Halbbruder, Karl dem Kahlen, Treue schwören ließ. Sobald jedoch Ludwig das Land verlassen hatte, kehrte Pipin, ans der Haft entkommen, nach A. zurück u. vereinigte sich 833 mit seinen Brüdern Lothar und Ludwig, starb aber im December 838. Zwar erkannte ein Theil von A. seinen Sohn Pipin II. als König an, indeß dessen Großvater Ludwig schützte Karl den Kahlen im Besitze des Landes. Nach Ludwigs Tode (840) vereinigte sich Pipin mit seinem Oheim Lothar, König von Italien u. Herzog Bernhard von Septimanien, u. erlitt am 25. Juni 841 die Niederlage bei Fontaines l'Auxerrois mit, hielt sich aber in A. gegen Karl selbst dann noch, als diesem 843 in dem Vertrag zu Verdun A. zugesprochen worden war. Endlich kam durch Vermittelung Lothars u. Ludwigs des Deutschen 845 ein Vertrag zu Stande, in welchem Pipin von Karl als König von A. unter seiner Lehnshoheit anerkannt ward. Als sich Pipin aber bei den Einfällen der Normannen zu unthätig bewies, wurde er 852 von Karl dem Kahlen abgesetzt u. in ein Kloster verwiesen u. das Land Ludwig, dem Sohne Ludwigs des Deutschen übergeben. 854 wieder König, wurde Pipin 865 für immer vertrieben u. gefangen gesetzt; A. kam zuerst an Karl und nach dessen Tode an Ludwig, Sohn Karls des Kahlen. Da dieser 877 König von Frankreich wurde, fiel A. an Frankreich, doch nach Ludwigs Tode (879) theilten seine Sühne Frankreich, u. der jüngere, Karlmann, erhielt 880 Burgund u. A. Als 882 Karlmann König von Frankreich wurde, ward A. wieder mit Frankreich vereinigt, und die Herzöge von A., die nach dieser Zeit genannt werden, waren nur hohe Beamte der Krone, machten aber die Würde erblich in ihrer Familie. Seit dem 10. Jahrh. nannten sich die Herzöge von A. Herzöge von Ernenne; s. u. Guienne. Vgl. Warnkönig, Französ. Staatsgesch., S. 185 ff.; Rabanis, I,S8> NoroviuAlsus ä'L.qnitams, Paris 1856; Böhmer, HeAsoka Larolornm, S. 196 ff. Aquitanisches Meer, so v. w. Biscayischer Meerbusen. Üoqmts8 (lat.), 1) Rechtsgleichheit für die dem Gesetze Unterworfenen; 2) so v. w. Billigkeit. Äquivalent (v. lat. asquivaisre, gleich viel Werth sein, aus asqnns, gleich, und vs-Iors,. Werth sein), ursprünglich gleichwerthig; dann besonders zum Ersätze geeignet; substantivisch: das Ä., die Entschädigung, Ausglcichungssumine. In der Chemie bezeichnet man als ä-e Mengen zweier Körper diejenigen Gewichtsmengeu derselben, welche einander in ihren Verbindungen vertreten können. So sind 1 Gewichtstheil Wasserstoff u. 35,g G.-Th. Chlor ä., d. h. 1 G.-Th. Wasserstoff kann in seinen Verbindungen durch 35,5 G.-Th. Chlor ersetzt werden; ebenso sind 47 G.-Th. Kali und 31 G.-Th. Natron ä., weil 47 G.-Th. Kali dieselbe Menge einer Säure zu sättigen vermögen, wie 31 G.-Th. Natron. Ca- vendish war der Erste, welcher (1767) das Wort Ä. in diesem Sinne gebrauchte, indem er diejenigen Mengen Kali u. Kalk so nannte, welche dieselbe Menge einer Säure ucutralisiren. Später gebrauchte man die Worte Ä-ge wicht oder kurz Ä. in einem weiteren Sinne. Wenn sich nämlich zwei oder mehr Stoffe zu einer chemischen Verbindung vereinigen, so erfolgt, wie schon zu Ende des vorigen Jahrhunderts Cavendish, Wenzel, Richter, Kirwan, Proust u. A. erkannten, diese Vereinigung stets in einem bestimmten Ge- wichtsverhältniß. Anfangs Pflegte man dieses nach Procenteu auzugebeu. Bald erkannte man aber, Laß sich das Gesetzmäßige in diesen Verhältnissen auf einfachere Weise als durch Procente ansdrücken lasse. Bezeichnen wir nämlich mit b, e, ä, s ..... die kleinsten Gewichtsmengen der 793 Äquivok - Elemente 8, 0, 8, 8 .... , welche sich mit einer und derselben Menge g, eines Elements verbinden können, so sind diese Mengen b, o, ä, s . . . zugleich diejenigen Mengen, nach welchen sich die Elemente 8, 6 , 8, 8 ... . unter einander verbinden. So verbinden sich z. B. mit 8 G.- Th. Sauerstoff 1 Th. Wasserstoff, 35,5 Th. Chlor, 16 Th. Schwefel, 14 Th. Stickstoff, 23 Th. Natrium, 39 Th. Kalium; mit 1 Th. Wasserstoff verbinden sich ebenfalls 35,g Th. Chlor, 16 Th. Schwefel; mit 35,^ Th. Chlor 23 Th. Natrium, 39 Th. Kalium rc. Wenn ferner 2 Elemente, ^ u. 8, sich zu mehreren verschiedenen Verbindungen vereinigen können, so stehen die Gewichtsmengen des Stoffes welche sich mit einer u. derselben Gewichtsmenge von 8 verbinden, in einem durch ganze Zahlen ansdriickbaren Verhältnis;; so gibt es außer dem Wasser noch eine zweite Verbindung von Wasserstoff u. Sauerstoff, das Wasserstoffsuperoxyd; in diesem ist ein Theil Wasserstoff mit 2x8 — 16 Gewichtstheilen Sauerstoff verhnnden. Ueberhanpt wenn n und k> die kleinsten Gewichtsmcngen zweier Elemente ^ und 8 sind, welche sich mit einander verbinden können, so finden Verbindungen zwischen ^ und 8 nur nach folgenden Verhältnissen statt: a Gewichts- theile von ^ verbinden sich mit b, 2b, 3b, 4b, Gewichtstheilen von 8; oder 2a Gewichtstheile von ^ mit b, 2b, 3b, 4b, Theben von 8 rc.; überhaupt kommen in allen Verbindungen der Elemente^.». 8 nur ganze Vielfache, niemals Bruch- theile der Größen s, n. b vor (Gesetz der multiplen Proportionen). Kurz, zu so vielen Verbindungen sich auch die Elemente mit einander vereinigen mögen, immer findet diese Vereinigung nach Verhältnissen statt, welche durch die obigen Zahlen- größen a, b, e, ä, e . . ., oder durch deren ganze Vielfache ausgedrückt werden können. Diese relativen, d. h. im Berhältniß zu einander bestimmten Gewichtsmengen, nach welchen sich die Elemente mit einander verbinden, nach welchen sie einander auch vertreten können, sind also diejenigen Mengen der einzelnen Elemente, welche, chemisch genommen, denselben Werth haben (oder dieselbe chemische Anziehung ansüben); man nennt sie chemische Ä-e oder Berbindnngsgewichte. Es muß hervorgehoben werden, daß dieselben nur Berhältnißzahlen sind, daß sie sich auf eine willkürlich angenommene Einheit beziehen. Als solche nahm man entweder das Ä. des Sauerstoffes — 100, oder später (zuletzt ausschließlich) das des Wasserstoffes — 1. Da das Ä. des Wasserstoffes auf Sauerstoff —,100 bezogen 12,5 ist, so erhält man aus den erstcren Ä-zahlen die letzteren, indem mau jene durch 12,5 dividirt. So hat z. B.„ Stickstoff auf Sauerstoff — 100 bezogen das Ä. 175, auf Wasserstoff — 1 bezogen 175:12,^ — 14; ebenso sind die beiden Ä-e für: Chlor 443,75, resp. 35,5, Schwefel 200, resp. 16 rc. Diese Ä-e oder besser Berbindungsgewichte entsprechen „aber nicht immer dem ursprünglichen Begriffe der Äquivalenz; z. B. ist als Ä. des Stickstoffes (bezogen aus Wasserstoff) 14 angenommen worden; aber 14 Th. Stickstoff sind nicht, einem, sondern 3 Th. Wasserstoff ä.; das wahre Ä. des Stickstoffes wäre also ^ — 4,07. Die älteren Symbole der Ele- — Ära. mente, d. h. die Anfangsbuchstaben ihrer lateinischen oder deutschen Namen, bezeichnen je 1 Ä.; so bedeutet das Symbol des Sauerstoffes (Oxz-^s- ninm), 0, nicht Sauerstoff überhaupt, sondern 8 G.-Th. davon; dasjenige des Sauerstoffes (8z- ckroKSLinm) 8 bedeutet 1 G.-Th. Wasserstoff rc. Aus diesen Symbolen der Elemente fetzt man die Formeln oder Symbole ihrer Verbindungen zusammen; Wasser z. B., welches aus je 1 G.-Th. Wasserstoff 8 und 8 G.-Th. Sauerstoff tt besteht, hat die Ä-Formel80; dieÄ-Formel des Wasserstoffsuperoxyds 80z bedeutet, daß in iym 1 G.-Tb. Wasserstoff mit 2.8 —16 G.-Th. Sauerstoff verbunden sind. Heutzutage bedient man sich allgemein nicht mehr der Ä-formeln, sondern der Molecularformeln, deren Symbole eine etwas andere Bedeutung haben. S. Atome. Über den dem heutigen Stande der Wissenschaft entsprechenden Begriff der Äquivalenz s. u. Werthigkcit. Äquivok, 1) gleichnamig;,, 2) doppelsinnig, zweideutig, schlupfrig; daher Äquivoken, zweideutige, schlüpfrige Redensarten. Äquivoke Zeuqunq «,/ioquivocs gonoraNo), das problematische Hervorgehen organischer Wesen ans unorganischem Stoffe auch ohne Befruchtung (Urzeugung); s. Zeugung. Ar oder Are (franz. der ars, aus lat. die nrLa, Fläche), die Einheit des metrischen Flächenmaßes; 1 Ar — 100 sljm — 7,„„2» str. ^Ruthen. Der (das) Ar wird eingetheilt in 10 Deciaren, 100 Centiaren, 1000 Milliaren. 100 Aren machen 1 Hektar, 100 Hektaren 1 Hjicm aus. Ara (Arara, ^ra Ärr'ss.; Naerooerons 87ertt.; Sitckaos Issask.), Vogelgatt, zur Unterfam. der Sittiche, Fam. der Papageien, charakterisirt durch die mäßig spitzen Flügel, den langen, stufenförmigen Keilschwanz u. den sehr großen Schnabel mit stark überhängender Spitze u. mit Zahnansschnitt u. Fellkerben; Wangen nackt; Gefieder glänzend; Zunge dick, weshalb sie zum Sprechen wenig geschickt sind. Sie fliegen truppweise, leben in Amerika, scheinen sich wenig vom Äqnator zu entfernen, bewohnen vorzüglich die Zone zwischen diesem u. dem 17. Gr. slldl. Br.; längs der großen Flüsse gehen „sie etwas weiter nach Süden; am weitesten vom Äquator entfernt sich der schöne dunkelbla n eA.(8itbaee Ir/aoinblrinn); nurAngen- krcis u. eine breite Einfassung des Unterschnabels nackt; Brasilien; der Soldaten-A. (8. miliba- ris), ist grün mit rother Stirn, Hinterrückcu, Schwingen u. Schwanzende himmelblau; im NW. von SAmerika; der Makao (8. maoao). aus Surinam n. Guiana; ist roth, die größeren Flügel« n. Schulterdecker: gelb mit grünen Enden, Schwingen und Hinterrücken sind blau; der grünslüge li ge A. (8. Moropbora); ans Brasilien; ist vom vorigen durch die grünen Flügel- u. Schulterdecker: unterschieden; der blaue Ärarauna (8. araranna), mit hoch orangenfarbener Unterseite u. schwarzer Einfassung von Backen und Kinn; ist häufig gezähmt; er stammt aus Brasilien. Alle sind in Menagerien u. zoologischen Gärten häufig u., trotz ihres widerwärtigen Geschreies, des Prachtgefieders halber beliebt. Ära (lat.), 1) einzelner Posten einer Rechnung, 794 Araba — Arabien. überhaupt eine gegebene Zahl, welche einer Rechnung zu Grunde liegt; 2) besonders der Anfang einer Reihe von gezählten Jahren, welcher gewöhnlich von irgend einer wichtigen Begebenheit oder bedeutenden Persönlichkeit beginnt und nach ihr genannt ist; daher 3) die Zeit- oder Jahresrechnung (s. d.). Araba, Wadi el A., Fclsenthal zwischen dem Meerbusen von Akabah (Rothes Meer) und dem Todtcn Meere, mit den Ruinen von Petra. Arabante, Binnensee im südamerikanischeu Staate Ecuador, mit Abfluß in den Gnallaga; Missionsstation in der Nähe. Arabat, 1) (Streike von A., Kossa-Arabatfkaja) 110 Icm lange u. sehr schmale Landzunge in der östlichen Krim im russischen Gouv. Tanrien, zwischen dem Asowschen u. dem Faulen Meere; an ihrem nördlichen Ende die Straße von Genitschi, welche baL Asowsche Meer mit dem Faulen Meere verbindet. 2) Fort am Anfangspunkte dieser Landzunge u. am Asowschen Meere, welches noch ans der türkischen Zeit stammt u. 28. Mai 18S5 den Angriff der englischen Flotille unter Capitän Lyons zurückwies. Arabat el Medfuneh, das Ebot der alten Ägypter u. Abydos der Griechen, ist ein großes, südöstl. von Djirdjeh (Girge) am linken Ufer des Nil gelegenes Dorf, bei welchem sich eip ausge- brcitctcs Ruinen- u. Gräberfeld u. zwei große, herrliche, ans riesigen Sandsteinblöcken erbaute Tempel des Osiris n. Ramses II. mit hieroglyphischen u. anderen bildlichen Darstellungen befinden. Arabesken (auch Morcsken), Bezeichnung einer den Arabern eigcnthümlichen Decorations- weise der Wandflächen, bei welcher, ganz verschieden von der ornamentalen Ansbildungsweise fast aller anderen Baustile, namentlich des griechischen, römischen u. Renaissance-Baustils, die Nachbildung aller animalischen u. vegetabilischen Vorbilder ausgeschlossen ist, da die Religion den Mohammedanern dies untersagt. Ihre Verzierungen bestehen daher in regelmäßig die Flächen überspin- uenden, sich mannigfach verschlingenden u. durchkreuzenden Linien, wodurch geometrische Muster hervorgcbracht werden, welche, in Verbindung mit ganz conventioncll gestalteten, nirgends eine Nachahmung der Natur verrathenden Blattbildnngen das Grundelement der A. bilden. Fälschlich wird die Bezeichnung A. namentlich auch auf die Friesbildungen anderer Stilartcn, besonders des römischen, pompejanischcn u. des Renaissance-Baustils, übertragen. Aradla kelix (a. Geogr.), der südliche Thcil der arabischen Halbinsel. Arabien (n. Geogr.), Dschesirat el Arab oder Dschesireh (Insel der Araber) bei den Türken u. Persern Arabistan, Halbinsel Asiens (von 12° 40' bis 34° n. Br. n. 52° 10' bis 79° 40' ö. L.), begrenzt im W. vom Rothen Meere, im S. vom Arabischen Meere u. dem Meerbusen von Aden, im O. vom Persischen Meerbusen, im N. von der Syrisch-arabischen Wüste; ungefähr 2H Mill. H>icm (45—50,000 ÜHM), mit einer Bevölkerung, die zwischen 5 und 12 Millionen geschätzt wird. Das noch wenig durch- sorschte Land besteht ans einem 1200—2000 m hohen Plateau, umgeben von einem Gürtel sandiger Wüsten im O. und S., steiniger im N. Niederige, wasserleere Gebirgszüge mit einem mehr oder weniger breiten Küstensaume umgeben dieses Ccntrum, das bald schroff, bald terrassenförmig zur Küste abfällt. Im Innern waltet die Kalkstein-Formation vor, während an den Küsten der Granit u. der Basalt vorwiegend sind; von Medina erstreckt sich nach S. eine Strecke vulkanischen Bodens; im S. in Hadhramaut u. im W. in Hasa finden sich zahlreiche warme Quellen. Während zwei Drittel des Landes zur Cnltur oder wenigstens zur Viehzucht sich eignen, bildet der Rest eine menschenleere Sandwüste. Hier und da sind Senkungen (Oasen) eingesprengt, in denen sich brackiges Wasser sammelt u. dürftiges Gras wächst. Das Hochland nennt der Araber Nedschd, das Niederland Tehama, das Stufenland Hidschaz. Schiffbare Flüsse und Seen fehlen; zur Regenzeit verwandeln sich die Wadis in Wasserlänfe, während sie in der trockenen Jahreszeit theilweise als Karawancnstraßen dienen. Es soll viele unterirdische Flüsse geben, im Süden auch beständig fließende, die man von Terrasse zu Terrasse leitet; im W. und S. sind zahlreiche Quellen, deren Wasser man in Brunnen sammelt. Das Klima gleicht dem afrikanischen; am Tage herrscht Glnthhitze bis zu 35° L, nachts ist es sehr kühl, u. setzen sich oft Reif u. Eis an. An der WKüste regnet es von Juni bis Sept., an der OKüste von Dec. bis März. Den S. beeinflussen die Monsune n. erleichtern Lurch ihr regelmäßiges Wehen den Seeverkehr mit Indien n. OAfrika. Wolken sind außer der kurzen Regenzeit eine Seltenheit. Im Ganzen ist A. ein der Gesundheit zuträgliches Land. In dem Centralplateau kommen viele Krankheiten, z. B. Fieber, niemals vor; wohl aber finden sich Pocken, Rheumatismus, Aussatz, Apoplexie, Augenkrankheiten. In den mehr feuchten Niederungen des W. treten diese gegen zahlreiche Fieberanfälle zurück; Cholera u. Pest haben im Lande öfter Verheerungen angerichtet. Ä. hat im Allgemeinen eine dürftige Vegetation; es schließt sich als Vegctationsgebiet größtentheils dem Wüstengebiete der Sahara an, u. nur der südl. Küstenrand gehört zu dem indischen Gebiete der Monsune (s. unter Asien). Doch bietet A. in seinen Balsambänmen, Weihranchbänmen u. Aloearten so viel Eigenthümliches, daß es vielfach als besonderes Pflanzengebict betrachtet wurde. Dattel- u. Cocospalmen umsänmen die Küsten, doch sind Wälder selten. Kaffe (Mokka) ist Haupterzeugniß (die erzeugte Quantität jedoch eine sehr mäßige); danebenGnmmi arabicum von verschiedenen Acacia- Arten, Aloe, Manna von Painarix mannilera, Sennesblätter von verschiedenen Cassia - Arten, Sesamöl, Khatblätter von Oolastrns ecinlra als schlasscheuchendes Mittel. Fernere Culturpflanzen sind noch namentlich Mohrenhirse (Durrah), Getreide, Reis, Bohnen, Linsen, Tabak, Zuckerrohr, Baumwolle, Indigo (die 3 letzteren von geringer Qualität). Der Ackerbau ist dürftig u. durch künstliche Bewässerung bedingt, die Werkzeuge, Hacken rc., sehr unvollkommen. Unter den Thieren A-s sind die hervorragendsten das Pferd u. das Kamel (Wüstenschiff); Manlthiere, Esel sind häu- Arabien. 795 fig; Heerden von Rindern, Schafen, Ziegen bilden den Reichthum der nomadisircnden Stämme; Affen, Löwen, Hyänen, Schakale n. Gazellen, zahlreiche Raub- u. Hühnervögel, Strauße finden sich vor; selten Schlangen, Eidechsen, giftige Skorpionen u. Spinnen; Heuschrecken werden mitunter zur Landplage. Endlich ist noch der Perlmuschel zu erwähnen, welche im Persischen Meerbusen sich findet u. kostbare Perlen liefert. Von Mineralien: Edelsteine (Achat, Onyx, Carneol, Obsidian, Turmalin, Smaragd, Jaspis), Porphyr, blauer Alabaster, Marmor, Gips, Kalk, Basalt, Salz, Schwefel, Salpeter, Naphtha, wenigeMetalle (Eisen, Blei, Kupfer), Gold wird in Jemen nicht mehr gefunden. Besondere Bedeutung für den Handel haben: Mokkakaffe, Mekkabalsam, Gummi, dassia üstnla. Aloe, Weihrauch u. a. Räucherwerkc, sodann Pferde. Die wichtigsten Handelsplätze sind Mekka und Medina als Pilger- u. Meßorte mit ihren Hafenstädten Dschidda, Jambo, vorzugsweise aber Aden, Sana im S., El Katif, Maskat an dem Persischen Meere. Hindu u. Parsen besorgen den Perlen- u. in den Seestädten den Großhandel. Die Araber sind theils Nomaden (Beduinen), thcils Fellah (Ackerbautreibende), HaLhesi (Handwerker), oder Handeltreibende; ihrem Charakter nach gastfreundlich, tapfer, standhaft im Unglück und gute Familienväter, aber außerdem räuberisch, grausam, treulos u. wortbrüchig. Allgemein wird die Blutrache geübt. Nahrung: Durrah, Reis, Datteln, Milch u. s. w. Die Wohnungen der Nomaden find Filzzelte oder Hütten von Palmblättern, die Kleidung ein grobes Baumwollenhemd, wozu nach Gegend oder Stadt mehr oder weniger verzierte Mäntel, gelbe Stiefel, oder rothe Schuhe kommen. Die Ehe ist islamisch, der Mann kann 4 Frauen nehmen, gewöhnlich hat er nur eine; ist diese aber'bei der Berheirathnng nicht mehr Jungfrau, so kann er sie verstoßen. Die Heirath ist Kauf; Weiber u. Töchter leben im Harem, die Söhne werden von den Vätern erzogen. Die Araber stehen unter Emiren, welchen Scheikh (die Ältesten des Stammes) untergeben sind; Kadi u. Molla sind geistliche Würden. Die herrschende Religion ist die mohammedanische; in der letzten Hälfte des vorigen Jahrh. ist die Sectc der Wechabiten, welche Mohammed nicht als Prophet anerkennt, im Innern mächtig geworden, jedoch seit Anfang dieses Jahrh. ziemlich herab- gedrückt; auch gibt es noch Gestirn- und Feueranbeter, Inden, Parsen und Christen werden geduldet; doch ist man an der WKüste viel toleranter, als im Innern, u. Mekka wurde von den wenigen Christen, die es besuchten, mit Gefahr des Lebens betreten. Sprachlich zum semitischen Stamme gehörig, zerfallen die Araber in viele jetzt in Folge von Vermischung mit Einwanderern sich unterscheidende Stämme. Die reinsten Nachkommen der alten Araber sind die Beduinen. Lesen u. Schreiben sind in vielen Gegenden unbekannte Künste. Industrie treibt man nur in einigen wenigen Städten; Weiber weben die Kleidnngs- u. Zeltstoffe. Die Alten unterschieden Nrabia po- trasa (nach der Stadt Petra benannt, die Sinai- Halbinsel), N. cksssrta (der nördl. u. innere Thcil) u. N. kolix (der südl. Theil); die arab. Geographen Jemen, Hedramät, Oman mit Lahsa, Ncdsched oder Nedschd, Hedschas oder Hidschaz und Bar el Tur Sinai oder Hadschr. Neuere Eintheilnng: 1) Hedschas (Tür- kisch-A.), den nordwestlichen Thcil des Landes bildend, mit der steinigen, baumlosen Insel Sinai, meist nur mittelbar unterworfen; 900,000 Ew.; Hauptstadt: Mekka, mit der Hafenstadt Dschidda; Medina (Stadt des Propheten), mir der Hafenstadt Jambo. 2) Jemen, das sogenannte Glückliche A., die Südwestecke der Halbinsel bildend, jetzt ebenfalls unter türkischer Herrschaft^, Vaterland des Weihrauches u. Balsams, wie Cultnr- land des besten Kaffes; Hauptstadt Sana. 3) Hadhramaut oder der« südliche Küstensanm, an der Küste eben, ins Innere znm Hochland ansteigend, mit dein brit. Hafen Aden u. den Küstcn- städten Mirbad u. Makalla. 4) Die Ostküste (Oman), mit dem Gebiete von Maskat; ist der am besten cultivirtc Thcil des Landes; hat künstliche Bewässerung und bringt alle Cultnrpflanzen der Erde hervor; 2 Milt. Ew. 5) Hasa, der Norden der OKüste, mit den Perlcmnseln von Bahrein; heiß, aber wasserreich, mit Bewohnern kahtanidischen Ursprunges, unter der Herrschaft der Wechabiten, der sich die Einwohner jedoch zu entziehen streben; Stadt: El Katif. 6) Das JnnereA. oder Nedschcd, der Sitz der Wechabiten, am wenigsten bekannt, in 11 Provinzen eingetheilt, mit den Städten Hajel n. Riad. Das wellige, felsige Land hat quellen- und palmenreiche Gebirge, Sand- ebenen (Nufüd) mit kümmerlichem Graswnchse u. felsige, unfruchtbare Strecken. Näheres u. d. betr. Art. Dis Sprache, s. Arabische Sprache. Vgl. K. Nicbuhr, Reise in A., 3 Bde, Lcipz. 1873; Bnrckhardt, Iravels in N., Lond. 1829 (deutsch, Wien 1830); Wellsted, Iravels ln N., Lond. 1838, 2 Bde. (deutsch von Rüdiger, Halle 1842); Laborde, VozmAS ckans ML. Rstreo, Par. 1830, 2 Bde.; Cottin de Laval, Vozm^e äans 1a xe- ninmcks arabigne, Par. 1860; Courat, IML. Ilsnronso, cbd. 1860. In der Erforschung des Landes sind seit 1860 durch Reisende, wie Palgrave, Gnarmani, Pelly, Mnnzinger, Wetzstein, Maltzan, bedeutende Fortschritte gemacht worden; vgl. Palgrave, .4 Narrative ok a Noar's llonrno^ tkron^Ir (lsntral anck Lastern -Lrabia, 1862—63, deutsch, Lcipz. 1867; Gnarmani, No§ock sopten- trional im Rnllstin cke 1a 8oeiöts cis geoAra- pbis cks Raris, 1865; Pelly, N Visit to tlrs IVaiiabss Oapital, Lsntral Nrabia, im llonrnal ok tlrs Rozal 6so§rap1rioa1 8»oist>', 1865. Botta, Relation ck'nn voz-a^s ckans Io Nomen, Paris 1872; Burton, Rorsonal narrative ok a RilArimaAe to ei Llsckinair anck LlsiUca, Lond. 1856, 3 Thlc; Sadlier, Oiar^ ok a journe^ aoross Nrabia, Bombay 1866; H. v. Maltzan, Meine Wallfahrt nach Mekka, Lcipz. 1865, 2 Bde; Ad. v,Wrcdcs Reise in Hadhramaut, Braunschw. 1870. / Geschichte. Die Ureinwohner von Ä., Baja- 'diten, leiten ihre Abkunft nach der einheimischen Sage von Joktan oder Kahtan, dem Sohne Huds u. Abkömmling von Sem im 5. Gliede; zu ihnen, die das Glückliche A. um die Küste Tehama bis an Len Persischen Meerbusen bewohnten, gesellten sich dann wandernde Horden, die von Jsmael, 796 Arabien. dem Sohne Abrahams, abzustammen sich rühmten, mit Namen Mostaraber, d. i. Arabisirte, u. später Jsmaeliten. Während elftere feste Wohnsitze hatten, Ackerbau u. auch Handel mit Ostindien, Persien, Syrien u. Abessinien trieben, zogen die anderen nomadisch im Lande umher u. dehnten schon in alter Zeit ihre Züge über die eigentliche Grenze bis in die Syrische Wüste aus. Geschützt durch die Natur des Landes vor nnver- inntheten Angriffen, behaupteten die Araber während des Alrerthnms wenig gestört ihr Land und ihre Sitten; die im N. wohnenden machten mehrmals Kriegszüge ohne größere Bedeutung gegen ihre Nachbarn. Die Hylsos der 15. u. 16. Dynastie in Ägypten werden für Araber gehalten; das Berhältniß zu den Israeliten, anfänglich ein feindliches, oft zu Kriegen führend, wurde später ein freundschaftliches, u. Salomon, wie Josaphat stand mit ihnen in Handelsverbindungen, die aber unter Jorain, des Letzteren Sohn, wieder gestört wurden; erst dem König Usta in Juda gelang es, seine Grenzen gegen die Araber sicher zu stellen. Von der Eroberungslust der persischen Könige, denen die nördlichen Stämme Heeresfolge leisteten, blieb A. unberührt; Alexander den Gr. hinderte sein früher Tod; die Verwirrung der Diadochenzeit benutzend, unterwarfen sich einige Stämme einen Theil Chaldäas, das sie Jrak-Ärabi nannten; ein anderer Stamm ans Jemen eroberte sich einen Theil von Syrien. Einen kleinen Strich Landes verloren sie aber an Ptolemäos in Aegypten, wogegen ein Feldzug des Antigonos gegen den Stamm der Nabatäer im Peträischen Ä. (312 v. Chr.) für diesen unglücklich endete. Erst Antiochos dem Großen von Syrien gelang es, Siege über mehrere arabische Stämme zu erkämpfen u. die Stadt Nabbath Moab 219 v. Chr. zu erobern; aber in Folge der Kriege mit Ägypten mußte er schon 217 v. Chr. die kaum errungenen Vortheile wieder aufgeben. Inzwischen hatten die Araber sich mehrere israel. Städte bemächtigt u. durch ihren Anschluß an Syrien der Tyrannei der Syrer gegen die Inden freien Spielraum gelassen. Die Makkabäer führten daher 7 Jahre lang Krieg gegen sie, aber ohne Erfolg, bis es endlich dem Johannes Hyrkanos 129 gelang, Jdumäa zu erobern n. die daselbst wohnenden A. nach ihrem Übertritte zum Judenthum dem Jüdischen Staate einzuverleiben; aus ihnen ging der spätere König der Juden Herodes d. Gr. hervor. In Peträa hatte sich unterdessen ein Königthnm gebildet, u. wird als erster König daselbst Simalkun (um 144 v. Chr.) genannt. Seine Nachfolger, Obodos (Obeidas) und Aretas mit Namen, führten hartnäckige und wechselvolle Kriege mit den Inden u. deren nach- herigcn Schntzherren, den Römern, bis im Jahre 116 n. Chr. unter Trajan eine neue römische Expedition bis Khatif vordrang n. Peträa, Gerasa n. a. Städte der röm. Pro». Palästina Tertia zn- thcilte, aber vor Aträ erfolglos znrllckweichen mußte. Das verwüstete Peträa blieb seitdem in Schutt und Asche, n. wurde Bostra die neue Hauptstadt n. zugleich Hauptstapelplatz für den Handel nach Mesopotamien. Jndeß erfreuten sich die Römer eines sicheren Besitzes nicht lange; schon nach Tra- jans Tode erhoben sich die Araber wieder, so daß nur die früheren Besitzungen Peträas, östlich vom Jordan, römisch blieben. Als Niger u. Severns um die Kaiserkrone stritten (195 n. Chr.), fand jener bei den Hadscharenern, deren Stadt Akre von den Römern unberührt geblieben war, Unterstützung. Später erweiterte Anrelianus die Grenzen bis in das nördliche A. u. führte 274 in seinem Triumphzuge zu Rom Araber auf. Endlich dieser fortwährenden Angriffe müde u. auch nicht gesonnen, sich dem fremden Joche zu unterwerfen, verließen die Nabatäer in Peträa Stadt n. Reich u. wan- derten in die Wüste. Im Süden des Landes hatten die Joktani- den unter Joktans Sohn, Jarhab, von dem A. den Namen erhalten haben soll, ein Reich in Jemen gegründet, das sich unter der Dynastie der Kahtaniden (Joktaniden) bes. im SW., in Saba n. Hadhramant, ausdehnte. Den Joktaniden folgten die Himjariten (Homeiriten) angeblich 2500 I. vor Mohammed, unter denen um 1570 v. Chr. Hareth er Rajisch (Aretas) ganz Jemen unterwarf. Zur Zeit Salomons waren aber die Sabäer in Jemen die mächtigsten, n. die Königin Balkis von Saba besuchte Salomon. Um 520 v. Chr. kam die kahtanidische Dynastie bes Afrik zur Tobba- (Herrscher-)Würdc, die sich noch bis ins 6. Jahrh. n. Chr. hielt. Unter dem Tobba Ämru (120 v. Chr.) wanderte eine ganze Reihe von «Stämmen aus, um neue Reiche zu gründen, über welche aber überall Tobbas aus der Dynastie der Kahtaniden herrschten. Streifzüge der A. von Jemen nach Persien wurden von den Herrschern des letzteren mehrmals selbst mit der Gefangennahme der Tobbas von Jemen bestraft (im 4. u. 5. Jahrh.), wogegen aber auch wiederum mit Hilfe der Araber mancher Perser-Schah zum Throne gelangte und sich darauf erhielt. Seit der Zerstörung Jerusalems hatten sich eine Menge von Juden im Reiche Jemen angefiedelt, denen im 2. n. 3. Jahrh. Christen aus Abessinien folgten n. später christliche Häretiker, namentlich Monophysiten n. Nestorianer, während die christlich gewordenen Araber meist zum Arianismus sich bekannten. Jndenthum u. Chri- stenthnm bekämpften sich fortwährend, meist zum Nachthcil des letzteren, das noch dazu in dem dem Sternendieusts treu gebliebenen Fürstenhause der Himjariten einen erbitterten Feind hatte. Eine solche Verfolgung der Christen durch den juden- frenndlich gesinnten König Dju NnväS führte den Äthiopierkönig Elesbaas nach Jemen, das er um 508 nach Chr. unterwarf, während die Anhänger des Djn Nuvas sich in den nördlichen Theil des Landes zurückzogen. Die Kämpfe zwischen den Inden u. Christen dauerten unter allerlei Wechselfällen fort, bis endlich Seif, Fürst von Dhaasar, 579 mit persischer Hilfe der äthiopischen Herrschaft in Jemen ein Ende machte u. sich selbst zum König von Jemen erhob, aber unter persischer Oberhoheit. Mit seinem Sohne Maadi Karab, der 584 gegen die Äthiopier siel, starb das Geschlecht der Joktaniden aus, u. setzten nun die Perser Statthalter in Jemen ein, die aber fortwährend mit den Äthiopiern zu kämpfen hatten, bis endlich ihrer Herrschaft durch Mohammed ein Ende gemacht wurde. Das Hochland von Nedsched in Hidschaz bildete ebenfalls seit dunkler Zeit ein eigenes Reich, Arabien. 797 dessen Schicksale sich vornehmlich um das Heiligthnm der Kaaba drehten, um deren Schutz heftige Kämpfe zwischeneifersüchtigenStämmengeführlwurden Endlich erhob sich seit dem 5. Jahrh. der mächtigste Stamm der Koreischiten, der durch Seid Kossa das Schutzrecht über die Kaaba sich verschaffte, aber auch unter blutigen Kämpfen mit anderen Stämmen, woran zu Ende des 6. Jahrh. schon Mohammed sich betheiligtc, ein politisches Übergewicht errang. Um die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrh. hatten die Dschorhemiten um Mekka ein Reich gegründet. Neben diesen beiden großenNeichen Jemen n. Hidschaz ward durch den Stamm Adi (Ende des 2. Jahrh. nach Chr.) im Norden das Reich Hira gegründet, das abernnterdieOberhoheit der Perser kam, bis' endlich 610 der letzte Herrscher, Noaman IH., von dem Perser Chosru II. ermordet wurde u. nun Araber und Perser abwechselnd die Herrschaft führten. 633 bemächtigte sich Khalid Ebn Walid des Reiches Hira. Ein 4. Reich gründete Thaliba mit einem Theil des Agdäerstammcs in Syrien, das er bis zum Flusse Ghassan besetzte u. danach das Reich GHassan nannte. Der Khalif Omar war es, welcher, nachdem die Byzantiner ans ihrem Zuge nach Persien 622 auch Ghassan auf kurze Zeit sich unterworfen hatten, den letzten Fürsten, Hareth IV. (635), absetzte. Oman, der Osten des Landes, stand meist unter der Gewalt der Herrscher des gegenüberliegenden Persien; später bildete sich eine Zeit lang ein eigenes Reich. Außerdem bestanden noch viele kleinere Gebiete einzelner Stämme unter eigenen Dynastien, die sich gegenseitig bekämpften und schwächten, insbes. auf dem mittleren Hochlande Nedschd, wovon uns die arab. Dichter unter Besingung der ritterlichen Fehden erzählen. / Epochemachend für die Geschichte A-s wurde aber Mohammed, aus dem Stamme Korcisch, mit seiner neuen Lehre, die anfangs freilich so wenig Erfolg hatte, daß er vor der Wnth der Götzendiener von Mekka nach Medina flüchten mußte, von welchem Tage ab 16. Juli 622 die Zeitrechnung der Hedschra beginnt. In Medina mehrte sich sein Anhang rasch, u. nun begann er den Islam mit Feuer n. Schwert zn verbreiten. 630 fiel Mekka in seine Gewalt, u. damit war seinem Werke der Erfolg gesichert. Das jetzt ein Ganzes sich fühlende Volk trat bald hinaus aus seinen natürlichen Grenzen, um in drei Erdtheilen eigene Reiche zu gründen. Mohammeds Nachfolger resi- dirten als Khalifen (d. i. Stellvertreter oder Nachfolger des Gesandten Gottes) anfangs in Medina; nach der Scheidung der Moslemin in Schiiten u. Sunniten verlegte Moawijah, der 6. Khalif, die Residenz nach Damaskus. Die Bedeutung des arabischen Volkes hatte ihre Höhe erreicht; siegreiche Feldherren durchdrangen u. unterwarfen beinahe die ganze damals bekannte Welt. Nicht minder groß war der gewaltige geistige Aufschwung der Araber nach Mohammed. Außer den alten Hellenen gelangte kein anderes Volk in gleich kurzer Zeit zn so hoher intellektueller u. relativ auch materieller Entwickelung. Zur Zeit des Propheten waltete noch das bloße Beduinenthum. Nasch eigneten sich nun aber die arabischen Sieger Vieles von der byzantinischen, persischen u. indischen Cultnr an, diese nach ihren Nationalvsrhältnissen verarbeitend, entwickelnd u. praktisch nutzbar machend. Kaum war Ägypten erobert, so erjolgte auch die Herstellung des großen Kanals. In allen unterworfenen Ländern erstanden blühende Städte, wie Basrah, Kufa, Kairo u. das glänzenoe Bagdad. Über die Literatur s. die bcs. Art. Bei dem Zerfall des Khalifats wurde A. derBcsitz einzelner wechselnderDynastien. Im Westen herrschte nach der kurzen Dauer der Tnlnnidcn n. Jkschi- diden die Dynastie der F-atimiden seit d. 10. Jahrh., unter denen die Familie der Haschcmiten die heiligen Städte besaß; diese verdängten die Sultane der Ejjnbiden im 11. Jahrh., bis endlich im 16. Jahrh. die Macht der Türken auch das Hidschaz und dis heiligen Orte sich aneigncte. In Jemen, wo Mohammed ben Obeidallah, vom Khalifen Maimum als Statthalter eingesetzt, sich unabhängig gemacht, herrschten dessen Nachkommen und nach ihnen eine Menge verschiedener Dynastien, deren letzte, die Dahinten, 1517 der Übermacht der Osmanen erlag. Nur in den Gebirgen Jemens hielt sich die von dem Imam Scheins Eddin gestiftete Dynastie der Zeidi, um welche sich die mit der türkischen Herrschaft Ünzu- friedenen sammelten. 1567 erhob sich der Aufstand unter der Führung des Zeidi gegen das türkische Joch, u. nachdem die meisten festen Plätze bis auf Zebid den Empörern sich unterworfen, ließ sich Mutoha, ihr Anführer, zum Khalifen ansrufen. Wol wurde 1570 Jemen wieder von den Türken unterjocht, aber bald empörte sich die ganze WKüste A-s gegen die türkische Herrschaft, der auch Mekka entrissen wurde. 1631 eroberten zwar die Türken diese heilige Stadt wieder, Jemen behielt aber seine Unabhängigkeit unter der Herrschaft der Imam aus dem Geschlechte der Zeidi. Maskat, d. i. der Staat Oman an der SKüste A-s, wurde 1508 vonAlbuqnerqueaufseinem Zuge gegen Ormns für die Portugiesen erobert, unter deren Herrschaft cs bis 1659 blieb. Seitdem besteht der Staat in bedeutender Ausdehnung unter Stammherren, die durch Volkswahl auf den Thron gehoben wurden, bis in die neueste Zeit, wo allerdings die Dynastie Sejjid nur durch Englands Einfluß mehr gehalten wird. In der Mitte des 18. Jahrh. erhob sich im Innern des Landes, besonders im mittleren Hochlande Nedschd, wo früher die Karmathen furchtbar waren, als Wicderhersteller des ältesten mohammedanischen Glaubens ein gelehrter Araber, Mohammed Ebn Abd el Wahhab, durch Wort n. Schrift belehrend; der von ihm bekehrte Mohammed Ebn Sahud, Herr von Derajeh (Dereyah), gewann bald unter den Beduinen solchen Anhang, daß er mit dem Religiösen auch das Politische verband u. bald die Herrschaft der Wahabiten (Wechabiten) über das ganze Innere A. von der Grenze des Hidschaz bis gegen den Persischen Meerbusen hin ansdehnte. Ünrcr Sahnds Sohn, Sahud II., u. Abd el Wahabs Sohne Mohammed, dem zweiten geistlichen Oberhaupte, unternahmen die Wechabiten seit 1770 Nanbzüge gegen die benachbarten persischen n. türkischen Provinzen, u. Abd Allah, des Ersleren Nachfolger, eroberte Mekka, machte die türkische Besatzung nieder u. führte dort denWechabiten- 798 Arabin — Arabisches Gummi. Cultus ein, ebenso wie in Medina, wo er selbst die Gräber Mohammeds u. der ersten Khalifen nicht schonte (1810). Mehemed Ali that im Aufträge der Pforte diesen Raubzügen Einhalt, aber erst nach mehrjährigem Kampfe (1811—1818), wo Ibrahim Pascha die Hauptstadt Derajeh zerstörte n. Abd Allah als Gefangener in Constaminopcl hingerichtet wurde. Von der Wüste aus, wohin sie geflüchtet, machten die Wcchabiten unter Abd Allahs Sohn Tnrki u. dessen Sohne Faisnl wiederholt Streifzüge gegen die ägypt. Statthalter, denen sie 1835 n. 1837 gänzliche Niederlagen beibrachten, n. seit des Vicekönigs Abbas Pascha Regierungsantritt haben Faisuls Söhne den Thron ihrer Väter wieder inne, freilich nicht mehr über das Reich von ehedem gebietend. Mehemed Ali hatte den ihm befohlenen Zug gegen die Wechabiten zu weiteren Eroberungen >n A. benutzt, in Hidschaz u. Jemen Gouverneure eingesetzt n. selbst das Hütcramt über die heiligen Städte sich angeeignet. Jndeß, theils durch die Asir, ein der WKüste nahe wohnendes Gebirgs- volk, theils durch Len Kabylen-Scheikh Hassan 1835 u. 1837 bereits mehrfach besiegt n. zurück- gedrängt, mußte er endlich, durch den Tractat zur Pacification des Orients (Juli 1810) von Len europäischen Mächten dazu gezwungen, was er noch in A. innehatte, die WKüste von Akaba hinab bis Mokka n. im Innern Mekka, el Tayef und das Hüteramt über die heiligen Stätten an den Sultan znrückgebcn. In Mekka hat seitdem der Großscheris von Hidschaz seinen Sitz, n. ob- wol er beauftragt wurde, der Pforte den Fürsten des südlich angrenzenden Gebirges Asir, sowie den Scherif von Mokka u. Hodyda zu unterwerfen, hielten sich dieselben doch noch in einer gewissen Unabhängigkeit von den türkischen Genc- ralgouverneurcn, welche für Hidschaz (Hedjas) den Sitz in Dschidda, für Jemen in Mokka haben. Von fremden Völkern haben mir noch die Engländer Besitz in A., nachdem der britische Capitän Hahnes den Sultan von Aden zur Abtretung dieser Halbinsel an England erst beredet u. dann, La er die Überlassung verweigerte, am 11 . Jan. 1839 gezwungen. Bei verschiedenen Gelegenheiten, so 1858 in Folge eines auf die Christen in Dschidda verübten Attentats (Bombardement von Dschidda 15. Juli 1858), dann bei den Thronstreitigkeiten in Maskat (s. o.) haben sie sich auch in andere arab. Angelegenheiten gemischt. Vgl. außer den einheimischen, unter Arabischer Literatur genannten Historikern: Seemann, Ds robns Aostis Xrabnm a. 6 Iir. m, Berl. 1835; Schiiltens, Ilmtor. impsrü vstust. llootiuMarmn. herausg. v. Ring, Konigsb. 1792; Raßmussen, Historin graovix. Xrabiae ro§- norum antoislam., Kopenhagen 1817; Johannsen, Listor. llsmanas, Bonn 1828; George, 2s Lotlilopmn Impsrio ln Xrnb. Ist., Berl. 1833; Rühle von Lilienstern, Zur Gesch. der Araber vor Moham., ebd. 1836; Ilisboirs des IValmbitss, Par. 1810; Förster, Ilisboinoal ^soxraplr^ ob X., Lond. 1844, 2 Bde.; Canssin de Pcrceval, Lssni sur I'Iiist. ckss Xrabss avant I'lslainisme, Par. 1847, 3 Bde.; Crichton, Ulst, ok Xrabla and its psopls, Edinb. 1852; Sedillot, Ilistoirs äss Grabes, 1854 ; Krehl, Über die Religion der vor- islamit. Araber, Leipz. 1863; Flügel, Gesch. der Araber, Leipz. 1867, 2 . Ausl.; Müller, Beiträge zur Gesch. der westl. Araber, Münch. 1868; Weil, Gesch. der islamitischen Völker, 1868; d'Avril, 2'Xrabio eontsmporains, Par. 1868. Arabin, Arabinsiinrc, s. Arabisches Gummi. /Wadis 2. (Gänsekraut), Pflanzengatt, ans der Fam. der Crnciferen (XV. 2 ), mit aufrechtem Kelche, 4 weißen oder violetten Blumenblättern, einer linealen Schote, deren flache oder etwas convexe Klappen von einem Längsnerv oder sehr vielen Längsäderchen durchzogen sind; Narbe stumpf, zuweilen seicht ansgerandet; «Lamm in jedem Fache einreihig; Keimblätter flach. Arten meist in Alpen und Gebirgsgegenden; die bekannteren sind: bei uns tV iürsnta § 0070 ., mit weichhaarigem Stengel, seltener X. brassioastormis IVallr., mit kahlen meergrünen, herzpfeilförmigen, steugelumfassenden Stengelblättern; X. aurionkata La»»., die Staubfäden mit geöhrtcr Basis; L. tnrrita L.. Stengel n. Blätter grau-sammethaarig; X. arcnosa ,?vox., rauhhaarig; Wurzelblätter rosettig, lcierschrotsäge- förmig; Blume rosa oder weiß, auf steinigen Gebirgen, Sandfeldern und in Felsenspalten. ArabischesGmnnii (Mimosengummi, 6umml arablonm, (I. mimosao) schwitzt ans den Stäin- men verschiedener Acacienarten, die sich im Gebiete des Nil u. des Senegal, ferner am Cap der guten Hoffnung, in Ostindien n. Australien finden. Die wichtigsten, in NOAfrika wachsenden sind Xoaoia aradlea, X. torlülis, X. 8s^al, 7 I. Lllren- bsrKinna. n. a. Die hauptsächlichsten im Handel unterschiedenen Sorten sind folgende:!) Das echte arabische, türkische oder ägyptische, auch levan- tische G. genannt, welches in Oberägypteu, Nubien u. Arabien gewonnen wird. Es bildetrund- lichc, leicht zerbröckelnde Stücke von verschiedener Größe, blaßgclb, geringere Sorten röthlich bis bräunlich, die außen matt - rauh u. rissig sind u. einen flachmuscheligen, glasglänzenden Bruch zeigen. Es ist geruchlos, schmeckt fade süßlich u. löst sich vollkommen in Wasser zu einer schleimigen Flüssigkeit. Dasselbe kommt auch namentlich in seinen reinsten Sorren als Torgnmmi dar. Ihm sehr ähnlich ist das Berrygummi. 2) Das Embavi- gnmmi, ebenfalls dem Icvantischen sehr ähnlich, ist spröder als dieses u. bildet meist kleinere Körner; es wird des geringeren Preises wegen dem levantischen oft beigemischt. 3) Das Gedda- (Dschedda-)gummi, ans der Gegend von Aden stammend, besteht aus kugelförmigen, weiß-gelben bis roth-braunen Stücken. 4) Das Senegalgummi, aus den französischen Besitzungen am Senegal, meist über Marseille nach Dcmschland kommend, bildet oft zollgroße, selbst pfundschwere kugelige Massen von großmnscheligem, glasglänzendem Bruche, blaßgclb bis gelb-roth. Es löst sich weniger vollkommen in Wasser, als das echte a. G. Man unterscheidet von demselben je nach seiner Form, Farbe n. Abstammung mehrere Sorten, wie Las Galamgnmmi, Sabrabeidagnmmi u. a. Demselben ähnlich, aber kleinere Stücke bildend, ist das berberische oder barbarische, nach seinem Ausfuhrhafen auch Mogadorgummi genannt. 5) O st- indisches Gummi, große durchsichtige Stücke Arabisches Jahr —Arabische Religion. 799 von hellgelber bis röthlicher Farbe. 6) Cap- gummi, vom Vorgebirge der guten Hoffnung, eine der schlechtesten Sorten, von dunkler Farbe, beim Auflösen eine Gallerte bildend. 7) Australisches Gummi, ans dem südlichen Neuholland, dem letzteren an Güte noch nachstehend. 8) Das Bassoragummi endlich bildet mit Wasser eine dem Traganthschleim ähnliche Gallerte und ist somit zu Klebzwecken fast unbrauchbar. — Diese Gnmmisorten, namentlich die dunkleren Senegalarten werden oft mit dem von inländischen Kirsch- u. Pflaumenbänmen stammenden Kirschgummi vermischt, welches sich aber durch seine glänzende Oberfläche unterscheidet. Eine Verfälschung des gepulverten arabischen Gummi mit Stärke gibt sich durch die blaue Farbe zu erkennen, welche die Lösnng beim Versetzen mit einem Tropfen Jod- lösnng annimmt. Anwendung findet das a. ,G. in der Meinem als schleimiges, einhüllendes Mittel gegen Ruhr, Heiserkeit, Husten. In der Kattundruckerei zum Verdicken der Farben, sowie zum Appretiren, Kleben re. ist es meist durch das billigere Stärkegnmmi (Dextrin) verdrängt. In wässerigen Flüssigkeiten, wie Tinte, dient es, um Körper suspendirt zu erhalten. Seiner chemischen Zusammensetzung nach besteht es aus dein Kali-, Kalk- nnd Magnesiasalze des Arabin oder der Arabin- sänre welche aus der mit Salzsäure versetzten conccntrirten Gummilösung durch Füllen mit Alkohol als weiße, amorphe Masse erhalten wird, frischgefällt in Wasser löslich ist, nach dem Trocknen aber nur darin aufquillt. Arabisches Jahr, ein Mondjahr von 354 Tagen; s. u. Jahr. Arabische Literatur, s. u. Arabische Sprache u. Literatur. Arabisches Meer, Theil des Indischen Oceans an der SKüste Arabiens; im N. heißt cs Meer von Oman, im W. Meerbusen von Aden, und steht durch die Straße von Bab-el-Mandcb mit dem Rothen Meere oder Arabischen Meerbusen u. durch die Straße von Ormns mit dem Grünen Meere oder dem Persischen Meerbusen in Verbindung. ArabischerMeerbusen, so v.w.Rothes Meer. Arabische Milch (Arab. Emulsion, lümnlsio aradioa), Lösnng von arabischem Gummi in etwa 8 Th. Wasser oder 30 Th. Mandelmilch. Arabische Religion. In der vorislamitischen Zeit, von den Arabern die Zeit des HeidenthumS genannt, waren die Bewohner der Sinai-Halbinsel ebenso wie die anderen vormohammcdamschen Araber, wie die Bewohner von Hidschaz u. Jemen einem sabäischen Cnltus zugethan, der wahrscheinlich von dem semitischen Cnlturlande des Euphrat durch Vermittelung Jemens zu den übrigen Arabern gelangt ist. Auch läßt sich auf Grund der Untersuchungen über die nabathaischen Inschriften von Petra und Hauran, vornehmlich aber der Sinai-Halbinsel, u. über die Münzlegenden nabathäischer Könige als gewiß annehmen, daß auch die altarabischen Götzennamen u. Götzen- cnlte ans Gestirndienst beruhen. S. unter Sa- bäismus. Seit dem 7. Jahrh. trat an die Stelle des Heidenthums der Islam. -Ei Veyeichmß der Mickmüormr zum ersten Band. Beilagen: Afrika, Nordwestlicher Theil. 239 Nordöstlicher Theil.241 Südlicher Theil ..243 Ethnographische Übersichtskarte.247 Reich Alexanders ^des Großen.396 West°Alpcn^.aA^/'.4td.> Ost-Alpen 7e. Nord-Amerika, Vhhs.-ethnogr. Karte ..552 Süd-Amerika, do. ...552 Anüllen. 7IK Im Text: Aberration des Lichtes/ Fig. 1 n. ... 52 Accumulator .132 Ammoniten. Fig. 1 u. 2 .-.56a Analysis. Fig. 1 u. 2 .598 Ein ausführliches Verzeichniß der Abkürzungen natnrwissenschaftlicher Autornamen folgt am Schluffe dieses Werkes.