Werers Universal - Conversations Lexikon. Sechste, vollständig umgearbeitete Auflage. SievenzeHnter Kand. Stichlinge — Bacanz. Pierers Universal- ComerMons-Lerikon tf » Neuestes euexklsMAsekes Nörterbuck aller Wissenschaften, Künste und Gewerbe. Sechste, vollständig umgearbeitere Auflage. Mit zahlreiche» Karten, Plänen und Illustrationen.' Sieöenzehnter Mand. Stichlinge — Baeauz. - - Höerhansen und Leipzig. Verlagsbuchhandlung von Ad. Spaarmann. 1879 . Alle Rechte Vorbehalten, Spaarmanu'sche Buchdrucker-, (Bauer L Witzler) in Oberhause»u I, ! Stichlinge, 6a8tsro8teiäsi Kk/rr.) Fischfam. aus der Ordg. der Stachelflosser; Körper gestreckt; nur Kiefer u. L-chlundknochen mit B ürstenzähnen; Rückenflosse vorn mit freien Stacheln; Bauchflossen durch 2 Stacheln ersetzt; Schwimmblase einfach. Die S. sind kleine räuberische, theils Süß-, theils Seewasser- l fische, die besonderen Kunsttrieb im Bauen von Nestern verrathen. Einzige Gattung tZaatsrostsua Art., Stichling. Arten: O. aoiloatna T,., großer . Stichling; 7 ein; 3 freie Stacheln vor der Rücken ) flösse; europ. Süßgewässer, fehlt im Stromgebiet der Donau. 6l. xnnpsitirm L., kleiner Stichling; 5 om; 9—11 freie Stacheln vor der Rückenflosse; nördl. Europa. 6. sxmaoüis, T-., Seestichling; Meeresküsten NEuropas, Die S. werden der Fisch- > zucht schädlich. Farwick. Stichoinantie (v. Griech.), Wahrsagung aus s Versen (s. Rhapsodomantie), Loosen, Zetteln, aus ausgeschlagenen Buchstellen (z. B. der Bibel, vergl. 8ortoa Lanetorum) u. dgl., wobei man Stellen aus : Dichtern, bes. aus den Sibyllinischen Büchern u. Ver- ' gil, in eine Urne legte u. dann eine davon herauszog , aus welcher dann prophezeit wurde. Stichometrie (v. Griech.), bei den Alten das Zählen der Zeilen in den Handschriften, um den un- i gefähren Umfang einer Schrift zu beurtheilen; vgl. I Ritschl, De otielromotria vstorum, Bonn 1840; dann eine zum Verständnis) einer Schrift, in Er- i mangelung der Jnterpunction, gemachte Abtheilnng s nach Zeilen (Stichen), d. h. daß man von einer Rede ! od. einem Satz so viel auf eine Zeile schreibt, als für sich einen Sinn ausmacht. So gab es zur Zeit des ! Hieronymus Handschriften des Cicero u. Demosthenes, welche in dieser Weise (vryxy-ko--) abgetheilt waren und theilte der Diakonus Euthalios im 5. b Jahrh. den Text der neutestamentlichen Briefe und l der Apostelgeschichte ab, indem er diejenigen Worte l auf eine Zeile setzte, welche man beim öffentlichen , Vorlesen ohne Absatz hersagen mußte (Stichometrische !> Abtheilnng). Die Evangelien wurden danach von ei- 1 nem Unbekannten ebenso abgetheilt. Codices des N. 1 T. mit solchen Abtheilungen (Stichometrische Hand- !s schriften) geschrieben sind der 6a.ntabri^isn8i8, 61a- ! romontanus, 8an§srmanonsi8 u. I-anciia.nn8; der- j' gleichen von klaff. Schriftstellern haben sich nicht er- Stichwahl, s. Wahl. (halten. Stichwort (Schlagwort), im Theaterwesen das letzte Wort (häufiger die letzten Worte, in Conversa- tionsstücken der ganze letzte Satz) des vorhersprechenden Schauspielers, worauf man anfzutreten, mit der eigenen Rede einznfallen, abzutreten rc. hat. s Sticken, auf einem Stoffe mittels der Nadel Fäden so ein- od. aufnähen, daß dadurch auf dem Stoffe allerleiFigurenod.Zeichnungen (Stickerei, broäsris) i entstehen. Oft wird das Muster vorher vorgezeichnet, L indem man es auf Papier vorzeichnet, seine Umrisse U mit einer stärkeren od. schwächeren Nadel durchsticht u. PiererZUnivsrsal-Converlations-Lexikoii. 6. Aufl. XV das Muster durch das Überstreichen des Papiers mit Zeichentinte, od. durch Durchpausen mittels Kohlenstaub (Durchstäuben) auf den Stoff überträgt. Man hat sehr verschiedene Arten des S-s: die Fäden liegen bald dicht neben einander, bald weiter von einander; das Muster wird bald platt, bald erhaben aus- gesührt; im letzteren Falle legt man Stückchen Papier od. Pergament unter; bei der Atlasstickerei sind die Stiche dicht u. laufen entlang der Figur, bei der französischen Stickerei quer über die Figur, wodurch diese plastischer hervortritt. Außerdem stickt man mit Zwirn, Seide, Wolle, Gold-n. Silberfäden, Haaren, Chenille, Perlen, Schmelz, Füttern rc. Sehr häufig stickt man mit buntem Garn auf Cannevas, meist nach besonderen Stickmustern. Über das Weben gestickter Zeuge s. Weberei. Die Kunst, mit der Nadel zu sticken ist uralt u. soll von den Phrygiern erfunden worden sein (daher solche Kleider klir^ionias oder ?Iir^Aias vsotss, die Kunst kür^Ainm oprm hießen) und wurde aber thatsächüch schon früher in kunstreicher Weise in Ägypten u. dann zu Babylon geübt. In OAsien zeichneten sich die Siamesen von Alters her durch künstliche Stickereien ans; von ihnen lernten es namentlich die Japanesen. Im 6. n. 7. Jahrhundert wurde diese Kunst vornehmlich in Byzanz zu kirchlichen Zwecken (priesterliche Gewänder, Altarvorhänge, Wandteppiche) unter Anwendung von Gold, Perlen, Edelsteinen rc. geübt. Zn Ende des 7. Jahrh. beschäftigten sich mit dieser kirchlichen Slickkunst bes. auf dm britischen Inseln Nonnen und fürstliche Damen, daher LnZIionm opns, unter welchem Namen man später bes. diejenige Stickerei verstand, bei welcher getriebene Gold- und Silberbleche Anwendung fanden. Aus deml I.Jahrh. ist bes. der von der Gisela, Gemahlin des ungarischen Königs Stephan ves Heiligen, ans Purpurstoff mit Goldfäden gestickte ungarische Königsmantel berühmt. Durch die Krenzzüge kamen prachtvolle Stickereien für kirchliche Zwecke aus dem Orient. Im 12. Jahrh. behaupteten die saracenischen Künstler in Spanien u. Sicilien den ersten Rang, doch kamen immer noch Stickereien aus Byzanz, wie z. B. die in Rom befindliche Kaiserdalmatica. Seit dem 13. Jahrh. wlDö.'iyt Abendlande die Bild- n. Wappenstickerei zvnftmäßig betrieben, u. zwar seit dem 14. Jahrh. in dem freieren germanischen Stil. Die nun aufkommende Figuralstickerei begnügte sich nicht mehr mit den der animalischen u. vegetabilischen Welt entnommenen Ornamente, sondern stellte Bilder und ganze Heiligengeschichten dar. Berühmt war in dieser Kunst die Stadt Arras. Im 16. Jahrh. kam die plastische Stickerei auf, wobei man Holzunterlagen und Polsterungen benutzte. In der Renaissancezeit schlug die Kunst eine inehr naturalistische Richtung ein. Musterblätter der kirchl. Leinwandstickerei im roman. u. gothisch. Stil gab Versteyl, 3. A. Düsseld. 1879 heraus. Vgl. außerdem: I. Lessiug, Leineustickerei, >i. Band. i 2 Stickfluß - 2. A. Berl. 1879; G. Oppenheim, Neues Stick- Muster-Bnch, Franks, a. M. 1879; Handbuch für Frauenarbeiten, aus dem Franz. (5. A.) von Math. Clasen-Schmid, Lpz. 1879. Schr°°t. Stickfluß, Aushören der Function der Lungen. Die Bezeichnung ist vieldeutig, da eine Menge Zustände dem S. zu Grunde liegen können u. deshalb jetzt mehr oder weniger veraltet. Für die weitaus meisten Fälle von S. ist die Bezeichnung Lungen- lähmungdie richtige. Kunze. Stickgas, so v. w. Stickstofs. Stickmaschine, Maschine zur Anfertigung von Stickereien, welche aus vielen gleichen Mustern zusammengesetzt sind, von Heilmann in Mülhausen im Elsaß um 1832 erfunden. Die S. besteht aus 2 Schlitten, die eine große Zahl verstellbarer Zangen tragen und sich auf Schienen abwechselnd der Fläche des Gewebes nähern u. davon wieder entfernen. Dies wird durch eine mit der Hand bewegte Kurbel bewirkt. Die Zangen des einen Schlittens halten ebenso viele eingesädelte Nadeln fest. Durch 2 Tritte, welche mit beiden Füßen abwechselnd bewegt werden, öffnen sich die Zangen des einen Schlittens oder Wagens alle auf einmal, um die in das vertical aufgespannte Zeug eingestochenen Nadeln loszulaffen und mittels desselben Druckes schließen sich zugleich die Zangen des zweiten Schlittens, welche aus der anderen Seite des Stoffes die Nadeln ergreifen, durchziehen u. alsdann von Neuem, an einer anderen Stelle, einstechen. Zu diesem Zweck werden sie durch einen Storchschnabel verstellt, mit dessen Spitze der Arbeiter eine vor ihm liegende Musterzeichnung nachfährt. Die Nadeln sticken demnach alle gleichzeitig dasselbe Muster. Stickoxyd, Stickstoffoxyd (Stickoxydgas), M, entstehtbei Einwirkung von Salpetersäureansgewisse Metalle (Kupfer, Quecksilber), sowie beim Erwärmen eines Gemisches von Eisenchlorür, Salzsäure u. Salpeter. Farbloses, in Wasser etwas lösliches Gas, dessen spcc. Gew. 1,„gg (Luft -- 1) od. 15 (Wasserstoff — 1). Mit dem Sauerstoff der Luft verbindet es sich sofort zu tiesrothen Dämpfen, die je nach der Menge des Sauerstoffs aus Stickstoffdioxyd (dkO?) od. Salpetrigsäure-Anhydrid (dlzO,), gewöhnlich aus einem Gemische beider bestehen. Es vermag die Verbrennung solcher Körper zu unterhalten, welche wie Kohle u. Phosphor eine starke Verwandtschaft zum Sauer- stoff besitzen, wenn sie brennend in das Gas gebracht werden. Von Eisenvitriollösung wird es schnell ab- sorbirt, indem sich dieselbe tief schwarzbraun färbt, beim Erwärmen der Lösung entweicht es unverändert. Ein Gemisch von S. mit Schwefelkohlenstoffdampf verbrennt mit glänzend blauer, an chemisch wirksamen Strahlen reicher Flamme. Durch leicht oxydirbare Metalle (Zink, Eisen) wird es zu Stickoxydul reducirt. Hetzer. Stickoxydul, Stickstoffoxydul, Stickstoffprotoxyd, Lustgas, Wonnegas, kstgO; farbloses, schwach süßlich riechendes Gas, in Wasser etwas löslich; spec. Gew. 1,52? (Luft — 1) oder 22 (Wasserstoff—1). Bei 0° u. einem Drucke von 30—40 Atmosphären verwan- delt es sich in eine farblose, leicht bewegliche Flüssigkeit, die bei —88° siedet u. dabei eine so starke Verdunstungskälte erzeugt, daß sie zum Theil zu weißen Krystallen erstarrt. Eine Mischung von flüssigem S. mit Schwefelkohlenstoff gibt bei Verdunstung im s — Stickstoff. luftleeren Raume eine Temperatur von —140°. Es ist selbst nicht brennbar, unterhält aber die Verbrennung vieler Körper fast ebenso lebhaft wie reiner Sauerstoff. Es kann in kleinen Mengen ohne Ge- fahr eingeathmet werden, wirkt aber eigenthümlich berauschend u. erzeugt eine von angenehmen Hallu- cinationen u. Lachlust begleitete Trunkenheit; bei längerer Einathmung bringt es vollständige Anästhesie (s. d.) hervor, worauf seine Anwendung namentlich in der Zahnheilkunde (unter dem Namen Nitro- Oxygengas) beruht. In zu großer Menge eingeath- met wirkt es sehr schädlich, indem es sehr heftige Nervenzufälle hervorruft. Man stellt das S. durch Reduction einer der höheren Oxydationsstufen des Stickstoffs dar, indem man z. B. Zink auf sehr verdünnte Salpetersäure einwirken läßt od. Stickoxyd mit angefeuchteten Zink- od. EisenfeilspähnenlängereZeit in Berührung läßt; am Einfachsten durch Erhitzen des salpetersauren Ammons, welches bei etwa 200" in S. u. Wasser zerfällt (NH^Oz—MzO-I-NzO). Es wurde 1776 von Pristley entdeckt. Hetzer. Stickstoff, Stickgas, lat. MbroAsnium, chem. Element, zur Gruppe der Metalloide gehörig. Zeichen u. Gewicht des Atoms Is—14. Färb-, geruch- u. geschmackloses Gas, nach Cailletet (1877) bei etwa —300° u. einem Drucke von 200 Atmosphären zu einer Flüssigkeit verdichtbar; spec. Gewicht »Es (Luft—1) od. 14 (Wasserstoff—1); imWasser nur äußerst wenig löslich (1 Vol. Wasser bei 4° 0,°o,8 Vol.); nicht brennbar, unterhält weder die Verbrennung noch die Athmung, vielmehr sterben Thiere und Pflanzen in ihm nach kurzer Zeit aus Mangel an Sauerstoff, während er selbst nicht im mindesten auf den Organismus wirkt. Gegen andere Körper verhält sich der S. sehr indifferent; mit Sauerstoff verbindet er sich direct nur, wenn dieser vorher theilweise in Ozon verwandelt ist; mit Kohlen verbindet er sich in der Nothgluth bei Gegen- wartvonAlkalienod.Alkalicarbonatenunter Bildung von Cyanmetallen, auch mit Bor, Silicium u. einigen Metallen (Magnesium, Titan) geht er in der Roth- gluth direct Verbindungen ein. Der S. bildet einen HauptbestandtheilderatmosphärischenLuft(etwa^/g). Rutherford zeigte schon 1772, daß in der Lust ein die Athmung nicht unterhaltender Bestandtheil enthalten ist; Scheelen. Lavoisier stellten ihn fast gleichzeitig aus der Luft dar, letzterer nannte ihn Xsotzs (a xrivativuw, nüein, leben), wonach der deutsche Name gebildet worden ist. Chaptal gab ihm den Namen MtroAsnium, weil er einen Bestandtheil der Salpetersäure (aeicknm oitzriouin) bildet. Der S. ist ferner ein wesentlicher Bestandtheil vieler organischen Stoffe, so des Caseins, Albumins, Fibrins, der Hornsubstanz, der Alkaloide rc. u. findet sich auch in deren Zersetzungsproducten, so in den Steinkohlen u. Braunkohlen. Die Pflanzen entnehmen den zur Bildung der Eiweißstoffe nöthigen S. den im Grundwaffer gelösten Ammonverbindungeu u. Salpetersäuresalzen, die, wenn der Boden zu wenig davon enthält, demselben durch künstliche Düngung zugeführtwerdenmüssen. Manstelltihnkünstlichdar, indem manentwederPhosphorin einer durch Wasser abgesperrtenGlocke verbrennt od. Luft überglühende ^ Kupferspähne leitet. Auch entsteht reiner S., wenn man Chlorgasdurcheine concentrirte wässrige Lösung I vonAmmoniak leitetsMüg-s-gLI.— 3 Stickstoffbor sowie beim Erhitzen von salpetrigsauremAmmon für sich od. inwässrigerLösnngMklj^Oz— Stickstoffbor, so v. w. Borstickstoff. fHetzer. Stickstoffdioxyd, Untersalpetersäure, Mz bildet sich, wenn man ein Gemisch von 2 Vol. Stickoxyd (IM) u. i Vol. Sauerstoff stark abkllhlt od. trockenes salpetersaures Blei in einer Retorte glüht und die Dämpfe in eine stark abgekllhlte Vorlage leitet. Es bildet bei —20° farblose Krystalle, bei —12° eine gelbwthe Flüssigkeit, siedetbei 22° u. verwandelt sich dabei in dunkel rothbrannem Dampf von süßlichem, erstickendem Gerüche. In concentrirter Salpetersäure löst es sich auf (s. Salpetersäure, rothe rauchende). In Berührung mit Wasser zersetzt es sich sofort in Salpetersäure u. Stickoxyd (3lMs-t-820^2LIMg-k-IM). Mit Basen od. deren Anhydriden zusammengebracht, liefert es ein Gemisch von Salpetersäure« u. Salpetrigsäuresalz (2lM2-f-2X80—1M0g,LkM2,820); es ist also weder eineSäure noch ein Säureanhydrid. Mit concentrirter Schwefelsäure bildet es eine feste krystallinische Verbindung ^ durch Wasser in salpetrige Säure und Schwefelsäure zerfällt. Diese Verbindung entsteht bei der Darstellung der englischen Schwefelsäure in den Bleikammern, wenn zu wenig Wasserdampf vorhanden ist; sie bildet die sog.Bleikammerkrystalle. Überdiestickstoffdioxydhaltigen organischen Körper s. Nitroverbindungen. Hetzer- Stickstoffmetalle, chemische Verbindungen von Stickstoff mit Metallen. Die meisten sind wenig beständige od. gar explosive, chemisch indifferente Körper, die noch wenig untersucht sind. Sie zersetzen sich oft schon durch feuchte Luft unter Ammoniakbildung ; Säuren bewirken eine ähnliche Zersetzung, so daß schließlich ein Gemisch eines Metallsalzes mit einem Ammonsalze resultirt. Nur wenige (Stickstoff-Magne- sium u. -Titan) entstehen direct, wenn mau Stickstoff über das erhitzte Metall leitet; die meisten werden bei Einwirkung von Ammoniak auf das betr. Metall in der Rothgluth erhalten. Hetzer. 8tiota ^le/r., Flechtengatt, aus der Fam. der?ar- moliavsas, durch Becher auf der Rückseite des festen, lederartigen, breitlappigen Laubes ausgezeichnet. 8. s/Ivatioa,, auf der Erde od. an Bäumen; 8. pul- monaosa, (Lungenflechte), an Baumstämmen, graugrün, als Lungenmoos (Inoben xulmona- rius) officinell, auchwieOstrariaisIauäiea beiBlut- spncken, Abzehrung rc. als Volksmittel angewendet. Stief...., nur in Zusammensetzungen gebräuchlich, um dasAffinitätsverhältniß zu bezeichnen, welches bei einer 2. Ehe, namentlich in aus- u. absteigender Linie, zwischen dem einen Ehegatten u. den Verwandten des andern Ehegatten stattfindet, so S°vater, S-mutter, S-sohn, S-tochter. Zu unterscheiden sind sog. S- od. Halbgeschwister (s. Halbbürtig u. Halbgebnrt), d. h. Kinder, welche nur einen Ascendenten, Vater od. Mutter gemeinschaftlich haben, von den eigentlichen S-geschwi- stern, d. h. Kindern, welche von 2 Ehegatten aus früheren Ehen zusammengebracht werden; diese sind gar nicht verwandt u. können daher auch nicht als Geschwister gelten. Schon das mosaische Recht verbot die Ehe mit der S-tochter u. deren oder des S-sohnes Tochter, auch mit der S-mutter u. mit des Bruders od. mit des väterlichenOheimsWittwe. l — Stiehl. Nach Römischem Recht war erst die Ehe mit der S- mutter u. S-tochter, später aber auch die Ehe mit der Frau des verstorbenen Bruders u. mit der Schwester der verstorbenen Frau verboten. Das Kanonische Rechterweiterte die aus der S-verwandt- schaft herrühreuden Eheverbote fast so weit, als es die auf wirklicher Verwandtschaft ruhenden Verbote ausdehnte. Die neueren Ehegesetze haben dagegen diese Verbote meist wieder auf die römische od. mosaische Grenze beschränkt. In Bezug auf das Erbrecht begründet die S-verwandschast gar keine Erbberechtigung,mit Ausnahme der sogenannten S- od. Halbgeschwister, s. Halbgeburt. Stiefel, 1) das Kolbenrohrbei Pumpen, Spritzen- Dampfmaschinen rc. 2) s. u. Schuh. Stiefmütterchen, ist Viola brioolor, s. d. Stiege, so v. w. Leiter od. Treppe. Stieglitz, Distelfink, Ifl-ingilla, oaräuslls L., Finkenart; 14 cm; Schnabel dünn, nach der Mitte zu verschmälert, mit gekrümmter feiner Spitze; Gefieder bunt, oben bräunlich, unten weißlich, nur Weib- chen u. Jungen fleckig; Flügel schwarz mit hochgelbem Spiegel; Schwanz schwarz, an der Spitze weiß; Männchen: Kinnu. Stirn roth, S cheitel u. Hinterkops schwarz, Wangen weiß. Alte S-e sind rings um den Schnabelgrund roth. Nährt sich von Samen, bes. Distelsamen, frißt im Frühjahr auch Knospen; Nest kunstvoll auf Bäumen; Eier hellblau, rothfleckig; Europäisch, häufig. Die S. sind sehr zähmbar u. gelehrig. Mit Cauarienvögeln werden von ihnen Bastarde gezogen, die wiederum fruchtbarsein sollen. Farwick. Stieglitz Heinrich, Dichter, geb. 22. Febr. 1803 in Arolsen, studirte seit 1820 in Güttingen, Leipzig u. Berlin Philologie u. wurde an letzterem Orte 1828 Custos der königl. Bibliothek u. Gymnasiallehrer, gab aber, wegen Gemüthsleiden, beide Stellen auf u. machte 1833 eine Reise nach Rußland ; nach dem Tode seiner Frau, der C harlotte Sophie Willhöft (geb. 1806 in Hamburg, gest. 31. December 1834) die sich selbst erdolchte, deren Briefe, Tagebuchblätter rc. Mundtu. d. T., CH. S., ein Denkmal, Berl. 1835 herausgab, ging er nach München, von da ins Bayerische Hochland, lebte eine Zeitlang in Venedig u. bereiste dann Italien; nach Venedig zurückgekehrt st. er daselbst, während der Belagerung, 24. Aug. 1849 an der Cholera; seine Leiche wurde nach Berlin geschafft u. 17. Oct. 1850 neben seiner Gattin auf dem Sophienkirchhof beigesetzt. Er schr.: Gedichte zum Besten der Griechen (im Verein mit Ernst Große), Lpz. 1823; Berliner Musenalmanach (mit Anderen herausg.), Berl. 1829; Bilder des Orients (darin dieTragödie Sultan Selim III.), Leipz. 1831—33, 4 Vde.; Stimmen der Zeit in Liedern, ebd. 1832, 2. A. 1834; Erinnerungen aus meiner jüngsten Sommerreise, ebd. 1834; Dionysossest (lyrische Tragödie), Berl. 1836; Gruß an Berlin, Lpz. 1838; Bergesgrüße aus dem salzburgischen, tyroler u. bayerischen Gebirge, Münch. 1839; EinBesuch auf Montenegro, Stuttg. 1842; Istrien und Dalmatien, ebd. 1845; Erinnerungen aus Rom, Münch. 1848; Vgl. Heinrich S.,eiueSelbstbiographie,Gotha1865.G.Zimmermann. Stiehl, Heinrich, bedeutender Orgelspieler, Pianist u. Componist, geb. 5. Aug. 1829 in Lüneburg, war längere Zeit Organist an der Petrikirche ! u. Dirigent der Singakademie in Petersburg, dann 1 * 4 Stiehle — von Kunstreisen durch Deutschland, Italien u. England zurückgekehrt, Organist in seiner Vaterstadt u. wurde 1875 Dirigent der philharmonischen Con- certe zu Belsast (Irland). Stichle, Gustav von, preuß. General geb. 14. Aug. 1823 in Erfurt, trat 1840 in die preuß. Armee, wurde 1841 Lieutenant u. war 1845—47 zur allgemeinen Kriegsschule inBerlin u. 1852—55 zum topographischen BnreaudesGeneralstabes com- mandirt; bis 1859 zum Major avancirt, wurde er Director der Kriegsschule in Potsdam u. später in Neisse; 1860 wurde ihm die Leitung der historischen Abtheilung des Generalstabes übertragen n. zugleich eine Lehrerstelle an derKriegsakademie. 1864machte er als Oberstlieutenaut im Generalstabe den Krieg gegen Dänemark mit, wurde dann geadelt, Flügeladjutant des Königs u. Militärattache bei den Gesandtschaften inLondon u. inWien. 1866 zumOberst befördert, zog er im Hauptquartier mit gegen Österreich, erhielt im Kriegeden Orden pour Is ms- rits, wurdezu denVerhandlungen inNikolsburg gezogen, 1868 dann Commandeur des 4.Gardegrcna- dierregiments in Koblenz, kehrte aber schon 1869 als Abtheiluugschef im Großen Generalstab u. Mitglied der Militärstudiencommission nach Berlin zurück. Sodann zum Generalmajor ernannt, wurde er in dem Kriege gegen Frankreich Chef des Generalstabes der 2. Armee u. schloß am 26./27. Oct. die Capitnlation mit dem französischen General Jarras wegen Waffenstreckung der Bazaineschen Armee vor Metz und der Übergabe von Metz ab. Nach dem Frieden trat er in sein früheres Verhältniß als Abtheilungsches zum großen Generalstabe zurück, wurde aber im Nov. 1871 Director des allgemeinen Kriegsdcpar- tements im Kriegsministerium. Mitglied des Bundesraths, 1873 Generallieutenant s, la, snits u.Jn- spectenr der Schützen u. Jäger, 1875 Commandeur der 7. Division in Magdeburg. Stieleiche, s. Eiche. Stieler, 1) Adolf, Kartograph, geb. 26. Febr. 1775 in Gotha, studirte seit 1793 in Jena u. Göt- tingcu die Rechte, wurde 1797 in GothaAdvocat u. im Ministcrialdepartement angestellt, 1813 Legationsrath, 1829 Geheimer Regierungsrath u. st. 13. März 1836 in Gotha. Hauptwerk der unter Reichards Mitwirkung herausgegebene Handatlas, Gotha 1817—1823, 50 Bl. nebst Supplementen bis 1833, 75 Bl. (neueste Ausg. von Berghaus u. Petermann, ebend. 1879 ff. in 95 Bl.), von dem er auch eine mittlere Ausg. von 63 u. eine Auswahl von 31 Bl. veranstaltete. Sein Schulatlas erschien 1877 das. in 58. A. Hervorzuheben ist auch sein Atlas von Deutschland nebst Niederlanden, Belgien u. Schweiz in 25 Bl., n. A. das. 1867. 2) Karl Joseph, bekannter Porträtmaler, geb. 1. Nov. 1781m Mainz, st. 9. April1858in München, Sohn des kursürstl.Hofmedailleurs I.Fried. S.inMaiuz, Schüler Fügers in Wien, derihnvon derMiniatur- zur Ölmalerei führte, reiste nach Ungarn, Polen u. Paris, wo er unter David u. Gerard studirte, ging 1811 nach Italien u. 1812 nach München wo er sich 1820 häuslich niederließ. Vom Könige von Bayern zum Hofmaler ernannt, war S. bald der Liebling der deutschen Höfe u-. Aristokratie. Von ibm die bekannte Schönheitsgalerie in der Münchener Residenz u. das PorträtGöthes in derNeuen Pinakothek Stiergefccht. daselbst. Sein Colorit ist besser als seineZeichnung. Von S. auch ein Altarbild in der St. Leonhardskirche in Frankfurt a. M. 3) Karl, Schriftsteller u. Dichter, Sohn des Vor., geb. 15. Dec. 1842 in München, studirte die Rechte, trat, nachdem er größere Reisen gemacht in den bayer. Staatsdienst, den er jedoch bald wieder verließ, um sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Seine Arbeiten sind meist Essays, Schilderungen—Textezu illustrirtenPracht- werken — n. dann größere n. kleinere Dichtungen in oberbayer. Mundart. i) Schroot. L) R-gnet. Stier, das männliche Rind. Stier (Astr.), das 2. Zeichen des Thierkreises (6) n. Sternbild zwischen 46°—87° Rectascension u. 0°—28" nördl. Deklination, hat nach Heis 188 dem bloßen AugesichtbareSterne, worunter sich verschiedene auszeichuen, z. B. die Plejaden mit Alky- one, die Hyaden mit Aldebaran, ferner 2 Tterne 2. u. 3. Größe, welche die Hörnerspitzen andeuten. Er soll den S. bedeuten, in welchen Jupiter sich verwandelte, als er die Europa entführte. Stier, Ewald Rudolf, bedeutender theologischer Schriftsteller, geb. 17. März 1800 in Fraustadt (Posen), studirte 1815—21 in Berlin u. Halle erst Jura, dann Theologie und wurde, nachdem er noch das Seminar in Wittenberg besucht hatte, erst Lehrer im Litauischen, 1824 Lehrer am Missionshause in Basel, pastorirte dann von 1829—1847, wurde 1850 Superintendent in Schkeuditz, 1859 in Eisleben u. st. 16. Dec. 1862. Sein Hauptwerk ist: Die Reden des Herrn Jesu, 1843—48, 6 Thle., 3 A. 1865 fs., im Auszuge als: Die Worte des Wortes, Barm. 1856—59,3Thle.; dann: DieReden der Engel in der Hl. Schrift, ebend. 1861; außerdem schr.erKatechetisches,Predigten, Commentarzu verschiedenen Briefen des St. T., Christliche Gedichte, Bas. 1825 u. Barm. 1845 u. gab u. A. mit Theils die,Handpolyglotteubibel l853ss. heraus. Seine Biographie von seinen Söhnen, Wittenb. 1867 f.,2 Bde. Stiergefecht (Tauromachie), der Kampf von Menschen mit Stieren zur Belustigung der Zuschauer. Die S-e waren schon bei den Griechen, namentlich in Thessalien, gewöhnlich u. wurden hier bei besonderen Festen (Taurokathapsia) angestellt. Solche S-e wurden auch in Rom, zuerst unter Jul. Cäsar, dann unter den Kaisern gegeben; die Kämpfer hießen hier Panrooontas od. Nanrarii. Im Mittelalter waren die S-e noch bei Thierhetzen gewöhnlich, wo die Stiere mehr mit Hunden, als mit Menschen kämpften. Reste davon haben sich hier n. da erhalten; so war in Wien die Hatz, wo Stiere mit Bullenbeißern kämpften; in England hieß der Kämpfer zu Pferde, welcher dem Stier die Knieflechsen zu zerhauen suchte, Loelcvtor; in Rom waren früher wöchentlich zweimal im Mausoleum Augusts die sogen. lÄostro (Thierhetzen), wo ein halbes Dutzend abgemagerter u. entkräfteter Ochsen von vier Männern mit Knitteln geneckt wurden, dann folgten Kämpfe der Stiere mit den Bullenbeißern» welche von den Stieren oft 20 Fuß weit geschleudert wurden, und zuletzt Angriffe der Stiere auf den in der Mitte aufgehängten Popanz. Nach mehrmals von Kaisern und Päpsten ergangenen Verboten dieser Thierhetzen, verbot sie zuletzt der Papst Leo XII., aber die Franzosen führten sie nach der Besetzung Roms 1849 wieder ein. Die berühmtesten aller S-e Stieringm-Wendel — Stift. 5 sind in Spanien, wo sie schon zu der Römer Zeiten üblich waren. Meist findet das S. in größeren Städten in eigenen Amphitheatern mit Logenreihen (in Madrid in dem Oiroo Os los torsros) statt; um die Arena herum läuft eine 5 Fuß hohe Barriere (La- rancin) von starken Bohlen, welche von Strecke zu Strecke enge Zwischenräume hat, um die fliehenden Kämpfer aufzunehmen. Ost überspringt der Stier solche Barrieren. In anderen Städten, wie sego- via u. Vitoria, sind die Hanptplätze der Stadt zu solchen S - en vorgerichtet. Die Stiere werden in Andalusien durch Kühe (Mandarinen) in ein Gehege gelockt n. die wildesten u. unbändigsten ansgewählt. Den Tag vor dem S. halten sie ihren feierlichen Einzug (Lnoisrro) und werden jeder in ein besonderes Behältniß dicht am Circus der königlichen Loge gegenüber gesperrt. Die Kämpfer (st'oroaäorss zu Pferde, Porsros zu Fuß) sind gewöhnlich gemie- thet, oft aber auch freiwillig; eine ganze Kämpferschaar heißt OuaäriUa, sie haben einen Führer und lassen sich oft gleich im Ganzen zu S-en engagi- ren. Zuerst erscheinen die kioaäorss auf schlechten Pferden, denen die Angen verbunden sind, pelotonweise reitend, in alter spanischer Tracht, bewaffnet mit einer langen Lanze (6nrrooston). Die Picadores umreiten den Platz u. stellen sich den Behältern der Stiere in der Mitte des Circus gegenüber auf. Mit den Picadores zugleich erscheinen in Quadrillen die Ollulos (Lapsaäoros) zu Fuß, mit Bändern bedeckt u.eiue lange aufgerollte seidene, meist rothe, himmelblaue od. gelbe Schärpe in der Hand tragend, sie umschreiten den Platz ».verlieren sich durch die Zwischenräume derBarriere. Endlich kommen die Espadas,die Hauptfechter, seingekleidet, in der Rechten den bloßen Stoßdegen, in der Linken die Llulstn (einen kleinen Stab mit einem glänzenden Seidenzeug), umziehen den Circus u. verlassen ihn. Auf einen Trompetenstoß öffnen sich die Flügelthüren des ersten Stalles, der Stier stürzt in den Circus, stutzt über die Zuschauer, welche ihn mit Freudengeschrei u. Schwenken der Tücher bewillkommen, sucht einen Ansgang u. rennt, da er diesen nicht findet, auf den nächsten Picador zu. Dieser empfängt ihn mit der Lanze u. sticht ihn ein wenig in die Schulter, u. so geht es bei den andern, bis einer stürzt u. sein Pferd vom Stier zerrissen wird. Um den Picador zu retten, kommen jetzt die Chulos hervor, umschwärmen den Stier n. werfen ihm die Schärpen an den Kopf. Bei den S-en besteht ein großer Theil der Sicherheit der Kämpfer in der Geschicklichkeit der den Stier Rufenden (Oiamars). Versteht ein solcher Clamar seine Kunst gut, so läßt auch der wllthendste Stier von seiner Beute ab u. wendet sich gegen jenen. Ost tödtet ein Stier 9 bis 12 Pferde, ehe er ermattet. Scheint diese Ermattung einzutreten, so ziehen sich die Picadores zurück u. die Chulos ergreifen die Lancisril- los (kleine, 2 Fuß lange Stöcke, mit einer, wie ein Angelhaken umgekrümmten Spitze, welche im Innern mit Schwärmern od. anderen Feuerwerken gefüllt sind) und werfen dieselben von vorn über die Hörner weg auf den Stier. Endlich setzt sich ein Espada, von einer Quadrille Chulos unterstützt, gegen ihn in Marsch. Er bewegt seine Muleta, auf welche der Stier mit geschlossenen Augen losrennt. Indem er nun unter dem linken Arme durchrennt, stößt ihm der Espada den Degen durch die Brust, der Stier fällt nieder, der Espada aber zieht den Degen wo möglich sogleich aus der Wunde u. salu- tirt mit demselben das Publikum. Vivats u. Bravos grüßen den Sieger, ein Regen von Bonbons, Confect u. Blumen, ja selbst von Gold- u. Silbermünzen überschüttet ihn, während, wenn der Stier noch nicht völlig getödtet mit dem Degen im Nacken den Circus dnrchrennt, der Espada ausgezischt und der Stier von Knechten, die nicht zu den Stierkämpfern gehören und Matadores heißen, vollends getödtet wird. Ost werden so 8 bis 12 Stiere an einem Tage bekämpft. Auch in Spanien schaffte König Karl IV. die S-e ab, aber als Joseph 1808 König wurde, stellte er sie, um sich die Gunst des Volkes zu erwerben, wieder her u. sie bestehen bis heute. Napoleon III. versuchte nach seiner Verhei- rathung mit Eugenie von Montijo, einer geborenen Spanierin, die S-e auch in Frankreich einzuführcn, fand aber damit keinen Anklang. Auch in SAmerika hat man S-e u. die dortigen Eingeborenen wissen die Stiere mit dem Lasso zu umschlingen u. zu sangen. Hemie-Am Rhyn.* Stieringen-Wendel, Fabrikdorf im Kreise Forbach des deutschen Negbez. Lothringen (Elsaß- Lothringen) , Station der Saarbrücker und Elsaß- Lothring. Eisenbahnen; bedeutende Eisenwerke, namentlich mit sehr beträchtlicher Fabrikation von Eisenbahnschienen u. Langschwellen; 1875: 3671 Ew. In der Nähe zahlreiche Stcinkohlcngruben. Stiersucht (Brüllerkrankheit), eine bei Kühen vorkommende Krankheit, die sich durch häufige und sehr heftige Äußerungen des Geschlechtstriebes zu erkennen gibt. Sie ist in der Regel eine Folge krankhafter Entartungen der Eierstöcke u. stellt sich bes. häufig bei der Perlsucht ein. Sie läßt sich nur durch Castration beseitigen. Stift, das (Mehrzahl die Stifter), 1) eigentlich Gestift, ein Capital oder Grundstück, dessen Zinsen oder Renten von dem Geber zu einem bestimmten, bes. zu einem öffentlichen Gebrauch, zu Hospitälern, Armenhäusern u. dgl. vermacht od. geschenkt worden sind; 2) ein auf ewige Zeiten zu gottesdienstlichem Gebrauche bestimmtes Gebäude und zu eben diesem Behnfe geschenkte Güter; 3) die Corporation von höheren Geistlichen (Capitel) an einer Metropole, Kathedrale, Collegiat- oder Klosterkirche, dann auch die solchen Corporationen gehörenden Gebäude, Grundstücke. Je nachdem das S. sich am Sitze eines Erzbischofs od. Bischofs od. anderswo befindet, heißt es Erz°S., Hoch-S. (Dom-S., s. d.) od. Col- legiatstift. Der Ursprung der S-er ist im 8. u. 9. Jahrhundert zu suchen, wo die den Rath deS Bischofs bildenden Geistlichen ein gemeinsames Gebäude (Llonastsrimn, Münster, daher die S-skirche auch Mllnsterkirche) unter einem Propst zu gemeinsamem Leben bezogen. Sie bildeten die Domcapitel u. führten den Namen Canonici. In ähnlicher Weise organisirten sich die Collegiat-S-er. Da derRcich- thum dieser S-er, welcher meist von Stisungen des Adels herrührte, bald zu bedeutender Höhe stieg, so geschah es, daß nachgeborue Söhne von Königen, Herzögen, Grafen und Freiherren in denselben Aufnahme fanden u. bald die größte Zahl der Canonici bildeten, ja sogar in vielen Hoch-S-ern nur solche Adelige ausgenommen werden konnten, stiftsfähig waren, welche 16 Ahnen aufzuweisen hatten. Selbst 6 Stifter — solche, welche noch Studien machten, wurden unter dem Namen Domicellare ausgenommen. Den Bürgerlichen stand nur der Eintritt in die Unter-u. Neben-S-er offen. Das unbequemeZusammenleben löste sich indessen bald auf u. die Canoniker bezogen gesonderte Wohnungen um die Kirche. Die Stellung der S-er war sowol in kirchlicher als in politischer Beziehung eine bedeutende. Die S-s- oder Domherren waren der Senat des Bischofs,,führten ssäs vaoauto die Verwaltung der Diöcese u. wählten den Bischof, u. die S-er waren zum Theil reichsunmittelbar, besaßen demnach Landeshoheit und Stimmrecht auf den Reichstagen. Infolge der Reformation wurden viele S-er protestantisch, verloren Landeshoheit u. den Bischof, dessen Stelle der Landessürst einnahm. Nur das protestantische Bisthum Lübeck u. das aus gemischten Capitularen bestehende S. in Osnabrück, dessen Bischof abwechselnd ein Katholik u. ein Protestant sein sollte, behielten die alten Rechte. Durch den Lüneviller Frieden (1801) u. den Reichsdeputationshauptschluß (26.Febr. 1803) wurden die Erz- u.Hoch-S- er Mainz, Köln, Trier,Speyer, Worms, Salzburg, Lüttich, Passau, Trient, Brixen, Constanz, Bamberg, Freifing, Eichstädt, Würzburg, Münster, Hildesheim, Paderborn u. Osnabrück u. eine große Anzahl Abteien, Klöster u. adelige Fräu- lein-S-er theils an Frankreich abgetreten, theils zur Entschädigung der Fürsten säcularisirt; das Gebiet dieser Anstalten an den beiden Rheinufern wird auf 1710 H>M u. das Einkommen auf 21,026,000 Gulden geschätzt. Die protestantischen Fürsten ließen dagegen die protestantischen S-er bestehen. Obgleich bei der Säkularisation den Domcapiteln ein bestimmtes Einkommen zugesagt war, so erfolgte dasselbe doch so dürftig, daß die Canoniker zum Theil sich zerstreuten u. viele Bischöfe nach u. nach keine Capitel mehr hatten. Nach dem Wiener Congreß einigten sich die meisten Staaten mit dem Papste über Begrenzung der Diöcese, Einrichtung u. Dotation der Domcapitel wieder. Die säcularisirten od. protestantisch gewordenen S-er erhielten häufig eine besondere Verfassung u. Verwaltung; die Prä- benden der Mitglieder aber wurden in Pensionen verwandelt, die oft mit Ämtern u. Stellen Gelehrter verbunden sind. Nach dem Muster der männlichen S-er bildeten sich schon im 8. Jahrh. auch weibliche aus regulirten Chorfrauen. Die späteren Da- men-S-er (freie weltadeligeDamen-S-er) hatten eine freiere Verfassung u. gewährten vornehmen u. bes. adeligen Fräuleins bis zur etwaigen Heirath Unterkommen, während andere wieder den Genuß der Pfründe auch außerhalb des S-es zulassen, das Heiraihen aber nur gegen Verzicht ans die Pfründe. Davon gibt es jetzt noch sowol katholische als protestantische, wo adelige Mädchen (S-sfräulcin) erzogen u. unterrichtet werden. S-sdamen (S-ssrauen, auch Canonissiunen) sind entweder Erzieherinnen in den S-eru od. Erwachsene, welche neben den Zöglingen Wohnung u. Beköstigung im S. haben oder überhaupt im Besitze einer S-s-Pfründe befindliche Damen. Im S»e selbst leben meist nur die Pröpstin und Vorsteherin und eine kleine Anzahl S-sdamen. 4) Landesabtheilung in den Skandinavischen Neichen , für kirchliche Zwecke u. dem Bisthuin anderer Länder entsprechend. In Norwegen ist das S. zugleich auch politische Eintheiluug. Lagai.- Stiftshütte. Stifter, Adalbert, deutscher Dichter, geb. 23. Oct. 1806 zu Oberplan in Böhmen; studirte seit 1826 in Wien die Rechtswissenschaften, dann die Staatswissenschaften, Mathematik u. Naturwissenschaften, wurde nach beendigten Studien Lehrer des jungen Fürsten Richard Metternich, zog sich 1848 nach Linz zurück, wurde hier 1849 Schulrath für die Volksschulen in Oberösterreich und starb, seit 1865 pensionirt, 28. Jan. 1868. Aus seinen zahlreichen Schriften, Idyllen u. Novellen tritt uns ein bezaubernd frischer Natursinn u. feine Psychologie entgegen. Seine Idyllen u. Novellen erschienen unt. d. Titel: Studien, Pest 1844—51, 6 Bde., neueste A. 1878, 3 Bde., u. unter d. Tit.: Bunte Steine, ebd. 1853, 2 Thle., 5. A. 1876. Nachher erschienen von ihm: Nachsommer (Roman), 1857, 3 Bde., 3. A. 1877, und Witiko (Erzählung), 1865—67, 3 Bde. Sein Nachlaß (Briefe, Erzählungen, Vermischte Schriften) Hrsg. von Aprent. Vgl. E. Kuh, A. S., Wien 1868; Ders., Grillparzer u. A. S., Preßb. 1872; Markus, Adalbert S., Wien 1877. Stiftgewehr (Dorngewehr), von dem franz. Oberst Thouvenin 1844 construirt u. in verschiedene Armeen Angeführt gewesen, hatte im Lauf am Hinteren Ende desselben einen Stift od. Dorn, in welchen das Geschoß durch Stöße mit dem Ladestock eingepreßt, infolge dessen erweitert u. an die Laufwandung angedrückt wurde; vgl. Handfeuerwaffen. Stiftschreiber, so v. w. Drucktelegraph, s. u. Telegraph. Stiftshütte (Zelt der göttlichen Zusammenkunft mit dem Priester, Zelt der göttlichen Offenbarung, hebr. Ohel Moed, auch Nisdikun, Wohnung Gottes genannt), eintragbares Heiligthum der Israeliten. Dasselbe war zuerst in der Stadt Schilo. Die S. war in einen Vorhof, ein Heiliges u. ein Allerheiligstes getheilt. Im ersten war der Opferaltar aus Akazieuholz, mit Erz überzogen. Im Heiligthum war ein siebenarmiger goldener Leuchter aus getriebener Arbeit, ein Tisch aus Akazieuholz, mit Gold überzogen, auf welchem die 12 Schaubrode (s. d. Art.) lagen. Im Allerhciligsteu war der goldene Räucheraltar u. die Bundeslade, innen u. außen mit Gold überzogen u. mit einem Deckel aus Gold versehen, an dem zwei goldene Cherubim die Flügel ansbreiteten. Anfangs scheinen die Israeliten blos die Bundeslade als Erinnerung der Verehrung Gottes gehabt zu haben, u. allmählich erst zur Errichtung u. weiteren Ausschmückung eines Zeltes geschritten zu sein, ja, es scheinen sogar mehrere solcher Zelte bestanden zu haben von der Richterzeit bis zur Zerstörung des Reiches Israel. Solche „Heiligthümer Jsraelsu.HöhenJsaaks" werden erwähntbeiEzechiel und Amos. Zu Sauls Zeit war ein solches in Nob, während die Bundeslade, die zu Elis Zeiten von den Philistern genommen ward, von diesen dann nach Bethschemesch gebracht, dann kam sie nach Kiriath- Jearim, daun unter Saul nach Gibea,von wo sie David nach Zion brachte. (SebachimZ14.) VonSalomo wird erzählt, er habedie Bundeslade u. dieS. sammt allen ihren Geräthen in den Tempel zu Jerusalem gebracht. Während der Trennung Israels in zwei Reiche versetzte man die Errichtung der S. in die Zeit der Wanderung Israels durch die Wüste. Der Erzähler (2. M. Cap. 35 ff.) läßt ebenso den Stamm Juda an der Errichtung theilnehmen, wie die übri- Stiftung — Stigmatisation. 7 gen Stämme; frei von Vorliebe für eines der beiden Reiche, gelten ihm beide in ihrer Vereinigung als Träger des religiösen Ideals; daher läßt er den Oholiab aus dem Stamme Dan, wie den Bezalel, den Urenkel (!) des 40jährigen Kaleb aus dem Stamme Juda an der S. beschäftigt sein; er stößt sich auch nicht daran, woher die Israeliten in der Wüste das Akazienholz u. alle die Kostbarkeiten hatten. Nach späterer Sage soll Jeremia die S. in einer Höhle auf dem Berg Nebo verborgen haben nebst der Bundeslade (s. 2. Makkab. Cap. 2, V. 4). Nach dem Talmud hätte der König Josia die Bundeslade nebst dem heiligen Salböl vergraben (Ho- rajoth 12, Joma 23). Vgl. Popper, Der biblische Bericht über die S., Lpz. 1862. Fürst. Stiftung, eine durch Schenkung unter Lebenden od. Bermächtniß sür den Todesfall (durch Testament) im Sinne des Gebers gegründete Anstalt, sei es zu kirchlichen, bildenden Zwecken, zur Unterstützung von Armen, Kranken u. Waisen rc. sür die Allgemeinheit oder nur für gewisse Kreise, Familien. Vgl. Milde Stiftungen. Stigel, Jo ha nn, neulat. Dichter, geb. 13. Mai 1515 in Gotha oder in Friemar bei Gotha, studirte in Leipzig und Wittenberg Humaniora, wo er sich bald als lat. Dichter auszeichnete u. Melanchthons u. Luthers Freundschaft genoß. 1542 inRegeusburg vom Kaiser als Dichter gekrönt, las er nun in Wittenberg kküloiogiea, ging 1547 nach Weimar und wurde bei der neu begründeten Universität Jena Professor, bei deren Eröffnung 2. Febr. 1558 er die Weiherede hielt. S., der 11. Febr. 1562 st., schr.bes. Reden u. Oarmina, letztere Jena 1660,4 Bändchen. Vgl. K. Göttling, Vita stoll. LtiAsiii, ebd. 1858. Stiglmaier, Johann Baptist, berühmter Erzgießer, dann Bildhauer u. Medailleur, geb. 18. Oct. 1791 in Fürstenfeldbruck bei München, st. 2. März 1844 in München; zeichnete sich schon früh durch Anlage zum Zeichnen aus, kam nach München zu einem Goldschmied in die Lehre u. erwarb in der Sonntagsschule den ersten Preis, wodurch der Direktor des Mllnzwesens, Leprieur, auf ihn aufmerksam wurde u. 1810 seine Aufnahme in die Akademie der Bildenden Künste bewirkte. S. wurde 1819 als Mllnzgraveur angestellt, besuchte im Austrage der Regierung Italien u. machte in Rom seinen ersten Guß: die Büste des Königs Ludwig nach Thorwald- sen. 1822 kehrte er nach München zurück u. wurde Jnspector der königl. Erzgießerei, baute in München ein Gießhaus nach dem Muster des Pariser, lieferte meist Büsten u. Monumente, u. führte in Bayern die Kunst, in Erz zu gießen, wieder ein. Werke: Standbild des KönigsMaximilianI. nach Rauch; der eherne Obelisk in München nach L. Klenze; Schiller in Stuttgart u. Reiterstatue Kurfürst Maximilians in München nach Thorwaldsen; Markgraf Friedrich in Erlangen; 12 vergoldete Statuen bayerischer Fürsten im Thronsaale zu München (von seinem Neffen Miller vollendet); Goethe in Frankfurt, Jean Paul in Bayreuth, Mozart in Salzburg, Großherzog Ludwig von Hessen-Darmstadt in Darmstadt, sämmtlich nach Schwanthaler; der Großherzog Ludwig von Baden in Karlsruhe, Bolivar rc., die Bavaria in München (letztere drei vollendete erst Miller). Von größeren eigenen Plast.Werken ist seineBüste desKö- nigs Max Josef im Bade Kreuth zn nennen. Regnet.' Stigma (gr.), 1) Brandmal, welches in Griechenland u. Rom den Verbrechern, bes. Sklaven, eingebrannt wurde; 2) ein den Hexen eingebranntes Zeichen am Leib; 3) überhaupt Wundenmal; 4) (Bot.), so v. w. Narbe, s. u. Blüthe. Ltigmsria, stammähnliche, gabelförmig verzweigte Pflanzentheile, welche fast cylindrisch, auf einer Seite abgeflacht u. etwas eingedrückt sind, im Innern mit excentrischer Achse, auf der Oberfläche mit kreisrunden, im Quincunx gestellten Narben, an denen oft noch lange, lineale, einfache od. verzweigte Fibrillen sitzen; sind die Wurzeln der Sigillarien u. haben an der Bildung der Kohlenflötze wesentlichen Äntheil genommen. 8. üeoiäss im Devon u. Carbon. Lehmann. Stigmatisation (v. gr. arc/xt«)ist nach Auffassung der Katholischen Kirche eine göttliche Auszeichnung, die darin besteht, daß auserwählten Menschen die Gnade zu theil wird, die Wunden (Stigmata) an ihrem Leibe zu tragen, welche Christo bei seiner Kreuzigung beigebracht wurden. Diese Wunden, heißt es, bluten von Zeit zu Zeit von selbst (Blutschwitzen, Blutwunder), es ist mit diesem Pro- ceß gewöhnlich ein Zustand hoher Ekstase (s. d.) verbunden, außerdem sollen solche Begnadigte Monate u. selbst Jahre laug leben können, ohne, mit Ausnahme der Eucharistie (s. d.), etwas zu sich zu nehmen. Die erste Person, von der man weiß, daß sie der Gnade der S. theilhaftig geworden, ist der h. Franz v. Assisi (s. u. Franz). Später kommen fast nur noch weibliche Personen als Stigmatisirte vor; ihre Zahl mag etwa 60—70 betragen. Von älteren sind zu nennen: Katharina v. Siena um 1380; ein Mädchen in Unna, welches der durch seine Bekämpfung der Hexenprocesse berühmte Arzt Wier beobachtete u. das so viel Aufsehen erregte, daß darüber 1551 in Florenz ein Buch erschien; ferner Ortola de Valenzia um 1592, Johanna von Jesu Maria inBurgos (1613) u.Benedict vonRhegio um 1602; von neueren: Anna Maria Klinker zu Borgloh bei Osnabrück um 1800, die Nonne Emmerich zn Dülmen bei Münster um 1825, eine Stigmatisirte zu Llltzeneder bei Marburg um 1845, Theresia Stä- deln in Wenzingen in der Schweiz. Diese letztgenannten vier wurden als Betrügerinnen entlarvt, die Klinker wurde zu halbjähriger, die Städelu zu dreijähriger Zuchthausstrafe verurtheilt, s. die Gartenlaube Nr. 21 von 1875. In neuester Zeit hat die Belgierin Louise Lateau, ein Bauernmädchen aus Bois d'Haiue im Arr. Charleroi der belg. Prov. Hennegau als Stigmatisirte das größte Aufsehen erregt. Geb. 1851, wurde sie bes. seit 1868 viel genannt, war bald das Ziel vieler Tausenden von Wallfahrern aus allen Ständen und verschiedenen Ländern, und wurde dann Gegenstand eines groß- artigenjournalistischenu. literarischenStreites. Über eine halbosficielle Untersuchung i. 1.1869 imBeisein des Arztes Lefebvre u. des Professors Schwann aus Lüttich,imÜbrigennurGeistlichen,brachtedie Germania voml2.Oct. 1874 ein Protokoll,dessen Charakter als osficielles Dokument jedoch von Prof. Schwann bestritten wurde. In Buchform schrieben über sie: Majunke, L. Lateau, ihr Wunderleben u. ihreBedent- ung im deutschen Kirchenconflicte, Berl. 1874; Le- febvre, I,. I,atsau äs Bois ä'Haiue, oa vis, oso sx- tasss, ses stigmatss.Ltuäs msäicals, Löwen 1873, 8 Stil — deutsch Paderb. 1874; Johnen, L.Lateau, kein Wun- der, sondern Täuschung, Köln u. Lpz. 1874; Jox, L. Latean, Regensb. 1878; Berens, L. Lateau, Paderb. 1878; I. B. Meyer, Der Wunderschwindel unserer Zeit, Bonn 1878; Die Stigmatisirten des 19 . Jahrh. rc., nach authentischen Quellen, heraus- geg. von einem Curatpriester, Regensb. 1877. t. Stil (Styl, v. lat. otilns, der Griffel), die Art zu schreiben, also die Art n. Weise, seine Gedanken, Ansichten, Erfahrungen, Ergebnisse seiner Beob- achtungen u. Studien rc. durch die Schrift zum Ausdruck zu bringen. Je nach dem zu behandelnden Stoffe unterscheidet man den erzählenden (historischen), rhetorischen, philosophischen, geschäftlichen (kaufmännischen, amtlichen) u. poetischen S. Bei letzterem spricht man wieder von einem epischen, didaktischen, lyrischen u. dramatischen S. Von einem Brief-S. als fester Form kann man kaum sprechen, da hier die gegenseitigen persönlichen Verhältnisse zu sehr einwirkenu. das individualistische Elementzn stark vorwiegt. DiesElementverläugnetsichiedoch nie ganz auch bei den anderen S-arteu, und der Ausspruch Bnffons, daß der S. der Mensch sei, will eben sagen, daß jeder Mensch einigermaßen seinen eigenen S. habe u. daß man auch am S. den Menschen erkennen könne. Weiterhin spricht man von einem nüchternen u. blühenden, einem prägnanten (knappen) u. weitschweifigen, einem trockenen (matten) n. lebendigen S. rc. Erfordernisse eines gutes S«s sind: Deutlichkeit n. Klarheit des Gedankens bei wohlbe- mcssener Abrundung desselben, Reinheit u. Richtigkeit der Sprache, Bestimmtheit u. richtige Wahl des Ausdrucks, möglichste Vermeidung eines zu großen Gleichklanges der Vocale u. einer zu starken Anhäufung der Consonanteu u. einsilbiger Wörter, so- wie der Einförmigkeit in der Satzbildnng. Stilistik ist die Theorie des S-s. Vgl. W. Wackernagel, Poetik, Rhetorik u. Stilistik, Halle 1873; Fischer, Lehrbuch der Stilistik, Metrik u. Poetik, Langensalza 1879. In der Kunst versteht man unter S. das Eigen- thümliche n. Charakteristische des Hervorgebrachten in Bezug auf eine gewisse Richtung od. einen Typus; dann auch das bei dem Kunstwerk hervortre- tende individuell Eigenthümliche, also die jedesmalige künstlerische Manier. Dann sagt man auch von einem Kunstwerk, es habe S., um damit seine Vollendung nach einer gewissen Richtung anzndeuten. Amhäufigsten wird derAusdrnck S. bei derBaukunst (s. d.) angewendet. Vgl. Semper, Der S., 2. A. München 1878, 2 Bde. Endlich braucht man ihn zur Bezeichnung der verschiedenenZeitrechnung nach deni Julianischen (Alter S.) u. Gregorianischen Kalender (Neuer S.); elfterer noch in Rußland gebräuchlich, obwol mit der Einführung des NeuenS-s aus dem Gebiete der Astronomie und Meteorologie schon der Anfang gemacht worden ist. Beide weichen um 12 Tage von einander ab; so datirt man ^ Febr., d. h. den 11. Febr. nachdem alten u.den 23. nach dem neuen S. t. Stilbit (Heulandit, Blätterzeolith),Mineral, kry- stallisirt im monoklino'edrischen System; die Kry- stalle sind meist tafelartig, selten säulenförmig, einzeln ausgewachsen od. zu Drusen vereinigt; auch in krystallinischen blätterigen Massen; Bruch uneben; Härte 3 bis 4, spec. Gew. 2,i bis 2,?; farblos, gelb- Stilicho. lichweiß, graulichweiß, ziegelroth, braun, Perlmutter- n. glasglänzend, durchsichtig bis durchscheinend; besteht ans kieselsaurer Thonerde, kieselsaurem Kalk u. Wasser; erhitzt gibt er Wasser ab, vor dem Löth- rohr blättert u. bläht er sich auf u. schmilzt zu einem weißen Email; Salzsäure zersetzt ihn unter Abscheidung von Kieselerde. Findet sich häufig in Blasenräumen der Mandelsteine auf den Färöer, auf Island , Nertschinsk in Sibirien, Kilpatrik in Schottland, Fassathal. Stilet (v. Jtal.), so v. w. Dolch. . Stilfs (Stelvio), Dorf im Tiroler Bez. Meran (Österreich),amTrafoibach; etwa700Ew.; brannte 21. Nov. 1882 zum großen Theile ab. Es liegt an der Straße über dasStilfserjoch (Monte Stelvio, WormserJoch, ein nordwestl. vomOrteler gelegener Gebirgsrücken der Orteler Alpen), der höchsten fahrbaren Straße in Europa, welche über das Dorf Trafoi (1548 m) auf die Paßhöhe zu 2782 m Höhe in 48 Windungen hinauf u. von dort in 38 Windungen in das Braugliothal u. von da weiter durch mehrere Galerien in das Thal von Worms (Bormio, 1223 m) in der ital. Prov. Sondrio hinabführt. Auf der Paßhöhe steht ein Arbeiterhaus u. in dessen Nähe eine Säule, welche die Grenze zwischen Tirol und Italien bezeichnet. Auf der ital. Seite in 2535 m Meereshöhe liegt die Cantoniera S. Maria, zugleich ital. Mauthamt. Die Straße, welche den Vintschgau in Tirol mit dem Veltlin in Italien verbindet, wurde unter Franz I. 1820—25 angelegt u. seitdem bis 1834 Lurch das Veltlin zum Comersee bis Lecco weitergeführt. Der Oberingenienr Carlo Donegani, unterstützt von Francesco Dominici u. Philipp Fer- renti, hat die Straße gebaut. Hier 28. Juni 1848 zwischen den österreichischen Truppen u. den Mailänder Freischaaren ein Gefecht, in welchem die Letzteren znrückgeschlagen wurden. H- Berns. Stilrcho (Stilico), Vandale, erhielt, nachdem er bei einer wichtigen Gesandtschaft an den persischen Hof sich große Verdienste erworben hatte, nach seiner Rückkehr von Theodosius dem Gr. die Hand seiner von ihm adoptirten Nichte Serena. Er stieg dann allmählich von der Stufe eines Befehlshabers der Reiterei u. eines Commandeurs der Haustruppen bis zur höchsten Würde eines Generalissimus über sämmtliche abendländische Truppen des Reiches. Bei der Theilung des Reiches nach Theodosius' Tode 395 n. Chr. wurde S. Vormund des Honorius, der erst S-s ältere Tochter Maria, dann nach deren Tode die jüngere, Thermantia, heirathete. S. sicherte zunächst die Grenze gegen die Germanen, kämpfte i. I. 397 erfolglos im Peloponnes gegen Len Westgothenkönig Alarich u. dämpfte im folg. I. den Aufstand der Mauren unter Gildo. Des Alarich u. seiner Gothen, welche auf des Arcadius Veranlassung seit 400 stete Einfälle in Italien machten, entledigte sich S. nach mehreren unentschiedenen Schlachten durch Jahrgelder u. durch die Übertragung der Statthalterschaft von Westillyrien. Als im Jahre 406 zahllose Völkerschwärme vom Rhein u. von der Donau her unter Führung des heidnischen Gothen Radagais über die Alpen brachen, rettete S. Italien durch seinen Sieg bei Fäsulä. Trotzdem erlag der große Mann, die letzte Stütze des sinkenden Römerreiches, denHofintriguen; er wurde am 23. Aug. 408 zu Ravenna ermordet. S. ist. Stilke — Stilo. 9 mittelbar oder unmittelbar, der beständige Gegenstand der Lobgedichte Claudians, während er S-s Gegner, die Minister des oström. Reiches Rnstnus u. Eutropius, scharf geißelt. Schmitz. Stilke, 1) Hermann, Historienmaler, geb. in Berlin 29.Jan. 1803, st. das. 22. Sept. 1860; bildete sich zuerst an der Berliner, dann seit 1821 an der Münchener Akademie, hier u. in Düsseldorf später unter Cornelius. 1827—33 lebte S. in Italien, kehrte dann nach Düsseldorf zurück n. siedelte 1850 nach Berlin über, wo er 1854 zum Titularprofessor ernannt wurde. S. bekundet seinen Sinn für das Schöne u. sorgfältige Ausführung, zeigt aber wenig Energie u. noch weniger Originalität. Werke: Fresken in den Münchener Hofgarten-Arkaden, Wandbilder im Schlosse Stolzenfels, im königl., Schlosse zu Berlin, im Schauspielhaus in Dessau, Ölbilder: Die Macht der Kreuzfahrer; St. Georg mit dem Engel; Pilger in der Wüste; Die Jungfrau von Orleans; Die letzten Christen in Syrien; Die Söhne Eduards (jene im Königsberger, diese im Berliner Nationalmuseum); Tristan u. Isolde; Die Amazo» nen;Judith u.Holofernes. 2)Hermine,desVor. Gattin, geborene Peipers, geb. 1808, st. 23. Mai 1869 in Berlin, malte mit Geschmack u. sein poetischem SinneBlumen,Früchterc.inWasserfarben, indem sie die Blumenmalerei zur symbolisch-schmücken- den Begleiterin von Schrift u. Wort umzugestalten suchte. Ihre Albums n. Albumblättcr geistlichen u. weltlichen Inhaltes, zu der sie außer Blatt u. Blume, Frucht u. Arabeske selbst das landschaftliche Element in sinniger Weise verwendete, sindsehrgesncht. Regnet. Stille Mcffe (Privatmesse), jene Messe, bei welcher in der alten Kirche der Unterricht wegblieb, der Priester allein das Abendmahl empfing u. statt der Gemeinde ein einziger Altargehilfe (Meßdiener) an den liturgischen Verrichtungen theilnahm. Dieser Act wurde später dann täglich u. im Angesichte des versammelten Volkes verrichtet. Stillen der Kinder, s. Säugen. Stiller Kompagnon, stiller Gesellschafter, s. Handelsgesellschaften ck). Stiller Freitag, so v. w. Charsreitag. Stiller Ocean (Stilles Meer, Südsee), so v. w. Großer Ocean. Stille Woche, so v. w. Charwoche. Stillfried-Rattonitz (Ratenicz), ein ursprünglich aus Böhmen von dem Herzog Stoymir (d. h. Stillfried) von Przemysl, welcher Ende des 9. Jahrh. lebte, herstammendes Geschlecht, welches sich nach Österreich wandte, wo es die Burg S. an der March innehatte, u. von da im 14. Jahrh. zum Theil nach Schlesien kam. Es wurde 1680 in den Frciherrn- stand u. in einigen Linien 1792 in den Reichs- und 1794 u. 1861 in den preußischen Grasenstand erhoben. Aus der Preußischen u. zwar Jüngeren gräfl. Linie stammt Graf Rudolf Maria Bernhard, Sohn des 1846 verstorbenen Freiherrn KarlJgnaz, geb. 14.Aug. 1804, wurde 1858 zu Lissabon zum Granden 1. Klasse von Portugal mit dem Titel eines Grafen von Alcantara ernannt, 1859 in dieser Würde von Preußen bestätigt u. 1861 in den prenß. Grafenstand erhoben; er ist prenß. WirklicherüIeheimer Rath, Oberburghanptmann des Schlosses Hohen- zollern, Oberceremonienmeister und Ceremonien- meister des Ordens vom Schwarzen Adler, Mitglied der Generalordenscommission, Vorstand des königl. Heroldsamtes u. Hausarchivs u. Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Er gab heraus: Alter- thümer n. Knnstdenkmale des Hauses Hohenzollern, Stuttg. (die späteren Hefte) Bert. 1838—43,5 Hefte, Neue Folge, Berl. 1853 ff.; Genealog. Geschichte der Burggrafen von Nürnberg, Görlitz 1843; Llo- numsnts 2o1Igrs.ua. (Urkundenbnch zur Geschichte des Hauses Hohenzollern), Halle (die späteren Bde.) Berl. 1843—62, 7 Bde.; Der Schwanenorden, sein Ursprung u. Zweck, Halle 1845; Preußens Monarchen (7 Lithographien mit Text), Berl. 1847; Beiträge zur Geschichte des Schlesischen Adels, ebd. 1860; Das Haus Hohenzollern, ebd. 1871; Die Krönung des Königs Wilhelm -c., ebd. 1872; Die ältesten Grabstätten des Hauses Hohenzollern, ebd. 1874; Friedrich Wilhelm III. u. seine Söhne, ebd. 1874; Die Titel u. Wappen des prenß. Königshauses, histor. erläutert (mit Abbild.), ebd. 1875; Kloster Heilsbronn, ebd. 1877. «-Mi.* Stillgericht, so v. w. Fehmgerichte. 8ti»,'ngia L., Pflanzengatt, aus der Fam. Luplror- biaess.s - Hippomansao (XXI. 8.); 8. ssblksrs. MieLw. (Talgbaum), kleiner, ästiger, in China heimischer u. bes. in den Thälern von Chusan häufig vorkommender Baum, mit glatten, langgespitzten, rautenförmig-eiförmigen Blättern, gelben, tranben- ständigen Blllthen, dreieckigen, holzigen Samenkapseln, die 3 Samen in ein weißes, dem Walrath ähnliches Fett eingehüllt enthalten, das ans den Früchten durch Stoßen u. Erhitzung mittelsDampf ausgeschieden u. zur Bereitung von Kerzen benutzt wird. Engl-r. Stillleben (franz. nsturs morde, ital. rixoso), ein Gemälde, welches leblose Gegenstände in künstlerisch arrangirter Zusammenstellung zur Darstellung bringt. Im weiteren Sinne gehören also auch das Frucht- u. Blumenstück dazu, im engeren dagegen beschränkt sich Sie Darstellung gewöhnlich auf todtes Wild, alte Bücher, Antiquitäten, wie alte Krüge, Muscheln, Sanduhren, Todtenköpfe u. dgl. Zuweilen wird solchen Zusammenstellungen noch dadurch eine gewisse Bedeutung verliehen, daß ein lebender Mensch — aber nur als Staffage — hinzugefügt wird, so ein Eremit in seiner Höhle, die mit allem möglichen Kram ansgestattet ist, ein Gelehrter in seinem Stndirzimmer, ein Antiquitätenkrämer rc. Das S. wurde zuerst u. in ausgedehntestem Maße von den Holländern cultivirt, namentlich zeichneten sich aus de Heem, Snyders, I. Fyt, Weenix u. A.; in neuerer Zeit ragen hervor Preyer, Hoguet, Lehnen in Deutschland, Rousseau in Frankreich u. A. Das S. ist in der Reihe der verschiedenen Gattungen der Malerei die niedrigste, weil es sich auf Darstellung der bloßen Realität beschränkt; sein künstlerischer Werth beruht daher, abgesehen von der technischen Meisterschaft in der Wiedergabe treuester Naturwirklichkeit , hauptsächlich in der reizvollen Anordnung der Details n. dem schönenGesammtcolorit. Schasler. Stilllvatcr, Hauptort des Washington County im Nordamerika». Unionsstaat Minnesota, am St. Croix; Eisenbahnknotenpunkt, bedeutender Holzhandel u. Bergbau auf Kupfer; 4124 Ew. (1870). Stilo , Stadt in der ital. Prov. Reggio di Calabria, am Stillaro; Weinbau,Seidenzucht;2684Ew. Das gleichnam. Vorgebirge schließt südl. den Golf von Squillace. 10 Stilpiiosiderit — Stimme. Stilpnosiderit (Eisenpecherz), amorphes Mineral in nierensörmigen, stalaktitischen Massen, als Überzug, in Trümmern, derb u. eingesprengt; Bruch muschelig bis eben, glatt, spröd; Harte 4 bis 5, spsc. Gew. 3,g bis 3,g, pechschwarz bis schwärzlichbraun, Strich hoch gelblichbraun, stark fettglänzcnd, undurchsichtig. Chem. Zusammensetzung diejenige des Göthits od. des Brauneisenerzes. Findet sich häufig in Begleitung von Brauueisencrz. Lehmann. Stjlpo, griechischer Philosoph aus Megara, um 300 v. Ehr., Schüler des Euklides, erregte durch seine Philosophie großes Aussehen u. zog viele Schü- ler anderer Philosophen an sich. Der ihm vorge- worfene Atheismus beschränkte sich auf einen Scherz, welchen er auf eine Pallasstatue in Athen gemacht hatte; doch mußte er deshalb die Stadt verlassen. S. starb in hohem Alter. Unter seine Schüler gehörte u. A. auch Zeno. Seine neun Dialoge sind verloren gegangen. Er empfahl durch Lehre u. Leben das Streben nach Unabhängigkeit von äußern Eindrücken u. nach innerer Selbstgenügsamkeit. Specht. 8tilus, Griffel, s. u. Blüthe VIII., S. 574. Stimmbänder, s. u. Kehlkopf. Stimme (lat. Vox), der Inbegriff der Töne, welche von Menschen, dann auch von Thieren hervorgebracht werden können; im engeren Sinne derjenigen, welche durch das Athmen hervorgebracht u. namentlich in dem Kehlkopse erzeugt werden. Unterden Säugethierengibtesnur wenige, welche ganz stimmlos sind (der Ameisenbär, das Schuppenthier u. die denFischen nahe stehenden Cetaceen). BeidenVögeln dagegenistdie S. vorzugsweise ausgebildet, am meisten beidenSingvögeln; auchsindetman einzig in dieser Thierklasse das Vermögen einzelner Arten, nicht nur die menschliche S. im Allgemeinen, sondern auch wegen breiterer u.LickererZuuge menschlicheSprach- laute nachzuahmen. Die Reptilien zeigen wenige Ausbildung der S.; nur einige haben eine laute S.; bei vielen, wie bei den Schlangen, besteht sie nur in einer Art von Zischen; mehrere sind ganz stumm, wie die Schildkröten u. a. Die Laute, welche einige Fische u. Jnsecten von sich geben, gehen durch mechanische Bewegungen, bei den Jnsecten der Flug- Werkzeuge hervor. Der Kehlkopf, namentlich in seinem Übergange zur Luftröhre, ist bei den Thieren höherer Ordnung das eigentliche Stimmorgan, als dessen Hilfsorgane die Lungen, die Luftröhren, die Rachen- u. Mundhöhle dienen. Der Kehlkopf ist ein membranöses Zungenwerk, das von der Lunge u. Luftröhre aus angeblasen wird u. dadurch Klänge erzeugt, die theils durch die wechselnde Spannung der inihm ausgespanntenschwingendenMembranen, theils durch die veränderliche Gestaltung der die Bedeutung eines Ansatzrohres erfüllenden Rachen- und Mundhöhle modificirt werden können. Die Möglichkeit, verschiedene Töne in der Kehle hervorzubriu- gen od. zu singen, liegt zunächst in der Fähigkeit, die Stimmritze durch Muskelthätigkeit während derAus- stoßnng der Luft zu erweitern u. zu verengen. Ein tieferer Ton hat eine weitere, ein höherer eine enge Stimmritze zur Bedingung; zugleich wird bei hohen Tönen der Kehlkopf mehr in die Höhe u. vorwärts gezogen, bei de» höchsten Tönen auch wol das Haupt zurückgebeugt; bei den tiefen Tönen dagegen wird der Kehlkopf niedergezvgen, bei den tiefsten werden wol auch die Schultern gesenkt u. der Kopf auf die Brust geneigt. Die menschliche S. bewegt sich innerhalb der Tonhöhen von 3ß Octaven; im Mittel hat ihr tiefüer Ton 80, ihr höchster 1024 Schwingungen in der Secunde. Jedoch erstreckt sich selten der Umfang einer einzelnen S. über zwei Octaven. Menschen, deren Stimmorgan wenig ausge- bildel ist, vermögen oft kaum eine Octave zu durchsingen, Geübte dagegen wol bis zu drei Octaven. Doch sind immer, auch bei Knnstsäugern, entweder die höher» od. tiefer» Töne vorzugsweise ausgebil- det u. reiner. Die Biegsamkeit u. Nachgiebigkeit der Theile des Kehlkopfs entscheidet hierbei das Meiste; daher die S. von Knaben u. Frauen einen größeren Umfang hat; in dem hohen Alter widerstehen die die L-timmorgane bewegenden Muskeln noch früher der leichten Beweglichkeit, als es bei anderen Muskel- Partien der Fall ist; daher alte, gute Sänger selten sind. Die Stärke des Tones u. die gleiche Haltung desselben beruht auf denselben Bedingungen, wie die der S.; Alles, was die S. beeinträchtigt, wie katarrhalische Beschwerden u. Lungenkraukheiten, beeinträchtigt das Singen. Außer der Verschiedenheit, welche die vier verschiedenen S-n: Sopran, Alt, Tenor u. Baß, als Töne haben, kommt bei ihnen bes. die Mitwirkung der übrigen Mundtheile in Betracht. Bei Knaben, welche nicht castrirt werden, verliert sich die Sopran-S. zur Zeit der Pubertät u. wird dann zur tieferen Altstimme. Im fortgehenden Alter entwickelt sich nun, je nachdem die Kehle sich mehr erweitert, eine Tenor- od. Baß-S. Eigentlich ist die Tenor-S. die natürliche Männer-S. in ihrer vollkommenen Ausbildung, so wie die Sopran- S. die der Frauen, von welcher sich die Castra- ten-S. nicht sowol durch Gefälligkeit des Tons, als durch die Stärke, bei welcher zugleich die Reinheit erhalten bleibt, unterscheidet. Der Ton bei der S. bildet sich zunächst von der Stimmritze aus. Die Stärke des Schalles hängt, außer von der Kräftigkeit des Brustbaues u. der mehreren od. minderen Ausbildung der Lungen u. der Luftröhre mit ihren Ästen, von der mehreren od. minderen Erweiterung des Kehlkopfs, sowie von seiner Consistenz ab. An den Erschütterungen des Kehlkopfs mag auch wol selbst die Luftröhre, ebenso der Kehldeckel theilneh- men. Auch die Weichgebilde des Mundes und der Nase tragen durch Muskelanspannung wesentlich zur Resonanz, ja selbst zur Bildung des Tons bei. Jn- nervirt wird das Stimmorgan von dem oberen u. unteren Kehlkopfnerven, Äste des zehnten Hirnnerven; die beiderseitige Durchschneidung dieser Äste od. des Nervenstammes od. endlich die des elften Hirnssogen. Bei-)nerven innerhalb der Schädelhöhle hat Stimmlosigkeit zur Folge. Bedeutend u. eigenthüm- lich wirken die Geschlechtsfunctionen auf die S.; die Vögel singen zur Begattungszeit mehr und eigen- thümlicher; das Weib erhält nach der Pubertät erst Metall der S.; der Mann nach der Pubertät u. erst durch dieselbe den ihm eigenthümlichen Ton, Baß oder Tenor. Störungen im Organismus, bes. des Nervensystems u. in dem Respirätiousorgan, erzeugen bedeutende Veränderungen der S. , welche dieselbe in Krankheiten zu einem wichtigen Zeichen machen. Die S. kann aber im krankhaften Zustande entweder ganz fehlen (^xlionia), od. krankhaft verändert sein (karaplronia, Laoopironia). Die meisten der Affeclionen kommen symptomatisch vor, nur sel- Stimme. II ten wird die eine od. die andere als primäre Krankheit beobachtet. Vgl. Guttmann, Gymnastik der S., з. A. Wien 1876. »- M-ring. Stimme (Musik), 1) (ital.karto, franz. kartis), der bestimmte Antheil, welcher jedem einzelnen ausführenden Organ an einem Musikstücke zufällt; es gibt in diesem Sinne Sopran-, Alt-, Tenor-, Baß-, Violin-,Flöten-, Clarinett- u. a., Haupt- ».Neben-, Ober-, Mittel-, Unter-, erste, zweite rc., Solo-, Ri- pien-, Chor- u. Füll-S-n. Stimmführung wird der bestimmte Gang jeder einzelnen Stimme eines mehrstimmigen Tonstückes genannt. Dieselbe richtet sich darnach, ob das Musikstück für Singstimmen od. Instrumente geschrieben ist; im ersteren Falle sollen dieS-n sangbar, d.h. melodisch abgerundet geführt fein, im letzteren Falle wird die Stimmführung durch die Technik der Instrumente bestimmt: so ist die Stimmführung für Streichinstrumente eine andere, als für Tasteninstrumente, die für Orgel wieder eine andere, als für Pianoforte rc. 3) (frauz. lleu), die Register einer Orgel. 3) (franz. Lms), Seele, Stimmstock, das bei der Violine zwischen Boden u. Decke eingekeilte Hölzchen, welches bestimmt ist, die Schwingungen von der Decke auf den Boden zu leiten u. dadurch den Ton voller zu machen. 4) Die menschliche S. (lat. vox, franz. voix, ital. voos). Sie ist das einfachste, dabei vollkommenste, an Biegsamkeit, Farbenreichthum und Beseeltheit des Ausdrucks von keinem andern übertroffene Musikinstrument. Zur Erzeugung des Tones dienen hauptsächlich die Stimmbänder, wobei die Stimmritze verengert, die Stimmbänder je nach der zu erzielenden Tonhöhe stärker oder schwächer angespannt und durch die aus der Lunge durch die Luströhre ausströ- mendeLuft inVibratiou versetzt werden. Die menschliche S. stellt demnach weder eine einfache Pfeife mit hindurchdrängendem, je nach der engeren oder weiteren Öffnung der Stimmritze einen höheren od. tieferen Ton gebenden Luftstrom, noch einSaiten- instrument, wobei die Stimmbänder gleichsam die Saiten, derLuftstrom gleichsam dertonerregendeBo- gen, sondern eine Art Zuugenpfeife dar, wobei die Stimmbänder membranösen Zungen, Schlund-, Mund- und Nasenhöhle dem Ansatzrohr gleich kommen. Je nach Alter, Geschlecht und Individualität zeigt die S. verschiedene Gattungen u. Arten. Es gibt Frauen-S-u (denen jene der Knaben ziemlich ähnlich sind) u.Männer-S-n; davon besitzen dieS-n der Frauen wegen des kleineren u. weicheren Kehlkopfes eine höhere Tonlage und helleren, weicheren Charakter, die S. der Männer dagegen mehr Kraft и. Fülle des Tones. Außerdem werden dieFrauen- S-n in den Sopran^e, bisa-,, beiSolistinueumeh- rere Töne, in seltenen Fällen sogar 1 bis 1H Octa- ven darüber), den Alt (kleines k bis 62 u. darüber) und den dazwischen liegenden Mezzosopran, die Männerstimmen in den Tenor (kleines 0 bis a, u. darüber), den Baß (großes t' bis o, u. darüber) u. den dazwischen liegenden Bariton unterschieden. Nicht alle Töne des ganzen Umfanges einer u. derselben S. zeigen den gleichen Klangcharakter, können auch nicht durch denselben Schwinguugsmechanis- mus erzeugt werden. Die Reihen unter sich gleicher Töne nennt man (nach den Orgel-S-n) Register, und die Stelle, wo ein Register aufhört, das andere anfängt, Stimmbruch od. Stimmwechsel. Es gibt ein Brust- oder erstes Register, auch Brustoder Kehl-S. genannt, mit vollen, kräftigen Tönen, wobei die weniger angespannten Stimmbänder der ganzen Breite nach schwingen, u. ein Falsett- od. 2. Register, auch Falsett-, Fistel-, Hals- od.Kopf-S., mit schwächeren, flötenartigen Tönen, wobei durch stärkere Spannung nur die inneren Ränder der Stimmbänder schwingen. Manchmal werden auch 3 Register angenommen u. diese mit Brust-, Falsett« u. Kopfregister bezeichnet. Die Lage der einzelnen Register u. bei den beiden Stimmgattungen ist im Allgemeinen wie folgt. Frauen-S-n: Brustregister kleines ä bis A,, Falsettregister kleines Ii bis a? u. Kopf-S. kz bis s-g; Männer-S-n: Brustregister großes 0 bis k,, Falsettregister kleines ü bis o?. Der Ton, wie ihn der einfache Natursänger hervorbringt, kann wol zufällig Wohlklang hesitzen, ist aber für künstlerischeZwecke ungeeignet, muß erst durch zweckmäßige Übungen soweit gestärkt u. veredelt werden, daß er als etwas von dem Mechanismus der S. Unabhängiges, Freies erscheint, in jeder Lage u. in jedem Verhältniß den höchstmöglichen Grad von Wohllaut, Kraft u. Elasticität darbietet. Die erste Bedingung zur Bildung eines kunstgemäßen Tones ist die Ausnahme einer genügenden Luftmeuge und deren richtig bemessene Verwendung im Verhältniß zur Spannung der Stimmbänder. Ein Mißverhältnis) des Luftstromes zur Spannung der Stimmhän- der bringt einen heulenden oder unreinen Ton hervor. Auf der richtigen Athemführung beruht auch die Elasticität des Tones u. demnach die Lebendigkeit und Ausdrncksfähigkeit des Gesanges. Dieselbe soll ruhig, unbeirrt von den Luftschwiugungeu vor sich gehen u. dabei immerhin die verschiedenstenMo- dificationen anzunehmeu im Stande sein. Das vorzüglichste Stimmbildungsmittel, das sog. messa, äi voos, heruht einzig u. allein auf einer richtigen Ökonomie desAthems, indem derTon bei vollemAthem leise angesetzt, zu immer größerer Kraft angeschwellt und nach und nach wieder zum Verklingen gebracht wird. Zur Verstärkung ».Verschönerung des Tones dient eine entsprechende Mundstellung. Während die Thätigkeit der Stimmbänder ohne directe Einwirkung des Sängers vor sich geht, vermag er dem Tone je nach der verschiedenen Muudstellung einen bald schneidenden u. scharfen, bald wohlklingenden Charakter zu geben; insbesondere ist dieZunge mitZun- genwurzel sehr leicht geneigt, der freien Entfaltung des Tones hindernd in den Weg zu treten und jene falschen Bildungen hervorzubringen, welche unter den Namen Kehl-, Gaumen- u. Nasenklang verpönt sind. Die Zähne u. Lippen dienen dazu, dem Tone mehr Halt ».Festigkeit zu verleihen. Eine nothwen- dige Eigenschaft einer künstlerisch geschulten S. ist die Ausgleichungder verschiedenen Register. Davon sind Brust- und Falsettregister in der Natur des Stimmorgans begründet, während alle übrigen, also auch das sog. Mittelregister des Soprans, auf einer veräudertenMundstellung beruhen. Zweckentsprechende Übungen müssen nun darin ihr Ziel finden, die Übergänge von einem Register in das andere bis zur Unmerklichkeit auszugleichen und so den vollen Umfang einer S. als ein harmonisches Ganze erscheinen zu lassen. Die Voix mixte ist eine ans Brust u. Falsett gemischte Tonbildungsart mit geringerer Anspannung der Stimmbänder n. stär- 12 Stimmgabel — Stinkthiere, Stänker. kerer Luftströmung, die sog. offene S. wird bei emporgezogenem Kehlkops erzeugt; beide sind beiMän- ner-S-n zu treffen, doch ist letztere wegen ihres grellen Charakters und der Anstrengung, welche sie der S. verursacht, zu verwerfen. Zu allem dem tritt dann noch deutliche Aussprache als Resultat eines schnellen u. präciscn Wechsels der Mnndstellung u. jene Innerlichkeit des Gesanges, welche jedem Ton im engsten Zusammenhänge mit der Wort- n. Mu- sikdichtuug den entsprechenden Ausdruck, die entsprechende Farbe, sei cs der Freude oder des Schmerzes rc., verleiht. So hervorragende Gesangskünstler die neuere Zeit auch im Einzelnen anfweist, hat die Gesangskunst doch im Allgemeinen bedeutende Rückschritte gemacht, welche zwar theilweise mit der auf dramatische Accente, declamatorisches Pathos hinweisenden Compositionsweise eines Meyerbeer, Verdi, Wagner ec. zusammenhängeu, aber mehr noch in dem Mangel gründlichen, ausdauernden Studiums ihren Grund finden. Mandl, Die Gesnnd- heitslehre der S. in Sprache u. Gesang, Braunschw. 1876; Sieber, Vollständiges Lehrbuch derGesanges- knnst, 2.A. Magdeb. 1879; M.Garcia, Beobachtungen über die menschliche S. (deutsch mit Vorwort von L.v.Schrötter),Wien 1878; Zopfs, DieBehandlung guter u. schlechter Stimmen, Leipz. 1878; Neclam, Sprache u. Gesang, Stuttg. 1878 Siebenrock. Stimmgabel (franz. Diapason), ein vom engl. Lantenspieler Shore (gest. 1753) erfundenes, ans Stahl verfertigtes Instrument in Form einer Gabel mit 2 langen Zinken n. einem Handgriff; dient zur Feststellung der Stimmung n. ist auf den Ton a gestimmt. Die S. wird mit einem od. beiden Schenkeln angeschlagen n. auf einen festen, resonanzfähigen Körper gesetzt. Da jedoch die Einwirkung der Wärme, z. B. seitens der Hand, eine Veränderung der Tonhöhe hervorznbringen vermag, hat man eigene Resonanzkästchen verfertigt, worauf die S. gesetzt und mit einem beledcrten Hämmerchen angeschlagen wird; um einen noch reineren, als den beim Abklingen etwas in die Höhe gehenden Ton der S. zu erzielen, bedient man sich auch der Stimmpfeife, einer hölzernen Pseife, vermittelst welcher durch einen in die Mündung gesteckten, verschiebbaren Kolben verschiedene Töne angegeben werden können. Stimmhorn,trichterförmigesJnstrnment; dient zum Stimmen der offenen Orgelpfeifen. Zur Er- Höhung des Tones wird der massive, spitze Trichter in die Pseisenmündung hineingedrückt, diese dadurch erweitert, zur Vertiefung des Tones der hohle Trich- ter auf die Pfeisenmnndnng gesetzt, diese dadurch verengert. Stimmrecht, die Berechtigung, in einer öffentlichen Behörde oder politischen Körperschaft sein Ur- theil durch Ja od. Nein, od. bei Wahlen für Körperschaften einem Candidaten seine Stimme zu geben. Von Allgemeinem S. bei Wahlen spricht man, wenn jeder volljährige, nicht interdicirte Ansässige an der Wahl eines Volksvertreters theilnehmen kann durch Abgabe seiner Stimme für einen der vorgeschlagenen Candidaten. Vgl. Abstimmung u. Wahlen. Stimmritze, s. u. Kehlkopf. Stimmritzenkrampf der Kinder, s. Kehlkopfskrankheiten. Stimmstock, der Theil der Saiteninstrumente, worin die Wirbel befestigt sind. Stimmung1)nenntmandasRichtenderJnstrn- mente nach einer bestimmten Tonhöhe (dem Stimm- od. Gabelton), um die nöthige Toneinheit unter den Instrumenten verschiedener Gattungen, eines Orchesters, an verschiedenen Orten herznstellen. Eine unveränderliche S. besitzen die Blasinstrumente, insofern als nur geringe, zur Ausgleichung kleiner Verstimmungen dienende Veränderungen des Tones an einzelnen derselben (z. B. der Flöte durch Stellung der Pfropfschranbe, an der Oboe, der Clari- nette und dem Fagott durch Ausziehen der Jnstrn- mentstücke) möglich sind, eine veränderliche S. dagegen die Streich- u. Tasteninstrumente (Violine, Klavier rc.), welche jederzeit eine ihrer Natur entsprechende Umstimmung zulassen, weshalb auch in einem Orchester die Saiteninstrumente nach den Blasinstrumenten (gewöhnlich dem eingestrichenen^, der Oboe) eingestimmt werden. Mit dem Ausdruck S. halten bezeichnet man das längere Beibehalten des ursprünglichen Stimmtones u. gilt dies sowol beim Gesänge, als bei den Instrumenten; Temperatur, Bauart der Instrumente rc. spielen hierbei eine große Rolle. Daß übrigens die S. an verschiedenen Orten auch eine etwas abweichende sein kann, ist schon unter Kammerton nachgewicsen worden. 2) (Mal.) s. Landschaftsmalcrei. D Siebenrock. Stimnliren (v. Lat.), so v. w. Anreizen. Daher Ztimniantia, reizende, die Wärmebildung, den Kreislauf steigernde Mittel: Aether , Alkohol rc.; Stimulation, Reizung, Anregung. Stinkasant, so v. w. kosticka. Stinkdachs , Nxckaus L'E, Gatt, der Unter- fam.derDachse. Körper gestreckt. Schnauze rüsselartig. Schwanz stnmmelartig. Ohren versteckt. Zehen zum Theil verwachsen, die vorderen mit langen Grabkrallen. Stinkdrüsen, deren weithin ausspritz- bare, flüssige Absonderung stinkend riecht. Hieher: ÜI. msliosxs Ich gern. S. Mardergroß. Dunkelbraun, unten Heller. Ein weißer Rückenstreif. Graben Höhlen mit Gängen. Nahrung: Pflanzen u. kleinere Thiere. Java, Sumatra, im Gebirge bis zu 2000 IN. Farwick. Stinkkalk, so v. w. Stinkstein. . Stinkstein (Stinkkalk,bituminöserKalkstein) dichter Kalkstein von grauer, brauner oder schwarzer Farbe, innig von Bimmen durchdrungen, welcher beim Ritzen, Reiben, Zerschlagen u. Erwärmen einen stinkenden Geruch verbreitet. Findet sich vorzugsweise in den älteren Formationen, bei Jberg am Harz, Miedzianagora in Polen, in Thüringen, Riechelsdorf in Hessen, Gera im Voigtland, Has- mersheim, Rettigheim u. Malsch in Baden. Lehmann. Stinkthier, Stänker, Llopditis <7uv., Gatt, der Unterfam. der Dachse. Kopf klein, Schnauzenrand nackt, spitz vortretend. Leib schlanker als beim Dachs. Schwanz lang, dicht buschig behaart. Zehen fast ganz mit einander verwachsen u. lang bekrallt. Haarkleid von schwarzbranner Grundfarbe mit weißer Bandzeichnung. Stinkdrüsen am After stark entwickelt, ihre flüssige, weithin ausspritzbare Absonderung verbreitet einen stinkenden, betäubenden Geruch, wodurch sie gegen ihre Feinde geschützt sind. Meist Steppenbewohner Amerikas ».Afrikas. Nacht- thiere, ruhen in selbstgegrabenen Höhlen, nähren sich von kleineren Thieren, Früchten u. Wurzeln. Ihre Pelze bilden unter dem Namen Skunks einen bedeu- 13 Stint — tenden Handelsartikel. Arten: N. naonta, Leirn., gem. S., Surilho. 48 am, Schwanz 28 om, dicht u. langhaarig. Schwarzbraun, oben von Stirn an mit weißem Längsstreif. SAmerika. Ll. variano Chinga. Körper wie Schwanz 40 om. Schwarz mit zwei weißen Rückenstreifen, die sich oft über den Schwanz fortsetzen. NÄmerika. Ll. 20 - rilla v. Ä. Loev., Zorilla. 35 om., Schwanz 25 om. Glänzend schwarz, weiß gefleckt u. gestreift. Afrika, Kleinasien. Farwick. Stint, Oomsrus A-'k., Gatt. derFam. der Lachse. Maulspalte weit. Mund mit reichlicher Bezahnung. Vordere Zähne im Unterkiefer u. ans der Zunge bes. stark. Schuppen mittelgroß, glanzlos. Bekannteste Art: 0. sporlanns ck)., gem. S. Bis 23 om. Unterkiefer vorragend. Körper langgestreckt, zum Theil durchsichtig. Flossen schwach entwickelt, Schwanzflosse tief ausgeschnitten. Kopf u. Rücken oft blangrau. Leben gesellschaftlich in großen Schaaren in der Tiefe des Meeres u. der größeren Seen der Ostsceländer. Wandern gegen das Frühjahr in die Flüsse, um in ihnen zu laichen. Zu dieser Zeit werden sie bes. des Nachts beim Feuerschein in Menge gefangen u. für einen geringen Preis verkauft, theils als Nahrungsmittel für deu Menschen, theils als Viehfutter. Der S. bildet eine beliebte Speise bes. für die ärmere Bolksklasse, entwickelnjedoch einen höchst unangenehmen Geruch, weshalb er vielfach aus der Küche verbannt wird. Farwick. Stintzing, Johann August Roderich von, bedeutenderRomanist, geb. 8 . Febr. 1825 inAltona, studirte in Jena, Heidelberg, Berlin u. Kiel Rechtswissenschaft, ließ sich nach seinem Examen 1848 als Advocat in Plön nieder, ging 1851 nach Heidelberg, um dort sich als Privatdocent der Rechte zu habili- tiren. 1854 folgte er einem Rufe nach Basel als Professor der Rechte, 1857 nach Erlangen u. nachdem er dort für seinePcrson durch Ordensverleihung nobilitirt worden, 1870 mit dem Titel eines Geh. Justizrathes nach Bonn. Von seinen Schriften sind hervorzuheben: Das Wesen von bona liciss u. M- tulus in der röm. Usucapionslehre, Heidelb. 1852 (Habilitationsschrift); Über das Verhältniß der Im- ^is aotio saoramsnto zu dem Verfahren durch Lporwia xraoznüioialia, Hdlb. 1853; Ulrich Zasius, Bas. 1857; Friede. K. v. Savigny, Berl. 1862; Gesch. der populären Literatur des röm. kanou. Rechtes in Deutschland, Lpz. 1867; Hugo Douellus in Altdorf, Erl. 1869; Macht u. Recht, Bonn 1876. Auch gab er 1366 in Erlangen die Beiträge zur Literaturgeschichte des Civilprocesses von I. de Wals heraus. 8tipa L., Pflanzengatt, aus der Fam. 6 rami- llsas-k?oÄäsg,o- 8 iixsao; Hüllblätter grannenartig zugespitzt, Deckblätter zusammengerollt, ander Spitze mit einer zweimal geknieten, sehr langen Granne; 3 Perigoublätter, länger als der Fruchtknoten. Arten: Z.xsnnaba l/., zierliches, auf sonnigen, trockenen Bergen wachsendes Gras, mit sehr langen, weiß behaarten, unten eingelenkten, gewundenen, als Hygrometer benutzten Grannen; wird zu Trockenbou- quets benutzt. 8 . oapillata L., besitzt eine ebenfalls lange, aber nicht gefiederte Granne. 8 . tenaoissi- Mu L. (Espartogras), in Spanien, Griechenland u. NAfrika. Dient zu allen Arten von Flechtwerk und bei der Papierfabrikation. Engkr. Stirling. StipendttlM (lat.), Sold, Löhnung, Tribut, Unterstützungsgeld für Studirendc, entweder aus Staatskassen od. aus Privatfonds gezahlt, meist nur auf eine kürzere Zeit. Sie haben bisweilen die Namen ihrer Stifter u. sind theils für besondere Fächer, theils für gewisse Standeskreise, gewisse Familien, theils für gewisse Bezirke, Orte, je nach des Slifters Bestimmung. Sodann gibt es Stipendien für angehende Docenten rc. u. sogen. Reise-S. für junge Gelehrte oder Künstler zur weiteren Ausbildung im Auslande nach Vollendung der Studien. 8tipss (in der Mehrzahl 8tiMss), 1) Strunk, Stamm bei Farrenkräutern, Palmen, Bananen u. anderen Monocotyledonen; 2) das Stielchen, welches bei einigen Compositen den Pappus trägt; 3) der Stiel der Pilze. kltipulas (lat.), Nebenblätter, s. Blatt, S. 501. Stipulation (v. lat. 8 tüpu 1 atio), im System der römischen Contracte (s. u. Contract, S. 353) eine besondere Art der Vertragsschließung, mittels welcher die beiden Paciscenten dadurch in ein civil- rechtlich klagbares Obligationsverhältniß traten, daß der eine ( 8 tipulator) mit feierlichen, in eine Frage gekleideten Worten (z. B. ckari sxonäsg? ciabis? promittis?) den Andern (kromissor) anredet, und Letzterer dann die der Frage genau entsprechende Antwort (z. B. also opomlso, ckado, promitbo) folgen ließ. Vielfach wurde die S. auch angewendet, um ein bereits bestehendes Obligationsverhältniß einfacher u. kräftiger zu machen, indem mau die in dem bestehenden Obligationsverhältniß liegenden Leistungen in die Form einerS. brachte. Auf diese Weise konnte man selbst formlosen Verträgen (kaota nncia), welche nach Römischem Rechte keine Klagbarkeit hatten, die Klagbarkeit geben, ebenso auch bloß natürliche Verbindlichkeiten in civilrechtlich wirsame verwandeln. Zu diesem Zwecke diente namentlich die 8 .L.guiIiana, welche bes. angewendet wurde, um verschiedenartige Obligationsverhältuisse mit einem Schlage aufznheben, indem man sie zunächst in eine S. verwandelte u. dann die für S-en gebräuchliche einfache Aushebungsform der Loeoptilatio anwendete. In dem heutigen Gemeinen Rechte sind die formellen EigenthllmlichkeitenderS. ganz hinweggefallen. Vgl. Liebe, Die S. u. das einfache Versprechen, Braunschweig 1840; Gneist, Die formellen Verträge des neueren röm. Obligationsrechts, Berl. 1845. B-zold.* Stirliug, 1) Grafschaft in SSchottland, grenzt im N. an Perth, im W. an Dumbarton, im s. an Lnmbarton, Lanark u. Linlithgow u. im O. an den Firth of Forth; 1208,2« Hskm (21 ,242 UM) mit (1871) 98,218 Ew. (auf 1 Hs km 81, in ganz Schottland 43). Der nordwestl. Theil der Grafschaft ist gebirgig durch die südl. Grampians, deren höchster Gipfel hier der Ben Lomond (973 m) ist; durch einen ziemlich ebenen Strich von diesem kahlen Gebirgs- lande getrennt, erheben sich in der Mitte der Grafschaft die Campsie Fells bis zu 457 m; der O. ist eben, mit fruchtbarem Ackerland. Flüsse: Forth, Enrik,Carron u. a. Die Grafschaft besitzt einen großen Mineralreichthum, bes. an Steinkohlen u. Eisen. Von der Gesammtoberfläche sind etwa 35 °/o Ackerland n. Wiesen. Viehstand1875: 4476Pferde, 30,737Stück Rindvieh, 118,864 Schafe u. 2280 Schweine. Außer Ackerbau n. Viehzucht sind Haupterwerbsquellen der Bergbau auf Eisen n. Steinkohlen u. eine rege 14 Stirling-Maxwell — (Stöber. Industrie in Wolle, Baumwolle und Eisen. Durch den SO. der Grafschaft zieht sich der Forth-Clyde- Kanal (s. d.), welcher die Nordsee mit dem Irischen Meere verbindet. Die Grafschaft S. war der Schauplatz erbitterter Kämpfe zwischen den Römern und Caledoniern, gegen welche jene den Pictenwall errichteten. 8) Hauptstadt darin, am Forth (mit 2 Brücken über denselben) u. an der Eisenbahn von Edinburgu. Glasgow nach Perth; auf 97,5m hohem Basaltfelsen das alte Felsenschloß Stirling-Lastle (die frühere Residenz der Könige von Schottland), 12 Kirchen (darunter eine 1494 gegründete gothische Kirche), Athenäum, landwirthschastliches Museum, Militärhospital, Armen- u. Versorgungshaus, Industrieschule, schöne Kornbörse, Fabrikation vonTar- tans, Tartanshawls, Teppichen, Garn, seidenen u. baumwollenen Maaren, Seilen, Seife, Lichten rc., Gerberei, Malzdarren, Bierbrauerei, Branntweinbrennerei, Kllstenhandel: 1871:14,279 Ew. — Hier 1297 Niederlage der Briten unter Graf Warren durch die Schotten unter William Wallace, woran ein Denkmal erinnert; 11. Juni 1488 Niederlage des Königs Jakob III. durch seinen Sohn Jakob. 1304 u. 1651 wurde das Schloß, der Schlüssel zum Flachlande u. zum Hochlande, von den Engländern genommen, 1745 von denHochländern vergeblich belagert. Eine 1877 vor dem Schlosse errichtete Statue von Robert Bruce erinnert an die Schlacht von Bannockburn 1314. H- Berns. Stirling-Maxtvell, Sir William, engl. Gelehrter, geb. 1818 in Kenmure bei Glasgow, lebte, nach Vollendung seiner Studien am Driuit^ tiollsAs in Cambridge, einige Jahre in Frankreich u. Spanien, gehörte 1852—65, u. seit 1872 als Mitglied dem Unterhause an, wo er für die conservative Partei eintrat, erbte 1866 von seinem Oheim John Maxwell den Baronetstitel, wurde 1872 Rector der Uni- versität Edinburg, 1875 Kanzler derer in Glasgow u. Commissär ain Lritisb Nussum u. st. in Venedig 15. Januar 1878. Die Resultate seiner Studien in Spanien legte er in den Werken nieder: Mis annais ok bim artists ok 8paän, 1848, 3 Bde., 2. A. 1853; Lloistei-iiks ab Oüarlss V., 1852, deutsch Leipz. 1853; Veiasgusr anä bis rvorlcs, 1855, deutsch Berl. 1856. Stirm, Karl Heinrich, Protest. Theolog, geb. 22. Sept. 1799 in Schorndors, studirte inTübingen u. Berlin Philologie u. Theologie, wurde, nachdem er sieben Jahre auf dem Lande pastorirt hatte, 1835 Hofcaplan n. Mitglied des Consistoriums in Stuttgart, wo er ein eifriger Förderer des Kirchen- und Schulwesens als Prälat u. Oberconsistorialrath 24. April 1873 st. Er sehr. u. a.: Apologie des Christenthums, 2. A. Stuttg. 1856. Stirn, s. Schädel. Stirnbein, s. u. Schädelknochen. Stirner, Max, Pseudonym für Kaspar Schmidt, s. d. 8). Stirnmauer, die Vorderwand eines Schacht. Stirnnaht, s. Schädelknochen. sofens. 8tirps (lat.), Stamm. Stirum, s. Styrum. Stoa (griech.), Säule, Pfeiler; Säulenhalle, die vorzüglichen in Athen, s. d.; die Philosophie und Schule der Stoiker, s. d. Stobaeus(Stobaios),Johannes, aus Stob! in Makedonien, griech. Schriftsteller des 5. Jahrh. n. Chr. Wir besitzen von ihm ausgedehnte Excerpte aus mehr als 500 Autoren, darunter vielen verlorenen, bes. auch dramatischen Dichtern. Das erste Buch der einen Sammlung heißt LeivAss pbxsieas, das zweite (nur theilweise erhaltene) iLoloZas sbiri- oas; außerdem ist aber das kioriisAium od. Lntim- loZion in 126 Abschnitten von Auszügen über die verschiedensten Punkte der praktischen Philosophie seine umfangreichste Compilation. Es enthält jedoch mehr kurze Sentenzen, die LeioZas dagegen ausführlichere Excerpte. Neuere Ausg. der LoioAus von A. Meineke, Lpz.'1860—63, 2 Bde.; das kiori- IsAium von demselben, Lpz. 1855—57,4Bde. Riese. Stobäus, Johann, geb. 1580 in Graudenz, Schüler von Eccard in Königsberg, wurde 1601 Cantor in Kneiphof, 1627 Kapellmeister in Königsberg, wo er 1646 starb. Er schr.: Oanblonsssaeras, Franks. 1624, Kirchenlieder, 5stimmige Motetten, 5-, 6- u. 8stimmige preußische Festlieder. Stobbe, Joh. Ernst Otto, Germanist, geb. 28. Juni 1831 zu Königsberg, widmete sich deutschrechtlichen Studien auf der dortigen Universität, besuchte Leipzig u. Göttingen, wurde 1855 Privatdo- cent u. im folgenden Jahre Professor in Königsberg; von hier folgte er 1859 einem Rufe nach Breslau u. 1871 nach Leipzig, wo er deutsche Staats- und Nechtsgcschichte, deutsches Staats- u. Landesrecht, deutschesPrivatrechtrc. liest. Bon seinenSchriftensind zu erwähnen: vsiöAs romana Ilbiimnsi, Königsb. 1853; Zur Geschichte des deutschen Vertragsrechts, Leipz. 1855; Os jurs (iuiinsnsi, Königsb. 1857; Geschichte der deutschen Rechtsquellen, Braunschw. 1860—64 (italien. von Emm. Bollati, Flor. 1868); Beiträge zur Geschichte des deutschen Rechts, ebend. 1865; Die Juden in Deutschland während des Mittelalters in politischer, socialer u. rechtlicher Beziehung, ebd. 1866; Hermann Conring, Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte, Berl. 1870; Handbuch des deutschen Privatrechts, ebd. 1871 1. Bd., 1875 2. Bd. 1. Abth. rc. Er gab mit Beseler die Zeitschrift für deutsches Recht heraus, für die er Artikel über Gerichtsverfassung des Sachsenspiegels, das Ständewesen desselben, zur Geschichte u.Theorie des Rentenkaufes schrieb. Lagai.» Stöber, 1) Daniel Ehrenfried, elsässischer Schriftsteller, geb. 9. März 1779 in Straßburg, studirte hier u. in Erlangen die Rechte u. wurde nach längerem Aufenthalt in Paris 1806 Licentiat der Rechte in seiner Vaterstadt. Er st. 28. Dec. 1835. S-s schriftstellerische Thätigkeit war hauptsächlich auf Erhaltung des deutschen Wesens in Elsaß gerichtet u. hat er desfalls außer durch seine Volksbücher u. Gedichte in elsäss. Mundart u. a. hauptsächlich auch durch sein Asiatisches Taschenbuch 1806—1809, Blätter dem Andenken Pfeffels gewidmet, Straßb. 1810; Vis äs krsäsrio Obsrim, ebd. 1821; Kurze Geschichte u. Charakteristik der schönen Literatur der Deutschen, ebd. 1826, gewirkt. Außerdem übersetzte er franz. Dramen, dann Lamennais' karoiss ä'un ero^ant. 2) August, Sohn des Vor., geb. 8. Juli 1808, studirte Philosophie u. Theologie, war 1838 bis 41 Lehrer der deutschen Sprache u. Literatur in Buchsweiler, 1841—71 Professor am Collegium zu Mülhausen u. zugleich Oberstadtbibliothekar, 1874 Conservator des von ihm gegründeten histor. Muse- 15 Stobi — Stockhausen. ums. S. veröffentlichte außer zahlreichen Gedichten, Erzählungen, Märchen u. Sagen ans dem Elsaß: Der Dichter Lenz u. Friederike von Sesen- heim, Bas. 1842; Geschichte der schönen Literatur der Deutschen, Straßb. 1843; Der Actnar Salzmann, Goethes Freund, Mlllh. 1855; Zur Gesch. des Volksaberglaubens im 16. Jahrh., Bas. 1856; Jörg Wickram, Volksschriftsteller u. Stifter der Kolmarer Meistersäugerschule, ebd. 1866; Rödcrer u. seine Freunde, 2. A. Kolm. 1874; Alsatia, Jahrb. für elsäss. Geschichte, Mülh. 1850—75, 10 Bde. 3 ) Adolf, Bruder des Vor., u. wie dieser ein eifriger Förderer deutschen Wesens in Elsaß, geb. 7. Juli 1810, studirte in Straßburg Theologie, wurde 1840 Pfarrer in Mülhausen u. 1860 Präsident des refor- mirten Conststoriums u. Oberschulrath daselbst. Er gab mit seinem Bruder die Alsabilder, vaterländisch e Sagen u. Geschichten, Straßb. 1836 heraus, dann: Resormatorenbilder, Bas. 1857, verschiedene theolog. Schriften, Gedichte rc. Stobi, Hauptstadt der makedon. Prov. Päonien, später von Uaooäonia saluäaria; sie wurde durch die Gothen im 4. Jahrh. zerstört und ist jetzt verschwunden. S. war die Vaterstadt des Stobäos. Stöchaden, s. Hyöres. Stochasmus (v. Griech.), Wahrscheinlichkeits- berechnung; Stochastik, Lehre von derWahrschein- lichkeit; Stochastisch, muthmaßlich. Stöchiometrie (v. Griech., Messung der Be- standtheile), die Lehre von den constanten Gewichts- u. Volnmverhältnissen, nach denen sich chemischeVer- bindnngen aus ihren Bestandtheilen zusammeusetzen, sowie von der Anstellung chemischer Berechnungen auf Grund dieser Verhältnisse. Die Grundgesetze der S. sind in den Artikeln Äquivalent und Atome erörtert. Der eigentliche wissenschaftliche Begründer der S. ist I- B. Richter (s. Chemie, S. 702); weiter gefördert wurde sie namentlich durch Proust,Dalton, welcher zuerst den Satz der multiplen Proportionen aufstellte u. nicht, wie Richter, bei den Berhältniß- zahlen der Säuren u. Basen stehen blieb, sondern bis auf die einfachen Körper zurückging; ferner durch Gay-Lussac u. A. v. Humboldt, Berzelius, Avogadro Dulong u. Petit, Gerhardtu. Laurent, sowie neuerdings u. A. durch Stas. Vergl. Art. Chemie, S. 702 ff.; Literatur s. Chemie, S.'709. Wimmenauer Ll. Stock (Bot., 6auclsx) ist bei perennirenden Pflanzen der unterirdische, od. nur wenig über die Erde hervortretende Stamm, der alljährlich neue Triebe entwickelt. Stock (Stockwerk), eine unregelmäßig gestaltete Lagerstätte von einer im Verhältniß zu ihrer Ausdehnung großen Mächtigkeit. Stockach , Stadt u. Hauptort in dem gleichnam. Amtsbez. des bad. Kreises Konstanz, am gleichnam. Flüßchen, Station der Bad. Staatsbahnen; Baumwollenweberei, Spinnerei u. Färberei, Nudelfabrik, Möbelschreinereien, 4Kuustmühlen, wöchentlich Getreide- u. Viehmärkte, Schwefelquelle mit Badeanstalt; 1875: 2038 Ew. S. war früher durch seine Lage an der Kreuzung der Straßen aus Schwaben, der Schweiz u. dem Breisgau ein bedeutender Ort U. Hauptstadt der Herrschaft Nellenburg-Thengen, mit welcher es 1645 an Österreich überging. 1499 wurde es von den Schweizern vergeblich belagert. Am 25. März 1799 hier der Sieg des Erzherzogs- Karl über den französischen General Jourdan. 1805 kam S.anWürttemberg u.1810anBaden. H- Berns. Stockausschlag, verjünge Trieb, welcher sich aus dem im Boden stecken gebliebenen Schafttheile eines an der Erde abgehauenen Laubholzbaumes od. Strauches entwickelt. Von den eigentlichen Stock- loden sind die Ausschläge der Wurzeln (Wurzelloden) zu unterscheiden, welche bei einzelnen Holzarten (Pappeln, Weiden, Ulmen, Weißerlen, Akazien u. a.) auch ohne Verletzung des Schaftes entstehen. Vgl. Forstwirthschaft, S. 269. Wimmenauer I,. Stockente, so v.w. Gemeine wilde Ente; s. Ente. Stockerau, Marktflecken im Bez. Korneuburg des Erzherzogthums Österreich unter der Enns, am Göllersbache unweit eines Donauarmes, Station derÖsterreich.Nordwestbahn; Bezirksgericht,Schloß, Realgymnasium, große Cavalerie-Kaserne, Fabriken für Kerzen, Seife, Parfümeriewaaren, Rüböl, Filze u. Filzwaaren, Kotzen u. Decken, Getreide- u. Holzhandel; 1869: 5018Ew. (Gem.5232). Stockfalk, so v. w. Hühner-Habicht. Stockfäule ist die in den Baumstümpfen durch Pilze erzeugte Zersetzung des Holzes. Stockfisch, der getrocknete Kabliau. Stockfifchholz, die schlechteste Sorte Rothholz. Stockfleth, Nils Joachim ChristianBibe, der Apostel der Lappländer, geb. 11. Jan. 1787 in Frederiksstad, trat in das Militär u. zeichnete sich als Lieutenant in der Schlacht bei Sehestadt am 10. Oct. 1813 so aus, daß er Hauptmann wurde. Nach der Trennung Norwegens von Dänemark diente er noch eine Zeit lang als Offizier im Musketiercorps von Valdens, studirte dann aber seit 1823 Theologie in Christiania n. Upsala u. wurde 1825 Prediger zu Vadsöe in Ostfinnmarken, einem in der Nähe des Nordcaps gelegenen Kirchspiel, welches fast nur von Lappen bewohnt wird. S. lernte deren Sprache n. schuf erst ein lappisches Alphabet u. legte so den Grund zu einer volksthümlichen lappischen Literatur. Später wurde er als Pfarrer nach Lebesby (ebenfalls in Ostfinnmarken) versetzt, gab aber 1839 sein Predigtamt auf, um mehr Muße für seine literarischen Arbeiten zu gewinnen. Er sehr.: Orammatilc 1 äsk lmpxisko spro§, saaloäss som äst takss i Nors-I'illmarlcsn, Christiania 1839; Oj snmüls i anIsäninA ak äs i liäslcrikksä Nor eto., ebd. 1847; Norslc lappioic OräboA, ebd. 1850; Om äs Ittnsüs sproAkorttoläo 1 Nmmarksns og Norälsnäonss Linker, ebd. 1851; eine Sammlung geistlicher, größ- teutheils von ihm übersetzter Lieder, ein Taschenbuch rc. Seine ferneren Untersuchungen über die Lappländische Sprache u. Literatur stehen in den Schriften der Upsaler Akademie. Er st. 26. April 1866 in Sandefjord. Vgl. sein OaZdoA ovsr minsr Llis- sionsrswsn i bstninarirsn, Christ. 1866. S tockh ausen, I u l i u s, berühmter Liedersänger, geb. 22. Juli 1826 in Paris. Seine Eltern, Franz S., geb. 1792 in Köln, vorzügliches Orchestermit- gli»d der Ocmeerks apirituslo in Paris, u. die ihrer Zeit gefeierte Sängerin Schmück, geb. in Gebweiler (Elsaß), ließen ihm eine gute Erziehung angedeihen u. bestimmten ihn ursprünglich zum Geistlichen, weshalb er 1833—1840 in der Pension d'Hauteville in Gebweiler, 1844 im kleinen Seminar zu Straßburg zubriugeu mußte, doch zeigte er viel größeren Hang zur Musik, wie er sich auch schon während seines 16 Stockholm. Studiums in Gebweiler und Straßburg eine große Fertigkeit auf verschiedenen Instrumenten (Klavier, Orgel, Violine, Violoncello, sogar Pauke) ungeeignet hatte. Znseiner förmlichen Ausbildung kam es 1845, wo er Schüler des Conservatoriums in Paris, dann Manuel Garcias in London wurde. Dort betrat er 1848 in der Italienischen Oper erstmals die Bühne, wirkte aber in der Folge hauptsächlich als Oratorien- und Liedersänger, wie als Gesanglehrcr; war 1862 bis 1869 Dirigent der Philharmonischen Concerte n. der Singakademie in Hamburg, lebte von 1869 bis 1874 als württembergischer Kammersänger in Stuttgart, ging 1874 als Dirigent des Sternschen Gesangvereins nach Berlin u. in letzter Zeit (1878) als Gesangprofessor des Hochschen Conservatoriums nach Frankfurt a. M. S. ist einer jener Künstler, deren Hauptaugenmerk auf durchgeistigten Vortrag, deutliche und schöne Textaussprache gerichtet ist; er gilt namentlich als Schubert- und Schnmannsänger für unübertroffen. Er schr.: Das Sängeralphabet oder die Sprachelemente als Stimmbildungsmittel, Signale 1872, Nr. 34 n. sf. Si-benrock. Stockholm, I) Län in Schweden, grenzt im O. n. SO. an die Ostsee, übrigens an die Län Söder- manland oder Nhköping u. Upsala, von letzterem getrennt durch die lange, gegen N. ins Land schneidende Mälarbucht; begreift OUpland od. Roslagen u, OSödermanland oder Södertön; 7756,2 Uslcm (140,g !HM) mit (1876) 138,354 Ew. (ans 1 H)km 17,g, in ganz Schweden 10). Die Ostsee n. der Mälar bilden zahlreiche Buchten n. Busen u. enthalten eben so zahllose Inseln u. Scheeren, zwischen denen gewöhnlich tiefe, aber mit Klippen erfüllte Kanäle sich hindurch winden. Diese Inseln, sowie auch die Landschaften an der Ostsee n. am Mälar, sind bergig u. bewaldet; das Innere ist ebener u. hat fruchtbaren Boden. Die Zahl der Landseen ist groß, doch ist keiner derselben bedeutend. Eisenbahnen: zusammen 136 km. Hauptbeschäftigungen sind Ackerbau und Viehzucht, Waldwirthschaft, Bergbau (des. aus Eisen), Schifffahrt, Handel n. Fischerei. Upland ist das älteste Kulturland Schwedens; von seiner uralten Cultnr zeugen n. a. zahlreiche Runensteine. 3) Haupt- u. Residenzstadt des Königreichs Schiveden, eine eigene Oberstatthalterschaft bildend, liegt am Ausfluß des Mälarsees in die Ostsee, welche hier viele tiese Buchten u. Inseln bildet, theils auf Felseneilanden (Holmen), theils auf dem Festlande, u. ist Station der Schwed. Staats- u. der S.-We- steräs-Köping-Eisenbahn, deren 3 km auseinander gelegene Bahnhöfe durch eine die Stadt dnrchschnei- dende Verbindungsbahn mit einander in Communi- cation gesetzt sind. S. besteht aus 5 Hauptgruppen, nämlich: a) Staden od. die eigentliche Stadt, auf einer Insel im Mittelpunkte des Ganzen, wozu auch noch die kleinen Inseln Riddarholm n. Helgeands- holm (Ritter- u. Heiligengeistinsel) gerechnet werden; d) Norrmalm (Nordvorstadt) im N., durch die aus Granitquadern erbaute, über den Helgeands- holm u. die beiden Arme des Nordstromes zwischen Mälar u. Salzsee führende, ans 9 Bogen bestehende u. 124 in lange Nordbrllcke mit der Stadt u. durch eine 1861 fertig gewordene eiserne Brücke mit dem Skeppsholm (Schifssinsel) verbunden, von wo nach Kastellholm, auf dem so wie ans Skeppsholm sich die Marineetablissements befinden, eine hölzerne Brücke führt; o) Kungsholm (Königsinsel) im W. von Norrmalm, mit demselben durch zwei hölzerne Brücken verbunden; ck) L a d u g ä rd s la n d e t(Meier- eiland) im NO. von Norrmalm, mit demselben zusammen hängend u. die Kasernen enthaltend, durch eine eiserne Brücke mit der dazu gehörigen Thiergartenstadt verbunden; s) Södermalm (Slldvor- stadt) im S., mit der eigentlichen Stadt durch zwei Zugbrücken und mit den beiden Mälarinseln Langholmen (mit einer Straf- u. Besserungsanstalt) und Reimersholmen durch Brücken verbunden. Im O. der Stadt, zwischen Södermalm u. Ladugardslandet, zu beiden Seiten des Schiffs- u. Kastellholmes, bildet die Salzsee den tiefen, geräumigen, sicheren u. bequemen Hasen, zu welchem jedoch die Einfahrt beschwerlich ist, indem dieselbe sich über zehn Meilen weit durch die vorgelagerten Inseln und Scheeren hindurchwindet. Da jedoch diese Einfahrt jährlich etwa fünf Monate lang durch Eis gesperrt wird, so ist die Anlage eines äußeren Hafens unweit des Gutes Nynäs, etwa 50 km von S., projectirt, welcher durch eine Eisenbahn mit der Stadt verbunden werden soll. An der Westseite der Stadt, zwischen Södermalm u. Kungsholm ist der inselreiche Mälar, welcher ebenfalls einen vortrefflichen Hafen bildet u. im N. der eigentlichen Stadt zu beiden Seiten der Heiligengeistinsel durch den kleinen n. großen Nordstrom sein Wasser mit der Ostsee milcht. Die Stadt hat 302 Straßen u. Gassen u. 32 öffentliche Plätze. Die Häuser sind im Allgemeinen solide u. massiv aus Steinen gebaut; viele haben mit eisernen Platten gedeckte Dächer. Das Ufer der Salzsee an der eigentlichen Stadt, sowie der größte Theil des Mälar- ufers n. am Blasiiholm ist mit einem Quai von behauenem Granit eingefaßt, welcher sich auch jenseit der Nordbrücke am Norrmalm noch fortsetzt u. den Hafen begrenzt. Längs demselben an der Salzsee in der eigentlichen Stadt zieht die breite Hafenstraße od. Schiffbrücke, welche jedoch eher den Namen eines Platzes, als den einer Stadt verdient, hin, an der Westseite besetzt mit hohen, schönen Häusern (die Bank, das Pack- od. Zollhaus, das Antiqnitätenmu- seum rc.). Hier steht am Fuße des mit einem hohen Obelisken von Granit geschmückten Schloßberges auf einer künstlichen Anhöhe die Statue Gustavs III. u. auf dem zwischen dem Mälar u. der Salzsee schön gelegenen Karl Johanns - Platz die Reiterstatne ves KönigsKarl XlV.Johann. DieStraßmdereigentlichen Stadt sind mit wenigen Ausnahmen (darunter Stora Nygatan, Lilla Nygatan) eng und krumm; die schönsten Straßen besitzt Norrmalm, darunter die Regierungsstraße (Regeringsgata), Königinstraße (Drottninggata) und deren Fortsetzung Norderzoll- straße (Norrtullgata); die schönste u. längste aus Ladugardslandet ist die Große Straße (Storgata) u. ans Södermalm die Gothen - (Göth-) u. dann die Hornsstraße. Öffentliche Plätze sind am Mälar: der Riddarhustorg (Ritterhausplatz, mit der Statue Gustavs I. Wasa, von welchem westlich, mit ihm durch eine kurze Brücke verbunden, der kleine Riddarholm (Ritterinsel) liegt, welcher außer der interessanten Riddarholms- oder Graumönchenkirche (seit 1839 Mit 90 m hohem Thurm, dessen obere Hälfte ans Gußeisen besteht), in der die Königsgrnst u. die Gräber berühmter Schweden (das Oxenstier- nas, Torstenssons, Joh. Bauers rc.) sich befinden, Stockholm. 17 fast lauter öffentliche Gebäude (Haus der Reichs- stände, Hofgericht, Gymnasium, Freimaurerloge rc.) enthält und mit der bronzenen Statue des Birger Jarl geziert ist; ferner, mit dem Rittershausplatze zusammenhängend, die für den täglichen Verkehr bestimmten Plätze Mönchbrücke, Fleischmarkt und Kornhafen. Unter den Plätzen der inneren Stadt, welche sämmtlich klein und unansehnlich sind, ist nur der sogenannte Große Markt (Stortorg) er- wähnenswerth. Außerdem sind bemerkensmerthe Plätze in Norrmalm: der Gustav-Adolfsplatz, mit der bronzenen Reiterstatue Gustav Adolfs, der Brun- kebergsplatz, der Heumarkt, der Platz Karls XIII. (Königsgartcn) an der Salzsee, mit der Bronzestatue dieses Königs und dem colossalen Bronzestandbild Karls XII. (seit 1868), der erst vor einiger Zeit dem Meere abgewonueue Berzelinspark (auf Blasiiholm), mit der Bronzestatue des berühmten Chemikers Berzelius; in Södermalm: der Adolf-Frederiksplatz. Unter den Kirchen ist kaum eine, welche in architektonischer Beziehung sich aus- zeichnct; erwähnenswerth ist nur die Nikolai- oder Große Kirche (Storkyrka), die Haupt- und die älteste Kirche der Stadt (1264 von Birger Jarl erbaut), in welcher die Könige gekrönt werden, mit zahlreichen Epitaphien u. geschichtlichen Merkwürdigkeiten. Unter allen Gebäuden ist das königliche Schloß das hervorragendste. Es erhebt sich am nördl. Ende der eigentlichen Stadt, der Rordbrückc gegenüber, ans einer Anhöhe u. wurde nach dem Brande des von Birger Jarl angelegten älteren Schlosses Drei Kronen 1697 begonnen von Nie. Tessin; nach der Unterbrechung durch die Kriege Karls XII. fortgesetzt von Karl Gust. Tessin u. von Harlemann u. Cronstedt 1754 vollendet. Dasselbe ist im Italienischen Stile in Form eines großen Biereckes (136 m lang u. 127 m breit), jede Seite in etwas verschiedenem Stile erbaut, vier Stockwerke hoch mit einem platten italienischen Dache, einen großen Hof umschließend; vier niedrige Flügel erstrecken sich an der nördlichen u. südlichen Fa^ade gegen O. u. W., so daß die der Nordbrllcke zugekehrte Fa^ade 234 m lang ist. Außerdem umschließen an der Westseite zwei halbrunde Flllgelgebäude (in deren einem die Hauptwache) einen äußeren Schloßhof. Das Schloß enthält, außer den könig- lichen Gemächern u. Wohnungen für viele zum Hofe gehörige Personen, den Reichssaal (in welchem die Reichstage durch eine Thronrede eröffnet u. geschlossen werden), die Schloßkapelle, die königliche (oder Reichs-) Bibliothek rc., im Ganzen 817 Räume. An der Nordseite führt eine 1824—1834 in ihrer jetzigen Gestalt aufgefllhrte, in Zickzack gehende Rampe mit einer Balustrade von behauenem Granit, von zwei dort aufgestellten großen bronzenen Löwen die Löwenterrasse (Lejonbacken) genannt, hinauf in das Schloß; an der Ostseite ist zwischen den beiden Flügelgebäuden u. dem Schlosse ein Baum- u. Blumenparterre (Logärden, Lnchshos) mit herrlicher Aussicht auf den Hafen, an welchen eine Treppe von Granit hinabsührt. Hervorragende Gebäude sind ferner in der eigentlichen Stadt: der Palast des Oberstatthalters (von Nie. Tessin erbaut), das Rath« Haus, das Nitterhaus, das Börsengebände rc.; in Norrmalm: der Palast des Prinzen Oscar, das königliche u. das kleinere Theater, die Malerakademie, PiererL Universal-ConversatianL-Lexilon. 6. Aufl. x die Akademie der Wissenschaften, das neue Reichs- musenm, die Gewerbschule, das Observatorium, das neue Gebäude der königl. Bibliothek, das Bondesche Haus , das Hotel am Brunkebergsplatze, der große Centralbahnhof rc.; auf Kungsholmen: die Krankenhäuser (darunter das große Seraphinerlazareth); in Södermalm: das SchönborgscheHaus, die Enge- strömsche Bibliothek rc.; gleich außerhalb der Stadt: das neue Irrenhaus ans Conradsberg, die höhere Artillerieschule Marieberg rc. Unter den Promenaden n. Vergnügungsörtern sind hervorzuheben: das Stromparterr, der Karls XIII. Platz, der Humle- garten (Hopfengartens, der Garten von Mosebakke (d. i. Mosishügel) in Södermalm, an Schönheit u. Großartigkeit seines Gleichen suchend, mit Theater, Schaustellungen rc., der Thiergarten, ein herrlicher Park im O. der Stadt mit Villen, Kaffee- u. Wirths- häusern, Theater, dem königl. Lustschlosse Rosendal, vor welchem eine schöne Porphyrschaale und in dessen Nähe die Büste des in S. geborenen Dichters Michael Bellman (sein Geburtstag wird alljährlich als eine Art Volksfest gefeiert) steht, der Park von Bellevue, mit Manlbeer-Plantagen, das Lustschloß Haga, mit reizendem Park, das Schloß Ulriksdal, das Schloß Karlberg (jetztKriegsakademie) mit Park, das Lustschloß Drottningholm (s. d.) auf der Mälar- insel Lofö, von herrlichen Parkanlagen umgeben, das Schloß Svartsjö ans der gleichnam. Insel. Seit 1861 besitztdie Stadt eine vortreffliche Wasserleitung. S. ist Sitz der sämmtlichen höchsten Reichscollegien u. Regiernnzsdepartements, sie selbst steht unter einem Oberstatthalter. Wissenschaftliche Anstalten. Akademien der Wissenschaften (mitSternwarte,natnrhistorischen, ethnographischen u. a. Sammlungen u. Bibliothek), derSchönenWissenschaften,Geschichte u.Alterthumskunde,derFreienKünste,derMusik, der Kriegswiffen- schäften, des Laudbaues (mit Experimentalfeld), die Schwedische Akademie (der Achtzehner) u. a. Vereine. Sammlungen: die königl. Reichsbibliothek, etwa 200,000 Bücher, Manuskripte rc. enthaltend (jetzt in dem neuen Bibliothekgebände in Humlegaarden), das Steinmuseum, die Gemäldegalerie, das Anliquitä- tenmnseum, das Mllnzcabinet, die Leibrüst- n. Kleiderkammer (sämmtlich in dem neuen Reichsmnseum), das Reichsarchiv, die Engeströmsche Bibliothek u. a. Unterrichtsanstalten: außerder hohen Artillerieschule auf Marieberg, der Kriegsakademie auf Karlberg, den Schulen der Akademie der Musik, der Akademie der Freien Künste gibt es in S. zahlreiche öffentliche Lehranstalten, darunter zwei vollständige gelehrteSchulen (in Schweden Elementarschule, ehemals Gymnasien genannt), mehrere theils in der classischen Linie nicht, in der Neallinie aber vollständige , theils Höhere oder Untere Bürgerschulen, ein Seminar für Volksschullehrer rc. Höhere Fachschulen sind: das Karolinische medicinisch - chirurgische Institut, das von Ling gestiftete Gymnastische Centralinstitut, das Technologische Institut, die Gewerbschule , die Navigationsschule, die Vetcrinär- anstalt, das Orthopädische, das Pharmaceutische und das Forstinstitut. Wohlthätigkeits-Anstalten: das große und das Freimaurerwaisen- haus, die Mnrbecksche Stiftung, das große Entbindungshaus auf Kungsholm u. ein anderes (Pro Patrid) ans Norrmalm, das Taubstummen- und .'ii. Band. 2 18 Stockhorn — Stockrose. Bliudeninstitut auf Manilla im Thiergarten, das Irrenhaus auf Conradsberg, das Hospital zu Dan- viken, das Seraphine» u. das Garnisonlazareth, so wie das Kurhaus auf Kuugsholm, ein Lazareth auf Södermalm, mehrere Hospitäler u. Krankenhäuser u. viele Barmherzigkeits-, Unterstützungs-, Versorg« ungs- u. Pensionsanstalten. Öffentliche Anstalten: Corrections- u. Spinnhaus, mehrere Arbeitshäuser rc. Die Industrie ist bedeutend. Es gibt in S. mehr als 350 industrielle Anlagen, na- mentlich mehrere Zuckerraffinerien, Tabaks-, Seiden» und Bandfabriken, mechanische Werkstätten, Stearin- u. Talgfabriken, Leinen- u. Baumwollenfabriken, Leder- n. Saffianfabriken, Eisengießereien rc. Übrigens sind fast für alle Gegenstände Fabriken vorhanden. Der Handel, durch die vortreffliche Lage u. durch gute, neuerdings verbesserte n.(1877 bis 1882) in weiterer Verbesserung begriffene Häsen begünstigt, ist lebhaft; Schiffsverkehr 1873: Ein- gang 1659 Schiffe (79,422 Last), Ausgang 1488 Schiffe (70,289 Last). Zölle: 9,167,285 Riksdlr. Als Beförderungsmittel des Handels sind zu nennen: Die Reichsbank, die Stockholmer Privatbank u. andere Privatbanken, die Börse, die Seeassecuranz u. a. in. 1875 gehörten nach S. 43 Segelschiffe u. 161 Dampfer mit 6081 Pferdekräften. DerVer- kehrim Innern der Stadt wird durch kleine Dampfschiffe, Pferdebahnen rc. vermittelt. 1876 hatte S. 157,215 Ew. Vgl. C. F. Frisch, S. u. Umgebung, Berl. 1860; Wattenbach, S., ein Blick auf Schwedens Hauptstadt, ebd. 1872. Karten über die Umgegend: eine große von dem Topographischen Corps 1861 in 9 Blättern; von Zintl (1:40,000), Stockh. 1872. Verheerende, räuberische Einfälle in den Mälar, z. B. 1188, da die Ehsten u. Karelen die damalige Hauptstadt Schwedens, Sigtuna, zerstörten, so wie auch die übrigens günstige Lage bewogen den Bir- ger Jarl, welcher die Regierung für seinen Sohn Waldemar I. führte, 1255 an der Stelle, wo jetzt S. liegt, ein festes Schloß anznlegen u. den Stockholm, aus welchem bisher nur einige Fischerfamilien gewohnt hatten, zu einer Stadt zu erheben u. diese mit Befestigungen zu umgeben. Nach des Königs Albrechts Gefangennchmung wurde 1389 die Stadt, welche von den Vitalinern vertheidigt wurde, von der Königin Margaretha von Dänemark belagert u. auf Befehl des gefangenen Königs übergeben. Be- lagert wurde die Stadt außerdem während der Zeiten der Kulinarischen Union von Christian I.; doch wurde dieser lO.Oct. 1471 (auf dem Brunkeberge) von den Schweden unter Sten Sture geschlagen u. mußte nach Dänemark zurückkehren. Seinem Sohne Johann öffnete S. seine Thore 1497; als er aber abgesetzl war, mußte sich das Schloß den Schweden ergeben. Christian II. belagerte 1518 die Stadt vergebens; nach einer neuen Belagerung öffnete sie ihm aber 1520 ihre Thore, nachdem er das Versprechen einer allgemeinen Amnestie gegeben hatte. Gleichwol ließ er 94 edle Schweden auf dem Großen Markte enthaupten (S-er Blutbad, s. u. Schweden, S. 205). Als hierauf Gustav Wasa den König Christian II. verjagt hatte, konnte er S. erst nach einer langen Belagerung 1523 einnehmen.. Seit den Zeiten Johanns III. (1569—92) sind die j Vorstädte angebant und erst unter Christum (1632 j bis 1654) diese in administrativer Hinsicht mit der Stadt vereinigt worden. Durch Feuersbrllnste hat S> in der ältesten Zeit viel gelitten, doch auch noch in der späteren, z. B. 1697, wo das Schloß nebst vielen Gebäuden abbrannte; ferner auch wieverholt im 19. Jahrh. (1835 u. 1857). Hier wurde 1720 der Friede zwischen Schweden, Hannover, Preußen, Dänemark n. Polen abgeschlossen. H- Berns. Stockhorn, 2i93mhoher Gebirgsstock imschweizerischen Kanton Bern, westl. vom Thuner See, am Eingänge in das Simmenthal, mit einer prachtvollen Aussicht. Stockjobbers (engl.), eigentlich Stockreiter, Ac- tienwuchcrer, Agioteurs. Stockjobberei (Stock- jobbery), Agiotage, Differenzgeschäft, s. u. Börse u. Staatspapiere. Stocklack, eine Art Gummilack, s. d. Stockmar,FreiherrChristianFriedrich,deut- scher Staatsmann, geb. 22. Aug. 1787 inKoburg, wo sein Vater Justizbeamter war; er studirte Medicin u. prakticirteseit 1810inKoburg. AlsLeibarztbegleitete er denPrinzenLeopoldindenFreiheitskriegen u. dann ans dessen späteren Reisen nach England, wo der Prinz die eventuelle Thronfolgen«, Charlotte Auguste, heirathete u. auch nach deren frühem Tode in nahem Verhältnisse zum Hose blieb, mit ihm auch S., als sein Secretär, Hofmarschall u. Vertrauter. Er wurde 1821 in den sächsischen Adel- u. 1830 in den bayerischen Freiherrnstand erhoben u. hatte wesentlichen Einfluß auf die Wahl des Prinzen Leopold zum König von Belgien, welcher ihn nach seiner Thronbesteigung zu seinem Geheimrath ernannte. Zwar zog sich S. schon 1834 nach Koburg zurück, blieb aber fortwährend des Königs vertrauter n. zuverlässiger Rathgeber. Seine genaue Kenntniß der englischen Verhältnisse ermöglichte ihm auch, die Prinzessin Victoria vor ihrer, durch die Tories gefährdeten Besteigung des englischen Thrones mit gutem Rath zu unterstützen, so wie er auch ihrer Wahl eines koburgischen Prinzen zum Gemahl nicht fremd war. Seine fürstlichen u. königlichen Gönner bewahrten ihm ihre Gunst bis an seinen Tod, welcher 9. Juli 1863 erfolgte. Sein Sohn, v. S., Ernst, diente der Kronprinzessin Victoria von Preußen seit ihrer Vermählung viele Jahre als Privatsecretär u. veröffentlichte die Denkwürdigkeiten aus den Papieren des Freiherrn C. F. v. S„ Braunschw. 1872; vgl. auch Juste, Iwa lonäatours cks Is, monarodis dsl^s, Bd. 15: Iw daran äs 8., Brüff. 1863. Lagen.« Stockport, Stadt in der engl. Grafschast Chester, am Mersey, über den 5 Brücken u. ein großartiger Eisenbahnviaduct führen, unregelmäßig auf sehr unebenem Boden gebaut; Lateinische Schule, Handwerkerinstitut, Theater, öffentliche Bibliothek, Krankenhaus, großer Marktplatz mit eiserner Markthalle; ein Hauptsitz der BaumwolleninLustrie in allen ihren Zweigen, ferner Fabrikation von seidenen Maaren, Garnen, Hüten, Bürsten, Maschinen, Eisen- u. Messingwaaren u. Webeschiffen; 1871: 53,014 Ew. S. ist einer der Knotenpunkte des Eisenbahnnetzes zwischen London, Birmingham, Manchester, Liverpool, Leeds, Jork und Hüll u. steht durch den S.« Kanal mit den Flüssen Dee, Ribble, Trent u. Servern in Verbindung. S. sendet 2 Mitglieder ins ^ Unterhaus. H- Berns, s Stockrose (Stockmalve) ist mdass, rossa. ! 19 , Ltooks — < Stocks (8toks), Mehrzahl von 8toek, der Stock, Stamm; dann eine Anzahl bei einander befindliche Dinge einer Art, welche zusammen ein Ganzes ausmachen; weiter ein Stammgeld, welches bei einer Bank angelegt ist; oder eine Summe Geldes, von § mehrerenPersonenzueinemgemeinsamen Zweckczu- sammengeschossen, von dessen Ertrag Jeder seinen verhältnißmäßigenThcil zu beanspruchen hat. Spe- ciell in England 1) die Summen, welche von einer Gesellschaft, z. B. von der ostindischen Compagnie, als Fonds zusammeugelegt wurden, um sie zum fortdauernden Geschäftsbetriebe zu verwenden. 2) Die Obligationen aller fundirten Staatsschulden, welche auf der Fondsbörse, u. zwar die einheimischen resp. englischen auf der stock exekangs, jene der fremden Staaten aus der korsiZn stock sxokanM gehandelt werden. Stockschlag, so v. w. Niederwald. Stoüton, 1) (S.-on-Tees), Hafenstadt in der engl. Grafschaft Dnrham, am Tees, welcher 6,4 km unterhalb in die TeeS-Bai mundet, ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt, ziemlich regelmäßig gebaut; Handwerkerinstitut, Theater, Fabriken in Segeltuch und Schiffsgeräthen, Schiffbau, Maschinenbau, Eisen- und Messinggießerei, Seilerei, Bierbrauerei, Töpferei, lebhafter Handel; 1871: 27,738 Ew. — 1876 liefen in den Hafen 734 Schiffe von 100,793 Tonnen Gehalt ein. Die von G. Stephenson (s. d.) erbaute Eisenbahn von S. nach Darlington (s. d., 27. Sept. 1825 eröffnet, ist die älteste Personen- u. Güterbahn. S. gegenüber imNorth-RidingderGras- ^ schast Jork liegt die Sadt South-S. mit 6764 Ew. s 2) Hauptort des S. Joaquin County im nordamerik. Unionsstaate Californien, am Stockton Channel, welcher für Dampfboote schiffbar ist u. 7 km von hier in den S. Joaquin River mündet, Station der Süd-Pacificbahn; Staatsirrenanstalt, bedeutender Fruchthandel; 10,066 Ew. H- B-r»s. Stockwerk nennt man in jedem Gebäude eine zwischen zwei übereinander liegenden Fußböden befindliche Abtheilung. Man unterscheidet, je nach der Höhenlage, ein erstes, zweites rc. S., so zwar, daß das über dem Erdgeschoß befindliche S. das erste heißt. Ein Gebäude, welches nur ein Erdgeschoß be- sitzt, heißt einstöckig, ein solches, welches darüber noch ein erstes S. hat, zweistöckig (zweigeschossig, zwei- etagig) rc. Die einzelnen S-e eines jeden Gebäudes stehen durch Treppen mit einander in Verbindung. Stockwerkbau, s. Bergbau, S. 205, 1. Sp. Stoff, die Ur- od. rohen Bestandtheile, woraus etwas hergestellt ist od. versertigt werden kann, im Gegensatz zu der Form. Der körperliche S. heißt Materie. Stoffwechsel, ununterbrochener Wechsel, dem der Bestand des Organismus durch Aufnahme und Ausscheidung unterliegt; er umfaßt den Vorgang der Sivffaufnahme, Assimilation und Stoffabgabe; auf ihm beruht das ganze organische Leben. Der Orga- nismus, welcher sich in einer Umgebung befindet, welche ihm die Mittel zur Unterhaltung seines S-s >1 nicht gewährt, oder die aus inneren Gründen seinen ! S. nicht zu unterhalten vermag, muß untergehen. Die Aufnahme von Stoffen (s. Nahrungsmittel) ins Blut wird Resorption genannt. Diese findet entweder direct durch die Wände der Capillargefäße, auch ! der Venen, u. zwar durch Endosmose, oder indirect Stoffwechsel. durch die Lymphgefäße statt. Während die Organe beständig verbraucht werden u. zerfallen, erneuern sie sich anderseits fortwährend wieder durch aus dem Blute anfgenommene Stoffe; diese Erneuerung heißt Assimilation. Die Ausgaben, welche der Organismus beständig macht, bestehen in gasförmigen, flüssigen und festen Substanzen: es sind Auswurfstoffe, die ihn auf verschiedenen Wegen verlassen u. zwar 1) durch die Lungen (Kohlensäure u. Wasserdampf), 2) durch die Nieren (Harn), 3) durch den Darm (Koth sowie Gase), 4) durch die Haut (Ne- spirationslust, Schweiß und Talg): 5) verliert der Organismus die oberen schichten der Epidermis, der Nägel, Haare und das Epithel auf Schleimhäuten n. serösen Häuten. Außer diesen beständigen Ausgaben gibt der Organismus zeitweise gewisse andere Bestandtheile ab, wie Milch, Eier, Samen. Für den S. sind außer Wasser und Salzen vor Allem Eiweißkörper unentbehrlich; ferner scheinen Fette nur bei großem Aufwand von Eiweiß entbehrlich zu sein, aber auch durch Kohlehydrate vertreten werden zu können. Ferner erfordert der Organismus Sauerstoff. Dafür, daß der Körper so viele Stoffe zu seinen Zwecken verbraucht, einführt und wieder ausführt, muß er auch etwas leisten; die Leistungen lassen sich, sofern sie außerhalb des Organismus zur Geltung kommen u. nicht nur dem Lebens- proceß des Organismus selbst dienen, immer aus Wärme n. mechanische Arbeit zurllckführen. Beim S. können die Einnahmen unzureichend, d. h. geringer sein als die Ausgaben: dies ist beim Hunger der Fall. Die Einnahmen können aber auch die Ausgaben decken, dies ist das richtige Verhältniß. Nahrungsausnahme im Ueberfluß nennt man Luxus- consnmtion. Die Gesetze des S-s sind von Bidder und Schmidt, von Boit und Pettenkofer bei Fleischfressern festgestellt worden u. lassen sich vollgiltig auf den Menschen übertragen (s. Ernährung). Der richtige Fortgang des S-s ist Gesundheit, Störungen im S. bedingen Krankheit, u. Heilung derselben muß dahin streben, den in Unordnung gerathenen S. wieder in Ordnung zu bringen. Die Störungen im S. können bedingt sein in Mangel passenderNahrungs- mittel, in veränderter Durchgängigkeit der Haargesäße rc. Durch Einwirkung auf Len S. Krankheiten zu beseitigen, ist Ausgabe der sog. S-kuren; sie wurden schon seit den ältesten Zeiten unbewußt in Anwendung gebracht und führten nur andere Namen, wie die alterirende, resolvirende, Constitution verbessernde Kur. Die therapeutische Einwirkung auf den S. kann durch Regelung des Verbrauches stattfinden durch gymnastische Kuren, das Trainiren (s. d.) u. kalte Bäder; durch Regelung der Stoffzufuhr, bestehend in Regelung der dem Organismus zuzu- sllhrenden Nährstoffe (Milch-, Molken-, Wasser-, Hunger-, Bantingknr rc.); durch Regelung derAus- suhr (Laxir- u. Schweißknren); durch Regelung der Function, hauptsächlich bestehend in der gehörigen Vertheilnng zwischen Thätigkeit n. Ruhe und Beschränkung des Stoffverlustes. Vgl. I. Moleschott, Physiologie des S-s, Erlang. 1851; Ders., Der Kreislauf des Lebens, Mainz 1352, 6. A. 1879; Bidder ».Schmidt, Die Berdanungssäfte u. der S., 1852; Bischofs u. Boit, Die Gesetze der Ernährung des Fleischfressers, 1860; Pettenkofer u. Voit, Aussätze in der Zeitschrift für Biologie. v. M-ring. 20 Stoffwechsel der Pflanzen — Stoiker. Stoffwechsel der Pflanzen, s. Ernährung der Pflanzen. Stahmann, Friedrich, hervorragender Che- miker, geb. 25. April 1832 zu Bremen; studirte rn Göttingen u. London, wurde daselbst 1853 Assistent von Prof. Graham, 1857 Assistent einer landwirthschaftlichen Versuchsstation zu Weende bei Göttingen, 1862 Vorstand einer solchen in Braunschweig, 1865 desgleichen in München, 1865 — 66 in Halle, 1866 Professor für Agrikultur-Chemie ebenda, seit 1871 Professor u.Direktor des landwirthschaftlich-physio- logischen Instituts an der Universität Leipzig. Er schr. zahlreiche Werke ».Abhandlungen, meist chemisch-technischen Inhalts; bes. bemerkenswerth: Biologische Studien, Brnschw. 1873; Die Stärkefabrikation, Berl. 1878; Handbuch der Zuckerfabrikation, ebd. 1878 f.; in Gemeinschaft mit Engler: Handbuch der technischen Chemie nach Payers 6!ii- irüs iiuinstrlsUs, Stuttg.1872. MitHenneberg zusammen gab er: Beiträge zur Begründung einer rationellen Fütterung der Wiederkäuer, Brnschw. 1860 u. 1864, 2 Bde., u. die Jahresberichte über die Fortschritte der Landwirthschast, Gott. 1857—68, heraus. VonseinerEncyklopädiedertechn.Chemie (anfGrund- lage von Muspratts Chemistry) erscheint gegenwärtig die von ihm in Gemeinschaft mit Kerl u.A. der- anstaltete 3. A. in 7Bdn., Brnschw. (erschienen bis Nov. 1878 6 Bde.). Außerdem hat S. eine große Reihe von Abhandlungen landwirthschaftlichen, physiologischen, analytisch-chemischen rc. Inhalts in verschiedenen, meist landwirthschaftlichen u. technischen Zeitschriften veröffentlicht. Jungck. Stoicismus, s. Stoiker. Stoiker, der Gesammtname einer griechischen Philosophenschule, welchen sie von der Stoa, einer- offenen Säulenhalle in Athen, erhielt, in welcher ihr Stifter, Zeno (s. d.) aus Kition, zu lehren pflegte. Der Lehrbegrisf dieser Schule wurde von Zeno nur in seinen Grundzügen ausgestellt u. erst von seinen Schülern ».Nachfolgern, namentlich von Kleanthes ans Assos in Troas und noch mehr von Chrysippos aus Soli in Kilikien weiter ausgebildet. Die Entwickelung der stoischen Lehre fiel in eine Zeit, in welcher das eigentlich spekulative Interesse unter den Griechen schon sehr gesunken war, n. es tritt daher in derselben das Bestreben hervor, die Philosophie in gemeinverständlicher Form n. mit vorherrschender Rücksicht auf das thätige Leben zu behandeln. Die S. definirten die Philosophie als die Kenntniß göttlicher u. menschlicher Dinge n. behielten die seit Plato u. Aristoteles eingcfllhrte Eintheilung derselben in Logik, Physik u. Ethik bei. Das größte Gewicht legten sie auf die Ethik, welcher sie die Physik beiordneten, während sie der Logik als vorbereiten» LerWissenschaft eine untergeordnete Stelle anwiesen. Die Logik enthält zugleich ihre Theorie der Erkennt- niß. Ausgangspunkt der Erkenntniß ist ihnen die sinnlicheEmpfindung, der Eindruck, welchen die Dinge auf den Vvrstellenden machen. Das Kriterium der Wahrheit war ihnen die Unabweisbarkeit theils versinnlichen Empfindung, theils des vernünftigen Denkens. Ihre Physik (Naturphilosophie u. Theologie) bewegte sich um die beiden Begriffe des Stoffs und der Kraft; die Materie als Vas allgemeine, der Welt zu Grunde liegende stoffartige Wesen u. Gott als das thätige u. bildende Princip dachten sie nicht als von einander getrennt existirend, sondern als zu einer Einheit verbunden. Gott ist die ewige, vernünftige, Alles lebendig durchdringende u. harmonisch zusammenhaltende, der Welt immanente Urkraft, die Welt in ihren einzelnen Erscheinungen die Darstellung derselben. Die Welt, als die Darstellung der einen, Alles durchdringenden Urkraft ist eine, u. Alles steht in ihr in genauestem Zusammenhangs; aber sie ist vergänglich, weil alle einzelnen Dinge in ihr vergänglich sind. Der Verwandlungsproceß der göttlichen Urkraft in die Welt ist daher an gewisse Perioden gebunden; jede dieser Perioden bezeichne- ten sie als ein Weltjahr, und die Zurücknahme alles Gewordenen in die göttliche Urkraft als Weltverbrennung. Nach Ablauf eines Weltjahrcs beginnt eine neue Weltentwickelnng in derselben Form. Die Welt ist immer vollkommen, im Ganzen wie im Einzelnen (stoischer Optimismus). Hiermit suchten sie das Dasein des Übels u. des Bösen dadurch zu vereinigen, daß sie es als eine Nebenfolge ansahen, welche unvermeidlich sei, wenn das Gute u. Vortreffliche in seinem rechten Lichte erscheinen sollte; auch könne das, was an sich als schlecht u. unvollkommen erscheine, im Verhältnis zum Ganzen gut sein. So enthält die Physik der S. einen Pantheismus, in welchem die Begriffe Kraft u. Stoff, Vorsehung u. Schicksal in einander fließen. Für die Ethik, als die Wissenschaft von dem, was für den Menschen das höchste Gut u. der letzte Zweck ist, stellten sie als obersten Grundsatz ein mit der Natur übereinstimmendes Leben auf. Dieses Princip, dessen Unbe- stimmtheit auch dadurch nicht verbessert wird, daß sie unter der Natur bald die allgemeine in der Welt verbreitete Vernunft, bald das ihr entsprechende richtige Urtheil über das, was zu thun n. zu lassen sei, verstanden wissen wollten, bekam eigentlich erst dadurch seinen Sinn, daß ihnen die Würde der sittlichen Gesinnung unabhängig von allen anderen Motiven fcststand u. sie die Glückseligkeit (Eudämo- nie) von der Tugend, nicht diese von jener abhängig dachten. Die Glückseligkeit ist ihnen nicht Motiv des sittlichen Handelns, sondern eine natürliche u. noth- wendige Folge. Das persouificirte Ideal der Sittlichkeit führten sie in der Schilderung des Weisen aus. Das Gewicht, welches sie auf die sittliche Gesinnung legten, führte sie zu dem, zu ihren Paradoxen gerechneten Satze, daß die Handlungen des Weisen untadelhast seien, selbst wenn er äußerlich unrecht handle, u. daß ihm eine vollkommene Selbstgenügsamkeit (Autarkie) u. Unempfindlichkeit (Apathie) gegen Alles zukomme, was nicht zur Tugend gehöre; daher man durch den Ausdruck Stoicismus häufig vorzugsweise die ruhige Gleichgiltigkeit gegen Schmerzen, Leiden u. Entbehrungen bezeichnet. Fehler u. Laster erschienen ihnen als Schwächen u. Krankheiten der Seele, und den ausführlichen u. namentlich bei den späteren S-u sehr ins Einzelne, oft selbst ins Kleinliche gehenden Classificationen u. Definitionen der einzelnen Tugenden steht eine ebenso ausführliche Classification der Affecte u. Leidenschaften gegenüber. Unter den zunächst auf Chrysippos folgenden Repräsentanten der StoischenSchule sind vorzugsweise zu nennen: Boethos, Zeno aus Tarsus, Diogenes aus Seleukia (gewöhnlich Babylonins genannt), Anlipater aus Tarsus, Archidemos, Panätios aus 21 Stoische Philosophie — Stolberg. Rhodos, Posidonios aus Apamea. Im 2. Jahrh. v. Chr. fand die Stoische Philosophie auch in Rom Anhänger an Männern, wie L. u. Q. LucinS Bal- bns, Serv. Snlpicius, M. Porcius Cato d. Jung., M. Brutus, M. Terent. Barro; auch Cicero empfahl ihre Ethik in gemilderter Form. Mit dem Skepticisinus u. Probabilismus der jüngeren Akademie wurden die S. durch ihre Erkenntnißlehre in lange dauernde, aber ziemlich unfruchtbare Streitigkeiten verwickelt, bis in der zweiten Hälfte des 1. Jahrh. v. Chr. durch Philo aus Larissa und dessen SchülerAntiochos ausAskalon eine Art Verschmelzung beider Schulen herbeigesührt wurde. In den ersten Jahrhunderten n. Chr. war die Ethik der S. unter dem Drucke der Zeit u. inmitten eines seinem sittlichen und politischen Verfall entgegeneilenden Volks- und Staatslebens für edlere Gemllther eine Quelle der Kräftigung, Stärkung u. der religiösen Ergebung im Ertragen der Übel der Zeit. Vergl. Tiedemann, System der stoischen Philosophie, Lpz. 1776, 3Bde.; Meyer und Klippel, Vergleichung der stoischen u. christlichen Moral, Götting. 1833; M.Heinze, 8boioorum äs alksotibno ckoobrina, Berl. 1860; Winkler, Der Stoicismus eine Wurzel des Christenthums, Lpz. 1878. Specht.* Stoische Philosophie, s. u. Stoiker. Stoke-uPon-Trcnt, Stadt in der engl. Grafschaft Stafford, im District der Potteries (s. d.); großartige Eisenbahnstation; auf dem Bahnhofplatze die bronzenen Bildsäulen Wedgwoods u. Mintons; Fabriken für Porzellan u. irdenes Geschirr; (1871) 15,300 Ew. (Parlamentary Borough 130,985). 3 Lin südwestl. von S. die von Josiah Wedgwood gegründete Porzellanfabrik Etruria. 8tola, 1) (röm. Ant.) das römische Frauenkleid, welches über dem Leibkleid (Hemd, Inniog. inkorior) getragen wurde; 3) ein liturgisches Kleidungsstück der kathol. Geistlichen, bestehend aus einem langen, eine Hand breiten Streifen Tuch od. Seide, welcher um den Hals über die Brust bis zum Knie herunter reicht u. je nach dem Feste od. der kirchlichen Function eine verschiedene Farbe hat. Auf der Brust u. ans dem Rücken ist ein Kreuz eingestickt. Die 8., das alt e Orarinin, war ursprünglich ein langes Gewand, das mystisch das Joch Christi bezeichnen sollte. Seit der Einführung der Tunica oder Alba behielt man davon nur die Einfassung bei, welche ihre Form im Laufe der Zeit änderte. Bei den Bischöfen hängt sie einfach über die Brust herab, bei den Priestern wird sie ans der Brust über das Kreuz gebunden; bei den Diakonen geht sie über die linke Schulter zur rech- ten Hüfte, wo sie zusammengebunden ist. So oft der Priester im Chorrock fungirt, trägt er die 8. her- abhängend. Von der 8. haben die Stolgebühren den Namen. Löffler. Stolberg, 1) (Stollberg) Stadt im Landkreise u. prcuß. Regbez. Aachen, am Vichtbache, Station der Rhein, u. der Berg.-Märk. Eisenbahn, sowie der Aachener Industriebahn; Amtsgericht, Handelskammer, Spital, ein Eisenwalzwerk, eine große chemische Fabrik, mehrere Fabriken sür Tafel- und Hohlglas, 2 Spiegelmanufacturen, 2 Fabriken sür feuerfeste Steine u. Dachpfannen, eine Stecknadel-, eine Haken- u. Schlingen-, eine Messingdraht-, eine Kratzen-, eine Dampfkessel-, eine Maschinenfabrik, 2 Eisengießereien, mehrere Zinkfabriken zur Herstellung von Gefäßen u. Verzierungen, mehrere Messingfabriken, eine Saycttspinnerei, mehrere Gerbereien, Blei- u. Zinkhütten, Bergbau auf Eisenstein, Bleierz, Zinkblende, Galmei, Schwefelkies, Silber u. Steinkohlen,Kalkbrennerei; (1875) 10,252Ew. (darunter viele Flamländer, wallonische u. französische Arbeiter). Über der Stadt liegt ein altes Schloß, angeblich Jagdschloß Karls d. Gr. In den benachbarten Ortschaften Tuch- und Drahtfabriken, Bleihütten, Eisenhämmer u. Sägemühlen. Die Industrie der Stadt, namentlich die Messingindustrie, wurde im 16. u. 17. Jahrh. durch aus Frankreich u. Aachen vertriebene Protestanten begründet. Bis zur frauz. Herrschaft gehörte S. den Grasen von Kesselstadt als freie Unterhercschaft unter psalzbayerischem Schutze. Es litt 26. Dec. 1755 n. 4. März 1756 sehr durch Erdbeben. 2 ) Sonst Grafschaft, zum Ober-sächsischen Kreis gerechnet, 316 Hjlcm (5,75 HW) umfassend, am Harze n. in der Goldenen Aue; stand früher unter kursächsischer Landeshoheit u. bildet seit 1815 die 2 unter preußischer Oberhoheit stehenden Standes- herrschafteu S.-Stolberg(l24fsH>cmod. 2,2s^jM) u. S.-Roßla (192 Uslcm od. 3,z !HW), beide im Kreise Sangerhausen des preuß.Regbez.Merseburg. 3 ) S. amHarz, Hauptort der Standesherrschaft S.- Stolberg n. Residenz des Grafen, in einem Ksssel- thale an der Tyra; über der Stadt das gräfl. Schloß mit werthvoller Bibliothek; Amtsgericht, gräf!. Konsistorium, Waisenhaus, Leincnweberei, Verfertigung leinener Maaren, Cigarren-, Pulver-, SLrot- und Zündhütchenfabrikation, Kupfer- und Eisengrube; (1875) 2274 Ew. Der ehemals blühende Bergbau ist nur noch von geringer Bedeutung. In der Nähe das gräfl. Jagdschloß Tanneugartcn im Walde und die Ruinen der Ebersbnrg auf hoch aufragendem Berge. Bei dem Dorfe Rottleberode liegt die Ruine der alten Burg S. H- Berns. Stolberg, eins der ältesten deutschen Grafengeschlechter, welches feit dem 11. Jahrh. urkundlich vorkommt und zu seinem ältesten Stammlande die thüringische Grafschaft S. hat; es wurde 1412 in den Reichsgrafenstand erhoben und hatte Sitz und Stimme auf der Wetterauischen Grafenbank. Die Grafen von S., kauften 1412 von den Grafen von Hohnstein die Ämter Heringen u. Kelbra in Thüringen und 1413 Hohnstein, welche Grafschaft das Geschlecht seitdem mit Ausnahme von Ilfeld ganz besaß; Wernigerode erwarben sie 1429; 1535 erbten sie von dein letzten Grafen von Köuigstein aus dem Hause Epstein die Grafschaft Königstein, derer sich aber das Erzstift Mainz bis auf Gedern u. Ortenberg bemächtigte, und 1574 die rochcfortischen Grafschaften u. Herrschaften im Lüttichschen, welche aber nach einem fast 200jährigen Processe mit dem Hanse Löwenstein getheilt werden mußten. 1577 erwarb das Haus S., vermöge letztwilliger Verordnung des letzten Grafen von Henueberg, Schloß u. Flecken Schwarza. Im Deutschen Reiche hatte es Reichsstandschaft durch dreifache (S.-Gedern mit Roßla-Ortenberg, Wernigerode, S.) Theilnahme an der gräflich Wetterauischen Curiatstimme; doch waren nur Gedern u. Roßla wegen ihrer Antheile an der Grafschaft Königstein (Gedern u. Ortenberg) dazu qualificirt. Die Grafschaft S. stand unter kur- sächsischer , die Grafschaft Wernigerode unter bran- denhurgischer, die Grafschaft Hohnstein unter braun- 22 Stolberg. schweigischer Landeshoheit; aberdurchVerträge (we- genS. von 1738, wegen Wernigerode vom 19.Mai 1714 und 28. Sept. 1814, wegen Hohnstein vom 17.März 1733 u. 4.Aug.l821) kam es dahin, daß es in allen diesen Besitzungen eine untergeordnete Landeshoheit auszuüben hat. Für den Verlust des Autheils anRochefort u. die stolbergischenAnsprllche auf Königstein wurde dasselbe mit einer Jahrrente von 30,000 Gulden vom Ertrage des Rheinschiff, fahrtsoctroi entschädigt; die gedernsche Hälfte der rochefortischen Landestheile gab Frankreich mit Aushebung der Feudalgerechtsame der gedachten Linie zurück. Gedern u. Ortenberg sind großherzogl. hessischer, Wernigerode, S.u. Hohustein preuß. Staats. Hoheit untergeordnet. Wappen: ein schwarzer, zum Gange geschickter Hirsch in goldenem Felde. Das Geschlecht theilte sich früher in die Harzlinie und die Rheinlinie,von welchenerstere 1631 erlosch. Aus der Nheinliuie stammte der Stammvater der sämmt- lichen noch blühendenLinien:GrafChristoph(1567 bis 1638); dessen beideSöhne theilten das Geschlecht in: I.Ältere Hauptliniezu Wernigerode, ge. stiftet von Graf Heinrich Ernst (1593—1672); durch dessen Söhne Ernst u. Ludwig Christian zerfiel diese Linie in den Zweig zu Jlsenburg, welcher mit dem Stifter Ernst 1710 wieder ausstarb, u. den Zweig zu Wernigerode, dessen Gründer Gras Ludwig Christian bei seinem Tode 1710 3 Söhne hinterließ, welche ebenso viele Häuser stifteten, nämlich: L) Haus S.-Wernigerode; dasselbe, gegründet von Graf Christian Ernst (1691—1771), besitzt dieGrafschastWernigerode (s.d.)mitdemAmte Schwarza (0,^ s^jM), in Schlesien die Herrschaft Peterswaldau (8 Dörfer), nebst den Herrschaften Jannowitz (6 Dörfer) u. Kreppelhof (5 Dörfer), im Großherzvgthum Hessen die Herrschast Gedern (0,^2 s^W) u. inHannoverdasAmtSophienhos (Is^sM) u. hat seinen Wohnsitz zu Wernigerode. Aus diesem Hause stammt: 1) Graf Eberhard, geb. 11.März 1810 zu Peterswaldau bei Neichenbach in Schlesien, Sohn des 1854 verstorbenenGrasenAn ton, preuß. Geuerallieutenants, bis 1840 Oberpräsidenten der Provinz Sachsen». (1842—48) Ministers; verwaltete, nachdem er eineZeit laug inderArmee gedient, die Fideicommißherrschast Kreppelhof, deren Majoratsherr er ist, wurde 1853 erbliches Mitglied des Herrenhauses u. bald dessen Präsident u. 1867 Mitglied des Norddeutschen Reichstages, ein durch und durch streng konservativer Mann. 1864 organisirte er die Johanniter-Lazarethpflege n. bekundete dabei solche Sachkenntniß, daß ihn 1866 der König zum Militärinspector u.Commissär der freiwillgen Krankenpflege bei der Feldarmee ernannte, worauf der Graf dann noch den Preuß. Verein zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger stiftete. 1869 übernahm er dasOberpräsidinm der Provinz Schlesien, st. aber schon 8.Aug. 1872 in Johannisbad in Böhmen kinderlos. 2 ) Otto, Graf v., der gegenwärtige Chef des Hauses, geb. 30. Oct. 1837 zu Gedern in Hessen, Sohn des ErbgrafenHermann (gest.1841); machte seine Gymnasialstubien inDuis- burg, besuchte, seit 1854 seinem Großvater, dem Grafen Heinrich, in der Herrschaft gefolgt, die Universitäten Göttingen u. Heidelberg, war 1859 — 61 Offizier in der preuß. Armee, 1867—73 Oberpräsident vonHannover, im März 1876 Botschafter des Deutschen Reichs in Wien u. wurde März 1878 von da zu dem Amte des Stellvertreters des Reichskanzlers u. Vicepräsidenten des preuß. Staatsministe« riums berufen. Seine politische Richtung als ge- mäßigt Conservativer hat er seit 1867 als Reichs» tagsmitglied bewährt; er war auch 1872—76 Präsident des Herrenhauses u. führte 1875 den Vorsitz in der außerordentlichen Generalsynode; seit 1872 ist der Graf Kanzler des Johanuiterordens. 3 ) Wilhelm, Graf von, geb. 13. Mai 1807, 1870 im Felde Commandeur der 2. Cavaleriedivision, seit 1871 commandirerder General des 7. Armeecorps in Münster. L) Haus S.-Gedern, welches, gestiftet vom Grasen Friedrich Karl (st. 1767), in Wilhelm Karl 1742 in den Reichsfürstenstand erhoben wurde, aber schon 1804 mit dem Grafen Karl Heinrich (st. 5. Jan. 1804) im Mannesstamme er- losch; die Besitzungen fielen an Wernigerode. 0) Haus S. »Schwarza, erlosch mit dem Tode seines Gründers,desGrafenHeinrichAugust, 14. Sept. 1748; seine Besitzungen gingen ebenfalls an Wernigerode über. II. Jüngere Hauptlinie zuStolberg, gestif. tetvon Graf Johann Martin,jüngererSohndes Grafen Christoph(1594—1689); seine bcidenSöhne trennten dieselbe in die mit ihrem Stifter wieder er- loscheneLinie zu Ortenberg u. die zu S., letztere gegründet durch GrafChristian Ludwig (1634 bis 1704) theilte sichuuterdessenSöhnewiederindienoch blühende» Häuser zu S.» S. und zu S.-Noßla. ^) Haus S.-S., gestiftet vom Grafen Christoph Friedrich besitzt in Preußen die Grafschaft S. (2 s^M mit 6500Ew.) und dasAmtHeringcn (2,„s^sM mit 8600 Ew.),inderProv.Hannoverdas Amt Neustadt (1,s HW mit 7200 Ew.) u. hat seinen Wohnsitz zu S. am Harz. Der ältere Zweig des Hauses hat seinen Ches in dem Grasen Alfred, geb. 23. Nov. 1820. Der Jüngere Zweig, welcher der Katholischen Confession folgt u. seinen gegenwärtigen Chef in dem österr. Major a. D. GrasenGünther (geb. 22. Nov. 1820 hat, ist gestiftet vom Grafen Christian Günther, st. 22.Juni 1765 als dänischer Geheime Rath u.Oberhofmeisterder Königin Sophia Magdalena von Dänemark). Bon ihin stammen die beiden Dichter S. der ältere Sohn 4 ) GrafChri- stian, geb. 15. Oct. 1748 in Homburg; studirte 1770—74 in Halle u. Göttingen u. gehörte dort zu dem Hainbünde; erwurdel777AmtmannzuTrems- büttel in Holstein, nachdem er längere Zeit königlich dänischer Kammerjunker u. später Kammerherr gewesen war, legte aber diese Stelle 1800 nieder u. lebte seitdem, mit der, in seinen Gedichten gefeierten Louise von Reventlow vermählt, auf seinem Gute Wiedebye bei Eckernförde im Schleswigschen u. st. dort18.Jau. 1821. Seine Gedichte finden sich in den gesammelten Werken der Brüder S.; er schr. noch: Die weiße Frau, 7 Balladen Berl. 1814; dieSchauspiele Belsazar u. Otanes; übersetzte Gedichte von Theokrit, Bion, Moschus, Homerischen Hymnen u. a. aus dem Griechischen (Hamb. 1782) u. Sophokles, Lpz. 1787, 2 Bde. Sämmtliche poetische Arbeiten in der Ausg. der Werke der Brüder S-, Hamb. 1820—1825,20 Bde. 5 ) Graf Friedrich Leopold, Bruder des Vor., deutscher Dichter und theologischer Schriftsteller, geb. 7. Nov. 1750 in Bramstedt, studirte mit seinem Bruder feit 1770 in 23 Stolgebühren — Stolle. Halle, seit 1772 in (Münzen, wo er ebenfalls zum Hainbunde gehörte; machte1775 eineReise nach der Schweiz, ging 1777 als Minister des Fürstbischofs von Lübeck unter dem Titel eines Oberschenken nach Kopenhagen, lebte aber meist im Verkehr mit I. H. Voß in Eutin, wurde l786Amtmannzu Neuenburg im Herzogthum Oldenburg, 1789 dänischer Gesandter in Berlin. Nach dem am 15. Nov. 1788 erfolgten Tode seiner Gattin Agnes, geb. von Witzleben vermählte er sich 1790 mit Sophie geb. Gräfin von Redern (geb. 1765, st. 8. Jan. 1842). 1791 machte er eine Reise nach Italien u. wurde nach seiner Rückkehr 1793 Präsident der fürstbischöflichen Regierung zu Eutin. Nachdem er schon 1793 vielfach Umgang mit Katholischen gehabt hatte, quittirte er 1800 seine Ämter, zog nach Münster u. tratl.Juni 1800 in der Hauskapelle der Fürstin Galizin zu Münster mit seiner Gemahlin n. seinen Kindern, die älteste Tochter ausgenommen, zur Römisch-katholischen Kirche über, was von F. H. Jacobi u. namentlich von I. H. Voß mit Härte getadelt wurde. Seit 1812 lebte er in Tatenhausen bei Bieleseld u. pachtete 1816 die hannöversche Domäne Sondermühlen im Osnabrückschen, wo er 5. Dec. 1819 st. Schriften: Der Brüder Ehr. u. F. L. Grafen zu S. Gedichte, heransg. von H. C. Boje, Lpz. 1779; Jamben, 1784; Vaterländische Lieder, mit seinem Bruder Christian, 1815. In den gesammelten Werken derBrllder S., Hamb. 1820—25, 20 Bde., füllen die seinigen den größeren Theil. Die Gedichte bes. heransg. Lpz. 1821, Wien 1822; Goldene Früchte in silbernen Schalen (Auswahl der schönsten aus S-s Schriften), Freib. 1825; Zwo Schriften des heil. Augustinus von der wahren Religion und von den Sitten der katholischen Kirche, Münch, u. Lpz. 1803; Geschichte der Religion Jesu Christi, Hamb. 1806—1818, 15 Bde., Register von Moritz, das. 1825, 2 Bde. (fortgesetzt von Fr. v. Kerz, Bd. 16 bis 45, Mainz 1825—48, u. von Brischar, Bd. 46 bis53, ebd. 1850—64; Leben Alfreds d. Gr.,Mün- ster 1815; 2. A. 1837; Kurze Abfertigung der langen Schmähschrift des Herrn Hofrath Voß, Hamb. 1820; Betrachtungen und Beherzigungen der Hl. Schrift, 1819—21, 2 Bd.; Leben des Vincenz von Paula; Ein Büchlein von der Liebe, Münst. 1820, 5. A.1877; Vgl. Lebensumstände des Grafen Friedrich Leopold zu S., Lpz. 1821; Schott, Voß u. S., Stuttg. 1820; Alfr. Nicolovins, Fr. L. Graf zu S., Mainz 1846; Wilh. v. Bippen, Entiner Skizzen, Wenn. 1850; Th. Menge, Der Graf Fr. L. S. u. seine Zeitgenossen, Gotha 1862, 2 Bde.; Zöppritz, Aus Fr. H. Jacobis Nachlaß, Lpz. 1862, 2 Bde.; Janssen, F. L. Gr. zu S., bis zu seiner Rückkehr n. seit seiner Rückkehr zur Katholischen Kirche, Frei- burg1877, 2Bde. B)Haus S.-Roßla, dieStan- desherrschast Orteuberg in der Wetterau (1,g UM), die Grafschaft S.-Roßla (3,g IHM), mit dem Amte Bäruroda (im Bernburgifchen) u. das Amt Kelbra (1,s HjM), besitzend mit dem Wohnsitz Roßla ist ge- stistelvon Graf Justus Christian (1676—1739), hat seinen Chef in dem Grafen Botho, 12. Juli 1850 geb. s) u. 4) Zimmermann. Stolgebühren (llura stolas fgenanut nach der Ltola 2) s. dZ, lluraparoeirialia,), alle die Einkünfte der Geistlichen, welche für geistlicheAmtshandlnngeu entrichtet werden, namentlich für Taufen, Beichten, Krankencommunionen, Aufgebote, Trauungen, Begräbnisse, Zeugnisse re. Die llura stolas, ursprünglich die Einnahme für die L.otlls Esräobalos, wurden erst nur an die Bischöfe bezahlt, wenn auch die Parochen diese L.otns vollzogen, seit dem 6. Jahrh. aber mußten die Bischöfe den Parochen jene Einnahmen lassen, u. sie erhielten dafür ein Abfindungs- quantum. Die jetzige Bestimmung der S. rührt erst ans spätercrZeit Hern, sind auch die protestantischen Geistlichen zu Beziehung solcher berechtigt als Acci- denzien wie die katholischen; der Pfarrer hat, da er für sein Auskommen zum Theil darauf hingewiesen ist, sie als Rechte (daher llura stolas) zu beanspruchen u. sind die Geldansätze in der Regel in der Matrikel angegeben, wobei jedoch auch das Herkommen entscheidet. Indessen sind sie in der protestantischen Kirche an vielen Orten abgejchafft und durch festes Gehalt ersetzt. L->g°i. Stoliczka, Ferdinand, Geolog, geb. im Mai 1838 in Mähren, trat nach vollendeten Studien in die k.k. Geolog. Reichsanstalt zu Wien, wurde 1862 Mitglied der üsolo§ioal 8urvo^ ok Inäia, bearbeitete die Kreidefossilien SJndiens (beschrieben in der kals-sontoloMa Iväioa) u. unterzog auf 2 Reisen 1864 u. 65 den westl. Theil von Tibet einer gründlichen Untersuchung (beschr. in den Llsmoira ok birg Osol. 8urvs^ ok Inäia, V). Im I. 1873 nahm er an der Forsythschen Gesandschaftsreise nach Kaschgar Antheil, besuchte von dort den Tschatyrkul im Thianschan u.Wakhan jenseits der Hochebene Pamir, st. aber 19. Juni 1874 auf der Rückreise infolge der ausgestaudenen Strapazen. Die indische Regierung ließ ihm in Calcutta ein Denkmal setzen. t. Stolidität (v. Lat.), Albernheit, Dummheit. Stoll, Maximilian,die letzte Größe der alten Wiener Schule, geb. 12. Octbr. 1742 in Erzingen (Schwaben), besuchte die Jesuitenschule in Rottweil, schied aber 1767 ans dem Orden, studirte in Straßburg und Wien Heilkunde, wurde de Haens eifriger Schüler, später Physikus des Honther Comitats (Ungarn), ging 1774 nach Wien zurück, erhielt 1776 eine akademische Stellung, las nun Collegien, die bald aus allen Theilen Europas Zuhörer fanden, hatte dann mit mannigfachen Jntriguen zu kämpfen u. st. bereits 23. Mai 1787. Ein eigentliches System hat er nicht gegründet, aber seine Schüler führte er auf die WegederHippokratischenu.SydenhamschenForschnng zurück. Sein kurzes Leben war ein Kampf seiner edlen Natur mit zahllosen Hindernissen seines L>tre° bens, aber hoch bedeutungsvoll für die Heilwissen- schast; keiner der Lebenden konnte ihm den Rang des ersten klinischen Lehrers streitig machen. Bon seinen Schriften, in denen nur die Naturwahrheit sich wiederspiegelt, sind bes. zu nennen: Die Aphorismen über das Fieber, Wien 1785. Thamhayn. Stollberg, Stadtinderkönigl.sächs. Kreishaupt- maunschaft Zwickau, am Gablenzbache; Realschule 2. Ordn., Fabrikation von Strumpfwaaren, Watte, gewirkten Smbendecken, Strumpfstühlen, Nähmaschinen, Cigarren u. Knochenmehl, Damastwebcrei; 1875: 6326 Ew. Die Herrschaft S. gehörte früher znm Voigtlande, kam im 13. Jahrh. an die Grafen von Schönburg, wurde 1367 böhmisch und 1459 sächsisch. Stolle, Ludwig Ferdinand,deutscherSchrift- steller, geb. 29. Sept. 1806 in Dresden; studirte in 24 Stollen - Leipzig u. Jena 1827—31 Jura und Cameralia, widmete sich dann der Belletristik u. lebte privatisi- rend in Grimma ».Dresden. Er st. 29. Sept. 1872. Von seinen zahlreichen Werken seien genannt: Stella (poetisch-humoristische Gabe). Lpz. 1832; Commer- agen, Briese eines Lebendigen u. Todten, Grimma 1834; Nacht ».Morgen (Phantasiestücke u. Lieder), Lpz. 1836; Cawelien (Novellen, Erzählungen und Genrebilder), ebd. 1838, 2 Thle.; 1813 (histor. Roman), ebd.1838,n. A. 1844, 3 Thle.; Elba und Waterloo, ebd. 1838, 3 Bde., 2. A. Hamb. 1845; Der Weltbürger, Lpz. 1839, 3 Bde.; Der neue Cäsar, ebd. 1841, 3 Thle.; Deutsche Pickwickier, ebd. 1841, 3 Bde.; Die Erbschaft in Kabul, ebd. 1842; 3 Bde.; Napoleon in Ägypten, ebd. 1843, 3 Bde.; Die Weiße Rose (Roman), ebd. 1851, 3 Bde.; Die Granitcolonne von Marengo (Roman), ebd. 1854, 3Bde.; Palmen des Friedens (Dichtungen), Lpz. 1855, 4. A. ebd. 1866; Der König von Tauharawi (Roman), Prag 1857, 3 Bde. Seine Werke gesammelt: Lpz. 1847; Familienansgabe unter dem Titel: Des Dorfbarbiers ausgewählte Schriften, Lpz. 1853—55, 24 Bde., nebst 3 Snpplementbäuden, ebd. 1856 f., 2. A. (Volks- u. Familienansgabe), ebd. 1857 ff., 30 Bde., neue Folge, 1865, 12 Bde. Er gründete 1844 das humoristisch-politische Volksblatt: Der Dorfbarbier (seit 1851 der Jllustrirte Dorfbarbier), von dessen Redaction er 1863 zurücktrat; gab ferner heraus: Der Dorfbarbierkalender, Prag 1861. Stollen, s. Bergbau, S. 203, 1 . Sp. Stollenhieb, das Recht des Erbstöllners, in dem einem Dritten verliehenen Felde alle im Querschnitt ves Stollens angetroffenen Mineralien sich anzueignen. Stollhofen, Kirchdorf im Amtsbez. Rastatt des bad. Kreises Baden; 1050 Ew.; alter, ehemals befestigter Ort des Kalw-Ebersteinschen Lehenadels von Windeck, wurde 1309 an Baden verkauft. Hier hatten die 1703 von dem Markgrafen Ludwig von Baden vom Rhein bis nach Bühl angelegten Ver- theidigungslinien,die S t o ll h o fe n e r L in i e n (Wühler Linien), ihren Centralpnnkt; sie wurden 1703 von den Franzosen vergebens angegriffen, 23. Mai 1707 aber von denselben unter Marschall Villars erobert. Sie sind jetzt ganz verschwunden. 8tolo (lat., Bot.) Ausläufer. Stolo, Caj. Licinins CalvusS.,ausplebejischem Stamm, war 376—366 Volkstribun in Rom und brachte als solcher die lwxläeivia ein (s. Agrarische Gesetze ä.). Als Consul besiegte er 361 die Herniker. Stolp, I) Kreisim prenß. Regierungsbez. Köslin, von der Linie Berlin-Stettin-Köslin-Danzig der Berlin-Stettiner und der PoseiEenstettin-Stolp- Münde-Eisenbahn durchschnitten; 2228,osüHIcm(40,jg IHM) mit (1875) 92,568 Ew. 2) Kreisstadt darin, an der Stolpe, Station der Berlin-Stettiner Eisenbahn , besteht aus der Alt- und Neustadt und aus den Vorstädten; Sitz eines Land- und Amtsgerichts, einer Reichsbankstelle und der pommerschen Land- schasts-Departements'Direction, altes Schloß (jetzt als Zeughaus benutzt), 5 Kirchen, darunter die Schloßkirche aus deml3.Jahrh. mit demOriginal- bildnisse des Herzogs Johann Friedrich von Pommern n. seiner Gemahlin Erdmuthe auf einem Al- larblatte u. die schöne Marienkirche, Gymnasium — Stolze. mit Realklassen, 2 höhere Töchterschulen, Jnvali- denhaus, Krankenhaus, Militärlazareth, 2 Hospitäler, Gefangenenanstalt, 3 Eisengießereien n. Ma- schineufabriken, Eisenbahn-Reparaturwerkstätte, eine Dampsspnnd- und eine Dampsstiftfabrik, 6 Bierbrauereien, 2 große Gerbereien, 1 Wasser- und 3 Dampfschneidemühlen, Fabrikation von Bernstein« waaren, Tabak u. Cigarren, Ölfarben; Fischfang, Schiffahrt, lebhafter Handel mit Holz, Leder, Wolle, Spiritus, Getreide, geräucherten Lachsen, Gänsebrüsten, Bernstein u. Colonialwaaren; Freimaurerloge zur Morgenröthe des höheren Lichts; Garnison (Husaren); 1875: 18,328 Ew. S. ist Geburtsort des Humanisten Nuhnken, des Generals Ed. von Bonin u. des General-Postmeisters Stephan. S. war im 11. Jahrh. ein Flecken n. war von 1061 bis 1637 mit mehrfachen Unterbrechungen im Besitz der Herzöge von Pommern. Zu diesen Unterbrechungen gehörte die sog. Interimsregierung der branden- burg. Markgrafen Waldemar II. u. Johann IV., welche 1310 den Ort zur S.tadt erhoben, sowie die Zeit in welcher die pommerschen Herzöge die Stadt andendeutschen Ritterorden verpfändet hatten (1340, 1388, 1392). Im 14. Jahrh. trat S. dem Hansabunde bei, dem es bis 1544 angehörte. 1637 kam es an Brandenburg. Vgl. Reinhold, Chronik der Stadt S., Stolp 1861. S- Berns. Stolpe, ein 150 icm langer Küstenfluß in Hinterpommern, entspringt aus der Platte von Bonczka- hutta beim Dorfe Sierakowitz im Regbez. Danzig, fließt durch den Godwidlino- u. Wengorzyn-See, nimmt rechts die Schottow u. links die Bütow u. Kamenz auf u. mündet bei Stolpmünde in die Ostsee; sie ist nicht schiffbar. Stolpe« (ehedem Jokrim genannt), Stadt in der königl. sächs. Kreishauptmannschaft Dresden, an der Wesenitz, Station derSächs. Staatsbahnen;Fabrikation von Messern, Holzschleiferei,Wasserleitung; 1875: 1403 Ew. Auf dem nahen Basalt-Berge die Ruine der alten Burg S. mit tiefem Felsenbrunnen, einst zeitweilige Residenz der Meißner Bischöfe, denen S. seit 1218 gehörte, später bis ins Jahr 1780 Festung u. Staatsgefängniß, in welchem auch die Gräfin Cosel, die Geliebte Augusts des Starken, von 1716—65, wo sie st., gefangen saß. H- Berns. Stolpmünde, Flecken im Kreise Stolpe des preuß. Regbez. Köslin, an der Mündung der Stolpe in die Ostsee, Station derPosen-Neustettin-S.-Eisen- bahn, Hafenort für Stolpe; Hanptzollamt, Navigations-Vorschule, Seeschiffahrt, Fischerei, Seebad, Hafen, durch Moolen geschützt; 1875: 1980 Ew. 1875 sind 246 Schiffe mit 17,620 Reg.-Tons in den Hafen eingelaufen u. 249 Schiffe mit 17,881 Reg.-Tons ausgelaufen. Stolze, Wilhem, Erfinder der deutschen Kurzschrift (s. Stenographie), Sohn eines ans dem Hannoverschen in Berlin eingewanderten Handwerkers, geb. 20.Mai1798 zuBerlin, st. das. 9.Jan.1867; bediente sich schon als Schüler des Joachimsthal- schen Gymnasiums der Horstigschen Stenographie. Die Unzuverlässigkeit derselben veranlaßte ihn zum Studium aller ihm bekannt werdenden Stenographie-Systeme u. zu vielen eigenen Versuchen.' Er gewann dieüberzengung, daß sich eine durchaus zuverlässige u. zugleich den höchsten Anforderungen der Praxis entsprechende deutsche Kurzschrift nur errei- Stolzenau - chen ließe: 1) durch engen Anschluß der Woctbilder- gliederung an die Wortbildungslehre, 2) durch Anwendung einfacher u. schreibfluchtiger Theilzüge der Currentschrift (hierin waren ihm schon Nowak und Gabelsberger vorangegangen) und 3) wenn es gelänge, den inlautenden Vocal der Stammsilbe ohne besonderen Schriftzug, symbolisch, zu bezeichnen. Seine weiteren Versuche richtete er nun namentlich auf den letzteren Punkt, u. nachdem er im I. 1838 die Idee zu seiner Vocalsymbolik gefaßt hatte, durfte er eines günstigen Erfolges versichert sein, gab jede andere Thätigkeit auf u. widmete sich ausschließlich der Stenographie. Die Unterstützung des Ministeriums ermöglichte ihm, im 1.1841 sein Lehrbuch der Stenographie im Druck erscheinen zu lassen. 1847 im preuß. vereinigten Landtage bestand sein Svstem unter erschwerenden Umständen die Feuerprobe der Praxis, n. nun verbreitete sich seine Erfindung nach und nach über ganz Deutschland, namentlich NDeutschland, u. die Schweiz. Der Staat erkannte S-s Verdienste dadurch an, daß S. znm Vorsteher des Stenographischen Bureaus des Abgeordnetenhauses ernannt wurde, ohne indessen seine Erfindung selbst anderweitig zu unterstützen. Seine Schüler setzten ihm auf dem Friedhofe der Domgemeinde in Berlin im 1.1869 ein einfaches u. würdiges Denkmal. Knövenagel. Stolzenau, Marktflecken mit Stadtrechten im Kreise Nienburg der preuß. Landdrostei Hannover, unweit der Weser; Amtsgericht, Schifffahrt, Fischfang, Wollhandel; 1875: 1381 Ew. Stolzenfels, Burg im Kreise u. dem preuß. Negbez. Koblenz, bei dem Dorf Kapellen, auf einem 97mhohenFelsen am Rheine im 13. Jahrh. erbaut, im MittelalterhäufigdieResidenz der Erzbischöfe von Trier, 1689 von den Franzosen zerstört u. 1836—42 unter der Leitung Schinkels für Friedrich Wilhelm IV. restaurirt u. neu erbaut; enthält viele Kunstgegenstände, namentlich in der herrlichen Burgkapelle u. im Rittersaale Fresken von E. Deger u. Stilke. Stolzer Heinrich, so v. w. Guter Heinrich, s. Ofisnopoäinm donus Üswriorw. Stoma (gr.), 1) der Mund; 2) Mündung. Ltomsobwa (Ltomaolialia), Magenmittel, bes. magenstärkende Mittel. Stomalgie (v. Gr.), I) Schmerz imMunde; 2) (Stomakake), Mundfäule. sheiten. Stomatitis (gr.), s. Mund- und Rachenkrank- Stomatoskop, Apparat zur Erleuchtung der Mundhöhle mittels des Drummondschen Kalklichts, erfunden von Prof Bruck jun. in Breslau. Stone, Stadt in der engl. Grafschaft Stafford, amTrent u. Grand Trunk Kanal, Eisenbahnstation; Lateinische Schule, Handwerkerinstitnt, Gerberei, Schuhmacherei, Malzdarre, Ziegelbrenneri; 1871: 3732 Ew. Stone, Marcus, engl.Historien- u. Genremaler, geb. zu London 1841, bildete sich an der Akademie das. u. betheiligte sich an deren Ausstellungen seit 1860. Er pflegt mit Vorliebe das historische Genre u. wurde 1877 Mitglid der Londoner Akademie. Werke: Von Waterloo nach Paris (1863); Prinzessin Elisabeth, von ihrerSchwester derKönigin Mary gezwungen, die Messe zu hören (1869); Die König!. Kinderstube (1871); Eduard II. und seine Geliebte Piers Gaveston (1872); Ls roi sst mort, — Stopper. 25 vivs lö roi! (1873); Meine Herrin ist Wittwe und kinderlos (1874); Flehen um Gnade (1876); Verstoßen (1876); Watts erstes Experiment; Napoleon auf der Rückkehr vonWaterloo nachParis. Regnet. Stonehave», Stadt in der schott. Grafschaft Kincardine, am Ausfluß des Carron in die Nordsee, Eisenbahnstation; Fabrikation von Leinwand und Thonpfeifen, Branntweinbrennerei, Bierbrauerei, Fischerei, kleinerHafen; 1871: 3396 Ew. 3 Icm südl. von S. auf einem fast unzugänglichen Porphyrfelsen am Meere das Schloß Dunnoltar. Stonehenge (d. i. hängende Steine), wahrscheinlich Überreste eines Druidenheiligthums bei Amersbury u. Avebnry der engl. Grafschaft Wilt- shire, bestehen aus etwalOO zwischen 2—6,zinhohen roh gearbeiteten, zum Theil durch Architrave ver- bundenen Säulen, die 4 große im Ganzen 83 in im Durchmesser haltende concentrische Kreise bilden. Stone Niver, Nebenfluß des Cumberland im Nordamerika». Unionsstaate Tennessee merkwürdig durch den Sieg, den die Nordstaatlichen unter Rose- crans am 1. bis 3. Jan. 1863 über die Conföderir- ten nnterBragg erkämpften; auch Schlacht bei Mur- freesboro genannt. Stonewall, s. Jackson 2). Stonington, Stadt im New London County des nordamerikan. Unionsstaates Connecticut, am Long Island Sound des Atlant. Oceans, Endpunkt der Providence-S. Eisenbahn; ausgezeichneter Hafen, Handel, Fischerei, Seebad, Leuchtthurm; tägliche Dampfschifsverbindung mit New Jork u. Boston; 6313 Ew. Stopfbüchse, Maschinentheil in Form einer Büchse, welche mit einem Dichtungsmaterial so fest ausgefllllt ist, daß eine Kolbenstange Wasser- und dampfdicht hindurchgehen kann. Am häufigsten finden sich S-n in den Deckeln der Cylinder von Dampf-, Pump- u. Wassersäulenmaschinen; als Dichtungs- material benutzt man für Wasser meist Lederscheiben, welche die Kolbenstange umschließen, für Dampf aber in Öl u. Talg getränkte Hanfflechten od. auch Me- tallliderung. Gieseler. Stoppelschwamm ist HFänum rspancium. Stopper, 1) ein kurzes Tau, das irgendwo befestigt wird, um es um ein anderes Tau zu schlagen u. dieses damit festzuhalten (stoppen). 2) Beim Gebrauch des Ankers ist es nöthig, die Ankerketten, die oft mit großer Schnelligkeit aus den Klüsen laufen, in ihrem Lauf zu hemmen u. festzuhalten (stoppen) ».sind hierzu besondere Vorrichtungen (Stopper) angebracht. Man theilt sie nach ihrer Einrichtung in Klemm-, Hemm- u. Hand-S.; nach dem Ort ihrer Befestigung in Bug-, Deck-, Deckklusen-, Zwischendeck- u. Last-S. Klemm-S. sind auf allen Schiffen die Haupt-S., weil sie dem Zuge der Kette mit Sicherheit auf längere Zeit auszuhalten im Stande sind. Das Stoppen wird durch Anpressen eines Kettengliedes an einen festen Gegenstand (Klüse) herbeige- sührt. Zwischendeck- u. Last-S. sind solche; an der Unterkante der Deckbalken dicht bei der Klüse ist ein gekrümmter, eiserner Hebel angebracht, dessen eines Ende um einen Bolzen drehbar ist u. dessen anderes Ende mit einer Talje resp. Takel u. Mantel gegen die Klüse geholt wird und somit die Kette bekneist. Eine andere Art ist der Harfield'sche Klemm«S., er ist innerhalb der Deckklllsen angebracht u. wird hier 26 Stoppine - durch einen Hebel ein Klemmkeil mit Querkopf gegen die Kette gedrückt und welche sich somit zwischen ihm n.der vorderen Klüsenwand bekneift. Diese Art wird fast aus allen größeren Schiffen gewissermaßen als Reserve-S. angebracht. Hemm-S. —ist ein Bug-S. — er soll den Zug der Kette nur auf kurze Zeit tragen, z. B. beim Ankcrlichten od. Brechen der Klemm-S. Die Kette fährt über eine Rinne, die durch einen Hebel gehoben u. gesenkt werden kann. Hebt man dieselbe, so senkt sich ein aufrecht stehendes Kettenglied hinein, das nächste wird dann gehalten; senkt mau die Rinne, so streift dieselbe die Kette wieder ab u. sie kann auslaufen. Hand-S., sind Hilss-S. wiederSchliPP-S.; dcrselbevorderBeeting an einem Bolzen geschäkelt n. besteht aus einem kurzen Kettenstander mit einem langenKettenglied mit einem beweglichen Hebel, der am drehbarenEndesovielgekrümmt ist,daß er durch das Glied einerKette gesteckt od. um ein solches hernmgenommen u. bis zum langen Glieds beigeklappt werden kann, woselbst er durch einen überzustreifenden Ring gehalten wird. Der Klau-S., wie der vorige nur an Stelle der Schlippvorrichtung eine Klaue, die in oder über die Kette greift. Die Tau-S., zur Unterstützung der Klemm-S., sie fahren aus Deck längs der Kette, sind kurze Taustander an einem Ende mit Haken od. Schäkel, am anderen mit einem Knoten. Mit elfteren werden sie in Bolzen gehakt od. geschäkelt, unterhalb letzteren wird ein Steert um Kette u. S. mehrfach genommen u. an der Kette beigezeist. D. Stoppine, so v. w. Zündschnur. sgroß. Stör (schwed.), bedeutet in Zusammensetzungen Stör, rechter, 75 Irin langer, aus 45 km schiffbarer Nebenfl. der Elbe in der preuß. Prov. Schleswig-Holstein, entsteht aus mehreren Bächen südwestlich von Neumlluster, nimmt links die Braman u. rechts die Wilster An auf u. mündet unterhalb Wewelsfleth. Storax, s. Ltzwax. Storax, 1) fester, ein aus dem in der Levante wachsenden echten S-baume Ltzwax okLoiualis aus- fließendes Harz, kommt in Körnern od. als schwarze Masse in den Handel. 2) Flüssiger, kommt von lüguickambar orisntnlis, einem in Kleinasien wachsende» Baume, ist branngrau, sehr zähflüssig, riecht angenehm benzoe-vanillenartig. 3) storax eals,- mita ist S-rinde grob gemahlen u. mit 2) geknetet. Alle drei werden in der Parfümerie, in Tabaksfa- briken, bes. aber zu Räucherkerzchen u. Räucherpulvern viel gebraucht. Jimgck. Storaxbaum, ist 1) lüguläambar stz-raeiüug.; 2) stprax oklioinalio. Storch, Ludwig, deutscher Schriftsteller,geb.14. April 1803 in Ruhla, stndirte 1822—25 inGöttingen u. LeipzigTheologie, widmete sich dann aber den geschichtlichen Studien u. später ganz der Belletristik, lebte anverschiedenenOrten, amlängsteninLeipzig u. Gotha u. zog sich dann nach langem Umherwandern 1866 nach Äreuzwertheim a. M. Er schr. zahlreiche Erzählungen u. Novellen, auch Gedichte, u. sind erster- gesammelterschienen Lpz. 1853—62, 31 Bde.; seine Gedichte, ebd. 1854; dann sind noch zu erwähnen: Thüringische Chronik, Gotha, 1841—42, 4 Hefte; Die Königin (histor. Roman), Lpz. 1858, 4 Bde.; SanctaElisabeth(Wartburgbilder),ebd. 1860; auch gab er von 1834—40 mit Stephan Schütz das — Störche. Taschenbuch der Liebe und Freundschaft u. m. a. heraus. Störche, dioonüäao Lx., Fam. der Ordnung der Reihervögel. Körper plumper gebaut, als bei den Reihern. Schnabel lang u. dick mit fast gerader Firste, Kehlhaut nackt. Beine sehr lang, Lauf vorn u. hinten netzartig getäfelt, Zehen kurz, vordere mit Spannhant, Hinterzehe höher gerückt, Krallen platt u. kurz. Gefieder meist einfach, weiß u. schwarz. Eier weiß. Gemäßigte u. warme Länder aller Erd- theile. Flug leicht und anhaltend. Gang langsam schreitend. Thierische Nahrung. Da der untere Kehlkopf fehlt, so sind sie ohne Stimme. Gatt, dioonia L. Schnabel gerade, lang kegelförmig, seine Ränder eingezogen. Nasenlöcher in einer Schnabelriune. Arten: l!. nlbaL., weißer Storch, Klapperstorch, 1 in. Weiß, erste Schwingen, Schultern u. die großen Flügeldecken schwarz. Schnabel u. Beine roth. Europa, namentlich Norddeutschland, Holland, Dänemark u. Mittelafrika an wasserreichen, fruchtbaren Niederungen. Hält sich gern in der Nähe menschlicher Wohnungen auf, baut sein großes Nest auf Häusern, geköpften Bäumen. Aus dem gemeinschaftlichen Zuge nach Afrika steigen sie so hoch in die Luft, daß man mit unbewaffnetem Auge dieselben kaum noch gewahrt. Daher wol die mythologische Deutung des Storchs als das Thier der himmlischen u. irdischen Wasser zugleich und auch seine Beiordnung als Vogel Donars (Thor) des Donnergottes, wobei aber seine rothen Beine, sein rother Schnabel (roth die Farbe Donars) u. sein Klappern (Ankkang an den Donner) wesentlich mit in Betracht kommen. Bei der Wiederkehr im Frühjahre suchen sie ihre alten Brutplätze wieder auf. Ihr Klappern mit dem Schnabel ist bekannt. Durch Verfolgung von jungen Jagdthieren, Fischen, Kröten, welche er aber nicht frißt, u. Fröschen zeigt er sich schädlich. Auch greift er Schlangen, selbst giftige, an u. fängt Mäuse. Das Gelege enthält bis 5 Eier. Die Jungen werden mit großer Sorgfalt gehegt. In Thessalien wurde im Alterthum, wer einen S. tödtete, mit dem Tode bestrast; die alten Naturhistoriker erzählen, daß die Störche ihre Eltern im Alter sorgfältig nährten und daß sie endlich wegen dieser Pietät auf die Inseln des Oceans flögen u. von da von den Göttern zum Lohne in Menschen verwandelt würden. Neuere Beobachtungen sagen dagegen aus, daß sie vor ihrem Abzüge nach Süden schwächliche und altersschwache Individuen todtbeißen. Daß die S. eigentlich verwandelte Menschen seien, ist ein auch in Norddeutschland, in den Niederlanden u. im Orient, besonders Arabien, vorkommeuder Glaube. Der deutsche und holländische Bauer sieht den Storch gern bei sich nisten, auch bei den Orientalen steht er in Verehrung, u. es ist ein gemeiner Glaube, daß Häuser, auf denen er nistet, gegen Feuersbrünste u. Blitzstrahl geschützt sind, und daß er wegziche, wo dem Hause ein Unglück, wie Feuer oder Seuche, droht, daß er im Schlamme verborgen überwintere, daß er jährlich ein Ei od. Junges opfern müsse. Am allgemeinsten verbreitet ist der Glaube, daß der Storch Kindersegen bringe, daher er nach der Kinderfabel die Brüder, chen n. Schwesterchen aus dem Kinderbrunnen rc. hervorholt (Klapperstorch). In NDentschland heißt der Storch Adebar, im holländ. ooijsvanr, ein Wort, das man als Kinderbringer deuten will. — 0. niAra ei> 27 Storchncst ikeekst., schwarzer Storch. Iw. Braunschwarz, metallisch grün u. purpurglänzend, unten u. Schenkel weiß. Schnäbeln.Beine imAlter roth, jung grünlich. Europa u. Asien, weit verbreitet, aber nicht so häufig. Lebensweise wie beim weißen Storch. Nest in Hochwäldern auf Bäumen. Gatt. Iwxtoptilns Krops-S. I,. Lignin Sicrz,. (warabn), Marabu, gem. Kropfstorch. 1,«w. Kopf, Hals u. beutelartiger Kropf nackt. Schnabel sehr groß, gerade, lang u. spitz, am Grunde sehr dick. Gefieder oben dunkelgrau, unten weiß. Die seinen unteren Schwanzdecken sind als Schmuckfedern geschätzt. Ostindien. Gatt. Ll/oteris, iL,., Sattel-S., Niesen°S. N. ssnsgLlsusio Riesenstorch. 1,^w. Schnabel leichtnach oben gebogen. Läufe sehrhoch. Gefiederan Kopf, Hals, Hinterrücken, auch dieFlügelu.Schwanz metallischglänzend schwarz, im Übrigen rein weiß. Schnabel an der Spitze u. Wurzel roth, in der Mitte schwarz. Läufe bräunlich, Zehen u. Fersen röthlich. Afrika, am weißen u. blauen Nil. Gatt, ^nasto- wus Lo»r„ Klafsschnabel, s. d. Gatt. Iantaln8 L., Nimmersatt, s. d. Farwick. cCillturgcsch., Schroot. Storchnest (poln. OoisoMo), Stadt im Kreise Fraustadr des preuß. Negbez. Posen, an einem See; 1875: 1698 Ew. In der Nähe 2 Spiritnsbren- nereien u. eine Stärkefabrik. Storchschnabel, die Pflanzengatt. tlsiLuinw, Storchschnabel, eine mechanische Vorrichtung zur Herstellung einer nach einem bestimmten Maßstabe verkleinerten od. vergrößerten Cvpie einer linearischen Originalzeichnnng. Seine Construction beruht hinsichtlich seiner Bewegung auf dem mathematischen Gesetz, daß wenn zwei znsammenstoßende Seiten (ab u. no) eines Parallelogramms (abock) über die gegenüberliegenden (Diagonal-) Endpunkte (b u. v) hinaus so weit verlängert werden, daß die Endpunkte der Verlängerungen (L u. t) mit dem Scheitelpunkte (ck) der anderen beiden Seiten in einer geraden Linie liegen, die Abstände dieser drei Punkte (L, ä, l) in einem festen Verhältnisse zu einander stehen. Denkt man sich nun den Punkt L feststehend, das ganze Parallelogramm aber mit den verlängerten Seiten beweglich, so muß jede Bewegung des Punktes ck in dem Endpunkte l sich nach einem Größenverhältnissewiederholen,welches dem Verhältnisse der Entfernungen der beiden letzteren Punkte (k u. ck) von dem festen Punkte L gleich ist. Sind nun die verlängerten Seiten nL u. ab als Schienen, die anderen beiden Seiten eck u. bck als stellbare, mit Skalen versehene Stäbe construirt, in dem Punkte ck ein Führ- ungsstift, in dem Punkte l eine Radirnadel oder ein Zeichenstist eingesetzt, so hat man die einfachste Form desS-s,wovondersog.Pantograph (s. Graphische Künste, Nr. 22) eine complicirtere Verbesserung ist. DieBewegung des S-s wird durch nebenstehende Figur verdeutlicht. DiekleineSchlangenlinieckck'wiederholt sich durch die Bewegung in fk' in einem Größenverhältnisse, welches dem Verhältnisse der Entfern- nung der Punkte L ä u. L k gleich ist. Will man nun eine Zeichnung in einem gegebenen Verhältnisse vergrößern, so setzt man den sMhrungsstift in ck, den Zeichenstift in k ein; will man sie verkleinern, so verwechselt man die Stifte, so daß in b geführt, in ä gezeichnet wird. Das Copiren geschieht in der Art, daß man das Instrument so auf die Zeichnung legt, daß der Führungsstift alle Linien derselben verfolgen — Storck. kann, während der Zeichenschrift in gleicher Weise auf das zu bezeichnende Papier gerichtet ist. Handelt es sich um eine Radirung, so muß die statt des- Fig. i. Zeichenstiftes eingestellte Nadirnadel genau ans die nntergelegte geschwärzte Knpferplatte gerichtet wer- Fig. 2. den; auch ist dafür zu sorgen, daß während der Arbeit weder Zeichnung noch Platte verrückt wird u. daß der Punkt L seine feste Stellung behält. Schasler. Storck, Friedrich, Dichter, geb.26.Dec. 1839 zu Elberfeld, widmete sich dem Kaufmannsstande u. beschäftigte sich nur in seinen geschäftsfreien Stunden mit schönwissenschaftlichen Arbeiten. Obgleich der jüngste von den bekannten Poeten des sangreichen Wupperthales, nehmen seine Werke unter den Dichtergenossen seiner engeren Heimath eine recht geachtete Stelle ein. Mit seinen 1876 pseudonym erschienenen Gedichten u. Erzählungen in Wupperthaler Mundart Je länger je lewer (Elberf. 1876) u. anderen in Zeitblättern erschienenen Dialektarbeiten führte er sich als trefflicher Humorist ein; er ist bisher der einzige unserer Wupperthaler Dichter, der in der schwierigen plattdeutschen Mundart seiner Heimat publicistisch anftrat. S-s neuestes Merkchen: Von Haus n. Herd (Elberf. 1878), ein Büchlein 28 Störe — Lyrik, das in seinem ersten Theile in umfassender Weise denZauber eines stillen Familienglückes feiert, bringt im zweiten Theile die Liedercyklen: Auf meiner Kinder Tod, veranlaßt Lurch den Verlust dreier Kinder. Diese letzte Publication stellt ihn in die Reihe derjenigen deutschen Poeten (Ad. Schuttes, E. Ritterhaus u. A.), die in der reichen poetischen Kinderwelt, in dem innigen Familienleben, ein neues Gebiet gefunden, u. hat ihm den Namen eines Dichters für Haus u. Familie eingetragen. Als ein eifriger Jün- ger Jahns hat er zu der Wiederauslebung u. Ein- bürgerung der deutschen Turner gewirkt, er gab bereits im Jahre 1861 ein Tnruerliederbuch heraus, betitelt: Germaniens Liedergruß an deutsche Turner u. deren Freunde, ferner schrieb er ein auch wiederholt aufgesührtes dramatisches Gedicht in 2 Acten: Deutsche Herzen oder des Turners Sieg; dem Die wilde Jagd u. An der Göhrde folgten, zwei dramatische Arbeiten, die, obgleich Bruchstücke, bei festlichen Gelegenheiten ebenfalls aufgesührt wurden. Er veröffentlichte weiter Gedichte, Leipz. 1870; Alldeutschland hoch, Zeitgedichte, Elberf. 1870; Liederbuch, Lpz. 1873; Lyrik, Neue Gedichte, Lpz. 1876. B-y-r. Störe, Lwipsnssrini ilckM., Fischfam. aus der Ordnung der Schmelzschupper. Körper vonbedeutender Größe, langgestreckt, mit 5 Reihen von Knochenschildern. Schnauze verlängert, unterwärts mit 4 Barteln. Mund klein, unten, und weit nach hinten gerückt, zahnlos. Kiemenspalte zum Theil unbedeckt. Kiemenhaut ohne Strahlen. Oberer Rand der Kiemendeckel mit Spritzlöchern. Schwanz he- terokerk. Rücken- u. Afterflosse der Schwanzflosse genähert. Meeresfische, auch in größeren Binnenmeeren auftretend, welche zur Laichzeit in die Flüsse steigen. Wegen des schmackhaften Fleisches u. der unter dem Namen Kaviar als Delicatesse bekannten Eier Gegenstand großer u. ergiebiger Fischerei, dazu liefert die Schwimmblase den geschätzten Fischleim, die sog. Hausenblase. Gatt. Loipsnsor D., Kopf gepanzert. Knochenschilder am Schwänze getrennt. Arten: sbwrio D., gem. Stör, 3—6 in lang. Graublau. Schnauze spitz dreieckig. Rückenschilder in der Mitte am höchsten. Die großen Seitenschilder einander genähert. Haut rauh. Europäisch atlantisch, zur Laichzeit in allen größeren Flüssen. Wird bis 200 schwer. L.Huso L., Hausen. Bis 8 in lang. Seitenschilder getrennt. Schnauze kurz, dreieckig. Schwarzes Meer, Donau. Jetzt sehr selten geworden. Lobz-pa, 6Mck. u. iL. 6uläsn- stattiiLrckt. kommen ebenfalls imSchwarzen Meere u. in der unteren Donau vor, auch der Sternhausen od. S ch e r g, stollatus welcher zwischen den Knochenschildern sternförmige Knochenplättchen trägt. L.. RubfisimoT,., Sterlet. Kaum 1 in lang. Nückenschilder hinten am höchsten, in einer Spitze endend. Seitenschilder, klein, genähert. Bartfäden innengefranzt. Schnauzclanggestrecktu.sehrschmal. Haut mit kleinen, hinten gestachelten Knochenkörperchen bedeckt. Dunkelgrau, Bauch Heller. Schwarzes u. Kaspisches Meer. Farwick. Storey, Adolphus, namhafter engl. Genremaler, geb. zn London 7. Jan. 1834, kam 1848 nach Paris und studirte dort 2 Jahre lang Mathematik, nebenbei Bilder alter Meister copirend, trat dann in das Atelier eines Londoner Architekten, endlich in LeighS Zeichenschule u. 1854 in die königl. Akademie. Störungen. Bald darauf stellte S. eine hl. Familie aus. Dieser folgten mehrere Genrebilder: Die Kirchenmusik; Die Bestattung der Braut rc. 1863 war S. in Spanien, wo er zahlreiche Porträts malte. Nach seiner Heim- kehr entstand seine: Begegnung William Seymours mit der Lady Arabella Stuart am Hofe Jakobs I., 1690 (1864); Eine königl. Herausforderung (Aus dem Leben Heinrichs VIII.); Nach Ihnen!; Die schüchterne Tanzschülerin (1867); Der Segen(1868); Die Schwester (1869); Der alte Soldat; Ein Duett (1870); Die Rosen-Wange (1871); Liebe im Irrgarten (1873); Der Großmutter Geburtstag (1874). S. bekundet lebendige Auffassung, gesunden Humor, gute Zeichnung u. frische Farbe. Regnet. Storkow, Stadtim Kreise Beeskow-S. (s. Bees- kow 2) des preuß. Regbez. Potsdam, am Dolgensee u. am S-er Kanal; Amtsgericht, starke Schuhmacherei und Seilerei, starker Ackerbau, Schifffahrt; 1875: 2162 Cw. — In der Nähe bedeutende Ringofenziegeleien und Brauukohlengruben. Die Herrschaft S., ein Lehen der Krone Böhmen, fiel 1575 an den Kurfürsten Johann Georg von Brandenburg; diese Lehnshoheit wurde durch den Dresdener Frieden 1742 ansgehoben. Der 28 lcin lange schiffbare S-er Kanal führt aus dem Scharmützel- See zur Dahme. H. Berns. Storni, Th eodor, Dichter, geb. 14. Oct. 1817 in Husum, widmete sich der Advocatur, wurde aber 1853 als Deutschgesinnter suspcudirt, trat in preuß. Dienste, als Gerichtsassessor in Potsdam u. ward daun Kreisrichter in Heiligenstadt. 1864 ging er nach Husum zurück. Als Dichter trat er zuerst mit lyrischen Gedichten, dann mit Jdyllnovellen u. Märchen auf, die ersteren gesammelt Kiel 1854, 5. A. Berl. 1875, letztere mit Erzählungen als Gesammelte Schriften, Braunschw. 1871—76, 10 Bde., denen dann Neue Novellen, Berl. 1878 folgten. Stormarn, 1) Landschaft im südl. Theile der preuß. Prov. Schleswig-Holstein, zwischen Stör, Elbe, Bille u. Trave, besteht aus der Grafschaft Ranzau, der Herrschaft Pinneberg (einschließlich der Stadt Altona), den ehemaligen Ämtern Trittau, Tremsbüttel, Reinbeck u. Steinburg u. mehreren Städten (darunter Glückstadt). Historisch gehörte auch die Stadt Hamburg mit zu S. 2 ) Kreis in der preuß. Prov. Schleswig-Holstein, durchschnitten von der Linie Berlin-Büchen-Hamburg der Berlin-Hamburger , der Linie Neumünster-Segeberg-Oldesloe, der Altona-Kieler u. der Lübeck-Hamburger Eisenbahn; 888„z Hjlcm (16,i« ÜM) mit (1875) 67,099 Ew. — Kreisstadt ist Wandsbeck. H- Berns. Storniren, s. Listorvo. Stornoway, Hafenstadt an der OKüste der zur schott. Grafschaft Roß u. Cromarty gehörigen Hebrideninsel Lewis; Häringssang, Kelpbrennerei, guter Hasen; 1871: 2535 Ew. Storthing (d. i. die große Volksversammlung), Reichsversammlung von Norwegen. Störungen (Perturbationen, Astron.), die durch die gegenseitige Anziehung verschiedener Himmelskörper bewirkten kleinen Abweichungen der Planeten, Nebenplaneten (Trabanten od. Monde) u. Kometen von ihren elliptischen Bahnen. Man unterscheidet allgemeine u. specielle S., je nachdem man sie in ihrer Allgemeinheit entwickelt oder nur den Betrag der S. von einer Epoche zu einer ande« 29 Story - ren berechnet. Die S. bilden eines der schwierigsten Probleme der Astronomie. Da zu dem Phänomen wenigstens drei Körper erforderlich sind, wird es auch das Problem der drei Körper genannt. Die beträchtlichsten S. zeigt der Mond in seiner Bewegung. Von den periodischen S. des Mondes sind die drei hauptsächlichsten die Variation, die Evection n. die jährliche Gleichung. Specht. Story, Josef, nordamerik. Rechtsgelehrter n. Staatsmann, geb. 18. Sept. 1779 zu Marblehead bei Boston, wurde Advocat u. 1805 ins Unterhaus von Massachusetts gewählt. 1811 ward er als Richter in den Bundesgerichtshof berufen, 1829 Professor der Rechte an dem Harvarä-LoilsAs zu Cambridge u. st. 10. Sept. 1845 das. S. schr. vortreffliche Lehrbücher über Naturrecht, Völkerrecht, See- n. Handelsrecht, Staatsrecht der Vereinigten Staaten, über letzteres auch Oommsuturios on tlrs ooiwtitu- täou ob tks Iluitoä Ltatos, Bost. 1833, 3 Bde., deutsch im Auszug, Leipz. 1838; daun die schätzens- wertheu Uisosllaugous vritinAs, liborar/, oritioal, juriäioal und poiibioal, Bost. 1835. Vgl.W. Story, lüks and lotbors ok ll. 8., Lond. 1851. Stosch, 1) Philipp, Baron von, berühmter Kunsthistoriker, geb. 22. März 1691 in Kllstrin, st. 7. Nov. 1757 in Florenz; studirte Theologie u. Numismatik in Frankfurt a. d. O., ging 1710 nach dem Haag, wo sein Onkel, von Schmettau, preußischer Gesandter war, dann nach England, 1713 nach Paris u. 1714 nach Italien, wo er sich mit dem Studium der Denkmäler der alten Kunst beschäftigte. Heimgekehrt trat er als Rath in sächsische Dienste, ging 1719 wieder nach dem Haag, trat dann in englische Dienste u. wurde 1722 zur Beobachtung der Umgebung des Prätendenten nach Rom geschickt. Deshalb angeseindet, verließ er Rom u. ging 1731 nach Florenz, wo er seine Sammlung von Kunstsachen fortsetzte. Über seine reiche Sammlung von Kunstschätzen gab er heraus: Oommus unbiguus ooeiutas soulpborum iirmAinibus inoi^nibas, uoro iaoisus per Loruir. ikiourb, Haag 1724, 2 Bde., Fol.; dazu schrieb Winckelmann: Osooription dss piorros Aruvöso du ksu Larou 8., Flor. 1760; die für die Mythologie sind vou'Schlichtegroll alsDuotx- 1iotlrsog.8tosolua.na, Nürnb. 1797—1803, 2 Bde., mit erklärendem Texte herausgegeben worden. Von seiner Sammlung kamen die geographischen Werke (Landkarten, Zeichnungen, Kupferstiche), 324 Bde. in Fol. an die kaiserliche Bibliothek in Wien, die etruskischen Gemmen nach Neapel, die Jntaglios (3444 an der Zahl), alten Steine u. Pasten nach Berlin, die Abgüsse neuer Münzen an den Prinzen von Wales, die Schweselabgüsse von Gemmen rc. an Tassie. (S. Justi: Briefe des Baron Philipp v. S., Mark. 1872). 2) Albrecht v., Staatsminister u. Chef der Admiralität, geb. 20.Apr. 1818, trat 1835 als Secoudlieuteuaut in die preuß. Armee u. rückte bis 1852 zum Hauptmann auf; von 1855 an verfolgte er die höhere Generalstabscarriöre, avancirtc 1856 znm Major, 1860 zum Oberstlieute- naut, 1861 zum Oberst u. zugleich zum Chef des Generalstabes beim 4. Armeecorps; 1866 wurde er Generalmajor u. im Kriege gegen Österreich Ober- quartiermeistcr der 2. Armee. Nach dem Kriege erhielt er die Direction des Militärökonomiedepartements im Kriegsministerium u. begleitete den Kron- - Stoß. Prinzen 1869 zur Eröffnung des Suezkanals. Bei Ausbruch des Krieges gegen Frankreich 1870 war S. Generallieutenant u. Generalintendant der Armee. Jm Dcc. 1870 wurde er Generalstabschef des Großherzogs von Mecklenburg und dann General» stabschef bei der Occupationsarmee in Frankreich, 1. Jan. 1872 aber zum Chef der deutschen Admiralität u. Staatsminister u. Mitglied des Bundes- rathes ernannt. i) Regnet." Stoß, das Zusammentreffen zweier od. mehrerer Körper, von denen wenigstens einer in Bewegung sein muß. Der S. wirkt wie eine Kraft von sehr großer Stärke in sehr kurzer Zeit. Diese Wirkung wird mannigfach benutzt, so beim Einschlagen der Nägel, dem Einrammen von Pfählen rc. Physikalisch betrachtet, besteht die Wirkung des S-es in zweierlei, in einer Zusammendrückung od. Formver- änderung u. einer Veränderung der Bewegung der Körper. In welcher Art u. welchem Maße dies stattfindet, hängt von der Art des Zusammentreffens u. von der Beschaffenheit der Körper ab. Diese Wirkungen im Allgemeinen anzugeben, ist schwierig, wir beschränken uns daher auf den einfachsten Fall, in dem 2 Kugeln sich in derselben Linie zunächst in gleicher Richtung, aber verschiedener Geschwindigkeit bewegen (centraler, gerader S.). Die Kugeln sollen entweder beide ganz unelastisch, od. beide vollkommen elastisch sein. Diese Fälle kommen zwar, genau genommen, in der Natur nicht vor, doch nähern sich viele Körper den gedachten Zuständen. Als Beispiel von ganz unelastischen Körpern denken wir uns 2 feuchte Thonkugeln, als das von 2 sehr elastischen Körpern 2 Elfenbeinkugeln. Sind die beiden Kugeln unelastisch, so dauert ihre gegenseitige Wirkung beim Zusammenstoß nur so lauge, bis sie dieselbe Geschwindigkeit erlangt haben; sie bleiben dann zusammen u. bewegen sich mit gemeinsamer Geschwindigkeit weiter fort. Diese Geschwindigkeit ergibt sich aus der Betrachtung, daß die Geschwindigkcitsänderung des einen Körpers proportional der Masse des anderen sein muß, oder, wenn man das Product aus der Masse u. Geschwindigkeit eines jeden Körpers, wie gebräuchlich, die Bewegungsgröße (Bewegnngs- momeut) des Körpers nennt, daß vor u. nach dem S. die Summe der Bewegungsgrößen beider Körper dieselbe sein muß. Man erhält daher die Endgeschwindigkeit, indem man die Summe der Beweg- ungsgrößeu durch die Summe der Massen dividirt. Bewegen sich aber die Körper in entgegengesetzter Richtung, so ist die Endgeschwindigkeit gleich dem Quotienten aus der Differenz der absoluten Bewegungsgrößen durch die Summe der Massen, u. zwar ist sie im Sinne der größeren Bcwegungsgröße zu nehmen. Stoßen z. B. 2 Kugeln von gleicher Masse in entgegengesetzter Richtung auf einander, so erhalten sie die halbe Differenz der Geschwindigkeiten, od. stößt ein unelastischer Körper senkrecht gegen eine feste Wand, so kommt er zur Ruhe. Die Gesetze des S-cs unelastischer Körper finden eine Anwendung beim ballistischen Pendel. Sind dagegen die beidenKugelu elastisch, so drücken sie sich ebenfalls so lange zusammen, bis ihre Geschwindigkeit dieselbe ist; nunmehr aber dehnen sie sich infolge der Elasticität mit derselben Krast wieder aus, mit der sie sich vorher com- primirt haben, so daß sich also der Gewinn od. Verlust an Geschwindigkeit bei jedem Körper verdoppelt. 30 Stoß — Die Kugeln treten daher wieder auseinander n. jede erhält ihre eigene Endgeschwindigkeit, die sich ebenfalls mathematisch ausdrücken läßt. Sind insbesondere die beiden Körper von gleicher Masse, so vertauschen sie ihre Geschwindigkeiten, war der eine in Ruhe, so erhält er die Geschwindigkeit des stoßenden Körpers, während dieser zur Ruhe kommt; stößt ein elastischer Körper gegen eine elastische Wand, so kehrt er mit derselben Geschwindigkeit zurück. Berechnet man mit den für die Endgeschwindigkeiten gefundenen Werthen die Summe der lebendigenKräste beider Körper vor u. nach dem S., so zeigt sich, daß beim S. elastischer Körper kein Verlust, dagegen beim S. unelastischer Körper ein Verlust an lebendiger Kraft stattfiudet. In der That wird im letzten Falle Arbeit verbraucht durch die bleibende Formverändernng der Körper. Die Gesetze des centralen n. geraden S-es lassen sich durch die S-maschine Prüfen, in der mehrere Kugeln in gleicher Höhe pendelartig anfgehängt sind. Auf dem Billard ergeben sich außerdem noch die, complicirteren Fälle des schiefen, centralen S-es zweier Kugeln, wo die Bewegungsrichtungen nicht in eine gerade Linie fallen. Hierbei hat man theoretisch den S. zu zerlegen in eine centrale und eine tgngentiale Componente. Die erste bewirkt eine Änderung der Bewegung in der Richtung der Verbindungslinie der Mittelpunkte der Kugeln, wie beim geraden S., die letzte infolge der beim S. stattfindenden Reibung eine Rotationsbewegung beider Kugeln. Ähnlich ergeben sich die Gesetze des excentrischen S-es, der z. B. stattfindet, wenn man eine Billardkugel mit dem Queue nicht in der Mitte, sondern oben od. nuten anstüßt. Stahl. Stoß, die seitliche Begrenzung eines Grubenbaues; die Angriffsfläche desselben ist mit einbegriffen (Arbeits-S.). Stoß, Veit, berühmter Bildschnitzer, geb. in Nürnberg um 1450, st. das. 1533, bildete sich wahrscheinlich in der Schule des Mich. Wohlgemuth, gab 1477 sein Bürgerrecht in Nürnberg auf u. siedelte nach Krakau über, wo er den Hochaltar für die Marienkirche auf dem Ring ausführte u. das Bürgerrecht erhielt. Noch vor Vollendung des Werkes ging S. aus 2 Jahre von Krakau weg u. kehrte erst 1489 dahin zurück. Wahrscheinlich war er in Nürnberg. 1492 wurde ihm die Ausführung des Grabmals des Königs Kasimir Jagello im Dom zu Krakau übertragen, doch scheint er bloß den Entwurf gezeichnet u. die figürlichen Modelle gemacht zu haben. Gleichzeitig schuf S. das Grabmal des Erzbischofs Zbig- niew Olesnisky im Gnesener Dom u. 1495 die 147 Rathsherrnstühle für den Chor der Frauenkirche in Krakau. 1496 kehrte S. nach Nürnberg zurück, erwarb das Bürgerrecht wieder und stellte 1508 den Hauptaltar der Pfarrkirche in Schwabach her, dann die Altäre in der Klosterkirche in Heilbronn u. in der Kirche zu Hersbruck, in der Ägidienkirche zu Nürnberg rc. Sein Hauptwerk aber ist der Englische Gruß, ein Werk ganz eigener Art u. ohne Gleichen, in S. Lorenz in Nürnberg. Wegen Fälschung eines Schuldscheins wardS.1503 gebrandmarkt u.aus der Stadt verwiesen, erhielt aber vom Kaiser Max einen Resti- lntions-u. Rehabilitationsbrief. Erst.blind. Regnet. Stoßen nennt man die heftige Grundberllhrung eines Schiffes. Stoßläppen ist eine Verdoppelung an den Stellen der Segel, wo sie scheuern können. ! Stourdza. Stoßmatten (Schamvielungsmatten) sind Matten, welche an den Stellen um die Raaen befestigt werden, wo sie an den Mast anliegen. Stoßtaljen (s. Taljen) zur besseren Befestigung der Raaen beim Schlingern. Stößen, Stadt im Kreise Weißenfels des preuß. Regbez. Merseburg, mit bedeutender Zuckerfabrik u. (1875) 1262 Ew. Stoßente, s. v. w. Stockente, s. Enten. Stoßfalk, so v. w. Banmfalk, s. Edelfalken. Stoßheber, so v. w. Hydraulischer Widder. Stoßherd, s. Aufberciten. Stoßvogcl, so v. w. Habicht und Sperber. Stoßwerk (Prägstock, Prägwerk), kräftige Maschine, um in Stanzen zu pressen u. zu Prägen. Stothard, Thomas engl. Historienmaler, geb. 17.Ang. 1755 in London, st.daselbst 28. April 1834, Sohn eines Gastwirths, illnstrirte in seiner Jugend vaterländische Dichter n. wurde 1794 Mitglied der Londoner Akademie. Man schätzt die Zahl seiner Zeichnungen auf 10,000, sie beziehen sich hauptsächlich auf Shakespeare, Chaucer, Spenser u. Roger. Auch zum Gil Blas lieferte er solche. Hauptgemälde (Fresken): Der Krieg, DieUnbesonnenheit, Orpheus in der Unterwelt, Antonius u. Kleopatra, sämmtlich im Treppenhaus des Schlosses des Lord Exeter in Burleigh; ferner Roger de Coveley u. die Zigeunerinnen, Der Club, Phillis u. Brünette, Promenade in Canterbury. Auch für Bildhauer zeichnete S. Entwürfe, wie z. B. zum Garrickdenkmal in der West- minster-Abtei u. zu den schlafenden Kindern in der Kathedrale zu Lichfield. Collins, Heath, Parker, Cromek u. A. stachen nach seinen Zeichnungen und Bildern. Regnet. Stottern, die auf einer Coordinationsstörung der zum Sprechen nöthigen Muskeln beruhende Schwierigkeit, gewisse Consonanten, in schweren Fällen auch Vocale (Bocal-S.) auszusprechen. Will der S-de sprechen, so stellen sich sofort bei einzelnen Sprachmuskeln (Ober-, Unterlippe, Zungenspitze, Hinterer Theil der Zunge u. Gaumenhälfte) krampfhafte Zusammenziehungen ein, welche die Sprach- bildung aufhebcn; meist finden zugleich die verzer- rendsten Zuckungen der Gesichtsmuskeln statt. Das S. ist ein dem Veitstänze ähnlicher Krankheitszu- stand; beim Veitstänze sind mehr oder weniger alle Muskeln des Körpers in ungeregelter, krampfhafter Thätigkeit, beim S. nur die Sprachmuskeln. Der Krankheit liegt eine angeborene Schwäche des im verlängerten Marke seinen Sitz habenden Athmnngs« und Stimmcentrums zu Grunde und entsteht durch starke Physische Erregungen im jugendlichen Aller (vom 5.—12. Jahre), von denen das Centrum sich nicht erholt. Die erfolgreichste jetzige Behandlung besteht im langsamen Sprechen nach dem Takt, doch ist stets große Ausdauer erforderlich. Kunze. Stourbridge, Marktstadt in der engl. Grafschaft Worcester, am Stour, Eisenbahnstation; Lateinische Schule, Eisenwerke, Fabrikation von Glas (bes. Spiegelglas), Thonwaaren u. feuerfesten Schmelztiegeln; 1871: 9376 Ew. In der Nähe Eisen- u. Steinkohlengruben. Stourdza (Stürza), eine moldauische Bojarenfamilie, welche ihren Ursprung von den im 15. Jahrh. nach der Moldau eingewanderten ungarischen Turzos ableitet. 1) Gregor, mar unter dem Fürsten Kalli- Stourport — Strachwitz. 31 macht Kanzler der Moldau n. unter seiner Leitung erschien 1817 das Moldauische Gesetzbuch. 2 ) Johann, war 1822—28 Hospodar der Moldau. 3 ) Alexander von, geb. 29. Nov. 1788 in Jassy, Sohn eines moldauischen Bojaren, welcher als politisch Compromittirter nach dem Frieden von Jassy 1792 nach Rußland auswanderte. Er ging zu seiner wissenschaftlichen Ausbildung einigeZeit nach Deutschland u. machte sich, nach Rußland zurückgekehrt, der Regierung sehr bald als Publicist bemerkbar, bes. durch sein französisch geschriebenes, die Vorzüge der Griechischen Kirche vor der Abendländischen darthuen- des Werk: Betrachtungen über die Lehre u. den Geist der orthodoxen Kirche (deutsch von Kotzebue, Leipz. 1817). Auf dem Aachener Congresse schrieb er im Austrage des russischen Ministeriums, nicht ohne fremden Einstuß: ülömoirs sur I'stab aobrrel äs 1'^IIsms.Ans, Aach. 1818 (deutsch in den Politischen Annalen 1819), worin er Deutschland bitter u. ungerecht tadelte, namentlich die deutschen Universitäten als die Pflanzschulen des Atheismus u. des revolutionären Geistes darstellte, deren Reorganisation als eine Forderung des Christenthums die Landesherren sich angelegen sein lassen müßten. Als gründlicher Widerleger trat VillierS in seinem: 6oup ä'osii sur Iss rmivsrsitss äs 1'^UsmaAus, Aach. 1818, und Krug in Anti-S., Leipz. 1819, auf. S. zog 1819 nach Dresden u. kehrte 1820 nach Rußland zurück, wo er wirklicher Staatsrath wurde und auf seinen Gütern in der Ukraine u. dann in Odessa lebte; er st. 13. (25.) Juni 1854 auf seinem unweit davon gelegenen Gute Mansyr. Er wirkte mit seiner Gemahlin, einer Tochter Huselands, zur Gründung wohlthätiger Anstalten in Rußland, bes. eines Diakonissenvereins für Armen- und Krankenpflege in Odessa rc. Er schr. noch: I-a, 6rses sn 1821, Lpz. 1822; liloties bioAraxlrigus sur Is Oombs ä. Oa- xoäistrias, 1832; 0. V. Huksls-uä, Berl. 1837; Briefe über die Pflichten des geistl. Standes, 4. A. Odessa 1844. Nach seinem Tode erschienen Osuvrss posblrumss rsÜAisusss, bistorigues, pirilosoplii- gues st litsrairss, Par. 1858—61,5 Bde. 4 ) Michael, Sohn von S. 2), geb. 1795, wurde 1834 Hospodar der Moldau, aber 25. Mai 1849 von der Pforte abgesetzt u. lebte seitdem in Paris. 5) Gregor, Sohn des Vor., geb. 1821, war Oberst in der moldauischen Armee, erhielt 1853 vom Sultan die Würde eines Pascha, wogegen die russische Regierung seine Güter bei Jassy confisciren ließ. Lagal? Stourport, Stadt in der engl. Grafschaft Wor cester, an der Mündung des Stour in den Severn, über den eine großartige Eisenbahnbrücke führt, Eisenbahnstation; Flußschifffahrt, Handel mit Getreide, Obst, Hopsen, Steinkohlen u. Holz; etwa 2000 Ew. 8tont, eine Sorte dunklen englischen Bieres. Stowe, s. Bescher 4). Stowmarket, Stadt in der engl. Grafschaft Suffolk, nordwestlich von Ipswich, am schiffbaren Gipping, Eisenbahnstation; Eisengießerei, Fabrikation von Papier und Schießbaumwolle, Gerberei; 1871: 4097 Ew. Stotz, Karl Volkmar, hervorragender Pädagog u. Vertreter der Herbartscheu Schule, geb. 22. Jan. 1815 in Pegau, studirte seit 1833 in Leipzig u. Göttingen Theologie, wurde 1839 Lehrer an der Erziehungsanstalt der Gebrüder Bender zu Weinheim, 1843 Privatdocent der Philvsopie in Jena, wo er die Direktion eines KnabenerziehungsinstitntS übernahm, 1844 ein pädagogisches Seminar gründete und 1845 Professor der Philosophie und 1857 Schulrath wurde; 1865 folgte er einem Rufe als Professor nach Heidelberg u. richtete 1867 das Seminar in Bielitz nach seinen Grundsätzen ein. 1863 nach Heidelberg zurückgekehrt, lebt er seit 1874 als Professor und Schulrath in Jena. Er schr. u. A.: Schule und Leben, Jena 1844 ff.; Hauspädagogik, Lpz. 1855 rc.; Encyclopädie, Methodologie u. Literatur der Pädagogik, 2. A. ebd. 1878; S. ist seit 1870 Herausgeber der Allgem. Schulzeitung. Sitz. Strabane, Marktstadt in der Grafschaft Throne der irischen Prov. Ulster, am Foyle (hier Mourne genannt), der Stadt Word gegenüber, Eisenbahnstation; Gerichtshof, Handel; 1871: 4309 Ew. Strabismus, Schielen, s. d. Strabo (Strabon), geb. 54 oder 66 v. Ehr. zu Amasia in Kappadokien, aus einer angesehenen griechischen Familie, studirte zu Amisos u. Tarsos peripatetische Philosophie u. lebte im Besitz eines ausreichenden Vermögens seit 29 v. Ehr. theils zu Rom, theils auf ausgedehnten Reisen durch Griechenland, WJtalien, Ägypten bis an die Grenze von Äthiopien, Syrien u. Kleinasien. Er schr. 5ix» (47 Bücher, verloren, Fragmente im 3. Bde. von K. Müllers I?raAm. Iristor. Zraso.), eine Fortsetzung des Polybios vom Untergang des Makedonischen Reiches an, u. Vca>x§ahAxä in 17Büchern, eine durch gewissenhafte Forschung u. klare Beobachtung ausgezeichnere,systematisch geordnetehistorisch-ethno- graphisch-chorographisch - topographische Beschreibung der Länder der ganzen damals bekannten Erde. Die Vewz-pa-oexa wurden herausgeg. zuerstVened. 1516, Fol.; von Siebenkees, Tzschucke u. Friedemann mit dem Commentar des Casaubonus, Leipz. 1796—1818, 7 Bde.; von Koray, Par. 1815—19, 4 Bde.; von Kramer, Berl. 1844—52, 3 Bde.; von A. Meineke, Lpz. 1866,2Bde.; deutsch vonForbiger, Stuttg. 1856, 8 Bde. Von der Geographie des S. wurde gegen Ende des 10. Jahrh. von einem Anonymus ein Auszug gemacht (Lpitoms kalatiua), herausgeg. von Gelenius, Bas. 1523 (wiederholt bei Müller, 6so§r. Arase. miuorss, Bd. 2), dem sich andere Excerpte bis zum 15. Jahrh. auschlossen (Lpi- toms Vaticana, und Llarsiana). Thielemann. 8traocbino, eine fette Käseart, welche bes. in Ober- italicn, namentlich Brescia, Mailand u. Bergamo, verfertigt wird. Man unterscheidet fetten u. überfetten 8. Zu jenem wird reine Kuhmilch verwendet, zu diesem noch Rahm hinzugesetzt. Guter 8. wird erzielt, wenn beim Laben mäßige, nach dem Käsen hohe u. im Keller niedrige Temperatur beobachtet wird. Elftere macht den Käse weich, die andere dauerhaft und die letzte pikant. Rhode. Strachwitz , ein sehr altes, aus Schlesien stammendes Dynastengeschlecht in Preußen u. Oesterreich, welches 1630 in den Reichsfreiherrn- und 1798 in einer Linie in den preußischen Grafenstand erhoben wurde. Aus letzterer Linie stammt: MauritzKarl Wilhelm,Grasvon, deutscher Dichter, Sohn des 1863 verstorbenen Grafen Hans, geb. 13. März 1822 zu Peterwitz in Schlesien, studirte in Berlin u. Breslau, lebte dann auf seinem Gute Schebetau in Mähren u. st. 11. Dec. 1847 in Wien; er schrieb: Lieder eines Erwachenden, Bresl. 1842, 5. A. 1854; Neue Gedichte, ebd. 1848, 2. A. 1849; Gedichte, Gesammtausg. ebd. 1850, 6. A. 1870. Strack, Joh. Heinr., Architekt, geb. 24. Juli 1806 in Bückeburg, wurde Lehrer an der Bauakademie in Berlin, später zum Professor, Hofbanrath u. 13. Mai 1875 zum Geheimrath ernannt. Er ist einer der hervorragendsten Vertreter der Schinkel- schen Schule u. lieferte zu vielen größeren Bauten die Pläne; so zu dem Schloß Frederiksborg, zum Ausbau des Schlosses Babelsbcrg u. des Residenzschlosses in Schwerin, zur Petrikirche in Berlin, zu den Gebäuden des Borsigschen Etablissements in Moabit bei Berlin. Die Borsigsche Maschinenbauanstalt in Berlin, sowie das Raczyuskische Palais, das Biersche Hans, das Palais des Kronprinzen u. mehrere Jnnendecorationen im Palais des Kaisers daselbst sind seine edelsten Privatbanten. Das Siegesdenkmal zu Berlin, die Nationalgalerie, der Umbau des Brandenburger Thores, die Hallesche Thorbrücke, sowie die beiden Abschlußgebäude am Belleallianceplatz, sind Monumentalbauten, welche ihm für immer einen Platz unter den ersten Architekten der Gegenwart sichern. Er ließ 1862 auf seine Kosten das Theater des Dionysos zu Athen,,das erste Theater der Welt, ausgraben. Er schr.: Über das Theatergebäude der alten Griechen, Potsd. 1843; u. gab mit Meyerheim: Architektonische Denkmäler der Altmark Brandenburg, mit Text von Kugler, Berl, 1834 f., heraus; ferner: Architektonische Details, 185 7; Über die Anlage von Armenversorgungsanstalten, 1838; ferner mit Stüler: Vorlage- blätter für Möbeltischler, 1840, u. mit Gottgetreu: Das Schloß Babelsberg bei Potsdam u. mit Hitzig und Borstell: Der innere Ausbau von Wohngebäuden. Kühne. Stradella, Stadt in der ital.Prov.Pavia, Station der Oberltal. Bahn; Fabriken in Tuch, Seide, Weinstein, Spiritus u. Leder; 5955EW. (Gem. 8075). Stradella, Alessandro, berühmter italien. Componist und Sänger, geboren 1645 in Neapel, componirte Oratorien, Cantaten, Madrigale und Opern mit solchem Glück, Saß er Apollo ckslla, Illusion genannt wurde. Da er eine vornehme Vene- tianerin entführte, sendete ihm deren früherer Geliebter 2 Banditen mit dem Aufträge nach, ihn zu ermorden; diese holten auch die Flüchtlinge in Rom ein, aber vor der beabsichtigten Ausführung der Thal wohnten sie der Aufführung eines Oratoriums von S. bei und wurden so davon bezaubert, daß sie nicht nur ihre Absicht aufgaben, sondern auch S. den Nacheplan seines Verfolgers verrietheu. Dennoch wurde S. später, um 1680, in Genua ermordet. Obiges bildet das Sujet zu der Oper S-s, von W. Friedrich, componirt von F. v. Flotow. Stradioten, geborene Albanesen, welche als leichte Reiter im 15. u. 16. Jahrh. in sranzös. und venetian. Diensten hauptsächlich verwendet wurden. Stradivari (Stradivarius), Antonius, der berühmteste Geigenbauer Italiens, geb. 1644 in Cremona, Schüler von Niccolo Amati, lebten, wirkte in seiner Vaterstadt, wo er 1737 starb. Er verfertigte über 1000 Instrumente, hauptsächlich Violinen, auch Bratschen und Violoncelli, welche zum Theil Meisterwerke ersten Ranges sind. Seine besten Instrumente stammen aus den Jahren 1700—1725; dieselben besitzen einen ebenso kräftige», ausgiebigen, als anmuthigen, lieblichen Ton u. vereinigen somit die besten Eigenschaften der Brescianischen mit der Cremonesischen Schule. Inschrift: Lntonius 8trnäi- varius Oroinoususis iHIgyg. 1 , Lnno 17 — L -j- 8. Vgl. Niederheitmann, Cremona, Lpz. 1877; F. I. Fötis, Antoine S., Par. 1856. Si-benrock. Strafabtheilungen, dienen zur Aufnahme der zu Festungsstrase verurtheilten Soldaten, Preußen besitzt deren 23, Bayern 2 u. Sachsen u. Würtem- berg je 1. Die Sträflinge leben unter strenger Aufsicht in abgesonderten Kasernen der Festung, tragen blaue Jacken. Gamaschen. Sie werden zum Festungsbau u. sonstigen Militärarbeiten gebraucht. Strafanstalten, s. u. Gefängniß. Strafbefehl (Strafmandat), Verfügung des Amtsrichters, welche aus Antrag des Staatsanwalts ohne vorausgegaagene Verhandlung in geringfügigen Strafsachen erlassen werden kann; die angedrohte Strafe selbst kann in Geldstrafe bis zu 150 LI. oder in einer Freiheitsstrafe bis zu 6 Wochen bestehen u. wird vollstreckbar, wenn der Beschuldigte nicht binnen einer Woche nach der Zustellung seine Einwendung dagegen erhebt. Dtsch. Strafproceßordn. SZ 447 ff. Strafbills, im engl. Rechte Ausnahmegesetze für besondere öffentliche Verbrechen, Aufruhr rc. Strafe (koonn, Viuäieta, Liiiillaävsi'8io,6oör- oitio). jeder Nachtheil, jedes Übel, welches denjenigen trifft, welcher sich eines Unrechtes od. einer unerlaubten Handlung schuldig gemacht hat. I. In ethischer Hinsicht spricht man von S-n als von der Folge, welche entweder in einem natürlichen oder nothwendigem Zusammenhänge mit der Handlung stehen, sei es nach psychologischen Gesetzen, wie Las böse Gewissen nach schlechten Handlungen, sei es nach physischen Regeln, wie die Armuth nach Verschwendung, Siechheit des Körpers nach groben Ausschweifungen; oder welche nicht nothwendig aus der unsittlichen Handlung hervorgehen, sondern von einem bestimmten Satze der Moral angeordnet sind. In dieser Rücksicht spricht mau auch von Strafgerichten, Übeln aller Art, welche nach der christlichen Moral Gott selbst über einzelne Menschen u. ganze Völker verhängt, z. B. Theurung, Seuchen, Krieg, furchtbare Naturerscheinungen rc. (Geistliche, welche immer und vorzugsweise mit solchen Strafgerichten Gottes drohen und dadurch die Menschen von der Sünde abzuziehen und zur Besserung anzutreiben suchen nennt man Strafprediger.) Außer den S-n im Leben (zeitliche L>-n) werden dem Sünder auch noch S-u in dem andern Leben gedroht (ewige S-n), deren ewige Dauer in der Bibel u. in den Symbolischen Büchern ausgesprochen ist. II. In juristischem Sinne ist S. dasjenige Übel, welches, abgesehen von der Verbindlichkeitzum Schadenersatz, wo dieser möglich ist, in Gemäßheit eines allgemein im Volke lebenden Rechtes (wie des Erziehungs- u. Züchtigungsrechtes) od. gemäß einer Rcchtsbestimmung denjenigen als Folge treffen soll, welcher ein bestimmtes Unrecht begangen hat, so daß durch die S. das Unrecht gewissermaßen juristisch gebüßt (daher auch Buße, Lursucka) und in Rücksicht des unrecht Handelnden wieder vernichtet werden soll. Im engsten Sinne als n) öffentliche od. Criminalstrafe dasjenige Übel, welches in Gemäßheit eines eigentlichen Strafgesetzes den schul- 33 Ligen Übertreter desselben zunächst zu dem Zwecke treffen soll, damit dadurch dem Staate selbst, nach der Idee der Gerechtigkeit, für die schuldvolle Übertretung eine Genugthuung gegeben u. die verletzte Rechtsordnung als solche durch die Tilgung der Schuld des Verbrechers wiederum hergestellt werde, b) Privatstrafen bezwecken keine Genugthuung für den Staat und das verletzte Rechtsgesetz selbst, sondern nur eine Privatgenugthuung für die einzelne, durch das Unrecht verletzte Privatperson. Dahin gehören z. B. auch die vom Deutschen Reichsstrafgesetzbuch bei Beleidigungen u. leichten Körperverletzungen aufrechterhaltenen (Geld-) Bußen. Unter Privatstrafen im weiteren Sinne rechnet man auch die dem Civilrechte angehörenden Conventio- nal- oder bedungenen Strafen, nämlich Reugelder u. dgl., welche bei Eingehung von Verträgen für den Fall der Nichterfüllung stipulirt werden, o) Disciplinar- oder Ordnungsstrafen unterscheiden sich von den öffentlichen Strafen dadurch, daß sie von anderen Organismen, als dem Staate, als dem Staatsganzen, ausgehen u. innerhalb gewisser, besonders auch einzelner staatlicher Corporationen, z.B. innerhalb bestimmter staatlicher od. gemeindlichen Beamtenhierarchien, od. neuerlich innerhalb bestimmter Kategorien von öffentlichen Dienern wie der Advocaten, Notare von den betreffenden Vorstaudschaften über einzelne untergebene Mitglieder der betreffenden Gemeinheiten ge- setz- od. statutengemäß verhängt werden, ä) Polizeistrafen, welche an sich nur von den Polizeibehörden ausgesprochen werden, u. auch nur solche Handlungen ahnden, welche lediglich aus einem polizeilichen Gesichtspunkt z. B. aus jener-, gesundheitspolizeilichen Rücksichten mit S. bedroht sind. Im weiteren Sinne gehören auch die Übertretungsstrafen des Deutschen Reichsstrafgesetzbuchs hierher. Es sind dies nämlich die an sich criminellen geringsten S-n, welche vom Strafrichter wegen gewisser unbedeutender Delicte, z. B. wegen Bagatelldiebstählen u. dgl. ausgesprochen werden. Die S-n im engsten Sinne, d. i. die Crimiual-S-n theilen sich: L.) in Lebens- od. Todesstrafen. Gegen die Rechtmäßigkeit u. Zweckmäßigkeit der Todes-S. sind seit geraumer Zeit, bes. seit Beccaria ss. d. 2) vielfach die gewichtigsten Einwendungen gemacht worden (s. unter Todes-S.) und diese Einwürfe haben seiner Zeit wenigstens dahin geführt, daß die körperlichen Martern bei den Hinrichtungen (qualificirte Todes- S-n) aus den Criminalgesetzbüchern verschwanden. L) Freiheitsstrafen, durch deren Zuerkennung dem Verbrecher sein Recht auf ungeschmälerten Genuß persönlicher Freiheit entweder für eine kürzere od. längere Zeit, od. auch ganz (auf Lebenszeit) beschränkt wird, so daß er bald mit aufgeuöthigter, mehr od. weniger harter Arbeit, bald ohne dieselbe eingekerkert, od. daß ihm wenigstens sonst die freie Wahl des Aufenthaltes entzogen wird. Dieselben bilden heutzutage bei weitem die Mehrzahl aller angedrohten Strafen. S. u. Gesäugniß. 0) Leibes- od. Körperstrafen, welche entweder den Körper des Sträflings verstümmeln (kosnas corporis aktiic- tlvas guaUüoatas s. mutilantss)od. denselben wenigstens schmerzlich berühren sollen (k. corporis aWc- tivas simxlicss). Die erflere Art dieser S-n wird heutzutage allgemein verworfen; dagegen sinddieAn- PiererL Universal-ConversationS-rexilon. S. Ausl. XV sichten darüber, ob die einfache körperliche Züchtigung im Slrafsysteme ganz entbehrt werden könne, noch sehr getheilt. Nachdem man sich u. mit Recht vorher bereits allgemein gegen dieselbeausgesprochen hatte, wird neuerlich von einigen Seiten aufs Neue ihre Unentbehrlichkeit wenn auch nur in verhält- nißmäßig sehr untergeordnetem Maße, z. B. bei jugendlichen Verbrechern, bei gewissen muthwilligen Polizeireaten, bei der Marine u. dgl. zu behaupten versucht, v) Bermögensst rasen, durch welche dem Sträfling entweder sein ganzes Vermögen od. ein bestimmter Theil desselben oder wenigstens bestimmte einzelne Vermögensstücke in der Art abgesprochen werden, daß sie dem Staate zusalleu sollen. Gegen die allgemeine Vermögensconfiscation hat sich die allgemeine Stimme schon längst erklärt. Dagegen läßt sich sowohl gegen die Confiskation einzelner Vermögensstücke, namentlich der durch das Verbrechen erworbenen od. zu Begehung desselben mißbrauchten, ebensowenig etwas einwenden, als gegen die Geldstrafen. Die letzteren empfehlen sich in mäßigem Betrage thsils als die alleinige theils als Zusatz-S. für geringere Delicte, bes. wenn dabei dem Richter durch Festsetzung eines Maximum u. Minimum Gelegenheit gegeben ist, die Vermögens- oder Einkommensverhältnisse des Schuldigen in einer angemessenen Weise zu berücksichtigen. L) Ehrenstrafen, welche bestimmt sind, um dem Sträfling entweder alle bürgerlichenRechte u. Ehren zu entziehen od. wenigstens diese zu schmälern. Die gänzlicheEntziehung aller bürgerlichenEhreu ».Rechte (Bürgerlicher Tod) ist als unzweckmäßig in den neueren Gesetzgebungen durchaus beseitigt worden. Bei den bloßen Schmälerungen der Ehre dagegen erscheint immerhin für einzelne Fälle sogar eine Schmälerung auf Lebenszeit angemessen. Bezüglich der Form, in welcher die für die Ehre nachtheilige Rechtsverminderung eintritt, bestehen verschiedene Systeme, indem die Ehrenminderung bald als selbständige S. aufgestellt, bald nur als stillschweigende Folge an die Begehung gewisser Verbrechen oder an bestimmte Strafakten geknüpft ist. §) Die Ein- theilung der S-n in capitale (?. capitis) und nicht capitale beruht auf dem Römischen Rechte. Erstere waren solche, welche dem Sträfling sein 6axut im Sinne des Römischen Rechts, d. h. die lüdsrtas oder wenigstens die Oivitas, entzogen, indem mit der Strafe die Oapitis äeminutio ma- xiina oder msäia verbunden war. Dahin gehörten alle Lebensstrafeu, außerdem aber auch z. B. die ä,gnas st lAvis intcrciiotio (die Untersagung des Gebrauches von Feuer u. Wasser), die koona ms- talli (Verurtheilung zur Arbeit in Bergwerken), die Deportation, die Verbannung (Lxilium) u.dieüam- uatio in Opus publicum (Verurtheilung zu öffentlichen Arbeiten), wenn sie für immer (in xsrxstuum) erfolgte. Dem älteren Deutschen Rechte allein gehört dagegen au 6) die Eintheilung in peinliche u. nicht peinliche S-n, von denen die elfteren die S-n umfaßten, welche an Hals u. Hand gingen (d. i. die Lebens- u. verstümmelnden Körperstrafen) u. nur von den eigentlich peinlichen, nichtauch denblos bürgerlichen Gerichten erkannt werden konnten; während unter den nicht peinlichen alle anderen S-n verstanden wurden. III. Die speciellen Strafarten: als solche I. Band, Z 34 Strafe. kommen ^) für bürgerliche Verbrecher theilS in den Quellen des Gemeinen Rechts, insbesondere daher im Römischen u. älteren Deutschen Rechte, so wie in den neueren Legislationen vor: a) Die Todesstrafen; sie wurden schon nach Römischem Rechte auf verschiedene Weise vollzogen. Man kannte: die Enthauptung; das Verbrennen; die Kreuzigung (§uroa); das Säcken od. Ertränken (?oenn ouloi); dasVorwerfenanwilde Thiere (Seotiis objioi). Das Deutsche Recht fügte diesen Vollziehungsarten noch bei: das Pfählen (wobei der Verbrecher lebendig begraben und ihm ein spitziger Pfahl durch den Leib getrieben wurde); das Rädern; das Viertheilen u. das Hängen (Strang). Das Schwert galt dabei für die leichtere Executionsart. Schon seit dem Ende des 18. Jahrh. wurden aber die qualvolleren Vollstreckungsarten fast nicht mehr erkannt, n. wo etwa noch ein Er« kenntniß darauf gesprochen wurde, im Wege der Gnade die einfache Tvdesart substitnirt. Nach den neueren Strafgesetzbüchern geschah die Vollziehung der Todesstrafe durch das Beil od. Schwert, oder durch die Guillotine od. das ihr nachgebildete Fallschwert. Nnrdas Österreich. Gesetzt», hat den Strang beibehalten, b) VonLeibes- u. Körperstrafen kommen sowol im Römischen, als im älteren Deutschen Rechte mannigfache verstümmelnde S-n, als das Ausschneiden der Zunge, Abhauen von Füßen u. Händen,Fingern, AusreißenderAugen, Abschneidung der Nase u. Ohren, Entmannung vor. Meist waren dieselben mit einer Ausstellung am Pranger u.mitLandcsverweisung verbunden. In die neueren Strafgesetzgebungen würde keine einzige dieser S-n ausgenommen. Bei der körperlichen Züchtigung un- terschiedmansonstden Stäup enschlag, das öffentliche, mitAusstellung am Pranger verbundene Aushauen mit Ruthen oder Birkenreisern, n. den sog. Stockschilling, wobei keine Ausstellung am Pranger vorausging. Zuweilen wurde der Stockschilling als Anhängsel derZuchthausstrafe ertheilt, entweder beim Antritt der S. als sogenannter Willkomm oder beim Ende derselben alsAbschied. e) Bei den Freiheitsstrafen fanden sich im Gemeinen deutschen Criminalrechte folgende Gradationen: an) die Verstrickung (6ouünatio), wodurch dem Sträfling, ohne sonstige Einschließung nur untersagt wird, einen bestimmten Bezirk, z. B. eine Stadt (daher Stadtarrest), ein Haus (Hausarrest), zu verlassen. Die neueren Strafgesetzbücher kannten Liese S. fast gar nicht; an ihre Stelle ist gewissermaßen die Stellung unter Polizeiliche Aufsicht getreten. i>b) Die Landesverweisung kommt auch in den neueren Criminalgesetzbüchern überhaupt nicht mehrod. doch nur für Ausländer vor. Als eine Disciplinarmaßregel besteht sie noch auf Universitäten n. zwar in den 2 Graden der Relegation u. des LonaiUnm absnnäi. Die gewöhnliche Freiheitsstrafe ist das Strafge- fängniß (Kerker), die Einschließung in einen festen Raum, welcher dem Sträfling den Verkehr mit der Außenwelt verbietet, s.Gefängniß. Als eine besondere Schärfung kannte dabei schon das Gemeine Recht das Sitzen bei Wasser u. Brod; seit dem 18. Jahrh. sind aber daneben partikularrechtlich eine ganze Reihe vonAbstusungen dieser S. ausgebildet worden: einfaches Gefängniß, Landesgefängniß, Arbeitshaus, Correclionshaus, Zuchthaus, Festungshaft, Baugefangenschaft, Ketten-S. Die Unterscheidungsmerkmale beruhten dabei theils in der Beschäftigung der Sträflinge, theils auch in der Kost, Kleidung u. der sonstigen bald härteren, bald milderen Behandlungsweise derselben. Manche neuereGesetzgebungenführten als besondere ArtderFreiheitsstrafedas Staats- g esängniß (Festungsarrest)ein, nämlich fürsvlche, welche wegen sog. politischer Verbrechen oder wegen Preßdelicten zu inhastiren sind, od. welche den gebildeten Ständen angehören, weil für diese die Gemeinschaft mit den gemeinen Sträflingen als zu hart erschien. Theilweise wurde übrigens noch als weitere Voraussetzung für die Festung gefordert, daß die Ver- urtheilung nicht wegen eines schimpflichen Verbrechens als Diebstahl u. dgl. erfolgt ist. ä) Von den Vermögensstrasen ist der beständige oder zeitliche Verlust einzelner einträglicher Rechte od. Privilegien hervorzuheben, z. B. die Entziehung er- theilter Concessionen zum Betrieb des Druckerei- u. Buchhäudlergewerbes, der Advocatur, des Notariates. Indessen treten diese S-n meist nur accessorisch in Folge anderer S-n ein. e) Von Ehrenstrafen kannte das Gemeine Deutsche Recht keine völlige Entziehung aller bürgerlichen Ehren und Rechte; nur das Römische Recht hatte eine solche in der Oonsnnitäo exiotimationis, welche jeden zu einer Capitalstrafe Verurtheilten traf. Etwas entferntÄhn» liches war im älteren Deutschen Recht die Friedlosigkeit,'wonach derjenige Verbrecher, welcher in die Reichsacht verfallen u. Jahr u. Tag darin verblieben war, ohne sich herauszuziehen, für friedlos erklärt u. dadurch seine Person u. sein Gut Jedem Preis gegeben wurde. Bald als stillschweigende Folge der Vernrtheilung od. der überwiesenen Verübung gewisser Verbrechen, bald als Folge anderer S-n, namentlich des Zuchthauses u. der Leibes- u. Körperstrafen, trat, nach Analogie der römischen Inkamia, die Ehrlosigkeit als die gesetzliche Entziehung gewisser genau bestimmterbllrgerlichen Rechte insbesondere die Unfähigkeit zu allen Ehrenämtern, im Staat n. der Gemeinde, zur Betreibung eines ehrlichen Gewerbes rc. ein. Die höchsten Ehren- S-n nach Gemeinem Recht bildeten die öffentliche Ausstellung am Schandpsahl, wobei die Praxis noch zwischendemeigentlichen Pranger, dem Schand- pfahl n. dem bloßen gemeinen Hals eisen mit dem davor od. darunter angebrachten Lasterstein, worauf der Sträfling gestellt wurde» unterschied; ferner das Hundetragen, Flaschentragen, das Fiedel- od. Geigen- und Satteltragen, das Tragen des Spanischen Mantels oder Jungferntragen, das Zerreißen des Diploms der akademischen Jnscription bei Akademikern, des Adelsdiploms bei adligen Personen; das auch schon dem römischen u.Kanonischen Rechte, nur mit der Bestimmung, daß das Antlitz frei bleiben sollte, bekannte Brandmarken. Bei Abwesenden wandte man als Zeichen der Ehrlosigkeit das Annageln des Bildes od. Namens des Verbrechers am Gal gen an. Eine andere Ehrenstrafe bildete die aus dem Römischen Rechte stammende Jntestabilität, welche die Fähigkeit benahm ein Testament zu errichten, als Testamentszeuge zu fungiren und in einem fremden Testament bedacht zu werden; ferner die Inrpitnäo (Anrüchigkeit) u. die bes. als Folge der sogenannten Amtsverbrechen, aber auch bei schwereren gemeinen Ver- > s 35 Strafe. brechen vorkommende Entziehung der Advocatur, öffentlicher Ehrenstellen rc. Auch der bloße Verweis, insbesondere wenn er öffentlich ertheilt wurde, ist unter die Ehrenstrafen zu rechnen gewesen, ebenso die S. der Abbitte, des Widerrufs uud der Ehrenerklärung (in Bayern bei Majestätsbeleidigungen vor dem Bildnisse des Königs). Die neueren Strafgesetzgebungen hatten an diesem comp- licirten System der Ehrenstrafen bereits viel geändert u. dasselbe sehr vereinfacht; die meisten ließen die Ehrenstrafen nicht mehr als besondereStrasübel, sondern nur als accessorische S-n eintreten; außer- dem wurde das Hauptgewicht dabei nicht sowol aus den Verlust der Ehre als vielmehr gewisser politischer Rechte gelegt. In Betreff des Verhältnisses derverschie- denenStrafarten zu einander ist die Todesstrafe ihrer ganzen Art nach die schwerste aller S-n, auch insofern, als sie absolut angedroht wird u. dem Richter also keine Wahl gelassen ist, in leichteren Fällen des betreffenden Verbrechens auf lebenslängliche Freiheits-S. od. dgl. zu erkennen. Nur aus dem Wege der Gnade ist solches Herabgehen möglich. Die nächste Stelle nach der Todes-S. nahmen die lebenslänglichen Freiheits-S-n ein. Für das Verhältniß der übrigen S-n fehlte es gemeinrechtlich ganz an einem festen Priucip u. die Particularrechte folgten in dieser Hinsicht sehr verschiedenen Ansichten. Die meisten derselben unterschieden zunächst bei den Freiheils-S-n selbst verschiedene Grade u. setzten das Verhältniß derselben in der Weise fest, daß eine gewisse längere Zeit der geringeren Freiheits-S. einer gewissen kürzeren in der höheren Stufe gleichgeachtet wird. Für die leichteste Strafart galten die Geldbußen. Weil bei manchen Delinquenten aber wegen Armnth eine Geld-S. gar nicht zur Vollstreckung gelangen kann, so bedarf es auch in dieser Beziehung der Bestimmung eines gewissen Verhält- nisseszudenFreiheits-S-n. In derRegel war dieses so festgcstellt, daß 10—20 Ngr. od. 1—2 Fl. einem Tag Gefängniß gleichgeachtet wurden. Für manche Fälle ist dem Richter gieich von vorn herein eine alternative Wahl zwischen mehreren Strafarten gestattet. Die Anwendung der öffentlichen S-n setzt einerseits voraus, daß der Angeschuldete überwiesen ist (conkessus et oonvietus, nach altem Rechte) u. daß anderseits die Voraussetzungen gegeben sind, unter denen das Gesetz die That als strafbar bezeichnet hat. Auch die auszusprechende Strafe muß vom Gesetze angedroht sein. Nur in ganz bestimmten Fällen ist es dem Richter erlaubt, jaderselbesodann sogar zugleich verpflichtet, von der gesetzlich angeordneten S. abzuweichen (Strafänderung). Diese Fälle charakterisiren sich danach als Ausnahmssälle von der Regel. Die Abweichung kann dabei entweder bestehen: a) in einer bloßen Strafverwandlung, wobei von dem Richter für das im Strafgesetz angedrohte Strafübel nur einseinemJnhaltnach verschiedenes,derSchwere nach aher dem angedrohten völlig gleichstehendes substituirt wird; od. b) in einer Strafschärfung, od. v) in einer Strafmilderung, wobei an Stelle des eigentlich angedrohten Strafübels ein derQuan- tität od. Qualität nach schärferes od. gelinderes tritt. Die bloße Strafverwandlung war dem Richter sowol nach Gemeinem Rechte, als den neueren Strafgesetzgebungen nur da gestattet, wo sie wegen factischer, physischer oder sonstiger Unmöglichkeit die eigentlich angedrohte S. zum Vollzug zu bringen nothwendig erscheint. Die Strafschärfung im engeren Sinne als Mvdificirung der regelmäßigen S., um sie im Vollzug härter u. empfindlicher zu machen, kam nach Abschaffung der sogen, qualificirten Todes-S-n (s. oben) nur noch bei den Freiheits-S-n vor u. bestand hier darin, daß dem Gefangenen z. B. durch einsame Einsperrung u. Dunkelarrest, durch Hungerkost, Anweisung eines bes. harten Lagers (bloße Bretter od. Latten), od. Anlegung von Ketten die Haft empfindlicher gemacht wird. Straferschwerung — eine spe- cielle Art der Strafschärfung — bestand in einer Verlängerung der eigentlich gesetzlichen S. (bes. bei dem Rückfall); außerdem waren noch bezüglich einzelner Verbrechen vielfach auch die besondere Geflis- sentlichkeit, Bosheit u. Hinterlist als specielle Erschwerungsgründe anerkannt. Als Strasmilderungs- grllnde wurden bes. die Jugend des Verbrechers, geminderte Zurechnung desselben u. unverschuldete Untersuchungshaft anerkannt. Unverschuldete Hast konnte zur Milderung der S. führen, wenn der Ver- urtheilte durch ein Versehen des Untersuchungsrichters oder des Gefangenwärters ohne gesetzlichen Grund in Haft genommen od. über Gebühr in derselben gehalten wurde, od. wenn die Haft auch ohne ein solches Versehen durch Umstände, welche außerhalb der Verschuldung des Gefangenen lagen, verlängert wurde. Verschieden von den Strafschärf- ungs-, resp. Erschwerungs- u. Milderungsgründen sind übrigens die bloßen Straferhöhungs-und Strafminderuugs gründe, d.h.diejenigenRück- sichten, welche den Richter zu bestimmen haben, bei Ausmessung der S. innerhalb des gesetzlichen Strafmaßes dieselbe nach Befinden mehr dem Maximum oder dem Minimum annähernd festzusetzen. Das Recht, wegen eines begangenen Verbrechens die angedrohte S. auszusprechen, erlischt: a) durch Freisprechung des Angeschuldigten, nicht aber nach älterem Recht durch eine bloße Entbindung von der Instanz (L.b8o1utio ab instantia). Im letzteren Falle blieb das Recht, den Angeschuldigten bei neu auftauchenden Verdachtsmomenten von Neuem zur Untersuchung zu ziehen, Vorbehalten, b) Durch den Tod des Verbrechers, mit welchem nicht blos die wider ihn eingeleitete Criminaluntersuchung ohne Weiteres endet, sondern auch selbst die Vollstreckung einer bereits erkannten S. hinwegfällt. Eine Ausnahme machen in dieser Hinsicht nur die Geld-S-n, welche allerdings auch noch aus dem Nachlasse gefordert werden können, wenn nur der Verbrecher die rechtskräftige Verurtheilung in dieselben noch erlebte, o) Durch den Eintritt der gesetzlichen Verjährung. Nach Gemeinem Rechte war die Verjährungszeit regelmäßig 20 Jahre seit dem Tage des verübten Verbrechens od., wenn die Verübung sich durch mehrere Zeiten hindurchzog, seit dem Tage, wo die letzte, sich aus das verübte Verbrechen beziehende Handlung vorgenommcn worden ist; Unzuchtsverbrechen verjährten indessen schon in 5, dieJnjurie schon in eiuem Jahre, das Parricidium u. die Apostasie (s. b.) waren unverjährbar. Nach den neueren Strafgesetzbüchern wurde meist zunächst ein Unterschied zwischen den von Amtswegen und den blos auf Antrag des Verletzten zu bestrafenden Verbrechen gemacht; bei den letzteren beginnt dann die Verjährung erst von 3 * dem Zeitpunkt an, in welchem der Verletzte von derfderung unter erschwerenden Umständen u. auf thät- That od. dem Thäter Kenulniß erhielt, lieber die ljche subordinationsvergehen; Todes-S. durch Er Dauer der Verjährungszeit wichen die neueren Ge setze vielfach vom Gemeinen Rechte u. von einander ab. Unterbrochen wird die Verjährung durch jede Handlung, wodurch der Verbrecher als solcher gerichtlich verfolgt wird; der bis dahin abgelaufene Thcil der Verjährungsfrist gilt alsdann seiner Wirkung nach als aufgehoben. Gegen bereits rechtskräf- tig erkannte S-n war nach den Strafgesetzbüchern von Österreich, Preußen, Bayern, Hannover, Groß Herzogthum Hessen u. Nassau keine Verjährung zw lässig; dagegen haben andere auch bezüglich bereits erkannter S-n die Verjährung für zulässig erklärt, nur daß dabei die Verjährungsfrist etwas länger bestimmt worden ist. ci) Durch landesherrliche B e guadigung. Endlich hat auch e) die Abbüßung der verwirkten S. die Wirkung, daß wegen desselben Verbrechens, wofür die gesetzliche S. erlitten wor den ist, der abgestrafte Verbrecher nicht noch einmal in Untersuchung gezogen u. bestraft werden kann. 2) Für Militärverbrechen. Bestimmt geord net war das militärische Strafwesen (koorm mrli- tlliu) zuerst bei den Römern. Todesstrafe (mit dem Beil) war namentlich auf Widersetzlichkeit u. Deser tion gefetzt. Wenn ganze Truppentheile ein todes würdiges Verbrechen begangen hatten, so wurden die zu Bestrafenden durch die Decimation (s. d.) mittels dem Loose bestimmt; zuweilen kam es auch vor, daß nur der zwanzigste Mann hingerichtet wurde. Die höchste Strafgcwalt stand bei dem Feldherr», namentlich die Cognition bei todeswürdigen Verbrechen od. Vergehen der Offiziere. Die Executiou der Todes-S. (ebenso auch der körperlichen Züchtigung) wurde entweder von den Soldaten selbst od. von den Victoren des Feldherrn vollstreckt, u. zwar aus dem 2orum od. den kriueijüa des Lagers vor dem Prä- torium. Bei den Germanen kommen für den Krieger nur Todes-S-n vor, bestehend in Aufhängen an einen Baum, wenn er zu dem Feinde übergelaufen war, oder Versenken in einen Sumpf, wenn er sich feig bewiesen hatte od. ausgerissen war. Zur Bekämpfung des rohen soldatesken Wesens u. zur Wiederherstellung der regulirtcn Kriegszucht im 16. Jahrh. unter den Spaniern u. Niederländern u. bald unter den übrigen Nationen war Strenge nothwen- dig. Todes-S. durch Hängen und Erschießen (Ar- quebusiren), hartes Gcfäugniß mit Krummschließen u. anderen Schärfungen, bes. aber körperliche Züch- tignngen, als Spießruthen, Steigriemcn, Fuchteln u. Stockschlägen, auch Ehren-S-n, so namentlich das Reiten auf einem lebendigen od. meist hölzernen Esel vor der Hauptwache, waren an der Tagesordnung. So blieb es das 16., 17. u. 18. Jahrh. hindurch. Dem von Frankreich seit der Revolution gegebenen Beispiel folgend, schafften Preußen u. fast alle klei- neren deutschen Staaten die Prügel als gewöhnliche Soldaten-S. ab u. gestatteten dieselben nur bei solchen, welche in eine niedere Klasse des Soldatenstandes versetzt worden waren. Bei den Österreichern ist das Spießruthenlaufen u. das Prügeln ebenfalls abgefchafst. Bei den nach der preußischen od. französischen Armee organisirtcn Heeren folgten die S-n in folgender Ordnung: Todes-S., meist durch Erschießen executirt, gesetzt auf Dienen im feindlichen Heere zur Zeit eines Krieges, auf Desertion, Plün- hängen fand hier u. da noch Anwendung bei Spionen, Marodeurs, Deserteurs rc. An die Todes-S. reihte sich die Festungshaft, welche in Strafabtheilungen auf den Festungen verbüßt wurde. Schwere Verbrecher wurden aus dem Soldatenstande ausgestoßen u. in die Abtheilungen der Baugefangenen od. Galeerensträflinge versetzt. Hier trugen die Gefangenen eine besondere Kleidung, z. B. die eine Seite schwarz, die andere gelb, meist auch Ketten und die Gefährlichsten Hörner mit Schellen auf dem Kopfe. Sie wurden zu Festungsbau und sonstigen Arbeiten verwendet u. standen unter steter Aufsicht. Hierauf folgten als nächstschwere Strafarten: Strenger Arrest, er wird bei Wasser u. Brod verbüßt in einem dunklen Locale, od. durch Latten verschärft, in einem engen Locale, in welchem der Mann nicht aufrecht stehen kann u. dessen Fußboden mit scharfen Latten benagelt ist; an seine Stelle tritt auch Krummschließen u. Anbinden an einen Baum; Mittlerer Arrest, bei Wasser u. Brod; Gelinder Arrest u. Stubenarrest. Die Arrest-S-n durften die Höhe von 6 Wochen nicht übersteigen. Geringe Disciplinarvergehen wurden durch Strafexerciren, Exerciren mit beschwertem Gepäck, Strafwachen, Kasernenarrest bestraft. Ehreu-S-n sind der Verweis, abgesondertes Marschiren, Marschiren mit verkehrtem Gewehr, Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes, Degradation, Verlust der Orden und Ehrenzeichen, Ausstoßung aus dem Soldatenstande, Anheftung des Namens an den Galgen rc. Die Ehren-S-n für Offiziere waren der Verweis unter vier Augen, Verweis vor versammeltem Offiziercorps, Entlassung aus dem Dienst ohne Abschied, Übergehung im Avancement u. infame Cassation; Degradation der Offiziere findet in Rußland statt. Geld - S - n finden bei Soldaten nie statt. Bei der Marine sind die S-n fast ebenso, wie bei den Landtruppen, nur etwas strenger. Das früher häufig angewenvete Kielholen u. von der Raa fallen lassen kommen noch selten vor. Alle militärischen S-n werden entweder auf disci- pliuarischem Wege oder durch gerichtlichen Spruch verhängt. 6) Über die Kirchenstrafen, s. Kirchenbuße u. Buße. Das Deutsche Reichsstrasgesetzbuch von 1871 und das Militärstrasgesetzbuch für das Deutsche Reich vom 20. Juni 1872 ist auf dem wie oben angegeben von den deutschen Particular- gesetzgebungen bereits betretenen Wege der Humanität und Milde entschieden vorgeschritten, so zwar, daß in einigen Beziehungen durch eine Strafgesetznovelle von 1876 wieder einige Verschärfungen eiu- gesührt wurden, und in der einen oder anderen Beziehung, z. B. was die Bestrafung jugendlicher Verbrecher betrifft, noch jetzt Klagen über zu große Milde laut werden. Auch das Socialistengesetz fällt ebenfalls unter die neuerdings wieder cingefnhrten VerschärfungendesbisherigendeutschenStrafwesens. WasnundasAllgemeine(Civil-)Straswesen im neuen Deutschen Reiche im Einzelnen betrifft, so kennt das R.-St.-G.-B.: Die Todes-S. (s. d.) durch Enthauptung (die Art der Vollstreckung ist der Landesgesetzgebung überlassen, so daß also in Preußen noch das Beil, in Bayern die Guillotine angc- wendet wird); Znchthaus-S., entweder lebensläng- 37 Straferkenntniß - lich od. zeitlich begrenzt (l bis 15 Jahre), dieselbe zieht die dauernde Unfähigkeit zu öffentlichen Ämtern, zum Dienste im Heere u. in der Marine nach sich; Gefängniß-S.(1 Tag bis 5 Jahre); sowol im Zuchthanse als im Gefängnisse findet Zwang zur Arbeit innerhalb der Anstalt statt; ebenso zu der öffentlichen Arbeit außerhalb der Anstalt, bei den Gefängniß- sträflingen jedoch nur mit ihrer Erlaubniß. An Stelle des Zuchthauses u. Gefängnisses tritt unter Umständen Festungshaft (s. u. Festungs - S.) Die geringste Art der Freiheits-S. bildet die Haft (von 1 Tag bis 6 Wochen). Folgt sodann Geld-S. (s. d.) (von3 Ll—beiübertretungen IN—; einallgemeines Maximum ist nicht vorgezeichnet). „Eine nicht beizutreibende Geld-S. ist in Gefängniß und wenn sie wegen einer Übertretung erkannt worden ist, in Haft umzuwandeln" (8 28). Über den Maßstab der Umwandlung (1—15 Ll — 1 Tag Freiheits-S.) und über das hierbei zulässige Maximum einer solchen Haft (gewöhnlich 6 Wochen bei Haft, 1 Jahr bei Ge- fängniß) gibt 8 29 Maß. „In den Nachlaß eines Verstorbenen kann eine Geldstrafe nur dann vollstreckt werden, wenn das Urtheil bei Lebzeiten des Verurtheilten rechtskräftig geworden war" (8 30). Auch den Verweis kennt das N.-St.-G.-B., jedoch nur gegenüber jugendlichen Verurtheilten (8 57). Neben-S-n sind nach demselben: Verlust von Ehrenrechten (s. u. Ehre, S. 46), Polizeiaufsicht (s. d.), Ausweisung (s.d.), Verweisung an die Landespolizeibehörde (8 362). Einziehung (vgl. u. Confisciren). Vermögensconfiscationen kennt das R. - St.-G.-B. überhaupt nicht, weder vollständige noch theilweise, wol aber die Einziehung von verbrecherischen Pro- ducten od. Mitteln (88 40 , 41). Specialfälle sind enthalten in den 88 63, 64, 152, 295, 335. Was die Militärstrafen u. das Militärstrafwesen betrifft, so ist hierüber das Nähere unter Mili- tärverbrechcn vorgetragen. Die nach dem deutschen Civil- wie Militärstrafrechte bestehenden Strafaus- schließungs-u. Strafmilderungsgründe, sowie die bei Zusammentreffen mehrerer strafbarer Handlungen (Cumulation) auszusprechende Bestrafung sind inden 88 51—79 des R.-St.-G.-B. enthalten. Das Einzelne hierüber s. u. Zurechnung, Drohung,Nothrecht, Nothwehr, Nothstand, Jugend, Untersuchungshaft, Verjährung, (lonoursus 4), S. 284, u. dgl. Bezold.' Straferkenntniß, jede Entscheidung einesStraf- gerichtes auf eine vorausgegangene Untersuchung. Strafford, County im nordamerikan. Unionsstaate New Hampshire, 43" n. Br. 71" w. L.; 30,243 Ew. Hauptort Dover. Strafford,1)ThomasWentworth Grafv., namhafter engl. Staatsmann, geb. 1593, aus einer alten Sjorkshire-Familie stammend, trat 1621 ins Unterhaus, zeichnete sich dort anfangs als kräftiger Bertheidiger der Bolksrechte aus u. war einer der Haupturheber der kstition ok rigirts. Der politische Fanatismus der Puritaner entzweite ihn jedoch bald darauf mit seinen frühem Parteigenossen und brachte ihn dem Hose näher, so daß ihnKönig Karl I., welcher namentlich durch seine Theilnahme an der Anklage gegen den Herzog von Buckingham auf ihn aufmerksam geworden war, nach Buckinghams Tode 1628 zum Gouverneur der Nordprovinzen ernannte, zum Peer erhob u. 1632 als Statthalter nach Irland sandte, wo er aber trotz seiner trefflichen Ber- - Strafgesetz. waltung den Bolkshaß auf sich zog. 1638 bewog er den König zum Kampf gegen Schottland u. erösinete ihm in Irland Hilfsquellen für diesen Krieg; der König ernannte ihn darauf zum Lordlieutenant von Irland u. erhob ihn zum Grafen. Wegen der Opposition, welche er von nun an bei dem irischen Parlament fand, legte er 1640 seine Stellung als Lordlieutenant nieder u. stellte sich an die Spitze der englischen Truppen in Vorkshire. Wegen der absolutistischen Rathschläge, welche er im Verein mir dem Erzbischof Land dem König gegeben, erhob das Hans der Gemeinen im Nov. 1640 durch den berühmten Pym, gegen beide die Anklage auf Hochverrath. Der Proceß wurde im März 1641 vor dem Oberhaus eröffnet und endigte mit dem Todesurtheil, welches auch endlich vom König nach langem Sträuben 8. Mai 1641 unterzeichnet u. 11. Mai 1641 vom Henker durch das Beil vollstreckt wurde. Vgl. Lally To- lendal, Lssai sur ln vis äs Oomko äs 8.,Lpz. 1796, deutsch ebd. 1797, u. E. Cooper, lükv ok 8., Lond. 1874. 2)JohnByng,Graf, geb. 1772, trati793 in die Armee, diente in den Niederlanden, seit 1812 in Spanien u. Portugal, hier als eine bedeutende Persönlichkeit in Wellingtons Generalstab. Bei Waterloo commandirte er eine Brigade, hatte dann in Paris den Montmartre zu besetzen, wurde 1837 Baron, 1847 Graf, 1855 Feldmarschall. Er starb 3. Juni 1860. i) Bartling.- Strafgericht u. Strafgerichtsbarkeit, s.Cri- minalgericht u. Criminalgerichtsbarkeit. Strafgesetz, 1) jedes Gesetz, durch welches Demjenigen, welcher eine im Gesetze bestimmte Handlung oder Unterlassung begehen sollte, eine Strafe angedroht ist. 2) Bes. ein Gesetz, durch welches für ein Verbrechen eine öffentliche Strafe festgesetzt ist. Im letzteren Sinne muß das S. zwei Punkte enthalten, eine genaue Beschreibung des sog. Thatbestandes u. die Erklärung, daß die so bezeichnete Handlung ein Verbrechen sein, d. h. mit crimineller Strafe belegt sein solle. Wird in letzter Beziehung das Strafübel, welches den Übertreter treffen soll, von dem S-e seiner Art u. Schwere nach ganz bestimmt namhaft gemacht, so daß der Richter bei Vorhandensein des Thatbestandes hinsichtlich der Strafe keine weitere Wahl hat, so heißt das S. ein bestimmtes (Iwx xoonnlks ästorminntn 8 . äoünits,), auch absolutes (Isx adoolutn). Das Hauptbeispiel ist die Todesstrafe (s. d. u. unter Strafe). Die neuere Doctrin sowie Gesetzgebung haben sich im Allgemeinen durchaus gegen solche Strafbestimmungen erklärt. Bei der Todesstrafe warmannurdeßhalb gezwungen, gleichwohl noch bei der veralteten Art der Strafbestimmung stehen zu bleiben, weil man im Voraus überzeugt war, daß die Richter aus der dem Menschen angeborenen «scheu vor Tödtungen im Allgemeinen immer von der Todesstrafe absehen u. nach der electi- ven Freiheitsstrafe greifen würden. Ist dagegen die Wahl des Strafübels dem richterlichen Ermessen mehr oder weniger überlassen, so heißt das Strafgesetz ein unbestimmtes (Iwx poenalis inästsr- minatn s. inäsünitn), u. zwar ein absolut-unbestimmtes ein solches, welches dem Richter die Wahl zwischen allen gesetzlich überhaupt zulässigen Strafakten freiläßt. Gegen diese Art der Strafbestimmung hat sich Theorie u. Praxis ebenfalls seit lange auf das Entschiedenste erklärt, da die bürger- 38 Strafgejetzbuch liche Freiheit hierbei dem richterlichen Ermessen zu sehr preisgegeben wäre; ein relativ -unbestimmtes dagegen ein solches, bei welchem dem Richter die Ausmessung der Strafe nur innerhalb eines ge- setzlichenStrasmaximumsu.Minimumsverstattetist. Die S-e haben auch an sich ebensowenig rückwirkende Kraft, wie andere Gesetze. Nur für den Fall, daß das neue Gesetz eine bisher strafbare Handlung für straflos erklärt od. die bisherige Strafe für ein Der- brechen herabgesetzt hat, ordneten die meisten neueren Strafgesetzgebungen an, daß auch in Rücksicht der noch unter der Herrschaft des älteren, strengeren Rechtes verübten, aber noch nicht verbüßten Vergehen sofort das neue Gesetz als das mildere zur Anwendung zu bringen ist. Auch das Einsühruugs- gesetz zum Deutschen Reichsstrafgesetzbuche von 1871 ist diesem Beispiele gefolgt. Dem Umfange nach erstreckt sich die Wirksamkeit eines S-es auf alle jeweilig in dem Staatsgebiete sich aufhaltenden Per- sonen, in Rücksicht der von ihnen daselbst vorgenommenen Handlungen, mögen dieselben bleibende Un- terthanen sein oder auch nur vorübergehend dort verweilen. Eine Ausnahme davon machen nur die Personen, welche das Recht der sog. Exterritorialität genießen. Dagegen gilt hinsichtlich der im Auslande begangenen Verbrechen zwar im Allgemeinen die Regel, daß dieselben an sich nur der Strafgewalt des fremden Staates anheimfallen, weil der Thäter damit zunächst kein ihn verpflichtendes S. des Staates, in welchem er nicht gehandelt hat, sondern unrein fremdes S. übertrat; indessen die neueren S-geb- nngen hatten meist den Grundsatz angenommen, daß ihre Unterthanen auch während eines temporären Aufenthaltes im Auslande doch den S-en ihres Hei- mathsstaates fortdauernd unterworfen bleiben sollen u. daher, bes. insofern der fremde Staat sie nicht zur Verantwortung zieht, nach ihrer Rückkehr auch für alle im Auslande begangenen Handlungen verant- wörtlich gemacht werden können. Auch hierin ist das Reichsstrafgesetzbuch nachgefolgt. Bezold.* Strafgesetzbuch, der in ein Ganzes gebrachte Coinplex der Strafgesetze für ein Land od. eine Klasse von Staatsbürgern; die einzelnen Strafgesetzbücher, s. u. Criminalrecht. Strafgewalt, die Befugniß, Strafen zu verhängen u. zu vollziehen. Strafproeeß u. Strafprocefiordnung, s. u. Criminalproceß H. Strafrecht, 1) (ckns punisncki), die Befugniß zu strafen, s. u. Criminalrechtstheorie; 2) (llns crlini- nalo),so v. w. Criminalrecht. Daher S-stheorie, s. Criminalrechtstheorie. S-swissenschaft, s. u. Criminalrecht. Straftheorie, so v. w. Criminalrechtstheorie. Strafverfahren, so v. w. Criminalproceß. Strafversetzung, eine in der Versetzung eines Beamten auf ein anderes Amt von gleichem Rang bestehende, aber meist mit Schmälerung des Gehalts (bis zu A des Diensteinkommens) verbundene Dis- ciplinarstrafe. Statt dieser Schmälernug kann auch auf einmalige Geldstrafe bis zu H des jährlichen Diensteinkommens erkannt werden. Strahl (Raclius), eine von mehreren, durch einen gemeinschaftlichen Punkt gehenden Geraden; insbes. nennt man S-en die Richtuugslinien, nach welchen sich das Licht, der Schall rc. verbreiten. — Stralsund. Strahl (Vogel), so v. w. Staar. Strahlapparate, s. u. Strahlpumpe. Strahlenblüthen, s.Lompositas. Strahlenbrechung (Lekraetno lueis), so v. w. Resraclion, s. Licht 6. Strahlkies ist strahliger Markasit, s. d. Strahlpumpen, Pumpen,deren Princip darauf beruht, daß eine bewegte Flüssigkeit (Dampf, Luft, Wasser) benachbarte Theilchen derselben oder einer anderen Flüssigkeit mitreißt. Ausführlich beschrieben findet sich eine derartige S. unter Dampfstrahlpumpe, doch werden ähnliche Einrichtungen benutzt, um durch einen Dampfstrahl Luft in Bewegung zu setzen (Dampsstrahlgebläse), oder lockere Körper (Asche, Sand rc.) oder eine Flüssigkeit zu heben u. zu zerstäuben (Juhalationsapparate). Luftpumpen, bei denen nach demselben Principe durch fallendes Wasser, Luft fortgerissen u. ein Vacuum gebildet wird, sind namentlich in chem. Laboratorien gebräuchlich. Endlich benutzt man zum Auspumpen von Wasser (z. B. aus Kellern) Wasser-S., bei welchen ein kräftiger Wasserstrahl einer Wasserleitung das anszu- pumpende Wasser mitreißt. Gieseler. Strahlstein (Aktinolith), Varietät der Hornblende (s. d. b). Strahlthiere j^otiuEa.), gemeinsame Bezeichnung der Echinodermata u. Cölenterata. Der Name rührt her von der strahlenartigen Anordnung der Körpertheile. Strahlzeolith, so v. w. Desmin. Straits Settlements (Straßenansiedelungen) ist der seit 1830 eingeführte officielle Name für die englischen Besitzungen auf der hinterindischen Halbinsel Malakka, welche in die 3 durch einheimische Staaten unter sich getrennten Provinzen Wellesley mit der Insel Pinang, Malakka u. Singapur (s. das Nähere das.) getheilt sind u. im Ganzen 3123 f^skm u. 308,097 Ew. umfassen. Der gesammte Außenhandel betrug 1875 20 Mill. Pf. St., wovon etwa je die Hälfte auf die Ein- n. Ausfuhr kommen. Hauptort ist Singapur. Vorher unter der indischen Regierung, stehen sie seit 1851 unter dem Colonialamt in London. Thi-lemann. Strakonitz, Stadtu. Hauptort in dem gleichnam. böhm. Bez. (Österreich), an beiden Usern der Wo- tawa, über welche eine steinerne Brücke führt, Station der Kaiser Franz-Josephsbahn; Schloß, 4 Kirchen (darunter die Decanatskirche ans dem 13. Jahrh.), bedeutende Fabrikation von orientalischen Feß, Strumpfwirkerei, Wollenspinnerei, Bierbrauerei, lebhafter Pferdehandel; 1869: 5183 Ew. (mit Neu-S. 7027). H- Berns. Stralau, Kirchdorf im Kreise Niederbarnim des preuß. Regbez. Potsdam, an der Spree, Station der Berliner Ringbahn, 3 Icm von Berlin; deutsche Seemannsschule, Gartenbau. Hier jährlich am 24. Aug. der berühmte S-er Fischzug, ein Volksfest für die Berliner. Beschreibung von Beringuier in der Zeitschr. Bär, Berl. 1876. Stralsund, 1) Regierungsbezirk in der preuß. Prov. Pommern, 4008,„ sIkm s72^ sH>M) mit (1875) 208,725 Ew. (auf Is^jicm 52„, in ganz Preußen 74„). Der Regbez. ist gebildet aus Neuvorpommern (Schwedisch-Pommern) nebst Rügen; grenzt im N. u. O. an die Ostsee, im S. an den Regbez. Stettin u. im W. an das Großherzogthum Stralsund. 39 Mecklenburg-Schwerin. Er ist fast ganz eben, nur die Insel Rügen (s. d.) enthält im nördl. u. westl. Theile ansehnliche Hügelmassen. Flüsse: Peene, Trebel, Recknitz, Barthe. Bemerkenswerthe Landseen: Franzburger See, Borgwall, Bläksee. Eisenbahnen: zusammen 86 ,^ km; Kunststraßen: 445,4 km. Der Boden ist größtentheils sehr fruchtbar; in den Niederungen finden sich Torf u. Raseneisenstein. Von der Gesammtoberfläche sind etwa 56,, "/o Ackerland, 0,4 "/» Gartenland, 9,,, °/„ Wiesen, 4,g°/o Weiden u. 12,2°/o Waldungen u. Gehölze. Viehstand 10. Jan. 1873: 29,649 Pferde (darunter 21,925, welche vorzugsweise zu landwirthschaftlichen Arbeiten benutzt wurden), 19 Esel, 72,404 Stück Rindvieh (darunter 52,868 Kühe), 524,645 Schafe (darunter 399,516 Merinos u. 16,610 veredelte Fleischschafe), 44,495 Schweine u. 4717 Ziegen; ferner an Bienenstöcken 18,168 (darunter 1932 mit beweglichen Waben). Seidenzucht: 1872wurdenerzeugt2,gPfundCoconS. Die Bewohner treib euhauptsächlich Ackerbau u. Viehzucht, namentlich Schaf- u. Pferdezucht. Die nur wenig bedeutende Industrie ist ganz auf die Städte beschränkt. Die Steuerkraft ergibt sich aus folgenden Angaben: von je 100 der gestimmten Klassensteuerbevölkerung waren für das Jahr 1875 zur Klassensteuer veranlagt 21 , 5 » (in ganz Preußen 20 , 22 ), da- von 11,22 mit einem Einkommen von 420—660 LI, 0,44 von 1350—1500 LI U. 0,12 von 2700—3000 LI; steuerfrei waren 24,„g (in ganz Preußen 27,4g). Eintheilung in den Stadtkreis S. u. die vier Kreise: Rügen, Franzburg, Greifswald u. Grimmen. 2) (In Urkunden Stralesund, Sundia, Sund, Stralow), Hauptstadt darin, ain Strela-Sund, d. h. der Meerenge, welche die Insel Rügen von dem Festlande scheidet (der nördlichste Theil heißt Gellen), von letzterem durch 2 große Teiche getrennt, über die nur 3 schmale Brücken führen, Station der Berlin- Stettiner, Niederschlesisch-Märk. Eisenbahn, mit 3 Vorstädten. Südöstlich von dem Hafen im Strela-Sund liegt die Insel Dänholm mit Fischer- u. Schiffcrhäusern u. Festungswerken. S. hat nicht sehr breite, aber ziemlich parallele Straßen, viele stattliche hohe Giebelhäuser, 2 öffentliche Plätze (Alter u. Neuer Markt), drei Land- u. fünf Wasserthore, granitenes Grabdenkmal Schills mit dem Reliefportrait des Helden (auf dem Knieperkirchhof); ist Sitz der Regierung, eines Amtsgerichts, eines Hauptzollamts, einer Reichsbankstelle, eines Ober-Fischamts, einer Schifffahrts-Prüfungscommission, mehrerer Consulate fremder Länder u. hat sechs Kirchen, darunter die Marien-, St. Nicolai- u. die Jakobskirche (sämmtlich im 14. Jahrh. in gothischem Stile erbaut), stattliches Rathhaus mit ganz alterthümlicher Faxade, einer ansehnlichen Bibliothek und dem Neuvorpommerschen Provinzial, museum, Gymnasium (im ehemaligen Katharinenkloster), Realschule 1 . Ordn., 3 höhere Töchterschulen, Navigationsschule, 1 Taubstummen- u. 1 Irrenanstalt, Fräuleinstist, Theater, Waisenhaus, Hospitäler, Armenhaus (im ehemaligen Johanniskloster), Ar- beitshaus, Eisengießerei, Fabriken in Spielkarten, Spiegel, Zucker, Stärke, Tabak, Cigarren, Seife, Möbeln, Papier, Lack, Maschinen, Pianosortes, Baumwollenwaaren, Portlandcement rc. , mehrere große Branntweinbrennereien und Bierbrauereien, Dampsöl- u. Dampfmahlmühle, Schiffbau, Schifffahrt, Fischfang, lebhaften Handel, Pferde- u. Rindviehmärkte, ansehnliche Wollmärkte, Hafen, Seebadeanstalt; Freimaurerloge: Gustav Adolf zu den drei Strahlen; 1875: 27,765 Ew. S. hat regelmäßige Dampsschifsverbindung mit Polchow u. Ralswiekauf Rügen sowie mit Malmö in Schweden. Ende 1876 besaß S. 197 Seeschiffe (von mehr als 60 Reg.-Tons) mit zusammen 44,880 Reg.-Tons Gehalt, 15 Küsten- u. Binnenfahrer mit 650 Reg.-Tons, einen Seedampfer mit 256 Reg.-Tons u. 3 Bugfir« u. Fluß- dampfer. In den Hafen liefen 1876 beladen ein 241 Seeschiffe mit 23,749 Reg.-Tons u. 1212 Binnenschiffe mit 29,053 Reg.-TonS; es liefen aus 88 Seeschiffe mit 6128 Reg.-Tons u. 605 Binnenschiffe mit 14,498 Reg.-Tons. Die Gesammteinfuhr an Maaren betrug 1,802,899 Ctr., die Ausfuhr 437,446 Ctr. Haupteinsuhrartikelsind: Getreide, bes. Roggen, Steinkohlen, Petroleum, Roheisen, Fische, Hans, Wein, Pottasche, Theer, Salz, Mauersteine, Bau- u. Brennholz; Hauptaussuhrartikel: Getreide, bes. Weizen, Fische, Maschinen, Töpserwaaren, Mehl. S. ist Geburtsort der Naturforscher Burmeistcr u. Herm. Karsten u. des Philologen u. Alterthumsforschers Schümann. S. wurde 1209 von Jaromir I., Fürsten von Rügen, gegründet, bekam 1234 Stadtrechte u. blühte trotz mehrmaliger Zerstörung (so 1212 durch die Herzöge von Pommern, um 1250 durch die Lübecker, 1272 durch die Dänen) bald auf. 1278 wird es zum ersten Male zusammen mit den Städten Lübeck, Wismar, Rostock, Greifswald u. Stettin genannt, aus deren Verbindung der deutsche Hansabund hervorging. Im 14. Jahrh. galt S. nächst Lübeck für die bedeutendste Stadt des Hansabundes; auch den Herzögen von Pommern gegenüber, denen es unterthan war, erlangte es eine ziemlich selbständige Stellung. 1316 vertheidigte sich die Stadt, von Pommern u. Brandenburg unterstützt, heldenmüthig gegen die Rügier u. Dänen. Hier 24. Mai 1370 Friede zwischen dem König Waldemar von Dänemark u. dem Hansabunde. 1429 wurde die Stadt von den Dänen belagert, welche aber auf der kleinen Insel Strela (daher der jetzige Name Dänholm) eine Niederlage erlitten. 1523 in der Oster- Woche fand ein Bildersturm u. 1524 die Einführung der Reformation u. Vertreibung des alten Rathes statt. Im Dreißigjährigen Kriege schloß S. 1628 ein Bündniß mit Gustav Adolf von Schweden u. wurde deshalb vom 23. Mai dess. I. an von Wallenstein belagert, welcher (der Sage nach) prahlte, er müsse S. haben, wenn es auch mit Ketten an den Himmel geschmiedet wäre, aber dennoch am 7. Aug. die Belagerung aufheben mußte. Zum Andenken an diese Begebenheit wird noch jetzt in S. jährlich am 24. Juli ein Volksfest (Wallensteinfest) gefeiert. Im Westfälischen Frieden 1648 wurde S. an Schweden abgetreten. 1678 mußte es sich dem Kurfürsten von Brandenburg ergeben, wurde jedoch schon 1679 im Frieden von St. Germain an Schweden zurück- gegeben. 1715 belagerten es die Preußen, Dänen u. Sachsen wieder. Karl XII. von Schweden vertheidigte es, wurde aber endlich genöthigt, die Stadt zu verlassen, worauf sie sich ergab; doch kam sie 1720 an Schweden zurück. In der Nähe des Franken- thores erinnert ein Stein mit schwedischer Inschrift an die Vertheidigung durch Karl XII. 1758 wurde die Stadt abermals von den Preußen belagert. 1807 wurde S. von den Franzosen unter Mortier seit 40 Stralziren Ende Januars blokirt. Als jedoch nur die Division Granjean davor blieb, das übrige Corps aber gegen Kolberg rückte, drängten die Schweden die Franzosen bis hinter die Peene u. schlossen später, als die Frau- zosen wieder vordrangen, den Waffenstillstand von Schlettau, welchen Gustav IV. jedoch nach dem Frieden von Tilsit brach, worauf Brune vor S. rückte u. es einschloß. Die Schwede» räumten im August S. u. der Magistrat schloß mit den Franzosen eine Capitulation. Die Werke wurden geschleift. 1809 rettete sich Schill nach S. u. fiel am 31. Mai helden- müthig kämpfend in der Fährstraße (ein Stein mit Inschrift bezeichnet die Stelle); sein Corps aber ward größtentheils gefangen. 1815 wurde S. preußisch, u. Preußen stellte die geschleiften Festungswerke wieder her. Seit 1873 aber ist S. als Festung aufgegeben u. die Festungswerke werden wieder geschleift. Vgl. Zober, Geschichte der BelagerungS-s durch Wallenstein im I. 1628, Strals. 1828; C. F. Fabricius, Der Stadt S. Verfassung ».Verwaltung, ebd. 1831; Mohnike u. Zober, Stralsundische Chroniken, ebd. 1833 ff., 3 Bde.; Kruse, Bruchstücke aus derGesch. der Stadt S., Strals. l846ff.,2Bde.;Fock,Nügensch- pommersche Geschichten, Bd. 6, Lpz. 1872; Fraucke, Das Verfestungsbuch der Stadt S., Halle 1877; Ders., die Belagerung u. Beschießung S-s durch den Großen Kurfürsten rc., Strals. 1878; Müller, Dis Insel Rügen, S. rc., 9. A. Berl. 1878. H- Berns. Stralziren (v. Jtal.), so v. w. Liquidiren. Stramberg, Stadt im mähr. Bez. Neutitschein (Österreich), Tuch-u. Baumwollenweberei, Sammetbandfabrikation; 1869 : 2352 Ew. Strand, s. Küste. Strandiimter, Strandamt, s. Stranden. Strandbatterie, s. Batterie 3). Strandberg, Wilh. August, schwed. Schriftsteller, geb. 16. Jan. 1818 in Stigtamta (Söder- manland) ließ sich nach seinen in Lund gemachten Universitätsstudieu in Stockholm nieder, wo er dann bis zu seinem Tode 5. Febr. 1877 die Redaction der kost — oob lorikos Mäninzar führte. Seine ersten Gedichte SanMr i pansar(GeharnischteLieder) 1835 ließ er unter dem Pseudonym Talis Qualis er- scheinen, ihnen später eine nene Folge anschließend, die sich durch höhere poetische Wärme anszeichnet. Ausgezeichnetes leistete er als Übersetzer ausländischer Dichtungen. Seine schriftstellerischen Verdienste lohnte die schwedische Akademie, indem sie ihn unter ihre Mitglieder aufnahm. Strandelster, so v. w. Austernfischer. Stranden ist das durch irgend welche Ursache herbeigesührte Festkommen eines Schiffes auf dem Strand od. auf eine Untiefe. Strandrecht nennt man das Recht Jemandes, sich die gestrandeten Schiffe u. Güter anzueignen. Jetzt allgemein durch Gesetze geregelt, für das Deutsche Reich durch die Strandungsordnung vom 17. Mai 1874. Der Strandvogt leitet die Bergung u. Hilfeleistung bei Seenoth u. hat die Strandung bei seiner Aufsichtsbehörde, dem Strandamt, zur Anzeige zu bringen, welche den Berge- resp. Hilfslohn sestsetzt. Die letzte Instanz ist das Reichskanzleramt. Strandgut, die Maaren gestrandeter Schiffe, welche an das Land getrieben werden, s. u. Bergen u. Strandrecht. Strandläufer, PringsasLcrpl., Unterfam. der — Strang. Vögel aus der Fam. der Schnepfen. Schnabel mittellang od. nur wenig länger, gerade od. an der Spitze herabgebogen, nach vorn zu breiter werdend. Flügel u. Beine mittellang, Zehen getrennt, Hinterzehe vorhanden. Kleinere, selbst sehr kleine Sumpfvögel, deren Gefieder im Winter oben aschgrau, unten weiß, im Sommer dagegen rostfarben bis braunschwarz ist. Überall verbreitet, Brutquartier jedoch nur in kälteren Gegenden. Aufenthalt am Meere, an Sümpfen u. stehenden Gewässern. Nähren sich von kleineren Wasserthieren. Vier große birnförmige Eier, grünlich mit braunen Flecken. Gatt.DrluAa D., a) Schnabel gerade, k. ininuta DerR., 16 om., Zwerg-S„ Schwingen weiß, schaftig. d) Schnabel an der Spitze etwas nach unten gebogen. 1. alpina L., 20 em. Schwanz doppelt ausgeschnitten. Gatt. Oalickris , Hinterzehe fehlt. 6. arsnaria, Vsmm., Sanderling, Schäfte der Schwingen u. des Schwanzes weiß. Gatt. Llaobstss <7iw., Schnabel gerade, weich, Hinterzehe kurz. N. xuAnax <7rtv., Kampf-S., s. d. Farwick. Strandnelke, 1) die Pflanzeugattung Stativs; 2) Trmsria vulgaris. Strandrecht (Ins nankraZii, s. litoris, franz. Droit äs varsob), das Recht, die Schiffbrüchigen od. aus Noth über Bord geworfenen Güter sich anzueignen. Dasselbe umfaßt auch das sog. Grundruherecht (Ins InAannm), welches sich auf die Zueignung der auf die Flußnfer ausgeworfenen oder angespülten Gegenstände bezog. Eine solche Aneignung erscheint überall, wo es etwa ausgeübt werden sollte, als eine Anmaßung, welche dem Völkerrecht widerstreitet. Das S. wird aber außerhalb Deutschlands noch jetzt von Bewohnern mancher Seeküsten geübt, so sehr man auch bemüht gewesen ist, dasselbe durch vielfache Staatsverträge abzu- schafseu. Im Deutschen Reichs ist die Materie im Sinne des modernen Völkerrechts geordnet durch die Strandungsordnung v. 17. Mai 1874. B-zold. Straudreiter (Riemenfuß, Stelzensuß), Ili- mantovns Lrr'ss., Gatt, aus der Fam. Schnepfen. Schnabel lang, gerade, an der Spitze verdünnt. Beine sehr lang. Hinterzehe fehlt. Gefieder schwarz ».weiß. An Süßgewassern, Sümpfen. Fünf Arten, die meisten tropisch u. in Australien. Eier wie beim Kibitz. D. rntipos I/., Stelzenläufer, 36 om, Rücken, Scheitel und Flügel schwarz. Beineroth. Schwanz grau, weißgesäumt. Gesicht, Hals u. Unterseite weiß. Der Rücken n. Scheitel der Jungen bräunlich. SEuropa, selten in Deutschland. Farwick. Strandtrift. Während bei Strandrecht in'einem engeren Sinne ein in nächster Nähe der Küste geschehener Schifsbruch vorausgesetzt zu werden pflegt, wird unter S. ein Strandrecht in einem weiteren Sinne verstanden, nämlich wenn Güter aus größerer Entfernung vom Unglücksorte angetrieben werden (strandtriftige Güter). Im Übrigen s. u. Strandrecht. Strandungsordnung, s. Stranden u. Strand- Strandwolf, s. u. Hyänen. (recht. Strang (Strähn), Garnmaß, eine gewisse, beim Auswinden der Garne auf den Haspel abgemessene Fadenlänge, welche jedoch sowol nach dem Material, als auch nach dem Fabrikationsorte sehr verschieden ist u. theils nach dem Herkommen, theils nach gesetzlichen Bestimmungen geregelt wird. Man lh-n. 41 Strange — den S. durch Unterbinden mittels Querfäden auf sehr verschiedene Art in Abtheilungen, welche man Gebinde, Wiel od. Fitze nennt (s. Garn). Mit der Länge des S-es hängt die Garnnummer zu- sammen. B-yss-l. Strange, N o b e r t, berühmter Kupferstecher, geb. 26. Juli 1721 ans der arkadischen Insel Pomona, lernte in Edinbnrg dieKnpferstecherkunst, mußte aber nach dem Sturze des Prätendenten, dem er sich angeschlossen, flüchten u. setzte nun seine Studien bei Le Bas inParis fort. Von 1751—59 übte er seineKunst in London, wo er sich nach einer Reise nach Italien n. mehrjährigem Aufenthalte in Paris dauernd nieder ließ u. 5. Juli 1792 st. In der Klarheit u. Bestimmtheit seines Grabstichels ist er von Wenigen übertroffen; er lieferte zahlreiche Blätter nach Italien. Meistern, bes. Tizian; dann auch nach van Dyck. Strangulation (v. Lat.), Erwürgung, Erdrosselung. Stranguliren, s. Erdrosseln. Strangnrie (v. Gr.), fortwährendes, schmerzhaftes Drängen zum Uriniren u. tropfenweise Entleerung des Urins; kommt bes. beim Blasenkatarrh u. Blasenkrampf als Symptom vor. Der mildere Grad dieser Krankheitserscheinung heißt Dysurie. Stranraer, Stadt in der schott. Grafschaft Wig- ton, am Loch Ryan des Clydebusens; Hafen, altes Schloß, Armen- u. Bessernngshans, Gerberei, Weberei, Fischerei (Häringe, Austern); 1871: 5977 Ew. Strasburg (Straßburg), 1) Kreis im preuß. Regbez. Marienwerder, von der Drewenz durch- strömt u. von der Linie Schneidemühl-Thorn-Jn° sterburg der Preuß. Ostbahn durchschnitten; 1344,^ Uslcm (24, HjM) mit (1875) 66,711 Ew. 2) Kreisstadt darin, an der Drewenz; Amtsgericht, Gymnasium, Höhere Töchterschule, Schwimm- und Badeanstalt, Bierbrauerei,Getreidehandel, zahlreiche besuchte Kram- u.Viehmärkte, Ruinendes 1285 erbauten Schlosses; 1875: 5454 Ew. S. wurde 1285 von den Deutschen Rittern gegründet, 1628 von Gustav Adolf erobert. Hier 5. Oct. 1831 Übertritt der polnischen Hauptarmee unter Rybinski. 3) (S. in der Uckermark), Stadt im Kreise Prenzlan des preuß. Regbez. Potsdam, Station der Berlin-Stettiner Eisenbahn; Amtsgericht, Töpferei u. Ofenfabrikation: 1875: 5089 Ew. H. Berns. Strass, Glasmasse, welche für sich od. nnt färbenden Metalloxyden znsammeugeschmolzen, zur Nachahmung der Diamanten u. der anderen Edelsteine dient; s. Edelsteine. Straßburg, Hauptstadt des deutschen Reichslandes Elsaß-Lothringen, am Zusammenfluß der Breusch u. der schiffbaren Jll, mit dem 3 km entfernten Rhein durch zwei Kanäle verbunden, ein Centralpunkt der Elsaß-Lothringer Bahnen, mit den Badischen Staatsbahnen durch Zweigbahn u. feste Brücke über den Rhein verbunden n. seit Herbst 1878 mit in das unterirdische Telegraphennetz gezogen; Festung 1. Ordn. u. als solche seit 1871 nach einem ganz neuen Plan hergerichtet. Die Festungswerke bestehen ans den Stadtwerken nebst Citadelle, einer Anzahl drehbarer Panzerthürme u. 13 Anßen- forts nebst dein jenseit des Rheines liegenden Kehl. DieUmgebnng der Stadt kann außerdem unter Wasser gesetzt werden. — S. ist in seinen alten Theilen eng u. alterthümlich gebaut, hat aber seit 1871 durch Errichtung nenerTheile u. durch Erweiterung seines Straßburg. Gebietes bedeutend gewonnen. Unter den Plätzen sind bes. der Broglie-, Kleber - und Gutenbergplatz hervorzuheben. S. ist Sitz des Oberpräsidiums, des Generalcommandos des 15. deutschen Armeecorps, eines Bischofs n. sonstiger Behörden. Die Kathedrale (das Münster) ist eine der herrlichsten gothi- schen Kirchen. Bon den beiden Thürmen des ursprünglichen Planes ist nur der nördliche ausgefllhrt; er erhebt sich über der 66 m hohen Westfa^ade noch 76 m als eine schlanke, wunderbar schön durchbrochene Pyramide bis zur Krone, über welcher das Kreuz steht. Seine Höhe beträgt also 142 m ; 725 Stufen führen bis an die Krone, 330 bis auf die Plattform, von welcher man eine herrliche Aussicht auf Stadt, u. Umgegend hat. Neben dem Thurm wird am Äußern des Münsters eben diese Westfa;ade mit ihrer 13,z m im Durchmesser haltenden Fensterrose n. ihrem reichen Schmuck an Stab - u. Maßwerk , sowie an Sculpturen (darunter die 4 Reiterstandbilder Chlodwigs, Dagoberts, Rudolfs von Habsburg u. Ludwigs XIV. in den Blenden der Galerie des ersten Stocks) rühmend genannt. Im Innern, das einen Flächeninhalt von 4087 dj m hat (Kölner Dom 6166 s^jru), 110 m lang, 41 m breit, im Mittelschiff 30 m hoch ist, sind bes. sehens- werth: die große Astronomische Uhr im südlichen Arme des Kreuzschiffes; sie enthält das Sonnensystem u. Planiglobienuhrsystem, sowie eine Menge Figuren, bes. die der Jahreszeiten u. der 12 Apostel, welche um 12 Uhr einen Rundgang halten, während dessen ein ans einem Seitenthürmchen stehender Hahn kräht. Diese Uhr wurde 1547 von Konrad Dasypodius u. Isaak Habrecht begonnen u. 1571 (1580) vollendet, stand aber Jahrhunderte lang still u. wurde erst 1838—42 von Schwilgue wiederhergestellt; sie enthält 270 Getriebe n. 600 Räder, ist für unbestimmte Zeit gearbeitet u. regulirt sich selbst, ferner der Taufstein von 1453 im nördlichen Arme des Kreuzschiffes, die Kanzel von 1485 mit reichem Steinbildwerk, die Glasmalereien aus dem 14. Jahrh., die Silbermannsche Orgel rc. An Stelle des Münsters stand schon im 9. Jahrh. eine Kirche (826 urkundlich erwähnt), die nach einer Zerstörung durch die Truppen Hermanns von Schwaben 1002 durch Feuersbrünste wiederholt heimgesucht wurde. Nach der letzten, 1176, begann der vollständige Neubau. Von den älteren Baumeistern wird mit Sicherheit zuerst Oleymann (1261—74) genannt. Seit 1277, dem Jahr der Grundsteinlegung der Westfront, scheint Erwin von Steinbach (s. d.) den Bau / geleitet zu haben, obwol über seine Thätigkeit nach den neuesten Forschungen nichts Urkundliches feststeht. Man nimmt aber an, daß die Westfront, od. doch ein Theil derselben, von ihm herrührt. Außerdem baute er die im 17.Jahrh. wieder abgebrochene Marienkapelle. Ec liegt mit mehreren seiner Fa- milieuglieder im Leichenhöfel an der Nordostseite des Münsters begraben. Welchen Antheil Erwins Nachkommen am Münster gehabt, läßt sich ebenfalls nicht erweisen. Die Vollendung der Westfront fällt ins Jahr 1356. Der zweite urkundlich nachweisbare Baumeister ist Ulrich von Ensingen (1399—1419), der den Thurm begann u. bis zum Abschluß des großen Fensters fortführte. Vollendet ward derselbe durch Johann Hültz aus Köln 1439. Aus der neueren Geschichte des Münsters ist zu erwähnen die 42 Straßburg. Zerstörung der Steinbildwerke, 235 an der Zahl, infolge Decrets vom 4. Frimaire II. (1793). 1800 wurde das Münster dem Gottesdienst zurückgegeben. In der neuen Ära hat man eine gründliche Wieder- Herstellung, sowie eine neue äußere u. innere Ausschmückung des Baues in Angriff genommen u. bis Schluß des Jahres 1878 schon größtentheils zu Ende geführt. Es ist dies, abgesehen von der Reparatur der Beschädigungen durch die Belagerung 1870, die Herstellung einer neuen, 3 m höheren Kuppel, die Erhöhung des Daches der Apsis, die Wiederherstellung der 1793 zerstörten Bildwerke mit Hinzu- sügung neuer (Reiterstatueu auf derHöhe derHaupt- fayaden), Ausschmückung des Chores durch Wandgemälde (durch Steinheil u. Steinle) rc. Das Münster wurde ursprünglich im romanischen Stil begonnen, u. verschiedene Thcile: die Krypta, die Chornischen u. die nördliche Fa^ade des Querschiffes sind noch in diesem Stil erhalten; aber schon der südliche Theil des Querschifies zeigt den Übergang zum gothischen Stil, der in dem Mitte des 13. Jahrh. begonnenen Langschifi zur vollen Herrschaft gelangt. Von den übrigen Kirchen sind bes. zu erwähnen: St. Thomas mit Denkmälern des Marschalls Moritz von Sachsen (von Pigalle, 1757—77 hergestellt), Schöpflins, Oberlins u. Kochs; die neue ev. Kirche, die roman. Neukirche an Stelle der 1870 abgebrannten Kirche aus dem 13. Jahrh. rc. Andere Gebäude. Der alte Bischofshof von 1741, zur Zeit der Franz. Revolution von der Stadt angekauft, später kaiserl. Schloß, seit 1872 Universirätsgebäude (für die historischen, philologischen u. philosophischen Vorlesungen), auch für die Universitäts- u. Landesbibliothek (für diese später ausschließlich bestimmt), neues Universitätsgebändc (für Anatomie u. Pathologie), das neue Theater an Stelle des 1870 zerstörten, die neue Sternwarte, das Akademiegebäude rc. Denkmäler Klebers, Gutenbergs, Lezay-Mar- nesias u. der Opfer des Bombardements 1870; ein Denkmal für Goethe, der 1770—71 hier seine Studien beendete, ist projectirt; aus einer Rheininsel gegenüber Kehl das Denkmal von Desaix. Wissenschaftliche Anstalten: Universität, 1538 durch Jakob Sturm als Gymnasium gestiftet, 1567 zur Akademie u. 1621 zur Universität erhoben, 1794 aufgehoben, 1803 in eine franz. Akademie verwandelt, 1872 neu organisirt u. 1. Mai dess. Jahres eröffnet (hatte in diesem Jahr 390 Stndirende, 1878 697); erhielt durch kaiserliche Verordnung vom 22. Juni 1877 den Namen Kaiser-Wilhelms-Univer- sität S. Die Bibliothek war Ende 1875, größtentheils aus Schenkungen, schon auf 370,360, Ende 1878 auf circa 470,000 Bde. angewachsen. Ferner: Lyceum, Gymnasium, Realschule, höhere Töchterschule, Lehrer- und Lehrerinnenseminar, Priesterseminar,Musikcouservatorium, Naturaliensammlung, Botan. Garten. Gelehrte Gesellschaften: Gesellschaft für Künste u. Wissenschaften, Naturforschende Gesellschaft, Ackerbaugejellschaft. Wohl- thätigkeitsanstalten: Bürgerhospital mit Cli- uicum, Militärhospital, Waisenhaus für 200 Kinder und 300 außer dem Haus Unterstützung erhaltende, Findelhaus, Arbeitsschule für gewerblustige Arme rc. Die industrielle Thätigkeit erstreckt sich auf Tuch, Twist, Nanking, Segeltuch, Seilerwaaren, Leinwand, Strohhüte, Leder, Maroquin, Handschuhe, Nadeln, Tabak, Lichter, Stärke, Spielkarten, Seifensieder» waaren, chemische Maaren, Kutschen, Porzellan, Fayence, Stahl, Waffen; ferner gibt es bedeutende Brennereien, Bierbrauereien, Ölmühlen, Wachsbleichen, Gerbereien, Gold- u. Silbcrfabriken. Der Handel ist ausgedehnt u. vertreibt nicht allein viele Fabrikate, sondern auch Wein, Gänseleberpasteten, Krapp, Hanf, Öl, Getreide, Colonialwaareu; auch der Speditionshandel ist bedeutend. Gesammt- bevölkerung einschl. der zur Stadtgemeinde gehörenden Orte Ruprechtsau, Neuhof, Neudorf und Königshofen, sowie der 8817 Mann starken Garnison (1875) 94,306, davon etwa 42"/„ Protestanten. In Ruprechtsan befindet sich eine sehenswerthe Orangerie u. der städtische Garten. Geschichtliches. S. wurde unter dem Namen ^rMirtoratum zur Zeit des. Kaisers Augu- stus gegründet und war Standquartier der 8. Legion. In der Nähe 357 n. Ehr. Sieg des Kaisers Julian über die Alemannen, denen 404 jedoch das Elsaß preisgegeben wurde. 406 wurde S. von den Vandalen eingenommen, geplündert u. darauf von Attila gänzlich zerstört. Unter dem Sohne Chlodwigs wieder aufgebaut, wurde die Stadt Stra- taburgum oder Stratisburgum, d. h. die an der (röm.) Straße gelegene Burg, genannt. S. war schon früh Bischofssitz, der erste historisch beglaubigte Bischos ist Ansoald, um 610. Im Jahre 775 befreite Karl d. Gr. S. von allen Zollabgaben. Im 9. Jahrh. war ein königliches Palatinm in S. S. stand ansangs mit dem Bischof Giselbert auf der Gegenpartei Ottos d. Gr., unterwarf sich demselben aber bald u. der Bischof erhielt die Herrschaft über die Stadt, welche vorher königlich gewesen war. Für Kaiser Heinrich II. nahm S. gegen den Herzog Hermann von Schwaben Partei u. wurde deshalb von den Schwaben 1002 eingenommen u. zerstört, bald aber wieder aufgebaut. S. wurde im 11. Jahrh. Reichsstadt u. zwar eine der zwei Ausschreibeuden, führte ihr Panier bei Reichszügen gleich hinter dem Reichsadler u. verwahrte das reichsstädtische Panier. Um 1260 gerieth S. mit dem Bischos Walther von Geroldseck wegen des Zolles inFehde; Graf Rudolf v. Habsburg unterstützte den Bischof, veruneinigte sich aber über die geforderten Kriegskosten mit ihm und trat nun auf die Seite der Stadt, welche ihn zu ihrem Feldhauptmanu wählte und mit seiner Hilfe Mülhausen u. Kolmar eroberte u. den Bischof 1262 bei Öberhausbergen schlug. Ehemals hatte der reichsstädtische Adel die Regierung, später ging dieselbe an die Bürgerlichen über. Am 18. Febr. 1349 wurden 2000 Juden, weil sie sich nicht wollten taufen lassen, dem Feuertod überliefert. Seit 1332 wurde die Bürgerschaft in 32 Zünfte getheilt und sämmtliche Bürger, selbst die Geistlichen u. Gelehrten, mußten sich zu einer derselben halten. Die Geistlichen hielten sich meist zur Fischerzunft. Von spä- tern Kaisern erhielt S. manche Privilegien, so von Wenzel das Eigenthum der Brücke, von Maximilian II. das Recht, einen Brückenzoll zu erheben, von anderen das Recht, keinem römischen Kaiser bes. schwören oder huldigen zu müssen, ferner das üus nnstrsAarnm, indem Worms, Basel u. Ulm ihre Richter waren; von Friedrich III. das Recht, Reichsächter aufzunehmen, jedoch mußte es denselben binnen einiger Zeit den Proceß machen. Auch war ihm Straßburg. 43 von Marimilian I. 1494 das Gericht zu Rottweil, von Rudolf ll. 1582 das Kammergericht verliehen. Sigismund gab S. 1436 das Recht, zwei Märkte zu halten u. Maximilian l. das, eigene Goldmünzen zu schlagen. Im Jahre 1445 vertheidigte sich die Stadt siegreich gegen die Armagnacs unter dem Dauphin von Frankreich. In S. machte Gutenberg seine ersten Versuche der Buchdruckerkunst. Die Reformation fand bes. durch den Einfluß Martin Bu- cers, der 1523 hier eine Zuflucht fand, sowie die Thätigkeit von Jakob Sturm, Eingang; auch trat S. dem Schmalkaldischen Bunde bei. Schon damals herrschte in S. ein reges wissenschaftliches Leben, das durch die Gründung der Universität (s. o.) noch bedeutend gehoben wurde. Aus die Erklärung der Reunionskammern (s. d.), daß S. zu dem unterworfenen Elsaß, mithin zu Frankreich gehöre, ließ Ludwig XIV. die Stadt 30. Sept. 1681 mitten im Frieden durch den General Montclas besetzen; der Ryswijker Friede bestätigte diese Gewaltthat. In der Französischen Revolution, welche die alten Rechte u. Privilegien der Stadt auflöste, war S. der Schauplatz großer Gräuel u. eine permanente Guillotine stand auf dem Markte. Am 30. Oct. 1836 machte hier Prinz Louis Napoleon (nachmaliger Kaiser Napoleon III.) den Versuch, sich durch gewonnene Truppen zum Kaiser erklären zu lassen. Die Ereignisse von 1870 gingen in folgender Weise vor sich. Unmittelbar nach der Kriegserklärung war General Uhrich zum Com Mandanten der Festung ernannt worden. Die Garnison bestand Anfangs nur aus 2 Depots von der Artillerie, 2 von den Jägern n. 3 von der Linie, verstärkt durch das 87. Linienregiment u. einen Theil des 16. Artillerieregiments; hierzu kamen 1 Bataillon vom 21. Linienregiment, 2 Abtheilungen vom 74. u. 78. Linienregiment, die inder Schlacht von Wörth von ihrem Corps getrennt worden waren, 2 Bat. Douaniers, 4 Bat. mobiler Nationalgarde u. eine Abtheil. Marine von der Rhein- flotille. Eine weitere Verstärkung bildeten 4000 Flüchtlinge aller Waffengattungen, die zu 2 Marschregimentern formirt wurden. Die gesammte Besatzung war etwa 22,000 Manu stark. Der bereits 2 Tage nach der Schlacht bei Wörth vor S. ange langten bad. Division gelang es sich unbehelligt in den Besitz des Vorterrains, insbesondere des vor den Lünetten 52 u. 53 gelegenen Helenenkirchhofs zu setzen, die Stadt schon 10. Aug. von allen Seiten zu cerniren u. die Eisenbahnen zn occnpiren. Die Aufforderung des Generals Beyer zur Uebergabe wurde abgewiesen; mehrfache Ausfälle der Besatzung blieben ohne wesentliche Erfolge. Als Erwiderung ans die aus badischem Feldgeschütz bis zum 18. Ang. von Zeit zu Zeit wiederholte Beschießung der Festung ließ llhrich die offene Stadt Kehl, wider alles Kriegsrecht, beschießen und zum größten Theil eiu- äschern. Das nach u. nach eintrefsendc Belagerungs- corps war aus der badischen Felddivision, der preuß. Garde-Landwehrdivision unter General Freiherr v. Loen, der 1. preuß. Reserve-Landwehrdivision unter General v. Treskow und aus der combinirten Cavaleriebrigade unter General Krug v. Nidda zusammengesetzt, so daß dem Oberbefehlshaber General v. Werder im Laufe der Belagerung 47H Bataillone, 24^ Escadrons u. 114 Feldgeschütze zur Verfügung standen. Hierzu kam der aus 200 gezogenen Geschützen, 88 Mörsern u. 50 Zündnadelwallbüchsen bestehende Belagerungspark mit 52 Festungsartillerie. u. Festungspioniercompagnien. Die Belagerungsartillerie befehligte General v. Decker, während General v. Mertens die Jngenieurarbeiten leitete. Am Abend des 24. Aug. begann aus 56 Belagerungs- u. 54 Feldgeschützen ein lebhaftes Bombardement, das bis zum 27. fortgesetzt wurde u. in der Stadt große Verwüstungen anrichtete. Unter den öffentlichen Gebäuden, welche verbrannten, war die Neue Kirche mit der berühmten Bibliothek. Auch der Mttnsterthnrm wurde beschossen, weil auf seiner Spitze ein Beobachtungsposten aufgestellt worden, doch waren die Beschädigungen nicht ernstlicher Art. Sinn begann General v. Werder den regelmäßigen Angriff der Bastionen 11 u. 12 (Steinthorfront) u. der erwähnten Lünetten 52 u. 53. Die schon in der Nacht vom 29. zum 30. Ang. 800 Schritte vor dem Glacis eröffnete erste Parallele begann am Morgen das Feuer, welches in den schwach besetzten Werken der angegriffenen Front nur mit Unterbrechung erwidert werden konnte. Nach Eröffnung der zweiten Parallele auf 400 Schritte Entfernung von dem Glacis fand in der Nacht vom 2. zum 3. Sept. ein größerer Ausfall gegen den Bahnhos der Kehler Bahn u. nordwärts auf die Inseln Wacken u. Jars u. daraus ein 2. aus dem Austerlitzer Thor statt, die beide zurückgewiesen wurden. Am 12. Septbr. war die dritte Parallele beendet. Die Glaciskrönung vor Werk 53 wurde in der Nacht zum 14. Sept. ausge- sührt, wobei durch den Jngenieurhauptmann Lede- bour ein Minensystem aufgefunden und unschädlich gemacht wurde. Am Mittag des 20. September besetzte eine Abtheilung Pioniere unter Anführung des Jngenieurlieutenants Frobenius unter Benutzung des eben fertig gewordenen Dammes die Lünette Nr. 53, wobei 6 Kanonen erbeutet wurden. Hierauf erfolgte in der Nacht des 21. September auf einer Faßbrücke der Übergang nach der vom Feinde verlassenen Lünette Nr. 52 durch das 34. Regiment und eine Compagnie Garde-Landwehr, welche das Werk trotz eines heftigen Feuers, welches der Feind beim Einlogiren aus dasselbe eröffnete, behaupteten. Beide Lünetten wurden mit Mörjerbat- terien armirt. Wesentlich verstärkt richtete sich der Angriff der folgenden Tage hauptsächlich aus Bastion 11. Als in derselben eine 25 m breite Bresche gelegt worden war und auch die übrigen Werke der Angriffsfront mehr u. mehr in Trümmer gelegt waren, wurde 27. Sept. von der gesammten Belagerungsartillerie das Feuer eröffnet, dem alsbald die 28. Septbr. früh 2 Uhr abgeschlossene Capitulation folgte. Üm 8 Uhr Morgens wurde die Stadt von den deutschen Truppen besetzt. Die Besatzung (17,000 Mann u. 451 Officiere) streckte die Waffen. Erbeutet wurden 1277 Geschütze, 5—6000 Ctr. Pulver n. 2 Will. Frcs. an Staatsgeldern. Die deutschen Verluste während der ganzen Belagerung betrugen 949 Todte u. Verwundete, darunter 42 Offiziere. Gouverneur von S. wurde Generallieutenant von Ollech,CommandantGeneralmajor v. Mertens, Generalstatthalter des Elsaß Gras v. Bismarck-Bohlen. Im Mai 1877 stattete das deutsche Kaiserpaar der Stadt einen Besuch ab, bei welcher Gelegenheit die Bevölkerung eine durchaus friedliche u. versöhnliche Gesinnunganden Tag legte. Vgl.Hermann,XotiesL 44 Straßburg — llistariques statisbigues st litsrairos sur la ville 4s 8., Straßb. 1819, 2 Bde.; Baquol, ^.Isavs an- eienns et moäsrns ou äietiounairs toxa^rapüigus, üistorigue st statistigue äs Laut- st Las-Riän, з. A. ebd. 1865; Ooäs üistorigus st äixlomatigus äs 1a vills äs 8., ebd. 1813, 2 Bde.; Straßburger Nrkundenbuch (Loäsxäiplomatieus arAsubiueusis), bearbeitet durch Wiegand; Winter, Geschichte des Rathes in S. bis zum Statut von 1263, Gott. 1878; Schneegans, I/sMssäs 8t. Uromas, Straßb.1812; Strobel, Vaterländische Geschichte des Elsasses, ebd. 1841, 6 Bde.; Ders., Das Münster in S., 13. A. ebd. 1871; L. Hegel, Die Chroniken der Oberrheinischen Städte, Straßb. 1870, 2Bde.; Schweighäuser, Nemoiro sur Iss autiguitös äs 8., ebd. 1813; Rathgeber, S. im 16. Jahrh. (Reformationsgesch.), Stuttg. 1871; Schlicker, Zur Gesch. der Universität S., Straßb. 1872; Kraus, Kunst u. Alterthum in Elsaß-Lothringen, I. Bd. (2.Abth)., ebd. 1877: Plan der Stadt S., ebd. 1877; Albuin von S., 24 Ansichten, ebd. 1878; Wagner, Geschichte der Belagerung von S. 1870, Berl. 1874—77, 3 Bde. t. Straßburg, das katholische Hochstift u. Bisthum zu beiden Seiten des Rhein, schon in der Merowin- gcrzeit gegründet, indem K. Dagobert den hl. Amandus (gest. 640) dort ausstellte, umfaßte anfangs Ober- и. Unterelsaß nebst der Ortenau n. einem Theile des Breisgaues, mußte aber später an die Bischöfe von Speyer u. Basel Theile abtreten. Es umfaßte die Ämter Oberkirch u. Ettenheim (welche das Hochstift noch bis zuletzt unter der Hoheit des Deutschen Nei- chcs besaß), dann die 10 unter französische Hoheit gekommenen Ämter rc.: Dachstein, Mutzig u. Schirmeck, Benfeld, die Pflege Frankenburg sdas Amt des Domcapitelsj, Wanzenau, Zabern, Kochersberg, Girbaden, Markolsheim u. den Ober-Mnudat Ru- sach, im Ganzen 24 s^M mit30,000 Ew. u. 350,000 Gulden Einkünften. Der Bischof stand unter dem Erzstift Mainz mit seinem Bisthum, das in der Stadt selbst gegründet worden, u. war deutscher Reichsfürst; nachdem die freie Reichsstadt die lutherische Lehre angenommen hatte, verlegte er seine Residenz nach der Stadt Zabern mit den weltlichen Collegien des Hoch- stifts, während das Domcapitel dort verblieb. Seit- dem das Elsaß unter Frankreichs Botmäßigkeit gekommen war, stand zwar der Fürstbischof zu S. mit dem auf dem linken Rheinnfer liegenden Theile seines weltlichen Gebiets unter der Landeshoheit der Krone Frankreichs, deren Unterthan er für diesen Theil geworden war, aber wegen der rechts des Rheins gelegenen Ämter blieb er Fürst u. Stand des Deutschen Reiches u. stimmberechtigt im Reichsfürstenrathe wie auf den oberrheinischen Kreistagen. 1803 verlor das Bisthum seine weltlichen Besitzungen auf dem rechten Rheinufer an Baden, während die linksrheinischen Besitzungen schon bei Beginn der Revolution von Frankreich 1789 eingezogen worden waren. 1802 wurde das Bisthum dem Erzbischof von Be- sanyon unterstellt, seit 1871 steht es direct unter dem Papst. Die Reihe der uckundenmäßigen Bischöfe beginnt 776 mit Remigius einem Grafen im Elsaß. Der letzte Fürstbischof war Ludwig Renatus, Prinz von Rohan; er resignirte im Nov. 1801 u. st. 1803 in Ettenheim. Lagai. Straßenbau, dasjenige Gebiet des Bauwesens, welches solche Nutzbauteu umfaßt, die dazu dienen, - Straßenbau. den Wagen- u. Fußgängerverkehr zwischen einzelnen Orten sowol, als auch in denselben herzustellen oder zu erleichtern. 1) Construction. Die Straßen werden entweder chaussirt od. gepflastert. Während man Pflasterungen (vgl. Pflaster) fast nur in Ortschaften anwendet, werden Wege, welche über Land führen und durch S. zu Kunststraßeu umgewandelt werden, meist init einer Steinschlagbahn versehen, welche am besten aus 3 über einander befindlichen Lagen besteht (vgl. Decklage). Die Straßenoberkante der Steinschlagbahnen (Chausseen) liegt, wenn möglich, 0,go—1 m üöer Terrain u. überall mindestens 0,g'm über dem Hochwasserstande. Einschnitte über 15 m Tiefe legt man nicht an, da es dann vortheil- hafter ist, Tunnel zu bauen. Man führt die Straßen möglichst horizontal u. darf Steig un g en von mehr als 2 , 5 »/g im Flachlande nicht anwenden, während im Hügellandbis4"/o u. in Gebirgsgegenden bis 5 zulässig sind. Bei anhaltenden Steigungen muß ca. alle 700 meine 30m lange, fast horizontaleStrecke mit 5°/„ Steigung eingelegt werden. Minimalsteigungen für Pflasterbahnen sind 1: 576 u. 1:432. Das Quergefälle beträgt bei Chausseen auf 1 lfd. m 3—6 em, bei gepflasterten Dämmen 1:50, bei Trottoirs 1:24—1:36. Für die Letzteren dürfte auch die Steigung nie größer werden u. es ist jedenfalls empfeh- lenswerther, vorkommenden Falls gut beleuchtete Treppenstufen einzulegen. Chausseen haben meist auf einer Seite ein Fnßgängerbankett, auf der anderen einMaterialienbankett; zuweilen liegt zwischen der Chaussee u. dem Fußwege noch ein ungepflasterter sogen. Sommerweg von 2,^—3 m Breite. Letzterer ist jedoch bei einem Gefälle über 1:36 nicht anwendbar. Chausseen ohne Sommerweg sind 7—9 m breit, solche mit S. 94-11,gm. Fahrdämme haben 11 m Breite, in frequenten Straßen 15 m n. da, wo Pferdebahnen liege», 17 m. 2) Historisches. Schondie alten Ägypter, nach ihnen die Babylonier, Assyrer u. Griechen, legten Straßenbahnen an aus Stein- plattcu; die Karthager sollen zuerst Steinpflaster angewendet haben; über den Thüringer Wald ward von den alten Germanen eine »«gepflasterte Straße geführt, welche mitKeulen festgestampst wurde u. heute noch im „Rennsteig" besteht. Der eigentliche S. ward von den Römern entwickelt. Ihre Heerstraßen, die Römerstraßen, bestehen noch heute u. die Via 4ppia, welche Appius Claudius von Rom nach Capua baute, ist noch heute die bestgebaute Straße der Welt, wird auch niemals übertrofsen werden; diese Straßenbahn ist 1 m hoch aus verschiedenen in Mörtel ausgemauerten Steinschichten hergestellt. Im Mittelalter dienten Landstraßen (ungepflasterte, geebnete Wege) dem Verkehr von Ort zu Ort. 1816 baute Mac Adam (s. d.) zuerst bei Bristol die nach ihm benannten Steinschlagbahnen (macadamisirte Straßen, Chausseen). Diese letzteren dienen noch heute dem Verkehr der frequentesten Landstraßen. Mac Adam war auch der Erste, welcher die sogenannten „Sommerwege" bei seinen Chausseen anlegte. In den Städten entwickelte sich der Straßenbau frühzeitiger; Rom hatte zu Zeiten des Appius Claudius Straßenpflaster; Herculaneum u. Pompeji sollen Lavapflaster gehabt haben. Der Maurenkönig Abd-ur-Rhaman H. pfla- sterte im 9. Jahrh. zuerst Cordova. Paris soll 1184 auf Philipps II. Befehl zum Theil gepflastert worden sein. 1368 begann manNllrnberg zupflastern, 1391 « j Straßcncisenbahn — Strategie. 45 Augsburg u. 1417 London. Berlin erhielt zuAnsang des 17. Jahrh. sein Straßenpflaster. Trottoirs aus Steinplatten wurden seit 1762 zu London aus Portlandsteinen u. seit den 40er Jahren zu Berlin aus schlesischem Granit hergestellt. 1826 wurde das erste Reihenpflaster in Berlin ansgeführt. Gußeisernes Straßenpflaster wurde zuerst 1852 zu London äuge- wendet. Dort hat übrigens das Holzpflaster trotz seiner verhältnißmäßigen Kostspieligkeit neuerdings vor allen anderen den Borzug gefunden. Straßenbahnen von comprimirtem Asphalt wurden zuerst 1854 in Paris angelegt. Vgl. Deutsches Bau-Handbuch III. v. der Straßenbau. Köhne. Straßcncisenbahn, so v. w. Pferdebahn. Straßenlocomotive (Straßendampfwagen),. Dampfwagen zur Beförderung von Personen und Lasten auf gewöhnlichen Landstraßen. Die erste Idee, die Dampfkraft zur Fortbewegung eines Wagens zu benutzen, hatte 1759 ProfessorNobison in Edinburg. So lange man indessen nur Niederdruckdampfmaschinen anwenden konnte, fielen die S-n zu groß u. deshalb nnvortheilhast aus, als aber Oliver Evans die Hochdruckmaschinenindie Praxis eingeführt hatte, machte er auch einen gelungenen Versuch mit einer S. Weitere Versuche machten 1802 Trevithick und Vivian in Cornwall. Anfang 1820 machte Griffith Probefahrten mit einer Dampfkutsche zwischen Dublin und Belfast; desgleichen 1820 Belingham in Dublin, 1824 James u. Gordon, 1825 Burstall u. Hill, desgleichen Gurney, 1828 Anderson, 1830 Rapier in Glasgow. Größere Fahrten veranstaltete Goldsworthy Gurney in den Jahren 1829—1831, zwischen Gloucester u. Cheltenham; derselbe gibt an, daß er 4000 Personen befördert habe; die S. von Walther Hancock und Stratford beförderte 1832 16 Personen mit einer Geschwindigkeit von 8 englischen Meilen in 1 Stunde, 1837 in den Straßen Londons mit einer Geschwindigkeit von 12 Meilen; auch Ogle n. Summers unternahmen größere Fahrten. 1833 baute Dietz in Brüssel eine S. mit 2 senkrecht stehenden Cylindern, deren Bewegung mittels Kettenräder aus die Räder übertragen wurde. So sind bis in die neueste Zeit wiederholte Versuche mit S. angestellt worden, die aber im Allgemeinen stets zu demselben Resultate geführt haben, daß nämlich der Transport von Lasten nnvortheilhast wird, sobald die S. auf unebenen Straßen zu fahren hat u. Vortheile gegen andere Transportmittel erst erreicht werden, wenn die Fahrbahnen durch Schienen bes. vorgerichtet und möglichst horizontal gelegt werden, sonst aber S. nur zu besonderen Zwecken, z. B. als sich selbst transportirende Dampfmaschinen anzuwen- den sind. Man kann die S-n in 4 Klassen einthei- len: a) Locomotivo« für landwirthschastliche Arbeiten; sie liefern hauptsächlich die Betriebskraft für landwirthschaftliche Arbeitsmaschinen u. besorgen zugleich den Transport derselben. k>) Fracht- schlepper (Zugmaschinen, Iraoticm enAlnes), zum Transport schwerer Lasten. Sie finden namentlich Anwendung bei den Dampfpflügen und zum Heben derselben mittels transportabler Krahne. Die Firma Aveling u. Porter in Rochester ist namentlich durch diese Specialität bekannt, e) S-n für die Personenbeförderung (Ltvam earriaAeo), nach Art der Omnibus- od. Eisenbahnwagen gebaut, sind in neuerer Zeit namentlich auf den mit Schienen belegten, früher ausschließlichen Pferdebahnen großer Städte eingeführt n. werden bisweilen auch statt durch Dampf, durch comprimirte Lust betrieben. M-sel-r. Strnßeureinignng, s. u. Städtereinigung. Straßnäja (russ.), so v. w. Charwoche. Straßnitz, Stadt im mähr. Bez. Göding (Österreich), an der March, über die eine Kettenbrücke führt, Station (S.-Rohatetz) der Kaiser Ferdinands-Nordbahn; Bezirksgericht, Schloß, Piaristencollegium, Untergymnasium, Getreide- und Weinbau; 1869: 4957 Ew. Strateg (v. Griech., Strategos), der Feldherr, bes. der durch strategische Kenntnisse, strategische Operationen hervorragende, s. Strategie; im alten Byzantinischen Reich die höchste obrigkeitliche Person; militärische Würde im neuen Griechenland. Strategem (v. Griech.), Kriegslist; so v. w. List überhaupt. Strategie (v. Griech.), die Lehre von der Heer- führnng, der Verwendung der Truppen zu Märschen, Schlachten, Belagerungen, um den eigentlichen Kriegszweck zu erreichen. Die höhere S. entwirft den Kriegsplan, die niedere leitet die Kriegshand- lnng. Die S. umfaßt somit die Lehre von den Operationen der Kriegsheere, von den Lagern u. Stellungen, die Kenntniß des Terrains im Großen, die allgemeine Sorge für die Verpflegung, sowie die Kunst der Einleitung zu Schlachten oder Gefechten; sie ist die Anordnung des Krieges, wie die Taktik dessen Ausführung ist. Die Begriffe der S. n. Taktik streifen nahe an einander. Während man mit S. die Feldherrnknnst bezeichnet, welche durch natürliches Talent hervorgerufen ist, nennt man Strategen! das Kriegsgenie, welches durch Studium n. Erfahrungen ausgebildet ist. Dieses Studium muß die allgemeine Geschichte der Kriege, bes. der Schlachten u. Gefechte, n. die Kriegswissenschaften in allen ihren Theilen umfassen u. dabei Philosophie u. Menschen- kenntniß zu Hilfe ziehen; letztere kommen bes. in Betracht bei Aufstellung strategischer Maximen, d. h. Grundsätzen, welche der S. gemäß für alle Krieger nach ihrem Wirkungskreise, bes. aber für den Feldherrn gelten u. als unumstößliche Wahrheiten zu betrachten sind. Hanptgrnndsätze der S. sind: Wahl einer guten Operationshasis, von der ans die Verpflegung u. Ergänzung der Truppen gesichert ist; richtige Anlage desOperationszweckes, wie Durchbrechung der Basis des Feindes, um in das Innere des feindlichen Landes zu gelangen, von dem aus er seine eignen Operationen cinleitet u. durchführt, somit Unterbindung seinerLebensadern; Wahl der richtigen Operationslinien, die der eigenen Armee die meisten Vortheile in Verpflegung, Stellungen bieten, also nichtdurchDefileenführen; Con- centrirung aller Kräfte zu den Hauptschlägen, um sich die Übermacht und damit den Sieg zu sichern; Ausnutzung des Sieges bis zu völliger Vernichtung des Gegners; endlich Sicherung des Rückzuges bei eintretendem Wechsel des Kriegsglückes. Punkte, in deren Nähe, meist wegen der dort zusammentreffenden Straßen, ein entscheidendes Gefecht vorzufallen Pflegt, heißen strategische Pu,.kte; strategische Angriffspunkte dagegen Punkte, welche in dem strategischen Plane begründet sind; sie sind oft verschieden vom taktischen Angriffspunkt, welchen die Gesechtslehre ohne Rücksicht auf Höhere Beziehungen 46 Strategischer Aufmarsch — Straubing. nach dem Terrain u. a. Verhältnissen für den richtigen angibt. Strategischer Schlüssel, der Schlüssel zu einer Stellung, welcher zur Bezwingung derselben aus höheren Gründen, als die gewöhnlichen taktischen sind, nöthig ist: er muß errathen werden, während der taktische Schlüssel einer Stellung sich aus den Lehren der Taktik ergibt. Vgl. Taktik u. Krieg. Vgl. H. v. Bülow, Geist des neueren Kriegssystems, hergcleitet aus dem Grundsätze einer Basis der Operationen rc., Hamb. 1836; Erzherzog Karl, Grundsätze der S., erläutert durch die Darstellungen des Feldzugs von 1796 in Deutschland, Wien 1814, 3 Thle.; Ders., Grundsätze der S. u. Anwendung derselben auf einen angenommenen Kriegsschauplatz rc., Nürnb. 1838; Valentini, Die Lehre vom Kriege, Berl. 1821fs.,4Bde.; Clau- sewitz, Hinterlassene Werke über Krieg u. Kriegführung, ebd. 1832 — 37, 10 Bde., 3. A. 1874 u. f.; Ders., Vom Kriege, ebd. 1857, 3Thle.; v. Willisen, Theorie des Großen Kriegs, ebd. 1832—37, 2. A. Lpz. 1868, 4 Bde.; Notizen über Taktik, S. n. Generalstabswissenschaften, Zürich 1850; Sustenau, Grundsätze der S.,Ollm. 1852; Rüstow, Der Krieg u. seine Mittel, Leipz. 1856; Geret, Leitfaden zum Selbststudium der S., Nürnb. 1855; Einige Gedanken über die heutige Kriegführung, Berl. 1859; Grundsätze der S. u. Taktik vom Major A. T., Lemberg 1861; Rüstow, S. u. Taktik der neuesten Zeit, Stnttg. 1872—75, 3 Bde.; Ders., Die Fcldherrn- kunst des 19. Jahrh., 3. A. Zür. 1878. l- Strategischer Aufmarsch, s. u. Aufmarsch 3). Stratford, Stadt in der engl. Grafschaft Essex, 5Lm von London, Eisenbahnstation; chemische Fabriken, Branntweinbrennereien,Zeugdruckereien rc.; 1871: 23,286 Ew. Stratford Canning, jetzt S. de Redcliffe, f. Redcliffe. Stratford on-Avon, Stadt in der engl. Grafschaft Warwick, am Avon, Eisenbahnstation; Latein. Schule, Theater, mehrere Fabriken, Handel; 1871: 7342 Ew. — S. ist Geburtsort von John Strat- sord, Erzbischof von Canterbury u. Reichskanzler unter Eduard III., sowie Geburts- u. Sterbeort von Shakespeare, dessen Geburtshaus (vom Shakespeare- Verein erworben) mit einer Gedenktafel versehen ist, u. dessen Sterbebett noch gezeigt wird. Das Grab u. Denkmal des Dichters befinden sich in der dortigen Stadtkirche; auch vor dem Stadthaus steht eine Statue desselben. Es wird ferner zu dessen Andenken hier ein monumentales Gebäude errichtet, welches ein Theater, eine Shakespeare-Bibliothek und eine Shakespeare-Galerie enthalten soll (Grundsteinlegung 23. April 1877). H- Berns. 8trstl> (gael.), breites Thal, Thalebene. Strathaven (Avondale), Marktstadt in der schott. Grafschaft Lanark, am Avon, Eisenbahnstation; öffentliche Bibliothek, Weberei, Käse- u. Viehhandel; 1871: 3645 Ew. Strathclyde, Landschaft im südwestl. Schottland, mit dem Hauptort Dumbarton, wo vor dem 13. Jahrh. Alcluid, die Hauptstadt der S. -Brito- nen,lag. Strathmore, fruchtbare Thalebene in den schott. Grafschaften Perth u. Forfar, welche die Ochill- u. Sidlaw-Hügel im S. von den schottischen Hochlanden im N. trennt. Strathnairn,Hugh Henry Rose, Lord, ausgezeichneter engl. General, geb. 1803 in Berlin, wo sein Vater britischer Gesandter war, diente seit 1820 in der Armee, u. wurde, zum Oberstlieutenant avan- cirt, Generalconsul in Syrien, Legationssecretär an der Pforte u. im Krimkrieg brit. Commissär im franz. Hauptquartiere. Bei Ausbruch des indischen Ausstandes mit einem selbständigen Commando betraut, that er sich der Art hervor, daß er nach Lord Clyde Generalcommandant der britischen Truppen in Indien wurde; hier nahm er sich bes. der Reorganisation der Armee an. 1865 erhielt er das Obercom- mando in Irland u. wurde 1866 zum Peer erhoben. Stratification (vom Lat.), Schichtung, Aufschichtung. Stratiot (v. Griech.), Soldat; Stratiotik, Militärwesen. 8tratlots8 L. (Siggel), Pflanzcngatt. aus der Fam. A^äroolurrilaosas, Wasserpflanze mit sitzenden, eine untergetauchte Rosette bildenden Blättern u. gestielten Blüthenständen; Hülle der Blüthen 2- blüthig, derb, bleibend, eingeschlechtlich; männliche Blüthen gestielt, weibliche fest sitzend, beide mit ovalen Kelchabschnitten und großen Blumenblättern, die männlichen mit zahlreichen freien Staubblättern, die weiblichen mit zahlreichen Staminodien und einem aus 6 Carpellen gebildeten Fruchtknoten; Frucht eiförmig, 6fächrig, mit wenigen Samen in jedem Fach. Art: 8. aloiäosL., in Wassergräben u. stehenden Gewässern NEuropas u. Deutschlands; oft findensich auf große Streckennur männliche Exemplare. Aratooumulus, s. Wolken. lEngler. Stratographie (v. Griech.), Beschreibung der Kriege aller Völker und aller Zeiten. Stratokrätie (v. Griech.), Soldatenherrschaft. Straubing, unmittelbare Stadt im bayerischen Regbez. Niederbayern, zugleich Sitz eines besonderen Bezirksamtes für das umliegende Land. Die Stadt umfaßt 19,^ Usicm u. 11,590 Ew., das Bezirksamt außerdem 447,ns Hflcm und 20,196 Ew. (1875), beide fast sämmtlich Katholiken, an der Donau, Station der Bayer. Staatsbahncn; auf dem schönen Stadtplatz die 19m hohe Dreifaltigkeitssäule u. der 58,4 in hohe Stadtthurm, 7 Kirchen, darunter die 1492—1512 erbaute gothische St. Jakobskirche mit schönen Ölgemälden u. Glasmalereien, die 1430 erbaute Karmeliter-, jetzt Gymnasialkirche mit dem Grabmale Herzog Albrechts II., die neuerdings re- staurirte romanische St. Peterskirche, die 1436 erbaute Begräbnißkapelle der 1435 hier ertränkten Agnes Bernaner mit deren Denkmal auf dem Kirchhofe, Seelkapelle nnt einem Todtentanz in FreSco, Gymnasium, Realschule, Lateinschule, Schullehrerseminar mit Taubstummeninstitut, Lehrerinnenbildungsanstalt, Gerberei, Brauerei, Mühlenbetrieb, Dampssäge, Fabrikation mathematischer u. physikalischer Instrumente, lebhafter Handel mit Vieh und Getreide; 11,590 Ew. S. ist Geburtsort Fraunhofers, dem ein Denkmal errichtet ist. — Zur Römerzeit lag hier ein Castell. Die Gründung der eigentlichen Stadt führt sich aufHerzog Ludwig I. v. Bayern zurück. Beider Theilung Niederbayerns 1353wurde eine Linie Bayern-S, von Wilhelm und Albrecht gegründet, welche 1425 mit Johann I. ausstarb. 1633 ergab sich S. dem Herzog Bernhard von Weimar, wurde aber 1634 von dem kaiserl. General Strauch — Aldringer wieder genommen; 1743 gelangte es durch Capitulation in den Besitz Seckendorfs u. Kheven- hüllers, 1744 verließen die Kaiserlichen S. wieder u. die Bayern besetzten es. t. Strauch (§rutsx), ausdauerndes Gewächs, mit holzartigem, von unten herauf ästigem Stamm. Eine scharfe Grenze zwischen Bäumen und Sträuchern existirt nicht. Strauß, s. Strauße. Strauß, 1) Gerhard Friedrich Abraham, bedeutender Theolog, geb. 24. Sepr. 1786 in Iserlohn, wurde, nachdem er in Halle u. Leipzig studirt, 1809 Prediger in Ronsdorf im Belgischen, 1814 in Elberfeld, 1822 Hof- u. Domprediger u. Professor der Theologie in Berlin, 1836 Oberhofpredi- ger u. Oberconsistorialrath, trat 1859 in den Ruhestand und st. in Berlin 19. Juli 1863. Er schrieb: HelonsWallfahrtnachJerusalem,Elberf.1820—23, 4 Bde. (ins Engl. u. Schweb, übersetzt); Glockentöne od. Erinnerungen aus dem Leben eines jungen Geistlichen, ebd. 1812—20, 3 Bdchn., 7. A. Leipz. 1840 (ins Engl., Holländ. und Schweb, übersetzt); Die Taufe im Jordan, Elberf. 1822; Das evangel. Kirchenjahr, Berlin 1850; Abendglockentöne, nach seinem Tode erschienen 1868. Außerdem gab er mehrere Prediatsammlungen heraus. 2) Johann, genannt der Walzerkönig, geb. 14. März 1804 in Wien, Sohn eines Bierhausbesitzers, zeigte frühzeitig Talent zur Musik u. erhielt einigen Violinunterricht, wurde trotz seines Sträubens zum Buchbinder bestimmt, entfloh jedoch seinem Lehrmeister, als ihm dieser das geliebte Violinspielv erbieten wollte, u. fand bei einem Musikfreunde in Döbling Aufnahme, der auch seine Eltern bestimmte, ihm regelrechten Musikunterricht geben zu lassen. Sein Lehrer wurde Poly- chansky; später, als er schon zu öffentlicher Anerkennung gelangtwar,vervollkommnte er sich noch im Bio- linspiel bei Jansa (1835—36),inderCompositionbei Ignaz Ritter von Seyfried. Anfänglich wirkte S. in Privatstreichquartetten u. im Pamerschen Concert- orchester,dasseinenWirkungskreisimSperlhatte;im 1.1819 trat erdem vonLanner errichtetenTerzett als Violaspieler bei, wurde 1825 von jenem zum Primgeiger u. Dirigenten ernannt, als das Quartett zum Orchester geworden u. Lanner dieses getheilt hatte. Doch sagte S. bald darauf dieser Thätigkeit Valet, ohne daß er aufhörte, Lanner eine freundschaftliche Gesinnung zu bewahren, u. errichtete ein selbständiges, anfänglich aus 14 Personen bestehendes Orchester, trat gleichzeitig mit seinen ersten Composi- tiouen (Täuberl-Walzer, Ketteubrücken-Walzer) hervor u. fand nach beiden Seiten eine so enthusiastische Aufnahme, daß er zur Zeit des Carnevals oft 100 bis 200 Musiker dirigirte, gleichzeitig für verschiedene Concertsäle engagirt war u. seine Walzer einen Enthusiasmus,wie nurdieLa»nerschen,hervorriefcn. Einen bes. ungeheueren Zulauf fanden die S-schen Produktionen in den Jahren 1830—36, wo er im Sperl spielte; er wurde auch 1834 zum Kapellmeister des ersten Bürgerregiments ernannt u. mit seinerKa- pelle zu den Bällen des Hofes u. der Aristokratie bei- gezvgen. Von 1833 unternahm er mit seinem eigent- lichenStammorchesterConcertreisennachPest(1833), Berlin (1834) u. durch ganz Deutschland, nach Holland n. Frankreich (1837), wo er vor Louis Philipp gerufen wurde u. den einheimischen Musard besiegte. - Strauß. 47 Ebenso begeisterte Aufnahme fand er in London (1838), doch zog er sich daselbst eine schwere Krankheit zu, von der er sich nur langsam erholte; nochmals im I. 1849 dort concertirend, kehrte er wieder krank nach Hause zurück u. st., nachdem er noch wenige Tage vorher im Sperl gespielt hatte, 19. Sept. 1849 in Wien u. wurde auf dem Friedhofe in Döbling neben Lanner begraben. Vgl. Scheyrer, I. S.' musikalische Wanderung durch das Leben, Wien 1851. S. hinterließ 3 Söhne, die sich gleichfalls der Musik widmeten,wovon aber nur Johann den Leistungen seines Vaters nahe kam. Dieser schr. etwa 300 Tanzmusikstücke, wovon bes. die in letzterer Zeit entstandenen Walzer: An der schönen blauen Donau, Neu-Wien rc. die Reise um die Welt machten; auch mehrere Operetten sind von ihm vorhanden: Indigo (1871), Der Carneval in Rom (1873), Die Fledermaus (1874), Cagliostro (1875), LalaiAans (1877), Blindekuh (1878), welche ihr Bestes in den ranzartigen Theilen, dagegen wenig dramatisches Element enthalten. 3) David Friedrich, berühmter kritischer Theolog, geb. 27. Jan. 1808 in Ludwigsburg, studirte seit 1825im Theologischen Stiftzu Tübingen u. wurde 1831 Professoratsverweser am Seminar zu Maulbronn, gab jedoch diese Stelle alsbald auf u. ging nach Berlin, um Schleiermacher zu hören; nach seiner Rückkehr nach Tübingen 1832 wurde er Repetent am Theologischen Seminar u. las auch zugleich philosophische Collegia an der Universität. Hier gab er heraus: Das Leben Jesu 1835, 2 Bde., 4. A. 1840 (Bearbeitung für das deutsche Volk, 3.A. 1874, in mehrere fremde Sprachen übersetzt). Durch dieses Werk erregte S. großes Aufsehen, indem er es unternahm, das Historische von Christus im N. T. als Mythe darzustellen, d. h. als einen Begriff vom Messias, welcher durch Dichtung geschichtliche Einkleidung erhalten habe. Jener Begriff vom Messias sei von den christlichen Gemeinden bis 150 Jahre n. Ehr. aus alttestamentlichen Angaben u. jüdischen Erwartungen zu einem Bilde von dem Ursprung, den Thaten u. Leiden des Messias gebildet und auf Jesus von Nazareth angewendet worden, da derselbe für den Messias gehalten worden sei. Anstatt des so negirten historischen Christus der Christlichen Kirche stellte er am Ende des Buches den, nach Hegelscher Philosophie, logisch nothwendigen Begriff des Gottmenschen als den durch sich selbst wahren Inhalt der Geschichte des N. T. (den idealen Christus) auf. Seine Antworten auf die über dieses Buch geschriebenen massenhaften Erwiderungen und Recensionen erschienen als Streitschriften, Tüb., 3 Hefte. Die Folge des Lebens Jesu war seine Amtseutsetzung in Tübingen u. seine Versetzung als Lehrer an das Lyceum zu Ludwigsburg. Doch gab er diese Stelle 1836 freiwillig aus u. privatisirte in Stuttgart. Im Febr. 1839 erhielt er, durch den Betrieb des Bürgermeisters Hirzel, eineuRuf als Professor der Dogmatik u. Kirchengeschichte nach Zürich, auf den hierauf erfolgten Widerspruch aber wurde er vor Antretung seiner Stelle mit 1000 Frcs. Pension in Ruhestand versetzt. Im 1.1848 stand er aufderCandida- teuliste der Vertreter Ludwigsburgs für die deutsche Nationalversammlung in Frankfurt, doch wurde seine Wahl durch seine theologischenGegner Hintertrieben, > dafür wurde er aber als Landtagsabgeordneter nach ! Stuttgart gewählt, wo er sich sehr conservativ in der 48 Straußberg Politik zeigte. Er siedelte später nach Heilbronn über, lebte dann in verschiedenen Städten SDentsch- lands u. st. 8. Febr. 1874 in Ludwigsburg. Er war verheirathet mit Agnes Schebest(s.d.). Er schr. noch: Zwei friedliche Blätter, Alt. 1833, worin er, wie schon in der 2. und 3. A. des Lebens Jesu, letztere 1838 s., sich zu manchen Concessionen herbeiließ, welche er jedoch nachher wieder znrücknahm; Charakteristiken und Kritiken, Lpz. 1839; Die christliche Glaubenslehre, Tüb. 1840 f., 2 Bde.; Der Romantiker ans deni Throne der Cäsaren oder Julian der Abtrünnige, Manuh. 1847; Sechs theologisch-politische Volksreden, Stnttg. 1848 (seine bei Gelegen- hcitderWahlen nach Frauksnrt gehaltenen Vorträge); Der politische und theologische Liberalismus, Halle 1848; Fr. Christ. Schubarths Leben in seinen Briefen, 2. A. Bonn 1878, 2 Bde.; Christian Märklin, ein Lebens- n. Charakterbild, Manuh. 1851; Leben und Schriften des Dichters Nicodemus Frischlin, Franks. 1855; Ulrich von Hutten (Biographie), 3. A., Bonn 1878, 2 Bde., nebst einer Übersetzung von dessen Gesprächen, Lpz. 1862; HermannSamueiRei- marus, 2. A. ebd. 1878; Kleine Schriften biographischen, literatur- und kunstgeschichtlichen Inhalts, 2. A. ebd. 1877, 2 Bde.; Der Christus des Glaubens u. der Jesus der Geschichte, Berl. 1865; Die Halben u. die Ganzen, Streitschrift gegen Schenkel und Hengstenberg, ebd. 1866; Voltaire, sechs Vorträge, 4. A. Bonn 1877; Lessings Nathan, 4. A. ebd. 1877; Klopstock, Bruchstücke einer Biographie, 2. A. ebd. 1877; endlich Der alte u. der neue Glaube, eine Schrift, in welcher er den Bruch mit der Theologie endgiltig vollzog u. sich mit Entschiedenheit auf die Seite der moderneu, durch die Naturwissenschaften und die realistische Philosophie angebahnte Weltanschauung stellte. Die neue Fluth von Gegenschriften beantwortete er in einem Nachwort als Vorwort zu den neuen Auslagen. Gesammelte Schriften von Ed. Zeller in 12 Bdn., Bonn 1876—78. Der erste Band enthält u. a. in den Literarischen Denkwürdigkeiten eine Art Selbstbiographie; der 12. (schon in 2.A.) das Poetische Gedenkbuch, Gedichte: Beides aus seinem Nachlaß. Der 12. Bd. bringt außerdem ein chronologisches Verzeichniß aller Schriften, Aufsätze rc., von S. Zeller veröffentlichte auch: S., nach seiner Persönlichkeit u. seinen Schriften geschildert, Bonn 1874; Vergl. ferner: Hettinger, Lebensund Literaturbild von David Friedrich S. , Freib. 1875; Nitzsche, David S., der Schriftsteller u. Bekenner, Chemn. 1876; Schlottmann, David S. als Romantiker des Heidenthums, Halle 1878 u. Hausrath, David Friedrich S. und die Theologie seiner Zeit,Heidelb.1876—78,2Bde. 4) Victor Friedrich von S. , Schriftsteller, geb. 18. Sept. 1809 in Bückeburg, studirte in Halle Theologie, dann in Erlangen, Bonn u. Göttingen die Rechte, trat 1832 in den Schaumburg-Lipp eschen Staatsdienst, wurde 1840 Archivrath IN Bückeburg u. 1848 als Geheimer Cabinetsrath in das Cabinet seines Fürsten berufen, als dessen Bevollmächtigten beim Bundestage er 1850 nach Frankfurt ging; 1851 wurde er Schaumburg- Lippeschsr Bundestagsgesanvter und in den österr. Adelsstand erhoben. 1866 schied er ausdemStaats- dienst, in welchem er sich als strenger Conservativer erwiesen, lebte erst in Erlangen und seit 1872 in Dresden, vielseitig literarisch thätig. Er schr. außer — Strauße. religiösen Liedern und Andachtsbüchern: Theobald (Roman),Vieles. 1839,3Bde.; Gedichte, ebd. 1841; P. Gerhardts Leben, ebd. 1841; Fastnachtsspiel von der Demokratie u. Reaction, 1849; Das Erbe der Väter (Erzählung), 1850; Gottes Wort in den Zeitereignissen, Vieles. 1850; Briefe über Staatskunst, 1853; Robert der Teufel, ein Gedicht, Hdlb. 1854; Lebensbilder, 1854; Weltliches u. Geistliches, 1856; die Erzählungen: Polykarp, Hdlb. 1860; die Verlorene, ebd. 1868; Aus der Vergangenheit, ebd. 1869; Der Zweikampf, Eros und Agape, ebd. 1869; Das Pfarramt, Die Ehepaare, ebd. 1871; ferner: Novellen, Leipz. 1872, 3 Bde. rc.; Altenberg, ein Roman, ebd. 1866, 4 Bde.; Reinwart Löwenkind, episches Gedicht, Gotha 1874. Auch betheiligte er sich an den Kämpfen innerhalb der Evangelischen Kirche durch einige, vom kirchlichen Standpunkte aus geschriebenen Schriften, namentlich durch: Das kirchliche Bckenntniß u. die lehramtliche Verpflichtung, Halle 1847; dann übersetzte er die Antigone des Sophokles, 1842; das älteste chines. Liederbuch des Schi-king; endlich schrieb er auch ein Werk über Lao-tse, Lpz. 1870, nachdem er sich seit längerer Zeit mit sinologischen Studien beschäftigt. 5) Friedrich Adolf, Theolog, Sohn von S. 1), geb. 1. Juni 1817 in Elberfeld, war Hilfsprediger an der Domkirche in Berlin, wurde 1847, nachdem er mit seinem Bruder Otto eine Reise in den Orient gemacht, Divisionsprediger, 1860 Professor u. Garnisonsprediger in Berlin u. 1870 solcher in Potsdam. Von seinen Schriften sind zu nennen: Sinai und Golgatha, Reise ins Morgenland, Berl. 1847, 10. A. 1873; Länder u. Stätten der Hl. Schrift, Stuttg. 1861 , 2. A. Lpz. 1876; Liturgische Andachten, Berl. 1810, 3. A. 1857; Liturgie des evang. Hausgottes- diensies, ebd. 1853. i) 4) s) Lagai. L) Siebenroa. s) t. Straußberg (Strausberg), Stadt im Kreise Ober-Barnim des prenß. Regbez. Potsdam, am Straußsee, Station (Bahnhof 4 Lm von der Stadt) der Prenß. Ostbahn; Amtsgericht, höhere Bürgerschule, höhere Töchterschule, Landarmenhaus und Erziehungsanstalt für elternlose u. verwahrloste Kinder, Fabrikation grober Tuche (Molton), Flanell, Weberei, Teppichsabrikation, Satin- u. Kammgarnweberei,Schuhwaarenfabrikation snAros, Fischerei; 1875: 5579 Ew. S. war ursprünglich ein Wendendorf, dann Grenzfeste u. wird bereits 1238 als Stadt erwähnt. Strauße, VtrutirioniLas iSLi., Vogelfamilie aus der Ordnung der Kurzflügler. Schnabel schnauzenartig, flach, kurz, dreieckig; Spitze gerundet, den Unterschnabel überragend. Nasenlöcher oval, mittelständig; obere Augenlider bewimpert. Flügelschwingen schlaff, mit langen, weichen, sanft gebogenen Federn; Schwanzfedern ebenfalls schlaff mit gekrümmten, hängenden, verlängerten Deckfedern. Beine plump, Schenkel dick, Läuse lang, vorn geschildet; nur 2 kurze, starke, viergliedrige Zehen, deren innere die längste, Krallen kurz u. platt. Kopf, Hals und fleischröthliche Schenkel bis auf kurzen Federflaum nackt. Das Brustbein ist napfförmig, ohne Kamm, das Becken geschloffen. Auch ist noch zu bemerken, daß die S. einzig unter allen Vögeln eine Art Harnblase besitzen u. ein besonderer Abgang des Harns stattfindet. Einzige Gattung: Ltrnbüio D., mit nur einerArt: Lt.enmolns L., Strauß, asrikan. Strauß 49 Strazzc - 2,5 lang, bis 3 m hoch; Mundspalte weit, bis unterdie Augen reichend. Brnstmitte mit nackter Schmiele. Flügel mit 2 Sporen. Männchen kohlschwarz, Flügel u. Schwanzfedern rein weiß; Weibchen u. Junge graubraun; Flügel u.Schwauzsedern schmutzigweiß. Gegen 75 schwer. Nährt sich vorzugsweise von Pflanzenstoffen, verschluckt aber auch gern unverdauliche Stoffe, Steine, Metall rc. Täglich nimmt er eine große Menge Wasser zu sich. Lebt heerden- weise in den Steppen u. Wüsten Afrikas, zum Theil auch Asiens (s. ».). Flngunfähig entwickeln sie eine große Laufgeschwindigkeit, welche der der schnellsten Pferde gleichkommt. Die S. leben in Polygamie. Auf 1 Männchen kommen 2—5 Weibchen. Nest in einer Erdmulde, wird von mehreren Hennen benutzt. Die Zahl der von jeder Henne gelegten Eier beträgt 12. Die Eier sind glänzend gelblichweiß mit deutlichen Poren. Ein Ei hat das Gewicht von 24 Hühnereiern (1,j icK). Die Brutzeit beträgt 65 Tage. Am Brutgeschäfte betheiligen sich vorzugsweise die Männchen, Loch brüten sie nur des Nachts, überlassen bei Tage die Eier der Einwirkung der heißen Sonnenstrahlen. Stets werden einige Eier um das Nest herum gelegt, welche den ausgekrochenen Jungen zur ersten Nahrung dienen. Sein Nest vertheidigt er hartnäckig gegen Angriffe von anßen. Die Jagd aus S. ist sehr beschwerlich, gilt aber bei den Beduinen für eines der schönsten Vergnügungen. Vorzugsweise werden die männlichen S. wegen ihrer Federn verfolgt. Die Jagd erfolgt auf flüchtigen Pferden. Nachdem man sich einer Heerde vorsichtig genähert, sucht man ein Männchen von derselben abzuschnciden, um es so lange zu verfolgen, bis man durch einen Schlag auf den Kopf oder Hals dasselbe zu Boden streckt. Darauf wird eine große Halsader durchschnitten, die größere Zehe des einen Laufes in die Wunde gesteckt, um das Verunreinigen der Federn durch Blut zu verhindern. Nach der Verblutung zieht man ihm das Fell ab, dreht dasselbe um u. benutzt cs, um die Schmncksedern darin anfzube- wahren. Auch das Fleisch wird nach Bedarf mitgenommen. Bemerkenswerth ist, daß er nicht in der Weite entflieht, sondern sich immer um seinen gewohnten Aufenthalt im Kreise bewegt, wodurch seine Jagd um so leichter wird. Der Hauptnutzen der S. besteht in seinen Federn; die Eier sind sehr wohlschmeckend u. Abgabe der Colonisten am Cap. Die Schale ist sehr hart u. dick u. nimmt gute Politur an; sie dient in Afrika oft zu Trinkgesäßen. Auch hängen sie Mohammedaner n. Christen zur Zierde in ihren Tempeln auf. Das Fleisch wird gegessen, ist aber schwer zu verdauen; das Fett mit dem warmen Blut vermischt gibt ein Gemenge, welches man Straußbutter nennt u. zur Bereitung der Speisen sehr schätzt. Auch gerbt man das Fell u. braucht es als Leder. AmerikanischerStrauß, s. Nandus. Den Alten war der Strauß wol bekannt, schon aus Hieroglyphen kommt er vor u. in der Bibel wird er oft erwähnt. Die römischen Kaiser brauchten ihn zu Kampsspielen u. Heliogabal ließ sich ein Gericht von 600 Straußgehirnen bereiten. Uebrigens soll der S. früher auch in Centralasien vorgekommen sein u. kommt nach den Zeugnissen von Palgrave, Bur- ton, Wetzstein u. A. im Innern Arabiens noch häufig vor; vgl. Petermanns Geogr. Mittheilungen 1870, S.380s. S-nfedern sind schon seitden ältesten Zeiten PiererS Universal-Converlations-Lexilon. K. Aufl. XV; - Streber. als Schmuckgegenstand benutzt worden. Im ägypt. Alterthum galt die Straußenfeder als das Symbol der Wahrheit u. wurde von Thot (s. d.), sowie von den Richtern des Reichsgerichts auf dem Kopf getragen. Der Umstand, daß der Strauß sich in der Gefangenschaft leicht fortpflanzt, hat in Capland zur künstlichen Zucht des Vogels geführt, die vom besten Erfolg begleitet ist u. schon die Idee der Verpflanzung der Zucht nach geeigneten Stellen in Europa, z. B. nach Dalmatien, wachgerufen hat. Im Jahre 1864 betrug die Production von Federn in der Capcolonie 17,873 Pfd. im Werth von81,755Pfd. Sterl., dieselbe war 1874 auf 36,829 Pfd. im Werth von 205,640 Psd. Sterl. gestiegen. Jeder ausgewachsene Vogel liefert jährlich etwa 100 Federn erster Qualität — 1 Pfd. u. da jede Feder am Pro- ductionsort einen Werth von 10 Ll hat, so ist die Zucht eine sehr lohnende. Argentinien exportirte 1876 für 103,000 und Uruguay 1875 für 61,000 Pesos Straußenfedern. Vergl. Mosenthal u. Harting, Ostrieiiss anä ostrielr-ks-rminA, Lond. 1876. (Zool.) Farwick. (Culturhist. ic.) Schroot. Strazze, so v. w. Memorial, s. u. Buchhaltung; so v. w. Kladde. Strebbau, s. Bergbau, S. 204,1. Sp. Strebeband , ein schrägstehendes Holz in einer Fachwerkswand, welches zur Befestigung der ganzen Wand dient und bes. durch Herstellung eines sogen, festen Dreiecksverbandes das Verrücken der Schwelle od. des Rahmens hindert. Strebebogen, s. u. Bogen (Bauk.), u. vgl. noch H. Graf, Oprm kranoi^enum, Studien zur Frage »ach dem Ursprünge der Gothik, Siuttg. 1878. Strebepfeiler ist eine, bes. an den Außenseiten gothischcr Bauwerke befindliche Vorlage von Mauerwerk, welche den Seitenschub der Gewölbe aufnimmt, zuweilen mittels ebenfalls außen sichtbarer Strebebögen. Die S. sind entweder schräg abgedeckt oder mit Fialen gekrönt. Die Mittellinie des Drucks darf nicht aus dem innern Drittel des St. heraustreten. Streber, Franz, bedeutender Numismatiker, geb. 27. Febr. 1806 in München, war Professor der Archäologie daselbst u. st. 21. Nov. 1864. Seine ersten Arbeiten bezogen sich auf die griechische Numismatik, Abhandlungen über die Münzen von Cau- lonia u. über den Stier mit dem Menschenantlitz auf den Münzen von Unteritalien u. Sicilien. Später schrieb er über mittelalterliche Münzen, die des Bischofs Gerhard von Würzburg, der Fürstäbte von Fulda (Münch. 1853), über kurmainzische Silberpfennige, überdieältestenburggräflich-nllrnbergischen Münzen, über die ältesten Münzen der Grafen von Hohenlohe (Münch. 1850), vonKoburg u. Hildburghausen (ebd. 1853), von Salzburg (ebd. 1855 f., 2 Abth.), der Grasen von Wertheim (ebd. 1856) u. über die ältesten von den Wittelsbachern in der Ober- psalz geschlagenen Münzen (ebd. 1858, 3 Abth.); dann über altkeltisches Mllnzwesen (die sogenannten Regenbogenschüsselchen, ebd. 1860—62, 2 Abth. (Preisschrist); Über eine gallische Silbermünze mit dem angeblichen Bilde eines Druiden, ebd. 1863; außerdem schr. er über die Mauern von Babylon u. das dortige Hciligthum des Bel, die Vorhalle des Salomonischen Tempels, die syrakusanischen Stempelschneider Phrygillos, Svsivn u. Eumelos, ebd. 1863. I. Band. 4 50 Streckbetten — Streckbetten, Betten zur Beseitigung von Verkrümmungen, s. Orthopädie. Streckbug nennt man den günstigeren Bug beim Kreuzen eines Schiffs, d. h. den, über welchen es am längsten ohne zu Wenden liegen kann. Strecke, ein in der Lagerstätte von einem anderen Grubenbau aus angelegter Bau von meistens horizontaler Richtung. Man unterscheidet Grund-S., eine im Niveau der Aufschlußarbeit angesetzte S. u. obere, höher angesetzte S-n. Bei flachem Einfallen der Lagerstätte werden in der Richtung des Ein- fallens schwebende S-n gefahren; schräg gegen das Einfallen u. in der Regel mit starkem Ansteigen ge- fahreiw S-n heißen Diagonalen. Strecker, Adolf, Chemiker, geb. 21.Oct. 1822 zu Darmstadt, studirte in Gießen, war Assistent bei Liebig und 1848 Privatdocent, wurde dann 1851 Professor der Chemie an der Universität zu Christia- nia, dann 1860 zu Tübingen, wo er im Frühjahr 1872 starb. Besonderes Verdienst erwarb er sich durch die Bearbeitung von Regnaults Lehrbuch der Chemie, das in 2 Bd. (Brauusch. 1851) erschien u. in denspäteren Auflagen (Anorg.Chem.,S. A. 1878; Org. Chem., 6. A. 1874) als selbständige Arbeit austrat. Zahlreiche chemische Abhandlungen namentlich aus der organischen Chemie in Fachzeitschriften, r. Streckfuß,Adolf Friedrich Karl, deutscher Übersetzer, geb. 20. Sept. 1779 in Gera, studirte 1797—1800 in Leipzig Jurisprudenz, wurde 1800 beim Justizamte in Dresden angestellt, 1801 Hofmeister bei einem Oheim in Triest, ging 1803 als Hofmeister nach Wien, lebte von 1805 bis 1806 daselbst ohne feste Anstellung, kehrte 1806 nach Sachsen zurück, prakticirte als Advocat, wurde 1807 Secretär bei der StiftSregierung in Zeitz, 1812 Geheimer Secretär in Dresden, 1813 Geheimer Referendar u. arbeitete in der Finanzabtheilung des russischen und dann des preußischen Gouvernements in Dresden, wurde 1815 erster Rath der Regierung in Merseburg, 1819 Geheimer Oberregierungsrath u. Vortragender Rath bei dem Ministerium des Innern in Berlin u. 1840 Mitglied des Staatsrathes, nahm 1843 seinen Abschied, lebte nachher in Zeitz u. st. 26. Juli 1844 in Berlin aus der Durchreise. Übersetzungen vonAriostsRasendem Roland, 5Bde., alle 1818—20, 2. Anfl. 1840, Tassos Befreitem erusalem, Leipzig 1822, 2 Bde., 4. A. 1847, Dantes Hölle, Fegefeuer u. Paradies, Halle 1824—26, 3 Bde., 9. A. 1871 und Manzonis Adelgis, Berl. 1827; Fünfhundert Jahre Berliner Geschichte, 2. A. Berl. 1878 rc. Streckmuskel, s. diejenigen Muskeln der Extremitäten, die an denselben die Streckung bewirken. Strecktverk, 1) Walzwerke zum Verlängern von Metallstücken; 2) so v. w. Blechwalzwerk; 3) in der Spinnerei Walzen, wodurch Fäden od. Bänder verlängert werden. Strehla, Stadt in der königl. sächs.Kreishaupt- mannschast Leipzig, an der Elbe; Sitz eines Amtsgerichts; altes Schloß, seit Ende des 14. Jahrh. im Besitz derer von Pflugk, alte Kirche, 1863 schön re- novirt, mit thönerner Kanzel, einem Meisterstück hiesiger Töpserknustaus dem 16. Jahrh.; Töpferei, Gerberei, Fischerei, Fabrik vou Leim u. künstlichen Düngmiitelu, Elbhandeln. Schiffahrt; 1875: 2083 Ew. S. ist ein uralter, ehemals befestigter Ort, mit Streichfeuerzeug. Meißen gleichzeitig angelegt,.wurde 1002 von dem Polenherzvge Boleslaw erobert u. zerstört, kam 1003 an die Markgrafen von Meißen, ward 1439 von den Husiten u. 1637 von den Schweden niedergebrannt. 1760 kämpsten hier die Preußen unter Hülsen gegen die Rcichsarmee. : Strehlen, 1) Kreis im preuß.Regbez. Breslau, durchschnitten von der Linie Breslau-Mittelwalde- Landesgrenze der Oberschles. Eisenbahn; 344,„ Hsstm (6,25 UM) mit (1875) 34,939 Ew. 2) Kreisstadt darin, an der Ohlau, Station der oben genannten Eisenbahn; Amtsgericht, Gymnasium, königliches Lazareth in dem 1810 säcularisirten Augustiner- Eremitenkloster, starke Schuhmacherei, Granitbrüche, Garnison; 1875: 6289 Ew. S. war schon 1130 vorhanden, kam 1291 an Herzog Bolko I. von Schweidnitz, welcher die Stadt mit Mauern umgab, gehörte später zum Herzogthum Mllnsterberg und seit 1427 zum Herzogthum Brieg. Hier 1806 Treffen zwis chen Bayern u. Preußen. Dabei das Dorf Woiselwitz, bekannt durch den mißlungenen Verrath des Barons von Warkotsch gegen Friedrich den Gr. (1761). Vgl. Schumacher, Über die Kalklager in der Strehlener Gegend, Bresl. 1878; S. u. der Rummelsberg, Strehlen 1878. H- Berns. Strehlenau, s. Niembsch von Strehlenau. Streichen, 1) Stengen streicht man, d. h. man läßt sie ohne die Takelage zu entfernen um ein gewisses Maß abwärts gleiten; Raaen, indem man sie bis auf die Reeling fiert (s. Vieren). 2) Flaggen streicht ein Schiff, wenn es sich dem Feinde ergibt, sonst heißt es niederholen. 3) S. mit dem Riemen » s. Ruder. 4) die Richtung, in welcher einfallende (s. Einsallen) Gänge od. Gebirgsschichten mitder Horizontalebene zum Durchschnitte kommen; dasS. steht winkelrecht zum Falle»; den Streichwinkel, d. h. den Winkel zwischen der Streichrichtung u. der Mittagslinie, mißt man mit dem Kompas. Streicher, Joh. Andreas, geb. 13. Decbr. 1761 in Stuttgart, besuchte die Karlsschule u. begleitete Schiller ans seiner Flucht von Mannheim nach Frankfurt; trat als Klavierspieler an die Oef- sentlichkeit, beschäftigte sich später in der von seiner Frau gegründeten und von deren Bruder Andreas geleiteten Pianofortefabrik mit dem Klavierbau und verfertigte ein neues System, das große Anerkennung fand. Er st. 25. Mai 1833. Seine Frau, Tochter des berühmten Orgel- u. PianofortebauerS Joh. Andreas Stein in Augsburg, war eine tüchtige Klavierspielerin u. machte sich 1813 um Beethoven verdient, indem sie fein verwildertes Hauswesen in Ordnung brachte. Streichfeuerzeug (Reibfeuerzeug), Feuerzeuge, bei welchen die Entzündung durch Reiben bewirkt wird. Die Streichzllnder sindHolzstäbchen, seltener Papier- od. Zunderstreifen rc., welche an einem Ende od. auf einer Seite mit einer Mischung von leicht entzündlichen u. leicht Sauerstoff abgebenden Körpern versehen sind. Diese Mischung wird durch Reiben * an einer rauhen Fläche bis zur Entzündung erhitzt od. zur Explosion gebracht n. entzündet dann ihrerseits den Zunder, Fidibus, das Holzstäbchen rc. Zu den Streichzündhölzchen, welche am allgemeinsten gebraucht werden stellt man die Stäbchen am billigsten dur ch Spalten mit Messern dar, welche sich entweder allein oder mehrere zusammen an einem Streichgarn - Apparate befinden, der nach jedem Schnitte den zu verarbeitenden Holzklotz um die entsprechende Dicke sortrückt. So entstehen Platten von der Dicke eines Streichholzes, welche wieder zum Klotze zusammengefaßt und nun der Quere nach gespalten werden. Ein schöneres Aussehen haben aber die gehobelten Hölzchen. Sie werden durch eigenthümliche Hobel u. Maschinen in der Richtung der Holzfaser mehr ausgestoßen als gehobelt u. bilden einen langen Draht, der dann durch passende Schneidvorrichtun- gen in die betr. Stücke getheilt wird. Für runde Hölzer hat der Hobel unten 3—400 Öffnungen, durchweiche im erstern Falle mit derHand die oberste Kante eines Brettes im 2. ein 4kantiger Stab mit Maschinenkraft hindurch gepreßt wird. Cochots Maschine besteht aus einem eisernen Rade von 1 m Durchmesser, auf welches 30 Holzklötze von der Länge eines Zündholzes befestigt werden. Beim Drehen des Rades gehen dieselben an 2 Messern vorbei, das 1. hat 24 feine Spitzen, mit denen es ebenso viele Risse parallel der Holzfaser in jeden Klotz reißt. Das 2. dicht darauf folgende stößt dann vom Klotze einen Spahn von der Dicke der Zündhölzer ab, welcher dnrch obige Spitzen bereits ge- theiltist u.als 24Hölzchenabfällt. Andere Maschinen sind vonNeukranz, Lntherer, Warwa u. anderen cou- struirt. Ein geschickter Arbeiter liefert etwa 400,000, eine gute Maschine aber bis zu niehreren Millionen Hölzchen in einem Tage. Als Holz wird astfreies Weißtannen-, Fichten-, seltener Föhren-, Buchen-, Linden-, Weiden-, Pappel-, Birken- od. Cedernholz verarbeitet. DieHölzchen, welche übrigens jetzt vielfach in Waldgegenden in eigenen Fabriken dargestellt u. an die Zündholzfabriken verkauft werden, werden nun von Kindern oder Frauen auf schmale, je 50 rinnenförmige Vertiefungen, deren jede ein Streichholz aufnimmt, besitzende Brettchen gelegt u. die gefüllten Brettchen, welcheanihren beiden Enden durchlöchert sind, zu 20 übereinander auf 2 Schraubenbolzen aufgesteckt, so daß sie nach dem Festschrauben in einer Art Rahmen befestigt sind, mit einer von Walch in Paris construirten Maschine kann eine Arbeiterin in 10 Stunden 5—600,000 Hölzchen stecken, mitderHand höchstens den 10. Theil. Durch Ausstößen der 1000 Stück Hölzchen auf eine ebene Fläche bringt man deren Spitzen in eine Ebene und durch Eintauchen in die breiförmigen od. geschmolzenen Substanzen, welche sich gleichmäßig ausgebreitet auf ebenen Steinen od. inSchmelzkästen mit ebenem Boden befinden, überzieht man alle auf einmal mit einer Schicht der Zündmasse. Die Zllnd- masse ist gewöhnlich eine Phosphormischung, erhalten durch Einrühren von sauerstoffreichen Stoffen, wie Salpeter, Braunstein, Mennige, Bleisuperoxyd (durch Behandeln der Mennige mit Salpetersäure gewonnen), chlorsaurem Kali (wenn die Hölzchen mit Knall entflammen sollen) rc., in eine heiße oder dicke Gummi- od. Leimlösung u. nachheriges Einquirlen einer gewisfenMengePhosphor. Die Zündmassen werden nie direct auf das Hölzchen aufgebracht, sondern man taucht letzteres erst in geschmolzenen Schwefelod. in flüssiges Wachs, Stearinsäure rc., welche Substanzen eine sichere Entzündung des Holzes vermitteln. Damit die Zündmasse bei der Aufbewahrung der Hölzchen nicht feucht wird, überzieht man dieselbe oft mit einem Lack, welcher mit - Streichmaß. 51 verschiedenen Farbstoffen versetzt wird. Nachdem die Zünder in Trockenkammern ans den Rahmen getrocknet sind, werden sie von 50 bis zu mehreren 100 Stück entweder in runde Holzschachteln oder in viereckige Papierfutterale mit den Köpfen nach oben verpackt. Schachteln und Päckchen sind gewöhnlich oben u. unten mit einer Reibfläche von aufgeleimtem Sand, Schmirgelpulver rc. versehen. DiePäck- chen endlich werden in kleine Kisten aus Holzspänen verpackt. Um die S-e weniger gefährlich zu machen, erfand man die Antiphosphorreibzünder, welche unter den Namen schwedische, SicherheitS- rc. Zündhölzer, 8aktz- Nabellss rc. die übrigen mehr u. mehr verdrängen. Besonders bekannt sind die von Jönköpingin Schweden. Sie benutzen meist den amorphen, unlöslichen und daher giftfreien Phosphor, welcher aber nicht aus dem Zündholze, son- dem auf einer besonders präparirten Fläche sitzt, auf welcher sie gerieben werden müssen, wenn sie sich entzünden sollen. Die Fläche befindet sich meist außen auf der Schachtel und trägt nach Wagner z. B. eine Mischung von 9 Thle. amorphem Phosphor, 7„Thle. Schwefelkies, 3 Thle. Glas- rc. pul- ver u. 1 Thl. Leim. Auf 1000 Schachteln braucht man etwa 80 Z des Gemenges. Die Zündmasse der Hölzchen besteht z. B, aus 5 Thle. chlorsaurem, 2 Thle. chromsaurem Kali, 3 Thle. Glas- rc. Pulver u. 2 Thle. Gummi, zuweilen enthält sie auch Bleiphosphat, Bleisuperoxyd, Mennige oder Schwefelantimon beigemengt. Die Zündsätze werden von den Fabriken meist als Geheimniß behandelt. Bei den Zwitterzündhölzchen ist an dem einen Ende das chlorsaure Kali rc. u. an dem anderen die Phosphormischung. Beim Gebrauche zerbricht man dieselben in 2 ungleiche Stücke u. reibt mit dem phosphorhaltigen Ende an dem andern, bis sich letzteres entzündet. Bei noch anderen ist der amorphe Phosphor der Zündmasse am Kopfe der Zündhölzer beigemengt, so daß sie sich an jeder Fläche entzünden lassen. Besonders zu empfehlen sind die imprägnir- ten Sicherheitszündhölzer von Zanow u. a., weil bei ihnen Las Weiterglühen des Holzes verhindert und so der durch weiterglimmende fortgeworfene Hölzchen entstehenden Feuersgefahr vorgebeugt wird. Phosphorfreie S. (Sicherheitszünder) haben verschiedene Zündmassen, z. B. 7,? Thle. chlorsaures Kali, 2,g Thle. Bleihyposulphit, 1 Thl. Gummi, ein Gemisch; welches sich durch Reiben an jeder harten Fläche, aber nicht durch Stoß od. Erhitzen bis 180° entzündet; sie sind aberwenig inAnfnahme gekommen. Die Menge der jährlich gelieferten Zündhölzer ist ganz enorm. In Österreich z. B. werden jährlich 150,000 Ctr. Zündhölzer fabricirt. Jungck. Streichgarn,ausStreichwolleverfertigtes Garn. Streichmafi (Streichmodel, Reißmaß, Reißmodel, Parallelreißer, Parallelmaß), Werkzeug der Holz-u. Metallarbeiter, womit Linien parallel zu einer Kante des Arbeitsstücks gezogen werden. Das einfache S. besteht ans einem vierseitigen Eisenstück mit Kopf od. Anschlag od, aus einem, mit Metall beschlagenen Holzstiicke, auf welchen ein Eisen- od. Holzstäbchen (Riegel) mit Spitze verschiebbar ist u. festgestellt werden kann. Indem man das S. mit dem Anschlag an der Kante des Arbeitsstückes hinführt, zieht die Stahlspitze am Ende des S-es die Linie. 4 » 52 Streichquartett — strexitus. Streichquartett, ein Tonstück für vier Streichinstrumente, I. u. 2. Violine, Viola u. Violoncello. Streichungswinkel, der Winkel, welchen das Streichen einerLagerstätte mitderMittagslinie bildet. Streichwolle (Kratzwolle, Tnchwolle), Wollensorte mit kurzem zur Kräuselung neigendem Haar (die beste S. ist im ausgestreckten Zustande unter 100 mm lang, doch werden auch längere Wollen als S. verarbeitet). Man verfertigt aus S. alle Artikel, welche eine Filzdecke erhalten, also Tuch, Fries, Kasimir, Flanell rc. Diese werden gewalkt u. meist gerauht u. geschoren. Je kürzer u. feiner die Wolle ist, desto mehr Spitzen treten aus dem Faden und desto besser filzt sie. Sie wird durch Kratzen (Streichen), nicht durch Kämmen vorbereitet. Zur Gewinnung von S. eignet sich hauptsäch- lich das Merinoschaf u. überhaupt die Höhenschase sowie das Negrettischaf. Beyss-ll. StreifeorpS,kleineAbtheilung Soldaten, welche in Flanke u. Rücken des Feindes Streifzüge unternimmt, um die Stellung u. die Streitkräfte des Feindes zu erkunden, die Verbindungen desselben zu unterbrechen od. Ansstände herbeizusnhren; wo es das Terrain erlaubt, besteht sie aus Cavalerie, im Gebirgskriegaus ausgesuchter leichter Infanterie; s. Freicorps, Parteigänger u. Patrouille. Streifenfarn, die Pflanzengatt. Lsxlsninin. Streitaxt, schwere eiserne Axt, aus der Rückseite mit einem Stachel versehen, diente im Mittel- alter zur Bewaffnung eines Theils des Fußvolkes. Streitberg, Kirchdorf imBcz.-Amt Ebermann- stadt des basier. Regbez. Oberfranken, rechts an der Wiesent, in der Fränkischen Schweiz; Ruinen der 1811 zerstörten Burg S., Mineralbad u. Molkenkuranstalt, Zwetschenbau; 1875: 39S Ew. Dabei die Burgruine Reideck. Streiter Jesu Christi, so v. w. Agonistiker. Streitgenossenschaft, so v. w. Genossenschaft 3); vgl. lütis eonsortsZ. Streitroß, das gepanzerte Pferd der Ritter. Streitschrift, 1) eine Schrift, in welcher die Behauptungen eines Anderen bestritten werden; 2) eine Disputationsschrist. Streittheologie, so v. w. Polemik. Streitverkündigung s. lütis äsnuntiatio. Streitwagen waren im Alterthum gebräuchlich, um rascher an den Feind zu kommen od. auch um in die Reihen desselbenhineinzusahrenu.siezn durchbrechen. Im elfteren Fall war der S. außer dem Rosselenker noch von einem od. mehreren Kriegern besetzt, die entweder vom Wagen aus kämpften oder abstiegen n. das Gefecht zu Fuß führten. Die 2. Gattung S. war mit Sensen, Sicheln, langen spitzigen Stangen rc. versehen,daher auch LieBenennung Sensen» u. Sichclwagen, sie waren vorzugsweise bei den Persern u. Syrern in Gebrauch u. kamen noch im frühen Mittelalter vor. z- Strelitz, 1) Mecklenbnrg-S., Großherzogthum, s. Mecklenburg. 2) Herzogthum S., so v. w. Herrschaft Stargard (s. Stargard). 3) (Altstr elitz) Stadt im Großherzsgthum Mecklenburg-S., Herzogthum S., an kleinen Seen südöstl. von Neustrelitz, Station der Berliner Nordbahn; Zucht- u. Landarbeitshaus; Handel, bes. mit Pferden; 1875: 3070 Ew. In der Nähe 2 Dampfsägewerke u. ein Röhrenwalzwerk. S. wurde bereits 1349 zur Stadt erhoben u. war bis 1712 herzogliche Residenz. 4) Neustrelitz,). Neustrelitz. Strelihen (russ. Strjelzy, d. i. Schützen), russt» sche, im Jahr 1544 vom Zar Iwan ll. Wasilje- witsch zu seiner Leibwache errichtete Miliz. Sie war 30—40,000 M. stark, ganz nach altrnsstscher Weise gekleidet u. bewaffnet (zum Theil noch mit Bogen u. Pfeilen), aber in Regimentern organisirt. Die S. waren zwar die besten Truppen der damaligen russischen Armee, hingen aber mit größtem Starr» sinn an ihren alten Einrichtungen u. Privilegien u. waren deshalb zu Empörungen geneigt. Infolge mehrerer Empörungen löste sie Peter d. Gr. 1705 ganz auf, nachdem er 1698 einen Theil hatte hinrichten lassen. 8trelitris vlrt., Pflanzengatt, aus der Fam. Lln- gaosas (V. 1.) Arten: 8t. rsginas ^4rt., 8t. äs In rsirw, der Königin von England zu Ehren benannte Prachlpflanze vom Cap, bei uns in Gewächshäusern gezogen; krautartig u. perennirend mit 2reihig gestellten, länglichen, unten blaugrünen, lederartigcn Blättern aus sehr langen Stielen; der meterhohe Stengel ist mit purpurfarbig gerandeteu Blattscheiden besetzt; die große, schiffförmige endständige Blü- thenfcheide enthält 8—10 große Blüthen, deren 3 äußere Blätter orangefarben sind u. die dunkelhimmelblauen inneren Perigonblätter umgeben; der Griffel trägt 3 violette Narben; 8.znnosa-4»rck»'. mit fast linealen Blättern u. o—8 Blüthen, welche nach der Reihe zur Blllthe kommen, die 3 äußeren Perionblätter orangegelb und die inneren kornblumenlau. Engter. Strelna, kaiserl. Lustschloß mit Park im russ. Gouv. S. Petersburg, am Finnischen Meerbusen u. an der baltischen Bahn. Strelno (Strzelno), Stadt im Kreise Jnowraz- law des preuß. Regbez. Bromberg; Amtsgericht; 1875: 3493 Ew. S., das urkundlich bereits 1224, u. als Stadt1436erwähntwird, kam 1772 an Preußen. Der Stadt ist 1876 die Gemeinde Strelno Amtsgrund zugeschlagen worden (zns. 4179 Ew.). Stremayr, Karl von, österr. Staatsmann, geh. 30. Oct. 1823 in Graz, studirte hier die Rechte, trat dann in den Staatsdienst, verdankte seinem Ruf als liberaler Politiker schon 1848 die Wahl als Abgeordneter ins Frankfurter Parlament, wurde später Suppleant an der Universität u. Staatsanwaltssubstitut in Graz u. 1867 Vertreter eines steiermärkischen Wahlkreises im Reichstage. 1868 in das Ministerium des Jnnernberufen,übernahm 1. Febr. 1870 das Portefeuille des Cultus u. Unterrichts u. behielt dasselbe, als derRest des Bürgerministeriums am 4. April seine Entlassung gegeben hatte, auch unter Potocki. Dies brachte ihn bei der Verfassungs- Partei in Mißcredit u. ein Mißtrauensvotum seiner Wähler, aber er bewahrte seine constitutionelle Gesinnung, u. durch den Erlaß zeitgemäßer Verfügun- gen in Sachen der Schulgesetze gewann er sich das Vertrauen der Verfassnngspartei wieder n. wurde auch wieder in den Landtag gewählt. Unter Hohenwart aus dem Cabinet geschieden, erhielt er im Ministerium Auersperg, 25. Nov. 1871, das Portefeuille des Cultus u. Unterrichts vonNeuem. Lag-ii.* 8tropitüso (ital., Mus.),lärmend, rauschend. 8trspltus (lat.), Geräusch, Getöse; 8. anrlnm, Ohrenklingen; 8. rsspiratorirw, Athemgeräusch. Ltrexsixtsru — Strickland. 53 LlropsiptoraMrb^,Fächerflügler,Jnsectengruppe aus der Ordnung der Netzflügler, auch wol den Jm- meu zugezählt u! wegen ihres absonderlichen Baues selbst als besondere Ordnung hingestellt. Diese kleinen Thiere repräsentiren nur in den Männchen vollkommene Insekten. Der Körper dieser trägt kleine stummelartigeVorder-, dagegen sehr große,derLänge nachfaltbareHinterflügel, verkümmertes Mundwerkzeug u. große, zweigliedrige Kiefertaster, halbkugelige Facettenaugen, kurze gegabelte Fühler u. kurz, schenkelige Beine, kräftige Brust n. dringeligen Hinterleib; die Weibchen sind dagegen madenartig. Die 8. sind Schmarotzer auf Immen, des. auf Sandbienen, Wespen, Hornissen, Mordwespen. Die Puppen derselben finden sich zwischen Hinterleibssegmenten genannter Wirthsthiere, nur das Männchen verläßt die Puppenhülle, um nach heftigem Hernmflat- tern das Weibchen in seiner Hülle zu befruchten. Die Lebensdauer des Männchens ist nur auf 2—3 Stunden, die des Weibchens auf mehrere Tage beschränkt Die jungen Larven, im Mutterleibe schon entwickelt, werden von den damit behafteten Immen in ihre Baue verschleppt u. gehen auf die Larven derselben über, in die sie sich einbohren, um mit ihnen zur weiteren Entwickelung zu gelangen. Jnimen, welche Puppen der 8. in sich tragen, werden stylopisirt ge nannt. Hierher u. a.: 8tzckops msIittasLrrbz/, 3 mm lang, aus Sandbienen, bes. Lnärsna-Arten; Xenos vssparum, 3 mm lang, aus Mordwespen. Farwick. Stretford, Stadt in der engl. Grafschaft Lancaster, am Mersey, Eisenbahnstation, 6 Lm südwestlich von Manchester; Baumwollenfabriken, große Schweineschlächtereien (die Schweine werden nieist von Irland eingeführt); 1871: 11,945 Ew. Stretta (ital.), s. Fuge k). Als Steigerungsmittel wurde es von den Meistern des freien Stils in reiche rer melodischer, rythmischer und harnionischer Gewandung, von den italien. Operncomponisten (bes. Rossini) lediglich in beschleunigtem Tempo gefunden. 8trstta, in italien. Opern schneller ausgeführter Schluß eines Musikstückes. Streubel,Woldemar, unter dem NamenAr- kolay als Militärschriftsteller bekannt, geb.18.Nov 1827 in Börnichen, trat 1846 in die sächs. Artillerie und wurde 1850 Lieutenant. Ein Verweis, den er wegen seines Werkes über die I2pfündige Granatkanone (1857) erhielt, veranlaßte ihn, seinen Abschied zu nehmen, u. nun widmete er sich ganz der Schriftsteller«, trat namentlich der preuß. Politik von 1866 in feindlicher Weise in seinen durch glänzende Dialektik sich auszeichnenden Brochüren u. sonstigen liter. Arbeiten entgegen, ebenso auch verschiedenen neuen militärischen Einrichtungen, u. st. 25 Dec. 1873 in der Irrenanstalt zu Jllenau. Streublau» die gröbste Sorte Smalte, s. d. Streukügelchen , eine homöopathische Arzneiform , die in der Allopathie durch Pillen, Pastillen rc. vertreten ist; kleine, nicht pulverförmige Zuckerkügelchen, worin die Arzneisubstanz ausgenommen ist. Streuuugskegeln. Streuungskreis, erster« ist der Raum, den die sämmtlichen Sprengpartikel eines Shrapnels vom Sprengpunkt an od. die Ku geln der Kartätschenbüchse von der Geschützmündung an bilden; ein Schnitt senkrecht zur Achse des S-s ergibt den Stceuungskreis. Stricharten, die verschiedene Art der Bogen- ührung bei Streichinstrumenten. Es gibt einen Aufstrich (Is koussö), bezeichnet mit ^ oder V, wobei der Bogen an der Spitze, n. einen Nieder- od. Ab strich (Is Mrs), bezeichnet mit oder wobei der Bogen nahe am Frosch angesetzt wird. Die Bezeichnung martsUato bedeutet, daß jeder Ton mit Niederstrich u. vollem Bogen, die Bezeichnung punto äell' areo, daß mit der Spitze des Bogens gespielt werden soll. Da der Ton eines Instruments je nach der Strichart einen verschiedenen Charakter annimmt, beim Niederstrich breiter u. stärker, beim Aufstrich schärfer und schwächer erklingt, so ist eine übereinstimmende Strichart namentlich für die Geiger eines Orchesters sehr nothwendig. Unter den Begriff S. fällt auch die verschiedene Vortragsart der Töne, als legato, staooato, xortawsnbo rc. Strichvögel , Vögel, welche im Winter ihr Revier erweitern, welches sie des Sommers über bewohnten. Meist ist Nahrungsmangel die Veranlassung dazu. S. sind u. a. die Spechte, Meisen. Stricke«, aus einem Faden eine zusammenhängende, einem Gewebe ähnliche Arbeit dadurch fertigen, daß man den Faden mit Hilfe zweier od. mehrerer Stricknadeln zu Maschen verschlingt. Beim Rechts- (Glatt-) stricken sticht man von Außen durch die alte Masche u. hat den Faden zur neuen Masche auf der inneren Seite; beim Links- (Verwendet-) stricken ist es umgekehrt. Durch Abwechselung zwischendiesen u. anderenArten der Maschenbildung erzeugt man Muster. Vergl. Handbuch für Frauenarbeiten, aus dem Franz. (5. A.) von Mathilde Clasen-Schmid, Leipz. 1879. Stricker, der (Strickare), mittelhochdeutscher Dichter des 13. Jahrh., wahrscheinlich in Österreich. Von ihm gibt es zwei epische Gedichte: Das Lied vom Kaiser Karl, Daniel von Blumenthal, aus dem Sagenkreise von König Arthur u. seiner Tafelrunde (aussührl. Mittheilung des Inhaltes von K. Bartsch in der Einleitung zu S-s Karl, p. VIII. ff.) u. eine weitschweifigeBearbeitung von KonradsRolandslied, um 1230, Ausgabe von Bartsch, Quedlinb. 1857; dann eins scherzhaftige poetische Erzählung: Der Pfaffe Amis, um 1236 herausgeg. im Coloczer Codex, Pest 1817, u. aus dem Riedegger Codex von Benecke in den Beiträgen zur Kenntuiß der Altdeutschen Sprache, II. 493 ff., übersetzt von Berlit, 1851. Von seinen Fabeln, deren Sammlung Die Welt hieß, sind mehrere gedruckt, z. B. in Grimms Altdeutschen Wäldern. Kleinere Gedichte des S-s gab C. A. Hahn,Quedlinb. 1839, heraus. G. Zimm-rmann. Strickland, Agnes, namhafte engl. Schriftstellerin, geb. 19. Juli 1796 zu Reydon-Hall in der Grafschaft Suffolk, stammt aus einem alten, mit dem Hause Plantagenet verwandten Geschlechte, widmete sich frühe historischen u. archäologischen Studien u. wandte sich auch bald zu poetischen Produktionen ; sie sehr.: Voreostor Riolä (poetische Erzählung); Invss ok tüs Husens ok LnAlanä, London 1840—48, 12 Bde., n. A. ebd. 1854, 8 Bde.; Iü- ves ok tüe Husens ok 8eotlanci anä RnAlisb krin- osssss sonnsstsä >vitb bös Ro)-al suovsssion ok 6rsat-Rritain, ebd. 1850—59, 8 Bde.; Historie sLSQss, n. A. ebd. 1852, u. a.; und gab heraus: I-ottersokLlarx Husen ok 8sots, ebd. 1845, 2 Bde.» u. die von ihrer Schwester Jane S. verfaßten Muss sras ok Roman iiistor/, ebd. 1854. lüvss ok tirs 54 Strict — Strinnholm. last §our Orinoessss ok kkv Louss ok Stuart, ebd. 1872; Oive ok Uar^, tzuoen ok Scotts, ebd. 1873. Nach ihrem Tode (13. Juli 1874) erschienen noch die Erzählungen: 6utdrsä,tks iviäovvs siavo, u. Do^al krotksrs, ebd. 187S. Eine andere Schwester, ver- wählte Trail, schr.: RouAking iu tko kusk.Lond. 1852, 2 Bde., u. ihr Bruder, Mayor S., Iivcut)'- sevsu ^oars in Oauaäa, ebd. 1853, 2 Bde. Bartling. Strikt (v. lat. Ltriotus), eng, knapp, genau, streng; 8tricto fürs, nach strengem Rechte; Stricto sensu, iin engeren Sinne; strietissimo 8on8u (strio- tl88imc), im engsten, strengsten Sinne. Stricte Observanz, s. Freimaurerei. Strictnr (lat. Strictura),Zusammenschnürung, zusammengeschnürte Stelle, Verengerung irgend eines Kanals; Strictura oosopkaxi, Speiseröhren- Verengerung; 8. urstkras. Harnröhrenverengerung; 8. intsstiuorum, Darmverengerung; 8. intsstiui recti, Mastdarmverengerung. Die Mastdarm-S. wird am häufigsten durch Krebs des Mastdarmes her- beigesührt (s. Krebs), bisweilen liegen Narben nach verschwörenden Entzündungen des Mastdarmes (Syphilis, chron. Ruhr), Geschwülste u. dergl. zu Grunde. Immer wird durch Mastdarm-S-en die Entleerung des Kothes gehindert, der entleerte Koth hat ein dünnes Lumen, ist bandartig plattgedrückt u. kann schließlich nur in flüssiger Form entleert werden. Dabei ist der Leib aufgetrieben u. der Kranke hat nach Entleerung des Kothes meist das Gefühl der unvollständigen Entleerung. Die Untersuchung mit dem Finger u. mit der Mastdarmsoude stellt den Umfang u. die Stelle der S. fest. Die Behandlung ist eine chirurgische. Kunze. Striegau,!) Kreis im prenß. Regbez. Breslau, durchschnitten von der Linie Frankenstein-Raudten der Breslau-Schweidnitz-Freiburger Eisenbahn; 2d9,gi.UM (5,j< HW) Mit (1875) 38,134 Ew. 2 ) Kreisstadt darin, am Striegauer Wasser u. am Fuße der Striegauer Berge, Station der oben genannten Eisenbahn; Amtsgericht, große kath. Kirche in gothischem Stil mit 2 Thürmen (urkundlich bereits 1180 erwähnt), höhere Bürgerschule, Zuchthaus (in dem ehemaligen Benedictinerkloster), Hospital, Gerbereien, Fabrikation von Cigarren, Bürsten, Peitschen u. Photographie-Albums, Basalt- u. Granitbrüche, 1 Säge-, 5 Mahl- u. 3 Lohmühlen, Ziegelbrennerei, Handel, namentlich auch mit Getreide ; 1875: 10,614 Ew. (mit Gräben u. Haidau 12,060). S. ist Geburtsort des Dichters Joh. Ehr. Günther. Dabei die S-er Berge (Kreuz-, Georgen- u. Breiter Berg), bis 354 in hohe Basaltkuppen, mit herrlicher Aussicht u. hübschen Anlagen. Am St. Georgeuberge findet man eine graue od. bräunliche Boluserde (S-er Erde). S., das zuerst 1114 erwähnt wirb, gehörte früher zum Fürstenthum Schweidnitz, wurde 1299 von Bolko I. mit doppelten Mauern umgeben u. 1640 von den Kaiserlichen nach längerer Belagerung erobert. Nach S. wird auch die Schlacht bei Hohenfriedberg 4. Juni 1745 benannt. H. Berns. Striegel, Victorin, der bekannte Melanch- thonianer, geb. 26. Dec. 1514 in Kausbeuren; stu- dirte seit 1538 zu Freiburg i. Br. Theologie und Philosophie n. seit 1542 in Wittenberg, wo er sich eng an Melanchthou anschloß und seit 1544 theolo- gische u. philosophische Collegia las; 1547 verließ er Wittenberg u. wendete sich zuerst nach Magdeburg, dann nach Erfurt, wo er seine Vorlesungen fortsetzte; 1543 wurde er Professor der Theologie in Jena u. neigte sich hier anfangs auf die Seite der strengen Lutheraner; als er aber auf das von den Ernestinern erlassene neue Glaubensgesetz, das Flacianische Con- fntationsbuch, sich nicht verpflichten lassen wollte, wurde er 25. März verhaftet u. nach Gotha abgeführt , indessen im August wieder entlassen, mußte sich aber still in Jena verhalten; nach dem Sturze der Flacianischen Partei wurde er im Mai 1562 wieder in sein Amt eingesetzt. Da aber die Streitigkeiten von Neuem begannen, verließ S. im Herbst 1562 Jena und ging nach Leipzig, wo er Professor wurde u. bes. über Dogmatik u. Ethik las. Hier wurde ihm wegen seines Kryptocalvinismus im Februar 1567 das Auditorium geschlossen, worauf er einem Rufe als Professor der Ethik nach Heidelberg folgte, wo er 26. Juni 1569 starb. Er ist neben Pseffinger gegenüber Flacius der Hauptvertreter des Melanchthonischen Synergismus, der Lehre, daß nächst der göttlichen Gnade auch der zustimmende Wille zur Bekehrung mitwirke. Er schrieb: Wxo- mnsinata, in oninss likros Xovi Pest., Lpz. 1565, 2 Bde., u. ö.; Ooci tkeoloxioi, hrsgeg. von Pezel, Neust, a. d. H., 1581—84,4 Thle,; Wpomnsmata in exitomon xkilosopkiao inoralis Nolancktkonis, hrsgeg. von dems., 1582. Vgl. Joh. Karl Th. Otto, Os Viel. Sti'iAsiio, libsrioris nisniis in eeclosia Outksri vinäies, Jena 1843. Löffler.* Strike (engl, ko striics) bedeutet Einstellung der Arbeit seitens der Arbeitnehmer. Das Wort ist aus England mit der Sache zugleich auf den Continent übertragen worden. Der Arbeitseinstellung steht gegenüber das lock-out, die Aussperrung der Arbeiter seitens der Unternehmer. Die S-s sind keine ausschließliche Erscheinung der Neuzeit. Ein tieferes Eingehen in die Geschichte liefert den Beweis, daß bes. in England das ganze Mittelalter hindurch Arbeitseinstellungen in den Baugewerben eine nicht ungewöhnliche Erscheinung waren. (Zur Zeit Eduards VI. wurden den englischen Arbeitern, wenn sie an einer Verbindung theilnahmen, die den Zweck hatte, eine Erhöhung des Arbeitslohnes zu erzielen, die Ohren abgeschnitten.) Schon damals handelte es sich um die zwei Ziele: möglichst hohen Lohn u. möglichst kurze Arbeitszeit, n. wie damals eine Versöhnung der streitenden Parteien darin gefunden wurde, daß man es vermied, den formellen Gegensatz auf die Spitze zu treiben, vielmehr dem ganzen Handwerk , also Meistern u. Gesellen, den Entscheid vorbehielt, so möchte sich auch in der Gegenwart in der Form der gewerblichen Schiedsgerichte das geeignetste Mittel zur Entscheidung von Differenzen finden. Vgl. Pawek, Das Wesen der S-s u. das Ver- hältniß der Administrationsbehörde zu denselben, Prag 1871. Contzen. 8tringenäo (Mus.), so v. a. eilender, schneller. Stringiren (v. Lat.), streifend berühren, verletzen; stringent, bündig, scharf, nachdrücklich, streng; 8triu§ontia, so v. w. Adstringirende Mittel. Strinnholm, Andreas Magnus, schwed. Geschichtsforscher, geb. 26. Nov. 1786 in der Pro- vinz Westbotten, studirte seit 1808 in Upsala, ging 1810 nach Stockholm u. gründete hier eine Buchdruckerei, die er nachher wieder abgab, war dann Ltrisoros — eine Zeit lang im statistischen Archiv in Stockholm! beschäftigt u. erhielt von der Regierung eine Pension, um sorglos seinen historischen Arbeiten obliegen zu können, ward 1834 Mitglied der Akademie der Wissenschaft u. st. 18. Jan. 1862 in Stockholm. Er schrieb: Svsnsica kalksts kisbaria (bis zur Erbvereinigung von Westeräs 1544), Stockh. 1819—24, 3 Bde.; Lvonska kolksts kistoria Iran älästa tili nuvarauäs tääer, ebd.1835—54, 5 Th. (bis 1519), der 1. u. 2. Th. deutsch als Wikiugszüge, Staats- Verfassung u. Sitten der alten Skandinavier, von C. F. Frisch, Hamb. 1839—41, 2 Bde.; LvoriZss in- storia i sammanäraZ, Stockh. 1857—60, 3 Bde. (ebenfalls unvollendet). Auch übersetzte er Mehreres ins Schwedische. Ztrkorer, Ordn. der Vögel, so v. w. Naorsolii- ros <7ab., Handflügler, umfaßt die Fam. der Ziegenmelker, der Segler u. der Kolibris. Ströbeck, Kirchdorf im Kreise Halberstadt des preuß. Regbez. Magdeburg, mit etwa 1000 Ew., welche berühmte Schachspieler sind. Jährlich findet in der ersten Schulklasse eine Prüfung im Schach, spiel statt, nach welcher die sechs besten Schachspieler nach dreimaligem Sieg als Prämie ein Schachbrett erhalten, im Trimph nach Hause geleitet u. von den Angehörigen festlich bewirthet werden. Strobel, Adam Walther, Geschichtsforscher, geb. 23. Febr. 1792 in Straßburg; studirte daselbst, wurde 1811 Lehrer u. st., seit 1830 Gymnasiallehrer daselbst, 28. Juli 1850; er schr.: Geschichte des Elsaß, Straßb. 1841 — 52, 6 Bde.; fortgesetzt von Engelhardt: u. gab heraus: Mittheilungen aus der alten Literatur des nördlichen Frankreich, Straßb. 1834; Die Werke Seb. Brandts, Lpz. 1839; Clos- ners Straßburger Chronik, Stuttg. 1841; Französ. Volksdichter, Baden 1846, 2 Bde.; Das Münster in Straßburg, Straßb. 1845, 14. A. 1876. S. war auch eifriger Mitarbeiter am 6oäs bistorigus st äiplomatugus äs In vills äs LtrasbourA, Straßb. 1843, 2 Bde. «"g°i. Strobilus (lat., Bot.), Zapfen. fkistoskop. Stroboskopische Scheibe, so v. w. Phäna- Strodtmann, Adolf, Schriftsteller, geb. 24. März 1829 in Flensburg, unterbrach seine Studien in Kiel, um an der Erhebung Schleswig-Holsteins theilzunehmen, gerieth aber in dänische Gefangenschaft. Freigelassen studirte erinBonn weiter, wurde aber wegen des Gedichtes: Das Lied vom Spulen in seinen Liedern der Nacht, Bonn 1850, excludirt, begab sich dann nach Paris u. London; 1852 nach Amerika, wo er erst eine Buchhandlung gründete, nach deren Eingehen in New Jork u. Philadelphia schriftstellerisch thätig ivar. 1856 kehrte er nach Europa zurück, ließ sich in Hamburg nieder u. widmete sich nun ganz derliterarischenThätigkeit. 1870 begleitete er als Correspondent mehrerer großer Zeitungen die dritte Deutsche Armee durch Frankreich u. ließ sich 1871 in Steglitz bei Berlin nieder. 1850 hatte S. die Biographie: Gottfried Kinkel, Hamb. 2 Bde. erscheinen lassen; ihr folgte das große Gedicht: Lothar, Erinnerungen aus der Revolutionszeit; dann Rohana, poet. Erzählung, Hamb. 1857, 2.A. Berl. 1872; Gedichte, Lpz. 1858, 2. A. Hamb. 1870; Ein Hohes Lied der Liebe, ebd. 1858; Brutus, schläfst Du- Zeitgedichte, ebd. 1863; Heinr. Heines Leben u. Werke, Berl. 1869, 2 Bde., 2. A. Stroganow. 55 1874; All-Deutschland in Frankreich hinein! Berl. 1871; Das geistige Leben in Dänemark, Berl. 1873; ferner besorgte er eine krit. Gesammtausgabe von Heines Werken, Hamb. 1866—68, 20Bde.; eine Ausgabe vonBürgers Briefen, Berl. 1874,4 Bde.; als Vorläufer einer umfassenden Biographie dieses Dichters; Dichterprofile, Literaturbilder aus dem 19. Jahrh., Stuttg. 1879, 2 Bde.; G. E. Lessing, ein Lebensbild nach James Time frei bearbeitet, Berl. 1878. Endlich übersetzte er: Shelleys Dichtungen, Hildburgh. 1867, 2 Bde.; Tennysons ausgewählte Dichtungen, ebd. 1868; Amerikanische Anthologie, ebend. 1870; Montesquieus Persische Briefe, Berl. 1866; Brandes, Hauptströmungen der Literatur des 19. Jahrh., ebd. 1872—76, 4 Bde.; Eliots Daniel Deronda, ebd. 1876—77. Stroganow, eine angesehene russische, gegenwärtig gräfliche und in zwei besonderen Linien in Rußland verzweigte Familie, deren Adel zwar neu ist, deren historische Bedeutsamkeit aber in die ältesten Zeiten des Rufs. Reiches zurückreicht. Der reiche nowgorodische Kaufherr Anika S. legte zu Ende des 15. Jahrh. große Salinen im Ural an, und dessen drei Söhne Jakow, Grigorij u. Semen machten sich durch Erfindungen und Einrichtungen im Berg- und Salzwesen bekannt, siedelten sich zur Zeit Iwans Wassiljewilsch des Grausamen mit mehreren anderen Russen in den Wüsteneien längs der Kama vom Permschen Lande bis zur Sylwa n. an den Usern der Tschussowaja bis zu ihrem Ursprünge an; sie erhielten große Monopole, durften Festungen in Sibirien bauen, hatten eigene Geschütze und Soldaten, eigene Gerichtsbarkeit, der ganze Handel Sibiriens wurde in ihre Hände gelegt u. sie wurden mit der Zeit Besitzer von mehr als 100 Städten, Marktflecken, Dörfern, Kolonien, Fabriketablifse- ments u. Hüttenwerken, wozu sich später noch viele sibirische u. altaische Goldwäschereien gesellten. Semen Anilin, Maxim Jakowlew u. Nikita Grigorjew S. riefen 1579 die dänischen Kosakenhetmans herbei und diese eroberten mit ihnen Sibirien für den Zaren bis 1582. So häufte die Familie S. unermeßliche Schätze an; sie wurden Rußlands größte Kaufherren. Im Kriege gegen die Polen in den ersten Jahren des 17. Jahrh. rüsteten die S. ein Armeecorps auf ihre Kosten aus u. halfen Rußland in einer der gefährlichsten Krisen, welche dasselbe zu bestehen hatte. Dafür belohnte sie der Zar Michail Romanow durch den Titel ausgezeichnete Leute, ebenso wie er ihnen das ueneVorrecht verlieh, daß sie nur durch den Zaren u. die beiden Kammern (den Bojarenhof und die Kammer der Gemeinen) gerichtet werden könnten. Gegen Ausgang des 17. Jahrh., wo das Haus S. bereits mit den größten Familien Rußlands,wie den Galizyns,denSaltykows rc. verschwägert war, war der einzige Repräsentant desselben Grigorij S., welcher in Moskau wohnte. Er hatte drei Söhne, Alexander, Nikolai und Serge'i, denen Peter d. Gr. 18. Mai 1722 plötzlich alle Vorrechte der Ahnen entzog u. dafür bloß den erblichen Barontitel verlieh. Alexander starb kinderlos, von Nikolai u. Serge'i stammen die heutigen zwei gräflichen Linien der S. ab, indem die Nachkommen Nikolais Sept. 1826 unter dem Kaiser Nikolai I., die Serge'is schon unter Kaiser Paul 2. Mai 1798 in den Grasenstand des Rufs. Reiches 56 Stroh — Strohflechterei. erhoben wurden, nachdem Sergeis Sohn, Alexander S. Juni 1761 schon die Grafenwiirde des Rom. Reiches durch den deutschen Kaiser Franz I. erworben hatte. In neuerer Zeit zeichneten sich vornehmlich ans: 1) Gras Paul Alexandrowitsch (aus Ser. ge'ts Linie), russ. General, wirklicher Geheimrath u. Senator, war der intimste Freund u. Rathgeber des Kaisers Alexander I., ein Verehrer engl. Politik starb aufMadeira 1817. Seine Gemahlin Sophia, geb. Fürstin Galizyn, errichtete 1824 in Petersburg eine Schule, worin gegen 300 ihrer Leibeigenen in der Bergwerkskunde, Landwirthschaft, Gewerben und Handwerken unterrichtet wurden, um aus den gräflichen Besitzungen als Verwalter, Handwerker und Aufseher angestellt zu werden. Sie galt als eine der geistreichsten Damen am Petersburger Hofe u. war Alexanders I.u. Elisabeths wärmste Freundin, Nach dem Tode ihres einzigen Sohnes, des Grafen Alexander Pawlowitsch, welcher in der Schlacht bei Craonne 1814 fiel, erhielt ihr Gemahl die Erlaub- niß, den Grafentitel aus seinen Schwiegersohn, Baron Sergei S. (s. d. 3), 1816 zu übertragen. 3 ) Grigorij Alexandrowitsch, geb. 1770, Vetter des Vor. (aus Nicolais Linie), war Diplomat, Gesandter in Madrid, Stockholm u. 1821 in Constanti- nopel, wo er sich durch sein unerschrockenes, kühnes u. menschenfreundliches Benehmen in den Griechischen Angelegenheiten auszeichnete u. ein Liebling des europäischen Liberalismus wurde. Da aber das türkische Ministerium ans keine seiner Forderungen einging, verließ er im Aug. Constantinopel u. ging Oct. nach Petersburg, wo er seine Entlassung nahm; erbesuchte dann Deutschland, Holland und Frankreich wurde 2. Sept. 1826 in den Grafenstand erhoben u. trat 1827 wieder in Staatsdienste, wurde Mitglied des Reichsrathes u. 1837 Oberschenk, 1838 außerordentlicher Botschafter in London zu Victorias Krönung, 1846 Oberkammerherr und st. 19. Jan. 1857. 3 ) Graf Sergei Grigorjewitsch, ältester Sohn des Vor., geb. 1795, vermählte sich mit der Erbtochter von S. 1), erbte ihre Besitzthümer, mit den ineisten Salzsiedereien und Eisenwerken, erhielt 1816 den Grafentitel, zeichnete sich erst als Gouverneur von Riga zur Zeit der Cholera, dann nach der Besiegung der Polen seit 1831 als Goutier-' neur von Minsk vielfach aus, wurde 1835 Cnrator des Universitätsbezirks von Moskau u. war gleichzeitig in der Armee bis zum Generallieutenant aufgerückt, als er 1847 seine Stelle in Moskau wegen seines Freisinns niederlegen mußte. Als General- adjntant des Kaisers wurde er 1852 General der Ca- valerie, Senator, 1855 Reichsrath, 1859 General- kriegsgonverneur von Moskau, bald aber Cnrator des Thronfolgers Nikolai, was er bis zu dessen Tode 1865 blieb. Seitdem steht er an der Spitze des Haupt-Comite der russ. Eisenbahnen. Er ist Stifter einer Zeichenschule in Moskau u. Präsident der Gesellschaft für russ. Geschichte und Alterthumskunde und leitet die archäologischen Ausgrabungen, über welche letztere er selbst mehrere Schriften heransgab. 4 ) Graf Alexander Grigorjewitsch, Bruder des Vor., nahm als Oberst an den Feldzügen gegen Türken u. Polen theil, trat in den Berwaltungsrath des Königreichs Polen, wurde Kriegsgouverneur von Kleinrußland mit gleichzeitiger Führung der Civilgeschäste in den Gouvernements Tschernigow u. Poltawa, wurde Generaladjutant des Zaren, war 1839 bis 1841 Minister des Innern, wurde Jnspec- tor der Depot-Artillerie u. Mitglied des zweiten Departements des Reichsrathes, 1855 General der Artillerie u. Generalgouverneur von Neu-Rußland u. Bessarabicn u. nach Beendigung des Krimfeldzuges mit dem Aufbau von Sewastopol beauftragt. Abberufen, wurde er Senator, Präsident des heraldischen Departements u. sitzt heute imReichsrathe. 5 ) Sein Sohn Graf Grigorij Alexandrowitsch ist seit 24. Febr. 1876 Wittwer von des Kaisers Alexander II. Schwester, der Großfürstin Maria Nikola- jewna, früher» Herzogin von Leuchtenberg, die ihn 16. Novbr. 1856 morganatisch heirathete. Er ist Garde-Oberst a. D., war früher Kosakenhetman, ist Staatsrath, Hofstallmeister u. hat Geheimrathsrang, nie spielte er eine politische Rolle. Vgl. Kleinschmidt, Rußlands Gesch. u. Politik, dargestellt in der Gcsch. des russ. hohen Adels, Kassel 1877. Klemschmidt. Stroh, die ausgedroschenen Halme und Ähren reiser Halm- u. Hülsenfrüchte, auch einiger Handelsgewächse. Man unterscheidet Lang-S-, vom Roggen u.Weizen; Wirr-S. (Kurz-, Krumm-S.), von Gerste, Hafer, Erbsen u. Wicke». Das S. dient zur Fütterung (bes. alsMagensüllungssutter, am besten in derForm vonHäcksel n. angebrüht od. gedämpft) u. zum Einstreuen für das Vieh (vgl. Dünger), zu Unterlagen in die Betten, zum Einpacken von allerlei Maaren, Entbinden zärtlicher Gewächse, zum Dachdecken, zu Bändern, Malten, allerlei Flechtwerk, Bienenkörben, Hüten, Tellern, Papier, Stricken rc. Wo es an Scheuern fehlt, wird das S. in Feimen unter freiem Himmel gesetzt und mit einem S-dache gegen Regen geschützt. Unter Dach ausbewahrt, muß das S. gegen Mäusefraß geschützt u. zu diesem Behufe aufrecht gestellt werden. Strohfiedel (fr. 6Iaguoboi8, ital. Ltiaato, in Österreich Hölzernes Gelächter, sonst ksaltorium IiAnonm, d.i. hölzerner Psalter), Schlaginstrument, aus 16 —18 hölzerneu Stäbchen bestehen., welche nach der Tonleiter abgestimmt sind u. nach ihrer zunehmenden Größe in eitlem hölzernen Kästchen auf Stroh oder einem anderen elastischen Körper aufliegen n. mit 2 hölzernen Schlägeln, wie das Hackebret, geschlagen werden. Iwan Gustkow (st. 1837) veredelte sie zur Stroh Harmonika. Strohflechterei, die fabrikmäßige Herstellung von aus Stroh geflochtenen Gegenständen, wie Hüte, Tischdecken, Teller, Körbe, Stuhlsitze rc. Als Ge- flechtstroh verwendet man das Stroh von Weizen, Roggen, Hafer, Reis ».Gerste. Das feinste und zu Strohhüten am besten geeignete ist das Weizenstroh, welches bes. in Toscana schon seit langer Zeit in vorzüglicher Art gezogen wird (Florentiner Stroh); es hat einen hohen Grad von Festigkeit, Zähigkeit und Biegsamkeit, eine gleichmäßige gelbliche Farbe u. ist in seinen brauchbaren Theilen lang. Das in Bel- gien,in der Schweiz u. der Lombardei gebaute Stroh kommt dem toscanischen ziemlich nahe. Das Roggen- u. Gerstenstroh, welches man bes. in Deutschland u. Frankreich baut und verwendet, ist nur zu gröberen Geflechten geeignet; das Haferstroh wird dagegen z. B. in Steiermark von großer Schönheit u. Feinheit gewonnen, so daß es sich zu nachgeahmten Florentiner Hüten gut eignet. In der Lombardei stellt man aus oberen Theilen der Reisstroh- 57 Strojew — Halme Hüte her. In Deutschland sind der Schwarz-- wald (AmtTriberg seit Ende des l7.Jahrh.), Sachsen, Schlesien u. Nassau, wo mehrere Flechlschulen bestehen, die Sitze der S., und man bezieht zu den feineren Artikeln das Stroh aus Italien. Das zum Zwecke der Hutfabrikation in Toscana dienende Stroh stammt von dem bärtigen Sommerweizen (Mitieuin turzräum), welchen man, damit die Halme recht fein werden, 6mal so dicht als beim Körnerbau säet und vor der Reife mit der Wurzel aus der Erde gezogen wird. Zur Erzielung der beliebten weißgelben Farbe wird eS, vor Regen ge» schützt, einige Tage unter gehörigem Umwenden dem Nachtthau u. Sonnenschein ansgesetzt u. später durch Schwefeln od. mittels Chlor gebleicht. Vom Regen wird das Stroh matt dunkelgelb oder fleckig, kann aber durch Schwefeln oder durch eine Lösung von Sauerkleesalz gebleicht werden. Zu Hüten ist nur das obersteGlied, von der Ähre bis zum erstenKno- ten des Halmes, brauchbar. Meist wird das Stroh im gebleichten Zustande geflochten, seltener im gefärbten. Das Färben erfordert ein Beizen des Strohes mit Alaun, seltener mitWeinstein u.Zinu- chlorid, u. ist dem Färben anderer Körper ähnlich. Die Fabrikation der Strohhüte besteht in dem gu- sammenflechten mehrerer ganzer oder gespaltener Halme zu einem schmalen Bande n. dem geeigneten Zusammenlegen und Nähen dieser vorher nochmals geschwefelten u. dann gepreßten Bänder zum Hute. Das an sich sehr feine Florentiner Stroh wird ungespalten geflochten; stärkeres Stroh von Weizen, Roggen rc. wird gewöhnlich mittels des Strohspalters in Streifen gespalten, wodurch selbst aus schlechtem Stroh feine Hüte erhalten werden. Das Flechten der Bänder ist um so mühsamer u. zeitraubender, je kürzer die Halmstücke sind, daher der hohe Preis der feinsten Strohhüte. Die Hüte erhalten Glanz und Faxen durch Befeuchten mit Reiswasser oder dünnem Stärkekleister oder mit Gummilösung, Pressen zwischen hölzernen oder metallenen Formen n. Überfahren mit einem heißen Stahle. Die Florentiner Hüte sortirt man nach Nummern (Nr. 20 bis 60, ja 100), welche die Anzahl der Strohbandlagen angeben, welche auf die Breite des Hutrandes gehen. Zu Strohhüten verwendet man auch das Espartogras, s. d. (Sparteriehüte). Sehr haltbare sog.Panamahüte kommen aus Granada u. Ecuador. Sie werden aus den Blättern der palmenartigen Oarlnäovios, pg.1mg.tg. in ähnlicher Weise wie Strohhüte gefertigt. Meistens werden indessen nicht die fertigen Hüte, sondern nur das Rohmaterial nach Europa zur Fabrikation eingeführt. Gi-ftler. Strojew, 1) Sergij, russ. Literaturhistoriker, geb. anfangs des 19. Jahrh; studirte Philologie in Moskau u. wurde nach Beendigung seiner Studien 1888 vom Ministerium der Volksaufklärung nach Deutschland u. Frankreich geschickt, um auf den dortigen Bibliotheken u. Archiven Materialen für Geschichte u. Literatur der Slawen zu sammeln; er st. 1840; sein Werk 0 xissanijs xamätniüocv Llrnvä- no-kuWkoi Utsratur^ eüi-gngseli -tselnebsgg cv' xnblitsoimxolr biblioteÜLÜ Osrmauii i l?ran 2 Ü, ss' suimlcgmi is rulcoxissel (Denkmäler der Slawisch-russischen Literatur, welche in den öffentlichen BibliothekenDeutschlands u.Fraukreichs aufbewahrt sind) gab in Moskau 1841 heraus sein älterer Bru- Stromeyer. der 2) Pawel, geb. 1796; wurde 1829 zum Leiter einer wissenschaftlichen Expedition ersehen, welche in den Bibliotheken der russischen Klöster, Kirchen und Seminare, in den Archiven der Städte u. Gerichtsbehörden nach Denkmälern u. Quellen zur Aufhellung der Geschichte, Diplomatie, der alten Statistik und des alten Rechtes Rußlands zu forschen hatte. Nachdem dieExpedition bis 1834 die nordwestlichen, einige westliche u. die inneren Gouvernements des Reiches durchforscht hatte, besorgte S. Namens der 1834 eingesetzten permanenten Commission, nachmals Archäographische genannt, die Herausgabe der wichtigsten der aufgesnndenen historischen Urkunden in 2 Abtheilungen: istoritsolrsslcijo rc. (Geschichtsurkunden), Peterb.1843ff., 7 Bde., u. L,Ictx juriäitsvbeslcijs rc. (Sammlung der Formen der alten Geschäftsführung), 1838 ff. Außerdem kol- uojs 88obrauijs Rusüiclr Ijotoxi88oi (Vollständige Sammlung russischer Annalen). S. st. 17. Januar 1876, nachdem er anfangs der 50er Jahre Mitglied der Akademie geworden war. Lagai." Strom, elektrischer, s. Galvanismus. Stromberg, Stadt im Kreise Kreuznachs des preußischen Rcgbez. Koblenz, an der Gille (Güldenbach); Amtsgericht, 1 Blech- und 1 Leimfabrik, 5 Lohgerbereieu, Kalkbrennereien; (1875) 1037 E. Über dem Orte die Burg Goldensels, unterhalb die Ruinen der Fustenburg. Hier Gefecht am 27.März 1793, siegreich für die Preußen gegen Custine. Stromboli (bei den alten Griechen Strongyle), eine der LiparischenJnseln, mit einem 921 m hohen, beständig thätigen Vulcan; 1500 Ew. Strome Ferry, Ort in der schott. Grafschaft Caithneß, an der Nordsee; Endpunkt der Eisenbahn von Dingwall, der nördlichste Punkt des großbrit. Eisenbahnsystems. Stromeyer, 1) Friedrich, Chemiker, geb. 2. August 1766 in Göttingen; studirte daselbst, wurde 1806 Direktor des Chemischen Laboratoriums, 1817 Professor der Chemie, Hofrath u. Generalinspector der Apotheken des Königreichs Hannover u. st. 18. Aug. 1835; er schr.: Grundriß der theoret. Chemie, Gött. 1808, 2 Bde.; Untersuchungen über dieMisch- ung der Mineralkörper, ebd. 1822. 2) Louis, berühmter Chirurg, geb. 6. März 1804 in Hannover; besuchte das dortige Gymnasium, daun die Chirurgische Schule u. das Militärspital, ging 2 Jahre nach Göttingen, dann »ach Wien ».Berlin, im Frühjahr 1827 nachLondon, dann nach Paris, kehrte im Herbst 1828 nach Hannover zurück, blieb dort bis 1838 als königl.Hofchirnrg, Lehrer der Chirurgie ». Vorsteher eines orthopädischen Instituts, nahm einen Ruf nach Erlangen an, dann nach München, weiter nach Frei- bürg im Breisgau, war 1848—50 Generalstabsarzt der schleswig-holsteinischen Armee, nahm 1852 eine Professur in Kiel an, wurde 1854 hannöv. Generalstabsarzt, ließ sich 1866 pensioniren, wirkte 1870 bis 1871 noch einmal als consultirender Chirurg der Dritten Armee u. st. 15. Juni 1876. S. war einer der besten deutschen Chirurgen, ein durch und durch liebenswürdiger Mensch, ein vortrefflicher, vielseitig gebildeter und durchaus praktischer Lehrer. Seine besonderen segensreichen Verdienste hat er sich um die Orthopädie erworben durch Einführung der subcutanen Sehnendurchschneidung, um die Schiel- ^operationen, Militärhygiene und Kriegschirurgie. 58 Stromeyerit Seine Schriften zeichnen sich durch kernige, klare Schreibweise und einen unendlichen Schatz eigener, praktischer Erfahrungen aus. Erschr.: Paralyse der Jnspirationsmuskeln, Hann. 1836; Beiträge zur operativen Orthopädie, ebd. 1838; Handbuch der Chirurgie, Freib. 1844—64; Maximen derKriegs- heilknnde, Hann. 1861; Erinnerungen eines deut- jchen Arztes, Hann. 1875. i) r. 2 ) Thamhayn. Stromeyerit, so v. w. Silberkupferglanz. Strommesser, Instrument zur Bestimmung der Stromgeschwindigkeit, s. u. Wassermesser. Stromö, dieHanptinselderFaröer, s.d.,S. 731. Stromschnelle, die Stelle, wo ein Fluß infolge starken Gefälles so rasch fließt, daß die Schifffahrt, wo sie besteht, unterbrochen ist. Strömstad, Seestadt im schwcd. Län Göteborg; Hafen, Hummer-u.Austernfang; 1876: 2104 Ew. Die Stadt brannte 8.Aug. 1876 zu 2Dritttheilenab. Stromwender (Commutator), eine Vorrichtung, um die Richtung des elektrischen Stronies in demSchließungsdraht einer galvanischenKetteschnell u. bequem umzukehren. Bon den mannigfachen Formen des S-s findet sich eine beschrieben in dem Art. Magneto-elektrische Maschinen. Der S. wird bei sehr vielen elektrischen Maschinen angewandt. Stahl. Strontz Island, so v. w. Ualan. Strontian, s. u. Strontium. Strontianerde, s. Strontium. Strontianit, Mineral, krystallisirt rhombisch, meist nadelförmig, strahlig, faserig, Bruch muschelig, Härte 3—4, spec. Gew. 3,^—3,», farblos, grünlich, fett- bis glasglänzend, durchsichtig bis durchscheinend, besteht aus kohlensaurem Strontian, häufig mit etwas kohlensaurem Kalk; findet sich zu Strontian in Argyleshire in Schottland (von welchem ersten Fundorte er den Namen erhielt), Klausthal im Harz, Freiberg, Hamm in Westfalen. Strontium, chem. Element, zur Gruppe der Metalle der alkalischen Erden gehörig. Zeichen u. Gewicht des Atoms 8r — 87,6. Man erhält es in reinem Zustande nur durch die Elektrolyse des S- chlorides (Bunsen u. Mathiessen 1855) als goldgelbes Metall von körnig-hakigem Bruche und einem spec. Gew. von 2,x„, das in der Rothgluth schmilzt u. an der Luft erhitzt mit starkem Glanze verbrennt. Es zersetzt das Wasser schon bei gewöhnlicher Temperatur sehr lebhaft. Von seinenVerbindungen sind die wichtigsten: 1) dasS - chl 0 rid, Chlor-S. SrOI.?, welches wasserhaltige, zerfließliche, in Wasser u. Alkohol leicht löslicheKrystalle bildet, die beim Erhitzen ihr Wasser abgeben; die alkoholische Lösung brennt mit schön purpurrother Flamme. Man erhält es durch Auflösen des Kohlensäuresalzes in Salzsäure. 2) Das S-oxyd 8r0, eine weiße, amorphe Masse, die man durch starkesGlühendesSalpetersäuresalzes erhält. Mit Wasser erhitzt sie sich stark und geht dabei in S-oxydhydrat (S-Hydrat, S-Hydroxyd) LrOyblü über, welches in Wasser löslich u. krystalli- sirbarist. DieS-salze entstehen, wenn der Wasserstoff einer Säure durch ein Metall ersetzt wird; sie verhalten sich ganz ähnlich wie die Baryumsalze, färben aber die Flamme schön carmoisinroth; ihr Spectrum zeichnet sich durch mehrere rothe, eine orangenfarbige u. eine blaue Linie aus. Das Salpetersäuresalz dient zur Herstellung von Rothfeuer (s. Buntfeuer); das Schweselsäuresalz findet sich in — Strophe. der Natur als Cölestin (s.d.), das Kohlensäuresalz als Strontianit (s. d.). Das S. wurde zuerst von Davy 1808 dargestellt. Hetzer. Strontinmchlorid, s. Strontium. Strood, Vorstadt von Rochester (s. d.), in der engl. Grafsch. Kent, am linken Ufer des Medway, mit Rochester durch eine Drehbrücke (seit 1856) verbunden; treibt Fischfang u. Schifffahrt. Strophadesod.Strivali(Stamphanes), kleine Felseneilande im Ionischen Meere, nordwestlich der messenischen Küste, zur griech. NomarchieZakynthos gehörig; haben gute Weideplätze, bringen viel Wein, Obst, Ol und Gemüse; auf dem größeren ein festes Kloster, Verbannungsort für griechische Geistliche. Bis hierher verfolgtenKalais u.Zetes dieHarpyien und kehrten dann zu den Argonauten zurück (daher ihr Name Umkehrinseln); früher hießen sie Plotä, weil man glaubte, sie schwämmen. Strophe (v.Gr.), 1) dieWendung; 2) der Tanz desChors in derOrchestra; 3) in der lyrischenPoe- sie die Verbindung mehrerer Verse zu einem nietrischen Ganzen. Ursprünglich waren die Chorgesänge auf dem Theater S-n; sie zerfielen, wie der Chor selbst, in 2 Abtheilungen, von welchen den einen die von der Rechten nach der Linken sich bewegenden Choreuten absangen (S. im eigentlichen Sinne); den andern die von der Linken nach der Rechten sich Bewegenden in demselbenZeitmaße vortrugen (Gegen- S., Anti-S.), daher S. u. Anti-S. im Rhythmus n. Metrum gleich sein mußten. Beiden schloß sich ein für sich bestehender Theil an (Epodos, Epode). War damit das Lied noch nicht beendigt, so begannen die S-n u. Gegen-S-n von Neuem. Diese Benennungen blieben auch in den Dichtungen, welche von Einzelnen zur Leier oder zur Flöte gesungen wurden, wie in den Pindarischen Gesängen, wo man jedoch statt dessen auch die Ausdrücke Ode u. Antode brauchte. Auch andere lyrische Gedichte desAl- terthums sind in Strophen eingetheilt, die aber sämmtlich nach demselben Metrum gebaut sind; die einzelnen Verse dieser S. heißen Kola (S°glieder); nach der Anzahl des Kola werden die S-n benannt; gleichmetrische Verse gelten zusammen nur als ein Kolon. Hat die S. nur 2 verschiedene Kola, so heißt sie Dikolon, z. B. die 4versige Saphische Strophe (s. d.); hat sie 3, so heißt sie Trikolon, z. B. die ebenfalls 4versige Alkäische Strophe (s. d.). Auch die zum Gesänge bestimmte mittelhochdeutsche Poesie bewegt sich in S-n (Gesetzen), u. zwar die Volkspoesie theils in der sog. 4zeiligen Nibelnngen- S., theils in dem 13zeiligen sog. Berner To ne (so genannt, weil mehrere Sagen von Dietrich von Bern in derselben gedichtet sind); für die Kunstpoesie gilt der 3theilige S-nbau, in welchem aus 2 gleiche Theile der S-n (Stollen) ein dritter als Abschluß (Abgesang) folgt; die Zahl u. Länge der Zeilen sowie die Ordnung der Reime sind sehr verschieden; in dem Meistergesänge, der den 3theiligen S-nban beibehielt, hatte die S. bis 100 Reime. In den neueren Literaturen hat man theils die antiken S-n- bildungen nachgeahmt, theils andere an ihre Stelle gesetzt, wie die provenxalischen, italienischen, spanischen S-n, z. B. im Sonett, in der Canzone rc. Nicht nur in Oden u. Liedern bei immer wiedcrkeh- rcnder Melodie, sondern auch in größeren Gedichten, die nicht zum Gesänge bestimmt sind, findet man die Ltroxliulus S. gebraucht. Die Verse lassen hier sehr mannigfaltige Mischungen zu, doch soll die Melodie dem Inhalte angemessen sein; auch soll jede S. in gereimten Gedichten ein Ideen-Ganzes für sich ansmachen, waS in den antiken nicht verlangt wird. 8trvpkulus, nach Willan ein Gattungsname für alle bei Kindern auftretenden, in Knötchen bestehenden Hautausschlage. Stropp ist ein Kranz von Tau oder Eisen, der um irgendEtwas gelegt wird, z.B.Block,Kauschrc. (beströppen). Stroppen, Stadt im Kreise Trebnitz des preuß. Regbez. Breslau; Hospital, Cigarrenfabrikativn, Braunkohlenbergbau; 772 Ew. Strossenbau, s. Bergbau, S. 204, 1 . Sp. Stroßmayer, JosephGeorg, kroatischer Bischof, geb. 4. Febr. 1815 zu Essek in Slavonien; studirte Philosophie u. Theologie zu Pest u. Wien, ward dann Professor der Kirchengeschichte zu Dja- kovar u. nachher Studiendirector u. Lehrer des Kirchenrechts am Priesterseminar in Wien. 1849 ernannte ihn der Kaiser zum Bischof von Djakovar, doch erfolgte seineJnthronisation erst 1856. In politischer Beziehung stand er stets auf föderalistischem Standpunkte, opponirte den Herrschaftsgelüsten der Ungarn und stand seit 1871 an der Spitze des Ausschusses, der im Namen des kroatischen Landtages mit dem ungarischen über den Ausgleich verhandelte. Seine reichen Einkünfte verwendet er für Schulen, Ausbesserung der Gehalte des niederen Klerus, Herausgabe von kroatischen Schristen, für die Gründung der Akademie zu Agram (1867), für den Bau einer Kathedrale u. für die Herausgabe von Thei- ners Llonnmsnln LInvornw moriäioonllum. Auf dem Vaticanischen Concil 1869 — 70 bekämpfte er die Centralisation u. vertheidigte die Autonomie der kleineren Theile, hat sich jedoch nach längerem Zaudern der päpstl. Unfehlbarkeit unterworfen. Stroud, Fabrikstadt in der engl. Grafsch. Glon« cester, am S.-Water, Eisenbahnstation; einer der Hanptsitze der Tuchsabrikation im westlichen England, Scharlachfärberei; (1871) 7082 Ew. Strousberg, BethelHenry (ursprllngl.Barthel Heinrich), bekannter Bauunternehmer und Industrieller , geb. 20. Oktober 1823 zu Neiden- burg von jüdischen Eltern; trat, 12 Jahre alt, als Lehrling in das Commissions- u. Exportgeschäft seiner Oheime in London, bildete sich nebenbei auto- didaktisch weiter, betrieb später Agenturen und war auch jouriralisiisch thätig. Nachdem er durch die Eisenbahnkrisis 1847 seine Ersparnisse eingebüßt, ging er nach Amerika, wo er anfangs durch Sprachunterricht kümmerlich sein Leben fristete, bis ihm eine glückliche Spekulation die Rückkehr nach London ermöglichte, wo er seine frühere Thätigkeit wieder aufnahm. 1855 siedelte er nach Berlin über, übernahm die Generalagentur einer engl. Versicherungsgesellschaft und führte für englische Häuser den Bau der Tilsit- Jnsterburger u. der Ostpreußischen Südbahn aus. Er baute dann für eigene Rechnung die Linien Berlin-Görlitz, Rechte Odernfer, Märkisch-Posen, Halle- Sorau-Guben, Hannover-Altenbeken, Brest-Gra- jewo, Ungarische Nordost u. Nordwest, sowie die Rumänischen. Nebenbei bewirkte er bedeutende Erwerbungen in Gruben, Hüttenwerken, Maschinenfabriken, Landgütern, übernahm dieDemolirnng LerCitadelle — Strudel. 5S von Antwerpen rc. Alle diese Unternehmungen vollführte er unter den gewagtesten, aber durch Umsicht und Gewandtheit anfangs glücklich durchgefochtenen Finanzspeculationen. SeinejErfolge hatten ihn jedoch zu weit geführt. Nachdem er schon bei den österr.Bah- nen 20 Will. Fl. eingebllßt, brachteihmder Krieg 1870 bis 1871 kolossale Verluste, die durch dieExpropria- tion der Rumänischen Bahnen ihren Höhepunkt erreichten. Infolge dessen konnte er die Arbeiten in Antwerpen nicht weiterführen, was ihm neue Verlegenheiten verursachte. Der Rückgang aller Geschäfte seit 1873 beschleunigte seinen Ruin u. 1875 brach in Preußen u. Österreich der Concurs gegen ihn aus. Unerfüllte Verbindlichkeiten gegen dieCom- merz-Leihbank in Moskau veranlaßten dann seine Verhaftung in Petersburg (25. Oct. 1875) u. seine Jnhaftirung in Moskau, wo er Anfang 1876 zur Deportation verurtheilt wurde. Diese wurde aber nicht zur Ausführung gebracht, doch kam er erst 7. Sept. 1877 frei und begab sich nach Berlin, wo er unverzüglich Schritte zur Anbahnung eines neuen Wirkungskreises einleitete. Seit 1878 übernahm er wieder die Ausführung von Eisenbahnen. Am 3. Aug. 1878 kam der 28. Oct. 1875 eröfsnete Concurs in Prag zum Austrag, indem die von S. angebotenen 3°/„ von den Gläubigern angenommen wurden. Es waren 150 Mill. LI angemeldet worden, wovon S. selbst 70 Mill. als richtig anerkannt hatte. Auch der Concurs in Berlin wurde Anfang 1879 durch Accord beendigt. S. war auch mehrere Jahre Mitglied des Deutschen Reichstages. Er veröffentlichte: vr. S. und sein Wirken, Berl. 1876; Berlin, ein Stapelplatz des Welthandels durch den Nord-Ostsee-Kanal, 1. u. 2. A. cbd. 1878. Strozzi, Bernardo, gen. il preteGenovese u. il Cappucino, ital. Maler, geb. 1581 in Genua, st. 1644 in Venedig. Er zeigt sich als Nachahmer des Caravaggio u. malte viele Fresken u.Ölbilder. Bei nicht wegzuleugnender Rohheit der Auffassung und Darstellung besitzt S. große Kraft der Composition u. höchst feuriges Colorit. Regnet. Strubberg, Friedrich August, unter dem Pseudonym Armand bekannter L-christsteller, geb. in Kassel, wurde Kaufmann, bereiste mehrere Jahre Amerika und kehrte erst 1854, nachdem er einige Zeit das Direktorium des Deutschen Fürstenvereins in Texas geführt u. dann die Feldzüge gegen Me- jico mitgemacht, nach Kassel zurück, um sich der Schriftstellern zu widmen. Seine Arbeiten (außer der Jugendschrist: Karl Scharnhorst, 2. A. Hann. 1872), Schilderungen seiner Beobachtungen n. Erlebnisse sind bald ethnographische Darstellungen, bald Roman u.haben sich vielleicht eben darum rasch einen großen Leserkreis erworben, so namentlich: Bis in die Wildniß, Berl. 1858,4 Bde., 2 A. 1863; Ameri- kanische Jagd- und Reise-Abenteuer, Stuttg. 1858, 2. A. 1876; An der Jndianergrenze, Hann. 1859, 4 Bde.; Sklaverei in Amerika, Hann. 1862, 3 Bde. Struktur, Art u. Weise der Znsammenfügung, Gefüge, Bau; insbes. das Gefüge der Gebirgsarten. S. einer chem. Verbindung, f. Chemie, S. 707 u. f. Strukturformel (Chem.), s. Formel u. Chemie, S. 707, Anm. 23. Strudel, eine Stelle, wo sich das Wasser in einem Flusse od. im Meere kreisförmig bewegt, bisweilen mit trichterförmiger Vertiefung in der Mitte. 60 Strudelwürmer S, entstehen entweder wenn 2 Strömungen sich treffen, od. wen» eine Strömung auf Hindernisse stößt. Strudelwürmer, LurbsUariaLlA., s. Würmer. Struensee, I) Karl August V.S. u. Karlsbach, Sohn Adam S-s, des Sammlers vom alte» Halleschen Gesangbuch n. seit 1757 Pastors Primarius in Altona, geb. 18. Aug. 1735 in Halle; sin- dirtc Theologie, Philosophie und Mathematik und wurde 1757 Professor an der Ritterakademie in Liegnitz. Er ging ans Veranlassung seines Bruders (s. S. 2) 1769 nach Kopenhagen, wo er Justizrath und Mitglied des Finanzcollegiums wurde. Da er durch seine Schriften: Anfangsgrllnde der Artillerie, Lpz. 1769,3. A. 1768, u. Anfangsgriinde derKriegs- baukunst, ebd. 1771—74, 3 Bde., 2. A. 1786 (das erste bessere Werk hierüber in Deutschland), die Aufmerksamkeit Friedrichs II. d. Gr. auf sich gezogen hatte, so reclamirte ihn dieser nach seines Bruders Sturz als preuß. Unterthanen, worauf er denn aus dem Gesängniß entlassen wurde. S. lebte alsdann aus seinem Gute Alzenau in Schlesien den Wissenschaften u. übersetzte Pintos Aufsätze, größtentheils staatswirthschaftlichenInhalts, Lpz. 1776, vermehrt ebd. 1800, 3 Bde. Im 1.1782 kam er als Oberfinanzrath u. Direktor der Seehandluug nach Berlin u. wurde 1789 als S. v. Karlsbach geadelt, 1791 Staatsminister und Ches der Accise- u. Zolldepartements. Er hob den gesunkenen Handel durch seine Thätigkeit wieder u. st. 17.Oct. 1804 in Berlin. Vgl. S., eine Skizze von H. L. v. Held, Berl. 1805. 3) Johann Friedrich, Graf v., Bruder des Vor., geb. 5. Aug. 1737 in Halle; studirte seit 1751 in seiner Vaterstadt Medicin, ging 1759 mit seinem Vater als Arzt nach Altona, wurde dort Stadtphysikus u. 1768 Leibarzt beim König Christian VII. von Dänemark, welchen er aus seinen Reisen durch Deutschland, Frankreich und England begleitete. Hier wußte er sich durch seine Bereitwilligkeit, auf alle Launen des geistesschwachen Königs einzugehen, demselben unentbehrlich zu machen, so daß er bei Christians Rückkehr mit nach Kopenhagen genommen wurde. Durch eine glückliche Behandlung des 2sährigcn Kronprinzen Friedrich (VI.) gewann er auch das Vertrauen der Königin Karo- liue Mathilde, welche er durch seinen Einfluß dem Könige, der sich bisher von ihr fern gehalten hatte, wieder nahe brachte. Er wurde bald Etatsrath und erhielt unter dem Titel eines Couferenzrathes großen Einfluß auf die Leitung der Staatsgeschäste. Vom Sept. 1770 beginnen die gewaltsamen Reformen S-s, durch die er die Adelsherrschaft stürzen u. an ihre Stelle eine absolut-mouarchischeGewalt setzen wollte. Außerdem gedachte er, erfüllt von den damals herrschenden französischen Theorien u. Ideen, nach dem Beispiel Friedrichs d.Gr. als Reformator auszutreten. Im Bunde mit der Königin beseitigte er zunächst den seitherigen Gesellschafter Christians, den wüsten Grafen Holk, u. ersetzte ihn durch seinen Freund Ewald Brandt. Dann gelang ihm die Entfernung des älteren Bernstorff aus dem Ministerium (Sept 1770), worauf im December das Minister- Conseil abgeschast wurde u. die Leitung der Regierung unmittelbar an das königl. Cabiuet kam. Damit aber war S. mit seinem Einfluß auf den König Regent des Staates. In seinen Reformen zur Auf- klärung der Volkes u. zur bürgerlichen Freiheit gab — Struensee. er zunächst die Presse frei, berief zur besseren Verwaltung der Finanzen u. zur Hebung des Landbaues Deutsche ins Land, schaffte die Frohnden größten- Heils ab, traf Anstalten zur Milderung der Strafgesetze u. ließ das Heer neu organisiren u. die Marine verbessern. Aber durch diese Verordnungen erbitterte er nur das dänische Volk, das in ihm nur den Fremden sah u. den Ungläubigen haßte, welcher von Geistlichen und allen eifrigen Lutheranern verschrieen wurde, weil er die Zahl der Feiertage verringerte. Einen großen Fehler beging S. dadurch, daß er seine Verordnungen in deutscher Sprache abfaßte u. die Anwendung derselben bei allen Berichten befahl. Denn dadurch raubte er seinen Reformen die einzig dauerhafte Grundlage jeder Revolution, das nationale Element u. dieZustimmung des Volkes. Um die Mitte 1771 ließ sich S. vom Könige den Titel eines Geheimen Cabinets-Ministers übertragen u. zum Grafen ernennen: doch schon damals erkannte der engl. Gesandte Keith, daß S-s Stellung unhaltbar geworden, u. bot ihm eine Zuflucht in England an; doch S. blieb, über die Maßen in Bezug aus seine eigene Sicherheit unbesonnen. An der Spitze der feindlichen Partei im Lande stand die Stiefmutter des Königs, Marie Juliane, die mit mehreren Verschworenen, so dem Prinzen Friedrich, GrafRanzau, in der Nacht vom 16. zum 17. Januar 1772 in das Schlafzimmer des Königs eindrangen u. diesem denBefehl zur Verhaftung der Königin, S-s u. Brandts abnöthigten. S. wurde des ehebrecherischen Umgangs mit der Königin und der Anmaßung der königl. Gewalt angeklagt, u. der ganz niedergebeugte Mann ließ sich verleiten, seine Rettung durch ein Geständniß gegen die Königin zu suchen. Als auch diese durch Drohungen zum Be- kenntniß dieser Schuld gezwungen worden war, wurde S., trotz der trefflichen Vertheidigung durch die Advocaten Uldal u. Bang, zum Tode verurtheilt u., nachdem er, durch Mllnter vorbereitet, sich zum Glauben bekehrt hatte, 28. April 1772 mit Brandt hingerichtet, indem ihm die rechte Hand u. der Kopf durchs Beil abgeschlagen u. auf einen Pfahl genagelt, sein Körper geviertheilt n. aufs Rad geflochten wurde; vgl. Karoline 1). Vgl. Höst, Graf S. und sein Ministerium, Kopenh. 1824, deutsch ebd. 1826; Authentische Aufklärungen über die Geschichte S-S, Germanien 1788; Falkenskiöld, Llömoirss, Par. 1826; Münter, Bekehrnngsgeschichte des Grasen v. S., Kopenhag. 1773; Wittich, S. (Biogr.), Leipzig 1878. Mich. Beer und Heinrich Laube haben das Schicksal S-s dramatisch bearbeitet. 3) Gustav Karl Otto von, unter dem Pseudonym Gustav vom See bekannt als Romanschriftsteller, geb. 13. Decbr. 1803 zu Greifenberg in Pommern, kam 1816 nach Köln, wo sein Vater Polizeipräsident geworden war, u. studirte 1823—26 in Bonn und Berlin Jurisprudenz, wurde 1831 Regierungsassessor, 1834 Regierungsrath in Koblenz und 1847 Oberregieruugsrath in Breslau n. gehörte 1862 als Mitglied des dann aufgelösten Abgeordnetenhauses zurFraction Grabow der liberalen Partei. Er st. 29. Septbr. 1875 in Breslau. Von seinen zahlreichen Schriften seien erwähnt: Das Pfarrhaus zu Aardal (norwegische Novelle), Arols. 1842: Egon (Roman), Lpz. 1843, 3 Bde.; Aus dem Leben (3 Novellen), ebd. 1847; Rancü (Roman), ebend. 1845, 3 Bde.; 61 Struma — Strumpfwaarcn. Rheinische Novellen, ebend. 1846; Die Belagerung von Rheinsels (Roman), ebd. 1850, 2 Bde.; Die Egoisten (Roman), ebend. 1853, 4 Bde.; Aus dem vorigen Jahrhundert (2 Novellen), Bresl. 1854; Über die Grundsteuer, ebd. 1855; Vor fünfzig Jahren (Roman), ebend. 1859, 3 Bde.; Zwei gnädige Frauen (Roman), ebd. 1860 , 3 Bde.; Erzählungen eines alten Herrn, ebd. 1 860; Herz u. Welt (Roman), ebd. 1862, 3 Bde.; Wogen des Lebens (Roman), ebd. 1863, 3 Bde.; Gräfin u. Marquise, Wien 1865; 4 Bde., mit der Fortsetzung: Ost und West, Bresl. 1865, 4Bde.; Arnstein, ebd. 1868,3 Bde.; Valerie, ebd. 1869,4Bde.; Radowa,Hanno». 1870,4Bde.; Falkenrode, ebd. 1870, 4 Bde.; Krieg und Friede, Berl. 1872,4Bde.; Blätter im Winde,Hann. 1873, 4 Bde.; Gänseliese, ebd. 1873, 3 Bde.; Erlebt und Erdacht (Novellen), ebd. 1875, 2 Bde.; Ideal und Wirklichkeit, ebd. 1875, 3 Bde. 0 s) Schmitz. Struma, Fluß, so v. w. Karasu 1). Strumitza, Stadt im türk. Vilajet Salonichi am Strumitza, griech. Bischofssitz, etwa 8000 Em., zur Hälfte Mohammedaner. Strümpell, Ludwig, namhafter Philosoph u. Pädagog, geb. 23. Juni 1812 zu Schöppenstädt (Braunschweig) wurde nach in Königsberg vollendeten philosophischen Studien Erzieher bei einer Familie in Kurland, habilitirte sich 1843 in Dorpat, wurde daselbst 1844 außerordentlicher, 1849 ordentlicher Professor der Philosophie u. Pädagogik, später zum russ.Staatsrath ernannt, siedelte aber 1871 als Honorarprofessor nach Leipzig über. Ein Schüler Herbarts schr. er zuerst Erläuterungen zu Herbarts Philosophie, Gott. 1834, der dann: Die Hauptpunkte der Herbartschcn Metaphysik, Brannschw. 1840, Vorschule der Ethik, Mit. 1844, Entwurf der Logik, ebd. 1846 n. Der Causalitätsbegrifs u. sein metaphysischer Gebrauch in der Naturwissenschaft, Lpz. 1872, folgten. In seinem Buche: Die Geisteskräfte der Menschen, verglichen mit denen der Thiere, ebd. 1878, bekämpft er die Darwinsche Lehre. Strumpfwaaren, die auf dem Strumpfwirker- stuhlehergestelltengewirktenWaaren,z.B. Strümpfe, Handschuhe, Jacken, Beinkleider, Mützen rc., sowie auch alle durch Handstrickerei, Handhäkelei rc. hergestellt werdenden Wolleuwaaren, welche letztere man speciell mit dem Namen Phantasicaitikel bezeichnet. I. Nach Art ihrer Herstellung zerfallen die erstsren inKulir- (Coulir-) u. Kettenwaaren. ^) Die K u l ir - waaren werden aus dem Kulirstuhle hergcstellt aus einem einzigen Faden, welchen man mit sich selbst zu Maschen verschlingt. Da dieser eine Faden nicht wie bei gewebten Waaren nur nach einer Richtung, seiner Länge, hin liegt, sondern mehrfach gekrümmt u. umgelegt ist, so zeigt die Kulirwaare eine gewisse Elasticität u. kann sich eng an die Körpertheile an- legen. Die Gegenstände des Gebrauches sind entweder reguläre oder geschnittene Waaren (vergl. Strumpfwirkerstuhl, S. 62), je nachdem sie ihre eigenthümliche Form schon während des Wirkens erhalten haben od. erst aus dem fertigen Stücke zugeschnitten sind, a) Die glatte Kulirwaare ist solche, bei welcher alle Maschen dieselbe Beschaffenheit haben, also das ganzeWaarcnstücküberall gleiche Maschenbildung u. Fadenverbindung zeigt, b) Die Maschinenwaare (gemusterte Waare), zeigt an verschiedenen Stellen oder bisweilen auch aus ihrer ganzen Ausdehnung eine von der einfachen Masche abweichende Fadenverbindung n. wird auf dem gewöhnlichen Kulirstuhle mit Hinzunahme eine der sogen. Maschinen hergestellt. Mit der sogenannten Blechmaschine, welche Einschnitte in der Presse hat, damit nicht alle Nadeln zu gleicher Zeit zugepreßt werden, erzeugt man die sogenannte Preßwaare; zur Herstellung complicirterer Muster benutzt man die Deck- u. Stech Maschinen und bezeichnet die aus diese Weise hergestellten Artikel mit dem allgemeinen Namen Petinetwaare. Die Fang-od> Ränderwaare wird mit der Fang- oder Rändermaschine gearbeitet. Letzterer Name rührt von den Anfängen der Strümpfe her, welche man Ränder nennt u. welche in der Regel ans dieser Masche ge- bildetwerdcn. L) DieKettenwaaren werden auf dem Kettenstuhl durch Verschlingung vieler neben einander fortlaufender Kettenfäden unter sich zu Maschen hergestellt. Auch diese Waaren zeigen noch eine gewisse Elasticität. Die Gegenstände des Gebrauchs werden immer ans den, überall gleich breiten u. sehr langen Stücke zugeschnitten u. zusammcn- genäht. Die Art der Maschenbildung durch Legung der Kettenfäden erklärt zugleich, daß alle Maschen in der fertigen Waare nach der Seite hin geneigt sind, nach welcher ihre Legnng erfolgte, a) Dichte Ket - tenwaareu. Bei ihrer Herstellung sind alle Lochnadeln der Maschine mit Fäden durchzogen; alle Fäden derselben Maschine erhalten auch gleiche Legung. b) Durchbrochene Kettenwaaren. Bei ihrer Herstellung sind nichtalle Lochnadeln der Maschinen mit Kettenfäden durchzogen; es entstehen also weite Verbindungen u. größere Öffnungen. Die Art der Fadeneinziehung in die Lochuadeln sowol, als die Art der Legung, sind hier für etwaige Muster maßgebend. Die Waaren werden mit einer oder mehreren (bis 15 u. 20) Maschinen hergestellt. Besondere Namen für einzelne Verbindungen existiren nicht od. sind in verschiedenen Gegenden verschieden, z. B. Filet ist im Allgemeinen jede durchbrochene Kettenwaarc u. speciell eine solche mit regelmäßig sechseckigen Öffnungen für Handschuhe, Untcrär- melrc.; Petinet, ist ähnlich dem Kulirpetinet, s. o. b), mit kleinen in verschiedener Anhäufung u. Combi- uation vorkommenden Öffnungen. Größere Stücke, wie Decken u. Gardinen, mit complicirten Mustern werden mit mehreren Maschinen u. unter Anwendung einer Jaquardmaschine gefertigt. II. Die Appretur der S. ist für wollene Waaren, wenn sie für diese überhaupt erfolgen soll , dieselbe, wie für wollene Webewaarcn, nämlich Walken, Rauhen, Scheereu u. Pressen im ganzen Stück, bisweilen aber nur ein Bleichen (für feine weißwollene Waaren). Verschiedene baumwollene und wollene Waaren werden, nachdem sie zu Gebrauchsgegenständen zusammengenäht sind, gebleicht resp. gewaschen, geformt u. gepreßt. Beim Formen werden die Waarenstücke feucht über dünne Holzbretter gezogen, welche die Durchschnittsgestalt des Körper- theilcs haben, an welchen das Waarenstück später gezogen wird, z. B. für Strümpfe den Längendurchschnitt des Beins. Waaren aus baumwollenem Zwirn (Flor) gefertigt, werden nur geformt, da durch das Pressen der runde Zwirnfadsn breit gedrückt würde. S. aus Seide u. Leinen werden gepreßt oder letztere nach Befinden gebleicht. «2 Strumpfwirkerstuhl. III. G e s ch i ch t e. Die Anfänge dieser jetzt so ausgebreiteten und bedeutenden Industrie sind in der Handstrickerei zu Tage getreten u. zwar kamen um SasJahr ISKOdurch die Schweizer gestrickteStrümpse in den Handel. Die Strickerei wurde zu jener Zeit von den Männern geübt und thaten sich solche zu förmlichenStricker-Zllnftenzusammeu, wie sich solche in den verschiedensten Orten Deutschlands im 17. Jahrhundert befanden. Im Jahre 1589 brachte der Engländer WilliamLee zu Cambridge den ersten Strumpfwirkerstnhl (s. d.) zu Stande, an welchem im Laufe der Zeit vielerlei Verbesserungen vorge. nommen worden sind u. welcher sich rasch über mehrere Länder Europas verbreitete. Noch im 16. Jahrh. kamen Strumpswirkerstühle in Frankreich ans, von da zunächst nach Italien (besonders Vene, dig) zu Anfang des 17. Jahrh. und durch die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich gegen Ende des 17. Jahrh. auch nach Deutschland u. zwar zunächst nach Erlangen, Schwabach, Berlin u. Brandenburg, wo sich jene mit der Wirkerei vertrauten Emigranten niederließen, durch den großen Kur- fürstenbegllnstigt. Von diesenGegenden ans pflanzte sich die Wirkerei rasch weiter in Deutschland fort, u. kam besonders in Thüringen u. Sachsen zu lebhafter Entwickelung u., genährt durch günstige Arbeitsverhältnisse , zu großer Bedeutung. In Thüringen ist Apolda der Hauptsitz dieser Industrie. Bereits im Jahre 1690 wurde daselbst eine Anzahl Wirkerstühle beschäftigt. Die Stühle wurden damals dnrch die Regierung besteuert, dadurch wurde bekannt, daß 1714 257 Stühle beschäftigt waren, aus welchen ca. 13,000 Dutzend Paare Strümpfe hergestellt wurden. Im Jahre 1724 gab es daselbst bereits 481 Stühle; 1766 deren 607, welche 45,230 Dtzd. Paare Strümpfe lieferten, daneben wurden auch immer noch ca. 10,000 Dtzd. solche gestrickt. Während bis dahin immer nur Strümpfe gewirkt wurden, konnte man bereits im Jahre 1784 auch mit anderen Artikeln auftreten u. fertigte man nun auch Männer- u. Frauenjacken, welche lauge Zeit neben Strümpfen die Hauptartikel bildeten, bis 1802 der erste Walzenstuhl (siehe den Art. Strumpswirkerstuhl) eingeführt wurde, welchem 1803 der Patentstuhl u. Ket- tcnstuhl, 1807 der Deckmaschinenstuhl, 1825 der sog. feine Patentstuhl, 1834 der Doppel- u. Kulirketten- stuhl und 1839 der Rund- oder Circulirstuhl folgte, für welche nun alle bekannt werdenden Verbesserungen u. Erfindungen sofort nutzbar angewandt worden sind. Durch die neueren Stühle u. Maschinen kamen die sogen. Mode- oder Phantasieartikel auf, welche gegenwärtig für Apolda (sowie auch für andere Plätze, wie Berlin, Liegnitz, Leobschütz u. a.) den Hauptfabrikationszweig ausmachen. Gegenwärtig sind in Apolda darauf ca. 1450 Stühle und Maschinen (z. Th. von Dampsbetrieb) beschäftigt, welche mit den gleichzeitig beschäftigten Häcklerinnen u. Strickerinnen rc. jährl. über 1,000,000 Dutzend der verschiedensten Artikel im Preise von LI 2—300 per Zehner, welche Packungsweise die Apoldaer Fabrikanten für ihre Fabrikate eingeführt haben, liefern, wofür ca. 2,000,000 LI Arbeitslöhne ausgezahlt werden. Während demnach sich hier dieser Zweig der S-branche ausbildete, blieb mau in Sachsen mehr bei den sogenannten glatten Artikeln, wie Strümpfe, Unterkleider, Handschuhe rc., womit man die Fabrikation zu großer Leistungsfähigkeit steigerte. In Sachsen, u. zwar bes. im Erzgebirge, wurde sie durch David Esche zu Anfang des 18. Jahrh. in Limbach eingeführt; auch baute Esche nach dem Muster eines französischen Stuhls selbst einen Stuhl für seidene Strümpfe (baumwollene gab eS damals noch nicht u. wollene wurden gestrickt). 1764 waren in Limbach 80 Stühle für seidene Strümpfe im Gange; 1780 gab es in und um Chemnitz nur 1130 Strumpfwirkermeister; 1820 war die Ge- sammtzahl der Stühle auf 10,000 angewachsen. Durch einen in Bremen sich aufhaltenden Sachsen Petzold wurde um diese Zeit mit Erfolg der Absatz sächsischer S. nach Amerika angebahnt. Eine bessere Appreturmethode führte Fr. G. Wieck nach 1823 aus England ein. 1838 begann die Fabrikation auf breiten Stühlen, und nun verdrängte allmählich die geschnittene Waare die reguläre. Die Einführung der Rundstllhle in Sachsen, u. zwar in Frankenberg, Leipzig und Chemnitz durch den Mechanikus Julius Borcherdt begann 1844. Die bedeutendste Strumpfwirkerei wird gegenwärtig noch in England betrieben. Eben so bedeutend ist daselbst auch die Fabrikation in den Phantasiewaaren. Auch in Frankreich ist die S-Manufactur zu großer Blüthe gediehen u. besonders für feinere Artikel, sogen. Knnstwirkerei, kann dasselbe z. Z. jedem anderen Lande Muster abgeben. Während aber Thüringen und Sachsen, auch Berlin wie England, ihr Absatzgebiet über die ganze bekannte Erde erstreckt haben, arbeitet Frankreich fast ausschließlich für den Landesbedarf u. seine Colonien, ebenso die übrigen deutschen Länder, wie Württemberg, Rheinland, Elsaß rc., ferner Oesterreich , die Schweiz (welche in einigen Spccialitäten exportfähig ist) Italien u. Nordamerika. Auch Rußland und Schweden-Norwegen fangen an, für den Bedarf des Landes selbst zu sorgen. In volkswirthschaftlicher Hinsicht gehört die S-Jndustrie zu den ergiebigsten Zweigen der menschlichen Thätigkeit, indem sie bei ihren mannigfaltigen Siebenarbeiten, wie das Abweifen, Aufspulen rc. des Wollen-,'Baumwollen-, oder Seidenfadens, das Zusammensetzen, Repassiren (Nachbildung fehlerhafter Maschen), Garniren der fertigen Arbeiten rc. einer großen Anzahl von Frauen, Mädchen u. Kinderhänden leichte Beschäftigung gewährt, so daß in der Regel bei zwei oder drei Stühlen die ganze Familie mit verdienen kann. Da wo sich die Fabrikation mehr aufMustersachen (Phantasieartikel) erstreckt, sind die Löhne wesentlich höher, als z. B. in Sachsen, wo die einfacheren Artikel und Arbeiten dem mechanischen Betriebe der Fabrikation leichteres Aufkommen gestatteten. Eine Lehranstalt für Wirkerei befindet sich in Limbach bei Chemnitz (Fachschule für Wirkerei). Knoblauch. Strumpfwirkerstuhl, Maschine, mit welcher Strumpfwaaren verfertigt werden. I. Der qe- wöhnlicheS.od.Kulirstuhl (Coulirstuhl) wurde von William Lee in Cambridge 1589 erfunden, nach und nach vervollkommnet und seit etwa 1700 auch in Deutschland eingeführt. Die Theile des S., welche die Bewegung der menschlichen Hände beim Stricken ersetzen, sind: das Gestell, besteht aus vier gleich hohen, durch mehrere Seiten - u. Querriegel mit einander verbundenen Ständern aus hartem Holz; ans die beiden obersten Seitenriegel Strumpfwirkerstuhl. 63 (Lagerriegel) sind eiserne Schienen (Lagerplatten) aufgeschraubt, auf denen die übrigen eisernen Theile (der Stuhl im engeren Sinne) befestigt ist. Zunächst sind an den vorderen, etwas nach unten gerichteten Enden der Lagerplatten durch Charniere die Preß- arme befestigt, welche au ihren vordere», geraden u. schräg anfwärts gehenden Theilen (Preßarmen) querüberdurch einenach unten iueinestumpseSchneide auslaufende Eisenschiene (Presse, Nadelpresse, Preß- schiene mit Preßmesser), dagegen an ihren Hinteren sichelförmigen Theilen (Preßbogen, Schwanenhals) querüber durch eine Eisenstange (Preßgabel) verbunden, welche durch eine, in ein an ihr befindliches Häkchen (Hakeneisen) eingelegte Schnur od. Stange mittels eines Fußtrittes (Preßschemel) uiedergezogen werden kann, bis sie sich mit ein Paar an ihr befindlichen Stellschrauben (Hämmerlein) auf die La- gerplatten auslegt, sich aber, wenn der Druck auf den Preßschemel aufhört, durch die Wirkung eines mit einer Schnur über eine Rolle gelegten Gegengewichtes (Preßgewicht, etwa 10 Pfund), oder einer Feder sofort wieder hebt. Zwei auf die sogen. Lagerriegel aufgeschraubte eiserne Stützen tragen den Wellbaum, von welchem horizontal nach vorn die Hängearme lausen; diese sind einerseits mit diesem durch die sogen. Hängearmstützen drehbar, an- dererseits mit den verticalen Hängebändern verbunden; die Platinenbarre (Bleibarre), welche die sogenannten stehenden Platinen trägt, und die P l a t i n e n f ch a ch t e l, eine aus zwei parallelen Schienen zusammengesetzte Stange, in deren Spalt die unteren Enden der Platinen stecken, damit sie ihre regelmäßige Lage nichtverändern können, sindQuer- verbindungen zwischen den Hängebändern und an diesen befestigt. Eine an der Hinteren Stuhlwand befestigte, auf einen Vorsprung des Wellbaumes mittels einer Stellschraube wirkende, starke eiserne Feder (Stuhlfeder) hebt das Werk, d. h. Hängearme sammt Hängebändern, Platinenbarre u. Platinenschachtel, wenn es niedergezogen wurde, wieder in die Höhe, sobald der Zug aufhört. Der Arbeiter zieht mit den Füßen abwechselnd zwei Fußtritte (Kulir-, Coulirschemel) nieder u. dreht durch einen an den Schemeln befestigten über eine Rolle gelegten Riemen, ein mit der Rolle aus derselben Welle sitzendes hölzernes Schnurrad abwechselnd rechts und links herum, mw setzt dadurch mittels der von deni Rade ausgehenden über Leitungsrollen gelegten Schnüre das Roß (Sattel, LllsvuUist), ein kleines, oben in eine Spitze auSlausendes Blech, in hin- u. hergehende Bewegung längs der am Federstock befestigten Roßstange. Die Nadeln (Stuhlnadeln) sind 5 om lang, von Eisendraht, am vorderen Ende sehr fein zugespitzt u. nach oben zu einem elastischen Haken umgebogen. Gegenüber der Spitze des Hakens enthält die Oberseite der Nadel eine Kerbe (6Las8s),in welcher die Spitze sich hineinlegen kann, wenn der Haken durch Herabsenken der Nadelpresse niedergedrückt und dadurch geschlossen wird, wobei das Nadelende die Gestalt eines länglichen Oehres annimmt. Wird alsdann der auf dem Hinlertheil der Nadel zu einer Masche geschlungene Faden gegen das vordere Nadelende vorgeschoben, so halten ihn die Haken nicht auf, sondern er kann über dieselben weg- u. (nach dem Wiederaufheben der Presse) ganz hernntergestreift werden. Wird dagegen ein über die Nadeln gelegter Faden vorgeschoben, während die Haken offen stehen, so tritt er unter die letzteren hinein u. bleibt hier hängen. Die Hinteren Enden (Löffel) der Nadeln sind mit dem Hammer plattge- schlagen u. je zwei, drei oder vier Stadeln mit einer Mischung aus Zinn und Blei zusammengegossen. Diese angegossenen Metallstücke heißen Bleie, (Nadel-, Unter-, Gegenbleie) n. dienen zur Befestigung der Nadeln an einer querüberlaufenden, an den Lagerplatten unbeweglich festgeschraubten Schiene (Radelbarre). In jedem der engen Räume zwischen je zwei Nadeln steht in senkrechter Ebene eine Platine, d. h. ein äußerst dünnes eigenthümlich geschweiftes Stück Stahlblech. Die Platinen sind sie- hende oder fallende; beide unterscheiden sich bloß in dem Ohr und ihrer Besestigungsweise. Durch die ganze Reihe hin wechselt eine stehende Platine mit einer fallenden ab, von jeder Gattung sind also gleich viel, nämlich halb so viel als Nadeln. Mit dem unteren Ende stehen sie in der Platinenschachtel; ein bauchig vorstehender Theil (Bauch) des Schaftes der Platine bewirkt das Vorwärtsschieben der Maschen; der vorwärts geschweifte Kopf hat einen Vorsprung (Nase) zum Einschieben des Fadens zwischen die Nadeln und gleich daneben (nach hinten zu) einen zweiten, tiefer herabreichen- den (Kinn). Die stehenden Platinen sind an einem durch dis gerade aufsteigenden Lehre gesteckten messingenen Zapfen an Bleien in der Platinenbarre befestigt, deren verschiedene Beweguugen sie folglich mitmachen. Die fallenden Platinen hingegen sind nicht mit der Platinenbarre verbunden, sondern jede derselbenhängtoben andem lappenformig nach hinten vorspringenden Ohr mittelst eines Gewindes au dem einen Ende eines wagrechtcn zweiarmigen Hebels (Schwinge oder Unde, frauz. Ouäs). Sämmtliche linden sind drehbar auf einer eisernen Stange (Un- denruthe aufgesteckt; zwischen je zwei Unden aber ist eine kupferne od. messingene Platte (Kupfer) aus die Undenruthe aufgesteckt, um die Unden in gleichen u. unveränderlichen Abständen zu erhalten; die Kupfer sind durch seitlich angelegte Schienen eingeschloffen u. in ihren unteren Enden durch eingegossenes Metall fest mit einander zu einem Ganzen (der Kupferlade) verbunden. Auf das Hintere kürzere Ende einer jeden Unde wirkt eine senkrecht stehende eiserne Feder, welche in dem hölzernen, mit der Kupferlade fest verbundenen u. in derselben bei jeder Vor- und Rückwärtsbewegung folgenden Feder stocke (Federhaken, franz. OriUo), befestigt ist und durch ihren Druck die Unde in horizontaler Lage erhält, zu welchem Bchufe das abgeschrägtc Ende der Unde in einem stumpfwinkeligen Ausschnitte od. unter einer vortretenden Biegung der Feder liegt. Erfolgt nun ein Druck gegen den Hinteren Arm einer Unde von unten nach oben, so springt dieselbe (indem die Feder augenblicklich nachgiebt u. zurückweicht) in die Höhe, folglich geht alsdann der vordere Arm nebst der daran hängenden fallenden Platine herunter. Diese ganze Wirkung entsteht durch das Roß, welches, wenn es längs der Roßstange unter den Hinteren Armen der Unden (von rechts nach links od. umgekehrt) fortbewegt wird, eine Unde nach der anderen hebt. Stühle, bei denen die Unden durch ein Roß gehoben werden, heißen Roßstühle; beideuWal- zeustühlen hebt eine quer unter den Unden lie- 64 Strumpfwirkerstuhl. gende Walze mit einer schraubenförmigen Leiste die Unden nach einander. Das Aufsteigen der Hinteren linden arme, folglich das Niedersinken der fallenden Platinen, wird durch eine Stange (Unden- oder Schwingeupresse, Preßstange, franz. Lasguillu, BaS- cule) begrenzt, welche zugleich dazu dient, zu seiner Zeit alle genannten Theile in ihre vorige Lage zurückzuführen , nämlich die Unden niederzudrücken u. dadurch die Platinen zu heben. Um dies zu erreichen, ist an jeder Seite des Stuhles auf der Undenruthe ein zweiarmiger Hebel (große Unden, Oontrsxous) angebracht. Die beiden großen Unden sind hinter der Kupferlade durch die Undenpresse quer verbun- Len. Ein Vorsprung (Geißfuß) an zwei anderen von der Platinbarre herabragenden Hebeln (den Daumendrllckern) wirkt hebend auf das vordere Ende der großen Unden, sobald man mit den Daumen auf die Daumendrücker wirkt, was geschieht, wenn man die Enden der Unden wieder unter die Vorsprünge der Federn bringen will. Hört dieser Druck auf, so bewegt ein an den längeren Schenkeln der großen Unden angebrachtes Bleigewicht (Fratze) oder auch eine Feder, welche über der Undenpresse liegt, diese letztere in ihre Ruhelage zurück. Durch ein Paar Verbindungsarme (Halbunden, Haltunden, Hauptunden) hängt m einem Charnier die Kupferlade mit zwei oben vorstehenden Platten (Halbunden- schuh) der Platinenbarre zusammen, so daß beim Vor - oder Rückwärtsschieben dieser letzteren die an ihr unmittelbar befindlichen stehenden Platinen und mittelst der Kupferlade u. der Unden auch die fallen- Platinen dieselbe Bewegung machen müssen. Bezüglich der Art wie die Kupferlade dieser Bewegung folgt, hat man zweiArten von S-n zu unterscheiden: bei den Stützen- oder Stelzenstühlen ruht die Kupferlade auf zwei eisernen Stangen (Stelzen), welche ganz unten am Boden mit ihren Spitzen drehbar in einer Pfanne stehen; bei den Rollen- od. K ö p e n st ü h l e n liegt die Kupferlade (als Kupferwagen) auf beiden Seiten auf zwei Rollen, welche auf den Lagerplatten hin u. her rollen. II. Der Kettenstuhl wurde im letzten Viertel des 18. Jahrh. in England erfunden, seit Anfang des IS. Jahrh. auch in Deutschland eingeführt u. in Preußen u. Sachsen (Saupe in Limbach) wesentlich verbessert. Er ist in so fern von dem Kulirstuhle verschieden, als auf ihm die Waare nicht aus einem einzigen fortlaufenden Faden, sondern durch Verschlingung vieler neben einander fortlaufender Fäden, einer Kette, gebildet wird. L) Seine Theile: das Gestell, die Nadel, n. Platinbarre, die Nadelpresse mit Zubehör n. alle zum Ein- u. Ausschließen (Crochiren) nöthigen Theile find genau so, wie beim Kulirstuhle, während alle zum Knliren nöthigen Stücke, als die Kupferlade mit Unden Schwingen, die Schwingenpresfe, die fallenden Platinen, Las Roß u. der Federstock, in Wegfall kommen und der Stuhl wesentlich einfacher wird als der Knlirstuhl. Endlich hat der Kettenstuhl nur stehende Platinen u. diese wieder haben keine Nase, sondern nur das längere Kinn am Schafte. Die Kettenfäden, welche zur Verarbeitung kommen sollen, werden ebenso wie in der Weberei neben einander auf einer Welle (Kettenbaum, Ketten- oder Zettelwelle) aufgewunden. Dieses Aufwinden (Ausbäumcn od. Aufscheren) geschieht wie in der Weberei auf der Z e t t e l - od.Scher- Maschine. Der Kettenbaum, welcher in der Breite des zu wirkenden Waarenstücks mit Fäden umwunden ist, wird im Stuhle unterhalb der Nadelbarre in beide Gestellwände eingelagert. Die Kettenfäden werden über eine Leitwalze unter der Nadelbarre hinweg nach den Stuhlnadeln geleitet, vor diesen aber wird jeder Faden einzeln durch eine besondere Nadel mit Öhr (Lochnadel) geführt. Sämmtliche Nadeln, welche gewöhnlich aus Blech hergestellt, mit Bleien ähnlich denStuhlnadeln umgossen u. aus eine Eisenschiene aufgeschraubt sind, bilden mit ihren Tragstangen die Maschine od. Kettenmaschine. Alle Maschinen- od. Lochnadeln sind etwa 45° gegen die Verticale nach dem Stuhl hingeneigt; ihre vorderen Enden mit den die Fäden führenden Öffnungen stehen unter der Mitte der Stuhluadeln. Die Tragschiene der Maschinennadeln (Maschinennadelbarre) ruht mittelst zweier Sattel auf einer runden Querstange u. wird durch Stift u. Schlitzführung in ihrer Lage erhalten. Die Querstange ist zu beiden Stuhl- seiten auf den vorderen Arm eines zweiarmigen Hebels drehbar anfgelagert. Beide Hebel haben ihre Drehpunkte am Stuhlgestell; ihre Hinteren Arme sind durch eine Querschiene verbunden, von welcher aus ein Zugdraht nach einem Fußtritt, ähnlich denen, welche zum Herunterziehen des Werkes u. der Presse dienen, herabreicht, so daß der Arbeiter die Maschine mit dem Fuße in die Höhe bewegen kann, damit ihre Nadeln über die Stuhlnadeln zu stehen kommen. Sie fällt immer durch ihre eigene Schwere. L) Die neuesten mechanischen Kulirstühle (1862 von I. Albert Eiseustuck in Chemnitz in Sachsen erfunden u. in verschiedenen Ländern patentirt) wirken Strümpfe vierseitig, also so, wie sie beim Stricken hergestellt werden. Sie liefern reguläre Waare, z.B. Strümpfe vollständig fertig ohne Naht. 6) Die breiten mechanischen Stühle gleichen im Allgemeinen den Handstühlen, nur sind sie breiter, mindestens doppelt so breit als letztere. Die Presse, das Werk rc. erhalten ihre Bewegung von der rotirenden Triebwelle aus, indem die auf letzterer sitzenden Excenter u. Hubscheiben auf Hebel wirken, welche durch Zugstangen die einzelnen Maschinen- theile bewegen. Die Kulirstühle liefern sowol glatte als auch gemusterte Waare, wie Ränder-, Fang- waare u. andererseits sowol geschnittene als auch reguläre Waare, in welchem letzteren Falle die Deckmaschine durch den Betriebsmechanismus bewegt wird u. selbstthätig das Abnehmen verrichtet. Die Kettenstllhle arbeiten sowol dichte als durchbrochene Waare u. stellen namentlich letztere in complicirten Mustern her unter Anwendung einer Jacquardmaschine (so auch bei der Strumpfmaschine von Eisenstuck), welche die Legungen der Kettenfäden nach Maßgabe des Musters bestimmt. Die bisher angeführten Systeme führen alle die sogen. Spitzen-Nadeln; seit den 1850er Jahren wendet man jedoch für die mechanischen sowol, als auch theilweise für Handstuhle die sogen. Zungen- Nadeln (engl. sekkaatinA nssclks, franz. I'aiAnIIIs artieuls) vielfach an. Diese Nadeln haben vorn ein kurz gebogenes, rundes Häkchen u. diesem gegenüber einen Einschnitt, in welchem ein vorn breitgedrllcktes u. nach innen etwas hohl gepreßtes, bewegliches Nadelstück, Zunge genannt, befestigt ist. DieseZunge wird durch besondere Vorrichtungen in dem Mecha- Struve. 65 nismus der Maschine entweder durch die Maschen selbst od. durch besondere Öffner auf die Spitzen der Nadelhäkchen entweder auf. (in welchem Falle sie das Abgleiten der neuen Mascheuhenkel verhüten, dagegen die alten Maschen abgleiten lassen) od. ab - gehoben (wenn neue Fäden in die Nadeln gelegt werden sollen), versehen also den Dienst der Stuhl- presse u. vereinfachen dadurch sowol die Construc- tion der Maschinen selbst, als auch die Manipulationen bei der Maschenbildung in mancher Beziehung. Durch diese Nadeln traten auch die sogen. Strickmaschinen ins Leben, welche zuerst in Amerika (Lamb, Hiukley u. A.) wie die Nähmaschinen für den Hausbetrieb berechnet waren u. von dort aus auch nach Europa kamen. Wenngleich dieselben ihrer immerhin noch mehr od. weniger complicirten Behandlung wegen sich nicht besonders für die Hausindustrie eigneten, so sind sie doch durch verschiedene Verbesserungen, welche sächsische Fabrikanten in Chemnitz und Limbach damit vorgenommen haben, umsomehr durch die Strumpfwaarenindustrie zur Geltung gekommen und werden als mechanische Kulirstühle in verschiedenen Systemen vielfach verwendet. In neuesterZeitfertigtmandieselbenauch mit verstellbaren Nadelstücken, so daß die Maschine selbstthätig gemusterte Waare liefert. Die Deutsche Literatur bietet in Gust. Willkomms Technologie der Wirkerei (Leipzig bei Arthur Felix) ein ausgezeichnetes Werk zu eingehender Unterrichtung. Knoblauch. Struve, 1) Friedrich Adolf August, geb. S. Mai 1781 in Neustadt bei Stolpen in Sachsen, studirte 1799—1802 in Leipzig und Halle Medicin, ging daun zu weiterer Ausbildung nach Wien, ließ sich 1863 als praktischer Arzt in seiner Vaterstadt nieder und kaufte 1805 die Salomonisapotheke in Dresden. Ein verunglücktes Experiment mit Blausäure zog ihm 1808 ein Leiden zu, zu dessen Heilung er mehrmals Karlsbad und Marienbad besuchte, deren günstige Einwirkungen ihn auf den Ge- danken brachte die dortigen Wässer künstlich nachzubilden. 1821 brachte er seine Anstalt für künstliche Mineralwasser in Dresden zu Stande, welcher bald andere in fast allen größeren Städten Europas nach- folgteu (s.u.Mineralwasser). Er st. auf einerReise in Berlin 29. Sept.1840u. fchr.: Über die Nachbildung der natürl. Heilquellen, Dresd. 1824—26, 2 Hefte. 2 ) Friedrich Georg Wilhelm von, berühmter Astronom, geb. 15. April 1793 in Altona, studirte 1808—11 in Dorpat erst Philologie, danach Astronomie, kehrte hierauf nach Altona zurück, wurde 1813 Observator an der Sternwarte in Dorpat u. 1820 Direktor derselben, 1839 Direktor der unter seiner Leitung neuerbauten Centralsternwarte in Pulkowa bei Petersburg, wo er sich bes. mit der Organisation des Geschäftskreises sämmtlicher russ. Sternwarten u. deren Verbindung mit Pulkowa beschäftigte. Aus Gesundheitsrücksichten trat er 1858 von diesem Amte zurück u. st. 23. Nov. 1864 in Petersburg. S-s rein astronomische Arbeiten beziehen sich hauptsächlich auf die Doppelsterne; seine bezüglichen Schriften gehören zu den besten, welche über diese Materie existiren. Auch bestimmte er die Parallaxe von a I^ras u. beschäftigte sich mit Untersuchungen über den Bau der Milchstraße. Ein großes Verdienst erwarb er sich ferner durch seine geodätische Thätigkeit. Unter seiner Leitung wurde PiererL Universal-ConversationL-rerikon. V.Aufl. XV hauptsächlich die große russische Gradmessung ausge- fllhrt, welche sich vom Eismeer bis zum Schwarzen Meere erstreckt u. einen Bogen von 25" 31' umfaßt. Einen ausführlichen Bericht über dieses großartige Unternehmen lieferte er in der Schrift: ^ro äu me- riäiso sntrs Is Dannys st la Llsr Maeials, Petersb. 1857—60, 2 Bde. Außerdem schrieb er: Observa- tionss Dorxatsnsss, Dorp. 1817—1839, 8 Bde.; OataloKns novus otsllarum äuMeium st multi- Moinw, ebd. 1827; Ltsllarum äuplioium mensu- ras mioromstrioas, Petersb. 1831; Beschreib, der von der Universität iu Dorpat veranstalteten Breitengradmessung in den Ostseeprovinzen Rußlands, ausgeführt in den Jahren 1821—31, Dorp. 1831, 2 Bde.; Dtuckss ä'astronoinis atellairs, Petersb. 1847; LtsUarnm tixarurn, ingrimis oompositarum positiones msckias, ebd. 1852; Astronomische Beobachtungen, Dorp. 1821—24, 3 Bde.; Beschreibung des auf der Sternwarte der kaiserlichen Universität in Dorpat befindlichen großen Refraktors von Fraunhofer, ebd. 1825; Über die Nebelsterne, ebd. 1827; Anwendung des Durchgangsinstruments für die geographische Ortsbestimmung, Petersb. 1833; Über Doppelsterne, ebd. 1837; Beobachtung des Halley- schen Kometen 1835, ebd. 1839; Lxpeäitiou okro- nomstriqus st«., edb. 1844; Dsssription äs i'ob- ssrvatoirs central äs Russis, ebd. 1845. 3) Otto Wilhelm von, Sohn des Vorigen, Astronom, geb. 7. Mai 1819 zu Dorpat, seit 1839 Gehülse seines Vaters zu Pulkowa, daneben berathender Astronom des kaiserlichen Generalstabs u. der Marine; wurde 1862 Direktor der Sternwarte zu Pulkowa, machte sich, neben einer umfassenden geodätischen Thätigkeit, in eigentlich astronomischer Hinsicht besonders verdient durch eine neue Bestimmung der Präcessionsconstante, durch die Entdeckung eines Uranustrabanten, eine Berechnung der Neptuus-- masse, die Ermittelung der Parallaxe verschiedener Fixsterne, Beobachtungen über die Veränderlichkeit des Orionnebels u. kleiner in demselben vertheilcer Sterne, sowie zahlreiche Beobachtungen über Kometen, Fixsterne u. Sonnenfinsternisse. Die Ergebnisse seiner Arbeiten sind größtentheils in den Lls- moirss der Petersburger Akademie niedergelegt. Er schr.: Übersicht der Thätigkeit der Nikolai-Sternwarte während der ersten 25 Jahre ihres Bestehens, Petersb. 1865. 4) Gustav, republikan. Agitator, geb. 11. Oct. 1805 in München, studirte in Deutschland Jurisprudenz n. wurde Sekretär bei der Ol- denburgischen Bundestagsgesandtschaft in Frankfurt; bald aber verließ er diese Stellung u. wendete sich nach Mannheim, wo er als Advokat prakticirte u. eifrig Phrenologie studirte; dann übernahm er die Redaktion des gemäßigten Mannheimer Journals, neigte sich aber seit 1846 zur äußersten demokratischen Partei u. gründete nun den Deutschen Zuschauer. 1848 trat er sogleich mit an die Spitze der Beweg- ungspartei, erstrebte für Deutschland die republikanische Verfassung, wendete sich, als er im Vorparlament zn Frankfurt dafür keinen Sinn fand, nach Konstanz u. rief mit Hecker 12. April 1848 den ersten Freischaarenzug hervor. Da er infolge des Mißlingens desselben sich an das Ausland um Hilfe wenden wollte, zerfiel er mit seiner Partei u. ging nach Basel, von wo er seinen insnrrectionellen Einflug auf Baden fortsetzte u. 21. Sept. 1848 den be- (I. Band. r; 66 Struvit — wafsneten Einfall bei Lörrach unternahm u. die Re. publik proclamirte. Nach der Niederlage bei Stauf- fen 24. September wollte er in die Schweiz flüchten» wurde aber» 25. zu Wehr von der Bürger- aarde gefangen, nach Rastatt geführt, 28. März 1849 vor den Assisen in Freibnrg zu 8 Jahren Zuchthaus, abzubüßen mit 5 Jahren 4 Monaten Einzel- Haft, verurtheilt n. nach Rastatt n. im Mai nach Bruchsal abgesührt. Hier infolge des Maiaufstan. des befreit, nahm er auf Seiten der extremen Partei wieder Theil an der Revolution, mußte aber Karlsruhe verlassen. Nach der Besiegung des Aufstandes durch die Preußen n. Reichstruppen entfloh er in die Schweiz u. ging» von da ausgewiesen, 1850 nach England u. im April 1851 nach Amerika, wo er in New-Uork wieder zn seiner journalistischen Thätig- keit zurückkehrte. Ende Sept. d. I. wurde er von dem Afsisengericht in Zweibrücken in oontuwatiam des Hochverraths wegen zum Tode verurtheilt. Im Kriege zwischen den Nord- u. Südstaaten diente er 1861—62 als Hauptmann in einem New Aorker Infanterieregiment; kehrte 1863 infolge der baden- schen Amnestie nach Europa zurück und wurde vom Präsidenten der Verein. Staaten zum Conjul für Thüringen ernannt, erhielt aber dasExequatur nicht u. lebte dann in Stuttgart, darauf in Wien, wo er 21 . Aug. 1870 starb. S. war den Worten nach vehementer, völlig rücksichtsloser Revolutionär, im wirklichen Leben dagegen kindlich mild und weich. Seinen Abscheu vor dem Blut vergießen übertrug er sogar aus die Thiere, weswegen er (schon etwas vor der 1848er Revolution) Vegetarianer wurde n. nie mehr Fleisch aß. Von seinen zahlreichen Schriften seien erwähnt: Gesch. der Phrenologie, Heidelb. 1843; Handbuch der Phrenologie, Lpz. 1845; Gallerie berühmter Männer, Heldelb. 1845 f.; Politische Briefe, Mannh. 1846; Briefwechsel zwischen einem jetzigen und ehemaligen Diplomaten, ebd. 1845; Grundzüge der Staatswissenschaflen, ebd. 1847 f., 4 Bde.; Kritische Geschichte des deutschen Staatsrechtes, ebd. 1847; Historische Zeitbilder, Bremen 1850, 3 Bde.; Geschichte der drei Volkserhebungen in Baden, Bern 1849; Allgemeine Weltgeschichte, New Bork 1856—59, 6 Bde., 7.A. 1864—66, da- zu 2 Nachträge für die Jahre 1848—66. Mit G. Rasch schr. er: Zwöls Streiter der Revolution, Berl. 1867. 2 ) 3 ) Specht. 4) Lagm.* Struvit, rhombisches u. ausgezeichnet hemimor- phisch krystallisirendes Mineral, brachydiagonal ziemlich vollkommen spaltbar, Härte — 1 , 5 — 2 , spec. Gew. l,gg— 1 „ 5 , meist gelb oder lichtbraun gefärbt, glasglänzend, halb durchsichtig bis undurchsichtig. Chemische Zusammensetzung nach der Formel ^mLlAkOz-i-üag. Findet sich in einer Moorerde in Hamburg, in Abzugskanälen, im Guano von Afrika, daher auch Guanit. Strychnin, neben Brucin (s. d.) in den Krähenaugen od. Brechnüssen (Samen von 8 trxebno 8 nnx vomiea), in den Jgnatiusbohnen (Strxotmos lAnatii) u. im Schlangenholze (Wurzeln von 8 trz eünos ooludrinn) vorkommendes Alkaloid. Das S. krystallisirt in farblosen vierseitigen Prismen, welche in Wasser, Alkohol u. Äther fast unlöslich, löslicher in heißem, wässerigem Alkohol ».Chloroform sind. Die Lösungen sind optisch linksdrehend. Die Salze sind in Wasser u. Alkohol leicht löslich. 8tr/elmos. Es wird durch chromsaures Kali und Schwefelsäure violettblau gesärbt: eine zur Entdeckung von S. wichtige Reaction. Das S. schmeckt sehr bitter, ist eins der heftigsten Gifte mit besonderer Beziehung zum motorischen Theile des Nervensystems u. wird in der Medicin angcwendet. Broglie. Ltr^obnos T,., Pflanzengatt. aus der Fam. I-o- Aaniaesas (V. 1.), tropische Bäume u. Sträucher, mit gegenständigen Blättern u. Trugdolden, deren Blüthen einen Öspaltigen Kelch n. eine trichterige 5- spaltige Blumenkrone haben. Die Frucht ist eine große kugelrunde oder ovale Beere, mit brüchiger Rinde und großen scheibenrunden, meist kurzseidenhaarigen Samen in dem wässerigen Fruchtbrei. Arten: 8 . nur voiniaa L., hoher, ostindischer Baum, mit langen, gebogenen,kletterndenAesten, eiförmigen, glattenBlättern; grünlich weißen, nicht unangenehm riechenden Blüthen,goldgelben, den Pomeranzenähn- lichen apfelgroßen Früchten, 2 em breiten, scheibenrunden, nach der Mitte etwas eingedrückten, weißen, hornartigen, sammetartig, aschgrau behaarten Samen (Krähenaugen, Brechnüsse). Dieselben enthalten das äußerst heftig wirkende Gift Strychnin; in kleinen Gaben wirken sie verdanungsbefördernd. Die Rinde ist die unechte Angostnrarinde, sehr bitter u. giftig; das Holz, namentlich das der Wurzel, ist sehr bitter u. kommt, wie das von 8 . Lolnbrina T)., in Ceylon als Schlangenh 0 lz (lÜSimm oolubrinnm) in den Handel; es erregt frisch Vergiftungsznfälle, hat getrocknet aber nur Eigenschaften eines bitteren Mittels u. wurde sonst gegen Wechselfieber u. Würmer, zur Verfertigung von Heilbechern rc. angewendet. 8 . IgnatiaLe-'A. (IZLatia amara /?).), hoher ostindischer Baum, mit langen, klimmenden Aesten, weißen, herabhängenden, langen, jasminartig riechenden Blüthen, faustgroßen, ein bitterliches Mark und in diesem hornartige Kerne, die Jgnatiusbohnen enthaltenden Früchten. Dieselben sollen noch giftiger sein als die Krähenangen, sind 3—4- seitig, hornartig fest n. ekelhaft bitter. 8 . mnrioata LÄlsL., mäßiger Baum auf Timor u. den benachbarten Inseln, mit weichstachlichen Früchten; die Rinde war als Lortsx IiAni Timor officinell, kommt in breiten, compacten Stücken in Handel, ist schwer, außen braunroth, innen Heller u. holzartig, schmeckt sehr zusammenziehend. Das Holz ist das Timorische od. Molukkische Schlangenholz. 8 . potatorum L., Baum inOstindien; die schwarzenKirschenähnlichen Früchte werden gegessen, auch mit Salz u. Essig eingemacht unter dem Namen Atchier verkauft. Diese u. bes. die Samen (Titan-Lotto) haben die Eigenschaft, trübes Wasser zu klären, indem in einem Gefäß , dessen innere Fläche mit demselben ausgerieben worden, sich die erdigen Beimischungen des Wassers schnell Niederschlagen. Diese Eigenschaft soll auch das Holz besitzen, aus welchem deshalb Brunnenröhren gefertigt werden. Sie sind weder bitter noch giftig. 8 . Tiouto Lesekrew. (Sschettik), Baum auf Java, mit rothbraunem, rankendem Stengel, elliptischen kurzgestielten, glatten Blättern, liefert das Upas Ti- eute, ein heftiges Pfeilgift. 8 . AUMnonsiZ Mrrk. (Tasiostoma oirrüosum in Cayenne, und 8 . toxikera So/romb. in Gniana, liefern Hauptbe- standtheile der Pfeilgifte der amerikanischen Wilden. 8 . ? 8 suäo-tzuina K. LM.> kleiner, krnppel- haster Baum in Brasilien, bes. in Minas Geraes 67 Stryl — u. Goyaz, mit eßbaren, gelben Beeren u. anhaltend bitter, adstringirend schmeckender Rinde, Huins, äs Llanäaus, od. äs Oamxo, welche nicht giftig ist; wie China od. Enzian, auch wol statt der Copalchirinde angewendet. Engter. Stryi, 1) Stadt u. Hauptort in dem gleichnamigen galiz. Bez. (Österreich), in reizender Ebene am gleichnam. Flusse; Station der Dnjestr- u. der Erz. Herzog Albrechtsbahn; Realschule; 1869: 9880 Ew. — S. war früher befestigt und gehörte dem Joh. Sobieski, dem es für seine Siege über die Türken verliehen worden war. 2) bedeutendster Nebenfluß rechts des Dnjestr, kommt von den Karpathen und mündet nach einem Laufe von 280 irm bei Zydaczow. Strymon, Fluß in Thrakien, kam aus demSko- mios bei Pantalia (jetzt vom Vitosch), über Amphi- polis in 2 Arme sich theilend, bildete er die Insel Ennea Hodoi (vgl. Amphipolis), darauf vereinigte er sich wieder u. wurde schiffbar. Der S. hieß in der älteren Zeit Palästinas, als sich aber S t r y m o n, Sohn des AreS n. der Helike, aus Schmerz über den Verlust seines Sohnes Rhesos in denselben gestürzt halte, wurde er S. genannt. Er mündete in den nach ihm genannten Strymonischen Meerbusen im Aegäischen Meer an der makedonischen Küste (jetzt Busen von Rendina); oberhalb der Mündung bildet er denTachynosee. Jetzt Struma od.Karasu (s.d.1). Am S. schlug Kimon die Thrakier und 1257 der griechische Kaiser Theodor Laskarisll. die Bulgaren. Strznlkow 0 ,DorfimKreiseWreschendesprenß. Regbez. Posen, Hanptzollamt. — In der Nähe die Sraatssaline der Provinz mit einer jährlichen Pro- duction von etwa 300,000 Ctr. Strzelecki, Paul Edmund, Graf, Entdeckungsreisender, geb. 1796 (von polnischer Abkunft) in Preußen, wurde in Edinburg erzogen u. verwandte, nachdem er fast alle Theile der Erde besucht, 5 Jahr aus die Erforschung von New SWales u. Van Die- mensland (Tasmanien), beschrieben in kkMcal äs- seriptüon ok Usrv-Loutlr iValss anä Van Diemens Danä, Lond. 1845. Er erhielt von der Londoner Geographischen Gesellschaft die goldene Medaille, auch wurde der südl. Theil des Cooper Creeks nach ihm benannt. Er st. 6. Oct. 1873 in London. Schwor. Stuart (Stewart, vom angelsächsischen Ltirvarä, Wärter, Wart, später auch Bezeichnung eines Oberbeamten), ein schottisches Königsgeschlecht, welches auch eine Zeitlang die Krone Englands trug. Sein Ursprung wird bis auf die fabelhaften Zeiten Bankos, Thans von Lochquabir, zurückgeführt; dessen Sohn Fleanchus, welcher bei der Ermordung seines Vaters durch Macbeth um 1055 nachNWales entfloh u. dort die Tochter eines Häuptlings Griffi- thax Llewelliu heirathete, soll der Stifter des Geschlechts fein; nach anderen soll dasselbe von einem Zweige der englisch-normannischen Familie Fitz-Alan abstammen, welche sich in Schottland niederließ. Walter I., angeblich der Sohn des Fleanchus, stand bei Malcolm III. sehr in Ansehen u. ward von demselben zum Stewart (Majordomus oder Reichshofmeister von Schottland) erhoben, welcher Titel und welche Würde erblich wurde u. wonach das Geschlecht S. sich nannte; er st. 1116. Dessen Urenkel Walter II. hinterließ 1258 Alexander u. Robert. Bo» des Elstern, Alexanders, Enkeln, setzte nur der jüngste, Walter Hl., den Stamm fort. Die- Stuart. ser war mit Marjoria, Tochter des Königs Robert I. Bruce (1315) vermählt u. starb 1326. Sein Sohn Robert war als naher Verwandter des Königshauses sehr angesehen; Reichsverweser während der Gefangenschaft des Königs David II. durch die Engländer, vertheidigte er die Slldgrenze Schottlands gegen diese u. wurde, als David II. nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft 1370 starb u. mit ihm das Haus Bruce erlosch, trotz den Bemühungen des Königs Eduard III. von England, die Krone für sich zu erhalten, als Robert II. auf den Thron erhoben, u. so gelangte das Haus S. zu der Königswürde. Aus ihn folgte (1390) sein lahmer Sohn John S., welcher den Namen Robert III. annahm. Dieser hatte mehrere Brüder, nämlich 2 ältere Stiefbrüder von der ersten Gemahlin seines Vaters, Euphemia, Gräfin von Rosse, Walter IV., Graf zu Athol, der sich gegen seinen NeffenJakob I. verschwor und nach dessen Ermordung selbst enthauptet wurde 1437, u. David, Graf von Strathern, welcher das Geschlecht der Grahams, Grafen von Strathern, stiftete, und einen jüngeren rechten Bruder, Robert, Herzog von Albany, der nach Roberts III. Tode 1406 Reichsverweser wurde als Oheim des jungen Königs Jakob I. und 1419 starb. Albanys Sohn, Mordoch, wurde auf Befehl des Königs Jakob I. nebst seinen Söhnen hingerichtet, nur dessen Enkel Andreas entkam u. mit dessen Sohn Heinrich, der Margarethe Tndor, die Wittwe Jakobs IV., gehei- rathet, erlosch das Geschlecht der S.-Albany u. ging der Titel auf Jakobs III. älteren Bruder über, s. u. Robert III. hatte mehrere Söhne; David, Herzog von Rothsay, ließ den Herzog von Albany gefangen setzen ».verhungern; der jüngere bestieg als Jakobi, nach langer Gefangenschaft in England 1424 den Thron, wurde aber 1437 ermordet. Sein Sohn Jakob II. folgte ihm u. fiel 1460 vor Roxborough; sein Nachfolger war sein ältester Sohn, Jakob III.; dieser hatte 2 Brüder, von denen der ältere, Alexander S., Herzog von Albany wurde; doch starb sein Zweig schon mit seinem Sohn John, der 1515—18 während Jakobs V. Minderjährigkeit Regent war, aus 1536. Der jüngere Sohn, John S., Graf von Mar, wurde 1480 auf Befehl seines ältesten Bruders getödtet. Auf Jakob III. folgte 1488 dessen Sohn Jakob IV., welcher 1513 bei Flowden blieb u. einen rechtmäßigen Sohn, Jakob V., welcher 1542 starb, sowie einen natürlichen, Jakob S., Graf von Murray (s. Murray), welcher Regent von Schottland wurde, hinterließ. Jakob V. hatte eine rechtmäßige Tochter, Maria (s. d. 15), welche ihm in Schottland folgte, aber 8. Febr. 1587 auf Befehl der Königin Elisabeth von England hingerichtet wurde. Ihr Sohn Jakob VI. wurde 1578 König von Schottland u. vereinigte, von der Königin Elisabeth zum Erben eingesetzt, 1603 als Jakob I. den englischen Thron mit dem schottischen, er st. 1635 u. sein Sohn Karl I. folgte ihm. Dieser wurde im Ver- lauf einer Revolution vom Parlament deS Hochverrates angeklagt, zum Tode verurtheilt u. 30. Jan. 1649 hingerichtet u. seine Familie vertrieben; nachdem Cromwell 1658 gestorben war, wurde die Familie S. nach England zurückberusen u. Karl II., Sohn Karls I., bestieg 1660 den Thron. Die ungeschickte Regierung dieses Königs, sowie seines Bruders u. Nachfolgers Jakobs II., namentlich die Be- 68 Stuart — günstigungdesKathvlicismus.erschüttertedenThron von Neue»,, und der Erbstatthalter Wilhelm von Oranie», der Gemahl Marias, der Tochter Jakobs II., wurde nach der Vertreibung seines Schwiegervaters 1688 zum König von England u. Schottland erhoben; die S-s aber flohen nach Frankreich. Nach Wilhelms Tode 1702 kam die zweite Tochter Jakobs II., Anna, Gemahlin des Prinzen Georg von Dänemark, auf den Thron, nach deren Tode 1714 das Haus Hannover, welches durch Jakobs I. Tochter Elisabeth (Kurfiirstin von der Pfalz) u. deren Tochter Sophia, Mutter Georgs I., von den S-s flammte. Vgl. Klopp, Der Fall des Hauses S. u. die Succession des Hauses Hannover in Großbritannien u. Irland im Zusammenhang der europäischen Angelegenheiten von 1660—1714, Wien 1875—79, 8 Bde. Das verbannte Königshaus, welches in Verdacht kam, den Versuch gemacht zu haben, durch Unterschieben eines unechten Knaben (Jakobs III.) die männliche Succession fortzusetzen, stellte diesen Jakob III. als angeblichen Sohn Jakobs II. nach dessen Tode 1701 als Prätendenten aus und strebte denselben durch Wafseugewalt wieder auf den Thron zu setzen. Allein alle Versuche mißglückten, u. 1766 st. Jakob III. zu Albano, mit Hinterlassung von 2 Söhnen. Der ältere derselben, Karl Eduard, machte noch mehrere verunglückte Versuche, sich des Thrones zu bemächtigen, lebte zuletzt unter dem Namen eines Grasen von Albany in Italien u. st. 1788 in Rom ohne männliche Nachkommen; er war vermählt mit Luise Maximiliane Karoline, geb. Prinzessin von Stolberg-Gedern; der jüngere, Heinrich Benedict, Herzog u. Cardinal von Jork, st. 15. Juli 1807 in Frascati als der letzte männliche Nachkomme des königl. Hauses S. Seine Ansprüche auf die Krone Großbritannien hatte er an Karl Emanuel IV. von Sardinien vermacht. Das letzte Glied der königl. FamilieS., Lady LouiseS.,geb.20.März1776, st. im Dec. 1875 in Edinburg. Aus dem Geschlechte Alexanders stammte Arabella S., die Tochter Karl S-s, Urenkelin Heinrichs VII. von England, geb. 1575. Sie wurde, da sie sich 1610 heimlich u. gegen den Willen Jakobs I. von England mit dem Ritter William Seymour vermählte n. ferner den Verdacht erweckte, daß die gegen den König Verschworenen sie nach ihres Gemahls Tode an den Herzog von Savoyen verheirathen n. als eine aus königl. Blut Entsprossene ans den Thron setzen wollten, dem Bischof von Durham in Verwahrsam gegeben. Von hier aber entfloh sie auf ein französisches Schiff, das von einem englischen Kaper genommen wurde, was eine Einkerkerung der Arabella im Tower zur Folge hatte; hier st. sie 27. Sept. 1615 im Wahnsinn. Robert I., Alexanders Bruder n. Sohn Walters II., gründete 1258 die Nebenlinie Darnley, welchen Titel dessen Sohn John zuerst führte. Die späteren Glieder des Geschlechts traten in französische Dienste u. erhielten die Grafschaft Dreux u. Au- bigne, sowie später die schottische Grafschaft Lenox. Aus dieser Linie stammte Heinrich Darnley, Gemahl der Maria S., welcher 1566 ermordet wurde, und dessen Sohn Jakob I. König von Schottland u. Irland war. Dies letztere Geschlecht blühte noch in Frankreich im 17. Jahrh. Von anderen Linien der Familie S. gibt es noch viele Mitglieder in England, Schottland u. Irland. Stubaithal. So stammen von Sir John S., einem natürlichen Sohn Roberts II., die Marquis». Grafen vonBute, Lord Wharncliffe u. Lord Stuart de Rothesay; von den T-s von Bonkyll die Lords Blantyre u. Douglas, die Marquis von Londonderry u. die Grasen von Galloway; von Elisabeth, Tochter des Regenten Murray u. Gemahlin Sir James S-s von Tonne, die heutigen Grafen von Murray; von einem natürlichen Sohn des Grafen James, von Buchau, Stiefbruder des Königs Jakob II., die Grafen von Traquair. Bekannt sind unter diesen namentlich: Charles S., Baron de Rothesay, engl.Diplomat, Sohn des Generals Sir Charles S. u. Enkel Lord Butes, geb. 1779, widmete sich schon früh der Diplomatie, begleitete 1808 Lord William Bentiuck als Legationsrath nach Madrid, wurde 1810 englischer Bevollmächtigter bei der provisorischen Regierung , welche sich nach der Flucht der portugiesischen Königsfamilie in Lissabon constituirt hatte, ging 1815in außerordentlicher Mission zu Ludwig XVIII. nach Gent, begleitete denselben nach der Schlacht von Waterloo nach Paris u. blieb dort als englischer Gesandter; er ging dann als solcher nach dem Haag, später nach Rio de Janeiro, wo er 1824 den Vertrag zu Stande brachte, durch welchen Portugal die Unabhängigkeit Brasiliens anerkannte, ging 1828 abermals (diesmal als Botschafter) nach Paris und wurde zugleich als Baron de Rothesay zum Peer erhoben , aber als 1830 die Tories das Ministerium bildeten, abberufen u. blieb mehrere Jahre der größeren Politik fern; er ging 1841 als Gesandter nach Petersburg, kehrte 1844 zurück u. st. 7. Nov. 1845 auf seinem Landsitz Highclifs in Hampshire; da er keine Söhne hinterließ, so erlosch der Peerstitel mit ihm. Lord Dudley S., siebenter Sohn des Marquis von Bute, geb. 1803, studirte in Cambridge, wurde 1828 Vicestatthalter der Grafschaft Bute im slldl. Schottland, saß von 1830—37 im Unterhause u. machte sich durch freisinnige Ansichten bemerkbar. Er verwandte sich bes. für die polnischen Flüchtlinge u. ward vom Parlamente mit der Vertheilung der für dieselben bewilligten 10,000 Pfd. St. betraut; opferte selbst auch einen Theil seines Vermögens für diesen Zweck. 1847 trar er wieder ins Parlament u. st. 17. Nov. 1854 in Stockholm, wohin er gegangen war, um auf Schwedens Allianz mit den Westmächten hinzuarbeiten. Er war seit 1847 Wittwer von Christina Alexandra EgyptaBonaparte, Tochter des Prinzen von Canino, mit der er sich 1824 vermählt hatte, von der er aber seit 1839 getrennt lebte. Vgl. Vaughan, Llsmorialo ok tlro Ltuarb vzmaotv, Lond. 1831, 2 Bde. Bartling. Stuart, John Mac Donall, berühmter australischer Entdeckungsreisender, geb. 1818 in Schottland, begleitete 1844—46 Sturt (s. d.), durchforschte 1858 mit nur einem Begleiter den westl. vom Tor- renssee gelegenen Theil von SAustralien n. suchte auch 1859 diese Gegenden wieder auf. Nachdem er 1860—61 2 vergebliche Versuche gemacht, den australischen Contincnt von S. nach N. zu durchkreuzen, gelang ihm dies 1862, das erstemal, daß dieses Wagstück ausgeführt wurde. Er st. 5. Juni 1866 in Nottigham Hill. Von ihm: Lrxlorations in Lm- struiia,, 2. A. Land. 1864. Schroot. Stubaithal, 37 !cm langes, vom Nutzbach dur chflossenes ImkeK ScUentyal des Wippthales (Sill- Stubbenkammcr — Studer. 69 thal) im tiroler Bez. Innsbruck, öffnet sich zwischen der Waldraster- od. Serlesspitze (2715 w) und der Sailespitze (2403 na), vereinigt auf beschränktem Raume eine Reihe der verfchieveuarllgpen'Hüchgi- turgsbilder, hat namentl. auch mehrere Wanersaue '(Stanbsälldes Mischbaches) u. etwa 4250 Bewohner, welche bes. Viehzucht u. Fabrikation von Stahl- u. Eisenwaareu betreiben; Hanptorte des Thales sind Hn Theil der Otzthaler Atpen vie Stubaier Alpen genannt; darin das Zuckerhütl (3508 in), die Wild- karspitze (3368 ui) i5 M WilMtt lind Barth, Die Stubaier Gebirgsgruppe, Jnnsbr. 1865. H B. Stubbenkammer, s. u. Rügen. Stnbbs, William, bedeutender engl. Geschichtschreiber, geb. 21. Juni 1825, studirte zu Oxford, wurde 1848 Geistlicher, 1862 Bibliothekar zu Lam- beth, 1866 Professor der neuern Geschichte zu Oxford n. 1869 Curator der Bodley'schen Bibliothek daselbst. Sein Hauptwerk ist: Ooustitutioual üi- slor^ ok OnAiauck, 2. A. Oxf. 1875—78,3 Bde.; sodann hat er sich bedeutende Verdienste durch Herausgabe von mittelalterlichen Chroniken erworben u. ist auf Grund dieser auch in den Kreis der Mitarbeiter der Nolluinsutu Osrwnnius iüstorisu gezogen worden. Stubenältester, Unteroffizier od. Soldat, wel - cher die Aufsicht in einer mit Soldaten belegten Kasernenstube führt. Er ist für die Stubenordnung seiner Stube verantwortlich u. hat darüber zu wachen, daß jeder seiner Kameraden zur befohlenen Zeit im Quartier ist. Stubenarrest, eine bis 6 Wochen dauernde Ar» reststrafe für Offiziere; in der Wohnung zu verbüßen. Stüber (Holland, stuivsr), ehemalige niederländ. Rechnungs» u. Scheidemünze im Werthe von 5 Cts. (20 S. — 1 Fl.), am Niederrhein, in Ostfriesland rc. 60 S. — 1 Thlr. Courant. Stuck (ital. otuevo), eine Mischung von feinem Gips u. Kalk (zur Hälfte), mit geringem Zusatz weißen Sandes, welche zur plastischen Verzierung architektonischer Flächen u. Prosilirungen angewandt wird. Er ist also ein surrogativer Ersatz des Steins, namentlich des Marmors und eignet sich für diesen Zweck bes. dadurch, daß er, nachdem die Masse aufgetragen ist, in noch halbflüssigem Zustande durch Bossiren mit Leichtigkeit in jede Form gebracht werden kann. Auch zur Imitation von Marmorsäulen sowie Wandflächen ist er sehr brauchbar. Es wird ihm dann theilS durch Mischung von Farben, theils durch Verleihung eines schönen Glanzes (stuooo lustn-o) vollständig das Ansehen von Marmor gegeben , welcher sich von ihm dann nur (bei Berührung) durch die größere Kälte unterscheiden läßt. Schon die Alten kannten den S. (oxus ooiouurium bei den Römern), wandten ihn jedoch selten weiß, sondern meist bemalt od. vergoldet an. Später kam er in Vergessenheit, bis er im Anfänge des 14. Jahrh. von Margaritone in Neapel wiedererfnnden u. später von Nanni zur Zeit Rafaels, der ihn zu Len Logen des Vaticans verwandte, sehr vervollkommnet wurde. Eine sehr reichhaltige Verwendung fand er während der Rococoperiode, namentlich zur Deco- rirung von Plafonds. Auch heute wird er noch vielfach in Anwendung gebracht. Literatur: Fink, Der Tüncher, Stuccator,c., Lpz. 1866. Schasler. Stückelalgen, so v. w. Oig.towg.o8as. Stückelberg, Ernst, bedeutender Maler, geb. 22. Febr. 1831 in Basel, studirte seit 1850 in Antwerpen, Paris u. München, lebte dann 10 Jahre etwa in Italien, worauf er sich in Basel niederließ u. von da aus noch einige Male Italien und dann auch Spanien besuchte. Von seinen hohe Poesie in der Eufindnngbekundeuden u. mit zarter Empfindung gemalten u. mehrfach mit Preismedaillen bedachten Werken seien erwähnt: Procession im Sabinergebirge, Kirchgang aus Faust; Marionetten; Jugendliebe; Die Kinder des Malers; Das Helvetische Siegesopfer; großes Fresco: Erwachen der Kunst, in der Kunsthalle zu Basel; Entwürfe zu Fresken der neuen Tellcapelle rc. Stückfast, Flüssigkeitsmaß am Rhein, bes. für Wein ^ iz Fuder — 7j Ohm; in Frankfurt a. M. 8^ Ohm (verschieden, etwa 1200—1400 1). Stückgiesterei,sov.w.Geschützgießerei,s.Geschlltz. Stückgut, sov. w. Geschlltzmetall, speciell Bronze. Stückgüter, nach der Zahl (im Groß, Dutzend, Schock) in den Handel gehende Güter. Beim Eisenbahnverkehr die Einzelngüter, im Gegensätze zu ganzen Wagenladungsgütern. Stückpforten, so v. w. Geschützpforten. Studemund, Wilhelm Friedrich Adolf, bedeutender Philolog, geb. 3. Juli 1843 in Stettin, studirte seit 1860 in Berlin u. Halle erst germanische, dann classische Philologie, promovirte 1864 u. ging dann zu handschristlichenStudieu nach Italien, verglich hier den Mailänder Palimpsest des Plautus u. nahm eine bis ins Kleinste genaue Abschrift von demselben, verglich dann 1867 u. 1868 in Verona den Palimpsest des Gajns, wurde 1868 außerordentlicher, 1869 ordentlicher Professor der klassischen Philologie in Würzburg, folgte 1870 einem Rufe nach Greifswald, 1872 einem solchen nach Straßburg. Er schr.: Os ouubisis Olnutnnis (Dissertationsschrift) 1864; 6nji institmtionuiu oom- weubniii IV., Lpz. 1874; verschiedene Abhandlungen über Plautus, Aristoxenos (den Musiker), über mehrere griech. Metriker u. Redner — Ergebnisse seiner handschriftlichen Forschungen in Italien —, bearbeitete mit Th. Mommsen die Lmg-Isots, Oivi- nua,, Lpz. 1873 rc. Studer, Bernhard, Geolog, geb. 21. August 1794 in Büren a. d. Aar; studirte erst Theologie, dann Mathematik u. wurde 1815 Lehrer der Mathematik am Gymnasium in Bern; er bezog 1816 die Universität Göttingen, wo er bis 1818 Astronomie u. Geologie studirte, worauf er sein Lehramt wieder übernahm; er begleitete daun Leopold von Buch auf seinen Reisen nach den Alpen, welche er auch später zu wiederholten Malen besuchte, unternahm außerdem wissenschaftliche Reisen nach Italien, England, Schottland u. Tirol u. wurde 1825 Professor der Geologie in Bern. Er schr.: Monographie der Molasse, Bern 1825; Geologie der westlichen Schweizeralpen, Heidelb. 1834; Lehrbuch der mathematischen Geographie, ebd. 1836,2.A. 1842; Lehrbuch der physikalischen Geographie, ebd. 1844—47,2Bde.; Geologie der Schweiz, ebd. 1851—53, 2 Bde.; Einleitung in das Studium der Physik, ebd. 1859; Gesch. der physischen Geographie der Schweiz, Zllr. 1863; Über den Ursprung der Schweizer Seen, Genf 1864; Zur Geologie der Berner Alpen, Stuttg. 1366; In- 70 Studiosus — Stuhlverstopfung. dex der Petrographie u. Stratigraphie der Schweiz, Bern 1872; Gneis u. Granit der Alpen, Bert. 1873; mit A. Escher v. d. Linth: 6arte §solo§iono äs In Luisse, 1853, 2.A. 1870 in 4Bl.; auch Ubersichts- karte davon in 1 Bl. ^ Limiiäsus (lat.), s. Stndiren. Stukiirsus oouli müsoulus, der innere gerade Augenmuskel. Studiren (v. Lat.), sich einer Sache befleißigen; sich eifrig dem Erlernen einer Wissenschaft widmen; sich wegen dieses Zweckes ans Universitäten aufhalten; daher Studirender, Stndeut, Studiosus, der dem Studium der Wissenschaft sich Widmende, der an einer Universität Jmmatriculirte. Sllläium (lat.), mit Emsigkeit u. Neigung betriebene Beschäftigung mit einer Sache,gelehrte Beschäftigung u. Forschung, auch Beschäftigung mit Kunst; daun der Gegenstand dieser wissenschaftlichen, künstlerischen Beschäftigung. Studien, in der bildenden Kunst Muster-, Übungsarbeiten. Stufe (Stusse), 1) ein Stück Erz; 2) ein in das Gestein eingehauenes Zeichen, um einen Punkt genau zu bestimmen. Beim Fehlen geeigneten Gesteins wird an der Zimmerung ein entsprechendes bezeichnetes Holzstück befestigt. Stufenjahre, klimakterische Jahre, die als Grenze der einzelnen Altersstufen betrachteten Jahre, die irrthümlich für besonders gefahrbringend galten. Man bezeichnet meist je das 7. Jahr, also das 7., 14., 21. rc. als S.n.das 63.(9. 7.) als das „große" Stufenjahr. Stufenpsalmen (Stnfeulieder, Anfsteigelieder, beiLutherLieder im höheren Chor), diejenigen Psalmen des A. Test., welche den Zeiten nach dem Exil angehören, 120—134, u. von den aus demselben Zurllckkehrenden gesungen wurden. Stuferze, Erze, welche so reich sind, daß sie in solchen Stücken, wie sie abgesprengt wurden, ohne weitere mechanische Reinigung in die Hütten zum Verschmelzen gebracht werden können. Sie sind z. B. bei Eisenerzen die Regel, bei Gold u. Silber die größte Ausnahme. Stuhl, auf vier, selten auf drei Beinen ruhender Sitz für eine Person mit Rückenlehne. Der Sitz des S-es ist gepolstert u. mit Leder od. Stoff überzogen, od. aus Holz, Rohr oder Binsengeflecht, Stahlbändern rc. DerArm - S. hatSeiten od.Armlehnen; am Feld-S. ist das hölzerne od. eiserne Gestell zumZn- sammenlegen eingerichtet, der Sitz straffes Leder od. Stoff. Gartenstühle sind meist ganz aus Holz od. Eisen. Ein Arm-S., dessen Lehne zurückgeschlagen u. welcher so zum darauf Legen od. Sitzen gebraucht werden kann, bes. für Kranke, heißt Bettsessel, Schlas- S. (Oliaiss lonAus). Schaukelstühle oder Wiegen- stähle (RoüinA obair) stehen auf zwei durch Kreisbogen begrenzten Segmenten, welche die S-beine verbinden. Stuhl, in früheren Zeiten, anknüpfend an den Stuhl, die Lslla, der Alten, Bezeichnung für gewisse hohe Gerichtsbarkeit, für einen Gerichtsbezirk; in der Freimaurerei Sitz des Meisters vom S. u. daher maurerische Behörde in der Loge. Stuhlbalken (Kehlbalken), Balken zur Unterstützung der Dachsparren, sobald sie über 3,^ m lang sind, damit sie sich nicht biegen. Sparren von 9—10 w Länge erfordern 2 S>lagen. Stuhlfeier Petri (Pssturu eatkeäras Petri, Xatals Pstri äs Oatbsära), römisch-katholisches Fest zur Feier der Errichtung des bischöflichen Stuhls in Rom u. der Einsetzung des römischen Bisthums durch Petrus. Da nach der Tradition Petrus auch Gründer des bischöflichen Stuhls in Antiochien war, wurde daselbst frühe schon auch eine Stuhlfeier bebegangen (Outlisära. Lntiodiena), für welche später Papst Gregor XIII. den 22. Febr. bestimmte. Die römische S. P. besteht seit dem 5. Jahrh., zuerst in Verbindung mit dem altrömischen Todten- feste, zugleich als Opferfest für die Todten. Papst Paul I V. erhob das Fest, nachdem schon um 600 die Todteufeier abgeschafft worden war, zu einem Postum äs prasospto. Löffler. Stnhlgericht, so v. w. Fehmgericht. Stuhlherr, so v. w. Gerichtsherr, Inhaber der Gerichtsbarkeit bei den früheren Patrimoniälgerich- ten; beim Fehmgericht der Eigenthümer des sogen. Freistuhles u. Patronatsherr des Gerichtes. Stühlingen, Stadt in dem Amtsbez. Bonndorf des bad. Kreises Waldshut, an der Wutach u. am Fuße des Schwarzwaldes, Station der Bad. Staats- bahuen, Hauptort der dem Fürsten von Fürstenberg gehörigen, glcichnam. Standesherrfchaft (mit dem Titel Landgrafschaft); Hauptzollamt, Bergschloß (Hohenlupfen) auf dem Rande der Stühlinger Alp; 1875: 1519 Ew. 1849 wurden hier römische Mauern mit Mosaikboden gefunden. Im I I. Jahrh. hatte S. eigene Grafen. Von hier ging 1525 der Bauernkrieg im Klettgau aus. Von der Mitte des 17.Jahrh.anwar es Residenz der später reichsflirstl. Linie Fürstenberg, welche 1805 ansstarb. H- Berns. Stuhlverstopfung (obstruotio alvi), der zu lange Aufenthalt von Kothmassen im Darme. Allgemein Regel ist, daß jede Person täglich einmal zu Stuhle geht; allein es liegt entschieden noch in den Grenzen der Gesundheit, wenn sich dieser Zeitraum um einen oder selbst zwei Tage verlängert, sobald keinerlei Nachtheile u. Beschwerden daraus folgen. Die gänzliche Aufhebung der Darmentleerung durch Brucheinklemmung, Dacmeinschiebung u. dgl. gehört nicht hierher, es handelt sich bei der S. nur um eine Verzögerung des Stuhlganges. Die S. kann eine acute od. chronische sein; letztere bezeichnen wir als habituelle S. 1) Die acute S. beob- achten wir bei starkem Schwitzen und anderen wässerigen Ausscheidungen aus dem Körper, durchweiche dem Darminhalte zu viel Wasser entzogen wird, in fieberhaften Krankheiten, bei acuten krampfhaften u. entzündlichen Zuständen des Magens u. Darmes (z. B. beiMagenkrampf, bei Entzündung des Bauchfellüberzuges, des Darmes rc.), bei fehlendem Erguß der Galle in den Darm (Gelbsucht), nach dem Genuß von schwer verdaulichen Speisen rc. In allen diesen Fällen hebt sich die S., sobald die genannten Ursachen wegfallen. Während dieser ursächlichen Krankheiten mit Ausnahme der Bauchfellentzündung ist durch Abführmittel Stuhlgang zu besorgen, da die Erfahrung lehrt, daß die Beseitigung der S. als einer groben Störung der Körperfunctionen auf die ursächliche Erkrankung selbst günstig einwirkt. 2) Die chronische S. kann ihre Ursache haben a) im gewohnheitsgemäßen Genüsse von grober Mehlkost (Commißbrod), Hülsensrüchtcn, Kartoffeln, kurz von solchen Substanzen, die eine Menge nicht aufsaug- Stuhlweißenburg — Stüler. 71 barer Stoffe enthalten u. viel Koth machen; b) in mangelhafter Beschaffenheit der Magen- u, Darmsäfte, so daß nicht die gehörige Auflösung der Speisen erfolgt. Das sehen mir namentlich bei chronischen Leber- u. Gallenerkrankungen, bei Krankheiten der Bauchspeicheldrüsen, e) In einer lähmungsarti- gen Schwäche der Darmmuskeln; diese Ursache liegt der S. der Bleichsüchtigen, Blutleeren, nach langen Diarrhöen, nach gewohnheitsmäßigem Znrllckhalten der Stuhlentleernng zu Grunde, ä) In krampfhaften Zusammenziehungen der Darminuscularis bei Beschäftigungen mit Blei, ferner bei chronischen Krampfkrankheiten (Hysterie), s) Endlich kann in mechanischer Weise die Fortschaffung des Darminhaltes behindert sein, z. B. durch narbige Strictu- ren des Darmes, Darmbrüche, Geschwülste, die auf den Darin drücken rc. Die Folgen der S. bestehen in Aufgetriebensein des Unterleibes, Druck u. Völle im Unterleibe, Schwindel, Kopsschmerz, unruhigem Schlaf, psychischer Verstimmung, ja, es kann durch eine gänzliche Verstopfung des Darmes durch harte Kothmassen eine lebensgefährliche Entzündung des Darmes ('I^piilitis otsiooralis) entstehen. Die Behandlung hat es vor Allem mit Beseitigung der Ursachen zu thun: so paßt bei lähmungsartiger Schwäche des Darmes Nux vomiva, mit Coloquin- then und Aloe, bei mangelndem oder nicht hinreichendem Gallenerguß Ochsengalle in Pillen rc. Gelingt es nicht, die Ursache der S. zu erreichen, so sind wir auf die empirischen Mittel gegen S. angewiesen: Rhabarber, Sennesblätter,Mod,Jalape,Cro- tonöl, Gmnmigutti, die Bitterwässer (Friedrichshaller, Saidschützer, Püllnaer) rc. Häufig thut eine geordnete Trinkkur in Marienbad, Kissingen, Homburg gute Dienste; jedenfalls ist durch eine passende Kost u. reichliche Körperbewegung die Wirkung aller dieser Mittel zu unterstützen. Kmize. Stuhlwcifienburg, 1) (Szekes-Feher) Comitat in Ungarn, zwischen den Comitaten Komorn, Gran, Pest-Pilis-Solt-Klein-Kumanien, Tolna und Veß- prim; 4156 fUficm (75,sl-jM) mit (1869) 196,234 Ew. (auf 1 Hjkm 47,2, >u ganz Ungarn 51). Das Comitat ist im S. meist eben, wird im N. von der Verteser Bergreihe u. einem Thcile des Bakonyer- waldes durchzogen u. wird bewässert von der Donau (Grenzfluß im O.), dem Sarviz, dem Velenczer See u. dem Sarviz- od. Palatinalkanal. Eisenbahnen: zusammen 148 lern. Mit Ausnahme einiger unge- sunden Sumpfstrecken ist das Klima gesund n. der Boden fruchtbar. Producte: Pferde, Rindvieh, Schafe, Schweine (Viehzucht sehr ansehnlich), Wild, wilde Enten, Rohrhühner, Fische, Krebse, Schildkröten; Weizen, Mais, viele u. gute Weine, Obst, Tabak; Marmor u. Bausteine. Das Comitat zerfällt in 6 Stuhlbezirke. 2) (Szekes-Fehervär, slav. Biali- grad, lat. AlbarsAia) Hauptstadt u. königliche Freistadt darin, in der Nähe der Sümpfe Sär-Ret, zu deren Ableitung viele Kanäle gezogen sind, Knotenpunkt der Österr. Süd- u. Ungar. Westbahn; Sitz der Comitatsbehörden und eines 1773 von Maria Theresia gestifteten kathol. Bisthums mit Kathedral- capitel u. Consistorium, eines Erzdekanats u. griechisch nicht-unirten Protopresbyteriats; Comitats- und Stadthaus, bischöfliches Residenzschloß, Kathedrale, als Krönungsort die Marienkirche, Francio- canerkirche, bischöfliches Seminar, theologische Diö- cesanlehranstalt, Obergymnasinm, Realschule, Statue des Dichters Vörösmarly (auf dem Hanptplatz), Theater, Kaserne, Fabriken in Tuch, Flanell, Messern, Seife, Corduan, Pelzwaaren rc., Brauerei, Branntweinbrennerei, Handel mit Wolle, Getreide, Wein, Öl, Vieh; 1869: 22,683 Ew. S. soll das zur Römerzeit bekannte Corsium od. Hcrcnlia (aä Heroulsm), nach And. Floriana, nach And. Cim- briana sein; sicher aber war es römischer Stationsort, wie die vielen ausgegrabenen römischen Alter- thiimer beweisen. Die Stadt wurde 1027 durch Stephan den Heiligen zur Krönungsstadt erhoben u. blieb es bis 1527; der letzte hier gekrönte König war Ferdinand I. Sie war unter einigen Königen bis ans Bela IV. Hauptstadt von Ungarn, u. hier wurde auch einige Zeit die Reichskrone verwahrt, ehe sie nach Presburg gebracht wurde. 1490 eroberte Maximi- lian l. die Stadt, verlor sie aber wieder. 1545 wurde S. von den Türken erobert, 1593 von den Kaiserlichen vergebens belagert u. erst 1601 unter General Roßwurm und Mercoeur wieder genommen, 1602 aber gerietst cs durch Meuterei der Besatzung wieder in den Besitz der Türken, die es erst 1688 für immer wieder räumen mußten. Am 5. Sept. 1843 große Fenersbrunst. S. wurde 22. Sept. 1848 von den Truppen Jellachichs besetzt. H- Berns. Stuhlztvang (Tonsamns), ein fortwährendes Drängen zum Stuhlgange, entweder ohne alle Ausleerung, od. mit sehr geringem, schleimigem, wässerigem od. blutigen Abgänge; es ist Symptom namentlich der Ruhr, seltener der gewöhnlichen Diarrhöe, der Hämorrhoidalknoten u. a. Leiden. Kunze. Stuhl», 1) Kreis im preuß. Regbez. Marienwerder, zwischen Weichsel n. Sorge; 640,2g Usicm (11,sg (UM) mit (1875) 39,086 Ew. 2) Kreisstadt darin, zwischen zwei Seen; Amtsgericht, altes Schloß, Pferdemärkte, Torfgräberei; 1875: 2146 Ew. Zur Heidenzeit war S. ein befestigter Platz, der 1236 von den Ordensrittern zerstört u., nachdem er von diesen wisderausgebaut worden war, 1242 vonSwan- tepolk abermals erobert n. zerstört wurde. Der jetzige Ort, wie die Ordensburg wurde 1249 gegründet, war ehemals von Wichtigkeit u. wurde 1456 u. 1457 von Konrad von Zinnenberg tapfer vertheidigt. Hier 17. Juni 1629 Sieg der Schweden über die Polen. Dabei das Dorf Vorsch-loß-S. mit 420 Einw. H- Berns. Stuiben, ein 1764 m hoher Berg der Algaucr Alpen, im W. der Iller u. südwestl. vonJmmenstadt. Stüler, August, geb. 28. Jan. 1800 in Mühlhausen in Thüringen; Architekt, Schüler von Schinkel, zeichnete sich frühzeitig durch seine architektonischen Entwürfe ans, gründete 1837 das Album des preuß. Architektenvereins, wurde Hofarchitekt des Königs , Hofbaurath u. nach Schinkels Tode Ober- banralh u. Mitglied der Oberbaudeputation. Von ihm ist der Entwurf zum Wiederaufbau des Wiuter- palastes in Petersburg, die diene Börse in Frankfurt a. M. die neue Universität zu Königsberg, das Museum zu Stockholm, die Akademie der Wissenschaften in Pest, das Museum in Köln, das Verwaltungsgebäude zu Schulpforta, die kathol. Kirche in Rheda, das Schloß in Schwerin, die Schlösser in Boitzenburg, Arendsee, Dallwitz. Er schuf ferner die Architekturen der Brücken zu Dirschan und Marienburg, zahlreiche Bauten in Potsdam, restaurirte u. 72 Stummelaffe — Sture. baute Hunderte von Kirchen in den verschiedensten Gegenden. Die Wiederherstellung der Stammburg Hohenzollern ist ebenfalls sein Werk. In Berlin baute er die Kapelle n. die Kuppel des Schlosses, die Bartholomäus-, Jacobi-, Marcus- und Matthäi- Kirche. Das erste Projekt zur Wiederherstellung der Nicolaikirche, der ursprüngliche Entwurf zur Natw- nalgalerie u. zu den dieselbe umgebenden Säulenhallen sind ebenfalls von ihm, ebenso drei Entwürfe zu einem Dom für Berlin, welche er im Aufträge Friedrich Wilhelms IV. schuf. Das Gebäude der Nationalgalerie sollte anfangs eine mächtige Aula für Festvorträge und Universitätsseicrlichkeiten enthalten. Jetzt ist dieser Bau, dessen Außcnarchilcktur als korinthischer Pseudoperipteros beibehalten worden ist, der nationalen Kunst gewidmet. Von dem Dom und dem Oawxo srmto, der Fürsteugruft für das Haus Hoheuzollern, steht wenig mehr als die Fundamente. Sein bedeutendstes Werk ist unstreitig das neue Museum zu Berlin. Dies veröffentlichte er auch in einem besonderen Werke. S. zeichnete auch die architektonischen Ornamente zu dem Glau- beusschilde, dem Pathengeschenk des Königs von Preußen an den Prinzen von Wales, und gab mit Strack Vorlegeblätter für Möbeltischler, 1835, heraus. Er st. 18. März 1865. Kühne. Stummelaffe, s. Assen, S. 224. Stnmmelpflanzung (Stöpsel-od.Stntzpflanz- ung), Pflanzung mit solchen Setzlingen, deren Schaft bis auf den Wurzelstock abgeschnitten ist, selbstve» stündlich nur bei ausschlagsähigen Laubhölzern, am meisten bei Eicken, anwendbar. Stummheit (Uutitao), das Unvermögen, arti- culirte Laute bervorzubringen; hängt ab von krankhaften Veränderungen des im GroßenGehirn liegenden Sprachccntrums (dritte Stirnwindnng skroog-j u. Reilsche Insel) und können diese Veränderungen durch Hirnabsceß, Geschwülste, Syphilis des Gehirns rc. herbeigeführt sein. Auch bei Geisteskranken beobachtet man nicht selten S. Das Bewußtsein u. Denkvermögen kann völlig ungestört sein und die Kranken wissen sehr wohl, was sie sagen wollen, können cs aber nicht. Nicht selten ist die S. ange- doren n. dann fast immer mit Taubheit verbunden (Taub-S.). Vgl. über die Störungen der Sprache die elastische Arbeit Kußmauls; Die Störungen der Sprache, in Ziemssens Sammelwerke, Bd. XII., Anfang 1877. Kunze. Stunde, der 24. Theil des Tages. Je nachdem der Tag ein Sterntag, ein wahrer oder mittlerer Sonnentag ist, unterscheidet man Stern-S-n, wahre u. mittlere Sonnen-S-n. Jede S. wird in 60 Minuten zu je 60 Sccunden getheilt. Im bürgerlichen Leben zählt man die S-n von Witter- nacht zu Mittag u. dann von Mittag wieder bis zu Mitternacht, also jedesmal nur bis 12; die Astrono- men aber zählen die S-n von Mittag zu Mittag von 0 bis 24. In der Markscheidekunst bedeutet S. Len zwölften Theil des Halbkreises (15°). Ebenso gibt man in der Astronomie die Rectascension (s. Aufsteigung) oft in S-n (in Zeit) an; ebenso den S-nwinkel (s. d.). Stundenkreis, 1) der in 24 Stunden einge- theilte Ring des Kompasses, innerhalb dessen die Magnetnadel spielt. 2) S. eines Punktes an der (scheinbaren) Himmelskugel (z. B. eines Sternes), der durch die Himmelspole und den Punkt gehende größte Kreis. Der Bogen des S-es eines Sternes zwischen diesem u. dem Äquator heißt die Declina- tion (Abweichung, s. d.) des Sternes; daher heißt derS. auch Declinations-(Abweichungs-)kreis. Der auf dem Äquator in der Richtung von W. nach S. rc. gemessene Bogen zwischen dem S. eines Sternes u. demjenigen des Frühlingspunktes heißt die Rectascension od. gerade Aufsteigung des Sternes (s. Aussteigung). Der Winkel zwischen dem S. eines Sternes u. dem Meridian des Beobachtungsortes heißt der Stundenwinkel desselben; er ist in jedem Augenblicke ein anderer, wird in der Richtung von S. nach W. gezählt, gibt demnach, wenn er in Stunden (s. d.) ausgedrückt ist, die Zahl der Stunden an, welche seit der letzten Culmination verflossen sind; er durchläuft also innerhalb eines Sterntages die Werthe 0—24. Stundentvinkek, s. Stundenkreis 2). Stnndisten, russische Secte, entstanden aus Anregung der wllrttembergischen Colonisten in SRuß- laud (Stunde, schwäbisch so v. a. Conventikel). Ihr Führer ist Ratusny, ein einfacher Bauer u. Gemeindeältester in Osnowa bei Odessa u. der Bauer Balabok. Die Secte existirt seit 1863, wurde mehrfach verfolgt, 1873 von den Geschworenen freigesprochen. Ihre Hauptlehren sind, die Pflicht u. das Recht für alle Christen, das Neue Testament zu lesen, Verwerfung des Bilderdienstes. Lösfl-r. Stupa, im Sanskrit der Name der jetzt in Indien Topen (s. d.) genannten Baudenkmäler. 8tups (lat.) Werg; 8. intorkoliaoea, Blattfilz. Stupava, Marktflecken, so v. w. Stampfen. Stupend (lat.), erstaunlich; Stupefaction, Bestürzung, Erstaunen. 8tüpiäe (fr., v. Lat.), dumm, stumpfsinnig; Stupidität, Dummheit, Stumpfsinn, Blödsinn. Stupinigi, königliches Jagdschloß, südwestlich bei Turin, unter Karl Emannel III. erbaut. 8tnpor (lat.), hoher Grad von Betäubung. 8tuppa (Stuppen, lat.), so v. w. 8tnpa. Stuppach, Dorf im Bezirk Gloggnitz des Unterwienerwaldkreises in Österreich unter der Enns, mit Baumwollenspinnfabrik. Stuppcn(Gröpsmoose,Knopsflechten), 11. Zunft der 2. Klasse (Moose) in Okens Pflanzensystem. 8tuprum (lat.), die außereheliche Geschlechtsgemeinschaft mit einem Frauenzimmer, bei den Römern auch Unzucht mit Knaben. Stura, vier Flüsse im Piemontesischen, davon S., 110 km langer Nebenfluß des Tanaro, kommt vom Monte Argentara in den Seealpen u. mündet bei Cherasco in der Prov. Cuneo. Sturdsa, s. Stourdza. Sture, ein mächtiges schwedisches Geschlecht im 15. u. 16. Jahrh., das 1716 erlosch. 1) Sten S. der Ältere wurde nach dem Tode seines Oheims Karl VIII. (Knutson), nachdem seine Familie bereits an der Spitze der Dalekarlier sowol diesem wie dem Könige Christian I. von Dänemark den Thron streitig gemacht hatte, von den Schweden zum Reichsverweser erwählt (1471). Als der Dänenkönig gegen ihn zu Felde zog, wurde Christian im Octbr. 1471 vor Stockholm geschlagen u. zur Rückkehr nach Dänemark gezwungen. Im Juni des folg. Jahres überließ er dann durch eine Übereinkunft in Kalmar Sturm — Sturmbock. 73 an Sten S. die Regierung von Schweden, doch so, daß Christian alle Rechte eines Königs behielt. Deshalb erkannte S. auch 1483 durch den sogen. Kulinarischen Receß die Oberhoheit Johanns' an, des Sohnes u. Nachfolgers von Christian. Zwistigkeiten mit dem Adel riefen einen Bürgerkrieg hervor, den König Johann benutzte, die schwedische Herrschaft wieder an sich zu bringen. Er wurde im Nov. 1497 zu Stockholm gekrönt. Sein unglücklicher Kampf mit den Dithmarschen jedoch gab der nationalen Partei in Schweden, welche keinen dänischen König dulden wollte, den Muth, im Juli 1501 Sten S. wiederum zum Reichsverweser einzusetzen. Er eroberte Stockholm wieder, st. aber bald darnach 13. Dec. 1503. Er hatte die Bnchdruckerei in Schweden eingeführt u. 1476 die Universität Upsala gestiftet. Als Nachfolger wurde gewählt 2) Sw ante Nils- son S., der übrigens nicht dem Hanse des Vorigen angehörte, sondern aus altem königl. Geschlechts war. Er hatteseinerZeit an der Spitze desAdels gestanden, als dieser gegen Sten S. mit seinen Bauern aufgestanden war, lebte aber jetzt mit Bürgern u. Bauern wie mit seines Gleichen. Mit Lübeck im Bunde kämpfte er bis zu seinem Tode 1512 gegen Dänemark. An seine Stelle wurde sein Sohn 3) Sten S. der Jüngere zum Reichsverweser erwählt. Der nordöstliche Theil der Hansestädte, Lübeck an der Spitze, machte zu dieser Zeit mit Dänemark Frieden u. verbanden sich sogar 1513 mit Johann, Nachfolger Christians II. gegen Schweden, ebenso auch der Erzbischof von Upsala, Gustav Trolle. Sten S. nahm den Erzbischof jedoch in seiner Burg Stäke bei Stockholm gefangen (1517) u. schlug im folg. Jahre Christian II. bei Bräunkirka vollständig. Als aber der Papst den Reichsverweser auf die Klage des Erzbischofs hin in den Bann that u. das ganze Reich mit dem Jnterdict belegte, führte Christian im Anfang 1520 ein zahlreiches Kreuzheer nach Schweden u. gleich im ersten Treffen auf dem Eise des Sees Asunden wurde S. schwer verwundet. Trotzdem eilte er zur Bertheidigung von Stockholm, st. aber unterwegs 9. Febr. 1520 im Schlitten auf dem Eise des Mälarsees. Stockholms Thore öffnete seine Wittwe Christina Güldenstierna jedoch nicht früher, als bis ein Herrentag der Schweden in Upsala Christian unter den Bedingungen der Kalmarischen Union als König anerkannt hatte. Am Allerheiligentage empfing Christian auf dem Brnnkeberge bei Stockholm die Huldigung des Volkes. Der älteste Sohn Gustav I. Wasas, Erich XIV. hat in seinem Wahnsinn grausig gegen die S-s gewllthet: Nils S. tödtete er mit eigener Hand im Gefängniß, viele andere Angehörige der Familie ließ erhinrichten(1567). Sturm, s. Wind. sSchmltz. Sturm , 1) I a ko b S. v on S t u r m e ck, berühmter Straßburger Bürger, geb. 10. Aug. 1489 in Straßburg, studirte in Heidelberg u. Freiburg die Rechte u. besuchte dann noch die Universitäten von Paris u. Lüttich, machte dann Reisen in verschiedene Länder u. lebte hierauf in Straßburg; hier erklärte er sich 1524 für die Reformation, wurde in den Rath u. 1525 in das permanente Regiment gewählt u. 1526 an die Spitze der Regierung der Reichsstadt Straßburg gestellt. Er wirkte nun durchdringend für die Reformation u. wohnte 1529 dem Reichstag zu Speyer bei. Da er hier die Wahrnehmung machte, daß mit dem Kaiser keine Einigung zu er- zielen sei, so strebte er die Vereinigung der schwei- zerischen und deutschen Reformatoren an, nahm am Marburger Colloquium theil u. gehörte zu der Deputation, welche 1530 in Augsburg die (lonksssio totraxolitana überreichte. Seit 1528 Mitglied des Scholarchats in Straßburg, gründete er 1538 das Gymnasium daselbst u. 1531 die nachmalige Uni- versitätsbibliothck n. führte bis 1552 fast alle politischen u. religiösen Missionen Straßbnrgs aus; er st. 30. Oct. 1553. 1870 wurde ihm im Hofe des Gymnasiums ein Denkmal errichtet. LebenSbeschr. von CH. Schmidt u. Baum, Berl. 1870; Bauinqar- ten,J. S., Straßb. 1872. 2) Johann, hervor- ragender Schulmann, geb. 1 . Oct. 1507 in Schleiden in der Eifel, studirte in Lüttich n. dann in Löwen, an welchem letzteren Orte er zugleich mit Rud. Roscius einer Buchdruckerei Vorstand n. einige griechische Bücher herausgab; des Bücherkaufes wegen nach Paris gekommen, blieb er allda u. lehrte Dialektik, nahm hier auch zugleich die Grundsätze der Refor- mation an; um sich den deshalb auch gegen ihn gerichteten Verfolgungen zu entziehen, nahm er 1537 einen Ruf als Professor an dem zu errichtenden Gymnasium in Straßbnrg an u. wurde 1538 bei Eröffnung desselben Rector. Unter seiner Leitung blühte die Schule bald so, daß sie aus allen Theilen Europas besucht ward und 1578 mehrere tausend Studenten zählte, darunter 200 Adlige, 24 Grafen u. Barone u. 3 Fürsten. 1566 gründete er mit kaiserlichem Privilegium die Akademie in Straßburg. Ein Streit mit den Theologen über die Einführung der Concordienformel in Straßbnrg, welcher sich S. als Anhänger Calvins widersetzte, führte zu seiner Absetzung im December 1581, er st. 3. März 1589. Er war ein zweiter krasooptor communis Oorma- nias, von welchem Alle sich Rath in Schulsachen erbaten, n. wurde vom Kaiser Karl V. in den Reichsadelstand erhoben. Er gab den Cicero heraus, Löwen 1587 ff., 9 Bde., übersetzte die Rhetorik des Aristoteles, Abhandlungen des Hermogenes, schrieb über Rhetorik u. Streitschriften. Vgl. C. Schmidt, I-a vis sb Iss travanx cku Isan 8turni, Straßb. 1855; vr. Boßler, Joh. S. in Schunds Encyclo- pädie, Bd. IX.; K. v. Raumer, Geschichte der Pädagogik, Bd. I.; Kückelhahn, Joh. S., Lpz. 1872. 3) Julius Karl Reinhold, Dichter, geb. 21. Juli 1816 zu Köstritz, studirte in Jena und ist seit 1857 Pfarrer in seiner Vaterstadt. Er nimmt unter den Lyrikern der Gegenwart eine hervorragende Stellung ein durch seine: Gedichte, Leipz. 1850, 4. A. 1873; Fromme Lieder, ebd. 1852, 8. A. 1874; Zwei No- sen od. das Hohe Lied der Liebe, ebd. 1854; Neue fromme Lieder, ebd. 1858, 2. A. 1876; Für das Haus, ebend. 1862; Lieder u. Bilder, ebend. 1870; Kampf- u. Siegesgedichte, Halle 1870; Spiegel der Zeit in Fabeln, Lpz. 1872; Hausandacht in frommen Liedern unserer Tage (Anthologie), Lpz. 1870, 3. A. 1876. Als Julius Stern endlich gab er die Märchensammlung: Das rothe Buch, Leipzig 1855 heraus. 1) Schmitz, s) Sitz. Sturmbock (Mauerbrecher, lat. Xiiss, griech. Krios), antike Kriegsmaschine zur Zerstörung der Mauern belagerter Städte; bestand in einem langen, starken Balken, welcher in Ketten in einer beweglichen Scheere schwebend od. auf einem Gerüst lie- 74 Stürmer — Sturmwarnungen. gend unter einem mit frischen Thierhäuten od. anderen nicht brennbaren Stoffen bedeckten Dache ans Rädern an die feindliche Mauer geführt wurde; war vorn stark mit Eisen beschlagen oder mit eisernen Spitzen versehen u. diente zum Breschelegen in die Mauern. Stürmer, Bartholomäus, Graf v., österr. Diplomat, geb. 26. Dec. 1787 zn Constantinopel, wo sein Vater Ignaz, Freiherr von S. damals Jnterniiutius war. S. wandte sich auch der Diplomatie zn n. wurde, nachdem er 1816 als österreichischer Commissär auf der Insel St. Helena, 1818 als Generalconsul bei den Vereinigten Staaten fun- girt, 1820 außerordentlicher Gesandter in Rio de Janeiro, mußte aber schon nach 5 Monaten infolge der Revolution das Land verlassen, u. wurde, nach zeitweiliger Vertretung Österreichs in London und Paris u. Verwendung in der Staatskanzlei, 1834 Jnternnntius in Constantinopel, 1842 in den Grafenstand erhoben u. 23.Mai 1850 ans seinen Wunsch abberufen. Er st. 8. Juli 1863 in Venedig. Sturmfaß, ein mit leicht brennbaren Gegenständen gefülltes od. umwickeltes Faß, das früher zur Vertheidignng der Breschen unter den Feind geworfen wurde, zum gleichen Zwecke dienten auch Stnrm- granaten, Sturmtöpfe, Sturmkränze, Stnrmsäcke rc. Sturmflnth, eine Springfluth, welche durch dazu kommenden Sturm, der in gerader Richtung gegen das Land u. gegen Flußmündungen weht, zu bedeuteudcrHöhe getrieben wird u. oftüberschwemm- ungen verursacht. Bes. leiden die Nordseeküsten, an den Ostseeküsten aber der Finnische Meerbusen, hauptsächlich Kronstadt u. St. Petersburg von S-en. Sturmhut, die Pflauzengatt. Loonitum, s. d. Sturmius, St., der Apostel der Sachsen, geb. 710 im Bayerlande, aus einem edlen Geschlechts, begleitete anfangs den Apostel der Deutschen, Boni- facius, denBekehrer seiuerEltern durch Deutschland, begann seit 733 selbst die Missiousthätigkeit in der Gegend von Fritzlar, dannbeiHersseld n. baute uni 744 das Kloster Fulda, zu dessen erstem Abte ihn Bonifacius machte u. das er nach der Regel des hl. Benedict einrichtete. Bei Pipin wie bei Karl d. Gr. in Gunst, begleitete er diesen letzteren auf den Zügen gegen die Sachsen 772 u. 779, um diesen das Chri- stenthum zu predigen, st. aber auf letzterem Zuge 17. Dec. 779 n. wurde in Fulda bestattet. Unter seiner Führung hatte sich in Sonderheit auch die von ihm gegründete Klosterschule in Fulda gehoben. 1139 wurde er canonisirt. Lebensbeschreibungen S-s von Eigil im zweiten Bande von Pertz Llonunisnts, Aeim. llistor.; von St. Bruns, Fulda 1779 u. von K. Schwartz, ebd. 1858. Lag-»- Sturmleiter(Jakobsleiter), eineArt Strickleiter mit hölzernen Stiegen. Sturmschwalbe (Mialaouläroma Dp., ?ro- eellaria D.), Vogelgatt, aus der Fam. der Sturmvögel. Schnabel kurz, nach vorn verschmälert, dünn und schwächlich, mit verschmolzenen Nasenröhren. Kinneck klein. Flügel kaum über den breiten Schwanz hinausragend. Hinterzehe klein, höher gestellt. Gefieder ties rauchbraun. Meeresvögel, die kleinsten Schwimmvögel umfassend. Werden nur ans hoher See, fern von den Küsten angetroffen, sind vorzüglich nächtliche Vögel, tauchen und schwimmen jedoch nicht, lesen vielmehr ihre Nahrung vom Wasserspiegel ab, indem sie dicht über denselben fliegen n. ihn so zu sagen laufend mit ihren Beinen betasten, daher auch St. Petersvögel genannt. Ihre Nahrung ist nicht bestimmt erkannt, im Magen findet man nur Thran, den sie im Strahl zu ihrer Vertheidignng ausspritzen können. Nest auf hohen Klippen. Ei weiß. Arten: Mi. peluAioa L., Kleiner S., kleinster Schwimmvogel, 16 em. Bürzel, Flügelstrich u. untere Schwanzdecken weiß, sonst tief rußbraun. Wird gerupft u. mit einem Docht durchzogen als Thranlampe benutzt. Atlantischer Oceau, auch Mittelmeer. Mi. loaedii Demi»., 21 om. Schwanz gegabelt. Nur obere Schwanzdecken u. die Seiten der unteren weiß. Nicht so häufig, ebendort, doch mehr in den wärmeren Theilen. Beide schon mehrfach nach Deutschland verschlagen. Farwick. Sturm- u. Drangperiode, s. Deutsche Nationalliteratur, S. 207 ff. Sturmvogel, Drooellaria. L., Vogelgatt, ans der Fam. der Sturmvögel. Schnabel kurz mit aufgetriebener Hakenkuppe. Naseuröhren zu einer einzigen verschmolzen, jedoch innen mit Scheidewand. Kinneck stark vortretend. Hinterzehe warzig, mit spitzer Kralle. Fliegen selbst dem Sturm trotzend, dicht über dem Meeresspiegel. Ruhen schwimmend aus. Gesellige Vögel, welche durch Thranspritzen sich vertheidigen. Nahrung mannichfaltig, bes. Aas. Brüten auf Felsen oder Klippen. Weit verbreitet. Hierher: ?. xkaeialis L., Eis-S., 50 om. Gefieder mövenartig gefärbt. N.- u. SPolarmeer. ?. ea- peiwia, Captanbe. Dohlengroß, schwarzblau, Cap. ?. rffbantes, Niesen-S. Von der Größe einer Gans. Nußbraun. Slldmeer. Farwick. Sturmvögel, krooellarückas Dore. (Pllbinarsg, Röhrennasen). Vogelfam. ans der Ordn. der Lang» flügler. Schnabel gerade, tief gefurcht, Spitze mit abgesetzter, hakiger Kuppe. Zwei dem Schnabel aufliegende Röhrchen tragen vorn die Nasenlöcher. Läufe vorn meist genetzt. Die drei Vorderzehen durch Schwimmhäute verbunden, Hinterzehe fehlend od. verkümmert. Meeresvögel, ausdauernde Flieger, schwimmen u. tauchen wenig, lesen vomWasser- spiegel ihre Nahrung; nur zur Brutzeit auf Klippen u. Felsen; nur ein weißes Ei. Junge Nesthocker. Die L>. gehören mit zn den Guanolieferanten. Kleine bis sehr große Schwimmvögel aller Zonen. Hierher die Gatt. Oiomoäoa L., Albatroß, kukti- nus Li'»«., Tauchersturmvogel, Diialauaiäroma Lx., Sturmschwalbe, krooollaria L., Sturmvogel ls. d.) n. andere. Farwick. Sturm von Sturmeck, s. Sturm i). Sturmwarnungen, die vor dem Herannahen eines Sturmes an verschiedenen Küsten Deutschlands, Englands, Hollands, Belgiens, Frankreichs, Italiens n. NAmerikas auf telegraphischem Wege von einer meteorologischen Centralstclle aus signalisirten Mittheilungen, welche bezwecken, Schifsssührer vor einem kommenden od. wahrscheinlichen Sturme zu warnen. Die S. bilden einen wichtigen Theil der praktischen Meteorologie u. beruhen auf der Kenntnis) der Sturmgesetze u. des gerade stattfindenden Zustandes der Atmosphäre. Die an mehreren u. über ein weites Gebiet vertheilten meteorologischen Stationen gleichzeitig gemachten Witterungsbeobachtungen werden telegraphisch einer Centralstation mit- getheilt, wo sie zusammengestellt u. in eine Wetter- 75 Lturnus — Sturzen-Brcker. karte eingetragen werden, woraus dann das Herannahen eines Sturmes mit großer Sicherheit gefolgert werden kann. Von der meteorologischen Centralstation kann durch Vermittelung des elektrischen Telegraphen nach allen Richtungen hin die Schifffahrt noch rechtzeitig gewarnt u. vor empfindlichen Verlusten an Gut u. Menschenleben gesichert werden. Zu diesem Zwecke sind an den verschiedenen Küsten Signalstellen errichtet, an denen die Sturmsignale in einer Weise gegeben werden können, daß sie den Schiffsführern die Richtung u. wahrscheinliche Starke des kommenden Sturmes im Voraus anzeigen. Die Sturmsignale bestehen aus einem Kegel und einem Cylinder von mit Segeltuch überzogenem Weidengeflecht u. werden ans den Masten der Leuchtthürme aufgepflanzt. Zeigt z. B. der Kegel mit der Spitze nach oben, so ist ein von N. kommender Sturm zu erwarten; weist die Spitze nach unten, kommt der Sturm aus S. Der Cylinder zeigt einen Wirbelsturm an. Droht ein Orkan aus N., so wird der Kegel mit der Spitze nach oben über den Cylinder gestellt, umgekehrt, wenn ein solcher ans S. kommt. Bei Nacht ersetzen Laternen, welche so angebracht sind, daß sie die Kegel od. den Cylinder vorstellen, die Tagsignale. In Europa wurden die S. zuerst durch LeVerrierss.d.) 1856 eingeführt. In den Niederlanden hat Buys-Ballot Sturmsignale eingeführt, welche er Aeroklinoskop nennt und welche den Vorzug haben, jederzeit den Zustand der Atmosphäre anzudeuten. An einem quadratischen Pfahle ist eine starke eiserne Röhre angebracht, welche mittels eines Hebels um ihre vcrticale Achse gedreht u. in einer bestimmten Stellung festgestellt werden kann, indem man den Hebel in eine der Einkerbungen des gleichfalls an dem Pfahle befestigten eisernen Bogens einsetzt. Die eiserne Röhre trägt an ihrem oberen Ende einen beweglichen Arm, dessen Neigung gegen die Horizontale mittels einer Stange durch Einstellen . des untersten Endes an bestimmte Stiften regulirt werden kann. Der Zweck dieser Vorrichtung ist, die Differenz der Barometerstände zwischen zweien der vier niederländischen Stationen Gröningen, Helder, Vliessingen u. Mastricht anznzeigen, deren telegraphisch nach Utrecht gemeldete Beobachtungen von hier aus den verschiedenen niederländischen Häfen mitgetheilt werden. Nach Liesen Mittheilungen wird dann die Einstellung des Aeroklinoskops besorgt. Der besseren Unterscheidung wegen ist die nördliche Hälfte des beweglichen Armes roch, die südliche weiß angestrichen, außerdem ist an dem südlichen Arme eine aus Blechstreifen gebildete Kugel befestigt. Am unteren Theil des Apparates sind 9 eiserne Stifte angebracht. Wird das untere Ende der mit dem Arm verbundenen Stange an den mittleren Stift angesteckt, so steht der Arm wagrecht, was anzeigt, daß der Barometerstand auf den nördlichen Stationen dem ans den südlichen gleich ist. Steht das Barometer auf der nördlichen Station um 1, 2, 3, 4 min tiefer, als aus der südlichen, so wird das untere Ende der Stange an den 1., 2., 3., 4. Stift unter dem mittleren angesteckt,umgekehrt wird das untere Ende der Stange an einem der 4 oberen Stifte angesteckt, wenn das Barometer auf der südlichen Station tiefer steht, als aus der nördlichen. Vgl. Müller, Lehrbuch der kosmische» Physik, 4.A. Braunschw. 1875. Buys-Ballot empfiehlt neuerdings eine Form des Aeroklinoskops, welche vom holländ. Artillerie- Major Kormhout herrührt. 8turnur, Vogel, s. Staar. Stnrt, Charles, berühmter austral. Entdeckungsreisender, Engländer von Geburt, entdeckte 1828 auf einer ihm von der Regierung übertragenen Expedition zur Aufsuchung eines vermutheten großen Sees im Innern von Australien den Darling u. auf einer zweiten Expedition 1829—30 den Murray, den er abwärts bis zur Mündung befuhr. Diese Gegenden besuchte er auch 1838 wieder. 1844—46 führte er von Adelaide aus in Begleitung von John Macdonall Stuart (s. d.) n. A. eine Expedition, auf welcher er den Cooper Creek entdeckte und bis ins Herz des Continents vordrang. Er st. erblindet 16. Juni 1869 zu Cheltenham in England. Er veröffentlichte: ll'rvo sxploratioiw inko tds ivtorior ok LoiMsrn LmstraUa 1828—31, Lond. 1833,2 Bde., u. Narrative ok an expeckrtion into Oontral L.u- stralia 1844—46, ebd. 1849. Schroot. Sturz, 1)HelfreichPeter, deutscher Prosaiker, geb. 16. Febr. 1736 in Darmstadt, studirte 1754 bis 1757 in Göttingen, Jena u. Gießen die Rechte u. Schönen Wissenschaften, stand dann in München n. Glückstadt in Privatdiensten u. ging hieraus nach Kopenhagen, wo er Privatsecretär des Grafen Bern- storff u. 1763 Secretär im Ministerium des Auswärtigen wurde, begleitete 1768 als Legationsrath den König Christian VII. nach England u. Frank- reich, wurde 1770 bei dem Generalpostdirectorium angestellt, aber 1772 nach Struensees Fall seines Dienstes entsetzt, privatisirte hierauf in Glückstadt u. Altona, wurde 1772 Oldenburgischer Regierungsrath, 1775 Etatsrath, st. 12. Nov. 1779 auf einer Reise in Bremen. Er schr. äußerst geschmackvoll u. elegant: Erinnerungen aus dem Leben des Grafen Johann Hartwig Ernst von Berustorff, Lpz. 1777; Briefe eines Reisenden, ebd. 1777; Schriften, ebd. 1779—82, 2 Bde. Vgl. Max Koch, Helfrich Peter S. nebst einer Abhandlung über die Schlesw. Literaturbriefe, München 1879. 2) JohannJakob, Generalconsul, geb. 1800 in Frankfurt a. M., ging als junger Mann nach Mejico, studirte dann in England das Maschinen- u. Bergfach u. ging dann als Ingenieur einer engl. Silberbergwerksgesellschaft nach Brasilien. Hier verwandte er sich nebenbei auch für die Hinlenkung deutscher Auswanderer nach Brasilien, spec. den Prov. Santa Catarina u. Rio Grande do Sul, sah sich aber später, nach Deutschland zurück- gekehrt, infolge Hintergehung solcher Auswanderer Lurch brasil. Plantagenbesitzcr veranlaßt, entschieden dagegen aufzutreten, wobei er aber, wie sich später herausstellte, zu weit gegangen war. Ein besonderes Verdienst von S. liegt auch in seinen mit Energie betriebenen philanthropischen Bestrebungen, so gegen den Kulihandel, gegen die grausame Art des Vichtransports rc. Er st. 4. Dec. 1877 in Friedenau bei Berlin. Er schrieb u. a.: Die deutsche und die chinesische Ans- u. Rückwanderung in ihrer Bedeutung für das Deutsche Reich, Berl. 1876 n. Der wiedergewonnene Welttheil, ein neues gemeinsames Indien (bei Gelegenheit des Congresses von Asrika- sorschern in Brüssel), ebd. 1876. 2 ) t. Sturzen-Becker, OscarPatrick (pseud. Or- var Odd), schwedischer Schriftsteller, geb. 28. Nov. 1811 in Stockholm, gest. in der Gegend von Hel« 76 Sturzsee smgborg 16. Febr. 1869; wirkte als Journalist, so wicderholentlich als Mitarbeiter ain ^ktonblackst, auch selbständig (z. B. als Herausgeber von 8ban- ckinavislc Auüsbto, 1861—62), im Interesse des Liberalismus u. des Skandinavisnius; zugleich hat er sich als Causeur n. Feuilletouist beliebt gemacht. Er lieferte verschiedene poetische Arbeiten (z. B. Orstkoiousn 6rnküakin) u. eine sehr lesbare Übersicht der »eueren schwedischen Literatur unter dem Titel Ornppsr voll personaler. Seine 8amlacks arbsisn, 7 Bde., erschienen 1860 ff. Sturzseeist eineüber dasSchiffbrechendeWelle. Stuterei, so v. w. Gestüt, s. u. Pferd, S. 313. Stuttgart, Haupt- u. Residenzstadt des Königreichs Württemberg am Nesenbache, zwischen Weinbergen 268 w ü. d. M., einer der Mittelpunkte der Württembergischen Staatsbahnen, mit Berg und Kannstadt durch Pferdebahnen verbunden; Sitz der Ministerien, sämmtlicher Centralbehörden, der Ständeversammlnng, eines Hauptpostamts rc. Unter den öffentlichen Plätzen verdienen außer dem alten und neuen Schloßplatz mit der Planie noch der Marktplatz, ans welchem einige wenige hohe, spitzgieblige, mit Hellen Erkern versehene Häuser sich erhalten haben, der St. Leonhards-, Hospital-, Dorotheen-, Charlotten-, Wilhelms- u. Feuerseeplatz, sowie das Rondel vor dem Neckarthor mit dem Danneckerbrunnen Erwähnung. Der an die Jnbiläumssäule angelagerte und von Kastanienalleen, dem neuen und alten Schlöffe, Königsbau, Theater und Kronprinzenpalais umschlossene neue Schloßplatz hat grüne Rasenplätze mit Blumenparterres, Gesträuchen u. Lorbeerbäumen, rechts u. links von der Säule je eine Fontäne mit Bassins u. großen Brunnenschalen, deren Fuß allegorische, die bedeutendsten Flüsse des Landes darstellende Figuren umgeben. Bon den öffentlichen Gebäuden sind zu erwähnen; das alte Schloß, seit 1553 von Herzog Christoph erbaut und von starken runden Eckthürmen flankirt, jetzt dem Oberhofmeisteramt sammt betreffenden Kanzleien, der Oberhofkasse rc. od. Beamten des königl. Haushalts zu Dienstwohnungen angewiesen. Das neue Schloß, 1746—1807 im Renaissancestil erbaut, enthält außer 140 kostbaren Gemälden, Statuen u. Bronzen in vier Sälen Frescomalereien aus der württembergischen Regentengeschichte von Gegenbaur; im Weißen Saale in Ölfarbe ausgeführte Deckengemälde, den Apollo darstellend, sammt anderen Scenen aus der griechischen Mythologie von demselben Meister. Bor der Hanpteinfahrt die beiden Schildhüter des württem- bergischeu Wappens, ein Löwe und ein Hirsch, auf vierseitigen Pfeilern. Mit dem Schlosse stehen die dazu gehörigen Nebengebäude, die ehemalige Aka- demie, der Leibstall u. das Reithaus in Verbindung. Gegenüber dem alten Schlosse der sogenannte Prinzenbau (1605—1677) im Italienischen Stil; an der oberen Neckarstraße das Prinzessinnenpalais nach Saluccis Plan 1840 vollendet (jetzt von der Prinzessin Marie, Schwester des Königs, bewohnt); am Schloßplatze das kronprinzliche Palais (gegenwärtig von Prinz Wilhelm, dem voraussichtlichen Thronfolger bewohnt), im Italienischen Stil von Gaab 1846—50 erbaut. Ferner das Hoftheater, das Mar- stallgebäude !c. Unter den älteren Kirchen ist nur die Stiftskirche (1495 vollendet, der größere Thurm - Stuttgart. von 1531) bemerkenswert!). Sie besitzt über dem sog. Apostelthor an der Südostseite werthvolle Sculp- turen aus der Passionsgeschichte, treffliche Glasmalereien im Chor (1878 vollendet) und in dem Fenster über dem westlichen Haupteingang, nach Cartons von Neher durch die Gebrüder Scheerer in München 1847—78 ausgeführt und die Hauptmomente aus dem Erlösungswerke darstellend. In dem Chor 11 steinerne Statuen württembergischer Fürsten; unter demselben die fürstliche Gruft. In der Hospitalkirche das von Dannecker hierher gestiftete kolossale Modell seiner Christnsstatue rc. Dabei der Kreuzgang eines früheren Dominikanerklosters (jetzt Bürgerhospital) mit vielen Grabdenkmälern, darunter das Monument Reuchlins. Dagegen hat S. an neueren Kirchen die im 1.1874 vollendete, im spätgothischen Stil von Leins erbaute, auf einer Halbinsel des Feuersees gelegene Johanniskirche u. die von Egle im frühgothischen Stil erbaute neue katholische Kirche, sowie die neue Garnisonskirche u. die Kirche der Vorstadt Haslach, beide im romanischen Stil anfzuweisen. Außerdem ist zn erwähnen die 1860 vollendete Synagoge im maurischen Stil. SonstigeGebäude:die neue Bibliothek, das Gebäude des königl. Haus- u. Staatsarchivs u. des Naturaliencabinets, das Museum der bildenden Künste, gleich jenem nach von Barths Plan 1838—43 im Italien. Stil erbaut, mit Gemälde- u. Antikensammlung, sowie sämmtlicheThorwaldsenlcheSchöpf- ungen in Gips. Im Festsaal Wandgemälde von A. Bruckmann; im Borhofe eine Copie der Mediceischen Venus; das im Palaststil erbaute neue Justizgebäude; der 1855—60 durch Leins errichtete Königsbau, mit jonischer Colonnade, zweimal unterbrochen durch höhere korinthische Säulen, welche die langgestreckte Masse unterbrechen u. den Mittelbau hervorheben. Die Rückwand der vorderen Colonnade, so wie die rückwärts befindliche, glasbedeckte Passage enthält Verkaufslocale. Der große, fast die ganze Länge des Gebäudes einnehmende Saal ist für Musikausführungen, Bälle rc. bestimmt. Außerdem: das Ständehaus, das alte Kanzleigebäude, 1566 vom Herzog Christoph ausgeführt; das neue Kanzleigebäude (1838), die königl. Münze (1842), die Jnsanteriekaserne (1827—1843), die Reiterkaserne (1841—45), das Katharinenhospital (1820—27), nebst Pockenhaus und Landeshebammenschule nebst Gebäranstalt, dasPönitentiarhaus(l846—48), das Polytechnicum, die Baugewerkschnle, die Gymnasien, wie überhaupt zahlreiche Schulgebäude, der 1834 errichtete Bazar. Die Liederhalle, ein dem Männergesangverein Liederkranz gehörendes weitläufiges Gebäude mit Garten und einem, 5000 Zuhörer fassenden C oncertsaal. Das von Walther und Wagner neu erbaute obere Museum, mit eleganten Lesecabineten u. Gesellschaftsräumen nebst den schönen Gartenanlagen der Silberburg das neue Bahnhofsgebäude im Renaissancestil mit reicher Fayade, großartiger Vorhalle u. zwei glasbedeckten Einsteigehallen; endlich Las neue Postgebände. Oeffent- liche Denkmale: die zum Andenken des Königs Wilhelm I. errichtete 33 in hohe Jnbiläumssäule aus Granit mit Hochreliefs n. allegor. Figuren aus Bronze; die Säule trägt eine Victoria ;ferner: die nach Thorwaldsens Modell von Stiglmayer gegossene Schillerstatue; die Silcher-, Uhland-, Schwab- und 77 Stutzbeutler - Schubert-Denkmale im Garten der Liederhalle; das Herzog Eugen-Denkmal auf dem Eugenplatz. Die Reiterstatue des Herzogs Eberhard im Bart im Hofe des alten Schlosses. Zu den wissenschaftlichen Sammlungen gehören: die königliche Handbibliothek, die öffentliche Bibliothek, das Archiv-, die Münz- u. Medaillen-, auch Kunst- n. Alterthümer- sammlung, das Naturaliencabinet, die plastische u. di« Gemäldesammlung mit Kupferstichsammlung u. Cabinet von Handzeichnungen, Zoologischer Garten. Unterrichtsanstalten: Gymnasium, Polytechni- cum mit meteorologischer Station, Kunstakademie, Baugewerkeschule, Sonntagsgewerbeschule, gewerbliche u. kaufmännische Fortbildungsschule, Realanstalt, höhere Handelsschule, Thierarzneischule, Musik- und Gesangschule, Katharinenstift für die weibliche Jugend, Olgastift, eine Parallelanstalt von letzterer u. eine Menge Privatiustitute.Wohlthätigkeits- anstalten: Waisenhaus, dieKatharinen-,Marienpflege, Katharinenschule und Paulinenpflege, der Frauenverein für Versorgung verwahrloster Kinder u. sonstige Kinderanstalten, Nikolauspflege (Blindeu- asyl), der Verein zurUnterstützungverschämterHaus - armen, Paulinenverein u. Kreuzerverein (für Landarme), das Bürgerspital, Armenhaus mit Armen- beschästiguugsanstalt, das Katharinenhospital, in Heil- und Gebäranstalt zerfallend, die Olgakiuder- heilanstalt, das Garnisonhospital, zwei orthopädische Heilanstalten, heilgymnastische Anstalt, die Pau- linenhilfe, evangelische Diakonissenanstalt, das Lud- wigsspital, das katholische Krankenhaus, die könig- liche Centralleitung des Wohlthätigkeitsvereins rc., Verein zur Beschaffung künstlicher Glieder; Wllrt- tembergischer Handelsverein, königliche Centralstelle für Gewerbe u. Handel, königliche Centralstelle für Landwirthschaft rc. Der beträchtliche Gewerbfleiß liefert Leinen-, Baumwollen- und Seidenwaaren, Damaste, Teppiche, Stickereien, Corsetts, Galanterie- lederwaaren, Bunt-, Glanz- u. Kartenpapier, Peitschen, Stearinlichter, Parfümerien, Schirm- und Spazierstöcke, Möbel, Goldleisten, Holzwaaren u. Dosen, Spielwaaren, Tapeten, Bijouteriewaaren, Metallbuchstaben, Metallschreibtafeln, Gartenmöbel aus Metallgeflechten, Waffen, Wagen, Handwerkszeug, Chemikalien, Chocolade, Conditorei- u. Tragantwaaren, Schaumweine, Rübenzucker, Zink- und Bronzegegenstände, Maschinen, mathematische, physikalische, optische, musikalische Instrumente rc. Auch findet hier jährlich eine Tuchmesse, ein Pferdemarkt rc. statt. Buchhandel und Buchdruckerei nehmen sowol im wissenschaftlichen Berlage als namentlich auch durch elegant ausgestattete Prachtwerke und die Specialität des bellelristischenZeitschriftenverlsgs eine der hervorragendsten Stellungen in Deutschland ein. Der Handelsverkehr ist von Jahr zu Jahr im Steigen begriffen. Spaziergänger der Schloßgarten, gewöhnlich die Anlagen genannt, mit seinen prächtigen Baumgruppen und Rasenplätzen, seinen Seen, seiner Fontaine, 23 m hoch springend, der Danneckerschen Gruppe der Quell- u. Wiesennymphe, derHylasgruppe u.derPserdegruppe vonHofer u. den zahlreichen Marmorstatuen, unter denen sich namentlich die neuerdings wieder aufgestellten zahlreichen guten Copien der verschiedenen Venns-Statuen anszeichnen, der in gärtnerischer Hinsicht aus- gezeichneleStadtgarten,das königl. Landhaus Rosen- — Stutzkäfer. stein mit Gemälde u. Marmorstatuen, die kronprinz- liche Villa im Renaissancestil 1846—53 von Leins erbaut, die Wilhelnia, eine im maurischen Stil durch Zanth ausgeführte Villa. 1875: 107,273 Ew., darunter etwa 13,000 Katholiken und 2400 Israeliten. Nach der Sage verdankt S. seine Entstehung einem Stutengarteu, welcher bei der gegenwärtigen Stiftskirche gelegen war, daher das früheste Wappen S-s eine schwarze Stute mitsaugendem Fohlen in weißem Felde. Urkundlich kommt der Name S. erst im I. 1229 vor, doch war es 1286 schon stark genug, um bei einer Fehde Eberhards des Erlauchten mit dem Kaiser Rudolf von Habsburg eine siebenwöchige Belagerung auszuhalten. 1320 wurde es zur Residenz erhoben n. das Chorherrnstift von Beutelsbach hierher verlegt. Mit dem Tode Eberhards 1325 tritt ein längerer Stillstand ein; erst mit Ulrich den. Vielgeliebten (1441) gewinnt es wieder einen erhöhten Aufschwung, indem derselbe nicht nur die Eßlinger- und die sogenannte reiche Vorstadt, sowie den Marktplatz anlegte, die Befestignngswerke erweiterte, sondern auch die noch bestehenden Haupt - kirchen und das Rathhaus erbaute. 1482 wurde S. zur Hauptstadt des Landes erklärt, litt aber später dadurch, daß Eberhard Ludwig auf eine Zeit lang Ludwigsbnrg zur Residenz machte. Herzog Karl Eugens Baulnst und Prachtliebe riefen auch in S. manche Werke der Architektur ins Dasein; aber erst König Friedrich dachte nach erlangter Königswürde darauf, die alte herzogliche Residenz durch eine Menge Straßenanlagen u. Neubauten zu einer Königsstadt zu erheben, ein Ziel, das aber erst sein Sohn und Nachfolger, der 1864 verstorbene König Wilhelm verwirklichte. Vom 6.—18. Juni 1849 fanden hier die Sitzungen des Rumpfparlaments statt. Vgl. Pfaff, Geschichte der Stadt S., Stuttg. 1845 ff., 2 Bde.; Beschreibung des Stadtdirections- bezirks S., herausgeg. von dem kgl. statist.-topogr. Bureau, ebd. 1856; Klaiber, Die Stadt S. u. ihre Umgebung, ebd. 1871; Müller, S. und seine Umgebung, 5. A. ebd. 1877; Karte von S. mit Umgebung 1 : 22,000, ebd. 1878. t. Stutzbeutler Okosroprw OMb., Säugethiergattung aus der Fam. der Springbeutler, mit zwischen den Ohren sehr breitem Kopse, sehr langer Schnauze. Ohren lang, elliptisch, fast nackt; Beutelöffnung abwärts gerichtet; Vorderbeine schmächtig mit nur zwei Zehen, Hinterfüße vierzehig, nur die 4. Zehe kräftig entwickelt; Schwanz kurz; Arten: OK. castaucckis (seanäabus), Kanincheugroß, branngran, unten weißlich; Neu-Süd-Wales, in der Ebene. Nährt sich von Kerbthiereu und Pflanzen- stoffen. Farwick. Stützbüchse od. Stutzen, ein kurzes gezogenes Gewehr, gewöhnlich mit Stechschloß; in der Schweiz überhaupt als Bezeichnung der größeren Handfeuerwaffen gebräuchlich. Stutzkäfer, Rwtsriäas Lsucb., Käferfamilie. Kleinere glatte, schwarz od. metallisch gefärbte, we- gen ihres kurzen gedrungenen, flach gewölbten Körpers und der harten Körperbebeckung mol als die Schilbkröten unter den Insekten bezeichnete Käfer. Fühler kurz, gekniet; Schaft lang, die drei letzten Glieder knopfartig; Taster fadig; Halsschild vorn ausgerandet, den gestutzten, längssurchigen, oft roth punktirten Flügeldecken eng anliegend; Beine kurz, 78 Stüve — platt, in Aushöhlungen zurückziehbar. Vorderes Schienenpaar meist verbreitert, Grabschienen. Im Mist und an Äsern, auch in Ameisennestern. Beim Anrühren stellen sie sich todt. 800 Arten, überall verbreitet. Gatt. Hwtei L., Kopf unter das Halsschild zurückziehbar; Fühler stirnständig, mit ovaler Endkeule; Decken mit 7 -feinen Längsfurchen. Hier- her einfarbig schwarze Arten, als: H. unloolor, oardouarius, cacko-veriiins und als roth fleckige II. bi- u. gnaärimaoulstns. Die größte der schwarzen Arten: L. Kixas, 2,z em, gehört dem Cap an. In Ameisenwohnungen lebt u. a. üstuerius guackrutus 2,2 wm, rostgelb. Den S-n nahe verwandt sind die augenlosen Olavixsr-Arten mit langen schnür- od. keulenförmigen Fühlern u. kurzen Decken. Auch diese leben in Ameisenhausen. Farwick. Stüve, Johann Karl Bertram, Hannöver. Staatsmann, geb. 4. Mai 1798 in Osnabrück, wurde, nachdem er in Berlin u. Göttingen Jurisprudenz studirt, im I. 1820 Advocat u. im Sept. 1833 Bürgermeister in seiner Vaterstadt, über deren Geschichte er mannigfache Untersuchungen anstellte. 1824 gab er den 3. BL. der Osnabrllcker Geschichte von I. Möser heraus. Dann erschien 1826 die Fortsetzung der von Friderici u. einem Bruder S-s begonnenen Geschichte der Stadt Osnabrück aus Urkunden, Bd. 3. Hierhin gehören ferner S-s Geschichte des Hochstifts Osnabrück, 2 Thle., Osnabr. 1853, Jena 1872 (bis zum Jahre 1623) und Zur Geschichte der Stadtverfassung von Osnabrück (Mittheilungen des Histoc. Vereins zu Osnabrück VIII.). Seit 1831 war er als Abgeordneter auf dem Han- növerschen Landtag thätig u. wurde 1834 von den Osnabrückischen Provinzialständen zum Schatzrath erwählt. Da er durch den von ihm ausgegangenen Antrag der Stände vom 30. April 1831 vorzüglich den Anstoß zu der neuen Verfassung gegeben hatte, so wurde er zum Mitglied der Commission zur Einweisung des Grundgesetzes und der Verfassung gewählt, die 1833 angenommen wurde. Durch seine Jena 1832 erschienene Schrift lieber die gegenwärtige Lage des Königsreichs Hannover gerieth er mit der liberalen Partei und der Regierung in Conflict, doch trat letztere später seiner Meinung über die Zusammensetzung der Stände bei. Als Ernst August zwei Tage nach seinem Einzuge in die Residenz (28. Juni 1837) die Vertagung der Stände aussprach, bevor er noch die Beobachtung des im I. 1833 vereinbarten Staatsgrundgesetzes gelobt hatte, oppvnirte, nachdem die erste Kammer das Vertag- ungsdecret schweigend hingenommen, S. in der zweiten Kammer, indem er daraus hinwies, daß der König die Regierung noch nicht angetreten habe. Er schrieb dann Vertheidigung des Staatsgrundgesetzes sürdasKönigreich Hannover, herausgegeben von Dahlmann, Jena 1838. Eine Aenderung der mißlichen Stellung, in welche ihn seine fortwährende Opposition gegen die Regierung brachte, die freilich vergebens sich bemühte, einen Criminalproceß gegen S. anzustrengen, trat erst 1848 ein, wo ihn der König im März mit dem Portefeuille des Innern in dem neugebildeten Cabinet betraute, dessen eigentlicher Leiter er wurde. Sein Verdienst ist es, jede Ueberstürzung vom Lande fern gehalten u. die Umbildung der Verfassung vorsichtig bewerkstelligt zu haben. Mit der Entwickelung der Dinge in Frank- furt u. Berlin konnte er sich durchaus nicht befreunden; seine Stellung wurde nach dem Eintritt der Restauration unhaltbar und nach oft wiederholten Krisen trat er 27. Octbr. 1850 ab, wurde wieder Bürgermeister von Osnabrück und blieb als solcher eins der hervorragendsten Mitglieder der Ständeversammlung, bis ihm als städtischen Beamten der Urlaub verweigert wurde. In dieser Zeit schrieb er noch: Wesen u. Verfassung der Landgemeinden und des ländlichen Grundbesitzes in Niedersachsen und Westfalen, Jena 1851, und Bemerkungen über den sächsischen Krieg u. seine Folgen für Westphalen (P. Wiegand, Archiv für Geschichte u. Alterthumskunde Westfalens, III. Hamm, Lemgo 1826—38). 1864 legte er seinAmt als Bürgermeister nieder, wurde aber 1869in das Burgervorstehercollegium gewählt. Mit der neuen Ordnung der Dinge in Deutschland hat er sich bis an sein Lebensende, 12. Februar 1872, nicht aussöhneu können. Schmitz. Styl, s. Stil. Styliten (V.Gr.,Kioniten, 8aueti eolnmnarss, Säulenheilige), überspannte Asketen der Orientalischen Kirche, die Jahre lang auf einer Säule stehend sich in den Ruf besonderer Heiligkeit setzten. Sie waren Nachäfser des Simeon Stylites; berühmt sind noch Simeon der Jüngere, Daniel, Alypios (Bischof von Adrianopel), welcher sein Amt verließ u. 70 Jahre auf der Säule lebte. Im Abendlande fand daS Beispiel keinen Nachfolger, wenigstens ließ der triersche Bischof, als der Mönch Bulsilaik im Winter barfuß seine Wohnung auf einer Säule nahm, dieselbe niederreißen (591). Dagegen blieb die Sitte im Orient, u. noch im 12. Jahrh. fanden sich dort S.; um 1186 werden deren auch in Rußland erwähnt. Löffler. Stylobaten, Säulenfüße, Säulengestelle,die einzelnen aus fortlaufenden Postamenten (Stereobaten) entstandenen Fußgestelle der Säulen. Stylos (gr.), 1) schmale, enge Thürme, inwendig mit einer Treppe, oben mit einer Brustlehne; 2) die Säulen, auf welchen die Styliten lebten; sie waren Monolithen, hatten oben eine Vertiefung, um welche ein Fries lief, u. waren mir einem Dache bedeckt, so daß die Styliten nichtimmer zu stehen brauchten u. der Witterung nicht allzusehr ausgesetzt waren; 3) s. Griffel; 4) s. Stil. Stylus, 1) s. Stylos; 2) so v. w. Griffel, s. u. Blüthe VIII. Stymphalis (a. Geogr.), See im nördlichen Arkadien, berühmt durch die Sage von den Stym- phalischen Vögeln, s. u. Herakles, gebildet durch den Fluß Stymphslos, jetzt zum Sumpf geworden. Am nördl. User des Sees lag die Stadt StymphSlos, nach welcherdernordöstlichsteLandstrichArkadiens Stym- phalra hieß u. von welcher sich jetzt noch Ruinen bei Kionia finden. Styptische Mittel, s. Blutstillende Mittel. 8hrsceas, Pflanzensam. der Klaffe der vzwsxi- rinue,nahe verwandt mit den Lbsnuosae, glatte od. durch Sternhaare filzige Bäume u. Sträucher; Blätter meist ganzrandig, ohne Nebenblätter; Blüthen regelmäßig, selten 2häusig oder polygamisch; Kelch mehr od. weniger mit dem Fruchtknoten verwachsen, 4—öspaltig, sehr selten ungetheilt; Blumenkrone dem Kelchschluude eingefügt, 4—5,selten 8- lOspal- tig. Staubblätter in 2—4 Reihen auf der Blumen- 79 vtvi-Lx — Subdiakonus. kröne, 2—4mal so viele als Kelchzipfel, selten viele, leicht verwachsen; Fruchtknoten 3—Sfächerig, Eichen meist zu 4 in den Fächern, selten einzeln; Griffel einfach, Narbe schwach 3—Slappig; Frucht trocken, Stein sruchtartig. 1—Sfächerig, mit häutigen Scheidewänden; Samen einzeln, aufsteigend oder aufgehängt; Keimling gerade, in der Achse des fleischigen Eiweißes; die Gattungen 8t)-rax, Llalssia und L^mploeos. Engter. 8txrax L., Pflanzengatt, aus der Fam. der 8t>- raooas (X. 1.) Arten: 8. oküoinalis D. Baum in der Levante u. in SEuropa, mit eiförmigen, oben dunkelgriinen glatten, unten filzigen Blättern und weißen Bllithen; Mutterpflanze des Storax oder Styrax (Judenweihrauch), das sehr angenehm riecht, gewürzhaft schmeckt u. in verschiedenen Sorten in den Handel kommt; aber auch sehr viel verfälscht wird; 8. Lsiwoiu Hrr/anÄ (Lensoiu oküolnLle LsMs) in Siam, Java, Sumatra, ebenso, nur mit länglichen, langzugespitzten Blättern u. weißen Blü- then; Mutterpflanze des Benzo'öharzes, welches angenehm aromatisch riecht, süßlich-balsamisch, etwas stechend schmeckt u. als Schweißtreibendes Mittel verwendet wird. Engler. Styrum (Stirum), Gemeinde im Kreise Mülheim an der Ruhr des preuß. Regbez. Düsseldorf, Stammschloß der Grafen von S., schöne gothische Hallenkirche; 6659 Ew.; seit 1878 mit Alstaden (s. d.) u. Dümpten vereinigt; zus. 15,156 Ew. Styx,1) (griech. Mythol.) Tochter dcsOkeanosu. der Tethys, die Nymphe des Flusses S. (eines Armes des Okeanos) in der Unterwelt, welcher dieselbe neunmal umströmte, eiskaltes Wasser hatte u. bei welchem die Götter schwuren. Die S. als Person wohnte im Eingang des Hades zum Tartaros, u. war von dem Titanen Pallas Mutter des Zelos u. Kratos, der Nike n. Bia; 2) Quelle im nördl. Arkadien, im Gebiet von Pheneas; entsprang aus einem Felsen des araanischen Gebirges bei Nonakris u. fiel in Len Krathis (j. Akrata). Ihr Wasser war sehr kalt, n. die Alten erzählten von den tödlichen u. schädlichen Eigenschaften desselben, daß es Alles, selbst Metalle auslöse, ausgenommen das Horn des Pferdehufes; jetzt Mavronero (s. d.) genannt. Hertzberg. Suada (Suadela), 1) Überredung, Beredtsam- keit, Muudserngkeit; 2) die Göttin der Beredtsam- keit, s. Peitho. Suaheli ein großer Volksstamm in Afrika, der sich entlang der OKüste vom Cap Delgado u. vom Flusse Rovuma im S. bis zur Mündung des Juba im N. ausbreitet; im Innern reichen sie nicht weit, haben aber alle Inseln u. Landungsplätze inne, sie ziehen den Handlungsstraßen nach u. haben sich in einzelnen Niederlassungen bis zum Tangauijkasee u. selbst bis Udschidschi verbreitet; ihrer Schädelbildung u. ihrer Sprache nach gehören sie zu den Kaisern, sind aber stark mit Arabern vermischt; sie sind fanatische Mohamedaner, eifrige Handelsleute, durchkreuzen als solcheselbstdenasrikan. Coutinentu.dienen als zuverlässige Führer nach dem Innern. Dronie. Suaki» (Sauakin,Souakim,Sanachinn), Stadt am Rothen Meere, Westufer, früher zur Türkei gehörig, 1865 an Ägypten abgetreten, liegt zum Theil auf dem Festlande (Marktplatz) u. zum Theil auf einer Koralleninsel, hat einen guten Hafen, Bazar, Donane, ansehnlicher Handel, ist ÜberfahrlSort für die aus dem Sudan nach Mekka ziehenden Pilger u. zählt etwa 10,000 Ew. S. ist wahrscheinlich das alte Suche u. hatte im Mittelalter als Handelsstadt große Bedeutung, kam aber nach der Eroberung durch die Türken zurück u. hat sich erst in neuerer Zeit wieder ansehnlich gehoben. Dronke. Sttarez, Franz, ein als Verfasser vieler scho- lastischer und theologischer Werke berühmter katholischer Theolog aus Granada, geb. 5. Jan. 1548. Er trat, nachdem er sich zunächst dem Studium der Rechtswissenschaften in Salamauca hingegeben, in den Jesuitenorden u. beschäftigte sich mit Philosophie u. Theologie. S Jahre lehrte er in Alcala und Salamanca, dann wurde er (1597) Prof, der Theo- logie in Coimbra. 1617 ging er nach Lissabon, um einen Streit zwischen dempäpstlichen Legaten u. den königlichen Räthen über die Grenzen der geistlichen u. weltlichen Jurisdiction zu schlichten; dort st. er 25. Sept. Am bekanntesten ist S. geworden durch seine Schriften gegen Jakob I. von England u. die kirchlichen Schriftsteller daselbst, welche die Lehre vom leidenden Gehorsam ausbildeten. Er wies mit streng philosophischem Scharfsinn nach, daßein Fürst nur soviel Machtfülle besitzt, als das Volk ihm überträgt, u. daß jedes Gesetz schließlich auf das allgemeine Wohl berechnet sein muß. S-s Lehrbücher über aristotelische Philosophie sind selbst auf protestantischen Universitäten lange alsLehrbücher gebraucht worden. Seine Ooksnsio tickst oatüolioas et apas- tolioasackvsrsus ^nKlieauae ssotss errorss, 1613 erschienen, ließ Jakob I. u. auch das Pariser Parlament 1614 öfsenlich durch den Henker verbrennen. Seine Werke: Lyon u. Mainz 1630 ff. 23 Bde. Venedig 1740, 23 Bde. Vgl. seine Lebensbeschreibung von Deschamps, Perpignan 1671 u. Werner, Fr. S. u. die Scholastik der letzten Jahrhunderte, Regensb. 1861, 2 Bde. Schmitz. 8us sponls (lat.), freiwillig. 8ut> (lat.), unter; in Zusammensetzungen, in welchen es Eigenschaftswörtern vorgesetzt wird, drückt es eine Annäherung an die durch diese angedeutete Beschaffenheit aus u. wird im Deutschen durch fast, ein wenig, od. die Sylbe —lich ausgedrückt. Subah (Subahdar), der Titel der Statthalter, welche die mongolischen Herrscher in Indien hielten. Subaltern (v. Lat.), unter einem Anderen stehend, untergeordnet, in niederen Graden stehend, bei Offizieren die niederen Grade, theilweise diejenigen welche nicht Stabsoffiziere sind, theilweise wie z. B.in Deutschland die Lieutenants. Subalternbeamte, welche nicht wenigstens Collegienräthe sind od. in deren Range stehen. Subbass, Unterbaß, ein Orgelzug im Fußwerke von 16 od. 32 Fuß Ton. Subcutau (v. Lat.), unter der Haut liegend; unter die Haut kommend; so subcutane Einspritzung, Einspritzung (von Heilmitteln) unter die Haut. Subdelegiren (v.Lat.), einen Unterbevollmäch- tigteu ernennen; Subdelegirter, Subdelegat, ein Unterbevollmächtigter. Subdiakonus, Gehülfe der Diakonen, welcher dazu eine Weihe empfing. Die Subdiakonen bestanden in der Römischen u. Afrikanischen Kirche schon in derMittedes 3., in Spanien n. im Orient indem 4. Jahrh. Seit dem l3.Jahrh. gehört der Subdiakonat in der Lateinischen Kirche zu den höheren 80 8ub äio — Subow. Weihen, u. berechtigt zur S-weihe, nach dem Tri- Lentinum nur das angetreteue 22. Lebensjahr. In der protestantischen Kirche ist S. hie u. da der Titel für Hilfsprediger L-ffl-r.' 8ub ilio, sub äivo, 8nb üovs, (lat.) unter freiem Himmel. 8ubäitlc>us (lat.), untergeschoben. Subdivifion (v. Lat.), Unterabtheilung, Unter- einlheilung. Sub-Iommus (lat.), Unterherr, Afterlehnsherr. Subduction (v. Lat.), Entziehung, Abführung durch gelinde Mittel. 8ub«eulluin (lat.), Afterlehn. 8ud basta (lat.), unter dem Spieße, z. B.: etwas s. b. verkaufen, subhastiren durch dafür aufgestellte Beamte versteigern, s. u. Auktion.; Sub hast« tion, die Versteigerung. 8ub boüiorna die (lat.), unter dem heutigen Tage od. Datum. Subiaeo (im Alterthum Sublaqueum), Stadt in der ital. Prov. Rom, malerisch in den Simbrivi- nischen Bergen unweit des Teverone; mit päpstl. Schloß,Trümmern einerVilla Neros rc. Fabrikation von Töpferwaaren, Papier, Leder, Hüten, Glocken, landwirthschaftlichenGeräthen; 7367 Ew. Nero ließ hier durch Aufdämmung des Anio 3 künstliche Seen anlegen (daher der Name), welche aber schon im Mittelalter verschwanden. Von hier ist mit dem Benedictinerorden das Mönchthum des Abendlandes ausgegangen; es bestehen in der Umgebung noch 12 Klöster dieses Ordens, darunter SagroSpeco (847 neu gebaut, die Kirche 1054—1066) mit Statue des St. Benedict, welcher hier 450 als Einsiedler gelebt. Im Kloster Santa Scolastica errichteten die deutschen Drucker Sweynheim n. Pannartz im 15. Jahrh. die erste Druckerei inJtalien. Vgl. Gregoro- vius, Lateinische Sommer, 4. A. Leipz. 1878. Sqroot. 8ublto (ital. Mus.), so v. w. eilig, geschwind; in Zusammensetzung, wie volti 8 ., wende schnell um. 8ubj., Abkürzung für Subject. Subject(v. Lat.), 1) eigentlich das Untergelegte, das zu Grunde liegende, worauf sich etwas Anderes bezieht, daher in der Logik u. Grammatik im Gegensätze zum Prädicat, das, wovon ein Anderes ge- dacht u. ausgesagt wird. Im philosophischem Sprachgebrauch, welcher bis zum 17. Jahrh. herab der herrschende blieb, das Ding, die Sache, im Gegensätze sowol zu ihren veränderlichen Eigenschaften als zu der Vorstellung von ihnen. Da die Richtung, welche die Untersuchungen über die menschliche Er- kenntniß nahmen, zu den Gedanken führten, daß der Verstellende die Voraussetzung für die Art sei, wie die Dinge ausgefaßt n. gedacht werden, so bekam das Wort S. allmählich die gerade entgegengesetzte, jetzt allgemein herrschende Bedeutung, daß S. im Gegensatz zum Object (dem Gegenstand u. dem, was ihm zukommt) den Vorstellenden als solchen bezeichnet. Subjectiv heißt daher jetzt, was dem Borstellenden als solchem angehört, von ihm ausgeht, dagegen objectiv, was den Dingen zukommt. Im verwandten Sinne spricht man von Subjcctivität u. Objektivität einer künstlerischen Darstellung. 2) Bisweilen bezeichtet S. ganz allgemein eine Person mit geringschätzender Nebenbedeutung, indem man von ihr eben nichts weiter als ihre Existenz weiß; 3) in der Musik heißt S. das Thema einer Fuge. 8ubject,o (lat.), Unterwerfung; Redeform, ver- mitelst deren man eine Frage an sich selbst richtet u. sie auch sogleich beantwortet. Subjektiv (v. Lat.), was dem Subject als solchem zukommt. Subjcctivität, der Inbegriff dessen, was einem Subject entweder allgemein als solchem, od. vermöge seiner individuellen Bestimmtheit zukommt, s. u. Subject. Subjiciren (v. Lat.), unterwerfen, unter den Fuß geben. 8ub lovo, so v. w. 8ub äro. 8ul> jlläioe (lat.) unter dem Richter, d. h. noch unentschieden. Subjunctivus, so v. wie Conjunctivus. Subleviren (v. Lat.), unterstützen, erleichtern, aufhelfen, beistehen. Daher Sublevant, Erleich, lerer,Amtsgehülfe; Sublevation (8ublovamsn), Erleichterung, Unterstützung, Amtshlllfe. Subligation (v. Lat.), die Unterbindung. Sublim (v. Lat.), hoch, erhaben, hehr. Sublimat (v. Lat.), jedes durch Sublimiren erhaltene Präparat; insbes. so v. w. Quecksilberchlorid. Sublimiren, eine chemische Operation, welche in dem Verflüchtigen eines festen Körpers, u. der Überführung des Dampfes unmittelbar in den festen Aggregatzustand durch Wärmeentziehung besteht; die verflüchtigten Theile setzen sich an den kälteren Stellen des Gefäßes oder in einem zweiten Gesäße als Sublimat, entweder als lockeres Pulver(Blu- men, Klares), wie bei der Sublimation des Schwefels, od. als eine dichte krystallinische Masse, wie der des Salmiaks, od. in einzelnen Krystallen, wie Jod, ab; die nicht flüchtigen Theile bleibensim Rückstand. Man wendet die Sublimation meist zu dem Zweck der Trennung einer flüchtigen Substanz von einer nicht flüchtigen an. 8ub liteea (lat.), unter dem u. dem Buchstaben; unter der u. der Rubrik. Sublocation, Afterpacht, Aftermiethe. Sublunarisch (v. Lat.), unter dem Monde befindlich, irdisch. Submarin (submarinisch, v. Lat.), unter dem Meer befindlich, unterseeisch. 8ubmorsus (lat.), untergetancht. Submersion, das Untertauchen, Ertrinken. Subministriren (v. Lat.), behülflich sein; an die Hand gehen, Vorschub thun. Sub ministra- tion, Handbietung zum Unterschleif, der Unterschleif. Submiß (v. Lat.), unterwürfig, uuterthänig; Submissi o n, Unterwerfung, Unterthänigkeit; Ausbietung einer verlangten Lieferung an den Wenigst- sordernden. Subordination (v. Lat.), Unterordnung; der Gehorsam, welchen Jemand in Dienstverhältnissen einem Anderen zu leisten hat. Die militärische S. ist die Grundbedingung für die Disciplin u. verlangt unbedingten Gehorsam gegen die Befehle der Vorgesetzten. Vergehen gegen die S. werden als Insubordination bezeichnet u. strenge bestraft. Subor- diniren, unterordnen. Subordinirte Sätze, untergeordnete od. abhängige Sätze, im Gegensatz der coordinirten, s. u. Satz. Subow (Zubow), russische vom 17. Jahrh. nachweisbare Familie. 1) Platon Alexandrowitsch, Fürst, geb. 5. Nov. 1767, erweckte als Lieutenant der Garde zu Pferde Katharinas II. Leidenschaft, Suboxyd - was Saltykow begünstigte und wurde Juli 1789 Günstling, Flügeladjutant u. Oberst. S. erwarb sich oberflächliche Kenntnisse, beugte sich vor Potemkin u. der Zarin willenlos u. wurde dadurch bald der einflußreichste Mann bei ihr; in ihrem Conseil entschied, nach Potemkins Tod, dessen Ansehen er zuletzt untergraben, seine Stimme. Er wurde Generallieute- nant u. Geueraladjutant u. mischte sich in alle politischen Händel, wobei er, ohne es zu ahnen, Markows Werkzeug wurde. Er bereicherte sich ungescheut u. verwirrte mit seinen Creaturen den ganzen Staatshaushalt. Bei der Theilung Polens erhielt er alle königlichen Tafelgüter in Litauen, die über 34,000 Dukaten jährlich abwarfen u.inKurlandbesaß erwie in Altrußland großartige Ländereien. 1795—9K betrieb er in Polen gewaltsam die Conversionder römischen Katholiken u. Unirten. 1792 wurdeerMinister des Äußeren, er stürzte Sievers u.verdrängteBezbo- rodko aus seiner Machtstellung, wurde 1793 Reichsgraf,Generalfeldzeugmeister, Generalgouverneur von Tannen,Jekaterinoslaw u. Cherson,dann Senator u. Chef des Chevalier-Gardecorps, 13. Juni 179 8 deutscher Reichsfürst. Mit Katharinas Tod endete seine Macht, Nov. 1796. Paul I.nahm ihm bald alle Ämter, sequestrirte seine Güter, verwies ihn 1797 nach Wladimir». stellteihnunterpolizeilicheAufsicht; dann schickte er ihn ins Ausland. 1801 erwirkte Pahlen seine Zurückberufung, um seinen Einfluß auf die Garde bei der Verschwörung gegen Paul, den S. haßte, auszunützen. S. wurve Gouverneur des I. Cadettencorps, schmeichelte Pauls Launen, schloß sich aber zugleich den Verschwörern au; in der Mordnacht rang er mit dem Zaren. Nun bildete er mit Pahlen u. Bennigsen ein Triumvirat, war entschieden für den Bund Rußlands mit England und für eine russische Handelspolitik, verfeindete sich aber rasch mit seinen College», trat 1801 ab n. ging auf Reisen, um sich bewundern zu lassen. Allen Einflusses beraubt, starb der Fürst Mai 1822. 2) Valeria» Alexandrowitsch, Grqf, des Vorigen jüngerer Bruder, geb. 1771, wurde 1789 Hanpt- mann in der Garde zu Pferde, diente unter Potemkin, wurde Flügeladjutant der Kaiserin und von ihr auffallend begünstigt, obwol er ganz beschränkt war. 1793 Gras geworden, machte er sich 1794 als Generalmajor in Polen durch Grausamkeit berüchtigt, wurde 1795 General der Infanterie und Director der Cadettencorps der Artillerie u. des Genie u. erhielt 1796 den Oberbefehl im Kriege mit Persien; verwüstend drang er durch die kaspischen Pässe vor, eroberte Derbend u. die ganze WKllste des kaspischen Meeres, Aserbeidschan lag offen vor ihm. Paul rief sofort nach seiner Thronbesteigung alle Truppen S-s ab, worauf der Graf 1797 den Abschied nahm ».auf die ihm 1795 geschenkten großen kurischen Güter ging, unter polizeilicher Anfsichtstehend. 1801 zurückberusen, wurde S. Senator und Gouverneur des II. Cadettencorps, schloß sich der Verschwörung gegen Paul an u. betheiligte sich auch am Morde. Er st. in Petersburg, 4. Juli 1804. Vergl. Kleinschmidt, Rußlands Geschichte u. Politik, dargestellt in der Geschichte des russ. hohen Adels, Kassel 1877. Suboxyd, s. Oxyd. m-inschmidl. 8ub petitu remisswnis (lat.), mit der Bitte um Zurückstellung. 8ud poena (lat.), unter Androhung einer Strafe. PiererLUniversal-Conversations-Lerikon. 6. Aufl. XI - Subsidien. 81 8ubrsptio et obi-eptio (lat.), die Erschleichung durch Verbergung od. Entstellung der Wahrheit. Subrogiren (v. Lat.), unterschieben, an eines anderen Stelle wählen od. setzen, einem sei» Recht abtreten. 8ub ross (lat.), d. h. unter der Rose, im Vertrauen, unter der Bedingung der Verschwiegenheit. Subscribiren (v. Lat.), unterschreiben; bes. durch Namensunterschrift sich zur Theilnahme an einem Unternehmen, od. zur Annahme einer Waare, verpflichten. Der sich so Verpflichtende heißt Subscri- bent, die Handlung selbst Subscription. Bes. werden Bücher u. Kunstwerke auf Subscription herausgegeben, um bei dem Unternehmen einige Sicherstellung zu haben. Die Subscription bewirkt rechtliche Verbindlichkeit, wenn auch von dem Anderen alle Versprechungen sowol in Rücksicht auf die Zeit der Lieferung, als aus die Beschaffenheit des zu liefernden Gegenstandes eingehalten worden sind. Subsellten (v. Lat.), Bänke in den Schulen rc. 8ubsemitonmm moäi, Unterhalber Ton, Halbton unter den Octaven. 8ubsequsns (lat.), das Nachfolgende, auf etwas Vorhergehendes sich beziehend. Subsidiarisch (v. Lat.), aushülflich; daher subsidiarische Verbindlichkeit, eine Verbindlichkeit, welche erst dann eintritt, wenn ein anderer seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen ist, z.B. bei der Bürgschaft; subsidiarisches Recht, ein Recht, dessen Grundsätze erst dann zur Anwendung gelangen, wenn ein anderes Recht keine genügende Entscheidungsnorm darbietet, z. B. das Gemeine Recht gegenüber einem particularen Landrecht. Subsidien (v. lat. 8llbsiäium), 1) die Triarier im römischen Heer, die hinter den Principes standen; sie hießen so, weil sie auf einem Knie lagen, bis die vorderen Reihen Noth litten; dann standen sie nach erhaltenem Commando auf, u. kamen ihnen zu Hülfe; sie waren also die Neservetruppcn. Bei Livius, Sallust, auch Tacitus werden die Triarier häufig mit subsickis bezeichnet. 2) In der neueren Zeit versteht man unter S. Hilfsgelder, welche ein Staat dem andernbei einem mit einem dritten Staat entstehenden Kriege zahlt, entweder um selbst nicht vom Kriege behelligt zu werden, od. um seine eigenen Leute nicht mit in den Krieg zu schicken. Der darüber gemachte Tractat heißt Subsidientractat. Holland ».England bes.haben häufig S. gezahlt, da sie als Seemächte den Landdienst wenig geübt, dem ihre Unterthanen überhaupt abgeneigt waren, und deshalb den ihnen verbündeten Staaten, statt Soldaten zu stellen, lieber Geld zahlten, damit diese zu gemeinsamem Zweck unter ihren Namen Truppen warben. So bekamen nach u. nach Österreich, Preußen u. andere deutsche Staaten, Rußland, Spanien u. Portugal, Neapel u. SardinienS., wogegendiese sich verbindlich machten eine gewisse Truppenzahl während derDauerdesKrieges zu unterhalten. Bes. in denRevolutions-u. den daraus folgenden Kriegen drang England seine S. jedem Staate auf, welcher nur im Geringsten Miene machte sich gegen Frankreich zu rüsten, mit dem England nach dem Bündnisse Frankreichs mit den nordamerikanischen Freistaaten 1778 in fast ununterbrochenem Kriege lag. 3) (S-gelder), in England u. in anderen Staaten die für den Land- u. Seedienst jährlich von dem II. Band. g 82 8u>r 8>Aiio — Parlamente bewilligten Gelder. 4) Lubsiäia, oüari- tativa hieß die unter Karl V. auskommende regel- mäßige Beisteuer, welche die Reichsritterschaft von ihren Unterthanen erhob u. dem Kaiser zur Verfügung stellte. Schmitz. 8ub signo (lat.), unter od. mit dem Zeichen. Subsistiren (v. Lat.), bestehen; zu leben haben. Subsistenz, Lebensunterhalt. 8ub specke (lat.), unter der Gestalt; sul, nun speeie, unter einerlei Gestalt, nämlich nur des Bro- des, wie die Katholiken das Abendmahl genießen; da- gegen 8. utragus sxeois, oder bloß sub ukragus, unter beiderlei Gestalt, nämlich des Brodes und des Weines. Daher hießen in Böhmen die Hussiten Snbutragnisten, die Katholiken Subunisten. 8ubsiantis>la, die wesentlichen Voraussetzungen und Bestandtheile eines Rechtsgeschäfts. Substantiell (v.Lat.), was eine Substanz (s. d.) ist u. ihr als solcher zukommt, daher wesentlich, selbständig, inhaltsvoll; das, was einen Stoff besitzt. Substantiv»»! (lat., Haupt-, Sach. od. Dingwort), Wort zur Bezeichnung eines gegenständlichen Begriffes. Die Substantiva bezeichnen: a) theils wirklich vorhandene Wesen (Oouersta) u. sind dann entweder: an) Nomina proxria, Eigennamen, Bezeichnungen von einzig vorhandenen Gegenständen, als Namen von Personen, Städten, Ländern, Flüssen, Bergen rc., wie Scipio, Rom, Italien, Tiber, Vesuv; zu ihnen gehören die Osnkilia, welche anzei- gen, aus welchem Lande rc. Jemand stammt, z. B. Römer; u. die kakronxmiea (s. d.); oder l>l>) Nomina appellativa (N. oommunia), Gattungsnamen, Bezeichnungen von Gegenständen u. Personen, welche gewisse Merkmale mit anderen gemein haben, also mehrfach vorhanden sind; z. B. Berg, Mensch, König. Zu ihnen gehören: Oollsetiva (Sammelwörter, welche einen aus mehreren Theilen zu einem Ganzen verbundenen Begriff ausdrllcken, z. B. Volk, Reiterei; Llatsrialia (Stoffwörter), welche einen Gegenstand bloß in Rücksicht auf das, woraus er besteht, bezeichnen, wobei die gleichartigen Theile den Namen des Ganzen führen, wie Mehl, Gold, Holz; b) theils bezeichnen sie Eigenschaften von Dingen od. Zuständen, tyelche als selbständig u. unabhängig von den Dingen, woran sie gedacht werden, erscheinen (Abstracto.). z. B. Tugend, Liebe, Hoffnung. Die S. haben verschiedenes Geschlecht, s. 6vnns. Ein S. verändern zur Bezeichnung des Verhältnisses zu den übrigen Theilen des Satzes, wodurch die 6asus n. Numeri (s. b.) entstehen, heißt Decliniren (s. d.). Manche S. sind nur im Singular gebräuchlich (8in- Aularia tantum), bes. die Nomina, propria, Ab- stravta (diese beiden nicht ohne Ausnahmen mit besonderer Bedeutung), (lollsetiva, Llatsriaiia; andere nur im Plural (kluralia tantum), welche theils nur in der Mehrzahl gedacht werden können, z. B. Eltern, theils nur durch den Sprachgebrauch üblich geworden sind, denen aber immer der Begriff einer Mehrheit zu Grunde liegt, z. B. naros die Nase (die Nasenlöcher), biblia die Bibel (die Bücher), arma Waffen. Substantiva, welche in alten Sprachen nach dem Gebrauche nicht declinirt werden, also durch alle Casus die Form desNominativs beibehalten, heißen luäsolinabilia (griech. Aptota). Die unregelmäßige Declination ist entweder a) eine abundante, bei welcher einzelne Casus, auch schon der Nominativ, - Substitution. in mehreren Formen vorhanden ist: dahin gehören die Hetero ge nea, welche, in gleicher od. verschiedener Bedeutung, im Plural ein anderes Geschlecht annehmen, als im Singular; z. B. coslum, ioous, Plural ooeli, iooa; die Hetero clita, die von einer Form des Nominativus verschiedene Formation haben, z. B. vas, vasis, vasa, vasorum; setzt eine Casusform einen anderen ungebräuchlichen Nominativ voraus, so heißt dies Metaplasmus, z. B. tsrgibus zu tsi'Aum, rcix ar-xas zu ä srrxor. Oder t>) eine d e - fecte Declination, so bei Wörtern, welche nur einen Numerus haben, od. welchen ein od. mehrere Casus fehlen, und zwar Monoptota, die nur in einem Casus Vorkommen, z. B. Zlos, cliois; Dip- to ta, welche nur in 2, z.B. ssntis, sentsm; Trip- tota, die nur in 3, z. B. viois, viesm, vios; Te- traptota, welche nur in 4 Casus Vorkommen, äi- oicmis, clicioni, ckioiousm, ckieicms. 4. , Substanz (v. Lat.), 1) im philosophischen Sprachgebrauch das, was den veränderlichen oder wechselnden Dingen u. Erscheinungen zu Grunde liegt, das unbekannte Ding an sich, das als beharrlich u. bleibend Gedachte u. dem Vielen u. Mannigfaltigen die Einheit Gebende. Über das Wesen od. die Natur der S. gehen die philosophischen Ansichten sehr auseinander, obgleich sie von jeher der Mittelpunkt ver metaphysischen Forschung gewesen ist. Einige nehmen eine Vielheit von S-cn an, andere nur eine einzige S. mit mehreren Attributen. Eine hervorragende Rolle spielt der Begriff der S. in der Philosophie des Spinoza (s. d.). Kant erklärte die Begriffe S. und Accideus (s. d.) für Denkformen des menschlichen Verstandes, durch welche nur die Oberfläche der Dinge, nicht aber das Wesen od. der tiefere Grund derselben ausgesaßt werde. 2) Im gewöhnlichen Sprachgebrauch nennt mau S. häufig überhaupt das Wesentliche, sodann Stoffe u. Materialien im unverarbeiteten Zustande, namentlich chem. u. pharmaceut. S-en im Unterschiede von ihren Verarbeitungen, Verbindungen u. Mischungen rc. Specht. Substitut (v. Lat.), Stellvertreter, s. u. Substitution ; Beigesetzter, Nachgeordneter im Amte eines Älteren, bes. bei Prediger- und Schullehrerstellen. Das Übrige s. u. Substitution. Substitution (v.Lat.), Stellvertretung. Jnsbes. 1)dieVerfüguug,wodurchJemandsinenStellvertre- ter für sich ernennt; daherSubstitutionsclausel (Olausula substitusncki) in Vollmachten die dem Bevollmächtigten ertheilteBefuguiß, sich anseinerStatt auch einen Stellvertreter zu erwählen, dessen Handlungen dann eben dieselbe Verbindlichkeit für den Principal erzeugen, als die des ersternannten Bevollmächtigten; 2) im römischen Testamentsrecht: a)die Verfügung, wodurch für den Fall, daß ein ernannter Erbe nicht Erbe werden könnte od. wollte, eine an- derePersouzumErben ernanntwird. Da dies der gewöhnliche Fall war, in welchem in Testamenten solche S-en vorkamen, so wurde eine solche S. 8ubstitutüo vulgaris genannt. Wurden mehrere eingesetzte Erben sich gegenseitig substituirt, so heißt die S. 8. rs- oixraoa. Einem Substituten konnte wieder ein Substitut unter gleicher Bedingung gegeben sein, so daß man Substituten primi, soouuäi etc. Arackus unterschied. Eine Modification der Vulgär-S. bildet b) die Pupillar-S. (8. papillaris), wonach es dem Hausvater erlaubt ist, wenn er über sein ei- > Substrat — genes Vermögen testirt, zugleich dem in seiner väterlichen Gewalt befindlichen unmündigen Kinde (8uus impubss) für den Fall, daß letzteres in der Unmündigkeit versterben würde, in demselben oder einem nachfolgenden Testament (8seunckas tabulao) einen Erben zu ernennen. Nach Analogie der Pupillar-S. wurde durch Justinian auch o) eine Quasipupil- lar-S. geschaffen, indem bestimmt wurde, daß Ascen- denten ihren wahnsinnigen Descendenten, wenn sie ihnen den Pfiichtthei! hinterlassen, aus den Kindern des Wahnsinnigen, od., wen» solche nicht existiren, aus den Geschwistern desselben einen Erben ernennen können. Diese Erbeseinsetzung gilt so lange als eine rechtmäßige, als der Wahnsinnige nicht wieder zu Verstand kommt u. damit die Fähigkeit selbst zu testi- ren erlangt, ä) Die 8. ücksieoinmissarm ist keine eigentliche S., vielmehr versteht man darunter nur die Auferlegung eines Vermächtnisses an einen in- stituirten Erben, nach welchem derselbe das ihm Hin- terlassene entweder ganz oder zum Theil wieder an einenDritten heranszngebeu hat. Dieselbe unterliegt danach nur den gewöhnlichen Grundsätzen über Legate und Vermächtnisse (s. d.). 3) In der Chemie dasVertretenwerden eines Bestandtheils einer chemischen Verbindung durch eine andere. Über die chemische Substilutionstheorie von Dumas s. Chemie, S. 704 und 705. 1) 2) B-zold.* Substrat (v. lat.8ubstrs.tum), das Untergelegte, die Unterlage; der zu Grunde liegende Gegenstand; der gegebene vorliegende Fall. Substruction (lat.), Grund-, Unterbau, bes. der Unterbau bei Wasserleitungen, wenn sie über Thäler od. an der Seite eines Berges weggeführt wurden. Subsumtion (v. Lat.), Unterordnung, bes. im logischen Sinne, Unterordnung des Besonderen unter das Allgemeine; die Operation selbst heißt sub - sumiren. Der Untersatz im Schluffe; überhaupt eine Annahme, Vermuthung, Voraussetzung. Subtil (v. Lat.), fein, zart; spitzfindig. Sub- tilität, Feinheit, Zartheit; genaue Unterscheidung, Spitzfindigkeit. Subtraktion, s. Snbtrahiren. Subtrahend (v. Lat.), die abzuziehende (Zahl), s. Snbtrahiren. Subtrahiren (v. Lat.), abziehen. Eine Größe von einer anderen subtrahiren heißt eine dritte finden, welche, zur ersten addirt, die zweite gibt; die erste heißt Subtrahend, die zweite Minuend, die dritte Differenz (Unterschied, Rest), die nöthige Rechnung Subtraction; das Subtraktionszeichen ist ein wagerechter Strich, der zwischen den (voranzustellenden) Minuenden u. den Subtrahenden gesetzt u. minus, auch weniger gelesen wird, wie 9—3 z.B. 9 minus 3. Da man nur Gleichartiges addiren kann, kann man nach der Erklärung des S-s auch nur Gleichartiges von einander subtrahiren; man sieht ferner, daß man gleichbenannte Zahlen (Products) subtrahirt, indem man die Zahlenwerthe (Co'ef- ficienten) subtrahirt u. der Differenz die gemeinsame Benennung (Hauptgröße) gibt; daß man eine Größe von einer mehrgliedrigen Größe subtrahirt, indem man sie von einem beliebigen Gliede der letzteren subtrahirt; daß man eine mehrgliedrige Größe subtrahirt, indem man jedes ihrer Glieder subtrahirt. Aus diesen Sätzen folgt im Besonderen: beim S. dekadischer Zahlen subtrahirt man jede Stelle des - Succession. 83 Subtrahenden von der gleichnamigen Stelle des Minuenden und fängt bei der am weitesten rechts tehenden, also niedrigstwerthigen des Subtrahenden an; ist eine Stelle des Minuenden nicht wenigstens gleich der entsprechenden des Subtrahenden, so muß sie um 10 vergrößert werden, was durch Resolution einer von den Einheiten der nächsthöheren Stelle des Minuenden geschieht; zur Erleichterung der Übersicht pflegt man die entsprechenden Stellen von Minuend u. Subtrahend, also, wie man als Regel angibt, die Kommata oder die Einer unter einander zu setzen. Verschieden benannte Zahlen subtrahirt man, indem man, wenn uöthig, durch theilweise Resolution des Minuenden sich gleichnamig benannte Zahlen verschafft u. danach nur solche zu subtrahiren hat; man sängt bei der kleinsten Einheit an. Man subtrahirt gleichnamige Brüche, indem man die Zähler subtrahirt und der Differenz den gemeinsamen Nenner gibt; ungleichnamige Brüche sind vorher gleichnamig zu machen. Man subtrahirt algebraische Zahlen, indem man das Vorzeichen des Subtrahenden umkehrt u. addirt (vereinigt). Die Probe für die Richtigkeit einer Subtraction besteht darin, daß manzur Differenz den Subtrahenden addirt, wobei sich als Summe der Minuend ergeben muß; auch sind Neuner- und Elferprobe anwendbar (s. u. Addiren). Buchrucker. Subtropisch, den Tropen nahe; subtropische Zonen, die an die Tropen nach den Polen hin sich anschließenden Zoneu. 8ubuoiila(röm. Ant.), das untere Kleid der Frauen. Sub uns speoie u. Subunisten, s. u. 8nb spseis. Subüra (Suburra), eine Niederung im alten Rom, zwischen dem Cölius und Esquilinus, durch welche eine gleichnamige, mit Handelsbuden besetzte Gasse führte. Suburbünus (lat.), in der Vorstadt wohnend, zu derselben gehörend; an manchen Orten ein städtischer Geistlicher, welcher die Amtsverrichtungen in den Vorstädten u. nahe gelegenenDörfernzu besorgen hat. Sub utraqus und Snblltraguisten (lat.), s. u. 8nb spsois. Subveution, Hilfsleistung, Unterstützung. Subversion (v. Lat.), Umsturz; subversiv, zerstörend; auf Umsturz wirkend. Sub voce (lat.), unter oder bei dem Worte. Subzow, Kreisstadt im russ. Gouv. Twer, an der Mündung der Wäsuga in die Wolga; mit einigem Handel; 3301 Einw. In der Nähe der große Marktflecken Goreloe Gorodischtsche. Sucvugo (lat.), so v. w. Roob. Suceedan (v. Lat.), nachfolgend, stellvertretend. Succediren (v. Lat.), Nachfolgen, bes. in einem Erbe, im Amte und namentlich auf einem Thron, s. u. Succession; davon Succedent (Successor), Nachfolger. Succeß (v.Lat.), der Erfolg, glücklicher Ansgang. Succession (v. lat. 8uoosssic>), im Allgemsinen Nachfolge; daher Universal-S., 8. xeruuivsrsi- tstsm oder in Universum jus, die Nachfolge in die ganzevermögensrechtlichePersönlichkeit eines Rechts- subjects, so daß der Successor (der Rechtsnachfolger) nicht nur die Activa erwirbt, sondern auch die Passiva des Vorgängers ebenso wie seine eigenen zur Zahlung zu übernehmen hat; den Gegensatz bildet die Singular-S., 8. in sinAuis bona, die Nachfolge, welche nur in einzelne Bermügens- 6 * 84 Successionskncg — Suchet. rechte oder in einzelne Schuldverhältnisse geschieht; insbesondere so v. w. Erbfolge, die Nachrecht in das Vermögen eines Verstorbenen, s. u. Erbrecht. Daher Successionsrecht (Zueossoionis jus), Delation eines Erbrechts; Successionsfähigkeit, die allgemeine Fähigkeit, ein Erbrecht zu erlangen, deren Mangel nicht bloß den Erwerb, sondern auch schon die Delation des Erbrechts hindert. Nach Deutschem Rechte besteht eine S-sunsähigkeit nach den besonderen S-sordnungen des hohen Adels für Kinder aus ungleichen (uustandesmäßigen) Ehen rc. Vgl. Thronfolge. Successtonskrieg, s. Erbfolgekrieg. Sueeessiv (v. Lat.), nach n. nach geschehend, bisweilen mit dem Nebenbegrifs des wenig Bemerkbaren. S-e Bigamie, vom Römisch-Katholischen Standpunkte aus betrachtet, die Verbindung, welche ein Gatte nach der Trennung der ersten Ehe (Scheidung) einaeht. Sucxinit, so v. w. Bernstein. 8uooüsus (lat.), saftig, Saft führend. Sueculent (v. Lat.), 1) saftig, sastreich; daher 8ll6eukslltas.Fettpflanzen(s.d.);2) nahrhaft,kräftig. Sucemnbenz (v. Lat.), das Unterliegen, bes. in einem Streite, namentlich in einem Rechtsstreite. S-geld, die Strafe, welche in gewissen Fällen wegen nicht gerechtfertigter Berufung in Rechtsstreiten bezahlt werden muß. Snceurriren (v. Lat.), zu Hilse kommen, bei- stehen; Succurs, Beistand; Unterstützung, Verstärkung. 8uoous (lat., Mehrzahl 8ueei), Saft, insbesondere in der Pharm, ein (meist eingedickter) Pflanzensaft; z. B. 8. lunipsri, Wachholdermus; 8. 11- guiritäas, Lakritzensaft; 8. 8amk>uei, Fliedermus. Suchecki, Heinrich, poln. Grammatiker, slaw. Sprachforscher, geb. 16. Juli 1811 in Perespa bei Sokal in Galizien, absolvirte das Gymnasium zu Przemysl, unterbrach wegen Mangel an Subsistenzmitteln seine Universitätsstudien in Lemberg und wurde 1835 Privatlehrer, wobei er sich zeitlich dem gründlichen Studium der polnischen u. anderen slawischen Sprachen widmete. Er redigirte hierauf 1848 die Zeitung Ouösta korvsrsolma u. gab 1849 die Dlarcka ze^lcaxolslcisbo heraus, welche Grammatik sich bes. durch Vereinfachung der bisher für compli- cirt geltenden Declinationen u. Conjugationen auszeichnete u. in Auszügen bis 1866 13 Ausl, erlebte. Er proponirte 1849 dem Unterrichtsminister Grasen Leo Thun die Crerrnng einer Lehrkanzel für vergleichende slawische Sprachkunde; von diesem wurde ihm jedoch die Professur der polnischen Literatur an der Universität zu Krakau angetragen, welche S. ausschlug, indem er dem Minister für dieses Fach würdigere Specialisten (als Mickiewicz,Zaleski,Woj- cicki, Macicjowski,Korzeniowski,Kraszewski) nannte. Im Jahre 1850 nahm er jedoch die Lehrerstelle der polnischen Sprache am polnischen Gymnasium zu Lemberg an und verfaßte in dieser Zeit: kire^laä lorin xramahmru veü j kv vüa starvpoksIcisAO (Übersicht der altpoln. Sprachformen) zum Gebrauch für Obergymnasien. Im I. 1857 wurde S. zum außerordentlichen Professor der polnischen Sprache u. Literatur an der Universität zu Prag berufen. Er hielt hier auch wissenschaftliche Vorträge über die Sanskrit- u.Sendsprache ».verfaßte 1858 böhmisch: bastln ckejiu plsvmniotvi koluküv (Übersicht der Geschichte der polnischen Literatur). S. wurde 1865 zum außerordentl. Professor der slawische» Philologie in Krakau ernannt, wo er auch jedes Jahr populäre Vorträge über die fehlerhafte Entwickelung der polnischen Sprache der neueren Literatur hielt. In seiner 8k1aänia (Syntax) hat er viele solche Fehler, bes. Germanismen u. Gallicismen hervorgehoben. Er st. 3. Juli 1872, zahlreiche, meist nicht veröffentlichte Abhandlungen hinterlassend. Von den gedruckten seien noch erwähnt: üstep 2 livAvvistz'üi porörv- naavovej, Lemb. 1851; kisonmis, Osnüatz,, ors >2 mstocla, fg-liu sie ma äoeliockmv prarvä iv je^zlru, Pos.1866;2aMckn1snra2raIrrs8ujsri)'Icg.po1öIersAo, Krakau 1871; Uocklitnvz-WHukvs,, ebend. 1871. Unvollendet im Druck blieben: Luäovva jtzr/üa xol- slcisxo, 1. Heft Prag 1866; Haj aorvE Lamota KraniatzwMa.Krak. 1872. Die meisten Manuskripte wurden in der Bibliothek der Krakauer Akademie der Wissenschaften deponirt. S. war Mitglied mehrerer gelehrten (auch deutschen) Gesellschaften; sein ganzes Streben war, seine Muttersprache vor Barbarismen zu wahren. Suchenwirt, P et er, mittelhochdeutscher Dichter aus Österreich, ein fahrender Sänger (wovon er seinen Namen trug), der nach seiner eigenen Versicherung die Höfe der Fürsten und die Burgen der Edeln besuchte, um durch Len Vortrag seiner Reden u. Gedichte sich zu ernähren. Er gehörte zu jener Klasse von Wauderdichtern, die zugleich als Knappen und Herolde od. als deren Gehilfen dienten, die Unterschiede der Wappen auslegten u. gereimte Wappen- beschreibungeu verfertigten. Er stand mit dem Adel und durch ihn mit Len Zeitereignissen in vertrauter Bekanntschaft. In seine» gereimten Ehrenreden erzählt er die Kriegsthaten österreichischer u. anderer Edeln, führt uns in alle bekannten Länder u. erinnert an alle bedeutenden Ereignisse des 14. Jahrh. 1377 begleitete er den Herzog Albrecht III. von Österreich auf einem Ritterzuge nach Preußen. Später lebte er in Wien u. dichtete noch 1394. Werke, heransgeg. von A. Primisser, Wien 1827; über S-s Sprache schrieb Koberstein, Naumb. 1828—1852, 4 Abth. Sucher, s. Fernrohr, S. 9. lG. Zimmer»,an». Suchet, Louis Gabriel, Herzog von Albufera, Marschall vonFrankreich, Sohn eines Seidefabrikanten, geb. 2. März 1772 in Lyon, trat 1792 als Freiwilliger in die Armee ».zeichnete sich in den ital.Feldzügen von 1796u.1797so aus, daß er zum Brigadegeneral ernannt wurde; als solcher begleitete er Ärune nach Italien u. erhielt die Verwaltung beim Heer; von Joubert, Brünes Nachfolger, wurde er in gleicher Verwendung nach Piemont geschickt. Er wurdedann Ches des Generalstabs nnter Massen» in der Schweiz u. nach Kurzem wieder unter Joubert in Italien. Als Joubert 1799 bei Novi gegen Suworoff u. Melas geblieben war, diente S. der Reihe nach unter Moreau, Championnet u. Masscna; Letzterer erwirkte, daß Napoleon ihn zum Divisionsgeneral ernannte. Nach der Besetzung Nizzas gelang es dem österreichischen General Melas, S. u. Massen« von einander zu trennen, und während Letzterer sich nach Genua warf, das er erst nach einer fürchterlichen Hungers- noth übergab, mußte S. hinter den Var zurückweichen, wo er zu Anfang des Feldzugs Aufstellung genommen hatte. Nach Napoleons Sieg bei Marengo Luelistto — Suckow. 85 (14. Juni 1800) eroberte S. Genua 22. Juni wieder. Er erhielt dann von Napoleon das Commando des Ceutrums der italienischen Armee. 1803 befehligte er eine Division in dem Lager bei Boulogne, mit welcher er im Herbii 1805 zum Lannesschen Corps stieß, wo er 1805 bei Ulm, Hollabrunn n. Austerlitz focht u. 1806 die Schlachten bei Saalfeld u. Aner- städt eröffnet?, sowie hierauf in Polen gegen die Russen bei Pultusk u. Ostrotenka kämpfte; er befehligte bis 1808 nach dem Frieden von Tilsit interimistisch das 5. Corps in Schlesien. Ein vorzügliches Talent entwickelte S. dann in Spanien, wohin er Ende 1808 gesandt wurde. Im Dec. schloß er mit Mon- cey Saragossa völlig ei», doch übernahm Ende Jan. Lannes die Leitung der Belagerung. S. war in den I. 1811 u. 1812 der einzige französische General, der in Spanien mit Glück kämpfte. Er nahm im Jan. 1811 Tortosa ein u. erstürmte im Juni das wichtige Tarragona in Catalonien. Diesen Siegen folgte seine Ernennung znm Marschall (8. Juli). Bis zum Sept. hatte erCatalonien in seiner Gewalt; er belagerte dann Murviedro, schlug hier 25. Oct. den mit 30,000 Mann znm Entsatz heranrückendcn englischen Befehlshaber Blake, nahm die Stadt am folgenden Tage durch Capitulation u. erstürmte 25. Decbr. desselben Jahres noch das befestigte Lager Blakes bei Quarte. Blake rettete sich nach Valencia, das bereits 10. Jan. 1812 mit unermeßlichen Vor- räthen in S-s Hände fiel. Der Herzogstitel und die fürstliche Besitzung Albusera waren die Belohnung des Siegers, der sich bei den Spaniern durch furchtbare Härte u. Ranbsucht verhaßt machte. Al§ er zu dem Russischen Kriege einen großen Theil seines Heeres abgeben mußte, war er genöthigt, seine Unternehmungen einzuschräuken und gänzlich ans den kleinen Krieg u. Vertheidignng der besetzten Plätze hingewiesen, als Napoleon anfangs 1813 alle alten Offiziere u. Soldaten aus Spanien zog. Nach der Niederlage König Josefs 21. Juli bei Vitoria Lurch Wellington u. dem Znrllckgehen Soults zog sich S., dem klar geworden war, daß Spanien nicht mehr zu behaupten sei, zur französischen Grenze zurück. Im April unterwarf er sich Ludwig XVIII., erhielt Len Oberbefehl über die Armee im S., wurde im Juni Pair von Frankreich u. Gouverneur der 10., später der 5. Militärdivisivn. Da er sich nach Napoleons Rückkehr diesem wieder angeschlossen hatte, blieb er nach der Restauration der Bourbons ohne Anstellung, doch gab ihm Ludwig XVIII. die verlorene Pairswürde zurück. S. st. 3. Jan. 1826 zu St. Joseph bei Marseille. Seine hinterlassencu LIsmoirss sur Iss eampaZnss vn üspnAne äspnis 1808 jus- gn'on 1814, Par. 1829, 2 Bde., 2. A. 1834, von seinem Stabschef Saint-Cyr-Nugues herausgeg., sind sehr geschätzt. S. wurde 1858 in Lyon eine Statue errichtet. Sein Sohn, Louis Napoleon, Herzog von Albusera, geb. 23. Mai 1813, war 1849—70 für Evrcux Mitglied des gesetzgebenden Körpers u. st. 23. Juli 1877 in Paris. Schmitz. Lueboito (ital.), das rothe Käppchen eines Car- dinals. Snchona, einer derQuellflllße der Dwina (s.d.). Suchtelen, Joh. Peter, Graf von, rnss. General, Diplomat ».Kunst- u. Münzensammler, geb. 1759 in der niederländ. Prov. Overyssel, trat in das niederländ. Jngenienrcorps; 1783 berief ihn Ka>! tharina II. nach Rußland- stellte ihn bei dem Genie- und Artilleriecorps an u. übertrug ihm die Aufsicht über mehrere Kriegs- und andere Bauten. Gegen Schweden leitete er als Artillcriecommandeur 1788 die Belagerung von Swcaborg u. ging nach dem Frieden mit Schweden als Gesandter nach Stockholm und später nach Paris u. befand sich während des Krieges von 1813 u. 1814 als rnss. General in der Suite des Kronprinzen von Schweden. Nach dem Pariser Frieden wurde er wieder Gesandter in Stockholm u. st. hier 1836. Er besaß eine ausgezeichnete Münzsammlung (von Sestini beschrieben u. an die Petersburger Akademie der Wissenschaften gekommen), eine auserlesene Gemäldesammlung und eine große Bibliothek. Die Schrift: krvsis äs laZmerrs cko I?inlanä, führt zwar den Namen seines Sohnes, des Generals Paul S., ist aber von dem Vater verfaßt. Süchteln, Stadt im Kreise Kempen des preuß. Regbez. Düsseldorf, nahe der Niers, Station der Krefeld-Krcis-Kempener Industrie-Eisenbahn; bedeutende Seiden - u. Sammetweberei, 2 Sammetbandfabriken, 2 Seidenfärbereien, 1 Zeugdruckerei, 3 Appreturen, 4 Gerbereien, Getreidemühle, Ziegelbrennereien; 1875: 8957 Ew. Suchnm, Bezirk im rnss. Kaukäsien, das alte Abchasien, umfaßt den schmalen Küstenstrich zwischen dem westlichen Kaukasus u. dem Schwarzen Meere, begrenzt von letzterem, dem Gouv. Kntais und dem Kuban-Gebiete; 8629 Usicm; ganz gebirgig: die Bewohner, 63,933, sind meist Abchasen, welche durch eine Reihe kleiner Festungen im Zaume gehalten werden. Suchumkalc (Sukhnm-Kale, Soghumkala, d. i. Wurststadt), Hauptort im Bezirke Suchnm, an einer Bai des Schwarzen Meeres gelegen, befestigter gu- ter.Hafen, mit einigem Handel; 1612 Ew. S. wurde 24. April 1854 bei Annäherung einer englisch-französischen Flotille von den Russen eilig geräumt und theilweise zerstört u. von den Abchasen geplündert. Hier landete im Sept. 1855 Omer Pascha mit 30,000 Türken u. begann von da aus die Bewegung gegen Tiflis. Im Mai 1856 wurde es von Len Türken geräumt u. im Aug. 1856 wieder von den Russen besetzt. Auch im Russ.-Türk. Kriege, 14. Mai 1877 landeten nach einem Bombardement hier die Türken, um die kaukasischen Bergvölker zu insurgiren u. so die rnss. Rllckzugslinie zu bedrohen; doch war die Expedition ohne wesentlichen Erfolg. Dronke. Suckow, Albert, Freiherr von, Württemberg. Kriegsminister, geb. 13. Dec. 1828 in LuLwigsburg (Sohn des württemb. Obersten Karl v. S., eines geborenen Mecklenburgers u. Verfassers des Werkes: Aus meinem Soldatenleben, Erinnerungen aus der Napolconischen Zeit, Stnttg. 1863, gest. 1867, und der unter dem Namen Emma v. Niendorf bekannten Schriftstellerin, geb. Freiin v. Callatin, gest. in Rom 7. April 1876); trat 1848 in der Artillerie als Lieutenant ein, wurde 1861 als Hauptmann Director der Kriegsschule, 1866 Major; als solcher war er Militärbevollmächtigter im bayer. Hauptquartier u. bei den Friedensverhandlungen mit Preußen; darauf wurde er Adjutant des Kriegsministers von Wagner, dem er bei der Reorganisation der Armee kräftigst zur Seite stand, hieraus Oberst u. General- ! quartiermeister u. endlich unter Ernennung zum Ge- 86 Sucre — Südamerika. ncralmajor 24. März 1870 Chef des Kriegsdepartements, l9.Juli 1870 Generallieutenant u.Kriegs- ininister, in welcher Stellung er mehrmals das preuß. Hauptquartier besuchte u. beim Abschluß der Verträge mit Preußen resp. dem Nordd. Bunde thätig war u. dann eine Dotation von 300,000 Ll erhielt. Am 15. Sept. 1874 nahm er seine Entlassung als Kricgsminister und zugleich seinen Abschied ans der Armee infolge von Differenzen mit dem Generalcommando u. nahm später seinen Aufenthalt in Baden-Baden. Sucre, s. Chuquisaca. Sucre, Antonio Jose de, Präsident von Bo- livia, geb. 1703 in Cumana (Venezuela), diente seit 1810 in der siidamerikanischen patriotischen Armee, focht unter Bolivar in Neugranada, wurde dann Oberbefehlshaber der republikanischen Truppen n. führte als solcher durch den Sieg bei Ayacucho 9. Dec. 1824 die Befreiung Südamerikas von der span. Herrschaft herbei. Deshalb vom Congreß von Bo- livia zum Großmarschall von Ayacucho ernannt, wurde er 1825 zum lebenslänglichen Präsidenten der Republik Bolivia erwählt, trat aber wegen der inneren Unruhen schon 1. Aug. 1828 zurück. Er wurde im Juni 1830 bei Cartagena meuchlings erschossen, als Parteigänger Bolivars. Suczäwa, Stadt u. Hauptort in dem gleichnam. Bezirke des österr. Herzogthums Bukowina, an der Suczawa (einem Nebenflüsse des Sereth), über die eine gedeckte Brücke führt, Station (Jtzkani-S.) der Lemberg-Czernowitz-Jassy-Eissubahn, an der rumänischen Grenze; Obergymnasium, alte Kathedrale mit dem Grabmal des St. Johann von Novi, des griechisch nicht-unirteu Landespatrons, mehrere griechische Kirchen, Synagoge, Burgruine, Saffian- u. Kordnanfabriken(vonderdortigenArmeniergemeinde betrieben); ferner Fabrikation von bunten Schürzen, gestreiftem Leinen u. Kotzen, lebhafter Speditionshandel; 1869: 7450 Ew. S. war einst Hauptstadt der Bukowina u. zur Zeit der moldauischen Herrschaft auch der Moldau, als solche ein großer, blühender Ort; wurde 1494 vouJoh. Albert, König vonPoleu, belagert u. 1675 von den Türken erobert. H- Berns. Süd .. . (schwed. Södre..., dän. Söndre . .., holländ. Zuyd ..., engl. South . ..), s. unter dem Haüptnamen. Sudäk, See - u. Hafenstadt im Kreise Feodosia des ruff. Gouv. Taurien, an der SKüste der Halbinsel Kriin, am Schwarzen Meere, mit einer alten aus der Genueserzeit stammenden verfallenen Veste; Hafen, große Mühlsteinbrüche in der Nähe ».Weinberge, welche den besten Wein der Halbinsel erzen- gen, woraus der sog. Krimsche Champagner bereitet wird. In der Nähe die deutschen Colonieu Zürichthal, Heilbromi, Neusatz, Rosenthal, Friedeusthal u. Kronthal. Südamerika beginnt mit Ausnahme Perus, das schon unter den Inkas seine eigene Geschichte hatte, erst mit den Entdeckungen u. Eroberungen u. der darauffolgenden Besitznahme der betreffenden Gebiete durch die Spanier u. Portugiesen. Letztere nahmen Brasilien für sich; die Eroberungen der er- steren in S. wurden schon 1519 durch Karl V. mit der Krone Castilien vereinigt, u. enthielt das Spanisch e Am erika mit Inbegriff des Vicekönigrcichs Ncufpanien u. Mejico und des Generalcapilanats Guatemala zur Zeit des Vollbestandes der spanischen Monarchie einen Flächenraum von ca. 235,000 s^M mit etwa 17 Mill. Ew. Es zerfiel in 9 Statthalterschaften, von denen zu NAmerika 1) Neuspanien od. Mejico mit Texas u. 2) das Generalcapitanat Guatemala; zu Westindien 3) das Generalcapitanat Havana (Cuba u. Florida) u. 4) das Generalcapitanat Portorico (die Insel Portorico, San Domingo und die zwei span. Jungferninseln) gehörten, während in S. lagen: 1) das Vicekönigreich Neugranada, wo die ersten Niederlassungen 1510 angelegt, die weiteren Eroberungen 1536 vollendet, darauf 1547 die Regierung unter einem Generalcapitän u. seit 1718 durch cinenVicekönig geübt wurde; 2) das General- capilanat Caracas, wurde nach seiner Eroberung u. Colouisiruug 1528 von Karl V. der Familie Welser aus Augsburg für eine Schuld zu Lehn gegeben, aber schon 1550 wegen der Gewaltherrschaft, welche siedort übte,derselben entzogen u. als Geueralcapi- tanat einem Kronbeamten zur Regierung übergeben; 3) das Vicekönigreich Peru (s. d.); 4) das General- capitanat Chile von 1535—1557 von den Spaniern unterjocht mit Ausnahme des Gebietes der Arau- cos, erst unter dem Vicekönigreich Peru stehend, ward es später ein eigenes Generalcapitanat; 5) das Vicekönigreich Rio de la Plata od. Buenos-Ayres (mit den Provinzen Bueuos-Ayres, Paraguay und Plata), wo die Spanier erst 1553, 38 Jahre nach der ersten Entdeckung durch Juan Diaz de Solis, eine Niederlassung gründeten u. dann Buenos Ayres, den Sitz des unter Peru gestellten Generalcapitäns erbauten; 1776 wurde das ganze Plataland zum Vicekönigreich erhoben, nachdem die östlich u. südlich von den Audes gelegenen peruanischen Landstriche damit vereinigt worden waren, und dasselbe in die Gouvernements Buenos Ayres, Las Charcas oder Potosi (1533 colouisirt), Paraguay (wo seit 1656 die Jesuiten die Leitung führten), Tucuman (1549 erobert) u. Cujo od. Ostchile (1560 erobert) gctheilt. Die Verfassung dieser Länder bildete sich zwar erst allmählich, aber nach ihrer ganzen Grundlage doch schon seit Mitte des 16. Jahrh. ans. Die ganze Verwaltung stand unter einer bloß vom König abhängigen höchsten Behörde, dem Rath vonJndien (1511 errichtet, 1542vollständigorgauisirt),dem inHandels- sachen ein Handels-».Gerichtshof in Sevilla untergeordnet war; in den Colonieu standen als Stellvertreter des Monarchen Vicekönige an der Spitze der Verwaltung, während für die Justiz die Audiencias als höchste inländische Tribunale n. zugleich zum Rathe für die Vicekönige in Administratwsachen errichtet wurden; die Städte wählten ihre Cabildos od. Mu- nicipalitäten. Die Vicekönige, meist spanische Granden erster Klasse, regierten mit königlicher Machtvollkommenheit, aber eben deshalb meist nur 3—5 Jahre. Die Staatsämter u. höheren Kirchenwllrden wurden nur mit geborenen Spaniern besetzt. Die Erzeugnisse der Colonieu nur an Spanien abgegeben, nur spanische Maaren durften eingesührt werden; der Anbau des Tabaks war königliches Monopol, Anbau des Weins war verboten, ebenso in den Bergwerkdistricten der Ackerbau, u. im Ganzen die Betreibung von Fabriken; die auf spanischen Schissen eingefkhrten Maaren waren möglichst hohen Zöllen u. Abgaben unterworfen. Drei Jahrhunderte trugen die Colonieu des Festlandes den Druck des Südamenkanischer Mutterlandes, das jährlich enorme Summen von dort holte (Einfuhr ca. 80 Mill. Thlr. Werth, Ausfuhr ca. 50 Mill. Thlr. Werth), bis endlich die Ereignisse inNAmerika, mehr aber noch englischer Einfluß die spanischen Colonien zu der Einsicht führten, daß die spanische Colonialpolitik sie zn Grunde richte, u. die neuen Ideen von Europa aus auch in S. Eingang fanden. S. Südamerikanischer Nevo- lutionskrieg. L"ga>- Süd amerikanischer Nevolutionskrieg. Als das Mutterland Spanien, im Kriege mit Frankreich begriffen, die Zügel seiner Lolonialdespotie nicht mehr so straff halten konnte, tauchte auch in SAmerika resp. den Colonien Spaniens der Gedanke an eine Befreiung vom fremden Joche ans und ward schnell zur That. Die Vicekönige u. Generalcapitäne in den Colonien, mit Ausnahme des Vicekönigs von Mejico, hatten sich zwar nach der gezwungenen Verzichtleist, ung der königl. Familie in Bayonne auf die Krone Spaniens und Indiens den Beschlüssen Napoleons unterworfen, aber das Volk widersetzte sich u. warf die französischen Bekanntmachungen in die Flammen u. in Caracas erklärte sich die Bevölkerung laut n. offen im Juli 1808 für den König Ferdinand VII. Sofort wurden in Caracas, Montevideo, Mejico u. anderen Hauptstädten im Anschluß an die Junta in Sevilla (Spanien) Junten errichtet, stießen aber bei den meisten span. Statthaltern aus den entschiedensten Widerstand — ein Auftreten, das der im Interesse der spanischen Dynastie begonnenen Bewegung sofort eine andere Wendung gab, zum Abfalle der Colonien führte. Dieser war entschieden, als nach dem Falle Sevillasman die Unterwerfung unter Napoleons Herrschastfür gewiß hielt u.nichtdemSchick- sale des Mutterlandes verfallen wollte, u. als anderseits die Batcrlandsfrennde in Quito wider die zugesicherte Amnestie vom Mcekönig von Nengranada nach gewaltsamer Anseinandertrcibung der Junta verhaftet und im Gefängniß ermordet wurden. Das Zeichen zum Ausstand gab 19. April 1810 Caracas n. die Insel Margarita. Die Junta von Caracas ergriff die Gewalt u. übte dieselbe als „Hohe Junta", noch im Namen Ferdinands VII., nachdem sie die spanischen Oberbeamten, als der Hinneigung zur Josephinischen Herrschaft verdächtig, abgesetzt. Das Beispiel fand in Buenos Ayres, wo nach der Capitnlation des englischen Generals BereSford sich schon eine portugiesische Partei zum Losbrechen anschickte, aber durch die Ankunft des neuen Vicekönigs CisneroS daran verhindert worden war, 29. Mai, in Bogota (Columbia) 20. Juli, in Chile 18. Septbr. Nachahmung. In Mejico erhob der Pfarrer zn Dolores, Miguel Hidalgo y Castillo im Sept. die Fahne des Aufstandes und fand rasch bedeutenden Anhang auch unter den Indianern. Im Mutterlande ward diese ziemlich gleichmäßige Erhebung der Colonien von den Cortes zu Cadix im Oct. mit dem Beschlüsse beantwortet, die bürgerliche Gleichheit der Amerikaner anzuerkenneu u. ihnen die Vertretung durch ei- nenAbgeordnetenauf50,000Seeleninden spanischen Cortes zn gestatten, aber nachher aus Furcht, nach die- semMaßstabe den Amerikanern gegenüber in die Minderheit versetzt zu werden, die Beschränkung verfügt, daß wer aus amerikanischem Blute stamme, weder Repräsentant sein, noch selbst repräsentirt werden Revolutionskrieg. 87 dürfe. Diese Verfügung machte den früheren Beschluß rein illusorisch u. reizte die Colonien nur um so energischer ans ihre Unabhängigkeit hinzuarbeiten u. selbe zn verfechten. Von Seiten der königl. Armee in den Colonien wurde allenthalben der Versuch gemacht, dem Aufstande entgegcnzuwirken, aber umsonst — die spanischen Truppen wurden überall zu- rückgeworfen u. mit den Vicekönigen rc. vertrieben. Am 15. Juli 1811 erklärte der Cougreß zu Venezuela im Namen der 7 vereinigten Staaten Caracas, Cumaua, Varinas, Barcelona, Merida, Truxillo u. Margarita unter Mirandas Führung seine Unabhängigkeit u. 23. Dec. 1811 wurde der Nation bereits eine Verfassung nach dem Muster der nord- amerikanischen vorgelegt. In Buenos Ayres war für die Provinzen des Rio de la Plata 23. Septbr. 1811 statt der seitherigen Regieruugsjunta eiueBoll-- ziehungsbehörde eingesetzt, die aber schon Ende 1812 einer neuen Junta weichen mußte. Diese letztere berief eins souveräne constituirende Versammlung, welche die Unabhängigkeit erklärte u. 1813 den Namen Republik Argentina für den neu errichteten Staat annahm (s. Argentinische Conföderation, Geschichte, S. 58). Nur Mejico war noch zu keiner Constitution gelangt — eine Beute fortwährender neuer Aufstände. Inzwischen hatte England im Einvernehmen mit den Colonien unter der Forderung freien Handels für das spanische Amerika n. für sich den Spaniern seine Vermittelung angeboten, aber die Cortes konnten sich nicht von ihrer alten Handelspolitik des Monopolisircns trennen n. somit zerschlugen sich die Verhandlungen, ja es erfolgten von Cadix aus nur neue, die Colonien aufs Äußerste erbitternde Maßregeln, so daß nun die Erhebung zu den Waffen in SAmerika allgemein wurde. Noch konnte König Ferdinand VII. nach seiner Wiederherstellung 1814 trotz des mit der wildesten Erbitterung geführten Kampfes die Colonien durch Gewährung ihrer billigen Wünsche für sich gewinnen: aber er befahl kurzweg Ricderleguug der Waffen u. unbedingte Unterwerfung unter seine königl. Gnade u. nun wurde gänzliche Unabhängigkeit von Spanien das Losungswort in SAmerika u. wurde der Krieg wo möglich noch erbitterter fortgesetzt. Hauptsächlich waren es 6 Kriegsschauplätze, in Caracas, Neugra- nada, in Buenos Ayres u. dem angrenzenden Chile, in Mejico u. zuletzt in Peru, wo auf fast unermeßlichen Gebieten kleine Heere über das Schicksal SAmerikas entschieden. Die Provinzen am La Platastrome gelangten zunächst zu ihrem Ziele. Paraguay, von seinem Gouverneur im Stiche gelassen, ward schon 1811 unabhängig. Am 9. Juli 1816 wurde in der Hauptstadt Buenos Ayres die Union u. Selbständigkeit der Länder am La Plata erklärt u. Erde u. Menschen zn Zeugen angerufen, daß alle Bande, welche dieses Land je mit Spaniens Königen vereinigt hätten, für immer zerrissen seien. Die Provinzen des General- capitanats Chile waren 1814 unter die Herrschaft der Spanier zurllckgefallen u. mußten mehrere Jahre eine harte Behandlung erdulden, bis St. Martins Sieg über die Spanier unter Osorio 5. April 1818 bei Maipo der spanischen Herrschaft ein Ende machte. ! In Venezuela hatte die Bewegung durch ein furcht- ' bares Erdbeben am Grünen Donnerstag 1812, wel- ^ ches die Hauptstadt Caracas fast ganz zerstörte, einen 88 Sudan. schweren Rückschlag erlitten, den der Spanier General Monteverde zur Wiedereroberung dieser Länder benutzte. Doch bald brach das halb erstickte Feuer wieder zur lichten Lohe auf: in der Provinz Cumana erhob Marino die Fahne des Aufstandes n. aus dem benachbarten Neugranada zog Simon Bolivar herbei; zwar konnten sie sich gegen die Übermacht nicht behaupten und 1815 hatte die spanische Herrschaft sich hier bereits wieder festgesetzt; aber während nun ihr Bezwinger, der General Morillo, gegen Neugranada operirte, bildeten sich in Venezuela zahlreiche Guerillas, unter Führung eines Arismsndi, Meno- zas, Päez rc. u. in Verbindung mit Bolivar. Nach schwerem Kampfe ward endlich Morillo 20. Sept. 1816 in der Gegend von Barcellona in Neugranada geschlagen u. Bolivars Dazwischenknnft mit neuen Kräften entschied das Übergewicht der Republikaner: Angostura und damit das Orinoco-Land auf 300 Meilen fiel in ihre Hände. Noch währte der Kampf um Margarita, den Morillo im Septbr. aufgebcn mußte, während im offenen Felde das Kriegsglück schwankte, u. hatte Venezuela das Werk der Befreiung zu vollenden. Nachdem der 15. Febr. 1819 zu Angostura eröfsnete Generalcongreß von Venezuela BolivaralsOberdirectvr des Staates bestätigt, dieser durch seinen Sieg v. 7. Aug. bei Bojara den spanischen Vicekönig Samano mit allen spanischen Beamten zum Abzüge aus Bogota gezwungen, procla- mirte 17. Decbr. 1819 der Congreß zu Angostura die Vereinigung von Venezuela und Neugranada zum Freistaat Colombia. Die weiteren Kämpfe mit Len Spaniern s. Colombia; ebenso den Freiheitskampf in Mejico, s. d., den in Peru, s. Peru. Das Schicksal SAmerikas entschied die Schlacht auf der Pampa Ayacucha 9. Dec. 1824, in der Sucrö über den spanischen General Laserna siegte; Olaneta, der einzige General, der damals noch entkam, wurde 1. April 1825 überwunden u. nachdem sich noch das Fort San Juan de Ulloa 23. Nov. 1825 u. Callao 22. Jan. 1826 den republikanischen Waffen ergeben, verschwand die spanische Herrschaft vollständig aus SAmerika. Vergl. Pet. v. Kobbe, Darstellung des Freiheitskampses im Spanischen u. Portugiesischen Amerika, Hann. 1822; Don I. Torrente, bliatoria general äs l-r rsvoluoion moäsrna knspano-amsri.- eana, Madr. 1829 f., 3 Bde.; C. N. Röding, Der Freiheitskampf in SAmerika, Hamb. 1830; v. Sche- peler, Gesch. der Revolution "des Span. Amerikas 1808—23, Aachen 1834, 2 Bde.; Kottenkamp, Der Unabhängigkeitskampf der Spanisch-amerikanischen Colonien, Stnttg. 1838; Gervinus, Gesch. des 19. Jahrh., 3 Bde., Lpz. 1858. Lagai. Sudan, 1) der allgemeine Name für Jnner- afrika von der Wüste Sahara bis zum Busen von Guinea u. den Stufeuländern Centralafrikas, westlich vom Atlantischen Ocean begrenzt, östlich bis zu den Alpenländern Abessiniens reichend; meist scheidet man davon aus das westlich des Kong liegende Senegambien (s. d.) und die südlich desselben Gebirges liegende Küste von Ober-Guinea (s. d.). Dies ungeheure Gebiet ist auf große Strecken noch gänzlich unerschlossen; soweit es bekannt ist, bietet der Boden in seiner vertikalen Gliederung, im Klima u. in seinen Producten die größten Verschiedenheiten dar. Gegen die Wüste bildet ein breiter Gürtel Steppe die Scheidegrenze; sie bietet mit ihren wellenförmigen, zur Regenzeit üppig grünenden Fluren ein reiches Weide- u. Jagdgebiet; weiter gegen S. beginnen dann die ungeheuren, undurchdringlichen Wälder, in denen namentlich die Mimosen- u. Aka- zicnarten vorherrschen, daneben Palmen, Afsenbrod- bänme, Gummibäume rc. Der östl. S. (häufig auch Flach-S. genannt) ist größtentheils eben, von einzelnen Bergen u. Bcrgzügeu durchschnitten, wie das Marra-,Gora-Gebirge,derAlantika,Mindi-Berg rc. Gegen S. bildete nach den früheren Annahmen das fabelhaste Mondgebirge die Grenze gegen das centralafrikanische Plateau; nach den neueren Forschungen existirt dieses Gebirge nicht und hebt sich S. allmählich zu dem Hochlande. WS. (auch bisweilen Hoch-S- genannt) ist schwach hügelig, im S. erhebt sich der Kong (s. d.). Die Bewässerung des Landes ist reichlich, die Flüsse gehören drei Systemen an, dein des Niger im W., des Tsadsee mit dem Jen u. Schari in der Mitte und dem Bahr el Abiad im O. Zu letzterem gehören vor Allem der Keilak, Bahr el Ärab mit seinen Nebenflüssen (B. el Olu u. a.). Zu dein Niger wenden sich die zahlreichen vom Kong kommenden stieben- u. Zuflüsse, wie Jendan, Milo, Lin Surano, Ulaba, Bagon, Kua, Kuaraba, Sirba, Dschenu u. a. m. Ferner die ans dem östlichen S. hervorbrechenden, Sokoto, ,Binne rc. Das Klima ist drückend heiß, der Wärme-Äquator dnrchschneidet S. in seiner ganzen Ausdehnung von W. nach O. Der regenlose Sommer läßt alle nicht an Wasser stehenden Pflanzen verdorren, die Wälder verlieren ihre Blätter, die Thierwelt sucht die Flußthäler, die Seen und Sümpfe auf; die Regenzeit kündigt sich durch heftige Gewitter an; die Niederschläge sind stark u. lauganhaltend, weite Strecken Landes bedecken sich dann mit Wasserlachen, die rasch in Sümpfe übergehen, deren Miasmen in der trockenen Jahreszeit gefährliche Fieber erzeugen. Das Mineralreich liefert Gold, Silber, Kupser, Eisen, dagegen mangelt Salz gänzlich, welches durch Karawanen aus der Sahara herbeigeführt werden muß. Von Pflanzen sind außer den bereits genannten Bäumen zu erwähnen: Durrha, Reis, Mais, Indigo, Baumwolle, Ölpalmen, Gurken rc. Die Thierwelt ist sehr reich; um den Tsadsee halten sich Vögel in unzähligen Schaaren auf (Ibis, Pfesserfresser rc.); in den Gewässern sind Flußpferd, Nashorn, Krokodil häufig, in Len Wäldern Raubthiere aller Art (Löwe, Panther, Schakal, Hyäne), Elephanten, Affen, in den weidereichen Gegenden Antilopen; gefürchtet sind die Schlangen und die giftigen Skorpione; häufig sind auch die Termiten. Gezüchtet werden namentlich das Rind und das Kameel. Die Bewohner waren ursprünglich nur Neger (Mandingo, Sonrhay, Lanssa, Nufantschi, Kundschareu, Schilluk, Dinka), im O. haben allmählich die Nnba, im W. die Fullah die Neger unterworfen u. gleichzeitig an Stelle des Fetischglaubens den Mohammedanismus verbreitet. Außerdem sind Araber, Tuariks u. a. von N. her eingewandert. Überall herrscht noch die Sklaverei; Ackerbau n. Viehzucht bilden die Hauptbeschäftigung. Politisch zerfällt S. in eine größere Reihe von despotisch regierten Staaten, unter welchen diejenigen der Fullahs sich der verhältnißmäßig besten Organisation erfreuen. Bekannt sind im W. die Reiche: Sego, Massena, Say, Sokoto, Borgu, Kano, im mittleren S. Borttn,Adamawa,Fumbina, Bagirmi, Kuratorium Wadai; der O. ist jetzt gänzlich dem Vicekönigreich! Ägypten einverleibt. 2) Ägyptischer S., früher auch Nubien genannt, die südlich vom eigentlichen Ägypten (21 ° n. Br.) gelegene Provinz des letzteren Reiches umfaßt die Landschaften Dongola, Berber, das alte MeroS, Senaar, Fazoglu, Kordvfan, Dar- for und die centralafrikanischen Gebiete, welche sich bis zum See Mwutan erstrecken. Das Land ist im S. gebirgig (Madi-, Kuka-Gebirge mit dem Gniri- Pik), dacht sich aber gegen N. allmählich ab u. geht in eine weite Ebene über um den Bahr el Abiad; nördlich von der Vereinigung desselben mit dem Bahr el Azrak ist es ein kahles Plateau mit Berg- zügen, durch welches der Nil eine tiefe Rinne gebildet hat. Gegen SO. begrenzen es die Vorberge von Abessinien; gegen W. ist die Grenze unbestimmt, das Land unerforscht. Alle Flüsse außer einigen weniger bedeutenden in Darsor gehören zu dem System des Nil u. sind zum Theil schiffbar; vorzüglich sind zu nennen: Bahr el Abiad mit links Djemid, Aji, Rohl, Bahr el Ghasal (nebst seinen zahllosen Zuflüssen), rechts Assua, Sobat; der B. el Azrak mit Dender u. Rahat, der Atbara mit Salaam und Chor el Gasch. Außer durch die Schifffahrt wird diese Provinz auch durch eine Eisenbahn, die von Wadi Haifa bis El Ordeh in Dongola reicht, erschlossen. Zu den unter 1) genannten Producten ist vorzüglich noch die Dattel in den Wüstengeaenden hinzuzufügen. Die Bewohner sind im T. Neger (Madak, Moro, Dinka, Schilluk rc.), im Nilthalc Nuba, ferner hamitische u. semitische Stämme. Das Land ist, soweit bewässert, fruchtbar, aber durch die früheren Sklavenjagden vielfach verödet, nicht angebaut, aus beiden Seiten des Nil aus den Hochflächen Wüste od. Steppe; Handel u. Industrie sind gänzlich unentwickelt. Hauptstadt: Chartum. Vgl. v. Henglin, Reisen in NOAfrika, Braunschm. 1877, 2 Bde.; Marno, Reise in der ägypt. Äquatorialprovinz rc., 2. A. Wien 1878. Dronke. Suästowum, Schwitzstube, Schwitzkasten, Schwitzbad, s. u. Bad I. 0) u). Süd-Australien (8cnM rtrwtralia), englische Colonie in Australien, umschlossen von WAnstralien, Alexandra-, Queensland, Neusüdwales, Victoria u. dem Indischen Ocean, 985,720 Hstcm groß. Die SKüste bildet in ihrem westlichen Theile die große australische Bucht, ist flach od. mit Klippen umgürtet, fast überall unnahbar; hier liegen die Fowler-, Denial-, Smoky- u. Anxions-Bai mit den Inselgruppen Nuyts- u. Jnvestigator-Archipel. Die östl. Hälfte der Küste ist reicher gegliedert u. bietet mehrfach sichere Häfen; an Halbinseln sind zu nennen: Eyria, Jorke, Hindmarsch u. die schmale Landzunge Curong; an Golfen: Cosfin, Sleasord, Spencer, der bedeutendste auf der ganzen SKüste (mit Boston, Harvey, Dnlton, Hartwicke), St. Vincent, Encounter, Lacepöde, Rivoli-Bai; die Insel Kangaroo wird durch die Jnvestigatorstraße von Jorke-Peninsula, u. durch die Backstairs-Passage von Hindmarsch getrennt; die Thistle Insel u. der Sir Jos. Banks- Archipel liegen am Eingang der Spencer-Bai. Die wichtigsten Vorgebirge sind Northumberland, Ber- noulli, Jervis, Spencer, Katastrophe u. Sir Isaak. Das Land ist im Innern noch vielfach unerforscht. Von Cap Jervis zieht sich nach N. ein aus mehreren Ketten bestehendes Gebirge, das bis zum 30. ° — Sudbury. 89 streicht u. in den verschiedenen Bezirken auch verschiedene Namen sllhrt; der nördl. Theil wird gewöhnlich Flinders-Range genannt; die höchsten Spitzen (Mt. Brown. Bryan, Arden rc.) übersteigen nirgends 1000 m. Das übrige Land ist eine Hochfläche, von einzelnenHügelzügen,wie Gawler-, War- burton-, Stuart-, Donison-, Hanson-Range, unterbrochen. Bon Flüssen sind zu erwähnen: der Murray, dessen Unterlauf u. Mündungsgebiet in S-A. liegen; ferner der Cooper (Barcoo), Alberga, sowie zahlreiche kleinere, im Sommer in eine Reihe unzusammenhängender Lachen sich auflösende Bäche und Flüsse. Groß ist auch die Zahl größerer u. kleinerer Seen — meist mit salzigem Wasser — wie Gaird» ner-, Island-, Pernatty-, Hart-, Blyht-, Eyre- Torrens-See u.v. a. Letzterer soll durch einen Kanal mit dein Meere in Verbindung gesetzt werden. Das Klima ist im Ganzen milde, Schnee kommt nur in den höher gelegenen Bezirken vor, im Sommer sind vor Allem die aus dem Innern wehenden heißen, Alles austrocknenden NWinde unangenehm, die jedoch nie längere Zeit anhalten. Unter den Producten des Mineralreiches nimmt das vorzügliche Kupfer die erste Stelle ein; auch Eisen findet sich vielfach, sonst noch Gips, Salz. In den nncultivirten Landstrichen wechseln undurchdringlicher Scrub mit Wäldern von Gummibänmcn, Eucalyptus- u. Akazienarten , mit öden Sandwüsten, Steppen u. vortrefflichem Weideland ab. Der bebaute Boden bringt namentlich reichste Weizeuernten, ferner Reis (an: Murray), Gerste hervor; vortrefflich gedeihen Orange, Olive, Mandel, Pfirsich, Aprikose, Feige, Dattel, Apfel, Birne, Kirsche, Banane, Wein, Ta- bak. Unter den einheimischen Thieren sind der Dingo, das Känguruh, das Opossum, der Springhase u. die zahlreichen Bogelarten (Emu, Kakadu, Papageien, Löffelgans) am bekanntesten. Schädlich sind die Heuschrecken. Die aus Europa eingcführten Hausthiere (Schafe u. Rinder) gedeihen vortrefflich. Man zählte 1876:219,246 Rinder, 6,179,395 Schafen. 100,562 Schweine. Unter den 225,677 Ew. (excl. der nicht ansässigen Australneger) finden sich zahlreiche (ca. 40,000) Deutsche, welche wesentlichen Einfluß auf die Cultur des Landes ansüben. Hauptbeschäftigung sind Ackerbau u. Viehzucht. Der Handel ist ansehnlich, ausgefllhrt werden Kupfer, Weizen, Gerste, Häute, Wolle. Der Werth der Einfuhr betrug 1875 4,204,000, der der Ausfuhr 4,806,000 Pfd. Sterl. Eine Eisenbahn sllhrt von PortÄdelaiLe nach Adelaide u. von hier nach Aberdeen (bei Korringa) mit Abzweigung nachKapunda, imGanzen 441 km (1875), an Telegraphen sind etwa 7000 km vorhanden. Staatseinnahmen (1875) 1,143,312, Ausgaben 1,176,412,Staatsschuld 3,220,600Pfd. St. Hauptstadt Adelaide am Torrensflusse in fruchtbarer Gegend. Die deutschen Colonien sind Tanunda (Weinbau), Hahndorf, Klemzig, Lobethal, Bethanien, Langmeil. S-Ä. wurde seit 1836 colonisirt. Vgl. Sidney, Gesch. u. Beschreibung der 3 austral. Colonien Neusüdwales, Victoria n. S-A., deutsch 2.4t. Hamb. 1857; A. Trollope, 8outk ^.ustraiia null Gestern Lmstralis,, 1874, u. Jung, Die geographischen Grundzüge von S-A. in Petermanns Geogr. Mittheil.. 1877—78. Droute. Süd-Brabant, s. Brabant 2). Sudbury, Stadt in der englischen Grafschaft 90 Süd-Carolina — Südlicht. Sufsolk, am Stour, Eisenbahnstation; Seidenweberei, Flaggentuchsabrikation, Ziegeleien, Malzdarren; 1871: 6968 Ew. Süd Carolina (South-C.) einer der südlichen Staaten der Nordamerika». Union, zwischen Nord- Carolina, Georgia und dem Atlantischen Ocean, 88,055 s^km (1599,2 lUM) mit 705,605 Ew., darunter 59"/o Farbige. Der Staat gliedert sich in 3 Regionen: dem 150 km breiten Tiefland, größ- tentheils aus Fichtenheiden, Morästen u. Sümpfen, zum Theil aber auch ans Marschland bestehend; dem 70 km breiten, größtentheils sandigen Hügelland, ans welches gegen die Grenze von Nord Carolina Bergland bis 1200 m ansteigt. Die bedeutendsten Flüsse sind der Savannah (Grenzfl. gegen Georgia), Santce (aus der Vereinigung der Congaree n. Wateree gebildet), Great Pedee, Edisto rc. Baien mit Häsen sind: Bnlls Bay, Charleston Harbor, St. Helena Sound, Bcansort Bai u. Port Royal. Das Klima ist im Küstenstrich n. dem Mittellande im Allgemeinen dem vom südlichen Europa ähnlich, in manchen Gegenden aber während des Sommers sehr heiß n. ungesund, wie bes. in u. um Charleston, wo das Gelbe Fieber schon anstritt, im Oberlande aber angenehm u. gesund. Der Boden ist je nach der Oberflächenbeschafsenhcit sehr verschieden, das unfruchtbare Land aber vorherrschend. Unter Cnltur stehen nur 2 °/v des Bodens, 33 ss/„ sind mit Wald, O,? °/„ mit Sümpsen bedeckt, Las Übrige liegt brach. Werth der Producte 1870: der Landwirthschaft 39,524,000 Doll, (davon 16,070,000 Baumwolle), des Viehstandes 1,762,100, derJndustrie 9,859,000 Doll. Eisenbahnen 1875: 2394 km. Über Las Verhältnis zu den übrigen Staaten der Union s. Nordamerika». Unionsstaaten,S. 545. Eintheilnng in 32 Connties; politische Hauptstadt ist Columbia, die wichtigste, bevölkertste n. Hanpthafenstadt dagegen Charleston. Die Verfassung ist die älteste der Vereinigten Staaten n. eine der am wenigsten demokratischen; sie wurde 1775 angenommen und 1790 ergänzt u. hat seitdem nur wenige Abänderungen erfahren. An der Spitze der Executivgewalt steht ein von dem Senat u. dem Repräsentantenhaus ans zwei Jahre gewählter Gouverneur; er hat ein beschränktes Veto u. das Begnadigungsrecht; er ist innerhalb der nächsten vier Jahre nicht wieder wählbar. In gleicher Weise n. unter gleichen Bedingungen wird ein Vicegonverneur gewählt. Dem Gouverneur zur Seite stehen ein Staatssccretär u. zwei Schatzmeister. Die Gesetzgebende Gewalt ruht in den Händen einer General Assembly, welche aus einem Senat von 33 Mitgliedern ans 4 u. einem Repräsentantenhause von 124 Mitgliedern auf 2 Jahre besteht. Die General Assembly tritt jedes Jahr im Nov. in Columbia zusammen; zu Abänderung der Verfassung kann durch Z Majorität beider Häuser eine Lolksconvention berufen werden. S. C. sendet zum Congreß nach Washington zwei Senatoren u. fünf Mitglieder in das Repräsentantenhaus. S.C. ist der einzige Staat, in welchem die Wahlmänner u. Bischöfliche. Das Unterrichtswescn läßt, wie in allen Südstaaten, viel zu wünschen übrig. An höheren Unterrichtsanstalten besitzt S. C. eine Staatsuniversity, eine Staatsnormalschulc, ein me« dicinisches College, 3 andere Colleges, 3 Seminare u. mehrere weibliche höhere Bildungsanstalten. Ueber die Geschichte bis 1729 s. u. Carolina 2). BeimAusbruchdesAmerikanischenUnabhängigkcits- krieges ergriff S. C. mit zuerst Partei gegen England, nahm überhaupt am ganzen Kampfe sehr lebhaften Antheil u.war 1780 n.81 säst stets von englischen Truppen occupirt. 1788 wurde es in die Vereinigten Staaten ausgenommen. Nach der 6. Nov. 1860 erfolgten Wahl des republikanischen Can- didaten Abraham Lincoln zum Präsidenten der Vereinigten Staaten für die Periode 1861/85 trat in S. C. unter allen Sklavenstaaten am stärksten eine separatistische Tendenz zu Tage. Am 20. Dec. erfolgte die Lossagung von der Union u. 24. die Un- abhängigkeitserklärung. Am Secessionskrieg nahm S. C. in hervorragender Weise Antheil. Durch Con- greßbeschluß vom 25. Juni 1868 wurde der Staat wieder in die Union ausgenommen. Schroot. 8llüobnik (russisch), das vom Zar Iwan IV. Wasiljewilsch (dem Grausamen) im Jahre 1555 für die Russen aufgestellte Gesetzbuch, die älteste Sammlung russ. Civilgesetze, s. Rußland, S. 466, 2. Sp. Süden (Süd), eine der vier Haupthimmelsgegenden , dem Norden entgegengesetzt. Der Südpunkt ist der 180. Grad der in 360 Grade getheilten Windrose; es ist die Stelle, welche die Sonne im wahren Mittag einnimmt. Vgl. den Art. Himmelsgegenden. Sndenburg, Vorstadt von Magdeburg, s. d. Süderland, so v. w. Sauerland. Sttderode, Kirchdorf im Kreise Aschersleben des preuß. Regbez. Magdeburg, am Fuße des Unterharzes in geschützter Lage, 550 m ü. d. M.; stark besuchter Bade- u. klimatischer Kurort mit der Sool- quelle Beringerbad; bes. wirksam bei Scrophnlosis; Fichtennadelbäder; 1875: 1084 Ew. Sudeten, ansehnlichster Theil des nördlichen od. äußeren Randes des hercynischen oder suüetischen Gcbirgsystems, ein in mittlerer Höhe 975 m hohes Gebirge, welches sich von der obern Oder und der Beczwa in nordwestlicher Richtung 320 km lang u. 30—50 km breit durch Mähren, Schlesien, Böhmen, bis nach Sachsen zum Elddurchbrnche zieht. Weiteres s. Deutschland, s. 283. Südholland, s. u. Holland 4). Südinsel, die größere der beiden Hauptinseln von Neuseeland (s. d.), bei den Eingeborenen Te Wahi Punamn genannt. Südliches Dreieck heißt ein Sternbild der südl. Hemisphäre, zwischen Paradiesvogel, Altar, Lineal n. Winkelmaß, Zirkel u. Kentaur, mit 1 Stern zweiter u. 2 dritter Größe. Südliches Kreuz, ein Sternbild der südlichen Hemisphäre, nimmt dort in Beziehung auf Glanz u. Pracht dieselbe Stelle ein, wie der Orion am nörd- sür die Präsidentenwahl von der General Assembly pichen Sternhimmel, n. nicht vom Volk gewählt werden. DieFinanzenl Südliche Krone, Sternbild der südlichen Hemi- des Staats habensich seit dem Separatistenkriegc ver- sphäre, welches in Ägypten n. andern dem Äquator schlechten. Am31.Oct.1875betrug die Staatsschuld,nahe gelegenen Gegenden am Horizont erscheint. 7,221,000 Doll. Religion: Methodisten, Bapti-! Südlicht, eine dem Nordlicht ähnliche, in den sten bilden die Mehrzahl; cs folgen Presbyterianer südlichen Erdgegenden beobachtete Erscheinung. 91 Süd-Norddcutsche Verbindungsbahn — Sue. Süd-Norddeutsche Verbindungsbahn, Ende ^ 1877 Länge 285 ,27 km; Anzahl der Locomotiven 50; der Personenwagen 101 ; der Güterwagen 987; Einnahme 2,630,382 Fl.; Benennung der Linien: Pardubitz-Josefstadt (39„g km), Josefstadt-Falgen- dorf (37,gz km), Falgendorf-Turnau (46 ,§2 km), Turnau-Reichenberg (36,^ km), Josesstadt-Schwa- dowitz (35,g, km), Schwadowitz-Königshain (24,g» km), Königshain-Liebau (4,Mkm),Eisenbrod-Tann- wald (17„2 km), Reichenberg-Seidenberg (41, km). Zeit der Gründung 1856, der Inbetriebsetzung seit 1857; Anlagecapital bei der Gründung 18,900,000 Fl.. heutiges Anlagecapital 33,396,972 Fl. Prioatverwaltung. Directionssitz; Wien. Sndogda, Kreisstadt im rnss. Gonv. Wladimir am glcichnam. Flusse, mit einiger Industrie (Glas) u. etwas Handel in Landesproducten; 2499 Ew. 1 Süd-Pacifiebahn, s. Pacificbahnen 3). Südpol, s. u. Pole. Südpolarländer (Antarktische Länder), die ^ Länder, Inseln u. Küsten innerhalb od. in der Nähe ! i des südlichen Polarkreises. Schon im 17. u. 18. ! ^ Jahrh. hatten die Geographen ein großes Land am ! . Südpol vermuthet. Erst später wurden Reisen dahin unternommen u. Land gefunden. Die Entdeckungsreisen nach dem Südpole sind wegen der Eis- verhältnisse noch schwieriger als die nach dem Nordpole, u. es ist voranszusehen, daß man sich dem Südpol (Capt. Roß gelangte bis 78" 11 ' südl. Br.) nie so weit als dem Nordpol wird nähern können. Das Antarktische Festland (Südlicher Conti- ' nent), soweit es bis jetzt erforscht ist, erstreckt sich nördlich nirgends bis zum 61. Brcitegrad; die einzelnen Theile sind Alexander I.-, Graham- u. Tri- nityland 60—70" wcstl. von Greenwich mit den vor- gelagerten Philipps-, Süd-Shetlands-, Elephant-, Süd-Orkney-Jnseln, Enderbyland 50" östl., zwischen 90 u. 150° (unter dem Polarkreis) Wilkesland, eingetheilt in Termination-, Knöx-, Bird-, Sabrina-, Sorth-, Clarie-, Adeleland. Östlich des letzteren > zieht die Küste des Continentes sich nach S. zurück, hier Victorialand genannt, auf welchem die Vulcane Mt. Erebus (fast 4000 m) u. Terror, sowie der Mt. Melbourne (fast 5000 m) sich erheben; gegen N. liegen hier die bergigen Balleny-Jnseln. Alle diese Länder n. Inseln sind gänzlich unbewohnt n. zeigen ! die Natur in völliger Erstarrung u. Öde; das Meer füllen Thranthierc, meistentheils eigenthümliche Arten, das Pflanzenreich wird nur durch Moose und Flechten, die Thierwelt durch Seevögel u. Gänse repräsentirt. Die erste Südpolarreise soll Francis Drake auf seiner Reise um die Erde (1578 u. 1579) nach dem Südpole gemacht haben; allein ohne alle Wahrscheinlichkeit. Sicher weiß man, daß der Holländer Dietrich von Gerrit-Zoon (Dirk Gerritz) im Jahre 1600 in die Eiszone vordrang. Die Specn- lation der Gelehrten über das Slldpolarland, welche j des. um die Mitte des 18. Jahrh. die Aufmerksam- ' keit auf sich zog, veranlaßte die französische Expedition unter Kerguelen-Tremarec (1769 ff.), welche 13. Jan. 1772 Kerguelens Land (unter 49 ° südl. Br.) entdeckte. Weiter südlich gelangte Cook, er entdeckte 1775 Sandwichsland. So war alles Land südlich des 60. Breitengrades noch unbekannt, bis 1819 William Smith die Südshetlandsinseln entdeckte u. der Russe Vellinghausen 1820 die Alexanderinsel auffand. Die Berichte dieser Expeditionen über den Neichthum von Thranthieren in diesen Regionen veranlaßten nun eine bedeutende Menge von Unternehmungen, welche zunächst des Robbenfangs wegen veranstaltet wurden, doch zugleich auch geographische Forschungen bewirkten. Palmer und Powell entdeckten 1821 die Südorkneys u. Weddel untersuchte diese Inselgruppe 1823. Biscoe, den das Handlungshaus Enderby in London ausgesendet hatte, entdeckte 1831 Enderbyland u. im folgenden Jahre Adelaide - u. Grahamsland. Kemp entdeckte 1833 eine nach ihm Kempsland genannte Küste unter dem Polarkreise u. 77 ° östl. L. und ein anderer Robbenfänger, Balleny, 1839 die nach ihm benannten Inseln u. Sabrinaland. Diese günstigen Resultate der Forschungen führten mm fast gleichzeitig drei wissenschaftliche Expeditionen herbei: der Franzose d'Urville befuhr von 1837—1840 die Antarktischen Gewässer u. entdeckte 1838 die Küsten Join- ville u. Louis Philippe, 1840 Adele- u. Clarieland; eine amerikanische Expedition unter Wilkes ging 1838—42 nach dem SlldlichenEismcer u. gebrauchte zuerst 1840 nach mehrfachem Auffinden von Küsten den Namen Antarktischer Continent; eine englische Expedition unter Capt. Roß untersuchte diese Regionen 1839—43 u. vervollständigte die Kenntniß der südpolaren Landmasscn am meisten, drang auch weiter nach S. vor (bis 78° 11 '), als irgend eine vorhergegangene Unternehmung. 1878 unternahm der Nordpolfahrcr Rares eine Entdeckungsreise nach den Südpolarländern. Droiike. Südpolarreisen, s. u. Slldpolarländer. Südpreusteu, ehemalige Provinz des Königreichs Preußen, gebildet aus den Theilen von Großpolen (den Wojwodschaften Posen, Gnesen, Kalisch, Sieradz, Lentschiza, Rawa n. Plozk), welche Preußen vom Königreich Polen in den Jahren 1793 n. 1796 erhalten hatte; 60,570 s^fkm (1100HsM) mit 1,335,000 Ew. Die Provinz war in die drei Kammerdepartements Posen, Kalisch u. Warschau gethcilt. In dem Tilsiter Frieden 1807 wurde S. zum neu gebildeten Herzogthum Warschau geschlagen; nach dessen Auflösung erhielt Preußen 1815 den Theil von S. zurück, welcher jetzt Las Großherzogthum Posen bildet, der andere größere Theil kam an Rußland, welches aus ihm den Hanpttheil des neu errichteten Königreichs Polen bildete. Hauptstadt war Warschau. Sudra (Onckra), die vierte dienende Kaste in der altindischen Kastenordnung; s. Indien, S. 676. Südsee, so v. w. Großer Ocean. Südseesprachen, 1) (Oceanischs Sprachen) im Allgemeinen die Sprachen des Malaischcn Sprach- stammes, bes. aber 2l die Polynesischen Sprachen. Sudsha, Kreisstadt im rnss. Gonv. Kursk am gleichnam. Flusse, mit lebhafter Industrie (Branntweinbrennereien, Salpetersiedereien), etwas Handel mit Landesproducten; in der Nähe Sandsteinbrüche; 4582 Ew. 5uckur oder suäuri ist mongolisch - mandschuische Verderbung des erborgten Sanskritwortes sütra (s. w. n.), welches zunächst die heiligen Bücher der Buddhisten bezeichnet. Bei Mongolen n. Mandschu haben auch rein erzählende Werke diesen Titel. Sue, Joseph Marie, genannt Eugene, gcb. 10 . December 1804 in Paris; er stndirte MeLicin 92 8uk6ia — Suevcn. u. machte 1823 als Untergehilfe bei den Ambulanzen den Feldzug in Spanien u. die Belagerung von Cadix mit; nach seiner Rückkehr führte er ein verschwenderisches Leben u. gericth in Schulden, ging dann als Hilfschirurg zur Marine über, machte als solcher mehrere Reisen nach Amerika, Asien, den Antillen und den Küsten des Mittelmeeres und war 1827 bei der Schlacht bei Navarin, entsagte aber dann der Medicin u. trieb Malerei. 1839 widmete er sich, nachdem er zwei Erbschaften durchgebracht hatte, ganz der literarischen Laufbahn, die er schon 1826 versuchsweise betreten hatte. Er erzielte bald bedeutende Honorare, kaufte das Schloß Lesbordes u. der Erfolg, den er davontrug, seitdem er seine aristo- kratisch-byronschen Tendenzen mit den demokratisch- socialistischen Bestrebungen seiner Zeit vertauscht hatte (1841), bewirkte, daß er 1850 in die gesetzgebende Versammlung gewählt wurde, wo er sich dem Berge auschloß. Nach dem Staatsstreich ging er nachAnnecy, wo er 3. Aug. 1857 starb. S. schuf mit Cvrbiere den franz. Seeroman, besaß ein großes Erzählertalent, huldigte aber einer antiästheti- schcn mechanischen, paradoxen Geschichts- und Weltanschauung, die das Dämonische, Ungeheuerliche, ja selbst das sittlich u. psychisch Ekelhaste mit Vorliebe heranzieht und bis ins Kleinste ausmalt. Die Erzählung ist überaus spannend, erfinderisch und phantasiercich, der Stil dagegen mangelhaft, ohne künstlerischen Ausbau. Von seinen zahlreichen, in viele fremde Sprachen übersetzten Romanen sind besonders hervorzuheben: Lss mz'stsrss äs Daris, 10 Bde., 1842, u. De llnik orrarck, 1844 bis 1845, 10 Bde. Ferner: Vtar-6uil, 1831, Daubrsau- mont, 1837; Ds Uarguis äs Dstorieros, 1839; äsan Oavalior, 1840; Llatiiiläs, 1841; Ds morns an äiablo, 1842; Nartin Dsnkanl trouvs, 1847; Dss sext xäolrss eaprbaux, 16 Bde., 1847—49 (nach FourierschenIdeen); Lea mxstörss äu poupls, 1849—1857, 16 Bde. (als unmoralisch und aufrührerisch von dem Assiscnhof zu Paris verurthcilt); Dss miseros äo8 erckants trouvss, 1851; Da ia- mills llonkkrox, 1857; Do Diabls möäooin, 1855 bis 1857; Dss seorots äs I'orsiUsi, 1858 rc. Die Seeromane, durch die er seinen Nus begründete, sind: Xeriwek 1s pirato, 1830; DIielc ei DIoeic, 1831; Da 8a1amanärv, 1832; Da Ovuearatsiia, 1832—34; 1,8, viAie äs Xoab-Vsn, 1833, 4 Bde. rc. Auch Dramen, Lustspiele u. Vaudevilles hat man von ihm: Dos mzstsrss äsDaris (mit Gon- baux); De äuil srrant, 1849; 1,8 pröteväanio, 1841 (mit A. Dinaux); Dss poutuns, 1841 rc. Seine histor. Werke sind werthlos. Volchert. 8ueoia, neulateinischer Name für Schweden. Sncs, so v. w. Suez. Sueß, Eduard, Geolog, geb. 20. Aug. 1831 zu London, studirte in Prag u. Wien, wurde 1852 Assistent am Hofmineraliencabinet inWien, u. ist seit 1867 ordentl. Professor an der dortigen Universität. Erwar 1863—73 als Mitglied des Wiener Gemeinderaths techu. Berichterstatter fllrdieHerstellungderQuellen- leitung aus den Alpen u. der Donauregulirung bei Wien u. wurde 1873 von der Stadt Wien zum Reichs- rathsabgcordneten gewählt. Unter seinen Schriften sind zu erwähnen: Der Boden der Stadt Wien, Wien 1862; Bericht über die Erhebungen der Wasserversorgungscommission des Gemeinderaths der Stadt Wien, ebd. 1864, mit Atlas; Der Bau der italienischen Halbinsel, ebd. 1872; Die Entstehung der Alpen, ebd. 1875; Die Zukunft des Goldes, ebd. 1877. Seit 1867 ist er auch Mitglied der k. k. Akademie der Wissenschaften. t. Snessiönes (Suissones), eins der mächtigsten Völker im Belgischen Gallien; sie wohnten neben den Bellovakern, Veromanduern u. Reiner» u. konnten zu Casars Zeit 50,000 Mann ins Feld schicken. In ihrem Gebiete lagen 12 Städte, darunter dieHaupt- stadt Xu^usta Luoasioiruin, jetzt Soissons. Suetonms, Cajus S. Tranquillus, röm. Historiker um 100 n. Ehr.; lebte als Jüngling unter Domitianns in Rom, wo er sich mit Grammatik u. Rhetorik beschäftigte; er war ein Freund des jüngeren Plinius, erhielt unter Trajanus die Würde eines Tribunen u. wurde unter Hadrianus kaiserl. Geheimschreiber; in Ungnade gerathcn, verlor er seine Stelle und lebte nun den Studien auf seinem kleinen Landgute bei Rom; sein Todesjahr ist unbekannt. Von seinen Schriften sind noch übrig die vielgelesenen Vitao XII Impsratorum (biographische Memoiren über die 12 ersten Kaiser von Cäsar bis Domitianus, in einfacher u. correcter Sprache, reiche u. zuverlässigeMittheilungen bietend); von der höchst wichtigen Schrift Do viris illustribus ist erhalten das Buch Do ^rammatiois, ferner ei»Fragment von Vs rftotoribus; von dem Buche Dspostis sind blos die Vitus des Terentius, Horatius, Vergilius, Lucanus, Persius u. (?) Juvenalis (zum Theil vielleicht umgearbeitet) vorhanden; außerdem gibt es noch eine vita, 6. DIinii; verloren sind seine Drata, Duäiera Iiistoria, Ds rsAibus u. a. gelehrte Werke. Erste Ausgabe zu Rom 1470. Wichtigste Ausgaben von Casaubonus (Genf 1596 u. ö.), Ernesti (Lpz.1748), Fr. Aug. Wolf (Lpz. 1802, 4 Bde.) u. des. von C. L. Roth (Lpz. 1858) und die der Fragmente von A. Reifferscheid (8ustoui praeter Dassarum 1ibrc>8 rs- Iiguiao,Lpz. 1860). Deutsch von Ad.Stahr(Stuttg. 1857) u. ö. Riese. Sueben. Der Name 8uovi, war unter allen germanischen Völkerschaften der weitaus verbreitetste, ist deshalb aber auch am wenigsten genau zu bestimmen. Mommsen (Römische Geschichte, 5. A., Berl. 1869, III., S, 231) meint, Laß die Benennung S. zu Cäsars Zeit u. noch viel später jedem deutschen Stamme zukam, der als ein regelmäßig wandernder bezeichnet werden konnte, also im Gegensatz zu den festangesiedelten Völkern (Jngävonen). Das Wort S. wäre dann von srveibon, schweifen, abzuleiten. Nach C. Zeuß, Die Deutschen u. ihre Nachbarstämme, Münch. 1837, gehört der Name S. den östlichen, u. der der Vandalen, welcher mit ihm gleichbedeutend sei, den westlichen Völkern dieses Stammes an. Tacitus läßt die S. das ganze östliche Germanien von der Donau bis zur Ostsee einnehmen, Cäsar versteht unter S. wahrscheinlich die Chatten (s. Mommsen I. e.), während Cassius Dio ihre Wohnsitze westlich bis in die Maingegenden verlegt. Jedenfalls gehörten zu den S. die Stämme der Hermunduren (später Ourinxi, Thüringer), der Markomannen, südlich bis zur Donau u. zum Rhein, der Quaden im südöstlichen Germanien. Die nördlichen od. niederdeutschen S-Völker waren die Sem- nonen u. nördlich von ihnen die Longobarden und Varinen an der unteren Elbe, die Lugier in den Ebe- 9S Suez — Suczkanal. neu der oberen Oder u. Weichsel, sowie das westliche Hauptvolk der Lugier, die Vandalen. Das Land der S. umfaßte 100 Gaue, deren jeder jährlich 1000 Bewaffnete zu Kriegszügen über die Grenzen sandte, während die Zurückgebliebenen für sich n. jene das Feld bebauten; nach einem Jahr wechselten die Krieger u. die Ackerleute. Vgl. Cäsar, Vs bei. Aal., IV., 1—4. Nachdem der Name S. längst ausgehört hatte, eine Gesammtbenennung für einen großen Völkerbund zu sein, findet er sich wieder zur Be» Zeichnung einzelner Völkerschaften, die wol einst dem großen Bunde angehört hatten u. in der sog. Völkerwanderung mit Vandalen u. Alanen vereint nach blutigen Gefechten die westliche Hälfte der Pyrenäi- scheu Halbinsel eroberten, wo die S. sich im NW., in Galicien, niederließen. Dieses SuevischeReich erhielt dann an den Westgothen gefährliche Nachbarn, bis Thronstreitigkeilen u. Kämpfe mit Franken und Griechen die Kraft derselben lähmten, u. König Car- rarich (550—59) dadurch dem Snevischen Reiche einen festeren Halt gab, daß er dem arianischen Glauben entsagte u. die katholische Religion annahm; denn dadurch wurden Franken und Griechen natürliche Bundesgenossen der S. Als aber Theodemir ll. mit des Westgothenkönigs Leovigilds rebellischem Sohn Hermenegild in Verbindung trat, wurde er geschlagen, u. nach seinem kurz daraus erfolgten Tode das Suevische Reich nach Verstoßung König Andeca's in ein Kloster i. I. 583 zu einer westgothischen Pro- vinz erklärt (s. u. Spanien, Gesch., S. 571). Die in Deutschland zurückgebliebenen S. erscheinen in der Mitte des 6. Jahrh. unter dem Namen Schwaben (s. d.) mit den Alemannen verbunden, auch findet sich zu dieser Zeit ein Gau Suevon (Suabago) zwischen der Saale, Bode u. dem Unterharz. Schmitz. Suez (Sues), Stadt in Unterägypten, an der nach ihr benannten Bai des Rothen Meeres, oberhalb der Mündung des Suezkanals, Endpunkt der Eisenbahn Benha-S. u. des Süßwasserkanals, dessen Niveau hier 2 m ü. d. M. liegt u. der seinen Abfluß durch ein Schleußenwerk hat; engl. Marinehospital, mehrere Consulate, vicekönigl. Kiosk, großer Lagerplatz der Karawanen aus Arabien, die oft mit 1000 Kameelen hier anlangen und das am meisten Leben bringende Element in dem trotz des Kanals verhält- nißmäßig stillen Orte ausmachen. Der Handel be- schränkt sich auf Transit u. die Zahl der Bewohner betrug 1872: 13,498. Die größte Merkwürdigkeit ist der an der Mündung des Suezkanals angelegte Hafen PortJbrahim, zu dem von der Stadt ein 3 km langer Damm von künstlichen Quadern mit Eisenbahngeleisen führt. Der Hasen kann 500 große Schiffe fassen, ist durch eine Mauer in 2 Hälften, einen Kriegs - u. einen Handelshafen, geschieden u. besitzt ein gutes Trockendock, Wellenbrecher rc. Zur Stadt S. selbst können nur kleine Schiffe gelangen. In der Nähe wurden 1878 ergiebige Petroleumqnellen entdeckt. Über den Isthmus von S. s. n. Suezkanal. t. Suezkanal, maritimer Kanal, der die an der schmälsten Stelle 113 lein breite Landenge von Suez von N. nach S. durchschneidet. Seine Länge beträgt 160 lern, seine Breite an derOberfläche 60—110 m, an der Sohle 22 m, die Tiefe 8 in. Er tritt bei Port- Said (s. d.) ins Mittelländische, bei Suez (s. d.) ins Rorhe Meer. Von Port-Said durchschneidet er (43 km) zunächst den Menzaleh-See (s. d.), tritt dann bei 48 km seiner Länge in die Ballah-Seen, die er bei 61 km verläßt, um bei 76 km in den 5 km langen Timsah-See einzutreten. Nun geht der Kanal 20 km überLand u. erreicht dann das 220 H>km große Becken der Bitterseen, in denen bei 100 und 115 km je ein eiserner Leuchtthurm von 20 m Höhe aufgestellt ist. Diese Seen lagen früher 8—12 m unter dem Niveau des Meeres u. bedeckten eine Fläche von 40 Hskm. Bei 134 km erreicht der Kanal wieder Festland u. tritt bei 150 km in den Busen von Suez ein, der aber erst bei 160 km, d.h. bei der Stadt Suez, genügende Tiefe erreicht. Der Kanal wurde 1858 bis 1869 vom sranz. Ingenieur Lesseps mit einem Kostenaufwand von 456,862,986 Frcs. erbaut. Hier- von wurden 200 Mill. durch Aktien, 84 Mill. durch Betheiligung des Khedive, 100 durch Prioritätsan- lehen u.30 Lurch verschiedene Erlöse aufgebracht, der Khedive verkaufte 1875 seineActicn (176,602 Stück) an England für 3H Mill. Pfd. St. Die Hauptbedeutung des Kanals liegt in den Abkürzungen der Seewege, bes. nach OAsien, die von Hamburg und London 43 u. 44"/„ von der Entfernung der Route um das Cap der guten Hoffnung betragen; von Triest sogar 63"/o, vonMarseille 59 rc. Dagegen können nicht alle Waaren die hohe Kanalgebühr (10 Fcs. pro Tonne für Kriegsschiffe, 12,5 für an- dere Schiffe u. 10—20Fcs. Lootsengeld pro Schiff), tragen, weshalb viele Schiffe, bes. Segler, noch den Weg um das Cap nehmen, letztere zum Theil auch wegen der gefährlichen und schwierigen Fahrt durch das Rothe Meer. Die Rentabilität des Kanals, lange schwankend, scheint jetzt gesichert. 1877 betrug derNettogewinn4^Mill.Fcs., von denen 3,195,800 vertheilt werden sollten. Die Frequenz stieg von 486 Schiffen (654,915 Tonnen) in 1870 aus 1457 Schiffe (3,072,107 T.) in 1876 u. auf 1633 in 1877, ging aber in 1878 auf 1593 Schiffe zurück. In den I. 1874 u. 1876 vertheiltcn sich die Schiffe auf folgende Nationen: 1874 1878 England 898 1090 Frankreich 87 89 Niederlande 53 60 Italien 62 51 Oesterreich 61 53 Spanien 27 26 Deutschland 31 27 Rußland 7 11 Türkei 15 15 Andere 23 32 1264 14S7 Die Zahl der Passagiere stieg von 26,758 in 1870 aus 67,993 in 1876; die Kanalgebühr für jede» Passagier beträgt 10 Fcs. Der Isthmus von Suez war von jeher eine Völkerbrücke und eine wichtige Culturstraße. Über ihn nahm die altägyptische Cultur zum Theil ihren Weg nach auswärts, wie er aus der anderen Seite den Verkehr fremder Völker mit den Ägyptern vermittelte. Er war daher im hohen Alterthum schon mit Festungswerken gesperrt, und Pelnsium war der Schlüssel von Ägypten. Der erste Gedanke einer Verbindung des Mittelländischen Meeres mit dem Rothen gehört einem hohen Alterthum an, u. es läßt sich auch mit einiger Sicherheit annehmen, daß er durch Seti I. (regierte 1447 —43 v. Chr.) bereits verwirklicht worden sei. Dieser Kanal soll vom Nil 94 Suffeten — Suffusion, Sugillation. nach den Bitterseen und von da nach dem Rothen Meere geführt haben. Einen ähnlichen Kanal be- gannNeckw (616—600 v. Ehr.), gelangte aber nicht zur Vollendung, die erst unter pers. Herrschaft ins Werk gesetzt ward. Unter den Ptolemäern wurde der Kanal nach N. bis zum Mittelländischen Meere verlängert. Alle diese Anlagen geriethcn aber rasch in Verfall. Unter den Römern soll der Hauptkanal restaurirt worden sein. Unter arabischer Herrschaft wurde der älteste Kanal wieder schiffbar gemacht, doch war auch dieser in 8 Jahrhunderten nicht mehr brauchbar. Bonaparte ließ bei seiner Expedition in Ägypten die Vorarbeiten zu einem maritimen Kanal beginnen, doch wurde das Unternehmen durch einen merkwürdigenJrrthnm, der schon imAlterthnm be- stand und wonach der Spiegel des Rotheu Meeres den des Mittelländischen um 9,„„„m überragen sollte, damals u. aus lange Zeit hinaus in Frage gestellt. Nachdem jener Fehler 1841 u. wiederholt 1847 aufgedeckt war, legte Lesseps (s.d.) 1854 demVicekönig Said Pascha sein Project vor, dessen Concessionir- ung aber durch die von England bereiteten Schwierigkeiten erst 5.Jan.1856 erfolgte, worauf 25.April 1858 der erste Spatenstich gethan wurde. Zunächst wurde ein Kanal von Zakazik an einem der zahlreichen Nilarme durch Wadi Tnmilat nach dem Tim- sah-See n. von da südl. nach Suez gegraben. Ende 1863 war dieser, hauptsächlich zur Deckung des Wasserbedarfs für die Arbeiter (etwa 25,000) und Maschinen (22,000 Pferdekraft) angelegte Kanal fertig. Am 18. März 1869 konnten die Wasser des MittelländischcnMeeres in die Bitterseen (s. o.) eingelassen werden, und 16. Nov. dess. I. erfolgte die Eröffnung des Kanals unter pomphaften Feierlichkeiten, die dem Khedive etwa 28 Mill. Thl. gekostet haben sollen. Der Kanal wurde nun auch durch die Linie Benha-Suez in das ägyptische Eisenbahnnetz hineingezogen und erhielt 1877 eine neue schiffbare Kanalverbinduug mit Kairo (s.d.), die sich im Wadi Tumilat mit dem älteren Süßwasserkanal verbindet. Beide, die Eisenbahn wie der Süßwasserkanal, be- rühren die mit dem Entstehen des S-s gegründete Stadt Jsmailia am Timsah-See. Zu Anfang des Russ.-Türk. Krieges war der S. eine Zeil laug gesperrt, wurde aber 27. Nov. 1877 wieder dem Verkehr geöffnet. Vgl. Wolfs, Geschichte der Entstehung u. bisherigen Ausbildung des S°s, Loud. 1876; P. Fitzgerald, ssihe Arsab oaual abLuex, 1876, 2Bde., u. Bädekers Ägypten I., Lpz. 1877. t. Suffeten (Schafften, v. hebr. seuokstiin, Richter), die höchsten Magistratspersonen in Karthago. Zukkloit (lat.), es genügt, reicht hin. 8uMssncs (fr.), Selbstgenügsamkeit, Selbstgefälligkeit, Dünkel. Snfstte, so v. w. Soffite. Suküxum (lat., Mehrzahl Loküxa), die an ein Wort (Subst. oder Verb) hinten antretende Anhängcsylbe, welche der Wortbildung od. der Flexion dient; Gegensatz Lraoüxum. Snfflenheim, Flecken im Kr. Hagenau des deutschen Reichslandes Elsaß-Lothringen, am Eberbach; Töpferei, Fabrikation feuerfester Steine; 3014 Ew. 8uffoesllo (lat.), Erstickung. Snffolk, 1) Grafschaft in England, grenzt im N. an Norfolk, im W. am Cambridge, im S. an Essex n. im O. an die Nordsee; 3843,grjMm (69,g UM) rnit(1871) 348,869 Ew. (auf1sMm91, in ganz England 163). Die Grafschaft, im Ganzen wellenförmig, verflacht sich nach der Küste, längs welcher, bes. an den Flußmündungen, Strecken vop Marschland sich ausbreiten. Flüsse: Orwell, Stour (Grenzfluß gegen Essex), Neben, Alde, Mythe, Wa- veney (Grenzfluß gegen Norfolk) u. Lark. Von der Gesammtoberfläche sind 65»/„Acker- ».Gartenland, 28 »/„ Wiesen u. Weiden u. 3 °/„ Waldungen. Die Haupterwerbsquellen sind Ackerbau und Viehzucht, welche auf hoher Stufe stehen. Viehstand 1875: 42,022 Pferde, 65,316 Stück Rindvieh, 475,911 Schaff n. 111,373 Schweine. Auch viel Federvieh, namentlich Truthühner, wird gezüchtet. Die Industrie ist im Allgemeinen von geringer Bedeutung; am wichtigsten ist die Fabrikation landwirthschaftli- cher Maschinen; ferner gibt es Fabriken in thöner- nen, baumwollenen u. wollenen Maaren. Hauptstadt ist Ipswich. 2) Zwei Counties in den nord- ameritän. Unionsstaaten s.) in Massachusetts, 42» n.Br., 71» w. L.; 270,802 Ew.; Hauptort Boston; d) in New Jork, 41° n.Br., 72° w.L.; 46,924 E.; Hauptort Riverhead. i) H. Berns. ^ Suffolk, Lord Thomas Howard, Graf v., L>ohn des 4. Herzogs von Norfolk, kam 1597 als Baron Howard u. 1603 als Graf S.insOberhaus, nachdem letzterer Titel seit 1554 (der letzte Graf v. S. warHenryGrey,der Vaterder unglücklichen Johanna Grey) nicht mehr verliehen worden war. 1603 ward er Geheimer Rath, 1605 Lord-Oberkämmerer u. war hier bes. bei Entdeckung der Pulververschwörung thätig. 1614 bis 1618 bekleidete er Las Amt ffines Groß-Schatzineisters. Wegen Bestechlichkeit angeklagt u. 1618 in den Tower geworfen, wurde er nach wenigen Tagen frei. Er st. 1626. Der Titel S. ging nach Aussterben der Linie auf Henry Bowes Howard Grafen von Berkshire, den Nachkommen des zweiten Sohnes des Lord Thomas über. Suffragan (v. Lat.), 1) jeder Kleriker, welcher die Pflicht hat, seinen Obern zu unterstützen (Susira- §ari), daher gleichbedeutend mit Vioarius; 2) (S.- Bischöfe), die unter einem Erzbischöfe stehenden Bischöfe der einzelnen Diöcesen, welche zusammen die Kircheuprovinz bilden; 3) zuweilen auch der Weihbischof als Gehilfe u. Stellvertreter eines Diöcesan- bischoss. Löffler. 8u»rage universal (fr.), allgemeine Abstimmung. 8uNrsgmm (lat.), 1) (röm. Ant.), Wahlstiinme, Stimme, welche vor Beschlußfassungen von den Richtern oder den Wählenden gegeben wurde; s. u. 6o- mitia. 2) Nach katholischer Lehre wird durch die sulkraxia üäsiium den Verstorbenen die Dauer des Aufenthaltes im Fegfeuer abgekürzt. Solche sutkra- Aia sind alle frommen Leistungen, vor Allem die Seelenmessen, weiter Gebete, Wallfahrten, Schenkungen an die Kirche, die Ablaßertheilung (der Papst befreite bei der Ablaßspendung die Seelen aus dem Fegseuer per moäum sukkra^ii). Darum führen im Brevier mehrere kleine Gebete, worin bestimmte Heilige an minder festlichen Tagen angernfen werden, den Namen Luü'raxfta sanotorum. Löffler. 8ukfrutox (lat.), Halbstrauch. Suffusion, Sugillation, eine nicht scharf be- grenzte, mehr in die Fläche verbreitete Blutunterlaufung. Ein Fiugerdruck vermag der betreffenden Stelle nicht die normale Färbung zu geben. 95 Sufismus Sufismus (Sofismus,Ssufismus), der religiöse! Mysticismus der mohammedanischen Mönchsorden in Indien u. Persien, genannt nach ihren Anhängern, arab. Sufi, L.i. dis Wollbekleideten, weil sie wollene Kleider tragen. Der S. ist eigentlich ein pantheistisches System, wornach der Mensch Gott zu sich in die Natur herabzieht, denselben in den ab- stracten Begriff des Seins verwandelt u. sich selbst als Theil des absoluten Seins mit ihm identificiri. Die Sufis unterscheiden 3 L-tufen od. Stqtjonen in ihrem Orden: die erste Stufe heißt die derMethode, die zweite die der Erkenntniß, die dritte die der Gewißheit. Auf der Stufe der Methode, als Einleitung in dieDoctrinen desS., ist derJünger noch ein bloßer Moslem, wird als ein äußerlicher (nicht eingeweihter od. innerlicher) Mensch betrachtet; ihm ist Gott ein äußerlicher, lranscendentaler Begriff, welchen er außer sich sucht u. verehrt , u. er hat die gewöhnlichen Reinigungen u. Gebete nach Gesetz u. Überlieferung regelmäßig durchzumachen. Die längere oder kürzere Dauer dieser Periode hängt von dem Ermessen des Pir ab, unter dessen Leitung der angehende Sufi sich gestellt hat. Auf der Stufe der Erkenntniß, der Übergangsperiode von dem Äußerlichen zum Innerlichen, gelaugt der Sufi zu der Erkenntniß, daß alle äußere Religionsübung nur Schein, nur für die am Äußerlichen hängende Masse ist, für den Wissenden aber keinen inner» Werth hat, daher er nach u. nach alle Dogmen des Islam aufgibt; dagegen studirt er auf dieser Übergangsstufe die Schriften, worin die Begründung des S. gefunden wird, in Persien bes. das Masnawi von Gelal-ed-din Rumi und den Hafiz, in Indien, namentlich in Sindh, den Diwan von Abd-al-Latif Schah u. die in sufisches Gewand gekleideten alten Balladen u. Erzählungen. Neben diesem Studium geht die Askese her, wobei der Sufischlller still sitzend die Augen erst halb, dann ganz schließt, um den Außendlngen den Eingang in seine Seele zu wehren, u. alle Begierden des Fleisches tödten muß. Auf der Stufe der Gewißheit ist der Sufi vollkommen zu der Erkenntniß gekommen, er hat Gott in sich selbst gefunden, weiß sich als einen Theil der Gottheit, ja als Gott selbst; für ihn gibt es keine Sünde mehr, alle äußerlichen Religionsbeobachtungen und alle Askese hören für ihn aus. Als Stifter der Sufis wird Said-Abul-Chair um 820 n. Ehr. genannt; von den berühmten persischen Dichterwerkeu gehören außer den genannten noch zu denSchristen der Sufis: llaäilea vonSenaji, Llantilc sttair u. Osolrs- waliir aläüat vonFerid-ed-dinAttar; in Indien ist der S. mit dem Vedanta-System fast ganz zusam- mengesallen. Die Lehre u. Geschichte des S. findet sich in Hammers v. Purgstall Ausgabe Oülseiwn-i ra8, Pest 1838; in Silvestre de Sacys Analyse der mystischen Schriften des Dschami, im 12. Bde. der Hoiioos ob sxtraibs, in Tholucks 8. s. Mrsosoplria ksrsarum xsutlromtivs., Bert. 1821, u. Blüthen- sammlung der morgenläudischen Mystik, ebd. 1825; Krehl, Die Ersreuung der Geister von Omar, türk, u. deutsch, Lpz. 1848; Fleischer u.Trumpp, inZeit- schrist der Deutschen Morgenländischeu Gesellschaft, 1862, Bd. XVI., S. 235ff.; Kremer, Geschichte der herrschenden Ideen des Islams, Lpz. 1868; Palmer, Oriental m^stieism, Land. 1867. s« Suger, Abt u. Rathgeber der Könige Ludwig V. — Suger. u. Ludwig VI. von Frankreich, geb. um 1081 bei St. Omer; wurde in früher Jugend in das Kloster St. Denys zur Erziehung geschickt, wo er Studiengenosse und Freund des nachmaligen Königs Ludwig VI. wurde, u. erhielt seine weiters Bildung im Kloster St. Florent de Saumur, einer damals sehr berühmten Schule. Als Mönch in St. Denys wurde er dann der Vertraute seines Abtes daselbst, der ihn mit den wichtigsten Missionen auf Kirchenversamm- luugen u. am Hose betraute. Gewann er bei solchen Unterhandlungen diplomatische Gewandtheit, so eignete er sich Kriegserfahrung, ohne die in jenen Zeiten die bloßen Künste des Friedens wenig galten, als Propst von Tours an in 3jährigen, zuletzt siegreichen Kämpfen gegen den raubgierigen Grafen Hugo von Puiset. Da mit diesem andere Grafen der Normandie, die sich Hugo verbündet hatten, durch Unterstützung Ludwigs VI. gezüchtigt wurden, so gewann durch diesen Sieg die königl. Macht bedeutend au Ansehen. Zum Abt von St. Denys gewählt (1123), war er in allen inneren Angelegenheiten der Berather des Königs. Als Staatsmann ging sein Streben auf Schwächung der großen Vasallen, aus Begünstigung der Städte u. aus Zurückweisung der Anmaßung, welche sich die geistliche Gemalt in weltlichen Dingen erlaubte. Er bewog den König, seinen Sohn Ludwig (VII.) mit der Tochter u. Erbin Herzogs Wilhelm IX. vou Äuyeuue (Aquitanien) zu vermählen, wodurch diese Provinz mir den Grafschaften Poitou u. Saintonge an die franz. Krone kam. Allerdings trennte sich die Ehe, die nie eine glückliche gewesen, aber erst nach S-s Tode 1152, der nie in eine Trennung hatte willigen wollen, und Eleonore vermählte sich mit Heinrich von Anjou, dem Thronerben von England, wodurch ein großer Theil Frankreichs init England vereinigt wurde. Alle Geschäfte wurden unter Ludwig VII. (1137—80) von S. allein geleitet, u. er führte dieselben in dem Maße zu Gunsten der königl. Macht fort, daß er selbst den Papst Jnnoceuz II. nicht schonte, wo dessen Einfluß sich zu llngunsteu der Krone u. für die Vasallen geltend zu machen suchte. Bann u. Jnterdict beugten weder den König noch seinen Abt-Minister, so daß der Papst sich schließlich zu einer Aussöhnung gezwungen sah. Als der hl. Bernhard von Clairvaux 1146 den König mit den bedeutendsten Vasallen zu einem Kreuzzuge bewogen hatte, übertrug Ludwig die Verwaltung der Finanzen und inneren Angelegenheiten für die Dauer seiner Abwesenheit S. u. dem Erzbischof Samson von Reims: Letzterer war offenbar nur der höheren Geistlichkeit zu Gefallen gewählt, und S. führte die Regierung allein. Sehr bemerkeuswerth ist, daß selbst der mächtigste Kronvasall, der Schwiegersohn Heinrichs I. von England, GottfriedPlantagenet vonAujou u.Maine, sich vor S. beugte. Durch eine vortreffliche Finanz- Verwaltung u. Einrichtung des königl. Hauswesens brachte S. es dahin, daß er nicht nur die durch den Kreuzzug Ludwigs entstehenden beträchtlichen Kosten Lecken konnte, sondern sogar noch eine bedeutende Summe übrig behielt, die nachher dem Könige sehr zu Statten kam. Er st. 12. Jan. 1151. S. schr.: I)s rsb»8 In sua aäminrstratwnv (derAbteiS.Denys) Aestis u. Vita Imüo viel VI, beide in Duchesne, Klstorias kranoorum seripborss tow. IV, und in Mizne, üatroi. eurs. oompl. tsm .186 (lat. Serie). 96 Suggestivfragen — Suite. S. gilt als historische Autorität, bes. auch für denJn- vestiturflreit, da er regierender Minister war; aber feine ganze Schreibweise hierin, wie in den 60 von ihm an Verschiedene geschriebenen Briefen ist keineswegs die eines guten Schriftstellers. S. Lebensbeschreibung von dem Mönch Wilhelm im 8. Bde. von Guizots 6oIIsoticm äss memolrss. Vgl. Com» bes I/Ubbö 8., Par. 1853. Schmitz. Suggestivfragen, bes. im alten strafrechtlichen Jnquisitionsprocesse (s. Criminalproceß) solche Fragen, wodurch von dem Inquirenten einemAngeschul- Ligten gewisse Thatnmstände, auf deren Geständniß der Inquirent hinwirken will, auf eine verfängliche Art vorgesagt werden, so daßder Angeschuldigte durch eine einfacheBejahung der Frage ein Geständniß derselben ablegt. Schon nach der geläuterten Theorie des GemeinenDentschenStrasprocesses galten solche Fragen als verpönt. Noch mehr ist dies der Fall in dem nun allgemeinen öfsentlich-mündlichen Strasprocesse, wo aus das Geständniß des Angeschnldeten kein od. wenigstens kein besonderes Gewicht mehr gelegt wird, womit auch alle Kunstgriffe in Wegfall kamen, mir welchen man zu solchem Geständnisse auf geradem (Folter) od. krummem Wegezn gelangen suchte. BeM. Sugillirt (v. Lat.), mit Blut unterlaufen. Da» herSugillation, Blutunterlaufung, Austritt von Blut ins Zellgewebe. Suhl» Stadt im Kreise Schlensingen des preuß. Regbez. Erfurt, an der SSeite des Thüringer Waldes, an der Lauter; Amtsgericht, Neichsbankneben- stelle, zahlreiche Fabriken in Stahl- u. Eisenwaaren (bes. Handfeuerwaffen), ferner Fabrikation von Leder, Porzellan, Holzwaaren,Hohlglas, Bilderbogen; Barchent» und Leinenweberei, Färberei; (1875) 10,512 Ew. — S. ist ein uralter Sitz der Waffen- fabrikation Deutschlands; im 15. Jahrh. lieferten die Suhler Panzercr namentlich der süddeutschen Ritterschast Rüstungen und Schwerter. Die erste Innung der Wehrsabrikanten wurde 1536 gegründet, u. die blühendste Periode der Suhler Gewehrfabrik war 1550--1634. S. war dazumal die Rüst- u. Waffenkammer von ganz Europa. Der Siebenjährige Krieg wurde größtentheils mitSuhler Waffen geführt. Später litt die Suhler Industrie durch andcrwärtige Concurrenz; 1851 wurde die königl. Gewehrfabrik verlegt, wogegen seitdem die im Privatbesitz befindlichen Fabriken einen außerordentlichen Aufschwung genommen haben. 1878 wurde hier eine an Bromcalcium reiche Quelle entdeckt, welche zu Kurzwecken benutzt wird. Vgl. Weither, Chronik der Stadt S., Suhl 1846, 2 Bde. e. Suhm, Ulrich Friedrich von, geb. 29.April 1691 in Dresden; studirte in Genf, war erst in Paris bei der kursächs. Gesandtschaft u. von 1720—30 sächs. Gesandter in Berlin; hier erwarb er sich die Freundschaft des Kronprinzen (nachmaligen Königs Friedrich II.), mit dem er bis an sein Lebensende in Korrespondenz blieb, wurde 1737 an den ruff. Hof gesandt u. st. im Nov. 1740 auf der Rückreise, eben im Begriff, in die Dienste Friedrichs zu treten. Sein Briefwechsel mit Friedrich II. erschien als: Lorrs- sponäanes kamiliers et amieal cio I'rsäerlo avoo II. I'. äs 8.. Berl. 1747, 2 Bde.; er übersetzte auch für Friedrich Wolfs Metaphysik ins Französische. Sühne, so v. w. Buße, Tilgung eines begangenen Unrechts. Sühnopfer, bei den Hebräern ein zur Aufhebung einer durch Versündigung herbeigeführten Störung des Bnndesverhältnisses zwischen Gott u. seinem Volke dargebrachtes Opfer. Suieiälum (lat.), der Selbstmord. Suidas, griech. Lexikograph, aus unbekannter Zeit, nach Einigen im 11., nach Anderen wahrscheinlicher im 10.Jahrh.; sein aus älteren Wörterbüchern, Scholien u.grammai. Schriften zusammengctragenes Lexikon enthält außer Worterklärungen auch sachliche Verzeichnisse u. Notizen, bes. biographische über die alten Schriftsteller; da die Forschung über seineQuel- len jetztVieles aufgehellt hat, ist desS. eigeneSorg- losigkeit nicht mehr so störend, wie früher. Ausgaben: zuerst Mailand 1499, 2 Bde., Fol.; von L. Küster, Cambr.1705; vonTH.Gaisford, Oxf.1834, 3Bde., Fol.; insbes. von G. Bernhardy,Halle 1834 — 53, 4 Bde; von Bekker, Berl. 1854. St. Suidbert (Swibert), ein Angelsachse, ging gegen Ende des 7.Jahrh. mitWilbrord ».Anderen nach Friesland, um das Evangelium zu predigen, u. wurde 691 zum Bischof geweiht. Später dehnte er seine Missionsthätigkeit bis zur mittleren Ems aus und erhielt, als seine Gemeinde hier von den Sachsen zerstreut wurde, von Pipin von Heristall eine Rheiuinsel bei Kaiserswerth (St. S-s Werth), wo er ein Kloster zur Bildung von Missionären für die Umgegend gründete u. 713 st.; als sein Tag gilt der 1 . März. Vgl. Bouterwek, S. der Apostel des Bergischen Landes, Elberf. 1859. Suidger, eigentlicher Name des Papstes Clemens II. 8ui juris (lat.), seines Rechts, sein eigener Herr, mündig. Suintergas, s. Gasbeleuchtung. Suite (fr.), 1) Folge; 2) Gefolge; bes. 3) das militärische Gefolge eines regierenden Fürsten oder höheren Befehlshabers; vgl. ä In suits; 4) das älteste mehrsätzige Tonstück, aus mehreren (3—7) selbständigen,jedoch nicht, wie bei derSonaie, innerlich aufdas Engste verknüpften Sätzen bestehend; zumeist Tänze (Allemande, Courante, Gavotte, Bource, Passacag- lio, Sarabande, Paffepied, Miuuetto rc.), welche in derselben Tonart geschrieben und von ihrer eigentlichen Bestimmung zum Tanzen losgelöst, freier u. ausgedehnter behandelt waren. Eine bestimmte Reihenfolge der einzelnen Sätze galt nicht als feststehend» doch ließ mau im Allgemeinen die ruhigere, ernstere Allemande als echte deutsche Erfindung vorangehen, die übrigen Sätze (die lebhafte, freudig erregte Courante, die gravitätische, zuweilen mit einigen Variationen — äoublss — verbundene Sarabande u. die muntere, feurige Gigue) gleichsam als ihre Suite Nachfolgen. Die S. war hauptsächlich für Klavier, aber auch für andere Instrumente (Streichinstrumente allein oder mit Blasinstrumenten), selbst für volles Orchester geschrieben. Sie entstand um Mitte des 17. Jahrh. u. fand namentlich in Händel u. Seb. Bach hervorragende Vertreter. Einen bestimmten Einfluß auf die Sonate, mit der sie die Theilung in mehrere Sätze gemeinsam besaß, gewann sie erst dann, als sie im 18. Jahrh. zur Partita (Partie), einer Folge nach bestimmten Gesichtspunkten geordneter Stücke, theils von freier Bildung u. bedeutenderer Entwickelung (Ouvertüre, Toccata, Adagio rc.), theils Tänze, geworden. Beide Bezeichnungen wur- 97 Sujet — Sulfocarbonatc. den übrigens abwechselnd für dieselbe Tonform gebraucht; auch führte die S. anfänglich die Bezeichnung Sonate ein oamera oder Lonata äsi balietti zum Unterschiede von der Sonate cka einvsa. Als die Sonate, bes. unter Dom. Scarlatti u. Phil. Ein. Bach, zu höherer Ausbildung gelangt war, blühte die S. ab und wurde nur noch als Divertissement, eine Folge kleiner, auf Unterhaltung berechneter Stücke, gepflegt. Erst in neuerer Zeit haben verschiedene Componisten (Franz Lachner, Raff, Esser, Grimm, RieS, Reißmann) die S-Form wieder ausgenommen. Sie gingen dabei von einem höheren Standpunkte aus u. gestalteten dieselbe zu einem, in den einzelnen Sätzen innerlich verbundenen Tonstück von leichterem Charakter, als die Sinfonie ihn besitzt. Sl-b-nrock. Sujet (fr.), so v. w. Subsect, Gegenstand; bes. Stoff, Vorwurf einer Rede, eines Gedichts, Dramas, einer Oper rc. Sukkadana, Ort auf der WKuste der Sunda- Jnsel Borneo, einst Sitz eines bedeutenden Reiches, von den Niederländern zum Freihafen erklärt. Sukkoth, das Lanbhüttenfest der Juden. Sukumkaleh, s. Suchumkale. Suläiuith (hebr.), die Vollkommene oder die Friedfertige; die Braut im Hohen Lied Salomonis. Suleiman- (Sulaiman-, Soliman-) Gebirge, das Grenzgebirge zwischen Indien u. Afghanistan, welches, sich im N. an den Sefidkoh (s. d.) anschlie- ßend, von N. nach S. streicht u. dessen Fortsetzungen bis zum Meer unter dem 30." das Brahni- n. weiter das Hala-Gebirge (s. b.) genannt werden. Den südwestlichen Rand bildet dasKnrlekhi-Gebirge (s. d.). Das S.-G. besteht aus 3 parallelen Ketten, die sich stufenweise vom Indus erheben und deren dritte eine bedeutende, theils nackte theils mit Nadelhölzern bedeckteHöhe erreicht. Der höchste Gipfel ist der Takht-i-S. (s. d.). Gegen W. geht es in ein Hochland über. Zwei Paßwcge durch bas Knrram- (s. d.) u. das Gomal- (s. d.) Thal durchfchneidcn es u. verbinden Indien mit Afghanistan. Thielemaiin. Suleiman,Name dreier türk. Sultane; 1) S. I. Tschaledy, Sohn Bajesids I., ließ sich nach der Gefangennchmnug seines Batcrs durch Timur im Juli 1402 in Adrianopel zum Sultan ausrufen; je- doch sein BrndcrMnsa machte ihm den Thron streitig, schloß ihn in Adrianopel ein und ließ ihn, nachdem S. auf der Flucht gefangen genommen worden, 1410 erdrosseln. 2)S.II.elKanani,derGroße, der Prächtige, der Eroberer u. der Gesetzgeber, der berühmteste Sultan der Osmanen, Sohn Selims l., geb. 1490, folgte, bereits in alle Staatsangelegenheiten u. die Staatsknnst selbst eingeweiht, seinem Vater 1520 in der Regierung; er gab alle unter seinem Vater confiscirten Güter zurück, führte Gerechtigkeit in den Gerichtsstätten ein u. wählte tüchtige Leute zu Provinzialstatthaltern; er deiuü- thigte den ungehorsamen Statthalter von Syrien, vernichtete die Mamluken in Ägypten u. entriß 1521 den Ungarn Sabacz, Semlin u. Belgrad u. 1522 Rhodus den Johanniterrittern; dann begann er wieder nach Norden zu ziehen, schlug die Ungarn 1526 bei Mohacs, eroberte 1529 Ofen und belagerte 27. Sept. bis 15. Oct. Wien; in dem erneuten Kriege gegen Persien nahm er 1534 zwar Tauris ein, erlitt aber dann eine Niederlage durch den Schah Tha- Pierers Universal-Conversatians-kexikon. 8 . Aufl. XV masp; in den folgenden Jahren bis 1540 entrang er der Republik Venedig eine Reihe von Inseln u. festen Plätzen; 1565 machte er einen vergebliche» Zug gegen Malta, eroberte aber im folgenden Jahre Chios u. st. 30. Aug. 1566 vor Szigeth. S. war unterrichtet u. gebildet, liebte bes. Mathematik und Geschichte; er war gleich groß als Feldherr und als Staatsmann wie auch als Gesetzgeber, hielt sich aber nicht frei von Grausamkeiten; seiner Favoritgemahlin Roxolane zu Gefallen ließ er alle anderen Kinder umbringen, darum folgte ihm der Sohn dieser als Selim II. 3) S. III,, der Sohn des Sultans Jbra- him, geb. 1639, folgte 1687 seinem Bruder Mohammed IV., hatte aber viel mit Empörungen im Innern zu kämpfen u. errang erst, nachdem er Musta- pha Kiuperli zum Großvezier ernannt, nach Innen wie nach Außen Ansehen und Erfolge, letztere namentlich gegen Ungarn. S. st. 1691. Lagai. Suleiman Pascha, türk. General, einThrakier, geb. 1838; trat, nachdem er seine Erziehung in der Militärschnle in Constantinopel erhalten, 1854 in die Armee, kämpfte als Capitän gegen Montenegro 1862 mit Auszeichnung, erhielt dann ein Bataillon der Kaisergarde, mit dem er auf der Insel Kreta den Berg Rova erstürmte, u. wurde nach seiner Rückkehr Professor der Literatur an der Kriegsschule, die er später als Unterdirector, endlich als ihr Director nach europäischem Muster reformiere. Inzwischen auch zum Generalmajor avancirt, nahm er an dem Coni- plot gegen Abdul Aziz theil. Seit 1875 Divisionsgeneral, focht er 1876 gegen dieSerben, führte dann ein Corpscommando, eroberte Kujaschewatz und die Höhen von Djnnis n. zog darauf in Alexinatz ein. Znrückgekehrt, ward er von Midhat Pascha in die Verfassnngscommission berufen; 1877 als Muschir Obercommandaut in Bosnien u. der Herzegowina, hielt er die Verbindung mit Niksitsch aufrecht u. rückte in Montenegro ein; im Juli nachRumelien berufen, warf er die Russen bei Eski Saara, richtete dann seine Angriffe auf denSchipka-Paß, ohne trotz Aufwand aller seiner Kräfte etwas erreichen zu können, wurde dann 2. Oct. an die Spitze der Donau-Armee berufen, mit der er jedoch im Jan. 1878 Uber den Balkan sich zurückziehen mußte. Bei Philippopel jedoch 16. und 17. Jan. von den Russen aufs Haupt geschlagen, wurde er im März verhaftet n. vor ein Kriegsgericht gestellt; nachdem 4. Jan. 1879 über ihn Verbannung und Degradation ausgesprochen worden, wurde Ende Januar der Proceß einem nenenKriegsgerichtezurRevision übergeben. S.war auch als wissenschaftlicher Schriftsteller thätig: er schrieb eine schätzenswertheGrammatik der türkischen Sprache n. eine allgemeine Weltgeschichte in 3 Bänden. Vgl. Macrides, 6usrrs Kusso-turgus 1877 a 1878. i?roess äs Lulsiman - kaolla. 'I'racinc- tion äu oompts-rsnckn okkieisl ckss clöbata cko In eour martials än Lsrasksrat, Constantinopel 1879, 2 Bände. Lagai. Sulfat, s. Soda. Sulfate, so v. w. Schwefelsäuresalze. Sulfide, Schwefelverbindungen, bes. Schwefelmetalle. Sulfite, so v. w. Schwefligsäuresalze. Sulfobase, s. Base. Sulfocarbonatc, die Salze der Snlfokohlen- säure oder Snlfocarbonsänre; s. Kohlcnstoffdisulfid. ii. Band. 7 98 Sulfocarbonsäure — Sulla. Sulfocarbonsäure, s. Kohlenstoffdisulfid. Sulfoeyansäure, s. Rhodonwasserstofssänre. Sulfocyansiiureiither, erhält man durch Destillation concentrirter Lösungen von sulfocyansaurem Kalium mit ätherschwefelsanren Salzen als nnzer- setzt siedende, in Wasser unlösliche Flüssigkeiten von lauchartigem Geruch. Nascirender Wasserstoff verwandelt sie in Blausäure u. Mercaptaue. Am genauesten bekannt ist der Sulfocyansäurcäthyläther, eine farblose mit Wasser nicht mischbare Flüssigkeit, welche bei 146° siedet u. bei 0° das spec. Gew. 1,022 hat. Sulfokohlensäure, s. Kohlenstoffdisulfid. Snlfosäuren, s. Säuren. Sttlfozon, ein Schweselpulver, welches viel schweflige Säure absorbirt enthält u. zur Zerstörung thierischer u. pflanzlicher Parasiten verwendet wird. 8ulkur (Lulpünr, lat.), der Schwesel, 8. ioäakmn Jodschwefel; 8. xrasdpitabum, Schweselmilch; 8. 8uk>Iimaknm(Pkorss8u1kur1s)Schwefelblume;8.an- rakum antimonii (8. okibiatnm anrantlaeum, Gold - schwesel), so v. w. Antimonpentasulfid, s. Antimonsulfide. Sulfüre, Schwefelmetalle. Sulfnrete, Schwefelmetalle. Suli , rauher Gebirgszug im türkischen Bilajct Janina, nördl. des Busens von Arta, dessen frühere Bewohner daher den Namen Sulioten führten. Sie sind ursprünglich arnautische u. hellenische Hirten, welche sich im 17. Jahrh. hier ansiedelten, die Bergfeste S. (jetzt verfallen) zu ihrem Vereinignngs- orte wählten und in der Nähe eine Anzahl Dörfer gründeten. Sie sind ausdauernd, standhaft, behaupteten ihre Selbständigkeit, wurden endlich 1803, nach schwerem Kampfe vom Pascha Ali vonJanina durch Verrath überwunden u. größtentheils anfgerieben. Einzelne flüchteten nach den Jonischen Inseln. Von dort aus rief sie Ali Pascha zu Hilfe gegen die Türken und gab ihnen die Festung Keiopha und seinen Enkel als Geißel. Ihr Führer, Marko Bozzaris, verbreitete Schrecken unter den Türken. Nach Alis Fall (1822) durch Kurschid Pascha von Neuem bedrängt , wanderten sie, nachdem sie 4. Sept. 1822 capitnlirt, wieder nach den Jonischen Inseln aus, namentlich nach Kephalonia, kehrten jedoch schon iin nächsten Frühjahr nach dem Festlande zurück, um am Griechischen Freiheitskampfe theil zu nehmen. Später erhielt ein Theil der Sulioten von der griechischen Regierung Wohnsitze in den Nomarchien Ätolien u, Akarnanien. Bergl. Der Suliotenkrieg, Lpz. 1825. Lronte. Sulrna, 1) einer der Hauptmündungsarme der Donau (s. d., S. 560). 2) Stadt in der Dobru- dscha, mit dieser seit 1878 zum Fürstenthnmc Rumänien gehörig, an der Mündung der S., Lenchthnrm, Hafen (seit 1870 zum Freihafen erklärt), Hanpt- stationsort für die Dampfschifffahrt nach Odessa, Transithandel; etwa 3000 Ew. 8. Oct. 1877 wurde es von den Russen beschossen. Sulingen (Suhlingen), Flecken mit Stadtrechten im Kreise Diepholz der preuß. Landdrostei Hannover; Amtsgericht, Sensen- n. Cigarrensabrikation; 1875: 1527 Einw. Hier 3. Juni 1803 Convention zwischen Franzosen und Hannoveranern, in deren Folge sich das hannöverische Heer hinter die Elbe zurückzog. Sulioten, s. u. Suli. Sulkowski, ein altes polnisches, jetzt in Posen u. Oberschlesien angesessenes Geschlecht; hieß eigentlich von Lestwitz, u. Hans v. Lestwitz aus dem Hanse Schlanke nahm den Namen S. nach dem Stammhaus Sulke an. AlexanderIosephvonS. kam als Page in den Dienst des nachmaligen Königs August Ikl., begleitete denselbenaufReisenn.wurdenach dessen Regierungsantritt General der Infanterie u. Cäbinetsminister n. 1733 vom Kaiser Karl VI. zum Reichsgrafen ernannt. 1735 übernahm er das Com- mando in Polen, wurde 1737 General sn eliok der sächs. Hilfstruppen gegen die Türken u. erhielt das Jndigenat in allenkaiserlichenErblanden. 1738 vom Hofe verbannt, nahm er die erkauften Güter des Königs Stanislaw Leszczynski, darunter die Grafschaften Lissa u. Reisten, in Besitz und wurde 1752, nach Ankauf des Fürstenthnms Bielitz, vom Kaiser Franz I. zum Neichssürsten erklärt und 1754 der Reichsfllrstcnstand auf alle seine Nachkommen ausgedehnt, Bielitz aber znm Herzogthum erhoben; er starb kurz darauf u. hinterließ vier Söhne, von denen jedoch nur zwei, Franz u. Anton, Nachkommen hatten und die beiden noch blühenden Linien, S.-Bielitz und S.-Reiffen, gründeten, deren Chefs jetzt Fürst Ludwig, geb. 14. März 1814 u. Fürst August, geb. 13. Dec. 1820, sind. Ein natürlicher Sohn des Fürsten Franz von der Bielitzer Linie war Ioseph, der nachmalige Adjutant Bonapartes, geb. 1774, socht er 1792 unter Zabiello mit den Polen gegen Rußland, trat nach der Conföderation von Targowice 1792 in französische Dienste, ging als Olmr^ö ä'allairss des Wohlfahrtsausschusses nach Constantinopel, diente dann als Hanptmann in Berthiers Generalstab in Italien, n. begleitete endlich Bonaparte nach Ägypten, wo er in dem Aufstand von Kairo 21. Oct. 1798 ermordet wurde. Seine ülomcüros ffistvr., xolit. sk milikairW, herausgeg. von Hortensins de St. Albin, Par. 1832. Aus der Linie S.-Neissen stammte Fürst Anton Paul, geb. 31. Dec. 1785 in Lissa, stndirte in Warschau, Breslau und Göttingen, organisirte 1806 bei der franz. Invasion das erste polnische Infanterieregiment als Oberst, zeichnete sich vor Kolberg und Danzig aus, wurde Brigavegeneral, focht 1808—1810 in Spanien, besonders bei Occana, mit Auszeichnung und war Gouverneur von Malaga. 1812 befehligte er die Avantgarde Poniatowskis, wurde Divisionsgeneral und führte die polnische Arriöre, focht an der Spitze einer Cavaleriebrigade bei Leipzig u. erhielt nach Poniatowskis Tode den Oberbefehl über die Polen, kehrte aber, als Napoleon dem poln. Corps die Rückkehr nach Polen verweigerte, allein nach Polen zurück; war aber dann bei der Reorganisation der polnischen Armee sehr thätig, wurde als Generallieutenant wieder angestellt und Generaladjntant des Kaisers Alexander. 1816 nahm er seinen Abschied, wurde 1824 Marschall des ersten Posenschen Landtags u. darauf Mitglied des Preußischen Staats > raths u. st. 13. April 1836 in Reisten. L->gai.' Sulla (Sylla), 1) Lucius Cornelius S., der höchsten Aristokratie, der Familie der Cornelier, angehörend , glänzend gebildet, mehr auf Genuß wie auf Ruhm bedacht, im Felde den plötzlichen Blitzen seines Genies u. seinem Glück vertrauend, am meisten hervorragend durch seine listig- u. kühle Klugheit in Sulla. 99 Unterhandlungen n. in den Aufgaben des Staatslebens, war geboren 138 v. Chr., zweimal Consul in den Jahren 88 u. 80, Dictator 82—79 u. starb als Privatmann im Jahre 78. Vgl. C. Krafft in Paulys Realencycl. II., S. 669—677. In ihm n. dem Cajus Marius trat sich die Aristokratie n. die demokratische Partei Roms gleichsam verkörpert gegenüber. Schon im Jugurthinischen Kriege wurde der Grund der Eifersucht zwischen beiden Männern gelegt, da im Jahre 107 S., der als Quästor unter Marius diente, durch seine klugen Unterhandlungen den König von Mauretanien, Bacchus, bewog , seinen Schwiegersohn Jugurtha auszuliefern. S. war damit factisch der Beendiger dieses langwierigen Krieges. Er diente ferner unter Marius im Cim- brisch-Teutonischeu Kriege; im Jahre 92 trat er als Proprätor in Kilikien dem König Mithridates entgegen und gab Kappadokien, das dieser erobert, einen neuen König. Im Marsischcn (Bundesgenossen-) Krieg sicherte S. die Ueberlegenheit der röm. Waffen im Süden und überstrahlte die Erfolge des Marius, dessen Erbitterung gegen den Nebenbuhler stieg. Als nun dazu der für 88 zum Consul ernannte S. mit dem Oberbefehl gegen Mithridates betraut wurde, begegneten sich S. und Marius zum dritten Male als Nebenbuhler, u. jetzt traten diese gewaltigen Männer, hinter denen die beiden Parteien des Staates standen, im Kampfe einander gegenüber. Der Tribun P. Sulpicius Rufus erwirkte einen Volksbeschluß, durch welchen dem bereits beim Heere in Campanien befindlichen S. der Oberbefehl in Asien genommen u. dem Marius übertragen wnrde. S. fügte sich diesem ungerechten Beschlüsse nicht, er gewann die Legionen für sich u. führte sie von Nola aus gegen Rom, das er im Sturme eroberte. Sulpicius wurde auf S-s Befehl getödtet, Marius ent- kam unter mancherlei Abenteuern nach Afrika. S., jetzt Herr des Staates, stürzte die Verfassung und schwächte die Volksmacht durch die Wiederherstellung der Stimmordnung der Servianischen Verfassung für die Centuriatcomitien u. durch die Bestimmung, daß fortan in der Bürgerschaft über keinen Antrag abgestimmt werden dürfe, über den der Senat nicht einen Borbeschlnß gefaßt habe; dann ging er als Pro- consul in den Krieg gegen Mithridates. Er vertrieb den Feldherrn desselben, Archelaus u. den Athener Aristion 87 aus Böotien, nahm Athen ein, schlug 86 beiChaeronea denArchelaus, derinzwischenBerstärk- ungen an sich gezogen hatte, u. im folgenden Jahre bei Orchomeuos entscheidend, ging im Frühjahr 84 durch Makedonien u. Thrakien über den Hellespont nach Asien u. zwang hier den Mithridates in Dar- LanoS zu einem nachtheiligen Frieden. Inzwischen hatte in Rom die Demokratenpartei nach blutigen Kämpfen die Oberhand gewonnen, n. L. Cornelius Cinna (Consul 87—84) schasste mit seinem College» L. Valerius Flaccus die sullanischenNeuerungen wieder ab und sandte diesen im Jahre 86 als Feldherrn nach Asien. Nach Flaccus' Ermordung kämpfte sein Nachfolger Fimbria mit Erfolg gegen den jüngeren Mithridates, wurde aber, als S. nach geschlossenem Frieden gegen ihn anrückte, von seinem Heere verlassen; er gab sich darauf selbst den Tod, u. sein Heer stellte sich unter S-s Befehl. Dieser fuhr von Ephesus nach dem Piräus, ging zu Lande nach Paträ u. von La zu Schiffe nach Italien, wo er im Frühjahr 83 in Brundisium mit 40,000 Mann landete. In diesem u. dem folgenden Jahre wurde die Marianische Partei im Felde vernichtet. Von den Consuln d. I. 83 wurde Norbanus am Berge Tifata geschlagen, knüpfte der andere, Scipio, Unterhandlungen an, während deren der größte Theil seines Heeres bei Teanum Sidicinum überging. Den jüngeren Marius ließ S., nachdem er ihn bei Sacripor- tus im Jahre 82 geschlagen, durch Q. Lucretius Ofella in Präneste eiuschließen, während er selbst rasch durch Rom zur Bekämpfung der Demokraten in Etrurien einrückte u. den Consul Cn. Papirius Carbo besiegte, der nach Afrika entfloh, später jedoch in Sicilien gefangen u. hingerichtet wurde (82). Auf die Nachricht, daß die Samniten, Lucauer u. Cam- paner, die mit den Mariauern gemeinschaftliche Sache gemacht hatten, zum Entsätze von Pränests herau- rückten, eilte er nach Latium zurück, vereitelte diesen Versuch u. schlug diese Heerhaufeu daun bei einem Sturme ans Nom in einer furchtbaren Schlacht, in der nur Crassus ihm den Sieg rettete, während der rechte Flügel, den Sulla selbst commandirte, bereits geschlagen war, im Nov. 82 vor dem Colliuischen Thore. Damit war der Krieg für die Mariauer verloren: Präneste fiel und der jüngere Marius tödtete sich selbst. Nun begann S. in Rom seine reaktionäre Schreckensherrschaft. Er ließ sich behufs Neugestaltung des Staates mit der Diktatur auf unbestimmte Zeit bekleiden u. erklärte gleich zu Anfang durch die lex äs proseribsuäis malis oivilius, daß alle Feinde der neuen Ordnung der Dinge sterben müßten. Die Ausführung blieb nicht hinter dieser Erklärung zurück , denn die Zahl der Geächteten stieg auf nahezu 5000. Und damit niemals von den Nachkommen dieser eine Reaction zu befürchten sei, erließ er das weitere Gesetz, welches den Kindern derProscribirten das väterliche Vermögen absprach u. sie unfähig erklärte, jemals ein öffentliches Amt zu bekleiden. Er verlieh dann an über 10,000 der jüngsten u. stärksten Sklaven der Geächteten das Bürgerrecht und schaffte sich so eine Faction im Volke, die unter allen Umständen die Partei S-s in Rom festhielt u. seine Befehle blindlings vollzog; sie trugen nach ihm den Namen Cornelier. Auf gleiche Weise sorgte er im übrigen Italien für eine Stütze durch Einrichtung der Militärcolonien, für deren Bestand durch die Unveräußerlichkeit der Güter gesorgt war. 120,000 Veteranen wurden hier angesiedelt. Nachdem er so sich gesichert hatte, begann er seine Reform, deren Ziel war, dem auf 600 Mitglieder ergänzten u. neugebildeten Senat die ganze Regierungsgewalt zuzu- wenden. Durch die lex tribnnieia. wurde das Volks- tribunat aller Befugnisse entkleidet mit Ausnahme der Jntercession u. selbst da, noch fürchtend, daß das Tribunal zu Angriffen auf die neue Verfassung benützt werden könne, verordnete er weiter, daß der gewesene Tribun kein obrigkeitliches Amt mehr bekleiden könne; den Tribuscomitien nahm er das Recht der Gesetzgebung; den Senatoren gab er die Gerichte zurück. Nachdem S. seine Reaction durchgeführt und er auf jener Höhe stand, wo er göttliche wie menschliche Satzung verachtete, wo es für ihn, der Alles gesehen, Alles gelitten u. Alles genossen hatte, nichts mehr zu erringen gab, da entkleidete er sich freiwillig seiner Macht (Anfang 79) und zog sich auf sein Landgut bei Puteoli zurück. Er st. 100 Sullivan — Sully. hier i.J. 78 an einem Blutstnrz. Noch seinen Scheiterhaufen umgaben die höchsten Ehren, die Senat, Ritterschaft und Volk zu geben vermochten. Die Phthiriasis, an welcher er nach Plutarchs Bericht gestorben sein soll, ist eine Fabel; vgl. bes. Th. Hu- semann i. d. Zeitschr. d. k. k. Gesellsch. de^ Arzte zu Wien, XII. S. 497—533, Wien 1856. S. schrieb: tkowmeutarii rorum ouarum in 22 Büchern (nach anderen Berichten unter dem Titel: v?rozr>-y^ara), in denen er sich als besonders begnadeten Götter, liebling hinstellke, wie er sich auch bei seinem Zurück- tritt ins Privatleben Len Titel kselix, d. i. der Glückliche, beilegte. Sein Freigelassener Epicadus ergänzte die Denkwürdigkeiten n. schloß sie ab. Fragmente bei Herm. Peter, Risborieorum romanorum rsliguias, Bd. I, S. 195—204, Lpz. 1870. Plu- tarch hat in seinem Leben des S. dessen Commen- taricn sehr stark und unvorsichtig benutzt; sie haben bei dem Bestreben S-s, seine Gegner herabzusetzen, sehr zur Entstellung der geschichtlichen Wahrheit bei. getragen. Vgl. Th. Lau, C. Cornelius S., eine Biographie, Hamb. 1855; K. S. Zachariae,L. Cornelius S. als Ordner des röm. Freistaates, Heidelb. 1834. Charakteristik bei Sallust. Jngnrth. C. 95. Plutarch, S. (u. Lysander) C. 1—3. 2) Faustus Cornelius, Sohn des Vor., war Lonbikex maxi- mu8 bei des Vaters Tod; focht 63 v. Chr. unter Pompejus vor Jerusalem, wurde 54 Quästor, stand in dem Bürgerkrieg des Cäsar u. Pompejus auf der Seite des Letzteren, dessen Tochter Pompeja er ge- heirathet hatte, kämpfte in der Schlacht bei Phar- salos u. wurde bei Thapsus gefangen und von den Soldaten Cäsars getödter. Schmitz. Sullivan, Connlies im nordamerikan. Unions> gebiet, 1) inJndiana, 39" n.Br., 87" W.L.; 18,453 Ew.; Hauptort: Sullivan; 2) in New Hampshire, 43" n. Br., 72° w. L.; 19,041 Einw.; Hauptort: Newport; 3) im Staate Itew Jork, 41" u. Br., 74" w. L.; 34,550 Ew.; Haupiort: Monticello; 4) in Tennessee, 36" n. Br>, 82" w. L.; 13,136 Einw.; Hauptort: Blountsville. Sullivan, Alexander Martin, irländischer Literat und Politiker, geb. 1830 zu Bantry in der Grafschaft Cork; widmete sich zuerst in Dublin und London der Künstlerlansbahn, ward aber bald vom Journalismus angezogen u. trat 1855 mit der Dn- bliner Zeitung ibsation in Verbindung, deren Eigcn- thümer u. Redactenr er noch jetzt (Ende 1878) ist. 1868 wurde er infolge seiner Artikel über die an Feniern in Manchester vollzogenen Hinrichtungen wegen öffentlicher Aufreizung vor Gericht gestellt u. zu 4 Monaten Gefängniß verurtheilt. Während er seine Strafe abbüßte, wurde er im Mnnicipalrath von Dublin, dessen Mitglied er war, znm Lord Mayor vorgeschlagen, eine Würde, die er jedoch ansschlug. Nach seiner Freilassung bildete sich sofort ein Comite zur Sammlung von Beiträgen für eine ihm zu machende öffentliche Schenkung, welche er gleichfalls zurückwies, die bereits cingelaufene Summe zur Errichtung eines Denkmals für den irischen Patrioten Henry Grattan bestimmend. Bei den allgemeinen Wahlen in 1874 wurde er von der die Autonomie Irlands anstrebenden sogen. Home rulo- Partei ins Parlament gewählt, wo er als einer der Hanplführer derselben thätig ist. S. hat mehrere Schriften veröffentlicht, unter denen die über seine ^ 1857 in den Vereinigten Staaten gemachte Rundreise zu nennen ist. Bartling. Sulky, Maximilian von Bethune, Baron von Rosuy, von Heinrich IV. 1606 zum Herzog v. S. ernannt, geb. 13. Dec. 1560 zu Rosny von protestantischen Eltern; kam schon als Kind an den Hof der Königin von Navarra u. stndirte dann mit dem nachmaligen Heinrich IV. in Paris, dessen langjähriger Gefährte in den Zeiten der Noth er war, als nach Heinrichs III. Ermordung 1589 dieser noch 6 Jahre um sein Thronrecht gegen die Guiscsche Partei kämpfen mußte. AlsJngenieur leistete er außerordentliche Dienste u. als Commandant der Artillerie entschied er größtentheils den Sieg bei Contras 1587, wie i. I. 1590 über Mayenne bei Jvry. S. soll dann für Heinrich Veranlassung gewesen sein, die Versöhnung der Parteien zu bewirken, ohne den Uebertritt znm Katholicismus zu unterstützen. In seiner weisen u. umsichtigen Finanzverwaltung,zu der ihnHeinrich IV. berief, hat S., dessen Hauptverdienste eben in der Staatshaushaltung liegen, ganz Vorzügliches für Frankreich geleistet. Landbau u. Viehzucht wurden von ihm besonders begünstigt, während er die wachsende Ausdehnung der Mannfactureien u. Fabriken, als den Luxus fördernd n. die Bevölkerung allzusehr vom Lande in die Stadt ziehend, für schädlich ansah. Streng u. sparsam, genoß er stets das vollste Vertrauen des Königs, der ihm selbst da Gehör schenkte, ihn sich selbst gewissermaßen zum Vormund setzte, wo er in seiner Leidenschaft für Gabriele d'Estrces zur Verschwendung von Geldsummen n. Gütern geneigt war. S. controlirte die Steuereinnehmer u. nöthigte diese, die während des langen Krieges nicht eingelieferten Beträge nachzuzahlen. Es gelang ihm durch seine Maßregeln den zerrütteten Wohlstand u. die Finanzen wieder herzustellen, als Heinrich IV. bis 1598 fämmtliche Ministerien in S-s Hand vereinigt hatte. Auch erwarb er seinem Könige einen Schatz für dringende Fälle, ohne die Untcrthanen zn drücken. Dieser Schatz wurde in der Bastille anfbewahrt, zu deren Gouverneur S. 1602 ernannt wurde. Neben dieser Bedeutung S-s für die innere Erstarkung Frankreichs kommen seine militärischen Erfolge als Großmeister der Artillerie (1600) auf dem Zuge gegen Savoyen, wo er die für unüberwindlich geltenden Festungen Montmelian und Bourg eroberte, in Betracht, u. die Sicherung der Grenzen des Landes durch Wälle n. Festungswerke. Seine staatsmän- nilche Tüchtigkeit zeigte sich, als er 1603 nach dem Regierungsantritt Jakobs I. nach England ging, um diesen König für Frankreich zu gewinnen, dann in dem freilich etwas abenteuerlichen Plan, eine allgemeine christlich-europäische Republik (6 Erbmonarchien, 5 Wahlmonarchien, 4 Republiken) zu begründen , der aber praktisch auf ein Bllnduiß gegen die Übermacht des Hauses Habsburg hinauslief. Er rieth deshalb auch dem König dringend, sich in den Jülichschen Erbfolgestreit zu mischen, u. dieser stellte wirklich ein Heer von 40,000 Mann auf und hatte durch Bündnisse rc. alle Vorbereitungen getroffen, als er 13. Mai ermordet wurde. Da unter der schwachen Negentin Maria von Medicis aller Einfluß an unwürdige Höflinge überging, zog sich S. auf seine Güter Rosny und Villebon zurück. Bon Ludwig XIII. wurde er 1634 zum Marschall von Frankreich ernannt, ob er gleich Protestant blieb, u. 7 ! 101 Sully-sur-Loire st. 22. Dec. 1641. Er schr.: Llsrnoirss äss 8L§ss st roz-aisa öounomisv ä'stat, äomsstignoz, pslitignss et militairss 6s Henri Is 6rauä, wovon er 2 Bde. (Ämsterd. 1634) selbst erscheinen ließ, wahrend die 2 anderen erst Jean le Laboureur nach seiner Idee herausgab (Paris 1662)- Abbe Ecluse gab dieselben modernisirt, Amsterd. 1845, 8 Bde., Ritter, Mlinch. 1871, deutsch heraus. Es existiren auch LIvmoirss äo One äo Lull)'; sie scheinen aus Zusammenstellungen verschiedener Aufzeichnungen S-s gebildet worden zu sein. Er war vermählt mit Anne de Courtenay; seine Tochter Margarethe de Bethune war die Gemahlin des Herzogs von Rohan. Vgl. Mirabeau, Noxe äs 8., Par. 1789, 2 Bde.; Lsxrlt äo 8., Dresd. 1768, deutsch ebd. 1769; Gourdanlt, 8. st son tomxs, 3. A. Tours 1877. Schmitz. Sully-sur-Loire, Stadt im Arr. Gien des franz. Dep. Loiret, an der Loire; Schloß aus dem 14. Jahrh. mit einer Statue Sullhs, der darin 1604—1641 wohnte; 1876:1980 Ew.(Gem. 2582). Sulmirschüy (poln. Snlmierzyce), Stadt im Kreise Adelnau des preuß. Rcgbez. Posen, an der schlesischen Grenze; Denkmal des hier 1551 geborenen Dichters Sebastian Fabian Klonowicz; Leinenweberei; 1875: 2849 Ew. Sulmona, so v. w. Solmona. 8u!pkur (8uliur, lat.), der Schwefel. 8ulpiola gens, s. Sulpitius. Sulpitia, röm. Dichterin, aus der Zeit der Kaiser Domitian, Nerva und Trajan, mit Calenus vermählt, verfaßte des. erotische Gedichte, dann ein Distichon; eine 8atira in 70 Versen über die böse Zeit und die schlimme Lage der Gelehrten wird ihr fälschlich zugeschrieben; dieselbe ist von Gnrlitt, Hamb. 1819, und von Düntzer, Braunschw. 1846 heransgegeben. Von den Gedichten findet sich ein Fragment in den Scholien zu Juvenal VI., 537. Sulpitius. Die 8nlxitia ^ons war ein altes römisches Geschlecht aus dem mehrere Familien mit verschiedenen Beinamen schon früh Bedeutung erlangt haben. Zu erwähnen sind: 1) ServinsS. Camerinus war bereits 500 v.Ehr. Consul, vereitelte die Verschwörung, welche die Sklaven zur Zurücksührung der Tarquinier nach Nom gemacht hatten, u. veranlaßte 49 6, nach der Schlacht am See Regillus, die Erneuerung des Friedens mit den Latinern. 2) Servius S. Camerinus war 493 v. Chr. Consul, widersetzte sich dem Antrag (Ivx) des Volkstribunen C. Terentilius Arsa (462) auf Ernennung von Zehnmännern zur schriftlichen Ab- fassung der Gesetze, war aber, als wegen der Abfassung des Landrechts 454 ein Vergleich zu Stande gekommen war, unter der Gesandtschaft, welche nach Griechenland zur Kenntnißnahme der dortigen Gesetze ging; 446 kämpfte er noch gegen die Volsker u. Aqucr. 3)Servius S. Camerinus, verhinderte383V. Chr. die beabsichtigte Auswanderung der Plebejer nach dem eroberten Veji, wofür er aber Verthcilung vejentischer Äcker an die Plebejer durchsetzte. 4) Quintus S. Longus; commandirte die Wache auf dem Capitolium bei der Eroberung Roms durch die Gallier, 390 v. Chr.; er ließ die nachlässigen Wachen vom Felsen Herabstürzen n. leitete dann die Unterhandlungen wegendes Abzugs mit den Gallern. 5) Casus S.Peticus; warseit 364 5 mal Consul, besiegte 361 als Consul die Herniker, 353 — Sulpitius. als Dictator die Bojer u. 355 die Einwohner von Tarquinii, gegen welche er 351 in seinem 5. Con- sulate abermals zog. 6) Casus S. Longus, warfest 337 v. Chr. 3 mal Consul u. führte nach Livius (IX, 27) als solcher 323 u. 314 den Krieg gegen die Saunisten, die er mit seinem College» im Consulat, C. Pontelius, bei Capua schlug u. aus ganz Campa- nien vertrieb. 312 war er Dictator. 7) Casus S. Paterculus, war 258 v. Chr. Consul und kämpfte gegen die Karthager auf den Inseln. 8) Casus S. Gallus (s. Gallus 4). 9) Servius S. Galba war 108 v. Chr. Consul u. trat 102 u. 101 gegen den Demagogen Saturninus ans. 10) Casus S. Galba, Schwager des C. Gracchus, Sohn des berüchtigten Serv. S. Galba (s. d.), zeichnete sich als Redner aus, wurde aber 110 v. Chr. processirt und verurtheilt, weil er sich von Jugurtha hatte bestechen lassen. 11)Pub!ins S. Rufus, etwa 121 v. Chr. geboren, einer der bedeutendsten Redner seiner Zeit, senatorischen Standes, war im Marsi- schen (Bundesgenossen-) Kriege Legat, u. nahm als Volkstribun im I. 88 die Bestrebungen des Livius Drusus wieder auf durch den Antrag, daßdie Italiker sowie die Freigelassenen in alle bestehenden 35 Tri- bns aufgenommen werden sollten. Dadurch mußte ihre Zahl neben den Bürgern Roms zur Geltung kommen. Indem er sich mit bewaffneten Anhängern umgab, setzte er seine Anträge durch, die außerdem gegen die verschuldeten Senatoren u. damit gegen die Aristokratie selbst gerichtet waren. Da Sulla (j. d.) seine Anträge anseindete, so erwirkte S. einen Volksbeschlnß, durch welchen dem Sulla der bereits für den Mithridatischen Krieg übertragene Oberbefehl genommen und dem Marius gegeben wurde. Sulla kehrte indeß au der Spitze seiner Legionen nach Rom zurück, nahm die Stadt und ächtete den S., der bei Lanrentum ergriffen n. getödtet wurde. Vgl. A. Haakh in Paulys Rcal-Encycl. VI. 2 S. 1495 f. Nr. 35. 12) Servius S. Galba, Prätor im Jahre 54, Legat Cäsars in Gallien, trotz dessen Empfehlung er im Jahre 49 bei der Bewerbung ums Consulat durchfiel. Später schloß er sich der Verschwörung des Brutus u. Cassius gegen Cäsar an u. wurde deshalb im I. 43 als Mörder verurtheilt. 13) Publins S. Quirinus, durch seine Gemahlin Lepida mit den Libonen verwandt, ein tüchtiger Kriegsmann, wurde vonAu- gnstus wegen seiner Dienstleistungen im Felde im 1.12v. Chr. zum Consul ernannt, begleiteteden Cajus Cäsar als rsotor snvenis um Christi Geburt nach Armenien, als derselbe die Verhältnisse im Orient ordnen sollte u. erhielt im J. 6 n. Chr. zum 2. Male (das 1. Mal etwa 5 v. Chr.) die Statthalterschaft von Syrien mit dem Auftrag, Judäa als Provinz einzurichten. Übrigens gehörte er nicht zu der alten patricischen Familie der Sulpitier, u. als er sich nach fast 20jähriger Ehe von der Lepida scheiden ließ, machte er sich alle altadligen Familien zu erbitterten Feinden, trotzdem Lepida der schnloige Theil war; doch entschädigte ihn dafür die hohe Gunst, in der er bis zu seinem Tode 21 n. Chr. bei Tiberius stand. 14) Quintus S. Camerinus, Consul im I. 9 n. Chr. verfaßte ein Epos, das den Fall Trojas zum Gegenstand hatte. 15) S. Victor schrieb eine Rhetorik, institutiousa oratorias, gerichtet an seinen Schwiegersohn M. Silo. Die Zeit Z02 Sultan — des S. Victor fällt jedenfalls gegen Ende des 4. Jahrh. n. Chr. Er scheint mehr gerichtlicher Praktiker als Schulrhctor gewesen zu sein, seine Sprache ist gut. Ausgaben: Basel 1521 und bei C- Halm rlisiores minorss p. 313—352. Schmitz. Sultan (arab.), Herr. Mächtiger, bes. Fürst, Herrscher; als Titel zuerst Mohammed dem Ghasna- viden beigelegt von einer Gesandtschaft des Khali- fen von Bagdad, ward er dann von verschiedenen mohammedanischen Herrschern im Orient angenommen, bes. aber Titel des Kaisers des Osmanischen (Türkischen) Reiches, u. zum Unterschied von andern S-en noch verstärkt durch den Zusatz Groß-, Groß- herr. Sultanin nennt sich nur die wirkliche Gemahlin des S-s. S«in Valide (Walide S-in) ist die Mutter des jedesmaligen türk. Kaisers; Cha- nim-Snltaninen. d. h. Prinzessinen von Geblüt, heißen die Töchter des S-s. Sulu-Archipel (Solo-, Jolo-, Dscholo-Jnseln), 1) Inselgruppe des Indischen Archipels, zwischen Borneo n. Mindanao, eine Reihe meist hoher Inseln, reich an tropischen n. bes. indischen Bodenerzeugnissen, an eßbaren Vogelnestern, Perlmutter u. Schildpatt, bilden Len Kern eines Reiches, dessen Oberhaupt auch einen Theil von Palawan (s. d.) beherrscht, die Oberherrschaft über die nordöstliche Halbinsel von Borneo beansprucht und den Titel eines Sultan von S. führt, dessen Macht jedoch, wegen des Einflusses der großen Lehnsvasallen (Datu) ans den einzelnen Inseln, eine geringe ist. Die Bevölkerung besteht zum Theil ans Malaien, znmTheil aus den Badjn (Badscho), wahrscheinlich einem malaiischen Mischstamm; Religion ist der Islam, Beschäftigung vorzugsweise Seeränberei; Anbau und Handel sind gering. Die fortwährenden Räubereien der Insulaner veranlaßten 1851 eine spanische Expedition, infolge deren Basilan von Len Spaniern besetzt wurde und über die übrigen Inseln die Oberherrschaft beansprucht wird. 1876 wurden die Inseln von den Spaniern von den Philippinen aus nach heftiger Gegenwehr der Eingeborenen erobert. Die Gruppe (ungefähr 2500 und 200,000 Ew.) zerfällt nach ihrer Lage wiederum in drei Gruppen, deren Namen von den Hauptinseln hergeleitel sind: die S-, Basilan und Tawi-Tawi; 2 ) S. im engeren Sinne, die mittelste der 3 genannten Gruppen, in deren Milte sich als Hauplinsel 3) die Insel S. befindet, 60 km lang , Sitz des Sultans von S. in der Hauptstadt Soog (Jolo); nach diesen Inseln wird der sich füdl. von ihnen bis Celebes erstreckende Meerestheil S ul usee genannt. Thiclemaim. Sulz, 1) Stadt u. Hauptort in dem 226,^ ssZIcm (4,12 m>M) mit (1875) 18,640 Ew. umfassenden, gleichnam. Oberamte des Württemberg. Schwarzwaldkreises, am Neckar, Station der Württemberg. Staatsbahnen; Salinen- n.Forstamt, Saline, Sool- bad, meteorologische Station (439 m ü. d. M.), Gerberei, Färberei, Kunstmühlen, mechanische Werk- slätte, Getreide- u. Viehmärkte, bedeutender Schafmarkt; 1875: 1917 Ew. S., um 790 schon bekannt, wurde um 1250 Stadt. 2 ) (S. unter dem Wald), Flecken im Kreise Weißenbnrg des deutschen Regbez. Ober-Elsaß (Elsaß-Lothringen), am Selzbach, Station der Elsaß-Lothring. Eisenbahnen;! Salzquelle; 1875: 1571 Ew. 5 icm westl. von S. - Sulzbach. diebeidenAsphaltgrnben Lobsann u. das Petroleumwerk Pechelbronn. Im 14. Jahrh. warS. eine mit Ringmauern umgebene Stadt. 3) (Obersnlz), Stadt im Kreise Gebweiler des deutschen Regbez. Ober- Elsaß, Station der Elsaß-Lothring. Eisenbahnen; Seidenspinnerei, 2 Seidenbandfabriken, Garnison; 1875: 5518 Ew. In der Nähe das Dorf Ollweiler mit Schloß n. bedeutender Thonröhrcnfabrik, der WallfahrtsortThierbach(1157 gestiftet) u. der 1426 irr hohe Sulzer Belchen, der höchste Gipfel des Was- gangebirges. H. Berns. Sülz (Sülze), Stadt im Mecklenburg-schwerini- schen Kreise Wenden, ander Recknitz; Saline (liefert jährlich ca. 120,000 Irl Salz), Salzmerk, Soolbad; 1875: 2529 Ew. DieSoolquellen waren bereits im 13. Jahrh. bekannt. Sulza (Stadt-S.), Stadt im sachsen-weimar. Verwaltungsbezirke u. Justizamte Apolda, an der Ilm, Station der Thüringischen Eisenbahn; 4 ergie- bige Soolquellen (liefern jährlich etwa 100,000 Ctr. Salz), Soolbad, jährlich von circa 1500 Curgästen besucht; Thüringische Baugewerk- u. Maschinenbau- Schule; 1875: 1500 Ew. (mit Dors S. u. Berg-S. zusammen 2181). In der Umgegend ansehnlicher Weinball. Dabei das zum meiningischen Amte Kam- burg gehörigeSalzwerk Oberneu-S. SÜlzbach, 1) Dorf im Kreise Saarbrücken des preuß. Regbez. Trier, an der Sulz, Station der Saarbrücker Eisenbahn; Amtsgericht, Glas- und Eisenhütten, Fabrikation von Chemikalien, Steinkohlenzechen, Coakssabrikation; 1875: 9295 Ew. (als Gem.). 2) (S. an der Murr), Marktflecken im Oberamte Backnang des württembergischen Neckarkreises, an der Murr, zur Grafschaft Löwenstein gehörig; Holzhandel; 1875; 1812 Einw. Dazu gehört Schloß Lanlereck. 3) Kirchdorf im Kreise Kol- mar des Deutschen Regbez. Ober-Elsaß (Elsaß- Lothringen),am gleichnamigen Bache in einem Thale des Wasgaugebirges; Mineralquellen mit Badeanstalt; etwa 850 Ew. Dabei die Ruinen Schrankenfels, Hancck u. Hohenhattstatt. 4) Stadt n. Haupt- stadt in dem 350,^ ^jlcm (6,^ HW) mit (1875) 17,563 Ew. umfassenden, gleichnamigen Bezirksamt des bayer. Regbez. Oberpfalz u. Regensburg, auf einer Anhöhe am östl. Rande desJura, Station der Bayer. Staatsbahnen; Felsenschloß, (jetzt Ge- fängniß für weibliche Verbrecher), 6 Kirchen, darunter 3 Simnltankirchen, Fabrikation von Glaswaa- ren, starker Hopsenbau; Garnison; 1875: 4379 Ew. Dabei die Wallfahrtskirche Annaberg n. Eisensteingruben. Das ehemalige deutsche Fürslenthnm S., dessen Hauptstadt S. war, u. das 1046 Usicm (19 s^M) mit 32,000 Ew. umfaßte, hatte ursprünglich eigene Grasen, von denen Gebhard, ein Sohn des Herzogs Ernst von Schwaben, zur Zeit des Kaisers Konrad 11. Las Schloß S. erbaute. 1305 starben die Grafen von S. mit Gerhard V. aus, worauf das Land an die Wittelsbacher kam. Von diesen fiel es mit der Oberpfalz an die Pfalz, und als das Haus Pfalz sich später in die Kur- u. Psalzgräflichen Linien theilte, kam S. an den Zweibrückener Stamm, n. zwar wurdeS.durch abermaligeTheilung derSöhne Philipp Ludwigs, Pfalzgrafen vonZweibrücken, 1614 der Hauplort eines besonderen Herzogthums, dessen ^ 2. Psalzgraf, Christian August, 1655zur katholischen Religion übertrat. 1742 erbte der Herzog Karl Theo- 103 Sulzbacher Alpen — Sumatra. dor die Kur u. 1777 auch Bayer», u. seitdem theilte S. alle Schicksale der Psalz u. Bayerns. Die Stadt S. wurde 1632 von den Schweden eingenommen. Vgl. Chr. Gack, Geschichte des Herzogthums S., Lpz. 1847. H- B-rns. Sulzbacher Alpen (Steiner Alpen), Theil der Karnischen Alpen im südlichen Steiermark und dem angrenzenden Krain,zwischen Kanker, Saun. Sann, mit großartigem Gebirgscharakter; höchste Gipsel: Grintouz (2556 m), Riuka (2590 m) und Oistriza (2347 m). Nordöstl. werden die S. von dem durch merkwürdige Mineralquellen ausgezeichneten Cilli- Berglande umschlossen. Vgl. Thalherr, Fremdenführer, Cilli 1875. Sulzbad, Flecken im Kreise Molsheim des deutschen Regbez. Unter-Elsaß (Elsaß-Lothringen), im Kronthal an der Mossig, 4 km von Molsheim, Station der Elsaß-Lothring. Eisenbahnen; Wein- u. Hopfenbau, Viehhaudel; 810 Ew. In der Nähe das besuchte gleichnamige Bad mit 2 Mineralquellen, welche Chlor, Soda, Brom, Jod n. Eisenoxyd enthalten, und der Wallfahrtsort Avolsheim an der Mündung der Mossig in die Brensch, mit der Kirche Dom-Peter(ausdem 7.Jahrh.). Vgl. Eissen,Soultr- daä xres Llolslroim, Par. 1857. H- Berns. Sulzburg, Stadt im Bezirksamt Müllheim des bad. Kreises Lörrach, am Sulzbache u. am Fuße des Schwarzwaldes; altes Schloß, Weinbau (bes. am Kastelberg) und bedeutender Weinhandel (Markgräfler); 1875: 1267 Ew. 5 km von S. in einem hübschen Waldthale das gleichnamige Bad mit Mineralquellen von 12° k. Temperatur. S. ist Geburtsort des Alterthnmssorschers Schöpfiin und des Orientalisten u. Geschichtsforschers Gnst. Weil. Sulzer, Joh. Georg, geb. 5. Oct. 1720 in Winterthur, studirte inZürichHcbräisch, Philosophie n. Naturwissenschaften, übernahm 1740 eine Hauslehrerstelle in Zürich, wurde dann Gehilfe eines Predigers in Maschwanden, 1743 Hauslehrer in Magdeburg u. gingvvn da nach Berlin, wo er 1747 Professor der Mathematik am Joachimthalschen Gymnasium, 1763 aber, nach kurzer Unterbrechung seines Lehramts bei der neu errichteten Ritterakademie angestellt, auch in die Akademie ausgenommen wurde. S. st. 27. Febr. 1779 in Berlin, nachdem er 1773 sein Amt wegen Kränklichkeit niedergelegt u. 1775 noch die Schweiz, Frankreich u. Italien bereist hatte. Außer seinem Hauptwerke Allgemeine Theorie der schönen Künste, Lpz. 1786, 4 Bde., n. A. 1792—94, dazu literarische Zusätze von Blankenburg, ebd. 1796—98, 3 Bde., u. Nachträge von Dyck u. Schütz, ebd. 1792—1808, 8Bde.,schr. er: Kurzer Begriff aller Wissenschaften, Lpz. 1745, 6. A. 1786; Vermischte philosophische Schriften, ebd. 1773—8t, 2 Bde., 3.A. ebd. 1800; mit Ramler gab er Kritische Nachrichten ans dem Reiche der Gelehrsamkeit, 1750, heraus. S-s Selbstbiographie her- ausg. von Merian und Nicolai, Bert. 1809; vgl. Hirzel an Gleim über S. den Weltweisen, Winterthur, 1780, 2 Thle.; Formey, LloZo äs 8. in den Dlsmoirss äs 1'^.oaäsmis äs Berlin, 1799. Regnet.» Sulzmatt, Flecken im Kreise Gebweiler des deutschen Regbez. Ober-Elsaß (Elsaß-Lothringen), am Ohmbache in einem engen Thale des Wasgaugebirges; Baumwollenspinnerei u. -Weberei. Seidenwaa- rensabrikation, guter Weinbau (Aschgriesler); hat 2 berühmte Mineralquellen, derenWasser auch weithin, selbst bis nach Amerika n. Australien, versandt wird; 1875: 2716 Ew. Vgl. Bach, Bss saux nlealinss äs Lorätömatt, Straßb. 1852. H> Berus. Snmach, die Pflanzsngatt. Mus; insbes. ein aus Syrien, Sicilien, neuerdings auch ans Algerien und NAmerika stammendes Gerbematerial aus den Blüthen n. Blattstielen von Kims ooriaria und k. t^plrmg.. Er kommt im Handel stets gemahlen vor und enthält außer kleinen Mengen Gallussäure und einem gelben Farbstoffe noch 12—l6,5°/g einer dem Tanin nahestehenden Gerbsäure. Bei längerem Aufbewahren verschlechtert er sich oft sehr. Jungs. Sumanap, der bedeutendste Ort der Suudainsel Madnra (s. d. 5), Sitz eines Basallenfürsten, mit lebhaftem Handel; 10,000 Ew. Sumarokow 1) Alexander Petrowitsch, rnss. Dichter, geb. 14. Nov. I717inMoskau, wurde 1756 Director des russischen Hoftheaters, von der Kaiserin Elisabeth in den Rang eines Brigadegenerals erhoben, von der Kaiserin Katharina II. 1762 zum Staatsrath ernannt u. st. 1777 in Moskau. S. ist als der Schöpfer des russischen Dramas zu betrachten, seine Vorbilder waren die Franzosen. Von seinen Tragödien seien erwähnt: Sinaw und Truwor, 1755; Zemire, Korcw,Aristone, derfalsche Dmitri rc., auch schr. er Opern, Fabeln, Epigramme, Episteln, Oden u. a. Gedichte, auch: Moskwasche Chronik, Beschreibung der zwei ersten Aufstände der Strelitzen rc. 2 ) Peter, russischer Historiker in Moskau; schr. u. a.: Geschichte Katharinas der Großen, Mosk. 1832, 2 Bde. Sninätra, nächst Borneo die größte Suudainsel, erstreckt sich von NW. nach SO. annähernd gleich zu beiden Seiten des Äquator, ist etwa 1570 km lang, in der nördl. Hälste durchschnittlich 240 km, in der südl. 370 km breit, durch die Straße von Malakka von dem asiatischen Contineute, durch die Snn- dastraße von Java getrennt u. hat einschließlich der umliegenden Inseln einen ans 464,750 Hs km geschätzten Flächeninhalt. Die Insel ist fast ihrer ganzen Länge nach von einem Kettengebirge durchzogen, auf dessen Kämmen sich zahlreiche, theils erloschene, theils noch thätige Vulkane erheben; nach W. hin fällt das Gebirge steil, oft unvermittelt zum Meere ab, nach O. hat es sanste Abhänge n. einen 20—30 Meilen breiten Streifen von niedrigem, oft sumpfigem Land vor sich. Zwischen den parallelen Ketten des Gebirges dehnen sich weite, meist fruchtbare Hochflächen aus. Von den Bergspitzen sind die bedeutendsten: Pik von Jndrapura, geschätzt auf 3600 m (11.—13. Mai 1877 von 2 Niederländern zum erstenmal bestiegen), Gunong-Dempo, ungefähr 3000 m, Singalang 2835 m, Ophir 2976 m, Me- rapi 2838 m, Talang ungefähr 3400 m, n. a.; im Ganzen werden 16 Vulkane gezählt. Die bemerkens- werthesten Vorgebirge sind a» der NKüste: Diamant-Spitze u. Atschin; an der WKUste: Cap Felix, Siton, Jndrapura, Manna; an der SKüste: Flat Point, Cap Tekns u. Werkens. Diese 3 letzten Vorgebirge springen weit ins Meer vor und bilden die beiden großen Buchten, die Lampong- u. Kaiser- od. Semanka-Bai. An der OKüste befinden sich zahlreiche und geräumige Buchten, an der WKüstc, welche bei Weitem weniger gegliedert ist, sind nur die Buchten von Benknlen, Padang u, Tapanuli zn 104 Sumatra. neunen. Dein Gebirge verdankt S. eine überaus reiche Bewässerung; auf der WSeite treten die Flüsse jedoch nur als kleine, reißende Gcbirgsströme auf, wie der Singkel, der Lumut u. der Jndrapura; bedeutender sind die Flüsse an der OSeite: der Rak- katt, Siak, Kauiper, Jndragiri (der bedeutendste der Insel), Djambi, Musi, Buwang. Von den Seen der Insel ist der bedeutendste der Sinkara, welcher zum Jndragiri abfließt. Zum Bereich der Insel ge. hören die umliegenden Inselgruppen Bali, Banjak, Nias, Mentaway, Engano an der WKüste, Lingga, Rionw, Banka und Biliton an der Ost-Küste, die im Wesentlichen denselben Charakter wie S. zeigen. Das Klima ist ein durchaus tropisches, die Hitze wird jedoch in den Niederungen meist durch Seewinde gemildert; in den Gebirgen herrscht eine gemäßigte, auch Europäern zusagende Temperatur. Der Niederschlag ist ziemlich bedeutend. Es herrscht hier der NO- und der SOMousun, der letztere im Winterhalbjahr. An Producten hat S. aus dem Mineralreich: Gold, Kupfer, Zinn und Eisen; die Pflanzenwelt liefert als eigenthümlich: Pfeffer, Kam- pher, Benzoe, Ebenholz, Teakholz, Sandelholz, Aloe- oder Adlerholz u. a.; angebaut werden auch sehr viel Reis, Kaffe, Tabak, Indigo u. Zuckerrohr. Die Thierwelt ist vertreten durch den Elephant, Kö- mastiger und Panther, Orang-Üraug, einen eigen- thllmlichen, sehr starken Hund, Tapir, zwcihörniges Nashorn, Kambing-Utan (eine Antilope, welche sich nur hier findet), Krokodile u. v. a. Die Zahl der Einwohner wird auf 3H Mill. geschätzt, wovon der größte Theil von den Niederländern abhängig, nur ein geringer (ungefähr 700,00(1) noch selbständig ist. Die Eingeboruen gehören zum größten Theil zur malaiischen Race, in verschiedenen Stämmen, so die Atschincsen im N., die Redschaug u. Passumah im Inneren von Palembang, die Lampong im SO.; ungefähr ij Mill. sind Batta (s. d.). Neben diesen Hauptstämmen gibt es einige Tausend eingcwanderte Chinesen, Araber n. Europäer auf der Insel, sowie noch den besonderen Stamm der Orang Kubu, welcher im südöstl. Theile in den Wäldern von Palembang ein unstetes Leben führt u. für einen Rest der Urbevölkerung gehalten wird. Nur ein geringer Theil von S. ist noch unabhängig, Alschin (s.d.) auf der NKüste u. ein Theil der Battaländer im S. davon; das Übrige gehört den Niederländern. Die Besitzungen derselben zerfallen in das Gonv. der W- Kllste mit den ResideutschastenTapanuli (Hauptstadt Siboga), Padangschc Bovenlande (Hauptstadt Fort de Kock), Padangsche Bcuedenlandc (Hauptstadt Pa- daug), die Assistent-Ncsidentschaft Bcnkulen, die Re- sideutschaft Lampong auf der SKüstc u. das Gonv. der OKüste mit den Ncsideutschaften Palembang u. Rionw (mit gleichnam. Hauptstadt). Die umliegenden Inseln sind administrativ mit einbegriffen, mit Ausnahme von Banka und Billiton, welche eigene Verwaltungsbezirke bilden. Die bedeutendsten Handelsorte von S. sind Padaug auf der W- u. Palembang auf der OKüste. S. (im 14. Jahrh. der Name einer jetzt verschollenen Stadt auf dieser Insel u. ist von den Europäern n. Chinesen auf dieselbe übertragen, bei den arabi- scheu Geographen heißt sie Rami oder Djava, bei Marco Polo Klein-Java) war den antiken Geographen so gut wie unbekannt; genauere Berichte bringen erst, nachdem seit dem S. Jahrh. die Araber auf ihren Seefahrten hierher drangen, die arabischen Geographen, bes. Edrisi u. Jbn Batuta, u. Marco Polo. Den Malaien galt die im Inneren zu beiden Seiten des Äquators gelegene Hochebene für das Stammland, von dem ans sie im 13. Jahrh. nach Malakka zogen; schon im Mittelalter lag hier das mächtige Reich Menaugkabau, von dem sich kleinere Malaienstaaten als abhängig abzweigten. In loser Abhängigkeit davon standen die unter eigenen Häuptlingen wohnenden Stämme der Batta; im N. bestand schon seit dem l3.Jahrh. das Reich vouAtschin (s. d.). Gegen Ende des 13. Jahrh. drang der Islam auf der Insel ein u. hatte sic bis zum 15. zum größten Theil occupirt. Die Geschichte u. Machtver- hältnisse der einzelnen Staaten sind in dieser Periode sehr dunkel u. sagenhaft; über einzelne Theile im S. erstreckte sich die Gewalt vonHerrschern der Nachbarinsel Java. 1509 wurde S. von dem Portugiesen Scqucira als erstem Europäer besucht, der an der NKüste in Pedir landete; er fand damals dort die Sultanate Pedir, Pasay u. Atschin, von denen jedoch die beiden erstereu bald daraus in das letzte aufgingen. Im Inneren bestand noch das Reich von Menaugkabau; nebendiesem ciueAnzahl Fürstenthümer an der O.- u. WKüste, so Djambi, Jndragiri, Palembang, Siak und Jndrapura, sowie eine Anzahl kleinerer, obwol die Verhältnisse dieser dunkel sind u. einzelne erst später entstanden sein mögen, so Palembang 1544 durch Einwanderung von Java her. Die Portugiesen gründeten unbehelligt mehrere Handelsstationen, erleichterten jedoch später durch ihren Handelsdruck ihren Rivalen , Len Niederländern, die seit 1620 sich auf der WKüste niedergelassen hatten, die Besitzergreifung. Diese bemächtigten sich, unter vollständiger Verdrängung der Portugiesen, 1664 Jn- drapuras, 1666 Padaugs und rissen den Handel mit Pfeffer und anderen Maaren an sich. Beinahe gleichzeitig mit ihnen ließen sich auch die Engländer in S. nieder u. gründeten 1685 eine Factorei in Beukulen, doch blieb dieselbe unbedeutend bis 1689. Bei zunehmendem Handel erbauten sie 1710 das Fort Marlborough n. setzten einen Gouverneur dahin. Die englischen Niederlassungen wurden 1760 von den Franzosen zerstört, aber nach dem Pariser Frieden 1763 hergestellt u. gelangten bald zn einer solchen Wichtigkeit, daß eine eigene Präsidentschaft daraus gebildet wurde. Die folgende Geschichte ist ein Kampf der Niederländer und Engländer um die Oberherrschaft über die Insel, welche von 1804—15 ganz in die Gewalt der Letzteren kam, aber 1815 freiwillig an die Erstcrcu zurllckgegeben wurde. Auch Bcnkulen gaben sie 1825 durch Tausch für Malakka an diese. Von nun an hat sich deren Macht stetig ausgedehnt. 1823 war das Reich Palembang in ihren Besitz gekommen, 1835 eroberten sie Djambi, Menaugkabau und einen Theil des Battagebietes, später machten sie sich Siak lebnspflichtig, 1873 endlich hat der Krieg mit dem noch selbständigen Atschin begonnen, der zwar anfangs 1879 noch nicht beendigt ist, aber einen Theil des Reiches schon unterworfen hat. Einzelne Empörungen haben zwar vorübergehend die Ruhe gestört, im Ganzen aber hat sich die niederländische Herrschaft, infolge ihres Systems, die einheimischen Häuptlinge so weit wie möglich im Besitz ihrerStellung zn lassen n. nur die nöthigeOber- 105 Sumatrawachs — suiuiaitatas nlantarura. aufsicht u. Controls zn üben n den Handel in niederländischer Hand z» concentriren, mehr n. mehr befestigt. Eine Durchforschung der noch vielfach unbekannten Insel hat 1877 im Auftrag der niederländischen Regierung stattgefnnden und im Mai 1878 unternahm der Italiener O. Beccari eine Reise nach dem Inneren. Vgl. Marsden, Limor/ oI8u- matra, Lond. 1784; Müller, kijäraAsntotcksIcon- uis vau S., Leyden 1846; Jnnghnhn, Die Batta- Länder anf S-, Berl. 1847 (von diesem auch eine Specialkärte von S.); Mohnike, Banka n. Palem- bang, Münster 1874; 8umatra Lxpockitis, Utrecht 1877; v. Nosenberg, Der Malaiische Archipel, Lpz. 1878, 3 Bde. (specicll der 1. Bd.). Thiele,»ann. Sumatrawachs, der Saft von illions oorillua welcher etwas härter als Bienenwachs ist, eine aschgraue Farbe besitzt, in Alkohol wenig, in Äther leicht löslich ist u. bei 61° schmilzt. Sumava, czechischer Name für Böhmer Wald. Sumba, so v. w. Sandelbosch. Sumbäwa (Sumbhawa), eine der kleinen Snn- dainseln zwischen Lombok u. Floris, 15,300 Hskiu, vielfach durch Baien zerklüftet, gebirgig», vulkanisch, gut bewässert u. fruchtbar (Sandelholz, Reis, Tabak). Die Einwohner (aus 90,000 geschätzt) sind Malaien u. stehen unter 3 einheimischen Fürsten zu S., Buna u. Dompo, welche die Oberhoheit der Niederländer anerkennen. Die Insel ist der Residentschaft Mang- kassar zugetheilt; der niederländische Assistent-Resident hat seinen Sitz in Buna. Auf der NSeite der Vulkan Tambora (Tomboro, 2340 m hoch), bekannt durch seinen furchtbaren Ausbruch 1815, wodurch 21,000 Menschen das Leben verloren; der Bnlkan selbst stürzte dabei ein u. verlor H seiner Höhe. Th. Sumbulpoor, so v. w. Sambalpur. Sumbulwurzel, so v. w. Moschnswurzel. Sumer, Sumerier, Name eines Gebietes u. Volkes Babyloniens, nach welchem gemäst einigen Gelehrten die nicht semitische Sprache Alrchaldäas, .wie sie in den linken Colnmuen der assyrischen Syl- labare u. in anderen Keilschrifttexten vorlicgt, als die Sumerische Sprache zu benennen sei. Andere Forscher nennen dieselbe Sprache Accads (s. d.), König von Sumer und Accad ist ein häufiger Titel altbabylonischer u. assyrischer Herrscher. Sumeru (ind. Nlytb.), so v. w. Meru. Summarisch (v. Lat.), nach dem Hauptinhalte znsammengefaßt, in das Kurze gefaßt. Summarischer Procrst (außerordentlicher Proceß), ein von dem regelmäßigen Verfahren in Civilstreitigkeiten od. Strafsachen abweichender Proceß, dessen Zweck auf Beschleunigung der Sache durch Abkürzung u. Vereinfachung des Verfahrens gerichtet ist. Der gemeinrechtliche S«e Civilproceß theilte sich in den bestimmten od. unbestimmten S-n P., je nachdem bei demselben die Ordnung der wesentlichen Bestandtheile des Ordinarversahrens ab- gcändert erscheint od. nicht, a) Zum bestimmten (Ostermiuatum) od. irregulär-summarischen Proceß gehörte: na) der bedingte und unbedingte Mandatsproceß, bei welchem gewissermaßen das Urtheil der Vertheidigung des Beklagten voransgeht; s. Mandatsproceß I. bb)Der Arrest- proceß (s. d.); oe) der Executivproceß (s. d.). li) Bei dem u »bestimmten (Inckstermiuatum) od. regnlär-siunmarischcn Proceß war statt der gewöhnlichen schriftlichen mündliche, protokollarische Verhandlung üblich. Das erste Verfahren, in welchem auf die in der Regel mündlich zn Protokoll gegebene Klage Einlassung u. Antwort, Replik, Du- plik rc., ganz wie im Ordinarprocesse, folgen, wurde oft in einem einzigen Termine abgesetzt. Das Beweisverfahren (Beweis heißt im S-n P. Bescheinigung), meist mit dem ersten Verfahren verbunden, steht ebenfalls unter den allgemeinen, im Ordinarprocesse geltenden Regeln. Namentlich ist auch hier eine etwaige Beweisfrist peremtorisch u.dem Gegner des Bcweisfllhrers vollständige Vertheidigung gegen die übrigens hier nicht weiter, als in: Ordinarprocesse, beschränkte Zulässigkeit u. Beweiskraft der Beweismittel gestattet. Nach abgesetztem Beweisverfahren wurde in der Regel sofort zu Protokoll Bescheid ertheilt. Seit das mündliche Bersahren auch im Civilprocesse zuerst Lurch deutsche Particularge- setzgebungen und dann durch die deutsche Civil-Pro- ceß-Ordnung von 1877 eingeführt worden ist, ist Las Bedllrfniß zu einem S-n P. deshalb wegge- sallen, weil schon der gewöhnliche Proceß ein beschleunigter ist. Eigentlich gibt es hiernach daher überhaupt keinen außerordentlichen S-n P. mehr, wenn man nicht den Urkunden- und Wechselproceß der deutschen C.-Pr.-O. hierher rechnen will. (C.- Pr.-O. Z 555 fs., Z565 ff.) Ein summarischer Criminalproceß fand im Römischen Rechte zwar bei geringeren Vergehen in der Form der LoZmtio oxtraoräinaria, statt; in der deutschen gemeinrechtlichen Praxis bildeten sich aber bestimmtere Grundsätze über ein solches summarisches Bersahren nicht ans. Nur particularrechtlich führten bald Gesetz, bald der Gerichtsgebrauch für geringere Vergehen eine solche abgekürzte Proceßart ein. In dem neueren Anklageverfahren kann ein S. P. insofern von dem gewöhnlichen Verfahren unterschieden werden, als bei bloßen sogen. Vergehen und Übertretungen, im Gegensatz der eigentlichen Verbrechen, die Schlußver- handlnng nicht vor einem Assisenhofe, sondern bei den Vergehen nur vor einen: Collegium von 3 rechtsgelehrten Richtern, bei den Übertretungen nur vor einem Einzelrichter stattfindet. Auch bestimmte S-e P-e lassen sich, nach Analogie des bestimmten summarischen Civilprocesses, im neueren Sirafprocesse unterscheiden, indem man hierher das sogen. Mandatsverfahren rechnen kann. Hier kann der Richter sofort durch eine Strafverfügung (Mandat) die verwirkte Strafe festsetzen n. dieselbe dem Angeschnldig- ten mit der Eröffnung znfertigen, daß derselbe, wenn er sich durch die Verfügung verletzt fühlen sollte, innerhalb einer bestimmten Frist wider die Verfügung Einspruch thun könne, wenn er aber dies unterlasse, die Verfügung Rechtskraft erlange und vollstreckbar werde (s. Mandatsproceß II.). Bezold.' Sllmmarium, der kurz gefaßte, aus einer Abtheilung eines Buches oder einer Schrift ansgezogene Inhalt. Summe, I) eine durch Addircn entstandene Zahl (Größe); 2) eine bestimmte Menge Geldes. Summisteu (Lummistas), Scholastiker, welche ihre systematischen Darstellungen der Theologie 8nmma (8. bllsoloAiao) nannten, wie Abälard, Alexander v. Hales, Alb. Magnus, Thom. Aquinas. Summit, s. u. Pacificbahnen 1). 8ummitLtss plsntarum (lat.), die blühenden Spitzen, 106 Lumiiium — Sund. welche von Pflanzen, deren Blumen sehr klein sind n. gehäuft stehen, wie bei der Schafgarbe, dem Mermuth rc., mit einem Theil des Stengels abgeschnitten und getrocknet werden. 8uinmum (lat., das Höchste; 8. bouuiu, das höchste Gut. 8ummum jus summa injuria, das höchste (strengste) Recht ist (oft) das höchste Unrecht. Sumncr, County im nordamerikan.Unionsstaat Tennessee, 86° n. Br., 86° w. L.; 23,711 Einw.; Hanptorl: Gallalin. Sumncr, 1) Edwin Bose, nordamerikan. General, geb. 1796 in Boston, trat 1821 als Offizier in die Armee der Vereinigten Staaten, machte 1846 und 1847 als Oberst eines Cavalerieregiments den Krieg gegen Mejico mit, erhielt dann die Verwaltung desDcp. New Mejico u. nachdem er 1854 mit einer Mission nach Paris betraut gewesen war und daraus inKansas gestanden hatte, 1858 die desWest- departements; 1861 zog er als Brigadegeneral an der Spitze eines Armeecorps bei der Potomacarmee unter Hooker in den Bürgerkrieg, nahm an den Schlachten des Jahres 1862 unter M'Clellan rühmlichen Antheil, namentlich an der Schlacht bei Nich- mond u. avancirte zum Generalmajor; im Angust lieferte er den Südstaatlern die Recognoscirungsge- fechte vor Nichmond, zog hieraus mit gegen Lee an Len Potomac u. war im Sept. mit in der Schlacht am Antictam Creek. Seit dem 17. Nov. führte er die 2. Division unter Burnside u. wurde 13. Dec. mit bei Fredericksbnrg von Lee geschlagen. Als im Jan. 1863 Burnside von Hooker im Oberbefehl abgelöst wurde, bat S. um Enthebung von seinem Com- mando u. wurde zum Departementscommandanten in Missouri ernannt, starb aber vor dem Abgang zu seiner neuen Bestimmung im Juli 1863 in Syra'cus. 2) Charles, nordamerikan. Staatsmann u. Abolitionist, geb. 6. Ja». 1811 zu Boston in Massachusetts; studirte seit 1831 Jura in Cambridge, wurde 1834 Advocat in Boston u. Referent beim Kreisgericht n. hielt zugleich 3 Jahre Vorlesungen bei der juristischen Facultät zu Cambridge. Von 1837—40 machte er Reisen in Europa n. agitirte, bes. seit 1845, gegen die Sklaverei, gegen die Einverleibung von Texas u. den Krieg gegen Mejico. Damit trennte er sich von der Whigpartci und trat zur Freibodenpartei über. Nach Websters Austritt aus dem Bun- bessenat wurde S. 1850 an dessen Stelle in den Senat des Staates Massachusetts gewählt, wo er wieder auf das Nachdrücklichste für die Abschaffung der Sklaverei austrat u. infolge dessen einmal körperlich schwer mißhandelt wurde. Jm J. 1861 zum Präsidenten des Senatscomitcs für auswärtige Angelegenheiten gewählt, setzte er hier sein Wirken für die Sklavencmancipation fort u. betheiligte sich nach- her in hervorragender Weise an der Wiederherstellung der Südstaaten. Er bekämpfte 1869 den Johnson-Clarendonschen Entwurf eines Vertrags mit England wegen der Alabamasrage u. 1870 das Pro- jecr der Annexion von San Domingo. Dadurch überwars er sich mit dem Präsidenten Grant, gegen Len er auch wegen der in der Verwaltung einreißenden Corruption opponirte, was zur Folge hatte, daß er im März 1871 seiner Stelle als Conütcpräsideut entsetzt wurde. 1872 trat er für die Candidatur Greelys in die Schranken, machte in demselben Jahre noch eine Reise nach Europa u. st. 11. März 1874 ^ in Washington. Er gab heraus die juristische Viertel- jahrschrift Nlle Lmerieau jurist; 8umusr's rsports, Bost. 1834 fs., 3 Bde.; Vese/s rsports, ebd. 1844 bis 1846, 20 Bde.; u. schr.: Vinte slavsr^ in tirs Larbar;- 8tates, ebd. 1853; Lbs barbarisiu ol sla- vsrz?, ebeud. 1860, u. veröffentlichte seine Oratious null public sxsoebos, ebd. 1852, 2 Bde., u. Locsnt sxsssbes auck aclrosses, New Jork 1856 ff.; Vorics, ebd. 1870fs., 12 Bde. Vgl. Pierce, Liös airä Isttrss ok Obarlss 8., Lond. 1877, 2 Bde. Sumpf , ursprünglich ein tief gelegener Boden, von dem die Feuchtigkeit nicht abfließen kann u. welcher daher zum Morast od. S. wird; im Bergbau der tiefste Theil eines Grubenbaues. Bei einer gut eingerichteten Grube ist unterhalb der Findersohle ein System von Strecken hergestellt, welches die Zuflüsse auf Tage u. Wochen fassen kann. Tumpfbuffard, so v. w. Rohrweih, s. Weihen. Sumpferz, so v. w. Raseneisenerz. Sumpffieber, Malariafieber, s. Malaria. Sumpfgas, so v. w. Grubengas. Sumpfhuhn, Schnarre, 6rox LeMst., Vvgel- gattung aus der Fam. der Wasserhühner; Schnabel wenig kürzer als der Kops, gestreckt; Flügel mittellang; Beine stark; Schwanz kurz; kleinere Wasserhühner der Sümpfe und bewachsenen Teichränder; lausen schnell mit wagrechter Körperhaltung durch Pflanzendickicht, besonders des Nachts thätig. Nest versteckt im dichten Krautwerk; Eier hellbraun mit dunklen zerstreuten Flecken. 0. pratensis LecAst., Schnarre, Wachtelkönig, Wiesen-S., 28 am; oben olivenbraun mit schwarzen Flecken auf der Feder» mitte, unten weiß, seitlich braunfleckig. 6. xor^aua L., gesprenkeltes S., 23 ein; weiß gesprenkelt; unten weiß, Schwanzunterdeckfcdern rostfarben. Beide in Europa häufig. 6. xusilla L., kleines S., 20 omj; Rückenmitte schwarz mit vereinzelten weißen Flecken, sonst schiesersarben, in der Jugend braunfleckig; selten. Farwick. Sumpflerche, so v. w. Wiesen-, Wasserpieper, s. Pieper. Sumpflnchs, I-MX 6imus 6rl'«r/, s. Luchs. Sumpfotter , so v. w. Nörz. Sumpfschnepfen, Arten der Gatt. 6aIIiuag-o, s. Schnepfe. Sumpfvögel, 6rallas, nach Linne Ordn. der Vögel, jetzt getrennt in die Ordn. Orailas Lp., Wadvögel, u. Oiconias Lp.. Reihervögel, s. d. Sumption, Sumtion (v. Lat.), Annahme, Voraussetzung; ein bedingender Vorsatz zu einem bedingten Nachsatz; das Nehmen und Genießen der geweihten Hostie von Seiten der Meßpriester. Sumter, Counties im nordamerikan. Unionsgebiet, 1) in Alabama, 32° n. Br., 88" westl. L.; 24,109 Ew.; Hauptort: Livingston; 2) in Georgia, 32» n. Br., 84° westl. L.; 16,559 Ew.; Hauptort: Amecicus; 3) in Süd Carolina, 34° n Br., 80° w. L.; 25,268 Ew.; Hauptort: Sumterville. Sumter, s. u. Charleston 1). 8umtuarme legss(Sumtuargesetze),Gesetze,welche in Rom dem übermäßigen Luxus steuern sollten. 8umtus (8umpbus, lat.), Aufwand, Kosten. Sunbury, Dorf an der Themse, oberhalb London, mit den Pumpwerken und Filterbassius von zwei Londoner Wasserversorgnngsgescllschasten. Sund, 1) so v. w. Meerbusen; 2) so v. w. 107 Sunda^Jnseln — Sünde. Meerenge. 3 ) (Öresund) Meerenge zwischen dem Festlande Schweden u. der dänischen Insel Seeland, Hauptverbindungsstraße zwischen der Nordsee (oder deren Meerbusen Skagerrak u. Kattegat) u. der Ostsee, da die anderen Straßen, der Große und Kleine Belt, sowie der Holsteiner (Kieler) Kanal weniger fahrbar sind. Seine Breite au der engsten Stelle zwischen der schwedischen Stadt Helsingborg u. der dänischen Helsingör (FortKronenbnrg) beträgt4lcm, seine größte Weite südlicher zwischen Malmö (Schwe- den) u. Kjöge (Dänemark) etwa 30 km, worauf er sich wieder verschmälert u. bei dem schwedischen Vorgebirge Falsterbo endigt. Seine Tiefe beträgt an der flachsten Stelle nur 7,g m u. seine ganze Länge über 70 Icm. Außer mehreren kleineren liegen in ihm die größeren Inseln Hveen,Saltholm u. Ama- ger. Von früheren Zeiten her erhob Dänemark am S-, u. zwar bei Helsingör, von allen vorüberfahren- den Schissen einen Zoll, den S-zoll, sein Recht dazu aus dem Umstande herleitend, daß es damals beide User des S-es besaß u. daher die dazwischen liegenden Gewässer als unter seiner Botmäßigkeit gelegen betrachtete, und war dieses Recht auch von den anderen Seemächten durch Verträge anerkannt worden. Einzelnen Staaten, wie Schweden, Holland, Belgien, Frankreich und England war durch Verträge eine Ermäßigung des Zolles zugestanden worden; völlig befreit von demselben waren früher die sechs wendischen Hansestädte Lübeck, Hamburg, Rostock, Stralsund, Wismar und Lüneburg, ferner Stettin, Kolberg u. Kamin (die beiden letzten Städte waren bis zuletzt befreit). Der S-zoll zerfiel in die Abgabe von Schiffen u. von Maaren: die Schiffsabgabe betrug unter verschiedenen Titeln durchschnittlich mindestens 12 Speciesthaler von jedem Fahrzeuge u. der Waarenzoll 1—11 s) vom Werthe der Maaren. In den Jahren 1851, 1852 n. 1853 brachte er Dänemark durchschnittlich jährl.2,100,000 dänische Reichsthaler ein, wovon 29„j °/u auf Rußland, 29,gg o/o auf Großbritannien, 12,^ °/o auf Preußen, 3,^ °/o ans Frankreich, 2„g °/» ans die Vereinigten Staaten von NAmerika kamen. Als letzterer Staat 12. April 1855 seinen hinsichtlich des S-zolles bestehenden Vertrag kündigte und zugleich erklärte, nach Ablauf der Vertragszeit den S-zoll nicht mehr bezahlen zu wollen, lud Dänemark 1. Oct. 1855 alle bei dieser Zollfrage betheiligtcn Nationen zur Beschickung einer Confercnz ein, um über eine event. Ablösung des S-zolles zu berathen. Diese Conferenz, an der fast alle europäischen L-taaten theilnahmen, trat 4. Jan. 1856 in Kopenhagen zusammen, u. cs kam 14. März 1857 ein Vertrag zu Stande, in welchem Dänemark sich verpflichtete, vom 1. April 1857 an den bisherigen S-zoll nicht mehr zu erheben, die übrigen Vertragsstaaten dagegen die Verpflichtung übernahmen, an Dänemark eine Entschädigungssumme von 30,476,325 dän. Reichs- thalern zu bezahlen. Vgl. Scherer, Der Snndzoll, seine Geschichte rc., Berl. 1845. H> Berns. Sunda-Jnseln, Archipel im Indischen Meere, erstreckt sich vom SW. der hinterindischen Halbinsel Malakka an bis zum NW. Australiens von 112° 48' bis 151° östl. Länge (von Ferro) n. von 6° 4' bis 11° 5' slldl. Br. Sie werden gecheilt in die Großen S.: Sumatra, Java, Borneo u. Celebes (nebst Len an ihren Küsten liegenden kleineren Inseln) u. die Kleinen S. (39), darunter: Bali, Lombok, Sumbawa, Floris, Sandelbosch, Solor, Timor, Lomblcm, Pantar, Ombai, und umfassen ein Ge- ämmtareal von 1,650,000 ffZIcm, deren Bevölkerung auf etwa 26 Mill. geschätzt wird (doch sind die meisten Detailangaben sehr wenig verlässig). Der größte Theil dieser Inseln steht unter der Oberhoheit der Krone Holland, welcher sie ganz od. theilweise, mittelbar od. unmittelbar unterworfen sind; ans den nordöstlichen Theil von Timor, sowie auf Solor u. a. machen die Portugiesen Anspruch. Die Eingeborenen gehören bis auf wenige Ausnahmen (.^ Mill.) den Malaien an. Stttlda-See, das Meer zwischen den Inseln Sumatra, Java, Borneo n. Celebes. Sunda-Straße, die Meerenge zwischen den Sniida-Jnseln Sumatra u. Java, die aus dem Indischen Ocean in die Snnda-See führt. In ihr mehrere Inseln, meist steile vulkanische Kegel. Sundalselv, Name für den unteren Laus des Driva (s. d.). Sünde (lat. iLseeatum, d. h. Verfehlung des Zieles), im Allgemeinen jede Übertretung eines Gesetzes, welche eine Sühne verlangt; im Besonderen jede Übertretung der Gebote Gottes od. des Moral- gesctzes, welche den Menschen vor Gott schuldig macht. Der Grund od. die Entstehung der S., welche schon in der vorchristlichen Zeit die heidnischen Philosophen beschäftigte, wurde bes. vom Apostel Paulus, namentlich in dem Briefe an die Römer, näher entwickelt n. dabei ans den Zwiespalt hiugewieseu, welcher durch den Gegensatz des Fleisches (Selbstsucht) n. des (gottverwandten) Geistes im Menschen entsteht, womit die kirchliche Theologie die Lehre von der verführerischen Einwirkung des Teufels auf den Menschen in Zusammenhang brachte. Man unterscheidet: a.) die Erb-S., als die allen Menschen von Adam her angeborene S., u. die eigene, aus freier Selbstbestimmung hervorgegangene That'S. (?se- oatum notnalö); b) Begehungs-S.(?svea.l:nm eom- missionis), die etwas thut, was verboten ist, und Unterlassnngs-S. (kseo.omissionw), dieetwas, was geschehen sollte, unterläßt. Außerdem sind in der Dogmatik der verschiedenen Confessionen sehr verschiedenartige Unterscheidungen der S. heimisch geworden. Als besondere S. bezeichnet man z. B. die Gewohnheits«S., welche durch ihre öftere Wiederholung zur Gewohnheit geworden ist; die Schooß- S-n, Fehler, deren der Mensch mit einer besonderen Art von Zuneigung ergeben ist; dagegen versteht man unter stummen (heimlichen) S-n widernatürliche geheime Ausschweifungen des Geschlechtstriebes, wie Onanie, Päderastie rc.; (Himmel)- schreiende (?. elamautis.) S-n sind die, welche zu Gott um Rache rufen, auch wenn kein Ankläger da ist, od. sie nicht von Menschen gestraft werden; man rechnet dazu: das unschuldig vergossene Blut, die Sodomiterei, die Unterdrückung der Unschuldigen, den znrückgehalte- nen Lohn des Arbeiters. Unter den sog. S-n wider den heiligen Geist (?. ocmtra. Zpiritnm vanetnm) verstehen Augustin n. Melanchton die Unbußfertigkeit im Tode, die orthodoxen Systeme dagegen die bewußte Feindschaft eines Menschen, der zur wirklichen Erkenutniß des Heils gelangt ist, gegen Gott und Christus. Die Kathol. Kirche betont stark den Unterschied der läßlichen S-n (?. vsnialia), deren 108 Sündenfall Schuld sich durch das religiöse Leben des Christen von selbst aufhebt, u. der Tod-S-n (k. rnortslis), welche ewige Verdammniß zur Folge haben, wenn der Sünder für dieselben nicht die kirchliche Absolution empfängt. Die Folge der S. ist die Strafe. Über die Befreiung von der S. s. u. Sündenvergebung. Vgl. Umbreit, Die S. Beitrag zur Theologie des Alten Test., Hamb. 1853; Tholuck, Die Lehre von der S., ebd. 1823, 8. A. 1862; I. Müller, Vom Wesen u. Grunde der S., Bresl. 1839,6. A. 1877, 2 Bde. Hevpe- Snndenfall, nach der mosaischen Schöpfnngs- nrkunde die erste Sünde, welche Adam u. Eva dadurch begingen, baß sie, gegen Gottes ausdrückliches Verbot, von dem verboteuenBaumezu essen, sich von der Schlange durch eine Lüge doch dazu verführen ließen. Die Folge war nicht nur, daß Adam und Eva forthin dem Tod und der Sünde unterworfen waren u. zur Strase ihres Ungehorsams aus dem Paradiese verbannt wurden, sondern auch, daß sie, alsStammelteru des Menschengeschlechtes, die Sünde aus alle Menschen vererbten (s. Erbsünde). Bgl. Bräm, Der S., Barmen 1858, Sündenvergebung (Uoinisai-, s. Oonckonstio pseeskornin), Erlassung der Sünde eines Menschen von Gott, als dem zwar heiligen Richter, aber auch barmherzigen Vater. Das Heiden- u. Jndenthum glaubte die S. durch Opfer zu erwerben; nach der Lehre des st!. T. aber unterwarf sich Christus, welcher selbst frei von Sünde war, freiwillig dem Leiden u. dem Tode, um dadurch als Sühnopfer für die Menschen die S. bei Gott zu bewirken. Bedingung des Empfanges der S. ist der auf Rene n. Buße beruhende Glaube an Christi Verdienst. Vgl. Absolution, Rechtfertigung u. Versöhnung. Sundcrbnnd, s. Sanderbands. Sunderland, Stadtin der engl. GrasschaftDur- Ham, zu beiden Seiten der Mündung des Wear in die Nordsee, Eisenbahnstation, mit den Vorstädten Bishop Wearmoulh, Monkwearmouth, Monkwear- mouth Share und Sonthwick, ist in den älteren Stadttheilen eng und winklig, in den neueren besser gebaut; eine eiserne Brücke, bestehend aus einem 32,i m hohen Bogen von 74,, in Spannung, verbindet die beiden Flußufer; am rechten Flnßufer großartige Docks; Hafen, dessen Eingang von zwei Dämmen (594 u. 540 m lang) gebildet und durch Batterien geschützt wird; etwa 70 Kirchen, Lycenm, Athenäum mit Museum, Theater, Statue des hier geborenen Havelock (seit 1862), Krankenhaus, Ver- svrgungshaus und andere WohlthätigkeitSanstalten, Börse, großartige Schifsswerste (mit circa 3300 Arbeitern), Glas- u. Eisenhütten, Walzwerke, Maschinenfabriken (mit ca. 1400 Arbeitern), Litriolwerk, Messinggießercien, Fabrikation von Thonwaaren u. Hüten, Seilerbahnen, Gerbereien, Bierbrauereien, Sägewerke rc., Schifffahrt, lebhafter Handel; 1871: 98,242 Ew. Zum Hasen gehören 581 Schiffe (darunter 144 Dampfschiffe) von 194,960 Tonnen Gehalt. In den Hafen liefen 1876 ein 9708 Schiffe mit 2,329,576 Tonnen. In der Umgegend findet man Schleifsteine u. gibt es ergiebige Steinkohlen- grubeu. In der Nähe das Vorgebirge Sunderlandspoint. S. sendet 2 Mitglieder ins Unterhaus. H-B-rns. Sundcwitt, Halbinsel an der Ostseite der preuß. Prov. Schleswig-Holstein, umschlossen von dem Bu- — Sungan. sen von Flensburg, dem Alsener Sunde und dem Busen von Apenrade, gehört zum Kreise Sonder- bnrg. In dem Deutsch-Dänischen Kriege von 1848 u. 1849 u. Von1864 war der S. längere Zeit Kriegsschauplatz , namentlich aber wegen ihrer Festungswerke die Dllppeler Höhen (s. Düppel), mit welchen die Halbinsel gewissermaßen ostwärts geschlossen ist. Snndfluth, richtiger Sintfluth, d. h. allgemeine Fluth, Bezeichnung einer allgemeinen Überschwemmung der Erde, welche in der Sagengeschichte der verschiedensten Völker eine große Rolle spielt. Jnsbes. gilt dies von den Chaldäern (s. Chald. Fluthbericht), Phrygiern (unter Annakos), Phönikern, Syrern, Indern (der Gerettete heißt dort Manu), Griechen (Ogyges u. Deukalion). Auch bei den Kymbrern, Skandinaviern u. bei Völkern der Neuen Welt begegnen wir ähnlichen Sagen. Fraglich ist die Existenz einer eigentlichen Fluthsage bei Persern und Ägyptern; was man dafür erklärt hat, ist andersartig. Dagegen wieder zeigt die chinesische Flnth- sage nähere Verwandtschaft mit der westasiatischen Sage, deren Typus die Erzählungen der Chaldäer (s. o.) u. Hebräer bilden. Das Charakteristische der hebräischen Erzählung von der noachijchen Fluth (s. Noah) ist, baß in ihr die Überschwemmung als ein Vertilgungsgericht aufgefaßt wird, welches Lurch die Sünden der Menschheit nothwenig geworden ist. Dieser Bericht ist uns in zwei Hauptrelationen überliefert , welche nicht unwesentlich von einander diffe- riren. Der eine Bericht stammt aus der Feder des sog. elohistischen od. anualistischen, der andere aus der des jahvistischen od. prophetischen Erzählers der bibl. Urgeschichte. Beide Berichte liegen von 1. Mos. Cap. 6, 5 an in einander verarbeitet vor. Neuerdings erklärt man die Sagen von einer S. durch das plötzliche Durchbrechen eines anfgestauten Meeres, od. im Zusammenhang mit einer geologischen Umwälzung, bezw. einer Hebung des betr. Meeresgrundes. Sundgau (Südgau), ehemals so v. w. Ober- Elsaß, im Gegensatz zu Unter-Elsaß (Nordgau), im engeren Sinne der südliche Theil des Elsaß, südlich von der Thur. Sundswakl, Stadt im schweb. Län Westernorr- laud, am Bottnischen Meerbusen; Hafen, der 1873 einen Gesammtverkehr von 962 Schiffen mit 92,765 Last im Eingang n. 1111 Schiffen mit 102,699 Last im Ausgang hatte; 5280 Einw. Die Stadt wurde 3.Aug. 1877 Lurch Feuer größtentheils zerstört. In der Nähe Eisenwerke. Sundzoll , s. Sund 3). Suiltr, Luigi, bedeutender italien. Lustspieldichter, geb. 1882 in Havanna (ans Cuba); kam als 5jähriger Knabe nach Florenz u. erhielt daselbst eine durchaus italienische Erziehung. Zuerst machten ihn nach einigen Erstlingsversuchen die Lustspiele I Us- Mtimwin, Lxints s aponts (1861 ff.) bekannt; die- sen folgten 1863 U'orio, Uns, pinZ;s aooisls, Us smiolw u. a. m. Von 1869 ab erschien noch: Uns leA^s cki UienrM, UIUsms toms, Us Arstituäiuo. S. zeichnet sich durch würdige feine Sprache u. schöne Diction neben trefflicher scenischer Anordnung überhaupt aus. Booch-Artossy. Sungari, der bedeutendste Nebenfluß des Amur (OAsien), entspringt auf dem Schau Ali-Gebirge (Grenzgebirge zwischen der Mandschurei u. Korea), Liinion — Superintendent. 108 durchströmt in nordwestlichem, daun in nordöstlichem Lause die Mandschurei, nimmt rechts La-lin, Ma- jen, Hurka, links Hui-fa, Ji tuug-ho, Nonni aus, ist die natürliche Handelsstraße der Mandschurei u. wird wegen seines großen Wasserreichthums von den Chinesen für den Hauptstrom gehalten, dessen Nebenfluß der oberhalb der russischen Station Michailo-Seme- nowsk mit ihm sich vereinigende Amur sei. Drouke. Sumon (Sunium), 1) südliche Landspitze von Attika, mit Tempel der Athene. Das Vorgebirg, in welches die Landspitze auslief, war seit 413 v. Chr. befestigt. Von den noch stehenden Säulen des Athenetempels erhielt das Vorgebirg den Namen Cap Co- lonne. 2) Stadt daselbst; seitdem Peloponnesischen Kriege zerstört. Sunna (arab.), Form,Handlungsweise, Lebensregel; göttliches Gesetz, bes. das durch Tradition überlieferte Gesetz Gottes (seine Befehle u. Gebote); im engeren Sinne: das Traditionelle Gesetz, die Worte u. Werke Mohammeds (welche neben dem Koran maßgebend sind) u. die aus diesen abgeleiteten Regeln, vgl. Hadith. Im türkischen Gebrauch: die Sunna, d. i. der Inbegriff der bei den vier orthodoxen Serien gültigen Religiousvorschriften; vulg. die Beschneidnng, Orthodoxie. Haupterfor- derniß der Rechtgläubigkeit bei den Mohammedanern ist die Annahme der Sunna u. man hält daher die Anhänger der Sunna oder die Sunniten für die einzig Rechtgläubigen im Gegensatz zu den Schiiten, vgl. Islam L). s. Sunnhanf, 8unn oder ostindischer Haus, Ge- spinlistfaser aus dem Bast der binsenartigen Klapperschote (Orotalaris, juncea), dem Hanf ähnlich, doch weniger fest. Sunniten, s. u. Sunna. Süntel (Sundel), ein hufeisenförmig gekrümmter Bergrücken u. Theil des Wesergebirges, der sich im W. des Osterwaldes bis Hessen-Oldendorf erstreckt; höchste Spitzen: Hohe-Egge (446 m) u. Hohenstein (349 in). Hier schlug im I. 782 Wittekind mit den Sachsen die Frauken, infolge dessen Karl d. Gr. an der Aller bei Verden 4500 Sachsen enthaupten ließ. 8uo conto (ital.), auf eigene Rechnung. Suomalaiset (vom Singular Suomalainen), sind die Bewohner der Nordwestecke des russ. Reiches, namentlich des Großherzvgthums Finnland u. benachbarter Theile der Gouvernements Archangel, Olonez u. Petersburg. Man zählte 1840 in Finnland 1,166,828 Finnen, zerfallend in Karjalai- set (Karelier), Sawolaiset (Sawolaiser), Häm lila! sei (Tavastländer) u. die halb schwedische Küstenbevölkerung. Dazu kamen noch 171,695 Karelier, 29,375 sog. Aürämöiset, u. 42,979 sog. Sawa- kot in den Statthalterschaften Archangel, Olonez, Petersburg u. Nowgorod. Jetzt wird die Gesammt- zahl der S. ans ungefähr 1,900,000 berechnet. Von Charakter ist der Finne bieder, gastfreundlich, treu, dienstfertig, tapfer, standhaft u. arbeitsam, aber auch eigensinnig, halsstarrig, widersetzlich, jähzornig; ihre heimlich brütende Rachsucht macht sich oft m gewaltsamen Thaten Luft. Obgleich politisch in unterdrückter Stellung, zeigen sie, bes. die S, viel edles Selbstgefühl. Im Volk steckt noch viel Aberglauben, die Sitte» sind noch ziemlich rein u. unverdorben. S. Finnische Sprache u. Literatur. Schott. Suovetaurilia (Lolitauri lia, röm. Aut ), Sühn- oder Reinignugsopfer, welches allemal nach Been- digung des Census im fünften Jahre auf dem Oam- M8 Nartius gebracht wurde n. ans einem Schwein, einem Schaf u. einem Stier bestand. 8uper (lat.), über. Snpercargo, s. Cargo. Snperchlorid, s. Chloride. Superdividende, s. u. Dividende. SupcrerogatorischeWerke(Opvra suporm >- Aata), nach kathol. Lehre theils solche gute Werke, die im Evangelium nur angerathen, nicht befohlen u. daher Evangelische Räthe genannt werden; theils solche, die über das gewöhnliche streng geforderte Maß der Pflicht hinausgehen, wie die heroischen Tugendacte. In dieserHinsicht spricht man auch von denS-n W-n Christi u. der Heiligen, indem Christus auch Lurch ein weniger schmerzliches Leiden die Erlösung hätte herbei führen, u. die Heiligen auch bei geringerer Ab- tödtung selig werden können. Aus den infolge davon bewirkten größeren, überreichen Verdiensten besteht ein geistiger Gnadenschatz (Tsiesaurus eeolssias), aus welchem auf die Fürbitte der Kirche das Fehlende beim Menschen gleichsam ersetzt wird. Superficial (Superficiär, v. Lat.), oberflächlich» ausderOberfläche befindlich, dieselbeallein angehend. 8upsrsj recht ergiebig, im N. theilwcise äußerst fruchtbar; doch auch ausgedehnte Strecken unfruchtbarer Heide kommen vor. Von der Gesammtoberfläche sind etwa l 40 °/„ Acker- u. Gartenland u. 23»/» Wiesen. Acker- ^ bau u. Viehzucht bilden die Haupterwerbsquellen der i außerhalb Londons (ein Theil Londons mit 740,680 ! Ew. liegt in S.) lebenden Bewohner. Producte des ! Ackerbaues sind Getreide, Gemüse, Hopsen u. Obst. Viehstand 1875: 13,660 Pferde, 44,985 Stück Rindvieh, 101,120 Schafe u. 33,130 Schweine. Hauptstadt ist Gnildsord. H- Beins. Surret), Grafen von S., Name, welchen die ältesten Söhne der Howards, Herzöge von Norfolk, ! bis zum Tode des Stammhauses führten, s. Nor- ' folk. Ans diesem Geschlecht stammt der englische Dichter Henry Howard, Graf von S., ältester Sohn des Herzogs Thomas Howard von Norfolk, geb. 1516 in Kenninghall, trat 1540 in englische Kriegsdienste, führte 1542 eine Armee gegen Schottland und 1544 als F-eldmarschall gegen Frankreich. Mißtrauen des Königs und Unvorsichtigkeit stürzten 113 Surrogat — Susaiina, Buch der. ihn; er wurde 21. Jan. 1547, des Hochverraths an- geklagt, enthauptet. S. hat das Verdienst, das Sonett u. die ungereimten Jamben in die englische Literatur eingeführt u. auf Vermeidung derLatinismen in der Englischen Sprache hingearbeitet zu haben. Er hat in seinen koems, Land. 1557, 1717, n. A. von Bell (mit denen von Sackville), ebd. 1854, dann 1871, sich den Petrarca zum Muster genommen. 8oll§s nnä 8onnsts (mit denen von Thomas Wyatt), heransgegeben von Tottel, Lond. 1557, und von Bell 1871. Lagai. Surrogat (v.Lat.), Ersatz, Stellvertretung; Er- satzmittel; eine Waare, welche die Stelle einer anderen vertreten kann, derselben aber doch an Güte u. Werth nicht gleich ist. Sursakapfel ist Auncma mnrioata. Sursee, Stadt u. Hauptort im gleichnam. Amt des schweizer. Kantons Luzern, nördl. amSembacher- see u. an der Snhr, Station der Schweizer. Centralbahn; alterthümliches Rathhaus, Kapuzinerkloster, Cigarrenfabrikation; 1870: 1896 Ew. Lursum (lat.), aufwärts, empor; 8nr8nm oorän! empor die Herzen! erhebt die Herzen! eine Aufforderung in der Kathol. Kirche an das Volk gerichtet. Suetout (franz.), I) vor allen Dingen, hauptsächlich; 2) ein großer Überrock, Oberrock; ein Tafelaufsatz mit Pfeffer, Salz rc. Surtur (der Schwarze, Nord. Myth.), Wächter an der Grenze von Mnspellheim mit flammendem Schwerte; er verursacht einst den Weltbrand (S- brand, Surtalogi), s. u. Götterdämmerung. Survsillanoe (franz.), Wachsamkeit, Aufsicht. Surville, Frau von, geb. Akargnerite Eleonore Clotilde de Vallon-Chalys, angeblich Verfasserin der sehr hübschen kcwsros cko 61otiläo äs 8., Par. 1803, die dem Verleger Vanderbourg von den Erben des 17S3 Hingerichteten Marquis Joseph Etienne de S. zur Veröffentlichung übergeben wurden. Clotilde von S. soll nach ihren eigenen, von dem Marquis I. E. de S. abgeschriebenen Memoiren 1405 im Schlosse Ballon im Vivarais geboren sein, am Hofe des Grasen von Foix ihre Erziehung erhalten haben, 1421 mit dem Ritter Berengar de S. vermählt worden n. gegen das Ende des 15. Jahrh. gestorben sein. Nach Dannou, Ville- main, Sainte-Beuve, A. Maceu. A. sind die besagten Gedichte n. namentlich eine zweite Sammlung: koosios ineältos äs 61. äs 8., Par. 1826, von CH Nodier und Ronjaux heransgegeben, nnächt, da sic eine zu große Vollendung in der Versknnst u. Ver kettung der Ideen, sowie moderne Empfindung ver rathen oder in Bezug auf Sprache u. Ideen modern und zum Theil sogar Nachahmungen von Gedichten ans dem 18. Jahrh. sind. Vgl. A. Mace, IIn xro- evs ä'disb. littör-riro, Par. 1871; Vaschalde, 61. äs 8., Val. 1873; Litterarisches Centralblatt April bis September 1875. Bolch-rt. Survilliers, Graf, der von Joseph Bonaparte nach 1815 angenommene Name, s. Joseph 8). 8u» (lat.), Schwein. Süs, Gustav, Genre- u. Thiermaler, auch Mär chendichter, geb. 10. Juni 1823 in Rumeck (Kurhessen), widmete sich der Malerei an der Kasseler Akademie, machte, wegen eines Augenübels in der Klinik in Gießen Hilfe suchend, dort ästhetische und literarische Studien u. setzte darauf in Frankfurt bei! Passavant u. Jakob Becker seine Malerstndicu fort, nebenbei seine so günstig aufgeuommenen u. selbst in fremde Sprachen übersetzten Märchen: Hähnchen u. Hühnchen, Der Wnudertag, Das Kind u. seine liebsten Thiere, Was der Nußbaum erzählt, Das Wettlaufen zwischen dem Hafen und Igel, Froschküster Quack, Der Kinderhimmel rc. (sämmtlich von ihm selbst illustrirt) schreibend. 1850 begab er sich zum Besuch der Akademie nach Düsseldorf, wo er seitdem lebt u. mit seinen durch Farbendruck u. Photographie zahlreich verbreiteten, meist humoristisch gehaltenen Gemälden bedeutende Erfolge erzielte, auch als Lehrer sehr beliebt ist. Von denselben sind zu nennen: Die beiden Müller, Der erste Gedanke, Die Küken- predigt, Entenhetze, Hahnenkampf, Häusliches Glück und Leid, Das Abendlied rc. Susa, 1) (Schuschan, d. i. Lilienstadt, a.Geogr.), Hauptstadt von Susiana, lag am rechten User des Choaspes, hatte 120—200 Stadien (3—5 Meilen) im Umfang, mar ohne Mauern, hatte aber ein festes Schloß (Memnoneion) mit großem Palast der persischen Könige, welche hier die 3 ersten Frühlings- monate residirten, u. der Hauptschatzkammer derselben. Alexander heirathete die Statira, die älteste Tochter des Darms III. Die Stadt scheint erst im 13. Jahrh. untergegangen zn sein; die Ruinen derselben, welche seit 1851 von Loftns u. Churchill aufgegraben und untersucht worden sind, liegen beim jetzigen Schusch. 2) Stadt in der italien. Prov. Turin, an der Dora Ripaira, dem Fuße der Roche Me- lon und an der Victor-Emannel-Bahn, welche von hier aus weiter durch den Mont Cenis Tunnel nach Modane zum Anschluß an das französische Bahunetz weiterführt; Bischofsitz, Kathedrale (mit Statue der Gräfin Adelheid v.S. aus dem 11.Jahrh.), Hanpt- zollamt, Gymnasium u. mehrere andere höhere Lehranstalten, Triumphbogen des Augnstus, Gerbereien u. Banmwollenspinnereien, Obst u. Weinbau; 3254 Ew. (Gem. 4265). S., im Alterthum Segusio geheißen , stand vor der Herrschaft der Römer unter dem Fürstengeschlecht der Cottier u. kam unter Augnstus au Rom. 3) Stadt an der OKllste von Tunis (Afrika), Hafen, Olivenbau, Wollenzeugwebereien; 10,000 Ew. Susann», Buch der, eine an die mythische Person des Daniel sich knüpfende sagenhafte Erzählung, wie derenmehrere in den apokryphischen Büchern der Bibel Vorkommen. Es ist ein apokryphischer Zusatz zum Buche Daniel, in der jetzt vorliegenden Gestalt nach griechischem Original abgefaßt; jedoch scheintdie Sage in Palästina entstanden zu sein. Nach dieser Erzählung hätten 2 Richter die S. zum Ehebruch mit ihnen verleiten wollen n. sie dann, weil von dein tugendhaften Weibe abgewiesen, des Ehebruchs mit einem Jüngling angeklagt. Auf die Aussage der beiden Zeugen schon zum Tode verurtheilt, sei ihre Unschuld Lurch Daniels Wiederaufnahme des Verfahrens erwiesen worden: die 2 Zeugen, über Nebenumstände befragt, widersprachen sich und wurden so als lügenhaft erkannt n. zum Tode verurtheilt. S. Brüll, Das apokryphische S-buch, Franks. 1877. Eine ähnliche Entlarvung falscher Zeugen u. Rettung unschuldig Angeklagter durch sorgfältiges Erforschen der Nebenumstände erzählt die Mischna Sanhedrin s. Fürst, Peinliches Rechtsversahren im jüdi- o, PiererLUniversal-CanversatiaiiL-rerikon. 6. Ausl. XVII. Band. scheu Alrerthum, S. 19. Fürst. 114 Susceptibel — Suseeptibel (v. Lat.), empfänglich, empfindbar, reizbar; Susceptilitäc, Empfänglichkeit, Reizbarkeit. Suseeption (v. Lat.), Annahme, Übernahme; Annahme der geistlichen Weihen. Suscipiren (v. Lat.), anfnehmen, über sich neh. men, unternehmen. Susdal , Kreisstadt im russ. Gonv. Wladimir, an der Kamenka in sumpfiger Gegend, einst der Sitz eines besonderen russischen Fürstenthums, sehr alt: hat einen halbverfallenen Kreml, 31 Kirchen, darunter mehrere Kathedralen, Tuch - u. Leinwandfabriken, lebhaften Handel mit Hopfen, Zwiebeln, Meerrettig rc.; 7047 Ew. Die hier hergestellten Heiligenbilder werden durch ganz Rußland vertrieben. 997 soll hier Wladimir d. Gr. das Christenthum Angeführt haben. Dronke. Sustäna (Kissia, Elymais), Landschaft Asiens, grenzt im O. an Persis, im S. an den Persischen Meerbusen, im W. an Mesopotamien u. Assyrien, im N. an Medien und begriff das jetzige Khnsistan (Susistan). S. war eine Ebene, im N. u. O. von Gebirgen umschlossen u. wurde durchströmt von dem Oroatis, dem Tigris, Euläos oder Choaspes u. a. Das Klima war in der Ebene sehr heiß, im N. nach den Gebirgen gemäßigt, in den Gebirgen selbst rauh u. kalt. Der Boden war sehr fruchtbar an Getreide, Reis, Wein, zur Zeit des Khalifates auch an Baumwolle u. Zuckerrohr. Die ursprünglichen Einwohner, Kissier od. Elymäer genannt, gehörten zu der Semitischen Völkerfamilie u. theilten sich in verschiedene Stämme, die schon in uralter Zeit ein bedeutendes Reich gründeten, das bis ins 7. Jahrh. bestand. Später Babylon, daun Persien unterworsen, blieben doch die Bergvölker in der That unabhängig. Jähnke. Suso (Seuße), Heinrich, stammte väterlicher Seits von den Herren von Berg, mütterlicher Seits aus der Familie Seuße (Süß) u. war geb.21.März 1300 in Ueberlingen (Konstanz?). Er kam 1313 in das Franciscanerkloster zu Konstanz u. studirte daraus in Köln Theologie. Nach dem Tode seiner Mutter, nach welcher er sich nun nannte, wendete er sich unter dem Einflüsse Eccarts mit tiefem Ernste der Frömmigkeit der Mystik zu, nahm die ewige Weisheit als sein persouificirtes Ideal an, welches er bald mit Gott, bald mit Christus, gewöhnlich aber mit der heil. Jungfrau identificirte u. derenHerzenstraut od. Amandus er sich nannte, u. kehrte in das Kloster nach Konstanz zurück, wo er ein streng asketisches Leben mit schweren Kasteiungen führte. Seit 1340 widmete er sich aber dem Predigerberuf in Schwaben, Schweiz, Elsaß u. im Rheinlande u. trat mit anderen Mystikern in Verbindung, namentlich mit Tauler u. Heinrich von Nördlingen; bes. übte er auf Frauen einen wesentlichen Einfluß, welche er zu einem Leben in der Liebe Christi veranlaßie, sammelte Vereine von Gottesfrennden u. gründete eine Brüderschaft der ewigen Weisheit, für welche er Regeln u. Gebete verfaßte. Seine hart an die Grenzen des Pantheismus streifende Mystik setzte ihn manchen persönlichen Gefahren u. Verleumdungen ans, wie er denn beschuldigt wurde, die ketzerischen Lehren der Brüder des freien Geistes zu verbreiten. Zuletzt wurde er Prior seines Klosters u. st. 25. Jan. 1365 im Dominicanerkloster zu Ulm, wo er auch begraben liegt. Seine Schriften enthalten: seine Lebensbe- Susquehannah. lschreibnng (nach seinen eigenen Mittheilungen von der Nonne Elisabeth Stäglin im Kloster Töß bei Winterthur geschrieben u. von ihm selbst abgeändert und vervollständigt; Buch von der ewigen Weisheit, sein Hauptwerk, 1338 geschrieben in der Form eines Gesprächs, worin die Weisheit sich mit ihrem Diener darüber bespricht, wie der fromme Mensch das Leiden Christi nachbilden soll (1861 zu Neu- Ruppin herausgeg.); Buch von der Wahrheit, ebenfalls in dialogischer Form, worin Fragen des Jüngers von der Wahrheit nach den metaphysischen Ideen Eccarts beantwortet werden; und 11 Briefe, 1867 von Preger herausgeg.; das ihm früher zugeschriebene Buch von den 9 Felsen hat nicht ihn, sondern den Straßburger Rulman Merswin zum Verfasser. Die Sammlung seiner Schriften veranstaltete er selbst kurz vor seinen! Tode, gedruckt wurden sie in der Ursprache (deutsch) Augsb. 1482 u. 1512; außer Übersetzungen ins Lateinische, Französische, Italienische u. Holländische gibt es bes. eine gute lateinische von Sn« rins, Köln 1555 u. ö., u. eine neuhochdeutsche von Diepenbrock, Regensb. 1829, n. A. 1838. Ein eigenes zusammenhängendes System findet sich in seinen Schriften nicht; er ist ein kindlicher Sänger der reinen Gottesminne, Repräsentant der poetischen, aber specifisch quietistischen Mystik des Mittelalters u. schrieb den gebildetsten deutschen Stil seiner Zeit. Vgl. S-s Leben u. Lehren, Wien 1863. Hchpe- Suspendiren (v. Lat.), anfschieben, anstehen lassen, einstellen; Jemandem einstweilen seiner Amtsverrichtungen entheben. Suspsnöu (frauz.), aufgehangen; aufgehoben, suS- pendirt, d. h. außer Amt gesetzt. Suspension (v. Lat.), Aufschiebung, Unterbrechung; Anfschieben des Urtheils über das, worüber man noch zweifelhaft ist, oder wozu man noch keine hinlänglichen Entscheidungsgründe hat; einstweilige Außeramtssetzung als vorläufige Maßregel gegen verdächtige u. in Untersuchung gestellteBeamten. Suspension Bridge, s. u. Niagara. Suspensiv (v. Lat.), aufschiebend, aufhebend; z. B. Suspensive Rechtsmittel (Suspensivmittel), Rechtsmittel, welche die Rechtskraft eines Urtheils aufheben od. verzögern; Suspensiv-Veto (suspensivesVeto),der nuraufschiebendeWiderspruch des Staatsoberhauptes gegen einen Beschluß der Volksvertretung. Suspsnsor (lat.), Aufhängemuskel. Zuspsnsormm (lat.), Verbandstück, bes. Tragbinde, Bruchband. Susquehannah, 1) der volkswirthschaftlich wich, tigste Fluß im nordöstlichen Thcil der Nordamerika». Unionsstaaten, entsteht aus zwei Quellenflllssen; der westliche entspringt aus den Alleghany-Gebirgen im Cambria County des Staates Pennsylvanien; der östliche, auch vorzugsweise schon S. genannt, kommt ans dem südöstlichen Theile des Staates New Jork, vereinigt sich mit dem westlichen Qucllenflusse bei Sunbury im Northumberland County, Pennsylvanien , u. mündet nach einem 640 Icm langen Laufe bei Havre de Grace in die Chesapeakebai des Atlantischen Oceans. Der östliche Quellflnß ist bis an die Grenze von Pennsylvanien kanalifirt und bildet von hier durch den ebenfalls kaualisirten Zufluß aus !dem Seneca See eines der Verbindungsglieder mit ; dem Eriekanal, bezw.mitdemcanadischen Seensystem. 115 SuSquchannvks Der westliche Quellfluß ist bis Lockhaven kanalifirt. s Vom Vereinigrmgspunkt begleitet der S-kanal, von dem der Unionkanal zum Schuylkillkänal nach dem Delaware abzweigt, den Strom bis zur Mündung. Der Hauptnebenfluß des S., der Juniata, ist ebenfalls kanalifirt. Im Stromgebiete des S. liegen die Anthracitlager und ein Theil der Eisensteinlager, welche die Grundlage des Reichthums von Pennsyl- vanien bilden. 2 ) County im nordamerik. Unionsstaate Pennfylvanien, 41" n. Br., 75" w. L.; 37,523 Einw.; Hauptort: Montrose. Schroot. Susquehannoks, Stamm der Algonkiner. Süß, der Jude, s. Süß-Oppenheimer. Süß, s. Sneß. Süßerde, so v. w. Berylliumoxyd. Suffex, 1) Grafschaft im südl. England, grenzt an die Grafschaften Hampshire, Sürrey u. Kent und den Canal (La Manche); 3779,gz^km (68,^ ÜI>M) mit (1871) 417,456 Ew. (auf 1 110, in ganz England 163). Die Kreidehügel der südl. Downs durchziehen von dem 269 m hohen Butser Hill auf der Grenze gegen Hampshire an von W. nach O. die Grafschaft, indem sie allmählich der Küste näher treten, u. endigen mit dem steilen, 162 m hohen Beachy Head. Der Theil zwischen diesem reichen Weidebezirk u. der Küste ist eben u. von ausgezeichneter Fruchtbarkeit. Den nördl. Theil der Grafschaft erfüllen die Wealds und Forest Hills, welche im Crowborongh Beacon (215 in) culminiren und früher mit großen Waldungen bedeckt waren. In dem östl. Theil der Küste finden sich ausgedehnte Strecken fruchtbaren Marschlandes. Schiffbare Flüsse: Arnn, Adur, Ouse, Cuckmere u. Rother. Von der Gesammtoberfläche kommen auf Acker- u. Gartenland 42"/», auf Wiesen 28 "/» u. auf Wald 16 "/». Ackerbau u. Viehzucht blühen n. bilden die Haupterwerbsqnellen der Bewohner. Viehstand 1875:25,660 Pferde, 100,762 Stück Rindvieh, 565,458 Schafen. 41,050Schweine. Auch die Fischerei ist bedeutend, dagegen die Industrie unbedeutend. Hauptstadt ist Lewes. 2 ) Conn- ties in den Nordamerika». Unionsgebieten, a) in Delaware, 38" n. Br., 75° w.L.; 31,696 Ew.; Hauptort: Georgetown; b) in New Jersey, 41 "n. Br., 74°W.L.; 23,168 Ew.; Hauport: Newton. H- Berns. Suffex, August Friedrich, Herzog von, der sechste Sohn LeS Königs Georg III. von England, geb. 27. Jan. 1773; studirte in Göttingen u. reiste dann nach Italien, wo er sich 1793 in Rom als Minorenner heimlich mit der kathol. Auguste Murray, Tochter des schott. Grafen Dunmore, verheirathete, die ihm zwei Kinder gebar, welche den Namen Este erhielten. Der König erkannte diese Ehe nicht an, weshalb sich S. auf den Continent begab u. sich längere Zeit in Italien, Deutschland, Frankreich und Portugal aufhielt. 1801 wurde er als Graf von Jnverneß n. Baron Arklow zum Peer von England erhoben und trat in das britische Oberhaus, wo er sich zn der Opposition hielt und schon 1812 lebhaft für die Emancipation der irischen Katholiken sprach. Mit dem König Georg IV. war sein Verhältniß ein sehr gespanntes. Nachdem 1830 Lady Murray, von welcher er seit 1801 getrennt lebte, gestorben war, verheirathete er sich mit Cecily Unterwood, Tochter des irischen Grafen von Arran, welche 1840 zur Herzogin von Jnverneß erhoben wurde. Er starb 21. April 1843 in Kensington-Palace. S. war Vor- — Sustentiren. s sicher der meisten wohlthätigen Anstalten in London, Präsident der Gesellschaft für Aufmunterung der Künste u. Wissenschaften u. Großmeister der engl. Freimaurerlogen. Im Gegensätze zu mehreren seiner Brüder war er ein sehr guter Wirth, denn obgleich er nur 18,000 Pfd. Sterl. Apanage bezog, unterstützte er doch alle milde Stiftungen u. verwendete sehr viel Geld aufdieAnlegung einer vortrefflichen Bibliothek, über welche 1825 in London ein Katalog von Petti- grev (ülbliotlrsos. snossxiang.) erschien. Bartling.» Süßgras , die Pflanzengatt. lAxooris.. Süßholz (Radix liqnirltias), die Wurzel mehrerer Arten von dt^oz'rrtii^a. Der wässerige Aufguß des S-es (S-extract, Lxbraotnm ligniritias) dient zum Versüßen salziger Mixturen n. als Brust- mittel. sowie zur Bereitung des Lakritzensaftes. Süßmeyer, Franz Xaver, Componist, geb. 1766 zn Steyr; war Salieris u. Mozarts Schüler, zu welch letzterem er später in Frenndesverhältniß trat, wurde Kapellmeister am Nationaltheater in Wien n. st. dort 7. Sept. 1803. Er schrieb 14 meist komische Opern, worunter: Der Spiegel von Arkadien, Moses, Solyman II., II Vnreo 1 Hapoli, auch die Recitative zur Oper Titus in Mozarts Auftrag. Nach Mozarts Tode vollendete er dessen Requiem nach den von ihm hinterlassenenAndentungen. Süß-Oppenheimer, Joseph, der jüdische Finanz- n. Premierminister des Herzogs Karl Alexander von Württemberg (1733—1737), der dem Fürsten vor seinem Regierungsantritt, als er noch in kaiserlichen Diensten stand, für seine Verschwendung das Geld herbeigeschafft hatte u. zuerst mit Leitung des Münzwesens betraut, dann zum Cabinetsmini- ster ernannt, in der Verwaltung die ungerechtesten u. drückendsten Maßregeln ergriff, um seine n. des Herzogs Tasche zu füllen. Stellen wurden nach einer Art Taxe ausgeboten, alle Gnadensachen n. Privilegien verkauft, die Waisenhäuser ».andere Stiftungen beraubt, eine Reihe von Monopolen errichtet, die schwerste Steuer dem Volke auferlegt. Nach dem plötzlichen Tode des Herzogs wurde der allgemein gehaßte und verfluchte S. 14. Mai 1737 von dem Administrator und Vormund des Erbprinzen Karl Eugen, Karl Rudolf, verhaftet, zuerst in einem eisernen Käfig der Verspottung des Volkes preisgegeben u. dann hingerichtet, 4. Febr. 1738 (s. Württemberg, Gesch.). Hauff hat dessen Geschichte in der Novelle Jud Süß erzählt. Vgl. M. Zimmermann, Joseph S.-O., ein Finanzmann des 18. Jahrh., Stttttg. 1874. Schmitz. Süßwafferkalk(Limnocalcit),denjllngerenFor- mationen angehöriger Kalkstein, ist dicht, zuweilen erdig, meist cavernös, im Bruche muschelig u. fein- splittrig, gelblich-, röthlich-, graulich-, bräunlichweiß, braun, häufig reich an Überresten von Tllßwasser- thieren; findet sich zu Heidenheim in Württemberg, Buchsweiler im Elsaß, Hochheim u. Flörsheim in Nassau, Falkenau in Böhmen, bei Paris u. Orleans. Süßlvafferkanal, s. unter Suezkanal. Süßwaffermolaffe, s. u. Tertiär. Sustcnpaß, Paß in dem östl. Theil der Berner Alpen (2262 m), zwischen dem Titlis (3239 in) im N. n. den Sustenhörnern (3511 m) im S., verbindet das Gadmenthal im schweizer. Kanton Bern mit dem Mayenthal im Kanton Uri. Sustentiren (v. Lat.), unterhalten, unterstützen. 8» 116 Sutherland Sutherland, Grafschaft im »ördl. Schottland, grenzt im S. an die Grafschaft Roß und Cromarty, im SO. an die Nordsee, im O. an Caithneß, im N. u. W. an den Atlantischen Ocea»; 4885,„ HZicm (88„2 UM) mit (1871) 24,317 Ew. (auf 1 HZKm 5, in ganz Schottland 43). Die Oberfläche der Gras- schasl ist mit Ausnahme eines kleinen Bezirkes an der OKüste gebirgig. Das Innere bildet ein von tiefeingeschnitleiienThälerndnrchzogenes Tafelland, auf dem sich vereinzelte Berggipfel (Ben Klibreck, 963 m) zu einer ansehnlichen Höhe erheben; die höchsten Berggipfel finden sich indessen in der Nähe der WKllste, wie der Ben More von Assynt (990 m), Ben Hee (872 in), Foinaven (909 in), Ben Hope (926 in) u. a. Flusse: Shin, Brora, Ullie (Helms- dale Water) Strathy, Halladale, Naver u. a.; keiner derselben ist schissbar. Landseen: Laoghall, Naver, Shin n. a. Meerbusen: Dornoch Firth, Kyle of Tvugue, Loch Eriboll, Kyle ofDnrneß, Loch Jnchard, Loch Laxsord, ELdrachilles Bai rc. Vorgebirge: Cap Wrath, Faront Head, Whiten Head, Strathie Point u. s. w. Bor dem Wrath liegen unter dem Meere eine große Menge Klippen verborgen. Das Klima ist rauh mit viel Nebel, der Boden ebenfalls sehr rauh n. größtentheils unfruchtbar. Ackerbau kann zumeist nur in den niederen Kiistengegenden getrieben werden; nicht viel mehr als 1 "/» der Ge> sammtoberfläche ist Ackerland. Die Hanpterwerbs- quellen der Bewohner sind Fischerei u. Vieh-, namentlich Schafzucht. Viehstand 1875: 2526Pferde, 13,198 Stück Rindvieh, 240,096 Schafe und 1257 Schweine. Nicht unwichtig ist auch die Jagd auf Wild, Seehunde, Seevögel rc. Die Industrie ist nicht vertreten. Hauptstadt ist Dornoch, mit nur 640 Ew. H. Berns. Sutherland, Grafen u. Herzöge von S. Eins der ältesten schottischen Geschlechter, welches seinen Ursprung von dem der Sage nach von Macbeth er- mordeten Allan, Than von S-, ablcitet. AllanS Sohn William wurde 1057 vom König Malcolm III. zum Grafen von S. ernannt, dessen Nachkommen 1228 diesen Titel durch Alexander II. bestätigt erhielten. Als 1514 Gras John von S. ohne Descendenten starb, fiel der Titel an die Familie G o r d o n, da die Schwester Johns sich mit Adam Gordon vermählt hatte. In dieser Familie blieb der Titel, bis 1766 William Gordon als siebzehnter Gras von S. starb u. nur eine Tochter Elisabeth (geb. 1765, gest. 1839) hinterließ, welche sich 1785 mit dem damaligen Viscount Treutham vermählte. Dieser, George Granville Leveson-Gower, Viscount von Trenthain, ältester Sohn des Marquis von Stafford (Gower), geb. 9. Jan. 1758, trat 1778 ins Unterhaus, wurde 1790 englischer Gesandter in Paris, kehrte aber infolge der Ereignisse des 10. Ang. 1792 nach England zurück; er wurde 1799 zum Baron Gower von Siltenham erhoben, trat als solcher ins Oberhaus u. ward bald daraus Generalpostmeister. Anfang 1803 beerbte er seinen reichen mütterlichen Oheim, den Herzog von Bridgewater, u. kam, als Ende 1803 sein Vater starb, auch in den Besitz der väterlichen Güter und des Titels eines Marquis von Stassord, so daß er nun die großen Besitzungen der Familien Sutherland, Bridgewater u. Gower vereinigte und einer der größten Grundbesitzer von Großbritannien (damals vielleicht der — Sutzos. reichste Privatmann in ganz Europa, über 300,00» Pfd. Sterl. jährlicher Einkünfte) war. Er verwandte viel auf Klinstschätze n. prachtvolle Bauten, war aber gegen seine Untergebenen hart u. zwang namentlich die Bauern von Sutherlandshire zur Auswanderung nach Amerika, um das von ihnen cnltivirte Land in Weideplätze u. Jagdreviere verwandeln zu können. Erst Anhänger Pitts, neigte er später zu den Whigs. Ai» 11. Ja». 1833 wurde er zum Herzog vonS. erhoben und st. 19. Juli 1833 ans seinem Schlosse Dniirobin in Schottland. Zu bemerken ist, daß laut letztwilliger Verfügung des Herzogs von Bridgewater dessen Güter nach dem Tode von S. an Len zweiten Sohn Francis fallen sollten. Dieser wurde später zum Grafen von Ellesmere erhoben u. gründete so ein neues HanS. George Granville S.-Leve- son-Gower, engl.Staatsmann,zweiterHerzog v. S., ältester Sohn des Vor., geb. 1786, nahm schon bei Lebzeiten seines Vaters seit 1826 als Lord Gower einen Platz im Oberhaus ein, erbte nach dem Tode des Vaters Len Herzogstitel u. die Stassord- schen Besitzungen, nach dem Tode der Mutter die schottische Pecrage (Gordon) nebst Zubehör. Er gehörte ebenfalls den Whigs an u. st. 28. Febr. 1861 auf seinem Gute Trentham Hall. Erbe semes Titels u. Vermögens ist George Grenville William, früher Marquis von Stassord, jetztdritterHer- zog von S., ältester Sohn des Vor., geb. 19. Dec. 1828, trat 1852 für Sutherlandshire ins Unterhaus und nimmt seit 1861 seinen Sitz im Oberhaus ein, wo er ebenfalls mit den Whigs stimmt u. sich durch seine großen Sympathien für Deutschland hervorthnt. Sntledge, so v. w. Setledsch. (Bartling.» Sutra, eine Art vedischer Schriften der Sanskrit-Literatur, s. d. S. 666. Sntri, Stadt in der italien. Prov. Rom; Bi- schossitz; 2483 Ew. Es ist das alte trnskische Sutrium, von dem noch Überreste vorhanden sind, außerdem Amphitheater rc. Hier 1046 Synode, wo dem großen Schisma der Röm. Kirche ein Ende gemacht, die damaligen drei Päpste abgesetzt n. an ihre Stelle Clemens II. gewählt wurde. Lutsche» (Sntschau), Stadt in der chines. Prov. Kiangsu, am Kaiserkanal, nahe dem Sec Taihu, weit ausgedehnt, ans Inseln erbaut u. von Kanälen durchschnitten, eine der reichsten u. schönsten Städte Chinas, mit Fabriken in Seidenzeugen, Stickereien, Lack- u. Glaswaaren, vielen Tempeln u. Denkmälern. Die Einwohnerzahl wird auf H, von Andern ans 2 Will, angegeben. Suttl (Satti), Bezeichnung einer Wittwe, die sich nach dem religiösen Gebrauche der Hindus mit der Leiche ihres Mannes verbrennen läßt; dann auch im gewöhnlichen Sprachgebrauch für den Act der Ber- brennung gebraucht. Die Sitte ist im eigentlichen Indien seit 1830 durch die energischen Maßregeln der Engländer gänzlich unterdrückt u. nur noch selten in Vasallenstaaten n. in Nepal vorkommend. Snttou, 1) (S.-Coldfield) Stadt in der engl. Grafschaft Warwick; Lateinische Schule, Stahlwaa- rensabrikation; 4660 Ew. 2) (S. in Ashfield) Stadt in der engl. Grafschaft Nottingham/unweit Mans- field; Strumpswirkerei, Spitzenklöppelei, Töpferei; 1871: 7574 Ew. Sutzos (Sontzos, Soutzo), ein hellenisirtes bulgarisches Geschlecht, aus welchem viele Fürsten der 117 Kimm oniauo — Suworow-Rymnikski. Donaufürsteuthümer hervorgegangen sind, u. zwar eine von den drei F-anariolenfainilien, welche der Großherr 1819, nebst den Familien Kalimachi und Murusi, für allein fähig erklärte, die Hospodaren- wiirde in der Moldau u. Walachei u. die Stellen als Dragoman beim Divan n. im Arsenale zu bekleiden, ein Vorrecht, das ihr 1823 entzogen ward. Fürst Alexander, 1818—1821 Hospodar der Walachei, machte sich sehr verdient um das Schulwesen, und Michael, 1821 Hospodar der Moldau, nahm thä- tigen Antheil an dem durch Alexander Dpsilanti erregten Anfsiand zuJassy (1821), widmete dann seine Thätigkeit der Sache des Hellenenthums, wurde im August 1830 von dem Präsidenten Kapodistrias als außerordentlicher griech. Gesandter nach Paris geschicktu. st. als Privatmann 24. Juni 1864 in Athen. Als neugriech. Dichter nehmen eine hervorragende Stelle ein die beiden Neffen des Hospodars Alexander, die Brüder Alexander u. Panagiotis S. Elfterer, geb. 1802 oder 1803 in Constantinopel, studirte seit 1820 in Paris, ging während des Freiheitskrieges nach Griechenland, floh 1831 vor Kapodistrias, den er heftig angegriffen hatte, nach Hydra; nach der Thronbesteigung des Königs Otto hielt er sich bald zur Opposition u. war ein leidenschaftlicher Fremdenfeind; wegen seines Gedichtes °S 7re(ir?rlta- r-cö^er-or; Athen 1839 (mit der Troichorch entfernte er sich nach Paris und kehrte erst nach der Septemberrevolution 1843 zurück, wurde aber wegen Satiren (1844 ff.) ans die neuesten Ereignisse in Griechenland wieder verbannt; st., nach unstätem Leben verbittert, zu Smyrna im Juli 1863. Ec schr. die politischen Dramen: *0 Tl^coS-vTrov^/oc-(der Premierminister) u. °0 ar/Aaaaox (der unerschütterliche Dichter), Brüssel 1843; Listoirs cks In rsvolution Arsegns, Par. 1829, deutsch von Förste- mann, 1830; die Lustspiele: °Oa) 1836; °//llera,4c>/I?; TLTrrxzr^r'ov, 1843, 2. A. 1844; Uber die oriental. Frage, 1853, u. m. a. Panagiotis, geb. 1806 in Constantinopel, studirte in Paris, Padua u. Bologna, lebte seit 1823 eine Zeitlang in Kronstadt u. dann in Griechenland; er schr.: Ostes ä'un sonne Orso, Par. 1823 u. ö. (griech.); Ikarr^rxä,- die lyrischen Dramen: °0 östotTrojzoL, mit Anhang verschiedener Gedichte, 1823, °0 A/evmac, 1839;°0«/»-waror, 1840; den Roman -/r'llr-ckpor', 1834;°//(Gedichte), 1835, 1851; die historischen Dramen: LvS-churo?-/lecöp/rok (La(>alax«xr;ch, ü/a^>xoL zröAor 1865; /Vca rov /pa-c>o,tre- i-ov 1853; Ilistoirs sto ia Orsos mostorns; °(ä7ra>-ra (gesammelte Schriften), Bd. 1,1851; und redigirte die politischen Zeitschriften: °//Uox, °// a»-a- °K/llicic u. °// Er st. 6. Nov. 1868 in Athen. Über die beiden Letzteren vgl. Rangabe, kröois st'nns iristoire äs In litt. I/so-llell., 1877, II, 6 ff. 66. <1. 8uum ouique (lat.), Jedem das Seinige; die Devise des preuß. Schwarzen Adlerordens. Suva, seit 1877 Hauptstadt der Fidschi-Jnseln, auf der SKüste von Mti Lewu; eine Ansiedelung der austral. Handels- und Colonisationsgesellschaft Polynesia Company. Suwad, so v. m. Swat. Sutvalki, 1) russisch-polnisches Gouvernement, den nordöstl. Zipfel des ehemaligen Königreichs Polen bildend, umgrenzt von den Gonv. Kowno, Wilna, Grodno,Lomscha u. der Prov. Ost-Preußen, ist größtentheils eben, im W. von den kahlen Ausläufern der preußischen Seenplatte durchzogen, vielfach sumpfig; die Ost- u. NGrenze bildet der Niemen, welchem aus S. znfließen die Rospuda mit Netta, Hancza, ferner Szeszupa mit Rowsia, Szer- winta, Nawa, Cezarka n. a. Groß ist die Zahl der Seen, unter denen der Wigry, Bolesty, Garbas, Rospuda, Hancza, Szelment, Wisayny, Wyszyten Poieziory die bedeutendsten sind. l2,55lHstcm mit 532,466 Ew. meist Litauer n. Polen, vermischt mit mohammedauischenTartaren, Knpie,Russen, Deutschen u. Inden, welch letztere die Städte bewohnen. Hauptbeschäftigung ist Ackerbau, der aber schlecht betrieben wird, Viehzucht bei guten Weiden, und Waldwirthschaft. Industrie unbedeutend (Leinwand, Tuch); die Bahn Kowno-Jnsterbnrg sdurchschneidet den N. des Gouvernements. 2 ) Hauptstadt hier, schön gebaut, an der Netta n. an einem See, ist von König Sigismund August angelegt; mit Branntweinbrennereien, Grenzverkehr mit Preußen, u. besuchten Kram- u.Viehmärkten; 15,585Ew. Dronre. Suwörow-Rymnikski, 1) Alexander Was- jiljewitsch, Gras von S.-R., Fürst Jtalijski, aus einer ursprünglich schwedischen, später Rußland angehörigen Familie, geb. als Sohn eines Generals sn ollok, 24. Nov. 1729 in Moskau; kam früh in das Petersburger Cadeltencorps, trat 1746 als Gemeiner in die Garde, stieg in einem Feldzuge gegen die Schweden zum Lieutenant, zeichnete sich im Siebenjährigen Kriege als Hauptmann bes. bei Zorndorf u. Kunersdorf u. vor Kolberg aus und wurde 1762 Oberst. Indem Kriege gegen Polen 1768 befehligte er als Brigadecommandenr den Sturm auf Krakau u. von da aus gegen Warschau entsendet, schlug er alle ihm entgegenstehenden Corps u. drang bis Lublin vor. 1770 Generalmajor geworden, schlug er die Polen unter Ogiuski bei Sto- lowice 22. Sept. 1771, besehligte 1772 dir Hauptmacht in u. um Krakau u. nahm 23. April 1772 das dortige Schloß, im Mai Tyniek u. 15. Aug. die Festung Czenstochau, die letzten Positionen der Barer Conföderirten; er kehrte nach der ersten Theilung Polens nach Petersburg zurück, von wo ans er bann die finnischen Grenzen inspicirte. 1773 befehligte er gegen die Türken ein Corps unter Rumanzow, mit welchem er über die Donau ging, Tnrtukai eroberte u. die Türken 14. Sept. bei Hirsowa schlug. 1774 Generallientenant, führte er die 2. Neservedivision u.siegte 17.Juni mitKamenski beiKoslidsche. Nach dem Frieden stillte er den Pugatschewschen Aufstand, unterjochte 1777—78 den Rest der Krim u. unterwarf 1783 die Nogai-Tataren,wurde 1786 zum General on osisk ».Gouverneur der Krim ernannt; 1787 besiegte er dieTllrkenbeiKinburn 12.Oct., nahm an derBe- lagerung von Otschakow Theil, mußte verwundet nach Kinburn zurück n. führte 1789 unter dem faulen Po- temkin als Führer der 3. Division der ukrainischen Armee die Hauptschläge gegen die Türken. Mit den 118 Suzcränetät Österreichern unter dem Prinzen von Kobnrg siegte er 1. Aug. bei Fokschani u. 22. Sept. am Rymuik, wurde dafür russischer u. deutscher Reichsgraf u. erhielt den Beinamen Rymnikski. Am 22. Dec. 1790 erstürmte er Ismail und eignete sich von der ringe- heurenBeute nichts als ein Pferd zu, dasbarbarische Gemetzel duldend. 1791 in Finnland commandirend zog er 7. Nov. d. I. in dem genommenen Warschau ein, ging in die Krim n. wurde 1792 Generalgouverneur von Tannen, Jekaterinoslaw, Cherson u. der Dniestrprovinzen mit der Residenz in Cherson. 1794 endigte er, durch die Gefangennehmung Kos- ciuszkos, die Erstürmung v. Prags u. die Besetzung von Warschau den Krieg mit Polen n. wurde Gcne- ralfeldmarschall, auch reich beschenkt. NachderThron- besteigung Pauls I. brachte ihn ein Witzwort über die neue Nniformirnng: Zöpfe sind keine Piken n. Locken keine Kanonen, in Ungnade; indeß schon 1799 zog er als Generallissimns der russ.-österr. Heere in Italien (auch Neichsgcneralfeldmarschall) ans, verdrängte Scherer 22. April vom Oglio, schlug Mo- reau 27. April bei Cassano, vernichtete 29. April die Cisalpinische Republik in Mailand, eroberte 3. Mai Pavia, schlug Moreau bei Percetto n. Marengo 12. und 16. Mai, bei Alessandria 18. Mai, nahm Turin, schlug Macdonald 17.—20. Juni an der Trebbia, nahm Mantua n. ganz Oberitalien u. erhielt von Paul 19. Aug. 1799 den Fürstentitel mit dem Beinamen Jtalijski; von Sardinien erhielt er ebenfalls den Fürstenhnt u. den Feldmarschallsstab. Am 15. Aug. siegte er mit den Österreichern bei Novi, 21. Aug. fiel Tortona. Die Jntrignen des Wiener Hofkriegsrathes griffen fortwährend hemmend in seine Siegesbahn ein u. schließlich rief ihn Paul Plötzlich nach der Schweiz. Er überschritt den St. Gotthard — was ein Meisterwerk war — besiegte Massena 1. Octbr. bei Muotta, vereinigte sich mit dem geschlagenen Korsakow-Rimskoi u. zog sich über den Brägel nach dem Rheinthale, allerdings unter Verlust seiner meisten Pserde u. Kanonen, u. von da nach Memmingen zurück. In Böhmen erhielt er den Besehl zum Rückmarsch nach Rußland u. fiel in Ungnade, da er eine militärische Kleinigkeit des Kaisers unerfüllt gelassen hatte. Krank traf ihn diese Nachricht in Riga; zwar kam er noch in Petersburg an, starb aber schon 18. Mai 1800. Kaiser Alexander I. ließ ihm 16. Mai 1801 eine Bronzestatue auf dem Marsfelde in Petersburg errichten. S. war Rußlands eminentester Feldherr u. ein ganzes Original. Vergl. S. Anthing, Kriegs- geschichte S-s, Warschau und Gotha 1795—99, 3 Thle.; Anekdoten aus dem Leben des Grafen S., cbd. 1829; Fr. von Schmitt, S-s Leben u. Heer- züge, Wilna 1833, 2 Bde.; Polcwoi, S-s Leben, Mitau 1853; Rybkin, S-s Leben (rnss.), Mosk. 1874; S-s Correspondenz über die russ.-österr. Campagne i. 1.1799, herausg. von Fuchs, deutsch Glog. 1835, 2 Bd. 2) Graf Arkadij Alexan- drowitsch S.-R., Fürst Jtalijski, Sohn des Vorigen, geb. 1783, wurde schon 1799 Generalmajor, zeichnete sich im Feldzug von 1807 aus, wurde Generallieutenant, erhielt 1809 eine Division der Donau- ormeeu. ertrank 1811 im Flusse Nymnik. 3) Alexander Arkadijewitsch, Graf S.-R., Fürst Jta- lijski, Sohn des Vorigen, geb. 1. Juli 1804 u. erzogen zu Hofwyl, studirte in Göttingen, wurde ent- — Svendscn. schieden liberaler Gesinnung, kehrte 1824 heim, trat 12. Dec. 1824 als Junker in die russische Chevaliergarde ein, wurde Cornet u. ging, nachdem er vom Verdachte der Theilnahme ander Militärverschwörung von 1825 sich gereinigt, als Lieutenant 1826 in den Krieg gegen Persien. Als er 1828 als Überbringer der Schlüssel des eroberten Ardebil nach Petersburg zurückkam, wurde er 29. Febr. zum FlügeladjutantendesKaisers ernannt. Er nahm 1831 im Generalstabe Paskewitschs Theil an dem Kriege gegen Polen u. brachte die Nachricht der im Aufträge des Fürsten durch ihn verhandelten Capitula- tion von Warschau nach Petersburg, wo er Sept. l831zumOberst ernannt wurde. Er war entschieden gegen die gewaltsame Nussificirnng Polens. In den nächsten Jahren mehrfach zu diplomatischen Sendungen nach Deutschland verwendet, rückte er bald zum Generalmajor auf n. erhielt 1842 das Com- mando der 1. Brigade der 3. Grenadierdivision. 1845 wurde er zur Einstellung der in der Armee des Kaukasus eingerissenen Mißbräuche nach dem Süden gesendet, führte durch seine Untersuchung ein strenges Gericht über die Schuldigen herbei und wurde 1846 Generaladjntant. Er ging 1847 als Militärgouverneur nach Kostroma. Am 23. April 1848 wurde er Militärgouverneur von Riga und Generalgouverneur der Ostseeprovinzen, rückte zum Generallieutenant auf u. führte während des Krieges mit den Westmächten 1854—56 den Befehl über die zur Vertheidigung von Livland ausgestellten Truppen. Kühn verfocht der ritterliche, allgemein beliebte Mann die Autonomie der Ostseeprovinzen, aber in Petersburg sah man dies ungern u. rief ihn Nov. 1861 ab. Seit 1859 ist er General der Infanterie, Ende 1861 wurde er Mitglied des Reichsraths u. Kriegsgouverneur von Petersburg. Anstatt dieses Amtes erhielt er Mai 1866 das eines Generalinspectors der gesammten Infanterie u. erfuhr 13. Jan. 1876 bei seinem 50jährigen Offiziers- Jubiläum die lebhafteste Theilnahme. Vgl. Kleinschmidt, Rußlands Geschichte u. Politik, dargestellt in der Geschichte des russischen hohen Adels, Cassel 1877. Kkinschmidt. Suzeränetät, Oberlehnsherrlichkeit, s. d. Art. Souveränetät. 8. v., Abkürzung 1) für sub voce, unter dem Wort; 2) für saiva venia. Sv .. damit anfangende Namen s. auch unter Sw . ... od. Su ... s. v. a., Abkürzung für so viel als. Svendborg (Svenborg), 1) Amt auf der dänischen Insel Fünen, besteht ans dem kleineren südöstl. Theile der Insel Fünen u. den Inseln Langeland, Taasinge u. vielen kleinen Inseln; 1640,», Hjlcm (29,» s^M) mit (1870) 114,153 Ew. (auf 1 s^jlcm 69,5, in ganz Dänemark 47). 2) Hauptstadt desselben, liegt an einer Bucht des Svendborg Sundes; Gerberei, Schiffbau, Schifffahrt, guter Hafen, Handel; 1870: 6421 Ew. S. hat nächst Kopenhagen die stärkste Rhederei in Dänemark. Svendsen, Johann Severin, norm. Com- ponist, geb. 30. Sept. 1840 in Christiania, nahm von seinem Vater im Violinspiel unterrichtet, 1862 in Hamburg ein Engagement bei einer reisende» Mustkgesellschast an, nach dessen Auflösung er, durch ein königliches Stipendium unterstützt, in Leipzig 8. v. v. — Swatau. 119 sich tieferen Studien hingab u. durch ein Handleiden am Biolinspicl gehindert, ganz auf Composttionen verwarf. Nach einer Reise nach Island 1867 und einjährigem Aufenthalt in Paris als Musiklehrer ging er 1869 nach Leipzig, 1872 nach Norwegen u. 1877, abermals durch den König unterstützt, nach Italien. Seine Compositionen für Violine, Bio- loncello, je eines, dann ein Quartett, Quintett und Octett für Streichinstrumente, 2 Sinfonien für Orchester u. Jntroduction zur Björnsonschen Tragödie Sigurd Slembe rc. zeichnete sich ebenso sehr durch Tiefe des Gefühls wieOriginalität der Gedanken aus. 8. v. v., Abbreviatur für sit vsnia vsrbo, es sei erlaubt dies Wort zu brauchen. Swammerdam, Jan, berühmter Naturforscher geb. 12. Febr. 1637 in Amsterdam, wo sein Vater Apotheker war; studirte seit 1661 in Leyden, Saumnr u. Paris n. kehrte 1665 nach Amsterdam zurück, wo er sich wissenschaftlich beschäftigte, u. a. erfand er die Jnjection der Gefäße mit Wachs, ganz des. aber widmete er sich der Entomologie, die er eigentlich erst wissenschaftlich begründete. Durch anhaltendes Studium wurde er hypochondrisch und Schwärmer, reiste 1675 nach Schleswig u. Kopenhagen, kehrte dann durch Noth gezwungen nach Amsterdam zurück, verkauste daeinenTheil seinerHand- schriften u. verbrannte dann alle seine noch übrigen Papiere. Er st. 15. Febr. 1680 u. schr.: Liblia na- turas (Geschichte derJnsecten), herausg. vonBoer- haave, lat. und holländisch, Leyd. 1737 s., 2 Bde. (deutsch, Lpz. 1752); Os rsspirsckions usugus pulmonum, Leyd. 1667, letzte Ansz. 1738; Otori mu- liebris illdriea, ebd. 1672, letzteAusg. 1729; Ilis- toirs von lieb linkt (Anatomische Abhandlung über die Eintagsfliege),Amsterd. 1675 (lat.Lond. 1681); ^llAomssnsvorllanckslillAvollblosäloosoälörbisne, Utr. 1669, lat. Leyd. 1685 u. 1733. r. Swanefeld, Hermann, berühmter holländischer Landschaftsmaler, geb. in Woerden 1620, st. 1655, bildete sich frühzeitig in Rom nach Claude Lorrain, wurde 1653 Mitglied der Pariser Akademie u. finden sich seine höchst seltenen Bilder in München, Berlin, Wien, Dresden, im Haag u. Louvre. Überaus geschätzt sind auch seine Radirungen. Regnet. Swansea, Stadt in der Grafschaft Glamorgan des engl. Fürstenthums Wales, am Ausfluß des Tawe in die Swanseabai, eine Bucht des Bri- stolkanals;Eisenbahnstation; ansehnliches Stadthaus, Lateinische Schule, Schullehrerseminar, Taubstummenanstalt, Royal Institution of South Wales mit werthvoller Bibliothek und Museum, Krankenhaus, Zuchthaus, bedeutender Markt mit sehenswertsten Einrichtungen, großartige Kupferschmelzhütten (die Kupfererze werden aus Cornwall, Irland, Wales u.vielenGegendendesAuslandesbezogen),Messing-, Zink- u. Eisenwerke, Fabriken in Metall- u. Thon- waaren, Schiffswecfte, Seilerbahnen, Gerbereien, Bierbrauereien, guter Hasen mit schönen Docks, Schifffahrt, lebhafter Handel (S. ist Hauptsitz des engl. Kupfer-, sowie überhaupt des Erzhandels), be>uchtes Seebad; 1871: 51,702 Ew. In den Hafen, zu dem 309 Seeschiffe von 32,436 Tonnen Gehalt gehören, liefen 1876 ein 7709 Schiffe von 1,068,062 Tonnen. In der Nähe reiche Steinkohlen- u. Eisengruben. H- Berns. Swantewit , eine der vornehmsten Gottheiten der westslawischen Völker, der Gott des Lichtes u. der Sonne, daher Förderer der Fruchtbarkeit, Glück- n. Siegspender, aber auch des Unwetters, Gewitters. Sein Cult verbreitete sich im 11. u. Anfang des 12. Jahrh. über ein weites Gebiet von Pommern aus. Sein Tempel stand auf einem freien Platz in Arkona auf Rügen. Das kolossale vierköpfige Bild des Gottes war von Holz, in der Rechten das metallene Füllhorn, die Linke gekrümmt gegen die Hüfte gestemmt; neben ihm L-attel, Zaum und Schwert. Bei dem Tempel wurde ein ihm geheiligtes weißes Roß unterhalten, welches in wichtigen Fällen Orakel gab (s. u. Pferd, S. 315). Geheiligt war ihm außerdem der Hahn, als Verkündiger des anbrechenden Tages. Nach der Ernte wurde dem S. zu Ehren ein Fest gefeiert; man brachte Thieropser u. der Hohepriester brachte das im vorigen Jahre mit Meth gestillte Horn hervor u. untersuchte, ob der Inhalt sich vermindert habe. War dies der Fall, so deutete es für das nächste Jahr auf eine geringe Ernte, im entgegengesetzten Falle war eine gute Ernte zu erwarten. Daun wurde der alte Meth zu S-s Füßen ausgegossen, ein Gebet um Segen gehalten, das Horn wieder gefüllt, vom Hohenpriester schnell ausgetrunken, dann nochmals gefüllt u. dem S. in den Arm gegeben. Nun folgte der Opferschmaus. Die Bedeutung S-s ging vielfach über auf S. Veit, dessen Cultus auf Rügen sehr früh eingesührt wurde. 8nro 6ram- wat. eck. 1576 S. 287 gg. N-Hring. Swantopolk, s. Swatopluk. Svvartria Sc/di'eb., Pslanzengattung nach Olaf Swartz (geb. 1760; war Prof, in Stockholm u. st. 1817; schr.: Olorn Inlliae ooeicksntnlis, Erl. 1797 bis 1806, 1.-3. Bd.) benannt, aus der Fam. der OsAumillosae-8vvarb2tsas; Arten amerikanische Bäume u. Sträucher; 8. tomentosn D<7., sehr hoher u. starker, untenmit weit vorspringenden Rippen versehener Baum in Cayenne. Die sehr bittere, einen röthlichen, harzigen Saft enthaltene Rinde wird als schweißtreibendes, der Aufguß der Blüthen als krampsstillendes Mittel benutzt. Das Holz, P a- nococoholz, Coco- od. Eisenholz von Cayenne, ist sehr hart u. schwer, fast unzerstörbar, graubräunlich od. schwärzlich, zeigt auf dem polirten Querdurchschuitt feine, vomMittelpunkte ausgehende Strahlen; der gelbe Splint ist ebenso fest als das Holz. Engter. Stvat (Suwat, Suwad), 1) Fluß in Kafiristan, der an den Vorbergen der Hindukusch entspringt u. nach vorherrschend südl. Laufe bei Haschtnagar (indischer Distr. Peschawar) sich in den Kabul ergießt. Sein bedeutendster Nebenfluß ist der Pandschkora; 2) ein kleiner Bergstaar an seinem mittleren Laufe unter einem eigenen Radscha. Über ihn beansprucht Kaschmir die Oberherrlichkeit, womit er der Machtsphäre Englands anheimfällt. Stvatan, Hafenstadt an der Küste der chines. Prov. Knangtnng, an der Mündung des Han, seit 1869 dem auswärtigen Handel eröffnet, Sitz von 5 auswärtigen Konsuln (darunter auch eines deutschen); bedeutender Handel, der in guter Entwickelung begriffen scheint, da von 1874—76 eine Steigerung der Handelswerthe zu verzeichnen ist. 1875 Einfuhr 42,378,000 LI, Ausfuhr 28,284,000 N. Die Ausfuhr besteht zum größten Theil ans Zucker, die Einfuhr aus Opium; etwa 45,000 Ew. 120 Swatopluk Swatoplnk (Swantopolk), Lehnsherzog von Mähren, 870—894, s. Mähren, S. 503. Swätopolk, Name rnss. GroßfürstemS. Jaro- slawowitsch 1610—1619; S. Jsaslawowitsch 1093 bis 1113. Swätöslaw, Igore witsch, einer der frühe, sten Beherrscher Rußlands, aus dem .Stamme der Waräger, regierte 945—972, residirte in Kiew, u. war einer der edelsinnigsten u. tapfersten russischen Fürsten. S. Rußland, S. 470. S. wurde von den Petschenegen an den Wasserfällen des Dnjepr erschlagen u. der Petschenegenfürst Kura soll S-s Hirnschädel mit Gold ausgelegt u. ans seinen Gelagen statt eines Trinkgefäßes benutzt haben. Sweaborg, sehr starke Festung (das nordische Gibraltar) im Gonv. Nyland (Finnland), 1749 vom Grasen Ehrensvärd auf 7 Inseln der Nyländer Skären, H Stunde vor Helsingfors erbaut, schützt den Hafen des letztem u. ist der Hauptwaffenplatz Finnlands u. der Hafen der finnischen und Skären- flotte (für 70—80 große Kriegsschiffe). Die 7 Skä- reu Wargö (hier die Hauptfestung, mit Schloß, Schloßplatz, Monument des Grafen Ehreuswärd, mehrere Magazine, 2 in Felsen gesprengte Schiffs- docken), Stora Öfter Swartö (stark befestigt, wo die Werfte und Magazine für die Scheerenflotte), Gustavsswärd, Lill Öfter Swartö, Lärgöre, Wester Swartö u. Bäkholm sind durch Brücken mit einander verbunden. Die Besatzung beträgt 5—6000 Mann. Die Civilbewohner, Handwerker und Kaufleute, werden zu Helsingfors gezählt. Hier 1790 Sieg Gustavs Hl. von Schweden über die Russen. Am 3. Mai 1808 Eroberung durch die Russen mittels Kapitulation, wobei 100 Fahrzeuge derScheeren- flotte den Siegern in die Hände fielen. Vom 8. bis 11. Aug. 1855 wurde S. von der englisch-franz. Flotte bombardirt. Dronkc. Swedenborg (eigentlich Swedberg), Emanuel von, geb. 29. Januar 1688 in Stockholms, studirte in Upsala die alten Sprächen, Mathematik, Natur- Wissenschaften u. Theologie, bereiste dann 1710 bis 1714 England, Holland, Frankreich u. Deutschland, worauf er sich in Upsala niederließ, erhielt 1716 eine Stelle bei dem. Bergwerkscolleginm u. constrnirte 1718 vor Friedrichshall eine Rollmaschine, um Schiffe weithin über Berge n. Felsen in den Golf zu schaffen, wo die dänische Flotte lag. Die Königin Ulrike Eleonore erhob ihn 1719 unter dem Namen S. in den Adelstand. Neben wiederholten Reisen von 1736—1740 nach Deutschland, England, Holland, Frankreich, Italien, seinen Bernfsgeschäftcn und der Abfassung mehrerer naturwissenschaftlicher Werke, warf er sich besonders auf die 'Naturphilosophie und stellte ein, dem Cartesianischen ähnliches System von atomistischem u. mechanistischem Charakter auf, welches die Grundlage seiner nachmaligen religiösen Ansicht wurde. 1747 legte er seine Ämter nieder u. beschäftigte sich nun ausschließlich mit der Ausbildung u. Darstellung seines religiösen Systems u. gründete die Kirche des neuen Jerusalems. Um seiner Kirche neue Glieder zu erwerben, ging er nach London u. Amsterdam u. st. 29. März 1772 in London. Seine Schriften vor 1747 zeichnen sich durch Scharfsinn n. Gründlichkeit aus; dahin gehörensein vasäalns Iivporborsus, Ups. 1715, 6 Hefte (mathematische n. physikalische Abhandlun- — de Swert. gen enthaltend); Lliseoilansn obsorvata, circa res naturales, Lpz.1722; krinelpiarsrum naburalium u. vrockromus plulosopiüao ratiocinantis cks in- siuito et causa tlnaliereationis, ebd. 1734; Opera piiiiosopliicn et Mineralogien, 1734, 3 BLe., Fol.; Osoonomia rsgni aniinalis, Lond. 1740 f.; vsg- nuin aniwals, Haag u. Lond. 1744 f., 3 Bde.; Vs cultu st ainore vsi, Lond. 1740, 2 Bde. Die Schriften nach 1747 gehören ausschließlich seiner Glaubensrichtung an, so: Lrcana ooslestia, Lond. 1749—56, 8 Bde., von Tafel, Tüb. 1833—42, 13 Bde. (deutsch von Tafel, ebd. 1842—70,16 Bde.); Vs coelo st inksrno, Lond. 1758 (deutsch von Tafel, 3. A. Tüb. 1873); Vs tsllnribus, Vs ultimozuäi- eio, Vs nova Visrosvl/ma st ejus ckovtrina oos- Issti; Lond. 1758 (deutschvonHosacker,Tüb. 1830), Vs oommsrvio aniinas st corporis, Lpoealz-psis sxplieata (deutsch von Tafel, Tüb. 1824—31, 4 Bde.) Vera vlrristiana religio, Lond. 1771 (deutsch Altenb. 1784, 3 Thle., u. von Tafel, Tüb. 1855 bis 1859, 4 Bde.); ^ävsrseria in libros V. 1?., herausgeg. von Tafel, 1848 ff.; Gedrängte Erklärung des inneren Sinnes der prophetischen Bücher des A. T. u. der Psalmen, lat. Lond. 1784, deutsch vonTasel 1852; VuclusIielicouius (Gedichte),Skara 1710, 3. A. von Tafel, Tüb. 1841; Sämmtliche Werke, Lond. 1749, Amst. 1763,,die theologischen bes. Leipzig 1789. Vgl. F. Ehr. Öttinger, O-s irdische u. himmlische Philosophie, Franks, und Lpz. 1765; Görres, E. S., seine Visionen n. sein Ber- hältniß zur Kirche, Straßb. 1827; Vorherr, Über den Geist der Lehre S-s, Münch. 1832; Tafel, Einl. zu I. S-s sämmtlichen theologischen Werken, Tüb. 1823; Ders., Sammlung von Urkunden betreffend das Leben und den Charakter S-s, ebd. 1839 bis 1842, 3. Abth.; Ders. S.u.seineGegner, ebd. 1841, 2 Thle.; Abriß seines Lebens, Stuttg. 1845. Nanz, S. der nordische Seher, Schwäbisch--Hall 1851; die Biographien von Schaarschmidt, Elberf. 1862; Matter, Par. 1863; White, Lond. 1874 und die anonyme SchristEm.S., dergcistigeColumbns^ nach der 3. A. des Engl, mit Photogr. S-s rc. Für. 1879. Specht. Swenigorod, Kreisstadt im russ. Gonv. Moskau, an der Moskwa, früher Residenz selbständiger Fürsten, mit verfallenen Festungswerken; hat einigen Handel u. etwas Industrie; 1759 Ew. Swenigorodka, Kreisstadtim russ.Gonv.Kiew, am Znigly auf dem wenig fruchtbaren südrussischen Steppenplateau gelegen; hat einigeFabrikthätigkeit; 11,375 Ew. Swenziany (Swinciany), Kreisstadt im russ. Gonv. Wilna, nahe der Wilna-Dllnaburger Eisenbahn, in Ackerbau treibender Gegend; 5854 Ew. de Swert, Julius, geb. 16. Aug. 1843 in Löwen; war Schüler auf dem Cello von Servais am Brüsseler Conservatorium, wo er bereits in seinem 12. Jahre als Cellospieler Aufsehen erregte. Bald darauf ging er nach Paris, wo ihn Maestro Rossini hörte n. hoch erstaunte über seine Leistungen. 1863 bis 1864 unternahm d. S. eine große Kunstreise durch Holland, Dänemark u. Schweden u. kam 1865 nach Deutschland, wo er als einer der ersten lebenden Violinspieler gefeiert wurde. Der Allgemeine Musikverein zu Düsseldorf ernannte d. S. zu seinem ersten Coucertmeister. Bon hier aus bekam er einen 121 Swerts - Ruf als Kammervirtuos des Großherzogs vouSach. sen nach Weimar. Als die Stelle des ersten Hofcon- certmeisters in Berlin ausgeschrieben wurde, blieb gegenüber den bedeutendsten Cellisten Deutschlands u. des Auslandes d.S. Sieger n. siedelte 1868 nach Berlin über. Seine damaligen Concerturlaubsreisen in Deutschland waren von den großartigsten Erfol- gen begleitet, bis ihn der Jmpressario Ullmann gewann. DieZeiten der Ruhe benutzte d. S. für seine Compositionen für das Cello u. größere Orchester- fätze. Unter letzteren sei eine symphonische Dichtung Op. 36 erwähnt, welche sensationellen Erfolg in Deutschland u. Belgien einerntete. Sein Cellocou- cert Op. 38 veranlaßte bei einerAnfführung inWien im 1.1876 die dortige Kritik zu derÄußerung, daß d. S. wol ohne Rivalen sei. Von Wien begab sich d. S. nach Ungarn, wo er die letzte Hand au seine Zactige Oper, Die Albigenser, legte, welche jetzt auf den ersten deutschen Bühnen mit glänzendem Erfolg aufgeführt wird. Seinen dauernden Wohnsitz hat der Künstler jetzt in Wiesbaden aufgeschlagen, wo er fleißig mit weiteren größeren Compositionen beschäftigt ist. Swerts, Jan, bekannter belg. Historienmaler der Gegenwart; bildete sich unter N. de Keyser, gab der Kunst seines Vaterlandes eine mehr monumentale Richtung, indem er die Regierung zu einerAus- stellung von Cartons deutscher Meister in Brüssel u. Antwerpen veranlaßte u. mit seinem Freunde Glissens eine Reihe von Wandbildern kirchlichen und weltlichen Inhalts ausführte. Seit 1874 ist S. Dircctor der Kunstakademie in Prag. Regnet. Swette, im Friesischen so v. w. Nachbarrecht; dann so v. w. Grenze; daher Gegenstände, durch welche die Grenze bezeichnet wird, Swettsloot oder Swettschot. Swiaschsk, Kreisstadtim russ.Gouv.Kasan, an der schiffbaren Swijaga, nahe deren Mündung in die Wolga; mit zahlreichen Kirchen, darunter eine Kathedrale; 2553 Ew. Swiedack, Karl, Pseudonym Karl Elmar, vsterr. Volksdichter, geb. Mai 1815 in Wien; lernte die Kaufmannschaft, widmete sich aber, nachdem er bei der Artillerie gedient, der Schauspiel- u. Theaterdichtkunst , in welch letzterer er schon mit seinem ersten Stück: Die Wette um ein Herz, 1841 großes Glück machte. Von seinen weiteren Stücken sind zu erwähnen: Der Goldteufel; Dichter n. Bauer (von Suppe componirt); Unter der Erde; Des Teufels Brautfahrt; Paper!; Unterthänig und unabhängig; Liebe zum Volke; Raimund, ein Charakterbild, in welchem er sein Vorbild verherrlichte; Das Mädchen von der Schule rc. Neben dem Volksdrama pflegt er auch die humoristisch-satirische Journalistik, der er sich für einigeZeit ans Ärger über die Verdrängung des Volksdramas durch die Offenbachsche Richtung in die Arme geworfen hatte. Vagai. Swieten, Gerard van, geb. 7. Mai 1700 in Leyden; studirte daselbst und in Löwen Medicin und Chemie, prakticirte erst in seiner Vaterstadt als Arzt und wurde dann Professor an der Universität, doch mußte er sein Lehramt niederlegen, weil er Katholik war; er wurde 1745 erster Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia in Wien, bald Vorsteher der kaiserlichen Bibliothek, beständiger Präsident der Medici- uischsn Facultät und Direktor des Medicinalwesens - Swift. der kaiserlichen Staaten u. Büchercensor. Er orga- nisirte 1754 die Universität in Wien neu n. st. 18. Juni 1772 in Schönbrunn. Er war der richtige Mann gewesen, in das damalige gesunkene Wesen der Wiener Facultät wieder Ordnung zu bringen, den praktischen medicinisch-klinischen Unterricht hier einzuführen u. die ältere Wiener Schule zu gründen. Mit Vorliebe nannte er sich bis zu seinen! 38. Lebensjahre Boerhaaves ersten Schüler, dem er namentlich anfänglich allzu ängstlich folgte. Er schr.: Oommontarü in Losrbavii apiwrismoa (Io oo§- nososuciis st euramiis morbis, Leyd. 1741—72, 5 Bde., n. A. Tüb. 1790, 8 Bde., ein Werk, in dem die Gesammtheit des damaligen ärztlichen Wissens zusammengelegt ist. Nach seinem Tode erschien von M. L>toll von ihm: Oonstitutionss spiäsmioav st morbi xstissiwum ImFcluni Latav. obssrvat., Wien 1782 (deutsch Lpz. 1785). Thamhayn. 8metsnis L., Pflanzengatt., benannt nach van Swieten, ans der Fam. der Rustaosae-b'Iilläsrsioi- cisas, von den meisten Autoren mitOsärsIa als Vertreter einer eigenen Familie, der Oscirslaooas, angesehen. Arten: 8. ksbribuAg. Äowd. (8ovmiäa k. Ä. -/uss.), hoher, starker, ästigerBanm in Ostindien, mit gefiederten, glänzend glatten Blättern, in Endrispen stehenden Blüthen, dunkelrothem, schwerem, festem hartem, demWnrmfraße nicht unterworsenem Holze; Mutterpflanze der Rohunarinde od. Soymi- darinde. 8. LlaksAoni L., sehr hoher, oft 1 m u. mehr imDurchmesser haltender, westindischer Baum, mit gefiederten Blättern, Mutterpflanze des Mahagoniholzes u. der Mahagouirinde, auch eines ausdem Stamme ausschwitzenden, dem Kirsch-od. Pflaumengummi ähnl. Gummis (Oomms ä'^oasou). Engter. Swift, Jonathan, hervorragender englischer Schriftsteller, geb. 30. Nov. 1667 in Dublin; besuchte seit 1682 das dortige Triuitätscolleginm, ging 1688 zu seinem Verwandten, Sir William Temple, nach Moor-Park in Surrey und erhielt später eine geistliche Pfründe durch den Oberstatthalter in Ir- land, verzichtete aber auf dieselbe, als ihn Temple wieder zu sich einlud. Nach dessen Tode begleitete S. 1699 den Grafen vonBerkley, welcher alsOber« richter nach Irland ging, als dessen Caplan u. Pri- vatsecretär und erhielt nach seiner Entlassung Vas Rectorat in Aghar nebst einigen kleineren Pfründen, mit dem geringenGesammteinkommen von 350Pfd. St. Dorthin lud er 1701 Miß Esther Johnson» die berühmte Stella, ein, deren Vater Haushofmeister bei Sir William Temple gewesen war, u. lebte mit ihr in vertrantem Verhältnisse; sie wohnte in der Nachbarschaft, wenn S. im Psarrhause anwesend war, u. in demselben, wenn er abwesend war. Diese Verbindung dauerte bis zu Stellas Tode 1728; doch soll er sie nach einigen Angaben 1716 heimlich ge- heirathet haben. Er schr. mehrere satirische u. burleske Gedichte und gab seit 1701 mehrere politische Schriften heraus, in Lenen er eifrig die Sache der Whigs verfocht. Sein 1704 anonym erschienenes Märchen von der Tonne (ll?als ok a tub), in welchem er die christlichen Religionsparteien von dem Standpunkte der engl. Episkopalkirche schilderte, aber von seinen Gegnern beschuldigt wurde, die christliche Religion angegriffen zu haben, hemmte lange seine Beförderung. Die älteren u. neueren Schriftsteller verglich er auf burleske Weise in seiner Bücherschlacht 122 Swijaga — Swir. (Ulk battsts ok tiis bsolcs), während er in den Weissagungen von Jsaac Bickerstaff, Esqnire, die Astronomie lächerlich zu machen suchte. Als 1710 die Tories die Oberhand gewannen, wurde er mit dem Grafen vonOxsord u.mit LordBolingbroke bekannt u. kam dadurch in sein eigentliches Element, die Parteipolitik. Besonders geißelte erMarlborough. 1713 wurde er Dechant in St. Patrick bei Dublin und st. 19. Oct. 1745 im Wahnsinn. Seine Leiche ruht in der Kathedrale von St. Patrick. Die bekannteste seiner Schriften ist OuIiivsr'sPravsis, 1727, sie ist in alle civilisirte Sprachen übersetzt; vonWichtigkeit sind unter seinen politischen Schriften: Diseourss ok tüs oontests 8,vck stissonsion bstrvsell Ürs nobols allst eommons ok^.tüells anstRoms, 1701; Lsutimsuts ok 8 Oirurcii-os-LnAlanä-inan in rssxeed bc> rsli- §ion allst Aoverllmsnb, 1708; Lüspublio spirib ob tüs MstZs, 1714; Dsbbsrs bx Ll. L. Drapier und die erst nach seinem Tode erschienene Ristor/ ok tstrs sour last ^oars ok tzuson Xuns. Im Verein mit Pope gab er die Llisosllaniss, 1727, 3Bde., heraus. Seine Schriften sind außer älteren Ausgaben herausgegeben vonWalter Scott, Edinb.u. Land., 1814, 19Bde.; von TH.Roscoe, cbd. 1841, 2Bde.;daun Lond. 1868». 1876. Die vorzüglichsten seinerSchrif- ten deutsch Hamb. 1756, 8 Bde. Vgl. Sheridan, Püe liko ok8., Dublin 1787 (deutsch von P.A.Freiin von Knigge, Hann. 1795); Förster, lass ob st. 8., Lond. 1875 ff.; Dststrss rvrittsu dz' st. 8. anst ssve- ral os Iris srisnsts, Lond. 1766, 3 Thle. Bartling. Swijaga , Nebenfluß der Wolga, entspringt im Gonv.Simbirsk u. begrenzt im nördlichen Lause die WSeite der Wolgaberge, nimmt Birgnez, Bula, Moma, Kubnija aus u. mündet unterhalb Swiaschk im Gouv. Kasan. Swilainatz, Flecken im serb. Kreis Tschupria; 5000 Ew. Hier stand das römische Jdimns. Swinburne, Charles Algernon, einer der begabtesten der lebenden engl. Dichter, ältester Sohn des Admirals Sir Charles S. u. Lady Jane Ash- burnham, einer Tochter des Grafen von Ashburn- ham, geb. 5. April 1837 aus dem Landsitze Holm- wood bei Henley ou Thames; erhielt seine erste Erziehung in Frankreich, besuchte dann die Schule in Eton u. 1857 nur für kürze Zeit die Universität Oxford, um dann nach Italien zu gehen, wo er mehrere Jahre in Florenz lebte mit dem von ihm hochverehrten Dichter Savage Landor. S. betrat die dichterische Laufbahn mit 2 gereimten Dramen: Piro Hussa Llobksr anstRosamollst (1860), welche jedoch fast gar keine Beachtung sanden. Seinen Ruf begründete er durch das nach altgriech. Muster angelegte Drama: Lstgstaula in Oalz'ston (1865), das mit seiner schwungvollen Lyrik, seiner farbenreichen Sprache u. meisterhasten Diction ihn sofort als einen reichbegabten Dichter keunzeichnete. Den mit seiner ^.tsstauts, betretenen Weg hat S. in allen seinen späteren Dichtungen verfolgt, und der ihm von vielen Seiten gemachte Vorwurf zu großer Sinnlichkeit erscheint nicht gerechtfertigt, obgleich man ihn von häufigen Extravaganzen in seiner Sprache und seinen Schilderungen nicht ganz freisprechen kann. Bon seinen übrigen Dichtungen sind noch zu nennen: (Lastslarst (eineTragödie), 1865; kooms anst bal- lasts, welche wegen ihres erotischen Charakters so heftige Angriffe in England erfuhren, Laß der Verleger sie aus dem Buchhandel zurückzog; dies hatte ihr Erscheinen inNewAork zufolge unter dem Titel: Darm vsnsris, 1866; XZonx- otltal)', 1867; 8isn8, 8 poem, 1868; Osts on tüs praolamatioll ob tlrs Drsnolr Republik:, 1870; Lotknvsil, eineTragödie, 1870; 8oll§8besors8Ullri8s, 1871; Dreoktirsus, ein anderes nach altgriech. Muster angelegtes Drama, 1875; Poems unst bsstlasts, 2. Serie 1878. Auch als feinfühlender n. scharfer Kritiker u. Prosaschriftsteller hat sich S. bemerkbar gemacht durch William Blairs, a eritieal essaz-, 1867; bissaz's anst stustiss, 1875; (st. Obapman, a eritieal sssaz-, 1875; blote ot on lÜnAlisb Rspllblivall on tbs Llusoovits oru- sasts, 1876; n. ^ uots ou 6. Bronts, 1877. In Gemeinschaft mit Rossetti schrieb er: blotes ou tbs Roxal Loastem/ Dxbibitioii, 1868. Vgl. Strodt- mann, CH. A. S., Mg. Ztg. Oct. 1877. Bartling. Swinden, JanHeudrikvan, Physiker u. Mathematiker,geb. 8. Jiiui l 746imHaag; war von 1767 bis 1785 Professor der Physik, Logik ».Metaphysik an der Universität zn Franeker, dann Professor der Philosophie, Physik, Mathematik ».Astronomie am Athenäum zu Amsterdam. 1798 nahm er als Gesandter der Batav. Republik an der Berathung über das me- trischeMaß-u.Gewichtssystem zu Paris theil. 1817 wurde er Staatsrath u. st. 9. März 1823 zu Amsterdam. Außer einer Reihe von philosophischenWer- ken sind hervorzuheben seine Asm. sur I'analoAio äs I'slsotrieits st stu maAnetisms, La Haye 1784; Pbsorsmata Zsomstrisa, Amst. 1786, verbessert als tstronäbsssillssllls stsr Nsotlcuilsts, 2. A. 1816, deutsch von Jacobi, Jena 1834; Vsrb. over vol- maalcts matsn sn ^stviAtsn, 2 Bde., Amst. 1802. Zahlreiche Abhandlungen in Zeitschriften. r. Swindon (Old-S.), Marjtstadt in der engl. Grafsch. Wilts, Eisenbahnstation; Kornbörse, große Werkstätten der Westbahn, wichtiger Viehhandel; (1871) 7628EW. In S. wohnen mehrere hundert Eisenbahnbeamte, welche an Gehalt über 170,000 Pfd. St. jährlich beziehen. Swindon u. Pendleburh , Fabrikort in der englischen Grafsch. Lancaster; Baumwollenfabriken, Sreinkohlengruben; (1871) 14,052 Ew. Swinemnnde, Kreisstadt im Kr. Usedom-Wol- lin des preuß. Regbez. Stettin, auf der Insel Usedom , 2 bm oberhalb der Mündung der Swine in die Ostsee, Station der Berlin-Stettiner Eisenbahn; Amtsgericht,Hauptzollamt,Dominialrentamt,Schifffahrtsamt, Lootsenamt, Hauptagentur der Seewarte, meteorolog. Station, Reichsbanknebenstelle, höhere Knaben- u. höhere Töchterschule, Rhederei, Schiffswerste, Kesselschmiede für Dampfschiffe, 2 Dampf- schneidemllhlen, 2 Schlemmkreidesabriken , Schifffahrt, Fischerei, lebhafter Handel, guter Hafen, besuchtes Seebad, Garnison; (1875) 7977 Ew. Ende 1876 umfaßte die Rhederei von S. 56 Schiffe mit 7808Reg.-Tons. In demselben Jahre liefen in den Hafen ein 1550 Segelschiffe mit 203,617 Reg.-Tons, 1431 Dampsschiffe mit 514,102 Reg.-Tons n. 319 Küstenfahrer mit 10,141 Reg.-Tons. — S. ist ein wichtiger befestigter Vorhafen von Stettin, wurde 1740—46 angelegt, seit 1829 mit zwei 1250 m langen Molen n. einem 64 m hohen Leuchtthurme versehen. Vgl. Müller, Die Insel Rügen, S. rc., 9. A. Berl. 1878. H- Berns. Swir , schiffbarer Strom im Europäischen Ruß- 123 Livoä — land, im SW. des Gouv. Olonez, verbindet als Abfluß des Ouega-Sees diesen mit dem Ladoga-See; hat fruchtbares, zum Theil niedriges, zum Theil steiles Uferland, ist reich an Fischen u. nimmt mehrere Misse, u. a. die Ojat, auf. Der S. gehört zu dem großen Wassersystem, welches die Wolga mit der Newa n. somit das Kaspische Meer mit der Ostsee verbindet und bildet das Berbinduugsglied des Marien- mit dem Tichwinschen Kanalsystem. Der unter Katharina II. u. Alexander!, aufgefilhrte S.- Kanal führt aus dem S., nahe der versandeten und beschilften Mündung desselben, um das SUfer des Ladoga-Sees durch den L>jäß u. die Wolchow zur Newa; der Theil desselben zwischen Sjäß u. Wolchow wird auch Sjäßscher, die Fortsetzung bis zur Newa Ladoga-Kanal genannt u. dient zur Vermeidung der gesährl. Fahrt aus dem Ladoga-See. Dronie. 8«oü (8. Laiconorv), das 1835 eingeführte allgemeine Gesetzbuch für das Russische Reich; s. Rußland, S. 467, Sp. 1. Syagrlus, 1) Sohn des Römers Aegidius, der sich um Soissons eine unabhängige Herrschaft gegründet hatte; diese erbte S. um 475 nach seines Vaters Tode. Dieses Gebiet, der einzige Überrest des kurz zuvor untergegangenen Weströmischen Reiches, lag zwischen den Franken u. Westgothen. Als der Merovinger Chlodwig, Heerkönig der salischen Franken, seine Herrschaft auszubreiten begann, stieß er zunächst mitS. zusammen, den er durch den Sieg bei Soissons 486 aus dem Laude verjagte. Dieser floh zu dem Westgothenkönig Alarich ll., der ihn aber auf die Drohungen des Fraukenkönigs auslieferte. Chlodwig ließ ihn darauf in der Stille hinrichten. 2 ) St. S., Bischof von Autun um 569; wohnte den im 6.Jahrh. in Gallien gehaltenen Synoden bei und war bei Königen u. Päpsten sehr geehrt; er soll 27. Ang. 600 gestorben sein u. wurde auf einem Coucil in Metz heilig gesprochen. Schmitz. Sybäris, Stadt an der Küste Lucaniens (Unter- Italien); 720 vonTrözenern u. Achäern gegründet, erhob sie sich bald durch Industrie u. Handel zu bedeutender Macht. Infolge des großen Reichthnms verfielen die Einwohner in so große Schwelgerei, daß sybaritische Üppigkeit sprichwörtlich wurde. 510 v. Ehr. wurde S. von den Crotoniaten erobert und zerstört u. erst 443 wieder mit Hilfe griech. Coloui- sten (unter ihnen Lysias u. Herodot) in ihrer Nähe von dem Reste der Einwohner eine neue Stadt, Thurii (s. d.), angelegt. Jähnke. Sybel, Heinrich Karl Ludolph von, geb. 2. Dec. 1817 zu Düsseldorf als der Sohn des Re- gierungsrathes und späteren Mitgliedes des rheinischen Provinziallandtages u. der preußischen Volksvertretung Heinrich Ferdinand v. S.; stuüirte, nachdem er dasDüsseldorserGymnasium absolvirt hatte, 1834—38 unterNankeinBerlin Geschichte u. durch Savignys Anregung Jurisprudenz. Er promovirte auf eine Arbeit übcrJordanis(s.d.), begab sich dann nach Darmstadt u. widmete sich 3 Jahre der Ausarbeitung einer Geschichte dcr Kreuzzügc, welche Aufgabe er in einer epochemachenden Weise löste (das Werk erschien Düsscld. 1841, ins Engl, übers, von Lady Dufs Gordon, Loud. 1861). Schon im Herbst 1840 hatte er sich, freilich ohne zunächst großen Erfolg als Universitätslehrer zu haben, als Privat- docent der Geschichte in Bonn habilitirt. 1844 er- - Sybel. schien sein zweites, von Waitz scharf angegriffenes Werk' Die Entstehung des deutschen Königthnms, Frkf. 1844, und neben diesen größeren Werken verfaßte er noch verschiedene Abhandlungen ».Kritiken^ deren einer, über Schlossers Achtzehntes Jahrhundert, er die Beförderung zum außerordentlichen Professor durch den Minister Eichhorn 1844 verdankte. In demselben Jahre trug S. mit Gildemeister die Nachweise über die Unechtheit des heiligen Rockes in Trier zusammen, u. dieses Buch, das zahlreiche Gegenschriften u. Repliken hervorrief, erlebte bis zum folgenden Jahre 3 Auflagen. Bald nachher wurden Beide als ordentliche Professoren nach Marburg berufen. Die Bewegung des I. 1848 führte ihn in das politische Leben: er machte das Vorparlament in Frankfurt mit u. stimmte für dessen Permanenz, doch trat er der gemäßigt constitutivnellen Partei bei. Im Herbst wurde er Deputirter des kurhess. Landtags n. 1850Delegirter für das Erfurter Parlament, wo er für die unveränderte Annahme der Unionsverfassung stimmte. Nach den Tagen von Bronzell und Ölmütz, als Bnndestruppen nach dem Abzüge der Preußen das Kursürstenthum besetzt hatten, zog sich S. von der politischen Thätigkeit zurück. Er begann das 5bändige Buch der Geschichte der Revolutionszeit von 1789 — 95, entstanden aus dem Gedanken zu zeigen, welche Folgen die socialistischen Tendenzen, welche die Radicalen 1848 zur Schau getragen,in der großen Franz. Revolution gehabt. Er hat eine objectiv gleichmäßige Darstellung dieser Zeit gegeben, u. zu dem Zwecke unermüdlich des. die Pariser u. niederländischen Archive untersucht u. ausgenutzt. Die Archive von Berlin u.Wien, sowie das Pariser auswärtige standen ihm erst bei den Bearbeitungen späterer Auflagen offen. Er hatte den 1. n. 2.Bd. vollendet, als Maximilian II. von Bayern ihn 1856 nach München berief. Dort vollendete erden 3.Bd., gab vom 1. u. 2. eine vermehrte u. verbesserte Auflage heraus, gründete ein historisches Seminar, das erste in Deutschland, und die bis jetzt forterscheinende Historische Zeitschrift. Außerdem erschien eine Reihe kleiner Aussätze über das Verhalten der ersten Christen, Prinz Eugen von Savoyen (Münch. 1861), Katharina II., Die Erhebung gegen Napoleon (Münch. 1860) u. a. Übrigens brachte ihn seine Parteistellnng ».Rechtfertigung der preuß.Politik in dem Kriege Österreichs gegenFrank- reich 1859 bald in eine unhaltbare Stellung und in Zerwürsniß mit dem Könige, so daß ihn der Ruf als Professor der Geschichte anDahlmanns Stelle 1861 nach Bonn sehr gelegen traf. Ende desJahres schrieb er die historisch-politische Abhandlung: Die deutsche Nation u. das Kaiserreich (Düsseld. 1862), in der er seine Ideen über Preußens n. Österreichs Stellung niederlegte u. die in scharfer Weise beleuchtet wurde. Indessen war er (1861) von dem Wahlbezirk Krefeld zum Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses gewählt, jedoch durch ein Augenleiden verhindert, seinen Sitz einzunehmen. Nach erfolgter Auflösung des Hauses Mai 1862 wurde er in demselben Wahlbezirke wiedergewählt, und versuchte mit Twcsten von der Fortschrittspartei und General Stavcnhagen vom linken Centrum ein vermittelndes Lvstcni in der Frage über die Reorganisation der Armee. Als dennoch der Bruch mit der Negierung erfolgte, trat er zur entschiedenen Opposi- 124 Syburg — tion. 1864 zwang ihn sein Augenleiden wiederum, auf sein Mandat zu verzichten. S. befand sich dann unter den Abgeordneten bei der Eröffnung des con- stituirenden Reichstags in Berlin. Er war unbedingt für die Annahme der propouirtcn Reichsver- fassung u. sprach gegen das allgemeine Stimmrecht. Inzwischen führte er das Werk über die Französische Revolution weiter, die 3 ersten Bände erschienen Dlisseld. 1866 in 3. Aust., mir dem 4. u. 5. Bd. ge- langte das Werk bis zum I. 1799. Dazu erschien ein Ergänzungsheft: Österreich u. Preußen im Revolutionskriege, welches, wie seine Revolutionsgeschichte von Hnffer, Herrmann, Vivenot, Klopp rc. geharnischte Widerlegungen erfuhr; außerdem: Polens Untergang u. der Revolntionskrieg, Kaiser Leopold II., Briese der Königin Marie Antoinette. Vom Magdeburger Wahlkreis in den Reichstag gewählt, hielt er sich zur nationalliberalen Partei, wo er als Vorkämpfer gegen die Centrumspartei erschien und als Hauptgegner einer voreiligen Einführung der Selbstverwaltung in der Rheinprovinz. Am 14. Juni 1874 ward unter seinem Präsidium der durch ihn ins Leben gerufene Deutsche Verein eröffnet. Kurz darauf (1875) wurde er nach dem Zurücktritt Max Dunckers Director der preuß. Staatsarchive in Berlin, worauf er seine Professur in Bonn niederlegte, und 1878 Geh. Oberregierungsrath. In nenesterZeit hat er sich im Reichstag ganz nach Rechts gewendet. Was S-s historische Schriften anszeichnet, ist die Methodik, den Stoff nach seinen polit. Grundsätzen zu verarbeiten, das ungewöhnliche Gruppir- ungstalent, die Feinheit der Zeichnung; einer unermüdlichen Beharrlichkeit verdanktes es auch, daß er, der im Anfang seiner Docenteulaufbahn kaum die Worte zu einem geordneten Vortrage finden konnte, heute als Meister des lebendigen Wortes gilt. Vgl. J(ulins)H(arttung),Heinr. v.S.,im 13.Jahrg. des Daheim Nr. 31, ausgegeben 28. April 1877. S. hat persönlich dem Verfasser das Material zu dieser Zeichnung mitgctheilt. Schmitz. Syburg, Pfarrdorf im Kr. Dortmund des preuß. Regbez. Arnsberg; 700 Ew. Dabei ans einem Berge an der Ruhr die Trümmer der Burg Hohensybnrg, aller Wahrscheinlichkeit nach im II.Jahrh. u. möglicherweise durch Heinrich IV. erbaut. Eine dabeiliegende Kapelle weist in ihrem Baustil ans dieselbe Zeit zurück. Die au Karl L. Gr. (Eroberungen der Burg 772 u. 775) und Wittekiud (Taufe desselben) sich knüpfenden Überlieferungen können sich also nur auf eine frühere Befestigung (Wallburg) beziehen. Die Burg diente eine Zeit lang als Ranbnest und wurde 1287 zerstört. Jetzt ist Hoheusybnrg Eigen- thum der Familie v. Vincke. Besuchter Aussichtspunkt. Vgl. Natorp, Ruhr u. Lenne, 2. A. Iserlohn 1874. t- 8>c5sis (griech., „die Feige"), NsntaAra, Bart- sinne, rothe Knoten u. Knötchen im Barte, welche durch eine in Eiterung übergebende Entzündung der Haarbälge entstehen u. den Pockennarben ähnliche Narben hinterlassen. Die Knötchen sind immer von einem Haar durchbohrt, u. zieht man dies aus, so sieht man den Wurzelkolben angeschwollen u. von Eiter umgeben. Die Ursache der 8. liegt bes. in Schmutz u. Unrcinlichkeit; daherfindet man die 8. bes. an jenen Stellen, an denen der Schmutz mit Flüssigkeit in Verbindung kommt, wie unter der Nase. Sydenham. Die Behandlung des hartnäckigen Leidens besteht in sorgfältiger Reinlichkeit, Ausziehen der erkrankten Haare, event. Aufschlitzen der kranken Haarbälge mit einem spitzen Messer u. Einreibung von Calo- melsalbe. Außer der ebenbeschriebenen einfachen 8. gibt es eine durch einen pflanzlichen Parasiten erzeugte 8., parasitäre 8. Bei dieser sieht man ans den Knoten mehrfache Eiterpünktchen, die in ihrer Mitte von einem Haar durchbohrt werden. Das Haar ist von einem weißen, reifartigen Beschläge umgeben, welcher sich zwischen die inneren Wnrzel- scheiden und die Haarwurzeln hiueindrängt und die Haarfasern auflockert. Der Pilz ist Irietiopdzckcm tonsuralw, charakterisirt durch dichotomisch sich thei- lende und verästelnde Myceliumsäden, die breitere, kurze, stumpfvicreckige Zwischenglieder zwischen langgestreckten haben. Die Behandlung besteht im Ausziehen der erkrankten Haare u. in Anwendung pilz- zerstörenderMittel(Quecksilbersnblimatlösung).Kunz-. Sydenham, einer der südl. Vororte Londons in der engl. Grasschast Surrey, hart au der Grenze von Kent, berühmt durch den 1854 erösfneten Kry- stallpalast, nach einem von Sir Joseph Paxton entworfenen Plane ganz ans Eisen u. Glas erbaut u. zwar mit Benutzung der Baumaterialien des 1851 im Hyde Park errichteten Ausstellungsgebäudes. Der Krystallpalast liegt auf einem Hügel n. besteht aus einem 490 in langen Mittelschiffe mit Seiten- abtheilnngen, zwei Seitenflügeln, zwei Qnerschifsen, (ein drittes nördliches, ein Palmenhaus größter Art bildend, ist 1866 abgebrannt) u. zwei Hanptgallerien. Das mittlere Querschifs ist 117 m lang, 36 m breit u. 53 m hoch, das südliche 95 m lang, 22 m breit n. 33 m hoch. Die beiden Wasserthürme an beiden Enden haben eine Höhe von 86 in. Im südlichen Querschiff befinden sich die Statuen der Königin Victoria n. mehrerer englischer Könige, die Gipsabgüsse der Standbilder am Parlamentsgebaude, ein mit Blumenbeeten umgebenes Wasserbecken mit hübschem Springbrunnen, Wasserpflanzen rc., eine ethnographische Sammlung (Abbildungen der verschiedenen Menschenracen); im südlichen Schiffe Abgüsse neuerer, im nördlichen Abgüsse antiker Bildhauerwerke. Das mittlere Querschiff enthält (westl.) das große Händel-Orchester mit Raum für 4000 Personen u. einer gewaltigen Orgel von 4568 Pfeifen, ferner ans der östlichen Seite eine Concerthalle u. auf der nördlichen ein Opernhaus (beide für 4000 Zuhörer). Zn beiden Seiten des Hauptschiffes erstrecken sich die sogen. Courts (Höfe), 15 an der Zahl, mit Nachbildungen der Architectur- u. Sculp- tnrwerke der Hauptculrurvölker von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, in chronologischer Anordnung , sowie die 7 Industrial Courts mit größten- theils verkäuflichen Gegenständen. Die ersteren enthalten u. a. Nachbildungen der Felsengräber von Beni Hassan, der Säulenhalle von Karnak, eines ägyptischen Tempels, griechischer u. römischer Wohnhäuser u. Sculpturen, eines Theiles der Alhambra, von Bauten, Ornamenten u. Denkmälern in byzantinischem, golhischem u. italienischem Stile rc.; die Industrial Courts Proben von Porzellan u. Majoliken aller Zeiten und Länder, Glas-, Kurz-, Eisen-, Manufactur-, Schreibwaaren, Bücher, Kunstgegenstände rc. In den oberen Gallerien befinden sich die Sammlungen von Ölgemälden, Aquarellen 125 Sydcicham u. Photographien, sowie die Porträtgallerie, eine Reihe von Büsten berühmter Männer aller'Rationen. Das Untergeschoß enthält ein Aquarium mit einer vorzüglichen Sammlung von Seefischen u. Schal- thieren. An den Krystallpalast schließt sich der prächtige Garten an, der im italienischen Stile ans einem Flächenraum von 200 Acres terrassensörmig angelegt ist u. mit den großartigsten Wasserkünsten der Welt (die beiden großen Fontainen steigen bis zu einer Höhe von 75 rn) geschmückt ist. Bemerkens- werth ist auch die geologische Abtheilung im südöstlichen Theile des Parks mit Nachbildungen Urwelt- sicher Thiere. Die Baukosten des Krystallpalastes, der Eigenthnm einer Privatgesellschaft ist, haben ca. 30 Mill. LI betragen; die jährlichen Unterhaltungskosten belaufen sich auf 1,g Mill. LI. H- Berus. Sydenham, Thomas, die größte n. nachhal- tigsteärztlicheBerühmtheit Englands im 17.Jahrh., geb. 1624 zu Winford-Eagle (Dorset), stndirte in Oxford, erst später Medicin von 1648 ab, promo- virte in Cambridge, erwarb sich in Westminster, kaum 36 Jahre alt, den Ruf eines der ersten Ärzte Englands, ging knrz vor seinem Tode nach London u. st. hier 29. Dec. 1689 an der Gicht, die er trefflich zu schildern verstand, von Boerhaave u. Swieten im folgenden Jahrh. als engl. Hippokrates hoch gepriesen u. noch in unserer Zeit als Muster eines vornr- theilsfreien, feinen Beobachters hingestellt. Ohne ein geschlossenes System zu bilden, fußt er nur auf der reinen, sorgfältigsten u. umfassendsten Erfahrung, gewinnt aus ihr die allgemeinen Gesetze, verwirft die Schlußfolgerungen ans vereinzelten Thatsachen u. verlangt vom Arzte genaue Krankheitsbeschreibnng u. Ausstellung einer sicheren Therapie. Die Krankheiten leitet er von den Feuchtigkeiten ab, legt einen großen Werth aus die Einflüsse der Jahreszeit, beobachtet zuerst in genialer Weise die Epidemien in ihrer Zusammengehörigkeitu. gibt fünf verschiedeneKrank- heitSconstitntionen an, die er beobachtete. Er war mit natürlichem Scharsblicke begabt, aber kein cor- recter Denker. Seine Opera omuia erschienen London 1685 u. sind bis 1762 18 Mal aufgelegt worden, namentlich in Leipzig, Amsterdam, Genf, Lyon, Wien. Thamhuyn. Syderö, die südlichste der Färöer; 165 sWin (3 HW) mit etwa 700 Ew., die sich vonViehzncht, etwas Ackerbau (Gerste) n. seit Entdeckung der bedeutenden u. vorzüglichen Kohlenlager (1877) auch vom Bergbau ernähren. Die Insel ist bergig u. steigt im Reineswere 461 m an. Hauptort: Qvalböe. Hafen: Trangiswaag in der Nähe der Kohlengruben. Sydney (Siduey), Hauptstadt der englischen Co- lonie Neusüdwales (Australien), liegt an der Südseite des Port Jackson (Großer Ocean), der hier 6 Buchten (Rushcutters-, Woolomoloo-Bai,Farm-, Sydney Cove-, Darling Harbonr- u. Johnston-Bai) u. dadurch 5 bergige Landzungen bildet, auf denen S. mit seinen Borstädten gelegen ist. Durch ein Felsenthor gelangt man in den sehr sicheren, über 30 stm langen Hafendes Port Jackson. S. ist sehr schön gebaut, die regelmäßigen, breiten Straßen steigen vom Meere aus steil gegen das Plateau an, ans welchem der Haupttheil der Stadt liegt; zwei Forts decken die Stadt, welche alle die Bortheile (Gas-, Wasserleitung, Promenaden, Miethwagen rc.) und Nachtheile großer europäischer Culturstädte aufweist; — Sydow. doch ist trotz der großen Zahl der in den Vorstädten wohnenden Verbrecher durch die trefflichen Einrichtungen der Polizei das Leben u. Eigenthnm völlig sicher. S. ist Sitz des Gouverneurs u. der Colonialbehörden, hat Sternwarte, Botanischen Garten u. eine Universität. Am 26. Jan. 1788 wurde es von Sir A. Philipp gegründet, der hier eine Verbre- chercolonie anlegte (s. Nen-Süd-Wales). Die Stadt wuchs zufolge ihrer günstigen Lage äußerst rasch, sie ist der Stapelplatz der australischen Maaren (Wolle, Häute rc.), so daß sie jetzt mit Recht die Königin des Südens genannt wird. Der Werth der Ausfuhr betrug bereits 1866 nahe an 10 Mill. Pfd. Sterl., während jener der Einfuhr nur 9Z Mill. Pfd. Sterl. erreichte. Auch in industrieller Hinsicht hat S. bereits Bedeutung gewonnen. Es werden fabricirt: Maschinen, Tuch, Leinwand u. Baumwollenzeuge, Tabak, Leder u. Seife. Außerdem bestehen Eisen- n. a. Gießereien, Salzwerke, Brauereien, Brennereien, Schiffswerfte rc. Die Einwohnerzahl betrug 1833: 16,000, stieg 1851 auf 51,000 u. 1871 auf 134,755. Zahlreich sind auch die Deutschen (es erscheinen 2 deutsche Zeitungen). Durch Eisenbahnen ist s. verbunden über Paramotta mit Windsor, Bathurst u. Gonlburn. Dronks. Sydotv, 1) Karl Leopold Adolf, liberaler protestantischer Theolog, geb. zu Charlottenburg 23. Nov. 1800, Schüler Schleiermachers, wurde 1836 Hofprediger in Potsdam, 1846 Prediger an der Neuen Kirche in Berlin. Lange Zeit einer der beliebtesten Prediger Berlins, dessen Confirmanden- unterricht allgemein hochgeschätzt wurde, Mitglied der Generalsynode von 1846, wurde S., weil er (vgl. Hase) im Jan. 1872 „über die irdische Geburt Jesu nach dermaligem Standpunkt protestantischer Wissenschaft, an ungewöhnlicher Stätte, doch pietätvoll" sich äußerte, nach längerer Disciplinarunter- snchnng 5. Juli 1873 vom prenß. Oberkircheurath mit geschärftem Verweis bestraft. Er trat bald darauf in Len Ruhestand. Vgl. Sydow, Actcnstücke, betr. das vom Consistorium der Provinz Brandenburg verhängte Disciplinarverfahren, Berl. 1873; F. Fischer, Das Berliner Consistorium u. Dr. S., Berl. 1873. 2 ) Emil von, bedeutender Geograph u. Kartograph, geb. 15. Juli 1812 zu Freibcrg i. S., hospitirte während seiner Gymnasialstudien bei der Divisionsschule in Erfurt, trat in das 31. Inf.- Regiment ein u. avancirte bereits mit dem 18. Jahre zum Offizier, erhielt 3 Jahre später eine Anstellung an der Erfurter Divisionsschnle, in welcher er 10 Jahre verblieb, zuletzt seine Thätigkeit ganz den geographischen Wissenschaften widmend. Im Jahre 1843 als Mitglied der Ober-Militärexaminations- commission nach Berlin berufen, sah er seine Bestrebungen durch nähere Beziehungen zu K. Ritter, Al. v. Humboldt, Graf Roon u. A. wesentlich gefördert n. durch Berufung als geographischer Lehrer des Prinzen Albrecht u. kurz darauf als Vortragender über Militärgeographie bei der Allgemeinen Kriegsschule geehrt. Er st. 13. Oct. 1873 als Oberst in dieser Stellung. Nachdem S. bereits 1838 seine trefflichen Wandkarten veröffentlicht (Erdkarte 12, Welttheile 43, Deutschland 9 Sektionen), ließ er folgen: Schulatlas, 42 Blätt., 28. A. Gotha 1876; Methodischer Handatlas für das wissenschaftliche Studium der Erdkunde, 34 Bl., 4. A. ebd. 1867 ; 126 Syene — Hydrographischer Atlas, 27 Bl.; Orographischer Atlas,' 24 Bl. rc. Zu verschiedenen dieser Kartenwerke gab er werthvolle Erläuterungen u. veröffentlichte außerdem 1864: Übersicht der wichtigsten Kar- ten Europas, dazu 2 Beihefte, das Verzeichniß der in der geographisch-statistischen Abtheilung des Großen Generalstabes 1867—68 erschienenen Werke u. Karten enthaltend. Für Petermanns Geograph. Mittheilungen lieferte er von 1857—72 zwölf Abhandlungen über den kartographischen Standpunk: Europas. Ein in der Zeitschrift Unsere Zeit veröffentlichter Aufsatz Nord-Italien, eine militärgeo- graph. Skizze, blieb unvollendet. D Löffler. s) Schroot. Syene, Stadt im alten Ägypten , an dem ersten Katarrakt des Nil, Grenzort gegen Äthiopien. Berühmt war der Syenitische Marmor (vergl. Syenit). Zur Zeit der Römerherrschaft lagen hier drei Kohorten; unter den Arabern hieß es Asvan u. wurden die Festungswerke verstärkt u. die Besatzung vermehrt; nach dem Fall der Fatemiden zerstörten die Nubier den Ort, 1517 eroberten ihn die Türken wieder u. stellten ihn her. Noch jetzt finden sich Ruinen ans der Pharaonen- u. Ptolemäerzcit, zum Theil mit Flugsand verschüttet, in den Steinbrüchen angefangene, unvollendete Obelisken rc. jetzt hier Assuan. Syenit, ein körnig kristallinisches Gestein, besteht aus Feldspath u. schwarzer od. grünlichschwarzer Hornblende. Der Feldspath ist meist weißer od. fleischrother bis röthlicher Orthoklas, zuweilen findet sich auch Oligoklas, Quarz u. Glimmer u. als zufällige Gemengtheile: Zirkon (im sogen Zirkonsyenit in Norwegen), Epidot, Titanit, Orthit, Magneteisenstein, Titaneisen, Granat, Kupfererze rc. Tritt statt derHornblende Glimmer ein,so entsteht derGlim- mer-S., istdanebennochQnarz vorhanden, so entstehen S'granite od. Hornblendegranite. Das Gefüge des S-s ist mehr von mittlerem Korn, zuweilen auch grob- ».feinkörnig; größereKrystalle vonOrthoklas geben dem S. ein porphyrartiges Aussehen (porphy- rartigerS., wie er imPlauenschenÄrund, beiWein- heim in Baden u. Brotterode im Thüringer Wald vorkommt); die Hornblende ordnet sich nicht selten in einer Ebene u. wechselt mit Lagen von Feldspath, so daß schieseriges Gefüge (S-schiefer) entsteht, wie an manchen Orten im Odenwald. Der S. ist ein rein massiges plutonischcs Gestein, welches nur selten platteusörmig abgesondert austritt; gewöhnlich ist er sehr zerklüftet. Im Allgemeinen tritt er ganz so auf wie Granit, bildet mehr oder weniger mächtige Massen, ganze Berge, Stöcke n. Gänge. Hier u. da geht er in Granit über. Er findet sich im Schwarzwald, im westlichenOdenwald, im Thüringerwald, Plauen- scheu Grund bei Dresden, bei Meißen, Brünn und Blansko in Mähren, Hodritsch in Ungarn, iin Banat, in den Vogesen, in Finnland, Schottland. Den Namen S. erhielt er von Syene in Oberägypten, weil man glaubte, dort sei von den alten Ägyptern viel schöner S. für ihre Bauwerke gewonnen worden, aber später ergab sich, daß bei Syene gar kein S. vorkommt. S-porphyr, so v. w. Granitporphyr od. auch quarzfreier Orthoklasporphyr. Lehma»».' Syenitconglomerat,Conglomerat,ausBruch- stücken u. Geröllen von Syenit u. Granit bestehend, welche durch ein thoniges Cäment od. einen groben Syenilschntt verbunden sind; findet sich im Zschoner Grund bei Dresden, in den tiefsten Schichten des - Sylburg. Quadersandsteines von Coschütz in Sachsen, bei Darmstadt, Corsewall-Point in Schottland. Syeuitgneifi(Hornblendegneiß), Gneiß, in welchem lauch - oder schwärzlichgrüne Hornblende den Glimmer vertritt od. auch neben diesem vorkommt; findet sich am Fuße des Monte Rosa, am St. Gotthardt , in den Salzburger Alpen, bei Aschaffenburg in Bayern. Sykamrna, Stadt in Phönkkien, am nördlichen Fuße des Karmel, zum Stamm Ascher gehörig; hier Fischerei von Pnrpurmnscheln; j. Hepha. Sykomörns (griech.), der Maulbeerfeigenbaum, s. u. I'rcrw. Sykophanten(v. Gr.), 1) in Athen Leute, welche die dem Staatsgefetz zuwider Feigen ausführenden Leute anzeigten; dann 2) Leute, welche sich ein Geschäft daraus machten, Andere gegen einander anf- zureizcn n. Proceffe zu stiften, wobei sie sich dann als Sachwalter aufdrängten u. die Sache meist so lange führten, bis die Clienten verarmt waren; daher überhaupt ränkevolle, boshafte Ankläger, welche es als Gewerbe betriebe», Andere mit falscher Anklage zu bedrohen od. auch wirklich anzuklagen, blos um selbst einen Nutzen davon zu ziehen. Das S- wesen nahm bes. seit der Zeit des Peritles in Athen sehr überhand u. erhielt sich, trotzdem die Sykophan- tie mit schweren Strafen bedroht war, unter dem im Schwange gehenden Demagogenthum, lange Zeit. Sylbe (Silbe), vom griech. -rolt/ia^y, Las Zusammenfassen, Zusammenfassend, Zusammengefaßte, insbesondere die im Sprechen, Lesen u. Schreiben zusammengefaßten Buchstaben;— ein articnlirrer, ein Wort oder einen Worttheil bildender, aus einem oder mehreren Buchstaben bestehender Laut der mit Einer Oeffnung des Mundes (mit Einem Stimm- ansatze) gesprochen wird. In der Grammatik heißt der erste Buchstabe einer S. Anlaut, der letzte Auslaut; man unterscheidet zwischen Stamm- oder Haupt- u. Neben-S-n; diesezerfallen in Vor- n. Nach- oder End-S-n, diese in Ableitungsendungen, durch welche von Begriffswörtern andere gebildet, und Biegungsendungen, durch welche die Beziehungen des Nomens ausgedrückt werden. In der quantitirenden Metrik unterscheidet man zwischen langen, kurzen u. mittelzeitigen (zweiköpfigen u. anolpitos), in der accen - tnirendenMetrik zwischen hochtonigen, tief- tonigen, tonlosen u. stummen S-n. Sylbenmaß, s. PoLtik. Sylbenräthsel, so v. w. Charade, s. d. Sylbenreim, s. Reim. Sylburg, Friedrich, Philolog, geb. 1536 in Wetter bei Marburg, war Rector der Schule in Lich, dann in Neuhaus; zog sich aber 1582 vom Lehramr zurück u. gab nun in Frankfurt bei Wechel u. seit 1591 bei Commelin in Heidelberg lateinische u. griechische Schriftsteller heraus; er st. als Bibliothekar der Universität Heidelberg 16. Febr. 1596. Er gab heraus den Pansanias 1583, Aristoteles, 1584 bis 1587, 5 Thle.; Dionysias Halikarnaffensis, Franks. 1586, 2 Bde., Fol.; die Soriptorog iiistorias rc>- inanas, ebd. 1588, 3 Bde., Fol.; die Grammatik des Apollonios, ebd. 1590; Zosimos, ebd. 1590; den Commentar von Andreas Cretensis über die Apokalypse des Johannes, Heidelb. 1592, Fol.; den Theodoretos, ebd. 1592; Clemens Alexandriuus, 127 Sylla — ebd. 1592. Fol.; Justinus Martyr, 1595.Fol.; das LtzimoloAionm ma^nnw (s. d.); saraconioa, ebd. 1595 u. a. m.; er arbeitete auch an Stephanus' griechischem Thesaurus. Lebensbeschreibung S-s von I. G. Jung, Berleburg 1745. Lagaj.» Sylla, so v. w. Sulla. Syllabarium, so v. w. Alphabet. Syllabication, so v. w. Solmisation. Syllabiren (v. Gr.), nach Sylben aussprechen. Daher Syllabirmethode, Lehrmethode, nach welcher, nachdem vorher die einzelnen Buchstaben genannt waren, dann die einzelnen Sylben ansgespro- chen werden. Syllabus (v. Gr.), der Titel an den Bücherrollen, s. u. Buch 1); dann Verzeichniß. Als solches ist berühmt der der päpstlichen Encyclica vom 8. Dec. 1864 beigegebene S., welcher alle mit der Auffassung der röm.-kathol. Kirchenlehre nicht vereinbaren Principien rc. des modernen Lebens aufgezählt u. das Verdammungsurtheil darüber ausspricht. Syllepsts (gr.), das Zusammenfassen, Zusammennehmen; grammatische Figur, durch welche man dem Prädicat od. Attribut eine andere Stellung im Satze gibt, als demselben gegeben werden sollte; rhetorische Figur, durch welche ein nur Einem Sub- ject zukommendes Prädicat zweien od. mehreren beigelegt wird. Syllogismus (gr.), so v. w. Schluß. Sylphen, die Luftgeister, s. u. Elementargeister. Sylphiden, die weiblichen Lustgeister. Sylt (Silt, Sil), die größte der Nordfriesischen Inseln, an der Westküste von Schleswig, zum Kreise Ländern gehörig, 96,gg Hsüm(1,7gHsM) etwa 2900 Ew., deren Hauprerwerbszweig Schifffahrt, Fischerei, Austern- und Entenfang ist; neuerdings bringen auch die Seebäder (s. u.) manchen Verdienst. S. besteht aus 3 Theilen in Form eines sogen. Antoniuskreuzes (I—). Der nach SO. gerichtete Stamm bildet den Kern der Insel, an den sich die anderen Theile als mehr od. weniger schmale, fast ausschließlich aus Dünen bestehende Streifen anschließen. Der nach N. gerichtete heißt Listland mit dem Dörfchen List, 2 Leuchtthürmen auf der Landzunge Ellenbogen, der Lister Rhede u. dem versandeten Königshafen. Der nach S. gerichtete ganz schmale Theil heißt Hörnum mit dem Dörfchen Rantum. Der mittlere Theil besteht aus Geest u. Marschland u. enthält die Hauptortschaften der Insel: Westerland, Tinnum (mit Amtsgericht) u. Eitum (mit meteorologischer Station). Gegen die Grenze zum Listland befindet sich ein 37, g in hohen Lenchtthurm erster Klasse, der die beste Rundsicht über die Insel und das im NO. und S. liegende Wattenmeer bietei. Die Dünen, die besonders im mittleren Theil vielfachen und oft gefahrdrohenden Veränderungen unterworfen sind, erheben sich von 30—50 in. Seit 1858 sind aus der Insel Seebäder eingerichtet (Westerland, Wenningstedt), die wegen ihres mächtigen Wellenschlages, dem kräftigsten von allen Nordseebädern, schon stark besucht sind. Die Insel ist auch merkwürdig wegen der bes. seit 1870 durch amtliche Ausgrabungen anfgedeckten Alterthümer, sowol aus altheidnischer Zeit (Eisen- u. Bronzegegenstände, sowie umfangreiche Steinbanten, letztere bei Wenningstedt u. Archsum), als auch ans neuerer, so der im Herbst 1877 durch Sturmflnth blosgelegten Reste Sylvester. des I486 nntergegangenen Dorfes Eidum bei Westerland. Vgl. Heß, Erinnerungen an S., Hann. 1876; Meyn, Geognostische Beschreibung der Insel S., nebst einer geognost. Karte, Berl. 1876; Marcus, Das Nordseebad Westerland-Sylt, 2. A. Landern 1878. t. Sylvanit (Schrifterz), monoklines Mineral, dessen Krystalle meist sehr klein, kurz nadelsörmig gestreift od. auch lamellar u. gewöhnlich in einer Ebene reihenförmig u. schriftähnlich gruppirt sind. Der S. ist mild, doch in dünnen Blättchen zerbrechlich; Härte gleich 1,§-2, spec. Gew. 7,g->-8,zg; licht stahlgran bis zinnweiß, silberweiß n. licht speisgelb. Chem. Zusammensetzung nach der Formel enthält 59,g,°/a Tellur, 26,g,°/o Gold u. 11,4, °/„ Sil- der nebst ganz geringen Mengen von Antimon, Blei u. Kupfer. Findet sich zu Ofsenbanya u. Nagyag in Siebenbürgen, Calaveras-Gebiet in Californien. Der S. wird auf Silber u. Gold verhüttet. Lehmann. St. Sylverttts, Sohn des Papstes Hormisdas, war erst Snbdiakon in Rom und wurde durch den Gothenkönig Theodat 536 Papst (der 59.); aber 537 von Belisar wieder abgesetzt und auf die Insel Palmaria gebracht, wo er bald darauf starb; er wurde kanonisirt; Tag: 20. Juni. Sylvester(Silvester),1)St.,S. I., der33.Papst in der Reihe seit Petrus, 314—335, soll den Kaiser Constantin getauft haben, der ihm dafür den ganzen Westen, d. i. Italien mit den Inseln geschenkt. Die Fälschung der darüber aufbewahrten Urkunde ist schon früh erkannt: stimmen doch selbst die angegebenen Daten und Consnln nicht. Über die Zeit, wann diese Fälschung entstanden, hat man verschie- deue Meinungen ausgestellt. Der Vertreter der alten u. sicher berechtigten Ansicht ist Gieseler in seiner Kirchengeschichte, Bonn 1824 ff., der die Urkunde als um 830 n. Ehr. angesertigl annimmt. Noch nicht hervorgehoben ist, daß mit dieser Zeit auch die Formeln der Urkunde, wie sie damals gerade aufgekommcn sind, übereinstimmen. DieFälschung hängtzusammenmit den Vorarbeiten zu der bald daraus in der Mainzer Diöcese zuerst aufgetretenen Pseudo-Jsidorischen Sammlung (s. d.). Eine neue Ansicht stellte Döllinger in Len Papstsabeln des Mittelalters auf, indem er aus verschiedenen Stellen der Briefe des Papstes Hadrian I. (772 — 795) erweisen wollte, daß dieser Papst die Constantinische Schenkungsurkunde bereits für seine Ansprüche benutzt habe. Der Beweis stellt sich jedoch bei näherem Zusehen als nichtig heraus; es ist nur im Allgemeinen von Urkunden die Rede. S. st. 31. Dec. 335, welcher Tag (Sylvesterabend) ihm auch geweiht blieb. 2) S. ll., vor seiner Wahl zum Papst Gerbert genannt, vorgebildet auf der gelehrten Schule zu Anrillac in der Auvergne, dann in Spanien von dem Bischof Haiton unterrichtet, wo er sich bes. Kenntnisse in Philosophie, Geometrie u. Astronomie erwarb. Von Haiton mit nach Italien genommen, wurde S. von Otto I. zum Abt in Bobbio gemacht, begab sich indessen bald nach Rheims u. wurde hier von dem Erzbischof u. Kanzler Adalbero zum Rector der Schule daselbst eingesetzt. Er lehrte Philosophie, Mathematik, Astronomie u. clas- sische Literatur; um letztere erwarb er sich besondere Verdienste durch Sammlung u. Vervielfältigung guter Abschriften alter Autoren. Dann ließ Hugo Eapet991 Gerbert nach Absetzung Arnulfs zum Erzbischof von 128 Sylvestcrabcnd — Symbolik. M M Rheims wählen, doch erkannte der Papst ihn nicht an und nach Hugos Tode mußte Gerbert 897 dem Arnulf weichen. Er begab sich zu Otto III., der sein Schiller gewesen war, nach Magdeburg; dieser nahm ihn mit nach Italien, inachte ihn 998 zum Erzbischof von Ravenna u. im folgenden Jahre nach Gregors V. Tode, ohne auf die Römer Rücksicht zu nehmen, zum Papst (der 147.). Er st. bereits 1003. S. hat unstreitig nicht bloß der Philosophie, sondernder ganzen Wissenschaft des Occidents überhaupt einen neuen Ausschwung gegeben. Auch soll er die Kenntnis) der indischen Zahlzeichen, wodurch der mecha- Nische Theil des Rechnens sehr erleichtert wurde, aus den arabischen Schulen in Spanien nach dem christlichen Europa verpflanzt haben. Der Volksglaube hat ihn wegen der in damaliger Zeit ganz wunder- baren Kenntnisse in Physik u. praktischer Mechanik zum Zauberer gemacht, der mit dem Teufel einen Bund geschlossen; S. erscheint hierdurch als der älteste beglaubigte faustische Charakter. Auch sein Tod wird dem Truge Satans zugeschrieben. Bon seinen Schriften stehen die Briese u. die Rede Vs rekorma- trons spisoopornm in Mabillons Vstsra auakseta, die ^eta ooueilri Ksmonsis, Llossmsnsis, Oau- ssronsis im 3. Bd. von Pertz' Llonnmsnta Verm-r- nias bist.; die mathemat. und astronom. Schriften sind ungedruckt. Vgl. C. F. v. Hock, Gerbert oder Papst S. II, u. sein Jahrhundert, Wien 1837; M. Büdinger, Über Gerberts wissenschaftliche u. politische Stellung, Kass. 1851; Werner, Gerbert v. Au- rillac, die Kirche u. Wissenschast seiner Zeit, Wien 1878. 3) S. III., hieß früher Johannes und war Bischof von Sabina; er wurde 1044 gegen Benedict IX. zum Papst gewählt, aber nach drei Monaten wieder entsetzt; er wird in der Reihe der Päpste nicht mitgezählt. Schnatz. Sylvesterabcnd (S.-Nacht), der Abend od. die Nacht des Jahreswechsels; ehedem u. auch jetzt noch die an Handlungen, die sich auf Wahrsagerei und Zauberwesen beziehen, reichste Zeit des Jahres. Dergleichen Handlungen drehen sich sämmtlich um die Erforschung u. Gestaltung der Zukunft u. es wird diesen Handlungen eine ganz besondere Wirkungskraft zugeschrieben, weil diese Nacht unter den sog. Zwölfnächten (s. d.) vielfach als die vornehmlichste angesehen wird. Eine der verbreitetsten Sitten ist das Bleigießen u. allgemein wird angenommen, daß ivie das neue Jahr anfängt, so werde es sich auch im Ganzen gestalten, weshalb man den Jahreswechsel gewöhnlich in fröhlicher Gesellschaft essend u. trinkend verbringt. Schwor. Sylvester-Orden, so v. w. Orden vom Golde- neu Sporn. Sylvestriner, Orden von Montefano, ein von Sylvester Gozzoloni auf dem Montefano (s. d.) 1231 gestifteter Mönchsorden nach der Regel St. Benedicts, der sich rasch über Italien ausdehnte, wo jedoch nur noch einige wenige bei Aufhebung der Klöster bestanden. Der zugleich gestiftete Nonnen- Orden der Sylvestrinerinnen ging bald zu den Be- nedictinerinnen über. Die Tracht war blau mit weißem Kragen. Sylvia (Silvia), 1) s. Rhea 2); 8) s. Asteroi- den, N. 87. 8Ms, die Grasmücke. Sylvin, Mineral, ist natürlich vorkommendes s Chlorkalium, sehr ähnlich dem Steinsalz u. mit diesem zusammen vorkommend. Sylvinsänre, Abietinsäure, bei längerer Digestion von Cvlophonium mit Weingeist in spitzen Blättchen von 129° Schmelzpunkt erhalten. Löslich in Äther, Chloroform u. Benzol, unlöslich in Wasser. Dieselbe ist einbasisch u. liefert mit den Alkalien krystallisirbare, in Wasser lösliche und als Seifen verwendbare Salze. Ihr isomer ist die Pi - marsäure, welche aus gleiche Weise ans dem Harze von Vinns maritima, dem sog. Galipot, gewonnen wird. Die Pimarsänre bildet harte, bei 149° schmelzende Krusten, siedet bei 320° 6. n. verwandelt sich dabei in S. Broglic. Sylvins , s. BoL n. Bois. Symblepharon, Verwachsung der inneren An» genlidfläche mit dem Augapfel, Folge von Verbrennungen des Auges; s. Angenverletznngen, S. 378. Symbol (v. gr. Symbolen, lat. Lxmboknm, d.i. eigentlich zusaminengestelltes), Merkmal, Wahrzeichen, Kennzeichen, woran man etwas erkennt, woraus man etwas vermnthet od. schließt, Merkzeichen als Unterpfand eines Vertrags od. einer übernommenen Verbindlichkeit, wie z. B. im Altcrthum zwischen Gastfreunden ansgewechselt; dann Abzeichen einer Würde oder eines Standes, auch Feldzeichen, Standarte, Fahne; daher auch so v. w. Parole, Losung; Denkspruch als Norm des eigenen Verhaltens; Sinnbild als äußeres Zeichen für Begriffe oder Ideen oder für eine Handlung od. Gesinnung; bes. solche Zeichen für religiöse Ideen; für den Geheimdienst gewähltes höheres Sinnbild im heidnischen Cultus; Formeln u. Merkworte, woran sich die in die Mysterien Eingeweihten erkannten; daher in der christlichen Kirche so v. w. Sacrament, bes. die sinnlichen Zeichen,welche beiden Sacramenten gebraucht werden (Wasser, Brod, Wein); endlich Glanbcns- bekenntniß, welches bei der Aufnahme in eine religiöse Gemeinschaft ausgesprochen wird u. ferner als Erkennungszeichen der zu einer Kirche oder Religionspartei Gehörigen dient, s. Symbolische Bücher. Symbolik (v. Gr.), 1) Lehre oder Wissenschaft von der Einkleidung religiöser Ideen in äußere Zeichen (Symbole). Während die Mythologie Thaten erzählt, wodurch sich die göttlichen Wesen in ihrer Kraft u. Eigenthllmlichkeit geoffeubart haben, stellt die S. Gegenstände dar, durch welche jene Thaten, mit diesen Gegenständen in einen Zusammenhang gesetzt, dem Sinne veranschaulicht werden. Je nach den verschiedenen äußeren, sichtbaren Zeichen, an welche sich geistige Ideen knüpften n. durch sie ausgesprochen werden sollten, ist dieS. eine Cult-S., welche die äußeren Handlungen darstcllt, insofern sie die Gefühle gegen das Göttliche sichtbar darstellen (Cultus); vgl. Bähr, S. des mosaischen C.,Heidelb. 1837—39, 2 Bde., 1. Bd. 2.A. 1874. Fernereine Fest-S., welche die einzelnen in Beziehung ans die verschiedenen Eigenschaften u. Kräfte der an diesen Festen verehrten Götter stehenden Zeichen, Gebräuche rc. nachwcist und erklärt. Endlich eine Thier-S., welche theils den Ursprung u. den Sinn zeigt, warum gewisse Thiere verschiedenen Göttern geheiligt waren, theils auch die Darstellung mancher Götter in Thiergestalt nachweist. Gewöhnlich wird die S. nicht von der Mythologie getrennt, so Creuzer, S. sn. Mythologie der alten Völker, Lpz. 1810 — 1812 , 129 Symbolisch — Symbolische Bücher. 4 Dde., 3. Ausl. 1837—44. Da auch die christliche Kirche ihre Symbole hat, wodurch sie das Unsichb bare u. Ewige entweder in einfachen Zeichen od. in künstlerischen Gestaltungen veranschaulicht, so gibt es auch eine christliche S., vgl. Munter, Sinnbilder u. Kunstvorstellnngen der alten Christen, Alt. 1825; Piper, Mythologie u. S. der christlichen Kunst, Weil». 1847; Menzel, Christi. S-, Regensb. 1854, 2 Bde. 2) Theologische S., die Wissenschaft von den Un- terscheidungslehrenderverschiedenenchristlicheuCon- fessionen m Parteien, s. u. Symbolische Bücher. 3) Die Einkleidung der Empfindung und Gedanken in Bilder durch die träumende Phantasie; daher S. des Traumes. Symbolisch (v. Gr.), 1) gewisse Kennzeichen an sich habend; 2) was durch Anwendung von Zeichen geschieht, welche vermöge der Sitte u. gemeinen Ansicht mit einer an sich in der vorgenommenen Handlung nicht liegenden Bedeutung verbunden sind; daher z.B. symbolische Injurie, eiueEhrcnkränk- ung, welche mittels nach allgemeiner Ansicht einen herabwürdigenden Sinn verbindenden Handlungen od. Zeichen zngefügt worden ist, z. B. Bemalen eines Porträts mit Eselsohren u. dergl. Symbolische Tradition, die Übergabe eines Gegenstandes durch Vornahme einer Handlung, welche als Zeichen der Einräumung der Herrschaft über den fraglichen Gegenstand an den Anderen gilt, z. B. die Übergabe der Schlüssel eines Hauses, einer Festung rc.; sym- bolischeBesitzergreifung durch Aushaucn eines Spans aus der Thür, Anbrenneu von Feuer auf dem Herde. Besonders das ältere Deutsche Recht ist reich an solchen in symbolischer Weise vollzogenen Rechtsacten. Symbolische Bücher, die öffentlich autorisirten Bekcuntnißschristeu eines in sich geschlossenen Kirchenkörpers. I. Entstehung der S-n B. L. Die ökumenischen Symbole der Gesammtkirche. Schon im 2. Jahrh. der Kirche begann sich aus der Tauf- sormel ein Bekeuntniß (Symbol, s. d. Art.) in der Weise zu gestalten, daß man im Gegensätze zu hervorgetretenen Irrlehren jene Formel mehr u. mehr erweiterte. So entstand allmählich das apostolische Symbol, aus welchem die späteren Symbole erwuchsen, welche seit 325 von den ökumenischen Con- cilien, im Gegensätze zu den Häresien der Zeit, aufgestellt wurden. Dieses sind die von allen christlichen Confessionen sestgehaltenen ökumenischen Symbole, unter deuendrei jederzeit eine hervorragende Bedeutung hatten, nämlich: a) Das Apostolische Sym- b ol od. das Orscio, s. Apostol. Glaubeusbckcuutuiß. k>) Das Nikäische und Nikäisch - Constanti- nopolitanische Symbol, welches zu Nikäa 325 aufgestellt u. zu Constautinopel 381 erneut u. vermehrt wurde, s. Rikäisches Glaubensbekenntnis), v) Das Athanasianische Symbol, od. nach seinem Anfang Huiermcius genannt, s. Athauasiaui- sches Symbolum. Die Griech. Kirche hat cS nicht im öffentlichen Gebrauchs. Von diesen gemeinkirchlichen Symbolen sind nun 8) die particularkirch- lichen Bekeuntnißschriften der einzelnen Coufessions- kirchen zu unterscheiden, ».zwar: a) in der Griech. Kirche namentlich die dcmksosio ortiroäoxa von Petrus Mogilas, welche in der Griech. u. Russischen Kirche symbolisches Ansehen erlangt hat, s. u. Griech. Kirche. k>) In der Römisch -Kathol. Kirche die dogmatischen Decrete des allgemeinen Concils von Trient, das infolge davon veröffentlichte Glaubensbekenntnis (?roks8sic> Läsi Iriäsntina), der Katechismus des Concils von Trient (Latsoüismus Ro- maurw), die dogmatischen Beschlüsse des Vatikanischen Concils von 1870 u. die Bullen, in denen sich der Papst ox oakllsära über Glaubenslehren ausgesprochen hat. e) In der Lutherischen Kirche ist die Zahl der Symbole in der Concordienformel, außer den drei ökumenischen, auf folgende festgesetzt: aa) die Augsbnrgische Coufessiou (s. d.), das am allgemeinsten anerkannte n. wichtigste Symbol der Protestanten; bd) Apologie der Augsburgische n C o n f e s si o n durch die 6c>nkutatüo ocmkoa- aionis, welche die Katholischen gegen die Augsburgische Confessio» geschrieben hatten, veranlaßt; ec) die Schmalkaldischen Artikel (s. d.), 1537 von Luther abgefaßt; äll) die beiden Katechismen Luthers (s. Katechismus), diese wie jene zuerst durch die Concordienformel als symbolische Bücher anerkannt; ss) die C o n c o r d i e n f o r m e l (bärmula sou- soräias, s. d.), 1577 zu Dresden publicirt. Ehe die Concordienformel zu Stande kam, suchte man in den einzelnen protestantischen Ländern die entstandenen Streitigkeiten durch Sammlungen symbolischer Bücher (Lorpora äoetrinas) beizulegen und nahm in dieselben einzelne symbolische oder auch ganz neue Schriften auf; die wichtigsten dieser Sammlungen sind: das Oorpus üootrinas kliikippienm, Wittenb, 1560, von Melanchthons Anhängern aufgestellt u. gebraucht, während die Flaciauisch-Lutherische Partei das Lorpus ckoetrinasLüurinNoum.Jeua 1570, ferner das 6orpus ciootrmas von Pommern 1561, von Preußen 1567, von Brandenburg 1572, von Braunschweig (6orpus Zosbrinas ünlium vom Herzog Julius) 1573, von Lüneburg (IVilüsIminum) 1576 rc. feststellte, s. Lorpus ciootrmas. Außerdem gab es in einzelnen Landeskirchen Particularsym- bole, z. B. die gräflich Reußische Confession von Musäus 1567, die Württemberg. Confession 1552, für Sachsen die Visitationsartikel 1592. Ähnliche Schriften erschienen für Dänemark, Schweden, Ungarn u. Siebenbürgen, ü) In der Reformirten Kirche gibt es keine Sammlung der symbolischen Bücher, welche in allen Kirchen Geltung hat, sondern es finden sich in den einzelnen Landeskirchen verschiedene Sammlungen, hierher gehören: Harmonia oonksasiormm ortiioäoxarnm st rskormata- rum soolsolarum, 1581, n. 6orp»8 st azmtaAma eonkö88ionum üclvi, gnao eoolssiae nomins ockitae sunt, 1612, die von M. Bucer verfaßte Lonksaoio tstrapolitana (für die StädteStraßburg, Konstanz, Lindau, Memmingen), welche fast ganz mit der AugsbnrgischenConfession übereinstimmt u. auf dem Reichstag zu Augsburg übergeben werden sollte, wird zu den symbol. Büchern der Reformirten Kirche gezählt, ist aber jetzt als antiquirt anzusehen. Die wichtigsten Bekeuntnißschriften der Reformirten sind: die 6onks88io basilionsis (1532) u. Oonksssio Irsi- vstioa (1536), die Ocmksssio §aUioaua, 1559, der Heidelberger Katechismus (Oatsolüomns paiatimm, s. n. Reformirte Kirche); die 6onko88w bolZioa, ausgesetzt von Guido de Bres in Brabant, franz. 1562, übersetzt Emden 1571, zuDordrecht bestätigt 1651; Oouksssio Irslvotioa pcwtorior, 1566, von mehreren Baseler Theologen verfaßt; Doorsta ozmocii Pierers Unwerlal-ConversationL-Lerikon. 6. Aust. XVII. Baud. 130 Symbolische Bücher. rationalia Ooräraeenas von 1618, meist nur von den holländischen u. deutschreformirten Kirchen an- enommen; 6ou1ossio warokica, 1613, für die randenbnrgischen Kirchen; die §ormnia oonasnoua soolsoiarum llalvstioarum, von Heidegger 1675, nur in der Schweiz u. seit dem 18. Jahrh. auch dort nicht mehr als symbolisches Buch anerkannt; die vorckoomo sootioa, 1563 für die reformirte Kirche in Schottland verfaßt; s. u. Confessio,,. 6) Kleinere christliche Parteien: a) die Unitarier (s. d. u. vgl. Antitrinitarier). Dieselben haben als S. B. den größeren Rakaner Katechismus von Valentin Schmalz, nach einer Schrift von F. Socinns. Er erschien 1605. k)Die Arminianer hatten unter allen protestantischen Parteien am wenigsten Symbole u. waren die ersten unter den Protestanten, welche sich gegen das Ansehen n. die normative Bedeutung von Symbolen erklärten, weil dieselben gegen ihr Princip von kirchlicher Freiheit stritten. Ihre S-n B. hatten deshalb nur ein hohes Ansehen als Zeugnisse der Lehre u. es sind von denselben bes. zu erwähnen: dieVertheidignngsschriftUümonstrail- tia, 1610 den holländischen Ständen übergeben, 1612, die 6onkss8io von S. Episcopins 1622 n. die LpoloZis, von demselben, e) Die Mennoniten; von ihren Bekenntnißschristen sind die wichtigsten: Lrsvio vonks8sro sbo. von Nies u. Gerardi 1580; dieGlanbenslehreder wahren Mennoniten vonRies 1766. Auch gibt es mehrere Katechismen, z. B. von Schyn u. Cat. ä) Was die übrigen Parteien anlangt, so haben die Waldenser das Glanbensbe- kenntniß von 1655 noch 1839 auf einer Synode als ein durchaus schriftgemäßes Bekenntniß bezeichnet; bei den Herrnhutern (s. u. Brüdergemeinde) hat die Augsburgische Confession u. Spangenbergs läea tiäsi bratrnm, beiden Swedenborgianern Swe- denborgs(s.d.)Schriften „.bei den Quäkern (s. d.) die Schriften Barklays hohes, jedoch kein symbolisches Ansehen. II. Die Stellung ».Geltung der S-nB. In der Reformationszeit wurde zwischen den ökumenischen Symbolen u. den protestantischen Confes- sionen streng unterschieden. Jene galten als Normen, diese als Zeugnisse des Glaubens. Indessen unter den Streitigkeiten seit 1548 begannen die strengeren Lutheraner auch ihren Confessionen normatives Ansehen beiznlegen. Mit der Ausstellung der Concordiensormel 1577 (s. d.) entschied sich innerhalb der Lutherischen Kirche der Proceß, durch welchen die Confessionen zu eigentlichen S-n B-n wurden. Daher wurde innerhalb der Lutherischen Kirche jetzt auch die Verpflichtung auf dieselben üblich. In der Reformirte» Kirche, welche kein allgemein recipirtes Bekenntniß besitzt, erhielt sich die ursprüngliche Auffassung der Bekenntnißschristen länger; doch wurden sie seit der Dordrechter Synode (s. d.) auch hier allgemein den ökumenischen Symbolen gleichgestellt. In der Katholischen Kirche sind die S-u B. Glaubensgesetze von absoluter Autorität. Als in den beiden protestantischen Kirchen der Rationalismus sich der Geister zu bemächtigen begann, sank das Ansehen der S-n B. mehr und mehr. In vielen Landen wurde die Verpflichtung factisch, in anderen sogar gesetzlich abgestellt, in anderen behielt man die Verpflichtung zwar bei, jedoch in einer Fassung, welche derselben alle Bedeutung entzog („mit gewissenhafter Berücksichtigung der S-n B.", oder: „soweit sie sgnatsrms, nicht guias mit der H. Schrift übereinstimmende.). Als seitdem Anfänge der 1830er Jahre die dem Nationalismus sich entgegenstemmende positive evangelische Richtung die S-n B. wieder zu ihrer früheren normativen Geltung bringen wollte, entstanden darüber in allen Landen Reibungen u. Streitigkeiten. III. Die Literatur. Bei der Wichtigkeit, welche die S-n B. für die Lehre der Kirche u. deren Fortbestand hatten, und bei der verschiedenen Art, wie ihre Stellung n. Geltung anfgefaßt wurde, zeigte sich sehr bald das Bedürfniß, die hier einschlagenden Fragen in wissenschaftlicher Weise zu behandeln, u. es entstand dadurch eine besondereWissenschaft, Symbolik (Comparative Symbolik, auch symbol. Theologie genannt), während man vormals diesen Stofs mit der Dogmeugeschichte verbunden u. als Polemik behandelt hatte. Die Symbolik beschäftigte sich mit den S-n B-n n. deren Entstehung, Einrichtung und Geltung u. mit dem Lehriuhalte derselben unter beständiger Vergleichung der Lehrbegriffe der verschiedenen Kirchen u. Parteien n. unter klarer Darstellung der Eigenthümlichkeit jedes einzelnen kirchlichen Lehrbegrifses. Die Vorläuferin der Symbolik war also die Polemik (so bei dem Lutheraner M. Chemnitz, üramsL oonoilii ll'ricksnbini, 1565—73,4Bde. n. ö.); bei dem Reformirten Spauheim, Wsnolma oontrovsrmarum, 1701; bei den Katholiken: Rob. Bellarmin, viopntationso cis oonbrovsraüa vüri- otiauas ücisi ackvsraua llnsno bomporw kmsretiooo, Rom 1581 ff., 4 Bde. u. ö. u. v. A., doch wurde schon seit dem 17. Jahrh. die lutherische Symbolik in der Form von Tabellen, Commentaren, Einleitungen und systematischen Darstellungen des Lehrbe- grisses bearbeitet (vgl. I. B. Carpzov, louAvAs in lidro8 8^mdol., 1675; Von Sanden, LksoloZiog, o^ind., 1688 swo der Name zuerst anftritt)s; I. G. Majus, Lzmopow tlrsol. 8^ml>., 1694; J.G.Walch, Introänetio in libr. axind., 1732; S. I. Banm- garten, Erläuterungen der symbolischen Schriften, 1747; Semler, ^pparatuo acklidrcw oz-ind., 1775; Tittmann, Irwtütntio 8/md., Lpz. 1811 u. A.), bis endlich seit G. I. Planck (Abriß einer Darstellung der dogmatischen Systeme unserer verschiedenen christlichen Hanptparteien, Gött. 1796, 3. A. 1822) die Symbolik historisch-comparativ behandelt wurde. Hierher gehören: Marheinecke, Christliche Symbolik, Heidelb. 1810—13, 3 Bde.; Ders., In8titntions8 8^indo1ioao, Berl. 1812; Ders., Christliche Symbolik (Vorlesungen), herausgeg. von Matthias und Vatke, ebd. 1848; Herb. Marsh, Vergleichende Darstellung der protestantischen, anglicanischen u. röm.- kathol. Kirche, Cambr. 1814, deutsch von Schreiber, Sulzb. 1821; Winer, Comparative Darstellung des Lehrbegriffes der verschiedenen christlichen Kirchenparteien, Leipz. 1824, 2. A. 1837; Tafel, Vergleichende Darstellung der Lehrgegensätze der Katholiken u. Protestanten, Tüb. 1835; Hahn, Das Bekenntnis) der Evangelischen Kirche in seinem Verhältnis) zu der Römischen u. Griechischen, Lpz. 1835; Zöllner, Symbolik der Lutherischen und Katholischen Kirche, Hamb. 1837—44,2 Bde.; Guericke, Allgemein christliche Symbolik, Lpz. 1839,1846; Hilgers, Symbolische Theologie, Bonn 1841; Matthes, Comparative Symbolik aller christlichen Confessionen, Leipz. l 131 Synn — Sympathetische Tmte. 1854; Baier, Symbolik der christliche» Confessionen, Greifsw. 1854; Schneckenburger, Darstellung des luther. u. reform. Lehrbegrisics, Stnttg. 1855; R. Hofmann, Symbolik, Lpz. 1857; Göschel, Die Con- cordienformel, 1858; K. Hase, Handbuch der prote- stantischen Polemik gegen die Röm.-Kathol. Kirche, Lpz. 1862; Gaß, Symbolik der Griech. Kirche, 1872; Oehler, Symbolik, herausgeg. von Delitzsch 1876; von Katholiken: Möhler, Symbolik, Mainz 1832, 8.A., 2 Bde.,1871—72; Speils Gegenschrift gegen Hase, Freib. 1865. Deutsche Ausgaben der S-n B. der Luther. Kirche gibt es von Schöpf, 1826; Köthe, 1830; Detzer, 1830; Bodemann, 1843; lateinische von Rechcnberg, 1678; Augnsti, 1827; Hase, 1827, 2. A. 1837; Meyer, 1830; Franke, 1847; deutsch- lateinische von Walch, 1750, u. von Möller, 1848. Sammlungen S-r B. derKathol. von Danz, 1836; Streitmolf u. Klener, 1837. Sammlungen der S-n B. der Griech. Kirche von Kimmel, 1838; der Re- formirten Kirche von Augnsti, 1837; von Meß, 1828 bis 1830, 2 Bde.; von Brok, 1830; von Niemeyer, 1840; von Bökel, 1847; von Bodemann, 1844; von Heppe, 1860. Heppe. Symi (türk. Sumbeki, im Alterthnm Syme), Insel an der SWKüste von Kleinasien, zum Vila- jet Dschesairi Bahn Sefid gehörig, 79 s^jlcm (1,^ jUM) mit der gleichnam. Stadt, etwa 8000 Ew. u. berühmter Schwammfischcrei. Symmächie (v. Gr.), Schutz« u. Trutzbündniß der griechischen Staaten unter einander, an dessen Spitze der zur Zeit mächtigste Staat stand. Symmiichus, 1) S. aus Samaria, zu Ende des 2. u. Ans. des 3. Jahrh. n. Ehr., verfaßte eine ziemlich gute griechische Übersetzung desA.T., welche in dem Polyglottenwerk vor der des Theodosios steht, aber jünger als diese ist; vgl. Thieme, Oe puritatw Lxinmaolü, Lpz. 1735. 8) Quintus Aurelius S., römischer Schriftsteller, Sohn des Redners Aur. Avianius S.; erhielt seine Bildung in Gallien, wurde 370n. Chr.Proconsul vonAfrika, 384 Prüftet von Rom u. 391 Consul. Er war Mitglied der damals vornehmsten heidnischen Patricier- familie, Gegner des Christeuthums u. trat in seinen Reden n. Gesuchen (bes. pro ara Vietorias) als Ver- theidiger des Heidenthums ans, worüber ihm der Bischof Ambrosius entgegentrat, aber dennoch wurde er selbst von den Christen wegen seines edlen Charakters u. seiner Humanität geachtet. Er schr.: Reden, welche verloren sind; Fragmente von 9 derselben hat A. Mai in Palimpsesten entdeckt und herausg. Mail. 1815, mit Zusätzen Franks. 1816, und Rom 1846; auch bei.H. Meyer, Oratorum Rom. RraF- msnta, Zllr. 1842; ferner Briefe, welche sein Sohn in 10 Bücher lheilte, in ihrer Form eine Nachahmung des Plinins, herausgeg. von F. Jnretns, Par. 1604; von P. Parens, Neustadt a. d. H. 1628 u. ö., zuletzt in Mignes RatroloAia, Bd. 18; vgl. Heyne, Oeimura inAsuii vt worum Lz'ininaeiu, Göttingen 1801. 8)'mwaolri rslationos oci. W. Meyer, Lpz. 1872. 3) Cölins, aus Sardinien gebürtig, wurde 498, nach dem Tode Anastius' II., von der römischen Partei zum Papste (52.) gewählt, während die kaiserliche den Laurentius wählte; der zum Schiedsrichter in diesem Streit ernannte Ostgothenkönig Theodorich entschied für S.; er st. 19. Juli 514. Unter ihm wurde auf einer Synode zu Rom, 502, bestimmt, daß Einmischungen eines Laien in die Angelegenheiten der Römischen Kirche gänzlich verboten seien, wodurch er den Grund zu der nachmaligen Macht der Päpste legte. 1)2) Riese. S,Schmitz. Symmetrie (v. Griech.), synonym mit Con- gruenz.Enrythmie,Harmonie, welche sämmtlich den allgemeinen Begriff der gesetzmäßigen Gleichartigkeit, d. h. des Ebenmaßes, enthalten. Das Speci- fische der S. besteht darin, daß das Ganze, welchem Lies Merkmal znkommt, aus 2 gleichen Hälften zusammengesetzt ist, die einander in den einzelnen Theilen, aber in umgekehrter Ordnung gleich sind, sich also zu einander verhalten, wie das Spiegelbild zu seinem Gegenstand. Z. B. die Front eines Ge- bäudes ist in ihrer Anordnung symmetrisch, wenn von der Mitte ab alle folgenden Theile der linken Seite genau denen der rechten entsprechen, ohne daß die einzelnen Theile jeder Seite unter sich gleich sind. Die S. findet sich nicht nur im Bereich der Kunst, sondern auch in dem der Natur, z.B. im Thierkörper, in vielen Blüthen, Krystallen, Muscheln rc. Schasler. Symmetrisch (v. Gr.), gleichmäßig, übereinstimmend, verhältnißmäßig. Symmikta (gr.), 1) Vermischtes, Allerlei; 2) Titel von Büchern, deren Inhalt eine Sammlung von allerhand selbst heterogenen Gegenständen ist. Sympathetische Euren, jene von meist betrügerischen Menschen an abergläubigen u. schwach- köpfigen Personen vorgenommenen Proccduren, die hauptsächlich im geheimnißvollen Sprechen sinnloser u. alberner Redensarten od. bedeutungslosen Manipulationen bestehen und Krankheitsznstände heilen sollen. Vergl. G. F. Most, Sympathetische Mittel, 1842; Ders., Encyklopädie der Volksmcdici», 1843. Sympathetische Tinte, ist eine solche Tinte, deren Schriftzüge zunächst nicht sichtbar sind, sondern erst nach Anwendung verschiedener Mittel, wie durch Erwärmen oder Einwirkung anderer Substanzen zum Vorschein kommen. Es gibt dreierlei Principe», nach welchen S. T. dargestellt werden kann: s) die eine Methode gründet sich darauf, daß viele organische Körper sich bei höherer Temperatur früher zersetzen als die Cellulosefasern, aus welchen Las Papier besteht od. eine dasselbe bezweckende theilweise Umwandlung des Papiers an der beschriebenen Stelle bewirken, u. daß bei dieser Temperatur sich Kohle ausscheidet, so daß die Schriftzüge, welche mit einer farblosen Lösung eines solchen Stoffes geschrieben worden sind, beim Erwärmen unter Brannwerden zum Vorschein kommen. Derartige Flüssigkeiten sind Citronensaft, Milch rc. b) Gewisse uuorgauischeSalze haben im wasserhaltigen Zustande eine wenig hervortretende Farbe; wird aber durch Erwärmen das Krystallwasser entfernt so tritt häufig eine intensive Färbung (die Farbe der wasserfreien Salze) ein. Die Auflösungen solcher Salze benutzt man häufig zu S-r T., z. B. das Kobalt- chlorür, welches im wasserhaltigen Zustande blaß- roth, im wasserfreien schön blau ist. Eine Auflösung von diesem Salze in viel Wasser bildet die S. T. von Hellst. Schreibt man mit derselben auf Papier, so ist die Schrift wegen der blaßrothen Farbe nicht sichtbar, erwärmt man aber das Papier, so entsteht das wasserfreie intensiv blaue Chlorllr und die Schrift erscheint schön blau. Beim Erkalten verschwindet die Schrift wieder infolge von Wasseran« 9 * 132 Sympathie — Syn... ziehung. Enthält die Kobaltlösung Nickel od. Eisen, wie es meist der Fall ist, so erscheint die Schrift grün, Nickelchlorid allein gibt eine beim Erwärmen grüngelbe Schrift, e) Die sog. Geheimtinten, welche im diplomatischen Verkehr vor der Einführung elektrischer Telegraphen zuweilen Anwendung gefunden haben sollen. Zur Herstellung dieser Tinten gehören 2 Flüssigkeiten, welche beim Zusammenbringen, infolge doppelter Wahlverwandtschaft,charakteristisch gefärbte Niederschläge od. Färbungen erzeugen. Mit der einen Flüssigkeit welche farblos sein muß, schreibt der Absender seinen Brief; der Empfänger benetzt den Brief mit der 2. Flüssigkeit 8, worauf die Schriftzügc zum Vorschein kommen. Hierzu sind sehr viele Flüssigkeiten geeignet: an) ^ — eine Lösung von Gerbsäure, 8 — eine von Eisenvitriol; bb) ,4. eine Lösung von gelbem Blutlaugensalz, 8 — eine von Eisenvitriol; oo) ^ — eine Lösung von Bleizucker, 8 — eine von Schwefelleber; ää) — eine Lösung von Jodkalium, 8 — eine von Höllenstein (die Schrift kommt im Sonnenlicht zum Vorschein). Um unberechtigte Leser irre zu fuhren, ist es übrigens gut, über die Geheiinschrift, am besten quer zu ihr stets einige gleichgültige Sätze zu schreiben, da auf reinem, bes. auf glänzendem Papier sonst die Schriftzüge als mattere Stellen dem Auge auffallen u. lesbar werden. Jungs. Sympathie (v. Gr., d. i. Mitempfindung, 1) im psychischen Sinne die Nachempfindung eines fremden Zustandes, also entweder Mitleid od. Mitfreude. Das Charakteristische dieser sympathetischen od. sympathisirenden Gefühle ist das Unwillkürliche, also durch sittliche Gründe nicht bestimmte, rein Subjektive, Individualistische. Auch so v. w. Zuneigung. Das Gegentheil ist die Antipathie. 2) In der Pathologie bezeichnet man mit Sympathien dasmehr od. weniger regelmäßige, gleichzeitige u. nicht erklärbare Auftreten vonKrauk- heitserscheinungen in Körpertheilen, die von einem ursprünglich und eigentlich erkrankten Organe entfernt liegen u. verschwinden diese Krankheitserschein- uugen ohne alles Zuthun, sobald das ursprünglich erkrankte Organ wieder zur Genesung zurückgekehrt ist. So nennt man den Schulterschmerz bei Leber- crkraukungen, die Eruption von Bläschen an den Lippen bei Lungenentzündung u. kaltem Fieber, die nicht seltenen Gelcnkschmerzen bei Tripper (Trippergicht), den Kopfschmerz bei verdorbenem Magen rc. sympathische Erscheinungen. Die Lehre von den sympathischen Erscheinungen wurde bes. von der Broussaischeu Schule cultivirt u. ist heut zu Tage namentlich durch die nervenphysiologischeu Untersuchungen (über Nerven-Jrradiation u. Rcflexthä- tigkeit) bedeutend eingeengt; ebenso wird durch Verbreitung von Krankheitsstoffen durch das Blut eine Anzahl der sog. sympathischen Erscheinungen erklärlich. Kunze. Sympathischer Nerv, so v. w. Ganglienner- vcnsystem. Sympetalisch (v. Gr.), mit verwachsenen Blumenblättern. Symphöna (a. Mus.), im Tonsystem der Griechen die Consonanzen; vgl. Intervall. Symphonie (v. Gr.), jede wohlklingende Zu- sammenstimmung, vgl. Diaphonie; so v. w. Sinfonie^. d.;alteBenennungdesClavecinsu.Spinets. I 8>mpboriosrpusT>rA., Pflanzengatt, aus der Fam. 6s.prikoliuosus-8ouiesroicksae, Sträucher mit kurz- gestielten , rundlichen od. eiförmigen Blättern u. in endständigen, unterbrochenen Ähren stehend.Blüthen; Blumenkrone glockenförmig, 4—ölappig mit 4—5 Staubblättern; Fruchtknoten mit 4 Fächern, von denen 2 mehrere steril bleibende Eichen, 2 nur je ein zum Samen sich entwickelndes einschließen. Frucht eine kuglige 2samige Beere. Arten in Nord- Amerika heimisch, eine, 8. ruosmosa Mre/rw., vielfach in Parkanlagen angepflanzt, woselbst sie auch im Winter durch ihre weißen, erst spät abfallenden Beeren, Schneebeeren, auffällt. Engter. St.-Symphoricn (St.-S.-de-Lay), Stadt im Arr. Soanne des frz. Dep. Loire, Station (Regny St. S.) der Paris-Lyon-Mittelmeerbahn; Fabrikation vonMusselin, Kattun, Calico u.sog.Beaujolaisartikeln, Gerberei; 1876: 982 Ew. (Gem. 2933). 8>mpb>tum L., Pflanzengatt, aus der Fam. der ^sporikoliaosas, mit ötheiligem Kelche, glockigwal- ziger, Sspaltiger Blumenkroue, auf dereu Schlunde 5 lauzettliche Hohlschuppen mit den 5 Staubblättern abwechseln; Nüßchen mit einem ausgehöhlten Ring an der Basis; Arten: 8. oklioiuals (Schwarzwurzel, Beinwell, Beinbrech), mit rauhem , ästigem Stengel, eilanzettförmigen, herablaufenden Blättern, schmutzig Purpurrothen, seltener weißgelblichen Blüthen; häufig auf feuchten Wiesen. Die außen schwarze, dicke, vielen Schleim enthaltende Wurzel, Rackix eon8olicks.v majoris, stand sonst als Heilmittel in Ansehen; ihr Schleim macht das Leder gefügig u. dauerhaft. 8. tuberosum T,., in Süd- und Mitteleuropa in Wäldern u. Gebüschen, mit blaßgelben Blumen ».knolligem, schieflansendem weißem Rhizom. Engter. Symplectus, ein Versfuß von 2 langen und 3 kurzen Sylben (-^, ^, ^.). Symplegades, so v. w. Kyaneä. Symplökejgr.), 1) Verflechtung, Verknüpfung; 2) (Oomplsxio), Figur, nach welcher mau mit dem- demselben Worte (derselben Frage) die Sätze anfängt, oft auch das letzte (dieselbe'Autwort) wiederholt, z. B.: Den wollt ihr lossprccheu, weichender Senat verurtheilt hat, welchen das römische Volk verurtheilt hat, welchen die Meinung Aller verurtheilt hat? ^ Symposiotr (gr.), 1) das Zusammentrinken, Triukgelag der Griechen; begann nach dem Ende des Gastmahls u. galt dem Genüsse des Weines, gewürzt durch heitere od. gelehrte Gespräche Musik, Tanz u. Gesang. Dann Titel einer Schrift, welche bes. über den Genuß des Lebens handelt, so von Plato, Tenophon, Aristoteles, Lucian; hierzu gehören auch Plutarchs Symptom (v. Gr.), Erscheinung, Zeichen, Anzeichen, bes. einer Krankheit, aus welchem Anzeichen man Folgerungen bez. des ferneren Verlaufs zieht. Symptomatisch, zu den S-en der Krankheit gehörig. Symptomatische Curart, Heilung der S-e. Symptomatologie, Lehre von den Krankheitssymptomen. s. u. Pathologie; vgl. Semiotik. Symptofis (gr.), das Zusammensinken, Zusammenfallen, entweder des ganzen Körpers od. einzelner Theile desselben. Syn ... (gr.),vor einem l syl. . .,vorb, m u. p sym ..vor s u. z. sy .. ., Vorwort in vielen 133 Synagoge — Zusammensetzungen, bedeutet: mit, zusammen zugleich. Synagoge, (griech. Übersetzung des hebr. Wortes: Lotk ünklrsnssstli, Haus der Versammlung); 1) das Gebet- u. Gotteshaus der Inden. Nachdem nämlich der Opferdieust im Tempel dem Bewußtsein des Volkes nicht mehr genügte, und man einen geistigeren Ausdruck der Frömmigkeit als Bedürsuiß empfand, entstanden nach dem Wiederaufbau des 2. Tempels als Rivalen desselben Gebethäuser, in welchen man statt zum Opfer sich zu Schristverlesungen, Bekenntnis), Predigt u. Gebet versammelte. Es entstanden in allen Gemeinden solche S-n. Ja die Priester mußten sich gefallen lassen, daß selbst im Tempel in der Quaderhalle eine S- eingerichtet wurde. Außerdem sollen in Jerusalem während der Belagerung durch Vespasian 480 S-n, jede mit hohen u. niederen Schulen verbunden, existirt haben (Echa Rabbathi zu Klagelieder II. 2 u. Talmud Jerusch. Megilla III, 1), was bei der großen Bevölkerung sehr wahrscheinlich ist. Berühmt durch Schönheit waren von den vielen S-n die in Antiochia (Joseph. Jüd. Krieg, VII, 3, 3) u. in Alexandria (s. Philo, Gesandtschaft an Cajus: Talmud Sukka 51, t>), ebenso eine in Toledo von Samuel Abulafia, Minister Don Pedros, gestiftete u. 1357 vollendete Synagoge, seit 1492 in eine Kirche verwandelt. Die S. enthält 1. die heilige Lade zur Aufbewahrung der Thorarollen, aus welchen die Thora öffentlich verlesen wird; 2. das Vorbeterpult an welchem der Vorbeter seinen Platz hat; 3. die Lima (Erhöhung), ungefähr in der Mitte der S-, von welcher die Thora vorgelesen und auch das Gedächtnis) (Llomoria) der Verstorbenen gefeiert wird, daher sie auch Almemor heißt. In den neueren S-en hat man die Lima od. Len Almemor meist beseitigt, n. geschieht das Vorlesen der Thora am Vorbeterpult. Außerdem ist in den Synagogen eine Gallerte für die Frauen. 2) Die große S. soll eine Behörde aus Esra, Nehe- mia, Haggai, Secharia, Malachi, Mordechai u. A., im Ganzen 120 Personen bestehend, gewesen sein, welche die religiösen Einrichtungen neu begründet, der Krone (der Religion) ihren alten Glanz wieder gegeben hätte. (Talmud Babli Joma 69; Jerusch. Megilla III, 8.) Mit dieser füllte man die Lücke zwischen dem Bau des 2. Tempels u. den Paaren (Suggoth, Dnumviri) unter der syrischen Herrschaft aus. Sprüche der Värer 1.1. u. 2.). Fürst. Syualöphe (gr.), Zusammenschmelzung; Vereinigung zweier Sylben in eine in der Aussprache durch Elision, Synärefis od. Krasis. 8>nantlioroas (LMantirsrroas plantas, Bot.), so v. w. Oompositas. Synaptyase, so v. w. Emulsin. Synärcsis (gr.),überhanptsov.w. Contraction; insbesondere im Lateinischen das Zusammenfassen zweier gleicher od. gleichartiger Vocale in einen. Synarthröse (v. gr. Synarthrosis), 1) Gelenkverbindung,unbewegliches Gelenk; eine Verbindung von Knochen, welche wenig od. keine Beweglichkeit zuläßt; 2) so v. w. Harmonie. Syuathrolsmus (v. Gr.), Ansammlung von SästenaneinerStelle,Andrang dahin,s. Congestion. Syncelli (v. Gr.), 1) Mönche, welche zusammen m einer Zelle wohnen; 2) seit dem 4. Jahrh. Geistliche, welche von den Patriarchen u. Bischöfen Synergismus. zur Aushilfe in ihre Wohnungen ausgenommen waren, also Hausgeistliche (in Nom Onsiliarii), zugleich auch die Beichtväter und die Aufseher über den Wandel ihrer Prälaten waren. Synthesis (gr.), 1) die Verschmelzung, z. B. innerer Augentheile; 2) Entmischung, Auflösung des Glaskörpers; 3) Vermischung der zu scheidenden Wörter. Synchronismus (v. Gr.), die Mit- od. Gleich, zeitigkeit, die Zusammenstellung gleichzeitiger Ereignisse unter verschiedenen Völkern u. Ländern; s. Geschichte, S. 145, 1 . Sp. u. Syncöpe (gr.), s. Synkope. Syndesmölogie, Bänderlehre, s. n. Bänder. Syndicät (v. Gr.), das Amt eines Syndicus, s. d.; die Urkunde (daher auch Syndicatsurkunde), durch welche ein Anwalt zum Syndicus einer Corporation bestellt wird. Dann ein zur Durchführung einer Börsenoperation gebildetes Consortium. Syndicatsklage, die Klage, welche gegen den absichtlich od. durch grobes Versehen ungerechtes Urtheil gefällt habenden Richter ans Entschädigung gerichtet wird. Syndicus (v. Gr.), der mit Besorgung der Geschäfte einer Gemeinschaft, Corporation rc. Betraute. Am häufigsten wird der Ausdruck gebraucht bei Ge- schäften die Nechtskenntniß voraussetzen, weshalb Ad- vocaten sehr oft als Syndici aufgestellt werden; die Vollmacht, welche ihm dazu ertheilt wird, heißt das Tyndicat, ebenso auch das Amt derselben. Man spricht so von einem Stadt-S., einem Land-S.(Anwalt einer Landesvertretung), einem Kronsyndicus, in England n. in Preußenhochgestellte, juristisch gebildete Beamte, welche vom Könige ernannt werden, um in wichtigen Fragen des internationalen n. des inneren Verfassnngsrechtes, so wie über Angelegenheiten des Königlichen Hauses ein Gutachten abzugeben. Nach der preußischen Verfassung sind die- selbenzugleich Mitglieder des Herrenhauses. Lazai. Syuedrron (griech.), das Zusammensitzen, Sitzung der Gerichte; (Judenth.), so v. w. Sanhedrin. Synekdoche (gr.), Figur, welche die Begriffe nach innerer Verwandtschaft vertauscht, z. B. den einzelnen od. besonderen.Gegenstand für das ganze od. das allgemeine Wesen setzt u. umgekehrt. Syncpheben (griech.) Jugendgenossen. Synergie (Synenergie, Synergasie, v. Gr.), Mitwirkung, Hilfe; des. Mitwirkung Gottes zur Besserung des Menschen; daher Synergetisch, behilflich, mitwirkcnd. Synergismus (v. Gr.), die Meinung, daß der Mensch die Seligkeit nicht blos von den Wirkungen der göttlichen Gnade hoffen dürfe, sondern zur Erlangung derselben selbst Mitwirken müsse. In diesem Sinne faßten die Flacianischeu Lutheraner die Lehrentwickelung Melauchthons auf, derin derAus- gabe seiner Loei tirsol. von 1535 behauptete, daß die Bekehrung des Menschen nicht nur von dem hl. Geiste u. von dem Worte Gottes, durch welches der hl. Geist auf den Menschen wirke, sondern auch von dem freien Willen des Menschen abhängig sei, der die ihm angebotene Gnade annehmen u. zurückweisen könne. Luther sprach nichts dagegen, und unbestritten wurde diese Meinung in das Leipziger Interim eingerückt u. mehrere Theologen, B. Strigel, G. Major, Krell rc. begünstigten dieselbe. Erst seil- 134 Synesios - dem Pseffinger in Leipzig (in seiner Schrift: Vs II- Irortatövo1ulltatl8llnmanas,1555)behauptet hatte, daß der von dem heil. Geiste zuvor Erweckte nun das Seinige auch thun müßte, griff ihn zunächst Amsdorfs 1558 mit der ganz grundlosen Behauptung an, daß er gelehrt habe, der Mensch könne sich aus den natürlichen Kräften seines freien Willens, auch ohne die Gabe des heil. Geistes, zur Gnade schicken u. bereiten; u. nun begann Flacius in Jena einen förmlichen Streit (Synergistische Streitigkeiten). Er behauptete (in der Hskutabio proposltloonm vkotklnAsii cks llbsio arbitrio, 1558) das gänzliche Unvermögen des Menschen zum geistlich Guten und wurde in dieser streng lutherischen Ansicht vom Herzog Johann Friedrich dem Mittleren von Weimar unterstützt. Victorin Strigel eiferte dagegen, u. da dieser nebst dem Superintendenten Hügel in Jena sich gegen das kveimarische Consutationsbuch von 1559, welches der Herzog gegen die mildere Ansicht hatte aussetzen lassen, erklärte, so wurden beide 1559 gefangen gesetzt, zwar wieder freigegeben, aber nicht wieder in ihre Ämter eingesetzt. Im August 1560 wurde in Weimar eine istägige Disputation zwischen Flacius u. Musäus einer- n. Strigel u. Hügel andererseits veranstaltet, worin Flacius be. hauptete, die Erbsünde sei das Wesen (Substanz) des Menschen, weshalb seine Anhänger Sub stan- Lialisten, ihre Gegner aber Accideutiarier genannt wurden. Daher und weil Strigel in seiner Declarationsschrift über den freien Willen des Menschen den Herzog befriedigt hatte, wurde dieser 1562 wieder in sein Amt eingesetzt, nachdem Flacius und dessen Anhänger, wie Wigand u. Index, im Dec. 1561 enturlanbt worden waren. Um den Frieden unter der Geistlichkeit der herzoglichen Lande, welche sich in Flacianer und Strigelianer theilten, wiederherzustellen, wurde die 4. Kirchenvisitation angeordnet, wozu der neue Superintendent Stößel zu Jena die Superdeclaration über Strigels Declaration verfaßt u. darin die Behauptung aufgestellt hatte, daß der von der Erbsünde »»vernichtete Willensrest nicht durch eine innere Kraft des Menschen, sondern durch eine äußerliche Zuchtleitnng zur Gnade geführt werde. Aber weder Strigel (der Jena verließ) noch die streng lutherischen Geistlichen erkannten diese Ansicht an, weshalb ihrer 40 abgesetzt wurden. Als Herzog Johann Friedrich der Jüngere nach den Grumbachschen Händeln die Re- gierung verlor u. sein Bruder Johann Wilhelm allein zur Regierung kam, 1567, wurde durch Edict vom 16. Jan. 1568 die lutherische Orthodoxie wieder hergestellt, die Melanchthonisch Gesinnten verließen Jena, die Flacianer, Wigand, Cölestin, Heßhus, Kirchner kehrten zurück und der Kampf dieser Jenenser gegendie WittenbergerTheologenbeganu von Neuem. Zur Beilegung des Streites wurde auf Veranlassung des Kurfürsten August in Altenburg vom 20. Oct. 1568 bis 9. März 1569 zwischen den kursächsischen (Wittenbergischen) u. herzoglich sächsischen (Jenaischen) Theologen ein Colloquium gehalten, welches freilich ohne Erfolg blieb; aber bei der 5. Kirchenvisitation 1569 u. 1570 wurden die Geistlichen der Strigelschen Ansicht abgesetzt, jedoch widerriefen die meisten derselben u. bereuten die Unterschrift der Strigelschen Erklärung. Herzog Johann Wilhelm ließ 1570 das Oorpus ckoebrinas - Synglosse. tlinrlngieum herausgeben als Gegenschrift gegen das 1560 erschienene Wittenberger Oorpuo cioetri- uas Llslaudckliorüs. Dieser Streit trat in eine neue Phase, als 1573 der Knrsürst August von Sachsen Vormund der Herzöge Friedrich Wilhelm u. Johann wurde, indem derselbe in der 6. Kirchenvisitation die FlacianischeAnsicht verpönte. Diesmal war die Zahl der Abgesetzten sehr groß (im Alten- bnrgischen allein 111 Geistliche), indem die Flacia- nische Ansicht viele Anhänger hatte. Erst durch die Concordienformel von 1577 (1580) wurde der Streit im Sinne des Flacianismus beendigt u. der S. darin verdammt. Vgl. Frank, Geschichte der protestantischen Theologie, Bd. I. Leipz.1862; Beck, Joh. Friedrich der Mittlere, Weim. 1858; Heppe, Dogmatik des deutschen Protestant, im 16. Jahrh., Bd. II., S. 318—376. Heppe- Synesros, griech. Philosoph u. Dichter, geb. um 375 in Kyrene, studirte in Alexandria als Schüler der Hypatia neuplatonische Philosophie u. wirkte nach der Rückkehr in seine Vaterstadt als Rhetor; 397 (398) ging er an die Spitze einer Gesandtschaft der Pentapolis nach Constantinopel, um den Kaiser Ar- kadios um Hilfe für die herabgekommene Provinz zu bitten. Später lebte er in Kyrene u. auf seinem Landguts, mit dem Studium beschäftigt; um 408 trat er zum Christenthume über, wurde 409 zum Bischof von Ptolemais gewählt u. st. kurz vor 430. Seine Schriften sind für die Kenntniß der Übergangszeit sehr wichtig. Er schr. 10 Hymnen, in welchen christliche n. neuplatonische Anschauungen eigenthümlich vermischt sind; Abhandlungen, wie ^v7r«-r'ai-- (commentirt von Nikephoros Gregoras u. lateinisch übersetzt von Marfilius Ficinus, Ben. 1497 n. 1516); mehrere Reden, als ?rk(ii Laor-telas' (die vor Arka- dios 399 gehaltene Rede, eine Art Fürstenspiegel, griechisch u. deutsch von Krabinger, Münch. 1825); aar^or-oztrar', über das Astrolabium (deutsch von Kolbe, Berl. 1850); Sa/taxx>ac k)-Lw- zrror- (Lob der Kahlheit, griechisch u. deutsch von Krabinger, Stuttg. 1834); Ho/oc ?rkx>r?r(>o- (viel gepriesene Abhandlung über die göttliche Vorsehung, griechisch u. deutsch von Krabinger, Snlzb. 1835); -i7au- H lsta/co- /ys-; ferner Briese (heransgeg. von Morell, Par. 1605, mit den Scholien des Neophytos von Greg. Demetriades, Wien 1792, n. A. Ben. 1812); Ho- milien rc. Seine Werke sind heransgeg. von Dion. Petavius, Par. 1612 u. ö., von Krabinger, Landsh. 1850,1. Bd. (enthält die Reden u. die Fragmente der Homilien), franz. von Drnon, Par. 1878; vgl. Kolbe, Der Bischof S., Berl. 1850; Volkmann, S. von Kyrene, ebd. 1869. Riese. Synezeugmenon (griech.), eine syntaktische Figur, wo zu mehreren Sub- oder Objecten nur ein Verbum gesetzt wird, welches nur für das paßt, bei welchem es steht, für das andere ein anderes Verbum vorausgesetzt werden muß. Vgl. Zeugnia. Sy ngeneiolögie (v. Griech.), Lehre von der Verwandtschaft, z. B. zwischen Menschen und Thieren (physische S.), zwischen Begriffen od. Gedanken (lo- gische S.), zwischen einzelnen Tugenden od. Lastern (ethische od. moralische S.) rc. ssteme. 8>ngsnssla, XIX. Nasse Linnes, s. Pflanzen y- Synglosse (v. Griech.), Untersuchung überden Zusammenhang der Begriffe u. Formen der Spra- 135 Synizesis - chen, od. Darstellung der Verwandtschaft der Sprachen, welche sich in den Wurzeln der Wörter von ähnlichem Laute n. gleicher Bedeutung zeigt; eine solche S. ist Pallas Llorvnr, son linAnarnrn totnus ordis voeadnlnria, eomparntiva, Petersb. 1787—1789, 2 Bde. Synizesis (griech. Zusammenfällen od. Zusam- menschmelzen), das Zusammenaussprechen getrennt geschriebener Vocale, s. Synärests. Synkope (griech.), 1) die Zusammenziehung ei- ncsWortes durchAuswersuug einer mittleren Sylbe oder eines Vocals zwischen 2 Consonauten, z. B. heitrer für heiterer. 2 ) (Mus.), das Anschlägen eines Tones in einem leichteren Taktthcile und das Forthallen desselben auf dem folgenden schweren Taktthcile. Synkrasis (griech.), Vermischung. Synkrätie (v. Griech.), Mitregierung; daher Synkratisch, wo Jemand mit einem Andern die Regierung theilt, z. B. wo das Volk durch Vertreter Theil an der Ausübung der höchsten Gewalt nimmt. Synkretismus (griech.) wurde bei denGriechen die Vereinigung der streitenden Parteien gegen einen gemeinsamen Feind (wie dieses bei den Kretern der Fall war, daher das Wort) genannt. Seit dem 17. Jahrh. hat das Wort die Bedeutung von Religionsmengerei od. der Verbindung einander entgegengesetzter dogmatischer Lehren ans verschiedenen Systemen zu einem unklaren, fehlerhaften Ganzen. Diese Verkehrtheit war es nämlich, welche die strengen Lutheraner des 17. Jahrh. dem großen Jreniker des Lntherthnms, Georg Calixt (s. d. 4)zu Helm- städt, zum Vorwurf machten. Derselbe glaubte nämlich, daß eine Vereinigung der 3 Confessionen auf Grundlage desLehrconsenses der 5 ersten Jahrhunderte der Kirche möglich sei. Da dieses natürlich nicht ohne eine wesentliche Modifikation der Lehre der Concordiensormel geschehen konnte, so entzündeten sich hieran die synkretistischen Streitigkeiten. Schon 1639 fiel der hannöversche Prediger Statins Buscher über Calixt als geheimen Papisten her. Der heftigste Hader brach aber aus, seit Calixt dem Thorner Religivnsgespräch (1615), wo die Frage der Union verhandelt werden sollte, als Assistent der reformirten Brandenburger Theologen beigewohnt hatte. Im schroffsten Gegensatz standen sich jetzt die Universitäten Helmstädt u. Königsberg (die zu Calixt hielten) u. die knrsächsischen Theologen (namentlich I. Hülsemann znLeipzig, Jacob Wellerin Dresden u. vor Allen Abraham Calov in Wittenberg, der Verfasser von 26 Gegenschriften) einander gegenüber. In Jena suchte man zu vermitteln, allein die Kursachsen stellten 1655 zur schärfsten Abgrenzung ihrer lutherischen Rechtgläubigkeit sogar eine neue Bc- kenntnißlchrift, den tlonssnsns rspotätns äootrinao vors kutüiornims. auf (der freilich nie öffentliche Geltung erhielt). Nach Calixts Tode (1656) trat eine kurze Zeit der Ruhe ein, nach der sich aber bald wieder der heftigste Streit erhob, als die Kursachsen sahen, daß sich die Calixtinisch gesinnten lutherischen Theologen Rintelns mit den reformirten Marburgern auf dem Religionsgespräch zu Kassel 1662 zu einer Verständigung herbeigelassen hatte». Die Lutherische K irche wurde Lurch diesen Hader iu ihren Fundamenten erschüttert, weshalb seit 1661 die Kurfürsten von Sachsen, Brandenburg und die Herzöge von Gotha — Synode. u. Altenburg sich ins Mittel legten u. dem unnützen Streit schließlich ein Ende machten. Doch kamen die Gemüther erst seit Calovs Tode (1686) zur Ruhe. Vgl.Calov, liastorin szmerstistioa,, Wittenb. 1682; Henke, Calixt u. seine Zeit, 2 Bde., Halle 1853—60; Gaß, G. Calixt u. der S., Brest. 1847. Heppe. Synodalverfaffung, s. u. Presbyterial- und Synodalverfassnng. 8>noäatwum, so v. w. Ontlioärntionin. Synode (v. griech. gzmoäos) od. Concilium (lat.), 1) wird im Allgemeinen jede die ganze Kirche od. ein einzelnes kirchliches Gebiet vertretende Versammlung genannt, welche sich über kirchliche Dinge zu berathen hat. Der katholisch-kirchliche Sprachgebrauch unterscheidet jedoch so, daß er unter Concilium nur die Vertretung der Gesammtkirche (ökumenisches Concilium), od. der Kirche eines Reiches (National- Concilium), unter S. dagegen die Vertretung einer Diöcese od. Kirchenprovinz versteht. Die S-n entstanden in der Kirche im 2. u. 3. Jahrh., gewannen aber wirkliche Bedeutung erst, seitdem 325in Nicäa das erste öcumenische Concilium zusammengetreten war. Von den 20 Concilien, welche seitdem bis znm Vaticanum (1869—70) in der Katholischen Kirche versammelt gewesen sind, fallen 8 vor die Trennung von der Morgenländischen Kirche. Allerdings hat das Tridentiner Concilium (1546—1563) den Bischöfen die regelmäßige Abhaltung vonDiöcesan-S-n zur Pflicht gemacht; allein diese Vorschrift ist von den Bischöfen nur gar selten beachtet worden, weshalb man von einer Synodalverfassung der Katholischen Kirche nicht reden kann. Auch in der Lutherischen Kirche hatdie Synodalverfassnng (abgesehen von Jülich-Kleve-Berg und Mark) nie recht Platz greifen können. Man hatte hier wol im 16. Jahrh. S-n, allein dieselben waren lediglich Pa- storenversammlnngen, an deren Spitze Superintendenten od. Generalsnperintendenten standen, hatten in der Regel nur für die dogmatischen Händel der Zeit Bedeutung u. gingen daher bald ganz ein. Wirkliche Bedeutung können S-n überhaupt nur da haben, wo es anerkannt ist (wie es in Jülich-Kleve geschah), daß die Kirchengewalt in der Kirche selbst, d. h. in deren Vertretung ruht. Dieser Gedanke kann nun ebenso im demokratischen, wie im aristokratischen Sinne verwirklicht sein. Im elfteren Falle ist die ans Urwahlen (die an ein Minimum kirchlicher Qualifikation gebunden sind) hervorgcgangene Repräsentation der Kirche die oberste Autorität der Kirche, u. in diesem Sinne sucht der Protestantenverein überall die Kirche zu organisiren. Von dieser Art kirchlicher Repräsentativverfassung wesentlich verschieden ist aber die presbyteriale, auf dem Begriff des Presbyteriums (s.d.) beruhende Synodalverfassnng der Reformirten Kirche. Der Gedanke derselben wurde zunächst in der Hessischen Kirchenordnung von 1539, dann in den Genfer Oräonnanoss sovlssins- tignss von 1541 ausgesprochen. Das Presbyterium soll die Versammlung der Besten der Gemeinde und soll darum deren Vertretung sein. Nach diesen Gedanken gestalteten sich die Presbyterien in Frankreich , Holland rc. Dieses Presbyterialprincip der Gemeindcvcrfassnng gestaltete sich nun zum Syno- dalprincip der Kirchenverfassnng zunächst in Frankreich, wo die Delegirten der Presbyterien 1559 zur ersten französischen National -S. znsammentraten. 136 Synodische Revolution — Syntax. Dasselbe geschah in den Niederlanden u. in Schottland. Diese presbyteriale Synodalverfassnng kam »nn durch die Beschlüsse der niederländischen S. zu Emden 1571 auch am Niederrhein und hernach in Jülich-Kleve-Berg u. Mark (u. zwar hier in der Lutherischen wie in der Neformirten Kirche) zur Ausbildung, wo sie sich bis in das 19. Jahrh. erhielt u. durch die Rheinisch-westfälische Kirchenordnung von 1835 neue, zeitgemäße Gestaltung gewann. Nach Beendigung der Befreiungskriege trat im Zusammenhänge mit den lluionsbestrebungeu der Zeit das Verlangen nach S-n mit Vertretung des Laienele- ments der Kirche in Deutschland überall hervor. In Bayern kamen dieselben in der Pfalz schon 1818 (Unionsnrkunde), in den rechtsrheinischen Gebieten (ohne Union), 1825 zuStande. Hernach gab die Bewegung von 1848 der wie in Preußen so auch in anderen Landen durch reactionäreTendenzen wiederholt zurnckgedrängten Bestrebung der Zeit neue Anregung. In Baden (1861), Waldeck n. vorübergehend in Oldenburg (1849) kamen S-n im Sinne des Protestantenvereins zur Einführung; in Preußen dagegen wurde die Rheinisch-westfälische Kirchenord- nnng als das Muster einer Synodalverfassnng sest- gehalten, welche sich seit 20. Januar 1876 ans alle alten Ostprovinzen der Monarchie erstreckt. Auch im Königreich Hannover (1864), im Consistorialbezirk Wiesbaden (1876), sowie im Königreich Sachsen (1870), im Herzogthum Braunschweig (1871) geschah dasselbe, so daß gegenwärtig nur noch die Evangelische Kirche im ehemaligen Kurhessen u. in Lippe einer synodalen Verfassung n. Repräsentation entbehrt. Vgl. Lechler, Geschichte der Presbyterial- u. Synodalverfassnng; Heppe, Die presbytcriale Sy- nodalverfassniig in NDeutschland, nach ihrer historischen Entwickelung u. evangelisch-kirchlichen Bedeutung, 1868. 2) (Heiliger Lirigirender Synod), in Rußland eine Stiftung Peters d. Gr. v. 24. Febr. 1721, ist die oberste Kirchenbehörde des Reiches, welcher über sämmtliche Angelegenheiten der herrschenden, d. h. griech.-kathol. od. orthodoxen (rechtgläubigen) Kirche die Entscheidung znsteht. Er hat seinen Sitz in Petersburg, wohin derselbe von Moskau verlegt worden ist, doch ist inMoskan ein Comptoir desselben bestehen gelassen u. ein neues, das grn- sinoimcretische, in Tiflis errichtet worden. Ein Metropolit (entweder der vonNowgorod, welcher zugleich Erzbischof von St. Petersburg ist, od. der von Mos- kan u.Kolomna) führt den Vorsitz, dagegen steht dem Minister der Volksaufklärung als Oberprocurator des Synod das Veto zu. Die Zahl der zum Synod gehörigen Personen ist unbestimmt u. wird dieselbe durch das Bedürfuiß der einzelnen mehr od. minder wichtigen Sectionen desselben bedingt. Der Synod veröffentlicht alljährlich die officiellen Berichte über die Geburten, Trauungen, Todesfälle rc. innerhalb der Griechischen Kirche, welche eine der wichtigsten Fundgruben für die Statistik Rußlands sind. Vgl. Lchnütt, Kritische Geschichte der Neugriechischen u. Russischen Kirche, Mainz 1840. 3) Die Heilige S. in Griechenland, s. u. Griechische Kirche, S. 630; 4) so v. w. Schulconferenz an größeren Schulan- stalten, z. B. in Schnlpforta. Heppe. Synodische Revolution, die Zeit zwischen zwei auf einander folgenden gleichen Stellungen eines Planeten zur Sonne n. Erde. Die S. R. des Mondes (S. Monatszeit) ist die Zeit von einem Neumond (od. Vollmond) zum andern. Vgl. Monat. Synödus, s. Synode. Synonym (v. Gricch.), von gleicher od. doch verwandter Bedeutung, sinnähnlich; bes. dessen Plural Synonyma, sinnverwandteWörter; denn vollständig gleichbedeutende gibt es in keiner Sprache, wenn auch der Unterschied durch den Gebrauch oft verflüchtigt ist; solche Wörter haben einen höheren Begriff gemeinschaftlich, unterscheiden sich aber durch wesentliche Merkmale von einander; z. B. Argwohn, Mißtrauen u. Verdacht gehören sämmtlich dem Begriff eines auf unzureichenden Gründen beruhenden, nachtheiligen Nrtheils über Andere an; aber Argwohn bezeichnet die subjektive, oft falsche Vorstellung über böse AbsichtenAnderer; Verdachtdie aus objektiven Gründen entstandene Meinung, daß Jemand Übles ge- than habe od. thun wolle; Mißtrauen die Voraussetzung künftiger böser Absichten aus den bisherigen Handlungen u. den Eigenschaften des Andern. Die genaue Unterscheidung synonymer Wörter lehrt die Synonymik. Die S-en des Deutschen wurden u. A. von Eberhard (s. d.) u. Maaß (3. A. von Gruber, 6 Bde., 1826—30; kl. Ansg., 12. A., 1861), Wei- gand (2. A. 1852, 2 Bde.; vgl. die Ein!.), Meyer, die des Lateinischen vouRamshorn (1831 f., 2 Bde.), Döderlein (s. d. 2), Habicht (2. A. 1839), Schmalfeld (4. A. 1869), F. Schultz (7.A. 1872; vgl.Haase, Vorlesungen über lat. Sprachwissenschaft, 1, 188), die des Griech. von Pillon, Paris 1847 , I. H. H. Schmidt (Bd. 1. 2. Lpz. 1876—78) bearbeitet, a. Synonymie (v. Griech.), Sinnverwandtschaft der Wörter, Sinnähnlichkeit; rhetorische Figur, nach welcher man eine Anzahl synonyme braucht, um den Gedanken nachdrücklicher hervorznheben, wie Cicero über Catilina: Ldiit, sxeosnit, svasit, sruM. Synonymik, s. n. Synonym. Synopse (v. griech. Synopsis), Übersicht, Zusammenstellung verschiedener, denselben Gegenstand betreffender Schriften, wie S. der Evangelien die Zusammenstellung derjenigen Theile der Evangelien, worin dasselbe in mehr od. minder ähnlicher Weise erzählt ist. Die S. umfaßt die 3 ersten Evangelien, welche in vielen Abschnitten wörtlich übereinstimmen, weshalb man daher auch Matthäus, Marcus u. Lucas vorzugsweise Synoptiker nennt. Bereits Tatian (s. d.) stellte eine Evangelienharmonie zusammen. S-s aus neuerer Zeit gibt es von Griesbach, Paulus, De Wette, Lücke, Plank, Matthäi n. A. Heppe. Synovia, so v. w. Gelenkschmiere, s. Gelenk. Syntagma (griech.), Zusammenstellung, eine Sammlung verschiedener Schriften od. Stellen; neu- griech. die Verfassung. Syntaktisch (v. Griech.), die Wortsügung (s. Syntax) anlangend, dazu gehörig. Syntax (v. griech. Syntaxis), 1) Zusammenstellung verschiedenartiger Dinge zu einem geordneten Ganzen; 2) Wortfügnngslehre, die Zusammenfügung der Redetheile zu einer logisch und sprachlich richtigen, wohlgeordneten Rede in Sätzen und Perioden. Man unterscheidet zwischen S. des einfachen und des zusammengesetzten Satzes. Sie zerfällt in die Rectionslehre und in die Topik (s. Wortstellung, Sprachlehre a. E.). Theile der Rectionslehre sind wieder die nzntaxis eonveniontnas 137 Synthema - (Lehre voll Subject, Prädicat, Attribut, Apposition; wobei über Steigernngsgrade des Adjectivs mitge- handeltwird), dieLehre vom Artikel u.Prouoinen, von den Casus n. Präpositionen, den Zsusra, iompora, woäi ckss Vorbs, den Conjnnctionen, Negationen u. Partikeln. Unter Lzmtaxis ornata versteht man in der lateinischen Grammatik die Darstellung der Eigen, thümlichkeiten des gewählten Ausdrucks nach den besten Schriftstellern. Eberhard. Synthema (griech.), alles ans Verabredung od. Übereinkunft Beruhende; bes. ein verabredetes Zeichen; eine in verabredeten Zeichen (Chifsern) bestehende Schrift; die Kunst, mit solchen Zeichen in der Ferne zu correspondiren, heißt Synthemato- graphik. Synthesis (Synthese, v. Griech.), ^Zusammensetzung , Verknüpfung, im Gegensätze zur Analyse (Auslösung, Zergliederung); daher synthetisch, was durch Verknüpfung entsteht od. durch das Merkmal der Verknüpfung eines Mannigfaltigen in einer Einheit charakteristrt ist. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch werden diese Wörter in sehr verschiedener Beziehung, namentlich aber von den verschiedenen Formen der Gedankenverknüpfung gebraucht. So heißt ein Begriff synthetisch, wenn seine Merkmale unabhängig von ihrer Verknüpfung vollständig bekannt sind n. daher über die Art ihrer Verknüpfung in der Einheit des Begriffes kein Zweifel obwaltet. Ein Satz od. ein Urtheil heißt synthetisch, wenn dessen Prädicat nicht im Inhalt des Snbjects liegt; S. a postsriori heißt dabei die auf der Erfahrung beruhende, S. a, priori die von der Ersahrung unabhängige Verknüpfung von Begriffen im Urtheile. So ist der Satz: viele Rosen sind roth, ein synthetisches Urtheil s. posteriori, der: jede Veränderung hat eine Ursache, ein synthetisches Urtheil g. priori. Ein synthetischer (od. progressiver) Beweis heißt der von den Gründen zu den Folgen fortschreitende, im Gegensatz zu dem analytischen (od. regressiven) der von den Folgen zu den Gründen zu- rückgeht. Demgemäß unterscheidet man in der Logik zwischen synthetischer und analytischer Methode. Kant nannte die transcendentale S. die Verknüpfung aller unserer Vorstellungen in der Einheit eines u. desselben Bewußtseins. In der Schelling- schen und Hegelschen Philosophie bezeichnet S. die angebliche Vereinigung des Widersprechenden (der Thesis u. Antithesis) durch intellectnelle Anschauung od. das dialektische (im Gegensatz zu dem bloß verständigen), vernünftige Denken. In der Geometrie bedeutetS. od. synthetisches Verfahren die Ableitung des Gesuchten aus dem Gegebenen mit Hilfe bestimmter Constructionen (vgl. Analysis). 2) In der Chemie die Zusammensetzung der Körper aus ihren Bestandthcilen; 3) in der Anatomie die Zusammenfügung der Knochen u. überhaupt des ganzen Körpers. Specht.* Syphax, König der Massäsyler im westl. Numi- dien, trat um 213 v. Chr. als Feind der Karthager auf, weshalb die Scipionen von Spanien aus seine Bundesgenossenschaft suchten u. erlangten, wurde aber von Masinissa, dem Verbündeten der Karthager, geschlagen n. zur Flucht zu den Manrusiern ge- nöthigt. 207 v. Chr. erneuerte der jüngere Scipio das Bündniß mit ihm, zu welchem er mit LLlins Persönlich nach Afrika gekommen war; es hielt jedoch — Syphilis. nicht Stand, da es dem Karthager Hasdrubal durch die Preisgabe seiner schönen, schon mit Masinissa ver- sprochenen Tochter Sophonisbe glückte, S. wieder auf die Seite der Karthager zu ziehen. Zuerst gelang es dem König, mit Hilfe der Karthager unter Verdrängung Masinissas sich ganz Nnmidiens zu bemächtigen, auch den gelandeten Scipio von Mica zu verdrängen; dann aber wurde er von Scipio wie- derholt geschlagen, von Masinissa u. Lälins nach Numidien verfolgt n. in der Nähe von Cirla gefangen. Er st. als Gefangener zu Tibnr. Sophonisbe (s. d.) entzog sich der Gefangennahme durch Selbstvergiftung. Thielemann. Syphilis (Imos so. vsusrsg,, Lnstsenche), eine durch Übertragung eines eigenthümlichen Krankheitsgiftes auf den Menschen entstehende, anfangs örtliche, später nach den: Übergange des Krankheitsgis. tes in Lie Säftemasse des Körpers allgemeine Krankheit des Organismus, welche nach u. nach die verschiedensten Organe des Körpers ergreift. Die S. muß schon im alten Ägypten bekannt gewesen sein, denn eines der 6 Bücher der Ägypter über Menschenkunde handelte über weibliche Übel. Auch ist anznnehmen, daß sie ebenso wie in der Neuzeit, auch im Alterthnme eine Begleiterin der Prostitution (s. d. Art.) gewesen sei. Historisch tritt sie zuerst n. als unbekannte Krankheit zu Ende des 15. Jahrh. aus n. da sie in epidemischer Verbreitung erschien, so suchte man ihre Ursache in allerlei tellnrischen n. kosmischen Einflüssen. Erst die Beobachtung, daß die L>. besonders unter den Truppen Karls VIII. von Frankreich, der Neapel belagerte n. einnahm, anstrat, u. zwar bei den Weibern, die mit den Soldaten geschlechtlichen Umgang gehabt hatten, wies darauf hin, daß man es mit einer ansteckenden Krankheit zu thnn habe und dieselbe au de» Geschlechtsorganen ihren Anfang nehme. Wegen ihrer Verbreitung durch die französischen Soldaten nannte man sie Franzosenkrankheit, Llordus A-UIiens, wegen ihrer Entdeckung in Neapel Llal äo dlaplos. Die Bezeichnung S. rührt von Fracastori (1530) her, der in einem Gedichte anführte, der Schäfer Syphi- lns sei mit dieser Krankheit belegt, weil er den Sonnengott beleidigt habe. Venerie wurde die Krankheit zuerst von Fernelins etwa 50 Jahre später genannt. Man hielt übrigens den Tripper,den Schanker u. die Syphilis bis znm Jahre 1767 für ein u. dieselbe Krankheit, für ein durch ein u. dasselbe Gift erzeugtes Leiden; erst in diesem Jahre wies Balfour die Verschiedenheit des Trippers u. der S. nach u. protestirte energisch dagegen, beim Tripper Mercnrialien innerlich zu verordnen. Während schon Hunter es ausgesprochen hatte, daß die Geschwüre an den Geschlechtsorganen in 2 Klassen zerfielen, in solche, die nur ein locales Leiden blieben und in solche, welche Allgemeinerscheinnngen der S. nach sich zögen (syphiloide u. syphilitische Geschwüre) u. selbst Nicorü noch in den fünfziger Jahren dieses Jahrh. die Identität der venerischen Geschwüre an den Genitalien vertheidigte (Jdentitäts- lehre), hat sich nunmehr fast allgemein die Ansicht Bahn gebrochen, daß die venerischen Geschwüre durch zwei von einander ganz verschiedene Krankheitsgifte erzeugt sein können, durch das schankröse u. das syphilitische u. je nachdem die Genitalgeschwllre durch Übertragung des ersteren od. zweiten entstau- 138 Syphilis. den sind, entweder nur ein örtliches u. örtlich bleibendes Leiden bilden oder von weiteren, den ganzen menschlichen Körper befallenden Allgemeinerscheinungen gefolgt werden (Dualitätslchre). Ferner ist mit Sicherheit festgestellt, daß die örtlichen Ge- schwüre nicht immer ihren Charakter zunächst erken- uen lassen, sondern daß, obwol nach einem verhärteten Geschwüre (Hunterscher Chancre) meist allgemeine S. nachfolgt u. ein weiches Geschwür (weicher Schanker) meist nur ein örtliches Übel bleibt, es Beispiele gibt, in denen nach einem harten Schanker keine Allgemeinerscheinungen nachsolgen, sowie anderseits Beispiele, in denen nach weichen Schanker» Allgemeinerscheinungen auftreten. Will man in der Diagnose zn den Zeiten, wo als alleinige Folgen eines contagiösen Beischlafs ein oder mehrere Geschwüre an den Geschlechtsorganen sichtbar sind, sicher gehen, so muß man die Quelle der Ansteckung, die angesteckt habende Person zu ermitteln suchen; hat diese nur ein schankröses Leiden, so kann sie auch nur das schrankröse Gift übertragen haben und das bewirkte Leiden ist wieder ein schankröses; ist dagegen die angesteckt habende Person syphilitisch, so ist das syphilitische Gift übertragen u. eine Allgemeinerkrankung zu erwarten (Confrontationsmethode). Indem wir in Nachfolgendem diese Dualität des schankrösen u. des syphilitischen Giftes festhalten, verweisen wir in Bezug auf den Schanker auf Bd.XV., S. 751, u. gilt das Nachfolgende von der S. Die gewöhnlichste Übertragung des syphil. Gistes geschieht durch den Beischlaf, von Geschlechtstheilen auf Geschlechtstheile. Selten ist die durch Küsse, Tabakspfeifen, Aborte, Unterbeinkleider rc. Wiederholt ist sie infolge mangelnder Sorgfalt durch die Kuhpockenimpfung mitgetheilt. Durch den männlichen Samen wird sie dem Eie bei der Befruchtung, durch das Blut der Mutter dem b'ostus übertragen (LxpMis Iiorsckitaria, 8. oouAsnita, vererbte S.) a. Die nach der Geburt erworbene S. nimmt ihren Beginn immer mit gewissen Veränderungen an der Ansteckungsstelle. Befindet sich die letztere, wie gewöhnlich an den äußeren Geschlechtsorganen, so entwickelt sich an diesen als erstes syphil. Zeichen nach ca. 14 Tagen eine Verhärtung in Form eines Knötchens, wenn durch den Beischlaf nur eine ganz unbedeutende Verletzung stattgefunden hatte od. das syphilitischeGiftdurchdie unverletzten, einer Schleimhaut ähnlichen Vorhaut eingedrungen war. Hatte sich durch irgend eine Ursache bald »ach dem ansteckenden Beischlafe ein Geschwür gebildet, so ver- härtet sich nach 2—3 Wochen der Geschwürsgrund u. nimmt die Verhärtung trotz aller angewendeten äußeren Mittel zn. Bisweilen verschwindet das etwa halberbsengroße Knötchen nach wenigen Wochen, ohne das etwas dafür geschehen wäre, spurlos u. die betreffenden Personen mit dieser Anfangserscheinung glauben, daß Alles vorbei sei u. keine weiteren Erscheinungen Nachfolgen würden. In anderen Fällen entwickelt sich ans dem größer u. größer werdenden Knötchen ein geschwüriger Zerfall, ohne daß es jedoch zu reichlicher Eiterbildung kommt; die Absonderung solcher syphil. Geschwüre ist meist wässerig, wässerig-jauchig n. mit kleinen Gewebsfetzen untermischt. Bei stärkerem Zerfall der syphil. Verhärtungen bilden sich nicht selten tiefe Höhlen und erhebliche gcschwllrige Zerstörungen. Am umfänglichsten Pflegen die syphilitischen Verhärtungen zu werden , die sich in einem Geschwürsbodcn entwickeln u. findet man nicht selten den halben Umfang des Ansatzes der Vorhaut knorpelhart. Haben die ebenbeschriebenen sog. syphilitischen Jnitialsclerosen 3—4 Wochen bestanden, so Pflegen sich schmerzlose od. wenig schmerzhafte Leistendrüsenanschwellungen in Form von erbsen- bis bohnengroßen Knötchen zn entwickeln, während die Jnitialsclerosen durch Aufsaugung od. geschwürigen Zerfall u. Vernarbung der Heilung zustreben. Bisweilen bilden die syphil. Lei- stcndrüsenanschwellungen größere Knoten u. die Leistengegenden, od. auch nur eine, sind von einer dicken, knolligen Geschwulst eingenommen, die keine Neigung zur Eiterung zeigt. Ungefähr 6—8—lOWochen nach dem Auftreten der syphil. Verhärtung an der Ansteckungsstelle gesellt sich eine neue Erscheinunb der S. hinzu: es bilden sich rothe Flecke der verschiedensten Form u. Größe u. zwar meist zuerst ans dem Bauche, der Magen-u. Seitengegend des Stammes u.auf der vorderenSeitederBrust.diebes.beiDurchkühlungder Haut hervortreten. Sie sind entweder stippchen-,flohstichartig oder bilden 10-Pfennigstück große, gleichförmig rothe Flecken, die sich nicht über das Niveau der Haut erheben. Bisweilen sind die rothen Flecken (koaoolu uz'pknlitüvg.) sehr unbedeutend an Menge u. werden namentlich vom Patienten übersehen, in anderen Fällen sind sie sehr reichlich n. fallen selbst dem Patienten auf. Die weiteren Erscheinungen der S. treten nicht mit solcher Regelmäßigkeit in der Aufeinanderfolge auf, wie die bisher beschriebenen n. kommt es bei einzelnen Kranken nur zu einer gewissen Reihe von Erkrankungen, zu denen wie es scheint, individuelle Schwächen einzelner Organe eine besondere Disposition verleihen. So erkranken eine Anzahl Syphilitischer etwa 4—6 Monate nach der Ansteckung an syphilitischer Rachenentzündung (Illmrz'NAitiL s^plnlitloa), indem sich die Rachenschleimhaut anfangs röthet, anschwillt u. demnächst geschwürig zerfällt. Die Rachengeschwüre fressen schnell in die Tiefe u. Fläche um sich, ergreifen den Kehldeckel, die Gaumenbogen, das Zäpfchen, die Eu« stachsche Ohrtrompete rc. u. wird denselben erst spät Einhalt gethan, so bleibt nicht selten nicht viel von diesen Weichtheilen übrig, der Kranke spricht zeitlebens näselnd, hat Beschwerden beim Schlucken, ist schwerhörig u. dicke, strahlige Narbenmassen haben den Eingang in die Rachen- und selbst Speiseröhre verengern Mit den Rachengeschwüren entwickeln sich immer zugleich Anschwellungen der Unterkiefer« n. Halsdrüsen n. fühlt man letztere als erbsengroße Knoten hinter den Ohren u. von da zn den Seiten des Halses herab. Im weiteren Verlaufe kommt es zu Knotenbildungen am After, breiteCondylome, n. zn den verschiedenartigsten Hautausschlägen u. ist die S. der günstigste Boden zur Entwickelung von Hautausschlägen aller Art. Am häufigsten ist die Schuppenflechte (I^cu-insis), die des. die Handteller u. Fußsohlen zu ihrem Sitze wählt u. sich dadurch von der ans anderen Gründen entstandenen Schuppenflechte (ksoriasis vulgaris) fast charakteristisch unterscheidet; ferner größere Pusteln (bllctll^- ms, s^püMkieum), die bes. an den Unterschenkeln u. auf dem Kopse Vorkommen, sich mit Borken bedecken, unter welchen die Eiterung fortgeht u. schließlich rothe, glänzende, vertiefte Narben znrücklassen, wel- 13S- Syphilviden che das ganze Leben bestehen bleiben. Ueber die übrigen Hautausschläge, welche die S. zu Staude bringt, s. die Lehrbücher der Pathologie u. vor Allem Lehrbuch der S. von Zeissl (Erl. bei Enke, 2. A. 1871). Es erübrigt zu erwähnen, daß auch die iu- ' neren Organe im späteren Verlaufe an S. erkranken können, so das Gehirn, die Lungen, das Herz, die Leber rc. u. dadurch die allererheblichsten Krankheitszustände entstehen. Unter diesenUmständen muß eine syphil. Jnfection stets als eine Sache d er höch sten Bedeutung aufgesaßt werden nnd dies umsomehr, als die Zeitdauer der Heilung kaum unter 15—20 Monate, häufig noch weit mehr fällt u. als selbst das Verschwinden sämnMcher Erscheinungen keine Sicherheit einer radicalen Heilung gibt. Bei der Behandlung ist zunächst festzuhalten, daß die S. stets in Rückfällen heilt, d. h. erst nach einer Anzahl Rückfälle tritt Genesung ein. Die Zahl der Rückfälle ist verschieden u. kann sich bis auf 7 u. 8 belaufen; zwischen den Rückfällen liegen crscheinungsfreie Pausen von mehrmouatlicher Dauer. Nur in der Zeit der Rückfälle werden antisyphilitische Mittel angewendet, sind sämmtliche Erscheinungen des Rückfalls durch die Behandlung beseitigt, so werden die speci- fischen Mittel ausgesctzt, bis ein neuer Ruckfall ein- tritt. Die Behandlung ist wesentlich eine innere, selbst da, wo man es allein mit der örtlichen Gewebsverhärtung an der Anstecknngsstelle zu thun hat; man muß im letzteren Falle schon die Aufnahme des syphilitischen Giftes in die allgemeine Säftemasse annchmen u. diese für die Ursache der Verhärtung halten, da selbst nach dem sorgfältigen Herausschneiden der Verhärtung die allgemeinen syphilitischen Erscheinungen nicht ausbleiben. Tausendfältige Erfahrungen unserer besten Beobachter haben ergeben, daß das eigentliche Specificum gegen die S. das Quecksilber ist, was man in Pillen, in Einspritzungen unter die Haut oder noch besser in Form einer Schmiercur gebrauchen läßt. Alle übrigen empfohlenen Mittel passen nur in einzelnen Fällen n. zwar gegen besondere Formen der S.; so eignet sich Jodkali gegen Knochenauftreibungen, das Zittmannsche Decoct gegen alte ewig wiederkehrende S. Will man ein Mittel anwenden, um zu sehen, ob noch S. im Körper steckt, so sind Schwefelsoolbäder (künstliche od. Aachen, Baden - Wien) anzuwenden. In allen Fällen ist bei diesen Kuren die geeignete Diät inne zu halten; doch ist man vavon abgekommen, dieselbe in einer Hungerkur zu suchen; man läßt jetzt den Kranken sich während der Kur in magerem Fleisch rc. sattessen u. verbietet nur fette Speisen, alkoholische Getränke u. eine allzureichliche Kost. b) Ererbte S. In der Regel erleben syphilitische Früchte nicht das Ende der Schwangerschaft, sondern werden als todtfanle im 7. od. 8.Monat der Schwangerschaft ausgestoßen. Die Geburt todtfau- ler Früchte läßt mit mehr oder weniger Sicherheit ans S. der Mutter schließen. Die lebend geborenen syphilitischenKinder tragen meist ein charakteristisches Gepräge an sich, ihre Gesammternährung ist in der Regel sehr mangelhaft, die Hacken der Füße sind glänzend roth, die Hinterbacken in der Umgebung des Afters geröthet u. nässend, desgleichen die Ge- schlechtstheile, die Nasenlöcher mit Schorfen bedeckt u. athmet das Kind schnüffelnd, oftmals bedeckt ein Ausschlag mit großen, schlaffen Blasen den Körper. — Syrakus. In den inneren Organen (Lungen, Leber rc.) finden sich für S. charakteristische Geschwulstbildungen (6ummata). Der Tod erfolgt meist im ersten Le» bensjahre u. nur einzelne der Kinder überstehen die Krankheit. Die Behandlung besteht in Darreichung von Quecksilber in kleinen Gaben n. Anlegung des Kindes an eine gesunde Amme. Eine syphilitische Mutter darf natürlich nicht stillen. Kunze. Syphiloiden (Syphiliden) nennt man im weiteren Sinne alle Hautausschläge infolge von Syphilis, im engeren Sinne die durch geographische Verhältnisse veränderten Formen der Syphilis. In letzterer Bedeutung zählt man die Radesyge in Norwegen, die Ditmarsische Krankheit, die Sibben in Schottland, die Falcadina im Dorse Falcade, der Scerljevo an der illyrischen Küste rc. zu den S. Syr Darja, Fluß, s. Sir Darja. Syra (Lxros), 1) Insel in der griechischen No- marchie Kyklades, südwestl. von Tino, 85 ssZIcm, gebirgig , bis 432 m hoch, fast ganz baumlos, doch nicht unfruchtbar, bringt viel Wein, Feigen, Baum- wolle, Weizen, Gerste, Honig, Oel, Tabak u. Seide hervor, mit lebhaftem Handel (namentlich nach England); bedeutend ist auch die Viehzucht. 26,500 Ew. (meist kath.); Hauptort: Hermupolis an derOstkllste. 2) (Alt S.), frühere Hauptstadt der vorigen, an der Westküste, mit einigem Handel; 4914 Ew. Dronke. Syracuse, Hauptort des Onondaga County im Nordamerika». Unionsstaat New Uork, am Onon« daga See u. am Erie- u. dem Oswego Kanal, wichtiger Eisenbahnknotenpunkt, Mittelpunkt der Salzregion u. Stapelplatz des dort gewonnenen Salzes, Industrie in Wolle, Leder u. Papier; Staatsarsenal, Staatsasyl für Blödsinnige, 3 höhere Lehranstalten, öffentliche Bibliothek; 43,051 Ew. (1870). Die Stadt, 1787 gegründet, war bis zur Eröffnung des Eriekanals 1825 unbedeutend; 1840 halte sie 4000, 1860: 28,119 Ew. Schroot. Syrakus (Syracusä), Stadt auf der OKnste Siciliens am Flnß Anapus, hatte 180 Stadien (34 km) im Umfange, 3Citadellen u. 2 Häfen u. bestand aus 5 Theilen. Sie hatte zur Zeit der größten Blüthe an 500,000 Ew. Der zuerst angebante Theil lag auf der Insel Ortygia u. hieß auch geradehin Insel (Nasos); hier die Quelle Arethusa, Tempel der Arthemis, der Athene, die Burg Hierons, später Gerichtsplatz der römischen Prätoren; die Getreidemagazine, welche auch als Festungswerke benutzt werden konnten. Jetzt hier Siracusa (s. d.). Zwischen der Nordseite der Insel und dem Festland lag der Kleine Hafen (Lakkios od. Marmorhasen), von Schiffswerften u. Arsenalen umgeben. Westl. von der Insel lag der Große Hafen 15 km im Umfang, ebenfalls mit Schiffswerften. Der 2. u. durch Größe wichtigste Theil war Achradina, der Insel Ortygia zunächst gelegen. Hier war der meiste Verkehr u. die schönsten öffentlichen Gebäude, dasGroße, mit bedeckten Gängen umgebene Forum, das Pry- taneum, die große» Gerichtsgebäude (Basilica) für diesen Theil der Stadt, der Tempel des Zeus, ein Theater, die Katakomben u. Latomien. Nordwestlich schloß sich daran Tyche, von einem Tempel der Tyche (des Glücks) so genannt, bewohnt von der niederen Volksklasse, daher der bevölkertste Theil von S. Südlich davon, durch eine Mauer getrennt, und südwestlich von Achradina lag Neapolis; hier 140 Syrakus. Las große Theater mit Naumachie (faßte 80,000 Menschen), Amphitheater, die Tempel der Libera (Proservina) u. Demeter, auf der Anhöhe Teme- nites, der alte Tempel des Apollo u. Latomien, die als Gefängnisfe für Kriegsgefangene dienten. In ihrer Nahe ist das sogenannte Ohr des Dionysius. Unter Dionysius I. wurden die Mauern beider Stadt- theile niedergerissen, weil er die Vorstadt, Epipolä mit zur Stadt zog u. das Ganze mit einer starken Mauer umgab. Zwei Wasserleitungen versorgten die Stadt. Südl. von derselben, jenseit des Anapo erhob sich ein beriihmterZeustempel, das Olympieion, von dem nur noch spärliche Reste vorhanden sind. Syrakus (Gesch.). S. (die größte und reichste Stadt Siciliens, im südlicheren Theil der Insel aus der OKüste gelegen, sowie dis stärkste Festung) wurde i. I. 734 v. Ehr. durch den Korinther Ar- chias gegründet. Vgl. über das Gründungsjahr: Holm, Gesch. Siciliens, S. 381 ff. Die von dem Volke u. den Sklaven vertriebenen Gamoren (d. i. die Reichen), welche ursprünglich die Herrschaft besessen hatten, sührte Gelon zurück, der seit 491 nach dem Tode des Tyrannen Hipokrates die Regierung in Gela leitete. Er verlegte 485 od. 484 seine Herrschaft nach Syrakus, n. überließ Gela seinem Bruder Hieran. Unter Gelon u. den folgenden Tyrannen ist die Geschichte von S. beinahe eine Geschichte Siciliens, da die meisten Städte der Insel dem Einflüsse dieser Stadt unterstanden, andere ihr ganz unterworfen waren. Es beginnen zu dieser Zeit die Versuche der Karthager, sich Siciliens zu bemächtigen. Als nämlich innere Zwistigkeiten der Griechen auf Sicilien, u. der Zug des L'erxes gegen Griechenland einen Angriff der Karthager ans die griechischen Pflanzstädte begünstigten, schickten sie im Bündnis) mit Selinus den Hamilkar mit bedeutender Macht nach Sicilien. Der Sieg des Gelon im Bunde mit seinem Schwiegervater Theron von Agrigent bei Himera, wo das karthagische Heer völlig geschlagen u. zersprengt wurde (480), brachte S. auf mehr wie 50 Jahre Ruhe vor den Karthagern. Gelon erlangte nach seinem Siege durch Milde gegen Bundesgenossen u. Besiegte allgemeinen Ruhm und nach seinem Tode 478 wurde er als Heros verehrt. Sein ältester Bruder Hicron I. folgte ihm in der über fast ganz Sicilien ausgedehnten Herrschaft. Er stützte dieselbe ans fremde Soldtruppen, hat sich jedoch durch den Schutz, den er Künsten u. Wissenschaften gewährte u. durch Berusung hervorragender Dichter an seinen Hof berühmt gemacht. Sein Bruder Thrasi- bulus, der nach Hierous Tode in Aitua 487, folgte, wurde bereits nach 11 Monaten wegen seiner Ge- waltthateu vertrieben u. st. als Verbannter bei den Lokrern. Es folgte in S. die Demokratie, in welcher man, um das Streben Ehrgeiziger nach der Herrschaft zuhindern, den Petalismns (vonTrera^or-, Blatt) einfllhrte, eine dem Ostracismus in Athen analoge Art der Aburthciluug über die Verbannung eines Mitbürgers, die, ausgesprochen, eine Dauer von 5 Jahren hatte. Die schon hierdurch hervorgerufeneu Reibungen zwischen Aristokraten u. Demokraten benutzte der Sikuler Ducetius, der die Landeseingeborenen im I. 451 vereinte, um sie von dem Joche der Griechen zu befreien. Doch wurde er von den Syraknsanern geschlagen u. zur Flucht nach Korinth gezwungen. Die Kämpfe mit griechischen Städten aber, entstanden durch den Versuch von S., seinen Vorsitz im Bunde in Oberherrschaft ^ zu verwandeln, fanden erst 424 durch den Frieden des Hermokrates ein Ende u. erneuerten sich 416 auf die gefahrvollste Weise für S., als Egesta gegen S. u. Selinus Hilfe fand in Athen. Nach dem ' Mißlingen der attischen Expedition 415—413 (s. Sicilische Kriege 1) gerieth S. durch die leidenschaftliche und zügellose Demokratie, die zunächst trinm- phirte, unter die Tyrannis des Dyonysius I., der seine Partei durch Zurückberufung der Verbannten stärkte, das Heer durch erhöhten Sold an sich fesselte u. sich 406 zum Herrn der Stadt erklärte. Er erneuerte Len Krieg gegen die Kavthager, die Selinus, Himera, Agrigent, Gela erobert hatten n. in einem Frieden von den Syraknsanern die Anerkennung ihrer Herrschaft über die westl. Hälfte Siciliens erlangt hatten. Nach langem Kampfe mußte Dionysius diesen zwar den westl. Theil der Insel einräumen, er selbst aber unterwarf den Südosten u. griff durch die Eroberung von Region sogar herrschend auf das italische Festland hinüber, wo er selbst am adriat. Meer die Städte Ankona u. Hatria im Paduslande unterwarf. An seinem künstlerisch u. wissenschaftlich glänzendem Hof war selbst Plato Gast. Unter seinem Sohne u. seit 367 NachfolgerDionysius ll. begannen die Unruhen von Neuem. Nach herbem Willkürregi- ment stürzte ihn sein Verwandter Dion, der vergebens persönlich u. durch Plato auf ihn znm Heile des Staates zu wirken versucht hatte und 366 verbannt worden war, indem er mit 800 Söldnern von Griechenland zurückkehrte u. 357 die Stadt besetzte. Dionys behauptete sich noch eine Zeit lang in der Burg, begab sich aber dann, als er dieselbe übergeben mußte, nach dem italischen Locri, wo er mit gleicher Grausamkeit herrschte. Dion sührte in S. eine gemäßigte u. freisinnige Herrschaft ein, ward aber bei seinem Streben, die zügellose Demokratie in eine Aristokratie umzuwandeln, durch die Verschwörung des Atheners Kallippos 353 in seinem Gemache ermordet. Dauernde Unruhen führten im J. 346 den Dionys noch einmal zurück, der jetzt in noch verschlimmerter Weise regierte. Seiner Grausamkeit müde u. zur Rettung des durch die inneren Wirren u. wieder von den Karthagern bedrohten Staates, baten die Syraknsaner Hilfe von den Korinthiern. Diese sandten den Timoleon, der 344 ven Dionysius zur Niederlegung der Regierung zwang u. darauf die Karthager durch einen großen Sieg am Krimisos 342 fast alle griechischen Städte auf Sicilien frei zu geben uöthigte. Timoleon verknüpfte die Griecheustädte, deren Tyrannen er vertrieb, zu einer Symmachie, ließ in S.das Bollwerku. Symbol der Tyrannei, die Burg, niederreißen, zog durch Landvertheiluug und billigen Verkauf von Häusern 60,000 neue Ansiedler nach S. n. begründete die Freiheit von neuem durch die Revision der demokratischen Gesetze des Diokles. 20 Jahre lang dauerte nach seinem Tode im I. 337 die von ihm begründete, bald mißbrauchte Freiheit. Agathokles, ein Töpferjunge, warf sich317 gestützt von der niederen Volksklasse zum Tyrannen auf; in seinem Streben, ganz Sicilien unter seine Herrschaft zu bringen, gerieth er mit den Karthagern zusammen, die ihm seine Eroberungen entrissen und in S. belagerten. Doch schlug sich Agathokles durch, landete in Afrika Syrastrcne u. eroberte dort fast das ganze karthagische Gebiet, während die Syraknsaner das Belagerungsheer zn- rückschlugen u. vernichteten. Aber das vor Karthagos Mauern zurllckgelassene Heer des Agathokles wurde nach seiner Rückkehr von Sicilien aufgerieben; 306 sah er sich gezwungen, den Karthagern ihre früheren Besitzungen in Sicilien zu lassen. Durch unerhörte Grausamkeit und Treulosigkeit entledigte sich Agathokles seinerGegner, schlug die Mißvergnüg- tenu.ausS.Verbannten, diesichnm Deinokratesge- sammelt hatten im I. 304 u. behielt die also befestigte Herrschaft bis zu seinem 289 durch Gift erfolgten Tode. Die alsbald neu entstehenden Wirren erleichterten den Karthagern das Vordringen, bis Pyrrhus, 279 gerufen von dem hartbedrängten S. in den Kampf gegen Karthago trat, aber auch resnl- tatlos; er mußte nach 2 Jahren Sicilien verlassen. Unter ihm hatte sich Hieran zum Heerführer gebildet, der mit Hilfe der Aristokraten in S. die Regierung ergriff. 268 wurde er als Hieran II. zum König ausgerufen. Im ruhigen Besitz seiner Regierung erhielt ihn das Bündniß, welches er 257 mit den Römern schloß, denen er dann im 1. u. 2. Panischen Kriege die treuesten Dienste leistete. Mit seinem Tode 215 sank die Herrlichkeit von S. Sein Enkel Hieronymus stürzte durch feinen Übertritt zur panischen Seite S. ins Verderben. Er selbst fand durch eine Verschwörung 214 den Tod, die Stadt wurde nach fast 3jähriger Belagerung und helden- müthiger Vertheidiguug, bei der sich bes. Archimedes durch die Erfindung n. Anwendung von Maschinen auszeichnete, von M. Claudius Marcellus 212 erobert und geplündert. Epipolä kam zuerst in die Hände der Römer, dann Tyche u. Neapolis; zuletzt, theils durch Verrätherei, theils durch freiwillige Übergabe der Bürger, die Insel u. Achradina. Ar- chimedes kam hierbei um. Seit dieser Zeit hat sich S. nie mehr zu der früheren Blllthe erholt; die Römer erkannten es wohl als freie Stadt an, als aber Augustus eine Kolonie hiusandte, war die Bevölkerung bereits so gesunken, daß sie sich auf die Insel Ortygia beschränkte, während die übrigen Theile verfielen. Auch das heutige Siragosa (Siracusa) nimmt unr die Insel Ortygia ein. Gegen Ende des 5. Jahrh. u. Chr. wurde'S. vondentschen Völkerschaften, welche zur See ankamen, bes. von den Vandalen, 884 aber von den Sarazenen ausgeplündert und erholte sich seitdem nie wieder. 1194 schenkte Kaiser Heinrich VI. S. Len Genuesen, die er zum Kampfe gegenTancredvon Lecca, König von Sicilien, der in demselben Jahre st., gewonnen hatte; doch befreite sich S. mitHilfe der Pisauer bald wieder. 1210 eroberten die Genuesen S. wieder. S. kam dann unter span. Herrschaft u. wurde Residenz des Statthalters. Im Frieden zu Utrecht 1713 kam ganz Sicilien als Königreich an Savoyen. Als die Spanier 1718 Sicilien wieder Wegnahmen, bildete sich die QuadrupelallianzzurAusrechterhaltungdesUtrechter Friedens,insolge deren Österreich i.J. 1720 Sicilien mit S. bekam, doch 1737 im Frieden zu Wien mit Neapel als Secundogenitur an Spanien wieder überließ. S. litt bes. 1100,1542,1693 U.1735 sehr durch Erdbeben. Cicero gibt Vorr.IV. 53 ff. eine Beschreibung von S. Vgl. Arnold, Gesch. von S., Gotha 1816. Brunst cisl'resls.rsvsioreiisssurlssstadiis- ssmsnts äss 6rsos en Neils, Par. 1845. Schmitz. — Syrien. 141 Syrastrcne bei den Griechen das indische Land Gudscherat fs. d., altindisch Snraschtra.) Syrien. Das Land an der OKüste des Mittel. Meeres von der Bai von Jskenderun bis zur Landenge von Suez, im S. u. S-O. von der syrisch-arabischen Wüste, im O. von Mesopotamien u. im N. von Kleinasien begrenzt. Die Küste ist fast gar nicht gegliedert und bildet in ihrer südl. Hälfte fast eine gerade Linie; Vorgebirge sind (von S. nach stk. fortschreitend) Cap Carmel, Ras es Schaka, N. Jbn Hani, R. el Basit, R. el Chansir. Die wenig zahlreichen Häfen sind durch die von W. herkommenden, u. an der Küste S-s nach N. sich wendende Meeresströmung größteutheils versandet. Die vertikale Gliederung zeigt reichere Formen; dicht an der Küste steigt steil ein Kalkgebirge empor, von weitem öd u. unfruchtbar aussehend, aber sehr gut angebaut. Der nördl. Theil desselben ist der Alma Dagh an der OKlüste des Golfes von Jskenderum, seine Ausläufer stehen mit dem SRande des Kleinasiatischen Plateaus in Verbindung; im Dschebel Musa (1668 m) fällt er steil zum Ras el Chansir ab. Südl. des Orontesdurchbruches erhebt sich mit dem DschebelAkra (1769 m)das Nusairieh Gebirge, das einen breiteren Kllsteusaum frei läßt; östl. der Hafenstadt Tarabulus schließt sich an diesen niederen Gebirgszug der Libanon, der im Timarun 3212 m ansteigt; gegen S. nimmt er an Höhe allmählich ab u. geht in das breitere westjordanische Plateau über mit dem Dschebel Tur (Berg Tabor). Gegen O. fallen alle die genannten Gebirge steil gegen das alte Cölesyrien ab, eine tiefe Thalfurche, jetzt el Ghor genannt, die sich etwa vom 34. ° nach N. u. S.erstreckt; der nördl. Theil ist das äußerst fruchtbare Thal des Orontes, welches sich zwischen den Alma Dagh und dem Dschebel Nusairieh gegen W. zum Meeee öffnet. Der südl. Ghor steigt in Terassen mit starren Felsrändern zur tiefsten Thalfurche der Erde, Jordan u. todtes Meer, dessen Spiegel unter dem 'Niveau des Mittelmeeres liegt. Parallel mit den genannten westl. Gebirgen bildet ein zweites Gebirgs- system den ORand des Ghor. Im S. ist es das Ostjordanische Plateau; weiter nach N. der Antilibanon im Gr. Hermon zu 2960 m ansteigend, welche gegen O. in die von einzelnen Wadi zerrissene Wüstenplateaus übergehen. Ganz im W. erhebt sich die Hoch- ebene des Hauran bis 1720 m. Geognostisches s. Asien, S. 205, 2. Sp. An Flüssen sind zu erwähnen: Nahr-el-Asy (Orontes), der das nördl. Ghor durchströmt, den See von Homs bildet u. den Abfluß des Sees von Antiochia mit dem Jfrin aufnimmt; der Nähr el Kasimijeh od. Leontes, u. der Jordan. Am Rande der Wüste liegen mehrere Sumpsseen. Das Klima ist im Sommer bei fast immer,wolkenlosem Himmel heiß u. nach der Wüste zu fast unerträglich, bes. wenn Glühwinde (Samum) eintreten. Dagegen ist im Sommer der Aufenthalt auf den Gebirgen, bes. ans dem Libanon, angenehm. Der Winter ist gelind. Die Bodencultur ist im Ganzen recht gut, namentlich bei Berücksichtigung der durch die Steilheit der Berge bedingten Schwierigkeiten; im O., wo nur Beduinenhorden streifen, wird wenig Ackerbau getrieben. Produkte: Pferde, Manlthiere, Esel, Rinder (ein kleiner Schlag), Schafe mit Fettschwänzen, Ziegen (mit laugen herabhängenden Ohren), ^Kameele, Gazellen, wilde Schweine, Ranbthiere 142 Syrien. (Panther, Leoparden, Schakals rc.), Seide (im Libanon), Baumwolle, vortreffl. Weintrauben, Wein (bes. im Libanon u. in Jerusalem), Bananen, Datteln, Feigen, Mandeln, Pinien, Citronen, Pomeranzen, Apfelsinen, Oliven, Honig, Tabak; Gemüse verschiedener Art, Zucker-u. Wassermelonen; Getreide: Weizen, Gerste u. bes. Durra. Die berühmten Ce- dernwülder des Libanon sind bis auf einige Haine gänzlich verschwunden s. Libanon. S. gehört zu der Asiat. Türkey bildet die Prov. Scham (eibentl. Syrien) u.Haleb n.dasMutossariflikDschebeli-Libanon. Die Zahl der Einw. läßt sich nur annähernd schätzen und wird über 2 Millionen Seelen angegeben. Ihrer Abstammung nach sind sie Araber, eigentliche Syrier, im Libanon Maroniten und Drusen; außerdem in den Städten zerstreut Türken, Armenier, Griechen, Juden und Europäer, bes. auch Deutsche als Ansiedler; auch finden sich Zigeuner, in den nordöstl. Theilen Turkomanen, endlich auch Nubier u. Abessinier rc. Die vorherrschende Religion ist die mohammedanische; inner den Christen welche fast ausschließlich das unter französischem Schutze stehende Muttossariflik Libanon bewohnen, bilden die Maroniten, mit der Römischen Kirche nnirt, die Überzahl; bemerkenswerth sind in der Nähe von Damascns die Reste der alten Syrer (Nestorianer) mit eigener Sprache. Eine große Menge von Klöstern aller Confessionen findet sich in ganz S., bes. im Libanon zerstreut,Handeln.Gewerbe blühen fast nur in den Küstenstädten, jener bes. in den Händen der Franken, Armenier u. Griechen. Auch im Innern des Landes ist in den größeren Städten, wie Damascns,Aleppo u. a.starkerHandelsverkehr durch Karavanenzüge; Jagd n. Fischerei sind ganz unbedeutend; Bergbau wird nicht betrieben. Bgl. Ritter, Erdkunde von Asien (Bd. 16 u. 17), Berl.1852—55; v. Kleiner, Mittelsyrien n. Damascns, Wien 1853; F. v. Raumer, Palästina, 4. A. Lpz. 1860; Zwi- denick, S. n. seine Bedeutung für den Welthandel, Wien 1873; I. Seist, Reisen in der asiatischen Türkei, ebd. 1875; Laborde, VozmZs sn Orient, Par., Didot u. Comp., Prachtwerk, 2 Bde. Tafeln Fol.; Hergt, Geographie oes Gelobten Landes mit Karte, Lpz. 1876; Rattray, Oonntrx liks in 8Mir, Lond. 1876; de Vogue, 8>'ris, Lslestins, mount ^.tiios, Par. 1876; R. Corder, Tenet rvork in Laios- tine, Lond. 1878, 2 Bde. Weitere Literatur s. n. Jerusalem (Stadt), Palästina u. Phönikien. Dronke. Syrien (Gesch.). Die Syrer, die das große Plateau zwischen dem Euphrat u. dem Mittelmeere bewohnten, bildeten mit den Assyrern, Mesopotamien! u. A. einen eigenen semitischen Bolksstamm, den aramäischen, wie denn das A. T. stets den Namen Aram festhielt. So weit wir sehen können, zerfiel in den ältesten Zeiten das Land in einzelne Stadtgebiete mit besonderen Oberhäuptern, u. lassen sich die Reiche Damaskus, Hamath, Maachah, Zoba rc. Nachweisen. Wir hören von dem ägyptischen König Taudmesn III. (1591—1565 v. Ehr.), daß er glückliche Züge gegen die Syrer unter Retennn gemacht habe. Vielleicht stand Retennn an der Spitze einer Conföderation, welche die syrischen Städte zeitweilig unter einander geschlossen zu haben scheinen. Des Thntmosis Nachfolger, Amenhotep III. und vor Allem Ramesu II. d. Gr. (Sesostris, Sesosis bei den Griechen), 1388 bis t 322, erneuerten die Kriegszüge gegen S., doch ohne eine dauernde Herrschaft dort begründen zu können. Erst David, der König der Juden, breitete um 1030 sein Reich bis nach Damaskus aus (vgl. Duncker, Geschichte des Alterthnms, 4. A., Bd. 2, S. 66—69) u. Salomo gründete Thadmor (Palmyra) in einerOaseder syrischen Wüste. Nach der Thcilung des ReichesderJudenänderte sich dasVerhältniß: Asa von Inda (929—873) mußte gegen Badsa von Israel die Hilfe des Königs von Damaskus erkaufen, u. erst Jerobeam II. von Israel (790—740) hob vorübergehend die Macht seines Reiches gegen S. In dem assyrischen Reiche entstanden den Syrern neue Feinde: Salmanassar II. (859—823) eroberte das nördl. S-, u. Tiglath-Pileser IV. (identisch mit dem Könige Phnl) benutzte die Fehden der syrischen Stämme, um die assyrische Herrschaft über ganz S. anszudehnen: er vernichtete das Reich Damaskus. Nach der Zerstörung Ninives u. dem Ende des assyrischen Reiches 605 v. Ehr. kam S. an Nabopolassar von Babylon und wurde 538 mit Babylonien zur persischen Provinz. Vgl. Schräder, Die Keilinschriften n. das A. T., 1872; I. Menant, rlmralss äss rois ci'llso^ris, 1874; Üxpsäibion soisntiücius sir LIssoxotoinis exseubss 1851—1853 pur HulASnos i?rssnoi, Tvlix Tironuw st lalss Oxpert. 331 V. Ehr. wurde S. durch Alexander d. Gr. makedonische Provinz. Bei der zweiten Theilung der Nachfolger Alexanders 321 erhielt Selenkos Babylonien mit S., wurde jedoch von Antigonos verdrängt und zur Flucht nach Ägypten znm Ptolemäos Lagi gezwungen. Durch den Bund dieser Beiden mit Lysimachos u. Kassander wurde nach langen wechselvollen Kämpfen, in denen Seleukos bereits im I. 311 S. wieder gewonnen hatte, AntigonoS 301 bei Jpsus geschlagen u. getödtet, Selenkos I. Nikator (d. i. der Sieger) ist der Stifter des Seleukidenreiches in S., das erst im I. 190 durch den Frieden, zu dem An- tiochos III. d. Gr. von den Römern gezwungen wurde, ans der Reihe der Großstaaten austrat. Bgl. das sehr nützliche Buch von K. Männert, Geschichte der unmittelbaren Nachfolger Alexanders, bes. S. 298 ff., Lpz. 1787. Seleukos I. verlegte die Residenz von Seleukia am Tigris, das er wahrscheinlich noch vor dem Tode des Antigonos erbaut hatte, unmittelbar nach der Schlacht bei Jpsos nach Antiochia am Orontes, welches sich unter den folgenden Königen so sehr erweiterte, daß es Alexandria in Ägypten zur Seite stehen konnte. Das Gebiet des Se- lcnkos bildete das größte der Diadochenrciche, das sich durch seine Eroberungen vom Mittelländischen Meere bis Indien ansdehnte. Noch bei seinen Lebzeiten übergab er die östl. Theile seinem Sohne Antiochos I. Soler (d. i. Retter), dem er auch seine Gemahlin Stratonice, die Tochter des Demetrius Poliorketes, abtrat, als dieser in hoffnungsloser Liebe zu derselben gefährlich erkrankte. Ans dieser Ehe entspringen alle Könige von S. Seleukos selbst wurde, nachdem er den Lysimachos in Phrygien geschlagen u. getödtet hatte, anfdemweiterenZngegcgcnMakedonieninder Nähe der StadtLysimachia vonPtolemäos Keraunos (d.i. der Blitz) i. 1.280 ermordet. Antiochos I. mußte mit dem Mörder seines Vaters, der Makedonien gewonnen hatte, Frieden schließen. Nach der Besiegung der nach S. vorgedrungenen Gallier nahm er den Titel Soter an, war aber im Kriege mit Enmenes I. von Pergamnm unglücklich. In einem neuen Kriege 143 Syrien. mit den Galliern fiel er 261. Sein Sohn Antio- chos II. erhielt von den Milesiern, denen er den Tyrannen Tinarchos vertrieben hatte, den Beinamen Theos, d.i.Gott. Im Kampfe mit Ptolemäos Phi- ladelphos von Ägypten unglücklich, mußte er im Frieden 250 dessen Tochter Berenike nach Verstoßung seiner Gemahlin Laodike heirathen, die jedoch nach Ptolemäos Tode 248 aus Veranlassung der Laodike getödtet wurde. Der Sohn der Laodike, Selenkos II. Kallinikos (d. i. der Sieggekrönte), folgte 247 seinem Vater und gab seinem jüngeren Bruder, Antiochos, Vorderasien bis zum Taurus als Statthalterschaft. Im Kriege mit Ptolemäos Energetes von Ägypten, der die Ermordung seiner Schwester Berenike rächen wollte, stand er seinem Bruder bei, strebte dann jedoch nach der Herrschaft über ganz S. u. konnte erst nach mehrjährigem Kampfe bezwungen werden. Er erhielt wegen seiner Herrschsucht den Namen Hierax, d. i. Habicht. Unter Seleukos II. wurde das syrische Reich noch weiter geschwächt durch den Abfall von Baktrien unter Theodotos u. durch des ArsakeS Sieg 238, der jetzt das parthische Reich gründete. Damit waren die Ostprovinzen verloren u. an Ptolemäos Energetes hatte 239 Phönikien, Palästina u. Cöle- syrien abgetreten werden müssen. Nach einer weiteren Niederlage durchAttalos vonPergamnm starb er im I. 225 v. Ehr. durch einen Sturz mit dem Pferde. Als sein Sohn u. Nachfolger Seleukos III. Kerannos, d. i. der Blitz (Wetterstrahl), den Krieg mitAttalos erneuerte, wurde er auf dem Zuge meuchlerisch ermordet, 224. Ihm folgte, da er kinderlos war, der zweite Sohn des Seleukos Kallinikos, Antiochos III., geb. 242, unter dem das syrische Reich wieder Kraft n. Bedeutung gewann, weshalb sein Name, der Große, nicht ungerechtfertigt erscheint, wenngleich er im Kampse mit den Römern keineswegs Umsicht und Thatkraft, vielmehr große Planlosigkeit bewiesen hat. Vgl. W. Ihne, Rom. Geschichte, 3. Bd., S. 64—132, Lpz. 1872. Antiochos bestieg den Thron mit dem Vorsatze, die früher zum syrischen Reiche gehörigen Provinzen wieder zu erobern. Er wandte sich zunächst gegen Ägypten, wurde jedoch von diesem Feldzüge znrückgerufen durch eine Empörung mehrerer Statthalter im oberen Asien. Nach deren Unterwerfung u. der Eroberung des bisher unabhängigen Kleinarmenien, wandte er sich wieder gegen Aegypten, verlor aber 216 die Schlacht bei Raphia, bestrafte aber seinen Statthalter Achäos in Sardes, welcher die Ägypter unterstützt hatte. Nach großartigen Rüstungen zog er 212 gegen die Baktrer u. Parther, erkannte aber, wenn auch nach manchen glücklichen Kämpfen, endlich die Unabhängigkeit dieser Länder an. Ein Zug nach Indien brachte ihin reiche Beute ein, u. der Krieg init Ptolemäos Epiphaues, der im 1.204, erst bjährig, seinem Vater Ptolemäos Philopator gefolgt war, gewann ihm schon im I. 201 od. 200 v.Chr. Palästina u. Phönikien zurück. Das brachte ihn mit Rom zusammen. Die Römer hatten freilich vergeblich Einspruch dagegen erhoben, da sie zu sehr mit Makedonien u. Griechenland beschäftigt waren; doch ließ Antiochos auf ihre Verwendung von einem Angriff ans das pergameuische Reich ab 199 v. Ehr. Dann schlug er im folgenden Jahre beim Berge Phanion am Jordan ein ägyptisches Heer unter dem Aetoler Skopas u. wandte sich gegen die ägyptischen Besitzungen in Kleinasien u. eroberte in Kilikien n. Karien mehrerefestePlätze. Damitwurdeerabereingcfähr- licher Nachbar der Republik Rhodos, der Bundesge- nossinvonRom,diennn auf alleWeise dieFortschritte des Königs in Kleinasien zu hemmen suchte, allerdings ohne sonderlichen Erfolg. Das wichtige Ephesos siel 196 in Antiochos' Hände, dann setzte er sogar nach Europa über, um Thrakien zu erobern. Dabei suchte er aber aus alle Weise den Bruch mit Rom zu verhindern, n. da die Römer, noch genug mit den griech.- makedonischen Händeln beschäftigt, trotz ihrer anmaßenden, herausfordernden Sprache ihn auch nicht weiter behelligten, so hielt sich diese ziemlich friedliche Stimmung bis 195, wo Hanuibal in Ephesos mit dem Könige ztlsammentraf. Von da an war der Krieg nur noch eine Frage der Zeit n. Gelegenheit. Letztere bot sich, als die der römischen Schutzherrschaft müden Aetoler gegen Rom ausstanden u. den Antiochos einlnden, der Netter der griechischen Freiheit zu werden. Sie versprachen ihm alle griechischen Kantone als Bundesgenossen znzuführeu u. daraufhin eröfsnete Antiochos, ohne auf Hannibals Rath zu hören, den Krieg mit einer Landung in Thessalien und dem Übergange nach Euböa. Aber die meisten Griechen blieben den Römern treu u. nachdem der Cousin Manius Ncilins Glabrio das königl. Heer bei den Thermopylen zersprengt hatte, floh Antiochos nach Asien zurück 191. Seine Flotte wurde in demselben Jahre bei Chios u. im folgenden Jahre zweimal, an der Mündung des Eurymedon und bei Myonessus,von den rhodischen u. römischen Schiffen geschlagen, woraus ein römisches Heer unter L. Cornelius Scipio ungehindert den Hellespont überschritt u. bei Magnesia am Sipylus (nicht weit von Smyrna) den König völlig schlug (190). Im Frieden mußte er alle europäischen u. asiatischen Besitzungen bis zum Taurus abtreten u. Zahlung von 15,000 entmische Talent (76^ Mill. LI) innerhalb 5 Jahren versprechen. Das abgetretene Gebiet kam an Enmenes von Pergamum u. die Rhodier. Antiochos wurde 187 v. Chr., als er bei einem Einfalle ins Land der Elymäer den Zeustempel plündern wollte, von dem erbitterten Volke erschlagen. In der folgenden Zeit bietet das syrische Reich durch Thronstreiligkeiten, Mlnisterherrschaft u. Willkühr der Regenten, sowie Empörungen aller Arten das traurigste Bild völligen Verfalls dar. Von der langen Reihe der ans Antiochos III. folgenden Königs ist nur noch einer zu Bedeutung gelangt, Antiochos IV. Epiphaues, d. i. der Leuchtende, des Vor. Sohn, der als Geisel eine Zeit lang in Nom gelebt u. sich dort Sitten u. Laster augewöhnt hatte, welche seine von Natur trefflichen Eigenschaften völlig verdarben. Bald nach seinem Regierungsantritt, als sein Bruder Selenkos IV. Philopator176 ermordet war, gewann er Phönikien, Palästina und Cölesyrien, die als Heirathsgut an Aegypten gekommen waren, zurück, u. eroberte dann ganz Ägypten bis auf Alexandrien, wurde jedoch durch den römischen Gesandten C.Popillius Laenas geuöthigt,seineTruppenausÄgyptenz»rückzuziehen. In seinem Kriege gegen die Inden, 167—164, war er unglücklich; diese, ihres Glaubens wegen von ihm hart bedrückt, leisteten ihm unter den Makkabäern tapferen Widerstand und besiegten seinen Feldherrn Lysias. Bei der Plünderung des Tempels zu Jerusalem mag ihn übrigens wol der Gedanke geleitet 144 8)'rinAa — Syrische haben, daß der Umlauf dieser Schätze für das Wohl ter Menschen viel besser sei, als wenn sie dem Ver- lehr entzogen wären. Manches, was unter seiner Regierung durch Härte u. Grausamkeit vollbracht ist, fällt jedenfalls seinen schlechten Nathgebern zur Last, gegen die er zu nachgiebig war. Antiochos unternahm zuletzt noch einen Zug gegen den Osten von Asien, auf welchem er aber im I. 163 zu Tabä in Persien starb, einen nnmlindigen Sohn, Antiochos V. Enpator (d. i. der Edelentsprossene), hiuterlassend. Mit ihm beginnen die Thronwirren u. die Gräuel des Verwandtenmordes, unter denen die Macht des Reiches völlig zu einem Schatten herabsank. Er wurde bereits 161 von seinem Verwandten Deme- trios I. Soter ermordet. Übrigens hielten sich trotz der fortwährenden inneren Unruhen u. der Bedrängnisse von außen durch Juden u. Parther unter Alexander Balas, Demetrios Nikator u. Alexander Za- bina Reichthnin u. die Gewerbe in S., u. Handel u. Industrie blühten lebhaft wieder empor, als die Römer das Land zu einer Provinz gemacht hatten. Das geschah unter Antiochos XIII. Asiaticus, Sohn des gegen die Parther gefallenenAntiochosX. Eusebes (d. i.der Fromme),der vom röm.Senatdie Anerkennung als König von S. erlangte (68 v. Chr.), aber von Pompejus nach dem 3. Mithridatischen Kriege 65 v. Chr. entthront u. mit der Provinz Commagene abgesunden wurde. Er war der letzte syrische König aus dem Hause des Seleukos ».wurde von Äugustus 29 v. Chr. wegen Meuchelmordes an einem Gesandten seines Bruders in Rom hingerichtet. Unter Äugustus begann sich das Land, das durch die verwüstenden Einfälle der Parther hart gelitten hatte, von Antonius nach der Schlacht bei Philipp! t.42) durch Contributionen schwer geschädigt war, in welchem dieUnsicherheitderZuständeHandel u.Landbau gehemmt hatten, wieder zu heben u. 200 Jahre hindurch war S. trotz der Habsucht vieler römischer Statthalter beruhigt u. blühend. Der von Gallienus als Mitregent für den Orient anerkannte Odenathus aus Palmyra schützte S. durch blutige Kämpfe gegen die Perser, die er im I. 261 n. Chr. am Euphrat besiegte. Nicht weniger sicherte die Ruhe S-s nach des Odenathus Ermordung 267 seine Gemahlin Zenobia, bis Kaiser Aurelian sie bei Antiochia und Edessa schlug und S. dem römischen Reiche wieder unterwarf (272 n. Chr.). Aber vom 4. Jahrh. an begann der Ruin des Landes. Unter Justinian eroberten die PcrserAntiochia, die Hauptstadt des gau- zeit Orients, u. andere wichtige Städte. DasSassa- nidenreich stürzte wieder Omar, der Begründer der arabischen Herrschaft im Orient, welcher S, u. Damaskus 635 gewann. Moawija I., der Begründer der Omaijadischen Dynastie, verlegte die Residenz von Medina nach Damaskus; die neu eröffnet? Schifffahrt ans dem Euphrat gab dem syrischen Handel neues Leben. Beim Beginn der Kreuzzüge besaßen seldschukische Türken das Land; die von den Kreuzfahrern daselbst gegründeten christlichen Reiche haben nur aus kurze Zeit die mohammedanische Herrschaft unterbrochen, die seitdem nicht mehr ausgehört hat. Mit der im 1.1517 erfolgten Eroberung S-s durch den Osmanensultan Seliin I. blieb S. türkische Provinz, wenn sich auch oft die das Land verwaltenden Paschas empörten. 1759 wurde es von einem Erdbeben verwüstet. Bonaparte unternahm bei seiner Sprache u. Literatur. ägyptischen Expedition auch einen Zug nach S., der anfangs überall erfolgreich war, Jaffa in Napoleons Hände brachte, dann aber an dem uneinnehmbaren, von Engländern vertheidigten St. Jean d'Acre scheiterte. 1822 wurde S. wieder von einem Erdbeben hcimgesncht. 1831 ließ Mchmed Ali, Vicekö- nig von Ägypten, S. durch seine Truppen besetzen, wurde jedoch 1840, nachdem er sich ungemein verhaßt gemacht hatte, so daß mehrere Ausstände, bes. in Damaskus, gegen ihn ansgebrochen waren, durch die Großmächte, mit Ausnahme Frankreichs, welche Beirut u. andere Seeplätze eroberten, zur Herausgabe S-s an die Pforte gezwungen ((.Ägypten). Aber die Pforte erhielt nur eine Wüstenei, eine Einöde voll Ruinen zurück. In neuester Zeit hat S. namentlich durch die Kämpfe der Drusen (s. d.) gegen die Maroniteu wieder die Aufmerksamkeit Europas auf sich gezogen, so daß infolge der blutigen Verfolgungen, denen bes. im Sommer 1858 die Ma- roniten, wie die christliche Bevölkerung von S. überhaupt, ausgesetzt waren, sogar französische Truppen i. 1.1860 eine Zeit lang das Land besetzten. Während des Russisch-Türkischen Krieges 1877—78 kamen vereinzelte Unruhen vor; zur Ausführung von Reformen wurde Midhat Pascha auf 5 Jahre zum Gouverneur ernannt. Vgl. Vogue, 8/ris esntrals, Lrolribssbulö eivils st rsliMsuss äu I au VI sisäs, Par.1866—77,2Bde.; Insvriptions ssruitäguss äs 1a 8., ebd. 1869—77; Burtonu. Drake, Insxplossä 8., Land. 1872; Baugnot, Llsmoire sur 1s reAiws äss tsrrss äaus Iss priueipautsa konässs eu 8xris par IssPravos ä la suits äss sroisaäes, Par. 1854; Cowper, 8ssts in 8Ma, Lond. 1860; de Salverte, I,a 8/riv avant 1860, Par. 1861. Schmitz. 8>einga L. (Lilak), Pflanzengatt, aus der Fam. der Oleaooas (II. 1.), Sträucher oder Bäume mit gegenständigen Blättern u. endständigen, zusammengesetzten pyramidalen Blllthenrispen; Blllthen mit kurzein vierzähnigem Kelch, trichterförmiger, vier- spaltigerBlumenkrone,zweispaltigerNarbe,2 Staubblättern u. einer trockenen, zusammcngedrllckten Kapsel. Arten: 8. vulgaris D. (Spanischer Flieder, Sil- berblüthe, Türkischer Hollunder), Zierstrauch aus Ungarn, mit röthlichen od. blauen, auch weißen, sehr wohlriechenden Blllthen, herzförmigen, eirunden, zugespitzten, ganzrandigen, glatten Blättern. 8. psr- sioa D. (Persischer Hollunder od. Flieder), kleiner, mit lanzettförmigen Blättern, Hellrothen, wohlriechenden Blllthen, ebenfalls Zierstrauch, aus Persien stammend. 8. dünsnsis IVMck., mit eilanzettförmigen Blättern; ebenfalls Zierstrauch; soll aus China stammen. Engter. Syrinx, Naiade, Tochter des Flußgottes La- don, floh vor den Liebesanträgen des Pan n. wurde in Schilfrohr verwandelt, woraus die Panflöte (Syrinx) gemacht wurde. Syrische Christen, so v. w. Nestorianer. Syrische Sprache «. Literatur. Die S. S. ist ein Zweig des Semitischen Sprachstammes u. gehört näher zu der Gruppe der Aramäischen, d. h. der im Gebiete des alten Aramäa (s. d.) u. theilweise auch in den angrenzenden Gegenden gesprochenen Sprachen. Sie bildete mit ihren Dialecten näher den nördlichen u. östlichen Zweig derselben, sofern sie in dem westlichen Mesopotamien u. östlich bis an den Tigris u. später sogar noch theilweise über den- 145 Syrische Sprache u. Literatur. selben hinaus gesprochen ward; noch heute reden nestorianische Christen in der Gegend von Mosul u. in den gebirgigen Gegenden nach dem Urmiasee zu, sowie am Westufer desselben einen syrischen Dialect, das sogen. Neusyrische (vgl. Th. Nöldeke, Gramm, der neusyr. Sprache, Lpz. 1868); auch am Antilibanon wird ein, jedoch andersartiger, neusyrischer Dialect gesprochen. Das eigentliche Syrische ward von den Christen im westlichen u. nördlichen Mesopotamien zur Schriftsprache erhoben u. insonderheit zu Edessa u. Nifibis als solche weiter ausgebildet. Mit allen übrigen aramaischen Dialecten theilt das Syrische gegenüber den verwandten Sprachen eine dürftigere Vocalaussprache, Ersatz gewisser Zischlaute durch Stummlaute, Vorliebe für äußere durch Vor- u. Nachsätze bewerkstelligte Bildungen, die Postposition des Artikels (den sog. 8tatns smptmtieus), sowie auch verschiedene syntaktische Eigenthümlichkeiten. Von Len westaramäischen Dialecten (Bibl. Chal- däisch, Palmyrenisch, Aegyptisch-Aramäisch) unterscheidet es sich ebensowol in lautlicher Beziehung, als auch was die Wortbildung, als endlich auch, was den Sprachschatz anbetrifst mehr oder weniger erheblich. Für den Wortschatz der S-n S. ist der Reichthum eingebürgerter fremder (griechischer, persischer , arabischer, auch lateinischer u. a.) Wörter charakteristisch. Die älteste, in den Manuscripten vor dem 8. Jahrh. n. Chr. übliche Schrift heißt Estrangelo, u. ist mit der der alten Palmyrenischen Inschriften verwandt. Dem Estrangelo nachgebildet ist das Alphabet der Nestorianer. Die jetzige Schrist heißt Peschito, die „einfache", eine Art Cursivschrifr, ebenfalls aus dem Estrangelo hervorgegangen; sie verbindet die meisten Buchstaben am Grund der Zeilen durch horizontale Linien. Nach dem Aussterben der S-n S. wurde es Sitte, das Arabische mit syrischer Schrift zu schreiben, was man nach dem ErfinderCarschunschristnannte. Seitdem 5. Jahrh. n. Chr. wurde die Sprache grammatisch bearbeitet, vorzüglich in Edessa, wo der Sitz u. Sammelplatz der syrischen Gelehrten war. In diesem u. den folgenden Jahrhunderten lebte eine Reihe hervorragender Grammatiker. Um dieReiuigungder Sprache machte sich im 7. Jahrh. vorzüglich Jakob von Edessa verdient; im 10. u. 11. Jahrh. wurde das Syrische durch das Arabische aus den Städten verdrängt, im 12. u. 13. Jahrh. verschwand es auch auf dem Lande u. das Arabische wurde nun auch Schriftsprache. Nur als Kirchensprache hat sich das Syrische bei den Maroniten u. sonst erhalten, über das Neusyrische am Urmia-See s. vorhin. Unter den neueren Hilfsmitteln zur Erlernung des Syrischen sind die Grammatiken von Hoffmann, Halle 1827, neue A. von A. Merx, bis jetzt Heft I. II., ebd. 1867 fs.; Uhlemann, Berl. 1829, 2. A. 1857, sowie die Chrestomathien von E. Rödiger, 2. A. Halle 1868 u. G. H. Bernstein, 2 Thle., Lpz. 1832—36, zu nennen. Lexika: Edm. Castelli, Vsx. 8/r. von I. D. Michaelis, Gött. 1788, 2 Thle.; Payne Smith, Niissg-urus 8^- riaous, Oxf. 1870 ss., Fol. (bis jetzt 4 Hefte). Die,Syrische Literatur, welche zum guten Theil Übersetzungsliteratur ist, blühte bes. vom 4. bis 10. Jahrh. n. Chr. Die vornehmsten syrischen Schriftsteller sind Ephraem, Barhebräus, Dionysius, Johannes, Simeon Stylites u.a. gelehrte Syrer in Edessa u. sonst. Zuerst wurden vom Ende des 2. bis ins 7. Jahrh. mehrere Uebersetzungen des N. Test., dann der griechischen Kirchenväter, bes. der Briefe des Ignatius (s. d. 1), die Osterbriefe des Athanasius (herausgeg. von Cureton, Lond. 1848, deutsch von Larsow, Lpz. 1852), Briefe des Clemens Nomanus (herausgeg. von Beelen, Löwen 1856), die Didaskalia der Apostel (herausgeg. von Lagarde, Lpz. 1854), die Theophanie des Eusebius (herausgeg. von Lee, Lond. 1842, übersetzt von Demselben, Cambr. 1843) rc., ferner der Concilienbeschlllsse gefertigt. Die älteste von den syrischen Uebersetzungen der Bibel heißtPeschito(Peschittho)u. ist wahrscheinlich im 2. od. 3. Jahrh. n. Ehr. angefertigt; sie umfaßt das A. u. N. T., in letzterem fehlen der 2. Petri-, der 2. u. 3. Johannisbrief, der Brief Juda u. die Apokalypse. Sie steht als Übersetzung sehr- hoch, da sie aus dem Originale floß u. der Verfasser sowol der Hebräischen Sprache ganz mächtig war, als auch gute hermenentische Grundsätze befolgte. Zuerst gedruckt in der Pariser, dann in der Londoner Bibelpolyglotte; 1823—26 ließ die Londoner Bibelgesellschaft eine neue Ausgabe besorgen; herausgeg. das N. T. von Moses von Mardin, Wien 1555, 2 Thle., von Tremellins, Genf 1569, dann in den Polygotten u. öfter, so von Gutbier, Hamb. 1664, з. A. Franks. 1731, Trost u. A., das A. T. in alt- и. neusyr. Text, Urmia 1850—53; dazu die Ausgaben einzelner bibl. Bücher. S. Adler, dlovi lest, vorslonss sxr., 1789; I. Wichelhaus, Vs iöl. L. vsrsiono sziriaoa, Halle 1850; Uhlemann, Os vsr- sionuiri lfl. N. sz-riae. usu eritieo, Berl. 1850; Perles, Llslstsms.tal'osoliittlioiiia.iia,, Bresl. 1859; vgl. auch P. de Lagarde, Vs novo tsst. a-ci vsrsio- nnm orientt. üclom scksiiäo, Berlin 1857. Daneben wurde auch zur Hebung des philosophischen, medicinischen u. mathematischen Studiums Aristoteles, Hippokrates, Galenos, Euklides u. Ptolemäos, bes. zu Edessa, studirt u. durch die Nestorianer und Jakobiten übersetzt; ebenso die Geoponika (de Lagarde, Vs Asopouieöu vsrsions s/riava, Berlin 1855; n.A. Lpz. 1860). Die eigenenWerke derS-n L. verbreiten sich über alle Zweige der Wissenschaften , bes. der Theologie, der Liturgik, des Kirchenrechts , der Hermeneutik u. a. Wissensgebiete. Als Schriftsteller sind in dieser Hinsicht zu nennen: Ephraem, Bardesanes, Barhebräus, Titus Bostre- nus, Melito, Ambrosius u. A. Die Geschichte des Orients betreffen das Chronikon des Barhebräus oder Abul Faradsch (herausgeg. von Bruns u. Kirsch, Lpz. 1789), des Dionysius Telmahharensis (herausgegeben von Tullberg, Ups. 1850), die Annalen des Elias, Erzbischofs von Nisibis u. a. m.; noch neu- neu wir die Lots, inni-tzn-uin von St. E. Assemani, I. II. Rom 1748. Vorzüglich wurde zuvörderst die Grammatik (s. o.) und darnach seit dem 9. Jahrh., auch die Lexikographie (Bar Ali u. Bar Bahlul) cultivirt. Über die philosophischen Studien der Syrer schrieb Renan (Vs pkülosoxkiis, psripatstios, apnck 8)'ros, Par. 1852 u. ilvsrross st 1'^vsrrois- ms, ebd. 1852). Eine nationale Poesie der Syrer gibt es nicht; die poetischen Prodnctionen gehören meist in Las Fach des religiösen Gedichtes u. kirchlichen Gesanges; im Formellen beruht der Rhythmus syrischer Verse auf zweizeiliger an - u. absteigender Sylbenbetonung ohne Rücksicht auf Sylbenquanti- tät u. Wortaccent, wodurch etwas Einförmiges in 10 PiererL Universal-Conversatlons-Lexikon. 6. Ausl. XVII. Band. 146 Syrjäni-'n die Gedichte kommt; auch der Reim ist weder ursprünglich, noch allgemein gebräuchlich (vgl. Zin- gerle in der Zeitschrift der Deutschen Morgenländi- schen Gesellschaft, Bd. X., S. 110 ff.). Solche Ge- dichte gibt es von Bardesaues, Ephraem (s. b.) u. A. Die reichsten Sammlungen syrischer Handschriften finden sich in der Vaticana zu Rom, in der Na- tional'Bibliothek zu Paris u. im British Museum zu London. Vgl. I. S. Assemani, Libliotüsea orisnt Llsmentino-vatio., Rom 1719—28, 3 Thle., Fol., Ausz. daraus von Pfeiffer, Erl. 1776, 2 Bde.; S. E. Assemani u. I. S. Assemani, LidliotRseao Va- tioauso ooäicuru manusor. eatalo^ns, 2. u. 3. Thl. Rom 1758.59,so wie die Verzeichnisseder bezüglichen handschriftlichen Schatze der Büchersammlungen zu Oxford u. London. SyrjäncnsSyräuen, Syrjanen), ein früher sehr verbreiteter Volksstamm, zu den östlichenFinnen gehörig, im Ganzen etwa 109,000 Seelen zählend, gegenwärtig noch in denruss. Gouv.Archangel(7000 Seelen), Wologda (64,000 Seelen), Perm und To- bolsk. Die S. sind seit dem 14. Jahr, zum Christenthum bekehrt und bekennen sich zur Griechischen Religion. Mit der Religion haben sie auch vieles von Len Sitten u. der Lebensart der Russen angenommen. Viehzucht n. Jagd sind ihre Licblingsge- werbe; außerdem treiben sie Fischerei, Ackerbau fast gar nicht. Sie zeichnen sich durch Ehrlichkeit u. Fleiß jowol, als auch Lurch Wohlhabenheit vor ihren russischen Nachbarn aus. Ihre Sprache haben sie beibehalten und nennen sich selbst Komi oder Komi- murt. Grammatiken derSyrjän. Sprache lieferten v. d. Gabelentz, Altenb. 1841; Castren, Helsingf. 1844; Wiedemann, Reval 1847. Außerdem vgl. in den Nvmoirss äs 1'Xoaäsmis, 1832; Sjögrens, Arbeiten über den grammatischen Bau der Syrjän. Sprache. Dronke. Syrmien, 1) früher ein eigenes Herzogthum in Slavonien, genannt nach der römischen Stadt Sir- mium (s. d.), umfaßte den östlichen Theil der sogen. Syrmischen Halbinsel zwischen Drau, Save u. Donau. 2) (Szerem) Comitat im österr. Königreiche Kroatien-Slavonien, bildet den nördl. Theil des alten Herzogthums, wird begrenzt von dem Ungar. Comitate Bäcs-Bodrog, dem kroat.-slaw. Comitate Verovitic n. den Grenzgebieten Mitrovitz u. Vin- covcze;2784,is!HIcm(45,2!HM)uiit(1869)122,592 Ew. (auf 1 sljkm 49,g, in ganz Kroatien-Slavonien 49„). Die Bewohner sind meist slawischer Abstammung u. griechischer Confessio». Das Comitat wird von dem weinreichen Vrdnik-Gebirge(Fruska Gora), das im Crveni Cot 537 in hoch ist, durchzogen und hat größteutheils fruchtbaren Boden. Die Donau ist im N. Grenzfluß gegen Ungarn. Producte: Getreide, guter Wein in bedeutenden Quantitäten, Zuchtvieh, Fische, Seidenraupen re. Hanptort ist Vukovär. Das ehemaligeHerzogthum S.standzuerst unter Ungar.Königen, kam später unter dieHerrschaft der Türken, welche es bis 1668 besaßen, dann an die Familie Odelschaldeschi, welche es vom Kaiser kaufte, u. endlich an das Haus Albaui. H- Berns. Syrokomla, Vladislaw, (eigentlich Ludwig Kondratowicz) polu. Dichter, geb. 1823 in Jasko- wica (Litauen), trat, Trost sür seine trüben Lebensschicksale in der Poesie suchend, früh schon mit metrischen Uebersetzunqen der polnisch-lateinischen Dich- — System. ter Jauicki, Sarbiewski, Szymonowicz, Klonowicz (Wilna 1852, 6 Bde.) hervor, schrieb dann zahlreiche, im Volkston gehaltene poetische Erzählungen, die ihn zum Liebling seiner Nation um so mehr machten, als er so ganz in das Fühlen u. Denken der Nation einzudriugen u. es wiederzugeben verstand. Der viel u. schwer Heimgesuchte st. schon ^ 1862 in Borejkowszczyzna. Gesammtausg. seiner Werke Warschau, 1872, 10 Bde. Lagai. Syrien (a. Geogr.), zwei große u. tiefe Busen des Libyschen Meeres an Nordafrika: die Große S. (sortis nm^na,, 8. major, Psyllischer Busen), westlich von Kyrene, zwischen den Vorgebirgen Borion u. Kephalä, hatte 4000 Stadien im Umfang; in ihr lagen mehrere Inseln, wie Gaja, Poutia u. Misynos. Die Fahrt in dieser S. war wegen der niedrigen Küsten u. der Strömungen schwierig; jetzt Busen von Sydra. Die Kleine S. (8. parra, 8. minor, Cercinitischer Busen), westl. von der vorigen, zwischen den Vorgebirgen Zeitha u. Brachodes, hatte 1600 Stadien im Umfange, in ihr lag die Insel Meninx (Lotophagitis, j. Djerba); j. Busen von Gabis. Anden reichen Küstengebieten legten die Punier frühe zahlreiche Colonien an, wie Leptis (j. Lebida), Takape (j. Gabes) u. a., welche die Griechen kurz mit dem Namen r« ^Tiopta bezeichneten. Dw»le. Syrnp, 1) gemeiner (L^rupuo eoinmunw ffol- Is.näisu8, Melasse), die bei dem Raffinireu des Zuckers und beim Gewinnen des Rohrzuckers aus Zuckerrohr übrig bleibende, ans den Formen, in welche der letztere zum Festwerden geschöpft wird, abfließende, infolge ihres Gehalts au Schleimzucker nicht mehr krystallisirende, braune, dickliche, klebrige, sehr ^ süßeFlüssigkeit, in derPharmacie als Wohlseiles Versüßungsmittel mancher übelschmeckender Arzneien, j häufiger aber in der Küche u. Lebkuchenbäckerei gebraucht. Der weiße S. wird bei Bereitung des Candiszuckers gewonnen. Jetzt wird der S. leider durch den bei der Fabrikation von Kartoffelzucker erhaltenen S. in ungeheurem Maßstabe gefälscht. 2) JnderMedicin: a) einfacher S. (8. simxlgx), aus 5 Thln. Wasser u. 12 Thln. seinem Zucker durchAufkochen ».Klären bereiteter, dicklicher Zuckersaft; d) zusammengesetzte S-e werden statt des Wassers mit Aufgüssen vegetabilischer Stoffe, Pflanzensäften od. Emulsionen u. Zucker auf gleiche Weise u. in ähnlichem Verhältniß, wie der einfache S. bereitet u. als Zusätze zu den Arzneien, auch sür sich zum Theil als wirksame Mittel benutzt. 3) Zuckerhaltiger u. mit Zucker vermischter Pflauzensaft, zur Honigdicke eingekocht. In den Haushaltungen macht ! man S. von Birnen--, Kürbis-, Rüben- u. Möhren- 1 säst, welcher wie der Zucker-S. benutzt wird. Jungck. j Syrns, Publilius, s. Pnblilius Syrus. Syssitrn (gr.), s. u. Phiditia. Systalsis (gr.), 1) das Zusammenziehen, Verengen; 2) so v. w. Systole 2). Daher Systal» tisch, zusammenziehend, beengend. System (v. gr. sMsiim, zusammengesetztes Ganzes) , bedeutet zunächst die Gesammtheit zusammengehöriger Dinge; so nennt mau die Gesammtheit der Eiscnbahnstreckeu eines Gebietes ein Eisenbahn-S.; die Gesammtheit der Nerven des Körpers das Nerven-S.; so bilden die Sonne mit allen sie umkreisenden Weltkörperu das Sonnen-(Planeten-)S.; die 5 zum Darstellen der Noten dienenden Linien 147 Systematik das Noten-S.; so nennt man in der Mechanik die Gesammtheit mehrerer, nach irgend einem Gesetze räumlich mit einander verknüpften Punkte einPunkt- S. rc. Neben dieser objectiven Bedeutung hat das Wort S. aber eine subjcctive; danach bezeichnet es die geordnete Verbindung zusammengehöriger Erkenntnisse nach einheitlichen Principien zu einem Ganzen. Durch diese systematische Verbindung wird die Gesammtheit zusammengehöriger Erkenntnisse zu einerWissenschast. Das S. soll die Gesammtheit der zugehörigen Erkenntnißobjecte in solcher Verbindung Larzustellen suchen, wie dieselben in Wirk- lichkeit zu einem Ganzen (einem S. im objectiven Sinn) verbunden sind. Das zur Aufstellung eines wissenschaftlichen S-s dienende Verfahren heißt S v- Hematik. Je nachdem das S. eine Mehrheit gleichartiger Begriffe entweder blos nach durchgreifenden Hauptgesichtspunktcn anordnet, od. eine Mannigfaltigkeit von Erkenntnissen aus den Principien selbst ablcitet, unterscheidet man S-e der Anordnung u. S-e der Entwickelung. Zu den ersteren gehören z. B. die S-e der Zoologie, der Botanik, der Mineralogie, insofern sie sich die Aufgabe stellen, die Mannigfaltigkeit der Thiere, Pflanzen u. Mineralien nach gewissen als Eintheilungsgründe angenommenen Merkmalen einzutheilen u. anzuordnen; wobei wieder ein Unterschied zwischen den sogen, künstlichen S-en, welche einzelne willkürlich gewählte Merkmale als Eintheilungsgründe benutzen, u. den natürlichen S-en gemacht wird, welche die Eintheilungsgründe in dem ganzen Lomplex der die Naturobjecte charakterisirenden constanten Merkmale zu finden bemüht sind. S-e der Entwickelung entstehen, wo die einzelnen Sätze einer Wissenschaft zu den Principien derselben sich wie Folgen zu ihren Gründen verhalten, u. eine strengsystematischc Er- kenntniß ist nur da vorhanden, wo der nothwendige Zusammenhang der einzelnen Lehrsätze mit den letzten Gründen des betreffenden Erkenntnißgebietes streng u. ohne Lücke nachgewiesen werden kann, wie z. B. in den mathematischen Wissenschaften. Überhaupt modificirt sich der Begriff des S-s in den verschiedenen Wissenschaften je nach der Verschiedenheit ihrer Erkenntnißquelle u. der Grundsätze, welche sie als die entscheidenden an die Spitze stellen; so unterscheidet man verschiedene S-e der Philosophie, oder einzelner ihrer Theile, der Metaphysik, der Moral rc., der Chemie, derPhysik, das Ptolemäische u. das Copernikanische S. der Astronomie; der letzten Kategorie nahe stehen diejenigen S-e, welche, wie die verschiedenen Regierungs-S-e, die S - e der Kriegführung, der Heilkunst, des Ackerbaues u. dgl., die Vorschriften für die zur Erreichung eines bestimmten Zweckes dienenden Maßnahmen aus bestimmten leitenden Grundgedanken ableiten. Wumn-nauersl. Systematik, s. System. 8>stLme äo la nsture, Titel eines pseudonym 1770 erschienenen, die Philosophie im Sinne der Encyklo- pädisten behandelnden Buches, das jetzt dem Baron von Holbach (s. d.) zugeschrieben wird. Systole (gr., d. i. Zusammen-, Einziehen), 1) in derPhysiol.die rhythmischeZusammenziehung des Herzens, s. Blut. 2) In der Grammatik u. Metrik die Veränderung od. der Gebrauch eines langen Vo- cals als eines kurzen. Synt, so v. w. Sink. — Szalay. Sywillow, Daniel, russ. Archimandrit, berühmt als Sinologe, war Mitglied der geistlichen Mission für China, lebte von 1828 — 38 in Peking und wurde später Professor der Chines. Sprache an der Universität zu Kasan; er übersetzte Werke aus dem Chinesischen und lieferte eine Beschreibung der Mongolei, Tibet u. Bhutan, welche in dem von der Mission herausgegebenen Sammelwerk (Petersb. 1853) u. auch einzeln daselbst 1854 ff. in mehreren Auslagen erschienen ist. Syzygre (v. Gr., paarige Verbindung, Paar, Zweigespann), in der Astronomie die Conjunclion der Erde mit zwei anderen Planeten, od. mit dem Monde, wo derselbe mit jenen fast in gerader Linie Seht. Es ist dies bei der Opposition der Fall u. kann auch bei der Conjunction (s.d.) eintreten; vgl.Aspec- ten. In der Metrik so v. w. Dipodie. Szabolcs, Comitat in Ungarn, grenzt an die Comitate Szathmar, Bereg, Ung, Zemplin, Haidu- ken u. Bihar; 4917,2t djkm (89, g ÖM) mit (1869) 220,708 Ew. (auf 1 Hstcm 44,g, in ganz Ungarn- Siebenbürgen 48,i). Das Comitat ist ganz eben, hat viele Sodasümpfe u. Moräste. Hauptfluß ist die Theiß, welche theilweise die Grenze bildet. Eisenbahnen: zusammen 126 km. Der Boden ist fruchtbar. Producte: Getreide, Hanf, Flachs, Melonen, Tabak rc. An den Ufern der Theiß gibt es ansehnliche Wälder. Die Haupterwerbsquellen der Bewohner (meist Magyaren) sind Ackerbau, Viehzucht, bes. Rindvieh- ».Schweinezucht, Bienenzucht, Fischfang, Branntweinbrennerei, Soda- u. Salpetersiederei u. Handel. Hauptort ist Nyir-Egyhäza. H- Berns. Szajnocha, Karl, poln. Geschichtschreiber, geb. 1818 bei Sambor in Galizien; widmete sich der Literatur, übernahm 1847 die Redaction der Polnischen Wochenschrift u. arbeitete an der Zeitschrift der Ossolinskischen Bibliothek mit, gründete 1852 das Literarische Tageblatt, erhielt 1853 das Amt als Cu- stos am Ossolinskischen Institut, welches er jedoch 1857 wegen Erblindung niederlegen mußte, u. starb 1868. Von seinen zahlreichen Werken sind zu erwähnen : Loleslarv Odrobrz,, Lemb. 1848; fkiorrvsas oärockösnis kokski, ebd. 1849 (Übergang Polens von den Theilfürstenthümern zur Monarchie); llack- rviZs, 1 flnAieUo, 2. A. Lemb. 1869; Sskics küato- rxerno, ebd. 1854 — 61, 4 Bde.; dann schrieb er auch Dramen u. Erzählungen. Gesammelte Werke, Warschau 1876 sf. Lagai. Szalad, Comitat, so v. w. Zala. Szalankemen (Salankemen), Marktflecken in Slavonien, an der Donau, der Mündung der Theiß gegenüber; starke Salzquelle; 2000 Ew. Sjaläy, Ladislaus v., Ungar.Staatsmann u. Historiker, geb. 18. April 1813inOfen; studirte 1826 bis 1831in Pest Philosophie u. Jurisprudenz, machte seine Praxis dann bei der königl. Gerichtstasel daselbst u. wurde Conceptspraktikaut beim Statthaltereirath in Ofen; 1833 entsagte er dieser Stelle u. prakticirte als Advokat, beschäftigte sich aber hauptsächlich wissenschaftlich; 1837 gab er die juristische ZcitschriftTheinisheraus, bereiste 1838—40 Deutschland, Frankreich, Niederlande, Belgien u. England, gründete 1340 die Buda-Pester Revue, in welcher die damals Ungarn betreffenden politischen u. socialen Fragen besprochen wurden, wurde 1841 Schriftführer bei dem Comite für Ausarbeitung des Ent- 10 * 148 Szamos — Wurfes eines neuen Criminalcodex, sprach 1843 u. 1844 auf dem Reichstage im Sinne der Liberalen, u. zwar bes. für Centralisation und übernahm dann 1844—45 die Redaction des kesti Lirlap. Bei der Bewegung von 1848 nahm er seinen Platz an der Spitze der Codificationssection im Justizministerium, wurde im Mai mit Pazmandy von der ungarischen Regierung mit der Mission nach Frankfurt an di- Deutsche Centralgcwalt betraut, um zwischen Ungarn u. Deutschland ein Freundschaftsbündniß zu schlie- ßen, die jedoch mißglückte, n. ging dann als Gesandter der ungarischen Regierung nach London, wo er jedoch nicht anerkannt wurde. Er lebte daun längere Zeit in der Schweiz, ward, nach Ungarn zurückge- kehrt, 1861 von Pest in den ungarischen Landtag gewählt u. st. 19. Juli 1864 in Salzburg. Er schrieb außer verschiedenen juristischen Arbeiten u. einigen historischen Erzählungen in Ungar. Sprache: rasvÜA törtönsto (Geschichte Ungarns), Lpz. 1850 ff., 6 BLe., deutsch von Wögerer, Pest 1866—75,3 Bde.; NaMar börtsnolmi omkökok (Ungar, geschichtliche Denkwürdigkeiten), ebd. 1856—60,3 Bde.; 6a1au- bs.1 §räk klsrtsrkLr^ Lliklöo, NaZ/arorsrä^ uä- ckora (Nikolaus Esterhazy v. Galanta, Palatin von Ungarn), ebd. 1862—66, 2 Bde. Vgl. Flegler, Erinnerungen an L. V. S., Lpz. 1866. Lagai. Szärnos, linker Nebenfluß der Theiß in Siebenbürgen und Ungarn, entsteht bei Dees aus der Vereinigung der Großen S., welche auf der Grenze der Moldau am Kuhhorn ihren Ursprung hat, und der Kleinen S., welche als Kalte u. Warme S. am NOAbhange des Bihar-Gebirges entspringt; fließt hierauf in nordwestlicher Richtung, nimmt rechts den Lapos u. links die Kraszna auf n. mündet oberhalb Nämeny. Ihr Lauf ist 474 km lang. Szamos Ujvar, so v. w. Armenierstadt. Szapäry, ein altes ungarisches Geschlecht, welches 1722 in den Grafenstand erhoben wurde und Ungarn n. Österreich mehrere bedeutende Militärs u. Staatsmänner gab. In neuester Zeit hat sich aus ihm ausgezeichnet: Graf Ladislaus S., geb. 22. Nov. 1831; trat in ein österr. Cavalerieregiment, wurde 1855 Flügeladjutant des Kaisers u. bereits 1862 Commandant eines Husarenregiments, focht als solcher 1866 in Italien, ward 1869 Generalmajor u. Brigadecommandeur in Pest, 1874 Feldmarschalllieutenant u. Commaudeur der 20. Division. Mit dieser kam er zur Occupationsarmee 1878 nach Bosnien; deren linken Flügel bildend, sollte er Anfang August aus Zwornik Vorgehen, mußte aber bei dem kräftigen Widerstande der Aufständischen den Rückzug gegen die Bosna antreten u. in schrittweiser Vertheidigung des Terrains sich daraus beschränken, die unbeschützte Straße von Brod nach Serajewo, die Hauptoperationslinie der kaiserl. Armee, offen zu halten. Dank seiner ausgezeichneten Führung hielten die Truppen über 14 Tage lang an der Bosna aus, den Insurgenten den Übergang aus das linke Ufer derselben wehrend, bis endlich Verstärkung kam. Die Occupationsarmee wurde im Scpt. neu organisirt u. er dabei zum Commandan- ten des 3. Armeecorps ernannt. Am 15. rückte er wieder auf der Linie Tuszla-Doboi vor, überall die Insurgenten zersprengend, u. mit der Vereinigung seines Corps mit dem 4. war Nordwest-Bosnien pacificirt — S-s Werk. Nach vollendeter Occn- Szczawnica. pation erhielt er im Octbr. 1878 das Militärkommando in Temesvär. Szarvady, s. Clauß. Szartias, Marktflecken im Ungar. Comitat Bc- kes, am Körös; evangel. Gymnasium; starke Vieh, zucht; 1869: 22,446 Ew. S. war früher befestigt u. eine bedeutende Stadt, kam aber durch wiederholte Belagerungen sehr herunter. Noch 1685 wurde der Ort verwüstet u. erst seit 1722 wieder von evangelischen Slawen bevölkert, worauf er 1731 das Marktrecht erhielt. Szäsz, Karl, Ungar. Schriftsteller,geb. 15.Juni 1829 zu Nagy-Enyed, wo er auch studirte u. 1847 eine seiner poetischenErzählungenpreisgekröntwurde. Die Revolution riß auch ihn mit fort, aber nachdem er für sie als Honved gekämpft, studirte er Theologie n. nach längerer Thätigkeit als Gymnasiallehrer, dann als calvinistischer Seelsorger, kam er 1865 in den Reichstag u. endlich 1867 als Sectionsrath in das Cnltus- und Unterrichtsministerium, inzwischen von der Akademie wie von der Kisfaludyschen Gesellschaft znm Mitglied ernannt u. mehrmals mit Preisen ausgezeichnet. Sein Hauptfeld ist die Lyrik und die poetische Erzählung, dann besitzt er aber auch ein hervorragendes Übersetzertalent, wovon seine Übertragung des Nibelungenliedes, der Goetheschen Gedichte (2 Bde.), Shakespearescher u. Molidrescher Stücke rc. ins Ungarische Zeugniß oblegen. Szathmär (Szatmär), 1) Comitat in Ungarn, wird von den Comitaten Bereg, Marmaros, Szol- nok-Doboka, Szylagy,Bihar u. Szabolcs begrenzt; 6491,22ÜKm (117,gsiM) mit (1869) 308,883Ew. (auf 1 sUslcm 47,5, in ganz Ungarn-Siebenbürgen 48,Z. Der Boden ist im N.u.O.durchAusläuferder Karpathen gebirgig, im übrigen Theil eben u. theil- wcise sumpfig. Flüsse: Theiß, Szamos, Kraszna, Tur.Batar u. a. Eisenbahnen: Ungar. Nordostbahn mit 75 km. In der Ebene ist das Klima mild u. warm u. der Boden fruchtbar. Products: Weizen, Mais, Flachs, Hanf, Tabak, Obst (namentlich Kirschen u. Zwetschen, aus letzteren wird Slibowitz gebrannt), Kastanien, Wein, Melonen; Rindvieh, Schafe, Schweine, Wild, Fische, Krebse, Bienen (Honig u. Wachs bilden einen bedeutenden Handelsartikel); Gold, Silber, Kupfer, Antimon, Schwefel, Chalce- don, Jaspis rc. 2) (S.-Nemethi) Hauptort darin, königl. Freistadt, besteht aus zwei durch den Szamos getrennten Theilen, Station der Ungar. Nordostbahn; Sitz eines römisch-katholischen Bischofs (seit 1804) mit Kathedralcapitel u. Konsistorium, Obergymnasium , bischöfliche Schullehrerbildungsanstalt, theologische Diöcesanlehranstalt, bischöfl. Seminar, Convent der Barmherzigen Brüder (seit 1834), Institut der Barmherzigen Schwestern (seit 1842), Fabrikation von Slibowitz, Leinwand u. Töpferwaa- ren, Handel, namentlich mit Wein u. Slibowitz; 1869: 18,353 Ew. 1680 wurde S. vom Fürsten Apafi belagert. Hier 1. Mai 1711 Vertrag zwischen dem Kaiser Joseph I. u. den ungarischen Malcontenten, wodurch der zwischen Leiden seit 1704 dauernde Krieg beendigt wurde. H. Berns. Szathmary, Joseph, so v. w. Szigligeti. Szczalvnica, Dorf u. starkbesuchter Badeort im galiz. Bez. Nen-Sandec (Österreich), am NAbhang der Karpathen, hart an der Ungar. Grenze; mit sieben theils alkalisch-muriatischen, theils eisenhaltigen 149 Szczuczyn — Szekely Keresztur. Säuerlingen, Trink- u. Badeanstalt n. (1869) 1724 Ew. Die Heilquellen stehen in Ruf bei Katarrh der Bronchien, der Harn- u. Gallenblase, bei Nierensteinen, Gicht rc. In der Nähe das Dorf Czorsztyn mit der majestätischen Ruine eines uralten Schlosses. Szczuczyn, s. Schtschntschin. Szechenyi, ein altes ungar. Adelsgeschlecht, welches 1697 den Grafenstand erhielt u. bei aller Anhänglichkeit an die Habsburgische Dynastie doch stets energisch siir die verbrieften Rechte und Freiheiten der Magyaren eintrat, wie der Erzbischof Paul zu Rakoczys Zeiten, aber auch für die wissenschaftliche Hebung ihres Vaterlandes Bedeutendes leisteten, wie der Obergespan Graf Franz (gest. 20. Dec. 1820), der das Rationalmusemn in Pest gründete. Lessen jüngster Sohn, Graf Stephan, zeichnete sich ebenfalls als ungar. Staatsmann aus. Geboren 21. Sept. 1792 in Wien, diente er zuerst im ungar. Insurrectionsheer gegen die Franzosen, trat 1809 in österr. Militärdienste u. machte die Kriege 1813 bis 1815 als Rittmeister bei Merveldts Uhlanen mit, ging nach dem Frieden auf Reisen nach Deutschland, England, Frankreich, Spanien u. dem Orient und nahm 1825 den Abschied, um als Abgeordneter in Len ungar. Reichstag zu treten. Hier suchte er vor Allem einen Bürgerstand zu gründen, unterstützte die Donaudampfschifffahrt, den Seidenbau u. die Industrie und gründete zur Ausbildung einer Nationalliteratur 1830 die Ungarische Akademie, 1832 das ungarische Nationaltheater u. das Conservatorium der Musik, für seine Standcsgenossen die National- casinos zu gemeinsamen Besprechungen über die Hebung des Nationalsinnes u. die Pferderennen zur Veredelung der einheimischen Thiere; er verwandte sich für die Herstellung einer stehenden Brücke zwischen Pest und Ofen, war auch Commissar bei der obersten Leitung der Regulirungsarbeiten am Eisernen Thor. 1846 wurde er Präsident der Communi- cationsabtheilnug bei der Statthalterei u. bewirkte die Theißregulirung. Auf dem Reichstage 1847 trat er in scharfe Opposition gegen Kossuth u. den ungarischen Ultraliberalismus, den er stets perhorre- scirte. Nach dem Ausbruche der Revolution 1848 nahm er noch theil an den Sitzungen der Legislative, trat im April in das unter Batthyanyi gebildete Ministerium n.übernahm das Portefeuille der öffentlichen Arbeiten u. des Handels; aber erregt durch die extremen Pläne Kossuths, die er nicht abwenden konnte, wurde er im September geisteskrank und sprang während eines Ansalles von Irrsinn bei Gran vom Dampfschiff in die Donau, wurde jedoch gerettet n. in die Privatirrenheilanstalt zu Döbling bei Wien gebracht, wo er sich allmählich körperlich u. geistig wieder so weit erholte, daß er auch den öffentlichen Dingen wieder seine Aufmerksamkeit zuwandte und bei aller Anhänglichkeit au die Habsburger mit der Feder wieder für Ungarn wirkte. Deshalb von der Polizei für den Verfasser einer das Bachsche Regiment aufs Schärfste geißelnden Schrift gehalten u. durch eine Haussuchung aufs Äußerste gereizt und gekränkt, verfiel er wieder in Trübsinn u. erschoß sich in der Nacht vom 7. zum 8. April 1860. Er wurde in der Familiengruft zu Groß-Ziukendorf beigesetzt. S. schr. u. a.: llitsk (Über Len Credit, deutsch Lpz. 1830); ViläA, Licht od. aushellende Bruchstücke und Berichtigung einiger Jrrthümer u. Vorurtheile, Pest 1832; Einiges über Ungarn, ebd. 1839; Politische Programmfragmente, Lpz. 1847, 2 Thle. Vgl. A. Csengery, Ungarns Redner u. Staatsmänner, Wien 1852, 2 Bde.; Falk, Ein Charakterbild S-s in der Österr. Revue 1866; Lonyay, Graf Stephan S. u. seinehinterlassenenSchriften,deutschPest1875.LagLi.* Szegedin (Szeged), köuigl. Freistadt u. Hauptstadt im ungar. Comitat Csongrad, am Einfluß des Maros in die hier schiffbare Theiß, über welche eine L-chiffbrücke u. eine Eisenbahnbrücke führen, Station der Alföld- u. der Österreich. Staatseisenbahn; besteht aus der eigentlichen Stadt u. fünf Vorstädten; Sitz der Comitatsbehörden, altes festungsähnliches Schloß (jetzt Gefängniß), Minoriten- (seit 1742) u. Franciscanerkloster (seit 1468), Piaristencollegium (seit 1720), Institut der Schwestern der christlichen Liebe, Obergymnasium, Oberrealschnle, Lehrerprä- parandie, Bürgerkrankenhaus, Theater,Hauptschiffswerste für die Theißschiffe, Papier-, Schnupftabak- und Sodafabriken, bedeutende Seifensiedereien (die S-er Seife berühmt), zwei Jahrmärkte, welche zu den besuchtesten des Landes gehören, lebhafter Handel mit Salz, Getreide, Tabak, Holz u. Holzwaaren rc., Tabakbau; 1869: 70,179 Ew. S. war ehemals eine starke Festung u. gehörte schon zur Zeit des Matth. Corvinus zu den berühmtesten Städten Ungarns. Hier 13. Juni 1444 zehnjähriger Waffenstillstand zwischen Türken und Ungarn; im Dec. 1458 Landtag, auf dem die ungarischen Stände den Kneg gegen Friedrich Hl. beschlossen. 1551 eroberten die Türken S.u. bauten eine Festung, welche sich 1686 den Österreichern ergeben mußte. 1715 wurde S. zur königlichen Stadt erhoben. Von 1831 bis 1848 war die Festung Staatsgefängniß für politische Verbrecher aus dem Lombardisch-Benetiani- schen Königreiche. Im Febr. 1849 wurde S. zweimal vergeblich von Len Österreichern gestürmt; im Juli 1849 wurde die Negierung u. der Landtag von Pest hierher verlegt. Hier 2. Aug. 1849 Sieg Hay- naus über die ungar. Insurgenten. H> Berns. Szeghnlom, Marktflecken im Ungar. Comitat Bekes, am Berettyö-Kanal; 1869: 7255 Ew. Szegled, Marktflecken, so v. w. Czegled. Szegszärd, Marktflecken u. Hauptort im Ungar. Comitat Tolna, am Sarviz; Sitz der Comitatsbe- hördeu, Kloster der Barmherzigen Schwestern, Spital, Obst- n. vorzüglicher Weinbau, Viehzucht; 1869: 11,069 Ew. Westlich davon das sogen. Ma- ria-Bründl, das von zahlreichen Wallfahrern besucht wird. Szekely, Berthold, bedeutender Ungar. Historienmaler, geb. 1835 in Klansenburg; bildete sich in Wien n. München und stellte bereits 1860 seine Auffindung der Leiche Ludwigs II. zu Mohacs und 1861 sein großes Bild Doboczy aus, beide im Nationalmuseum in Pest. Nach zweijährigem Aufenthalte in Pest, 1862 — 64, arbeitete er in München im Nationalmuseum, daun wieder in Pest, bis es ihm durch Gewährung eines Stipendiums möglich wurde, die großen Kunstsammlungen rc. in Paris, Brüssel, Antwerpen, Amsterdam, Haag rc. zu studiren. Zurückgekehrt, wurde er Professor an der kgl. Landesmusterzeichenschule in Pest. S. hat auch viel für illustr. Blätter gezeichnet u.danu in gelungener Weise die Gedichte von Eötvös u. Petöfi illustrirt. Szekely-Keresztnr, Flecken im siebenbürg. 150 Szekler - Comitat Udvarhely, am Großen Kokel; Gymnasium, Lehrerpräparandenschule, starke Siebfabrikation; 1860: 2712 Ew. Szekler, so v. w. Grenzwächter, nach And. von Szek, Sitz oder Stuhl (indem nach altmagyarischer Sitte jeder Gerichtsbeisitzer zum Gerichte seinen Stuhl mitbrachte, wonach ihr Bezirk Szekely u. sie selbst S. genannt wurden), ein besonderer magyari- scher Volksstamm, welcher für einen Rest der ersten Hunneneinwanderung gehalten wird. Die S. sind nicht sehr groß, aber stämmig, sehr betriebsam, zuverlässig, tapfer und kühn, gefällig u. gastfrei, die Weiber sittsam u. keusch. Um so unerklärlicher ist die Erscheinung, daß von ihnen Mädchen verhandelt werden, die nach Jnnerasien gehen sollen. Ackerbau ist Hauptbeschäftigung, doch treiben sie auch manche Gewerbe, namentlich fertigen sie die Stoffe zu ihrer Kleidung selbst. Die S. sind meist unitarischer Confessio», sprechen einen wenig verschiedenen Dialekt des Ungarischen, bewohnen die östlichen u. südöstl. Districte Siebenbürgens, das Land der S., und hatten bis zur Bereinigung Siebenbürgens mit Ungarn 1867 eine besondere Verfassung u. mancherlei Vorrechte,die aber damals aufgehoben wurden. Bis 1876 war das Land der S. in 5 Stuhlbezirke ein- getheilt; seitdem sind aus demselben, mit Ausnahme einzelner Theile, welche zu anderen Comitaten geschlagen worden sind, hauptsächlich die Comitate Cstk, Udvarhely u. Hüromszek gebildet worden. Vgl. B. Orban, ^ sröLelxkölck Isiräss, törtsnslmi, rsZs- 82 sti, tsrmssrsbrajiü 8 uspiamei srsmponbdät (Beschreibung des S.-^andes vom historisch-archäologischen, Naturwissenschaft!, u. ethnograph. Standpunkte), Pest 1869,2 Bde. Unter dem Titel: Lrwlcslx vaärorsalr (Wilde Rosen der S.) hat Kriza die Volkspoesien der S. 1863 in Pest herausgegeben. H- Berns. Szell Koloman, nngar. Finanzminister, geb. 8. Jan. 1842 zu Rätöt im Eisenburger Comitat; machte seine Studien in Pest u. Wien und war seit 1867 Mitglied der sämmtlichen ungarischen Reichstage, mehrere Sessionen hindurch auch Schriftführer, 1874 Mitglied der Einundzwanziger-Commission, welche einen Plan zur Regelung der Ungar. Finanzen auszuarbeiten hatte. 1875 beim Rücktritt des Ministeriums Bittö wurde er Finanzminister u. hat das Verdienst, wenigstens möglichst aus Regelung der Staatsfinanzen hingearbeitet zu haben. In dieser Arbeit aber durch die OccupationBosniens, der er nur unter der Bedingung möglichst kurzer Dauer und möglichst geringer Kosten zugestimmt hatte, gestört, forderte er Oct. 1878 seine Entlassung u. erhielt im Grafen G. Szapary seinen Nachfolger. Szemere, Bartolomäus, ungarischer Staatsmann u. Schriftsteller, geb. 27.Aug.1812 zuVatta im Borsöder Comitat; studirte 1832 — 34 in Preß- burg Jurisprudenz und kehrte darauf in seine Hei- math zurück; 1836 bereiste er Europa u. 1841—42 Ungarn, Slawonien u. Kroatien u. wurde nach seiner Rückkehr zum Oberstnhlrichter und 1846 zum Vicegespan in Borsöd erwählt, auch 1843 u. 1847 olsDeputirter ans den Reichstag geschickt, wo er als Secretär sungirte; bei den Ereignissen von 1848 zeigte er sich als AnhängerKossuths u. stand diesem auch bei den Geschäften der provisorischen Regierung zur Seite. Im Dec. 1848 ging er als Reichs- commissär nach Oberungarn, wo er 5 Monate lang - Szigcth. gegen die Österreicher wirkte. Nach derUnabhängig- kcitserklärung (14. April 1849) übernahm er das Präsidium des neuen Cabinets, mußte aber nach der Waffenstreckung Görgeys bei Vilägos (13. August 1849) fliehen und entkam über Constantinopel und Griechenland nach Paris. Von hier aus schrieb er ein bes. gegen L. Kossuths kopfloses Verfahren gerichtetes Pamphlet: Ludwig Batthyänyi, Arthur Görgei u. Ludwig Kossuth (Hamb. 1851). Früher schrieb er: Iltaöüs ünlkölckön (Reise im Anslande), Pest 1840, 2 Bde.; Isrrs jg-vltökosstzärnak a maAÜn^- rsoäWsr 82 srint (Plan einesBesserungshanses nach dem Zellensystem), Kaschau 1839; ^ Iralälbüntstss- rL1(vonderTodesstrafe),Pest 1840 rc. 1865 machte er von der Amnestie Gebrauch u. kehrte in sein Vaterland zurück. Hier aber fand er sich in vielen Hinsichten enttäuscht; sein Geist verdüsterte sich mehr u. mehr; 1869 st. er in der Privatirrenanstalt zu Ofen. Eine Gesammtausgabe seiner Werke erschien 1869 in Pest. Booch-Arkossy." Szent, 1) (nngar.) so v. w. Sanct. 2) S.-An° draI, Dorf im Ungar. Comitat Bekes, am Körös; (1869) 6083 Ew. 3) S.-Gäl, Dorf im Ungar. Comitat Veszprim,im Bakonyerwalde; Schafzucht, Korn- und Sägemühlen; (1869) 3533 Ew. Dabei die Glashütten Kab u. Neuhütten. 4) S.-Tamüs (St. Thomas), Marktflecken im Comitat Bäcs, am Franzens-Kanal; Viehzucht, Weinbau; (1869) 9634 Ew. Hier 19. Aug. 1848 vergeblicher Sturm der Ungarn auf die Schanzen von S.-T., das erst Ende 1848 von den Ungarn genommen, von ihnen aber im Mai 1849 geräumt u. im Juni wieder von den Österreichern besetzt wurde. Szentes, Marktflecken im Ungar. Comitat Cson- grad, am Kurcza n. dem Kontra-See, unweit der Theiß; mehrere Kirchen, Gymnasium, Acker-, Obst-, starker Weinbau ».Viehzucht; (1869) 27,658 Ew. — S. ist ein alter Ort, welcher 1239 zu Groß-Ku- manien gehörte, aber zur Zeit des Matthias Cor- vinus zur Bekeser Gespanschaft fiel u. um 1686 zu Csongrad geschlagen wurde; 1241 wurde es von den Kumaniern geplündert; 1530 nahm es die Reformation an. Hier 1686 Sieg der Kaiserlichen unter Veterani über die Türken. 1760 brannten G des Ortes ab. Szepes, Comitat, so v. w. Zips. Szigcth (Sziget), 1) (Marmaros-S.) Hauptstadt des Ungar. Comitats Marmaros, unweit der Mündung der Jza in die Theiß, Station der Ungarischen Nordostbahn; Sitz der Comitatsbehörden u. einer Montandirection, Collegium der Plansten (seit1730), katholisches Unter- u. reformirtes Ober- Gymnasium, Lehrerpräparandie, Hospital, große Steinsalzniederlagen; (1869) 8833 Einw. In der Nähe die Dörfer Szlatina, Rünaszek und Sugatag mit sehr ergiebigen Salzbergwerken. Hier 7. Juli 1862 große Feuersbrunst. 2) (Szigegtvär), Marktflecken im nngar. ComitatSomogy, amAlmäs, Station der Fünfkirchen-Barcser Eisenbahn, noch mit Schanzen umgeben; Schloß, Franciscanerkloster, Fabrikation von Zucker und Pfeifen. Bierbrauerei; (1869) 4703 Ew. — Das seste Schloß, angeblich von einem Griechen gegründet, wurde durch Ferdinand I. sehr verstärkt. Bei der tapfern Vertheidig- ung desselben gegen die Türken unter Soliman vom 4. Aug. bis 8. Sept. 1566 fand der Gras Niklas 151 Szigligeti - Zriny mit allen den Seinigen den Heldentod. Ein Denkmal erinnert daran. H- Berns. Szigligeti (eigentlich Szäthmary), Joseph, hervorragender magyar. Schauspieler, Dramatiker u. Dichter, geb. 1814 inGroßwardcin; war erst seit 1832 Ingenieur, ging aber ans Neigung 1834 znm Theater über, infolge dessen er mit seinem Vater zerfiel u. seinen ursprllnglichenNamen änderte. Zuerst an dem Theater in Ofen thätig, begab er sich nach Pest, als dort das LlaAzmr Lmnlrär; (ungarische Na- tionalthcater) gegründet worden war, an welchem er später Secretär ».Regisseur wurde. Er schr. an 200 Dramen, hauptsächlich Lustspiele, einzelne Trauerspiele, z. B.: Varul; Korona ss Karl; -41 Knckio; ülätzms üa; IV. lotvän; III. Lola; Lüraa; Van- üor srinoorolc; 2aolr unoleäi; ^släö; Lröleöbb lea- tona; Köb pisrtolzr; Ooilcöo; außerdem lieferte er verschiedene Beiträge über die geschichtliche Entwickelung des magyarischen Schauspiels u. schließlich eine nationale Dramaturgie: K clräma ös vallasal (Das Schauspiel u. seine Gattungen), Pest 1874. Gleichzeitig schuf S. eine bis dahin in Ungarn noch nicht versuchte Darstellung des Volkslebens mit den originellen Volksliedern in höchst charakteristischen Bühnenstücken, was sich als eine sehr glückliche u. dankbare Neuerung erwies. Schon zu Anfang der 40er Jahre wurde S. durch die Aufnahme in die Kisfa- ludy-Gesellschast, später durch die Mitgliedschaft der ungarischen Akademie geehrt. Als Regisseur ausgezeichnet, übernahm er 1873 die dramatische Leitung des magyar. Theaters, dem er alle seine Kraft und allseitig anerkannte Thätigkeit widmete bis zu seinem 20. Jan. 1878 erfolgten'Tode. Booch-Arkosft,.' Szilagy, Comitat in Ungarn-Siebenbürgen, 1876 gebildet aus den ComitatenMittel-Szoluok u. Kraszna, sowie dem angrenzenden alten Egregyer Bezirke des Dobokaer Comikats; 3670,s^Icm (66,7 ÜHM) mit (1869) 194,693 Ew. (auf 1 Hjkm 53, in ganz Ungarn-Siebenbürgen 48,j). Hauptort ist Zilah. SzilagySomlyo, Stadt im ungar-siebenbürg. Comitat Szilagy; verfallenes Felsenschloß, hübsche Kirche (1434 von Stephan Bathory erbaut), Mino- ritenkloster, Mineralquelle, guter Weinbau; (1869) 4786 Ew. Szlachcic (poln.), so v. w. Schlachzitz. Szlavy, Joseph v., ungar. Staatsmann, geb. März 1818 in Naab, wo sein Vater als Stabsarzt stand; erhielt seine Bildung im Theresianum zu Wie» u. besuchte dann die Bergakademie inSchem- nitz; 1843 trat er in den Staatsdienst beim Berggericht zu Oravicza, 1845 wurde er Concepts-Ad- juuct bei der allgemeinen Hoskammer u. 1846 Secretär bei der Hoskammer in Ofen; 1848 kam er in gleicher Eigenschaft nach Dcbreczin, wurde im Herbst von Kossuth mit der Leitung der Gergwerksdirection in Oravicza betraut, wo er mit kurzer Unterbrechung bis nach der Katastrophe von Vilägos zugleich als Regierungscommissär der revolutionären Regierung blieb. Als die Österreicher einzogeu, wurde er vor das Kriegsgericht zu Temesvär gestellt und von diesem Ende 1849 zu 5jährigcr Festungshaft verurtheilt, erhielt aber bereits 1852 infolge einer Special-Amnestie seine Freiheit wieder. Er lebte nun in Preßbnrg u. auf seinen im Biharer Comitat gelegenen Gütern, bis er 1861 zum Statthalterei- - Szotaken. rath ernannt wurde; er dankte jedoch bald wieder ab, als das reactionäre Provisorium eintrat, wurde dann 1865 Obergespan vom Biharer Comitat und erhielt in dem ersten ungarischen Ministerium, im Febr. 1867, die Stelle als Unterstaatssecretär des Innern, im Juli 1870, nach Gorove, das Portefeuille für Ackerbau, Handel u. Gewerbe u. 4. Dec. 1872, an Lonyays Stelle, das Präsidium des ungarischen Ministeriums u. wurde Anfang 1873 zum Geheimrath ernannt. Am 8. März 1874 gab er mit seinen College» seine Demission u. hat seitdem, ob- wol ihm angeboten, ein Portefeuille nicht mehr angenommen. Szliäcs, s. u. Altsohl. Szolnok, Marktflecken u. Hauptort in dem ungarischen Comitat Jazygien-Groß-Knmanien-S., au der Mündung der Zagyva in die Theiß, Satiou der Theiß- u. der Ungar. Staatsbahn, Dampfschiffstation; Sitz der Comitatsbehördeu, Franciscaner- Couvent, Untergymnasium, Kranken- und Siechenhaus, Maschinenfabrik, Sägemühle,'Branntweinbrennerei, Schildkröten - u. Fischfang, große Salzniederlage, Handel mit Obst, Salz"u. Holz; (1869) 15,847 Ew.— S. war ehemals stark befestigt. Hier 5. März 1849 Sieg der ungar. Insurgenten unter Vecsey und Damjanich über die Österreicher unter Karger. H> Berns. Szolnok Doboka, Comitat in Ungarn-Siebenbürgen, 1876 gebildet aus dem Comitat Jnner-S. mit Ausnahme des zwischen dem Bistritzer u. Näs- zoderBezirke liegenden Theiles, demComitatDoboka mit Ausnahme einzelner Theile, welche zu den Co- mitaten Bistritz-Naszöd, Szilagy und Klausenburg geschlagen worden sind, und dem an Jnner-S. angrenzenden Theile des Kövärer Districts; 5149,^ jlsicm (93,s HM) mit (1869) 210,587 Ew. (auf 1 fffflcm 40,°, in ganz Ungarn-Siebenbürgen 48,.). Hanptvrü ist Dees. H- Berns. Szöreny, Comitat in Ungarn, begrenzt von den Comitaten Hnnyad, Kraffv u. Temes, Serbien und Rumänien (Walachei); 4029,4 Ulflcm (16,2 HfM) mit (1869) 104,886 Ew. (auf 1 i^jicm 26, in ganz Ungarn-Siebenbürgen 48,4). Das Comitat ist gebirgig durch den südwestlichsten Theil der Transsyl- vauischen Alpen, das Banaler Gebirge, welches im Boldovau eine Höhe von 1790 u. im Szemeuik eine solche von 1409 in erreicht. Zn demselben gehört auch das Sretiuye-Gebirge (Svinjacsa 1220 in) im S-, das mit dem gegenüber auf dem rechten Donau- Ufer auf serbischem Boden gelegenen Mirotsch-Ge- birge die berühmte Kliffnra (Donau-Enge) bildet. In den östlichen Theil des Comitats erstrecken sich auch noch die westlichen Abfälle und Ausläufer des Cserna- oder Rnßka-Gebirges mit dem Eisernen- Thor-Paß (s. d. 1). Berühmt ist die Veterauihöhle s. Dubova). Die Donau bildet im S. die Grenze gegenSerbien; andere Flüsse sind: Temes, Bisztra, Neva, Bela, Cserna rc. Die Bewohner treiben Acker- und Weinbau, Viehzucht, Bergbau auf Eisen, Silber, Blei, Kupfer und Steinkohlen; von einiger, wenn auch geringer Bedeutung ist auch die Eisenindustrie. Das Comitat hat mehrere Mineralquellen, berühmt sind die Hercules-Bäder (s. d.). Eiutheilnng in 4 Stnhlbezirke. Hanptort ist Karansebes. Berns. ^ Szotaken , slawische Völkerschaft, bewohnt den ^OAbhung der Hcgyallya in Ungarn, die sog. Szo- 152 Szydlowize takerie; sie scheinen zwischen den Slawen, Rußnia- ken u. Polen in der Mitte zu stehen; haben hellblonde Haare, leben patriarchalisch in Familien und überhaupt abgeschlossen, treiben Vieh-, bes. Schafzucht, Fuhrwesen. — Tabak. Szydlowize (Schidlowitz), Stadt im russ.-poln. Gouv.Radom; lebhafter Producten-,Eisen-n.Holzhandel; 4500 Ew., meist Juden. Anfangs August 1876 brannte fast die ganze Stadt nieder. T. T, t, 1) im griech. n. lat. Alphabet der 19., im hebräischen der 9. bezw. 22., im deutschen der 20., zu den Lingualen (Zungenbuchstaben) gehörende Muta, bildet in der Reihe der T-Laute die Tennis. Zu seiner Aussprache legt man die Zunge an die Zähne u. stößt den Athem stark aus. In lat. Wörtern spricht mau (unrichtigerweise b vor i wie z aus. Z) Als Zahlzeichen im Hebräischen 9 bzw. 400; im Griechischen r — 300, ,r — 300,000; in der Ru- bricirung —19. 3) Als Abkürzung: a)inrömischen Schriften, auf Münzen rc., so v. w. litus, Naurus, Lsrtius, bsrnnciua, bibniuv, bssbawsninm, bs ste.; b) unter den Seuatsbeschlüssen — tribunns xlsbiv, um auszudrücken, daß die Volkstribunen denBeschluß genehmigt hatten; e) mystisch-theosophisches Zeichen, womit mau die allgemeine Zeugungskraft der Natur, bezüglich die göttliche Schöpferkraft symbolisirte; Jnngck. 4 ) t. s> Schroot. Tabaks-Besteuerung u. -Monopolisirung. Bei dem immer mehr steigenden Gebrauch des Tabaks fand es die Staatsgewalt alsbald vortheilhaft, denselben im Interesse des Fiscus durch hohe Steuern, namentlich aber durch Regie «.Monopol ausznben- ten. England begann mit Einführung des Tabaksmonopols schon 1624, wandelte dasselbe aber 1643 in eine sehr hohe Tabakssteuer um u. verbot 1652 den Tabaksbau im Mutterlands zu Gunsten der Co- lonien. 1670 führte Österreich das Tabaksmonopol ein und übernahm dann, nachdem es bislang verpachtet gewesen, 1784 der Staat die Verwaltung selbst; Spanien, der Kirchenstaat, Toscana folgten dem Beispiele, Rußland besteuerte den Tabak durch Banderolen (gestempelte Umschläge), welche das Schatzamt verfertigt und verkauft; außerdem aber muß jeder Tabakssabrikant u. Händler eine jährliche Patentsteuer von 1 —150 Silber-Rubel entrichten. In Frankreich, wo das Monopol verpachtet war, wurde es 14. Febr. 1791 aufgehoben, der Tabaksbau freigegeben, die Einfuhr fabricirten Tabaks verboten, die von unverarbeiteten Blättern mit Zoll bc- legt. Napoleon I. führte jedoch Jan. 1811 das Monopol wieder ein u. läßt die Regie die erforderlichen Tabakssabrikate in eigenen Fabriken anfertigen. In England besteht ein Zoll von durchschnittlich 0 „gPfd. St. pro Pfund Tabak. Italien, Portugal, Rumänien haben das Tabaksmouopol eingeführt. Die Vereinigte Staaten-Regierung von NAmerika hat die für rhre Verhältnisse wol rationellste Art der T.- B. eingesührt, indem sie eine Consumtionssteuer auf Tabak errichtete. Im Deutschen Zollverein besteht annoch ein Zoll von 12 N für den Ctr. Rohtabak, von 33 Ll für den Ctr. Tabaksfabrikat u. 60 LI für den Ctr. Schnupftabak. Der inländische Tabak wird nach dem Raum der angebanten Fläche pro preuß. Morgen mit 18 LI besteuert. Indessen ist, um aus dem Tabak und seiner Besteuerung eine ergiebigere Einnahmequelle zu schaffen, eine Enquete-Commission von Seiten des Reiches eingesetzt, welche namentlich auch die amerikan. Consumtionssteuer auf Tabak ernster Erwägung unterzog, sich aber schließlich gegen diese, so wie auch gegen die vom Fürsten Bismarck vorgeschlagene Monopolisirung erklärte. Die T.-B. ertrug bisher inDeutschland durchschnitt- lich 14,441,473 LI — 35 Pfg. pro Kopf, in Frankreich 6 ,gg LI. England 4,gg, Öesterreich-Ungarn 4,^, Ver. Staaten 4 , 5 g. ZurFrage der Besteuerung des Tabaks haben neuestens namentlich Delbrück, Der Zollverein und das Tabaksmonopol, Berl. 1857; Mohl, Mor., Denkschrift für eine Reichs-Tabakregie, Stuttg. 1878; Schleiden, Zur Frage der Besteuerung des Tabaks, Lpz. 1878, Ausseß, lieber die Besteuerung des Tabaks; Mayr, Das Deutsche Reich n. das Tabaksmonopol, Stuttg. 1879 (für das Monopol), schätzenswerthe Beiträge geliefert; Krllkl, Das Tabaks-Monopol in Oesterreich und Frankreich, Wien 1879. -i. Tabakscollcgium, Gesellschaft von 6—8 Personen, meist Ministern, Stabsoffizieren, Gelehrten, Fremden, auch einzelnen Bürgern u. lustigen Personen , welche der König Friedrich Wilhelm I. von Preußen in Berlin, Potsdam od. Wusterhausen fast täglich Abends um 5 Uhr um sich versammelte. Es wurde Tabak aus holläud. Thonpfeifen geraucht, Bier getrunken rc. Man unterhielt sich über Zeitereignisse, Politik und Kriegsgeschichten. Der Ton war frei u. der König nahm selten etwas übel. Gund- ling (s.d.) war bei dem T. die Zielscheibe des Witzes. Vorschrift war, daß Niemand aufstehen durfte, wenn ein Anderer, selbst der König, eintrat. Als einst der Kronprinz in den Saal trat u. die Anwesenden sich erhoben, löste der König die Gesellschaft auf. Das T. war in der preuß. Geschichte insofern von Wichtigkeit, weil sich hier der König zu manchem Entschluß bewegen ließ, wozu er auf anderem Wege nicht zu bewegen gewesen wäre. Daher waren die Unterredungen im T. auch Gegenstand der Nachrichten der fremden Gesandten an ihre Höfe. Eine Schilderung des T-s ist in E. M. ÖttingersNarrenalmauach für 1846 ».dramatisch inKarlGntzkowsZopfu.Schwert enthalten. Vergl. auch F. Otto, Aus dem T., Lpz. 1872. t- Tabaksmonopol, s. Tabaks-Besteuerung nnd »Monopolisirung. Tabakspfeife, Geräth, durch welches man beim 156 Tabaryie - Tabaksrauchen den durch das Verglimmen des Tabaks entstehenden Rauch in den Mund leitet. Sir Walter Raleigh soll sie 1585 mit aus Amerika ge- bracht haben. Die einfachsten n. der ursprünglichsten Form entsprechenden T-n sind die Thonpfeifen (s. d.), die meist in Holland, Belgien u. Frankreich fabricirt werden. Die Zerbrechlichkeit dieser T-n führte zur Herstellung von solchen mit hölzernem Rohr und stärkerem Kopfe von Porzellan, Meerschaum, Maser rc. Die türkischen Pfeifen, deren man siL im Orient u. beim Rauchen der sog. türk. Tabake bedient, haben einen verhältuißmäßig kleineren Kopf aus rothem Thon oder Meerschaum u. sind nicht selten mit Edelsteinen verziert. Das Rohr ist lang, aus Weichselkirsche od. einem anderen wohlriechenden Holze. Das Mundstück besteht meist ans Bernstein. Die türkische Wasserpfeife, Nargileh, besteht aus einem gläsernen Gefäß mit langem Halse, auf dem der Träger des auch hier verhältuißmäßig kleinen Kopfes aufgesetzt ist. Der Glasbehälter ist zurHälfte mitWasser gefüllt, in welches ein mit dem Kopfstück in Verbindung stehendes Glasröhrchen ungefähr bis zum Boden eintancht. Das Rohr, ein Schlauch von bedeutender Länge, ist an einer zweiten Öffnung des Glasbehälters angebracht. Beim Gebrauch des Nargileh geht der Rauch durch das Wasser u. wird darin abgekühlt. Vgl. Tomasek, Die Pfeifenindustrie, Wenn. 1877. Tabariye, s. Liberias. Tabarka, kleine Insel im Mittclmeere an der afrikan. Küste, 26" 30' L.L., 37° n.Br. gelegen, zu der franz.Prov.Constantine gehörig; hat bed.Koral- lenfischerei; bis 1798Besitzthum derRepnblikGcnua. Tabasiijir (Tabaxir, Bambuszucker), Concre- tionen, welche sich in den Knoten alten Bambusrohres bilden. Sie bestehen nach einer Analyse von Rost van Tonningen aus: 86 ,zg, "/„ in Kalilauge löslicher Kieselsäure,«,^"/oEisenoxyd, 0,24t"/°Kalk, 4,»°°°/° Kali, 0 , 507 °/„ organischer Substanz u. 7 , 552 °/° Wasser, sind durchscheinend, nehmen mehr als ihr eigenes Gewicht Wasser beim Einlegen in dasselbe auf, werden dadurch noch durchsichtiger, besitzen mit Wasser gesättigt ein spec. Gew. von 2 , 14 g u. dienen als Polirmittel, sowie in China als Arzneimittel. Sie werden in großer Menge nach Arabien exportirt. Tabasco, 1) einer der östlichen Kllsteustaaten der amerikan. FöLerativrepublik Mcjico, zwischen dem Meerbusen von Mejico, Uncatau, Chiapas u.Vera Cruz; 30,686 dficm (557 ,5 siZM) mit 83,707 Ew.; im S. von einem dicht mit Urwald bedeckten, bis 1000 rn ansteigenden Gebirgszug der Cordilleren durchzogen, sonst ein von vielen kleinen Flüssen und Bächen durchschnittenes Flachland, Küstenland, Vorgebirge u. Hasen. Das Klima ist vollständig tropisch u. gilt für das ungesundeste in ganz Mejico, namentlich für Europäer. Hauptfluß ist der Rio Tabasco mit dem Usumasinta. Products: Zuckerrohr, Indigo, Baumwolle, Drachenblutbäume, Cacao, Pimentmyrten, Sassaparille, Vanille, Farbehölzer, Tabak, Pfeffer, Bananen rc. Industrie besteht nicht. 2) S. San Juan 3). Schroot. Tabatinga, Stadt in der brasilian. Prov. Alto- Amazonas, an der Mündung desJavary in denAma- zonenstrom; Handelsplatz, Dampferstation. Vergl. AveLallemant, T.amAmazonenstrom, Hamb. 1863. Tabaxir, so v. w. Tabaschir. - Tabernakel. labells (lat.),Brett, bes. Spielbrett,Tafel; Schreibtafel, meist von Holz u. mit Wachs überzogen, worein man mit einem eisernen Griffel schrieb; im alten Rom Täfelchen zum Stimmen in den Comitien u. in den Gerichten, s. n. Oomitia; daher labella- rms IsZos, Gesetzvorschläge, daß in den Centuriat- comitien nicht mehr mündlich, sondern mitTäfelchen gestimmt werden sollte. So die labsllaria Isx 6 a- binm, 139 v. Chr., fürdieWahlcomitien; Ml.Oas- sm, 137 v. Chr., für die Volksgerichte, außer den lluäioia poräuslliouio; 1.1. kapirm, 131 v. Chr., für die legislativen Comitien; 1?. I. Ooolla, 107 v. Chr., auch für die lluäieis, psrciusllianis. Tabellen (v. Lat.), Übersichtstafeln, übersichtlich geordnete Verzeichnisse; große Blätter, aus welchen ein wissenschaftlicher Stoff kurz und übersichtlich zusammengestellt ist. So braucht man T. zur Darstellung der Geschichte(Geschichts-T.), ganz bes. aber in der Statistik. Taberi, Abu Dschafar Mohammed Ben Sheris et-T., arab. Historiker aus Taberistan, geb. 833, st. 922 in Bagdad; er schr. eine schätzens- werthe arabische Geschichte der Könige u. göttlichen Gesandten bis 914, herausgeg. mit latein. Übersetzung von Kosegarten, Greissw. 1831—53, 3 Bde.; franz. (nach der pers. Übersetzung von Abu Ali Mohammed Belami) von L. Dnbeaux, Paris 1836, l. Bd., u. türk., Const. 1844, 5 Bde. Taberistan, Provinz des östlichenPersiens(Cho- rassan), das Gebiet des Elbruz-Gebirges umfassend, hoch gelegen, daher mit verhältnißmäßig kühlem, gesundem Klima; die Thäler sind gut bewässert und fruchtbar (Wein, Obst, Mais, Weizen, Seide). Die Einwohner, theils ansässig, theils Nomaden, sind Mohammedaner; Beschäftigung: Ackerbau u. Viehzucht (Schafe u. Rindvieh). Isberna (lat.), Bude; besonders Laden der Händler in Nom. labernseulum (lat.), Tabernakel, Zelt; in der lat. Übersetzung der Bibel die israelitische Stiftshütte, daher bewegliche Feldkirche, das Bethaus der Methodisten; ^.rmariolum, so v. w. Sacramentshäus- chen; mit Säulen ».Giebel n. einem Altar versehene Nische, für Heilige aufgestellt. Isbornaomontans T,., Pflanzengattung aus der Fam. der ^.pooMaooas-I'lumsrisas (V. 1 ); baumartig , in den Tropen heimisch u. zum Theil wegen der wohlriechenden Blüthen, sowie wegen des in ihnen enthaltenenMilchsaftes cultivirt. ll'.ubilisl^. oHn. (Milchbaum von Demerara, Hya-Hya), Baum in Guiana; gibt milden, genießbaren Milchsaft, dicker und wohlschmeckender als Kuhmilch, mit Wasser vermischt als Getränk benutzt. M corouaria Äoa:b., Strauch in Ostindien, mit weißen, meist gefüllten, traubenständigen, kleinen Rosen gleichenden, sehr wohlriechenden Blüthen; der milde Saft wird gegen Augenübel und Ausschläge, die Wurzelrinde gegen Würmer angewendet. M oltrikolia L., kleiner Baum in Westindier:, mit lederartigen, glänzenden, durchscheinenden, Milch enthaltenden Blättern, in Afterdolden stehenden, weißen oder gelben, wohlriechenden Blumen, bitterer, als Fieber- und Wurmmittel gebrauchter Rinde. Engl-r. Tabernakel (v. Lat.), auf einer Galeere eine kleine, gegen das Hintertheil angebrachte Erhöhung, von welcher der Befehlshaber commandirt. Taberne — Tabulatur. 157 Taberne (v. Lat.), Schenke, Trinkhaus. Mehrere Orte, bes. im Elsaß n. der Pfalz, verdanken solchen röm. Tabernen ihren Ursprung, und hat sich der Name als „Zabern" (Zabern im Elsaß, Rhein- u. Berg-Zabern in Rheinbayern) sorterhalten. Tabermcus, s. Tavernicus. Isbos (lat.), Abzehrung, Schwund; z. B. ll?. ckor- sualis, die Nückenmarksschwindsucht; ll?. msssraioa, die Unterleibsschwindsucht. Tabetisch, abzehrend. Isbleau (sr.), Gemälde, Schilderung, Entwurf; P. vivant, lebendes Bild. Isbls ä'köto (fr.), Mittagstisch in Gasthäusern. Isblstte (fr.), kleinesWanbgestelle, Präsentirteller, Schreibtafel. Tabor, 1.) Stadt u. Hauptort in dem gleichnam. böhm.Bez.(Österreich), auf steiler, von der Luschnitz auf 3Seiten umflossenerAnhöhe, Station derKaiser- Franz-Josephsbahn; Kreis- u. Bezirksgericht rc., gothische Dechanteikirche mit einem sehenswerthen zinnernen Taufkessel aus dem 15. Jahrh., gothischcs Rathhaus (in demselben wird Ziskas Panzerhemd aufbewahrt), Realgymnasium, höhere landwirth- schaftliche Lehranstalt, ehernes Denkmal Ziskas (auf dem Marktplatze, seit 1877), Krankenhaus, Wollen- spinnerei, Tuchfabrikation, Malzfabrik, k. k. Tabak-- sabrik, Kunstmühlen, Getreide- u. Viehh andel; (18 69) 6717 Ew. An der OSeite der Stadt die malerischen Trümmer der Burg Kotnow. — T. mar einst ein von den Husiten unter Ziska 1420 angelegtes, befestigtes Kriegslager, vondem einePartei derHusiten den Namen T ab o rite n erhalten hat. Die vonZiska erbautenMauern sindtheilweisenoch erhalten. 1741 wurde es von dem Kurfürsten von Bayern besetzt. 2) (Dschebel et Tur) Berg zwischen dem See Liberias u. Nazareth, 615 m hoch, von zahlreichen Ruinen bedeckt (LerBerg trug im Alterthum eineStadt, dann war er befestigt; es wurden, da er für den Berg der Verklärung gehalten ward, Klöster u. Kirchen darauf gebaut rc.); umfassende Rundsicht. In der Nähe schlug 1396 v.Chr. Barak den Feldherrn des Königs Jabin von Hazor, Sisera. Die sogen. Schlacht am T. fand bei Fule statt. 1) H- Berns. 2 ) t. Tabor, 1) s. Türkei (Kriegswesen); 2) Bezeichnung für Volksversammlung bei den Slawen, bes. den Czechen. Taboriten, s. Husiten. labouret (fr.), Sessel ohne Lehne. Tabris (Täbriz), so v. w. Tauris. Tabu, bei den Polynesiern I) religiöses Gesetz; 3) Heiligkeit u. Unverletzlichkeit gottgeweihter Gegenstände, Personen u. Orte; 3) an einzelnen Orten die Vornehmen, als die mit dem Vorzug des T. Ausgerüsteten. Jede Berührung, jeder Gebrauch irgend eines T.-Gegenstandes ist auf das Strengste verboten, meist stehr Todesstrafe auf der Entheiligung eines T. Isdula (lat.), Tafel, bes. Schreibtafel; 1. rasa, eigentlich eine geschabte, glattgestrichene Wachstafel, ein unbeschriebenes Blatt; in der neuen politischen Terminologie bezeichnet man mit B. r. den Umsturz aller bestehenden Verhältnisse. ladulammn (röm.Ant.), Archiv für die Bündniß- urkunden, dis Finanzacten, die Plebiscite, die Bürgerlisten rc. Tabulatur (v. lat. tabula, Tafel), im Allgemeinen jede Art, die Töne durch Zeichen aufzuschreiben; bes. die in früheren Jahrhunderten gebräuchliche partiturmäßige Zusammenstellung eines meist vom Gesang auf die Orgel, das Klavier oder die Laute übertragenen Musikstückes. Man unterschied eine italienische u. deutsche T. Elftere bestand aus der Ende des 16. Jahrh. aufgekommenen General- baßschrist, letztere wurde durch Buchstaben u. gewisse Zeichen gebildet u. in abweichender Weise als Orgel- und Lauten-T. (diese außerdem als ältere deutsche, italienische u. neuere deutsche) zur Anwendung gebracht. Bei der Orgel-T. fand die Bezeichnung des von ^ (6-) bis ^ reichenden, in der Begrenzung der Octaven auch von 8—b, od. §—k ab- getheilten Tonumfanges in der Art statt, daß die tiesste (große) Octave große, zuweilen auch mit einem Strich unterhalb versehene kleine, die nächstfolgende (kleine) Octave kleine, die übrigen Octaven ebenfalls kleine Buchstaben mit darüber gezogenen Strichen (ein-, zwei- und mehrgestrichene Octave) erhielten. Davon ist die Bezeichnung große, kleine Octave rc. auch auf unser, von 0 zu 6 abgegrenztes Tonsystem übergegangen. Als später die chromatischen Töne mehr zur Aufnahme gelangten, wurden diese durch ein angehängtes Häkchen bezeichnet, z. B. k—ktz, wobei Erhöhung u. Erniedrigung nur auf einerlei Weise, us gleich Ais, ckss gleich ois rc., zur Angabe gelangten. Weiterhin führte die Anwendung der Mensur auf die bisher noch uuausgebildete Orgel zur Beifügung besonderer Zeichen: für dieBre- vis ., die Semibrevis I, die Minima ^ , die Semi- minima die Fusa die Semifusa die Pausen für den 2 / 1 - (Allabreve) Takt den ganzen den halben Takt 1., die Viertels, die Achtels, die Sechszehntel für die Longa u. Ma- xima hatte man keine besonderen Zeichen, da schon die Takte durch Taktstriche od. sonstige Trennung abge- theilt u. der Bindebogen u. Augmenlationspunkt angewandt wurden. Manchmal fand auch eine Verbindung dieser Schreibweise mit jener durch Noten statt. Die Orgel-T. erhielt sich bei den Organisten n. Cembalisten noch lange nach der Ausbreitung des Contrapunktes u. der Mensuralnoten u. wurde selbstnoch im 17. Jahrh. vorgefunden. Die T. für die Laute(s.d.), ein guitarrenartiges Instrument mit ursprünglich vier (o k a ä^), im 15. Jahrh. fünf (o 1 s, ä, §,), dann sechs (8 okaä; A, auch iL ä § b o, Uz, Großbrummer, Mittel-, Kleinbrummer, Groß-, Klein- sangsait u. Quintsait, od. die d-Saite ausgeschlossen, Prime, Secunde, Terz, Quart u. Quinte), nach und nach 7, 8, 9 bis 12 ,13 u. 14 Saitenchören (L 6 v Li?V^.äkuckiki, auch a,i im Discant, L. iin Baß), bestand aus Zahlen und Buchstaben, wovon erstere für die leeren Saiten (1 2 3 4 5 für die ursprünglichen 5 Saiten, i für den später hinzngekom- menen Großbrummer), letztere für die Bünde (A, F, L, Q, X, Aa, Ff für den Großbrummer, a—z, u ausgenommen, u. 2 , g, au—II für die übrigen, der Quere nach auseinander folgenden Bünde) gebraucht wurden. Diese Notationsweise erfuhr verschiedene Änderungen, wurde mit der in Noten, dann zur Bezeichnung des Notenzeitwerthes mit den Zeichen der Orgel-T. verbunden; auch fand die einfachere italienische Lauten-T. ans 6, die Saiten ck § d s 2 , 158 Tabulisten bezeichnenden Linien n. den die verschiedenen Griffe bezeichnenden Zahlen 01234567 8 bestehend, in etwas abweichender Weise Eingang beiden sranz. u.niederländischen, vonAnfang des 17. Jahrh. bei den deutschen Lautenisten. Sieemrock. Tabulisten (v. Lat.), sonst die Schüler der untersten Klasse, weil sie von einer Tafel lernten, auf welcher das 6rsäo, Vaterunser u. dgl. stand. Tabur (türk.), Lager, Armeecorps. Iso., 1) Abkürzung von Osoitus; 2) (ital. Musik), Abkürzung von si tsos (inan schweige). Tacchiui.Pietro, ital.Astronom, geb.21.März 1838 zu Modena; ward 1859 Director der Sternwarte zu Modena, ist seit 1863 an der Sternwarte zu Palermo vornehmlich mit der Beobachtung der Sonne beschäftigt, gründete 1871 mit Secchi die Italienische spektroskopische Gesellschaft, in deren Schriften er seitdem die Resultate seiner Beobachtungen u. Untersuchungen veröffentlichte. 1874 beobachtete er in Indien Len Venusdurchgang. Specht. Isoe (lat.), schweig! Isco, tscot, si tsco (ital., schweige, es schweigt, man schweigt), bei den einzelnen Stimmen eines aus mehreren Sätzen bestehenden Tonstückes, um anzu- zeigen, daß diese Stimme einen oder mehrere Sätze lang schweigen soll. Tachau (Drzevnov), Stadt n. Hanptort in dem gleichnamigen böhm Bez. (Österreich), links an der Mies, Station (Plan-T.) der Kaiser Franz-Josephs- bahn; Schloß, Dechanteikirche, Kloster der Francis- caner (das älteste in Böhmen), Spital, Fabrikation von musikal. Instrumenten, Tuch, Glas rc.; Eisenwerk, Sauerbrunnen; (1869) 3857 Ew. (Gemeinde 4111). Am 25. August 1877 brannten hier 120 Häuser ab. Tachometer, Hacmotachometer, ein von Vier- ordt erfundenes und von Chauvcan u. Lortet modi- ficirtes Instrument zur Messung der Strömungsgeschwindigkeit des Blutes. Dasselbe besteht aus einem Rohr, welches zwischen die durchschnittenen Enden einer Arterie eingeschaltet wird. VorderEiu- flußmllndung in das Rohr ist ein senkrecht herabhängendes Pendelchen angebracht. Dieses Pendel- chen wird um so stärker von dem andringenden Blutstrome abgelenkt, je größer die Stromgeschwindigkeit ist. Außen vor der Röhre markirt ein Zeiger Len Grad der Ablenkung des Pendels. Kunze. Tachos (Teos), Sohn des Königs Nektanebisl., 363—361 v. Ehr. König von Ägypten; s. Ägypten. Tachygraph (v.Gr.), Schnellschreiber; Tachy- graphie, s. v. w. Stenographie. Tachyhydrit, Mineral, bildet rundliche, im Anhydrit eingewachsene Massen von gelblicher Farbe; zerfließt schnell an der Luft; besteht aus Chlorcal- cium, Chlormagnesium u. Wasser. Tachymeter (Tacheometer) ist ein theodolitartiges Instrument, welches außer der gewöhnlichen Einrichtung zum Messen von Horizontal- u. Verti- calwinkeln noch im Fernrohr einen Distanzmesser enthält u. welches gewöhnlich auch mit einer Bussole versehen ist. Entsprechend der Wortbedeutung (Tachymeter — Schnellmesser) kommt es bei solchen Instrumenten weniger auf große Genauigkeit, als aus Bequemlichkeit der Messung an. Die Lage irgend eines Punktes wird relativ gegen den T-stand- punkt dadurch bestimmt, daß ans ihm eine Distanz- — Tacitus. latte aufgestellt wird, welche, mit dem distanzmessenden Fernrohr beobachtet, die Distanz liefert, woraus noch das Azimut au der Bussole od. dem Horizontalkreis u. derHöhcnwinkel am Höhenkreis abgelesen wird. Diese tachymetrische Messungsmethode in Verbindung mit dem Theodolit od. auch mit dem Meßtisch ist im Wesentlichen seit etwa 50 Jahren im Gebrauch, der zusammensassende Name ist seit Kurzem eingeführt u. hat mehrfach die irrige Anschauung erzeugt, daß es sich um eine neue Sache handele. Jordan. Tacitus, 1) Cajus od. Publius Cornelius T-, ausgezeichneter römischer Geschichtschreiber, geb. um 54 n. Ehr.; trat frühzeitig in Rom als Sachwalter auf, heirathete 77 die'Tochter des Julius Agricola, wurde unter Vespasian 78 od. 79 Quästor, unter Titus 80 (81) Tribun od. Ädil n. war unter Domitian Priester u. 88 Prätor; 90 verließ er Rom. Nach 93 kehrte er dahin zurück u. wurde unter Nerva 97 stellvertretender Consul; sein Todesjahr ist unbekannt, doch lebte er wol 117 noch. Unter Domitian, wo es das Schicksal edler Männer war, über die öffentlichen Angelegenheiten schweigen zu müssen, begann er die Vorbereitung zu seinen historischen Werken, welche er dann seit Nervas Regierungsantritt veröffentlichte. Aus der früheren Zeit seiner rednerischen Thätigkeit stammt der in cicero- nianischer Weise gehaltene OisIvAus äs orstoribus (um 81 ?), eiue treffliche Schrift, von Manchen ihres Stils wegen dem T. ohne Grund abgesprochen. Seine erste historische Schrift ist der LZricols (Os vits st moribus 6n. ckulii ^grieolse), Ende 97 veröffentlicht, ein Denkmal der Pietät gegen seinen Schwiegervater, den Eroberer von Britannien, historisch sehr wichtig; aus dem ciceronianischen Stil bildet sich hier sichtlich der individuelle des T. allmählich heraus. Wie diese Schrift, so ist auch die 98 publicirte Oormsnis (Os ori^ins, situ so moribus dsrmsnormn liber) als eine Vorbereitung zu den größeren Werken anznsehen. T. schildert hier mit gründlichem Bemühen und liebevoll eindringendein Sinne unsere Vorfahren in ihrem öffentlichen, kriegerischen und Familienleben, beschreibt sodann die einzelnen Stämme u. gibt uns damit in dieser hochwichtigen Schrift die erste vollständige Kenntniß der alten Germanen. Sein Leitstern ist die Liebe zur Wahrheit; wenn er in vielen Punkten die reinere Sitte der Germanen der römischen gegenllberstellen muß, so thut er dies mit Pathos u. sittlichem Ernst. Die Wahrheit vieler, wenn auch nicht aller oft an- gezweifelten Angaben hat die neuere Forschung erwiesen. Eine Tendenz verfolgt die Schrift nicht. Der Stil ist pointirt, knapp, oft hart. Nun folgen die Hauptwerke: zuerst die Oistoriss, welche von Galba bis zum Tode Domitians (69—96) reichten; von ihren 14 Büchern sind 4 (und das fünfte theil- weise) erhalten; sie umfassen die Jahre 69 und 70. Kürze, Klarheit u. Lebendigkeit zeichnen den Stil aus. Dann schrieb T. das Werk: Ilk> sroossu Olvi L,u- Austü (willkürlich L-nnsIos genannt), etwa um 116 publicirt; es beschrieb jahrweise die Jahre 14—68 in 16 Büchern, wovon 1—6 (Tiberius' Zeit), ferner 11 theilweise, 12—15, 16 theilweise erhalten sind. Auch hier herrscht Kürze u. Lebendigkeit; die Klarheit ist bisweilen durch die Kühnheit des Ausdruckes verdunkelt; es ist dies Werk in jeder Beziehung daS großartigste des T. T. erzählt ohne Haß n. Vor- 159 Tacna — liebe; aber die Laster der Regierenden -bei der Nachwelt zu brandmarken halt er für seinen Beruf. Gründliches Quellenstudium vereinigt er mit Tiefe der Empfindung. Sein Ideal ist die alte Zeit der senatorischen Republik. Den Liberias hat er, wie jetzt vielfach angenommen wird, etwas zu ungünstig benrtheilt. In religiöser u. ethischer Beziehung war er ein Fatalist, etwa im Sinne der griechischen Tragiker, so daß er dem Fatum eine sittliche Macht im Menschen, die Charakterstärke, entgegensetzt, welche sich in der Unabhängigkeit seiner Ansichten u. Handlungen von den äußeren Einflüssen äußert und die Anerkennung der Guten aller Zeit erwirbt, während die in Knechtessinn n. Schmeichelei sich aussprechende Charakterlosigkeit der Schande bei Mit- u. Nachwelt verfällt. Die Erzählung in seinen Geschichtswerken verläuft in chronologischer Folge, welche zuweilen durch Reden, psychologische Bemerkungen, Betrachtungen und Schilderungen unterbrochen wird. Im späterenAlterthum wenig gelesen, gehörtT.jetztdurch die Großartigkeitseines Gegenstandes, wie durch seine denselben psychologisch durchleuchtende, geniale Darstellung zu den anziehendsten ».wirksamsten römischen Autoren. Wichtigste Ansgaben: sä. pr., 1469; voll, ständig (auch mit^irnal. 1—6) zuerst von Beroaldus, Rom 1515 ;dannJ.Lipsius,Antw.1574;J.Fr. Gro- novius, 1672; Ernesti, 1752; Ritter, 1834; Döder- lein, 1841; u. bes. I. C. Orelli, Zur. 1846—48, 2.A. 1859—76; Text- ».Schulausgaben von Bekker, Haase, Halm, Nipperdey u. v. A. Specialausgaben des Dialo^us: von Michaelis, Lpz. 1868 u.A.; des Lgrioola: von Ritter, Wex (Hauptausgabe 1852), Kritz, Dräger, Peter u.A.; der Osi-mania: von Jac. Grimm, 1833; Gerlach, Kritz, Schweizer-Sidler, Holder (nach Holtzmanns Vorlesungen, Lpz. 1873), Baumstark, 1876; Holder, Lpz. 1878u. A.; der 411- storias: von Heräus; der^unalos: von Nipperdey u. von Dräger. T. ist oft, die 6ermania natürlich am häufigsten, ins Deutsche übersetzt, z. B. in den Stuttgarter Sammlungen der Übersetzungen von Roth, 1854 ff. u. ö. 2) Marcus Claudius T., geb. 200 n. Chr.; wurde nach Aurelians Ermordung vom Senat in Rom, dessen Princeps er war, i. I. 275 auf Ansuchen des Heeres zum Augustus erhoben. Er bemühte sich, das Ansehen des Senats, der schon unter seinem Vorgänger wieder Bedeutung erlangt hatte, noch mehr zu heben, u. schlug die Alanen, welche in Kleinasien eingefallen waren, an der Maiotis, erlag aber schon nach sechsmonatlicher Regierung einer Krankheit. Er hatte gleich anfangs der Regierung sein ungeheures Vermögen dem Reich geschenkt. Ein großes Verdienst war die Folge seines sonderlichen Stolzes, ein Nachkomme des Historikers T. sein zu wollen: er ließ dessen Schriften sämmt- lich abschreiben und in die öffentlichen Bibliotheken aufnehmen. i) Riese. 2> Schmiy. Tacna, Hauptstadt der gleichnamigen, 35,706 Ew. zählenden Prov. im peruan. Dep. Moquegua, Eisenbahnstation; lebhaster Handel; 11,000 Ew. Tacora, Dorf im peruan. Dep. Moquegua in den Cordilleren, 4350 m ü. d. M., der höchstgelegene Ort Amerikas, am Passe von Guallilos, durch welchen die von Arica nach Tacna führende Eisenbahn bis zur bolivian. Grenze geführt werden soll. Nach ihm benannt die Cordillere von T. mit Gipfeln über 6000 m (Sahama n. a.). Tadschik. Taet u. Zusammensetzungen, s. Takt rc. Tacunga, Hauptstadt der Provinz Leon in der südamerikan. Republik Ecuador, 2780 m ü. d. M.; College mit physikalischem u. chemischem Laboratorium, Wollenweberei, Pulverfabrik; 17,000 Einw. Die Stadt wurde 1698 durch einen Ausbruch des Cotopaxi zerstört u. 26. Juni 1877 durch eine, infolge eines Ausbruches desselben Vulkans entstandene Überschwemmung furchtbar heimgesncht. Tadcaster, Stadt im West-Riding der engl. Grafschaft, amWharfe, Eisenbahnstation; Lateinische Schule, Versorgungshaus; 1871: 2443 Ew. Dabei einige Überreste der römischen Station Calcaria. Tadema, s. Alma-Tadema. Tadmait (Tademayd), Plateau in der Sahara, südlich von Algier, südöstlich von Marokko, mit mehreren hohen Gebirgsketten u. zahlreichen Wadis, die sich meist im Wadi Mia vereinen. Tadmor (syr.), das alte Palmyra; s. d. 1 ). Tadolrni, 1) Adam, berühmter italien. Bildhauer, geb. 1789 in Bologna, st. in Rom 23. Febr. 1868; war anfangs Kaufmann, bildete sich aber dann an der Kunstschule seiner Heimath zum Bildhauer, wurde darauf Schüler DemariaS u. Canovas und 1811 Professor ver Akademie zu Bologna, ging aber bald darauf nach Rom, wo er ein eigenes Atelier eröffnete u. Professor an der Akademie von S. Luca wurde. Werke: zwei Statuen des Ganymedes, Venus und Amor, Grabmal des Cardinals Laute in Bologna; Grabmonument der indischen Fürstin Bi- gume in Bombay; Statue des Franz von Sales in der Peterskirche in Rom; eine Bacchantin (im Museo Borghese) u. zahlreiche lebensvolle Büsten. Seine Gattin schnitt höchst werthvolle Cameen. 2) Enge nie, ital. Bühnensängerin, geb. 1810 in Florenz, wo sie als Gattin des Componisten T. die Bühne betrat; dann sang sie in Venedig u. nahm Engagement an der ital. Oper in Paris. 1834 von ihrem Gatten geschieden, kehrte sie nach Italien zurück, wo Mercadante u. Donizetti für sie eigens Opern schrieben (Schwur, Lucia, Regimentstochter, Linda rc.), in denen sie die großartigsten Erfolge auf italien. Bühnen, in Wien rc. erzielte. i) Regnet.» Tadousac, Ort in der canadischen Prov. Quebec, an der Mündung des Saguenay in denLorenzo- strom; besuchter Badeort. Tadschik (d. i. die Unterworfenen, bei den Türken Sarten), Volk auf dem Plateau von Iran u. in den angrenzenden Ländern verbreitet, bildet im heutigen Persien die größte, wenn auch nicht regierende, so doch die cultivirtere Überzahl. Die T. sind Nachkommen der alten Medo-Perser, vermischt mit verschiedenen Nationen (Baktrier, Armenier, Juden, Araber u. a.). Sie sind wohlgebaut, kräftig, die Frauen durch ihre Schönheit berühmt. In ihrem Äußeren lieben sie Pracht und Schmuck; Kleidung: lauge, weite (oft rothseidene) Beinkleider, ein seidenes Hemde, eine baumwollene Weste, ein Gürtel mit Dolch, pelzverbrämter Reitrock; doch werden von Ärmeren auch Schaffelle zur Winterkleiduug benutzt. Den bis auf einen Haarzopf geschorenen Kopf bedeckt eine schwarze, H m hohe Mütze; der Bart wird sehr geachtet. Weiber tragen lauge Zöpfe u. gehen verschleiert aus. Man hält viel auf Höflichkeitsge- bränche; die linke Seite ist die Ehrenseite. Die T. sind alle Mohammedaner, und zwar Schiiten, als 160 Tadschurra solche Feinde der umwohnenden Sunniten, mit denen sie daher in steter Fehde leben; sie sind kluge Kauslente, haben großen Hang zu Lüge u. Betrügerei, schätzen aber Wissenschaften, namentlich ihre heimische Literatur sehr hoch; unter ihren Dichtern sind Firdnsi, Saadi n. Hafis zn nennen; ihre Sprache ist über den ganzen Orient verbreitet. Dronle. Tadschurra, 1) Stadt am NUfer der gleichn. Bai (OAfrika) an der früher zu Abessinien gehört- gen Küste, in öder Umgebung, aber wichtig als Handelsplatz zwischen Abessinien u. Arabien; mit gutem Hafen; 4000 Ew. 2) Bai, den westlichsten Theil des Golfes von Aden bildend, südlich der Straße von Bab el Mandeb. Die am Eingänge derselben liegenden Muscha-Inseln sind von den Engländern besetzt. Drenke. Tael (Tale), die Basis des chines. Münzwesens, chines. Liang, ü 10 Tsien od. Mehs (Mace) ä 10 Fen od. Condorin ä 10 Li od. Käsch (Cash). Zwischen Chinesen, Europäern u. Amerikanern werden 18 T. -rr 25 span. od. mejicau. Piaster (sog. Dollars) od. 720 T. — 1000 Piaster gerechnet. Als Handelsge- wicht 1 T. — Kätti (Kin) 37„ggj § mit Schwankungen; bei Gold u. Silbers 37,5^8- 1 T. — 142,o holl. As — 6,g A. Der T. ist nach unserm Gelde ca. 6 U 40 -j. Brambach. Tafalla, Stadt in der span. Prov. Pamplona (Navarra), am Cidaros; altes Schloß, Spital,Wein-, Oel- u. Getreidebau; 5200 Ew.; hatte früher eine Universität u. war Festung. Tafel, Gottlieb LucasFriedrich,Philolog, geb. 1787 in Bempflingen aus der Schwäb. Alp; studirte in Tübingen Theologie, habilitirte sich aber, nachdem er kurze Zeit ein Predigeramt bekleidet, als Privatdocent der Philologie in Tübingen u. wurde dann Professor; 1845 zog er sich zurück u. wohnte dann in Ulm, wo er 14. Oct. 1860 starb. Er schr.: Do vis. militari Domsnorum blAnstis, Tüb. 1842; Os ll'llsWsIonios sz'usgus a§ro, Bert. 1839; Der Doge Andreas Donbolo, Münch. 1855; u. gab heraus: Die Werke des Erzbischofs Eustachius vonThes- salonich, Frkf. 1832 ; Die Chronographie des Theo- phanes, Wien 1853 ; mit Thomas: eine Sammlung der Urkunden zur ältcrenHandels- u. Staatsgeschichte der Republik Venedig, Wien 1856 ff., 3 Bde., u. mit Osiander und Schwab eine deutsche Übersetzung der griech. u. lateinischen Prosaiker. a. Tafelbai, nach W. u. NW. offene Bai in Süd- Asrika, nahe dem Cap der guten Hoffnung; an ihr liegt die Capstadt; darin die Robben-Jnsel. Die T. hat zum Theil flachen Strand u. bietet namentlich bei WStürmen keinen sicheren Ankerplatz. Tafelberg, 1) Berg in SAsrika, nördlich des Caps der guten Hoffnung, wegen seiner merkwür- Ligen Gestalt (oben flach mit steilen zerrissenen Abhängen) so genannt; bildet die SBegrenzung der Taselbai; an seinem Fuße breitet sich die Capstadt aus; 1052 m hoch; seine nordöstliche Spitze ist der Teufelspick. 2) (Mount Wellington) Berg auf der Insel Tasmania (Vandiemensland), westlich von Hoharttown; 1208 m hoch. Tafelfichte, die höchste Spitze des Jsergebirges (s. d.), 1124 m hoch. Tafelglas, durch Guß auf eine (Braun- oder Gußeisen-) Platte erzeugte Licke u. große GlaStafeln, s. u. Glas u. Spiegel. Es wird zu Spiegeln, Schau- — Tafilelt. fenstern rc., die ordinären zu Oberlichtern in Kellern , zu Isolatoren zum Schutze gegen Feuchtigkeit in Gebäuden rc. verwandt. Tafelgüter, so v. w. Mensalgüter. Tafellack, so v. w. Schellack. Tafelrunde, nach der Sage eine runde Tafel, von dem Zauberer Merlin für den britischen König Uther Pendragou gefertigt. Anfangs stand die Tafel zu Cardeul in Wales; seit Artus' Vermählung mit Genievra wurde sie durch Zauberei nach Caerleon, dem Sitze Artus', verrückt; nach Artus' Tode verschwand sie. Von ihr erhielt ein, vouUther aufMer- lins Rath zu Cardeul gegründeter und nachher vom König Artus verherrlichter Verein von 12 Rittern seinen Namen, dessen Zweck war, Frauen zu schützen, frevelnde Helden zu demüthigen, Verzauberte zu erlösen, Riesen u. Zwerge zu bändigen; als Hüter des Heiligen Gral werden die Ritter der T. erst später genannt. In diesen engen Kreis der Artusritter wurden aus der großen Zahl nur Diejenigen gezogen, welche sich durch hohe Geburt, Weisheit, Tapferkeit, Frömmigkeit u. Treue gegen den König ausgezeichnet hatten. Die Sagen von den Rittern der T. wurden seit dem 12. Jahrh. in NFrankreich bearbeitet u. gingen von da alsbald auch nach Deutschland über. Die in einzelnen Gedichten bes. besungenen Ritter der T. sind Parcival(Peredur), Lohengrin, Tristan, Jwein, Erec, Gawain, Wigalois, Wigamur, Gau- riel u. Lanzelot. Tafelfpatls, so v. w. Wollastonit. Tiifellvcrk (Getäfel, Boiserie), aus Holz gefertigte Bekleidung der Wände, zuweilen auch der Decken in Zimmern n. Sälen. Meist ist das T. durch vorstehende senkrechte resp. horizontale Streifen in Felder getheilt, welche durch länglich viereckige, zurückliegende , oft von seinen Profilen umrahmte Tafeln ausgefüllt sind. Alle Wände müssen eine gleiche möglichst symmetrische Eintheiluug haben. Die senkrechten Streifen gehen von dem Panneel an bis an das Gesims der Decke u. umrahmen die aus einzelnen Tafeln bestehenden Zwischenfelder. Das Gesims ist häufig sehr schön architektonisch gegliedert u. bisweilen theilweise vergoldet; die Decken sind meist unter Zuhilfenahme von Steinpappe architektonisch gegliedert u. werden fast nur in Prunkgemächern aus T. hergestellt. Das T. aus hartem, namentlich eichenem Holze wird gewöhnlich in seiner Naturfarbe ge- »beizt; das T. aus weichem Holze dagegen meist mit Ölfarbe angestrichen od. lackirt, und von besonders schöner Wirkung ist T., welches durch Intarsien aus echten Hölzern geschmückt ist. Kühne. Taffct (Taffent, Taft, fr. Iskkstss), seidene Gewebe mit Leinwandbindunq (s. u. Gewebe). Nach der größeren Feinheit od. Stärke des T. führt derselbe sehr verschiedene Namen, welche mit der Mode wechseln. Dstketss ä'^.nAlstsrre, so v. w. Englisches Pflaster. Wachs-T., ein mit einem Firniß überzogener T. Zu dem Firniß nimmt man 6 1 Leinöl, 750 A Glätte, 125 A Colophonium, 250 § Mennige u. 70 § Terpentin; soll der Firniß schwarz werden, so läßt man ihn beim Sieden zuletzt etwas anbrennen. Da der Wachs-T. für Wasser undurchdringlich ist, so gebraucht man ihn zu Futteralen, Regenschirmen, Regenmänteln u. dergl. Tafia, eine Art Rum, s. L. Tafilelt (Tafilet), 1) (Land der Fillel, Beled el 101 Tafua — Scherifa) bedeutende Oasa der nordwestl. Sahara, bis au den Fuß des Großen Atlas reichend, gut bewässert n. daher äußerst reich an Datteln. Die Be» wohner, meist maurische Stämme (Kabylen), treiben namentlich Handel (Einfuhr franz, Maaren), fertigen Marokins, Seidenzcnge, Teppiche. 2) Ehemalige Hauptstadthier, ans mehreren Dörfern bestehend, mit einigen Befestigungen; Ausgangspunkt des bed. Karawanenhandels durch die Sahara. Dronk. Tafna,Küstenflnß in dein westl. Theile Algeriens. Hier 26. und 28. Jan. 1836 Gefechte zwischen den Kabylen u. Franzosen. Am 30. Mai 1837 schlossen die Franzosen an der T. Frieden mit Abd-el-Kader; s. n. Algerien, S. 419, 2. Sp. Tag, 1) ursprünglich im Gegensätze zur Nacht die Zeit, während welcher die Sonne sich über dem Horizont befindet. Unter dem Äquator währt der T. das ganze Jahr hindurch 12 Stunden; am Nordpol dagegen dauert der T. ohne Unterbrechung von der Frühlingsnachtgleiche an bis zur Herbstnachtgleiche. Die scheinbare Sonnenbahn ist hier ein dem Horizont paralleler Kreis; am Tag der Frühlingsnachtgleiche bewegt sich die Sonne im Horizont, steigt bis zur Sommersonnenwende (21. Juni) allmählich immer höher (bis zu 23Z") und fällt dann bis zur Herbstnachtglciche wieder auf 0 (Horizont); es wird dann also während dieser ganzen Zeit gar nicht Nacht, sowie in der anderen Hälfte des Jahres gar nicht T. Am Südpol ist es umgekehrt. In den zwischen den beiden Polen u. dem Äquator gelegenen Breiten ist die Länge des T-es nach den verschiedenen Jahreszeiten sehr verschieden, und zwar ist der Unterschied der T--eslängen nm so größer, je näher ein Ort den Polen liegt; in der nördlichen Hemisphäre ist der T. am längsten um die Zeit der Sommersonnenwende, am kürzesten uni die Zeit der Wintersonnenwende; in der südlichen Hemisphäre verhält es sich umgekehrt. Zweimal im Jahre sind T. und Nacht über dem ganzen Erdboden gleich, nämlich um die Zeit der Nachtgleiche, den 20. März u. 23. September. 2) Astronomischer T., die Zeit einer Achsendrehung der Erde, und zwar entweder in Bezug auf den Fixsternhimmel von der Cnlmination eines Fixsterns bis zur nächstfolgenden, Sterntag; od. in Bezug auf die Sonne die Zwischenzeit zwischen zwei aus einander folgenden oberen Culminationen der Sonne, wahrer Sonnentag; da die wahren Sonnenlage, namentlich infolge der ungleichen Geschwindigkeit der Erde ans ihrer Bahn um die Sonne, nicht das ganze Jahr hindurch gleich sind, so hat man einen Sonnentag nach mittlerer Zeit angenommen, nach welchem alle bürgerliche Zeit bei uns gerechnet wird (s. Zeit). Wimmenauer LI. Tagal, s. Tcgal. Tagalen (Tagala), Name der malaiischen Bewohner der Philippinen (s. d.). Danach die Taga- lische Sprachengruppe eine Gruppe der Malaiischen Sprachen, s. u. Malaiisch-Polynes. Sprachstamm. Taganai, Gebirgsstock (1082 in) in der westl. Kette des südl. Ural, nördl. der im russ. Gonv. Ufa gelegenen Stadt Slatoust, ist reich an Eisen, Kupfer, Blei, Qnellgebiet der Ufa, A'i u. Tschussowaja, des M, Jsset u. Mijas. Taganrog (Taganrok), Stadt und Festung im rnss. Gonv. Jekaterinoslaw aus einer Landzunge am Asowschen Meere, 4 Meilen von der Mündung des PiererL IIinverkal-Conoersations-Leriloii. K. Ausl, xv Tagcsbruch. Don, sehr hoch u. gesund gelegen, durch Eisenbahn mit dem Innern Rußlands verbunden, hat Schiffs- Werste, Kriegshafcn, Seehospital, Theater, Börse, Bazar; Gymnasium, Admiralität, Qnarantänean- stalt, Fabriken in Branntwein, Leder, Lichtern, Seife, Wachstuch, Maccaroni, Fischerei, Handel; der Hafen ist gut n. sicher, wird durch Neubau von Molen verbessert; der Handel ist sehr bedeutend; die Ausfuhr (1872 sürSOMill. Äl) liefert Weizen, Leinsaat, Raps, Gerste, Roggen, Hafer, Caviar, Talg; eingesllhrt (für etwa 20 Will. U) werden namentlich Früchte, Ol, Wein, Thee, Eisen u. Stahl; 1871:48,186 Ew. T. wurde 1698 nach der Einnahme von Asow gebaut u. hieß Anfangs Troizkaja; es wurde 1711 kraft des Pruther Friedens gänzlich zerstört n. verlaßen, aber 1769 wieder hergestellt n. bes. seit 1784 stark befestigt; der Kaiser Alexander I. von Rußland st. hier 1. Dec. 1825 auf einer Reise nach der Krim, n. ihm ist hier in der Nähe des Jernsalemklosters 1831 ein Monument errichtet u. sein Haus in eine Kapelle umgewandelt worden. T. wurde 22. Mai 1855 von einer englisch-franz. Flottille beschossen u. fast gänzlich zerstört. Dronke. Tagbogen, derBogen, welchen ein Gestirn über dem Horizont eines Ortes beschreibt; der unter dem Horizont liegende Theil der Bahn heißt dagegen Nachtbogen. Nur für die Gestirne im Äquator ist der T. gleich dem Nachtbogen. Für diejenigen Sterne, deren Polabstand kleiner ist als die Polhöhe des Ortes, ist der T. — 360", sie gehen an dem Orte nicht unter; für diejenigen, deren südl. Abstand vom Äquator größer ist als die Äquatorhöhe des Ortes, ist der T. — 0, sie gehen an dem Orte nicht auf. Tageban, Gewinnung nutzbarer Mineralien bei Tageslicht durch Abdecken der aufgelagerten Massen. Tagegelder, so v. w. Diäten. Tages, der Lehrer der etruskischen Wcissage- kunst, galt als Sohn eines Genius und Enkel des Jupiter, an Gestalt ein Knabe, aber ein Greis an Weisheit. Er soll, da einst auf den Feldern von Tarquinii ein Ackersmann den Pflug etwas tief führte, aus der Erde hervorgetreten sein. Durch diese wunderbare Erscheinung erschreckt, hätte der Bauer geschrieen n. hätten infolge dessen die Lncu- monen der 12 Etruskerstämme sich nm ihn versammelt, worauf er ihnen die Lehren über Weissagung aus den Opfern, Beobachtung der Blitze u. andere Theile der Disciplin mittheilte, dann aber starb. Die Etrusker aber schrieben diese Lehre auf u. ans dieser Auszeichnung gingen die Tagetischen Bücher hervor, s. u. Etruskische Sprache. Tagesbefehl, täglicher Befehl an die Truppen- theile einer Garnison od. eines Corps rc. er enthält die allgemeinen für den folgenden Tag erforderlichen Anordnungen od. solche Mittheilungen, welche sämmtliche Truppentheile einer Garnison od. eines Corps betreffen. Tagesbruch, Erdfall, der durch Einstürzen von älteren Grubenvauten entsteht, indem Las Erdreich bis zur Oberfläche nachstürzt; sie sind meist trichter- sörmig. Solche Erdfälle entstehen aber auch aus geologischen Ursachen, also durch Einstürzen von natürlichen Hohlräumen, wie z. B. bei Szas-Vaßös im siebenbürgischen Comitat Kleinkokelbnrg, wo im Juli 1877 der dritte Theil der Weinberge versank u. verschiedene Berghalden »brutschten. I. Band. 11 162 Tagesordnung — Tagesordnung (Orllrs äu Mir), bei Collegien u. öffentlichen, bes. parlamentarischen Versammlungen die festgesetzte Vertheilnng (Bestimmung, Anberaumung) der Geschäfte (Verhandlungen) auf die verschiedenen Tagessitzungen; daher zur T. übergehen, einen besonderen Antrag nicht beachten, indem man die einmal anberaumten Geschäfte wie gewöhnlich fortführt. Tagctisch, s. u. Tages. Tagewasser, die atmosphärischen».Flußwasser, welche'durch Klüfte und Brüche in die Gruben ein- dringen. Tagfahrt, so v. wie Termin. Tagfalter, s. Tagschmetterlinge. Taggia, Stadt in der ital. Prov. Porto Mau- rizio, am T., Gymnasium, Kirchen mit Gemälden, Weinbau; 4331 Ew. Tagil, Fluß im asiatischen Theile des rnss. Gouv. Perm, fällt in die Tura, s. d. Tagliacozzi, Kaspar, berühmter Chirurg des 16. Jahrh., Schöpfer der Autoplastik in Europa wenigstens, d. h. des Wiederersatzes einzelner Kör- pertheilc, z. B. der Nase ans dem eignen Fleische rc. Er hat dieses Verfahren selbst vielfach meisterhaft geübt n. wurde noch nach seinem Tode hoch geehrt. Er schr.: Os eurkorum olürurAia per insitiousm sie., Venedig 1597 u. ö. Thamhayn. Tagliacozzo, Stadt in der ital. Prov. Aquila in der Nähe des Sees von Fucino mit dem Titel eines Fürstenthums; 3127 Ew. (Gern. 7407). Hier 23.Aug. 1268 Sieg Karls von Anjou überKonradin von Schwaben, s. u. Sicilien, S. 411. Tagliamento (znr Römerzeit Tilaventum, Ti« lamentus, Tilamentum), Küstenfluß des Adriatischen Meeres im nordöstl. Italien (in Frianl); entspringt oberhalb Forno di Sopra an dem Berge S.Mauro, theilt sich zwischen Pinzano u. Canussio vielfach, nimmt die Fella u. mehrere kleinere Gewässer auf, wird von Catisana an schiffbar u.mllndet nach einem 185 km langen Laufe unterhalb Bevazzana durch den PortodelT. Anihm12. Nov. 1805Arrikregardenge- fecht zwischen den sich zurückziehenden Österreichern unter dem Erzherzog Karl u. den Franzosen unter Massena. Taglioni, Tänzerfamilie, 1) C h a rl e s, ein Pie« mvntese, in der Mitte des 18. Jahrh. guter Ballettänzer. 2 ) Philipp, ältester Sohn des Vor., geb. 1777 in Mailand; erst Balletmeister in Stockholm, dann in Kassel (unter Jerome Bonaparte), zuletzt in Warschau, von wo er 1853 zu seiner Tochter (s. d. Folgende) nach Italien ging. T. ist Verfasser vieler choreographisch sinnreich ausgeführten Ballets u. heirathete die Tochter des berühmten schwedischen Schauspielers Karstens. Erst. 1871. Beider Tochterwar 3) Marie, geb. um 1804 in Stockholm; trat als Ballettänzerin zuerst 1822 in Wien auf, ging 1827 nach Paris an die Große Oper, bereiste darauf die größeren Städte Frankreichs, Deutschlands, Englands, Rußlands und Italiens, wo sie überall große Triumphe feierte, verheirathete sich 1832 mit dem Grafen Gilbert ves Voisins, führt den Namen Mlle. T. auf dem Theater fort, lebte meist in Paris, zog sich 1847 von der Bühne nach Italien zurück. 4 ) Paul, Bruder der Vor., gebl 12. Jan. 1808 in Wien, der berühmteste seines Namens, besuchte bis 1822 Las College Bourbon, Tagschmetterlinge. wurde dann von seinem Vater im Tanz unterrichtet u. betrat 4. Nov. 1825 in Stuttgart zum ersten Mal die Bühne, tanzte 1826 u. 27 auch in München, Wienu. Paris, wurde 1831 nach erfolgreichstem Gastspiel in Berlin engagirt u. erwarb sich hier sowohl als ausübender Künstler wie als Choreograph seinen wohlverdienten Ruf. Flick und Flock, Sata- nella, Fantüska, Ellinor rc. sind die bekanntesten seiner Ballette. Ende der 30er Jahre vermählte er sich mit der namhaften Tänzerin Amalie Galster, die ihn auf seinen zahlreichen Kunstreisen begleitete bis sie 29. Nov. 1847 in Berlin von der Bühne zurücktrat. Mit zahlreichen Orden geschmückt, ist T. seit 1869 kgl. Balletdirector. Weniger bekannt sind T-s Schwestern Jo s ephineu. Louiss, um so mehr seine Tochter 5 ) Marie, geb. 1834 in Berlin, Tänzerin zuerst seit 1847 in London u. dann am Hoftheater in Berlin; sie heirathete 1866 den Prinzen Joseph Windisch-Grätz; während deren Schwester Augnste, die in Berlin als Schauspielerin wirkte, ohne Bedeutung blieb. 6) Salvator, Bruder von T. 2), geb. 1795, Tänzer in Neapel, dann Balletmeisterin Turin, st. 3. Oct. 1868. Kürschner.» Tagsatzung (früher Tagleistung), sonst die Versammlung der Abgeordneten der verschiedenen schweizerkantone (Stände) zur Erledigung der all- gemeinen Eidgenössischen Angelegenheiten. Anfangs war sie an verschiedenen Orten, unter der Verfassung von 1815—48 aber regelmäßig abwechselnd in Zürich, Bern u. Luzern (Vororte). Früher hielten auch die katholischen u. protestantischen bisweilen besondere T-en. Die T. wurde durch die Bundesverfassung vom 12. Sept. 1848 beseitigt. TagschmetterlingesTagfalter, Falter),Oiurua L., Familie der Großschmetterlinge. Das charakteristische und leicht auffallende Merkmal der T. liegt in den großflächigen, meist lebhaft gezeichneten und in der Ruhe senkrecht über den Körper zugeschlagenen Flügel bei kleinem, schmächtigen Kör- per, an dem der Hinterleib mehr od. weniger spindelförmig gestaltet ist. Die borstigen Fühler sind an der Spitze geknöpft. Raupen nackt od. gedornt, 16beinig, Puppen eckig, durch einen Gürtelfaden od. nur am Hinterleib befestigt, d. h. gestürzt, selbst in einem Blattgespinnst; einige;mit Metallflecken; lieben Licht und Wärme; Flug meist lebhaft. Die Tropen beherbergen die durch Glanz und Intensität der Färbung hervorragenden Arten. 5000 Arten; 400 Europäer; 200 Deutsche. Einige Arten sindKosmopoliten. Die 20 meist amerikanischenArten der Gatt. Osspsria, Dickkopf, mit dickem Kopf und kräftiger Brust, tragen die Flügel nur halb aufgerichtet. Die 18 deutschen Arten sind kleine T. mit dunkelgestrichelten gelbbraunen Flügeln, so O. oomma O., od. grauschwarz, schwarz u. weiß punktirt, so O. alvsolus T. Die 300 Arten der Kleinfalter, Ozwasua, von zartem Bau, theilen sich in Kleinschwänze, mit geschwänzten Hinterflügeln, oben düster, unten lebhafter; dazu O. bstukas O., der Birkenfalter; Goldfalter, oben goldig roth, unten fleckig od. augig; Bläulinge oben blau od. dunkelbraun, unten mehrreihig, augenfleckig. Die Grasfalter, Oipparsbia, sind meist Europäer, oben düster gefärbt, tiesbraun, rostfarbig od. gelblich gefleckt u. mit gekernten Augen. Die Raupen grün, leben an Gräsern. O. sanira O. liefert in seinen Flügel- 163 Tagichwärmer — Tam. schuppen Testobjecte für das Mikroscop. Die Schillerfalter, Vpaturn, deren dunkle weißbindigeFlügel in Tiefblau ob. Violett schillern, sind 6—8 om groß. Ähnlich gefärbt doch ohne Schiller sind die Eisfalter, Inmsmtis. Die Eckflügelfaltcr (s. d.), Vanessa, mittelgroß, besitzen eckig gerandete Fühler. Hierher ferner die Perlmutterfalter (s. d.). Die Scheckenfalter, Lleiitasa, kleinere Falter, oben ockergelb, schwarz gegittert sind meist europäisch. Größere ver- wandte der Tropen sind die Arten der Gatt. Ua- uais und klsktcoma. Die Gatt. tloiias, Gelbling, zählt den bekannten Citronenvogel unter sich. Die Weißlinge,kontra, s.u.Weißlinge. Dieaufdernördl. Halbkugel lebenden Angenspiegeljalter, vorttis, besitzen weißliche, wenig schwarz od. rothangig gezeichnete Flügel und sind von ansehnlicher Größe. In Größe n. Schönheit der Färbung stehen voran die Ritter, kapitio, mit meist geschwänzten Hinterflü- geln. Dazu der Schwalbenschwanz, der Segelfalter u. vor allem die Edelritter, Ornitsioptora, der Tropen, 20 meist nur über die ostindischen Inseln verbreitete Arten. Dazu schöne Priamus, 0. kria- mus L.. Vorderflügel des Männchens sammetschwarz, Hintere smaragdgrün; Weibchen mit fahlbraunen weißfleckigen Flügeln. Flügelspannung: 15 ein. Farwick. Tagschwärmer, so v. w. Glasschwärmer. Tagthierchen (Eintagsfliegen, Haste), kpiis- merickas Laecsi., Jnsectenfam. aus der Ordn. der Geradflügler, auch wol zu den Netzflüglern gestellt. Sehr zart gebaute Jnsecten initverkümmerlenMunL- werkzeugen u. deshalb von kurzer Lebensdauer. Das Männchen hat sehr große, das Weibchen kleinere Augen ; Fühler kurz, borstig. Von den 4 Flügeln sind die vorderen groß, dreieckig, die Hinteren, wenn vorhanden viel kleiner u. gerundet. Die Beine sind schwach, die Vorderbeine besonders des Männchens verlängert und nach Art der Fühler vorstehend. Der Hinterleib trägt an der Spitze 2 vd. 3 fadige Anhänge. Dem kurzen Leben der ausgebildeten Eintagsfliegen steht ein 2—Zjähriges Leben der sehr gefräßigen Larven gegenüber. Diese leben in größerer Zahl im Wasser beisammen, sind kenntlich an den langen Fühlern und den büscheligen oder platten Kiemenanhängen, sowie an den langen gefiederten Schwanzsäden. Die entwickelten Eintagsfliegen fliegen des Abends in großen Schwärmen, paaren sich während des tanzenden Fluges über dein Wasser, u. nachdem die Eier in dasselbe abgelegt, sterben sie sehr bald. Die Larven derselben, als Uferaas bezeichnet, dienen als Fischköder; die Leichen der ansgebildeten Jnsecten liegen oft in solcher Menge zusammen, daß sie als Dünger dienen können. Zahlreiche Arten: kplrswsra vulAata L., gemeine Eintagsfliege, 15 mm; Flügel glashell mit braunem Geäder; Vorder- flllgel mit dunkler Fleckenbinde. k. iactsa Lni'm., 13 mm; Flügel milchweiß. In schnecflockenartigen Schwärmen Abends z. B. am Rhein. Farwick. Taguanüsse so v. w. Elfenbeinnllsse, s. ksiz'ts- loplurs. Tagulanda (Tagulandang), Insel zwischen Celebes u. den Scmgir-Jnseln, 150 s^jlcm groß, mit Len Producten des Indischen Archipels; sie gehört zu der Niederländischen Residentschast Menado. Tag- «. Nachtgleiche, so v. wie Äquinoctium. Tagwache, s. u. Wache. Tagwechscl, s. Wechsel. Tagwerk, ehemaliges Flächenmaß in Bayern, 34,E? -l. Taha, eine der Gesellschaftsinscln (Polynesien), nördl. von Raiatea. Tahichipi, Ort im nordamerik. Uniousstaat Ca- lifornien 120 Icm nördl. von Los Angeles, an der Southsrn-Pacificbahn, in der Nähe des gleichnami- gen Passes, welchen diese Bahn mittels einer 986 m langen, eine Steigung von 25 m überwindenden Schlinge überschreitet. Tahiridcn, eine persische Dynastie (811—873 n. Ehr.), s. Persien, S. 243 u. 244. Tahiti, so v. w. Otahciti. Tahstldar (Tassildar), der Titel der aus den Eingeborenen genommenen Steuereinnehmer in der indobritischen Präsidentschaft Madras, deren mehrere in einen: District fungiren. Taifun, s. Wirbclsturm. Taihu, See im südl. Theil der chines. Prov. Kiangsu, 170 IcmDnrchmesser, vonmalerischenBer- gen umgeben. Taijuen (Taiyuanfu), Hauptst. der chines. Prov. Schansi, am Fuenho in einer fruchtbaren Ebene von 1000 m Höhe gelegen, eine schön gebaute Stadt mit altberllhmter Fabrikation von Waffen und Eisen- waaren, angeblich 250,000 Ew. Taikun (Siogun, Schogun), der Titel des weltlichen Kaisers von Japan (s. d. S. 585, Sp. 2). Taillandier, Rene Gaspard Ernest T., genannt Saint-Rene T.; sranz. Schriftsteller, geb. 16. Dec. 1817 in Paris, studirte daselbst die Rechte, Philosophie und Literatur, wurde 1836 Advocat, setzte 1840 seine Studien in Heidelberg fort, bereiste Deutschland, wurde 1841 Prof, an derkacuitö äss isttrssin Straßburg, 1843 Prof, der Französischen Literatur in Montpellier n. 1863—68 an der Sorbonne, 1868 Prof, der sranz. Eloquenz, 1870 Staats- rath u. Mitglied des höheren Rathes für das Unterrichtswesen, und 1873 Mitglied der Akademie, gest. 24.Febr. 1879. Seine Hauptwerke sind: Ltu- äss sur la rsvolution vn Liisma^ns, Ristoirs cks 1a jsuns VIIsmuAne, 1849 ; Annrics äs8axs, 1865; vir ans äs ksitstotrs ä'VUoma^vs, 1875. Ferner: Lsatrivs (Gedicht), 1840; Lcotkrigsns, 1843; VIIs- mnAlls st kussis, 1856; ka vis st Iss osuvres äs Lltclasl ksrmontolk, 1856; Hist, st pliilosopsits rs- liFieuss, 1860; Inttsraturs straiiAsrs, 1861; ks ^enörat killt, äs 8s§ur, 1875; ks rot ksopakä et la rsms Victoria, röctts ä'iiistotrs sontsmporains, Par. 1878, 2 Bde.; viele Artikel in der ksvus äss äsux Nouäes seit 1843. Bolchert. lailloksr, altfranzös. Beiname, d. i. Eiseuspalter. kaillour, (fr.,) der Schneider. Imllon (sranz.) Nachsteuer. Tain, 1) Marktflecken imArr.Valence desfranz. Dep. Drvme, am Fuße des Hügels Eremitage und an der Rhone, durch 2 Hängebrücken mit dem gegenüber liegendenTonrnon verbunden, Station der Paris-Lyon-Mittelineerbahn; vorzüglicher Weinbau (Oötsrotis, Eremitage),Seidenspinnerei, Zeug- Lruckerei, römische Alterthümer; 1876: 2381 Ew. (Gem. 2860). 2) Hauptstadt der schott. Grafschaft Roß u.Cromarty, am südl. Ufer des Dörnach Firth; Lateinische Schule, Eisengießerei, Wolleusabriken, Färberei; 1871: 1730 Ew. 11 Taine, Hippolite Adolphe, frz. Schriftsteller ». Kritiker, geb. 21. April 1828, zu Vouziers (Ardennen), ging 1848 zur Normalfchule, wurde 1853 Doclor, war 1852 Lehrerin Revers u. l853inPoi- tierS, entsagte aber dem Lehrfachu. widmete sichder Literatur, 1863 wurde er indeß zum Examinator au der Militärschule znSaint-Cyr u. 1864 zum Lehrer der Kunstgeschichte und Ästhetik an der Schule der schönen Künste zu Paris ernannt. Er bekämpfte die hergebrachten Principieu des franz. Unterrichtswe- sens in: Lssai snr Mts-I^ivs, 1854, und Ims pliilosoplrea kranynis äu 19s srsolv 1856. Auch huldigte er fatalistischen und antispiritualistischen Ideen: Lssais äs erlticius et ä'Iristoire, 1857; u. idlouveauxsss.äs er. eb ä'Iiisb.,1865; La. I?oirta.ins et 8ss kablss, 1860; llistoirs äs Inlittsraturs au- ^-laise, 1864,4. A. 1877, 5 Bde. deutsch Lpz. 1877 bis 1878, ein vortreffliches Werk, das von der Aca- demicals atheistisch beimConcurs abgewiesen wurde; läenliöilis anZlars (über Carlyle), 1864; kosibi- vieius au^Inis (über Stuart Mill), 1864; klriloao- xdis äsl'art, 1865; küilosoplrrs äsl'nrt eu ltulis, 1866; Voxaxssultalis, 1866; Vox. -ruxRxr., 1855; idkotes surä'a.ris, 1868(sehrbeachtenswerth); I/'Iäsal änu8 1'art, 1867; küilosoplris äs I'art äans Iss Vux8-Lirs,1865—72 ;b,'intoIIlAsues, 1870,2 Bde.; 1-08 oriZiuss äs In Vrnuso eoutswporalus, 1. Bd. 3.A. 1876, 2. Bd. 1878, deutsch von Kätscher, Lpz. 1877 s.; viele Artikel in Zeitungen u. Zeitschriften. Im Rovbr. 1878 wurde er in die Akademie aufge- nominell. Volchert. Tni-Pillg (d. h. allgemeiner Friede), Name der Aufstäiidischeu iu China bei dem großen Aufstand von 1849—66, s. China S. 762 ff. Tai-tfing (Tsing), die seit 1645 bis jetzt auf dem chinesischen Throne sitzende Dynastie der Mandschu, s. China, S. 758 ff. Taiwan, s. Thaiwan. Tajo (bei Len Portugiesen Tejo, bei den Alten Tagns), einer der Hauptflüsse der Pyrenäischcn Halbinsel, entspringt aus der Quelle Fuente be Abrega am WAbhange der Muela de S. Inan in der serrania de Cnenca, an der Grenze von Reu- Castilien u. Aragvnien, ist bis zu seiner Bereinigung mit dem vom Plateau von Molina herabkommenden Rio Gallo ein unbedeutender Fluß, durchfließt dann die fruchtbare Ebene der Alcarria, darauf die Neu- castilische Wteppe, hernach, bei Toledo die Montes de Toledo durchbrechend, eine romantische, tiefe Felsschlucht, tritt von Cebolla an in ein weites Thal, durchbricht bei Almaraz die nördl. Verzweigungen der westl. Kette des Estremadurischen Scheidegebirges u. nimmt dann nach Überschreitung der portug. Grenze den Namen Tejo an. Bis hierher bildet er viele Siromschnellen n. Strudel (der berühmteste Strudel ist die Olla Le Bokarque unterhalb der Mündung des Guadiela). Als Tejo wird er zum eigentlichen Strome, trägt von Billavelha an, aber nur bei hohem Wasserstande, flache Barken, während die regelmäßige Schifffahrt erst bei Abranies beginnt, und thcilt sich unterhalb Salvaterra in 2 Hauptarme (den T. novo u. Mar de Pedro), welche das Lurch Nebenarme in mehrere Inseln getrennte sumpfige Marschland der Licirias do Tejo einschließen. Sämmtliche Arme münden in die Bai von Lissabon, welche im W. Lurch einen breiten Kanal, dieEn- trada do Tejo, mit dem Atlantischen Ocean in Verbindung steht. Die gestimmte Länge des Stromes beträgt 890 üm, wovon 580 ans Spanien kommen; der directe Abstand der Quelle von der Mündung beträgt 670 lern, u. sein Stromgebiet umfaßt 77,088 Hstem (1400 H!M). Die bedeutendsten Nebenflüsse sind rechts: Jarama, Albcrche, Tietar, Alagon u. Zezere; links: Guadiela, Rio del Monte, Salor u. Sorraya. An der Mündung liegen Fest- un^merke znin Schutze von Lissabon. H- Berns. Takau, den Ausländern eröffneter Handelsplatz ans der SWKüste der chines. Insel Formosa; angeblich 100,000 Einw. Werthe der Ein- und Ausfuhr 1876 (directer Außenhandel) 3,312,000 bezw. 4,578,000 A. Gesammthandel etwa das Doppelte. Takazzie (Bahr Setit), bedeutendster Zufluß (rechts des Atbara, entspringt am Waudatsch Paß im östl. sttandgebirge des Plateaus von Abessinien, in der Höhe von 3300 m, durchbricht in westlichem, dann nördlichem u. schließlich wieder in westlichem Laufe das genannte Plateau, nimmt zahlreiche Zuflüsse (Balagas links, Samre, Arogna, Geba, Weri) auf, erhält mit dem Übertritt in das ägyptische Hom- ran den Namen Bahr Setit u. mündet bei Tomat in Len Atbara. Dronle. Takel, im Allgemeinen jedes Windezeng ans 2 od. mehreren Blöäen u. einem durch diese laufendem Tau bestehend; Las Tan wird Läufer genannt u. hat doppelt so viele Parte als die Blöcke Scheiben haben; der Lheil, an dem die Kraft wirkt, heißt laufende Part, die andere die stehende Part. Das Einbringen des Taues in die Blöcke heißt scheeren, einscheeren. Je nach Art ihrer Zusammenstellung unterscheidet man Jolltane, Taljen, T., Giens. 1) Jolltaue ist die Verbindung eines Taues mit einem Block; es soll der Zugkraft eine beliebige Richtung geben. 2) Talje ist die Verbindung eines Taues mit 2 Blöcken von beliebig vielen Scheiben, je nach den zu erzielenden Kraftessecten: Seiten- n. Einhol-T. bei den Geschützen, Arbeits-T. zu den verschiedensten Arbeiten, namentlich Setzen des stehenden Guts, Boots-T. zum Boote heißen, Stoß-T., s. d.Ä., Reef-T. zum Reefen der Segel (eigentlich nur doppeltes Jolltau), Bug« T., um den Bug der festge machten Segel auf die Raa zu holen, Stener-T. beim Stenern mit Pinne, Rack-T. die Unterraaen an den 'Mast zu holen (wenn keine festen Racks) u. a. m. 3) T. ist die Verbindung einer Talje mit einem Tau- od. Kettenstander: schwere Stag- u. Nock-T. zum Aus- u. Einsetzen der Booterc., kleineNock-T., Lastenüberziinehmenu.als Hilfsbrassen für die Unterraaen, leichte Stag- oder Proviant-T., desgleichen jürLasteu, Segel-T., hauptsächlich beim Wechseln der Marssegel gebraucht; Seiten- od. Hanger-T., hauptsächlich beim Setzen des stehenden Guts gebraucht n. a. in.; dann nennt man vielfach Taljen von großen Dimensionen T., als: Kalt- u. Fisch-T. zum Kalten u. Fischender Anker, Raa-T. zum Heißen resp. Vieren der Unterraaen. 4) Giens sind bes. schwere T. u. fast immer in Verbindung mit einem Mantel, d. h. auf dem Stander des T-s befindet sich ein schwerer (Gien-) Block, od. der Stander läuft über eine feste Scheibe, so Laß jetzt die Last sich am anderen Ende des Standers befindet: Schraubengien zum Lichten u> Bieren der Schraube, Staugewindreepsgien znmHeißen und Vieren der Marsstengen u. a. m. D. TaLellagr 1 vv vv V), ^ v> 222LNÄ2m '/L22 «MS MKSNÄ «»ss« KAAiÄMS iSÄSchü! ÄSS« lTlKW»SSWMWZ MMMnM MUL' M « M M.»/a»Mr M>»RrL»»-«',MWSMF '«IlM! MM» M»SS8iIi NS« S»!lj SSSs ^l,D> rLs-siiS!!! »»m i,rüSiM> s>vS„W LÄ« «SZ888SSS WWVVW» MM »> I ,»»»>»,>s«H sS »»»^ W/K»SLSZDk.!:iKn MMLZKUiiHPB« NZ»M! »» ^ MASHI'j WI MM MWUMMÄMDWi WM 8^-MWW KMWS Z^! Wck «M« «W8 k/»III ssW>P«i>S «««>-ir-^iir, »WlMtzM »IIIIU, WWW ^Ms MM MM 1!>5 Takelage, Schiffsbestandtheil, zu dem man im weiteren Sinne die Rundhölzer (s. d. A.), Segel (s.d. A.) u. alles Tauwerk sammt Blöcken re. rechnet, welches zum Halten n. Regieren mr ersteren dient. Im engeren Sinne nur das Letztere. Man thcilt dieses in stehendes u. laufendes Gut ein. Dasselbe cmbringcn, heißt Anftakcln, es fortnehmen Abtakeln; in Bezug auf ein bestimmtes Rundholz „zu takeln". Infolge der Verschiedenheit der Schiffe herrscht große Verschiedenheit auch in der T., hier ist die einer Fregatte ins Auge gefaßt (Taf. l n. II). A) Stehendes Gut; 1) Buglpriet (E) wirdinseiuerrichtigen Lage gehalten durch a) die Bngsprietzurring (d. i. eine Kette, die außerhalb des Vorstevens das Bugspriet mit dem Gallionsschegg verbindet) n. die Wasserstagen (1), de- renes2od.mehrcregibt;dieWasserstagensindvon der größten Wichtigkeit, denn von ihnen hängt nicht allein die Sicherheit i>es Bugspriets, sondern auch die des Fockmastes n. von diesem die der Großstenge ab. Sie sind doppelt u. werden einerseits am Vorsteven befestigt, anderseits sitzt das erste Wasserstag resp. dessen Stropp auf I der Länge des Bugspriets von den Ohrhölzern an gerechnet; eine Bngsprietsbreite nach außen das zweite rc. d) Die Bugstagen (2), sie halten es nach der Seite u. fahren nach dem Bug des Schiffes in der Nähe der Krahnbalken. o) Die beiden Fockstagen (3), sie dienen zwar hauptsächlich zur Stutze des Fockmastes, aber auch nebenbei, um das Bugspriet nach oben zu halten. 2) Untermasten (II), s) Hanger (4), sie dieneuzur Aufnahme der Seitentakel und anderer Giens rc., welche vom Topp des Mastes fahren sollen; es sind Stander, welche nuten ein Auge mit einer Kausch haben. Für den Fock- n. Großmast sind 2, für Kreuzmast 1 auf jeder Seite. i>) Unterwanten (5), sie sollen den Mast nach den Seiten u. nach hinten halten, sie sind mit Webelcinen ausgewebt, um nach oben steigen (auf- entern) zu können, o) Stage (6, 3), nach vorn, d u. « werden mit Augen über den Topp des Mastes gestreift u. nach unten mit Jungfern (7) resp. Doods- hoften (8) u. Taljereeps angesetzt; diese Manipulation heißt Stagen. Zn der T. der Untermasten kann man ferner noch rechnen den Stoßtaljenstropp (S) u. die Püttings (10), d. h. Stützen aus Eisenstäben od. Kette für die Stengewanten nach unten u. sahrenvom Marsrand nach dem Mast (Püttingsring) und sind ebenfalls ausgewebt resp. sür die Unterwanten von den Rüsten nach der Bordwand; am Großmast einen Stropp (11) zum Ansetzcn des Krenzsten- gestags und am Fockmast einen Stropp zum Einhaken des Fockstagtakels. 8) Stengen (Ikl), s) Hanger (12), ans jeder Seite einer, zur Aufnahme der Stengetaljen; d) Wanten (13) sind wie die Unterwanten spannweise aufgelegt n. nach dem Marsrand mit Jungsern u. Taljereepen angesetzt n. halten die Stengen nach der Seite; o) Pardnnen dienen als Stütze nach hinten u. werden in den Rüsten wie die Wanten angesetzt; ck) Stage (15), sür Groß- und Vorstenge 2, fürKrenzstenge 1. Die Großstcngestage fahren nach dem Vortopp, von dortlängsdes Mastes nach unten n. werden am Deck mittels Taljereeps angesetzt, sie fahren über einander, von denen das untere als Leiter für das Großstengestagsegel dient. Die Vorstengestage werden durch am Bugspriet be- *) Die in Klammer stehenden Nummern beziehen sich ans die Tafeln. findliche Backen und durch die Klauen der blinden Raaen geleitet u. in der Gallion angesetzt, das untere dient als Leiter für das Vorstengestagsegel. Das Kreuzstengcstag fährt durch den bereits erwähnten Stropp am Großtopp und wird auf Tamp gesetzt. Außerdem sind für den Vortopp noch anznbringen: der Klllvcrleiter (16), der über eine im Klüverbaum eingelassene Scheibe durch den Stampfstock fährt n. im Gallion mit Talje angesetzt wird. 4 ) Klüverbaum (IV), wird innerhalb des Eselshauptes durch eineFnß-(l7) n.Domperkette (18) auf Bugspriet gehalten; s) Grnmmetstropp als Unterlage für die folgende T.; b) die Pferde (19) an beiden Seiten, über die Nock gestreift n. am Eselshanpt am Bolzen befestigt, auf ihnen gehen die Leute nach außen resp. stehen darin beim Bedienen des Klüver; v) die Backstagen (20) dienen zur Stütze nach den Seiten und werden am Bug in der Nähe des Krahnbalkens od. an diesen selbst befestigt, wohin sie über Klampen an den Nöcken der blinden Raaen fahren; ck) Stamps- stag (21), soll denselben nach unten stützen, fährt nach der Nock des Slampfstock; 2 Achterholer (22) dienen zum Ansetzen; s) Brille (23) für Anßenklüverbanm, dieselbe wird übergestreift u. mit einem Bolzen versehen. 5) Blinde Raae (V) und Stampfstock (VI). Über die blinde Raae streift man das vordere Klüverbackstag (24), den Backsbaumvorholerblock (60s), das Ächterklüverbackstag (25), den Domper (27) n. die Toppnant (27s). Der Domper soll noch unten stützen n. sährt durch einen am Vorsteven angebrachten Klnmpblock nach Gallion; letztere soll dem Domper cntgegenwirken u. fährt durch einem Block am Eselshanpt längs des Bugspriets nach den Ohrhölzern, zugleich als Laufstag dienend. Der Stamps- stock sitzt in der Nähe des Ejelshanptes u. hat an der Nock die Stampfstockächterholer od. Achtergaien (22) u. das Stampfstag. Derselbe dient aber ferner noch als Leiter für die nach dem Klüver- n. Anßenklllver- banm fahrenden Stage rc.; dazu ist er mit Löchern ».Scheibenversehen. 6) Bram - u. Oberbram- stengen, ans einem Stück bestehend n. gemeinhin Bramstengen (VII) genannt; das Gut liegt hier auf Trommeln, die sür das Bramgut hat nach jeder Seite einen eisernen Arm, Oberbramsahling. Die T. der Bramstengen besteht aus dem Stag (28), den Wanten (29), den Pardnnen (30) u. einer Jakobsleiter; die Trommel der Vorbramstcnge hat außerdem noch: den Außenklllverfallblock n. den Außen- kluverleiter (31). Die T. der Oberbramstenge besteht ans einem Grnmmetstropp, dem Oberbramstag (32), den Oberbrampardunen (33) n. einem mit 2 Kauschen versehenen Stropp, als Leiter für Ober- bramtoppnantern; den Verschluß bildet ein Vierkant (34) zur Aufnahme des Flaggenkopfes u. Blitzableiters. Das Vorbramstag führt über eine todte Scheibe an der Nock des Klüverbaums, durch das Loch am Stampfstock unterhalb des Dompers nach der Gallion; das Boroberbramstag ähnlich überNock des Außenklüverbaumes. Der Großbramstag nach Vorbramsahling od. Vornntcreselshanpt n. wird danach im Mars od. an Deck angesetzt; der Gcoßober« bramstag-dnrch ein Loch im Vorbrameselshaupt. Das Krenzbram- und Oberbramstag ähnlich nach dem Großtopp. 7 ) Außenklüverbaum (VIII): Grnmmetstropp, Pferde (19), Außenklüverbackstagen (35), Außenklüverdomper (36); an ihm fahren Außen- 166 Takelriß - klllverleiter u. Voroberbramstag. Die Außenklüverbackstagen liegen mit einem Auge über die Nock u. fahren durch Loch an der Nock der blinden Raa nach dem Krahnbalkcn. Der Außenklllvcrdomper führt durch Loch im Stampfstock nach Gallion; die Außen- kluverleiter über eine Scheibe innerhalb der T. u. des Voroberbramstag über eine todte Scheibe an der Nock, beide dann durch Stampfstock nach den Ohr- hölzern. 8) Raaen (IX). Die T. einer jeden Naa besteht im Allgemeinen ans folgenden Theilen, an jeder Nock: ans einem Pferd(37), damit Leute längs der Raa hin- n. hergehen u. dadurch das an der Raa befindliche Segel bedienen können (37aSpringpferd, 37b Nockpferd); einem Stropp (38) mit einer Kausch zum Ausholen des Segels, wenn es untergeschlagen wird; einem Jackstag (39) zumAnnähen desSegels; einer Brasse (40) u. einer Toppnant (41); in der Mitte: aus einem Stropp (42) resp. 1 od. 2 Blöcken (42) zum Anbringeti und Scheeren des Falls (42a Raahangerkette); aus Nack (43) zum Festhalten der Raa am Mast resp.Stenge; aus angenähten Blöcken (44) an der Unterkante der Raa zum Ausholen der Schooten des nächst höheren Segels u. Ausgaien des eigenen. Diese theils überzustreifendc, thcils anzu- uähende T. hat sür jede Art von Raa ihre Eigen- thümlichkeiten. 9 ) Gaffeln: Rack, mit welchem die Klau der Gaffel um den Schnanmast befestigt wird; Klau- u. Piekfallblöcke, Blöcke fürGeerenu. Gaitaue. L) LanfendesGut; dasselbe dient zur Bedienung der Segel, der Raaen, der Spieren u. sonstigen Gegenstände, welche nicht stationär gehalten werden sollen. Beim Scheeren des laufenden Guts sind hauptsächlich 2 Punkte ins Auge zu fassen: 1) das Ende muß so fahren, daß es möglichst leicht geholt werden kann; 2) die Kraft, welche ans das zu holende Ende kommt, muß auf einen haltbaren Punkt übertragen werden; um all 1 zu genügen, sind für die meisten Ende Leitblöcke nöthig, sä 2 muß die stehende Part des zu holenden Endes an einem festen haltbaren Gegenstände des Schifskörpers od. der T. befestigt sein. I. Für Segel: 1) Gaitaue sürRaa- (X), Lee- (XI) u. Gaffelsegel (XII). Die Gaitaue der Raasegel (45) holen Schoothorn nach der Dritte der Raa, die der Leesegel (46) die Außenschoot nach der inneren Nock der Lecsegelsraa u. die der Gaffelsegel bringen das Anßenliek nach der Gaffel (Piek- gaitaue j47j), der Klau (Brookgaitaue (48j) u. dem Schnanmast (Fußgaitane (49s). 2) Die Gvrdings. Die Raasegel sind damit versehen; sie sollen das Liek desSegels nach der Naa holen, damit man das Segel leichter festmachen kann u., wenn dicht gegait, es weniger Fläche dem Winde darbietet. Mali unterscheidet: Buggordings (50), sie holen das Nnterliek vor dem Segel auf; Nockgordings (51), desgl. dasSei- tenliek; Schlappgordings (52), desgleichen das lose Segel an der Achterkante. 3) Die Reeftaljen (53) sind sür diejenigen Raasegel nöthig, welche zum Reefen eingerichtet, also Mars- u. Untersegel. Sie holen das stehende Liek der Segel so nach beiden Nocken der Naa auf, daß genügend loses Tuch entsteht, um ein od. alle Reefe einstecken zu können. 4) Die B u - liens (54), sie sollen das stehende Lick des Segels nach vorn ausholen, wenn die Segel beim Winde gestellt sind u. man am Winde segelt. Damit sie nicht an einem Punkte wirken, hat man Buliensspruten angebracht, d. h. 1, 2 od. 3 Stroppen, die so mit — TaiLsim. einander in Verbindung gebracht werden, daß sic gleichmäßig angeholt werden. 5) Die Schooten (55 f55s.Ausholerj) u. Halsen (56); mit ihnen soll das Unterliek u. das stehende Liek der Segel ausgespannt werden. Mars-, Bram- u. Oberbramscgcl haben nur Schooten, alle übrigen Halsen u. Schooten. 6) Die Fallen (57), sie dienen zum Hissen der Segel u. der zu ihnen gehörigen Raaen n. Gaffeln, und sind je nach der Schwere ihres Segels rc. einfach, doppelt, als Taljen od. Takel n. Mantel ge- schooren. 7 ) Den Niederholern, sie werden an solchen Segeln angebracht, die nicht von selbst laufen, wenn der betr. Fall losgeworfen wird (Stagsegel sXIIIj); fahren also in der entgegengesetzten Richtung zu ihren Fallen. 8) Bngtaljen, für die schweren Segel, deren Bug besser aufznholen. II. Für Raaen: abgesehen von den Fallen n. Hangern, mit welchen man den Raaen dis nöthige Höhe zur Stellung der Segel gibt, werden sie gestellt durch die Brassen u. Toppnanten. 1) mit dein Brassen (40) will man die Raaen nach Bedürfniß in einen gewissen Winkel zur Kiellinie bringen u. sie in der Stellung halten. 2) Mit den Toppnanten (41) sollen die Nocke» unterstützt werden. Für die Unterraaen treten noch die Racktaljen, um die Rackkctten (43) anholen zu können, hinzu. III. Für Spieren: a.) Besahns- baum (XIV): 1) Baumdirken(58), zum Halten desselben nach oben (Toppnanten entsprechend). 2) Banmschooten (59), für Seilwärtsbewegnng. Ist Baum ganz abgefiert, bei raumen Winde, so bringt man noch eine Talje od. Tau zum Halten an: Bnl- lentalje od. Bnllcntau. I>) Backspier (XV); Backspier- (Backsbaum-)vorholer (60) u. Backachterholer (60a) für Seitwärtsbewegnng n. Backtoppnant (61), zum Halten nach oben. IV. Für Gaffeln: 1) Fallen: Klanfall (62), um sie heißen und fieren zu können: Piekfall (63), die Nock beliebig zu stellen. 2) Geeren (64), für Halt n. Bewegung nach den Seiten. D. Takelriß (Segelriß) ist eine Zeichnung, welche außer dem Umrisse des Schiffes, so weit dasselbe über dem Wasser sichtbar ist, die Angabe der Masten und des hauptsächlichsten Rundholzes seiner gehörigen Lage n. Größe nach, nebst die genau« Form u. Größe der Segel zeigt. Takclwerk, so v. w. Takelage. Takcsman, eine Art niederer Adel inHvchschott- land, s. u. Clan. Takht-i-Suleiman, 1) der höchste Gipfel des Suleiman-Gebirges (s. d.) auf 3900 in Höhe geschätzt; 2) Hügel im südöstl. Aserbeidschan, mit bedeutenden Ruinen, in denen man die berühmte Sa- sanidenstadt Gazaka od. Kanzaka vermnthet. Takiang, Name des Jantsekiang (s. d.). Takowo-Orden, vom Fürsten MiloschObreno- witsch III. als Erinnerungszeichen an die beim Dorse Takowo begonnene Erhebung der Serben 1815 gestifteter, vom Fürsten Milan 12./24. Juli 1876 erneuerter serbischer Militärverdienstorden, in 3 Graden verliehen. Ordenszeichen: Kreuz aus 4 Armen mit 8 Knöpfen von Schwertklingen gekreuzt, in der Mitte im Avers der Namenszug des Fürsten, im Revers das serbische Wappen mit der Devise 2s. Luises, nsrogi otoesstvo (für Fürst, Volk ».Vaterland); getragen an rothem, blau und weiß eingefaßtem Bande. Islwim (arab.), I) Theilung, Vertheilung, Division; Takt — Taktik. 167 Bodenschätzung, Grundsteuerrolle. In der Musik: Vorspiel, eine Art von Gesäugen. 2) Name eines großen Wasserbehälters in Constantinopel, der einen Thcil der großen öffentlichen Wasserleitung bildet. Takt, nennt man die gleichmäßige Eintheilnng einer Tonfolge dnrch den Accent. Dieser besteht in der Senkung (Thesis) u. Hebung (Arsis); erstere wird auch guter T-theil od. Niederschlag,letzterer schlechter T-theil od. Aufschlag genannt. Die Unterscheidung der einzelnen, durch den Accent gebildeten T-einhciten ans dem Rotensystem geschieht durch einen senkrechten Strich (T - strich). Je nachdem die Glieder eines T-es ans Noten verschiedenen Zeitwerths zusammengesetzt sind, zeigen sich Accente höherer u. niederer Ordnung: DerT- od. Hauptaccent fällt auf die erste Note (gleichviel ob Halbs, Achtelrc.) ».bezeichnet den T. als Ganzes, derGlied - acceut bezeichnet die T-glieder (im 2/4 die Viertel, im Vs die Achtel u. s. s.) gegenüber den Gliedtheilen n. der Gliedtheilaccent verbindet die Glied- theile (kleinere Theile der Glieder) zu gleichfalls abwechselnd betonten u. unbetonten Gruppen. Im 2/4 T. fällt der T-accent inSechszehntelnoten ausgedrückt auf die erste, der Gliedaccent auf die erste u. fünften. derGliedtheilaccentaufdie erste, dritte, fünfte u. siebente Note; in Achtelnoten dargestellt, fällt der Gliedtheilaccent weg n. es bleibt der Hauptaccent auf der ersten», der Gliedaccent auf der ersten u. dritten Note, od. inVierteln bleibt nur noch derHauPtaccentübrig. DerviertheiligeT. besteht aus vier Gliedern, in Vierteln 'mit dem Hauptaccenl aus der ersten, einem schwächeren Accent aus der dritten Note, oder in Achteln mit demHauptaccent auf der ersten, dem Gliedaccent auf der ersten, dritten, fünften u. siebenten, einem Theilaccent höherer Ordnung aus der ersten u. fünften Note, od. in Sechszehnteln mit dem Hauptaccent auf der ersten, dem Gliedaccent auf der 1 ., 5., 9. u. 13., einem Theilaccent höherer Ordnung auf der 1 . u. 9., u. dem Gliedtheilaccent aus der 1 ., 3., 5., 7., 9., 11 ., 13. n. 15. Note. Der Dreivier. tel-(Trippel-)T. besteht aus drei Gliedern, welche gleichfalls in Rücksicht auf abwechselnde Senkung u. Hebung betont werden. Diese Accente werden im Vorträge eines Musikstückes nicht immer bemerkbar gemacht, häufig fordert der besondere Ausdruck sogar eine gegen Liese Ordnung gerichtete Betonung. Je nachdem Len verschiedenen T-bildnngen das zwei- theilige od. dreitheilige Metrum zu Grunde gelegt wird, entstehen einfache od. zusammengesetzte, gerade u. ungerade T-arten. Zu der einfachgeraden T-art gehören der Zweihalbe- od. Alla- breve« (tsl od. 2 ) u. der 2/4 T.; zu der einfachnn- geraden T-art der Dreihalbe- (Vs). Vi, Vs T. u. zu der zusammengesetzten T-art der V 2 , V 4 (e), 6/ s/ s/ 12/ 12/ 24/ 9/ 9/ 9/ cf- Kelten >2, /4, /8, /s, /iS, /iS. <2- /«I /s 2,- weiten angewandte, weil dem natürlichen rhythmischen Gefühl widersprechende T-arten sind der Vi und V» T.; sehr häufig tritt innerhalb eines Tonstücks Plötzlicher T-wechsel ein und können damit bedeutende Wirkungen erzielt werden. Je nachdem eine T-art gerade, ungerade od. zusammengesetzt ist, u. die T- glieder in Noten größeren od. kleineren Zeitwerths aufgelöst sind, gestalte! sich die Wirkung in verschiedener Weise. Im Allgemeinen haben die zwei- theiligen T-arten einen gewichtigen, ruhigen, die dreitheiligen einen lebendigen, feurigen Charakter, während die zusammengesetzten vermöge ihrer größeren Ausdehnung eine Fülle von Accenten schon innerhalb einer T-einheit darbieten, weshalb auch meistens der V«, Vs zu einem ersten u. letzten Sinfoniesatz, der Vs, *V« u. a. zu einem Adagio und der V4, Vi, Vs zu einem Scherzo gewählt werden. Die Entstehung des T-es ist ans Marsch und Tanz abzuleiten, wo er in der geordneten Folge von Schritten hervortrat. Diese Ordnung geschah in der Sprache theils durch die Quantität, lheils dnrch den Accent, welches beides auf die, anfänglich mit der Sprache auf das Engste zusammenhängende Musik überging. In der M ensnralmusik (s. d.) wurden sodann die sprachlichen Metra am Ton allein nachgebildet, dieser hinsichtlich seiner Länge u. Kürze unabhängig von der sprachlichen Prosodie gestaltet u. es entstand eine Reihe verschiedener Zeitwerthe; doch wurde vorerst hauptsächlich die Harmonie ansgebildet und erst aus der Pflege des Liedes und Tanzes u. der nach u. nach zum größten Tonreich- thnm angewachsenenJnstrnmentalmusik (15. u. 16 . Jahrh.) ging der T. in unserem Sinne hervor, wodurch die Möglichkeit geboten wurde, die rhythmisch reichhaltigste u. schwierigste Tonfolge in der einfachsten n. verständlichsten Weise darznstellen. Si-benrock. Takthalten, heißt ein Musikstück unter Beobachtung der Accente n. des Rhythmus von Ansang bis zu Ende streng in dem angenommenen Zeitmaße durchführen. Taktik (v. Griech., Gefechtslehre), 1) Landtaktik, die Lehre von der Führung u. Verwendung der Truppen. DieT. zerfällt in die niedere (Elementar-) T-, wo die Stärke der Abtheilung nicht die eines Bataillons, einer Schwadron od. einer Batterie übersteigt, u. zu welcher die Logistik, die Berechnung der zu einer Bewegung nörhigen Zeit, gehört; und in die höhere T., welche Len Gebrauch größerer Truppenverbände, als die obigen taktischen Einheiten find, lehrt. Hierher gehört die T. der verbundenen Waffen (Divisions-T.). Man theilt die T. auch in reine T., welche die Abrichtung der Individuen nach den verschiedenen Waffen- gattnngen begreift; als Vorbereitung hierzu dienen: Schwimm-, Fecht-, Turn- n. Reitkunst, Fuhrwesen; als Ausführung begreift sie die Ansbildnng der einzelnen Truppengattungen zu ihrem militärischen Berus, die Ausstellung, Bewegung und das Gefecht derselben ohne Rücksicht aus Terrain u. Kriegslage. Die angewandte T. begreift die Lehre von den Märschen, die Maßregeln dazu, die Instandsetzung der Wege, das Brückenschlägen rc.; die Lehre von den Lagern, Bivouacs, Cantonnirungen, die Lehre von demAngrifse (Stellung, Bewegung, Verbindung der einzelnen Waffengattungen uns Gebrauch derselben nach dem Terrain), die Lehre vom Angriff befestigter Stellungen, von Schanzen u. Festungen n. endlich die Lehre von der Vertheibigung. Vgl. Sirategie n. die Schriften von v. Brandt, Grundzüge der T. der drei Waffen, Berl. 1859; G. v. Berneck, Ele- ^ mente der T. aller Waffen, ebd. 1870; C. v. Decker, Die T. der drei Waffen, ebend. 1851—54; G. von ^ Griesheim, Vorlesungen über die T., Berl. 1872; Frhr. v. Waldstätten, Die T-, 6. A. Wien 1878 f.; v. Boguslawsky, Entwickelung der T. von 1793 bis zur ! Gegenwart, Lpz. 1877 ff.; Meckel, Elemente der T., 168 Taktiker — Tal bot. Bert. 1877; Zeichnungen zur Veranschaulichung der taktische» Formationen der Infanterie, Cavalerie u. Artillerie für das deutsche Reichsheer, 4. A. Potsd. 1878. 2) (zur See)., Sce-T. ist die Wissenschaft, welche von den verschiedenen Stellungen n. Bewegungen der Schisse eines Geschwaders od. einer Flotte handelt u. die Mittel angibt, nach welchen die Bewegungen der Schisse, als eines einheitlichen Ma- növrirkö'rpers, auszuführen sind. Seit Einsührung des Dampfes, noch mehr aber seit Einsührung der Panzerschiffe sind alle früheren Gefechtsverhaltnisse zur See in ein neues Stadium getreten u. muß die L. der Jetztzeit demgemäß auch eine ganz andere sein. Die Stärke der früheren Schiffe lag in ihrer Breitseite, die der Panzerschiffe im Bug. Ihre Hauptmasse ist die Ramme u. in zweiter Linie erst die Artillerie. Die taktische Formation für Panzerschiffe, welche jetzt als die beste betrachtet zu werden scheint, ist die des Keils von 3 Schiffen. Es bleibt jedoch der Zukunft Vorbehalten, die darüber bestehenden Ansichten zu klären u. giltige u. erprobte Regeln aus- znstellen. Vgl. Seekriege. i) l- 2) D. Taktiker, Kenner, Lehrer resp. geschickter Anwender der Regeln der Taktik. Taktmcsser (Mctrometer, Chronometer), s. Metronom. Taktschlagen, Taktgeben, nennt man bei der Aufführung eines Musikstückes die Angabe des Taktes durch den Dirigenten, wobei dieser mittels eines Stäbchens (Taktstab, bakon äsinsmire) od. der Hand verschiedene Taktfignren beschreibt. Diese bestehen im ^ Takt aus Niederschlag, Seiten- jchlag von rechts nach links, Seitenschlag von links nach rechts n. Aufschlag, im 2/4 aus Niederschlag n. Aufschlag u. im ^ aus Niederschlag, Seitenschlag von links nach rechts u. Aufschlag. Taktzeichen, die Bezeichnung der Taktart; am Anfänge eines Tonstücks durch Bruchzahlen u. Zeichen, z. B. 6,2/4, rc. Tat», die Befestigungen, welche den Einfluß des chinesischen Flusses Peiho (s. d.) u. damit den Weg nach Peking vertheidigen. Dieselben sind neuerdings wesentlich verstärkt n. mit den schwersten Kruppschen Geschützen armirt worden, um jedem Angriff gewachsen zu sein. Talain (Talaing, auch Mon genannt), Bewohner der britisch-hinterindischen Prov. Pegn, nach der einen Ansicht ein den Birmanen verwandter, nach anderer ein isolirt stehender Volksstamm. Talar (lat.), das lange, bis an die Fersen reichende Amts- u. Festkleid der Geistlichen, richterlicher Beamten, Universitätsproscssoren rc. Talar (pers.), ein hölzernes, auf 4 od. mehreren Pfeilern od. Säulen ruhendes Gebäude; eine Halle. Talaro, so v. w. Thaler; im Orient neben einheimischen Bezeichnungen — Maria-Theresia-Tha- ler (s. d.). Talaut-Jnseln, Inselgruppe zwischen Mindanao u. Halmahera, mit den Producten des Indischen Archipels, der nördlichste Theil der niederländischen Besitzungen, der Residentschaft Menado zugctheilt. Die Hauptinseln sind Karkelang u. Salibabo; ihr Besitz noch ohne Bedeutung. Talavera dc la Neijna, Stadt in der span. Prov. Toledo, am Tajo, über welchen eine Brücke : von 25 Bogen führt, hat enge u. krumme Straßen, 7 > Thore, 8Kirchen (daruntereine Collegiatkirche n. vor > dem MadriderThore die schöne Kuppelkirche der Vir- gendel Prado,bei welcher 6 Tage nach Osterndas vicl- besuchte Volkssest I-as Llonäas äs T. gehalten wird), 4 Spitäler,früher berühmte Seidenwebereien, welche jetzt fast ganz aufgehört haben, Töpferei, achttägige Messe (im Aug.); 9285 Ew. T. ist Geburtsort des Historikers Mariana. 914 wurde T. den Sarazenen von Ordogno II., König von Oviedo, abgcnommen, geplündert n. geschleift. Hier 949 Sieg der Christen über die Sarazenen u. 27. u. 28. Juli 1809 Schlacht zwischen den Franzosen einer- n. Spaniern u. Engländern unter Wellington anderseits. Talbot, altes britisches, von T., Baron von Clenville, welcherl066mitWilhelmdem Eroberer aus der Normandie nach England kam, sich hcr- schreibeudes Geschlecht. Aus ihm 1) John I. T., Gras vonShrewsbury, Waterford u.Wex- ford, der Englische Achill genannt, gcb. um 1373 zu Blechmore in Shropshire; trat 1410 ins Parlament, wurde aber als Gegner des Hauses Lancaster 1413 in den Tower gesetzt; indessen bald wieder freigelassen, wurde er Lordlientenant von Irland, wo er den Aufstand unter Donald M'Mnrghc niederwarf. 1417 begleitete er denKönigHeinrich V. in die Normandie u. zeichnete sich bei der Eroberung von Nonen, durch die Vertreibung der Franzosen aus Maus, bei der Erstürmung von Laval u. Pon- torson rc. aus u. erhielt 1428 mit Suffolk den Oberbefehl über das englische Heer. Indessen trat die Jungfrau von Orleans auf, zwang 1429 die Engländer, die Belagerung von Orleans anfznheben n. nahm den Grafen Sufsolk in Jargean gefangen, worauf T. allein das Commando behielt. Am 18. Juni 1429 wurde er bei Palay geschlagen, gefangen u. vor Karl VII. gebracht, welcher ihn aber sogleich freigab. Er focht nun 1433 siegreich in der Normandie, eroberte 1435 St. Denis, schlug die Franzosen bei Rouen, nahm 1437 Pontoise u. entsetzte Crotoy; nachher aber mußte er, ans Mangel an Truppencrsatz, sich meist ans die Defensive beschränken. Er wurde 1442 zum Grafen von Shrewsbury u. 1446 zum Grafen von Waterford n. Wexford ernannt. 1449 mußte er in Rouen mit dem Regenten von England, dem Herzog von Sommerset, capitu- liren u. stellte sich den Franzosen als Geisel gefangen; 1450 freigegeben, machte er eine Wallfahrt nach Rom; nach seiner Rückkehr landete er 1452 mit4000 Mann in Guyenne, um die Einwohner dieser Provinz von den Franzosen zu befreien, eroberte Bordeaux, Castillon und Fronsac, wurde aber bei Ca- stillon (Chätillon de Perigord) geschlagen u. starb 20. Juli 1453 an den in dieser Schlacht erhaltenen Wunden. 2 ) Georg II. T., Graf vonShrewsbury, hatte die Aussicht über die gefangene KöniginMaria Stuart von Schottland, war Lord-Oberrichter während des Processes gegen den Herzog von Norfolk n. wurde nach dessen Tode Lord-Marschall von England; erst. 1590. Mit 3 ) Karl, Gras VonShrewsbury, seit 1689 erster Staatssekretär u. 1694 Marquis von Alton u. Herzog von Shrewsbury, dann 1714 Lordkanzler der Schatzkammer, erlosch 1718 der Titel eines Marquis von Alton u. Herzogs von Shrewsbury. Die Peerswürde u. der Grafentitel von Shrewsbury gingen auf eine katholische Neben- linie über. Chef des Hcuises ist Charles John Chel whnd, Graf von Shrewsbnry und T., geb. 13. April 1830. Bartling. Talbot, William Henry Fox, Erfinder der Photographie auf Papier, geb. 1799, aus angesehener Familie, studirte zu Oxford, wurde Parlamentsmitglied, benutzte aber seine viele freie Zeit zu wissenschaftlichen Untersuchungen, namentlich seit 1834 zur Erforschung der chemischen Wirkungen des Lichts. Erst als Daguerre am 7. Jan. 1839 der Pariser Akademie seine Methode vorgelegt, trat auch T. 31. Jan. mit der seinigen über lUiotDZsnio ärarrinA hervor. Anfangs war es nur der jetzige Positiv- Chlorsilberproceß ohne Anwendung der Camera. Nach manchen Verbesserungen kam seine Methode 1841 zur öffentlichen Kenntnis; n. konnte sich von da an rasch weiter entwickeln; wesentlich verbessert wurde sie durch Verwendung von Collodium 1850 durch Scott Archer in London u. Legray in Paris. T. verbesserte noch wesentlich den Albuminproceß auf Porzellanplattcn, nahm aber in der spateren Zeit seines Lebens wieder antiquarische Untersuchungen auf n. beschäftigte sich viel mit Entzifferung der Keilschrift. Er st. 17. Sept. 1877 zu Lacock Abbey in Wiltshire. r. Talca, 1) Provinz der südamerikanischen Republik Chile, zwischen der Prov. Colchagna, Argentinien, der Prov. Maule u. dem Großen Ocean, 9311 Hjlcm (169 HsM) mit 107,412 Ew. Im Innern eine ziemlich trockene n. baumlose Ebene, im O. n. W. aber Wälder u. fruchtbare Fluren. Hanpt- flüsse der schiffbare Maule mit dem Rio Claro und der Rio Mataquito. Hauptprodncte Weizen, Wolle, Häute. 2) Hauptstadt darin am Rio Claro, Eisenbahnverbindung mit Santiago, Lyceum, Wollenindustrie; 17,450 Ew. Schroot. Talcahnano, Stadt an der gleichnam. Bai des Großen Oceaus in der chilen. Prov. Concepcion, obere Marinebehörde, Schiffswerft, Sammelplatz der Walfischfänger im Südpolarmeer, bedeutender Handel (Seehafen der Stadt Concepcion); 5000 Ew. Die Stadt wurde 1835 durch Erdbeben fast gänzlich zerstört. Talcmm, so v. w. Magnesium. Taleman, der Sprecher des Bauernstandes auf den schwedischen Reichstagen. Talent (v. gr. Talanton, d. 'l. Waage, das Zn- gewogene), ursprünglich babylonisch-persisches Gewicht, bes. für Gold n. Silber, Grundlage des Münzwesens; wurde von den Griechen mit kleinen Abänderungen angenommen, wovon die wichtigsten sind: 1 ) das T. von Aegina — 37,., Ic§ Silber; 2 ) das T. von Athen — 26„gg lc^ Silber, durch Solon eingesührt. Dieses attische T. ist verstanden, wenn man von T. schlechthin spricht. 1 T. — 60 Minen ä 100 Drachmen ä 6 Obolen entspricht einer Summe von 4715 LI. Brambach. Talent (griech.), hervorragende geistige Befähigung nach einer Seite hin, während Genie mehr universelle Bedeutung hat. Talfonrd, Thomas Noon, englischer Dichter, geb. 26. Jan. 1795 in Neading, studirte die Rechtswissenschaften, prakticirte seit 1821 als Advocat, erhielt 1833 den Titel 8orAso.uk ab larv, war 1834 bis 1846 für seine Vaterstadt Mitglied des Unterhauses, wo er mit den Whigs stimmte, wurde 1849 ^ Richter am 6ourt ob Oominon klsao u. starb 20. ^März 1854 in Stafsord. Besonderen Ruf hat er 1 sich erworben durch seine, das classische Drama zum ^ Muster nehmenden Dramen stau (1836), MwXklis- nian oaptivs, Olsnoos, zusammen 1844 n. Mis Oastilian, nach seinem Tode erschienen. Außerdem sehr, er: I>gsm8 an variou- 8nbjoet8, 1811; Vaea- tion rambts8 anä klwng'ilts, 1845, 2 Bde., 3. A. 1853, 2 Bde., Supplemente dazu, 1854; die Aufsätze, welche er für Zeitschriften (dlsw moiMlp ma- Aariius, lückinburAlr reviorv) geschrieben, gesammelt, Land. 1843; dann gab er heraus; I-stksrs ok Olmr- 1s8 Immb, rvitlc a olcskoll ok Iii.? like, Lond. 1837, 2 Bde. u. ^iseat msmoriala ok 6üarls8 I-amI), ebd. 1848, 2 Bde. Lag-n. Talg (llnschlitt, 8svum), die bei gewöhnlicher Temperatur festen thierischen Fette, wie sie bes. vom Rind, Schafe, Hirsch u. a. gewonnen werden; sie enthalten mehr Stearin als die Butter- u. Schmalzarten. Der T. dient zur Bereitung von Seisen, zur Beleuchtung (s. Kerzen), zur Darstellung von Stearinsäure, als Nahrungsmittel u. in der Phar- macie. Die Härte des T-s ist nach der Thierart, von welcher er stammt und der Fütterung sehr verschieden: Trockensütternng gibt den festesten, Fütterung mit Brauerei- u.Brennereiabfällen den geringsten T. Im Durchschnitt enthaltend nach Wagener 75 starres Fett (Stearin n. Palmitin) n. 25 Olein. Je frischer das Feit ansgeschmolzen wurde, um so reiner u. weißer ist der T. Man zieht ihn ans dem Fette entweder durch Ausschmelzen od. Auskochen mit nachfolgendem Anspressen aus od. indem man die das Fett umgebenden Zellwände durch chemische Mittel, Lauge, Salpeter- od. am besten Schwefelsäure in geschlossenen Kesseln — letzteres des sich entwickelnden unerträglichen Geruchs wegen — zerstört. Nach dÄrcet wendet man ans 100 LH. rohen T. 1 Th. Schwefelsäure u. 50 Th. Wasser an und hat so nur einen Verlust von 5—8 "/„, während man beim Ausschmelzen etwa 15 °/„ Verlust hat. Der T. ist ein bedeutender Handelsartikel, vorzüglich kommt der etwas gelbliche Rinds-T. und der schön weiße Hammel- od. Schöps-T. in den Handel. Den meisten liefern Rußland, Polen, Norwegen, Dänemark , Ungarn, die Moldau und Walachei, Holland, Irland n. 'Amerika. Im Handel unterscheidet man auch den besseren Lichter-T. und den geringeren Seifen-T. Der schlechteste ist der Bodeu-T., der Bodensatz des geschmolzenen T-es. Jungck. TalgbauiN ist I) Llvriea eoriksra: 2) Ltittin- Aia oobikora; 3) Vatorla rnäioa. Talgdrüsen (sslancknlas sobaesae), kleine Drüsen, die im oberflächlichen Theil der Lederhant eingebettet sind u. deren Secret, der Hauttalg (oebum eukansum), zur Einölnng und Geschmeidigmachung der Haut dient. Sie finden sich an allen behaarten Stellen des Körpers, zu 1—2 um die Haarbälge gelagert, kommen indessen auch an einigen nnbe» haarten Stellen, wie am Lippenrand, vor n. fehlen constant nur an der Eichel n. Vorhaut der Klitoris. Es sind bald kurze, cylindrische od. birnsörmigeSchlän- che, bald einfache oder znsammcngesetzteTranben mit rundlichen Cndbläschen, die in einen kürzen Aus- sührungSgang übergehen, welcher in den oberen Theil des betreffenden Haarbalges od. an den haarlosen Stellen frei an der Oberfläche der Haut mün- 170 Talgkcrnseife det. Mikroskopisch bestehen die T. aus einer zarten Bindcgewebsmembran, die im Inneren mit rnnd- tichen od. polygonalen Zellen, einer Fortsetzung der Epidermis, ansgekleidet ist. Der Hanltalg wird gebildet von fetthaltigen Zellen (Talgzcllen) n. freiem Fett, dem meist zahlreiche Epidermisschuppen beigemengt sind. Häufig finden sich im Hauttalg Chole- stcrinkrystalle und zuweilen eine eigene Milbenart (aearnslollienlornm). Durch Verstopsungdes Ans- führungsgauges der T. u. dadurch herbeigesührte Retention des Hauttalgs entstehen die sog. Mitesser (oomsclouos). Entzündet sich durch Ausdehnung u. Anfüllung der Drüse die umgebende Haut, so kommt es zur Vereiterung der T. u. Bildung einer Pustel, der Finne (aens), od. zu einer Bindegewebswncher- ung in der umgebenden Lederhaut, in Form eines rothen Knotens, der die Haut überragt — aens indurata, Kupferrose. Blumberg. Talgkernseife ist Kernseife, s. Seife. Talglichter (Talgkerzen), s. Kerze. Talgsäure, so v. w. Stearinsäure. Talhonet, Auguste Bonamonr, Marquis von,sranzös. Staatsmann, geb. 11. Oct. 1819 in Paris, trat nach vollendeten Studien 1842 als Auditeur in den Staatsrath n. Generalrath für Sarthe, in welchem Departement erreich begütert ist; wurde 1849 in den Gesetzgebenden Körper gewählt», nach dem Staatsstreich mit Dar» arretirt n. in Vincen- nes kurze Zeit eingekerkert. Seit 1852 in die Kammer gewählt, gehörte er zu der liberalen Opposition u. wurde 2. Jan. 1879 in Olliviers Cabinet Minister der öffentlichen Arbeiten, gab aber schon im Mai seine Demission. Im Gesetzgebenden Körper war er 15. Juli 1870 Referent der Commission über die Kriegsfrage, wurde 1871 Mitglied der Nationalversammlung, schloß sich der legitimistischen Fraktion an n. wurde 1870 in den Senat gewählt. Lagai. Talifu, Stadt in der chines. Pro». Jünnan, im Mittelalter Hauptstadt eines Reiches der Shau, seit 1855 Mittelpunkt der mohammedan. Empörung der Provinz, aber 1872 von den Chinesen zurückerobert. lalio (lat., Talion), die Vergeltung eitler Übel- that durch Zufügung derselben Übelthat an den ersten Thäter. Der Gedanke, daß die Verübung einer solchen That das Recht gebe, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, Ins talionis, das Recht der Wieder- vergeltnng, u. daß die Strafe für begangene Verbrechen, kosna talionis, Strafe der Vergeltung, in solcher Weise festzusetzen sei, findet sich in Len Cri- minalbestimmnngen aller Völker, ohne aber gerade zu einem festen System ausgebildet worden zu sein. Auch in den älteren deutschen Volksrechten spielt die Idee der 1. eine große Rolle, sowol durch die Gestaltung der Blutrache, als auch in Len ältesten öffentlichen Skrafarten, u. Anklänge derselben finden sich auch noch in Len Bestimmungen der Carolina. Talisman (vom arab. tilisirr, tilsain, Zauber- bild), nach orientalischem Aberglauben ein Gegenstand, welchem die zauberische Kraft inwohnt, gegen rudere Zaubereien zu sichern od. selbst eine zauberische Kraft od. auch eine zauberische Eigenschaft, z. B. Unverwundbarkeit, zu verleihen, Der T. ist entweder ein Bild von Stein, oder ein auf Stein gra- virtcS Bild, Zeichen, auch ein Spruch. Verwandt mit den T-en sind die Skarabäen, die Abraxassteine u. Amnlctle. — Tallahassee. lallier qualltoe (lat.), so so, einigermaßen mittelmäßig. Talje, s. Takel. Taljcreepe, dünne Taue, welche durch die Löcher der oberen u. unteren Jungfern geschoren werden, um den Wanten rc. zu setzen (straff zu ziehen); sie haben2Umfang ihrer zugehörigen Wante od. Stage, wenn aus Hanftanwerk, bei Drahttauwerk gleich dessen Umsang. Talk, Mineral, bildet undeutliche rafelartige, wahrscheinlich rhombische Krystalle, erscheint meist in blätterigen, schuppigen Massen, schieferig als T- schiefcr u. fast dicht; sehr mild u. geschmeidig, fettig anzufühlen, in dünnen Lamellen biegsam; Härte 1, specifisches Gewicht 2 ,§g bis 2,^; farblos, weiß, ins Grauliche u. Grünliche, apfel- bis spargelgrlln, selten olivcngrün; feltglänzend bis perlmutter-glänzend; durchsichtig bis undurchsichtig, optisch zweiachsig; besteht aus kieselsaurer Magnesia mit etwas Wasser; vor dem Löthrohr leuchtet er stark, blättert sich auf, schmilzt aber nur in sehr dünnen Blättchen; Säuren lösen ihn nicht auf. Er bildet als T-schief er größere im Gneis od. Urthonschicfer eingelagerte Felsmassen , wie im Zillcrlhal u. a. O- in Tirol, in Salzburg, am Montblanc, St. Gotthardt, in den Apenninen, am Ural; auch im Serpentin findet sich der T. ans Klüften, Nestern u. Drusen, so bei Wald- Heim in Sachsen, Mnssa in Piemont; in Gneis u. a. Gesteinen vertritt er zuweilen die Stelle des Glimmers. Mit Chlorit, Glimmer u. Asbest gemischt, bildet er den sogenannten Topsstein. Wegen der Weichheit n. Geschmeidigkeit wird der T. als Maschinenschmiere u. als Zusatz zur Schminke benutzt; er dient ferner zum Vorzeichnen auf Tuch (als sogenannte Spanische Kreide),zum Poliren von Metall. Talkcrde, so v. w. Magnesia. sLehm-mn.» Talkschieser, einsehr weiches, fettig anzufllh- lcndes, weißliches od. grünlichweißes Gestein, welches aus Talkschüppchen besteht u. schiefrige Struktur besitzt. UntergeordnettretenQuarzkörnchen, selten auch Feldspath hinzu. Zufällige Gemengtheile sind Magneteisen, Schwefelkies, Granat, Magnesit, Stauro- lith u. Gold. Er findet sich zusammen mit Chlorit- u. Glimmerschiefer bei Hof im Fichtelgebirge, in Schlesien, in den Alpen im Ural rc. Talkspath (Magnesitspath, Bitterspath, Giober- tit), Mineral, krystallisirt in NhomboLdern, die Krystalle einzeln eingewachsen, auch in körnigen, stetige - lig-körnigen od. großblätterigen Aggregaten, spaltbar sehr vollkommen nach dem Rhomboeder; Härte 4 bis 5, specifisches Gewicht 2,g bis 3,i; farblos, meist gelblichweiß bis ockergelb, graulichweiß oder schwärzlichgrau, glasglänzend, durchsichtig bis kan- tendnrchscheinend, besteht aus kohlensaurer Magnesia, meist mit etwas Eisenoxydul u. Manganoxydul; vordem Löthrohr ist er unschmelzbar; Säuren lösen ihn, jedoch schwierig, auf. Im Talk am St. Gotthardt, Rexburg in Vermont, Greiuer im Zillerthal, Pfitsch- thal u. Ultenthal in Tirol, Snarum in Norwegen. Tallahassee, Hauptstadt des uordamerikanischen Univusstaates Florida und Gerichtssitz des Leon County; Staatenhaus, Staatsgesängniß; sehr fruchtbare Umgegend, durch eine Eisenbahn mit dem Seehasen St. Marks verbunden; 2023 Ew. T. wurde 1824 angelegt. 1861 wurde hier die Secessionsor- dounance vollzogen. 171 Tallart — Talleyraud Perigord. Tattart, Camille d'Hostnn, Herzog von, Marschall von Frankreich, geb. 1652 in der Dauphine, machte seine ersten Feldzüge unter Coude in. Holland u. 1674—75 unter Turenns im Elsaß, wurde 1677 Brigadier u. 1678 Marcchal de Camp, ging 1690 über Las Eis des Rheins und setzte den Nheingau in Contribution. Seit 1693 Generallieutenant, ging er 1698 als Gesandter nach England, um den König zur Einwilligung zu der Theilung der spanischen Monarchie zu bereden. Beim Ansbruch des Spanischen Erbfolgekrieges befehligte er ein Corps am Niederrhein, vertrieb 1702 die Holländer ans dem Lager von Mülheim und eroberte Trier u. Trarbach, wofür er 1703 Marschall wurde; dann commandirte er am Oberrhein, eroberte Breisach, belagerte Landau n. schlug 15. Nov. 1703 das zum Entsatz von Landau bestimmte Corps unter dem Prinzen von Hessen bei Speier, erhielt 1704 den Oberbefehl über Las zum Beistand des Kurfürsten von Bayern bestimmte Heer, wurde aber 13. Ang. von Marlborongh u. Eugen bei Höchstädt geschlagen, gefangen u. nach England gebracht, wo er bis 1712 blieb. Nach seiner Rückkehr wurde er Herzog von Hostun u. durch Ludwigs XIV. Testament Mitglied des Negentschaftsrathes. Doch ward er vom Herzog von Orleans von der Regierung ausgeschlossen und erhielt von Ludwig XV. beim Antritt seiner Regierung (1723) den bloßen Titel als Staatsmiuister. 1724 ward T., der sich sehr eingehend mit Len Wissenschaften, namentlich der Staatswissenschaft beschäftigte, zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften erwählt. Er st. 20. März 1728. Lagai.' Talleyrand Perigord , ein französ. Geschlecht, welches von einer jüngeren Linie der Grasen de la Marche abstammt, welche einst die souveräne Grafschaft Pbrigord, Grignols, Chaiais u. Frousac besaß. Unter dem exilirten Archimbald VI. verlor die ältere Linie des jüngeren Zweigs die Herrschaft Perigord; Chalais wurde zu Gunsten von 1) Daniel Marie Anne, Marquis v. T. (welcher 1745 bei der Belagerung von Tournay blieb), zum Fürstenthum erhoben. Er ist der Stammvater aller T-s; von seinen fünf Söhnen sind der älteste Gabriel Marie, der zweite Charles Daniel u. der fünfte Louis Marie Anne die Stifter der jetzt noch blühenden Linien, der dritte, Augustin Louis, starb ohne Nachkommen. Der vierte, 3) Alexandre Äugelique, war Geistlicher u. ist bekannt unter dem Namen Abbe Perigord. Geb. 16. Octbr. 1736, wurde er 1766 Coadjutor von Reims und 1777 Erzbischof daselbst. Als Mitglid der Cvnstituirenden Nationalversammlung zeigte er sich jeder Reform feindlich u. emigrirte deshalb 1791; er lebte in Deutschland, bis ihn Ludwig XVIII. 1804 nach Mitau in seinen Rath berief u. zu seinem Beichtvater ernannte. Mit ihm ging T. nach England u. kehrte 1814 nach Frankreich zurück; nach der Restauration wurde er Pair. Beim Concordat 1816 von großem Einfluß, verzichtete er, auf den Wunsch des Papstes, auf Las Erzbisthum Reims; 1817 wurde er Cardinal u. Erzbischof von Paris, trat diesen Posten aber erst 1819 an u. st. 20. Nov. 1821. 3) Charles Maurice, Fürst v. T. Bischof von Autun, später (unter Napoleon) Fürst von Benevent u. frauz. Minister des Auswärtigen, Pair von Frankreich, geb. 13. Febr. 1754 zu Paris, war ein Manu von seltenem Umfang der Bildung u. bedeutenden Fähigkeiten, aber tief hineingezogen in die sittliche Verwilderung der damaligen vornehmen Welt Frankreichs, arg verschuldet, ohne Sinn für moralische od. politische Idealität u. stets bereit, durch Verrath der einen Partei sich beim Emporkommeu der anderen im Voraus seinen Platz zu sichern. Obschou älterer Sohn Charles Daniels (sl oben), wurde er doch wegen einer Fußlähmnng für die Kirche bestimmt. Von seinen Uuiversitäts- studien in Straßburg her besaß er den seiner Zeit wichtigen Vorzug, die damaligen deutschen Höfe, ihr Staatsrecht und ihre Einrichtungen genau zu kennen; auch war er mit den philosophischen Ideen des Zeitalters völlig vertraut. 1788 Bischof von Autun geworden, schloß er sich als Mitglied der Reichsstände mit 151 aus dem Klerus, deren Führer er war, 18. Juni 1789 dem dritten Stande (tiors älab) an, und seinem Beispiel folgte am folgenden Tage ein großer Theil des Adels. Am 2. Novbr. vernichtete er durch den Antrag, alles Kirchengut für Staatseigenthum zu erklären u. die Kosten des Cultus u. die Besoldung des Klerus durch Len Staat bestreiten zu lassen, die politische Existenz der Geistlichkeit. Am 16. Febr. 1790 wurde er Präsident der Nationalversammlung, las am 14. Juli, dem Jahrestag der Einnahme der Bastille, auf dem Altar des Vaterlandes das Hochamt und leistete in der Versammlung 4. Jan. 1791 als der einzige vom frauz. Episkopat den Eid aus die Civilverfassung, dem außer der Versammlung nur noch drei Bischöfe folgten. Als Papst Pius VI. ihn deshalb bannte, legte T. sein Bisthum nieder. 1792 wurde er nach England gesandt, um den Krieg mit dieser Macht zu hintertreibcn. Von Pitt abgewiesen, begab er sich nach NAmerika, da bei der Erstürmung der Tnilerien 10. Aug. 1792 Papiere gefunden waren, die ihn compromittirten. Im Sept. 1795 erhielt er nach dem Sturze der Schreckensherrschaft vom Nationalconvent die Erlaubniß zur Heimkehr, doch begann sein Einfluß erst wieder mit Napoleons Rückkehr aus Aegypten. T. muß als eine Hauptstütze des entstehenden bonapartischen Reiches angesehen werden, wenngleich er nie Napoleon Vertrauen eiugeflößt hat; aber T-s diplomatisches Talent war ihm unentbehrlich. T. hatte sich gleich nach Napoleons Rückkehr entschieden für ihn erklärt u. hatte großen Antheil an der Revolution vom 18. Brumaire (9. Nov. 1799), wofür er das Ministerium des Auswärtigen erhielt. Von nun an wurde er die Seele aller Unterhandlungen; die Friedeusvcrhandlnugen und Verträge von Luneville, Amiens, Preßburg, Posen u. Tilsit leitete er fast allein. Da er viel zum Abschluß des Concordates mit dem Papste 1802 beigetragen, entband ihn Pius seiner geistlichen Weihen u. ertheilte seiner Ehe mit Mad. Grant, die er bei seiner Rückkehr aus Amerika in Hamburg kennen gelernt batte, die kirchliche Legitimation. Als mit dem Kaiserthum Napoleons 1804 eine neue Verfassung geschaffen wurde, hatte T. sicher auf die Stelle des Staatserzkanzlers gerechnet, bekam jedoch nur den leeren Titel Oberkammerherr u. wurde dann 1806 mit der Würde eines Fürsten von Benevent bedacht. Als er nachher Napoleon zu einem festen Bllndniß mit England u. Österreich zu bereden suchte, brach der Zwiespalt mit dem zu Rußland neigenden Napoleon offen ans. T. mußte sein Portefeuille nach 172 Tullicil. dem Frieden von Tilsit niederlegen, n. wenn er auch nochzumVicegroßwahlherrn(Vico-Kranä-sIootsur) ernannt wurde u. den Kaiser nach Bayonne u. Er' fnrt begleiten durste, so blieb er doch in Ungnade n. zog sich 1809 ans sein Gut bei Valenxay zurück, wo er selbst unter geheimer polizeilicher Aufsicht stand. Seit dem russischen Feldzüge Napoleons begann T. mit den Bourbonen zu unterhandeln, wirkte dann beim Einzug der Verbündeten in Paris ans den Senat, der ans seinen Antrag Napoleon und dessen Familie für des Thrones verlustig erklärte, n. stellte sich an die Spitze einer von ihm zu Stande gebrachten provisorischen Regierung. Ludwig XVIII. ernannte ihn nach seiner Rückkehr zum Fürsten u. Pair, sowie zum Minister des Auswärtigen, in welcher Eigenschaft er auf dem Wiener Congreß mit meisterhafter diplomatischer Kunst die Interessen der Mächte zu verwirren wußte, u. sogar ein geheimes Bündniß zwischen Frankreich, Österreich u. England gegen Rußland u. Preußen einleitcte, infolge dessen Kaiser Alexander von Rußland ihn beim zweiten Pariser Frieden so schroff behandelte, daß er im September 1815 sein Ministerium niederlcgte. Napoleon hatte ihn nach der Rückkehr von Elba geächtet n. die Con- fiscation seiner Güter befohlen, T. aber war der Urheber der Erklärungen der Alliirten gegen ihn gewesen, der auch das Bündniß Ludwigs XVIll. mit ihnen abgeschlossen. Der bonrbonische König von Neapel, dem ans T-s Betrieb 1815 das Königreich zurückgegeben war, schenkte ihm 1816 für das an den Kirchenstaat gefallene Benevent dasHerzogthnm Dino mit reicher Dotation, in Frankreich wurde er 31. Aug. 1817 zum Herzog von T. Pcrigord ernannt und ihm gestaltet, da er kinderlos war, seine Würden ans seinen Neffen zu übertragen. Seine diplomatische Thätigkeit beginnt erst wieder nach der Jnlirevolution von 1830, in der er Ludwig Philipp I., der seinen Rach einholtc, zur Annahme der Krone vermochte. Seit dem Sept. war er französ. Botschafter in London, u. seiner Gewandtheit ans der Londoner Conferenz verdankte Leopold I. (von Sachsen-Coburg) im Febr. 1831 seine Anerkennung als König der Belgier. Die Quadrupel-Allianz zwischen Frankreich, Großbritannien, Spanien u. Portugal (22. April 1834) zum Schutze des constilntio- ucllen Princips in WEuropa war sein letztes diplomatisches Werk. Er kehrte 1835 nach Frankreich zurück u. privatisirte, körperlich sehr leidend, geistig aber noch immer sehr lebhaft n. häufig von dem Könige zur Berathnng an den Hos gezogen, in Valen- ^ay n. Paris. Er st. 17. Mai 1838 zu Paris. Vgl. G. de R. de Flassan, Ilioboirs äu oonArss äs Visnns, 3 Thle., Paris 1829, übers, von A. L. Hermann, 2 Bde., Lpz. 1830. In den drei noch blühenden Linien (s. oben) ist der Repräsentant X) der Ersten Linie seit 1713 Fürst von Chalais, seit 1715 Grand von Spanien n. seit 1817 Herzog von Perigord, gegenwärtig Augustin Marie Elie Charles, gcb. 10 . Jan. 1788; U) der Zweiten Linie Besitzer des Herzogthums Valem;ay in Frankreich und des Hcrzogthums Dino in Neapel ».seit 1845 Fürst von Sagau; gegenwärtig Napoleon Ludwig, geb. 12. März 1811, Sohn des Herzogs Alexandre Edmond u. der Prinzessin Dorothea von Kurland (vermählt seit 1809), jüngsten Tochter des Herzogs Peter von Kurland, welche nach dem Tode ihrer Schwester, der Herzogin von Sagan, n. der Fürstin von Hohen- zollern 1844 durch Vertrag mit ihrem Neffen, dem Fürsten Friedrich von Hohenzollern-Hechingen, das Herzogthum Sagan bekam, während der Herzog Alexandre Edmond durch Cession von seinem Onkel T. 3), dem berühmten Diplomaten, die Würde eines Herzogs von Dino erhielt. Napoleon Ludwig, geb. 12. März 1811, erhielt nach dem Tode seiner Mutter (19. Sept. 1862) das Lehnsherzogthum Sagan in Prenßisch-Schlesien. Von seinen zwei Söhnen aus der Ehe mit der Prinzessin Anna Louise Mix von Montmorency (gest. 13. Sept. 1858) wurde der jüngere, Niclas Raoul Adalbert von T., geb. 20. März 1837, von Napoleon IIl.1864als Nefsedes letzten Herzogs von Montmorency mit diesem Titel beschenkt;derältercSohn, Prinz von Sagan, Charles Guillaume Frederic Bosore, ist geb. 7.Mai 1832. 6) Die Dritte Linie ist nur gräflich. Schmitz. Tallien, Jean Lambert, ein praktischer Demagoge aus der franz. Revolutionszeit, der im Bunde mit Danton, Marat, Robespierre u. A. die bestehende Ordnung der Dinge nmznstllrzen u. darnach ein neuesStaatsgebäudeaufzuführen versuchte. Geb. 1769 zu Paris, war er 1789 bereits Notar u. dann bei der Redaction des Llonibsur angestellt. Beim Ansbruch der Revolution trat er dem Jakobinerclub bei, auf dessenKosten er 1791 den ohne weiteren Erfolg gebliebenen I/ami äu oitoz-su herausgab. Er gehörte zu dem Pariser Gemeinderath, der seit 10. Aug. 1792 in Wahrheit Frankreich unter Grenelthatcn regierte u. die Nationalversammlung als bloßes Werkzeug gebrauchte. Von dein Departement der Seine u. Oise in den Nationalconvent gewählt, gesellte er sich dem radicalen Berg zu, und drang im Proceß LudwigsXVI. am l5.Dec. 1792 auf Hinrichtung desKönigs ohneAppellation an das Volk od. Aufschub. Am Tage der Hinrichtung Ludwigs wurde er zum Präsidenten des Convents gewählt, trug durch stürmische Beredtsamkeit viel zum Siege über die Girondisten bei u. wurde April 1793 als Commissar des Wohlfahrtsausschusses nach Bordeaux gesandt, wo er in furchtbarer Weise gegen die letzten Reste der Gironde wüthete. Dorr lernte er Li« Frau von Fonteuay, Tochter des span. Bankiers GrafcnCabarrns, eine der reichsten u. schönsten Weltdamen (s. Chimay 2), im Gesängniß kennen, rettete sie und wurde dann durch ihren Einfluß zu milderen Maßregeln bestimmt. Deshalb im Convent verklagt, kehrte er nach Paris zurück n. wurde, um nicht selbst zu fallen, wieder Terrorist. Doch mißtraute ihm Robespierre, stieß ihn aus dem Jakobinerclub und ließ Frau von Fonteuay aufs Nene eiukerkern. Nun selber bedroht, stürzte T. mit Fouche, Collot d'Hcrbois, Billand-Varennes u. A. durch die Verschwörung des 9. Thermidor (27. Juli) 1794 Robespierre (s. d.) und heirathete darauf die Fonte- nay. Er wurde Präsident des Wohlfahrtsausschusses; damit begann im Nationalconveut die Herrschaft der Gemäßigteren, die den Jakobinerclnb 16. Octbr. 1794 schlossen und die noch lebenden Girondisten zurückriefen. Man beschuldigte jetzt allgemein T. des Royalismus, doch da er nach der Niederlage des Emigrantencorps bei Quiberon 20. Juli 1795, als General Hoche die fliehenden Emigranten entkommen lassen wollte, diese an der Einschiffung zu den engl. Schiffen hinderte, verlor er auch bei die- 173 Tallipotbaum sen sein kaiun entstandenes Ansehen. So von Republikanern u. Royalisten als Verräther behandelt, blieb er nach der Auflösung des Convents 26. Oct. 1795 in dein Rath der Fünfhundert ohne Bedeutung u. folgte deshalb 1798Rapoleon nach Ägypten, wo er eine Stelle bei der Verwaltung derNational- doinänen erhielt u. das Journal vssasts s^/ptisuiio herausgab. Rach Bonapartes Rückkehr mit Menon in Zwist gerathen u. von diesem nach Frankreich zu- rückgeschickl, wurde er unterwegs von den Engländern gefangen und bis 1801 als Kriegsgefangener behalten, doch von der Whigpartci in London mit Auszeichnung behandelt. Napoleon empfing den Zurückkehrenden höchst unfreundlich und erst 1805 verschafften ihm Fouche und Talleyrand den Posten als französischer Consul inAlicante. Seine Gemahlin hatte sich inzwischen von ihm scheiden lassen. Aus Gesundheitsrücksichten kehrte er von Alicante, wo er durch eine Krankheit auf einem Auge erblindet war, bald nach Frankreich zurück. Erlebte hier vergessen, ja diente, wie es heißt, nach der Rückkehr der Bourbons als Agent der geheimen Polizei, weshalb er, obgleich Königsmörder, 1816 doch in Paris blieb. Er st. daselbst 20. Nov. 1820. Schmitz. Tallipotbaum, s. Lor^plm. Talma, Francois Joseph, geb. 15. Jan. 1763 in Paris; verlebte mit seinem Vater, einem Zahnarzte, seine Jugend in England; kam 15Jahre alt nach Paris, kehrte aber bald nach London zurück u. machte dort so glückliche schauspielerische Versuche, daß ihm der Antrag wurde, in London die Bühne zu betreten. Familienverhältnisse veranlaßten ihn, nach Paris znrückzukehren, wo er 1786 zuerst in der nenerrichteten königl. Declamationsschule als Orest in Jphigenia in Tauris auftrat, sogleich zum Debüt auf dem l'Iwätrs bA-auyais zugelasseu wurde u. als Saide in Voltaires Mahomet 21. Nov. 1787 seine theatralische Laufbahn begann. Ausgezeichnetes Talent, feurige Beredtsamkeit, biegsames Organ, edle Gesichtszüge, regelmäßiger Körper u. geistige Bildung erhoben ihn als tragischen Schauspieler auf eine hohe Stufe. Die Wahrheit seiner Darstellungen, die Natürlichkeit seines Spiels und die Treue, mit welcher er sich zuerst des geschichtlichen Costumes (er trat zuerst in der Rolle des Titus in röm. Kleidung ans) bediente, begründeten eine neue Epoche in der französischen Kunst. Während der Revolution übernahm er die Direction der in der L-traße Richelieu spielenden Section des l'Iwütrs i^ranyam. Napoleon I. schätzte ihn sehr und zeichnete ihn mehrfach aus. Beim Cougrcß zu Erfurt 1808 war L. bei der franz. Schauspielergesellschaft, welche Napoleon begleitete. 1813 war er in Dresden und Leipzig, 1817 in England u. Belgien; er st. 19. Oct. 1826 in Paris u. wurde ans dem Kirchhofe Pore la Chaise (nach seiner Bestimmung ohne kirchlichen Beistand) begraben. Seine beidenÄinder aus derEhe mit der Schauspielerin Caroline Vanhove (später Madame Petit-Vanhove) ließ er protestantisch erziehen. Im DlreLtrs krauyaia wurde eine Büste u. ein Porträt von ihm angebracht. Er schr.: Lskiexlcms 8ur l'arb tllsätrul, Par. 1815; gab auch Lekains Memoiren heraus. Vgl. Moreau, Äamoirosbist, st 11t. sur '1., Par. 1826; Dumas,Llsmoiiesäsli'.st. 1'., ebd. 1849 f. (deutsch vonWesche,u. Heinrich); Villeneuve, Hotloo «ur lstast. vsnvö 1'. et«., Mendon 1836. Kürschner.' — Talmud. Talmigold-Maaren stellt man dar, indem man Kupfer-, Messing-, Tombakplatten mit Gold Plattirt n. dann zu Blechen ob. Draht auswalzt resp. zieht. Aus Vem Draht biegt man dann Uhrkertcn rc., ans den Blechen stellt man durch Pressen in Formen oder Ciseliren Broschen, Ohrgehänge rc. dar. Talmud (v. d. hebr. lammest, lehren; das Studium, die (mündliches Lehre) nennt man das großartige, aus 12 Foliobäuden bestehende, in seiner Art einzige monumentale Literaturerzcuguiß des jüdischen Volkes, iu welchem dessen gesammtes Geistesleben, sein Glauben, Denken u. Forschen seit Abschluß des biblischen Kanon bis um die Mitte des 6. Jahrh. niedergelegt ist. Der T. gliedert sich in die M ischna n. die Gemara, er umfaßtsonach die ganz- mllnv- liche Lehre. Die Mischna (ckevrk'^coaeL ob. die zweite Lehre) war dis erste von dem Patriarchen R. Je- hnda um das Jahr 200 n. Chr. niedergeschriebcne Sainmlnng der die biblischen Gesetzesvorschristen erläuternden u. weiter entwickelnden mündlichen Lehre. Die Mischna ist nach Materien geordnet u. zerfällt in 6 Haupttheile (Lostarim, Ordnungen), die wiederum iu Tractate, Abschnitte u. Lehrsätze (Paragraphen) sich theilen. Die erste Orvnung (Loraim) handelt von den Segenssprüchen u. den Ackergesetzen u. besteht aus 10 Tractaten. Die 2. Ordnung (Llosst) handelt in 12 Tractaten von den Festen; der 3. (dia- 8o1iim) behandelt das ganze Ehegesetz in 7 Tractaten; der 4. (dlsoikin) das Civil- u. Criminalgesetz iu 10 Tract. Die 5. Ordnung (Lostoselüm) handelt von den Schlacht-, Speise- u. Opfergesetzen iu 11 Tract., die 6. (Dalrarotlr) vou den Reinignugs- gesetzen (12 Tract.). Die Sprache der Mischna ist die neuhebräische, gemischt mit Aramäismen; auch kommen viele griechische u. lateinische Wörter darin vor. lieber das Sprachidiom der Mischna haben Geiger (1845), Dukes (1846) u. Weiß (1867) ausführlich geschrieben; Z. Frankel u.Brüll haben Einleitung u. Hodogetik zur Mischna in hebr. Sprache versaßt. Die Mischna wurde ins Arabische, Spanische, Lateinische (Snrenhufins) u. Deutsche (Rabe, Jost) übersetzt. Von den zahlreichen älteren Commentareu zur Mischna sind hervorzuheben der vonMos. Mai- mouides (s. d.), von Obadja aus Bertinoro u. von Lipmann Heller. Drei Jahrhunderte nach Redaction der Mischna wurde die Gemara (Ergänzung oder Endabschluß 80 . der mündlichen Lehre) vou Rabina u. Rab Aschi gesammelt. Sie enthält die an jeden Paragraphen der Mischna sich knüpfenden Debatten, Diskussionen, Schlußfolgerungen der verschiedenen T-lehrer. Die Mischna u. Gemara zusammen bilbeu den eigentlichen T. Derselbe zerfällt seinem Inhalte nach in Halacha und Ha gada (s. Jüd. Literatur, dritte Periode). Es gibt einen jerusalsmischen oder palästinensischen u. einen babylonischen T.; der erste ist im 4. Jahrh. iu Liberias redigirt worden; er ist nicht so vollständig, auch nicht so scharfsinnig wie der babylonische, der an Umfang ihn um das Vierfache überragt. Die Mischna zngerechnet, füllen die 63 Tractate 2947 Folioseiten, die (um das Citiren zu erleichtern) iu allen Ausgaben ganz gleich pagiuirt sinv. Die babylonische Gemara steht in größerem Ansehen, als die palästinensische, sie wurde auch mehr commentirt u. istder leitende Codex desJudenthnms geworden. Während die Sprache der babylonischen > Gemara mehr aramäisch ist, hat die der paläftinen- 174 Talon — fischen eine mehr syrische Färbung. Über den palästinensischen T. handelt gründlich Frankel, iilsbo lernsabLlini (Einleitung in denjernsalem.T., Bresl. 1870). Eine Realencyklopädie des T. gibt Hamburger, Neustrelitz 1866 ff., heraus. Commentare zum babylonischen T. gibt es unzählige (s. d. Art. Jüd. Literatur). Die bedeutendsten T.-Wör«erbücher sind: von Nathan benJechicl (beste Ausg. von vr. A. Ko- hut, Wien 1878), Buxtors u. J.Levy (Lpz. 1875 ff.). Einzelne Tractate des T-s wurden ins Lateinische, auch ins Deutsche übersetzt (Tractat Berachot von Pinner, Berl. 1842; Aboda sara vonF. CH. Ewald, Nürnb. 1868; BabameziavvnSamter,Berl.1878). Es erscheint jetzt auch eine französische Übersetzung in Paris bei E. Thorin, 1878). Eine kritische Geschichte der T.-Ausgaben gibt Rabbinowitz in seinen viliäudo Lokrim, Münch. 1877. Ein klares Bild von dem Inhalt n. der Bedeutung des T. gibt die in zahlreichen Auslagen (Berl. bei Ferd. Dümmler in deutscher Übersetzung) erschienene engl. Broschüre: Der T., von E. Deutsch, Bibliothekar an der Ox- forder Universität. Beachtenswerth ist auch I)r. Wünsches: Der T., eine Skizze, Zür. 1879, Verl.- Magazin. Man hat den T. oas Lorpna znri8 des Judenthums genannt, das ist nicht erschöpfend, denn er behandelt nicht nur juridische n. religionsgcsetzliche Fragen, sondern auch medicinische, naturwissenschaftliche, astronomische, ethischen, pädagogische Dinge, er ist die condensirte Geistesgeschichte des jüdischen Bolkes jener 7 Jahrhunderte, ein literarisches Herculanum u. Pompeji, wie ihn Grätz (Gesch. der Juden, BL. IV) nannte. Da er das ganze öffentliche u. private Leben bis in die kleinsten Details umspannt, so darf es nicht Wunder nehmen, wenn er neben dem Erhabenen n. Wichtigen auch Kleinliches u. Unwesentliches mit gleichem Ernste behandelt. Daß, des. in den agadischen Theilen, sich manche abergläubische An- schauungen(Dämonen, Beschwörungsformeln n.dgl.) vorfinden, ist auf Kosten der Länder, wo er entstanden (Babylonien, Persien) zu setzen. Eines darf bei einer gerechten Würdigung des T-s nicht außer Acht gelassen werden, daß der T. als solcher nicht für die Aeußerungen u. Aussprüche jedes einzelnen der darin vorkommenden etwa 1000 Autoren verantwortlich zu machen ist. Manchem gereizten Anlor entfuhr im Unmuth irgend eine lieblose Äußerung, die oft gar nicht einmal wörtlich gemeint, sondern nur eine Hyperbel war; dergleichen sehr vereinzelt Dastehendes wird reichlich ausgewogen durch eine Fülle herrlicher Lehren der Menschenliebe und des Wohlthuns gegen Jedermann, ohne Unterschied des Glaubens n. der Abstammung. Rahmer. Talon (v. Franz.), Ferse, Hacke, Absatz; bei manchen Zinsbvgen von Staatspapieren, Effecten (Wcrthpapieren) rc., ein Schein, gegen dessen Ablieferung,nachBerwenden aller beigedrucktenCoupons, deren neue ausgeliefert werden, ohne daß das Ori- ginaldocument vorgelegt werden muß. Beim Kartenspiel der Stock der Kaufkarten, der nach dem Geben noch übrig bleibt. Islpa (lat.), der Maulwurf. Talsen , Flecken in Kurland, 1500 Ew., darunter viele Juden (schöne Synagoge). In der Nähe ergiebige Fundstätten von Bernstein. Talvj, Pseudonym (Jnitialicn) von Therese A. L. von Jakobs, s. Robinson 3). Tamaulipas. Taman, Insel od. Halbinsel, umfaßt den größten Theil des gleichnam. Kreises im rnss. Distr. Kuban, wird durch die verschiedenen Arme des Kuban gebildet, schließt mit der Landzunge von Kertsch den Asowschen Busen, bildet das Delta des genannten Flusses, ist waldlos, hatSalzseen u.Naphiaqnellen. Auf einer Landzunge hat sich seit 1794 ein Schlammvulkan erhoben. Tamagua, Stadt im Schnylkill County des Nordamerika!!. Unionsst. Pennsylvanien, am Little Schnylkill; Eisenbahnknotenpunkt, bedentenderKoh- lenhandel, in der Umgegend reiche Steinkohlenmincn; 5960 Ew. Tamar , einer der bedeut. Flüsse auf Tasmania, mündet unterhalb George Town in dis Baßstraße. Tamarida, Hauptstadt LerJnselSokotora (O.- Afrika), mit Hafen, einigem Handel. lamsnnäus L., Pflanzengattnng aus der Fam. der UsAuiuiuosas-Oassalpiiuoicksuo; Art: P.inckiou L., in Ostindien, auch in Ägypten heimischer, durch Berpflanznng auch nach Westindien übergesiedelter (und dann als oeoickontalis anfgeführter) Baum mit gefiederten Blättern, gelben, roth gestreiften, in langen, herabhängenden Trauben stehenden, wohlriechenden Blüthen; die 1 , 5—2 äom langen, mit weinsäuerlichem Mus erfüllten Hülsen (Tamarinden) werden roh u. eingemacht genossen; dienen auch als gelindes Purgirmittel. Das Holz ist fest u. dauerhaft. lamarisosooas, kleine Pflanzenfamilie der chori- petalen Dicotyledonen, von sehr unsicherer Stellung, enthält nur die beiden sehr nahe verwandten Gattungen Tamurix (s. d.) u. Nzuüearia. lamsrix 4-, (Tamariske), Pflanzengattnng aus der Familie der Tamariaoavsus (V. 1), Sträucher mit geraden, dünnen Zweigen, dachziegelförmig stehenden Blättern, in langen Endähren stehenden, weißröthlichen Blüthen; 4 — 5 Blumenblätter und ebenso viel Staubblätter. P. AalUou 1,., mit fleischfarbenen Blüthen, eirunden, spitzigen, umfassenden, durchstochen punktirten Blättern, dunkelrothbraunen, schlanken Zweigen; hoher Strauch oder Baum am Mittelmeer. Die bittere Rinde sowie die Blätter waren sonst officinell. Am Sinai schwitzt aus den mehlig bestäubten Blättern einer Varietät dieses Strauches (larka) nach dem Stich einer Schildlaus eine Art bräunlicher Manna aus, welche Zucker u. Schleim enthält und von den Mönchen gesammelt wird. P. artioulaba, ( 1 . orisickaim Po-'s/c), Baum in Ägypten, Arabien, Persien, Ostindien, mit rosenrothen Zweigen, oft mit galläpselartigen Auswüchsen bedeckt, welche, sowie das Holz, im Orient als Arzneimittel gebraucht werden. Engler. Tamaro, Monte, 1961 m hoher Berg im schweiz. Kant. Tessin, am nordöstl. User des Lago Maggiore. Tamatäve, Stadt an der OKüste der Insel Ma- dagascar, stark befestigt, 3000Ew.; ehemalsHaupt- platz für den Sklavenhandel. Tamaultpas, der nördlichste unter den östlichen Küstcnstaaten der amerikan. Föderativrepublik Me- jico, zwischen Texas, dem Mejicanischen Meerbusen, Vera Cruz, S. Luis Potosi u. Nuevo Leon; 67,267 s—chm (1421,gssZM) niit 140,000 Ew. An der Küste zahlreiche Lagunen und Sanddünen. Flüsse: Rio Grande des Norte, Tigre (S. Fernando), Rio Pu- rificatiou, Tamesi rc. Das Klima ist an der Küste 175 Tambach - heiß u. ungesund, im Innern größtentheils gemäßigt u. gesund; der Boden eignet sich namentlich zur Viehzucht, die daher stark betrieben wird; Haupt- producte der Landwirthschaft sind: Baumwolle, Zuckerrohr und Reis; Industrie ist kaum vertreten; der Bergbau (auf Gold, Silber und Kupfer) wurde früher mehr als jetzt betrieben; an der Küste wird Seesalz gewonnen; von ziemlicher Bedeutung ist der Handel; Hauptstadt ist Nuevo Santander (Victoria), wichtiger sind die Hafen- u. Handelsstädte Tampico U. Matamoros. Schroot. Tambach , Marktflecken im Landrathsamt Ohrdruf des Herzogchums Sachsen-Koburg-Gotha, im Thal der Apfelstedt u. im Thüringer Walde, 453 m ü. d. M.; Papier- u.Bttrstensabriken, Öl-, Knochenmehl- u. andere Mühlen, starke Holzwaarenindu- strie, Glasfabrik, Holzhandel; im Sommer lebhafter Fremdenbesuch; 1875: mit Dietharz (656) 2563 Ew. Südsüdöstlich von T. der prächtige Schmalwasser- od. Dietharzer Grund mit der Märterswand, dem 90 m hohen, fast überhangenden Porphyrfelsen Fal- kcnstein und anderen malerischen Felsenbildnngen; westlich davon der Spittergrnnd mit dem Spitter- fall od. dem Gespring. H- Berns. Tambelan, eine Inselgruppe in der See zwischen Sumatra u. Borneo, nominell den Niederländern untergeben. Tamberlick,Heinrich, ital. Tenorist, geb. 1820 zu Rom; sollte Theologie studiren, verließ jedoch das Seminar, um seine schöne Stimme dem Theater zu weihen. Nachdem er unter Borgna n. Guglielmi Gesang studirt, trat er 1841 in den Oapulsbbi zu Neapel auf, ging 1843 nach Lissabon, dann nach Madrid, London u. Petersburg, wo er längereZeit blieb u. zum kaiserl. Kammersänger ernannt wurde. 1858 zog ihn Meyerbeer nach Paris, wo er mit großem Applaus ausgenommen wurde. Er blieb seitdem dort u. machte von da Kunstreisen auch nach SAmerika u. befand sich 1868 beim Ausbruch der Revolution in Spanien, wo er durch seinAuftreten in der Stummen von Portici das Feuer derselben schürte. 1869 kehrte er nach Paris zurück. Lagai. Tambohorn (Schneehorn), 3276 m hohe, mit Schnee bedeckte u. von Gletschern umgebene Felspyramide an der SSeite des Rheinwaldthals im schweizer. Kanton Graubünden, in der östl. Fortsetz, ung der Adula-Gruppe, dem Lmretta-Gebirge, westl. neben dem Splügen-Passe. Das T. bietet eine umfassende Aussicht ans die gewaltige Gletscherwelt Graubllndens, nach N. bis Schwaben n. nach S. über den Comersee, den Lago Maggiore u. die Lombardei bis Mailand, von wo der Berg sichtbar ist. Tambora (Tomboro, Temboro), Vulkan der Sunda-Jnsel Snmbawa (s. das.). Tambour, 1) Trommelschläger, 3 bei jeder Infanterie-Compagnie. Den T-s steht der Batail- lons-T. vor, der die T-s im Trommeln unterrichtet. 2 ) In der Befestigungsknnst, kleine aus Berthei- diguugspallisaden bestehende Anlage zur Deckung der Eingänge in befestigten Gehöften, in Feldschanzen od. provisorischen Werken, s. a. Pallisaden. Tambourin, baskische Trommel (Tambour ba?gus), eine kleine Handtrommel aus breitemHolz- od. Metallreifen mit darüber gespanntem Kalbs- od. Eselsfell, das vom T-schläger mit der rechten Hand geschlagen oder auch mit den Fingern gerührt wird. - Tamentlt. In dem Reifen sind meistens bewegliche Schellen od. Blechstücke angebracht, welche beini Schütteln oder Schlagen ein klingelndes Geräusch hervorbrinzcn. Das T. ist griechisch-römischen Ursprungs und jetzt noch im slldl. Europa bei Volkstänzen gebräuchlich. P. äs l?rc>vsnoe, kleine Trommel, ein Spielmannsinstrument des Mittelalters, auf dem der Spielmann den Takt schlug!, während er gleichzeitig das Gabou- let blies; I. äs OasooZms, ein Schallkasten mit Saiten, gleichfalls mit dem Gaboulet zusammen ge- braucht. T. wurde auch ein mit dem T. u. Flage- olet begleiteter Tanz (im H-Takt) von munterem, lebhaftem Charakter genannt. Beispiele desselben bei Ramsau. " Siebenrock. Tambötv, 1) Gouvernement im Europäischen Rußland (Großrußland), zwischen Wladimir, Nishe- gorod, Pensa, Saratow, Woronesh, Orel, Tula u. Rjäsan; 65,520 Hjlcm; bildet den Rücken der groß- russischenErhebung, reich bewässert durch die Flüsse: Oka mit der Zna, welcher Wischa, Mokscha (mitWaa) znfließen; Don, zu dessen System hier Woronesh, Maryra,Plawisa,Bitjug,Sawala,Worona, Wjasla u. m. a. gehören; eine größere Zahl derselben entspringt hier; das Land ist eben, zum Theil arm an Wäldern, hat dagegen trefflichen Ackerboden u. gute Weiden; das Klima ist im Winter streng, im Sommer heiß; 2,150,971 Ew., welche bedeutenden Ackerbau (aufGetreide,Ölpflanzen,Hanf) n. ausgedehnte Viehzucht (namentlich gute Pferdezucht, bei 172Stu- tereien) treiben; die Industrie bringt Branntwein, Eisenwaaren, Tuche, Talg u. Zucker hervor. Der Handel hat sich sehr gehoben seit der Eröffnung der Bahnen, von denen Rjaschk-Morschansk, Rjäsan- Koslow-Woronesh, Koslow-Saratow u. Orel-Astra- chan das Gouvernement dnrchschneiden. Die Bewohner sind Großrnssen, vermischt mit einigen Mordwinen u. Karalpaken. 2 ) Hauptstadt des Kreises u. des Gouvernements, an der Zna, Knotenpunkt der Eisenbahnen T.-Koslow u. T.-Saratow; gut gebaut , Sitz der obersten Behörden, mit zahlreichen Kirchen, Gymnasium, Priesterseminar, Militärschule, Adelscollegium, Fabriken in Tuchen, Shawls, Segeltuchen, Talgsiedereien, lebhafte Märkte; 26,403 Einw. Dronke. Tainbrax (a. Geogr.), große offene Stadt in Hir- kanien, mit Citadelle. Tamburin, s. Tambourin. Tamburrni, Antonio, ital. Sänger, geb. 1800 inFaenza; lernte anfangs dasHorn, dann beiAldo- brando Bossi singen, trat zu Faenza als Altist in Kirchen u. Theatern im Chor, 1818 in Bologna auf u. übernahm dort Baßrollen ersten Ranges; er wurde erster Sänger in Cento u. dann in Neapel. 1820 ging er nach Florenz, Turin u. 1822 nach Mailand; hier verheirathete er sich mit der Sängerin Marietta Gioja, ging von dort nach Triest u. Venedig, wo er vor den Kaisern von Österreich u. Rußland singen mußte, Rom und Palermo, dann wieder nach Mailand, Wien, Genua, Neapel und 1832 nach Paris, dem er über 20 Jahre lang treu blieb; sang daraus wieder in Petersburg u. London, zog sich aber Ende der 50er Jahre ins Privatleben zurück u. lebte meist >in Sevres. Er st. Nov. 1876 in Nizza. Vgl. Biez, >P. ob 1a musigus ibalisnus. Par. 1877. Tamenlit, bedeutende Handelsstadt in einer der Oasen von Tnat, südöstl. von dem Kaiserreich Ma- 176 Tamer — Tanais. rokko, von Berbern und Arabern bewohnt; ctwal 6000 Ew. Tamer (Tamar), 96 km langer Fluß un südwestlichen England; entspringt in einem Moor im nördlichen Theile der Grassch. Cornwall, bildet dann die Grenze zwischen dieser Grafschaft n. der Grassch. Devon, erweitert sich zur Hamoaze n. inündet unterhalb Saltash in den Plymouth Sund des Kanals. Er wird schiffbar oberhalb Launceston, von wo ein 37 km langer Kanal nach Budehaven an der NW- Küste von Cornwall sührt. Tamerlan, so v. w. Timur (s. d.). Tamil (Tainilen, Tamulen), Las gebildetste u. unternehmendste Volk derDravida-Völkcr (s.d.) im südöstlichen Indien, wohnend an der OKüste des Dekhan vom Cap Comorin bis über Madras hinaus n. in dem daran stoßenden Hochlande (Coimba- tore, Salem, Arkot), sowie in derNHälfte vonCey- lon, ans 14,715,000 angegeben. Schon in vorchristlicher Zeit drang zu ihnen arische Cnltur n. stiftete die alten Reiche Pandja n. Tschola. Sie bekennen fast durchgängig die brahmanische Religion (z. Th. mit heidnischen Vorstellungen u. rohem Götzendienst) u. zerfallen in zahlreiche Kasten, darunter sehr niedrig stehende; seit 200 Jahren ist die evang. Mission unter ihnen thätig. Ihre Sprache (Tamil od. Ta- mulisch) ist die reinste u. ansgebildetste der Dravida- Sprachen u. hat eine reichhaltige, namentlich durch moralisch-scntentiöseWerte n. lyrische Gedichte bemer- kenswerthe Literatur entwickelt (so der Kural, ein guo- misches Gedicht vonTirnvallnver); s. Graul, Bibiio- tbova tamuiiea, 4 Bde., Lpz. 1854 ff. Thielcmaim. Tamttia, wilder stiebenfluß des Rheins links, im Bcz. Sargans des schweiz. Kaut. St. Gallen; entspringt am Sardona-Gletscher, fließt durch das Kalfeuser-Thal, strömt bei Bad Pfäffers vorbei, wo er den schauerlichen T-schlund bildet, u. mündet bei Nagatz. Tamise (fläm. Temsche), Marktflecken im Arr. St. Nicolas der belg. Prov. Ostflandern, an der Schelde, über die eine Schissbrücke sührt; Flachs- n. Baumwollenspinnerci, Segeltuch- u.Holzschuhsabri. kativn, Salzsiederei; 9693 Ew. Tammcrfors, Stadt im Gouv. Äbo-Björne- borg des russ.Großsürstenthums Finnland, am Nä- sijärwi, der sich in einem Falle in den Pyhäjärwi ergießt; die bedeutendste Fabrikstadt Finnlands mit lebhaftem Handel; 8443 Ew. Tanrp, 1) ein kurzes Ende (Tau); 2) das Ende eines Taues. Tamprco , Hafenstadt im mejican. Staate Ta- maulipas, in ungesunder Lage am Rio T., der durch den Zusammenfluß des Panuco u. Tamesi gebildet wird n. in die Lagune von T. mündet; nächst Vera Cruz der wichtigste Seehandelsplatz von Mesico; 10,000 Ew. T., 1824 angelegt, wurde 1838 von den föderalistischen Insurgenten besetzt, ergab sich 14. Nov. 1846 an den Commodore Perry und im Nov. 1862 an die Franzosen, denen es 1. Äug. 1866 die Jnaristcn durch Verrath entrissen. Schwor. Tampon (fr.), Pfropf; in der Chir. Charpie- ballen, Baunnvvllenpsropf. Tamsui, einer der chines. Tractatshäsen in der Prov. Fukian; Einfuhr n. Ausfuhr 1876 (direkter Außenhandel) 3,534,000 bezw. 354,000 Ll; mit Kilung 60,000 Ew. l Tamsweg , Marktflecken und Hanptort in dem gleichnam. Bez. des österr. Herzogthums Salzburg, an der Mur; prachtvolle Pfarrkirche, Spital; etwa 950Ew. Dabei auf dem Schwarzenbergs die sehens- werthe alte, besuchte Wallfahrtskirche St. Leonhard. Tamtam, ein ans dem Orient stammendes Schlaginstrument in der Form einer am Rande aufgebogenen Metallplatte; wird mit einem Klöppel geschlagen, n. gibt einen lärmenden, dröhnenden Schall von sich. Der T. hat in neuerer Zeit Aufnahme in Las Orchester gefunden, wird aber nur zu gewissen dramatischen, schaurigen Effecten (wie z. B. in der Nounenscene zu Robert der Teufel) verwendet. Vgl. Gong. Tamulische Sprache, s. Tamil. Tamworth , Stadt in der engl. Grafschaft Stas- ford, am Tame, Eisenbahnstation; Latein. Schule, öffentliche Bibliothek, Versorgungshans, Fabrikation von Ziegeln, irdenen Röhren, Gummiwaarcn und Nippsachen; 1871: 4589 Ew. T. sendet zwei Mitglieder ins Parlament. T. ist der Geburtsort Sir- Robert Peels, welchem hier 1852 eine Bronzestatue errichtet wurde. Tan, so v. w. Piknl. Tana (Tana-Elv), 285 km langer Fluß im nördlichsten Norwegen, bildet zum Thcil die Grenze zwischen dem norweg. Amts Finnmarken u. dem russ. Großfürstenthum Finnland und mündet in Len T.- Fjord des Nördl. Eismeeres. Isnsoetum 1-., Pflanzengatt, aus der Fam. Oom- positas-L-nÜtsmickoicleas, nahe verwandt mit 6br^- santirsmum, mit dreizähnigen, nicht strahlenden oder auch fünfzähnigen Randblüthen und init harzig punktirten Früchten. Wichtige Art: '1. valAars O. (Wurmkrant, Rainfarrn) mit fiedertheiligen Blättern mit länglich-lanzettlichen fiederspaltigen od. gesägten Abschnitten u. mit doldenrispigen, flachen, gelben Blüthenköpfen. Von der starkriechenden und bitteren Pflanze sind die Blüthen als Wurmmittel im Gebrauch. Engter. Tanagra, bedeutende Stadt in Böotien, am linken User des Asopos. Bei T. 458 v. Chr. Sieg der Lakedämonier über die Athener. 457 wurde T. von dem Athener Myronides belagert, eingenommen u. geschleift, lieber die bedeutenden in T. bewerkstelligten Ausgrabungen und Funde erschienen: E. Cunius, Zwei Giebelgruppen aus T., Berlin 1878; Kekule, Gricch. Thonfiguren aus T., Stnttg. 1878, 3 Thle. Tanagriden (Tangaren), lana-Kriäns t7ra^, Vogelfamilie aus der Ordn. der Sänger; neuweltliche, meist prachtvoll gefärbte u. gesellige Vögel, die den Pflanzungen schädlich werden; ihr Schnabel ist am Grunde breit dreieckig, die Firste gekrümmt; der Oberschnabel trägt eine Kerbe od. Zahn, ist aber auch fein gezähnelt. Die Flügel sind zugespitzt, Lauf u. Zehen kurz,Hintcrzchenlang,Krallengekrümmt. Im Habitus ähneln sie den Lerchen. 160 Arten, die meisten davon in SAmerika. Hierher u. a.: kvran^a rubra. canadische Tangara, Flachsvogel, 15 vm, Männchen roth mit schwarzem Schwanz u. Flügel, Weibchen gelblich; NAmerika. Lupbonia, violaoss. violetter Organist, Gutta» rama 13 om, Männchen violett, Bauch gelb, Weibchen grünlich; Brasilien. Farwick. Tanäis (a. Geogr.), 1) der Grenzfluß zwischen I f t Tanananva — Tancred. 177 Europa u. Asien, entsprang nach der Meinung der ältesten Geographen aus einein See, nach den Späteren entweder am Kaukasus oder an den Rhipäen und ergoß sich in zwei Mündungen in die Mäotis; jetzt Don. An ihm wohnte die skythische Völkerschaft der Tanaiten. 2) Stadt im europäischen Sarma- tien, lag zwischen den beiden Mündungen des T. unweit des Meeres. T., von Milet aus gegründet, kam später unter die Gewalt der Bosporanischen Könige ».wurde, nach einem Versuche sich sreizumachen, von Polemo im 1. Jahrh. n. Chr. zerstört. Sie wurde zwar wieder anfgebam, blieb aber fortan unbedeutend; jetzt Ruinen bei Nedrigoska. Tananariva, s. Madagaskar, S. 462, 2. Sp. Tanaquil, Gemahlin des nachmaligen römi- schen Königs Tarquinins Priscns (s. d.), aus angesehenem etruskischen Geschlecht, mit der Gabe der Weissagung begabt, infolge deren sie ihrem Gemahl, als ein Adler demselben auf dem Wege nach Rom den Hut abgenommen u. wiederaufgesetzt hatte, verkündigte, daß er in seiner neuen Vaterstadt zu hohen Ehren kommen würde. Sie ließ denSohn der Sklavin Ocrisia, den Servins Tullius, infolge eines Orakelzeichens königlich erziehen, machte ihn zu ihrem Schwiegersohn u. wußte ihn durch List nach der Ermordung des Tarquinius zum Könige zu machen. Sie soll ihren Namen in Rom mit Caja Cäcilia vertauscht haben u. galt in der späteren Zeit als vor- treffliche Spinnerin. Sie scheint dann mit einer römischen Göttin des Spinnens verschmolzen zu sein u. göttliche Ehren genossen zu haben. Die von ihr gewebte Toga des Servius wurde in dem Tempel der Fortuna ausbewahrt. Schmitz. Tanäro, 205 Lm langer rechter Nebenfluß des Po, entspringt östlich vom Col di Tenda auf den Seealpen, wird bei Aleffandria schiffbar u. mundet unterhalb Bassignana. Tiinäron (a. Geogr.), 1) das südlichste Borge- birge des Peloponneses in Lakonika, mit Marmorbrüchen u. einer Höhle, welche als der Eingang zur Unterwelt galt, jetzt Cap Matapan. Vgl. Bursian, Über das Vorgebirge T., Münch. 1856. 2) (Tä- naros) Stadt Labei, hieß später KänepoliS od. Kaue, beim jetzigen Kloster Kypariffos. Tana-See (Lsana See), Alpensee in Abessinien, 1859 m ü. d. M., in reicher Alpenlandschaft, von vulkanischen Bergen umgeben, umsaßt eine Oberfläche von fast 4000 sUstcm, Hot zahlreiche Inseln u. an seinen Ufern heiße Quellen; in ihn mündet, außer etwa 30 kleineren Flüssen, der aus S. kommende Abai, der bei Bahr dar am SOEude den T. wieder verläßt u. nach dem Durchbruche Lurch die Gebirge bei seinem nordwestl. Laufe den Namen Bahr cl Azrak erhält. Droule. Tancred, 1) Graf von Hauteville, ein kleiner Dynast in der Normandie, zog mit seinen zwölf Söhnen zur See auf Abenteuer aus, segelte durch die Meerenge von Gibraltar, landete in Apulien u. wurde dort mit dem griechischen Statthalter von Unteritalien, Maniales, einig, gegen Solo u. Güter zur Unterwerfung der benachbarten Araber behilflich zu sein, die außer Sicilien auch einen Theil von Unteritalien besaßen. Als aber der spätere Nachfolger des Maniakes, Dokeanus, den Normannen die Belohnung verweigerte, wandten sich die Söhne T-s, verstärkt durch neue Schaaren ans der Normandie, PiererL Universal-ConversatumL-Lerito». L. Ausl. XVI gegen die Griechen selbst, gewannen bis zum Jahre 1042 die Oberhand und theilten das eroberte Land unter sich. Der älteste Sohn T«s, Wilhelm Eis-en- arm, nannte sich bereits Graf von Apulien u. dessen Bruder Drogo ward 1047 von Kaiser Heinrich III. mit Apulien belehnt. 2) Markgraf von Brun- dusium, Sohn Emmas, der Tochter des Vor., u. Ottos des Guten (Ottobonus), das Musterbild eines jugendl. Ritters der kreuzfahrenden Zeit, geb. 1078; nahm mit seinem Vetter, dem Fürsten Boömund von Tarent, 1096 das Kreuz u. zogzunächst durch Epirus u- Makedonien, wo er durch seine Wachsamkeit alle Überfälle der Griechen unwirksam machte, nach Con- stantinopel. Als hier Bo'emund nach langem Streit dem griechischen Kaiser für die Länder, die den Ungläubigen entrissen werden sollten, den Lehusei-d leistete, verließ T. zuerst unwillig das Heer, fügte sich jedoch bald auf Bitten seines Vetters. Mit Gottfried von Bouillon schloß er ein Freundschaftsbünd- niß; bei Dorylänm (Juli 1097) waren die 'Normannen bereits im entschiedenenNachtheil, als Gottfrieds Heranrücken noch den Sieg herbeiführte. Bald darauf gerieth T. mit Gottfrieds Bruder Balduin wegen der Stadt Tarsus in heftigen Zwist, so daß Balduin das Heer verließ u. sich das Fürsteuthnm Edessa eroberte. Bei der Erstürmung von Jerusalem beendigte T. durch Eroberung der mit Mauern umgebenen Moschee Omars die Einnahme der Stadt, u. suchte, selbst mit eigener Lebensgefahr, den furchtbaren Gräuelscenen Einhalt zu thun. Als der Sultan Afdal von Ägypten zur Wiedereroberung Jerusalems heranrückte, wurden seine Schaaren im Aug. 1099 bei Askalon hauptsächlich durch T-s Tapferkeit zersprengt, der dann auch das ägyptische Lager nahm u. Liberias eroberte, zu dessen Fürsten er ernannt wurde. 'Nach dem Tode Gottfrieds suchte T. vergeblich die Königswahl auf seinen Vetter Boe- mnnd zu lenken, der sich ein Fllrstenthum zu Antio- chia am Orontes erobert hatte. Als dieser von den Saracenen gefangen genommen war, übernahm T. Lessen Fürsteuthnm, das er ihm nach seiner Befreiung in blühendem Zustande zurückgab. Seine Streitigkeiten mit König Balduin I. haben keine Bedeutung gewonnen, wenngleich dieser ihn als Empörer hatte vorladen lassen. T. leistete im Vertrauen auf die Treue der Seinen keine Folge. ,1108 kämpfte er glücklich gegen die Assassineu, indem er Famiah (Apameia in Syrien), den Hanptsttz ihrer Macht, eroberte n. ihren Scheikh Abu Thaher gefangen nahm. Seine letzte Thal war Lie Verlheidignng Antiochiens, das ec nach Boemunds Rückkehr nach Europa, der neue Hilisoölker holen wollte, wieder übernommen hatte. Er zwang den Sultan, von der Belagerung abznstehen u. sich über den Euphrat zurückzuzieyen. 'Nachdem T. das Fnrstenthum seinem Betrer Roger übergeben, um es bis zur Ankunft vom Sohne des inzwischen gestorbenen Boemund zu verwalten, starb er 1112 zu Antiochia. T. war ein Hauptheld des 1. Kreuzznges, daher feiert Lassos Befreites Jerusalem ihn besonders; seine Liebe zu der Heldin Clorinde ist blos Dichtung. Vgl. Raoul de Caen, Iws xostss äo 1'a.nerscks (halb Prosa, halb Poesie); M. Dela- barre, Hiob, äs Laneröcko, Par. 1822. 3) Graf von Lecce, König von Sicilien 1189—1194. Er war der Sohn Rogers, eines natürlichen Sohnes von Roger II., u. hatte von König Wilhelm II. als l. Band. 12 178 lanäsra — einziger männlicher Sproß der normannischen Familie die Grafschaft Lecce erhalten. Nach Wilhelms Tode 1189 wäre Constantia, die Schwester desselben, Gemahlin des deutschen Kaisers Heinrich VI., Erbin gewesen, n. Heinrich begab sich auch nach Unteritalien, um das Erbe seiner Gemahlin in Besitz zu nehmen, aber die einheimische Partei, die des Kaisers Herrschsucht u. Geldgier fürchtete, huldigte dem Grafen T., der dann mit Bewilligung des Pap. stes den Königstitel annahm. Vergeblich belagerte Heinrich Neapel drei Monate lang; Krankheiten in seinem Heerezwangen ihn zur Rückkehr nach Deutschland, wo Heinrich der Löwe einen neuen Krieg ent- zündete. Auf einem zweiten Zuge nach Italien unterwarf sich der Kaiser nach dem Tode T-s 1194 durch den Sieg über T-s Wittwe und dessen Sohn Wilhelm das Königreich. 4) lanorslms Lononisn- si8 od. T. von Corneto, geb. in Bologna, starb um 1235, war einer der berühmtesten Kanonisten des l3.Jahrh.; er sehr.: Lninmagnasstionnin; Lmnrus, äs watrimouio, nm 1212, heransgeg. v. S. Schard, Köln 1563, von A. Wunderlich, Gott. 1841; Orcko jnäioiarius (Oräinarius Dancrsäi), um 1214, oft revidirt u. redigirt und nach der Emendation durch Bartholomäus Bripiensis, um 1250, immer im Gebrauch geblieben; in seiner ursprünglichen Gestalt heransgeg. von Bergmann, Gött. 1842; vgl. Bergmann, I)s libsllo, gnsm 1. L. äs jnäioiornm or- äino composnit, ebd. 1838. Schmitz. lanäsm (lat.), endlich; tanäsm alignanäo, endlich ein Mal; tanäsm bona causa triumpirat, endlich siegt die gute Sache. Tandschur (Tanjore), 1) District in der indobritischen Präsidentschaft Madras, am Bengalischen Meerbusen, das Mündungsgebiet der Cavery, durchschnitten von der Südindischen Eisenbahn; sehr fruchtbar, mit Reisfeldern und Cocospalmen überdeckt; 9460 sDkm u. 1,973,731 Ew. Der District bildete von 1678 bis zu Ende des 18. Jahrh. ein nnab- hängigesFürstenthnmuntereinerMahrattendynastie u. hatte damals größeren Umfang. Dann wurde es brit. Schutzstaat, u. als 1855 der Radscha Sivadschi ohne Erben starb, wurde es dem unmittelbaren brit. Gebiete einverleibt. 2) Hauptstadt darin, an einem Arm der Cavery u. der genannten Bahn, bestehend aus zwei weit ausgedehnten Forts und mehreren Vorstädten, mit einem alten Palast, Sitz einer brah- manischen Schule u. alte lutherische Missionsstation; 52,175 Einw. Hier ist eine der schönsten Pagoden Indiens, aus Quadern erbaut, dem Siva geweiht, mit der Colofsalstatue dieses Gottes u. des Stieres Nandi. Thi-lemann. Tandschur, s. Tibetanische Literatur. Taneguy, s. Lesebvre 1). Tanfana (Tamfana, Dankanas templnm), Hain u. Heiligthnm im Marserland, zwischen der Ems u. Lippe bei Münster, von Gcrmanicus 1Z. n. Ehr. zerstört. Wahrscheinlich führte die Göttin jenes Heiligthums, das in der Nähe von Dortmund gelegen haben soll, den Namen T. Sie wurde auch noch von den Nachbarn der Marser, vielleicht den Brukterern u. Cheruskern, verehrt. Tang, §ncaosas 8. k?neoiäsas u. andere bräunlich gefärbte, große Seealgen, mit lederartigem, oft einige Meter langem Thallus; vgl. auch §ncs.csas. Tanganhika (bei den Arabern Udschidschi), gro- Tangermünde. ßer See in Centralafrika, dehnt sich von 3" 10' bis 8° 40' südl. Br., 47" n. 49" 10' ö. L. (von Ferro) in stark wechselnder Breite (bis 120 Icm) aus, liegt 826 m ü. d. M. In seinem süßen Wasser finden sich zahlreich Fische, Flußpferde, Krokodile. Die fast überall bergigen Ufer sind reich bewaldet u. gut angebaut; mehrere Negerreiche liegen an ihm. Die Küsten sind jetzt ganz erforscht und bilden zahlreiche sichere Häfen u. Golfe; von den Inseln sind zu nennen: Katenga, Kavala, Kasenza; in den T. münden die Flüsse: Luanda, Mschaia, Liuche, Malaga- rapi, Rufnvu, Kasavya, Rubuko u. v. a. Im W. geht ein Ausfluß, der Luknga, nach dem Kongo. Entdeckt wurde T. durch Burton u. Speke, 1858, dann besucht von Livingstone 1867, welchen Stanley 1871 in der Stadt Udschidschi an seinen Usern fand; später besuchte Cameron u. zuletzt Stanley den See; letzterer untersuchte die ganze Küste. Dronke. Tangente (vom Lat., Berührende, Math.) 1), (Geom.) eine Gerade, welche mit einer krummen Linie einen Punkt gemein hat u. zu beiden Seiten dieses Punktes unmittelbar an ihm auf derselben Seite der Cnrve liegt. Die T. entsteht aus einer Secante, wenn man diese so verschiebt od. dreht, daß zwei Punkte, welche sie mit der Cnrve gemein hat, immer näher an einander rücken, bis sic in einander fallen. 2)s.u.TrigonomctrischeFunctioncn.Buchrucker. Tangentenbussole, s. Galvanismus, S. 684. Tangentialkraft, s. Centralbewegung. Tanger (Tandjah, Tandschah), Stadt im Reiche Marokko, am westlichen Ansgange der Straße von Gibraltar, schön gelegen, mit gutem Hafen, alten Befestigungsmauern, Strandbatterien; hat kathol. Kapelle mit Franciscanerkloster, mehrere Synagogen, Moscheen; 20,000 Ew. Es ist der bedeutendste L-eehandelsplatz Marokkos u. unterhält namentlich lebhaften Verkehr mit Gibraltar, das von hier seine meisten Lebensbedürfnisse bezieht. T., bei den Römern Tingis od. Tinge, ist eine sehr alte, schon vor dcr Anknnst der Phöniker erbaute Stadt; sie erhielt unter Augnstns eine eigene Verfassung und unter Kaiser Claudius eine römische Colonie, war Hauptstadt von Nauretanls. UnAitana u. ein Haupthan- delsplatz. Den Römern nahmen es die Westgothen im 5. Jahrh. ab, verloren es aber im 8. Jahrh. an die Araber, welche von hier aus das christliche Spanien bekriegten. 1471 eroberten die Portugiesen T. nach verschiedenen vergeblichen Versuchen, traten es aber 1662 an England (als Brautschatz bei der Vermählung Karls II. mit der Infantin Katharina) ab; von den Engländern wurde es 1684 wegen der kostspieligen Unterhaltung verlassen und geschleift, von den Mauren aber wieder befestigt; 1743 kam es an Marokko; 1790 wurde es von den Spaniern u. 6. Äug. 1844 von der französischen Flotte unter dem Prinzen vonJoinville bombardirt u. lO.Sept. 1844 hier der Friede zwischen Frankreich u. Marokko geschlossen. Dronke. Tangcrmünde, Stadt im Kreise Stendal des preuß. Regbez. Magdeburg, am Einfluß der Tanger in die Elbe; Amtsgericht, altes Schloß, Rathhaus mit schönem, durchbrochenem Giebel (wahrscheinlich ans dem 14. Jahrh.), Fabrikation von Schrot u. Öl, Znckerrafsinerie, Bierbrauerei, Ziegelbrennerei, Schiffbau, Schifffahrt, Fischerei, Handel, namentlich mit Getreide; Garnison (Dragoner); 1875: 4627 179 Tangrren Einw. T. ist Geburtsort der brandenburg. Kurfürsten Friedrich II. u. Albrecht Achilles, sowie des Generals von Borstell. T. ist sehr alt. Kaiser Karl d. Gr. od. Heinrich I. ließ hier eine Burg zum Schutze gegen die Wenden erbauen; Heinrich I. umgab 924 den Ort mit Mauern, der von dem Markgrafen Heinrich II. 1188 erweitert wurde. Die Burg war die Residenz der meisten Grafen der Nordmark, des Kaisers Karl IV., so oft er in der Mark verweilte, sowie der ersten hohenzollernschen Kurfürsten, bis sie gegen Ende des 15. Jahrh. ihre Hauptresidenz nach Berlin verlegten. Hier wurde 1312 ein Friede zwischen Waldemar u. Friedrich von Meißen geschlossen n. 1516 vonJoachim I. das Kammergerichl gestiftet. Während des 30jähr. Krieges war die Burg abwechselnd von den Kaiserlichen u. Len Schweden besetzt; 1640 wurde sie von den Schweden belagert u. genommen u. darauf größtentheils niedergebrannt. Vgl. Pohlmann, Historische Wanderungen Lurch T., Tangerm. 1846; Götze, Gesch. der Burg T., Stend. 1871. H. Berns. Taugiren (lat.), berühren, Eindruck machen. Tanhuten (chines.Sifan), ein den Tibetern verwandter Volksstamm, in der chines. Prov. Kansu, um den Kukunor, im östl. Zaidam u. im Qnellgebiet des Hoaugho wohnhaft, ein kräftig gebauter Menschenschlag, mit schwarzen Haaren und Augen, no- inadisirend u. Viehzucht treibend. Von Han-schieren werden vorzüglich der Jak u. das Schaf, in geringerer Zahl Las Pferd u. Rindvieh gezüchtet. Ihre Kleidung ist ein langer Rock ans Tuch oder Schaffellen, ihre Wohnung Zelte, ihre Nahrung Milch, Thee, Dsamba (eine Art Teig), selten Fleisch. Trägheit u. unglaubliche Unreinlichkeit sind durchgängig ihre Eigenschaften; neben der Pflege des Viehes ist Spinnen von Jakhaaren die einzige Beschäftigung. Religiös sind sie eifrige Buddhisten, politisch stehen sie unter eigeuenBeamten, die unter dem chinesischen Gouverneur in Sinnig (s. d.) stehen. Vgl. Prschc- walskij, Reisen in der Mongolei, Jena 1877, S. 330 ff. Tangut (od.Sifan) ist der allgemeine Name für die Landstrecken am Kukunor u. oberen Hoangho; seit dem 9. Jahrh. n. Chr. mar es die Bezeichnung eines (auch Hia genannten) Reiches, welches von Dschingiskhan 1225 zerstört wurde. Thielemann. Tanhäuser, mittelhochdeutscher Lyriker, ein Salzburger od. Bayer, ein in fremder Welt u. Dichtung wohlbekannter, unruhiger, weitgereister Mann, der wahrscheinlich auch den Kreuzzug des Kaisers Friedrichs II. 1228 mitmachte. Unter den Fürsten, an deren Höfen er lebte, werden Friedrich II. von Österreich und Otto der Erlauchte von Bayern genannt. Er sank im höfischen Liede auf die Stufe der niederen Minne herab u. excellirte im schlüpfrigen Tanzliede. Sein Büßlied mag die Erfindung der an seinen Namen geknüpften Sage veranlaßt haben. Der Inhalt derselben ist folgender: T., ein Ritter ans den Rheinlanden, zieht nach Osten, vom treuen Eckart, dem Dienstniann seines Vaters, begleitet. Er will Len Berg sehen, in dem Frau Venus in ihrer Herrlichkeit thront. Er kommt an den Hörselberg bist der Stadt Eisenach, vernimmt zauberische Töne, folgt ihnen, trotz dem Rnfe des getreuen Eckart, u. gelangt in die Mitte von tanzenden Bacchantinnen. Sie ge- leiten ihn zu einem hohen Felsenthore. Er sieht in den Berg, u. hier wird ihm ein wnnderbarer Anblick — Tann. zu theil: Frau Venns auf hohem Throne, Apollo der Sänger, bei ihm die Musen, Bacchus von Monaden umschwärmt, sGrazien, Nymphen, Gnomen, Salamander rc. Er eilt in den Berg, wo ihn Frau Venus mit offenen Armen empfängt, den Thron mit ihm rheilt u. seine Gemahlin wird. Sogleich schließt sich der Berg. Der getreue Eckart bleibt vor ihm stehen u. warnt die sich nähern wollen. Nach einiger Zeit wird T. dieses Lebens überdrüssig, fühlt Gewissensbisse und beschwört die Frau Venus, ihn zu entlassen, damit er sich von dem Papste Vergebung erflehe. Sie gewährt endlich seine Bitte, jedoch auf sein Ritterworr, falls er die Begnadigung nicht erlange, zurückzukehren. Erzieht als Waller nach Nom u. beichtet dem Papst Urban. Dieser versagt ihm die Absolution, weil für ihn Gottes Gnade ebenso unmöglich sei, als daß der vom Papst erhobene Stab sich wieder begrünen könne. Trostlos kehrt der Ritter in den Berg zurück. Aber nach 3 Tagen sieht Urban seinen Stab grünen, er sendet Boten nach dem Unglücklichen aus, dis ihn jedoch nicht finden. Nach anderen Erzählungen schreitet Eckart gegen den Berg, umscinem Herrn Las Gnadenzeichen zu überbringen; sogleich öffnen sich die Felsenthore u. der Treue geht hinein, mit seinem Herrn im Berge den jüngsten Tag zu erwarten. Die Volkslieder von dem sagenhaften T. wurden erst im Aeformationszeitalter weithin verbreitet. Vergl. v. d. Hagen, Minnesänger IV., 421—431; Grüße, Die Sage vom Ritter T., Dresd. und Leipz. 1846; Zander, Die T-sage, Königsberg 1858; H. Holland, Die Sage vom Ritter T., dessen Leben n. Lieder, im Abendblatte der Münch. Zeitung 1860, Nr. 305, 308, 310; Richard Wagners Oper. Issum, so v. W. Bandwurm. IG. Zimmcrmanii. Tanis, in der Bibel Zo an, Hauptstadt des Ta- niteS Nomos u. einst Residenz der beiden Tanitischen Dynstien der ägyptischen Könige, in Unter-Ägypten, an dem nach ihr benannten See (jetzt Menzaleh) n. dem Psnitnoum ostiurn, einer der Nilmündungen. Hier soll Moses erzogen worden sein. Später Bischofssitz; Ruinen beim heutigen San. Tank, sind eiserne Kasten zur Aufbewahrung von Wasser, Oel, Petroleum rc. Tann, Stadt im Kreise Gersfeld des preuß. Regbez. Kassel, am Rhöngebirge und an der Ulster; 3 Schlösser (Gelbes, Blaues, Rothes Schloß) der Familie von T., Fabrikation von Leinen-, Wollen-, Baumwollen- und Plllschwaaren, starke Viehzucht; 1875: 1074 Ew. T. ist Geburtsort des Generals Freiherr Ludwig von der Tann-Rathsamhausen, s. Tann, von der. Dabei der Engelsberg mit herrlicher Fernsicht. T. wurde 1866 von Bayern au Preußen abgetreten. Tann, von der, ein altes jetzt in Franken n. Hessen verzweigtes fränkisches Geschlecht, dessen nach der Mitte des 12.Jahrh. erbaute Stammburg Tann an der Ulster unweit Fulda sich noch im Besitze der Familie befindet. Der urkundlich beglaubigte Stamm- herr deS ganzenHauses, Friedrich, lebte um 1160. Das Geschlecht theilt sich in 2 Hauptlinien, dieKon- radinische n. die Christophische,deren jede wieder in einen älteren und einen jüngeren Ast zerfällt. Aus derKonraLinischen, 1704 in den Reichssrei - Herrnstand erhobenen Hauptlinie stammt: Freiherr Ludwig, von u. zu der T.-Rathsamhauseu, Sohn des 1848verstorbciienbayer.Oberstlicntenant n.D> 12 * 180 Tanna Tanne. strictinspectors der Landwehr Freiherrn Heinrich, des Freundes vom König Ludwig I., geb. 18. Juni 1815, wandte sich früh der militärischen Laufbahn zu u. wurde als Oberlicntenant1840 bereits in den Generalstab berufen, da er durch seine wissenschaftliche Strebsamkeit die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. 1841 bereiste er als Adjutant des damaligen Kronprinzen Maximilian Griechenland. Einen populäre» Namen erwarb er sich iin ersten Schleswig- holstcinscheu Kriege gegen Dänemark, wo er die Freischaaren organisirte u. führte, u. den glänzenden Ueberfall von Hoptrupp (7. Juni 1848) vollbrachte, wofür ihm von Bayern aus der Militär- Verdienstorden verliehen wurde. Im zweiten Schleswig-Holsteinschen Kriege (1849) war er Stabschef der unter dem Prinzen Eduard von Sachsen-Alten-' bürg stehenden Division, u. nahm am dritten Kriege 1850 als Oberst n. GeneralstabSches des von dem ehemaligen preußischen General Willisen geführten Heeres Theil. Als Willisen bei Jdstedt (24. 25. Juli) u. bei Missnnde (12. Sept.) geschlagen war, kehrte T. nach Bayern zurück, wo er bis 1860 zum Gcnerallieutenant avancirte n. Generaladjntant des Königs Maximilian wurde. Im Kriege von 1866 wurde er zum Gcneralstabschef des vom Prinzen Karl von Bayern commandirten bayerischen Heeres n. der Bundestrnppen ernannt, freilich ohne große Hoffnung ans einen guten Ausgang des Feldzuges zu hegen. Man hat ihm später vorgeworfen, daß eres versäumt, den Hannoveranern nach dem Tage von Langensalza rechtzeitig Hilfe zu bringen, u. den Verlust des Gefechtes bei Kissingen (10. Juli), in dem er leicht verwundet wurde, zur Last gelegt, da er cs unterlassen, den dortigen Finsterberg zu besetzen, u. die disponible Division Hartmann heranzu ziehen. Glücklicher war er im Deutsch-französischen Kriege, in welchem er, seit 1869 General der Infanterie, das 1. bayerische Corps commandirte. Am 9. Oct. 1870 gewann er seinen ersten Sieg, indem er den Vortrab der unter General de la Motte-Rouge stehenden Loire- Armee bei Artenay schlug; 11. Oct. siegte er bei Ormes und besetzte Orleans. Durch die doppelt überlegenen Streitkräste des Generals Aurelle de Paladines wurde er zwar gezwungen, Orleans wieder aufzugeben u. 9. Nov. bei Coulmiers, nachdem er bis zum Abend Stand gehalten, geschlagen, er vollfnhrte aber einen vortrefflichen Rückzug N. bewerkstelligte seine Vereinigung mit dem Corps des Großherzogs von Mecklenburg, der Len Oberbefehl über die vereinigten Streilkräfte übernahm. Bei der Belagerung von Paris war T s Corps anfangs niit dem anderen bayerischen unter Hartman» im Süden ausgestellt gewesen, v. L. T. ist Common- Laut des 1. bayer. Armeecorps auch nach dem Frieden geblieben. Vgl. Helwig, das I. bayer. Corps v. d. T. 1870, München 1872. Schmitz. Tanna, s. v. w. Thema. Tanna, Stadt im Landrathsamt Ebersdorf des Fürstenthums Reuß jüngere Linie; Kirche ans dem 13. Jahrh. (vom deutschen Orden gegründet), Gerberei, Weberei, Maschinenstickerei-, Holzhandel; jährlich 9 bedeutende Viehmärkte; 1875: 1607 Ew. In der Nacht vom 17. znm 18. Dec. 1857 große Feuersbrunst. Tannahill, Robert, schottischer-Dichter, geb. 8. Juni 1774 in Paisley, lernte die Weberei, wie seine Brüder, suchte aber dabei eifrig seine dürftige Schulbildung zu verbessern, that sich bald durch Dichtung von Liedern in schottischer- Mundart hervor, die sein Freund R. A. Smith in Musik setzte n. damit volksthllmlich machte; indessen gab er erst 1807 ein Bändchen koöms -ruck scmAs heraus, das sehr günstig ausgenommen wurde. Als aber eine 2. Auflage derselben vom Buchhändler- abgelehnt wurde, nahm der bereits schwermüthige Dichter sich im Wahnsinn das Leben 17. Mai 1810. Seine Lieder aber, heute noch beliebt, sind deutsch im 2. Bd. von Heintze's Caledon übersetzt u. in Auswahl in Fiedler's Schott. Liederdichtung; Werke mit Biographie, Glasgow 1838, n. A. 1851. Tanne, Banmgattung Lbiss (s. d.). Die Gemeine T., Weiß» od. Ed elt anne, psotinata 2<7. — kinus ibbias KÄ. ---- i?. piees, L., ist einer unserer wichtigsten Waldbäume; vorzugsweise heimisch im Schwarzwald, Franken- u. Thüringer Wald, in den Sudeten u. Karpathen sowie Theilen des Alpengcbiets, außerdem aber noch in vielen Gegenden theils in reinenBestäuden, therls inUnter- mischung mit anderen Holzarten angebant. Die nördliche Grenze ihres natürlichen Vorkommens findet die T. (nach Schacht) bei 51 " n. B., während sie gepflanzt noch im südlichen Norwegen (bis 59 ausdauert. Im Hochgebirge steigt sie nur bis zu mäßigerHöhe(ca. 1050 m im Schwarzwald, 1400 in in den Bayerischen Alpen rc.) und gedeiht am besten auf tiefgründigem, kräftigem Boden u. in nicht zn rauhen Lagen der Vorberge n. des Mittelgebirges, weniger in der Tiefebene, wo sie nur — wie z. B. in Ostsrieslanü — ausnahmsweise in größererMenge vorkommt. In ihrem sorstlichen Verhalten steht die T. der Fichte nahe; sie thcilt mit derselben das starke Schattenerträgniß u. die bodenbessernden Eigenschaften , übertrifft sie durchschnittlich noch um etwas im Massenertrag sowie durch die mehr walzenförmige Gestalt ihrer Stämme, eignet sich wie jene vorzugsweise zum Hochwalde, vermöge ihrer tiefgehenden Wurzeln ».der hierdurch bedingten größeren Standfestigkeit auch znm Femelbetrieb, macht jedoch größere Ansprüche an die Bodengüte. Obwol zur Bildung reincrBestände vollkommen geeignet, verträgt sie sich auch leicht mit anderen Holzarten, wie Fichte, Buche, Eiche, Lärche, u. trägt in Untcrmischnng mit diesen zur Abwehr mancher schädlichen Einflüsse, wieWind- wurf, Schnee-, Eis- u. Dnftbruch, Jnsectenfraß n. a. — da sie diesen Gefahren weniger ausgesetzt ist — sowie znr Erhöhung der Massen- u. Wertherträge des Waldes wesentlich bei. Die Verjüngung der T-n- waldungeu erfolgt in der Regel wie bei der Buche auf natürlichem Wege durch Samenabfall, wobei jedoch weniger aus gleichmäßige Lichtstellung der Schläge gesehen wird, auch schmale Absämnungen statthaft sind und der vollständige Abtrieb mit Rücksicht auf den starken Lichtungszuwachs u. die hiermit verbundene Werthmehrung der Oberständer mitumer sehr lange hinausgeschoben wird, La der junge Nachwuchs die Beschattung ohne Nachtheil erträgt. Saat u. Pflanzung, namentlich erstere, gedeihen am besten unter Schutzbestand. Die gefährlichsten Feinde junger T-nschonungen sind Rothwild u. Rehe (durch Verbeißen der jungen Triebe), dann Frost, Hitze und Dürre. Ältere Bestände sind, obwol manche Borkenkäferarten auch die T. angehen, im Ganzen, wie 181 Tannenberg bereits angedeutet, weniger Gefahren unterworfen als die übrigen Nadelhölzer. Das T-nholz ist weiß, grobfaserig, weich, sehr elastisch u. leichtspaltig; es brennt lebhaft, raucht u. rußt leicht n. steht an Heizkraft dem Buchenholz um 30—40 K nach. Spe- eifischcs Gewicht nach Nördlinger: grün 0,„—l^g, trocken 0,^—0,g„. Obgleich von geringerer Dauer und Tragkraft als das Fichtenholz wird es doch wie dieses vielfach zum Banen verwendet, zumal die Stämme nach dem Zopfende hin weniger an Stärke abnehmen. Stärkere Klötze sind zu Schnittwaaren sehr gesucht; auch manche Spallwaaren, wie Schachteln, Boden u. Deckel der Streichinstrumente u. a., werden fast ausschließlich aus T-nholz gefertigt. An Nebennntzun gen liefert die T. außer dem Samen, der zu forstwirthschafllichen Zwecken gesammelt wird u., weil die Zapfen beim Abtrocknen von selbst zerfallen, nicht ansgeklengt zu werden braucht, noch ein unter dem Namen Straßburger Terpentin im Handel befindliches Harz, das sich in weiten Gefäßen (Harzbeulcn) in der Rinde älterer Bäume findet. Das Holz der T. enthält kein Harz. Wimmenauer i.. Tannenberst, 1) Dorf im Kreise Osterode des preuß. Regbez. Königsberg, 11 km nordöstlich von Gilgenbnrg; mit etwa 350 Ew. — Hier 15. Juli 1410 Schlacht zwischen dem Deutschen Orden n. den verbündeten Litauern u. Polen, in welcher die Macht des Ordens für immer gebrochen wurde. 2) SOI m hoher Hügelzng der schweizer. Hochebene, in der sog. Alten Landschaft, des schweizer. Kantons St. Gallen, bildet ein breites Plateau mit Nadelholzwaldungen, Ackerflächen, Wiesen u. Gehöften. Tannenblattlaus, Obsrmss abiotis L., Art Blattläuse; erzeugt tannenzapfenartige Gallen an Fichtenzweigen. Überwinterte, an den Fichtenknospcn sitzende, wollig überdeckte Exemplare stechen im Frühjahr die Knospen an u. legen eine große Anzahl Eier in dieselben. Die jungen Larven rufen durch ihre Saugarbeitdie genannte Gallenbildung hervor. Die anfangs geschloffenen Gallen öffnen sich später in zahlreichen Querspalten, um das geflügelte Jnsect zu entlassen. Die eingeschlossenen, oft zu je 20 in einer Höhle lebenden Larven sind mit Wolle bedeckt. Ihre verderbliche Arbeit, die Verhinderung des Län- genwachsthnms der Triebe, fordert den Forstmann zum eifrigen Vertilgen derselben durch Abschneideu der leicht auffallenden vergrünten Zapfen und Ver- brennen derselben auf. Farwick. Tannenfalk, s. Edelfalken. Tiinnengcbirge, Gebirgsstockder Salzkammcr- gutalpen bei Golling im österreich. Herzogth. Salzburg, östlich von der Salza, vomHüttan- u.Lammer- thal umgrenzt, im Raucheck 2428 m hoch, bildet mit dem Haagengebirge auf dem westlichen User der Salza den Paß Lneg. Tanuenhehcr, s. Hetzer. Tannenwedel, ist Hippurns vn1§»ri8. Tannhänser, s. Tanhäuser. Tannin^ s. Gerbsäuren. Tanninstoffe, s. v. w. Gerbsäuren. Tann-Nathsamhauscn, s. Tann. Tannroda, StadtimVerwaltungsbez.Weimar desGroßherzogthums Weimar, an der Ilm; Ritter, gut, Burgruine, Korbflechterei, Schuhmacherei, Pulvermühle, 2 Ölmühlen, 2 Mahl- u. Schneidemühlen, Sandsteinbrüche; 949 Ew. — Tantal. „Tannwald, Stadt im bb'hm. Bezirk Gablonz (Österreich), am Kamenitzbache, Station der Süd- Norddeutschen Verbindungsbahn; Bezirksgericht, bedeutende Baumwollenspinncrei u. -Weberei, Eisengießerei «.Maschinenfabrik, Glasschleifmühlcn, Leinwandbleiche; 1869:1912 Ew. (Gemeinde 2402). Tanpnard, s. v. w. Dankwart 2). Tanschni, den Ausländern eröffnete Stadt auf der N.-Küste der chines. Insel Formosa; angeblich 50,000 Ew. Tanfillo, Luigi, ital. Dichter, geb. um 1510 in Vernosa; diente dem Hause Toledo u. hauptsächlich dem Sohne des Vicekönigs von Neapel, Don Garcia, den er auch 1551 nach Tunis begleitete u. st. in Teano 1568. Er ist einer der bessern italienischen Dichter u. schr.: II venckomiabors, Neapel 1534; 1iS la^rims äi 8an l?istro, ein religiöses Epos, Vico-Cacchi 1585, Vened. 1660; I äus pelks- Zrimi, Neapel 1631; Lonetti s vanüoni, Bologna 1711; aus Handschriften wurden später publicirt die Lehrgedichte: La dalia, Vercclli 1767; II pocksrs, Turin 1769, Venedig 1770; Opsrs, ebd. 1738, rc. Tansrmat (Tanzimat, Plural des arabischen Wortes bansim) im Allgemeinen s. v. w. Anordnungen, gesetzliche Bestimmungen; bes. diejenigen organischen Gesetze, welche in Folge des Hatti-Scherifs von Gnlhane vom 3. Nov.1839 vom Sultan Abdul- Medschid über die Regierung ».Verwaltung desOs- manischen Reiches publicirt wurden. Diese T. beziehen sich auf die Justiz, auf die Ordnung der Militäreinrichtungen, die eigentliche politische Organisation des Reiches, endlich auf die Administration n. Finanzverwaltung (Festsetzung der Stenern rc.s. Indessen wurden nur die Militäreinrichtungen vollständig dnrchgeführt; die Durchführung der anderen Anordnungen scheiterte an dem Widerstand der Al» türken. In Folge Andrängens der auswärtigen Mächte wurde deshalb am 7. Sept. 1854 durch Av- dnl°Medschid die vollständige Ausführung der T. befohlen u. eine Commission aä Iwo eingesetzt n. 18. Fcbr. 1856 erfolgte ein im selben Sinn gefaßter Befehl, der Haiti Humaynm, welcher auch in den Pariser Frieden (30. März 1856) ausgenommen wurde. Lagai. Tanta (Tantah), Hauptort der Prov. Charbiye in Unterägypten, K'renzungspunkt der Eisenbahn Alexandria-Kairo n. der von Damiette hierher u. weiter südlich nach Schibin-el Kum geführten Eisenbahn, Schloß des Khedive, zahlreiche große öffentliche Gebäude, Moschee Seyyd-el-Bedawi mit dem Grabmahl des gleichnamigen Heiligen, zu dem, bes. auch von Kindersegen wünschenden Frauen, stark ge- wallfahrtet wird; dreimal jährlich große Messe: im Januar, April u. August, letztere die am stärksten besuchte von ganz Ägypten; es strömen dann aus allen Theilen des Orients bis Z Will. Menschen zusammen u. es findet u. a. auch ein geheimer Skla- vinncnmarkt, auf dem sich dis Harems der mohammedanischen Fürsten u. Großen recrutiren, statt. Man will in dieser Messe, bes. auch wegen der auf ihr herrschenden entfesselten Sinnlichkeit, einen Ueberrest der altägyptischen Wallfahrten nach BubastiS erblicken; etwa 60,000 Ew. Tantal, Columbium, ein metallisches Element, welches sich mitNiobium(s.d.) in einigen seltenenMi- ! neralien, den Tantaliten u. Colnmbitcn, Hauptfach- 1S2 Tantalit lich mit Eisen u. Mangan verbunden findet. Zeichen n. Gewicht des Atoms ra---182. In reinem Zu- fiande ist es noch nicht dargestellt worden. Aus den genannten Mineralien erhält man durch ein umständliches Verfahren das T-säureanhydrid — "H-Os — als weißes, unlösliches Pulver; durch Zu- sammenschmelzendesselbenmitKaliumbisulsat enthält man tantalsaures Kalium, aus dessen Lösung durch Salzsäure die T-säure — — in weißen volnminösenFlocken ausgeschieden wird. Leitet man Chlorgas über ein rothglühendes Gemisch von T- jänreanhydrid mit Kohle, so erhält man T-chlorid — — als gelblichweiße, kristallinische Masse, diebei2i1°schmilzt, bei 240" siedet u. durch Wasser in T-säure u.Salzsäure zerlegt wird. Das T.wurde 1807 von Hätschelt n. Eckeberg entdeckt Hetzer. Tantalit, Mineral, krystallisirt in Prismen des rhombischen Systems, auch derb u. eingesprengt; spaltbar unvollkommen basisch, Bruch muschelig bis uneben, Härte 6—7, specifisches Gewicht 6,g bis 8, eiseuschwarz, settartig metallglänzend, undurchsichtig, Strich schwarzbraun. Der T. bestehtim wesentlichen ans tantalsaurem Eisenoxydul, u. niobsaurem Eisenoxydul (u. Mangauoxydnl). Vor dem Lölhrohr ist er unschmelzbar, in Säuren unlöslich. Findet sich im Granit von Skogböl im Kirchspiel Kimito und Härkäsaari u. im Kirchspiel Tammela in Finnland, Finbo u. Brodbo bei Fahluu in Schweden, Chante- loube bei Limoges in Frankreich. Der Kassitero- tantalit (Jriolith) ist eine Varietät des S-s, enthält 8—9 "/,> Zinn, zuweilen Wolframsäure. Tantälvs lMythol.), Sohn desZens, einreicher König von Lydien, nach anderer Angabe zu Sipy- los in Phrygien, lange ein Liebling der Götter, die ihn selbst zu ihren Mahlen zogen. Endlich verlor er durch Frevel ihre Gunst. Stach einer Angabe wollte er versuchen, ob sie allwissend wären; er schlachtete deshalb seinen Sohn Pelops (s. d.) u. setzte ihnen dessen Fleisch vor. Nach Pindar war seine Schuld die Entwendung von Nektar u. Ambrosia aus den Olymp,welche erdeuMeuschen brachte; nachAnderen plauderte er Göttergeheimnisse aus. Zur Strafe stießen ihn die Götter in einen Teich des Tartaros, wo Bäume ihre Zweige mit Früchten auf ihn herab neigten, aber so oft er Wasser des Teiches, od. die über ihm schwebenden Früchte genießen wollte, entwichen Wasser u. Früchte; auf diese Weise litt er fortwährend den qualvollsten Hunger u. Durst, und davonistdie Bezeichnung Tantalusqualen sprichwörtlich geworden. Dazu hing über seinem Haupte ein Felsen, welcher ihn immer zu erschlagen drohte. Seine Kinder waren: Broteas, Pelops und Niobe, seine Nachkommen die Pelopiden. H-rtzb-rg. Tante (fr.), 1) des Vaters od. derMutter Schwester; 3) die Ehefrau des Oheims. Tantieme (fr.), bestimmter Autheil an etwas, Äewinnantheil an irgend einem Unternehmender Beamten, Corporationen, Actiengesellschaften rc., sowie den Arbeitern zugestanden wird; dann Antheil der dramatischen Dichter u. Componisten an der Einnahme bei der Aufführung ihrer Werks. ianto (ital.), so viel, so groß, so lang; daun zur näheren Bestimmung des Zeitmaßes eines Tonstückes, z. B. ^lIsAro uoutauto, nichtsehr geschwind; 1-snto non taut», nicht zu langsam rc. Tantos, Rechenpfennige. — Tanz. Tänunda, Stadt in der austral. Colonie SAu- stralien nördl. von Adelaide; 10,000 Ew. In der Nähe Goldgruben. Tanz, knnstgemäße Körperbewegung nach bestimmtem Rythmus, bei der zwar die Füße das Hauptorgan sind, aber doch auch Haltung, Stellung u. Wendung des ganzen Körpers in Betracht kommen. Nur durch die Harmonie aller Bewegungen des Körpers wird der T. ein schönes Schauspiel u. als solches ein Kunstwerk. Die Tanzkunst gehört in das Bereich der mimischen Künste; die Musik zwar Takt u. Tempo regelnd ist nicht durchaus beim T. unentbehrlich. Man theilt die Tänze in gesellschaftliche und theatralische. Elftere zu denen auch die den einzelnen Nationen eigenen und für sie charakteristischen Natioualtänze gehören, dienen blos einem Vergnügen und sind entweder Contre-, Reihen- od. Rnndtänze. Die theatralischen von eigens dazu Ausgebildeten ausgesühr- ten Tänze zerfallen in die mehr Kraft als Grazie erfordernden Grottesktänze, bestehend in ungewöhnlichen Sprüngen u. abenteuerlichen Gcberden (s. Grottesk 2s), die durch Leichtigkeit u. Behendigkeitsich auszeichneudeu komischen Tänze, welche weniger ausgelassen, doch lebhaft ja mnthwillig sind, die halben Charakter u. Divertissements (vsmi-osiaraotörss), mit Zierlichkeit und Geschmack Liebeshändel u. Jntriguen darstellend, endlich das eigentliche Ballet (s. d. 2s), zu dessen Hanptver- tretern resp. Vertreterinnen gehören und gehörten die Taglioni's, Vestris', die Schwestern Elßler, Lu- cilie Grahn, Samt-Leon, K. Müller, Adele Grau- zow, Fanny Cerrito u. A. Das bildliche Aufzeichnen der Tanzbewegungen heißt Choreographie (s. d.), auch Orchesiographie. Im Alterthmn erscheint der T. zunächst als Theil des religiösen Cnltus und als unterhaltendes Schauspiel. Die ägyptisch en Priester führten bei Processionen ernste u. pantomimische Tänze auf, bei den Indiern geht der T. bis in die ältesten Zeiten zurück u. selbst dis Götter im Himmel haben Tänzerinnen, ebenso kommen im westlichen Asien überall Tänze vor, wie denn auch dieH ebräer bei Familien- n. Volksfesten tanzten. Am ausgebildetsten u. als Kunst, Qrchestik, erscheint der T. bei den alten Griechen, wo er als Theil des Cultns wie als Göttervergnügen vorkommt u. mit Pantomime, Gesang, Schauspielkunst (s. Chor 2), dann auch Gymnastik in Verbindung stand. In Italien waren zur ältesten Zeit in Etrurien religiöse T-e gebräuchlich, die 390 n. Chr. bei Gelegenheit einer Pest als Sühnmittel des Zorns der Götter in Rom eingesührt und bei allen Opferfestcn üblich gewesen sein sollen. Die Germanen tanzten theils zum eigenen theils zum Vergnügeiij der Zuschauer. Als Theil des Cultns kam der T. auch in die christliche Kirche, wurde hier später Gegenstand der Benrtheil- uug der Moralisten u. A., u. von einigen derselben —allerdings ohne sonderlichen Erfolg — verurtheilt. Nachdem die edleren n. ernsten Verguügungstänze langweilig u. mit der Zeit bedeutungslos geworden waren, erhob sich der T. erst im 15. Jahrh. wieder aus seinem Verfall u. erhielt bes. in Italien mit den übrigen Künsten neues Leben; auf dem Theater wurden Ballete, an den Höfen Bälle gegeben. Nächst Italien war Spanien schon frühzeitig ein tanzlustiges Land, wo der T. auch Theil des Dramas 183 Tänzer — n. des religiösen Cnltus war. Nach Frankreich kamen die Tänze unter Franz I. u. Heinrich II. ans Italien u. hier that Katharina von Medici viel zn deren Ausbildung. Im 16. Jahrh. wurde durch Baltazarino, gen. Becmjoyenx Las Ballet in Frankreich eingeführr, u. im folg, durch Beauchamps auf die Höhe der damaligen Zeit erhöhen. In H olland und England entstanden die Nationaltänze von Schiffern u. haben fast ansschließlichdenSeemannscharakter. Vorzügliche Vorliebe n. Anlage zum T. zeigen die Slawen, bes. Polen n. Böhmen. In Griechenland wird meist öffentlich u. von Man- nein, bei den Türken ebenso von Tänzern und Tänzerinnen u. zwar sehr unzüchtig, bei den Ägyptern von Tänzerinnen, Ghaziehs, die verachtet sind, getanzt. Vgl. Lncians Schrift Meursius, Ds oroiioskrs. s. äs saltationibns vsts- rum, im 8. Bde. von Gronows Misvanrns antig.- §ra,sa.; Gläser, Qs-ntns ob oalbabio apnci draooos, Lpz. 1829; I. I. de Jztueta, Geschichte der alten Guipuzcoauischen Tänze, S. Sebast. 1824; Thoinot Arbeau, OreiwsloAraptiis, 1588; neu heransg. von Czerwinski 1878, Danzig; Czerwinski, Geschichte der Tanzkunst bei den cultivirtenVölkern, Lpz.1862; Voß, Der T. n. seine Gesch., mit Lexikon der Tänze, n. A. Erfurt, 1878; Angerstein, Die Volkstänze im Deutschen Mittelalter, 2. A. Berl. 1877. Kürschner. Tänzer (LüioriWntss, (Loros-bao, Lribnbian- bss), religiöse Schwärmer im 14. Jahrh. am Niederrhein, welche, weil sie ihren Tanz (Olwrsa. 8t. lloiuwnis, varws äs 8b. llonn) zu Ehren des St. Johannes aufführten,auch Johannistänzer hießen und ausOberdeutschland gekommen,znerst1374 in Aachen anftraten, bald aber auch über Belgien u. Frankreich sich ausbreiteten, vermehrt durch allerlei Gesindel; Männer n. Frauen halbnackt und be- kränzt tanzten auf den Gassen, in Häusern und Kirchen , unter einsörmigem Gesang n. Zuruf, bis sie erschöpft zu Boden fielen, worauf dann Convulsio- nen eintraten, während deren sie, wie in der Nacht himmlische Visionen haben wollten. Des Nachts gaben sie sich wilden geschlechtlichen Ausschweifungen hin. Der von ihnen öffentlich beschimpfte und verwünschte Clerus suchte durch alle ihm zn Gebote stehenden Mittel dem Unwesen ein Ende zn machen, u. wandte schließlich gegen sie als vom Tanzteufel Besesseneden Exorcismus an; aber erst nach u. nach verlor sich die Tanzwnth. 1418 traten wieder T. in Straßburg auf; indcssenwurden sie in dieKapelle des St. Veit geführt u. hier Lurch über sie gelesene Messen curirt; daher hießen sie hier St. Veitstänzer (verschieden von den am Veitstanz Leidenden). Vgl. Hecker, Die Tanzwnth, eine Volkskrankheit im Mittelalter, Berl. 1832. Tanzkunst, s. u. Tanz. Tanzmusik, die znmTanz gespielte od. gesungene Musik; dient dazu, durch bestimmtes Hervorheben des Rhythmus die Tanzschritte zu regeln u. in gleichmäßigem Gange zu erhalten, wie auch dem Tanz als Ausdruck einer inneren Stimmung höheres Leben zn verleihen. Die gewöhnliche Tanzform besteht ans zwei wiederholten Theilen von je 8 Takten (Vorder- u. Nachsatz), welcher häufig zwei weitere, ebenfalls wiederholte u. zum Hauptsatz in Gegensatz tretende Theile — Trio (so genannt, weil früher der Hauptsatz zwei- das Trio dreistimmig behandelt Tanzmusik. war) — Nachfolgen. Wesentlich erweitert zeigen sich die musikalischen Tanzformen, sobald sie losgelöst von der Thätigkeil des Tanzens selbständigere Bedeutung erlangen (vgl. Suite). Der von Musik — Flöten,Pauken, Cymbeln, Hörnern, Pfeifen, Saiteninstrumenten mit n. ohne Gesang od. Gesang allein — begleitete Tanz war schon den Völkern des Alterthums, Griechen, Römern, Inden, bekanntu. wurde in Verbindung mit dem gottesdienstlichen Cnltus, aber auch als profane Knust, bei Festlichkeiten, Gast- mählern, auf dem Theater rc. geübt. S. Tanz. Die beiden im 13. Jahrh. geübten Tanzformen waren der höfische getretene n. der gewöhnliche gesprungene Tanz; bei ersterem hatte ein Vorsänger die Leitung übernommen, bei letzterem wurde den Paaren durch Vortänzer vorgesprnngen. Gesang u. Instrumente dienten frühzeitig dazu, den Rhythmus bestimmt zu markiren, die Tanzschritte nach ihrer verschiedenen Zusammensetzung nachznbilden, wie auch den Tanz als das Erzeugnis einer gewissen Gemllthsstimmung erscheinen zn lassen. Bes. bedeutsam wurden die, den Frühling, die Liebere, besingenden, meist als Vor- u. als Nachtanz (ersterer im zweitheiligen, letzterer im dreitheiligen Takte) geformten Tanzlieder. Dadurch, daß sie im Gegensätze zu dem, nur im großen Ganzen rhythmisch gegliederten, hauptsächlich auf harmonische Ausbildung bedachten kirchlichen Kunst- gesange, das rhythmische Motiv als Nachbildung der zn einem Pas vereinigten Tanzschritte (z. B. im Walzer gemäß den ihn bildenden zweimal wieder- kehrenden drei Schritten: zwei dreitheilige Takte) gleichmäßig durchfnhrten, dies anfänglich u. bis in Las 17. Jahrh. in der einfachsten Weise durch bloße Angabe und Wiederholung des rhythmischen Grund- motivs, sodann die einzelnen Formeln zu größeren, melodisch n. harmonisch reicher belebten, ein einheitliches Ganze bildenden Gruppen znsammenschlossen, haben diese Tanzlieder sehr viel zur musikalischen Entwickelung insbes. des Liedes n. der Instrumentalmusik beigetragen. Die Tänze bekamen je nach ihrem Charakter, ihrer Bestimmung rc. besondere Namen, z. B. Ride- wanz, Hoppeldei, Stadclwise, Fischer-, Schäffler-, Winzer-, Holzapfel-, Hammeltanz u. a.; cs bildeten sich bei den verschiedenen Völkern u. Volksstämmen charakteristische 'Nationaltänze (z. B. Walzer in Deutschland, Menuet n. Fran^aise in Frankreich, Sarabande n. Fandango in Spanien, Saltarello u. Tarantella in Italien rc.), auch wurde der Tanz in die gesprochenen n. gesungenen Stücke der Bühne ausgenommen, wie znm selbständigen Ballet (s. d.) erweitert, zuerst in Italien, dann in Frankreich bes. durch Georges Noverre, der gewissermaßen das antike römische Ballet wieder erweckte. Schon im 18. Jahrh. wurde der getretene Tanz fast gänzlich verdrängt n.der allmählichzum Nnndtanz gewordene gesprungene hauptsächlich gepflegt, welcher lediglich der ansgelassenen Lust am Tanze Genüge leistet. In Verbindung damit ist auch die T. nur noch darauf bedacht, durch die melodisch, rhythmisch n. harmonisch wirksamsten Mittel die sinnliche Lust am Tanze zn steigern, wie sich gleichzeitig die einfache T. früherer Zeit (Streich- od. Rohrblasinstrumente) allmählichzu einem vollständigen Orchester erweiterte. Hervorragende nenereTanzcomponisten sind Strauß, Lanner, Labrtzky, Gnngl, Musard u. A. Siebenrock. 184 Tao — Tapeten. Tao, Religionsbegriff der Lehre des chinesischen Religionsstifters Lao-tse; Tao-te-kiug Las Religionsbuch derselben, Tao-sse; die Anhänger derselben (s. n. Lao-tse). Taormina, Stadt in der ital. Pro». Messina, Station (T-Giardini) derSicil. Bahn, in herrlicher Lage 120 in li.d.M., überragt von dem 396 in hoch liegenden Castell, der Akropolis des alten Tauro- menium, das 358 v. Chr. an Stelle des 403 zerstörten Naxos (736 v. Chr. gegründet), erbaut, 902 durch Ibrahim Jbn Ahmed zerstört, aber wieder aufgebaut ward u. unter den Normannen zu bedeutender Blttthc gelangte. Reste eines Theaters und andere antike Ruinen, maurisches Castell n. sonstige interessante Gebäude; 3004 Ew. Die Aussicht vom Theater aus wird für eine der schönsten ganz Italiens gehalten. Bon der Bucht bei T. setzte Garibaldi 19. Aug. 1860 nach Calabrien über. t. Ispsge (fr.), Lärmen; Toben derLente inSchen- ken, auch auf Straßen, bes.des Nachts (b.uoeburne); (Mal.), angehäufte Figuren iu wilder Bewegung. Tapajös, Fluß in Brasilien, entspringt in der Prov. Matto Grosso, aus mehreren verschieden benannten Quellenflüssen (meist von der Serra de Paricys), nimmt den Caranaguinha, Oreguatns, Arinos, Tres-Barras, Negro n. andere auf, wird bald schiffbar, fließt nordöstl. durch die Prov. Para, fällt nach einem Laufe von fast 1800 km bei San- larem in den Amazonenstrom. Er wird 330 km aufwärts von Dampfern befahren. Tapanuli (Tapanoli),niederländ.Residentschaft auf der NWKüsteder Sundainsel Sumatra: 88,361 Ew. Hauptort ist Siboga, Handelsplatz Singkel an der BaivonT. Hierzu gehört die Gruppe der Nias- Inseln mit der Hauptinsel Nias, 7095 s^km groß, fast gänzlich Hügel- und Bergland, reich bewässert. Die Bewohner sind den Batta verwandt. Tape, altägyt. Name für Theben. Tapeten (vom Latein, tapos und dem Griech. Decke), Stoffe, womit man die Wände der Zimmer bekleidet u. verziert. Man unterscheidet tl) gewirkte T., welche zuerst erfunden wurden. Die vorzüglichsten davon sind: u) die Brabanter T.; wurden früher in Brabant verfertigt, von wo aus die Kunst sie zu wirken sich in andere Länder verbreitete. Werden dieseT. durch Malerei nachgeahmt, so heißen sie brabantische gemalte T.; b) die Basseliss e-T., welche historische Gemälde oder Landschaften bunt darstellen. Sie sind sehr breit, da die Figuren in der Breite der Tapete aufrecht stehen. Die Kette ist leinen od. von Wolle, der Einschlag von Wolle od. Seide u. so dicht, daß er die Kette ganz verdeckt. Sie wurden im 17. Jahrh. von den Franzosen erfunden u. haben ihren Namen davon, daß beim Weben derselben die Kette horizontal liegt, o) die Hautelisse-T., bei denen die Kette vertical aufgezogen ist, u. von denen die vorzüglichsten die Gobelins-T. sind, die unter Ludwig XIV. mit Colberts Unterstützung in der Fabrik der Gebrüder Gobelin zuerst hergestellt wurden, ä) die wollenen! Savonnerie-T. (nach einer früheren Seifenfabrik inChaillot, wosieangesertigt wurden,benannt), welche türkische u. persische Muster nachahmen und viel Handarbeit erfordern, s) die türkischen und persischen T., welche über Smyrna und Salo»! nicht in den Handel kommen; k) China- T., deren Muster den Wellen von der Seiden- u. Wollenarbeit gleichkommt, welche mit der Nadel auf den Ca- nevas gemacht werden. Die gewirkten, seidenen T. sind damast- od. atlasartig verfertigt; hierher gehören auch die Bergamees (Bergamos), Brocatclls u. Rosettas. L) Gestickte T„ deren Stickerei auf grober Leinewand, von Seide oder Wolle, damastartig in 2 Farben, od. der Natur gemäß in vielen Farben ausgeführt ist, u. bei denen bisweilen unter die Leinwand noch ein Gold- od. Silbergrund ge- legtwird, welcher beim Sticken mit angestochen wird, so daß man nach Vollendung der Stickerei die Fäden der Leiuewand ausziehen kann. 0) Gemalte oder gedruckte T., von denen man hat a) leinene und baumwollene T., welche kaum noch Vorkommen, b) lederne T., bei denen das erhaben vortretende Muster entweder mit vertieft gravirten Stempeln oder zwischen zwei gravirten Walzen erzeugt wird; das Muster ist zum Theil durch Vergoldung oder Versilberung, hervorgebracht; a) die Wachstuch- oder Wachsleinwand-T. welche ganz nach Art der Wachsleinwand verfertigt werden, und einfarbig oder mit bunten Mustern bedruckt, bisweilen auch nach Arider Ölgemälde kunstvoll gemalt sind. Besitzen solche T. Figuren, welche durch Aufstreuen von Scher- oder Flockwolle ans einen Leiuengrnnd hcrvorgebracht sind, so heißen sie Flock-T. ä)Papier-T. Ihr Gebrauch stammt aus China u. kam über England u. Frankreich nach Deutschland. Zu ihrer Darstellung bedient man sich eines gut geleimten, mittelfeinen od. ordinären, aber entsprechend glatten Papieres (T-papier), welches in Stücken oder Rollen von 8 , 5 —9 in Länge und 50—60 ein Breite gefertigt wird. Die zum Ausweichen und Bemalen verwendeten Farben sind theils Mineralfarben u. Lacke, theils Pflanzenfarben. Sie müssen eine gewisse Deckkraft besitzen und werden mit Leim und Stärke versetzt. Die Fabrikation zerfällt in das Grundircn und das Aufdrucken der Muster. Das Grnndiren erfolgt jederzeit, selbst bei weißem Grunde und gibt dem Papier die Grundfarbe. Es geschieht mit der Hand od. Maschinen vermittels Farbebnrsten ans einem platten Tische von etwa 10 m Länge u. etwa 1 m Breite, dessen Oberfläche der Länge nach schwach gewölbt ist. Will man nicht einfache od. matte T. verfertigen, sondern Glanz-T. (satinirte T.), so satinirt man sie, d. h. bearbeitet sie, nachdem man eine mit Gips versetzte Grundfarbe aufgetragen hat, mit Bürsten u. Talkpulver. Der Aufdruck der Muster geschieht ähnlich wie in der Kattundrnckerei, entweder mitder Hand od. meistens mit Hilfe von Maschinen. Die Züge der Formen sind aus Messingblech od. fatzon- nirtem Messingdraht hergestellt, das übrige Muster in Holz geschnitten. Am Drncktische ist ein besonderer langer Druckhebel angebracht, mit welchem man die Form fest auf das Papier aufdrückt. Bei sehr großen Formen bedient man sich selbst eines zusammengesetzten Druckhebcls. Der Maschinendruck wirvtheilsaufderMoüelldruckmaschinemitgcwöhnli- chen flacheu Formeu, theils auf der Walzenbruckmaschine in ähnlicher Weise wie der Maschincudruck bei Kattun ausgeführt. Dis Druckwalzen haben entweder das Muster erhaben, und sind dann aus Holz, nach Befinden mit Messingtheilen, od. ans lithographischem Stein, od. sie haben ein vertieftes Muster 185 Hpotum liioiäum — Tappert. u. sind dann aus Kupfer, Messing od. lithographischem Stein. Außer den gewöhnlichen kattnnartig gemusterten T. hat man auch moirirte T., Deco- rations-T. mit Landschaften, und architektonisch e T. mit Gegenständen der Baukunst geschmückt. Als besondere Arten der Papier-T. sind zu erwähnen 1 ) die vergoldeten!!. versilbertenT., bei denen die Muster entweder unmittelbar mit Gold- u. Silber - bronzeanfgedruckt, od. Blattgold od. Blattsilber auf die mit Leinölfirniß aufgedruckten Muster aufgelegt ist; 2) erhabene, gestäubte,velutirte,Woll- oder Sammet-T., deren Grund oder Muster mit ganz seiner Flockwolle, welche vom Scheren der Tücher abfällt, bedeckt ist u. so ein sammetartiges Aussehen hat. Bei Verfertigung derselben wird mit Formen ein dicker klebriger Drucksirniß aufgedruckt, n. wenn der Firniß etwas trocken ist, die Flockwolle mit einem kleinen feinen Drahtsieb aufgesiebt: ist der Firniß völlig trocken, so wird die Wolle, welche nicht angeklebt ist, behutsam abgckehrt. Will man Sammetmuster in verschiedenen Farben Herstellen, so färbt man die Scherwolle in diesen Farben u. überträgt eine Farbe nach der andern in der oben beschriebenen Weise auf das Papier; 3) gepreßte T. (gaufrirte T.), welchen ein Neliefmuster ohne Farbe aufgedruckt ist. Solche Muster erzeugt man auf einfarbig bedrucktem, od. bei blos grnndirtem Tapetenpapier, zwischen 2 Walzen, welche mit dem entsprechenden Muster versehen sind; 4) gefirnißte T. (Lack-T.), welche einen Überzug von gewöhnlichem, mit Terpentinöl verdünnten Kopal- firniß besitzen, der mit großen Bürsten aufgestrichen wird. Solche T. sind glänzend, fest; widerstehen der Feuchtigkeit und lassen sich mit einem nassen Schwamme von Schmutz reinigen, während andere T. nur mit Brodkrume von Schmutz gereinigt werden können. Bisweilen lakirt man auch die T. erst nach dem Ausziehen. Außer den eigentlichen T. verfertigt man auf gleiche Weise von Papier Lambris, meist marmorartig oder holzartig, zum Tapezieren der Fenstervertiefungen, welche Landschaften, Blumenkörbe, Vasen rc. darstellen n. Bordüren n. Kanten, welche unterhalb u. neben der eigentlichen T. als Einfassung angebracht werden und Blumenguirlanden oder Arabesken darstellen. 0) Natnr-Holz-T.; sie geben die Natur der verschiedenen Holzarten genau wieder, sind sehr dauerhaft, können abgewaschen werden, erscheinen dann wieder wie neu und eignen sich vorzüglich zur Bekleidung von Holzwänden. Vgl. Exner, Die T. und Bnntpapierindnstrie, Wenn. 1869; Wanters, Die Brüsseler T-stickereien, Brüss. 1878; Deville, Olotiouairockutapissisr, Par. 1878. Vgl. Gobelins. Ispstum luoiüum, s. Art. Auge, S. 357. Matzel. Tapezirbiene, so v. w. Blattschneider. Tapra, Don Engenio de, span. Dichter u. Schriftsteller, geb. um 1783 zu Avila in Altca- stilien, widmete sich der Advocatur u. redigirte während des Unabhängigkeitkampfes patriotisch-liberale Blätter, war 1820—23Directorder Staatsdruckerei, dann auch Cortesmitglied, weshalb er nach der Restauration 1823 auf die Proscriptionsliste kam; 1830 aus der Verbannung nach Madrid zurückgekehrt wurde er Mitglied der Gesctzgebungscommission u. Generaldirektor der Studien, auch Mitglied der Akademie. Er st. 1860. T. gehört als Dichter zur Klassischen Schule u. schr.: Znsavos sabirioov; ?ossias lirioao, sat. z- ärarn.; 1821, 2 Bde., 1832; bliabo- ria cks la oivilisaoion sspanoia, Madr. 1840, 4 Bde.; auch juristische in Sonderheit: Lismsrckos äs j urisprnäsnvia rnsroanbil, 1828, 15 Bde., n. A. 1845, 10 Bde. n. Jugendschriften. Lagai- Tapiau, Stadt im Kreise Wehlau des preuß. Regbez. Königsberg, am Ausfluß der Deime ans dem Pregel, über welchen eine 281 rn lange Brücke führt, Station (Bahnhof 2 km von der Stadt entfernt) der Preußischen Ostbahn; Doppel-Amtsgericht , Waarendepot der Reichsbank, Dampfsägemühle, 4 Bierbrauereien, Schifffahrt, Handel mit Landesproducten; 1875: 2679 Einw. Dabei zwischen der Deime und dem Pregel ein 1351 von den Deutschen Rittern erbautes Schloß, in dem 20. Marz 1568 der letzte Hochmeister und erste Herzog von Preußen, Albrecht von Brandenburg, starb, und in dem sich gegenwärtig seit 1792 die ostpreuß. Landarmenanstalt befindet. Der unter dem Schutze der Burg entstandene Ort wurde 1722 zur Stadt erhoben; einen neuen Stadttheil, die Neustadt, ließ Friedrich Wilhelm 1.1723—24 erbauen. H- Berns. Tapioka, s. .latroxim. Tapire, spaxiring, Säugethierfam. aus der Ord. derllnpaarzeher. Gebiß: ASchneidezähne, s. Eckzähne jcderseits, ^ Backenzähne jederseits; Kopf länglich, vorn mit kurzem, sehr beweglichen Greifrllssel; Augen klein, zurückliegend; Ohren spitz, ansrecht ».beweglich; Schwanz kurz; Haarkleid kurz, dicht anliegend; Beine stämmig; Vorderfüße 4-, die Hinteren3-zehig. Artenarme Fam.,nnr in den Tropen Ostindiens u. Amerikas vertreten. Die T. leben an sumpfigen Orten, schwimmen u. tauchen gern, ihre Pflanzennahrung, Blätter u. Zweige ergreifen sie mit dem Rüssel. Nur die Gatt, ll'gxirns L., Tapir. I. amsrioanus D., amerik. Tapir, Anta, 2 rn lang u. 1 m hoch. Grauschwarz; Kopf u. Nacken mit kleiner Mähne; Junge längs gestreift. SAine- rika. 1. inäions Hssm., Schabrakentapir, 2,^ in. lang. Schwarz, Rücken u. Bauch mit breitem weißen Fleck. SOAsien, Sumatra. Das Fleisch der T. wird gegessen u. die Haut zu Riemenleder verarbeitet. Auch fossile Arten imDiluvium. Naheverwandt den T-n sind die fossilen s?aIasotIrsriuw-Arten, welche mit den T-n in der Tertiärperiode über die ganze Erde zahlreich verbreitet waren. Farwick. Tapisserie, Tapetenwerk, teppichartige Stickerei. Tappert, Wilh., ausgezeichneter Tonkünstler u. musikalischer Schriftsteller der Gegenwart, geb. 19. Febr. 1830 in Ober-Thomaswaldau(Schlesien), besuchte 1848—1850 das Lehrerseminar in Bunz- lau, widmete sich mehrere Jahre praktisch dem Leh- rerberuf, bildete sich aber dann an der neuen Made- mie der Tonkunst in Berlin, bes. unter Dehn, zum Musiker von Fach aus, ging auf mehrere Jahre nach Großglogan, 1866 bleibend nach Berlin zurück, wo er als Lehrer des Klavicrspiels an der von Läufig gegründeten Akademie für höheres Klavierspiel thätig war u. seit 1878 die Allgemeine Deutsche Mnsikzeitnng redigirt. T. hat sich als gründlicher, geistvoller Musikschriststeller einen hervorragenden Ruf erworben; er schr.: Musikalische Studien, Musik u. musikalische Erziehung, Das Verbot der Quintenparallelen, eine Bearbeitung altdeutscher Lieder, sehr viele kritische Aufsätze. Wagner zählt ihn zu seinen 186 Taprobane — Tarasp. gediegensten, eifrigsten Verfechtern. Er veröffentlichte auch Gedichte, Bert. 1879. Si-b-»r°ck. Taprobane, griech. Name der indischen Insel Ceylon. Tapti (sauskrit. Tapati), Fluß in Vorderindien, entspringt in 2 Armen (T. u. Purna) ans dem Plateau von Gondwana, fließt in westl. Richtung durch Khaudesch u. mündet nach einem Lauf von ungefähr 700 km unterhalb Surat in den Golf von Cambay. Zur Regenzeit ist sie schiffbar. Tapüyas (Tapujas), 1) die ältesten Einwohner von Brasilien: 2) (Gentios T.), im Allgemeinen alle noch unabhängigen od. noch nicht zum Christen- thume übergetretenen Jndianerstämme Brasiliens. Tara, 1) Kreisstadt imruss. Gonv. Tobolsk, am Jrtysch und an der Handelsstraße Tobolsk-Tomsk, mit mehreren Kirchen, tatarischer Schule; Handel mit den Kalmücken u. Bncharen; 6469 Ew. 2) Nebenfluß des Jrtysch im rnss. Gonv. Tobolsk (Sibirien); 3) Handelsstadt im Innern vonMarokto mit großen Dattelmärkten. Tara (v. span.), das Gewicht des Gefäßes (der Kiste, des Fasses, Flasche rc.), der Emballage oder des Stoffes, worin eine Waare versendet wird, s. Brutto. Daher Tariren, die Waarennmhüllung behufs der Taraermittelnng abwägen, od. die T. vom Bruttogewicht abziehen. Bei überseeischen Waaren ist im Allgemeinen ein par uaanos festgesetztes Procent alsGewichtsvergünnigsür die T. von der Kaufssumme abzuziehen gestattet u. ebenso auch im Vereinszolltarif eine Vergütung bezüglich der Abgabe sestgestellt; die Höhe derselben ist mit T. bezeichnet hinter jedem Artikel angegeben u. wird vom Bruttogewicht abgezogen. Taräbnlus (Tripolis Stadt im afiat.-türk. Vi- lajet Scham (Syrien), am Nähr el Kadisch (Nähr Abu Ali), sonst am, jetzt ^ M. vom Meere, am Fuße des Libanon, starke mit 7 Thürmen versehene Mauern, Castell, enge, aber gut gepflasterte, zum Theil mit Bogengängen versehene Straßen, Vorstadt (Mariana) am Meere, 18 Moscheen, 15 christliche Kirchen 5 Bäder, Institut der sranz. Schwe- stern, reiche Bazars, Manufactnren in Seidenwaa- ren, bedeutende Seifensabrikation (jährlich etwa 40.000 Ctr.), starker Handel mit Fabrikaten, Badeschwämmen, Seidcncocons, Orangen, Tabak; etwa 18.000 Ew. Der Hasen (El Mina, Stadt mit 4000 Ew. u. Wersten) ist seicht, die Rhede gut. Es hieß bei den Alten Tripolis, s. d. t. Tarabusnn, so v. w. Trapezunt. Tarai, s. Terrai. Tarakai, bei den Tataren so v. w. Sachalin. Tarantel, s. Spinnen. Tarantella, ein in Italien heimischer, unter Jn- strumentenspielu. Gesang ansgesührter Nationaltanz, welcher im 15.—17. Jahrhundert als Heilmittel für den sogenannten Tarantismus, eine epidemische Nervenkrankheit, gebraucht wurde und in sechs verschiedenen Arten vorkam. Die T. ist auch jetzt noch im Neapolitanischen ein beliebter Volkstanz, wird aber nicht mehr mit Gesang, nur zuweilen mit Vio- linspiel ausgesührt, steht im ^-Takt u. bewegt sich anfänglich meinem langsameren, dann immer schnelleren Tempo. Sie wird von drei Mädchen geranzt, von denen die eine das Tambourin schlägt, die beiden anderen, Castagnetten in der Hand, die Tanzschritte machen, welche eigentlich blos in einem Taktieren bestehen. In Sicilien ahmt dieser Tanz mehr das Sichsuchen u. Fliehen Verliebter nach u. besteht in schaukelnden Bewegungen. Taranto, Stadt, so v. w. Tarent. Tarapaca, Hauptstadt der gleichuam. 42,002 Ew. zählenden Provinz im peruan. Dep. Moquegua, 1100 m ü. d. M., ehemals mit ergiebigem Silberbergbau; etwa 4000 Ew. Die Stadt hatte stets von Erdbeben zu leiden, zuletzt noch im Januar n. Februar 1878. Taräre, Stadt im Arr. Villefranche des sranz. Dep. Rhone, am Turbine, Station der Paris-Lyon- Mittelmeerbahn; Handelskammer, bedeutende Fabrikation von Musselin, Tarlatan, Stickereien, Plüsch, Sammet, faconnirten Seidenwaaren, Shawls, Stahlkämmen, Leder, Töpferwaaren rc., Appretur, Färberei, lebhafter Handel mit Getreide, Vieh, Leder rc.; 1876: 12,888 Ew. (Gemeinde 13,694). Taraschtscha (Taraszcza), Kreisstadt im rnss. Gonv. Kiew, an der Kotluja (Zufluß des Rohs), in fruchtreicher Gegend mit etwasHandel; 1l,420Ew., worunter zahlreiche Israeliten. Tarascon, 1) T. für Rhone, Stadt im Arr. Arles des sranz. Dep. Rhvnemündungen, an der Rhone, Station der Paris-Lyon-Mittel,neerbahn u. der Localbahn T.-St. Remy, durch eine schöne Hängebrücke mit dem gegenüberliegenden Beaucaire verbunden; festes Schloß, mehrere Kirchen (darunter die auf den Ruinen eines römischen Tempels angeblich 1187 — 1216 erbaute gothische Kirche St. Marthe), Communal-College, öffentliche Bibliothek, 2 Hospitäler, Fabrikation von Wollen-, Seiden-, Baumwollen- u. Leinenzeugen, Kupfer-, Blech- u. Zinnwaaren, sehr renommirten Fleischwürsten (8au- olvsons ck'ikrlss), Seilerwaaren rc., Gerberei,Schiffbau, lebhafter Handel; 1876: 7777 Ew. (Gemeinde 10,409). Die Stadt hieß schon im Alterthum T. u. war im Mittelalter ein blühender Ort. 2) T. sn r Ariege, Stadt im Arr. Foix des Dep. Ariege, am Ariege, Station der Südbahn; schönes paläontolo- gisches Museum, Wollenspinnerei, Gerberei, Hoh- ofen, Fabrikation von Eisenwaaren, Eisengruben; 1325 Ew. (Gem. 1607). H. Berns. Tarasp, Kirchdorf im Bez. Inn des schweizer. Kantons Graubünden, rechts am Inn; gleichnamige Burg, Kapuzinerhospiz, berühmte Mineralquellen, bes. Natronsäuerlinge, welche zu den stärksten in Eu- ropagehören; 310Ew. Nahebei Schnls (Schuols, mit etwa 950 Ew.), dessen nähere Umgebung ebenfalls sehr reich an Mineralquellen, namentlich Salz-, Schwefel- n. Stahlquellen, sowie auch an Dunsthöhlen oder Mofetten ist. In Nairs, einer 1 km von Schnls dicht am Inn gelegenen Ortschaft, steht das 1862—65 erbaute großartige Kurhaus T.-Schnls. Von den um 1192 ausgestorbenen Herren von T. kam die Herrschaft erst an das Bisthum Chur, im 13. Jahrh. durch Kauf an die Grafen von Tirol u. im Wiener Frieden 1815 an Graubünden. Bis 1815 war das stattliche Schloß, jetzt Eigenthum des Nationalraths von Planta in Samaden, Sitz der österreichischen Vögte. T. ist das einzige deutsche u. katholische Dorf im Engadin. Vgl. Die Heilquellen n. Bäder von T. (T.-Schnls) in Unter-Engadin, 6. A. Chur 1874; Arquint, Der Kurort T. und seine Umgebung, ebd. 1877. H- Ber,H. s § Türtixuoiiiii Tarent. 187 larsxacum Äakt., Pflanzengatt. ans der Fam. 6omposibae-0ioborioiäsas (XIX. 1.), mit grundständiger Lanbblatlrosette n. weitröhrigen, eiuköpfi- gen Blllthenstielen; Hülle des Köpschens länglich- glockig, mit kurzen äußeren u. langen inneren Hüllblättern; Blüthen zahlreich, mehrreihig; Achänien spitzhöckerig, plötzlich in einen Schnabel verschmälert. Art: 1'. vulxars (DmL.) Kr/»'L. (Lsonboäon lara.- xaonm L., Löwenzahn, Maiblume), sehr verbreitet auf Wiesen u. an Wegrändern; die Wurzel enthält einen süßlich-bittern Milchsaft, ans welchem Laraxa- ein dargestellt wird, ist auch officinell. Engter. Tarazöna, Stadt in der span. Prov. Zaragoza (Aragonien), am Flusse Queiles; Bischofssitz, Handel mit Wein, Öl rc.; 8261 Ew. Tarbert, I) hübsche Marktstadt in der Grafschaft Kerry deririschenProv. Munster, amShannon; Zuchthaus, Fischfang,Küstenhandel; etwalOOOEw. Ans dem T-fels Lcuchtthnrm n. Batterie. 2) Dorf in der schott. Grafschaft Argyle, am Loch T. n. der Landenge, welche die Halbinsel Cantire mit der Landschaft Knapdale verbindet; Schloß des Königs Robert Bruce; 1871:1440 Ew. Tarbes, Stadt n. Hanptort in dem franz. Dep. Hautes-Pyrenees, sowie in dem 11 Cantone u. 195 Gemeinden mit 1876: 110,198 Einw. umfassenden, gleichnam. Arr., am Adonr, Station der Südbahn; Sitz der Departementsbehörden, eines Bischofs, eines Gerichtshofes erster Instanz, eines Assisenhofes u. eines Handelsgerichts, Kathedrale, Lycenm, Großes Seminar, Normalschnle für Lehrer, Unterrichtscurse für Zeichnen u. Architeklur, Musikschule, öffentliche Bibliothek, Museum, Departementsgefängniß (in dem ehemal. Schlosse der Margaretha von Bearn), Cavaleriekaserne (eine der schönsten in Frankreich), Hengstedepot, Reitschule, prächtiger Hippodrom (berühmte Pferderennen jährlich im Aug.), Statue des Chirurgen Larrey; Eisengießerei, mechanische Werkstätten, Flachs- u. Wollenspinnereien, Wollenkäm- mereien, Fabrikation von Filz, groben Wollenstoffen, Posamentiermaaren,Papier,Spielkarten, gefirnißtem Leder, Wagen rc., Marmorschncidemllhlen, lebhafter Handel, namentlich mit Pferden, Manlthieren und Landesproducten; 1876: 1180 Ew. (Gem. 21,293). T. ist Geburtsort Bareres. Es hieß zur Römerzeit Tarba und gehörte zu Lgnibaum isrbia, später zu I^ovsmpopulania,. Der Ört wurde wiederholt von Gothen, Mauren n. Normannen verwüstet, gelangte als HanptortderGrasschast Bigorre zueinigerBlüthe u. war bis 1370 im Besitze der Engländer. H- Berns. Tarczal, Marktflecken im Bez. Tokäj des nngar. Comitats Zemplin, Station der Theißbahn; Hauptschule , baut den besten Tokaier (Ausbruch für den kaiserl. Hof); 1869: 2920 Ew. laräanäo (ital.), zögernd, schleppend. Tardicn, berühmte sranzös. Kupferstecher-Familie, 1) Nicolas Henri, geb. 1674 in Paris, war auch Maler n. Kupferstecher, Schüler Andraus u. stach für die größten Prachtwcrke damaliger Zeit; st. 1749. 2) Jacques Nicolas, Sohn des Vor., genannt Cochin, geb. 1718, HosknpferstecherdesKurfürsten von Köln; st. 1795. 3) Jean Baptiste Pierre, Neffe des Vor., ausgezeichneter geographischer Kupferstecher, geb. 1756 in Paris u. st. daselbst 1816. Er stach u. a. eine Karte der Niederlande in 53 Blättern für die Kaiserin Maria, eine Karte der Wildbahnen für Ludwig XVI., die topographische Karte des Herzogthnms Sachsen-Altenburg in 25 Blättern. 4) Pierre Alexandre, geb. 1756 in Paris, Bruder des Vor., Kupferstecher, Schüler von I. I. Wille, lebte in Paris u. st. 1844 daselbst. Er stach historische Blätter und Porträts. 5) Antoine Franx., Bruder des Vor., geb. 1757 in Paris^ ebenfalls Landkartenstecher; st. 1822. 6) Pierre, Sohn des Vor., geb. 1784, stach Karten zu Werken Hnmbolds, Buchs, Bröndsteds, Segnrs u. a. 7) Ambroise, Vetter des Vor., geb. in Paris 1788, Kupferstecher, st. 3. Aug. 1844 in Paris; er nahm Theil an der Illustration zahlreicher wissenschaftlicher Werke mit Karten, Ansichten u. Porträts, re- digirte auch selbst größere Kupferwerke: rdbias äs ssöoZrapbis gme., 1818; tlblas än vozmgs änfsuns Lnaoimrsis, 1824; Xblas nnivorssl äs §öoAra.pbis ans. ob inoäsrns, 1829; loonoArapino univ. ano. ob moä., 1820 rc. 8) Francois, ans einer anderen Familie stammend, Geistlicher ans Tarascou, erfand das Violoncello n. st. um 1780. Regnet* Tardien, Ang. Ambroise, berühmter franz. Mediciner, geb. 10. März 1818 zu Paris, machte seine Studien am College Charlemagne und ward 1843 Docent an der Pariser Facultät und Arzt in mehreren Spitälern, namentlich seit 1850 beim Hospital Lariboisibre, 1858 Mitglied der Akademie der Wissenschaften, 1861 Professor der medicinischen Facultät n. consnltirender Arzt des Kaisers, 1868 Präsident des bcrathenden Comites für öffentliche Gesundheitspflege u. später Mitglied der Akademie. Er st. 12 . Jan. 1879 in Paris. Sein Hauptwerk ist das lliobionnairs ä'b/Aöns pnbligns, n. A. 1862, 4 Bde. Außerdem schr. er u. a.: Obssrva- tions sb rssbsrobss uonvollss sur la morvs siiro- uigns, 1841; lls la morvs eb än larsin olrrv- nignsa, 1843; Llarmsl äs patff olo^ls sb äs olinigns msäioalss, 1848, 3. A. 1865; I)n offolsra, spiäs- migne, 1849; Lnppiömsnban äietionnairs äss äie- tionnairss äs msäseins lranyais ob sbranZors, 1851; mit Nossin Lbnäs snr iompoisonnsment, 1868. Er war auch Mitredactenr n. Hanptmitar- beiter der ^nualss ä'Ir/Alsns pnbligns sb äs ms- äooins IsA-äs. Viele seiner Schriften sind ins Deutsche übersetzt. t- laräo (ital.), langsam, zögernd. Tarent (Taranto), befestigte Stadt in der ital. Prov. Lecce, außerordentlich eng gebaut, auf einer Felseninsel am Golf von T., der hier einen kleinen Meerbusen (Mare Piccolo) bildet, Station der Süd- nnd der Calabrischen Bahn, hängt durch steinerne Brücken mit dem Festland zusammen; hat einen inneren u. einen äußeren Hasen mit 2 Leuchtthürmen; Erzbischof, Kathedrale mit einigen bedeutenden Denkmälern, viele Kirchen u. Klöster, Seehospital, Laza- reth, Findelhaus; lebhafter Handel (mit Getreide, Öl, Fischen, Austern, Honig, Obstrc.), Weberei (Manchester, Strümpfe, Handschuhe rc., zum Theil aus Seide der Steckmuschel); 27,546 Ew., in 3 verschiedenen Stadttheilen vertheilt, von denen jeder seinen eigenen Dialekt hat. Vor T. die Inseln S. Paolo n.S. Petro. T. ist die Vaterstadt des Musikers Paesiello. Von dem Glanze des alten T. (bei den Griechen Taras, bei den Römern Tarcntnm), der reichsten und mächtigsten Stadt vonGroß-Griechen- land, sind nur noch spärliche Trümmer vorhanden. 188 Tarent - (Gesch.). T. Csiarsntvm, ksiaras) wurde im I.! 708 v. Ehr. als eine anfangs unbedeutende Colonie> von den infolge innerer Bewegungen ans Sparta ^ ansgewanderten Partheniern unter Anführung des Phalantos gegründet. Eiwa vom 5. Jahrh. ab fchwang sich T. über alle übrigen griechischen Calvinen in Unteritalien (Groß-Gricchenland) empor u. erwarb sich mit der größten Seemacht den ansgc- brcitetsten Handel. Unter den Staatshänptern ist bes. Archytas(vor derMitte des 4.Jahrh.) berühmt, der wichtigste n. angesehenste unter LcnPythagorccrn dieser Zeit, der gegen Las Gesetz 7 Mal Strategos war n. zu Felde nie besiegt wurde. In T. herrschte die freieste demokratische Verfassung, die jedoch zu einer zügellosen Demagogie ansartete. Als die Römer durch die Sainnitenkricge mit den Tarcminern in Berührung kamen, war durch die mit dem Handel n. dem Reichthum gekommene Verweichlichung die bedeutende Blüthe L-s schon im Sinken. Aeltere Beiträge untersagten den Römern, mit Kriegsschiffen über das Vorgebirge Lacinium (Capo delle Colonne) hinanszufahrcn. Als dem entgegen 281 v. Chr. eine nach Sena Gallica bestimmte römische Flotte von 10 Schiffen, durch einenStnrmgezwuugen, vordemHa- sen von T. erschien, bemächtigte sich das von Demagogen in der Volksversammlung aufgeregte Volk 5 dieser Schiffe, machte die Mannschaft theils nieder, theils zn Sklaven u. verspottete die röm. Gesandtschaft, die dafür Genngthnnng verlangte, ans das Schmachvollste. Dies brachte den ohnedies nach den Fortschritten der Römer in Unteritalien unvermeidlichen Krieg mit T. zum Ansbruch. Als ein röm. Heer in das Gebiet der Tarentinereinrückte,riefen dieseden Epiroten- köuig Pyrrhns mit seinen Söldnerschaaren zu Hilfe, der aber nach der schließlichen Niederlage bei Bene- vent im J. 275 mit Hinterlassung einer Besatzung in T. unter Milan nach Griechenland znrückkehrte. Milon überlieferte nach des Pyrrhns Tode in Argos 272 Stadt u. Burg von T. den Römern unter Bedingung freicnAbznges: T. behielt zwar eigcueVer- waltnng, bekam aber römische Besatzung und mußte Waffen u. Schiffe ansliefcrn. Im zweiten Punischen Kriege nahm Hannibal die Stadt im I. 212 durch Berrath u. belagerte die Burg zu Wasser u. zustande, sein Angriff im I. 211 mißlang aber. 209 nahm Q. Fabins Maximns auch die Stadt wieder ein n. verkaufte 30,000 Einw. als Sklaven; nur wenige Einw., die den Römern Treue gewahrt hatten, blic- den als Bürger in der öden Stadt zurück. Durch die im 1.123 nach T. geschickte Colonie blühte Handel u. Schifffahrt wieder ans n. wurden aufs Neue Luxus u. Wohlleben herrschend, so daß selbst die römischen Schlemmer es sich zum Vorbilde nahmen. Im Mittelalter stand T. unter den byzantinischen Kaisern, wurde dann aber von den Sarazenen erobert, die so schrecklich hausten, daß nur noch wenige Überreste von den einstigen Bauwerken übrig geblieben sind. Die Stadt kam dann unter die Könige von Neapel u. wurde 1861 dem Königreich Italien einverleibt. Mehrere Grafen führten von T. den Namen; das französische Geschlecht Tremouille seit152l, wo Franz von la Tremouille die Tochter der Charlotte von Aragonien, Prinzessin von T., hcirathete. Napoleon I. ernannte nach LerSchlacht bei Wagram Macdonald, der unter dem Bicekönig Eugen von Italien herbeigezogen war u. den größten Antheil — Tarif. ! an diesem Siege hatte, zum Herzog von T. Vergl. lJuvenis, Os antiguitats ob varis, Oarsntinoruna Fortuna, im 9. Bd. von Grävins und Bnrmanns Hissaurns auiignitabnm itak.; R. Lorentz, Os ori- Aive veterum fparontinorum, Berl. 1827; Ders., Os eivitabs vst. Oaroub., Lpz. 1833; Döhle, Geschichte T-s bis auf seine Unterwerfung unter Rom, Straßb. 1877; de Vincentiis, Ltoria, cki laranbo, Neap. 1878, 3 Bde. (Geogr.) t. (Gesch.) Schmitz. Tarent, 1) Leonidas von, s. Leonidas 3). 2) Ludwig von, s. Ludwig 30). 3) Herzog von T., s. Macdonald. Tarcntinischer Krieg, s. u. Tarent u. Rom. Tarentnin (a. Geogr.), so v. w. Tarent. Targi, s. Tuaregs. Targowicza (Gorgowitza), Stadt an der Sin» jncha im russischen Gouvernement Kiew, an der Si- niusca; Handel; 2000 Einw., darunter viele Juden. Hier 14. Mai 1792 Consöderation (Targowiczer Conföderation) des polnischen Adels gegen die Con- stitntion von 1791. Targmn (Plur. Targnmim) ist die aus dem Chal- däischen stammende Bezeichnung für die mannigfachen aramäischen Übersetzungen der Bibel, resp. einzelner Theile derselben. Gleich nach der Rückkehr aus dem babylon. Exil stellte sich das Bedllrfniß heraus,die Thoravorlesungen an Sabbathen ».Festtagen für Las des Hebräischen nicht kundige Volk in aramäischer Sprache vortragen u. erklären zn lassen. So entstanden schon zu Esras Zeiten die aramäischen Bibelübersetzungen, deren Niedcrschreibung jedoch viel später erst erfolgte. Für den Pentateuch gab es frühzeitig ein babylon. u. palästinensisches T., die nur dialektisch (oft- u. westaramäisch) von einander verschieden waren. Das „babylon. T. zum Pentateuch führt den dem griech. Übersetzer Akylas nachgebildeten Namen O.OnIcsIoo, das palästinens.O.üonabkinn bsn Osiek, zn welchem Glossen unter der Überschrift: Msisrusskmlmivorhandensind. Über dasVerhältniß dieser Targnmim zn einander haben Zunz (Gottes- dienstl. Vortr.), Frankel (Einiges zn Len Targnmim, in seiner Zeitschrift, 1846), Luzzatto (Oüsb 6er, Wien 1830), Geiger (Urschrift), Nöldccke, stagarde, L-eligsohn n. Tranb: Über den Geist d. llonablr. b. Os. zum Pent. (Frankels Mouatsschr. 1857), May- baum (Breslau 1870), W. Bacher (Deutsch-Mor- genländische Zeitschrift 1874), Reifmann u. jüngst Or. Grouemann (Über öonabkian bsn Osiek, 1879, zum Pentateuch) eingehend geschrieben. Das babylonische Targun: zu den Propheten führt ebenfalls den Namen öonabkuuis. Vgl. über dasselbe Frankel: Zum T. der Propheten, Bresl. 1872. — Bon den Hagiographen sind nur Daniel, Esra n. Nehemia ohne jegliches T.; das zn den „Psalmen, Proverbien und Hiob rührt von palästin. Übersetzern her. Die 5 Me- gillot haben sehr weitschweifig paraphrastrcnde Tar- gumim (zu Meg. Esther gibt es sogar noch ein N. seüsni, zweites T.); das T. zur Chronik ist erst sehr spät aufgefunden worden, v. Beck (Augsburg 1680 bis 1683 2 Th. mit lat. Uebers.) nach dem Erfurter Manuscr., u. v. Wilkin (Amstcrd. 1715) nach dem Cambridger Manuscr. edirt. Vgl. Rahmer, Das T. zur Chronik, Thorn 1867). Das beste Wörterbuch zn den Targnmim ist das von vr. I. Levy, Leipz. 1876. ' Rahmer. Tarif (v. Arab.), 1) so v. w. Preiscourant; 2) Tarifa — Tarn. 189 Verzeichnis bes. von Maaren in Bezug ans eine Ab« ^ Aveyron) aufnimmt. Eisenbahnen: zusatnmen 195 km. Das Klima ist im Allgetneinen mild n. gesund, im Sommer sehr heiß; der Boden in den Thälern n. Ebenen fruchtbar. Bon der Gesammtoberfläche sind 320,963 ira, Ackerland, 42,472 üaWiesen, 31,391 Ira Weinberge, 94,363 Im Waldungen u. 58,782 da Heiden. Prodncte: Getreide, namentlich Weizen, Noggenu. Mais,Hülsenfrüchte, Gemiise, Kartoffeln, Hanf,Flachs,Waid,Obst, Wein, Safran,Anis, Koriander, Senf, Holz; Pferde, Rindvieh, viele Schafe, Schweine, Geflügel, Seidenraupen, Bienen (etwa 17,975 Bienenstöcke), Granit, Gneiß, Porphyr, Schiefer, Sandsteine, Marmor, Kalksteine, Eisen, Blei, Kupfer, Braunsteine, Alaun, Steinkohlen rc. Auch mehrere Mineralquellen, wie zu Trebas, Ri- enmajou rc., kommen vor. Haupterwerbsquellen der Bevölkerung sind Ackerbau, Viehzucht, Weinbau (bes. bei Gaillac u. Aldi, 1874: 742,449 KI), Seidenbau, Bergbau (vornehmlich ans Steinkohlen u. Eilenerze) u. Industrie. Die wichtigsten Industriezweige sind: Fabrikation in Tuch u. a. Wollenzengen, Wirkwaa- reu, Leinwand, Seidenzengen, Leder, Papier, Pergament, Glas, Fayence, Töpferwaaren, landwirth- schaftlichen Maschinen, Eisen- und Knpserwaaren, Seife, Kalk rc.. Wollen-, Baumwollen-, Flachs- n. Seidenspinnerei, Färberei rc. Der Gesammtwerth der industriellen Prodncte beträgt etwa 57 Mill. Frcs. jährlich. Der Handel vertreibt die landwirth- schaftlichen und Industrie-Erzeugnisse des Depart. Volksbildung: 1872 gab es im Dep. unter 100 Bewohnern über 6 Jahre 40,j Ununterrichtete, in ganz Frankreich 33,^. Eintheilung in 4 Arr. mit 35 Cantonen u. 318 Gemeinden. Hauptort ist Albi. Vgl. Bastie, Oeserlxtion ciu cköparkamsni (In I., Par. 1876. 3) (Tarn-et-Garonne), Dep. in Frankreich, grenzt im N. an das Dep. Lot, im O. an Aveyron, im SO. an Tarn, im S. an Haute-Ga- ronne, im SW. u. W. an Gers u. Lot-et-Garonne; 3720,ig sH>cm (67,g süM) mit (1876) 221,364EW. (aus 1 Hskm 59,^, in ganz Frankreich 69,g). Das Dep. bildet eineHochebene u. hat einigeHügelreihen. Flüsse: Garonne, welche hier den Tarn (mit dem Tescon u. dem Aveyron), die Barguelonne, Gimone, Serc, sowie außerhalb des Dep. die Seoune anf- nimmt, von denen jedoch nur die Garonue u. der Tarn schiffbar sind. Kanäle: der Seiteukanal der Garonne. Eisenbahnen: zusammen 147 km. Das Dep. hat in Len Thälern sehr fruchtbaren Boden, mildes Klima mit wenigem Frost u. Schnee. Von der Gesammtoberfläche sind 227,993 ka Ackerland, 18,907 Iis, Wiesen, 37,818 kn Weinberge, 48,985 Ira Waldungen und 10,605 Iis, Heiden. Prodncte: Getreide, Hüljenfcüchte, Gemüse, Obst, Kartoffeln, Tabak, Flachs, Hanf, Südfrüchte, Wein, Holz; die gewöhnt. Hausthiere,Wild, Geflügel, Bienen; Sand- n. Kalksteine, Gips, Marmor, Eisen, Kupfer rc. Mineralquellen gibt es zu Fenayrols, St. Antonin u. Parisol. Hauptbeschäftigung der Bewohner bilden ^ Ackerbau (besonders Weizenban), Weinbau (1874: gäbe; Zolltarif, ein Verzeichniß der verschiedenen Zollansätze, s. Differentialzölle. Münztarif, Tafel über Vergleichung und Verhältniß verschiedener Münzen; Chausseetarif, ein Verzeichniß der Chausseeabgaben; ebenso auch Eisenbahntarif. Tarifa, 1) Stadt in der span. Prov. Cadiz (Andalusien), an der schmälsten stelle der Straße von Gibraltar; ist befestigt, hat Hasen und Lenchtthurm (auf der Isla de T.), Fischerei; 5949 Ew. T. ist der südlichste Ort Europas. Hier schlug 416 v. Chr. der Gothenkönig Wallia die Silinger. 1292 nahm Sancho von Castilien den Hafen vonT. den Mauren ab; 1339 (1340) siegten hier die Spanier über die Mauren; 30. Dec. 1811 wurde T. von den Franzosen vergebens gestürmt. 2) (Cap T.), die südlichste Spitze der Insel T. u. zugleich der südlichste Punkt von ganz Europa. Tarija, Hauptstadt des etwa 89,000 Ew. zählenden Dep. der südamerikan. Republik Bolivia, in 1700 m Seehöhe, schöne Kathedrale, Wasserleitung, Franciscanerkloster mit bedeutender Bibliothek; 5680 Ew. Tarif, arab. Feldherr, der Gründer Gibraltars, der 711 in der Schlacht bei Jeres de la Frontera das Westgothenrcich zertrümmerte. In kurzer Zeit eroberte er daraus Cordova, Toledo, Astorga u. andere Städte. Von seinem Oberfeldherrn Musa (s. d.) wurde er aber ans Neid abgesetzt n. cingekerkert, jedoch bald aus Befehl des Khalifen befreit. Er eroberte nun Tortosa u. Valencia, mußte jedoch 713 Spanien verlassen u. sich, wahrscheinlich wegen Argwohn des Khalifen in Unthäligkeit znrückzichcn. Tarim, 1) Stadt imJnnern der arabischen Landschaft Hadramaut, Sitz eines Sultans, Seideuzeug- Webereien und 10,000 Ew.; 2) Fluß in OTurke- stan, entsteht aus der Vereinigung mehrerer Flüsse (Kaschgar, Jarkand, Kholan und Aksn) und mündet nach einemLaufe von etwa 780 km in Leu Lob- Noor. Tarlatane, ein locker gewebter Baumwollenstofs zu Damenkleidcrn, 13 Fäden, Nr. 100, aus 1 om. Er ist mit Stärke steif appretirt. Tarma, Stadl im peruan. Dep. Jnuin; 10,000 Ew. In der Nähe Silber- u. Quecksilbergrnben. Tarn, 1) Fluß im südl. Frankreich, entspringt am Fuße des Pic Le Malpertus im Lozeregebirge, durchfließt die Dep. Lozere, Aveyron, Tarn, Hanre- Garonne und Tarn-et-Garonne, nimmt die Flüsse Joute, Dourbie, Dourdou, Rance, Agont, Aveyron u. a. auf, bildet oberhalb Alby einen 19 m hohen, prächtigen Wasserfall (8aub-ckü-8adob), wird dann schiffbar u. mündet nach einer Stromlänge von 375 km (davon 148 km schiffbar) 6 km unterhalb Moissac i» die Garonne. Nach ihm sind genannt die Dep. Tarn u. Tarn-et-Garonne. 2 ) Dep. im südl. Frankreich, grenzt im N. u. NO. an das Dep. Aveyron, im SO. anHerault, im S. an Ande, im W. an Ober-Garonne u. im NW. an Tarn-et-Garonne 5742„g jKskm(104,g UM) mit (1876) 359,232Ew.- 484,931 Iri)u.Viehzucht(Pferde, Maulesel, Schweine, (aus 1 sDkm 62,z, in ganz Frankreich 69,g). Das. Gänse, Enten, Truthühner). Von geringer Bedeut- Dep. ist größtentheils gebirgig u. hügelig, im O.jung ist die Industrie; es gibt Fabriken in Wolle, durch die rauhen Montagnes Le Lacanne (Roc de f Baumwolle, Leinen, Seide, Eisen, Papier, Fayence, Montalet, 1266 m) u. im S. durch die Montague ^ Leder, Hüten,Wirkwaaren, Stärke, Kerzen,Seife rc., Noire. Der Hauptfluß desselben ist der Tarn, wel-^ Färbereien, Branntweinbrennereien, Ziegelbrenne- cher säst alle Gewässer des Dep. (Rance, Agont, reien rc. Der Gesammtwerth der industriellen Pro- 190 Tarnkappe — ducke beträgt etwa 26 Mill. Frcs. jährlich. Lebhaft ist der Handel mit Landesprodncten. Volksbildung: 1872 gab es im Dep. unter 100 Bewohnern über 6 Jahre noch 42 Ununterrichtete, in ganz Frankreich 33,4. Eintheilung in 3 Arr. mit 24 Cantonen u. 194 Gemeinden. HanptortistMontanban. H- Berns. Tarnkappe, so v. w. Nebelkappe, s. d. Tarnobrzcg , Marktflecken u. Hanptort in dem gleichnam. galiz. Bez. (Österreich), an der Weichsel; (1869) 2857 Ew. (Gem. 3364). Dabei das Dorf Dzikow mit Dominicanerkloster (seit 1677). Tärnograd (Tarnogrod), Stadt im poln.-russ. Gouv. Lublin, dicht an der österr. Grenze, mit lebhaftem Handel (namentlich nach Jaroslaw); 1856 (Juni) durch Feuer fast gänzlich zerstört. Tarnopöl, Stadt n.Hanptort in dem gleichnam. galiz. Bezirk (Österreich), am Sereth, Station der Galiz. Karl-Ludwigsbahn; Obergymuasium, Unter- realschnle, Lehrerbildungsanstalt, Spital, städtisches Krankenhans(seit1857),isracl.Krankenhaus,Wachs- n. Honigsiedereien, Rnbenzuckerfabriken, bedeutende Pferdemärkte, lebhafter Handel; (1869) 20,087 E. — Die Stadt wurde im 16. Jahrh. von dem Ca- stellan von Krakau, Joh.Tarnowski, gegründet, von den polnischen Königen mit vielen Privilegien begabt u. 1846 zur königl. Stadt erhoben. H- Berns. Tärnow, Stadt u. Hauptort in dem gleichnam. galiz. Bezirk (Österreich), am Dujanec unweit der Äiiindung der Biala in denselben, Station der Ga- lizischcnKarl-Ludwigs- u. der T.-BeluchowerEisenbahn; Sitz eines röm.-kathol. Bischofs u.Domcapi- lels, sehenswerther alter Dom mit den Denkmälern der poln. Feldherren Ostrogski n. Tarnowsli, theologische Lehranstalt, Obergymnasium, bischöfl. Seminar, Lehrerbildungsanstalt, höhereMädchenschnle, Bernhardinerkloster,Spital; Fabrikation vonAcker- bangeräthen, Stärke, Seife rc., Handel; (1869) 21,779 E. T. ist der Geburtsort von JosephBcm. Es wurde 1241 von den Tataren u. 1655 von den Schweden verheert. - H- Berns. Tarnowiy, 1) Kreis im preuß.Regbez.Oppeln, durchschnitten von der Linie Breslau-Oswiecim u. der Zweigbahn Morgenroth-T. der Oberschlesischen, sowie von der Linie Breslau-Dzieditz u. der Zweigbahn T.-Tarnowitzer-Hütte der Rechten-Odernfer- Eisenbahn; 324,25, sllieirr (5,gg HjM) mit (1875) 41,025 Ew. 2) Kreisstadt darin, an einem Zufluß der Malapane, Station der Rechten-Oderufer- und OberschlesischenEisenbahu; Sitz eines Amtsgerichts, einer Bcrginspection u. der Generalverwaltung der Gras Hugo Henckel von Donnersmarckschen Guter, Realschule 1. Ordn., höhere Töchterschule, Berg- schnle, Kreisverwaltungsgebände (im Renaissancestil), Rathhans, Krankenhaus, Rettnngshans, St. Joscphsstist, Knappschafts-Lazareth, großes Eisenwerk (T-erHütte); Fabrikation vonSchrot, Farben, Holzstoff, Seifen, Mineralwasser rc.; Cement- und Kalkbrennereien,Bierbrauereien, Dampfmahlmühle, 2Dampssägemühlen, bedeutender Holzhandel; Freimaurerloge Silberfels; (1875) 7249 Ew. In der Nähe die Bleierzgrube Fricdrichsgrnbc, deren Erze in dem 7 Inn entfernten Blei- n. Silberhüttenwcrk Friedrichshllüe verhüttet werden. — T. wurde um 1526 angelegt, erhielt 1599 deutsches Stadtrecht u, wurde bald der Mittelpunkt eines bedeutenden Bergbaues auf Blei-, Eisen- u. Zinkerze, der jedoch, nach- - Tarquimus. dem infolge der Verfolgung der Protestanten durch die österreichische Regierung die Bergleute vertrieben worden waren, im 17. Jahrh. gänzlich verfiel. Erst unter Friedrich d. Gr. wurde er 1784 durch Anlage der Friedrichsgrube wieder ausgenommen ».erfreut sich gegenwärtig wieder einer großen Blüthe. H-Berns. Tarok ist der Name eines der verwickeltsten und schwersten Kartenspiele, welches unter 3 Personen nlit einer ans 78 Blättern bestehenden besonderen Karte, T-karte genannt, gespielt wird. DerT-karte liegen die 52 Blätter der Französischen Karte zu Grunde, doch kommen zu derselben noch hinzu: die 4 Covalls (Reiterfignren), welche als Bilder zwischen der Dame und dem Buben rangiren; 21 Trümpfe, T-s genannt u. einfach mit den Zahlen I bis XLI bezeichnet, von denen dis I wegen der bevorzugten Rolle, die sie spielt, den Namen ka^ab führt, u. endlich der Lxis, eine Figur, welche überall als Ergänzung dient. Tarpäu (russ.), das wilde Pferd. Tarpejischer Fels (ssxnrn larpsinm, rupss 1'arpsia) wurde die südliche, namentlich aber die westliche steile Felswand des CapitolinischenHiigels genannt. Der Name soll herrühren von der Tar- peja, der Tochter des Commandanten des Bnrgfel- sens, SpurinsTarpejns, die denSabinern ein Thor der Festung öffnete gegen das Versprechen, ihr zu geben, was sie am linken Arme trugen. Sie meinte die Ringe u.Armspangen derSabiner, diese aber bedeckten u. tödteten sie mit ihrenSchilden, die sie ebenfalls am linken Arme trugen. Schwegler (Römische Geschichte, 3 Bde., Tüb. 1853 — 58, bis zum Vorabend der LicinischenRogation) hält die Tarpeja für eine Localgottheit des T. F.; die später, noch in der Kaiserzeit erneuerte Sitte, Staatsverbrecher durch Herabstllrzen vom T. F. zu tödten, habe daun mit dem Streben, die ursprüngliche Localgottheit in die älteste Geschichte Roms einzuflechten, die Veranlassung zu der Sage gegeben. Heule ist die Höhe des T. F. nur noch gering. Schmitz. Tarqninli, Stadt in SEtrurien, am Flusse Maria, die älteste und das Haupt der etruskischen Zwölfstädte, bis sie durch innere Revolutionen gestürzt wurde. Von hier siedelte der ältere Tarqui- nius nach Rom über. Als dessen Geschlecht ans Rom vertrieben worden war, wollte T. denselben mit Gewalt zurückführen, wurde jedoch von den Römern besiegt n. erobert. Jetzt nur noch Mauerreste auf dem Hügel Tarchino n. unterirdische Gewölbe östl. von Corneto. Die neuerdings hier veranstalteten Ausgrabungen haben jedoch schon werthvolle Ausbeute geliefert. Tarquimus, 1) Lucius T. Priscus, d. i. der Alte, dem die Sage sogar eine griech.Abstammung von dem Bacchiaden Demaratos in Korinth zuschreibt; er soll mit seiner Gemahlin Tanaquil, da er in seinem Wohnort, der etruskischen Stadt Tarqnini, als Fremder nicht zu Ehren gelangen konnte, nach Rom eingewandert, dort Vormund der Söhne des Ancns Martins u. im I. 616 v. Ehr. zum römischen König gewählt worden sein. Seine Regierungszeit hat man bis 578 v. Ehr. ausgedehnt, wo er durch die erbitterten Söhne des Ancns seinen Tod gefunden habe. Auf ihn werdendie großartigenBau- tenRoms: die Kloaken, das Forum, dcrCircnsMa- ximns, die Ringmauer und die Grundmauern zum 191 Tarragona Jupitertcmpel, zurückgeführt: s. Rom, Gesch. 2) Lucius T. Superbus, d. i. der Übermüthige, Nachfolger seines Schwiegervaters Servius Tullius, den er aufAntriebseinerGemahlinTullia534v.Chr. ermordet hatte. Die Sage stellt ihn als grausamen Despoten hin, der nach innen eine absolute Herrschaft ohne Befragung des Senates geführt, die Plebs niedergehalten habe durch entsetzliche Frohn- dienste beim Ban des Jnpitertempels sowie der von T.Priscus begonnenen Kloaken. Nach außen nahm Rom unter T. eine glänzende Machtstellung ein: Latium gerieth in Abhängigkeit von Rom, Gabii wurde durch dieKlugheit des 3) Sextns Pompe- jus T. erobert. Er ging nämlich scheinbar zum Feinde über, wußte sich durch kleine Siege über einzelne Abtheilungen der Römer das Vertrauen der Gabier zu erwerben, so daß sie ihm den Befehl in der Stadt übertrugen. Nun schickte er zu seinem Vater, um sich Verhaltungsbefehle zu holen; dieser antwortete dem Boten nichts, sondern, im Garten spazierend, schlug er die am höchsten emporragen- Len Mohnköpfc mit einem Stabe ab. Der Bote berichtete dem Sextns die Handlung des Vaters, und dieser verbannte n. tödtete nun die Vornehmen von Gabii, worauf diese Stadt geschwächt den Römern sich selbst überlieferte. Des Sextns T. Frevelthat an der Lncretia (s.d.) hatte dann im J.510 v.Chr. die Vertreibung der Tarquinier zur Folge. Der König begab sich nach mehreren vergeblichen Versuchen, mit fremder Hilfe die Herrschaft wieder zu erlangen, nach Knmae zum TyrannenAristodemos, wo er im I. 495 starb. Den Sextns, der sich nach Gabii begeben hatte, ermordeten dort seine Feinde; s. Rom, Geschichte. Schmitz. Tarragona, 1) Provinz in Spanien, bildet den südlichen Theil des Fürstenthnms Catalonien, grenzt im W. an Valencia u. Aragonien, im N. an Lerida u. Barcelona, im O. an Barcelona n. im SO. n. S. an das Mittelmeer; 6348,g Hstcm (115,z HW) mit (1860) 321,886 Ew. (ans 1 s^km 55, in ganz Spanien 33). Die Provinz ist durch die Plateaus u. zerstreuten Gebirge des nordöstlichenTheils derVa- lencianischen Terrasse bergig n. wird vom Ebro bewässert. Products: Getreide, Ol, Seide, viel Wein u. Südfrüchte, Erze, Steinkohlen u. Salz. Mehrere Mineralquellen sind vorhanden, die Waldungen wenig umfangreich. Eisenbahnen: zusammen nur 96 Icm. 2) Hauptstadt und Festung darin, ans einem Berge links an der Mündung des Fraucoli ins Mittelmeer, am Rande des Campo de T., Station der Barcelona-T.- u. der Lerida-T.-Eisenbahn; besteht ans der oberen älteren, unregelmäßig gebauten Stadt, welche von starken Festungswerken umgeben ist, u. aus der unteren, neueren, regelmäßig angelegten , welche des. Lurch das Fuerte Real geschützt wird; das im W. liegende FortOlivo beherrscht die ganze Stadt, das Fort Fraucoli den Hafen. T. ist Sitz eines Erzbischofs mit dein Titel Fürst von T. n. hat gothische Kathedrale (von 1120) u. viele andere Kirchen, 4 Nonnenklöster, Instituts, Normalschule, Seminar, Akademie der Schönen Künste mit Schulen für Mathematik ».Architektur, Alterthums- musenm, Theater, verschiedene Handelsanstalten, 2 Spitäler, 2 Waisenhäuser, Zuchthaus, Corrections- anstalt, Überreste ans der Römerzeit (der Aquädnct iknsnbv cks lav §orreras von 284 m Länge u. 27 m > — Tarsus. Höhe, Ruinen eines Amphitheaters, Reste von den Palästen des Kaisers Augnstus u. des angeblich von hier stammenden Pontius Pilatus, Stadtmauern, viele Inschriften rc.); Seidenweberei, Garnspinnerei, Hafen, lebhafter Handel n. Schifffahrt; (1860) 18,023 Ew. (1870 nach Berechnung 19,397). In den Hafen von L. liefen 1872 ein 1990 Schiffe von 218,822 Tonnen Gehalt; der Werth der Ausfuhr (Wein, Öl, Nüsse, Mandeln rc.) betrug 18,g» Will. Frcs., der der Einfuhr (Stockfische, Faßdauben, Schwefel, Steinkohlen rc.) 7,^ Mill. Frcs. Dabei der sog. Thurm der Scipionen (ein röm. Grabmal) n. der Arco de Snra (ein röm. Triumphbogen an der Straße nach Barcelona). — T. wurde von den Massiliern gegründet u. hießTarraco(Tarracon). Zur Zeit der Scipionen war die Stadt ein Hauptwaffenplatz der Römer, welche sie auch bedeutend erweiterten u. sie colonisirten(OolcmiallnIiaviebrix); sie war die zweite Stadt des ganzen Reiches u. soll über 1 Mill. Einwohner gehabt haben. Äugustus, welcher sich eine Zeit lang hier anfhielt, nannte sie Angusta; AntoniusPins ließ 150 n.Chr. den Hafen vergrößern. Angeblich gründete der ApostelJa- kobus zu T. die erste christliche Kirche in Spanien. Bei den Einfällen der Sueven, Vandalen u. Gothen litt T. viel, doch blieb es immer Hauptstadt des nach ihr benannten Tarraconensischen Spanien, bis 484 die Römer die letzten Reste ihres Besitzes durch die Westgothen verloren. 714 wurde T. von den Arabern unter Tarik erobert n. gänzlich zerstört, im Anfänge des 11. Jahrh. aber von den Grafen von Barcelona wieder aufgcbaut. Nach 1038 wurde dasBisthum gegründet, das 1154 zumErzbisthnm erhoben wurde. 1119 wurde T. den Arabern von Alfons I. von Aragonien,abgenommen. 1706 ergab sich T. an Karl III. von Österreich, welcher die Stadt in gutenVertheidigungsznstandsetzte. Hier 13. Jan. 1809 Sieg der Franzosen unter Victor über dis Spanier unter Veuegas. Am 28. Juni 1811 wurde T. von den Franzosen mit Sturm eingenommen; 1813 fiel es nach zweimaligem vergeblichem Versuche der Engländer und Spanier, es wieder zu nehmen, erst 18.Aug. wieder in deren Hände, nachdem die Franzosen die Festungswerke gesprengt und dabei einen großen Theil der Stadt zerstört hatten. S- Berns. Tarrancon, Stadt in der span. Prov. Cnenca (Nencastilien), am Rianzares, in der ncncastilischen Steppe; Schloß des Herzogs von Rianzares, Handel; 4397 Ew. Dabei die Hermita deNostraSenvra de Rianzares mit wnnderthätigem Madonnenbilde. Tarrasll, Stadt in der span. Prov. Barcelona (Catalonien), Station der Zaragvza-Barcelona-Ei- senbahn; Fabriken in Tuch, Flanell n. Banmwollen- zeug; 2 großeJahrmärkte,lebhasterHandel; 8721E. Tarro, die eßbaren Knollen von (loloeasia 08 - enisnba. Tarsatlka, Stadt in Jllyrien; jetzt Tersat. Tarsus (v. Gr.), Fußwurzel, s. u. Fuß. Tarsus (Tersus, Torhos), 1) kleiner Fluß im südlichen Kleinasien, früher Cydnus (s. Kalykadnos). 2) Stadt im türk. Vilajet Adana (ftidöstl.Kleinasien), am vorigen gelegen, sehr reicher Handelsort in reicher, aber wegen der Fwberdunste ungesunder Gegend, die alle Getreidearten, Baumwolle nno Seide prodncirt; hat ein Schloß, viele Alterthllmer, Lar- i unter ein Theater n. sog. drehende Steine (Dömik- 192 Tartane — Tartus. Tasch), durch alte Wasserleitungen befruchtete Obstgarten, Karavanserais, Handel; die ständige Einwohnerzahl istgering; im Winter,wennalleFamilien vom Lande zurStadt ziehen, beträgt sie 10—12,000. T. war im Alterthum groß u. reich und die Haupt- stadtKilikiens; sie lag am FlnsseKydnos, 5 Stadien vom Meere u. hatte Nhegma zum Hafen. Zur Zeit der persischenHerrschaft hatten dieTributkönige von Kilikien ihren Sitz hier, u. die griechischen Söldner, welche mit Kyros d. I. gegen Persien zogen, plünderten sie. Hier erkrankte Alexander d.Gr. bei einem BadeimKydnosgefährlich. Unter dcnSelenkiden, zu deren Zeit viele Griechen in T. wohnten, bildete sich hier eine Art philosophische Hochschule, welche ihre höchste Blüthe unter den ersten römischen Kaisern hatte. In den Bürgerkriegen war sie auf Casars Partei u. nannte sich Juliopolis. Zur Zeit der römischenHerrschast wurdeT. eine sreieStadt. Hier starb der Kaiser Jnlianus Apostata u. wurde auch hier begraben. In T-, der Vaterstadt des Apostels Paulus, bildete sich früh eine christliche Gemeinde u. wurde nachher Sitz eines Bischofs. Die Einfälle der Saraceneu brachten derstadt denVerfall; derKhalis Harun al Raschid befestigte sie wieder. Zur Zeit der Kreuzzüge, wo T. als Erzbisthum erscheint, wurde es von Tancred erobert. Nachmals gehörte T. zu Kleinarmenien und sank seit der Besitznahme durch die Türken immer mehr herab. Am 4. Febr. 1876 brannte die Stadt fast ganz ab. Dronle. Tartane, 1) (italienische) einMittelmeer-Küsten- sahrzeug mit einem latein. Segel an einem Pfahlmast u. 2 resp.mehrerenKlüvern; 2) (österreichische) ein Küsten- u.Fischersahrzeug imAdriatischenMcere mit 2 trapeziidischen Segeln u. 2 Masten. Tartarate, Weinsänrcsalze. Tartnro, Fluß in der Lombardei, entspringt bei Villasranca in der Prov. Verona, nimmt alle zwischen dem Mincio u. der Etsch fließenden Gewässer auf (bes. den Tione), mündet bei dein Dorfe Canda in den Kanal Bianco n. geht von Jsola della Scala nach Ostiglia. Tartaros (gr.Mythol.), 1) ging nebst Gäa (der oberen Erde) ans dem Chaos hervor; local gedacht, ist T. ein finsterer, schauriger Abgrund, der Ttras- vrt für die Bösen, im Gegensatz zu den Elysäischen Gefilden; er war so tief unter dem Hades (Aufenthalt der Seelen der Gestorbenen), als der Himmel über der Erdoberfläche. Dahin warf Zeus unter Anderen die Titanen. Später 2)die ganze Unterwelt. Vgl. Bensey, Hermes, Minos, T„ Gült. 1877. IsrtLrus, Weinstein, s. d. 1. aminonlübus, wein- steinsaures Kali-Ammoninmoxyd. '1. lwiaxatus, Boraxweinstein. M eruäns, roher Weinstein. P. Lspnratns, gereinigter Weinstein. 'I. einstrcus (1. otidiatus), Brechweinstein. D. ksrratms (1. mar- tintus, elmlzdsabnv), Eisenweinstein. 1. solndllis (P. tartariostno), neutrales, weinsteinsaures Kali. T. vitriolatns, schweselsanres Kali. Tartas, Stadt im Arr. St. Sever des franz. Dep. Landes, am Abhange eines Hügels u. an der Midouze; altes Stadthaus, Fabrikation von Essig n. Branntwein; (1876) 1884 Ew. (Gem. 2955). Tartmi, Giuseppe, geb. 12. April 1692 z,^ Pirauo in Istrien, der größte Violinspieler des 18.! Jahrh., besuchte die Schule Größe 67,894 dskm mit (1877) 105,484 Ew. Die Auswanderung übersteigtregelmäßig die Einwanderung. Die Colonie wurde 1824 von Neusüdwales abge- trenut u. die Verbrechercolonie 1853 aufgehoben, seit welcher Zeit T. in der Entwickelung zurückgegangen ist, und zwar einerseits wegen des plötzlichen Ausbleibens des durch die Strafcolonie zufließenden baarenGeldes, anderseits wegenderSchwierigkeiten, die durch das Ergreifen neuer Erwerbszweige für die Bevölkerung erwuchsen. Inzwischen beginnt die Colonie sich allmählich herauszuarbeiten. Der Ackerbau ist zwar unbedeutend, da sich nur wenige geeignete Ländereien finden u. das Klima nicht günstig ist, dagegen ist die Viehzucht — namentlich von Schafen — sehr ergiebig; Viehstand 1876: 118,694 Rinder, 1,719,768 Schafe und 47,664 Schweine. Das umgebende Meer ist reich an Walfischen, daher die Insel vielfach von Walfischfängern besucht wird. — Die Handelswerthe waren 1875: Einfuhr für 1,186,000, Ausfuhr für 1,086,000 Psd. St. Ausfuhrartikel sind vorzüglich Wolle (1875: 6,199,000 engl. Pfd.), Thran, etwas Holz, Häute. 1875 waren 241 icm Eisenbahnen u. 637 Icm Telegraphen in Betrieb. Die Finanzen sind in keinem guten Zustande, da die Ausgaben die Einnahmen fast regelmäßig übersteigen; erstere betrugen 1875 385,731, letztere 343,676 Pfd. St. Hauptstadt u. Sitz der Colouialbehörden: Hobart Town. Vgl. Strzelecki, kb^sical ckoscription ok I7srv 8outü 'lValss anck Van vismsns I>snck, Lond. 1845; A. Trollope, Victoria, auck Msmania, 1874; Smyth, Mrs H.do- riZinss ok Victoria, rvitlr uotes rsIatinA to tirs tm- bits ok tirs natives ok otirsr parts ok^ustralia, anck Ns-smania, Lond. 1879 u. die regelmäßig erscheinende» 8tatistics ok tirs Ooloir^. Droiike. Tasuad, Marktflecken im ungar. Comitat Szol- nok (Mittel-S.), Steueraint, verfallenes Bergschloß, guter Weinbau; 7059 Ew. Tassajo, mit Maismehl bestreute, an der Sonne getrocknete, vom Fett sorgfältig befreite Fleischstücke, werden in Südamerika auf Reisen als Fleischcon- serve benutzt. Taffenroth (Tellerroth), Carthamin, welches in Täßchen od. Tellerchen verkauft wird. Tasstsudon, Hauptstadt des asiatischen Landes Bhotan, Sommerresideuz des geistlichen u. weltlichen Herrschers des Landes, mit eiuem großen Palast und zahlreichen (buddhistischen) Mönchen. Tasso, Insel in der Nähe der Mündung des Sierra Leona-Flusses, NWAfrika, die größte einer Gruppe von 7 Inseln, Zubehör der von den Engländern besetzten Insel Bance. Tasso, 1)Bernardo, angesehener italienischer Dichter u. Staatsmann, geb. 1493 in Bergamo; wohnte als Secretär des päpstlichen General Guido Panzona der Schlacht bei Pavia bei. Bald nachher wurde er als päpstlicher geheimer Gesandter nach Frankreich verwendet, lebte dann am Hofe in Ferrara, 195 Tassoni ging als Sekretär des Fürsten Sansevsrino von Salerno mit Kaiser Karl V. nach Tunis, lebte daraus in Salerno, gerieth bei Karl V. in Ungnade, hielt sich dann an mehrern Orten auf n. st. 1589 als Gouverneur von Ostiglia. Er schr.: (romantisches Epos in 100 Gesängen), nach spanischen Originalen, Vened. 1560, Bergamo 1755; kiori- äante, Bologna 1587; I-ottsrs, Padua 1733—53, 3 Bde., deutsch von Jagemann 1803. 2 ) Torquato T., Sohn des Vor., einer der vier bedeutendsten klassischen Dichter des ital. Mittelalters, gsb. 1514 inSorrento, stndirte beidcnJesnitenin Neapel u. 13 Jahre alt in Padua zugleich Theologie, Jurisprudenz u. Philosophie, wurde dann von dem Cardinal Ludwig von Este, einem Bruder des Herzogs Alfons II. von Ferrara, nach Ferrara gerusen und begleitete denselben 1571 nach Paris. 1577 hatte er gegen einen Hofcavalier, von welchem er sich be- leidigt glaubte, in denfürstlichcn Zimmern denDegen gezogen u. erhielt deshalb Stubenarrest. Hierdurch fand er sich beleidigt, entfloh heimlich n. irrte unter dem Namen Omero Fuggiguerra (Homer, welcher vor dein Streite flieht) um Turin umher und ging dann zu seiner Schwester nach Sorrento. Aber seine leidenschaftliche Liebe zu der Prinzessin Leonore von Este, der Schwester seines Fürsten, trieb ihn nach Ferrara zurück. Sie hatte ihn zu mehreren glühenden Sonnetten begeistert u. um, ohne sich zu verrathcn, den Namen Leonore in seinen Gedichten tönen zu lassen, huldigte er poetisch zum Schein einer Hofdame, Leonore Santivale. Damals soll er, seiner Sinne nicht mehr mächtig, die Prinzessin in Gegenwart des Hofes umarmt haben. Der Herzog ließ ihn deshalb im März 1579 im St. Annenhospital in Ferrara als einen Wahnsinnigen in Haft halten u. gab ihm erst 1586 auf Verwendung des Prinzen Vincenz Gonzaga von Mantua seine Freiheit wieder. Er irrte seitdem, von der tiefsten Schwermuth gepeinigt, fortwährend kränkelnd u. in der drückendsten Armuth in Italien umher, nachdem er umsonst von verschiedenen Päpsten eine kleine Pension gehofft hatte. Einer seiner Gönner, der CardinalCinzio Aldobrandini, wollte ihn auf dem Capitol feierlich mit dem Lorbeer krönen lassen, aber T. starb, ehe die Krönung zu Stande kam, in Rom 25. April 1595. Sein poetisches Verdienst wurde erst lange nach seinem Tode durch ein Denkmal in der Klosterkirche S. Onosrio in Rom, wo er beigesetzt worden, geehrt; neuerdings wurde ihm auch eine Marmorstatue in seiner Vaterstadt errichtet. T. behauptet durch seinen edlen würdevollen Styl, seine an wundervoll.harmonischem Wohllaut reiche u. ergreifende Sprache den ersten Rang unter den epischen Dichtern Italiens, aber auch in der lyrischen u. dramatischen Gattung hat er manches Treffliche von dauernd klassischem Werthe geliefert. Er schr.: II ki- aalLo (Epos), Vened. 1562; 15g, Osrusalomms li- bsrata (das befreite Jerusalem, worin er in 20 Gesängen die Eroberung jener Stadt durch Gottfried von Bouillon schildert), Parma 1581, und dann in über mehr als hundert Ausgaben, in alle gebildete Sprachen mehrfach übersetzt, deutsch trefflich von I. D. Gries, Jena 1800, 2 Bde., 10. A., ebd. 1855, 2 Bde.; sowie von L. Streckfnß, Leipzig 1822, 2 Bde., 4. Aust. 1847, 2 Bde.) u. a. m. Minderen Werth hat feine Osrusalemms Longuwtata, Rom — Taste. 1593; Hg Livina Lsttimana, Venedig 1600; II Nouto Olivsto, Rom 1605, u. Iw laArims Li Lla- rig, ebd. 1593; das Schäferdrama Xminta (1572), das Trauerspiel lorrismouäo (1587) u. seine nächtlichen Liebesklagen und Leidcnsgemälde unter dem Titel VsFlis, Paris 1799, Mailand 1803 n. 1808 (deutsch von Th. v. Haupt, Darmst. 1808). Die Echtheit einiger dieser Werke ist bezweifelt worden, so wie auch die vom Conte M. Alberti heransgegebe- nen Llauoserittü iusäiti Li R. 1., Lucca 1837 ff,, unecht sind. Eine Auswahl seiner Ulms (lyrischen Gedichte) übersetzte K. Förster, 2. Anfl. Lpz. 1844. Gesammelte Werke (mit Einschluß der in philosophischem Geiste geschriebenen vialo§lri u. feiner Lurch trefflichen Inhalt interessanten Iwttors) Flor. 1724, 6 Bde., Fol., Vened. 1722, 12 Bde., Mail. 1804, 4 Bde., vollständigste von Rosini, Pisa 1820 ff., 30 Bde ; Oxers ssslts, Mail. 1825 f., 5 Bde.; Lebensbeschreibungen von Manso, Rom 1619; P. A. Se- rassi, ebd. 1785, n. Ausg., Bergamo 1791, 2 Bde.; Cecchi, 1. 1. s lg vitg italiana nsl sseoio XVI., Flor. 1877. T-s Liebe behandelteGoethe im Trauerspiel T., zu welchem Raupach u. d. T. T-s Tod eine Fortsetzung gegeben hat. Vgl. Rosini, gaAgio 8u§Ii amorl <11 1. R. s sullo «muss ciollg sug pri- Aiouia, Pisa 1832; Cibrario, OsAliaruori s LsIIa xrigffoiria Li 1.1., Tur. 1861; Cardona, LtuLi irovi sopra äo1R.aIisuato(Pluova^utoIogia,Febr. 1873; Voigt, T. T. am Hofe von Ferrara (Sybels histor. Zeitschr., Bd.20, Münch. 1868).Booch-Arkoffy.» Taffoni, Alessandro, italienischer L iterarhisto- riker u. epischer Dichter, geb. 1565 in Modena; stu- dirte in Bologna u. Ferrara die Rechte; 1597 ging er nach Rom u. wurde Sekretär des Kardinals As- canio Colonna, welchen er nach Spanien begleitete. Nach dessen Tode 1608 privatisirte T., trat aber 1613 in savoyesche Dienste, dann in die des Cardi- nals Ludovisi; später lebte er in Modena, wo er die Gunst u. den Schutz des Herzogs Franz I. genoß u. 1635 starb. Seine Abneigung gegen den spanischen Hof verwickelte ihn in manche Irrungen, und vergebens bemühte er sich die Autorschaft einiger Phi- lippischer Reden u. einer Leichenrede auf die Spanische Monarchie von sich abzulehneu. Er hat zuerst in Italien in das komische Epos die Verbindung des satirischen Scherzes mit der romantischen Erzählung eiugesllhrt; sein in 12 Gesängen gedichtetes Epos: Im ssoolria rapita (der geraubte Eimer, Par. 1622, Rom 1624, 2 Bde., Vened. 1777 u. ö.; deutsch von F. Schmit, Hamb. 1781, u. von Kritz, Lpz. 1841) behandelt in reinster toskanischer Sprache, glatten, wohllautenden Versen u. in echt klassischem Styl n. geistreicher Durchführung denStreit, welchen die Mo- doneser n. Bologneser im l 3. Jahrh. über einen aus Bologna geraubten hölzernen Eimer geführt haben sollen. Erschr. ferner: ?susisriLivsrsi(Streitschriften gegen Homer u. Aristoteles), Vened. 1627; Oousi- Lsramoni sopra il kotraroa, 1609 (gegen die lyrische Poesie u. hauptsächlich gegen übermäßige Verehrung u. die ungeschickten Nachahmerdcr Dichtungen Petrarcas). EineAuswahlseinerBriefcgabGamba, Vened. 1827, heraus. Booch-Arkossy.» Tastatur, die sämmtlichen T-n od. Claves der Tasteninstrumente (Claviatur). Taste, so v. w. Clavis 2). Daher T-ninstru- mente, Instrumente, welche mit Claves gespielt 13 * 196 Tastsinn - werden, wie Klavier, Spiuet, Flügel, Pianoforte; man hat auch Guitarren und Harmonicas, welche mit Claves gespielt werden. T-nbret, das Bret, auf welchem die T-n durch ein Charnier beweglich ruhen. T-nschrauben, ein Stückchen Draht, in dem eine Schraube geschnitten u. welches bei T-n- instrumenten die T. mit den Abstracten verbindet. T-ngeigenwerk, ein Clavier mit Darmsaiten be- spannt, welche durch Streichen mit dem Bogen, der vermittelst T-n bewegt wird, zum Klingen kommen. Tastsinn, die Fähigkeit der Haut, durch Betasten die Form eines Gegenstandes zu erkennen. Dem L-e dienen dis sensiblen Hautnerven und der Tastnerv der Zunge (n. 1iv§ualis). Das Tastvermögen der Haut ist an verschiedenen Puncten sehr verschieden. Am meisten ausgebildet ist es da, wo die Tastkörperchen in großer Anzahl vorhanden sind, wie an den Fingerspitzen u. derZunge. Die Haut an den Extremitäten, z.B. aus dem Rücken, empfindet erst gröbere Unterschiede. Große Verschiedenheit der Tastorgane findet sich bei den Thieren, z. B. Barthaare, Fühlhörner rc. Die Tastempfindung ist keine einfache Empfindung, sondern stets mit einer Temperatur- u. Druckempfindung verbunden. Beim Tasten ge-, Winnen wir durch die Verbindung beider Thätig- keitcn eine Vorstellung von der Größe u. der Form, sowie Temperatur der Körper. ». Mermg. Tastn, Sabine Casimire Amable, geb. Voiart, sranz. Dichterin, geb. 31 Aug. 1798 in Metz, verheirathete sich 1816 mit Joseph T. (früher Buchdrucker,dannBibliothekarderBibliothekSainte- Genievre in Paris, st. 22. Jan. 1849; beschästigte sich bes. mit Untersuchungen über die alt-spanische Sprache u. Literatur); sie sehr.-.kovsiss, Par. 1826, n. A. 1838, 3 Bde.; kossiss ncmvsUss, 1834, Ge- sammt-Ausg. 1858; Olwouiguss äs bd-anes, 1829; Loirsss lit. äskaris, 1832; Läuoatüon matsrnslls, 1836, 4 Bde. u. ö., 6. A. 1861; lakä. äe ks. litsra- tmio allsmanäs, 1842;Dabl. äslulitsrab.italionns, 4. A. 1876. Tata (Dotis), Marktflecken im umgar. Comitate Komorn, besteht aus dem eigentlichen T. auf einer Anhöhe u. aus der sogen. Seestadt (Töväros) an einem 4—5 üm im Umfange messenden See; zwischen T. u. Tvväros ein verfallenes Schloß, welches einst Matthias Corvinus bewohnte, jetzt ein Gefäug- uiß; großes Castell; Gymnasium; Collegium der Piaristen (seit 1764), Convent der Kapuziner (seit 1744), Spiritus-, Essig-, Zucker-, Leder-, Tuch-u. Fayencefabriken, Branntweinbrennereien, Bierbrauereien, große Marmor- u. Tuffsteinbrüche, röm. Mterthümer; 1869: 6028 Ew. Inder Nähe zahlreiche unbenutzte Schwefelquellen. H> Berns. Tatar-Basardschik (d.h.Tatarcnmarkt), Stadt an der Maritza, im früheren türkischen Vilajet ELirne (ALrianopel) jetzt zum suzeräuen ONumelien gehörig, in sehr fruchtbarer wol angebauter Gegend (nainentl. Reisbau) mit warmen Quellen, lebhaftem Handel, großen Märkten; Station der Maritzabahn; von hier führt die große Handelsstraße durch das Jchtymangebirge (Eisernes Thor), zum Thcil in den Felsen gehauen, nach Sophia. Im Kriege 1877/78 lüt T. sehr stark; früher 10,006 Ew., Bulgaren u. Türken. Dronle. Tatarei, das von Tataren bewohnte Land. Man unterschied nach den verschiedenen Wohnsitzen dieser - Tataren. in der Geschichte: s.) die Kleine (Europäische) T., im engeren Sinne die russischen Gouvernements Taurien, Cherson u. Jekaterinoslaw, im weiteren Sinne auch noch Astrachan u. Kasan umfassend. k>) Die Große T. (bei sranz. u. engl. Geographen auch InnereT. genannt), s. v. w. Mongolei (s. d.). e) Die Fr eie T., zwischen Asiatisch Rußland u. Ostpersien u. zwischen dem Kaspischen Meere u. dem Chinesischen Reiche, jetzt meist Turkestan od. Turan genannt, ä) Die Östliche T., die Mandschurei, im Gegensätze zu dem mongolischen Hochlande, welches bei älteren Geographen unter dem Namen Westliche T. vorkam. Die Namen sind jetzt meist außer Gebrauch gekommen. Tataren (unrichtig Tartaren) ist sowol historisch als ethnographisch ein Völkername von sehr verschiedenen Bedeutungen u. Umfang, so daß noch jetzt in jedem einzelnen Falle unterschieden werden muß, in welchem Sinne er aufzufassen sei. Ursprünglich wol identisch mit dem von den Chinesen Thatha (Thatsche, Thatse) genannten Nomadcnstamm, der an der Nordgrenze Chinas umherschwcifte u. dies Land in zahlreichen Einsällen beunruhigte n. dessen Name dann von den Chinesen auf alle nördlichen Barbarenvölker übertragen wurde, wurden sie dem Abendland bekannt durch ihre Theilnahme an den welterschütternden Zügen der mongolischen Eroberer seit dem 13. Jahrh., bei denen sie, hauptsächlich als Vortruppen verwandt, durch ihre ausgezeichnete Tapferkeit allgemeinen Schrecken verbreiteten. Ihrer alten Sage nach stammverwandt mit deu Mongolen (Tatar u. Mongol waren Zwillingssöhne des Turk, des Sohnes von Japhet), mögen sie größtentheils in den zahllosen Schlachten ihr Leben verloren haben; ihr Name aber selbst blieb u. wurde zu einem historischen Collectiv-Namen für die zahlreichen Stämme mongolischer, türkischer und wahrscheinlich auch tungusischerAbstammung, welche seil Dschingis- khan aus Centralasien hervorbrachen ».Europa verheerten u. in seinem östl. Theile besetzten. Schon in srüherZeit wandelte er sich zu der Form Tartaren, d. h. die der Unterwelt (dem Tartaros) Entsprosse'- nen, angeblich nach einem Wortspiel Ludwigs IX. des Heiligen von Frankreich. In dieser Form wurde der Name bes. seit dem 16. Jahrh., als die Macht der Mongolen sich wieder nach Asien zurückgezogen hatte, der Sammelname für die Völker turanischer Abstammung, welche sich in dem östl. u. südl. Rußland bis nach dem nördl. Kaukasien n. dem jetzigen Rumänien niedergelassen hatten, u. ist es geblieben, so sehr sie auch, sei es ursprünglich od. durch spätere Kreuzungen, sich zum Theil von einander unterscheiden. Dagegen hat die schärfere Begriffsbestimmung der Wissenschaft der neueren Zeit es versucht, in ethnographischer Beziehung dem Namen T. einen bestimmten Umfang zu geben, ohne daß auch aber hier eine vollkommene Einigung erreicht worden wäre. Einerseits ist er auf die Gesammthcit der sprachverwandten Völker des nordöstl. Europa u. des nördl. u. theilweise centralen Asiens ausgedehnt u. unter der tatarischenVölkergruppe begriffen worden, was jetzt meist unter der Bezeichnung der uralaltai- schen od. tnranischen (s. das.) zusammengefaßt wird, anderseits begreift man unter ihm nur eine weitverzweigte Familie dieser Völker, die jedoch von An» Tataren. 197 deren wieder mit dem Namen der türkischen od. auch turkotatarischen bezeichne» wird (s.u. Turan. Völker). Zu dieser gehören folgende, durch gemeinsame (gewöhnlich türkische oder Turk genannte) Sprache als verwandt sich auswcisende Völker: die Os- mancn (auch speciell Türken genannt), Kumücken im nordöstl. Kaukasien, Turkmenen, Usbeken, Kirgisen in ihren verschiedenen Verzweigungen, Karakalpaken, Jakuten (s. d. A.), die sibirischen T. (auch Turktataren genannt), darunter die Barabinzen u. Turabinzen, endlich die verschiedenen, im engeren Sinne T. benannten, Stämme in Rußland, darunter die Nogaier od. Krimschen T., die Kasanschen T., die litauischen T.u. dieBudjakeninBessarabien. Diese waren sonst das Herrschervolk im südl. u. Lstl. Rußland u. im 13.— 16 . Jahrh. mächtig (s. mit. Gesch.); seitdem sind sie immer mehr zurückgegangen u. mit Len Russen u. anderen Stämmen verschmolzen und erreichen etwas über 2^ Millionen Seelen. Der äußere Typus der einzelnen ist sehr verschieden; während bei einigen, namentlich in der Steppe, die Angehörigkeit zur mongolischen Race entschieden hervortritt, zeigen andere, infolge der fortwährenden Kreuzung, die kaukasischen Racenmerkmale offenbar. Ihre frühere fast ausschließliche Beschäftigung mit Viehzucht haben sie jetzt zum größten Theil mit erfolgreich betriebenem Ackerbau u. Gewerbthätigkeit vertauscht. Ihrer Religion nach sind sie Mohammedaner, jedoch ohne den Fanatismus, der sonst den Anhängern dieser Religion eigen ist; Polygamie ist bei ihnen gestattet, ohne durchgängig verbreitet zu sein u. die Stellung der Frauen überhaupt freier, als bei den übrigen Moslemin. Seit 1856 ist die Zahl der T., namentlich infolge der Auswanderung der Nogaier aus der Krim, in fortwährendem Abnehmen begriffen. Geschichte. Die Geschichte der T. im Abendlande, um hier abzuschen von der in Asien, wo sie im späteren Mittelalter mit der der Mongolen (s. d.) fast zusammenfällt u. vor dieser Zeit nur hypothe- tisch herzustellen ist, beginnt mit dem Zeitpunkte, wo die Nachfolger Dschingiskhans in Rußland sich selbständige Reiche gründeten u. entscheidend in die Geschicke dieses Landes eingrifsen. I. Das Reich der GoldenenHorde od. Kiptschak (Kaptschak), umfassend die Landstrecken zwischen Ural, Wolga von der großen Biegung an u. Don, wurde gestiftet von dem Neffen Dschingiskhans, Batu Khan, dem Eroberer des Altbulgarischen Reichs an der Wolga, der seine Waffen siegreich durch Polen, Ungarn, Böhmen bis nach Liegnitz in Schlesien getragen hatte, u. war vorläufig noch ein Lehnssürstenthum des großen Mongolenreichs. Die russischen Fürsten mußten seine Oberherrlichkeit anerkennen (s. Rußland, S. 474). Aus Batu folgte 1256 sein Bruder Berke, unter dem die Residenz nach Sarai verlegt u. die Abhängigkeit von dem großen Mongolenreich durch Annahme des Islam statt des Buddhismus loser wurde. 1261 trennte sich der nach seinem Führer Nogai genannte Stamm der L., der sehr bald zu hoher Macht sich erhob. Nach längeren Streitigkeiten folgten 1291 Toktai Khan u. 1312 dessen Sohn Usbek, welche die Empörungen der russischen Großfürsten mit grausamer Strenge niederhielten. Mit Berdibeg 1359 erlosch die Linie der Nachkommen Dschingiskhans u. nach einem von Parteikämpfen erfüllten Zwischenraum wurde der Hordenführer Mamai 1370 Großkhan, nachdem er schon Jahre lang die Regierung thatsächlich geführt hatte. Er wurde von der erstarkten Macht der Russen im I. 1378 am Wosch im Rjäsanschen und 1380 in der Kalikowcr Ebene am Don entscheidend geschlagen, dann durch einen Mongolenhäuptling Tokhtamisch 1381 vom Throne gedrängt u. zur Flucht zu den Genuesen nach Feodosia gezwungen. Diesem gelang es, die Russen wieder zur Abhängigkeit zu bringen; er unterlag aber seinerseits Len Waffen Timurs, der zweimal erobernd durch Kiptschak u. Rußland zog u. unsägliche Verwüstungen anrichtete. Von dieser Zeit war die Macht der Goldenen Horde durch fortwährende Thronstreitigkeitenin sichtlichem Verfallen, was die russischen Großfürsten, oft unter Beihilfe anderer T-Horden, benutzten, um sich die Selbständigkeit wieder zu erringen (s. Rußland, S.475 f.). 1480 trat der Khan Achmed mit den Polen verbündet in den entscheidenden Kampf mit dem russischen Großfürsten Iwan HI., dem die Krimschen u. Nogaischen T. zur Seite standen, worin sein Heer bei Asow von Len Nogaiern überfallen u. vernichtet wurde. Hiermit war die Suprematie der Goldenen Horde aufgehoben; ihre Reste wurden 1502 von Mengli Gherai, Khan der Krimscheu T. vernichtet; zugleich war damit der Zusammenhang der T-Horden beendigt u. die einzelnen handelten nun für sich allein. Vgl. v. Ham- mer-Purgstall, Geschichte der Goldenen Horde in Kiptschak, Pesth 1840. II. Die Nogai-T. oder Blaue Horde, an den Küstenländern des Schwarzen Meeres, deren Reich von Nogai um 1260 gestiftet wurde. Nach dieses kraftvollen Führers Tode blieb es im 14. Jahrh. unbedeutend u. in Abhängigkeit von Kiptschak ».erhob sich erst Mitte des 15. unter Sidi-Achmed, der bis Moskau drang u. 1480 die Macht der Goldenen Horde vernichten half. 1587 verschmolzen sie mit den Krimschen T. III. Kasan wurde um 1430 durch Mahmud Khan, einen vertriebenen Fürsten von Kiptschak, ein eigenes T.- Reich. Kämpfe mit den Russen erfüllten in diesem Jahrh. die Regierung seiner Nachfolger, in denen schon 1489 Wjätka verloren ging u. 1502 der Khan Mahmud Amin zur Anerkennung der russischen Oberherrschaft gezwungen wurde. Die unaufhörlichen Empörungen jedoch der Kasaner ließen den Krieg nicht ruhen u. führten 1551 u. 1554 zu der Eroberung von Kasan durch die Russen, worauf dies Gebiet mit Rußland vereinigt wurde. IV. Astrachan war schon im 13. Jahrh. ein von Kiptschak abhängiges Lehnsfürstenthum, machte sich aber nach dessen Falle 1502selbftändig u. bestand unterunaufhörlichen Kämpfen mitdenNogaischenu.KrimschenT.bis 1554, wo es es ebenfalls an Rußland fiel. V. Die Krimschen T. waren im Anfang bald der Goldenen Horde unmittelbar, bald der Nogaischen Horde unterthan. 1411 war der bisherige Feldherr der Kiptschakschen T., Edigei, beider Thronrevolution der Goldenen Horde aus Schwarze Meer gedrängt worden, wo er sich unabhängig machte. 1416 starb er u. der Streit über die Erbfolge unter seinen Söhnen hinderte die Krimschen T. eine Zeitlang an Einfällen in Polen u. Rußland. Endlich wählte die Horde Asi Gherai, einen Nachkommen des Tokhtamisch, znm Khan, u. dieser kriegte mit Rußland gegen die Goldene Horde u. schlug dieselbe 1465. Als Asi Gherai 1465 starb, 198 Tatarische Sprachen — Taiianos. folgte ihm von seinen sechs Söhnen der älteste, Nor- dulat-Gherai; er wurde von dem vierten, Mengli- Gherai, gestürzt und suchte in Polen Schutz. Aber auch dieser ward 1475 durch seinen Bruder Aidar- Gheraiver drängt, floh zu den Genuesen nach Feodosia und wurde hier von den Türken, welche die Stadl eroberten, gefangen und nach Constantinopel abgeführt. Dorr schenkte ihm Sultan Mohammed II. die Freiheit u. zugleich die eben eroberte Krim, wogegen diese unter türkische Hoheit trat. Anfangs eng mit Rußland verbunden, hatte Mengli-Gherai viel zur Unterdrückung der Goldenen Horde beige- tragen, 1483 Kiew erobert u. in Polen immerwährende Einfälle gemacht. Aber durch die Absetzung seines Stiefsohnes, Abdul Letif, Khans von Kasan, u. durch polnische Emissäre gegen Rußland gereizt, schickte er 1512 u. 15 seine T. unter seinen Söhnen Achmed u. Burnusch-Gherai gegen Rußland. Auch sein SohnMahmud, welcher ihm 1515 solgte, machte 1517—18 Streifzüge gegen Rußland, dann aber verband er sich zur Besitznahme Kasans mit dem Zar Wassilj IV. gegen Polen, drang bis gegen Krakau vor u. schlug den Kosakenhetman Ostrowski; da inzwischen der Zar Bedenken hegte Kasan und die Krim unter Eine Herrschaft zu bringen, bemächtigte sich Mahmud insgeheim durch seinen Bruder Sa'tp der Regierung in Kasan, schlug die Russen ander Oka, vereinigte sich mit dem kasauschen Heere bei Kolomna, ging im Juli 1521 gerade auf Moskau los u. bedrängte diese Stadt so, daß die Bojaren im Namen des Großfürsten versprachen ihm zinsbar zu sein. Darauf überfiel er mit Mamai, Khan der Nogaier, 1523 Astrachan und verjagte den Khan, wurde aber nebst allen Söhnen u. Großen von den Nogaiern in seinem Zelte niedergestoßeu. An Mahmuds Stelle wurde sein Bruder Saidel Gherai als Khan von der Pfortebestätigt, aber von seinem Neffen Islam verjagt. Gegen diesen erhob sich der aus Kasan vertriebene Satp Gherai, von Polen u. der Psorte unterstützt und erschlug ihn 1535. Während der Minderjährigkeit des Zaren Iwan IV. von Rußland wollte dieser mit den Khanen von Kasan u. Astrachan, mit den Nogaiern u. Türken verbunden, Rußland bezwingen; schon 1541 machte er einen Versuch; sein Nachfolger Dewlet Gherai, 1551, setzte den Krieg mit abwechselndem Glück bis 1563 fort, wurde aber durch mehrere Einfälle der Russen in die Krim geschwächt u. machte Frieden mit Rußland. Aber schon 1564 verbündete er sich mit Polen, rückte uiit 60,000 Mann unvermuthet nach Njäsan, mußte aber wieder abziehen. In dem neuen, 1567 begonnenen Feldzüge wurde er durch die Donschen Kosaken zurückgeworfen; im Frühjahre 1571 brach er wieder mit 100,000 Mann in Rußland ein und erschien 24. Mai vor Moskau, das er in Brand steckte u. mitAusnahme des Kremls nahm; er wandte sich dann nach Südosten u. verwüstetete diese Provinzen. Iwan IV. bot ihm Frieden an, jedoch Dewlet wies alle Anerbietungen ab u. rückte 1572 auss Neue mit 120,000 Mann gegen Moskau vor, wurde aber am 1. Aug. 1572 bei Molody von den Russen unter Worotynski besiegt und kam mit kaum 20,000 Mann in die Krim zurück. Dort war Hnngersnoth, die Kosaken waren vom Dnjepr eingefallen u. hatten Asow erobert u. ein Aufruhr war zu befürchten; Dewlet verlor daher Len Muth zu neuen Unternehmungen gegen Rußland u. st. ^1577. Sein Sohn Mahmud Gherai unternahm . einen Einfall in Lithauen und forderte von Rußland Astrachan zurück, ohne jedoch dieser Forderung Nachdruck zu geben. Mahmud fiel 1586 durch seinen Bruder Islam Gherai, welcher von der Pforte znm Khan erhoben u.von türkischen Truppen unterstützt worden war. Dieser wurde aber bereits 1587 ^von seinem Neffen Saidet u. Murad mit Hülfe der ^ Nogaier vertrieben u. floh nach Feodosia, kehrte jedoch, von 4000 Janitscharen begleitet, zurück u. bemächtigte sich der Herrschaft wieder. Islam st. 1588, u. sein Bruder Kasi Gherai unternahm 1591, von Schweden beredet, mit 150,000 Mann einen Krieg gegen Rußland. Er gelangte, da die russische Hauptmacht eben gegen Schweden im Felde stand, ungehindert bis nach Moskau, wurde aber hier nach einem großen Verluste von Leuten zum Rückzug genöthigt. Dieser Feldzug brach die Macht auch der Krimschen Horde; Kasi Gherai schloß 1595 mit Rußland Frieden u. sollte jährlich ein Geschenk von 10,000 Rubel erhalten. Seitdem durch Rußlands wachsende Macht unter dein Hanse Romanow alle Aussicht verschwunden war die asiatischen Reiche mit der Krim zu vereinigen, sank letztere zur völligen Unbedeutendheit herab und war nur noch türkische Provinz. Die Khane, in raschem Wechsel ab- u. eingesetzt, hingen ganz allein von der Psorte ab, wurden von türkischen Paschas beobachtet u. beschränkt u. häufig, wenn sie den Unwillen des Sultans od. des Großveziers erregt hatten, wie gemeine Verbrecher bestraft. Seit der Mitte des 17. Jahrh. waren die Krimschen u. Nogaischen T. nur noch in den Kriegen der Türkei u. in einzelnen Raubzügen gegen Rußland u. Polen thätig. In dem Kriege zwischen Rußland u. den Türken von 1770—74 wurde die Krim von Rußland erobert u. in dem Frieden von Kntschnk Kainardschi für unabhängig erklärt; doch in der That war der Khan völlig abhängig von Rußland. Als 1779 die T. ihren Khan Sabin Gherai vertrieben, setzten ihn die Russen wieder ein. Darauf aber nöthigte der Zar den Khan derHerrschast gegen ein Jahrgehalt völlig zu entsagen u. verband die Krim 1783 völlig mit dem NussischcuReiche. Obgleich den T. von den russischen Behörden ihre Religion, Sitten u. Gesetze gelassen wurden, so wurden sie doch in ihrer Selbstbestimmung wesentlich beschränkt, was viele Unzufriedenheit hervorrief. Während des Krimkrieges durch die Franzosen ausgewiegelt u. dadurch den Russen gegenüber compromittirt benutzten seit 1856 viele die ihnen durch den Pariser Frieden zngestan- dene Auswanderungsfreiheit u. haben sich seitdem eine große Anzahl in der Türkei, namentlich in der Dobrudscha, angesiedelt. Tatarische Sprachen, s. n. Tataren, S. 196. Tatarischer Sund, Meerenge welche die Insel Sachalin von der russischen Küstenprovinz (OAsien) trennt und das Japanische mit dem Ochotskischen Meere verbindet; an der engsten Stelle kaum über 12 km breit, ist sie wegen der Untiefen u. zahlreichen Klippen für die Schifffahrt fast gänzlich unbenutzbar. Tatianos, Apologet, Gnostiker, aus Assyrien, lebte in der zweiten Hälfte des 2. Jahrh., war Rhetor u. lehrte wandernd an verschiedenen Orten; in Rom,wo er zu Justinus Martyr inBeziehung stand, Tatihou — Tau. 1.99 trat er, unbefriedigt von der griechischen Philosophie gen Jndianerstämmen u. manchen Negervölkern ge- u. abgestoßen von dem heidnischen Leben, zum Chri- ^ bräuchlich. Es gibt besondere Künstler, welche Las slcnthmn über, bestritt nun in einer Schrift (^->)-os(T. verrichten, auf Tahiti Taitaou genannt, gewöhn- 7rxär"L/t-l^--ar, herausgeg. von W. Worth,'Oxf.! lich wird es von Priestern oder wenigstens in deren 1700, n. von Otto im 6. BL. des Oorpus L,xo1oM-z Beisein verrichtet und ist eine sehr schmerzhafte, oft tarrim oürisv. saseuli II., Jena 1851) das Heiden- !nicht ungefährliche Operation. Man macht dabei thum u. vertheidigte Las Christenthum. Nach Justi-! mit spitzigen Instrumenten ans Knochen od. Fischnus' Tode kehrte er in sein Vaterland zurück und'gräten Punkte u. leichte Einschnitte in die Haut, so überließ sich immer mehr einer schwärinerischenAskese ftief, daß eben Blut fließt, u. gibt denselben dadurch, u. einem gnostischen, wahrscheinlich an Saturnin sich daß man in die frischen Wunden Farben oder den anschließenden Dualismus. DieEnkratitcnsecte, mit unter einem Stein aufgcfangenen Qualm der Licht- welcher ihn schon Irenaus in Verbindung bringt^ nutz od.auch bloßes Seewafser einreibt, eine Dauer ist nicht von ihm gestiftet, sondern er ist nur ein auf Lebenszeit. Zuweilen wird der ganze Körper Hanptvertreterder gnostisch-asketischcn Richtung, au der jene Secte hervorgiug. Vergl. Daniel, T. der Apologet, Halle 1837. Nach Eusebius ist er auch der Verfasser einer Evangelienharmonie, Diatessaron genannt, über deren Beschaffenheit Endgültiges noch nicht fcstgestellt ist; vgl. Semisch, laiianiviatsoso- ron, Bresl. 1856; Credner, Gesch. des neut. Kanons, Berl. 1860. «Mer * Tatihou, kleine befestigte Insel im Canal (La Manche), an der OKüste des franz. Dep. Manche, deren Forts die Rhede von St. Vaast-de-la-Hougue decken. Tatistschew, russische Adclssamilie aus Ruriks Blute von der Linie in Smolensk. Ihr gehören an: 1) Dimitri Pawlowitsch, hervorragender Diplomat. 1817 wurde er Minister in Madrid, 1822 ging er als außerordentlicher Gesandter nach Wien, wo er von 1827—42 als bevollmächtigter Minister u. Gesandter vielleicht das glänzendste Haus führte. Auch Reichsrath, Senator, wirklicher Geheimrath u. Bailli des Maltheser-Ordens geworden, verließ er 1842 Wien, wurde Okerkammerherr u. st. 30. Sept. 1845. 2 ) Alexander Pawlowitsch, sein Bruder, war 1822 Bevollmächtigter Rußlands auf dem Congresse in Verona, bekleidete den Posten eines Generals der Infanterie, wurde Sept. 1823 Reichsrath , leitete 1823 provisorisch das Krisgsministerium u. wurde Dec. 1824 Kriegsininister. Seit 29. Dec. 1825 stand der pflichttreue, hochverehrte Mann an der Spitze der Untersnchungscommission gegen die Dekabristen, u. der ihm sehr wohlwollende Zar erhob ihn Sept. 1826 in den Grafenstand. 1826 setzte T. das Südheer auf den Kriegsfuß, aber mit Die- bitsch in beständigem Streite, forderte T. stolz Sept. 1827 seine Entlassung ohne Pension, erhielt erstere u. nur einen Theil seines Gehaltes als Pension u. st. 1833. Kl-inschmidt. Tatrus, Titus, König der Sabiner zur Zeit des Romulus; führte sein Volk zur Rache wegen des Weiberranbes nach Rom und nahm durch Herrath der Tarpcja den Burgselsen. Die Schlacht zwischen Römern u. Sabinern wurde aber durch die geraubten Sabinerinnen unterbrochen u. Römer u. Sabiner zu einem Doppelstaate unter der gemeinschaftlichen Regierung des Romulus u. T. vereint. Die Sage ist jedenfalls ein Versuch, die Entstehung des sabinischen Bestandtheiles im römischen Staate zu erklären. Er wurde bei einem Opfer zu Lavininm von den Laurentinern erschlagen, weil er die Blutsühne verweigerte. Schmitz. Tätowiren, Art des Körperschmncks, schon bei tätowirt, bei den Neuseeländern auch die Augenlider, die Lippen, das Kinn, ja auch die Zunge; bei andern, z. B. ans Tahiti, läßt man das Gesicht frei. Die Figuren, welche man tätowirt, sind verschieden. Es sind gerade od. krumme, oft kreis- od halbkreisförmige Linien od. Bilder von Pflanzen u. Thieren od. Zauberformeln. Der Zweck des T-s ist in den verschiedenen Ländern sehr verschieden; es soll vorzugsweise als Schmuck des Körpers, aber auch als Schutzmittel gegen Unglück, zur Unterscheidung der einzelnen Stämme unter einander, so wieder einzelnen Familien, ja des höher» od. nieder» Ranges einzelner Personen; ferner zum Andenken an merkwürdige Ereignisse aus dem Leben des Täto- wirten dienen. Wo das Christenthum eingefllbrt ist, ist das T. durch die Missionäre außer Gebrauch gekommen. Jungck. Tatra, Theil der Karpaten, s. d. 3) a) und vgl. Scherner, Bilder u. Fahrten im S. der Hohen T., Bresl. 1876, 2 Thle; Kolbenheyer, Die Hohe T., Teschen 1876; Ders., Karte der T. 1 : 100,000, Kesmark 1876; H. Vogel, Die Hohe T. in Photographien, Berl. 1872. Tatra Fürcd, so v. w. Schmeks. Tattersall's, ein Etablissement in London, Knigthsbridge-Green, wo die größten Pferdemärkte Londons abgehalten werden. Am Montage jeder Woche (im Frühjahr auch am Donnerstage) werden hier Pferde meistbietend versteigert; auch ist hier das Centrum aller Wettrennen-Angelegenheiten u. der darauf bezüglichen zahlreichenWettcn. T. hatseinen Namen von Richard Tattersall erhalten, welcher 1795 ein derartiges Etablissement an der südwestl. Ecke desHydePark gründete. Auch inDeutschlandhat der Name für derartige Institute Eingang gefunden. Tat», so v. w. Gürtelthicr. Tau (griech.), Name des T., (türk.) Gebirge. Tau (Tanwerk), der allgemeine Name für alle Seile, von den dünnsten bis zu Len dicksten, von Reepschlägern angefertigt. Es gibt T-e von Hanf, Eisendraht, Stahldraht, Leder, Manillahanf, Gras rc. Am häufigsten wird es ans Hanf gemacht; derselbe wird in Kabelgarnc von 180 Faden Länge gesponnen, Liese zn Kardehle znsammengeLreht n. letztere zu T-e (Enden). Auf Len Schiffen benutzt man meist getheertes T. u. zwar drei Sorten: Trosscn- schlag, Wantschlag u. Kabelschlag. Die erste Sorte ist dreikardehlig (dreischäftig) u. wird hauptsächlich znm lausenden Gut verwandt; die zweite Sorte ist vierschästig und hat in der Mitte noch ein Kardehl (Herz), es wird für das stehende Gut gebraucht; die alten Völkern, bes. Thrakern und Britannien:, in dritte Sorte, aus 3 Trossen bestehend (9 Kardehien), neuer Zeit aber bes. bei den Südseeinfulanern, eini-^wird zu Kabel-T-en, Pserdeleinen, Bojereepen rc. 200 Taub — Taube. verwendet, weil es elastischer ist u. nicht so leicht Wasser ins Innere dringt. Für die Bedienung der Geschütze (Brook-T-e, Taljen rc.) gibt es noch eine vierte Sorte, das sich von den ersteren nur dadurch unterscheidet, daß es den entgegengesetzten Weg wie jene geschlagen ist, d. h. die Kabelgarne sind von rechts nach links, die Garne zu Kardehlen von links nach rechts u. die 3. resp. 4. Kardehle von rechts nach links zusammengeschlagen. Man unterscheidet das T. nach seinem Umfange als 2, 2A u. 3 zölliges T., ausgenommen hiervon ist das Bändselgut als Hüsing, Marleine, Steckleine, 6, 9, 12,15,18 Garn Leine, wenn dieselbe so viele Kabelgarne enthält. Neues T. wird in Rollen von 120 Faden Länge aufbewahrt u. heißt Trosse; vor dem Gebrauch wird es gereckt. Schutzmittel, welche behufs Conservirung für T. in Anwendung kommen, sind: Labsalben (d.i. Auftragung einer Mischung von Theer, Kienruß u. heißem Seewasser) u. Bekleiden (d, i. Umwickelung mit Kabel- od. Schiemannsgarn, od. Benähen mit Leder oder Leinwand). Draht-T. kommt als stehendes Gut jetzt sehr viel zur Verwendung; es ist beinahe H billiger als Hans-Tau, und dauerhafter. Leder-T. aus Ochsenleder wird zu Steuerreepen u. Bramschotcn verwendet, Manillahanf-T. eignetsich, weil es auf dem Wasser schwimmt, bes. zu Verholleinen rc. Das Bereiten des T-es für die Takelage, das Verarbeiten desselben zu verschiedenen Schiffsgegenständen, sowie dessen kunstgerechte Verwendung bei allerlei Bordarbeiten begreift man im Allgemei- meinen unter dem Ausdrucke Schiemannsarbeiten. Werkzeuge, die hierzu gebraucht werden, sind: Schie- mannsgarnmühle, Kleidkeule, Marlspicker rc. Arbeiten sind: Schiemannsgarn, Fuchsel, Ritzel, Splis- sungen u. Knoten, Plattings, Matten, Netze rc. D. Taub, keine nutzbaren Mineralien enthaltend: Taubes Kohl — unreines, zersetztes Kohl. Taube, Oolumbs, LI., Gatt, aus der Fam. der eigentlichen T - n. 14 Schwungfedern, Gefieder mohnblau od. aschgrau, auf den Flügeln meist deutliche zwei dunkle Binden. Schwanz breitfederig, mittellang. 6. oonas L., Holz-T., Hohl-T., Loch- T., 44vm. Mohnblau, Flügel schwarz, fleckig. Nest in hohlen Bäumen. In Wäldern. Europa, im Norden Zugvogel. Nichthäufig. 6.1ivsg,L.,Felsen-T., 47 em. Wie vorhin, nur die Flügel mit 2 breiten schwarzen Binden u. der Unterrllcken weiß. Felsige Meeresküsten u. Felsinseln. Nest in Felsen. Alte Welt. Zahlreiche Varietäten. Stammart der Haus- T. Die Haus-T-n zerfallen in Nutz- u. Zier- oder Luxus-T-n. Nutz-T-n: 6. uArostis, Feld-T., Feldflüchter, Thurm-L. Der Felsen-T, zum Verwechseln ähnlich, auch variirt sie, wie diese in mannigfaltigster Weise. Durch Vertilgen von Unkrautsämereien, bes. der sogen. Vogelwicken, sehr nützlich. Auch ihr Dünger wird sehr geschätzt. Sie liefern ferner eine gute Fleischspeise. Das zahllose Heer der Zier- od. Luxus-T-n theilt man in Farben-T-n u. Form-T-n. Zu der erstern Gruppe zählen die Färb- ungs- u.Zeichnungs-T-n. Unter denFärbungs-T-n sind zu erwähnen als einfarbige Haus-T-n die hellblaue T., oder Hohlflügel, 0. easoia, mit verborgenen Flllgelbinden, diemohnblaueT., wildblaue T-, 6. oenina, ohne Flügelbinden u. mit Latschen an den Beinen; als farbig gezeichnete die Gimpel-T., 6. Uixriou, deren Gefieder prächtig metallglänzend, die Hyacinth-T., 6. b^aeintltillL, u. die Victoria-T-, 6. victoria, beide durch ihre Größe, gestreckteren Schnabel und die aufrechte Haltung auffallend. Die erstere ist tiefblau, die letztere Heller, auch wol gelblich; die Koburger od, Lerchen-T., 6, OoburAsnsis, den vorigen ähnlich, hat aschgraues Gefieder mit helleren Schwingen u. goldgelber Brust. Die in England geschätzte Porcellan-T., 6. baäia, ist von schön brauner Färbung mit aschgrauer Unterseite. Die Eis-T., Mehl-T., 0. ckarinoaa, hat schwarzen Schnabel u. kurze Beine mit langen od. ohne Latschen. Sie tragen ihren Körper wagerecht. Das Gefieder erscheint wie gepudert. Unter den Zeich- nungs-T-n sind zu erwähnen: die Halsband-, Halbmond- od. Mond-T-n. Ein weißes Halsband tragen die Staarenhals- u. die schwäbische T., ein farbiges die Schweizer-T., welche danach auch Ordensband heißt. Ferner die Schnippen- oder Masken- T-n, sogen, nach der weißfleckigen Stirn, dazu die Weißschnippen od. Weißblässen u. die Farbenschnippen od. Masken-T-n, bei beiden ist Schnippe und Schwanz weiß oder gefärbt. Zu der Gruppe der Scheitel- od. Platten-T-n zählen als Weißplatten die Pfaffsn-T-n, ausgezeichnet durch federige Schnabel- kroue. Den Weißköpfen unter den Kopftauben gehören an die bekannten Ringschläger, Schläger, Klatsch-T-n, von lautem, klatschendem Flügelschlag; während unter den Farbenköpfen der Mohrenkopf od. Bart-T. mit ganz schwarzem, blauem, rothem od. gelbem Kops u. die Nönnchen ebenso. Von den Weißflügeln aus der Gruppe der Flügel-T-n wird in England unter dem Namen englische T., die Elstertaube mit weißen Flügeln gezüchtet; die Far- beuflügel werden nach ihrer Zeichnung, die der der Seeschwalben gleicht, Schwalben-T°n genannt. Als Deckel od. Schild-T-u werden die von rein weißem Gefieder mit nur farbigem Deckel, d. h. Deckfedern bezeichnet. Die aus Ostindien stammenden, in England gezüchteten Lahore-T-nsindobenpurpurschwarz, unten weiß u. von kräftigem Bau. Die zweite Unterabtheilung, die Form-T-n, sind ebenfalls in mehrere Gruppen geschieden. Die Kuppen- od. Trom- mel-T-n besitzen eine Scheitelkuppe u. das Schna- belsträußchen. Ihre Stimme ist trommelnd. Das Gefieder ist ausgezeichnet durch Kopfhaube u. starke Latschen. Dazu die deutsche, russische u. Altenburger- T. Die Gruppe der Mähnen-T-n kennzeichnet sich durch die Ausbildung einer Federnmähne vom Nacken ausgehend, nach deren größeren oder geringeren Ausbildung man die Vollmähnen oder Perrücken. T-n u. Halbmähnen-T-n (Latz- u. Kapuziner. T-n) hat. Die Krausen- od. Möven-T-n, kleine bis kleinste Haustauben mit Kinn- oder Kehlwamme, durch deren Faltung die so charakteristische Krause, Kravatte, bestehend aus einer Anzahl verkehrt gestellter Federn am Halse u. vor der Brust, gebildet wird. Dazu besitzen sie einen ganz kurzen, gewölbten Schnabel mit schöner Schuabelwarze. Hierher die Eulen--T. glattköpfig u. die eigentlichen Möven mit Haubeubildung. Zu den Locke,t-T-n, deren Gefieder gelockt erscheint, gehören die Strupp-T-n, dazu die eigentliche Strupp°T. u. die Locken-T. mit nur gekräuselten Flügeldecken. Seidenartiges Gefieder tragen die Seiden- od. Haar-T-u. Die beliebten Pfau- T-n, auch Hühnerschwanz, Fächerschwanz genannt, durch gedrungenen Körper, die schleppenden Flügel Taube. 201 u. vor allem den zu einem Fächer ausbreitbaren, in der Ruhe gewölbten Schweif auffallend, stammen aus Ostindien u. kommen ungezeichnet u. gezeichnet vor, auch gibt es Seiden-Pfau-T-n. Die Huhn- od. kurzschwünzigen T-n, hühnerartig und hochbeinig, sind vertreten in der Maltheser- u. Florentiner-T. Zu den Hohlrücken, Stirn od. Tümmler zählen die Modeneser Flug-T. u. die eigentl. Tümmler. Die erstere in Modena von einer besonderen Täuberzunft gezüchtet, zeigt eleganten Bau, ist gestreckt und von ungestümem, anhaltendem Flug. Ihre große Fruchtbarkeit wird gerühmt. Sie werden zu dem Oänoo, einem Volksspiele, bestehend in dem Austreiben der T. aus der Ülnmbsra, einem hoch oben auf dem Hausdache erbauten T-nhäuschen, zum Zwecke, andere T-n durch den rückkehrenden Schwarm zu fangen, gebraucht. Die Tümmler, Tummel-, Purzel- T-n od. Burzler, mit ihrem kleinen rundlichen Kopf, großen Augen, dünnen Hals u. breiten Brust, eingebogenen Rücken u. zurückgezogenen Hals erhielten ihren Namen von dem Rücklingsüberschlagen im Fluge, unter Flllgelklatschen. Man theilt sie in lang- schnäbelige u. kurzschnäbelige ein. Zu den erster«: zählen gewöhnliche Tümmler, Flugtümmler, sehr beliebte u. variirende T-n u. die orientalischen Roller. Unter den kurzschnäbeligen Tümmlern sind berühmt die englischen Allmond- od. mandelfarbencn Tümmler u. die Mottles od. Schultersprenkel-Tümmler. Die Gruppe der Kropf-T-n, Kröpper, Kröpfer sind nicht minder beliebte Zucht-T-n u. werden in Holland, England, Frankreich u. Deutschland allgemein gehalten und die Varietäten nach ihrem Vaterlande selbst benannt. Das ausgezeichnetste Merkmal ist der große, ballonartig aufblähbare Kropf. Man unterscheidet Großkröpfer, wozu die englischen Kröpfer von hochaufrechter Körperhaltung u. langen, dicht und knrzbefiederten Beinen, die französischen Kröpfer mit unbefiederten Beinen, der pommersche Kröpfer durch lange Beinbefiederung ausgezeichnet vor dem englischen, der deutsche Kröpfer, durch Höhe und Länge hervorragend, sowie durch die kurzen unbefiederten Beine. Unter den Zwergkröpfern sind die hochgestellten, kleinen, den englischen Kröpfern sonst ganz ähnlichen Brünner-Kröpfer sehr beliebt in Deutschland. Zu den kurzgedrungeneu, sehr niedrig gestellten Ballonkröpfern zählt der Holländische Ballonkröpfer. Die Gruppe der Warzen- oder Schnabel- T-n umfaßt die durch starke Entwickelung der Schnabelhaut u. des nackten Augenringes ausgezeichneten T-n. Nach der Schnabelform unterscheidet man Dickschnäbel, Bllchsenschnäbel und Krummschnäbel. Zu den elfteren zählt die Damastener-T. mit kurzkegeligem schwarzem Schnabel n. blauem Augenring u. von silberweißem Gefieder, die Segler-T. mit sehr langen Flügeln u. Schwanz; die Brief-T., Boten-, Post-T., mit kurzem, dickem, schwarzen Schnabel, mehr od. weniger starker Schnabelwarze und meist weiß gepuderter Augenwarze, außerdem treten die kräftigen Flügel stark vom Körper abgesetzt auf u. scheinen in der Ruhe hangend getragen. Unter den zahlreichen Varietäten sind zu nennen die Antwerpen« Brief-T., meist blau u. hellroth, die Brüsseler-Brief-T., die Lütticher Bries-T. Die Brief- T-n dienen bekanntlich in Folge ihres ausgebildeten Ortsinnes postalischen Zwecken, wozu sie besonders abgerichtet werden. Daran schließen sich die spanische, römische u. Berber-T., auch Indianer, Türkische, Amerikaner-T. genannt, mit einem Ausschnitt an der Stirn, feiner Schnabelwarze an kurzem Schnabel u. wohm..7g7- ldeten Augeuwarzen. Die bllschelschnäbeligen T-n oder Bagdetten sind zu erkennen an dem gestreckten, mit starker runzliger bis wallnnßgroßer Schnabelwarze u. warziger Angenwarze. Hierher die Dragoner, die Bagdette, wozu die merkwürdigen engl. Bagdetten od. Carrier. Den Krummschnabel-T-n gehören an die Nürnberger od. deutsche Bagdette. Die Verweisung von Lachtaube wird im Art. T-n erledigt. Die T-n fressen Körner, namentlich Wicken, Erbsen, Gerste, Weizen u. Säme- reien. EinGemengselvonGerste u. Wicken genügt b es. denHof-T-n. Feld-T-n füttertmanzurZeitdesAus- flugs gar nicht, Haus-T-n täglich drei Mal. Will man T-n mästen, so eignen sich dazu am besten die jungen großen Haus -T-n. Das Mästen geschieht mit Wicken, Gerste, Hirsemehl, Buchweizen; man stopft damit täglich drei- bis viermal den Kropf voll, vergrößert die Mahlzeiten nach u. nach u. taucht nach jeder Mahlzeit den Kopf in frisches Wasser. Reines Wasser ist ihr Getränk. Etwa neun Tage nach der Paarung, welche Ende Febr. nach Liebkosungen u. nach einem gegenseitigen Füttern aus dem Kropf (Schnäbeln) beginnt, legt das Weibchen das erste, ungefähr drei Tage darauf das zweite Ei, dann beginnt das Brüten (auch die Männchen); nach 16—19 Tagen kommen die Jungen aus, werden ans dem Kropfe der Alten gefüttert, sind nenn Tage blind u. am 14. Tage schon halb flügge. Nun be- ginnt die neue Paarung, doch werden die vorigen Jungen bis zur fünften od. sechsten Woche gefüttert Die jungen T-n werden nach drei bis vier Monaten fortpflanzungsfähig. Manche brüten 7—8 Mal des Jahres. Damit die Eier nicht ungleich ausgebrlltet werden, nimmt man das zuerst gelegte Ei weg und legt dafür ein künstliches Ei in das Nest. Am andern Tage legt man das weggenommcne Ei zu dem zweiten u. nimmt das künstliche Ei heraus. Da die Spätlinge klein bleiben, so läßt man nur die ersten Jungen ausfliegen. T-n, welche das Brüten und Füttern nicht emsig genug betreiben, wie die Perrücken-, Pfanen-T-n rc., nimmt man die Eier weg u. legt sie anderen T-n, namentlich Feld-T-n, unter. Krankheiten: außer dem Mausern u. die Darrsucht (s. b.), der Durchfall, aus Unverdaulichkeit entstehend n. am dünnen, weißen Auswurf u. den besudelten Afterfedern kennbar; man gibt eingeweichten Weizen n. Backosenlehm mit Häringslake angemacht; die Epilepsie, die T. fällt plötzlich von der Stange, flattert auf der Erde herum, scheint todt zu sein, erholt sich aber wieder. Man gibt klein gehackten Knoblauch mit Butter u. Weizenmehl; die Pocken(Krätzc), bestehen aus einem blattcrähnlichen Hautansschlag, zur Zeit der Ernte, welcher aus Mangel an frischem Wasser u. zu häufigem Genuß frischer Körner her- rührt; man gibt frisches Wasser mit einigem Spießglas; Läuse, man reinigt den Taubenschlag öfters, wäscht alle Räume mit siedender Tabakslauge ab n. belegt den Schlag mit Stengeln der frischen Madia- pflanzen; die Kropfkrankheit, ist ansteckend u. wird an dem anfgetriebenen, harten Kropf erkannt, man trennt die Kranken von den Gesunden und befördert die Entleerung des Kropfes durch Einflößen eines Theelöffels voll warmen Leinöls. Feinde der T-n 202 Tauben. sind:derT n-Spulwurm^sosrismaoukosaMtse/r., 4 min; dagegen wendet man Zittwersamen an; die Federlinge, s. Pelzfresser; die Vogelmilbe, s. Milben. Den Jungen werden auch gefährlich die Larven des Mehl- n. Speckkafers Wanderfalk und Habicht sind aus den Raubthieren die gefährlichsten Feinde; Eier u. Junge fallen den Mardern zum Opfer. Als Speise sind junge T-n bes. für Kranke sehr gesund, alte geben geflohen einen kräftigen Bouillon. Gegessen wird das Fleisch gebraten, mit od. ohne Fülle (gebratene, gefüllte T-n), gekocht in einer Sauce von Petersilie oder mit anderen Ingredienzen versetzt, fricassirt T-nsricassee), oder in Pasteten (T°npastete). Die T-nfedern, bes. von den T-nhälscn, werden zum Schmuck gebraucht; dersehrhitzige T-nmist besitzt viel Düngkraft, wird bes. bei Tabak u. Mistbeeten benutzt. Man hält die T-n in Kammern od. Verschlügen ans der Gicbelseite eines Hauses (Taubenschlägc) gegen Morgen angebracht. Kann man einen Schornstein in den T-nschlag hineinbringen, so ist dieser wegen der Wärme im Winter vortheilhaft; er ist zu weißen. In der Thüre befindet sich ein init einem Schieber versehenes Fensterchen, um die T-n beobachten zu können. Das Flugbrett geht ins Freie; eine Klappe od. Falllhüre kann von außen durch einen Bindfaden geöffnet n. geschlossen werden. Die 30 om hohen u. 80 em breiten Fluglöcher bringt man meistens 40 om hoch über dem Fußboden an. In den T-nschlag muß man kleines Stroh u. Birkenreiser zum Ansbesscrn dcrNester legen. Um Marder u. Nachteulen von dem T-nschlag abzuhalten, bringt man an den Fluglöchern Gitter von Eisendraht an u. verschließt jeden Abend diese Löcher. Für jedes Paar T-n müssen zwei T-nnester, flach, rund, aus Gips od. Thon, od. Stroh und Ruthen, in Kästen od. an den Wänden hängend, angebracht werden. DieNester bringtman übereinander u. so hoch an, daß die T-n bequem dazwischen treten können. Die erste Reihe der Nester beginnt 40 am über dem Boden. An jeder Seite d.r Nester steckt man einen Stock durch, um siezwischen zwei Latten befestigen zu können. Damit sich die brütenden T-n nicht sehen können, nagelt man zwischen jedes Nest ein leichtes Brettchen. Die T-n- häuser (T-nräder) sind gewöhnlich auf der Mitte des Hofes auf einer od. auch aus vier hölzernen Säulen errichtet; die Säulen müssen zur Abhaltung der Marder, Katzen u. dgl. unten mit Blech beschlagen sein. Zur Bequemlichkeit führt man eine Treppe hinaus, schließt sie mit einer Fallthür und umgibt das Haus oben mit einer Galerie; die innere Einrichtung ist der der T-nschläge ähnlich. Wöchentlich ein Rial muß man die T-nhäuser untersuchen, faule Eier od. todte T-n aus den Nestern entfernen, diese ansklopfen u. mit heißem Wasser ansbrühen; überhaupt muß des Ungeziefers halber die größte Reinlichkeit herrschen. Blau bevölkert T-nschläge am besten im ersten Frühjahr mit jungen, noch nicht flüggen, od. mit ans entfernten Gegenden hergebrachten T-n, u. nach dem Geschlechts in gleicher Zahl und gleicher Gattung. Die T. galt von je für ein Sinnbild der Sanft- muth, Unschuld, Liebe und ehelichen Keuschheit, sowie der Schönheit. In Ägypten waren schwarze Tauben das Symbol für LLittwen, welche dort nicht wieder heirarheten, sondern sich dem Gottesdienste widmeten. Bei den Juden kannte man die Haus- Tauben, welche in Taubenhäusern wohnten; Feld- u. Wald-T-n, welche in Felshöhlen nisteten, u. die Turtel-T-n; zu Opfern dienten junge und Turtel- T-n; daher auch imTempelT-nhändlersaßen. Sonst wurden die T-n im Orient, bes. in Syrien u. Phö- nikien, als heilige Thiere verehrt. In Griechenland gaben weissagende T-n in Dodona mit Men- schenstimmeu vonder heiligen Eiche herab dieOrakel. Auch waren sie der Aphrodite, deren Wagen sie zogen, heilig. Man glaubte zu Eryx in Sicilren,daß, wenn die T-n, welche daselbst um den Vennstempel wohnten, wegzögen, auch Venus selbst nach Libyen wandere u. mit ihnen zurückkomme. Bei der Erziehung des Zeus auf Kreta holten T-n Ambrosia vom Westoceau. T-n waren von guter Vorbedeutung u. sie wurden zu Botschaften gebraucht, indem man ihnen z. B. bei freudigen Ereignissen purpurne Bänder anbaud u. so heimfliegen ließ. Den Römern waren die T-n Lieblingsspeise u. man baute die T-nhäuser (Oolumbaria) sehr sorgfältig. Bei ihnen wird der Gebrauch der Brief-T-n namentlich bei der Belagerung von Mntina erwähnt, wo Hirtius dem von Antonius in jener Stadt eingeschlossenen Dec. Brutus Nachrichten durch T-n gab, welchen er Briefe an den Hals oder die Beine gebunden hatte. Über die christliche Darstellung des Heil. Geistes Lurch eine T. s. Heiliger Geist. Zur LiteraturrJllnstr. Handbuch der Federviehzucht von A. C. E. Baldamus, 2 Bde.; Die T-n rc., Dresd. 1878; Leipziger Blätter für Geflügelzucht: Geschichte der T. von Weber; Neumeister, Das Ganze der T-nzncht, 3. A. von G. Prütz, Wenn. 1876; Prütz, Die Arten der Haus-T., 3. A. Lpz. 1878; Nuß, Die Bries-T., Hann. 1877; Die T-nzucht, Altona 1878; Sabbagh, Die Brief- T. schneller als der Blitz, flüchtiger als die Wolke. Aus dem Arabischen. Nebst Beiträgen zur Geschichte der Taubenpost von Löper, Straßb. 1879; Die gefiederte Welt, Zeitschrist für Bogelliebhaber rc., herausgegeben von K. Ruß, Berl. 1872 ff.; Columbia, Zeitschrift für Taubenliebhaber rc., red. von Prütz, Stettin; Die Taube, Nensalz bei Krause rc. Farwick. Tauben, Girrvögel, Ooknmbas LF., Ordn. der Vögel; Schnabel gerade, inittellang od. kürzer, Spitze gewölbt u. von horniger Scheide bekleidet; Schna- belgrund mit weicher, wulstiger bis warziger Haut bedeckt, in dieser die ritzenförmigen, durch eine Klappe verschließbaren Nasenlöcher; Zunge länglich, mit rinnenförmiger, nach unten gebogener Spitze; Flügel lang u. spitz; Beine meist kurz, Schienen u. bisweilen ein Theil, selten der ganze Lauf gefiedert; Lauf vorn quergetäfelt, hinten netzartig oder nackt; die kleinere Hinterzehe tritt mit auf; Zehen in der Regel frei; Krallen stumpf; die Speiseröhre ist meist mit einem doppelten Krops ausgestattet; Magen stark wandig; keine Gallenblase; Gefieder dicht u. straff, bei beiden Geschlechtern fast gleich, bes. merkwürdig durch den Mangel von Dunen zwischen den Deckfedern, letzteren fehlt ein Afterschaft; auch die Jungen tragen kein Dnnenkleid; nähren sich von Sämereien; Nester kunstlos. Das Gelege enthält meist nur zwei weiße, länglich ovale Eier. Sie brüten mehrmals im Jahre, während welcher Zeit sie monogam leben. Die Jungen sind Nesthocker, anfangs blind u. werden in der ersten Zeit mit dem von den Kropsdrüsen abgesonderten Milchsaft gefüttert, später erhalten sie heranfgewürgte, eingeweichte Körner. Taubcnkropf — Taubheit. 203 Die T. trinken im Gegensätze zn den Hühnern im! Wasser saugend in einem Zuge. Gegen 300 Arten, überall verbreitet, meist Wald- u. Felscnbewohner. Heimath der einzelnen Arten jedvch beschränkt. Neben den einfacher gefärbten treten metallisch u. buntgefärbte Arten auf. Die Inseln der Südsee besitzen die meisten Arten. Die nordischen T. sind Zugvögel. Fossile T-reste weisen dieHöhlen Englands u. Frankreichs ans. Eintheilung: 1. Tribus: Inspbi Lp., Schnabel lang u. hakig; Flügel u. Schwanz verkümmert; dazu nur die Fam. vickickuo 60-«,/, Dronten, s. Didu. 2. Tribus: Tlvioüi Lp., Schnabel kurz, zusammeugedrllckt; Unterschnabel gezähnt. Hierher die so seltene Zahn- od. Drontentanbe, Oickunoukus striAirootris SonkL, 30—40 em lang, mit großem Schnabel, der höher als breit; der Oberschnabel ist für sich beweglich, der Unterschnabel trägt 3 Zähne jedcrseits; grünschwarz n. kastanienbraun; Schnabel u. Beine roth; Schifserinseln Polynesiens. 3. Trib.: Oolumbas Lp., Schnabel verschieden gestaltet, glatt- randig; Flieger. Hierher die Familien: 1. Fam.: Olouriclas Lp., Kronen-T.; hühnergroß, plump, Kopf mit fächerartiger, aufrichtbarer Haube von zerschlissenen Federn; Gefieder vorherrschend schiefer- blan. Nur 2 Arten bekannt. 6oura eoronntuLlsM., Kronentaube; schieferblau, Schultern licht braunroth, Flügel mit weißem Band; Schnabel Hornfarben, Beine roth; Küste von Neu-Guinea. 6. vietorias Lp., Fächertaube; Kopfhaubenfedern an der Spitze mit kleiner Fahne, schieferblan, unten braun; Flügelbinde graublau; ebendort. 2. Fam.: OalosnLcii- ciao Lp., Kragen- od. Mähnen-T.; Schnabelgrund oben mit kugeliger Warze; Halsgefieder zu'einem Kragen oder Mähne verlängert. 1 Art: Önkaeims nioobarioa 60'«?/, gemeine Kragentanbe, 35 om lang, schwarzgrün, die längeren Kragenfedcrn grasgrün, die kürzeren goldglänzend; Schwanz weiß; SWAsien u. Inseln. 3. Fam.: Lolumbiäas Lp., eigentliche T.; Schnabel nur an der Spitze hornig, mittellang; Schwanz 12sederig; Laus kurz, Fersen befiedert. Zahlreiche Arten, dazu n. a. die Gattung Iwxbolasmus 6--»,/, Hanbentanbe. TuIumdusLp., Ringeltaube (Holztaube), k. torgunbuo Lp., gem. Ringeltaube, 50 om, tanbenblan; Flügelvorderrand mit weißem Längsfleck; alt; Hals jederseits mit weißer Binde (Ringel) u. Unterseite wcinroth; Europa, NAsien n.NAfrika. Nur im N. Zugvögel; in Waldungen , Nest ans Bäumen. Ookumba, Lp., Taube, s. d. Tartar KM-/, Turteltaube, dazu T. anritns Lp., gemeine Turteltaube, 30 em; Kopf und Hals hellblau, Rücken grau; Schnltersedcrn braunroth mit dunklen Längsstrichen; äußere Schwanzfedern an der Spitze weiß; Halsseiten im Alter mit vier- schwarzen, weißgerandeten Querstreisen; in Wäldern; Lockton: Turr Turr; Zugvögel; Europa und NAfrika; zähmbar. T. risorias Arvs., Lachtaube, 32 em; im Genick ein schwarzes Band, sonst isabell- gelb; NAfrika u. WAsien; lachende Stimme; vielfach gezähmt gehalten. Letoxistss Ln-s., Wandertaube. ü. miZratorinL nordamerikan. Wandertaube; 41 em; Kopf, Rücken, Leckfcdern u. Bürzel schieferblau, Nacken goldig grün, Kehle n. Brust rothbraun, metallisch schillernd'; Schwanz lang, stufig , von Keilform. In ungeheuren Schaaren ziehend, wobei der Koth so dicht wie Schnee herabfällt. Beim Niederlassen auf den Ruheplätzen brechen die Stämme von ihrer Last. Die amerikanischen Erd- T. AormicUnas Lp. besitzen kräftige, lange Läufe u. leben am Boden. Dazu u. a. Obamaopskis passs- rinn Ln,-«.. Sperlingstaube, 16 om; Grau mit Braun; Flügel stahlglänzend; kleinste Taube. Ferner gehören hierher die Sperbertäubchen; hellerdbraun, unten gesperbert. 4. Fam.: Troi-oniäao Lp., Frncht- T.; Schnabel kräftig, weit gespalten; Beine kurz u. weit befiedert; Krallen gekrümmt; Schwanz 14fede- rig; Gefieder weich, matt grünlich mit gelben Flügelbinden; warme Theile der alten Welt, meist auf fruchttragenden Bäumen. Ihre Nahrung bilden Beeren n. Früchte. Hierher die Papagcitanbe, klm- laerotrorcm abz-soinioa, prächtig grün u. gelb, 30 om lang, Mittel- n. SAfrika. Da dis Gatt. Oolumba, Lp., Taube, in einem besonderen Artikel behandelt ist, so sind die Verweisungen von Ordensband, Felsentaube, Psautauben, Hühnerschwanz, Kropftauben auf Tauben, im Art. Taube anfzusnchen. Farwick. Taubenkropf ist I) 8Usns iniiata; 2) die Pflanzengattung Ououbulns. Taubcnstößer, so v. w. gemeiner Habicht, auch Sperber u. Wanderfalk. Tauber, ein 120 irm langer linker Nebenfluß des Main, entspringt im Württemberg. Jagstkreise dicht an der bayerischen Grenze, auf der WSeite.der Frankenhöhc, fließt durch den bayer. Regbez. Mittelfranken, dann noch einmal durch Württemberg u. endlich durch den bad. Kreis Mosbach, in dem erbe! Wertheim mündet. Sie nimmt die Umpser aus n. ist nicht schiffbar. Durch das meist enge, felsige u. tiefe Thal der T. führt die Tauberthalbahn. Ihr Thal begreift den zum bad. Kreise Mosbach gehörigen fürstlich Löwcnstein-Werthcimschen Tanbergau. Tauberbischofshekm, so v. w. Bischossheim2). , Taubert, Karl Gottfried Wilhelm, geb. 23. März 1811 in Berlin, namhafter Klavierspieler, Componist u. Dirigent der Gegenwart, warSchüler von Neithart, Berger n. Klein u. trat mit 13 Jahren öffentlich als Pianist auf, bildete sich außerdem auf dem Gymnasium u. der Universität, wurde 1831 Dirigent der Berliner Hofconcerte, 1841 Musikdirektor, 1845 Hofkapellmeister an der königl. Oper u. gründete die Symphonie-Soireen der königl. Kapelle, deren Leitung er neben jener der Hofconcerte heute noch inne hat, während er 1870 unter Ernennung zum Oberkapellmeister von dem Opernposten entbunden wurde. Er schr. viele Klavierstücke, Sinfonien, Streichquartette, Lieder, darunter die beliebtenKinderlieder,LieOpern: DieKirmes(1832), Der Zigeuner (1834), Marquis und Dieb (1842), Blaubart (1845), Joggeli (1853), Macbeth (1857), Cäsario (1875), die Musik zn Medea des Euripides u.zu Shakespeares Sturm, Klavierauszllge u. A.Sck. Taubheit,1) das Unvermögen, Schall-u. Klangempfindungen wahrzunehmen; das nur geschwächte Vermögen, solche Empfindungen wahrzunchmen, bezeichnet man mit Schwerhörigkeit; Len Grad der Hörschärfe mißt man durch das Akumeter; ist die T. mit dem Unvermögen verbunden, seine Gedanken durch Worte auszudrücken, so nennt man sie Taubstummheit. Die T. beruht entweder in einer Krank- ! heit unseres Gehörorgans, od. in einer Lähmung des ^ gestimmten Nervensystems. So hört der Typhus- kranke, der durch Chloroform Rarcotisirte, der durch ! einen Sturz Betäubte nicht, weil das im Blute krei- 204 Täubling — sende Typhusgift resp. das Chloroform lähmend auf das gejammte Nervensystem, also auch auf den Hörnerv (dlorvus aouotious), einwirkt, an der allgemeinen Lähmung durch den Sturz auch der Hörnerv theilnimmt. Die Krankheiten des Gehörorgans, welche T. zur Folge haben können, bestehen entweder in rein nervösen Störungen des Gehörnerves (nervöse T.), od. in organischen Veränderungen der Weichtheile u. Knochen des Ohrs. In letzterer Beziehung spielen der Gehörganst, daS Trommelfell, die Eustachsche Ohrtrompete, die Trommelhöhle die Hauptrolle. S. Ohrenkrankheiten. 2) T. der Glieder (Stupor artnnm), die durch Störungen in sen- sibeln Nerven herbeigeführte verminderte od. aufgehobene Fähigkeit, in einem Körpertheile, bes. in einer der Extremitäten, Gefühlseindrücke wahrzunehmen. Dabei ist oftmals das Schmerzgefühl in Form unangenehmer, kribbelnder Empfindungenvorhanden. Ursachen können sein theils Druck auf einen Arm, unbequeme Lage der Füße im Bette, heftige Durchkühlung; theils alle Zustände des Gehirns u. Rückenmarks, welche eine Lähmung peripherischer Nerven zur Folge haben (wie Blutaustritte,. Geschwülste, Abscesse rc.). Kunze. Täubling, Russuls. f^rres., Pilzgatt, aus der Fam. der LZarioini od. Blätterschwämme, ausgezeichnet durch fleischiges u. festes Gewebe, anfangs halbkugeligen, später flach gedrückten Hut, steife, saft- lose, zerbrechliche Lamellen n. große, runde, warzigstachelige Sporen. Arten im Sommer u. Herbst in Wäldern. R. alutaosa. mit lebhaft rothem, bald verblassendem Hut und erst gelben, dann lederfarbigen Lamellen,' sehr häufig in Laub - u. Nadelwäldern. R. emstioa. (Speitäubling), mit anfangs glänzend rothem, später braunem od. blutfarbigem, zuletzt gelbemHut u. reinweißen Lamellen; von ekelhaftem Geruch und sehr giftig; in Wäldern zerstreut. R. laotsa. ^ers., mit weißem Hut u. weißen Lamellen; in Buchenwäldern; ist eßbar, ebenso L. vesoa Engter. Taubmann, Friedrich, Gelehrter, geb. 1585 in Wonsees bei Baireuth; studirte in Wittenberg u. wurde 1595 Professor der Dichtkunst, später zugleich kursächsischer Hospoet u. st. 24. März 1613 in Wittenberg. Ein eifriger Humanist, trat er mit Ernst u. dem beißendsten Sarkasmus den Plattheiten seiner Zeit entgegen u. sind seine treffenden, allerdings oft überderben Sarkasmen u. Witzworte, sowie seine sonstigen witzigen Aussprachen gesammelt in laub- mannia, Franks. 1713, neueste A. von Örtel, München 1831. Er schr.: ikissertatio äs linZua. latina, Wittenb. 1614, u. edirte den Plantus, ebd. 1605, 3. A. 1621, u. Virgilius, ebd. 1618. Vergl. Brandt, Glänzende Taubenflügel, d. i. Leben T-s, Kopenh. 1675; Ebert, Lebenu.VerdiensteT-s, Eisenb. 1814; Genthe, Fr. T., Lpz. 1859: H. L. Schmitt, I7a.rra.tio äe bü'iäsrico iLaubinanno aäolssoeirts, Leipz. 1861. Taubstumme, Menschen, welche infolge physischer Mängel der Sprachorgaue, oder (und dies ist der gewöhnliche Fall) weil sie wegen Taubheit Andere nicht reden hören, diese sprachlich nicht nachahmen u. daher nicht sprechen können. Organische Fehler sind nur selten zu heben. Erst gegen Ausgang des Mittelalters wurden vereinzelte Versuche gemacht, T. zu bilden. Rudolf Agricola in Heidelberg, gestorben 1485, unterrichtete einen T°n in der Taubstumme. Lautsprache, u. einige Jahrzehnte später verfaßte der Arzt und Philosoph Jerome Cardan zu Pavia die erste Schrift über T nunterricht. In Spanien unterrichtete um das Jahr 1570 der Benedictiner- mönch Pedro de Ponce einige T. mit so günstigem Erfolge, daß seine Zeitgenossen staunend davon berichten. Wahrscheinlich war es seine Lehrmethode, welche Jean Paul Bonet 1620 veröffentlichte. Um dieselbe Zeit lehrte der Spanier Emanuel Namirez de Carrion den taubstummen savoyischen Prinzen Eman. Philibert von Carignan sprechen; ebenso der englische Theolog William Holder (st. 1696) einen taubstummen Edelmann 1659 u. regte der englische MathematikerI.Wallis denT-nunterricht an. Bon tieferem Einfluß ausdieGestaltungdesT-nunterrichts war das Verfahren von Joh. Konrad Amman, der 1669 in der Schweiz geboren, später als Arzt in Holland lebte. Er lehrte die T-n dadurch sprechen, daß sie auf die bei jedem einzelnen Laute veränderten Stellungen der Mundorgane achteten, dieselben mit den Augen auffaßten u. dann vor dem Spiegel nachahmten; ferner ließ er sie, wenn er einen Ton aussprach, die Hand an seine Kehle halten, um die dabei entstehende zitternde Bewegung zu bemerken; dieselben Töne versuchten nun die Schüler hervorzubringen, indem sie die Hand an ihre eigene Kehle hielten. Seine Schrift: Suräuo lognonv ist mehrfach ins Deutsche übersetzt worden. Weiter sind zu nennen die Deutschen Raphel, Kerger, Lasius, Arnold!. Glücklich als T-nlehrer war auch der portugiesische Jude Pereira, welcher 1749 der Akademie iuParis mehrere von ihm unterrichtete T. vorstellte. Durch alle diese Versuche wurde nur Einzelnen geholfen. Erst mit dem Franzosen Abbe de l'Epee u. dem Deutschen Samuel Heinicke entstanden T-nan- stalten. Der Abbe de l'Epee faßte bes. die geistige Seite in das Auge; seine Ansichten waren folgende.: der T. muß mit dem Auge, was Hörende mit dem Gehör auffassen; die Begriffe von den Gegenständen haben mit den Schriftzügen ebensoviel Verwandtschaft, als mit den artikulirten Lauten; für die T-n ist die Geberdensprache das, was bei Hörenden die Muttersprache zur Erlernung einer fremden ist; die Geberdensprache aber besitzt der T. von Natur ebenso , wie jeder andere Mensch, in ihr spricht er aus, was für Eindrücke auf ihn gemacht werden; setzt man an dieStellederWörtersprache diese Geberdensprache, so kann man den T-n soweit ausbildeu, als man will. Der Abbe de l'Epee theilte der Geberdensprache zu viel zu, daher wich auch schon sein Nachfolger R. A. Sicard von seiner Methode ab u. weckte u. übte bes. die geistige Kraft des Zöglings. Unter den Anhängern u. Verbreitern der sranz. Methode sind die Geistlichen Sicard u. Salvan in Paris, der Weltpriester Stork in Wien, der Abbate Silvestri in Rom, I. E. Ulrich in Zürich n. Professor Guyot in Groningen besonders zu erwähnen. Im Gegensatz zur französischen Methode begründete Samuel Heinicke (s. d.), Director der T-nanstalt in Leipzig, der ersten T-nanstaltDeutschlands, die deutsche Methode, welche jetzt zur allgemeinen Geltung kommt. Er entstammte die T-n u. erkannte in dem gesprochenen Worte nicht nur die sicherste Form für Las Denken u. das wichtigste Mittel zur geistigen u. sittlichen Bildung, sondern auch das zuverlässigste Mittel zu gegenseitigem Verkehr zwischen T-n u. Hörenden. Deshalb lehrte Taubstummenunterricht — Taucherkunst. 205 er seine Schüler sprechen u. suchte ihrer Aussprache möglichste Deutlichkeit zu verleihen u. deshalb übte er sie von Anfang an darin, ihre Augen unverwandt ans den Mund des Sprechenden zu richten u. dort das gesprochene Wort abzulesen. Die Geberdensprache od. Pantomimen verwarf Heinicke nicht, er sah in ihr dem ungebildeten T-n gegenüber ein sehr brauchbares Bildungsmittel, das aber durch die Wortsprache mehr u. mehr znrückgedrängt werden müsse. Auch die Schrift könne nie bei dem von Geburt aus Tauben Grundlage der Begriffsentwickelung, deshalb auch nie Form seines Denkens werden. Anfangs solgte man allgemein der französischen Methode, während jetzt die deutsche zur Geltung kommt. Beim Articulationsversahren verfährt man noch immer in ähnlicher Weise wie Amman; überhaupt ist der erstellnterricht des T-n in derHauptsacheSprech- unterricht. Mit dem Sprechen erweitert sich die Sach- kenntniß und das Sprechverständniß. Der T. lernt die Personen od. Dinge seiner Umgebung kennen u. benennen, ihre Eigenschaften, ihr Nerhältniß zu einander u. vermag so nach u. nach kleine Aufsätze zu fertigen. Je weiter er in der Sprache vorschreitet, desto ähnlicher wird der Unterricht dem der Volksschule u. in den oberen Klassen einer T-uschule werden die Schüler in Religion, biblischer Geschichte, Rechnen, deutsche Sprache, Naturgeschichte, Geographie, Geschichte, Geometrie rc. unterrichtet. Immer ist das gesprochene Wort die Grundlage des Unterrichts. Selbstverständlich bleibt immer Gesang, wie jeder Musikunterricht ausgeschlossen. Die Erfolge des T-nuuterrichts würden noch größer sein, wenn nicht in den meisten Anstalten die Zeit der Ausbildung zu kurz berechnet wäre. Nur in wenigen Ländern, wie in Sachsen, der Provinz Hannover, Dänemark rc., ist ein achtjähriger Schulcnrsns einge- sllhrt, meist dauert derselbe nur sechs Jahre. Die in Anstalten gebildeten T-n erweisen sich später als geschickteHandwerker, als Kunsttischler, Holzschneider, Lithographen, Kupferstecher rc., selbst als Maler, Bildhauer, Schriftsteller haben sie sich ausgezeichnet. Für das T-ubildungswesen waren des. thätig Prof. Czech in Österreich, Graser in Bayern, Reich in Sachsen, Jäger in Württemberg, Hill in Preußen. Den beiden ersten T-nanstalten zu Paris 1760 und Leipzig 1778 folgten Wien, Prag, Berlin, München rc. Jetzt befinden sich derartige Institute in allen Cnlturländcrn; aber nur in sehr wenigen, z. B. in Sachsen, Dänemark, Provinz Hannover, Baden, Württemberg, Hessen rc. ist ausreichend für die Bildung der T-n gesorgt. In Preußen, Österreich rc. wird nur ein kleiner Theil der bildungsfähigen T-n unterrichtet. In Betreff der Verbreitung der T-n sei hier folgende Statistik von 19 deutschen Bundesstaaten gegeben. Es befinden sich in Taubstumme auf 10,000 Preußen 24315 17,6 Bayern 4381 9,s Sachsen 1614 6,3 Baden 1784 12,0 Sachsen-Weimar 951 12,3 Oldenburg 219 6,s Braunschweig 188 6,o Sachsen-Meiningen 255 13,3 Sachsen-Altenbürg 94 6,s Sachsen-Koburg-Gotha 166 9,s Anhalt 124 6,i S chwarzburg-Rudolstadt 83 11,0 Schwarzburg-Sondershansen 51 7,6 Waldeck 60 10.7 Reuß ä. L. 34 7,5 Reuß j. L. 73 8,r Lippe 65 5.8 Bremen 78 6,4 Elsaß-Lothringen 1724 11,, Literatur: Neumann, Die T-nanstalt in Paris nebst Geschichte des T-nunterrichts, Königsb. 1827; Hill, Der gegenwärtige Zustand des T-nbildungs- wesens in Deutschland, Weim. 1866; Matthies, Organ der T-n- u. Blindenanstalten in Deutschland u. den deutschredenden Nachbarländern, Friedberg in Hessen 1856 bis jetzt; Heil, Der T. u. seine Bildung, 2. A. Hildburgh. 1871; Schüttle, Lehrbuch d. T-nbildung, Tüb. 1874. Schulbücher für T. schrie- benHill, Rößler, Cüppers, Arnold, Vatter,Koebrich, Langer rc. Kruse, Bilder aus dem Leben eines T-n (Autobiographie), Altona 1877. Sttz. Taubstummenunterricht, s. Taubstumme. Taucha, Stadt in der königl. sächs. Kreis- und Amtshauptmannschaft Leipzig, an der Parthe, Station der Halle-Sorau-Gubener Eisenbahn; altes Schloß, schöne Kirche, Tabak- u. Cigarrenfabrik, Weißgerbereien, Kürschnereien, Bierbrauereien, Branntweinbrennereien,Dampfziegelei,Steinbrüche; 1875: 2698 Ew. T. war vom 12. bis 14. Jahrh. Grenzfestung u. bis ins 15. Jahrh. eine wichtige Handelsstadt; seit 1569 gehört es dem Rathe zu Leipzig, der es durch Kauf erworben hat. Taucher, Ilrinatorss On V., Ordnung der Vögel, gekennzeichnet durch die kurzen, oft der Schwingen ermangelnden Flügel u. den weit nach hinten gerückten Beinen, wodurch die fast aufrechte Körperhaltung hervorgerusen wird. Die Borderzehen sind durch Schwimmhaut verbunden. Der Schnabel istzusam- inengedrückt, sehr hart n. spitzig. Hierher die Farn, gpllsniseidas Krar/, Pinguine,Haidas sirA..Alken, Ooi^mbidas Lx., T. Die letzteren von gestreckt walzlichem Körper u. verlängertem Schnabel, verkürzten Flügel u. verkümmerten Schwanz sind Süß« wasserbewohner, wenigstens zur Brutzeit. Dazu zählt Ool^mdus oristatno Tack/r.. der große Hauben-T., 6. Aiaoialis T., der Eis-See-T., 0. minor L., der kleine Hauben°T. Die dicht anliegend befie- derte Unterseite vieler Hauben-T. kommt unter dem NamenOlrsbss alsPelzartikel in denHandel. Farwick. Tauchcrkunst, die Fertigkeit des Menschen, kürzere oder längere Zeit unter Wasser zuznbringen. Man bedarf hierzu entweder nur einer besonderen Geschicklichkeit in der Unterbrechung des Athmens od. für einen längeren Aufenthalt besonderer Apparate (Taucheranzug, Taucherglocke, Taucherschiff), in welchen man die für eine bestimmte Zeit zum Athmen nöthige Lust im comprimirten od. gewöhnlichen Zustande mit sich führt oder wol auch durch chemische Mittel im athembarcn Zustande erhält, od. in welche die nöthige Luft durch Pumpen gebracht wird, welche entweder im Apparat oder über dem Wasser wirken. Zur Beleuchtung reicht im klaren Wasser das Tageslicht aus, welches durch starke Gläser in die Apparate fallen kann, nur in trübem Wasser bedarf es der künstlichen Beleuchtung. Schon Aristoteles erwähnt im 32. Buch der Probleme, daß die griechischen Tancher einen mit Luft gefüllten Kessel mit unter Wasser nahmen. Der älteste Tancher (gr. Kolymbetes, Dytes, lat. Urinator), dessen Herodot gedenkt, war der Makedonier Skyllias aus 206 Taucherkunst. Skione, welcher zur Zeit des Artaxerxes Mnemou einen großen Theil der Schätze vom Meeresgründe hob, welche beim Schiffbrnch der Perser am Pelion verloren gegangen waren. Taucher zerstörten das Bollwerk, durch welches Alexander d. Gr. bei der Belagerung von Tyrns den Hafen sperren wollte. Bei den Römern werden Taucher erwähnt, welche man auf den Schiffen für die Anker u. zum Heraufholen ansgeworfener Gegenstände und versunkener Maaren gehalten habe. Die Hilfsmittel zum Tauchen u. unter dem Wasser zu arbeiten sind hauptsächlich die Taucherglocke, allerhand Taucherapparate, Taucherboote u. Vorrichtungen zum Heben versunkener Gegenstände vom Meeresboden. L) Die Taucherglocke. Die Taucherglocke wird zuerst von Taisner, dem Hofmeister Karls V. erwähnt (1538) und unter der Regierung Jakobs II. von England holte ein Will. Phipps aus einem bei Hispaniola gesunkenen Schiffe für 300,000 Pfd. St. Silberbarren herauf. Mittels einer 1669 von Georg Sinclair beschriebenen Taucherglocke wurden 1580 u. 1665 Ge- räthschaften der Unüberwindlichen Flotte an der westlischcn Küste von Schottland (Insel Moll) zu Tage gefördert. Eine zuerst von Lorini (1609) und von Nie. Witsen(1671) beschriebene Taucherglocke bildete einen viereckigen mit Eisen beschlagenen Kasten, welcher mit Fenstern u. unten mit einem Schemel für Taucher versehen war. 1678 verbesserte Sturm und später Panthot die Sinclairsche Glocke. Durch die Schweden Mart. Triwald u. Teichmeyer wurde um diese Zeit die Taucherglocke wesentlich verbessert, indem man sie so einrichtete, daß nur Hals u. Kopf des Tauchers in der Luft, der übrige Körper aber im Wasser der Glocke war, wodurch elftere länger athembar blieb. 1836 empfahl I. Vethel eine tragbare Taucherglocke aus einem glockenförmigen u. mit Kautschuk überzogenen Metallgerippe, welches mit Sehgläsern und ans Tauen gebildeten Sitzen versehen war. Sie wurde an einer Kette niedergelassen n. konnte durch Luftsäcke, welche vom Taucher gefüllt wurden, zum Steigen gebracht werden. Zur Einführung der Lust befindet sich auf dem Schiff eine einfach wirkende Druckpumpe, welche durch Verbindung mit einer, durch eine elastische Scheidewand getheiltcn Kammer einen sehr conti- nuirlichen Lnststrom liefert. Das Emporschafsen schwerer Lasten endlich geschieht durch starke, um dieselben geschlungene Ketten, welche nach zwei Hilfs- schisseu führen, auf denen eine hydraulische Maschine die Ketten u. somit die Last absatzweise emporzieht. Zur Beleuchtung der Taucherglocken schlug 1837 Maugham das elektrische Kohlenlicht vor. Eine Methode, um die Luft in der Taucherglocke durch Anwendung chemischer Mittel längere Zeit athembar zu erhalten, sowie einige hiernach angestellte glückliche Versuche in London n. Plymouth machte 1843 und 1844 Payerne bekannt. Um die ausgeathmete Kohlensäure zu entfernen, treibt man die Luft in der Glocke selbst mittels eines Saug - oder Druckwerkes durch einen Behälter mit mehreren durchlöcherten Böden, auf denen Moos u. Pulver gebrannten Kalkes liegt, sowie durch ein Gefäß mit starker Natronlauge; um das verzehrte Sauerstoffgas der Luft wieder zu ersetzen, bringt man Gefäße mit comprimirtem Sauerstoff in die Glocke, aus denen man dasselbe ausströmen läßt, od. man bewahrt Flaschen mit eisen- saurem Kali darin auf, welches Salz nur in Wasser geworfen zu werden braucht, um beträchtliche Mengen von Sauerstoff zu entwickeln. Während ohne Liese Vorrichtung ein Mann stündlich 800 1 Luft bedarf, reichen bei Anwendung desselben 200 1 aus. Die von Sears in New Aork 1853 hergestellte Taucherglocke ist von Metall u. hat die Form eines oben und unten abgestumpften Doppelkegels; durch eine oben befindliche u. von innen verschließbare Öffnung tritt der Taucher ein; während der Boden ebenfalls eine verschließbare Öffnung, welche durch einen Schlot mit dem Grunde commnnicirt, sowie einen Rand hat, auf den die aufgenommenen Gegenstände ec. gelegt werden können. In der Glocke selbst sind mehrere Behälter angebracht, welche durch oben u. unten befindliche Röhren mit einander commnniciren u. blos durch Öffnen bestimmter Hähne theils mit Lust, theils mit Wasser gefüllt werden können. Auf dem Hilfsschiff od. dem Ufer befindet sich nämlich ein starker Behälter für hinreichend comprimirte Luft, Lurch welchen die Glocke mittels eines Hahnes und eines Schlauches nach Bedürfniß gespeist wir. Letzterer kann nach Erfordern n. ohne Unterbrechung des Luftzutrittes auf eine hohle Walze anfgehaspclt werden, welche durch eine Stopfbüchse mir dem Luftbe- hälter commnnicirt. Die Glocke wird durch bloßes Einpumpen von Wasser oder Luft in dem gehörigen Verhältniß zum Steigen od. Sinken gebracht. Eine freie Beweglichkeit erlangt dieselbe durch eine archimedische Schraube und durch eine besondere Ankervorrichtung; ein gewöhnlicher Anker, im Boden befestigt, hängt an einem Seil, welches, ehe es durch den Boden der Glocke gezogen ist, über eine Rolle läuft; letztere ist an eine außerhalb des unteren Glockenkegels angebrachte n. über zwei Rollen laufende endlose Kette befestigt, welche dadurch bewegt werden kann, daß man die obere Rolle von der Glocke aus dreht. Je nachdem nun das Ankerseil auf diese Weise gehoben od. gesenkt wird, ändert sich die Kraft, mit welcher die Glocke vom Anker festgehalten wird, so daß letzterer den Mittelpunkt bildet, um welchen sich erstere in verschiedenen Richtungen bewegen kann. L) Apparate für die Taucher. Gegen 1730 erfand ein Engländer einen Taucheranzug aus starkem Leder, welcher H Oxhoft Luft enthielt, vorn mit einem Glase versehen war, mit welchem er sich häufig auf den Meeresgrund begab, um Güter aus versunkenen Schiffen zu holen. Auch Edm. Halley erfand eine Taucher kappe, welche aus Blei, vorn mit einem Glase versehen u. durch ein biegsames Rohr mit der Glocke verbunden, dem Taucher über den Kopf gedeckt wurde, um diesen auf den Meeresgrund schicken zu können. 1765 wurde in Pont-Royal eine Tanchermaschine erfunden, ein kupfernes Futteral von der Gestalt eines Menschen. Durch eine Oefsnung am Halse kroch der Taucher hinein u. erhielt auf den Kopf eine kupferne Haube mit zwei Augengläsern u. einem Stirnglase, welche an ein wasserdichtes, am Halse der Maschine befestigtes Leder angeschraubt wurde, während zwei Röhren nebst einer Kugel, in welcher letzteren sich die ausgeathmete Lust etwas abkllhlte, zum Ein- und Ausathmen dienten. Den ersten Taucheranzug, mit welchem man sich, von der Oberfläche unabhängig, längere Zeit unter Wasser aufhalten konnte, entwarf 1825 I. A. Schuttes, in- Tnucherkuiist. 207 dem er dem Taucher ein Gefäß mit stark comprimir- ter Luft mitgab. 1836 ließ sich der Engländer Will. Bush verschiedene Tauchapparate patentiren, deren Wesen in der Anwendung von Luftpumpen besteht, welche entweder in der Taucherglocke angebracht sind, od. welche der Taucher in einem luftdicht schließenden Metallbehälter mit Stopfbüchse bei sich führt u. mit welchen durch nach oben führende Röhren frische Lust unter das Wasser gebracht werden kann, während die gebrauchte durch entsprechende Öffnungen entweicht. Außerdem brachte er noch einen Compaß im unteren Theile des Helmes an. In demselben Jahre erhielt I. Vethel ein englisches Patent auf die T. betreffende Verbesserungen. 1838 wurde Ed. Newton ein englisches Patent auf zwei Vorrichtungen ertheilt, von denen die eine (Manometer) ein auf dem Rücken des Tauchers in einem Gehäuse befestigter Mechanismus war, welcher ein regelmäßiges ruhiges Eindringen der von oben stoßweise cinge- pumpten Luft vermitteln sollte, während die andere einen mit dem Munde zu verbindenden Athmungs- apparat bildete, welcher die augenblickliche Entfernung der ausgeathmeten Luft u. somit die Reinerhaltung der frischen zum Zweck hatte. Eine ähnliche Idee veröffentlichte 1839 Gnillaumet, mit dessen Vorrichtung ein Taucher 25 Minuten lang in einer Tiefe von 16 m bei Cherbourg verweilen konnte. 1852 wurde von Green, einem Taucher im Eriesee, welcher das uutergegangene Dampfschiff Atlantic aufzufinden versuchte, die größte Tiefe von 154 Fuß (vor ihm waren die Taucher blos 126 Fuß tief gekommen) erreicht. Sein Apparat besteht ans einer wafferdichtcnKleidungvon Kautschuk nebst kupfernem Helm als Kopfbedeckung, welcher vorn durch ein dickes, polirtes Glas verschlossen ist. An dein Helme sind Röhren befestigt, welche zur Erneuerung der Lust dienen u. welche in das Boot reichen, aus welchem der Taucher steigt und in welchem die Pumpe steht, durch welche die Erneuerung der Luft erfolgt. Der von Klingert verbesserte Anzug, welcher aus einer den ganzen Mann umhüllenden luft- u. wasserdichten Kleidung aus Leinwand u. Kautschuk u. dem daran dicht schließenden Kopfhelm aus Metall besteht, ist mit Schgläsern u. oben mit einem Ring zum Befestigen des den Taucher haltenden Taues versehen. Mittels der Compressionspumpe u. eines Gummischlauches wird Luft in den Helm eingesührt, während die verbrauchte Lurch eine Öffnung aus- treten kann u. durch ihre Blasen an der Wasseroberfläche immer die Stelle andeutet, an welcher sich der Taucher befindet. Damit der Taucher in die Tiefe gelangen kann, sind vier Bleiringe im Gewicht von 43 Ic§ um seine Hüften gelegt, welche als Ballast dienen, der im Nothfall durch einen Ruck abgeworfen werden kann. Der in der deutschen Marine jetzt übliche Apparat (sog. französische) unterscheidet sich von den sonstigen hauptsächlich durch ein Regulations-Reservoir (Tornister); er ermöglicht dem Tauchenden in jeder Tiefe (über 40 m — 130 Fuß höchst schwierig, da der Apparat wol auch hierüber hinaus genügend Lust zuführt, aber nicht gegen den Druck, welchen die Wassersäule auf den Körper ausübt, schützt) die zum Athmen nothwendige atmosphärische Lust gleichmäßig zuzusühren, sodaß der Athmungs- proceß wie in freier Luft vor sich geht. Das Ath- men findet durch den Mund statt, während die Nase durch einen Klemmer geschlossen wird. Ein geübter Taucher kann mit diesem Apparat bis auf 10 bis 15 m ohne Anzug, Schuhe und Ballast tauchen. Mit Anzug kann ein solcher bis 7 Stunden täglich arbeiten. Zur Verständigung mit der Oberfläche dient eine Signalleine, welche ein Führer fest in der Hand hält, während der Taucher durch Rucken oder Ziehen an derselben verabredete Signale Hervorbringen kann. Die neuesten submarinen Lampen sind von Bornet u. Toster u. eine andere von Hainke u. Davis. Erstere besteht aus einem cylindrischen Ei- seugefäß, indem Sauerstoff bis auf 30 vubm compri- mirt ist; durch ein biegsames Rohr steht dieser mit einer Spirituslampe in Verbindung. Eine besondere Vorrichtung läßt die gasigen Producte entweichen. Die andere ist eine elektrische Lampe u. befindet sich in einem GlascyliuLer, der auf dem Taucherhelm angebracht ist; die Kohlenstäbchen derselben geben ein 4stüudiges Licht. 6) Taucherboote u. Taucherschiffe, zur unterseeischen Schifffahrt, zur Untersuchung des Mee- resboüeus, zu Arbeiten auf den: Meeresboden und zu kriegerischenZwecken. Die eigentliche unterseeische Schifffahrt wurde von Corn. Drebbel (gest. 1634) erfunden, indem er für König Jakob I. von England zwei Schiffe aus Holz u. einer gefirnißten Lederdecki construirte, mit denen er sich auf dem Grunde der Themse fortbewegen konnte. Alfons Borellns (starb 1679) u. Dion. Papinns (1688) beschrieben ähnliche Schiffe; bef. schreibt man Elfterem die erste Anwendung zweier lederner Röhren zu, von denen die eine zum Einathmen, die andere zum Ausathmen diente. 1773 wurde vom Engländer Day in Uarmonth ein Marktboot 10 m tief versenkt, in welchem er 24 Stunden verblieb u. mit eigener Hilfe wieder zum Steigen gelangte; ein zweiter, mit einem besser con- struirten Schiff, aber in einer der schlimmsten Gegenden der See angestellter Versuch mißlang. Ein Tauchcrschifs wurde um diese Zeit auch von Fabri construirt. Das erste Taucherboot zu Kriegszwecken erfand der Amerikaner Bushucl, aber die Versuche, welche 1776 auf dem Delaware zur Benutzung desselben als einer unterseeischen Höllenmaschine stattfanden, fielen nicht befriedigend aus. Ebenso wenig gelangen Versuche 1777 unter der Leitung Bushnels an der englischen Küste. Günstigere Resultate erlangte 20 Jahre später Fulton, welcher in Paris eine Reihe von Versuchen mit unterseeischen Booten u. Minen anstellte; erst Napoleon gab ihm eineUnter- stützung zum Bau eines großen Taucherschiffcs. Dasselbe war ganz mit Kupfer beschlagen, als Ballast diente ihm Wasser, welches, wenn man steigen wollte, mittels einer Druckpumpe aus großen eisernen Ey- lindern ausgestoßen werden konnte. Zur Fortbewegung des Schiffes dienten horizontal liegende Schrauben, während eine auf dem Verdeck stehende Vertical- schraube das Untertauchen zu größeren Tiefen ohne Vermehrung des Ballastes möglich machte. Im Hafen von Havre, wo es gebaut wurde, u. Rouen an- gestellte Probefahrten ließen aber noch bedeutende Mängel an der Maschinerie erkennen. Besser gelangen nach Abstellung derselben spätere Versuchsfahrten in Brest; bei einer der letzteren tauchte Fulton bis zur Tiefe von 20 in, blieb 20 Minuten unter Wasser, kam alsdann weit entfernt zum Vorschein u. gelangte endlich unter Wasser an dem Punkte der 208 Tauchcrkunst. Abfahrt wieder an. Am 17. Aug. 1801 blieb er 4 «Stunden unter Wasser und kam alsdann 5 Lienes vom Einschiffungspnnkte wieder zum Vorschein. Ebenso gelangen die mit dem Taucherschiff Nautilus angestellten großartigen Sprengversuche, bei denen die angewendcten Sprenggeschosse, Torpedos, eine 300 Schritt vor Anker liegende Schaluppe auf den ersten Schuß zertrümmerten. Nach dem Princip der Payerneschen Glocke construirte 1849 der Franzose Lemaitre ein Tancherboot. Ein ähnlicher, nur einfacherer Apparat zum bequemen Arbeiten auf Flußbetten u. namentlich zum Legen unterseeischer Röhren, Kabel rc. wurde 1850 von Cave hergestellt. Zwei solche Boote wurden bei den Abdämmungsarbeiten des Nils verwendet. Ein noch einfacherer Apparat für Arbeiten auf dem Flußbett, nämlich ein pontonsörmiger Kasten, worin verdichtete Luft zum Verdrängen des Wassers angewendct ist, wurde schon 1847 vom Ingenieur de la Gouverie für 17 Arbeiter längere Zeit verwendet. Payerne construirte 1852 ein dem Lemaitreschen u. Cavischen sehr ähnliches Schiff, dessen Arbeitsraum sllr 10 Arbeiter 35 ebm Lust faßte u. einen 11 s^m weiten Schlot enthielt. Am 5. März 1850 stellte der Franzose Alexandre im Kriegshafen zu Brooklyn bei New Jork Versuche mit einem ähnlichen Taucherboot an. Er senkte sich hierbei mit zwei Gehilfen in dem Boote bis zurTiese von 16 m hinab. Ein kleiner elektrischer Telegraph vermittelte oben auf dem Wasser schwimmend die Verbindung der Taucher mit dem Commodore Salier, während das Boot beliebig zum langsamen Steigen u. Sinken gebracht werden konnte. 1849 erfand Bauer den Brandtaucher, ein ringsum geschlossenes längliches Schiff aus Eisenplatten, mit einer durch ein Tretrad zu bewegenden Schraube, während im Innern Pumpen zum Ein- und Auspumpen vonWasser angebracht waren. Hierauf stellte er, im Dienste der russ. Negierung, einen neuen Brandtaucher her, mit welchem er auch 134 Probefahrten machte, u. construirte im Aufträge des Großfürsten Constantin das Modells Maßstab) zu einer unterseeischen Corvette. Zur Untersuchung des Meeresgrundes baute Bauer die Taucherkammer, einen luftdicht verschlossenen, aus starken Eisenplatten gebauten und durch hohle Rippen gehörig verstärkten cylindrischen, oben u. unten abgerundeten Behälter, in welchem sich die Taucher in gewöhnlicher atmosphärischer Luft befinden. Die Bauerschen Erfindungen haben jedoch weiter keine Verwendung gefunden, sondern sind als nicht tauglich zu den Todten gelegt; letzteres kann man von allen bis jetzt pro- jectirten Taucherschiffen sagen. v) Vorrichtungen zum Heben von Lasten vd. versunkenerGegenständevom Wass ergründ. Die Erfindungen unterseeischer Apparate zu diesem Zwecke stammen erst aus neuer Zeit, namentlich erhielt 1837 Edward Austin ein englisches Patent auf die Anwendung von elastischen luftdichten Luftsäcken zum Heben versunkener Schiffe rc. Ohne die Taucherglocke anzuwenden, wird der versunkene Schiffsrumpf durch eine Anzahl Bojen mittels starker Ketten umzogen, woran andere Ketten hängen, welche thcils nach dem Hilfsschiff führen, theils zur Befestigung der Lustsäcke dienen. Die Luftsäcke sind von der Form eines wagrechten Cylinders mit halbkugtigen Enden nach Mackintoshs Methode aus zwei durch eine Schicht Kautschuk verbundenen Blättern eines starken Zeuges hergestellt; sie werden leer u. in gehöriger Anzahl versenkt u. nachdem die Ketten, an denen sie befestigt sind, durch große Ringe an der um das Schiff geschlungenen Kette gezogen sind, von oben her durch Pumpen u. biegsame Schläuche mit Lust gefüllt. Damit das Emporsteigen der Säcke, ohne das Schiff mitzunehmen, verhindert wird, sind die betreffenden Ketten mit starken «Sperrvorrichtungen versehen, welche nur nach einer Seite hin die Bewegung der einen Kette an der anderen gestatten. Die wichtigsten Versuche, wie zur unterseeischen Fahrt u. Operation mit Taucherschiffen (s. oben), machte auch Wilhelm Bauer in neuester Zeit zur Hebung von Lasten vom Wasserboden. Er verwendete dazu Hebeballons (unterseeische Kameele), von bimförmiger Gestalt u. ans drei Lagen Leinwand, welche durch zwei Lagen Kantschukblätter verbunden sind. Sie können gleich Säcken leicht verpackt werden, sind noch mit Gurten umspannt u. werden, nachdem sie iin zusammengelegten Zustande von der Taucherkammer (s. oben 6) unter Wasser gebracht u. an den zu hebenden Gegenständen gehörig befestigt sind, Lurch einen unter Wasser führenden, leicht anzusetzenden und abzunehmenden Gummischlauch mit einer auf dem Hilfsschiff angebrachten Pumpe aufgeblasen. Wenn die Kameele in gehöriger Anzahl u. Vertheilung am versunkenen Schiffe angebracht sind u. dieses sich hebt, sv entweicht wegen des abnehmenden Wasserdruckes ein Theil der Luft aus der unteren Öffnung der sich so selbst regulirenden Kameele, u. es werden nun je zwei mit einander verbundene Rcserveballons unter den Kiel des Schiffes gebracht u. dort ausgepumpt, bis das letztere so weit gehoben ist, daß es vom Hilfsdampfer geborgen werden kann. Die Wichtigkeit der T., die aus dem Vorstehenden genugsam erhellt, tritt noch in ein vortheilhaf- teres Licht, wenn man sich deren Dienste bei Sprengarbeiten unter Wasser, bei Fundirungen von Brücken (Caissons mit Anwendung comprimirter Lust, namentlich aber beim Bergbau, vergegenwärtigt. Für die Anwendung in Bergwerken sind wegen des beschränkten Raumes vorzugsweise die Taucherauzüge mit Helm in Gebrauch gekommen. Der englische Apparat,Scaphauder, ist ganz mit Lust gefüllt, während bei dem Apparate Rouquayrol-Denayrouze der Anzug nur zum Schutze gegen die Nässe dient und der mit Mnud und Pumpe verbundene Lustapparat oder Regulator auf dem Rücken getragen wird. Mit solchen Apparaten sind in ersoffenen Schächten Re- paraturarbeitcn au Pumpen bis 40 m unter dem Wasserspiegel ausgeführt worden, ebenso bei verunglückten Schachtabteufungen, so daß manche Bergwerksanlage durch die T. gerettet worden ist. Von viel größerer Bedeutung für Bergwerke ist aber das Tauchen in unathembarer Luft, namentlich zur Ausführung von Rettungsarbeiten nach einer Explo- sionSchlagenderWetter. DieJdee,unter solchen Umständen den Lungen von einer anderen Quelle her reine Luft zuzusühren, bewog schon vor 80 Jahren Pilatre de Rozier, eine Gesichtsmaske mit Schlauch, u. bald darauf Alexander v. Humboldt, einen mit comprimirter Luft gestillten Apparat vorzuschlagen, der auf dem Rücken getragen wurde u. mit einem Schlauche mit Mundstück u. einer Doppelklappe zum Ein- u. Ausathmen versehen war. Dieser Apparat —7 Tauchintz — Tauentzien (Tauenzien) von Wittenberg. 2V9 r l wurde später so verbessert, daß jetzt in dem von Ron- quayrol-Denayronze ein zuverlässiges Taucher-Instrument für Wasser u. unathembare Lust zu Gebote steht. Die in Deutschland gebräuchlichen Apparate dieses Systems sind mehrerlei Art. Zum Tauchen unter Wasser dient ein wasserdichter Anzug mit Helm n. dem Lnftregulator od. dieser letztere allein ohne Anzug, jedoch in Verbindung mit einer Nasenklam- mer. Für unathembare oder explosible Lust dienen ein Niederdrnckapparat, bei dem der Taucher fortwährend mit der Pumpe durch einen Schlauch in Verbindung steht, u. ein Hochdruckapparat, bei welchem Lnft, die auf 25 Atmosphären comprimirt ist, in starten Stahlgesäßen auf einer Schiebkarre Mitgefühls wird n. der den Taucher mit seiner Lampe auf eine Zeit von drei Stunden von der äußeren Atmosphäre unabhängig macht. Man hat auch Regulatoren , in denen die hochgepreßte Luft so stark verdünnt wird, wie es der äußere Luft- od. Wasserdruck zuläßt, daher den Lungen beständig verdünnte Lust zugeführt u. ein gewaltsames Zerreißen derselben unmöglich wird. Was die physiologische Wirkung auf den menschlichen Körper betrifft, so werden bei zu raschem Tauchen heftige Ohrenschmerzen empfunden, u. einzelne Taucher verspürten auch einen starken Druck auf die Augen u. leichten Schwindel. Diese Wirkung macht sich schon bei 9 in Wasserdruck bemerklich, doch haben geübte Taucher stundenlang unter 40 m u. mehr zugebracht. Gefahr für die Lungen rc. entsteht erst bei größeren Tiefen; jedoch hängt die Leistung wesentlich von der jedesmaligen Constitution des Tauchers ab. In ähnlicher Weise wie bei Schlagenden Wettern in Kohlengruben finden die hierbei üblichen oder doch nach demselben Princip constrnirten Rettungsapparate bei Feuersbrünsten Anwendung, s. Feuerlöschgeräthe 8) u. Feuertanch- apparat. D. Tauchnitz , Karl Christoph Trangott, bedeutender Buchdrucker und Buchhändler, geb. 29. Oct. 1761 in Großpardau bei Grimma; lernte 1777 bis 1782 in Leipzig als Buchdrucker u. arbeitete dann eine Zeit lang in Berlin, kehrte 1792 in seine Hei- math zurück u. gründete 1796 eine eigene Druckerei, verband 1800 eine Schriftgießerei damit, nachdem er schon 1798 eine Verlagshandlnng gegründet hatte, u. ließ seit 1809 die elastischen Autoren erscheinen. 1816 gründete er in Dentschlanv die erste Stereotypengießerei nach Stanhopes Manier und stereotypirte auch bloten. Er machte sich durch Einführung eines eülern Styls um die deutsche Typographiesehr verdient. T. st. 14.Jan. 1836 inLeipzig. Tanchnitz, Christian Bernhard, Freiherr von, Nesse des Vor., geb. 25. Ang. 1816 zu Schleinitz bei Naumburg, gründete 1837 in Leipzig eine Verlagshandlnng, vereinigte eine Druckerei u. Stereotypenanstalt damit n. erwarb sich bes. mit seiner Oollsoticm ok Lritissi llmtiior8 (gewöhnlich Tnneir- nitr Lärtion genannt) einenNamen; 1841 begonnen, umfaßte dieselbe Auf. 1879 schon 1800 Bde. In ähnlicher Weise läßt er seit 1866 6oU. ob Osrman Lmtsioro (bis 1879 40 Bde.) erscheinen. 1860 wurde T. wegen seiner Bestrebungen für Verbreitung der Englischen Literatur in Deutschland in den erblichen Frciherrnstand erhoben. Sein übriger Verlag umfaßt bes. antike Classikerausgaben, größere juristische ausgaben rc. rc. — T. ist seit einer Reihe von Jahren königl. großbritanu. Generalconsul für die jächs. Staaten u. wurde zum lebenslänglichen Mitglieds der Ersten Kammer des Königr. Sachsen ernannt. Seit 1866 ist T-s ältester Sohn, Christian Karl Bernhard, geb. 29. Mai 1841, der die Rechte studirte u. sich 1865 die juristische Doctorwürde erwarb, in das Geschäft seines Vaters eingelretcn. Tauentzien (Tanenzien) von Wittenberg, eine, von einem nachLanenbnrg gekommenenZweige des böhmischen Geschlechts v. Schmichow abstam- mcude Familie, welche nach dem im Herzogthum Lauenbnrg gelegenen Gute Tauentzien, mit dem der Stammvater Lucas der Ältere 1601 vom Herzog Barnim von Pommern belehnt worden, den Namen annahm, 1791 in den Graseustand erhoben wurde u. 1814 das Prädicat von Wittenberg erhielt. Aus ihr stammt: 1) Bo guslaw FriedrichEmannet, preußischer General, geb. 18. April 1710 in Tauentzien; er machte den ersten Schlesischen Krieg als Lieutenant der Leibgarde mit, und zeichnete sich bei Mollwitz ans (10. April 1741). Zn Anfang des dritten Schlesischen Krieges zum Obersten u. Com- mandenr des I.BataillonsLeibgardeernannt, wurde er 1758 Generalmajor u. Commandant von Breslau. Als solcher ist er durch die tapfere Vertheidig- nng der für Friedrich d. Gr. überaus wichtigenStadt berühmt geworden. Laudon war nämlich, als Prinz Heinrich Schlesien verlassen u. über Frankfurt den Russen entgegen gegangen war, in das unbeschützte Land eingebrocben n. hatte am 31. Juli 1760 Breslau von allen Seiten eingeschlossen. T. widerstand mit nur 3000 Mann Besatzung allen Drohungen u. Schmeicheleien der Österreicher, u. Laudon sah sich schon anfangs August zum Rückzüge von der Oder genüthigt. Nach dem Frieden wurde T. auch Gouverneur von Breslau und Generalinspecteur der Schles. Infanterie; er st., nachdem er 1775 noch zum General der Infanterie ernannt war, 20. März 1791 in Breslau, wo ihm vor dem Schwcidnitzer Thore auf dem nach ihm benannten Platze ein Denkmal errichtet ist. 2) Friedrich Bognslaw Ema- nuel, Sohn des Vor., geb. 15. Sept. 1760 inPots- dam, trat 15 Jahre alt, vorgebildet auf der Berliner Militärakademie, in Preußische Dienste, in denen er Theil nahm an dem Krieg der ersten Coalition gegen Frankreich u. 1801 Generalmajor wurde. Als solcher stand er 1806 ans dem äußersten linken Flügel des Preuß. Heeres in Thüringen bei Hof, zog sich hier vor Napoleon bis Schleiz zurück, n. wurde bei letzterem Orte 9. Oct. geschlagen. Bei Jena befehligte er die Avantgarde Hohenlohes aus den Höhen, wurde jedoch, da seine Kräfte zu schwach waren, nach Vierzehnheiligen zurückgeworfen u. mußte sich 28. Oct. mit Hohenlohe bei Prenzlan ergeben. Nach dem Tilsiter Frieden zum Generallicntenant befördert erhielt T. die Brandenburgische Brigade. Am 23. Ang. 1813 wurde er bei Blankenfelde von den Franzosen angegriffen n. trug durch die Behauptung seiner Stellung, obschon er fast nur Landwehr bei sich hatte, das Wesentlichste zum Siege von Großbeeren bei. Ebenso hielt er 6. Sept. dem Marschall Ney bei dem Dorfe Dennewitz Stand, als dieser ihn, der eben im Begriffe war sich zu einem Angriff auf die Franzosen mit dem weiter westlich stehenden Welke, Wörterbücher logarithmische Werke, Bibel-!Bülow zu verbinden, mit doppelt überlegener Macht Pierers Univirsal-CoiwersationL-Lexikon. K. Aufl. xvil. Band, zz, 210 Tauerei angriff, bis Bülow u. Borstell heranrückten u. den Sieg entschieden. Nach der Schlacht bei Leipzig erhielt T. den Auftrag, die Festungen in Preußen u. Sachsen, welche noch in den Händen der Franzosen waren, zu belagern. Nachdem er Torgau zur Ueber- gabe gezwungen, kam er Ende Dec. vor Wittenberg an u. erstürmte in der Nacht vom 13. auf 14. Jan. 1814 die Stadt. Es wurde dafür seinem seit 1791 gräflichen Namen der Ehrentitel „von Wittenberg" beigefügt. Von da verlegte T. als Commandenr des 4. Armeecorps seinHauptquartier nach Quedlinburg, u. leitete von hier die Belagerung von Magdeburg, in das er 24. Mai seinen Einzug hielt. 1815 führte er das 6. preußische Corps als Reserve nach Frankreich. Nach dem zweiten Pariser Frieden war er eine Zeit lang Gesandter in Paris u. wurde dann commandirender General des 3. Armeecorps und Gouverneur von Berlin, als welcher er 20. Febr. 1824 starb. Mit seinem Sohn dem Grafen Bogis- laus (geb. 10. Juli 1789 in Berlin, preußischer Generalmajor, gest. 6. Nov. 1854 in Trier) ist das Geschlecht im Mannsstamm erloschen. Schmitz. Tauerei, s. u. Dampfschiff 6. 4). Tauern, s. Alpen 22) bis 27) u. vgl. Rnthner, Aus den T., Berg- u. Gletscherreisen, Wien 1864. Taufe (daptlsmus). Der Ursprung dieses christlichen Gebrauchs gehr in die vorchristliche Zeit zurück, sofern überall in den heidnischen Religionen religiöse Waschungen ».Reinigungen Vorkommen n. diese ebenso in der israelitischen Religion bei mancherlei Veranlassungen vorgeschrieben waren. Daraus, daß die Propheten öfters für die Sündenvergebung u. die sittliche Reinigung das Sinnbild der Abwaschung mit reinem Wasser gebrauchen, erklärt sich die Einführung der T. in eben dieser Bedeutung durch Johannes den Täufer, zugleich als Vorbereitung auf das kommende Messiasreich. Jesus Christus selbst unterzog sich der Johannes-T., ohne Zweifel indem er sich dadurch zur Gemeinde der auf das Messiasreich Wartenden bekannte. Er selbst ertheilte seinen Jüngern den Befehl zu taufen, wie Keim u. Andere aunehmen, gegen das Ende seiner Wirksamkeit. Er selbst taufte nicht, aber auch, wie aus den synoptischen Berichten über die Aussendung der Jünger Jesu während seines Lebens erhellt, Liese selbst erstnachseinemTode. DieT. geschah nach den Panli- nischen Briefen u. der Apostelgeschichte auf den Namen Jesu Christi, weshalb die T-formel bei Matthäus auf den Namen des Vaters u. des Sohnes u. des heil. Geistes späteren Ursprungs sein dürste. Im Ganzen geht durch die neutestamentlichen Schriften die Anschauung von derT., daß sie die durch denGeist Christi bewirkte religiös-sittliche Umwandlung des Menschen abbilde. Bald aber entwickelte sich in der christlichen Kirche eine ganz magische Vorstellung der T., welche der Scholastiker Thomas von Aqnino durch Annahme einer dem Wasser der T. mitgetheil- ten geistl. Kraft, Duns Scotus aus der Mitwirkung des göttlichen Willens erklärte. In der Reformation erneuerte die Resormirte Kirche am Entschiedensten die symbolische Ansicht, während die Lutherische die Krast der T. in das durch den Glauben anzueignende Wort des Befehls u. der Verheißung Christi setzte, obwolLuther an dasMagische anstreifende Ausdrücke von der T. gebrauchte. — Der Taufritus hat sich in den verschiedenen Kirchen in der Hauptsache ähn- — Taufe. lich gestaltet. Die Griechische Kirche tauft mit der Formel: Es wird getauft der Knecht Gottes 8) auf den Namen des Vaters, Auren, und des Sohnes, Amen, u. des heil. Geistes, Amen, jetzt u. immer u. in Ewigkeit, Amen; auch wird dreimalige Untertauchnng, wenigstens des Hauptes strenge gefordert. Die Römische Kirche tauft mit der Formel: Ich taufe dich imNamen des Vaters, u. des Sohnes und des heil. Geistes. Die 3 Arten zu taufen durch Untcrtauchen oder Begießen oder Besprengen werden für gleich zulässig erklärt. Dem Tansact gehen voran: der Exorcismus, die Einstreuung geweihten Salzes in den Mund des Täuflings, das Kreuzeszeichenübcr Stirn,Augen, Brust, Schultern, Ohren, Bestreichen der Nase u. Ohren mit Speichel, dreimaliges Absagen dem Teufel, Abfragung des Credo. Nach der T. erfolgt die Salbung des Scheitels mit dem Chrisma, Ucberrcichung eines weißen Kleides, einer brennenden Kerze, die Namenser- theilnng. Von diesen Ceremonien hat Luther den Exorcismus, das Kreuzeszeichen an Stirne u. Brust, das dreimalige Absagen dem Teufel u. das Credo beibehalten. Doch wurde der Exorcismus vielfach in der Lutherischen Kirche abgeschafft u. nur refor- nürterPolemik gegenübervon lutherischen Theologen hartnäckig vertheidigt. In der Resormirte» Kirche dürfte das Besprengen, in der Lutherischen das Begießen das Vorherrschende sein, während die Bap- tisten ans das Untertauchen besonderes Gewicht legen. Allgemein wird die Wiedertanfe verworfen und die einmalige Ertheilung der T. ans ihrem Wesen be- gründet. Die T. soll durch die ordentlichen Kirchendiener vollzogen werden; es ist aber seit alter Zeit allgemein auch die T. durch Laien, bes. in Nothfällen (Noth-, Jähta nse) für zulässig erklärt. Rur die Reformirten verwerfen die Nothtaufe. Als Ort der T. gilt die Kirche, in älterer Zeit oft mit besonderen Baptisterien, meist der Taufstein, am Eingang der Kirche, od. vor dem Altar. In Nothfällen darf auch im Hause getauft werben (Hanstaufen). Die Taufbücher n. Tanfzengnisse der Geistlichen haben, im Deutschen Reich bis 1876, bürgerliche Gültigkeit. Der frühere staatskirchliche Tauszwang ist jetzt fast überall abgeschafft. — Die Wirkung der T. besteht nach der Lehre der Römischen Kirche in der Tilgung der Erbschnld n. Erbsünde, u. zwar so, daß die noch vorhandene Concupiscenz keinen sündigen Charakter mehr hat, sowie in der Mittheilung eines unzerstörbaren Charakters durch Einflößung übernatürlicher Gnadenkräfte. Nach lutherischer Lehre tilgt die T. nur die Erbschnld, läßt aber die sündhafte Concupiscenz übrig, deren Gegengewicht die Geistesmittheilung zur Wiedergeburt bildet. Nach römischer Lehre wirkt die T. nur rückwärts, für die Sünden nach derT. bedarf man desBnßsacraments, wogegen nach lutherischer u. reformirter Lehre die T, auf das ganze übrige Leben hinaus wirkt, so daß man jederzeit im Glauben sich der Taufgnade ge- trösten dürfe. Zwingli sieht in der T. einen blosen Bekenntnißact, ein Pflichtzeichen, Calvin ein Pfand der Gotteskindschaft u. ewigen Erwählung, während die Lutheraner eine eigentliche Gnadenmittheilung an die T. knüpfen. — Die Ketzer tause, wenn sie nur auf den Namen des dreieinigen Gottes geschieht, erklärte die Römische Kirche schon im 3. Jahrh. für giltig. Die Kindertauje, zu Tertullians Zeit 211 Taufen — noch nicht ohne Widerspruch sich ausbreitend, zu Augustins Zeit so allgemein, daß er seine Erbsünden- lehre darauf begründete, fand in der Neformations- zeit Widerspruch von Seiten derAnabaptisten, später auch von Seiten der aus den Independenten hervorgegangenen Baptisten. Den Grund des Widerspruchs bildete die protestantische Forderung des Glaubens als Bedingung der Wirksamkeit der Sakramente, mehr noch ein Begriff von der Kirche, wonach sie rein persönliche Gemeinschaft der Gläubigen ist. Die Lutherische u. Neformirte Kirche hielten dagegen mit den beiden Katholischen Kirchen an der Kinüer- taufe fest. Das Motiv war die Grundauffassung von der Kirche als Heilsanstalt, die ganze Völker umfas. sen soll. Die Begründung wurde der Römischen, sowie der Reformirten Kirche aus ihrer Lehre von der T. leichter, als der Lutherischen, die sich mit der Fiction eines stellvertretenden Glaubens der Pathen, od. eines wunderbar in den Säuglingen gewirkten Glaubens helfen mußte. Vgl. Höfling, Das Sacra- ment der T., Erl. 1846—48; K. Caspari, Quellen zur Gesch. des Taufsymbols, Christ. 1875. Löffler. Taufen (Seew.), 1) ein Schiff taufen, so v. w. Ablauf 2) u. s. Schiff S. 4, 1. Sp.; 2) (Hänseln) die Linientaufc an Matrosen u. Passagieren vollziehen, verql. Linie 3). Taufererthal, eines der schönsten Alpenthäler in Tirol, nördlich gehendes Nebenthal des Pusterthals, in das es unterhalb Brunecken einmündet, durchströmt von dem ain Großen Venediger entspringenden Ahrnbach; hat seinen Namen von der Ruine Täufers bei Sand. Das Thal wurde 17.—18. Aug.1878durchÜberschwcmmungfurchtbarverheert. S. Jll. Zeitung Nr. 1838. Taufname (Vorname), der Name, welcher einer Person bei den Christen in der Taufe, bei den Juden und Mohammedanern bei der Beschneidung beigelegt worden ist, s. u. Taufe u. Name. Taufpathc, Taufzcuge, s. v. w. Pathe. Tanker ,J ohann, gcb. etwa 1290 in Straßburg, wurde um 1308 Dominicanerinönch, studirte hierauf in Paris Theologie u. predigte nach seiner Rückkehr nach Straßburg im Anschluß an die kirchlichen Gottesfreunde fleißig unter dem Bolke. 1348 mußte er, weil er trotz dem über Straßburg ausgeschriebenen Bann gepredigt hatte, seine Vaterstadt verlassen, kehrte aber nach einigen Jahren zurück u. st., nach dein er mehrfach auch in Köln gepredigt hatte, in Straßburg 16. Juni 1361. T., I)r. illnruiiiatns genannt, ist der gefeiertste Prediger des IL.Jahrh. Er gehörte durchaus der Mystik an. Seine Predigten (Lsrmouss), Homilien über die Perikopen, wurden sofort deutsch in der Mundart seiner Gegend niedergeschrieben, zuerst gedruckt Lpz. 1498, wieder Augsb. 1508, Fol., Bas. 1521 s., niederdeutsch Franks. 1565, neudeutsch von Spener, Nürnb. 1688, von Thomas u. Kloos, Franks. 1826, 3 Thle., u. vonHamberger 1865. Außerdem schr. er: DieNach. folgung des armen Lebens Christi, Köln 1548 u. ö., nendeutsch von Schlosser, Franks. 1833; andere Schriften werden ihm mit Unrecht beigelegt, od. sind nur Auszüge aus seinen Schriften. Vgl. Schmidt, Johannes T. von Straßburg, Hamb. 1841. Heppe. Taumellolcki (Taumel), ist I-oliumtLmuilmtum. Taunton, 1) Marktstadt in der engl. Grafschaft Somerset, am schiffbaren Tone, über den eine - Taurien. Brücke führt, Eisenbahnstation; altes Schloß (jetzt Gerichtshof), alte gothische Kirche, Lateinische Schule, Seminar der Wesleyaner, Literarisches Institut, Bibliothek mit Museum, Handwerkeriustitut, Archäologischer Verein mit Museum, Philharmonische Gesellschaft, seiden- u. Spitzenfabrikation, Maschinenbau, Handel mit Pferden, Rindvieh rc.; 1871: 14,957 Ew. 2) Stadt im Bristol County des nord- amerikan. Unionsstaates Massachusetts, am schiss- baren T., Kreuzungspunkt mehrerer Eisenbahnen; Maschinenwerkstätten (Lokomotiven rc.), Fabrikation von Papier, Leder, Nägeln u. a. Eiseuwaaren; öffentliche Bibliothek von 10,000 Bdn.; lebhafter Handel des. mit Brodstosfen; 18,629 Ew. Tamms (die Höhe), schon im Alterthum so genannt, ein zum rheinisch-westfälischen Schiefergebirge gehöriges Gebirge zwischen dem unterenMain, dem Rhein, der Lahn u. Wetter in dem preußischen Regbez. Wiesbaden u. dem Kreise Wetzlar der preuß. Nheinprovinz. Das Gebirge erhebt sich meist steil ans dem Thal des Rheins u. dem des Main, weniger steil aus dem der Wetter, ist iu seinem slld östlichen Theile am höchsten u. geht nach N. hin in eine wellige, von zahlreichen Flüssen und Bächen zerrissene Hochfläche über. Die höchsten Punkte des Gebirges sind: der Große Felvberg (881 m) mit dem Brnne- hildisstcin, einem Quarzfelsen, ans seinem Gipfel; der Altkönig (798 iu) mit vorzüglicher Aussicht, der Kolbenberg (685 iu), der Kleine Feldberg (827 m), der Glaskopsberg (687 m), der Rossert (494 iu), der Staufen (417 iu), die Platte (500 m), der Trompeter (482 in), die Hohe Kanzel (596 in), die HoheWnrzel(618iii)rc. DersüdwestlicheTheildes T. heißt das Rheingaugebirge mit der Kalten Herberge (620 in), dem Erbacher Kops (580 m), dem Jägerhorn (538 m) u. dem Niederwald (s. d.). Gegen Süden bildet der T. den schönen Rheingan (s. d.). Die Höhen des T. sind mit prächtigen Buchen- und Tannsmvaldungen bedeckt, sonst ist er überall, wo sich geeigneter Boden findet, gut angebaut, namentl. finden sich auf seiner südlichen Abdachung die herrlichsten Wein- u. Obstpflanznngen. Berühmt ist der T. besonders durch seine zahlreichen Mineralquellen, meistens Säuerlinge, von denen mehrere zu den berühmtesten in Deutschland gehören, wie Wiesbaden, Schwalbach, Soden, Homburg, Ems rc. H- Berns. Taurien, 1) russisches Gouvernement, von dem Gouv. Cherson u. Jekaterinoslaw, von dem Schwarzen u. Asowschen Meere umschlossen, welche letztere hier zahlreiche Golfe (Todtes, Faules Meer u. a. m.) bilden. 61,177 f^jicm (1111 s^M). L. besteht ans einem continentalen Theile und der Halbinsel Krim, welche durch die Landenge von Perekop miteinander verbunden sind; über die phystkal. Verhältnisse der Krim, s. d. Der ans dem Contiuente gelegene Theil ist größtentheils Steppe, flach mit salzigem Grnnd- wasser; Flüsse: Dnjepr, Konskaja, Molotschna und kleinereKüstenflüsse; Klima mit heftigenGegeusätzen; heißer Sommer u. sehr strenger Winter. 704,997 Ew., unter denen noch nogatsche Tataren zahlreich sind; die Deutschen (meist Mennoniten) haben blühende Colonien; Kleinrussen, Armenier, Juden, Zigeuner. Beschäftigung: Viehzucht (Pferde, von besonderer Güte, Trampelthiere, Büffel als Zng- thiere, Schafe, doch nicht mit feiner Wolle, Ziegen), Fischerei am Dnjepr und am Meere sehr ergiebig, 14« 212 Taurin — Tauschirarbeit. Ackerbau des an vielen Orten salzigen Bodens willen nur schwach, oft durch Heuschreckenzüge gestört; Gartenbau (Gemüse, Melonen, Hülsensrüchte, Handelsgewächse) , Obstzucht nur hier u. da, dann aber sehr ergiebig, Weinbau (die beste Sorte des Weines heißt Sudat), n. a. Jagdbares Wild, so wie Waldungen gibt es wenig. Viele Binnenseen geben Salz, zum Theil wird es Lurch die L-oune bereitet, Naphthaquellen, viel Salpeter, auch Steinkohlen und edle Steine werden gefunden. Kunstfleiß nicht unbedeutend, man fertigt Leder, gewebte Zeuge, Caviar, Fischleim u. v. a.; der Handel vertreibt Landeser- zeugnisse, Salz, Getreide, Häute, Wolle, Wachs, Wein, Branntwein u. a. Eintheilnng in die Taurische Halbinsel, in die Nogaische Steppe und das Kertsch-Jenikalesche Stadtgouvernement. Früher gehörte auch das Land der Tschernomorischen Kosaken oder der Kosaken vom Schwarzen Meere zu T. 2) Die Taurische Halbinsel, s. Krim. Dronke. Taurin, s. Galle. Tauris, 1) (a. Geogr.), Insel an der Küste von Jllyrien im Venetianischen Meerbusen, j. Torcola; 2 ) (n. Geogr.), District der persischen Provinz Ader- beidschau; 3 ) (Täbriz), Hauptstadt desselben u. der Provinz, am Adschi, mit Residenzschloß, befestigt, hat eine Citadelle mit Arsenal, zahlreiche Moscheen, Karavänserais, Bäder, reiche Bazars; wichtig ist die Industrie (Baumwolle, Seide,Druckereien, Töpferei, Lederwaaren) u. der Handel; T. ist der Stapelplatz der von den Häfen des Schwarzen Meeres durch Karawanen eiugeführten Maaren; die Umgegend gleicht einem großen Frucht- u. Gemüsegarten, eiugeschlos- sen von den Schneegipfeln Armeniens. 180,000 Ew. T. war sehr zurückgekommen u. verdankt seinen heutigen Wohlstand erst wieder dem Abbas Mirza, welcher es zur Residenz nahm. Es gilt den Persern als Mittelpnnct der Welt u. ward 790 n. Ehr. von Zobe'ide, der Gemahlin des Khalifen Harun-al- Raschid, erbaut. Hier 6. Aug. 1805 Sieg der Perser über die Türken, 1725 von den Türken erobert. 2. Nov. 1827 Friede zwischen Rußland u. Persien. T. wird häufig durch Erdbeben erschüttert. Dronke. Taurische Halbinsel, so v. w. Krim. Taurister, ein keltisches Volk im jüdl. Norikum von dem der Gebirgszug der Tauern noch jetzt seinen Namen trägt. Taurocholsäure, s. Galle. Tauroggen, Flecken im russ. Gouv. Kowno, au derJnra, dicht an der preuß. Grenze; Grenzzollamt, etwa 2500 Ew. T. kam 1795 an Rußland. In der Mühle von Poscherau, einem Dorfe unweit T., schloß 30. Dec. 1812 der preuß. General Uork mit dem russ. General Diebitsch eine Übereinkunft (Convention von T.), wodurch das preußische Corps neutralisirt wurde. Tauromenlum (Tauromininm), j. Taormina s. d. Art. Taurus (Tanros) in a. G. das Hauptgebirg in Vorderasien, begann an der südl. Küste beim Vor- gebirg Chelidonium in Lykien, zog sich nördl. zwischen Lykien u. Pamphilien hin n. dann östl. durch Pisidien u. Jsaurien; au der Grenze von Kilikien u. Lykaonien theilt cs sich: der höhere nördl. Hauptarm An:i-T. (j. Hassan-Dagh), ging LurchKappa- dokien u. als Kapoles durch Armenien u. hing mit seinen nördl. Querketten (Marsische Gebirge) mit dem Kaukasos zusammen, während der Hauptzweig als Koronos, Sariphisches Gebirge u. Bagoos nach dem Kaspischen See u. durch Hyrkanien zog u. sich in Margiana mit dem Paropamisos (j. Hinduküsch) vereinigte; der südl. Hauptarm od. eigentliche T. ging als Amanos zwischen Kilikien u. Syrien bis zum Euphrat, dann als Zagros nach dem Tigris zwischen Armenien, Medien u. Assyrien, als Parachonthras durch Medien bis Parthien, als Persisches Gebirg zwischen Karmanien u. Gedrosselt u. als Bätisches im Norden Gedrosiens bis zum Indus, wo er dann mit dem Emodischen Gebirg und dem Paropamisos zusammenhängt. In der neueren Geographie umfaßt das T.-Gebirge nur den Südrand des Kleinasiatischen Hochlandes von Armenien bis zur Küste des Ägäischen Meeres. Als Anti-T. zweigt er sich vom armenischen Hochlande ab u. umgibt die WSeite des Euphrat; die südl. Ketten desselben (Gotscha-, Kanly-, Achyr-Dagh) ziehen von O. nach W., während die nördl. Ketten (Karabel-, Binbogha-D. rc.) von NO. nach SW. sich wenden. Am Jaran-Su, nördl. der Bai von Jskendernm stoßen beide zusammen; hier steigt der Kermes zu 3200 m an, während die Kammhöhe des Anti-T. vielfach nicht 1700 m überragt; der höchste Punkt ist der Erdschjas (der alte Argäus) mit 3841 m. Vom SEude des Anti-T. wendet sich das Gebirge wieder ganz nach W. u. bildet den SRand Kleinasiens ; es zeichnet sich hier durch seine Massenhastigkeit ans, ist über 800 km lang u. 200—250 km breit, und erhebt sich an vielen Stellen bis 3000 m hoch, mit wild aufsteigenden, riesigen Schneegipfelreihen u. mit gewaltigen Bergmassen, welche durch tiefe Spalten und Klüfte von einander geschieden, theils in Winkeln gleichlaufen, theils sich treffen. Gegen S. fällt Las Gebirge sehr steil ab, sanfter gegen W., wo es sich sodann nach N. herumbiegt, bis es sich bei Cap Baba mit dem der NKüste Kleinasiens folgenden Gebirgszuge vereinigt. Am T. Sieg des Saraceneufürsten Omar von Melitene über Theoktistos, Feldherrn des griech. Kaisers Michael III.; 1305 des Großfürsten Roger von Flor über ein türkisches Heer. Dronke. Tausch (ksrmutabio), der wesentlich zweiseitige Vertrag, bei welchem der eine Contrahentdem anderen eine individuell bestimmte Sache zum Eigenthum überläßt n. dafür von dem Letzteren wiederum eine individuell bestimmte Sache, nicht baares Geld, gleichfalls zum Eigenthum empfängt. Nach Römischen Rechte gehörte der T. zu Len nnbenannten Re- alcontracten (s. u. Cvntract), welche erst Lurch Hingabe des einen vertauschten Objects zur Persection gelangten. Nach heutigem Rechte entsteht auch hierbei schon Lurch bloße Uebereinkunst eine vollkommen wirksame gegenseitige Obligation. Die Verpflichtungen der Contrahenten unter einander sind im Allgemeinen die nämlichen, wie bei einem Kaufcon- tract. T-Handel, die Art des Handels, bei welchem für die gelieferten Maaren nicht Geld, sondern andere Maaren als Bezahlung gegeben werden. Tauschirarbeit (ital. tausia), ein alter deutscher Handwerksausdruck zur Bezeichnung einer der Damascirnng Ähnlichen Arbeit, welche wesentlich in dem Ein- od. Auflegen von edlen Metallstreifen in od. ans Eisen od. Stahl besteht. Wenn Eisen tauschirt werden soll, so wird zuerst die aus Gold od. Silber 213 Tauscnd — Tausend u. eine Nacht. zu bildende Zeichnung entweder mit der Feile oder durch Ätzung in die Oberfläche vertieft, damit die darauf gelegten n. mit dein Hammer u. Polirstahl eingedrückten dünnen Metallplättchen haften bleiben. Feinere Details können dann noch nachträglich mit dem Stichel in das Gold od. Silber eiugravirt werden. Die Kunst des Tauschirens stammt ans dem Orient, ebenso wie das Damasciren, wo sie noch gegenwärtig vielfach geübt wird, abschon die neueren Arbeiten hinter den alten sehr an Solidität u. Schönheit zurückstehcn. In Europa wird sie vorzugsweise in Rußland, neuerdings in großer Vollkommenheit auch in Spanien betrieben. Mißbräuchlicher Weife wird auch von Handwerkern das sogen. Guillochircn is. d.) als Tauschiren bezeichnet. Das Umgekehrte der T. ist die Tulaer Arbeit, welche nicht Eisen und Stahl durch edle Metalleinlagen, sondern umgekehrt Silbcrflächen mit Stahlstreifen in Form von Zeichnungen verziert. Schasler. Tausend (1000, lat. U. od.OIl), griech. a, hebr. ^>), eine Einheit des dekadischen Zahlensystems, und zwar die 3.höhere nach denEinern, die letzte, welche diemeistenSprachendurch ein(nrsprllngliches)Wort ausdrückcn. Früher unterschied manwohldaskleine T. (1000) n. das große T. (1200). Tausendfüßer, N^riopocka, Klasse der Gliederfüßer. Der lang gestreckte od. kurz gedrängte Kör- per der T. setzt sich zusammen aus zahlreichen, annähernd gleichgebildeten, beintragenden Körperringeln u. ist walzlich od. abgeplattet. Der Kopf ist deutlich ausgeprägt u. dem der Jnsecten analog gebaut. Er besitzt nur ein paar fadenförmiger, der Stirn eingefügter Fühler, meist einfache Augen, die oft gehäuft sind, u. 3 Kiefcrpaare ohne Taster. Die Oberkiefer sind beweglich, während die beidenUnter- kieferpaare unbeweglich n. mit einander verwachsen sind. Die auf den Kopf folgenden Körperringel lassen infolge ihrer Gleichartigkeit Brust u. Hinterleib nicht unterscheiden. Die Körperringel, deren Zahl von 6—160 geht, tragen fast alle je ein od. 2 Beinpaare von meist geringer Größe u. mit einfacher Endklaue. Der anatomische Bau der T. zeigt dagegen große Ähnlichkeit mit dem der Jnsecten. Der Darmkanal geht in gerader Richtung vom Mund bis zum After. DasHerz ist mit so vielen Kammern, der Bauch-Nervenstrang mit so vielen Knoten versehen, alsKörperringeln vorhanden sind. DicAthmung erfolgt durch Tracheen. Die T. sind getrennt geschlechtlich; die Geschlechtsorgane münden entweder am Kopf od. Aster. Die aus den abgelegten Eiern entschlüpfenden Jungen unterscheiden sich von den erwachsenen T. nur durcheine geringere Anzahl Körperringel, auch besitzen sie nur 3 Beinpaare. Mit ihrem Wachsthum sind Häutungen verbunden, welche eine Vermehrung der Fühlglieder u. Augen, sowie der Körperringel n. Beine im Gefolge haben. Die Nährung der T. ist thierisch-pflanzlich. Es sind lichtscheue, am Boden, unter Steinen, Baumrinden lebende Thiere. Gegen 600 Arten, deren größte, bis 23 ein lang, den Tropen angehörend; fossile Arten finden sich noch im Bernstein. Eintheilung: 1. Ordnung 6In1oAQLtba, eigentliche T.. Körper drehrund, höchstens unten platt, 9—80ringelig,mit senk- recht gestellten Kopfe, der kurze, 7gliedrige Fühler trägt. Den Körperringeln sind vom 5. od. 6. an je 2 Beinpaare eingefügt. Die Geschlechtsöffnungen liegen am 2. od. 3. Körperringel. Alls Körperringel tragen Stigmen. Von träger Lebensweise, rollen od. kugeln sich bei Gefahr n. in der Ruhe ein. Überall verbreitet, leben von modernden Pflanzen- und Thierleichen. Hierher u. a. llulus snbulosvs L., L-audtausendfuß, 3,z mm, graubraun od. schwärzlich mit 2 röthlichen Rückenlinien; drehrund, 50- riugelig, rollt sich spiralig auf; Feld- und Gartengewächsen schädlich. 1?oh-cis8mns oompianatns Äe Sser. 2,4 cm. Gemeine Randassel; röthlich grau; Körperriugel2l, plattenartig. DerKörper der Schalenaffeln,tAomsris. ist kurz, unten ausgehöhlt u. nur 12ringelig; die Thiere kugeln sich bei Gefahr zusammen. ü. marMnata Lcckr., gesäumte Schalenasseln, 1„ om, schwarzgrün, quer fein hellgelb gesäumt. 2. Ordnung Oinioxoäa, Scolopender; Körper abgeplattet, bis 160ringelig; Kopf wagrecht, Fühler lang, 14—20gliedrig; Körperringel mit nur je einem Beinpaar; Geschlechtsöffnung am After. Hierheru. a. die Fam. derScolopender, s.d. Farwick. Tausendgüldenkraut, ist Kr/tirrass. Osntan- rium. Tausendjähriges Reich, s. Chiliasmus. Tausend u. eine Nacht, der Titel einer arabischen Sammlung orientalischer Märchen und Erzählungen aus verschiedenen Jahrhunderten u. von verschiedenem Charakter u. großer Abwechselung im Ganzen wie im Einzelnen, Allegorien, Gleichnisse, Parabeln sind eingewebt, mit erzählenden Menschen wechseln sprechende u. handelnde Thiere, Wahrnehmungen aus der Pflanzenwelt u. dem unorganischen Reich der Natur sind angekuüpft; eingefügt sind den einzelnen Erzählungen Denksprüche, Erfahrungssätze, Lebensregeln, Räthsel. Der Hauptheld ist Harun al Raschid (s.d.); neben ihm spielt eine Hauptrolle Schehezerade, die Tochter eines persischen Wesirs; sie war nach der Sage einem Khalifcn verheirathet, welcher seine Frau, sobald er derselben überdrüssig wird, nmbringen läßt. Schehezerade weiß aber durch Erzählung von immer neuen Märchen sein Interesse zu fesseln, n. diese Märchen sind in T. u. e. N. enthalten, u. in einer sehr leichten, fließenden, demVolkslebensichanschließendenSprache geschrieben. Diese Sammlung ist weder indischen noch altpersischen, sondern mohammedanisch-arabischen Ursprungs und hat Ägypten zum Vaterland, weil Sitten, Gebräuche, Örtlichkeit n. Sprache durchaus einen ägyptischen Stempel tragen. Auch sind die zahlreichen mehr od. minder vollständigen Handschriften der T. u. e. N. gerade in Ägypten aufgefunden und gesammelt worden und ans dem Gange der arab. Literaturgeschichte läßt sich ebenfalls leicht erweisen, daß nach dem Sturze des Khalifats arabische Literatur, Kunst ».Handel nirgends in so üpPigemFlore vlühtenalsinAgypten unter der Herrschaft der Dynastie der Mamlnken, deren Prachtu.Lnxus sich überall inden üppigen Beschreibungen der T. u. e. N. abspiegelr. Die ursprünglich kleine Sammlung der T.n. e. N. wurde durch später hinzngekommene, immer von Neuem vermehrte fremde Erzählungen allmähtich erweitert u. ist theil- weise zu Ende des 6., während dem 8., 9. und zu Ende des 13. Jahrh. entstanden. Nächte heißen sie, weil sie bes. zu dieser Tageszeiterzählt wurden; 1001 bezeichnet nicht diese bestimmte Zahl, sondern 1000 bedeutet sehr viel u. darüber noch eine, also eine 214 Tausig — große Menge. Der arabische Text ist herausgege- ben von Akmad Schirwani (nur die ersten 200), Calc. 1814—18, 2 Bde.; von Habicht u. Fleischer, Bresl. 1825—43, 12 Thle.; von Macan u. Mac- naghten, Calc. 1839; Bulak, 1835, 2 Bde. Aus Las Gebiet der europäischen Literatur brachte diese T. u. e. N. zuerst Galland, als Iwv millss ob uns nuits ins Franz, übersetzt, Par. 1704—1708, 12 Bde.; u.ö., mit Fortsetzungen von Caussin de Per- ceval, ebd. 1806, 1 —9. Thl.; von E. Gauttier, ebd. 1822—23, 1.—7. Bd.; von Destains, ebd. 1823—25, 6 Bde.; von Trebutien, ebd. 1828,3 Bde.; von Bourdi», 1838, 4 Bde. Aus der Gal- landschen Übersetzung gingen zum Theil hervor die italienische: Novelle arads äiviss in mills ob una nobbs, Vened. 1722, 12 Bde.; die englische: ^.ra- küan niZIrts sntsrtuinmenbv, oonsisbiuA ob ovo umi blwusuust 8toriö8, Land. 1796, 4 Bde. u. m.; aus dem Urtext übersetzt von I. Scott, ebd. 1811, 6 Bde. (Lpz. 1827, 1 Bd.); andere engl. Übersetzungen von Ed. Förster, Lond. 1802, 5 Bde.; von Lambe, ebd. 1826, 3 Bde.; von Laue, ebd. 1839, 3 Bde.; deutsche Übersetzungen: Lpz. 1712, 4 Bde.; ebd. 1759, 12 Bde.; von I. H. Boß, Brem. 1781 bis 1785, 6 Bde.; von Wichmann, Lpz. 1810,5 Bde.; nach Hammers nicht gedruckter französischer Übersetzung von A. E. Zinserling, Tüb. 1823—24, 3 Bde.; von M. Habicht, F. H. von der Hagen n. K. Schall, Bresl. 1824 f., 15 Bde., 5. A. 1840; von Weil, Stnttg. 1837—42, 4 Bde. u. Stuttg. 1841 s., 44 Bdchcn.; von Al. König, Lpz. u. Berl. von 1840—42, 24 Bdchen.; von L. Parrot, Berl. 1843, 3 Bde.; dänisch von Heelegaard, Kopenh. 1818; Rasmnssen, ebd. 1824. Nachbildungen waren: I. von Voß, 1001 Nacht der Gegenwart, Berl. 1809—11, 4 Bde.; ferner l-ss rnllio ob nn zonrs (Tausend u. ein Tag), Persische Erzählungen von Petit de la Croix, Par. 1710—29, 5 Bde., u. von Collin de Plancy, ebd. 1826, 5 Bde. (englisch von Philips, Lond. 1738, 5. Ausg. Kob. 1779—81, 3 Bde.; deutsch, Lpz. 1788, 3 Bde., u. von v. d. Hagen, Prenzl. 1839, 11 Bde.); I,ss mills sb uns sienres, Amsterd. 1733, 2 Bde.; Ims mills sb uns guart ck'irsurss, tatarische Erzählungen, Haag 1715 bisl7l7,4Bde.,deutsch Lpz. 1716—17,2 Bde. Tansig, Karl Friedrich, einer der größten Klaviervirtuosen, geb. 4. Nov. 1841 in Warschau, SchlllerseinesVaters,mitkaum14Jahren zusammen mit Bülow Schüler von Liszt, zeigte ein an das Wunderbare streifendes Klaviertalent u. einen brennenden Eifer nicht allein für Musik, sondern auch für wissenschaftliche Gegenstände; begleitete Liszt mehrfach auf seinen Reisen u. spielte 1856 erstmals öffentlich in Magdeburg, 1858 unter getheilter Ausnahme in Berlin, ging 1859 nach Dresden, 1862 nach Wien, konnte aber auch hier wegen seiner noch un- gebändigten Subjectivität, wie Ler von ihm verfolg- ten neudeutschen Tendenzen nicht durchdringen und gab sich, bald in Wien, Genf, London, Brüssel u.a.O. lebend, erneuten Studien hin, woraus er, künstlerisch gereift u. geklärt, 1865 wieder in Berlin concertirte und von nun an hier, wie auswärts, 1866 in Hamburg, Dänemark, Schweden, 1867 in Leipzig, 1868 in Holland, Rußland, Ungarn, in der Türkei, den größten Enthusiasmus hervorrief. Schon 1866 war er zum Hospiauisten des Königs von Preußen er- Tavannes. nannt worden u. hatte im gleichen Jahr in Berlin eine Akademie für höheres Klavierspiel errichtet, welche sich bald eines hervorragenden Rufs erfreute. In den letzten Jahren mehr u. mehr an hypochondrischer Verstimmung leidend, zu der sich ein rheumatisches Übel gesellt hatte, wollte er in Ragatz Heilung suchen, doch ehe er dahin gelangte, befiel ihn in Leipzig, wo er zuvor Liszt sehen wollte, der Typhus; er st. 17. Juli 1871 in Leipzig und wurde auf dem Friedhof der Jerusalemer Gemeinde zu Berlin beerdigt. T. war mit Seraphine von Vrabely, einer ungarischen Pianistin, verheirathet, doch trennte er sich nach kurzem Zusammenleben wieder von ihr. Sein Klavierspiel zeichnete sich durch einen ebenso schönen, elastischen Anschlag, als eine bis zur höchsten Virtuosität ausgebildete Technik u. einen musikalisch durchdachten Vortrag in der Interpretation der verschiedensten Werke aller Richtungen aus; anfänglich einer leidenschastlichen Subjectivität hingegeben , befleißigte er sich später einer durch strengste Selbstkritik gewonnenen Zurückhaltung in so hohem Maße, daß ihm nicht selten Mangel an Innerlichkeit znm Vorwurf gemacht wurde. Er schrieb eine Reihe größtentheils noch ungereifter Klaviercompo- sitionen u. verschiedene vorzügliche Bearbeitungen, darunter Orackns alliLarnassum von Element!, Das wohltemp.Klavier von Bach, Klavieranszng zu: Die Meistersinger von Wagner; die nach seinen: Tode von Ehrlich herausg. Tägl. Studien enthalten eine Fülle technischen Studienmaterials. Siebenrock. Taust (czech. Domaslice), Stadt u. Hanptort in dem gleichnam. böhm. Bez. (Oesterreich), Station der Böhm. WBahn, 6 Kirchen (darunter eine Dechanteikirche), Realgymnasium, Convent der Eremiten St. Angnstini (1287 gestiftet), Fabrikation von Leinewand, Band, Wirkwaaren, Wachholderwasser, Öl rc.,Töpferei; 1869:6969 Ew.JnderNähe Glas- u. Spiegel-, sowie Zündwaarenfabriken. Tantacismus (v. Gr.), übelklingende Anhäufung von gleichen Anfangsbuchstaben in nahe bei einander stehenden Wörtern od. Sylben; auch Anhäufung gleich- n. ähnlich lautender Stellen. Tautochronisch (v. Gr.), gleichzeitig, gleich- dauernd. Tautochronismus, Gleichzeitigkeit. Tantogramm (v. Gr.), ein Gedicht, in welchem alle Verse mit demselben Buchstaben anfangen. Tautologie (v. Gr.), die Bezeichnung eines Gedankens durch mehrere gleichbedeutende Ausdrücke; verschieden hiervon ist der Pleonasmus, s. d. Tauwerk, s. u. Tau. Tavanucs,Gaspardde Saulxde T.,franz. Marschall, geb. 1509 in Dijon, hat in den 3Hugenoi- tenkriegen eure hervorragende Rolle gespielt. Als StatthaltervonBnrgund hinderte erznnächstdieAus- führung des 17. Jan. 1562 bekannt gemachten Tole- ranzedictsfur seine Provinz, begleitete dann, als fast unmittelbar nach dem im März 1568 abgeschlossenen Frieden von LongjumeaudieFeindseligkeitenzwischen Reformirten u. Katholischen wieder begannen, den Herzog von Anjou in das Gebiet zwischen Loire u. Garonne, ohne denselben vorerst zu energischem Vorgehen bestimmen zu können, bis er ihn zur Schlacht bei Jarnac(Bassac) drängte, u. einzig durch seine Geschicklichkeit zu Gunsten der Katholiken entschied (12. März 1869). Nicht weniger war der Sieg bei Montcontour 3. Oct. 1569 ihm zu dau- 215 Taverne ken. Er war der einzigeMami im königlichen Heere, der an Kriegserfahrung und Geschick dem Admiral Coligny gleichkam, hat sich aber durch seine Theil- nahme beim Beschluß in der Anssiihrnng der sog. Bariholomäusnacht(23.—24.Aug. 1572), seinen Ruf getrübt. Vgl. darüber Lacretelle, älstoirs äsb'ranoo psnäanb Iss Fnsrres äs Is, rsIlFion, 4 Bde., Par. 1814—16. Hier sind alle AnekdotenvondenGräuel- thaten dieser Nacht geschickt zusammen geordnet. T st. im folgenden Jahre ans dem Schlosse Snilly bei Autun, als er den Herzog von Anjou zur Belagerung von La Nochelle begleitete. Seine Briefe an Karl IX. herausgeg. 1857, I-sktrss äivsrsss von Barthelemie, 1858; Biographie T-s von seinem Sohn Jean geschr., Lyon 1657. Guillaume de Saulx dcT., der älteste Sohn des Vor., geb. 1553, seit 1574 Gouverneur des Herzogsthums Burgund, gest. 1633, schrieb Memoiren über die Bürgerkriege in Frankreich, Llsmoirss Iristorignos 1560—1596, gedr. Par. 1625. Schmitz. Tavernesv. Lat., engl. Tavern), so v. w. Taberne. Tavernrcus (v. Lat. 1'absrna), 'lavsrnisornm rsAalium inn^istsr, früher der Amtstitel des Erzschatzmeisters in der ungarischen Reichsverwaltnng. Er war als einer der 11 Reichsbarone Mitglied der Magnatentafel. Als ein eigener Beamter für die Verwaltung des Schatzes angestellt wurde, sungirte der T. nur mehr als oberster Aufseher der sog. Ta- vernicalstädte (eines Theils der königl. Städte), als Mitglied des kgl. Rathes und des obersten Gerichtshofs. Später war der T. nur mehr Mitglied der kgl. ungarischen Statthalterei n. der Septcmviralta- sel u. in Vertretung des Paladins u. des lnäsx su- riasPräsident derMagnatentasel. Jetzt nur noch ein Titel. Lagai. Tavetschcrthal, 12 Irin langes Thal im Bez. Vorderrhein des Schweizerkantons Granbünden, zieht sich von Disscntis den Vorderrhein hinauf bis säst zum Sixmadnn; ist ein reizendes n. fruchtbares, vongewaltigenGletschernumschlossenesHochthal,wird oft von Lawinen heimgesucht. Tavira, Stadt in der portng. Prov. Algarve, zu beiden Seiten u. unweit der Mündung des Rio Sequain den Atlantischen Ocean; maurisches Castell, 2 Collegiatkirchen, Armenhaus, Spital, Mineralquelle von 20° L., Sardellen- u. Thunfischfang; Hasen; 9000 Ew. Tatzistok, Stadt in der engl. Grafschaft Devon, am Tavy, Eisenbahnstation; Lateinische Schule, Institut mit Mineraliensammlung, Bibliothek, große Eisengießereien; 1871: 7725 Ew. T. send?t 2 Mitglieder ins Parlament, gibt der herzoglichen Familie von Bedsord den Marquistitel n. ist der Geburtsort von Franz Drake. Tavoi, 1) Distr. der indobritischen Division Tennasserim (s. d.), reich an Reis, Eisenminen; 18,647 Hjllm u. 71,827 Ew. 2) Hanptort darin, an dem gleichnam., hierfür kleinere Schisse fahrbaren Flusse, Küstenhandel, 14,469Ew., darunter viele Chinesen. 3)Jnsel des Mergni-Archipels an der Küste daselbst, ausgezeichnet durch stets jrisches Wasser. Talvastehus, 1) Gouv. im russ. Großfürsten- thnm Finnland, begrenzt von den Gonv. Nyland, St. Michel, Wasa u. Äbo-Björneborg, ist reich an Flüssen (Kymmene, Kuma), Seen u. Wäldern, ein Granitplateau, aber nicht unfruchtbar; Hauptbe- — Taxe. schäftigung: Ackerbau, Viehzucht, Jagd, Fischfang u. etwas Industrie, 2200 mit 198,000 Ew.; 2) (Hämenkaupungi), Hauptstadt hier am Wanaja- See durch Eisenbahn mit Helsingfors rc. verbunden, 3506 Ew. Unweit davon das befestigte Schloß Ta- wastehus, mit Zeughaus, Magazin, Kasernen u. russischer Besatzung. Dronk. Taxation (v. Lat.), Schätzung, Würdigung des Werthes eines Gegenstandes, bes. wenn sie im Pro- cesse od. sonst in Veranlassung eines juristischen Geschäftes geschieht. Die T. erfolgt durch Personen, welche entwedervon den betheiligten Parteien eigens zu diesem Geschäfte vorgcschlagen werden, od. auch schon im Voraus bei dem Gerichte oder einer andern öffentlichen Behörde für solche Geschäfte im Allgemeinen bestellt sind (Taxatoren). Nothwendig wird dieT. bes. beiErbschafts- n.Gemeinheitstheilnngen, sowie im Falle Bestrittenseins unter den Parteien bei der Frage über den Werth eines Streitgegenstandes, um darnach die Competenz des Gerichts zu bestimmen rc. In einer eigenthllmlichen Anwendung kommt die T. bei gewissen Verträgen, z. B. bei Heirathsgutsverträgen, bei Verpachtung von land- wirthschaftlichen Gütern od. auch von Handelsge- schästen vor, indem die das Heirathsgnt bildenden Gegenstände, od. das dem Pächter übergebene Inventar unter gegenseitigem Einverständniß einer T. zu dem Behufs unterworfen werden, damit wenn seinerzeit der betreffende Gegenstand nicht in Natur zurück gegeben werden kann, jener Werthanschlag ersetzt werden muß. Bezold. Taxe, 1) die von den öffentlichen Behörden resp. dem Staate od. der Gemeinde ausgehenden Preisbestimmungen für gewisse Gewerbserzengnisse und Dienstleistungen. Derartige Preisbestimmungen bestanden zur Zeit des Zunftwesens in größter Ausdehnung und waren wegen der damals äußerst beschränkten Concnrrenz im Angebot von Waaren n. Dienstleistungen eine Nothwendigkeit im Interesse der Consumtion. Aber auch heute noch finden sich in vielen Ländern T-nfürdenPreis insbesondere dernothwen- digsten Lebensmittel, wie Brod, Fleisch, Bier rc. (Le bensmittel-T-n), ferner sind solche Dienstverrichtnn- gen, welche nur eine kurzeZeit inAnspruch nehmen u. leicht zu übermäßigen Ansprüchen an das Publikum benutzt werden können, wie z. B. die Fnhrwerks- leistungen in den Städten, oder deren Angebot im Interesse der öffentlichen Sicherheit an u. für sich beschränkt wird, wie der Dienst der Commissionäre, Lohndiener, Auctionsinstitute rc. (Lohn-T-n) u. endlich werden auch Bestimmungen über die Höhe des vertragsmäßigen Zinses für Darlehen (Zins-T-n) heute nach den Erfahrungen, welche mit der Zinsfreiheit gemacht wurden, vielfach wieder einzuführen begehrt. 2) Die Gebühren, welche vom Staate bei der Übertragung eines öffentlichen Amtes, bei Er- theilung von Ehrenauszeichnungen, Gewerbeverleihungen (Concessions-T-n, Licenzgebühren), oder bei Ertheilung von Privilegien oder einer persönlichen Nachsicht der allgemeinen gesetzlichen Vorschriften (Privilegiums-u. Dispensations-T-n) oder für amtliche Beglaubigungen, Einträge in Grund-, Hypotheken- und anderen Büchern eingehoben und mittels besonderen Verordnungen (Taxordnungen) festgestellt werden. Die meisten derartigen L-n sind rein fiscalischer Natur und ihre Erhebung besitzt keine in- 216 Taxidermie nere Berechtigung, ausgenommen die oben zuletzt genannten. BeiUebertragung eines öffentlichen Amtes sind dieselben im Voraus gemachte Abzüge an der Amtsbesoldung; die Ehreiiauszeichnungeit des Staates werden durch die dafür zu zahlenden T-n Gegenstand des Kaufes; Concessious - Taxen sind Steuern, welche von den Gewerbsunternehmun- gen ohne Rücksicht auf ein Erträgniß im Vorhinein erhoben werden; Privilegien sind durch einen für die Volkswirthschaft zu erwartenden Nutzen entweder gerechtfertigt, dann sollen sie auch unentgeltlich ertheilt werden, od. sie sind für diese werthlos, dann ist auch ihre Verleihung ungerechtfertigt; Dispensa- tions-T-n endlich sind in den meisten Fällen, z. B. im Ehe- u. Vormundschaftsrechte, ebenso viele Beweise, daß die bezüglichen Gesetze sich entweder überlebt haben, oder an u. für sich im Widerspruch mit dem Rechtsbegriffe stehen, in welchem Falle es offenbare Ungerechtigkeit ist, dieselben nur zu Gunsten Einiger, welche die T. bezahlen können, außer Kraft zu setzen. 3) Im Englischen jede Gcldsteuerauflage überhaupt, z. B. insomo-tax. Maurus. Taxidermie (v.Griech.), die Kunst, todte thieri- sche Körper unter möglichst genauer Erhaltung ihrer eigenthümlichen Gestalt, Farbe rc. anfzubewahren. Bei den Säugethieren n. Vögeln, selbst bei einigen Amphibien u. Fischarten geschieht dies durch Ansstopfen, bei den übrigen durch Einsetzen in Spiritus oder durch Ausspannen, letzteres bes. bei Jnsecten. Taxilcs, König von Taxila (sanskrit. IsksUg,- tzilä), der indische Fürst, welcher sich mit Alexander d. Gr. auf dessen indischen Zuge gegen Poros verbündete u. dafür in dem Besitz seines Landes belassen und vergrößert wurde. Isxmeae od. Isxaveso, s. Ooniksrao. Taxis (Geneal.), s. Thnrn n. Taxis. laxoäium L. et ckU, Pflanzengatt, aus der Farn, der (loniksrss - Toxoäinsss; Art: I. äwtielmm Lr'ck., bis 30 in hoher, nordamerikanischer Baum, unten mit vorstehenden mannshohen Rippen und Wurzelauswüchsen; Blätter zart, hellgrün. Das Holz ist gutes Nutz- u. Bauholz; die Rinde, Blätter u. Zapfen werden im Absud als harntreibendes Mittel u. äußerlich gegen Flechten und Geschwülste ge- braucht. Von der lebenden Pflanze nicht unterscheidbare Reste finden sich in den tertiären Ablagerungen Europas. Engter. laxus L., Pflanzengatt, aus der Fam. der 6oni- ksrss-ll'axmeg.s, Sträucher oder Bäume von sehr langsamem Wachsthnm, mit linealischen, spitzen, oberseits dunkelgrünen, linkerseits hellgrünen, in der Regel nach 2 gegenüberliegenden Seiten gewendeten Blättern; männliche Blüthen mit schildförmigen, nnterseits 8 Fächer tragenden Staubblättern; weibliche Blüthen eineiig; Samen von einem fleischigen, oben offenen Becher umgeben (Taxusbeeren). Wichtige Art: T. basestu. T. (Taxus, Eibenbaum), im nördl. Europa u. Asien, auch in Gärten cultivirt zu Hecken u. ehedem, weil der Baum den Schnitt der Scheerc gut verträgt, zur Darstellung von allerhand Figuren benutzt. Die Taxusblätter haben eine der des Sadebaums ähnliche, die Menstruation befördernde abortive Wirkung und sind gistig. Das brannrothe, sehr feste Holz wird auf mancherlei Art verarbeitet n. ist sehr geschätzt, da es, schwarz polirt, dem Ebenholze gleichtu. fast unverwüstlich ist. Engler — Taylor. Tay, ein 185 km langer Fluß in der schott. Graf, schuft Perth, entspringt als Dochart im Gebirge im N' besLoch Lom ond, fließtdnrch den Loch T., tritt bei Dun- keld aus dem Berglande in das fruchtbare Strath- more ein, nimmt rechts Earn u. Almond und links Lyon, Tummel u. Isla auf, mündet in die Nordsee n. bildet hier einen ansehnlichen Meerbusen, den Firth os T. Er bildet den schönen Wasserfall von Moires u. ist namentlich in seinem oberen Laufe sehr reißend. Von Perth abwärts, bis wohin die Fluth geht, ist er für Schiffe von 100 Tons schiffbar. Bei Dundee führt eine 25. Sept. 1877 eröffnete, 3148 m lange Brücke mit 85 Öffnungen über den Firth of T. Tayäbas, Provinzialhauptstadt im SO. der Insel Manila (Philippinen im Indischen Archipel), hat lebhaften Handel, aber ungesundes Klima; etwa 18,000 Ew. Taygetos (Taygeton), die von Arkadien aus nach S. zwischen Lakonien und Messenien sich hin- zicheude Gebirgskette, endete am Vorgebirge Täna- ron (jetzt Matapan); seine höchste Spitze (jetzt H. Eliasberg) ragte 2593 m empor, war reich an Marmor, Metallen u. Waldungen; der Schnee blieb im rauhen Gebirge meist 9 Monate liegen; heißt jetzt noch T., auch Pentedaktylon od. Breccio di Maina. Taylor, 1) Jeremy, berühmter engl. Theolog, geb. 15. Aug. 1613 in Cambridge, studirte daselbst u. in Oxford Theologie, wurde 1636 Fellow im LU souls tlollsAs in Oxford, bald darauf Kaplan des Erzbischofs n. 1638 Prediger zu Uppingham. Erfolgte Karl I., auf dessen Befehl er seine Verthei- digungsschrift für das Episkopat: Dpisoopao^ as- sertsck vKaiimb tUs LospUsU anä Lsrians okck anck nsrv, 1642 geschrieben, ins Feld, wurde 1644 bei der Belagerung des Schlosses Cardigan von den Parlamcntstruppen gefangen und verlor seine Pfarrei. Er eröffnete nach seiner Befreiung eine Schule zu Newton Hall in Carmarthenshire, welche er nach seiner Verhcirathung mit Joanna Bridges, einer natürlichen Tochter Karls I., wieder aufgab, und beschäftigte sich nun nur wissenschaftlich. 1660 wurde er Bischof von Down, Connor u. Drumore, Mitglied des irischen Geheimen Raths u. Vicekanz- ler der Universität Dublin n. starb 13. Aug. 1667 in Lisbnrne. Er ist berühmt als Kanzelredner, Dogmatiker u. bes. als asketischer Schriftsteller, zeichnet sich aber in seinen Schriften durch Toleranz gegen Andersdenkende ans. Von denselben seien genannt: läbsrt^ ok propUesziuA, 1647; Irsatisss on Uol^ UvinA snä lrol^ äzUv§, 1651; TUs Zrest sxsmpksr or ll'Us Uks ami ässtU ok tUs Uolx llssus, 1653; seine Werke, zu denen auch seine herrlichen Predigten gehören, herausg. von Bischof Heber, 1822, 15 Bde.; n. A. vvnCH. Page Eden, Lond 1847—54,10 Bde,; vergl. Willmot, LivUop 1. P., Lond. 1846. 2) Brook, namhafter Mathematiker, geb. 18. August 1685 in Edmonton; wurde 1712 Mitglied der LoM sueistz- u. 1714 deren Secretär, gab 1718 dies Amt auf, zog sich in die Einsamkeit zurück u. st. in London 29. Dec. 1731. Er ist hauptsächlicher Förderer von Newtons Fluxionsrechnung gewesen, deren wichtigere Sätze u. Anwendungen sich finden in seinem Hauptwerke: Nstkoäns inersmsntornm (Ursels, st invsrss, Lond. 1715, in welchem auch der Beweis des nach ihm benannten berühmten T-schen Lehrsatzes sieht. Er schr. u. a. noch: Oontsmplatio püi- 217 Taylors Lehrsatz — Tcba. Icwoplnea, Lond. 1720, sowie viele kleinere mathe-^ matische Aufsätze. 3 ) Zachary, nordamerikan. l Staatsmann u. 12. Präsident der Bereinigten Staa-! ten, geb. 24. Sept. 1784 in der Grafschaft Orange ^ im Staate Virginia (NAmerika), trat 1808 als Lieutenant in das 7. Infanterieregiment, stieg 1812 zum Capitän, erhielt als solcher das 50 Mann starke Com- mando im Fort Harrison am Wabashflusse u. schlug hier eine Horde Indianer so tapfer zurück, daß ihm der Präsident Madison den Rang eines Brevetmajors verlieh. 1832 Oberst des 16. Infanterieregiments, marschirte er mit diesem 1836 nach Florida, erhielt dann den Befehl über die erste Brigade in der Armee des Südens und besiegte mit dieser 25. Dec. 1836 am Okitschobisee den Indianerhäuptling Alligator, wurde hierauf Brigadegcneral, führte als solcher bis 1840 Las Commando in Florida u. wurde dann, mit dem Range eines wirklichen Brigadiers, Commandant im ersten Militärdepartcment; 1845 erhielt er das Commando der nach Texas bestimmten Occupationsarmee, setzte, bei dem Ausbruche des Krieges in Mejico, mit seinem Corps über den Rio grande, nahm Montercy, rückte bis Saltilla vor, er- kämpste, nachdem er ans Mangel an Mitteln die Operationen auf längere Zeit hatte einstellen müssen, 22. n. 23. Febr. 1847 bei Buena Vista einen vollständigen Sieg über die Mejicancr u. schlug dieselben abermals im April bei Tula. Der Präsident Polk erhob ihn darauf zum Generalmajor. 1848 von den Whigs als Präsidentschaftscandidat anfge- gestellt, wurde er 7. Nov. 1848 auch gewählt u. bestieg 4. März 1849 den Präsidcntcnstuhl der Ver- einigten Staaten von NAmerika, starb aber schon 9. Juli 1850 ander Cholera. 4)J.Bayard, nordamerikan. Staatsmann u. Reisender, Schriftsteller u. Dichter, geb. 11. Jan. 1825 in Kennet-Sqnare, Chester County bei Philadelphia, ans einer alten Quäkerfamilie,trat, mittellos, 1842 bei einem Drucker in Westchester (Pennsylvanicn) in die Lehre, zeigte aber bald solche dichterische Begabung (Ximsugs and otstsr koöms, Philad. 1844), daß einige wohlha- beude Freunde ihn seinem Wunsche gemäß zur weiteren Ausbildung nach Heidelberg sandten, Ostern 1844. Sein Studentenleben rc. schilderte er in Vi- srv8 a koob or Lnrops sssn rvitli Icnapsaolc and stokk, Philad. 1846, das ihn rasch populär machte u. 20 Aust, erlebte. Nach seinerRückkehr 1846 redi- girte er erst ein kleines Blatt in PhoenixvillesPennsyl- vanien),trataber 1848 nach einem kurzen Versuche bei einem Literaturblatt in die Redaction der Xsrv Xorlc Iridnns, für die er 1849, nachdem er seine Lfiznnss ok travsl dalladv 1848 herausgeg., eine Reise nach Californien u. Mejico machte; er beschrieb dieselbe: LI Dorado, 1850, 2Bde. 1851 machte er eine neue Reise durch Europa nach dem Orient, befuhr den Nil bis zum 12." 30.' n. Br. u. kehrte über Syrien u. Kleiuasieu zurück, um von nun an fast jedes Jahr eine neue Reise in ferne Länder zu unternehmen, die er dann in der ihm eigenthümlichen Weise in der Priduns beschrieb u. dann auch besonders herausgab. So ging er 1852 über England nach Calcutta, von China mit Commodore Perrys Flottengeschwa, der nach Japan u. kehrte Ende 1853 nach New Jork zurück; 1856—58 besuchte er Grönland, Lappland u. Norwegen, dann Griechenland n. Kreta n. kehrte über Rußland u. Polen nach Deutschland zurück, um sich in Gotha 1858 mit der Tochter des Astronomen Hansen zu vermählen. 1862 kam er als Gcsandt- schaftssccretär n. interimistischer Geschäftsträger nach Petersburg, kehrte aber schon 1863 wieder heim, von wo ab er nun zunächst eine Reihe Novellen u. Romane herausgab: kkannafillnirston, 1863;dofin 6vdkrez'8 Lartunoo, 1864; llis 8kor^ ok Könnet, 1866; ll»8opst and Ina krisndo, 1870; die Novellensammlung Üsantz' and tdo dsL8t, 1872, und das dramatische Gedicht Mio ina8gns ok tüs Aoäs, 1872. An dichterischen Productionen hatte er theils vorher, theils gleichzeitig erscheinen lassen: Loenm ok tlls Orient, 1854; I?oeiN8 okIroms und travel, 1855; Mrs xost8 jonrnal, 1862; Mre ballad ok XI>r. Linooln, 1869. Sein Hauptwerk aber ist seine Übersetzung von Goethes Faust im Metrum des Originals, eine in jeder Beziehung mustergiltige Leistung, dieLpz.1872—76in2 Bdn.crschien. JmJ.1871er- schien auch eine populäre Geschichte Deutschlands von ihm, übersetzt ins Deutsche von seiner Frau, Stuttgart 1871. Neue Reisen hatten Kaschmir u. Tibet, 1874 Ägypten, dann Irland zum Ziel, die wieder in höchst anziehender Weise geschildert seitdem erschienen. Am 7. Mai 1878 wurde T. bei dem deutschen Kaiser als außerordentlicher Gesandter u. bevollmächtigter Minister der Vereinigten Staaten ac- creditirt, st. aber schon 19. Dec. 1878 in Berlin. Die Schilderungen seiner früheren Reisen sind gesammelt herausgeg. in 10 Bdn., New Uork 1869. Zuletzt hat er sich noch mit einer Biographie Goethes n. Schillers beschäftigt, die er in einem Werke zusammen« zufassen gedachte. Am Tage seines Todes wurde in London sein neuestes Werk, Lrines Dsnoalivn (lyr. Drama), herausgcgeben. Er war auch Mitarbeiter des von E. v. Hesse-Wartegg in Leipzig seit 1878 her- ausgcgebenen Werkes über Nord-Amerika. l) 4> Lagai. S) Buchruckcr. S) Bartling. Taylors Lehrsatz, benannt nach Taylor 2), eine der wichtigsten Grundlagen der Differentialrechnung ans der Functionentheorie, ist ein Satz, welcher den Werth einer Function k (x), welchen dieselbe annimmt, wenn die unabhängig veränderliche Größe x um einen positiven od. negativen Betrag ü zunimmt, also die Größe k (x -P- Ir) in einer Reihe entwickeln lehrt, welche nach Potenzen von Ir fortschreitet u. außer diesen nur die Größe k (x), ferner k' (x), k" (x), d. i. die Differentialqnolienten von k (x), sowie konstante Größen enthält. Er wird gewöhnlich in folgender Form gegeben: k(x-I-Ir)^k(x)-i--k'(x) -1-—k"(x)-ff ^k"'(x)-s-.. 1 1.2 1.2.3 Beweis, Anwendung, Giltigkeitsgrenze rc. des Satzes findet man in jedem Lehrbuche der Differentialrechnung behandelt. Buchruckcr.» Tazettc ist Xareieene laretta T,. 7e, chemisches Zeichen für Tellur. Teakbaum ist Peotona Zrandik (s. d.). Tcännm, 1) (1. Lidioknnm), Hauptstadt der Sidicini in Campanien, am nördlichen Abhange des Massicus; seit Augustus eine römische Colonie; jetzt Teano; vgl. B. Pezzulli, Dieeoreo 8tor. della eittä di P. 8., Neap. 1820. 2 ) (P. Xpnlnrn), Stadt in Apulien, am Frento; jetzt Ponte Rotto. ^ Teba, Gräfin Engenie Marie, Kaiserin der ^Franzosen, s. Engenie 2). 218 Tebessa — Tebessa, Hauptort eines Militärbezirks in der sranz. Prov. Constantine, an der Quelle der Med- scherda, au den Abhängendes Aurdsgebirges in fruchtbarer Gegend, ans den Trümmern des alten The- veste, mit schönen römischen Altcrthümern (Corinthi- fcher Triumphbogen, Circus rc.), hat bedeutende Märkte für die Araber; 2214 Ew., ohne das Militär. Tebrth, vierter Nlonat des bürgerlichen u. zehnter desKirchenjahres beidenHebräern, hat 29 Tage u. fällt in den Dec. u. Jan. unseres Kalenders. Tech, ein 82 km langer Küsteuflnß im französ. Dep. Ostpyrenäen, entspringt am Fuße des Mont- de-l'Escoula in den Pyrenäen an der spanischen Grenze, fließt durch ein pittoreskes Thal, das in seinem mittleren Theile Vallspire genannt wird und mündet nördl. von Argeles in das Mittelmeer. Teche Bayou, Flnß im Nordamerika», llnions- staat Louisiana, vereinigt sich nach einem Laufe von ungefähr 330 icru mit dem Atchasalaya Bayou. Er ist bei Hochwasser fast auf seiner ganzen Stromlänge schiffbar. Technik (v.Griech.), 1) Kunstlehre; 2) die Lehre, wie eine Kunst od. ein Handwerk regelrecht ansge- übl werden soll; 3) Inbegriff aller gewerblichen Anstalten, der darin erlangten Fertigkeiten n. angewandten Hilfsmittel; 4) die Lehre von den Kunstwörtern. Techniker, überhaupt Gewerbskundige oder Kunstverständige, bes. aber in der Anlage und dem Betrieb der verschiedenen gewerblichen Anstalten u. Baulichkeiten erfahrene Personen u. namentlich im Maschinenbau u. im Jngenienrfach bewanderte und darin vorwiegend leitend beschäftigte. Technisch , ans eine Kunst od. Handwerk, bes. bei einem ausgedehnten u. rationellen Betrieb desselben, Bezug habend, kunstgerecht. Technische Ausdrücke, so v. w. Kunstwörter. Technologie (v. Griech.), 1) nach dem Begriff der Alten die knnstgemäße und wissenschaftliche Behandlung u. Darstellung einer Kunst od. eines wissenschaftlichen Gebietes n. dieAufstellung der Regeln, nach denen Lies zu geschehen hat. 2) (Gewerbkunde) die wissenschaftliche Darstellung, Beschreibungu. Erklärung der in den verschiedenen Gebieten der Ge- werbsthätigkeitvorkommendcnApparate, Werkzeuge, Verfahrnngsweisen n. Arbeiten. Je nach dem Umfange, in welchem man das Wort Gewerbe anffaßt, ist das Gebiet der T. ein weiteres od. engeres. ^.) Die T. im weiteren Sinne umfaßtalleGewerbe, alle Beschäftigungen, welche dem Menschen seinen Unterhalt verschaffen; sie läßt sich nach der Art der Gewerbe eintheilen: a) in die Lehre von den Gewerben, welche Rohstoffe erzeugen; zu diesen gehören die verschiedenen Zweige der Landwirthschast u. Viehzucht, Forstwirthschaft, Bergbau, Jagd nebst Vogel- u. Fischfang; d) in die Lehre von den Gewerben, welche die Rohstoffe weiter verarbeiten (vgl. L); o) in die Lehre von den nmsetzenden Gewerben od. dem Handel; ck) in die Lehre von der Hauswirth« schaft, namentlich die Kenntniß von Len Eigenschaften, Verfälschungen, Zubereitung u. Aufbewahrung der Nahrungsmittel, Kochkunst, Tranchirkunst rc.; ferner können die Bau-, Ingenieur- n. Kriegswissenschaften, die Seewissenschafr rc. zur T. im weiteren Sinne gerechnet werden. L) Die T. im engeren Sinne enthält eine systematische, also Wissenschaft- Technologie. liche Beschreibung u. Erklärung derjenigen Verfahr- ungsarten und Hilfsmittel, durch welche die rohen Naturprodukte zu Gegenständen des physischen Verbrauchs verwandelt werden. Hierdurch sind ausgeschlossen zunächst die Gewerbe, welche sich mit der Erzeugung der Rohstoffe od. dem Umsatz der Natur- u. Gewerbserzengnisse beschästigen; ferner alle Beschästigungen (Künste im engeren Sinne), deren Schöpfungen zur Befriedigung des Schönheitsgefühls od. überhaupt geistiger Bedürfnisse bestimmt sind. Die Erklärung der Berfahrungsarten u. Hilfsmittel gibt die T. dadurch, daß sie den Gang des Verfahrens, die Einrichtung der Werkzeuge auf Naturgesetze zurückführt n. so deren Nothwendigkeit, Wirksamkeit, Aufeinanderfolge resp. deren Unvollkommenheiten u. die Richtungen, nach denen hin Verbesserungen möglich u. anzustreben sind, nachweist, die T. lehrt somit, wie die Erfahrungen und Gesetze aller Naturwissenschaften n. mittelbar auch der Mathematiker. ans die industrielle Thätigkeit des Menschen anzuwenden und auszubeuten sind; daher setzt ein erfolgreiches Studium der T. schon ein umfangreiches Wissen voraus, namentlich sind Naturgeschichte, Chemie u. Physik unentbehrlich, Mathematik, Mechanik u. Maschinenlehre für ein tieferes Eindringen noth- wendig, Zeichnen, Waarenkunde, Nationalökonomie, Sprachkenntuisse rc. wünschenswerth. Bei der Verarbeitung der Rohmaterialien bedarf es nämlich nicht allein einer genauen Kenntniß der Eigenschaften derselben u. der Naturkräfte u. Naturgesetze, welche bei der Verarbeitung wirksam u. maßgebend sind, sondern auch einer Überlegung, wie die Verarbeitung am zweckmäßigsten u. billigsten, überhaupt so erfolgt, daß die Rohmaterialien durch die Verarbeitung einen entsprechend höheren Werth erlangen, damit der bei der Verarbeitung unumgängliche Aufwand von Zeit, Kraft u. Capital gedeckt u. ausgewogen werde. Ein richtiges u. Nutzen bringendes Verständnis) der Erscheinungen, Forderungen u. Erfolge im Gebiete der Gewerbslhätigkeit ist demnach nicht gut möglich, ohne richtige Begriffe über den Preis der Dinge, den Tauschverkehr, die Theilung der Arbeit, die Anwendung von Maschinen, den Einfluß von Zunftverhältnissen, Beschränkung od. Erleichterungen aller Art ans Preis, Consnm u. Ausdehnung der Gewerbe. Die Verarbeitung der Rohstoffe od. die Weiterverarbeitung schon bearbeiteter Gegenstände (Fabrikate) besteht nun entweder bloß in einer Veränderung der Form od. einer Veränderung der Materie selbst, oft aber auch in beiden zugleich. Je nachdem nun die Gewerbthätigkeit bloß od. doch vorwiegend Formänderung od. eine Substanzändernng bewirkt, nennt man das Gewerbe ein mechanisches od. ein chemisches, und demnach theilt man auch die T. in mechanische und chemische T. ein. a) Die mechanische T., welche mit den mechanischen Gewerben sich befaßt, behandelt namentlich die Verarbeitung der fertigen Metalle u. des Holzes, die Spinnerei u. Weberei, die Papierfabrikation, den Buchdruck und die ihm verwandten Gewerbe, die Verarbeitung des Leders, des Horns, der Borsten, ider Pelzwaaren, Gewebe rc. Die Eintheilung des Stoffes kann eine verschiedene sein. Die mechanische T. ist nach der Vonragsmethode entweder specielle T. od. allgemeine (vergleichende) T. Die specielle T. beschreibt der Reihe nach die Arbeiten, welche bei Technopaignia — Tecklenburg. 219 der Erzeugung der einzeluen Fabrikate auf einander^ griechischen Zeit, wo die Verse so eingerichtet sind, folgen müssen; dabei theilt man den reichen Stofsidaß sie die Gestalt der Gegenstände haben, deren bald nach den llrstoffen, z. B. Metalle, Holz, spinn-' bare Stoffe, Steine rc.; bald nach den erzeugte» Fabrikaten, z. B. Schlösser, Gewehre, Uhren, Drahtzieherei, Blechfabrikation rc.; bald endlich nach den bestehenden Gewerbsgebieten, z. B. Schlosserei, Drechslerei, Weberei, Tuch-, Dampfkessel-, Maschinen-, Werkzeug- rc. Fabrikation, Gießerei rc. Die allgemeine od, vergleichende T. beleuchtet die Hilfsmittel u. die auszuführenden Arbeiten an sich n. im Vergleich mit anderen zu demselben oder zn einem ähnlichen Ziele führenden Arbeiten u. Hilfsmitteln, z. B. die Werkzeuge zum Festhalten, znm Bohren, die Webstllhle rc. b) In der chemischen T. bildet zunächst die Hüttenkunde (s. d.) eine besondere Nnterabtheil- ung. Sie behandelt die Lehre von der Gewinnung der Metalle im Großen und zerfällt in die allgemeine Hüttenkunde, welche die Lehre von den Apparaten: Öfen, Gebläse, Maschinen, die Zusammensetzung, Eigenschaften u. Entstehungsart resp. Verwendung der Schlacken, Erze, Kohlen rc. im Allgemeinen n. die Gesetze der Pyrotechnik rc. umfaßt, u. in die specielle Hüttenkunde, welche von der Gewinnung der einzelnen Metalle handelt. In der chemischen T. im engeren Sinne unterscheidet man noch am einfachsten nach Len verarbeiteten Rohstoffen, diese sind au) wesentlich mineralischen Ursprungs: die Lehre von der Darllellnng der Schwefel-, Salz-, u. Salpetersäure der Lwda u. Pottasche des Salpeters, Kochsalzes rc., des Schwefels,der Sprengstoffe, des Schießpulvers, der Zündwaaren (excl. Phosphor) rc.,von derGlas-,Thonwaaren-, Ccmentsabri- kation, dem Brennen von Kalk, Gips rc.; db) aus der Pflanzenwelt rdieFabrikatiouvouZnckcr, Stärke, Cellulose -c., von Brod,Wein, Bier, Alkohol,Liqneurcu, Essigrc., von Parfümerien, von Lacken n. Firnissen rc.; oo) thierische Stoffe: dieGerberei, Leim-,Phosphor-, Knochenkohle-, Kunstdünger- rc. Fabrikation u. die Industriezweige, welche sich mit der Conservation resp. weiteren Verarbeitung von Fleisch, Milch rc., befassen. In alle 3 Gruppen greift hinein ää) die Fabrikation n. Verwendung der Farbwaareu, während endlich so) die Lehre von der Heizung und Beleuchtung zwar in manchen Gebieten, des. in der Beleuchtung, eine Reihe selbständiger Industrien umfaßt, anderseits aber sür fast alle Zweige der T als Pyrotechnik eine der wichtigsten Grundlagen bildet. Die Literatur der T. ist eine ungemein große, namentlich in Zeitschristen (Dinglers Journal, äurmlo8 ckss Uinoo, LnAsnserinA sie.) verbreitet. Wagner, Jahresberichte der chemischen T. Kerls Repertorium u. a. geben treffliche Ucbersichten des jährlich erschienenen Materials. Vergl. außerdem Wagner, Handbuch der chem. T., 10. A. Leipz., 1875, u. die Ueberschrift sic führen; dgl. verfertigten Simmias, Dosiadas (Theokritos) u. A. Techoiv, Friedrich, Gymnasialdirector n. Abgeordneter, geb. 16. Dec. 1807 in Bromberg, st::- dirte 1826—29 in Berlin Philologie, war 1329 bis 1833 Lehrer u. Adjnnct am Joachimsthal- Gymnasium, 1833—39 Oberlehrer am Gymnasium in Brandenburg, 1839—49 Oberlehrer und Professor an der Ritterakademie daselbst, 1849—70 Director des königl. Gymnasiums zu Rastenbnrg. Seitdem lebt er in Berlin, wo er auch Stadtraty ist. 1849 znm ersten Male in die 2. Kammer gewählt, legte er sein Mandat nach der Olmützer Convention 1850 nieder. Nov. 1858 wieder gewählt, schloß er sich der Fraction Vincke an u. zeigte sich bes. in kirchlichen Angelegenheiten freisinnig u. gehörte der Kammer eitdem, wenn auch von andern Wahlkreisen deputirt, an. 1866 zählte er zu den Mitbegründern der Rationalliberalen Partei, nachdem er 1862—66 zur Fortschrittspartei gehört. Seit 1871 ist er Mitglied des Reichstages. Teck, ein isolirter, langgestreckter, 774 m hoher Berg der Rauhen Alp bei Owen im Oberamte Kirchheim des Württemberg. Donaukreises, mit der gleichnamigen Burgruine, welche dem ehemaligen Herzogthum T. den Namen gab. Dasselbe gelaugte 1019 durch Heirath der Erbtochter Agnes an das Haus Habsburg u. später an Rudolf von Rheinsel- den, der cs 1077 Berthold von Hechiugen zu Lehn gab. Als dieser starb, ließ Heinrich IV., La ihm Berthold die letzte Zeit feindlich gewesen war, nur das Schloß T., das Städtchen Owen u. einige Dörfer am Schwarzwalde dessen Sohne Konrad als Erbe, den übrigen Theil des Besitzes gab er dem Herzog von Schwaben, Friedrich von Hohenstaufen. Einem Nachkommen Kourads, Albrecht II., gestattete 1152 Kaiser Friedrich I. zuerst, sich Herzog von T. n. Calw zn schreiben. Ludwig, Herzog von T.. Patriarch vou Aquileja, st. 1431 ans der Kirchen- versammlung in Basel u. 1439 starb mit dem Herzog Friedrich das Geschlecht der Herzöge von T. aus. Schon früher (1379 n. 1385) war der größte Theil des Herzogthnms durch Kauf an Württemberg gekommen, das später sich auch den Rest desselben mit Gewalt aneignete. Kaiser Maximilian sprach 1493 auf dem Reichstage zu Worms das Herzogthum sammtdessenTitel::. Wappen Württemberg zu, welchen Titel auch bis 1806 die Herzöge von Württemberg führten. Durch Decrete des Königs von Württemberg vom 1. Dec. 1863 u. 23. Aug. 1870 wurden die Kinder desHerzogs Alexander von Württemberg aus Lessen Ehe mit der Gräfin von Hohenstein zu Fürsten (Fürstinnen) von T. mit dem PrädicatDurchlancht,::. durch kgl. Entschließung vom 16. Sept. 1871 wurde der Fürst Franz von T., größerenWerkcüber chemischeT.vouKnapp,Volley,iGemahl der kgl. Prinzessin von Großbritannien u. Stohmann u. Eugler, Muspratt, Post; über mechan.I Irland, Mary (Tochter des Herzogs Adols von Cain- T. von Karmarsch, (5. A.Hann. 1879, 2 Bde.j, Kar-1 bridge), in den Herzoglichen Stand erhoben mit Beimarsch u.Heerens Tech». Wörterbuch, 3. A., bearb.i behallnng des Prädicats Durchlaucht, und geht der von Kick u. Gintl, Prag 1878—79. Zur Geschichte:!Herzogstitel auf deuErstgeborenenseiner männlichen Karmarsch, Gesch. der T., München 1872. Jmigck. ^Nachkommen über. H- Berns. Technopaignia (gr.), Spiele der Kunst; künst-! Tecklenburg, 1) ehemalige Grafschaft im West, lieh verfertigte Spiele; (LpiZrammaba ÜAurata,!fälischen Kreise, von den Bisthümern Osnabrück u. Bilderreime), eine poetische Künstelei der späteren!Münster umschlossen; 330 (6 HjM) mit » 220 ü'sctOIIL 18,000 Ew. Als die Grafen von T. IL56 ans-' starben, fiel die Grafschaft an die Grafen von Bentheim mit der damit verbundenen Reichs - u. Kreisstimme; diese traten 1699 das Schloß n. drei Viertheile der Grafschaft an die Grasen von Solms- Braunfels ab, welche 1707 ihre Rechte an den König von Preußen verkauften, der auch den Rest der Grafschaft erwarb. 1810 kam sie an das Großherzogthum Berg (Emsdcpartement) und alsbald zu dem Dep.! Obereins des franz. Kaiserthums. 1818 fiel T. an Preußen zurück n. bildet jetzt einen Bestandtheil des Kreises T. 2) Kreis im preuß. Regbez. Münster, besteht aus der Grafschaft T. n. der oberen Grafschaft Lingen, wird durchschnitten von der Linie Wunstorf-Rhcine der Hannoverschen Staats- u. der Linie Venlo-Hamburg der Köln-Mindener Eisenbahn; 811,^ (14„4 UM) mit(1875) 46,498 Ew. 3) Kreisstadt darin, am Teutoburger Walde; Amtsgericht, Rcctoratschule, höhere Töchterschule, Burgruine mit schöner Fernsicht; Cigarrenfabrikation; 1878: 981 Ew. T. ist der Geburtsort des Parabeldichters Krummacher, sowie der Aufenthaltsort Joh. Weiers, welcher hier bis zu seinem Tode wirkte. Vgl. Essellen, Geschichte der Grafschaft T., Leipz. 1877. H- Berns. loctons T., Pflanzcngatt. ans der Fam. der Vorbsnaooao (V. 1.). Art: '1. Aranüis L. /kl. (Teakbanm), hoher ostindischer, des. auf Java wachsender, für heilig gehaltener Baum, mit großen, spitzigen, herabhängenden, immergrünen, auf der unteren Fläche silberweißen Blättern und weißen Blüthen, dessen festes n. leichtes Holz (Teakholz, die geringere Sorte ans Java, Jatikapur, die bessere Jatisnnpn genannt) nicht von Würmern angegangen wird u. wegen seines Oelgehaltes das Rosten des Eisens verhindert, darum zum Schiffbau des. tauglich ist, auch zu Kegelkugeln verwendet wird. Aus den Blättern wird ein violetter Färbcstofs für Baumwolle n. Seide bereitet. Tectnr (v. Lat.), Decke; Umschlag eines PacketS Acten od. ähnlicher Papiere; Papierdecke eines Oblatensiegels. Tecuciu (Tekntsch), Kreisstadt in der Moldau (Rumänien),Stationder Rumänischen Bahn; Weinbau; 8120 Ew. Teddington, Dorf in der englischen Grafschaft Middlesex, an der Themse, 23 km oberhalb London, wo die unterste Themseschleuse sich befindet, und bis wohin die Fluth steigt; 1871: 4063 Ew. loüesca (ital.), der Deutsche. 1evoumIsuüSmus(gewöhnlich abgekürzt IsOeum, deutsch Herr Gott Dich loben wir), Anfang einer lateinischen Hymne, der lat. Übersetzung eines uralten morgenländischen Abendgesangs in griech. Sprache, welche Ambrosius, Erzbischof von Mailand, sllr seinen Kirchenchor fertigte u. die dann auch Augustin, Bischof zu Hippo, in der nordafrikanischen Kirche einsührte. Doch ist nach Koch, Kirchenlied, I., 48, die Urheberschaft des Ambrosius nicht über allen Zweifel erhaben. Nach 500 hatte sich der Ambrosianische Lobgesang schon überall im Abendlande eingebürgert n. wurde seit Karls d. Gr. Kaiserkrönung vei jeder Kaiserkrönung angestimmt. Im I. 1529 machten gleichzeitig Brentz n. Luther neue Übersetzungen; die letztere ist die in der Protestantischen Kirche noch gebräuchliche und wird namentlich nach - Tegetthoff. ' der alten Melodie bei Krönungen, Inthronisationen, Siegesfesten u. dgl. gesungen. Das D. v. ist auch oft als Figuralmusik componirt, so von Hasse, Naumann, Haydn, Schicht,Händel, Graunn.A. Lösfler.* Tees, ein 152 km langer Fluß im nördlichen England, entspringt auf dem Croß Fell in der Grafschaft Westmoreland, wo er mehrere Wasserfälle bildet, fließt Lurch das romantische Tecsdale, bildet die Grenze zwischen der Grafschaft Dnrham und dem North Riding der Grafschaft Jork u. fällt unterhalb Stockton mit einer weiten Mündung (T-Busen) in die Nordsee. Togal (Tagal), 1) niederländische Residentschaft auf der SOKllste der Snndainsel Java, reich bewässert u. fruchtbar (Reis u. Kaffee bes. angebaut), 2965 Hjkmn. 500,000 Ew.; 2) Hauptstadt hieran der Mündung des gleichnam. Flusses in das Meer; Hafen, Fort, etwas Handel; 30,000 Ew. Tegea, die größte u. mächtigste Stadt Arkadiens, in der SHälfte der großen arkadischen Hochebene gelegen; mit Akropolis n. mehreren prächtigen Tempeln, bes. dem der Athene Alea. Das zu T. gehörige Gebiet hieß Tegeatis. Den Spartanern leisteten die Einwohner von T. (Tegeaten) lange erfolgreichen Widerstand, daß diese ihren Versuch, Arkadien zu unterwerfen, ansgaben u. mitT. ein Bündniß schlossen (um 600 v. Chr.), das bis in die Zeit des Achäischen Bundes bestehen blieb; jetzt Ruinen zwischen JbrahimEfsendi u.PaleaEpistopi. Vgl. Koner, lls rslms Isgsutarum, Berl. 1843. Zähnte. Tegel, Dorf im Kreise Niedcrbarnim des prenß. Regbez. Potsdam, am gleichnam. Sec; beliebter Bergnügungsort der Berliner, Oberförsterei, Eisengießerei, Wasserwerke der Stadt Berlin; Handel mit Milch n. Gemüse; 1875: 1183 Ew. Dabei das eine reiche Sammlung von Kunstwerken enthaltende Schloß T., Geburts- u. Begräbuißort Wilhelms u. Alexanders von Humboldt. Tegel, graue, plastische Thone aus dem Tertiär, welche Glimmerschüppchen, etwas Qnarzsand und kohlensaureu Kalk enthalten; bes. in den Umgebungen von Wien. Tegernsee, 1) See im Bez.-Amt Miesbach des bayer. Regbez. Oberbayern, 732 in ü. d. M., 6 km lang, 2 km breit und bis zu 96 m tief, fließt durch die Mangfall in den Inn ab, einer der schönsten Seen Bayerns. 2) Kirchdorf, in reizender Lage am östlichen Ufer des gleichu. Sees, als Sommerfrische viel besucht; Forstamt, Schloß (ehemals gefürstete Benedictinerabtei, 736 gestiftet, 1804 ausgehoben) mit schönen Gärten, jetzt Eigenthum des Prinzen Karl Theodor in Bayern, viele neue Villas ; 1235 Ew. — DabeiderParapluiberg mitschrschöner Aussicht, am nordwestl. Ende des Sees derMuster- ökonomiehos Kaltenbrunn und 8 km südlich von T. das Bad Krenth (s. d.). Vgl. von Freybcrg, Älteste Geschichte von T., München 1823; Krempelhuber, Der T. und seine Umgebungen, 3. A. ebend. 1862; Höfler, Führer von Tölz u. Umgegend, T. rc., 3. A. ebd. 1878. H. Berns. Tegetthoff, Wilhelm, Freiherr von, öster- reich. Admiral, geb. 23. Decbr. 1827 zu Marburg (Steiermark), erhielt seine Ausbildung ans dem Ma- rinecolleginm zu Venedig, trat 1845 als Cadett in die österreich. Marine, machte 1848—49 die Blo- käde von Venedig mit, wurde 1851 Fregatten-, 1852 221 Tcgnsr - Linienschiffslientenant u. nahm an verschiedenen Expeditionen im Mittelländischen Meere theil. 1857 Corveitencapitän, führte er eine Expedition nach der Insel Socotora, begleitete 1859 den Erzherzog Maximilian als Adjutant nach Brasilien nnd avan- cirte 1860 zum Fregatten-, 1861 zum Linienschifss- capitän. Im Kriege mit Dänemark 1861 führte er das österreich. Geschwader u. bestand 9. Mai, durch preußische Schiffe unterstützt (s. Marine, S. 621, 1. Sp.), das Gefecht bei Helgoland, wofür ihm die Bürgerschaft von Hamburg ein Ehrengeschenk widmete. Im Kriege von 1866 Befehlshaber der österreich. Flotte, trug er 20. Juli über die italicn. Flotte bei Lissa einen glänzenden Sieg davon, der ihn mit einem Schlage in die Linie der berühmten Seehelden erhob. Er wurde dafür znm Viceadmiral ernannt. 1868 erhielt er die Ernennung znm Commandanten u. Gencralinspector der Marine, als welcher er die Reorganisation der österreich. Flotte leitete. Im selben Jahr Geheimrath und lebenslängliches Mitglied des Herrenhauses, starb er 7. April 1871 in Wien. Denkmäler in Marburg, Pola und Wien. Vgl. Admiral T. u. die österreichische Kriegsmarine, Meran 1867 (von einem höheren österreichischen Marineoffizier). Schroot. Teguer, Esaias, schwed. Dichter, geb. 13-Nov. 1782 zu Kyrkerud im schwed. Lau Carlstad (Wsrm- land), studirte seit 1799 in Lund, wurde daselbst 1801 Amanuensis an der Universitätsbibliothek, 1803 Do- cent der Aesthetik, 1805 Adjunct der Philosophischen Facultät, 1812 Professor der Griechischen Literatur, 1823 auch Pastor in Reslöf und 1824 Bischof zu Wexiö; 1840 auf einige Zeit geisteskrank, kehrte er 1841 nach Wexiö zurück, hatte 1846 einen apoplek- tischen Anfall n. st. 2. Nov. 1846 in Wexiö. Er schr.: LriAssLnA kör Icon^I. Lleänskes lancitvärnst, Stockh. 1809; Sven (Schweden), 1811; Sl-rttvaräe- barnsn, Stockh. 1821 (deutsch Die Rachtmahlskin- der, von Olof Barry, Lund 1825 , von Berg, Kö- nigsb. 1833); ^xsl (idyllisches Gedicht), Lnnd1822; I'ritkrjokseaZs,, Stockh. 1825 (deutsch von Amalie von Helwig, Stuttg. 1826, von Mohnike, Strals. 1826, 5. A. 1842; von Schlay, Upsala 1826; von I. Th. Mayerhosf, Berl. 1835); Lmärrs samlaäo ckisttsr, 1841. Seine letzten Gedichte waren die Kronenbraut (deutsch von Hans Wachenhusen, Hamb. 1851) u. Gerda. T-s gesammelte Werke gab heraus sein Schwiegersohn, Professor Böttiger, in 6 Bdn., Stockh. 1847—50 (1. Bd. die größeren Gedichte, 2.—4. Bd. die kleineren Gedichte, 5. u. 6. Bd. Gclegenheits- u. Schulreden, Briese rc.) nnd 1 Supplementband (Kirchcnreden enthaltend); eine deutsche Übersetzung der Gedichte T-s gab Mohnicke (Leipz. 1840) heraus. Eine Ausgabe vorher unge- druckter Sachen (Briese, Gedichte, Vorlesungen rc.) erschien in Stockholm seit 1873 unter dem Titel lüktsrlsmnacks Lkrikter, uz? LamlinA, 3 Bde. Lebensbeschreibung von Böttiger (deutsch von Wilken, Berl. 1847). Waldeck, T-s Stellung zur Theologie und Philosophie, Stuttg. 1863. Tegucigalpa, Departementshauptstadt im cen- tralamerikan. Staat Honduras, am Rio Grande, über den eine schöne steinerne Brücke sührt; Univer- sitätsakademie,schöne Kathedrale u.a. stattliche Bauten; bedeutende Gewerbthätigkeit u. lebhafter Handel; 8000 Ew. - Teirich. Teheran (d. i. die Reine), Hauptstadt Persiens (mit dem heiligen Namen Dar-el-Khelafeh), liegt in einer Salzwüste auf der Hochebene von Rai, 2 Meilen südl. des Elburs, 1500 m ü. d. M. Endpunkt einer (seit 1878 im Bau begriffenen) Eisenbahn von Reschl. Die Stadt hat einen Umsang von 6 üm, ist befestigt durch Wall u. Graben. Das Herz der Stadt bilden die Bazare; an freien Plätzen ist Mangel. Die königliche Burg befindet sich ans der NScite der Stadt. Die Stadt hat zahlreiche Moscheen u. mohammedanische Schulen u. außerdem einige theologische Hochschulen, eine königliche Gelehrtenschnle mit europäischen Professoren (seit 1850) mit Bibliothek. Die Zahl der Einwohner beträgt im Winter 120,000, im L-ommer nur 80,000, da während des Sommers stets Z der Bevölkerung die Stadt verläßt, um den herrschenden Fiebern zu entgehen u. die gesundere Landschaft am Fuße des Elburs (Schamiran genannt) aufznsnchen. Der Gewerbfleiß der Bewohner erstreckt sich hauptsächlich ausEisenwaaren u. Teppichwebereien. Ausgezeichnet sind die Gartenanlagen mit künstlicher Bewässerung; der durch besonderen Wall geschützte Palast enthält große Schätze des Schah; die Umgegend, eigentlich eine Steppe, durch Kunst aber fruchtbar gemacht, liefert namentlich herrliches Obst. Hier 4. Septbr. 1746 Friede zwischen Persien u. der Türkei. Der Schah Mohammed- Ayn-Khan erhob T. 1798 zur Residenz. Im Sept. 1833 hier Ausstand gegen die Polizei. In der Nähe die Schlösser Negori sta n, mit schönen Gärten, u. Lacht-Kat schar, terrassenmäßig angelegt. Dronke. Tehuacan de las Granadas. Stadt im meji- cau. Staate Puebla, früherer Wallfahrtsort der Azteken; 10,000 Ew. Tehuautcpec (Minatitlan), Stadt im mejican. Staate Oajaca, in der Nähe des Großen Oceans, welcher hier den Golf von T. bildet; etwa 12,000 Ew., meist Farbige. Hier hat der norüamerikani- sche Continent seine schmälste Stelle (Isthmus von T.), welche bei der projectirten Kanal- u. Eisenbahnverbindung zwischen dem Großen und dem Atlantischen Ocean in Berücksichtigung gezogen wurde, gegen das SJunan - n. Atratoproject aber in den Hintergrund getreten ist. Teichhuhn, ist Oailinnla eüloropns. Teichmuschel (Entenmuschel), s. Flußmuscheln. Teichrose, ist Istz'inpimea, alba. Teifuns (Iz'koorw), heftige Stürme in den chinesischen Meeren, die von O. nach W. od. von OSO. nach WNW. fortschreiten, s. Wirbclsturm. Tcignmouth, Marktstadt in der engl. Grafschaft Devon, an der Mündung des Teign in den Kanal, Eisenbahnstation; Marmorschleisereien,Hafen,Schifffahrt, Fischfang (Lachse, Sardinen) , Ausfuhr von Granit, Pfeifen- u. Töpferthon n. Apfelwein, Seebad, schöneSeepromenadetirsvsn; 1871:6751 Ew. Te-Jka-a-Maui (d.i. Fisch des Maui), der Name der nördl. Insel Neuseelands in der Sprache der Eingeborenen. Teinach, Badeort, so v. w. Deinach. Tcinitz, so v. w. Bischof-Teinitz. leint (sr.), Farbe, bes. Gesichts - oder Hautfarbe. Trum, alte Colonie der Milesier in Paphlago- nien, gehörte später zu Bithynien; j. Tios. Teirich, Valentin, Architekt und Kunstschriftsteller, geb. 23. Ang. 1845 in Wien, bildete sich an 222 T-Eisen — Teleangiektasie. der dortigen Kunstakademie u. dann, nach einer Studienreise nach Italien, in Nulls Atelier, bereiste darauf Oesterreich, Deutschland, die Niederlande, Belgien, Frankreich u. nochmals Italien u. widmete sich bei dieser Reise bes. dem Studium der deutschen u. italienischen Renaissance, wurde 1868 Docent, spater Professor an der Kunstgewerbeschule des österreichischen Museums u. am Polytechnicum in Wien, st. aber seiner Kunst zu früh schon 8. Febr. 1877. Von seinen Schriften, Entwürfen und Zeichnungen seien genannt: Die moderne Richtung in der Bronze - u. Möbelindustrie, Wien 1868; Entwürfe für die Möbel-, Bronze- u. Thonwaarenindnstrie; Ornaments aus der Blüthezeit der Italien. Renaissance, ebd. 1871; Marmorornamente des Mittelalters u. der Renaissance in Italien, ebd. 1874; Bronzen der italienischen Renaissance, bei seinem Tode noch nicht zu der Herausgabe vollendet. Er redigirte auch die Blätter für Knnstgewerbe. I-Eisen, Siabeisen (s. d.), dessen Querschnitt wie ein doppelter rechter Winkel (z.) gestaltet ist. Teisendorf (Deisendorf), Marktflecken im bayer. Regbez. Oberbayern, an der Sur n. an der München-Salzburger Eisenbahn; Trümmer des Schlosses Raschenberg, Salpetersiederei; 1088 Ew. Teisserenc de Bort, Pierre Edmond, franz. Staatsmann, geb. i814inChateanronx, bildere sich zum Jngenienrfache n. fand die erste Anstellung als Ingenieur bei der Verwaltung der Tabaksfabriken des Staates; später war erzum Regierungscommissar bei mehreren Eisenbahngesellschaftenbestellt. 1871 in die Nationalversammlung gewählt, zählte er zu den conservativen Republikanern, wurde April 1872 Minister der öffentlichen Arbeiten, trat jedoch schon 24. Mai 1874 mit seinen Collegen nach Verwerfung der Berathnng des Wahlgesetzes zurück. 1876 wurde er in den Senat gewählt und 8. März dess. Jahres auch, wieder mit dem Portefeuille der öffentlichen Arbeiten betraut, das er bis 16. Mai 1877 versah, wo er mit Jules Simon u. den übrigen Ministern zurücktrat, um jedoch 13. Dec. 1877 im Ministerium Dufaure zum dritten Male die öffentlichen Arbeiten zu übernehmen. Am 2. Febr. 1879 trat er infolge des Präsidentenwechsels mit Dusaure zurück, ii. wurde dann Ende Febr. zum franz. Bot- s chafter in Wien ernannt. Lagai. Teiste, Urin (Lsplius) ZrMs Vogelart aus der Fam. der Alken. 40 om lang. Beine roth. Sommerkleid schwarz mit großem weißem Flügelfleck. Winterkleid Lurch die weiße Unterseite verschieden. Zwei weiße braungefleckte Eier. Zahlreich u. weit verbreitet. Teja, Ostgothenkönig, s. Gothen, S. 374. Tejada, s. Lerdo de Tejada. Tejo, portngies. 'Name des Tajo (s. d.j. Tcsueidechse (Salompenter), Nsjno texuixm , bis 2 in lang, davon jedoch Z auf den Schwanz. Eine buntgefärbte Eidechse von bräunlicher Grundfarbe. Tie Halshaut ist faltig. Sie wird schädlich durch Nachstellen des Hofgeflügels, wird aber wegen ihres schmackhaften Fleisches gejagt. SAmerika. Tckke, türkische Benennung eines Theiles der SKnste Kleinasiens, Las alte Lykien u. Pamphylien umfassend. Tckke, der mächtigste Stamm der Turkmenen, s.d. Tektonik(griech.),1) (allgemein) jede Art künstlerischer Formgestaltung mit Ausnahme der dem organischen Leben angehörigcn. In diesem Sinne gehören nicht nur die Baukunst (Archi-T.), sondern auch alle, sich künstlerischer Formen bedienenden industriellen Gebiete, wieGefäßbildnerei,Goldschmiede- knnst, Teppichfabrikation, Möbeltischlerei, Bildschnitzerei rc., zur T. Die Neuzeit liefert in der Beziehung für die einzelnen Jndnstrieen zahlreiche Mnsterwerke. 2) (im Besonderen) bezeichnet man damit, im Gegensatz zur Architektur als constrnctiver Thätigkeit, die ornamentale Seite derselben, namentlich hinsichtlich der Decoration der Jnnenräume durch Malerei n. Plastik, außerdem die formale Ornamen- tirung aller zur Knnstindustrie gehörigen Gebiete. Das Wesen der T. besteht also in der Verschönerung von Gegenständen, die zu praktischen Zwecken gefertigt werden, n. zwar nach architektonischen Gesetzen, wobei eine gewisse symbolische Beziehung des Orna- mentszndcmprakt.Zweckobwalten muß; z. B. wenn der altröm. Sturmbock zum Einstoßen von Mauern mit einem Widderkopf geziert war. Namentlich hatte dieT. in der gothischen Baukunst einen großen Spielraum durch Ornamentation des Altars, der Chor- stllhle, derKanzel, der Sakramenthänschen, des Taufsteins, der Orgel rc. Die Materialien, deren sie sich bedient, sind sehr verschieden: Marmor, Bronze, Eisen, Holz, Elfenbein, Perlmutter rc. Hauptwerk: Die T. der Hellenen von Bötticher, Berl. 1843—52, 2 Bde. mit 69 Tafeln. Schasler. Telämon, Sohn des Äakos u. der Endels, Bruder des Peleus, mitdem er seinenHalbbruderPhokos erschlug, weshalb er aus Aegina verbannt wurde. Er begab sich zu König Kychrens von Salamis, der ihm seine Tochter Glanke vermählte u. bei seinem Tode das Reich hinterließ. Den Ajax, den mannhaftesten und tapfersten Griechen nächst Achilles, gebar ihm seine zweite Gemahlin Periböa, den Ten- kros, den besten Bogenschützen der Hellenen vor Troja, die Hesione, Tochter des trojanischen Königs Laomedon, dessen Stadt T. mit seinem Gefährten Herakles erobert hatte. Er vermies den Tenkros des Landes, als dieser ans dem trojanischen Kriegs heimkehrte, ohne den Ajax gerächt oder seine Gebeine mitgebracht zu haben. Mit seinem Bruder Peleus hatte er auch an der Kalydonischen Jagd n. der Argonantenfahrt Theil genominen. Schmitz. Telamonen, Karyatiden von männlicher Gestalt. Tclamonros, s. Aias 2 ). Tcläw (Thelaw, Thelawi), Kreisstadt im ruff. Gouv. Tiflis (Kankasien), am Turdaschewi, nahe der Mündung in den Alasan, in fruchtbarer Umgegend gelegen, besteht aus drei mit Mauern umgebenen Festungen, welche durch tiefe, 200 Schritt breite Gräben getrennt sind; hat Schloß, Bazar, mehre von Armeniern bewohnte Vorstädte; 6209 Ew., welche starken Handel treiben. Teleangiektasie (einfache Gefäßgeschwulst, Feuermal, Muttermal), eine Neubildung von Capil- largefäßen, an deren Bildung sich bald mehr kleinere Arterien od. Venen betheiligen u. die entweder als eine flächenhafte Neubildung der Haut, namentlich am Kopfe, od. als eine geschwulstförmige im Unter- hautzellengewcbe austritt. DieT. ist meist angeboren u. erscheint zunächst als ein rothes Pünktchen oder als fein gezeichnete Äderchen. Sehr bald pflegt ihr 223 Telcboas — Telegraph. Umfang zuzunehmen u. es kommen Fälle vor, in welchen der halbe Kopf von der T. eingenommen ist. KleineT-n zerstört man am besten mit Betupfen mit rauchender Salpetersäure, größere sind durch das Messer zu exstirpiren. Kunze. Teleböas (a. Geogr.), Fluß in Armenien, fiel in den Euphrat. Telegönos, Sohn der Kalypso (n. And. der Kirke) und des Odysseus, wird als König der Tuskcr u. Erbauer von Tusculum und Präneste angeführt. Telegramm, ein in Amerika entstandenes Wort von unrichtiger Bildung für telegraphische Depesche; dis richtige Bildung wäre Telegraphen,. Telegraph (vom griechischen ryiw, in die Ferne, u. schreiben), eine Vorrichtung zum Hervorbringen von sinnlich wahrnehmbaren , zu einem Gedankenaustausche brauchbaren Wirkungen (Zeichen) an einem entfernten Orte. Die von der (postalischen) Beförderung der Briefe sich wesentlich unterscheidende Beförderung von Nachrichten durch einen T. heißt Telegraphie, so beförderte Nachrichten nennt man telegraphische N achrichten, telegraphische Depeschen, Telegramme; auch die Wissenschaft der telegraphischen Beförderung wird Telegraphie (Telegraphik) genannt (vgl. auch Telephonik). Das Bedürfniß, Nachrichten in größere Fernen fortznpflanzen, als es unmittelbar durch die menschliche Stimme geschehen konnte, und mit größerer Geschwindigkeit, als durch einen Boten zu Fuß, machte sich schon sehr frühzeitig fühlbar, und daher finden sich bereits im Alterthume nicht allein berittene Boten, z. B. im Persischen Reiche (s. u. Post, S. 601), sondern auch eine Art optischer T-en, s u. IV. Das Telegraphiren beschränkte sich damals ansBenachrichtignng überbestimmteEreignisse durch vorher verabredete Signale (daher Signalkunst). Auch jetzt benutzt man in zahlreichen Fällen noch bloße Signale, am ausgiebigsten wohl im Eisenbahn- signalwesen (s.d.). Die Vervollkommnung der Telegraphie und namentlich die Lösung der Aufgabe in ihrer größtenAllgemeinheit, jede beliebige Gedauken- reihe zu jeder beliebigen Zeit u. auf jede beliebige Entfernung möglichst schnell fortznpflanzen, blieb der neuesten Zeit Vorbehalten; denn erst am Ende des iS.Jahrh. erlangten die optischen T-en eine gewisse Vollkommenheit und fanden so eine Zeit lang eine ausgedehntere Anwendung, während die elektrischen T-en vor nicht viel über 30 Jahren erst betriebsfähig geworden sind, in dieser kurzen Zeit aber, da die an sie zu stellenden technischen Anforderungen und Betriebsansprüche durch die rasche Entwickelung der anderen Verkehrsmittel u. der gesammten Verkehrs- Verhältnisse überaus rasch sich bis aufs Höchste steigerten, eine ungemeine Ausbildung u. Ausbreitung gewonnen haben. — Rücksichtlich der Mittel, deren man sich zu verschiedenen Zeiten zum Telegraphiren bedient od. die man dazu vorgeschlagen hat, unterscheidet man akustische, hydraulische, pneumatische, optische u. elektrische T-en. I. Die akustischen T-en pflanzendieNachrichten durch den Schall vom Ausgangsorte bis zum Empfangsorte fort. Für kleinere Entfernungen u. einfache Mittheilungen geschieht dies durch die freie Luft; man bedient sich dabei zur Erregung des Schalls ihn verstärkender Signalmittel, als der Trompete, des Horns, der Trommel, der Glocken, der Signal- s pfeifen, der Lärmkanonen, des Sprachrohrs rc. So telcgraphirten schon die alten Perser, indem sie sich die Nachricht von Posten zu Posten znriefen; dabei legte die Nachricht den Weg, welchen ein Mann in 30Tagen durcheilen konnte, in l Tage zurück. Solche Rnfposten hatte lerxes vonPersien bis Griechenland angelegt. Aehnlich berichtet Cäsar von den Galliern, daß sie, was Wichtiges passirte, durch Flur u. Gau ansgerufen u. so von Gau zu Gau verbreitet hätten; so gelangte eineNachricht in einem Tage 30—40Meilen weit. In der freien Luft ist die Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Schalles viel geringer als in Me- tallröhren, in denen der Schall zugleich mit derLänge des znrückgelegtcn Weges nicht so rasch an Stärke abnimmt, wie in der Luft. Deshalb schlug der Neapolitaner I. B. Porta schon 1588 solche Röhren zum Telegraphiren auf größere Entfernungen vor. Glei- ches that im Jahre 1782 der Cisterciensermönch Dom Gauthey. Wiederholte Versuche, z. B. von Bist n. Hassenfratz, in einer 951 in laugen Röhre, und von Jobard, in einer 600 Fuß langen, elfmal rechtwinklig abgebogenen Röhre haben zwar die MöglichkeiCdes Telcgraphirens in Metallröhren außer Zweifel gesetzt, doch sind die Anlagekosten zu groß, als daß solche T-n im Großen Anwendung finden könnten. Wohl aber sind Schallröhren im Kleinen zweckmäßig und daher häufig in größeren Privathäusern, Gasthöfen, Werkstätten, Dampfschiffen rc. angewendet worden (vgl. Haus-T.). So beförderten Jobard u. Stieldorfj in Belgien 1833 bei ihrem T., welchen sie Logophor (d. i. Wortträger) nannten, mündliche Mittheilnngen in unterirdischen Röhren. Romcrshausen wollte 1838 bei seinem Telephon halbzöllige Bleiröhren benutzen. Doull schlug zum Telegraphiren für Eisenbahnen u. Dampfschiffe die Anwendung von Pfeifen mit verschiedener Stimmung vor, auf denen die Signale mittels comprimirter Luft gegeben werden sollten. Das Wasser, in welchem sich der Schall viermal so schnell als in der Luft fortpflanzt, hat Colladon zur akustischen Telegraphie zu benutzen versucht, doch ebenfalls ohne besonderen Erfolg. Für W. Sndres musikalischem T. (Telephonium), sollen die sieben Noten od. Töne der Tonleiter zu einer allgemein verständlichen musikalischen Sprache combinirt und in dieser die Nachrichten mittels musikalischer Instrumente (bes. mittels derTrompetr, welche 3Meilenweit vernehmbar sein soll) telegraphisch weiter gegeben werden. Von Len akustischen T-en sind diejenigen elektrischen T-en zu unterscheiden, welche hörbare Zeichen geben, s. u. V. II. Bei den pneumatischen T-en benutzt man Luft, um telegraphische Zeichen am Empfangsorte hervorzubringen. E. B. Rowley schlug 1838 vor, Stationen in Entfernungen von je 10 engl. Meilen durch je 6 Bleiröhren zu verbinden u. die ans einem Lustbehälter diesen Röhren zugeführte Luft an der entfernten Station abwechselnd als Blasen in mit Wasser gefüllte Gefäße am Ende der Röhren aus- ! treten zu laßen. Crosley(l839) wollte blos eine mit i Lnft gefüllte Röhre anwenden u. in der entsernten j Station dadurch Zeichen geben, daß er 10 verschiedene Gewichte abwechselnd auf den Luftbehälter auf- ' legte. Über neuere pneumatische T-en vgl. Haus-T. !Jn neuerer Zeit hat man das Princip der atmosphärischen Eisenbahn (s. Eilenbahn, S. 119) zur 224 Telegraph. Beförderung von Briefen n. kleinen Palleten anzuwenden gesucht; so machte 1853 I. S. Richardson inBoston LaSModell zu einem solchen pneumatischen oder atmosphärischen T.; derselbe besteht aus einer Röhrenlage zwischen zwei Stationen; in dieser Röhre befindet sich ein Kolben (iklun^sr), an welchen die in einem Beutel verpackten Gegenstände befestigt werden u. welcher durch den Druck der Atmosphäre, welche von hinten ans ihn wirkt, sortgestoßen werden soll, während vorn die Luft durch eine Luftpumpe verdünnt ist. Einen andern derartigen Versuch stellte 1863 die knsumatie Olspatoii Oompan^ in London zwischen zwei Bahnhöfen an, bei welchem ein kleiner Wagen aus einer Eisenbahn in einer Röhre von 30 Zoll Durchmesser u. H engl. Meile Länge lief. Ähnliche größere Anlagen zur Briefbeförderung (Rohrpost) besitzen Berlin, Wien, München, Paris. Auch Lurch Elektromagnetismus hat man Wagen auf einer Bahn in einer Drahtspirale zu bewegen versucht. III. Beiden Hydra ulisch en T-e n bringtWasser die telegraphischenZeichen hervor. Bei der einen Art dieser T-en spielt das Wasser fast die Rolle eines Kliu- gelzugs; es schwimmen nämlich in den beiden nach auswärts gebogenen Enden einer in der Erde liegenden , mit Wasser gefüllten Röhre von etwa 35 mm Weite zwei kleine Kolben; wird der eine dieser Kolben durch einen Druck od. Lurch Ablassen od. Zufällen von Wasser gesenkt od. gehoben, so folgt der zweite Kolben auf der entfernten Station der Bewegung in gleichem Schritt u. zeigt die zu telegra- phirendeu Buchstaben auf einer Skala an. Solche T-en construirten Bramah 179S,Jobard 1827, Jo- wett 1817. Wallance gab 1824 den Kolben eine horizontale Bewegung u. erleichterte ihre rückgängige Bewegung durch einen Gegendruck auf die andere Kolbenfläche, welchen er Lurch comprimirte, in einem besonderen Gefäße enthaltene Luft ausüben ließ. Wishaw in London suchte 1837 mittels einer in eine Röhre eingeschlossenen Wassersäule so zu tcle- graphiren, daß er durch sie in ihrer Längsrichtung eine Bewegung, etwa die durch einen Schall entstehenden Erzitteruugen, sich sortpflanzeu ließ, um sic am Ende auf einen Zeiger oder einen sonstigen telegraphischen Apparat zu übertragen. Tabourin in Lyon schloß 1867 das Metallrohr durch einen elastischen Deckel ».ließ auf diesem einen Fühlhebel ruhen, welcher sich bei Veränderung des Druckes im Wasser über einem mit Buchstaben beschriebenen Kreisbogen hin u. her bewegte. Auch der T. des Äneas Taktitos (im 4. Jahrh. v. Ehr.) könnte ein hydraulischer genannt werden: an den beiden telegraphischen Stationen befanden sich zwei gleiche Gefäße mit Wasser, worauf Korke mit auf verschieden langen Stäbchen steckenden Täfelchen schwammen, auf Lenen verschiedene Nachrichten ausgeschrieben waren; durch eine Fackel wurde das Signal zum Offnen eines Hahns gegeben, u. man ließ nun das Wasser ausfließen, bis ein zweites Signal gegeben wurde, was in dem Momente geschah, wo das Täfelchen mit der zu befördernden Nachricht, u. zwar in beiden Gefäßen, gerade im Niveau des Gefäßrandes stand. IV. Die optischen T-en wirken unmittelbar durch das Licht auf das Auge, entweder indem sie Sonnenlichtod. künstliches Licht nach demEmpsangs- orte entsenden, od. indem sie am Absendungsorte Zeichen Hervorbringen, welche vom Bestimmungsorte aus wahrgenommeu werden sollen. 4.) F euer- u. Rauch-T-eu. Spuren dieser optischen T-eu finden sich schon bei den ältesten Völkern. Selbst in Europa wurden zu Anfang des 19. Jahrh. noch Rauch- u. Fenersignale an großenFlüssenbenutzt.urn den gefährdeten Anwohnern von dem Verlaus der Hochwässern, dem Eisgang Nachrichtzu geben. Die Griechen Kleoxenos u. Demokritos (um 450 v. Ehr.) machten den Fackel-T-eu zum Buchstabeu-T.; sie schrieben 25 Buchstaben in fünf Reihen auf eine Tafel n. gaben durch 1—5 Fackeln, welche gleich, zeitig auf der linken u. der rechten Seite einer Blend- ung vorgehalten wurden, an, in welcher Reihe der zu tclegraphirende Buchstabe stand, u. der wievielste Buchstabe er in dieser Reihe war; bei Tage nahm man Flaggen anstatt der Fackeln. Bei den Römern zündele mau 1 — 9 Feuer links, in der Mitte oder rechts an, um einen der 27 als Zahlzeichen (die 9 ersten für die Einer, die 9 folgenden für die Zehner u. die 9 letzten für die Hunderter) dienenden Buchstaben des Alphabets zu bezeichnen u. mittels der Zahlen Nachrichten zu telegraphiren. Nach Vegetins wurden Nachrichten durch auf Thürmen aufgehängte, bald erhobene, bald gesenkte Holzstücke fortgepflanzt. In der neueren u. neuesten Zeit werden zum Tele- graphireu innerhalb engerer Grenzen, namentlich beim Militär. Signalraketen angeweudet; Berg- sträßer in Hanau, welcher 1784 die Einrichtung einer Signalpost zwischen Leipzig u. Hamburg Vorschlag, wollte sich znm Telegraphiren vier verschiedener Arten von Raketen (mit und ohne Schlag, mit Leuchtkugeln, mit Goldregen) bedienen. Signallampe» zum Telegraphiren bei Nacht waren u. sind noch jetzt bei den optischen Zeichen-T-en, bes. bei den Eisenbahn- T-en u. auf Schiffen, in Gebrauch. In neuerer Zeit hat man oft mir gestrahltem Licht zu telegraphiren versucht. So sollten z. B. bei Nacht vier große, in einer horizontalen Reihe aufgestellte Hohlspiegel das Licht von Gaslampen nach der nächsten Station werfen und die Signale durch abwechselndes Heben der Lampen u. Spiegel gegeben werden. Gauß schlug die Anwendung des Heliotrops für telegraphische Zwecke vor, da dessen Spiegel dem freien Auge in einer Entfernung von 5 — 6 Meilen sichtbar sind; Steinheil vereinfachte den Apparat u. suchte beiNacht das Sonnenlicht durch das Drummondsche Kalklicht zu ersetzen. Vielfach ist man in der jüngsten Zeit daraus ausgegangen, durch kürzere od. längere Lichtblicke oder durch sonst sich unterscheidende Licht- erscheinnngen die Punkte u. Striche des Morseschen Alphabetes (s. V s na, 1) zu ersetzen. L. Die Zeichen-T-en (Semaphoren) sind die vollkommensten optischen T-en und waren vor der Einführung der elektrischen T-eu sehr ausgebreitet. Die ersten Versuche telegraphischer Mittheilungen durch Zeichen od. Figuren machten 1633 der engl. Marquis von Worcester u. 1660 der franz. Mechaniker Amontons: darauf legte Rob. Hooke in London 1684 der Londoner Akademie seinen Plan, durch geometrische, mittels beweglicher Lineale gebildete, mit dem Fernrohre zu beobachtende Figuren zu telegraphiren, vor. 1763 errichtete Edgeworth die erste T-enlinie zu seinem Privatgebrauch zwischenLundon u.Newmarket. 1782 tratLinguetmit einem optischen T-e» aus. Allein erst Lurch denfranz.JngenienrClaude Telegraph l DWMM Fig. 11. 8>g- u> Fig. 7d. Fig. 1«>. MÄN Fig. 1«. W..«1>D <§° Fig. 7,^ Fig. 1ü. Fig. 12. Zum Altilcl:, „Tel-grapi). Pierer'S UnivLrsal-Coi».'er>7uio»s-i:ex,lon. «. Ans! WM MWWWM »MW?!» Es IKÄW DB? MW NM WM IDM WM WG WA L ^-^8 -^.DAj Teilgraph II. « I 7 I » I '. S . I 10 « «A « « « s > «! » «i »I d s « » s » » 0 s » s I W « H K«M Fig. 17. Fig. I.g. MSML Fig. 1k!. 71 .-I Fig- 21. 7X Fig. 2i1. 71/ Fig. 11. Fig. 21. Fig. 22. Piercr's IIiiiversal-C-mversalions-rexikon.' e. Aufl. > ^ ,M.> hj.'M 'ch W n Zum Artikel: „Telegraph." Il - Telegraph III. WLM F>g. 2 ö. Fix,. 27 / F,g. 84 . Fig. 31. I . 7 /./////?// ! . Xv i ^ -- Fix,. 29. d" , 1 .» i« Fix,. 41. F>>1. W «-ML, ^ Fi>1. 4N. Fiz. 44 Fix,. 80. Fig. 43. Pierer'S Unitcr^al Clr,«rkali»rr-k«ik»n. «. Ausl. gnm Artikcl: „Tclcqraph HÄM Telegraph IV : 4 ««, rVlg. 3'l. ?! i LH ' Fig. 3L G G S>k>, ^ . 1 ! D Fig. W. Flg. 33. Pierers Universal Conversalious-Lexikou. 6. Aufl Zum Artikel: „Telegraph." Telegraph V. Fig. SS. Fiq. 47. Fig. 37. Flg/ 48. Fig. tk. Fig- 88. Pierers Nnirersal-CondersalionS-Lexikon. g. Aufl. Zum Artikel „Telegraph" und „Telephon' Ml' El! MMl- »Z Wj«i» WW> PAH,' Telegraph. 225 Chappe u»d seine Brüder wurden die optischen Telegraphen lebensfähig. Der französische Nationalconvent befahl den 25. Jnli 1793 die Errichtung einer T-enlinic zwischen Paris n. Lille. Die erste nach Paris beförderte Nachricht betraf die Capitulation von Conde (30. Nov. 1793). In der Vervollkommnung ihres Systems waren den Gebrüdern Chappe der Konsul Leon Dclauny u. der Uhrmacher Bre- guet behilflich. In Frankreich wurden nun (bis 1842) viele andere Linien gebaut u. blieben trotz des bedeutenden Aufwandes für ihre Unterhaltung zum Theil bis 1855 in Gebrauch. Von Paris nach Toulon (700 km) gelangte ein Zeichen in 13 Minuten. Andere Länder legten bald ähnliche T-en; so 1795 Schweden von Stockholm nach Drottning- holm; 1796 England von London nach Dover und Portsmouth; 1802 Dänemark von Nyeborg nach Korsör; 1798 Frankfurt a. M.;.,1833 Preußen von i Berlin nach Magdeburg, 1835 Österreich von Wien nach Linz; Rußland 1839 von Warschau nach Petersburg ; Ostindien 1823 von Calcutta nach Chunar. ' Doch wurden diese Linien blos für Staatszwecke benutzt; erst 1830 gestaltete man in Frankreich deren Benutzung für Privatzwecke u. zwar für 20 Frcs. auf 100 Meilen; England erhielt durch Watson 182 7 eine 16 gcogr. Meilen lange Linie für den Handelsverkehr. a) Die französischen T-en. Auf einem, > 4,g—5 m über das Dach des weithin sichtbaren ^ Stationshauses hervorragenden, aufrecht stehenden Mastbaume befinden sich die drei beweglichen Haupt- theile, der Regulator und die beiden Flügel oder ' Jndicatoren, welche sämmtlich nach Art der Jalousien eingerichtet u. mit einer vom Hintergründe sich gut absctzcnden Farbe angestrichen sind. Der Regulator, ein 4,y m langer, 0,^ in breiter u. nur 0,„. m dicker Rahmen, dreht sich in einer verticalen Ebene um eine horizontale Achse am Mastende; an je- > dem seiner Enden ist ein 2 m langer und 0,33 m s breiter Flügel ebenfalls drehbar angebracht; die horizontale Drehachse des Flügels sitzt an dessen Ende, und über seine Achse hinaus geht nur eine dünne und daher ans der Ferne nicht sichtbare i eiserne Stange, welche als Gegengewicht an ihrem ^ Ende einen schweren eisernen Knopf trägt. Damit der Telegraphist stets das gegebene Signal > vor Angen habe, ist im Beobachuuigszimmcr ein ! ähnlicher Apparat im verjüngten Matzstabs vorhan- > den, u. dieser steht durch Rollen u. darüber gelegte endlose Ketten mit dem Regulator und den Flügeln derart in Verbindung, daß letztere alle Bewegungen ; des unteren Apparates nachmachen müssen. Von den, unzähligen möglichen Stellungen des Regulators n. der Flügel werden beim Teiegraphiren bloß ^ die verticalc, horizontale n. die beiden unter 45" ge- l gen den Horizont geneigten schrägen benutzt; also hat man beim Regulator vier Stellungen zur Verfügung: horizontal, vertical, rechts schräg, links s schräg; bei jedem Flügel dagegen sieben, da die Stell- ' ung, wo der Flügel die Verlängerung des- Regnla- 1 tors bildet, beim Tclcgraphiren nicht milbenutzt wird, damit sie nicht mit der Stellung, wo er den Regulator deckt, verwechselt werden kann. Denkt man sich also den Regulator u. den ersten Flügel in einer bestimmten Stellung, so kann der zweite Flügel sieben verschiedene Stellungen cinnehmen; es sind also bei jeder Stellung des Regulators 7X7 verschie- i PiererL Universal-ConversationL-kcrilvn. K. Aufl. XV dene Flügelstellungen möglich, u. es stehen dem Telegraphisten demnach im Ganzen 4x7x7— 196 verschiedene Zeichen zu Gebote. Um indessen der nächsten Station zugleich Gewißheit über die Cor- rectheit der gezogenen Signale zu verschaffen, setzte Chappe fest, jedes Zeichen solle nur bei einer schrägen Lage des Regulators formirt werden und nicht eher Giltigkeit haben, als bis der Regulator mit Beibehaltung des Zeichens in die verticale od. horizontale Lage zurückgebracht worden wäre; auf diese Weise lassen sich ebenfalls 196 verschiedene Signale aufstellen, und hiervon waren die auf der rechten schrägen Stellung gebildeten 98 für die eigentliche telegraphische Korrespondenz, und zwar znin Theil zur Bezeichnung ganzer Wörter u. Sätze, die andern 98 dagegen lediglich zu dienstlichen.Notizen bestimmt. Die auf einer Station befindlichen beiden Telegraphisten mußten bei jedem Zeichen der Reihe nach folgende Arbeiten ausführen: Beobachtung des auf der vorhergehenden Nachbarstation in der schrägen Stellung sormirten Zeichens, Nachmachen desselben mit dem eigenen T-en, Beobachtung, ob es in die horizontale oder verticale Stellung nmgesetzt wurde, gleiches Umsetzen des eigenen Zeichens, Nie- derschrciben des Zeichens, Nachsehen, ob die nächstfolgende Station dasZeichen richtig nachgemachr hat. Für jedes Zeichen erfordern diese sechs Arbeiten etwa 20 Secunden. Im Durchschnitt konnte man täglich 6 Stunden teiegraphiren. 1838 legte man den Regulator in seiner horizontalen Stellung fest n. deutete durch einen höher gestellten Flügel (das Mobile) die Stellung an, in welche er eigentlich zu bringen wäre; man erlangte so eine einfachere Bewegung der Flügel u. vermied Störungen, welche früher oft dadurch herbeigefllhrt wurden, daß ein od. der andere Flügel sich bei der Bewegung des Regulators mitdrehte, d) Die englischen T-en, System des Lord Murray, bestehen aus einem auf dem Stationsgebäude anfgcrichtcteu viereckigen Rahmen, in welchem drei Paar achteckige Tafeln übereinander um Achsen derart drehbar angebracht sind, daß sie dem Beobachter bald die schmale, bald die volle breite Fläche znwenden. Jede Tafel hat zwei Stellungen, daher sind im Ganzen 2 x 2 x 2 x 2 x 2 x 2 — 64 Zeichen möglich. Die Tafeln oder Klappen werden ebenfalls vom Beobachtungszim- mer aus durch um ihre Achseu gelegte Schnuren ohne Ende bewegt. 0) Die schwedischen T-en glichen den englischen, nur hatten sie nicht sechs, sondern zehn solcher Tafeln, gestatteten daher 1024 verschiedene Zeichen, ck) Die holländischen T-cn haben an einem Maste drei Querstangen; an der oberen sind zwei, an der mittleren vier, an der unteren sechs Teller so befestigt, daß sie, auf die Seite geklappt, in der Ferne unsichtbar sind, wieder hcrabgeklappt dagegen sich in ihrem ganzen Durchmesser zeigen. Dieser T..ermöglicht 64 x 64 —4096 verschiedene Zeichen. Ähnlichwarendie dänischenT-cn. 0) Die preußischen T-cn (Fig. 1) trugen auf einem 6 in hohen Maste an drei übereinander liegenden Achsen drei Paar l,^ in lange u. 0,^ in breite Flügel (Jndicatoren), welche sich durch über Rollen gelegte Schnuren vom Bcobachtungsranme aus, der eine links, der andere rechts hervortrctend, in vier verschiedene Lagen gegen den Mast bringen ließen, in denen sie mit dem unteren Mastende einen Winkel 11. Band. 15 226 Telegraph. von 0, 45, 90, 135° einschlossen; daher waren im Ganzen 4x4x4x4x4x4— 4096 verschiedene Zeichen möglich. Zwischen Köln n. Berlin befanden sich 50 Stationen in Entfernungen von je etwa 2 Meilen. Die Geschwindigkeit, mit welcher optische T-en die Signale sortgeben, hängt bei der großen Geschwindigkeit des Lichtes (42,000 Meilen in 1 Sccnnde) wesentlich von der zur Einstellung der Signale erforderlichen Zeit ab und daher wird die Fortpflanzungsgeschwindigkeit um so geringer, je näher die Stationen zufolge der örtlichen Verhältnisse an einander liegen müssen. Weit einem guten Fernrohr kann man die Signale 6—8 Stunden weit deutlich sehen, doch beträgt die mittlere Entfernung der Stationen nicht über 2 Meilen. Mit optischen T-en kann bei dichtem Nebel, heftigem Regen und Schneesall u. bes. bei Nacht nicht telegraphirt werden. Diesen großen Mangel zu beseitigen bemühten sich schon die Gebrüder Chappe, doch mit nicht besserem Erfolge als Andere nach ihnen. Villalongue z. B. ersetzte bei seinem Tag - und Nacht-T-en das Mobile u. die beiden Flügel durch drei in entsprechende Öffnungen des Stationsgebäudes eingesetzte kreisrunde schwarze Scheiben von 2 — 3m Durchmesser, auf denen ein weißer Halbmesser von 0,2 m Breite gezogen war; bei Nacht wurde der Raum hinter den Scheiben hell erleuchtet und anstatt des weißen Halbmessers ein ähnlicher Schlitz in den Scheiben zum Zeichengeber: benutzt; den Regulator bildete ein weißer, bei Nacht ebenfalls hell erleuchteter horizontaler Streifen zwischen den beiden unteren Scheiben. Der T. von Gonon (1846) enthielt je zwei bewegliche Pseile auf zwei verschieden hohen Säulen u. sechs durch Schieber verschließbare Fcn- sterchen in dem Zwischenraum zwischen den Pfeilen; bei Nacht sollte jeder Schieber mit zwei feststehenden, jeder Pfeil mit zwei beweglichen Lichtern versehen werden. Aus den überhaupt möglichen Zeichen wählte Gonon 40,960 aus u. suchte außerdem die Leistungsfähigkeit seines T-en bes. durch die Aufstellung eines höchst vollkommenen telcgraphischenWörterbuches zu erhöhen. G. A. Trcutlcr in Berlin construirte 1843 einen Tag - u. Nacht-T-en zunächst für Eisenbahnzwecke. Dieser T. war ein Mast mit zwei aus vielen kleinen Spiegelstllcken hcrgestellten Flügeln; diese Spiegel reflectirtcn zufolge ihrer ans Fig. 2 ersichtlichen , abwechselnden Stellung im Flügel das Licht von zwei vor u. hinter dem Mast ausgestellten Laternen in jeder Flllgelstellung nach beiden Seiten hin bis zu dem nächsten T.; mau konnte daher bei Nacht genau dieselben Signale durch die Flllgelstelluugcn geben, wie bei Tage; die Laternen hatten vorn ein rothes Glas und markirtcn so der nächsten Station zugleich den Punkt, um welchen sich die Flügel drehten. Coad versuchte 1835 in Liverpool mit Sauer- stofs-Wasserstoffgas bei Nacht zu telegraphiren. Auch an Luftballons dachte man; so wollte der Mrostat Conde zu Meudon in die Luft steigen und mit acht über einander hängenden Chlindcrn von Wachstaffct signalisiren, welche 265 verschiedene Stellungen zuliebe»; einen anderen Luftballon ließ er steigen und an die Erde mit Stricken befestigen, so daß die Signale von der Erde aus dirigirt wurden. Obgleich die optischen T-en rücksichtlich des Aufwandes u. der Geschwindigkeit,selbst beiBcnntzung gnterFernröhre, Len elektrischen T-en nachstchen n. deshalb u. weil sie bei Nacht und Nebel kaum dienstfähig sind, von letzteren verdrängt worden sind, so haben sie doch für gewisse Fälle (z. B. für militärische Zwecke) den sehr gewichtigen Vorzug, Laß die Verbindung zwischen zwei Stationen nicht unterbrochen werden kann; daher wurden noch in neuerer Zeit in Frankreich Versuche angestellt, ob sich mit Spiegeln eine optische Telegraphie für Kriegszwecke Herstellen lasse. Auch hatte der österreich. Oberst v. Ebner die PariserAus- stcllnug 1867 mit einem T-en beschickt, dessen drei Scheiben die Spitzen eines gleichseitigen Dreiecks bildeten n. durch Drehung um ihre horizontalen Achsen dem Beobachter unsichtbar gemacht werden konnten; bei Nacht sollten Lampen mit Hohlspiegeln hinter die Scheiben kommen und durch diese verdunkelt werden. V. Die elektrischen T-en, welche die telegraphischen Zeichen mittels Elektricität Hervorbringen, arbeiten weit sicherer u. rascher als die optischen T-ön; ferner sind sie in ihrer Wirksamkeit von der Tageszeit, von den Witterungs- u. atmosphärischen Verhältnissen, mit Ausnahme der Gewitter, sehr wenig abhängig; außerdem ist ihre Anlage, Unterhaltung u. Bedienung viel billiger. Diese T-en dienen nicht mehr bloß für Staatszwccke, sondern auch für die verschiedensten Zwecke des geselligen u. wirthschaft- lichcn Lebens. Die große Geschwindigkeit der Elektricität (nach Versuchen in Telegraphenleitungen etwa 30,000 geogr. Meilen in 1 Sccnnde) kommt diesen T-en um deswillen ganz besonders zu statten, weil bei ihnen die Zeichen auf weit größere Entsern- ungen als bei den optischen T-en unmittelbar fortgegeben werden können u. sich außerdem von jeder Station aus selbstthätig noch über dieselbe hinaus weiter geben lassen (vergl. 6 k). Die Erfindung und anfängliche Entwickelung der elektrischen L-en hielt Schritt mit den Entdeckungen im Gebiete der Elektricität, des Galvanismus, der Elektrodynamik und des Elektromagnetismus ( s. d. a.); lebensfähig wurden die elektrischen T en erst, als man die magnetischen u. chemischen Eigenschaften des elektrischen Stromes (s. d. u. Galvanismus, S. 679) sur telegraphische Zwecke benutzen lernte, a) Sehr früh schon hoffte man, mit Reibungselektricität telegraphiren zu können. Der erste Vorschlag dazu folgte fast unmittelbar auf die 1744 von Winkler in Leipzig, 1746 von Le Motivier in Paris n. 1747 von W. Watson in London (welcher auch einmal die Erde mit in die Leitung ein- jchaltete) u. A. angestellten Versuche über die Fortpflanzung der Elektricität, wobei man fand, daß die Elektricität selbst H Meile lange Drähte augenblicklich durchlief. Diesen Vorschlag enthält ein 1854 wieder aufgefundener, mit C. M. Unterzeichneter u. vom 1. Febr. 1753 datirler Brief aus Renfrew, dessen Verfasser ein System von so viel Drähten, als Buchstaben sind, an Träger mit Glas od. Harzkitt isolirend befestigen und an ihrem Ende mit herabhängenden Kugeln versehen wollte; der Draht des jeweilig zu telegraphireuden Buchstabens sollte mittels einer Elek- trisirmaschine elektrisirt werden, damit dann die Kugel ein kleines, unter ihr liegendes, mit einem Buchstaben beschriebenes Papierstück an sich heranziehen könnte; es wird hiuzugefügt, daß man anstatt dessen auch ebenso viele Glocken von verschiedener Größe nehmen u. aus Liese den elektrischen Funken von den Telegraph. 227 Drähten überspringen lassen können. In ähnlicher Werse empfahlLesageinGenf 1774 mittels24 Drähten und 24 Paaren von an Fäden herabhängendeu Hollunderkügelchen zu telegraphiren, der Franzose Lomond aber 1787 auf nur einem Drahte u. einem Paar Hollunderkügelchen. Neußer wollte 1794 die Buchstaben auf mit Stanniolstreifen belegten Glastafeln (Blitztafeln) aussparen u. durch den elektrischen Funken illnminirt erscheinen lassen, doch gedenkt er für sämmtliche Drähte einen gemeinschaftlichen Rückleiter zu benutzen, so daß er für 25 Buchstaben nur 26 Drähte brauchen würde. Voigt empfahl «ls Wecker zu Rsußers T. ein Gefäß mit Knallgas, das durch den elektrischen Funken entzündet werden sollte. Böckmann schlug um dieselbe Zeit vor, bloß 2 Drähte zu spannen u. die überspringenden Funken zu Buchstaben zu gruppiren. Aehuliche Vorschläge wurden in Madrid von Cavallo 1795, von Salva 1796 u. von Betancourt 1798 gemacht. Der vollkommenste Vorschlag aber ward erst nach Entdeckung der galvanischen Elektricität von dem Engländer Fr. Ronalds (1816—1822) gemacht, der durch 2 gleichgehende Uhrwerke auf jeder der beiden «Stationen eine mit Buchstaben beschriebene Scheibe in Umdrehung versetzen n. mittels eines Hollundermark-Elektrometers ein elektrisches Signal geben wollte, wann der zu telegraphirende Buchstabe auf beiden Stationen in einem kleinen Fensterchen eines vor der Scheibe stehenden Schirmes sichtbar wurde. Auch die Benutzung eines telegraphischen Wörterbuches brachte Ronalds in Vorschlag. Die Reibungselektricität ist aber zur Telegraphie im Großen nicht zu brauchen, weil sie schwer zu isoliren ist u. außerdem die Wirkung der Elektrisirmaschine so sehr von der Feuchtigkeit der Luft rc. abhängt, d) Den ersten Versuch, mit der galvanischen Elektricität zu telegraphiren, machte 1809 Samuel Thomas v. Sömmerring in München; er faßte die Benutzung der chemischen Wirkungen des Stromes ins Auge und leitete 35 Drähte, nämlich 25 für die Buchstaben, 10 für die Ziffern, durch 35 mitWasser gefüllte u. mit den Buchstaben u. Ziffern bezeichnte Gläschen u. konnte daher in je 2 dieser Gläschen das Wasser durch einen galvanischen Strom zersetzen; in dem einenGläschen schied sich (wie in dem Wasserzersetzungsapparate Fig. 2, Taf. IV zum Art. Galvanismus) Sauerstoff, in dem andern (und zwar in fast doppelt so großer Menge) Wasserstoff ans, u. es galt der Buchstabe des letzteren als zuerst, der des ersten Gläschens als zu- zweit telegraphirt. Sömmerring versah seinen T. auch mit einem Wecker; er ließ die entwickelten Gasblasen 1809 ein Schaufelrädchen umdreheu, 1810 aber auf einen Hebel wirken, welcher dadurch eine Kugel herabfallen ließ u. durch diese ein Läutewerk ausrückle. Dieser T. kam in München, Paris, Petersburg, Genf, allerdings nur im Kleinen, zur Ausführung , er würde aber auch im Großen sicher betriebsfähig gewesen sein, wenn er auch minder vollkommen ist, als die später erfundenen elektromagnetischen T-en. Schweigger benutzte nur 2 Drähte u. 2 Gläser, in denen er abwechselnd das Wasser zersetzte, um diese abwechselnden Zersetzungen zur Bezeichnung der Buchstaben zu combiniren. Einen ähnlichen Vorschlag wie Sömmerring machte 1816 Coxe in Philadelphia. 1838 wurde von E. Davy ein T. patenlirl, welcher durch Zersetzungen von Metallsalzen (Jodkalium u. Chlorcalcium) mittels des Stromes bleibende Zeichen auf einem Streifen Papier oder Kattun hervorbrachte, zugleich jedoch auch elektromagnetische Stromwirkungen verwerthets (vgl. O d). Davy hätte zu seinem T. 4 Leitungen, 6 Magnetnadeln n. 1 Elektromagnet gebraucht. Vorssel- mann de Heer, ein niederländischer Physiker, ging 1839 bei seinem physiologischen T. auf eine Ausnutzung der physiologischen Slromwirkuugen aus; von 10 Metalltasten der einen Station sollten 1t) Drähte nach 10 Metalltasten der anderen Station laufen; führte nun der Telegraphirende die Pol- Lrähte eines Magnetinductors zu irgend 2 Tasten, während der Empfangende seine 10 Finger auf die Tasten legte, so wurde der Jnductionsstrom durch die auf diesen Tasten liegenden 2 Finger geleitet; so können 45 verschiedene Zeichen gegeben werden, o) Besseren Erfolg hatten und zu einer vollkommenen Lösung der Aufgabe führten endlich die Versuche, den Elektromagnetismus,für die Telegraphie zu verwerthen. Als durch Örsted in Kopenhagen zu Ende 1819 die Ablenkung der Magnetnadel durch den elektrischen Strom in weiteren Kreisen bekannt geworden war u. 1820 Schweigger u. Poggendorff Len Multiplicator erfunden hatten, machte, von La- place angeregt, Ampöre 1820 den Vorschlag, für jeden Buchstaben eine Magnetnadel u. einen diese umkreisenden, aus 2 von einer Station zur anderen laufenden Drähten gebildeten Stromkreis zu verwenden u. durch Ablenkung der Nadeln die auf ihnen angebrachten Buchstaben zu telegraphiren. Unabhängig hiervon schlug Fechner in Leipzig 1829 die Anwendung von 24 Nadeln mit 48 Drähten vor und wies zugleich nach, wie durch Vermehrung der galvanischen Elemente auch bei langenLeitungsdräh- ten die nöthige Stromstärke beschafft werden könne. Alexander in Edinburg gab 1837 den 30 Multiplikatoren einen gemeinsamen Nückleitungsdraht u. verringerte somit die Zahl der Leitungsdrähte von 60 auf 31, doch auch diese Zahl war noch zu bedeutend, um eine Ausführung im Großen zu gestatten. Tri- boaillet empfahl 1828 einen einzigen, erst mit Schellack, darüber mit Seide u. dann mit Harz isolirten Draht in die Erde zu legen u. aus den Bewegungen der Nadel (?) ein Alphabet zu bilden. Der russische Staatsrath Schilling von Canstadt construicle einen T. mit bloß einer Nadel u. zwei Drähten u. grup- pirte die Ablenkungen nach links u. nach rechts zur Bezeichnung der einzelnen Buchstaben. Mit einem T. mit 5 Nadeln gedachte Schilling bloß Zahlen zu telegraphiren, deren Bedeutung in einem Wörterbuchs ausgesucht werden sollte. Den ersten Versuch im Großen u. zwar mit 2 kupfernen Leitnngsürähteu brachten 1833 Karl Friede. Gauß u. Wilhelm Weber zuStande, indem sie in Göttingen die Sternwarte u. das gegen 900 rn davon entfernte Physikalische Cabinet u. 1834 die Sternwarten, das Magnetische Ob- servatoriumdurchüberdie Häuser u.ThllrmcdecStadt geführte Drähte in Verbindung setzten. Sie bedienten sich nur eines Multiplicators (Hkl in Fig. 3), dessen 1,21 m lange Nadel LILI anfangs durch einen bei ^ u. g ein- u. austretenden galvanischen Strom, später (1834) durch einenMagneto-Jnductionsstrom bald nach rechts, bald nach links abgelenkt wurde; durch Gruppen von höchstens 4 dieser zwei Elementarzeichen konnten sie alle möglichen Buchstaben und 228 Telegraph. Zahlen andeuten. Der Magnetstab LIZk war an einem 3 m langen Faden an einer Schranke i?l? aufgehängt n. trug ein Spiegelchen welches die Theilstriche der Skala mm in dein Fernrohre L sichtbar machte; durch die Spiegelung wurde (wie bei dem Magnetometer, vcrgl. Magnetismus, S. 493) die Nadelablenkung verdoppelt und somit deutlicher wahrnehmbar; deshalb hat Liese Art der Spiegel- ablesnugen für Kabel-T-en (vgl. v s oe), große Bedeutung erlangt. Von Gauß dazu angeregt, verfolgte Professor C. A. Steinheil in München den Gegenstand weiter u. befähigte 1836 den Nadel-T. dazu, die ankommenden Zeichen dem Ohre vernehmbar zu machen u. sie bleibend niederzuschreiben (vgl. v a I). Steinheil vollendete 1837 die Leitung von der königl. Akademie in München nach der S Meile entfernten Sternwarte Bogenhausen; 1838 versuchte er aus der Nürnbcrg-Fürther Eisenbahn die Schienen als T-enleitung zu benutzen u. entdeckte dabei, daß man die Erde als Rllckleiter der Elektricität benutzen kann, wenn man das zweite Ende des Mul- tiplicators an der empfangenden Station, sowie den einen Poldraht an der gebenden mit einer in die Erde versenkten Metallplatle (Erdplatte) verbindet. Als die Leitung von München nach Bogenhausen bereits sertig und in so einfacher Weise betriebsfähig war, nahmen in England Wheatstone u. Cooke 12. Juni 1837 ein Caveat u. 12. Dec. das Patent auf 2 T-en mit 4bezw. 5Nadcln; zum Betrieb des Fünfna- del-T-en brauchten sie 6, od. bei Verzicht auf das Tele- graphiren der Ziffern 5 Leitungsdrähte. Im März 1836 hatte William Fothcrgill Cooke in einer Vorlesung von Muncke in Heidelberg einen Schillingscheu T. gesehen u. widmete sich von da an der elektrischen Telegraphie; noch im März entwarf er einen T-en, welcher 6 Drähte bedurfte u. mit 3 Nadeln ein Alphabet von 26 Zeichen geben sollte. Gleich darauf machte er sich an die Herstellung von Zeiger-T-en für Eisenbahnzwccke, wobei er anfänglich die mechanische Einrichtung der Spieldosen nachzuahmen suchte, wobci die beiden zusammen arbeitenden Werke synchron lausen mußten, schon im Juli 1836 jedoch ein durch 2 Elektromagnete abwechselnd hin u. her bewegtes Pendel mit Echappement anwandte. 1837 vereinigte sich Cooke mit Charles Wheatstone, Professor am LinM 6vIlsAo, u. nun folgten weitere wesentliche Verbesserungen. Der ihnen beiden 12. Dec. 1837 patentirte Fünfnadel-T. mit 5 Drähten kam 1840 auf der Great-Western Bahn zur Ausführung, doch wegen seiner Ungeheuern Kosten (250 — 300 Pfd.Sterl. für eine engl. Meile) nur auf einer kurzen Strecke. Die 5 Nadeln waren auf einem rautenförmigen Rahmen angebracht, u. von ihnen wurden beim Zeichengeben stets 2, u. zwar nach verschiedenen Seiten abgelenkr; da wo sich die Nichtungslinien der beiden Nadeln schnitten, war am Rahmen der Lurch das Zeichen gemeinte Buchstabe angeschrieben; der Zeichengeber war eine Claviatur mit 5 Tasten, von denen zu jedem Zeichen 2 niederzndrücken waren, dabei die zu ihnen gehörigen 2 Leitungsdrähte n. 4Multiplicatoren zu einem Schließnngskreise verbanden u. zugleich in diesen den Strom der galvanischen Batterie entsendeten. So konnten mittels der 5 Nadeln 20 Buchstaben telegraphirt werden. Sollten die 10 Zistern mit telegraphirt werden, so wurde noch ein 6. Leiter nöthig, damit man jede der 5 Nadeln auch allein nach links und nach rechts ablenkcn konnte. Im Sept. d. I. 1837 trat auch S. F. B. Morse (s. d.) mit seinem Schreib-T-cn (vgl. Oo 1) an dieOefscntlichkeit. So große Verdienste nun auch Wheatstone, Cooke, sowie Morse sich um die Vervollkommnung u. Einführung der elektrischen T-en erworben haben, so haben doch unbestreitbar Gauß u. Weber der elektrischen Telegraphie den rechten Weg angebahnt und Steinhsil denselben weiter geebnet; allein erst nachdem England (wo 1845 die Länge der Leitungen von 14 ans 108 deutsche Meilen stieg) n. auch Amerika (wo 1843 der Congreß 30,000 Doll, zu T-en bewilligte. Morse 1844 die erste 8 deutsche Meilen lange Leitung von Washington nach Balti- more baute, 1845 schon 194 Meilen von New Dort nach Boston u. über Albany bis Buffalo n. 1852 schon 260 Meilen gezogen waren) lange T-enlinien hatten, wurde die deutsche Erfindung auch für Deutschland fruchtbringend, zunächst für die Eisenbahnen; 1843 ließ die Direction der Rheinischen Eisenbahn bei Aachen für eine Art Zciger-T-en mit 6 Buchstaben auf dem Zifferblatts eine kurze Leitung mit immer noch 4 Drähten durch einen Engländer aussüh- ren, worauf 1844 eine Leitung von Fardely ans Mannheim oberirdisch längs der Taunnseisci bahn angelegt wurde, u. zwar mit nur einem Draht n. mit einem Bauaufwands von 600 Fl. für eine oeut- sche Meile. Rußland erhielt Anfang 1844 die erste T-cnlinie von Petersburg nach Zarskoe-Selo, Frankreich 1845 seine erste, 140,000 Frcs. kostende Linie von Paris nach Ronen. 1846 wurde in Preußen zuerst Berlin mit Potsdam, in Österreich Wien mit Brünn telegraphisch verbunden; in demselben Jahre baute der Conservalor und Akademiker, Professor Steinheil die Linie an der Eisenbahn von München nach Nannhofen. Belgiens erste Linie, Antwerpen- Brüssel, ward durch Wheatstone u. Cooke im Aug. 1846 fertiggestellt. Holland und Toscana erhielten 1847, die Schweiz u. Neapel 1852, Schweden 1853, Spanien 1854, der Kirchenstaat u. Norwegen 1855, Portugal erst 1857 die erste Linie. Schon 1847 wurde die belgische Thronrede von 842 Worten mit 4661 Buchstaben in 47 Minuten von Brüssel nach Antwerpen, die englische binnen 2 Stunden nach 60 Stationen Englands u. Schottlands verbreitet, 55 Buchstaben in einer Minute. Zum Betrieb eines elektrischen T-en sind ganz unentbehrlich: eine Elektricitätsguelle, welche die Te- legraphirströme liefert, eine T-enleitnng, in welcher diese Ströme von der das Telegramm gebenden Station nach der dasselbe empfangenden entsendet werden können, ein Zeichengeber od. Sender in der gebenden Station, mit welchem die Ströme der Leitung od. Linie zngeführt werden, u. ein Empfänger, welcher in der Empfangsstation die telegraphischen Zeichen als Stromwirkungen (vergl. Galvanismus 0) sinnlich wahrnehmbar macht. Außer diesen beiden unentbehrlichen T-enapparaten kommen in den T-cnämtern noch eine Anzahl von Nebenapparaten vor, welche die Erreichung verschiedener Nebenzwecke ermöglichen, dadurch aber zum Theil für den Betrieb eine große Wichtigkeit besitzen. /V) Als Elektricitätsqnelle werden vorwiegend galvanische Batterien verwendet, doch telegraphirt man auch nicht selten mit Jnductionsströmen, welche gewöhnlich durch Magnetinductoren (vergl. 229 Telegraph. Magneto-elektrische Maschinen u. Jndnction ci) geliefert werden, da diese im Gebranch wesentlich bequemer sind, als die Voltainbnctoren (vgl. Jnduc- tion A. a). Unter den galvanischen Elementen sind für die eigentliche Telegraphie mir die constanten (s. Galvanismus D b) brauchbar, u. zwar werden von diesen jetzt fast ausschließlich die Daniellschcn u. ihre Abarten, namentlich die Meidingerschen benutzt. Wo im Telegraphiren längere Pausen eintreten, wie z. B. bei den Hanstelegraphen (s. d.) sind auch Elemente zulässig, welche in geringerem Grade konstant sind, z. B. die von Leclanche, welche in einem Glase einen Zinkcylinder in concentrirter Salmiaklösung u. eine Thonzelle enthalten, worin eine Kohlenplattc in einem Gemische ans Kohle n. Braunstein in groben Stücken steht. Sehr verbreitet ist namentlich das in Fig. 4 abgebildete Meidingersche Ballonelement, bei welchem der Poldraht L an den im oberen Theil des größeren Glases stehendenZinkring, der (isolirte) Poldraht ie an das Kupferblech in dem kleineren Glase genietet ist n. der Vorrath von Knpfervitriolstücken sich in dem nmgestürzten.das große Glas oben schließenden, nnten mit einem Stöpsel mit Glasröhrchen verschlossenen Ballon enthalten ist. L) Die T-enleitnng besteht aus Kupfer- oder Eisendraht. Sie bildet bei kleineren T-enanlagen eine in sich znrücklanfende Schleife, welche von dem Zeichengeber der gebenden Stationnach der empfangenden, in dieser dnrch den Empfänger u. zur gebenden Station zurücklänft. Bei großen Anlagen dagegen tritt der feuchte Erdboden an Stelle der Rllckleitnng; es wird dann zwischen beiden Stationen nur ein Draht gespannt u. in beiden hinter den Apparaten dnrch einen dicken Draht (Erdleitung) nach einer entsprechend großen, in die feuchte Erde eingegrabenen Metallplatte (Erdplatte) u. somit zur Erde selbst weitergeführt. Der Erdboden läßt sich dabei als eine Leitung zwar von sehrgeringer Leitungsfähigkeit, dafür aber von sehr großem Querschnitte ansehen, oder auch als ein Behälter von nahezu unermeßlicher Größe, welcher die von den beiden Erdplatten in ihn übertretende positive u. negative Elektricitäl ansnimmt ohne jede merkliche Erhöhung seiner elektrischen Spannung. Die Leitung muß auf ihrer ganzen Länge möglichst vollständig gegen die Erde isolirt sein, damit nicht der Strom ganz oder theilweise zur Erde gelangt, bevor er den Empfänger durchlaufen hat; befinden sich zu viele Neben- schließnngen, d. h. Stellen, wo einzelne Zweige des Linienstromes zur Erde gelangen können, an einer Leitung, so wird der nach üerEmpfangsstation kommende Strvmzweigzu schwach, um deutliche Zeichen hervorzubringen. Die Leitung wird am einfachsten u. billigsten über der Erde hingefuhrt. Will man sie absichtlichen Beschädigungen Lurch Menschenhände und den Zerstörungen dnrch elementare Naturkräfte entziehen, zugleich auch die Betriebsstörungen umgehen, welche die Befestigung einer großen Zahl von Drähten auf den nämlichen Stangen unvermeidlich im Gefolge hat, so führt man die Leitung unterirdisch; dabei, u. wenn man die Leitung durchs Wasser führen muß, erhält der Draht außer der isolirenden Hülle noch eine Schutzhülle, u. diese wie auch die umgebende Feuchtigkeit bilden dann mit der Leitung eine Leydnsr Flasche (s. Eiek- tricität IV); infolge Lessen treten in solchen Leitungen,dicman T-enkabel od. T-entaus (T-enseile) nennt, gewisse (von Werner Siemens 1847 zuerst beobachtete u. richtig gedeutete) Ladungs- u. Entla- dungserscheinnngen aus, welche das Telegraphiren auf diesen Kabel wesentlich erschweren und verlangsamen, auch zu abweichender Einrichtung der zu benutzenden Apparate nöthigen (vgl. D s oo). a) Die oberirdische Luft- oü. Stangenleitung. Früher stellte man sie, da Kupfer die Elektricität 6mal besser leitet als Eisen ans Knpferdcaht von 2 mm Dicke her, von welchemsin Ctr. SO—60 Thlr. kostete u. 5—6 Ctr. zneiner Leitung von einer Meile Länge uöthig waren. Gegenwärtig benutzt man fast nur Eisendrahtvon 3—S mmDicke, wovoneiuCtr. 7—8 Thlr. kostet u. etwa 20 Ctr. ans eine Meile nöthig sind. Der Eisendraht gestattet wegen seiner größeren Dicke u. Festigkeit größere Spannweiten von einem Unterstützungspunkte zum andern; gegen das Rosten schützt man ihn durch Verzinken, was 2—3 Thlr. für einen Ctr. kostet, od. durch j'tberstrsichen mit Asphaltlack, was H Thlr. für einen Crr. kostet; einfacher u. doch sehr gut zieht man den ansgeglnh- ten Draht blos durch heißes Leinöl. Wo man sehr große Spannweiten nehmen muß, verwendet mau Stahldraht, od. auch Drahtseile. Auch Kupferstahldraht (oompormck rvirs) ist vortheilhast, da dessen Stahlseele größere Festigkeit u. die Kupferhütte darum ein größeres Leitnngsvermögen gewährleistet. Die Enden der einzelnen Drahtstücke, woraus die Leitung hergestellt wird, werden meist um einander herumgewunden u. mit Bindedraht umbunden oder znsammengelöthet, od. man befestigt beide Enden in einem Metallmnffe od. einer Metallklemme. Zur Unterstützung der Drähte benutzt man vorwiegend hölzerne Tragsäulen, in Abständen von 30—60 m, ihre obere Stärke wechselt zwischen 75—150 mm, ihre Höhe zwischen 5—10 m; sie stehen mindestens 1 m tief in der Erde; zum Schutz gegen Feuchtigkeit n. Fäulniß werden sie unten verkohlt od. mit einer Mischung von Asphalt n. Steintohlentheer bestrichen od. mit Kupfervitriol, Chlörzink, od. Theer- öleu imprägnirt. Hölzerne Tragsäulen nebst Ausrüstung kosten etwa ISO—200 Thlr. auf eine Meile. Tragsäulen aus Stein, aus Eisen od. aus Stein u. Eisen sind viel ihenrer. Lebende Bäume lassen sich nicht gut als Träger für T-enleitnngen benutzen, da sie im Winde zu sehr hin u. her schwanken. In Städten befestigt man die Leitungen meist auf eisernen Stützen an od. auf den Häusern. Zwischen Leitung u. Säule kommt ein isoürenderKörper, welcher bei keiner Witterung über n. über naß werden darf; die nasse Säule würde sonst den Strom zur Erde ableiten. Man wählt dazu gewöhnlich einen glockenförmigen Körper (Isolator) ans Glas, Porzellan od. Steingut, den man auf die Tragstangen selbst od. auf daran befestigte kurze Eijenstützcn aufkittet; der Draht wird dabei um den Isolator herumgewickelt, od. in eine Rinne des Isolators gelegt u. festgebun- Len wie es Fig. 5 zeigt. Noch besser u. bes. gegen im Innern der Glocke sich infolge der Wärmeausstrahlung niederschlagenden Nebel schützen die Doppelglocken, Fig. 6. Oft kittet man die Porzellanglocken ä, Fig. 7a, in gußeiserne Glocken a b ein, um sie so besser gegsnBeschädigung zu sichern; Len Draht hängt man in den eingekittcten Träger e ein od. legt ihn, wie in Fig 7b., in eine Rinne, der eisernen Glocke, 230 Telegraph. welche dann nicht (wie jeneinFig. 7 n) an die Holzsäule angeschranbt, sondern aus eine Eisenstütze gekittetwird. Bei Linien,welche einegrößereAnzahlvon Drähten auf den nämlichen Tragsäulen liegen haben, bringt man auf den Säulen in Abständen von etwa 750 IN Spannvorrichtungen anu. spannt Lurch diese die Drähte entsprechend an, damit sie sich nicht dehnen, schlaff herabhängen, einander berühren n. so das Telegraphiren stören. In Deutschland wandten schon Weber (1833) und Steinheil (1837) Luftleitungen an, in England erst Coole (1841). b) Unterirdische Leitung. Erst nach vielen Versu- chen mit Glasröhren (Jacobi in Petersburg), mit Kantschukbändern (Wheatstone), mit gefirnißter Baumwolle in Bleiröhren (in Amerika Morse) rc. gelang es unterirdische Leitungen genügend zu isoli- ren, n. zwar durch Gutta Percha, welche 1846 der preußische Arlillerielieutenant W. Siemens zu verwenden vorschlug. Die unter Siemens Leitung von 1847—50 ab in Preußen mit einem Aufwande von 1140 Thlr für die Meile gebauten unterirdischen Linien von 400 Meilen Länge versagten jedoch, weil der Gutta Percha Schwefel beigcmischt war, bald den Dienst. Ähnlich die in Sachsen, Österreich rc. her- gestellten Linien. Seit jener Zeit wurden unterirdische Linien fast nur in Städten gelegt; außerdem kamen Kabel in den Tnneln der Eisenbahnen, bei der Feldtelegraphie zur Verwendung. Bei der Pariser Stadtleitnng hat man 1855 die Drähte in ein Bett von Asphalt gelegt u. so isolirt; in Wien legte man sie in Ccmcnt in Kanäle aus Manerzieg.ln; in Berlin legte man Gntta-Perchadrähte in 6 Zoll weite eiserne Röhren, in England in Holzrinnen od. Röhren von Gußeisen od. Steingut. Nachdem die Kabelfabrikation, die ihren Hanptsitz in England hat, Lurch die Erfahrungen an unterseeischen Leitungen, sich ungemein vervollkommnet hatte, glaubte man in Deutschland unter derVerwaltung des Geueralpost- Meisters Stephan (s. d.) 1876 wieder znm Ban von unterirdischen Linien schreiten zu dürfen u. hat bis jetzt solche von Berlin bis Kiel u. bis Metz bezw. Straßburg hergestellt, n. es sollen in dieses Netz alle wichtigen Festungen u. Handelsplätze hineingezogen werden. Das Kabel enthält 7 Litzen (Adern), deren jede aus 7 Knpferdrähten znsammengedreht ist, in einer aus 2 Lagen bestehenden Gutta-Perchahülle; Liese Seele ist mit getheertem Hanf umsponnen n. darüber mit 16 verzinkten, 4 mm dicken Eisendrähten bewickelt. Beim Versenken, theils schon bei der Fabrikation erhielt das Kabel noch einen Asphaltüberzug aus eingedicktem creosvtsreien L-teiukohlen- theer. Zur leichten Aufsuchung schadhafter Stellen legt man meist in gewissen Abständen besondere Un- tersnchungsbrunnen an, in denen man bequem zur Leitung gelangen ka»n.o)Die UnterseeifcheLeit- nng wirdzwischcnüdnrch Meere, Seenod.Flüsse ge- trennten Stationen auf den Grund der Gewässer ge- legt. Zuerstversuchten Sömmerringn.Schilling. 1839 Ö'Shaughenessy in Hindostan T-enleilnngen durch Wasser zu legen. Darauf planten 1840 Wheatstone die Verbindung vonDoveru. Calais, l843Morse die vonAmerikamitEnropa. Flnßkabelwurdeu 1845von Coruell durch deuHndsou, 1848 von Siemens durch den Rhein gelegt. Eine unterseeische Leitung wurde zuerst in England Ende Nov. 1846 im Hafen von Portsmouth nach der Insel Wight ansgelcgt; 1849 telegraphirte Walker versuchsweise im Hasen zn Folkstone ans einem 2 Seemeilen laugen, in das Meer versenkten Kabel. Die 1850 in den Kanälen von Venedig u. Triest versenkten, mit vulkanisirter Gutta Percha isolirten Kabel hatten keine Dauer. Jac. Brett n. Wollaston legten 28. Ang. 1850 von Dover nach Cap Gris Nez bei Calais mittels bleierner Klampen einen 6 deutsche Meilen langen, mit Gutta Percha überzogeneuKupferdraht, welchen die Wellen schon nach wenigen Stunden am felsigen lkfer bei Cap Gris Rez dnrchscheuert hatten, obwohl die Küstenendeu durch Bleiröhren geschützt waren. An seiner Statt fertigten Newall u. Co. in ihrer Sei- lerwaarensabrik in Gateshead aus 4 von der Gutta Percha Company in London mit einer doppelten, starken Hülle von Gntta-Percha umgebenen Knpfer- ürähten u. einer Zwischenlags von getheertem Hanf ein Tau von 25 mm u. umwickelten es mit getheer- ten Hanfstricken u. auf einer von Fenwick dazu gebauten Maschine fest mit 10 verzinkten 8 mm dicken Eisendrähten. Vom 25.—28. Sept. 185 t wurde dieses 0,n m dicke, jetzt noch dienstfähige Riesentau von 7 Meilen Länge, 180 Tonnen Gewicht, zwischen South Foreland u. Saaugate (eine Meile südl. von Calais), von Wollaston u. Crampton ins Meer versenkt. Rasch folgten weitere n. bald größere Unternehmungen; so 1852 zwischen England (Holyhead) und Irland (Dublin); in Amerika zwischen dem Vorgebirge Tormentine (Neu-Braunschweig) und Carlton Head (Prinz Edward-Insel); 1853 zwischen England n. Belgien (Middelkerke bei Ostende) und Holland, zwischen Fühnen n. Seeland u. Jütland, sowie eine 2. zwischen England (Port Patrick) und Irland (Donaghadee); 1854 zwischen Seeland n. Schweden, zwischen Corfica u. Italien (Spezzia bei Genua) u. Sardinien, aber die Verbindung dieser Jusel mit der afrikanischen Küste bei Bona mißlang zweimal (1855 n. 1856) u. wurde erst 1857 glücklich vollendet. Ebenfalls 1857 wurde Sardinien mit Malta n. Corfn durch ein Tan verbunden, welches 154 Meilen lang ist u. mit Einschluß der Apparate 125,000 Sterl. kostete. War hiermit der Weg nach Ostindien angebahnt, so wagte man sich von anderer Seite jetzt auch an die Ausführung einer Verbindung Amerikas mit Europa; 1856 bildete sich wesentlich durch die Bemühungen des Amerikaners Cyrus Field eine Gesellschaft u. am 6. Äug. 1857 begann die Legung des Taues von der Balentia- Bai an der WKüste Irlands ans, aber am 11. Ang. riß das Tan in einer Entfernung von 70 Meilen von der Küste. Im August 1858 wiederholte u. vollendete man die Legung von der Mitte des Oceans aus mit 2 Schiffen, ein wirkliches Telegraphiren war nur etwa 14 Tage lang möglich. Um nicht etwa bei einem 3. Versucheden hohen Aufwand für das 475 geogr. Meilen lange Kabel abermals ganz aufs Spiel zu setzen, schlug man nun verschiedene andere Wege zur Verbindung der beiden Erd- theile vor, unter Berührung von zwischenliegenden Inseln oder längeren Landstrecken. Trotzdem wurden 1865 n. 1866 die beiden ersten u. seitdem noch mehrere Kabel quer durch den atlantischen Ocean gelegt u. diese arbeiten zn vollster Zufriedenheit. Bis Ende 1861 waren 2479 geographische Meilen Kabel inSMeerversenkt, aber kaum noch 650 dienstfähig. 'Nach der neuesten Zusamnienstellnugwerden Telegraph. 231 149 Kabel von 63,344 Seemeilen Drahtlänge bei 59,548 Seemeilen Länge von Gesellschaften n. 420 Kabel von 4442 Seemeilen Länge mit 5727 Seemeilen Draht von Regierungen betrieben. Die längeren Unterseekabel enthalten nur einen Leiter, und dieser ist durchweg eine ans mehreren (gewöhnlich 7) dünneren Drähten znsammengedrehte Litze, weil eine solche größere Sicherheit gegen einen Bruch des Leiters bietet. Das von Simens Brothers in Lon- don für die Illrsob llnitock Ltntss Oablo Lompanz- 1875 gelegte jüngste transatlantische Kabel besitzt eine Litze ans 1 2 Drähten n. zwar in der Mitte einen von 11 dünneren umgebenen stärkeren Draht. Als Isolator verwendet man für unterirdische u. unterseeische Kabel Gutta-Percha. Die Gntta-Perchakabel dürfen aber weder während der Fabrikation, noch kein, nach der Legung der Luft n. Wärme ansgesetzt werden. Für Kabel, welche der Wärme, der Lust und dem Lichte nicht entzogen werden können, nimmt man Kautschuk als Isolator. Als äußere Schutzhülle kommen über die isolirte Seele zunächst Hansschnüre n. darüber eine Eisenhülle anS einzelnen Drähten oder ans mehrdrähtigen Litzen. Die Uferenden bedürfen eine wesentlich stärkere Schutzhülle, weil sie in höherem Grade Beschädigungen ausgesetzt sind. Bor n. bei dem Legen, das durch besondere Kabelschiffe bewirkt wird, sind die Kabel sorgfältig ans ihr Lei- tnngsvermögen n. ihre Isolation zu prüfen. Die Abbildungen aus Tafel I. zeigen in Figur 8 und 9 einen Querschnitt von den Küstenenden der transatlantischen Kabel von 1865 n. 1866, in Fig. 10 u. I I von dem Tiefseekabel von 1858 n. 1866, während im Kabel von 1865 das Tiefseekabel die Hans- Hülle n. Drahtlitzen entbehrt, welche in Fig. 8 noch die 10, mit Hans umsponnen, einzelnen Schntz- drähte umgeben, ü) Tragbare od. ambulante Leitungen. Im Sept. 1853 machte Gintel in dem Lager von Olmütz Versuche mit ambulanten T-en; die Apparate waren auf Wagen, welche sich theils in der Nähe des Kaisers, theils in der der Corpscommondanten befanden, an welche die kaiserlichen Befehle telegraphirt werden sollten. Die Leitung wurde von einer Äbtheilnng Reiter nach Bedarf aus dünnen Stangen ansgespannt, verlegt od. abgebrochen. Ähnliches geschah seitdem fast in allen Kriegen durch die Feldtelegraphenabtheilun- gcn; diese bilden diejenige Äbtheilnng der Militärtelegraphie, welche im Kriege den Heeresab- theilnngen unmittelbar folgt n. zur Ausübung des eigentlichen telegraphischen Felddienstes möglichst rasch fliegende Linien theils aus blankem Draht auf leichten Pfählen mit Isolatoren ans Kautschuk ober Ebonit, theils mittels leichter Kabel hcrgestellt und auf ihnen den telegraphischen Verkehr mittels tragbarer (vgl. Eisenbahntelegraphen 3) Zeiger» oder Schreib-T-en vermittelt, während die Etappen- te legraphie diese Feldtelegraphenlinien mit dem bleibenden Telegraphennetze verbindet u., sofern sie aus längere Zeit nöthig sind durch dauerndere ersetzt. Die Oberleitung der gesammten den Kriegszwecken n. der Kriegsführnng dienstbar gemachten T-en fällt während des Kriegs der Kriegstsle- graphie zu. 6)Die telegraphischenNebenapparate. n> Die Umschalter oder Wechsel dienen dazu, dem elektrischen Strome ohne Lösung der Verbindnngs- drähte den nach dem jedesmaligen Zwecke allein zulässigen Weg durch die vorhandenen T-enapparate anzuweisen, od. ihn wol auch ganz von den Apparaten ausznschließen. Zuerst wendete man (schon Cooke 1836 u. Steinheil 1837) Drähte an, welche in Quecksilbernäpfchen tauchten n. nach Bedarf aus diesen herausgehoben und in anders eingelegt werden konnten; später verwendete man Kurbel-, Hebel- od.Klemmenwechsel, deren starke, federnde, messingene Arme wie Ir, od. Ic., in Fig. 12 um ihre Achsen a, n. Nz gedreht n. so auf die eine od. andere von mehreren (durch von den Klemmschrauben p,, g,, r^ n. od. x.z n. weiter gehende Drähte mit verschiedenen Apparattheilen verbundene») kleinen Metallplatten b„ lli n. od. b.^ u. «2 aufgelegt werden können n. in ihren verschiedenen Lagen dem Strome von n. »2 aus verschiedene Wege anweisen; jetzt gebraucht man vorzugsweise die von Steinheil zuerst angegebenen Lamellen-, Schienen- od. Stöpselnm- schalter, bei welchen die Leitnngsdrähts durch Klemmschrauben an mehreren ans od. in einer Holzplatte gegen einander isolirten , neben oder kreuzweise über einander liegenden, mit Löchern versehenen messingenen Platten od. Stäben (Lamellen) befestigt sind n. nach Bedarf durch in die Löcher der Lamellen eingesteckte messingene Stöpsel in verschiedener Weise mit einander verbunden werden. So kann z. B. in Fig. 13, Taf. II. jede der Schienen 1—12 mit jeder der Schienen I—XII verbunden werden, wenn ein Stöpsel in das Loch an der Krenznngsstelle der betreffenden beiden schienen eingesteckt wird. Zwei Verwendungen des Umschalters Fig. 14 sollen später (l) s 1 u.L e) besprochen werden. Durch Linienwechsel lassen sich in Stationen, in welche mehrere Leitungen einmünden, Liese Leitungen nach Bedarf bald unmittelbar, bald mittelbar od. zur Translation (s. unten k) verbinden, bald wieder trennen u. jede einzeln in Betrieb nehmen. Mit Hilfe der Batteriewechsel kann je nach Maßgabe der Länge oder Beschaffenheit der Leitungen mit einem größeren oder kleineren Theile der Telegraphirbatterie telegraphirt werden. Die Ausschalter bestehen ans zwei Schienen, z. B. LF n. I <2 in Fig. 15, u. der in diese eingesteckle Stöpsel stellt eine kurze Nebenschließung zu dem zwischen den Schienen eingeschalteten Apparate her; bei eingestecktem Stöpsel geht so gut wie kein Strom mehr durch den Apparat, dieser ist somit ans dem Stromkreise ausgeschlossen, b) Das Galvanoskop oder die Bussole, eine von in die Leitung eingeschalteten Mnltiplicatorwindnngen umgebene, empfindliche, d. h. sehr leicht bewegliche Magnetnadel (vgl. Galvanismus bl a), soll den Stationen selbst schwächere in der Leitung Vorhände Ströme bemerkbar machen; durch die Bewegungen der Nadel wird die Station, wenn ihr Empfänger nicht arbeitet, darauf hingewiesen, daß derselbe nicht fein genug eingestellt ist; wenn sie selbst mit Arbeitsstrom (s. l). 1) telegraphirt, erkennt die Station zugleich an der Bussole, ob ihre Batterie einen guten Strom in die Leitung sendet; auch Unterbrechungen der Leitungen, starke Ableitungen an denselben und Fehler in den Stationsapparaten kann man bei geschickter Benutzung der Bussole mit deren Hilfe leicht auffinden. Die in Fig. >5 abgebildete Bussole mit liegender Nadel hat diese n. den Multiplicator, dessen Enden an die Ansschalterklemmen X, n. 8^ geführt sind, im Mes- 232 Telegraph. singgehäuse in dem Fußbreit 8; oberhalb des Theil- krcises bewegt sich ein ans die Nadelachse anfgestcckter Zeiger 2; mittels des Hebels Ir läßt sich die Nadel, z. B. während des Transportes, gegen den Glasdeckel drücken n. so arretircn. In Deutschland sind vorwiegend stehende Galvanoskope im Gebrauche, deren Nadel sich um eine horizontale Achse dreht, e) Der Wecker ist eine Vorrichtung, Lurch welche man bei Stadel-, Zeiger- u. chemischen T°en durch hörbare Zeichen auf den Beginn des Telegraphireus aufmerksam macht. Die ersten Wecker haben, worauf in der Einleitung schon hingewiescn wurde, Voigt und Sömmerring angegeben. Die jetzt benutzien Wecker sind elektrische Klingeln (s. u. Haustelegraph), theils mit einfachem Schlag (wie der von Wheat- stone1837vorgeschlageneWecker),theilsRasselwecker, die bald mit Selbstunterbrechung, bald mitSelbstaus- schluß, d, h. Herstellung einer Nebenschließung durch den angezogeneu Ankerhebel arbeiten. Beim Telc- graphiren mit Wechselströmen (s. unten) kann man, nach Stöhrers Vorgänge, einen Magnet über od. zwischen den Polen eines von den Wechselströmen durchlaufenen Elcktromagnetes so anbringen, daß er bald von diesem, bald von jenem Pol angezogen, dadurch in schwingende Bewegung versetzt wird u. dabei selbst gegen die Glocke schlägt, od. wie Lin Fig. 16 bei seiuemHin- u. Hergänge zwischen den Polschnhen p, u. pz des Elektromagnets LIM? einen Klöppel !e abwechselnd die Glocken 0, u. 6^ treffen läßt. Bei den T-cn, welche hörbare Zeichen geben, sind Wecker meist entbehrlich. Während des Telegraphirens selbst wird der Wecker aus der Leitung aüsgeschaltet. ä) Die Blitzableiter für die T-en sollen theils die Leitung, theils die T-enapparate u. Beamten gegen dieEinslüsse der atmosphärischenElektricität schützen; diese bestehen theils darin, daß der Draht u. die denselben tragenden Stangen (oft 20 u. noch mehr zugleich) durch den Blitz getroffen, zersplittert u. zerrissen werden; theils darin, daß die vertheilende Wirkung vorübcrziehender Gewitter, od. der mit jeder Entladung der Wolken durch den Blitz verknüpfte Rückschlag, oder der verschiedene elektrische Zustand der LnstanverschiedenenPunktenderLeitung Ströme in dem Draht verursachen, welche einen unregelmä- ßigen Gang der Apparate zur Folge haben, in denselben den Mnltiplicatordraht schmelzen und so die Apparate zerstören, ja selbst die Beamten verletzen. Der den Betrieb der T-en störende Einfluß der Gewitter u. überhaupt der atmosphärischen Elektricität läßt sich kaum beseitigen; dagegen schützt man sich gegen Zerstörungen durch Blitzableiter, welche theils an den Tragsäulen zum Schutz der Leitung, theils im Apparatzimmcr zum Schutz der Apparate angebracht werden. Die Blitzableiter für T-en wurden 1846 erfunden, und zwar vier verschiedene zugleich, von Steinheil in Deutschland, Hightou in England, Bregnct in Frankreich n. Neid in NAmerika. Die durch atmosphärische Einflüsse in dem Drahte erregte Elektricität besitzt eine weil bedeutendere Spannung, als die von Batterien gelieferte. Sie wird daher lieber als Funken von einem Punkte der Leitung zu einem Lurch eine sehr Lünne Lustschicht von ihm getrennten Punkte der Erdleitung oder auch der T-en- leitung überspringen, als auf dem Umwege durch einen langen, dünnen Draht ebendahin gehen, während die galvanische Len langen Draht durchläuft. Breguet verband die Apparate mit der Leitung durch einen sehr dünnen Draht, welcher durch die atmosphärische Elektricität (vgl. Galvanismus 6 a 1) abgeschmolzen wurde, bevor sie in die Apparate ein- treten konnte. James Neid in Philadelphia wandte einen Elektromagnet an, durch welchen sich jeder stärkere atmosphärische Strom, ganz wie in einerKlin- gel mit Selbstnnterbrechung (s. unt. Hanstelegraph) den Weg nach den Apparaten abbrach. Den Stein- heilschen Blitzableiter wandelte Meißner in Brann- schweig in die Blitzplatten um; bei diesen wird der Leitungsdraht, ehe er in die Windungen der Elektro- magnete cintritt, an eine Metallplatte geführt, welcher durch eine sehr dünne Luftschicht getrennt, eine zweite gegenübersteht, auf welche die atmosphärische Elektricität überspringt, um von ihr ans durch die Erdleitung (s. 8) zur Erde zu gelangen. Hightons Blitzableiter war den Blitzplatten im Princip ganz ähnlich. Die jetzt gebräuchlichen Blitzableiter sind theils Spitzenablciter, theils Blitzplatten; bei erste- ren stehen den stellbaren Spitzen (oder kreisförmigen L>chneiden) in dem mit der Erde verbundenen Ständer 0 , Fig. 17, die Spitzen in den Ständern L u. L' gegenüber, an welche die Leitung geführt wird n. von denen ans die Telegraphirströme nur durch die feinen Drähte IV u. siV' zu den Ständern 8 n. 8' u. durch die zwischen den Klemmen jS u. ,1' eingeschalteten Apparate gelangen können. Fig. 18 zeigt die Form, in welcher Siemens u. Halste dis Blitzplatten für eine größere Anzahl von Linien seit 1871 ausführen; ans der isolirendeu Ebonitplatte i liegen 4 auf der Oberseite geriefte Platten 84, IL, 8g u. 84, an deren Schrauben 8 die 4 Linien zu führen sind, während von ähnlichen Schrauben an ihrer Rückseite Drähte nach Len Apparaten weiter laufen; in geringem Abstande über Len Platten 8 liegt der quer geriefte, mittels des Knopfes Labhebbare, guß- eiserne Deckel 8 aus dem gußeisernen Gestelle 8, an welches bei 8 die Erdleitung gelegt ist. s) Das Relais (Übertrager). Bei sehr laugen Linien ist der durch dis Leitung gesendete Strom der gewöhnlichen Batterien oft nicht kräftig genug, um deutliche Zeichen im Empfänger hervorznbringen. Dann läßt man, wie es Wheatstone zuerst (1837) bei seinem Wecker that, diese Zeichen nicht durch die aus der Leitung ankommendenStröme dersog.Telegraphir-, Linien-od. Leitungsbatterie,sondern durch den Strom einer Localbatterie hervorbriugcn unter Bermii- telung eines Relais; letzteres enthält einen Elektromagnet, Lessen Anker an einem sehr leichten Hebel sitzt. Die Localbatterie besteht aus nur wenigen großen Elementen, da ihr Strom nur eine verhältuiß- mäßig knrzeLeitung ans dickem Draht durchläuft. Die älteste, jetzt noch viel gebrauchte Form, das Schwanenhals-Relais, ist in Fig. 19 abgebildet; sein Elektromagnet 8 ist mit Len Spulenenden 0.0 in die Linie eingeschaltet; der um p drehbare Ankerhebel 88' wird Lurch die mittels der Schraube l> regulir- bare Abreißfeder k für gewöhnlich an die Rnhestell- schraube 0 angedrüctt, die an ihrer Spitze mit einer Elfenbeinplatte belegt ist und deshalb dem Strome keinen Weg von e nach 88' bietet; macht der durch 8 gehende Linienstrom Len Elektromagnet 8 seinen Anker L anziehen, so legt sich 88' auf die ganz metallene Conlactschraube s u. schließt so zwischen den Schrauben v n. er über 8, s, 88', f, §, 8 den Lo- 233 Telegraph. calstromkreis, in welchen anch der Elektromagnet des Empfängers eingeschaltet ist. Von den sehr mannigfaltigen Formen des Relais sei nur noch das sehr- verbreitete Dosen-Nelais von Siemens u. Halske erwähnt; ans dieKerneseines stehenden Elektromagnets sindPolschnhe m, m', Fig. 20, aufgesetztu. ragen oben aus der Holzbüchse vor; der zwischen ihnen liegende Anker ä dreht sich um eine in dem Bügel Ir gelegene Achse u. spielt mit seiner Verlängerung zwischen der Contactschraube o u. dem isolirenLen Achatknöpfchen e, welche in einem gemeinsamen, mittels des Schlüssels s, auf einer Schraubenspindel verstellbaren Messingstucke angebracht sind; der bei x u. z- in die Elektromagnetspulen ein- u. austretende Linieustrom legt ä von e, woran ihn die mittels des Schlüssels b re- gulirbare Feder k andrückt, an s und schließt so den Localstrom über v, e, ck, k, rv. Das wiederholte Re- guliren der Spannfeder t hat man beim Relais auf verschiedene Weise zu umgehen versucht; bei den po- larisirten Relais z. B. ist der Anker selbst magnetisch u. wird, ähnlich wie bei den polarisirten Farbschreibern (vgl. Vst), nach dem Anziehen entweder durch magnetische Wirkung od. durch einen Strom von entgegengesetzter Richtung in die Ruhelage zu- rllckgesührt. Uber das submarine Relais von Siemens s. O s eo. k) Der Translator (Übertrager) hat in der Endstation einer T-enlinic ein in dieser Linie aiikommsndes Telegramm selbstthätig u. ohne Zuthnn eines Beamten in eine andere Linie weiter zu geben. Früher waren alle wichtigeren Knotenpunkte des europäischen T-cnnetzes darauf eingerichtet, daß sie nach Bedarf übertragen konnten, damit das Wcitertelegraphiren mit der Hand und die dabei sich etwa eiuschleichendeu Fehler vermieden wurden. Da konnte z. B. Triest über Wien, Warschau, Petersburg, Moskau direct Telegramme mir Odessa od. Manchester über Haag, Berlin, Petersburg, Moskau, Odessa mit Nikolajew (600 Meilen) Telegramme wechseln. Bei dem jetzigen starken Verkehr würde bei Translation auf weite Strecken zu viel Zeit unbeiilltzt durch das Rufen verloren gehen; daher macht man jetzt nicht mehr so ausgedehnten Gebrauch von Translatoren. Fardely schlug die Translation schon 1844 bei seinem Typendruck-T-en vor; Ezra Cornell soll sie 1846 zwischen Rew Uork u. Buffalo angewendet, Morse schon 1836 an sie gedacht haben. Der Translator hat eine ähnliche Aufgabe wie das Relais, nur daß bei der Translation die beiden Stromkreise gleichwerthig sind, indem die Zeichen nicht bloß aus dem einen in den anderen, sondern auch rückwärts aus dem zweiten in den ersten weiter gegeben werden sollen. Vgl. L o. O. Die elektrischen T-en verwerthen entweder als elektrochemische T-en die chemischen Eigenschaften des elektrischen Stroms in Len Empsängern zum Zeichengeben, oder als elektromagnetische T-en die magnetischen Eigenschaften desselben, und zwar theils die Ablenkung von Magnetnadeln oder von durchströmten Drahtspulen, theils die anziehende u. abstoßende Kraft von Elektromagneten. Jede Station braucht in jeder Linie, in der sie empfangen u. geben soll, zugleich einen Empfänger u. einen Sender. Die auf den Empfängern erscheinenden Zeichen sind theils blos hörbar, theils blos sichtbar, theils endlich zugleich sichtbar u. hörbar. Die sichtbaren Zeichen aber sind wiederum entweder blos augenblickliche, nach ihrem Erscheinen sofort verschwindende, od. bleibende, auf einem Papierstreifen fixirte. Diejenigen T-en, welche bleibende Zeichen geben, nennt man Druck- od. Schreib-T-en, jenach- dem die Schriftzeichen mit einem Male, wie beim Buchdruck, od. durch einen längere Zeit dauernden Zug hervorgebracht werden; der erste derselben wurde bereits 1836 von Stcinheil erfunden u. war ein Na- del-T. (vgl. a 1). Die telegraphischen Zeichen sind endlich entweder für Jedermann lesbar, od. nur den Eingeweihten; gibt nämlich der T. nur eine gewisse Anzahl von sogen. Elementarzeichen, woraus durch eine passende Gruppirung ein entsprechendes Alphabet u. die sonst uöthigen Zeichen zusammengesetzt werden, so erscheint das Telegramm in einer Art Chifferschrift. Ein fortgesetztes Telegraphiren ist nur möglich, wenn entweder nach jedem Zeichen die Orts- bezw. Zustaudsändernng, welche man im Empfänger als telegraphisches Zeichen hervorrief, wieder beseitigt u. so der Urzustand wieder hergestellt wird, oder wenn der im Empfänger hervorgebrachte Zustand als ein neuer Ruhezustand u. Ausgangspunkt benutzt werden kann. Ersteres kann u. a. dadurch erzielt werden, daß mau mit Wechselströmen tele- graphirt,d. h. nach jedem Telegraphirstrome einen Strom von entgegengesetzter Richtung sendet, um durch ihn den Urzustand wieder herzustellen. Beim Telegraphiren mit einfachen Strömen und mir Strömen von entgegengesetzter Richtung dagegen läßt man den Urzustand durch eine Gegenkraft wieder Herstellen u. verwendet dazu meistens eins Abreißfeder oder einen Magnet. Im andern Falle kann man ebeusowol mit Wechselströmen wie mit einfachen telegraphiren. Bezüglich der Stromgebung sind folgende verschiedene Arten des Tele- graphireus zu unterscheiden: 1) Telegraphiren mit Arbeitsstrom; dabei ist die Leitung für gewöhnlich von keinem Strome durchflossen, u. es wird jedesmal in dem Moment ein Strom durch die Leitung gesendet, in welchem mau ein Zeichen geben will, welches eben durch den Strom hervorgebracht wird; 2) Telegraphiren mit Ruhestrom; hier ist dis Leitung fürgeivöhnlichvoneinemStromedurchflossen, u. man bringt beim (gewöhnlichen, vgl. s 1) Ruheströme die telegraphischen Zeichen dadurch hervor, daß man den Strom unterbricht; 3) werden in einer stromerfüllten Linie Zeichen dadurch gegeben, daß man den vorhandenen Strom verstärkt od. schwächt, so telegraphirt man mit Difserenzstrom (vgl. Eisenbahu-T-en, S. 152.) 4) Beim Telegraphiren m it Geg enstrom endlich werden in den beiden Endstationen gleich starke Batterien so aufgestellt, daß sie der Linie Ströme von entgegengesetzter Richtung zuführen, diese daher für gewöhnlich stromsrei ist; eine Endstation telegraphirt dann, indem sie ihre Batterie ausschaltet, eine Mittelstation aber, indem sie die Linie an Erde legt, somit in zwei Theile theilt, in deren jedem nun der Strom einer Batterie wirksam wird. o.) Die Nadel-T-en sind die ältesten elektromagnetischen T-en (vgl. oben) u. geben die meist blos sichtbaren telegraphischen Zeichen Lurch eine od. mehrere Magnetnadeln, welche durch einen in einer Multiplicatorspule parallel zur -Radel um sie herum- gesührten positiven Strom aus ihrer Ruhelage nach der einen Seite, durch einen negativen Strom nach 234 Telegraph. der andern Seite hin abgelenkt werden. Diese Ablenkungen, oder in ähnlicher Weise durch Elektromagnete hervorgebrachtc Bewegungen werden selbst n. nnmit- telbar zu einem Alphabete gruppirt. Die Nadel- T-en sind nach Einrichlung u. Bedienung sehr einfach, dabei doch ziemlich leistungsfähig; sie erfordern zu ihrem Betriebe nur schwache Ströme. 1) Der Nadel-T. von Steinheil in München (1836) besah als Stromquelle eine magnetoelektrische Induktionsmaschine nach Clarkescher Einrichtung; durch diese Maschine konnte der Telegraphist zu jeder Zeit bequem nach Bedarf einen positiven od. negativen Strom in die Leitung senden. Der Zeichsnsmpfän- ger enthielt in einer Mnltiplicationsspule, Fig. 21, zwei um vertikale Achsen leicht drehbare Magnetstäbchen, »8, welche an den beiden sich zngc- wandten Enden von entgegengesetzter Polarität jeder mit einem messingenen Fortsatz versehen waren, mit diesem ans der Spule herausragten u. hier ein kleines, mit schwarzer Flüssigkeit gefülltes Gefäß trugen; Lurch einen positiven Strom wurde der eine, durch einen negativen der andere Magnetstab so abgelenkt, daß das Gefäß mit einer hohlen spitze an seinem Ende gegen einen durch ein Triebwerk stetig an den Spitzen vorbeigcsnhrten Papierstreisen anschlng und ans diesem einen schwarzen Punkt machte. Das Zn« rückgehen derStäbchen in ihre Ruhelage wurde durch zwei andere feststehende Magnete (Nichtmagnele, iss u. 8) bewirkt, während ein paar Vorsprünge es den Stäbchen unmöglich machten, sich in entgegengesetzter Richtung über ihre Ruhelage hinaus zu bewegen. Sollte der T. hörbare Zeichen geben, so wurden an Stelle der Schreibgesäße zwei kleine Hämmerchen an den beiden Magnetstäben an deren anderen Ew den angebracht und schlugen an zwei verschieden gestimmte Glöckchen an. Die telegraphischen Elementarzeichen der Steinheil-Schrift sind also Punkte in zwei verschiedenen Zeilen; ans ihnen gruppirte Stein- heil zu 1—4 Zeichen folgende 30 Zeichen für die Buchstaben u. Ziffern: 4 8 0 n. L v » k 6 m 9 » 6» 80» I 8 » » o'ü.O ? 8 "8 'i? »u'.V 4V 2 'l 2 3 4 5 6 7 8. Beim Telegraphiren wurde zwischen je zwei Buchstaben eine kleine, zwischen je zwei Wörtern eine etwas größere Panse gemacht. 2) Die Nadel-T-en von Wheat- stone u. Cooke in London waren in England, wo die Patentrechte die Anwendung anderer T-en ziemlich ganz ansschlossen, anfPrivat-T-enu.Eisenbahu- liniensonstfastalleininGebranch. an) Der einfache Radel-T. bedarf bei Benutzung der Erdleitung nur einer Drahlleitnng; sein Empfänger enthält nur eine Nadel, n. zwar eine astatische Doppelnadcl (s. d.), welche dem Einfluß des Erdmagnetismus nicht uu- terworsen ist. Zu diesem, einem stehenden Galvanoskop gleichenden Empfänger tritt als Sender ein Schlüssel oder Commntator, dessen Griff ans dem Gehäuse, in welchem sich der Multiplikator mit der Nadel befindet, versteht und in seiner Ruhestellung den ankommeiiden Summen, nachdem sie den Multiplikator durchlaufen haben, einen Weg zur Erde eröffnet, ohne selbst einen Strom in die Leitung zu schicken. Dreht man den Griff nach rechts, so kommt der positive Batteriepol mit dem Multiplikator und der Linie, der negative Pol mit der Erde in Verbindung; der dabei entsendete Strom lenkt die Nadel auf der gebenden u. empfangenden Station gleichzeitig nach rechts ab. Dreht man dagegen den Griff nach links, so kommt der positive Pol mit der Erde, der negative Pol dagegen mit dem Multiplikator in Verbindung u. die Batterie ist jetzt so geschlossen, daß der Strom nach entgegengesetzter Richtung die Multiplikatoren durchfließt, mithin einen Ausschlag nach links bewirkt. Die Buchstaben werden durch Gruppen von ein bis vier Nadelablenkungen bezeichnet, weshalb das Telegraphiren mit diesem Apparat etwas zeitraubend ist. bb) Der Doppel uadel-T. hat in einem Gehäuse zwei astatische Nadeln mit zugehörigen Multiplikatoren n. Schlüsseln, mithin auch doppelte Drahtleitung, n. gestattet wegen der Vermehrung der möglichen Elementarzeichen eine Vereinfachung aller daraus combinirten Signale und Steigerung der Geschwindigkeit (etwa 17 Wörter in 1 Minute), ist aber der doppelten Leitung wegen kostspieliger. 3) Auf den Linien der British and JrishMagneticTelegraph Company in Großbritannien war ein DoppelnaLel-T. in Gebrauch, welcher mit Magneto-Jndnctionsströmen arbeitete; die ursprünglichen derartigen, 1848 von Heulet) u. Förster construirten Apparate wurden von den Gebrüdern Bright wesentlich verbessert. 4) Der 1843 pateutirte Nadel-T. von Alexander Bain in Edinbnrg unterscheidet sich von Len vorhergehenden bes. dadurch, daß die Windungen des Multiplikators nicht parallel einer Magnetnadel, sondern senkrecht zu den zu bewegenden Magneten laufen. Die letzteren haben zu dem Ende die Gestalt zweier halbkreisförmiger Stahlmagneie, welche sich ihre gleichnamigen Pole innerhalb ans Holzspulen gewundener Multiplicator- rollcn zuwenden n. durch eine,um eine vertikale Achse drehbare Mcssingstauge zu einem ganzen Kreise verbunden sind. Läuft durch die Drahtrollen ein positiver oder negativer Strom, so dreht sich der Kreismagnet in der einen oder anderen Richtung, n. ein mit ihm verbundener Zeiger weist nach rechts oder links. Auch der Commntator war bei diesem T. anders eingerichtet, als der von Wheatstone. Dieser Nadel-T. war ans mehreren Bahnen Englands in Gebrauch. Der Mechanikus Ekling in Wien fügte zu diesem T. zwei Glöckchen, u. » 2 , Fig. 22 n. 23, von verschiedener Stimmung, an welche der Zeiger 2 anschlägt, wenn dis Spulen 8^ n. 8? die halbkreisförmigen Magnete »1 n. LI? in sich hineinzieheu. Ekling gab dem Commntator zwei horizontale Tasten, u. 4'-,, Fig. 24, welche abwechselnd niederzndrücken sind, wenn man positive od. negative Ströme in die Leitung senden will; es ist dazu der negative Pol der Batterie 8, Fig. 25, über > mit den Arbeitscontac- tcn 1, der positive Pol mir den Ruhekontakten 3 der Tasten, die Leitung !c mit der Achse 2 der Taste I., die Erde u mit der Achse 2 der Taste V verbunden. Endlich vermehrte Ekling auch die Elementarzeichen, indem er die Ablenkungen nach links u. rechts noch in kurze u. lange unterschied; so konnte er alle Buchstaben u. Ziffern Lurch je zwei Bewegungen telegra» phiren, während Bain deren bis zu vier brauchte. In dieser Gestalt war der T. etwa bis 1357 auf den österreichischen Staatsbahnen in Gebrauch. 5) Var- Telegraph. 235 ley ersetzte 1866 in seinem T-en die Magnetnadeln Lurch einen hufeisenförmig gebogenen Stab aus weichem Eisen n. magnetisirte denselben durch zwei außerhalb der Spule aufgestellte kräftige Stabmagnete. Er entzog so seinen T. einer bleibenden Einwirkung der atmosphärischen Elektricität, welche nicht selten die Nadeln ent- od. ummagnetisirt. 6) lieber Thomsons Spiegelgalvanoskop s. v s oo). k) Die Zeiger-T-en waren früher in Deutschland u. Frankreich bes. als Eisenbahn-T-n sehr verbreitet und sind znm Theil erst in der allcrnenesten Zeit von dem Morseschen T. verdrängt worden. Das charakteristische Merkmal dieser T-en'liegt darin, Laß die im Empfänger hervorgebrachten Bewegungen nicht unmittelbar zu einem Alphabete gruppirt, sondern in andere Bewegungen umgesetzt u. zweckmäßig an einander gereiht werden, so daß man aus der schließlichen Stellung beweglicher Theilc gegen unbewegliche mit einem Blicke das telegraphirte Zeichen ablesen kann. Am häufigsten werden die Buchstaben, Ziffern und sonstigen Zeichen auf einer Scheibe im Kreise herum verzeichnet u. durch die Wirkung des elektrischen Stromes ein im Mittelpunkts der Scheibe angebrachter Zeiger schrittweise auf der Scheibe fortbewegt, bis er endlich vor dem zu telegraphirenden Zeichen stehen bleibt. Der ersten Versuche von Cooke (1836) wurde schon oben gedacht; ebenso des Davyschen T°en, in welchem ein Elektromagnet durch seine Wirkung auf eine Hemmung eine durch ein Gewicht getriebene Walze schritt- weiseinBewegnngsetzte, während nach jedemSchritte der Strom einer Hilssbattccie an sechs verschiedenen Stellen durch ein mit Jovkalinm getränktes, auf der Walze liegendes Papier geführt werden konnte. Um die Ausbildung der Zeiger-T-en haben sich mehrere Engländer, z. B. Wheatstone, Mapple u. Brown, Highton, Nott, Barlow, Henley u. Tycr, von den Franzosen, besonders Breguet, Digncy, Garnier u.Froment, unter den Belgiern namentlich Glösener n. Lippens u. viele Deutsche, so William Fardely in Mannheim, Leonhardt in Berlin, Drescher in Kassel, StöhrerinLeipzig, Kramerin Nordhansen, Siemens ii. Halske in Berlin Verdienste erworben. Früher hielt man die Zeiger-T-en, obwol sie ziemlich langsam arbeiten (in einer Minute 20—40 Buchstaben) n. keine bleibenden Zeichen geben, für viele Zwecke doch sehr brauchbar, weil sie dis verlangten Buchstaben unmittelbar ablesen lassen n. daher zu ihrer Handhabung einen weit geringeren Grad geistiger u. technischer Befähigung erfordern. Jetzt ist ihre Verwendung so ziemlich auf ihre Benutzung als Fenerwehr-T-en (s. d.), Hans-T-en (s. L.) u. für ähnliche Zwecke beschränkt. Gerade hierbei aber sind die Magnetinductions-Zeiger-T-en wegen ihrer größeren Bequemlichkeit den mit galvanischen Batterien arbeitenden Zeiger-T-cn vorznziehen. Die Genauigkeit des Telegraphisten wird wesentlich größer, wenn nach jedem Zeichen sich der umlanfende Zeiger von selbst wieder aus den Ausgangspunkt (das Z-) einstellt, weil dann ein bei einem Zeichen vorgekommener Fehler sich nicht auch auf dis nachfolgenden fortpflan- zen u. auch diese fälschen kann. Doch Pflegt man auf diesen Vortheil zu verzichten, um die mechanische Einrichtung der T-en einfacher Hallen zu können. 1) Der im Herbst 1839 erfundene, 21. Jan. 1840 patentirte Zeig er-T. vonWheatstonen. Cooke bedurfte 3 Drähte. Der Zeiger des Empfängers saß auf der Achse eines von einem Gewicht getriebenen Steigrades, in dessen Zähne 2 Elektromagnet?, durch die der Strom abwechselnd geführt wurde, abwechselnd die beiden Lappen einer Hemmung einlegten und so den Zeiger zur schrittweisen Bewegung über der feststehenden Buchstabenscheibe nöthigten. Der Zeichengeber enthielt eine mit denselben Zeichen wie die Buchstabenscheibe des Empfängers beschriebene Messiugscheibe (Schließnngsrad), welche an ihrem Umfangs mit vorstehenden Rippen versehen war; bei der Umdrehung kamen die Rippen der mit dem einen Batteriepol verbundenen Scheibe der Reihe nach mit der einen oder andern von zwei Schleiffedern in Berührung u. entsandten so den Strom in die erste oder zweite Leitung, durch den ersten oder zweiten Elektromagnet; die dritte Leitung führte stets den Strom zum andern Batteriepole zurück. So rückte der Zeiger nach u. nach bis auf das zu tele- graphirende Zeichen. Einen der 3 Leiter u. die zugehörige Schieiffeder machten Wheatstone n. Cooke vei einem gleichzeitig mit patentirten T-en entbehrlich, indem sie die Wirkung des zweiten Elektromagnets durch eine Abreißfcder ansllben ließen; sie steckten dabei die Buchstabenscheibe des Empfängers auf die Steigradachse, so daß bei deren schrittweiser Drehung durch die Stromschließnngen u. Unterbrechungen die Buchstaben der Reihe nach in einem Fenster sichtbar wurden. Bei Benutzung der Erde zur Rückleit- nng des Stroms würde bei diesem Zeiger-T-en blos eine Leitung nöthig sein. Gleichzeitig ließen sich Wheatstone u. Cooke auch einen T-en ohneTriebwerk mitpatentiren,dessen Steigrad nebst Buchstabenscheibe unmittelbar durch den Anker des Elektromagnetes unter Mitwirkung einer Abreißfeder bewegt wurde. 2) Fard ely (l843) schloß u. unterbrach den Strom auch durch ein Schließungsrad, das mittels eines Speichenrades umgedreht wurde, u. benutzte den zu einer Gabel geformten, durch den Elektromagnet u. eine Abreißfeder auf u. nieder bewegten Ankerhebel als Hemmung für das auf der Zeigerachse sitzende Steigrad. 3) Der franz. Staats-T. von Bre- guet (1845) ahmte die Zeichen des Chappeschen T. (s. oben IV L a) nach, weil die bei diesem verwendeten Telegraphisten sofort an dem neuen T. Dienst thun sollten. Der Empfänger enthielt in einein Kästchen zwei Uhrwerke, deren jedes einen Zeiger auf der Außenseite des Kästchens sprungweise um je 45° fortbewegte, so oft sich durch die Anziehung eines Elektromagnetes und durch die Wirkung einer Feder die Hemmung vor od. zurück bewegte. Wenn eins der möglichen 64 Zeichen in Verbindung mit einem der andern 63 gebraucht wurde, um anzn- denten, daß das letztere nicht in horizontaler, sondern in vertikaler Lage zu lesen sei, so erhielt man noch 64 Zeichen. Der Zeichengeber cnthieltzweiSchließungsräder, deren jedes bei einer vollen Umdrehung viermal einen Strom in die zu ihm gehörige der beiden Leitungen sendete u. viermal denselben wieder unterbrach. Aus ihm entwickelte sich 4) der 1849 erfundene, 1850 patentirte franz. Eise nb ahn-T. von Breguet (Fig. 26). Sein Empfänger enthält einen Elektromagnet, dessen Anker L. (Fig. 27) sich durch die Anziehung bei der Stromgebung u. die Wirkung einerAbreißfedsr mndieAchfe OO hin n. her dreht u. sich dabei abwechselnd milden Lappen a, n. o vor die 236 Telegraph. Zähne des durch ein Federtriebwerk getriebenen Steigrades R auf der Zeigerachse legt, den Zeiger also stets nur um 1 Feld auf einmal sortrücken läßt. Unter der Buchstabenscheibe des Senders (Fig. 28), liegt eine auf die Achse der Kurbel LI amgesteckte Scheibe mit einer schlangenförmigcn Nnlh auf ihrer unteren Seite; in diese Nnth greift ein Stift an dem Contacthebel 6, welcher sich daher bei Umdrehung der Kurbel LI um feine Achse 0 hin u. her dreht u. bald an die Schraube x, bald an p' legt. Die Umschalterkurbeln Ll schalten für gewöhnlich die Leitung gen I- u. 1/ über 8 auf zwei Wecker ein; wird eine Kurbel auf r gestellt, so tritt ihre Leitung über N, 6l, x n. L mit dem Empfänger in Verbindung, u. jetzt kann 0 vom p' ans auch Len Strom der Batterie über 0, LI u. r in diese Leitung entsenden. Fro- ments T. (1850) war diesem Bregnctschen sehr ähnlich, nur enthielt sein Sender eine Claviatur mit nebeneinander liegenden Tasten.Über Bregnets tragbaren T.f.Eisenbahn-T-en 3. Breguet hat seinenT. auch zum Betrieb mit Batteriewechselströmeneingerichtet und dabei dem Elektromagnete des Empfängers eine ganz ähnliche Einrichtung gegeben wieSie- mens(vgl.ll). 5) Leonhardtließ(1845) auch das Schließnngsrad des Senders durch einTriebwerk bewegen, um regelmäßigen, nichtzn kurze Stromschließungen zu erhalten; dieses Triebwerk harte der Telegraphist durch Drücken ans einen Knopf auszulösen. 6) Bei dem früher auf vielen preuß. Linien benutzten Zeiger-T-en mit Selbstnnterbrechnng von Siemens n. Halske steht der hufeisenförmige Elektromagnet vertikal; sein fast Lförmig gestalteter Anker (Fig. 29) ist in horizontaler Ebene drehbar n. wird, wenn der Strom in die Windungen des Elektromagnctes eintritt, von beiden Polplatten 6 und zugleich angezogen, beim Verschwinden des Stroms aber Lurch eine Spiralfeder I? wieder zurückgezogen. An der Achse des Ankers ist ein Arm II mit einem Haken ü angebracht, welcher bei seiner Hin- n. Herbewegnng jedesmal ein kleines Rädchen ik nm einen Zahn mit sich fortnimmr. Von dem Arme wird gleichzeitig ein kleiner metallener Schlitten an einem Metallhebel ck zwischen der Contact- schranbe L n. der Stellschraube L' mit Achatspitze hin- n. hergeschoben und dadurch der Telegraphir- strom kurze Zeit später, als der Anker von Magnete angezogen wurde, unterbrochen, dagegen derStrom- kreis li. 1-, L, -1,1, 6, 6', L, 2 wieder geschlossen, wenn der Anker durch I? von den bei Unterbrechung des Stroms wieder unmagnetisch gewordenen Polen wieder abgerissen wird. Das Spiel des Ankers u. die sprungweise Drehung des Rädchens dauert so lange bis der Telegraphirende die Bewegung des Rädchens mechanisch hemmt. Ans der Achse des Rädchens R sitzt nämlich der über den Buchstaben des Zifferblatts sich bewegende Zeiger; zu jedem Buchstaben gehört eine Taste; wird diese niedergedrückt, so hemmt ein Stift die Drehung eines auf die Zeigcrachse aufgesteckten Armes n. des Zeigers, sobald er an den zugehörigen Buchstaben angelangt ist. Die Feder Ick verhütet, daß L sich einmal nm 2 Zähne zugleich dreht; eine dritte Feder verhütet jede Rückwärtsdrehnng von R. Der diesem T. beigegebene Wecker arbeitete auch mit Selbstunterbrech- ung 7) Kramers Zeiger-T. (1847), welcher auf mehren preuß. Bahnen in Gebrauch war, arbeitete ebenfalls mit Selbstnnterbrechnng; bei ihm wurde ein Relais (s. 0 o) unter dem Namen Pendel angewendet ; der Anker des Elektromagnets u. ein Gegengewicht bewegten die Hemmung des von einem Ge-' Wichte getriebenen Steigradcs, ans dessen Welle der Zeiger sowol, wie auch ein Rad saß, das mit seinen Zähnen eine Feder von einer Contactschranbe abhebend den Ruhestrom in der Linie unterbrach, worauf der abfallende Relaisanker in beiden Stationen dis Localbatteric schloß n. den Zeiger beider Stationen um ein halbes Feld (u. zwar jetzt auf die Mitte des Feldes) wciterspringen ließ, wobei jene Feder vom Zahne abschnappte, den Linienstrom wieder schloß, den Localstrom unterbrach u. die Zeiger wieder ein halbes Feld fortrückte. Auch hier hielt schließlich ein Stift der niedergedrückten Taste den Zeiger in dem gebenden T. vor dem zu telegraphirenden Buchstaben fest u. denLinienstrom längereZeitnntcr» brachen. 8) Beim Zeiger-T. von Drescher (1847) wurde das Schließungsrad ebenfalls durch ein Gewicht (vgl. 5) getrieben; den Zeiger bewegten der Elektromagnet n. eine Abreißfeder unmittelbar durch ihre Wirkung auf das kronenförmige Steigrad, also ohne Mithilfe eines Triebwerkes. 9) In dem Zeiger-T. von Pelchrzim in Potsdam (1848) wurde durch den Strom der Anker des Empfängers angezogen u. darauf durch ein Gegengewicht wieder in die Ruhelage zurückgefllhrt; der Ankerhebel griff unmittelbar in ein Zahnrad, auf dessen Achse der Zeiger saß, u. schob es bei jedem Spiele um einen. Zahn weiter, während ein Sperrhaken das Zahnrad gegen rückgängige Bewegung schützte. 10) Der Zeiger-T. von Stöhrer wurde seit 1847 auf den sächsischen u. bayerischen Bahnen angewendet; erarbeitet mit Wechselströmen, welche eine magnetoelektrische Rotationsmaschine liefert; bei jedem dieser regelmäßig auf einander folgenden Richtnngswechsel des Stromes kehren sich auch die Pole m^; u. niz (Fig. 30), des vom Strom umflossenen Elektromag- netes nm, n. in Folge dessen schwingt ein zwischen den Polen liegender, durch einen großen Richtmagnet 8 unverändert stark magnetisch gemachter Eiseulappen i zwischen den Polen des Elektromagnetes regelmäßig um seine Achse n hin u. her n. versetzt die Hemmung I-, I>2 des mit dem Zeiger verbundenen Steigrades Ic in Bewegung. 11) Die Magnet - zeiger von Siemens n. Halske enthalten als Elktricitätsqnelle den 1856 erfundenen vorzüglichen Siemensschen Cylinderindnctor (dessen Verwendung als Läuteinductor unter Eisenbahnsigual- wesen 3, S. 146 besprochen u. durch Abbildung auf der zugehörigen Tafel erläutert worden ist). Im Empfänger wirken die Wechselströme entweder auf ein Magnetsystem, welches dem des polarisirten Relais von Siemens u. Halske ähnlich ist, od. es ist, wie in Fig. 31, der in der Spule enthaltene drehbare Kern an seinen Enden mit 2 Fortsätzen versehen, die zwischen den entgegengesetzten Polen zweier Hufeisenmagnete L n. L" liegen; der Hintere Fortsatz trägt noch eine zwischen zweiStellschranben spielende Gabel, welche mittels zweier Zugfedern auf ein kleines Steigrädchen wirken kann, u. dieses sammt dem auf seiner Achse sitzenden Zeiger in Umdrehung versetzt, wenn die Wechselströme die Fortsätze zwischen den Polen der Hufeisen hin n. her werfen. 12) Auch in England sind verschiedene Jnductions- 237 Telegraph. zeiger-T-en erfnndenworden, unter denen sich bes. die von Wheatstone, von Hsnley u. von Wilde einer weiteren Verbreitung erfreuen. 13) Beim Zeiger- T-en von Negnard geht der Zeiger (wie auch an dem 1847 erfundenen Zeiger-T-en von Mapple u. Brown) nach jedem Zeichen in die Ruhelage zurück; der Zeiger ist außerdem in eigenthümlicher Weise mit zwei Kurbeln verbunden n. wird durch diese mittels zweier Steigräder bewegt, deren jedes durch ein besonderes Triebwerk getrieben wird; die Hemmungen der beiden Steigräder werden durch die Anker zweier Elektromagnete bewegt, von denen der eine nur angezogen wird, wenn ein positiver, u. Verändere, wenn ein negativer Strom die Leitung durchfließt; der Zeiger beschreibt dabei keinen Kreis, sondern seine Spitze streicht über die in sieben ge- krümmtenReihen ans einem Schirm stehenden Buchstaben hin; zwei kräftige Spiralfedern führen schließlich die Kurbeln u. mit ihnen auch den Zeiger in die Ruhelage zurück. 14) Beates in Dublin hat eine» T. entworfen, bei welchem die Kurbel des Senders beliebig vorwärts u. rückwärts gedreht werden darf, dabei in dem einen Falle positive, in dem andern negative Ströme der Linie zusnhrt und so den Zeigendes Empfängers nöthigt, entweder vorwärts oder rllckwärts zu laufen. v) Die Typendruck-T-en. Wenn man durch einen Druck-T. das Telegramm bleibend auf Papier zu drucken beabsichtigt, so Pflegt man dies nicht in einer ans besonderen Elemcntarzeichen ge- bildetenSchrift, sondern in gewöhnlichem, sürJcder- mann lesbaren Buchstabendruck zu thun, weil dies weit begncmer für den Betrieb ist u. doch den T. in seiner Einrichtung nicht noch übermäßig verwickelter macht. Die das Telegramm in Buchstaben druckenden Typcndruck-T»en arbeiten, wie die Zeiger- T-en, langsam u. sind in ihrer Einrichtung ziemlich künstlich. Nur wenige von ihnen haben sich eine größere Ausbreitung errungen, wie der von Housc in Nordamerika u. der von Hughes in Europa; einige haben eine zweckmäßige Verwendung im Klei- neu für die Stadttelegraphie als sogen. Börsendrucker gefunden. Der Gedanke, gewöhnliche Buchstaben telegraphisch zu drucken, scheint zuerst von Schweigger ausgesprochen worden zu sein; darauf wurde von Alfred Bail 1837 ein Typendrncker hergestellt; bald nachher von Wheatstone (1841) und F-ardely (1844). Seitdem haben viele Erfinder- großen Scharfsinn ans die Verbesserung dieser T-en ansgewendet. In jedem Typendruck-L-en müssen nach einander vier Verrichtungen vollzogen werden: es muß der zu telegraphirende Buchstabe eingestellt d. h. an die Stelle gebracht werden, wo er anf das Papier aufgedruckt werden soll, dort erfolgt das Aufdrucken u. nach diesen! wird das bedruckte Papier ein Stück fortgcrnckt, endlich müssen die Typen regelmäßig mit Druckfarbe versehen werden, da nur selten die Anwendung von abfärbendem Papier unter oder über dem zu bedruckenden ins Auge gefaßt worden ist. Die Typen befinden sich fast ohne Ausnahme an einer Scheibe oder Walze (Typenrav) u. gelangen bei deren Umdrehung an den Ort, wo das Aufdrucken erfolgt; beim Umdrehen der Scheibe streifen die Typen an eine Schwärzwalzc n. werden so mit Farbe versehen; Las Fortrücken des Papierstreifens vermittelt gewöhnlich der Druckapparat bei seinem Rückgänge; das Einstellen u. Aufdrucken besorgt der elektrische Strom, zum Theil unter Mit- Wirkung von Triebwerken. Das zu bedruckende Papier war bei den älteren Typcndrnck-T-en als Blatt auf einem sich drehenden Cylinder befestigt u. das Telegramm wurde in Schraubenlinien darauf gedruckt; später (auch schon Wheatstone n. Bail) bediente man sich eines schmalen Papierstreifens, auf welchem das Telegramm nur eine Zeile bildete; die T-cn von Frcitcl, von Hearder u. von Ed. Sch re» der in Wien (1862) drucken das Telegramm in untereinander gesetzten Zeilen auf ein Blatt. Dcr T. vonDigney (oll 45, der von Honse gar 300 Buchstaben in einer Minute geben; auch der von Hughes druckt bei geübter Bedienung etwa 300 Buchstaben in cinerMinute. Wendet man2 Typenräderanfeincr Achfs an, so erhält man das Telegramm auf einem breiteren Streifen doppelt, kann den Streifen dann zerschneiden u. die eine Hälfte gleich dem Adressaten überliefern. Mit der Anzahl der auf das Typenrad anfzunehmcnden Zeichen vermehrt sich die durchschnittliche Anzahl der zur Einstellung nöthigcn Schritte des Typenrades, vermindert sich also die Leistung. Letzterem arbeitet man entgegen durch Vertheilnng der Zeichen auf 2 (oder mehr) Typenräder, von denen immer dasjenige zum Druck bereit ist, welches das eben zu druckende Zeichen en t- hält; einen anderen Weg schlug Hughes ein (s. n'). na) Typendrnck-T-en der ersten Klasse erfordern zwei glcichgehende Triebwerke, von denen das eine auf der gebenden Station den die Stromgebung vermittelnden Theil, das andere auf der Empfangsstation das Typenrad gleichmäßig fortbewegt; vom übereinstimmenden Gange der beiden Triebwerke innerhalb der zwischen zwei auf einander folgenden Drucken liegenden Zeit hängt die Zuverlässigkeit des Telegraphircns ab. Bail (1837) u. Alex. Bain in Edinbnrg (1843) bei seinem die 10 Ziffern druckenden T. ließen die beiden Triebwerke gleichzeitig durch die Unterbrechung eines elektrischen Stromes los, während nach der Einstellung der Strom hergestellt u. durch ihn beide Triebwerke arretirt u. der Druckapparat in Thätigkcit gesetzt wurde. Theiler verwendete einen kurzen Strom um die beidenTricbwerke losznlassen, n. einenzw eitcn, um sie nach dein Einstellcn zu arretiren u. das Aufdrucken zu veranlassen. D o nnier gab Strom während der Einstellung, n. unterbrach ihn, sobald gedruckt werden sollte. Theiler erhöhte die Zuverlässigkeit seines T-en, freilich auf Kosten der Geschwindigkeit des Telegraphirens, dadurch, daß er nach dem Abdruck eines jeden Buchstabens das Typenrad sich von selbst auf das-I- einstcllen ließ. Der vollkom- mendste dieser-T-en ist der von H nghes, den Fig.32, Taf. IV.vorfllhrt; er druckt im Fluge, d. h. ohne daß das Typenrad beim Drucken zum Stillstehen kommt. Durch dasselbe Triebgewicht werden mit einer durch die schwingende Nadel 1? u. eine Ccntrifngalbremse regnlirlen Geschwindigkeit das Typenrad X und die Achse X des Schlittens I- in Umlauf versetzt, welcher den Strom entsendet, wenn er über den beim Niederdrücken einer der Tasten ans dem Stif- tengehäuse l) hcrvortrctenden Stift hinweggeht. Der Strom durchläuft in beiden Stationen den Elektromagnet L, dessen Kerne magnetisch inducirt sind n. so für gewöhnlich den Anker angezogen halten; der 238 Telegraph. zufolge der Stromgebung von der Spannfeder s abgerissene Anker löst die indem Träger I, Fig. 33, gelagerte Druckachse aus, n. während dieselbe eine Umdrehung macht, bringen vier an derDruckachse sitzende Daumen folgende Wirkungen hervor: der Correc- tionsdanmen tritt zwischen zwei Zähne des auf der Typenradachse sitzenden CorrectionsradesLu.berich- tigt dadurch eine etwa vorhandene kleine Ungenanig- keit in der Einstellung des Typenrades; darauf schnellt der zweite Daumen den Hebel 8 und den an ihm sitzenden Drnckcylinder D gegen die eingestellten Typen n. bedruckt den sich von der Rolle II (Fig. 32) abwickelndcn u. daraus zwischen O n.L. hindurch laufenden Papierstreifcnk;daundrncktder dritte Daumen den Hebel L8 nach unten, wobei der Haken Li, das Sperrrad Do dreht u. den Streifen um die Buchstabenbreite verschiebt; der vierte Daumen endlich löst Las Typenrad aus, wenn es arretirt war, um es auf ein bestimmtes Typenfeld einzustellcn. Zwei der Tasten sind weiß (unbeschrieben), jede der andern mit einem Buchstaben u. zugleich noch mit einer Ziffer od. einem Unterscheidungszeichen beschrieben. Auf dem Typenrade wechseln Buchstaben u. Ziffern regelmäßig ab, u. seine zwei den weißen Tasten entsprechenden Felder sind leer. Das Typenrad kann um ein halbes Feld vor n. zurück gedreht werden; in der einen Stellung werden Buchstaben, in der andern Ziffern gedruckt; wird in der erster» die eine weiße Taste gedrückt, so wird nicht gedruckt, sondern blos der Streifen fortgeriickt, um einen leeren Zwischenraum auf ihm in der Schrift zu lassen; wird in der elfteren die andere weiße Taste gedrückt, so wird auch nicht gedruckt, aber das Typenrad nin ein halbes Feld gedreht, so daß von nun an Ziffern gedruckt werden. Ähnlich ist es in der zweiten Stellung. bd) Die zweite Klasse (in welche auch ein 1841 für Bain u. Wright patentirter Druck-T. mit 8 Feldern auf dem Typenrade gehört) stellt das Typenrad durch ein Triebwerk ein, dessen Gang ganz beliebig sein kann, da er während des Einstellens durch die Wirkung elektrischer Ströme auf eine Hemmung so regulirt wird, daß das Typenrad stets nur einen Schritt von einem ganzen od. halben Felde machen kann n. zwar nur dann, wenn der Stromschließer einegleichgroßeBeweguug gleichzeitig macht od. kurz vorher gemacht hat. NachdcmEinstellen wird das Drucken durch einen Strom von entgegengesetzter Richtung (T. von Th. du Moncel in Paris 1853 u. T. von Digney in Paris 1858; letzter T. ist aus dem sranzös. Eisenbahn-T-en, s. oben b 4 hervorgegangen), oder durch eine» kräf- tigeren gleichgerichteten Strom (T. von Freitel, Pariser'Ausstellung 1855) herbeigeführt, od. es ist eine besondereAusrllckvorrichtungvorhanden, welche mit Hilfe einer Frictionskuppelnng (T. des Amerikaners Royal E. House 1816) od. unter Mitwirkung eines hydraulischenApparates(T. des ursprünglich mit House vereinigten Engländers Jakob B r e t t) Leu Druckapparat erst dann in Thätigkeit treten läßt, wenn das Typenrad, sei es durch einen dauernden Strom od. durch eine längere Unterbrechung, still steht, oo) Bei der dritten Klasse wird das Typenrad von einer unmittelbar (also ohne Triebwerk) durch abwechselnd hergestellte u. unterbrochene elektrische Ströme hin u. her bewegten Hemmung in Umdrehung versetzt. Das Aufdrucken des eingestellten Buchstaben erfolgt durch einen fallenden Hammer erst bei einer längeren Unterbrechung des Stroms bei dem T. von Moses Pools in London 1816, T. von Siemens n. Halskc in Berlin 1850 (letzter ist aus dem Zeiger-T°en mit Selbstunterbrechung, s. oben b 6) entstanden), während bei einem dauernden Strom ebensowohl als einer raschen Folge von Unterbrechungen der Druckapparat unthätig bleibt. Ähnliche Einrichtungen wählten Dujardin (1861) u. Joly (1867). Man kann aber auch das Drucken durch einen stärkeren Strom bewirken, oder, sofern man mit Strömen von einerlei Richtung einstellt, durch einen Strom von entgegengesetzter Richtung. Der Schnelldrucker von Siemens (1873) stellt das Typenrad durch negative u. positiveStröme von gleicher Länge ein; diese Ströme wirken aber mittels zweier verschiedener Hemmungen auf das Typenrad u. zwar machen die Ströme der einen Richtung das Typenrad um je 1 Feld, die der andern um je 4 Felder auf einmal fortrllcken. Dabei mußte das 27. der 32 Felder leer bleiben, 29 bleiben für Buchstaben u. sonstige Zeichen verfügbar , u. je 1 noch für das Einschließniigszeichen der als Ziffern zu lesenden Buchstaben n. für das Telegraphiren von Zwischenräumen. Im Sender wird das Telegramm auf einer Claviatnr abgespielt u. dann vom Sender automatisch (s. Da) abtelegraphirt. ä) Die Bnchstabenschreib-T-en. Matth. Hipp stellte 1851 eincnT-en her, in dessen Empfänger ein Triebwerk eine Schreibfeder beständig den in Fig. 31, Taf. III., abgebildeten, die zu allen kleinen lateinischen Buchstaben erforderlichen Striche in sich enthaltenden Zug machen ließ; wurde nun eine der 24 Tasten des Senders gedrückt, so wurde durch eine Con- tactwalze die Stromsendnng so vermittelt, Laß die durch die Stromwicknng auf das Papier gesenkte Feder bloß die Theile des Zuges schrieb, welche den zur niedergedrückten Taste gehörigen Buchstaben bildeten. Ändere Bnchstabenschreib-T-en, z. B. der von Bonelli, Little n. A., bezwecken ein elektrochemisches od.elektromagnetischesCopirenvonBnchstabentypen, ähneln also den Copir-T-en (vgl. I). o) Die gewöhnlich enSch reib-T-en schreiben das Telegramm nicht mit Buchstaben, sondern in einer besonderen, ans einer Anzahl von geeigneten Elementen gebildeten Schrift auf einen Papierstreifen. Außer der bloß ans Punkten (od. Pnnktgrnp- pen; Dujardin, Allan) gebildeten Schrift, zu der die Steinheilsche (vgl. Dal) gehört, sind die Zickzackschrist u. die Strichpunktschrift zu erwähnen. Unter den ans Strichen und Punkten gebildeten Schriften ist die einfachste, die Morseschrift, einzeilig, die von Stöhrer zweizeilig; letztere wurde eine Zeit lang in Sachsen und Bayern benutzt. Die Zickzackschrist, zuerst auch von Morse versucht, hat in der unterseeischen Telegraphie durch den Hebcrschreibapparat von Thomson Eingang gefunden, welcher, wie der Rnßschreiber von Siemens, einen Streifen mit einer fortlaufenden Linie beschreibt, in welcher die Ansbiegungen nach links u. rechts die Morscpunkte und Striche ersetzen, aa) Unter den elektromagnetischen Schreib-T-en zeichnet sich 1) der Schreib- T. von Morse durch seine große Einfachheit vor- theilhaft ans. Der Empfänger (Schreibapparat) enthält beidenStiftschreibern einen Elektromagnet L, Fig. 35, Taf. V., dessen Anker o von ihm abwech- Telegraph. 239 selndangezogen u. durch eineFeder b wieder zurückge-' zogen wird. Der Anker o sitzt an dem einen Ende eines! um die Achse n' drehbaren, zweiarmigen Hebels; der! am anderen Ende dieses Hebels (Schreibhebel) befindliche stählerne Schreibstift s wird beim jedesmaligen Anziehen gegen einen Papierstreijen gedrückt, welcher von einer Rolle ablänft n. durch ein von einem Gewicht 6 getriebenes Räderwerk von den Zugwalzen iv n. iv' mit gleichmäßiger Geschwindigkeit an dem Stift s vorübergcführt wird; der Schreib- stift drückt daher in den Streifen einen auf der anderen Seite erhaben vortretenden Punkt oder einen Strich ein, je nachdem der im Elektromagnet wirkende Strom nur einen Augenblick oder eine etwas längere Zeit andauerr. Die Walze iv' hat an der Stelle, wo der Stift o an sie anschlägt, eine Rinne, in welche der ansschlagende Stift das Papier eindriickt, wodurch die Zeichen sehr deutlich werden. Die Bewegung des Ankers u. des Schreibstiftes wird nach der Stärke des Stroms durch 2 Stellschrauben u n. k, regulirt. Die Stiftschreibcr sind einfach u. dauerhaft ; die Zeichen sind zugleich deutlich hörbar und können leicht bloß nach dem Gehör gelesen werden, ja die in Amerika vorwiegend gebräuchlichen Klopfer, die im Bau von den Stiftschreibern nicht sehr abweichen, geben bloß hörbare Zeichen. Dabei ist die erhabene Schrift rein u. sauber; da sie sich aber nur durch den Schatten absetzt, bei Licht die Angen anstrengt, so hat man Färb-, Blau- od. Schwa rz- schreiber gebaut, welche farbige Schrift auf dem Streifen hervorbriugen. Beiden! 1858 patentirten, in Fig. 36, Taf. kV., abgebildeten Schwarzschreiber von Beaudoin u. Digney in Paris wird eine kleine, sich beständig drehende Walze n von einer Walze t mit Farbe versehen n. eine amSchreibhcbcl 8 befindliche Schneide p drückt den Papicrstreisen an die Walze n an, so oft ein Zeichen geschrieben werden soll. Siemens u. Halske in Berlin liefern die Farbschreiber theils auch mit Schneide am Schreibhebel, theils n. zwar häufiger mit einem Farbscheibchcn od. Schreib- rädchcn ll, Fig. 37, Taf. V., welches in ein Farbgefäß 8 einaucht, beständig mit umläuft u., wenn es durch die Stromwirkung nach oben bewegt wird, den von der Rolle 8 ablanfenden u. von den Walzen 6 u. <)' fortgezogenen u. auf dem Wege b, 1, 2, 3, 4, 5, 6 an vorübergeführten Streifen beschreibt. Der in Fig. 37 abgebildete Farbschreiber ist zugleich ein p o larisirter; die Kerne seines Elektromagnetcs L stehen nämlich aus dem Nordpole eines ll-förmigen Stahlmagnetes, dessen Südpol 8 die Achse des Schreibhebels 66' trägt n. das Ende 6 daher süd- magnetisch macht; bei richtiger Einstellung mittels der Schraube 8 wirken die nordmagnetischen Polschuhe der Kerne beide gleich stark aus 6 u. deshalb kann 6 an jeder der beiden Stellschrauben I) n. O' liegen bleiben; beim Tclegraphiren mit Wechselströmen verstärken die Ströme der einen Richtung den unteren Pol kl u. schwächen den oberen, so Laß 6 an v geht u.ll schreibt; die Ströme von entgegengesetzter Richtung verstärken den oberen Pol lfl, schwachen den unteren u. führen somit 6 an I)' zurück. Bei dem Schwarzschreiber von G. Wernicke in Berlin befindet sich die flüssige Druckfarbe in einem kleinen, in eine feine stählerne Röhre endenden und mit Wolle ausgefüllten Gefäße, welches aus einem Winkelhcbel so angebracht ist, daß es vom Anterhebcl ans bewegt wird n. sich mit seiner stählernen Röhre auf Len Papierstreifen neigt, so oft ein Zeichen gegeben wird. Auch in noch einigen anderen Formen begegnet man der Schreibvorrichtnng an den Farbschreibern. Der Zeichengeber (Schlüssel, Taster), den Fig. 38 in sehr einfacher Ausführung zeigt, hat die Telegraphir- batterie (Linienbatterie) in die Leitung ein- u. aus- zuschalten (vgl. aber auch v s oo). Auf langen Linien telegraphirt man mit Arbeitsstrom (s. oben); dann ist die Drehachse 8 des metallenen Tasterhebels bk»' durch die Schraube ck mit der Leitung verbunden n. der Hebel wird in seiner Ruhelage von einer Feder k mit der an seinem vorderen Ende befindlichen Stellschraube 8 auf ein Platinstück o (Ruhecontact) inder gußeisernen Schiene iss niedergedrückt, während derTelegraphistbeimTelegraphirendcnHebelLndem Holzgrifse 6 am Hinteren Ende ersaßt u. mit dem Vorsprunge an seinem Hinteren Ende auf das Platinstllck a (Ambos, Arbeitseoutact) in der Schiene V auf- treffen läßt, so oft u. so lange er den Strom entsenden will. Die Apparatverbindung (Einschaltung) zweier Endstationen einer Linie I, für Arbeitsstrom zeigt Fig. 39, Taf. V.; der Ruhecontact o (Fig. 38) des Tasters 1 ist mit dem einen Ende der Elektro- magnetwindniigen des Empfängers 8olir in Ber- bincmng gesetzt, während das andere Ende der Windungen mit der Erdplatte bi verbunden ist; der eine Pol der Batterie 8 steht ebenfalls mit der Erde, der andere mit dem Ambos a in leitender Verbindung. Werden in die Leitung 8 noch andere (Mittel- oder Zwischen-) Stationen ausgenommen, so wird in diesen der erste Batteriepol n. das zweite Ende des Mnltipli- catordrahtes nicht mit der Erde bi, sondern mit dem nach der nächsten Station weitersührenden Leitnngs- drahte verbunden. DerVorgang beimTelegraphircn ist sehr leicht zu übersehen: so lange kein Taster auf den Ambos niedergedrückt ist, fließt kein Strom in der Leitung; wird der eine Taster (in Fig. 39 der rechts) niedergedrückt, so geht der Strom von der zugehörigen Batterie durch den Taster in die Leitung 6, auf der Empfangsstation durch den in der Ruhelage befindlichen Taster 1, um den Elektromagnet, zur Erde u. in dieser zurück zum anderen Batteriepol. Der Anker des Schreibapparates (8obr l) wird demgemäß angezogen n. der Schreibstift gräbt das Zeichen in den Papierstrcifen ein, sofern man das Triebwerk, welches ihn fortbewcgt, in Gang gesetzt hat. Fig. 4V, Taf. III. zeigt zwei Endstationen auf Ruhestrom geschaltet; der Strom derBatteric Ldnrch- länft bei ruhenden Tastern u. 8. beide Empfänger ü»l> und Ll.z; wird ein Taster niedergedrückt, so lassen LI; u. L8 zugleich den Anker abfallen u. schreiben; zweckmäßiger vertheilt man 8 auf beide Stationen. Beim amerikanischen Ruheströme werden die Taster in der Ruhelage auf den Ambosen > festgehalten, an welche auch der von der Batterie 8 ' kommende Draht gelegt wird; daher schreiben dann 'die Empfänger u. beim Niederdrücken eines ! Tasters Lurch den dabei gegebenen Strom. Die ! Stiftschreiber werden nicht unmittelbar in die Linie 8 (Fig. 39) eingeschaltet, sondern arbeiten mit einem Relais (vgl. 6 s), Lessen Elektromagnetspulen dann ! an Stelle der Spulen ill des Stiftschreibers in 8 ein- ^ geschaltet werden. Die Benutzung des in Fig. 14 ab- ! gebildeten Umschalters in einer Wechselstanon mit 3 Linien, 8', 8" n. 8'", n. nur 2 Apparaten erlän- 240 Telegraph. ten Fig. 41, Taf. III.; steckt man die 3 Stöpsel nach Anleitung der Nebenfiguren 1, 2 od. 3, so wird bez. IV mit 1/', IV mit l/", oder L" mit IV" zu einer durchgehenden Linie verbunden, in welcher das Cir- kular-Rclais (links) liegt; die dritte Linie ist in allen 3 Fällen durch den Taster u. das Relais (rechts) an Erde gelegt. Tie von Morse erfundene Schreibplatte, eine nicht leitende Tafel, in welche kürzere od. längere, den Punkten und Strichen in den Zeichen der einzelnen Buchstaben entsprechende Metallstücke eingelegt sind u. alle mit dem einen Pol der Batterie in leitendcrBerbinduug stehen, sollte das Telegraphier» erleichtern, insofern man nur einen müder Leitung verbundenen Metallgriffel über die Metalleinlagen hin- zufllhren braucht, um die Batterie ebenso zu schließen, wie mit dem Schlüssel; sie hat sich aber nicht im Gebrauche erhalten. Die Buchstaben der Morseschrift enthalten (mit Ausnahme des e, n n. a) l—4 Zeichen, die Ziffern 5, die Interpunktionszeichen 6; außerdem kommen noch einige dienstliche Zeichen vor, z. B. .. — . (verstanden), . — ... (verhindert), _(Anruf) und andere. Die Zeichen sind folgende: ! rrs 1 3 6 7 8 0 - Bruchstrich ?__ i_ Bindestrich — ... — Apostroph-- ! (')^.-1-'.- i Absatz (Linien)-— . I Unterstrcichungszeichcn-- Staatstelegramme,welche selbstdeuT-enbeamten unverständlich sein sollen, werden in einer Chiffcrschrist telegraphirt. Der Vorgang beim Telcgraphiren ist folgender: die Station, welche ein Telegramm hat, ruft diejenige, an welche das Telegramm gerichtet ist, indem sie Len Anruf ertönen läßt n. die Namen der rufenden u. gerufenen Station nennt, z. B. Berlin von Wien; ist Berlin zum Empjangcu bereit, so meldet es sich, indem es antwortet: Berlin hier, u. nun gibt Wien das Telegramm, nach dessen Beendigung Berlin den Empfang bestätigt, alle in dem Tele, gramm vorgekommencn Zahlen u. ihm verdächtig scheinende Worte (Phrasen) zurückgibt, damit wo- nöthig eine Correctur erfolgen kann. 2) Der Doppelstiftapparat von Stöhrer (1840) enthielt 2 Elektromagnete u. nahe bei einander 2 Schreibstifte, welche in 2 Zeilen Punkte u. Striche ans demselben Streifen schreiben konnten. Mittels des in Fig. 25 abgcbildeten Doppeltasters wurden nach Bedarf kurze und lange, positive und negative Ströme auf der Empfangsstation durch ein Relais mit2polarisirtenAnkern geführt; je nach der Strom- richtnng wurde dann der eine od. der andere Anker angezogen n. schloß den Localstrom durch den einen od. den anderen Elektromagnet des Schreibapparates. Da beim Doppelstiftapparat die Zahl derElemcntar- zcichen von 2 aus 4 gesteigert ist, so können die Buchstaben durch eine geringere Anzahl derselben gegeben werden; die Geschwindigkeit des Telcgraphirens wird mithin beinahe verdoppelt. bb)Dic chemischen Schreib-T-en nutzen ähnlich wie die im Eingänge erwähnten T-en von Sömmerung (1809), Eoxe (1816) u. Davy (1838) die chemische Wirkung des Stromes aus. Wem: man einen Papierstreifen mit einer farblosen Verbindung tränkt, aus welcher sich bei der Zersetzung durch den Strom farbige Bcstandtheile ansscheidcn, so wird der Streifen an allen den Stellen gefärbt werden, an welchen man den Strom hindnrchgchen läßt. Solche Verbindungen sind: 1 Theil Jodkalinm, 20 Theile dicker Stärkekleister, 40 Theilc Wasser; od. 7 Thcile Cyankalium, 45 Theilc Wasser, 1 Theil Salzsäure, 16 Theile gesättigte Kochsalzlösung (wobei jedoch der Schreibstift des T-en aus Eisen sein muß); od. 5 Theile gelbes Blntlaugensalz, 150 Theile sal- petcrsaures Ammoniak, 100 Theile Wasser. Bain, ans Grund seiner Patente von 1846 n. 1849, und Gintl haben sich bes. um die Vervollkommnung dieser empfindlichen T-en bemüht. Bains T. war längere Zeit zwischen London nnd Liverpool, sowie in Amerika thätig. Der T. von Gintl, welcher längere Zeit in Wien in beschränkterem Maße gebraucht wurde, hat eine höchst einfache Einrichtung: durch ein Triebwerk wird der angefeuchtete Streifen über einen halbrunden Metallsteg u. unter einem spitzen Mctallstift hinweg geführt, welche beide in den Strom- kreislans eingeschaltet sind; durch einen Morsetaster (s. Fig. 38) gibt man die farbigen telegraphischen Zeichen, z. B. Punkte und Striche, welche auf dem Streifen entstehen, wenn der Strom zwischen Spitze und Steg Lurch ihn hindnrchgeht. Die an sich einfachen chemischen T-cn haben mehrere Mängel, welche ihrer Ausbreitung im Wege standen; wird nämlich der Streifen trocken, so kann man gar nicht telegra- phiren, da trockenes Papier den Strom nicht leitet; außerdem hat man keine hörbaren Zeichen, die sichtbaren werden leicht klexig n. verschwimmend u. die herabtröpselndeFlüssigkeitverunreinigtdieApparate. Sehr vollkommen in seiner Art war der 1852 erfundene chemische Doppelstiftapparat von Stöhrer (vergl. unter I) s 2), bei welchem man ans bloß einem Drahte abwechselnd mit positiven u. negativen Strömen telegraphirte, der Strom stets durch beide Stifte u. das zwischenlicgende Papier hindurchging u. so das farbige Zeichen bald an dem einen, bald an dem anderen Stifte an der oberen Seite des Streifens erscheinen ließ, ec) Um auf unterseeischen Linien, ans denen mit Telegraph. 241 möglichst schwachen Strömen gearbeitet werden muß, eine der Morseschrift an die Seite zu stellende bleibende Schrift zn telegraphiren, entwarf William Thomson in Glasgow seinen 1867 patentirten, spater noch verbesserten Heberschreibapparat (Äxllon Reeorcker), Werner Siemens ganz kürzlich seinen Weiß- od. Rußschreiber. Beide T-en schreiben Zickzackschrift u. stehen in ihrer elektrischen Einrichtung den Nadel-T-en nahe; bei beiden lenkt aber der Strom nicht einen Magnet ab,sondern die vom Strom durchlaufene, in einem kräftigen magnetischen Felde anfgehängte Spule selbst. Thomsons Anordnung erinnert an eine von Bain schon 1841 u. auch bei seinem 1841 patentirten Typendrucker verwendete Anordnung. Siemens stellt ein ringförmiges magnetisches Feld beim Rußschreiber, ganz ähnlich wie schon bei seinen 1872 patentirten submarinen Relais für Steinheilschrift, dadurch her, daß er den cylindri- schen Nordpol eines aufrecht stehenden Magnetes durch ein cylindrisches Loch im Südpole hindnrch- steckt; in dein ringförmigen Spalte liegt die Spule, bewegt sich in ihm je nach der Stromrichtnng nach oben oder nach unten und erzeugt dabei Abbiegungen nach oben und unten in der geraden weißen Linie, welche sie bei stromfreier Linie mit einer feinen Spitze auf dem berußten Papierstreifen kritzelt. Thomsons Spule 8, Figur 42, Taf. III., umschließt ein weiches Eisenstück 8, ist an dem Seidcnfaden n aufgehängt und wird durch 2 an den Fäden b,b hängende Gewichte in eine bestimmte Ruhelage zwischen den in eine Schneide auslaufenden, entgegengesetzten Elektromagnetpolen N, u. N^ eingestellt; der bei xu. v ein- u. austretende Strom lenkt 8 nach vorn oder rückwärts ab und diese Drehungen um a überträgt 8 auf einen leichten Heber, ans dessen längerem Schenkel beständig ein feiner Strahl der elek- trisirten Tinte gegen den Papierstrcifcn hervorsprn- delt. JmAnschlußhieran seinoch des Spiegclgal- vanojkops von W. Thomson (1858)'gedacht, welches auf den atlantischen Kabeln als Empfänger verwendet wird, während das ihm ganz ähnliche Marinegalvanoskop zum Gebrauch auf dem Schiffe bestimmt ist; seine viele Tausend gut isolirten Windungen werden in den Klemmen x u. Fig. 43, Taf. III. (vgl. S. 227 ff. u. Fig. 3), in die Leitung eingeschaltet; in der Mitte der in dem Gehäuse 6 unter- gcbrachten Windungen hängt an einem Coconfaden eine kleine Magnetnadel, die sammt dem an ihr befestigten Spicgelchen nur etwa 0,i ÜA wiegt; der mittels einer Mikrometerschraube v verstellbare Magnet H8 bringt die Nadel in eine solche Lage, daß der von der Lampe § durch den Spalt 1? auf den Spiegel fallende Lichtstrahl (Lichtzeiger) in der Richtung II8 auf den Nullpunkt der Skala NN znrückgeworfen wird, durch einen positiven od. negativen Strom dagegen nach rechts od. links fortrückt; dieser T. steht in einem dunkeln Zimmer u. der Schirm R hält alles weitere Licht der Lampe von ihm ab. Damit aber die Ravel beim Telegraphiren trotz der Ladnngserschein- nngen iin Kabel möglichst rasch in die Ruhelage zurückkehrte, telegraphirten Thomson u. C. F. Varley nicht mit einfachen Strömen, sondern sie schickten mittels eines besonderen Senders für jedes Elementarzeichen nach einander 5 Ströme von wechselnder Richtung u. verschiedener Dauer durch das Kabel. Auch auf kürzeren Kabeln, ans denen man mit Morse- PkrerL Universal-Conversatuns-Lexikon. 6. Ausl, XV T-en arbeitet u. auf sehr langen, oberirdischen Linien hat man auf die Entladung Rücksicht zu nehmen. Bei jeder Stromgebung wird (vgl. L) ein Theil der Elektricität zu der allmählich in der Leitung fortschreitenden Ladung verbraucht, n. dies bedingt eine Verzögerung des Stromes im Kabel. Die Entladung würde bei Einschaltung nach Fig. 39, Taf. V. an beiden Enden der Leitung erfolgen u. in der gebenden Station als Rückstrom in einer dem Strome von 8 entgegengesetzten Richtung durch den Empfänger (8obr ll) bczw. des Relais gehen; dies verhütet man durch Benutzung eines Entladnngstasters, dessen Hebel vor seiner Rückkehr auf den Rnhecontact dieLeitungbehufs ihrerEntladungvorübergehendmit der Erde m Verbindung bringt. Die Submarin- taster, wie sie von Siemens,Maron, Varley n.A. angegeben worden sind, senden außerdem meist in ihrer Ruhelage einen den Telegraphirströmen entgegengesetzten Gegenstrom in die Linie, welcher die Entladung beschleunigt u. bei polarisirten Empfängern (vgl. i> s 1 ) auch zur Zeichengebung verwerthbar ist; hört man mit einem solchen Taster zn telegraphiren auf, so schaltet er die Gegenbatteric ans und legt den Empfänger, bez. das Relais wieder an die Linie, u. zwar wieder unter vorübergehender Entladung derselben. k. Die antographischen od. Copir-T-en lassen auf der Empfangsstation eine getreue Nachbildung eines Schriftznges, Planes od. einer Zeichnung entstehen. Der erste wurde von dem engl. Mechaniker Bakewell Ende 1847 hergestellt und copirte elektrochemisch; die Originalschrift wird mit nicht leitender Tinte aus leitender Unterlage (Staniol) aufgetragen; das Papierblatt, worauf die Copie erscheinen soll, ist mit Jodkaliumlösung getränkt, und wird wie das Original auf eine sich gleichmäßig umdrehende, in den Stromkreis eingeschaltete Walze befestigt. Auf beiden Walzen liegen metallene Schreibstifte u. schrauben sich bei der Umdrehung der Walzen entlang der Walzenachsc fort, beschreiben somit auf der Walzenoberfläche Schraubenlinien; der Strom ist also geschlossen, so lange der Stift der gebenden Station aus dem leitenden Grunde steht, u. es erscheinen daher die Schristzüge im engschraffirten Grunde der Copie weiß ansgespart. Besser lesbar wäre farbige Schrift auf weißem Grund; aber selbst daun hat man noch die Unbequemlichkeit, daß die Buchstaben in der Copie nicht als fortlaufender Zug, sondern durch parallel über einander gereihte kleine Striche wiedergegeben werden, u. daß Correcturen im Telegramm sehr umständlich sind. 1848 patentirte I. Brett einen Copir-T-en u. 1850 trat Bain mit dem seiuigen auf. Elektro-magnetische Copir-T-en bauten 1851 Matth. Hipp in Reutlingen und Du Moncel; auch Broomans Patent betrifft einen solchen. Giovanni Caselli in Florenz gab feinem 1855 erfundenen chemischen T-en den Namen Pan-T.; derselbe wurde erst nach mehrjährigen Bemühungen diensttüchtig n. arbeitete zwar eine Zeit lang zwischen Paris u. Lyon, vermochte sich aber eben so wenig in Betrieb zn erhalten, wie einer der zahlreichen nach ihm anf- getauchten, von Meyer, d'Arlincourt, Sawyer u. A. x. Einen das gesprochene Wort wiedergebenden Empfänger besitzen wir im Telephon, s. d. 4. L. Das Telegraphiren. Beim Betrieb der elektrischen T-en hat man sich theils durch die Größe 1. Band. ig 242 Telegraph. der Entfernungen, thcils durch die ungeheuerlich angewachsene Anzahl der Telegramme noch zu man- cheneigenthümlichen Einrichtungen gedrängtgesehen. Dahin gehören: a. Die automatische Telegraphie. Eine automatische Stromsendung beseitigt alle Fehlerquellen, welche in der Persönlichkeit des Tclegraphi- renden ihren Ursprung haben, mit ihnen zugleich aber auch die besonderen Verhältnissen nach Erfordern Rechnung tragende Fürsorge desselben. Zugleich kann durch sic die Leistung erhöht werden, La die Maschine der Linie die Ströme in so rascher Folge zuzuführen vermag, als diese sie aufzunchmen und der Empfänger sie zu verarbeiten im Stande ist. Bei allenAutomaten muß das abzutelegraphirende Telegramm dazu erst besonders vorbereitet werden. Die Typen-Automaten bewirken die Stromsendung mittels besonderer Typen, aus denen das Telegramm in ähnlicher Weise, wie in der Buchdruckerei, gesetzt wird. Morse strebte gleich anfänglich nach einer solchen Sendung; der vollkommenste dieser Automaten ist der Typenschnellschreiber für Wechselströme von Siemens u. Halske, 1862. — Die Stiftauto- maten benutzen zur Vorbereitung verschiebbare Stifte. Bain plante 1846 einen solchen für Steinheilschrist; der Dosenschriftgeber von Siemens u. Halske (1872) gibt Steinheil- od.Morseschristod.Ty- penürnck (vgl. v e oo); Hottenroth (1874) u.Girar- bon enlwarfen solche Automaten znm Hughes (vgl. vorm). Bain (1846), Siemens u. Halske (1853 u. 1868), Wheatstone (1858) u. A. wollten einen gelochten stetig fortgczogenen Streifen so verwenden, daß eine der Reihe nach durch die Löcher hindnrch- greifende Feder oder Nolle die Stromschließung bewirken sollte. Digney (1862), Wheatstone (1867), W. Thomson u. Fleeming Jeukin (1871), Phelps benutzen einen gelochten Streifen nur mittelbar zur Stromseudung, indem derselbe die Bewegung der stromschließenden Theile zwar zu gestatten oder zu verhindern hat, die Stromschließung selbst aber nicht von den in die Löcher eiutretenden Theilen selber bewirkt wird. Die Streifen werden mittels besonderer Maschinen gelocht, welche entweder als Handlocher einzelne Löcher, oder, wie der Tastenlocher von Siemens u. Halske gleich sämmtliche zu einem ganzen Morsezeichen ersorderlichen Löcher durchstoßen. b. Die Doppeltelegraphie, s. d. In der jün gsten Zeit sind außer zahlreichen neuen Vorschlägen zum Doppel- u. zum Gegensprechen namentlich auch noch mehrere sog. mehrfache T-en, zum Theil auch Typendrucker, entworfen worden. o. Die Translation (s. o. Ok) hat bes. für die Morse-T-en Bedeutung u. läßt sich am leichtesten für Linien mit Arbcitsstrom durchführen. Man kann mit einem gewöhnlichen Relais unter Anwendung eines Umschalters, besser mit zwei bes. eingerichteten Relais (Translations- oder Doppelcontactrelais) übertragen. Am sichersten benutzt man nach Steinheils Vorschläge zwei Schreibapparate, dabei sind nach Fig.44, Taf. IV., die beiden Linien folgendermaßen symmetrisch verbunden: die erste Linie 1^ ist nach der Achsc p des Schreibhebels im zweiten Schreibapparate 82 geführt u. der aus derLinievi kommende Strom läuft von dem Schreibhebel, welcher in der Ruhelage ist, über die Ruhecontactschraube e nach den Spulen des Relais Ri der ersten Linie u. dann zur Erde (bez. in der Fortsetzung 1^ dieser Linie noch weiter nach der nächsten Station); das Relais R, schließt daher den Stromkreis der Localbatterie k>, durch die Spulen des Morse 8 i, dessen Schreibhebcl st legt sich auf die Stellschraube s, mit welcher der eine Pol der Linienbatterie v? verbunden ist, und > diese sendet daher bei jedem auf der ersten Linie Vi einlangenden, auf dem ersten Schreibapparate 8 ^ erscheinenden Zeichen einen Strom durch dessen Schreibet st zur Achse x und über Xz in die zweite Linie 1-2 weiter. In ganz gleicher Weise gibt 82 die aus 1,2 in der Trauslationsstation eiulangenden Zeichen in die Linie weiter. Jeder Schreibhebcl spielt also bei der Translation die Rolle eines Tasters in derjenigen Linie, deren Zeichen er nicht zu schreiben hat. Mit dem in Fig. 14 abgebildcten Umschalter lassen sich die Apparate in Fig. 44 so verbinden, daß sie mit od. ohne Translation arbeiten können: dazu hätte man die Linien V von x zu trennen u. an die beiden mittleren Schienen zu legen, an die daneben liegenden rechten u. linken Schienen aber Drähte von dem zu derselben Linie gehörigen x u. z- zu führen; zur Translation hat man dann in den beiden Löchern oben und unten rechts, zum Telegraphiren ohne Translation in den beiden oben u. unten links zu stöpseln; ein Stöpsel in dem Loche zwischen den beiden Mittelschieuen allein verbindet Vi u. vz unter Ausschaltung aller Apparate. Zwischen 5 u. R würde man dabei noch einen Taster in der nämlichen Weise wie in Fig. 41 eiufügen. ä. UnterZweigsprechen versteht man diejenige Art des Telegraphirens, bei welcher jedes auf einer , Linie in einer Station einlaugende Zeichen von dieser Station aus selbstthätig, ohne Zuthun der Beamten in mehren Linien weiter gegeben wird; man kann es ohne u. mit Translation ausführen. s. Zur selbstthätigen Ein- u. Ausschaltung einer Schleifenlinie (d. h. einer von einer Hauptleitung nach einem seiiwäris liegenden Telegraphenamte abgezweigten, von diesem aber wieder nach der Hauptleitung zurückgeführten Drahtleitung) benutzt man besonders construirte (polarisirte) Relais u. Ströme von verschiedenem Vorzeichen, so daß z. B. die positiven Ströme die Schleife mit durchlaufen, während negative die Schleife ausschalten , indem sie die beiden Enden der Hauptleitung unmittelbar mit einander verbinden. Die Ausbreitung der T-en und des telegraphischen Verkehrs beginnt erst von dem Zeitpunkt, wo die T-en aushörten, blos dem Eisenbahn- und Staatsinteresse zu dienen, und auch den Privat-, namentlich den Handelsinteressen zur Benutzung überlassen wurden. In Amerika scheint dies zuerst u. zwar von 1843 an der Fall gewesen zu sein. In Deutschland wurde schon 1847 eine Linie von Bremen nach Vegesack zum Gebrauch für Jedermann angelegt, während England 1848, Preußen u. Österreich 1849, Frankreich erst durch das Gesetz vom 1 . Aug. 1851, Dänemark I.Febr. 1854 Privattelegramme zulieb. Den größten Einfluß aber übte in Deutschland der Deutsch-österreichische T-en- verein, welcher nach dem Vertrag vom 25.„Juli 1850 am 15. Aug. 1850 in Dresden zwischen Österreich, Preußen, Sachsen und Bayern, nachdem diese sich schon 1849 über die Weiterbeförderung ihrer Staatstelegramme geeinigt hatten, abgeschlossen Telegraph. 243 wurde, u. dem nach u. nach auch die übrigen deutschen Staaten u. die Niederlande beitraten; die Ver- einsstaatcn eröfsneten ihre T-en auch der Privatcor- respondenz u. schlossen nur diejenigen Telegramme aus, deren Inhalt gegen die Gesetze verstieß. Die Bereinsstaaten hielten 1851 die erste T-cnconfe- renz in Wien ab und beriechen auf dieser, wie ans den nachfolgenden (Berlin 1853, München 1855 ff.) über die zeitgemäße und einheitliche Gestaltung und weitereAusbildung der elektrischen Telegraphie. Zur Vermeidung des verzögernden llmtelegraphirens an den Landesgrenzen empfahl Österreich (1851) die Anwendung der Translation (s. o. 6 k n. 8 o) u. der in seinen Staaten eingeführten Translatoren; bis zum 1. Juli 1852 sollten wenigstens die Hauptstädte der Vereinsstaaten durch Translation verbunden sein. Zugleich wurde eine gemeinschaftliche relegraphischeSchriftsprache festgestellt. Auch wurden von da ab die Gebühren für die gesammte internationale Korrespondenz unter alle Bereinsregier-- ungen nach Maßgabe der Länge der in Betrieb be» kindlichen T°enlinien jeder Regierung verthcilt; vom 1. Juli 1853 bis dahin 1854 wurden dagegen versuchsweise die Proportionszahlen für die Vertheilnng des gemeinsamen Einkommens gebildet ans dem Products der höchsten Zonenzahl jedes Staates mit der Zahl der im Lause des Quartals angekommenen, abgegangenen n. Transittelegramme. 1853 wurde eine Dienstanweisung für die Telegraphisten entworfen, der Nachtdienst bei den Hanptstationen eingeführt, die bisher von Österreich kür Phrasen an- gcwendeten Schriftzeichen für den internationalen telegraphischen Verkehr innerhalb des Vereins angenommen und Privattelegramme in französischer n. englischer Sprache zur Beförderung innerhalb des Vereinsgebietes zugelassen. 1857 brachte Revision des Bereinsvertrags aus die Zeit vom 1 .April 1858 bis 31. März 1864 u. eine Herabsetzung der Beförderungsgebühren. Letztere wuchsen im Vereine stets mit der direkten (d. h. in der Luft gemessenen) Entfernung der Aufgabe- u. Empfangsstation des Telegramms; vom 1. April 1858 ab ward die Wortzah! des einfachen Telegramms auf 20 festgesetzt u. kostete bis zur Entfernung von 10, 25, 45, 70, 100, 135, 175 u. s. w. geogr. Meilen (mit diesen Entfernungen als Halbmesser um die Aufgabestation geschlagenen Kreise lieferten die erste, zweite, dritte rc. Zone) bezw. 12, 24, 36, 48, 60, 72, 84 Ngr.; für je 10 Worte mehr wuchs die Gebühr um die Hälfte. Vom 1. Oct. 1863 wurde der Tarif wieder ermäßigt u. Las gesammte Vereinsgebiet nur noch in 4 Zonen getheilt; 10,45,100 Meilen u. darüber, resp. 8, 16, 24,32 Ngr. Der Verein schloß zum Theil schon 1852 Verträge mit der Schweiz, Frankreich, England, Belgien, Rußland, den Donaufürstenthümern, Türkei, Sardinien, Rom u. Neapel, unter Zulassung der englischen, französischen u. deutschen, zum Theil auch der italienischen u. holländischen Sprache. Beim Abtelegraphiren hatten die Privattelegramme den Amtstelegrainmen der Verwaltung u. diese wieder den Regierungs- od. Staaisielegrammen nachzustehen; letztere allein durften chifsrirt anfgegeben werde». Depeschen an Orte, welche nicht an der T-enlinie liegen, konnten von der letzten Station entweder durch Post oder Extraboten weiter befördert werden. Gegen die guten Sitten verstoßende oder Störung der öffentlichen Ordnung bezweckende Telegramme sollten zurückgewiesen werden. Mehrere Staaten des Vereins hatten für die Correspondcnz im Inlands einen erniedrigten Tarif. Selbständige Verwaltungen hatten z. B. Oldenburg u. Braunschweig. Im internationalen Verkehr der außerdeutschen Länder galten früher nach der Pariser Convention vom 4. Oct. 1852 die Bestimmungen des Vereinstarifs. Nach dem Tarif der Pariser Convention vom 19. Dec. 1855 zwischen Frankreich, Sardinien, Spanien, Belgien n. der Schweiz kostete eine Depesche von 15 Worten Text und 5 Worten Adresse ans 100, 250, 450, 700,1000 km I), 3, 4z, 6, 7z Francs. Der Tarif der Brüsseler Convention (übereinstimmend mit dem Berner Vertrag, dem Friedrichshafener Vertrag n. dem Stuttgarter Vereinsvertrag) behielt für den Verein die Vereinszonen, für die andern Staaten die der Pariser Convention bei n. setzte die Gebühr der einfachen Depesche von 20 Worten auf 12 Ngr. Auch die Schweiz, Frankreich, Belgien hatten ermäßigte Tarife für den inländischen Verkehr. Mit dem Jahre 1865 ging man an die Herstellung eines allgemeinen internationalen T-enverbandes,n. bei der letzten internationalen T-enconferenz in Petersburg 1878 waren bereits so ziemlich alle Staaten u. T-engesellschaften vertreten. Die Taxe für den internationalen Verkehr ist bezüglich der Entfernung für jeden Staat eine höchstens zweistufige. In Betreff der Wertzahl ist im Allgemeinen noch eine Einheitstaxe für Telegramme bis zu 20 Wörtern angenommen, im Verkehr mit den Staaten außer Europa dagegen wächst die Gebühr von Wort zu Wort; dieser Worttaris hat sich auch, wesentlich durch die Bemühungen des deutschen Generalpostmeisters Stephan bereits in mehreren Einzelstaaten für den inner» Verkehr, sowie im Verkehr mehrerer Staaten unter einander Eingang verschafft. Einen Überblick über die dermalige Ausbreitung und Leistung der elektrischen T-en gewährt die Tabelle auf S. 244. Neuere Literatur: Schellen, Der elektromagnetische T., Braunschw. 1850, 5. A. 1870; Galle, Katechismus der elektrischen T., 2. A. Lpz. 1859, 5. A., bearbeitet von Zetzsche, Lpz. 1873; Knies, Der T. als Verkehrsmittel, Tüb. 1857; Viechel- mann, Elemente der unterseeischen Telegraphie (nach Delamarche), Berl. 1860; Dub, Die Anwendung des Elektromagnetismus, ebd. 1862, 2. A. ebend. 1873; Sabine, Uslars anä 1?roArs8s ob lbs slse- trie tsis^rapff, 3.A. London 1872; Shafsner, Mis lsls^raxir mannai., a oomplols Instor/ null cte- seriptnon etc., New Jork 1859; Prescott, bllsstri- oitz' anä lirs sisotrie lsie^raplr, New Jork 1877: Moigno, Mails äs leisArapiris sisolrigns. Paris 1849; Blavier, Nouveau Mails äs lslsxtrapiüs slsetvigns, 2Bde.,Par. 1865 u. 1867; Du Moncel, küxposs äeo applie. äs I'sisetrisits, 2. A., Paris 1872—78, 5 Bde.; Glöseuer, Mails Asnsral äss appl. äs I'slsotr., Paris u. Lüttich 1861; Zetzsche» Copirtelegraphen, Typendrucktelegraphen u.Doppel- telegraphie, Lpz. 1865; Ders., Abriß der Geschichte der elektrischen Telegraphie, Berl. 1874; Derselbe, Entwickelung der automatischen Telegraphie, Berl. 1875; Ders., Handbuch der elektrischen Telegraphie, 4 Bde., Berl. 1876 ff.; Culley, Hanäboolc ob prao- iisal lsls§rapli^, London 1871; Rother, DerT-en- 16 * 244 Telegraphie, Tclegraphik — Teleki. Länder Jahrgang Länge der Linien Anza N bl der 8-- § - i-sZZ --o ZLo Telegramme auf jeiOO Ew. 5174 036 2900 1756 54 76 3040 116 941 795 49 Deutsches Reich . 77 64190 7251 14197 1004 33 Krankreich . 76 54550 2800 8048 1032 22 Griechenland. 76 2565 60 249 512 17 Großbritannien . 76 40663 3730 21977 1291 64 Italien - 77 23738 1292 5580 801 20 Niederlande . 7°. 3519 168 2405 1067 58 Norwegen 78 8477 197 854 266 47 Oesterreich-Ungarn 77 48996 3349 8025 787 21 Portugal 78 3711 167 686 414 17 Rumänien 77 4142 173 960 326 14 Rußland 76 69015 844 4599 130 6 Schweden . 77 8179 175 1059 185 24 Schweiz 77 6507 1080 2788 1572 100 Serbien 74 1461 37 165 300 9 Spanien 76 13618 272 1560 272 9 Türkei . 75 25232 397 1210 746 12 Argentinien . 77 7767 275 37 15 Brasilien 77 6230 104 Canada. 16121 829 1142 18 31 Chile . 75 6420 62 158 200 17 Colombien . 75 2045 25 Costa-Rica . 75 320 16 68 Guatemala . 77 1727 42 164 Mejico . 77 11697 252 60 Paraguah 77 72 Uruguay 77 1219 20 40 65 9 Ver. Staaten 77 152425 8829 — 164 — Britisch-Jndien 75 20794 225 1167 114 1 Niedcrländ.-Jndien 76 5613 66 642 36 5 China . 77 39 Japan . 76 2934 396 77 1 Persien. 77 4468 56 560 27 8 Aegypten 76 6550 119 Algerien 75 5359 98 — 168 Tunis . 964 18 — 81 Australien mit Neu- secland re.. 76 35020 769 3676 44 6 bau, 4. A. Berlin 1876; Ludewig, Der Bau von T-eulinien, 2. A. Lpz. 1876; Ders., Der Reichstelegraphist, Dresd. 1877; Ders., Die Telegraphie in staats- und privatrechtlicher Beziehung, Lpz. 1872; Weidenbach, Compendiuin der elektrischen Telegraphie, Wiesb. 1877; Merling, Die T-entechnik der Praxis, Hannover 1879; Neid, Urs tolsgrapii in America; ito proinobor8 null notock wsn, New Dort 1878; Statistik der deutschen Reichs-Post-- u. Tcle- graphen-Vcrwaltung für 1877, Berl. 1879; Dam- bach, T-enstrafrecht, Berl. 1872. Dazu kommen eine große Anzahl z. Th. sehr werthvoller u.in einer langen Reihe von Jahrgängen erschienener, ausschließl. der Telegraphie gewidmeter Journale. Z-tzM. Telegraphie, Tclegraphik, s. u. Telegraph. Teleki (Teleky), ein altes, wahrscheinlich ans Dalmatien nach Ungarn unter dem ursprünglichen Namen Garazda von Mecsevics eingewandertes Adelsgeschlecht, dem Elisabeth angehörte, die Tochter des Wojwoden Michael von Siebenbürgen, durch ihre Ehe mit dem Reichsverweser Johann Hunhadi, Mutter des Königs Matthias Lorvinus von Ungarn (1457—1490). Die im Ib.Jahrh. entstandenen drei Linien desHauses Garazda vereinigte 1) MichaelI. T., um 1610 unter Sigismund Bathori, Haupt- niann der Leibwache, durch seine Vermählung mit der Erbtochter Anna des Johann Garazda von Za- gorhid miteinander, da seine Linie die Güter der dritten, Szek, bereits srüher geerbt hatte. Er wurde dadurch alleiniger Stammhalter der Familie. Sein Enkel 2) Michael II., geb. 1634, der an dem Fürsten Michael I. Apafi von Siebenbürgen, dessen » Minister er war, einen Gönner hatte, wurde von den ungarischen Ständen 1678 gegen den Kaiser Leopold I. zum Oberfeldherrn ernannt, legte aber, einerseits Lurch Len von den Magnaten ihm zur Seite gestellten Kriegsrath in allen seinen Bewegungen gehindert, anderseits mit den von Ludwig XIV. ge- sandtenFranzosen imKricgsratye zerfallen, bald den Oberbesehl nieder, den Emmerich Tököli übernahm. 1681 zog er sich sogar, ebenso wie Fürst Apafi dem Tököli feindlich gesinnt, nach Siebenbürgen zurück, und vermochte im Jahre 1688 den Apafi dazu, dem Bunde mit den Türken zu entsagen und den Kaiser durch den Vertrag von Hermannstadt, Mai 1688, als seinen und Siebenbürgens Oberherrn anzn- crkennen. Nach des Fürsten Tode 1690 wurde Mi- chael Gubernator für den minderjährigen Michael II. Apafi, fiel jedoch bereits in demselben Jahre bei Zcrnest im Kampfe mit Tököli, der von den Türken als Fürst von Siebenbürgen ausgestellt war. 1685 war T. in den Reichsgrafenstand erhoben worden. Durch seine zwei Söhne Michael III., kaiserl. General, und Alexander I. entstanden die zwei noch blühenden Hauptlinien des Geschlechts, die sich wieder in verschiedene Unterlinien theilen. Aus der ersten Unterlinic derAlexanderschenHauptlinie sind hervorragend 3) Graf Ladislaus III., geb. 1764, Vater des ungarischen Patrioten Ladislaus IV. (s. T. 5) in seiner zweiten Ehe mit der Freiin Johanna von Meszaros, der sich namentlich durch Förderung der Wissenschaft vielfache Verdienste erwarb. Er schr.: Über die Reform und die Ausbildung der Ungarischen Sprache, 1806; st. 1821. Sein Sohn erster Ehe mit der Gräfin Maria Teleki ist 4) Graf Joseph, geb. 24. Oct. 1790 in Pesth, ein eifriger Förderer des Studiums der ungarischen Sprache, für die er selbst Vieles geleistet. Er hat Deutschland, England, Frankreich, Holland und die Schweiz bereist; wurde 1818 Statthaltereisccretär, auch zum Vicecurator des Pester reformirten Seniorats erwählt, 1824 Baron der kaiserlichen Tafel, dabei auchObercurator derTheißer Superintendenz und derSaros-Pataker Hochschule, 1827 Obergespan des Czanader u. 183» des Szaboltschen Comitats, 1832 Hofrath n. Referendar bei der Hofkanzlei, 1840 kaiserlicher Krön- hüter u. 1840—48 Gouverneur von Siebenbürgen; er st. 16. Febr. 1855 als Präsident der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Pest, deren Mitbegründer er war und welcher er in Gemeinschaft mit seinen Brüdern eine Bibliothek mit 30,000 Bänden zum Geschenk gemacht hatte. Er schr.: Die Vervollkommnung der Ungarischen Sprache durch neue Wörter u. Ausdrücke, 1816; Die Einrichtung ^ u. Ausarbeitung eines vollständigen Wörterbuches, 1817; Das Zeitalter der Hunyadys, Pest 1852, 5 Bde. 5) Graf Ladislaus IV., Halbbruder des Vor., geb. 11. Nov. 1811 in Pest, studirte Jurisprudenz und Staatswissenschaften u. wurde 1839 Mitglied des Siebenbürgischen Landtags. 1843 als Magnat in das Oberhaus des ungarischen Reichstags cingetreten, näherte er sich sogleich den Führern der liberalenPartei, dem hochangesehenen ü. staats- Tclelog — männisch bedeutenden Deal u. Kossnth, u. stellte sich mit dem Grafen Ludwig Batthyanyi an die Spitze der Magnatenopposition. Nach der März- revoluiion von 1848 wählte ihn das Pester Co- mitat als zweiten Deputirten des Ungarischen Land- tags; im Sept. 1848 sandte ihn das »ngarische Ministerium in besonderer Mission nach Paris, um bei dem drohenden Ausbruche eines Kampfes zwischen Ungarn u. Oesterreich dort die ungarischen Interessen zu vertreten. Als der General Haynau nach Niederwerfung der Ungar. Revolution liber die gefangenen Häupter derselben ein furchtbares Straf, gericht verhängte, protestirte T. im Namen Ungarns gegen die Maßregeln Oesterreichs, wurde aber dafür init Andern in oontumasiam zum Tode vernrtheilt n. in skllAis gehangen. In der Folgezeit hat er, in stetem Verkehr mit den ungarischen Emigranten, stets im Sinne der ungarischen Nationalpartei zu wirken gesucht, so namentlich 1859 beim Ausbruche des Krieges von Frankreich u. Sardinien gegen Oesterreich. Im Decbr. 1860 wurde T. in Dresden verhaftet u. an das Landgericht in Wien ansgeliefert, jedoch nach einer persönlichen Unterredung mit dem Kaiser unter den drei Bedingungen amnestirt, Laß er sich nichi mehr aus der Oesterreichischen Monarchie entferne, seine Verbindungen mit den auswärtigen Feinden der Oesterreichischen Monarchie abbreche u. sich vor der Hand jeder politischen Lhä- tigkeit enthalte. T. nahm diese Bedingungen an u. wurde darauf sofort in Freiheit gesetzt. Auf dem am 6. April 1861 zu Ofen (Pest) eröffneten Landtage konnte T. der Lockung, eine Rolle zu spielen, nicht widerstehen, n. stellte sich an die Spitze der radikalen (Beschluß-) Partei, welche sich gegen Unterhandlungen mit dem Kaiser Franz Joseph erklärte. Da er dadurch mit der Ehrenpflicht, die ihm der Kaiser bei der hochherzigen Begnadigung auferlegt hatte, in Conflict gekommen war, erschoß er sich in seiner Wohnung. 7./8. Mai 1861. Er schr.: die Tragödie LvZz'snc» (Der Günstling), Pest 1842; l,e bon ärnit äs la Honoris, Par. 1849. 6) Graf Dominik, Sohn des 1817 verstorbenen Grafen Joseph (Bruders von T. 3) geb. 1810, leitete nach seiner Rückkehr von einer 1842 u. 1848 unternommenen Reise ins Ausland die politische Zeitung Lräsiz-i Hiraäo (Siebenbllrger Bote), nahm aber an den politischen Bewegungen von 1847 u. den folgenden Jahren keinen Antheil, sondern beschäftigte sich mit Hebung der Landwirthschast u. dem Unterrichts- u. Erziehnngswesen. In neuester Zeit nahm er wieder seinen Sitz im ungarischen Oberhaus ein, auf dem er früher als Anhänger der Oppositionspartei aufgetreten war, n. wirkte namentlich für die Union Siebenbürgens mit Ungarn. Außer dieser ersten Unterlinie der Alexanderschen Hauptlinie existiren noch drei andere Untcrünien. Schmitz. Telelog (v.Griech., Fernsprecher), ein elektrischer Fernsprechapparat, bestehend ans der Batterie, der Drahtleitung und 2 Sprechapparaten, die durch Glockenschläge die Zeichen geben. Er wird beim Schießen der Artillerie zur Mittheilung der Beobachtungen aus dem Sicherheitsstand an der Scheibe nach dem Geschützstand, zur Commnnication zwischen Forts n. befestigten Posten in der Nähe derselben rc. verwandt. Vgl. Ackermann, Der T., Rast. 1877. l. Telcmachon. In NAmerika ist der Plan auf- Tclemeter. 2ä5 getaucht, die gewaltige mechanische Arbeit des Niagarafalles dadurch an einem fernen Orte nutzbar zu machen, daß man das fallende Wasser eine magnetoelektrische Maschine treiben läßt, den in dieser erzeugten elektrischen Strom einer ebensolchen, aber als elektro-magnetische Maschine wirkenden Maschine zuzufllhren n. von dieser eine Triebwelle in Umlauf versetzen zu lassen. Die ganze Anlage hat man mit dem Namen T. belegte Eine solche elektrische Transmission ist nur auf kürzere Entfernungen u. im Klei- nen ausführbar und ist auch z. B. von Siemens u. Halske mittels zweier v. Hesnerschen dynamo-elektrischen Maschinen (s. Magneto-elektrische Maschinen, S. 494) wirklich dnrchgeführt worden. Zetzsch-. Telemächas, Sohn des Odysseus u. der Penelope, wuchs während der Abwesenheit seines Vaters im trojanischen Krieg zum Jüngling heran. Als ihm die Freier seiner Mutter Nachstellungen bereiteten, rieth ihm Athene, die in Gestalt des Taphier- königs Mentes, des Gastfreundes vom Odysseus, zu ihm kam, Knude bei den anderen trojanischen Helden über seinen Vater zu holen. Er begab sich nach Py° los zu Nestor, begleitet von der Athene in Gestalt Mentors, dem bei seiner Abfahrt Odysseus die Sorge für sein Haus übertragen hatte, u. nach Sparta zu Menclaos, bei welchem Letzteren er erfuhr, daß Odysseus noch lebe. Zurückgekehrt, traf er bei dem Schweinehirten Eumäos seinen Vater, welcher sich ihm entdeckte, und kämpfte dann an dessen Seite gegen die Freier. So weit Homers Erzählung über ihn; seine übrigen Schicksale sind mannigfaltig erzählt worden. Er soll die Kirke geheirathet haben, die ihm den Latinos gebar. Nach Anderen tödtete er die Kirke, u. heirathete ihre Tochter Kassiphone, die ihn hinwiederum erschlug. Auch eine Tochter Roma wird dem T. zugeschrieben, mit der Aeneas vermählt gewesen sein soll. Er ist der Held des Fenö- lonschen Romans isv avsntmrss äs Psksmagns, in dem der berühmte Verfasser seine Ansichten über Staatswesen und Fllrstenbildnng niedergelegt hat. Das Buch erlebte bis zur Reformation nächst der Bibel u. der Nachfolge Christi von Thomas a Kem- pis die meisten Auflagen. Schmitz. Telemeter (v. Griech., Fernmesser), Instrumente, um die Entfernung feindlicher Batterien, Trnppcnkörper u. Tirailleurlinien in so kurzer Zeir zu messen, daß ihre Beschießung erfolgen kann. Dieselben sind entweder optische, d. h. solche, welche geometrische Verhältnisse n. Fernrohre benutzen, so die Distanzmesser des österreichischen Oberst Roskie- wiez, der Franzosen d'Azemar, Bonsson, Gaumet n. Labbez, od. akustische, d. h. solche, welche die Geschwindigkeit des Schalles zur Messung heranziehen, so die von Reydier n. Le Bonlenge. Der Distanzmesser des Letzteren ist der bekannteste n. besteht aus einer gradnirten, geschlossenen Glasröhre mit Aethcr- füllung, in der ein Schwimmer sich befindet, welcher bei senkrechter Stellung der Röhre langsam nach unten sinkt. Zum Gebrauch legt man die Röhre horizontal, indem der Schwimmer aus Null eingestellt wird. Sieht der Beobachter den Fcuerstrahl eines Geschützes, so senkt er die Röhre, vermerkt den Grad, bis zu welchem der Schwimmer beim Anlangen des Schalles gesunken ist und liest dann direct die Entfernung ab. Der Jrrthum beträgt bis zu 4°/,. Vgl. Le Bonlenge, Dslsmskrs, Brüssel 1875. l- 246 Teleologie - Teleologie (v.Gr.), die Lehre von der Zweckmäßigkeit in den Natur- u. Weltercignissen. Die T. ist entweder physisch, wenn sie sich ans natürliche od. theoretische Zwecke der sinnlichen Natur, oder- moralisch (ethisch), wenn sie sich auf sittliche Vernunftzwecke bezieht. Die Philosophen gründeten darauf Schlüsse zur Erkenntniß des Daseins u. Wesens Gottes, woraus der Teleologische Beweis entstand, s. Gott. loleostei, Knochenfische; s. Fische, S. 122. Telephon, eine Vorrichtung znm telephoniren, d. h. znm telegraphischen Fortpflanzen von Tönen, besonders der menschlichen Rede; diese Fortpflanzung ».ihre Anwendung heißt Telephonie. Bei dem elektrischen T. (s. 4) werden die Töne und Worte nicht fortgepflanzt, sondern am Empfangsorte durch elektrische Ströme wiedererzeugt; hier unterscheidet man zwischen Telephonie u. Phono- telegraphie; bei ersterer ist die Wiedererzeugung Selbstzweck, bei letzterer nur Mittel znm Zweck, insofern die wiedererzengtenTone zum Niederschreiben von Telegrammen in irgend einer Schrift benutzt werden, wie z. B. von Gray in Chicago 1874 bei seinem T. od. harmonischen Telegraphen u. von La Cour 1874 in Kopenhagen bei seinem Stimmgabeltelegraphen. 1) Akustisches T. vonSudre n. von Romershausen 1838, s. Telegraph I. — Edisons Megaphon (1878) enthält ans einem Gestell zwei etwa 2 in lange Hörrohre, von denen je ein biegsames Röhrchen in ein Ohr gesteckt wird, u. mitten zwischen beiden ein gewöhnliches Sprachrohr, dessen Mundstück vor den Mund paßt. Zwei mit solchen Apparaten versehene Personen sollen unter günstigen Umständen auf eine Entfernung von 3 Icm mit einander sprechen können. Im A'erophon (1878)läßtEdison durch eine nicht gar große Platte, welche dadurch, daß in ein Mundstück gegen dieselbe gesprochen wird, in Schwingungen versetzt wird, einen Schieber in einer Röhre in rascher Folge auf u. nieder bewegen und dadurch verdichtete Luft abwechselnd vor und hinter einen Kolben in einen Cylinder eintreten, beziehentl. aus dem Cylinder ins Freie entweichen; der Kolben aber steht durch eine Kolbenstange mit einer sehr- großen Platte vor einem Sprachrohre in Verbindung und versetzt dadurch diese Platte in ebensolche Schwingungen, als die kleinere Platte am Mundstück macht,'und daher wiederholt die große Platte die gesprochenen Worte sehr laut u. macht sie durch das Sprachrohr ans sehr große Entfernung hin hörbar. 2 ) Eine Art Dampfpfeife, womit Taylor 1846 von den einzelnen Wagen eines Dampfzuges ans Signale geben wollte. 5) Weinholds Bindfaden- T. besteht aus zwei Nesonanzkästchen, zwischen denen ein Faden gespannt ist. Was in das eine Kästchen gesprochen wird, geht durch deu Faden nach dem zweiten u. ist in diesem zu hören. 4 ) Elektrisches T. a) Im Jahre 1860 kam Philipp Reis in Gelnhausen darauf, das Tönen des Eisenkerns in einer Magnetisirungsspirale zum Telephoniren zu benutzen (vgl. Elektromagnetismus, S. 226); sein T. ist in Fig. 4—6 auf Taf. V zum Artikel Elektricität abgebildet; zwischen den Klemmen a des Senders Fig. 4 u. ck des Empfängers Fig. 5 ist eine galvanische Batterie eingeschaltet, zwischen äu. v die Spule LI; wird in die Mündung 8 gesprochen od. gesungen, so kommt die Membran in der oberen Öffnung, die in Fig. 6 — Telephon. noch besonders gezeichnet ist, zum Schwingen und veranlaßt zwischen dem ans der Membran befestigten u. durch den Leiter 4 n. die Klemme g, in den Strom kreis eingeschalteten Stifte p n. dem Metallbügel I> A >c, der mit der Klemme b n. durch einen Draht weiter mit o verbunden ist, rasche Schließungen u. Unterbrechungen des Stromes, welche den ans einem Resonanzboden liegenden Eisenstab in N znm Tönen bringen. Zur Wiedergabe der menschlichen Rede eignen sich besser die sog. sprechenden T-e. Unter diesen ist das einfachste b) das T. von Alex. Graham Bell in Boston, gebürtig ans Edinbnrg. Bell hat sich schon seit 1872 um die Herstellung eines sprechenden T-s bemüht und gefunden, daß weder plötzlich auftretende u. verschwindende Ströme (wie bei Reis), noch plötzlich verstärkte u. geschwächte, sondern un- dulatorische Ströme, d. h. solche, deren Stärke ganz allmählich n. stetig zu- u. abnimmt, die günstigsten znm Telephoniren sind. Sein äußerst empfindliches T. läßt sich zum Sprechen n. Hören zugleich benutzen; es enthält in seiner Form von 1876 in einem Holzrohr 0 Figur 45—47, ans Tafel V. zum Artikel Telegraph einen stählernen Stabmagnct 448, aus dessen Nordpol 44 ein kurzes Stück a, weiches Eisen aufgesetzt ist; wird von einer mit sehr feinem Draht bewickelten Spule b umgeben, deren Enden A, A mittels der Schrauben Ir, Ii in eine Telegraphenleitung 1,4,1 eingeschaltet werden; vor liegt eine Eisenplatte ?, welche durch das auf dem dickeren Theil 41 der Holzfassung aufgeschraubte Mundstück V in ihrer Lage festgehalten wird, während a, durch die Schraube <4 in die rechte Entfernung von ? gebracht wird. Wird nun in das Mundstück V gesprochen, so wird die durch magnetisirte Platte? durch die Luft in tönende Schwingungen versetzt u. erzeugt dadurch in rascher Folge stetige Änderungen in der Anordnungdes ganzen magnetischen Systems, welche ihrerseits wieder in der Spule 4> nndulatorische Mag- net-Jndnctionsströme von regelmäßig wechselnder Richtung erregen; sind aber in 4,4,1 noch andere solche T-e eingeschaltet, so ändern in diesen die deren Spulend mitdurchlansenden nndulatorischen Ströme in eben so rascher Folge den Magnetismus von a, und somit die Stärke der von 448 auf 1? ausgellb- ten magnetischen Anziehung u. versetzen dadurch alle anderen Platten I? (u. die Magnete 448, vgl. 4 a) in ebensolche Schwingungen, wie die zuerst durch das Sprechen angeregte Platte macht, so daß ein an das Mundstück V gelegtes Ohr die gesprochenen Worte hört, die nicht in 4,4,^ akustisch fortgepflanzt, sondern vom T. wieder hervorgebracht werden. Ist dieses T. auch nichtfllrdentelegraphischenWeltverkehrzubrau- chen, schon deshalb, weil cs keine bleibenden (vgl. o) u. objektiven Zeichen hervorbringt, so verdient es doch alle Beachtung, da es nicht nur in allen den Fällen, zum Theil zugleich mit einem telephonischen Wecker (s. d.), ganz vortheilhaft verwendet werden kann, wo von einander entfernte Personen öfters über irgend etwas Rücksprache zu nehmen haben, sondern auch infolge seiner ungemeinen Empfindlichkeit, welche durch die neuesten Verbesserungen, z. B. von Siemens u. Halske in Berlin, noch merklich gesteigert worden ist, als Untersuchungsapparat (vgl. auch ck) ausgezeichnete Dienste zu leiste« berufen ist. e)Von den zahlreichen noch in Vorschlag gebrachten sprechenden T-eu sei nur noch das von Thomas Alva Edison Telephomc — Telcsphoros, 247 in Menlo Park, New Jersey, erwähnt. Edison verwendete fürs Singen einen ganz ähnlichen Sender, wie Reis (s. 4 a)^ nur mit einer Messingplatte anstatt einer Membran, fürs Sprechen dagegen legte er eine elastische od. starre Platte an eine Graphitplatte, damit die durch jene Platte übertragenen Drnckändernngen im Graphit dessen Widerstand u. dadurch die Stromstärke ändern könnten; daß dazu der Graphit besonders geeignet ist, hatte Edison schon früher entdeckt u. für andereZwccke verwerthet. Im Empfänger verwendet Edison keinen Elektromagnet, sondern er nutzt eine von ihm 1874 gemachte n. zur Herstellung seines Elektromotographen ver- werthete Entdeckung aus, um die eine Wand eines Nesonanzkastens mechanisch in Schwingungen zn versetzen. Natürlich könnte hier als Empfänger auch einBellsches T. benutzt werden, ci) Wird als Sender für ein T. ein Mikrophon benutzt, so vermag dasselbe sonst vollständig unhörbare Geräusche in einem empfangenden T.vernehmbarzumachen;dasWesentliche im Mikrophon sind in den Stromkreis einer Batterie eingeschaltete ungleichartige Leiter, deren Widerstand Lurch die sie selbst oder einen Resonator treffenden tönenden Schwingungen sich so stark ändert, daß die dadurch bewirkten Änderungen in der Stromstärke in dem mit in dein Stromkreise liegenden empfindlichen T. hörbar werden. Ein sehr empfindliches Mikrophon erhält man, wenn man an einem in aufrechter Stellung aus einer ruhig stehenden Unterlage befestigten Resonanzboden zwei mit den Stromzn- leitungen zn verbindende Kohlcnstückchen wagrecht vorstehend befestigt und in ihnen auf den einander zugewandten Flächen kleine Höhlungen anbringt, in welche man ein Stäbchen aus Gaskohle mit seinen beiden zugespitzten Enden locker einsetzt. Das Mikrophon ward durch Hughes in Europa bekannt, seine Erfindung wird ihm aber von Edison, anscheinend nicht mit Unrecht, bestritten. Das Mikrophon verspricht für die medicinische Diagnose Bedeutung zu gewinnen, s) In Edisons Phonograph gräbt eine Spitze an einer Membran, gegen welche durch ein Mundstück gesprochen wird, den Schwingungen der Membran entsprechende Vertiefungen in eine an der Spitze stetig vorübergesührte bildsame Masse ein. Das Mundstück mit der Membran ist an einem feststehenden Ständer angebracht, die Spitze berührt leise ein Stanniolblatt, das um eine mit einer vertieften Schraubenlinie versehene Messingwalze gewickelt ist; während des Sprechens in das Mundstück wird die Walze gleichmäßig nmgedrcht u. dabei zugleich durch eine Führungsschranbe von gleicher Steigung wie jene Schraubenlinie der Länge nach fortbewegt; dabei formt die Spitze die jene Schraubenlinie bedeckenden Theile des Stanniols zn Erhabenheiten n. Vertiefungen. Wird umgekehrt die noch mit dem Stanniol belegte Walze voni Anfang an unter der Spitze hinweg geschraubt, so versetzen die Erhabenheiten und Vertiefungen im Stanniol die Membran in tönende Schwingungen, ans denen man leidlich verständlich die früher gesprochenen Worte wieder heraushört. Könnte man durch ein empfangendes T. gegen einen Phonographen sprechen, so würde letzterer das auf dem T. Gehörte in gewissem Sinne bleibend verzeichnen. Vgl. Sack, Die Tele- phonie, Berl. 1878; P. Reis, Das T. n. sein An- rusapparat, nach seiner historischen Entwickelung n. praktischen Anwendung, Mainz 1878; Du Monccl, lw tölsptions, 1s mioroplions sb Is ptwnoxraplig, Par. 1878; G. B. Prescott, Mas spsakin^ tvlo- plums sto., New Jork 1879. ZetzsSe. Tclephonie, s. Telephon. Telepljonik, die Kunst zu tclephoniren, s. Telephon. Telephonische Wecker (telephonische Rufapparate) sind magneto-elektrische Apparate, welche dem Bellschen Telephon (s. d. 4) b) bcigegebcn werden, nm Jemand aus einiger Entfernung an das Telephon heranznrnsen. Als stromerregcnden Sender benutzt man entweder das Telephon selbst, dessen Platte man dann in lebhaftere Schwingungen versetzt, etwa durch Anblasen mit einer kleinen Zungenpfeife, welche Siemens n.Halske ihrcnneuesten,durch besondere Tonstärke sich vorthcilhaft anszeichnenden Telephonen beigeben, od. eine in ihrer elektrischen Einrichtung dem Telephon ähnelndem tönendeSchwing- ungen versetzte Stahlglocke od. Stimmgabel, welche mau in geeigneter Weise in einer Drahtspule Ströme indnciren läßt. Am Empfangsorte dagegen bringt man durch die Ströme entweder das Telephon selbst znm Tönen, dessen Wirkung man durch Resonanz noch verstärken könnte, od. man wählt eine der stromerregenden ganz ähnliche, ihr sympathische (gleichgestimmte) Glocke od. Gabel als Empfänger; wird von mehreren solchen sympathischen Glocken od. Gabeln, die in denselben Stromkreis eingeschaltet sind, die eine durch Anschlägen od. Anstreichen zum Tönen gebracht, so bringen die von ihr erregten Jnductions- ströme auch alle anderen znm Tönen, während in denselben Stromkreis aufgenommene, aus einen andern Ton gestimmte (also der angeschlagenen nicht sympathische) Glocken n. Gabeln durch eben diese Ströme nicht zum Tönen gebracht werden können. Zetzsche. Telephos, ein Arkadicr, Sohn des Herakles n. der Auge, der Tochter des Königs Aleos von Tcgea; seine Mutter setzte ihn als Kind aus u. floh dann zum König Tcnthras nach Mysicn. T. aber wurde von einer Hirschkuh genährt n. von Hirten zum König Korylhos gebracht, welcher ihn erzog. Den Herangewachsenen wies das Delphische Orakel ans die Frage nach seiner Mutter zn Tenthras. Er heira- thete daselbst dessen Tochter Argiope n. wurde seines Schwiegervaters Nachfolger als König von Mysien. Die Griechen griffen auf dem Zuge nach TrojaMy- sien an, und Achilles verwundete den siegenden T. mit seiner Lanze. Da das Orakel rieth, die Heilung der Wunde, welche nicht eintrcten wollte, bei dem zu suchen, der sie geschlagen, raubte T. den Orestes, den Sohn Agamemnons, mit der Einwilligung der Mutter Klytemnacstra aus der Wiege, u. zwang dadurch dessen Vater, für T. Fürsprecher beim Achilles zu werden. Der heilte wirklich den T. mit dem Roste der Lanze und zwar nm soeher, da das Orakel den Griechen verkündet hatte, daß sie nur unter Führung des T. Troja erobern könnten. Dieser gab ihnen auch den Rath über den Weg. Er wurde nachher in Pergamum u. auf dem Parthenion in Arkadien als Heros verehrt. Schmitz. Teleskop, so v. w. Fernrohr. Telesphöros (gr., der Vollender, zur Reife Bringende), 1) der Genius der Genesung, der zuweilen neben Asklepios sich findet. 3) Der 8. röm. ! Bischof von 129—140; er soll dieFastengebotc ver- 248 Isl 68t notre schärft, auch die Fasten vor der Osterzeit verlängert u. die Ketzerei des Marcion u. Balentinus bekämpft haben. 7el est notre plsisir (fr.), das ist unser Gefallen, so gefällt cs uns: der gewöhnliche Schluß in Res- criptcn u. Befehlen der Könige von Frankreich vor der Revolution an ihre Beamten. Teleutosporen, s. u. kneeinia. Teleykischer See (Altai-Nor), See im nördl. Altai (Ceutralasien) ca. 500 in hoch gelegen, sehr fischreich; ihm entströmt die Bija. Telford, Thomas, berühmter engl.Jngenieur, geb. 9. Aug. 1757, machte seine Studien in Edin- burg u. London u. baute bes. Brücken (die Kettenbrücke über den Menai 1819—26, sein Hauptwerk, die Conveybrücke, ebenfalls Kettenbrückerc.),Kanäle, (den Caledonischen Kanal, s. d. Art. u. a.), Häfen (in Aberdeen, Dundee rc.) n. die S. Katharinadocks in London. Auch erwarb er sich Verdienste um den Straßenbau. Er st. 1831. Telfs, Bezirksamtsstadt im tiroler Kreise Innsbruck, am Inn, schone neue Kirche mit Glasmalereien der Innsbrucker Schule, Spital, Franciscanerkloster, Baumwollspinnerei; 2200 Ew. Telgte, Stadt im preuß. Regbez. u. Landkreise Münster, an der Ems; Wallfahrtskirche mit wunder- thätigem Marienbild, Synagoge, Privat-Rectorat- schule (mit Pensionat), höhere Töchterschule, Seiden-, Lein- u. Wollenweberei,Branntweinbrennerei, Bierbrauerei, Bettfedernsortieranstalt, Mühlen, bedeutender Mehlhandel; 1875: 2360 Ew. In der Nähe das St. Rochushospital mit über 100 weiblichen Irren. T., einer der ältesten Orte des ehemaligen Fürstbisthums Münster, erhielt bereits 1238 Stadt- rechte u. war früher stark befestigt. H- Berns. Teil (arab.), 1) so v. w. ein zum Getreidebau geeigneter Landstrich; 2) so v. w. Trllmmerhügel, Hügel mit Ruinen. Teil, Wilhelm, gefeierter Held einer schweizerischen Sage, welche sich an die Befreiung der Ur- kantone von österr. Herrschaftsrechten knüpft u. sich nach den neuesten Forschungen folgendermaßen entwickelt hat: Diejenigen Geschichtschreiber, welche zur Zeit der Schlacht am Morgarten (1315, s. Schweiz, Gesch.) lebten, Johannes von Victring, Mathias von Reuenbnrg und Johannes von Winterthur,kennen keinen andernGrunddesBruches zwischen Österreich u.denEidgenossen,alsdenFeldzngdes Herzogs Leopold gegen die Waldstätten, welcher mit jenem Sieg endete. Erst um das Jahr 1420 tauchte in der Berner Chronik Justingers die Angabe auf, Laß österreichische Amtleute in den Waldstätten Ge- waltthaten, bes. an Frauen begangen hätten, aber ohne Specialitäten, Zeit-, Orts- u. Namenangabe, ebenso ohne Erwähnung eines Aufstandes gegen jene Amtleute. Um 1440 erzählte der den Schweizern feindlich gesinnte Züricher Chorherr Felix Hämmerlin , daß sich einst die Schwyzer u. Unterwald- ner gegen Österreich aufgelehnt hätten, weil ein Vogt in Lowerz einMädchen verführt habe, u. dabei sei in Unterwalden ein Vogt Landenberg vertrieben worden, alles ohne Zeitangabe. 1470 erzählt ein zu Uri entstandenes Lied, daß ein dortiger Vogt (ohne Namen ».Zeit) einen Schützen WilhelmT.(ohne Angabe eines Grundes) gezwungen, einen Apfel vom Haupte seines Kindes zu schießen u. fügt die be-I xlktisir — Teil. kannte Antwort T-s wegen des überflüssigen Pfeiles bei, verschweigt jedoch alles Weitere. Der Lnzerner Rathsschreiber Melchior Ruß führte um 1485 in seiner Chronik die Erzählung Justingers dahin ans, daß er beifügte, Wilhelm T. sei von den Landvögten (ohne Namen) znm Apfelschusse gezwungen worden, habe dies der Gemeinde zu Uri geklagt, sei darauf als Rebell gebunden u. über den See nach einem Schloß geführt, aber eines Sturmes wegen, um zu rudern.losgebunden worden, habe dann einenSprung aus dem Schiffe gewagt u. sofort den Vogt erschossen. Ruß verlegt die That in die Mitte des 13. Jahrh. Eine erst neulich aufgefnndene Unterwalde- ner Chronik, daß Weiße Buch genannt (von 1470), schmückt die Sage weiter aus, welche nun in die Zeit nach dem Tode König Rudolfs I. (1291) verlegt wird. Damals wurden, heißt es, ein gewisser Geßler in Uri u. Schwyz, u. ein Landenberg in Unterwalden als Vögte eingesetzt, welche das Volk arg bedrückten. Elfterer focht den (historischen) Stauffacher wegen seines Hauses, Letzterer einen (ungenannten) Bauer im Orte Melchi wegen seiner Ochsen, u. sein Untervogt einen (ebenfalls ungenannten) Bauer zu Alzellen wegen seines Weibes an. Darauf hätten sich Staufsacher, ein gewisser (nicht nachweisbarer) Fürst ans Uri, dervon Melchi und Einer ans Nidwalden Nachts im Rüdli besprochen. Dann folgt die Geschichte von T. welcher hier Thall heißt, mit dem Apselschuß; der Vogt Geßler wird aber in der hohlen Gasse bei Küßnacht getödtet. Der Chronist Petermann Merlin (1507) nennt den Vogt Grißler, das Melchi Melchthal (was eine ganz andere Örtlichkeit ist) u. läßt den Vogt Landenberg von dem Alzeller erschlagen; Diebold Schilling (1512) macht aus dem Vogt einen Grafen von Seedorf (die es nie gab) u. verlegt die BegebenheitindasJahrI334. Ein1525inUri gedichtetes u. aufgeführtes Volksschanspiel nennt dagegen das Jahr 1296 als Zeit der That u. legt zum ersten Male die Sendung der Vögte dem König Al- brecht zur Last, den es aber nur als Herzog kennt. Als die 3 Hauptverschworenen gelten Stauffacher, T.u.Erni aus dem Melchthal. Der Züricher Stumpf (1548) setzt an des Letzteren Stelle den (ungenannten) Alzeller n. läßt die That 1314 spielen. Agidius Tschudi ans Glarus (gest. 1572) begründete endlich die Form der Erzählung, wie sie bis vor Kurzem als feststehend galt. Er verlegte die Begebenheiten, um die es sich handelt, in die Jahre 1306—1308 unter König Albrecht, nannte zuerst die Namen: Wolfenschießen, Konrad von Banmgarten, Heinrich u. Arnold von Melchthal u. setzte im Rütlibunde Walter Fürst an T-s Stelle. Johannes von Müller endlich machte die Verschwörung im Rütli erst zu einem Bnndesschwnr, gab dem Vogte Geßler den Vornamen Hermann u. den Zunamen von Brnneck rc. Befestigt wurde die Sage durch jetzt nachgewiesene Fälschungen des 18. Jahrh., welche ans einer Familie Nell Nachkommen T-s machten n. einZeug- niß von 114 Urnern erfanden, welche 1388 bezeugt hätten, T. gekannt zu haben. Indessen tauchten schon seit dem 17. Jahrh. zuerst bei Gnilliman, Zweifel an der Wahrheit der Geschichte von T. auf; im 18. Jahrh. äußerte solche Freudenberger, dessen Buch aber in Uri durch den Henker verbrannt wurde; im 19. Jahrh. wurden sie kritisch beleuchtet,zuerst durch 249 Teil City - Kopp. Aus dem späten Auftreten der Nachrichten' von einem Aufstande in den Waldstätten gegen Lsterr. Vögte u. von einem T., aus den zahllosen Widersprüchen zwischen den bezüglichen Erzählungen, aus dem nachgewiesenen Umstande, daß es niemals eine Familie T. u. niemals einen Vogt Geßlcr in Uri gegeben, wie endlich aus dein Umstande, daß die Geschichte von T. mit wenig Abweichungen in Mythen verschiedener Völker n. namentlich in der Chronik des Saxo Grammatikns (bezüglich eines Toko u. der Tödtung des Königs Harald von Dänemark durch denselben) eine Rolle spielt, schließt die jetzige Forschung, daß die Geschichte von T. durchaus eine Dichtung und gegenüber der wirklichen Art der Befreiung der Schweiz (s. d. Gesch.) schlechtweg über- flüssig ist. Vgl. Hisely, äisssrt. lüsbor. äsk.Rsilio; Hänsser, Die Sage vom T., Heidelb. 1840; Jdeler, Die Sage vom Schüsse des T., Berl. 1839; Kopp, Urkunden zur Geschichte der eidgenössischen Bünde; Huber, Die Waldstätte, Jmlsb. 1861; Hungerbllh- ler, fifimäs sritigue sur Iss traäibious rölat. aux ori§. äs In oouksäsr. Luisse, Genf, 1869; Nilliet, Der Ursprung der schweiz. Eidgenoss., Geschichte u. Sage, übertragenvon Brunner, Aarau, 1873; Nochholz, T. u. Geßler in Sage und Geschichte, Heilbr. 1877; Ders., Die Aargauer Geßler in Urkunden, ebd. 1877. Hmne-Am-Rhyn. Teil City, Ort im Perry County des Nordamerika:!. Unionsstaates Indiana, am Ohio, Möbel- n. Bauschreinerei, Eisengießerei mit Maschinenfabrik; etwa 3000 Ew., dar. 2000 Deutsche, 800 Schweizer u. 200 Angloamerikaner. T. wurde 1858 von einer Gesellschaft Deutscher u. Schweizer gegründet. Tellenii (a. Geogr.), Stadt in Latium; wurde schon früh zerstört u. die Einwohner nach Rom ab- gesührt; Ruinen ans dem Hügel der Giostra. Teller, Wilhelm Abraham, hervorragender Tbeolog, Sohn des 1750 verstorbenen Prof, der Theologie Romanus T., geb. 9.Jan. 1734 in Leipzig, wurde 1755 Katechet an der Peterskirche und Privatdocent, dann Generalsnperintendent u. 1761 Prof, der Theologie in Helmstädt u. 1767 Ober- consistorialrath u. Probst in Berlin. Dort wirkte er, der rationalistischen Richtung treu mit Sack, Dietrich, Spaltung u. A. für Verbesserung des Kirchen- n. Schulwesens in Preußen, auch unter dem Wöll- nerschen Ministerium. Seit 1786 war er Mitglied der Akademie. Er st. 9. Dec. 1804. Von seinen Schriften seien erwähnt: lopieas seriptmrav, Lpz. 1761; Lehrbuch des christl. Glaubens,Helmst. 1764; Wörterbuch zum N. T., Berl. 1772, 6. A. ebd. 1805; Darstellung der Deutschen Sprache in Luthers Bibelübersetzung, ebd. 1794; Zahlreiche Predigtsammlungen; mitAnderengaber heraus: Neues Magazin für Prediger, Züllich. u. Jena 1792 bis 1801, lO Bde. Lagai. Tellereisen, Instrument zum Fange der Füchse, Marder, Fischottern, Wiesel u. Raubvögel; es besteht aus 2 auseinander zu legenden halbrunden Bügeln, welche von einer Feder heftig zusammengeschlagen werden, sobald der darunter beweglich angebrachte Teller von Eisenblech berührt u. hierdurch die Feder gelöst wird. Darüber wird ein Köder so anfgehängt, daß das Wild, wenn es denselben fassen will, ans den Teller treten muß u. dadurch zwischen den Bügeln gefangen wird. Die T. sind je nach - Tcllkampf. dem Wilde von verschiedener Größe; die größeren haben gezahnte Bügel. Gebrauch ähnlich wie beim Fuchseisen. Wimm-nau-r, i,. Tcllerroth, Farbe, s. Tassenroth. Tellerschnecke (Scheibenschnecke, lUauorbis Lr»A.), Gatt, der Lungenschnecken; Gehäuse scheibenförmig anfgerollt, hornartig, platt, Mündung breiter als hoch, mond- bis eiförmig, Fühler lang, dünn, borstcnsörmig, daran liegen unten die Augen. Der Mantelrand gibt eine rothe Feuchtigkeit von sich, in stehenden od, langsam fließenden Gewässern, hängen häufig am Wasserspiegel; legen ihre Eier an Wasserpflanzen ab. Arten: ?. oorusus, Post- Hörnchen, Braunschwarz; sehr gemein; 5 om breit, k. marAinatms 3 om breit. Auch fossile Arten sind bekannt. Tellez, Gabriel, berühmter span. Dramatiker, geb. um 1570 in Madrid, wnrdedaselbst1613Mönch im Kloster der Barmherzigen Brüder, 1645 Prior im Kloster zu Soria u. st. 1648. ,Er ist nächst Lope de Vega u. Calderon der größte spanische Dramatiker, hervorragend durch große Mannigfaltigkeit u. Ursprünglichkeit in der Erfindung, kühnen Plan n. gelungenste Charakteristik bei echt poetischem Gehalt der Sprache; unter dem Namen Tirso de Molina schrieb er über 300 Theaterstücke, bes. Komödien, Zwischenspiele u. intos saeramsutalss, doch find kaum 70 von ihnen bekannt, gedruckt als Oomsäias, 1627—1636, 5 Bde.; Oeloitar aprovs- olmuäo, 1635, n. A. 1775, 2 Bde. Eine Auswahl (darin z. B. N bnrlaäor äs Lsvills, svon Moliere in seinem §estiir äs kisrrs nachgeahmt u. deutsch von Dohrns; VsnZanrm äsRamar; 6il äs las sal- 20,8 vsräss; Ilssarmionbos pars, sl ensräo, rc.), von I. E. Hartzenbusch, Madr. 1839 ff.), besonders aber in guter Auswahl in der Rivadeneyraschen 6c>- Isoeion äs antorss espanoles, Madrid. Seine erste Schriftwar LiAarralssäslolsäo, 1621 (Novellen n. Komödien). Er schr. noch: Hu aoto äs santrieion sir vsrso, Madr. 1630; OsusaloAis, äs los oonäss äs 8asta§0, 1640. Booch-Arkossy. Tellitschcri (Talatscheri), Küstenstadt in dem Distr. Malabar der indobrit. Präsidentschaft Madras, berühmt wegen ihres gesunden Klimas; Ausfuhr von Cardamomen, 20,504 Ew., meist Mapil- lahs (s. d.) Tellkampf,Johann Ludwig,Nationalökonom u. Lehrer der Staatswissenschaften, geb. 28. Jan. 1808 zu Bllckeburg, studirte bis 1831 in Göttingen die Rechts- u. Staatswissenschasten u. habilirte sich dort 1835 als Privatdocent, verließ aber 1837 Göttingen mit den bekannten 7 Professoren und ging > 1838 nach NAmerika, wo er alsbald Professor der , Staatswissenschaften an der Universität Cambridge l bei Boston u. 1843 am Columbia-College in New Jork wurde. 1846 kehrte er infolge eines Rufes , als Prof, der Staatswissenschaften in Breslau nach > Europa zurück. Von Breslau wurde er 1848 ins l Frankfurter Parlament gewählt, wo er dem Ver- ° sassungsansschuß angchörte, 1849 ins prenß. Abge- l ordnetenhaus dcputirt u. 1855 zum Mitglied deS » Herrenhauses ernannt. Im Deutschen Reichstag > saß er auf den Bänken der Nationalliberalcn. Er : st. 15. Febr. 1876 in Berlin. Unter seinen zahlrei- - chen Schriften seien erwähnt: Über die Verbesser» ; ungsgefängnisse in NAmerika u. England, Berl. 250 Tellmuschel 1844; Dosaxo VN lau- rokorm vommsreial xolloz-, dank«, psnitentiaris8rc. Lond. 185 7,2. A. Berl. 18 75 Der Norddeutsche Bund und die Verfassung des Deutschen Reichs 1866; Die.Principien des Bank- n. Geldwesens, Berl. 1867; Über Arbeiterverhaltnisse und Erwerbsgenosseuschaften in England und NAmerika,Halle 1870; Selbstverwaltungu.Reform der Gemeinde- n. Kreisordnungen in Preußen und Selfgovernment in England und NAmerika, Berl. 1872; er übersetzte mit Verzins M'Cullochs Buch über Geld u. Banken, Lpz. 1859. Tellmuschel, Plattmuschel, PskiinaL., Gatt, der Muscheln; die Schalen klafsen nicht, sind gewöhnlich quer eiförmig od. kreisrund u. flach, glasartig, weiß mit rother od. gelber Zeichnung, od. ganz weiß und quer gefurcht; haben eine Falte am hintern Ende, in dem Schlosse links 1 — 2, rechts 2 Zähne und 2 blätterartige Seilenzähne, gegenüber aber keine Zahngrube; Thier mit 2 langen Athemröhccn und einem lanzettförmigen Fuß. Über 200 Arten mit flachen meist sehr zartgefärbten Schalen. Tell Pos js, Berg, s. Ural. Tells-Kapelle, 1) Kapelle, 2 km von Küßnacht im schweizer. Kanton Schwyz, an der Straße von Küßnacht nach Immenser am Ansange der (die romantischen Erwartungen sehr täuschenden sogen.) HohlenGasse, mit Frescogemälden, Geßlers Tod ec. darstellend, n. mit einer Inschrift, erbaut zum Andenken an die sagenhafte Erschießung Geßlers durch Wilhelm Tell; wurde 1644, 1768 u. 1834 erneuert. 2) Kapelle in der Gem. Sisikon im Bez. n. schweiz.Kanton Uri,am VierwaldstätterSee auf einer Tellsplatte genannten Klippe am Fuße des Axenberges, eine Dampfschiffsstation des Sees. Die nach dem See zu hallcnartig geöffnete Kapelle, mit einigen rohen Bildern bemalt, wurde voin Lande Uri auf derStelle, wo Tell aus dem Schiffe des Landvogts ans Land gesprungen sein soll, erbaut u. soll 1388 eingeweiht sein. Sie wird gegenwärtig gründlich restaurirt n. neu ausgemalt. 3) Kapelle im Dorfe Bürgeln im schweizer. Bez. Uri, 1522 erbaut u. mit Scenen ans demLebenTells bemalt; steht liebendem Gasthof zum Wilhelm Tell, welcher ans der Stelle erbaut ist, wo angeblich Teils Wohnhaus gestanden hat. H- Berns. Tellur, ein inmanchcnBezichungendemSchwe- fel ähnliches Element, das sich sowol gediegen, als mit Gold, Silber, Blei, Schwefel n. Wismuth verbunden in einigen seltenen Mineralien (Schrist-T., Blätter-T., Tatradymit) findet. Zeichen u. Gewicht des Atoms Psr^128. Man erhält es aus dem Te- iradymit (T-wismuth), indem man denselben mit Kohle n. kohlensanrem Kali schmilzt u. den wässrigen Auszug der Schmelze einige Zeit der Luft anssetzt; dabei scheidet sich das T. als schwarzes Pulver ab, das bei 500" schmilzt u. in der Glühhitze destil- lirt; es bildet dann eine silberweiße, spröde, leicht krystallisirende Masse von spec. Gew. 6,25. An der Lust erhitzt verbrennt es mit blauer Flamme unter BildnngeincswcißenRanches von Tellnrigsäure- anhydrids/IoO^. Versetztmaneine Lösung von T. in concentrirter Salpetersäure mit Wasser, so scheidet sich tellnrige Säure — HzPoO» — in weißen Flocken ab. Durch Zusammenschmelzen von Tellurigsäureanhydnd mitSalpeter erhält man tel- lursanres Kali (Kalinmtellurat), das man durch Mischen mit Barynmflnorid in Barynmsal; über- — Tcltsch. führen kann. Durch Schwefelsäure wird das letztere in unlöslichen schwefelsauren Baryt und lösliche T-säurc ——zerlegt, welche ans der concentrirten Lösung in weißen Prismen krystallisirt. Beim Erhitzen verliert sie Wasser u. geht in gelbes T-säureanhydrid —- HO, — über. Derbem Schwefelwasserstoff Ähnliche T - wasserst 0 fs entsteht bei Einwirkung von verdünnter Schwefelsäure auf T-eisen od.T-zink. Das T. wurde 1782 von Müller von Reichenstein entdeckt, aber erst von Klaproth 1798 als eigenthllmliches Element erkannt. Hetzer. Tellnrblei, reguläres Mineral; derb in körnigen Aggregaten, Härtest—3,^; spec. Gew. 8,1—8,2; zinnweiß, etwas zum Gelben neigend, gelb anlaufend; chem. Zusammensetzungl?i»Ps mit 38,21°/» Tellur n. 61,„°/„ Blei sowie 1°/» Silber. Findet sich ans der Grube Sawodinskoi am Altai. Calave- ras« Gebiet in Californien, Red Cloud-Grube in Colorado, Grube Condoriaco, Chile. Tellurisch (v. Lat.), irdisch, was ans die Erde Bezug hat. ihr angchört. T-c Einflüsse, vermeintliche Einwirkungen ans denKörper von der Erde aus, als Krankheitsursachen. Tellurit (Tellnrocker), Mineral von klcinkuglig radialfaserigerZnsammcnsetzung ».gelblich bis graulich weißer Farbe, ist PoO^. Findet sich sehr selten zu Facebay u. Zalathna in Siebenbürgen. Tellnrium, ein Apparat, durch welchen der Lauf der Erde um die Sonne, u. die damit in Zusammenhang stehende Entstehung der Jahreszeiten, sowie der Lauf des Mondes um die Erde dargestellt wird. lellus (lat.), s. Gäa. Tclmessos (Telmissos), Hafenstadt in Lykien, ergab sich Alexander dem Großen u. blieb frei bis ans dieRömerzeit, wo sieznmPergamenischenReiche geschlagen wurde. Telmessum (Telmissos), Städtchen in Karien, nicht weit von Halikarnaß. Berühmt waren die Telmessier als Traum-n.Zeichendenter. Ruinen eines Theaters u. von Felsengräbern bei Mei, dem Hasen von Makri. Telo Martms, alter Name von Toulon, s. d. Telos (Tilo), auch Pijkopia und im Altcrthume Agathnsa genannt, Insel des Ägäischen Meeres, zwischen Nisyros n. Rhodos zum türkischen Vilajet Dschesairi Bahri Sefid gehörig, von Bergen durchzogen, doch in den Ebenen u. an den Bcrgabhängen gut angebant, etwa 1000 Ew. Tclsch (Telcza), Kreisstadt im rnss. Gouv. Kowno, im alten Samogitien, 192 m hoch in hügeliger Gegend gelegen, Sitz eines römisch-katholischen Bischofs; 6481 Ew. Teltow, 1) Kreis im prcuß. Regbez. Potsdam, zwischen Spree, Havel, Nnlhe u. Dahme, durchschnitten von der Linie Berlin-Halle der Bcrliu-An- haltinischen, der Berlin-Dresdener, der Berlin-Gör- litzer und der Berlin-Potsdam-Magdebnrger Eisenbahn; 1666,» slj km (30,2, HI M) mit (1875) 146,139 Ew. Das Landrathsamt befindet sich in Berlin. 2) Stadt darin, Acker- n. Gemüsebau, berühmt wegen ihrer Rüben (TeltowerRüben); 1875: 2397 Ew. T. hat bereits seit 1232 Stadtrechte. ..Tcltsch (Telc), Stadt im mähr. Bez. Datschitz (Österreich), unweit der mähr. Thaya, von 3 Seiten mitTeichen umgeben; Bezirksgericht, altes groß- 251 Tclugii — artiges Schloß (mit Rüstkammer, Theater, Fasane» k rie.Park), 7 Kirchen (darunter eine gothische Deka- s natskirche aus dem 15. Jahrh.), Synagoge, Unter- i realschule,Spital, Tnch-n.Schafwollenwaarenfabri- i kation,Baumwollenweberei,Färberei,Hutfabrikation, § Ziegelbrennerei, wichtige Märkte; 1869: 4556 Ew. c Gelüst» (Telinga) eines der Dravida-Böller (s. s d.) im jlidl. Indien, an der mittleren OKüste von i Palikat bis an die Grenze von Orissa wohnhaft, l hanptsächtlich in den Districteu Gandscham, Visaja- l patam, Godavary, Kistna, Nellnr, der Präsidentfch. > Madras. Ihre Zahl wird auf 11,610,000 angege- ^ ben. Ihre Sprache (in älteren Schriften auch Gentoo f genannt) gilt für die wohllautendste der Dravida- > Sprachen (s. d.) und hat eine nicht unbedeutende Li- f teratur entwickelt. > IeIum(lat.,Med.), sov.w.Seitenstechen,Pleuritis. , TelyU, die Leier der alt-nordischen Sänger. Temenos (gr.), abgesondertes Stück Land, bes. > zn heiligem Gebrauche. - Tcmerinda (a.Geogr.),so v.w.?nIll8Llaeoti8. i Temes, 1) (im Alterthum Titusens) linker Ne- ! benfluß der Donau in Ungarn, entspringt am östl. < Abhange des semenik in dem Banaler Gebirge, « durchfließt das nach ihm benannte Banat, bat meist ' sumpfige Ufer, nimmt die Berzava und Bistra auf, « wird bei Lugos schiffbar u. mündet nach einem 430 ! Lin langen Laufe unterhalb Pancsova. 2) Coinitat > in Ungarn, nimmt die Mitte des ehemaligen Banats > ein und wird begrenzt von den Comitaten Krassö, i Arad, Torontal und von Serbien; 7135„g^Lm > (129,g KZM) mit (1869) 411,761 Ew. (auf 1 jlstcm > Ü7„, in ganz Ungarn-Siebenbürgen 48,Z. Das ! Coinitat ist nur im O. gebirgig durch Ausläufer des ! Dobri Vrch, sonst eben, hat viele Sümpfe u. wird von den Flüssen Maros, Bega, Temes, Berzava, ' Äaras, Neva u. Donau (Grenzfluß im S.) durch- > strömt. An Kanälen besitzt es den Bega- und Ber- « zava-Kanal. Eisenbahnen: zusammen 232 Lm. Das Klima ist heiß, feucht u. mitÄusnahme der Gebirgsgegenden ungesund, der Boden äußerst fruchtbar. Products: Pferde, Rindvieh, Schafe, Schweine, Wild; Getreide in Überfluß, namentlich Weizen, Mais, Reis, Obst, bes. Aprikosen, Pfirsiche u. Zwet- schen (aus letzteren wird Branntwein bereitet), Tabak, Flachs, Hans, Baumwolle (wird erst in neuerer Zeit gezogen),Holz (im östl. Theil des Comitats)rc. Die Hauptbeschäftigung der Bewohner (meist Walachei! und Serben, nur wenige Magyaren) bilden Vieh-, Seiden - u. Bienenzucht. Hauptstadt ist Te- mesvär. H- Berus. Temesvär, Hauptstadt indem ungar. Comitate Temes u. königliche Freistadt, an der Temes u. dem Bega-Kanal, Station der Österreich, südöstl. Staats- u. der Arad-Temesvarer Eisenbahn, nach Beseitigung der Sümpfe in gesunder Lage, stark befestigt; besteht aus der Festung od. inneren Stadt und vier, Lurch breite Glacis von ihr getrennten Vorstädten, von welchen die Fabrik die volkreichste und betriebsamste, die Josephsstadt die schönste ist; Sitz der Comitatsbehörden , eines Festungscommandos, des Csanader römisch-katholischen Bischofs (seit 1035) mit Domcapitel u. Consistorium, eines griech. nicht- unirten Bischofs mit Diöccsan-Consistorium , einer Handels- u. Gewerbekammer; katholische Domkirche, Kathedrale der nichlnnirten Griechen, Synagoge in - Temme. byzantinischem Stil, großes Comitatshaus, altes Hnnyadysches Schloß (jetzt Zeughaus), Collegium der Piaristen (seit 1788), Convent und Spital der Barmherzigen Brüder (seit 1737), Institut der Schulschwestern, römisch-katholische - theolog. Lehranstalt, römisch-katholisches Seminar, Obergymnasium, Oberrealschule, Hauptschule, Bürgerspital, Waisenhaus, Theater, Kaserne; Gerberei, Weberei, Tabak-, Maschinen-, Kerzen-, Seifen-, Liqneur- und Rosogliofabrikation, Bierbrauerei, Spiritus-Raffinerie rc., bedeutender Handel namentlich mit Holz; 1869: 32,223 Einw. (Deutsche, Ungarn, Serben, Rumänen; der Religion nach meist Katholiken, auch viele Juden). T., das alte Zambara in Oaoia ri- paria, war im 14. Jahrhundert schon eine feste und volkreiche Stadt. 1442 wurde Johann Corvinus zum beständigen Grasen von T. ernannt, welcher das noch jetzt stehende «schloß erbauen ließ. Hier letzte Schlacht gegen Georg Dosa, den Anstifter des Bauernaufstandes. 1552 wurde T. trotz heldenmüth» iger Vertheidigung durch Cossonczy von den Türken erobert und kam 1699 durch den Frieden von Carlowitz an die Pforte, bis es 1716 von Prinz Eu- gennach einer blutigenSchlacht wieder erobertwnrde. Nach diesem Siege wurde das Fest des Rosenkranzes in der ganzen Katholischen Kirche gefeiert. 1781 wurde T. königliche Freistadt. 1849 vertheidigte der österr. General Rukawina T. 107 Tage lang gegen die Aufständiscben, bis es entsetzt wurde. Den Hel» Lenmüthigcn Vertheidigern der Stadt ist nach Bewältigung des Aufstandes durch die damalige kaiserl. österreich. Regierung, am Eugenplatze daselbst ein Denkmal errichtet worden. Vgl. Preyer, Monographie der kgl. Freistadt T., Temes». 1853. H- Berns. Temkr-chan Schüra, russ. Festung im nördl. Daghestan, in den Vorbergen des Kaukasus; dient als Hauptwafsenplatz, hat Arsenal, Gießhaus, Kanonenbohrerei u. mehrere Kasernen u. Magazine; 5094 Ew. Temme, Jodocns Donatus Hubertus, Rcchtsgelehrter ».Schriftsteller, geb. 22. Oct. 1798 zu Lette in Westfalen; studirte seit 1814 in Münster und Göttingen die Rechte, wurde 1817 Anscultator beim Oberlandesgericht in Paderborn u. 1819 Referendar daselbst und bekleidete, nachdem er von 1821—24 nach seiner Ernennung zum Assessor als . Erzieher eines Prinzen von Bentheim-Tecklenburg noch die Universitäten Heidelberg, Bonn ».Marburg i besucht, die Stelle eines Hosgerichtsassessors in Arns- - berg, dann Kreisjustizraths zn Ragnit in Litauen, wurde 1836 Jnqnisitionsdirector in Stendal, 1838 ; Hofgerichtsrath in Greifswald, 1839 zweiter Direc- > tor des Criminalgerichts in Berlin, 1844 Stadt- u. - Landgerichtsdirector in Tilsit, 1848 Staatsanwalt - in Berlin u. in demselben Jahre Director des Ober- - landesgerichts in Münster. Hatte er schon seiner Op- , Position gegen das Ehegesetz seine Versetzung von , Berlin nach Tilsit zu danken gehabt, so ward gegen - ihn, nachdem er als Abgeordneter für den Kreis c Ragnit in der PreußischenRationalversammlung als - einer der Führer der Linken wesentlichen Antheil an ) der Stencrverweigerung n. der Protestatio» gegen - die Auflösung der Nationalversammlung im Nov, c 1848 genommen, von Seiten des Oberlandesgerichts , Münster auf Suspension gedrungen u. die Lrimi- l naluntersnchung wegen Hochverraths eingeleitet, so- 252 Tcmnikow wie Haftbefehl erlassen, 22. Dec. 1848. Auf. 1849 wurde er von Neuß in die Deutsche Nationalversammlung nach Frankfurt gewählt, und seiner Haft entlassen, ging er dahin, trat auch für den Bezirk Tilsit-Ragnit wieder in die Zweite preuß. Kammer, wo er wieder die Opposition ergriff. Nach der Auflösung der Zweiten Kammer ging er wieder nach Frankfurt n. mit dem Rumpfparlament nach Stuttgart. Deshalb wurde er bei seiner Rückkehr nach Munster 4. Juli 1849 wieder verhaftet u. abermals des Hochverraths angeklagt, zwar 6. April 1850 von der Jury freigesprochen, aber sogleich wegen der früheren Beschuldigung in eine Disciplinarnnter- suchnng genommen u. Febr. 1851 seines Dienstes entlassen. (Vergl. T-s Schrift: Die Proccsse gegen 1. T., Braunschw. 1851.) Darauf übernahm er die Redaction der Neuen Oderzeitnng in Breslau, arbeitete auch als Rechtsconsulent, bis er 1852 als Professor des Criminal- u. Civilprocesses nach Zürich berufen wurde. Von seinen zahlreichen juristischen Schriften u. Werken seien genannt: Handbuch des preußischen Civilrechtes, Leipz. 1832, 2 Thle., 2. A. Berl. 1846; Handbuch des preuß. Criminal- rechtes, Lpz. 1837; Die preuß. Strafanstalten, Berl. 1841; Beiträge zum preuß. Strafrechte, ebd. 1842; Das preußische Vormnndschaftsrecht, ebd. 1847 ; Grnndzüge eines deutschen Strafverfahrens, Hamm 1850; Anleitung zur Civilproceßpraxis, Schaffh. 1855; Lehrbuch des preuß. Strafrechtes, Berl. 1853; Lehrbuch des schweizer. Strafrechtes, Aarau 1855; Lehrbuch desgemeinendcutschenStrasrechtes,Gtuttg. 1876; gab auch mit Bonseri 1841 die Criminalisti- sche Zeitung für die preuß. Staaten heraus. Außerdem schrieb er (anfangs unter dem Pseudonym H. Stahl) die Romane und Erzählungen, bes. in dem Gebiete der Criminaluovelle, auf dem er Meister ist: Die Kiuder derSllnde, 1827; Otto der Schütz u. Aus- cultator Ewald; Die Familie Hachenbach; Die Ideale; Das Nosenfest von Valeucy; Die geheimnißvolle Familie, 1834; Adel, Glogaul860,2 Bde.; Dunkle Wege, Berl. 1861 ff., 2 Bde.; Schwarzort, ebd. 1863; Deutsche Criminalgeschichten, Lpz. 1858 ff., 4Bde.; Criminalnovelleu, Berl. 1860—63,10Bde., 1873; Das Recht auf Erden; Zwei Revolutionsgeschichten, 1871; Universitätssreunde, 1873; Frau- ciscanerthurm,1873;DieWeddinger,1873;Znrlin- .ken Hand, 1874; Allerlei Reisegesellschaft, 1874; Im Amtshause zu Sinningen, 1875; Die Präsidentin, 1877; Ein Erbprinz; Ein Gottvertrauen, 1878; Die Tochter desPfarrers, 1879; Westfälische Sagen und Geschichten, 1831, 2 Bde.; mit T. v. Tettau: Volkssagen Ostpreußens, Litauens u. Westpreußeus, 1837; Volkssagen der Altmark, 1839; Volkssagen von Pommern u. Rügen, Berl. 1840 rc. Lagai.» Tcmnrkoiv, Kreisstadtim russ. Gouv.Tambow, an der Mokscha; 6 Kirchen, hat einigen Handel, etwas Industrie; 6592 Ew. Teuipe (gr.), berühmtes, durch seine Schönheit ausgezeichnetes Felsenthal in Thessalien, durch welches der Peneos floß, zwischen den Bergen Olym- pos u. Offa. Seine größte Breite betrug nach Pli- nius 360 römische Fuß; wo es am engsten war, tra- ten die Felsen so nahe an einander, daß der Raum kaum 104 röm. Fuß betrug. Die Schilderungen neuerer Reisenden lassen die von den Alten gerühmten natürlichen Reize des T-thals in dem jetzigen — Tempel. Zustande nicht durchgängig wiedercrkenuen. Strategisch wichtig war T. für NGriechenland als Paß ans Makedonien nach Thessalien. König Philipp von Makedonien befestigte es durch Castelle, welche zwar bald wieder verfielen, aber von den Römern in dem Makedonischen Kriege wiederhergestellt wurden. Jetzt heißt T. Paß von Lykostomo u. gehört zum türk. Elajet Tirhala. Am Eingänge in das Thal liegt Las Dorf Hassan Bebe. Vgl. Kriegk, Das thessalische T., Lpz. 1835, u. Bursian, Geogr. von Griechenland I, S. 58 ff. Jiihnte. Tempel (v. lat. ll?smplum), im Alterthum das einer Gottheit geweihte u. zum Dienste derselben bestimmte Gebäude. Jede Stadt hatte einen T., auch mehrere, wenn verschiedene Culte ausgenommen waren, und der Schntzgottheit der Stadt war dann der größte n. prächtigste gewidmet, so der Athene in Athen, der Artemis in Ephesos, in Olympia dem Zeus, in Rom dem Jupiter. Auch außerhalb der Städte standen T., u. zwar nicht allein die der länd- liehen Gottheiten, sondern auch solche, welche von einem ganzen Stamme für die gemeinschaftliche Verehrung des Nationalgottes bestimmt waren, bei welchen sich die Stämme zu gewissen Zeiten versammelten , Bundesfeste feierten u. ihre gemeinschaftlichen Angelegenheiten besprachen. Solche T. waren der des Zeus Hclikonios in Kleinasien, von den Jonischen Cvlonien gegründet (s. Pauionion), der des Apollon Triopios der dorischen Bundesstaaten in Kleinasien, der des Zeus Kariös bei Mylasa, welcher den Kariern, Lydiern u. Mysiern gemeinschaftlich gehörte, u. a. Seit der ältesten Zeit waren die T. befestigt (so schon im alten Ägypten u. bei den semitischen Völkern, wo deshalb die bewaffneten Priester, Leviten rc. Vorkommen), theils zur Vertheidigung des Heiligthums selbst (ursprünglich Fetisch), theils wegen der im T. aufgehänsten Schätze. In analoger Weise gab es später übrigens auch befestigte Kirchen. Der Ursprung der T. ist ans die vorhistorischen Steinkreise zurückzuführen, in deren Mitte das Heiligthum od. dessen Opferaltar stand (vergl. Steiukreis). Auch war der Umsang der ältesten T. in Griechenland u. Rom nicht groß, denn in ihnen stand nur die Bildsäule des Gottes u. der Opferaltar, und nicht das ganze der Gottheit huldigende Volk betrat den T., sondern nur der opfernde Priester mit seinen Begleitern. Größer wurden in der Folge die Hanpt-T. der Schutzgottheiten u. die National-T., ferner solche, in Lenen Schatzkammern (wie bei dem der Athene Polias in Athen), od. welche reich waren (z. B. die des Zeus zn Olympia u. des Apollon zu Delphi). Diese Größe aber erhielten die T. bes. durch die Säulengänge, in welchen sich das Volk versammelte, n. durch den Vorhof(Peribolos), welcher von einer Mauer umgeben war, welche den ganzen T-platz (Temenos) einschloß. Die Lage eines T-s bestimmte man nach der Bedeutung der Gottheit, welcher er geweiht war; so finden sich die T. des Zeus, der Here n. Athene meist auf den höchsten Punkten der Stadt (z. B. der Athene-T. in Athen auf der Akropolis, der Jupiter-T. in Rom auf dem Capitolium); die T. des Hermes aus den Märkten u. an den Handelsplätzen, die des Apollon u. des Bakchos neben den Theatern, die des Herakles bei den Gymnasien u. Amphitheatern; vor der Stadt, jedoch den Thoren nahe, dis des Ares, He- 253 Tempel. phästos u. der Aphrodite, auch die des Asklepios, u. zwar an hohen, freiliegenden Orten, welche bes. eine gesunde Lage hatten; die der Demeter an stillen n. einsamen Orten, weil sie oft zur Feier der Mysterien dienten. Der Gestalt nach waren die T. rechteckig od. rund. Die rechteckigen T. waren meist noch einmal so lang, als breit; die Zelle od. das eigentliche Heiligthum (griech. Naos, Demos, Sekos, lat. Ostia) war vielfach mit Säulengängen (Uortiens) umgeben (s. Säulenhalle). Der vordere Theil hieß Pronaos (Lutionm), der Hintere Opisthodomos (kosbioum). Letztere Bezeichnung gilt auch für das besondere, hinter der Zelle angelegte Behältniß für Heiligthü- mcr od. im T. deponirte Sachen. Über dem Gebälke der Säulen an der Vorder- u. Hinterseite erhob sich ein Giebel (Adtos, Aetoma, lÄstipsinill), welcher mit Bildwerken geschmückt war. Die Zahl der Säulen an den Fronten war stets eine gleiche, 4,6,8, 10 (daher Tetra-, Hexa-, Okto-, Dekastylos); an den Seiten vielfach ungleich. Das älteste Schema der griech. T. war wahrscheinlich eine von drei Mauern umgebene, an der vierten vorderen Seite entweder ganz offene od. durch Anten (s. L.) eingefaßte Anten- T., aus welchem später der Prostylos- u. Pteripte- ros-T. hervorging, meistens doppelt so lang als breit. Der etrur. T. dagegen nähert sich im Grundriß dem Quadrat (Seitenverhältniß 5:6), war nicht ganz von Säulen umgeben, sondern nur die vordere Hälfte (die offene Vorhalle), während die Hintere Hälfte gewöhnlich aus drei neben einander liegenden anBreite verschiedenen Zellen bestand,durch Mauern umschlossen. Doch hatten die toscanischen T. nicht immer drei Zellen, sondern oft nur eine in der Mitte und die beiden Seitenräume waren Säulengänge, welche hinten aber nicht offen, sondern durch die vor- trctende Mauer der Zelle verschlossen waren. Außerdem unterscheidet man die gewöhnlichen T. von den Hypäthral-T-n, bei denen Las Dach über der Cella, um Licht ».Lust einzulassen,ganz od.theilweise fehlte. Die runden T. scheinen eine spätere Erfindung zu sein. Auch sie schreiben sich wahrscheinlich von griechischen Künstlern her. Solcher runder T. gab es zwei Arten: Monopteros, ohne Zelle, aus einer in die Runde gestellten Säulenreihe bestehend, u. Pe- ripteros mit einer mit einem Säulengange umgebenen Zelle; bedeckt waren sie mit einer Kuppel oder mit einem Zeltdach, bekrönt durch eine Figur, eine kelchartige Blume od. ähnlichem Schmuck. Eine eigene Art runder T. war das Pantheon in Rom, dessen Zelle mit keinem Säulengange umgeben war. In Bezug ausdie innere Einrichtung der eckigen T. sind zuerst die Zellen, in denen das Götterbild n. der Altar aufgestellt waren, zu bemerken; sie waren gewöhnlich mehr lang als breit; sehr schmal bei großer Längenausdehnung sind die T. Siciliens (oft dreimal so lang als breit). Der Fußboden der Cella lag oft einige Stufen höher, als der Peripte- ros. Ihr Licht empfingen sie, wenn sie keine Hypä- thral-T. waren, allein durch die vordere Thüröffnung ander Schmalseite,welche durch einenVorhang resp. mit durchbrochenen Bronzethürflügeln verschließbar zu denken. Die Zellen des Hypaithros waren oben offen, allerdings meistens nicht in ihrer ganzen Breite, sondern, wie zu Pästum, Olympia u. beim Parthenon in Athen, nur theilweise, da die Cella gewöhnlich wiederum mit Sänlenstellungen, u. zwar zweien übereinander, versehen war, von denen die oberen niedrigeren noch durch das T-dach verdeckt wurden. Die Treppen, welche in denT-häusern auf das Dach, in dem Hypaithros auf den oberen Gang der Por- ticus führten, waren in den Mauern angelegt. Die Außenseite der Zellen war meist einfach, wol nur die Quaderung der Mauer zeigend, selten nur war die obere Partie mit Bildnereien versehen; die Anten erhielten ein Capitäl u. ein Fußgesims, welche Gliederungen gewöhnlich auch die übrigens glatten Wände umzogen. Im Innern der Zelle stand die Bildsäule des Gottes, welchem der D. geweiht war, auf einem Postament an der Hinteren Mauer dem Eingänge gegenüber. Außer ihr oft in der Zelle od. in dem Pronaos noch andere Statuen. Vor dem Gottesbilde stand der Altar, nach Morgen gerichtet. Die inneren Wände der Zellen waren vermuthlich mit Malereien geziert, welche Thaten der Götter oder Heroen darstellten, denen die T. errichtet waren. Die Decken der T. waren an den älteren Werken der vorclassischen Periode, so bes. in Sicilieu, dann anch an den etrurischen n.fruhrömischcn Werten aus Holz, später durchweg ans Stein u. bestanden aus sich kreuzenden starken Balken, quadratische Oeff- nnngen zwischen sich lassend, welche durch mit goldenen Sternen bemalte dünne Steintafeln (Kalym- matien) oben geschlossen wurden (Casettendecke). Eine andere(Lltere) Art Deckenbildung bestand aus parallel zu einander gelegten, mit Falzen versehenen Steinbalken, welche oben mit dicken Steintafeln verschlossen wurden, in welche (gewöhnlich drei) quadratische Vertiefungen hineingearbeitet waren. Außer der Cella kommen noch Pronaos (vordere Vorhalle) u. Posticum (Hintere Säulenhalle) in Betracht; bisweilen schließt sich der Cella noch ein besonderer Raum (derOpistodomos) an. Der Verschluß der T. bestand gewöhnlich aus einer Bronzevergitternng zwischen den Säulen des Pronaos, so daß durch die Thür- öffnung das Götterbild von außen zu erblicken war; in den ältesten (vorgeschichtlichen) Zeiten waren die Heiligthümer wahrscheinlich gar nicht verschlossen od. vielleicht nur durch eine ansgespannte Schnur abgeschlossen. Die Säulen resp. die Cellawände trugen das Gebälk, welches rings um den T. hernmlief n. vorn u. hinten durch flach ansteigende, der Neigung des Daches entsprechende Giebelfelder (Izmrxunä) abgeschlossen wurde. Dieses Giebeldreieck wurde reich mit Fignrcnschmuck versehen u. erhielt auch ans seiner spitze sowie seinen unteren Schenkeln bildlichen Schmnck(Akroterien,s. d.); reichenplastischen Schmuck erhielten auch die Metopen (s. d.). Die Tempel waren in der Regel durch einen böheren Unterbau (Krepidoma), welcher bei den Griechen aus einer Anzahl (gewöhnlich drei) rings herum laufender Stufen, bei den Römern als tcrrassenartiger Mauerkörper mit einseitig der Fronte vorgelegter Treppe bestand, wirkungsvoll vom Fußboden abgehoben. Über die großartigen T. in Ägypten mit ihren Pylonen, Obelisken u. Sphynxalleen s.u. Baukunst, über die aus Felsen gehauenen (Felsen-T.) und gebauten T. (Pagoden) in Indien s. ebd. Von babylonischen T-bauten sind nur Ruinen des Baal- T-s in dem Birs Nimrnd, Meile vom Euphrat, erhalten worden, s. Babylonien und Babylonischer Thurm. Die T. in Baktrien, Medien u. Persien waren vermuthlich, wie die babylonischen, aus 254 Tempel — Anhöhen angelegt, doch haben sich keine Reste davon erhalten; nach änderen Annahmen fehlten sie ganz und waren nur ans hohen Bergen errichtete Altsire vorhanden, wie Herodot berichtet. Ob die Ruinen von Persepolis auch einem T. mit angehören, weiß man nicht; vermuthen läßt es sich, weil die T. gewöhnlich zugleich mit Palästen od. auch verbunden mit ihnen auf Anhöhen lagen, wie auch die persepo- litanischen Ruinen liegen. Von den T-n der Phöni- ker ist außer dem Salomonischen T. zu Jerusalem, welcher ebenfalls durch phönikische Werkleutc errichtet wurde, nichts Sicheres bekannt. Letzterer war aller Wahrscheinlichkeit nach ein Bauwerk, welches nur durch seine übertriebene Pracht, nicht aber durch seine künstlerischen Formen die Bewunderung des Alierthums erregte. Es zerfiel in drei Abtheilun- gen, die Vorhalle, das Heiligste n. das Allerheiligste, welche ganz mit stülpirtem Cedernholz getäfelt waren; diese mit Cherubim, Palmen u. Blumenorna- meuten geschmückten Holzvertäfelungen waren dann aber nochmals mit dünnen Goldblcchplattcn überzogen. Kurz, das Ganze eine künstlerische Barbarei, bei welcher der Werth des Stoffes mehr galt, als die Form. (Über diesen T. s. auch Jerusalem, S. 627.) Über die T. der Griechen u. Römer s. auch Art. Baukunst u. Säulenordnung. Ewerbeil. Tempel, Ernst Wilhelm Leberecht, Astronom, geb. 4. Dec. 1821 zu Nieder.Lunnersdors in der Oberlansitz; erlernte die Lithographie, ging nach Marseille, beschäftigte sich hier nebenbei mit astrono- mischen Beobachtungen, wurde 1861 als Adjunkt an der dortigen Sternwarte angestellt, aber 1870 als Deutscher vertrieben, ging hierauf nach Italien, war dort anfangs an der Sternwarte in Mailand, dann in Arcetri bei Florenz thätig. T. hat seinen Namen durch mehrere Kometen- u. Planetoiden-Enrdeckun- gcn bekannt gemacht. Specht. Tempelbnrg , Stadt im Kreise Neustettin des preuß. Regbez. Köslin, zwischen dem Dratzig- und Zepplinsee, Station der Wangerin-Neustettin-Ko- nitzer Eisenbahn (Pommersche Ceutralbahn); Amtsgericht, Ackerbau; 1875: 4381 Ew. T. ist Geburtsort von Emil Palleske. Es wurde 1291 von den Tempelrittern als deutsche Stadl gegründet, gehörte zur Starostei Dratzig, welche 1668 von Polen an Brandenburg abgetreten wurde. Inzwischen wieder unter poln. Herrschaft gekommen, brannte die Stadt 1725 n. nochmals 1765 fast gänzlich ab. Im Frieden von Warschau 1773 kam sie wieder an Preußen. Tempelcolonicn, s. Tempelgesellschaft. Tempelgesellschaft, eine württembergische chi- liastische Secte, 1854 von Christof Hoffman», dem Bruder des preuß. Oberhofpredigers, Chr. Paulus u. G. D. Hardegg begründet. Ihre Tendenz ist, „die Heilung der Völkerkrankheit durch den Bau des Tempels, d. h. die Bildung einer unabhängig von den bestehenden Kirchen auf rein christlicher Grundlage organisirlen Gesellschaft, ähnlich der ersten Christengemeinde, also die Sammlung des Volkes Gottes herbeizuführen". DieSecte machte 1856—1873 eine Niederlassung auf dem Kirschenhardthof bei Marbach zum Mittelpunkt ihrer Bestrebungen, erklärte 1861 förmlich Len Austritt aus der Württemberg. Landeskirche, u. machte 1860 einen mißlungenen Versuch, in Palästina eine Colonie zu begründen. Seit 1868 gelang es der T., in Haisa, Jaffa, Sarona Nieder- Tempeiherrn. tassnngen zu begründen, die 1877, einschließlich von 120 in Jerusalem wohnenden, 850 Colonisten zählten. Der ursprüngliche phantastische Gedanke Hofsmanns au einen eigentlichen Tempelbau in wörtlicher Erfüllung der alttestamentlichen Weissagung hat sich allmählich zu beinahe rationalisirenden Reformplauen u. zu der Absicht, auf den Orient reli- giös n. civilisatorisch einzuwirken, vergeistigt. Vgl. Christof Hosfmann, Stimme der Weissagung über Babel», das Volk Gottes, Stuttg. 1849; Ders., Das Christenthnm im 1. Jahrh., ebd. 1853; Ders., Occi- dent n. Orient, Stuttg. 1875. Löffler. Tempelherrn (Templer, Üratre8 wilitias tsmM, Uilitso 8. üguitsn Psmplarii), genannt von dem salonionischen Tempel, an dessen Stelle das Ordenshans in Jerusalem stand, sind hervorgegangen ans einem 1118 durch Hugo vonPayens u. Gottfried von St. Omer mit 6 sranzös. Rittern geschlossenem Bunde, dem 1125 noch Graf Hugo von Champagne beitrat. Sie legten vor dem Patriarchen von Jerusalem das ritterliche Mönchsgelübde ab, d. h. das Gelübde der Keuschheit, der Armuth u. des Gehorsams mit der Verpflichtung des Schutzes christlicher Pilger, erhielten Lessen Bestätigung die bereis 1127 das Concil, welches Papst Hono-' rius II. in Trohes hielt, wiederholte, und dabei ewigen Kampf gegen die Ungläubigen unter kanonischer Disciplin u. mönchischer Abtödtung den Rittern zur Pflicht machte. Ihr Ordenskleiü war ein weißer Mantel mit achieckigem rothem Kreuz; ihr Siegel enthielt zwei Reiter auf einem Pferd als Sinnbild brüderlicher Eintracht, wie sich auch ihre Losung Lsaussanb auf dies schöne Beisammensitzen bezog. Ihre Ordensregel war von Bernhard von Clairvaux entworfen und wurde später nach 1172 zu 72 Artikeln ausgearbeitet. Der Orden wurde bald in allen christlichen Reichen mit Gütern reich beschenkt: Durch das Testament Alphous I. von Aragonien u. Navarra 1131 erhielt er große Vortheile u. Rechte in Aragonien; der Nachfolger Heinrich's V. in Deutschland, Lothar der Sachse, schenkte den Templern 1130 seine Erbgüter in der Grafschaft Supplin- burg, reiche Schenkungen gab auch Heinrich I. von England. Hugo von Payens hatte inzwischen ans einer Reise in Europa hohe Herren zum Eintritt in den Orden veranlaßt, sodaß er mit 300 Ordensbrüdern nach Jerusalem zurückkehrte. Die kriegerische Richtung blieb stets vorherrschend, und erst in der Mitte des 13. Jahrh. wurden bei einer Revision der Statuten die Mitglieder förmlich in Ritter und die- nendeBrllder getheilt. DieseReviston hatte übrigens den Zweck, den jetzt bereits in Folge des Kriegerlebens u. des in Kurzem sich mehrenden Reichthums des Ordens eingerissenen Unregelmäßigkeiten zu steuern. Bei der Aufnahme als Ritter wurde streng verfahren; der Aufzunehmende mußte aus Nitter- geschlecht, aus gesetzmäßiger Ehe entsprossen, unver- heirathet, rein von der Schuld eines schweren Verbrechens, ohne Gebrechen u. frei vonGelllbden anderer Orden sein; einePrüfungszeit(Noviziat) brauchte er nicht durchzumachen. Die dienenden Brüder (b'rats8 aorvisnöss, §rsrs8 oorvanto, die Servien- te»), bürgerlicher Abkunft, trugen schwarze od. graue Kleidung, u. zerfielen in Waffenbrüder und Handwerksbrüder. Elftere konnten niedere Ämter, selbst Priorate erhalten und hatten dann in den Capiteln Tempelherrn. 255 mit den Rittern Sitz n. Stimme, die Handwerks- brüder(l'g.iiruli) betrieben die Gewerbe u.Lie Okono- mie des Ordens. Außer diesen pflegten viele angesehene Leute beiderlei Geschlechts als Affilürte (Do- naten, Oblaten) in ein BerhAtniß zum Orden zu treten, das bei der Macht u. dem Einfluß desselben sehr ehrenvoll im bürgerlichen Leben war. An der Spitze des Ordens stand der Großmeister aufLebens- zeit, der fürstlichen Rang einnahm, u. in seiner Abwesenheit vom Seneschall vertreten wurde. Ihm folgten die Großprioren, unter deren Aufsicht die Pro- vincialobern standen; der Marschall war Kriegsoberster, u. hatte die Waffen u. Pferde unter seiner Oberaufsicht, wie der Drapier die Ordenskleider; der Turkopolier führte die leichte Reiterei oder die Knappen an. Nur das Amt der Generalvisitatoreu war nicht lebenslänglich. Andere Beamte sind die Baillifs, Priore od. Comthnre. Die Hauscomthure standen der innern Verwaltung u. die Kriegscom- thure den einzelnen Heeresabtheilungen im Kriege vor; der Großcomthur von Jerusalem hatte die Bewachung des HeiligenKreuzes. Das Generalcapitel, aus den Ordensobern u. einigen berufenen Rittern zusammengesetzt, hatte die höchste Gewalt in Händen: nur mit dessen Zustimmung durfte der Großmeister über Krieg u. Frieden beschließen, höhere Ordensbeamte ernennen, Grundstücke veräußern, Anleihen machen rc. In gewöhnlichen Zeiten wurde das Generalcapitel jedoch durch den Convent zu Jerusalem vertreten. In den Provinzen des Ordens hatten die Priore ähnliche Capitel zur Seite. Alle Ordensglieder trugen zur Erinnerung an das Keuschheits- gelllbde die geweihte Schnur von leinenen Fäden. 150 Jahre nach seinem Entstehen stand der Orden in höchster Blüthe. Papst Alexander III. hatte den Templern znm Dank iür ihre guten Dienste im Streit mit Friedrich Barbarossa i. I. 1102 die Exemption bewilligt, später erhielten sie Steuerfreiheit u. das Zehntrecht. Nahezu 3000 Comthnreien, Balleien, Tempelhöse rc. mit zehentsreien liegenden Gründen, namentlich in Frankreich, gehörten dem Orden, der an 20,000 Ritter zählte, aber seinen Mittelpunkt schon lange im Abendland hatte, bevor die Christen ihre letzten Besitzungen in Palästina denMamelukken nach derErstürmungAccons(1291) räumten. Zu dieser Zeit starb der Großmeister Wilhelm de Beaujeu, u. sein Nachfolger, Mönch Gan- Lini, verlegte im Mai 1201 den Orden, der sich in Palästina nicht mehr halten konnte, nach Limisso auf der Insel Cypern, von wo aber der Kampf gegen schien, brachte dem Orden den Untergang. Die schwelgerische Pracht, die dunklen Gerüchte, welche über gotteslästerliche Gebräuche und geheime Verbrechen der Ritter, über deren Unglauben — sie sollten bei der Aufnahme das Götzenbild Baffomer anbeten müssen — verbreitet waren, gaben Philipp IV. den Vorwand, den Orden bei Papst Clemens V. auzuklagen, der daher 1306 den damaligen Großmeister Jakob von Molay, einen burgundischen Edelmann, nach Frankreich berief. Der Papst mußte dann, völlig in der Gewalt dieses französischen Königs, nach einer Zusammenkunft in Poitiers August 1307 seine Zustimmung zu dem berüchtigten Proceß gegen die Templer geben. Derselbe wurde mit allen Abscheulichkeiten der Inquisition geführt, und durch ein sechsjähriges ungerechtes Justizverfahren unter Leitung des französischen Kanzlers Wilhelm von Rogaret sowie durch furchtbare Folterqualen wurden die Ritter dazu gebracht, Geständnisse im Sinne der Untersuchungscommission abzulegen, welche ihre Schuld zu beweisen u. die Auflösung des Ordens zu rechtfertigen schienen. Und Clemens V. hob dann auch 2. Mai 1312 durch die Bulle Xä proviciain Cüristü vioarii den Tempelorden auf, trotzdem 54 der Ritter ihre durch die Folter erpreßten Aussagen widerrufen und die Anklagen unter den feierlichsten Betheuerungeu znrückgewiesen hatten. Sie starben j dafür als Rückfällige eines langsamen Todes am Feuer, der Großmeister Jacob von Molay, der bereits seit 1307 im Kerker saß, wurde mit dem Großprior Guido von Auvergne im März 1313 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Uebrigens ist der T-- Orden nicht durch den richterlichen Ausspruch eines Concils, sondern einzig durch den Papst aufgehoben, u. auch dieser wagte ihn nicht zu verdammen. Die französischen Güter n. Schätze der T. zog der habsüchtige Philipp ein, das in andern Ländern Gelegene fiel theils an die Johanniter, denen Clemens dieselben zngesagt hatte, theils an die Landesfllrsteu, so daß Lies Vermögen, dessen Ertrag der Wieder- eroberungJerusalemsbestimmt war, meist zuNutzen der einzelnen Länder verwendet wurde, wie z. B. noch in Castilien und England, während man in Deutschland die Güter zwischen den Johannitern u. dem Deutschen Orden theilte, in Aragonicn n. Portugal einheimische Orden damit ansstattete. König Dionysius von Portugal constituirte sogar 1317 die T. als neuen geistlichen Ritterorden Christi, was Papst Johann XXII. unter Vorbehalt 1319 bestätigte. Heinrichder Seefahrer, der ein Jahrhundert die Ungläubigen nur noch lau geführt wurde. Der später von denReichthümeru derTempler den ruhm- Rus des Ordens begann zu sinken: Klagen über die Anmaßung, Treulosigkeit, Ausschweifungen der Templer wurden im ganzen Abendlande laut, durch vielfache Verbindungen mit den Sarazenen seien sie in Glauben u. Sitte entartet. In der That hatten sie gegen Friedrich II., als dieser im Banne den (fünften) Kreuzzug unternahm, mit den Ungläubigen im Bunde gestanden; mit den Johannitern lebten sie in beständigem, oft blutigem Hader, von den Bischöfen wurden sie wegen ihrer großen Freiheiten gehaßt. Die Habgier u. Herrschsucht Philipps deS Schönen von Frankreich, den einerseits der Reichthum der Templer reizte, und dem anderseits die Macht dieser geistlich-ritterlichen Republik in ihrer würdigsten Gebrauch machte, war Großmeister dieses Christusordcns. Vielleicht haben einzelne Spuren des mächtigen T.-Ordens soctbestanden; bes. in Frankreich suchten die Jesuiten die Freimaurerei mit ihm in Verbindung zu bringen, um ans diese Weise die Zwecke der katholischen Kirche zu fördern. Ein eigener Templer- orden ging 1754 von dem Clermoutcollegium aus zur Bewahrung ritterlichen Geistes und zur Pflege religiöser Aufklärung, die in der Zeitphilosophie ihre Wurzel hatte. Napoleon begünstigte diesen Bund, der nach der Revolution, in der er eingcgangen war, wieder austrat, als ein Adelsinstitut, das auch in politischer Beziehung zu wirken suchte. Als unter Unabhängigkeit für die königliche Gewalt gefährlich,der Restauration die aufgeklärten Tendenzen Len 256 Tempelhof — Bund sehr verdächtig machten, mußten sich die Mitglieder sehr znrückhalten, und wagten erst 1830 die öffentliche Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen, wo sie als Neue T. unter dem Namen OIrrvtüsns oatstoUgnes xrimitüks mit commuuistischen Tenden- zen in Paris hervortraten. Sie trugen eine weiße wollene Tnnica mit rothen Kreuzen auf der Brust, einen ähnlichen Mantel, überhaupt Ritterkleidnng u. große Schwerter in der Hand u. äfften ganz die alten Templer nach. Sie gaben vor, der Evangelist Johannes sei von Jesu zu seinem Statthalter eingesetzt u. die ihm ertheilte Macht, in der Kirche fortgeerbt, sei 1118 bei der Gründung des Tcmpler- ordens demselben übergeben u. nach der Aufhebung desselben durch Molays sangeblichen) Nachfolger, Larmenius, auf den im Geheim fortbestehenden Orden bis ans die neueste Zeit vererbt worden. Den hierfür versprochenen Beweis ist der Orden leider schuldig geblieben. Die Glieder verwarfen Alles in der Bibel, was gegen die Vernunft u. die Liebe zu Gott u. dem Nächsten wäre, und nahmen nur drei Sacramente, Taufe, Eucharistie und Priesterweihe, an. Ein Theil der Geheimschriften des Ordens wurde 1831 unter dem Titel I-evitioon zu Paris herausgegeben, ans welchem man ersieht, daß sich in ihren Glauben viel pantheistische Elemente gemischt hatten. 1837 erlosch der Orden wieder. Vgl. Alex. Ferreira, iäsmorias s uotioias äa oelobrs Oräsm äos Minplarioo, Lissabon 1755, 2 Bde.; Cramer, Geschichte des Tempelritterordcns, Lpz. 1806; W. F. Wilcke, Geschichte des Templer- ordcns, Lpz. 1826—35, 3 Bde., 2. A. Halle 1850; I. W. Graf, Gesch. dcr T. in Böhmen, Prag 1825; Fr. Münter, Statutenbuch der T-, Thl. 1., Berl. 1791; Merzcndorf, Die Geheimstatuten des Ordens derT., Halle 1877; Dupny,Hi8toirs äs laeonäam- natüon äes 1smplier8, Par. 1651 u. ö.; Molden - hawer, Proceß gegen den Orden der T., Hamb. 1792; Raynouard, üloimmsnts bist. relatilo ä Is, eouäaiunation äv8 elrsvalisrs än iLsinpls, Paris 1813; Michelet, krooss äss Compilers, ebd. 1841. Naynouardu.Z. Werner (indenSöhnen des Thals) haben die Geschichte Molays zu Dramen benutzt. Havemann, GeschichtedesAnsgangs LesT.-Ordens, Stnttg. 1817; Soldan, Über den Proceß der Templer (im Historischen Taschenbuch 1845). Schmitz. Tempelhof, Kirchdorf mit Rittergut südlich von Berlin, eine alte Anlage der Tempelherren, zuerst 1247 urkundlich erwähnt, seit 1318 LemJohanniter- orden gehörig, kam 1435 an Berlin n. wurde 1871 von einer engl. Gesellschaft gekauft, um es durch Anbauten zu einer Vorstadt Berlins umzuwandeln. Vgl. E. Brecht, Das Dorf T. in den Schriften des Vereins für die Geschichte der Stadt Berlin XIV., Berl. 1879. Tempelraub, s. LaerilsZimn u. Kirchenraub. Tempelritter, so v. w. Tempelherrn. Tempelweihe, die feierliche Einweihung des Tempels zu Jerusalem. Die Einweihung des Salomonischen Tempels geschah durch Salomo in Gegenwart aller Stammsürsten n. Volksältesten. Die Bnndeslade n. alle heiligen Gefäße der Stiftshütte wurden in feierlichem Aufzuge, getragen von Priestern u. Leviten, in den Tempel gebracht; alsdann sprach Salomo das Weihegebet u. die Priester vollzogen die Opfer. Der zweite Tempel wurde auch Temperament. feierlich, aber unter geringerem Aufwand geweiht und nach der Plünderung und Schändung desselben durch den Syrerkönig Antiochos Epiphanes weihte ihn Judas Makkabäos von Neuem mit einem achttägigem Feste. Dieser T. zu Ehren wurde bei den Juden ein jährliches Temp elweihfest eingeführt. Tempera, s. X tsmpsra. Temperament (v. Lat.), die durch den körperlichen Organismus mitbedingte, also physiologisch i zu erklärende eigenthümliche individuelle Disposi- ! tion der Seele zur Entstehung von Gemüthsbeweg- ! nngen. Die Ansichten über die physiologischen Ursachen der T-e und deren Wesen haben vielfach gewechselt. Ansangs suchte man die Ursachen in den 4 alten Elementen: Erde, Wasser, Luft und Feuer. Hippokrates u. seine Nachfolger, bes. Galen u. seine Schule in den vermeintlichen vier Hauptflüssigkeiten des menschlichenKörpers: der gelben Galle (Cholos), der schwarzen Galle (Melas cholos), des Blutes (LanAnis) u. des Schleimes (Phlegma), und daher rühren die seitdem gebräuchlich gewordenen Namen dervierT-e, des ch o l o r is ch e n, m e l a n ch o li s ch e n, sanguinischen n. phlegmatischen. Diese uralte Unterscheidung der vier T-e hat auch heute ihre Brauchbarkeit nicht eingebüßt, wenn gleich die Vorstellungen, aus welchen die eben angeführten Namen der T-e hervorgingen, längst beseitigt sind. Später suchte man den Grunddes Unterschieds hauptsächlich in der Beschaffenheit des Blutes; Stahl u. seine Nachfolger mehr in den festen Theilen des Körpers; Andere im Vorherrschen verschiedener Organsysteme (nervöses, venöses, arterielles und lympathisches T.); wieder Andere in verschiedener Stärke u. Reizbarkeit des Nerven- n. Muskelsystems; im Verhältnis) zwischen Receptivität und Reaction; endlich in der größeren oder geringeren Regelmäßigkeit der Hauptfunctionen des Organismus; auch blieb man nicht bei der alten Vierzahl stehen. Die neuere Physiologie hat die Versuche einereigentlichenTheorie derT-e zum größten Theile anfgegeben; das Verhältniß zwischen dem Leiblichen u. Geistigen ist dazu noch viel zu dunkel; auch weist die physiologische Beobachtung nach, daß die gewöhnlich angenommenen vier T-e zur Classisicirnng nicht ausreichen, sich vielmehr nur in verhältniß- mäßig wenigen Fällen rein ausgeprägt finden und daß es zwischen denselben eine Menge von Mischungen und Übergängen gibt, welche durch die obige Eiutheilung nicht erschöpft werden. Man hält daher die alten vier T-e nur noch als Grnndtypen fest, a) Das cholerische T. äußert sich durch eine leichte Erregbarkeit zu starken n. heftigen, aber vorübergehenden Affecten. Der Choleriker ist mehr geneigt zum aufbrausenden Zorn, als zur hingebende» Liebe; er hat ein starkes Selbstgefühl, er neigt zur Herrschsucht u. zum Ehrgeiz: er ist meist ernst, selten harmlos fröhlich; Hochmuth, Jähzorn, Verwegenheit und Tollkühnheit sind die Gefahren, welchen diesem T. drohen, d) Das melancholische T. ist nicht empfänglich für leichte u. oberflächliche Erregungen, aber was dasselbe einmal afficirt, greift tief ein und hält lange nach; es umfaßt seinen Gegenstand innig u. hält ihn fest. Leidenschaften beschleichen den Melancholiker mehr, als daß sie ihn überfallen. Er zieht seine Leidenschaften, in sich gekehrt über ihnen brütend, gleichsam mit Liebe groß; daher schlagen leillperLiitia — Temple. 257 sie in ihm tiefe Wurzeln u. bestimmen vorherrschend Las Ganze seiner Gemüthslage. Auch außerhalb des Kreises seiner Leidenschaft ist er vorsichtig n. bedachtsam, oft mißtrauisch. Seine Stimmung ist vorherrschend ernst, selbst znm Trübsinn geneigt, o) Dem sanguinischen T. ist vor Allem ein hoher Grad leichter Erregbarkeit eigenthümlich, jedoch ohne Tiefe u. Nachhaltigkeit. Der Sanguiniker gibt sich mit Vorliebe den wechselnden Eindrücken der Gegenwart hin; zu anhaltender u. consequenter Thätig- keit hat er keine Neigung. Er ist gelehrig u. vergeßlich, leicht gerührt u. ohne nachhaltige Theilnahme, gntmüthig u. unzuverlässig; ein heiterer, bequemer Gesellschafter; zur Hülfe stets bereit, freigebig mit Versprechungen, ohne die ernste Sorge für das Worthalten. Er beschließt leicht, ohne Beharrlichkeit in der Ausführung; macht harmlos dumme Streiche, gesteht sie bereitwillig ein, empfindet herzliche Reue ir. wiederholt sie bei der nächsten Gelegenheit. Er nimmt alles von der heitern, leichten Seite, ist aber ebenso wenig einem tiefen Glück, als tiefem Gram u. schweren Sorgen zugänglich. Ein hoher Grad von Leichtsinn, Oberflächlichkeit, Zerstreutheit u. Zerfahrenheit drohen diesem T. ä)Das phlegmatische T. ist im Allgemeinen charakterisirt durch die Schwierigkeit, mit welcher es die einmal vorhandene Gemüthslage wechselt. Der Phlegmatiker neigt zur Ruhe, läßt die Dinge an sich kommen, ist ein Freund des Hergebrachten, liebt behaglichen Genuß, ist pünktlich inseinen gewöhnlichen Geschäften, besonnen, umsichtig, zuverlässig, friedfertig, gleichmülhig. Ein sehr hoher Grad des Phlegma kann aber leicht zur Faulheit u. Indolenz führen. Das cholerische T. bezeichnet auch als starkmüthig, das phlegmatische als gleichmüthig, sdas sanguinische als srohmüthig, das melancholische als schwermü- thig. Da jedes T. seine Vorzüge u. Nachtheile hat, so besteht für den Menschen die wahre Kunst des Lebens darin, seine Afsecte u. Triebe so zu beherrschen, daß er nicht ein T. besitzt, sondern alle in sich vereinigt. Vgl. außer der llntstroxoloAis von Kant das Lehrbuch der Psychologie von L. George; Flourens, äs 1'iustüuot ob äs I'iutsIUbsuos; Lotze, Wagner's Handwörterbuch der Physiol. II.; Antenrieth , Über Natur- und Seelenleben sowie Grundzüge der physiolologischen Psychologie von Wandt, 1874. v. Mering. Teinporanüs (lat.), kühlende Mittel. Temperanz (v. Lat.), Mäßigung, Milderung, Mäßigkeit. Temperatur, s. Wärme. Temperatnrsinn, die Fähigkeit der Haut, Temperatnrveränderungen an derselben zu empfinden. Nimmt die Hanttemperatur zu, so entsteht Empfindung von Wärme, sinkt sie, so entsteht Kältegefühl. Unter dem Einflüsse der Kälte contrahiren sich, wie alle Arterien, so auch die arteriellen Gesäße der Haut; durch Wärme erweitern sie sich. Die Empfindlichkeit für Temperaturschwankungen ist an den verschiedenen Körperstellen ähnlich verschieden wiedas Tastvermögen: Die größte Empfindlichkeit besitzen die Zungenspitze, die Augenlider u. die Wange, die geringste die Hauptpartien des Rumpfes. Von Lpiäsrmis entblößte Haut reagirt auf Temperatur- schwenkungeulebhasterals die unversehrte. ».Mering. Temperenzverein, so v. w. Mäßigkeitsverein, peciell in der extremen Richtung, wie sie bes. in NAmerika zu Tage tritt. Temperiren, mäßigen, mildern. Temper», in der Hüttenkunde so v. w. mäßig erwärmen. Tempesta (ital.), Seesturm; Gemälde, welches einen Seesturm darstellt. Ismpestüso (Tsmpstoso, ital., Mus.), so v. w. stürmisch, ungestüm, heftig. Tempi (ital.), die Mehrzahl von Tempo; T. pas- sati, vergangene Zeiten; das ist dahin! Tempio (T. Pausania), Bezirkshauptort in der ital. Prov. Sassari (Sardinien); Gymnasium, technische Schule, Seminar; 5003 Ew.(Gem. 10,096). Tempircn, das Reguliren der Brennzeit der Zeitzünder der Hohlgeschosse, wodurch letztere in einem der Entfernung sowie der Lage und der Be« chaffenheit des Zieles entsprechenden Punkte der Flugbahn znm Crepiren gebracht werden können, s. u. Zünder. Temple (franz.), das weitläufige Gebäude in Paris, das 1222 als Ordenshaus der Tempelherren erbaut und 1314, bei der Aufhebung des Ordens, eingezogen und dem Johanniterorden übergeben, 1789 in ein Staatsgesäugniß verwandelt wurde u. 1792 zum Gesängniß für Ludwig XVI. und dessen Familie diente; der König ging daraus zum Schassot; 1805 wurde das Gebäude theilweise abgebrochen u. 1816 stiftete die Prinzessin von Bourbon-Conde in dem Reste desselben ein Benedictinernonnenkloster. Napoleon III. ließ den T. ganz abbrechen u. einen großartigen Square dort anlegen. T. in London die bedeutendste Rechtsschule. Temple, William, engl. Schriftsteller und Staatsmann, geb. 1628 in London, studirte in Cambridge u. bereiste dann 6 Jahre denContinent; 1660 wurde er Mitglied der Irländischen Convention, 1661 Mitglied des Parlaments und 1665, als der Krieg mit Holland ausgebrocheu war, zum Bischof von Münster geschickt, um diesen mit in den Bund gegen die Holländer zu ziehen, was ihm auch gelang u. wofür er vom König zum Baronet ernannt wurde. Darauf ging er als Resident nach Brüssel u. brachte im Haag die Tripelallianz zwischen Holland, England u. Schweden im Jan. 1668 zu Stande. Bon da ging er nach Aachen u. vermittelte den Frieden zwischen Frankreich u. Spanien u. kehrte dann wieder nach Holland zurück, wo er znm Gesandten von England ernannt worden war. Da indessenKarlll., von Frankreich gewonnen, von der Tripelallianz absprang, rief er 1669 T. zurück, n. dieser ging auf sein Gut Sheen bei Richmond, bis er 1674 wieder nach Holland geschickt wurde, wo er 1676 den Frieden von Nymwegen vermittelte. 1679 kehrte er nach England zurück u. trat in den Staatsrath und ins Parlament, zog sich aber, mit allen Parteien zerfallen, 1681 nachSheenzurllck, woer27.Jan. 1699 starb. Er schr.: Observatüsus on tüs Ilnitsä s?ro- viuess ok üro kststkisrlauäs u. Losnxs; Werke, Lond. 1750, 2 Thle., n. A. 1814; seine Memoiren von Swift herausgeg., ebd. 1709, 2 Thle.; seine Briefe ebd. 1710, 2 Bde. Seine Biographie von H. Luden, Götting. 1808, u. Courtenay, Llsmoirs ok tlls like, rvorko anä oorrsspouäsues ob 8ir IV. T., Lond. 1836, 2 Bde.; außerdem vgl. Emmerton, Sir W. T. u. die Tripelallianz v. 1688, Berl. 1877. Lagm.- PierersUniversal-Conversations-Seiilrn. L. Ausl. XVH. Land. 17 258 Templcisen Templeisen, Ritter des Graal (s. d.). Templer, s. v. w. Teinpelherren. Templin, 1) Kreis im preuß. Regbez. Potsdam, von der Havel u. Ucker durchflossen, reich an Seen; 1435,„iüjkm (2K„g sI!M) Mit (1875) 44,060 Ew. 2) Kreisstadt darin, am Templinersee u. am 13,^ km langen, schiffbaren Templiner Kanal, welcher den gleichnam. See mit der Havel verbindet; Amtsgericht, Ackerbau; 1875: 4012 Ew. — T. soll in der ersten Hälfte des 13. Jahrh. von Tempelherren angelegt sein u. ist bekannt durch den Frieden v. 25. Nov. 1317, in welchem die Uckermark an Brandenburg kam. 1735 brannte die Stadt gänzlich ab u. wurde später nach einem von Friedrich d. Gr. entworfenen Plane wieder aufgebaut. H- Berns. Tomplum (lat.), der am Himmel von dem Augur mit dem Lituus bezeichnete Platz, innerhalb dessen die Zeichen beobachtet werden sollten, s. u. tinAnrium; abgemessenes Stück Land, um es einem Gott zu weihen; der Tempel, s. d. Tempo, franz. ilonvsmsnt, Zeitmaß, der Grad der Schnelligkeit, in welchem ein Tonstück im großen Ganzen ausgeführt werden soll u. weicher zu Anfang eines jeden Tonstücks durch bestimmte Worte, auch wol mit Angabe des Taktmessers (s. Metronom) bezeichnet wird. Man unterscheidet drei Hauptgrade des T-s: Langsames: OarAo, Oravs, Osnto, Xcka- Aio, OarAbstto; Mittleres oderGemäßigtes:^n- ckants,ü'Ioäsrato,Llg.S8toso,Lnäaniino,^IIeArstcko; Schnelles: ^.UsAro, Vivaos, Oresto, Orsstissimo. Im Wesentlichen bleibt die Bestimmung des richtigen T-s dem Ansführenden od. Dirigenten überlassen; ausschlaggebend hierin ist der Charakter eines Tonstücks. T., statt atompo, bedeutet: im srüherenZeit- maß; T. xrimo, erstes Zeitmaß; T. oommoäo, in bequemem, nicht schleppendem noch übereiltem Zeitmaß; 1. äi maroia, äi minnstto rc., im Zeitmaß eines Marsches, einer Menuett rc.; T. rubato, geraubtes Zeitmaß, wobei einzelne Stellen schneller od. langsamer genommen, auch abweichend accenluirt n. phrasirt werden. Tompors (lat., Mehrheit von tompns), Zeiten; T. mntanim- st noo mnbamnr in Iltis, die Zeiten ändern sich und wir ändern uns in ihnen; (Anat.), die Schläfe. Temporal (v. Lat.) 1)zeitlich;daher Tempora- lis, der zur Anzeige der Zeit, wann etwas geschehen ist, dienende Casus; dann2) weltlich, im Gegensatz von geistlich; daherTemporalien, weltliche Vortheile, d. h. alle mit der Verwaltung eines geistlichen Amtes verbundenen Einkünste an Geld, Naturalien, Zehnten rc.; 8) was sich auf die Schläfe bezieht. Temporär (v. Lat.), zeitweilig, vorübergehend. Temporistren(v.Lat.), sich nach derZeit schicken, zögern, etwas Hinhalten. Tempus (lat.),Zeit; bes.IMbschnittderZeitimAll- gemeinen u. jedeZeit n. jederTheil derselben. 2)Die Zeitform, in welcher eine Thätigkeit dargestellt wird. Jede Thätigkeit kann als vergangen, od. als gegenwärtig, od. als zukünftig gedacht werden: so ist auch das grammatische T. zunächst ein dreifaches: 'I. prasoono, die Gegenwart, 1. prasisritum, die Vergangenheit, 1. kntnrnm, die Zukunft bezeichnend. Dieselben werden entweder durch eine bestimmte Form od. durch Umschreibung mit Hilfsvcrbis gebildet (s. Verbum). Nun kann aber jede Handlung als voll- — Isimills. endet od. als unvollendet angesehen werden: in der Gegenwart: ich frage (unvollendet, Oraossno), ich habe gefragt (vollendet, Osrksobnm); in der Vergangenheit: ich fragte (unvollendet, Impsrkootnm), ich hatte gefragt (vollendet, Olnsgnampsrlsetnm); in der Zukunft: ich werde fragen (unvollendet, On- tnrnm I), ich werde gefragt haben (vollendet, Ou- inrum II oder sxaoinm). Einfach die vergangene Handlung ohne Rücksicht auf die Vollendung bezeich- net der griechische Aorist u. das lateinische sog. ksr- iseinm bisborionm. Auch theilt man die Zeitformen ein in Haupttempora (Tempora absoluta, simpli- era), welche eineu einzelnen, an sich verständlichen Sinn geben (das Oraosens, Osrksetnm, Ontnrnm simplox); n. abhängige Tempora (Tsmpora rsla- türa. oomxosria), welche erst in Beziehung auf u. in Verbindung mit einem absoluten T. verständlich werden (das Impsrlsebnm, Oinsqnamperksotnm, Oubnrnm sxaotnm). Vgl. Kaps, Os tomporibus xramm., Heilbr. 1830; Herm. Schmidt, vookrina, tsmporum verbi Ar. st lat., Halle 1836—1842,4 Hefte; F. A. Fritsch, Kritik der bisherigen Tempus- u. Moduslehre, Franks. 1838; Herling, Vergleichende Darstellung der Lehre vom T. u. Modus, Hannov. 1840; G. Curtius, Die Bildung der Tempora und Modi im Griech. u. Lat., I. Berl. 1846; Ders., Das Verbum der Griech. Sprache (s. Verbum); Fuisting, Theorie der Modi u. Tempora in der Griech. Sprache, Mllnst. 1850; Flock, Os tsmporum rations vsrbi 6r. st Oat., Kobl. 1852; Kerber, LiAmüoationss tsmporum vsrbi Or. st O., Halle 1864; Aken, Grund- züge der Lehre von den Tempora u. Modis, 1861; Kühner, Ausführliche Grammatik der Gr. Sprache, 2. A. 1870, II. 1., 115—153. a. Temrjnk, 1) Bai auf der asiatischen Seite des Asowschen Meeres, begrenzt die Taman-Halbinsel, ist seicht. 2) Stadt im Kuban Gebiet (Rußland), an einer tief eingeschnitteneu Bucht der gleichnam. Bai; Hafen; 7426 Ew., welche namentlich Fischerei und Handel betreiben. Temudsch in, der ursprüngliche Nämesvo n Dschin- gis-Khan (s. d.). Temnlenz, Taumel, Trunkenheit. Tenacität (v. Lat.), das Festhalten; Hartnäckigkeit, Zähigkeit, übertrieben dann Kargheit. Tonsille (franz., Zange), Form eines Festungsumrisses (Tenaillenförmiger Festungsumriß), aus lauter geraden Linien, die abwechselnd eingehende u. ansspriugende Winkel bilden, so daß jede Linie der neben ihr liegenden Bestreichung gewährt. Zuerst gab der Italiener Marchi einen solchen Umriß in seiner Kriegsbauknnst an, Groote, Snttinger, Werthmüller rc. folgten ihm; Landsberg aber behandelte zuerst den zangenförmigen Umriß shstematisch. Das Zangenwerk hat bloß Facen u. Flanken, welche durch keine Courtine geschieden sind. In den eingehenden Winkeln sind je nach der Höhe der Wälle unbestrichene Räume, welchem Mangel aber durch Kasemattirung des eingehenden Winkels od. auch durch Brechen u. Znrücklegen des abgeschnittenen Stückes abgeholfen worden ist. Der eingehende Winkel muß, wegen des Ansbrcitens der Kartätschen, etwas größer sein als 90°, d. h. 95—105". Herbert suchte das Zangenwerk möglichst zu verstärken; Montalembert sah es als das einzig zulässige an, worüber er mit den französischen Jngenienren in Streit verwickelt wurde; 25? Tenaillirtrs System — Tenedos. auch Carnot vertheidigt die Tenailleform, s. Befestigungsmanier. Im Bastionärtrace wird die Gra- benscheere auch I. genannt. Sie dient zur niederen Grabenbestreichung u. zum Schutz der Conrtine ge- gen direktes Breschiren. Sie liegt vor der Courtine, ist wie der Hanptwall revetirt, bildet meist einen mehr od. weniger ausspringenden Winkel, od. auch eine bastionirte Front. In neueren Befestigungen werden I-n nicht mehr angewandt. l. Tenaillirtes System, s. Tenaille u. Besestig- ungsmanier. lonaillons (franz.), kleine Anßenwerke, zur Deckung der Ravelinfacen, welche Vauban nach Marchi bei seinen ersten Festungen anbrachte. Tenakel (Bnchdr.), Borrichtung, mittels welcher der Setzer das Manuskript an dem Schriftkasten befestigt hat. Sie besteht aus dem eigentlichen T., einer Art Pult, und einer Scheere (Divisorium), welche das Manuskript an derselben festhält. Tenasserim, 1) eine der 3 Provinzen von Bri- tisch-Birma, das Küstenland nördlich von der Halbinsel Malakka, von vielen Küstenflüffen durchzogen, theils gebirgig, theils fruchtbarer Alluvialboden, noch wenig angebaut (mit Reis und Baumwolle). Den Hauptreichthum des Landes bilden die noch unangegriffenen Kohlen- u. Eisenlager n. die unermeßlichen Wälder, die verschiedensten Bäume (Teak, Bambus, Jak u. a.) enthaltend. T. zerfällt in die Distr. Tungu, Shwegyen,Amherst, Tavoiu.Mergni u. umfaßt 121,026 s^sikm mit 600,727Einw., meist Talaing und Karen; Hauptort ist Amherst, Hafcn- ort Molmein. 1826 wurde es von Birma an England abgetreten. 2) Alte Hauptstadt des Landes, am gleichnam., bis hierher für kleinere Schiffe fahrbaren Flusse; jetzt Versalien. Thicl-mmm. Tenbnry, Marktstadt in der engl. Grafschaft Worcester, am Lerne, Eisenbahnstation; Hopfeubau, Bereitung von Äpfel- n. Birnenwein; 1210 Ew. Tenby, Stadt in der Grafschaft Pembroke des engl. Fürstenthums Wales, malerisch gelegen an der Caermarthenbai; literarisches Institut, Theater, Fischfang, besuchtes Seebad; 1871: 3810EW.— T. war früher stark befestigt u. ist von Blämen besiedelt worden. Teuer, Stadt im Arr. Dssengianx des französ. Dep. Hante-Loire, am Lignon; Hospiz, Hengstedc- pot, Fabrikation von Spitzen, Blonden, Seide, Hüten u. Papier; 1876: 1120 Ew. (Gern. 4736). Tcncin, Claudine Alexandrine Guerin, Marquise von T., sranz. Schriftstellerin, geb. 1681 in Grenoble, Nonne in Montfleury bei Grenoble, Kanonissin in Neuville bei Lyon, wurde auf Verwendung Fontenelles 1714 vom Papst von ihrem Gelübde losgesprochcn, ging viele Liaisons ein, bes. um ihren Bruder eniporzubringen, und hatte n. A. einen Sohn, d'Alembert, von dem Chevalier Dcs- touches-Canon. Dabei ließ sie sich in unaufhörliche Jntrignerr ein, bereicherte sich bei dem Lawschen Schwindel n. vertheidigte die Bulle Unigenitus mit großer Heftigkeit. Als indessen eine ihrer Jntriguen unglücklich ablief u. sie 1726 angeklagt worden war, den Rath La Fresnaye, der sich bei ihr erschossen hatte, ermordet zu haben, änderte sie ihre Lebensweise und begnügte sich, die hervorragendsten ihrer Zeitgenossen in ihrem Salon zu versammeln. Sie st. 4. Dec. 1740. Man hat von ihr Romane in der Weise der Frau v. Lafayette u. in einer an das 17. Jahrh. erinnernden Sprache; sie bekunden viel Eleganz, Geschmack, Phantasie u. Leidenschaft; der beste ist: Usmoirss cku aomts cko OommiuMS, 1735; 1,88 mallisnrs äs I'amonr, 1747; Iw sisAs äs 6a- lais, 1739; ^.vooäotss äs la sour st äu rsZus ä'Läonarä II, roi ä'^.v§Istorrs, vollendet von Frau Elie de Beaumont. Ihre 6orrs8pouäaues mit ihrem Bruder wurde 1790 (von de la Borde) u. ihre Iwbtrss an äns äs Rieirslisn 1806 veröffentlicht. Ihre Werke sind oft mit denen der Frau v. Lafayette hcransgeg. worden, z. V. Par. 1786. Vgl. Bar- thelemy,Usm. 8sorsts8 äs Ums äs M, 179lb Volchert. Tencteri, s. Tenkterer. Tenda, so v. w. Collc di Tenda. Tendelty (jetzt meist Fascher gen.), Hauptstadt in Darfor, Residenz des von Aegypten abhängigen Sultans, in weitem, vom Wadi et Ko durchflossenem Thalkessel gelegen, hat etwa 2000 zerstreut liegende Häuser u. 12—15,000 Ew. Industrie nicht unbedeutend (Gerbereien, Spinnereien, Webereien, Färbereien rc.), der Gartenbau steht auf recht hoher Stufe; ausgedehnter Handel mit Straußenfedern, Elfenbein, Gummi, Häuten, Kupfer; wichtiger S:a- tionspnnkt für die Karawanen. Limite. Tendentiös (v. Lat.), nach einem bestimmten Zweck hin gerichtet. Tendenz (v. Lat.), Richtung des Gemüths auf einen gewissen Zweck, Absicht, in welcher man etwas sagt od. thnt. Daher T-proceß, parteiisch gegen politische od. kirchliche rc. Mißliebige; T-roman, ein Roman, welcher eincchestimmte Lehre aus der Politik, Religion u. Kunst, in Romanform eingekleidet, ein- znprägen strebt. Tender, 1) eine Art kleiner Schiffe für den Depeschendienst; 2) s. Lokomotive, S. 302, 1. Sp. leinlo (lat.), Flechse; I'. LeläUis, Achillessehne. Tendrao, so v. w. Weichstacheliger Borstenigel. TeneÜrionen,ll?sllodrisiriäasLec«esi (Schattenkäfer, Schwarzkäfer), Fam. der nngleichzehigen Käser, mit 5glievrigen Vorder- ».Mittel- u. mit4glie- drigenHintertarsen. Fühler meist llgliedrig, Augen vorn ausgebuchtct, Oberkiefer kurz u. kräftig. Hinterflügel oft verkümmert. Färbung meist schwarz oder dunkel. Die langen, schmalen, hornigen Larveil haben meist 2 Hornfortsätze am letzten Hinierleibssegmente. Sehr verbreitete Familie mit etwa 400 Gattungen und 6—7000 Arten. Sehr bekannt sind der Mehlkäfer (Isusbrio), Todtenkäfer (klaps) u. a. Tenedos, 1) Insel im Ägäischen Meer, zum türkischen Ejalet Dschesairi gehörig, an der Küste von Troas gelegen, besonders berühmt durch Wein und Töpserwaaren. Sie heißt jetzt Tenedo (Bogdscha- Adassi bei den Türken), ist hügelig, sehr fruchtbar und wohl angebaut, liefert besonders guten Wein und hat röthlichen Marmor; etwa 6—7000 Einw., Griechen u. Türken. 2) Stadt, im Alterthnm mit 2 Häfen u. einem Tempel des Apollo Sminthens; jetzt mit Hasen, ist Sitz des Kaimakams u. eines griechischen Bischofs; etwa 2500 Ew. — Die Insel hieß anfangs Lenkophrys (die Weißgipfelige); den Namen T. soll sie von Tenncs (s. d.) erhalten haben. Wichtig war T., wie noch jetzt, weil bei ihr vorbei die Straße in das Schwarze Meer führte; weil die Dardanellen damals nicht immer zu passiren waren, hatte Jnstinian daselbst ein Getreidemagazin anlegeu 17 * 260 Tenerani — Tenkterer. lassen, wo die Schiffe, welche Getreide nach Con- stantinopel bringen wollten, abladen konnten. T. diente im Mittelaller lange Seeräubern znm Aufenthalt u. war seit 1302 in den Händen der Türken; 1656 nahmen es die Venetianer, mußten es aber bald wieder verlassen. Den 4. April 1807 wurde bei T. die türkische Flotte von der russischen geschlagen u. T. erobert. Im Juli 1874 brannte ein großer Theil der Stadt ab. Droiite. Tenerani, Pietro, berühmter Italien. Bildhauer, geb. in Torano bei Carrara 11. Nov. 1798» gest. 14. Dec. 1869; Schüler Desmarais u. Barto- linis in Carrara, ging dann nach Rom u. verließ es nie mehr. Thorwaldsen ließ durch ihn die Hauptfiguren seines Prinz Eugen-Denkmals in der Münchener Michaetiskirche ausführen u. bald arbeitete der junge Künstler eine Reihe anmuthiger und gewissenhaft ausgesllhrter Statuen eigener Schöpfung. Als Professor an der Akademie von San Luca gab T. Anlaß zum jetzigen Fortschritt der römischenBild- hauerschule, indem er mit besonderer Sorgfalt die strengen Regeln der Kunst lehrte. Schon seit 1825 wirkte er für Vermehrung, Ordnung u. gute Verwaltung der öffentlichen Kunstanstalten, deren Gene- raldirector er 1860 ward. Hauptwerke: Verlassene Psyche; Amor, der Venus einen Dorn entwendend; Crucifix (Stefanskirche in Pisa); Flötenspielender Faun; Eudoro und Cimodoce (an Chateanbriands Grab in San Malo); Die öffentl. Wohlthätigkeit (Dombibliothek in Siena); Die Genien der Fischerei und Jagd; Hl. Alphons v. Liguori, Colossalstatue; Frühling; St. Johann der Evangelist (S. Francesco di Paolo in Neapel); Kreuzabnahme (in S. Giovanni im Laterans); Vulkan u. Vesta im Palazzo Torlonia zu Rom; Hl. Benedict in St. Paul zu Rom; Ferdinand II. in Messina; Bolivars Denkmal in Bogota; Bolivars Grabmal; Sitzender Christus in Caroly; Ferdinand II. als Januarius-Ritter; GrabmalPius'VIII.; zahlreiche Büsten und Grab- mäter rc. Regnet. Teneriffa (bei den Spaniern Tenerife), größte und bevölkertste der Canarischen Inseln (spanisch); Flächeninhalt 275 (Düm; dehnt sich von NO. nach SW. aus; hier erhebt sich der gelbweiße Pik von T. (Pico de Teyde, Pik von Aya-Dyrma), ein Vulkan, welcher sich mit seinem rauchenden Gipfel 3716 m erhebt u. eine Umsicht gestaltet, welche sich nach Humboldts Berechnung auf eine Fläche von 5700 (DM erstreckt. In seinem oberen Theile hat er eine Höhle (die Eishöhle, Onova ckol Iiislo) und Spalten (las Nariess, die Nüstern, genannt), aus denen erhitzte Dämpfe Hervordringen. Die Spitze bildet der Piton (Nun äs aruvar, der Zuckerhut), welcher auf einer nach den Ginsterbüschen genannten Hochfläche lüarw cis las Lstaiuas ruht, die in weitem Halbkreise von einer Trachytmancr von 300—550 m Höhe umschlossen wird. Die Küsten fallen meist steil znm Meere ab u. bilden viele Vorgebirge (Teno im W., Anaga im N., Socorro und Laders de Gnimar im O., Roja u. Rasca im S.). Die Insel ist ziemlich gut bewässertu. fruchtbar; Products: tiefer: Dattel- n. Kokospalmen, höher: Drachenbänme u. Pisang, noch höher Weine rc.; Cactus, Aloe, Getreide, Obst, Gemüse, auch Baumwolle, Zuckerrohr (nicht gehörig benutzt); HauSthiere (Maulthiere, auch Kameele), Geflügel, zahmes u. wildes. Das Klima ist mild u. gesund; der Gipfel des Pik ist vom Nov. bis April mit Schnee bedeckt; die Regenzeit dauert vom Nov. bis März, doch nicht ununterbrochen. Die Einw., 1857: 91,482, sind Nachkommen von Spaniern; die Ureinwohner, die Guanchen, sind ausgestorben. Ein- getheilt ist T. in 3 Jurisdictionen: Orotava, Laguna u. Sta. Cruz. Hauptstadt ist Ciudad S. Christooal de la Laguna, der bedeutendste Ort ist Sta. Cruz. Vergl. Reiß u. Fritsch, Geologische Untersuchung der Insel Tenerife, Winterth. 1868. Dronke. Tenesmus (lat.), Stuhlzwang. Tcngrinor (Dschang-Nam-tso, chines. Thian- tschhi), der größte See des asiatischen Landes Tibet, 4724 m ü. d. M., ein Wasserbecken von ungefähr 80 Irm Länge u. 25—40 Irm Breite, im S. von dem Schueegebirge Nin-tschin-thangla umsäumt, gespeist von den Flüssen Naitschu u. Gaikatschn, aber ohne Abfluß, mit salzigem Wasser, den Winter über regelmäßig gefroren. Der See gilt den Tibetern für sehr heilig u. die an ihm u. auf seinen Inseln liegenden Heiligthümer (Kloster Dorkia) werden vou Wallfahrern stark besucht. Tbi-lemann. Tenicrs, 1) David, der Ältere, genannt il Lass ano, wegen seiner täuschenden Nachahmungen des Giacomo da Ponte Bassano, geb. 1582 in Antwerpen; er arbeitete lOJahre in Rom unter A.Elzheimer, wählte seine Stoffe in der Regel aus den niederen Lebenskreisen u. malte bes. niederländische Freudenfeste, Trink- u. Rauchgesellschaften rc. Er st.1649 in Antwerpen. 2) David, der Jüngere, Sohn des Vorigen, geb. 1610inAntwerpen, Schüler seines Vaters, Adrian Browers u. P. P. Rubens. 1632 alsMeister in die Lucasgilde zu Antwerpen ausgenommen, wurde er, der anfangs mit Mühe seineBilder zum Verkauf brachte, 1645 deren Decan. 1650 ging er nach Brüssel, wurde vom Erzherzog Leopold Wilhelm von Österreich, seinem Gönner, zum Hofmaler u. später zum Inspektor seiner Gemäldegalerie ernannt, gelangte zu einem bedeutenden Vermögen und ließ sich 3 Stunden von Brüssel bei dem Dorfe Lerck das Schloß zu den (vr/ Toren) drei Thürmen bauen, das der Sammelplatz aller Zierden der Kunst, Wissenschaft u. Literatur jener Zeit wurde. T., derll. Febr. 1685 in Brüssel starb, zählt mit seinen Freunden Rubens u. vanDyck zu den größten Berühmtheiten der flandrischen Kunst. Er ist in lebendiger, lebensfrischer Darstellung von Gegenständen bes. fröhlicher Scenen aus dem Volksleben, meist aus den Bauernkreisen, unübertroffen u. in der Leichtigkeit der Behandlung sowie Haltung u. Harmonie der Färbung von Wenigen erreicht, malte aber auch Landschaften u. Strandstücke mit entsprechender Staffage u. radirte selbst einige Platten. Bon seinen überaus zahlreichen Bildern — Vonfranz, u. engl. Stechern existiren mehr als 500 Kupferstiche nach seinen Gemälden — finden sich in allen größeren Galerien welche, u. fast jedes Cabinet hat einen T. aufzuweisen. Die Gemäldesammlung des Erzherzogs (jetzt in der k. k. Sammlung in Wien) enthält auch viele Nachahmungen anderer Meister, namentlich italien. u. Flammänder, von T. Vou seinen Schülern sind besonders zu nennen: D. Ryckaert, F. Abtshoven, E. von Tilburg, M. von Helmont, F. Duchatel. t. Tenkterer (Tencteri), Volk in Germanien, am Rhein zwischen den Marsern, Tubanten und Chat- Temiantit - ten wohnend. Von den Sueven bedrängt, fielen sic mit den Usipetern in Gallien ein (55 v. Chr.), wurden aber von Cäsar verrätherischer Weise überfallen u. besiegt. Der Überrest des Volkes floh über den Rhein zurück und erhielt mit Hilfe der Sigambrer Wohnsitze au der Ruhr. Später Hilden die T. einen Theil des Fraukcnbundes. Tennantit (Arsenfahlerz), reguläres Mineral, ähnlich dem Fahlerz, spröd, Härte 4, spec. Gew. 4,^ bis 4,4g, schwärzlich bleigrau bis eisenschwarz, Strich dunkel röthlichgrau; besteht aus 25-27°/, Schwefel, 47—52 °/o Kupfer, 18-20»/, Arsen u. 2—6°/, Eisen; findet sich zu Redruth in Cornwall. Termcberg, Yerzogl. Schloß i» Koburg-Gotha bei Waltershausen, Sitz eines Amtsgerichts. Tennes (Tenes), Sohn des Kyknos, s. d. 2); er wurde von Achilles bei dessen Zuge nach Troja erschlagen und als Laudesheros verehrt. Tennessee, 1) 1770 km langer Nebenfluß des Ohio in NAmerika, wird gebildet aus Clinch u. Hol- ston, welche auf dem Alleghanies in Virginia entspringen u. sich bei Kingston im Staate T. vereinigen, er durchfließt diesen Staat in südwestl. Richtung, tritt nach Alabama über, wendet sich dann nördlich wieder nach T. u. mündet bei Paducan in Kentucky. Er ist 420 km weit für Dampfboote, für kleinere Fahrzeuge aber 1200 üm weit schiffbar. 2) Staat der Nordamerika». Union, zwischen Kentucky, Virginia, NCarolina, Georgia, Alabama, Mississippi, Arkansas ».Missouri, 118,097 dstcm (2144„sIM) mit 1,258,520 Einw., darunter 322,331 Farbige. Der östliche Theil des Staates ist von verschiedenen Zweigen der Alleghanies durchzogen mit Gipfeln bis zu 2080 m, Muteltennessee ist größtentheils Tafelland, das sich nach W. allmählich zur Mississippiebene absenkt, welcher West-T. angehört. Die Bewässerung des Staates ist reichlich und dem Verkehr wie der Ökonomie günstig; der Mississippi bildet in einer Länge von 260 üm die Westgrenze und nimmt hier Obion, Forked Deer und Wols auf; vom Cumberland gehören 400 lcm dem Staate T. an, wovon ziemlich die Hälfte für Dampfboote schiffbar; der T. River kreuzt den Staat zweimal (s. 1). Das Klima ist im Allgemeinen mild, angenehm u. mit Ausnahme einiger sumpfiger Niederungen gesund. Der Boden ist durchgehends gut n. leicht zu cultiviren, bes. West-T.; in Mittel- ü. Ost-T. sind noch große Waldungen, namentlich von Coniferen u. nur in Ost°T. einige Gegenden unfruchtbar. Vom Gesammtareal waren 1870 23,,°/, landwirthschast- lich bebaut, 37 »/, waren bewaldet. Werth der Pro- ducte 1870: des Ackerbaues 63,691,000 (davon 25,170,000 Baumwolle), der Viehzucht 49,648,000, der Industrie 34,368,000, des Bergbaues 776,000 Doll. Eisenbahnen: 1875 2909 lim. Über das Ver- hältniß zu den übrigen Staaten der Union s. Nordamerika». Unionsstaaten, S. 545. Eintheilung in 91 Conuties. Hauptstadt: Nashville. Die gegenwärtige Verfassung ist die 1834 u. 1870 amen- dirte erste Constitution des Staates von 1796. An der Spitze der Executivgewalt steht ein auf 2 Jahre vom Volk gewählter Gouverneur, dem ein Staats- secretär u. ein Schatzmeister beigeordnet sind. Die gesetzgebende Gewalt ruht in den Händen einer General Assembly, welche aus einem Senat u. einem Repräsentantenhause besteht. Die Zahl der Sena- - Tcmiysou. 261 toren beträgt 25, die der Repräsentanten 75, beide mit zweijähriger Amtsdauer. Die General Assembly tritt im Qct. aller 2 Jahre in Nashville zusammen. T. sendet zum Congreß nach Washington 2 Senatoren u. 10 Mitglieder in das Repräsentantenhaus. Die Finanzen stehen nicht günstig; 19. Dcc. 1874 betrug die Staatsschuld 22,908,000 Will. Doll. Religion: Methodisten, Baptisten».Presbyterianer bilden die Mehrzahl; von den übrigen Secten hatten nur die Christianer Bedeutung. Das Volksschnlwe- sen ist in T. noch sehr mangelhaft. An höheren Unterrichtsanstalten besitzt T. 16, außerdem mehrere Handelsschulen. Das Gebiet des Staates T. war ursprünglich in dem 1664 von Karl II. für NCarolina ertheilten Freibrief mit eingeschlossen. 1784 trat NCarolina das Gebiet an das Generalgouvernement der Bereinigten Staaten ab, widerrief jedoch diesen Act, worauf die Bevölkerung sich als8tabo okl?ranlclanck (Franklinia) für unabhängig erklärte n. eine eigene Regierung wählte. 1790 trat NCarolina das Gebiet definitiv an die Bundesregierung ab n. 1796 wurde T. in die Union ausgenommen. Am Kriege gegen England von 1812 nahm T. lebhaften An- theil. Im Separatistenkriege (1861) erklärte sich T. nur vorübergehend u. theilweise für die Conföderir- ten Staaten, war aber 1862 u. 1863 mehrfach der Schauplatz blutiger Kämpfe. Schroot. Tennstedt, Stadt im Kreise Langensalza des preuß. Regbez. Erfurt, an der Scham'bach; Amtsgericht, Hospital, Papierfabrik, Bierbrauerei, Ackerbau, Viehzucht; 1875: 2762 Ew. — In der Nähe Schwefelquellen mit wenig benutzter Badeanstalt. T. ist Geburtsort des Philologen Ernesti. Die Stadt war ehemals befestigt u. wurde während des 30jäh- rigen Krieges mehrmals geplündert u. theilweise in Asche gelegt. Tennyson, Alfred, einer der vorzüglichsten neuern engl. Lyriker, geb. 1809 in Somerby (Lincoln- shire), studirte in Cambridge u. trat schon 1830, nachdem er 1827 anonym mit seinem Bruder Charles die kovins ob lnvo brobüvrs hatte erscheinen lassen, allein n. selbständig mit einer Gedichtsammlung, i?oönis oliioüz- IMeal, hervor, die so wenig als die 1833 folgende bei der Kritik Anklang fand, da ihnen bei aller Phantasie, Originalität u. gutem Versbau Natürlichkeit der Sprache, Bestimmtheit in der Charakterisirnng fehlte. Erst eine abermalige Sammlung 1842 fand wegen ihrer unleugbaren Schönheiten Anerkennung u. rasch aufeinander neue Auflagen, indem das Publikum nun seinen Fehlern so wenig Beachtung schenkte, als früher seinen Vorzügen. Es folgten nun Mrs prinasss, a msckls^ 1847, das sorgfältigst ausgewählte Werk, dann In insmoriam 1851, Todtenklage über den Verlust seines Freundes, Arthur Hallam, des Sohnes des Geschichtschreibers (deutsch von Waldmüller, 2. A., Hamb. 1877), Nov. 1850 ernannte ihn dieKönigin Victoria zum ?c>vt lanrsato u. als solcher verfaßte er die Ode aus den Tod des Herzogs von Wellington 1852, eine Cantate zur Eröffnung der Industrieausstellung 1863, ein 'Wslvomo bo Llsxanära, bei der Hochzeit des Prinzen von Wales rc. 1855 erschienen Äanck anck obllsr Noeins, 1858 die IckMs ok tiw Lang; (deutsch von W. Scholz, Berl. 1867, von Feldman», 2. A. Hamb. 1872), an die sich als 262 Tenor — Tephillin. Ergänzung 1869 noch ein zweiter Romanzencyclus Tiro Sol)' 6raU schloß. 1864 erschien Unoeb.4räen, deutsch von Rob. Waldmüller, 12. A. Hamb. 1878, u. 1866 kam eine Auswahl aus seinen sämmtlichen Gedichten. In neuerer Zeit versuchte der seit 1869 auf dem Lande bei Petersfield (Hampshire) lebende Dichter sich auch auf dem dramatischen Gebiet mit tzuoonNnr)'u. Sarolä. Seine gesammelten Werke, Lond. 1877, 12 Bde. u. in Tauchnitzs Collection; Freiligrath übersetzte die besten Dichtungen in: Englische Gedichte aus neuererZeit, Stuttg.1846; Hertzberg, Dess. 1854, u. Strodtmann, Hildbgh. 1867, geben auch Ausgewähltes in Uebersetzung. — Von seinem Bruder FrederickT. ist ein Band Gedichte Sa)'8 anfl ironrs, Lond. 1854, erschienen, der sehr günstige Aufnahme fand. Tenor (lat.), der ununterbrochene Lauf einer Sache; Haltung, Inhalt (einesGesetzes, Schreibens, Dokumentes rc.). Tenor (ital.), 1) in den mehrstimmigen Sätzen des alten Contrapunkts der gegebene feststehende Gesang — eantns ürinno — gegen welchen die übrigen Stimmen discanlisirten. Er bildete im vierstimmigen Satze die zweittiefstc Stimme. Daher: 3) die hohe Männerstimme, im Umfange von o bis a, selbst « 2 - Man unterscheidet den lyrischen T. mit weicherer, in der Höhe leicht ansprechender Stimme, bes. für empfindungsvolle sangliche Partien (z. B. Don Octavio, Belmonte, Lyonel u. v.a.). und den Heide n - T. mit einer kräftigen männlichen Stimme, bes. für heroische, dramatische Partien (z. B. Taunhäuser, Masaniello, Robert, Raoul u. a.). Der T-buffo, zweiter T., wirkt wie im Sopran die Soubrette, in der komischen Oper. Siebeiirock. Tenorhorn, chromatisches T., Tenorflügelhorn, ein Ventilblechinstrument, besitzt den chromatischen Umfang von bis vg und wird im Tenorschlüssel notirt. Tenorschlüssel (Tenorzeichen), s. Noten 4). Tenos (a. G.), 1) eine der kykladischen Inseln, südlich von Andres u. nördlich von Delos, früher Hydrussa genannt, war sehr fruchtbar u. hatte nicht unbedeutende Seemacht; die Insel selbst heißt noch Teno od. Tinos (s. d.); 2) Stadt auf T., außerhalb derselben war ein Tempel des Poseidon. Tenotomie (Tenontotomie, v. Gr.), Sehnen- schnitt, die Dnrchschneidung von Sehnen, wird gemacht, um theils anhaltende Contracturen derselben u.daraushervorgegangeneVerkrümmungenderGlie- der theils krampshafte u. vorübergehendeZusammen- ziehungen zu beseitigen. Während man früher beider Ausführung die Haut u. Sehne einfach durchschnitt u. dann durch Eiterung heilen ließ, führte Stromeycr (1831) u. nach ihm bes. Dieffeubach die heute allein noch geübte subcutaue Methode ein, durch welche die Eiterung vermieden u. eine dehnbare Narbe erhalten wird. Man bedient sich zur T. eines spitzen, sichelförmigen Messers, des Tenotoms. Dasselbe wird neben der Sehne durch die Haut gestochen u. nach Dnrchschneidung der ersteren unter Schonung der Haut aus der Einstichöffnung wieder herausgezogen. Die T. wird hauptsächlich ausgesührt an der Achillessehnebeim Klumpfuß u. am mnsaulus storno- «lsiäomastoiäons beim Schiefhals, seltener an einigen Oberschenkelmuskeln. Blumberg. Tension (v. lat. lensio), Spannung. Tenson, s. Teirzone. Isntsoüla (lat.), Fühlwerkzeuge, Fühler. Tentamcn, so v. w. Examen, bes. vorläufige Prüfung der Kenntnisse Jemands. lenke (franz.),Zelt; t. ä'ndri Schutzzelt, Lagerzelt, Obdach. lentoemm (lat.), Zelt. T. des Cerebellums, so v. w. Gehirnzelt, s. u. Gehirnhäute. Tenne (franz.), Haltung, Führung; Anstand; Kleidung; sn Zranäs t., im Paradeanzug, in Gala. lenuis (lat.), dünn. Daher Denn« intsetinum, der Dünndarm. Lennso, die scharfen (harten) Mitlaute p, t, k, s. u. Laute. Isnuto (Mus.), abgek.isn., so v. w. gehalten, getragen. Tenzone, bensos, oontsnsos, altprovenzalisches Streitgedicht, in dem zwei oder mehr Personen über einen Gegenstand mit Beibehaltung derselben Reime u. der Strophenform stritten. Diejenigen T-n, in Lenen der eine derVerfasser dem andern zwei Sätze zur Auswahl vorlegte und den von dem Gegner aufgenommenen bekäinpfte, hießen joes partits (franz. jsu-parti) oder pnrbimsns. Stritten mehr als zwei Personen, so hieß die T.tornsinmsns. Verfaßt wurden die T-u von mehreren Dichtern, doch gibt es auch solche, in denen der Verfasser mit einem Thier oder leblosen Wesen dispntirt. Bisweilen wurde die Streitfrage Damen oder Rittern zur Entscheidung vorgelegt (Liebeshöfe). Die T-n behandeln die Liebe od. dienen dazu, persönliche Angelegenheiten durch- zufechten,und bekunden Vorliebe für spitzfindige Dialektik, für plumpe Späße u. ungehörige Persönlichkeiten, Mangel an sittlichem Ernst u. wenig Feinheit u. Witz. Die T-n finden sich auch in anderen Literaturen des Mittelalters. Vgl. Prov. Lit. Volch-rt. Teokalli, die Tempel der alten Mejicaner. Teos (a. Geogr.), Stadt in Jonien, zum Jonischen Bunde gehörig und lebhaften Handel treibend. T. ist Vaterstadt des Dichters Maos, des Sophisten Protagoras und des Historikers Hekatäos. Bei der Unterwerfung Jemens durch die Perser (546 v. Ehr.) wandten sich die Teier nach Thrakien und gründeten hier Abdera. Teoteuctli (d. i. göttlicher Herr) u. Huciteo- quixqui (d. h. großer Priester), die beiden Oberpriester in Mejico. Teotihuacan, Dorf im mejican. Föderativstaate Mejico, ungef. 4000 Ew. In der Nähe die Ueber- bleibsel aztekischer Alterthümer (Tempelpyramiden, der Sonne u. dem Monde geweiht rc.). Teotk (d. h. Gott), höchster Gott der Mejicaner. Teohaniqni (mejican. Myth.), Gemahlin des Huitzilopochtli; sie geleitete die Seelen der in Ver- theidigung der Götter gefallenen Krieger in das Haus der Sonne u. verwandelte sie daselbst in Kolibris. Tepe (türk.), Gipsel, Spitze. Tephillin (Denk-Gebet-Riemen, Phylakterien), ein Stirnband u. eine Armbinde. Inden Kapseln an Stirn u. linkem Arme sind vier auf das Gebot der T. bezügliche Stellen der Bibel (2. B.M. 13,1—10; 13, 11—16;5.B.M.6,4—9 u. 11,13—21) geschrieben. Die Kapseln sind mit Riemen versehen u. werden beim Morgengebete an Werktagen an Stirne u. linkem Arme befestigt; die einzelnen Vorschriften darüber werden als von Moses an mündlich überliefert angegeben. S. Talmud Menachoth 35. Die T. sind 263 Tephilloth vielleicht aus Nachahmungen des goldenen Stirnblechs des Hohepriesters n. der auf seinem Herzen getragenen Namen der Kinder Israels aus den Edelsteinen entstanden, um die den Priestern eignende Heiligkeit für das ganzeVolk in Anspruch zu nehmen. (S. d. Art. Sadducäer.) Der Name T. weist auf späte,jedenfallsnachexilischeZeit. NachSamuelbeu Meir, des berühmten Raschi Enkel, bedeuten die angeführten Bibelverse, daß man Gottes Wort stets gegenwärtig halten solle, n. begründeten nicht noth- wendig das Gebot der T. Mrst. Tephilloth, Sammlung von Gebeten für alle Tage des Jahres, von den Männern der großen Synagoge gefertigt. Tepl, Stadt u. Hauptort im gleichnam. böhm. Bez. (Oesterreich), an der T.; 1869: 2421 Ew. In der Nähe links an der T. das 1192 gestiftete gleichnam.Prämonstratenserchorherrenstist, mit einer theolog. Hauslehranstalt, einer Bibliothek, einem Mi- neraliencabinet, einer Kupferstichsammlung rc. Unweit davon ein Sauerbrunnen. Vgl. Karlik, Gründung der Prämonstratenserabtei T., Meißen 1856. Teplitz, Hauptort einer Bezirkshauptmannschaft in Böhmen, im Bielathale, 221 in ü. d. M., Station derAussig-Teplitzer u. Dux-Bodenbacher Eisenbahn; berühmter Badeort; Schloß des Fürsten Clary mit schönem Park, Realgymnasium. Bürgerschule, Handelsschule, Fach-Zeichen- u. Modellirschule, Musikbildungsanstalten , gewerbliche Fortbildungsschule, Klosterschule, Kindergärten, Waisenhaus, Gewerbeverein, schönes Stadttheater, 8 Hospitäler, verschiedene schöne zu den Bädern dienende Gebäude und Anstalten (Stadtbad, Fürstenbad, Kaiserbad,Herrenhaus, Stephansbad, Steinbad,Sophienbad rc., Kursalon, im Kurgarten Trinkpavillou für die Urquelle des Stadtbades und Salons nebst Colonnade für Trinken fremder Mineralwässer, meteorolog. Säule, Musikpavillon, Denkmal des elfhnndertjährigen Bestehens der Bäder, 1862 aufgestellt); Denkmal Seu- mes im Seumepark, Nationalbank-Filiale, Filiale der böhm. Escomptebank, Fabrikation von Wollen- u. Baumwollenwaaren, Gummiartikeln, Zucker, chemischen Producten, Möbeln, Eisenwaaren, Metallknöpfen, Galanteriewaaren, Preßhefe, Spiritus, Stabeisen rc.; 10,155 Ew., mit dem benachbarten Badeort Schönau 11,618 Ew. Die Heilquellen von T. gehören wegen ihres sehr geringen Gehaltes au festenBestandtheilen u.Kohlensäure zu den chemisch indifferenten Quellen, stehen aber unter diesen oben an. Sie haben eine Temperatur von 32,g"—49" 0. (die Gartenquelle jedoch nur 28,^" 6.), werden zum Baden u. Trinken gebraucht u. zeigen sich bes. wirksam bei chronischen Rheumatismen, bei Gicht, chronischen Geschwüren u. Hautausschlägen, äußerlichen Geschwülsten und Verhärtungen im Zellgewebe und Drüsen, bei örtlicher Schwäche, sowie bei Contrac- turen, Steifigkeiten u. Lähmungen, in allen Folgekrankheiten nach schweren Verletzungen (Schuß- und Hiebwunden rc.,daher Bad der Krieger genannt), bei Stockungen sexueller Excretionen, bei krampfhaften convulsivischen Nervenkrankheiten, bes. metastatischen rc. Ganze u. partielle Moorbäder. Jährliche Frequenz etwa 11,000 Badegäste (1878: 10,672) u. die doppelte Anzahl von Touristen u. Passanten. Zu den Spazier- u. Vergnügungsorten in u. unmittelbar bei der Stadt gehören außer dem Schloßpark u. — Teplitz. dem Kurgarten die Meierei, die Königshöhe (nach dein König Friedrich Wilhelm III. genannt, dem hier з. Aug. 1841 ein Denkmal gesetzt worden ist), das Schützenhans, die Schlackenburg (eine aus Sandstein и. Glasziegeltrümmern gebaute Burgruine mit Restauration), Seumepark, Payeranlagcn, Kaiserpark, Humboldtanlagen, Belvedere, Stefanshöhe, Mont de Ligne, Turner Park, Fasanerie, der 390 m hohe Schloßberg mit Ruine; in der Umgegend Propstau, die obere Bergschenke, Mariaschein, Graupen, die Wilhelmshöhe, die Rosenbnrg, das Mllckenthürm- chen, der Schweißjäger, Eichwald mit Kaltwasserheilanstalt, das Jagdhaus, der Königshügel bei Klostergrab, Doppelburg, Dux, Ossegg mit der Sale- sinshöhe und Riesenburg, Bilin, Kostenblatt, der Milleschauer u. a. Die Entdeckung der Quellen von T. wird von der Sage auf das Jahr 762 zurückgeführt; doch deutet eine 1879 bei Erweiterung des Stadtbades ausgc- sundene Münze aus der Zeit Hadrians darauf hin, daß dieselben schon den Römern bekannt waren. Urkundlich kommtT. erst 1153 vor.woJudith, Gemahlin des Herzogs Wladislaw von Böhmen, hier einBe- nedictinernonnenkloster stiftete, welches im Hustten- kriege zerstört wurde. Darauf kam T. an die Krone Böhmen. In der Mitte des 16. Jahrh. wurden die ersten zweckentsprechenden Bäder angelegt. Durch Heirath kam T. mit Schloß 1578 an Janus von Schönberg, welcher es 1585 an Radislaw Kinsky den Aelteren verkaufte. Im Dreißigjährigen Kriege verödete T. fast ganz, ».Wilhelm von Kinsky, seit 1619 Nachfolger Radislaws des Jüngern, kam 25. Febr. 1634 bei Wallensteins Ermordung in Eger mit ums Leben. T. wurde darauf an die Familie Aldringen in Lehn gegeben, nach deren Erlöschen im Manns- stamm es an die Familie Clary kam, welche den Namen Aldringen mit annahm. Graf Marcus baute die 1654 fast ganz abgebrannte Stadt wieder auf; sein Neffe Franz Karl verschönerte T. durch den größten Theil der noch jetzt bestehendenAnlagen; dessen Sohn Franz Wenzel ließ das Schloß bei der Stadt bauen. Die Glanzperiode des Bades begann unter seinem Bruder Johann. Am 30. August 1813 wurde die Schlacht bei Kulm in der Nähe von T. geschlafen u. im Sept. n.Oct. warT.lange dasHauptquartierder allürten Monarchen, welche hier 9. Sept. den Al- lianztractat gegen Napoleon schlossen. 1835 hier Confereuz zwischen den Monarchen von Österreich, Preußen, Rußland u. Sachsen; 1849 zwischen dem Kaiser von Österreich u. den Königen von Preußen und Sachsen; 24. Juli 1860 zwischen dem Kaiser von Österreich u. dem Prinzregenten von Preußen. T. wurde wiederholt von Souveränen besucht, so noch 1875 vom König von Schweden nebst Gemahlin u. 1878 vom Kaiser Wilhelm I. Infolge ines 10. Febr. 1879 in den zwischen Dux u. Ossegg gelegenen Kohlenschächten eingetretenen Wassereinbruches versiegte 3 Tage daraus die Hauptthermalqnelle, Urquelle genannt, mit den Nebenquellen Weiberbadquelle , Frauenqnelle, Sandquelle und Augenquelle. Die 22. Febr. begonnene Abteufung eines Schachtes führte 3. März auf den Wasserspiegel der Therme, die einstweilen durch ein Pumpwerk gefördert wird. Nach Ablauf der Saison soll der Schacht auf 60 in abgeteuft werden. Vgl. Labat, Ltuäo snr In Station st Iss saux üo Isplitx, Par. 1870: Sonnenschein, 264 Trppich - Neue chemische Analyse der Heilquellen zu Teplitz in Böhmen, Tepl. 1872; Delhaes Führer durch T., ebd. 1874; Ders., Die Thermen u. Moorbäder zu T.-Schönau in ihren physiolog. u. therapeut. Wirkungen, Prag und Teplitz 1878; Fricdenthal, Der Kurort T.-Schönau, Wien 1877; Cerwinka, Fremdenführer durch T.-Schönau, Tepl. 1877; Bäder- Lexikon, herausgeg. pon Luke und Schusser, Prag 1879; Rziha, Die Ossegg-Teplitzer Katastrophe, Wien 1879. t. Teppich, gewebte Decke für Tische, Stühle, So- phas, Pianofortes u. den Fußboden; T-e zum Bekleiden der Wände heißen Tapeten. Sie sind meist aus Kammwolle gewebt, seltener aus Baumwolle, Leinen, Seide, Thierhaaren; bisweilen sind sie gestickt, gestrickt od. gehäkelt. Die T-e spielen schon im Alterthume bei den orientalischen Völkern eine wichtige Rolle; sie wurden theils als Fußteppiche, theils u. bes. aber als Wandteppiche, namentlich zur Abtheilung größerer Räume in mehre kleine, benutzt. Nach der Beschaffenheit des Gewebes kann man unterscheiden: X) Einfache T-e, bestehen aus einem einfachen Gewebe. Hierzu gehören: a) Kuhhaare neFußdecken zeuge, Kette u. Schuß sind zweifach gezwirnte Fäden aus dickem Garne aus Kuh- Haar, die Kette oft auch grobes einfaches Werggarn; das leinwandartige od. geköperte Gewebe erhält ein streifiges od. carrirtes Muster durch streifenweise Abwechselung verschiedener Farben inKette u. Schuß. b)TirolerT-e, Gewebe mit einfachen Mustern u. mit Farbenwechsel im Schuß; Kette grobes Leinen- garn od. Zwirn, Schuß wollenes Streichgarn od.Kuh- haar- od.Ziegenhaar-Gora. o) Briti scheT - e, Kette dünner zweifädiger Kammwollzwirn, in verschiedenfarbigen Streifen, Schuß aus Leinen- od. Baum- wollsäden, schwarz, dünner u. dicker in regelmäßiger Abwechselung; dieblumigen od.Arabesken zeigenden Muster werden mit der Jacquardmaschine so gewebt, daß für jeden dicken Schuß alle farbigen Kettenfäden innerhalb und alle schwarzen Kettenfäden außerhalb des Musters gehoben werden, während für den dünnen Schuß das Entgegengesetzte stattfindet; der dicke Schuß bildet starke Rippen. Ähnlich, aber nur mit einerlei Schuß, sind die Treppen-T-e od. Treppenläufer (Venetianische T-e) gewebt, ä) Die künstlichsten T-e sind die niederländischen u. französischen, Gobelins, Basselisse- und Hautelisse-T-e (s. Gobelins). L. Doppelte T-e sind Doppclgewebe, in denen das Muster durch Zusammenweben der beiden einfachen Gewebe entsteht (s. Gewebe, beidrechte Stoffe u. Hohlgewebe). Bei den a) Kiddermin- st er-T° e n ist die Kette zweisädig gezwirntesKamm- garn, der Schuß einfaches grobes Streichgarn; wohlfeilere Sorten haben baumwollene Kette, b) Grobe doppelte Fußdeckenzeuge haben ein einfaches carrirtes Muster, welches mittelst Schäften und Tritten gewebt wird; Kette Hans od. Werg, Schuß wollenes Streichgarn od. Knhhaargarn. Bei den o) Union-carpets hängen die beiden Gewebe auf ihrer ganzen Fläche zusammen, da in gewissen ZwischenräumenBindeschüsse durch beide Ketten hindurchgeschossen werden, ä) Dreifache od. Schot- ische T-e (Iripls varxsto) bestehen aus einem dreifachen Gewebe, wodurch man größere Mannigfaltigkeit u. Farbenreichthum im Muster erlangt; auch der Schuß ist dreifarbig abwechselnd. 0) Sam« - Tcramo. metartige T-e: a) die Türkisch en od. Savon- nerie-T-e, welche auf dem Hautelissestuhl gefertigt werden, indem die Sammetnoppen nach Anweisung der Patronen einzeln an die Kettenfäden angeknllpft werden. Kette gezwirntes Kammwoll- garn,FlorsehrweichesKammwollgarn,SchußHanf- od. Leinenzwirn. Das Haar wird schließlich mit einer Haudscheere glatt geschoren, b) Die gewöhnlichen Sammet-T-e werden auf dem Zug- (Zampel-) stuhle gewebt; mit kurzem, ungeschnittenem Flor nennt man sie ausgezogene Sammet-T-e od. Brüsseler T-e; mit längerem, ausgeschnittenem Flor geschnittene Sammet-T-e, Velour-T-e, Plüsch- T-e (inEnglandWilton- od.Axminster-T-e). Die Muster entstehen theils durch Abwechselung in der Farbe des Flors, theils durch Abwechselung geschnittener und ungeschnittener Partieen. Die Florkette ist zweisädig gezwirntes Kammwollgarn. Reiche Muster werden auch vielfarbig aufgedruckt, theils aufdie Florkette, theils auf den fertigen T. Auch fertigt man Chenille-T-e, indem man Chenillefäden ans Kammwolle als Einschlag benutzt. Sie sind den Sammei-T-en ähnlich. Endlich sind hier noch zu erwähnen die Cocus-T-e und Cocusläufer, welche aus Cocusnußfasern verfertigt werden, u. die Wachstuch- T-e. I. Lassing gab Altorientalische T-muster nach Originalendes 15. und 16. Jahrh., Berl. 1877, heraus (1878 durch Didot in Paris u. Sotheran in London erworben. Beyffell. Tcppichbeete, Blumenbeete, auf welchen die Pflanzen mosaikartig zu Figuren zusammengefiellt sind. S. Garten, S. 716 u. vergl. Levy, Neue Entwürfe zu Teppichgärteu, 2. A. Leipz. 1879. Teptjären (Tepteren), ein wahrscheinlich der Familieder Ostfinnen ungehöriger Volksstamm Rußlands, bes. in den Gouvernements Orenburg, Perm u.Wjatka ansässig; er soll aus einem Zusammenkauf von Tscheremissen, Tschuwaschen, Mordwinen, Wor- jäken u. andern finnischen Völkerschaften um die Mitte des 16 . Jahrh. bei der Zerstörung des Tatarenreiches durch den Zaren Iwan II. Wassiljewitsch entstanden sein. Ein großer Theil ist zur Griechischen Kirche übergetreten und hat sich mit dem Rus- jenthum völlig amalgamirt; der Nest (Mohammedaner) wohnt in Wäldern, treibt Jagd, Bienenzucht u. Handel mit Kasauschen u. Orenburgischen Kans- leuteu, u. hat im klebrigen ganz ähnliche Sitten u. Bräuche, wie die Tscheremissen, Mordwinen u.Mok- schauer od. die sogenannten Wolgafiuuen. Die Ge- sammtzahl aller T. wird auf 200,000 geschätzt, wo- von allein 120,000 in Orenburg. Drcmke. Ter (im Alterthume Sambroca), Küstenfluß in Catalonien (Spanien), entspringt oberhalb Cam- prodon in den Ostpyrenäen u. mündet unterhalb Gerona, den Inseln Medos gegenüber, ins Mittelmeer. 7er (holländ.), an, bei, zu; daher geographische Namen, wie Ter-Goes rc., s. u. Goes rc. Teramo, 1) (früher Abruzzo ulteriore I.), ital. Prov., zwischen den Prov. Ascoli Piceno, Aquila u. Chieti und dem Adriatischen Meer, 3325 sü Icm (60, g« UM) Mit 246,004 Ew. (74 auf 1 sMin, in ganz Italien 90,s), bildet einen Theil des Ostabhanges der Abruzzen, die, auf der Grenze streichend, imGranSasso (2990m) ihren Culminations- puukt u. zugleich die höchste Erhebung des apenni- 265 Teratologie — Terck. Nischen Gebirgssystems haben. Bewässerung nur durch Küstenflüsse (Tronto, Tordino, Vomauo, Piomba u. Pescara); 110 Irin der Jtal. Südbahn. 3) Hauptstadt darin am Tordino, Kathedrale, BiS- thum, bischöfliches College, Fabrikation von Wollen' zeugen,Strohhüten,Thonwaaren, Seide; 9635 Ew. (Gem. 19,72 1 ). T. istvielleicht das alteJnteramna 2) von dem noch Reste (Thermen, Tempel, Aquäducte, Amphitheater) vorhanden sind. t. Teratologie, Lehre von den Mißbildungen. Teratolith (Eisensteinmark), derbes Mineral mit unebenem bis flachmuscheligem u. seinerdigem Bruch. Härte 2 bis 3; spec. Gew. 2,^; lavendel- blau bis perlgrau u. pflanmenblau, oft röthlichweiß geadert u. gefleckt; undurchsichtig. Enthält Kiesel- säure, Thonerde, Eisenoxyd, Kalk, Magnesia, Man- ganoxydu.Wasser. Findet sich zuPlanitz beiZwickau. Terborch, Gerhard, holländ. Maler u. Begründer der Cabinetsmalerei, geb. 1608 zu Zerol in Flandern; st. 1681 in Deventer; Schüler seines in Italien gebildeten Vaters, dann eines unbekann- ten Meisters in Haarlem, bereiste Deutschland, Italien, England, Frankreich, Spanien u. die Niederlande, ging 1648 nach Madrid, wo er geadelt wurde, hierauf nach England ».Frankreich, wo er ebenfalls viele Porträts malte. Seine Werke erinnern gleichzeitig an Franz Hals, van Dyck u. Paul Veronese. Ein guter Zeichner, ein Virtuose in der Technik, dabei ein feiner Seelenkenner u. Bildnißmaler, ein geborener Darsteller, ist er so recht der Mann, jene Scenen zu schildern, wo in ächter Conversation der Geist des Ganzen auf der Spitze eines Augenblickes schwebt u. findet seine Triumphe in der geistvollen Erfassung u. lebendigsten Darstellung des gewöhnlichen, namentlich gesellschaftlichen Lebens. Charakteristisch ist, daß er den Beschauer die handelnden Personen gleichsam belauschen läßt, daß er die geheimste Herzensbewegung malt. Regnet. Terceira (Terceires), Insel in der Gruppe der Azoren (portugiesisch), das Loyale seit 1640 genannt, hat eine Größe von 578 Hjüm und zählt 72,497 Ew. T. ist eine Hochfläche mit guten Weidegründen u. fruchtbaren Küstenstrichen, Klima milde u. ge- sund; Products: Getreide (namentlich Weizen, Mais), Wein, Holz, lebendes Vieh. Hauptstadt ist Angra do Herotsmo, wo der portugiesische Gouverneur re- sidirt; 11,839 Ew. Drenke. Tercerra, Antonio Jose de Souza, Graf von Villaflor, Herzog von, portugies. Marschall u. Staatsmann, geb. 10. März 1792 in Lissabon , trat 1803 ins Heer und stieg im Kriege gegen Napoleon bis zum Stabsoffizier; 1816 ging er nach Brasilien,wo er 1817 Commandant eines Regiments u. bald darauf Gouverneur der Provinz Para und 1820 von Bahia wurde. 1823 kehrte er mit dem König Johann VI. nach Europa zurück u. war 1826 Oberst u. Brigadier, als die Infantin Jsabella für Donna Maria die Regentschaft übernahm. Von dieser zum Llarsooal äol oampo ernannt, wurde er gegen den Marquis de Chaves, den Anhänger Dom Miguels, gesendet, drängte diesen zweimal über die spanische Grenze zurück und wurde Obergeneral der Nordarmee u. im Juni 1827 militärischer Befehlshaber von Lissabon. Als eifriger Anhänger consti- tutioneller Grundsätze wurde er, als 1828 Dom Miguel die Regentschaft übernahm, nur als Brigadier- anerkannt, vom Pöbel insnltirt n. flüchtete auf einem englischen Schiff nach London. Hier bereitete er die Unternehmung nach Terceira vor, bemächtigte sich dieser Jnsel22. Juni 1829 n. 1830 auch der übrigenAzoren, wurde von Dom Pedro mit dem Oberbefehl der dort gesammelten Truppen betraut, landete von da aus im Juli 1832 in Porto, wurde zum Herzog von Terceira ernannt, ging 1833 nach Algarbien, mar- schirte im Juli 1833 mit dem Herzog von Palmella auf Lissabon und schlug das überlegene Heer Dom Miguels unter Tellez Jordao bei Almada, woraus Lissabon 24. Jnli besetzt u. T. im Aug. znm Feldmarschall ernannt wurde. Im Sept. schlug er den Angriff Bourmonts auf Lissabon ab, durchbrach mit Saldauha gemeinschaftlich die festen Linien Dom Miguels, warf ihn nach Santarem u. reinigte daun, nachdem er im März 1834 nach kurzer Unterbrechung das Obercommando wieder übernommen, mit dem spanischen General Rodil die nördlichen Provinzen von den Miguelisten. Als das Ministerium Bomfin die Charte von 1822 herstelltc, sammelte er mit Saldauha zur Gegenrevolution Truppen im N. von Portugal, mußte sich jedoch im Sept. 1837 unterwerfen. Nach Wiederherstellung der Charte von 1826 durch Dom Pedro 1842 zum Ministerpräsidenten ernannt, dankte er jedoch bald wieder ab, blieb aber Oberbefehlshaber der Truppen in Lissabon; 1843 wieder Ministerpräsident u. Kriegsminister, legte er erstere Stelle bald nieder, leitete dann mit Saldauha im Oct. 1846 die Contrerevolntion im monarchischen Sinne u. ging als Vertreter der Krone mit unbeschränkter Vollmacht nach den nördl. Provinzen Portugals, wurde aber in Porto von den Aufständischen gefangen u. erst nach der Kapitulation der Stadt im Juni 1847 wieder befreit. Jin März 1850 wurde er Commandant der ersten Armeedivision in Lissabon u. begleitete im April 1851 den König auf seinen Zügen gegen die Revolution Sal- dauhas nach Santarem. Bei der Neubildung des Ministeriums, nachdem Rücktritt Lonles, wurde der Herzog 16. März 1859 Präsident des Cabinets u. führte zugleich die Portefeuilles des Äußern u. des Krieges, st. aber 26. April 1860. Lagai." Terdschuman, ist arabische Bezeichnung eines Dolmetsch, von teräsodum (auch tai-Aum), auslegen, dolmetschen. Die heutigen Griechen haben dieses Wort in Drag oman, die Franzosen in truelrsm-rn verwandelt. Wahrscheinlich ist unser Dolmetsch, slawisch tolmatsolr, durch Verschiebung der zweiten Silbe aus toläselram tsräsolram entstanden. Tercbinthe, ist kiotaoia Rsrsbilltlius. Isrebinibinae, Pflanzenklasse in Endlichers System , die aber nicht mehr in dem Umfange:, den sie daselbst hatte, beiznbehalten ist u. nur noch die Familie der ^.uaoaräiaosas, vielleicht auch die der cku- Alanckaesas einschließt. Isrobrstiila, s. Armfüßer. Teredon, Stadt u. Gegend in Babylonien unterhalb der Vereinigung des Euphrat u. Tigris, wo Alexander d. Gr. landete; nach Einigen in der Nähe des jetzigen Bassora, nach Anderen bei Dorah. Terek, 1) Fluß in dem ruff. Ciskankasien, entspringt im Centrum des Kaukasus (auf dem Siwe- rant, umfließt fast spiralförmig den Kasbek, dessen Gletscher alle ihr Wasser dem T. zusenden, durchbricht in nordwestl. Lause die Vorberge des Kauka- 266 Tereutia - ins, wendet sich dann nach O. durch die Steppe u. mündet in zahlreichen Armen, ein weites, sumpfiges Delta bildend, in das Kaspische Meer. Nebenflüsse, I.: Ardon, Uruch, Tscherek (mit Urban, Tscherem, Malta); r.: Sunscha (mit Assa n. Argun). Wichtig ist der T. dadurch, daß durch sein Thal die einzige Straße über den Kaukasus, von Wladikawkas nach Tiflis führt. 2) Nuss. Gebiet am NAbhange des Kaukasus, umschlossen von Daghestan, Tiflis, Ku- tais, Kuban, Stawropol u. dem Kaspischen Meere, sehr gebirgig, enthält die höchsten Spitzen, Elbrus, Kaschtantau, Kasbek, Adai-Choch u. a. in., wird vom Terek (s. 1), Kuma, Podknma n. Sulak bewässert, an den Gebirgsabhängen und in den Thälern fruchtbar, im N. Steppe; 60,263 sUkm mit 485,237 Ew., worunter die verschiedensten kankas.Stämme u. einige Russen. Dronke. Tercntia, erste Gemahlin Ciceros seit SO (79) v. Chr. Nachdem Cicero ans dem Exil zurückgekehrt war, trennte er sich wegen häuslicher Mißverhältnisse von ihr u. soll Sallnstius u. nach diesem Mes- sala Corvinus sie gehcirathet haben. Sie soll 103 Jahre alt geworden sein. Terentiänus, Maurus, lat.Grammatiker aus Afrika, lebte wahrscheinlich im 3. Jahrh. in Rom u. schrieb das grammatische Lehrgedicht Vs libtoris, sMabis, psäibus sb mstris, in wechselnden Versalien und guter Sprache; zuerst herausgeg. Mail. 1497, in Putsches Loriptoros Aranunativi lat., einzeln von Lennep, Utr. 1825, u. Lachman, Berl. 1836, dann von Keil in den Orammaiüei Vakrni, Leipz. 1874, 6 Bd. Terentms. Die I'ersntia ASUS war plebejischen und wahrscheinlich sabinischen Ursprungs; bes. berühmt war daraus die Familie Barro (s. d.). Nicht zu diesem Geschlecht gehört Publius Ter. Äser, ein Karthager, geb. 185 v. Chr., kam durch einen Sklavenhändler, der ihn in Afrika kaufte od. raubte, früh nach Rom in dasHaus des Senators Terentius Lucanus, der ihm eine gute Erziehung geben ließ u. die Freiheit schenkte. Er stand in näherem Verhält- niß zu dem jüngeren Publ. Scipio Africanus u. C. Lälius. Elfterer überließ ihm sein Landhaus zur Benutzung, wodurch vielleicht das Gerede veranlaßt wurde, daß er der eigentliche Verfasser der Stücke des T. sei. Wahrscheinlich hat T. dieselben vor der Veröffentlichung im Kreise seiner hohen Freunde vorgelesen u. dann deren Bemerkungen u. Aussetzungen berücksichtigt. Im 1.160 begab er sich, nachdem er 6 Stücke zur Aufführung gebracht, um Studien zu machen, nach Griechenland; er st. auf der Rückreise von dort im I. 159, nach Sueton (Vs xostis im Auszug vor Donats Commentar zu T.) aus Gram über den durch einen Schiffbruch erlittenen Verlust seiner dramatischen Arbeiten, deren Zahl man fälschlich als 108 bezeichnet hat (denn das in der Vita Suetons befindliche 6VIII ist nach Ritschl in seiner Bearbeitung der Vita in Reifferscheids Lueton reliq., Lpz. 1860 , x. 519, nur eine Wiederholung von OVLI). T. hinterließ eine Tochter, welche nachher einen römischen Ritter heirathete. Die sechs von T. in Roin auf die Bühne gebrachten Komödien sind erhalten: Xnäria (Mädchen von Andres od. die wiedcrgesundene Tochter), aufgefllhrt im 1.166 an den megaleusischen Spielen im April; Rsoxra (die Schwiegermutter), ausgesührt im 1.165; Voauton- — Tergeste. tiinorumsnos (der Selbstpeiniger), im I. 163; vu- nnolmo im April u. klroriuio, betitelt nach dem Parasiten des Stücks, im Sept. 161 bei den luäi ro- mani; Xäslplri (Brüder), ausgesührt bei den Leichenspielen des Aemilius Panllus im I. 160. Gute llebersetzungen von Fr. Jacob, Berl. 1845 u. I. I. C. Donner, Lpz. u. Hcidelb. 1864, 2 Bde. T. folgt seinen griechischen Originalen, vorzüglich dem Menander in Andria, Eunuch, Adelphen u. Heautont., in den beiden übrigen dem Apollodoros treulich, er ist also als Dichter unfrei. Dem Plautus steht er in wahrer Komik u. in der Sprache des Affects weit nach, er hat auch nicht dessen Beweglichkeit ».Frische, vielmehr einen ruhigen Mittelton, aber in der Cor- rectheit der Anlage, der feinen Charakterzeichnung u. planmäßigen Entwickelung der Handlung übertrifft er den Plautus. Doch bieten seine Stoffe wenig Abwechselung, er ist mehr Kunstdichtcr, dem Ge- jchmacke vornehmer Kenner entsprechend, nicht dem des Volkes. Die Komödien haben in der Kaiserzeit Commentatoren gefunden; der Commentar des Ae- lius Donatus ist für uns schon deshalb der werthvollste, weil er die griechischen Originale vergleicht. Zum Heautontimorumenos, wo ein Commentar Donats fehlt, besitzen wir einen solchen von Calpur- nius. Vergl. Lessing, Hamburgische Dramaturgie Stück 87 f. Der des Eugraphius hat keinen selbständigen Werth. Außerdem sind die Didaskalieu zu den Stücken, d. h. die officiellen Angaben über die Ausführung derselben, erhalten, sowie metrische Inhaltsangaben in je 12 Senaren. Vgl. C. Dziatzko im Rhein. Museum, XX., S. 570—598, XXI., S. 64—92. Ausgaben: 1. A. ^.r§ontoratv (Straßburg) apuä Llsntslin. 1470, Fol. Dann Venedig 1476 mit Donatus; Oum notis Llureti, ebd. 1555; 6urn vonaiü et VuArapirii eommoirt. sä. vinäonbroArus, Par. 1602, Franks. 1623; Lx re- sous. st cum notis R. ösntloji, Cantabr. u. Land. 1726, zuletzt herausgeg. von Vollbehr, Kiel 1846; Oomrnont. psrp. illustr., aesoä. Donatus, Vu§ra- plrius, valpirurnius sie. eur. IVsstsrirovius, Haag 1726, 2 Bde., wieder herausgeg. von Stallbaum, Lpz. 1830. Von neueren Ausgaben s. Elberling, Kopenh. 1834; rso. A. Fleckeisen, Lpz. (Bibliothek Teubuer) 1857; IVitir notss erit. anä sxsAstieal, an iutroäuetion ste. bx IV. IVaZnor, Cambridge 1869; Väiäit et axparatu oritiso instruxit vr. vmxlonbaolr, Berl. 1870. Bgl. die VXXXIX. S. seiner Vorrede. Die älteste Uebersetzung: T. der hochgelahrte Poet. Zu tütsch transserirt nach dem Text u. nach der Gloß. Mit vielen Holzschnitten, Straßb. 1499, Fol. Vgl. Th. Ladewig in Paulys Real-Encycl.VI.,2, S. 1695—1701; Musterung der einzelnen Stücke bei M. Rapp, Geschichte des Griechischen Schauspiels, Tüb. 1862, S. 269—291, 297—302; I. L. Klein, Geschichte des Dramas II., Lpz. 1865, S. 567—635. Schmitz. Terespol, Stadt im russisch-polnischen Gouv. Ljublin, am Bug, Endpunkt der Warschau-T-er Eisenbahn mit Brücke nach dem gegenüberliegenden Brest u. Anschluß an die von hier ausgehenden Bahnen; Hanptzollamt, Transithandel; 2000 Ew. Tergeste, Stadt in Istrien, ani IsiAsstiims SINUS (j. Meerbusen von Triest); erst unbedeutend, hob sie sich unter römischer Herrschaft, bes. seitdem sie unter Augustus colonisirt worden war, durch ihre 267 Tergiversiren — Lage am Meere zu einer wichtigen See- u. Handelsstadt, j. Triest, s. d. Tergiverstren(v.Lat.), Ausflüchtesuchen,Winkelzüge machen; Sachen in die Länge ziehen. Daher Tergiversation, Zögerung, Ausflucht, Winkelzug. Bei den Römern war T. ein mit dem Accu- sationsprocesse zusammenhängendes, im schuldhasten Nichtdurchführen einer angestelltenAnklage bestehendes Verbrechen. Tierglou (Triglav, d. h. Dreikopf), ein 2865 in hoher Gebirgsstock der Julischen Alpen, zugleich die östlichste Hochgebirgsgruppe der Alpen, südl. von den Karawanken zwischen der Wurzener und Wocheiner Save in Krain. Tergukasolv, Ursas Artemjewitsch, russ. General, geb. 1819, armenischer Abstammung, kam, seit 1837 im Jngenieurcorps dienend, 1841 in den Kaukasus, wo er rasch emporrückte. 1865 Generalmajor, 1876 Generallieutenant und Divisionskommandeur, führte er 1877 den linken Flügel der in Armenien eindringenden Armee, rückte nach Besetzung der Festung Bajesid über Diadin auf Erzerum, ward aber, nachdem er den Mohammed Pascha 16. Juni bei Ridekan geschlagen, 21. u. 22. Juni von Mukhtar Pascha besiegt, während gleichzeitig die von ihm in Diadin u. Melsch Kilissa zurückgelassenen Truppen zersprengt u. die Besatzungsabtheilung von Bajesid in der dortigen Citadelle eingeschlossen wurde. Indessen ein kühner Marsch über das Gebirge nach Jgdyr rettete ihn u. 10. Juli entsetzte er die Garnison in Bajesid durch einen glänzenden Sieg über Ismail Pascha, gegen den er sich auch in Jgdyr behauptete. Im Oct. führte er wieder einen Flügel der gegen Erzernm vorrllckenden Armee u. focht bei Dewe Boyun mit Auszeichnung. Lagai. Tcrlan, Dors im Bez. Bozen der gefürsteten Grafschaft Tirol u. Vorarlberg (Österreich); schöne gothische Kirche mit schiefem Thurm (aus dem 14. Jahrh.), vortrefflicher Weinbau; 1869: 1351 Ew. — In der Nähe die Ruinen der Burgen Greifenstein u. Maultasch (einst von Margaretha Maultasch häufig bewohnt). Terlizzi, Stadt in der italienischen Prov. Bari; Bischof, Barfüßerkirche mit Gemälden von Tizian, Palast Pan mit Gemäldesammlung, viele Industrie, Wein- u. starker Mandelbau; 18,175 Ew. Termin (v. lat. Terminus), 1) uncigentlich u. in der Rechtssprache unrichtig in der Bedeutung von Frist (s. d.) gebraucht; 2) (Tagfahrt, Diät, auch Commission) ein bestimmter Tag, an welchem vordem Gericht oder überhaupt einer öffentlichen Behörde eine Handlung unter Zuziehung der dazu vorher gehörig geladenen Betheiligten vorzunehmen ist. Die Wahl des Termintages ist dem Gericht, resp. der Behörde, vor welcher der T. stattfindet, überlaffen. Doch hat das Gericht dabei die Fristen zu berücksichtigen, welche nach Vorschrift des Gesetzes im Civilprocesse zwischen dem Tage der Behändig- ung der Vorladung zum T. u. dem letzteren selbst inmitten liegen müssen (Ladnngsfristen). Sind diese Fristen vom Gerichte nicht eingehalten worden, so kann seitens der Parteien Vertagung beantragt, beziehungsweise durch Rechtsmittel ein etwa wegen Versänmniß des T-s eingetretener Rechtsnachtheilj wieder beseitigt werden. Vertagung (Dilation) kann übrigens vom Richter auch aus anderen sachgemäßen Termini Jmerese. Gründenbewilligtwerden. Die Parteigesuche um Vertagung heißen Dilationsgesnche. Je nach der Verschiedenheit der Vorladung der Betheiligten od. der schon nach Vorschrift des Gesetzes u. ohnebesondereAndroh- ung in der Vorladung eintretenden Rechtsnachtheile ist der T. entweder ein Terminus aretatorius, wenn mit dessen Versänmniß für die ungehorsame Partei ein bestimmter Nachtheil verbunden ist; od. ein Terminus mouitorius, bei welchem das Erscheinen im T. der geladenen Partei völlig freigestellt ist. Die arctatorischen T-e theilen sich wieder in peremto- rische (Terminus psrsmtorius), wenn der auf den Ungehorsam gesetzte Nachtheil in dem Verluste eines bestimmten Rechtes besteht, u. dilatorische (Terminus ckilutorius), wenn das Recht zur Vornahme der Handlung auch bei verwirktem Ungehorsam bestehen bleibt und den Ungehorsamen nur die Pflicht zur Bezahlung der durch sein Nichterscheinen im T. geursachten Kosten, sowie einer etwa mit der Ladung verbunden gewesenen Ordnungsstrafe trifft. Während nach dem früheren Civilproceßrechte die Strafe der Versänmniß in der Ladung angedroht werden mußte, ist dies im Allgemeinen heute weggefallen. Die Deutsche Civilproceßordnung von 1877 bestimmt allgemein, sowol in Beziehung auf T-e, als in Beziehung auf Fristen: „Die Versäumung einer Proceßhandlung hat zur allgemeinen Folge, daß die Partei mit der vorzunehmenden Proceß- handlnng ausgeschlossen wird. Einer Androhung der gesetzlichen Folgen bedarf es nicht. Dieselben treten von selbst ein, sofern nicht dieses Gesetz einen auf Verwirklichung des Nechtsnachtheils gerichteten Antrag erfordert" (ZH 208, 209). Die Vertagung eines T - es (krorvAg-tio tsrmiui), d. h. die Verlegung desselben auf einen anderen Tag, kann theils vom Gericht aus eigenem Antriebe, theils auf einseitigen Antrag einer Partei verfügt oder auch mit Genehmigung des Gerichtes compromiffarisch vereinbart werden. Erscheint von den geladenen Parteien Niemand im T., so gilt derselbe als circnmdu- cirt (Terminus eireumcluebus). Im Civilprocesse treffen alsdann die Kosten des angesctzten T-s beide Theile zu gleichen Antheilen u. die Sache bleibt, bis einer von den beiden Theilen auf deren Fortsetzung anträgt, auf sich beruhen. Ähnlich wie im Civilprocesse bestehen auch im Concursverfahren besondere gesetzliche T-e, deren Versäumniß verschiedene Rechtsnachtheile zur Folge hat. Auch im Strafprocesse ist dasselbe der Fall, nur Laß hier die Versäumuißstrafcn anders bemessen sind. Während sie im Civil - u. Concursverfahren zumeist im Verluste gewisser Privat- od. Proceßrechte bestehen, sind im Strafprocesse Geld- od. Freiheitsstrafen angedroht. Während nach den früheren Proceßrechten eine ganze Reihe bestimmter T-e vorgeschrieben war, ist nach dem neuesten Rechte eine größere Vereinfachung u. Verallgemeinerung eingetreten. Die deutsche Civilproccß-, Concurs- u. Strafproceßordnung von 1877 ist dieser Richtung durchaus gefolgt. Bezold.* Termini Jmerese, Stadt in der ital. Prov. Pa» lermo,imValLi Mazzara,Station derSicil. Bahn, mir Kathedrale, Gymnasium, Lyceum, technischer j Schule, Bibliothek, Hafen, warmen Bädern (zu 33° j ik., gegen Hautkrankheiten, Rheumatismus u. Nervenleiden); Handel mit Maccaroni, Getreide, Mandeln, Weinstein, Spanischen Fliegen u. a., Fischerei 268 Terminiren — Term. auf Thunfische u. Sardellen; 19,739 Ew. T. ist das alte Thermä, s. Himera, von dem noch Trümmer vorhanden sind. Terminiren (v. Lat.), begrenzen; festsetzen; bei den Bettelmönchen das Geschäft des Äettelns. Daher Terminirer, Terminei, Terminanten, so v. w. Bettelmönche. Terministischer Streit (Ina tsrmmistiea), der Streit über die Frage, ob die Gnadenzeit für Len Sünder bis an das Ende seines Lebens offen stehe, od. ob eine Grenze (st'ormmns) von Gott festgesetzt sei, über welche hinaus keine Gnade mehr zu hoffen wäre. Erstere Meinung war die kirchliche Ansicht des Mittelalters nach Augustinus; letztere lehrten zuerst die Quäker und behauptete dann in der Protestantischen Kirche der Pietist Diaconus I. G. Böse in Sorau und nach ihm sein Schwiegersohn, Ad. Rechenberg, indem er lehrte, Gott habe den Sündern einen Termin der Gnadenzeit festgesetzt. Ihm entgegen traten die Wittenberger und Rostocker Theologen, auch sein College Th. Jttig, mit dessen Tode jedoch 1710 der Streit aufhörte. Die, welche den Gnadentermin vertheidigten, wurden Terministen, auch diene Novatiauer, u. ihre Behauptung Terminismus genannt. Vgl. Hesse,DerTerministischeStreit, Gieß. 1877. Terminologie (v. Lat. u. Gr.), I) Knust- oder Geschäftssprache, Lehre n. Inbegriff der bei einer Wissenschaft, oder bei einem Geschäfte in Beziehung auf die dabei vorkommenden Gegenstände in eigcn- thümlicher Bedeutung gebrauchten Wörter u. Redensarten; 2) die Lehre von solchen Kunstwörtern u. die Erklärung solcher Ausdrücke. lermmtis (lat.), Grenze; Grenzstein; in Rom wurden die Grenzsteine heilig gehalten u. (I?. als Gott des Grenzsteins u. somit Beschützer des Eigen- thums verehrt; Nnma stiftete ihm ein besonderes Fest, dieTerminalien, jährlich 23. Febr. gefeiert; seine heilige Stätte hatte er in dem Jnpitertcmpel auf dem Capitol. Ferner bedeutet L. Ziel, Zeitpunkt, Frist (s. Termin). Dann so v. w. Begriff, insofern zwei Begriffe, welche zu einem Urtheile verbunden werden, als End - u. Grenzpunkte des Ur- theils erscheinen. T. tsokmious, Kunstansdruck, ein Wort, welches in einer Wissenschaft oder einer Kunst einen bestimmten Sinn hat, vgl. Terminologie. In England bezeichnet man mit D. die großen Centralbahnhöfe als Endstationen. Termiten, weiße Ameisen, lermitüis. Ln-'M., Jnsectenfam. aus der Ordn. der Geradflügler, früher den Netzflüglern zngezählt; Kopf frei; Fühler- kurz perlschnurartig, 13—20ringelig; leben staatlich zusammen nach Art der Ameisen und treten in vier verschicdenenFormcn ans,nämlich Männchen, Weibchen, Arbeiter u. Soldaten. Die beiden ersten besitzen 4 häutige, gleiche Flügel, die jedoch nach einmaligem Fluge, während welchem die Begattung vollzogen wird, abfallen; auch besitzen nur sie Augen u. 2 Nebenaugen. Die Männchen sterben nach dem Schwärmen u. werden, wie auch z. Th. die Weibchen (Königinnen), ein Opfer der Vögel. Der Leib der am Leben bleibenden Weibchen schwillt nach der Begattung zu einer ungeheuren Größe an und enthält gegen 80,000 Eier. Die blinden ungeflügelten Arbeiter kennzeichnen sich durch den kleinen rundlichen Kopf und die verborgenen Kiefer aus. Ihre Arbeit j im Staate besteht in dem Aufbau der gemeinschaft- lichen Wohnung, der sog. T-Hügel, und in der Brutpflege. Die ebenfalls blinden »»geflügelten Solda- ten mit großem, viereckigem Kopfe und kräftigen, langen Kiefern vertheidigen die Hügel gegen fremde Angriffe. Die Bauten der T. sind theils oberirdische Hügel bis zu 4 m Höhe, theils unterirdisch, auch wohnen sie in Baumstämmen. Die Wohnungen lassen im Innern Zellen, sog. Wiegen für die Brut, u. Gänge, Verkehrsstraßen erkennen. Die T. sind Nachtthiere, welche oft weit wandern u. alles Zernagbare angreisen, vorzüglich Holzgegenstände, u. bes. dadurch in menschlichen Wohnungen so schädlich werden, daß man ihre verderbliche Thätigkeit erst dann bemerkt, wenn die Zerstörung ihr Ende erreicht hat, indem sie nur Las Innere des Holzes zernagen, das Äußere unverletzt lassen. Hausbalken, Bücher fallen Plötzlich zusammen infolge dieser verborgenen Arbeit. Die natürlichen und erbittertsten Feinde der T. sind die Ameisen, welche beständig Krieg mit ihnen führen. Die etwa 80 Arten leben in den Tropen, besonders Amerikas u. Afrikas. Verschleppt finden sich T. in Hafenstädten u. gelangen von diesen weiter ins Binnenland (sogar bis nach Wien). Fossil finden sich T. zahlreich im Bernstein u. in dem Tertiär. Arten: lormss beI1soo8ns §>«., kriegerischer Termit, 3,5 ein, dunkelbraun, Beine u. Bauch rostfarben; Hügel 4 in hoch; tropisches Afrika. D. Inolkngus Äoeor, lichtscheuer Termit, 1 ein, schwarz, Fußspitzen gelb; SEuropa; gemein; berüchtigt durch die Verwüstungen an den Psahlrosten der Stadt Rochelle. Farwick. Termoli, Stadt in der ital. Prov. Campobasso, am Adriatischen Meere, Station der Südbahn; Bischofsitz, Kathedrale aus dem 16. Jahrh., Castell, Hafen; 3294 Ew. Termonde, Stadt, so v. w. Dendermonde. Ternate, Insel der Molukken (s. d.), westl. von Halmahera, ungefähr 30 Hstcm umfassend, sehr fruchtbar, mit einem 1670 m hohen thätigen Vulkan. Sie steht unter einem von den Niederländern abhängigen Sultan, dessen Herrschaft sich zugleich über die NKüste von Halmahera erstreckt. Gleichnamige Hauptstadt, Sitz des Sultans u. des niederländ. Residenten, mit einem großen Palaste des Erstere»; 9000 Ew., meist Malaien. Die niederländ. Residentschaft T. umfaßt die eigentlichen Molukken, Halmahera, die zwischen diesen u. Neu-Guinea liegenden und die an der OKüste von Celebes liegenden Inseln u. zählt 97,402 Ew. T. ist seit 1664 niederländisch, gehörte früher den Portugiesen u. war seit dem 13. Jahrh. der Mittelpunkt eines mächtigen malaiischen Reiches. Thielemann. Tcrne, Ternion (lat.), Zusammenstellung von je drei Dingen aus einer größeren Anzahl, bes. die Zusammenstellung von drei bestimmten Nummern ans den 90 des Lotto. Ternenzeu (Nenzen), befestigte Stadt im Bez. Middelburg der niederländ. Prov. Zeeland, an der Westerschelde; Eisenbahnstation, Hafen; 3724 Ew. Terni, Stadt in der italien. Prov. Perugia, an der Nera, Station der Römischen Bahn; Bisthum, Kathedrale, Gymnasium, Lyceum, techn. Schule; Trümmer des alten Jntcramna 1 ) (Amphitheater, Herculestempel, Bäder); 9115 Ew. (Gem. 15,037). j Bei T. 17. Nov. 1798 siegreiches Gefecht der Fran- 269 Ismus — Terpentinfsife. zosen gegen die Neapolitaner. 5 ,5 km davon der Wasserfall des Velino, s. u. Nera. lornus (lat.), was zu dreien bei einander, an dem Stengel in einer Scheide steht. Tcrpandros(Terpauder), einer der bedeutendsten griechischen Musiker, nach Stephan von Byzanz u. Plutarch, geb. znAntissa aus Lesbos, im 7 .Jahrh. v. Chr.; dadurch berühmt, daß er das musikalische Material in ein förmliches System brachte u. hiermit eine neue Epoche der griechischen Musik begründete. Er wirkte bes. in der 33 . Olympiade ( 638—34 v. Chr.), war ein Meister auf der Kithara u. dem Aulos (einer Art Clarinette od. Oboe, zum Solospiel u. zur Begleitung des Gesanges dienend) u. gewann viermal'in den Pythischen Spielen der Dorier u. außerdem in den Karneen zu Sparta den Preis. Durch ihn wurde der kitharodische Nomos (die nach dem Absterben des Epos, Ans. des 7 . Jahrh. gepflegte lyrische Kunstsorm) zu höherer Ausbildung gebracht, indem er denselben in 7 Theile zergliederte. T. hat an Stelle der 4 saitigen die 7 saitige Lyra (s. d.) eingesührt ».dadurch statt desTetrachorddie Octave zur Grundlage des Tonsystems gemacht. Sieb-nrock. Terpentin (ll'orsbiutüina), eine aus Harz (Co- lophonium) und ätherischem Öl (T-öl) bestehende Flüssigkeit, welche theils von selbst, theils ans in die Rinde verschiedener kiuns-, Ldiev-u. a. Nadelholzarten gemachten Einschnitten während der Frühlings- u. Sommermonate ausfließt. Je nach der Art des Baumes, von welchem der T. stammt, zeigt er einige Verschiedenheiten. Im Allgemeinen ist er halb- flüssig, klebrig, schmeckt brennend bitterlich aromatisch, riecht nach Terpentinöl und besitzt eine hell honiggelbe Farbe; an der Luft trocknet er, indem das ätherische Öl sich verflüchtigt, zu einem spröden Harze ein'; in der Wärme wird er dünnflüssig und brennt mit hell leuchtender rußender Flamme. Man unterscheidet folgende Sorten: a) Gemeiner T. (Französischer T., Bordeauxer T.), von der Weiß- tanne(Ev8psetinata),derKiefer(I'iuus8i1vsstris) u. der Meerstrandskieser (kinrw maritima), kommt in Fässern von 2 — 3 Ctr. in Handel, ist dickflüssig (zieht abernicht so langeFädenalsLerösterreichische); hellgelb, enthält etwa 25 °/„ T'öl, löst sich in starkem Alkohol auf. d) Straßburger T. (Schweizer T.), von der Weißtanne (Xdiss xsotiuata), riecht stark, etwas citrouenartig, ist honiggelb, durchsichtig od. milchig; mit demAlter wird er glasartig u. gleicht dann sehr dem Mekkabalsam, v) Venetianischer T. (Lärchen-T.), wird in Steiermark, Tirol, der Schweiz u. Ungarn gewonnen u. kommt über Venedig in den Handel, daher der Name; ist der beste und geschätzteste; flüssig, sehr klar, durchsichtig, fast weiß, von angenehmem harzig-würzigem Geruch, löst sich in Alkohol, ohne einen Rückstand zu hinterlassen. ä) Österreichischer T., von der Kiefer, Weißtanne u. Fichte, ist gelb bis graugelb, zuweilen trübe u. grieslich, zähe, e) Cyp risch er T. (Chioti- scher T.), von kisbaeig, tsredinbürw, ist fast hart, geruchlos, gelbgrünlich oder gelblichweiß, undurchsichtig, von schwachem Geschmack. 1 ) T. von Boston, wahrscheinlich von kinus austro-lis, ist in England sehr gebräuchlich. §) Canadischer T., so v. w. Canadabalsam, s. d. Der T. wird bes. zu Firnissen, Lacken u. Kitten, sowie in der Arzneikunst angewendet. Jungs. Terpentinbaum ist kiuus szckvsstris. Terpentingeist, so v. w. Terpentinöl. Terpentinöl( 01 sum tsrobintlün!tg)ist ein ätherisches Oel, welches mau aus Terpentin (s. d.) durch Destillation mit Wasser abscheidet. Je nachdem man das T. aus dem Terpentin von kinus maritima, oder ?mu8 australis herstellt, erhält man solches, welches die Polarisatiousebene des Lichtes links (französisches T. od. Terebenten), od. solches, welches dieselbe rechts dreht (englisches T. od. Australen). Das T. ist ein farbloses, leichtflüssiges Oel von der Formel Lollis, von starkem balsamischem Geruch u. brennendem Geschmack, welches bei 160 ° bis 180 ° siedet, ein spec. Gew. von 0,sg„—0,gg„, z. B. 0,^4 (franz. T.) u. 0,^ (engl. T.), bei 15 ° besitzt, in Wasser fall unlöslich, in wässerigem Alkohol wenig, in concentrirter Essigsäure leicht löslich ist u. sich mit absol. Alkohol, Äther und fetten Säuren in jedem Verhältniß mischt, Phosphor u. viele andere in Wasser u. Alkohol unlösliche Stoffe auflöst. Das T. des Handels enthält gewöhnlich Säuren u. Zersetznngs- producte, welche sich bei der Darstellung gebildet haben. Um es rein zu erhalten, werden zunächst die Säuren neutralisirt u. das Öl daraus im Wasserbade destillirt. Wiederholte Destillation, namentlich unter höherem Drucke, verändert die Intensität der Drehung des polarisirten Lichtes u. erhöht den Siedepunkt. Längere Zeit niit Wasser in Berührung od. 8 Thle. desselben mit 2 Thln. Salpetersäure und 1 Thl. Alkohol gemischt, liefern nach einigerZeit große, farblose, durchsichtige, rhombische Krystalle von Terpin, 6108^0.2-1-82O früher T-Hydrat genannt, das in kaltem Wasser wenig, in kochendem Wasser, in Alkohol, Äther u. Ölen leichter löslich ist, nicht cir- cularpolarisirend wirkt und schon unter 100° unter Verlust von Wasser n. Hinterlassung der Verbindung OioklioOz schmilzt. Gasförmige Salzsäure, über T. geleitet, verbindet sich mit demselben unter Erwärmung u. Bildung zweier Körper, von denen der eine flüssig, der andere fest ist. Der feste scheidet sich in Form von farblosen, glänzenden Nadeln ab, welche in kochendem Alkohol löslich sind, die Formel 6i„8„6i^6.»8is.E besitzen, also salzsaures T. sind u. künstlicher Kam- pher genanntwerden, weil sie kampherähnlich riechen. Aehnlich wie die Salzsäure wirken auch die Brom- u. Jodwasserstoffsäure auf T. ein. Chlor, Brom u. Jod erzeugen Chlor-, Brom-, Jodsubstitutionspro- ducte. Aus dem T-bromid, 0„>1Iisvi'2 (durch Einwirkung von Brom auf T. erhalten), entsteht durch Abspaltung zweier Molecüle Bromwasserstoffsäure, Cymol(Methylpropylbenzol). Salpetersäure erzeugt in verdünntem Zustande, mäßig erwärmtem T. bei- gefügt, Blausäure, Essigsäure, Propionsäure, Buttersäure, welche leicht überdestillircn n. einen Rückstand, der bes. Terebinsänre, Terephtalsäure enthält. Man benutzt das T. als Lösungsmittel sür Harze bei der Bereitung von Lacken u. Firnissen, znm Anmachen von Olsarben, ferner zum Brennen für sich, in Lampen mit starkem Luftzug (Camphinlampen) od. mit Alkohol vermischt (s. Gasäther). In der Meinem wird es als Reizmittel angewendet; es wirkt, innerlich genommen, bes. aus die Harnorgane u. er- theilt dem Harn einen Beilchengeruch. Glatzel. Terpentiuseife (8apa tsrsbiutlungckus, Lal- samum Vitas externum), eine aus Ölseife, Ter- 270 Terpsichore pentinöl u. Pottasche durch Zusammenreibcu erhaltene Salbe. Terpsichöre,1) s. Musen 5); 2)s.AsteroidenN. 81. Torrs (lat.), Erde; T. lolists Tsrtsri, essigsaures Kali; I. koI.Tsrt.or/8tsIIi8sti, essigsanres Natron; T. japonies, so v. w. Katechu; T. äi Lisns, s. Siena- Erde; I. inovAnits, unbekanntes Land, böhmische Dörfer. Torrs ootts (ital.), Gegenstände ans nnglasirtem gebranntem Thon von meist rother od. gelber, auch mol schwarzer Farbe; die T. e. wird indessen auch vielfach bemalt, gefirnißt rc.; sie war im Alterthum sehr gebräuchlich zu Geschirren, plastischen Arbeiten, architektonischen Verzierungen, Figuren, Götterbildern rc. Im 16. Jahrh. wurde wieder sehr viel T. e. verarbeitet, so namentlich ganze Büsten in Thon gebrannt, im 17. und 18. Jahrh. war sie aber fast ganz vernachlässigt; in neuester Zeit wird sie wieder in großer Menge zu oft mit feinster Malerei versehenen Luxusgesäßeil, Bildwerken u. zu architektonischen Verzierungen benutzt. Jungck. Torrs tirins, insbes. ursprünglich Bezeichnung aller aus dem Festlande Italiens liegenden Besitzungen der Republik Venedig, d. i. das Herzogthum Venedig, die von der Lombardei dazu gehörigen Theile, die Treviser Mark, das Herzogth. Friaul u. Istrien. Dann bezeichnte man damit auch das nördl. Küstenland von SAmerika (Colombia) u. im engeren Sinne die Landenge von Panama (span, tiorrs Urins). Terra japonioa, s. Katechu. Terra di Lavöro, s. Caserta. Terra d'Otranto, s. Lecce. Terra uova, I) Stadt in der ital. Prov. Cal- lanisetta, an der Mündung des gleichnam. Flusses ins Mittelmeer; hat Gymnasium, Handel mit Schwefel, Getreide, Mandeln, Soda rc.; 14,686 Einw.; von Kaiser Friedrich II. nahe an der Stelle des alten Gela (s. L. 2) gebaut. 2) Stadt in der Italien. Prov. Sassari (Sardinien), am gleichnam. Golf, Endpunkt der von Oristano herführenden Eisenbahn; Handel mit Getreide und Vieh; 2800'Ew. Dabei Reste der alten Stadt Olbia. Terra ssnts, d. i. Heiliges Land, ein Complcx von 16 od. 17 kathol. Klöstern, welche an den heiligen Stätten in und um Jerusalem, sowie überhaupt in Palästina , auch in Mittel- u. NSyrien n. selbst in Cypern, Ägypten n. Constantinopel lagen, im ausschließlichen Besitz des Franciscaner-Ordeus sind n. außer rein kirchlichen Anstalten namentlich Hospitien, Pilgerhäuser, Hospitäler, Schulen rc. unterhalten. Der Vorsteherder ihren Ursprung bis ins 14. Jahrh. hinaufdatirenden, im Besitze einer abgesonderten u. unabhängigen Verwaltung ihrer Einkünfte befindlichen T. s. hat seinen Sitz im Salvatorkloster in Jerusalem u. führt den Titel Pater Cnstos des Hl. Grabes; er wird auf 6 Jahre frei gewählt u. ihm zur Seite steht ein Ausschuß, II ssAro äiserstorio, Lessen wichtigste Mitglieder der Pater-Procnrator od. Schatzmeister ein Franzose u. der Vicar des Pater Cnstos ein Spanier sein muß, während der Vorsteher selbst aus der Italien. Nation gewählt wird. L"g°i. Terraclna (Tarracina), eine früher Anxur genannte Stadt in Latium; ursprünglich von Volskern bewohnt, wurde sie später (400 v. Ehr.) von den Römern erobert u. 32S colonisirt; sie lag südöstlich — Terrasse. von Rom an der Vis, Appis u. hatte eine Citadelle u. Hafen. Westlich von T. lag der Hain der Feronia (s. d.). Noch jetzt T.; mit vielen Alterthümern; 6224 Ew. (Gern. 7376). Terrai (Tarai, Tarajani), am Himalaja, s. das., S. 307, Sp. 2. Terrain (franz.), ein Theil der Erdoberfläche nach seiner Gestaltung, Bebauung, Bewachsung, Bodenbeschaffeuheit, in militärischer Beziehung nach seiner Benutzbarkeit für kriegerische Thätigkeiten. Die T-künde ist für alle Kriegsoperationen von höchster Wichtigkeit, man verschafft sie sich Lurch die T- lehre, die Wissenschaft vom T., d. i. von seiner Gestaltung, den Mitteln zu seiner Erkenntniß, der Art seiner Benutzung. Sie zerfällt in reine T-lehre (die Lehre von der Untersuchung des T-s u. die Lehre von der T-darstellung) u. in angewandte T-lehre (die Lehre von der Benutzung des T-s zu bestimmten militärischen Operationen). Hilfswissenschaften der reinen T-lehre sind Orographic, Hydrographie, Geognosie, Topographie, Recognoscirung u. T-dar- stellimg, der angewandten hingegen die Taktik. Betrachtet man das T. aus militärisch-topographischem Gesichtspunkt, so unterscheidet man o'fsenes T., welches die Aussicht, u. freies T., welches die Bewegung der Truppen nicht hindert. Im bedeckten T. ist die freie Umsicht gehindert oder auf einzelne Richtungen beschränkt, ohne daß der Boden an und für sich ein Hinderniß bildet, was das Wesen des coupirten (durchschnittenen) T-s ist. Hervorragende Theile des T-s, wie Dörfer, Waldungen, heißen T- gegenstände. Ungangbare Strecken, wie sumpfige Niederungen, Flüsse, Bergzllge, bilden Abschnitte. DasT.stellt mandardurch T-zeich- nnng, welche man durch T-beschreibung er- gänzt, durch welche beide verbunden man sich ohne directe Besichtigung des T. von der Beschaffenheit desselben genau unterrichten kann. Vgl. Lylander, Lehrbuch der Taktik, 3. Theil T-lehre, München 1820—1822, 3 Bde.; Etzel, T-lehre, Berl. 1862 ; Taunasch, T-lehre und T-benutzung, Wien 1852; Pönitz, Praktische Anleitung zur Recognoscirung n. Beschreibung des T-s, Adorf 1855; v. Waldstücken, T-lehre, Wien 1872; Streffleur, dcsgl.,1876; Fro- benius, desgl., 1876, 2 Bde.; Burchhardt, Leitfaden für den Unterricht in der T-lehre, Planzeichnen u. Anfnehmen, Berl. 1878. l. Tcrrainwinkel, der Winkel, der eine von der Geschlltzmündliiig nach dem Ziele gedachte Linie mit der Horizontalen bildet. Beim Gebrauch des Aufsatzes wird die höhere od. tiefere Lage des Ziels beim Richten schon berücksichtigt. Wird dagegen die Erhöhung mit dem Quadranten genommen, so muß der T. bei einer höheren Lage des Ziels dem Er- höhnngswiukel zugezählt, bei einer tieferen Lage dagegen abgezogen werden. Der T. wird ermittelt indem man das Geschütz über Visir und Korn nach demZicleeinrichtetn. dann vermittelst des Quadraten die Erhöhung mißt, welche das Rohr hierdurch er- halten hat. T. unter Z" können beim Schießen außer Betracht bleiben. Terralithwaaren, so v. w. Siderolithwaaren. Terrasse, 1) au Berg- n. Hügelabhängen wagrecht hergcstellte Ebenen, welche stiifeiiartig übereinander liegen. Zwischen den einzelnen Ebenen, welche horizontal oder nur wenig geneigt liegen, fällt das 271 Terrasson — Terrain senkrecht od. geneigt ab, oft ans natürlichen Felsarten bestehend, od. auch durch eine Vormauer aus Stein od. eine aus Rasen bestehende Abdachung n. Bekleidung gegen ein Herabgleiten von Erde verwahrt. Durch den T-nban können die steilsten Gegenden fruchtbar geinacht und die ödesten Berge in Gärten u. Weinberge verwandelt werden; derselbe ist bes. in China üblich. 2) Plattes Dach, auf welchem man sich bequem aufhalten kann; 3) im Marmor fehlerhafte Stellen in Gestalt der Risse, welche eine schöne Politur verhindern. Kühne. Terrasson, Stadt im Arr. Sarlat des französ. Dep. Dordogne, an derVezöre, Station der Or- leansbahn; Normalschule für Lehrerinnen, Wollen- lpinnerei, Fabrikation von Leder und Eisenwaaren, Steinkohlengruben, Ruinen einer im 6. Jahrh. gegründeten Beuedictinerabtei; 1876: 2586 Einw. (Gem. 3884). Terre Haute, Hauptort des Vigo County im Nordamerika!!. Unionsstaate Indiana, am Wabash u. dem Wabash-Erie Kanal, einer der Haupt-Eisenbahnknotenpunkte des Staates; bedeutende Industrie in Eisen, Glas rc., ausgedehnter Handel (besonders mit Schweinefleisch u. Getreide); 1860 Einwohnerzahl 8594, 1870 16,103, darunter etwa 6000 Deutsche. Terre neuve, so v. w. Neufundland. Terre Noire , Flecken im Arr. St. Etienne des sranz. Dep. Loire, theilweise auf einem Hügel erbaut, welcher von einem 1866 vollendeten, 1,2 km langen Tunnel durchschnitten wird, Station der Paris-Lyon-Mittelmeerbahn; großartige Eisenwerke mit Hohösen, Hammerwerken und Fabrikation von Bessemer- u. Martiustahl (ca. 1500 Arbeiter), er- giebiqe Steiukohlengruben; 1876: 2856 Einw. (Gemeinde 6376). leere plein (sranz.), im Allgemeinen der Wall eines Festungswerkes, im Speciellen die Geschützbänke u. der niedere Wallgang desselben. Terresin , eine von Busse in Leipzig erfundene, aus Steinkohlentheer, Lehm, Kalk u. Schwefel bereitete MassezuBedachungen, Belegung vonBrucken, Fußböden, Trottoirs, zur Abhaltung der Feuchtigkeit von Mauern, Gebäuden rc. anwendbar. Die aus T. verfertigten Dächer sind tust- u. wasserdicht, feuerfest n. dauerhaft. Jungck. Terrestrisch (v. Lat.), irdisch, auf die Erde bezüglich; terrestrisches Fernrohr, terrestrisches Ocular, s. Fernrohr. Terribel (v. Lat.), furchtbar, entsetzlich. Terriren (v. Lat.), 1) schrecken, abschrecken; 2) vonkochendenZuckerauslösungen, dieselben durch plötzlich zugesetzte kleine Mengen kalten Wassers klären. Territion (v. Lat.), die Bedrohung eines wegen eines Berbrechens Angeschulüigten mit der Tortur (Folter) nach dem mittelalterlichen Strafprocesse. Sie bildete in milderen Fällen ein besonderes Mittel des Inquirenten, um ein Geständnis) zu erreichen, da es in eben diesen Fällen bei der bloßen Bedrohung zu bleiben hatte. Je nach der Grenze, bis zu welcher hierbei gegangen werden durfte, unterschied man eine Verbal- u. eine Real-T. Territorial (v. Lat.), Alles, was sich auf ein Gebiet, bes. ein Staatsgebiet bezieht. DaherT - c 0 u - dominat, ein Gebiet, über welches mehrere Staaten gemeinschaftlich u. ungetheilt die Hoheitsrechte auZüben, wie solche Gebiete zur Zeit des Deutschen - Terrorisiren. Reiches häufig verkamen. T-hoheit, die aus dem Besitz des Staatsgebietes für den Inhaber desselben hergeleitete Befngniß, auf dem ganzen Umfange desselben ausschließlich die gesetzgebende u. vollziehende Gewalt zu üben. T -P 0 liti k, die Politik, welche aus möglichste Befestigung im Besitz u. auf Erweiterung des Staatsgebietes berechnet ist. T - princip (Princip der Territorialität), der rechtliche Grundsatz, nach welchem der Erwerb eines Territoriums auch den Erwerb der Souvcränetät über dasselbe in sich schließt; dann auch der Grundsatz, nach welchem die in einem Lande Wohnenden auch unter den Gesetzen dieses Landes stehen. T-receß, ein Staatsvertrag, durch welchen die Grenzen eines Staatsgebietes zwischen mehreren Staaten näher bestimmt werden; wichtig ist bes. für Deutschland der von Österreich, Großbritannien, Rußland u. Preußen er- richteteFrankfurter T-receß vom20.Juli181S, welcher mehrere Gebietsaustauschungen zwischen Preußen, Großherzogthum Hessen rc. festsetzte. T- rechte, die Rechte, welche einer Landesregierung in Bezug auf das Staatsgebiet zustehen; T-system, das System, welches, auf dem Grundsatz Llnjns ro- Aw, sjus religio beruhend, die Kirchengcwalt der Landesherren in den evangelischen Landeskirchen aus der Landeshoheit über das Territorium, für welches die Kirche besteht, ableitet. Es wurde wissenschaftlich in Deutschland begründet durch Pufendorfs Schrift: Do bg-bitu rotiMonis aci vitam eivilom. Lagai. Territorialdiviston, früher in Frankreich der höhere Verband, dem die in einem bestimmten Landesgebiet garnisonirenden Truppen im Frieden angehörten, weil höhere Commandobehördeu erst für den Fall eines Krieges eingesetzt, u. die größeren Truppenkörper ohne Rücksicht auf die Friedensein, theilung gebildet wurden. Jetzt ist die französische Armee auch im Frieden in Armeccorps, Divisionen u. Brigaden eingetheilt u. sind die T-eu weggc- fallen. Die Territorialarmee entspricht der Deutschen Landwehr. Territorialsystem nennt man eine sich der Landeseintheilung u. der Landesverwaltung anschließende Wehrverfassung; in fast allen Staaten, welche die allgemeine Wehrpflicht eingeführt haben, ist auch das Territorialsystem, theils für das gelammte Heer, wie in Deutschland, theils nur für die Landwehr, wie z. B. in Frankreich, angenommen. S- TerritorlUM (v. Lat.), Grund u. Boden; Gebiet eines Gutes od. bes. eines Staates; im Mittel- alter die Amtsbezirke der mit Verwaltung kaiserl. Hoheitsrechte betrauten Vasallen od. Beamten. Territory (engl., d. i. Gebiet), die officielle Bezeichnung eines innerhalb der Grenzen der Vereinigten Staaten von NAmerika gelegenen Landesgebietes, welches noch nicht die zur Bildung eines eigenen Staates erforderliche Bevölkerung (60,000 Seelen) hat und zum Congreß einen Deputirten, aber ohne Stimmberechtigung, sendet. Terrorisiren (v. Lat.), mit Furcht u. Schrecken erfüllen; Terrorismus, Schreckenssystem, das politische System, welches seine Zwecke dadurch zu erreichen trachtet, daß es jede nicht mit dem herrschenden Regierungssystem übereinstimmende Meinungsäußerung durch schreckenerregende u. surchtver- brcitende Gewaltmaßregeln zu hindern sucht, wie in Frankreich zur Zeit der Revolution. Terrorist, ^ Anhänger dieser Regierung. 272 Ter Schelling — Tertiärformation. Ter Schelling, niederländ. Insel, zur Prov. Friesland gehörig, mit etwa 3000 Ew. Terskischc Küste, die in mehreren Terrassen abfallende OKllste der Halbinsel Kola, vom Swiatoj Noß bis znr Mündung der kleinen Aloniza in den Kandalakscha-Golf reichend. Tersteegcn, Gerhard, MystikerderNeformir- ten Kirche, geb. 25. Nov. 1697 in Mors; erlernte seit 1713 in Mülheim a. Nh. die Kaufmannschaft u. schloß sich hier, bes. durch Wilhelm Hofftnann angeregt, den sogen. Erweckten an; seit 1719 Baudmacher, führte er ein völlig asketisches n. einsiedlerisches Leben, beschäftigte sich mit Lcctüre u. Übersetzungen erbaulicher Schriften älterer n. neuerer Mystiker, um ganz der Arbeit für das Reich Gottes zu leben, u. hielt seit 1725 Vorträge in den separirten Zusammenkünften der Erweckten. Er batte weit ausgedehnte Verbindungen am Rhein u. Main, in Ostsriesland u. Holland, ja bis nach Dänemark und Schweden instand namentlich beiden niederen Volksklassen als Helfer in der Noth, geistlicher wie leiblicher, in hohem Ansehen. 1750 begann er seine Wirksamkeit in Conventikeln, u. obgleich er der Kirche gegenüber nicht feindlich auftrat, so blieb er doch von derselben separirt, hauptsächlich weil er das Abendmahl dadurch für entweiht hielt, daß offenbare Sünder dazu gelassen würden. Er st. 3. April 1769 in Mülheim a.d. R. u. 6. April 1838 wurde ihm daselbst ein Denkmal gesetzt. In seinen geistlichen Liedernver- bindet sich eine innige, schwungvolle, edle u. lautere Mystik mit reinen, ansprechenden Formen, die an manche Goethesche Dichtungen erinnern. Von seinen Schriften find zu erwähnen die Übersetzungen von Labadies Uanuel äs pists, Thomas' von Kempen Nachfolge Jesu, 1727 rc., dann die selbständigen Arbeiten: Unparteiischer Abriß christlicher Grundwahrheiten, 1724, Hrsg. 1801, 2. Aust. 1842; Der Weg der Wahrheit (die Vorrede zu den von ihm übersetzten Schriften), 1750; Geistliche Brosamen, 1769—73, 2 Bde.; Die wahre Theologie des Sohnes Gottes, Hrsg. 1821; Gedanken über die Werke des Philosophen von Sanssouci, 1853; Briefe (deutsche, Sol. 1773—75, 2 Bde. ,u. holländische, Hoorn 1772); Gebete, Hrsg. 1852; Geistliches Bln- mengärtlein,Franks. 1729,15.A.Essen 1855; Nachgelassene Schriften, 1842; Ges. Schriften, Stuttg. 1844,4 Bde.; Auswahl von Gebauer, ebd. 1845. Die Lebensbeschreibung T s von G. Keerlen, Mülh. 1851, 3. A. 1869, u. Stursberg, ebd. 1869. Wffl-r.' lertm (lat.), 1) die dritte; 2) die dritte Klasse einer Schule; ein Schüler derselben Tertianer, der Lehrer Tertius; 3) Schriftgattung, welche zwischen Text u. Mittel steht u. 16 typographischePunkte hat; 4) so v. w. Terz. Tertiärbahnen, eine Art Secundärbahn. Einige unterscheiden durch diese Bezeichnung die schmalspurigen von den normalspurigen Secundärbahneu, zumal wenn ein geringer Verkehr auf diesen T. stattfindet. Tertiärformation (Tertiär), ein Schichtensystem, dessen Ablagerung nach der Ablagerung der Kreideformation u. vor der des Diluviums erfolgte. Inder Tertiärperiode gelangen Palmen, Laubhölzer ». Säugethiere, u. neben ihnen Zweischaler u. Ga- steropoden zu großartiger Entfaltung. Durch die Enstehung von Hochgebirgen u. die Herausbildung von Klimazonen stellen sich mannigfaltige Localfaunen ein. Die Verhältnisse nähern sich mehr denjenigen der Jetztzeit. Die Gliederung u. Parallelisir- ung der einzelnen Bildungen ist äußerst schwierig. C. K. Mayer in Zürich stellte die folgende Gliederung ans: I. Eocän. 1) Soissonische Stufe. Sand u. plastischer Kalk von Soissons; die unteren Sande u. Süßwasserkalke von Rilly im Pariser Becken u. der plastische Thon im Pariser Becken. 2) Londonische Stufe. Thon von London; obere Thone mitBraun- kohlen von Meudon im PariserBecken; Meeressand von Cuisse Lamotte; Nummulitenschichtenderoberen Garonne. 3) Pariser Stufe. Grobkalkgruppe von Paris, die Sande u. Thone von Bagshot u. Brak- lesham unfern London; Nummulitenbildung der Kantone Schwyz, Glarus, Appenzell; Nummnlitcn- schichten von Kressenberg in den bayerischen Voralpen. 4) Bartouische Stufe. Bartonthon und Sand auf der Insel Wight; Süßwasserkalk von St. Queu n. Sand von Beauchamp, Nummulitenbildung der Ralligenstöcke u. in Italien, Wiener Sandstein z. Th., obere Nummuliten von Biarritz. II. Oligocän. 5) Ligurische Stufe. Meercssand von Lethen in Belgien, oberste (Bembridge u. Osborne) Schichten des Londoner Beckens; Sand von Egeln; Braunkohle der Mark; Bernsteinformation; Bohnerzablagerun- genvon KanderninBaden, von Frohnstettenu. a. Orten in Württemberg, von Egerlingen, La Sarraz u.a. O. in der Schweiz; Gips vom Montmartre, Flysch der Appenzeller Berge; Macigno des Apennins. 6) Tongerische Stufe. Thon mit Oxrsna vonvsxa bei Tongern in Belgien, Septarienthon in Belgien, bei Kreuznach und in NDentschland; Meeressand von Weinheim; Meeresmolasse von Basel, Pruntrut, Delsberg; Untere Blätter u. Meeresmolasse in Bay- ern; Asterienkalke von Bordeaux, untere Abtheilung des Sandsteins von Fontainebleau; Nummu- litenkalke der Diablerets u. Deut du Midi. 7)Aqui- tanische Stufe. Untere Braunkohlenbildnng von hohen Rhonen, rothe Molasse vom Rigi; Cyrenen« Schichten von Mainz u. von Südbayern; Niederrheinische u. Wcsterwalder Braunkohlenformation; Untere Faluns bei Bordeaux; Obere Abtheilnng des Sandsteines von Fontainebleau; Braunkohlen von Radoboj n. Sotzka. III. Miocän. 8) Mainzer Stufe. Cerithien- u. Landschneckenkalk von Mainz; Marine Bildung von Baselland, Frickthal, Randen; Graue Süßwasser-Molasse von Lausanne, Develier; Sande von Loibersdorf, Grund u. a. O. im Wiener Becken; Süßwasserkalk vonUlm,Zwiefalten inWürt- temberg; Kleinkems in Baden; Braunkohlen von Kaltennordheim; Gelbe Sande von Saucats und Bordeaux; Kalk von La Bcauce. 9) Helvetische Stufe. Muschelsandstein u. subalpine Schweizer Molasse von St. Gallen, Bern, Belpberg; Muschelkalkstein von Günzburg; Litorinellenkalkim Mainzer Becken; Cerithienschichten u. Leithakalk im Wiener Becken; oberste Schichten der Faluns bei Bordeaux; Sandsteinfindlinge von Schleswig-Holstein u. Mecklenburg. 10) Tortonische Stnfe. Blaue Mergel mit Ovuus eanslioulakas u. Ancillarla xlanäikormis von Tortona; obere Süßwassermolasse derSchweiz; Öningen; Braunkohlenbildungen von Schoßnitz in Schlesien u. in der Rhön; Knochensand von Eggelsheim im Mainzer Becken;Jnzersdorfer Schichten u. Belvedere-Schichten imWiener Becken. IV.-Pliocän. Tertiarier — TertullicmuS. 273 11) Piaceutische Stufe. Blaue Mergel vonCastellar- quatou. a. O.imPiacenti»ischen,imModenesischen; blauen. gelbeMergelvonCaItanisetti,MiletelloinSi- cilien; rothern.Korallen-Crag vonSufsolk. 12)Asti- sche Stufe. Gelbe u. blaue Sande vonAsti u. a. O. in Piemont, von Modena, Toscana; Crag mit Säugethierknochen von Norwich; Kalk vom Messina. Die Berbreitnng des Tertiär ist eine sehr allgemeine u. haben die Schichten meist ihre ursprüngliche Lagerung bewahrt. Beachtenswerth ist, daß Grönland, welches heute zum größten Theile von Gletschern bedeckt ist, in der Tertiärzeit noch einenuppigen tropischen Pflanzeuwuchs besaß. Es sind das großartige Veränderungen in der Physiognomie der Erdoberfläche in verhältnißmäßig junger Zeit. Ebendahin zählt die Erhebung der Hochgebirge, welche die Tertiärschichten mannigfach zusammenschob, faltete u. liberkippte, ja sogar durch Überschiebung unter die Kreide u. denJura brachte. Daher finden sich anchoft tertiäre Massen aus den Gebirgsgipfeln, so am Deut du Midi, Rigi in den Alpen, am Mar- borb u. Mt. Perdu in den Pyrenäen rc. In die Tertiärepoche sällt auch eine großartige Eruptions- thätigkeit; Trachyte u. Basalte treten massenhaft hervor. Durch Centraleuropa zieht sich von W. nach O. eine Kette vulkanischer Gebirge, deren Entstehung zum größeren Theile in die Tertiärzeit fällt: die Eisel, die Umgebung des Laacher Sees, das Siebengebirge, der Westerwald, das Vogelsgebirge, Ha- bichtswald und Meißner, die Nhön, das nördliche Böhmen, das Lausitzer Gebirge, endlich die vulkanischen Gebiete Ungarns U. Siebenbürgens. Lehman». Tertiarier (Brüder u. Schwestern vom 3. Orden, Brüder der Buße), sind die Glieder einer zunächst sür den Franciscanerorden, dann auch für mehrere andere Orden gestiftete Verbindung, welche, ohne im Kloster zu leben u. die 3 Hauptgelllbde ab- zulegen, unter Beobachtung einer bestimmten Regel, in weltlicher Verbindung bleiben dürfen. Zn dieser Regel gehört z. B. einfache graue Kleidung zu tragen, Schauspiele u. Tänze zu meiden, häufig zu fasten, an bestimmten Stunden des Tages Gebets zu verrichten u. nie den Orden zu verlassen. Seit 1287 bildete sich als Zweig der T. der 3. regnlirte Orden, dessen Mitglieder die feierlichen Gelübde ablegen und ein gemeinsames Leben führen, und der sich schnell fast über ganz Europa verbreitete; das Haupthaus ist in Rom unter dem Titel Cos- mas n. Damian. Zum Zwecke der Krankenpflege in den Hospitälern bildete sich daraus die Congrega- tionderHospitaliter vom 3. Orden. Dem Beispiele der Franciscaner folgten auch audere Orden u. gründeten T-congregatiouen, so die Dominicaner (bratrssöbsorores äs militna, Lsiristi), Angnstiner, Trinitarier, Minimen, Serviteu u. Trappisten. Die regulirtcn T-innen vom St. Franciscus wurden 1395 von Angelina di Corbaro gestiftet, verbreiteten sich bald in Italien, in Deutschland, wo sie nach derheil. Elisabeth von Thüringen Elisabetherin- nen, u. in Frankreich, wo sie Lasurs od.bMss cko In missriooräs genannt wurden. Ihr Zweck ist Kranken- n. Armenpflege. Dieselbe Thätigkeit entwickeln in den Hospitälern die Hospitalitinnen vom 3. Orden od. grauen Schwestern (Lasurs Zrisss). Löffler.' Tertie (v. Lat.), 1) der 60. Theil einer Secunde, gilt sowol von der Größe eines Kreisbogens oder Pierers tlniversal-LonverkationZ-rexikon. v. Aufl. XV Winkels, als auch von der Zeit u. wird mitbezeichnet. Meist werden die T-n durch einen den ganzen Secunden angehängten Decimalbruch aus- gedrückt; 2) (Musik), so v. w. Terz. Tertiogenitur, das dem Drittgeboreueu und dessen Linie bisweilen nach Hansgesetzen zustehende Recht aus den Besitz der Regierung einzelner Staaten od. Fideicommisse. Eine solche übte die Bour- bonisch-spanische Dynastie, als sie für den Erstgeborenen die Negierung in Spanien behielt, Sicilien als Secnndogenitur dem Zweitgcboreueu und dem Dritten Parma als T. verschaffte. Ebenso bildete bis 1859 das Herzogthum Modena eine T. des Hauses Österreich; vgl. Primo- u. Secundogenitur. IsrNum (lat.), das Dritte, 'Isrtrnm eomxaratio- urs (das Dritte der Vergleichung), Vergleichnugs- punkt, auf welchen sich die beiden verglichenen Dinge beziehen, ÄhnlichkeitspuuktzweierverglicheneuDinge. Isrtium non üatur (ein Drittes gibt es nicht), logische Formel zur Bezeichnung, daß bei contradic- torisch entgegengesetzten Begriffen od. Urtheilen ein 3. möglicher Fall nicht denkbar ist. Ein Viereck ist entweder rechtwinklicht, od. nicht rechtwinklicht; ein Drittes gibt es nicht. Tertulliänus, Quintus Septimius Floretts T., der Sohn eines römischen Hanptmanns, geb. um 160 n. Chr. in Karthago, erhielt eine umfassende literarische Bildung, stndirte des. die Rechtsgelehrsamkeit u. bekannte sich seiner philosophischen Richtung nach zur Stoischen Schule; erging später zum Christenthnm übxr, wurde Presbyter zu Karthago und wendete sich, von seinem sittlichen Rigorismus getrieben u. aus Unwillen über die Laxheit der Bußdisciplin in der Kirche, m» 202 zum Mon- tanismns u. stand an der Spitze der Montanisten in Afrika, welche nach ihm Tertullianisten genannt wurden. Er st. zwischen 220 u. 240. Sehr gelehrt, originell und witzig, aber schroff und exen- trisch, war'er der erste christliche Schriftsteller in lateinischer Sprache und bis zu Augustinus galt sein Ansehen in der Lateinischen, bes. Karthagischen Kirche sehr viel, wogegen ihn die Römische Kirche, obgleich erder gewaltigste Vorkämpfer der katholischen Orthodoxie gegen die Gnostiker war, weder kanonisirt, noch unter die eigentlichen kabros soolosmstiel ausgenommen hat. Seine Schriften zersallenin: A) Katholische, L. h. solche, worin er das orthodoxe Christenthum gegen Un- u. Irrgläubige vertheidigt, u. Liese in: a) apolegetische Schriften (^polox-stiouL sein berühmtestes Werk, durch Severus' Grausamkeit veranlaßt u. gegen 198 zur Vertheidigung der Christen gegen die Vorwürfe der Heiden geschrieben, heransg. von Havercamp, Leyd. 1718; I. Ritter, Elberf. 1827, übersetzt von I. F. Klenker, Franks. a.M. 1797); k>)dogmatische u.polemischeSchriften; o) asketisch-moralische Schriften. L) Antikatholische, worin er die montanistischen Ansichten gegen die katholischen Sitten vertheidigt. Sämmtliche Schristeu heranSg. neuerdings von Leopold (in Gersdorss Li- bliotlrsoa patrnm 1-atinornm ssloota), Lpz. 1839 bis 1841, 4 Bde.; von Öhler, Lpz. 1853, 3 Bde. Vgl. August Neander, Antignosticns, Berl. 1825; Hesselberg, T-s Leben u. Schriften, Dorp. 1848; Kaye, Leolosrastroal iristorzs ob tllo 2. anck 3. esn- bnrios illnstratsck brom birs ivritäugs ob D., Lond. 1845, 3. A. 1848; Böhriuger, T., Stnttg. 1873; ll. Band. ig 274 Teruel - Hauck, T-s Leben und Schriften, Erl. 1877; Bon- wetsch, Die Schriften T-s, nach der Zeit ihrer Abfassung untersucht, Bonn 1878. Löffler* Teruel, 1) Prov. im Könige. Spanien, umfaßt das südlichste Drittel Aragonieus, grenzt im N. an die Prov. Zaragoza, im O. an Catalonien, im SO. u.S.an Valencia n. im W. an Neucastilien; 14,229 s^Icm (258,4, ÜÜM) mit (1860) 237,276 Ew. (auf 1 festem 17, in ganz Spanien 31). Die Provinz ist größtentheils hügelig n. gebirgig, triftenreich, im W. waldig, sonst aber arm an Bäumen, erzeugt Weizen, Oel, Hanf, Flachs, Wein, Nüsse, Gartcn- früchte, Schafwolle, Seideu.hat ergiebige Blei-,Eisen- n. Schwesclgrnben, Alaunlager, Salz- n. Mineralquellen. 2)Hauptstadtdarin, malerisch am Gnadala- viar (Tnria) gelegen; alterthümlich gebaut mit vielen engen Gassen ».mit Mauernumgeben; Sitzeines Bischofs, 7 Kirchen (darunter dcrgothische Dom), Priesterseminar (chemal. Jesuitencolleginm), Jnstituto, Aquädnct (I-os Lroos) von 2 übereinanderstehenden Bogenreihen ans dem 17. Jahrh., Lederfabrikation, lebhafter Spedition-Handel; 1857:8830(1877) (nach Gnilem) 10,342 Ew. Dabei eine Mineralquelle von -s- 22° L. T. (im Alterthnme Turdeto) ist keltiberi- schen Ursprungs und verdankt seinen gegenwärtigen Umfang und seine Bauart den Mauren. H- Berns. Tcrveere, so v. w. Beere. Tervueren, Martflecken im Bez. Löwen der belg. Prov. Brabant, Schloß, früher Sommerrcsi- denz der Herzoge von Brabant, seit 1853 dem belgischen Thronerben zur Verfügung gestellt und seit 1867 Wittwensitz der Kaiserin Charlotte von Mejico; 2150EW. Das Schloß brannte 3. März 1879 nieder. Terz (Tertia, Tertie), eine Bewegung, z. B. ein Stoß und ein Hieb beim Fechten; (Musik) (Me- diante, weil Tonica und Quinte zu einer harmonischen Einheit verbindend), Intervalle im Umfange von 3 Stufen, kann groß, klein und vermindert sein. Die große T. (OUonns), im Verhältnis) 5:4, besteht ans einem großen n. kleinenGanzton, z. B. o—o, die kleine T., im Verhältniß 6:5, besteht aus einem großen ganzen u. einem großen halben Ton, z.B. o —es, und die verminderte T., im Verhältniß 256:225, besteht ans 2 großen halben Tönen, z. B. <Ü8—so. Auf der großen und kleinen T. beruht der Unterschied von cknr u. nwU; sie sind unvollkommene Consonanzen, die verminderte T. ist Dissonanz und hat keine harmonische selbständige Bedeutung. Terzcrol, Taschenpistol. Das Wort stammt vom ital. terrwolo, männlicher Falk; dieses von tortürw, der Dritte, da nach dem Volksaberglauben das dritte Junge im Vogelnest ein Männchen sein sollte. Wie andere Vogelnamen (z. B. Falkonet), so ist auch dieser später aus eine Schußwaffe übertragen worden. Terzeronen, s. u. Farbige. Terzett (llorrsbto), ein Gesangsstück für 3 Solostimmen (3 Soprane od. Tenöre, 2 Soprane u. 1 Alt rc.) mit od. ohne Begleitung. Terzine (Drillingsreime), ein italienisches Reimgedicht, welches ans 3 fünffüßigen jambischen Versen besteht. In den T-n reimen sich der erste und dritte Vers der ersten Strophe mit dem zweiten Vers der zweiten Strophe, der zweite Vers der ersten Strophe aber mit dem ersten u. dritten der folgenden Strophe. Als Erfinder der T-n wird .Dante angegeben; vgl. Sonett. . . . Booch-ArlM.* — Tessin. Terzkh, Adam Erdmann, eigentlich Graf Terczke von Lippy, kaiserlicher Oberstu. Schwager Wallensteins, zeichnete sich im Dreißigjährigen Kriege aus u. wurde deshalb zum Grasen erhoben; er leitete Wallensteins politische Verhandlungen mit den Schweden u. den Sachsen, wurde aber, da er Jan. 1634 die Wallensteinschen Obersten zum Revers von Pilsen veranlagte, vom Generalpardon ansgcschlossen und 25. Febr. 1634 in Eger beim Abendessen mit Jllo u. Kinsky ermordet. Tesche», 1) mittelbares Fürstenthnm im österr. Herzogthume Schlesien, umfaßte den größten Theil des ehemaligen Kreises T. Es bildete bis zum Jahre 1163 eine Castcllatur des polnischen Reiches, seither ein Bestandtheil des Herzoglhums Oppeln wurde es 1290 unter Herzog Mcsko l. ans dem Stamme der Piastcn ein souveränes Herzogthnm; kam am Ende des 13. Jahrh. unter böhmische Oberhoheit u. wurde 1355 durch Karl IV. mit dem übrigen Schlesien dem böhmischen Lehnsnexns und zugleich dem deutschen Reiche einverleibt. Nach dem Anssterben der Pi- asten mit der Herzogin Elisabeth Lncretia im Jahre 1653 fiel es als ein erledigtes Lehn an die Krone Böhmen. Seit 1766 besaß cs der knrsächsische Prinz Albert, unter dem Titel eines Herzogs von Sachsen- T.; von diesem erbte cs 1822 der Erzherzog Karl u. jetzt gehört es dessen Sohn, dem Erzherzog Albrecht. Der ehemalige Kreis T. ist seit 1849 in die Bezirks- hanptmannschaften T., Bielitz u. Friedeck gelheilt. Vgl. Biermann, Geschichte des Hcrzogthums T., Teschen 1863. 2) Hauptstadt darin, rechts an der Olsa u. am nördl. Fuße der Beskiden, Station der Kaschau-Oderberger Bahn, Sitz des Breslauer fürstbischöflichen Generalvicars, hat erzherzogl. Schloß mit dem alten Piastenthnrm, Staatsgymnasium, Staatsrealschule, Lehrerbildungsanstalt, gewerbliche Fortbildungsschule, adeliges Convict, lutherisches Alumneum, Museum mit Bibliothek, 2 Spitäler, Waisenhaus, Bierbrauerei, Liqueurfabrik, Flachsbereitungsanstalt, Fabrik gebogener Möbel, Brettsäge mit Bautischlerei, Oelerzeugnng aus Raps, Wagenfabrik, artistisches Institut, bedeutender Durchgangshandel; 1869: 9779 Ew. Hier Friedensschlnß 13. Mai 1779, wodurch der Baierische Erbfolgekrieg (s. d.) beendigt wurde. Vgl. Peter, T., ein historisch topographisches Bild, Teschen 1878. t. Teskere (türk.) Note, Aktenstück, kleine Schrift; Teskeret, so v. w. Anthologie, auch Sammlung von Biographien frommer Mohammedaner. Teskjeredschi, am türkischen Hofe der Notar u. erste Secretär des Großvezirs u. des hohen DivanS. lessers (lat.), Tafel zum Stimmen in Versammlungen, Marke, Karte, Würfel. Tefseralkies (Arsenikkobaltkies, Skntterudit), Mineral, krystallisirt im regulären System, findet sich auch derb; Bruch muschelig, Härte 6, spec. Gew. 6„—6,g; zinnweiß, mit einem Strich ins Graue, oft bunt angelaulen, stark metallglänzend, undurchsichtig, Strich schwarz; besteht aus Kobald u. Arsenik — 60^ kommt bei.Skutt^rlld.i>n,Nor.° wegen vor. . »: Tessin, 1) (ital, Ticino^imMerthumTicinns), linker Nebenfluß des.Py im-.SchweizerkaHtoniT., dein er den ,Namen,gibt,:u. nmO.bepiVlien,-entsteht aus zwei.Quellbächen, von denen her,kleinere'vstl. sam St. Gotthard entspringt u. durch das Val Tre- mola, der größere westl. am Nüfenenpasse entsteht ! u. durch das Val Bedretto fließt; beide vereinigen sich bei Airolo, u. der T. durchströmt nun als wilder Bergstrom das Livinenthal (Val Leventina), durchbricht die Felsschlucht des Dazio grande (fl d.) in prächtigen Wasserfällen, durchfließt von Biasca an das breitere u. reizende Thal der Riviera in langsamerem Laufe, nimmt den Brenno, die Moesa u. Marobbia auf u. ergießt sich bei Magadino in den Lago Maggiore; nach seinem Ausflusse ans demselben bei Sesto Calcnde ans italienischem Gebiete wird er schiffbar, fließt mannigfach getheilt in sehr breitem Bette u. mündet unterhalb Pavia. Ein Schiff- sahrtskanal, der Naviglio grande, führt ans seinem linken Ufer von Tornavento bis Abbiategrasso u. von hier in zwei Armen nach Mailand u. Pavia. Das Gefälle des 254 Irm langen Flusses ist von Airolo bis zum Einfluß in den Lago Maggiore 74 ,7 in u. von Sesto Calende bis zur Mündung 11,» m aus 7,4 km (eine geogr. Meile). Im Kanton T., wo die Gotthardsstraße neben u. über ihm angelegt ist, richtet er durch sein Anstretsn oft bedeutende Verheerungen an, so bes. im Jahre 1834; er ist reich an Fischen, bes. Forellen. Vgl. Ambrosi, l-n valls äi sLsamno, Borgosesia 1878. 2) (Ticino) der 18.u. südlichste Kanton der Schweiz, grenzt im NW. an Wallis, im N. an Uri u. Granbllnden, im O. an Granbünden u. Italien, im S. u. W. an Italien; 2818,4 s^jkin (51,2 UM) mit (1870) 119,619 Ew. (auf 1 flZIcm 42, in der ganzen Schweiz 64). Der Kant, bildet ein höchst malerisches Gebirgs- n. Alpenland. Im NW. desselben steht der Centralstock der Gotthardkette, von welcher sich westl. vomTessin zwischen dem Livinen-, Verzasca- u. Maggiathale zwei Hanpt- zweige, die Tessiner Alpen, bis zum Lago Maggiore ziehen, mit den Gipfeln Pizzo Forno (2909 m), Cima della Pecore (2581 m), Poncione di Vespero (2714 m), Pizzo Massari (2762 m), Campolungo (2680 m), Pizzo Campo Tencca (3049 m), Znc- chero (2257 rv), Monte Navina (2845 in) rc. Im westlichen Theile des Kantons auf der Grenze gegen Italien sind die höchsten Spitzen: Basodine (3276 m), Poncione di Braga (2867 m), Pizzo Gallina (3060 m), Monte Cramalina (2320 m), Pizzo della Ruscada (2006 m), Monte Chiridons (2185 m) rc. Der im N. liegende Lukmanier setzt sich östlich vom Tessin in einem langen Arme (mit dem 2589 IN hohen Pizzo Molare) fort. Nach O. u. SO. sendet die Adulagruppe Zweige durch den Kanton mit dem Rheinwaldhorn (3398 m), dem Poncione di Malvaglia, Pizzo di Termine (2949 in), Poncione di Claro (2720 m), Camoghe (2226 in), Pizzo Menone (2312 m), Monte Generoso (1695 m) rc. Die zwar nur 553 m hohe Querschwelle des M. Eenen östl. vom Lago Maggiore ist eine wichtige klimatische Grenzscheide für den Kanton, indem südl. von ihr die italienische Luft u. Vegetation beginnt. Die wichtigsten Alpenpässe sind: die Straße über den St. Gotthard (2114 in), in welche der Paß über den Lnkmanier (1917 in) mündet, u. die Straße über den Bernhardin (2063 m); von geringer Bedeutung sind die Uebergängc über die Nüfenen (2441 m), die Greina (2360 m) u. den Sant' Jorio (1956 m). Unter den Thälern ist das Hauptthal das des T. (im oberen Theile Val Leventina od. Livinenthal, zwischen der Brenno- u. Moesamündung Riviera! ! genannt), in welches rechts das Bedretto-, d'Ambra- u. Vcrzascathal u. links die Thäler Canaria, Piora, Cadelin, Blegno, Osogna, Misocco mit dem Val Calanca u. das Marobbiathal münden; außerdem westlich vom Tessin das Maggiathal mit dem Val Lavizzara, V. Bavona u. V.Onsernone; endlich die amnuthigen Thäler des Agno u. Jsone südl. vom Monte Ccneri. Die hauptsächlichsten Seen sind der Lago Maggiore n. Lago di Lugano; in den ersteren ergießen sich die Flüsse Tessin (mitlinks: Brenno, Modsa, Marobbia, u. rechts: Ticinetto, Piumegna, Nierna), Verzasca u. Maggia (mit Bavona, Ro- vana, Malezza mit Onsernone), in den Luganersee der Agno. Der Kanton hat 112 icm Eisenbahnen (s. St. Gotthardbahn). In klimatischer Beziehung bietet der Kanton eine mannigfaltige Abstufung von der Gletschcrregion bis znm Klima Italiens dar, denn während am St. Gotthardhospiz die mittlere Jahrestemperatur — 0,gz" R. beträgt, hat Locarno eine solche von -s- 10 ,g»" R. Die Gewitter sind oft furchtbar; der Föhn ist der vorherrschende Wind. Producte: von Wild gibt es wenige Bären u. Wölfe, häufig Füchse, Marder, Dachse, Hasen, Fischottern, Raubvögel, Fasanen, Berg-, Hasel- u. Rebhühner, Schnepfen, dann Fische (bes. Forellen, Barsche n. Aale); Rindvieh (unansehnlich), Pferde, Esel, Schafe, Ziegen, Schweine, Bienen, Seidenraupen; viel Wein (geht bis über 680 m hinauf), Getreide, namentlich Mais, Weizen, Roggen, Hirse, Buchweizen (in den südl. Gegenden mit zwei Ernten), Südfrüchte, Obst, Wallnüsse, Kastanien, Tabak, Futterkränter, Maulbeer-u. Olbäume, Holz; Glimmerschiefer,Granit, Gneis, Kalkstein, Marmor,Topfstein (Lavezstein im Val Lavizzara wird vielfach zu Geschirren verarbeitet), Gips, Tuff, Asbest, Edelsteine (Rubine, Granaten, Topase, Hyacinthe, Turmalin, Bergkcystalle rc.). Von den Einwohnern, welche fast ausschließlich italienischer Nationalität u. Römisch-katholischerRcligion sind n. einzwischen dem Romanischen u. Italienischen stehendes Patois sprechen,wandert alljährlich ein beträchtlicherTheil meist nach Oberitalien aus, um als Viehhändler, Straßen- n. Eisenbahnarbeiter, Steinhaner, Maurer, Kalk-u. Ziegelbrenner, Kupferschmiede, Glaser, Holzhauer, Schornsteinfeger, Lastträger, Kastanienbrater, Sennen, Kellner, Chocoladefabrikanten, Dienstboten rc. Erwerb zu suchen. Auch nach überseeischen Ländern, namentlich nach «Amerika findet eine nicht unwesentliche Auswanderung statt. Die Erwerbsquellen der Bewohner bilden hauptsächlich Viehzucht (in den höheren Theilen Alpenwirthschaft), Acker- ».Weinbau , welcher letztere aber nur ein mittelmäßiges Product liefert; auch die Fischerei, sowie die Seiden- u. Schneckenzucht sind ziemlich von Belang. Unter den Industriezweigen ist nur die Seidenindustrie bedeutend, außerdem sind erwähnenswerth die Strohflechterei, Leinweberei, Papierfabrikation, Gerberei, Töpferei rc. Ausgesührt wird Vieh, Käse, Seide, Holz, Kastanien, Kohlen, Strohgeflechte, Marmor, Felle, Häute rc.; eingeführt Getreide,Wein,Branntwein, Metalle, Colonial-, Manufaktur- u. Luxus- waaren. Jnkirchlicher Beziehung stand der Kanton früher unter dem Bischof von Como u. dem Erzbischof von Mailand; die jetzige Diöccsau-Angehörig» keit ist noch nicht definitiv geregelt; Chorherrenstifte ! bestehen in Balerna, Lugano, Agno, Locarno, Bellin- 18 * 276 ln Hfl. Tessin — Test. zona. Der Schulunterricht, welcher bis 1832 in einem sehr mangelhaften Zustande war, ist seitdem verbessert worden; der Primarnnterricht ist jetzt obligatorisch. 1871/72 wurden die'Primarschulen (mit 475 Lehrstellen) von 17,036 Schülern, u. die Sekundarschulen (mit 31 Lehrstellen) von 658 Schülern besucht. Gymnasien sind in Mendrisio, Lugano, Locarno, Bellinzona, Polleggio; eiu Lyceum in Lngano; mit den Gymnasien zu Lugano und Polleggio sind sogen. Industrieschulen verbunden. 'Die Staatsverfassnng datirt vom 13. Juni 1830 (am 4. Juli säst einstimmig angenommen), wurde am 24. Nov. 1855 u. dann noch wiederholt, zuletzt 4. Marz 1876, theilweise reformirt. Die souveräne Gewalt beruht in der Gesammtheit der Bürger, ausgeübtwird sie von den verfassungsmäßig gewählten Stellvertretern. Gleichheit der Geburt, Person, Familie, des Standes, Gerichtes n. Ortes, Freiheit der Presse, des Petitionsrechtes, Handels, der Künste n. Gewerbe sind gewährleistet. Kantonalbehörden: der ans 114 Deputirten (auf die Dauer von 4 Jahren gewählt) bestehende Große Rath (Kran oonsigüo) übt die souveräne Gewalt ans und versammelt sich jährlich an einem der Regierungssitze Bellinzona und Lugano, die sich mit je 12 Jahren abwechseln. Der ans fünf vom Großen Rath auf vier Jahre gewählten Kantonsbürgern gebildete Staatsrath ((lcmsiAlro cii stato, die Regierung) ist mit Vollziehung der Gesetze, Beaufsichtigung und Ernennung der Beamten, Berkehr mit dem Anslande, der Gewalt über die bewaffnete Macht und dem Vorschlägen der Gesetze beauftragt. Die Gerechtigkeitspflege steht den Friedensgerichten (in den Kreisen), den Bezirksgerichten und einem Obergerichte zu; letzteres wird durch den Großen Rath auf vier Jahre ernannt. Jede Gemeinde hat einen Gemeinderath von drei bis elf Mitgliedern, welchem die Verwaltung und Ortspolizeipflege zu- steht. Eintheilung in acht Bezirke: Lugano, Locarno, Mendrisio, Bellinzona, Valle Maggia, Leventina, Blenio und Riviera, welche wieder in 38 Kreise eingetheilt werden. In den Schweizer Nationalrath sendet der Kanton T. sechs Mitglieder und zwei in den Stäuderath. 1876 betrugen die Einnahmen 3,386,428 Frcs., dis Ausgaben 2.952,802 Frcs. Am 1. Jan. 1877 war die verzinsliche Staatsschuld 7,471,594 Frcs., die unverzinsliche 776,799 Frcs. Das unmittelbare Aktivvermögen des Kantons ist gering und wurde 1868 zu 2,804,459 Fr. berechnet. Das Kantonswappen: ein in die Länge blau u. roth gespaltener Schild. Hauptstädte s. oben. Vgl.Frans- cini, Der Kanton T. (deutsch von Hagnaner), St. Gallen u. Bern 1835; Egli, Taschenbuch schweizer. Geographie, Volkswirthschaft u. Kulturgeschichte, 2. A., Zürich 1878; Ossenbrüggen, der Gotthard u. das Tessin mit den Oberital. Seen, Basel 1877. Geschichte. T. theilte die Schicksale Italiens, zu dem es nach Lage, Klinia u. Sprache gehört, n. spe- ciell des Herzogthnms Mailand, dem es seit dem Mittelalter untergeben war, bis zum 15. Jahrh. Seitdem war cs der Schauplatz der Kämpfe der Schweizer mit Mailand, so namentlich 30. Juni 1422 bei Arbedo, wo die Eidgenossen eine Niederlage erlitten (s. Schweiz). Nach u. nach jedoch wurde T. von den Schweizern erobert, denen es seit 1512 vollständig gehörte, n. zwar das Thal Leventina (Livenen) dem Kanton Uri, die übrigen Theile mehreren Kantonen gemeinsam, von denen sie durch Landvögte hart behandelt wurden. Entscheidend aus das weitere politische Leben T-s wirkte die Französische Revolution, indem 1797 und 1798 bei der Verwandlung Oberitaliens u. der Schweiz in eine Cisalpinische u. Helvetische Republik sich die Mehrzahl des Volkes für die Schweiz entschied u. in Folge davon aus T. zuerst zwei Kantone, Bellinzona u. Lugano, 1803 aber ein einziger, T., gebildet wurde. Dieser gab sich 1830 eine demokratische Verfassung; da jedoch die Negierung eine conservative blieb, fand 1839 ein Aufstand gegen dieselbe statt, welcher den Kanton in die Hände der Liberalen brachte. Dieselben bewahrten ihn zwar davor, dem Sonderbund anheimzufallen, pflanzten aber viele Erbitterung durch ihr zwar energisches u. aufgeklärtes, aber auch rücksichtsloses u. oft gewaltthätiges Verfahren. Es geschah dies gegen außen namentlich durch Begünstigung ital. Flüchtlinge u. durch Ausweisung lom- bard. Kapuziner (s. Schweiz, Gesch.), im Innern aber durch Maßregelung der Klöster u. Entfernung der Mönche vom Schulunterrichte. Es kam deshalb öfter zn Unruhen von Seiten der Ultras beider Parteien, so namentlich 1841,1854,1855 u. 1859. Es kamen vielfach Wahlfälschungen u. blutige Auftritte vor, und 1870 war der Kanton auf dem Punkte, sich in einen nördlichen Theil mit dem couservativern Bellinzona n. einen südlichen mit dem radikalen Lugano zu trennen. In der nämlichen Zeit nahm die von der Regierung betriebene Ablösung des Kantons von den Bisthümern Como und Mailand die öffentliche Aufmerksamkeit stark in Anspruch, welchen laug hingezogenen Handel ein in diesem Sinne gefaßter Regierungsbeschluß (1858), den die schweiz. Bundesversammlung (1859) genehmigte, radikal löste. In der Folge aber gab sich die Negierung solche Blößen, daß es 1875 der ultramontaneu Opposition gelang, sie zn stürzen u. sich an ihre Stelle zu setzen. Im Jahre 1876 wurde endlich der frühere Wechsel des Kantonshanptortcs zwischen den Städten Bellinzona, Locarno u. Lugano aufgehoben und Bellinzona, von 1881 an zum einzigen Hauptorte erhoben, was im südlichen Kautonslheile böses Blut machte; und wenn auch italienische Agitationen zur Trennung des Kantons von der Schweiz bisher keinen Anklang fanden, so stehen doch dem heißblütigen Ländchen noch manche Erschütterungen bevor. (Geogr.t H. Berns. cGesch.) He,me-Am Rhyn. Tesfitt, Stadt im Wendischen Kreise des Groß- herzogthumsMecklenbnrg-Schwerin, anderRecknitz; Ackerbau, lebhafterGetreidehandel; 1875:2736Ew. T., das 1322 zuerst als Stadt erwähnt wird, gehörte damals zur Herrschaft Rostock u. kam 1323 an Mecklenburg. Test, eiserne mit Mergel, Aescher od. Knochenasche rc. ausgeschlagene Schale, aus welcher das Silber feingebranut wird; die letzten Verunreinigungen oxydiren sich hierbei u. gehen in die Testmasse. T. -Asche, die mit diesen fremden Metallen u. etwas Silber vermengte Masse der T. nach dem Feinbrenneu, wird wieder verwandt, u. wenn sie reicher ist, auf Silber, Wismuth rc. verarbeitet. Jungck. Test (engl., d. i. Prüfung, Probe), in England eine Borkehrung, durch welche Anhänger anderer Religionsbekenntnisse als der Anglikanischen Kirche Testament. 277 von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen werden sollen. DaherTestacte, die speciell gegen die Katholiken gerichtete Acte, welche das englische Parlament im März 1673 dem König Karl II. abnöthigte u. nach welcher Niemand ein öffentliches Amt im Königreich verwalten sollte, welcher nicht der Kirchenhoheit des Königs huldigte u. das Abendmahl in einer bischöf- lichenKirche genösse. Der damals zugleich festgestellte Testeid wurde im Febr. 1828 vom Parlament auszuheben beschlossen, 13. April 1829 auch wirklich aufgehoben u. nur eine gegen die weltliche Macht des Papstes in England gerichtete Erklärung beibehalten. Testament, 1) (Altes u. Neues T.), s. u. Bibel; 8) (lat. Isstamentum, altdeutsch Gemacht), im Allgemeinen jede einseitige letztwillige Disposition; bes. 3) eine letztwilligc Disposition, durch welche der Erblasser für seine» Todesfall einen od. mehrere directe Erben seiner Hinterlassenschaft ernennt. Die Erbeseinsetzung (Ilsrsciis Institutio) bildet daher das charakteristische Merkmal, sowie zugleich den Hauptbe- standtheil eines gütigen T-es. Die ganze Lehre von den T-en beruht auch in ihrer heutigen Ausbildung noch wesentlich auf Römisch-rechtlicher Grundlage. Die Sitte, T-e zu errichten, reichte beiden Römern bis in das früheste Alterthum hinauf, und zwar waren von jeher jür deren Errichtung besondere Solennitäten gefordert, um eine etwaige Verfälschung zu verhüten. In der ältesten Zeit geschah die Errichtung vor dem versammelten Volke, u. zwar: s) das 1. ealatis coinitiis conäitum, vor versammelten Comitieu. b) Das I. in xrocinctu 8. in xroeinct» elasss, in Gegenwart des gerüsteten Heeres. An Stelle dieser beiden Formen bildete sich später als dritte Art der T-e: c) das 1. per »ss ob libram aus. Das Vermögen wurde dabei ursprünglich wirklich von dem Erblasser in Gegenwart eines lübrixons, welcher die Wage als Zeichen des Verkaufes hielt, n. 5 römischer Bürger als Zeugen au einen Freund, den lamiliae ointor, zur Vertheilung nach dem Tode verkauft, also im Ganzen 7 Personen außer dem Erblasser, ans welchen später 7 Zeugen wurden. Eine weitere Veränderung trat mit dem Prätorischeu Recht ein. Dasselbe verlangte für die prätorische Einweisung in den Besitz nicht die volle T-sform, sondern nur die Vorzeigung einer äußerlich formgerechlen, mit dem Namen von 7 Zeugen versehenen T-sscriptur. Noch weiter ging man in ver Kaiserzeit (s. unten, Privilegirte u.Oeffentliche T-e). In dieser Weise ging das Recht der T-e mit der Receplion des Römischen Rechtes überhaupt auch in das Recht der neueren Staaten u. insbesondere nach Deutschland über. Zwar kannte das ältere Deutsche Recht eigentliche T-e als nur in dem freien Willen gelegene u. demgemäß von der eigenen Familie etwa absehende Übertragungen des gesammten Vermögens aus den Todesfall an eine möglicher Weise dem Testator ganz fremde Person nicht, im Gegentheil widerstritt die Idee von einer solchen freien Verfügungsgewalt des Menschen über sein Vermögen noch über das Leben hinaus den Ansichten über die Innigkeit der Familienverbindung u. die Rechte der nächsten Verwandten am Stammgute. Indessen fand doch das Römische Recht bei dem altdeutschen Institut der sogen. Vergabungen von Todeswegen und der Verfügung zum Besten der Kirche (Seelgeräthe) auch schon in den älteren Rechtsgewohnheiten mehrfache Anhaltspunkte, welche die Einführung des Rechtes der T-e begünstigten. Namentlich war es die Geistlichkeit, welche für die Verbreitung der T-e in den neueren germanischen Staaten sehr thätig war. Das heutige Recht der T-e beruht wesentlich auf folgenden Grundsätzen: I. Die gütige Errichtung eines T«es setzt zunächst voraus, daß der Testator die lestamsnti kactio activa, d.i.die Fähigkeit, ein T.zn errichten, besitze. Unfähig, ein T. zu errichten, sind aber vorzugsweise folgende: a) alle diejenigen, welche sich zur Zeit des Testirens nicht im Zustande freien Selbstbewußtseins u. des Gebrauches der Vernunft befinden. b) Taubstumm Geborene. Indessen bei dem heutzutage sehr fortgeschrittenen Unterricht solcher Personen ist unter dieser Voraussetzung auch den Taubstummgeboreuen die Isstamonti Lotio zuzugestehen, o) Gerichtlich erklärte Verschwender. ä) Unmündige (Impuborss), d. h. Mannspersonen, welche noch nicht 14, u. Frauenspersonen, welche noch nicht 12 Jahre alt sind, vergl. desfalls Art. Mündigkeit. II. Wie auf Seiten des Testirers, so wird aber auch aus Seiten des eingesetzte» Erben die besondere Fähigkeit, in einem T-e bedacht zu werden, die Isstaiuvnti Lotio passiv», erfordert. Zu diesen erbunfähigen Personen gehörten nach Römischem Rechte namentlich: Hochverräther u. deren Söhne (während die Töchter aus der mütterlichen Erbschaft denPflichttheil haben sollten). Wichtiger ist derAus« schluß derjuristischenPersonen, in deren Rechtsfähigkeit an sich noch nicht auch die Successionsfähigkeit liegt, wenn sie ihnen nicht entweder durch eine von ihnen zu erweisende specielle Concession oder durch einen allgemeinen Rechtssatz gegeben sein sollte. Das Letztere ist der Fall bei den Kirchen, den kirchlichen Instituten, überhaupt müden Stiftungen, ebenso bei dem Staat u. den Gemeinden. Milde Stiftungen können sogar auch erst durch Erbeinsetzung geschaffen werden. Die Erbfähigkeit des institnirten Erben muß, wie die lostamsnti Lotio »otiv», schon zur Zeit der T-srichtung vorhanden sein. Hierdurch unterscheidet sich dieselbe von der Fähigkeit aus dem T. zu erwerben (6»p»oit»s), hinsichtlich welcher es genügt, wenn sie nur im Augenblicke der Delation der Erbschaft vorliegt. III. Als drittes Erfordernis; besteht für jedes T. eine äußere Form. In Rücksicht derselben beruht die wichtigste Verschiedenheit in dem Unterschied der Privat- u. öffentlichen T-e. ^.) Privat-T-e (1s- stamsnt» privat») heißen diejenigen T-e, bei denen die äußere Form der Errichtung in einem von dem Testirer ausgehenden Privatact besteht. Unter den Privat-T-en selbst aber hat man wieder regelmäßige u. unregelmäßige (privilegirte) zu unterscheiden. ») Die Erfordernisse eines regelmäßigen Privat-T-es sind theüs allgemeine, theils besondere, bloß dem schriftlichen od. mündlichen Privat-T-e eigene. Die allgemeinen Erfordernisse bestehen für beide Arten in der gesetzmäßigen Gegenwart von 7 dazu aufgeforderten testamenisfähigen Zeugen u. in der Einheit der Handlung (Ilnitasaotus). Die Zeugen müssen nach erfolgter Aufforderung (Lokativ tsstinm) sich in solcher Nähe des Testirers befinden, ^daß sie denselben nicht nur sprechen hören, sondern 278 Testament. auch sehen können. Außerdem sind zu solchem Zeug- niß auch für unfähig erklärt: Frauenspersonen, Unmündige, solche, welche unter der väterlichen Gewalt des Erblassers stehen, der eingesetzte Erbe u. alle diejenigen, welche mit ihm durch dieselbe väterliche Gewalt verbunden sind. Die Einheit der Handlung besteht darin, daß die Errichtung des letzten Willens als ein Rechtsact, ohne Unterbrechung durch andere Rechtsacte, vorgenommenwerdenmußslsnitasaotua im engern Sinne), daß sämmtliche rogirte Zeugen an demselben Orte zum Zwecke des Testirens versammelt sind u. während des ganzen Testiractes versammelt bleiben müssen (Ilnitae koei), endlich daß auch die Solennisirnug des ausgesprochenen Willens des Testators ohne dazwischen fallende Pausen, in einer ununterbrochenen Zeitfolge und noch an demselben Tage, wo sie begonnen wurde, beendigt werde (Ilnitas tomxoris et ckisi). Als besondere Förmlichkeiten treten aber hierzu noch: aa)beidem schriftlichen Privat-T-e (Tsstainsntum serlxbnm) ein schriftlicher Aufsatz, dessen Inhalt der Testator vor den Zeugen als seinen letzten Willen erklärt, unterschreibt u. sodann von den Zeugen, welche jedoch den Inhalt des T-es nicht zu erfahren brauchen, unterschreiben u. signiren läßt. Nicht nöthig ist, daß der Testator diesen Aussatz selbst geschrieben habe (N. kwIoLrapinun); er kann ihn auch durch einen Andern schreiben lassen, insbesondere einem Schreiber (Te- stamsntaiins) in die Feder dictiren. Dagegen ist die eigenhändige Unterschrift des Testirers mit der Erklärung, daß die vorliegende Schrift sein T. sei, allerdings nothwendig. Nur wenn der Testator überhaupt nicht schreiben kann (Nsstainsntuin ana-kplia- beti) od. durch Krankheit, Schwäche od. Lähmung der Hand verhindert ist, das T. zu unterschreiben, kann dies Erforderniß dadurch ersetzt werden, daß außer den 7 Zeugen noch ein achter Zeuge (Oetavn8 eubserixtor) zugezogen wird, welcher anstatt des Testirers unterschreibt; außerdem fällt dies Erfor- Lerniß noch hinweg, wenn der Testator das ganze T. eigenhändig geschrieben u. dies ausdrücklich bemerkt hat. Nach heutigem Gebrauch genügt die einmalige Namensnnterschrift der Zeugen in der Urkunde oder aus der Außenseite derselben, unter Beidrückung des Siegels, welches sowol das eigene, als ein fremdes sein kann, bb) Bei dem mündlichen Privat- T-e (lostawentuin nnneupativum) besteht die besondere Form darin, daß der Testator seinen letzten Willen vor den dazu erbetenen 7 Zeugen vollständig u. deutlich, d. h. so zu erklären hat, daß den Zeugen Nicht nur der ganze Inhalt des T-es, namentlich der Name des eingesetzten Erben, sondern auch in einer den Zeugen verständlichen Sprache bekannt wird. Hierdurch wird jedoch nicht ausgeschlossen, daß der mündlich erklärte letzte Wille auch in eine schriftliche Urkunde gebracht werden kannssogen. N. nnneipati- vnin in seripturam reckaetum); die Schrift dient aber alsdann nur zur Sicherung u. Erleichterung des künftigen Beweises, ohne Laß dadurch die Natur des T-es als eines mündlichen geändert wird. Nach dem franz. Recht darf Jedermann, der überhaupt rechtlich verfügen kann, testiren; ferner: 7t) Holographisches Testament; dasselbe muß eigenhändig vom Testirer geschrieben, datirt u. unterzeichnet sein; Zeugen braucht es überhaupt nicht; 2) öffentliche Urkunde; vom Testirer dem Notar dictirt, von beiden u. 4 Zeugen, die gegenwärtig gewesen beim Die- tiren und Vorlesen, unterzeichnet; 3) mystisches T.; vom Testirer oder einem Dritten geschrieben, »erste- gelt einem Notar in Gegenwart von 6 resp. 7 Zeugen als sein T. übergeben, worüber Notariatsact. (Das französische Recht hat Giltigkeit namentlich in Frankreich, Belgien, Italien, dem deutschen linken Rheinuser, Großherzogthum Baden rc.). b) Die unregelmäßigen Privat- (privilegirten) Testa- mente sind: na) Las T. eines Soldaten (Nssta- rnsnbum Militärs). Ein solches T. war nach Römischem Rechte den beschränkenden Bestimmungen, welche das öffentliche Interesse sonst bezüglich der T-e eingeführt hat, überall nicht unterworfen; es erforderte nur Gewißheit des Willens. Nach dem Deutschen Reichsmilitärgesetz v. 2. Mai 1874 können privilegirte militärische letztwillige Verfügungen von den Militärpersonen in Kriegszeiten oder während des Belagerungszustandes errichtet werden. Ist das T. von dem Soldaten selbst ganz geschrieben, so bedarf es einer weiteren Förmlichkeit gar nicht. Hat er es nur unterzeichnet, so genügt es, wenn 2 Zeugen od. ein Auditeur, od. ein Osficier (od. Militär- Arzt od. Geistlicher rc.) mir unterzeichnet. Ähnlich erleichtert ist auch die Form eines mündlichen T-es (Z 44, iit. o). Die Giltigkeit des T-es hinsichtlich seiner Dauer ist eine nur beschränkte (Z 44, Ziff. 5). bb) Das T. zur Pestzeit (D. pssinn tempore eon- clitnm). Wenn der Testator an einer schweren und ansteckenden Seuche darniederliegt, so ist den (in der Anzahl beschränkten) Zeugen gestattet, nach abgegebener Erklärung des Testators in Betreff seiner T-s« urkunde sich mit dieser zurückzuziehen u. die erforderliche Solennisirung getrennt vom Testator vorzunehmen. oe)DasT. eines Blinden bedarf außer den gewöhnlichen Förmlichkeiten noch der Zuziehung eines Notars od. 8 Zeugen, ää) Das T. ansdem Lande (D. rnri eonclitnm). Wenn Landbewohner in nicht reichlich bewohnten Ortschaften od. in vereinzelt gelegenen Wohnsitzen testiren, wo nicht leicht die erforderliche Anzahl schreibknndiger Zeugen zu erlangen ist, so sollen iin Nothfall 5 Zeugen genügen, es) Das T. von Eltern unter ihren Kindern (T. xarsntum intsr libsros), ein T., in welchen: nur für die Kinder od. Kindeskinder des Testators Verfügungen getroffen werden. Zur gütigen Errichtung eines solchen bedarf es nur eines schriftlichen Aussatzes, worin der Testator eigenhändig die eingesetzten Descendenten u. die Erbtheile derselben und zwar mit Worten, nicht bloß mit Ziffern, zu bezeichnen u. das Datum beizufügen hat. Bei mündlicher Errichtung erfordert ein solches T- die Zuziehung vor 2 Zeugen. Verschieden von diesem T. ist noch die Oivisio parsntum Inter iibsros, d. i. eine elterliche Verfügung über Theilnng der Erbschaft unter den Kindern als gesetzlichen Erben; eine derartige Verfügung, welche sonach gar nicht eine testamentarische Erbfolge erzeugt, sondern die gesetzliche Jn- testaterbsolge bestehen läßt u. nur inBetreff der Ausführung derselben Modificationen herbeizuführen bestimmt ist, kann durch einen einfachen, von dem Erblasser od. von allen betheiligten Kindern unterschriebenen Aussatz geschehen, kk) Das T. zu frommen Zwecken (N. ack pias eaneae). Nach einer Bestimmung des Kanonischen Rechtes sind letztwillige Verfügungen zu Gunsten der Kirchen und anderer Testament. 279 frommen Stiftungen schon dann gütig, wenn sie nur vor 2 Zeugen errichtet sind, daher also auch T-e, in welchen dieErbeseinsetzungzudiesemZweck erfolgtist. L) Als öffentliche T-e, bei denen die Solenni- tät der T°ssorm in einer behördlichen Mitwirkung besteht, kommen gemeinrechtlich vor: n) das gerichtliche T. (Rostamoutum juüioialo), welches selbst wieder in die 2 Unterarten des R. axuci not» cou- ckibum u. R. juckiei obiabum zerfällt. Die Form des ersteren besteht darin, daß der Testator seinen letzten Willen mündlich zu gerichtlichem Protokoll erklärt; die Errichtung des letzteren geschieht dadurch, daß der Testirer das schriftlich bereits aufgesetzte T. mit der Erklärung desselben als solchen dem Gericht übergibt, welches dasselbe dann in seine Verwahrung nimmt. Wo heutzutage das Notariatsinstitut eingeführt ist, sind die Grundsätze des gerichtlichen T-es auch auf die notariellen T-e anzuwenden, b) Das dem Regenten überreichte T. (R. xriuoipi odlabum, nach einer Constitution des Kaisers Ho- norins vom Jahre 413) ist heutzutage veraltet, o) Das kanonische T. (Isstamsubum eorum xu- roelw ob cluobus tsstibus) ist in Deutschland nie gemeinrechtlich geworden. IV. Der wesentlich nothwendige Inhalt jedes T-es besieht in der Ernennung eines Erben. Es muß wenigstens eine gütige Erbeseinsetzung erfolgt sein, außerdem kann aber das T. noch verschiedenartige andere Verfügungen (Fideicominisse, Anordnungen über das Begräbnis), Ernennung von Tu- toren rc.) enthalten. Die Bezeichnung des Erben braucht nicht nothwendig in der T-surkünde selbst zu geschehen; der Testator kann auf eine andere Urkunde verweisen, worin der Erbe angegeben sein werde (sogen. lustitubio inz-stiou, 'losbainonbum np/sti- oum), n. es genügt, wenn nur daun in der Thal sich diese andere Urkunde mit einer ausreichenden Bezeichnung des Erben vorfindct. Sind aber Mehrere neben einander zu Miterben eingesetzt, so sind als die zwei Hauptregeln des Gemeinen Rechts die zu betrachten, daß Niemand über seinen Nachlaß dergestalt testiren kann, daß zu einem Theil Jntestaterbfolge eintritt (kstowo pro xarto tsstaius, pro parke Intestatus äoosäsrs potosk), und daß jeder Erbe, auch von mehreren, an sich als zur ganzen Erbschaft berufen gilt, daher die Theilung nur eine Nothwendige Folge des Zusammentreffens Mehrerer ist. S. übrigens unter Accrescenz. V. Es gibt gewisse Personen, deren der Erblasser bei der T-serrichtung entweder durch gehörige Einsetzung derselben als Erbe od. durch förmliche Enterbung gedenken, od.denen erwenigstens einenTheil seines Nachlasses (den Pflichttheil) hinterlassen muß (Notherben und Pflichttheilsberechtigte). Schon nach dem ältesten Römischen Civilrecht haben alle 8ni Ubori des Erblassers, d. h. die seiner väterlichen Gewalt unterworfenen Personen, welche durch seinen Tod selbständig (sui juris) werden, den Anspruch darauf, daß sie in dem T. ihres Hausvaters entweder als Oersckss eingesetzt od. durch förmliche Ex- heredation (mit der Formel: Lxüsros osto) von der Erbschaft ausgeschlossen werden müssen. Die Folge davon, daß dergleichen 8ui libori weder gehörig in- stituirt, noch exheredirt worden sind (Prätention), ist, daß das T. nichtig ist u. daß die 8ui libsri daher krast gesetzlicher Erbfolge als 8ui üsrsäos succediren. L) Nach Prätorischem Recht gab es wegen Prätention keine Nichtigkeit des T-es mehr. Wol aber wurde ebenfalls den 8ui u. den ans diesem Verhältniß Herausgetretenen für den Fall der Prätention die öo- uoruiu possessio ocmkra kabuius gegeben, durch welche die in dem T. erfolgte Erbeseinsetzung verdrängt wird u. an ihre Stelle die zu dieser Louorum possessio Berechtigten nach der Ordnung der Jn- testaterbfolge gesetzt werden. Jedoch bliebe» nun nach Prätorischem Rechte daneben die Pnpillarsub- stitutionen, ebenso die Dispositionen zu Gunsten von Descendentcn und Ascendenten, wenn sie zusammen nicht mehr als das, was ein Notherbe bekommt, umfassen, endlich die Vermächtnisse zurRestitution eines an den Testator gekommenen Heirathsgutes gütig. 0) Unabhängig hiervon entwickelte sich als eine neue Verpflichtung des Testirers, daß derselbe gewissen nahen Verwandten, so weit ihnen nach dem Civil- oder Prätorischen Rechte Jntestaterbausprüche zustehen, falls sie nicht durch ihr schlechtes Betragen eine Zurücksetzung verdient haben, wenigstens den vierten Theil dessen, was ihnen von dem Nachlasse als Jntestatportion gebühren würde (Uortio legitim»), letztwillig hinterlassen müsse. Als Personen, welche in solcher Weise zu bedenken seien, werden in den Gesetzen betrachtet: die intestaterbberechtigteu Descendenlen, Ascendenten u. Geschwister, Liese jedoch nur dann, wenn ihnen eine anrüchige Person vom Testator vorgezogen wurde. Die Hinterlassung des Pflichttheils braucht übrigens nicht nothwendig durch Erbeinsetzung zu geschehen; sie kann auch durch Vermächtnis), Schenkung, selbst durch Zuwendung unter Lebenden, wenn bei der letzteren diese Bestimmung ausdrücklich hinzugefllgt wurde, gütig erfolgen. Die Nichtbeachtung des Pflichttheilsrechtes gibt den Berechtigten nach der Ordnung der Jntestaterbfolge das Recht, das T. mit der Husrsla, iuoksieiosi tssta- meuti anzufechten, deren Wirkung die ganze, oder, wenn der Berechtigte nicht gegen alle Erben klagt oder nicht gegen alle durchgedrungeu ist, theilweise Nescission des T-es und die ganze oder theilweise Eröffnung der Jntestaterbfolge ist. Doch wird diese Querel nicht zugelassen, wenn dem ausgeschlossenen Pflichttheilsberechtigten ein anderer Weg zur Erbschaft offen steht. Der Pflichttheilsberechtigte hat serner noch ein zweites, analoges Rechtsmittel in der Hnsrsla, iuoküeiosas ckouatiouis u. ckobis gegen den Beschenkten oder Dotirten, wenn der Erblasser durch eine Schenkung od. gegebene Oos den Pflichttheil verkürzte. O) An diesem Rechte änderte Kaiser Justinian zunächst so viel, daß er den Betrag des Pflichttheils von eiuemViertheilderJntestaterbpor- tion auf ein Dritttheil oder die Hälfte der Jntestatportion des Notherben erhöhte, je nachdem die gesammte Verlassenschast in 4 od. weniger, oder in 5 od. mehr Theile gehen würde. Außerdem ordnete er in Betreff des Pflichttheiles noch an, daß, wenn der Testator dem Pflichttheilsberechtigten zwar Etwas, aber nicht den vollen Betrag der l?ortio IsAi- iima hintcrlassen habe, der Pflichttheilsberechtigte nicht mehr mittels der Husrols, iuoklieiosi tosba- msuti Nescission des T-es, sondern nur Ergänzung bis zum Betrage des vollen Pflichttheiles durch die sog. ^ekio ack suppismontum löAitimas verlangen dürfe. O) Nach den Anordnungen Justinians in der Nov. 115 dürsen Ascendenten ihre notherbberechtigten 280 Testamentsvollstrecker. Desccudenten n. Desceudenten ihre notherbberechtigten Asceiidenten weder präteriren, noch ohne specielle Angabe eines bestimmten in dem Gesetze selbst angegebenen n. von dem eingesetzten Erben zn beweisenden Entsrbungsgrundes cxherediren, widrigenfalls die Erbeseinsetznng desT-es ungültig, die übrigen Dispositionen aber aufrecht erhalten werden. Ileder das Verhältnis; der Novelle 115 zn den früheren Bestimmungen bestehen verschiedene Ansichten. Nach der einen werden die früheren als anfrechtcr- halten (Additionalsystcin), nach der anderen als aufgehoben (Derogationssystem) erachtet. I?) Ein außerordentliches Pflichttheilsrecht steht schon nach Römischem Recht noch der armen Wittwe an dem Vermögen ihres wohlhabenden Mannes zu. Wenn 3 oder mehr Kinder denselben beerben, so hat die Wittwe Anspruch auf eine Virilportion, sonst stuf den vierten Theil der Erbschaft, welcher ihr auch durch ein von dem Manne errichtetes T. nicht geschmälert werden darf. Rühren die Kinder von ihr her, so erhält sie nur den Nießbrauch der Portion. In den neueren Particulargesetzen ist meist jedem der beiden Ehegatten ein Pflichttheilsrecht wider den Nachlaß des verstorbenen Ehegatten eingcräumt. VI. Eine besondere Art der T-e bilden noch die gemeinschaftlichen T°e (Postaments, simultanen,), d. h. solche T-e, in denen 2 od. mehrere Personen zugleich über ihren Nachlaß verfügen. Die Gewohnheit solcher gemeinschaftlichen T°e findet sich schon seit dem 7. Jahrh., bes. bei Ehegatten, Geschwistern u. anderen nahe verbundenen Personen u. entstand offenbar ans der Berührung der deutsch- rechtlichen Gewohnheit der Erbverträge mit demJn- stitut der römischrechtlichen T-e, wobei indessen die Grundsätze der letzteren als die maßgebenden festgc, halten wurden. Ein solches gemeinschaftliches T. umfaßt eigentlich 2 T-e über 2 Erbschaften, nur der Form nach ist es bloß eines. Dasselbe wird zn einem wechselseitigen (P. rooiprooum, P. wutuum), wenn jeder Testator den Andern zu seinem Erben einsetzt, im Falle er früher als derAndere versterben würde; ein correspectives (P. oarrssxootivnm) heißt es alsdann, wenn die Giltigkeit der einen Disposition von der Giltigkeit der anderen abhängig ist. Da das wechselseitige T. aus 2 T-en in einem Acte besteht, so kann jeder Testator seinen letzten Willen, sowol Erbeseinsetzung als Vermächtnis;, beliebig widerrufen, wie ihm dies sonst bei jedem Testamente freisteht. Indessen ist bei wechselseitigen T-en immer zn vermuthen, daß dasselbe auch ein correspectives sein soll, d. h. daß jeder der vereinigten Willen nur insofern gelten soll, als der andere nicht widerrufen würde. Mit dem Mderrnf des einen Thciles, welcher auch beim correspectiven T. nicht gehindert ist, tritt daher von selbst die Verfügung des anderen Theiles außer Kraft. Dies gilt selbst dann, wenn der eine Theil bereits die ihm hinter- lassene Erbschaft angetreten hätte; denn durch diesen Antritt wird er nur zur Erfüllung der Disposition feines Erblassers, nicht aber dazu verpflichtet, daß er seine eigene stehen lasse. Durch den Widerruf wird er daher alsdann nur genöthigt, das ihmHin- terlassene an die Jntestaterben seines Erblassers wieder herauszugcben. VII. Eine Ungültigkeit deST-eshat stets die Ungiltigkeit der Erbeinsetzung als solche zur Folge n. regelmäßig auch die des übrigen Inhaltes. Eine Anfrechterhaltung des letzteren, wie der ersteren in anderer Form ist jedoch dadurch möglich, daß dem T. vom Tcstirer selbst eventuell noch ein anderer Charakter, namentlich der des Codicills, beigelegt > worden ist und die zn diesem nöthigcn Erfordernisse f vorhanden sind. Dies geschieht durch die sog. Co- dicillarclausel (Olsusuls ooäioillaris), d. h. die Erklärung des Testators, daß sein letzter Wille, wenn er nicht als T. im engeren Sinne (als förmliches, zierliches T.) Kraft u. Giltigkeit haben u. behalten sollte, als Codicill (häufig wird auch beigesetzt: oder als Schenkung auf den Todesfall, oder wie es sonst geschehen könnte) gelten solle. Die Ungiltigkeit der T-e ist aber eine doppelte, entweder eine solche, welche bereits von Anfang an vorhanden, oder eine solche, welche erst aus später erwachsenen Gründen herbeigeführt worden ist, und in beiden Fällen tritt sic bald ohne Weiteres (ipso furo) ein, bald aber auch nur so, daß erst eine Rescission des T-es stattfinden muß. Von Anfang an u. zwar a) absolut nichtig ist ein T., wenn dem Tcstirer die Testirfähigkeit oder dem eingesetzten Erben die Er- werbfähigkeit fehlte, wenn die Formen der Errichtung nicht gehörig beobachtet worden sind oder das T. rücksichtlich seines wesentlichen Inhalts nicht den gesetzlichen Erfordernissen entspricht (P. non furo ksetum, P. uuilum); d) rescissibel ist es, wenn die Errichtung desselben durch Zwang veranlaßt wurde oder wenn darin pflichttheilsberechtigte Geschwister nicht gehörig berücksichtigt worden sind (s. oben V. 0). L) Ans nachfolgenden Gründen wird ein an sich giltig errichtetes T. a) nichtig, wenn der Testator später, z. B. durch Eintritt einer 6a.pi.tis ckomiuutio die Postaments kaotio aotiva verliert (P.irritnm); wenn dieErbeseinsetznng durch Eintritt einer Successionsnnfähigkeit des Erben od. dadurch, daß der Erbe aus einem sonstigen Grunde nicht erwerben kann od. will, aufgehoben wird (P. cksstltutum); wegen späterer Entstehung eines in dem T-e nicht berücksichtigten kostumus (P. rup- tmn); endlich u. hauptsächlich durch einen legal ausgesprochenen Widerruf. VIH. Eine solenne Eröffnung n. Vorlesung (Rooitstio) schreibt das Römische Recht nur für die schriftlichen, von den Zeugen vorschriftsmäßig versiegelten Privat-T-e vor. Heutzutage findet eine gerichtliche Eröffnung nur dann statt, wenn entweder der Testator dieselbe ausdrücklich angeordnet od. das T. bei Gericht (od. einem Notare) hinterlegt hat od. dieBetheiligtcn darauf antragen. Eine weitere Mitwirkung des Gerichtes bei Ausführung des letzten Willens durch Vertheilung des Nachlasses, Ansant- wortung der Erbtheile u. Vermächtnisse an die verschiedenen Erbinteressenten ist gemeinrechtlich ebenfalls nicht vorgeschrieben, wol aber tritt dieselbe zuweilen nach Particularrechtcn ein. Bezold.« Tcstamentsvollstrecker(Tcstamentsexecntoren, oxooutaros tsstamonti), gewisse Privatpersonen, welche vom Testator mit der Vollziehung der testamentarischen Bestimmungen beauftragt werden. Man unterscheidet generelle n. specielle T., je nachdem sie für den ganzen Inhalt des Testamentes od. nur für einen Theil desselben bestimmt sind. Das Institut, welches eine gemeinrechtliche Ausbildung nicht gewonnen hat, hängt theils mit der germanischen Sitte üestntor der Stiftungen für das Seelenheil u. der kirchlichen! Sicherung derselben, theils mit den mittelalterlichen Salmannen, Vögten und Treuhändlern oder Testa- mentaricrn zusammen. Bezold. Issiskvr (lat., Testirer), der Erblasser, s. u. Testament. Daher testatorisch, nach demWillen des Erblassers, von ihm angeordnet Teste de Buch , La , Stadt im Arr. Bordeaux des franz. Dep. Gironde, am südl. Ufer des Bassins vonArcachondesAtlant.Oceans, Station der sranz. Südbahnu.derZweigbahuT.-Cazaux; Fabrikation von Harzprodncten, Fischerei, Handel mit Fischen, Austern, Honig, Wachs, Harz, Terpentin, Ban- u- Brennholz, Hafen, wichtige See- und Sandbäder; 1876: 4596 Ew. (Gem. 5314). Testeid, s. n. Test. lesticulus (lat., Testikel), Hode, s. Geschlechtsorgane tL). Testificiren (v. Lat.), durch Zeugen beweisen; daher Testification, Beweis Lurch Zeugen. Isstimonmm (lat.), Zengniß, Beglaubigungsschreiben. I. intsKritatis, das Ledigkeitszeugniß, welches Personen nach dem kirchlichen Aufgebot, wenn kein Einspruch geschehen ist, ansgestellt wird, worauf sie dann getraut werden können. T. rustu- ritatrs, Zeugnis; der Reife für die Universität, Akademie rc. T. paupsrtatis, Armuthszengniß, ausgestellt, um den Empfänger und Vorzeiger von einer Abgabe zu befreien; auch für arme Stndirende, welchen dann das Honorar für die Vorlesungen ganz oder theilweise erlassen wird; kommt bildlich auch in geistiger Beziehung zur Anwendung bei Erklärungen od. Handlungen, welche den Urheber gleichsam als Geistigarmen charakterisiren. Testiren (v. Lat.), 1) bezeugen, bekräftigen; 2) ein Testament machen. Isst is (l.), der Zeuge; T. ooularis, der Augenzeuge. lestüilo (lat.), 1) Schildkröte, s. d. 2) (röm. Aut.) Schutz-, Schirmdach, bei den Römern ein Belager- ungswerkzeng, bestehend aus einem Haus von Brettern , mittelst Rollen oder niedrigen Rädern beweglich, u. entweder: a) T.arrstaria (Widderschildkröte, griech. Chelone kriophoros), welche zur Deckung des Sturmbockes (Lriss) u. der denselben bewegenden Mannschaft diente, vorn offen für die Bewegungen des Sturmbockes mit einem kleinen Vordach zum SchutzderMannschaftgegendie feindlichenGeschosse; die Seitcnwände fest und das Überdach mit frischen Thierhänten od. anderen feuerfesten Stoffen bedeckt; b) T. nMabitm (Schüttschildkröte, griech. Chelone chostris), zur Deckung der Soldaten, welche die Gräben vor der Festung anszuschütten n. sonst das Terrain zu ebenen hatten, um den Belagerungsmaschinen die Annäherung an die Festung zu ermöglichen; weniger stark u. scsi, aber mit einem bis auf die Erde herabgchenden schrägen Giebeldach versehen; o) T. tossarra. (L-Irwoulrw), langes und schmales, bis 6V Fuß langes u. 4 Fuß breites Schutzwerk aus Ruthengeflecht mit festem Dach u. vorn mit einem dreieckigen Giebeldach bis auf die Erde versehen, zur Deckung der Soldaten, welche die Minirarbeiten an den feindlichen Mauern verrichteten. Tet (Teta), ein 125 lcm langer Küstenfluß im franz. Dep. Pyrenees-Orientales, entsteht aus 2 kleinen Seen am Fuße der Pique - Rouge und des Puy-Prigue in den Pyrenäen u. mündet unterhalb - Tctrachord. 281 !Ste. Marie - de - la - Salenqne in das Mittelländische Meer. Tötaxms, so v. w. Starrkrampf. Tetartin, s. Feldspathe. Tete, portug.Niederlassung amZambesi, imAn- fange des IS.Jahrh. bereits gegründet, der am weitesten nach dem Innern von O. her vorgeschobene Posten, mit alten Befestigungen; als Handelsplatz n. Ausgangspunkt für Expeditionen nach dem Innern wichtig. löte (sranz.), Kopf, Militär, die vorderste Ab- theilung eines Trnppenkörpers, der vorderste Theil des Laufgrabens beim Sappiren, der von Pionieren ausgearbeitet wird. löte ck töte (Kopf gegen Kopf), im gewöhnlichen Leben ein vertrauliches Gespräch, eine Zusammenkunft unter 4 Angen. Teteama, Ortschaft in der Nähe der Stadt Cuernavaca im Particnlarstaate Mejico. Hier der Tempel vonLochichalco, ein 120mhoher, fünfmal durch Mauerwerk terrassirter Hügel, dessen 4 Seiten genau nach den Himmelsgegenden stehen. Die Steine haben allerhand Figuren, darunter viele Krokodile u. mit untergeschlagcncn, gekreuzten Beinen sitzende Menschen u. m. Teterow, Stadt im Wendischen Kreise (Herzog- thnm Güstrow) des Großherzogthnms Mecklenburg- Schwerin, am glcichuam. See, Station derMecklen- bnrgischen Friedrich-Franz-Eisenbahn; alte Kirche, höhere Bürgerschule, Wasserleitung, Ackerbau, Handel mit Getreide u. Vieh; (1875) 5247 Ew. — T. wird bereits 1272 als Stadt erwähnt und wurde 1436 mecklenburgisch. Tethys (gr., die Ernährerin), eine der Titaniden, Tochter des Uranos u. der Gäa, Gemahlin des Okea- nos u. von ihm Mutter der Okeaniden. Sie hatte die Here gesäugt u. erzogen. Tetjnschi, Kreisstadt im rnss. Gouv. Kasan, am rechten User der Wolga, mit lebhafter Schifffahrt n. Handel; 3297 Ew. Tctrachord (griech.), Vierfacher; eine Folge von 4, eine reine Quart umfassenden Tönen, nach Boe- thius salrc, nach Anderen s t A a oder ch o ck s. Diese 4 Töne, in denen auch die älteste Lyra gestimmt gewesen sein soll, bildeten (weil dem Umfang ver gewöhnlichen Rede entsprechend) die Grundlage des griechischen Tonsystems. Je nachdem der Halbton unten od. oben od. in derMitte vorkam,unterschied man 3 Gattungen von T-en: das dorische ek-A-a, od. Iio-ck-s, das lydische §-a-Iro. od. o-ck-sk, das phrygische a-Iro-ck od. ä-sk-x. Die T-e wnr- den zu größeren Tonreihen (Scalen) znsammenge- fügt,indem entweder der höchste Ton des unte ren T-es zum tiefsten des oberen gemacht, od. indem zwischen den beiden T-en ein Raum von einem ganzen Ton gelassen wurde; erstere nannte man verbundene, letztere getrennte T-e u. den zwischen dem getrennten T. liegenden Ton Trennnngs- od. diazeuktischerTon, z.B.: Hecks k§a. (verbunden), sk § a. bocke (getrennt). Allmählich erstreckte sich der Tonumfang immer weiter; schon Terp and er (s. d.) gebrauchte statt der viersaitigen die sieben sarti ge Lyra mit den Tönen s k § s, o ck s, ge- 282 Tetradymit — Tetralogie. nannt Ilz'xats, I'arz'pLte. I-iolianos, LIess, ?ara- iLsss, Naranets ». LIsto. Pythagoras brachte durch Hinzusügung der fehlenden Quinte eine achtsaitige Scala (Octoolioiclon kMaZorao) hervor, nämlich: Ii o cl 8, genannt Hzipats, Narz'pata, I-iolm- nos, Lisas, karamsss, Irrte, karnnsts und Llets. Durch weiteren Zuwachs von tieferen Tönen entstanden sodann 2 Systeme von 11 u. 10 Tönen, das erste: H e ä 8 I A a Ii o^ ä, 8, (2 T-e verbunden, eins getrennt), das zweite: UeäskAabeiä, (3 verbundene T-e); zum ersten trat ferner ein verbundenes, zum zweiten ein getrenntes T. in der Höhe, zu beiden (etwa 340 v. Chr.) auch noch der außerhalb des Systems stehende tiefste Ton L (kros- lambanomsnos), u. diese beiden Systeme wurden endlich zu einem einzigen, aus 5 T°en bestehenden Systeme vereinigt, welchem inan den Namen des vollkommenen oder unveränderlichen (8/- stsmaxsrisotum,immntatnm,maximnw) beilegte: s I a. e> cli ki i) unterstes T.: 2) mittleres T.: 3) verbundenes T.: 4) getrenntes T.: 5) oberstes T.: Da die griechische Musik ans immer feinere Heraus-tten vorkommend; Härte 1—2; spec. Gew. 7„—7,, bildnng der sprachlichen Metrik gerichtet war, gewann sie neben dem diatonischen auch das chromatische n. enharmonische Klanggeschlecht, wobei sowol hier als dort die äußersten Töne des T-s unbeweglich, d. h. unverändert blieben, beim chromatischen System an Stelleder mittleren Töne 2 Halb- stnfen, beim enharmonischen 2 Viertelsstufen cinge- schoben wurden, z. B. Ii o ett—e, s 1 t'H—a, (chromatisch), Ii X (Viertelston) o—s (enharmonisch). Je nachdem die durch die Lage der Halbtöne bestimmten dorischen, phrygischen, lydischen T-e getrennt od. verbunden vorkamen u. der beim verbundenen T. zur Darstellung einer Octave fehlende achte (diazeuk- tische) Ton oben od. unten beigefügt wurde, entstanden 9 (eigentlich 7) verschiedeneOctavgattungen: die dorische sk§s> Kocks, die hypodorische oder aeolische akockstA a, die hyperdorische od. myxo- lydische IiockokAnk, die phrygische ck sI § a k o ck, die hypophrygische od. jonische § a, Ii e ä s 1A, die hyperphrygische oder lokrische aIiocksI § a, die lydische o ä 8 k ^ a k o, die hy- polydische I § a Ir o ä s k u. die hyperlydische g a d e ck s k §. Je nachdem ferner die auf 2 Oc- taven erweiterte Mollscala (ans ^ anfangend) in derselben Jntervallenfolge ans jede diatonische und chromatische Stufe versetzt wurde, entstanden verschiedene, nach Len in ihnen enthaltenen Octavgatt- ungen benannte Tonarten, anfänglich 12, später durch Versetzung der 3 ersten in eine höhere Octav IS, nämlich 5 Hanpttonartcn: dorisch, jonisch, phry- gisch, aeolisch, lydisch, und 10 Nebentonarten (eine Quart höher als die betr. Haupttonart mit Hyper-, eine Quart tiefer mit Hypo- bezeichnet). Diese Tonarten wurden außerdem in den 3 verschiedenen Klanggeschlechtern angewendet, was zusammen 45 Tonarten ausmachte. Siebenrock. Tetradymit, Mineral, in rhomboedrischenKry- stallen, sowie derb n. in körnigblätterigen Aggrega- Farbe zwischen zinnwciß u. stahlgrau, äußerlich wenig glänzend od. matt, ans der basischen Spal- tnngsfläche stark glänzend. Chem. Zusammensetzung nach der Formel od. 2 Li/I'og-I-LigS,. Findet sich zu Schnbkau bei Schemnitz in Ungarn, bei Whitehall (Spotsylvania County in Nirginien); bei Washington (Davidson Co. in Nord-Carolina) n. in der Phönixgrnbe (Cabarras Co. ebendaselbst), Uncle SamS Grube in Montana. Lehmann. letrachnamla, die 15. Linnesche Pflanzenklasse, s. Pflanzensysteme, S. 322. Tetraeder (v. Gr., Vierflächner, Math.), 1) vier- seilige Pyramide, ein von 4 Dreiecken vollständig begrenzter Körper. Wenn die begrenzenden Dreiecke gleichseitig sind, heißt das T. regelmäßig u. ist eins der 5 regelmäßigen Körper (Polydder). 2 ) (Kry- stallographie), s. Krystall, S. 705, u. Taf. Krystall- formen I., Fig. 8. Tetraedrrfch (v. Gr.), von der Form des Tetraeders. Tetragön (gr.), so v. v. Viereck. Islragonia L.), Pflauzengattung aus der Fam. der ?ortulaosas (XII. 5). Wichtigere Art: T. sx- pansa Art., neuseeländischer Spinat, krautartig mit liegendem, ästigem Stengel, gestielten, rautenförmigen, saftigen, sowie die ganze Pflanze mit durchsichtigen Drüsen besetzten Blättern; in Neuseeland, Japan, Polynesien; auch bei uns bisweilen als Gemüse cultivirt. letragonolobus Seop.. Pflanzengattung aus der Fam. der I-o^nminosao-I-otsas (XVII. 4), ausgezeichnet durch deutlich 4lantige Hülsen. Arten: T. xnrpurouo L. (Spargelerbse), mit rothen Blüthcn, 5—7 om langen Hülsen, welche vor der Samenreise als wohlschmeckendes Gemüse zubereitet werden; in SEnropa, bisweilen in Gemüsegärten cultivirt. T. siliguosus L., mit gelben Blumen, 4eckigen, schwächer geflügelten Hülsen; ziemlich häufig auf fruchtbaren Wiesen; gutes Futterkraut. lotragMn, Ordnung mehrererKlassen des Linne- schen Systems, mit 4 Griffeln. Tetralogie (v. Gr.), bei den Griechen die Verbindung ».Ausführung von 4 dramatischen Stücken, nämlich einer Aheiligen Tragödie (Trilogie) mit einem satirischen Drama (s. d.). Die bekanntesten T-n sind: Äschylos' Orestie, Schillers Wallenstein, Hebbels Nibelungen, Swinburnes Llar/ Stuart, in allerjüngster Zeit Wagners Ring der Nibelungen. Ä Tetrameter -- Tetuan. 283 Tetrameter (gr. Metrik), in jambischen, tro- chäischen u. anapästischen Versen eine aus4Doppel- füßen od. Dipodien od. aus 8 einzelnen Füßen (daher bei den Lateinern oetonnrins verarm) bestehende Reihe. In daktylischen, kretischen, bakcheischen, päo- nischen u. dochmischen Versen besteht der T- aus 4 Füßen. Istranüris, die 4. Limiesche Pflanzenklass e, s. Pflanzensysteme, S. 322. Tetrapölis(gr.), eine Landschaft, eineGemeinde oder ein Verein von 4 Städten. Istrapolitsna oonkossio, s. u. Confession 6) b). Tetrarches (gr.), in asiatischen «Staaten (z. B. in Galatien) ein Vicrfürst, d. h. einer der 4 Beherrscher des Landes, od. überhaupt ein unter römischer Oberhoheit stehender Vasallenfürst eines Districtes (Tetrarchie). Tetrastichon (gr.), ein Gedicht, welches ans 4 Zeilen besteht. Tetrasylläbus (v. Gr.), 1) viersilbig; 2) ein Versfuß, welcher aus vier Sylben besteht. Tetschen (Daezin), Hauptort einer böhm. Be- zirkshauptmannschast, an der Elbe, Kreuzungspunkt der Böhm. Nord-, der Österr. Nordwest- und der Sachs. Staatsbahn, mit Brücke nach dem gegenüberliegenden Bodenbach, außerdem dorthin Kettenbrücke für gewöhnlichen Verkehr und eine Eisenbahnbrücke nach Mittelgrund (Station der Elbdampfer und der Prager Dampf-Segel- u. Kcttenschleppschifffahrts- gesellschaft); Hauptzollamt, Dechanteikirche, im Stil der Peterskirche in Rom, Hauptschule, Fachschule sür Handluugslchrlinge, gewerbliche Fortbildungsschule, Fachzcichen-,Maler-, Modellir-u.Decorationsschnle, Schifferschule, Hospital, Wasserleitung, großeBaum- wollenspiuuerei; Fabrikation von Chemikalien, ätherischen Oelen.Steinnußknöpfeii; Branntweinbrennereien, lebhafterHandel; 3822 Ew. Dabei das gleichn. Bergschloß des Grafen Thun, mit Bibliothek, Gemälde-, Münz- und Wasfeusammlung u. berühmten Gärten. Am jenseitigen Ufer der Elbe Josefsbad, mit eisenhaltigen Quellen, Dampfbad rc. t. Tettau, Wilhelm Johann Albert, Freiherr von, geb. 20.Juni 1804 zu Marienwerder; studirte auf den Universitäten Königsberg, Berlin n. Göttingen Jurisprudenz u. Staatswissenschasten, betrieb daneben aber historische Studien unter Schubert u. unter Ranke. 1826 trat er in den Staatsdienst, erhielt 1831 provisorisch, 1833 definitiv den Landrathsposten des Kreises Conitz, wurde 1837 als Hilfsarbeiter in das Ministerium des Innern u. der Gewerbe berufen, ging1839 als Rath audie Regierung zu Liegnitz, 1847 aber als Oberregierungsrath n. Dirigent der Abtheilung des Innern an die zu Erfurt. T. ist I)r. pli,, Mitglied verschiedener gelehrter Gesellschaften n. der historischen Commission für die Prov.Sachsen, sowie seit1852Vicepräsident derAka- demie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt. Von seinen zahlreichen schätzenswerthcn Monographien seien erwähnt: Preußische Volkssagen, 1837 (gemeinschaftlich mit Temme); Über das staatsrechtliche Verhältniß Erfurts zum Erzstifte Mainz, 1860; Die Reduction von Erfurt u. die ihr voransgegan- genen Wirren, 1863; Der Meister und die Kosten des Gusses der großen Glocke zu Erfurt, 1866; Nachtrag dazu, 1867; Erlebnisse eines deutschen Landsknechts, von ihm selbst beschrieben, 1869; Erfurt in seiner Vergangenheit u. Gegenwart, 1868; Beiträge zu den Regesten der Grafen von Gleichen, 1871; Über einige bis jetzt unbekannte Drucke des 15. Jahrh., 1870; Über die epischen Dichtungen der finnischen Völker, insbesondere dieKalewala, 1873; Urkundliche Gesch. der T-schen Familie, Berl. 1878. Außerdem lieferte er zahlreiche kleinere Arbeiten für das Archiv sür die zeichnenden Künste u. andere Zeitschriften. Tettenborn, Friedrich Karl, Freiherr von, berühmter Parteigänger in den deutschen Befreiungskriegen, geb. 19. Febr. 1778 zu Tettenborn in Baden. Nachdem er in Waltershausen, Göttingen u. Jena Forstwissenschaften studirt, trat er nach seines Vaters Tode 1794 in österr. Dienste, stand als Rittmeister unter General Mack bei Ulm, wo er jedoch zu den Reiterregimentern gehörte, die sich mit Erzherzog Ferdinand nach Eger durchschlugen, und that sich in der Schlacht bei Wagram (5. u. 6. Juli 1809) so hervor, daß ihn der Erzherzog Karl auf dem Schlachtfelde zum Major ernannte. Nach dem Frieden zu Wien folgte er dem Fürsten Karl Philipp von Schwarzenberg nach Paris, wo er sich bei dem Brande des Schwarzenbergschen Pavillons sehr thätig bewies. Bei dem Ausbruche des Krieges von 1812 trat er als Oberstlieutenant in russ. Dienste, führte eins der Partisancorps, verfolgte die Franzosen mit seinen Kosaken bis zur Beresina, besetzte dann Wilna, n. ging, zum Oberst befördert, zuerst mit einem fliegenden Corps über die Weichsel u. die die Oder u. überraschte 20. Febr. 1813 mit Tscher- nitschew Berlin. Von dort aus zog er mit 1200 Kosaken u. einigen anderen Reitern Anfang März zunächst nach Mecklenburg-Schwerin, dessen Herzog damals zuerst von Len Rheinbundfürsten denAlliir- ten sich anschloß, u. dann gegen Hamburg, wo der Commandant Gonvion St. Cyr die Stadt verließ n. bis Bremen zurückging. Am 18. März zog T. in Hamburg ein, mußte jedoch 30. Mai die Stadt der Übermacht des unter Marschall Davoust vom Rheine her heranrückendenVandamme preisgeben. Er trat nnnnnterWallmodensCommando,nöthiglel5.Oct. Bremen zurübergabe n. focht dann unter LemKron- prinzen von Schweden gegen dis Dänen. Nach dem Frieden mit Dänemark brach T. gegen den Rhein auf (24. Jan. 1814) u. unterhielt mit seinem leichten Corps die Verbindung zwischen den einzelnen Heeren der Alliirten. 1818 trat T. in bad. Dienste, leitete die Unterhandlungen über die Territorialdifferenzen zwischen Baden u. Bayern u. wurde 1819 badischer Gesandter in Wien, als welcher er daselbst 9. Dec. 1845 starb. Vergl. K. A. Varnhagen von Ense, Gesch. der Kriegszüge des Generals T. 1813. 14, Stuttg. 1814. Schmitz. Tettnang, Stadt u.Hauptort indem 264,yfDKm (4,s» IHM) mit (1875) 21,236 Ew. umfassenden, gleichnam. Oberamte des württemb. Donankreises, 7üm vomBodensee, Station(Meckenbenren-T.) der Württemberg. Staatseisenbahnen; großes Schloß, Kirschgeistbereitung, Weberei, Acker-, Hopfen- und Obstbau; (1875) 1652 Ew. — T., das zuerst 882 erwähnt wird, war ehemals Hauptort der Grafschaft Montfort-T., kam 1783 an Österreich, 1803 an Bayern u. 1810 an Württemberg. Tetuan (Tetwan), Stadt in dem marokkan. Königreich Fes, 1 M von der Mündung des Küsten- 284 Tetzcl — flusses Martil, welche als Hafen dient; schwach befestigt, der Hafen durch 2 Castelle geschlitzt; 15,000 (nach anderen Angaben 40,000) Ew. (darunter ^ Inden); lebhaftcrHandel mit Getreide, Leder, Vieh, Wolle, Obst u.a. DieJndnstrie erstreckt sich namentlich aus Herstellung von Waffen; die Frauen von T. sollen die anmuthigsten der ganzen Berberei, sowie die Umgebungen der Stadt sehr fruchtbar u. wohl- angebaut sein u. trefflichen Wein u. Südfrüchte erzeugen. Dronle. Tehel (eigentlich Dietze), Johann, der berüchtigte Ablaßprediger, Sohn eines Goldschmieds in Leipzig, geb. um 1455; studirte seit 1482 in seiner Vaterstadt Theologie n. Philosophie u. wurde 1487 Baccalaureus der Philosophie, ging aber 1489 in das Dominicanerkloster daselbst. Wegen seiner großen Beredtsanikeit erhielt er in dem Jubeljahre 1502 von Rom den Auftrag, den Ablaß zu predigen, und zog 1504—7 in Brandenburg, Schlesien, Preußen und Litauen umher, um Geld zur Unterstützung des Krieges der Schwertbrüder in Livland gegen die Russen zusammeuzubringen. Seit 1507 trieb er den Ablaßhandel in Meißen, Thüringen und der Oberlansitz ans schamlose Weise, so daß ihm der Bischof vonMeißen denHandel verbot. Er wendete sich nun nach SDeutschland, wurde aber dort des Ehebruchs bezichtigt u. zum Tode verurtheilt, jedoch vom Kaiser Maximilian begnadigt u. inLeipzig in seinemKloster eingesperrt. Als Papst Leo X. einen neuen Ablaß ansschrieb, trat T. alsUntercommissär in die Dienste des Hanptcommissärs Arcimbold und entfaltete seit 1516 in Meißen, Thüringen u. der Mark sein altes Talent im Gcldanfbringen; 1517 trat er in die Dienste des Erzbischofs Älbrecht vonMainz, welcher ihn zugleich znm Ketzcrrichter ernannte, und daraus ertheilteihmderPapstdieVollmacht, in ganz Deutschland Ablaß zu predigen und zu verkaufen. Er that dies mit großem Poinp u. unter ritterlicher Begleitung einherziehend und beutete bes. das Mainzische Land u. die Mark Brandenburg aus. Dabei kam er bis an die sächsische Grenze und veranlaßte hierdurch Luthers ersten Schritt zur Reformation. Gegen ihn waren bes. die 95 Thesen gerichtet, welche Luther 31. Oct. 1517 an die Schloßkirche zu Wittenberg anschlng. T. war damals inJüterbogk, wo er Luthers Thesen ans dem Markte verbrannte, u. ging dann nach Frankfurt a. O., wo er Doctor der Theologie wurde und Thesen für den Ablaß gegen Luther vertheidigtc, und kehrte darauf 1518 nach Leipzig zurück. Als derPapst aber die Rothwendig- keit erkannte, die durch das Ablaßpredigcn in der Kirche hervorgerufeneAnfregung durch andereMittel zu beschwichtigen, schickte er Karl v. Miltitz als Gesandten nach Deutschland. Als T. aus seine Ladung nach Altcnburg 1519 nicht erschien, ging Miltitz selbst nach Leipzig, ließ T. wegen seiner 'Unsittlichkeit und Betrügerei hart an u. bedrohte ihn mit Anklage in Rom. Ans Gram darüber st. T. im Juli 1519 im Dominikanerkloster daselbst, nachdem ihm Luther noch einen mitleidigen Trostbrief zngesandt hatte. Vgl. F. G. Hofmanu, Lebensbeschreibung von T., Lpz.1844; Grüne, T.u.Luther, Soesti853; Kaiser, Geschichtsguelle über T., Annab. 1877. Löffler. Teubucr, Benedictus Gotthelf, bedeutender Buchdrucker und Buchhändler, geb. 16. Juni 1784 zu Großkraußuigk in der NieLerlausitz, Sohn leucü'iurll. des dasigen Predigers; erlernte in Dresden die Buchdruckerkunst, arbeitete als Schriftsetzer in Leipzig u. eine Zeit lang in Preßburg, übernahm 1806 die Leitung der Weinedelschen Bnchdrnckerei in Leipzig, brachte dieselbe 1811 käuflich an sich und erweiterte sie beträchtlich, verlegte sie, längere Zeit zugleich die Direktion der von ihm gegründeten Buchdruckerei für F.A. Brockhaus führend, 1821 in sein eigenes dazu errichtetes Hans u. fügte eine Gravir- anstalt, Schriftgießerei, Stereotypie u. die nöthigen Anstalten zu Gold-, Silber-, Bunt- n. Hochdruck rc. hinzu; er druckte nicht nur die wichtigsten, bes. philologischen, lexicalen u. Prachtwerke für Deutschland, sondern selbst für England mit englischer Eleganz, u. errichtete auch 1832 in Dresden eine Druckerei. Die Leipziger Officin arbeitet gegenwärtig (1878) mit 34Schnellpressen u. gehört zu den bedeutendsten u. angesehensten Deutschlands. Bereits 1824 begründete er eine Verlagsbuchhandlung in Leipzig, welche neben anderen wissenschaftlichen u. illustrir- ten Werken auch eine Sammlung griech. u. latein. Classtker zu veröffentlichen begann, welche, in neuerer Zeit nmgestaltet u. fortgesetzt, die Grundlage zu zahlreichen bedeutenden Unternehmungen auf dem Gebiete der klassischen Philologie und Altcrthnms- wissenschast bildete. Er st. 21.Jan. 1856 inLeipzig. Das Geschäft wird seit seinem Tode von seinen bei- denSchwiegersöhnen Adolph Roßbach u. Albin Ackermann fortgesetzt, welchen als Theilhaber der Verlagsbuchhandlung Or. pli. August Schmitt (seit 1847 im Geschäft thätig, 1872 von der Universität Jena Iwuoris causa zum Or. pli, ernannt) n. Arthur Roßbach zur Seite stehen. Teuchern, SiadtimKrciseWeißenfelsdes preuß. Regbez. Merseburg, an der Nippach, Station der Thüringischen Eisenbahn; Amtsgericht, größeres Rittergut, starke Töpferei, Ccmentwaarenfabrikation, Theer-, Paraffin- u. Solarölfabrikation, Braiinkoh- lengruben; 1875:4044 Ew. T., das, angeblich von Kelten gegründet, um 500 ein wichtiger Wafsenplatz u. Vorort eines Gaues Tucherini war, hatte bereits 1185 Markt-u. Zollgerechtigkcit. louorium L. (Gamander), Pflanzengatt, aus der Fam. derUabiatas-XfuZoiklsao (XIV. I), ausgezeichnet durch kurze Bliimcnlroncnröhre ohne Haarring u. kurze Oberlippe; Arten namentlich im westl. Theil des Mittelmecrgebietes zahlreich. Wichtigere Arten: I'. Llarnm L. (Katzenkraut, Ambcrkraut, Marnmkraut), mit ganz verkümmerter Oberlippe u. hervorragenden Staubfäden; in SEnropa als kleiner Strauch verbreitet; die blühenden Stengel (8urn- mitatos Llari veri) sind officinell und riechen stark nach Mastix n. Kampher; der Geruch wird von den Katzen sehr geliebt. P. orokioum L., mit strauchartigem Stengel, am Rande zurückgerolltcn, unten filzigen, stark, angenehm gcwürzhaft riechenden Blättern u. violetten, tranbenständigen Blüthen; in Candia, Palästina; I. moukaiium T,., mit liegendem Stengel, lanzettsörmigen, unten filzigen Älät- tern, weißlichen Blüthen; in allen Theilen angenehm riechend, an sonnigen Bergen Deutschlands: I. Kalium D. (Gamander-Polei), strauchartig niederlie- gend, mit hellgelben, in rundlichen Köpfen stehenden Blüthen, in SEnropa n. Syrien; D. Okamasckrz-s L. (Bathengel), mit gestielten, eiförmigen, keilförmig verschmälerten, gesägten Blättern, rothen,auch wei- 285 * Teuerdank ßen Blüthen; an sonnigen Bergen; I. seoräinm L. (Lachenknoblauch), an feuchten Orten ausdauernd, knoblauchähnlich liechend; als nervenstärkendes, reizendes, zertheilen-es, schweißtreibendes u. Wurmmittel, bes. von Thierärzten angewendet; I. Leoro- ckonia O. (Wilder Gamander, Waldsalbei), mit gelbweißen, in einseitiger Traube stehenden Blumen, knoblanchartig riechend; in trockenen Wäldern, Hecken, an Wegrändern zerstreut; I. krutieans L., in S.- Europa u. NAfrika, mit weißfilzigem Stengel, un- terscits filzigen Blättern n. blauen oder blaßrothen Blumen; gewürzhaft bitter. Engler. Teuerdank, s. Tewrdankh. Teufe, so v. w. Tiefe. Teufel (v. gr. d. i. Ankläger, Verleumder, nach dem Hebr. Satan, Widersacher, bes. vor Gericht). Die allgemeine religions- u. cul- turgeschichtliche Erscheinung der Furcht vor bösen Geistern erklärt sich aus der animirenden u. personi- ficirenden Thätigkeit der Phantasie, welche die den Menschen schädlichen Vorgänge u. Kräfte in der Natur , bei fortschreitender Entwickelung des ethischen Bewußtseins auch das Böse als Wirkung lebendiger, persönlicher, außermenschlicher Wesen anschant. Die Furcht vor Gespenstern durchzieht die Religionen aller wilden Völker u. hat sich auch im Volksglauben der Culturvölker bis aus die Gegenwart erhalten. In den Religionen der alten Culturvölker werden dann die Erscheinungen des physischen u. moralischen Übels einheitlich zusammengesaßt, so bei den Aegyptern im Typhon (Set), bei den Semiten in Moloch u. Astarte, bei Len Ariern z. B. im germanischen Loki, bei den Persern in Ahriman. Wenn in den heidnischen Religionen das physische n. moralische Übel nirgends streng auseinander gehalten wird u. deshalb auch die bösen Gottheiten od. Geister vorwiegend den Naturcharakter an sich tragen, so ist ans dem Boden der biblischen Religion ihrem Wesen entsprechend die Vorstellung vom T. von vorherrschend ethischer Bedeutung. Zwar die alttestament- liche Religion vor dem Exil kennt nur die Gespenster der älteren Religionen, die Schedim, die Seirim, die Lilith, od. hat noch einen Nachklang von altem Dua- lismus im Asasel des Verjöhnungsfestes, der perso- nificirten Unreinheit. Erst seit dem Exil tritt infolge der Berührung mit dem Parsismus bei den Inden die Satansvorstellung auf, gemäß dem Grundcharakter des ethischen Monotheismus dahin modificirt, daß der T. als ein von Gott durchaus abhängiges, wenn auch ihm feindliches Wesen gedacht wird, so beiSacharja als Ankläger des Hohenpriesters Josua, im Buche Hiob als Versucher des Frommen durch Plagen. Auch die Paradiesesschlange 1. Mos. 2, 3 erklärt sich am Besten aus dem Parsismus, u. wird im Buch der Weisheit mit dem T. coinbinirt. Der uralte hebräische Volksglaube an böse Geister, mit der aus dem Parsismus herübergenommenen Satansvorstellung zusammengeschmolzen, steigerte sich im jüdischen Volk zu der Höhe, welche das N. Test, zeigt. Besonders Geisteskrankheiten wurden allgemein als Besessenheit betrachtet. Jesus, seine Jünger n. die ersten Christen theilen ganz u. gar diesen Volksglauben. Er trat aber bei ihnen in Las engste Verhältniß zur Idee des Reiches Gottes. Der T. ist in den Reden des synoptischen Christus der Hauptwidersacher des Himmelreichs u. dessen, durch den es — Teufel. gekommen ist. Tritt hier schon die vorwiegend ethische Bedeutung des T-s deutlich hervor, so streift tue T-svorstellnng des Paulus u. noch mehr die der Johanneischen Schriften nahe an einfache Personi- ficirung des bösen Princips in seinem Gegensatz gegen das Gute. Paulus nenntdenT. den Gott dieser Weltperiode, was mit seinem Ausdruck „Geist dieser Welt" sich nahe berührt. Auch „der Fürst dieser Welt" bei Johannes deutet auf eine Vorstellung vom T. als dem die Welt beherrschenden bösen Princip, wobei natürlich unsere Scheidung zwischen Symbol ».Sache dem Bewußtsein der biblischen Schriftsteller nicht untergeschoben werden darf. Wie schon im Buch Tobias Asmodi, so sind im Judas- u. 2. Petribrief die „Engel, die ihre Behausung verließen und nach einem andern Fleisch gingen", eine Combinirung der T-svorstellung mit den Sühnen Gottes 1. Mos. 6, die sich mit den Töchtern der Menschen vermischten. Aus dieser ersten verhältnißmäßig reineren Gestalt des T-sglaubens ans biblischen Gebiete entwickelte sich bis etwa 1700 jene phantastische, die meist ethischen Gehaltes baar aus dem T. eine schreckliche, gespenstische Spukgestalt machte. Wenn in der älteren Christenheit wol auch Besessenheit, T-sver- snchungen n. dgl. eine große Rolle spiele», so ist doch das freiwillige T-sbündniß in der Theophiluslegende des 4. Jahrh. noch etwas Vereinzeltes. Erst im 7. bis 13. Jahrh. schwillt der T-sglaube zu jener Ungeheuerlichkeit u. zu jener Macht an, welche er in der Periode der Hexenprocesse bis gegen 1700 zeigt. Als die 3. Periode des T-sglaubenS läßt sich die seit 1700 bezeichnen, die Zeit der Auflösung des T-s- glaubens. Näheres s. u. 8. Zwar noch für Luther u. die lutherische Orthodoxie, wie nicht minder für die Reformirte Kirche steht der Glaube an den T. fest, aber die ethische Bedeutung dieses Glaubens tritt in den Vordergrund, n. nicht Alles, was früher als Wirkung des T-s galt, wird dafür angesehen. Doch waren die Hexenprocesse bei Protestanten so häufig wie bei Katholiken. Erst durch Philosophen wie Spinoza, Wolfs, Thomasins, Theologen wie Spee, Balthasar Bekker, Seniler, durch die Naturwissenschaft, zuletzt den Rationalismus wurden nicht blos die Hexenprocesse beseitigt, sondern auch der T-sglaube überhaupt im allgemeinen Bewußtsein entwurzelt. Theologen wie Vilmar, Philippi, Sander, Hengstenberg, die den alten T-sglanben zu re- stanriren suchten, sind ein Anachronismus. Für die Theologie seit Kant n. Schleiermacher, auch für die speculativen Reconstructionsversuche, wie diejenigen von Schelling, Dank, Martensen bleibt der T. eben nur eine Personification, ein Symbol des Bösen. 8. Im germanischen Götterglauben findet sich eine eigentliche T-sidee nicht vor; sie fand in demselben erst Eingang durch das Christenthum, mit Lessen Sieg die alten heidnischen, im Volksbewnßt- sein noch sortlebenden Götter u. Göttinnen sämmt- lich als teuflische Wesen hingestellt wurden. Die Kirche ging sogar dazu über, die ganze Natur als Lnrchteufelt darzustellen. Seltsam oder schauerlich gestaltete Natnrgebilde erhielten mit dem Namen T. zusammengesetzte Benennungen, wie T-shörner, T-smauer, T-sbrücke, T-stein, T-sberg, T-skanzel, T-sküche rc. In der äußeren Erscheinung des T-s ^ kehrt vieles aus dem altheidnischen Götterglauben wieder. Wie Odin reitet er auf einem schwarzen 286 Teufelsabbiß — Teukros. Roß u. erscheint später als der Wilde Jäger; er hiu- terläßt einen Schweselgeruch, er hat feurige Augen; die schwarze Farbe u. thierische Gestalt ist ihm eigen- thümlich, theils bei menschlicher Bildung mit thieri- schem Zusatz, z. B. mit Bocksohr, Horn, Flügeln, Kuhschwanz oder Pferdefuß, theils ganz als Thier: Schlange, Drache, Wolf, namentlich aber als Bock, so auf dem Hcxensabbath. Später tritt er auf mit eigenthümlicher, scharfgcschnittcner Physiognomie, in grellfarbiger spanischer Tracht, auf dem spitzigen Hut eine rothc Hahnenfeder; auch erscheint er init Borliebe als schönes, verführerisches Weib. Mit dem altheidnischen Götterglanben hängt ebenfalls zusammen die Vorstellung von des T-s Großmutter; es wurzelt diese Vorstellung nämlich in der dem Odin zur Seite stehenden Holle (s. d.), spcciell in ihrer Deutung als Sturmesgöttin. Der T. wurde auch gedacht als Erfinder aller bösen, verführerischen Künste, des Würfel- u. Kartenspiels rc. Ebenso wurde sein Name bei Zauberformeln gebraucht, wie: in des T-s Namen, in drei T-s Namen rc. Der T-sglaube gewann im Mittelalter allmählich ein verhängnißvolles Übergewicht über alle anderen Vorstellungen und damit im Zusammenhänge stand die Entwickelung des Zauberwesens u. des Hcxen- glaubcns (vgl. Zauberei u. Hexe); T-sbündnisse waren au der Tagesordnung, d. h. man schrieb jedem Menschen, der sich in außerordentlicher Weise bcthä- tigte, ein solches Büudniß zu. Als Gegenleistung für die alle Wünsche erfüllende Bundesgenossenschaft des T-s mußte der Betreffende ihm seine Seele verschreiben, die Jenem beim Ableben oder zu einer gewissen Frist verfiel u. von ihm geholt wurde. Doch konnte durch Einwirkung der Heiligen u. bes. der heiligen Jungfrau bei eigner Reue u. Buße ein solches T-sbündniß gelöst und die Seele noch für den Himmel gerettet werden. Einen der bekanntesten Fälle, u. zugleich der bekannt älteste, bietet die Befreiung des Theophilos von Adana durch die heil. Jungfrau. Außerdem konnte der T. durch die Kraft kirchlicher Hilfsmittel, sowie auch durch Zauberformeln gebannt werden. Zuweilen wurde er auch Lurch List um die Seele betrogen; daher der Ausdruck dummer T. Hieraus geht hervor, daß der T-sglaube, nachdem einzelne Männer öffentlich gegen ihn ausgetreten waren u. ganze Geistesrichluugen ihm gegenüber Kraft gewonnen (s. u. L), allmählich seine Schrecken verlor; der Volkshumor bemächtigte sich endlich dieser Schreckgestalt, er wurde eine sprich, wörtliche Person u. eine der ständigen Spott- und Zerrfiguren in den Puppenspielen, kam aber auch in Meisterwerken großer Dichter, wenn auch nicht immer mit naturgetreuer Zeichnung, zu Ehren. Goethe führt den T. in seinem Faust unter dem Namen Mephistopheles als Personifikation des beißenden Sarkasmus und der cynischen Spaßhaftigkeit, immer aber als eine hoch civilisirte Person, als Cavalier, als Weltmann vor. „Auch die Cultur, die alle Wett beleckt, Hat auf de» Teufel sich erstreckt. Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schaue», Wo siehst Du Hörner, Schweif und Klauend" rc. Anzunehmen übrigens, daß der T-sglaube ganz ans dem Volksbewußtsein geschwunden sei, muß als eine verfrühte Ansicht hingestellt werden. Auch in der volksthümlichenLiteratur spielte derT. als Verkörperung des Bösen, des Lasters, der List, Klugheit, der Schelmerei rc. eine große Rolle. Man hatte einen Ehe-, Fluch-, Fastnachts-, Faul-, Hof- fahrts-, Geiz-, Wucher«, Spiel -, Sauf-, Huren-, Lü- l gen-, Neid-, Soldaten-, Tanz-T. rc. Gesammelt er- I schienen 20 dieser Schriften in Misatrum ckiadolo- > rum, Franks, a. M. 1565. Ebenso ging er in die sog. Volksbücher über, bes. in der Faustsage (s. Faust 2». Vgl. G. Noskoff, Die Geschichte des T-s, Lpz. 1869, 2 Bde.; Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 2. A. Berl. 1869; Wessely, Die Gestalten des Todes und des T - s in der darstellenden Knust, ebd. 1877; Albers, Die Lehre vom T. (Preisschrift), Straßb. 1878. 4. Löffler. L. Schroot. Teufelsabbiß, ist 8uoeisa prabönois M. et Li Teufelsaffe, s. Affen, S. 224. Teufclsbeschwörung, s. u. Teufel 8. Teufclsbrücke, die alten, neue, zwei steinerne Brücken über die Reich auf der Gotthardstraße im Schweizerkantou Nri, nördl. unterhalb des Urner- lochs im Lüstern Schlunde der Schöllenen u. in großartigster Felsenlandschaft. Die ältere Brücke wird nicht mehr gebraucht; die neue, 1828—30 aus Granitquadern 8 m über der alten erbaute, hat nur einen Bogen von 8 m Weite u. liegt, 30 m über dem Flusse, der unter der Brücke in einem schönen Wasserfall, dieselbe fortwährend mit Wasserstaub benetzend, tosend in dis wilde Schlucht hinabstürzt. Teufelsbünduiß, s. n. Teufel 8. Teufclsdreck, so v. w. kosclita. i Teufels Großmutter, s. u. Teufel 8. ^ Teufclsmaucr, 1) ein aus Quadersaudstein in grotesken Formen aufgethürmter Wall von 250 in Höhe, welcher, durch große Lücken unterbrochen, von Blankenburg im Herzogthum Braunschweig in der Richtung von NW. nach SO. bis zu den Gegensinnen bei Ballenstedt im Heczogthum Anhalt zieht. 2) S. Pfahlgraben. Teuffel, Wilhelm Sigismund, Philologe, geb. zu Ludwigsburg 27. Sept. 1820, vorgebildet r in Stuttgart u. Urach, studirte im Stift zu Tübingen, s in Berlin u. Leipzig; 1844 Privatdocent in Tübin- s gen, 1847 Hülfslehrcr am Obergymnasium in Stutt- ! gart, 1849 außerordentlicher, 1857 ordentlicher Professor u. Director des philologischen Seminars in Tübingen; gest. 8. März 1878. Veröffentlicht hat er außer mehreren Programmen zahlreiche Artikel für die Realencyclopädie der klassischen Alterthums- wissenschast, 7 Thle., Stuttg. 1839—52 (1. Bd. 2. A. 1862 ff.), u. viele Aufsätze in Zeitschriften, sowie Übersetzungen griech. u. lat. Classiker in der Metzle» schen Sammlung (Theile v. Plato; Horaz' Satiren u. Briefe, mit W. E. Weber, 1853 ff.; Persius 1844, 1857; Juvenal 1864 ff. ri. Catull 1855, 1862 mit Hertzberg; Tibull 1853 u. m. a.); Vs llu- liano imp. diristianismi eontsmptors, 1844; Lri- stoplr. nudö3, 2. A. 1863, mit deutschem Commen- tar 1867; Aeschylus' Perser, 2. A. 1875; Geschichte der römischen Literatur, 1870, 3. A. 1875; Studien u. Char. zur Literaturgeschichte, 1871; zu Horaz' Satiren von Kirchner, 1854—57, hat er den Com- nientar zum 2. Buch geliefert u. die Bearbeitung § derselben Dichtungen durch W.E. Weber nach dessen Tode hcrausgcgeben, 1862. Eberhard. , Teukros (Teurer), 1) Sohn des Skamaudros u. der Nymphe Jdäa, war der erste König von 287 Tcuk-Tscham - Troas, nach welchem das Volk der Troer auch Ten- krer hieß; nach And. war er mit Skamandros ans Kreta eingewandert u. hatte den Dienst des Apollo Smintheus mitgebracht. 2) Sohn des Telamon u. der Hesione, aus Salamis, Halbbruder des Ajax; zeichnete sich vor Troja als Bogenschütze aus. Als er von dort zurückkehrte, zürnte ihm Telamon, daß er den Ajax nicht gerettet u. dessen Gebeine u. Gemahlin Tekmcssa u. den Sohn Eurysakes nicht mit- gebracht habe nnd ließ ihn nicht landen. Apollon schickte ihn daher nach Sidon zu Belos, welcher ihm erlaubte, sich in Cypern niederzulassen. Nachdem Tode Telamons wollte er nach Salamis znrückkeh- ren, aber von Eurysakes abgewiesen, schiffte er nach Spanien. Teuk-Tscham, Stadt im nördl. Theil der chinesischen Insel Formosa, Sitz der Negierung für die nördl. Provinzen; angeblich 50,000 Ew. Teupiy, Stadt im Kreise Teltow des preuß. Negbez. Potsdam, am gleichnam. See, welcher mit der Dahme durch schiffbare Abflüsse verbunden ist; Ackerbau, Viehzucht, Schifffahrt; 1875: 652 Ew. Teuschniy, Stadt und Hauptort in dem 307,„ j^skm (5,5g >I)M) mit 1875 16,917 Einw. umfassenden, gleichnam. Bezirksamte des bayer. Regbez. Oberfranken, in waldreicher Gegend auf einer Höhe des Frankenwaldcs; Schloß, Leinenweberei, Flachsbau, besuchte Märkte; 1875: 980 Ew. Teut, so v. w. Tnisko. Teutoburger Wald, Waldgebirge in dem Für- stenthnme Lippe u. den preuß. Provinzen Westfalen u. Hannover, das nordwestlichste Glied des hercyni- schen od. Sudetensystems, erstreckt sich vom Velmer- stoot, dem nördlichsten Punkte der Egge (s. Egge 1), an der Grenze des Fürstenthnms Lippe in der Richtung von SO. nach NW. bis nach Bevergern im Kreise Tecklenburg. Der südlichste Abschnitt, von den Anwohnern Lippescher Wald, auch wol Osning genannt, reicht bis zur Dörenschlucht, einer bis zur Sohle reichenden Lücke, durch welche die Straße von Lage nach Paderborn zieht; er ist der breiteste, wildeste u. romantischste Theil des Gebirges, hat mit anmn- thigen Buchenwäldern bedeckte Berge, tiefe Thäler u. enge Schluchten u. besteht aus einer westlichen u. einer östlichen Hauptkette u. einer östlichen niedrigen Vorkette. Zu der westlichen Kette, welche im W. von der Senne (s. d.) begleitet wird, gehört die Kleine Egge (333 m), die Große Egge (353 m) und das Winnfeld (422 m), zu der östlichen Hauptkette der Barnacken (451 m), die Externsteine (s. d.), der Steinberg (411m) u. die Grotenbnrg mit dem Hermannsdenkmal (s.Detmold2). Derzweite Abschnitt des T. W-es, wie der erste in drei nebeneinander herlaufendeBergreihen getheilt, erstreckt sich bis zum Passe von Bielefeld, durch den die Köln-Mindener Eisenbahn führt, u. enthält als wichtige Höhenpunkte denHermannsberg (366 m), den Tönsberg (341 m) Mit der Hüncnkirche, die Karl d. Gr. nach seinem Siegelet Detmold erbauen ließ, den Rosen-oder Spieze(sbs>H/(be,i Brackwede), den Habichtsberg (SOL wstundidert, Sparenberg (294 m, bei Biele- fÄd)', Jsnseit,des-Passes pon Bielefeld, auf dessen NWSeite.der -Johannisberg! (225 m, unmittelbar bei BielefÄd)nder Lausberg. (243>m) ». der Hoßberg (L11;m).srch erheben^ vsrändert sichxdsr scharf ausgeprägte kettenförmige Charakter der Höhenzüge, - Tewkesbury. indem diese in die weniger bestimmte Form der Hügellandschaft übergehen. Dieser Abschnitt des T. W-es, welcher bei Halle, Borgholzhausen, Iburg rc. von Ouerthälern durchschnitten wird, erreicht im Dörenberg bei Iburg noch die Höhe von 344 m, nimmt von Lengerich an allmählich an Höhe ab n. endigt mit dem scharf in die Tiefebene vorspringcn- dcn Huxberg (146 m) bei Bevergern. Der Kern des Gebirges besteht aus Gesteinen der Kreideformation (Neokom.Grünsand, Flammenmergel),denen nördl. u. östl. Muschelkalk (namentlich in Lippe), Keuper (bei Bielefeld) u. Schieferthon der Wäldcrformation (bei Iburg) vorgelagert sind. Der Name T. W. (Dontoburgisnsis saltus) kommt zuerst bei Tacitus vor u. ist erst nach den Freiheitskriegen in Büchern allgemein geworden, während er den Anwohnern fast unbekannt ist. Auch von keinem Schriftsteller des Mittelalters wird er gebraucht, wo das Gebirge vielmehr Osning od. Osnegge heißt. Der T. W. ist berühmt durch die Schlacht vom 9.-11. Sept. 9 n. Ehr., in welcher die Germanen unter Arminius (Hermann) über die Römer unter Qnintilius Varns siegten. Der Schauplatz der Varusschlacht ist mit völliger Gewißheit nicht zu bestimmen; während Einige ihn im Fürstenth. Lippe suchen, versetzen Andere ihn näher nach dcm altenAliso an derAlme u. noch Andere in den Kreis Beckum rc.—Vgl. Löbker, Wanderungen im T. W., Münst. 1878; Tappe, Die wahre Gegend der Hermannsschlacht, Essen 1820; von Hammerstein u. von Hohenhausen, lieber die wahre Ortsbestimmung der Varusschlacht, 1821; Clostermeier, Wo Hermann den Barns schlug, Lemgo 1822; Kiefers, Ds ^.lisono äs gus olaäio Varianas loeo, Kref. 1844; Ders., Sendschreiben an Effellen n. Reinking, Paderb. 1855; Reinking, Die Kriege der Römer in Germanien, Münst. 1863; Effellen, Geschichte der Sigambern, Lpz. 1868; Dedcrich, Kritik der Qnellenbcrichte über die Varianische Niederlage im T. W., Paderb. 1868; Middendorf, Über die Gegend der Varusschlachr, Münst. 1868; E. Ranke, Die Schlachtam T. W., 2. A. Marb. 1876. H. Berns. Teutonen, ein deutscher Bolksstamm, der wahrscheinlich an der Küste der Ostsee, zwischen Elbe u. Oder, ansässig u. durch den Zug mit den Cimbern nach S. bekannt wurde. Sie wurden unter König Teutobod bei Aquä Sextiä 102 v. Ehr. von den Römern unter Marius vernichtet. Vgl. u. Cimbern. Teven-Haven, Hafen der Insel Dagoe im russischen Gouvernement Ehstland. Teuere, Fluß, so v. w. Tiber. Teveröne (Aniene, sonst Anio), linker Nebenfluß des Tiber in der italien. Prov. Rom, entspringt im Sabinergebirge, durchfließt das romantischeThal von Snbiaco, bildet in u. bei Tivoli herrliche Wasserfälle u. mündet oberhalb Nom. Teviot, rechter Nebenfluß des Tweed inder schott. Grafschaft Roxburgh, entspringt auf dem Wisp Hill an der Grenze der Grafschaft Dumsries. Tc-Wahi-Punainen (d. i. OrtLes Grünsteins), Namen der Slldinsel Neuseelands bei den Eingeborenen. Tewkesbury, Stadt in der engl. Grasschast Glou- cester, an der Mündung des Avon (mit Brücke) in den Severn, Eisenbahnstation; alte normannische Kirche mit Grabmälern der Plantagenets, schöne Markthalle, Lateinische Schule, Bibliothek, Theater, 288 Tewrdankh, Teueroank — Texas. Versorgnngshans, Wollen- und Baumwollenfabri- keu rc.; 1871: 5409 Einw. — Hier 4. Mai 1471 Sieg Eduards IV. iiber Margaretha, die Gemahlin des gefangenen Heinrich VI. Tewrdankh, Tenerdank, Titel eines allego- rischen Gedichtes, s. Pfinzing. Neu herausgeg. von K. Gödcke, Leipz. 1878. Texas, Staat derNordainerikan. Union, zwischen dem Indianer Territorium, New Mexico, den me- jican. Staaten Chihuahua, Cohahnila u. Tamau- lipas, dem Golf von Mejico, Louisiana u. Arkansas; 710,542 HHKm (12,904,4 H>M) Mit (1870) 818,579 Ew., darunter 253,475 Farbige. Der Staat bildet im Allgemeinen eine nach Südost geneigte Ebene. Die Küste von T. ist unter denen am Mejican. Meerbusen verhältnißmäßig reich an Baien, Einfahrten n. Hafenplätzen, doch finden sich vor den Eingängen der meisten derselben Sandbänke u. Barren. Die Bodenbeschaffenheit ist nach drei Zonen verschieden; erste Zone: das flache Land an der Küste in seiner ganzen Ausdehnung vom Rio Grande del Norte bis zum Sabine River mit größter Breite von 150 km, meist Prairien u. fruchtbar, aber den Frühjahrsüberschwsmmungen ausgesetzt, ungesund; zweite Zone: welliges Hügelland mit größter Breite von 300 km, im O. zwischen den Red u. Trinity Rivers dichte Waldung, in der Mitte ähnlich der Kllstenebene, im SW. wasserarme unfruchtbare Wüste; dritte Zone: das felsige Hochland, öd u. wüst, der Cultur wahrscheinlich kaum zugänglich, noch wenig bekannt, nur erst von wenigen Karavanenstraßen durchzogen. T. hat eine große Anzahl zum Theil sehr ansehnlicherschifsbarerFlü sse; der bedeutendste ist der Rio Grande del Norte, welcher die Grenze gegen Mejico bildet und in T. den Rio Pecos aufnimmt; ferner der Red, Sabine, Nueces, San Antonio,Guadalupe, Colorado, Brazos,Trinity, Neces, San Jacinto u. Canadian. Das Klima hat im Allgemeinen schon einen tropischen Charakter, indem zwei Jahreszeiten, eine trockne (März bis Oct.) u. eine nasse, sich bestimmt unterscheiden, es leidet aber an starken Extremen. An der Küste tritt das Gelbe Fieber häufig mit großer Heftigkeit auf, die mittlere Region ist milder u. gesünder, das Hochland ist rauh, dem Europäer aber um so zusagender. Vom Ge- sammtareal standen 1870 erst 0,„ "/, unter land- wirthschaftlicher Cultur. Werth der Producte 1870: der Landwirthschaft 44,740,000 (davon 32,740,000 für Baumwolle), der Viehzucht 31,037,000, der Industrie 11,517,000 Doll. DerBergbau war noch erst im Entstehen, obwol das Land sowol an Metallen als an Steinkohlen sehr reich ist. An Eisenbahnen waren 1875 2940 km vorhanden, lieber das Verhältniß zu Len andern Staaten der Union s. Nordamerika!!. Unionstaaten, S. 545. Eintheil« ung in 162 Counties. Politische Hauptstadt ist Austin; die wichtigste, bevölkertste u. Haupthandelsund Hafenstadt Galveston; Verfassung (vom 30. November 1869). An der Spitze der Execntiv- gewalt steht ein durch Stimmenmehrheit vom Volk aus 4 Jahre gewählter Gouverneur; er hat ein beschränktes Veto. In gleicher Weise u. unter gleichen Bedingungen wird einVicegouverneur gewählt. Dem Gouverneur znr Seite steht ein von ihm erwählter Staatssecretär u. ein Schatzmeister, beide mit 4jähriger Amtsdauer. Die gesetzgebende Gewalt ruht in den Händen einer IwAislaturs, welche aus einem Senat u. einem Repräsentantenhaus besteht n. deren Mitgliederzahl 30 auf 4 bezw. 90 auf2 Jahre Amtsdauer beträgt. Die Legislatnre tritt alle zwei Jahre im Nov. in Austin zusammen. Die Finanzen des Staates waren vor dem Ausbruch des Separatistenkriegs in sehr gutem Zustande; Schulden besaß T. nicht; am 1. Jan. 1875 betrug die Schuld 4,822,000 Doll. Religion: Methodisten, Baptisten u. Presbyterianer bilden die Mehrzahl. Für den Unterricht hat der Staat trefflich gesorgt, u. nicht nur die beiden Landesnuiversilätsn, sondern auch die Confessionscolleges, Primär- u. Volksschulen durch Ländereien u. Geld reich dotirt. Vgl. F. Römer, Texas, mit besonderer Rücksicht ans deutsche Auswanderung u. die physikalischen Verhältnisse des Landes, Bonn 1849. Die erste Ansiedelung der Europäer im heutigen T. war ein in der Nähe des gegenwärtigen San Antonio de Bejar von den Spaniern 1681 errichtetes Forts; die erste dauernde Niederlassung datirt aber von 1719. Das Land bildete eine Intendantur des spanischen Vicekönigs Nenspanieu (s. Mejico) u. zwar einen Theil der Provinz Tamanlipas, war aber noch zu Anfang dieses Jahrh. wenig bebaut u. bekannt. Zwar hätten schon 1316 Franzosen am Trinidad (im östl. Theile des Landes) eins kleine Colonie unter dem Namen Champ d'Asyle angelegt, aber dieselbe ging bald wieder ein. Während dem Bürgerkriege in Mejico sammelten sich hier wieder Abenteurer ».Ansiedler ans den Vereinigten Staaten u. der Nordamerika!!. Oberst Austin, gründete hier dis Stadt San Felipe de Austin 1823. Seitdem mehrten sich die Ansiedler, bes. ans den Vereinigten Staaten u. wurden große Strecken colonisirt. Die Ansiedler selbst machten aus ihrer Absicht, dies colo- nisirte Land für die Nordamerika!!. Republik zu gewinnen, um so weniger ein Hehl, als Mejico ihnen nicht die geringste Garantie für den Schutz desEigen- thums u. der Person bieten konnte, wurden aber doch noch mehre Jahre durch die Mejicaner niedergehalten , bis es ihnen endlich unter moralischer u. materieller Beihlllfe der südlichen Sklavenhalter u. der unter diesem Einfluß stehender Bundesregierung gelang, nachdem sie sich 18. Sept. 1835 offen gegen Mejico erhoben, eine eigene Regierung unter dem General Houston als Präsidenten einzusetzen. Im Jan. 1836 rückte zwar Santa Anna gegen die Aufständischen, aber sein Feldzug endete mit seiner Gefangennahme 21. April u. schon 1837 ward T. als selbständiger Staat anerkannt, wozu auch alsbald die europäischen Seemächte ihre Zustimmung gaben (1839 Frankreich, 1840 die Niederlande, 1841 Großbritannien). Der junge Freistaat hob sich u. trat bald mit europäischen Staaten auf Grund von Handels- u. Freundschaftsverträgen in nähere Handelsverbindungen. Jndeß verlangte die Majorität im Lande, zumal die Mejicaner ihre Versuche, T. wieder zu unterwerfen, erneuten, den Anschluß desselben an die Vereinigten Staaten u. endlich, nachdem ein diesfallsiger Antrag 8. Juni 1844 vom Senat der Union verworfen worden, wurde eine zweite Bill wegen der Einverleibung von T. von der Repräsentantenkammer 25. Jan., vom Senate 1. März 1845 angenommen u. trotz der Einwände Englands u. Frankreichs T. 18. Juni 1845 von 289 Texas Pacificbahn — Text. beiden Häusern des Congresses in Washington als 29. Staat in die Union ausgenommen. Am 23. Juni erfolgte der Abschluß des Vertrags mit den Vereinigten Staaten, wobei T. das Zugeständniß der Sklaverei u. das Recht später fünf Staaten (ebenfalls mit dem Recht der Sklaverei) aus seinem Gebiet zn bilden erhielt. Durch späteren Vertrag (31. Dec.) wurde der Rio Grande als Grenze zwischen T. u. Mejico festgesetzt. Gleichzeitig hatte sich der Nationalconvent von T. bis 28. Äug. auch mitBe- rathung der neuen Verfassung beschäftigt, u. 17. Oct. erfolgte die allgemeine Volksabstimmung über die Anschlußfrage u. die Verfassung, welche zustimmend ausfiel. Bald darauf brach der Krieg zwischen Mejico u. den Vereinigten Staaten aus, in welchem die texanischcn berittenen Büchsenschlltzeu sich ihren altenFeinden aufs Neue furchtbar machten. General Taylor hatte schon 26. Juli 1845 das streitige Grenzgebiet von T. besetzt (s. Nordamer. Unionsstaaten u. Mejico). Durch den Friedensvertrag vom 2. Febr. 1848 gab Mejico alle Ansprüche auf T. u. auf das Land zwischen dem Nueces u. Rio Grande auf, wodurch die Grenze endlich definitiv regulirt wurde. Episodenartig fällt in diese Zeit die Geschichte der Schicksale des Vereins deutscher Fürsten u. Edelleute gestiftet 1844 in Mainz zur Auswanderung nach T. Von demselben waren jedem erwachsenen männlichen Einwanderer 160 Acker, jeder Familie 320 Acker- Landes als Geschenk zugesagt worden. Als jedoch die ersten Einwanderer in T. anlangten, zeigte es sich, daß das vom Vereine angekaufte Land dem Verkäufer gar nicht mehr gehört habe. Nun ward ein anderer Landstrich nördlich vom Llano auf dem rechten User des Colorado angekauft; da derselbe aber zu lief im Lande lag, wurde noch ein Landstück von 1000 Acker zwischen Bejar u. Austin als Stationsort für die Ankömmlinge erworben. Hier erhob sich die Colonie New Braunfels, welche bald in einen blühenden Zustand gelangend die einzige Frucht des ganzen Unternehmens geblieben ist. Denn schon damals kam dasselbe wegen örtlicher Schwierigkeiten u. Geldmangels so ins Stocken, daß Prinz Karl Solms-Braunfels dem die Leitung übertragen war, T. verließ u. durch von Meusebach ersetzt wurde, welcher aber bald wegen Einführung nothwendiger Beschränkungen mit den Ausgewanderten zerfiel. Im Herbst 1845 kaufte von Meusebach den Indianern nördlich von Pedernales, 18 Mln. von New Braunfels eine Fläche von mehren tausend Meilen ab, wo später Frederiksburg entstand. Jetzt kam wieder ein neuer Answandererzug von mehren tausend Persoilen an, die aber unter Geldmangel, Ungunst der Örtlichkeit, dem Krieg mit Mejico und Krankheiten in die traurigste Lage geriethen. Im Sommer 1846 waren mehr als 1000 Personen von den 4000 Einwanderern des Vereins gestorben, u. kaum 1200 waren wirklich aus den Vereinsländereien angesiedelt; nur New Braunfels u. Frederiksburg befanden sich in gedeihlichem Zustande. Im Juli 1847 legte Meusebach nieder, 1848 entließ der Mainzer Verein alle seine Beamten u. Agenten in T. Das Unternehmen war völlig gescheitert, das Eigenthum des Vereins aber an den Advocaten Martin aus Freiburg überlassen. 1848 ging eine Schaar Ikarier unter Cabet (s. d.) aus Frankreich nachT-, ohne mehr Glück zn haben als dieDeutschen. Pierers Universal-Conversations-Lexikon 8. Aufl. xv In politischer Hinsicht trat T. eigentlich erst im Jahre 1850wieder in den Vordergrund, indem es sich gegen den Beschluß der Nordamerikan. Regierung vom 7. Sept. 1850, daß T. die von New Mejico eroberten Gebietstheile an dasselbe zurllckgeben solle, anflehnte und sich erst beruhigte, als ihm für Las Aufgeben seiner Ansprüche eine Entschädigung von 10 Milk. Doll, geboten wurde. Wegen der geographischen Lage trat T. 1861 auch der Conföderation der Südstaaten bei; jedoch kamen seine mittleren u. westlichen Theile bald in die Gewalt des Nordens. Nach Beendigung des Bürgerkriegs hielt es lange seinen Widerstand gegen die sogen, coustilutiouellcn Amen» dements aufrecht, so daß seine Reconstruction erst 1868 erfolgte. Vgl. D. B. Edward, Hist, ok M, Eine. 1836; Chester Newell, üistorz- ok tlis rsvo- lution in M, New 8)ork 1838; Baker, Ilistorx ok ist., ebd. 1873. !G-ogr.) Schroot. (Gesch.) Lagai. Texas Pacificbahn, s. Pacificbahn 4). Texel, Insel in der Nordsee, zur niederländ. Prov. Nordholland gehörig; 192 Hjlcm (3^ ÜZM) mit 6260 Ew., welche viele Schafe halten, berühmt wegen ihrer feinen Wolle, Austernfischerei treiben u. Käse (grünen Schafkäse) fertigen; Hauptort: Den Burg; zwei Häfen Oude-en Nieuwe-Haven. Tcxier, 1) Charles Felix Marie, franz. Archäolog, geb. 29. Aug. 1802 zuVersailles, besuchte seit 1823 als Architekt die Lools äss ösaux-L,rts in Paris, widmete sich aber nachher archäologischen Studien u. bereiste Italien. 1833—43 durchforschte er im Auftrag der franz. Regierung die alten Cul- tnrstätteii Klcinasieus viermal u. wurde 1840 Suppleant für Archäologie am OollsAs äs Li-auos, dann Königl. Commissär über die Kunstinstitute, später Generalinspector der öffentlichen Bauten u. 1855 Mitglied der Akademie derJnschriften; st. Ans. Febr. 1871 in Paris. Er veröffentlichte die Prachtwerke: Osssription äs l'^sis Lliusuio (bsaux-arts, Monuments liistoriguss, plaus et topoAraplrios äss oitss antiguss), Par. l839f.,3Bde.; Osssriptiou äs l'^rmsnio, äs In Lsrss st äs la Nssopotamis (AsoArapliis, AsoioAis, moniiiusnts ansisns st mo- äsrnes), 1842—45, 2 Bde. rc. 2 ) Edmo nd, franz. Journalist, geb. zu Rambouillet 1816, erhielt seine Bildung zu Paris u. publicirte schon 1835 (mit Fel. Menard) einen Band Gedichte: Ln avant! Er ward sodann Mitarbeiter mehrerer kleiner liberaler Zeitungen u. besorgte gleichzeitig das belletristische oder literarische Feuilleton größerer Zeitungen; 1848 betheiligte er sich an der Redacrion des von Ensantin gegründeten Orsäit, als dieser einging, ward er beim 8isols engagirt u. 1860 Chefredakteur der Illustration. Er schr.: I-a plizisioloAis äu posts, 1841 (unter dem Pseudonym Sylvius, Humoreske); lZioArapliis äss sournalistss, 1850; I-sttres sur l'^nglstsi-rs, 1851; Oritiguss et rsoits littsrairss, 1852; ladlsau äs Laris, 1853; l-a Orsos st sss insurrsotions, 1854; I-ss liominss äs la Ausrro ä'Orisnt, 1854; Olirouigus äs la §uorrs äs ä'Ita- lis (dem er alsCorrespondent dcsgisols beiwohnte), 1859; karis oapitals äu monäs (mit A. Kämpfen): 1867; stournalässjournalistss, 1867, mitLe Senne, Naäams Liusguin, Par. 1878 rc. t. Text (v. lat.), eigentlich das Gewebe, schon bei Quinctilian vom Gewebe der Rede gebraucht, 1) die wörtlich genaue u. vollständige Urkunde, z. B. einer II. Band. 19 290 Textilindustrie — Thaer. diplomatischen Note, eines Vertrags, eines Bnchs gegenüber der bloßen Inhaltsangabe, dem Com- mentar, der Erweiterung; 2) in der Homiletik der wörtlich n. vollständig vörgetragene Bibelabschnitt, welcher nach kirchlicher Sitte der Predigt zu Grunde gelegt wird. Predigten ohne T-e od. über andere als biblische T-e hat die kirchliche Sitte von jeher nur als Ausnahmen zngelassen. Diese Sitte schließt sich an den Brauch der jüdischen Synagoge an, der Vorlesung alttesiamentlicher Abschnitte eine (halachi- sche od. haggadische) Erklärung anzuhängen. Die Homiletiker sind noch nicht eins darüber, ob freie od. gebundene T-e (s. Perikopen) vorzuziehen seien. Sonst unterscheidet man alt- u. neulesta- mentli che, geschichtliche, Lehr-, parabolische, evangelische od. epistolische T-e. Gno- malogische T-e sind die nur einen Spruch enthaltenden. Von Len eigenllichen Predigttexten unterscheidet man die Casualtexte für besondere Veranlassungen, Trauungen, Leichen, Taufen n. s. f. Allgemein wird an die Predigt die Forderung der T-treue und T-erschöpfung gestellt. Manche Prediger haben auch, nach Dräsekes Vorgang, in einer Predigt für die einzelnen Theile derselben mehre T-e zu Grunde gelegt. 3) In der Buchdruckerei Schristgattung, welche zwischen der Doppelmittel u. Tertia steht, u. 2V typographische Punkte hat,' jetzt selten znm Context, sondern meist zu Titeln gebraucht. Löffler. Textilindustrie , Gesammtbezeichnung für Spinnerei, Weberei u. Wirkerei, sowie deren Nebenzweige (Appretur, Bleicherei re.). Texuco (Tejuco, S. Antonio de TO, Hauptstadt des Diamantendistricts in der brasilian. Prov. Minas Geraes; 6000 Ew. Teza, Hauptstadt der marrokkan. Prov. Hiaina, am Flusse gleichen Namens, Quellfluß des Wadi Sebuh, am Nordabhange des Atlas, in schöner u. fruchtbarer Gegend; hat 12,000 Ew., welche lebhaften Handel mit Getreide nach dem Binnenlande u. nach Algier treiben. Tczcuco , Stadt am gleichuam. See im Staate Mejico, der Stadt Mejico gegenüber, Glassabrika- tion; 5000 Ew. Es steht an Stelle der Hauptstadt der Könige von Acolhna-Can, von der noch lieber- blcibsel von Palästen u. eine Wasserleitung vorhanden sind u. von deren Trümmern cs selbst erbaut ist. Tezel, so v. w. Tetzel. Thaba Bosigo, Hauptort der Basnto, am oberen Caledon im slldl. Afrika; 12-13,000 Ew. Thaba Uutsscha, Hauptort des Betschuanen- stammes Barolong, Südafrika; 10,000 Ew. Thabor, so v. w. Tabor. Thachstcnes (Taphne), ägypt. Königin, deren Schwester den Eüomiter Habad hcirathete. Den Sohn aus dieser Ehe, Genubath, erzog T. selbst. Thachulf, 849—873, erster Herzog von Thüringen, s. d. (Gesch.). Tlilttkerail. William Makeveace. enalisLer>L Romandicküer. geb. 12. Aug. 1811 rn Calcutta, wo sein Vater damals als Beamter der Qstindischen Er reiste dann durch die Schweiz, Italien u. Frankreick) u. lebte 1832—36 in Paris, wo er d^ie Malere i sich an dem Ankauf des Ludlio Isä^sr, verlor aber nuna . scholl in Paris begann er seine humoristi- schen Schriften mit dem 'Lellorr plustr pupsrs 1837 (später als cksamss's Liur^ erschienen); nachher schr. er dergleichen unter dem Pseudonym Michel Angelo Titmarsh, so: Tire karis slcetosi-hook, 1840; Urs 6roab No^arb^ äiawonä (1841 in Frazers Magazin); Oomio talos anä süotelrss, 1841; 8nod vuvsrs, 1844 f., Irisir ssiobolr-boolr, 1843; Notes oba llourns)' krom 6ornIiiII to6ranä- Oairo, 1846; Uro Lie.blsburz's abrorrä, 0. IsAönck ok tirs Lliins, Lebövea anä Rovvsna, Tire ssoonä kunsral ok Napoleon; ferner die Romane: Latira- rrns, 1839; Nüe siruhh^ Ksntils storz-, 1840; Va- nrtv kair. 1847 s . (deutsch: Jahrmarkt des Lebens); Compagnielebte; studirte1828—1831 in Cambridge u. lebte nach dem Abgänge von der Universität, im Genuß eines bedeutenden Vermöaens. seinen Persönlichen Neigungen, hielt sich auch einige Heit in Weimar auf», stand dort iuVerbinduna mit Goethe? dabei den größten Theil seines Vermögens. Nun warf er sich auf das Schriftstellern u.^machte Reisen 1845 in den Orient n. 1852 u. 185ZTiäch"NöN- ämertta. Er u. 23 . L>cc. 1863 in London. T7D überall originell, vollendeter Satiriker nORovellist. Meister in der Detailmalerer n. der Charakteriei ck- kenäsnnis, 1849, 2 Bde.: llsurv Lsmonck lbistor . Roman), 1852; Tbs Noivöomss, 1854 f., 3 Bde.; Aisosllanios, 1855, 2 Bde.; Isis Lllglisü lrumou- rists, 1855; Uro ViiAmians, 1857, 3 Bde.; Mrs ackvouturss ok l?üilip on lris orvrr tlrrouAlr tüs rvoricl, 1862, 3 Bde.; Iwvol tlw rvickorvsr; letztere Erzählung so wie die monatliche Skizze Ronä- adout-I'a.pors lieferte er für das Oorolrill LluAa- rine, das er 1860 übernommen. Rast seine sämmt - lichenArbeiten sind insDeutsche übersetzt. Gesammt- wcrke Land. 1878, 20 Bde. Vgl. Hannay, Uomoir ok N., Edinb. 1864 u. Jul. Schmidt in seinen Porträts, Berl. 1878. Lagai.* Thaddäos (Thaddäus), 1) Beiname des Apostels Judas 2). 3) Nach der syrischen Tradition einer der 70 Jünger, der zur Zeit des Fürsten Abgar von Edessa ins Land gekommen und Apostel der Syrer gewesen s ei. Auch Eusebius unterscheidet ihn vom gleichnamigen Apostel und erzählt infolge des Briefwechsels des Abgar mit Christus sei er nach Edessa geschickt worden. DieLebnapostolorumapo- or^plia, herausgeg. von Tischendorf, Leipz. 1851) enthalten abenteuerliche Legenden über ihn u. lasten ihn in Berytus sterben. Löffler. Thaer, 1)Albrecht, geb, 14.Mail752 inCelle; studirte 1771—74 in Göttingen Medicin, prakticirte in seiner Vaterstadt, wurde 1780 Hofmedicus in Hannover, widmete sich nebenbei der Landwirthschaft u. errichtete später eine Lehranstalt dafür in Celle. Hier stellte er eine neue Theorie der Landwirthschaft auf, wurde deshalb 1804 als Geh. Rath in preuß. Dienste berufen u. errichtete auf seinem Landgute Möglin bei Potsdam eine Landwirthschaftl. Schule; er wurde 1807 Staatsrath, 1810 Professor der "andwirthschaft und der Sraatswirthschaftslehre an der Universität zu Berlin u. als Geh. Regierungsrath Vortragender Rath im Ministerium des Innern, gründete 1811 seine berühmte Schäferei u. wurde 1815 Generalintendant der Königlichen Stammschäfereien; 1819 legte er seine Professur nieder u. st. 26. Oct. 1828 in Möglin. T. ist der Begründer der rationellen Landwirthschaft. Ihm wurden Denk- 291 Thacter - maler 28. Sept. 1850 in Leipzig, 15. Novbr. 1860 ^ in Berlin u. 26. Oct. 1873 im Celle errichtet. Er schr.: Einleitnng zurKenntniß der engl. Landwirthschaft, Hann. 1798—1804, 3 Bde.,3.A. ebd. 1816 ; Annalen der niedersächs. Landwirthschaft, Celle 1799 bis 1804, 6 Bde.; Beschreibung der nutzbarsten neuesten Ackergeräthe, Hannov. 1803—6, 3 Hefte; Annalen des Ackerbaues, 6. Jahrg., Berl. 1805 bis 1810; Grundsätze der rationellen Landwirthschaft, ebd. 1809 f., 4 Bde., neue A. hcrausgeg. von seinem Enkel in Gemeinschast mit Krafft, Lehmann u. Thiel, mit Porträt u. Biographie, Berl. 1879; Annalen der Fortschritte der Landwirthschaft, 2. Jahrg. ,ebd. 1811 f.; Über die feinwollige Schafzucht, ebd. 1811; Geschichte meiner Wirtschaft zu Möglin, ebd. 1815; Leitfaden zur allgemeinen laudwirthschastl.Gewerbs- lehre, ebd. 1816; Möglint. Annalen der Landwirth- schaft, ebd. 1817—24, 14 Bde. Vgl. Wilh. Körte, Albr. T., Lpz. 1839. 2) Konr. Wilh. Alb recht, Enkel des Vor., ebenfalls Landwirth, geb. 6. Aug. 1828 zu Ltidersdors im Negbz. Potsdam, stndirte seit I846in Heidelberg u. Berlin Staats-, Cameral- u. Naturwissenschaften, besuchte auch inzwischen die Landwirthschaftl.Akademiezu Möglin; 1852—53war er in England, um die dortige Landwirthschaft kennen zu lernen, n. übernahm nachher die Verwaltung der Domäne Rüdersdorf; 1859—61 lehrte er an der Akademie zu Möglin, habilitirte sich dann in Berlin für Landwirthschaft u. wurde 1871 Professor dieser Wissenschaft in Gießen. Er schr. u. a.: Anbau der Lupine; Berl. 1859; Wirthschaftsdirection des Landguts, ebd. 1860 (2. A. 1879 als 50. Band der T. - Bibliothek); System der Landwirthschaft, ebd. 1877. i) Rhode. Thaeter,Julius,namhasterKupferstecher, geb. in Dresden 7. Jan. 1804, st. in München l4.Nov. 1870. Der Sohn sehr armer Eltern, ward er Stiefelputzer u. strickte Strumpsbänder zum Verkauf, ward dann auf kurze Zeit Schneider-, darauf Gold- schmicdlehrling, weiterhin Diener u. Schreiber eines Lottocollecreurs u. endlich eines Hoskupferstechers in Dresden. Von diesem sollte T. zeichnen lernen, als derselbe starb, u. kam 1818 in die Zeichnnngsschule der k. Akademie, 1825 nach Leipzig, 1826 zu Reindl nach Nürnberg, ward aber von diesem alsbald wieder weggeschickt und arbeitete nun aus eigene Faust. 1834 ging T. nach München, wo er viel mit Cornelius, Schnorr, Kaulbach u. Schwind verkehrte, erhielt 1842 einen Ruf an die Kunstschule in Weimar, 1844 einen solchen an die Akademie in Dresden u. 1849 an jene in München. Ebenda wurde er 1868 Conservator des Knpserstichcabinets. Hauptwerke: Spaziergang nach Cornelius (1825), Umrisse zu Bcchsteins Faust nach M. v. Schwind (1830), Barbarossa in Mailand nach Mücke (1835), Hunnenschlacht nach Kaulbach (1837), Die Parzen nach Karstens (1840), Charons Überfahrt nach dems. (1841), Sachsenschlacht nach Kaulbach (1846), Barbarossa in Mailand u. Venedig (1842—44), Kurts Braut- sahrt nach Schwind (1846), die Apokalyptischen Reiter nach Cornelius (1849), Thnrmbau zu Babel nach Kaulbach (1852), die Werke der Barmherzigkeit nach Schwind (1855), Aschenbrödel nach dems. (1858); er stach vielePorträls u.illnstr.Gust. Königs Psalmen (1854) n. Volksbibel (1859). Reznet. Thcig (Thug), Name einer durch ganz Indiens — Thal. ^verbreiteten Raubmördersecte, deren Beschäftigung ^ darin besteht, Reisende zu überfallen, mittelst einer Schlinge (Rnmal) zu erwürgen n. ihres Geldes zu berauben. Der Mord muß stets unblutig sein. Die Secte, zu der sowol Hindu verschiedener Kasten als Muselmänner gehören, u. welche in verschiedene Abzweigungen zerfällt, ist aus frühmittelalterlicher Zeit u. hat sich durch das indische Princip der Erblichkeit der Beschäftigung bis in dieses Jahrh. erhalten; seit 1830 ist sie Lurch die Engländer fast gänzlich ansgerottet. Der gemeinsame Dienst der Durga verband sie; mystische, abergläubische Gebräuche leiteten die Unternehmungen ein. Eine Unterabtheiluug von ihnen war die Secte der P hansigaren. Thielemcmn. Thai(auchShan od.Schau),Name einerGruppe der Jndochines. Völker, zu der die Siamesen, Laos, Miaotse (s. d. a.), die Ahom in Assan u. a. gehören. Im engeren Sinne ist Thai so v. w. Siamesen. Thals, eine berühmte griechische Tänzerin (Hetäre, amies, Buhlerin), die in Alexander d. Gr. den Gedanken angeregt haben soll, durch Verbrennung des Palastes von Persepolis die Zerstörung Athens zu rächen; sie selbst hätte den ersten Feuerbrand in den Palast geschleudert. Nach Alexanders Tode wurde sie eine der Frauen des Ptolemäus I. Lagi, durch den Vielweiberei u. der Einfluß der Frauen ans die Regierung am ägyptischen Hose herrschend wurde. T. gebar ihm 3 Kinder. Thaiivan, 1) der chinesische Name der Insel Formosa; 2) (Thaiwan-fu) Hauptstadt derselben auf der SWKüste, dem ausländischen Verkehr eröffnet, Sitz eines engl. Consuls, mit einer den Verkehr erschwerenden Rhede, der eigentliche Hafen ist das benachbarte, mit T. durch einen Kanal in Verbindung gesetzte Anping. Hauptausfuhrartikel sind Zucker (schlechte Qual.) u. indisches Rohr. 70,000, n. A. über 120,000 Ew. Thal, rinnenförmiger Einschnitt zwischen zwei Berg- oder Hügelzllgen, oder auch Gruppe solcher, nach Form und Ausdehnung verschieden benannt: Thal, Schlucht, Grund, Tobel n. s. w. Thäler haben sich theilweise zugleich mit den Erhebungen gebildet, sind aber auch, namentlich in ihrer jetzigen Gestalt, ein Werk der Erosion. Wenn man jeden, von ansteigenden festen Massen auf verschiedenen, namentlich gegennberstehenden Seiten eingeschlossenen Raum ein T. nennen will, so hat man auch Thäler, wo etwa keine Hügel oder Berge sind; denn jeder Riß, welcher durch ein Plateau hinzieht, ist ein T. Solcher Art sind zum Theil die Wadis in Wüstengegenden und auch die Canons der nordamerikanischen Hochländer, endlich auch die Maare der Eifel rc. Wie man bei der Annäherung an ein Gebirge häufig über niedrigere Vorbcrge und Hügel allmählich zu höheren Erhebungen vordringt, gelangt man nach dem Eintritt in ein großes T-, das gegen den Rücken des Gebirges hinführt, allmählich zu immer kleineren Thälern und Einschnitten, welche eins in das andere münden, bis man durch Schluchten zu bloßen Ausbuchtungen gelangt. Der niedrigste, gewöhnlich flache Theil eines T-s heißt die Sohle, die zu beiden Seiten hinlaufen- den höheren Theile die Gehänge, welche nach der Richtung des Wasseclaufes als rechtes u. linkes unterschieden werden. Hanptthäler sind diejenigen, ' welche sich vom Kamm des Gebirges oder von einem 19 * 292 Thal - Gebirgsknoten bis znm Fuß desselben erstrecken, alle übrigen aber Nebeiübäler. Wo ein diesseitiges n. ein jenseitiges Haupt-T. am Kamm des Gebirges auf einander treffen, liegt gewöhnlich ein Sattel od. Paß. Trotz des gewundenen oder gar zickzackförmigen Laufes, welchen die meisten Thäler zeigen, läßt sich doch eine mittlere Richtung für ein ganzes T. feststellen, u. nach dem Verhalten dieser Richtung ge' gen den Gebirgsrücken unterscheidet man die Thäler. Man nennt Qnerthäler solche, deren mittlere Richtung ungefähr rechtwinklig zu der des Gebirges steht, Längenthäler, deren mittlere Richtung gewöhnlich Parallel mit der des Gebirges läuft. Oft ist die obere Strecke eines T-s ein Längcn-T., bis dasselbe umbiegt u. sich als Quer-T. fortsetzt. Nicht überall sind die Thalgehänge gleich weit von einander entfernt. Stellen, wo dieselben einen größeren Raum einnehmen (T-weitungen od. Kesseln), wechseln mit solchen, wo der Wasserlauf fast allein die Breite des T-s bezeichnet (T-engen); oft besteht ein T. ganz aus solchen beckenartig erweiterten Stellen, welche durch Engen, wie durch gesprengte Schluchten (T- schlnnde wenn sie lang, T-kehlen, wenn sie kurz sind), mit einander verbunden sind. Endlich ist auch die Neigung der T-sohle nicht immer eine stetige; wo dieselbe Plötzlich auf kurze Strecken bedeutend zunimmt, da entsteht eine T-stufe, eine Terrasse und in Folge dessen eine Stromschnelle od. ein Wasserfall. Dies kommt bes. häufig in Querthälern vor. Thal, 1) Dorf im Herzogthum Sachsen-Gotha, Amtsgericht, Kurort für Lungen- und Herzleidende; Kaltwasserkur, Sandbäder, Molken. 2) Flecken im Schweizer Kanton St. Gallen, Seidenfabrik, Stickerei, Weinbau; 3096 Ew.; dabei das Schloß Weinburg des Fürsten v. Hoheuzollcrn-Siginaringen. lüalsnüklorae (Bodenblüthige), Klasse der exogenen Gefäßpflanzen bei Decandolle. Ibalsmus, Blüthenbodcn. Thalberg, Sigismund, Klaviervirtuos und Componist, geb. 7. Jan. 1812 in Genf, als ein natürlicher Sohn des 1854 verstorbenen Fürsten Franz Joseph von Dietrichstein, kam jung nach Wien, wo er Hümmels n. Sechters Schüler wurde. Er inachte schon damals Aufsehen in den Wiener Mühlkreisen, bereiste 1830 Deutschland, ging 1835 nach Paris, Belgien Holland, England, 1839 nach Rußland, 1855 nach Brasilien, 1856 nach NAmerika n. ließ sich, überreich an Erfolgen jederArt, 1858 mit seiner Gattin, einer Tochter des Sängers Lablache, in Neapel nieder, reiste nur noch einmal 1862 znConcer- ten nach Paris u. London, 1863 nach Brasilien u. st. 26. April 1871 in Neapel. Er schr. die beiden Opern Floriuda u. Christine von Schweden u. viele Klavierstücke, besonders Phantasien über Opernthe- mas. T. war ein hervorragender Vertreter des virtuosen Klavierstils, den er in seinem Spiel, wie in seinen Compositionen cnltivirte. Dadurch hat er dieses Instrument insbesondere in Rücksicht ans das Passagewesen um manche neue Effecte bereichert, doch indem dieselben rein äußerlicher Natur waren, sich nicht höheren künstlerischen Zwecken unterordneten, sind die Bestrebungen T-s sehr bald überholt worden. Siebenrock. Thale, Kirchdorf im Kreise Aschersleben des preuß.Negbez. Magdeburg, anderBode, Stationder Magdeburg-Halberstädter Eisenbahn; Eisenhlltten- Thales. werk, große Bierbrauerei, Wollenspinnerei, Steinhauerei, Holzsägemühle, mehrere Oel- u. Getreidemühlen, Steinbrüche, Ziegelbrennerei; 1875: 3311 Ew. Dabei das Bodelhal mit der Roßtrappe u. dem Hexentanzplatz und das Soolbad Hubertu sb ad. Thäler, allgemeine Benennung der größeren (über einLoth wiegenden) Silbergeldstücke, ursprünglich Abkürzung für Joachimsthaler. Der Name hat sich unter verschiedenen Umformungen als Daler, Daalder, Tallero, Dollar rc. weit verbreitet. Man hat den T-n oft besondere Bezeichnungen gegeben, nach dem Werth oder dem Land, wo sie Geltung hatten, nach Form oder Veranlassung der Prägung, z. B. Brabanter T., Conventions- od. Species°T., Kronen-, Laub- oder Ncn-T., Auferstehungs-T., Bau-T., Wiedertäufer-T. Vgl. Münze, S. 259 f. Der in Deutschland vorläufig noch umlaufende T. hat 16,E 7 Gramm fein Silber — 3 deutsche Gold- Mark. Thnlcs, der erste griech. Philosoph n. Stifter der ionischen od. physischen Schule, geb. gegen 640 vor Chr. zu Milet iu Kleinasien , lebte anfangs den öffentlichen Geschäften, ließ den Halysflnß abdämmen u. rieth zur Errichtung eines Ionischen Bundes- rathcs zum Schutz gegen die drohende Macht der Perser, reiste daun nach Ägypten, wo er mathematische u. astronomische Studien machte, nach Kreta, Phönikien u. hielt sich eine Zeit lang am Hose des Königs Krösos in Lydien auf. Er starb während der Olympischen Spiele, denen er als Zuschauer beiwohnte, gegen 550 v. Christo. Als einst bei KoS ein goldener Dreifuß ausgefunden worden war u. das Orakel zu Delphi denselben dem Weisesten zu verehren befohlen hatte, wurde er dem T. zugeschickt. Da die von T. gegründete Jonische Schule als die erste in Griechenland galt', so hat man den T. auch als den Begründer der griechischen Philosophie angesehen. Unter seinen Nachfolgern zeichnete sich bes. Anaximander aus. Die Schriften, welche man später von ihm ansührte, sind untergeschoben. Sein Hanpt- verdienst bestand wol in dem Losreißen von den mythischen u. poetischen Vorstellungen der Früheren, in der Erhebung zum eigenen Denken u. darin, daß er der Speculation eine bestimmte Richtung gab. Das Grundprincip der Dinge war ihm das Wasser od. das Urfcuchte, woraus durch Verdickung u. Verdünnung Erde, Luft, Feuer, Thiere n. Alles hervor- giug. Ob T. auch noch ein formales Priucip angenommen habe, läßt sich nicht behaupten, obgleich ihm Spätere die Lehre von einer bildenden Vernunft (Weltseele, lloLch beilegen. Sonne, Mond u. Sterne betrachtete er nicht mehr als göttliche Wesen nach dem Volksglauben, sondern als bloße Körper. Bon den, von den Sieben Weisen herrührenden Gnomen wird ihm das: (Erkenne dich selbst!) bei- gelcgt. Er soll auch die Eintheilung des Jahres in 365 Tage u. der Sphäre des Himmels in fünf Kreise (Zonen), den Arktikos, die Wendekreise, den Äquator u. den südlichen Polarkreis, zuerst ausgestellt haben. Sonnenfinsternisse erklärte er durch Las Vertreten des Mondes vor die Sonne u. sagte auch eine Son- nenfinsterniß 597 v. Chr. voraus. Vgl. Göß, Über den Begriff der Geschichte der Philosophie und das System des T., Tüb. 1794; Ritter, Geschichte der Jonischen Philosophie, Verl. 1821; Seydel, Der 2S3 Thalia - Fortschritt derMetaphysik unter den älteren ionischen Philosophen, Leipz. 1861. Specht. Thalia, 1) eine der Grazien, Charitinnen; 2) (Thalia), eine der 9 Musen (s. d. 9); jetzt allgemein fürBeschutzerin des Theaters; 3) s. Asteroiden Nr.23. Thallium, ein in seiner äußeren Erscheinung dem Blei u. Zinn ähnliches Metall. Es ist in frischem Zustande silberweiß, stark metallglänzend, sehr weich, hämmerbar, aber wenig zähe; sein spec. Gew. ist — 11 ,gg. Es schmilzt bei 290», verflüchtigt sich in der Rothgluth u. kann im Wasserstoffstrome de- stillirt werden. An der Luft oxydirt es sich schon bei gewöhnlicher Temperatur sehr schnell, kann aber, da es dasWasser nicht zersetzt, unter Wasser aufbewahrt werden. In Schwefelsäure u. Salpetersäure löst es sich leicht auf, Salzsäure greift es nur wenig an. Man stellt es am einfachsten ans dem schwefclfauren T-oxydul dar, aus dessen Lösung das T. durch metallisches Zink in großenKrystallbläitern abgeschieden wird. Das T-atom (DI — 204) ist in den T-oxtz- dul- (Thallo-) Verbindungen einwerthig, in den T-oxyd- (Thalli-) Verbindungen zweiwerlhig. In seinem chemischen Verhalten nähert es sich in manchen Beziehungen den Alkalimetallen, in andern gewissen Schwermetallen (Zink u. Blei). — In der Natur finden sich T-verbindnngen ziemlich häufig, aber immer nur in geringer Menge; es wurde 1861 von Crookes u. Lamy säst gleichzeitig ans spectral- analytischem Wege entdeckt u. ist in vielen, namentlich kupferhaltigen Schwefelkiesen, in Kupferkiesen u. Zinkblenden, im Rohschwesel, in manchen Pflanzenaschen u. einigen Mineralwässern (Nauheim) nachgewiesen worden; der Trookesit, ein in Schweden vorkommendes Mineral, enthält neben Selen und Kupfer 16—18°/s T. Als Rohmaterial zu seiner Gewinnungdient eutwederdie Lange,dieman durchAus- laugen gerösteter, thallinmhaltiger Zinkblende erhält (Goslar), od. der Flugstaub u. Blcikammerschlamm der Schweselsäurefabriken, die thalliumhaltige Kiese verarbeiten. Der Flugstaub wird mit Wasser od. verdünnter Schwefelsäure ansgekocht, die Lauge mit Salzsäure versetzt, wodurch sich T-chlorür abscheidct, welches durch Erwärmen mit Schwefelsäure in schwefelsaures T-oxydul verwandelt wird: in ähnlicher Weise werden auch die übrigen der genannten Rohmaterialien verarbeitet. Von den zahlreichen bis jetzt dargestellten Verbindungen sind folgende besonders wichtig. Das T-chlorür (Thallochlorid) — DI61 — scheidet sich bei Zusatz von Salzsäure zu einem Oxydulsalze als weißer, käsiger, dem Silberchlorid ähnlicher Niederschlag ab. Das T-sulfür (Thallo- sulfid) — DI ^8 — erhält man durch Zusammen- schmelzen von T. u. Schwefel od. durch Fällung eines Oxydulsalzes mitSchwefelwasserstofs als schwarzen, nur in Säuren löslichen Körper, der sich an der Luft rasch oxydirt. Das T-oxydnl (Thallooxyd) — DIsO — stellt man durch schwaches Glühen des Metalles oder der folgenden Verbindung dar; es ist braunschwarz, schmilzt bei etwa 300» zu einer das Glas angreifenden Flüssigkeit u. löst sich in Wasser unter Bildung von T-oxydulhydrat (Thallo- hydrat) — DILlO —. Dasselbe scheidet sich aus seiner stark alkalisch reagirenden Lösung in langen gelben Nadeln aus, die aus der Luft rasch Kohlensäure anziehen. Das kohlen sau re T-oxydul (Thallo. carbonat — DI^LOz — bildet lange glänzende Kry- - Thaii. stalle, die in Wasser etwas löslich sind. Das schwefelsaure T-oxydul (Thallosulfat) — DU 8 O 4 — erhält man durch Behandlung des Metalles od. seines Chlorürs mit heißer Schwefelsäure; es bildet farblose starkglänzende Krystalle, die in Wasser leicht löslich sind; unter den Doppelsalzen, die es liefert, sind die dem Alaun analog zusammengesetzten (z.B. DI^L^-s-LI^disg-I-^IIsO) von besonderem Interesse. Durch Znsammenschmelzen von kohlensanrem T-oxydulmitFlintglassatz erhält man T-glas, welches sich durch starkes Lichtbrechnngsvermögen ans- zeichuet. Die Oxydverbindungen, dieman meistdurch EinwirknngkrästigerOxydationsmittel(Chlor,Über- mangansänre) aus die Oxydnlverbindnngen erhält, zeigen eine geringe Beständigkeit n. verwandeln sich leicht in Oxydnlverbindnngen. Bes. charakteristisch für alle T-verbindungen ist ihr Flammenspektrmn, welches eine einzige, intensiv grüne Linie zeigt; dieser Eigenschaft verdankt das Metall seinen Namen (gr. blmlloo — grüner Zweig). Die T-verbindungen sind sehr giftig. Thallochlor, Flechtengrün, der grüne wachsartige Farbstoff der Flechten. Thallom ist ein Pflanzenkörper, welcher keine Gliederung in Achsen- u. Blattorgane zeigt. Thallophl)ten, Lagerpflanze, Pflanzenklasse des natürliche» Systems (s. Pflanzensystemc), die Algen (s. d.) u. Pilze (s. d.) einschließlich der Flechten (s. d.) umfassend. Thallus wird das Thallom derFlechten genannt. Thamasp (Thamas), Name zweier Schahs von Persien (s. d., S. 246 u. 247). Thame, Stadt in der engl. Grafschaft Oxford, am gleichnam. Flusse (mündet bei Dorchester in die Themse), Eisenbahnstation; Lateinische Schule, Ver- sorqungshans; 1871: 2823 Ew. Thamcs, Fluß, so v. w. Themse. Thamsbrück, Stadt im Kreise Langensalza des prenß.Negbez. Erfurt, an der Unstrut; Bierbrauerei, Landwirthschaft, Wasserleitung; 1875: 1011 Ew. In dem Archiv des Rathhanses befindet sich, an einer Kette angeschlossen, eines der ältesten Exemplare des Sachsenspiegels. Thamhris (Thamyras), thrakischer Sänger n. Zitherspieler der mythischen Zeit, Sohn des Philammon u. der Nymphe Agriope(Argiope), Schüler des Linos. Er hatte in den Delphischen Spielen gesiegt u. forderte in seinem Übermuthe die Musen znm Wettkampse in Gesang u. Spiel. Die Musen siegten u. blendeten ihn, zerbrachen seine Leier u. beraubten ihn des Gesanges. Plato läßt ihn in der Nachtigall fortleben. Than (angels. DlroAn), bei den Angelsachsen die das Gefolge eines Fürsten bildenden Vasallen, aus denen später die Barone hervorgingen; seit Heinrich II. werden die T-e in England nur noch selten erwähnt; in Schottland bis gegen Ende des lö.Jahrh. ein höherer Adelstitel, ungefähr dem engl. IDarl entsprechend u. seitdem auch durch diesen verdrängt. Than,Moritz, Ungar.Historienmaler,geb. 1828 zu Alt-Bacse (Bacser Comitat), studirte erst Jurisprudenz, warf sich aber dann auf die Malerei u. erwarb sich mit seinen Skizzen aus dem Ungar. Kriege von 1849, den er als Freiwilliger mitmachte, so viel, daß er an der Wiener Akademie u. bei Rahl gründlichen Kunststndien sich widmen konnte. 1856 weilte 294 Thaiia — er nach einer Reise durch Deutschland u. Belgien in Paris, dann drei Jahre in Rom u. nahm endlich seit 1859 bleibenden Aufenthalt in Pest, wo er in neuester Zeit mit seinem Freunde Lotz im Treppenhause des Nationalmusenms Wandgemälde u. einen Fries aus Ungarns Culnirgeschichte ausführt. Von seinen früheren Arbeiten seien genannt: die Schlacht beiMohacs (185V), Odysseus u.Nausikaa, Odysseus u. Penthesileia, Wandbild im Nedoutensaal in Pest ( 1859 ),Portrait desKaisers vonLsterreich im neuen Bibliothekgebäude in Pest, Angelica und Medea, Liebe der Fata Morgana ec. Thann (Tannah), 1) Collectorat der indobrit. Präsidentschaft Bombay, den Streifen nördl. von Bombay u. die Insel Salsette, Theile des alten Con- can(s. d.) begreisend; 10,500 HsIrm u. 847,424 Ew. 2) Hauptstadt davon, an der OKüste der Insel Salsette, 14,299 Ew. Thanätos (gr.) Tod; auch als allegorische Gottheit, s. Tod. Thanatösis, das Absterben, Bran- Ligwerden eines Theils. Thanct, Jsle of. Insel an der Mündung des Stour, zur engl. Grafschaft Kent gehörig, mit dem Vorgebirge Northforeland u. einem Leuchtthurm; auf ihr die Seebadeörter Ramsgate und Margate. Hier landeten 449 die Angelsachsen. Thankmar, so v. w. Dankmar. Thanlavadi, so v. w. Kjendven. Thann, Kreisstadt im Oberelsaß an der Thur, Station der Elsaß-Lothringer Eisenbahn; Fabrikation von Chemikalien, Scidenwaaren, Kattun, Leinwand, Wollenzeug, Maschinen, Dampfkesseln; Spinnerei, Druckerei, Eisengießerei. Die St. Theobaldskirche ist nach dem Vorbild des Straßburger Münsters gebaut; 7640 Ew. Dabei die Burgruine Schloß Engelburg, der BergRang mit Weinbau, Stein- kohlengrnben u. Eisenhammer. Hier am 15. Octbr. 1638 Sieg des Herzogs Bernhard von Weimar über den Herzog von Lothringen. t. Thannhansen, Flecken im Bez.-Amt Krumbach des bayer. Regbez. Schwaben u. Nenburg, an der Großen Mindel; schönes Schloß, Rathhaus; 1875: 1563 Ew. — T. liegt in einer Standeshcrrschaft des Grafen Stadion, welche früher dem Grafen von Sinzcndorf, dann seit 1708 dem Hause Stadion gehörte und 1806 an Bayern kam. Thapsäkos (Thiphsach, d. i. Furt, syrisch Tur- meda), Handelsstadt in der Landschaft Chalibonitis in Syrien am rechten Ufer des Euphrat; j. cl Deir, n. And. bei Nakkah. Ibapsia ^., Pflanzengattung ans der Familie der klmbeilikerae (V. 2). Arten: D. koetääa. (Llasoss- limim kostiäuw), in Spanien; sehr unangenehm riechend: Wurzel giftig, Erbrechen n. Purgiren erregend; D. xarAanlea. D., in Apulien u. der Berberei, mit gelben Blüthen; die Wurzel beider wird bisweilen anstatt der Turbithwurzcl verkauft; P. Lz lxbium flU., vielleicht nur Varietät der vorigen, wurde für die Mutterpflanze des Lzflpbiuw kz-rs- naivnm gehalten; sfl. villosa La»n., in Südeuropa u. NorLafrika; Wurzel ekelhaft bitter u. scharf, in Spanien früher als Laäix I'urpstlli in Gebrauch. 1. L.svlspium L., in Unteritalien u. Griechenland, soll die Sawr'u des Dioscorides sein. Engter. Thapsus, 1) Stadt auf der OKüste von Sicilien auf der Halbinsel gleiches Namens; jetzt Jsola deglft - Thasos. Magnisi; 2) feste Stadt in Byzacium in Afrika, auf einer Landspitze u. an einem Salzsee; jetzt Demaß; hier schlug 46 v. Chr. Cäsar die Pompejaner. Tharah (Terah), Vater Abrahams; er zog mit Abraham aus Ur in Chaldäa nach Haran, wo er auch, 205 Jahre alt, starb. Tharant (Tharandt), Stadt in der königl. sächs. Kreis- und Amtshauptmannschaft Dresden, an der Wilden Weiseritz u. dem Anfang des romantischen Plauenschen Grundes, Station der Sächs. Staatseisenbahnen; berühmte Forstakademie (durchschnittlich 100 Studirende), 1811 von Cotta gegründet, seit 1816 Landesanstalt, mit Forstgarten und reichen Sammlungen; meteorologische Station (221 m Seehöhe), Burgruine; ein seit 1793 bestehendes, ziemlich besuchtes salinisch-eisenhaltiges Mineralbad mit neuem Badehause, Fichtcnnadelbade, Moorschlammbädern, Kaltwasserheilanstalt u. s. w.; Gerbereien, Schneidemühlen, Steinbrllche, Holzhandel; 1875: 2554 Ew. Am nahen Kicnberge die sog. Heiligen Hallen (hohe Bnchengewölbe). Auf einem Felsenvorsprunge die Trümmer der alten, seit 1568 verfallenen Burg T., einst eine wichtige Veste der weiß- Nischen Markgrafen, im 16. Jahrh. Wittwensitz der Herzogin Sidonie, Gemahlin Alberts des Beherzten u. Stammmutter des sächs. Königshauses, u. Jagdaufenthalt der sächs. Knrsürsten. Die Stadt T. hieß sonst Granaten. Vgl. F. Schlenkert, T., Dresden 1797, n. A. 1804; T-s Umgebungen, Mciß. 1801; K. Lange, Beschreibung des Plauenschen Grundes, des Badeortes T. rc., Lpz. 1814; B. Cotta, T. u. seine Umgebung, Dresd. 1835; Plitt, Das Bad T., ebd. 1836; Fritzsche, T., Dresd. 1,867. H- Berns. Thasos (Thassos), Insel des Ägäischen Meeres, westlich von der Mündung des Nestos, von Thrakien nur durch einen schmalen Kanal getrennt; gebirgig n. waldreich, aber sehr fruchtbar, erzeugt namentlich Getreide u. Wein; des. wichtig wegen der von den Phönikern entdeckten Goldbergwerke u. wegen der Marmorbrüche. Ans T. wurden Herakles u. Dionysos verehrt; Ersterer stand auch, mit der Keule bewaffnet, auf den thasischen Münzen. T. war das Vaterland des Polygnotos n. um die Mitte des 5. Jahrh. v. Chr. längere Zeit der Aufenthaltsort des Hippokrates. Die Stadt T. hatte zwei Häfen, von denen der eine geschlossen werden konnte. Jetzt heißt die Insel Thaso (Taschns),die nördlichste Insel des griechischen Archipelagus, östl. vom Meerbusen von Orphano, zum europäisch-türkischen Vilajet Saloniki gehörig, 439 groß, mit 5000 Ew., meist Griechen, welche in zehn Orten zerstreut wohnen; die Berge, welche auf der Insel rings am Strande sich erheben und an den meisten Stellen steil ins Meer abfallcu, steigen im Jpsario zu 1044 m an u. sind reich an Fichtenwaldungen, welche viel Schiffsbauholz liefern. Die Insel führt viel Olivenöl, Honig, Wachs, Getreide u. Holz ans und ist auch reich an architektonischen u. anderen Überresten des griechischen Alterthnms. Nördlich von ihr liegt die kleine unbewohnte Insel Thasopulo. T. hieß zuerst Chryte. Schon früh war daselbst eine Niederlassung der Phö- niker, welche unter Thasos, einem Bruder des Kad- mos, auf der Fahrt nach der Europa dahin gekommen sein sollen. Nachher wurden die Phöniker durch eine Cvlonie von Paxos vertrieben, n. nachdem Jemen den Perfern unterworfen wordm war, wurde 295 Thassilo - auch T. persisch, behielt jedoch die Einkünfte von den Bergwerken, welche sich noch dadurch sehr vermehrt hatten, daß die Thasier sich auch mehrere Besitzungen an der thrakischen Küste, wie Galepsos, Oeseme, Skapte Hyle, Stryme, Krcnides unterworfen hatten. Während der Perserkriege rissen sie 492 v. Chr. auf Befehl des Mardonius ihre Mauern nieder u. lieferten ihm ihre Schiffe ans. Nachher traten sie zu dem Griechischen Bunde, und als sie von demselben abfielen, wurden sie von Kimou wieder unterworfen. In dem Pelopounesischen Kriege gehörte T. dem jedesmaligen Sieger, kam dann unter makedonische Herrschaft u. wurde zuletzt, nachdem es die Römer anfangs für frei erklärt hatten, zu der Provinz Thrakien geschlagen. Seit 1462 war.,es türkisch n. ist jetzt Eigenthum des Vicekönigs von Ägypten (vom Sultan dem Mehemed Ali geschenkt). Vgl. Hasselbach, Ls insnla, Pliaso, Marb. 1838. Dronks. Thaffitlo , 1) T. I., Herzog von Bayern, von 595—609. 2) T. II-, Sohn Odilos, folgte diesem 748 erst 6 Jahre alt unter Vormundschaft seines Oheims, Pipin des Kleinen, welcher ihn gegen Gri- pho vertheidigte; trotzdem verließ T. seinen Obe» lehnsherru i. I. 763 auf einem Zuge gegen den nach Selbständigkeit strebenden Herzog Waifar von Aquitanien, vermählte sich mit einer longobardischen Prinzessin ».strebte ununterbrochen, die frühere Selbständigkeit Bayerns wiederzuerlangen. Pipin, zu sehr durch die Kämpfe mit Waifar in Anspruch genommen, starb, bevor er den Herzog hätte angreifen können, mit Karl d. Gr. aber gerieth T. schon dadurch in eine feindselige Stellung, daß dieser die Desiderata, eine Schwester der Gemahlin T-s, ein Jahr nach der Heirath dem Vater zurückschickte. Trotz der Vermittelung des Papstes Hadrian verweigerte T. bald nach 780 dem Frankenkönig die Heeresfolge; Karl aber zwang nach einem Frieden mit den Sachsen 786 ihn zur Unterwerfung, ließ auf einer Reichsversammlung zu Ingelheim 788 Gericht über ihn halten u. ihn zum Tode verurtheileu. Jedoch statt Vollziehung des Urtheils wies er ihn mit seiner Gemahlin in das Kloster Lorch. T. war der letzte Herzog aus dem Hause der Agilulsinger. Schmitz. That (lat. Laeinns), eine von einem Erfolge begleitete innere od. äußere THLligkeit, als deren Ursache Überlegung u. Wille gedacht wird. Vermöge ihrer Abhängigkeit vom Denken u. Wollen, also als bewußte u. gewollte, unterliegt sie in ihrer Äußerung einer sittlichen u. rechtlichen Beurtheilnng, als gut od. bös, edel od. schändlich, unschuldig od. strafbar, ist aber anderseits auch bezüglich des Entschlusses, der Motive, d. i. die innere L., aus ihre sittliche od. rechtliche Zurechnung zu prüfen. (L>. Verbrechen.) Der Unterschied des älteren Deutschen Rechtes zwischen Handhafter od. nicht übernachteter, und nicht handhaster od. übernachteter T. bezieht sich darauf, ob der Verbrecher auf frischer T. ertappt wird oder ob bis zur Entdeckung des Verbrechens schon 24 Stunden verflossen sind. Thatbestand, die besonderen äußern Umstände einer Thathaudlung, daun insbesondere (lat. Ooryus äelieti), der Inbegriff der Voraussetzungen, die zu der Annahme einer strafbaren Handlung führen, so wie die zur gerichtlichen Feststellung einer strafbare» Handlung dienenden Beweismittel (Llatsrials äs- kisti). Man unterscheidet danach einen subjecti- — Thau. ven und einen objectiven T. und versteht unter ersterem die innere That, d. i. den Entschluß, wobei die Lehre von der Zurechnungsfähigkeit, dem Lokus, der Lulpa, (s. d. Art.) in Betracht kommt, während unter dem objectiven T. die äußeren that- sächlicheu Merkmale, welche zum Begriffe des Verbrechens gehören, verstanden werden. Auf Grund der Ermittelung des T-es, welche je nach der Beschaffenheit der in Betracht kommenden Thatsachcn erfolgt, durch Beibringung von körperlichen Beweisstücken, durch gerichtliche Besichtigung, Zeugcnerheb- ungeu rc., endlich auch durch das Gestäuduiß des Angeschuldigten, soweit es mit den übrigen Erhebungen übereinstimmt, läßt sich dann zum Strafer- kenntniß schreiten. — Thatfrage, s. u. Thatsache. Thatha (Tatta), Stadt im District Karachi der vorderindischeu Präsidentschaft Siudh, au der Spitze des Jndusdeltas, unweit des Indus, einst eine blühende Handels- u. Fabrikstadt, uamentl. in Seiden- u. Baumwollenwaareu, jetzt durch engl. Cvn- currenz überflügelt; 7951 Einw. Es wurde 1555 von den Portugiesen, 1634 von Akbar geplündert; seit 1758 hatte es eine britische Factorei. Thatsache (lat. knetnm, frauz. kurt), überhaupt Alles, was irgend einmal in Zeit oder Raum geschehen od. entstanden ist, sei dies nun das Resultat einer menschlichen Thätigkeit (Handlung) od. anderer Kräfte (Ereigniß). Bes. gebraucht man den Ausdruck in juristischer Hinsicht von jedem Ereignisse, das den Grund eines Rechtsstreites abgcben kann. Hierbei kommt es hauptsächlich auf die Wirklichkeit des Ereignisses an sich u. in der Art an, wie dadurch der Rechtsstreit selbst begründet wird. Zur Gewißheit desselben gelangt man entweder durch Gestäuduiß, od. durch Beweis od. durch Voraussetzungen (siehe Präsumtion). Letztere genügen bei dem Mangel der ersten beiden im Civilprocesse, nicht aber im criminellen Proceffe, u. zwar so lange , bis das Gcgen- theil davon erwiesen wird. Die Feststellung aller derjenigen T-n, welche bei einem Rechtsspruche zu beachten sind, bildet die Thatfrage, im Gegensatz der Rechtsfrage, d. h. derjenigen logischen Operation, welche aus die Unterbringung der thatsäch- lichen Verhältnisse unter die bestehenden Gesetze u. aus die Anwendung der letzteren abzielt. Bei schweren Verbrechen werden zur Beantwortung der That- srage Geschworene zugezogen, während die Rechtsfrage zu beantworten den Richtern znfällt. Auch in Bezug auf die Rechtsmittelinstanz wird zwischen That- u. Rechtsfrage geschieden, indem nur wegen Rechtsfragen, nicht auch wegen Thatfrage» Appellation ergriffen werden darf; das frauz. Recht gestattet auch bez. der Thatfrage» Appellation gegen die Entscheidungen der Zuchtpolizeigerichte. — Thau, wässeriger Niederschlag ans der Atmosphäre, welcher sich vorzugsweise des Nachts bildet u. an Pflanzen u. anderen Körpern in Gestalt von Tropfen erscheint. Ist dabei die Temperatur niedrig genug, so schlägt sich das Wasser in fester Gestalt als Reif nieder. Wie Wells (1814) zuerst nachgewiesen hat, ist die Ursache der T-bildung folgende. In Hellen Nächten strahlen die auf der Erdoberfläche befindlichen Körper Wärme in den Weltraum aus. Dadurch sinkt ihre Temperatur, u. zwar um so mehr, je größer ihr Ansstrahlnngsvermögen ist. Sobald 296 Thau — nun die Temperatur eines Körpers so bis unter den T-punkt (s. u. Hygrometer, S. 528) der umgebenden Luft sinkt, muß sich Wasser auf demselben Niederschlagen. Zur Beobachtung dieser nächtlichen Ausstrahlung dient das Athrioskop, ein Instrument, das im Wesentlichen aus einem Thermometer besteht, dessen mit Ruß geschwärzte Kugel sich am Besten im Brennpunkte eines kleinen, nach oben gewendeten Hohlspiegels befindet. Bei bedecktem Himmel wird die Abkühlung der Körper durch Ausstrahlung dadurch verhindert,daß die WolkendeckedieStrah- leu großentheils zurückwirft. Der T. fällt vorzugsweise in heiteren windstillen Nächten u. um so reichlicher, je kälter es ist; er verschwindet meist, wenn windiges od. trübes Wetter eintritt; nur bei sehr hoch schwebenden Wolken hat mau schwachen T. beobachtet. Der T. schlägt sich vorzüglich au solchen Gegenständen nieder, die die Wärme schlecht leiten, aber gut ausstrahlen; daher fällt im Freien stets weit mehr T., als in den Straßen der Städte, Pflanzen werden mehr bethant, als fester Erdboden, lockerer Kies mehr, als sestgetretcner Weg rc. Der T. bildet sich unter günstigen Umständen die ganze Nacht hindurch; die T-bildung beginnt meist schon Abends, am größten ist die T-menge Morgens vor Sonnenaufgang, wo die Abkühlung des Erdbodens am stärksten ist; erst da fließt der T. zu größeren Tropfen zusammen. Alles, was die Wärmeausstrahlung des Bodens verhindert, ein darüber gestellter Schirm u. dgl., verhindert auch die T-, bez. Reifbildung; Pflanzen, welche unter einem Baume stehen, werden daher weniger naß u. leiden weniger vom Reif, als freistehende. Da ferner jene Erkaltung vorzugsweise in der Nähe des Bodeps stattfindet, so werden hochgelegene Körper, Baumspitzen, Dächer rc. weniger bethaut. Ferner thaut es wenig bei windigem Wetter, wo die abgekllhlten Lnfttheilcheu vom Boden weggeführt u. durch wärmere ersetzt werden, ehe der Sättigungspunkt erreicht ist. Alles, was die Erkaltung der Oberfläche eines Körpers begünstigt, vermehrt den T-uieüerschlag auf denselben. Daher werden schlechte Wärmeleiter, bes. sehr fein zertheilte (gezupfte Wolle), stärker bethant, als gute. Je feuchter unter sonst gleichen Umständen die Lust ist, desto mehr T. fällt in einer gegebenen Zeit, weshalb in trockenen Wüsten trotz der starken Erkaltung des Bodens kein T. fällt. Die Menge des T-es bestimmt man mittels des Drosometers (s. d.). Wimmenau-r m. Tha» (Etang de T.), Strandsee in den Arrondissements Montpellier u. Beziers des sranz. Dep. Herault, ist ca. 20 Icm lang u. 5—8 üin breit u. bedeckt einen Flächenraum von 7—8000 Im. Vom Mittelländischen Meere ist er nur durch eine schmale sandige Landenge getrennt, auf welcher die Eisenbahn von Bordeaux nach Cette hinzieht, u. an deren nordöstlichem breiten Ende, am Fuße des 180 m hohen Bergrückens St. Clair, die Stadt Cette liegt. Das tiefblaue Wasser des sehr fischreichen Strandsees hat nur eine geringe Tiefe; aber nicht selten toben auf demselben furchtbare Stürme und die Ufer sind oft genug mit Schiffstrümmern wie üb ersäet. Durch einen Kanal, welcher an Cette vorübergeht, wird der Etang de T. mit dem Mittelländischen Meere verbunden, während er durch den Kanal du Midi, der im SW. bei LesOnglousin ihn einmündet, u. dnrchden Kanal des Etangs, der im NO. bei Cette in ihn ein» - Thayer. tritt, mit dem südfranzöstschen Kanalnetz in Verbindung steht. H- Berns. Thaumatolögie (v. Gr.), Lehre von den Wundern, Wunderlehre. Thnumatrop (v. Gr.), der Wnnderdreher, ein von Ayrton I. Paris erfundenes Spielwerk für Kinder. An einer Scheibe von 6—8 om Durchmesser von Kartenpapier sind au zwei einander genau gegenüber stehenden Endpunkten der Peripherie Fäden befestigt. Auf der Vorderseite dieser Scheibe befindet sich ein Theil einer Figur; der fehlende Theil der Figur befindet sich ans der Rückseite, n. zwar so, daß bei raschem Drehen der Scheibe beide Figuren- theile infolge der längeren Dauer des Lichteindrnckes im Auge gleichzeitig gesehen werden u. sich zu der vollständigen Figur ergänzen. Ist z. B. ans die Vorderseite ein Pferd, ans die Rückseite ein Mann gemalt, so erscheint (bei richtiger Anordnung beider Figuren) beim Drehen ein Reiter. Th aumaturg (v. Gr.), Wnnderthäter; Beiname mehrerer Heiligen. Thaupunkt, s. Hygrometer, S. 528. Thausing, Moritz, Kunstschriststeller, geb. 3. Juni 1838 auf Schloß Tschischkowitz bei Leitmeritz; stndirte in Prag, Wien u. München Geschichte und Philologica, wurde 1864 Bibliothekar des Erzherzogs Aldrecht, 1868 Vorsteher von dessenKnpserstich- rc. Sammlung u. 1873 zugleich Professor der Kunstgeschichte an der Universität Wien. T. schr.: Nibel- ungcnstudixn, 1861 (in Pfeiffers Germania); Die Kurmark Österreich u. das krivilsginm blsnrieia- num (4. Band der Forschungen zur deutschen Geschichte); Das natürliche Lautsystem der menschlichen Sprache, Lpz. 1863; Dürer, Geschichte seines Lebens u. seiner Kunst, ebd. 1876 (franz. Par. 1878); Michel Angelas Entwurf zu dem Carlen der Schlacht bei Cascina mit Holzschnitten rc.,ebd. 1878; dieCeltes- Ciste der Wiener Universität, Wien 1878. Auch übersetzte er Dürers Briefe, Tagebücher u. Reime, ebd. 1872. Thanwurzel, s. Wurzel. Thaya, rechter, 280 Icm langer, sehr fischreicher Nebenfluß der March in Österreich, entsteht bei Raabs aus der Vereinigung der nördl. Mährischen T., die nordöstl. von Teltsch in Mähren, u. der südl. Deutschen T., die bei Schweiggers in Niederösterreich entspringt, geht abwechselnd nach Mähren und Niederösterreich, bildet auch öfters die Grenze zwischen diesen beiden Ländern u. mündet bei Hohenau. Nebenflüsse: Pulkan u. Schwarzawa od. Schwarza (mit Jglawa und Zwittawa). Thayer, Alexander Wheelock, amerikan. Schriftsteller, geb. 17. Oct. 1817 zu South Natick Massachusetts); machte seine Studien an der 8ar- varck llniversit^ in Cambridge, war dann 1843—46 Assistent an der Universitätsbibliothek u. fand nach seiner Promotion zum Doctor der Rechte Stellung bei der von der amerikan. Regierung vorgenomme- nenAufnahmedesKohlenbergwerkdistrictsamObern See, ging aber alsbald nach Deutschland, wo er, um seinen Plan einer umsassenden Biographie Beethovens auszuführen, namentlich in Bonn, Berlin u. Wien die tiefgehendsten Studien machte. 1860 trat er bei der amerikan. Gesandtschaft in Wien ein, ging 1861 nach Triest, wo er 1865 die Stelle eines Con- snls seines Vaterlandes erhielt. T-s Hauptwerk ist 297 Thayingen das Leben L. van Beethovens, deutsch Berl. 1866 bis 1879, 3 Bde., ein Meisterwerk von einer Biographie, welches des gewaltigen Stoffes nach allen Seiten hin in vollstem Maße Herr wird n. so in jeder Beziehung den Anforderungen, die au eine solche Biographie gestellt werden können, gerecht wird; schätzenswerthe Beiträge sind die in: Chronologisches Verzeichniß der Werke L. van Beethovens, Berl. 1865, u. Ein kritischer Beitrag zur Beethoven-Literatur, ebd. 1877, niedergelegten Ergebnisseseiner Studien; außerdem ist neben seiner Lhätigkeit für periodische Zeitschriften rc. von ihm zu erwähnen die Sammlung mnsikal. Novellen: Signor Llrrsorri -ruck otüsrpapors ok birslntsll. Brorvn, Berl. 1862 . Lagai. Thayingen (Thayngen), Flecken u. Hauptort in dem gleichnam. Bez. des schweizer. Kantons Schafshausen, Station der Bad. Staatseisenbahnen; vortrefflicher Weinbau; 1870: 1302 Ew. — Bei T. im sogen. Keßlerloch, einer aus der ältesten Nen- thierzeit stammenden Höhle, wurden 1873 von dem Lehrer Merck Überbleibsel nrweltlicher Thiere, un- polirte Stein- u. Knochenwerkzeuge, zum Theil mit sonderbaren Zeichnungen u. Schnitzereien rc., auf- gesunden , die zwar für Fälschungen erklärt, jedoch von der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, sowie auch von der deutschen Anthropologischen Gesellschast als echt erkannt wurden. Iben L., Pflanzengatt, aus der Fam. der lern- strosmiaooao (XIII. 1); Blüthen mit 3—6blättri- gem abfallendem Kelche, 6—9 in 2—3 Reihen stehenden Blumenblättern, welche am Grunde, wie die Staubblätter, etwas mit einander verwachsen; Fruchtknoten mit dreispaltigem Griffel; Frucht eine dreifächerige, dreikantige, dreisamige, an den Scheidewänden sich öffnende Kapsel; die Arten sind Strän- cher OAsicns, mit immergrünen, abwechselnd stehenden Blättern; die bekannteste Art ist N. elrinonsis Kms. mit den Varietäten virickis, Lolroa u. otrieta; sie liefert den Thee (s. d.). Theagenes, Tyrann von Megara, aus Nisaia (Hafen von Megara), machte sich um 625 mit Hilfe des Volkes, das er gegen die Reichen u. Aristokraten in Schutz nahm, zum Tyrannen und schickte seinem Schwiegersohn Kylon Hilfe zur Erlangung der Tyrannis in Athen. Um Megara machte er sich durch Hebung von Handel u. Gewerben, Errichtung einer Wasserleitung rc. verdient, ward jedoch bald wieder gestürzt. Theandrie (v. Gr.), die gottmenschlrche Natur (Jesu Christi). Theäno , Tochter des Pythonax aus Kreta oder des Brontinos aus Kroton, Gattin des Pythagoras. Sie war die erste Griechin, welche sich mit Philosophie beschäftigte. Unechr ist jedoch das ihren Namen tragende Fragment ans dem Buche bei Stobäos, sowie sieben Briese über Kindererziehung u. Hauswesen; letztere stehen in I. C. Orelli, 6oIIsetio spistoiarum Zraoo., 1. Thl., Lpz. 1815. Auch einejüngerePhilosophiuT. wird genannt, welche Schriften über Pythagoras geschrieben haben soll. Thcanthröpos (griech.), Gottmensch, Beiname Christi. Daher T h e a n t h r o p o l o g i e, die Lehre von der Vereinigung der Gottheit u. Menschheit in Jesu. Theater (v. gr. Theatron), Bezeichnung der Schaubühne, wie auch des ganzen Gebäudes, worin Schauspiele, insbesondere dramatische, aufgeführt — Theater. werden. Schon die Alten kannten die T. u. bei den Griechen, noch mehr bei den Römern, hatte fast jede Stadt ihr eigenes T., das meist dem Dionys heilig war und in dem dramatische u. musikalische Spiele, Wettkämpfe, panegyrische Reden, auch außerordentliche, später alle Volksversammlungen abgehalten wurden. Das griechische T., meist schön gelegen, war nach oben offen. Es bestand ans drei Theilcn: a) dem Th eatron, einem halbkreisförmigen Raum für LieZuschauer, mit amphitheatralischeuSitzstufen von verschiedenem Rangwerth, die durch concentrische Gänge (Diazomata) in Stockwerke, durch Treppen (Anabathmoi), die von der Orchestra bis zu den obersten Sitzstufen führten, in keilförmige Abtheilungen (Kerkides) getrennt waren; d) der Orchestra, der zwischen dem Theatron und der Scene liegende Platz, der in ausdrücklicher Beziehung auf den Reigen des Chors, welcher hier agirte, seinen Namen als Tanzplatz erhielt, mit der Thy mele, der Sammelort des Chors, wenn er nicht sang, u. Standort des Chorführers; endlich der o) Scene, dem oft statnengeschmückten Bllhncngebände, im engeren Sinne der Hinteren decorirten Bühnenwand. Die gedielte Bühne, auf der die Schauspieler agirten, hieß Proskenion, Nebengebäude, die sich zubeidenSei- ten derselben erhoben, wurden Paraskenia, die Front, welche sich unter der Bühne hinzog, Hypo- skenion genannt. DicSceneuwand,diedie verschiedenen Schauplätze der Handlung in einer jeder Perspective fremden Malerei vergegenwärtigte, konnte theilweise u. gänzlich nach beiden Seiten auseinander gezogen u. geschoben werden. Die Maschinerie überhaupt hatte einen achtbaren Grad der Ausbildung erreicht u. wurde in verschiedenster Weise angewandt. In Athen war man daran gewöhnt, von der rechten Seite die Personen aus der Stadt u. aus dem Hafen, von der linken die aus der Fremde auf- trelen zu scheu. Dasselbe gilt auch für den Einzug des Chors durch die zwischen Len Paraskenien u. Len Hörnern des TheatronS liegenden Eingänge (Paro- doi, Dromoi). An den Parodoi waren auch wol in der Nähe der Hörner des Theatron die Charonischen Stufen (Charoneioi, Klimakes), aus welchenGeistcr- erscheinungen auf das T. kamen. Einen Vorhang (Aulia) vor der Bühne hatte das griechische T. von Anfang an nicht, aber jedenfalls wurde ein solcher später üblich und kam von dem griechischen ans das römische T. Vitruv erwähnt Schallgesäße (Echeia) aus Thon oder Metall, die zwischen den Sitzreihen auf Keilen aufgestellt, die Stimme für die Schauspieler vernehmlich machen sollten. Doch ist es möglich, daß diese Vorrichtung nur theoretisch war, wenigstens gab es dergleichen im athenischen T. nicht. Als das T. unter Äschylos Staatsanstalt geworden war, bekamen auf Antrag des Demonides die ärmeren Bürger, damit auch sie das T. besuchen konnten, aus Staatsmitteln das Schaugeld (Theorikon), ja, der Staat sorgte sogar für Erfrischungen. Die Verwaltung des T-s gehörte zu den Staats- (Ehren-) Ämtern, denen bes. die Auswahl der Stücke, Einübung der Chöre, später Ausspruch über den Sieg bei dichterischen Wettkämpfen oblag. Erst später gab es in Athen besondere T-pächter (Theatrönai, Thea- tropölai). Außer dem Dionysos-T. in Athen, das 30,000 Zuschauer faßte, werden als bedeutende T. Griechenlands noch erwähnt das T. zu Korinth, 298 Thcatcr. Sparta, in Epidauros, Sikyon, auf Ägina und zu Megalopolis.das für 40,000 Personen Raum hatte, rc., s. Schauspielkunst. In Rom wurden früher keine stehenden T. gebaut, ein steinernes T. wurde erst 55 v. Chr. erbaur. Für jedes Fest wurde ein Brettergerüst für die Bühne (i?ro8esninm) und die sog. Laven für die Zuschauer gebaut. Die römischen T., bei denen der Sprechplatz kukpitinm hieß, waren zwar den griechischen nachgebildet, übertrafen aber dieselben nicht blos an Pracht u. Größe, sondern auch hinsichtlich der Anlage. Die Orchestra, hier Podium genannt, war zu Sitzen für die Senatoren u. die Gäste der Gemeinde bestimmt u. glich daher völlig unserm Parquet. Bor der Bühne hing ein Vorhang (L.ulasnm); verschieden von diesem war das Lixarium, ein kleinerVorhang innen vor der Bühne, welche dieselbe den Zuschauern zwischen den einzelnen Acten barg. Als die Römer anfingen steinerne T. zu bauen, wurde die Scene meist mit Marmor bekleidet u. erhielt marmorne Säulen. Hinter der Scene zog sich eine Porticus herum, dazu dienend, die Zuschauer vor plötzlichem Negenwctter zu schützen. Die Treppen (Lealas, Lealaria) in dem Zuschauerraum (Lavsa) gingen durch alle Sitzreihen von der Orchestra bis in die oberste, od. auch so, daß die der anderen Abthcilungeu zwischen die der ersten fielen. Über das offene T. wurde seit den letzten Zeiten der Republik eine Art Zeltbedeckung (Volarium, ?-rrn- pobasina) gespannt. Zur Erfrischung der Zuschauer waren in den Wänden u. Statuen Röhren angebracht, aus welchen wohlriechende Specereien träufelten. Vgl. Kannegießer, Die komische Bühne in Athen, Bresl. 1817; Genelli, T. zu Athen, Berl. 1818; W. Schneider, Das attische T-wesen, Wenn. 1835; Strack, Das allgriechische T-gebäude, Potsd. 1843; A.Witzschel, Die tragische Bühne, Jena 1847; Fr. Wieseler, T-gebäude bei Griechen u. Römern, Gött. 1851; Schönborn, Die Scene der Hellenen, Berl. 1861; Benndorf, Beiträge zur Kenntniß des Athen. T-s, Wien 1875; Arnold,Das altröm.T-ge- bände, ebd.1873. S. a.Taf.,V.Bd. 2. FürAufführ- ungen von Komödien u. Schauspielen im Mittel- alter gab es keine eigenen Gebäude. Als aber in neuerer Zeit besondere Schauspielhäuser gebaut wurden, hatten nur die Haupt- u. Residenzstädte eigene T-, u. erst in der zweiten Hälfte u. noch mehr im letzten Viertel des 18. Jahrh. bekamen auch die Mittelstädte dergleichen, u. jetzt gibt es fast keine Stadt über 12—15,000 Ew. im gebildeten Europa oder Amerika, welche nicht ihr eigenes T-gebLude besäße. Zum Unterschied von den T-n der Alten haben die neuern T. ein förmliches Dach; auch werden nur Abends bei Licht in denselben Vorstellungen gegeben. Nur die Sommer-T. machen hiervon eine Ausnahme. Das Innere des T- gebäudes besteht aus dem Saal für die Zuschauer u. einer unmittelbar damit verbundenen Bühne oder Scene. Dem Zuschauerraum ist zunächst der Bühne Las Orchester, ein durch Barrieren getrennter Raum für die Musiker. Hinter dem Orchester folgt das Parquet, auf dieses das Parterre, welches meist aber durch eine eigene Logenreihe, die Parterrelogen, begrenzt ist. Über den Parterrelogen erheben sich mehrere Reihen Logen, ersten u. zweiten Ranges, in großen T-n auch eine dritten u. vierten Ranges. Der andere Hauptthcil LeS T-s, die Bühne oder Scene, ist der Ort, wo die Schauspieler agiren. Der vorderste Theil derselben heißt das Proscenium (Vorbühne, Vorscene). DenFußboden dcrBühne (dasPodium) läßt inan nach hinten zu ein wenig austeigen. Die Scene oder der Ort, wo die Handlung spielt, wird seitlich u. im Hintergrund durch die Decorationen bezeichnet. Die Hinterwände können herabgelassen werden, während die Coulissen durch unterhalb des Podiums befindliche Wagen od. Walzen, mit denen sie in Verbindung stehen, sich vor- u. rückwärts bewegen lassen. Die sog. geschlossene Decoration wird dadurch erzielt, daß man vollständige Seitenwände anstatt der Coulissen u. oben eine wirkliche Decke in Anwendung bringt. Sie empfiehlt sich namentlich für das Conversationsstück. Die zu näherer Bestimmung der Scene nöthigen Stücke, wie Häuser, Mauern, Bäume u. dgl., welche man Versetzstllcke nennt, werden vermittelst sogen. Freiwagen, deren Maschinerie ebenfalls unter dein Podium hingeht, von den Seiten hervorgeschoben, wol auch durch Arbeiter aufgetragen. Den Luftraum oder die Decken der Zimmer bilden die Soffiten (Souffiten), schmale, von einer Coulisse querüber zur andern gezogene gemalte Leinwandstreifen. Die aus der Erde hervortretenden Erscheinungen aller Art werden durch Versenkungen, d. i. Bodeuausschuitte die geräuschlos aus- u. niedergehen, hervorgebracht u. die von oben herab zu bewirkenden Erscheinungen, wegziehende Wolken u. dgl. durch sogen. Flugwerke vermittelt. Der Vorhang (die Gardine), welcher den Zuschauer» raum von der Scene trennt, sonst gerollt, geht jetzt meist gleich den übrigen Decorationen in einen großen Nahmen festgespannt in die Höhe. In den meisten T-n fällt seit neuerer Zeit auch bei dem Wechsel einzelner Scenen, sobald Verwandelungen dabei Vorkommen ein einfacher Vorhang (sogen. Zwischenvorhang. Ein dritter von gewelltem Eisenblech dient dazu, bei ansbrechenden Bränden Zuschauerraum u. Bühne hermetisch von einander abzuschließen. Die Beleuchtung der Bühne u. namentlich der Decora- tionen geschieht durch Lampen oder Gasflammen, welche hinter jeder Coulisse u. den Soffiten angebracht sind. Damit die Schauspieler in das hellste Licht versetzt werden, ist eine Reihe Lampen mit Re- verberen versehen, vorn an der Vorbühne auf einem Gestelle, der Rampe angebracht. Die Erleuchtung des Raumes für die Zuschauer geschieht durch einen großen Lüstre unter der Decke. Erst spät hat man sich allgemein zur Heizung der T. entschlossen, und zwar bedient man sich zu selbiger meist der Luftheizung. Die uothwendigen Vorbereitungen zum Flugwerk, zu dem Ausziehen des Vorhangs, zu dem De- corationswechsel, zu der Herablassung der Soffiten rc., werden aus einem besonderen Boden über der Bühne, dem Schnürboden, getroffen; dort od. über demselben unter dem Dach befinden sich auch die zur Löschung bei einem etwa im T. ausbrechenden Feuer nöthigen Wasserreservoirs. Zu den übrigen in einem T. vorhandenen Räumen gehört das Decorations- magazin, Malersaal, die Garderobe rc. Zu Lein bei einem T. angestelltcn Personal gehören: der T-decorateur,der T-maler, der T-meister ob. Maschinist, der T-diener, der T-schneider, der T-friseur, der T-kassirer, der T-secretär, Dramaturg rc. Je nachdem ein T. von einer Stadt, von den Landständen oder von einem Fürsten gebaut 299 Thcatcr-Akadcmie — Theben. worden ist u. verwaltet wird, heißt cs städtisches, ständisches, National-, Hof-, herzogliches, königliches T.; das Personal der letzteren bilden stets ständige, Las der ersteren theils ständige (an größern Orten), theils ambulante Gesellschaften (des. an kleinen Orten). Die größten u. schönsten T. sind folgende: S. Carlo in Neapel (faßt 7500 Zuschauer), das Oalla soala in Mailand, das Haus der Großen Oper, das Odeon-T, wie das Tsiöatrs Rranyais in Paris, die T. in München, Darmstadt, Dresden, Augsburg, Berlin (Schauspielhaus n. Opernhaus, Wallner-, Victoria, u. Ostend °T.), in Braunschweig, Hanno- ver, Karlsruhe, Wien (Opernhaus, Stadt-T. n. T. an der Wien), Frankfurt a. M,, das Drnrylane- u. Coventgarten-T. in London, das T. in St. Petersburg u. m. a. Im Großen n. Ganzen ist die Technik des T-baues seit 200 Jahren wesentlich nicht fortgeschritten n. entspricht praktisch noch nicht den Anforderungen, die man an sie stellen darf. Rich. Wagmr, der überall wo er eingriff, bedeutsame Umwälzungen hervorbrachte, hat auch durch die Errichtung feines Festspielhauses in Bayreuth, in dem von den Logen abgesehen, die amphitheatralische Sitzordnung rc. eingesührt ist, ein uachahmenswerthes Muster für den Fortschritt nach dieser Richtung hin gegeben. Im I. 1873 gab es in Europa 1525 T., davon hatte Italien 318, Frankreich 337, Deutschland 191, Spanien 168, Oesterreich 152, England 150, Rußland 44, Belgien 34, Holland 22, die Schweiz 20 rc. Es waren daran angestellt 3,027,000 männliche u. 2,157,000 weibliche Personen, also zusammen 5,184,000 Schauspieler. Großangelegte, illu- strationsgeschmückte Werke existiren über viele größere Theater. Vgl. a. Fälsch, Theaterbrände, Hamb. 1878, und Moynct, R'Luvors cku Misatrs, Paris 1875. Unter Theater versteht man ober auch das ganze Thcatcrwesen, seine Organisation rc.,s. Schauspielkunst und vergleiche noch A. Royer, Historie universelle clu tlisätro, Par. 1878, 6 Bände; Das deutsche T. u. seine Zukunft, von einem Staatsbeamten, Berl. 1876; Brachvogel, Gesch. des königl. Theaters in Berlin, Berlin 1877 f.; Grandauer Chronik des königl. Hof- und Nationaltheaters zu München, Münch. 1878; Laube, Das Burgtheater, ein Beitrag zur deutschen Theatergeschichte, Leipzig 1869; Ders., Das NorddeutscheT.,ebd.1872; Peth, Geschichte des T-s u. der Musik zu Mainz, Mainz 1879. Kürschner.' Theater-Akademie, private od. staatliche Anstalt zur Ausbildungjunger LeutebeiderleiGeschlcchts, die sich dem Theater widmen wollen. Die größte u. umfassendste deutsche T.-A. ist die des Conservatori- ums für Musik u. darstellende Künste der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Eine andere T.-A. von Bedeutung ist die, welche der königl. Musikschule in München beigeordnet wurde, wie denn überhaupt die T.-A-u leider bei uns meist nur als Unterab- theilungcn von Musikschulen n. Conservatorien auf- treten. Die Geschichte, Programme, Lehrkräfte und Frequenz der wichtigeren Theater- u. Musikschulen findet man in Kürschners Jahrbuch für das deutsche Theater, Leipz. 1879. Kürschner. Thcatincr (wol richtiger, aber nicht gebräuchl. Teatiner vom Städtchen Teate; — Olorioi rvAnlaros Pdeakilli,Cajetauer,Chietiner,Cleriker von der göttlichen Providenz, tllsrioi in eommuus vivsntss, Pauliner) Mönchsorden, gestiftet 1524 von St. Ca- jetan von Thiene, einem vicentinischen Adeligen, mit I. Peter Caraffa, Bischof von Theate (nachmals Papst Paul IV.), Bouisacius de Colle und Paul Consieglicri,zurReformirung ves Clerus u. des Volkes durch Herstellung der Klostcrzucht, Verzicht auf eigenen Besitz, Leben von freiwilligem, nicht erbetteltem Almosen, Vertheidigung des katholischen Glaubens gegen Heidenthum u. Häresie, Seelsorge und Krankenpflege, Ablegung der drei feierlichen Gelübde n. Befolgung der Regel des St. Augustinus. Alle drei Jahre wurde ein Superior gewählt. In dieser Fassung wurde der Orden von Clemens VII. 1524 bestätigt. Wie die übrigen Orden, so erhielten sie auch 1588 durch Sixtus V. einen General. Aufnahme-Vorbedingungen: 1)Gelehrsamkeit, 2) Adel, 3) ansehnliches Vermögen. So wurden die T. eine Pflanzschule vornehmlich des höheren Clerus, hatten in kurzer Zeit Häuser in den Hauptstädten Italiens u. breiteten sich auch bald in Spanien, Polen, Deutschland, besonders Bayern aus; in Frankreich blieb Paris die einzige Station; sie drangen als Missionare 1627 nach Mingrelien, daun in die Tatarei, nach Cirkassien u. Georgien vor. Ihre Regel ist sehr milde, ihre Kleidung besteht in dem gewöhnlichen schwarzen Kleid der Orden und Schuhen mir weißen Strümpfen. Einen Orden der Thealinerin neu stiftete die Neapolitanern! Ursula Benin- casa (geb. 1547, gest. 1618) in 2 Kongregationen, zu Ehren der unbefleckten Empfängniß 1583, zu Ehren der unbefleckten Einpfäuguiß von der Einsiedelei 1610. Der berühmteste T. der Neuzeit war der eloquente n. feurige Siciliauer P. Ventura. Löffler.' Theatralisch (v. Gr.), bühnenmäßig, schauspielerisch; auf Efsect berechnet. Thebä, so v. w. Theben. Thebain, ein Alkaloid des Opiums. Thcbais, der slldl. Theil von Aegypten, von der Hauptstadt Thebä benannt; später war es einer der drei Districts, in welche Ägypten getheilt war. Thcbaische Legion (Is^io Islix ^auuousis), soll mit ihrem Anführer Mauritius im Jahre 286 in den Engpässen von Agaunum (St. Maurice in Wallis), weil sie sich weigerte, an einer Christenverfolgung theilzunehmen, auf Befehl des Kaisers Maxi- minian niedergemetzelt worden sein. Die erste Erwähnung dieser Legende geschieht 520 in Vita 8. Romani, dann von Aritus, Bischof in Vienne (gest. 523), sowie bei Eucherius, Bischof von Lyon um 530 in Lass!» 8. Llaurioii ae soeiorum ejus. Von Simeon Metaphrastes scheint daun Liese Legende aus den griechischen Märtyrer Mauritius, der als Mililärtribun mit 70 Kriegern bei Apamea vom Kaiser Maximinian hingerichtet worden sei, übergetragen worden zu sein, wenn nicht dies die ursprüngliche einfachere Gestalt der Sache ist. Die Erzählung wurde schon in den Magdeburger Centurien auge- zweifelt, dann von Dubonrdieu, dagegen vertheidigt von I. A. F. von Baltheser, P. Joseph Derivaz u. I. Braun, Zur Geschichte der T. L., 1855. Löffler. Theben, 1) (altägypt. Tape, später Diospolis, bei den Hebräern Ra-Ammon>, Haupt- u. Residenzstadt des alten Ägypten u. Sitz des Amuncultus in Oberägypten, lag zu beiden Seiten des Nils in einer Ebene; sie war die Residenz der Könige ans der nach ihr genannten Thebaischen Dynastie, die größte u. 300 Theben - reichste Stadt Ägyptens, als welche sie schon Homer kannte n. sie die Hundertpfortige nennt T. blühte auch zur Zeit der Hyksos fort, welche mit den Königen in harten Kämpfen lagen, die Stadt aber nicht eroberten. Erst dann fing sie an zn sinken, als Niederägypten c ultivirt, die Residenz nach Memphis verlegt wurde, hier andere Priestercollegien entstan- den u. auch der Handel dahin seine Wendung nahm; Kambyses eroberte T., machte den Versuch, die heiligen Gebäude zn zerstören, scheiterte aber an diesen Colossen n. ließ die Kostbarkeiten nach Persien schaffen; die Ptolemäer vernachlässigten T. u. endlich vollendeten die Römer, welche den Cornelius Gallus gegen T. schickten, da es den aufgelegten Tribut verweigerte, seinen Sturz. Zur Zeit als Strabon seine Reise nach Ägypten unternahm (30. v. Chr.), hatte T. noch 2 geographische Meilen im Durchschnitt von S. nach N. Im I. 27. v. Chr. fand ein starkes Erdbeben statt, u. man hat Grund anzunehmen, daß die Bauten hierdurch mehr gelitten haben, als vorher durch Menschenhand. Eine neue Periode der Zerstörung u. Verunstaltung begann durch die Araber, namentlich auch in neuerer Zeit, seitdem die Alterthumsforschung sie verleitete, alles zum Zwecke der Speculation zn durchwühlen. Vier elende arabische Dörfer sind innerhalb der Ruinen erbaut, nach denen man dieselben gruppirt u. benennt. Die Ruinen bei Medinet-Abn n. Gurnn, sind ein Königspalast, nordwestl. von demselben ein Tempel u. das Feld der Kolosse, unter ihnen die Memnonsbilder, halbzerstört, nördl. davon das Memnonium u. das Grabmal u. der Palast des Osymandyas, die Überbleibsel einer umgestnrzten monolithen Statue von 18 in, ein Tempel der Isis, die Ruinen von 100 Sphinxen. In der libyschen Bergkette von Medinet- Abn bis Gurnn ist auf einer Strecke von 1 geogr. Meile die Nekropolis mit Grabhöhlen (Katakomben), die mit Scnlptnren, Malereien u. Hieroglyphen geschmückt sind, welche Scenen aus dem Leben der hier Begrabenen darstellen. Die berühmtesten unter denselben sind die Königsgräber. Ans der OSeite des Nils sind die Ruinen von Luksor; hier des. der von Amenophis III. u. Ramses II. erbaute Tempel mit den beiden Obelisken vor demselben, von denen der eine 1831 nach Paris geschafft wurde. Nördl. von diesen liegen die Ruinen von Karnak; zuerst ein großer Palast, das großartigste von allen bekannten ägyptischen Bauwerken, südl. davon ein großer Tem- pel, einer der ältesten u. am besten erhaltenen, Thor von 40 in, Durchgang von 18 m, Halle von 134, Monolithsäulen von 3 in Durchmesser u. 20 m Höhe, 4 Obelisken, vondenen einer noch steht rc.; ihm gegenüber steht ein kleinerer, vielleicht später gebauter Tempel. Alles mar mit Reliefarbeit, Malereien, Hieroglyphen der feinsten Arbeit bedeckt, jetzt aber nur znm Theil noch erkennbar. Vom Palast in Luksor führte nach dem Haupttempel in Karnak eine 2 Icru lange Allee von Kriosphinxen. Bei den Tempelruinen von Karnak betreibt die ägyptische Regierung Salpeterwerke mittels deren Schult. Vgl. Das Boot u. die Karawane. Aus dem Engl, von Himly, Lpz. 1860; Mariette, Karnak, ütuds kiistorigns et ar- olreologigus, Leipz. 1875. 2) Marktflecken, s. v. w. Deveny. t. Theben (Thebe, Thebä), Stadt in Böotien, lag in einer fruchtbaren Ebene mit der Burg Kadmea — Thcdcn. im SW. der Stadt, wurde von dem Jsmenos durchflossen und an der Quelle Dirke; jetzt Phiva. Die Spuren von T-s alter Größe, von Theatern, Gyni- u»,asten, Tempeln rc. sind verschwunden. Wie die Sage, nach der Kadmos die nach ihm benannte Burg Kadmea erbaute, beweist, ist T. von Phöni- kiern gegründet. Durch innere Zwistigkeiten ge« schwächt(MythusvonOedipus,Polynelkes, dcmZng der Sieben gegen T. und dem Epigonenkrieg rc.), unterlagen die Kadmeonen den von R. eindringen- den Büotern,welchcdie Stadt n. die ganze Landschaft seitdem dauernd besaßen. Das Streben T-s, sich zur herrschenden Stadtgemcinde von Böotien zn machen, wurde von Erfolg gekrönt trotz der Bemühungen der Platäer, welche sich an Athen anschlossen. Aus Feindschaft gegen diese traten die Thebaner in Len Perserkriegcn ans die Seite der Perser u. wurden mit denselben bei Platää geschlagen. Auch im Peloponnesischen Kriege gehörten die Thebaner zn den erbittertsten Feinden der Athener. Erst später näherten sie sich denselben aus Furcht vor der immer wachsenden Uebermacht Spartas: im Korinthischen Kriege (394—387 v. Chr.) kämpfen Thebaner, Athener, Korinther, wenn auch unglücklich, gegen Sparta. Die Glanzzeit der thebanischen Geschichte ist der Zeitraum von 379—362 v. Chr., wo T. durch Epaminondas u. Pelopidas zur ersten Macht Griechenlands erhoben wurde. Pelopidas befreite 379 T. von der unter spartanischer Beihilfe 382 zur Herrschaft gelangten Oligarchie, zwang die spartanische Besatzung der Kadmea zum Abzüge u. kämpfte glücklich gegen Thessalien u. Makedonien; Epaminondas schlug 371 die Spartaner entscheidend bei Lenktra, drang wiederholt siegreich in den Peloponnes ein, stellte Messenien wieder her, einigte durch die Erbauung von Megalopolis die Arkader u. lähmte dadurch Spartas Macht für immer. Nach seinem Tode (362) in der siegreichen Schlacht bei Mantinea, nach dem des Pelopidas (364) sank T-s Macht bald. Durch die sogen. Heiligen Kriege geschwächt, im Innern von Parteiungen zerrissen, unterlag es mit Athen Philipp von Makedonien in der Schlacht bei Chäronea (338) n. erhielt makedonische Besatzung. Der Versuch, dieselbe zu verjagen u. die makedonische Herrschaft abznschüttcln, führte 335 zn seiner völligen Zerstörung durch Alexander d. Gr. Obwol Kassander es mitHilse der Athener 316 wieder herstellle, so blieb es doch seitdem unbedeutend; 171 v. Chr. ergab es sich in römische Hände, ward dann eine Beute der Slawen, im 13. Jahrhundert ein Theil des Herzogthums Athen, im 14. Jahrh. von Albanesen besetzt u. darauf von Türken bis zu seiner Befreiung durch den Sieg bei Navarin 1827, worauf es zu Griechenland kam u. ein Gouvernement darnach benannt wurde. Jetzt Phiva in der Nomarchie Böotien des Königreichs Griechenland. Unger, Misban. paradox., Halle 1839; Forchhammer, ioxoArapiü» Mrsdaruin dsptapz-karniu, Kiel 1854. Jähnke. Theca (v. Gricch.), 1) Behältnis;, worin man etwas aufbewahren kann, z. B. Kiste, Kasten, Sarg; 2) die Büchse der Laubmoose, s. Moose. IliL dansant (franz.), eine Theegesellschast, wobei getanzt wird. Theben, Joh. Christ. Anton, einer der bedeutendsten preuß. Militärchirurgen, geb. 13. Sept. 1714 in Bützow, wurde Kopist, wollte das Schnei- 301 Thedcnsches Schuß- od Lerhandwerk erlernen, kam aber dann zu einem Chirurgen in die Lehre, besuchte in Rostock anatomische Vorlesungen, couditionirte in Hamburg u, Danzig, trat hier in ein Kürassierregiment ein als Escadrou- chirurg, kam nach Berlin, wurde Regimentschirnrg, 1745 Leibchirnrg des Königs, studirte nach dem zweiten Schlesischen Kriege in Berlin noch weiter, ging nach Stettin und wurde nach dem Siebenjährigen Kriege Geueralchirurg des Artilleriecorps u. 1786 Generalstabsarzt der Armee; erst. 21. Oct. 1797. Er hat sich durch die Einführung kalter Umschläge bei der Wundbehandlung große Verdienste erworben. Seine hinterlassenen Schriften (u. a.: Neue Bemerkungen u. Erfahrungen zur Bereicherung der Wund- arzneiknnst u. der Medicin, Berl. u. Stctt. 1776 u. 1782; Uuterrichtftir die WundärztebeiArmcen, Berl. 1774) sind reiche Fundgruben merkwürdiger Beobachtungen. Thmnhcq». Thedcnsches Schliß- oder Mundwasser (Uixtura vniveraria avicia), Mischung von Essig, Weingeist, Schwefelsäure und Honig; dient zu Umschlägen auf frische Wunden u. dgl. Thedinghausen, Flecken im Herzogthum und Kreise Braunschweig, in dem gleichnam. Amtsbez., einer Exclave in der preuß, Lauddrostei Hannover, ander Elfterunweit der Weser; Ackerbau und Vieh-, bes. Schweinezucht; 1875: 1678 Ew. — Das Amt T. gehörte ehemals zum Erzstift Bremen, kam im Westfälischen Frieden 1648 au Schweden u. wurde von diesem 1679 mit den übrigen, auf dem linken Ufer der Weser gelegenen Marjchlanden an das Ge- sammthaus Braunschwcig abgetreten, dessen ältere Linie Braunschweig-Wolfenbüttel den Amtsbez. T. in seinem gegenwärtigen Umfange durch Vertrag erwarb. Thee kein chinesisches Wort aus der Fokien-Mund- art), die getrockneten Blätter des T-strauches (Ursa edinsnsis), welcher in China, Japan, Cochin- china u. einigen Gegenden des östl. u. südl. Asiens wächst, aber auch an anderen Orten, bes. Brasilien rc., mit Erfolg angepflanzt ist. Man unterscheidet die Abarten Ursa Lolioa, 1'. viridis u. V. strieta. I. Loden ist die kleinere Art u. liefert die geringen, V. viridis ist größer und gibt die feineren Sorten. Der T-strauch erreicht in der Wildniß eine Höhe von 3—4 m. Er hat immergrüne, wechselständige, kurz- gestielte, länglich lanzettförmige, gezähnte, 5—7 cun lauge u. 2,5 om breite, lederartige, glänzende, an den jungen Trieben etwas behaarte Blätter. Vgl. ll'doa. Der A ubau des T-s ist über ein großes Ländergebiet Asiens, bes. in China u. Japan, ausgedehnt. Am besten gedeiht der T. in den gemäßigten Theilen der heißen Himmelsstriche, geräth aber noch in dem 40." n. Br. Immer muß der Boden fruchtbar sein, weil auf schlechtem Boden die Pflanze das Abnehmen der Blätter nicht würde vertragen können. Dian pflanzt die jungen Pflanzen in Reihen von etwa 1,2 m Abstand. Im kälten Winter werden sie durch Umwinden mit Stroh vor dem Erfrieren geschützt. Die T- sträucher werden 10—12 Jahre alt, aber erst im 2. vd. 3. Jahre liefern sie brauchbare Blätter. Das Einsammeln geschieht jährlich dreimal. Die Blätter werden mit derHand, meist von Weibern, abgestreift. Bei der ersten Ernte, welche schon gegen Mitte April vorgenommen wird, sammelt man die jungen Blätterknospen, welche sich eben zu entwickeln beginnen. Wundwasser — Thee. Diese liefern den feinsten u. wohlschmeckendsten T., den Gelben T-, welcher von den Chinesen sehr zerschlitzt n. meist nur zu Geschenken an gute Freunde verwendet wird. Im Mai od. Juni erfolgt die zweite Ernte, die Hanpternte im ganzen Jahre, u., sobald dis Sträucher wieder neue Blätter getrieben haben, die dritte u. letzte Ernte, welche einen geringen T. liefert, der gar nicht zur Versendung ins Ausland kommt. Bei der Bereitung von grünem T. werden die eingesammelren Blätter auf Horden von Bambusstäben 1. oder 2 Stunden lang der Luft ausgesetzt, dann in vorher erhitzte Röstpfannen geworfen und mit beiden Händen sehr schnell umgerührt. Nach 4 bis 5 Minuten werden die welken u. feuchten Blätter auf Rolllische gebracht, mit den Händen zusammengerollt, hierauf in die erhitzte Pfanne geworfen und fortwährend mit den Händen umgerührt. Zuweilen bringt man sie dann nochmals auf die Rolltische, worauf sie nach wenigen Stunden ganz trocken werden. Ihre nun dunkelgrüne Farbe wird mit der Zeit Heller. Nachdem man auf Liese Weise ein ziemliches Quantum T. getrocknet hat, wird derselbe durch verschiedene Siebe von Staub u. Unreinigkeiten befreit u. dann sortirt. Während dieser Sorlirung wird der T. nochmals erhitzt, die geringeren Arten einmal, die besseren drei- bis viermal. Häufig gibt man dem grünen T. eine künstliche Färbung durch eine aus 3 Theilen Berliner Blau od. Indigo, 4 Theilen Gips u. einem gelben Pflanzenpigment gemischte Farbe, welche dem T. während des letzten Röstens zugesetzr wird. Die Chinesen verwerfen solchen gefärbten T. für Len eigenen Gebrauch, im Handel ist er aber wegen seiner gleichmäßigeren u. lebhafteren Färbung gesuchter als der nicht gefärbte. Soll Schwarzer T. bereitet werden, so läßt man die eingesammelten Blätter auf den Horden längere Zeit an der Lust liegen, bearbeitet sie dann mit beiden Händen, indem man sie zusammendruckt, reibt u. in die Höhe wirft, damit sie sich anseinandertheilen u. setzt dies so lange fort, bis sie ganz welk u. weich geworden sind; dann werden sie in Haufen geschüttet, eine Stunde od. auch länger der Lust ausgesctzt und auf die Rolltische gebracht, hierauf in eisernen Pfannen geröstet u. nochmals zusammengerollt, dann aber, auf Siebe möglichst dünn geschüttet, etwa 3 Stunden lang der Lust ausgejetzt. Während dieser Zeit müssen die Siebe beständig umgedreht werden, um das Ancinanderhaf- ten der Blätter zu vermeiden. Sie werden nun zum zweiten- u. drittenmal geröstet u. gerollt und dann langsam über Holzkohlenfeucc getrocknet: endlich wird der fertige T. gesiebt u. sortirt. Kommt der T. an Ort u. Stelle zum Verbrauch, so trocknet man ihn weniger stark als den zum Versandt bestimmten. Die Güte des T-s ist in den verschiedenen T-be- zirken sehr abhängig von dem Klima, dem Boden, der Jahreszeit, in welcher die Blätter gesammelt werden, und dem Verfahren bei der Zubereitung. Man unterscheidet in den T-Lezirken bes. folgende Sorten: ft.) Grüner T. u. hiervon wiederum a) Hysou (He-chnn), der ans den bei der ersten Ernte gesammelten Blättern besteht, von denen jedes einzelne mit der Hand gerollt wird; d) Gunpowder (Schicßpulver-T., bei den Chinesen Chucha, Perl- T.); er ist der ausgesnchteHyson-T. u. besteht aus den zu kleinen festen Kugeln am besten zusammengerollten 302 Thcc. Blättern; e) Hyson-Skin, der ans den Abfällen bei der Bereitung des Hyson besteht u. fast geruchlos ist; ä) Doung-Hyson (Hyson junior, von dem Chinesischen Du-tsein, d. i. vordem Regen), ursprünglich ein feiner T. von veilchcnähnlichem Geruch, aus jungen zarten Blättern bestehend; er kommt jetzt fast nur gefälscht in den Handel u. besteht ans grlln gefärbten Blättern von grobem schwarzem T.; s) Imperial, ein feiner grüner T., welcher bes. zur Versendung nach Europa kommt; die Blätter sind stark zusammeugerollt; k) echter Kaiser-T. (Blumen-T.), der nur selten nach Europa gelangt; §) Tw ankay, der den größten Theil des nach England versendeten T-s bildet und bei dem das Blatt alter und weniger znsammengerollt ist, als bei den übrigen Sorten. ö)SchwarzerT. mit den Arten: a) Bohea (Woo-e, Boui, Bon), der in den Provinzen Folien u. Canton wächst, ein grobes Blatt besitzt, einen großen Theil holziger Fasern enthält, röthlich aussieht und schwach schmeckt; b) Congu (Cougo, von den Chinesischen Kunghu, d. i. Fleiß, genannt); er wurde früher bes. von der Ostindischen Gesellschaft verkauft, verschlechterte sich aber u. mußte dem Bohea-T. weichen; e) Suchong (Seau-chung), der stärkste schwarze T.; er ist von den Chinesen sehr geschätzt, das Blatt ist fein u. in der Regel ganz zu- fammengerollt. Der sogen. Padre-Suchong, in Papicrpacketen verpackt, wird fast nur zu Geschenken verbraucht. Die feinsten Sorten des Suchong werden oft, um das Aroma zu erhöhen, mit den Blüthsn des Osiloiautsius inoonspiLnus u. der Oarllouia. üo- ricla vermischt, ä) Caper-T., harteKörner, welche aus dem mittels Gummi znsammengeleimten Staub und Abfällen anderer Sorten bestehen, s) Pekoe (Pekko, Pak-Ho, Pekar, Pekin, d. i. weißer Flaum); er besteht aus den zarten Sprossen der Blattknospen dreijähriger Pflanzen, welche im Frühjahr gepflückt werden, ist daher sehr thener u. selten, wird nur bei mäßiger Hitze getrocknet, um den feinen Geruch zu erhalten, verdirbt aber deshalb leicht auf dem Lager. Zuweilen mischt man ihn mit den Blüthen des Öl- bannis, um den Geruch zu verstärken. Der Aufguß ist schön goldgelb, im Geschmack dem der frischen Haselnüsse ähnlich. Ein bes. ausgezeichneter T. dieser Sorte ist der T. von den Drachenbrnnnen; er wird bloß von Personen höchsten Ranges in China verbraucht u. kommt niemals, oder nur selten nach Europa. Die seltenste u. thenerste Art ist der Hy- son-Pekoe, welcher niemals nach Europa kommt, weil er unterwegs verderben würde. Pekoe von Assam hat einen weit weniger angenehmen Geruch u. Geschmack, als der chinesische Pekoe. Orangefarbener Pekoe ist schwarz n. orangefarben gemischt; er bildet, mit Congu vermischt, den in London als Howqnamixture verkäuflichen T. Lie- T. (Falscher T.) ist ein in China in großen Massen sabricirter T., ver aus dem mit Neiswasser znsam- mengelcimten und in Körnern gerollten Staub und Kehricht der T-sabriken besteht, schwarz od. grün gefärbt ist n. zur Verfälschung besserer Sorten dient. Der zum Export bestimmte T. wird in gefirnißten Kisten verpackt, welche mit Stanniol, trockenen Blättern od. Papier ansgeklebt sind. Der über Rußland bezogene sogen. Karawanen-T. wurde sonst in mitBleisolie ausgelegten Kisten verpackt n. diese noch in Bambusmatten od. Thierselle eingenäht. Wegen dieser sorgfältigen Verpackung behielt dieser T. seinen seinen Duft u. war daher vorzüglicher als der englische; da die russischen Kanfleute aber die Fracht für die schweren Bleikisten ersparen wollten u. sich daher die Verpackung in hölzernen, nur mit Papier ansgeklebten Kisten ausbaten, so hat jener Vorzug des Karawanen-T-s vor dein über England bezogenen T. anfgehört. Ein eigenthümlicher T., der sog. Z i e g e l - T., ist im nördl. China bei den nomadischen Völkern Sibiriens, bei den Tataren und Kalmüken allgemein in Gebrauch. Verwelkte, znrückgesetzte u. verdorbene Blätter, kleine Sprossen u. Zweige werden in hölzerne Formen mit Leim, Blutwasser von Ochsen od. Schafen, od. einem anderen Bindemittel stark znsammengepreß! n. die 1,25 om dicken, 10—12 em breiten n. 20 ein langen Ziegel getrocknet. Diese T-ziegel sind so fest, daß sie sich nur mit Mühe zerbrechen lassen, haben eine dunkelgrane, zuweilen grünliche Farbe und geben einen dunklen Aufguß. Der T. enthält denselben Stofs wie der Kasse, das Kaffein, welches aus dem Grunde auch Thern genannt worden ist. Es hat die Zusammensetzung OzHiodljOs. Während der T. bis zu 4 »,/„ dieses Stoffes enthält, kommt er im Kaffe höchstens bis zu 1 0/0 vor. In China mag der Gebrauch des T-s schon in sehr früher Zeit allgemein gewesen sein, denn bereits gegen Ende des 8. Jahrh. wurde der T-bau besteuert; in Japan ist der T. ebenfalls vor dem 9 . Jahrh. eingeführt gewesen, in Korea seit 828 . In Europa wurde der T. seit 1610 durch die Holländer über Ostindien eingefllhrt. Eine russische Gesandtschaft brachte den ersten Grünen T. nach Moskau u. 1664 machte die Ostindische Gesellschaft dem Könige von England ein Geschenk von 2 Pfund T. als eine große Seltenheit u. seit 1686 wurde er auch durch englische Schiffe eingeführt. Erst 1763 kamen durch den schwedischen schiffscapitän Eckeberg auch einige Pflanzen von China nach Europa. Jetzt findet man sie in allen botanischen Gärten. In den europäischen Staaten ist der T-verbrauch in Rußland, Großbritannien n. Holland am größten, wogegen im S. der Kaffe und die Chocolade die bevorzugten Getränke sind; ebenso wirv im nördl. Deutschland weit mehr T. getrunken als im südlichen. In China ist der T. das allgemeinste und beliebteste Getränk, ebenso in Japan. Der T-anfguß wirkt, mäßig gegossen, erheiternd, er erregt die Thäligkeit des Gehirns u. der Nerven, steigert die Urtheilskraft u. verursacht Wohlbehagen n. gleichzeitig besänftigt u. beruhigt er das Gefäßsystem. Zu stark oder im Übermaß genossen, bringt er nervöses Zittern, allgemeine Unruhe und Schlaflosigkeit, selbst krampfhafte Zufälle hervor. Der Grüne T. wirkt weit narkotischer als der Schwarze, u. ebenso soll frischer T. diese nachtheiligen Wirkungen in viel höherem Grade besitzen als alter; daher trinken die Chinesen den T. selten, ehe er ein Jahr alt ist. Die Bestandtheile der getrockneten T-blätter sind ein ätherisches, narkotisch wirkendes Öl, das T- öl, Thern (s. d.), Gerbsäure, Boheasänre, etwas Harz, Wachs n. Chlorophyll, Gummi, Casein. Die Zahl der T-surrogate beträgt gegen 100; unter den ausländischen nimmt die erste Stelle der Paraguay« T. (Male) ein. Fälschungen des T-s sind häufig, etwa ^ des in den Handel kommenden T-s soll durch fremde Bestandtheile verunreinigt sein. Deutschland 303 Thecr — Theerfarben. soll in dieser Hinsicht am schlimmsten stehen. In Betreff der Production des T-s kommen im Welthandel nur China, Japan u. Ostindien in Betracht, elfteres Land in weit überwiegender Weise. Im I. 1820 erhielten Europa n. NAmerika zusammen etwa 82 Will. Psd., wovon E nach England gingen. 1865 war die Ausfuhr ans China allein ans 161,778,266 Psd., 1872 ans 214- Will. Psd. gestiegen. Japan liefert jährlich etwa 15, Ostindien einschließlich des Archipels 20 Mill. Psd. Europa bezieht etwa 175, Amerika 50, Australien 20 Mill. Psd. Vgl. L. u. S. Ritter v. Fries, Übersichtliche Darstellung der T-cultur u. des T-Handels in China, Wien 1878. Glichet. (Culturgesch. u. Staty Schroot. Thcer, eine durch trockene Destillation von Holz, Braunkohle, bituminösen Schiefern, Tors od. Steinkohlen erhalteuezäheFlüssigkeit,meist dnnkeler Farbe u. intensivem Geruch. Je nach dem zu seiner Darstellung verwendeten Rohmaterial unterscheidet man: X) Holztheer. Er wird bei der Bereitung der Holzkohlen durch Auffaugen der dampfförmigen Producte gewonnen. Hierbei dcstillirt zunächst eine milchige Flüssigkeit (T-galle), welche sich in ein saures Product u. eine darauf schwimmende Masse (weißer T.) trennt, die vorzugsweise aus Terpentin besteht. Wird die Hitze gesteigert, so fließt einbräuulichgelberL. (gelberT.) u.zuletzt schwär- zer T. ab. Der letztere ist ein Gemisch von: Benzol, Naphtalin (?), Paraffin, Reten, Phenylsäure, Oxyphensänre, Kresylsäure, Phlorylsäure, Brand- Harzen, Kreosot n. ähnlichen Körpern. Destillirt man den weißen T. mit Wasser, so erhält man Las Kienöl u. im Rückstand das weiße Pech; der schwarze T. liefert dabei Pechöl (T-öl) u. im Rückstände schwarzes Pech (Schiffspech). Man benutzt den Holz-T. in derMedicin gegen hartnäckige Hautausschläge; ferner als Wagenschmiere, als Schmiere zu Wasser- u. a. Maschinenrädern, zum Schutz gegenFeuchtigkeit, bes. für Pfähle, für Hanf- n.Drahtseile,u.vorAIlemzum Bestreichen der Schiffe u. des Tauwerkes derselben (Schiffstheer). L) Braunkohlen-T. Hierzu wird der bei der Destillation des Torfes, des Blätterschie- sers, der Bogheadkohle u. ähnlicher Rohmaterialien gewonnene T. gerechnet. Er wird durch Destillation der genannten Stoffe in Retorten od. mittelst überhitzter Wasserdämpfe erhallen u. in Retorten- u. Dampf-T. unterschieden. Der Retorten-T. ist von kaffeebrauner Farbe, meist alkalisch, seltensauer, von durchdringendem charakteristischen T-geruch, dunkelt der Luft ausgesetzt unter Aufnahme von Sauerstoff, erstarrt infolge seines Paraffingehaltes häufig bei 9—6", schwimmt auf dem Wasser u. hat ein spec. Gew. von 0,55—0,55. Der Damps-T. ist stets sauer, mit Alkalien vollständig verseifbar, erstarrt bereits bei 55—60" 6., kann selbst im Sommer in Form von Tafeln aufbewahrt werden, ohne zu erweichen u. besitzt ein spec.Gew. von 0,5,5. Der Braunkohlen-T. dient bes. zur Bereitung des Photogen u. Solaröls, sowie des Paraffins, wird aber auch wie der Holz-T. als Wagen- u. Maschinenschiniere verwendet. 0) Steinkohlen-T. Er wird in sehr großer Menge als Nebenproduct bei der Steinkohlengassabrikation gewonnen. Die Menge des erhaltenen T-s ist um so größer, je gleichförmiger man bei der Vergasung der Kohlen vorgeht u. je niedriger die hierbei angewendete Temperatur ist. Er ist ein Gemisch folgender Kohlenwasserstoffe, Säuren u. Baien: 1) ajFlüssigeKohlenwasserstofse: Benzol (6585), Toluol (6,H.),xylol(6b«».),Pseu- documol (658,2), Cymol (6,58,,), Propyl (658,), Bntyl (0.,8g), b) feste Kohlenwasserstoffe: Naphtalin (6,58,), Acetylnaphtalin (6,28,5), Flnoren, Anthracen (6,481a), Methylanthracen (6458,2), Noten (6,58,2), Chrysen (6,58,2), Pyren (6,58,5). 2) Säuren: Phenol oder Carbolsäurs (65856), Kresol (6,856), Phlorol (658,56), Rosolsäure, (6208,56g), Oxyphensänre (658562), Kreosot bc- stehend aus den 3 homologen Körpern (6,8562), (658,562) und (658,262t. 3) Basen: Pyridin 658M),Anilin(658,8),Picolin (65858), Lutidin (6,8g8), Cvllidin (6g8„8), Leukolin (658,8), Jridolin (6,5858), Cryptidin (6„8„8), Acridin (6,2858'), Coridin (6,58,58), Nnbidin(6„8„8), Viridin (6,28,58). Viele dieser Stoffe sind für die Praxis von der größten Bedeutung u. während vor nochnichtsolangerZeitderStcinkohlen-T. eineQuelle von Jnconvenienzen für die Gasanstalten war, ist er seit 1858 der Ausgangspunkt eines mächtigen n. bedeutenden Industriezweiges geworden. Man gewinnt diese Stoffe, die z. B. auch das Rohmaterial für die Anilinfarbensabrikation liefern, weshalb die Anilinfarben auch T-farben genannt werden, durch Destillation des T-s. Hierbei scheidensichtheilweise leichte Üle ab, aus denen im weiteren Verfolg das Benzol u. seine Homologen gewonnen werden, theilweise erhält man schweres T-öl, welches man auf Phenylsäure verarbeitet. Ans den pechartigen Theilcn scheidet man Anthracen ab. Der Slein- kohlen-T. wirkt infolge seines Carbolsäuregehaltes säulnißwidrig. ErwirddeshalbauchzurnAnstrichvon Eisen u. a. Metallen, von Manerwerk u. Holz, zur Bereitung der T°pappe (Dachpappe), zur Färbung von Steingutgeschirren, zum Conserviren von Bausteinen rc. verwendet. Vor einiger Zeit versuchte man es denselben durch nochmaliges Erhitzen in Gas (T-gas) zu verwandeln, Versuche dieaber ohne namhafte Vortheile waren. Vgl. Lunge, Destillation des Steinkohlentheers, Braunschw. 1867; Wagner, Tabellarische Übersicht der Producte der trockenen Destillation der Steinkohlen, Würzb. 1873. Glatzel. Theerfarben, die im Steinkohlenthcer vorkommenden, d. h. die bei der trockenen Destillation der Steinkohle sich bildenden Stoffe, wie sie bes. bei der Steinkohlengasbereitung als Nebenproduct erhalten u. durch fractionirte Destillation rc. von einander getrennt werden, lassen sich zum Theil zu einer großen Reihe der prächtigsten, wenn auch nicht immer sehr ächten Farben verarbeiten. Man bereitet so ans ihnen Las Anilin (s. d.) u. ans diesem u. verwandten Stoffen (Toluidin die große Reihe der Anilinfarbstoffe : Anilin-Roth, Fuchsin, Azalein, Solferino, Magenta, Rosein, Tyralin rc.; die Anilinviolette: Man- v'ein, Hoffmanns Violette, Dahlia-Farben, Pariser Violett, Safcanin; an blauen Farben: Anilinblan (Aznlin, Aznrin), Alkaliblau (Nicholsonbtan), To- lnidinblau, Lisa äs lumiörs, LIsu äs nuit, 81su solubls, 81su äs 8arms rc., Auilingrü», Jodqrün, Anilingelb u. -Orange (Lurin), Anilinschwarz (Jn- digschwarz). Aus Phenol (s. d.) u. Kresol stellt man die Pikrinsäure (s. d.) u. daraus das Viktoriaorange (Goldgelb) dar, ferner Las Phenylbraun, das Granatbrann (Orönab ooludis), das rothe Co- 304 Theerjacke — Theiler. rallin, das blaue Azulin u. die Phtal'einfarben (s. d). Das Naphtalin (s. d.) liefert das Ganahlgelb (Martiusgelb), das Magdalaroth (Naphralinroth, Sedauroth), Las Naphtylblau, das Naphtazarin u. eine Reihe blauer u. violetter Farbstoffe. Endlich liefert das Anthracen (s. L.fseit I8SV eine jährlich steigende Menge künstlichen Alizarins. Vgl. Oster- mayer, Die organischen Farbstoffe der Steinkohlen- Theer-Industrie, Lörrach 1879. Jmigck. Theerjacke, Spitzname der Matrosen, s. Jack. Theerole sind die flüssigen Destillationsproducte des Braunkohlen- u. des Steiukohlentheers.'l) Die T. des Braunkohlentheers gewinnt man, indem man Len Theer in großen eisernen Kästen mit doppelten Wandungen, zwischen denen Wasserdamps circulirt, von dem Ammoniakwasser befreit, u. daraus in gußeisernen Destillirblasen, welche etwa 20 Ctr. Theer fassen, destillirt u. die Destillationsproducte in großen, geschloffenen, ebenfalls gußeisernen Chlindern mit Aetznatron behandelt, welches gewisse dunkel gefärbte saure Stoffe als Kreosotnatron bindet. Man läßt dieses sich absetzcn, zieht das Öl ab u. wäscht es mit Wasser, bis es keine alkalische Reaction mehr zeigt. Daraus wird cs von Neuem in einen gußeisernen Cylinder gebracht u. mit Schwefelsäure alle basischen Körper, welche dasselbe nochverunrcinigen, abgeschieden. Die Öle werden dannnoch mit Wasser u. schwacher Natronlauge gewaschen, um schließlich einer fractionirten Destillation in großen Blasen unterworfen zu werden. Man erhält hierbei: Photogen, s. d., dann Solaröl, s. d. n. schließlich Paraffin, s. d. 2) Die T. des Steinkohlentheers erhält man, indem man den Theer zur Entfernung des Wassers längere Zeit in Blasen von Eisenblech auf 80—100" erhitzt u. dann der Destillation unterwirft. Entweder destillirt man so weit, daß in der bis zur Dunkelrothgluth erhitzten Blase nur eine poröse, glänzende Kohle znrückbleibt, oder nur soweit, Laß man in derselben Pech u. Asphalt znrückbehält. Die Destillationsproducte werden als leichtes u. schweres Thceröl unterschieden. Letzteres geht von 200° ab über. Das leichte Theeröl destillirt man nochmals, behandelt es daraus zur Reinigung zuerst mit conceutrirter Schwefelsäure, dann mit Natronlaugen. rectificirt eszum 3. Mal. Man erhält so eine farblose Flüssigkeit, welche das Benzol od. Benzin des Handels bildet, das aus einem Gemenge von Benzol, Toluol, Lylol rc. besteht. Es bildet den Ausgangspunkt der Theerfarbendarstellnng u. dient auch als Lösungsmittel von Harzen, Fetten, Ölen, Guttapercha, alsSchmiermittelrc. Bei —10° setzt es Naphtalin ab, das zur Fabrikation der Naphtaliufarbcn u. der Benzoesäure dient. Das schwere Theeröl wird zunächst ähnlich wie Las leichte durch Schwefelsäure u. Natronlauge gereinigt u. durch Destillation über ein Gemenge von Eiscn- chlorid u. Kalk von unangenehm riechenden Schwc- selverbindungen befreit. Man erhält so schließlich ein Gemenge von Carbol-, Kresyl- u. Phlorplsäure (das Stcinkohleukreosot), welches zur Darstellung der reinen Carbolsäure, der Pikrinsäure, blauer und ro- ther Farben, zum Conserviren von Holz, zu anatomischen Präparaten rc. Verwendung findet. Vgl. MierzinSki,DieTheerfarbstoffe,Lpz.l878. Glatzel. Theerpappen, s. u. Dach. Theilbnrkcit, 1) Eigenschaft der Körper, sich in mehrere Theile zerlegen zu lassen. Die Erfahrung lehrt, daß alle sinnlich wahruehmbarenKörper theil- bar sind, folglich geht die L. über alle Grenzen der sinnlichen Unterscheidung hinaus. Aus Gründen, die im Art. Atome erörtert sind, ist indessen die Physik u. Chemie genöthigt anzunehmen, daß die T. nicht bis ins Unendliche fortgehe, sondern daß alle Kör- per aus kleinsten, durch mechanische Mittel nicht weiter theilbaren Massentheilchen (Molekülen) bestehen, welche durch ihre Beschaffenheit und Anordnung die physikalischen Eigenschaften bestimmen, n. daß diese Moleküle wieder aus kleineren, chemisch unzerlegbaren Theilchen, Atomen, zusammengesetzt sind. 2 ) T. einer ganzen Zahl durch eine andere solche heißt die Eigenschaft der ersteren, daß sie durch die zweite ohne Rest dividirt werden kann. Eine Zahl ist theil- bar durch 2, wenn ihre letzteSlelle O od. eine gerade Zahl ist; durch 4, wenn ihre 2 letzten Ziffern Nullen sind od. eine durch 4 theilbare Zahl bilden (z. B. 10324, weil 24 durch 4theilbar ist); durch 8 (d. i. 2°), wenn ihre 3 letzten Ziffern Nullen sind od. eine Lurch 8 theilbare Zahl bilden; durch 16 (d. i. 2*), wenn ihre 4 letzten rc.; durch 3, wenn ihre Quersumme durch 3, durch 9, weundie Quersummedurch 9 theilbar ist; durch 5, wenn die letzte Ziffer 0 oder 5 ist; durch 25 (d. i. 5^) wenn die 2 letzten Ziffern Nullen sind od. eine durch 25 theilbare Zahl bilden; durch 125 (5°) rc. analog wie bei 2° rc.; durch 11, wenn die Differenz der Quersumme aus der 1. 3. 5... Stelle und der Quersumme aus der 2. 4. 6. .. Stelle 0 od. durch 11 theilbar ist. Wenn eine Zahl durch mehrere relative Primzahlen theilbar ist, so ist sie auch durch bereu Product theilbar. Theilbruch (Math.), ein Bruch aus einer Reihe von Brüchen (T-reihe), deren Zähler 1 ist, u. vonderen Nennern jeder ein Vielfaches des unmittelbar vorhergehenden ist; eine T-reiheist z. B. z, i-, L ihre Anwendung ist beschränkt; der Name stammt von Heis. . Buchrucker. Theiler od. Maß einer (ganzen) Zahl heißt jede gauzeZahl, durch welche jenegetheilt (ohneRestdivi- dirywerden kann. Jede Zahl hat mindestens 2 T., nämlich 1 u.dieZahlselbst; eine Zahl, welche nu rdiese T. hat heißt Primzahl. Eine Primzahl, welche T. einer Zahlist, heißt Primfactorderselben; jedeZahlläßtsich in ein Product von Primsactoren zerlegen, wenn sie nicht selbstPrimzahl ist; z. B.3960—2^. 3^. 5. 11. Eine Zahl, welche T. mehrerer Zahlen ist, heißt gemeinschaftlicher T. derselben; alle Zahlen haben 1 als gemeinschaftlichen T.; Zahlen,welche nur 1 als gemeinschaftlichen T. haben, heißen relative Primzahlen. Den größten gemeinschaftlichen T. zweier Zahlen findet man, indem man die größere durch die kleinere dividirt, die kleinere durch Len Rest, Liesen Rest durch den 2. Nest, den 2. Nest durch den 3. u. s. f., bis eine Division anfgeht; dann ist der letzte Divisor der gesuchte T. Diese Regel gründet sich auf den Satz, daß jeder gemeinschaftliche T. von Minuend und Subtrahend auch T. des Restes ist. So wird z. B. 26 als größter gemeinschaftlicher T. von 1820 u. 1014 durch folgende Rechnung gesunden: 1820 j 1014 i 1 1014 t 80l> ! 1 808 208 3 824 182 1 182 182 Theilfrüchtchen Auch durch Zerlegung in Primfactoren: 1820—2^.5.7.13,1014^2.3.I3^zeigtsichunter allen qemeinschastlichen T-n 2.13 als größter. S. Theil- barkeit. Bnchrncker. Theilfrüchtchen, s. Frucht. Theilhaber, s. Handelsgesellschaften. Tljcilmaschiue, Maschine zu einer sehr scharfen u. genauen Eintheilung von Kreisen u. geraden Linien, z. B. für astronomische u. geodätische Jnstru» mente. X) Kreistheilmaschinen; Kreise sind meist in 360 Theile (Grade) u. weitercUnterabtheil- nngen zu theilen. Man benutzt daher bei den Kreistheilmaschinen gewöhnlich einen großen, genau ge- theilten Kreis (Original- od. Muttcrkreis), befestigt den zu theilenden Kreis völlig parallel und concen- trisch mit dem Mntterkreise auf der stählernen, ver- ticalen Achse des letzter», so daß sich beide nun gemeinschaftlich drehen können; darüber befindet sich das Reiß- od. Reißerwerk, dessen seinschneidiger Meißel (Reißer) die Theillinien in radialer Richtung einreißt, wenn ihm mit der Hand od. von der T. selbst eine ziehende Bewegungertheilt wird. Nach dem Ziehen jeder Linie wird der zu theilende Kreis um eine» genau bestimmten Theil des Umfangs unter dem Reißwerke hernmgedreht, indem man die einzelnen Theilstriche des Mutterkreiscs nach einander genau (mittels Lupe od. Mikroskop) auf einen außerhalb des Mntterkreises vorhandenen Strich (Zeiger) einstellt. Den Mutterkreis theilt man durch Prokuren mit Zirkel u. Lnpe, wobei man nach der besten Methode eine Genauigkeit von 0,og„ mm erreichen kann. Die genauesten T-n constrnirte 6rt° ling mit einem in 21,600 Thle. (Minuten) getheilten Mntterkreise; die Umdrehung desselben erfolgt durch i eine Schraube ohne Ende, deren Fehler durch eine sinnreiche Correction während der Drehung beseitigt werden; Schraube und Neißwerk werden durch eine ( kleine elektromagnetische Maschine in Gang gesetzt u. dadurchderEinflußder Wärme des Arbeiters ans die s Richtigkeit der Theilung vermieden. v) Längen- theilmaschinen, zur Eintheilung gerader Linien, enthalten meist eine feine, sehr genaue Schraube, welche entweder das Reißerwerk od. den zu theilenden Gegenstand schrittweise fortbewegt. Sehr fein getheilte ö gerade Linien od. Kreise versieht man meist noch mit n einem Nonius. Vgl.: Gilberts Nun. d. Physik. Bd. l 68, S. 50 (Neichenbach); Verh. d. Ver. zur Bef. des - Gewerbefleißes in Preußen, Bd. 29, 1850 S. 29 ' (Örtling); Dinglers Journal, Bd. 96, S. 93 (De- coster); Die T. von Bonrette in XrmsnAgnä Vsnis inänstriol 1866, S. 255, von Gnyenot invubliea- tiollinän8brioItsäsmg.etnns8,Bd.20,S.567.Giefeler. Theilnahme am Verbrechen, s.Oonenrsus 5), S. 285. Theilnngsartikel (fr. Xrbiols pnrtibik), in der franz. Sprache gebräuchlicher Artikel, welcher den Hauptwörtern, die theilweise genommen werden, > vorgesetzt wird, u. zwar in den Genitiv- n. Ablativ- Formeln ein, äs In, äss, die aber dann als 1. u. 4. Fall gelten, zur Bezeichnung des 3. Falles aber L . vorgesetzt erhalten. Thein, so v. w. Caffcin. Theiner, 1) Joh. Anton, kathol. Kanonist, geb. 15. Dec. 1799 in Breslau; studirte seit 1818 daselbst Theologie, wurde 1823 Caplan in Zobten am Bober und 1824 Professor der Exegese und des l PiererL Nniversal-ConversationL-Lexikon. S. Aufl. xvl — Theismus. 305 Kirchenrechts in Breslau. Hier veranlaßte er die am 20. Nov. 1826 von i l Geistlichen eingereichtc Vorstellung, worin Abschaffung der lateinischen Sprache beim Gottesdienst, Umarbeitung des Missals «.Rituals, Einführung eines allgemeinen Diöcesangesang- buches rc. verlangt wurde. Da der Fürstbischof Schimonski in Breslau infolge dessen T. die Vorlesungen über das Kanonische Recht zu halten untersagte u. auch die von der juristischenFacnltät demselben verliehene Würde eines vr. jur. nicht anerkannte, gab T. seine Professur auf n. wurde 1830 Pfarrer; 1845 trat er nach Niederlegung des Pfarramtes zu den Deutschkatholiken über n. wurde deutschkatholischer Pfarrer in Breslau, zog sich jedoch schon 1848 auch von den Deutschkatholiken zurück, wurde 1855 Custos an der Universitätsbibliothek in Breslau u. st. daselbst 15. Mai 1860. Von seinen Schriften sind zu erwähnen: Dssoripbio ooäieis, gui vsrsionsmvon- bntsnoiri arabioam vonbinob, Berl. 1822; Vs psen- äoisiäoriang. oanaimm ooltsotions, Bresl. 1837. 2) Augustin, ebenfalls Kanonist, Bruder des Vor., geb. 11. April 1804 in Breslau; studirte Theologie u. Kirchenrecht u. theilte die Richtung seines Bruders; unternahm 1829 eine wissenschaftliche Reise nach England und Frankreich, lebte 1833 eine Zeit lang in Rom, wo er seinen Liberalismus vollständig fallen ließ, später auch ganz seinen Wohnsitz nahm. Ende 1 855 Präfect des Vatican. Archivs, wurde er beschuldigt, den deutsch-österreichischen Bischöfen von der Opposition während des Vatican. Concils verschiedene Aktenstücke ans dem Archiv verschafft zu haben, was übrigens nicht durch ihn, sondern durch vr. Friedrich in München geschah; T. wurde seiner Stellen entsetzt u. st., als Friedrich eben die von T. nach den Materialien der Vatican. Bibliothek vorbereitete Herausgabe der rk.ota. vriäsubina, begann, 10. Aug. 1874. Er schr.: Die Einführung der erzwungenen Ehelosigkeit bei den christlichen Geistlichen, Altenb. 1828, 2 Bde., n. A. 1845; Do roman. vontilienm spistoisi'nm äsorstalinin oollsetionr- kiN8 aut., Lpz. 1829; Über Ivos vermeintesDecret, Mainz 1832; vsotrsrolwa snr ptusisnrs ootlso- bion8 inväites cks ässrötaloo ein mozwn Lgs, Par. 1832; Geschichte der geistlichen Bildungsanstalten, Mainz 1835; Sammlung einiger wichtigen Aktenstücke zur Geschichte der Emancipation der Katholiken in England, ebd. 1835; vwt. äs mg. oonvsr- sion, Par. 1838 (aus dem Deutschen übersetzt): Die neuesten Zustände der Katholischen Kirche in Polen n. Rußland seit Katharina II., Augsb. 1841; Geschichte der Rückkehr der regierenden Häuser von Brannschweig u. Sachsen in den Schoß der Katholischen Kirche, Eins. 1843; Die Staatskirche Rußlands im Jahre 1839, Schafsh. 1844; Zustände der Kathol. Kirche in Schlesien von 1740—58, Negensb. 1852, 2Bde.; Gesch.desPontificatsClemens'XlV., Par. 1853, 2 Bde.; vno eonoitii Asnsrati cki Vicms äst 1245 s cki Oosbanra cksl 1414 Inborno nk äo- minio bsmporalo ästig. 8. 8oäs, Rom 1861, u. gab heraus: Otsmsnbis spistotao eb brsria sslsobiorg., Par. 1852; eine Reihe von Urkunden betr. die Geschichte der Slawen, Polens, Litauens, Schottlands, Irlands rc. ans dem Vatican. Archiv; 6oäsx äipto- mabiens äominii tsmporakis 8anotas Zsäis, Rom (n. Lpz.) 1861 f., 3 Bde., rc. V «agai. 2 ) Heppe. Theismus, s. u. Deismus, i. Band. 20 306 Theiß — Theiß (imgar. TiSza, im Alterthume liblscms od. auch x-Missus), Nebenfluß der Donau in Ungarn; entsteht im Comitat Marmaros an der galiz. Grenze dort, wo das karpathische Waldgebirge sich mit dem Hochgebirge von Siebenbürgen verknotet, aus der Vereinigung der Schwarzen u. Weißen T., wird links durch Biso u.Jza, rechts durch Taraczko, Talabor u. Nagväg verstärkt, betritt bei Ugocsa die große nngar. Ebene, stießt dann in westlicher Richtung, nimmt rechts die Borsova u. links die SzämoS auf u. strömt darauf in fast nördlicher Richtung bis Szent Märton. Hier wendet sie sich südwestl., empfängt rechts den Bodrog, den Hernad, die Eger u. bei Szolnok die Zagyva, worauf sie eine südliche Richtung annimmt, die sie auch, mit der Donau, von der sie durchschnittlich 90 km entfernt bleibt, parallel fließend, bis zu ihrer Mündung unterhalb Titel bei Szlankamen beibehält. In den Unterlauf der T. münden links: Körös, Maros n. Bega. Die T. ist von allen Flüssen Europas der fischreichste, so daß das Sprüchwort ihr so viel Fische als Wasser zuspricht. Ihr Lauf beträgt 1832 km, der directe Abstand der Mündung von der Quelle, infolge der zahllosen Krümmungen, nur 459 km; ihr Stromgebiet 146,468 !Hkm (2660 HjM). Bei niedrigstem Wasserstande beträgt ihre Breite beiTokaj 95, bei Szolnok 136, bei Szegedin 128 u. bei Titel 232 m; ihre Tiefe bei Tokaj 2,z,, bei Szolnok 3,^, bei Szegedin 6,oi n. bei Titel 3„gM. Während sie in ihremOber- laufe ein starkes Gefälle hat, hat sie in der nngar. Ebene nur ein geringes; von Nämony bis zur Mündung sinkt ihr Wasserspiegel mir um ca. 40 m (auf 1 km um 0,0» m). Sie wird bei Szigeth für kleine n. bei Szolnok für große Fahrzeuge schiffbar n. trägt Lasten bis zu 8000 Ctr. Seit 1846 hat sich unter Mitwirkung der Regierung eine Gesellschaft zur Regulirung der T. gebildet, an welcher alle Grundbesitzer im T-gebiet theilnehmen. Zu diesem Zwecke sind zahlreiche Entwässerungskanäle angelegt worden, unter denen der Berettyö-Kanal (zwischen der Schnellen Körös u. der Berettyö), derBerzawa- Kanal (zwischen Temes u. Berzawa) u. der Körös- Kanal (längs der Weißen Körös) die wichtigsten sind. Der Bega-Kanal (s. Bega 1) und der Bacser- oder Franzens-Kanal (s. d.) dienen zugleich auch der Schifffahrt. Nach vollständiger Durchführung der T.-Regulirnng wird der Lauf des Flusses für die Schifffahrt um 390 km abgekürzt und ein Terrain von ca. 16,520djkm (300HjM) für die Cultur gewonnen sein. Ein großes Verdienst um die T.-Ne- gulirung hat sich bes. der GrafSzechenyi erworben, dem zu Ehren 27. Sept. 1865 an der Stelle, wo mit den Arbeiten begonnen worden ist, am T-ufer zwischen Tisza-Dab u. Polgar ein Obelisk errichtet wurde. Die T. richtet oft große lleberschwemmun- gen an; eine der furchtbarsten war die von 1879, bei der besonders die Stadt Szegedin litt (mehrere hnndert Häuser wurden von den Finthen zerstört).— An der T. schlug 1661 Herzog Bela seinen Bruder Andreas, König von Ungarn, u. die für ihn fechtenden Bayern und 1074 der nngar. König Salomon den Herzog Geisa. H- Berns. Theiß Eisenbahn-Gesellschaft (1878), Länge 585km; Anzahl der Lokomotiven 88; der Personenwagen 185; der Güterwagen 2489; Einnahme 6,2ll,965Fl.; Benennung der Linien: Czegled-Ka- Thema. schau (374km), Szajol-Arad (142,o km), Groß- Wardein-Püspölk-Ladäny (684 km); Zeit der Gründung 10. Novbr. 1856 , der Inbetriebsetzung 19. Novbr. 1857; Anlagekapital bei der Gründung 55,000,000, heutigesAnlagecapital49,794,000Fl.; Privatverwaltung; Directionssitz Budapest. Sta. Thekla, vornehme Jungfrau in Jkonion, wurde 45 n. Ehr. vom Apostel Paulus bekehrt und deshalb zumFeuertode vernrtheilt; doch löschte eine Wolke das Feuer aus; nun mit Paulus nach An- tiochia gezogen, sollte sie hier wilden Thieren vorgeworfen werden, aber diese demüthigten sich vor ihr; darauf predigte sie das Evangelium inJkonion u. Sclenkia, wo sie starb. Ans sie bezieht sich die apokryphische Schrift Lwia kanli oöMwelas. Tag: 19. Mai oder 23. September. Thekoa, eine schon Jos. 15, 60 erwähnte Stadt, südl. von Bethlehem auf einem Berge, 730 m ü. d. M., Vaterstadt des Propheten Auws. Die Stadt wurde von Jerobeam befestigtu. im Mittelalter stand hier ein Kloster; jetzt nur noch formlose Trümmer. Thclemarken, Gebirgslandschaft in dem norwegischen Amte Bratsberg; bildet ein Plateau, in das viele bewohnte Längen- u. Querthäler od. tiefe, unter einander verworrene Thalfurchen einschueiden, welche durch abgesonderte riesige Bergmassen, wie das Goustafjeld (1886 m), Skorvefjeld (1356 m) rc., von einander getrennt werden. Die Landschaft ist reich an großen Seen (Bandaks-,Hvideseid-, Flaa- u. Hiterdals-Vande rc.), deren Gewässer größtentheils in den Nordsjö-Vand abfließen, dessen Abfluß wieder der Skienselv ist, und an prachtvollen Wasserfällen (darunter derRjnkan-Foß). Die Bewohner sind kräftige Gestalten mit großen, hellblickenden Augen u. lang herabfallendem Haar; von der übrigen Welt fast ganz abgeschieden, ist ihr Wesen rauh, keck, zuweilen mißtranisch u. unfreundlich, dabei aber gut- müthig. Sie sind meist wohlhabend, nur in den höheren wildenThälern herrscht Armuth u. Unreinlichkeit. Lesen kann fast jeder und überhaupt ist ein gewisser Grad von Bildung allgemein verbreitet; sie haben noch viele alte Lieder u. Sagen u. auch manche alte Sitte haben sie sich bewahrt. H- Berns. Ilwlepliors L/rich. (Warzenpilz), auf Bäumen u. der Erde wachsende stiellose, häntig-lederartige Pilze aus der Ordn. der LaMiomzmotos, mit glattem od. warzigem, einseitigem Frnchtlager. Sehr verbreitete Arten sind: I. «akosa T's-o., weiße, im Alter meist schmutzige, rissige Überzüge auf Bäumen bildend. R. 8otiAsra TTVr'es, mit halbkugeligem, fleischigem, milchweißem, fleisborstigem Fruchtlager. R. inosr- nata leder- od. wachsartig, roth oder Pomeranzenfarben u. mit Papillen besetzt; bes. an Pappeln. N. oinsisa Th,-s., schmutzigbraun, mit aschgrauem Fruchtlager, an vielenBäumen. Mgueroma LrmL, fleischroth, vorzugsweise an Eichen. Engler. Thema (gr.), das Gestellte, Gesetzte; aufgestellter Satz; Hauptsatz, über welchen eineAbhandlung,Rede, Predigt geschrieben od. gehaltenwird; derHaupt-od. Grundgedanke einesMusikstückes, als dessen kleinerer Theil das Motiv zu betrachten ist. Das T. faßt den wesentlichen Inhalt des Tonstllckes in sich, so daß das Übrige bei aller Verschiedenheit nur als eine ausführlichere Entwickelung, nähere Beleuchtung des Grund- T-s erscheint. Je nach der Gattung eines Musikstückes können ein od. auch mehrere T-s vorherrschen; das 307 Themar — erste heißtHaupt-T. od. Hauptsatz, die übrigen Neben-T-s od. Nebensätze. Die einfache Fuge hat nur ein T., die Doppelfuge 2» die Trippelfuge 3, dieSouate, Sinfonie 2, wovon daszweiteznm ersten in einem einheitlichen Contrast steht, meistentheils einen mehr ruhigen, gesangmäßigen Charakter besitzt, während das erste ans der Entwickelung lebendiger, kraftvoller Motive hervorgeht. Unter thematischer Arbeit versteht man die Entwickelung des Haupt-T-s, wobei dieses in seine Motive zerlegt und, sei es melodisch, rhythmisch oder harmonisch, in die verschiedensten Umgestaltungen versetzt wird; doch soll bei der größten Mannigfaltigkeit stets der Grundgedanke erkennbar bleiben. Eine strenge thematische Durchjllhrung zeigen die Fuge, der Kanon u. die verwandten Formen, worin bes. Bach unübertroffen dasteht; die eigentliche thematische Arbeit ans den Motiven u. den Motivgliedcrn des T-s gehört der modernen Instrumentalmusik an u. wurde hauptsächlich durch Haydn n. Bethoven zur höchsten Entwickelung u. Vollendung gebracht. Siebenrock. Themar, Stadt imKr.HildburghausendesHer- zogthnms Sachsen-Meiningen, an der Werra, Station der Werra-Eisenbahn; Verfertigung von Gurten, Dütenfabrik, 2 Thonwaarenfabriken, 1 Loh- u. 2 Kunstmühlen, ansehnlicher Holzhandel; (1875) 1657 Ew. Dabei in romantischer Waldgegend die Ruine Osterbnrg n. das Nadelöhr, ein Flötzkalkfelsen, durch welchen sich die Werra drängt. —T., urkundlich schon um 800 erwähnt, wurde im 30jährigen Kriege von den Kroaten verheert und fast gänzlich eingeäschert, wobei die meisten Einwohner ums Leben kamen. Themis, 1) (Mythol.) Tochter des Uranos (od. des Helios) u. der GLa, die personificirte Ordnung in der Natur u. die vollkommene Gerechtigkeit; ursprünglich als Gemahlin des Zeus gedacht, wohnte sie in dem Olymp, saß dort zur Seite des Zeus u. hatte die Aufsicht über die Ordnung bei der Göttcr- tafel. VonZeus gebar sie dieHoren u.Moren. Dargestellt ist T. mitHelm u. Schild als kraftvolle Jungfrau mit ernstem Blick, ehrfurchtgebietender Würde, mit dem Füllhorn u. der Wage. Die Modernen stellen sie als hohe Frau mit verbundenen Augen, mit Schwert u. Wage dar. 2) S. Asteroiden, Nr. 24. Themiso» von Laodikea, s. Methodiker. Themistros, T. Euphrades (d. i. der Wohlredner), griech. Redner u. Sophist im 4. Jahrh. n. Thr., aus Paphlagonien; lebte in Nikomedien (daher T. dilioomsäienslZ), lehrte dann in Constantino- pel Rhetorik u. Philosophie u. wurde, obwol Heide, von Constantius 355 in den Senat ausgenommen; 382 ernannte ihn Julianus zum Stadtpräfecten; 376 ging er auf die Einladung der Römer nach Nom, kehrte aber nachConstautinopelzurück, wo ihmTheo- Losius d. Gr. 384 wieder die Präfectur der Stadt übertrug u. bei einer Reise in die westlichen Provinzen seines Reiches die Aufsicht über seinen Sohn Ar- cadius anvertraute; er st. zwischen 387 u. 390. T. war ursprünglich Peripatetiker, doch war seine Philosophie mehr synkrctistisch, indem er aristotelische u. platonische Ansichten zu vereinigen strebte. Man besitzt von ihm noch 34 Reden, die von Dindorf, Leipz. 1832, n. A. 1874, herausgegeben wurden, u. dann namentlich einen Commentar zu Aristoteles, heraus- geg. von Spengel, Leipz. 1866. Vgl. E. Baret, Oe Ibemlsllo, Par. 1853. Themistokles. Themistökles, Athener, aus dem adeligenHause der Lykomiden, Sohn des Neokles und einer thraki- schen od. halikarnassischen Mutter, aus dem Demos Phrearrhä (Phyle Leontis), geb. gegen 525 v. Chr. Anfangs in Athen durch eine wildeJugend nicht gerade rühmlich bekannt, warf er sich in seinen Mannesjahren kraftvoll in das öffentliche Leben und wurde bald einer der größten Staatsmänner der älteren Griechenwelt. Durch glänzende Eigenschaften, wahrhaft geniale Begabung u. große Charakterstärke ausgezeichnet, wurde er zum ersten Male 493 v. Chr. ArchonEponynos u. focht beiMarathon (490 V.Chr.) als Führer der Hoplitcn seinerPhyle gegen die Perser. Vor allen anderen attischen Staatsmännern er- kannieT. in dieserZeit des herannahendcnExistenzkampfes mit Persien die Nothwendigkcit einer gro- ßen Flotte für Athen. Trotz der Opposition seines großen Gegners Aristides setzte er seit 487 v. Chr. mit wachsendem Erfolge in Athen alle diesemZwecke dienenden Maßregeln durch. Als endlich 481 der große Krieg des Königs Terxes ausbrach, wurde T. bis zu dem Siege beiSalamis der politische u. militärische Führer der Athener u. die Seele aller wirklich verständigen Maßregeln in der griech. Kriegführung. Als nach dem Fall der Thermopylen (imAug. 480) die griech. Flottenstellung bei Artemision unhaltbar wurde, bestimmte er die Athener zur schnellen Räumung von Attika. Als attischer Admiral hielt er die widerstrebenden verbündeten Griechen in dem Sund beiSalamis so lange zusammen, bis die pers. Flotte (20. Sept. 480) ihren großen Angriff unternahm, der von den Griechen überaus ruhmvolln. entscheidend siegreich abgeschlagen wurde. Nach glücklicher Beendigung des Pers. Krieges rang er durch List u. Energie der schnöden Eifersucht u. Perfidie der Spartaner die unwillige Zustimmung ab (478 v. Chr.) zur Duldung der Neubefestigung der Stadt Athen. Auch den Piräeus befestigte er, wo jetzt eine neue, lebhafte Stadt entstand. Ungeachtet seiner Verdienste verlor er doch inKurzem, theils durch seineGeldsucht, theils durch die unbequeme Art, auf Grund seiner Verdienste seine Person dauernd geltend machen zu wollen, in Athen seine Popularität, wurde durch Kimons Partei gestürzt n. 471 durch den Ostracismus verbannt. T. ging nun nach Argvs; nun aber traf ihn die Rache der Spartaner, die ihn nach dem Untergange ihres Pau- sanias (469) als dessen angeblichen Compliceu, als einen Verräther von Griechenland und Freund der Perser verderben wollten. Bon Sparta n. von seinen Feinden in Athen zugleich verfolgt, floh T. nachKcr- kyra, dann zu dem Molosserkonig Admetos und erreichte endlich Ephesos. Von da wendete er sich (465) an den PerserkönigArtaxerxes I. n. bat denselben um Schutz, wofür er ihm mit Rath u.That gegenGrie- cheuland beistehen wollte. Der König überhäufte ihn mit Gnadenerweisungcn u. schenkte ihm die Städte Magnesia,Myus u. Lanipsakos; aber nichtlange nachher (gegen 461V. Chr.)st.T., 65 Jahre alt, in Magnesia an einerKrankheil, nach And. vergiftete er sich, weil er dem König sein Versprechen gegen sein Vaterland nicht halten wollte. Seine Freunde brachten seine Asche heimlich nach Athen und setzten sie bei demCapAlkimos bei. JnMagnesia zeigte man sein Grab u. auf dem Markt seine Bildsäule. In unserer Zeit (1852) wurde ihm im Piräeus wieder ein Denkmal errichtet. Hertzberg. 20 * 308 Themse — Themse (engl. Thames, französ. Thamise; im Alterthum Tamesisod.Tamesa; beiden Angelsachsen Tamese), der größte Fluß Englands u. in commer- cieller Hinsicht der belebteste u. berühmteste der Welt. Sie entsteht ans 2 Quellflllsscn, deren ansehnlichster häufig Isis genannt wird; dieser entspringt bei Ci- rencester in der englischen Grafschaft Gloncester in den Cotswold-Hügeln, vereinigt sich bei Oxford mit dem Cherwell u. wird ans neueren englischen Karten, in geographischen Werken rc. (auch oberhalb Oxford) nie anoers als The Thames genannt. Als zweiter Ouellflnß gilt der Charwal (Cherwell), welcher in der Grafschaft Northampton entspringt. Während bis Oxford der Hanptquellflnß T. eine vorherrschend östliche und der Cherwell eine vorherrschend südliche Richtung hat, ninuüt nun der vereinigte Strom eine südöstliche Richtung an, wendet sich dann von Rea- ding aus in mehreren großen Bogen im Ganzen gegen O. Von Oxford anS bildet die T. zunächst die Grenze zwischen den Grafschaften Berks u. Oxford, dann zwischen Berks u. Buckingham, darauf zwischen Snrrey u. Middlesex u. zuletzt zwischen Kent u. Essex. Die bedeutendsten Orte an derselben sind: Oxford, Reading, Maidenhead, Windsor, Staines, Chertsey, Hampion,Kingston, Twickenham,Richmond, Brent- sord, Chelsea, London, Deptford, Greenwich, Blackwell, Woolwich, Gravesend u. Sheerueß. Ihre bedeutendsten Zuflüsse sind: in Gloncester der Chnrn, Collie u. Leach; in Oxford der Windrush u. Evenlodc; in Buckingham der Thame u. Colne; in Middlesex die Brent u. Lea; inWiltsderSwilbrook; in Berks der Kennet u. Boddon; in Snrrey der Wey, Mole u. Wandte; in Kent die Darent u. Medway. Sie fällt 74 km unterhalb London-Bridge zwischen Sheer- neß ans der zu Kent gehörigen JnselSheppey u. dem Cap Shoeburyncß (Essex) in die Nordsee, nimmt bei Sheerneß den Namen No re u. zuletzt bis zu ihrer mecrbusenartigen Erweiterung den Namen Swin an. Die Ftnth steigt alle 12 Stunden 4—6 m senkrechter Höhe mit einer Schnelligkeit von 3 — 5km auf die Stunde; sie ist bis zur ersten Schleuse bei Teddington, 31 km oberhalb London-Bridge, bemerkbar. Das Flußgebiet der T. gehört 12 Grafschaften an und umfaßt 12,990 H>km (236 (DM). Vom Norelight (dem Lenchtthurm im Nore) bis zur Quelle beträgt die directe Entfernung 200 km, die Stromentwickelung aber 348 km, wovon 318 km von Lechdale abwärts (im oberen Laufe nur für Barken) schiffbar sind. Die Breite der T. beträgt bei Sheerneß ca. 8 km, bei Greenwich zur Ebbezeit 548 m, bei London-Bridge 235 m; oberhalb London wird sie dagegen sehr schmal. Mit Ausnahme einiger Untiefen (Äioals) hat sie von derLondon-Bridge abwärts eine durchschnittliche Tiefe von 3,§—4,g m. Ihr Gefälle ist von Lechdale bis zur London-Bridge 1,4gm auf 7,4km (1 geogr. Meile). Ihre Tiefen, die so weit aufsteigende Fluth begünstigen die Schifffahrt außerordentlich, und die T. ist daher der befahrenste aller Flüsse der Erde. Seeschiffe bis zu 800 Tonnen können bis an die London-Bridge komme»; größere, von 1000 Tonnen u. darüber, wie die Oüindiensahrer u. größere Kriegsschiffe, müssen bei Blackwall n. Deptford vor Anker legen. Durch mehrere Kanäle, als Grand-Junction-, Oxford-, Wilts- n. Berks-, Paddington-, Regent-, Thames- u. Severnekanal rc., ist sie mit dem Innern des Lan- - TlMicird. des in Verbindung gesetzt. Über sie führen in London 16 Brücken, darunter 5 Eisenbahnbrücken (s. London, S. 320) n. von London aufwärts noch mehrere Brücken. Außerdem verbinden in London 2 Tunnel beide Ufer. Der Bau des älteren, seiner Zeit für eins der berühmtesten Bauwerke geltenden Tunnels wurde, nachdem mehrere Versuche gescheitert, im März 1825 unter Sir Jsambert Brunels Leitung wieder aufgenommen u. nach mehrmaligen, durch Einbruch des Wassers verursachten, sowie auch durch Geldmangel veranlaßten Unterbrechungen (erst 1834 schoß das Parlament die nöthigen Fonds vor) 25. März 1843 vollendet. Der ganze Bau kostete 9,360,000 Ll u. forderte 7 Menschenleben. Dieser alte T-tunnel verbindet Wapping, den südlich von den London Docks gelegenen Stadttheil, 3km unterhalb London-Bridge, mit dem am rechten T-ufer gelegenen Rotherhithe, ist 396 m lang u. besteht aus 2 neben einander laufenden Bogengängen, 4,2m breitu. 4,g m hoch; sein Boden liegt 24,24 m unter dem Straßenniveau. Erbrachte jedoch der Thames-Tnnnel-Company kaum so viel ein, daß ans der Einnahme die Reparaturkosten gedeckt werden konnten. 1865 wurde der Tunnel von der East-London-Nailway-Company für 4,000,000 N angekauft, welche eine Verbindungsbahn Hindnrchgesührt hat, n. jetzt fahren täglich inehr als 40 Eisenbahnzüge durch denselben hin und her. Weiter oberhalb dieses alten Tunnels ist 1869—70 ein zweiter, 405 m langer T-tunnel (Tower Subway) erbaut,welcher das Towerufer mit der Tooley-- Street verbindet, aus einer 2,2 m Durchmesser haltenden eisernen Röhre besteht, zu welcher auf beiden SeitenWendeltreppen von 96Stufen führen, u. nur für den Personenverkehr bestimmt ist. Ein dritter T-tunnel, 1876—77 erbaut, verbindet weiter unterhalb des alten die Grafschaften Essex u. Kent. In commercieller Beziehung ist die T. einer der wichtigsten Flüsse, indem die bedeutendste Welthandelsstadt London an ihren Ufern liegt. — Da wegen der leichten Zugänglichkeit Londons für kleine Kriegsschiffe der untere Lauf der T. eine große strategische Wichtigkeit hat, so ist in neuerer Zeit die Mündung durch Forts bei Sheerneß u. weiter hinauf bei Gra- vesenb durch 4 große Forts (bei Cliffe-Creek, Coal- house, Point Shorne Creek und Tilbury) sehr stark geschützt, was früher nur in geringem Grade der Fall war, so daß auch die Holländer im Kriege von 1665—67 mit Erfolg eine Invasion versuchten und durch eine theilweise Zerstörung der englischen T- flotte den Frieden von Bredo erzwangen. H- Berns. Themse-Severn-Kanal, gebaut 1780—89, beginnt bei Lechdale (Flecken in der engl. Grafschaft Gloucester, an der oberen Themse), ist 48 km lang n. 4,g M breit und fällt bei Froomlade, unterhalb Gloucester, in den Severn. Die Hügelkette von Stroud durchbricht er zwischen Sapperton u. Wall- bridge in einem 3822 m langen Tunnel. Thenard, Louis Jakob, Baron, geb. 4. Mai 1777 inLouptiöre beiRogent snr Seine; war anfangs Repetent, dann bis 1837 Prof.derChemie am Polytechnischen Institut, wurde auch Pros, der Chemie am 6o1Iösss äs Praues, später auch an der Polytechnischen Schule u. bei der philosophischen Fakultät der Universität bis 1840; er wurde 1824 ba- ronisirt u. 1833 Pair von Frankreich, 1850 Mitglied des Oberstudienrathes n. st. 22. Juni 1857 in Pa- 309 Thenards Blau — Theoderich. ris. Er schr.: 6ours ä'sbuclss inöäioalss, Paris 1803, 5 Bde.; Malte äs oiiimis slsmentairs, ebd. 1813—17, 5 Bde., 6. Ausg. 1833 — 36, 5 Bde. (deutsch von Fechner, Lpz. 1825—30, 7 Bde.); mit Gay-Lussac:üsoiieroiisspiiMoo-oIiiwiguss, 1816, 2 Bde.; war auch Mitredacteur der banales äs eiiiwis, der Lnnal. äs oliimis st xlrxsigue u. der Llem. äs pllvsigns st odiinis. r. Thenards Blau (Kobalt-Ultramarin), eine aus Thonerde u. Kobaltoxydul bestehende Farbe. Man stellt sie dar durch Fällen einer Chlorkobaltlösnng mit Natrininalumiuat oder durch Fällung einer Lösung von Alaun u. einem Kobaltoxydulsalze mit kohleusaurem Natron, Auswaschen, Trocknen und Glühen des Niederschlags. Es ist eine luft- u. feuerbeständige Farbe n. wird in der Wasser-,Hl-».Porzellanmalerei, der Fabrikation n. beim Druck der Banknoten verwendet. Jungck. Theobald, Thiebald (franz. Thibaut), altdeutscher Name, d. i. der Volksbeherrscher. St. T., augeblich ein Abkömmling der Grafen von Champagne, lebte im 11. Jahrh. als Prediger u. Eremit u. starb unter der Regierung Kaiser Heinrichs IV.; sein Tag 1. Juli. ItioobromaL., Pflanzengattnng aus derFam. der kitsreuliuvsns - Lüttnsriaosns; Arten: M 6s.oao L.,Cacavbanm, Chocoladcnbaum,BauminSAme- rika, mit eilanzettförmigen, glatten, 20—25 om langen Blättern, büschelständigen, blaßgelben Blumen, gurkenförmigen, mitrothenWarzenbesetzteu, 15—20 em langen Früchten, welche 25—40 bohnenförmige Samen (Cacaobohneu), in einem Fache enthalten; Mutterpflanze des Cacao u. deshalb auch angebaut; M bieolor L et L., mit herzsörmiglänglichen, oben grünen, unten aschgrau-weißlichen Blättern und in. Doldentrauben stehenden Blüthen; 'I. gniansnsis A.rtbk., mit eirund-länglichen, langgespitzten, gezähnten Blättern, eiförmig-fünfeckigen Früchten. Beide geben geringere Sorten von Cacao, und aus dem Fruchtmark der letzteren Art wird durch Währung ein weinartiges Getränk bereitet; M spseiosnw; 1. Lndineanum, M szävsstrs in Brasilien, 1. an- Austikollnm u, 1'. ovalikolium in Mejico, liefern ebenfalls Cacao. Enqler. Theobromin, eine schwache Pflau- zenbase, die aus den Cacaobohneu (von 'Ilioodroma 6aoao) dargestellt wird. Bildet ein in kochendein Wasser, Äther u. Alkohol schwer lösliches Pulver, das sich in wässerigen Säuren zu krystallisirbaren Salzen löst, die indessen durch viel Wasser wieder zersetzt werden. Läßt sich bei vorsichtigem Erhitzen snblimi- reu. In ammoniakalischer Lösung wird es durch längeres Kochen mit Silberuitrat als Theobrominsilber,, krystalliuisch gefällt. Broglie. Theodahat (Theodat,Deodat), Sohn eines vor-'' nehmen Ostgothen u. der Amalasrida, der Schwester. Theoderichs. Als Athalarich, König der Ostgothen, 534 gestorben war, nahm dessen MutterAmalasuintha 536 Len T., ihren Vetter, als Gemahl u. Mitregentin an. Ein elender Feigling, wankelmüthig u. dabei voll Habsucht, Tücke u. Grausamkeit, ließ er seine Gemahlin 535 ermorden, wurde aber 534 selbst von den über seine Feigheit ergrimmten eignen Leuten erschlagen, s. u. Gothen II. 4). Vgl. O. Abel, T., König der Ostgothen, Stuttg. 1855. Theodelinde, Tochter des Bayernfürsten Gari- bald, Gemahlin des Longobardenkönigs Authari, 589, nahm nach dessen Tode 590 den Herzog Agi- lnlf von Turin zum Gemahl n. hob ihn damit aus den Thron, übte aber unter dessen Regierung mächtigen Einfluß, versöhnte namentlich die ariauischen Langobarden mit der Römischen Kirche, that überhaupt viel zu deren Gunsten, wie sie u. a. auch die Kathedrale von Monza stiftete. Theoderich (Theodorich, Theuderich), gothisch ntge der Franken: 4) L. Ü^M^tT^lodwigs, geb. 484, erhielt bei der Theilung des väterlichen Reiches 511 Australien u. st. 534. An ihn ist eine kleine diätetische Schrift des griechischen Arztes An- thimus im gothischen Italien gerichtet, die eine der ältesten Urkunden für den Übergang des Lateinischen ins Romanische bildet. 2) T. II., Sohn Childe- berts II., folgte seinem Vater 596 in Burgund u. entriß 612 seinem Bruder Theudebert II. auch Australien; er st. 613 n. hinterließ einen Sohn Sigi- bert, der jedoch nicht zur Negierung gekommen ist, s. Franken. 3) T. III., Sohn Chlodwigs II., wurde nach seinem Bruder Chlotar III. 669 König von Neustrien u. Burgund u. st. 691. 4) Th. IV. von Chelles (so genannt, weil er in dem Kloster Chel- les erzogen wurde), Sohn Dagoberts III., wurde 720 König der Franken n. st. 737; für ihn regierte KarlMartell. I>) Könia der Ostqothen: 5) T.. '' roße, geb. c . 455 später mit dein Beinamen der ö, Ähr., der Sohn eines o tqothischen Fürsten Lyeo- demir. kam bereits mit 7 tcatiren in -c-otge eines »in Kaiser Leo geschlossenen Vertrages als Geisel au den bniantinischen L>ok . Er blieb dort ess Jahre, wurde sorqjältig erzogen u. lernte so die Vortheile her Civi» ' Matlon ertennen. Nach seiner Rückkehr u. seines Vaters Tode (475), wurde er Könia des ganzen ost- gothischen Volkes. Las längs der Donau von Wien" bis nach Slawonien hinein sich niedergelassen hatte ? In ihm slvy ver Soyu oes gegen Liooatar gefallenen Rhugierköuigs mit dem Reste seines Volkes, um dort Schutz u. Rache zu finden. Gleichzeitig forderte ihn Kaiser Zeno, der die gefährlichen Grenznachbarn entfernen wollte, ans, dem Reiche Odoakars in Italien, auf das die oströmischen Kaiser ihre Ansprüche nicht aufgegeben hatten, ein Ende zu machen. Da brach T. 488 mit den Ostgothen ans, besiegte bei Sirmium die «sepiven zwncyen Lirau und San, und drang am Isouzo abwärts in Italien ein. Nach drei Siegen am issouzo u. oei rperona 489, an her Adda 490, u. der Ermordung Odoakars nach der Übergabe von Ravenna. Mär,; 493. gründete L Las Reich der Ostaotben. das sich über Italien, Sicilieu und die Donauländer erstreckte, kraftvoll ansblnhte unter seiner Regierung und spurlos verschwand, als vre ieitendeäaauo tevue. oiemues aeordnec u. zusammeü- aebalten. D och haben diesen schuelieu Sturz verschiedene Mißgriffe T-s selbst augebahut. Er hat den Versuch gemacht, seine Gothen mit den Römern zu einen u. die Herrschaft in den alten Formen fortzuführen. Er vermied jede Auszeichnung seines Volkes vor den alten Bewohnern des Landes, gab vielmehr fast nur diesen, die an Bildung u. Geschäftserfahrung den kriegerischen Gothen weit überlegen waren, die Leitung aller Geschäfte in die Hand, während die Gothen eine Art Kriegerkaste bildeten u. sich nie mit den Eingeborenen in ein wahres Ganze vereinten. 310 Theodicee — Theodor. T. raubte durch dieses Streben, die alte Kultur mit dem gothisch-germanischen Wesen zu verbinden, sei- nem Reiche die naturwüchsige Kraft u. Dauer, die andere germanischeStaateu Lurch rücksichtsloseHärte n. barbarische Zerstörungswuth erlangt haben. Dazu trennte die Verschiedenheit ihrer Bekenntnisse die arianischen Gothen von den Italikern, die dem atha- »asianischen Bekenntnisse anhingen, so sehr auch T. Duldsamkeit bewies. An diesem Zwiespalt, der noch mehr durch die Verschiedenheit der Sprache gefördert wurde, mußte das Reich zu Grunde aehe». Der ae- heiine Sekretär u. Minister T-s war MagnnS Än- ius Easstodorms Senator, ver ans seinen Bejehl ! (verlorenen) 12 Bücher gothischer Geschichte ver- reli us die taut e, tue naw Len neneuen ttnrerummnaen desPros. Usener in Bonn noch vor dem Tode T-s herauskamen u. bis 518, spätestens 521 reichten (s. Cassio- dor). Einen Schatten ans seine sonst durch Gerechtigkeit u. Milde ausgezeichnete Negierung warf dieHin- richtung des Senators Albinns (welcher mit dein byzantinischen Kaiser in sträflichen Unterhandlungen gegen ihn gestanden haben sollte), sowie des Philosophen VoetinS, welcher den Albinns vcrtheidigt hatte, und des Symmachns. Tbevdericb starb im Auaust 526 in Ravenna: j n^^MMebt als Diet. . ^Ml^LiitlÄenLiel denliedern fort b is ani den yen- tigenLag^Lglloenl'ausMrrouoctmtns olomsntls- simo lirsoäorieo zwischen 504 und 508 von Felix Ennodius, seit 511 Bischof von Pavia, abgcfaßt; Du Ronrc, Ristolrs äs 1. Is 6ranä, Paris 1846, 2 Bde.; F. Dahn, Die Könige der Germanen, Abth. 1—6,Würzb.186l—1871. o)Könige der Westgothen: 6) T. I., folgte seinem Vater Wallia als König der Wcstgothen n. regierte 410—451, wo er bei Chalons gegen Attila fiel: unter seiner langen Regierung gewöhnten sich die Westgothen mehr als die anderen germanischen Völker an Ackerbau u. Gewerbe. 7) T. II., Sohn des Vor., folgte seinem Bruder Thorismnnd 453—466, wo er von seinem Bruder Enrich ermordet wurde. Schmitz. Theodicee (v.Gr.), wissenschaftliche Rechtfertigung Gottes wegen des in der Welt vorhandenen physischen n. moralischen Übels, dessen Existenz mit seiner unendlichenWeisheitu.Güte zu streiten scheint. Die hierher gehörigen Fragen haben das religiöse Denken zu allenZeiten vielfach beschäftigt; schon das Buch Hiob sucht sie zu beantworten; unter den grie- chischen Denkern faßten sie vorzüglich Plato u. die Stoiker, unter ihnen namentlich Chrysippos in der Schrift Hepr?rpor-oia5, ins Auge; die christlichen Kirchenväter beschäftigen sich ebenfalls vielfach mit ihnen. Das Wort T. ist zur Bezeichnung einer hieraus gerichteten Untersuchung gebräuchlich geworden, seitdem Leibniz in seiner T. (Lssal äs Ltrsoäiess, Amsterd. 1712, übersetzt n. erläutert von v. Kirch- mann, Lpz. 1879), die von Bayle ans dem Vorhandensein des Übels und des Bösen gegen die göttliche Weltregiernug abgeleiteten Zweifel zu widerlegen suchte. Leibniz' T. ruht auf dem Schlüsse, daß, wenn man annehmen wolle, daß die vorhandene Welt unter allen überhaupt möglichen Welten nicht die beste fei, man auch zugeben müsse, daß Gott die beste Welt entweder nicht gekannt, od. nicht gewollt habe, vd. sie hervorzubringen unfähig gewesen sei. Das erste streite mit seiner Weisheit, das zweite mit seiner Güte, das dritte mit seiner Macht; folglich sei die vorhandene Welt die bestmögliche. Die Gedanken Leibniz' benutzte Uz in seinem Lehrgedichte Theo- dicee,(1755). FürdiepantheistischenSysteme, welche das Übel und das Böse als ein Nichtssagendes, als eine bloße Schranke u. Negation in der Selbstdar- stcllnng des Absoluten betrachten, verliert die ganze Frage ihr Gewicht. Die neuere Theologie gibt seit Schleiermacher auf die Frage, ob diese Welt die beste sei, die Antwort: daß sie gut ist. Vgl. Kant, Über das Mißlingen aller philosophischen Versuche einer T., 1791; Masche, Das Böse im Einklang mit der Weltordnung, Lpz. 1827; Erichson, Das Verhältniß der T. zur spekulativen Kosmologie, Greifst». 1836; Sigwart, Das Problem des Bösen od. die T., Tüb. 1840; A. von Schaden, T., Karlsr. 1842; Maret, Misoäiess ellrstisvus, Par. 1857; I. Sjoung, Lvsl anä doä, Lond. 2. A. 1861. Heppe. Theodolit ist ein in der Geodäsie u. Astronomie gebrauchtes Instrument, das zum Messen von Hori- zontalwinkeln n. Vertikalwinkeln, od. auch nur zum Messen der ersteren dient. Das Wort T. ist sehr wahrscheinlich arabischen Ursprungs n. mit Alhidade, womit jetzt,ein Theil des T. bezeichnet wird, gleich« werthig. (Über die Etymologie des Wortes T. vgl. Dinglers polytechnisches Journal 116, S. 166.) Der Hauptbestandtheil des T-s ist ein horizontaler Kreis mir gleichmäßig getheiltem Rand, dem Lim- bns, um dessen Mittelpunkt sich in seiner Ebene ein Zeiger, die Alhidade, dreht. Soll der T. auch zu Höhenniessnngen.dienen, so ist hierzu ein zweiter vertikaler Limbus mit Alhidade erforderlich. Auf zwei in fester Verbindung mit der Alhidade des Horizontalkreises befindlichen Lagern ruht eine horizontale Achse, um welche sich ein rechtwinklig mit ihr verbundenes Fernrohr (in vertikaler Ebene) dreht. Ein Verticalkreis ist mit der horizontalen Drehachse des Fernrohrs verbunden, u. an dem einen Lager dieser Achse ist die zugehörige Alhidade befestigt. Der Horizontalwinkel zweier Lagen der Absehlinie des Fernrohrs wird durch den Winkel der zwei entsprechenden Lagen der Alhidade des Horizontalkreises gemessen, u. ähnlich wird der Verticalwinkel zwischen der horizontalen u. irgend welcher anderen Lage der Absehlinie an dem vertikalen Kreise gemessen. Damit der zu Horizontalmcssungen dienende Limbns genau horizontal gestellt werden kann, muß eine Libelle mit dem T. Verbünden sein. In vielen Fällen ist der Limbus mit dem 3armigen Untergestell fest bnnden u. dann heißt das Instrument ein einfacher T. Häufig ist jedoch der Limbus selber drehbar gegen das Fußgestell u. man nennt dann den T. Ne- petitions-T. Die Kreisablesung geschieht theils mit Nonien, theils mit Mikroskopen, letztere werden neuerdings bei größeren u. feineren T-eu fast ausschließlich angewendet, man kann damit Winkelmessungen aus Brnchtheile einer Sekunde genau ans- sühren. Jordan. Theodor (v. Griech. Theodoros), männlicher Name u. Vorname, bedeutet den von Gott Gegebenen. I. Fürsten: 1) T. II., König von Abessinien, geb. 1818, hieß eigentlich Kasai u. sollte zum Geistlichen ansgebildet werden, entfloh aber bei Gelegenheit eines Angriffs aus sein Kloster, stellte sich an die Spitze einer Bande u. führte so glückliche Kämpfe, 311 Theodor Gaza daß er bald einen Theil Abessiniens unter seine Botmäßigkeit brachte. Darauf stürzte er auch den König Ubie von Tigre, ließ sich 6. Febr. 1855 zum König (Kaiser)vonHabeschausrufen u. eroberte noch Schoa. Seit1863wegenMißhandlung der europäischenMis- sionäre mit den Engländern in Conflict gekonunen, wurde er 1867 von denselben bekriegt und fiel 13. April 1868 bei der Einnahme von Magdala >>on eigener Hand; s. Abessinien, S. 56—57 u. vgl. Le- jean, MwockorsII., Par. 1865. 2 ) T. v.Neuhof, König von Corsica, geb.1786 in Metz, Sohn eines aus der Grafschaft Mark gebürtigen Edelnrannes, der, wegen der Heirath mit einer Bürgerliche» mit seiner Familie entzweit, in franz. Dienste trat. Nachdem T. bei der Herzogin v. Orleans Page gewesen, wurde er Cavalerieossizier, nahm aber bald seinen Abschied ».ging, angelockt durch denRuhmKarlsXII., nach Schweden, wo er im Baron v. Görz einen Gönner fand n. von demselben beim span. Hofe zu einer politischen Sendung verwendet wurde. Hier erwarb er sich die Gunst des Cardinals Alberoni, was ihm mit dem durch den plötzlichen Tod Karls XII. erfolgten Sturz des Barons Görz (Decbr. 1719) zu Statten kam. Er nahm spanische Dienste n. heira- thete ans politischer Specnlation eineHosdame, ohne aber seinen Zweck zu erreichen. Nach dem bald darauf erfolgenden Sturz Alberonis fand T. es ge- rathen, sich heimlich zu entfernen. Er ging nach Frankreich zurück, wo er eines der Hauptwerkzenge Laws wurde n. ein äußerst verschwenderisches Leben führte. Nach dem Zusammenbruch des Lawschen Systems mußte er vor seinen Gläubigern flüchten, lebte in der Verborgenheit, bis er 1732 als Resident Karls V. in Florenz wieder auftanchte. Hier wurde ihm die corsicanische Königskrone angebotcn, s. Corsica, S. 421, 1 . Sp. Nachdem T. den vergeblichen Versuch gemacht, an verschiedenen europäischen Höfen Sympathien sür Corsica zu gewinnen, gelang ihm dies bei der Ottomanischen Pforte, welche ihm Anweisung aus Unterstützung an den Dey von Algier gewährte. Mit reichen Geldmitteln n. Vorräthen ausgerüstet, landete er 13. März 1736 bei Aleria aus Corsica- u. wurde 15. April zu Alessani zum König ausgerusen. Die augenblickliche Begeisterung der Corsen führte im Anfang zu einigen Erfolgen gegen die Genuesen, doch da auch Mißerfolge eintraten u. namentlich die von T. in Aussicht gestellte ansländische Hilfe nicht eintraf, sank sein Ansehen rasch wieder. Mit dem Versprechen, diese Hilfe persönlich aufznsnchen, verließ er 10. Nov. 1736 die Insel, wandte sich nach Holland, von wo er 13. Sept. 1738 mit ansehnlichen Hilfsmitteln wieder in Corsica eintraf. Die inzwischen eingetretene franz. Intervention zwang ihn, sich wieder zurllckznziehen n. er ging nach England, von wo er 30. Jan. 1743 mit einem Linienschiff wieder znrückkehrte. Er fand aber seine Sache von den Corsicanern aufgegeben u. mußte abermals das Feld räumen. Nichisdesto- weniger vcrsolgte er seine Sache noch während mehrerer Jahre in verschiedenen Ländern. 1749 wurde er in London aus Betreiben der genuesischen Regierung ins Schuldgesängniß Kingsbeech geworfen, aus dem er erst infolge einer 1755 vom Parlament erlassenen Acte, welche die Befreiung aller erwiesen zahlungsunfähiger Schuldner verfügte, loskam. Doch nicht lange genoß er seine Freiheit, da er schon II. — Theodora. Dec. 1756 starb. Walpole, der auch zu seinen Lebzeiten eine Sammlung für ihn veranstaltet, setzte ihm eins Grabschrift. T. ist der Held einer Oper von Paisiello geworden, die sich lange auf allen Bühnen erhalten hat. Er hinterließ einen Sohn, s. Friedrich 3), S. 549. Vgl. Varnhagen v. Ense, Biographische Denkmale, 3. Ausl. Lpz. 1872. 1. Theil. II. Heiliger: 3)St. T-, ein geborener Syrer od. Armenier, trat als Christ in römische Kriegsdienste u. starb als Märtyrer in der Christenverfolgung unter Maximinus u. Galerius; Tag: 9. Nov., in der Griech. Kirche der 17. Febr. Gregor von Nyssa schrieb eine Lobrede ans ihn. III. Päpste. 4) T.s I.: ein Grieche von Geburt, wurde 642 Papst (der 74.), erwies sich als ein heftiger Gegner der Monotheisten n. st. 649. 5) T. II., Römer, 898 Papst (der 119.), regierte nur 20 Tage 1> S) t.' Theodor Gaza, geb. 1398 in Thessalonich; floh 1430 bei Eroberung seiner Vaterstadt durch die Türken nach Italien, lebte seit 1440 in Ferrara, erhielt durch Bessarion eine Pfründe in Calabrien n. starb 1478. Er schr.: z/yr-wr-, herausgeg. von D. Petavius, Paris 1630; eine griechische Grammatik (L7oA/w/?)/x>«,uzto!rr>cy),Vened. 1495, Fol., Flor. 1525 u. ö.; dazu Commentar von Daniel, Wien 1804; TbäxiXwr- in Leo Alla-- tius' Dymmikta, n. übersetzte ans dem Griechischen ins Lateinische mehrere Schriften des Aristoteles, Theophrasts Geschichte der Pflanzen u. des Hippo- krates Aphorismen, sowie ins Griechische Ciceros Lowninm Loiplcmm u. Oo sonsotnto, n. a. m. Theodora, 1) Tochter des Acacins, geb. um 508 n. Chr. ans Cypern, kam als Kind nach Constanti- nopel, wo ihr Vater bei der Circuspartei der Grünen Bärenwärter wurde; die blendend schöne T. wurde von ihrer Mutter für das Theater erzogen, trieb dabei vorzüglich das Geschäft einer Hetäre. Spater begleitete sie den Statthalter Hekebolos als Maitresse nach Kyrenaika, von demselben aber bald entlassen, lebte sie erst indergrößtenNoth inAlexandria ».kehrte endlich nach Constantinopelznrück, wo sie durch Schönheit u. Anmuth des Kaisers Justin I. Neffen, den Patricius Jnstinian, so sehr bezauberte, daß er sie trotz des Widerstrebens seiner Familie heirathete. Nachdem Jnstinian den Thron (527) bestiegen hatte, wurde auch T. in aller Form zur Kaiserin erhoben. Jndendamaligen kirchl.Streitigkeiten begünstigte sie dieMonophysiten. AlsFrauwarihrWanLelnntadel- haft; aber ihr Charakter zeigte andauernd sehr dunkle Schatten. Energisch, mit scharfem Verstände begabt, entschlossen und stolz, aber auch intrignant, herrschsüchtig, gewaltthätig, hatte sie ihre Freude daran, hochstehendeLeutezndemiithigenn.war ebenso grausam als rachgierig. Ihr Geschlecht nahm sie bei jeder Gelegenheit, auf alle Weise n. für jeden Zweck in Schutz. Ihr gehört die Einrichtung eines Klosters an, in welchem 500 Bnhlerinneu Aufnahme n. Gelegenheit fanden, ihren früheren Lebenswandel zu bereuen. Sie st. 12. Juni 548. 2) T. die Ältere, nach der Angabe des Lintprand von Creinona eine Buhlerin in Rom zu Anfang des 10. Jahrh., die ^ durch Schönheit, Klugheit u. Ehrgeiz hervorragte u. ^ Gemahlin eines römischen Senators wurde. Sie brachte mit Hilfe des Markgrafen Alberich von Tos- ^ana, des Gemahls ihrer Tochter Marozia (s. d ), 312 Theodvretos - ihren Freund (nach Liutprand ihren Geliebten), den Erzbischof von Ravenna 914 als Johann X. ans den Päpstl. Stuhl u. beherrschte thatsächlich Nom. Ihre 2.Tochter3)T. d ie Junge re warihrn. der älteren Schwester ähnlich; sie wurde die Mutter des Cres- centinS (s. d.), der überall in Charakter und Sitten seiner Familie würdig war. V H-chberg. 2 ) «agai. Theodoretos, Kirchenhistoriker, geb. 386 (393) in Antiochia, aus einer vornehmen Familie; wurde in einem Kloster erzogen, in dem er auch blieb, als er Lector und dann Diakonns in Antiochien wurde; 420 (423) wurde er Bischof von Kyrrhos in Syrien und führte in seinem Kirchsprengel viele Häretiker, besonders Marcioniten, in den Schoß der orthodoxen Kirche zurück. Er erklärte sich nicht gegen die Nestorianer, weshalb er ans der Nänbersynode 449 seines Bisthnms entsetzt n. in ein Kloster zu Apa- mea verwiesen wurde. Dann wieder freigelassen, unterschrieb er ans der Kirchenversammlnng zu Chal- kedon 451 das Verdammnngsnrtheil des Nesto- rius, worauf er wieder in sein Bisthum zurückkehrte; er st. 457. Seine exegetischen Schriften sind einzeln, bes. in lateinischen Übersetzungen, oft herausgegeben worden, so die Commentare zu den Panlinischen Briefen, Oxs. 1852 f. (vgl. I. F. C. Richter, Vs Dbeockoroto spistolarnnr vnnlinarrnn intorprsts, Lpz. 1822); seine dogmatisch-polemischen Schriften sind herausgeg. von N. Majoranns, Rom 1545; lat. von V. Strigel, Lpz. 1566; deutsch von I. M. Feder,Würzb.1788; (von 325 —429), herausgeg. von Gaisford, Oxs. 1854, auch in R. Stephanns n. in G. Neadings Sannn- lnngen derKirchenhistorikcr. Werke, herausgeg von Sirmond, Par. 1642, 4 Bde. Fol.; dazu ein Nnc- tarinm von Garnier, herausgeg. von Hardonin, ebd. 1684; von I. L. Schulze und Nösselt, Halle 1769 bis 17 74, 5 Bde.; das Äosvarium Düooüorstornu ist von Bauer. Lag-ii.« Theodoras von Mops» Hestia (Dü. Noxsn- ostsnsis), gricch. Kirchenvater, geb. um 350 in Antiochia, Schüler des Rhetors Libanios n. des Philo sophen 2lndragathios, schloß sich dann dem Johannes Chrysostomus an und wurde als Schüler des Diodoros zur Theologie geleitet n. Mönch; wurde später Presbyter in Antiochia und 392 von Mopsn Hestia, wo er 428 (429) starb. Er war eins der Häupter der Antiocheuischen Schule n. einer der be- stenExegeten n. Theologen seiner Zeit. Da er gleiche Meinung wie Pelagins hatte, galt er für den Urheber des Pelagianismns, sowie des Nestorianischen Lehrbegriffes, da er sich gegen die Identität Gottes u. Jesu aussprach, n. wurde ans dem fünften Ökumenischen Concil zu Constantinopel (553) als Ketzer verdammt. Seine exegetischen Schriften, in denen er diegrammatisch-historischeErklärnngsart anwendete, haben sich nur in Fragmenten erhalten; Cominen- tar über die 12 kleinen Propheten Hrsg, von Ang. Mai in der Loriptornra votsrum novo, oolloetio, 1-, 2. n. 6. Thl., u. in der Xova vatrnm biblio- tüeea, 7, Thl.; von A. E. V. von Weguern, Berl. 1834; die Fragmente der Commentare znm N. T. von Fritzsche, Zür. 1847; lat. Übersetzung der Commentare zu den kleinen Paulinischen Briefen im 1. Bd. von Pitras 8x>ivU.8oIssm. n. von I. L. Jacobi, 1855—60; sämmtliche Fragmente in lat. Sprache, Hrsg, von Sachau, Lpz. 1869. Vgl. über T. I. Chr. — Theodosills. Meißner, Wittenb. 1844; Fritzsche, Vs DIrsoclori Llopouestsni vitalst 8orix>tis, Halle 1837. Lag«." Dtieoäosiana Isx, so v. w. Lrsvinrnm Xlnrioinnnm. Theodosianisches Gesetzbuch (Dlisoäovianns eoäox), s. u. Ooüsx 7) X) o). Theodofius. I. Römische resp. byzanti- t nische Kaiser: 1) Flavins T. I., Sohn des > gleichnamigen vorzüglichen Feldherrn, geb. 345 n. Chr. in Spanien, wahrscheinlich zu Canca; betheiligte sich schon früh an der Seite seines Vaters an dessen glorreichen Feldzügen in Britannien, Afrika, Rhätien (gegen die Alemannen) n. gegen die Sach- ! sen; um 374 besiegte er als selbständiger Befehls« ! Haber in Mästen die Sarmaten. Mch der Hinricht- ! nug seines Vaters (376) lebte er eine Zeitlang ans seinen heimathlichen Gütern als Privatmann, bis ihn > Kaiser Gratian wenige Monate nach der Unglücks- ! schlacht vonAdrianopel, 19.Jan.379,zn:nMitregen- tcnernannte n. ihm LenOrient »ebstJllyrien imweiteren Sinne, d. i. alle Länder zwischen der Avria n. denr Euphrat, als unmittelbaren Verwaltungsbezirk § überließ. In den nächsten Jahren wurde er der - Retter der von Hunnen, Alanen n. zumal den Go- s then hart bedrängten Balkanhalbinsel. 379 u. 380 besiegte er diese Völker n. wies den überwundenen Gothen feste Wohnsitze in Thrakien n. Kleinasien an. I Überhaupt war er, was ganz dem Bedürfnis; des ' Augenblickes entsprach, mit Erfolg bemüht, die noth- wendig gewordene gründliche Auseinandersetzung ! Noms mit der germanischen Welt u. bes. mit den so t gefährlichen Gothen ans diplomatischem Wege durch Heranziehung zahlreicher Schaaren in den römischen ; Kriegs- n. Staatsdienst zu erledigen. 384 schloß er : unter Vermittelung seines berühmten Feldherrn : L-lilicho mit Persien einen Friedensvertrag ab, der ! fast 40 Jahre lang nnerschüttert blieb. Den Mör- » der Gratians, MaximnS (reg. 383 bis 388), er-- ! kannte er zwar anfangs (384) unter der Bedingung I als Collegen an, daß er sich mit Gallien, Spanien n. Britannien begnügte n. nicht den Angustns Ba- lentinian II. im Besitze von Italien n. Afrika störte. Als aber Maximns 387 über die Alpen ging n. den jungen Fürsten vertrieb, gewährte T. dem Letztere» den nachgesnchten Schntz. Maximns erlag dem morgenländischen .Kaiser in den Schlachten bei Siscia (in Pannonien) u. bei Aqnileja u. wurde auf Befehl des Siegers hingcrichtet. T. gab Italien n. Afrika seinem Schützling zurück u. fügte grvßmüthig auch noch die gallische Präfectnr hinzu; doch blieb er seit- § dem der thatsachliche Alleinherrscher der römischen ; Welt. 389 besuchte er Rom, hörte dort den Pane- k gyrikns des GallierS Pacatus an n. nahm dann in t der nächsten Zeit bis 391, wo er wieder nach dem 1 Osten znrückkehrte, seine Residenz zu Mailand. Dis h Usurpation des Franken Arbogast, der 392 den Ba- ^ lentinian zu Vienne ermorden ließ n. ein gefügiges i Werkzeug, den Rhetor Engenins, znm Kaiser ans- j rief, veranlaßte ihn abermals zn einer Expedition js nach dem Westen. Im Verein mit seinen Generalen L Stilicho n. Gainas schlug er die beiden Usurpatoren 6. Sept. 391 bei Aqnileja n. mar jetzt auch formell ^ Alleinherrscher des gesammten Kaiserstaates Er besuchte hierauf abermals die ewige Stadt n. st. schon 17. Jan. 395 zn Mailand, nachdem er seine Söhne Honorins n. Arcadins zn Nachfolgern ernannt und ! Ersterem das Westreich, Letzterem den Orient über- 313 Thevgius — lassen hatte. T. hat den Namen des Großen wein, ger wegen seiner nulengbaren Verdienste um den Staat, denn wegen seines Eisers für die Orthodoxie u. zumal wegen seiner demuthsvollen Unterwerfung unter die bischöfliche Autorität erlangt. Schon 380 forderte er in einem scharfen Edict alle seine Unter- thanen aus, sich mit ihm zum Katholicismns zu bekennen; gleichzeitig bedrohte er die Arianer mildem Verluste ihrer bürgerlichen Rechte; überhaupt dnl- dete er von allen christlichen Secten mir die Novatia- ner, weil diese am sog. Homoonsion scsthielten. Auch das Heidenthnm wurde unter schwerer Strafe untersagt; T.ließ sehr viele heidnischeTempel theils zerstören, theils in christliche Kirchen umwandet». Bei seinem zweimaligen Besuche in Nom machte er eifrige Bekehrnngsversnche bei den noch heidnischen Senatoren. Indessen hat T. blutige Gewaltthaten gegendie akatholische Bevölkerung vermiede». Seine Unterwürfigkeit gegen die katholische Hierarchie hat der Kaiser bes. 390 zu Mailand bekundet, wo er sich vom BischofAmbrosius wegen des im Jähzorn u. auf Betreiben seines erstenMinistersNnfinus ansgeführten Blutbades von Thessalonich vor versammelter Christengemeinde die temporäre Excomniunicatiou gutwillig gefallen ließ u. die gleichfalls über ihn verhängte 8monatlicheöfsentlicheKirchenbnße. Damals erfolgte auch ein kaiserl. Gesetz, wonach der Vollstreckung jedes Todesurtheils eins 30tägige Frist vorangehen müsse. VermähItwarT.zucrst mit AeliaF-lac- cilla(gest.385), die ihm denHonoriusu.Arcadinsge- bar, u. dann mit Galla, der Tochter Valentinians l. u. der Jnstina (etwa seit 388). Galla Placidia, die Tochter aus dieser zweiten Ehe des T., heirathete den Westgothenkünig Atanlf. Vgl. Flechier, List, äs 1'. Io 6ranä, Par. 1680; v. Wietersheim, Völkerwanderung, Bd. lll; Heinrich Richter, Geschichte des weström. Reiches unter Gratian, Maximns rc., Bresl. 1865; Jos. Hubert Reinkens, Martin von Tours, S. 142 ff.; Güldenpenning u. Jfland, T. d. Gr., Halle 1878. 2) T. II., Enkel des Vor., Sohn des Arcadius u. der Endoxia, geb. 400; folgte schon 1. Mai 408 seinem Vater als byzantin. Kaiser zuerst unter der Vormundschaft des Prätorialpräfec- ten Anthemins, dann unter Leitung seiner Schwester Pulcheria (gest. 28. Juli 4FÖ). Beide Geschwister, mönchisch erzogen, schenkten hauptsächlich den theo- logischen Zänkereien des Zeitalters ihre Aufmerksamkeit, statt ans energische Abwehr der immer bedenklicher vordringenden Barbarenwelt bedacht zu sein. Vergeblich waren alle Versuche der Byzantiner, im Bunde mit dem freilich zunächst interessirten Westreiche, die Gründung des Vandaleureiches in Afrika (seit429) durch bewaffneteJntervcntion zn vereiteln, obwol an der Spitze dieser Expedition ein fähiger Mann, der GotheAspar, stand. Auch gegen den Hnn- nenkönig Attila n. seine fnrchtbarenSchaaren richtete man nichts aus. Attila verwüstete (zumal seit 444) die Grenzprovinzen des Reiches n. zwang den Kaiser sogar zur Entrichtung eines Tributs. Rühmlich war nur der persische Krieg, den T. 421 lediglich im Interesse der hartbedrängten christlichen Unterthanen der Sassaniden begann u. durchführte. Was die dogmatischen Streitigkeiten betrifft, so beschützte T. anfangs den Hosbischof Nestorius, ließ ihn aber nach seiner Bernrtheilnug durch die ephesinische Synode von 431 fallen und verbannte ihn in die ägyptische Theokritos. Wüste. Gleicherweise protegirte er gegen Ende seiner Regierung den Eutyches u. sogar die Helden der cphesimschen Stnrmsynode von 449. Seit 421 war er vermählt mit Endokia (sie hieß vor ihrer Taufe Athenais), der Tochter des Sophisten Heraklitns, von der er sich jedoch 444 ans Eifersucht trennte. T-s einzige Tochter Endoxia heirathete 437 den weströmischen Kaiser Valcntinian lll. 3) T. lll. Ein Thcil des byzantinischen Heeres empörte sich gegen den Kaiser Artemins oderÄnastasins II. (reg'. 713 bis 716) n. zwang einen Slenerbeamten Namens T. zur Annahme des Purpurs. Nach 6monatlichem Kampfe wurde Artemins besiegt n. nach Thessalonich in ein Kloster verwiesen. Aber gegen T. III. griff Alsbald Leo, der Befehlshaber der orientalischen Truppen, zu den Waffen n. gab sich den Schein, die Sache des gestürzten Artemins zu verfechten. Unter- stützt von Artavasdus, dem Ansnhrer der armenischen Söldner, gelang es ihm bald, den neuen Machthaber zur Abdankung zu zwingen (717). T. trat nach kaum 1 Jahre mit seinem Sohne in den geistlichen Stand ein u. verbrachte den Nest seiner Tage in ungestörter Ruhe. Leo lll. Jsanricns wnrde aber der Stifter einer neuen Dynastie. Vgl. Tbsoplmnis eiu-ono^rapIUa,eä.Bonn,p.588—600,606f.Mrrcs. Theognis, griech. Elegiker ans Megara um 540 bis 500 v. Ehr. Er gehörte zu dem dorischen Adel dieser Stadt, mußte aber vor den Demokraten, durch welche der Adel um Einfluß u. Vermögen gekommen war, seine Vaterstadt meiden. Seine Elegien, welche meist an den adeligen Jüngling Kyrnos gerichtet waren, sind nicht mehr vorhanden, sondern blos die ans denselben später excerpirten Sentenzen, daher er jetzt zu den gnomischen Dichtern gezählt wird. Die ihm zngeschriebene zusammenhangslose Sammlnng von Distichen besteht in 1389 Versen, denen aber manche von anderen Dichtern beigemischt sind. Er klagt darin über die Schlechtigkeit seiner Gegner n. des geringen Volks u. lehrt stolze, aristokratische Lebensweisheit. I.Ausg. Venedig 1495, Fol.; in allen Sammlungen der Gnomischen Dichter; bes. herausgeg. von Bekker, Lpz. 1815, n. A. 1827; von Ziegler 1868; in Bergk's kostrrs IMoi Krasoi. Deutsch von Thndichnm, Büd. 1828; von Weber, Bonn 1834. Riest. Theognosie (v. Gr.), Erkenntniß von Gott. Theostömesv. Gr.,Götterabstammnng, Stammtafel der Götter), Gedicht, in welchem die Abstammung der Götter von einander dargestellt ist. Die erste soll die des Mnsäos gewesen,sein, die aber, so wie die des Orpheus, Chrystppos u. A. verloren ist; nur die des Hesiodos (s. d.) ist erhalten. Theokratie (v. Gr., Gottesregiment), die Idee von einer unmittelbaren Welt- n. Staatcnrcgicrnng der unsichtbaren Gottheit durch sichtbare Repräsentanten. Die Gottheit erscheint dann, wie bei den Hebräern (Mosaische Verfassung) als König, die Priester als seine Stellvertreter, Verkündiger und Ausleger der Gesetze. Theokritos, 1) griech. bukolischer Dichter, Sohn des Praxagoras ans Syrakus od. Kos um 270 v. Ehr., lebte theils in Alexandria, von Ptolemäos Philadelphos sehr geschätzt, theils in Syrakus unter Hieran II. Er ist der Begründer der bukolischen ! Dichtung als einer Literatnrgattnng, welche er ans ^ den kunstlosen Liedern der sicilischen Hirten, ihren 314 Theolatric — Theologie. Wechsel- u. Wettgesängen, ihrer Verherrlichung des Daphnis u. s. w. kunstgemäß ausbildete. Die größeren Gedichte des T., 30 au der Zahl, sind Jdhl- len im alten Sinn (Ltüv/ilsia, d. i. Bildchen), Schilderungen von Scenen ans dem Hirtenleben od. aus dem Leben der niederen Stände nebst Erzählungen aus der Mythologie (z. B. Hylas, Dioskuren, Herakles, Mänaden); berühmt sind seine Adoniaznsen (s. Adonis). Außer diesen größeren schrieb er noch 22 Epigramme, welche gleichfalls nebst einem Bruchstück seiner Berenike erhalten sind. Die Menschen in den Theokritischen Idyllen sind einfach n. natürlich, fein n. lebendig u. voll von Zügen heiterer Laune, bes. in den Wechselgesprächen, nach dem wirklichen Leben geschildert, ohne dieSentimentalitätdernenern bukolischen Poesie, nur etwas durch die Poesie gehoben. Der Dialekt ist der dorische Siciliens, doch gemischt mit den Formen anderer Dialekte. Neuerdings wurde noch das 31. Schlnßgedicht in äolischem Dialekte in Mailand entdeckt. Seine Nachahmer Bion u. Moschos erreichen seine Vorzüge bei weitem nicht. Ausgaben: zuerst (vermnthlich) Mail. 1481; neuere: von I. I. Reiske, Wien 1705 fs., 2 Bde.; Valckenaer, Leyd. 1770, 2. A. 1810; J.A. Jacobs, Halle 182-1; Ziegler, Tüb. 1844, 2. Ausl. 1807; Hanptausgabe von Ahrens, Leipz. 1855—59; von Fritzsche, mit deutschen Anm., 2. A. ebd. 1870, mit lat. Anm., 2. A. ebd. 1809; Meineke, Berl. 1850. Uebersetznugen von I. H. Voß, Tüb. 1808; von Mörike u. Notier, Stnttg. 1855; von Eberz, Franks. 1858. Die Scholien zu Th. sind heransgeg. von Dübner, Par. 1849. 3) Aus Chios, Schüler des Merrodoros; wegen seiner Bitterkeit fiel er bei Alexander d. Gr. in Ungnade u. Antigonos ließ ihn hinrichten. Er schr. eine Geschichte von Libyen, Briefe u. Epigramme. Vgl. C. Müller im 2. Band der Vrn§in. bir-ior. §rasv. Ries-. Theolatric (v. Gr.), die Gottesverehrung, der Gottesdienst. Theologie (v. Gr.), 1) bei den Griechen die Kenntniß n. Lehre von den Göttern u. den göttlichen Dingen; daher nannten sie denjenigen einen Th eo- logos, welcher Thcogonicn (s. d.) dichtete, wie Orpheus u. Hesiodos, od. über göttliche Dinge u. den Ursprung der Dinge durch Götter philosophirte, wie Empedokles u. Pherekydes. Barro theilte die T. in HisoloAis, mzchsiron, Kenntniß der Mythen u. Göttersagen, deren sich die Dichter bedienten; Isi. xsi)'- sioa, deren sich die Philosophen bei ihren Untersuchungen über die Entstehung der Welt rc. bedienten; Mi. eivrlio, Kenntniß des öffentlichen CultuS. In der christlichen Kirche heißt 2) T. die Lehre von Gott, z. B. im Gegensatz zur Anthropologie als der Lehre vom Menschen, gewöhnlich aber 3) (zuerst bei Abälard, MisoloZ'ia esiristiana) die^Wissenschaft, welche alle ans das religiöse Leben bezüglichen Erkenntnisse zur Einheit znsammenfaßt. Diejenigen, welche die T. grundsätzlich von ihrer praktischen Seite her und als eine dem Interesse der Kirche dienende Wissenschaft ansehen, definiren sie als den Inbegriff der Kenntnisse, welche znr Erfüllung des geistlichen Berufes erforderlich sind. — Die T. gliedert sich im Allgemeinen in die exegetische, historische, systematische u. praktische T. I. Die exegetische T. will das Verständniß der Urkunden der Offenbarung, des Allen wie des Neuen Testaments durch methodische Auslegung vermitteln. Denn La die christliche Offenbarung in der alttestamentlichen ihre historische Grundlage hat, so gehören auch die Urkunden der letzteren zu den Quellen christlicher Erkenntuiß. Die Hilfswissenschaften der exegetischen T. sind 1) die biblische Sprachkunde, d. h. das wissenschaftliche Verständniß des hebräischen u. des hellenistischen Idioms; 2) die bibl. Einleitungs- Wissenschaft, welche die Literatnrgesch. der den Kanon (s. d.) umfassenden Schriften u. die Geschichte des Kanons umfaßt; 3) die bibl. Kritik, welche die richtigste Textesrecension der bibl. Bücher; 4) die H erm enent ik, welche die Methode der Auslegung festzustellen hat; 5) die bibl. Geographie; 0) die hebräische Archäologie. — Die Wissen- schaft, in welcher sich die Ergebnisse der Exegese bezüglich des Lehrinhalts der bibl. Bücher zu einem Ganzen znsammenschließeu, ist die bibl. T., indem dieselbe die verschiedenen Lehrtropen derHeil. Schrist in ihrem Unterschied n. in ihrer höheren Einheit vorführt. II. Die historische T. hat den Eintritt des Ehristenthnms in die Geschichte der Menschheit, die Geschichte der Kirche und alles dessen, was diese umfaßt, u. die Einwirkungen des Christenthums ans die gesammte Menschheit vom Anfänge an bis znr Gegenwart herab zu beleuchten. Dieselbe umfaßt folgende Disciplinen: 1) dieK irchengeschichte, welche alle Objecte der historischen T. im einheitlichen Zusammenhänge vorzusühren sucht; 2) die Dogmeu- geschichte, welche die Entwickelung des Glaubensbewußtsein und der Lehrweise der Kirche historisch darlegt; 3) dieSymbolikod. die vergleichende Darstellung des aus den Bekeuntnißschriften der verschiedenen Confessionskirchen beruhenden Lehrbegrifss derselben; 4)Die kirchlicheArchäologie, welche das Bild der alten Kirche in allen ihren Lebensbeziehungen zu zeichnen hat, und von welcher sich die christl. Kunstärchäologie noch als besondere Wissenschaft abzweigt; 5) die Patristik oder die Literaturgeschichte der alten Kirche, 6) die kirchl. Statistik, welche den Umfang, die Organisation und die äußeren Zustände; 7) das Kirchenrecht, welches die in der Kirche, in den einzelnen Kirchcn- körpern u. in deren Verhältniß zum Staate bestehenden rechtlichen Ordnungen beschreibt u. 8) die Missions ge schichte od. die Geschichte der fortschreitenden Ausbreitung des Christenthums. III. Die systematische T. beschäftigt sich mit der Untersuchung dessen, was als dogmatische und moralische Wahrheit zu gelten hat. Sie setzt die exegetische n. die historische T. voraus. Mit der ersteren hängt sie durch die biblische T., mit der letzteren durch die Dogmengeschichle n.Symbolik zusammen. Znrsyste- mat. T. gehören 1) die Dogmatik, welche nach Protestant. Grundsätzen kritische Neproduction der Lehrsätze der Kirche auf Grund des persönlichen Gewissens des christl. Theologen, nach kathol. Grundsätzen Nachweisung und wissenschaftliche Rechtfertigung der von der hierarchischen Autorität der Kirche ausgestellten Lehre ist; 2) die Ethik od. Mo ral d. h. die Beschreibung und Begründung des ans dem christl. Glaubensbewußtsein mit innererNothwendig- keit, also in voller Freiheit sich ergebenden sittlichen Lebens. Im weiteren Sinne des Wortes wird 3) auch die theolo g. Encyclopädie zur systemat. T. gerechnet, d. h. die Darstellung des Zusammen- 315 Theomantie - Hangs der verschiedenen Disciplinen als eines gegliederten, einheitlichen Organismus. Die christl. Religions Philosophie kann wol in der Kathol. Kirche als besonderer Zweig der systemat. T. gelten, nicht aber in der Evangel., da sie hier integrirender Bestandtheil der Dogmatik ist. IV. Die praktische T. vm o» zeigen, durch welche Mittel u. durch welche Thätigkeiten die bestehende Kirche mehr u. mehr der vollen Verwirklichung ihrer Idee entgegenzusühren ist. Dieselbe umfaßt 1) die Homiletik, 2) die Liturgik, 3) die Kate chetiku. 4) die Pastoral- theologie od. die Theorie der Functionen des Geistlichen als Prediger, als Diener am Altar, als Jugendlehrer und als Seelsorger. Vergl. Die theolog. encyklopädischen Schriften von Rosenthal u. Hagenbach, sowie Dorner, Gesch. der Protest. T., Münch. 1867 und K. Werner, Gesch. der kathol. T. seit dem Tridentiner Cvncil bis zur Gegenwart, Münch. 1866; van Oosterzee, Praktische T., deutsch, Heilbr. 1878; Holtzmann, lieber Fortschritte u. Rückschritte der T. unseres Jahrh. u. über ihre Stellung zu den anderen Wissenschaften, Straßb. 1878. HeM- Theomantie (v. Gr.), Weissagung durch unmittelbar göttliche Eingebung, also entgegengesetzt den Weissagungen der Orakel n. aus Opfern. Leute, welche sich solcher göttlichen Eingebungen rühmten, hießen Theomanten, und man unterschied: Dä- moniolep ten , aus denen ein in ihnen wohnender Dämon redete; Enthusiasten (Theopneusten), welche auf Anregung der Gottheit redeten; u. Ekstatiker, welche in einer Verzückung weissagten, wobei ihr Geist sich von dem Leibe trennte, sich zu den Göttern erhübe u. dort von künftigen Dingen unterrichtet würde. Thron, 1) T. Smyrn ensis, griechischer Mathematiker, aus Smyrna, gegen 117 v. Ehr., wendete seine mathematischen Kenntnisse auf Erklärung der platonischen Schriften an. Fragmente seiner Schrift Hdpt rwr- xarä rkr ryr- rov 77/i«rwr-o5 ar-a'/r-wmr-, gesammelt von I. Bnllialdus, Par. 1644; I. I. de Gelder, Leyd. 1828; außerdem schr. er: I/dgl «arx>o--o,rti«r, her- ausgeg. von Martin, Par. 1849. 2) T. Alexan- drinus, griechischer Mathematiker u. Astronom aus Alexandria, im 4. Jahrh. n. Ehr., war Mitglied des Museums in seiner Vaterstadt u. beobachtete n. beschrieb eine Sonnenfinsterniß 365: er schr. Commen- tare über Euklides u. Ptolemäos; Schriften herausg. mitfxanz.Uebers.vonHalina, Par. 1821—23,2Bde. 3) Älios, aus Alexandria, griech. Rhetor zu Anfang des 4. Jahrh. Er schr. Commentare zu Xene- phon, Jsokrates u. Demosthenes; übrig sind Fragmente seiner Anleitung zur Redekunst (hsgg. außer früher von Walz u. Spengel in den RRstorss Arasoi, von Finckh, Stuttg. 1834). Theophänes Jsaakios (od. Jsaurikos) Con- fesso r, byzantiu. Geschichtschreiber, geb. um 758 in Constantinopel, kam unter Leo IV. an den Hof, wo er mehre Ämter bekleidete, wurde dann aber Mönch u. später Vorsteher eines Klosters in Bithy- nien od. Klein-Mysien, jedoch als Bildverehrer von dem Kaiser Leo verbanntu. st. 817 in Samothrake; er schr. Fortsetzung der Chronographie des Synkel- loS, hsgg. von Classen u. Becker, Bonn 1839—41, 2 Bde.'; Tafel, Probe einer neuen Ausgabe von T„ Wien 1853. - Theophilos. Theophama, 1) Fest der Erscheinung eines Gottes, bes. in Delphi, wo dem Volke alle Götterbilder gezeigt wurden; 2) so v. w. Epiphaniasfest. Theophama (Thevphäno), 1) Gemahlin des griech. Kaisers Romanus II., von niedriger Geburt u. schlechten Sitten; sie vergiftete 963 ihren Gemahl u. vermählte sich mit Nikephoros Phokas; auch diesen ließ sie ermorden u. wollte mit Johann Zimiskes den Thron theilen, wurde aber von dem Volk 969 verbannt. 2) Tochter des Romanns II. u. der Bor., geb. 960, wurde 972 mit Kaiser Otto II. vermählt u. von dem Papst Johann XIII. in Rom gekrönt. Sie gewann ungemeinen Einfluß über ihren Gemahl, begleitete denselben auf allen seinen Zügen u. kehrte nach dessen Tode 984 nach Deutschland zurück, um für ihren erst vierjährigen Sohn Vormundschaft u. Regentschaft zu führen. Eine Frau von eben so großer Schönheit, als großem Geist u. tiefer Bildung erzog sie Otto III. nach griech. Weise. Sie st. 15. Juni 991 in Nimwegen. Theophanie (v. Gr.), Gotteserscheinung; die sichtbare Enthüllung der Gottheit od. der Götter für die Menschen, z. B. in dem Gewitter rc.; dann eine persönliche Erscheinung der Gottheit, wie solche im A. T. (z. B. 1. Mos. 3, 8. 9) erzählt wird. Daher bei den Kirchenvätern die Menschwerdung Christi (Christophanie) als Erscheinung Gottes im Fleische bei seiner Geburt u. bei der Wiederkunft; daher so v. w. Epiphania. Uneigentlich nennt man auch T. die Offenbarung Gottes durch Engel, welche aber eigentlich Angelophanie heißen. Theophilauthrope» (Theanthropophilen.d. i. Gottes- u. Menschenfreunde), deistische Religionsgesellschaft in Frankreich, welche sich Ende 1796 in Paris durch fünf zusammentretende Familienväter (Chemin, Mareau, Janes, Hang, Mandar) zur Erhaltung der Religion bildete u. bereits 1797 eine große Anzahl Mitglieder zählte. An ihrer Spitze stand Reveillere Lepaux. Das Directorium räumte ihnen 10 Pfarrkirchen in Paris ein; auch in manchen Provinzialstädten fand die Gesellschaft Gleichgesinnte, im Anslande nicht. Gott, Unsterblichkeit, Moral u. das wechselnde Leben der Natur waren die Gegenstände ihresCnltus, „welcher geschichtslos und nie von einer mächtigen religiösen Individualität getragen, weder gegen das Christentbum noch gegen die Gleichgültigkeit bestehen konnte" (Hase), derselbe erlag dem Spotte der öffentlichen Meinung u. dem Machtbefehl Napoleons 1802, der ihr den Cnltus in den Kirchen, weildiese Nationalgüter seien, verbot. Vgl. Gregoire, Geschichte des Theophilanthropismus, Hannov. 1806. Löffler.« Theophrlos (gr., d. i. Gottlieb), 1) ein Heidenchrist, der wahrscheinlich als Beamter in Rom lebte n. an welchen Lukas sein Evangelium u. seine Apostelgeschichteschrieb. 2)T., ein geborener Heide, wurde durch das Lesen der heil. Schriften zum Christenthum geführt u. 176 zum Bischof von Antiochien gewählt; er st. 186 od. 189. Von seinen Schriften, polemische u. apologetische, sind die erstem verloren, von den letztem hat sich erhalten rhr rwt- Trmrewr an Autolikos, hsgg. u. A. von Wolf, Hamb. 1724, n. von Otto, im 8. Bde. der Sammlung der christl. Apologeten des 2. Jahrh., Jena 1861. 3) T., Rechtsgelehrter in Constantinopel; nahm an den sämmtlichen von Jnstinian mit Ausstellung der 316 Theophrastos Rechtsbücher beauftragten Commissionen theil, schr. eine (lückenhafte) griech. Paraphrase der Institutionen, hsgg. von V. Zuichemus, Basel 1534, Fol.; von G. O. Reitz, Haag 1751, 2 Bde., Lpz. 1756; übersetzt von Chr. W. Wüstemann, Berl. 1823, 2 Bde. Von dem Commentar über die Pandekten sind nur noch Fragmente übrig. 4 ) T., Bisthnmverweser zu Adana in Kilikien, wurde nach dem Tode des Bischofs zu dessen Nachfolger erwählt, lehnte die Annahme der Würde jedoch ab n. wurde dann in Folge verleumderischer Verdächtigungen auf Befehl des neuen Bischofs auch seines früheren Amtes enthoben. Er wandte sich deshalb an einen zanberknndigen Inden, der ihm ein Tenfelsbiindniß verschaffte. Schon am andern Morgen setzte ihn der Bischof wieder in sein früheres Amt ein, in welchem T. sich aber bald durch Übermuth n. Herrschsucht sehr verhaßt machte, bis er endlich, von Gewissensbissen getrieben u. von Reue erfaßt, sich an die Heilige Jungfrau wendete, die ihm seine Verschreibung zurück verschaffte. T. veröffentlichte sei» Verbrechen u. die ihm gewordene Gnade n. st. drei Tage darauf. Diese Legende (Theo- philoslegende) ist das älteste bekannte Beispiel eines Tenselsbündnisses n. ein Vorspiel der Faustsage. DieerstenSpuren der Legende sind griech. Ursprungs u. führen auf einen sonst gänzlich unbekannten En- tychianus zurück; im 10. Jahrh. kam sie durch einen neapolitanischen Priester Paulus ins Abendland u. verbreitete sich dort ziemlich rasch, so daß sie schon in der zweiten Hälfte des 10. Jahrh. dnrch Hrosnitha poetisch behandelt wurde; fernere poetische Bearbeitungen sind: lateinisch von Marbod (st. 1123 als Bischof von Neunes), gedruckt in den ^ots, 8anebo- rnm n. in Hildeberts von Tours Werken (hsgg. von Beaugendre, Par. 1708); französisch von dem um 1236 gestorbenen Ganthier de Coinsy, gedruckt in Nutebenfs Osnvrss (hsgg. von Jubinal, Par. 1839); vom mittelrhein. Verfasser des alten Passtonal unter die Marienlegenden ausgenommen (hsgg. von Pfeiffer, Slnttg. 1846); dramatisch behandelt wurde die Legende zuerst in sranz. Sprache von Nntebenf, einem Trouvöre des 13. Jahrh. (s. oben), dann oster in niederdeutscher Sprache während des 14. u. 15. Jahrh. (Romantische u. andere Gedichte in altplattdentscher Sprache, hsgg. vonBrnns, Berl. n. Stettin 1798; T., hsgg. von Ettmüller, Qued- linb. n. Lpz. 1849; T., niederdeutsches Schauspiel, hsgg. von Hoffman» von Fallersleben, Hann. 1853; T., hsgg. von dems., ebd. 1854). Vgl. Sommer, Os MrsopIM eum äladolo koecisrs, Berl. 1844. 1—3) Lagcn. 4) t. Theophraslos, 1)griechischerPhilosophn. Naturforscher, geb. um 370v. Chr. zu EresosaufLesbvs,hieß erst Tyrtamos, war in Athen erst Schüler des Platon,späterdesAristoteles,welcherihnanchnachherznm Erben seiner Bibliothek u. Mannscripte, znm Vormund seines Sohnes u. zn seinem Nachfolger in der Leitung des Lyceums bestellte. 306 mußte T. Athen verlassen, aber schon 305 durfte er zurückkehren u. lehrte von nun an nngehindet fort. Er st. 85 (nach And. 106) Jahre all. T. systematisirte die Lehren des Aristoteles; eigenthümlich waren ihm nur wenige Zusätze in der Logik u. Politik; hier wies er ausführlich die möglichenVerändernngen einesStaa- tes nach u. zeigte die nothwendige Rllcksichtsuahine der Regierung ans die Zeitnmstände; in der Logik — Theoretiker. behandelte er die hypotetische Schlußform. Als Redner leistete T. so Großes, daß Aristoteles seinen ur- sprünglichen Namen Tyrtamos zuerst in Euphrastvs, d. i. schöner Redner, u. dann gar in Theophrastos, d. i. göttlicher Redner verwandelt haben soll. Nach Diogenes ist T. der Verfasser von 200 dialektischer, metaphysischer, moralischer u. physikalischer Schriften, von denen aber die meisten verloren gegangen sind. Die bekanntesten von seinen erhaltenen Schrif- ten sind: Obliiei oimraetsros (Schilderungen moralischer Charaktere), Hrsg, von Pirkyeimer, Nürnb. 1527; von Fischer, Kob. 1763; von Nast, Stuttg. 1791; von Ast, Leipz. 1816; von Hartung, ebd. 1857; von Petersen, ebd. 1860, deutsch von Schnitzer Stuttg. 1858; von Binder; ebd. 1864; Naturgeschichte der Gewächse, herausg. von Schneider, Lpz. 1821; von Wimmer, Brest. 1842 n. Leipz. 1854, deutsch vonSprengel, Altona 1822; ferner ein Fragment überMetaphysik, herausg. von Brandes,Berl. 1823. Mehrere seiner Werke sind zusammen herausg. vou Aldus, Vened. 1497, Fol.; von Camo- tius, ebd. 1552; vonFurlannsu.Turnebus, Hanau 1605, Fol.: D. Heinsins, Leyd. 1613, 2 Bde., Fol. Vollständige Ausgabe der Werke von I. G. Schneider u. H. F. Link, Lpz. 1818—21, 5 Bde.; von Wimmer, ebd. 1854—62, 3 Bde.; Vgl. M. Schmidt, Os Mrsoplrrasto, Halle 1839; Kirchner, Die botanischen Schriften ves T., Leipz. 1874. 2)T. Para- celsns, s. Paracelsus. Specht. Theoplieustie (v. Gr.), göttliche Eingebung, Inspiration. Theopompos, griechischer Historiker ans Chios, geb. um 380 v. Chr., Schüler des Jsokrates, trat als Gerichts- u. Prunkredner ans u. widmete sich dann der Geschichtschreibung. Man schrieb ihm lakonische Gesinnung n. bisweilen, da er ungeschent die Wahrheit zu sagen Pflegte, Tadelsucht zu. Sein Stil warlebhast rhetorisch, seineErzählnngsweise weitläufig u. voll vonAbschweifnngen. Werke: Helleuika u. Philippika; jene schilderten in 12 Büchern die Zeit von 410—394, diese in 58 Büchern die Zeit des Königs Philippos. Beide sind verloren, aber von Dio« dor, Justinus u. sonst vielfach benutzt. Die zahlreichen Fragmente sind gesammelt im 1 . Band von C. Müllersb'ra§mönta.ItistoriLornmAra.soorum. Risse. Theorbe (Mords., Nnorbö), eine Art Laute mit längerem Hals als diese, einem Wirbelkasten in der Mitte u. einem zweiten am Ende des Halses. Die T. besaß 14—16 Saiten, wovon 6—8 mit den Bünden des Griffbrettes in Verbindung standen, die anderen vom zweiten Wirbelkasten ans neben dem Griffbrett Hinliesen. Dieselbe diente, wie die Laute, zur Begleitung des Gesanges. Theorem» (gr.), Lehrsatz, s. d. 3). Theoretiker (v. Gr., d. i. Betrachter), Untersuche!: der Grundsätze einer Wissenschaft oder Kunst, ohne dieselbe anszuüben, gewöhnlich im Gegensätze zu Praktikern. Theoretisch, beschaulich, beschauend, betrachtend, nicht ans dem Leben hervorgehend, blos der Erkenntniß nach benrtheilend, wissenschaftlich; gewöhnlich im Gegensatz zu praktisch gebraucht. Theoretisiren, Theorien (s. d.) entwerfen, über dieselben nachsinnen, bisweilen mit der Nebenbedeutung entweder eines Grnbelns über unfruchtbare n. unhaltbare Theorien oder einer dadurch veran- : laßteu Vernachlässigung des Handelns. 317 Thcoria — Therapie. Theorra (gr.), 1) Theorie; 2) öffentliches Fest; bes. (gr. Ant.), Feier eines solchen, wobei von Seiten der Städte nnd Staaten Gesandte (Theöroi) geschickt wurden, um dadurch die Erinnerung an ihren gemeinschastlichcnUrsprnng lebendig zu erhalten. Von Athen ans gingen diese Gesandtschaften bes. zu den 4 Nationalspielen, an das Delphische Orakel u. nach Delos. Die Theoren, welche mit Ölzweigen bekränzt waren, brachten Geschenke, welche dein Tempel geweiht wurden. Die Kosten einer T. gab theils derStaat, theils derArchitheorvs, der an der Spitze der Gesandtschaft stehende. Theorie (v. Gr.), im weiteren Sinne wissenschaftliche Betrachtung, Untersuchung, Erkenntnißlehre der GrundsätzeeinerWissenschaft od.Kunst, einerseits ein Gegensatz zur sinnlichen Erfahrung (Empirie), anderseits zur Praxis. Im engeren Sinne eine Ver- kniipfnng ». Ableitung der Gedanken, vermöge deren das erfahrungsmäßig Gegebene aus seinen sinnlich nicht wahrnehmbaren Ursachen od. wenigstens nach seinen allgemeinen, die einzelneuThatsachen beherrschenden Gesetzen erkannt wird. Jede T. überschreitet daher das thatsächlich Gegebene, um die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen ans der Einheit einer im Denken vorausgesetzten Ursache u. Gesetzmäßigkeit sich begreiflich zu machen. Diese Voraussetzung ist das Princip einer T. Wo das Princip nicht selbst ein ans anderen Erkenntnissen mit Nothwendigkeit abgeleitetes ist, sondern Versuchsweise als Erklär- uugsgrund angenommen wird, nimmt es die Gestalt einer Hypothese (s. d.) an. Der Prüfstein einer T. ist dann die Folgerichtigkeit der Ableitung der einzelnen Erscheinungen aus dem Principe u. die genaue Übereinstimmung des so gefolgerten mit den Thatsachen der Erfahrung. Eine T. ist unhaltbar, wenn entweder ihr Princip unmöglich ist oder seine Consequenzen mit den Thatsachen der Erfahrung streiten od.auch sienichtvollständig erschöpfen.Der Begriff der T. findet überall Anwendung, wo es daraus ankommt eine Summe gleichartiger Thatsachen aus ihren Ursachen od. nach ihren allgemeinen Gesetzen zu begreifen. Man spricht daher von physikalischen, chemischen,geologischen, physiologischen, psychologischen,astronomischenT-inc., ebenso in Beziehung aus einzelne Gegenstände von einer T. des Hebels, der i Wage, des Lichtes, der Elektricität rc. In so fern > eine T. keinen anderen Zweck hat als das Gegebene 1 zu erkennen, macht sie weder einenAnspruch darauf, dasselbe zu benrtheilen u. mit einem Maßstabe sei- z nes Werthes zu vergleichen, noch kümmert sie sich L um diepraktijcheAnwendung ihrer Resultate. Gleich- » wohl werden die Fortschritte des theoretischen Wissens j namentlich in den Naturwissenschaften auf die Ge- H werbe, die Industrie, den Ackerbau rc. einen großen ; u. entscheidenden Einfluß haben, u. wenn man häu- 1 sig sagt, daß die T. für die Praxis unnütz sei, so l übersieht man dabei, daß entweder die T. noch nicht v weit genug ausgebildet ist, um mit Sicherheit prak- k tisch angewendet zu werden, od. das die Praxis nicht ? im Stande ist, die Bedingungen herbeizuschaffen, von denen die Anwendung der T. abhängt. Sp-cht." Theösophie (v. Gr. Weisheit über Gott) ist eine Form der Mystik, welche dem Menschen durch unmittelbare Vereinigung mit Gott zur Theilnahme > an dem Wissen Gottes u. sonnt zu einer Erkenntniß s der göttlichen u. der natürlichenDinge erheben will, welche auf dem Wege der Reflexion u. der sonstigen Vermittelung menschl. Wissens nicht zu gewinnen ist. Als hervorragende Vertreter dieser Geistesrichtung sind zu nennen Valentin Weigel, Jakob Böhme, Swedenborg, Ötinger, auch F. v. Baader rc. Heppe. Theotokos (gr.), Gottgebärerin, Beiname der Maria, Mutier Jesu. Thera, s. Santorin. Theramenes, Athener, Adoptivsohn des Hag- non, reichbegabtcr u. hochgebildeter Politiker in der 2. Hälfte des Peloponuesischen Krieges, der aber bei großem Ehrgeizu. starker Herrschsucht wiederholt in seiner Auffassung der Lage schwankte, n. dadurch den Ruf der Zweideutigkeit u. Unzuverlässigkeit sich zn- zog. Anfangs, 411 v. Ehr., stand er aus Seite der Oligarchen, welche die alte demokratische Verfassung stürzten. Als die Sache zu Ungunsten der Oligarchie ansschlug, wendete er sich der Volkspartei zu u. kam zeitweilig zu großem Ansehen; er war 406 Trierarch auf der Flotte, welche die Seeschlacht beiden Ar- ginusen gewann. Als die Feldherren wegen Unter, lassnng der Bestattung der Gefallenen öffentlich angeklagt und hingerichtet wurden, blieb T., der den Stoß gegen die Feldherrn zu lenken gewußt hatte, verschont. Nach der Niederlage der Athener bei Ägospotamoi, 405, wurde er zur Unterhandlung des Friedens an Lysander geschickt, verzögerte aber dieselbe so sehr, daß Athen in höchster Noth (404) die härtesten Bedingungen annehmen mußte. Darnach wurde er einer der Dreißig; da er aber die Gewalt- thätigkeit und Grausamkeit der extremen oligarchi- schen Partei unter Kritias mißbilligte, so bezeichnet- ihn dieser als einen Feind des Staates u. verlangte von demRathe seine Hinrichtung. Der Rath, durch Gewaltandrohung eingeschüchtert, gab den T. auf u. Kritias ließ ihn durch Bewaffnete von demAltar des Rathhauses, wohin er sich geflüchtet hatte, reißen u. ins Gefängniß werfen, wo er den Giftbecher trinken mußte. ' Hertzperg. Therapeuten, eine fromme, asketische, denEssä- ern ähnliche jüdische Secte in Ägypten, um Alexandrien, nach der Schrift des alexandrinischen Inden Philo. Vgl. Bellermann, Geschichtliche Nachrichten aus dem Alterthum über die Essäer u. T., Berl. 1821. Therapia (d. h. Heilung), auch Pharmakias genannt, Stadt im europ. Polizeibezirk von Konstant!- nopel, nördl. dieser letzteren Stadt am Bosporus gelegen, mit vortrefflichem, weitem Hafen, lebhaftem Handel, wegen seiner gesunden Lage der Sommer- aufenthalt reicher Griechen u. Franken; unter anderen haben die englische u. die französische Gesandtschaft hier ausgedehnte Gärten; 3000 Ew. Therapie (Therapcntik, v. Gr.), im engeren Sinne die Knifft, Krankheiten zu heilen, im weiteren Sinne Krankheiten zu verhindern (Prophylaxis) u. zu heilen. Die Prophylaxis sucht sowohl durch staatliche Einrichmngen der Entstehung u. Verbreitung der Seuchen vorzubeugen, als durch Einwirkungen auf den Einzelnen den Eintritt von Einzelnerkrankungen zu verhüten. Die T. im engeren Sinne hat es mit den Methoden der Behandlung der ansgebrochenen Krankheiten zu thun u. besteht entweder in einer Ra diealcur, wenn vollkommene Genesung erstrebt od. in einer Paliativ- jcnr, wenn nur die Beseitigung der drohendsten ff 318 Theremiil u. unangenehmsten Erscheinungen ins Auge gefaßt wird (z. B. der Schmerz), ohne daß man sich gegen den eigentlichen Krankheitsproceß wendet. Je nach den Angriffsweiscn der Behandelung eines Krankheitsfalles unterscheidet man eine Causalcur, wenn durch Wegräumung der Ursachen, eine symptomatische Behandlung, wenn durch Beseitigung der Haupterscheinungen (z.B. der Temperatursteigerung im Typhus) eine Krankheit in Genesung übergeführt wird, eine exspectative Behandlung, wenn keine eigentlichen Mittel gegen die Krankheit u. ihre Symptome angewendet werden, sondern unter Einhaltung bestimmter Diätvoischriften die Genesung erwartet wird. Je nach den Principien der Bchaud- lungsweise unterscheidet man die empirisch e Be- handlungsweise, wenn man Methoden n. Me- dicamente anwendet, die in früheren ähnlichen oder gleichen Erkranknngenvon günstigen Erfolgen begleitet waren, die rationelle Behandlungsweise, wenn aus der Beschaffenheit der durch eine Erkrankung herbeigcfllhrten physiologischen Störungen u. anatomischen Veränderungen ein Plan zur Behandlung construirt ».befolgtwird, die specifische Behandlungsweise, wenn Mittel angewendet werden, die von einer ganz besonderen Wirkung auf eine Erkrankung oder einzelne Erscheinungen derselben sind (z. B. Chinin gegen Malariafieber). Je nach der Wirkung der einzelnen gegen Krankheiten gerichteten Mittelnnterschcidetman eine locale Behandlung, wenn diese Mittel nur anfeinen einzelnen Körpertheil, eine allgemeine Behandlung, wenn sie auf den ganzen Organismus ihre Wirkung ausüben. Kunze. Theremin, LudwigFriedrichFranz, Protest. Prediger, geb. 19. März 1783 zu Gramzow in der Uckermark, wo sein Vater Prediger der Französischen Gemeinde war, studirte in Halle und bereitete sich dann in Genf für den Dienst der Französisch-refor- mirtcn Kirche vor; er wurde 1810 Prediger der Französischen Gemeinde in Berlin, Ende 1814 Hof- u. Domprediger, 1824 Oberconsistorialrath u. Vortragender Rath in dem Ministerium des Unterrichts u. 1839 zugleich Professor der Theologie an der Universität. Später zog er sich von den Geschäften zurück u. st.26.Sept. 1846 inBerlin. Er ist als Homilet bekannt; seine Predigten zeichnen sich bes. durch Cor- rectheit in der Form aus; seine theologische Richtung war die der biblischen Orthodoxie; in seiner kirchlichen Ansicht war er ein entschiedener Freund der Union. Außer Predigtsammlungen ließ er er- scheinen: Die Beredtsamleit, eine Tugend, Bert. 1814, 2. A. 1837; Adalberts Bekenntnisse, ebd. 1828, 2. A. 1835; Abendstunden, ebd. 1833—39, 5. A. 1858; Über die deutschen Universitäten, ebd. 1836; Demosthenes u. Massillon, ein Beitrag zur Gesch. der Beredtsamleit, ebd. 1845. Lagal. Theresia (Therese), weiblicher Name und Vorname, bedeutet angeblich Jägerin. Sta. T. von Avila nach ihrem Geburtsort, T. von Cepeda nach ihrem Vater, und T. von Ahumada nach ihrer Mutter, als Nonne Teresa de Jesu genannt, geb. 12. März 1515 zu Avila in Altcastilien, ging 1536 in ein Karmeliterkloster zu Avila, welches sie aber, durch strenge Askese erkrankt, wieder ver- ließ; sie ergab sich darauf den extremsten Büßungen u. gründete in Avila eiuKloster der Karmeliterinnen — Theriak. für strengste Buße, welches 1562 päpstlich bestätigt wurde; bald vermehrten sich die Klöster ihres Ordens (Therestanerinnen, s. d.) u. sie veranlaßte auch Johann vom Kreuz zur Reformation des Karmeliterordens; sie st. 14. (eigentliche) Oct.1582zu Alba bciBurgos; ihr Tag istder15. Oct. Jhrebei katho- , lischen Mystikern sehr beliebten Schriften (bes. Die Burg der Seele u. Von dem Wege zur Vollkommenheit) oft gesammelt, franz. von Arn. Andilly, Par. 1617, deutsch von Schwab, Sulzbach 1831 ff., 6 Bde.; Selbstbiographie,deutsch Franks, a. M. 1827; vgl. Pösl, Das Leben der Heiligen T. von Jesu, Regensb. 1856; Zöckler, P. von Alcantara, T. de Avila u. Joh. de Cruce, Zeitschr. für luth. Theol. 1865, H. 2. . Löffler. Therestanerinnen (Barfüßerinnen), Nonnenorden nach den Regeln der Karmeliter, welchen Sta. Theresia (s. d.) 1562 in Spanien gründete. 1599 ! trennten sie sich vom Hauptstamm; sie zählten im I 18. Jahrh. 2000 Mitglieder in 6 spanischen u. amerikanischen Provinzen. Auch Theresianer Barfüßer gab es. Thcresienorden, bayerscher Damenorden, ge- stiftet 12. Dec. 1827 von der Königin Therese von Bayern, zur Unterstützung n. Auszeichnung für 12 bayerische, stiftungsmäßig adelige, unverheirathete, unvermögende Damen, die jährlich 300 resp. 100 Gulden erhalten. Die Königin als Großmeisterin vertheilt die Stellen. Mit der Verheirathung oder > dem Gelangen zu einem Vermögen, dessen Ertrag 300 Gulden jährlich ist, geht der Genuß der Prä- beude verloren, die Decoration aber verbleibt. Der Orden wird auch an andere einheimische oder auswärtige adelige Damen vergeben, welche Ehrendamen heißen n. keine Einkünfte genießen. Ehrenzeichen; ein goldenes, hellblau emaillirtes, mit der Königskrone bedecktes Kreuz, in der Mitte auf der Vorderseite ein T in Gold auf weißem Schmelz umgeben von einem Rautenkranz; auf der Rückseite das Stiftungsjahr 1827, umgeben von der Devise: Unser Erdenleben sei Glaube an das Ewige, in goldenen Buchstaben auf weißem Grund. In denWin- keln des Kreuzes die bayerischen weißen und blaue» Wecken. Band weiß u. himmelblau. Lagal. Theresienstadt (Tereziu), Stadt u. starke Fest, ung im böhm. Bez. Leitmeritz (Österreich), unweit der Mündung der Eger in die Elbe, Station der Österreich. Staatsbahn, wurde von Joseph II. 1780 erbautu.zu Ehren seiner Mutter T. genannt; Kirche, Kasernen, Garnisonsspital; 1869: 2334 Ew. T., in einer nirgends von Anhöhen beherrschten Ebene, ist als Lager zu betrachten, in welchem 16,000 Mann bequem Platz finden können. Es ist wichtig als Hauptwaffenplatz für Böhmen, vermöge seiner Lage an beiden Ufern der Eger, welche durch Schleusen zu Jnundationen benutzt werden kann. Die Schleusen sind durch eine Citadelle gedeckt. H> Berns. Therestopel, Stadt, so v.w.Maria-Theresiopel. Therens, einer der Kentauren, welche Herakles in der Höhle des Pholos erschlug. Theriak, 1) (Llootuarium Pftoriaoa. Auäro- waeiri, Mithridat), eine angeblich von Andromachos, dem Leibarzte Neros, erfundene, ursprünglich aus mehr als 60 Ingredienzen bestehende, ehedem als Alexipharmakon (Gegenmittel gegen thierische Gifte) u. Universalheilmittel so sehr in Ansehen stehende u. 319 Thcrm_— Thermoslektricitüt. berühmte Latwerge, daß deren Bereitung jederzeit unter Aufsicht der Behörden vorgenommen wurde; jetzt in vielen europäischen Ländern außer Gebrauch u. nur als Volksmittcl angewendet. Besonders bekannt ist der Venetianische T. Nach der deutschen Pharmakopoe besteht der T. aus 6 Theilen Angelikawurzel, 4 Theilen Serpentaria, ferner je 2 Theilen Baldrian, Meerzwiebel, Zittwer, Zimmet und je 1 Thl. Kardamonen, Myrrhen, Eisenvitriol und in 3 Theilen Malagawein aufgelöstem Opium, welche mit 96 Theilen abgeschänmtem Honig zur Latwerge gemischt werden. Eine geringere Sorte ohne Opium ist der Bauern-T. (Mwriaoa ciiatsssaron). 2) In der Türkei jedes specifische od. als solches vermeinte Heilmittel. Jungck. Therm .... (v. Griech.), warm .... Itiermao (v. Griech.), warme Bäder, s. u. Bad; warme Quellen, daher Name mehrerer Städte mit warmen Quellen, so: M Himsrensss, Stadt in Sinken, am Himera, wurde statt ves zerstörtenHimera 407 v. Ehr. von den Karthagern angelegt und mit Himerensern und Afrikanern bevölkert; Augusius schickte eine Colonie (Ook. Augusts, Himorasornm IRsrmit.) hierher; j. Termini. Thermaischer Busen, ältere Bezeichnung des Golfes von Saloniki. Thermen, so v. w. Miormas. Thermia,1) (TttS^or), Insel zur griechischen No- marchie der Kykladen gehörig, etwa 220 (Ziem groß, voller vulkanischer Berge, mit fruchtbaren Thälern u. etwa 4000 Ew., welche bes. Ackerbau u. Viehzucht treiben; Hanptproducte sind Gerste, Wein n. Seide, sowie Schafe, Ziegen u. Schweine. 2) Hauptstadt darin,mit etwa 2000 Ew.,auch Messaria genannt; nordöstl. davon, in der Nähe des Hafens Sta. Irene, befinden sich mehrere warme Quellen von 32—44° L», welche vielfach benutzt werden; südl. davon liegt das Dorf Silakka, in dessen Nähe in einem ans Sandstein und Thonschiefer bestehenden Berge eine bekannte Höhle sich befindet. — T. ist das alte Kyth- nos und erhielt den Namen T. von den warmen Quellen, welche schon im Alterthum bekannt waren u.bes. gegen Rheumatismen gebraucht wurden, weshalb dieJnsel auch dem Asklepios geheiligt war. Im Perserkriege stellten die Thermier ihre Schiffe zur athenischen Flotte; später kam T. in die Bundesgenossenschaft Athens, war dann Makedonien unter- than u. wurde von Attalos u. den Römern vergebens belagert. Auf T. trat auch ein Pseudo-Nero auf (s. Nero), den aber Calpurnius auf ein Schiff lockte u. hinrichten ließ. 1782 wurden die Bäder wieder hergestellt und die jetzige Regierung verbesserte die Anstalten. Dronle. Thermidor (frz.), derHitzmonat, der 11. Monat des französischen republikanischen Kalenders; er begann mit dem 18. resp. 19. od. 20. Juli u. endigte mit dem 18. od. 19. Aug. Historisch berühmt ist namentlich der 9. T. des republikanischen Jahres II s (27. Juli 1794), an welchem Robespierre gestürzt u. der Terrorismus des Wohlfahrtsausschusses betrochen wurde (auf den später allerdings der ,,weiße Terrorismus" der Reactionärc folgre, s. u. Frankreich, S. 384). Thermochemie, die Lehr- von den gegenseitigen Beziehungen zwischen Wärme u. chemischen Erscheinungen od. zwischen chemischer Zusammensetzung u. chemischen Vorgängen einerseits u. Wärmeverhältnissen u. Wärmeerscheinnngen anderseits, wobei bezüglich des Wesens der Substanz die neuere Atomtheorie zu Grunde gelegt u. die Wärme nicht als ein besonderer Stofs, oalorlonrn, sondern als Bewegungsform der Materie aufgefaßt ist. Die allgemeinen Grundsätze der T. hat Berthelot neuerdings in einer umfassenden Abhandlung dargelegt u. deren 3 ausgestellt: 1) als Maß für die bei einer Reaction geleistete chemische n. physikalische Arbeit gilt die entwickelte Wärme. 2) Wenn ein System von Körpern einer chemischen od. physikalischen Reaction unterworfen wird, welche das System in einen neuen Zustand überführt, ohne daß mechanische Wirkungen vollbracht werden, hängt die bei diesen Änderungen erzeugte od. absorbirte Wärmemenge nur von dem Anfangs- u. Endzustände des Systems ab, ist aber dieselbe, welches auch die Art n. Folge der Zwischen- zustände sein mag. 3) Jede chemische Veränderung, welche sich ohne Dazwischenknnft einer fremden Energie vollzieht, strebt zur Erzeugung desjenigen Körpers od. Systems von Körpern, welche am meisten Wärme entbinden. Am umfassendsten ist die Art der Wärmebewegung bei gasförmigen Körpern stndirt u. erhielten gerade hier die ans deductivem Wege erlangten theoretischen Ergebnisse durch die Erfahrung ihre volle Bestätigung. Doch sind die Errungenschaften der mechanischen Wärmetheorie verhältniß- mäßig noch wenig zur Erklärung chemischer Erscheinungen verwendet worden und stehen der Erreichung des heutzutage angestrcbten Zieles, die Chemie nämlich in eine Mechanik der Atome umzngestalten, noch bedeutende Hindernisse entgegen (Gmelin-Krauts Handbuch der Chemie, 1. Bd., 1 . Abth., bearbeitet von Naumann, Heidelb. 1873; Grundriß der T. von Naumann, Brannschw. 1869; Mechanische Wärme- thcorie von Clausius, ebd. 1864). Broglie. Thermoelektricitiit,dieElektricitätsbewegung, welche in einem geschlossenen System von metallischen Leitern durch ungleiche Erwärmung der Verbindungsstellen der Metalle entsteht. In Fig. 7 (Elektricität, Tas. V) ist einWismnthstäbchen o x mit einem rechtwinklig gebogenen Kupferstreisen m u an den Enden znsammengelöthet: zwischen beiden ist eine Magnetnadel a auf einer Spitze frei beweglich. Der Apparat wird so gestellt, daß die Längsrichtung der Stäbe n. damit auch der Nadel in den magnetischen Meridian fällt. Erwärmt man nun die eine Löth- stelle n o, so wird die Nadel nach der einen Seite abgelenkt. Der metallische Ring wird also von einem elektrischen Strom von bestimmter Richtung durchlausen. Erwärmt man dagegen die Löthstelle ra p, so wird die Nadel nach der entgegengesetzten Seite abgelenkt u. der Strom hat die entgegengesetzte Richtung. Die positive Elektricität geht stets an der wärmeren Löthstelle von Wismuth zu Kupfer über. Die metallische Schließung heißt ein thermoelektrisches Element, der Strom ein thermoelektrischer Strom (Thermostrom); seine Stärke wächst nnt der Temperaturdifferenz der beiden Löthstellcn. Die Stärke u. Richtung des Stromes ist aber außerdem abhängig von der Natur der Metalle. Man kann sämmtliche Metalle nach ihrem thermoelektrischen Verhalten in eine Reihe ordnen, die thermoelektrische Spannungsreihe, derart, daß bei der Verbindung zweier Metalle immer der positive 320 Thermokauter - Strom an der wärmeren Löthstelle von dem voranstehenden zn dem nachfolgenden Metall übergeht n. der Strom bei gleicher Temperatnrdifserenz der Löth- stellcn »m so stärker ist, je weiter die beiden Metalle in der Reihe von einander abstehen. Doch ist die Temperatnrdifserenz der Löthstellen n. der Grad der Reinheit der Metalle von Einfluß ans die Ordnung der Reihe. Die von Seebeck, der 1821 die T. entdeckte, anfgestellte Reihe ist folgende: Wismuth, Platin, Gold, Kupfer, Quecksilber, Blei, Zinn, Silber, Zink, Eisen, Antimon. Die Verbindung der beiden äußersten Metalle Wismuth und Antimon gibt die stärksten Tbermoströme. Um den Therniostrom eines Elementes zu verstärken, verbindet man mehrere Thermo-Elemente zu einer thermoelektrischen Säule od. Kette (Thermosäule). Die bekannteste u. wichtigste Form derselben ist die von Nobili, bei der 20—30 dünne Stäbchen von Wismuth u. Antimon abwechselnd u. zickzackjörmig mit den Ende» zu- sammengelöthet sind, während der mittlere Theil jedes Stäbchens isolirt ist. Das Ganze bildet ein compactes Bündel von der Form eines Würfels. Die unpaarigen Löthstellen 1,3,5.. sind nach der einen, die paarigen, 2, 4, 6 . ., nach der anderen Seite gerichtet. Verbindet man die beiden Enden einer solchen Thermosäule mit den Drahtenden eines Galvanometers und erwärmt die Reihe der paarigen Löthstellen, so gibt das Galvanometer einen Strom au, der um so stärker ist, je mehr Elemente vereinigt sind. Die Wirkungen eines thermoelektrischen Stromes sind der Art nach durchgängig dieselben wie die eines galvanischen Stromes; insbesondere beobachtet man magnetische u. chemische Wirkungen, Wärmeentwickelung u. Funkenbildung. Doch ist die elektromotorische Kraft eines thermoelektrischen Elementes weit geringer, als die der meisten galvanischen Elemente, daher in dem äußeren Schließungsbogen der Widerstand nur gering sein darf, wenn ein Effect erzielt werden soll. Man wendet deshalb zur Prüfung der Stromstärke im Schließnngsbogen nicht einen gewöhnlichen, sondern einen Mnltiplicator mit nur wenig (ca. 100) Windungen von dickerem Draht an. Die Verbindung einer Thermosäule mit einem solchen Mnltiplicator heißt ein T h e r m o m u l t i p l i c a - t or (Nobili); derselbe hat eine besondere Wichtigkeit dadurch erlangt, daß er die geringsten Temperaturunterschiede wahrnehmbar ».meßbarmacht, also das empfindlichste Thermoskop n. Thermometer ist. Mit seiner Hilfe hat Mellon! berühmte Untersuchungen über strahlende Wärme angestellt. Bei denselben wurden zur leichteren Aufnahme der Wärmestrahlen die Seiten des Würfels, auf denen die Löthstellen liegen, mit Kienruß geschwärzt u. zum Sammeln der Wärmestrahlen diente ein auf die Fassung der Säule aufgesetzter Blechtrichter. Das Instrument zeigt noch einen Temperaturunterschied von an; die Annäherung der menschlichen Hand auf mehrere Fuß bewirkt schon einen Ausschlag der Galvanometernadel. Stahl. Thermokauter (bdormo-oaubers) ein von Pa- quelin angegebenes, den Galvanokauter (s. Galvanokaustik) in mauchen Fällen ersetzendes Instrument, welches zu seiner Benutzung keiner Batterie bedarl DieConstruction desselben beruht ans der Eigenlast des znrRothglnth erhitztenPlatins,in einem Strome von mit kohlenwasserstoffhaltigen Dämpsen gemisch- — Thermometer. i ter Luft glühend zn bleiben. Der Apparat besteht aus einer Flasche, deren Gnmmistopsen von 2 Metallröhren durchbohrt ist; die eine dieser Röhren ist mit einem Gnmmigebläse, die andere durch einen Gnmmischlauch mit einem hohlen Hvlzgriff verbun- den, an dessen vorderem Ende der Messer- oder knopfsörmige Platinbrenner angeschranbt ist. Beim Gebrauch des Instruments wird die Flasche zur Hälfte mit Benzin gefüllt u. der Platinbrenncr an einer Spirituslampe bis znrRothglühhitze erwärmt; dann setzt man das Gnmmigebläse in Gang, wodurch die in der Flasche befindlichen, mit atmosphärischer Lust gemischten Benzindämpse durch den Gummischlauch in den Holzgriff zum Platin getrieben werden u. denselben in HelleRothglühhitze versetzen. Der Brenner kann nun in derselben Weise, wie der Gal- i vanokanter, zu Operationen verwendet werden, in- s dem derselbe Lurch fortgesetztes Spielen des Gebläses so lange glühend erhalten werden kann, bis zwei Drittel deS Benzins verdunstet sind. Die Vorzüge i des T. bestehen in dem niedrigen Preise, der Trans- portabilirät u. den geringen Unterhaltungskosten, da i man mit 100 § Benzin den Brenner etwa 2^/z I Stunde in Rothglühhitze erhalten kann. Blumberg. Thermometer (v. Griech., Wärmemesser), Instrument zur Bestimmung der Temperatur der Körper. Die T. beruhen fast alle auf der Eigenschaft der Körper, bei zunehmender Wärme sich auszudehnen, bei abnehmender sich zusammenznziehen. We- gen der geringen Ausdehnung der festen Körper bedient man sich meist der Flüssigkeiten u. unter diesen eignet sich für gewöhnliche Zwecke am besten das Quecksilber, weil dasselbe erst bei—38 ° gefriert u. bei 360" siedet u. seine Ausdehnung bis zu 200" wenigstens eine gleichmäßige ist. Das Quecksilber-T. besteht aus einer dünnen, meist geraden, am unteren Ende zu einer Kugel aufgeblasenen, am oberen Ende zugeschmolzenen Glasröhre, zum Theil gefüllt mit Quecksilber u. befestigt ans einer Scala. Die zwei Fundamentalpnnkte der Scala sind bei den T-n von Celsius, Reaumur u. Fahrenheit verschieden bezeichnet. Das vorzugsweise bei wissenschaftlichen Untersuchungen angewandte und in Frankreich einheimische T. von Celsius hat eine Centesimaleintheil- ung. Der Gefrierpunkt des Wassers wird mit 0°, der Siedepunkt des Wassers mit 100° bezeichnet; der zwischen 0" u. 100° liegende Theil der Scala ist in 100 gleiche Theile getheilt. Die über 0° liegenden -s-Grade nennt man auch Wärmegrade, die unter 0 ° liegenden —Grade auch Kältegrade. Bei dem in Deutschland eingeführten T. von Reaumur ist der Gefrierpunkt des Wassers mit 0°, der Siedepunkt mit 80° bezeichnet. Fahrenheit endlich, der zuerst durch Einführung von Fnndamentalpnnkten die wissenschaftliche Benutzung des T°s ermöglichte u. dessen T. in England gebräuchlich ist, nahm zur Vermeidung von negativen Graden als Nullpunkt den Stand des T-s in einer Mischung von Wasser, Salmiak u. Eis u. bezeichnet den Siedepunkt des Wassers mit 212°; der Gefrierpunkt des Wassers ist bei ihm 32". Bezeichnet man zu derselben Temperatur gehörige Grade von Celsius, Nöaumnr n. Fahrenheit mit 6, u. §, so ergeben sich zur Rednction der Temperatur zwischen Len drei T-n die Formeln: R—z-O—z(I?—32); I?—^0-t-32—^R-i-32; L^K^4(r-32). Thcrmometrograph — Thermopylm. 321 DasT. vonDelisle hat eine abwärts zählendeSkala; der Siedepunkt ist mit 0", der Gefrierpunkt mit 150° bezeichnet. Bei der Anfertigung des T-s sind 2 Operationen von Wichtigkeit, das Kalibriren der Röhre u. die Bestimmung der Fundamentalpunkte. Die Röhre ist von gleichem Kaliber, wenn ein in sie eingesiihrter Tropfen Quecksilber an allen Stellen dieselbeLänge hat. Nach dieserProbe wird das untere Ende zu einer Kugel, das obere zu einem Trichter ausgeblasen. Füllt man den Trichter mit Quecksilber u. erwärmt langsam die Luft in der Kugel, so entweichen Luftblasen durch Las Quecksilber u. dieses tritt tropfenweisedurchdie engeRöhre ein. DieübrigeLuft wird unter stärkerer Erhitzung bis zum Siedepunkte des Quecksilbers durch die sich entwickelnden Dämpfe ausgetrieben. Ist die Röhre gefüllt, so wird der Trichter entsernt, das T. nochmals bis zur höchsten Temperatur, die es anzeigen soll, erwärmt u. das Glas am Ende der Quecksilbersäule zugeschmolzen, so daß beim Zurückgehen des Quecksilbers über demselben ein leerer Raum bleibt. Die Bestimmung des Nullpunktes geschieht durch Eintauchen in ein Gemisch von Eis und Wasser, des Siedepunktes durch Einführung in die Dämpfe von siedendem Wasser. Hierbei ist noch eine Correction nöthig, wenn das Barometer nicht seinen mittleren Stand von 760 mm hat. Endlich wird der Abstand der zwei Fundamental- punkte in 80 resp. 100 gleiche Theile gelheilt. Statt des Quecksilbers, das bei —38,2° 6. gefriert, bedient man sich für tiefere Temperaturen des Weingeistes, der indessen schon bei 78° siedet. Die Weingeist-T. werden in gleicher Weise augefertigt. Für hohe Temperaturen benutzt mau Metall-T. (s. Taf. Wärme I, Fig. 2), die sämmtlich daraus beruhen, daß 2 der Länge nach zusammengelöthete, gerade Metallstreifen bei der Erwärmung sich krümmen, da das eine Metall sich mehr ausdehnt als das andere. Hat der Streifen die Form einer Spirale, so windet sich diese bei Temperaturänderungen auf und zu. Das empfindlichste Metall-T. ist das von Breguet. Die Spirale wird gebildet von 3 auf einander gelötheten Streifen von Silber, Gold u. Platin u. hängt mit dem oberen festen Ende am Stativ, während das freie Ende einen Zeiger trägt, der sich bei der geringsten Temperaturänderung dreht. Zur Messung sehr hoher Temperaturen hat man die sogen. Pyrometer (vouPouillet u.A.), ebenfalls Metall- T. von verschiedener Construction; doch sind die Angaben derselben nur annähernd richtig. Neben dem Metall-T. dient zur Bestimmung höherer Temperaturen das Luft-T., dessen einfachste Form man erhält, wenn man eine mit einer Kugel versehene T- röhre von etwas größerer Dimension mit trockener Lust füllt und diese durch ein kurzes, in der Röhre stehendes Quecksilbersäulchen absperrt. Bei horizontaler Lage der Röhre verschiebt sich infolge der Ausdehnung u. Zusammenziehung der abgeschlossenen Luft das als Index dienende Quecksilbersäulchen längs einer passend graduirteu Scala. Hierher gehört auch das zur Beobachtung sehr kleiner Wärmeunterschiede best geeignete Differential - T. (Leslie, Rumford). Dasselbe besteht aus 2 communicirenden Glasröhren mit Glaskugeln, von denen die eine berußt ist. Das horizontale Verbindungsrohr enthält als Index einen Tropfen Schwefelsäure od. Alkohol, der, wenn beide Kugeln gleiche Temperatur haben, Piersrs Umversal-ConversationL-Lexikon. L. Ausl, xv: sich am Nullpunkt der Scala befindet. Wird aber die eine Kugel stärker erwärmt, als die andere, so drückt die Luft in derselben stärker auf die Flüssigkeit u. treibt sie nach der anderen Kugel. Von Wichtigkeit bes. für meteorologische Beobachtungen ist endlich noch der T-graph (Registrir-T.), welcher die in einer gewissen Zeit, z. B. während einer Nacht, stattgehabte, höchste u. niedrigste Temperatur gleichsam aufschreibt. Der bekannteste, von Rutherford, besteht aus 2 T-n, deren Rühren horizontal au einem gemeinschaftlichen Brettchen befestigt sind, so daß die Kugeln nach entgegengesetzten Seiten liegen. Das eine (Maximum-T.) enthält Quecksilber, das andere (Minimum-T.) Weingeist. Im ersteren gibt ein kleiner Cylinder von Eisen od. Fischbein, welchen das Quecksilber bei steigender Wärme vor sich herschiebt u. beim Zurückgehen liegen läßt, den höchsten Stand der Temperatur au. Im anderen gibt ein ähnlicher Cylinder von Glas, der ganz in den Weingeist eingetaucht ist, beimZurückgeheu des Weingeistes infolge von Adhäsion auch zurückgeht, beim Vor- wärtsgeheu des Weingeistes aber liegen bleibt, das Minimum der Temperatur an. Nach jeder Beobachtung neigt man das Instrument so, daß die Qucck- silberkugel den tiefsten Stand einnimmt; denn dadurch rückt in beiden T-n der kleine Cylinder an das Ende der Flüssigkeitssäule. Auch für die Messung der Temperatur in den Tiefen der Erde u. des Meeres hat mau besondere T. construirt. Die bisher genannten T. beruhen alle auf der Ausdehnung der Körper durch die Wärme. Das empfindlichste u. bei den feinsten physikalischen Untersuchungen angewandte T. aber, der Thermomultiplicator, gründet sich auf die Erscheinungen der Thermoelek- tricität (s. das Nähere in dem Artikel Thermoelek- tricität). Stahl. Thcrmometrograph, s. u. Thermometer. Thermomultiplicator» die Verbindung einer thermoelektrischen Säule mit einem feinen Galvanometer, ein von Nobili zusammengestellter Apparat, der als das empfindlichste aller Thermometer zu seinen physikalischen Untersuchungen dient (s. Ther- moelektricität). Stahl. Thermopylen (Thermopylä, d. i. Heiße Pforten), Engpaß au der nördlichen Grenze des epikne- midischen Lokris u. der südlichenThessaliens, zwischen dem Meere u. dem Ötagebirge, benannt nach Len dortigen, dem Herakles geweihten, warmen Quellen; der Berg au der südlichen Seite hieß Kallidromos; der Spercheios und die kleineren Flüsse Melas, Dyras u. Asopos flössen auf der NSeite des Passes in das Meer; der Paß selbst war im Durchschnitt 60 Schritte breit, an der engsten Stelle konnte nur eiu Wagen fahren. Er war im Alterthum als Haupt' eingang von Thessalien nach Mittelgricchenland ein strategisch höchst wichtiger Punkt. Zur Befestigung hatten die Phokier in älterer Zeit bei den heißen Quellen eine doppelte Mauer gezogen u. die Spartaner nordwestlich von dem Passe 427 vor Chr. dis Stadt Heraklea erbaut. Die Mauer ließ Kaiser Justiman I. wieder ausbauen und überhaupt den ganzen Paß sehr stark befestigen. Berühmt sind die T. wegen der tapferen Vcrtheidigung (480 v. Chr.) durch die Spartaner unter Leonidas (s. u. Persische Kriege). 191 v. Chr. wurde hier der syrische An- tiochos III. von den Römern, und 146 v. Ehr. die I. Band. 21 Thermoskop — Thesciis. Achäer unter Kritolaos (s. Achaia) von den Römern unter Metellus geschlagen; auch in dem Neugriechischen Freiheitskriege fanden 1821 u. 1822 in dieser Gegend mehrere Gefechte zwischen Griechen n. Os- manen statt. Jetzt ist das Terrain hier bedeutend verändert; im Laufe von 2300 Jahren habe» die Anschwemmungen des Meeres u. der Bergflüsse ein etwa eine Stunde breites Sumpfland zwischen dem Fuße des Gebirges und dem Meere gebildet, das einerseits durch die heißen Quellen theilweise mit Kalksinter überzogen ist, anderseits von dem Sper- cheios durchströmt wird, in den sich die kleineren Bergflüsse jetzt sämmtlich ergießen. H-rtzberg. Thermoskop (v. Gr.), Apparat zur Erkennung von Temperaturunterschieden; erlaubt das T. auch Messung dieser Unterschiede, so wird es ein Thermometer (s. d.). Ein sehr empfindliches T. ist der Thermomultiplicator, s. Thermoelektricität. Thermotherapic, die Behandlung von Krankheiten mit warmem Wasser- od. Dampfbädern, warmen Umschlägen u. dergl. Theroigne de Mericourt, gen.Lamberti ne, später die Lütticherin u. dieAmazone der Nevo - lntion, Anna Josefa, geb. 1759 in Mericourt bei Lüttich als Tochter eines Landmannes, gab sich mit 17 Jahren der Leidenschaft für einen reichen Schloßherrn der Nachbarschaft hin, ward aber von diesem getäuscht und ging nun in die Ferne, machte eine Eroberung an dem Prinzen vonWales ».lernte bei diesem den Herzog von Orleans kennen, der ihr Empfehlungsbriefe anMirabeau rc. nach Paris gab. Hier gewann sie durch Geist u. Schönheit zahlreiche Anbetern, nahm beim Ansbruch der Revolution, als Amazone gekleidet die Volksversammlungen besuchend,denlebhaftestenAntheilan denselben, war stets mitten im Feuer bei den Pariser Straßenschlachten, führte das Volk zum Wafsenraub in das Invaliden« Hotel u. dann zum Sturm auf die Bastille. Dabei verkehrte sie aber auch mit dem Dichter Chenier, mit dem Abbe Sieyes rc. u. bildete sich in diesem Umgang zur begeisternden Volksrednerin; sie war dann für die auswärtige Propaganda der Jakobiner thätig, wurde aber, 1790 zur Aufwiegelung des Volks nach Lüttich geschickt, im Jan. 1791 von den Österreichern verhaftet u. nach Wien gebracht; im Dec. 1791 er- hi>,t sie durch Kaiser Leopold persönlich die Freiheit wieder, mußte aber das österreichische Gebiet verlassen. Sie agitirte nun wieder in Paris als Rednerin, war bes. thätig 10. Aug. 1792 u. beim Sturm ans die Tnilerien, wo sie bewaffnet erschien u. selbst mit einem militärischen Grade bekleidet wurde. Sie griff dann selbst auch zu der Feder u. verband sich mit dem Journalisten Brissot (s. d. 2), mahnte die Gironde u. den Berg zur Abwehr der Schrecken u. zur Eintracht, verfiel aber dadurch, als der Sturm gegen die Briffotisten losbrach,denFurienderHaupt- stadt als Vcrrätherin und wurde öffentlich ausge- peitscht. Sie starb, seit 1793 wahnsinnig, 9. Äai 1817 in der Salpetriöre. Vergl. Gottschall, T. d. M., Gartenlaube 1879, Nr. 3. kagai. Theron, Tyrann von Agrigent (s.d.)488—472. Wegen eines Sieges bei den olympischen Spielen besang ihn Pindar. Thersaudros, Sohn des Polyuikes, einer der Epigonen; er erhielt nach dem Tode seines Vaters u. des Eteokles die Herrschaft über Theben, zog später mit nach Troja n. kam in einem Gefechte mitTe- lephos in Mysicn um; er war von Demonaffa Vater des Tisamenos. Thersttes, einer der Griechen vor Troja; häßlich, feig, geschwätzig n. schmähsüchtig, wurde von Odys- sens öffentlich geschlagen, weil er den Agamemnon gelästert, u. von Achilleus, welchen er verleumdet hatte, getödtet. Sein Name ist sprichwörtlich geworden für einen häßlichen, verläumderischen Menschen. Itiesaurus (v. Gr.), Schatz von Geld u. Kostbarkeiten; auch bildlich eine große Menge, Überfluß, z. B. T. insritorum o. onpsreroAg-tionis, in der Katholischen Kirche die überflüssigen guten Werke der Heiligen; Ort, wo ein Schatz aufbewahrt ist, Vorrathshaus; Sammlung verschiedener und zerstreuter Bemerkungen, besonders Monographien aus einer Wissenschaft, Werke aus alten Sprachen, deren wenige darin vorhanden sind rc., so ein R. tirsoloAi- ons, Vened. 1762, 16 Bde.; T. tiisoloAioo-pllilo- IoAian8, von Menthen, Amsterd. 1701 f., 2 Bde., Fol.; blovus t. tiieologsioo-pbiloloAions. von Ha- säus u. Jken, Leyd. 1732, 2 Bde.,Fol.; T. Irzmno- loAiono, von Daniel, Halle 1841—56, 5 Bde.; I. o-ntignitatnm Arasoarnin, von Gronov; 1. antü- gnitsckum romanarum, von Grävius; 1. antigni- tatnm Form., von Schifter u. v. a.; endlich so v. w. großes, ausführliches Lexikon, besonders über alte Sprachen, so die Thesauren der Griechischen u. Lateinischen Sprache von Stephanus u. die lateinischen von Faber, Gesner, Forcellini, Suicer; Gesenius für die Hebräische Sprache. Theseus (Mythol.), Sohn des Ägeus und der Äthra; er war geb. zu Genethlion zwischen Trözene u. Kelenderis, wurde anfangs bei seinem mütterlichen Großvater Pittheus in Trözene erzogen. 16 Jahre alt, nahm er Schwert n. Schuhe seines Vaters, welche derselbe unter einem großen Felsblock verborgen hatte, als Erkennungszeichen u. ging damit nach Athen. Aus dem Wege dahin erschlug er eine Anzahl gefürchteter Räuber; in Athen von seinem Vater an Schwert u. Schuhen erkannt, besiegte er die Söhne des Pallas, des Bruders seines Vaters, welche die Herrschaft über Athen an sich reißen wollten, befreite Attika von dem Marathonischen Stiere, dann von dem Tribute von sieben Jünglingen u. sieben Jungfrauen, welche die Athener alte neun Jahre dem König Minos nach Kreta für den Minotauros (s. d.) liefern mußten, indem er selbst mit dahin ging n. den Minotauros in dem Labyrinth tödtete. Bei der Rückkehr nach Athen fand er den Ägeus nicht mehr am Leben. Nun wurde T. König von ganz Attika. Die Athener schrieben ihrem my thischen Helden aber auch eine Reihe politisch wichtige Handlungen zu: Vereinigung der 12 Ortschaften Attikas zu der Gesammtstadt Athen, u. Gründung ihrer ältesten Staatsverfassuiig; Einführung der Pa- uathenäen, sowie der Synökia, und Einsetzung der Jsthmischen Spiele. Die Heldensage erzählt weiter von seiner Verwendung bei Kreon, daß die vor Theben gefallenen Helden begraben wurden; sie kennt ihn als Theilnehmer an dem Zug gegen die Amazonen, an dem Raub der Helena, welche er in Aphidna bewahrte; seine Theilnahme an der Kalydouischen Jagd n. an dem Argonantenzuge; die Unterstützung des Pirithoos (s. d.) gegen die Kentauren und sein Hinabsteigen mit demselben in die Unterwelt, um die k Thesiger — Persephone zu entführen. Als er von diesen Unter»! nehmungen zurllckkehrte, fand er die Athener gegen , ihn erzürnt u. den Meneftheus auf dein Throne; deshalb zog er aus Attika zu Lykomedes, König von ! Skyros, um von dort aus den väterlichen Thron ' wieder zu erobern. Aber Lykomedes war treulos u. ermordete ven T. Auf Befehl des Delphischen Orakels führte 470—69 v. Chr. Kimon seinen Leichnam von Skyros nach Athen; T. erhielt hierHeroendienst, ein feierliches Fest (Theseia), welches zur Zeit der Pyanepsicn (u. am achten Tage jedes Monats) gefeiert wurde u. einen Tempel (Theseion), welcher tum 465 v. Chr.) aus Pentelischem Marmor in do- rischerOrdnung als ein hexastylos Peripteros gebaut wurde. Dieser Tempel war der Zufluchtsort gemiß- Handelter u. entlaufener Sklaven; in der byzantinischen Zeit wurde der als das Theseion geltende Tempel zu einer Kirche des St. Georg gemacht; jetzt bient er als ein Museum für Alterthümer. H-ryberg. Thesiger, 1) Frederik, Lord Chelmsford, engl. Jurist und Staatsmann, aus einer sächsischen in Dresden ansässigen Familie stammend, geb. 15. Juli 1794, Sohn von Charles T. (einem westindischen Pflanzer und Zolldirector auf der Insel St. Vincent), ging frühzeitig zur Marine, nahm 1807 als Midshipman an dem Bombardement von Kopenhagen, sowie bis zum Schluß des Krieges gegen Frankreich an zahlreichen anderen Seeafsairen theil. Infolge des Friedens u. des Verlustes seiner Familienbesitzungen durch vulkanische Zerstörung verließ er den Marinedienst, wandte sich der Jurisprudenz zu u. wurde 1818 Advocat. Anfangs der vierziger Jahre trat er als conservatives Mitglied ins Unterhaus; wurde 1844 im Ministerium Peel Soliciwr General, erhielt zugleich die Ritrerwürde und war dann bis zur Auflösung des Cabinets (Juli 1845) Attorney General. Wieder ins Parlament gewählt, gehörte er zu den Hauptstützen der Hochtories und zeichnete sich namentlich als Gegner derJudenemau- cipation aus. Im Toryministerium Derby vom Febr. bis Decbr. 1852 war er abermals Attorney General u. wurde, als Lord Derby Ende Febr. 1858 aufs Neue an die Spitze eines Ministeriums trat, zur höchsten richterlichen Würde Englands (Lordkanzler) berufen, wo er nach dem Orte, an welchem er seine advocatorische Laufbahn begonnen hatte, den Namen eines Lord Chelmsford aunahm. Im Juni 1859 trat er mit dem Ministerium Derby wieder zurück, bekleidete aber die Äanzlerwürde abermals 1866 u. zog sich 1868 ins Privatleben zurück; er st. 5. Oct. 1878. 2) Frederik Augustus, 2. Lord Chelmsford, engl. General, geb 31. Mai 1827, stieg nach einer rühmlichen Dienstzeit in Indien schnell zum Generalmajor auf, als welcher ihm Mitte 1878 der Oberbefehl über sämmtlcche Streitkräfte in den englischen Besitzungen in SAfrika übertragen wurde. In dem Anfang Januar 1879 begonnenen Kriege gegen die Zulukaffern wurde ein Theil der unter seinem persönlichen Commando stehenden Colonne23. Jan. am Tulagafluß bei Rooks Drift bis auf den letzten Mann vernichtet. Bartling. Thesis (gr.), das Gesetzte, Gestellte; angenommener Satz, bes. Thesen (Theses), aufgestellte (zu beweisende) Sätze (Streitsätze), worüber disputirc werden soll; so v. w. Lehrsatz; der nicht vurch rhythmischen Accent hervorgehobene Theil eines rhyth- - Thessalien. 323 ! mischen Satzes, die Senkung der Stimme im Gegensatz zu Arsis. Thesmophorien (gr. Rel.), Fest der Demeter Thesmophoros (d.i. üerDemeter als Stifterindes Ackerbaues u. der damit zusammenhängenden Sittig- nng). Die uns bekanntesten T. waren die attischen, welche alle Jahre v. 9.—13. des Monats Pyanepsion gefeiert wurden, jedoch ausschließlich von den Weibern (Thesmophoriazusä). Am ersten Tage (Ste- nia) belustigte man sich mit Neckereien auf dein Wege nach Halimus; am zweiten Tage beging mau in dem Tempel der-Thesmophoros auf dem Borgebirge Kolias eine nächtliche Feier. Am dritten Tage zog man von Halimus nach Athen zurück u. nun wurde das Fest in der Stadt in dem dortigen Thesmopho» rion, wie auch im Piräeus, wo sich ebenfalls ein solches Heiligthum befand, fortgesetzt. Der dritte, vierte n. fünfte Tag hießen auch in engerem Sinne T., u. zwar der dritte Tag wegen der Rückkehr von Halimus nach Athen Anodos; der vierte wegen des Fastens Nesteia, der fünfte Kalligeneia, wo die Demeter mit Opfern u. Tänzen als Kalligeneia oder Mutter schöner Kinder, damit zugleich als Beschützerin des Ackerbaues u. des Kindersegens im Ehestand gefeiert wurde. Außerdem wurden die T. in Arkadien, Argos. Trözene, Ägina, Phokis, Delos, Eretria, Milet, Ephesos, in Abdera n. namentlich in Sicilien gefeiert. Hertzberg. Thesmothetii, st Athen, S. 271, 2) s.) 4). Thesptä (Thesprä, bei Homer Thespra), Stadt in Böotien am Helikon, Baterstadt des Praxiteles. Hier 378 v. Chr. Gefecht zwischen den Lakedämo- niern unter Phöbidas u. den Thebanern, in welcher Phöbibas selbst fiel. Jetzt Ruinen bei Erimokastro. Theshis, griechischer Dichter aus Jkaria inAttika, um die Mitte des 6. Jahrh. v. Chr. Er gilt als der Erfinder der Tragödie (s. d.), indem er au den dionysischen Festen den dithyrambischen Chorliedern eine Erzählung u. mimisch-orchestische Darstellung dionysischer od. anderer Mythen hinzufügte. Geschminkt u. in Maske war er der Dichter sowol wie auch selbst der Erzähler (Schauspieler) dieser Mythen. Nach Angabe des Horaz zog er durch die Dörfer auf einem Karren umher, daher wird Thespis karren scherzhaft für eine Bühne, bes. für eine wandernde Bühne gebraucht. Fragmente, welche unter des T. Namen Vorkommen u. welche Nauck in seinen kostas bra- §iei gesammelt hat, sind unecht. Riese. Thesprotra (Thesprotis), Landschaft in Epiros, welche Len südlicheren Küstenstrich von dem Fluß Thyamis bis an den Ambrakischen Meerbusen und landeinwärts bis zum Pindosgebirge begriff. Die Thesproten, einer der 3 Hauptstämme von Epiros, waren roh u. tapfer u. galten noch zur Zeit des Peloponnestschen Krieges für Barbaren. Thessalien (Thessalia), der östliche Theil von NGriechenland, begrenzt von Makedonien, Epirus, Aetolien, Phokis, Doris, Lokris und dem Aegäischen Meere; Gebirge: im W. der Tymphrcstos, Piudos u. Lakmon; im N. das Kambuuische Gebirge und der Olympos;imO.derOssau.Pelion, imS.derOthrys u. Ota. Das Agäische Meer bildete den Malischen u. Pagasäischen Busen. Hauptflllsse waren im R. der Peneos, der den Enipeus, Apidanos, Lethäos, Ti- taresios u. a. aufnahm u. in seinem Unterlauf das reizende Thal Tempe bildete; im S. der Sperchios; 324 Thessalonicher — Thetford. von Seen waren die Böbeis, Nessonis und Lyuias die bedeutendsten. Der Boden T-s war fruchtbar, besonders gab es gute Weiden für Rinder u. Pferde und waren die Thessalier als Reiter und Stierbän- Liger berühmt; an Oel, Wein und Getreide war es so reich, daß von diesen Prodncten viel aus- geführt werden konnte. Gewöhnlich theilt man T. in die Landschaften Phthiotis im S., Hestiäotis im NW., Thessaliotis im NO. u. Pelasgiotis im N.; Andere aber trennen von Phthiotis als eigene Gaue Dolopia, Ötaa u. Malis, u. als besondere Land' schüft den nordöstlichen Küstenstrich Magnesia. Die vornehmsten Städte waren: in Hestiäotis: Äginion, Phaloria, Trikka, Öchalia, Gomphi, Gonni u. Py- thion; in Pelasgiotis: Mopsion, Gyrton, Larissa, Ärannon, Pherä, Kyuoskephalä,Skotussa; in Magnesia: Böbe, Glaphyrä, Pagasä,Jolkos,Demetrias, Meliböa; in Thessaliotis: Metropolis, Arne, Phar- salos;in Phthiotis: Thebä, Halos, Larissa Kremaste, Lamia, Phalara, Echiuos; in Otäa: Hypata; in Malis: Trachis, Herakles. Als die ältesten Bewohner T-s werden Pelasger genannt, welchen hellenische Einwanderer, Dorer im N. u. W., Achäer im S. folgten. Diese wurden verdrängt oder unterworfen von den Thessalern, einem hellenischen Stamme, der, aus Thesprotien herübergezogen, sich hier dauernd niederließ u. eine Reihe von aristokratisch regierten Staaten gründete. Nur zu Zeiten der Kriegsgefahr findet sich ein Buudeshaupt(Tagos). Bonden Adels- geschlechteru waren die der Aleuaden n. Skopaden die mächtigsten. Innere Zwistigkeiten zwischen denAleu- aden u. den Dynasten von Pherä führten zur Unterwerfung T-s durch Philipp von Makedonien. Seitdem blieb T.in Abhängigkeit von den Makedoniern, bis es nach der Besiegung Philipps V. von Len Römern für frei erklärt wurde. Unter den Kai- fern wurde es zu einer Provinz gemacht u. bald mit Achaja bald mit Makedonien verbunden; Constantin d. Gr. erhob es zu einer eigenen Provinz u. ordnete es der Präfectur Jllyricum unter. Seit Ansgang des 14. Jahrh. stand T. unter türkischer Botmäßigkeit. T. bildet gegenwärtig das Lima Trikhala (s. d.) im türkischen Vilajet Selanik (Salonichi). Vgl. Hoche, Beiträge zur Chorographie T-s, Zeitz 1838; Kriegk, Die thessal. Ebene, Franks. 1858; Bursian, Geogr. von Griechenland 1., S. 40 ff. Jiilmke. Thcssalomcher, Briese an die, s. Paulus. Thessalonike (vlioasaloniea, Thessalonich),eiue der bedeutendsten Städte des alten Makedonien in der Landschaft Mygdonia östl. vom Axios (j. War- dar). Sie verdankt ihre frühe Bedeutung der vorzüglichen Verkehrslage, wurde aber erst vonKassan- der an Stelle der uralten griech. Stadt Therme im inneren Winkel des nach dieser benannten Thermai- schen Golfes erbaut. Die heißen Quellen, von welchen Therme benannt war, liegen vom heutigen Salonichi (s. d.) 1 deutsche Meile südlicher; vielleicht lag (nach Kiepert) dort die älteste Niederlassung, die dann unter Beibehaltung des Namens in die für den Binnenverkehr als Stapelplatz für den Verkehr des makedonischen und päonischen Oberlandes günstigere nördliche Lage versetzt wurde. Diese Stadt vergrößerte um 315 v. Ehr. Antipaters Sohn Kaffander, schmückte sie mit vielen Prachtbauten und benannte sie nach seiner Gemahlin, einer Schwester Alexanders des Großen, T.; sie wurde bald der Haupthafen Makedoniens und erhielt überaus starke Befestigungen. Von Len späteren makedonischen Königen , die noch die Residenz Pella beibehielten, vernachlässigt, wurde sie unter römischer Herrschaft politische Hauptstadt der Provinz u. nach Bevölkerung und Handelsgröße die erste Stadt der europäischen Griechen und hat auch in Mittelalter und Neuzeit Len zweiten Rang nach Constantinopel behauptet (s. Kiepert, Alte Geogr.). Ihre Hanptblüthe hatte T. aber unter römischer Herrschaft; denn damals war sie die Hauptstadt Makedoniens u. Sitz des Prätors (u. somit der Provinzialregierung). Unter der Römerherrschaft wurde die Vis. Lxnatia, eine große Heerstraße, von Dyrrhachium (Durazzo am Adriatischen Meere) nach Byzanz geführt, deren Mittelpunkt und Hauptschutzwehr die von den Römern für frei erklärte, mit einem guten Hasen (der schon dem Perseus als Schiffswerft gedient hatte und von den Römern noch erweitert war, s. Pauly, Realency- clopädie) versehene Stadt T. bildete. Sie wurde nun bald ein Haupthandelsplatz der alten Welt. Diese Römerstraße bildet noch heute innerhalb der Ringmauern der Stadt die einzige gerade Linie; das alte Pflaster liegt mehrere Meter unter dem Schutte, den die Jahrhunderte aufgehäust haben. Seit Constantin d. Gr. war T. die Hauptstadt der Provinz Lla- ssllouia prima; seit Theodosius II. u. Justinian I. die von Jllyricum u. Sitz der vrasksotura lih-riei. Der Apostel Paulus gründete in T. eine christliche Gemeinde, anwelcheder betr. Paulinische Brief gerichtet ist. Über dem Grabe des hl. Demetrius erhob sich eine sünfschisfige Basilika; ebenso ist erwähnens- werth die ehemals der hl. Sophia gewidmete Kirche (darinSänlen vonVoräeantieo). Der Kaiser Theo- dosins I. ließ 390 von der Bürgerschaft, welche sich gegen ihn aufgelehnt hatte, au 7000, nach Andern gar 15,000 im SO. der Stadt im Circus niederhauen. Während der drei ersten Jahrh. nach Chr. zählte T. 220,000 Ew. Im I. 904 wurde T. von den Saracenen, 1185 von den Normannen unter Tancred genommen. Anfangs des 13. Jahrh. gründeten die Marquis von Moutferrat daselbst eine Herrschaft u. nahmen den Titel Kaiser von Thessa- lonich an. Von Len byzantinischen Kaisern an die Venetianer verkauft, wurde T. 1430 von den Türken unter dem Osmanensultan Murad II. erobert. Am 6. Mai 1876 wurden hier der deutsche und franz. Cousul vom Pöbel ermordet, worauf ein franz. Geschwader sich vor T. begab, dem Leichenbegänguiß beiwohnte u. die geforderte Satissaction entgegcn- nahm (19. Mai). Vergl. Tafel, Vs Dllsssalorüea. siusgno agro, Berl. 1839; Ders., Vs vias v^uatias paris ooeräoniali; Zachariä, Reise in den Orient rc. Heinemann. Thessalns, Sohn des Hippokrates, Dogmatiker; nicht zu verwechseln mit Thes. v. Tralles; früher Handwerker, dann Arzt, roh, aber populär, gründete eine Art poliklinischer Unterrichtsweise u. machte seine metasynkritische (Umwandlungs-) Kurmethode in einem besonderen Lehrbuche bekannt. Er lebte unter Nero. Thetford, Stadt in der engl. Grafschaft Norfolk, an der schiffbaren Little Ouse, Eisenbahnstation; Lateinische Schule, Malzdarren, Handel; 1871: 4166 Ew. T., sehr alt u. ehemals ein bedeutender Ort, hat noch die Ruinen einer Abtei und anderer 325 Thetis — Thian-Schan. kirchlichen Gebäude. In der Nähe lag angeblich das alte Sitomagus. Thetis (griech. Mythologie), 1) eine der Nereiden, von Hera erzogen; von dieser n. Zeus wurde sie wider ihre Neigung mit Peleus vermählt, dem sie den Achilleus gebar. Diesen wollte sie unsterblich machen; aber wegen der angewandten Mittel (s. Achilleus) von Peleus getadelt, verließ sie den Gemahl u. kehrte zu ihren Schwestern in das Meer zurück. Von dort stieg sie auf, um den Achilleus vor Troja über den Tod des Patroklos zu trösten, bestellte ihm bei Hephästos neue Waffen u. bewog ihn, dem Priamos Hektars Leiche zurückzugebeu. Als helfende Göttin wurde sie in Pharsalos, Phthia, Sparta u. Messenien verehrt. 2 ) s. Asteroiden N. 17. Hertzberg. Thcturoa, eine der Gesellschaftsinseln. Theud..., indeutschenNamen so v.w.Theod... Theudas, s. Empirische Schule. Theudes, ein edler und reicher Ostgothe, von Theuderich d. Gr. zum Statthalter in Spanien eingesetzt u. als Erzieher des jungen Westgothenkönigs Amalrich bestellt, stand auch nachher an der Spitze der Regieruugsgeschäfte im Mestgothischen Reiche u. wurde nach dem Tode Amalrichs, 531, zum König dieses Reiches gewählt, s. Gothen, S. 374 ff. Theucrung, eine ungewöhnliche Höhe des Preises einer Waare, herbeigeführt bei Naturprodukten hauptsächlich durch das Mißrathen von Erndten, sonst überhaupt, bei allen Maaren, durch vermehrte Nachfrage oder vermindertes Ausgebot des Gegenstandes. Dabei finden allerdings nicht selten, im Kleinen wie im Großen, künstliche Machinationen statt, um die Preise im Interesse von Spekulanten, Aufkäufern rc. unnatürlich in die Höhe zu treiben. Das Publikum findet ein solches Verfahren durchaus unehrenhaft, suchte aber in früherer Zeit, u. zum Theil noch jetzt, nicht selten in unpassenden, den Zweck verfehlenden Mitteln Hilfe. Kolb. Thcurgie, das vermeintliche Vermögen mit Geistern zu verfahren u. dieselben zur Hervorbringung übernatürlicher Wirkungen sich dienstbar zu machen. Sie entstand bei den Magiern der Chaldäer u. Perser, auch bei den Aegyptern u. dann den Neuplato- nikern gab es Thdurgen, u. noch bis herauf zu Swedenborg rc. Vgl. Lobeck, LAluopiminus, Königsb. 1829, 2 Bde. Theuriet, Andree, sranzös. Dichter, geb. 8. Oct. 1833 in Marly le Roi (Seine-et-Oise), studirte in Paris Rechtswissenschaften u. wurde dann Beamter im Finanzministerium. Sein Dichterruf gründet sich auf die in der Rsvus äos vsur Llcmäos'seit 1857 veröffentlichte Reihe von Gedichten In msmoriam, dann die Novelle L.bbs vanisl, 1862; weiter erschienen die beiden preisgekrönten Gedichtsammlungen: Iw ollsmiu äss Lols, 1865, 2. A. 1877, u. Isis blou et Io noir, 1873; dann: Houvollss intimes, 1870; die Romane: Llaäsmcüsoiis OmAnon, 1872, 2. A. 1874; I,o mariaAs äodsrarä, 1875; I,a kortuuo ä'tdnAölo, 1876; Ruxmoncl 1877; l,o üllsul ä'un marguis, 1878; das Drama llsrn Nuris, 1869, 2. A. 1872; das Salonlustspiel I>a visills maison, 1877 rc. Lag-n. Thenfing (Theysing), Stadt in der böhmischen Bezirkshauptmannschast Eger an LerStrzela, Schloß, Tuchweberei; 1869: 2204 Ew.; brannte 31. Juli 1872 fast ganz ab. Theux, Barthelemy Theodor, Graf T. de Maylandt, belg.Staatsmann,geb. 25.Febr.1794 auf Schloß Schabroek (Limburg) studirte in Lüttich die Rechte u. wurde Advocat, prakticirte aber nicht; nach der belgischenRevolution, 1830, wurde er Mitglied des Congresses, nach dessen Auflösung 1831 Mitglied der Deputirtenkammer u. Ende dieses Jahres Minister des Innern, als welcher er das Eisenbahnsystem Belgiens vorbereitete. 1832 trat er aus dem Ministerium, bildete aber 1834 ein neues Cabinet,'in welchem er das Portefeuille des Innern wieder übernahm, setzte das Freihandels-, Unterrichts-, Universitäts- u. Communalgesetz Lurch, schuf ein Ministerium der öffentlichen Arbeiten u. übernahm nun das Portefeuille des Auswärtigen. Sein Ministerium sie! mit der Majorität der katholischen Partei im März 1840, T. aber wurde in den Grafenstand erhoben u. blieb dann Minister ohne Portefeuille, bis er 1846 als Minister des Innern wieder an die Spitze eines katholischen Cabinets trat. Im August 1847 demissionirte dieses wegen des Sieges der Liberalen bei den Wahlen. T. führte nun an der Spitze der klerikalen Partei in der Kammer den Kampf gegen die Liberalen, bis ihm 7. Dec. 1871 wieder das Präsidium in einem klerikalen Ministerium, aber ohne Portefeuille, übertragen wurde, das er auch bis zu seinem Tode.führte; er st. auf seinem Gute Maylandt bei Hasselt 21. Aug. 1874. Lagai. Theza (Teja), Stadt mit lebhaftem Handel in Marokko am Üd el Asfar, östlich von Fes; etwa 12,000 Ew. Thiaki, heutiger Name für Jthaka, s. d. Thian-Schan (Himmelsgebirge, früher auch Muztagh), Bergsystem in Central-Äsien (s. d. Art. S. 606, 2. Sp., wo die allgemeine Skizzirung des T. zu finden ist). Ssewerzow, der das Gebirgsland 1867 bereiste, schildert dasselbe in seinem westlichen Theile als ein mächtiges Hochland, in dem die aufgesetzten Gebirgsketten ein mehr untergeordnetes Ele- ment bilden. Das Dominirende Element sind Hochplateau; von durchschnittlich 1500—3000 m mitÄän- genthälern, die oft über 200 km Ausdehnung haben; doch gibt es hier Erhebungen von 6600 m u. Pässe von 4500 m. Der östliche Theil des T. ist noch weniger bekannt; in ihm scheint aber die Kettenbildung vorzuherrschen. Die Messungen u. Schätzungen bei Gelegenheit einer im I. 1868 vom Gouverneur von Tnrkistan veranstalteten Expedition im Narynthal erweisen diesen Theil auch bedeutend niedriger, da die höchste Erhebung zu 4900 m angegeben wird. Passe gab es dagegen verschiedene von 3300—3900 m, sodaß der Unterschied zwischen Kamm- u. Gipfelhöhe ein verhältnißmäßig geringer zu sein scheint. Die Schneelinis wurde bei 3800 m, die Grenze des Baumwuchses bei 3250 m gesunden. In geognost- ischer Hinsicht ist das Gebirgssystem noch wenig erforscht, es scheint auch bedeutend weniger metallreich zu sein als die weiter nördlich gelegenen Gebirge, namentlich der Altai, doch kommen Silber, Kupser u. Eisen vor und werden auch ausgebeutet. Kohlen hat man am südl. Abhange des östl. Theiles bei Turfan gefunden. Vgl. Ergänzungshefte Nr. 42 u. 43 zu Petermanns Geogr. Mitth., enthaltend die Forschungen Ssewerzows im I. 1867. Der westl. Theil ves T. wird fortwährend bes. russischerseits eifrig durchforscht, 1877 und 1878 auch wieder von Ssewerzow. Vgl. Petermanns Geogr. Mitth. 1878, S. 160 u. 315; 1879, S. 9 fs. mit Karte. t. Thian Schan Nan-lu, so v. w. Kleine Bucha- rei, jetzt Kaschgar, s. d. u. Schiti Schahar. Thian Schon Pc-lu, so v. w. Dsungarei, jetzt Kuldscha, s. d. Thiasos(griech.),Versammlung, welche zur Ehre cinesGottesopfert, des. Begleitung des Bakchos(s.d.). Thibaudeau. Antoine Claire, Graf T., franz. Staatsmann, geb. 23. März 1765 in Poi- liers; wurde Advocat; betheiligte sich 1789 ander Revolution u. stiftete in Poitiers eine Volksgesellschaft; 1792 zum Conventdeputirten gewählt, hielt er sich zur Bergpartei u. stimmte für den Tod des Königs, bereitete aber den Sturz Robespierres durch Wort u. Schrift unter dem Volk vor, leitete die Zu- riickberusung der Girondisten, wurde 1795 zum Präsidenten des Convents gewählt, war Mitglied des Sicherheits-, dann des Wohlfahrtsausschusses, half die Constitution vom Jahre III. vollenden u. entführen u. wurde in den Rath der Fünfhundert gewählt. Weil er sich als Präsident dieses Rathes gegen jeden Staatsstreich ausgesprochen harte, so wurde am 18. Fructidor sein Name von dem Directorium aus die Liste der zu Deportirenden gesetzt, doch durch Fürsprache seiner Freunde wieder ausgestrichen. Er betrat 1799 wieder die advocatorische Laufbahn, wurde jedoch nach dem 18. Brumaire von Bonaparte in den Staatsrath berufen, 1808 Graf u. Prüftet im Dep. Gironde, später in dem der Rhone- mündungen. Nach der Restauration der Bourbonen zog er sich ins Privatleben zurück, war während der Hundert Tage Staatsrath, Mitglied der Pairskam- mer u. kaiserlicher Commissär im Dep. Cole L'Or, ging nach der zweiten Restauration 1815 als Verbannter in die Schweiz u. später nach Prag, wo er ein Handelshaus errichtete, kehrte aber nach derJuli- revolution 1830 nach Frankreich zurück, wurde 1852 von Ludwig Napoleon zum Senator ernannt u. st. 8. März 1854. Er schr.: Hist, cku borrorisme daos Io dspartsmsut dein Vienne, Par. 1795; kseneil des aobes Iisroignes et eivlgnss des Republisains krany., ebd. 1795; LIem. sur 1a Oonvsntion et Is Oireetoirs, ebd. 1824, 2 Bde.; 2Iöm. sur Is Oon- sulat et I'Lmpirs, cbd.I835, lOBde.; Alst Asne- rals de Napoleon, ebd. 1827 f., 5 Bde. (deutsch, Stuttgart 1827 ff.); Aistoirs des etats Aensranx et des iustitutious repressntaiives en Graues, Par. 1843, 2 Bde. Nach seinem Tode erschien: Na bio^rapItio;LIemoires1765—92, Par. 1875. Thibaut, Anton Friedrich Justus, aus>,e. zeichneterNechtslehrcr,geb. 4.Jan.l774inHameln; studirte in Göltiugen, Königsberg u. Kiel, wurde 1796 an letzter Universität Privatdocent und 1799 Professor, 1802 in Jena u. 1805 in Heidelberg, wo ec 28. März 1840 starb. T-s Hauptwerk ist: Das System des Pandektenrechts, 2 Bde., Jena 1803, 9. A. von Buchholtz, ebd. 1846, 3 Bde., welches seinen bes. Vorzug darin hat, daß in ihm die Bestimmungen des römischen Rechts u. seine Modificationen Lurch die neuere Zeit (die sog. Praxis, Kanonisches Recht, Deutsche Rechtsgrundsätze) genau u. vollständig zusammeugestellt sind. Außerdem schr. er: Juristische Encyklopädie und Methodologie, Altona 1797; Versuche über einzelne Theile der Theorie des Rechts, Jena 1798, 2 Bde., 2. A. 1806; Theo-> rie der logischen Auslegung des Römischen Rechts Alt. 1799j 2. A. ebd. 1897; Über Besitz u. Verjährung, Jena 1802; Beitrag zur Kritik der Feuerbach- scheu Revision der Grundbegriffedes peinlicheuRechts, ebd. 1802 ;CivilistischeAbhandlungen,Heidelb. 1814; Über die Nothwendigkeit eines allgemeinen bürgerlichen Rechts für Deutschland, Heidelb. 1814, n. A. 1840, worin er für Einheit des Rechts in Deutschland als erste Bedingung eines geordneten Staaten- bundes eintrat, wogegen aber Savigny (!. d.), mit der Schrift: Vom Berufe unserer Zeit für Gesetzgebung u. Rechtswissenschaft, austrat; mit Löhr u. Mittermaier gab er heraus: Archiv für die civilistische Praxis, 5.u. 6.Bd.,cbd. 1822 f. T-s juristischer Nachlaß, Hrsg, von C. I. Guyet, Berl. 1841 f., 2 Bde. Daß T.ein großer Freund u. tieferKenner der Musik auch war, zeigt seine Schrift: Über Reinheit der Tonkunst, Heidelb. 1825, 5. A. ebd. 1874, u. seine treffliche, der Münchener Hof- u. Staatsbibliothek einverleibte Musitäliensammluug. Vgl. Baumstark, Blätter der Erinnerung an T. Lpz. 1841. Lagai. Thibodeanx (Thibodeauxville), Hauptort des Parish La Fourche (Viterior im Staate Louisiana, am Bayou La Fourche u. der New Orleans Ope- lousas Eisenbahn; Dampfschiffverbindung mir New Orleans. Thidrekssaga (altuord. Literatur). Liese gegen die Mitte des 13. Jahrh. verfaßte Saga ist mit den Heldenliedern der Edda der für uns Deutsche wichtigste Schatz der altnordischen Literatur, indem sie gleich diesen auf deutschen Quellen beruht und zwar theils sogar auf älteren, als wir besitzen, theils auf I gänzlich verlorenen. Auf Grund der Erzählungen ! deutscher (vorzugsweise sächsischer), im Norden über- , winternden Handelsleute gibt uns ihr Verfasser eine ! zusammenhängende Darstellung von dem Leben u. Thaten des größten u. gefeiertsten deutschen Helden Dietrich von Bern (s. d.) u. seiner Kämpen, mit Einflechtung all der Sagenkreise, in welchen er selbst od. diese allein handelnd auftreten. Ob ihr Verfasser ein Isländer od. 'Norweger war, ist noch nicht ausgemacht. Sicher ist nur, daß die älteste Handschrift (eine Membrane), gegen Ende des 13. Jahrh. in Norwegen geschrieben wurde. Außer dieser sind noch j zwei isländische Papierhaudschristeu aus dem 17. , Jahrh. erhalten. Herausgegebeu wurde dieselbe zu- I erst von Peringskjöld unter dem TitelMIIciiiLSLSL rc., ! Stockholm 1715; darauf in musterhafter Weise von C. R. kluger: llidrilcslconull^s ak Herr,. I?or- taelinA om Icon^ Ilndrilc akLern ox- Irans üasmpsr, Lhristiania 1853. 'Nach der erster» übersetzte dieselbe ins Deutsche H. von der Hagen: Altnordische Heldenromane, Band 1 — 3, Breslau 1814 u. 55, nach der letzter» A. Raßmann: Deutsche Heldensage, Bd. 2, Hannover 1858. Gegen die Mitte des 15. Jahrh. wurde dieselbe mitAufuahme mancher Eigen- thümlichkeiteu ins Schwedische übersetzt u. von Hyl- len-Cavallius, LaZan om Oidrik alZern, Stockh. 1854 herausgegeben, die neuerlichst auch unter dem Titel Didriks Chronik figurirt. Rahmam,. Thiede, Kirchdorf im braunschw. Kreise Wolfen- büttel;Zuckersabrik,Gipsbrüche mit fossilenKnocheu, Fundort vonGeräthen aus der Steinperiode; 1875: 1101 Ew. Thiel, s. Tiel. Thiele (Zihl), linker Nebenfluß der Aar in der Thielmann — Thierarzneikunde. 327 Schweiz, entsteht als Orbe (im Alterthum Orbis) aus dem Lac des Rousses im franz. Dep. Jura u. bildet, nachdem sie auf schweizer. Gebiet übergetreten ist, den Lac de Joux (1009 in ü. d. M.), der sein Wasser in den kleinen Lac Brenet ergießt. An der nördl. Seite des letzteren befinden sich trichterförmige Öffnungen (1'Lntonnoir äsl'Orbs), in welche das Wasser des Sees sich ergießt, um nach 5 Irin langem unterirdischen Lauf als sog. Quellen der Orbe (783 m ü. d. M.), aus dem Felsen wieder hervorzubrechen. Die Orbe durchströmt sodann das enge Thal von Vallorbe, vereinigt sich bei der Stadt Orbe mit dem Talent, fließt durch ein weites Sumpfland u. ergießt sich in den Neuenburger See. Diesen verläßt sie unter dem Namen Obere Zihl, tritt nach einem nur 8 icrn langen kanalisirten Laufe in den Vieler See, verläßt denselben wieder bei Nidau als Untere Zihl u. mündet oberhalb Büren. H- Berns. Thielmann, Johann Adolf, Freiherr v., preuß. General, geb. 27. April 1765 in Dresden, wurde 1781 Lieutenant bei der sächs. Cavalerie, kam 1791 zum sächs. Husarenregiment u. nahm mit demselben an den Rheinfeldzügen von 1793—96 Theil; er wurde 1798 Stabsrittmeister, wohnte 1806 der Schlacht bei Jena bei u. wurde darnach als Parlamentär in das französische Hauptquartier u. von da mit Briefen Napoleons an den Kurfürsten vonSach- sen geschickt; im Februar 1807 wurde er Major u. erster Adjutant des vor Danzig stehenden sächs. Con- tingents u. darauf in den Geueralstab von Davoust commandirt. Im April 1809 deckte er im Kriege gegen Österreich Sachsen, wurde Oberst u. General- adjutaut des Königs von Sachsen, im Juli Generalmajor u. 1810 Generallieutenant, befehligte 1812 eine Cavaleriebrigade in. dem vierten Reservecava- leriecorps der Großen Armee, war dann während des Feldzugs immer in der nähern Umgebung Napoleons, zeichnete sich an der Moskwa vorzüglich aus ü. wurde in den Freiherrnstand erhoben. Im Febr. 1813 wurde er Gouverneur von Torgau u. erhielt vomKönigBefehl, strenge Neutralität zu beobachten. Jndeß als der König mit Österreich in Unterhandlungen trat, glaubte T. seinen innigsten Wunsch, die Lossagung Sachsens von Napoleon, erfüllt u. begab sich auf Einladung nach Dresden zu einer Unterredung mit den Verbündeten; da aber nun der Befehl kam, 20. Mai, Torgau an die Franzosen zu übergeben, blieb ihm kein anderer Ausweg, als sein Commando niedcrzulegen u. die sächs. Dienste zu verlassen. Er trat nun erst als Generallieutenant in russ. Dienste u. nachdem er auf des Kaisers Alexander Besehl die sächs. Armee als eigenes Corps orga- uisirt, folgte er Febr. 1814 dem verbündeten Heere in die Niederlande, wo er rühmlich Antheil an dem Feldzug 1814 nahm u. sich bes. bei Courtrai auszeichnete. Nach dem ersten Pariser Frieden behielt T. den Oberbefehl über die sächs. Linientruppen bei Koblenz, bis er, im April 1815 in preuß. Dienste getreten, den über das dritte preuß. Corps übernahm. Er focht darauf bei Ligny u. bei Wawre u. wurde nach dem zweiten Pariser Frieden erst com- mandirender General in Westfalen, dann am Rhein, und zugleich General der Cavalerie, als welcher er 10. Oct. 1824 in Koblenz starb. Beiträge zur Biographie T-s schnellen: Oberreit, Dresden 1829, u. Holtzendorfs, Lpz. 1830. l'agm. Thielt, Stadt in der belg. Prov. Westflandern, Station der Belgischen Societe, Spitzenklöppelei, Leinenweberei, Ölfabrikation; 1876: 10,209 Ew. Thiene (Tiene), Stadt in der ital. Prov. Vicenza , Station der Venetianischen Bahn; Wasserleitung, Tuch- u. Wollzeugfabrikation; 5945 Ew. Thiengen, Stadt im Amte Waldshut des bad. Kreises Waldshut, an der Wutach, Station der Bad. Staatseisenbahnen; Schloß, Baumwollspinnerei u. Weberei; Vieh- u.Holzhandel; 1875: 1990Ew. T. war ehemals Hauptort der Landgrafschaft Klettgau. Thier, 1) s. Thiere; 2) so v. w. Hirschkuh. Thierarzneiknnde(Thierheilkuude,Thiermedi- cin, Beterinärkunde) ist die Wissenschaft von den Krankheiten der Hausthiere u. deren Heilung u. Verhütung. Die T. umfaßt fast dieselben Wissenschaften und Hilfswissenschaften, wie die Menschenheilkunde. Bei den griechischen Schriftstellern findet man schon Spuren der T., bes. der Pferdeheilkunde; Tenophou führt griech. Thierärzte, z. B. Simson von Athen, an; der griech. Kaiser Constantinus Porphyrogenne- tos veranstaltete die Sammlung der Schriften der Vorzeit (Hippiatrika). Auch Hippokrates beschäftigte sich mit der Zergliederung der Thiere, und Galen machte von solchen Zergliederungen Anwendung auf den Menschen; Aristoteles gibt in seiner Naturgeschichte viel Aufklärung über den damaligen Stand der T.; jedoch ist Columella der erste, welcher einen Abschnitt in seinem Werke: Do rs rustiea, über die Krankheiten der Pferde u. Kühe hat. Im 4. Jahrh. n. Chr. schrieb Vegetius De arte vstsrinaria 8. Lkulomeäioillu. Während des Verfalls der Wissenschaften geschah nichts in der T. Im 16. Jahrh. erschien ein Werk von Carlo Reyni über die Zergliederung des Pferdes (Luabomia cksl oavallo, in- korwita et suoi rewscki, Bologna 1598) u. von da beschäftigten sich bes. Stallmeister in Frankreich und England mit der Roßarzneikünde. Als im Anfänge des 18. Jahrh. Viehseuchen, bes. die Rinderpest, sich fast über ganz Europa verbreiteten, forderten die Regierungen die Ärzte jener Zeit zur Erforschung u. Bekämpfung der Seuchen auf. Zu der Entstehung der jetzigen T. trug aber auch der Umschwung im landwirthschaftlichen Betriebe, namentlich die Einführung werthvollerer Viehracen, sowie der Umschwung der Naturwissenschaften im Allgemeinen u. der Medicin insbesondere, bei. Als durch die verheerenden Thierseuchen sowol Landwirthschaft als Staat wiederholt aufs tiesste geschädigt wurden, da machte sich mehr denn je das Bedürfniß nach wissenschaftlich gebildeten Thierärzten geltend. Zur Ausbildung derselben entstanden die Thierarzneischulen. Die erste Thierarzneischule wurde 1762 durch Bour- gelat in Lyon gegründet; bald darauf, 1765, folgte die zu Alford bei Paris. In Deutschland trat die erste Thierarzneischule 1769 zu Wien ins Leben; ihr folgten 1773 die in Kopenhagen, 1774 die in Dresden, 1777 in Hannover, in den 1790er Jahren die in Berlin, München, Stuttgart, Karlsruhe rc. Auch au den Universitäten wurden besondere Lehrstühle für Thiermedicin geschaffen. Seit dieser Zeit ist die Thierheilkunde in einer fortschreitenden Entwickelung begriffen u. immer mehr bemüht, sich zum Range einer selbständigen Wissenschaft zu erheben. Das thierärztlichs Unterrichtswesen in Deutschland ist einheitlich geregelt. Nur Primaner der Gymnasien od. 328 Thierdienst — Thiere. der Realschulen I. Ordn. werden zum Studium zu- gelasseu. Das Studium dauert 7 Semester. Die 3 ersten Semester können auch aus einer deutschen Universität oder landwirthschaftlichen Akademie zuge- bracht werden. Zur Literatur. Anatomie: Gurlt, Handbuch der vergl. Anatomie der Hanssäu- gethiere, Berl. 1822, 5. Aust, von Leisering und Müller bearbeitet, 1873; Leyh, Handbuch der Anatomie der Haussäugethiere, Stuttg. 1850, 3. A. von Franck 1871; Gurlt, Handatlas der Anat. des Pferdes, Berl. 1860; Dcrs., Atlas der Anat. der Haus- säugethiere, ebd. 1824—34; Leisering, Anatom. Atlas, Lpz. 1869. Physiologie: Gurlt, Lehrb. der vergl. Physiol. der Haussäugethiere, Berl. 1837 u. 1847; Weiß, Spec. Physiol. für Thierärzte, Stuttg. 1860 u. 1869; Müller Lehrb. der Physiol. der Haussäugethiere,Wien 1862; Schmidt-Mülheim, Grundriß der spec. Physiologie der Haussäugethiere, Lpz. 1879. Beurtheilungslehre: Baumeister, Aeu- ßeres des Pferdes, Stuttg. 1844—1845, 5. A. von Rueff; Ders., Äußeres des Rindes, ebd. 1845; Müller, Das Exterieur des Pferdes, Wien 1854; Günther, Beurtheilungslehre des Pferdes, Hann. 1859; Rolofs, Beurtheilungslehre des Pferdes u. des Zugochsen, Halle 1867. Thierzucht: Müller und Schwarzenecker,Pserdezucht, Berl. 1874—77; Wörz, Pferdezucht, Stuttg. 1862; v. Nathusius-Hundis- burg, Deutsches Gestüt-Album, Berl. 1868 — 71; Müller u. Rohde, Rindviehzucht, ebd. 1876; Baumeister, Abbildungen der ausgezeichnetsten Rindvieh-, Schaf- n. Schweineracen, Stuttg. 1840; Bohm, Die Schafzucht, Berl. 1873—78; Rohde, Schweinezucht, ebd. 1874; Baumeister, Hundezucht, Stuttg. 1832. Gesundheitspflege: Haubner, Handbuch der Gesundheitspflege der Hausthiere, Dresd. 1845, 3. A. 1867. Arzneimittellehre: Hertwig, Handbuch der Arzneimittellehre, Lpz. 1853, 5. A. 1872; Hering, Die thierärztlichen Arzneimittel, Stuttg. 1847 u. 55; Roll, Lehrbuch der Arzneimittellehre für Thierärzte, Wien 1853; Vogel, Arzneimittellehre für Thierärzte, Stuttg. 1869. Pathologie u. Therapie: Kähne, Allgem. Pathologie u. Therapie für Thierärzte, Berl. 1870; Fuchs, Allgemeine Therapie, Lpz. 1852; Gerlach, Allgem. Therapie, Berl. 1853, 60 u. 69; Hering, Specielle Pathologie u. Therapie für Thierärzte, Stuttg. 1842; Spinola, Handbuch der speciellenPathologie u. Therapie für Thierärzte, Berl. 1856—58; Roll, Lehrbuch der Pathologie und Therapie der Hausthiere, Wien 1856, 4. A. 1875; Rychner, Bujatrik, Bern 1837; Spinola, Krankheiten der Schweine, Berl. 1842; Hertwig, Krankheiten der Hunde, ebd. 1853. Pathologische Anatomie: Gurlt, Lehrbuch der pathologischen Anatomie der Haussäugethiere, Berl. 1831 —1832; Fuchs, Pathologische Anatomie der Haussäugethiere, Lpz. 1859; Bruckmüller, Lehrbuch der pathol. Zootomie, Wien 1869. Chirurgie: Dieterichs, Handbuch der thierärztlichcn Chirurgie, Berl. 1842; Hertwig, Handbuch der Chirurgie für Thierärzte, ebd. 1850, neueste A. 1874; Armbrecht, Lehrbuch der Veterinär-Chirurgie, Wien 1879; Leisering u. Hartmann, Der Fuß des Pferdes, 3. A. Dresd. 1870; Gurlt u. Hertwig, Operationslehre für Thierärzte, Berl. 1847; Hering, Handbuch der thierärztlichenOpcrationslehre,Stuttg. 1857. Geburtshilfe: Baumeister, Thierärztl. Geburtshilfe, 4. A. von Rueff, Stuttg. 1867; Harms, Thierärztl. Geburtshilfe, Hann. 1867; Franck, Handbuch der thierärztl. Geburtshilfe, Berl. 1876. Gerichtliche T.: Veith, Handbuch der gerichtlichen Thierarznei- kunde, Wien 1826 n. 36; Gerlach, Handbuch der gerichtlichen T., Berl. 1862 u. 69. Polizeiliche T.: Haubner, Handb. der Veterinär-Polizei, Dresd. 1867. Parasitenkunde: Zürn, Die Parasiten ans u. in dem Körper der Haussäugethiere, Weim. 1872—74. Zeitschriften: Magazin für die ge- ! sammte T. von Gurlt u. Hertwig, Berl. 1835—74 fortgesetzt von Gerlach als Archiv für wissenschaftlich' I u. praktische T., 1875—79, dann von Rolofs; Re^ s pertorium der T. von Hering, fortgeführt von Vo' l gel, Stuttg. 1840—79; Vierteljahrsschrift für wis' ! senschaftliche Beterinärkunde von Röll und Müller' : Wien 1851—79; Wochenschrift für T. u. Thierzuch' von Adams, Augsb., bis 1879 22 Jahrgänge; Dert Thierarzt von Annaeker, Wetzl, bis 1879 17 Bde. Thierdienst, s.u. Thiere (culturhist.). iSchmidt. Thiere (lat. animulia, griech. Apa), belebte Na- turwesen, Organismen, deren Lebenserscheinungeu sich neben der mit den Pflanzen gemeinsamen Ernährung u. Fortpflanzung noch in der Empfindung ! und willkürlichen Bewegung kundgeben. Empfindung n. Bewegung hat mau daher im Gegensatz zu den vegetativen Functionen der Pflanzen od. Vege- tabilien, als animale Functionen bezeichnet. Unter den niederen Organismen tritt jener Gegensatz zwischen Thier und Pflanze nicht oder doch nicht mehr deutlich hervor; man ist deshalb zur Aufstellung des Reiches der Protorganismen od. Protisten, als Inbegriff der indifferenten Formten der Lebewesen geschritten. Als thierische Eigenschaften lassen sich nun nach dieser Ausscheidung im Allgemeinen folgende feststellen: energische Bewegung, auf Reize rasch erfolgend, daher Empfindung voraussetzend; Vorhandensein besonderer Gewebe für Bewegung u. Empfindung; gestaltliche Abgrenzung der Individuen. Aufnahme organischer Substanz meist in besonderen Verdauungshöhlen; Mangel an Chlorophyll (Blattgrün) und (meist) Fehlen der Cellulose (des Pflanzlichen Zellstoffs). Den, Lebensfunktionen der T. entsprechen die Organe derErnährung, Fortpflanzung, Empfindung u. Bewegung. Über Ernährung s. d. Art. Ernährung der Thiere. Die Organe der Fortpflanzung sind näher im Artikel Fortpflanzung, ebenso die verschiedenen Arten der-Zeugung und die Entwicklung im Artikel Embryologie besprochen worden. Über die Empfindungsorgane s. Nervensystem. Die Bewegungsorgane sind active Muskeln (s. d.) und Passive, äußere und innere Hartgebilde. Die Letzteren bilden in ihrer Anordnung Hebevorrichtungen, außen oder innen gelegen, welche durch ihre Verbindung mit den Muskeln die von diesen ausgehenden Bewegungen weiter leiten. Die Gesammt- heit der Hautgebilde wird Skelet genannt. Das äußere Skelet, Hautskelet, gebildet von den beweglich mit einander verbundenen Theilstücken der Haut bietet den Muskeln seine innere Fläche zum Ansatz, die für diesen Zweck entsprechende Vorsprünge hat. Die von den Muskeln umhüllten Theile des inneren Skelets liefern an ihrer äußeren Fläche Ansatzstellen für dieselben. Die Bestandtheile des inneren Skelets grnppiren sich in Knochen und Knorpel (s. d.). Die Anordnung der aufgeführten Organsysteme läßt trotz 329 Thrcre. seiner Mannigfaltigkeit eine Beschränkung auf meist nur 2 Grundformen, die strahlige u. bilaterale zu. Bei den strahligen T-n sind die Organe fast alle symmetrisch um einen Mittelpunkt od. um eine Längsachse angeordnet, während die bilateralen od. seitlich symmetrischen T. ihre Organe in der Mehrzahl zu beiden Seiten einer Längsachse gelagert haben, so daß hier die Bezeichnung als rechts u. links Bedeutung erhält. Über das Grnndorgandes thierischenKörpers wirdaufdenArt.Zelleverwiesen. Die wichtigsten anatomischen Verhältnisse, bes.der höherenT. besprechen die Artikel Gewebe, Skelet, Knochen. Der anatomische Ban der niederen T. ist in den betreffenden Artikeln behandelt. Über das Verhältniß der T. zum Menschen in intellectueller u. moralischer Hin- sicht s. Menschliches Wesen, S. 789, 2. Sp. Die Gesammtheit der T. macht das Thierreich, rsAnnm animals aus und der Zweig der Naturwissenschaft, welcher sich mit den T-n befaßt, ist die Zoologie. Die verschiedenen Zweige derselben werden in dem Art. Zoologie besprochen. Farwick. Thiere (Cnltnrhistorisch). In religiöser und symbolischer Beziehung spielen die T. bei allen Völkern seit der ältesten Zeit eine große Nolle. Schon hinsichtlich ihres Gebrauchs als Nahrungsmittel n. Opfer gab es im Orient Religionsgesetze, welche die T. theils zuließen, theils ausschlossen je nachdem sie für rein od. unrein gehalten wurden. Als Symbole von Eigenschaften kommen die T. vielfach vor, so bes. Fuchs als List, Schaf als Unschuld, Taube als Reinheit, Schwein als Unfläthigkeit, Ameise als Fleiß, Hahn als Wachsamkeit rc. Der Grund, warum T. göttlich verehrt wurden (Thierdienst), ist theils im Nutzen, theils im Schaden, den sie stifteten, zu suchen. Es ist aber anzunehmen, daß ursprünglich, ebenso wie es bei dem Bösen Princip als Gottheit Ver Fall war, vorwiegend die schädlichen T., bes. also Schlangen, Krokodile, Skorpione u. bes. die Ranbthiere, dann auch Thiere von fabelhaft schrecklicher Gestalt (Drachen rc.) verehrt wurden. Bei nordasiat. und Nordamerika». Völkerschaften findet sich die Vorstellung, daß T., bes. Repräsentanten gewisser Eigenschaften, wie Stärke, Klugheit, Geschicklichkeit (Bär, Fuchs, Biber rc.) die Welt erschaffen hätten. Eine spätere wesentliche Ursache des Thierdienstes ist im Glauben an die Seelenwanderung (s. d.) zu suchen. Eine andere ziemlich allgemeine Ursache desselben ist in jener naiven Verwechslung von Ursache n. Wirkung zu suchen, wonach man T. Veränderungen im Wetter u. den Wechsel der Jahreszeiten u. dgl. zuschrieb. In Äg y pten hielt sich der Thierdienst von derältestenZeit bis in dieletzteZeitdesHeidenthums. Verehrt wurde vor allem der Stier (als die Sonne), dann Bock, Schaf, Hund, Hundsaffe, Katze, Wolf, Löwe, Nilpferd, Spitzmaus, Ichneumon, Sperber, Scarabäus, Krokodil, einige Schlangen u. Fische (s. Ägypt. Mythologie). Netzenden T-n selbst kommen auch Thierbilder als bloße Masken der Götter vor, z. B. Anubis mitdemHunds-.OsirismitdemSperber-, Isis mit dem Rindskopf; indeß wird Isis auch ganz als Kuh dargestellt. Unter den Thierbildern der Vorderasiaten zeichnen sich bes. aus der Stier (Moloch) allenthalben, die Schlangen u. Fische bei den Babyloniern rc. Wo bei den Hebräern ein Thierdienst erscheint, ist er ausländisch, namentlich aus Ägypten mitgenommen, so die eherne Schlange u. das goldene Kalb (Stier). Unter den andern Vorderasiat. Völkern hatten die Assyrer und Perser Thierdienst u. Thiersymbole, n. ihre Götter werden auch nicht in menschlicher, sondern in thierischer Gestalt gebildet. Zu den bei den Assyrern göttlich verehrten T-n gehören: Adler (Nisroch), Geier, Strauß, Taube, Ziege; ihre Thierbilder waren Zusammensetzungen, so Stiere mit Menschenköpfen, geflügelte Stiere, Löwen, Pferde. Ähnlich war es bei den Persern. In alten Localsagen kommen zwar T. als Vermittler von Naturgaben vor, wie in Kreta, wo Bienen (Melissen), Tauben und eine Ziege (Amallhea) das Kind Zeus nähren, od. des Verkehrs zwischen Göttern u. Menschen, namentlich bei der Weissagung, wie in Dodona eine Taube; ebenso werden gewaltige Naturkräfte u. Erscheinungen als T. dargestellt, wie in Arkadien der Sturmwind als Bärin (Artemis) u. das Winterbrausen in den Gebirgen als Wolf (Zeus): indessen weist dies mehr ans eine uralte Thiersymbolik hin, die auch in der hellenischen Zeit noch erkennbar ist. Die T. erscheinen hier meist als den Göttern geheiligt, so werben dargestellt: Zeus mit dem Adler, Poseidon mit dem Delphin, Hermes mit dem Bock, Asklepios mit der Schlange, Here mit dem Pfau, Aphrodite mit Tauben od. Sperlingen, Athene mit der Eule, Artemis mit der Hirschkuh rc. Zuweilen nehmen die Götter auch die Gestalten ihrer T. an, wie Zeus des Adlers, als er die Ägina raubte rc. In Indien galten mehre T. als heilig; Stier, Siwas Thier; Kuh, Symbol der Parvati; Elephant, als Symbol der Kraft u. Klugheit; Schwan, Brahmas Thier; Adler od. Geier, Wischnus Neitthier; der Rabe, als Symbol der Seele des Verstorbenen; Papagei, Ka- mas Thier rc.; der große hindostanische Affe wird noch von den Braminen mit ehrerbietiger Ceremo- nie gefüttert. Im germanischen Heidenthnm kommen ebenfalls heilige T. vor, vor allen das Pferd, welches zu Orakeln n. zu Opfern diente (f. Pferd, S. 315); ferner die Kuh (s.Nord. Mythologie, S. 576). Der Eber war das Thier des Freyr, der Bock das des Thor, der Falke das der Freia; der Wolf ist Las Heroenthier, daher zwei Wölfe die Beisassen Odins waren und Fenrir, Lokis Sohn, erschien in Wolfsgestalt. Auch von den Vögeln waren viele heilig; die Elfen erscheinen in Spechtgestalt; der Rabe ist bes. der weissagende Vogel, daher Odin neben den zwei Wölfen noch zwei Raben hat, welche ihm Nachrichten aus der Menschenwelt bringen. Neben dem Raben waren auch Eule, Hahn, Specht, Elster, Kukuk weissagende Vögel; Rabe n. Eule sind die Todtenvögel, da jener den Helden von Odin den Befehl zu sterben brachte und die Eule durch ihr Krächzen den Tod meldete; Hahn und Specht sind besonders Wetterpropheten; die Schwalbe ertheilte den Menschen gute Rathschläge, daher war sie, nebst dem Storch, als glückbringend in Häusern wohlgelitten; die Schlange umwand in der Nordischen Mythologie die Welt (s. Midgardschlange). Heilige T. kommen dann auch in Legenden der christl. Kirche vor (hl. Esel, s. Eselssest). Im Zusammenhang mit alledem wurde den T-n auch eine Seele zugeschrieben. Sie hatten besondere Sprachen, sie konnten die Sprachen der Menschen verstehen rc.; in der Geschichte des Zauberwesens spielen sie eine große Rolle. Pferde u. Hunde können Geister sehen rc., 330 Thiergeographie Teusel und Hexe verwandeln sich gelegentlich in gewisse T.; s. Zauberei, Weissagung, Teusel S., Hexe u. vgl. Wuttke, Der Deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 2. A. Berl. 1869. Ziemlich allgemein kommt die Ansicht vor, daß die Menschen von T-n abstammten, nicht nur von Affen, sondern auch von Hunden, Schildkröten, Bibern, Wölfen rc.; ferner, daß T. sich mit Menschen vermischten, daß Kinder von T-n aufgezogen wurden; daß T. sich in Menschen verwandeln könnten, wie auch umgekehrt (bes. in Wölfe, s. Werwolf). Uralt u. im Zusammenhang stehend mit der Ansicht von der Erschaffung durch oder der Abstammung von den T-n ist der Gebrauch der T. als Bannerzeichen u. Helmzierden,aus denen das häufige Vorkommen von Thierbildern auf den späteren Wappen zu erklären ist. Vgl. Bastian, Das Thier in seiner mythologischen Bedeutung in der Zeitschrift für Ethnologie, Berl. 1869; A. de Gu- bernatis, Die T. in der indogermanischen Mythologie, Leipz. 1874; Henne-Am Rhyn, Die deutsche Volkssage, ebd. 1874. Schroot. Thiergeographie u. Thiergeschichte. Die Verbreitung der Thiere über die Erde wurde erst seit Buffon, welcher bereits in seinen Thierschilderungen Betrachtungen darüber anstellt, Gegenstand der Forschung. Die erste hervorragende, freilich sich nur aus den Menschen und die Säugethiere erstreckende, wissenschaftliche Arbeit lieferte Eberh. Aug. Wilh. Zimmermann (1743—1815). Außer der genauen Angabe der Verbreitnngsbezirke der von ihm aufge- sührten Thiere bespricht er die Bevölkerung der Conti- nente mit Thieren durch Wanderungen von einzelnen Punkten aus, die Uebereinstimmung der Thierwelt der Inseln mit den benachbarten Continenten u. a. G. R. Treviranus griff einzelne der von Zimmermann aufgefiihrten Thatsachcu wieder auf, ohne jedoch eine Erklärung derselben zu geben. Die Zeit zwischen beiden brachte eine Überfülle von Thatsachen über die Thierwelt einzelner Länder und Meere, so daß sie als die Periode der Fauinsten bezeichnet wurde. Auch war das Vorkommen einzelner Arten näher verfolgtworden. DieVersuche, Ordnung in das über- reiche Material zu bringen, liefen jedoch nur ans tabellarische u. kartographische Zusammenstellungen bezüglich der Dichtigkeit der Thierbevölkerung von Ländern ».des örtlichen Vorkommens gewisser Arten hinaus. Hierher gehören u. a. dieArbeiten vonJlliger 1811 über die geographische Verbreitung der Säugethiere ».von Andreas Wagner (1844—46), derVögel von Loven, der Schlangen von H. Schlegel, der Fische von L. Agassiz. Die marine Fauna fand Berücksichtigung durch M. Sars 1835, welcher verschiedene Tiefenzonen aufstellte; ähnliche Untersuchungen wurden am Bord des Beacon 1841—43 von Forbes im Ägäischen Meere angestellt. S. Oersted erkannte die Gesetzmäßigkeit der Farbenvertheilung bei Thieren ungleicher Meerestiesen. DieArbeiten der Fannisten brachten manche interessante Resultate, die sich auf dem Wege des Vergleiches der verschiedenen Fau- nengebiete ergaben, so die Eigenthümlichkeit der Thierwelt Neuhollands. L. Agassiz stellte den Begriff der Schöpsungsmittelpunkte auf. CH. Pickering u. Smarda sind bedeutende Statistiker. Die Pflanzenwelt ist überwiegend aus das feste Land angewiesen und durch die Bande der Wurzel fcstgekettet an dasselbe, die Thierwelt beherrscht das Meer und ist u. Thiergeschichte. in ihren Landvertretern ebenso wie Meeresbcwoh- nern infolge der freien Bewegung einer größeren Verbreitung fähig. Daher denn auch die Ausstellung von Thierzonen hierdurch allein schon bedeutend beeinträchtigt werden mußte. Die Einwanderung spielt eine große Nolle in der Verbreitung der Thierwelt, k Daneben ist von Bedeutung das Klima, außerdem I infolge der gegenseitigen Abhängigkeit der Lebewesen von einander die Menge derselben überhaupt an ge- s wissenOrten. Die allgemeinen Gesichtspunkte, welche ! sich mit Berücksichtigung der angegebenen Faktoren ! über die Verbreitung der Thiere, wie sie thatsach- I lich vor uns liegt, aufstellen lassen, sind folgende. Die j arktische Fauna, die Thierwelt der Polargegen- ! den ist bezüglich der Landthiere arm an Arten, da- ' gegen reich an Jndividuenzahl der einzelnen Arten. , Auch die Meeresfauna besitzt nicht den Reichthum an Arten wie die wärmeren Zonen. Am bevölkertsten - mit Thieren ist das Gebiet zwischen den Wendekrci- " sen. Die tropische Fauna zeigt in ihren Thierfor- ! men mehr den Charakter der Einförmigkeit, jedoch ^ ist jeder Erdtheil durch ihm eigenthümliche Formen ausgezeichnet, was bes. für die alte und neue Welt gilt. Im Gebiete der Fauna der gemäßigten Zone ist Mannigfaltigkeit der Formen zu verzeichnen , bedingt durch das Vorhandensein von ausgesprochenem continentalem und insularem Klima bei ' dichter und spärlicher Bevölkerung. Die Annahme ^ einer Ein- und Auswanderung gibt auch hier de» Schlüssel zur Erklärung der Ähnlichkeit der Formen, h Die Thiere gleicher Breitengrade zeigen in Europa, Asien und theilweise auch Afrika eine größere Ahn- , lichkeit, als solche in Theilcn Europas u. Amerikas. .! Die Gleichartigkeit der nordischen Polarfanna ist ver- !> stündlich Lurch den Zusammenhang der Conlinente ebenda. Die Bodenerhebungen innerhalb der gemäßigten u. heißen Zone weisen, ihrem kalten Klima !k entsprechend, eigenthümliche Thierformen auf, die z unter der Bezeichnung alpine verzeichnet werden. Auch in diesen alpinen Formen tritt ein Unterschied » auf in denen der alten u. neuen Welt, wobei die der l alten Welt den arktischen ähnlicher sind. Für die Meeresfaunen hat sich die Thatsache feststellen lassen, daß die Thierwelt verschiedener Tiefen in ihrem Cha- i rakter verschieden ist. Auch ist dort die Kttstenfauna f von der des offenen Meeres unterscheidbar. Frucht- f bar für die Erkenntniß der örtlichen Verbreitung der Meeresbewohner haben sie die Jsokrymen, Linien gleicher niedrigster Temperatur, erwiesen. Es ! ist offenbar, daß die Thatsachen der geographischen Verbreitung der Thiere erst dann wissenschaftlich erklärt werden können, wenn man auf Grund ihrer ! Unstetigkeit im Laufe der Zeiten ihre Geschichte selbst j verfolgt. Dieser Wechsel in der Ausbreitung der Organismen, wie die Geologie ihn uns thatsächlich ! durch die Ueberreste derselben beweist, ist bedingt ! durch die veränderten Lebensbedingungen in der je- f desmaligen Periode der Erdbildung. Die Erkennt- - niß, daß unsere heutige Thierwelt eine Geschichte " hinter sich hat, welche ihre Wandelbarkeit zeigt, führt i dann auch die Thatsachen der Descendenztheorie ! oder Abstammungslehre in ein neues Licht u. wirkt ^ dadurch auf das Verständniß unserer Thierwelt. Die * Betrachtung der Thierverbreitung führt somit auf die Thiergeschichte über. Die Ueberreste, welche uns aus den verschiedenen Thierheilkunde — Thierkreis. 331 Erdperioden von der darin lebenden Thierwelt erhalten u. ans Licht gefördert sind, in ihrer Gesammt- heit bedeutend zahlreicher als die aus dem Pflanzenreich, gestatten bereits einen Vergleich auf Grundlage der morphologischen Kenntnisse unserer Zeit. Wenn das Zusammengesetztere aus dem Einfacheren sich aufbaut und das Einfache selbst als solches ein ganzes Thierwesen ausmacht, das aber der Variabilität unterliegt, den Gesetzen der Anpassung u. Vererbung sich fügt, so muß auch in der geologischen Aufeinanderfolge diese Thatsache zum Vorschein kommen. Die Periode der Übergangssormation ist zugleichdiepaläozoische,indem in dieser erst Thierreste aufgefunden wurden; was älter ist, entbehrt der Organismen. Zn den Versteinerungen im Silur u. Devon, den beiden Hanptgruppen der Periode, zählen Korallen, Graptolithen,Strahlthiere, Muscheln, so die Armfüßern. Schnecken u. Kopffüßer,Krebsthiere, jo diebckanntenTrilobiten,Ringelwürmerdes Devon und ausschließlich demselben angehörend Fische von abenteuerlicher Form, Lurche,davon nur ein salamanderartiges Thier. Die Steinkohlenformation zeigt im Anschluß an die obengenannte noch ein Übergewicht an Seethieren ähnlichen Charakters, doch fehlen die Graptolithen u. die Armfüßer werden weniger zahlreicher. Die Fische dagegen nehmen der Zahl nach an Arten zu, am meisten die Süßwasserbewohner, dann sind noch 2 Lurche u. wenige Insekten gesunden. Die permische Formation bietet wenig Versteinerungen auf, keine neuen. Der Gesammt- charakter der Fauna der genannten Perioden kann als das Reich der niederen Seethiere bis zu den Fischen bezeichnet werden u. läßt auf ein gleichartigeres Klima der Erde in dieser Zeit schließen. Die Thierwelt der Perioden der mesozoischen Formation ist schon bedeutend reichhaltiger. Die Transformation ist die ärmste an Thierarten u. zugleich steht sie ganz abgeschlossenda. Es sind vertreten Schwämme, Korallen fehlen, Strahlthiere, aber nur durch die Haarsterne vertreten, Muscheln, meist Blattkiemer, Bauch- u. Kopffüßer, wenige Kruster, Jnsecten fehlen, Fische, meist Haie, Lurche ziemlich zahlreich, namentlich Labyrinthodonten und zahlreiche Kopro- lithen, versteinerte Ausleerungen von Lurchen, Vögelspuren, Sängethiere, darunter Spuren des Chi- rotheriums. Die Trias in den Alpen wird eigen- thümlich durch zahlreiche Ammoniten. In der Juraformation begegnen wir einer reicheren Entwicklung der Thierwelt, besonders auffallend sind die zahlreichen Jnsecten. Die Liasgrupp? derselben enthält keine Schwämme u. Korallen, dagegen Haarsterne und Seeigel, dann Muscheln , darunter als wichtige Leitmuschel iriAoiris, navio, wenige Schnecken, desto zahlreicher Kopffüßer, darunter Ammoniten u. Be- lemniten (Donnerkeile), wenige Krebse, von Jnsecten zahlreiche Käser, Fische und Lurche (Ichthyosaurier und Plesiosaurier); Vögel und Säuger fehlen. Der braune Jura weist als neu auf Röhrenwllrmer u. 3 beutelthierähnliche Säugethiere. Der weiße Jura wird durch die zu den Vögeln überleitenden Ptero- dactylen oder Flugechsen besonders wichtig. Der Wealden-Jura enthält meist Muscheln u. Schnecken des Süßwassers, von denen in der Jetztzeit noch zu gleichen Gattungen gehörende leben. Die Kreide- ssrmation zeichnet sich durch großen Reichthum an Thieren aus, deren Vertheilung bereits aus eine bedeutende Verschiedenheit im Klima hinweist. Von den bekannten Arten gehören sehr viele den Weich- thieren an. Es sind vertreten Wurzelfüßer, bcs. Foraminiferen od. Polythalamien, Korallen, Strahlthiere, von diesen zahlreich die Seeigel, Muscheln, namentlich Blätterkiemer und Hippuriten, zahlreiche Ammoniten, Schnecken, Ringelwürmer, Kruster, darunter die ersten Rankenfüßer, von Jnsecten nur ein Tausendfuß, zahlreiche Fische, denen der Gegenwart nahestehend, wenige Lurche, darunter Schildkröten, Reste von einem Vogel. Die Annäherung an die Thierwelt der Jetztzeit, welche sich in der Kreide bereits kundgibt, erfolgt in der Tertiärformation in viel deutlicherer Weise. Der Engländer Lyell unterschied nach dem Grade der Übereinstimmung der Con- chylien mit noch lebenden die Eocäuformation mit 3 °/o solcher, Miocän mit 19 °/„ und Pliocän mit 52 °/o. Ferner tritt eine mehr gesonderte Vertheilung der Thierwelt zu Tage. Eine gleichmäßige thierische wie pflanzliche Verbreitung spricht sich in der breiten, fast die ganze alte Welt von W. nach O. durch, ziehenden Nummuliten- und Flyschsormation einer Meeresbildung aus. Neben den Nummuliten, als Wurzelfüßern, finden sich darin Seeigel, Korallen, Haarsterne, Muscheln, Schnecken, Würmer u. Fische. Das große Tertiärbecken Nordfrankreichs führt außer Cvnchylien, Schildkröten, Krokodilen mehrere Säugethiere, der Grobkalk von Paris besteht aus Schalen der Wurzelfüßer, der Süßwasserkalk schließt in sich Reste von Fischen, Lurchen, Vögeln und Säugern. Das Mainzer Becken führt eigenthümliche Wirbelthierreste, in der oberen Abtheilung liegen in dem darnach benannten Knochensand Knochen ausgestorbener L-änger, namentlich der Dickhäuter, außerdem belebten die jetzigen Rheinufer Rhinocerosse, Mastodonten , Tapire, eigenthümliche Hirsche, Schweine- u. Katzenarten. Die Periode der jüngsten Vergangenheit, dieQuartärformation,die Bildungen, Weichaus die Tertiärperiode folgen, zeigen mit diesen in der Thierwelt manche Übereinstimmung. Mit der heutigen Thierwelt ist sie durch manche Formen verknüpft. Das Dunkel der Knochenhöhlen, in denen neben Knochen von ausgestorbenen Säugern, als Bären, Hirschen, auch Zähne und Knochen des Menschen sich finden, wirft Licht auf die natürliche Geschichte des vollendetsten Organismus in der Natur selbst, auf den Menschen, wo die geschichtliche Überlieferung uns verläßt. Spalten der Gebirge sind ausgefüllt von Knochenbreccien. Finden sich so im Diluvium Reste ausgestorbener Thiere neben solchen von lebenden, so ist das Alluvium nur durch Reste noch lebender Formen ausgezeichnet. Unverkennbar drückt sich in der geschichtlichen Aufeinanderfolge der Thierwelt das Streben aus zu höherer Entwicklung. Und die Ursachen, welche die Thierverbreitung in den Formationen beherrschten, werden auch noch heute dieselben sein, lieber die Verbreitung der Thiere in den einzelnen Continenten wird auf diese verwiesen. Farwick. Thierheilkunde, so v. w. Thierarzneikunde. Thierischcr Magnetismus, s. Magnetismus, thierischer. ! Thierkreis (Zodiacus) heißt die der Ekliptik s parallele, zu beiden Seiten derselben befindliche ! Zone, in welcher sich Sonne, Mond n. die älteren ^ Planeten stets bewegen. Den Namen hat der T. von 332 Thicrkreislicht — Thiers. der Thiergestalt der meisten Sternbilder derselben. Es werden 12 Thierkreisbildcr angenommen: "V Widder, Z Stier, II Zwillinge, SS Krebs, A Löwe, NP Jungfrau, ^ Wage, Nst, Skorpion, / Schütze, ^ Steiubock, ^ Wassermann n. X Fische. Man hat aber hierbei dieBilder desThierkrei- ses u. die Zeichen des Thierkreises oder der Ekliptik wol zu unterscheiden, denn die Zeichen des T-cs sind die auf einander folgenden Abschnitte der Ekliptik zu je 30" v.on dem Durchschnittspunkt der Ekliptik an, welcher der Frühlingsnachtgleiche entspricht u. deshalb Frühlingspunkt heißt. Dagegen haben die entsprechend benannten Sternbilder des T-cs theils verschieden große Ausdehnung, theils haben sie gegenwärtig eine von den Zeichen des T-es sehr abweichende Lage; denn wegen des Vorrückens der Nachtgleichen (s. Präcession) steht jetzt jedes Sternbild des T-es fast um ein ganzes Zeichen östlicher als das gleichbcnannte Zeichen. Die Zeichen desT-es werden vom Frühlingspunkt (ersten Punkte des Widders) an, dem scheinbaren jährlichen Laufe der Sonne entsprechend, von W. nach O. gezählt. Da die Ekliptik gegen den Äquator beinahe 27^0 geneigt ist, so liegen sechs Zeichen nördlich u. sechs südlich von demselben; "V, Z, II, SS, K,, IIP heißen daher nördliche, 111, /, u. X südliche Zeichen. Durch sechs Zeichen, nämlich ^ bis Anfang Sö, steigt die Sonne zum Nordpol auf, durch sechs, SS bis Anfang Z, sinkt sie zum Südpol nieder, erstere heißen daher die aufsteigen Len, letztere die niedersteigenden Zeichen. Die T-bil» der sollen altchaldäischen Ursprungs sein. Er kommt dann auch bei den Indern, den Ägyptern, den Griechen und Römern vor. In merkwürdiger Ueberein- stimmung mit den T-en der alten Welt wurde er auch bei den Mejicanern u. Peruanern vorgefunden. Der berühmteste T. war der von Denderah (s. d.). Vgl. E. v. Bunsen, Die Plejaden u. der Thierkreis, Berl. 1879. Specht.' Thierkreislicht, so v. w. Zodiacallicht. Thiermalerei, s. Thierstück. Thieröl (okoumanimalo kootiäum),auch Hirschhornöl (olonm vornu oervi) oder Stinköl genannt, wird durch trockne Destillation von Knochen, Horn rc. (früher nur von Hirschhorn) gewonnen, es ist anfangs gelblich, wird aber bald dunkler und zuletzt braunschwarz, dickflüssig und sehr übelriechend. Es wird in der Thierheilkunde bes. gegen Räude der Schafe gebraucht, für die übrigen medicinischen Zwecke muß es rectificirt werden u. führt dann den Namen Dippels gereinigtes T. (s. d.). JungS. Thierquälerei, s. Thierschutzvereine. Thierry, 1)Jacques Nicolaus Augustin, sranz. Geschichtschreiber, geb. 10. Mai 1795 in Blvis, besuchte seit 1811 die Normalschule in Paris, kam 1813 als Lehrer an eine Provinzialschnle, kehrte 1814 nach Paris zurück, schloß sich hier jedoch nur für kurze Zeit den socialistischen Bestrebungen Saint Simons an, und wandte sich seit 1817 ganz dem Studium der Geschichte, namentlich der sranz. und engl. Geschichte zu, nebenbei auch publicistischthätig. 1830 wurde er Mitglied der Akademie, 1835 von Guizot(damals Minister des öffentlichen Unterrichts) nach Paris berufen, um die Herausgabe des Rsonsik äss monuwents insckits äs k'Iiistoirs cku Ilers vtat (erschienen 1843—70,4 Bde., in der (kolksotion äes ckoeumonts insäits cko k'Iiistoirs Uuterdem Ministerium Mortier (Nov. 1833), später (April 1834) Herzog von Broglie (eigentlich Gui- zot), wieder Minister des'Innern, entwickelte er bei Len demokratischen Aufständen in Paris eine große, seine alten republikanischen Freunde von ihm trenn- nende Energie u. Strenge. Als im Februar 1836 sich das Cabinet Broglie auflöste, bildeteT. ein neues u. erhielt neben dem Vorsitz das Portefeuille des Auswärtigen, dankte aber, durch die von ihm pro- tegirts spanische Angelegenheit compromittirt, 25. Aug. 1836 ab. Zunächst machte er eine Reise nach Italien; seit 1838 aber trat er in den Kammern in Opposition gegen das Ministerium Mole, dessen Sturz er auch 1839 herbeiführte, ohne jedoch ihm sofort folgen zu können, da Louis Philipp ihn durchaus vonder Verwaltung fern halten wollte. Indessen schon nach der kurzen Verwaltung Soults blieb dem König nur T.; im Cabinet vom 1. März 1840 leitete er neben dem Vorsitz' das Auswärtige. In der Orientalischen Frage, welche seine Vorgänger schon ungeschickt behandelt hatten, erlitt er durch die Ouadrupelallianz der Großmächte mit Ausschluß Frankreichs Juli 1840 eine 'Niederlage, welche er durch Wiederanfachung der Gelüste nach den Rheingrenzen auszuwetzen suchte. Daaberder König zu den geforderten Kriegsrllstungen seineEinwilligungnicht gab, reichte T.mit dem Cabinet 24. Oct. 1842 seine Entlassung ein. Seitdem lebte T. ohne Staatsanstellung, nur publicistisch u. parlamentarisch thätig u. gehörte in der Deputirtenkammer mehrere Jahre zur entschiedenen Opposition, wenn er sich auch von der äußersten Linken trennte. Damals mit der Geschichte Napoleons beschäftigt, machte erReisen nach Deutschland n. Italien, um dort die Schlachtfelder in Augenschein zu nehmen. Obgleich wieder der liberalen Partei zugewendet, lehnte er doch im Febr. 1848 die Unterzeichnung zum Reformbanket ab, u. in der Nacht vom 23. znm 24. Febr. wurde er zu Ludwig Philipp gerufen, um ein neues Cabinet zu bilden, was ihm jedoch nicht gelang. T. verließ Paris u. erschien erst wieder, als nach dem Juniaufstand die Ordnnngspartei sich enger zusammenschloß, wurde in die Nationalversammlung gewählt u. stand bald an der Spitze einer zahlreichen Partei (der sog. Burggrafen), die eine royalistische Restauration im Sinne der Orleans herbeiführeu wollten. Er war Mitglied der Commission des öffentlichen Unterrichts u. bald darauf Obernnlerrichtsrath. 1851 wurde er VicepräsiLent des Oberstudienrathes u. stimmte im Juli gegen die Verfassungsrevision u. im Nov. für den Quästorenantrag. Beim Staatsstreich am 2. Dec. wurde er vorübergehend verhaftet u. durch das Decret vom 9. Jan. 1852 aus Frankreich verbannt, er der gerade durch seine historischen Werke u. seine politischen Tendenzen am meisten dazu beigetragen, die napoleonischen Traditionen im Volke lebendig zu erhalten. Nachdem er einige Zeit in England, der Schweiz u. Oberitalien verlebt, erhielt er im Dec. 1852 die Erlaubniß zur Rückkehr und lebte fortan nur literarischen Arbeiten, bis er im Juni 1863 als Gegner des 2. Kaiserreichs von der Stadt Paris in die Kammer gewählt wurde. T. bekämpfte hier die neunapoleonische Politik gegenüber den italienischen u. deutschen Einheitsbestrebungen, indem er in dieser das Unglück Frankreichs kommen sah, dann die elende Finanzwirthschaft des Seine- präfecten Hausmann, befürwortete den Frieden und verlangte als Probe für die wahre Freiheit die Entscheidung über Krieg u. Friedender Nation zu überlassen. Als Altconstitutioueller erst ans Seiten des 334 Thierjage - Cabinets Ollivier stimmte er nachdem Plebiscit mit der Linken. Bei der Debatte über das Heerescon- tignent sprach er gegen Abrüstung, wie die Linke sie verlangte. Die übereilteKriegserklärungverurtheilte er aufs Schärfste, nachdem Frankreich durch Zurückziehung derHohenzollerschenCandidatur von Seiten Preußens Genugthuung erhalten; er sah die Rache kommen, u. sie kam nur zu schnell für Frankreich. Nach Ausbruch des Krieges von 1870 wurde T. zunächst in den dem Ministerium Palikao zur Seite gestellten Kriegsralh berufen, und nahm nach dem Sturze des Kaiserreichs die Stelle eines Mitgliedes des Pariser Vertheidigungscomites an. Noch ehe die Deutschen Heere Paris cernirt hatten, trat T. 12. Sept. seine Rundreise an die großmächtlichen Höfe an, um sie zu einer Jntercession für Frankreich zu bewegen. Unverrichteter Sache heimgekehrt, begann er nun im Deutschen Hauptquartier über einen Waffenstillstand zu verhandeln, aber eben so fruchtlos u., nachdem er 9. Nov. 1870 hierüber seinen Bericht veröffentlicht, zog er sich von den öffentlichen Geschäften zurück, wurde jedoch schon 8. Febr. 1871 von 20 Departements in die Nationalversammlung gewählt ».nachdem dieselbe 16. Febr ihn zum Chef derExecutivgewalt„unterderControlederVersamm- lnng und mit dem Rechte, zur Ausführung seiner Mission Minister an seine Seite zu berufen" gewählt hatte, trat er am 19. Febr. dieses schwierige Amt an, was er dabeileistete,ist unterFrankreich(Gesch.) S. 411 ff. berichtet. Hier sei nur das eine erwähnt, daß ihm Frankreich den Frieden mit Deutschland verdankte u. die Wiedererlangung der bereits aufge- gebenen wichtigen Feste Belsort, Laß es gerade Las Vertrauen der politischen Welt in ihn u. seine Regierungwar, welches diedoppelteZeichnungder 2^ Milli- arden-Anleihe vom 29. Juni187l bewirkte. Am 31. Aug. 1871 wurde erauf 3Jahre zumPräsidentender Republik ernannt. Auch hier brachte seine ebenso tact- als würdevolle, kluge Leitung der auswärtigen Politik es fertig, daß die3^MilliardenAnleihezuStande kam u. die Räumung Frankreichs von Seiten der Occupation vorder vertragsmäßig bestimmten Zeit ermöglicht wurde. Um so schwieriger aber wurde ihm durch den Parteikampf die endliche Constituir- ungder Republik, s. Frankreich (Gesch.)S. 413. Nach dem Tadclsvotum der Nationalversammlung vom 24. Mai 1873 gab T. seine Entlassung u. die Be» sammlung lohnte ihm seine aufopfernde Arbeit für Frankreich, die Rettung des Vaterlandes, durch Annahme derselben mit 368 gegen 339 Stimmen. T. zog sich für kurze Zeit vom öffentlichen Leben zurück, um nachher, nach Ablehnung der Wahl zum Senator, nur zu wichtigen Abstimmungen in der Deputirten- kammer, für die er das Mandat angenommen, zu erscheinen. Zur Rettung der Republik gegenüber den monarchistisch-reactiouären Machinationen trug er, rückhaltlos hervortreteud, höchst wesentlich bei. Die Hoffnung der Republikaner ihn, als das Haupt einer gemäßigten Republik wieder an der Spitze des Staates zu sehen, machte sein plötzlicher Tod zu Schanden, er st. 3. Sept. 1877 in St. Germain en Laye u. ward am 8. in Paris zur Erde bestattet. T. war Franzose durch und durch, dem die traditionelle Suprematie Frankreichs als Bedingung für das poli- tische Gleichgewicht in Europa das Höchste war (doch nach dem letzten Kriege war er entschiedener Frie- — Thiersch. densmann) der durch seine allerdings nicht immer unparteiisch u. wahrheitsgetreu gehaltenen Geschichtswerke nur auf jene hinwirkte, in seinem Strebe» nach ihr selbst gegen seine religiös-philosophische Überzeugung des Voltairianers der Erhaltung des Kirchenstaates stets das Wort redete. An Geist und Bildung, an politischen Scharfblick, unermüdlicher Arbeitskraft, war er eine seltene Erscheinung, die selbst auch die dem Franzosen, und damit ihm eigene Eitelkeit u. gewissermaßen naive Selbstsucht nicht trüben konnte. Seine Hauptwerke sind die oben erwähnte Hiutoirs cks In rsvolntisu u. Unstarre cku Oonsuiat st cks 1'Lmpirs, Par. 1845 bis 1860, 21 Bde., deutsch von Bülau n. voll Burck- hardt u. Steger. Ein großes philosophisches Werk ist handschriftlich nur im 1. Bde. fertig und wird jetzt durch Miguet eine Copie von der Urschrift genommen. Seine Reden erschienen als visoours prouonass au 6orps IckZffsIatik, Par. 1867 u. neuerdings gibt der Senator Calmon seine Kammerreden heraus. Sonst bearbeitete T. noch die Memoiren der engl. Schauspielerin Bellamy, Par. 1822 und veröffentlichte mehrere Brochllren z. B. Lar la pro- prists st 1s ckroit au travail, Par. 1848 ;!Du orsckit konoisr, 1848. Bgl. die Biographieen von Eggen- schwyler, 2. A. Bern 1878; von Frank, Par. 1877 rc. Jules Simon: He Oouvsrusmsut äs Llr. P. (Gesch. der Ereignisse vom 5. Febr. 1871 bis 24. Mai 1873), Par. 1878, 2 Bde. Lagm. Thiersage, eine Sagengattung (meist epische Lieder) deren Helden verschiedene in menschlicher Sprache redend eingefllhrte Thiere sind, des. der Fuchs (Reginhart, Reinhard, Reinecke), der Wolf (Jsangrim, Isegrim), der Löwe (Nobel, der König) u. der Bär (Bruno, Braun), s. Reinecke Fuchs. Thiersch, 1) Friedrich Wilhelm, hervorragender Philolog, geb. 17. Juni 1784 in Kirch- scheidungen bei Freiburg a. d. Unstrut, vorgebildet in Naumburgu.Pforta, studirte1804—1807inLeipzig u.Göttingen; l807CallaboratoramGymnasium zu Göttingen, 1809Prof. am Lhceum zu München; hierfand eralsProtestantu. Norddeutscher viele Anfechtungen, ja sogar ein Mordaugriff wurde auf ihn versucht, 25. Febr. 1811. Das von ihm gestiftete Philologische Institut wurde 1812 als Seminar mit der Akademie der Wissenschaften, später mit der Universität vereinigt. 1815ging er als bayerischerCom- inissar zur Reclamation der von den Franzosen geraubten Kunstschätze nach Paris; auch wurde er Lehrer der königlichen Prinzessinnen in der Geschichte, Literatur u. Alterthnmskuude. 1815—18 leitete er das Athenäum, eine Erziehungsanstalt für junge Griechen in München. 1822—28 bereiste er Italien. Als 1826 die Universität von Landshut nach München verlegt wurde, .erhielt T. die Professur der alten Literatur u. das Direktorat des Philol. Seminars. 1831 reiste er nach Griechenland, wo er nach Kapodistrias Ermordung Antheil an der Negierung nahm u. durch seinen Einfluß wesentlich mit zur Erwählung des Prinzen Otto von Bayern als König von Griechenland beitrug. 1832 kehrte er nach Deutschland zurück u. lebte als Hofrath u. Mitglied des obersten Kirchen- u. Schulraths in München, wurde nach Schillings Abgang auch Präsident der Akademie der Wissenschaften, welches Amt er bis zu seinem Tode, 25. Febr. 1860 bekleidete. T. hat sich 335 Thierschutz u. ii besonders für die Erweckung nationalen Sinnes u. für die Verbesserung derGelehrtenschulen in Bayern verdient gemacht, was ihm durch die Thronbesteigung Ludwigs 1.1825 ermöglicht wurde; auch hat er lebhaft für die Wiedererweckung Griechenlands gewirkt. Ergab heraus: Betrachtungen über die angenommenen UnterschiedezwischenNord-u. Süddeutschland, Münch. 1810; Griech. Grammatik für Anfänger, Lpz. 1812, 4.Allsg. 1855; Griech.Grammatik, vorzüglich des Homerischen Dialektes, ebd. 1812, 3. A. 1826; Über die Gedichtedes Hesiod, Münch. 1814; Pindar mit deutscher Übersetzung, Lpz. 1820; Reisen in Italien, Lpz. 1826; Über dieEpochen der bildenden Kunst unter den Griechen, Münch. 1816—25, S. Ausg. 1829; Über gelehrte Schulen, Stuttg. 1826—37, 3 Bde.; Lnrl'stnb nabusl äs 1a Oröos, Lpz. 1834, 2 Bde.; Über die neuesten Angriffe auf die Universitäten, ebd. 1837; Über den gegenwärtigen Zustand des öffentlichen Unterrichts in den westlichen Staaten von Deutschland, Holland, Frankreich u. Belgien, Stuttg. 1838, 3 Thle.; Geschichte des Jahres 1837, ebd. 1839; Über Protestantismus u. Kniebeugung im Königreich Bayern, Mark.1844; > Allg. Ästhetik in akademischen Lehrvorträgen, Berl. ! 1846; u. leitete die L.ota xkiiloloZ'ornm Llanaesn- sium (Schriften des philologischen Instituts enthaltend), 1811—26, 3 Bde. Sein Leben von seinem Sohn Heinrich,Lpz. 1866 f., 2 Bde. 2) Bernhard, Bruder des Vorigen, geb. 26. April 1794 in Kirch- scheidungen, vorgebildet in Psorta, stndirte in Leipzig u. Halle; l816Oberlehrer inGumbinncn,1818 ! in Lyck, 1823 in Halberstadt, 1832 Gymnasialdirec- tor zu Dortmund; in den Ruhestand getreten, st. er 1. Sept. 1855 in Bonn, wo ihm der König von Preußen ein Denkmal setzen ließ. Er schr. u. a.: Urgestalt der Odyssee, Königsb. 1821; Homer. Formenlehre, 3. A. 1850; Über das Zeitalter u. Vater- ! land Homers, Halberst. 1824, 2. A. 1832; mehrere philol. Abh. in Progr. u. Ztschr.; Geschichte von Dortmund, Dortm. 1835; von seiner Ausg. des Aristvphancs (Lpz. 1830) erschienen nur 2 Bde. Er istder DichterdesPreußenliedes (JchbineinPreuße, kennt ihr meine Farben). 3) Heinrich Wilhelm Josias, ältester Sohn von T. 1), Jrvingianischer Theolog, geb. 5. Nov. 1817 in München, stndirte 1838—35 Philologie in München und 1835—37 Theologie in Erlangen, wurde 1838 Lehrer an der Evangelischen Missionsanstalt in Basel, 1839 Repetent n. Privatdocent der Theologie in Erlangen u. 1843 Professor der Theologie in Marburg. Er trat bald darauf in Verkehr mit denJrvingianischen Gemeinden in England u. Schottland, in welchen er die Wiederherstellung der Kirche nach ihrem ursprünglichen Muster erkannte. Nach einem Besuche in England 1849 legte er seine Professur nieder u. wirkte auf Reisen für die Begründung deutscher ir- ": vingianischer Gemeinden. Er habilitirte fich 1853 ^ wieder in derphilosophischenFacultät, docherst 1859 ^ wurde ihm die Erlaubniß gewährt, davon für die Fächer der klassischen Literatur unb Geschichte Ge- brauch zu machen. Seit 1864 lebte er als apostoli- -s scher Vicar in München u. zog später von da nach Augsburg, wo er der Jrvingianer Gemeinde vorsteht. Er schr.: Ds psntabsneln vsrsions nloxan- , ärina.Erl. 1840; Hebräische Grammatik, ebd. 1842; ! Versuch zur Herstellung des historischen Standpunk- dhierschutzvereine. tes für die Kritik der neutestamentlichen Schriften, ebd. 1845; Einige Worte über die Echtheit des N. T., ebd. 1846; Vorlesungen über Ka/Holicismus n. Protestantismus, ebd. 2 Bde. 1846, 2. A. 1848, (ins Holländische übersetzt von A. van Toorenenber- gen, Utr. 1849); Die Kirche im Apostolischen Zeitalter, Franks. 1852 (engl. vonThom. Carlisle,Lond. 1854); Erinnerungen an E. A.von Schaden, 1853; Über christliches Familienleben; 1854, 7. A. 1877 (dänisch von J. M. L. Hjort, Kopenh. 1855, englisch von S. Gardiner, Lond. 1856, u. Holländisch). Die Gleichnisse Christi, 2. A. Franks. 1875; Griechenlands Schicksale von Anfang des Befreiungskrieges bis auf die gegenwärtige Krisis, ebd. 1863; Chr. H. Zellers Leben, Bas. 1876; Luther, Gustav Adolf u. Maximilian I. von Bayern, Nördl. 1869; Die Genesis nach ihrer moral, u. Prophet. Bedeutung betrachtet, Basel 1870, n. A. 1877; Melanchthon, Augsb.1877; Die Bergpredigt Christi u. ihreBedeut- nngfnrdie Gegenwart, ebd. 1878.4)Karl, berühm- terKliniker,geb. 20. April 1822 zuMünchen, stndirte hier, in Berlin, Wien, Paris Medici», ging als Prof, nach seiner Vaterstadt zurück, leistete im Schlesw.-Hol- steinschenKriegeunter Stromeyerfreiwillige Dienste, erhielt 1854 die chirurgische Professur in Erlangen, 1867 die in Leipzig, war 1870 konsnltirender Generalarzt des 12. Armeecorps n. hat sich den Rang eines der ersten gegenwärtigen Chirurgen erworben. Zu seinen hervorragendsten Leistungen gehören die Untersuchungen über die Entwickelung der inneren Genitalien u. über die Jnfectwnsfähigkeir der Cholera. Die Ergebnisse seiner Forschungen über letztere veröffentlichte er in der 1867 von der franz. Akademie gekrönten Schrift: Jnfectionsversuche an Thieren mitdem JnhaltdesCholeradarms, Münch. 1856; er schr. ferner: Der Epithelialkrebs, namentlich derHaut; Lpz.1865. Seine Erfahrungen namentlich im Gebiete der Wnndheilung hat er in Billroths u. Pithas Handbuch der Chirurgie nicdergelegt. 1 s> a. 8) Löffler. 4) Thamhahn. Thierschutz u. Thierschutzvercine. Bis auf die neueste Zeit beruhte der Thierschntz fast nur auf den Satzungen der Religion, während die bürgerliche Gesetzgebung sich nicht damit befaßte. Erst im Verlause dieses Jahrhunderts bildeten sich Thierschutzvereine, welche es sichzurAufzabe stellten, nach dieser Richiung hin auf die Gesetzgebung einzuwirken. Der erste Verein dieser Art entstand 1824 in London, Stuttgart folgte 1837, Kannstatt 1838, Nürnberg n. Dresden 1839, Hamburg und Berlin 1841, später Paris, München rc. Jetzt mag es auf der ganzen Erde etwa 500 Vereine geben, die durch internationale Congresse — Dresden 1860, Hamburg 1862, Wien 1864, Paris 1867, Zürich 1869, London 1874, Paris 1878 — u. durch Austausch von Zeitschriften od.Jahresberichten mit einander in Verbindung stehen. Zeitschriften die den Bestrebungen dieser Vereine dienen, gibt es jetzt etwa 20, die in deutscher, englischer, französischer u. italienischer Sprache erscheinen. Eine der ältesten dieser Art ist der seit 1844 in Dresden erscheinende Androclus. DieThierschutzvereinebckämpfen energisch jedeThier- quälerei u. bezeichnen als solche auch die Vivisection d. i. dieSection lebender Thiere zu wissenschaftlichen Zwecken. Mit allen Mitteln, durch Schriften, Vorträge, Prämien rc. suchen sie die öffentliche Mein- 336 Thierstück — ung zu gewinnen u. in Schule u. Haus Theilnahme für die Thierwelt, namentlich für die uns nützenden Thiere zu verbreiten. Besondere Aufmerksamkeit wenden sie z. B. dem Transport des Schlachtviehes zu, der zweckmäßigen Behandlung der Zngthiere, dein Vogelschutz rc. Infolge dieser Bestrebungen sind in Lenverschiedenen Ländern die Thiere gesetzlich geschützt worden. In Deutschland wird Thierqnälerei mit 150 N oder dem entsprechender Haft bestraft, in Frankreich u. England schreitet ebenfalls das Gesetz gegen Thierquälerei ein. MitSrfolg unterstützen auch naturwissenschaftliche und landwirthschaftliche Vereine rc. die Bestrebungen der Thierschntzvereine u. in neuester Zeit sind mit Ersolg unter der Schuljugend derartige Vereine gegründet worden. St. Thicrstück, malerische od. plastische Darstellung von Scenen aus dem Leben der Thiere. Es zerfällt in verschiedene Arten, je nachdem die Darstellung mehr den Charakter idyllischer Ruhe, wie bei Gruppen von Schafen ans der Weide od. im Stall, Kühen am Wasser, Pferden an der Koppel rc. od. wie beim Jagdthier, namentlich in der Schilderung von Kämpfen zwischen ihnen od. von Jagden, eine lebendige Bewegung zeigt. Darstellung todter Thiere wird gewöhnlich nicht als T. bezeichnet, sondern zum Stillleben gerechnet. Das T. hat sich als besondere Gattung der Malerei erst im 17. Jahrh. ausgcbil- det, da die Darstellung von Thieren früher, wie die Landschast, nur als untergeordnetes Beiwerk der allein herrschenden Historienmalerei zur Geltung kam. Und zwar trat die selbständige Thiermalerei zuerst als Darstellung von Jagdscenen auf. Zu den frühesten u. bedeutendsten Meistern in dieser Gatt, gehört vor allen Rubens, dessen Löwen-, Wolfs- u> Bärenjagden, zum Theil in kolossalem Maßstabe, sich durch außerordentliche Energie der Bewegung u. kraftvolles Kolorit auszeichnen. Ihm schließen sich an: Franz Snyders, der oft mit ihm zusammen arbeitete, Johann Fyt (2. Hälfte des17.Jahrh.), Karl Ninharts, Wcenix,Hondekoete r, bes. durch seine Hühnerhöfe berühmt. Dem 18. Jahrh. gehörte der den Jagdfreunden durch seine zahlreichen Kupferstiche bekannte Elias Ridinger an; aus neuerer Zeit sind zu nennen: die Berliner Krüger (sog. Pserdekrttger), Steffeck, Brendel, de Cauwer, die Düsseldorfer Deiker und Sell, der Münchener Boltz, die Wiener Schmrtson und Thorenrc.; in Frankreich Horace Bernet, Rosa Bonheur, Troyon rc. Schaslee. Herz mit 2 Kammer» u. 2 Borkammern: > mit warmem, rothen Blute i Herz mit i Kammer u. i Vorkammer; ; mit kaltem, rothen Blute 1 Herz einkammerig ohne Borkammer; , mit kalter, weiblicher Nährflüssigkeit ^ Georges Cuviers System v.J. 1817 gründet sich auf die Erkenntniß verschiedener Baupläne, Typen in der Thicrwelt. Seine 4 Typen sind: Wirbel- rhiere, Mollusken, Gliederthiere u. die Zoophyten oder Strahlthiere, welche jedoch unvermittelt neben einander stehen. Die einzelnen Typen umfassen die Klassen, wie folgt: Wirbclthiere: Säuger, Vogel, Amphibien, Fische. Weichthiere: Kopffüßer, Flöisenschnecken,Bauchsiißer,Kopflose Weichthiere, Armfüßer, Rankenfüßer. Gliederthiere: Würmer, KrebSthiere, Spinnen, Jnsecten. Strahlthiere: Stachelhäuter, Eingeweidewürmer, Quallen, Polypen, Infusorien. Thicrsysteme. Thiersysteme. Dienach wissenschaftlichen Grundsätzen vorgenommene Eintheilung der Thiere wird ein Thiersystem genannt. Dasselbe wird ein künstliches genannt, wenn der Eintheilung nur einzelne, willkürlich gewählte Merkmale zu Grunde gelegt werden, ein natürliches dagegen, wenn das System auf „ die gesammte natürliche Verwandtschaft sich aufbaut. Von den T-n, welche ihrer Zeit Bedeutung erlangten, sind folgende zu nennen. Das System des Aristoteles trägt ganz den Charakter eines natürlichen. Die größeren Abtheilungen, Gattungen, sind: 1 ) die lebendig gebärenden Vierfüßer, also die heutigen Säugethiere, jedoch mit Ausschluß der Wale, während die Robben eingeschlossen sind; 2) die lebendig gebärenden, lungenathmeuden Wale; 3) die eierlegenden, zweifüßigen, befiederten Vögel; 4) die eierlegenden, mit Hornschuppen bedeckten, viersilbigen od. fußlosen Reptilien; 5) die beschuppten, fußlosen, kiementragenden Fische; 6) die vielfllßigen Jnsecten; 7) die vielfllßigen Schal- oder Krnstenthiere; 8) die ihre Füße am Kopfe tragenden Weichthiere; 9j die fußlosen Schalthiere. Die Würmer, Stachelhäuter und Quallen u. andere niedere Thiere, von denen Aristoteles Kenntniß besaß, wurden in den Abtheilungen besprochen, worin Thiere aufgeführt werden, welche mit diesen gewisse Merkmale, z. B. das Leben im Wasser, theilen. Er bezeichnet dieselben dann mit , Collectivnamen. Der Encyclopädist Plinius führt die Abtheilungcn Wasserthiere, Landthiere, Vögel, Jnsecten auf, ohne damit ein Systeni verknüpfen ! zu wollen. Wotton gab 1552 dem aristotelischen Systeme eine Erweiterung durch die Aufstellung der Klasse der Zoophyten. Zur besseren und leichteren Orientirung in der durch viele neue Entdeckungen ! vergrößerten Masse der einheimischen und fremden I Thierformen suchte man den Weg der künstlichen Eintheilung auszunutzen. Bon diesem Standpunkte aus operirte Klein, indem er einseitig die Thiere in solche mit Füßen u. ohne Füße u. wiederum weiter nach der Zahl der Füße und bei der anderen Abtheilnng nach Flossen, Haut rc. eintheilte. Liime stellte den systematischen Grundsatz auf: cliviaio na- buraiis aniwakrum ab interna strnetura iuckioa- tur, die natürliche Eintheilung wird von dem inneren Bau bedingt. Sein System, einseitig auf den Bau eines Organes, des Herzens fußend, war jedoch ein künstliches. Es wird hier in folgendem Schema wicdergegeben, wie es sich in der 10. Aust, seines Natursystems ausgezeichnet findet: lebendiggebärend — Säugethiere eierlegend — Vögel. ' Lungenathmung — Amphibien Athmung durch äußere Kiemen — Fische. ' mit gegliederte» Fühlern - Jnsecten mit ungegliederten Tentakeln — Würmer. ! Zugleich unterschied er als die höchsten Eintheil- ungsglieder Thiere mit Wirbeln u. rothem Blute, : also Wirbelthiere u. Thiere ohne Wirbel mit weißem Blut, die wirbellosen Thiere. Cuviers Typen wurden für die spätere Systematik grundlegend. Die weitgehendste Aenderung erlitt der Typus der Zoophyten, den, ähnlich wie im Linncschen System, Las Schicksal traf, alles in sich zu vereinigen, was sich i den anderen Typen nicht bequem einordnete. Bei der Auflösung desselben waren C. Th. E.v. Siebold, i der1843 die Protozoen daraus abgrenzte, die Wür- 337 Thinä — Thistcd. mer zusammenfaßte, so daß unter den Zoophyten dic Strahlthiere im engeren Sinne verblieben n. Rnd. Leuckart, der umer den Strahlthieren selbst dann die Cölenteraten n. Echinodermen als Typen auf- siellte. Mit Rücksicht auf Liese Verbesserungen stellt die Systematik 7 Typen ans, die in aufsteigender Reihenfolge sind: I . Typus: krotoLoa, Urthiere. LmorpLoroa, formlose Thiere. Sa-roockeL. Protoplasmathierchen. 8. „ OosIentQrata. darmlose Thiere, Hohlbäucher. 3. „ LelrLuoSsririLtL, Stachelhäuter. 4 . „ Verruss, Würmer. 5. „ LrbdrOxoäL, Gliederfüßler. 6. „ Llollusea, Weichthiere. 7. „ Vertsbrs-ta, Wirbelthiere. Die 30 Klassen, welche man dabei im Ganzen unterscheidet, vertheilen sich auch auf die einzelnen Typen, wie folgt: Typus Klasse I. r»rQt 02 oa. 1 . RüiLoxoäa, Wurzelfüßer. 2 . lutusoria, Aufgußtierchen. II. Ooeleuterats. 3. SxougiLe. Schwämme. 4. I'ol^xL, Korallentbiere, Polypen (LntdoLoa: Vlumenthiere). 5. N^äroweäusae. Quallenpolypen. 6. Ltevvxkora, Rippenquallen. IN. LoLluoäsrivkta. 7. Orwoiäea, Haarsterne, Seelilien. 8. ästeroiäea, Seesterne. 1V. NolotUurioiclea, Seewalzen. IV. Verwes. 11. plat^telwintNes, Plattwürmer. 12 . rlomatolnallltdes. Rundwürmer. 13. Sexll^reL, Sternwiirmer. 14. Rotatorta, Näderthiere. 15. L.vQulata, Ringelwürmer. V. ^.rtllropoäa. 16. 6rustaoes, Krebsthiere. 17. LraollnoLäsL, Spinnenthiere. 18. Llzkriopoäa, Tausendfüßer. 19. Inseets, Jnsecten. VI. Llollusea. 20. BrxoLoa, Moostlnerchen. 21 . ll'urlieata., Mantetthierchen. 22. vraollioxocka. Armfüßer. 23. Loexlmls, (I^ameNidraueNiatL), Muscheln, Kopflose Weichthiere. 24. Ss-stroxocka, Schnecken. 25. QvpiiLiorioäa, Kopffüßer. VII. Vertebrata. 26. Visoes, Fische. 27. Luixdidta, Lurche. 28. RexrtML. Reptilien. 29. ^V63. Vögel. 30. Llawmalta, Säugethiere. Noch ist hier zu erwähnen, daß die Fortschritte der Entwickelungsgeschichte der Thiere in Verbindung mit denvon Darwin neu erdings in so ausgezeichneter Weise nachgewiesenen Gesetzen der Anpassung u. Vererbung den Weg anbahnten zur Verknüpfung der einzelnen Typen sowol wie der Klassen. Hierbei ergab sich, daß die Thiere nach Art eines Stammbaumes systematisch betrachtet werden können, wobei die fossilen zugleich mit anfzunehmen sind. Die vielfachen Abspiegelungen der Stammesgeschichte, Phylogenese, in dem Entwickelungslebcn des Individuums, der Ontogenese, waren dabei von grundlegender Bedeutung. Einen Versuch, den Ausdruck dieser Beziehungen durch ein System in Stammbaumsweise ansznstellen, machte E. Hackel in seiner generellen Morphologie. E. Häckels Stammbaum: Erstes Unterrcich mit nur einem Stamm (l?llzlon, Dxxus) L.: Urthiere; I. Stammast (Hanptklasse), Ovularia, Eithiere (Moneren,Amöben,Gregariuen); II. Stammast, Inkasoria, JufnsorionSthiere (Sang- u. Wimperinfusorien). Zweites Unterreich: Llsta- roa, Darmthiere. Stamm L: Aocgürz'ta, Pflanzen- thiere; III. Stammast, LponZiao, Schwammthiere (Gastraeaden, Schwämme); IV. Stammast Xcalo- s, Nesselthiere (Korallen, Schirmquallen, Kamm Pierers Universal-ConvcrsatwliL-Lerikon. ö.Aufl. XV quallen). Stamm 6 : Verruss, Wurmthiere; V. Stammast, ^coolomi, Dichtwürmer (Urwllrmer, Plattwürmer); VI. Stammast, (loslomati. Blnt- würmer (Rundwürmer, Rüsselwürmer, Eichelwürmer, Mantelthiere, Moosthiere, Näderthiere, Sternwürmer, Ringelwürmer). Stamm D: Mollusca, Weichthiere; VII. Stammast, ^.osplrala,, Kopflose (Tascheln, vorwiegend Armfüßer, Muscheln); VIII. Stammast (lsxlialoplwra, Kopfträger (Schnecken, Kracken). Stamm bl: blclünocksrma, Stern- thiere; IX. Stammast, Oolobraclila.Gliederarmige (Seesterne, Seelilien; X. Stammast, lüpobraclüa,, Armlose (Seeigel,Seegurken). Stamm l?: L.rtllro- xocka, Gliederthiere; XI. Stammast, Oarlckes, Kie- menkcrfe, Krebsthiere; XII. Stammast, Vraclreaba, Tracheekerfe (Spinnen, Tausendfüßer, Jnsecten). Stamm 0: Vsrbsdrata, Wirbelthiere; XIII. Stammast, ^erania, Schädellosc (Nöhrherzen); XIV. Stammast, Llonorliinas, Unpaarnasen (Rundmäuler); XV. Stammast, ^namnia, Amnionlole (Fische, Lurchfische, Lurche); XVI. Stammast, ^m- uiota, Amnionthiere (Schleicher, Vögel, Sänger). Farwick. Thinä (Sina), Stadt der Sinä in Asien, wo ein lebhafter Handel mit wollenen u. seidenen Stoffen getrieben wurde; das jetzige Lojang. Thing, altnordisch für Ding, s. d. Thionville, Stadt, so v. w. Diedenhofen. Thioschwefelsäure, s. Unterschweflige Säure. Thirlwall, Connop, engl. Historiker n. Lheo- log, geb. II. Febr. 1797 zu Stepney (Middlesex), studirte 1814—18 Philosophie am Trinit^ 6 oIIoxs in Cambridge u. war dann einige Zeit daselbst Repetent; später widmete er sich der Jurisprudenz u. ward 1825 Advocat, aber 1828 wandte er sich der Theologie zu n. ward dann Prediger, kehrte jedoch nach kurzer Thätigkeit als Examinator an die Universität Cambridge zurück u. erhielt 1840 das Bise thum Saint-Davids. Er st. in der letzten Juliwoch- 1875 inBath. T. schr. außer verschiedenen Abhandlungen für Zeitschriften: Uisborz- ok 6 rsocs, 1838,8 Bde., n.A. 1856, deutsche Übers., Bonn 1839, 2Bde. Thirsk, Marktstadt im North-Riding der engl. Grafschaft Dort, in schöner Lage am Codbeckbache, Eisenbahnstation; großer Marktplatz, Fabrikation von Sackleinwand, Leder- n. Sattlerwaaren; 1871: 5734 Ew. Thisbe, 1) Geliebte des Pyramos, s. d.; 3) s. Asteroiden N. 88. Thistcd, 1) Amt in Dänemark, in Jütland an der Nordsee u. dcmLiimfjord; 1686 , 5 g s^km (30, djM) mit (1870) 60,724 Ew. (auf 1 sljlcm 36, in ganz Dänemark 47). 3 ) Hauptstadt darin, am nördl. Ufer des Liimfjord im fruchtbaren Thyland; kleiner Hafen, Branntweinbrennerei, Fischerei, Handel, namentlich mit Getreide; 1870: 3552 Ew. Thistcd, Waldemar Adolf, dän.Dichter,Pseudonym Em. St. Hermidad, geb. 28. Febr. 1815 in Aarhuus, studirte seit 1833 in Kopenhagen Theologie u. wurde 1845 Lehrer am Realgymnasium in Aarhuus, 1855 Pfarrer zu Hödrup in Schleswig u. 1862 zu Tömmerup auf Seeland. T-s Schrif- ! ten, Romane u. Schilderungen, sowie auch größere ! Dichtungen, bekunden eine reiche Phantasie u. glänzende Darstellnngsgabe n. sind zu erwähnen: Van- äriuAiL/äsn, Kopenh. 1843; Havkruon, ebd. 1846; 11 . Land. 22 338 Thiva — labt »A vuuäsu, ebend. 1847, 2 Bde.; üvoubzu', Lkirrsr vA SaSn, ebd. 1849; Lplsoäsr Ira. st rei- ssliv, ebd. 1850; Das Herz der Wüste, ebd. 1850; Drucken, ebd. 1851; Domsrsüsmosuilcsr, ebd. 1852; Lirsnsrnss Ö, ebd. 1853, 2 Bde.; Usuxolibanislcs sguursllsr, ebd. 1853, 2 Bde.; Der Familieuschatz, ebd 1854, u. die Bearbeitung einer Anzahl Märchen aus Tausend n. eine Nacht, ebd. 1854, 6 Bde. Thitia (Thivae), Stadt in der griech. Nomarchie Attika u. Böotien, am Jsmenos (Quelle Melia) auf dem Kadmeischen Hügel; besteht aus nur wenigen Straßen; Umgebung durch die Dyrkäische Quelle reich befruchtet; südl. wird Meerschaum gegraben; T. ist Sitz eines griechischen Bischofs, hat eine Hellenische und eine Gemeindeschule. Die Stadt wurde durch ein Erdbeben 18. Ang. 1853 fast ganz zerstört; 3050 Ew. Überreste des alten Theben, s. d. Tyiviers, Stadt im Arr. Nontron des sranz. Dep. Dordogne, Station der Orleansbahn; altes Schloß (aus dem 12. Jahrh.), bemerkenswerthe Kirche (1245 vollendet, neuerdings restaurirt), Fabrikation von Fayence, Töpfer- und Eisenwaaren, Färberei, Bereitung von renommirten Käsen, Handel mit Trüffeln, Käse rc.; 1876: 2114 Ew. (Gemeinde 3145). Thizy, Stadt im Arr. Villefranche des franz. Dep. Rhone, unweit der Trambouze; ansehnliche Fabrikation von Leinwand u. Baumwollenzeugen, Färbereiu.Appretur; 1876:3l79Em.(Gem.3315). Ilüsspi L., Pflanzengatt, aus der Fam. derOru- oslsrus-Mrlaspickous (XV. 1.), ausgezeichnet durch kahnsörmige und geflügelte Klappen der Schötchen; Fächer zwei- od. mehr'samig. Häufigste Art: M ar- vsnssL., Täschelkraut, auf Feldern n. Aeckern häu- figes Unkraut. Der senfartig schmeckende Same, 8s- insn bllluspoos oL, wurde sonst wie Senf benutzt; das aus dem zerstoßenen u. mit Wasser gemischten Kraut u. Samen durch Destillation gewonnene Oel, Thlaspiöl, ist farblos, von eigenthümlich durchdringendem Gerüche u. brennend lauchartigem Ge- schmacke. Thogra, falsch für Togra od. Tugra, altiürk. Name des in künstlich verschlungenen Linien dargestellten Namens des Sultans auf Münzen u. Urkunden. Zum Grunde liegt die rohe Abbildung einer gespreizten Hand. S. v. Hammers Geschichte der Osmanen, 1834, Bd. 1, S. 152. Thohn Wabohu (hebr., d. i. wüste u. leer), zu Anfang des 1. B. Mosis, sprichwörtlich so v. w. leer, nichtig, wüste Verwirrung rc. Thöl, I o h a n n H e i n r i ch, Handelsrechtslehrer, geb. 6. Juni 1807 zu Lübeck, wurde 1830 Privat- docent u. 1837 Professor der Rechte in Göttingen u. 1842 in Rostock, kehrte aber 1849 nach Göttingen zurück. Er sehr.: Das Handelsrecht, Gött.1841—54, 2 Bde., 1. Bd. 5. A. 1876, 2. Bd. (das Wechsel- recht) 3. A. 1873; Volksrccht, Juristenrecht, Rost. 1846; Einleitung in das deutsche Privatrecht, Gött. 1851; Ausgewählte Entscheidungsgrüude des Ober- appellaiionsgerichts der vier freien Städte Deutschlands, ebd. 1857; Zur Geschichte des Entwurfs eines allgemeinen deutschen Handelsgesetzbuches, ebd. 1861; Protocolle der Leipziger Wechselconferenz, ebd. 1866. Tljolen, I) Insel im Bez. Zierickzee der niederländischen Prov. Zeeland, durch die Oosterschelde u. Tholuck. Mündungsarme der Maas gebildet; etwa 12,000 Ew. 2) Stadt auf T.; Spinnerei von Feingarn; 2647 Ew. Tholey , Stadt im Kreise Ottweiler des preuß. Regbez. Trier, am Fuße des 560 m hohen Schaumberges; Amtsgericht, Fabrikation landwirthschaft- licher Maschinen, Bergbau; 1875: 1184 Ew. T. hat seinen Namen von einer angeblich im 6. Jahrh. auf den Ruinen eines römischen Ortes gegründeten Benedictinerabtei, deren sehenswerthe frühgothische Kirche noch erhalten ist. Die Umgebung der Stadt ist eine reiche Fundstätte für römische Alterthümer. Tholuck, F r i e d r i ch A u g n st D e o f i d n s (Gott- tren), berühmter evangelischer Theolog, Hauptvertreter der sogen. Vermittelnngstheologie, geb. 30. März 1799 in Breslau, stndirte daselbst u. in Berlin anfangs orientalische Sprachen, dann Theologie, hielt seit 1821 theologische Vorlesungen, wurde 1824 Professor, reiste 1825 nach Holland und England, wurde 1826 Professor in Halle, war 1828 —1829 preußischer Gesandtschaftsprediger in Rom u. kehrte dann nach Halle zurück, wo er seine Professur wieder antrat u. Consistorialrath, 1867 Oberconsisto- rialrath wurde. Er st. zu Halle 10. Juni 1877. T. hat mehr auf viele Einzelne anregend gewirkt, als daß er in der Theologie einem wesentlichen Fortschritt Bahn gebrochen hätte. Seine Stärke war ein ungemein reiches Wissen, Geist, Witz, Gedankenrcichthnm, zündende Schlagfertigkeit. So sehr er dafür anfangs galt, war er kein orthodoxer Eiferer, sondern ein pie- tistischer Herzenstheolog. Er schrieb: Wahre Weihe des Zweiflers, Hamb. 1823, dann unter dem Titel: Die Lehre von der Sünde u. vom Versöhner, 9. A. Gotha 1870 (ins Französische, Englische, Dänische, Schwedische n. Holländische übersetzt); Ssufismus, Berl. 1821; Blllthensammlung aus der morgenländischen Mystik, ebd. 1825; SpeculativeTrinitäts- lehre des späterenOrients, ebd. 1826; Oommsntatb. äs vi, gus-in Arusou plrilosoxlriu in büsolopfis-m bum Llulmmmsäunorum bum ckuckus»rum sxsreus- rib, Hamb. 1835—1837; Philosophisch-theologische Auslegung der Bergpredigt, ebd. 1833, 5.A. Gotha 1872; Die Glaubwürdigkeit der evangelischen Geschichte, Hamb. 1837, 2. A. 1838 (gegen Strauß); Auslegung des Römerbricfes, Berl. 1824, 3. A. 1831; CommentarzumJoha»nisevangeIium,Hamb. 1827, 7. A. 1.857, u. zum Hebräerbrief, ebd. 1836, з. A. 1850; Über die Citate des A. T. im N. T., 2 Beilagen dazu, 6. A. Gotha 1877; Das A. T. im Neuen, Hamb. 1836, 6. A. 1868; Vermischte Schriften, ebd. 1839, 2 Bde.; Stunden der Andacht, ebd. 1840, 2 Bde., 8. A. Gotha 1870; Praktischer Commentar zu Len Psalmen, Hamb. 1843, 2. A. Gotha 1873; Geist der lutherischen Theologen Wittenbergs im 17. Jahrh., Hamb. 1852; Vorgeschichte des Rationalismus (1. Abth.: Das akademische Leben des 17.Jahrh., Halle 1853 f., 2Bde.; 2. Abth.: Das kirchliche Lebendes 17. Jahrh., 1861 f.,2 Bde.); Lebenszengen der Luther. Kirche, Berl. 1859; Geschichte des Nationalismus, Berl. 1865; Predigt- sammlungen; gab den Literarischen Anzeiger für christliche'Theologieu. Wissenschaft, Halle 1830—46, и. zum Theil in mehreren Auflagen Calvins Werke (Instituts», Commentar zum N. T., zu den Psalmen) heraus. Gcsammtausgabe (bis jetzt 11 Bde.) Gotha 1863—74. Vgl. Kühler, A. T., ein Lebens- Thomar — bild, Halle 1877; Erinnernngsblätter für Freunde, ! ebd. 1871; Rennecke, Th., Nach Erinnerungen aus ; persönlichem Umgang, Rost. 1878. Löffler.» - Thomar, Stadt im Distr. Santarem der portug. Prov. Estremadura, am Nabäo, Station der Lissa- i , bon-Oporto-EUenbahn; 4 Klöster (darunter das große Kloster des Christnsordens, dessen Hauptsitz ' vormals die Stadt war), Baumwollen- u. Seiden- spinnfabriken, Olivenbau; 1864: 4129 Ew. — In der Nähe die Ruinen der von den Arabern zerstörten s alten Stadt Nabantia. St. Thomas, 1) in Ungarn, s. Szent. 2) (Säo Thome), eine den Portugiesen gehörige Insel im Meerbusen von Guinea (WKüste von Afrika), nahe am Äquator, mit den umliegenden kleinen Inseln I 1101 s^flcm (20 HW) mit (1875) 31,692 Ew., wo- ^ vonSt.Thome allein 936 (17^M) u.29,441 ! Ew., der Rest kommt auf das Jnselchen Principe. ^ St. Thome ist bergig (bis zu 2200 m), bes. im südl. u. westl. Thcile, fast ganz vulkanisch, große Waldun- ! gen, Klima ungesund, Boden fruchtbar; Hauptpro- ducte: Cacao und Kaffe, wovon es jährlich etwa 125,000 bezw. 250,000 kA liefert. Das Budget pro 1875/76 schloß ab mit 105,552 Mil-Reis Einnahme u. 109,610 Ausgabe. Die gleichuam. Hauptstadt hat einen Hafen, Handel u. 3000 Ew. Vgl. Ribeiro, ä, i ^ krovinoia äs 8. Mioms s krineixs s suas äspen- ^ äsnoias, Lissab. 1877; 6onrt sxpoas äs la sibnation ! LotneUe äss eoloniss x>ortu§ai8S8, ebd. 1878 . 3) ! Eine der den Dänen gehörigenJungferninseln (Kleine ä Antillen,Westindien), 6901cm (l^lllsM) mit(1870) s 14,007 Ew.; vulkanisch, wenig productiv, so daß der j Werth der Einfuhr den der Ausfuhr weit übersteigt, s! Wichtig ist die Insel als Kreuzungs- und Anlande- Punkt zahlreicher Dampferlinien, sowie als Anschluß- - Punkt der SAmerika mit NAmerika verbindenden U Telegraphenkabel. Der 1868 an die Nordamerik. I Union vollzogene Verkauf derJnsel wurde vom Conti greß nicht bestätigt und 1870 wieder rückgängig gemacht. Schroot. tt Thomas (hebr.Name, d. i. Zwilling, Zwilliugs- U brudcr). T.od. Didymos, d.h.Zwilling, einer der f 12ApostelJesu. DieSynoptiker haben nurseinenNa- men, während er im 4. Evang. inehreremal auftritt: Ioh. 11, 16. als der zum Sterben mit Jesu ent- j! fchlossene, Ioh. 14, 5. 20, 25 als der durch Zweifel « zum Glauben sich durchringende Jünger, der wie ls Johannes der Täufer im Anfang, so am Ende als Zeuge erscheint, daß Jesus der im Fleisch gekommene I Logos-Gott sei. Er soll nach Origenes in Parthien, l nach Chrysostomos in Ägypten u. Äthiopien, nach ! Hieronymus u. A. in Indien das Evangelium ge« 1 predigt haben u. dort in Kalamine umgebracht wor- l! den sein; nach Anderen wurde er in Meilapur, un- 1 weit Madras, mit einer Lanze an ein Kreuz gebohrt f n. die Portugiesen wollen dort seinen Leib wieder ge- funden haben; Gedächtnißtag (T-sest): 21. Dec., in der Griech. Kirche der 3. Juni. Unter den Büchern, ' welche man dem T. zngeschrieben hat, find die A.ota l Pdomas (Apokryphen), herausgeg. von Thilo, Lpz. l 1823. T. wird mit Winkelmaß u. einer Meßschnnr ^ dargestellt, weil er bei dem indischen König Gondo- ' Harns sich anheischig gemacht haben soll, ihm einen st prächtigen Palast zu bauen. Die T-christen (s. d.) s verehren ihn als den Stifter ihrer Kirche. Thomas, 1) Charles Louis Ambroise, be- - Thomas. 339 rühmter franz. Operncomponist, geb. 5. Aua. 1811 zu Metz; trieb frühzeitig Violin- und Klavierspiel, wurde 1828 Schüler des Pariser Conscrvatoriuyts u. speciell von Zimmermann (Klavierspiel), Dour- len (Harmonielehre) u.Lesuer (Composition), errang in den Jahren 1829 u. 30 nach einander die ersten Preise für Klavierspiel, Contrapunkt, sowie den großen Compositionspreis, ging alsdann behufs weiterer Studien »ach Italien u. kehrte erst 1836 nach Paris zurück, wo er 1837 mit der einactigen Oper äondlsselrslloden öffentlichen Schauplatz betrat. Diesem Werke ließ er im Laufe der Zeit eine Reihe anderer Opern Nachfolgen, wovon I,s Osää (1849), Iw8onAsä'misnni1ä'ötä(1850), Ua/monä^OI), IwRomanä'Mvirs,M§non(1866),RA,mlst(1868) die bedeutendsten sind. T. wurde nach dem Tode Aubers zum Director des Pariser Conservatoriums ernannt, welchen Posten er noch heute bekleidet. Seine Compositionen sind weniger durch originelle, tief empfundene, als anmuthige, graziöse Melodien, durch wirksame dramatische Gestaltung, feinsinnige Instrumentation hervorragend, wie ihn sein Talent weit mehr auf das Gebiet der opsra eomigns, als der großen Oper hinweist. Er schr.auch ein Requiem,Quintett, Quartett, Trio, verschiedene Klavierstücke, Männerchöre, Kirchengesänge, Lieder für eineSingstimme. 2) Georg H., tüchtiger nordamerikan. General, geb. 1816 in Southampton County (Virginien), trat 1840 als Offizier in die Armee der Vereinigten Staaten u. avancirte im Mejicanischen Kriege 1846 zum Capitän u. 1847 zum Major, worauf er 1849 in Florida gegen die Indianer focht. Nachdem er seit 1851 die Militärwissenschaften in Westpoint gelehrt u. seit 1855 als Major im 2. Cavalerieregi- ment in Texas unterLee gedient hatte, wurde er 1861 Brigadegeneral der Freiwilligen von Kentucky in der Unionsarmee; er schlug 19. Jan. 1862 die Cousö- derirten bei Mill Springs in Kentucky und erhielt hierauf das Commando über eine Division in der Westarmee unter Grant, dann unter Halleck u. zwar, 25.Apr. znm Generalmajor ernannt, über den rechten Flügel, im Herbste, nach der Theilung der Westarmee, in der Cnmberlandarmee unter Buell, dann unter Rosecrans über das 14.Armeecorps u. wohnte ver Schlacht bei Murfreesborough 29. Dec. 1862 bis 3. Jan. 1863, den Operationen gegen den Teul nesseefluß,der Besetzung von Chattanooga lO.Sept., der Schlacht am Chickamauga 19. u. 20. Sept. bei; er wurde dann Nachfolger des Generals Rosecrans im Commando der Cnmberlandarmee u. entschied unter Grant den Sieg bei Chattanooga 23.—25. Nov. über die Conföderirteu. Selbständig schlug er die Conföderirten unter Hood 15. u. 16. Dec. 1864 bei Nashville u. säuberte dadurch ganz Tennessee von denselben. Er st. 28. März 1870 zu S. Francisco als Inhaber des Militärkommandos. 3) William King, s. Keith.Alex. 4)John Evan, engl.Bildhauer, Geburtsort u. Zeit unbekannt, starb im Oct. 1873; bildete sich unter Chantrey u. schuf eine lauge Reihe der verschiedensten Werke, welche ihm einen hochgeachteten Namen erwarben: so die colossale - Erzstatue des Marquis of Bnte; die Statuen des ^ zweiten Lord Londonderry; des Prinzen Gemahl (in > Castle Hill, Tenby); den Tod T. Pictons bei Waterloo (Basrelief) auf dem Wellington-Denkmal: > den Tod Teuderichs (auf dem Denkmal zum Ge- 840 Thomas. dächtniß des Sieges über die Sachsen in der Tintern- Abtei, 1849; Musidora, 1852; der Ballspieler, 1856. Die letzten Jahre verlebte T. in Pimlico (Brecon. shire) wo er auch starb. 5) William Cave, namhafter engl. Historien- und Genremaler der Gegenwart, geb. in London 1820, besuchte die Universität und trat, nachdem er selbe absolvirt,ins Atelier des Professors der Architektur am lüuAs OoilsZs, Hos- king, um sich dann der Skulptur zuznwenden; darauf ward er Porträtmaler u. ging dann nach München, wo er unter Cornelius an der Akademie stn- dirte u. unter Heß an den Fresken der Basilika arbeitete u. bis 1842 verblieb. Hcimgekehrt entwickelte T. die lebhafteste Thätigkcit in Staffelet- u. Wandbildern und wurde bald unter den ersten Künstlern feiner Heimath genannt. Kurz vor dem Krimkrieg ging er nach St. Petersburg um dort mehrere Austräge ausznsühren. Seine Stoffe sind tief ernster Natur, bisweilen entlehnte er sie den Werken Shak- speares, vielfach der heiligen u. Culturgeschichtc aller Zeiten n. Völker. 6) George Honsman, namhafter engl. Genremaler, geb. in London 1824, starb in Boulogue 21. Juli 1868. Er begann seine Laufbahn als Holzschneider unter der Leitung G. Bonners, ging 1815 als Illustrator nach New Dort u. von dort zwei Jahre später nach Italien, wo er 1850 Garibaldi während der Belagerung von Rom malte, illustrirte aber nebenbei zahlreiche Werke, darunter Onkel Toms Hütte (1854) und die Geschichte Englands für Kinder. 1856 brachte T. seinen köstlichen Ball im Lager von Boulogue u. von 1858 an malte er eine Reihe von Staatsactioneu und Festlichkeiten im Aufträge der Königin. So die Bertheilnng der Krim-Medaille in St. James Park; die Revue auf dem Marsfeld inParis beiAnwesenheitderKönigin; die Parade in Potsdam ihr zu Ehren; die Krönung des Königs von Preußen rc. Von seinen eigentlichen Genrebildern mögen genannt sein: der Sonntag; Mangel an Vertrauen; Glückselige Tage; Bei der Feldflasche. v Sicb-nrock. s) t. 4) S) 6) Regnet. Thomas, Graf von Maurienne, Stammvater des jetzigen Hauses Savoyen, war erst Geistlicher, trat aber in das Weltleben zurück, wurde 1235 von seinem Bruder Amadeus III. zum Generalstatthalter von Savoyen ernannt und erhielt durch seine Vermählung mit der Gräfin Johanna von Flandern 1237 Flandern n. Hennegan. Nach dem Tode seiner Gemahlin 1244 verließ er Flandern n. wurde 1246 von seinem Bruder Amadeus zum Grafen von Piemont ernannt. Durch die Vermählung mit der Nichte des Papstes Jnnocenz IV. erhielt er ansehnliche Gebiete und großen Einfluß in Italien, wurde 1249 Reichsvicar in der Lombardei n. Piemont n. 1253 nach seines Bruders Tode Vormund über dessen Sohn Bonifacius; st. 1259. Thomas, 1) T. von Canterbnry, s. Becket. 2)T. vonCelano, italien. Mönch, einer der ersten Schüler des hl. Franciscus u. seit 1221 Custos der Franciscanerconvente in Worms, Mainz, Köln n. Speier. Er ist der Verfasser der alten Legende, d. i. der ältesten Biographie des hl. Franciscus und wahrscheinlich der Sequenz Dies iras, äiss iiia. Er st. nach 1250. 3) T. von Aquino (P. Lguirms), geb. 1225 od. 27 auf dem Schlosse Rocca Sicca bei Aquino im Neapolitanischen, trat gegen den Willen feiner Eltern 1243 in den Dominicanerorden, ward aber, von diesem nach Frankreich gesendet, durch seinen Bruder auf das väterliche Schloß zurück gebracht n. 2 Jahre lang in Gefangenschaft gehalten. Er studirte dann seit 1245 Theologie in Köln u. Paris; wurde 1248 Lehrer der Scholastischen Philosophie in Paris und fand solchen Beifall, daß er bald den Beinamen I)r. rmivsrsalm od. I)r. anAsiious erhielt. Seit 1257 lehrte er in Rom und Bologna, 1268 wieder in Paris, 1271 wieder in Bologna u. 1272 in Neapel. Er st. 6. März 1274 im Kloster Fossanuova bei Terracina auf dem Wege znm damaligen Concil zu Lyon. Der Papst Johann XXII. kanonisirte ihn 1323. Er war ein Monn von tief innerlicher Frömmigkeit und ungewöhnlich geistiger Begabung, auch in weltlichen Dingen umsichtig, daher Ludwig IX. sich oft von ihm berathen ließ. Er schr. u. a.: Vs sntsst ssssntia; 8nmma totirwtirso- isAias; 8nmmas äs vsritats oatirolioas Lävi->ä- vsrsnsAsntils.sneu Hrsg, nach dem vatican. Codex rc. von Uccelli, 1878; Vs sxiritns.iibn8 orsaturisshebr. von Abarbanel); sämmtliche Schriften heransgeg. von Vinz. Justinianns und T. Manriquez, Rom 1570 f., 17 Thle. in 18 Fol.-Bdn., Par. 1660, 23 Bde., Parma 1852 ff.; die Opsrs, tirsoloAieg., bes. heransgeg. von B. de Rubels, Ven. 1745, 20 Bde.; Kling, vssoriptio 8nmmas tüsol. Uromas Aq., Bonn 1846; Gondin, viriissopstiafuxta, Uromas ävAirmta, n. A. von Roux Lavergne, Par. 1861. Die scholastische Philosophie n. Theologie erhielten durch ihn eine ganz neue Gestalt n. eine bestimmtere Form. Die von Petrus Lombardus auf der Grundlage des hierarchischen Princips des Katholicismus begründete Dogmatik ist zuerst durch ihn allseitig ausgebaut worden, weshalb er bis auf diesen Tag zu den bedeutendsten Dogmatikern der Kathol. Kirche gehört. T. neigte sich mit seinen Anhängern (Thomisten) zum Nominalismns n. zur Lehre Augustins von der Gnade und bestritt die unbefleckte Empfängnis) der Maria, während die Scotisten sich zur Ansicht des Semipelagianismns hielten, die unbefleckte Empfängnis) der Maria behaupteten n. den Mariendienst förderten. Zwar billigte der Römische Stuhl den letzteren Lehrsatz, allein da die Thomisten die Mehrzahl ausmachtcn n. den ganzen Doininicancr- orden auf ihrer Seite hatten, so behielten sie die Oberhand, bis der Kampf der Molinisten gegen die Jansenisten der Sache eine andere Wendung gab. Die Dominicaner n. theilweise auch dis Jesuiten verbreiteten die Philosophie des T. über das ganze katholische Europa. Lebensbeschreibungen des T. von Guilelmus de Thoco in den /Ist. Lauotorum, später von Tonron, Va vis äs 8t. Mi. ä'.4.gnin, Par. 1737; Carbe, Rist, äs In vis st äss eorits äs Mn, 1846; Bareille, Hist, äs 8t. Mn, Löwen 1846; Jellinek, T. von Aquino in der jüdischen Literatur, Lpz. 1853; Mcrtenleiter, Die Geschichte des heil. T. von Aqnin, RegcnSb. 1856; K. Werner, Der heil. T. von Aquino, 1858, 3 Bde.; Gibelli, Vita äi 8. Ismaso, Bol. 1862; Banmann, Die Staatslehre des T. v. A., Lpz. 1873; Holtzmann, T. v. A. u. die Scholastik, Karlsr. 1874. 4) T. a Kempis, eigentlich T. Hamerken (Llniisolrw), geb. 1380 zu Kempen unfern von Köln, gebildet bei den Brüdern des gemeinsamen Lebens zu Deventer, in deren fromme Genossenschaft er selbst eintrat; st. als Subprior im Kloster St. Agnes bei Zwoll 24. Juli. l! ! ff Thomaschristcn 1471; bes. berühmt durch das asketische Werk: Vs imitationo Olrristü, zuerst 1415, welches mehr als 2000 Ausl, erlebte, in alle Sprachen übersetzt wurde und viel zur Erweckung einer mystisch-evangelischen Frömmigkeit beitrug. Neu übersetzt von v. Beth- mann-Hollweg, 2. A., Hamburg; eine andere Übersetzung, Neutl. 1879,12. A.; Die Görres'sche Übersetzung als Prachtausgabe illustrirt von Ritter v. Führich, Leipzig. In der Evangelischen wie in der Katholischen Kirche gibt es nächst der heil. Schrift kein Buch, das sich eines solchen Ansehens erfreute, wie die Schrift des T. Daher begreift es sich, daß 250 Jahre über die Autorschaft des Buches gestritten werden konnte, indem Deutsche, Franzosen u. Italiener, Benedictiner, Chorherren des Augustinerordens u. Brüder des gemeinsamen Lebens den Verfasser als einen der Ihrigen geltend machen wollten. Die neuere Krilik hat die Autorschaft des T. definitiv fcstgestellt. Vgl. Silbert, Gersen, Gerson od. Kem- pis, Wien 1828 (für T.); Gregory, Hist. än livro äs limitatroir, 1842 (gegen T.); Bart. Veratti, visgnisimoni ülol. s orit. Intorno s. 1's.ntors äs 1'imrtatrovs Olrristi, Mod. 1857 (für T.); Malou, Ksodorslr'so sur Is vsribabls anbsnr än livrs äs Üimlt. äs äesuo-OIirrsb, Tournai 3. A. 1858. Er schr. ferner; Eonsolatiovss Interims (innere Tröstungen); Lantiea opirrtmalrg, (wozu er auch die Melodien setzte) rc. T-s sämmtliche Werke, Hrsg, von Sommalius, Antw. 1600, zuletzt Köln 1728 (1759), deutsch von Silbert, Wien 1834, 4 Bde. Vgl. Bähung, T. von Kempen, nach seinem inneren u. äußeren Leben dargestellt, Berl. 1849; Mooren, Nachrichten überT.v.Kempen,Kref. l855;Hirsche,Prolegvmena zu einer neuen Ausgabe der Imitativ 6üristi nach dem Autograph des T. a K., Berl. 1873. Heppe. Tliomaschriste» (Thomasbrllder,8oiis.ni), ne- siorianische Gemeinden in den Ghats von Travan- core, in den Gebirgen zwischen Carnatik u. Malabar u. a. Orten Indiens. Schon Kosmas der Jn- dienfahrer (vor 535) fand ihre Gemeinden auf 3 Küstenpunkten Ostindiens vor. Sie ehrten in Thomas ihren Apostel, sind aber durch persische Handels- colonien entstanden, welche das nestorianische Christenthum mit sich brachten. Die Zurückführung der T. auf Thomas, den Schüler des Manes, der nach Theodoret zu den Indern gekommen sei, hat gegen sich, daß das Christenthum der T. keine mauichäi- schen Elemente zeigt. Auch die Entstehung aus der Nachkommenschaft eines armenischen Kaufmannes, ThomasKana, der um 800 nach Indien gekommen sei, ist zweifelhaft, da nach Kosmas die T. in Ostindien weit älter sind. Im 16. Jahrhundert wurden sie durch die Eroberungen der Portugiesen Unterthanen derselben. Durch mancherlei Machinationen und Bedrückungen gelang es dem Erzbischof von Goa, Alexis be Menezes, einen großen Theil zu gewinnen u. die Synode in Diampore 1599 bestätigte die Union, aber ein Theil blieb nestorianisch und floh lieber vor den Verfolgungen in die Berge, wo sie von ihrem früheren Wohlstände sehr herabsanken. Auch ein Theil der Übergetretenen fiel 1653 wieder von der Kathol. Kirche ab. Es sollen jetzt noch 70,000 Seelen zu den T. gehören, welche einen eigenen Staat unter britischer Hoheit mit Priestern und Ältesten an der Spitze bilden. Vgl. Germann, Die Kirche der T-, Gütersloh 1876. Wffler.* — Thomasius. 341 Thomasin von Zereläre, eigentlich T o mma - sino della CHiara, deutscher Dichter im Anfänge des 13. Jahrh., aus Frianl; schrieb um 1216: Der wälsche Gast, ein moralisches Lehrgedicht; Handschriften davon in Gotha, Heidelberg, Ulm, Wolfenbüttel, Dresden; herausgeg. von H.Rllckert, Quedl. 1852. Thomasius, 1) Christian, berühmter Gelehrter, geb. I.Jan. 1655 in Leipzig; studirte dort unter der Leitung seines Vaters, des Rectors an der Thomasschule u. Professors der Beredtsamkeit, Philologie u. Philosophie u. seit 1675 in Frankfurt a. d. O. die Rechte, t 679 ging er nach Leipzig zurück, wo er juristische u. Philosoph. Collegien las, machte sich aber durch seine Frcimüthigkeit viele Feinde. Die luther. Confessionalisten, namentlich inKnrsach- sen, sahen ihn als Gottesleugner an. Als er daher die Vermählung des Herzogs Moritz von Sachsen- Zeitz mit der Tochter des reformirten Kurfürsten von Brandenburg, welche Heirath man am Dresdner Hofe ans politischen Gründen nicht gern sah, durch eine Schrift vertheidigte, war 1690 schon ein Verhaftsbesehl gegen ihn erlassen, welchem er aber durch die Flucht nach Halle entging, wo er als kur- brandenburgischer (mit jährl. 500 Thlr. besoldeter) Rath neben der dort bestehenden Ritterakademie Vorlesungen hielt. Als nun gerade hierdurch 1694 die Errichtung einer Universität zu Halle veranlaßt war, wurde T. Professor der Rechte, Geh. Rath u. Direktor der Universität; er st. 23. Sept. 1728 in Halle. T. war der erste deutsche Universitätslehrer, welcher sich (seit 1687) in seinen akademischen Vorträgen der deutschen Sprache bediente. Er trat in der Philosophie der Scholastik und in der Theologie der Orthodoxie kühn entgegen, drang auf den Gebrauch des Naturrechts in den Gerichtshöfen n. auf die Abschaffung der Tortur u. derHexenprocesse (die er anfangs vertheidigt hatte, nachher aber gerade durch seine Bekämpfung wirklich abgcschafft wurden), kämpfte gegen den Glanben an Gespenster u. andere Gegenstände des Aberglaubens. Auch war er der Erste, welcher die Ehe nur als bürgerlichen Vertrag betrachtete und die Polygamie mit dem Naturrecht übereinstimmend erklärte. Ein Hanptzug in seinem literarischen Charakter war die Sucht originell zu sein, welche ihn zu paradoxen Behauptungen u. zu dem Glauben führte, von seinenZeiigenossen durchaus nichts mehr lernen zu können. Er schrieb zahlreiche Schriften juristischen, philosophischen und ver- mischtenJnhalts, z.B. überdieVielweiberei, 1685; Freimüthige Gedanken oder Monatsgespräche über allerhand, vornemlich aber neue Bücher, 1688; Historie der Weisheit und Thorheit, 1693, 3 Thle.; Kurze Lehre von den Lastern der Zauberei mit dem Hexenproceß, Halle 1704; Vernünftige n. christliche, aber nicht scheinheilige Gedanken über allerlei gemischte philosophische u. juristische Händel, ebd. 1723 bis 1725, 3 Thle. Vgl. Luden, Chr. T. nach seinen Schicksalen u. Schriften, Berl. 1805; Dernburg, T. u. die Stiftung der Universität Halle, 1865; Wagner, T., einBeitrag zurWürdigung seinerVerdienste um die deutsche Literatur, Berl. 1872. 2) Gottfr i cd, luther. Lheolog, Geh. Kirchenrath, geb. 1802 zu Egenhausen in Franken; studirte seit 1821 in Erlangen, Halle ».Berlin u. wurde 1829Pfarrer in Nürnberg, daneben 1830 auch Religionslehrer am Gymnasium; 1842 folgte er einem Rufe als Professor der 842 Thomasmücke Dogmatik u. Universitätsprediger nach Erlangen n. gehörte zu den Koryphäen der luther. Orthodoxie. T. st. 24. Jan. 187S. Außer Predigtsammlungen, Religionsbüchern schrieb er: Origenes, Lpz. 1837; Beiträge zur kirchl. Christologie, Erl. 1845; voA- rnatis äs obostiontis. (llwisti aotiva lristoria, ebd. 1846; Das Bekenniniß der evang.-luther. Kirche in der Consequenz seines Princips, ebd. 1848; Christi Person und Werk, ebd. 1853—61, 3 Thle., 2. A. 1856—63; Das Bekenntniß der luther. Kirche von der Versöhnung, ebd. 1857; Das Wiedererwachendes cv. Lebens in der luth. Kirche Bayerns, ebd. 1867; Prakt. Auslegung des Brieses Pauli an dieKolosser, ebd. 1869; Die christl.Dogmengesch., ebd. 1874—76, 2 Bde. Er war auch 1847—58 Mitherausgeber der Zeüschrift für Protestantismus u. Kirche, i) Heppe. St. Thomasorden, s. u. Johannisorden 2). Thompson, Thomas Perronet, geb. 1783 in Hüll; studirte in Cambridge u. trat dann in die engl. Armee, diente mit Auszeichnung in SAmerika, Spanien u. Indien, kehrte 1821 nach England zurück u. stieg bis 1859 zum General auf. Er starb 6. Sept. 1869 in Blackheath. Er war Mitbesitzer der Westminster-Neview, kämpfte bes. gegen Sklaverei, gegen die er sich früher schon praktisch als Gouverneur von Sierra Leona durch energische Maßregeln bethätigt halte. Er wurde auch dreimal ms Parlament gewählt. Thompsonville, Stadt im Hartford County des nordamerik. Unionsst.Connecticut, am Connecticut, Eisenbahnstation; Fabrikation von Baumwollen-, Wollen- u. Monsselinwaaren; über 6000 Ew. Thomson, Christian Jürgensen, dän. Ar- chäolog, geb. 29.Dec.l788 inKopenhagen; beschäftigte sich neben der Führung des vom Vater vererbten Handelsgeschäftes mit Numismatik, Antiquitäten ».Kunstgeschichte u. lenkte durch seine Sammlungen darin die Aufmerksamkeit auf sich, so daß ihm dieVerwaltung des neuerrichteten altnordischen Museums übertragen wurde; 1832 ward er Inspektor der Münz- u. Medaillensammlung, 1839 der königl. Gemäldesammlung, 1842 Director der erstgenannten Sammlung, 1847 des ethnograph. Museums, das nach seinen Angaben errichtet ward, u. 1861 Direktor sämmtlicher Sammlungen. T. unterschied zuerst Stein-, Bronze- u. Eisenzeitalter u. hat der nordischen Alterthumsforschung erst eigentlich Bahn gebrochen. Er st. 21. Mai 1865. Lagai. Thomson, 1) James, schottischer Dichter und Gelehrter, geb. 11. Septbr. 1700 zu Ednam (schott. Grafschaft Roxburgh) studirte in Edinburg Theologie u. wurde dann Hofmeister in London, wo er 1726 seine dichterische Laufbahn mit dem beschreibenden Gedicht: Der Winter, begann; 1731 begleitete er einen Sohn des Lordkanzlcrs Talbot ans seinen Reisen durch Frankreich, Schweiz u. Italien u. erhielt erst durch Talbots Verwendung eine einträgliche Pfründe, dann vom Prinzen Friedrich von Wales eine Pension von 100 Pfd. Sterl. u. zuletzt die Sinecure als Oberaufseher über die Antillen, st. aber bald darauf 27. Aug. 1748 in der Nähe von Rich- mond bei London u. erhielt in der Westminster-Abtei ein Denkmal. T. besaß eine kräftige und fruchtbare Phantasie und bereicherte die Dichtkunst mit vielen s neuen u. originellen Bildern. Er schr. das berühmte. Gedicht Mw Leasona, 1726—1730 u.ö. (deutsch: Die ^ ! — Thomson. Jahreszeiten, von L. Schubart, Berl. 1789, 3. A. 1805; von Rosenzweig, Hamb. 1825; von Bruckbräu, Münch. 1828; n. A. 1836; der am Schluß befindliche Hymnus von K. L. von Knebel, Jena 1824); Likwrtzc(ein LidaktischesGedicht); Mw Oastlo ok Inäoloneo (eine Allegorie); 5 Trauerspiele (darunter Loplwuwlw und Panersst anst Li^iomnusta, deutsch von I. H. Schlegel) u. mit Maltet das Maskenspiel Alfred, dessen Schlußchor das berühmte, zum britischen Volkslied gewordene Luls Lritannia ist. Werke: Lond. 1730; Edinb. 1768, 4 Bde., und 1788, 2 Bde.; Lebensbeschreibung von Murdoch, Lond. 1803, 3 Bde. 2) Thomas, engl. Chemikern. Physiker, geb. 12. April 1773 in Perthshire; wurde 1799 in Edinburg Or.irwst., hielt daselbst 1801—II chemische Vorlesungen / lebte dann einige Jahre in London, wurde 1817 Professor der Chemie in Glasgow bis 1841, wo er sich in den Ruhestand znrück- zog. Er st. inArgyleshire 2.JuliI852. SeinLMom ok olwmwtr^, 4 Bde., erlebte zahlreiche Auflagen u. wurde ins Deutsche (von F.Wolfs, 5Bde., Berl. 1805—11) u. Franz, übersetzt. Er schr. noch: Lls- nwnts ok olwmiotr/, Edinb. 1810; List, ok tlw ko^. Looiot/ ok Lonston, Lond. 1812; Mavols in Luwston 1812, ebd. 1813; Lirst prliwiplo8 ok olro- mwtrg' dz: oxporimenta, 2 Bde., ebd. 1825; Roat snä olsotrieit/, Edinb. 1829, Lond. 1830; Mistor)- ok elwmistr), 2 Bde., ebd. 1830—31; NirwraloM allst Zoolog, 2 Bde.. ebd. 1836; Llwmistr^ ok or- ^auiobostws anä veAstablos, ebd. 1838. Nach ihm benannte Brooke Len Thomsonit. 3) William, engl. Gelehrter ».Erzbischof von Dort, geb. ll.Febr. 1819 zu Whitehaven (Grafschaft Cumberland), studirte im tzuesiw OolleM der Universität Oxford, ward 1843 znm Priester geweihet u. war nach einander Pfarrer zu Guildsord u. Cuddesden. Bereits 1848 gehörte er zu den auserwähltcn Predigern, die alljährlich vom Senat der Universität Oxford berufen werden, daselbst zu predigen u. 1853 erhielt er den ehrenvollen Auftrag ain gleichen Orte die unter dem Namen Lampion Iwoturos bekannten Fastenpredigten zu halten. Diese Iwoturos, welche unter dem Titel: Plw atolliox rvorlc ok Olrrist, viorvvä in relativ» to sonw eurront tlrsorios, erschienen, zogen die Aufmerksamkeit auch weiterer Kreise auf ihn. 1855 erhielt er die wichtige und einträgliche Pfarre von All Souls in dem Londoner Stadttheile Marylebone; 1858 sah ihn auf der Kanzel der Juristeninnuug Liaoollls In», welchen Posten er bis zu seiner Erhebung aus den Bischofsstuhl versah. Die Königin machte T. 1859 zu ihrem Hofkaplan u. verlieh ihm im Dec. 1861 den Bischofssitz von Gloncester u. Bristol. Als engl. Kirchenfürst trat er in seiner Schrift ^.ists to Laitlr, ^ Loris ok tlwologioal ossa^s, 1862, als einer der heftigsten Gegner und Kritiker der bekannten rationalistischen Oxforder Essays aus und 1863 bestieg er als Primas von England den Erzbischosstnhl von Jork. T., der Mitglied derLoz-al - Looiot)' u. der 6oo§raxluoal Loeist/ und anderer gelehrten Gesellschaften ist, war früher Examinator in den philosophischen Fächern bei der Looistx ok ^.rts und fungirte mehrere Jahre als Mitglied der ^ theologischen Examinationscommission an der Universität Oxford. Von seinen Schriften sind noch zu . erwähnen: Liks in tlw liAlit ok Ooäs cvorst, Lond. ! 1870, 2. A., u. Ontlills ok tlw rwsWsarz- laws ok !! !j k >! tiionM, ebd. 1868, S. A. 4) Sir William, einer der ersten engl. Physiker der Jetztzeit, geb. imJnni 1824 zu Belfast in Irland, als Sohn des Professors der Mathematik JamesT., besuchte die Universitäten Glasgow n. Cambridge, wurde Lehrer (lssllocv) am kstsrskouss OollsAv in Cambridge u. im Jahre 1846 Professor der Physik in Glasgow, wo er noch jetzt (1879) lehrt. 1866 wurde er in den Ritterstand erhoben, u. nach Legung des atlantischen Kabels, um welche er sich große Verdienste erworben, ertheilte ihm die Stadt Glasgow das Bürgerrecht. T-s wissenschaftliche Thätigkeit bezog sich hauptsächlich auf Wärme, Magnetismus u. Elektricität. Seine zahlreichen, znm Thcil in Gemeinschaft mitJamesPres- cott Joule ausgeführten Untersuchungen sind niedergelegt in dem von ihm in den Jahren 1846—53 redigirten OnrnbrläFs aml Dublin Lltttbsinabioal Journal, den ?bilosopbios.l Lla^ins, den ?liilc>- soxlaioal Mansaotions ok Donfion Rv/nl 8oelstzc, den Dransaetlons ob tlre lioz-al Looistx in lücliu- buislr u. in seinem Werke über die mechanische Wärmetheorie (Ovaamionl Dlrsorz- ob llsat). Namentlich epochemachend war seine Abhandlung On a Universal Lsncisne^ ln Nabura, to Dissipabion ob UnerM (l?roo. R. 8 . U. 1852), in welcher er die mechanische Wärmethcorie auf das Weltganze anwendete u. das nach ihm benannte Princip der Zerstreuung (Dissipation) der Energie ausgestellte. Seit 1867 gibt T. in Gemeinschaft mit Professor P. G. Tait ein Handbuch der theoretischen Physik (Lroa- tiss on Natural klnlosoplrx) heraus, von welchem auch eine vonHelmholtzu. Wertheimbesorgtedentsche Übersetzung erschienen ist. Mannigfache Anfeindung aber auch vielfache Zustimmung hat die von T. in jüngster Zeit über die Constitution der Materie anf- gestellte Hypothese der Wirbelatome gesunden, nach welcher das, was wir Materie nennen, die rotirende Theile eines den ganzen Raum erfüllenden Mediums sind. T. ist ferner der Erfinder eines sehr empfindlichen tragbaren Elektrometers u. verschiedener für die unterseeische Telegraphie sehr wichtiger Apparate, wie des Spicgelgalvanometers u. des Siphonrecorders. Seit 1876 ist er mit der Vervollkommnung einer Maschine znm Messen der Ebbe u. Fluth beschäftigt. U S) Bartling. S) r. Thon (Pelit) nennt man in trockenem Zustande erdige, milde u. zerreibliche, an der Zunge klebende, im feuchten Zustande plastische Masse von weißer, grauer, gelblich-grünlicher, brauner oder blauer Farbe. Die T-e sind aus der Zersetzung feldspath- reicher Gesteine und Zusammenschwemmnng dieser Zersetzungsproducte entstanden; sie bestehen daher der Hauptsache nach ans wasserhaltigen T-erdesili- caten mit Beimengung geriugerMengen von Kalk-, Magnesia-- u. Eisencarbonaten. Der T. umschließt nicht selten Krystalle von Schwefelkies, Strahlkies u. Gips, sowie Concretionen von Sphärosiderit, T- eisensiein u. Kalkmcrgel u. Thier- u. Pflanzeureste. Durch Druck u. im Laufe der Zeit erhärten sich die T-e zu Schieser-T-en. Man unterscheidet a.) Töpfer- T. (Pseifen-T.) reinste Varietät, hat weiße od. hellgraublaue Farbe, ist sehr Plastisch u. brennt sich roth, er dient zur Darstellung von Steingut, T-Pfeifen; Porzellankapseln, zuweilen sogar von Porzellan; b) eisenschüssiger u. glimmerreicher T., enthält viel Eisenoxyd u. ist deshalb gelb oder rothbrann gefärbt oder hat vielGlimmcrblättchen beigemengt; v) bituminöser T., hat Lunkelgraue bis schwarze Farbe, welche beim Glühen lichter wird; er ist von Bitumen durchdrungen; ä) Salz-T., ein bituminöser T , welcher mit Kochsalz imprägnirt ist u. sich als Begleiter von Steiusalzlagerstatten findet; s) Alaun-T., bituminöser, mit Schwefelkiestheilchen imprägnirter T.; k) Septarien-T., ein an kalkig-thonigen u. mergeligen Nieren reicher T-; §) Basalt-T. (Wacken°T.), ist einZersetzungsproductdesBasaltes; lr) Walkerde (lsullsrsoarblr), thonähnliche, etwas fettige, im Striche glänzende, nicht plastische Masse von gelblich-grüner bis olivengrnner Farbe, welche stets et- was Magnesia enthält und aus der Zersetzung von Diabasen u. Gabbro hervorgeht. Die T-e finden sich namentlich in den jüngeren Formationen vom Jura an und werden nach ihrer Führung fossilerNeste alsAmaltheen-T-e, Ornaten- T-e rc. oder nach ihrer Stellung im Schichtensystem als Wealdeen-T-, Hils-T. rc. benannt. Die T-e, welche beimVermischen mitWasser eine sehr plastische Masse geben, heißen fette, welche eine weniger plastische Masse liefern, magere T-e; beim Trocknen behält diese Masse ihren Zusammenhang, schwindet aber, beim Brennen erhärtet sie bedeutend n. kann dann nicht mehr im Wasser aufgeweicht werden. Hieraus beruht die Anwendung des T-s zur Fabrikation von Porzellan, Töpferwaaren, Ziegeln rc. Die fetten T-e trocknen langsam u. schwinden beim Trocknen u. Brennen sehr stark, verziehen sich und reißen dabei leicht; die mageren trocknen schneller u. schwinden wenig. Im Ofenfener verhalten sich die T-e verschieden je nach ihren Gemengtheilen; sind sie frei von Eisenoxyd u. kohlensanrem Kalk, oder enthalten sie viel beigemengten Sand, jo schmelzen sie auch bei dem stärksten Brennen nicht, sondern sintern nur zusammen: an Alkali od. alkalischen Erden reiche T-e schmelzen in derOfenhitze und geben eine glasartige Masse. Mau kann den T. leicht flüssig machen durch Zusatz von Alkali, alkalischen Erden, Gips, Knochenasche, Eisenoxyd oder feldspathhaltigen Mineralien und bedient sich bes. bei der Glasirnug dsr T-waaren solcherZusatze (Flußmittel). Der plastische T. findet sich in mächtigenAblagerungeu in derTer- tiärformation (s. d.) in England (London-T.), bei Paris, in der Wetterau u. bes. in der Braunkohlenformation von Mitteldeutschland, Rheinprenßen, Hessen u. Böhmen; auch in manchen jüngeren Ablagerungen kommt er vor. Er findet sehr vielfache Anwendung,„so zur Fabrikation von Töpferwaaren, Steinzeug, Öfen Tiegeln, Tabakspfeifen, Drainir- u. Wasserleitungsröhren, Trögen, Backsteinen, Ziegeln, architektonischen Ornamenten rc. Ist der T. sehr reich an Sand u. Glimmerblättchen und durch viel Eisenoxydhydrat gelb gefärbt, so heißt er Lehm. Manche Pelite bestehen aus reinem, außerordentlich feinem Quarzstaub (Quarzpelit, Lößsand); dieselben sind nicht Plastisch, zerfallen in Wasser, färben mehlartig ab u. bilden senkrechte Abstürze. Haben dieselben einen Kalkgehalt, führen Kalkccncretionen (Lößkindel, Lößmännchen) und Laudschnecken, sowie Säugethierrcste, so nennt man sie Löß (s. d. Art.). Durch vulkanische Eruptionen gefritteter T. ist zu einer muschelig brechenden, fettglänzenden Masse umgewandelt, welche als Porzellan- u. Basaltjaspis bezeichnet wird. Lehmann. 344 Thoneisenstein — Thonschicfer. Thoneisenstein, ein Gemenge von Thon mit kohlensaurem Eisenoxydul, Eisenoxyd od. Eisenoxydhy. drat;man unterscheidet nach den Eisenverbindungen, welche in dem T. Vorkommen, verschiedene Varietäten, welche aber in einander übergehen u. nicht immer von einander getrennt werden können, a) Th o- niger Sphärosiderit, Thon mit kohleusanrem Eisenoxyd»!, ist dicht, nierensörmig od. plattenförmig, Bruch flachmnschelig u. eben, hart u. fest, gelblich- grau, aschgrau, undurchsichtig, matt, spec. Gew. 3 bis 3,5, findet sich thcils in Nieren, theils in Lagern od. einzelnenSchichten in der Steinkohlen- u. Brann- kohlenformation, in der Pfalz, im Rheingan, bei Zwickau, Manebach in Thüringen, b) Roth er T., Thon mit Eisenoxyd innig gemischt, dicht, oolithisch, erdig, im Bruch erdig u. matt, roth oder rothbrann gefärbt; findet sich mit dem vorigen zusammen, am häufigsten aber in der Juraformation Englands u. Frankreichs, auch in Württemberg u. Böhmen; ein feinerdiges Gemenge von T. mit Eisenoxyd ist der Röthel. o) Brauner T-, Thon mit Eisenoxydhydrat, ist dicht, im Bruch erdig n. matt, braun, gelblichbraun, ockergelb; findet sich in Lagern von geringer Mächtigkeit mit den vorigen zusammen; zu ihm gehört auch das Bohnerz und der Rasencisenstein. Der T. liefert ein gutes Material zur Gewinnung des Eisens. Thonerde (Alaunerde), so v.w. Aluminiumoxyd. Thonerdehydrat, s. Alnmiuiumoxydhydrat. Thonerdenatron, Natriumaluminat; s. Alu- minate. Thonerdesalze, so v. w. Alnminiumsalze. Thöncs , Stadt im Arrond. Annecy des sranz. Dep. Haute-Savoie, am Zusammenfluß des Nom u. des Fier; College, Kleines Seminar, Uhrmacherschule, Fabrikation von Seilerwaaren, Leder, Pelzwerk , Baumwollenzengen u. Kirschgeist, zahlreiche Sägewerke; Holzhandel; 1876: 1059 Einw. (Gemeinde 2777.) Thongallen, flach linsenförmige oder rundliche Nester von Thon von gelber bis rothbrauner oder grüner Farbe, welche namentlich in den Sandsteinen der Buutsandsteinformation Vorkommen. Thonglimmerschiefer (Urthonschiefer, Phyl« lit), feinschicferiges Gestein von meist dunkelgrüner, grünlicher od. schwarzblauer Farbe, auf den Spalt- uugsflächen seidenglänzend; besteht aus mikroskopisch kleinen Glimmer-, Chlorit-, Quarz- u. Feldspath- partikelchen u. geht häufig in Glimmerschiefer über. Mancher T. führt Turmalin, Schüppchen von Eisenoxyd , Granat u. a. Mineralien. Chiastolithschiefer führt zahlreiche säulenförmige Chiastolithkrystalle (Bretagne, Pyrenäen, sächsisches Voigtland); Stan- rolithschiefer mit Stanrolithkrystallen (Pyrenäen, Tenessce, sächsisches Mittelgebirge); Ottrelitschiefer mit kleinen sechsseitigen, grünlichen Ottrelitblättchen (Ardennen, Bayern, Massachusetts). Zuweilen stellen sich eigenthllmliche, ihrer Natur nach nicht immer bekannte Concretionen ein, welche hirsekorngroße Knötchen(Knotenschiefer),getreidekornähnlichePunktc (Arnchtschiefer), büschelige Aggregate (Garbenschie- ser) oder unbestimmt begrenzte Flecke (Fleckschiefer) bilden. Lehmann. Thonissen, Georg Franz, belgischer Rechtslehrer u. Schriftsteller, geb. 1817 zu Hasselt; nachdem er mehrere Jahre als Advocat gearbeitet und einige Ämter bekleidet hatte, ward er 1847 Professor des Strafrechtes u. der Nationalökonomie an der Universität zu Löwen. Schriften: Ls sosirlisws st sss promsssss, 1850, 2 Bde.; Ls soeialisms äans Is passe, 1851, 4 Bde.; Ls sooialisms äspnis 1'antignits, 1852, 2 Bde.; Orruoipss ck'soonomis politigns, 1854; ILst. cks Leopold I. st cks la 8sl- Kigns sons son rs§ns, 1857 f.; Os la xrsbsnckue uessssits cks la pslns cks inort, 1864; Ötncks snr I'Irrstoirs än ckroit sriminsl ckss xsnxlss ansisns, Thonmergel, s. u. Mergel. (1869. Thonon, Stadt u. Hauptort in dem 6 Cantone und 71 Gemeinden mit 63,472 Ew. umfassenden, gleichnam. Arrond. des franz. Dep. Haute-Savoie, am Genfer See, Station der Paris-Lyon-Mittelmeerbahn; Gerichtshof erster Instanz, Communal- College, Hengstedepot, Gerberei, Baumwollenspinnerei, Töpferei, Hafen, Handel, namentlich mit Käse, Gipsbrüche; 1876: 3953 Ew. (Gem. 5501). Da- bei das alte SchloßRipaille (von Voltaire besungen). T. war ehemals die Hauptstadt des Chablais und Haupt- u. Residenzstadt der Grafen u. Herzoge von Savoyen. Das Residenzschloß derselben wurde 1536 von den Schweizern theilweise zerstört. H- Berus. Thonpfeifen. Die bekannten weißen oder bemalten T. werden gegenwärtig fast ausschließlich in der Umgegend von Koblenz hergestellt. Man nimmt dazu möglichst reinen weißen Lyon, rollt ein Stück davon ans einem Brette mittels eines zweiten (Roller), so daß eine an einem Ende sehr dicke Walze entsteht, durchsticht diese bis ans dicke Ende (den Kopf der Pfeife) mit einem kräftigen, geölten Drahte u. legt sie dann in eine aus zwei Hälften bestehende, geölte MessiMorin u. gibt ihr durch Pressen mittels Zusammenschrauben die richtige Gestalt. Durch Eindrücken eines Körpers von der Form der Höhlung des Kopfes stellt man nun auch diese her, hebt dann die Pfeife aus der Form, glättet sie mit einer glatten Glas-od. Achatstange, trocknet u. brennt sie dann bei reducirender Flamme meist in länglichen Thonkapseln. Um dem Mundstücke die Porosität u. das Ankleben an die Lippen zu nehmen, wird es noch mit Wachs n. Leimwasser getränkt. Junzck. Thonschiefer, ein schieferiges, hartes Thonge- stcin von meist grauer od. schwarzer Farbe, zuweilen durch Eisenoxyd gelb, grün, roth gefärbt; auf dem Bruche matt, homogen, gewöhnlich mit Schwefel- kieskrystallen und Concretionen, Quarzschuüren und Knauern, Kalksteinknollen und organischen Resten. Neben seinem klastischen Material betheiligen sich an der Zusammensetzung der T. zuweilen sogar in überwiegender Weise gelblichbraune Nüdelchen, wahrscheinlich von Hornblende, grünliche oder gelbliche Glimmertäfelchen, rundliche Quarzkörnchen, also auch krystallinische Elemente. Mau unterscheidet a) Dachschiefer (Tafelschiefer), sehr dünuschieferig, bläulich- bis schwärzlichgrau, auf den Spaltungsflächen seidenglänzend; wird zum Belegen der Dächer benutzt; bei Goarshausen, Kaub in Nassau, Goslar, Lautenthal u. Blankenburg am Harz, Sonneberg, Lehesten, Gräfenthal in Thüringen, im Egerer Kreise in Böhmen, Angers in Frankreich rc. b) Griffelschiefer, feinerdige Massen mit stengeliger Absonderung, zuweilen Lager im Dachschiefer bildend; bei Steinach in Thüringen; zu Schieferstisien benutzt, v) Wetzschiefer, mit Kieselerde gemengt, daher sehr ! l » 1 345 Thonstein hart u. zu Wetzsteinen anwendbar, hellgrau, grünlichgrau, lichtgelb; kommt meist nur in dünnen Lagen zwischen anderen Varietäten des T-s vor; Ottrez n. Bihain in den Ardennen, ck) Zeichnenschiefer (Kohlenschiefer), schwarzer, feinerdiger T. mit feinen Graphittheilchen innig gemengt, färbt ab n. wird daher zum Zeichnen (Schwarze Kreide) benutzt; bei Reichmannsdorf in Sachsen, Haselbach in Thüringen, Hüttenrode am Harz, s) Alaunschie- fer, graulichschwarzer oder schwarzer T., auf den Spaltungsflächen anthracitartiger Überzug, enthält Eisenkies eingesprengt, welcher bei der Verwitterung Veranlassung zur Bildung von Mann gibt; daher zur Alaunfabrikation benutzt. Bildet Lagen im T.; bei Saalseld, Gräfenthal u. Sonneberg in Thüringen, Reichenbach in Sachsen, Lauthenthal am Harz, Christiania in Norwegen, Insel Bornholm rc. k) Grauwackenschiefer u. dichte Grauwacke (s. d.), ein sehr feinkörnige bis dichte, schieferige zum Theil glimmerreiche, zum Theil völlig thonschieferartige Varietät der Grauwacke. Lehm-mn. Thonstein (Porphyrtufs), dichtes, im Bruche erdiges, zum Theil löcherig-zelliges buntes Gestein; umschließt nicht selten krystallinische Qnarzkörner, Feldspathkrystalle oder Glimmerblättchen, zuweilen auch Brocken von Porphyr u. Pflanzen, bes. verkie- selte Baumstämme. Der T. ist zum Theil sehr deutlich geschichtet u. steht häufig mit Porphyren in Verbindung u. ist seiner Entstehung nach Porphyrtuff. Tritt namentlich in der Rothliegendcn Formation auf u. bildet in Sachsen den Rochlitzer Berg u. den Zcisigwald bei Chemnitz. Lehmann. Thonsteinporphyr, s. Porphyr. Thontvaaren, allerlei Gegenstände, welche aus Thon verfertigt werden; sie unterscheiden sich außer nach Form, äußerer Verzierung u. Bestimmung bes. nach der Beschaffenheit, Reinigung u. Verarbeitung des zu ihnen verwendeten Thons, nach Glasur und Brennhitze. Sie lassen sich eintheilen in L) T., welche bei relativ mäßiger Hitze gebrannt, daher nicht zusammengesintert, sondern porös u. meist nicht sehr hart sind, Bruch matt und rauh, oft an der Zunge klebend; dazu gehören: n) die gewöhnlichen Mauer-, Dach- u. Pflasterziegel, meist ans Lehm, roth oder gelb von Farbe, ohne Glasur; d) die feuerfesten Mauersteine (Chamottesteine), aus feuerfestem Thon mit Zusatz vonChamotte od. Cement; sie sind meist scharf gebrannt, aber porös weiß od. gelblich; e) die gemeine Töpferwaare; ä) Terracotta (s. d.), Sidero- lithwaaren (s. d.) rc., aus gereinigtem, oft verschieden gefärbtem Thon; s) Schmelztiegel (s. d.); k) die holländischen Tabakspfeifen (s. Thonpfeifen); ^ordinäre und seine Fayence (s. d.). 8) T., welche durch starkes Brennen znsammengesintert, sehr hart und glasähnlich dicht sind; geben am Stahl Funken, klingen stark, werden von der Feile nicht oder fast nicht angegriffen; Bruch glatt u. schwach glänzend, nicht an der Zunge klebend; hierher gehören: a) die Klinker (s. d. 2); b) ordinäres Steingut (Steinzeug); o) feines Steingut (Wedgwood); ä) Porzellan (s. d.). Über die Fabrikation u. Geschichte der T. s. Töpfergeschirr u. Töpferkunst. Jmigck. Thor, die T-e der Festungen nach bastionir- tem System liegen in der Conrtine, als dem am meisten gesicherten Theile des Walles; beimtenaillir- ten System in der Mitte einer der Facen des ans- — Thor. springenden Winkels, das Haupt-T. gewöhnlich überwölbt. Zu ihrem Verschluß dienen bei L-passagen für Fußgänger einflügelige, bei solchen für Fuhrwerk zweiflügelige eiserne Kriegs-T-e. Vor denselben liegt eine Zugbrücke n. vor dieser ein eiserner Gitterabschluß. Die T-e des Hauptwalles wurden sonst nicht gerade, sondern bogenförmig durch denselben geführt, damit der Feind nicht durch das T. in die Stadt schießen sollte. Jetzt baut man sie oft gerade. Durch die Facen des Ravelins führt meist ein gerader, nicht überwölbter Ausgang, oder der Weg wird so geführt, daß er dicht am Rande des Hauptwalles hinter dem Ravelin weg führt u. nur durch ein starkes Gitter-T. geschlossen wird. Das letzte T. der Außenwerke, wo der Weg mittels eines Durchschnitts durch das Glacis die Festung verläßt, heißt äußeres T., im Gegensatz zu dem inneren T. durch den Hauptwall. In detachirten Forts liegt das T. in dem Kehlwall. Die Passage führt durch den Kehlwaffenplatz über eine Brücke oder einen Damm in die T poterne u. durch diese in den Hof des Werkes. l- Thor (nord. Mythol.), der Sohn des Himmelsgottes Odin u. der Erdgöttin Jörd, die auch die Beinamen Hlödyn und Fjörgyn führt. Seine Ge- mahlin ist die goldhaarige Sif, die Göttin der Getreidefelder, die ihm einen Sohn znbrachte, den trefflichen Bogenschützen u. Schlittschuhläufer Uller, u. ihm eine Tochter Namens Thrnd gebar; außerdem hat er mit dem Riesenweibe Jarnsaxa noch zwei Söhne, Modi u. Mag»!, die ihn in der Götterdämmerung überleben. Er bewohnt den größten Palast der Welt, der 540 Hallen hat, Bilskirnir heißt u. in Thrüdheim (Kraftwelt) liegt. Sein Name (hochd. Donar, altsächs. Thunar) ist eine Personification des Donners, denn als Gott des Himmels n. der Erde wurde er der Gott des zwischen beiden sich befindenden Luftkreises, in welchem sich deren Kräfte mit einander verbinden u. deren gewaltigste Erscheinung der Donner ist. Im Allgemeinen gefaßt, ist er der eigentliche Gott der Cultur, sowol der physischen als der sittlichen, indem er nicht nur durch die segensreiche Wirkung des Gewitters die Erde fruchtbar macht, sondern auch den Landban u. das darauf be- ruhende u. ihn fördernde friedliche, sittliche Volks- u. Familienleben begründet u. beschützt. In ihm haben unsere Altvordern ein Wesen entfaltet, das im ganzen Alterthnm nirgends seines Gleichen hat. Er wird dargcstellt als ein schöner, schlanker, rothbärti- ger Jüngling mit feucrflammenden Augen, fahrend auf einein mit zwei Böcken, Tanngnjöstr (Zahnkni- sterer) n. Tanngrisnir (Zahnknirscher), bespannten Wagen u. angethan mit drei fruchtbaren Kleinoden: dem Donnerhammer Mjölnir (Zermalmet), der so oft er geschleudert wird, wieder in seine Hand von selbst znrückkehrt, dem Gürtel Megingjardr (Stärkegürtel), der seine Asenkraft verdoppelt u. den Eisenhandschuhen, mit denen er den Hammer schlendert. Nimmt er seinen Weg durch die Wolken, so naht ein gewaltiges Unwetter; das Rasseln des Wagens kündigt das ferne, dumpfe Rollen des Donners an, bläßt er in seinen Bart, so Hallen krachende Donnerschläge durch die Wolken, u. schleudert er seinen Hammer, so durchzuckt sie der Blitzstrahl mit keilförmigen Steinen. Er liegt in beständigem Kampf mit den Riesen, den den Menschen u. Göttern feindlichen Na- 316 Thor, Le — Thorbecke. turmächten (vergl.die Art. Götterdämmerung, Geir- raudr, Hrungnir, Utgardaloki), sein Hammer weiht die Ehe, der Wurf desselben begrenzt das Eigenthum; unter seinem Schutze stehen die Gerichte u. als Kriegs gott siihrt er sein Volk zum Siege. In der Götter, dämmernng (s. d.) erlegt er die Midgardsschlange, Mt jedoch durch deren Gifthanch. Bei solchem Walten galt er als der mächtigste und wohlthätigste der Äsen nach Odin, man gab ihm den Beinamen Atli (mitlelhochd. Etzel) d. h. Väterchen; seine Verehrung war allgemein, in Norwegen u. aus Island war er Landesgott n. in den Tempeln erhob sich seine Billüäule mit allen seinen Attributen in lebensvoller Weise. Tacitus vergleicht ihn mit Hercules, spätere Schriftsteller richtiger mit Jupiter, wie denn auch der fünfte Wochentag bei den Römern äiss lluvis, bei Len Germanen Donnerstag, Thorstag genannt wurde. Das Christenthnm setzte den Apostel Petrus an seine Stelle. Geheiligt war ihm vorzugsweise die Eiche, der Bock, Las'Rothkehlchen u. a. Pflanzen u. Thiere. Vgl. Uhland, Der Mythus vom T., Stuttg. 1836. ' Ralimaim. Thor, Le, Stadt im Arrond. Avignon des franz. Dep. Vaucluse, in einem äußerst fruchtbaren Gebiet an einem Arme der Sorgnes, Station der Paris- Lyon-Mittelmeerbahn; sehenswerthe Kirche, Fabrikation von Krapp, Seidenspinnerei, Papierfabrikation, Gipsbrennerei; 1876:1667 Ew. (Gem.3439). Thorall (hebr.), Lehre, d. i. das mosaische Ge- setz u. dann so v. w. der dasselbe enthaltende Pentateuch. Sefer-T., Buch des Gesetzes, die Gesctz- rolle von Pergament, von eigenen Schreibern (Se- ferun) geschrieben, die zur Vorlesung in der Synagoge bestimmt ist. Thoraklon (gr. Ant.), 1) kleiner Harnisch; 2) Brustwehr an Mauern u. Thiirmen; 3) Schutzdach für die, welche bei dem Stnrmbock die feindlichen Geschosse beobachteten; 4) ein von der Mauer einer belagerten Stadt herabgelassenes.Schutzwerk für die, welche die feindlichen Maschinen verbrennen sollten; 5) eine thnrmartige Erhöhung od. auch eine eigene Art Mastkorb, von wo aus die Scesoldaten Pfeile schossen u. Lanzen warfen. Thorakocentesrs (v. Gr.) Bruststich, Eröffnung derPleurahöhle zur Entleerung derselben von krankhaft sich vorfindender Luft oder Flüssigkeit. Man führt sie aus Lurch Stich (Pnnction) od. Schnitt u. bedient sich dementsprechend des Troicarts od. Messers. Angezeigt ist die Operation, 1) wenn bei Verletzungen der Lunge» durch das Eindringen von Blut od. Luft in die Brnstfellhöhle od. wenn bei massenhaftem, serösem plenritischem Exsudat die Lunge derart comprimirt wird, daß wegen der ungenügenden Athmung Ersticknngsgefahr droht; 2) wenn bei seröser Pleuritis nach Anfhören der Entzllndnngser- schcinungen der Erguß nicht durch sonstige Mittel beseitigt werden kann; 3) überhaupt bei eitriger Pleuritis, dem sog. Empyem. Bei letzterem, dem Empyem, ist der Brustschnitt der Pnnction vorzn-! ziehen, da nur dadurch u. durch Ofsenhalten der er-! zeugten Wunde eine dauernde Entleerungdes Eiters ^ möglich ist; während man in den übrigen Fällen nach Entleerung des Inhalts mittels der Pnnction, die unterLuftabschlnß anSznführen ist, eine sofortige Verheilung der Stichwunde erzielen will. Der Stich od. Schnitt wird in den unteren Jntercostalräumeu 'an der seitlichen od. Hinteren Brustgegend ausgeführt. Beim Empyem ist man häufig genöthigt.um zu verhüten, Laß die Jncisionswunde sich vor völligem Aufhören der Eiterung schließt, der T. die Rcsection einer Rippe folgen zu lassen. Blumberg. Thorakometer, ein von Sibson erfundenes, jedoch sehr unvollkommenes u. deshalb mir wenig gebrauchtes Instrument zur Feststellung des media- neu Durchmessers der Brust. Thorax (gr.), Brust, Brustkasten; bei Gliederfüßlern das Bruststück. Thoraxgegenü sBrnstgegend), Bezeichnung der verschiedenen Theile des Brustkorbes. An der vorderen Brnstwand unterscheidet man, den betreffenden Knochen entsprechend, eine Brustbeingegend (rsgio stornalis) und beiderseits je eine Ober-u. Unter- schliisselbeingegend (ro§ic> supra- u. inkraolavienla- ris); desgleichen an der hinlern Brnstwand eine Zwischenschnlterblattgegend (rsAio intsrseapnlaris) u. je eine Ober- n. Unterschultergrätengegend (rsAio snpra- u. inkraspinata). Die die Achselhöhle bildenden Theile der seitlichen Brnstwand werden als Achselgegend (roxio axillaris) bezeichnet. Im Übrigen richtet sich die topographische Benennung der einzelnen Theile des Thorax nach den entsprechenden Rippen, beziehungsweise deren Zwischenrippenräu- men. Blumberg. Thorbecke, Johann Rudolf, niederländischer Staatsmann, geb. 1796 in Zwolle, studirte seit 1814 Rechtswissenschaften in Leyden u. seit 1829 Philosophie in Deutschland, habilitirte sich 1822 in Gießen, dann in Göltingen; 1824 kehrte er nach Holland zurück, wurde Professor der politischen Wissenschaften an der Universität Gent und zog, durch die Revolution bestimmt, 1830 nach Leyden, wo er in die juristische Facultät ausgenommen wurde. 1849 in die Erste Kammer getreten, übergab er einen Entwurf zur Reformirung der Verfassung, welcher damals jedoch abgelehnt, erst 1848 im März einer Commission unter T-s Vorsitz zur Prüfung vorgelegt n. auch angenommen wurde. Im Octbr. 1849 beauftragte der König Wilhelm III. T. mit Bildung eines neuen Ministeriums, in welchem er das Departement des Innern übernahm, jedoch durch sein schroffes Auftreten gegen den König, die Zulassung katholischer Bisthllmer, vielfach durch seinen Eifer für die Verfassung kam er mit König und Volk in Conflict, den seine Gegner zn seinem Sturze benutzten. 1853 entlassen, beschränkte er sich auf die Führerschaft der Opposition in der Kammer u. seine Professur in Leyden. Am 30. Jan. 1862 wieder ins Ministerium berufen, veranlaßten ihn Differenzen im Cabinet selbst, daß er bes. wegen der Colonialpolitik O.Febr. 1866 abermals zurücktrat, um, nachdem er Mai 1868 das Cabinet Hock gebildet, ohne selbst in demselben eine Stelle genommen zu haben, anfangs 1871 wieder an die Spitze des Ministeriums zu treten. Da er aber weder mit der Reform des Heerwesens, noch mit Einführung der Einkommensteuer dnrchorang, nahm er Mai 1872 seine Ent- lassung, führte aber noch bis zn seinem Tode, 4. Juni 1872, für das neu zu bildende Cabinet die Geschäfte fort. T.zähltezu den bedeutendsten Staatsmännern der Jetztzeit: die Niederlande aber würdigten seine Verdienste erst durch Errichtung eines Nationaldenkmals. Außer den politischen Schriften: 347 Thorcn - LeäoulrinASll LLllALMäe bst rs§t an äon staub, Amsterd. 1825; 4.anteoLsnnmA op äo gronärvst; Lrosvs van Irsrriisiis Zronärvst u. a. haben wir von ihm: Historisoirs solrstssn, Haag 1860, 2. A. 1872; ^ Briefe aus den Jahren 1830—32, Amsterd. 1873; s Reden gef., ebd. 1867—70, 6 Bde. Vgl. Olivier, ^ kksrinnsrinAsn aan 7., Haag 1872. Lagai. Thoren, Otto von, bedeutender Maler, geb. 1828 in Wien, wandte sich, nachdem er, seit 1846 Offizier, den ungarischen Feldzug mitgemacht, dann in Venedig in Garnison gelegen, 1857 ganz der Malerei zu u. machte seine Studien namentlich in Brüssel. Sein Hauptfach ist das Thierstück, wenn er auch mit dem für Napoleon III. gefertigten Reiterbild des Kaisers von Oesterreich und dem Bilde Gustav Adolfs Tod seine hohe Begabung auch für Las historische Fach bekundet hat. Er lebt seit Mitte ! der 60er Jahre in Wien. Thorenburg (Torda), Stadt u. Hauptort im siebenbürg. Comitate Torda-Aranyos, am Aranyos, besteht aus Alt- u. Neu-T.; unitarisches Gymnasium, wichtiges, schon den Römern bekanntes Salzbergwerk , mehrere Salzteiche mit Badeanstalt, öffentliche Krankenanstalt; 1869: 8803 Ew. Dabei die T-er Kluft, eine lange schmale Spalte zwischen hohen Kalkfelsen, welche wahrscheinlich durch ein ! Erdbeben entstanden ist. Thoresen, Anna Magdalena, geb. Kragh, dänische Dichterin, geb. 1819 zu Fridericia, hatte durch ihre Vermählung mit dem norweg. Pfarrer T. Gelegenheit, das norweg. Banernvolk n. die eigen- ^ thümliche Natur Norwegens, namentlich an der Küste, kennen zu lernen und legte die hier gefaßten Eindrücke in ihren zahlreichen Dichtungen nieder, so in Lillsclsr kra Vsstlr/ston ak iblorAo, Kopenh. 1872; Illz-övs I'oltälimAsr, 1873; lüssdilksäsr, 1877. Lagai. ThorisMUNd, ältester Sohn des Westgothenkönigs Theuderich I., entschied 451 n. Ehr. bei Cha- lons sur Marne den Sieg über die Hunnen u. Ost- gothen u. wurde an der Stelle seines in dieser Schlacht gesallenen Vaters zum König der Westgothen gewählt; er besiegte die Alanen, vom Kampfe gegen die Römer aber stand er ab, als ihm Aetius eine schwere goldene, mit Edelsteinen besetzte Schüssel geschenkt hatte. Wegen seines despotischen Wesens fiel er 453 durch eine Verschwörung, an deren Spitze zwei seiner Brüder, Theuderich u. Fridarich standen, u. zwar Lurch diese selbst. Thorit (u. Orangit), teiragonales, mit Zirkon isomorphes Mineral, meist derb n. eingesprengt, mit muscheligem u. splitterigem Bruch; 1) T., schwarz, stellenweise roth angelausen, Strich dunkelbraun, Glasglanz, undurchsichtig; spec. Gew. 4,4—4„; chem. Zusammensetzung wesentlich (TtrO^-f-8iO^)-I-2acf, findet sich im Syenit der Insel Löwöe bei Brevig l in Norwegen. 2) Orangit, pommeranzengelb, geld- , roth, fettglänzend, durchscheinend bis durchsichtig, zum Theil blätterig, im Bruch muschelig n. splitterig; Härte 4,5; spec. Gew. 5,1»—5,^; chem. Zusammensetzung nach der Formel 2(LIrO^-s-8iO^)-l-3ag; findet sich sehr selten u. zwar am Langesunds-Fjorü bei Brevig. Der T. scheint nur ein Umwandlnngspro- duct des Orangits zu sein. Lehmann. Thorium, ein 1828 von Berzelius im Thorit entdecktes u. bisher nur in einigen sehr seltenen, na- j - Thorn. mcntlich norwegischen Mineralien (Pyrochlor, Orangit, Monazit, Samarskit rc.) nachgewiesenes Metall. Zeichen u. Gewicht des Atoms Mr—231. Es ist ein dunkelgraues Pulver von spec. Gew. 7,g, das in Schwefelsäure u. Salpetersäure sich löst u. an der Lust erhitzt mit starkem Glanze verbrennt. Sein Oxyd, die Thorium erde — IbO» — entsteht beim starken Glühen des Oxalsäuresalzes. Bon den Salzen des T-s ist am bekanntesten das schwefelsaure T. — 111(804)2 — welches man durch Behandlung der T-mineralien mit Schwefelsäure und Anfkochen seiner Lösung erhält; es scheidet sich dabei in weißen, schwerlöslichen Flocken ans; durch heftiges Glühen wird es zersetzt u. geht in T-oxyd über. In seinem chemischen Verhalten schließt sich das T. am meisten dem Aluminium u. Beryllium an. Hetzer. Thorkelin, Grim Johnson, isländ. Gelehrter, geb. 8. Oct. 1752 auf Island, lebte seit 1786 längere Zeit in England, wo er 1788 zu St. Andrews Doctor der Rechte wurde, u. st. als Geheimer Archivar des Königs n. Conferenzrath in Kopenhagen 4. März 1829. Nachdem er sich bereits durch Herausgabe des llns soolssiastionm vstns u. nvvum (für Island), 1777, einen Namen verschafft, ließ er das 6ip1oma.ta.rium 4rna-Na°;nLsannm, Kopenh. 1786, 2 Thle., n. die §ra§inonts ob UnFÜsli anä lriskrkistor/intim 9. ami 10. osntur/, Lond. 1788, folgen, dann die Herausgabe von Rowes Oommsn- tarius äs 4slkrioo, ebd. 1789; Eyrbyggia-Saga, Kopenh. 1787, u. des alten Gesetzbuchs üulatlnn^s 1ö§, ebd. 1817. Lagai. Thorlacius, Skule Thordson, Forscher des nord. Alterthums, geb. 1741 auf Island, starb als emeritirter Rector des Gymnasiums in Kopenhagen 1815; er gab heraus: ^ntignitatamborsalium ok>- ssrvationss misoollansas, Kopenh. 1778—99, 7 Hefte, u. war Mitherausgeber der Heimskringla, 1783; gab die Vorrede zum 1. Bd. der Ausgabe der Saemundischcn Edda, Kopenh. 1787, u. Anmerkungen u. kritische Einleitung mit Bearbeitung des Gedichts Osisli (auf Olaf den Heiligen). Sein Sohn Bürge, geb. 1. Mai 1775, gcst. als Professor der Beredtsamkeit in Kopenhagen 8. Oct. 1829, zeichnete sich als class. Philolog u. nord. Alterthumsforscher aus, wie seine akademischen Schriften kro- Insionss st opnsonla aoaäsmioa, Kopenh. 1806 bis 1819, 5 Bde.,u. die mitWerlaufs besorgteFortsetzung der Herausgabe der Heimskringla, ebd. 1813—26, Bd.4—6 dernorweg.Königssagen,beweisen. Lagai. Thorn, 1) Kreis im preuß. Regbez. Marienwerder, von der Weichsel durchflossen u. von den Linien Schncidemühl-T.-Insterburg und T.-Otloczyn der Preuß. Ostbahn, sowie von der Linie Posen-T. der Oberschles. Eisenbahn durchschnitten; 1134,^ HZKm (20,s (IIM/ mit (1875) 74,387 Ew. 2) Kreisstadt und Festung erster Ordnung darin, rechts an der Weichsel, über die eine prächtige, 1878 eröffnete, mit Statuen von Hochmeistern des deutschen Ritterordens geschmückte Eisenbahnbrücke führt, die auch dem gewöhnlichen Verkehr dient; die beiden hölzernen Brücken wurden durch den Eisgang 1879 zum großen Theil zerstört. T. ist Station der oben genannten Eisenbahnen, besteht aus der alten u. neuen Stadt hat Land- u. Amtsgericht, Hauptzollamt, Reichs- banklk?benstelle, Handelskammer, großes Schloß (1260 erbaut, 1454 durch die Bürger zerstört, noch 348 Thornbury — Thornhill. wohl erhalten der vorgebaute Danzk, zu dem zwei Schwibbogen führen), 5 Kirchen (darunter die Marienkirche mit einem guten Holzschnitzwerk ans dem 14. Jahrhundert, und die Johanniskirche mit dem Epitaphium u. der marmornen Statue fl 874) des Copernicus), Synagoge, Gymnasium, Realschule I. Ordn. (mit dem Gymnasium verbunden), höhere Töchterschule, städt.Mnseum, meteorologische Station (55 in), schönes Rathhans ans dem 14. u. 16. Jahrh., vor dem seit 1853 eine kolossale Bronzestatue des Copernicus (von Ticck) steht, merkwürdiger schiefer Thurm, der über 15 in hoch ist u. mehr als 1,5 in überhängt (gehört zur alten, von dem deutschen Orden erbauten Ringmauer der Stadt), Katzenschwanz (ein stattlicher Besestignngsthurm), Militärlazareth, Copernicus-Verein für Kunst n. Wissenschaft; Fabrikation von Maschinen, Seife, Schnupftabak, Nudeln, künstlichen Mineralwässern, Chokolade, berühmten Pfefferkuchen, Essig rc., Bierbrauerei, Destillerie, 6 Dampf- und 2 Schneidemühlen, Ziegelbrennerei rc., Schifffahrt, lebhafter Handel, namentlich mit Getreide, Bieh, Wolle, Spiritus, Holzrc.; Freimaurer, löge: Bienenkorb; 1875: 18,631 Ew. (mit der Gar nison). Zu T. gehört das unmittelbar dabei gelegene Dorf Mocker mir 3336 Ew. T. ist Geburtsort des Copernicus (geb. 19. Febr. 1473) u. des Anatomen Sömmering. T. wurde 1231 von dem Landmeister Hermann Balk gegründet u. mit Deutschen, bcs. Westfalen, bevölkert. Bereits 1232 erhielt die Stadt das unter dem Namen der Culmer Handvestc bekannte Privilegium, 1235 das Stapelrecht, wurde 1263 Glied der Hansa u. unter dem kräftigen Schutz der Ordens-Herrschaft bald eine der bedeutendsten Handelsstädte des Nordens. Hier ward 1411 zwischen Wladislaw von Polen u. Litauen einer- u. dem Deutschen Orden anderseits Friede geschlossen. Beim Verfall des Deutschen Ordens schloß sich T. dem preußischen Städtebund an, welcher 6. Febr. 1454 das Thorner Ordensschloß eroberte, das darauf von den Bürgern zerstört wurde. Am 19. Oct. I486 kam es hier zwischen Polen u. dem Deutschen Orden zu dem zweiten Frieden von T., worin der Orden die Hälste des Landes mit T. abtrat u. die andere Halste von Polen in Lehn nahm. 1557 nahm die Stadt die Lutherische Lehre an. 1595 tagte hier eine Generalsyuodc der evangelischen Parteien, deren Ocmolusicmss dem Oonssusus Tolomao von 1570 beigefügt wurden. 1629 schlugen die Einwohner einenSturmderSchwedenunterWrangelab. Vom 18. Ang. bis 21. Nov. 1645 Oolloguium earltsbl- vum (Thorner Religionsgespräch) zwischen den katholischen, lutherischen und reformirten Theologen wegen Versöhnung der drei Confessionen; das Gespräch verfehlte seinen Zweck, doch wurde die aus diesem Gespräch hervorgegangene Osolarutio blro- ruuisusm ein symbolisches Buch für die reformirt- brandenbnrgische Kirche. 1655 eroberte Karl Gustav von Schweden T., mußte es aber nach langer Belagerung durch die Brandenburger u. Polen im Dec. 1658 wieder verlassen. Von KarlXII. ward T. 1703 belagert, zur Capitnlation genöthigtu. geschleift. Bei Gelegenheit der Fronleichnamsprocession 1724 entstanden zwischen Schülern des protestantischen Gymnasiums n. Schülern des Jesuitencollegiums Streb tigkeiten, und es kam zu einem Tumult, wobei das! Jesuitenkloster gestürmt u. verwüstet wurde. Die, polnische Regierung ließ darauf 7. Dec. 1724 den Stadtpräsidenten Rösner nebst neun Bürgern enthaupten (Thorner Blutbad) u. befahl, daß der Magistrat künftig zur Hälfte aus Katholiken bestehen, die Hauptkirche den Katholiken übergeben, das evangelische Gymnasium aber 1. Meile von der Stadt verlegt werden solle. Infolge der ersten Theilung Polens 1772 wurde T. ein selbständiger Freistaat unterPolens Schutz ».kamdurch diezweiteTheilnng Polens 1793 an Preußen. Durch den Frieden von Tilsit 1807 kam es zum Großherzogthum Warschau n. 16. April 1813 mußte es, nachdem es vom rnss. General Oppermann mit rnss. u. preuß. Truppen eingeschlossen war, nach siebentägiger Beschießung capitnliren. 1815 kam es wieder an Preußen und wurde seit 1818 mit Festungswerken umgeben. Vgl. Wernicke, Geschichte T-s, Thorn 1842, 2 Bde.; Ho- burg, Die Belagerungen der Stadt n. Festung T., ebd. 1850; Steinmann, Der Kreis T., ebd. 1866. 3) (Alt-T.) Dorf an der Weichsel, 8 km westl. von T. 2) in der Niederung; hier stand die alte heidnische Burg Turno, welche 1231 von dem Deutschen Orden wieder hergestellt und befestigt wurde. Neben derselben wurde 1232 die Stadt T. gegründet, welche aber schon 1235 nach ihrer jetzigen Stelle verlegt ward. H- Berns. Thornbury, George Walter, engl. Schriftsteller u. Dichter, geb. 1828 in London, gest. Juni 1876; er schrieb seit 1845 an das Lrlsbol douruai, dann das ^bbsnaoum, ließ 1851 die Imz-s und Is- Asncis ok tim Plsiv YVorld, 1855 die ldisborz- oktbs Luooaniors (n. A. 1876), 1856 Shakespeares Lnx- land duriuA tbs rei§u ol Llwabsbb, 2 Bde.; Ikrb and naturo ab Iwmo and abroad, 1856,2 Bde., erscheinen. Diesen historischen u. literarhistorischen Schriften folgten nach einer größeren in Tüks in 8pain, 1859, 2 Bde., u. in Turkisb kiko and vba- raobsr geschilderten Reise die knnsthistorischen Arbeiten: Lrltisb artists kromHo^artb to Turner, 1861, 2 Bde., u. Liks ok Turner, 186l, 2 Bde. Dazwischen erschienen mehrere Romane, die sehr günstige Aufnahme fanden, ebenso wie seine Gedichte, von denen bes. zu erwähnen die klisborioal and IsZon- darz- ballad3 and volles, 1875. Als sehr schätzens- werlhe Reiseschildernngen sind noch zu nennen: Tour round Lng'Iand, 1870, 2 Bde., und Old and ns^ London, eine ganz vorzügliche Arbeit, 1873 — 74, 2 Bde. Lagai. Thörne, Markstadt im West-Riding der engl. Grafschaft Jork, am Don, Eisenbahnstation, in der LandschaftJsle of Axholm; Handwerkerinstitut, Seilerbahnen, Schiffswerfte, Schifffahrt, Holzhandel; 1871: 2618 Ew. Thorner Blutbad, s. u. Thorn 2). Thorner Neligionsgespräch, s. Religionsgespräch u. Thorn 2). Thornhill, Stadt im West-Riding der engl. Grafschaft Aork, 3 km südlich von Dewsbury, am Calder, Eisenbahnstation; Lateinische Schule, Malzdarren, Gerberei, Kalkbrennerei; 1871: 5285 Ew. In der Nähe Flaschen-, Eisenwaaren- u. chemische Fabriken. Thornhill, James, engl. Historienmaler, genannt der englische Rafael, Sohn eines Edel- mannes, geb. 1676 in der Provinz Dorset; malte Porträts u. Landschaften, dann für die Königin Anna Thornton — Thorwaldscn. 349 ß die Kuppel der Paulskirche, die große Halle des GreenwicherHospitals, ein Zimmer iu Hamptoucourt, copirle die Nafaelschen Tapeten in Hamptoucourt. Er legte eine Malerakademie an, wurde erster königl. Maler u. st. 13. Mai 1734. Thornton, Stadt im West-Riding der engl. Grafschaft Uork, 6 Icm westl. von Bradford; Wor- stedfabriken, Garuspiuuerei, Fabrikation vonWeber- schifsen u. Holzschnhen; 1871: 5674 Ew. Thornton, William Thomas, engl. Volks- wirth, geb. 14. Febr. 1813 zu BurnhaminBucking- hamshire als Sohn des ehemaligen Präsidenten der Factorci der Levante-Gesellschaft in Constantinopel. Nach Beendigung seiner Erziehung im Institut der Mährischen Bruder in Ockbrook bei Derby, war er 1827—30 bei seinem Vetter, dem General-Rech- nnugsrevisor in Malta, von 1830—35 dannSecre- tär des britischen Generalconsnls in Constantinopel, wurde darauf Beamter in der Indischen Verwaltung, in welcher er noch jetzt (1870) einen hohen Posten bekleidet. T. hat sich durch eine Reihe volks- wirthschaftlichcr Werke bemerkbar gemacht, namentlich aber durch die folgenden: Ovsrpopnlation and ita lerned^ (1845); plea lov poasant propris- tors (2. A. 1873). Auch auf dem Felde der Dichtkunst und der Philosophie hat er sich versucht durch ^oirrab, and obkor il?osms (1854); Tiro LioAs ol Lrlistria, a posw (1854); Llodorn Llaniokraoisw, and otiier k?oems (1856) u. Oid-k?asiiioned Ltlaios and Oominon-ssnss Llstapir^sies. Sein bedeutendstes und in seiner Art Epoche machendes Werk aber ist On Imkror, its rigiitkni dnss and mron^kul viaiws (2. A. 1870; deutsch von H. Schramm-Mac- donald, Leipz. 1870); ferner Indian publio ivorics and eoZnato Indian topios (1875). Bartling. Thorpe, Benjamin, einer der hervorragendsten Beförderer der angelsächsischen Literatur in England, geb. um 1806; schr.: diortLsrn w^tiroioM, Lond. 1852, 3 Bde., n. A. 1865; übersetzte Rasks Angelsächsische Grammatik, Kopenh. 1830; u. gab heraus: Ceadmon, Lond. 1832; die angelsächsische Übersetzung der Geschichte von Apollonios von Ty- rus, ebd. 1834; eine angelsächsische Psalmenüber- setzung, Oxf. 1835, n. A. 1857; eine angelsächsische Chrestomathie (^.nakseka anAlosax.), Lond. 1834, n. A. 1868; 6odsx VoresUsnsis, ebd. 1837; ä.n- oisnbiaivs and institntss ol LnAland, mit Glossar, ebd. 1840; Dodsx üxonionsis, ebd. 1842; Älfrics Homilienbnch, ebd. 1847, 2 Bde.; Beowulf, ebd. 1855;^.nAio-8axonoiirollieIs,ebd.1861,2Bde.; Oi- plvmatarium an^Iioanum asvi saxonioi, ebd. 1865. Thorshatm, Stadt auf der dän. Insel Strömö, Hauptstadt der Färöer; Sitz des Amtmannes, hat einen guten, durch eins Strandbatterie vertheidigten Hafen, Schule, Bibliothek von 5000 Bänden; etwa 850 Ew. Vgl. Richter, Die Färöer u. T. in der Zeitschrift Aus allen Welltheilen VI, S. 58 f. u. 67 f. Thorwaldscn , AlbertBertel, einer der größten Plastiker aller Zeiten, geb. 19. Nov. 1770 auf ^iner Seereise seiner Eltern von Island nach Kopen- hdgen, wo später sein Vater als Schifssbildhaner lebte. Schon als Knabe arbeitete er mit an den Schnitzereien seines Vaters, besuchte die Kunstakademie in Kopenhagen u. erhielt bei jeder Concnrrenz den Preis. 1796 ging er nach Rom und schloß sich hier an Carstens an; von hier sandte er sein Erstlingswerk Bakchos u. Ariadne in die Heimath. Nack drei Jahren im Begriff nach Kopenhagen znrückzu- kehren, wurde er von dem englischen Bankier Sir Thomas Hope durch die Bestellung der von T. mo- dellirten, aber bereits znm Zerschlagen bestimmten Figur eines Jason (wie er das goldene Vließ raubt) znm Verweilen in Rom bewogen. Er wurde nun mit Aufträgen von allen Seiten überhäuft und sein Ruf wandte ihm, dem Ausländer und Protestanten, sogar die Ausführung des Denkmals des Papstes Pius VII. für die Peterskirche n. die Präsidentschaft der Akademie S. Lnca in Nom zu. 1805 ward T. Mitglied der Kopenhagener und Ehrenmitglied der BologneserAkademie. Er besuchteKopenhagenl819, 1838, blieb seit 1842 dort n. st. 24. März 1844 zu Nysoe. Seine Leiche wurde im neuen Museum zu Kopenhagen beigesetzt. Die Stadt Kopenhagen schenkte der Vaterstadt seiner Eltern, Reykjavik, ein bronzenes Standbild des Künstlers, das dort 19. Nov. 1875 enthüllt wurde. Da er nicht verheirathet war n., eine natürliche Tochter ausgenommen, keine nahen Anverwandten hatte, so setzte er sein Vaterland znm Erben ein, u. ein Museum (das Thor- waldsenmnseum, eröffnet 1846) in Kopenhagen vereinigt die von ihm geschaffenen und von ihm gesammelten Schätze der Kunst n. der Literatur. Der Hauptzug seines künstlerischen Wesens ist die Antike in ihrer Einfachheit, Würde, Schönheit der Gestalten, Wahrheit der Bewegung n. Vollendung in der Ausführung. Beim Relief wählte er ebenfalls die griech. Art der flach gehaltenen Modellirnng. In Marmor selbst hat er nur wenig ansgeführt u. er ließ in der späteren Zeit seines Schaffens selbst die Modelle durch Schüler anfertigen. Rein poetischen Gegenständen, od. solchen, welche der Mythologie, der Natur n> alten Geschichte entnommen sind, zeigte er sich am meisten gewachsen; für die christlichen Darstellungen fehlte es ihm an Wärme n. Hingebung, wie- wol auch an dieser Stelle nichts Unwürdiges oder Unbedeutendes aus seiner Hand hervorgegangen. Groß war er auch im Entwurf von Monninenten. Werke: Der Hirtenknabe, bei von Kranße ans Wilsdruff bei Dresden u. an fünf andern Orten (1817 u. 1818); Der Alexanderzug (Einzug in Babylon) zu Ehren Napoleons für ein Zimmer des Quirinals in Nom entworfen, für die Villa Sommariva am Comer See n. in Christiansborg (Kopenhagen) in Marmor ausgeführt (1812); Mercnr, für Len Herzog von Augnstenbnrg (1818 mehrmals wiederholt); Ganymed mit dem Adler, für Lord Gower (1817 u. 1818); Amor in vielen Lagen n. Handlungen (der triumphirende bei Fürst Esterhazy); Venus init dem Apfel der Eris, für Lord Lncan; Adonis, für den König von Bayern (1810, in der Münchener Glyptothek); die Grazien, für den Herzog vonAngusten- bnrg; Reliefs: Anakreon für Graf Schönborn ans Reichhartshausen; Nacht und Morgen (an einem Tage ansgeführt) für Fürst Metternich u. sonst sehr oft; Venns mit dem durch eine Biene verwundeten Amor; die Alter der Liebe; Darstellungen ans Homers Ilias; Einzug Christi in Jerusalem und Zug Christi nach Golgatha, beide in der Frauenkirche zu ^ Kopenhagen; .4. Zvnio Ininen, die Kunst als sitzende weibliche Gestalt; Hektar den Paris znm Ergreifen der Wafsen auffordernd, Bakchos von Hermes der -Ino übergeben; die Hoffnung im Schlosse Tegel bei 350 Thot — Thonet. Berlin; der Taufstein für die Kirche zn Miklabye auf Island; Die Predigt des Johannes, Fronwn der Metropolitankirche zu Kopenhagen (ganze Figuren); Christus, Kolossalstatne in der Schloßkapelle zu Ko. penhagen; dazu die 12 Apostel. Kaiser Alexander von Rußland; Gräfin Osterniann; Prinzessin Amalie von Dänemark; Denkmal des Copernicns zn Warschau; Grabdenkmal des Grafen Potocki in Krakau, des Herzogs Eugen von Leuchtenberg in München, des Papstes Pius VII. in Rom; die Reiterstatue des Fürsten Poniatowski für Warschau bestimmt (aber seit der letzten Revolution entfernt), des Kurfürsten Maximilian I. in München, Schillers in Stuttgart und Gutenbergs in Mainz, Konradins von Schwaben in Neapel (erst nach T-s Tode von P. Schöpf ausgeführt) rc. Zahlreiche Büsten berühmter Zeitgenossen. Von allen Künstlern des 19. Jahrh. gewann T. den weitestgehenden Einfluß auf die Kunst feiner Zeit, der sich noch heute zeigt, namentlich in der Kunst u. dem Kunstgewerbe Dänemarks. Ganz bes. groß zeigte sich T. in Restauration von antiken Statuen, so der Ägineten in München, des Alexander, der Musen, der Elpis u. v. a. Sein letztes Werk, an welchem er noch wenige Stunden vor seinem Tode arbeitete, war das Bildniß Luthers. Vergl. I. M.Thiele, Leben ».Werke des dän. Bildhauer Bertel T., mit 160 Kupsertafeln u. Facsimile, Lpz. 1832—34, 2 Thle. in 4 Bdn.; Ders., Om Verb. 1., Kopenh. 1849; Ders, L. T. o§ iraus värlrsr, ebend. 1848—52 , 4 Bde. (deutsch von Hillerup als T-s Arbeiten u. Lebensverhältnisse, ebd. 1848 bis 1852); Derselbe, T-s unAäomsiiistorio, ebd. 1851 (deutsch von Wachenhusen, Berl. 1851); Derselbe, T. i Lom, ebd. 1852; T-s Leben nach eigenhändigen Aufzeichnungen; Dllntzer, T-s Leben, Darmst. 1837; E. Plon, T. sein Leben und seine Werke, deutsch nach der 2. A. von Münster mit 39 Holzschnitten nach Zeichnungen von Gaillard, Wien 1875; M. Hammerich, T. und seine Kunst, Kopenh. 1870, deutsch Gotha 1876; Willens, T., Lpz. 1878; L. Müller, Das Thorwaldsenmuseum, Kopenhagen 1849—51, 8 Thle., Kupferwerk dazu von H. P. Holst, ülusss Tirorrvalässu, 1851. Regnet.» Thot (Thoth, ägypt. Tehut), der ägypt. Mondgott, dann, weil die Zeitrechnung vom Mond abgeleitet wurde, Gott des Maßes, der Zahl, des Gesetzmäßigen, in der Folge auch Gott der Schrift, der Wissenschaften u. Künste, die geistige Kraft, die der schaffenden Kraft beratheud zur Seite steht. In der Unterwelt ist er schristführender Beisitzer beim Tod- tengericht. Dargestellt wird er gewöhnlich mit dem Jbiskopf, der die Mondscheibe und eine Straußenfeder, als Symbol der Wahrheit, trägt. Ibis und Hundsaffe waren ihm geheiligt. Schroot. Tho», 1) Jacques Auguste de(Thuanus), franz. Staatsmann «.Geschichtschreiber, geb. 8.Oct. 1553 in Paris als Sohn des ersten Parlamentsprä- sidenten Christophe de T.; studirte die Rechte in Orleans u. Valence, begleitete 1573 Paul de Foix nach Italien u. machte dann eine Reise nach den Niederlanden u. Deutschland. Er wurde von König Heinrich III. zu mehreren Missionen gevraucht u. 1576 zum Geistlichen Rath beim Parlament ernannt, zur Verhandlung mit den Häuptern der Hugenotten nach Gnienne gesendet. 1584 wurde er Rcquetenmeistcr u. begleitete 1586 Heinrich III. in die Normandie, rieth ihm dann zur Vereinigung mit Heinrich von Navarra u. reiste darauf nach Deutschland n. Italien, um Hilfstruppen n. Geld für den König gegen die Ligue auszumitteln. In Venedig erhielt er die Nachricht von Heinrichs III. Tode, worauf er sich sogleich zu Heinrich IV. begab, dessen ganzes Vertrauen er sich erwarb. 1594 wurde er Vicepräsident des Parlaments u. Großmeister der königl. Bibliothek. 1596 war er bei den Conferenzeu zn London mit den Hugenotten, ferner bei der Pacification der Bretagne und dem Vertrage mit dem Herzog von Mercoeur thätig, entwarf dann das Edict von Nantes u. vertheidigte 1600 bei der Conferenz zu Fontaineblau die Freiheiten der Gallicanischen Kirche. Als nach Heinrichs IV. Tode Sully seinen Abschied erhielt, wurde er Mitdirector der Finanzen, zog sich aber bald von den öffentlichen Geschäften zurück, lebte den Wissenschaften u. st. 7. Mai 1617. Er schr. die durch Genauigkeit, Wahrheitsliebe u. Freimllthigkeit sich auszeichneude, für die Würdigung der religiösen Händel der damaligen Zeit höchst wichtige Listoria sui tsmporis, 18 Bücher, 1604, 49 Bücher 1686, 80 Bücher 1614, fortgesetzt nach seinem Tode von Rigakilt, Thomas Carte u. a. bis zum 18. Buche, Lond. 1733, franz. 1734; Oommsutarins äs vilrr sua, Orl. 1620, deutsch in Seybolds Selbstbiographien berühmter Männer; lateinische Gedichte unter dem Titel: Tostsritati, Amst. 1678. Vgl. Charles, 8ur Io. vis ob Iss osuvrss äs I. kl. äs T., Paris 1824; Dllntzer, De T-s Leben, Schriften u. histor. Kunst, Darmst. 183 7. 2) Franyois Auguste de, SohndesVor.,geb. 1607 in Paris; warParlaments- rath.u. seit 1617 Bibliothekar des Königs; Richelieu verfolgte ihn als Freund des Herzogs von Orleans, weshalb sich L. an Cinq-Mars anschloß. Mit in dessen Sturz verflochten, wurde er verhaftet, nach Terasion gebracht u. mit Cinq-Mars im Schloß Pierre-Encise bei Lyon 12. Sept. 1642 hingerichtet. Lagai. Thouar, Pietro, der hervorragendste italien. Jugend- u. Volksschriftsteller, geb. 23. Oct. 1809 in Florenz; gründete 1831, nachdem er längere Zeit als Corrector in einer Druckerei servirt hatte, das Familienjournal 11 nipots äi Losto Oaso LaeesIIi, wurde 1836 Mitarbeiter auLambruschiers Zeitschrift Im Auiäa äell' oäueators und Assistent an der von diesem begründeten Lehranstalt, gründete dann selbst das Owrimlstto äst xopoto, später Iwtture äi ka- miMa, wurde 1860Direktor einer städtischen Schule in Florenz, starb aber 1. Juni des folg. Jahres. Außer den zahlreichen Erzählungen rc., die er für die genannten Zeitschriften verfaßte, hat er noch zahlreiche Familien-, Jugend- u. Volksschristen versaßt, die ihn zum Lieblingsschriftsteller des italienischen Hauses machten. Lagai. Thouars, Stadt im Arr. Bressuire des franz. Dep. Deux-Sövres, am Thonet, Station der Eisenbahnen der Vendee; Felsenschloß (unter Ludwig X.III. erbaut), Kirche St. Laon mit prächtigem Thurm, Kirche St. Medard (aus dem 12. Jahrh.), Hospiz, Leinwand- u. Zeugweberei, Fabrikation von Messer- jchmiedewaaren und Leder, Handel mit Vieh, Getreide rc.; 1876: 3468 Ew. Über den Thonet sichren 3 Brücken, darunter eine merkwürdige Hängebrücke, welche T. mit der Gemeinde St. Jacques verbindet. Thouct,cin 133 Icm langer Nebenfluß der Loire in 351 Thvuvrnr'l Frankreich, entspringt im Cant. Secondigny des Dep. Deux-Sevres, durchfließt dieses Dep. u. das Dep. Maine-et-Loire, nimmt den Thouaret, Argenton u. die Dive auf u. mundet unterhalb Saninur; er ist vouMoutreuil>Bellayabwärts23,4lemweitschiffbar. ,, Thonbenel, EdouardAutoi n e, frauz. Staats- ^ mann, geb. 11. Nov. 1818 in Verdun; studirte Jurisprudenz, unternahm dann eine Reise nach dem Orient u. trat darauf ins Ministerium des Äußern; er wurde 1841 Attache bei der Gesandtschaft in Brüssel, 1845 Legalionssecretär in Athen, 1846 interimistischer Geschäftsträger u. im Febr. 1849 Gesandter daselbst. Nach dem 2. Dec. 1851 übernahm er die Direction der politischen Angelegenheiten im Ministerium des Äußeren (unter Thurgot) u. blieb dies auch unter Drouin de l'Hnys, welchem er die wichtigsten Noten und Circnlardepeschen verfaßte; wurde 25. Juli 1855 Gesandter in Constantinopel u. leitete dort während des Krimseldzuges n. der folgenden Jahre neben dem englischen Gesandlen Lord Stratford de Redclifse die Politik der Pforte ; 8. Mai 1859 erhielt er die Senatorwürde, wurde im Jan. 1860 Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, gab dies Portefeuille aber 15. Oct. 1862 an Drouin de l'Hnys ab u. st. 18. Oct. 1866 als Großreferen- dar des Senats. T. galt für den ausgezeichnetsten ^ Redacteur politischer Noten in Frankreich in neuester Zeit. Er schr.: liaBonArieetllrVLlLolris.sonvsuirs äs vozm^s et Notes iustorignss, Par. 1840. Lagai. Thrakien (Thrake), in ältester Zeit das Land nördlich von Makedonien bis zum Pontos Euxinos, später bis zur Donau; in römischer Zeit hatte es zu Grenzen im W. Makedonien, im N. Mösien, im O. den Pontos Euxinos u. im S. die Propontis, den Hellespont u. das Ägäische Meer. Gebirge: HL- nios, Skomios, Rhodope; der Hauptfluß war der Hebros; die zwei größten Seen waren Bistonis u. Stentoris. Obgleich das Land rauh n. kalt war, so war es doch nicht durchgängig unfruchtbar; Products: Wein, Getreide, Metalle, bes. Gold. Die vornehmsten meist von Griechen angelegten Städte waren: an der SKüste: Abdera, Jsmaros, Maronen, Doriskos, Kardia, Sestos, Lysimachia, Perin- thos (Herakles), Byzantion; an der O5küste: Sal- mhdessos, Mesembria; im Innern: Börea, Hadria- nopolis u. v. a. An der SKüste lagen die Inseln Samothrake, Jmbros, Lemnos, Thasos. Die Einwohner, Thraker, waren ein Zweig des Indogermanischen Volksstammes u. zerfielen in viele einzelne Völkerschaften, Odrysen, Sapäer, Kikones, Bessi, Bistones, Odomantes, Dentheletä, Elethi n. a. Ihre Sitten waren roh n. barbarisch. Die Beschäftigung der Freien war Jagd n. Krieg, der Ackerbau blieb den Sklaven überlassen; feste Wohnsitze wurden verschmäht. An der Spitze der einzelnen Völkerschaften, die in beständigem Kriege miteinander lebten, standen Könige. Ihre Religion bestand bes. in Verehrung des Kriegsgottes, der Jagdgottin Ben- > dis (Artemis), des Weingottes Sabazios (Bakchos), denen bisweilen Menschenopfer dargebracht wurden. Die Geschichte T-s ist ziemlich dunkel. Frühzeitig setzten sich die Griechen an der Seeküste fest, wo sie eine Reihe blühender Handelsstädte gründeten. Darios Hystaspis unterwarf 515 auf seinem Zuge gegen die Skythen den größten Theil der unter sich uneinigen thrakischen Völkerschaften vorübergehend der — Thran. persischen Herrschaft. Ein größeres Reich bei den Thrakern entstand erst im 5. Jahrh. durch Teres u. seinen Sohn Sitalkes, die Könige der Odrysen, welche die schwächeren Stämme sich unterwarfen u. ihre Herrschaft bis zum Jstros ausdehnten. Später eroberte Philipp von Makedonien T. bis zum Hebros, 280 die Kelten den nördl. Theil desselben. Der makedonisch gewordene Landstrich kam 133 in den Besitz der Römer, die Gegend an der unteren Donau wurde 29 v. Ehr. römische Provinz unter dem Namen Mösia. Der Rest des Landes blieb nominell frei bis 47 n. Ehr., wo er nach Ermordung des Rhömetalkes II. von den Römern besetzt u. zur Provinz gemacht wurde. Unter den römischen Kaisern wurden fremde Völker nach T. gesetzt, so Bastarner von Probus und Gothen von Theodosius, nachdem schon Valens mehreren flüchtigen Gothen daselbst Sitz und Wohnung verstauet hatte. Hier gründete 1342 Johann Kantakuzenos zu Didymotychon ein Kaiserthum, das jedoch nur 13 Jahre bestand. Im 14. u. 15. Jahrh. kam T. unter die Herrschaft der Türken und erhielt als Provinz dieses Reiches den Namen Rnm-Jli. Vergl. Cary, List, äs rois äs Mrrnso, Par. 1825. gähnte. Thrakischer Bosporus, so v. w. Bosporus tkrraeicus, j. die Straße nach Constantinopel. Th. Chersones, s. Chersonesos. Thron (Fischthran), flüssiges, öliges Fett, welches von verschiedenen Seethieren, bes. denWalfisch- u. Robbenarten, gewonnen n. vorzüglich zur Bereitung u. zum Schmieren des Leders, zum Sieden der Schwarzen Seife, Kalfatern der Schisse, aber nur selten zum Brennen in Lampen verbraucht wird. Er hat nach Wagner bei 20 ° ein spec. Gew. von 0,g2, scheidet in der Kälte von 0" ab festes Fett ans u. besteht aus Stearin, Olein n. kleinen Mengen von Glyceriden der Valeriansäure u. ähnlicher fetter Säuren. Verschiedene Sorten: a) Weißer u. brauner Walfisch- oder Speck-T., der beste ist der Hamburger, dann der grönländische, welcher aus Schweden u. Norwegen kommt, dann der holländische, dann der englische; der ruf - sischeT. ist gewöhnlich eine Vermischung von Walfisch-, Seehunds- u. Belngenfett u. meistens nicht gut ausgebrannt; der portugiesische von den sndamerikanischen Küsten ist dem russischen ziemlich gleich; b) Gelbbrauner Seehunds- od. Rob- ben-T-, dick und minder wässerig, daher dem Gefrieren nicht so leicht ausgesetzt, wird bes. zum Brennen verwandt, zur Seifeubereitung deshalb nicht, weil er dieser einen sehr unangenehmen Geruch miltheilt. o) Stockfisch- u. Dorsch-T., aus den Lebern der Fische bereitet (s. Leberthran); ä) Hai- fisch-T., hellgelb, spec. Gew. das des reinen T. 0,u7o—0,g,s, ist das leichteste aller fetten Öle, kommt aber selten rein in Handel; er brennt mit Heller Flamme; o) schwarzer oder dicker He- fen-T. (Fuß-T., Prutt),die geringste Sorte; wird nur zur Wagenschmiere gebraucht. Guter T. muß klar u. hell sein und nicht ranzig riechen. Die Güte des T-s hängt theils davon ab, von welchen Thieren er gewonnen wird, theils von derZubereit- nngsart; der T., welcher an Ort n. Stelle, wo die Fische gefangen werden, von dem frischen Specke bereitet wird n. freiwillig aus demselben fließt ist der beste; er ist ganz blaß u. milder u. besser als der 352 Thränen — welcher nach der Rückkehr der Schiffe in der Heimath bereitet ist, wo der Speck in den Tonnen in Folge der Zersetzung der ihn einschließenden Zellwände ranzig geworden ist; jedoch wird im letzteren Falle mehr T. gewonnen. In Len T-brennereien hat man große kupferne Pfannen 3 bis 4 m weit, in welche man ungefähr 5 Fässer Speck u. etwas Wasser bringt, letzteres, damit der Speck nicht verbrenne, weshalb auch beständig umgerührt wird. Nach 2—3 Stunden, wenn der Speck gehörig geschmolzen ist, wird der T. mit großen kupfernen Löffeln in einen Trog geschüttet, ans welchem ein eisernes Gitter liegt, ans welchem die fleischigen Theile u. häutigen Substanzen (Thrangrieben), welche an die Leimsieder verkauft od. als vorzügliches Düngemittel benutzt, resp. zu künstlichem Dünger verarbeitet werden, Zurückbleiben. Aus diesem Troge läuft der T. in einen zweiten u. daun in einen dritten Trog, welche zum Theil mit Wasser gefüllt sind, damit sich der Prutt darin zu Boden setze. Jungck. Thränen (Imer/wms), die zwischen den Augenlidern u. dem Augapfel befindliche, von den T-drüsen u. der Bindehaut des Auges (s. Auge, S. 352) abgesonderte Feuchtigkeit. Thriinenfistel, Folge von eitriger Entzündung des Thränensacks mit Durchbruch nach außen. Thräuenschwamm ist LlornUns laorz-mans. Thränentriiufcln, gewöhnlich die Folge von Verengerungen (Strictnren) des Thränennasen- ganges (s. Auge, S. 352), wodurch die Thränen verhindert werden, in die Nase abzufließeu. Die Verengerung wird gehoben durch Einführung von Sonden. Thranrtis (gr. Ant.), das Ruder des Th rani- tes, d. i. eines Ruderers auf der obersten der drei Ruderreihen auf den Trieren. Thrasea Pätus, edler Römer, lebte unter den ersten Kaisern u. gehörte zu der Schule der strengen Stoiker; unter Nero war er Mitglied des Senates n. von dem Kaiser selbst hochgeschätzt. Indessen bei seiner Sittenstrenge über die Ausschweifungen u. das unwürdige Benehmen des Nero empört, hielt er sich von den Sitzungen des Senates wie von allen Festlichkeiten fern, wurde deshalb von seinen Feinden beim Kaiser, der ihm deshalb schon zürnte, verdächtigt, angeklagt u. vom Senate zum Tode vernrtheilt unter Freistellung der Todesart: er wählte dis'Äff- nung der Adern. T. schr. eine Lobrede ans den jüngeren Cato. Thrashbulos, 1) Tyrann von Milet im letzten Drittel des 7. Jahrh. v. Chr., Freund des Periauder von Korinth; er bestand mit Tapferkeit ».Glück einen langen Krieg (627—615 v. Chr.) gegen die lydi- schen Könige Ardys u. Sadyattes. 2) T., Bruder des Königs Hieron I. u. 467 v. Chr., dessen Nachfolger als Herrscher vonSyrakus(s.d.), wurde wegen seiner wüsten und blutigen Wirthschaft schon im folgenden Jahre vertrieben. 3) T., attischer Feldherr u. Staatsmann aus dem Demos Steiria, Sohn des Lykos, trat mit Thrasyllos zuerst 411 v. Chr. als glücklicher Bertheidiger der Demokratie auf, zeichnete sich im Kriege gegen die Peloponnesier unter Alki- biades, bes. am Hellespont aus u. focht 406 als Trierarch in der Schlacht bei den Argiuuseu. Als 404 die Dreißig eingesetzt wurden, mußte T. als Verbannter nach Theben austreten, von wo aus er 403 v. Chr. seine Vaterstadt befreite (s. Athen). - Thronfolge. Später erscheint er noch wiederholt als Heerführer thätig. Er commandirte 394 ein Corps im korinthischen Kriege in Böotien u. vor Korinth, u. führte 391 eine Flotte nach dem Hellespont, mit welcher er den Einfluß der Athener in Byzanz u. auf mehreren Inseln herstellte, aber leider auch der Veruntreuung von Staatsgeldern u. der Plünderung von Bundesgenossen beschuldigt wurde; vor der Einleitung des Processes wurde er 390 bei Aspendos bei einem nächtlichen Überfall der Einwohner getödtet. 4) T., Athener aus dem Demos Kollytos, betheiligte sich mit dem Vorigen an der Befreiung Athens von der Herrschaft der Dreißig, u. machte 388 v.Chr. eine» Zug nach Kleinasien, doch wurde seine Flotte von Autalkidas genommen. Hertzberg. Thrasyllos, Athener, seit 411 v. Chr. neben Thrasybnlos ein energischer Bertheidiger der Demokratie gegen die oligarchische Regierung; diente gegen die Peloponnesier in den thrakischeu Gewässern u. wurde, nach der Niederlage des Antiochos ! bei Ephesos, 407, einer der Befehlshaber der Flotte; ! er siegte 406 mit seinen 15 Schiffen bei den Argi- ! nusen über die Spartaner, wurde aber wegen Versäumnis) der Bestattung der Gefallenen angeklagt u. hingerichtet. Thrazien, s. Thrakien. Three Kings (drei Könige), Inseln nordwestl. der Nenseelandiusel Eaheinomanwe. Three Rivers (Trois Rivieres), Stadt in der canad. Prov. Quebec an der Mündung des St. Maurice indenLorenzostrom, bedeutende Holzsägerei u. -Handel; 7570 Ew. Gegenüber Doucette, Endpunkt einer Linie der Grand Trunk Eisenbahn. Threnodie (gr.), Absingung von Klageliedern; auch Klagelied selbst. Threnas (v. Gr.), mit der Flöte bekleideter Trauergesang bei Leichenbegängnissen u. Leichenmahlen, überhaupt Klagelied; daher Threni, in der Vulgata die Klagelieder des Jeremias. Thrinakia (d. i. die Dreizackige), mythisches Eiland bei Homer im Nordwesten von Sicilien; dem Helios geweiht ».'Weideplatz der heil. Rinderheerde desselben. Hier landete Odysseus (s. d.). MitTri- nakria (d. i. Insel mit drei Vorgebirgen), d. i. Sicilie», im Alterthum für eins genommen. Thrombosis, s. Mrrowbus. Ibrombus (gr.), Pfropf, bes. in den Schlag- und Blutadern, wodurch die Wegbarkeit des Blutgefäßes ' aufgehoben wird. Thrombosis, Verstopfung eines Blutgefäßes durch einen Pfropf. Die Pfröpfe entstehen Lurch Gerinnung des Blutes u. bestehen hauptsächlich aus Faserstoffgerinnseln. Blutaderthrombosen finden sich häufig an den Unterschenkeln von Frauen (sog. Krampfadern), Schlagaderthrom- bosen im Gehirne n. in den Lungen (s. Gehirnerweichung u. Lungenblntungen). Thronen, so 8. w. Blüthenkätzchen. Thronfall, bei Thronlehen der Fall einer in der j Person des Throninhabers eingctretenen Veränderung, bei welcher der Beliehene die Lehn von Neuem suchen muß. Thronfolge, in Staaten mit monarchischer Verfassung der rechtmäßige Übergang der Souveränität auf eine andere Person nach dem Wegfall des bisherigen Staatsherrschers, sei es durch dessen Ableben od. auf andere Weise. Inder Wahlmonar- Thronfolge. 353 chie bestimmt nach dem Abgänge eines Staatsherrschers der neue Wahlact den Thronfolger. DieseWahl war dir Regel des römischen Staatsrechts, im Mittelalter für die geistlichen Herrschaften, in Ungarn, Polen, Venedig, im Deutschen Kaiserreich, im Kirchenstaate u. ist sie noch heute für den Päpstlichen Stuhl. Bis zum Vollzug der Wahl trat, resp. tritt eine Zwischenherrschaft (Interregnum) ein, während welcher die Rechte der Souveränetät interimistisch bald von einem Collegium, bald auch von Einzelnen ausgeiibt werden, wenn nicht, wie dies sich häufig fand, die Wahl des Nachfolgers noch bei Lebzeiten des Throninhabers vorgenommen wurde u. der so gewählte Thronfolger von dem Throninhaber sofort einen mehr od. minder bedeutenden Antheil an der Leitung der Negierungsgeschäste selbst unter der Form einer wirklichen Mitre gentschast einge- räumt erhalten hat. In den Erbmonarchien beruht die T. auf der Erbfolge, u. zwar vorzugsweise der Erbfolge nach Geblütsrecht, obschon daneben auch eine Erbfolge kraft Testamentes od. Erbvertrages vorkommt. Bei der Entwickelung desShstems derT.nach Geblütsrechtwirktewesentlich der Umstand, daß die gesammte deutsche Staatsentwickelung sich zu- nächst an das Eigenthum an größerenGlltern anschloß, u. sind daher auch die Grundsätze über die Vererbung von Grund u. Boden für die Ordnung der T. bes. maßgebend geworden. Die allodialen Herrschaften wurden zunächst nach den Grundsätzen über die Vererbung adeliger Stammgllter vererbt, doch immer unter Bevorzugung des Mannsstammes vor dem Weiberstamme, sonst aber unter gleich nahen Erbberechtigten wurde eine Theilbarkeit der Herrschaft angenommen. Bei Lehen succedirten nur die Descendenten, nicht die Seitenverwandten des Territorialherrn, auch konnte das Grafen- od. Herzogsamt ursprünglich nur auf Söhne u. als etwas Un- theilbares nur auf Einen derselben übergehen. Allein seit dem 13. Jahrh. wurde auch hier mit Zerstörung der alten Gauverfassung die Theilbarkeit Regel. Untheilbar blieben nach Reichsgesetz nur die weltlichen Kijpsürstenthümer und vererbte die Kurstimme wie die Regierung nach der Goldenen Bulle nur nach der Primogeniturordnnng-, anderwärts schritt man, um durch die wirklichen Theiluugen (Todtheilung) nicht den ganzen Zusammenhang der Lande zu zerstören, zu der sog. Mutschirung (s. d.). Als man aber die Nachtheile einer fortwährenden Zersplitterung der Territorien einzuseheu an- fiug, suchte man denselben durch besondere Hausgesetze und Hausverträge entgegenznwirken, namentlich seit dem 16. u. 17. Jahrh. u. gelangte dabei Las Princip der Primogenitur mehr u. mehr zur Geltung. Diese hauszesetzlichen Bestimmungen wurden bei der Weiterentwickelnng der Landeshoheit zu einer wirklichen Staatsgewalt, zugleich unter die Concurreuz u. Garantie der Stände gestellt; damit wurde ihnen zugleich der Charakter vonLandesgrund- gesetzen ausgedrückt u. die Familienerbfolge zugleich zur Staatssuccession erhoben. Ähnlich hat sich die Entwickelung der T. in fast allen anderen enrop. Staaten gestaltet. Die T. nach Geblütsrecht ist keine Fortsetzung der Rechtspersönlichkeit des unmittelbaren Vorgängers, sondern eine dem dazu Berufenen kraft eigenen Rechtes Lurch die rechtlich gnalisicirte Abstammung vom erstenErwerber zukommende Suc- PiererL llniversal-CoiwsrsatllML-Lexilon. k. Aufl. XV cession u. richtet sich nothwendig nach staatsrechtlichen Grundsätzen insofern das Object, worein succedirt wird, der Herrscherberuf ist, welcher ans Rechten u. Pflichten zusammengesetzt und durch die Verfassung des Staates in gewisse Schranken gewiesen ist. Als allgemeine staatsrechtliche Bedingung der T. erscheint hiernach bes.dieFähigkeitzur Führnng der Regierung. Der Übergang der Staatsgewalt ans den Thronfolger erfolgt sofort mit dem Augenblicke der Thronerledigung (ipso furo) u. bedarf es daher einer besonderen Willenserklärung für den Erwerb des Rechtes auf denThrou nicht. (Roxuonmoritur. I-sroi ssbmori, vivs Is roi.) Daß der Thronfolger nach den meisten Verfassungen bei Antritt der Regierung vor Allein die Landesverfassung feierlich anerkennen u. eidlich bekräftigen muß, ist nur eine Bedingung für die gesetz- n. verfassungsmäßige Ausübung der Regierungsgewalt, nicht aber für die Erlangung des Rechtes an sich. Der Thronfolger hat, weil er sein Recht vom ersten Erwerber ableitet, schon vom Tage seiner Existenz an ein bestimmtesAnrecht auf die Folge (Aus üovalu- bionis), das ihm nur durch einen legal gefaßten Beschluß derRegierungsgewalten entzogen werden kann, wie er auch freiwillig auf das ihm zusiehende Recht verzichten kann. In Betreff des Rechtes zur T. ist überall ein Vorzug des Mannsstammes vor den Frauen anerkannt. In Deutschland verleiht zunächst nur die Abstammung durch den Maunsstamm ein Successionsrecht u. macht nur männliches Geschlecht zur T. fähig, so daß also alle Weiber u. männlichen Cognaten, wenigstens zunächst, von der T. absolut ausgeschlossen sind. (Salisches Gesetz.) Nur bei gänzlichem Abgang des Mannsstamms wird nach einigen Verfassungen (Niederlande, Sachsen, Bayern u. Württemberg) auch der Weiberstamm in der Weise subsidiär zur T. zngelasse», daß alsdann die dem letzten Inhaber des Thrones am nächsten stehende Frau den nächsten Anspruch auf den Thron hat. Als nächstberechtigte Thronfolgeritt gilt daher alsdann die Tochter des letzten Fürsten, die sogen. Erbtochter, u. unter mehrere» Töchtern die Erstgeborene davon, nicht aber etwa die bereits in früheren Successionssällen übergangenen Frauen, die sogen. Regredientcrbinnen (s. d.). Die so zur T. berufene Frau ist alsdann auch befugt selbst die Regierung anzutreten u. zu führen; allein bei der weiteren Vererbung tritt in dem neuen regierenden Hause sofort der Vorzug des männlichen Geschlechtes vor dem weiblichen wieder ein u. die Snccessionsordnung im Mannsstamm. Manche deutsche Verfassungen, z. B. Preußen, Oldenburg (ebenso auch Belgien n. Schweden u. früher Kurhessen), kennen jedoch überhaupt eine Succession der Cognaten gar nicht, so daß es für diese Staaten bei dem Abgänge des Mannesstammes einer neuen Regulirung der T. durch Gesetz bedürfen würde. Ganz abweichend von dein deutschen System ist das englische, das inSpanicn u. Portugal. Das Anrecht auf die T. setzt immer die Abstammung aus einer wahren u. echten, nach deutschem Staatsrecht auch ans einer ebenbürtigen Ehe voraus. Durch Adoption od. Arrogation kann kein T-rechl gewonnen werden, insofern nicht damit, wie z. B. in Schweden 1810 bei der Adoption des Marschall Bernadotte durch Karl Xlll. geschah, eine gesetzliche Abänderung der T-ordnnng verbunden ist. Eine absolute körperliche od. geistige Unfähigkeit des ii. Band. 23 354 Thronfolger Thronfolgers zur Übernahme der Regierung schließt denselben nur dann von der T. unter Vererbung derselben aufdennächstcnAgnaten aus, wenn derfragliche Mangel schon bei dem Anfall der Negierung vorhanden ist. Dagegen wird bei einer voraussichtlich nur vorübergehenden Unfähigkeit des Thronfolgers eine Regierungsvormundschaft, welche meist dem nächsten Agnatengebührt, angeordnet. Die Ordnung der Erbfolge, d. h. die Reihe, in welcher die einzelnen Mitglieder der Regentenfamilie znrT. gerufen werden, ist in neuerer Zeit regelmäßig auf die Grundsätze der Primogenitur (s. d.) gebaut. In außerordentlicher Weise kann auch durch Erbvertrag, bes. durch sog. Erbverbrüderung, eine T. begründet werden. Eine testamentarische T. gibt es nicht. Bezüglich der Rechte u. Pflichten, in welche der Regierungsnachfolger kraft der ihm eröffuetcn T. eintritt, kommt es auf eine genaue Sonderung der Staats- u. Privatver- lassenschast der verstorbenen Monarchen an (vecgl. Posse, lieber dieSonderung reichsständischerStaats- u. Privatverlassenschaft, Gött.1790). Nur die staatsrechtliche Verlassenschaft (d. i. alle dem Staatsoberhaupt als solchem zustehenden öffentlichen Rechte (die Regalien), alles von demverstorbencnSouverän aus Staatsmitteln u. in der Absicht, daß es dem Staat als solchem erworben sein solle, gleichviel ob ans staats- od. privatrechtlichen Titeln, erworbene Vermögen) ist das eigentliche Object der T. In Betreff der Negierungshandlungen gilt als Cardiual- satz, daß der Nachfolger alle redlichen, zum Nutzen des Landes vorgenommenen Handlungen seines Regierungsvorfahren anerkennen u. erfüllen müsse, zumal nach der neueren Ausbildung des Staatsrechtes jeder Fürst nur als Inhaber u. Repräsentant eineru. derselben dauerndenStaatsgewalt anzusehen ist. Anderseits ist jeder Thronfolger auf Grund seiner Berechtigung zur Ausübung der vollen Negierungsgewalt, befugt die Rcgierungsacte seines Vorfahren unter denjenigen Voraussetzungen, unter welchem dem Letzteren selbst dies freigestanden haben würde, einer Abänderung für die Zukunft zu unterziehen; eine Annullirung dagegen ist ihm nur dann erlaubt, wenn die betreffende Handlung von vornherein nach den bestehenden Haus- od. Verfassungsgcsetzen nichtig gewesen sein sollte. Auf die Privatverlassenschast des Vorgängers gibt die T. an sich keinen Anspruch. Hinsichtlich dieser gelten der Regel nach nur die Grundsätze des gemeinen Erbrechtes, insofern nicht etwa auch hier Hausgesetze oder Hausverträge Abänderungen enthalten. Aus gleichem Grunde haben auchdiePrivatglänbigerdesverstorbenenSouveräns kcinenAnspruch gegendenThronfolger aufBefriedig- ung auS derStaatsverlassenschast, ».umgekehrt steht auch ebensowenig den Staatsgläubigern ein unmittelbarer Anspruch auf den Privatnachlaß des verstorbenen Souveräns zu. Vgl. Pfeiffer, Über die Ordnung der Regiernngsnachfolge in den monarchischen Staaten Deutschlands, Kassel 1826; Schulze, Das Recht der Erstgeburt in den deutschen Fürstenhäusern, Lpz. 1851. Lagai.» Thronfolger, s. u. Thronfolge. Thronrede, in constitutionellen Staaten die feierliche Ansprache, mit welcher der Souverän gewöhnlich beimBcginu derSession vomThron herab, umgeben von seinen Ministern u. Würdenträger!!, die Versammlung der Stände od. Volksrepräsentan- — Thugut. ten eröffnet. In republikanischen Staaten entspricht derselben die Eröffnungsbotschaft des Präsidenten. Die T. kann auch im Namen des Souveräns durch einen Minister verlesen werden. Ihrem Inhalt nach umfaßt die T. in der Regel einen kurzen Ueberblick über die äußere u. innere Lage des Landes; sodann einen Überblick der von den Kammern zu behandelnden Gegenstände. Bei ausführlicheren T-n, welche zugleich politische Grundsätze berühren, ein im Einvernehmen des Fürsten mit den Ministern festgestelltes Programm des Ministeriums bilde», ist es Sitte, daß die T. von den Kammern mit einer Adresse beantwortet wird. Auch bei dem Schlüsse einer Kammersession werden feierliche T-n gehalten. Thuanus, s. Thon i). Thubal-Kain, Sohn Lamechs; soll die Kunst das Eisen zu schmieden erfunden haben. Thudlchum, Friedrich Wolfgang Karl, Rechislehrer,geb.18.Nov.l83l in Büdingen (Groß- herzogth. Hessen), war nach absolvirten Studien im Justiz- u. Verwaltungsdienst u. habilitirte sich 1858 in Gießen, von wo er 1862 als Professor der Rechte nach Tübingen berufen wurde. T., seit 1870 ordentlicher Professor daselbst, schr.: Die Gau- und Markverfassung in Deutschland, Gieß. 1860; Der altdeutsche Staat, ebd. 1862; Rechtsgcschichte der Wettcrau, Tüb. 1867, Bd. I; Das Verfassungsrecht des Norddeutschen Bundes u. des deutschen Zollvereins, ebd. 1860 —70, 2 Abthl.; Deutsches Kirchen- recht des 19. Jährh., Leipz. 1877, 2 Bde. Lagai. Thneyts , Stadt im Arr. Largentiere des franz. Dep. Ardeche, auf einem von der Lava des ausgebrannten gleichnam. Vulkans gebildeten Plateau unweit des Zusammenflusses der Ardeche u. des Me- deric; altes Schloß, Scidenmühlen, mehrere kalte alkal.Mineralquellen: 1876: 688 Ew. (Gem. 2585) Thug, so v. w. Thag. Thngut, Franz Maria, Freiherr von, eigentlich Tunicotto, d.i. Thunichtgut, welchen Namen die Kaiserin Maria Theresia in T. nmänderte, verdienstvoller österr. Staatsmann, geb. 1734 in Linz an der Donau, Sohn eines Schiffers, trat 1752 in die von einemJesnitenpater neu gegründete orientalische Akademie in Wien, kam 1754 als Sprach- knabe (Dolmetschgehilfe) nach Constantinopel, wo er 1757 Dolmetscher wurde. Wegen wichtiger Unterhandlungen , die er während des Siebenjährigen Kriegs geführt hatte, ward er 1769 Geschäftsträger am türkischen Hofe, 1770 Resident, im folg. Jahre wirklicher Jnternuntins u. kgl. kais. Hofrath. 1772 war er österr. Bevollmächtigter auf dem Congreß von Fokschani bei den russisch-türkischen Friedensver- haudlungen, die jedoch zu keinem Resultate kamen. 1774 erhob ihn Maria Theresia in den Freiherrnstand; sie verdankte seinen klugen Verhandlungen im folg. Jahre die Bukowina, wofür sie ihm das Com- mandeurkreuz des St. Stephanordens verlieh; 1778 sandte sie ihn ohne Josephs II. Vorwissen an Friedrich d. Gr., um den Ausbruch des Bayerischen Erbfolgekrieges zu vermeiden. Als Lies nicht gelang, übertrug sie ihm die Conferenzen in Braunau, die zum Teschener Frieden führten. 1780 wurde er Gesandter in Warschau, 1787 in Neapel, und ging 1788, während des Krieges der Russen u. Österreicher gegen die Pforte, als bevollmächtigter Hof- I commissär der Moldau u. Walachei zum Heere des 0 355 Thuin — Prinzen von Sachsen-Koburg u. Suworows. Er leitete dann anfangs, nachdem er 1790 dieFriedens- präliminarien von Reichenbach in Schlesien abgeschlossen, die später von Graf Franz Esterhazy bell beendigten Friedensunterhandlungen mit der Pforte . zu Sistowa. Beim Ausbruch der Französischen Revolutionging er mit wichtigen Aufträgen nach Paris, wo er die Unterhandlungen der Königin mit bedeutenden Parteihäuptern, namentlich mit Mirabeau, leitete. 1792 mit dem Großkreuz des St. Stephan- l ordens ausgezeichnet, war er kurze Zeit Armeemi- i nister bei dem für die Zurückeroberung der verlore- ^ neu Niederlande bestimmten Heere des Prinzen von ! Koburg, wurde April 1793 Geueraldirector der Staatskanzlei u. 1794 nach des Fürst von Kaunitz Tode Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Scharfer Blick, eiserner Wille, undurchdringliche Verschwiegenheit, Haß gegen die Französische Revolution u. dann gegen Napoleon zeichnen ihn auf diesem Posten aus, von welchem er nach dem Frieden von Campo Formio (17. Oct. 1797) zurücktrat. Er übernahm dafür die Leitung der Angelegenheiten in » den neu erworbenen italienischen u. Kllstcnprovinzen. 1799 wurde er beim Wiederausbruch des Krieges von Neuem Minister des Auswärtigen; doch setzte der Friede von Luneville bald seiner Thätigkeit ein Ende. Von Franz II. mit Gütern in Ungarn beschenkt, lebte er theils in Preßbnrg, theils in Wien, vorzüglich mit morgenländischer Literatur beschästigt, bis er 29. Mai 1818 zu Wien starb. Vgl. A. von Vivcnot, T., Clerfait u. Wurmser, Juli 1794 bis Febr. 1797; Dcrs., Originaldocumente mit einer historischen Einleitung, Wien 1889; Ders., Vertrauliche Briefe des Frhrn. v. T. (1790 — 1801), 2 BLe., ebd. 1872. Schmitz. Thnin, Arrondissementshauptort der belg. Prov. Hennegan, an der Sambre; Station der Belgischen Nordbahn, Gymnasium, Tuchfabrikation, Eisenhütten; 5451 Ew. Thuir, Stadt im Arrond. Perpignan des franz. Dep. Pyrenees-Orientales, am gleichnam. Bache; Ackerbauschule, Weinbau, Fabrikation von Papier, Töpferwaaren, landwirthschaftlichen Geräthen rc>, Branntweinbrennerei; 1876:2303 Ew.(Gem.2524). Ikujs L,., Pflanzengatt, aus der Fam. der 6oni- ftsras-ftlnprsssineas; Bäume u. Sträucher mit wieder holt in einer Ebene zweizeilig verzweigten Asten, an denen die kleinen schuppeuförmigen Blätter ge- kreuzt-4-reihig stehen; Blüthen einhäusig, männliche Blllthen mit schildförmigen, unterseits vier Staubbeutel tragenden Staubblättern; Fruchtschuppen bei der Reise lederartig, je 2 Samen tragend. Keimling mit 2 Cotylcdonen. Arten: ü?. oooiäsntalis L. (Lebcnsbaum), Baum in NAmerika, mit in wagerechter Ebene verzweigten Ästen u. 10—12 Fruchtschuppen in jeder Frnchtähre; sowol der frische Saft, als die Tinctur der Blätter wird angewendet gegen Warzen, bes. Feigwarzen; daraus wird das Thujaöl § durch Destillation erhalten; es ist gelblich-grün, cam- Pherartig schmeckend, Anthelminticum; der Baum wird häufig angepflanzt u. eignet sich namentlich auch zu lebendigen Hecken. D. oriontalis L., dem vorigen ähnlich, ausgezeichnet durch aufrechte Aste, die in senkrechter Ebene verzweigt sind; Fruchtschuppen zu 6—8 in jeder Fruchtähre; in China heimisch u. in vielen Varietäten in Gewächshäusern gezogen. Engler. - Thum. Thukhdrdes, der größte griechische Geschieht, schreiber, aus dem attischen Demos Halimus, Sohn des Qloros u. der Hegesipyle, einer Enkelin des Mil- tiades (des Siegers von Marathon), geb. um 460 v. Chr., seine Lehrer waren Antiphon u. Anaxagoras. Daß er als Knabe bei den Olympischen Spielen den Herodot seine Geschichte r orlesen hörte, gerührt davon weinte u. sich vornahm, selbst auch Historiker zu werden, ist lediglich eincSage. 424 befehligte T. ein athenisches Corps gegen die Spartaner auf der thrak- ischen Küste; da Amphipolis von den Peloponnesiern genommen wurde, ehe er zu Hilfe kommen konnte und er nur Elon zu retten vermochte, so wurde T., ohnehin als reicher, adeliger und gemäßigter Mann Kleons radicaler Partei verdächtig, angeklagt, ging aber anscheinend vor dem Ende des Processes freiwillig in das Exil u. lebte meist zu Skapte Hyle (Lhasas gegenüber) in Thrakien, wo er durch seine Frau oder seine Mutter reiche Goldbergwerke besaß, und wo er sich mit der Sammlung der Materialien zu seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges beschäftigte. 403 kehrte er auf kurze Zeit nach Athen zurück; als er wieder nach Thrakien kam, fand er (400 od. 396 v. Chr.) angeblich den Tod durch Mörder- Hand. Seine Geschichte des Peloponnesischen Krieges, rov Tro/lesuov rwr- Le/lorror-r-y srco»- -r«r ÄSyi-aiwt-, erzählt die Ereignisse dieses Krieges bis 411 v. Ehr.; sie ist ausgezeichnet durch genaue u. wahrhafte Erzählung, pragmatische Darstellung der Sachen u. scharfe Schilderung der Charaktere der handelnden Personen, präciseu Ausdruck, kurze u. gedrängte Sprache (im ältern Atticismus). 1. A. Vened. bei Aldus, 1502, Fol.; Florenz durch Junta, 1526, Fol. u. ö.; von Waffe u. Duker, Am- sterd. 1731, Fol.; Alter, Wien'1785 ft, 2 Bde.; von Gottleber, heranSgeg. von Bauer u. Beck, Lpz. 1790 bis 1804, 2 Bde., Land. 1819, 4 Bde.; Reophytos Dukas, Wien 1806 f., 10 Bde. (mit neugriechischem Commentar); I. B. Gail, Par. 1807,12 BLe., 2. A. 1814, 8 Bde., von Haake, Lpz. 1820; E. F. Poppo (große A.), Lpz. 1821—51, 4 Thle. in 11 Bdn. n. (kleine A.), Gotha 1843—1856, 2 Bde.; I. Bekker, Berl. 1821, 3 Bde., Oxf. 1824; F. Göl- ler, Lpz. 1826, 2 Bde., 2. A. 1836; von Morstad, Gervinus u. Hertlein, Franks. 1832—35, 2 Thle.; von Haase, Par. 1840; Bloomfield, Lond. 1842 f., 2 BLe.; Krüger, Berl. 1846 ft; von Bothe, Lpz. 1848;vonArnold,Lond. 1848—51, 3 Bde.; Classen, Berl. 1869—76, 6 Bde.; deutsch von Heilmann, Lemgo 1760, 3. A. von Bredow, 1823; Max Jakobi,Hamb.; 1804—8, 3Bde.; Hier. Müller, Prenz- lau 1820 ft; Osiander, Stuttg. 1827; von Böhme, Lpz. 1854; von Campe, Stuttg. 1856—58,2 BLe.; Betaut, l/sxioon Ümexäiäsum, Genf 1843—54, 2 Bde. Vgl. W. Roscher, Leben, Werke und Zeitalter des T., Gött. 1842; Welzhofer, T. u. sein Geschichtswerk, Münch. 1877. Hertzberg. Thule , eine von Pythcas (s. d.) entdeckte u. bei Plinins u. Ptolemäos erwähnte Insel des Atlanti- schenOceans, galtim Alierthume für den nördlichsten Punkt der damals bekannten Erde, wird von den Neueren für Island, für Norwegen, für Nordschottland, für eine der Shetlandsinseln, für die Färöer gehalten. Thum, Stadt in der kgl. sächs. Kreishauptmann- schast Zwickau, am Fuße des 730 m hohen Granit- 23 * 356 Thumann selsens Greifenstein, 512 m ü. d. M.; Fabrikation von Strumpf- u. Posamentirwaaren, Spitzen, seidenen Bändern u. dgl., Färbereien mit Appreturen, starke Schuh- u. Hutmacherei; 1875: 2942 Ew. — Dabei die Dörfer Gelenan mit Strumpfwirkerei, u. Spitzenklöppelei und 5284 Einw., Jahnsbach mit Stuunpffabrikation «.Bleichereien u. 16S7EW., sowie Herold mit Spielwaarcn-, Holzspulen- u. Pap- penfabrikation, 2 Banmwollenspinnercien, 2 Flachsspinnereien, 1 Kalkwerk n. etwa 850 Ew. — Bei T. 15. Jan. 1648 während des Dreißigjährigen Krieges das letzte Gefecht in Sachsen, die sogen. Thnmer Schlacht, an die ein an der Straße nach Annaberg errichteter Denkstein erinnert. H- Berns. Thumann, Paul, bedeutender Maler, geb. 5. Oct. 1834 inTzschaksdorf (Niedcrlansttz), bildete sich, nachdem er 4 Jahre in der kartographischen Anstalt von O. Flemming in Glogau gearbeitet, 1853 bis 1855 in Berlin und dann bis 1860 bei Hübner in Dresden, arbeitete daraus in Leipzig und Weimar, zwischen hinein auf Reisen in Ungarn n. Siebenbürgen n. Italien, war dann 1866—1872 Professor an der Kunstschule in Weimar, 1870 während des Krieges in Frankreich, das er später dann, sowie Belgien u. England noch bereiste. Nach Zjährigem Aufenthalt in Dresden wurde er 1875 an die Berliner Akademie berufen. Werke: Hedwigis, Altarbild in Liegnitz; 5 Bilder aus Luthers Leben für die Wartburg rc.; dann zahlreiche Portraits ».Genrebilder, Illustrationen zu Auerbachs Kalender, Goethes Wahrheit n. Dichtung, Tennysens Enoch Arden rc. Thnmer Stein, so v. w. Axinit. sR-gn-t. Thümmel, Moritz August von, deutscher, humoristischer Romandichter, geb. 27. Mai 1738 ans dem Ritterguts Schönfeld bei Leipzig, besuchte seit 1754 die Klosterschule zu Roßleben in Thüringen, seit 1756 die Universität Leipzig, um die Rechte zu stndiren, verwandte aber seine Zeit mehr auf die schöneLiteratur, knüpfte mit Weiße einen Freundschaftsbund für das ganze Leben an, wurde 1761 sachsen-koburgscher Kammerjunker, erwarb sich durch sein komisches Heldengedicht in Prosa: Wilhelmine od. der vermählte Pedant, Lpz. 1764, schnell einen schriftstellerischen Rnf, stieg 1768 zum koburgschen wirklichen Geheimrath n. Minister auf, schrieb die Jnoculation der Liebe, eine Erzählung in Versen, Lpz. 1771, reiste in demselben Jahre nach Wien, 1772 nach Holland u. Frankreich, wiederholte diese Reise 1774, kehrte 1777 nach Deutschland zurück. Nachdem er 1776 eine nicht unbedeutende Erbschaft gemacht, heirathete ereinigeJahrenachher die reiche Wiltwe seines jüngeren Bruders, zog sich 1783 von den össenttichen Geschäften zurück, wohnte nun theils in Gotha, theils auf seinem Gute Sonneborn, erlebte sehr bedeutende finanzielle Verluste u. traurige Familienereignisse, und legte die Hand an seinen Roman: Reisen in die mittäglichen Provinzen von Frankreich im Jahre 1785—86. Das Werk erschien Lpz. 1791—1805 in 10 Bdn. Er lebte in dieser Zeit abwechselnd in Gotha, anfSonneborn, inAlte,iburg, in Kobnrg. 1803 machte er eine abermalige Reise nach Holland u. Frankreich, 1807 ging er zum ersten Male nach Berlin. Er st. 26. Oct. 1817 in Kobnrg. SämmtlicheWerke,Lpz. 1811—19,6Bde., 2. A. ebd. 1820—21, 6 Bde., n. A. 1832 in 6 u. 1854 in 8 Bdn. Aus seinem Nachlasse von F. F. I — Thun. Hempel herausgeg., erschien noch das scherzhafte Gedicht: Der hl. Kilian od. das Liebespaar, Lpz. 1819. Lebensbeschreibung von I. E. von Grüner, ebd. 1819. 2) Hans Wilhelm von, jüngster Bruder des Vor., geb. 17. Febr. 1744 in Schön- selb; studirte in Leipzig, wurde 1760 Page in Gotha, st 1765 Kammerjunker u. dann Kammcrassessor, begleitete den Lord Villiers u. später den Prinzen August von Gotha auf Reisen durch Deutschland und Italien u. wurde 1783 Kammervicepräsident in Al- tenbnrg, wo er viel zur Abschaffung der nngemefse- nen Frohnen u. für das Armenwesen that. 1805 zum geheimen Rath u. Minister befördert, errichtete er die später wieder eingegangene Armencolonie Neufrankenroda bei Gotha n. erwarb sich durch Abtragung der Wälle und sonstige Verschönerungen Verdienste um Gotha, wie durch mehrere Bauten um Altenburg. Schon früher hatte T. diplomatische Sendungen übernommen; als nun Gotha dem Rheinbünde beigetreten war, wurde er 1807 zu diplomatischen Missionen an Napoleon gebraucht; 1808—17 lebte er wieder seinen Dienstgeschäften und nahm dann den Abschied. Er st. 1. März 1824 in Altenbnrg. T. schrieb: I-stbrss n 6Iio, Nonneb. 1808 (eine Schmeichelei für Talleyrand); Aphorismen eines Siebennnsiebzigjährigcn, 1818, 2. A. 1822; Nachgelassene Aphorismen,Frkf. 1827. Th um Ml in (j'üd. Werth.), s. n. Urim. Thun, Stadt im gleichnam. Bez. des Schweizerkantons Bern, in reizender Lage n. in herrlicher Umgebung am Eingänge des Berner Oberlandes, 565 in ü. d. M., an der Aare, unweit ihres Ausflusses ^ aus dem Thuncr See, Station der Dampfschiffe u. " der Schweizer. Ceniralbahn, alterthümlich gebaut, mit Arcadenstraßen u. hohem Fußrain; altes, 1182 erbautes Zähringen-Kyburger u. neues, 1429 innerhalb der Ringmauern des alten angebautcs Amts- schloß, Pfarrkirche (993 gegründet, 1738 neu aufgebaut), Spital, Waisenhaus, Rathhans mit Bibliothek und römischen Alterthümern; eidgenössischer Hauptwaffenplatz für Artillerie, Offizier- u. Unteroffizier- schnlen, eidgen. Fabriken von Munition und Kriegs- fnhrwerken, Pferdeanstalt (Fohlenhof); große aufs zweckmäßigste eingerichtete Bierbrauerei, Ziegelbrennerei u. andere industrielle Etablissements; sehr besuchte Jahr- u. Monatsviehmärkte, Centralstation für Fremde mit zahlreichen Hotels u. Pensionen jeden Ranges u. Excursionsgelegenheiten nach allen Richtungen; mit der Vorstadt Hofstetten 1870: 5200 Ew. — Der Thnner See ist 14 km lang, bis 3 km breit, 47,^ fUkm groß n. bis 216 m tief; wird von der ans dem Brienzer See kommenden Aare durchflossen, nimmt außer vielen kleineren Gebirgs- : wässern die Länder (nnt der Simme) auf u. ist reich f an Fischen, des. Forellen, Aalböcken, Karpfen, Hechten rc. Seine reizenden und malerischen Ufer sind von Dörfern, Schlössern, Landhäusern, Weingelän- ! de», Wiesen, Feldern ».Wäldern bekränzt u. von ho- , hen Berggipfeln (Stockhorn, Niesen, Morgenberg rc.) i umgeben. Regelmäßige Dampsschifffahrt u. Trajec- tirnng von Eisenbahnwagen von Scherzligen nach Därligen. Vgl. Abr. Roth, T. u. seine Umgebungen mit 35Jllnstralionen n. 2Karten, Bern 1873; Thun u. Thunersee mit 23 Illustrationen u. 1 Karte,Zürich, 1878 u. Baron von Scriba, Wegweiser für Thun, Jn- terlaken 1879. H- Berns. l 357 Thun — Thun (Thun in Hohenstein), ein ursprünglich ans ver Schweiz stammendes Geschlecht; es besaß dort die Grafsch. Thun mit Schloß n. Stadt, kommt seit Ende des 14. Jahrh. in Österreich vor u. ist jetzt noch in Tirol u. Böhmen begütert; es erhielt 1530 den Freiherrnstand, bekam 1623 den Beinamen Hohenstein u, wurde 1629 in den Grafenstand erhoben. Die beiden noch blühenden Stämme haben den 1522 verstorbenen Anton von T. zu ihrem gemeinschaftlichen Stammvater. Ans dem Geschlechts (Böhmische Linie, Majorat Tetschen) stammen die beiden österr. Staatsmänner: 1) Graf Friedrich, geb. 8. Mai 1810, widmete sich der diplomatischen Laufbahn, war österr. Gesandter bei dem 9. Mai 1850 eröffnelen Frankfurter Congreß, wurde nach der Neactivirung des Deutschen Bundestages Präsident desselben, war Nov. 1852—54 österr. Gesandter in Berlin u. Ende 1859—1863 in Petersburg. Er ist k. k. Wirkt. Geh. Nath u. Kämmerer; n. 2) sein Bruder,Graf Leo Leopold, geb. 7.April 1811, trat 1835 in den österr. Staatsdienst u. zwar zuerst zur Justiz, 1842 aber in die Verwaltung, kam dann in die Hofkanzlei, ward 1846 dem Grafen Rudolf Stadion bei Ordnung der Verhältnisse in Galizien beigegeben, 1847 Gubernialrath daselbst, 1848 Gubernialpräsident in Böhmen, legte aber schon im Juli, nach 3 Monaten, dieses Amt nieder u. vertrat nun mit um so größerer Entschiedenheit die histor.- polit. Individualität der Czechen in Schrift u. Wort, namentlich auch im Böhmischen Landtage. Am 28. Juli 1849 erhielt er im Cabinet Schwarzenberg das Portefeuille des Cultus u. öffentlichen Unterrichts, welches er infolge der Einführung der Constitution 20. Oct. 1860 abgab. Als Cultusminister hat er sich sehr um Reform des Unterrichtswesens in Österreich verdient gemacht, aber auch wesentlich auf Abschluß u. strenge Durchführung des.Concordats von 1855 hingewirkt. Im Frühjahr 1861 in den neugebildeten Böhmischen Landtag gewählt, ward er alsbald mit dem Grasen Clam-Martinitz das Haupt der mit den Nationalen verbündeten Feudalpartei u. im Herrenhause, in das ihn im April dss. Jahres der Kaiser berufen, Führer der äußersten Rechten. Bei den staatsrechtlichen Verhandlungen des Böhm. Landtags 1865—66 war T. Referent der Majorität, wurde aber nach Auflösung des Landtags nicht wieder in denselben gewählt. Den Ausgleich mit Ungarn bekämpfte er auf das Entschiedenste im Herrenhanse 1867, wie 1868 die neue Ehe- n. Schulgcsetz- gebung. Er schr.: Über den gegenwärtigen Stand der böhmischen Literatur, Prag 1842; Die Stellung der Slowaken in Ungarn, ebd. 1843, u. ließ auch seine Reden in besonderen Abdrücken erscheinen. 3) Graf Guido (Böhmische Linie, Majorat Klösterle), österr. Staatsmann, geb. 19. Septbr. 1823, ergriff die diplomatische Laufbahn, war 1859 Geschäftsträ ger im Haag, 1863 in Petersburg, 1865—66 Gesandter beim Kaiser von Mejico, 1866—67 bei den Hansestädten. 1867—70 Mitglied des Böhmischen Landtags, u. von diesem in das Abgeordnetenhaus des Reichsraths deputirt, vertrat er die verfassungstreuen Großgrundbesitzer Böhmens u. wurde Dec. 1872 in das Herrenhaus berufen. Lagai. Thiineu, Johann Heinrich v., berühmter Landwirth n. Nationalökonom, geb. 24. Juni 1783 zu Kanarieuhausen im Jeverlandc, besuchte die. Thunfisch. Landwirlhschaftliche Schule in Flottbeck,dieThaersche Anstalt in Celle u. stndirte zuletzt in Göttingen; seit 1810 besaß er das Gut Tellow in Mecklenburg, wo er eine Musterwirthschaft ein- u. dnrchfnhrte, u. st. 22. Sept. 1850. Er. schr.: Der isolirteStaat,Rost. 1826, 3. A. 1875. Von ihm ist das, jetzt in der Nationalökonomie anerkanntes Gesetz (T-sches Ge- setz) ausgestellt, nachwelchem die Wirthschaftssysteme von einem Mittelpunkt ausgehend u. sich nach der Peripherie entfernend, sich verändern müssen, bis sie endlich stnfenweis zur Viehzucht und zuletzt zu Fischerei u. Jagd herabsinken, weilan den äußersten Grenzen jede andere Betriebsweise anshört, vortheil- haft zu sein. Daraus folgt erstens, daß es kein absolut vollkommenes Wirthschaftssystem gibt, sondern daß jedes nur einen relativen Werth hat, der durch den Grad der Civilisation in der Umgebung, durch den Zustand der Verkehrsmittel u. der dadurch bedingten Nähe des größten Marktes bestimmt wird; zweitens, daß sich nach diesen Bedingungen die Höhe der Bodenrente für jeden gegebenen Ort bestimmt. Vgl. Schumacher, I. H. v. T., ein Forscherleben, Rost. 1868; Roscher, Geschichte der Nationalökonomie in Deutschland, Münch. 1874; Hermann, Das Thünensche Gesetz, Halle 1876. Thunfisch (Thnnin), Miznnns LNv., Fischgattung aus der Fam. der Makrelen. Körper gestreckt, etwas hoch. Erste Rückenflosse bis zur zweiten reichend. An der Brust ein Schuppenkragen. Schwanz seitlich gekielt. Außerdem trägt der Körper 6 —9 falsche Flossen. Art: N. vulgaris <7. l^., gem. T-, bis 5 in lang. Oben stahlblau, unten silberfarben. Nebenflossen goldgelb. Bis 900 schwer. Mittelmeer u. nordatlantisch. Einer der größten eßbaren Fische. Hält sich Winkers in der Tiefe ans, steigt des Frühjahrs auf, zieht sich in schaaren (zu Hunderten und Tausenden), welche gewöhnlich ein Viereck bilden u großen Lärm machen, an die Küsten, des. in die Nachbarschaft der Flußmündungen, um seine Eier (nur von Hirsenkörngröße) abznlegen. Er ist sehr gefräßig, fängt kleinere Fische dadurch, daß er schnell in einer Schneckenlinie schwimmt, einen Wasserwirbel erregt und so den Raub zusammentreibt. Daß er aus den nördlichen Meeren in die südlichen ziehe, ist nicht erwiesen. DerFangdesT-s im April bis Juni ist für die Bewohner der Küsten, bes. des Mittelmeeres, von Wichtigkeit u. in Sardinien, an der italienischen n. spanischen Küste Gegenstand von Volkslnstbarkeit. Um ihn zu fangen, werden große Fischnetze so hinter einander gestellt, daß sie verschiedene Kammern (oft von der Länge einer Stunde) bilden, von welchen die letzte aus den stärksten Garnen besteht; diese Anstalten (ital. Bonnaro, franz. Llaärigws) werden zwischen zwei Inseln oder einer Insel u. dem Festlande getroffen u. dem Zuge der Fische entgegengestellt. In der letzten Kammer (To- dtenkammer) werden die T-e mit Harpunen todtge- stochen. Bei Sardinien sängt man jährl. auf 45,000 Stück; es werden hier öffentliche Andachten für den glücklichen T-fang abgehalten, ihre Züge mit Musik u. Kanonenschüssen begrüßt; besondere Wächter geben durch Auslaufen ihrer Boote dasZcichen, sobald sie einen Zug T-e erblicken. Die an das Land gebrachten Fische werden zerhackt, gesalzen u. bes. zur Schiffskost verkauft; aus den schlechteren Theilcn Iwird Thran gesotten. Auch marinirt man die T-e, 358 Thungting — Thurgau. indem man das Fleisch auf großen eisernen Rosten brät und dann mit Salz, Pfeffer, Gewürznelken u. Lorbeerblättern in Fässern einpackt, oder man kocht die reingewaschenen Ileischstücke in mit Gewürzen versetztem Salzwasser, thut sie in Fässer oder Flaschen und übergießt sie mit Ol. Roggen u. Lebern werden bes. eingesalzen. Auch wird das Fleisch, nach den verschiedenen Theilen sortirt, verpackt. Die Bauchstücke heißen Lorra, das dicke Fleich 6arns notta, die übrigen geringeren Theile Lnsioag-Iig.. T-e sind auch fossil gefunden. Farwick. Thungtiug (Tnngting), Landsee im N. der chinesischen Prov. Hunan, der größte Chinas, 210 km Umfang; gespeist von dem Jünkiang, Henkiang u. anderenFlüssen, milAbflnßznmJantsekiang ».sehr fruchtbaren Umgebungen. Thur, 1) linker, 118 km langer Nebenfluß des Rheins in den schweiz. Kant. St. Gallen, Thnrgau u. Zürich; entspringt aus 2 Quellen am SentiS u. an den Churfirsten, durchfließt in nordwestl. Richtung das Toggenburg, wendet sich vorauf bei Wyl nach NO. n. bei Bischofszell nach W., nimmt rechts den Neckar, die Glatt n. Sitter, links die Murg auf und mündet unterhalb Andelfingen bei Flaach. 2 ) 86 km langer Fluß im deutschen Reichslande Elsaß- Lothringen; entspringt am Rheinkopf des Wasgaugebirges, dnrchströmt das schöne, in iiidustriellerHin- sicht wichtige Thal von St. Amarin, verläßt bei Thann das Gebirge, durchfließt dann in nordöstlicher Richtung die oberrheinische Tiefebene n. mündet mit einem Arm bei Ensisheim, mit dem andern beiKol- mar links in die Straßburger Jll. H- Berns. Thuret, Gustav Adolf, bedeutender französ. Botaniker, geb. zu Paris 23. Mai 1817, studirte die Rechte ging aber dann zur Botanik über u. wurde der eifrigste Schüler Decaisnes. Seine erste Arbeit über die Antheridien der Chara erwarb sich großeAnerkennnng. Oet. 1840wurdeer derfranzösi- schen Gesandtschaft in Constantinopel attachirt, wo er fleißig botanisirte, auch Syrien uns Ägypten bereiste; in Theben ernstlich erkrankt kehrte er nach Frankreich zurück und widmete sich dann ganz dem mikroskopischen Studium der Algen u. a. niederen Pflanzen. So erschien 1843 sein berühmtes Werk über die Bewegungsorgane der Algen und 1844 über die Entwickelung des kstostoo. Gemeinsam mit Decaisne studirle er die Reprodnctionsorgane der Fucaceen und beide veröffentlichten gemeinsam ihr berühmtes Werk darüber 1844. 1845 entdeckten beide die Zoosporen von Oliorän tiknm ck). Von da an hielt sich T. jeden Sommer an der Seekllstesammelnd n. beobachtend auf u. gewann 1850 mit seinen Rsolrsrelres sur Iss Aoosporss (Iss AIZuss st Iss ^ntlisriäiss äss Or^ptoAnmes den Preis der Pariser Akademie. Im Jahr darauf zog er nach Cherbourg über, wo er die Frnctification der Fucaceen entdeckte. Er gründete daselbst auch eine uaturforschende Gesellschaft, mußte dann aber aus Gesundheitsrücksichten in SFrankreich sich nieder- lassen. Auch jetzt widmete er sich vorwiegend den Florideen, ohne deshalb andere Forschungsgebiete zu vernachlässigen. Während der Vorbereitung eines analytischen Schlüssels zu der Fam. der Nos- toceen st. er unerwartet 10. Mai 1875 zu Nizza. (S.kroeseä.I-in».8oe.,Lond.1874—75,S.66). r. Thurgau, 1) Kanton der Schweiz, grenzt an Baden, den Bodensee u. die Kantone St. Gallen, Zürich und Schaffhansen; 988 sH km (17,, s^s M) mit (1870) 93,300 Elv. (auf 1 dskm 94, in der ganzen Schweiz 64). Die kleine Exclave Schloß u. Dorf Horn am Bodensec ist von St. Gallischem Ge- bist umschlossen. Der Kanton bildet ein fruchtbares Hügel- u. Wellenland, gehört der Schweizer Hochebene an u. wird von mehreren Hügel- n. Bergreihen, z. Th. AnsläufernderAppenzeller-Alpen, durch, zogen. Die höchsten Punkte darin sind das Hörnli (1135 m, an der südlichsten Ecke des Kantons), der Haselberg 820 m, Homberg 785 m, Ottenberg 671 m u. a. Flüsse: Thur (mit Sitter u.Murg), Rhein (Grenze gegen Schaffhausen und Baden). Seen: Bodensce (mit dem Untersee), welcher den Kanton von Baden, Württemberg u. Bayern trennt; einige kleine Seen im Innern. Das Klima ist mild und freundlich n. selbst dem Gedeihen südlicher Früchte förderlich. Producte: die gewöhnlichen Hansthiere, Wild, Fische; Getreide, Wein, Obst (T. ist einer der obstreichsten Kantone), Futterkränter, Holz; Steinkohlen,Torf. Die Einwohner (davon etwa Apro- testantischer, j katholischer Confession) sind deutscher Abstammung u. Sprache, beschäftigen sich mit Ackerbau (Getreideprodnction nicht ausreichend), Wein-, Obstbau, Flachs- und Hanfbau, Viehzucht (namentlich die Rindvieh- u. Schweinezucht bedeutend), Fischerei (bes. am Bodensec), Schifffahrt und Industrie. Der Biehstand betrug 21. April 1876: 3005 Pferde, 35,677StückNiudvieh, 7892 Schweine, 1860 Schafe n. 7872 Ziege»; an Bienenstöcken waren 9290 vorhanden. Der wichtigste Industriezweig istdieBaumwollenspinnerei; außerdem gibt es Färbereien, Druckereien, Gerbereien, Fabriken für Leinwand-, Baumwollen- u. Strumpfwaaren, Zwillich, Packtuch, Leim, Papier, Spielkarten rc., Branntweinbrennereien, Töpfereien, Ziegelbrennereien rc. Nicht unbedeutend ist der Handel mit Wein, Cyber,Obst, Vieh u.denErzengnissen der Industrie. Derselbe wird durch die Schifffahrt auf dem Boden» see, durch durchgehende Straßen n. durch Linien der Schweizer NOBahn, sowie der Vereinigten Schweizerbahnen (zusammen 104 km) gefördert. Ausgeführt werden namentlich Obst- n. Branntwein. Ein wichtiger Hafen am Bodensee ist Romanshorn. Für das Volksschulwesen ist im Allgemeinen gut gesorgt. In dem Schuljahre 1871/72 wurden die Primäcschuleu, an denen 242 Lehrer wirkten, von 17,274 Schülern besucht: die Secundärschulen zählten 60 Lehrer n. 796 Schüler. In Frauenseld besteht eine Kantonsschule (Gymnasium und Industrieschule); ferner hat der Kanton ein Schullehrerseminar, eine Nettungs- u. eine Zwangsarbeitsanstalt. Die Katholiken gehören zur Diöcese Basel. Die Klöster sind 1848 aufgehoben. Der Kanton ist eingeiheilt in die 8 Bezirke Frauenfeld, Tobel, Weiu- feldeu, Bischofzell, Arbon, Gottlieben, Steckborn u. Dießenhofen, n. diese zerfallen wieder in 32 Kreise. Die gegenwärtig gütige Verfassung datirt vom 28. Febr. 1869, u. nach derselben gehört T. zu den Kantonen mit Repräsentativverfassung. Die gesetzgebende n. aufsehende Gewalt übt ein Großer Rath, Lessen Mitglieder auf je 3 Jahre durch das Volk gewählt werden. Die höchste Bollziehungs- und Verwaltungsbehörde ist derRegierungsrath, bestehend aus 5 Mitgliedern, welche ebenfalls direkt vom Umriöeati - Volke auf je 3 Jahre gewählt werden. Die Verfassung unterstellt indessen alle Staatsverträge, alle einmaligen Ausgaben von über 50,000 Franken, alle neue, wiederkehrenden Ausgaben von jährlich über 10,000 Franken dem obligatorischen Volksentscheid, dem auch sämmtliche Beschlüsse der Legislative unterstellt werden können. Sowol Legislative als Executive können durch das Volk abberusen werden, und zwar entscheidet eine Volksabstimmung, sobald 5000 Votanten es verlangen. Der erste Vollzieh- nngsbeamte des Bezirks ist der Bezirksstatthatter, für die Dauer von 3 Jahren erwählt, welchem sin Bezirksrath zur Seite steht. Jede Gemeinde hat einen Gemeinderath, dessen Vorsitz einem Ammann übertragen ist. Gerichtsverfassung: Die erste Instanz für Rechtssachen von geringerein Werth bildet in jedem Kreise ein Friedensgericht; über demselben steht als zweite Instanz, an welche wider die Entscheidungen der Friedensrichter recurrirt und apellirt werden kann, und zugleich als erste Instanz für die wichtigeren Processe für jeden Bezirk ein Bezirksgericht; die oberste Instanz ist das Obergericht, dessen 7 Mitglieder durch den Großen Rath auf 3 Jahre gewählt werden. Im 1.1876 betrugen die Staats-Einnahmen 1,642,741, die Ausgaben 1,599,671 Frcs.; Ende 1876 war der Bestand des Vermögens 10,815,931 Frcs. Wappen: ein von Silber und grün schräg getheilter Schild, in jedem Felde schreitet ein silberner Löwe aufrecht vor. Hauptort ist Franenseld (s. d.). Vgl. Häberlin, Der Kanton T. in seiner Gesammtentwickelnng, Frauenfeld 1877. T., als Gau, zu welchem im Mittelalter der größte Theil der nordöstl. Schweiz gehörte, war in den mittleren Zeiten ein Theil des Herzogthums Alemannien, von welchem esKaiserHeinrichlV. absonderte u. dem Hause Zähringen schenkte. Nach Erlöschen desselben 1218 kam T. an das gräfl. Haus Kybnrg n. von diesem durch Erbschaft an die Grafen vonHabsbnrg u. das von demselben abflammendeHausOsterreich. 1417 verpfändete Kaiser Sigismund das Landgericht T. um 3100 Fl. an die Stadt Konstanz. Die Oberherrschaft über T. verlor Österreich 1460, wo sich die Eidgenossen, Bern ausgenommen, vom Papst Pius II. bewegen ließen, den Herzog Sigismund von Österreich anzugreifcn n. demselben T. zu entreißen, worauf das Land von den 7 alten Kantonen gemeinschaftlich regiert wurde. In dem, den Schwabenkrieg endigenden Baseler Frieden von 1499 traten Kaiser Maximilian I. n. die Stadt Konstanz den regierenden Kantonen u. den Städten Bern, Freiburg n. Solothurn das Landgericht und die Vogtei Franenseld ab u. 1712 endlich erhielt in dem, aus den zweiten Toggenburgcr Krieg folgenden u. mit 5 kathol.Ständen geschlossenen Frieden von Aarau, Bern die Mitregierung über T. Das Land war damals in das oberen. nntereT. getheilt; dieLand- vögte, welche je 2 Jahre regierten, residirten zu Frauenfeld. Sie hatten ein Landgericht von 12 Richtern unter dem Landamman, welches im Namen der Stände gehalten wurde. Während beiBerwandlnng der Schweiz in die Helvetische Republik 1798 T. einen der 18 Kantone derselben bildete, trat er 1803 bei Einführung der Mediationsverfassnng in die Rechte eines selbständigen Kantons ein. Am 14. April 1831 erhielt T. eine neue Verfassung. Die - Thüringen. 359 schweiz. Religionswirren veranlaßten auch inT. vielfach verwickelte Verhandlungen. An der Badener Conferenz 1834 nahm T. entschieden theil, in der Klosterfrage nahm es eine feste Haltung ein und erklärte sich gegen die Berufung der Jesuiten. Bei Lösung der Klosterfragc faßte der Große Rath im Jnni1840 denBeschlnß, daß die noch übrigenFonds unter Staatsverwaltung bleiben, die Zinsen aber unter die Schulgemeinden vertheilt, od. auf andere Weise zur Unterstützung des Elementarschulwesens benutzt werden sollten. Viel Unannehmlichkeiten hatte der Aufenthalt LoniS Bonapartes (nachherigen Kaisers Napoleonill.) ans dem Gebiete T-s im Gefolge. Als Frankreich dessen Ausweisung verlangte, wies der Gesandte von T. aus der Tagsatznng 1838 nicht nur nach, daß der Prinz Schweizer Burger sei (die Gemeinde Salenstein hatte ihm bereits 1832 das vom Großen Rath bestätigte Bürgerrecht ertheilt), sondern sprach auch mit Energie gegen Frankreichs Forderung n. blieb dabei, nachdem die Tagsatzung die Note des franz. Gesandten von Montebello an T. eingesendet hatte u. als selbst noch Österreich, Preußen, Rußland n. Baden die Forderung Frankreichs unterstützten, bis endlich die Sache, als Frankreich an der schweiz. Grenze Truppen sammelte, durch des Prinzen freiwilliges Verlassen der Schweiz beigelegt wurde. Im Sonderbnndskriege stand T. auf Seite der Eidgenossenschaft. Im I. 1869 revidirte es seine Verfassung nach dem Muster Zürichs in demokrat. Sinne. lGeogr.) H. Berns. (Gesch.) Henne-Am Rhyn. Ilmrlkicaii, s. u Impsi. Thilrii (Copia), Stadt in Großgriechenland, an Stelle des 510 zerstörten Sybaris (s.d.) von griech. Colonisten unter Führung der Athener 443 v. Ehr. erbaut. Schnell ausblllhend, wurde sie später 282 von den Römern besetzt und 194 unter dem Namen Copia latinische Colonie. Seitdem unbedeutend, seit dem 6. Jahrh. völlig nntergegangen. Thüringen (hierbei eine Karte), 1) die alte Benennung eines Landgebiets in Mitteldeutschland zwischen dem Harz, der Saale, dem Thnring. Walde und der Werra, durchflossen von der Ünstrnt, Ilm, Gera und Wipper, größtentheils von angebauten Hügeln durchzogen, die sich gegen den Harz u. das Eichsfeld sowie nach dem Thüringer Walde (s. d.) hin zu ansehnlichen Bergen erheben. Das Land ist äußerst fruchtbar an Getreide aller Art, Obstsorten, Handelspflanzen; besitzt Eisen, Kupfer, Braunstein, Silber, Porzellanerde, Stein- und Braunkohlen, Salzquellen und Mineralwasser. 2) Im Deutschen Zollverein bezeichnet der Name Thüringen oder Thüringer Verein die Preußen gehörigen Kreise Erfurt, Schleusingen, Ziegenrück, von Bayern die 1866 abgetretene Enclave Kaulsdors, von dem ehemaligen Kurhesscn den Kr. Schmalkalden, Sachsen- Weimar ohne die Ämter Ostheim, Allstedt ».Oldisleben, von S.-Meiningen-Hildburghausen das Her- zogthnm nebst Alt-Löbnitz, S.-Altenburg, von S.- Koburg das Herzogthum ohne das Amt Königsberg, von S.-Gotha das Herzogthum ohne das Amt Volkerode, vonSchwarzburg-Sondershansen u.Schwarz- bürg-Rudolstadt die Oberherrschaft u. die Fürsten- thümer Neuß. Alle diese Länder werden unter dem Gesammtnamen Thllring. Staaten begriffen. Vgl. Schwerdt u. Ziegler, Neuestes Reisehandbuch für T., ! 2. A. Hildburgh. 1871; Müller von der Werra, T., 360 Thüringen. Lpz. 1861; Bechstein, Sagenschatzdes Thür. Landes, 1835 ff., 4 Bde.; E. Sommer, Sagen, Märchen II. Gebräuche aus Sachsen u.T., 1846; Schmidt, Sitten u. Gebräuche bei Hochzeiten, Taufen n. Begräbnissen in T., 1863. Schmitz. Thüringen (Gesch.). A) Vor n. in der karolingischen u. sächsischen Zeit. Die Thüringer sind ein selbständiger, im Wesentlichen mit den größeren auf gleicher Linie stehender, wenn auch nicht wie diese durch ein eigenes Stammesherzogthum vertretener deutscher Stamm n. sehr wahrscheinlich aus den Hermunduren erwachsen. Im Anfänge des 3. Jahrh., als sich neue Völkerbildungen in Deutsch, land vollzogen hatten, umfaßte das Thüringische Reich das ganze Gebiet vom Harz bis nahe an den Main, n. westl. der Elbe bis an die Weser, also bis zn den Grenzen der chattischen Franken, u. erstreckte sich zu Ansang des 5. Jahrh. noch ans die nördl. des Harzes gelegenen, ursprüglich jedenfalls von sächsi mann 768 war T. in des Ersteren Antheil mitbegriffen. Die Nachrichten dieser Zeit berichten uns von einer Verschwörung unter dem thüringischen Volke gegen Karl, die, nin die Mitte der 80er Iah re entstanden aus der Opposition des Stammes gegen das Neichsganze, seine Herrschaft schwer bedrohte. Doch ehe die Verschworenen, als deren Mittelpunkt ein Graf Hardrat erscheint, hinlänglich gerüstet waren, wandte sich Karl gegen sie, unterdrückte sie ohne Kampf u. übte grausame Strafe; nur die Masse der Ansständischen, welche am Altar des Bonifacius in Fulda ihren Zufluchtsort gesucht hatte, wurde verschont. Schwer zu leiden halten die Thüringer, solange Karl wegen des Widerstandes der unbezwun- genen Sachsen nicht mit voller Kraft einschreiten konnte, durch die Raubzüge der Sorben, von denen sie nur die Saale schied. Erst 805 unternahm Karl den ersten bedeutenden Feldzug gegen die Sorben, der 806 von dem thüring. Orte Waladala (Manschen Völkerschaften bewohnten Landstriche. Um die chausen) aus mitErfolg erneuert wurde. Dann wnr> Mitte diesesJahrh.unterwarfAttila das Land ;Thü- den 2 feste Plätze zur Sicherung gebaut, der eine ringer erscheinen in seinem Heere auf dem Kriegs zuge gegen die Franken. Verhängnißvoller, als die kurze Herrschaft der Hunnen, war die durch dieselben eingeleitete Völkerwanderung: ein Theil der Thüringer verließ die bisherigenWohnsitze, die slawischen Wenden überschritten darauf die Elbe und besetzten daS Gebiet zwischen dieser u. der Saale. Im Beginne des 6.Jahrh.(531) unterlag dann das große thüring. Königreich unter Hermansred, der nach der Sage seine beiden Brüder u. Mitkönige Baderich u. Berthar vertrieben u. getödtet hatte, den vereinigten Waffen der Sachsen u. des Frankenkönigs Theo- dorich. Schon auf frühere Streitigkeiten zwischen Franken u. Thüringer weist die Nachricht hin, Laß die Gemahlin des Thllringerkönigs Basinns, Bastna, zu dem Frankenkönig Childerich floh. Bastna soll demselben den Chlodwig geboren haben. Theodo- rich beließ die Wenden in dem von ihnen besetzten Gebiet, gab den nördlichen Theil bis an die Unstrut den Sachsen, wo späterhin nur noch der Name des Nordthüringergaus an die vormals thüringische Herrschaft erinnerte. Der südliche Theil trat ein in den Verband des Frankenreiches, dem er sich seitdem nicht mehr entzog, und nur dem Mittellande zwischen dein Harz und dem südlichen Waldgebirge (Loyba in der alten Sprache genannt) blieb fortan der Name T. Mit der fränkischen Herrschaft fand auch das Christenthum in T. Eingang, wenngleich die Bewohner vollständig für dasselbe erst in den ersten Jahrzehnten des 8. Jahrh. gewonnen wurden durch Bonifacius, welcher sich als Erzbischof von Mainz (748) dann auch die Leitung der kirchlichen Angelegenheiten in T. vorbehielt und Las von ihm gestiftete Bisthnm Erfurt dem Metropolitansitze Mainz unterstellte. Zn eben derselben Zeit löste Pi- Pin das in den Zeiten der letzten Merowinger im Lande entstandene selbständige Herzogthnm, indem Dagobert I. von Australien um 630 Radnlf zum Herzoge in T. eingesetzt hatte, nach dem Tode He- dans (Hedene) des Jüngeren wieder auf, und das Land wurde seitdem ganz nach den Grundsätzen der Arnnlfingischen Verwaltung durch Gaugrafen als königl. Beamte geleitet. Inzwischen hatte T. durch dieEinsälle der Sachsen viel zu leiden. In der Theil- ung zwischen Karl d. Gr. und seinem Bruder Karl- Magdeburg gegenüber, der andere an der Saale selbst, bei Halle. Diese Ordnung der Grenzverhältnisse hat für T. die größte Bedeutung in Betreff der Entwickelung des staatlichen Lebens; Thüringische Marken hat Karl freilich noch nicht eingerichtet, aber er hat außerordentliche Beamte, als deren erster Ma - dalgaud genannt wird, zur Leitung der östlichen Verhältnissen der thüring. Grenze eingesetzt, aus denen Markgrafen geworden sind. Zehn Jahre, nachdem wir die erste sichere Kunde über das Bestehen der Grenzmark haben, im I. 849, erscheint als Grenz - vertheidiger gegen die Sorben Thachulf, ein Mann, im Felde wie im Rathe erfahren, wahrscheinlich von Ludwig dem Deutschen dazu berufen, aber nicht als Herzog. Vgl. Stenzel, I)s marollionum iu Osrms,- uia, ... oriZius et olüioio pulilioo, S. 20, Wratisl. 1824. Er starb, in Kamps u. Kriegsnoth ergraut, I.Sept. 873, u. auf die Nachricht von seinem Tode erhoben sich sofort wieder die Sorben, jetzt die Befreiung vom deutschen Joche hoffend. Auch Ludwig derDeutsche hat persönlich an derSpitze der thüring. Heere 851 n. 856 gegen die Sorben gekämpft; auf dem Reichstage zu Erfurt 852 erließ er manche Bestimmungen zur Sicherung des Rechtes. In der Theilung vom I. 872 war T. in den Reichsantheil Ludwigs des Jüngeren cingeschlossen, es theilte bei der Zersplitterung des Deutschen Reiches das Schicksal der sächsischen u. der altfränkischen Provinz. Tha- chnlfs Nachfolger wurde Natulf, der nur wenige Jahre im Amte war. Ihm folgte der Babenberger Poppo, der mit seinem Bruder Heinrich 880 die Slawen so entscheidend schlug, daß ihnen auf lange Zeit jeder Widerstand benommen war. Er wird 883 zuerst Herzog der Thüringer genannt u. behauptete unter Karl dem Dicken eine bedeutende Stellung im Reiche, die jedoch nach Karls Absetzung unter Arnulf mehr u. mehr sank, bis er 892 abgesetzt wurde, wahrscheinlich weil man ihm die Niederlage des Bischofs Arnt von Würzburg gegen die Böhmen schuld gab. An seine Stelle trat der fränkische Graf Konrad, der aber schon vor 897 zurücktrat. Nun erhielt Burchard aus einem an der Grenze T-s nach Franken hin angesessenen Geschlechts das thüring. Ducat, der nicht nur als Hüter der Sorbengrenze erscheint, sondern auch als Fürst des Reiches Antheil an den öffentli- Thüringen. 361 i s ) 's chenAngelegenheitennahm. Er wurde 908 bei Saatfeld anderSpitze derThüringer imKampfe milden Ungarn erschlagen. In der Folge wird ein thllring. Markgraf nicht mehr genannt. Herzog Otto der Erlauchte von Sachsen trat an Bnrchards Stelle, und sein SohnHeinrich vollzog die Vereinigung T-s mit dem sächsischenHerzogthnm. Er war alsHerzog der Sachsen u. Thüringer der bedeutendste Reichssürst, als er nachKonradsl. Tode auch zum Deutschen König gewählt wurde. Er schlug mit dem in den Kämpfen mit den Slawen herangebildeten Heere die 933 wieder in T. einfallenden Ungarn bei Rietheburg bis zur Vernichtung. Sein Sohn Otto d. Gr. gründete zwischen Bode n. Saale dieOstmark u. dieBis- thümer Meißen, Merseburg u. Zeitz. Unter ihm beginnt das Emporkommen des Geschlechtes derer von Gene mit Günther, dem Markgrafen von Meißen, der mit Otto II. kämpfend 982 gegen die Sarace- nen fiel. Bedeutender ist sein Sohn Eckard, dessen Name einer der glänzendsten im Reiche wurde. Er vereinigte nach seines Oheims Rickdag Tode 985 die Markgrafschaften Meißen u. T., und zwang in der Folge den Böhmenherzog Boleslaw zum Lehnsver- hältniß. Der Glanz seiner Waffeuthaten, sein Ansehen im Reich, seine einheimische edle Abkunft und der reiche Besitz im Lande verschafften ihm mit Zustimmung Ottos III. die Herzogswürde in T.,was ihm an den Großen des Landes erbitterte Gegner hervorrief. Dieser Widerstand schärfte sich, als der Herzog nach Ottos Tode von der vereinigten Macht T-s und der Mark aus selbst nach der Königskrone strebte; bes. ragt hierbei das Weimarer Grafenhaus in T. hervor. Nach Eckards Ermordung in Pöhlde 1002 istWilhelmI. vonWeimar der mächtigste Fürst in T.; auf seine Verwendung erließ Heinrich II. den Thüringern 1004 den jährlichen Tribut von 500 Schweinest, den sie seit Theodorichs Sieg bezahlten, und Eckards beide Söhne sind vollständig von der Stellung des Vaters verdrängt, doch ist Wilhelm nicht zur Würde eines Markgrafen gekommen. Mit dem Tode Heinrichs II. hörte die Zeit auf, da T. unter der Leitung der sächs. Herrscher mit dem großen Nachbarlande vereinigt stand: Kourad II. der Salier trennte T. wieder von Sachsen. 8) T. zur Zeit des ersten Landgrasen- hauses (bis 1247). I. Die Periode des Überganges u. die Vorgeschichte des landgräfl. Hauses. Nach dem Aussterben des Geloschen Hauses mit Eckards zweitem gleichuam. Sohne 1046 erlangten die Weimarer, bis dahin allein aus T. gestützt u. ohne eine staatsrechtlich anerkannte Würde, auch die markgräfliche Stellung in Meißen, und erreichten damit denHöhepunkt ihrerMacht. Das bereits 1067 erfolgte Aussterben diesesHauses hinderte auch jetzt, wie beiEckard, das Aufkommen einer compacten fürstlichen Macht in T. Überdies hatte der letzte Weimarer, Otto, denSchwerpunkt seinesHau- ses nach der Mark Meißen gelegt und sich nach dem an derOGrenzeT°s gelegenenOrlamünde genannt, dazu auch gegen dasJuteresse seiner Landsleute dem Erzbischof Siegfried von Mainz, um die zahlreichen Mainzer Lehen seines Hauses sich zu erhalten, die Zehnterhebung von seinen Gütern bewilligt u. versprochen, auch seine Landsleute zur Zahlung anzu- halten. Nach Ottos Tode gewann Siegfried Kaiser Heinrich IV. für sich, dem er die Lösung der 1066 geschlossenen Ehe zusagte, u. nun begann 1069 der sog.Zehutstreit. Der endete jedoch bereits 1070 ohne besondern Kampf, da die Thüringer dem Heere des Königs kein Hindcrniß in den Weg legten, die Unternehmungen des Markgrafen Dedi von der Ostmark, der als Gemahl von Ottos WittweAdela dessen Al- lodialbesitz in T. beanspruchte, nicht unterstützten u. nur über die beim Beutemachen zerstreuten Leute des Mainzers herfielen. So wandte denn auch der König keine gewaltsamen Maßregeln au, und die Sache des Erzbischofs stand jetzt noch ungünstiger wie vorher. Dedi aber sah sich der Möglichkeit beraubt, als Erbe der Weimarer Grafen sich in T. eine Machtstellung zu begründen. Für die nächsten Jahre ruhte die Zehutfrage, doch war T. unausgesetzt der Schauplatz politischer Wirren. Zunächst fiel Otto von Nordheim, Herzog von Bayern, nachdem er mit Heinrich IV. zerfallen war, inT. ein, schlug bei Esch- wege an der Werra 2. Sept. 1070 die Thüringer unter dem Grafen Nuotger von Bilstein, u. wandte sich dann nach Sachsen. 1073 begann der in Gemeinschaft mit den Sachsen unternommene Befreiungskampf gegenüber den Unterdrückungsversuchen Heinrichs IV. Er kam zum Ausbruch durch die auf der Ersurter Synode 10. März 1073 von Heinrich zu Gunsten des Erzbischofs von Mainz erlassene Entscheidung in der Zehntfrage u. durch die Frevel, welche sich seine Krieger bei Eintreibung des Zehnten erlaubten. Die Thüringer überfielen die verhaßten Burgen des Königs, zerstörten die Heimburg u. die Blankenburg, umschlossen die übrigen. Aber die Schlacht bei Homburg 0.Juni 1075 entschied zu Heinrichs Gunsten: 26. Oct. mußten die vornehmsten Führer des Aufstandes auf dem Felde bei Spier vor dem König erscheinen, der nach kurzem Aufenthalt in T. mit den Gefangenen als Sieger nach Worms zurückkehrte. Die Thüringer treten in den folgenden Kämpfen Heinrichs mit Len Sachsen in den Hintergrund, wenden sich sogar bisweilen gegen die Letzteren. Zu Anfang von 1039 erhielt Ludwig mit dem Barte, ein Verwandter des staufischen Kaiserhauses, von Konrad II. die Bestätigung einer thüringischen Besitzung. Er st. 1056 u. sein älterer Sohn Ludwig der Springer erbte die väterlichen Güter inT., baute die Wartburg 1067, Eisenach 1070 und 1089 das Kloster Reinhardsbrunn. Zu dieser Zeit machte Markgraf Eckbert von Meißen nochmals, wie srüher Eckard, den Versuch, T. mit Meißen zur Basis für das deutsche Königthum zu machen. Er wurde aber 1086 auf den Spruch der thüring. und sächs. Fürsten in Wechmar bei Gotha seiner Reichslehen entsetzt, u. damit nahm die Verbindung T-s mit Meißen für immer ein Ende. Die Vertretung von Kaiser- und Reichswegen wird wol Ludwig dem Springer übertragen gewesen sein, welcher bei Heinrich IV. in hoher Gunst stand. Mit Heinrich V. gerieth Ludwig bei Gelegenheit des Todes Udalrichs von Weimar-Orlamünde Mai 1112 über die Erbschaft in Streit, der sich daran knüpfende Aufstand wurde durch den Überfall des Grafen Hoyer vonMansfeld bei Warnstedt unweit Quedlinburg im MLrz1113 beendet; Ludwig blieb mit kurzer Unterbrechung bis 1116 inHaft des Kaisers. Seine Söhne Ludwig n. Heinrich führten Len Kampf fort, u. erst 1122 scheint Ludwig der Springer selbst den Frieden seines Hauses mit Heinrich V. geschlossen zu ha- 362 Thüringen. ben. Bald darauf trat er als Mönch in das Kloster Rcinhardsbrunn, wo er 1123 starb. Heinrich V. hatte die Landgrasschaft in T. an Hermann von Winzenburg gegeben, der aber, da sein Geschlecht ein fremdes, seinAllodialbcsitz im N. von T. lag, wenig Bedeutung erlangte. König Lothar setzte 1130 Ludwig als Nachfolger Hermanns zum Landgrafen von T. ein. II. Die landgräfliche Zeit. Das Geschlecht Ludwigs I. war ein kraftvolles, in T. hochangesehencs Geschlecht, welches jetzt durch die Erhebung Lothars in die erste Stellung im Lande eintrat, auf die ihm bereits der Kampf mit dem fränkischen Kaiser Heinrich V. das vollste Anrecht erworben hatte. Der neue Landgraf dehnte durch seine Ehe mit Hedwig von Gutensberg seinen Gllterbesitz über die Grenzen T-s nach Hessen hinein, und er sowol wie nach seinem Tode 12. Januar 1140 sein Sohn Ludwig II. der Eiserne waren stets eng mit dem Oberhaüpte des Reiches verbunden. Durch seine Gemahlin Jutta Schwager Friedrichs I. Barbarossa, nahm er an dessen Heerzügen in Italien u. an der Bekämpfung Heinrichs des Löwen Autheil, wodurch er Gotha erwarb; er stand bis zu seinem Tode 1172 auf seiner Feste Neuenburg ohne alle Schwankung seinem kaiserlichen Schwager als eine seiner festesten Stützen zur Seite. Sein Sohn u. Nachfolger Ludwig III. der Fromme entschied seine Verbindung für od. gegen das Neichsoberhaupt nach seinem dynastischen Vortheil: doch stand er im Allgemeinen auf Seiten seines Oheims Friedrich I., der seine Machtstellung erweiterte durch Verleihung der nach dem Tode Friedrichs vonSommerseburg erledigten Pfalzgrasschaft Sachse». Diese trat jedoch Ludwig 1181 seinem Bruder Hermann ab. Er st. 16. Oct. 1190 auf der Rückkehr von Palästina, wohin er Friedrich I. aus seinem Krcuzznge 1189 begleitet hatte. Sein Bruder Psalzgraf Hermann folgte als Landgraf in T.: er ist das Prototyp für die einseitige Verfolgung des dynastischen Vortheils seines Hauses gegenüber dem Reichsganzen. Sein stetes Schwanken zwischen Philipp von Schwaben u. Otto IV., dann zwischen Letzterem und Ludwig II. brachten schwere Verwüstungen über T., das von allen Parteien bekriegt wurde. An seinen Namen knüpft sich die Sage von dem Sängerkriege auf der Wartburg (s.d.). Ob er wirklich nach der Königskrone gestrebt, läßt sich nicht erweisen, trotzdem sein ungemessener Ehrgeiz dieses möglich erscheinen läßt. Wirkliches Lob hak Hermann nur von Seiten der Dichter und Sänger erfahren. Er st. zu Gotha 25. April 1217. Sein Sohn Ludwig IV. der Heilige zeigt wieder das wohlthuende Bild der Übereinstimmung zwischen Reichsfürsten u. Reichsoberhaupt. Doch war ihm auch in der Verfolgung seiner eigenen Interessen ein weit freierer Spielraum gewährt, als das bei den ersten Ludwigen denkbar war. Er beendete als Vormund seines Neffen Heinrich des Erlauchten die im Oster« und Meißnerlande ausgebrochenen Unruhen, u. st., mit Friedrich II. auf dem Kreuzzuge begriffen, 11. Sept. 1227 in Otranto. Mit seinem Tode schwand der gerechte u. milde Sinn, mit dem Ludwig überT. geherrscht hatte: seine jungeWittwe, die hl. Elisabeth, wurde bald darauf von ihren eige-! neu Verwandten aus Burg Wartburg vertrieben.! Vergl. G. Simon, Ludwig IV., Landgraf von T. u.! Hessen, u. seineGcmahlin, Franks. a.M. 1854. Über die Sitten der Zeit vergl.i G. Freytags Roman Die Brüder vom deutschen Hanse (3. A. Lpz. 1875). Im Sept. 1227 ertheilte Kaiser Friedrich dem 4jährigen Sohne Ludwigs, Hermann II., den er als berechtigten Nachfolger in T. anerkannt hatte, die Eventualbelehnung mit der Mark Meißen. Der natürliche Vormund Hermanns war Ludwigs Bruder Heinrich, der die hl. Elisabeth vertrieb und die Landgrafschast an sich riß. Doch mußte er bereits im folgenden Jahre nach der Rückkehr der Thüringer aus Palästina, von diesen gezwungen, die Restitution Hermanns u. seiner Mutter vornehmen. In T. hat auch hiufortHeinrich dic Landesvcrwaltung geführt, während 1237 Hermann II. die Regierung des hessischen Gebietes übernahm. Er st. bereits 3.Jan. 1242 zu Kreuzberg, und Friedrich II. erkannte nun Heinrich ohne Weiteres als Erben seines Neffen au. Er wurde dann Reichsverwescr u. Pfleger des jungen Königs Kourad, ohne jedoch eine hervorragende Thätigkeit zu entfalten. PapstJnnocenzIV. empfahl ihn dann der päpstlichen Partei als Gcgenkönig gegen Friedrich II., unterstützte ihn mit Geld, u. 22.Mai 1246 fand wirklich seine Wahl bei Veitshöchheim unweit Würzburg statt. Trotz seines Sieges über König Konrad am Flusse Nidda 5. August 1246 mar seine Lage keineswegs günstig, dazu mißlang die Belagerung von Ulm Januar 1247, krank kehrte er nach T. zurück, wo 16. Febr. ein Blutfluß seinem Leben ein Ende machte. Mit ihm war der Ludwigsche Mannstamm erloschen. Eine solche Bedeutung für die politische Geschichte Deutschlands, als das Land sie damals besaß, hat T. nicht wiedergewonnen. 0) Thüringen bis zur Vereinigung mit der Ernestinischen Linie des Hauses Sachsen. Um die von Heinrich hinterlassene^ Erbschaft entspann sich zwischen Heinrich dem Erlauchten von Meißen aus dem Hause Wettin, dem Schwager Heinrichs, der schon 30. Juni 1242 von Friedrich II. die Eventualbelehnung empfangen hatte, n. der Herzogin Sophie von Brabant, der Tochter Ludwigs des Heiligen, u. der hl. Elisabeth der Thüringische Erbfolgekrieg, in dem auch Graf Siegfried, der Sohn Heinrichs von Anhalt, ein Neffe des letzten Landgrafen Heinrich, mit Erbansprüchen auftrat. Heinrich des Erlauchten Sieg bei Mühlhausen 11. Febr. 1248 verschafften ihm zwar in dem Vergleich zu Weißenfels 1. Febr. 1249 die Anerkennung der Thüringer, mährend die Grafen von Anhalt mit Geld abgefunden wurden; doch erneuerte Sophie von Brabant in Verbindung mit dem Herzog Albrecht dem Großen von Braunschweig den Krieg, der erst 1263 sein Ende fand. Nach einem zweiten großen Siege bei Wettin 23. Oct. 1263, wo Albrecht gefangen genommen wurde, schloß nämlich Heinrich der Erlauchte einen Vergleich, der ihm T. und der Herzogin Sophie Hessen zusprach. Albrecht mußte Eschwege, Ullendorf, Witzenhausen, Fürstenstein, Arnstein, Bilstein, Waufried und Ziegenberg an Hessen abtreten und dazu 8000 Mark für seine Freilassung zahlen. Seit 1256 hatte Heinrich T. durch seinen Stiefbruder, den Grafen Hermann von Henneberg, verwalten lassen, jetzt trat er das Land mit der sächsischen Pfalz an seinen ältesten Sohn Albrecht den Unartigen (d.i. derEntarlete) ab, der so als der erste Landgraf aus dem Wcttin-Meißener Hause erscheint. Er Thüringen. 363 war mit Margaretha, Tochter des Kaisers Friedrich II., vermählt u. hatte aus dieser Ehe 3 Söhne, Heinrich, Friedrich mit der gebissenen Wange und Dietzmann, erhalten. Später verliebte er sich aber in das Kammerfränlein seiner Gemahlin, Kunigunde von Eisenberg, u. benahm sich gegen Margaretha so seindselig, daß dieselbe in einem Kloster Zuflucht suchte. Sie soll damals im Abschiedsschmerz ihren Sohn Friedrich in die Wange gebissen haben, der davon denBeinamen erhielt. Nach ihrem Tode 1270 vermählte sich Albrecht mit Kunigunde, und wollte nun die Söhne erster Ehe zu Gunsten des Sohnes seiner zweiten Frau, Albrecht vd. Apitz, beeinträchtigen. Dadurch entstand ein Krieg der Söhne gegen den Vater, an dem auch die Ritterschaft T-s theil- nahm, u. der sich noch vermehrte durch den Kampf um das Erbe Heinrichs des Erlauchten von Meißen, der anfangs 1288 starb. Endlich gerieth Albrecht in die Gefangenschaft seines Sohnes Friedrich, der ihn nur gegen bedeutende Zugeständnisse im Vergleich zu Rochlitz 1289 wieder freiließ. Raub, Mord und Brand waren an der Tagesordnung, bis endlich Ende 1289 Rudolf von Habsbnrg nach T. ging n. in Erfurt einen zahlreich besuchten Reichstag hielt. Er blieb eine volles Jahr dort, bestrafte die ritterlichen Frevler mit unerbittlicher Strenge, und ließ durch seine Reisigen 66 Raubschlösser im Lande zerstören. Der Streit Albrechts mit seinen Söhnen, von denen Heinrich inzwischen gestorben war, nahm indessen an Erbitterung immer zu, doch konnte Albrecht theils wegen der Widersetzlichkeit der Landstände, theils wegen derMacht der Söhne, die 1291 von ihrem Vetter Friedrich Tutta einen Theil der Meißener Lande geerbt hatten, nichts ansrichten. Da verkaufte er 1294 an Adolf von Nassau seine Ansprüche auf die Meißener Erbschaft und die Erb- folge in T. für 12,000 Mark Silber. Die Söhne u. die thüring. Stände erkannten den Handel natürlich nicht an, Adolf aber zog mit einem starken Mieths- heere nach T., zwang Friedrich und Dietzmann zur Flucht, wurde dann aber von Beiden bei Mühlhausen überfallen, so daß er kaum ihren Händen entrann. Im nächsten Jahre erschien er mit neuen Schaaren, nach seinem Abzüge kamen die Brüder wieder, und das wiederholte sich volle 5 Jahre hindurch. Nach Adolfs Tode 2.Juli 1298 indem Tressen beiGöllheim erklärte sein NachsolgerAlbrechtI., Len ein Theil der in Adolfs Namen dort herrschenden Landvögte znHilfe gerufen hatte, das von ihnen besetzte Land für Reichsgut. Doch suchte er vergeblich dasselbe zu behaupten: das erste Heer, das er sandte, wurde geschlagen, sein Führer, ein Herr von Wildenau, gesangen. Ein zweites Heer aber erlitt bei Lucka in der Nähe von Altenburg 31.Mai 1307 eine solche Niederlage, daß König Albrecht an kein neues Unternehmen in T. mehr denken konnte. In diesem Kriege hatten die Söhne mit ihrem Vater, den sie sonst ihr ganzes Leben lang bekriegt, gemein sam gehandelt, auch war ihr Stiefbruder Apitz 1300 gestorben. Nach Dietzmanus Ermordung im Dec. 1307 zu Leipzig wurde Friedrich, der übrigens bei den Zeitgenossen den Beinamen der Freidige (d. i. der Energische, Rücksichtslose) führt, während er der Gebissene erst bei späteren Schriftstellern heißt, Herr von ganz T., mit dem Heinrich VII. ihn 1310 be thüring. Herren in Erfurt erhalten hatte. Vgl. F. L. Wegele, Friedrich der Freidige und die Wettiner seiner Zeit 1247—1325, Nördl. 1870. Er bezwang Eisenach, hatte aber von 1310—12 zu kriegen, ehe es ihm gelang, die nach Unabhängigkeit strebenden Städte Erfurt, Rordhausen n. Mühlhausen wieder zu unterwerfen. Sein Sohn u. Nachfolger seit 1325, Friedrich II. der Ernsthafte, stand anfangs unter der Vormundschaft seiner Mutter Elisabeth von Arnshaugk n. des Grafen Heinrich des Älteren von Schwarzburg, nach dessen Tode 1326 der um T. hochverdienteHeinrichReußvonPlaucn eintrat. Der Versuch der Grafen von Qrlamünde und anderer thüringischer Großen, sich ihrer Vasallenpflicht zu entziehen, entzündete 1342, nachdem Friedrich die Regierung selbst angetreien, den Thüringischen Grafenkrieg, den ein erstmaliger Vergleich unter Vermittelung Ludwigs des Bayern 1343 für kurzeZeit unterbrach, bis ihn 1345 der völlige Sieg des Landgrafen beendete. Dieser st. 13. Nov. 1349. Man halte ihm, der eine Tochter Ludwigs des Bayern zur Gemahlin gehabt hatte, 1347 die deutsche Krone angeboten; für seincuZnrücktritt erhielt er jedoch von Karl IV. 10,000 Mark. Drei seiner Söhne, von denen Friedrich III. der Strenge ansangs die Regierung in T. n. Meißen für sich n. seine noch unmündigen Brüser Balthasar u. Wilhelm den Einäugigen führte, für die er auch von Karl IV. 1350 zu Budissin mitbelehnt wurde, beschlossen iin Gothaer Vertrag 1356 gemeinschaftlich zu regieren; der vierte, Ludwig, wurde Erzbischof von Mainz. Friedrich erbte durch seine Gemahlin Katharina vonHen- neberg einen großen Theil der Pflege Koburg und erwarb durch Kauf Elgersburg, die Stadt Zörbig, die von den Wettiner Landen abgelösten Theile von Landsberg und die Stadt Sangerhausen; Balthasar erwarb durch Vermählung mit der Tochter des Burggrafen Albrecht von Nürnberg, Margaretha, die Ämter Hildburghansen, Heldbnrg, Eisfeld n. a. Dann zwangen die 3 Brüder mit Kaiser Karl IV. die Vögte von Plauen u. die Grafen von Schwarzburg mit Gewalt zu einer Reihe von Abtretungen; Ziegenrück, Auma u.Triptis wurden so erworben. Unter den vielen Fehden ist die wichtigste die mit Heinrich II. von Hessen zur Vernichtung des Sternerbnndes unternommene, welche 1373 die Hessisch-Thüring. Erbverbrüderung herbeisührte. Auch nach ihrer Vermählung behielt Friedrich die beiden jüngeren Brüder ,an seinem Hose, obschon durch diese 1379 eine sog.Ör- ternng erfolgte, welche Friedrich das Osterland, Balthasar T. u. Wilhelm Meißen zntheilte. Friedrich st. 21. Mai 1381 zu Altenburg; Balthasar von T. 1406, den die Verschwendungssucht seiner zweiten Gemahlin, Anna von Braunschweig, genöthigt hatte, durch eine neue Steuer (der Bär genannt) seine Un- terthanen zu drücken. Ihm folgte sein Sohn aus erster Ehe, Friedrich IV. der Friedfertige, auch Einfältige genannt, geb. 1385. Die Abhängigkeit, in welche er zu seinem Schwiegervater, dem Grafen Günther von Schwarzburg, stand, brachte ihm mancherlei Mißhelligkeiten mit seinen Vettern Friedrich dem Streitbaren u. Wilhelm von Meißen, bes. als Günther dahin strebte, T. an sich od. um gute Bezahlung an ein fremdes Haus zu bringen. Doch fielen bei Friedrichs von T. kinderlosem Tode 1439 lehnte, nachdem er vorher schon die Huldigung der > seine Länder an Meißen. Dort regierten die Söhne 364 Thüringer Wald. Friedrichs des Streitbaren, der vonSigismnnd mit Sachsen u. der Kurwürde belehnt war. Es waren Friedrich II. der Sanftmüthige u. sein Bruder Wilhelm III., die bis 1445 gemeinschaftlich regierten. Im Altenburger Vertrage dieses Jahres theilten Beide dann so, daß Wilhelm T., Friedrich Meißen erhielt; das Osterland, Freiberg, dieBergwerke, die Münze u. die Zehnten blieben gemeinschaftlich. Doch unzufrieden hiermit, begann Wilhelm den sehr verderblichen sog. Bruderkrieg, der erst 1451 mit Mühe im Frieden zu Naumburg beigelegt wurde (s. Sachsen unter den Wettinern). Wilhelm st. 1482 ohne Leibeserben, u. T. fiel nun an die Söhne Friedrichs des Sanftmüthigen, Ernst u. Albert. Diese, schon seit 1464 Herren des Meißnerlandes, nahmen 26. Aug. 1485 zu Leipzig eine Ländertheilung vor, in der Kurfürst Ernst T. nebst dem halben Osterlande mit Altenburg und Eisenberg erhielt, dazu 50,000 Gulden (s. Sachsen, Gesch., III. Von der Länder- theilung 1485 bis zur Schlacht bei Mühlberg). T. ist nie mehr mit Meißen verbunden worden, seine Geschichte verschmilzt jetzt vorzugsweise mit der Geschichte der Herzogthümer Sachsen Ernestinischer Linie. Durch den Reichsdeputationshauptschluß vom 28. April 1803 wurden alle knrmainzischen Besitzungen in T., namentlich Erfurt und das Eichsseld nebst der Grafschaft Unterglcichen, der Ganerbschaft Treffurt, den freien Städten Mühlhausen u. Nord- hausenPreußen zugesprochen, das schon früher weitere Gebiete in T. erworben hatte. Im Tilsiter Frieden verlor Preußen die sämmtüchen links der Elbe gelegenen Gebietstheile, welche mit Ausnahme von Erfurt, das unmittelbar an Frankreich kam, dem Königreich Westfalen einverleibt wurden. Durch den Wiener Congreß fielen diese Gebiete an Preußen zurück, das daraus die Prov. Sachsen bildete, die den größten Theil des ehemaligen T. umfaßt. Literatur. Aus den Handschriften des Sagitta- rius, der alsVaterderthüring.Geschichte anzusehen ist, zog Klotzsch seine Thüring. Geschichte, Chemnitz 1772. K. Herzog, Geschichte des thüring. Volkes bis zum Tode Johann Friedrichs des Großmüthi- gen, Hamb. 1827 (enthält auch die alten thüring. Bolkssagen); F. Wächter, Thüring. u. obersächsische Geschichte bis zum Anfalle T-s an die Markgrafen von Meißen im Jahre 1247, Lpz. 1826 f., 3 Bde.; Ledebur, Nord-T. u. die Hermundnrer od. Thüringer, Berl. 1852; Th. Knochenhauer, Geschichte T-s in der karoling. u. sächs. Zeit, Gotha 1863; Ders., Geschichte T-s zur Zeit des ersten Landgrafenhauses 1039—1247, mit Anmerkungen, herausgeg. von K. Menzel, Gotha 1871; Polack, Die Landgrafen von T., ebd. 1865; Döring, Die thüringische Chronik, Erfurt 1843; Thüringische Geschichisquelleu, 3 Bde., Jena 1854—59, herausgeg. von F.T.We- gele u. R. v. Liliencron; Michelsen, Ooäex liiurin- Aias äiplomations, 1. Bd., Jena 1854 f.; Ders., Die Landgrasschaft T., ebd. 1860 ; Leo, Geschichte des deutschen Volks u. Reichs, Bd. 5, Halle 1868; Böttiger, Gesch. von Sachsen, herausgeg. in 2. A. von Flathe, ebd. 1867 bis 1870, 2 Bde. Schmitz. Thüringer Wald (bei Adam von Bremen Llurringias salbns), bewaldetes Kettengebirge in Mitteldeutschland, erstreckt sich, indem es Thüringen von Franken scheidet, in der Richtung von SO. nach NW. vom Lobensteiner Kulm unweit der Sächsischen Saale bis zur Mündung der Hörsel in die Werra, westlich von Eisenach, n. ist in dieser Ausdehnung 112 km lang n. 12—38 Irin breit. Ueber den ganzen Kamm des Gebirges, das auf der Westseite von der Werra u. auf der Ostseite von der Sachs. Saale begleitet wird, führt fast unausgesetzt in der Wasser- i scheide ein uralter Grenzweg, der Rennstieg (s. d.), längs welchem auch die bedeutendsten Erhebungen des Gebirges liegen. In einzelnen Abtheilungen des Gebirgszuges finden kleine Abweichungen von der Hauptrichtnng von SO. nach NW. statt, durch welche eine Art von Zickzack- od. Wellenlinie entsteht, die sich um die Hauptrichtungslinie herum- windet. Nach NO. fällt der T. W. steil u. prall ab n. gewährt deshalb von N. her, namentlich zwischen Eisenach u. Gotha gesehen, einen überaus malerischen Anblick. Einzelne Qneräste schieben sich, Thäler einschließend, in die Ebene vor, in welche sie noch mit Bergen von ansehnlicher Höhe hineinragen. Auf der südwestlichen Seite dagegen, mit Ausnahme einer kurzen Strecke im Quellgebiete der Werra, wo der Abfall des Gebirges ebenfalls steil u. kurz ist, dacht sich der T. W. in Terrassen ab, weshalb auch, aus dem Werrathale gesehen, der Anblick desselben ein wenig überraschender ist. Infolge dieser verschieden gearteten Abdachung sind auch die Thäler (lauter Querthäler) auf den beiden Seiten des Gebirges verschieden. Denn während sie auf der NOSeite kurz, eng u. wild, zum Theil voll der schönsten Felsengrnppen sind u. sich hier die Waldbäche schnell und schäumend, an einigen Orten hübsche Wasserfälle bildend, Herabstürzen, sind sie auf der SWSeite meist länger u. mehr gekrümmt u. enthalten häufig große Weitungen. Der T. W. zerfällt in zwei von einander wesentlich verschiedene Theile, einen südöstlichen und einen nordwestlichen Theil, deren Grenze durch die Linie Ilmenau-Eisfeld bezeichnet wird. Der breitere südöstliche Theil, hauptsächlich aus Gesteinen des Schiefergebirges (Silur u. Devon) bestehend, bildet ein wellenförmiges Plateau mit nur wenig hervortretenden Bergzügen n. flach gewölbten Berggipfeln u. tiefen, häufig merkwllrdiggewundencnFlußthälern mit scharfen Thalkämmen u. halbinselartigen Borsprüngen. Die höchsten Punkte in diesem Theile sind: der Lobenstei- ner Kulm (737 m), derWetzsteinsbeiLehesten(815 m), das Kieferle (868 m), die Dürre Fichte (855 m), der Bleßberg nördl. von Schalkau (867 m), der Wnrzelberg (867 in), dieKursdorferKuppc (807m), der Burzelberg (818 m) rc. Der schmale nordwestl. Theil, welcher an der Quelle der Werra beginnt u. vorwiegend ausPorphyr (namentlich in der Centralregion), mannigfachen kristallinischen Gesteinen, Rothliegendem u. Zechstein (letzterer fast den ganzen nordwestlichen Theil des Gebirges umsäumend) besteht, nimmt nach NW. hin immermehr an Breite ab (er ist anfänglich 25 Irin, in der Centralregion an der Schmücke ss. d. 2)s 18 llm u. am Jnselsbcrge nur noch 16 Icm breit) u. hat den Charakter eines wirklichen Gebirgsrückens. Mit seinen meist tief u. steil eingeschnittenen, mit prächtigen Wiesengründen u. Waldungen geschmückten u. von munteren Bächen durchrauschten Thälern bietet besonders dieser Theil des T. W-es eine große Fülle landschaftlichen Reizes. In demselben liegen auch die höchsten Gipfel des ganzen Gebirges: der Große u. Kleine Dreiherren- 365 Thuringi - stein (746 u. 73t m), der Große Beerbsrg (984 in), der Schneckopf (970 in), der Sattelbachsknopf (937 m), die Brandleite (882 m), der Sachsenstein (914 in), der Gickelhahn (861 in), derFinsterberg(947m), der Sommerbachskopf (945 in), der Fichtenkopf (943 in), der Donncrshaug (887 ni), der Große Hermannsberg (881 m), der Jnselsberg (914 in, mit einer der prächtigsten Nundsichten in Deutschland), der Große Dolmar (740 in) rc. Auf dem letzten Vorsprunge am nordwestlichen Ende des T. W-es liegt in 393mMeereshöhe die Wartburg. Die am höchsten gelegenen Ortschaften sind Jgelshieb (835 m) u. Oberdorf (811 in). Unter den zahlreichen reizenden Thälern sind hervorzuheben: das Annathal, die Landgrafenschlucht, das Marienthal, die Thäler der Schwarza, Gera u. Ohra, der Diet- harzer Grund, der Lauchagrund, das Trusenthal u. a. Die auf dem T. W. entspringenden Gewässer gehörest drei Stromsystemeii, dem der Elbe, der Weser n. des Rhein, an; zum Elbgebicte gehören: die Lo- quitz (mit der Sormitz), Schwarza, Ilm u. Gera; zum Wesergebiete: die Werra mit Schleuse, Hasel (mit der Schwarza), Schmalkalde u. Hörsel (mit der Nesse); zum Rheingebiete: die Rodach (mit der Haßlach u. Steinach) u. Jtz. Der ganze T. W. ist noch mit' mächtigen Waldungen, vorwiegend aus Fichten u. Tannen b»stehend, bedeckt; nur auf dem südöstlichen Theile ist der Wald mehrfach ganz verschwunden, indem er dem Ackerbau hat weichen müssen. Der Metallreichthnm des Gebirges ist im All- gemeinen nicht groß; der Bergbau, der früher, bes. im 16. Jahrh., blühte, ist in neuerer Zeit sehr zu- rllckgegaugen. An Mineralien rc. werden gewonnen: Eisenerz, Braunstein (Manganerz), Silber, Kobalt, Nickel, Antimon, Wismuth, Vitriol, Alaun, Marmor, Alabaster, Kaolinsaudstein, Schiefer(wich- tig sind die Schieserbrüche bei Lehesten), Kalk-, Fluß- u. Schwerspat!), Mergel, Gips, Halbedelsteine, Salz rc. Neben dem Ackerbau, der auf dem südöstlichen Plateau die Hauptbeschäftigung der Bewohner bildet, hat sich auf dem T. W. eine mannigfache Industrie entwickelt; die wichtigsten Zweige derselben sind: die Fabrikation von Glas,Porcellan, Steingut, Holz- u. Spielwaaren, Farben, Papiermache- u. Meerschaumwaareu, die Eisenindustrie, die Gewinnung von Pechyarz u. Kienruß rc. Eine nicht geringe Einnahmequelle gewährt den Bewohnern der Fremdenverkehr in den zahlreichen Knr- u. Badeorten, unter denen die bekanntesten sind; Arnstadt, Blankenburg, Brotterode, Elgersburg, Friedrichroda, Ilmenau, Liebenstein, Rudolstadt, Ruhla, Salzungen, Schlcnsingen, Schmalkalden rc. Der T. W. mit seinen mit theilweise prächtigem Hochwald bedeckten Höhen u. seinen wasserreichen Thälern, über welchen der Charakter holder An- muth ansgebreitet ist, gehört zu den meist bereisten Gebirgen, wozu auch nicht wenig beiträgt, daß es eins der wegsamsten Gebirge Deutschlands ist. Nicht allein erleichtern zahlreichevortreffliche Straßen, welche theils die Kammhöhe überschreiten, theils das Gebirge nach allen Richtungen durchkreuzen, den Verkehr, sondern auch mehrere Eisenbahnen (im W. die Werrabahn, im N. die Thüringische u. im O. die Saaleisenbahn) umschließen das Gebirge, mehrfach Zweigbahnen bis in sein Inneres entsendend, fast nach allen Seiten u. fördern so Len Zuzug der^ — Thurm. Fremden bedeutend. Manche Ortschaften des T. W-es sind im Sommer gleichsam Colonien deutscher Großstädte. In Bezug auf seine politische Lage haben an ihm viele deutsche Staaten Theil; den verhalt- mäßig größten Antheil besitzt Sachsen-Meiningen, ferner gehörenTheile desselben zuPreußen, Sachsen- Weimar-Eisenach,Sachsen-Koburg-Gotha, Schwarzburg - Rudolstadt, Schwarzburg - Sondershausen, Neuß und Bayern. Vgl. Geologische Beschreibung des Thüringer Waldgebirges, 6 Bde., Meiningen 1796; L-chwerdt, Albuin des T. W-es, Lpz. 1859; Müller von der Werra, Thüringen, ein Handbuch für Reisende, Lpz. 1861 ; Credner, Übersicht der geognostischen Verhältnisse Thüringens u. des Harzes, Gotha 1843; Derselbe, Versuch einer Bildungsgeschichte der geognostischenVerhältnisse desT.W-es, ebd. 1855; Vogel, Karte des T. W-es 1 : 150,000, 4 Blätter. H- Berns. Thuringi, so v. w. Thüringer. Thüringische Eiscnbahn(i877): Länge472,„ Km; im Bau 27 ,4 km; Anzahl der Lokomotiven 168; der Personenwagen 323; der Güterwagen 3028; Einnahme 17,728,975 21; Benennung der Linien: Stammbahn (279,^ km); Dietendorf-Arnstadt ( 10 ,ig km); Gotha-Leinefelde (67,,g km); Gera-Eichicht (77,g km); Leipzig-Zeitz (37,^km); Zeit der Gründung 20 . Äug. 1844; der Inbetriebsetzung 6 . Juni 1846; Anlagekapital beiderGründ- nng 27 Will. LI; heutiges Anlagekapital 137 Will. LI; Privatverwaltung; Directionssitz Erfurt. Thurles, Stadt in der Grafschaft Tipperary der irischen Prov. Munster, amSnir, Eisenbahnstation; Sitz eines katholischen Erzbischofs n. eines Gerichtshofes, kathol. Kathedrale, kathol. Seminar, Lateinische Schnle(St. Patricks College), 3 Klöster, Zucht- u. Arbeitshaus; 1871: 5008 Ew. Thurm, 1) ein Gebäude, dessen Höhe im Verhältnis) zur Grundfläche bedeutend groß u. dessen Grundfläche quadratisch, polygonal od. rund ist. Bei den Römern u. im Mittelalter waren Thürme gewöhnlich in den Stadt- u. Burgmauern auf Wurf-- od. Pfeilschußweite von einander angebracht n. dien- tenzur besseren Vertheidignng; außerdem bildete den nie fehlenden Haupttheil einer mittelalterlichen Burg der große T. (Bergsried, franz. Donjon), welcher theils zur Wohnung, theils zu Gefängnissen benutzt wurde, seinen Eingang, durch eine Zugbrücke vom Palast (dem Herrengebäude) ans od. durch eine Leiter zugänglich, im 2. Stockwerk hatte n. den letzten Zn- fluchts- u. Vertheidignngsort bildete. Von den Burgen gingen die Thürme als Befestignngsmittel auf die Städte über, wo sich Thorthürme,Mauerthllrme, Brückenthürine rc. finden. Einen integrirenden Theil jeder christlichen Kirche bildet der T. seit Ausbildung der romanischen n. sogenannten gothischen Baukunst. Auch die Rathhäuser wurden seit dem Aufblühen des Städtewesens durch einen T. charakterisirt. Meist bringt man an den Thürmen Uhren, damit sie im größeren Umkreise gesehen werden können, n. in denselben Glocken an. Als besonderes Signalmittel sind in der Nähe von Häfen, Klippen rc. oder mitten in die See Lenchtthürme (s. d.) errichtet, während Kirch- thürme in der Nähe der Küste den Schiffern vielfach als sog. Landmarken dienen. Hinsichtlich der Bauart sind die Thürme: a) ganz massiv von unten an ^ gebaut, deren Spitze ebenfalls massiv, od. von Eisen, 366 Thurmayr Zinkguß, Blei rc. od. hölzern ist: b) ganz od. teilweise hölzern, welche indessen massiv gegründet sind u. endlich e) sogen. Dachreiter; die nur auf das Dach des Gebäudes aufgesetzt sind u. durch Spreng- werke getragen werden. In der Regel sind die Thürme mit den zugehörigen Gebäuden verbunden, seltener freistehend (wie der Campanile in Florenz und Venedig, schiefe T. in Pisa). Die schönste und reichste Ausbildung des T-es verdanken wir dem Gothischen Stil. Die Form des T-daches richtet sich nach der des T-es. Es ist entweder sehr spitz u. schlank, durchbrochen od. voll u. heißt dann Helm. Weniger häufig kommen Kuppeldächer (Hauben) auf Thllrmen u. Dächer mit mannigfach geschwungenen, ein- u. ausgebogenen Flächen (Zwiebcldächer), an türkische u. russische Bauformen erinnernd, anKirch- thürmen vor. Der obere durchbrochene Theil des Thnrmdaches, wenn ein solcher vorhanden, heißt Durchsicht od. Laterne. Eine besondere Art Thürme sind die bei den Türken gewöhnlichen Minarets (s. Moschee). 2 ) (Kricgsw.) Schon bei den Alten u. im Mittelalter waren an der Escarpe od. äußeren Seite der alten Stadtmauern vor Erfindung des Schieß. Pulvers runde oder viereckige Thürme zur Seiten- verthcidigung in der Weite eines Pfeilschusses angebracht, oft waren sie eben so hoch, als die übrige Mauer, meist überragten sie aber dieselbe. Aus ihnen entstanden die Bastionen (s. Bollwerk 2) u. die eigentlichen Thürme kamen außer Gebrauch. Erst später wendete sie Vauban bei seinem 2. u. 3. Sy- steme unter dem Namen der Bollwerksthürme wieder an. Auch Montalembert empfahl ihre Anwendung, legte in denselben Perpendicularkasematten in mehreren Etagen zur Aufstellung von Geschützen an, s. Montalembertsche Thürme. In einer ähnlichen Gestalt erschienen die aus Veranstaltung des Erbherzogs Maximilian von Österreich bei Linz 1830 erbauten Thürme, s. Maximiliauische Thürme. Als Warten an Küsten dienen die Martellothürmejs. d.). Ganz ncurn Datums sind die Panzerthürme, siehe Panzer 2). Thurmayr, Joh., s. v. w. Aventinns. Thurmbcrg, der höchste Gipfel des Norddeutschen Landrückens in Preußen, s. Kalthaus 2). Thürme des Schweigens, s. Dakhma. Thürme der Winde, s. u. Andronikos. Thurmfalk, s. Falken. Thurmschiffe,PanzerschiffemitGeschützthürine», s. u. Schiff. Thurmschwalbr, so v. w. Mauerschwalbe, s. Segler. Thurm- u.Schwertorden, portugiesischerMi- litärverdienstorden, gestiftet 1459 vom König Alfons V., 1789 in einen Militärorden verwandelt, 1808 vom König Johann VI. zuRio de Janeiro erneuert, u. für In- und Ausländer zum Verdienstorden erhoben, u. 28. Juli 1832 von Dom Petro vollständig neu organisirt unter dem Titel: „Alter u. sehr edler Orden vom T. und Schwert für Tapferkeit, Loyalität u. Verdienst." Der König ist stets Groß- Meister, der Kronprinz Großcomthur, jeder Prinz Großkreuz; 3 Klassen: Großkreuze, Commandeure, Ritter; Dekoration: ein »spitziges Kreuz od. Stern mit Kugeln, von einem Thurm getragen; denMittel- punkt bildet ein Medaillon, in dessen Mitte ein Schwert auf einem Kranz liegend, um denselben — Thurn. läuft ein Reif von blauer Emaille mit der Devise: Valor, Iwsläsäo Llsrito; aus dem Revers ein aufgeschlagenes Buch, auf dessen einem Blatt das por- tugiesische Wappen, auf dem andern die Worte: 6srts eonstitutiovak äs, inonsrguis und die Umschrift ?olo rsl st pslo lei (für den König u. für ; das Gesetz). Die Dekoration wird von den Rittern ^ silbern, von den andern Klaffen golden am dunkel- ^ blauen Bande getragen; die Ordenskette besteht aus abwechselnd Schwertern n. Thürmen. Thnrn, Heinrich Matthias, Graf von, hat in der böhmischen politischen Opposition gegen Kaiser Matthias u. im Anfang des Dreißigjährigen Krieges eine hervorragende Nolle gespielt. Von Kaiser Rudolf II. zum Burggrafen von Karlstein ernannt, mußte er, da der Charakter u. das Ziel der Regierung des Matthias gleichmäßige Reaktion ge- I gen die kirchlichen Zustände, die politische Macht u. ^ die Freiheiten der Landstände war, sein Amt niederlegen zu Gunsten des Herrn von Slawata, des furcht- u. rücksichtslosesten Mannes der katholischen Partei. T. wurde jetzt eigentlich das Haupt der Protestanten, deren Opposition er schon früher angehört hatte. Ehrgeizig, nicht frei von Habsucht, ver- wegen, war er geeignet die Opposition zu kühneren Schritten zu fuhren, die nach der Wahl Ferdinands zum Nachfolger des Matthias, nothwendig waren, wolltendie Protestanten nicht gänzlich unterliegen. Er bewirkte auf den Anfang d.J.1618 eine Protest. Versammlung in Prag. Trotz desVerbotes u. der Strafdrohungen, die Matthias von Wien aus erließ, trat diese Versammlung am 23. Mai 1618 nochmal" zu- , sammen. In erregter Stimmung begab sich dieselbe dann nach dem Schlosse der Statthalter, um diese zur Rede zu stellen wegen des Verbotes der Versammlung u. wegen der Verletzung des böhm. Majestätsbriefes (s. d.). T. dagegen, der eine entscheidende Demonstration für richtig hielt, hatte einige Vertrante gewonnen, mit denen er an den Statthaltern eine blutige Justiz üben wollte. Er wußte die Debatte auf einen hohen Grad der Leidenschaft zu bringen, u. während er selbst den Slawata in einer Höhe von 20 Ellen aus dem Fenster stürzte, wurde Martinitz von Wilhelm von Lobkowitz nachgeworfen. Nun constituirte sich der Protestantentag als böhmischer Landtag; T. wurde Generallieute- nant, der böhmische Aufstand war erreicht. Auf die Kunde von des Kaisers Tode drang T. bis vor die Th ore Wiens; die gedrückten Protestanten Österreichs traten mit ihm in Verbindung gegen Ferdinand, der aber durch seinen Muth, T-s Zaudern u. die unerwartete Ankunft eines Reiterregimentes gerettet wurde. Bald mußte T. wegen Mangel an Geld u. Lebensmitteln nach Böhmen znrückkehren. Noch einmal drang er nach Wien vor, vereinigte sich im Nov. 1619 mit dem Fürsten Behtlen Gabor von Siebenbürgen, wurde aber auch jetzt durch Mangel u. Kälte zum Rückzüge gezwungen. Der Sieg des kaiserlich-ligistisch-sächsischen Heeres am Weißen Berge i bei Prag (8. Nov. 1620) nöthigten ihn zur Flucht nach Siebenbürgen. Seine politische Bedeutung ist damit zu Ende. Er schloß sich später Gustav Adolf bei seiner Landung in Deutschland an, u. kämpfte in den Schlachten bei Leipzig u. bei Lützen mit. Im Jahre 1633 befehligte er mit Arnim die Sachsen, Brandenburger u. Schweden in Schlesien gegen 367 Thurn u. Taxis. Wallenstein, u. wurde von diesem im Oct. des Iah- res mit einem schwedischem Corps von 6000 Mann gefangen genommen, doch bereits nach 8 Tagen entlassen. Bald darauf st. T. Vgl. A. Gindely, Geschichte des dreißigjährigen Krieges (Geschichte des böhmischen Aufstandes Bd. 1), Prag 1869. Schmitz. Thurn «. Taxis, ein altangesehenes, weitverzweigtes ans Italien stammendes n, daselbst della Torre genanntes Geschlecht in Österreich , welches ehemals in Deutschland reichsnnmittelbar war. Der Sage nach hätte cs seinen Namen von dem heiligen Ambrosius, Erzbischof von Mailand, erhalten, der dem angeblichen Stammvater wegen tapferer Ver- theidigung des ihm anvertrauten neuen Thores gegen Aufrührer den Namen della Torre und die Oberherrschaft über die Grafschaft Valsassina gegeben. Als historisch beglaubigt erscheint zuerst 1) Martina della Torre, Graf von Valsassina u. der Riviera di Como, der ans dem Kreuzzuge König Konrads III. 1147 in saracenischer Gefangenschaft starb. Im Jahre 1256 bemächtigte sich 3) Martina der Regierung in Mailand, vertrieb den Adel ans der Stadt, worauf die Herrschaft einige Zeit in der Familie della Torre blieb, bis 1277 nach mehrjährigem Kampfe Otto Visconti, Erzbischof von Mailand, mit Hilfe einiger lombardischer Städte u. Alfons X. von Castilien das Haus della Torre u. die Mailänder in einem entscheidenden Treffen besiegte u. sich die Herrschaft in Mailand errang. Die Torre waren znm Theil im Kriege gefallen, andere gefangen n. grausam getödtet, der Rest verbannt. Doch hatten die Visconti an ihnen, da sie in de» Städten um Mailand großen Einfluß besaßen, auch jetzt noch mächtige Gegner, die bereits unter Ottos NachfolaerMattco 1302 nachMailandzurückkehrten, u. mit 3) Guido della Torre sich wieder in den Besitz der höchsten Macht setzten. Guido herrschte als Haupt der Gneisen im Aufträge des Volkes unumschränkt in Mailand, bis der deutsche König Heinrich VII. im Herbste 1310 in der Stadt erschien, u. im Bestreben, Guelsen u. Ghibellinen zu versöhnen, den Guido della Torre wie Matteo Visconti von der Herrschaft ausschloß. Doch schon im nächstenJahrzehnt nach Heinrichs VII. Tod gründete Matteo auf den Trümmern der Torre in Mailand eine fürstliche Macht und vertrieb die Torre wie ihre Anhänger. Guidos jüngster Sohn 4) Lamoral ließ sich 1313 in dem Gebiet von Bergamo nieder n. nahm von dein ihm zugehörigen Berge Tasso (Dachsberg) den Namen de Tasso, später de Tassis an. Sein Geschlecht heißt demnach italienisch äslla lorrs et Lassis (franz. äs 1a Ponr st iaxis), das deutsche Thurn entstand durch Übersetzung des llforrs. Lamo- rals Urenkel 5) Roger wandte sich nach Deutschland, u. erhielt vom Kaiser Friedrich III. den Ritterschlag. Er richtete um 1460 die erste den Namen Post führende Anstalt in Tirol ein. Sein Sohn 6) Franz von T. u. T. gründete ans Verlangen Kaiser Maximilianl. 1516 eine Reitpost von Wien nach Brüssel, u. legte damit den Grund zu dem Glanz u. Reichlhum seines Hauses. Eine 2. von ihm wegen des Türkenkrieges über Nürnberg nach Wien angelegte Post (1522), hörte mit dem Kriege auf. (s. Post). Ferdinand I. verlieh dem Hause T. n. T. in 7) Lamoral, Enkel des Vor., das Reichspostmeisteramt in Deutschland u. den spanischen Niederlanden, dem 1605 die Erhebung in den deutschen Reichsfreiherrnstand folgte. Lamoral st. 1612 u. sein Sohn 8) Lamoral wurde 1615 vom Kaiser Matthias fllrsichu. seineNachkommen mitderReichs- post belehnt u. am27. Oct. I62lzum Reichsgrafen ernannt. Er st. 1628. Sein Enkel 9) Graf Eugen Alexander erhielt am 19. Febr. 1681 durch Karl II. von Spanien den spanisch niederländischen, und vom Kaiser Leopold I. 4. Oct. 1686 den deutschen Reichssürstentitel. Er st. 1714. Sein Enkel 10) Fürst Alexander Ferdinand, geb. 1694, erhielt 1744 die Erhebung seines reichslehnbaren Reichs- generalpostmeisteramtes zu einem Reichsthronlehen u. wurde 1754 mit Sitz n. Virilstimme im Reichstag in das reichsfürstliche Collegium Angeführt. Er erhielt vom Kaiser die Würde eines Principalcom-- missars beimReichstag in Negensbnrg, infolgedessen er seine Residenz dorthin verlegte, wo dann auch die folgenden Fürsten von T. u. T. bis zur Auflösung des Deutschen Reiches residirten. Von seinen beiden Söhnen,Karl Anselm u. Maximilia»Joseph, stammen die beiden jetzt blühenden Linien ab: L) Ältere Linie: 11) Karl Anselm, geb. 1733, erwarb durch die 1786 zu einer gefürsteten Reichs- grafichast erhobenen reichsunmittelbaren Herrschaften Friedberg, Scheer, Dürmentingen und Bussen, die er 1785 gekauft hatte, Sitz und Stimme im Schwäbischen Fürstencollegium. Zur Entschädigung für den Verlust der Reichsposten auf dem linken Rheinnfer und in den österreichischen Niederlanden erhielt der Fürst durch den Reichsdeputationshaupt- schlnß 25. Febr. 1803 Stadt u. gefürstetes Damen- stist Buchau miteiner besonderen Stimmen» Reichs- fürstenrathe, dann die Abteien Marchthal n. Neres- heim, die Herrschaft Ostrach nebst Schemmerberg n. die Dörfer Tiefenthal, Frankenhofen u. Stetten (9 IHM, 23,000 Einw. mit 220,000 Gulden Einkommen). KarlAnselm, deranchPrincipalcommissar beim Reichstage war, st. 13. Nov.1805. SeinSohn 12) Fürst Karl Alexander, geb. 22. Febr. 1770, der letzte kaiserliche Principalcommissar beim Reichstage zu Regensburg, war seit 1789 mit Therese, Prinzessin von Mecklenbnrg-Strelitz und Schwester derKöniginLonisevon Preußen vermählt. Er erhielt 1819 von Preußen für die hier verlorenen Posten 3 in der Provinz Posen gelegene Domänenämter, die zu einem Fürstenthnm Krotoszyn vereinigt wurden. Zu den Besitzungen des Hauses T. u. T. gehören außer den genannten unter württembergi- scher Oberhoheit die Herrschaften Egliugen, Grenzheim, Heudorf u. Göffingen; unter bayerischer die Herrschaften Donaustauf, Wöhrd, Wiesent u. Sulzheim; unter österreichischer Chotinfchan, Chronsto- wicz, Richenburg u. Kotschumberg in Böhmen, sowie die Domänen des ehemaligen Fllrstenthnms T. u. T. unter belgischer Oberhoheit. Zusammen mag das Fürstenthnm etwa 100,000 Ew. auf nahezu 40 s^W umfassen mit über 800,000 Gulden Einkünfte. Fürst Karl Alexander wurde 1806 seiner Selbständigkeit beraubt, indem sein Gebiet mediati- sirt wurde. Er residirte zu Marchthal in Schwaben, anch zu Regensburg u.Trnggenhofen u. st. als kk. wirklicher Geheimer Rath n. Kronoberpostmeister im Königreich Bayern 15. Juli 1827. Vgl. Aug. Krämer, Rückblick aus das Leben Karl Alexanders-, IRegensb. 1828. Ihm succedirte als Standesherr 368 Thurnciu — 4?ji^m6lu6g.c6ki6. sein Sohn 13) Fürst Maximilian Karl, gcb. з. Nov. 1802, der in 2 Ehen mit Wilhelmine von Dörnberg (st. 1835) u. (seit 1839) Mathilde Sophie, Tochter des Fürsten Johann Aloys von Ot- tingen-Spielberg eine zahlreiche Nachkommenschaft erzielte. Unter ihm gingen die T. u. T-schen Postgerechtsamen an Preußen über gegen 9 Mist. U. laut Vertrag vom 28. Januar 1867 (s. Post). Er residirte zu Negensburg n. st. 10. Nov. 1871. Nachfolger ist sein 24. Juni 1862 geborener Enkel Maximilian. 3) Jüngere Linie,deren Chefin Prag refidirt, gebildet durch die Nachkommen 14) Maximilian Josephs, Halbbruders vonT.u.T.11), geb. 29. Mai 1769, gest. 15. Mai 1831. Der jüngere Sohn aus seiner Ehe mit Eleonore Prinzessin zu Lobkowitz: 15)Prinz Karl Theodor,geb. 17. Juli 1797, bayrischer General der Cavalerie seit August 1850, comrnaudirte 1849 das bayr. Corps nach der Pfalz, wo er übrigens, nachdem die preuß. Truppen zuvor eingerückt waren, keinen Feind mehr fand. Octbr. 1850 wurde er zum Commandanten der 25,000 Mann Bundestruppen ernannt, welche 1. Nov. in Kurhessen einrückten (s. Hessen-Kassel). Am 8. Novbr. führte er die Vorhut des bayerischösterreichischen Heeres, welches auf hessischem Boden in Bronzell bei Fulda mit den retirirendeu Truppen des preußischen Generals von der Gräben Schüsse wechselte, ohne daß es zu Verwundungen gekommen wäre. Nach der Rückkehr aus Hessen nahm der Fürst als Commandant des 1. Armeecorps seinen Sitz in München. Im Feldzug 1866 commandirte er die bayr. Avantgarde, bei welcher indeß gelegentlich der ersten feindlichen Begegnung eine große Unordnung einriß. Er ward seines Befehls enthoben und starb bald darauf. Gegenwärtiges Haupt dieser Secundo- genitur des Hauses T. u. T. ist 16) Fürst Hugo, Neffe des Vor., geb. 3. Juli 1817, seit 1845 vermählt mit Gräfin Almeria Belcredi; sein einziger Sohn, Prinz Alexander, ist l.Dec.1851 geboren. Sein jüngster Bruder, Prinz Rudolf, gcb. 25. Nov. 1853, hat sich als Privatdoccnt der Rechte in Prag habilitirt. Das Familienwappen des Hauses T. u. T. ist ein quadrirter Schild mit Mittelschild, и. zeigt einen silbernen Dachs im blauen Felde. Die Devise lautet: ksrxotus, ücks. Über die Streitigkeiten des Hauses mit Brandenburg u. anderen Reichsfürsten in Betreff Errichtung von eigenen Posten statt des Taxischen Postwesens vergl. H. Stephan, Geschichte der preußischen Post, Bcrl. 1859. Vgl. Müller, Die Fürstlichen T. u. T-schen Posten und Posttaxen, Jena 1845. Schmitz. Thurmm, Marktflecken im Bezirk Kulmbach des bayer. Regbez. Oberfranken; altes gräfl. Giechfches Schloß mit schönem Garten, Bierbrauerei, Papiermühle, Kunstmühle; 1875: 1224 Ew. Thnrnnmyr, J oh., so v. w. Aventinus. Thurocz (Turocz), Comitat in Ungarn, begrenzt von den Comitaten Arva, Liptau, Sol, Bars, Neutra u. Trencsin; 1150,^ ssskm (20,, s^M) mit (1869) 45,346 Ew. (aus I sDkm 39,4, in ganz Ungarn-Siebenbürgen 48,4). Es ist gebirgig durch Zweige der Karpathen, namentlich im O. Lurch das bewaldete Fatragebirge mit dem Krizna (1572 m) u. der Großen Fatra (1776 in). In den Thälern der Flüsse Waag u. Thurocz wechseln üppige Wiesen n. Triftenmitsruchtbaren Äckernu. Wäldern. Hanpt- bodenproducte sind: Getreide, Hülsenfrüchte, Mohn u. Flachs. Das Comitat hat mehrere Mineralquellen , darunter die Thermen von Stubnya, u. etwa 70 km Eisenbahnen. Die Hauptbeschäftigung der Bewohner (fast sämmtlich Slawen) bilden Vieh-, bes. Schafzucht u. Ackerbau. Hauptort ist T.-Szem- Marton. H- Berns. Thurr (Tharr), Name der großen Wüste im westl. Indien (s. d. S. 679 f.). Thurso, Stadt in der engl. Grasschaft Caithneß, l an der NKllste Schottlands an der schönen T-Bai; Strohflechterei, Weberei, Seilerbahnen, Lederfabrikation, guter.Hafen,Getreidehandel; 1871:3622EW. Thürstock, ein in horizontalen oder geneigten Grubenbauen senkrecht oder etwas geneigt gestelltes Holz. Es stützt stets ein anderes, horizontal gelegtes Holz. Ist letzteres durch einen zweiten T. gestützt, so heißt es ganze T-zimmerung, im andern Fall halbe T-zimmerung. Stehen beide Thürstöcke ans einer Grundsohle, so wird daraus ein T-geviere, Thusch (Tuschen), einzu der mittleren Gruppe der Kaukasischen Bergvölker (s. u. Kankasien, S. 320) gehörender Volksstamm, sprachlich den Tschetschenzcn verwandt; vgl. Schiefner, Über die T-sprache, Pe- tersb. 1854. Thusnelda, Tochter des Cheruskerfürsten Sege- stes, welchem sie Arminius entführt hatte; wider ihren Willen zu ihrem Vater znrnckgebracht, fiel sie mit diesem 15. n. Chr. in die Gewalt des Germa- nicus, der sie 17. n. Chr. nebst ihrem in der Gefan- fangenschaft geborenen Sohne Thumelicns im Tri- . uniph auffllhrte. ' Thyadcu, Thyiaden, so v. w. Bakchantinnen. Thyestes (gr. Heldensage), Sohn des Pelops II. der Hippodamia; er n. sein Bruder Atreus flohen aus Pisa, weil sie auf Anstiften ihrer Mutter ihren Stiefbruder Chrysippos getödtet hatten, u. retteten sich nach Mykcnä zu Sthenelos, dem Gemahl ihrer Schwester Nikippe. Als Eurystheus, der Sohn des Sthenelos, auf einem Feldzuge gegen Hyllos umgekommen war, folgte ihm Atreus als Gemahl seiner Tochter Mrope in Mykenä. T. verliebte sich in > Mrope u. zeugte mit ihr zwei Söhne, weshalb ihn Atreus ans seinem Reiche vertrieb. Ans Rache entführte T. einen Sohn seines Bruders, erzog ihn als den seinigen u. flößte ihm Haß gegen seinen eigentlichen Vater ein; als er erwachsen war, schickte ihn T. zu Atreus, um denselben zu ermorden, allein das Vorhaben wurde entdeckt u. er hingerichtet, u. nun entdeckte T. dem Atreus, was er gethan. Dennoch versöhnte sich Atreus zum Schein mit T. u. lud ihn zu einem Mahl; hier aber setzte er ihm zur Vergeltung das Fleisch von dessen Söhnen, welche er an sich gelockt u. geschlachtet hatte, zum Essen vor u. zeigte ihm darauf die Hände und Köpfe der Geschlachteten. T. floh. Ahnungslos zeugte er darauf zu Sikyon mit seiner eigenen Tochter Pelopia den Ägisthos, welcher den Atreus tödtete, dessen Söhne vertrieb u. seinen Vater T. auf den Thron von Mykenä setzte. Hcrtzberg. Thtjmbrm (a. Geogr.), Flecken in Karten, am Mäander mit einer Höhle (Charoneion), aus welcher giftige Dünste aufstiegen. Ikxmslseavsse (vaxlinoiäsas), Pflanzenfam. aus der Ordnung der Pb)'ms1o.oing.s, Bäume u. Sträu- cher mit meist spiraligen, ungetheiltsn Blättern;Blü- then zwittcrig oder durch Fehlschlagen zweihänsig; Hi^rnelLeins.6 Kelchsaum vier-, seltener fünfblätterig, in der Knospenlage dachig; 2 Staubblattkreise; Eichen einzeln, hängend. Samen ohne od. mit spärlichem Eiweiß. Gatt.: Obren, Onxtins, Onvssrinn, Oimslsn, Oniäin, Mi/molaoa u. a. Il^nielaeinss L/E, Pflanzenordnung; Bäume und Sträucher, seltener Kräuter, mit abwechselnden oder gegenständigen Blättern ohne Nebenblätter. Kelch umerständig, blumenkronenartig od. doch innen gefärbt, am Grunde röhrenförmig; Blumenblätter meist fehlend; Staubblätter vor den Kelchabschnitten, der Blumenkronenröhre cingefügt; bisweilen auch noch ein innerer Staubblattkreis. Fruchtknoten einfächerig, mit meist nur einem Eichen. Hierher gehören die Familien Bü^mslasacsao, Llaoagnacsno, Oroioacsas. Thymele (gr. Ant.), Stelle, an der geopfert wird, namentlich Altar; der erhöhte Raum in der Orchestra des griechischen Theaters, bei welchem der Chor agirle; später so v. w. Theater, Bühne, Schauspiel. Thymian , ist vuIZaris. Thymianöl , ein vurch Destillation des blühenden Krautes von liiMws vulgaris erhaltenes gelbgrünes aromatisches Öl. Es besteht nach Stohmann im Wesentlichen aus Thymen 8^, Cymol u. Thymol OloHizO. Es löst sich in einem gleichen Volum Alkohol u. wird in der Parfümerie, des. zur Parsümirnng von Seifen verwandt. Jungck. Thymol, 6108,^0, aus Thymianöl u. den Ölen von Nouaräa punctata u. Otzwöotiv ^jorvan durch Schütteln mit Natronlauge u. Zersetzung der wässerigen Lösung mit Salzsäure in großen thymian- ähnlich riechenden, tafelförmigen Krystallen erhalten. Schmelzpunkt 44", Siedepnnkt230". Wenig löslich in Wasser, leichtlöslich in Äther u. Alkohol. Isomer Car- vacrol, das Lurch Erhitzen des im Römischkümmelöl enthaltenen Carvols mit Phosphorsäure gewonnen wird. Greift die Haut an. Wird als Desinfections- mittel gebraucht, als Mundwasser, Zahnseife rc. Aus der Medicin, in der es früher vielfache Verwendung fand, ist es durch die Carbolsäure verdrängt worden. Broglie. IliMUS L., Pflanzengatt, aus der Fam. der I,a- lüatas-Laturvjsas; Staubblätter von einander entfernt, oben noch mehr aus einander tretend; die getrennten Staubbeutel an das verbreiterte, fast dreieckige Connectiv schief angewachsen, Oberlippe gerade, ausgerandet, untere dreispaltig, keine Haarleistein der Röhre; Kelch zweilippig; Arten zahlreich, meist halbstrauchig. B. vuIZaris (Thymian), mit ästigem, aufsteigendem Stengel, sitzenden, linea- lischen bis länglichen, an den Rändern umgerollten Blättern n. hellrothcn Blüthen in kopsartig gedrängten Halbquirlen; in SEuropa heimisch, in Gärten zum Küchengebrauch gebaut; Las aus den blühenden Zweigen gewonnene ätherische Öl (OIsnm nebllsrsnm) wird innerlich gegen Darmschwäche u. Magcnkrampf angewendet; B. MaZoriAannm L., ästiger Strauch in Griechenland, stark u. angenehm gewürzhaft riechend, wurde von den Ärzten des Alterthums unter dem Namen IraZ;ori§anc> angewendet. L. LsrpMnm L. (Quendel, Feld-od. Rainkümmel), niedrige, kriechende, auf Feldrändern und trockenen Grasplätzen häufige, oft dichte Rasen bildende Pflanze, mit kleinen, eirnnden, gesranzten, PiercrL Uuiversal-Conversations-Lexüon. L. Aufl. xr — Thysdrus. 369 angenehm gewürzhaft riechenden Blättern, röthli- chen, in kopfsörmigen Quirlen stehenden Blüthen; getrocknet (8srbn osrpMi) als zertheilendes Mittel, sowie zur Bereitung des Quendelgeistes u. Quendelöles benutzt. Engkr. Thymusdrüse (Klanänla tbz-mns), Drüse ohne Ansführungsgang, die sich ausgebildet nur beim Fötus u. beim Kinde findet. Ihre nach Lebensalter u. Individualität sehr schwankende Größe nimmt bis zum 14. Jahre ständig zn u. erreicht alsdann eine Länge von fast 7 om, eine Breite von 4 cm und eine Dicke von 7—8 mm. Nach dem 15. Lebensjahre schwindet die Drüse allmählich durch Umbildung ihrer Substanz in Binde- n. Fettgewebe, welche Degeneration gewöhnlich zwischen dem 25. bis 35. Jahre vollendet ist. Die T. hat ihre Lage im obern Theil der Brusthöhle n. in der untern Gegend des Halses. Von plattlänglicher Form besteht sie aus zwei Seitenlappen, die durch einen Bindegewebs- strang, seltener durch eine Brücke vonDrüsensubstanz mit einander verbunden sind. Die oberen u. unteren Enden der Lappen, welche etwas zugespitzt sind, werden als Hörner (cornna) bezeichnet. DerRrust- theil der Drüse befindet sich im vorderen Mittelfell- - raum u. reicht von der oberen Brustapertnr bis zu den Brustbeinenden des 5. Rippenpaares. Begrenzt ist derselbe nach vorn vom Brustbein od. der Pleura, nach hinten von den großen Brustgefäßen, nach unten vom obern Theil des Herzbeutels. Der kleinere Halstheil ruht auf der Luftröhre, bedeckt von den mnsonli störnobllz'rsoiäoi. Die ganze Drüse ist von einer bindegewebigen Kapsel, durch welche sie mit den Nachbargebilden znsainmenhängt, umhüllt. Ihren Bau betreffend, gehört die T. zu den sogen, conglobirten Drüsen. Sie besteht ans zahlreichen größeren u. kleineren, durch lockeres Bindegewebe verbundenen Läppchen, die einem, jedenderbeidenSeitenlappendnrchziehendenCentral- kanal ohne Ausfllhrungsgang dichr gedrängt auf- sitzen. Jedes Läppchen wiederum besieht aus einer Anzahl polygonaler Körner, die in ihrer Zusammensetzung bei jedem Läppchen einen kleinen Hohlraum umschließen, welcher durch eine feine Öffnung mit dem gemeinsamen Centralkanal communicirt. Die Körner ähneln in ihrem mikroskopischen Bau den Follikeln der Lymphdrüsen; sie sind zusammengesetzt aus einem bindegewebigen Maschengerüst, welches mit zahllosen freien Zellen u. Kernen angesllllt ist. Der milchig saftige Inhalt der Läppchen und des Centralkanals besteht gleichfalls aus letzteren Elementen , die in einer eiweißartigen Flüssigkeit schwimmen. Die Function der T. ist bis jetzt noch dunkel. Nach Analogie des mikroskopischen Baues ist man geneigt, ihr eine den Lymphdrüsen ähnliche Bedeutung beizulegen, ohne jedoch hierüber etwas Positives sestgestellt zu haben. Blumberg. Thyöne, so v. w. Semele; daher Thyoneus, Beiname des Bakchos. Thyrsos (gr.), mit Epheu u. Weinlaub umwundener, am oberen Ende mit einem Fichtenzapfen versehener Stab, welchen Bakchos, seine Begleiter u. die Orgien Feiernden trugen, s. Bakchantinnen. Thysdrus, große, feste Stadt in Byzakene (Afrika), hier wurde Gordian zum Kaiser ausge- rnjen; Ruinen beim jetzigen El-Dschem in Tunis zwischen den Städten Susa u. Sfakes, Besonders 11. Band. 24 370 — Tibcrius. befindet sich hier ein Amphitheater, das zu den grüß- ten u. schönsten gehört, die erhalten sind. Durchmesser 150x123 w, Arena 90x60 w, Höhe 35 m. Vgl. Zeitschr. Aus allen Welttheilen, IX., 379—80. li, chemisches Zeichen für Titan. Ti., Abkürzung für Tiberius. Tiahuanaco, großartige Ruinen südl. vom Titicacasee, Peru, wahrscheinlich die ehemalige Hauptstadt der Aymara. Tian-Hia, chinesischer Name sür China. Tiara (gr.), nationale Kopfbedeckung der Orientalen, des. der Perser, bestehend aus einer kleinen runden Mütze aus Byssos, welche nur den Hinteren Theil des Kopses bedeckte u. meist mit einer Binde umgeben war; dann die gerade ausstehende und mit einem geraden Zipfel versehene Kopfbedeckung der Könige u. Großen, bei den Phrygiern auch der Priester; die Krone des Papstes. Kaiser Constantin d. Gr. soll dem Papst Sylvester zum Zeichen seiner weltlichen Macht eine Krone aufgesetzt, nach Andern erst Chlodwig dem Papste eine goldene Krone geschenkt haben. Alexander II. wurde im 11. Jahrh. schon mit einer aus zwei goldenenReifcn, ans deren ersterm die Worte: voraus, äs manu vor, auf dem anderen: Oiaäsins impsrri äs msuuRobri.bestehendenKrone gekrönt, doch soll erst 1294 Bonifacius VIII. die zweite Krone hiuzugefllgt haben, welche die geistliche Macht vorstellte; 1362 fügte Urban V. die dritte hinzu, welche die Macht der Päpste über alle geistlichen u. westlichen Obrigkeiten anzeigen soll. Diese dreifache päpstliche Krone besteht aus drei goldenen Reifen um eine hohe Mütze, mit purpurrothen, blauen u. grünen Streifen u. bezeichnet die dreifache Herrschaft der Päpste über die streitende, leidende n, triumphirende Kirche od. die Seelen aufder Erde, im Fegefeuer u. im Himmel. Tibbn (Tebbu), Volk in den Oasen der mittleren Sahara (Afrika). Die T. haben eine glänzendschwarzc Haut u. gut gebauten Körper; die Frauen namentlich sollen meist schön sein, große, lebendige Augen, feine Lippen u. Adlernase haben; sie gehören zu der Negerrace, stehen den Kanoristämmen (am Tsadsec) sehr nahe; ihre Sprache, Teda, ist mit der Kanori- sprache eines Stammes. Sie sind theils Heiden, theils Mohammedaner, räuberisch, roh, grausam, habgierig, treiben Viehzucht (Esel u. Kameele) und Handel. Oft haben sie von den räuberischen Anfällen der Tuaregs zu leiden; dann flüchten sie vermittelst Leitern aus die in ihrem Gebiete nicht seltenen Tafelberge von Sandstein; deshalb haben sie in der Wüste den Beinamen der Vögel erhalten. Sie theilen sich in verschiedene Stämme, wie T. Reschade, T. Kraan rc., die unter besonderen Sultanen stehen. Bergl. Behm, Land u. Volk der Tebu, Gotha 1862; Nach- tigal, Die T. in der Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde, Berl. 1870. Dronke. Tiber (im Alterthum Tiberis, Tibris, ursprünglich Albula, ital. Tevere), der bedeutendste Fluß in Mittelitalien, entspringt am Monte Fnmajolo im Apennin in der Provinz Arezzo, durchfließt dieselbe und die Provinz Perugia in vorherrschend südlicher Richtung, bildet dann die Grenze zwischen dieser Provinz u. der Provinz Rom, welche er in südwestlicher Richtung durchströmt u. mündet 40 km unterhalb Rom in das Tyrrhenische Meer, indem die beiden Arme, in welche er sich hier theilt (der südliche versandete Fiumara u. der nördliche schiffbare Fiumiciilü), ein aus der mit Wald u. Sumpf be- deckten Jsola Sacra bestehendes Delta bilden. Er nimmt 42 Zuflüsse ans, von welchen die bedeutcnd- sten sind: rechts Sovara, Nestore, Chiana, Ricano, u. links Carpino, Topino (mit Chiascio), Poglia, Naja, Nera, Teverone od. Aniene. Seine Länge beträgt 375 km, sein Stromgebiet 15,858 Hskm (288 M). Bon Perugia ist er (247 km) sür kleine Schiffe fahrbar. Bon Nom an wird er seit 1877 regulirt ul an seiner Münbung ein neuer Hafen angelegt, s. Rom, S. 286, 2. Sp. Vgl. Betocchi, vsl kinms Revers, Rom 1878; LloiwArsüs äslls Vitts äi Roma s äslka vsmpsAus Romans,, 1878, offi- ciell, 2 starke Bände mit Atlas. Schroot. Tiberius, 1) Stadt in Galiläa, am westl. Ufer des gleichnamigen Sees; von Herodes Antipas dem Kaiser Tiberius zu Ehren erbaut. Doch obwol er sie mit Rennbahn n. Amphitheater versah, konnte er, weil die Fundamente zum Theil auf älteren Begrab- nißplätzen gelegt waren, nur mit Mühe, und zwar blos Heiden u. Gesindel als Einwohner hierher ziehen; indeß kam die Stadt durch Gewerbe, Fischerei, Handel u. die nahen Bäder bald zur Blllthe u. wurde die Hauptstadt von Galiläa, nach der Zerstörung Jerusalemsaberder Mittelpunkt derjüdischenHierar- chie u. Gelehrsamkeit mit 13 Synagogen und einer Akademie, aus welcher die Mischna hervorgiug. Unter Constantin d. Gr. erhielt T. eine christliche Kirche u. wurde im 5. Jahrh. Bischofssitz; der KhalifOmar vertrieb im I. 637 Juden u. Christen von hier. Im 11. Jahrh. wurde das Bislhum erneuert u. Gottfried von Bouillon gab T. nebst Galiläa erblich an Tancred, welcher es nachher an Balduin I. zurückgab. Seit der Zerstörung durch Saladin 1187 lag T. öde. Um die Mitte des 18. Jahrh. wurde es wieder befestigt, aber I. Jan. 1837 durch ein Erdbeben zerstört, wobei die Hälfte der Bewohner ums Leben kam. Jetzt Tabariye, ein elender, schmutziger u. von Fiebern hcimgesnchter Ort von etwa 3000 Ew. 3 ) See, s. Genczaret. Schrook. Tiberius, römischer Borname, abbrevirt Ti. I. Kaiser: s) Römischer Kaiser: 1) Ti.Clau» dins Nero, L-ohn des Ti, Claudius Nero u. der Livia Drusilla, gcb. 16. Nov. 42 v. Chr., im Jahre 4 n. Chr. vom Kaiser Augustus adoptirt, der seine Mutter, nachdem er die Ehe mit seiner zweiten Gemahlin Scribonia aufgelöst, geheirathet hatte. Er besaß eine gründliche rednerische Bildung, die er schriftlich wie mündlich auch noch als Herrscher bethätigte, soweit es sein verschlossener, finsterer Charakter zuließ, u. namentlich kriegerische Fähigkeiten, wie sich zumeist im Kampfe mit germanischen Völkerschaften erwies. ErhatdiePannonieru.Dacier bezwungen, dann in den Jahren 8—7 v. Chr. als Nachfolger seines Bruders Drusus im Oberbefehl einen Theil der Germanen auf dem rechten Nheinuser zur Anerkennung der römischen Oberhoheit gebracht. Im I. 6. v. Chr. wurde ihm durch die Übertragung der tribunicischen Gewalt aus 5 Jahre ein gewisses Anrecht auf den Thron verliehen. Doch erbittert über die Ehrenbezeugungen, mit Lenen seine Stiefsöhne Cajns u. Lucius Cäsar überhäuft wurden, u. noch mehr durch den sittenlosen Lebenswandel der Julia, der Tochter des Augustus, die er im I. 11 v. Chr. auf des letzter» Befehl nach der Scheidung von Vip- >l 371 Tibesti - sauia Agrippina hatte heirathen müssen, begab er sich nachRhodns, wo er sich bis zum Jahre 2 n. Chr. mit griechischer Literatur beschäftigte u. bcs. mit dem Philosophen u. Mathematiker Thrasyllus verkehrte. Livia erwirkte dem T. die Erlaubniß zur Rückkehr: das Gerücht beschuldigte sie, das Geschlecht des Au- gustus durch Gift aus dem Wege geräumt zu haben; im I. 4 n. Chr. vermochte sie endlich auch den Au- gustus, ihren Sohn T. zu adoptiren. Sehr zögernd folgte der Kaiser, ließ vom T. wieder den Germani- cus adoptiren, und desiguirte so seine Nachfolger. Dann ging T. wieder nach Germanien; sein Angriff gegen Las suevische Reich des Marbod wurde ver- eitelt durch den Aufstand der illyrischen u. pannvni- scheu Völkerschaften, welche erst nach schweren Kämpfen wieder unterworfen wurden (6—8 n. Chr.). Er kämpfte dann nach der Niederlage des Varus zusammen mit Germanicus, erkannte jedoch hierbei die Unmöglichkeit, die röm. Herrschaft dauernd in Germanien anfzurichten, weshalb er als Kaiser trotz mehrerer Siege den Germanicus im I. 16 zurückricf. Nach des Augustus Tode am 19. Aug. 14 n. Chr. folgte er diesem, 55 Jahre alt; Senat u. Volk kamen ihm mit Willfährigkeit entgegen. T. machte die Herrschaft unumschränkter als sie Augustus gehabt, er übertrug das Recht der Bestätigung der Gesetze von den Comitien ans den Senat, der sich in bereiter Servilität dem Willen des Kaisers fügte. Um seine Machtstellung noch zu erhöhen, wandte er das Gesetz gegen Majestätsverbrechen, das ursprünglich zum Schutze des Staates gegeben war, auf seine Person an, u. damit wuchs das schamlose Delatorenthnm in Nom ohne Grenzen. Gleichwol hat T. durch strenge Disciplin der Soldaten, durch Sparsamkeit u. Ordnung der Finanzen, durch gute Verwaltung der Provinzen u. strengen Rechtsschutz best in den ersten 7 Jahren seine Negierung zu einer guten gemacht. Erst mit der Herrschaft seines schändlichen Rathgebers Aelius Sejanus beginnt die grausame Weise u. seit der Hinrichtung Sejanus (s. d.) eine Periode maßlosen Mißtrauens und maßloser Grausamkeit. Macro, fürchterlicher noch als Sejan, trat an dessen Stelle, während T. bereits im I. 27 seinen Aufenthalt auf Caprsä genommen hatte, wo er voll Men- scheuhaßu. Menschenverachtung allen Lüsten, wie man glaubte, noch als Greis ergeben blieb. Auf einer Reise erkrankte er in Misenum, u. dort soll ihn Ma- cro, da man während einer Ohnmacht desKaisers, die man für den Tod genommen, bereits seinem Nachfolger Calignla gehuldigt hatte, ihn unter Decken erstickt haben im I. 37 n. Chr. Literatur über T.: Außer den Geschichtswerten von K. Hock (Röm. Gesch. vom Verfall der Republik bis zur Vollendung der Monarchie unter Constantin d. Gr., Göttingen 1841—50) I., 3. Abth., S. 1—190; CH. Merivale, List, ob tckis Romans unäsr tlls empirs (6 voll, bis zu den Flaviern), Bd. IV., vgl. Wiegand, Kaiser T., Berl. 1840; Sievers, Tacitus u. T., 2 Programme des Johanneums in Hamburg, 1850 und 1851; E. Pasch, Zur Kritik u. Geschichte des Kaisers T., Altenb. 1866; I. I. Bernouilli, Über den Charakter des Kaisers T., Basel 1859; Beuch, M- bvrs sb I'ireritaAs ck'Lu§usts, Par. 1868 (deutsch von E.Döhler, Halle 1873); H.Probst,Antitiberius in der Festschr. zur 50jährigen Gedenkfeier der Anerkennung des Gymnasiums zu Essen, 1874, p. 3 — Tibet. ff. (gegen Stahr gerichtet). Den T. haben gesucht zu vertheidigen: A. Stahr, T., Berl. 1863, 1873 (vgl. Philolog. Anzeiger 1874, S. 245—254); L. Freytag, T. n. Tacitus, Berl. 1870. lieber die Qucllenschriftstellcr, welche über T. berichten, vergl. A. Schröder, Vs sorum seriptornm gui cts ll'ib... trackicksrvnt kicks et auetoritato, Königsb. 1868; Dt. Thamm, Os kontibus ack Tibsrii üistoriam psrtinentitms, Halle 1874. b) Byzantinischer Kaiser: 2) Ti. II., ein Thrakier, Nachfolger des kränklichen u. schwachsinnigen Justins II. im Jahre 578, von dem er schon 4 Jahre früher zum Regenten eingesetzt war u. seine Tochter Anastasia zur Gemahlin erhalten hatte. Er hatte mit Persern u> Avaren zu kämpfen; letztere drangen unter ihm u. seinem Schwiegersohn u. Nachfolger Mauritius bis zu den Mauern von Constantinopel u. nöthigten Len Kaisern einen Tribut ab. T. st. im Jahre 582. II. Andere Römer: 3) Ti. Claudius Nero, Vater von T. 1), s. Claudius 21). 4) Ti. Claudius Nero, Sohirdes Drnsus, jüngerer Bruder des Germanicus, römischer Kaiser 41—54 n. Chr., s. Claudius 22). 5) Ti., griechischer Rhetor ans unbestimmter Zeit; schrieb außer mehreren (verlorenen) Schriften über die rhetorischen Figuren, Hrsg, in den Mrstorss svlssti von I. F. Fischer u. in den Rbs- torss ssraesi von Walz, 1835, u. von L. Spengel, 1856, von J. F. Boissonade, Loud. 1815. Schnntz. Tibesti, Reich der Tibbn-Neschade in der mittleren Sahara (Afrika) südl. von Fessan, ein steiles Felsenlaud, mit reichen Weideländereien in den Thä- lern, aber fast ohne Ackerbau; die Bewohner werden auf 5000 geschätzt. Orte: Bardai, Zuar. Tibet (Thibct), feines Wollenzeug, ursprünglich ans Kaschmirwolle gewebt; vgl. Merinos; man hat auch gemusterte T-s. Tibet, Land in Mittelasien, das im W. von Kaschmir u. Ladakh, im N. von OTurkestan, im O. von China, im S. von Indien, Nepal u. Bhotan begrenzt wird. Der Name T. (auch Tübet, Tobot, bei M. Polo Thebeth) ist von den Arabern im 7. Jahrh. nach W. getragen worden u. wahrscheinlich ans dem einheimischen Bolksnamen Bod (das als eine Schwächung von plrock vermögen angesehen wird) durch Vorsetzung des ihm synonymen ttmtr entstanden; der einheimische lautet Bodjut d. h. Land der Bod, in älteren Schriften auch Gang-Djan-jnl d. h. Land des Schnees, der indische Bhota, der chinesische Si-tsaug, doch wird es von diesen auch niit unter der allgemeinen Bezeichnung Sisan oder Tangut einbegriffen. Der Umfang des Namens selbst ist nicht allgemein festgestellt u. man unterschied 3 T-e, Klein-T. im N. von Kaschmir, Groß- od. Mittel-T. östlich davon u. Ost-T. sich wieder im O. daran anschließend; doch ist in neuerer Zeit für das erste der Name Baltistan, für das zweite Ladakh (s. d. b.) in Aufnahme gekommen u. wird das dritte jetzt meist als das eigentliche T. anfgefaßt u. dargestellt. Dieses, ungefähr in der > Gestalt eines unregelmäßigen Vierecks stößt im S. an die Hauptkette des Himalaja, wird im O. durch einen mächtigen, wahrscheinlich dem Jünling ange- hörenden Gebirgszug von der chines. Provinz Sc- ^ tschuan u. im N. durch den Kuen-lnen u. Ketten desselben, das Schnga- od. (nach tibetischer Anschauung) s das nordwärts davon laufende Bnrchan-Bndda-Ge- 24 * 372 Tibet. birge von Kaschgar n. der chines.-mongol. Provinz Zaidam geschieden. Zwischen Liesen Gebirgen bildet T., durchgängig 3000—5000 in hoch, die mächtigste Bodenanschwellung der Erde. Gering aber steil ist im S.derAbfallvomKammderHauptkettedesHimalaja, an welche sich ein über 4000 m hohes, von NW. nach SO. lausendes Langenthal, im W. von dem Indus, im O. von dem Brahmaputra durchzogen, anichließt; dieses begleiten im N. wieder mächtige Höhenzllge. Von da bis zum Kuen-lnen breitet sich das Hochland einförmig n. nur mit Steppenvegetation bedeckt aus, bald hoher ansteigend, baldtiefer sich herabsenkend u. milzahlreichen Seenbedeckt, in denen die wasserarmen Flusse in seichtem, sandigen Lause zusammenfließen, und entwickelt sich erst wieder im O. zu einem vielfach verzweigten, überaus formen- reichen Alpenlande, dessen Thäler von radial aus- einander gehenden, wieder ihr Wasser dem Meer zufllhrenden Flüssen durchzogen werden. Der Verlauf der einzelnen Bergketten ist noch wenig erforscht u. festgestelll; namentlich ist das nördliche Hochland noch fast ganz unbekannt. Der Hanptflnß des Landes ist der Tsaru-tsang-pstsin (in seinem oberste» Lause auch Tamdschan-Khamba genannt), der ziemlich allgemein als der obere Laufe des Brahmaputra angesehen wird, dem von stk. her der Nago-tschu, Schorta-sangpo, Tscharta-sangpo, Raka-sangpo, Kitjchn-sangpo zustießen u. mit dem sich ganz im O. der auch als Quellslnß betrachtete Lohit (s. u. Brahmaputra) u. der Dibong vereinigen; dem W. gehören an die oberen Lause des Indus u. Setledsch, dem SO. der Anfang des Laufs einiger Nebenflüsse des Ganges (so Arun), dem NO. der Quellflnß des Jantse-kiang u. sein Nebenfluß Jar-lung, dem SO. der obere Lauf des Mekhong als Lanlhsang an. Als in Seen endigende bedeutende Binnenflüsse werden genannt der Schnga im stk. und der Madschin im NW. Groß ist die Anzahl der Seen, von denen die meisten bei der großen Trockenheit des Klimas durch Verdunstung zu Salzseen geworden sind. Spe- ciell im westlichen Theil finden sich deren neun größere. Im SW. in der Nähe des Kailasgebirgcs liegen die beiden heiligen Seen, Mansarowar und Rakus-tal, noch mit süßem Wasser, im SO. der Jamdok- od. Paltisee, an der Grenze von Sikkim der Tschomtodong, an der W.-Grenze der Pangong od. Tsomognalari, in der Mitte nördlich von Lhassa der Tengri-nor, der größte; Lurch den Norden hin endlich vertheilt eine ganze Reihe (vielleicht zusammenhängender) Salzseen, der Bacha-namur, Jke- namur u. s. w., die fast alle noch nicht genauer bekannt sind. Das Klima wird bedingt durch das Zusammenwirken der größten, mittleren Erhebung der Erde u. der größten, mittleren Trockenheit der Luft u. zeigt sehr kalte Winter, in denen die Wirkung der kalten, sehr trockenen Winde sich fühlbar macht; auch der Frühling bleibt rauh u. erst im Sommer vom Mai bis September besteht eine hohe Temperatur. Aber auch der Sommer ist sehr trocken n. die atmosphärischen Niederschläge überhaupt sehr gering; Nebel sind selten. Dieser Natur des Landes entsprechend ist die Vegetation in jeder Beziehung spärlich vertreten. Ganze Strecken, namentlich im N. sind von vollständiger Unfruchtbarkeit; überhaupt fehlen Waldungen gänzlich u. nur in den fruchtbarsten Thcilen gedeihen neben niedrigen Weiden u. Pap- peln einige Sorten von Obstbäumen; als Brennmaterial wird der Thiermist verwendet. Der Getreidebau erstreckt sich bis zu 4400 m Höhe u. bezieht sich auf Gerste, Weizen, Erbsen, Bohnen, deckt aber, bei seiner spärlichen Verbreitung, nicht den Bedarf; der Graswuchs geht bis 5000 ni; an der NO.- Grenze findet sich der feinste Rhabarber. Zahlreicher ist das Thierreich. Zahlreiche Heerdcn von 'Jaks (wilden Ochsen), wilden Pferden, Schafen (Argalis), Eseln, Antilopen, Gazellen streifen durch die spärlich bewachsenenPlateaus, auch Füchse, Hunde, Wolfe, Mnrmelthiere n. eine Hasenart sind vertreten, sehr wenig dagegen die Well der Vögel (Wasssrvögel an den Seen), Reptilien n. Fische (im Pangong u. Mansarowar). Von Hausihieren werden Jaks, Schweine, Schafe, Ziegen zur Nahrung n. Industrie gezüchtet n. finden sich Katzen u. Hunde. Groß aber noch wenig ausgebeuiel iü der Reichthum an Metallen; Gold (namentlich in Sarthol n. Thok- Dschalnnz in der Prov. Gnari, schon seit uralter Zeit ausgsbeutet), Siloer, Eisen, Kupser, Schwefel, Kobalt, Borax, Quecksilber, Blei, Steinsalz; heiße u. kalte Mineralquellen sind zahlreich. Die Industrie ist unbedeutend u. beschränkt sich auf Tuch- u. Wol- lenwaaren. Der Handel ist nach China hin bedeutend , gering wegen der von Seiten der chinei. Regierung eingelegten Hindernisse nach Indien; Gegenstände der Einfuhr sind Thee, Seiden-, Baumwollen» u. Glaswaaren, Teppiche, Reis, Zucker, der Ausfuhr Gold, Salz, Wolle, Pelze, Rhabarber, Moschus. Er vermittelt sich lediglich Lurch Karawanen; die Centren sind die beiden durch eine gut erhaltene Straße verbundenen Städte Lhassa u. Gartok (im W.); nach Außen führen von Lhassa ein Weg nach NO. am Kukunor vorbei nach Sinnig, ein anderer nach O. nach der chines. Prov. Setschnan, einer nach SO. nach Assam, ein sehr schwieriger nach Kholan u. Iarkand und eine Anzahl Paßwege nach Indien, von denen der gangbarste der durch Sikkim u. Dar- Lschiling ist, u. Nepal. Die Bewohner dieses ans 30,000 Meilen geschätzten Landes, deren Zahl nach einer Annahme 30 Milk., richtiger wol zwischen 5—6 Mill. ange. geben wird, mit einheimischen Namen Boü, von den Chinesen Sikhiang od. Tusan (Thnpho) genannt, zeigen die charakteristischen Merkmale der mongolischen Race u. werden gewöhnlich dazu gerechnet, wenn auch ihre Sprache keine Verwandtschaft mir den turanischen zeigt. Im Allgemeinen sind sie ein kräftiger Menschenschlag von kaum mittlerer Größe, gedrungenen Wuchses, breiten Schultern, schmaler, flachsrStirn,schwarzen,enggeschlitztenAugen, platter Nase u. meist bräunlicher, selten weißer Hautfarbe, von Charakter gutmllthig u. offen, demüthig gegen Obere, aber zur Rachsucht geneigt. Die Nahrung sind Milch- u. Mehlspeisen, Reis, auch Fleisch (ob- wol es eigentlich durch die Religion verboten ist); Hauptgetränk Thee. Die Kleidung ist ein langer bis an die Knie reichender Rock, darunter Jacke und Beinkleider, Stiefeln aus Leder od. Filz, ein kegelförmiger Hut ans Tuch od. Filz. Die Wohnungen sind Zelte aus Filz von Süfselhaaren, durch Stricke an eiserne Pfosten anzepflöckt, od. Häuser von Bruchstein ohne Kalk und Mörtel, mit zwei od. mehreren Stockwerken, flachen Dächern, auf denen Steine lasten; bei Neichen sind Papierlapelen u. Schilde- Tibet. 373 reien angebracht, Erker u. Pfeiler vergoldet, Polster znm Sitzen, Bänke zum Essen, Vorhänge vor Len glaslosen Fenstern, Wandschirme und Gestelle mit zierlich gearbeiteten Götzenbildern angebracht. Bei den Armen dient ein großer Stein in der Mitte als Herd, Las Feuer auf demselben (getrockneter Mist statt des Holzes) erwärmt u. leuchtet, der Rauch zieht durch die Luftluken ab. Die besten Gebäude sind die Klöster (mehrfach bilden mehre Hunderte zusammen eine Stadt), außer ihnen n. den Festungen (stets Bergfestungcn, oft solche Klöster umschließend) gibt es nur Dörfer od. eigentlich Weiler. In T. ist die Polyandrie erlaubt; gewöhnlich hat jedes Weib nur einen Mann, aber doch heirathen auch mehrere Brüder nur eine Frau n. bilden so ein Hauswesen. Die Kinder werden getheilt. Der Grund dieser Sitte ist die Armuth des Landes u. die Schwierigkeit der Menschcnernährung. Die Ehe wird übrigens nicht streng gehalten; auch ist die Stellung der Frau sehr gedrückt. Zum Vergnügen dient der Gebrauch der Musik, der namentlich bei religiösen Festen üblich ist; von Spielen ist bcs. das Schachspiel verbreitet. Die Tobten werden Hunden oder Geiern zum Fraß ausgesetzt; nur die Leichen der Priester werden verbrannt. Über die Religion s. u. Lamaismns. Die Verwaltung wird unter Oberaufsicht des Kaisers von China von tibetischen Beamten geführt im Namen des Dalai-Lama, der nur sich religiösen Pflichten widmet; an der Spitze steht ein gewöhnlich aus den Mönchen gewählter Regent, mit dem Titel Nomunchan; unter ihm besorgen 4 Minister n. eine Anzahl niederer Beamten die Verwaltung der Provinzen. Chinesische Beamte üben darüber die Controls, welche ihrerseits von dem Gouverneur der Pro». Setschuan abhängig sind. Die eingeborenen Beamten sind fast alle Geistliche. DieA bg abcnwerdcn in Naturalien, Gerste, Borax, Salz, Vieh, Wollenzeug rc. gegeben u. in öffentlichen Magazinen ausbewahrt. Außerdem existirt eine Art Frohne. Zur LandeSvertheidignng gibt es eine Art Landwehb, in welche die waffenfähige Mannschaft eingereiht wird, daneben hält ein von den Chinesen dauernd durch das Land vertheiltcs Mandschu- corps deren Oberherrschaft aufrecht. Die Strafen sind die chinesischen u. sehr streng. Gewöhnlich wird der Schuldige zuerst eingekerlert u. in Fesseln geschlagen, dann folgt Tortur, zuletzt die Strafe. Leichte Vergehen u. Todtschlag ohne Absicht werden durch Geld für Len Staat u. die Beschädigten, Güter- «onfiscation u. dgl. gebüßt; ans Mord u. Räubereien steht Hinrichtung (Erschießen mit Flinten, Pfeilen, auch Ersäufen), Diebstahl wird mit doppeltem Ersatz u. oft mit Ausstechcn der Augen od. Abhauen der Hände od. Füße geahndet. Die Beschäftigung des Volkes bilden Ackerbau u. mehr noch Viehzucht; einen Krebsschaden bildet die unverhältnißmäßig große Anzahl der Geistlichen n. Mönche. Der Stand der Kenntnisse ist kein allzu hoher, ebenso wenig der der Knnst; die Bildhauer- u. Buchdruckerkunst sind indeß nicht unbekannt. Was die Zeitrechnung betrifft, so haben die Tibetaner ein in unserm Februar beginnendes Mondjahr mit einem während eines 18 -jährigen Cyclns in jedem dritten Jahr eilige- schalteten Monat. Über ihre Sprache u. Literatur s. u. Tibetanische Literatur. Der südliche Theil des Landes zerfällt von W. nach O. in die Provinzen G na ri (od. Ngari) Kh orssum mit der Hauptstadt Gartok u. den Orten Sarthol, Thok-Dschalung, Tschaprang, Daba; dann Tsang (die jedoch nach neueren Berichten in 2 Theile Tsang u. Dogthol getrennt worden sein soll) mit den Hauptorten Dsi- gartse und Taschi Lunpo (f. d.) und der Klosterstadt Namling u. der Festung Kirong, dann Ü (ll, chines. Wei) die mittlere, kleinste aber wichtigste mitLhassa, der Hauptstadt des ganzen Landes u. voll von großen und bevölkerten Klöstern, endlich Kham, sehr rauh u. öde, mit der festen Hauptstadt Tschamdo u. südwestlich davon dem Ort Bonga, der permanenten Station christl. Missionäre und dem Sitz der ersten christl. Gemeinde in T. Unberührt von dieser Ein- theilnng bleibt der Katschi(Khatsi) genannte Norden, über dessen Verhältnisse nur Weniges u. Unbestimmtes bekannt ist; wegen seiner furchtbaren klimatischen u. natürlichen Verhältnisse ist er nur sehr spärlich von nomadisirendsn Menschen betreten, die znm großen Theil den Mongolen (Sokpa), Türken (Horsok), Kirgisen n. Tangiucn angehören. T., in den altindischcn Dichtungen n. den chinesischen Annalen erwähnt, war dem klassischen Alterthum ganz unbekannt n. Len arabischen Geographen des Mittelalters sehr ungenügend bekannt; die erste flüchtige Kunde ins Abendland brachten die Reiseberichte von M. Polo u. Odorico von Pordenone im 14. Jahrh. Einigermaßen genauere Kunde brachten die mit großer Unerschrockenheit und Ausdauer auSgefllhrten Reisen der Jesuiten Aut. Andrade (1624), Grnber (16kl), Desideri (1714—29), des Holländers van Le Putte (1724), des Kapuziners Orazio de la Penna (1719—37). Die Besitzergreifung Indiens Lurch die Engländer veranlaßte dann die ursprünglich Hanüclszweckcn dienenden Reisen von Bogle (1774), Turner (1783), Manning (1812) u. A. In der neuesten Zeit haben zur Erforschung des Landes wesentlich beigetragen, die Reise der Lazaristen Huc und Gäbet (1844), ferner für seinen westlichen Theil die der Gebrüder von Schlagintweit (s. d.), für seinen nordösil. die von Prschewalskij, endlich seit 1864 eine Anzahl Reisen indischer Pandits unter Anleitung des englischen Capitäns Mout- gomerie, vor allem die von Nain Singh (s. d.) von 1873—75. Eine neue Expedition von N. her bis nach Lhassa ist Ende 1878 von Prschewalskij begonnen worden. Geschichte. Die beglaubigte Geschichte T-s beginnt mit der Einführung des Buddhismus im 7. Jahrh. n. Chr.; die Berichte über die vorhergehenden Perioden sind sagenhaft u. dunkel. Allem Anschein nach war der tibetische Voltsstamm , mit dem auch die Jue'ltchi (s. d.) in Verwandtschaft gesetzt werden, einst weiter im Orient verbreitet, nach den spärlichen Nachrichten im höchsten Grade roh und wild, mit einer aus Geisterbeschwörung u. Zauberei bestehenden Religion, die ekelhaftesten Dinge genießend u. auch Menschenfleisch nicht verschmähend. Die einheimische Tradition setzt seine Wiege an die Ufer des Flusses Jarlung (s. d.) u. setzt dort einen Abkömmling Buddhas, Njakri Tsanpo, als ersten König u. gibt ihm eine Reihe Nachfolger, deren Namen sichtlich erdacht sind, um die Königsgeschlechter auf Buddha zurückführen zu können. Der Boden der Geschichte wird erst erreicht mit K. Srong- Lsan Gambo (629—698 n. Chr.), der die Residenz von Jarlung nach der Stelle des heutigen Lhassa verlegte. Gleich bedeutend als Ordner des Staates Lurch Vereinigung der einzelnen Volksstämme unter ein Scepter und Dcmüthigung der Mächtigen, als Gesetzgeber durch weise Anordnungen für Cultivir- ung des Landes, als Krieger durch wiederholte Siege über die Chinesen u. Ausdehnung des Reichs bis an den Kukunor, ist er bes. bemerkenswerth durch Einführung des Buddhismus, zu welchem Zweck er durch Thnnmi Sambhoda die indische Schrift studi- ren ließ u. in T. einsührte. Er wurde damit der Schöpfer der tibetischen Sprache u. Literatur. Die neue Lehre beförderte sehr sein vierter Nachfolger Thisrong (740—786) durch die Berufung des berühmte» indischen Lehrers Padma Sambhawa, noch mehr K. Nalpatschan im 9. Jahrh., der eigentliche Begründer der Hierarchie, der aber für die Begünstigung der maßlos zunehmenden Geistlichkeit von dem empörten Volke ermordet wurde. Mit seinem Nachfolger, dem ungläubigen Langdarma, begann eine blutige Verfolgung des Buddhismus, zugleich auch der politische Verfall u. die Spaltung des Reichs in kleine Herrschaften; die Gegend um den Kukunor sonderte sich damals als besonderes Königreich Tangut ab. Die Zerrüttung des Landes und der Zustand des allgemeinen Faustrechts erreichten gegen Ende des 12. Jahrh. ihren Höhepunkt; dagegen hatte der Buddhismus seit dem 11. sich wieder ausgebreitet u. das Gebiet mit zahlreichen wol bevölkerten u. befestigten Klöster bedeckt, unter denen das von Saja bes. einflußreich war u. dessen Äbte daher einen besonderen Vorrang beanspruchten u., wie es scheint, behaupteten. 1206 n. 1227 überzog Dschiugiskhan T. mit Krieg, ohne es jedoch bei dem schwierigen Terrain dauernd unterwerfen zu können, weshalb seine Nachfolger Mangu n. namentlich der chinesische Kaiser Kublai dies ans friedliche Weise bewirkten, indem Mati Dhvadscha, der Abt jenes Klosters, als Haupt der tibet. Geistlichkeit u. tributärer Herrscher von T. anerkannt wurde, wogegen dieser dem Kaiser von China die Oberherr, lichkeit n. faktische Verwaltung des Landes zngestand (um 1270). Hiermit war der Anfang der Abhängigkeit von China gemacht u. die sich zu einer hier- archischenGliederung eigenthnmlich gestaltendeForm des Buddhismus in T. begründet (s. u. Lamaismns). Die folgende Geschichte T-s war nun ein Kampf zwischen der geistlichen n. weltlichen Gewalt, der die Kaiser der chines. Mingdynastie, namentlich Jonglo (1403—1425) zu Versuchen der Schwächung der ersteren u. Reformen der Kirche veranlaßte u. damit die Reform des Tsonkhapa herbeiführte, aus der eine neue Entwickelung der Hierarchie und ein doppeltes Papstthnm hervorging. Während die bis dahin einflußreiche religiöse Secte (die Rothmlltzen) mehr und mehr zurückgedrängt wurde, kam die der Gelbmützen nun zur Geltung und bald nach dieser Zeit entstand die Einrichtung, zwei oberste Bischöfe an die Spitze des Landes zu stellen, den Dalai-Lama in Lhassa u. den Bogdo-Lama (tibet. Pantschhen Riupo tschhe) in Taschi Lunpo. (Näheres s.u.Lamaismus,S.10). Die Schwäche der letzten Kaiser der Mingdynastie geförderte das Wachsthnm des Einflusses der geistlichen Herrscher, die sich zudem der Unterstützung Ka er lmncken u. Mongolen bedienten (s. Lamaismus S. 9) u. der 5 Dalai-Lama, Ngagwang Lobsang, (im 17. Jahrh.) war auf dem Punkte, sich die oberste geistliche n. weltliche Gewalt in T. zu erringen, als die Besitzergreifung Chinas durch die Man- dschu diesem Lande wieder kraftvollere Herrscher zuführte. Ans Ngagwang Lobsang war in der Da;ai- Lama-Würde Lobsang Rintschen, ein lasterhafter Mensch, gefolgt, der 1705 von Latsan, dcmHäuptling der kalmückischen Choschoten abgesetzt n. durch Na- vangjische ersetzt wurde, der 1717 seinerseits durch die Dsungaren unter Tsaghan Araptan entsetzt wurde, wobei Lhassa stark verheert wurde. Diese Wirren benutzte der chines. Kaiser Kanghi, um die Abhängigkeit T-s wieder fester zu knüpfen, vertrieb die Dsungaren u. setzte Lobsang Kalsang als 6. Dalai-Lama (die beiden vorigen werden als Usurpatoren nicht gerechnet), n. zugleich aber specicll sür die weltlichen Angelegenheiten einen Minister Sodnam Gjcupo ein (1720). 1727 erregte der Dalai-Lama einen Ausstand, der indeß bald durch den Minister von Hinter- L., Pholonai, niedergeschlagen wurde u. die Ersetzung des Dalai-Lama durch einen weltlichen Stellvertreter herbeifnhrte. Doch wurde er 1734 wieder in seine Würde eingesetzt, nur die chines. Verwaltung noch fester begründet; als weltlicher König fnngirte Pholonai u. nach seinem Tode (1746) sein Sohn Nam- gjal (oder Talebador). Noch einmal erhob sich unter ihm 1750 der Kampf für die nationale Unabhängigkeit, dessen Resultat vollständige Niederwerfung, Abschaffung der Erblichkeit der weltlichen Königswürde und vollständige Abhängigkeit von China unter den bis heute bestehendenFormen (s. o. S. 373,1. Sp.) war, eine Abhängigkeit, welche der bald darauf folgende Verfall der Dsungaren noch fester machte. Der 6. Dalai-Lama st. 1758; ihm folgte als 7. Wiedergeburt Lobsang Dschampal (—1808). An allen diesen Wirren scheinen die Päpste der anderen Partei (die Bogdo Lamas) keinen Antheil genommen zu haben. 1772 führte ein Einfall des von T. abhängigen Ra- dscha von Bhotan nach Katsch-Behar in Indien die erste Berührung mit denEngländern, insofern Bogdo Lama Tschechin Paldang vermittelte (oer 1780 bei einem Besuch in Peking starb), herbei. 1791 überzogen die Gorkha (s. d.) aus Nepal T. mit Krieg, wurden aber von den Chinesen entscheidend geschlagen u. damit die chinesische Oberherrschaft über das südliche T. bis nach Nepal u. Sikkim noch mehr befestigt. Europäern wurde der Eintritt nach T. auf das strengste untersagt. Das Bestreben der chines. Regierung ging nun dahin, die Wahl od. Wiedergeburt des Dalai-Lama (s. Lamaismns S. 10) ans ihr angenehme Personen zu lenken n. vielleicht hängt es damit zusammen, daß nach dem Tode des 7. Dalai-Lama 3seinerNachfolgerin jnngenJahrenermordet wurden. Der dieser That verdächtige weltliche sogen. Gesetzeskönig (Nomunchan) wurde 1844 von China aus abgesetzt u. verbannt u. ein neuer Dalai- Lama eingesetzt,der in dentZOerJahren gestorben sein soll. Der diesem folgende Dalai-Lama hat jetzt noch nicht das Kindesalter überschritten; als Bogdo Lama folgte 1854 dem seit 1780 fungirenden hochgeachteten ein nunmehr herangereiftes Kind. In verletzten Zeit haben mehrfache innere Unruhen geherrscht, 1864 ein Aufruhr unter einem T-er Petfchi, 1868 u. 1871, welche die Herrschaft der Chinesen bedrohten; anderseits mußten diese auf die Ober- Herrlichkeit über Sikkim, Baltistan n. Nepal (hier 375 Tibetanische Religion — Tibur. wenigstens so gut wie thatsächlich) verzichten. Die Abschließung des Landes kann die Regierung von Peking nicht mehr in dem früheren Maße aufrecht erhalten u. es steht zu erwarten, daß es den Anstrengungen der indobritischen Regierung gelingen wird; sich Handelsverbindungen zu schaffen u. damit die Ausschließung zu befördern. Bergl. Turner, A,e- osuni ok au embassx bo tärs eonrb ob tirs st?se!roo- Imwa, Lond. 1800 (deutsch Wenn. 1801); Huc und Gäbet, Louveuirs ä'un vo^aAs äans st?., Par. 1850; Klaproth, Oesvriptüon äs st?., Par. 1829; H. v. Schlagintweit, Reisen in Hochasien, Bd.3; La ruis- slou äs st?ibsb äs 1855 a 1870, nach Briefen des Abbe Desgodins, Verdun 1872; Ganzenmüller, T., Münch. 1877; zurGeschichte E. v.Schlagintweit, Die Könige von T.,Münch. 1866 ; Köppen, Die Religion des Buddha, Bd. 2., Berlin 1858. TMemann. Tibetanische Religion, so v. w. Lamaismus. Tibetanische Sprache und Literatur. Die T. S. steht auf der Grenze der einsylbigen Sprachen Hinterindiens; die Schrift ist aus dem indischen De- wauagari entstanden; es gibt eine Quadrat- (Ovu- ässstLu) u. eine Cursivschrift (Ovn-msä). Als Syl- benschrift ist sie reich an Zeichen, die vielen stummen Buchstaben erschweren die Aussprache, dienen aber zur Unterscheidung gleichlautender Wörter u. dadurch zum bessern Versländniß. Das einfache Alphabet besteht aus 30 Consonanten; die Vocale werden durch Striche über oder unter der Linie angedeutet. Das Tibetanische wird in horizontalen Linien von der Linken zur Rechten geschrieben. Die Sylben werden durch Punkte von einander getrennt. Nomina bildet man gern durch Zugabe einer Sylbe wie da (va), do, pa, xo, wo zum einsylbigen Grundworte. Den Comparativ bezeichnet gewöhnlich angehängtes las, xaa oder das, z. B. änA-Ias tsebstrs, von mir ab, groß, d. h. größer als ich. Das Adjectiv folgt dem Substantiv, Las Verbum dem unmittelbaren Object, welches nur aus seiner Stellung erkannt wird. Für den Dativ gibt es ein Suffix la, für den Ablativ las, nas. Der Genitiv wird durch Zi od. 1 ausgedrückt, z. B. InnA-Zi, des Windes, 8-c-i, der Erde. Den Plural umschreiben Wörter für Allheit oder Mehrheit. Grundzahlwörter sind: 1 tsslÜA, 2 vis, 3 8Uw, 4 soll, 5 vAg,, 6 rnA, 7 änn, 8 äseiraä, 9 Au,10 bsviru. Hülfsverba, die man mit Hauptverben verbinden kann, sind sin sein, äseüsä machen, thnn. EigentlicheFlexion der Verba findet nicht statt, doch bilden einige Verba ihre Tempora durch eine Art Präfixe, zuweilen von Modifikation des Anfangsconsonanten u. des Wurzelvocals begleitet. Person n. Zahl ändern nichts daran; die Tempora u. Modi werden durch Partikeln u. Hülfsverba gebildet. Vergl. Georgi,^.ix>intbstuw st?ibsta- nuw, Rom 1762; Grammatiken von Csoma de Kö- rös, Calcutta 1834; von Schmidt, Petersb. 1839; von Foucaux, Par. 1858; vergleichend hat Schiefner die T. S. behandelt in den Tibetischen Studien, Petersb. 1851; Wörterbücher von Schröter, Seram- pore 1826; von Csoma de Körös, Calcutta 1834; von Schmidt, Petersb. 1841; von Jeschke, Gnadan 1871 ff. Die T. Literatur besitzt historische, dichterische u. erzählende Schriften, hauptsächlich aber ist sie religiös und besteht insofern, mit Ausnahme weniger Originalschriften, in Übersetzungen aus Pali- oder Sanskrit-Texten, da seit Einführung des Buddhismus im 7. Jahrh. buddhistische Schriften ins T. übertragen wurden. Diese Schriften sind in zwei großen Sammlungen enthalten. Die erstere derselben, Lira-Azur ((staväsvftur) , d. h. Übersetzung der Gebote (Buddhas), erschien gedruckt 1728—46,100 Bde., Fol.,u. enthält in 7 Abth. Abhandlungen über Klosterdisciplin, Metaphysik u. mystische Theologie, Legenden u. moralische Erzählungen; davon in Europa herausgegeben: Oorässlis-tsslioä-ps, (sanskr. Vaässlrra bseirsäalra, d. i. Diamant-Zerschneider), von Schmidt mit deutscher Übersetzung, Petersburg 1837; ein Auszug aus dem stdAza tseiiftsr rc>I-pa (weitverbreiteten Vergnügen), die Geburt Säkja- munis erzählend, Text und sranz. Übersetzung von Foucaux,Par. 1847—49; OaauAiun.d.h.derWeise und der Thor, eine Sammlung Legenden u. Erzäbl- ungen, Hrsg, mit deutscher Übersetzung von Schmidt, Petersburg 1843, 2 Bde.; dazu Ergänzungen von Schiefner, ebd. 1852. Die zweite Sammlung heißt Lstan-Ajur (st?anäseftur), d. i. Übersetzung von Lehr- schriften; sie enthält in 225 Bden. u. 3 Abth. Hymnen und liturgische Schriften, Abhandlungen über Philosophie, Theologie, redende Künste, Astronomie, Astrologie, Ethik, Medicin rc. Die reichhaltigste Sammlung T-r Schriften besitzt das Asiatische Museum der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Petersburg. Schott. Istdm (lat.), 1) das Schienbein; daher stadiale, der Strumpf; 2) die Flöte (s. d.), weil anfangs aus Schienbeinen von Thieren gemacht. TibuIlus,Albius, römischer elegischer Dichter, geb. um 59 v. Chr. Nachdem er schon 42 im Heere gedient hatte, begleitete er im Jahre 31 seinen vornehmen Freund M. Valerius Messalla in den Krieg nach Aquitanien und jedenfalls 30 denselben nach Asien, erkrankte aber auf Cvrcyra u. mußte Zurückbleiben. Er st. 19 od. 18 v. Chr. Wir besitzen von ihm zwei Bücher Elegien, welche seine Freude an einfacher Natur u. am Landleben schildern, u. außerdem neben dem Preise des Messalla der Verherr- lichung von Geliebten, im 1. Buche der Delia, im 2. der Nemesis, gewidmet sind. Delia, eigentlich Plania, wurde ihin aber untreu u. wendete sich einem Reicheren zu. Das angehängte 3. (früher als 3. u. 4. bezeichnete)Buch enthält 6 mittelmäßige Elegien eines gewissen Lygdamus, einen steifen Panegyrikus aufMessalla (echtod. von einem Zeitgenossen?), sowie kleine Gedichte des T. und der Römerin Snlpicia; wol alles Gedichte aus dem Kreise des Messalla. T. ist eine gemüthvolle, innerliche Natur; seine Gedichte erfreuen durch Wohlklang und Schönheit in hohem Grade, sowie durch freies, aber nicht ungeordnetes Dahinströmen der Stimmungen u. Gefühle. Ausg.: sä. pr. 1472; erklärende Hanptausg. von L. Dissen, Gött. 1835, 2 Bde.; kritische von Lachmann 1829, Haupt 1853, L. Müller 1870, Bührens 1877. Oft wird T. mit Catull und Properz zusammen edirt. Deutsch vonJ. H.Voß, 1810; Teuffel,Stnttg. 1853; Eberz, Franks. 1865, u. a. Rieft- Tibur, Stadt in Latium, nordöstlich von Rom, an beiden Seiten des Anio, welcher in der Nähe einen prächtigen Wasserfall bildet. Im Bund der LatinischenStädte kämpften dieTiburtiner lange mit Rom um ihre Freiheit u. wurden 354 v. Ehr. Rom unterworfen. Wegen T-s reizender Lage leg- 676 äouloursux — Tidemand. teil viele Römer Landhäuser daselbst an, des. berühmt waren die Villen des Mäcenas, Horatius, Hadria- nus; j. Tivoli, s. d. Uv öouldurvux, der Gesichtsschmerz (s. d.). Tichatscheck, Joseph Alois, berühmter Tenorsänger, geb. 11. Juli 1807 zu Oberweckelsdorf in Böhmen, Sohn eines Webers, erhielt den ersten musikalischen Unterricht vom dortigen Schullehrer und sang auf dem Kirchenchore die Altstimme, besuchte 1821—27 das Gymnasium zu Braunau, wirkte dort gleichfalls im Sängerchore, ging dann zum Studium der Medizin nach Wien, wo seine inzwischen zum Tenor gewordene Stimme solches Aufsehen erregte, daß T., insbesondere auf Anrathen des Musikdirectors Weinkopf, das Studium der Medizin anfgab u. 1830 beim Kärthncrthortheater als Chorist eiutrat, unter Duports Regime Unterricht bei Cicimara erhielt u. bald aus seiner bescheidenen Stellung zu einer besseren emporstieg. Er kam von Wien aus nach Prag, wo er sehr bald ein Liebling des Publikums wurde, gastirte 1837 mit großem Erfolge in Wien u. mit noch größerem in Dresden, wo er dann auch in ein weiteres Engagement trat u. von 1838 als Mitglied des Hoftheaters und des Kirchenchors der kathol. Hofkirche ununterbrochen thätig war. Auswärtige Gastspiele in den größeren Städten Deutschlands, 1841 als Mitglied der Schumannscheu Operntruppe in England, trugen seinen Ruf in alle Lande; von allen Seiten mit Ehren jeder Art ausgezeichnet, vom Fürsten des Landes zum Kammersänger ernannt, feierte T. 1863 sein 25jäh- riges Dienst-, 1870sein40jährigesKünstlerjnbiläum, nachdem er nur wenige Tage zuvor den Ruhestand angetreten hatte. T. besaß eine Tenorstimme von seltener Schönheit u. Klangfülle; damit verband er einen hohen Grad technischer Ausbildung, wie er sich auch durch ächt künstlerische, geistig durchdrungene Vortrags- u. Darstellungsweise auszeichnete. Sein Repertoire umfaßte alle bedeutenderenPartien sowol heroischen als lyrischen Charakters, z. B. Achilles, Cortez, Masaniello, Robert, Adolar, Georg Brown, Max, Joseph u. a. Insbesondere galten seine Darstellungen Wagnerscher Charaktere für unüber- trefflich. Siebenrock. Tichwin, 1) Kreisstadt im russ. Gouv. Nowgorod an der Tichwina, hat mehrere Kirchen (darunter eine Wallfahrtskirche), ansehnliche Märkte, Handel mit Wachs, Honig, Getreide, Leder, Holz rc.; 0969 Ew.; 3) (Kanal von T.), so v. w. Sjässischer Kanal, s. u. Siäs. Zum großen sogen. T - nschen Wassersystem gehören dagegen eine Menge einzelner Seen, Flüsse u. Kanäle, welche viele Wehre, Schleußen u. andere hydraulische Vorkehrungen besitzen, 27 Meilen lang sind n. eine Verbindung der Newa mit dem Kaspischen Meere durch eine Verbindung der Tichwina mit der Wolga Herstellen. Tichwina (Tichwinka), Fluß im russ. Gouv. Nowgorod, fließt in den Siäs (Ladogasee), und ist durch den Tichwin-Kanal mit der Somina (Wolga) verbunden. Ticrnus, Nebenfluß des Padus im CiSalpini- schen Gallien, der heutige Ticino oder Tessino. An seinen Ufern unweit Vcrcelli schlug 218 v. Chr. Han- nibal den römischen Consul P. Scipio. lickst (engl.), Zettel (Theater-, Eisenbahn«), Bil- let, Anschlagzettel, Einlaßkarte, Loos, Stimmzettel. Ticknor, George, namhafter Nordamerika«. Schriftsteller, geb. l. Aug. 1791 in Boston, studirtv von 1815—17 Philologie u. moderne Literatur in Göttingen u. bereiste WEuropa, vorzüglich Spanien, wurde bann Professor der Spanischen Sprache in Cambridge (in Massachusetts). Nachdem er seine Stelle niedergelegt hatte, lebte er ganz seinen Studien u. unternahm auch noch eine zweite größere Reise nach Europa. Sein berümtestes Werk ist seine Listorz- ok Lpsnislr Interatnrs, New Jork, Lond. 1849 f., 3 Bde. (deutsch von N. H. Julius, mit Zusätzen von Wolf, Lpz. 1852, spanisch von Vidal und Gayangos). Vor Veröffentlichung desselben hatte er sich bereits einen geachteten Namen erworben durch mehrere Biographien, wie die von Lafayelte (1825); Nathan A. White (1827); Daniel Webster (1831); The Buckminsters (1849) u. Edward Everett(1865), auch schrieb er ein umfangreiches Leben seines Freundes u. Mitarbeiters auf dem Felde der span.Literatur William Hickling Prescott (1864). T.' st. gefeiert u. als Mitglied vieler gelehrten Gesellschaften 26. Jan. 1871 zu Boston. Unmittelbar nach seinem Tode gab G. S. Hillard die 4. A. von T-s Geschichte der span. Literatur heraus und veröffentlichte 1876 Inke null Oarrsspxmäsnve ok I. Bartling. liäk (engl., aus dem Deutschen) Zeit; t. ok sdd, die Ebbezeit, t. ok tiooä, Fluthzeit; hat auch die Bedeutung: der Strom, z. B. der Zeit. Tidemand, Adolf, norwegischer Historien- n. Genrcmaler, geb. 14. Aug. 1814 zn Mandat, besuchte die Akademien in Kopenhagen u. Düsseldorf, ging dann nach München u. Italien, malte, znrück- gekehrt,einige Bilder für die Universität in Christiauia, wandte sich aber dann von der Historienmalerei zum Genre u. lebte, nachdem er noch 2 Jahre in Düsseldorf zugebracht, seit 1849 im Winter in dieser Stadt, im Sommer in Norwegen. 1869 erhielt er vom König von Preußen den Professortitel, ward auch von anderwärts aus geehrt, auch Mitglied mehrer Akademien, n. st. 25. August 1876 in Chrisiiania. In seinen zahlreichen Werken, später wieder Geschichtsbilder, bekundet sich außerordentliche Naturwahrheit, großartige Auffassung u. meisterhafte Jndivivuali- sirung; dabei war er Meister in der Führung des Pinsels, im Auftrag derFarbe. Werke: Gustav Wasa redet in der Kirche zu Mora zu den Dalekarliern, 1841; Katechisation des Küsters in einer Laudkirche, 1847; Nachmittagsaudacht der Hangianer (1848, in Düsseldorf); zehn Gemälde aus dem norwegischen Banernlebcn auf Zink für das Schloß Oskarshall bei Christiauia (1851, als Prachtalbum in Lithographien in Düsseldorf erschienen); Der verwundete Bärcnjäger,1854; Abendmahl in einerHülte, 1861; Zweikampf beim Hochzeitsmahl, 1864; Die Brautkrone der Großmutter, 1865; Vier Bilder aus dem Volksleben, 1870; die Altargemälde: Taufe Christi, 1869 n. Auferstehung Christi, 1871; Lappländer auf der Renthierjagd, 1873; Christus, 1874; zu dem von König Oskar II. ihm anfgetragencn großen Historienbild: Die Gründung Christianias, konnte er, zn früh vom Tode ereilt, nur mehr die Vorstudien machen. Zu vielen Landschaften seiner Collcgen uns Landsleute Gnden, Merten Müller u. Jacobson hat T. die Staffage geliefert, hier so originell, wie in seinen Volks- n. Sitten- und Genre-Bildern. Viele seiner Bilder sind gestochen. Regnet. Tidey, Henry, namhafter engl. Geschichts-u.i Genremaler der Gegenwart, geb.in Worthing (Sus-! sex) im Jan. 1814. Er begann seine künstlerische Laufbahn als Porträtmaler (in Wasser- und Ölfarben) u. setzte sie als noch junger Mann in London fort, wo er 1839 zum ersten Mal ausstellte. Nachdem er sich durch ein großes Aquarellbild: Oberst Packenham führt in der Schlacht an der Alma seine Truppen ins Feuer 1855, einen bedeutenden Namen gemacht, folgte eine Reihe tüchtiger Arbeiten: Die Union: Der Widerruf der Union: Licht u. Schatten im irischen Leben; Sonnenschein u. Schatten rc. 1856 war T. außerordentliches u. gleich darauf ordentliches Mitglied des Aqnarellisten-Vercins. Dann folgte: Ein Musterungstag anS der Zeit Georgs III.; Der Traum (Königin Mab; nach Shelleys Gedicht); Dar-Thecla; Der Letzte der Abencerazen; Christus segnet Kinder; Die Nacht des Verraths (ein Triptychon); Die Samariterin rc. Regnet. Tidikelt , große Oasengruppe in der westl. Sahara (Afrika), uördl. durch das gleichnamige Gebirge vom Plateau von Tademayd getrennt, mit reichem Fruchtboden, gut bewässert, von Berbern und frei- gelassenen Sklaven bewohnt (ca. 300,000 Einw.), von zahlreichen Karawanen besucht. Hanptoase ist Jnsallah. Tidor (Tidore), Insel aus der Gruppe der Molukken (SOAsien), westl. vonHalmahera, 150UZstm und ungefähr 7500 Ew., dem Islam folgende Malaien, mit mehreren Vulkanen, fruchtbar u. die Pro- Lucte der Molukken hervorbringend. Der früher häufige Gewürznelkenbau wurde im 17. Jahrh. durch die Holländer ans Gewinnsucht ausgerottet. Die Insel steht unter einem in dem Dorf T. residi- renden, dem niederländischen Residenten in Ternate unterstellten Sultan, dessen Herrschaft sich zugleich über die Ostküste von Halmahera u. die Inseln bis nach Ncu-Guinea hin erstreckt. Thielemaim. liäsobavst (arab.), Handel, Handelsgeschäft; Vortheil, Gewinn, Nutzen durch Handel. Tieck, 1) Johann Ludwig, deutscher Dichter, Kritiker, Literarhistoriker u. Übersetzer, geb. 31. Mai 1773 in Berlin, Sohn eines gebildeten Seilers, kam im Sommer 1782 auf das Friedrich-Werdersche Gymnasium, wo er mit Wilhelm Heinrich Wackerroder und Wilhelm von Burgsdorfs eine herzliche Freundschaft auf das ganze Leben schloß, bezog im Frühling 1792 die Universität Halle, wo er sich zwar als Theologe eiuschrieb, aber Literatur und Alter- thnmswissenschaft stndirte u. namentlich die Kollegien Fr. A. Wolfis hörte. Schon im Herbst siedelte er nach Göttingen über. Hier setzte er das Studium der altclassischen Philologie unter Heyne fort, befaßte sich eingehend mitdem ältercnenglischei^Drama, lernte Spanisch u. vollendete seinen auf dem Gymnasium begonnenen Roman Abdallah. Ostern 1793 begab er sich von Güttingen über Berlin nach Erlangen, mit ihm Wackenroder. Sie verweilten ost in Nürnberg, wo sie von den zahlreichen Kunstdenk- mälern deutscher Vorzeit die tiefsten Eindrücke empfingen. Sie zogen dann im Herbste nach Göttingen. Hier bildete sich in T. der — leider nicht zur Ausführung gekommene—Entwurf eines größeren Werkes über Shakspeare immer mehr aus. Im Herbst 1794 verließ er Göttingen u. kehrte über Hamburg nach Berlin zurück. Hier veröffentlichte er 1795 2 Romane: seinen nochmals überarbeiteten Abdallah u. seinen W'lliam Lowell (2. A. 1814). Er wurde im Hause des Bankiers Veit 1797 zuerst mit Friedrich Schlegel und durch diesen mit Schleiermacher bekannt. Am nächsten standen ihni Wackenroder, A. Fr. Bernhardt, sein BruderFriedrich,der Bildhauer, u. seine Schwester Sophie, die sich später mit Bernhardt vermählte. 1797 ließ er die Volksmärchen, hrsgeg. von Peter Lebrecht, in 3 Bänden erscheinen. In demselben Jahre veröffentlichte er die mit Zusätzen von ihm versehene Schrift seines Freundes Wackenroder: Herzensergießnngen eines kunstliebenden Klosterbruders. Im folgenden Jahre starb Wackenroder u. gab T. 2 Thle. seines von demselben inspirirten Romans: Franz Sternbalds Wan- derungen heraus, der leider nicht vollendet worden ist. Im Sommer 1798 kam August Wilhelm Schlegel nach Berlin u. schloß mit T. u. dessen Freunden ein literarisches Bllndniß. In demselben Jahre vermählte sich T. mit einer Tochter des Pastors Alberti in Hamburg. In dieser Zeit fiel ihm Jakob Böhmes Morgcnröthe in die Händen, entschied in ihm die längst vorbereitete mystische Richtung, die ihn auch namentlich der Lectüre Tanlers zuführte. Nun huldigten seine Dichtungen dem Katholicismus des Mittelalters, u. er entlehnte den spanischen Dramatikern u. Lyrikern, die ihn neben Don Quixote besonders anzogen, die poetischen Formen. So entstand das Trauerspiel: Leben u. Tod der hl. Genoveva, das er nebst der früher gedichteten Comödie, Prinz Z-s-rbino, die Reise nach dem guten Geschmack, einer Fortsetzung des in den Volksmärchen erschienenen Gestiefelten Katers, u. einigen anderen erzählenden u. dramatischen Productionen 1799 in den 2 Theilen Romantischer Dichtungen veröffentlichte. 1799—1801 gab er in 4 Theilen seine Übersetzung des Don Quixote heraus. Vom Herbst 1799 bis in den Juli 1800 schlug er den häuslichen Heerd in Jena auf. Hier unterhielt er den lebendigsten u. anregendsten Verkehr mit August Wilhelm u. Friedrich Schlegel, wurde mit Schilling, Fichte u. Gries be- kannt'u. schloß mit Novalis, der häufig von Weißen- fels herüberkam, den innigsten Seelenbund. Auch blieb en ih m Göthe, Schiller, Herderu. Jean Paul nicht länger persönlich fremd. Damals entwickelten sich die rheumatischen Leiden, von denen er schon einige Zeit heimgesncht war, zur Gicht, die eine langwierige Kur nothwendig machte. Im Juli 1800 ging er nach Hamburg, u. von da kehrte er im Herbste nach Berlin zurück. Unterdessen war mehrseitig eine erbitterte Polemik gegen die sog. romanische Schule gerichtet worden; auchT. hatte die gehässigsten, boshaftesten Angriffe erfahren. Gegen Ende des Jahres 1800 wurde er auf dem Theater in Berlin mit seinen Freunden kenntlich genug verspottet u. sogar in seinem Charakter schmählich angetastet. Im Frühling 1801 zog er nach Dresden. Aufs Neue versenkte er sich in die Schriften Jakob Böhmes, der mittelalterlichen Mystiker, zuletzt auch der Kirchenväter, n. trat zu Steffens, der von Tharand häufig nach Dresden kam, in einen näheren Verkehr. Durch die Mystiker wurde T. zu eingehender Beschäftigung mit der altdeutschen Poesie angeregt. 1802 gab er mit A. W. Schlegel einen Musenalmanach heraus, in dem er seine glänzende lyrische Begabung entfaltete. Gegen Ende dieses Jahres zog er aus Bnrgs- 378 Tieck. dorfs Einladung mit dm «einigen nach dem Gute Ziebingen in der Ncumark. In dieser Zeit lernte er den Grafen Finkenstcin auf Madlitz bei Frankfurt a. d. O. n. dessen Tochter kennen. 1803 gab er Minnelieder aus dem schwäbischen Zeitalter, neu bearbeitet heraus. Im Sommer durchreiste er mit Burgsdorfs einen Theil des mittleren u. südwestlichen Deutschlands, hielt sich dann wieder einige Monate in Dresden auf u. ging mit seiner von Bernhardt getrennten, körperlich lies leidenden Schwester Sophie nach München, wo er an der Gicht lebensgefährlich erkrankte u. dadurch geuöthigt wurde, Sophien die beabsichtigte Reise nach Italien ohne seine Begleitung forlsetzen zu lassen. In dieser schweren Leidcnszeit studirte er die Nibelungen und die verwandten Sagen u. Dichtungen des Nordens. Erst im Sommer 1805 war cs ihm vergönnt, von München aus den Weg nach Italien anzutreten. In Nom bot ihm die vatikanische Bibliothek ganz neue und sehr reichliche Mittel für seine altdeutschen Studien. Im Sommer 1806 kehrte er nach Dresden zurück, wo er mit Heinrich von Kleist, sowie im Herbst mit Friedrich Heinrich Jacobi in München bekannt wurde. Der Preußisch-französische Krieg veranlaßte ihn, sich bis zum Herbste 1807 auf Burgsdorfss Gut Sandow znrückzuziehen. Er inachte die Bekannt fchaft Oehleuschlägers, Achims von Arnim und von der Hägens, mit dem er über die altdeutsche Literatur verkehrte. Im Winter 1807/8 u. im folgenden Sommerlebte er in Sandow, Dresden n. Wien. Im Herbste begab er sich wieder nach München, wurde hier aufs Nene schwer krank, verließ im Sommer 1810 die Stadt u. besuchte in diesem u. im folgenden Jahre mehrere Bäder, ohne dort seine Gesundheit wieder zu erhalten. Im Herbst 1810 befand er sich wieder in Ziebingen, wo er inzwischen die Genügen zurückgclassen hatte. 1811 veröffentlichte er sein Altenglisches Theater in 2 Bänden, 1812, 1816 seinen Phantasus in 3 Bdn. (n. A. 1844.) Der Krieg bewog ihn, den Sommer 1813 mit seiner Familie in Prag zu verleben. Er ging dann wieder nach Ziebingen, besuchte im nächsten Sommer Berlin, pflegte hier den für ihn so bedeutenden Umgang mit Solger und befreundete sich mit Friedrich von Raumer. In Ziebingen verkehrte er mit der Familie Finkeustein, mit Bnrgsdorff und Wilhelm von Schütz. 1817 gab er das Deutsche Theater heraus. In demselben Jahre machte er in Burgsdorffs Gesellschaft eine Reise nach England n. Frankreich. Er benutzte für seine Studien über die Geschichte der dramatischen Literatur und namentlich über Shakspeare u. dessen Zeit mit anhaltendem Fleiße die Bibliotheken in London u. Paris u. widmete den dortigen Theaterzuständen eine rege Aufmerksamkeit. JmSommer 1819 siedelte er mit seiner Familie u. mit der ältesten, unverheirathet gebliebenen Tochter des inzwischen verstorbenen Grafen Finkenstein nach Dresden über. Hier wurden seine Vorlesungen dramatischer Stücke nicht blos von den Einheimischen, sondern auch von zahlreichen Frem- ven besucht. 1821 eröffnete er die Reihe seiner mehr dem gegenwärtigen Leben zugewendeten Novellen mit den Gemälden u. gab Heinrichs v. Kleist nachgelassene Schriften heraus. 1823 folgten Shakspears Vorschule, au der jüngere Freunde T-s mitarbeiteten, in 2 Thln., n. der Anfang der unter seiner Aufsicht von seiner Tochter Dorothea und dem Grafen Baudissin ergänzten Schlegelschen Shakespeare- Übersetzung (deren letzter, 9. Bd. 1833 erschien, 5. A. Berlin 1855). Anfangs 1825 wurde Tieck als Dramaturg mit dem Titel eines Königlichen Hof- rathes angestellt. In demselben Jahre folgte er dem Intendanten LesHoftheakers auf einer theatralischen Rundreise durch Deutschland, die nördliche Schweiz und den Elsaß. 1825 erschien der I. Theil seiner Novelle: Dichterleben. 1826 folgten sein unvollendeter Roman: Der Aufruhr in den Cevennen, Die dramaturgischen Blätter in 2 Bdn., die Ausgaben von Heinrichs von Kleist gesammelten Schriften u. von Solgers nachgelassenen Schriften u. Briefwechsel (an der letzteren war Fr. von Raumer betheiligt), 1828 die Ausgabe der gesammelten Schriften von I. M. R. Lenz, 1829 der 2. Thl. des Dichterlebens. Etwa seit dem Jahre 1830 traf den Dichter ein Leid um das andere. Mit unerbittlichem Hasse verfolgte ihn die Kritik des Jungen Deutschlands n. der Junghegelianer. Der Öffentlichkeit übergab er 1833den Tod des Dichters, 1834 die Vogelscheuche, 1836 den jungen Tischlermeister (alle 3 Novellen) n. 4 von ihm u. dem Grafen Baudissin übersetzte Shakspcarische Dramen, 1840 den Roman Vittoria Accorombona. (Seine gesammelten Novellen erschienen 1835—1846 in 20, 1853 in 12 Bdn.). 1841 zog ihn der König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen in seine Nähe, gewährte ihm eine hohe Pension, zeichnete ihn durch den Titel eines Geheimen Hofrathes u. durch Orden aus. Der Dichter lebte von der Mitte des Sommers an bald in Sanssouci, bald in Dresden, seit dem Ende des Jahres 1842 in Berlin n. Potsdam, zuletzt nur in Berlin. Auf den Tod seiner Gattin u. seiner Tochter Dorothea folgte im I. 1847 der Tod seiner treuesten Freundin, der Gräfin Finkeustein, die ihm von Dresden nach Potsdam u. Berlin gefolgt war. T. st. in Berlin 28. April 1853. Vgl. Koberstein, Grundriß der Geschichte der deutschen Nationallitcratur, 5.A. von Bätsch, IV. S. 554 ff. Unter T-s außerordentlichen Dichtergaben wiegt die lyrische u. lyrisch "erzählende vor; denn auch seine Mährchen u. Novellen sind von dem musikalischen Ausdrucke der Empfindungen beherrscht. Leine Darstellungen der Natur und des Menschenlebens gipfeln, ohne, wenigstens in späterer Zeit, der plastischen Gediegenheit zu entbehren, doch vorzugsweise in Stimmungen, n. Liese Stimmungen tönen so oft ins Unendliche sort. Das Verschiedenartigste u. Anseinanderliegendste faßt der Dichter in die Einheit seines immer bewegten Gemüthes zusammen, und hierbei dient ihm hauptsächlich die zauberische Gewalt seines Humors, der vielleicht nicht die Tiefe, wenigstens nicht die Kcrnhastigkeit des JeaikPanlschen besitzt, aber ihn durch Feinheit und Leichtigkeit überflügelt. In besonderem Reich- thume finden wir bei T. als Abzweigung des Humors die Jronievertreten, die auch in seinen gemüth- vollsten Dichtungen ihre Blüthen treibt. Was wir zumeist in seiner Poesie vermissen, ist männliche Ge- haltenheit u. Bestimmtheit; — ein Mangel, der sich zum Theil aus den körperlichen Leiden des Dichters u. aus der frühzeitig über ihn gekommenen Schwer- mnth, zum Theil aus überfeiner Bildung u. allzu reicher Belesenheit, zum Theil aus Vielschreiberei erklären mag. Seine umfassende n. lebendige Ge- 37S " Tiedge — lehrsamkeit namentlich auf dem sprach- und litera- turwissenschaftlichem Gebiete ist bes. zu erwähnen. T-s gesammelte Schriften, Berl. 1799 12 Bde.; 1828 f., 15 Bde. ,n.Ausg. das. 1831—42,20 Bde.; Kritische Schriften, Lpz. 1848,4 Bde.; Nachgelassene Schriften, herausgeg. von Rudolf Köpke, ebd. 1855 f., 2 Bde. Vgl. desselben: Ludwig T., Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen n. schriftlichen Mittheilungen, ebd. 1855, 2 Thle; I. L. Hofsmann: L.T., eine literarhistorische Skizze, im Album des literarischen Vereins in Nürnberg 1856, S. 1—180; Briefe an L. T., ausgewählt u. herausgegeben von K. v. Holtei, 4 Bde., Bresl. 1864 ff.; Freiherr von Friesen, L. T-, Erinnerungen aus denJahren 1825—42, 2 Bde., Wien 1871. 3/ Christian Friedrich, namhafter deutscher Bildhauer, geb. in Berlin 1776, st. das. 1851. Er war ein Bruder des Vor., bildete sich von 1797 bei Schadow, dann in Dresden, Wien, München und Paris, hier unter David, siedelte darauf, von Göthe veranlaßt, nach Weimar über, wo er viel für den Großherzog arbeitete, darunter eine Büste von Göthe, ging weiterhin mit Frau von Stael nach Coppet u. aus Einladung des Kronprinzen von Bayern nach München. In seinem Aufträge meißelte er viele Büsten für die Walhalla; in Carrara entstand seine lebensgroße Statue Ncckers. 1819 nach Berlin heimgekehrt, ward T. Mitglied der Akademie u. des akademischen Senats und begann seine umfassende Thätigkeit für den Concertsaal des Schauspielhauses, die Jsslandstatue, die Giebelfelder-Reliefs, die Colossalstatuen der Musen, die Rossebändiger ans dem Museum, die Genien am Siegesdenkmal auf dem Krenzberg, den Pegasus auf dem Giebel des Schauspielhauses, die Statue Friedrich Wilhems lll. für NeN'Nuppiu, eine Caritas (Relief), 12 homerische Helden für den Saal der Kronprinzessin, die Statue Schinkels und zahlreiche treffliche Büsten. 1) Zimmermann. 2) Regnet. Tiedge, Christoph August, deutscher Lehrdichter n. Elegiker, geb. 14. Dec. 1752 zu Gardelegen in der Altmark, studirte seit 1772 in Halle die Rechte, wurde Secretär im landräthlichen Amte zu Magdeburg, 1776 Hofmeister zu Elrich in der Gras- schaftHohenstein, wo ermitGöckingk, Gleim, Klamer, Schmidt u. der» Gräfin Elise v. L. Recke bekannt wurde, folgte 1784 der Einladung Gleims nach Halberstadt, wurde 1792 Privatsccretär bei dem Domherrn von Stedern und erzog dessen Töchter, blieb auch nach dem Tode dieses Mannes, 1793, bei dessen Familie u. siedelte mit ihr nach Neinstädt bei Quedlinburg u. 1797 nach Magdeburg über, wo er Matthisous Freund wurde. Er machte einige Reisen im nördlichen Deutschland, hielt sich dann abwechselnd in Halle u. Berlin auf, kam hier wieder mit Elisen v. d. Recke zusammen, reiste als ihr Gesellschafter 1805—8 durch das nordöstliche Deutschland, die Schweiz u. Italien, brachte mit ihr den Winter gewöhnlich in Berlin u. seit 1819 in Dresden, die Sommermonate in Teplitz u. Karlsbad zu. 1833 st. Elise v. d. Recke, die für T-s materielle Existenz testamentarisch gesorgt hatte. Er blieb in Dresden, wo er 8. März 1841 starb. Sein berühmtestes Werk ist: Urania, über Gott, Unsterblichkeit u. Freiheit, ein lyrisch-didaktisches Gedicht in 6 Gesängen, Halle 1801, 18. Aust. (Miniaturausg.) Lpz. 1862; Tientsin. GesammelteWerke, herausgeg. vonA. G. Eberhardt, Halle 1823, n. A. das. 1835, 10 Bde.; Poetischer Nachlaß, herausgeg. von A. Falkenstein, Lpz. 1842, 2 Thle. Vgl. Blicke in T-s u. Elisens Leben, Berl. 1844. Zu Ehren T-s erhielt eine 1841 in Dresden gegründete Stiftung die an verdiente u. hilfsbedürftige Künstler u. Dichter Unterstützungen als Ehrengaben spendet, den Namen Tiedge stiftung. Ihr floß ein Theil aus dem Ertrage der Schillerlotte- rre zn. G. Zimmermann. Tiefban, Bau unter der Stollensohle, s. Bergbau, S. 203. Tiefcultur, die Bearbeitung des Bodens in größerer Tiefe als mit dem gewöhnlichen Pfluge, besteht in der Vertiefung der Ackerkrume über 20 ein oder der Lockerung des Untergrundes und wird ausgeführt durch Untergrundspflllge, Rijolpflüge, Dampfpflüge n. Spaten (s. d. u. Pflug). Durch die T. wird die Entwickelung tiefgehender Wurzeln begünstigt, die Ausschließung u. Umsetzung der Boden- nährstoffe beschleunigt, der Feuchtigkeitsgehalt des Bodens geregelt und schließlich der Erntecrtrag gesteigert. Rhode. Tieffenbrucker (Duiffopruggar), Kaspar, ein geborncr Deutscher aus dem 16. Jahrh., der zu den Ältesten Geigen- u. Lautenmachern Bolognas gehört u. nachher, von König Franz I. von Frankreich beredet, seine Kunst inParis u. später in Lyon fortsetzte. Tiefsecmessnng, s. Loth (L-cew.). Tiefstes— dcrunterste Theil eines Grubenbaues. Tiefurt, Kirchdorf im GroßherzozthumSachseu- Weimar-Eisenach, in schöner Lage an der Ilm, 3 Icm östl. von Weimar; Kammergut, großherzogl. Lustschloß mit Park (einst Lieblingsaufenthalt der Herzogin Anna Amalia); 380 Ew. Tiegel, 1) so v. w. Schmclzticgcl; der Untersatz für kleine T., damit dieselben fester stehen, heißt Tiegclfnß od. Käse; 2) der unterste L.heil mancher Schachtöfen (s. Ofen), in welchem sich das geschmol- zeneMetallansammeltu.ans dem esabgestochen wird. Tiegenhof (Weyershof), Marktflecken im Kreise Marienbnrg, im Marienbnrger Werder an der schiffbaren Tiegc, unweit des Weichselhafs-Kanals; Amtsgericht, Mittelschule, bedeutende Dampfgerbcrci, Bierbrauerei, Schifffahrt, lebhafter Getreidehandel; 1875: 2441 Ew. Tiek, Ludwig, s. Tieck. Tiel, Distriktshauptort in der niederländ. Prov. Geldern, in der Bctuwe an der Waal; Schifffahrt, Fabriken in Farben, Leinwand u. Wolleuwaareu; 8100 Ew.; T. erhielt 972 von Kaiser Otto I. Stadl- rechte, wurde bald als Handelsstadt wichtig, hielt 1582 eine Belagerung durch die Spanier aus, wurde aber 1672 durch Turenne erobert. Die sehr fruchtbare Umgegend heißt der T-er Waard. Tieu (chiues.), Himmel u. höchstes Wesen. Tiene (Thiene), Stadt in der italien. Prov. Vicenza ; Streichgarnspinuerei, bedeutende Tuch- und Wollemvaarenfabrikation; Wasserleitung; 5945 Ew. Ticn-lirk, bedeutende Handelsstadt im nördl. Theil der chiues. Insel Formosa; in der Nähe berühmte Fabrikation von Reispapier. Tientsin, Stadt in der chines. Prov. Petschili, der Vorhasen von Peking, an der Mündung des Kaiserkanals in den Peiho längs dieses liegend , 40 lein vom Meer, mit engen schmutzigen Straßen; 380 Ticpolo — Tiflis. einer der dem Ausländer eröffneten Hafen, Sitz mehrerer Consuln (auch eines Deutschen) u. Standort eines chincs. Armeecorps. Der Handel sowol mit Europa als mit dem Bi,inenlande ist sehr bedeutend; Ein- und Ausfuhr 1376 (dirccter Außenhandel) 5,556,000 bezw.l9,914.000Ll. Die Einwohnerzahl wird zwischen 950,000 u. 300,000 angegeben. Geschützt ist die Stadt durch die Forts von Takn (s. d.). Hier 26. u. 27. Juni 1858 Verträge mir England u. Frankreich. Im Juni 1870 Ermordung der sranz. Missionare, Zerstörung der sranz. Mission und des sranz. Consusats, s. China S. 764—66. TlM-m-m». Tiepolo, Giambattista,ital. Malerund Ra- dircr, geb. in Venedig 1692 od. 93, st. in Madrid 1770; bildete sich unter Greg. Lazzarini u. nahm später Franceschini u. G. B. Piazzetta zu Vorbildern, zuletztaberPaoloVeronese, ohneihn anJnner- lichkeit zu erreichen, während er ihm an Pracht der Farbe gleich steht.Seine außerordentlichetechnischeGc- wandthcit führte ihn aber bald zur Planier. Hauptwerke in Fresco: Der Sieg Cornaros im Saale des großen Rathes im Dogenpalast zu Venedig: Fresken bei den Theresianern das.; Deckengemälde in der Residenz zu Würzburg; Das Gastmahl der Kleopatra in der Eremitage; Die Provinzen Spaniens n. Indiens, Deckengemälde im Saal der Könige im Palast zu Madrid, wohin er 1763 berufen worden. Hauptwerke in Öl: Das Martyrium der hl. Agathe in St. Antonio zu Padua; eine Himmelfahrt Maria bei den Karmeliten in Venedig rc. Regnet. Tierra del Fncgo, so v. w. F-enerland. Ticrs-Argent (sranz.), Drittelsilber, s. Silber, L>. 449. liers-ötat (sranz., d. i. der dritte Stands, in Frankreich in der Fendalzest der Theil der Reichsstände (Iltata Asnöraux), die große Masse des bürgerlichen Volkes oder des Mittelstandes gegenüber dem Adel u. der Geistlichkeit, als den privilegirten Ständen. S. Frankreich, S. 378 u. 379. 7>ers-psrii (sranz., die dritte Partei), nannte sich unter der Jnlimonarchic die Fraction des Centrums der sranz. Deputirtenkammer (eigentlich die Partei Dupins), welche während der Sitzung der Kammern von 1832—33 entstand; die bedeutendsten Mitglieder derselben waren Dnpin, Beranger, Etienne, Passy rc., ihre Organe der 6onstntutnc>unsl und der ll'smps, ihr Ziel Herrschaft des Mittelstandes, ein Ministerium von der bürgerlichen Partei, im Innern Politik der materiellen Interessen. Die Partei gehörte nicht zur Opposition, aber war auch nicht für die doctrinäre Politik des Ministeriums. Tietjcns, Therese, berühmte Sängerin, geb. 1831 in Hamburg, trat zuerst in einem Hamburger Borstadttheatcr aus n. erwarb sich schon gleich die Gunst des Publicums in hohem Grade. In verhältniß- mäßig kurzer Zeit beendete sie ihre Studien u. wurde dann als Primadonna nach dem ehemaligen Kärnt- rierthor-Thcalerbcrnfen. 1858 ging sie nachLondon, wo sie 13. April zum ersten Male im Her Lias eatz-s Mrsakre auftrat u. dort mit einem Schlage ihren Weltruf begründete. Sie entschloß sich, England zu ihrem bleibenden Aufenthalt zu wählen u. verließ ^ den englischen Boden nur zweimal, Las erste Mal,! um an der Großen Oper in Paris zu singen, dass zweite Mal, 1876 behufs einer Gastspielreise durch! die nordamcrikauischen Unionsstaaten. Viele ihrer Rollen wurden von den maßgebendsten Musikkritikern als unübertroffen u. unerreicht dargestellt. Eine große Thätigkeit entwickelte sie auch als Concert- u. Kirchcnsängerin u. fast ebenso berühmt war sic durch ihren Wohlthätigskeitssinn als durch ihre Kunst. Sie st. 3. Öct. 1877 in London. Tietz, Karl, bedeutender Architekt, geb. 25.Jan. 1831 zu Jastrow in Westprenßen. Sohn eines ar- menTuchmachers ward er, trotz einfacher Volksschulbildung durch Fleiß u. Ausdauer, nach kurzer praktischer Ausbildung zu Berlin einer der hervorragendsten Architekten zu Wien, wo er gewissermaßen den Ziegelrohbau entführte. Von seinen Bauten seien erwähnt: der Gawagi Hof, die Paläste Klein (Mar- morfaxade), Graf Schlick u. Palffy, das Grand Hotel, das OttescheHausznWien,die FaberscheBrauerei zu Liesing. Gemeinschaftlich mit Hausen baute er in- solge einer Concurrenz die neue Wiener Börse. 1866 ward er Mitglied der Wiener Bau-Commission und der Akademie der bildenden Künste. Infolge des Umsturzes eines Rcisewagcns, sowie infolge eines Gesimseinsturzes bei einem seiner Bauten, litt seine schon seit den Sechziger Jahren erschütterte Gesundheit derart, daß er irrsinnig wurde. So starb er zu Öber-Döbling bei Wien 3. Aug. 1874. Köhne. Tifsin, Hauptort des Seneca County im Nordamerika». Unionsstaat Ohio, am Sandusky, Knotenpunkt mehrerer Eisenbahnen; Fabrikation von Schuhwerk, Maschinen, Gußwaaren rc.; 5648 Ew., davon über die Hälfte Deutsche. Tiflis, 1) russisches Gouvernement in Trans- kaukasien, hauptsächlich das alte Königreich Georgien (Grnsien) umfassend, von Daghestau, Elisabethpol, Eriwan, den: durch den letzten Krieg eroberten frü- hertürkischenArmenien,Kutaisu. Terek umschlossen, 40,439 dsicm (734 H>M) groß; sehr gebirgig, im N. vom Kaukasus (mit Kasbek, Schebulosmta,Schawi- klde), im S. von den armen. Gebirgen durchzogen (Samfao, Abnl, Emlokli über 3000 m). Der Hauptflußist der Kur mitseinenNebenflüsseinlinksPoschow, Liachwa,Aragwu, Jora, Alasam, rechts Chram; im Armen. Hochlande sind die Alpenseen zahlreich. Die Thäler haben mildes Klima ».sind sehr fruchtbar (Getreide, Wein, Seide, Reis, Tabak rc.). Die gebirgigen Theile sind rauh, haben aber bedeutende Viehzucht. Unter den 606,584 Ew. die Mehrzahl Grusier, außerdem Armenier u. verschiedene Kaukasier, einige Russen und auch deutsche Kolonisten. 2 ) (georgisch Thepilisi, d. i. Stadt der warmen Quellen), Hauptstadt daselbst in malerischer Umgebung u. selbst eine der malerischsten Städte, 360 m ü. d, M., zu beiden Seiten des Kur, Ausgangspunkt der Eisenbahn nach Poti am Schwarzen Meer, Sitz des Gouverneurs und des Bischofs (Katholikossi) von Grnsien, eines armenischen Bischofs und eines tatarischen Efsendi; besteht aus einer Festung (Narekha) und aus der eigentlichen Stadt, dem Stadttheil Kala und drei Vorstädten, wo Syrer u. Kurden wohnen; hat zahlreiche griechische, armenische, 2 katholische Kirchen, katholisches Franciscanerkloster und Missionsanstalt, armenisches Kloster, Botanischen Garten, Kaukasisches Museum, Bibliothek, Naturaliencabinct, Seminar, mehre Schulen, Theater, Münze, großen Bazar, mehre Karavanserais, schöne Bäder, darunter zehn heiße, welche einen eigenen Stadtbezirk bilden u. in ihrer Wirkung den Bädern von Teplitz Tigcllimis — Tiglcith-Pilescr. 381 ähnlich sind, mir von stärkerer. T. betreibt eine lebhafte Industrie, bes. in Tapeten, banmwollenen u. wollenen Zeugen, Waffen n. Silberarbeitcn, sowie bedeutenden Handel nach Persien. Daher findet man in T. auch stets viele fremde Kaliflente, wie Perser, Bncharen, aber auch viele Europäer, Russen in erster Linie, dann Franzosen. Zahl der Ew. 187 l: 70,59 l. T. soll 455 vom König Wachtang Gnry Aslan gegründet sein, 1395 von den Mongolen erobert; im 16.Jahrh. von den Türken belagert; 11. Sept. 1795 von den Persern eingenommen; seit 1802 unter russischer Herrschaft; 26. Sept. 1814 wurde hier der zu Gnlistan zwischen Rußland und Persien geschlossene Friede ratifizirt. Dronke. Tigcllrnus, S o p h o in il s ans Agrigentnm, lebte als vornehmer Mann in Rom, von wo er 39 n. Chr. vom Kaiser Caligula wegen seines sträflichen Umganges mit Agrippina n. Julia verbannt wurde; vom Claudius zuriickgernfen n. von Nero, dessen Gunst er sich als Pfcrdezüchter sowie als williger Genosse bei dessen Ausschweifungen u. Grausamkeiten erworben hatte, 62 znm Lrasksotus prastorio gemacht, trieb er diesen immer weiter in seinen Scheußlichkeiten, veranlaßte ihn zur Verstoßung der Octavia, seiner Gemahlin, hatte einen Hauptantheil an dem Brande Roms u. verfolgte in grausamster Weise die Theilnehmer an der von ihm entdeckten Pisonischen Verschwörung. Zuletzt verrieth er den Nero selbst an Galba, konnte aber sein Leben von dem über ihn erbitterten Volke nur durch großes Lösegeld erkaufen. Unter Otho znm Tode verurtheilt, tödtete er sich in Sinuessa im Bade. Tiger, Königstiger, §slis tixrio D., Naub- thierart aus der Fam. der Katzen, 2,5 m lang. Schlanker als der Löwe, Kopf runder, Schwanz lang, ohne Endqnast. Haarkleid kurz und glatt. Wangen u. Kinnbart dicht, beim Weibchen weniger stark ausgebildet. Hellrostgelb mit dunklen Ouer- streifen u. Schwanzringeln. Rnckenfarbe dunkler. Lippen n. untere Wangen weiß. Augenstern gelbbraun. Junge von der Färbung der Alten. Asien, vom 8. Grad s. Br. bis zum 53. Grad n. Br., vorzugsweise jedoch in Vorder- u. Hiuterindien. Hält sich in Waldungen u. den sogen. Graswäldern ans, besucht gern die schilfbewachsenen Flußufer, streift meist gegen Sonnenaufgang u. des Nachts umher. Der T. ist das furchtbarste u. grausamste aller Raub- thiere, schlägt mit seinen Tatzen tiefe Wunden, würgt mehr als er braucht, fängt seinen Raub, bes. größere Thiere (Pferde, Ochsen, Hirsche rc.), durch einen Sprung auf den Hals, ist den Menschen sehr gefährlich, obgleich er sich oft durch eine Kleinigkeit leicht erschrecken läßt, hat in Ostindien öfters schon ganze Gegenden entvölkert, kämpst mit Löwen u. Stephanien, unterliegt nicht seltendenRiesenschlangen, welche ihn jedoch wol erwürgen, aber nicht verschlingen können, ist schneller als ein Pferd u. trägt im vollen Laufe Menschen, Pferde, Hirsche fort. Er wirft jährlich 2—3 Junge, welche aber gewöhnlich nicht alle aufkommen u. welche der Vater oft anffrißt, läßt sich nur schwer zähmen u. bleibt auch gezähmt gefährlich. Man snchtihminrcgelmäßigenLiger- ja gden beiznkommen, welche ein Hanptvergnügen der vornehmen Indier n. der Europäer sind. Es ziehen dabei mehre hundert Menschen aus, großen- theils beritten, wo möglich ans Elephanten sitzend, die zu Fuß in ganzen Pelotons, um sich gemeinsam zu schützen. Man sucht den T. in hohem Riedgraje (Dschungeln) od. in Büschen an Usern der Flüsse durch große Doggen auf. Schlagen die Hunde an» so wird sogleich ein halber Mond od. auch ein Kreis um den T. gebildet; treiben ihn die Hunde hervor, so feuern die Jäger mit Büchsen von großem Kaliber von ihren Elephanten herab auf ihn. Ist er aber nicht ans seinem Versteck zu jagen, so wird dasselbe in Brand gesteckt, wo er dann hervorkom- men muß. Schwache u. kleine T. entfliehen gewöhnlich, stärkere nehmen den Jäger an, indem sie mit mächtigem Sprunge auf den 'nächsten sich ihnen bic- tenden Menschen setzen, die Pferde u. Menschen zerreißen n. hierbei gewöhnlich getödtet werden. Das schnellste Pferd wird von ihm ereilt u. niedergerissen. Büffel kämpfen erfolgreich mit Tigern; Elephanten scheuen die T. mehr u. gehen nur im Nothfalle auch gegen sic los. Man fängt die T. auch in Fallgruben. Kämpfe von gezähmten und dazu bes. abgerichtcten Elephanten mit T n werden noch jetzt in Indien veranstaltet; boch muß hierbei der Kopf n. der Rüssel der Elephanten durch Panzer geschützt sein. Dennoch nimmt es ein starker T. mit'drei bis vier Elc- phanten auf, u. diese tödten ihn, indem sie ihn init den Rüsseln schlagen u. endlich mit den Füßen zerstoßen. Daß er mit dem Nashorn in Freundschaft lebe, ist eine bloße Sage. Die Wunden, welche der T. durch Biß u. durch Kratzen macht, sind sehr gefährlich , u. die Eingeborenen halten sie für unheilbar. Das Fleisch des T-s wird gegessen, sein Fell gibt gute Pferdedecken. Einige Volksstämme, so die Snmatraner, halten ihn heilig n. glauben, daß die Seelen ihrer Fürsten in T. fahren. Ihn zu tödten gilt daher bei manchen Indiern für Verbrechen. In neuester Zeit vergiftet man die T. erfolgreich mit Strychnin. Der Nebelparder, §. maerooelio, eine kleinere ArtT., bewohnt Sumatra, Borneo u. Siam. Eine fossile Art Mitteleuropas ist der Höhlen-T. Vgl. Brandt, Untersuchungen über die Verbreitung des T-s, Petersb. 1856; Fayer, Düs rozml tiKsr vk ösnAkrl. Lond. 1875. Farwick. Tigerlilie, ist lülium tigriuum D. Tigerpferd, so v. w. Zebra. Tigerschlange, so v. w. Tigerschlinger, s. Schlinger. Tigcrspinnen,s.v.w.Springspinnen,s.Spinnen. Tigcrwolf, so v. w. gefleckte Hyäne. Tiglath-Pileser (Tilgath.Pilneser), König von Assyrien, welcher nach der Bibel zwischen Phul und Salmanassar regierte, nach den assyrischen Inschriften der Nachfolger des Königs Asurnirar u. Vorgänger abermals des Salmanassar war. Gemäß den assyr. Eponymenlisten regierte er 745—727 v. Chr. Wenn uns die Bibel berichtet, daß er dem jüdischen König Ahaz zu Gunsten Samaria mit Krieg über- zogen, dem König von Israel die transjordanischew Besitzungen genommen, die Bewohner zum Theil in die Gefangenschaft abgeführt, und dem syrischen Reiche unter Rezin von Damascus ein Ende gemacht habe, so wird dieses durch die assyrischen Inschriften in allem Wesentlichen bestätigt, sofern sie uns erzählen, daß der König, der auf Len Inschriften den Namen Tuklai-habal-asar führt, nicht bloß von. einem König von Samarien mit Namen Menahem Tribut empfangen habe (was nach einigen Gelehr- 382 Tigranes te>, auf die Identität des T.-P. mit dem biblischen Phul führt), sondern auch, daß er von einem jüdischen König Jahnchazi d. i. Ahaz (s. d.) Tribut erhallen,einenKönigPckachvonSamaria getödtetu.Ausih d. i. Hosea (s. d.) auf den Thron erhoben habe. Wir besitzen von demselben noch eine Reihe meist arg verstümmelter Inschriften, seine Annalen enthaltend, welche zu Nimrud bei Mosul theils in seinem Palaste, theils in dem einen späteren Königs, wohin die betr. Platten verschleppt waren, gefunden sind; auch kürzere Thoninschriften. T.-P. war der Begründer der assyrischen Großmacht u. dehnte seine Züge wie im Westen bis an die Grenze Ägyptens u. bis nach Kleinasien, so im Osten bis weit nach Iran hinein aus. Auch machte er sich Babylonien unterwürfig. Von ihm, wie von einem früheren Könige dieses Namens, der in nicht näher ermittelter Zeit lebte, existiren Keil-Inschriften, übersetzt in dem englischen Werke Rseoräs ob tiis kaat, vol. V, London 1875, p. 5—27 von T.-P. I. u. p. 43—53 von T.-P. II. (dem Obigen). Tigranes (Tigran), Name mehrerer Könige von Armenien; T. I. nur in armenischen Quellen bezeugt u. daher bezweifelt (vgl. Armenien, S. 99); T. II. (95—60 v. Chr.), der bekannteste, welcher wieder ganz Armenien unter seiner Herrschaft vereinigte, mit Benutzung der Schwäche des parthischen n. des syrischen Reiches Atropatene, Kappadoiien, Kilikien, Mesopotamien u. Syrien eroberte n. überhaupt die Würde n. den Titel eines Groß- n. Oberkönigs beanspruchte. Seine Verwandtschaft mit Mithridates von Pontos, dessen Tochter Kleopatra er geheirathet hatte u. den er an die Römer auszuliefern verweigerte, brachte ihn in Krieg mit diesen, in welchem er 69 von Lucullus bei Tigranokerta geschlagen wurde u. dann von Pompejus bedrängt 66 um Frieden bitten mußte; er verlor alle Eroberungen u. wurde auf Armenien beschränkt. Ein gleichnamiger Sohn von ihm kriegte mit Hilfe der Par- ther 67 gegen ihn u. wurde 66 mit Gordyene abgc- funden ü. da er damit nicht zufrieden war, von Pompejus gefangen nach Rom geführt u. dort hingerichtet. T. III. regierte von 20 —6 v. Chr. T. IV. von 2 v. Chr. bis 2 n. Chr. Gegen diesen unternahm Angnstus einen Zug. Thiekmann. Tigre, Landschaft u. früher (bis 1856) eignes Königreich in Habesch; letzteres umfaßte außer der Landschaft T. noch die Landschaften Agama, Enderta, Lasta, Semen, Hamasen, Woidscherat, Wofila, Dembea, Schira, Giralda u. a. Der letzte Fürst, Ras Ubie, wurde von Theodor entthront, s. u. Abessinien. Über Klima, Products, Bewohner rc. s. das. Hauptstadt Adua. Tigri, Giuseppe, ital. Schriftsteller, geb. 22. Dec. 1806 zu Pistoja, mußte sich dem geistlichen Stande widmen, wandte sich aber alsAbbate ganz den allgemeinen Wissenschaften zu, stand mehrere Jahre einem von ihm selbst gegründeten Lehriustitnte vor, wurde dann, nachdem er fast ganz WEuropa durchreist, Inspektor der Schulen von Pistoja und San Miniato u. Bibliothekar daselbst. Sein Erstlingswerk war das didaktische Gedichtes solve, 1844, 2 . A. 1868; ihm folgte das Hauptwerk Oanti popolari bosoani, Flor. 1856 n. ö. u. an dieses reihte sich die preisgekrönte Schrift: 6ontro i prsx-iucli^ii popo- lari, le snperstüiioni, 1s allnoiuarioni rc., daiiu^ — Tilden. Schriften histor. u. topograph. Inhalts u. endlich eine Reihe beliebter Erzählungen u. Romane. r»gm. Tigris (Schalt, Diglet, d. i. der Pfeil), Fluß in Vorderasien, welcher mit dem Euphrat den Schutt- el-Arab bildet. Er entspringt im Hochlande von Kurdistan, südlich des Göldschyk-Göl, aus einem kleinen See nur etwa 12 Icm vom Euphrat entfernt. Der wasserreiche Fluß wendet sich nach SO., tritt in die Hochebene von Diarbekc (Kurdistan) u. nimmt die zahlreichen auf dem Karadscha-Dagh, Charzan- u. Buhtan-Dagh entspringenden Flüsse aus, links: Di- benen-, Batman-, Buhtan-Sn n. v. a. Bei Mansu- rieh oberhalb Mosul tritt der T. in das Tiefland n. schließt mit dem Euphrat das alte Culturland Mesopotamien, jetzt Dschesireh (d. h. Insel) genannt ein. Hier nimmt er links aus dem Berglande von Kurdistan n. Persien die Nebenflüsse: Großer u. kleiner Zob, Dijala, Bedrai auf, nähert sich in seiner Richtung mehrfach wechselnd bei Bagdad dem Euphrat, von dem er sich weit entfernt hatte, wieder, um sich dann nochmals von ihm abzuwenden; durchmehrere, jetzt fast gänzlich verfallene Kanäle (Schatt-el-Hai, Schatt-el-Amah u. a.) steht er mit jenem Flusse in Verbindung; bei Kut-el-Amarah theilt sich der T. in zwei Ströme, deren westlicher direct in slldl. Laufe dem Euphrat zueilt, während der östliche Schatt-el- Amarah sich erst bei Korna mit diesem zum Schatt- el-Arab vereint. Der T. ist etwa 1900 Icm lang, hat vielfach sumpfige u. öde Ufer, im Mai hat er seinen größten Wasserreichthum, ist stets schiffbar, hat aber ein starkes Gefälle u beim Austritte aus dem Gebirge mehre Stromschnellen. Dronke. Tiguriner , ein keltisches Volk, Stamm der Helvetier (s. d.), deren Gebiet ('I'iFurinns paxns nngef. das heutige Waadtland) einer der 4 helvetischen Gaue war. Schon 109 v. Chr. hatten sie vereint mit den Cimbern in Gallien ein römisches Heer unter Cassius Longinus vernichtet; dann zogen sie mit den Teutonen durch Gallien, bis sie bei Aqua Sextiä 102 geschlagen wurden. Bei dem allgemeinen Auszug der Helvetier 58 v. Chr. wurden sie zuerst von Cäsar an den Ufern der Saone vollständig geschlagen. Tikal (Tical), 1) Gewicht — 15,§ A in Birma u. Pegu; 2) Münze n. Gewicht in Siam — 2 , 5 . ül als Gewicht der 4. Theil eines Tael ^ 16,5 Tikoczffn (Tikotschin, Tikotzin, Tykoczin), Stadt im russ.-poln. Gouv. Lomza, am schiffbaren Narew; mit 2 Marktplätzen, 3 Kirchen, Missionarien- und aufgehobenem Bernhardinerkloster; hat bedeutenden Handel mit Korn, Vieh, Tuch, Spiritus; 5000 Ew., meist Juden. Tilburg, Stadt im Bezirk Herzogenbusch der niederländ. Prov. Nordbrabant, an der Ley; Knotenpunkt derBelg.Staatsbahnen u. des Grand Central, höhere Bürgerschule, großartige Fabrikation von Tuch, Wollstoffen, Leder rc.; 25,397 Ew. Tilbnry (Meoaoli, engl.), eine leichte einspännige unbedeckte zweiräderige Chaise; meist Gabelwagen. Iiläe (span.), Strichlein; das Zeichen ans dem span, n; figürlich: Kleinigkeit, unbedeutende Sache. Tilden, Samuel I., nordamerikan. Rechtsgelehrter u. Staatsmann, geb 1814 zu Neu Lebanon in Columbia County, New Jork, studirte in New Jork, beteiligte sich, sobald er Rechtsanwalt wurde, schon am politischen Leben n. trug 1844 wesentlich zur Erwählung des Demokraten Polk als Präsidenten der Union bei. Er wurde 1845 in die gesetzgebende Versammlung des Staates New Jork gewählt, zog sich aber dann vom öffentlichen Leven zurück, bis 1872, in welchem Jahre er Greeley gegen Gram unterstützte. 1874 znm Gouverneur des Staates New Dort gewählt, erwarb er sich durch Abstellung von Mißständen u. Vereitelung von Schwindeleien einen so geachteten Namen, daß er 1876 von seiner Partei als Kandidat zur Präsidentenwahl aufgestellt wurde. Wie stark sein Anhang war, geht daraus hervor, daß er mit nur einer Stimme gegen Hayes unterlag; doch ist nach dem Ergebniß der 5. Nov. 1878 statlgehabten Staats- u. Congreßwahlen die bis jetzt gehegte Ansicht, daß T. 1879 siegreich aus der Urne hervorgehen werde, gewaltig erschüttert worden, da diese Wahlen eine nicht unbedeutende Verstärkung der republikanischen Partei erwiesen. Die Demokraten haben durch ihr Liebäugeln mit der Greenbackpartei, sowie durch ihreBeeinträchtigungen der persönlichenFreiheit u. ihrer bis zum Verbrechen gehenden Gewaltthätigkeit gegen die Republikaner des Südens nicht nur in N. alle Sympathie, sondern auch in ihrem Sitze selbst an Haltverloren. Schroot. Tile Kolu-, s. Holzschuh, Dietrich. TilgUUgSfond, der zur Heimzahlung (Tilgung) eines geliehenen Capitals bestimmte Fond, vergl. Staatsschulden, fnndirte, S. 713. Dilis, die Linde (s. d.). Diiiscoas, Pflanzenfamilie aus der Ordnung der Oolnmnikorse, meist Bäume init ungetheilten oder gelappten Blättern, abfallenden Nebenblättern und Zwitterblüthen; Kelch 4—5-blätterig, abfallend; Blumenblätter ebenfalls abfallend; Staubblätter sehr verschieden, bald 8—10 einfache, bald außerdem noch 5 Staminodien, bald 10 Bündel von Staubblättern, bald nur 5 Bündel u. 5 Staminodien u. s. w.; Fruchtknoten 2—10-sächrig, die einzelnen Fächer oft durch eine falsche Scheidewand getheilt, jedes Fach mit 2 od. mehr hängenden Eichen; Keimling gerade. Gattungen meistens in den Tropen, wichtig: Orsvvis, Dills,, Drinmkotts, Lntslss, Lpsrmsnuis, 6orello- rns.llrodcis, AristotsllsMssoosrpns u. a. Engter. Tilla, Goldmünze in Cenlralasien, die gewöhnlich zu 4 Silberrubel gerechnet wird. Dülsnüsis T., Pflanzengatt, aus der Fam. der Lromollsosss (VI. 1.). Arten: in Südamerika, auf Bäumen wachsend; viele Zierpflanzen in Warmhäusern. Illlotls Pflanzengatt, aus der Fam. der llstlls^insss. Arten: D. Osrios (IlabilsAo sitopllilsÄrttm., Steinbrand,Schmierbrand, Stiukbrand des Weizens) mit kugeligen, braunen, netzförmig verdickten Sporen. D. Issvis LÄ/rrr, wie vorige, aber mit glatten Sporen. Beide erzeugen den sogen. Stcinbrand des Weizens; ihre Sporen reisen im Innern des vom Mycel zerstörten Fruchtknotens u. werden mit den gesunden Körnern zugleich geerntet; sie kommen daher mit unter die Saat, wo sie die Krankheit wieder erzeugen. Die krankenÄhrenzeichnen sich durch kleinere, mehr blaugraue Ährchen aus, später durch ihre, kümmerliche Entwickelung gegenüber den gesunden Ähren. Engter. Tilliconltry , Flecken in der schott. Grafschaft Elackmannau, am Fuße der Ochill-Hills, Eisenbahnstation; Wollenfabriken; 1871: 3745 Ew. Tillier, Johann Anton von T., schweizer. Historiker u. Staatsmann, geb. 1792 in Bern, studirte in Jena, war 1823 Mitglied des Großen Raths u. 1824 Mitglied des Appellationsgerichts; 1830 schloß er sich der reformirenden Partei in gemäßigtem Sinne an, wurde 1831 Mitglied des Ver- sassuugs-, dann des Großen n. Erziehungsraths des Kantons Bern, 1846 Präsident des Großen Raths, später Mitglied des Schweizerischen Nationalraths. Auch war er öfters Tagsatzungsgesandter und löste durch seine Bekanntschaft mit König Ludwig Philipp u. hochgestellten Personen an den Höfen von Wien u. Berlin manche diplomatische Verwickelung der Schweiz. Nachdem er sich 1850 von den öffentlichen Geschäften zurückgezogen, st. er 16. Febr. 1854 in München. Er schr.: Geschichte der europäischen Menschheit im Mittelalter, Franks. 1829, 4 Bde., n. A. ebd. 1833; Geschichte des Freistaates Bern, Bern 1838 f., 6 Bde.; Geschichte der helvetischen Republik, ebd. 1843, 3 Bde.; Geschichte der Eidgenossenschaft während der Herrschaft der Bermittcl- ungsacte, ebd. 1845 s., 2 Bde.; Geschichte der Eidgenossenschaftwährend derRestaurationsepoche, ebd. 1848—50, 3 Bde.; Geschichte der Eidgenossenschaft während der Zeit des sogeheißenen Fortschrittes von 1830—48, ebd. 1854 s., 3 Bde. TilIY,JanSerclaes,Baron v.,geb. im Febr. 1559, genannt von der Grafschaft Tilly in Brabant, wurde, zum geistlichen Stande bestimmt, von Jesuiten erzogen, entschied sich aber für das Kriegshandwerk, trat in spanische Kriegsdienste, wo er sich in den Niederlanden unter Alba, Reqnesenz, Don Juan d'Au- stria n. Alexander Farnese znm Feldherrn bildete. Er kämpfte dann in kaiserl. Diensten gegen die Türken in Ungarn, wurde 1601 von Kaiser Rudolph II. zum Obersten ernannt u. stieg bis znm Runge eines Generals der Artillerie. Kurz vor dem böhmischen Aufstande trat er in bayerische Dienste, reorganisirte die bayerischen Truppen u. wurde beim Beginn des 30jähr. Krieges zum General der katholischen Liga ernannt. Schnelligkeit u. Kraft bczeichneten seine Unternehmungen; 8. Novbr. 1620 gewann er die Schlacht am Weißen Berge. Sein Feldherrntalent zeigte sich bei der Verfolgung u. Trennung Mansfelds u. des Markgrafen von Baden-Durlach, den er bei Wimpfen schlug (Mai 1622), durch seinen Sieg über Christian von Braunschweig bei Höchst (Juni 1622 ) u. im folg. Jahre bei Stadtlohn im nordwcstl. Westfalen, wofür er in den Grafenstand erhoben wurde. 1626 nöthigte er durch einen vollständigen Sieg bei Lutter am Barenberge (im Braunschweigischen) den Dänenkönig Christian IV. zur Rückkehr in seine Staaten, worauf er 1627 im Verein mit Wallcnsteiu Holstein eroberte. Nach der Absetzung Wallensteins auf dem Regensburger Tage erhielt T. den Oberbesehl über das kaiserliche Heer. Seine bedeutendste That in dieser Zeit war die Erstürmung Magdeburgs lO.Mai 1631; der Ursprung der schrecklichen Behandlung der Stadt ist schwerlich von T. selbst angeordnet, vielleicht vielmehr von dem schwedischen Oberst Falkenberg und einigen Magde- burgischen Rathsherren znm Verderben der siegreichen Feinde. Vgl. L. v. Ranke, Geschichte Wallensteins, S. 217 (Lpz. 1869, 3. A. 1872); dieser hervorragende Geschichtsforscher verwirft die Meinung, daß die Zerstörung auf T-S Befehl geschehen. T. 384 Tilo — Timavo. nahm jetzt Halle, Eisleben, Merseburg,daraus Leipzig in Besitz u. wurde hier (oder bei Breitenfeld), nachdem er schon die Sachsen besiegt, nach blutigem Kampfe 17. Sept. 1631 völlig vou Gustav Adolf geschlagen. Dreifach verwundet, entkam er mitMühe nach Halle. Er sammelte im Braunschweigischen sein Heer wieder, ging nach Franken u. darauf nach dem von den Schweden bedrohten Bayern. Am Zusammenfluß des Lech n. der Donau bei Rain erzwang Gustav Adolf den Übergang, T. selbst wurde tödtlich verwundet durch eine Stückkugel, die ihm ein Bein zerschmetterte. Er starb an dieser Verwundung 3». April 1632 in Ingolstadt, 73 Jahre alt. T. war von mittlerer Statur, stark gebaut, aber mager n. von abschreckender Gesichtsbilduug. Überaus mäßig, enthaltsam u. uneigennützig, haßte er Aufwand und äußere Ehrenbezeugungen u. wies sogar die ihm zugedachte Erhebung in den Reichsslirstenstand von sich. Er war ein eifriger Katholik, der täglich der hl. Messe beiwohnte. Da er nnverheirathet geblieben war, so beerbte ihn sein Brudersohn Werner. Vgl. O. Klopp, T. im 30jähr. Kriege, Stuttg. 1861, 2 Büe.; I. K. A. Nese, Die Zerstörung Magdeburgs durch T., Magdeb. 1809; F. A. Hchsing, Magdeburg nicht Lurch T. zerstört; Gustav Adolf in Deutschland, Berl. 1846, 2. A. 1855; G. Dropsen, Studien über die Belagerung und Zerstörung Magdeburgs in den Forschungen zur deutschen Geschichte, Gött. 1862 sf., III.; K. Wittich, Magdeburg, Gustav Adolf u. T., Berl. 1874. Schmitz. Tilo (Tolos,Episkopi),Jnsel im Ägäischen Meer, zum türk.EjaletDschesairiBahriSefid gehörig,westl. von Rhodos, 60 (Iskw groß, sehr gebirgig (höchste Erhebung 612 m), mit etwa 1000 Einw., welche hauptsächlich Ackerbau treiben. Tilsit, 1) Kreis im preuß. Regbez. Gumbinnen, von der Linie T.-Memel der Preuß. Ostbahn u. der T.-Jnsterburger Eisenbahn durchschnitten; 818,ig Usicm (14,«gIIW) mit (1875) 66, 1 78 Ew. 2) Kreisstadt darin, am Einfluß der Tilse in die Memel (Niemen),Station der oben genannten Eisenbahnen, mit schöner Brücke über die Memel; Land- u. Amtsgericht, Hauptzollamt, Reichsbanknebenstelle, 4 Kirchen (darunter die lutherische mit kunstvoll gebautem Thurm), Synagoge, Schloß (1370 erbaut, 1876 abgebrannt), schönes Rathhaus, große Kaserne, Gymnasium, Realschule I. Ordn., 2 höhere Töchterschulen, Schullehrerseminar, meteorologische Station, Versvrgungshaus für Kaufleute u. deren Wittwen, Krankenhaus, Waisenhaus und andere wohlthätige Stiftungen, 2 Eisengießereien u. Maschinenfabriken, Fabriken für Papier, Glas, Öl, Seifen, Mineralwasser, Essig, Käse, Schnupftabak, Wagen u. Schlitten, Gerberei, Bierbrauerei, starke Schuhmacherei, eine Knochen- und 2 Dampfmahlmühlen, Handelsgärtnerei, Fischfang (Aale und Lachse), Schifffahrt, lebhafter Handel mit Getreide, Holz, Vieh, Rübsaat, Flachs, Tabak, Butter, Käse, Eisen-, Stahl-, Kurz- u. Manufacturwaaren rc.; Freimaurerlogen: Louise zum aufrichtigen Herzen u. Irene; Garnison (Dragoner); 1875: 20,251 Ew. T., die alte Hauptstadt von Preußisch-Litauen, ist Geburtsort des Dichters Max von Schenkendorf u. des Abgeordneten n. Technikers von Unruh. 1289 erbaute auf dem heutigen Schloßberge Meinhard von Querfurt, Landmeister des Deutschen Ritterordens, eine Burg (das Scha- bauesche Haus), welche durch Kynstnt wiederholt (1346 u. 1370) zerstört wurde. Konrad von Jungingen erbaute darauf eine Strecke stromabwärts eine neue Burg (das jetzige Schloß), unter deren Schutze der Ort T. entstand, der bald mächtig em- porblühte, aber erst 1552 vom Herzog Albrecht zur Stadt erhoben wurde. Nach dem Waffenstillstände vom 25. Juni 1807 kamen hier Napoleon, Alexander n. Friedrich Wilhelm III. zusammen, u. 7. n. 9. Juli desselben Jahres wurde auf einem mitten in der Memel errichteten Flosse zwischen den drei Mächten der Friede von T. geschlossen, welcher Preußen die Hälfte seines Ländergebietes kostete. Etwa 8 lrm unterhalb T. beginnt die Tilsiter Niederung, einer der fruchtbarsten Landstriche der preußischen Monarchie, welcher sich zwischen den Mündungsarmen der Memel (Ruß u. Gilge) bis an das KnrischeHafs erstreckt. H. Berns. Tilstt-JnsterburgcrEisenvahn(l877), Länge 54 üm; Anzahl der Locomotiven 8; der Personen- wagen12; derGüterwagen 153; Einnahme 542,578 LI; Zeit der Gründung 1860 ; der Inbetriebsetzung 16. Juni 1865; Anlagekapital 9,267,000 Ll. Privatverwaltung; Directionssitz Tilsit.' Tim, 1) Kreisstadt im russ. Gouv. Kursk, am gleichnam. kleinen Flusse, in hügeliger Gegend, mit Garten- u. Obstbau, einigem Handel; 3860 Einw. 2) Fluß hier, fällt in die Sosna; 3) (Tym) Fluß im russ. Gouv. Tomsk, fällt in den Ob. Timan-Gebirge (Timanische Berge, d. h. kleines Gebirge), ein niederer, aber breiter Höhenzug, der das Gebiet derPctschora von dcm der Wytschagda u. des Wesen irennt; es wendet sich gegen N. und endet im Swjatoi Noss; jenseits des Polarkreises ist es von der Timan-Tundra umgeben. Die Küste bis zum Cap RusskiSuworot wirdTiman-Küste genannt. Timäos, I) T. der Lokrer, Pythagoreer ans Lokri in Unteritalien, lebte gegen 400 v. Ehr., bekleidete hohe Stellen in seiner Vaterstadt; Plato suchte ihn hier aus, um sich von ihm in der pythagoreischen Philosophie unterrichten zu lassen, u. nannte einen seiner Dialoge nach ihm. Die ihm beigelegte Schrift: Urpi zt-o/är xäi rwr- 7I«(>« 7//l«rcor-or/lo^ewr-, in alphabetischer Ordnung; zuerst Hrsg, von Ruhn- ken, Leyd, 1754, 2. Ausg. von Valckenaer, 1789; dann von Koch, Lpz. 1828, 2. A. ebd. 1833. Timavo (Timavus der Römer), Kllstenfluß im üsterreich. Küstenland, führt in seinem Oberlauf den. Timbo — Timon. 385 Namen Recca (Reka), deren Quelle im eigentlichen Karst liegt, fällt bei San Canzian unweit Trebic (Trebitsch) in eine Höhle, bricht nach 37 km langem unterirdischen Laufe wieder aus einem Felsen hervor u. mündet als T. bei San Giovanni di Duino nordnordwestlich von Triest in drei Armen in den Busen von Triest. Am T. 179 v. Chr. Sieg der Römer unter A. Manlius über die Jstrier. H- Berns. Timbo, Hauptstadt des Fullahstaates Futa- Dschiallon (Senegambien), liegt auf einem Berge, auf der Wasserscheide des Niger u. der nach W. fließenden Ströme, ist Residenz des Almamy und hat 3000 Ew., welche lebhaften Handel treiben. limbro (franz.), ursprünglich Glocke, mit einem Hammer (statt Klöpscl) geschlagen; dann Klang (der Glocke); jetzt vorzugsweise Stempel; Klangfarbe eines musikalischen Jnstrumems. Timbuct«, Stadt im nordwestlichsten Theil des Sudan (Inneres von Afrika), 15 km vom linken Ufer des Niger entfernt, bedeutend als Haupthandelsplatz zwischen Marokko und dem L>udan. Die Stadt liegt zwischen öden u. baumlosen Sandflächen am SRande der Sahara u. hat etwa 13,000 Ew., meist Sonrhays, Tuaregs u. Fullahs; zur Zeit der Ankunft der Karawanen hat es 5 —10,000 Einw. mehr. Die eigentliche Stadt bildet ein Dreieck, dessen Spitze nach stk. gerichtet ist; um diese herum liegen die Vorstädte; der südl. Theil ist am Lichtesten bewohnt. T. war stets Sitz mohammedan. Gelehrsamkeit, besitzt die 3 größten Moscheen des Sudan. Die Stadt hat einen großen u. einen kleinern Markt; die Häuser sind nur zum Theil aus Stein, zum Theil aus Lehm erbaut, in Len Vorstädten gibt es auch noch viele Strohhiitten. Außer dem aus der Sahara kommenden Salz sind Gold, Gummi, Leder-, Schmiedearbeiten, Baumwollenstoffe, Sklaven die Haupthandelsartikel. Als Hafen der Stadt am Niger gilt Kabara. Die Stadt stand früher unter einem eigenen Scheikh, welcher zugleich weltliches u. geistliches Oberhaupt der durchgängig mohammedan. Bevölkerung war, zahlt jetzt dem Herrscher von Mas- sina Tribut, wird von zwei Sonrhai-Emirs verwaltet; die Tuaregs machen ebenfalls Anspruch auf T. Die Stadt soll nach einer Geschichte Siddi-Achmed- Baba schon 1116 von einem benachbarten König Soliman erbaut worden sein. Im 14. Jahrh. war sie Hauptstadt eines mächtigen Reiches. Bon 1672 bis 1727 war sie den Marokkanern unterworfen n. seit 1795 bald vom Könige von Bambarra, bald vom Herrscher des Hanssa-Reiches abhängig. Als nach der Einwanderung der Fullahs die alten Reiche im Sudan zerfielen, hat T. sich wieder selbständig gemacht, kam 1826 aber an dieFullahs, die es jedoch nie militärisch besetzten. Alle frühere Kunde über die Stadt, so vielfältig sie auch nach Europa gelangt war, blieb dunkel, da Keiner der Europäer, welche sie erreicht hatten (wie Major Laing 1826) zurückkehrte. Der Franzose Rene Cailliö kehrte 1829 zwar aus T. nach Europa zurück, er war aber ohne Instrumente n. hatte auch in seiner Verkleidung als Muselman während der beiden Wochen seinesÄnfenthalts nicht hinreichend genau beobachten können. Erst Barth gelang es durch seinen Ausenthalt vom 7. Septbr. 1853 bis 8. Juli 1854 das Mysterium der Stadt auszuklären. Dronke. limso Oanaos, s. Danaer. piererLUniversal-Conversatwns-Lerilan. 6. Aust. XVt Ilmos (d. i. Zeiten), der Titel des bedeutendsten Organs der englischen Tagespreise, gegründet 1. Jan. 1788 von John Walter, seit 1877 auch in einer Wochenansgabe erscheinend. Timok, Fluß auf der Balkanhalbinsel, entspringt auf dem westl.Balkan, bildet auf eine größere Strecke die Grenze von Serbien u. Bulgarien u. fällt in die Donau. Timokratie (Timarchie, v. Gr.), nach Platon ein Staat, dessen Grundlage die Ehre ist; nach Aristoteles die Verfassung, wo Ämter und Ehrenstellen nach dem geschätzten Vermögen der Staatsbürger (Timema) ertheilt werden; daher die Herrschaft des Geldes, des Reichthums, s. u. Aristokratie. Timolcon, Korinthier vornehmerHerkunft, geb. 411, ein hochbegabter, edel gearteter griech. Staatsmann. Der leidenschaftliche Republikanismns, aus welchem heraus er 366 v. Chr. seinen Bruder Ti- mophanes ermorden ließ, als derselbe sich unter argen Freveln zum Tyrannen über Korinth aufwarf, zog ihm den tiefsten Zorn der Mutter zu. Nun hielt er sich nahezu 20 Jahre von allen Staatsgeschäften fern. Als aber nach dem I. 347 v. Chr. die Syra- kusier in ihrer Noch durch langwierige innere Unruhen , Tyrannis u. karthagische Eroberungsgelüste eine rettende Intervention von Len Korinthiern erbaten, wurde T. mit einem kleinen Corps nach Si- cilien geschickt. Nach mehreren Erfolgen i. I. 345 gelang es ihm 344, den Tyrannen Dionysios II. zur Übergabe von Ortygia (der syrakusischen Altstadt) n. zur Abreise nach Korinth zu bestimmen, dann den Hiketas aus dem Quartier Achradina, die Karthager ausdem.Hafen zu vertreiben, 343. Nachdem er daraus den Syrakusieern die Freiheit wieder gegeben und frische griechische Ansiedler nach Syrakus gerufen, die Karthager 342 durch einen glänzenden Sieg am Krimisos erschüttert, mit den anderen durch ihn von ihren Tyrannen befreiten sikeliotischen Städten einen Bund u. 339 mit Karthago einen guten Frieden geschlossen hatte (s. u. Syrakus), blieb er bis an seinen Tod in allgemeiner Achtung u. von großem Einfluß auf die Regierung. Seinen Geburtstag feierte ganz Sicilien, bes. weil er an demselben mehrere seiner Schlachten geschlagen hatte, als einen Festtag. T. starb erblindet 337 u. wurde zu Syrakus ans dem Markt in dem Gymnasium begraben, welches nach ihm Timoleonteum genannt wurde. Hertzberg. Timon, 1) T. der Miss nthrop, Athener, Zeit- genossedesAristophanesu.Alkibiades.alsMenschcn- hasser bekannt — eine durch seine Schicksale u. Sinnesweise motivirte Weltanschauung, die die Alten durch verschiedene drastische Züge illustrirt haben. Nach ihm ist der Name T. für einen Menschenfeind sprichwörtlich geworden. Über ihn schr. im Alterthum Lukia- nos (s. d.) u. in neuerer Zeit Binder (Über T. den Misanthropen, Ulm 1856). Shakspeare macht den T. bekanntlich zur Charakterperson seines Dramas: T. von Athen. 2) Skeptischer Philosoph u. Dichter aus Phlius, geb. um 370 v. Chr.; früher hatte er sich der Tanzkunst befleißigt, später lehrte er (Schüler des Pyrrho von Elis, dazu auch mit der Medi- cin vertraut) zu Chalkedon Philosophie u. Beredt- samkeit; darauf ging er, reich geworden wie er war, nach Theben n. zuletzt nach Athen, wo er um 280 starb. T. schr. außer anderen Werken namentlich: ein satirisches Lehrgedicht in 3 Büchern (da- 1. Band. 25 386 Timophanes — Tmiur. her er auch der Sillograph hieß), in welchem er die dogmatischen Philosophen mit skeptischen Argumenten bestritt; Fragmente seiner Schriften sammelte H. Stephanus in der vossis xiüloooplriea, Paris 1573; Brunck in den ^.nalsota II., 67 ff., III. 139, u. Jacobs in der Lntliologia valat. Vgl. I. F. Langheinrich, Vs Pimonis vita, ckoctriua st svrip- tis, Lpz. 1720, 21 u. 24; K. Wachsmuth, Vs 1i- mons vliliasio ostsrisgus silloArapirls Vraeois, Lpz. 1859. H-rtzberg. Timophanes, Bruder des Timolevn, s. d. Timor (malaiisch, d. h. Osten), 1) die östlichste u. größte Insel der Kleinen Sunda-Jnseln im Indischen Ocean u. von besonderer Bedeutung als Verbindungsglied zwischen Asien und Australien, mit steilen, wegen vorliegenden Korallenbänken schwer zugänglichen Küsten, im Inneren in der Längsrichtung von parallelen bis zu 2000 in reichenden, bewaldeten Gebirgsketten durchzogen, von denen zahlreiche, zeitweise reißende, zeitweise verstechende kleine Flüsse entspringen; 3025 Hsüm. Die Hitze ist meist sehr groß, Trockenheit herrscht während des Ostmonsuns von April bis Novbr.; die übrige Zeit des Jahres bringt der Westmonsun die Regenzeit. Die der indischen Natur zuneigende NHälfte ist fruchtbarer, als die sich der australischen zuneigende südliche , die Viehzucht bedeutender, als der (spärliche) Ackerbau; Hauptausfuhrartikel sind: Tripang, Bienenwachs, vorzügliches Sandelholz, Orangen und Metalle (Gold u. Kupfer). Die Bewohner (ungefähr H Will, in verschiedenen Stämmen) sind Mischlinge von Papuas u. Malaien. Der nordöstl. Theil der Insel gehört den Portugiesen (Hauptort Dilli); der (größere) südwestliche den Niederländern (Hauptort Kupang); die innere Verwaltung ist durchgängig den einheimischen Fürsten geblieben. 2) Niederländische Residentie, umfaßt den Antheil an T., sowie die benachbarten Inseln Rotti, Savu, Ombai, Lom- blen, Solor n. a.; 900,000 Ew.; Sitz des Residenten ist Kupang. Vgl. Studer in den Deutschen Geograph. Blättern, 1878. Thielemann. limoroso (ital.), furchtsam, schüchtern, leise. Timotheos, Athener, 1)SohnKanons von einer thrakischenMutter, kehrte 393 v.Chr. mitseinemVa- ter nach Athen zurück u. lebte daselbst durch Reichthum u. Bildung angesehen; zum Feldherrn u. Staatsmann von Natur reich begabt, ebenso thätig als glücklich, glänzte er seit 377 neben Chabrias u. Jphi- krates als Wiederhcrsteller der attischen Seemacht. Namentlich 375 verwüstete er die Küste Lakonikas, eroberte Kerkyra u. schlug die Spartaner unter Ni- kokles in Akarnanien, gewann dieses Land u. Epirus für die Athener; darauf zog er nach Thrakien, wo er für Athen neue Erwerbungen machte, verlor aber später, weil er dem durch Spartaner bedrängten Kerkyra nicht rechtzeitig zu Hilfe kam, 373 das Com- mando an seinen demokratischen Rivalen Jphikrates. Er ging nun nach Persien u. machte den Zug gegen Nektanebos I. von Ägypten mit, woraus er nach Athen zurückkehrte und sich mit seinem Widersacher Jphikrates aussöhnte. 367 wieder an die Spitze einer Flotte gestellt, entriß er den Persern Samos 365, operirte dann an dem Hellespont, gewann Se- stos u. Krithote, 364 Torone, Methane, Pydna u. Potidäa u. unterwarf die Chalkidike. 356 wurde er mit Jphikrates und Chares gegen die ab gefallenen Bundesgenoffen geschickt; Chares zerfiel aber mit seinen Collegen n. klagte sie in Athen als Berräther an. T. wurde 354 abberufen n. zu einer Strafsumme von 100 Talenten (4, 710 , 000 Ll) verurtheilt. Er ging nach Chalkis, wo er starb; von der Strafsumme bezahlte auf Grund eines Gnadenactes derAthener nachher sein Sohn Konvn nur 10 Talente. 2) T. aus Miletos, griech.Lyrikerim4.Jahrh. v.Chr. Er schr. Dithyramben u. soll nach Einigen die Kithara durch Hinzufügung von vier Saiten vervollkommnet haben. Fragmente in Bergks kostas Iz risi §r. u. mit deutscher Übersetzung in Hartungs Griechischen Lyrikern; vgl. G. M. Schmidt, Vs Mmotlrso in dessen vootas äitlrz-r., 1845. 3) Sohn des Klearchos, Freund des Jsokrates, mildern, gerechter Herrscher (353—338 V. Chr.)despontischeuHeraklea s.d.4). 4)Griech.Bildhauer nach der Mitte des 4. Jahrh. v. Chr., nahm theil an dem Bau des Mausoleums zu Halikarnas- sos. 5) Feldherr des Antiochos Epiphanes u. Statthalter des Landes jenseit des Jordans, bekriegte die Juden unter Judas Makkabäos, wurde aber von denselben besiegt. 6) Der Begleiter des Apostels Paulus geb. wahrscheinlich zu Derbe in Lykaonien als Sohn eines heidnischen Vaters u. einer jüdischen Mutter, Eunike, welche ihm eine fromme Erziehung gab; er wurde von Paulus zum Christenthum bekehrt u. zum Lehrer des Evangeliums u. Missionär geschult. Er begleitete den Paulus auf seiner Reise nach Makedonien u.Thessalonich, blieb dann zunächst mit Silas in Beröa, traf mit Paulus in Athen zusammen, ging wieder nach Thessalonich, arbeitete darauf mit Paulus an der Gemeinde in Korinth u. wurde von hier nach Ephesos u. wieder nach Korinth geschickt, worauf er den Paulus auf seinen ferneren Reisen begleitete; er war auch mit demselben in Rom, dann wieder in Ephesos, wo er die Kirche leitete. Die Echtheit der zwei Briefe des Paulus (einer von Laodikea od. Makedonien, der andere von Rom aus, s. u. Paulus 1), welche ihm Anleitung gaben über die rechte Führung des bischöflichen Amtes, ist höchst zweifelhaft. Die Tradition macht den T. zum ersten Bischof von Ephesos und läßt ihn unter Domitian zum Märtyrer werden. H-rhb-rg. Timothygras ist vülsuin pratsnss. Timsah , See, s. u. Suezkanal. Timur (d. h. Eisen, nach seinem durch Verwundung lahmen rechten Fuß, auch Timur lenk genannt, woraus im Abendlande Tamerlan entstand), der letzte der großen Mongolenherrscher, geb. 1335 in Kesch bei Samarkand als Sohn eines unbedeutenden Häuptlings, machte sich nach mancherlei Gefahren u. Abenteuern 1370 zum Herrscher des Reiches Dschagatai und trug von da an in unaufhörlichen Kriegszügen seine Waffen von den Grenzen Chinas bis nach Moskau, Kaukafien und die Küsten Kleinasiens u. Syriens einerseits u. bis zu den Ufern des Ganges anderseits. Näheres s. Mongolen, S. 143 f. Er st. 1405 auf einem Zuge gegen China. Seine Residenz war das von ihm prachtvoll ausgeschmückte Samarkand. T. war von hohem Wuchs u. eisernem Körper, unermüdlich n. von unerschütterlicher Standhaftigkeit, dabei von unersättlichem Ehrgeiz u. kein Mittel scheuend, sein Verlangen nach der Herrschaft über ein Weltreich zu befriedigen. Auf seinen Kriegszügen von rücksichtslosester Grausamkeit (unzählige Städte, darunter Jsfahan, Bagdad, Damaskus, 387 Tmchebrai Delhi gingen in Flammen auf und ihre Einwohner wurden niedergehauen), war er anderseits ein Freund u. Gönner von Gelehrten, namentlich Ärzten, Sterndeutern u. Geschichtschreibern, die er bei seinen Niedermetzelungen verschonte u. nach Samarkand schaffen ließ, und religiös tolerant u. indifferent. Sein ungeheures Reich (von der chinesischen Mauer bis zur Wolga u. Syrien) zerfiel nach seinem Tode bald. S. Mongolen, S. 144. Thi-km-mn. Tinchebrai, Stadt im Arrond. Domfront des sranz. Dep. Orne, am Noireau; Handelsgericht, Fabrikation von Quincailleriewaaren, Wollen - und Baumwollenzeugcn, Schlosserwaaren, Papier, Knöpfen, Stärkere., Färberei, Bleicherei; 1876: 2565 Ew. (Gem. 4565). Hier 1106 Schlacht zwischen Robert, Herzog von der Normandie, u. seinem Bruder, Heinrich I., König von England, in welcher Robert gefangen wurde. Tinctur (Mnctura), mit Weingeist, Äther, Wasser rc. bereiteter Auszug von arzneilichen Stoffen, bes. aus dem Pflanzenreiche. Tindal, Matthew, geb. 1656 zu Beer Ferris in Devonshire, stndirte die Rechte in Oxford, wurde unter Jakob II. Katholik, unter Wilhelm III. Protestant u. st. 1733 als Senior ani XII souls College in Oxford. Er ist der Hauptrepräsentant des Deismus (s. d.) in England. Nach ihm ist Religion überhaupt das Handeln gemäß der Vernunft, sofern dieselbe als Gottes Wille betrachtet wird, die natürliche Religion absolut vollkommen u. das Christenthum nur insofern Religion, als es mit der natürlichen Religion eins ist; Las ist aber das Christenthum auch wirklich, u. soweit etwas Neues in ihm ist, ist dasselbe nur Wiederherstellung der ursprünglich natürlichen, mit der Zeit durch Aberglauben entarteten Religion. Er schr.: Mw riAdt8 ot' tlw 6Iiristian vdurelr aossrtsä sto.; Helenes ok tds riAÜbs ob tffs Vlrr. Oduroii; Lkristianitz- as olä as tiw Creation or Mis Aospel a rspublieation ok tüs rs- liAion olnaturs, Land. 1730 (deutsch nebst Försters Widerlegung vonJ.L. Schmidt,Franks. 1741), wovon der 2. Th. nie gedruckt ward, wenigstens ist der 1750 erschienene untergeschoben; vgl. Small, LIs- moirss ol Urs like anä rvritin^s ok LI. I., London 1733: CH. Korthold, Oi88. äs LI. 1., Lpz. 1734. TiNde, Bergein Skandinavien, aufdenFjelds,s.d. Tinghai, Hauptort der chines. Insel Tschusan (s. d.), lebhafter Handel; 30,000 Ew. Tingis, Handels- u. Hauptstadt von Llauretania tin^itana, seit Augustus eine freie Stadt, unser Kaiser Claudius römische Colonie; jetzt Tanger, s. d. Tinkal, der natürliche, in den Boraxseen SAme- rikas, des. Boliviens u. Nevadas auskrystallisirende, meist noch sehr unreine Borax. Er wird in Europa Icm (78,o2s UM) mit (1871) 216,713 Ew. (ans 1 Hjicm 50,4, in ganz Irland 64). Die Bevölkerung, welche 1861 noch 247,496 und 1851 sogar noch 331,567 Seelen betrug, ist in fortwährender Abnahme begriffen; 95°/o derselben sind katholisch. Der westliche ebene Theil der Grafschaft wird durch einen Höhenzug, aus den Silver Mine Mountains (Keeper, 661 ru) u. Devils Bit Mountains (479 in) bestehend, von der Thalebene des Suir getrennt. Im S., auf dem rechten Ufer des Suir, erheben sich die Galty Mountains (Galty- more916 m) u. dieKuockmealdown Mountains (793 in); im O. ist das Land hügelig u. steigt nur gegen S. in dem Slieve Naman zu einer Höhe von 720 >n an. Gewässer: Shannon, welcher an der Grenze gegen Galway n. Cläre den See Dcrgh bildet, und Suir, dessen Thal theilweise, namentlich aber im sogen. Goldenen Thale in der Gegend von T. sehr fruchtbar ist, sowie mehrere kleine Flüsse. Von der Gesammtobcrfläche sind etwa 31 °/o Ackerland und Wiesen, 48"/„ Weiden n. 2,5 °/o Wald. Von Mineralien werden Steinkohlen u. etwas Zink gewonnen; auchKupfer,Bleiu. andere Metalle kommeuvor. Die Hauptbeschäftigung der Bewohner bilden Viehzucht u. (weniger) Ackerbau. Die unbedeutende Industrie ist durch Leinen - u. Wollenmanufacturen, Whiskybrennerei n. Bierbrauerei vertreten. Die Grafschaft gehört größtentheils dem Grafen Ormond. Die Eisenbahnen von Limerick nach Cork u. von Mary- borough über T. nach Watersord durchschneiden die Grafschaft. Hauptort ist Clonmel. 2 ) Marktstadt darin, im fruchtbaren Goldenen Thal an einem Nebenflüsse des Suir, Eisenbahnstation; Latein. Schule, Zuchthaus, Binnenhandel; 1871: 5638 Ew. H. Berns. Tippu Sahib, Sohn von Haider Ali, Herrscher von Maisur in Indien, geb. 19. Nov. 1749, übernahm nach dem Tode seines Vaters (Dec. 1782) die Regierung inmitten des Krieges mit den Engländern, den er nicht unglücklich führte, der aber 11. Mai 1784 durch den Frieden von Mangalur beendigt wurde. Er verzichtete hierin auf seine Eroberungen im Carnatic, behielt aber dafür die Herrschaft über Calicut u. andere Plätze in Malabar. Sein unermüdliches Bestreben, sein Reich zu vergrößern u. ein ungerechter Angriff auf den Radscha von Travan- core führten 1790 zu einem neuen Kriege mit den Engländern, in welchem er vor seiner Hauptstadt Seringapatam 1792 zum Frieden und Herausgabe aller Eroberungen gezwungen und auf Maisur beschränkt wurde. Bon nun an war brennender Haß gegen die Engländer u. die Vernichtung ihrer Macht in Indien das Ziel aller seiner Gedanken, was er durch Verbindungen mit Afghanistan, Persien, den Mahratten u. namentlich durch französische Hilfe zu erreichen strebte. Die englische Regierung kam ihm daher 1799 mit einer Invasion in Maisur zuvor, wo er bei der Erstürmung von Seringapatam 4. Mai 1799 den Tod fand. T. S. war ein fanatischer Mohammedaner, voll Arglist u. Grausamkeit, dabei von großer Energie; mit ihm starb der gefährlichste Feinv der Engländer zu damal. Zeit. Thlclemann. Tlpton (Tibbington), Stadt in der engl. Grafschaft Stafford, Eisenbahnstation, 3 icm südwestlich von Wednesbury, im Mittelpunkt des Bergbaure- 390 Tirade — Tiresias von Theben. viers; bedeutende Eisenwerke (Eisengießerei, Fabrikation von Dampfkesseln-c.), chemische Fabrik; 1871: 29,445 Ew. Tirade (v. ital. Piraäa), lange Reihe von Worten, Wortschwall, rednerische Ausschmückung, welche die Rede mit urtheilslosen oft irre führenden Schlagworten ohne Noth verlängert; in der Musik eine schon beim Beginn einer selbständigen Instrumentalmusik vorkommende Spielmanier, welche in der Auflösung größerer Noten in kleinere bestand; jetzt die Ausfüllung größerer Intervalle durch ton- leitermäßige Läuse. Die T. ist meistens vorgeschrieben, wird aber auch aus eigener Wahl angebracht. Tirailliren (v. Franz., blänkeln), in zerstreuter Ordnung fechten. Die aufgelösten Schützen bilden die Tirailleurlinie, die beiden Leute einer Rotte secundiren einander, zwischen den einzelnen Rotten bleiben Abstände von 5—10 Schritt. 4—6 Rotten, entsprechend den Sectionen in geschlossener Ordnung, bilden eine Gruppe u. werden von einem Unteroffizier geführt. Jeden aufgelösten Zug führt ein Offizier. Der aufgelösten Linie folgen Unterstützungstrupps in geschlossener Ordnung aus 100—200 Schritt Entfernung. Die Bestimmung der Tiraillenrs ist bei der Aufstellung einer Abtheilung die feindlichen Schützen von derselben fern zu halten, beim Vorrücken feindliche Schützen zu vertreiben, den Hauptangrifs zu verbergen, vorzubereiten u. zu erleichtern, beim Rückzug u. bei Flau- kenmarfchen die geschlossene Abtheilung zu decken. Der Vorzug des Tirailleurgesechtes ist, daß die einzelnen Rotten sich frei bewegen können, jeder kann seinen Schuß abgcben, wenn es ihm zweckmäßig erscheint, er kann das Terrain benutzen, um sich gegen feindliches Feuerzndecken; die Intelligenz,derMuth des einzelnen Mannes wird entwickelt; die durch viele Zwischenräume unterbrochenen Linien bieten dem Feuer des Feindes geringeres Ziel, als geschlossene Abheilungen. Nachtheil ist die Schwierigkeit der Führung langer Linien im durchschnittenen Terrain. Der Tirailleur hat den kleinsten Terraiugegenstand zu benutzen, um sich zu decken, d. h. zu vermeiden, daß feindliche Schüsse ihn treffen. Trifft man beim Avauciren und Retiriren auf einen Deckung versprechenden Terraingegenstand, so lausen die Ti° railleurs die letzten 100—150 Schritte auf denselben zu. In Terrain, welches keine Decknng bietet, wird sprungweise avancirt, d. h. ein Theil der Tirailleurlinie läuft 50—60 Schritt vor, wirft sich nieder u. nimmt das Feuer auf, dann folgt der andere Theil in derselben Weise u. so fort. Im neueren Gefecht tritt die Infanterie in vorderster Linie nur in zerstreuter Ordnung auf. Ganze Compagnien u. Bataillone werden in Tiraillenrs ausgelöst, ihnen folgen die Bataillone des zweiten Treffens in Compagnie- colonnen auseinandergezogen, um dem feindlichen Feuer möglichst geringe Ziele zu bieten. Die Führung dieser über weite Terrainflächen zerstreuten Abthellungen u. ihre Leitung zu dem einen Gesechts- zweck ist die Hauptschwierigkeit der jetzigen Fechtart, die Lösung derselben, Aufgabe der Friedensmanöver. Die Bewegungen, welche man gewöhnlich mit den Tiraillenrs ausfllhrt, sind: Avanciren, Retiriren, diese u. andere Bewegungen erfolgen im Geschwindschritt vd. Trabe; Links u. rechts ziehen (mit Achtelwendung links und rechts marschiren); Marsch mitLinks-u. Rechtsum» findet nurselten, etwa um eine Umgehung vorzubereiten od. um einer solchen vorzubengen, statt, meist beim Öffnen der Zwischenräume, um der Unterstützungsmannschaft Raum zu gewähren od. umgekehrt, nachdem diese wieder zurückgezogen ist, beim Zusammenrücken; rechten od. linken Flügel vor, dem Schultervornehmen in geschlossener Ordnung gleich u. höchstens den achten Theil des Kieises betragend; die verschiedenen Arten Unterstützungen vom Soutien zu erhalten u. zurllckzuschicken; Sammeln, entweder auf der Stelle od. beim Zurückgehen u. so, daß die Front des Bataillons frei wird u. die gesammelten Tiraillenrabtheilnngen mit Rechts- und Linksum, durch die Bataillonsintervallen, hinter die Front ihrer Abtheilnng eilen, sich dort so schnell als möglich ralliiren (s. d.) u. in ihre Abtheilung einrücken. Erscheint unerwartet Cavalerie vor einer Tirailleurlinie, so bildet diese auf das Signal: Quarrefor- miren! gewöhnlich kleine Trupps, welche, nach allen Seiten Front machend, sich der Reiterei zu erwehren suchen. Hin und wieder sind auch von Infanterie in aufgelöster Ordnung Attaken der Cavalerie abgewiesen. Ist die Gefahr vorüber, so wird auf das Signal: Schwärmen! die zerstreute Fechtordnung wieder hergestellt. Schon die Schützen des Alterthums kämpften als Tiraillenrs, u. diese Fechtweise erhielt sich nach Erfindung der Feuerwaffen bis zum 17. Jahrh. Im 17. n. 18. Jahrh. verschwanden die Tiraillenrs, der NAmerikanische Befreiungskrieg rief sie wieder ins Leben. In Europa führten sie die Franzosen im Revolutionskrieg wieder ein, u. bald folgten ihnen alle Armeen. l. Tiräno, Stadt in der ital. Prov. Sondrio, an der Adda im Beltlin, mit alten Palästen der Visconti, Pallavicini u. Salis; 2672 Ew. Dabei die Wallfahrtskirche Madonna di T. Tiras (Tyraß), von grauem Zwirn gestricktes Deckgarn, ca. 20m lang u. 13 m breit, womit Rebhühner, Wachteln, Fasane gefangen werden. Beim Tirassiren ziehen 2 Personen, welche das Netz an einer straff angespannten Leine festhalten, dasselbe, wenn der Hühnerhund steht, über das Wild hin n. lassen es darauf niederfallen. Tiraspol, Kreisstadt im russ. Gouv. Cherson, am Dnjestr, har 2 Theile, die Festung u. die 1H Lm davon liegende eigentliche Stadt; diese ist regelmäßig aber schlecht gebaut, hat breite Straßen, mehrere Kirchen; 16,692 Ew. (worunter viele Raskolniken). T. ist der Sitz sowol einer römisch-katholischen als armenisch-katholischen Eparchie. Der Handel mit Landesproducten (Getreide, Wein rc.) hat sich seit Eröffnung der Bahn Sjewerinowka (Odessa) - Ki- fchenew, an welcher T. liegt, sehr gehoben. Tiree (Tyree), Insel aus der Gruppe der südlichen Hebriden, zur schott. Grafsch. Argyle gehörig, von der Insel Coll durch den Gnnna-Sund getrennt; 83 Uficm (1,s (DM) mit 2850 Ew. Von der Oberfläche der imJiinern meist ebenenJnsel, welche sich im Ben Haynish bis zu 142 m erhebt, find etwa 30 °/„ angebaut. Tiresias von Theben, Sohn des Eueres und der Nymphe Chariklo, berühmter Weissager der griechischen Vorwelt. Er war von Athene als 7jähriger Knabe geblendet worden, weil er einst dieselbe nackt im Bade erblickt hatte; später schärfte dafür die Göt- 391 Tirgovist tin auf die Bitte seiner Mutter seine Ohren so, daß er die Stimmen der Vögel verstand. Nach einer an- derenWendung der Sage sah er einst ans demKyllene ein Paar Schlangen sich begatten und schlug nach ihnen; plötzlich wurde er in ein Weib verwandelt; so blieb er 7 Jahre, bis er jene Schlangen wieder antraf, das Männchen tödtete u. so sein voriges Geschlecht wieder erhielt. Da nun Zeus u. Hera einst mit einander stritten, ob bei derBegattung derMann od. die Frau mehr Vergnügen empfinde, so nahmen sie T-, weil er Mann und Frau gewesen war, zum Schiedsrichter. T. entschied für die Anficht des Zeus; dafür blendete ihn Hera, aber Zeus verlieh ihm die Gabe der Weissagung und ein langes Leben von 7 Menschenaltern. Er weissagte in Theben zur Zeit des Ödipus n. der beiden Thebanischen Kriege. Von den Epigonen gefangen u. ans Theben fortgefllhrt, um ihn dem Apollo in Delphi zu weihen, st. er an der Quelle Tilphusa bei Haliartos, wo man später sein Grabmal zeigte. Er blieb Prophet noch in der Unterwelt. Zu Orchomenos hatte er ein Orakel. Seine Tochter war die Seherin Manko. Hertzberg. Tirgovist (Tirzovischtea), Hauptstadt des Kreises DumbowitzaderWalachei,ehemalsResidenzderFür-. sten des Landes, an der Jalomitza; groß, aber ver- fallen, altes Schloß, Metropolitankirche, zahlreiche andereKirchen, mit Glashütte, einigem Handel; ehe. mals 30,000, jetzt nur 8190 Ew. Tirhaka (Bibel) Tarkos, Tahraka, s. Ägypten (Gesch.) 294. Tirhut, früherer District der Division Patna der indobrit. Präsidentsch. Bengalen, am linken Ganges- nser bis zum Himalaja sich hinstreckend; stark bewässert (vom Gandak u. a.) n. sehr fruchtbar, namentlich Indigo,Zucker,Tabak, Reis hervorbringend; 16,428 u. 4,384,706 Ew. Hauptort war Mozaffer- pnr. Der District ist 1877 in die beiden Districte Darbhanga (Osthälfte) mit 2,196,324 Ew. u. Mo- zufferpur od.Muzafsarpur (WHälfte) mit 2,188,382 zerlegt worden. T. ist das altindische Mithila, ein schon in früher Zeit hochcultivirtes n. namentlich den Buddhisten heiliges Land; im Mittelalter Streitpunkt zwischen den Herrschern von Delhi u. Bengalen, seit 1538 im Besitze des Großmoguls u. 1765 an die Engländer abgetreten. Tiria (Tire), Stadt im asiatisch-türkischen Vila- jet Aidin, am Kütschük Mindere; etwa 20,000 Ew. Tiridates, Name mehrerer Könige von Par- thia, s. d. S. 137. Tiris, der westlichste, an den Atlantischen Ocean grenzende Theil der Sahara, zwischen dem Wendekreis des Krebses u. dem südlichen Cap Blanco, im O. bis zu den Salzlagern vonAderer reichend; völlig bäum- u. strauchlos, ist das Land im Sommer eine absolute Wüste, bedeckt sich aber von Oktober bis Mai mit den Winterregen mit dichtem Gras u. Kräutern und wird dann als Weide für die Kamele der umliegenden Länder (selbst von Senegambien, Ta- gane rc.) benutzt. Tirlemont (fläm.Thienen), Stadr im Arr. Löwen der belg.Prov. Brabant, an derGeete, Station der Belg. Staatsbahn; früher befestigt u. von weit größerer Bedeutung; mehrere bemerkenswerthe Kirchen; Fabrikation von Maschinen, Wollenwaaren, Leder, Öl, Getreide- u.Wollenhandel; 1876:13,296 Ew. Geburtsort des Jesuiten Bollandus. — T. — Tirol. wurde 18. Juli 1705 von Marlborough genommen. Hier 16. März 1793 Sieg der Franzosen unter Du- mouriez über die Österreicher. Tirnau (Tyrnau, mag. Nay-Szombat), königl. Freistadt im ungarischen Comitat Preßburg, an der Trnava, Station derWaagthalbahn; Bezirksgericht, Sitz eines erzbischöflichen Generalvicars, 11 Kirchen (darunter der sehenswerthe katholische Dom, 1389 gegründet), Collegiatpropstei zu St. Nikolaus, Je- suitencollegium, Kloster dcrFranciscaner (1283 gestiftet) n. der Urjulinerinnen, Seminar, Öbergym- nasium, Lehrerpräparandie, Krankenhaus, städtisches Bürger- u. Comitats-Hospital, Zucker- u. Essigfabrikation, Tuch- u. Leinenweberei, lebhafter Handel, Weinbau, bedeutende Jahrmärkte; (1869) 9737 E. — T., eine der ältesten königl.Freistädte inUngarn, war im Mittelalter ein wichtiger Ort. Die böhm. Königin Constantia ließ die Stadt befestigen und BelalV. erhob sie 1233 zur Freistadt. Der Primas Pazmann gründete hier im 17. Jahrh. eine Akademie, die spätere Universität, welche 1773 nach Pest verlegt wurde. In T. schloß 1619 Bethlcn Gabor mit den Böhmen ein Bündniß, n. 1644 fanden daselbst zwischen demKaiser u. Rakoczy Unterhandlungen statt, die sich aber zerschlugen. Letzterer eroberte 28. Mai 1645 die Stadt. Hier 26.Dec. 1704 Niederlage Rakoczys durch die Kaiserlichen unter Hei- ster; l6.Dec. 1848 Sieg der Österreicher unter Si- mnnich über die Ungar. Insurgenten. Am 28. Mai 1849 wurde T. von den Russen besetzt. H- Berns. Tirnowa, Stadt im Fürstenthum Bulgarien, in entzückender Lage an der Jantra bei deren Austritt aus dem Gebirge, ehemals Hauptstadt des Königreichs Bulgarien u. Residenz der Könige, u. neuerdings wieder zur Hauptstadt des Fürstenthums Bulgarien bestimmt; ist auch die bedeutendste Handels- und Industriestadt des Landes; von Wichtigkeit sind die Seiden- und Tuchwebereien, Färbereien u. die Brennereien; letztere finden sich fast alle vereint in der Vorstadt Marcianopoli u. liefern namentlich den beliebten Rakie (Zwetschenbranntwein) und Spiritus. Zahlreiche Kirchen ».Moscheen. Die Umgegend ist reich n. bringt namentlich viel Obst hervor. 15,000 Einw. Die Ttadt wurde 1393 von Celebi, einem Sohne Bajesids, erobert u. großentheils zerstört. Bedeutende Ruinen von Kirchen u. Palästen zeugen noch von der alten Herrlichkeit der Stadt. 7iro (lat.), ein junger Soldat, Recrut; jeder Anfänger, Neuling in Kunst und Wissenschaft. Daher 'I'iroointum, der erste Soldatendienst, die erste Probe in etwas; bei den altenRömern derAustritt aus den Knabenjahren; dann so v. w. Lehrjahre; ein Lehrbuch für Anfänger. Tirol (Tyrol), im Alterthum von keltischen und gallischen Völkerschaften bewohnt, gehörte nach Unterwerfung der südlichen germanischen Völkerschaften bis zur Donau durch die Römer seit dem 1.15 v. Chr. größtentheilszur Römerprovinz Rhätien,Vorarlberg u. das Lechthal zu Vindelicien, das Pusterthal zu Noricum. In den Stürm ender Völkerwanderung, als Markomannen, Alemannen, Gothen u. bes. die Hunnen das Land nach der Reihe verheerten, zogen sich die alten Rhätier in die unzugänglichen südöstlichen Thäler zurück, u. ihre Nachkommen sitzen noch heute mit rhätoromanischem Dialekt im Enneberger und Nonsberger Thale. Nach Theoderichs d. Gr. Tode (526) besetzten Longobarden den S., die Ba- joaren den N. von T., so Laß zu Karls d. Gr. Zeit den N. u. zwar den größeren Theil die bayer. Herzoge beherrschten, den südlichen Theil die von den longobard.Königen eingesetztenHerzöge vonTrident. Karl d. Gr. theilte nach der Eroberung des Longo- bardenreiches n. LerAbsetzung Thassilos von Bayern T. an mehrere Grafen aus, die später mit dem Sinken des Frankenreiches unter den letzten Karolingern Vasallen der in Bayern wieder aufgekommenen Herzoge wurden. Von diesen erscheinen als die mächtigsten im 12.Jahrh. die auch außer T. reich begüterten Grafen von Andechs, neben ihnen die Grafen von T. und Grafen von Eppan: die Geschichte des Landes spielte damals bes. im Thale der Etsch von Meran bis Botzen, eine der burgenreichsten Gegenden von Deutschland, wo auch Las uralte Stammschloß der Grasen vou T. liegt, die, wie das ganze Land, nachdemStaudguartier LerRömer st?sr1o1a oa8tra den Namen führen sollen. Der letzte Graf von Eppan zog 1241 gegen die Mongolen u. hinterließ seine Güter dem Bisthume Brixen. Die Grafen von Andechs, durch Kaiser Friedrich I. zu Herzogen von Meran erhoben, starben 1248 mit Otto II. aus, ihr Besitz kam au den verwandten Grafen Albrecht von T., Lessen Tochter den Grafen Meinhard von Görz hei- rathete. Der älteste Sohn aus dieser Ehe, Meinhard, erhielt T., der jüngere, Albrecht, Görz. Doch blieben T. u. Görz meist immer miteinander vereinigt, u. Meinhards Sohn, Meinhard IV., der Schwiegervater AlbrechtS von Österreich, erhielt von Rudolf von Habsburg 1286 auch Kärnthen. Er starb 1295. Sein jüngster Sohn Heinrich von Kärnthen u. T. hinterließ bei seinem Tode 1335 aus der Ehe mit Anna von Böhmen, infolge deren er nach des böhm. Königs Wenzel kinderlosem Tode vergeblich Ansprüche auf dies Königreich erhob, eine einzige Tochter, die berüchtigte Margarethe Maultasch (s. Margarethe 11), mit der die glanzvollen Zeiten des selbständigen T., der größten Grafschaft in Deutschland, endeten. Nach ihres zweiten Gemahls Ludwig (1361) u. des einzigen Sohnes n. Erben Meinhard (1363) Tode vermachte Margarethe das ganze Land an das ihr verwandte Habsbnrgische Haus gegen eine Pension, die sie bis zu ihrem Tode 1366 in Wien verzehrte. Unter ihrer Regierung waren wüste u. schreckliche Zeiten über T. hereingebrochen, Kärnthen an Österreich gekommen. Zwischen den Tirolern u. dem Hause Habsburg bildete sich schnell das oft gerühmte Verhältniß hingebender Treue, das zuerst Herzog Friedrich IV. mit der leeren Tasche erfuhr, der älteste Sohn des bei Sempach gefallenen Herzogs Leopold, dem 1406 bei der Erbtheilung T. zugesallen war. Als Friedrich dem vom Koustanzer Eoncil zur Abdankung gezwungenen Papste Johann LX.III. zur Flucht verholsen und deshalb der Reichsacht verfallen war (1416), suchte ein großer Theil des Tiroler Adels, der sog. Elephantenbund, unter dem Minnesänger Oswald von Wolkenstein, sich unabhängig zu machen. Doch das Tiroler Volk waffuelesich für Friedrich ».sicherte dem Herzog, während er selbst sich eine Zeit lang in der Einöde des Ötzthales verborgen hielt, die Herrschaft, Friedrich dagegen den Bauern die alte Freiheit, u. zwar Gleichstellung in den Rechten mit dem Adel u. dem Klerus (Landtag von Meran 1423). Nach dem Tode Sigismunds, des Sohnes von Friedrich, kam 1490 die Grafschaft au Maximilian I., unter dem sich das Trenverhältniß noch enger knüpfte. Ihm wird das Wort beigelegt: „T. ist nur ein grober Bauernkittel, aber er hält warm." In den Kriegen mit Venedig hatte Maximilian, der so oft auf den Tiroler Bergen die Gemse jagte, seine treueste Stütze an T. Im Frieden von Noyon 1516 mußte dann auch Venedig die Wälschen Confinien abtreten; schon 1500 hatte Maximilian das zu Kärnthen gekommene Pusterthal mit T. vereinigt, sowie 1505 die bayerischen Gerichte Kufstein, Rattenberg u.Kitzbühel. Er führte zuerst den Titel gefürsteter Graf von T. u. gab 1511 das erste Landlibell, welches den Landsturm für T. feststellte. Sein Nachfolger war seit 1519 Ferdinand, Bruder Karls V., der die Reformation, welche im Laude Eingang gefunden hatte, und die Banernunruhen, welche sich 1525 auch hier zeigten, mit Strenge unterdrückte. Nach Ferdinands Tode übernahm sein zweiter Sohn, Erzherzog Ferdinand, die Regierung T-s (1564). Er ist der Gemahl der schönen Philippiue Welser ans Augsburg, deren Söhne, die Markgrafen von Burgau, jedoch nicht erbfähig waren, während Ferdinands zweite Ehe mit Anna Gonzaga von Mantua kinderlos blieb. So fiel T., in dem unter Ferdinand das Bergwesen verkümmert, das geistige unv regsame Leben unter dem Walten des Jesnitismus gesunken war, an das kaiserl. Haus zurück, und Rudolf II. übergab 1602 die Verwaltung seinem Bruver Maximilian, nach dessen Tode 1618 Erzherzog Leopold aus der steierischen Linie folgte. Nach seinem Tode 1632 führte seine Gemahlin Claudia von Medici die Regentschaft für den ältesten Sohn Ferdinand Karl, der von 1646 bis zu seinem Tode 1662 selbst regierte. Der glänzende Hofhalt Claudias u. die Durchzüge liguistischer Truppen haben in dieser Zeit das Land über Vermögen in Anspruch genommen. Mit dem Tode Franz Sigismunds, dem Bruder von Ferdinand Karl, starb 1665 die steierische Nebenlinie in T. wieder aus und Las Land wurde fortan von Wien ans regiert. Die treue Anhänglichkeit der Tiroler an das Kaiserhaus, die sie in allen Kriegen Österreichs bewährt, zeigte sich bes. im Spanischen Erbfolgekriege 1703, einem würdigen Vorspiel des Kampfes von 1809. Kurfürst Max Emanuel von Bayern suchte vergeblich sich durch einen Einfall von N. her mit den von S. unter Vendome anrückenden Franzosen zu verbinden: er mußte das Land vor dem Aufstande der Bewohner verlassen. Unter Maria The- resia wurde viel für Verbesserung von Schulen, Anlage von Landstraßen u. Hebung des Ackerbaues ge- than. Doch Kaiser Josephs II. Reformen, bes. das Toleranz-Edict des aufgeklärten Monarchen, der jedoch Len Tirolern als der Antichrist erschien, behag- ten ihnen gar nicht, u. die erbitterte Stimmung fand erst Beruhigung, als Leopold II. auf einem offenen Landtage die alten Zustände wieder herstellte. In den Revolutionskriegen verjagten die Tiroler häufig die Feinde von ihren Grenzen, doch mußte im Frieden von Preßburg (26. Dec. 1805) Österreich das Land an Bayern abtreten, das einen Inn- u. Etschkreis daraus bildete und sogar den alten Namen T. in SBayern ändern wollte. Als aberÖsterreich sich 1809 zum Kampfe gegen Frankreich rüstete u. vazu Aufforderungen zum Aufstande gegen die neue Re- 393 Tirol ii. Vorarlberg. gierung vom Erzherzog Johann und dem patriotischen Geschichtschreiber Hormayr ausgingen, da erhob sich allenthalben T. gegen die Unterdrücker, Der Sandwirth Andreas Hofer, Speckbacher u. der Kapuziner Haspinger waren die Führer, welche die Tiroler 8 Monate lang in einem Heldenkampfe leiteten, wie ihn die Geschichte nur selten verzeichnet hat. Das Beispiel T-s wirkte u. zündele in ganz Deutschland. Der Friede von Wien 1809 gab T. den Feinden preis; es ward anseinandergerissen u. der nördliche Theil kam zu Bayern, der südliche zu Italien, als dessen König Napoleon anerkannt werden mußte. Aber bereits 1814 in dem ersten Pa- riser Frieden wurde das ganze Land unter seinem Namen T. wieder init Österreich vereint, und be- wahrte, wenigstens das deutsche T., auch in der neuesten FeitdenHabsburgern die alteTreue. Denn als beim Ausbruche der Revolution 1848 Kaiser Ferdinand nach Innsbruck floh u. die Welschtiroler im S. sich anschickten, der aufständischen Lombardei n. dem König von Sardinien beizntreten, ergriffen 20,000 NTiroler die Waffen n. schützten das Land erfolgreich gegen die äußeren u. inneren Feinde. Dagegen fand das Februar-Patent (s.Österrcich,Gesch.) von 1861 in T. keinen großen Anklang, u. die Alttiroler verlangten in einer Adresse ihre alte ständische Gliederung wieder, während dieSTiroler Abtrennung der ital. Bezirke von den deutschen forderten. Als aber 8 . April 1861 durch Patent die Gleichstellung der Protestanten mit den Katholiken ausgesprochen ward, richtete auf Antrag des Fürstbischofs von Brixen der T-er Landtag an den Kaiser eine Petition, nach welcher die Ausübung des öffentlichen Gottesdienstes, Bildung kirchlicher Gemeinden, Erwerb von Realbesitz nur den Katholiken zustehen sollte. Die Petition hatte damals keinen Erfolg, aber nach Sistirnng der Verfassung 1865 wurde durch Gesetz vom 7. April 1866 die Bildung protestantischer Gemeinden von der Einwilligung des Landtags abhängig gemacht. Die Errichtung einer Statthal- tereiabtheiluug für die beiden wälschen Kreise T-s konnte die STiroler nicht abhalten, nüt den Vorgängen von 1866 in Italien zu sympathisiren. Nach Wiederherstellung der Verfassung 1867 heschloß der Landtag unter besonderer Wahrung der selbständi- genStellung des Landes denReichsrath zu beschicken. Neue Aufregung riefen unter denKlerikalen die kirchliche» Gesetze (Eherecht, Schulgesetze, Gleichstellung der Protestanten) hervor, u. als bei einem Anträge auf Versassungsrevision im Abgeordnetenhause den Tirolern Mangel an Nationalgefühl u. ihre klerikale Gesinnung vorgeworfen wurde, schieden 6 T-er Abgeordnete aus der Versammlung, 1870. Inzwischen war aber als neue Concession an den T-er Patriotismus ihnen die von ihrem Landtage beschlossene Landesvertheidigungsordnung vom Kaiser bestätigt, u. dieser Concession, sowie dem festen Auftreten des Statthalters von Lasser war es zu danken, daß von T. in den Reichstag gewählt wurde. Ein Con- flict gelegentlich der Rectorswahl für die Universität Innsbruck fand seine Erledigung dadurch, daß die Jesuiten, denen das Recht, das Rektorat zu führen, vom Cultusminister wegen Mangels an Beamten- qualität bestritten worden, dem Kaiser den Eid leisteten u. damit jene Qualität erlangten. Dagegen wurden neue Jesuitenansiedelnngen in T. verboten. April 1875 traten auch die Wälsch-Tiroler in den Landtag, der 1876 sich aus Anlaß der Gründung zweier neuen protestantischen Gemeinden zu einem Proteste gegen die Kirchen- und Schulgesetze, sowie gegen die Wahlreform, welche den Liberalen eine ansehnliche Minorität, wenn auch nicht die Majorität verschafft hatte, erhob, worauf die Klerikalen 9. März den Saal verließen. Im neuen Landtage von 1877, dem der Kaiser einen Liberalen, Bossi- Fedrigotti, zum Präsidenten (Landeshauptmann) gab, erneuerten die Klerikalen ihren Protest gegen Aufhebung der Glanbenseinheit und konfessionslose Schulen, ohne daß jedoch demselben weitere Folge gegeben wurde. Der Wunsch der Wälsch-Tiroler nach einem eigenen Landtage wurde aus politischen Gründen 15. Mai vom Abgeordnetenhause des Reichsra- tbes abgelehnt u. darauf auch deuAgitationen der ital. Annexionisten von der Regierung eine größere Aufmerksamkeit zugewendet. Im Übrigen hat unter der Leitung derStalthaltereidurchdenGrafenTaaffe eine ruhigere, versöhnlichere Stimmung Platz gegriffen. Der Geschichtschreiber des Landes ist I. v. Hor- mayr in folgenden Werken: Geschichte der gefürsteten Grafsch. T., Bd. 1 in 2 Abthl., Tüb.1806—8; Die Grafen von Andechs, Diessen, Plassenbnrg, Wolfershausen u. Ambras, Markgrafen in Istrien rc.; SämmtlicheWerkelll., Stuttg. u.Tüb.1822; Das Land T. u. der T-er Krieg von 1809, 2 . A. Lpz. 1845; Das Heer von Jnnerösterreich unter den Befehlen des Erzherzogs Johann im Kriege von 1809, 2 .A. ebd. 1848 (unter wesentlicherTheilnahme des Erzherzogs Johann verfaßt). Vgl. außerdem: I. Egger, Gesch. T-s, Bd. 1 , 2 ,3,Jnnsbr. 1872, 73, 78—79; T. unter der bayer. Regierung, mit Akten- stücken, Bd. I., 1 . II., Aar. 1816; T-er Geschichts- qnellen, Bd. 1 , Jnnsbr. 1867; Huber, Geschichte der Vereinigung T-s mit Oesterreich, Jnnsbr. 1864; Scheer, Geographie und Geschichte von T., 2 . Ausl. Jnnsbr. 1860. Schmitz. Tirol u. Vorarlberg, gefürstete Grafschaft II. Kronland der österreichisch-ungarischen Monarchie, nach dem Schloß T. genannt; grenzt im N. an Bay- ern u. den Bodsnsee, im W. an die Schweiz und Liechtenstein, im S. an Italien u. im O. an Kärnten u. Salzburg; 29,326,», Icm (532,»^ s^M) mit (1869) 885,789 Ew. (auf 1 sH üm 30, in der ganzen österreich.-ungar. Monarchien). Tirol allein umfaßt 26,724,»» dstcm (485,» 4 » s^M) mit (ohne Militär) 776,283 Ew. und das Land Vorarlberg 2602 , 2 » m>cm ( 47 , 2 »g HW) mit102,624Ew. (Offi- ciell berechnete Bevölkerung 1876: Tirol 792,023, Vorarlberg103,630). Tirolu. Vorarlberg,das höchste und gebirgigste aller Kronländer der österreichischungarischen Monarchie ist ein echtes Alpenland. Es gehört theils den Mittel-, theils den Ostalpeu an und zwar allen 3 Alpenzonen (der Centralkette, sowie den im S. u. N. vorgelagerten Ketten), welche durch das Innthal und ferner durch das Etsch-, das Eisack- und das Pusterthal von einander getrennt sind. Nördlich vom Inn erfüllen Las Land zwischen Rhein u. Lech die Vorarlberger Alpen mit dem Bregenzer Wald (Mittagsspitz, 2100 m), der Rotheu Wand (2705 m), dem Art- od. Adlerberge (1786 m), u. dem Hochvogel(2663m); zwischen Lech u. Inn die bayerischen od. nordtirolischen Kalkalpen mit der Parseierspitze (2942 m), dem Muttekopf 394 Tirol u. Vorarlberg. (2773 m), dem Wettersteingebirge (Zugspitze, 2962 m), dem Kahrwändel-Gebirge (Grabenkahr, 2557 m) u. dem Großen Solstein (2970 m). Östlich vom Inn erstrecken sich durch den nordöstl. Theil T-s die KitzbüchlerAlpen mit dem Breithorn (2396m), dem Gamshag (2147 m),der Hohen Salve (1827 m) u. dem Kaisergebirge. Von der Centralkette der Mittelalpen gehören T. an die Rhätischen Alpen mit der Gruppe des Jamthaler Ferners (Albuinkopf, 3327 w), der Rhätikon mit der Scesaplana (2968 m), ein kleiner Theil der Bernina-Alpen und die Otzthaler od. Tiroler Alpen. Letztere, welche sich zwischen Inn, Etsch u. Eisack vom Reschenscheideck bis zum Brennerpasse erstrecken, zerfallen in folgende 3Gruppen: die eigentlichen ÖtzthalerAlpenmit dem Glockthurm (3352 m), der Wildspitze (3776 m), der Weißkugel (3742 w) u.der Similaunspitze (3604 m); die Stubaier Gruppe mit dem Pfafs (3513 m) und die Sarnthaler Gruppe mit dem Jfinger (2553 m). Von der Centralkette der Ostalpen liegen in T. : die Zillerthaler Alpen mit dem Hochpseiler (3516 m), dem Löffelspitz (3386 m) u. der Hohen Wand (3286 w); die Hohen Tauern mit der Venediger Gruppe, welche sich in der Dreiherrnspitze bis zu 3506 m u. im Groß-Venediger bis zu 3674 m erhebt, u. dem ° Groß-Glockner (3796 m). Der Centralkette der Mittelalpen sind im S. u. W. der Etsch vorgelagert: die Ortler Alpen, durch das Stilfser Joch (2814 m) von der Berninagruppe getrennt, mit dem Ortles (3905 m), dem Monte Cristallo (3244 m), dem Monte Zebru (3840 m) und dem Zufallspitz (3773 m); die Adamello-Gruppe mit dem Monte Adamello (3562 m); die Brenta-Gruppe mit dem Gebirgs- stock der Bocca die Brenta (di Nandis, 3272 in); die Nonsberger Gruppe mit dein Langenspitz (2492 m) u. die Tridentiner Alpen mit dem Monte Baldo (1852 in). Ferner gehören noch hierher folgende östlich vom Etsch- u. Eisackthale u. südlich vom Pu- sterthale liegenden, der Centralkette der Ostalpen vorgelagerten Gebirgsketten: die Lessinischen Alpen mit dem Monte Pasubio (2233 m) n. der Cima Do- Lici (2331 in); die Cadorischen od. sndtirolischen Dolomit-Alpen mir den Fassaner Alpen (Vedretta Mar- molade, 3495 in) u. dem Monte Cristallo (3244 in) u. ein kleiner Theil der Karnischen Alpen. Die Gletscher (Ferner) bedecken einen Flächenraum von 1322 sDkm (24 (DM) od. ungesähr 4,5 "/„ der Ge- sammtoberfläche T. u, V-s.; bes. zahlreich u. ausgedehnt sind sie in denOtzthaler Alpen, wo man allein 16 primäre u. 293 secnndäre Gletscher zählt, welche einen Flächenraum von 578 Hsskm (10,zs^M) entnehmen; der bedeutendste ist der 12 km lange Ver- uagt- od. Gebatscher Ferner. Alpenpässe s. unten. Flüsse u. Thäler: Der Inn, welcher von Finster- münz bis unterhalb Kufstein in einer Länge von 208 km (28 M.) das Land durchströmt, bildetdas wichtigste Längentha! (Ober- u. Unter-Innthal), dessen hauptsächlichste Nebenthäler sind: das Stanzer- (von der Rosanna gebildet); Paznauner- (von der Trisanna durchflossen), Gnrgler-, Kauner-, Pitz-, Ötzthal (bas Thal der Achen), das von der Sill durchströmte Wippthal mit dem Stubaithale, das Zillerthal mit dem Duxer-,Zemm- u. Gerlosthale, das Wörgler-, Achen- u. Brixenthal. Das Thal der Etsch, von seinem Ursprünge an dem Reschenscheideck bis zu den Lessinischen Bergen an der Südgrenze T. angehörig, von Mals bis Meran auch das Vintschgau genannt, nimmt das Martellthal, Schnalserthal, Passeierthal, Ultenthal, Eisackthal (mit dem Sarn-, Grödne», Marubio-, Puster- u. Ahrenthal), das Thal der Noce (Val di Sole u. Val di Non) und das vom Avisio durchströmte Fassa-, Fleimser- u. Zimmerthal ans. In den Rhein, welcher einen Theil der Westgrenze bildet, mündet das von der Jll durchströmte Montafonerthal mit dem Klosterthal (Thal der Alsenz); auch die obereJller,der Lech von seiner Quelle am Widderstein bis Füssen, die obere Isar, die obere Drau mit dem Thal der Issel u. dem Tefserecken- thal, die obere Brenta (Val Sugana), das Sarca- thal (Judicaria), das Chisethal u. das Boitathal (Ampezzo) gehören T. u. V. an. Seen: ein Theil des Bodensees, der nördlichste Theil des Gardasees, der Plansee bei Reutte, der Achensee, der Lago di Caldonazzo, die Reschenseen, der Gnrgler Eissee, der Kälterer See, die Laghi di Levico, di Molvena, di Ledro n. eine Anzahl anderer kleiner Alpenseen. Unter denzahlreichen Mineralquellen, vondenenüber120zu Heilzwecken benutzt werden, sind die von Mitterbad, Ratzes, Brennerbad,Hohenems, Maystalt, Jnnichen, Altprags, Comano, Rahbi u. Peso die berühmtesten. Das Klima ist sehr verschieden, im S. der centralen Alpenketten milder als im N. derselben, jedoch im Allgemeinen reinn-^esturd^-Dtkrch-mildcs Klima zeichnen sich bes. Meran, u. Botzen aus, das Ötz- u. Pusterthal gelten als rauhe Gegenden, das Innthal durchweht oft der Föhn. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt in Innsbruck -s- '6)«°, in Bludenz si- 6,g°, in Lienz -s- 6,„°, in .Meran -s- 9,/, u. in Trient -i- 10,2° K.; die mittlere jährliche Regenmenge in Innsbruck 88, in Trient 94, in Bludenz 118 u. in Kitzbüchel 122 vm. Die Zahl der Gewitter, welche im SO. am größten u. im NW. am geringsten ist, beträgt jährlich durchschnittlich für Trient 21,i, für Innsbruck 17«,, für Lienz 15,§ und für Bludenz 12,§. Von der Bevölkerung sind der Nationalität nach etwa 65 "/o Deutsche, 33ß "/„ Italiener und Iß Ladiner od.'Rhä'töromanen (im Abtei-, Grödne», Ampezzo- u. Avisiothale). Mit Ausnahme von 1235 Evangelischen u. 358 Juden bekennen sich die Bewohner T.u.V-szurRömisch-katholischenKirche. Von den Erwachsenen treiben etwa 54 °/„ Land-u.Forst- wirthschaft u. 15,g °/» Industrie und Gewerbe, 3"/„ sind im Handel u. Verkehr beschäftigt, 9 "/, weilen als Hausirer in der Fremde, 6,^ "/„ leisten persönliche Dienste, 2,5 "/, sind Rentner u. 3 "/o gehören der sogen. Intelligenz an. Die Bevölkerung wohnt in 22 Städten, 33 Marktflecken und 2420 Dörfern. Die Tiroler sind ein eigenthümlicher, im ganzen aber schöner Menschenschlag, von grobem Knochenbau, mittlerer Größe, gesünder Farbe. Weniger schön sind die Tirolerinnen, kleiner u. schwärzer die Südtiroler. Männer u. Frauen erreichen ein hohes Alter. Die Zillerthaler gelten als die schönsten, die Passeier als die kräftigsten. Von Charakter sind sie gutmüthig, bieder, treuherzig, redlich, fleißig, genügsam, geschickt zu Kunstarbeiten, wagend, hochherzig u. muthig, fest am Katholicismus haltend,. Vaterland u. angestammte Landesfürsten treu liebend, dabei fröhlich, Tanz, heiteren Gesang nach eigenthümlicher Weise (s. Jodeln) u. Musik (bes. die Zither) liebend, aber auch ranfsüchtig u. treiben Rin- 395 Tirol u. Vorarlberg. gen u. Boxen als Kampfspiele. Das Scheibenschießen u. die Jagd liebt der Tiroler leidenschaftlich. Die Bodenbeschasfenheit ist in keinem Krön- lande der österreich.-ungar. Monarchie dem Ackerbau so ungünstig wie in T. u.V., weshalb auch trotz der vortrefflichsten Benutzung des culturfähigen Bodens die Getreideproduction den eigenen Bedarf bei Weitem nicht deckt. Von der Gesammtoberfläche kommen nur 5,si"/o ausdas Ackerland, 0»»°/° auf Weinberge und 11,gg °/u auf Wiesen und Gärten, ferner 38,«s °/o auf Weiden und auf Waldungen; 14,82 °/o sind unproductiv. Der Haupterwerbs- zw eig der Bewohner ist die Rindviehzucht u. Alm- wirthschast; die Almfahrt beginnt 2. Mai, u. zwar zuerst auf die Voralmen, 24. August ans die Hochalmen. T. u. V. besitzt die herrlichsten Alpenweiden, dagegen wird der Wiesenbau vernachlässigt. Einer ausgezeichneten Pflege erfreut sich die Rindviehzucht, infolge dessen die Production von Käse u. Butter bedeutend ist. Die Zahl der Pferde u. Schweine ist gering, verhältnißmäßig geringer als in irgend einem anderen Kronlande der Monarchie; in ST. treten häufig Esel u. Maulthiere an die Stelle des Pferdes. Die Bienenzucht wird vernachlässigt; dieSeidenzuchtdagegenbes.inST.sehr eifrig u. mit Erfolg betrieben u. nimmt T. u. B. in dieser Hinsicht den ersten Rang in der Monarchie ein. 1869 betrug der Viehstand: 15,748 Pferde, 4442 Esel u. Maulthiere, 461,439StückRindvieh,327,412Schafe, l37,698Ziegenu.58,932Schweine;anBienenstöcken waren 69,106 vorhanden. 187lwurden3979 Wiener Ctr. Seiden-Cocons erzeugt. Der Wildstand hat infolge der Vorliebe der Tiroler für die Jagd sehr abgenommen, ist aber immer noch ansehnlich. Hasen u. wildes Geflügel sind noch zahlreich vorhanden, seltener sind Rehe und Gemsen, höchst selten Steinböcke, Hirsche und Wildschweine. Der Fischfang ist in fast allen Gewässern ziemlich ergiebig, am lohnendsten im Gardasee. Der Boden ist nur mäßig fruchtbar, der Ackerbau sehr beschwerlich und wenig lohnend. Man wendet viel Mühe auf die Bearbeitung des Bodens u. läßt in höherenGegenden, in welchen Pferde nicht verwendet werden können, den Pflug durch Menschen ziehen, zerschlägt die Erd- schollen (Ketzer), od. bearbeitet dort das Feld mit dem 3zackigen Kerst. Nicht nur hoch gelegene Wie- sen, sondern auch Felder werden durch Berieselung bewässert. Die wichtigsten Products des Ackerbaues sind: Roggen, Mais, Weizen, Spelt, Gerste, Hafer, Buchweizen, Kartoffeln, Futterrüben, Klee, Tabak, Cichorie, Mohn rc... Von Bedeutung ist ferner der Flachsbau, bes. im Ötzthale, u. der Hanfbau, hauptsächlich in Welschtirol; auch der Obstbau ist sehr beträchtlich. In ST. gedeiht der Feigenbaum schon im Freien, auch gibt es Maulbeer- u. Kastanienbäume u. bei Roveredo selbst schon Orangen, am Gardasee Citronen. Der Weinbau ist bes. in ST, von großer Wichtigkeit, s. u. Ungarische Weine. Die Waldungen sind trotz der schlechten Forstwirthschaft früherer Zeiten noch sehr ansehnlich und liefern bedeutende Quantitäten Bau- n. Brennholz. Der Gesammt- werth der landwirthschaftlichen Production bezifferte sich 1871 auf etwa 78,s Mill. Gulden. Der Bergbau T. u. V-s ist sehr alt, doch steht die Ausbeutung der früheren sehr nach; namentlich aber ist der Reichthum an Edelmetallen, welcher im 16. u. 17. Jahrh. eine ansehnliche Ausbeute brachte, fast gänzlich verschwunden. Am bedeutendsten ist gegenwärtig noch die Gewinnung von Eisen-, Kupfer- n. Zinkerzen, sowie von Braunkohlen und Salz. Eisenerze finden sich zu Jenbach, Schwaz, Biberwier, Fiera, Frößnitz, Imst u. Sterzing, Kupfererze zu Kitzbüchel, Brixlegg, Ähren ec., Braunkohlen namentlich bei Häring; Salz liefert die Saline bei Hall (1870: 283,323 Ctr.). Ferner gibt es goldhaltige Erze (bei ZellimZillerthale), Silber(zuBrixlegg,Falkenstein, Eibelschrofsen u. Ringen), Blei, Galmei u. Blende. Auch Marmor, Alabaster, Edelsteine (wie Granate, Achate, Amethyste,Chalcedone,Jaspis,Karneol rc.), Quarz, Gips, Kreide, Serpentin,Asphalt,Farberde, Torf rc. werden gefunden. T. u. B. hat eine lebhafte Industrie, deren einzelne Zweige meist ans bestimmte Bezirke beschränkt sind. Die Hauptsitze der Metall-, namentlich der Eisenverarbeitung sind das Innthal u. dessen Seiteuthäler; feinere Eisen-, Blech- und Stahlwaaren liefert z. B. das Stubaithal, Sensen u. Sicheln das Zillerthal, die Büchsenfabrikation ist überall verbreitet. Eisengießereien gibt es zu Jenbach, Dornbirn u. Frastanz, Maschinenfabriken zu Innsbruck (hier auch eine Eisenbahnreparaturwerkstätte der SBahn), Dornbirn u. Frastanz. Für die Holzindustrie sind bes. die südlichen Thäler und Vorarlberg die Hauptsitze; im Grödnerthale wird die berühmte Holzschnitzerei, mit deren Prodncten ein bedeutender Handel getrieben wird, im Großen betrieben ; Fassa u. Fleims liefern Binderholz für Italien, Vorarlberg die zerlegbaren, hölzernen Häuser für die Schweiz u. Rebstöcke. Hydraulischer Kalk u. Cement werden in Kufstein u. in der Umgegend von Innsbruck in ansehnlichen Quantitäten erzeugt. Die Baumwollenindustrie ist am meisten in Vorarlberg entwickelt, allein auch NT. hat mehrere Baumwollenspinnereien und mechanische Webereien, sowie Schafwollenspinnereien und Webereien. Die Seidenindustrieist von besonderer Wichtigkeit in ST., wo es sehr viele Filanden u. Filatorien gibt; die Seidenwebereien sind hier weniger zahlreich. In NT. werden ferner die Leinen- u. Lodenweberei als Hausindustrie betrieben. Außerdem sind bemerkenswertst: die Fabrikation von Chemikalien, Wirk- und Strickwaaren, Leder, Papier, Glas, Bijouteriemaaren, Kirschwasser, Surrogatkaffe, Chokolade, Bier, Branntwein, Tabak, Stärke, Seife, Kerzen, Leim, Schießpulver, Spitzen, Handschuhen rc. Ein großer Theil der Einwohner geht als Handwerker od. Handelsleute ins Ausland u. handelt bes. mit Teppichen, Handschuhen (welche aber nicht in T. fabricirt wer- den) rc. Infolge der Lage des Landes zwischen Deutschland u. Italien und des Vorhandenseins mehrerer wichtiger Alpenübergänge ist der Transithandel sehr ansehnlich; nicht unbedeutend sind indessen auch der Export und Import. Ausfuhrartikel sind: Seide, Sammet, Baumwollenwaaren, Teppiche, Eisen und Eisenwaaren, Vieh, Käse (bes. Vorarlberger), Obst, Wein, Holz u. Holzwaaren; Einfuhrartikel: Getreide u. Colonialwaaren. Den Handel u. Verkehr fördern wohlerhaltene Straßen, Eisenbahnen (zusammen 514 lcm) u. die schiffbaren Strecken des Inn, der Etsch u. des Rhein; Boden- u. Gardasee werden mit Dampfschiffen befahren. Die wichtigsten Alpenüber- gängedesLandes sind die Brennerbahn u.die Kunststraße über das Stilsser Joch (letztere führt aus dem 396 Tiroler Weine - Vüttschgau insVeltlin). AndereStraßenn. Pässe sind: derSaumpfad über denJaufenpaßzwischenSter- zing u. Meran, dieStraßeüberdemArlbergzwischen dem Kloster- und Stanzerthal, das Reschenscheideck südl. von Nauders, der befestigte Paß von Finstsr- inünz im Engadin, der befestigte Paß über den Tonale, die Straßen von Noveredo nach Vicenza, ans dem Val Sugana in das Thal der Piave, aus dem Pusterthal über die Cadorischen Alpen nach Belluno, die Lienzerklause aus dem Pusterthal nach Kärnten, die ans dem Zillerthal an dem Krimmler Tauern vorüber nach dein Pinzgau, die durch das Jochbergerthal nach Mittersill, der Paß Strub od. Loser nach dem Salzburgischen, der durch das Achenthal nach Bad Kreuth in Bayern, die Scharnitzklause von Innsbruck nach Mittenwald, der Paß von Imst nach Partenkirchen, der Kniepaß u. die Ehrenberger- klanse im Lechthal gegen Bayern n. a. Für den Volksunterricht ist durch 1926 Volksschulen gesorgt, welche 1871 von 115,123 Schülern (von 129,833 schulpflichtigen) besucht wurden. An höheren Unterrichts- und Bildungsanstalten bestehen: eine Universität (zu Innsbruck), 2 bischöfliche theologische Lehranstalten, 1 theologisches Hausstudium der Be- nedictiner, 5 theologische Hausstudien der Francis- caner u. 5 der Kapnciner; 6 vollständige Gymnasien, ein Untergymnasium, 1 Realgymnasium mit Obergymnasial- u. Oberrealschulklassen, 2 Ober- u. 2 Unterrealschulen, 3 BildnngSanstalten für Lehrer u.2 für Lehrerinnen; 1 Handelslehranstalt, 1 Hevam- menlehranstalt, mehrere landwirthschaftliche u. Gewerbeschulen rc. Au Humanitätsanstalten sind vorhanden: 69 Krankenhäuser, 66 Versorgnngshäuser, 5 Waisenhäuser, 2 Taubstummenanstalten, 1 Irrenhaus rc. Verfassung: Früher wurde das Kronland durch 4 Stände: den Prälaten-, den Adels-, den Bürger-, u. den Bauernstand repräsentirt. An die Stelle derselben sind gemäß der Landesordnung vom 26.Febr. 1861 2 Landtage getreten, einer für T. (tagt zu Innsbruck) u. der andere für Vorarlberg (tagt zu Bregenz), von denen der erstere 6 u. der letztere 4 Abgeordnete in den Landesausschuß wählt. Der Landtag für T. besteht aus dem Fllrsterzbischof von Salzburg, den beiden Fürstbischöfen von Trient u. Brixen, 4 Abgeordneten der Äbte u. Pröbste, dem Rector der Universität Innsbruck u. aus 60 auf 6 Jahre gewählten Abgeordneten (10 des Großgrundbesitzes, 13 der Städte, Märkte u. Jndustrialorte, 3 der Handels- u. Gcwerbekammern u. 34 der Landgemeinden); der Landtag für Vorarlberg besteht aus dem Generalvicar zu Feldkirch und aus 19 ans 6 Jahre gewähltenAbgeordeten (4 der Städte, Märkte ».Jndustrialorte, 1 der Handels- n. Gewerbekammern u.14der Landgemeinden). An der Spitze der Landtage steht der Landeshauptmann. Im Abgeordnetenhause des Reichsrathes ist das Kronlandvertreten durch 21 Abgeordnete (5 des Großgrundbesitzes, 6 der Städte, Märkte u. Handelskammern u. 10 der Landgemeinden). An der Spitze der Landesverwaltung steht die Statthalterei zu Innsbruck, welcher der Landesschnl- rath, der Landessanitätsrath, diePolizei-Commissa- riate zu Trient und Ala, die Magistrate der Städte mit eigenem Statute u. die Bezirkshauptmannschaften unterstehen.Oberbehörde für die Finanzverwaltung ist die Finanz-Landes-Direction zu Innsbruck, — Tirschenreuth. welcher untergeordnet sind eine Finanz-Procuratur, 4 Finanz-Bezirksdirectionen, die Finanz-Landeskasse, 5 Ober-Zollinspectorate, 11 Hanptzollämter, 4 Hanptstenerämter, 68 Steuerämter rc. Behörden für Handel und Volkswirthschaft sind die Post- u. die TelegraphendirectionzuJnnsbrnck, das Revierbergamt zu Hall, die 4 Handels- und Gewerbekammern rc. Oberste Militärbehörde ist das Militär-Com- mando in Innsbruck. Für die Rechtspflege ist erste Instanz das Landesgericht in Innsbruck, 4 Krcis- gerichte (in Bozen, Feldkirch, Roveredo u. Trient), 67 Bezirks-und 5 städt. - delegirte Bezirksgerichte; 2. Instanz das Oberlandesgericht zu Innsbruck. In kirchlicher Beziehung gehört der nordöstliche Theil des Kronlandes bis zum Ziller zum Erzbisthum Salzburg, derN. (Vorarlberg, Innthal, Pusterthal) zum Bisthum Brixen u. der S.znm Bisthnm Trient. Bis 1860 zerfiel das Kronland in den Stadtbezirk Innsbruck u. die 4KrciseInnsbruck,Brixen, Trient u. Bregenz; gegenwärtig ist es eingetheilt in4Städte mit eigenen Statuten u. 24 Bezirkshanptmannschaf- ten (davon kommen 3 auf Vorarlberg), von denen die letzteren wieder in 72 Gerichtsbezirke zerfallen. Landeswappen:Jm silbernen Felde ein aufrechter rother Adler mit gekröntem, nach rechts gewandtem Kopfe, der von einem Lorbeerkranze umgeben ist, u. mit silbernen Kleestengeln auf den ausgebreiteten Flügeln. Landesfarben: Weiß-Roth. Landeshauptstadt ist Innsbruck. Vgl. Hormayr, T. u. die Tiroler, Lpz. 1845; Staffier, T. u. V., statistisch, mit geschichtlichen Bemerkungen, 2 Bde., Jnnsbr. 1848; Weidmann, Handbuch für Reisende durch T. u. V., 3. A. Lpz. 1854; Ruthner, Aus den Tauern, Berg- n. Gletscherreisen, Wien, 1864; Ders. Aus T., ebd. 1869; Schanbach, Die deutschen Alpen, Bd. 2, 4u. 5, 2. A. Jena 1866—1867; Schneller, Sagen aus Wälschtirol, Jnnsbr. 1867; Ders., Landeskunde von Tirol, Jnnsb. 1872 ;A. W. Grube, Vom Bodensee, früheren Rheinthalgletscher n. aus dem Bregenzer Wald, Stuttg. 1875; Tren- tinaglia-Telvenburg, Das Gebiet der Rosanna und Trisanna, Wien 1875; Zingerle,Sitten, Bräuchen. Meinungen des Tiroler Volks, 2.A. Jnnsbr. 1871; Ders., Schildereien ansT-, ebd. 1877; Rath,Touristen in Lust». Leid in T., Stuttg. 1874; Schneller, Skizzen n.Culturbilder aus T., Jnnsbr. 1877; Hörmann,Tiroler Volkstypen, Wien 1877; v. Alpenburg, Mythen u. Sagen T-s, 1857; Hellbach, Reisehandbuch für das südliche Österreich mit Steiermark, Salzburg, T. rc., Wien 1875; BLdeker, Reisehandbuch für SBayern n. T. rc., Lpz. 1876; Amthors Tirolerführer, 4. A. Gera 1878; Nod, Winter und Sommer in T., Wien 1878; Zeitschrift des Ferdi- nandeums zu Innsbruck für T. u. V. H. Berns. Tiroler Weine, s. unter Ungarische Weine. lironianae nRas (Tironische Kunst), die von Tul- lius Tiro, einem Freigelassenen CiceroS, wenn nicht ersundenen, so doch bedeutend vermehrten Abkürzungen im Schreiben. Tirree (Tyree), Insel der Hebriden, zur schott. Grafschaft Argyle gehörend, 70 süslcm (1,zg (ZM), mit 2845 Ew. Tirschenreuth, Stadt und Hauptort in dem 720,02 s^skm (12,g, IHM.) mit (1875) 29,557 Ew. umsassenden, gleichnamigen Bezirksamt des bayer. Regbez. Oberpfalz u. Regensburg, an der Waldnab, 397 Tirschtiegel - Station der Bayer. Staatseisenbahnen; Forstamt, Schloß, Wollcnspinnerei, Porzellanfabrik; 1875: 2559 Ew. Tirschtiegel (poln. Trcziel), Stadt im Kreise Meseritz des preuß. Regbez. Posen, an der Obra, zwischen 2 Seen; Korbmacherei, 1 fabrikthatige Wassermühle, 2 Da:::pssäge:::ühlen,1 Spiritusbrennerei, Fischerei, Landwirthschaft, Hopfenban; 1871: 2505 Ew. Die Stadt besteht aus zwei Theilen, der Altstadtauf dem rechte:: und der Neustadt auf dem linke:: Obraufer. Erster?, aus eiuem Fischerdorf entstanden,wird bereits 1319erwähnt. Die Neustadt wurde im Dreißigjährigen Kriege von flüchtigen Protestanten gegründet. Alt- und Neustadt haben getrennte Gemeinde-Verfassungen, werden jedoch seit 1855 von nur einem Bürgermeister verwaltet. H> Berns. Tirse, Nebenfluß der livländischer:Aa,fllhn Perlmuscheln. Tirse (Tirsus, Torsus der Alten), der größte Fluß der Insel Sardinien, entspringt im nordöstl. Thcil derselben n. fließt nach SW in den Golf von Oristano. Tirunelulvali, so v. w. Tinnevelli. Tirutschinapalli, so v. w. Tritschinopoli. Tirffns (Tirynth), uralte Stadt in Argolis im Peloponnes, wo Herakles nach der Sage erzogen wurde; wurde im 5. Jahrh. v. Ehr. von den Argi- vern zerstört; die Trümmerreste der alten Burg, welche den Namen Paläo-Anapli führen, gehören zu den größten u. wichtigsten Überresten vorhellenischer, sogen, kyklopischer Bauart. Tisamenos, Sohn des Orestes und der Her- mione, folgte seinem Vater als König von Argos u. Sparta. Bei der Rückkehr der Herakliden in den Peloponnes fiel er in der Schlacht gegen dieselben. Tischbein, Künstlerfamilie, ans welcher man 28 (männliche u. weibliche) Mitglieder in der Kunstgeschichte kennt. Der Stammvater war Johann Hein- rich T., ein Bäcker in Haina. Bes. merkwürdig sind: 1) Johann Baten tin, st. 1767 als Hofmaler in Hildburghause::. 2 ) Joh. Anton, Bruder des Vor., geb. 1720 inHaina; bildete sich in Frankfurt a. M. vom Tapeten- zum Historienmaler u. lebte zuletzt in Hamburg, wo er eine Zeichenschule errichtete u. 1784 st. 3 ) Joh. Heinrich der Ältere, Bruder des Vor., geb. 3. Oct. 1722 in Haina; war erst Schlosser, dann Tapetenmaler in Kassel, wo er zugleich den Unterricht des Hofmalers v. Freese genoß; 1743 kam er als Maler zu Benloo in Paris u. 1748 zu Piazetta in Venedig; 1752 wurde er Cabinetsmaler des Landgrafen vonHessen u. st. 22.Aug.1789 als Director der Kunstakademie zu Kassel. Er war sehr productiv in mythologischen u. historischen Bildern, von denen mau eine große Anzahl in Kassel, Weißeustein, Wilhelmsthal rc. findet. Lebensbeschreibung von I. F. Engelschall, Nürnb. 1797. 4 ) Joh. Heinrich der Jüngere, Neffe des Vor. u. Sohn des 1778 in Haina gestorbenen Kunsttischlers Johann Konrad T., geb. 1742 in Haina, st. 1808 als Inspektor der Galerie in Kassel. Er stach viel nach T. 3) u. schrieb eine Abhandlung über LieÄtzkunst, Kassel 1808. 5 ) Ioh. Heinrich Wilhelm, meist Heinrich Wilhelm T. der Neapolitaner genannt, Bruder des Vor., geb. 15.Febr. 1751 inHaina; machte seine Studien zuerst unter Leitung seiner Oheime, dann in Ham- - Tischendorf. bürg, den Niederlanden, der Schweiz u. Italien, wurde 1790 Direktor der Malerakademie in Neapel, kehrte aber infolge der Revolution 1799 nach Deutschland zurück, ging nach Kassel, später nach Hamburg u. st. 26. Juli 1829 in Eutin. Er wurde zuerst berühmt durch seinen Konradin v. Schwaben mit Friedrich v. Oesterreich Schach spielend, nachdem ihnen das Todesurtheil angekündigt worden war. Mögen auch seine Compositionen unser:: heutigen Ansprüchen nicht mehr genügen, so zeigen sich in ihnen doch schon Elemente die zu Anfang des 19. Jahrh. den Sieg errangen. Er gab heraus die Ha- miltonsche Vasensammlnng, deutsch u. engl. n. mit 240 Umrissen, Neapel 1791—1804, 4 Bde.; sein Hauptwerk Homer nach den Antiken gezeichnet, mit Erläuterungen von.Heyne (Heft 1—6, Gött. 1801—6) u. Schorn (Heft 7—11, Stuttg. 1821—23); Miss äo cUWrsnts animaux, ckssvinöss ck'aprss natnro ponr ckonnor uno ickös plus sxaots clo kours earaobörss, Neap. 1796; Biographie: Aus meinem Leben, Hrsg, von K. Schiller, Braunschweig 1861, 2 Bde. Vgl. Alten, Ans T-s Leben, Leipz. 1872. 6) Ludwig Philipp, Sohn von T. 1), erlernte die Malere: von seinem Vater, ging hieraus nach Rom, wo er 5 Jahre blieb und sich bes. in der architektonischen Malerei u. in der Perspective ausbildete. Später erhielt er einen Ruf als Hofarchitekt n. Theatermaler nach Petersburg. Er baute daselbstdas große Theater u. viele andereStaats- u.Privatgebäude u.st. 1801. 7 ) Joh. Friedrich August, Bruder des Vor., geb. 1750 in Mastricht; lernte bei seinem Oheim T. 2); wurde Hofmaler des Fürsten von Waldeck, war bis 1795 in Holland, seit 1800 Direktor der Kunstakademie in Leipzig u. st. 1812 in Heidelberg. Er malte meist Porträts (die Königin von Neapel, die Großherzogi:: von Weimar rc.) 8) Karl Ludwig, Sohn des Vor., geb. 1797 zu Dessau, machte seine Studien in Dresden, bereiste Italien, wurde 1825 Professor der Zeichenkunst an der Universität zu Bonn u. 1828 Vorsteher der Zeichenschule u. Verwalter der fürstlichen Sammlungen in Bückeburg u. st. hier 13. Febr. 1855 als Hofmaler; er malte bes. Städteansichten u. Genrebilder. Regnet. Tisch des Herrn, so v.w. Altar; so v.w. Abendmahl. Tischendorf, Lobegott Friedrich Constan- tin, Bibsltextforscher, geb. 18. Januar 1815 zu Lengeufelü im Voigtlande, erhielt seine wissenschaftliche Vorbildung auf dem Gymnasium in Plauen, studirte 1834 — 38 in Leipzig Theologie und Philologie, habilitirte sich 1839 daselbst, machte, um Materialien zu einer Textreform des N. T. zu sammeln, 1840 — 42 mit einer Unterstützung der sächsischen Regierung eine Reise nach Holland, Frankreich, England, 1843 — 44 durch die Schweiz, Südfrankreich, Italien nach den:Orient u. brachte eine reiche Sam:::- lung alter griechischer, syrischer, koptischer, arabischer, georgischer, äthiopischer u. arabisch-drusischer Manuskripte mit. Er wurde 1845 außerordentlicher und 1859 ordentlicher Professor der Theologie in Leipzig , unter gleichzeitiger Ernennung zum Professor der biblischen Paläographie und Hofrath. Behufs weiterer Forschungen begab er sich 1849 nach Frankreich und England, 1853 u. 1859 wieder nach dem Orient, besonders nach Ägypten u. der Sinaitischen Halbinsel, wo er den Sinaitischen Codex entdeckte u. 398 Tischit — für den russischen Kaiser erwarb, sowie er auch wieder reiche Sammlungen von griech. u. orient. Handschriften , zum großen Theil von höchstem Alter und der seltensten Art, mitbrachte; er reiste 1855 abermals nach England und 1856 nach München, St. Gallen n. Zürich. T. erhielt für seine Entdeckungen eine Menge Auszeichnungen: so wurde er 1865 von den Universitäten Cambridge u. Oxford in feierlicher Sitzung zum Oovtor ob Osrvs und Oovtor ob Oivil Osrv creirt. Er st. 7. Dez. 1874, nachdem er schon länger vorher durch mehrere Schlaganfälle aller geistigen Thätigkeit entrückt war. Er schr.: voetrins Ösulr ^postolr cks vi mortis Okristi sstisksvtoris, Lpz. 1837 (Preisschrist); (pseudonym) v. Fritz, Der junge Mystiker (theologischer Roman), ebd. 1839; Os Oüristo paus vitss, ebd. 1839 (Preisschrift); Die Geißler, namentlich die Geißlerfahrt nach Straßburg, ebd. 1840; Os svsvAsIiorum sxovr^xlrorum oriZins st usu, Haag 1851 (Preisschrist); Oilsti vires, Oüristum fuäivio guiä iueis stlsrstur sx ^.otis Oiisti, 1855; ^usväots ssers st prolsns sx orisnts st ovoiäents alists, Lpz. 1855, 2. A. 1861 (worin auch die aus dem Oriente 1844 und 1853 mitgebrachten Manuscriptensammlungen verzeichnet stehen); istotitissäitiouis eoäioisdibliorum Linsitioi suspioiis impsrstoris L.Isxsnärr II. sus- osptss, itsm tlstsloAus ooäivum nupsr ex orisnts Ostropoiin xsristorum, item OriZsnis soüolis in Oroverbis Lslom., ebd. 1860; gab heraus: Oibiio- tlises monumsntorum ssororum oritios, welche enthält: Ooäsx Oxkrssmi 8z-ri rssoriptus, Leipzig 1843—45, 2 Bde.; OrsAmsnts Hovi lestsmenti, 1843; OrsAM. Vstsris Isstsmonti, 1845; Monuments ssers ineäits, 1846, und Aon. sser. ineä., neue Sammlung, 1855 — 71, 6 Bde.; Ooäsx Ori- äsrieo -^.uAustsnus (Fragmente der griech. Übersetzung des A. T. aus dem Sinaicodex), 1846; iivsnKsIium Oslstinum insclitum (Fragmente einer vorhieronymianischen lateinischen Uebersetzung der vier Evangelien), 1847; Ooäsx llmistinus (die hie- ronym. Übersetzung des N. T. aus dem ältesten vorhandenen Codex) 1850, n. A. 1854; Ooäsx Olsrs- montsnus (die Paulinischen Briefe griech. u. latein.), 1852; ferner das N. T. in verschiedenen Ausgaben: Hovum Oestsmsntum Arsee., krit. bearb., Leipzig 1841, 8.A. ebd. 1871, in größerer u. kleinerer Ausg. Paris 1842 (die eine Ausg. ohne, die andere mit der lateinischen Übersetzung), Lpz. 1850 u. 1862; M. P. triAlottuiu (griech., latein. n. deutsch), ebd. 1854, daraus separat das 17. P. Arssvs, sält. sosäsmivs, ebd. 1855, 3. A. 1861; ferner H. 1. Ar. st lstiue, ebd. 1858, u. das N. T. deutsch, Luthers Übersetzung nach der Originalansg.revidirt, ebd. 1855; LMoxsis svsuAsIios, ebd. 1851, 3. A. 1870; Haben wir den ächten Schrifttext der Evangelien u. Apostel? 2. A. ebd. 1873; dann Vstus Isst. Arssos, die Septuaginta mit dem Römischen Tert als Grundlage, kritischem Apparat u.Prolegomenen, ebd. 1850,2 Bde., з. A. 1860. Der Ooäsx Liusitieus umfaßt das A. и. N. T. nebst dem Briefe des Barnabas und dem Osstor des Hermas, herausgeg. in 4 facsimilirten Prachtbänden im Auftrag des Kaisers Alexander II., Petersburg (doch gedruckt znLeipzig, nurphotolitho- graphirt in 10 Tafeln zu Petersburg) 1862, u. daraus Handausgaben, zunächst: lstov. Pest. Liusiti- sum, Lpz. 1863; Wann wurden unsre Evangelien Tisiphone. verfaßt? ebd. 1865, 4. A. 1866; Die Sinaibibel, ebd. 1871 ; Osspousio sä oslumuiss Oowsnss, ebd. 1870; Die Anfechtungen der Sinaibibel u. Waffen der Finsterniß wider die Sinaibibel, Leipz. 1863. Schon früher gab er heraus: Hots Lpostolorum spoer., ebd. 1851 ; OvsnAslissxovr^püs, ebd. 1853, 2. A. ebd. 1876) woran sich die Hpooslz-psss sxoer. iusäitss anschließen werden. Vgl. Volbeding, Const. T. in seiner sünsnndzwanzigjährigen schriftstellerischen Wirksamkeit, ebd. 1862. Löffler.« Tischit, bedeutende Handelsstadt in der südwestl. Sahara, im Lande Tagane. Tischklopfen, so v. w. Tischrücken. Tisch nowi tz, Stadt im mähr. Bez. Brünn (Österreich), an der Schwarza; Schloß, Papier-, Tuch-, Wollenzeug-,Rübenzucker-,Liqueur- u.Rosogliofabri- ken, Baumwollenwebereien, Türkischrothfärbereien, Steinkohlengruben; 1869: 2582 Ew. Die Vorstadt Vorkloster T., ehemals Nonnenabtei (1782 auf- gehoben), hat eine prächtige Basilika (von 1238), Zuckerfabrik, Tuchweberei, Krappfärberei u. 1189 Ew. In der Nähe Marmorbrnch u. Fundorte von Amethystenu.farbigenQuarzen. JnT.wurde 1863 der polnische Exdictator Langiewicz internirt. Tischrücken, eine spiritistische Spielerei, die seit 1847 in Nordamerika auskam. seit 1853 auch in Deutschland Eingang fand u. längere Zeit bes, die Halbgebildeten in Aufregung versetzte, dann aber der verdienten Vergessenheit anheimfiel. Das T. wurde dadurch hervorgebracht, daß eine Anzahl von Personen sich um einen Tisch setzten, die Hände auf denselben legten, indem sie damit eine ununterbrochene Kette bildeten. Nach einiger Zeit fing der Tisch an, Bewegungen zu machen, scheinbar selbstthätig od. auf Commando, in Wirklichkeit aber, wie Fara- day nachgewiesen hat,durch unwillkürliche dynamische Beeinflussung, die selbstverständlich aus der Seite od. an dem Punkt zuerst zum Austrag kam, wo sie am stärksten lastete. Schroot. Tifio (Garofälo Benvenuto), berühmter Historienmaler, geb. zu Garofalo bei Florenz 1481, gest. 1659; bildete sich unter verschiedenen Mailänder Künstlern, schließlich unter Rafael in Rom, und schwang sich mit den Brüdern Dossi an die Spitze der Schule von Ferrara. Seine Stärke liegt im Feuer der Bewegung u. des Colorits, doch ist er nicht frei von Convention in der Zeichnung. Seine Hauptwerke schuf G. in Ferrara, wo er für den Herzog Alfonso arbeitete, so Der Kindermord; Die Erweckung des Lazarus; Die Gefangennehmnng Christi; Der Märtyrer St. Petrus u. die hl. Helena; Der Sieg des neuen Testaments über das alte; Die Himmelfahrt Mariä. Werke von G. besitzen außerdem die Galerien von Rom, Modena, Genua, München (2 Madonnen, Flötenblasender Faun, Porträt), Dresden (Triumphzug des Bacchus, Madonna mit Petrus, Georg und Bruno), Berlin (Grablegung Christi, Anbetung der Könige, Himmelfahrt Christi), Wien (Ruhe auf der Flucht nach Aegypten, Heilige Familie), London, Petersburg (Madonna, Grablegung Christi, Heilige Familie), Paris (2 heilige Familien, 2 Madonnen, 2 Bildnisse). Als Monogramms bediente sich G. meist einer Nelke (6sro- t'sno). Regnet. Tisiphone, eine der Erinyen, die Rächerin des Mordes. Tisri — Titan. 399 Tisri (Tischri), nach dem hebräischen Kirchenjahre der siebente, nach dem bürgerlichen Jahre aber der erste Monat der Juden. Er beginnt in der zweiten Hälfte unsers Septembers u. hat 30 Tage. In demselben werden das Neujahrsfest (am 1. und 2. Tage), der Versöhnungstag (am 10.) u. am 15—22. das Hüttenfest, am 22. und 23. Beschlußfest gefeiert, dessen zweiter Tag wegen der Vollendung derThora- oorlesuugen auch Simchath-Thora (Thorafreude) genannt wird. Tissaphernes, vornehmer Perser, unterwarf 414 v. Ehr. für den Großkönig Darms II. Nothos den abgefallenen Statthalter Pissuthnes von Lydien u. wurde dessen Nachfolger; dort trat er seit 413 mit den Spartanern in Unterhandlungen ein, welche die Unterstützung derselben im Kriege gegen die Athener und dafür die Rückgabe der dem König von Persien durch Athen entrissenen griechischen Stadtgebiete in Kleinasien bezweckten. Als Kyros, Sohn des Darms II. u. seit 408 Oberfeldherr in Kleinasien, nach seines Vaters Tode (405) zum Aufstande gegen seinen Bruder, den Großkönig Artaxerxesll. Mnemon, eifrig rüstete, blieb T. dem Großkönig treu. Im Jahr 401 focht er in der Schlacht bei Kunaxa aus Seite des Artaxerxes und suchte auch nachher durch tückische List die griechischen Hilfstruppen des wdten Kyros in Assyrien zu vernichten. Als ihm dieses bei der Entschlossenheit der Griechen u. ihrer Führer Xenophon und Cheirisophos nicht gelang, kehrte T. zunächst in seine Satrapie zurück. In seinem Bestreben, nunmehr die jonischen Städte dem König zu unterwerfen, war er nicht glücklich; diese riefen die Spartaner zu Hülfe, durch deren Anführer Age- silaos er endlich 3S5 am Paktolos gänzlich besiegt wurde. Nun fiel er am Hof in Ungnade; und des Großkönigs Mutter Parysatis, die an ihm ihres Lieblings Kyros Tod rächen wollte, bewirkte, daß er nicht nur abgesetzt wurde, sondern daß ihn auch sein Nachfolger Tithranstes hinrichten ließ. Hertzb-rg. Tissot, S i m o n A nd r e, einer der vorzüglichsten populären medicinischen Schriftsteller, geb. 1728 zu Lausanne, studirte in Montpellier, promovirte daselbst, ließ sich dann in seiner Vaterstadt nieder, wurde sehr bald ein bedeutender Arzt, erhielt mannigfache glänzende Anerbietungen, namentlich von deutschen Höfen, so auch vom Kaiser Joseph für die Universität Pavia u. st. 15. Juni 1797 in seinem Heimathsorte, dem er treu blieb. Von seinen zahlreichen Schriften seien nur erwähnt: l/ouauisrns, Löwen 1760,1764, Par. 1769 u. an psnpls anr in sants, Laus. 1761. Th-nnhayn. Tista, wasserreicher Fluß, entspringt im südl. Tibet und fließt in vorherrschend südl. Richtung durch Sikkim und Dardschiling nach dem bengal. Districte Dinadschpur, wo er sich in zwei Arme theilt; der südöstl., der den Namen behält, vereinigt sich mit dem Brahmaputra, der südwestl. (Atri) mit einem Arm des Ganges. Der T. ist streckenweise schiffbar, dient aber mehr zur Bewässerung. Tisurus, s. Tozer. Tisza von Borosjenö, Koloman, ungarischer Staatsmann, aus einer adeligen calvinistischen Familie, geb. 16. Dec. 1830 zu Geszt im Comitat Bihar, studirte die Rechte, machte dann größere Reisen , wurde 1855 Hilfscurator des Kirchendistricts Nagy-Szalonta u. seit 1861 für alle Diäten in den ungarischen Reichstag gewählt. Hier trat er nach Telekis Tode an die Spitze des linken Centrums u. ging bis zum Zerfall der Deakpartei mit dieser; 1875 bildete er mit Hilfe des größten Theils dieser u. des linken Centrums eine neue liberale Partei, welche alsbald die Majorität für sich hatte u. mithin an die Spitze der Geschäfte trat. T. selbst übernahm im Cabinet Wenckheim das Portefeuille des Innern, 20. Oct. 1875 aber das Präsidium. Hier war es sein Werk, daß der Ausgleich mit Cisleithanien zu Stande kam 1877, daß der Reichstag sich mehr und mehr über die Andrassysche Orientpolitik beruhigte, die Ungarn von ihren türkenfreundlichen Demonstrationen abließen, wogegen er als Vollblutmagyar wieder Alles zur Magyarisirung der im ungarischen Territorium wohnenden nichtmagyarischen Völkerschaften aufbot, selbst vor Ungerechtigkeiten nicht zurückschrak. Bei den Neuwahlen im Aug. 1878 gewann sein Ministerium zwar wieder die Majorität, aber die Occupation Bosniens u. der Herzegowina — namentlich durch ungarische Regimenter —, die Kosten dafür riefen eine solche Gegnerschaft hervor, daß T., nachdem der Finanzminister Szell seine Entlassung gegeben, ebenfalls um solche nachsuchte. Der König forderte jedoch provisorische Fortführung der Geschäfte von ihm, u. als in dem 20. Oct. neueröffneten Reichstag T. wieder eine seiner Leitung günstige Stimmung fand, behielt er das Präsidium wieder definitiv u. ergänzte das Ministerium. Sein Bruder Ludwig, geb. 1833, studirte ebenfalls die Rechte, kam 1861 auch in den Reichstag, wo er sich der Deakpartei anschloß: 1871—73 führte er das Portefeuille der öffentlichen Arbeiten. Lagai. lit., Abbreviatur, 1) für Titus; 2) für Titulus, Rang, Würde; 3) für Ditulo, unter dein Titel. Tttan, ein selten vorkommendes metallisches Element, welches 1791 von Gregor entdeckt und kurz darauf von Klaproth genauer studirt wurde. Die wichtigsten titanhaltigen Mineralien nid der Rutil, Brookit u. Anatas (s. d.), der Sphen uoer Titanit, der Perowskit, der Aeschinit ».das Titaneisen (Jlmc- nit), von denen namentlich die drei erstgenannten ans T-säure bestehenden zur Darstellung der T-verbind- ungen dienen. Das Metall selbst gewinnt man durch Schmelzen von Kaliumtitanfluorid mit Natrium u. Auslaugen der Masse; es bleibt als schwarzgrünes, schwer schmelzbares, in Säuren, namentlich Flußsäure lösliches Pulver zurück, welches bei 100" das Wasser zersetzt u. an der Luft erhitzt unter lebhafter Fenererscheinung verbrennt. Zeichen und Gewicht des Atoms Di — 50. Von seinen Verbindungen ist die wichtigste die T-säure (T-sänreanhydrid) — DiO? —, welche sich krystallisirt in der Natur findet (s. o.). Man erhält sie künstlich durch Fällung von Kaliumtitanfluorid mit Ammoniak und Glühen des Niederschlags als amorphes, weißes, in der Hitze gelbes Pulver, welches in den meisten Säuren unlöslich ist, aber durch Flußsäure, sowie durch Schmelzen mit kohlensaurem Natron oder saurem schwefel- saurem Kali in Lösung gebracht werden kann: es kann auch in krystallinischem Zustande erhalten werden. Die eigentliche T-säure (T-säurehydrat) — R^DiOz — fällt in weißen Flocken nieder, wenn man die farblose Lösung eines T-sänresalzes mit Ammoniak versetzt; sie gleicht in ihrem Verhalten der Kieselsäure. Auch das Chlorid des T-s ist der 400 Titaneiseil — entsprechenden Kieselverbindung ähnlich u. wird auch wie diese dargestellt. Mit Stickstoff gibt das T. mehrere Verbindungen, die mau durch Glühen gewisser T>verbilidungeii in Ammoniakgas erhält. Das Stickstoffcyantitan — MgXglM — findet sich nicht selten in kleinen kupferrothen Würfeln in den Schlacken und Gestellsteinen der Hohöfen , in denen ritaneisenhaltige Erze verschmolzen werden. Hetz«. Titaneisen (T-eisenerz, Jlmenit, Kibdelophan, Washiugtonit, Hystatit), Mineral, krystallisirt rhom- boddrisch, findet sich meist eingesprengt in derben, körnigen Massen oder lose in Geschieben, Körnern und als Sand; Bruch muschelig bis uneben; Härte 5—6, specifisches Gewichts—5; von eisenschwarzer Farbe; besteht aus titansanrem Eisenoxydul und Eisenoxyd; findet sich in Granit, Gneiß, Syenit u. Glimmerschiefer eingewachsen am St. Gotthard, im Jlmengebirge bei Miask, beiHofin Bayern, Harthau bei Chemnitz in Sachsen, Gastein, Aschaffenburg, Twedestrand, Arendal, am Tillenberg in Böhmen, d'Oissans in der Dauphine (Crichtonit). Jserin ist das in Körnern ».Geschieben im Diluvium der Jser- wiese am Riesengebirge, bei Bergreichenstein in Böhmen u. a. O. vorkommende T. T-sand (Titansand, Menaccanit) findet sich bei Menaccan in Cornwall, in Taranaki in der Nähe des Hafens New Plymouth in Neuseeland, in Kanada u. a. O. Eisenrose ist T. vom St. Gotthard. Lehmann.» Titanen (griech. Mythol.), 1) nach der systema- tisirenden Theologie der Griechen die zwölf erstgeborenen Kinder des Uranos n. der Gäa; sechs Söhne: Okeanos, Köos, Krios, Hyperion, Japetos, Kronos, u. sechs Töchter (Titaniden): Thea, Rhea, Themis, Mnemosyne, Phöbe, Tethys. Als Uranos seine anderen Söhne, die Hekatoncheiren und die Kyklopen, wieder in den Tartaros gestürzt hatte, beredete Gäa die T., ihre Brüder zu rächen und den Vater vom Throne zu stoßen. Kronos entmannt Len Uranos u. gewinnt die Herrschaft, vermählt sich mit Rhea, verschlingt aber seine Kinder; nur Zeus wird durch List gerettet und gewinnt dann seinerseits die Herrschaft. Gegen die siegreichen Kroniden od. Olympier unter Zens(Titanomachie), führen dann die T. einen 10jährigen Kampf, in welchem sie endlich besiegt n. in den Tartaros geworfen wurden, s. u. Griech. Mythologie. 2)bei den Orphikern alle Urwesen, mochten sie Götter od. Menschen sein, namentlich die Repräsentanten des ersten Menschengeschlechts. Hertzberg. Titania, die Königin der Elfen, Gemahlin des Oberon. Titanit (Sphen), Mineral, krystallisirt in mono- klinoddrischen Säulen od. Tafeln, findet sich auch derb in schaligen und körnigen Massen; Bruch muschelig, Härte 5—6, spec. Gew. 3,^—3,«; verschieden gefärbt, gelb, braun, grün, zuweilen zweifarbig, glas- glänzend, zuweilen fett-, auch diamantglänzend, halb- durchsichtig bis kantendurchscheincnd, besteht aus titansaurem und kieselsaurem Kalk; findet sich eingewachsen in krystallinischen Gebirgsarten, so im Syenit des Plauenschen Grundes bei Dresden, Jlmengebirge, am St. Gotthard, Montblanc, bei Pfitsch im Zillerthal, am Ural; auf Erzlagerstätten, bes. zu Arendal. Durchsichtige u. schön gefärbte T-e werden zuweilen als Schmucksteine geschliffen. Der Greenovit ist ein fleisch- bis roscnrother mangan- haltiger T. von St. Marcel in Piemont. ^ - Titlis. Titel (v. lat. Mtnlns), ein Punkt, ein kleiner Strich; die Überschrift und Aufschrift eines Buches, einer Schrift od. eines beträchtlichen Thesis derselben; eine Rubrik eines Capitels; im Oorpus znris, namentlich in den Institutionen, Pandekten u. dem Codex, sowie auch neuerdings in verschiedenen Gesetzgebungen die Aufschriften der Capitel; in der Rechtswissenschaft der gesetzliche Grund, ans welchem Jemanden ein Recht, ein Besitz zusteht; im Kanonischen Rechte die zum Unterhalte der Geistlichen dienenden Einkünfte od. Güter, im Mittelalter das von Jemand bekleidete Amt od. die Würde. Im gewöhnlichen Umgänge sodann ein Wort od. ein Name, wo- durch in der bürgerlichen Gesellschaft eine Person hinsichtlich ihres Standes, Amtes, ihrer Würde rc. von einer anderen unterschieden werden soll u. unterscheidet man demgemäß Standes-T., die Benennungen der fürstlichen u. adeligen Personen u. Amts- T., Bezeichnungen, welche von einem Amte od. einer Beschäftigung od. einem Besitze hergenommen sind, u. in wirkliche Aints-T. und in Ehren-T. (T. ohne Amt) zerfallen und mit einem gewissen Range verbunden sind; die im Besitze von T-n letzterer Art Befindlichen heißen Titularen. Lag-». Tithönos (gr. Mythol.), 1) Sohn des Laome- don n. der Strymo, Bruder des Priamos, Gemahl der Eos, welche ihn seiner Schönheit wegen geraubt hatte; sie erbat von Zeus für ihn Unsterblichkeit, vergaß aber auch zugleich ewige Jugend für ihn zu erbitten. Als er daher alt wurde n. seine Glieder ein- schrumpflen, verwandelte sie ihn in eine Cikade. Seine u. der Eos Söhne waren Emathion u. Mem- non. 2) Sohn des Kephalos u. der Eos, Vater des Phaethon. Titian, Maler, s. Tizian. Titicaca (Laguua di T., Laguna de Chucuito), See in den südamerikanischen Staaten Peru und Bolivia, zwischen zwei Ketten der Anden; 3842 m ü. d. M., 8314 sDüm (151 slsM) groß, über 200 m tief, hat gegen 20 Inseln u. ist reich an Fischen; besteht aus zwei durch eine Landzunge geschiedenen Theilen u. fließt durch den Desagnadero nach dem Anllagas See ab. Er wird von Dampsbooten befahren und von der Küste ist nach Puno an seinem nordwestlichen User eine Eisenbahn (Mollendo-Are- quipa-Puno) geführt. Seine Umgebungen sind wegen des rauhen Klimas wenig angebaut, sie waren aber vor Alters stärker bewohnt und eine Zeit lang der Schauplatz des Sonnencultus der alten Peruaner, wovon noch viele großartige, zum Theil wohlerhaltene Reste von Tempeln u. Städten sowol an den Seeufern, als auch auf mehreren Inseln Zeug- niß geben (bei Tiahuanaco, auf der Insel T. rc.). Außerdem finden sich hier noch an keltische Gräber erinnernde Ruinen aus früherer Zeit n. selbst Pfahlbauten. Bergl. Pentland, Mrs laZon cis Land. 1848, u. Aus allen Welttheilen X, 15 f. Schroot. lities (Mbisnso»), die Tribus der Sabiner, eine der drei ersten Tribus in Rom. Titlis, ein 3239 m hoher Berg der Vierwaldstätter Alpen im schweiz. Kanton Unterwalden ob dem Walde, an der Grenze von Uri u. dem Berner Oberlande, von dessen höchstem Gipfel, dem Nöllen, man eine großartige Aussicht über die Alpen, die nördl. Schweiz, Schwaben rc. hat. Er wurde zuerst 1739, dann 1786, seitdem oft (in 8 Stunden) bestiegen. 401 Titrirmethode — Titus. Titrirmethode (Maßanalyse), eine in der neueren Zeit in der Chemie häufig angewendete analytische Methode, bei welcher man die Quantität in Lösung übergeführter Substanzen durch das verbrauchte Volumen der Lösung eines Reagens ermittelt. Mau setzt dabei aus einer graduirten Röhre (Blirette) so viel von dem in Lösung gebrachten Reagens zur Lösung des zu untersuchenden Körpers, bis gewisse Erscheinungen die Beendigung der Reaktion anzeigen. Die Lösung des Reagens muß daher von einem genau bestimmten Gehalt sein, welchen man Titer (vom französ. Vitro) nennt, u. zwar stellt man diese Flüssigkeiten meist so dar, daß ein Liter (1000 oem) derselben ein Äquivalent der Substanz in Grammen aufgelöst enthält; solche Flüssig leiten nennt man systematische od. Normallösungen. Man unterscheidet hauptsächlich drei Arten der T.: A.) Sättigungsanalysen. Dieselben gründen sich aus die Sättigung eines Alkalis mit einer Säure od. einer L>äure mit einem Alkali u. werden bei Gehaltsprüfungen von Alkalien u. Säuren angewendet; s. Alkalimetrie u. Acidinietrie. 8) Oxydations- und Reductionsanalysen. Bei Liesen wird ein oxy- dirbarer Körper durch ein Oxydationsmittel, z. B. übermangansaures Kali (sog. Chamäleon), dichrom- saures Kali, u. ein oxydirender durch ein Rednctions- mittel, z. B. unterschwesligsaures Natron, arsenig- saures Kali, gemessen. 6) F ä l l u n g s a n a l y s e n, bei welchen man durch die zur vollständigen Bildung eines Niederschlages erforderliche Menge des Fällungsmittels mißt. Vgl. das Lehrbuch der chemischanalytischen T. von Fricdr. Mohr, 5. A. 1877; Die T. von E. Fleischer, 2. A. 1876. Tittmoning, Städtchen im Bezirks-Amt Laufen des bayer. Regbez. Oberbayern, an der Salzach; Schloß, gothische Kirche, Eisenhämmer, römische Überreste; 1875: 1445 Ew. Ti tnlar, s. Titel. Titulatur, das Prädicat, welches Jemand seinem Stande oder Amte gemäß, bes. in der Anrede, beigelegt erhält. Titurel oder der Hüter des heil. Graals, der Mittelpunkt, um den sich zwei mittelhochdeutsche Epen aus dem Sagenkreis vom heil. Graal bewegen: 1) der ältere T., von Wolfram von Eschenbach, nur in zwei Bruchstücken enthalten, vielleicht auch nie vollendet, befindet sich in zwei Münchner Handschriften u. der Ambraser Handschrift des Hel- Lenbuchs, dem Druck übergeben von Docen: Erstes Sendschreiben über den T., Berlin 1810, von Schottky in dem 8. Band der Wiener Jahrbücher und in den Ausgaben Wolfrains von Lachmann u. Bartsch (s. den Art. Eschenbach), Übersetzungen von San - Marte n. Simrock. 2 ) Der jüngere T., um 1270 vollendet, wahrscheinlich das Werk Albrechts von Scharfenberg (s. d. Art.). Gedruckt mit dem Parzival bereits 1477; Abdruck der Heidelberger Handschrift von Hahn, Quedlinburg u. Lpz. 1843. Inhalt des Gedichts: T., der Sohn des Königs Titurisone von Frankreich und der Eligabel, baut auf dem Moutsalvage (Monsalwatfch) bei Sab vaterre in Biscaya eine herrliche Kapelle, in die sich der Graal (s. die Art. Graal und Parzival) vom Himmel senkt. T. wird der Hüter dieses Heiligthums. Er vermählt sich dann mit der spanischen Prinzessin Richoude. Von seinen Kindern wird Frimutel nach- Plerers Umversal-ConversationL-Lerlkon. k. Aust. her König im Graal, u. seine Gemahlin, die grana- dische Prinzessin Clarisse, schenkt ihm fünf Binder, darunter Schoisiane u. Herzeloyde. Erstere stirbt an der Geburt Sigunens, die von der Tante Herzeloyde erzogen wird. Sie baut nach dem Tode ihres Geliebten Tschianatulander eine Kapelle, bewahrt in ihr den theuren Leichnam auf u. bewohnt sie bis an ihren frühzeitigen Tod. Die letztere Episode ist in beiden T-dichtungen mit ergreifender Innigkeit behandelt. Eine schöneNacherzählung des jüngeren T. findet sich im ersten Bande von L.UHlands Schriften: Zur Geschichte der Dichtung u. Sage. G.Zlmmermann. Titus,1) T.Flavius Vespasianus,römischer Kaiser,Sohn des Kaisers Vespasianus, geb. 30.Dec. 41 n. Ehr.; wurde am Hofe der Imperatoren Claudius n. Nero zugleich mit dem unglücklichen Britan- nicus erzogen. Schon früh betheiligte er sich als Militärtribnn mit Auszeichnung an den Kriegen in Germanien u. Britannien. Nachdem er sich hierauf eine Zeit lang als Sachwalter in der Hauptstadt einen ehrenvollen Namen gemacht hatte, begleitete er seinen Vater als Quästor nach Palästina u. eroberte dort die Festungen Taricheä u. Gamala. Später, als sich der inzwischen von Len morgenländischen Legionen zum Kaiser ausgerufene Vespasian zum Bürgerkriege gegen Vitellins rüstete, übertrug er seinem Sohne die alleinige selbständige Führung des jüdischen Krieges (Sommer 69). T. zerstörte i. I. 70 Jerusalem, kehrte nach Nom zurück ».feierte gemeinschaftlich mitseinemVatereinenglänzendenTriumph. Bis zum Tode Vespasians snugirte sodann T. als dessen Mitregent. I» diesem Zeiträume gab er den Römern mehrfachen Anstoß, theils durch seine üppige,leichtfertigeLebensweise,theilsdurchdieStrenge, mit der er als Prätorialpräsect gegen Verschwörer n. Gegner der flavischen Dynastie eiuschritt, zumeist aber dadurch, Laß er seine Geliebte, die schöne jüdische Königin Bereitste, also eine ausländische u. noch dazu orientalische Fürstin, zur künftigen Kaiserin Roms zu erheben gedachte. Sobald aber T. durch den Tod seines Vaters (starb 24. Juni 79) zum Besitze der alleinigen Gewalt gelangt war, bewies er sittliche Energie und Seelengröße, widerlegte in glänzender Weise alle Besorgnisse seiner Unterthanen u. erwarb sich während seiner leider viel zu kurzen Regierung im vollsten Sinne den Ehrennamen: die Liebe und Wonne des Menschengeschlechtes (^mor ob äslieias §snsrls Iiumnui). Sofort sandte er, wenn auch ungern, die Königin Bereitste nach ihrer Heimalh zurück, umgab sich mit ehrenwerlhen Freunden, u. gewissenhafte Pflichterfüllung, verbunden mit der versöhnlichsten Milde u. Leutseligkeit, war fortan sein Ziel. Er ließ kein Todesurtheil vollstrecken, sogar Verschwörer wurden von ihm vollständig begnadigt. Wie alle guten römischen Kaiser, so wehrte er nach Kräften der verderblichen Ausdehnung der Anklagen wegen Majestätsbeleidignng. Den Christen, die damals noch als vermeintliche Judensecte sich der Rechte einer isIiAio lioita erfreuten, war er der gütigste Herrscher. Strenge verfuhr der Kaiser nur gegen die sog. Delatoren, jene verbrecherischen u. gewissenlosen Denuncianten, die unter dem berüchtigten Prin- cipate eines Nero u. Vitellins so manche ihrer Mitbürger um Gut u. Leben gebracht hatten. Diese Elenden wurden auf Befehl des Fürsten gepeitscht u. theilS zum Sklavenstand Legradirt, theils nach wüsten Jn- xvii. Band. 26 402 Tituskopf seln verbannt. Während seiner Regierung wurden belanntlich Nom u. Italien durch öffentliche Unglücksfälle der schrecklichsten Art heimgesucht: durch die berühmte Eruption des Vesuv wurde die campanische Küste verheert, die Städte Herculaneum, Pompeji u. Stabiä verschüttet, die Hauptstadt selbst wurde durch eine Stägige Feuersbrunst theilweise eiugeäschert u. die Einwohnerschaft durch eine schreckliche Pest deci- mirt. Auch inmitten all' dieses Elends zeigte sich T. als umsichtiger Herrscher und Menschenfreund. T. gehört zu den wenigen Imperatoren, die beim Volk u. dem noch immer dein Jmperatorenthuin mit Mißtrauen begegnenden Senat in gleicher Weise beliebt waren. Wenn T. bei alledem wie wenige Herrscher vor und nach ihm die Gladiatorenspiele, die Thierhetzen , die luäi oiresnss8, also die rohen Vergnügungen der Römer gefördert hat, so handelte es sich Labei nicht um eine persönliche Neigung, sondern um eine Maßnahme seiner Politik, den schon numerisch furchtbaren unbeschäftigten Pöbel der Hauptstadt bei guter Stimmung zu erhalten, ihm vor Allem nach Kräften panem st oiresn8S8, Brod u. die Befriedigung seiner Schaulust, zu verschaffen. Übrigens war T. auch darauf bedacht, den souveränen Pöbel auf eine ehrenvollere Weise zu beschäftigen, durch großartige Bauten (die Thermen). T. st. 13. Sept. 81, aufrichtig betrauert von allen Unterlhanen, Kriegerische Unternehmungen fanden während seiner Herrschaft nur in Britannien statt, wo Julius Agricola, der Schwiegervater des großen römischen Geschichtschreibers, seit 78 mit bestem Erfolge bemüht war, die militärische Occupation der Insel zu vollenden u. deren keltische Bewohner gleich ihren festländischen Stammesgenosscu mir der römischen Civilisation zu besreunden. Vergl. v. Wietersheim, Völkerwanderung, Bd. I., Mecivale, Geschichte der Römer unter dem Kaiserthum, aus dem Englischen, Bd. IV, Leipz. 1872; Görres, Das Christenthnm unter Ves- pasianus, in der Zeitschr. für wissenschaftliche Theo- logie, 1878, H. IV (S. 492—536), S. 530—532. 2) T., Apostelschlller, der treue Schüler u. Gefährte desHeidenapostels.ausdemsyrischenAntiochia gebürtig, war rein hellenischer Abstammung u. wurde erst durch Paulus zum Christenthum bekehrt, den er schon 51 od. 52 zum sog. Apostelconvent nach Jerusalem begleitete. Hier wurde seine Beschneidung vergebens verlangt, da Paulus nicht nachgab. 58 wurde T. von seinem Meister nach Korinth mit dem Aufträge gesandt, die dortige Gemeinde in seinem Sinne im Evangelium zu befestigen; in der Folgezeit reiste er noch einmal im Anstrage des Apostels (von Makedonien aus) dorthin. Später finden wir den Apo- stclschüler zu Kreta thätig, wo ihn sein Lehrer zurückgelaffen hatte, um für die Consolidirnng der dortigen Christengemeinde thätig zu sein. Hierher schrieb Paulus an ihn von Makedonien ans den bekannten Brief an T. Wie ans diesem Schreiben (1,5. 3,12) erhellt, begab sich T. nach der Ankunft des Artemas (od. des Tychikos), welcher ihn in seiner kretensischen Mission ablöste, zum Apostel nach Nikopolis (gemeint ist entweder Nikopolis im südwestlichen Thrakien an der makedonischen Grenze, od., was wol wahrscheinlicher ist, die epirische Stadt dieses Namens). Wäh- rend der römischen Gefangenschaft des Paulus (ca. 62 bis 64, nach der wahrscheinlichsten Chronologie) weilte er eine Zeit lang an der Seite des Freundes — Tizian. u. reiste dann nach Dalmatien. Die Überlieferung bezeichnet T. als den ersten Bischof von Kreta, aber diese Tradition verdankt, wie Hilgenseld nicht mit Unrecht vermnthet, ihre Entstehung vielleicht erst der betreffenden Stelle in dem an T. gerichteten Briese des Apostels. Eine freilich sehr späte byzantinische Sage (ausgezeichnet erst im 11. Jahrh.) läßt unfern T. als ersten kretensischen Bischof im hohen Alter von 94 Jahren zu Gortyna sterben. Die spätere Legende weiß weder von einem Martyrium, noch auch nur von einem Bekenntnisse des Apostelschülers etwas zu berichten. — Die Nöm. Kirche begeht sein Gedächtniß am 4. Januar, während die Griechen den 25. August als den Erinnerungstag des T. feiern. Vgl. Baronius, Narb. Lora. (Oolcuiiae 1603), 8.4. Inn. p. 18; A. Hilgenfeld, Hist.-krit. Einleitung in das N. Test. (Lpz. 1875), S. 227 f., 231, 595, 745 f., 751—753. GörreS. Tituskopf, Kopf mit kurzem Lockenhaar. Titusville, Stadt im Crawford County des Nordamerika»:. Unionsstaates Pennsylvania, am Oil Creek, Eisenbahnstation; ein Hauptbörsenplatz für Rohpetroleum; 8639 Ew. Tityos (gr. Mythol.), Riese in Euböa, Sohn der Gäa oder des Zeus u. der Clara. Von Euböa wanderte er nach Panopens in Phokis aus. Als er der Latona, welche durch sein Land reiste, Gewalt anthnn wollte, rief dieselbe ihre Kinder Artemis u. Apollon zu Hilfe, welche den T. mit ihren Pfeilen erschossen; nach Andern erschlug ihn Zeus mit dem Blitze. In der Unterwelt lag er über 9 Plethra ausgestreckt, u. zwei Geier fraßen an seiner Leber. Tiumen, Stadt, so v. w. Tjumen. Tiverton , Stadt in der engl. Grafschaft Devon, am Zusammenfluß des Ex und Loinan, Eisenbahnstation, mit der Vorstadt Westex; Lateinische Schule, Theater, Eisengießerei, Spitzensabrikation, Fischerei, Handel; 1871: 10,024 Ew. T. sendet zwei Mitglieder ins Unterhaus. Tivoli, Stadt in der ital. Prov. Rom, links am Teverone (Anio, Aniene), welcher hier herrliche Cas- caden bildet, Glanzpunkt des Sabinergebirges; 8105 Ew.; Bischossitz, Kathedrale (ehemals Tempel des Hercules),Jesuitencolleginm, mehrere Villen, darunter die 1549 angelegte, durch prachtvolle Gartenanlagen u. zahlreiche Wasserkünste allsgezeichnete Villa d'Este mit Fresken u.derColossalstatne derTiburtin- ischen Sibylle; viele Trümmer der alten Römerstadt Tibur (s.d.), so Tempel der Drusilla Vesta (jetzt Kirche S. Giorgio), TempelderTiburtinischen Sibylle, Rep- tunsgrotte, Grotte der Sirenen, Villen des Mäce- nas, des Sallnstins, Valerius Maximus, Qninti- lius Varro, 3 üm südlich davon die Ruinen der Villa des Hadrian, der berühmtesten Luxnsanlage des Römischen Reiches, im 6. Jahrh. durch den Gothen Totilas zerstört. Vgl. Zeitschr. Aus allen Weltthei- len V, S. 100—102. Schroot. Tixtlan (Ciudad Guerrero), Hauptstadt des me- jicaniichen Staates Guerrero; 6500 Ew. Sommerfrische von Acapulco. Tizian , eigentlich VecelliovonCado re,unter dein Vornamen T. allgemein bekannt, das Haupt der Venetianischen Malcrschule, geb. 1477 (n. A. 1480) in dem zur Gemeinde Pieve-de-Cadore (ital. Provinz Belluno) gehörigen, in den Alpen von Friaul gelegenenDorse Tai; zeigte schon früh großes Talent 403 Tjalk — für die Malerei, weshalb ihn seinVater nachVenedig sandte, wo er erst bei dem Mosaicisten Znccano, dann bei G. Bellini lernte. Bald jedoch von dessen Manier durch die in einem freier» Stil ausgesührten Arbeiten Giorgiones (s. Barbarelli) seines Mitschülers ab- gelenkt, führte er mit diesem die Fresken an der Fa« ;ade des deutschen Kaufhauses in Venedig aus 1507, u. wurde 1511 nach Giorgiones Tod beauftragt, die von jenembegonnenenMalereien am Dogenpalast zu vollenden; 1516 malte er daselbst noch die Schlacht von Spoleto, welches großartige Werk aber bei dem Brande des Palastes zn Grunde ging 1577. Hatte Giorgione zuerst in der Auffassung einen größer», lebendigeren Charakter u. Ausdruck, in der Behänd» lung einen breiten, markigen,pastösenVortrag u eine leuchtende, harmonische Färbung in die italienische Malerei eingefllhrt und damit der Venetianischen Schule ihren Grundcharakter ausgeprägt, so war es T. Vorbehalten die herbe Gluth, welche noch den Bildern Giorgionesinuewohnte, zu einergrößerenWeich- heit u. Ruhe zu sänftigen u. das Coloril, zumal die Fleisch farbe, bis zur lebendigsten Wahrheit n. Wärme anszubilden. Gerade diese Richtung war es, welche T. zunächst als Porträtmaler gesucht machte. Er porträtirte 1530 Kaiser Karl V. (später noch dreimal 1532, 1536 u. 1550) und wurde dafür zum Ritter ernannt u. mit einem Jahresgehalte bedacht, malte dann an den Höfen von Ferrara u. Mantua, Papst Paul III. rc.; ferner porträtirte er den König Philipp H. von Spanien, für den er erst andere Werke vollendete, wie für die Königinnen von England u. Portugal, für andere Fürsten rc. u. bes. für öffentliche Gebäude in Venedig, wo er, seine Reisen ausgenommen, wohnte u. 27. Aug. 1576, 99 Jahr alt, thätig bis zum letzten Augenblick, an der Pest starb. Mit ihm starb sein Sohn und Schüler Orazio; drei andere Kinder ans seiner 1512 eiugegangencn Ehe überlebten ihn. T., der fast in jeder Gattung der Malerei Großes geleistet hat, wußte seinen Gemälden die ganze Wärme u. Wahrheit des Lebens ein- znhauchen, ohne indessen in den Naturalismus zn verfallen. Seine Kompositionen sind voll dramatischer Haltung u. alle Gestalten und Physiognomien von sprechendem Ausdruck. Das landschaftliche Element von großartig poetischer Auffassung. BorAllem ist es das Colorit n. die Harmonie der Farben, wodurch er unübertroffen dasteht, u. nie, weder vorher noch nachher, ist die Carnation von irgend einem Meister in allen Abstufungen des Teints mit solcher Wahrheit wiedergegebcn worden. An seiner Zeichnung hingegen fanden schon seine Zeitgenoffen Mängel. Ganz besonders zeichneten sich seine Porträts durch Lebenswahrheil und Schärfe der Charakter- Prägung aus. Von seinen beiden in Venedig befindlichen Hauptschöpfungeu: Mariä Himmelfahrt, Tod des St. Laurentius, Grablegung Christi, Tod des Pietro Martyr, ging letzteres 1867 bei dem Brande der Kirche S. Giovanni-Paolo zu Grunde. Von Meisterwerken befinden sich außerdem in Florenz: Venus, Magdalena rc.; in Rom: Pal. Borghese, die himmlische u. irdische Liebe; in Madrid: Dreifaltigkeit rc.; in Paris: Grablegung u. Dornenkrönung Christi; in Neapel: Danae; in Dresden: Venus, Christus mit dem Zinsgroschen; in London: Bacchus u. Ariadne rc. Man hat über 600 Kupferstiche nach Gemälden von ihin. Eigentliche Schüler hat T. nur Tlemsen. wenige gebildet: er war zu eifersüchtig auf das Hervortreten jüngerer Talente; dagegen hatte er aber umsomehr Nachahmer. Unter diesen Letzteren find als besonders glücklich zu nennen sein Bruder Francesco , sein Sohn Orazio und sein Neffe Marco Ve- cellio; dann Bonifazio, Giovanni Cariani ans Bergamo, Geronimo Savoldo, Alessandro Bonvicinovon Brescia u. die beiden großen Franzosen Poussin u. Claude Lorrain. Das vom Kaiser Ferdinand 1844 für T. bestimmte Denkmal wurde von San Dome- nichi ansgeführt u. 17. Aug. 1852 iu Venedig enthüllt; ein anderes Denkmal wurde 1878 in seinem Geburtsort enthüllt und ein drittes soll in Rom errichtet werden. Vergl. Lübke, Tizian-Album, Berl. 1862; Crowe u. Cavalcaselle, T-s Leben n. Werke, Lond. 1877, deutsch von M. Jordan, Leipzig 1877, 2 Bde. Schroot. Tjalk , an der deutschen Nordseeküste heimisches Küstenfahrzeug, der Kuff ähnlich; der eine Mast steht ziemlich weit nach vorn n. hat daran ein verhältniß- mäßig mächtiges Großsegel mit langem Baum, aber kleine, meist gekrümmte Gaffel. Größe 26 bis 75 Tonnen. Tjelochranitel (Tjelnik), in Rußland ehemals Leibwächter des Zaren, Leibtrabaut. Tjindana, so v. w. Sandelbosch, s. d. TM, Branntwein in China, wie der Arac aus Reis gebrannt, von äußerst schädlicher Wirkung bei unvorsichtigem od. gar unmäßigem u. gewohnheitsmäßigem Genuß. Tinbe, mohammedanischer Grabhügel. Tfumeu, Kreisstadt im russ. Gouv. Tobolsk (WSibirien), einstweiliger Endpunkt der Sibirischen Eisenbahn (Perm-Jekaterinburg-T.), am Einfluß derTjumenka in dieTnra; 1586 erbaut ».ursprünglich Jepanscha benannt; hat zahlreiche griechische Kirchen, russ. Kreisschnle, tatarische Schule, lebhafte Industrie (Gerbereien, Seifensiedereien, Töpfereien, Eisen - und Glockengießereien, Mühlen), durch eine Messe unterstützten Handel, Schiffbau, Schifffahrt; T. ist Ausgangspunkt des sibirischen Landhandels, wird jährlich von ca. 50,000 Fuhrwerken passirt; 15,512 Einw. Dronke. Tjuprija, so v. w. Tschnprija. II., chem. Zeichen für Dkmllinm. Tlalpan, Stadt im mejican. Staate Mejico, südl. von der Stadt Mejico, mit dem es durch Eisenbahn verbunden ist; hat Münze u. zahlreiche Landhäuser reicher Mejicaner; 6000 Ew.; war bis 1831 Hauptstadt des Staates Mejico. Tlalpujahua, Stadt im mejican. Staat Mi- choacan, 2430 IN ü. d. M.; 9000 Ew.; hatte einst ergiebigen Bergbau auf Silber. Von hier ging unter Morelos die erste Revolution gegen die spanische Herrschaft aus. Tlascäla (Tlaxcala), 1) der kleinste Staat der amerikan. Republik Mejico; von drei Seiten vom Staate Puebla umgeben, im NW. an den Staat Mejico grenzend,4200sHlcm(76,zHsM) mit 121,663 Ew.; gehört größtentheils der Hochebene von Aua- huac an, hat reiche Eisensteinlager. Da T. sich früh andie Spanier anschloß, so gewährten ihm diese viele Freiheiten. 2) Hauptstadt darin, schöne Kirche, einiger Kunstfleiß; etwa 4000 Einw., zur Zeit der Eroberung über 100,000 Ew. Tlemsen (Tlemcen, Tremis), Arrondissements- 404 Tlepolemos hauptort in der französ. Prov. Oran (Algier), auf fruchtbarem Plateau, im 13. Jahrh. Hauptstadt des arabischen Reiches der Ziancteii, damals sehr ausgedehnt und Sitz arabischer Gelehrsamkeit; jetzt nur noch 4 so groß wie früher, nur von einer Seite zugänglich, hat Mauern u. Thürme, eine alte Citadellc u. ein im 14. Jahrh. gebautes Außenwerk (Man- surah); enge Straßen, gute Wasserleitung u. Fon- tainen, zahlreiche Moscheen, Bazars, lebhafte Industrie (Achat-, Blei- u. Kupfergruben) und ausgedehnten Handel; 21,728 Ew. Vgl. Schneider und Haas, Von Algier nach Oran u. Tlemcen, Dresd. 1878. Dronke. Tlepolemos, 1) Sohn des Herakles und der Astpoche; da er in seiner Jugend seinen Oheim Ly- kymnios in Tirynth erschlagen hatte, mußte er vor seinen Verwandten fliehen u. ging mit einer Colo- nie Argiver nach Rhodos, wo er die Städte Jaly- jos, Kameiros u. Lindos baute u. friedlich regierte. Er fiel vor Troja durch Sarpcdon. Er war ein Na- tioualheld von Rhodos, sein Todestag wurde durch Kampfspiele (Tlepolemia) gefeiert. 2) Sohn des Pythophanes, diente unter Alexander d. Gr. im Persischen Kriege, wurde 325 v. Ehr. Statthalter von Karmanien. 3) Minister des Ptolemäos Philopator, welcher an die Stelle des vertriebenen So- sibios trat. Tlumaez, Marktfleckewund Hauptort in dem gleichnam. galiz. Bezirk (Österreich); großartige Rübeuzuckerfabrik; 1869: 3875 Ew. (mit dem Guts- bezirk 5166). Tmesis (griech.), Zerschneidung; bes. Trennung eines zusammengesetzten Wortes in seine Elemente, meist der Präposition von dem mit ihr zusammengesetzten Verbum, z. B.: ab er ihm die Beute wieder nahm; ob er gleich, statt obgleich er. Sie findet fich bes. häufig in der epischen Sprache der Griechen. (W. Pierson im Nh. Mus. s. Phil. 1857.) a. Tmetlca (gr.), einschneidende od. zertheilende Heilmittel. Toast(engl.), eigentlich eine geröstete Brodschnitte; dann säst allgemeine Bezeichnung für Trinkspruch, u. zwar daher, weil in England demjenigen, welcher eine Gesundheit ausbringen sollte, das Glas mit einer gerösteten Brodschnitte überreicht wurde. Tobago , so v. w. Tabago. Tobarra, Stadt u. Badeort in der span. Prov. Albacete (Murcia), an der Straße von Albacete nach Murcia, mit Schwefelquellen u. gut eingerichteten Bädern; 4376 Ew. Tobelbad, kleines Dorf n. besuchter Badeort im steier. Bez. Graz (Österreich), 10 icnr südwestlich von der Stadt Graz im Thale des Tobelbaches inmitten schöner Fichtenwälder, Station (Premstätten-T.) der Graz-Äöflacher Eisenbahn; mit 2 erdig-alkalischen Thermen von -s- 20 und -I- 23" R. Temperatur, welche namentlich bei Nervenleiden, Menstrualano matten, chronischer Gebärmutterentzündung, Hysterie und deren Folgen empfohlen werden. Die Heilquellen von T. sind über 600 Jahre bekannt. Dieselben wurden 31. Dec. 1548 vom Kaiser Ferdinand I. den Ständen Sieiermarks als Eigenthnm zngewiesen. Vergl. Blumauer, Vademecnm von T., Graz 1878. Toberentz, Robert, Bildhauer, geb. 4. Dec. 1840 in Berlin; bildete fich ans der dortigen Kunstakademie u. beiSchilling in Dresden u. machte dann — Tobler. eine Studienreise nach Italien. Seitdem wandte er sich vom Rauchschen Jdealstil ab u. der Vegasschen naturalistischen Richtung zu und zeigt sich in diesem engen Anschluß an die Natur als voller Meister. Werke erster Periode: Perseus, Elfe in Marmor, Büsten; 2. Periode: Faun mit Amor, Hirt, Büsten. Tobcrmory, Hauptort der Hebrideninsel Mull; Zollamt, Fischerei, guter Hafen; 1200 Ew. Tobias (Gott ist gut), 1) Name eines Ammoniten, des Gegners Nehemias, der gegen Eheverbindungen mit Heiden eiferte; mit vornehmen jüdischen Familien verschwägert, bereitete er dem Nehemias durch Verläumdungen u. durch versuchte Hinderung des Baues der Mauern Jerusalems Schwierigkeiten (s. Nehemias 2, 10; 6, 12 ff.; 13, 4 ff.). 2) Held einer zu den apokryphischen Büchern der Bibel gehörenden Erzählung, daher auch das Buch nach ihm genannt. Das Büchlein will durch die erdichtete Erzählung Standhaftigkeit im Wohlthun u. in Menschenliebe, sowie in Beobachtung der ritualen Vorschriften empfehlen. Die Anführung des Spruches: Was dir nicht lieb ist, thue deinem Nächsten nicht (Hillels Antwort an einen Heiden), die Art der Erwähnung der Zehnten u. die Ausdehnung der Leviratsehe auf weitere Verwandten, sowie anderseits derenEinschränkuug aus jungsräuliche Wittwen rücken die Abfassung in Sie Zeit, wo die rituellen Bestimmungen noch flüssig waren, in die Jahre 50—60 n. Ehr. Der Text der DXX scheint älter, als der der Vulxatn, welcher die lutherische Übersetzung folgt; Ilgen, Die Geschichte T'. nach 3 verschiedenen Originalen, Jena 1800; Gntman, Die Apokryphen des A. T., Altona 1841; kritisch bearbeitet ist der Text von Fritzsche, Leipz. 1853; Uebersetzung und Commentar von Rensch, Freibnrg i. B. 1857 und von Sengelmann, Hamb. 1857; Kohut, Moral und Absassungsziel d. B. T., Bresl. 1872. Fürst- Tobitschau, Stadt im mähr. Bez. Kojetein (Österreich),anderMarch;Schloß; 1869:1674Ew. (Gern. 1895). — Hier 15. Juli 1866 siegreiches Gefecht der preußischen Brigade Malotki gegen die österreichische Brigade Nothkirch. Tobler, Titus, berühmter Erforscher des Heil. Landes, geb. 25. Juni 1806 zu Stein im schweizer. Kanton Appenzell, studirte seit 1823 in Zürich, Wien u. Paris Medicin und ließ sich 1827 in seiner Hei- math als praktischer Arzt nieoer; 1835—36 machte er eine wissenschaftliche Reise nach dem Orient, welche er 1845—46 wiederholte; siedelte 1840 nach Horn im Kanton Thurgau über u. wurde 1853 zum Mitglied des eidgenössischen Nationalrathes gewählt. 1857 bis 1858 machte er seine dritte u. 1864 seine vierte Reise nach Palästina. 1871 siedelte er nach München über, wo er 21. Jan. 1877 starb. Er schr.: Appen- zellischerSprachschatz, Zür. 1837; Lustreise ins Morgenland, ebd. 1839, 2 Bde.; Plan von Jerusalem, St. Gallen1839; Bethlehem, ebd. 1849; Golgatha, ebd. 1851; Die Siloahqnelle u. der Ölberg, ebd. 1852; Denkblätter aus Jerusalem, ebd. 1852; Topographie von Jerusalem und seinen Umgebungen, Berl. 1853—54, 2 Bde. (Hauptwerk); Beitrag zur medicinischen Topographie von Jerusalem, ebcnd. 1855; Dritte Wanderung nach Palästina im Jahre 1857, Gotha 1858; Planograpyie von Jerusalem, ebd. 1858; Nazareth, ebend. 1868; LiblioAraMs, Aoograpbioa ks,lostins.s, Leipz. 1867; Der große 405 Tobol — Streit der Lateiner mit den Griechen u. der Neubau! der Grabkirche in Jerusalem, St. Gall. 1870, und gab Schmidts läiotioon deruonss, Nürnb. 1857, Alte Dialektproben aus der Deutschen Schweiz, St. Gall. 1869, ferner die Schriften der Pilger ins Ge. lobte Land, Thetmar 1861, 4ntonins Llartz-r, 1863; Tbsoäorious, 1865; kakasstinas ässoriptioiisa ex sasoulo IV — XI; Dosoriptionss terrae sanotas ex «aeoulo VIII, IX, XII et XV heraus. Die Soeists pour la publieatiou äs tsxtss reiatika a I'itiatoirs äs la Asog-rapläs äs 1'Orlsut latin übertrug ihm 1875 die Bearbeitung des ersten Theiles der Itinora Iiiorosol^mitaua latina (333 —1000), ein Werk, Las er jedoch nur bis zur Hälfte fördern konnte. Seine Libllotlieoa pakaostinenais wurde 1877 von der kaiserl. öffentlichen Bibliothek in St. Petersburg angekauft. Schroot. Tobol (kirgisischTabul), bedeutendsterNebenfluß des Jrtysch (WSibirien), entspringt auf dem Gebirge Mamct (dem sogen. Kirgisischen Ural), nimmt rechts die Abuga, links Ajat, Ui, Jset, Tura und Tawda ans u. ergießt sich nach einem Lause von 700 lein in den Jrtysch bei Tobolsk. Wegen seines Wasserreichthums ist er als Handelsstraße wichtig. Tobolsk, I) ruff. Gouv. in WSibirien; umgrenzt von den Gouv. Archangelsk, Wologda, Perm, Orenburg, Akmollinsk, Tomsk, Jeniffeisk u. dem nördl. Eismeere, welches hier die Karische Bai, den Obi» u. Tas-Busen bildet; Größe 1,376,318 Ulslcm (24,996 s^jM). Im NW. erhebt sich der Ural, sonst ist das ganze Land flach; Flüsse sind zahlreich: Ob (mit rechts: Wach, Agan, Ljamiu, Kasyu, Polui; links: Jugan,Jrtysch mit Jschim,Demjanka,Jobol,Konda u. a.), Jurubei, Nadym, Pur. Zahlreich sind im S. dieSecn. Gegen N. bildet T.dieHalbinselJelmers- land, dessen nördlichste Spitze Cap Golowiu ist; vor ihm liegt die Weiße Insel. Klima: kalt, jedoch durch die oft ruhige Luft nicht so auffallend; doch wüthen auch bisweilen heftige Stürme. In T. selbst beträgt die Temperatur im Jahresmittel -1-0,2° L., im Frühling -l-0,2°, Sommer-s-14,,°, Herbst -1-0,z", j„i Winter —13,5°. Beschäftigung: in den südl.Theileu wird bei tiefgründigem, fettem Boden Ackerbau getrieben (Roggen, Weizen, Gerste, Hafer, Buchweizen, Hanf, Lein), welcher sich in neuerer Zeit sehr gehoben hat; Gartencultur ist sehr gering, Obst gedeiht nicht, doch einiges Gemüse; die Viehzucht ist in einigen Gegenden nicht ganz unbedeutend und bringt Pferde, Rindvieh, Schafe, etwas Federvieh, in den nördl. Theilen Nenthiere u. Hunde. Die mittleren Striche sind reich an Nadelholzwaldungen, welche treffliches Bauholz liefern; die Lärche kommt bis jenseits des Polarkreises vor; überall finden sich hier Mengen von Beeren. Im N. ist der Wildstand sehr bedeutend (Bären, Wölfe, Zobel, Wiesel, Vielfraße, Luchse, wilde Katzen, Biber, Eichhörnchen, Hermeline, Fischottern, wilde Gänse, Feldhühner). Das Meer n. die Flüsse find sehr reich an Fischen. Der Mineralreichthum ist unbedeutend; die Industrie hebt sich u. bringt namentlich Seife, Leder, Branntwein; ansehnlicher jedoch ist der Handel mit Pelzen u. Talg, auch der Transito. Die Einwohner (1,086,848) sind Russen (an den Flüssen), Tataren im S., Wogulen im W., Ostjaken in den mittleren Gegenden u. Samojeden im N. Die meisten sind, wenigstens äußerlich, griech.-katholisch. Die politische Eintheilung des - Töchter. ! Landes hat mehrmals gewechselt, jetzt ist es in 9 Bezirke eingetheilt; zahlreich sind die Strascolonieu. 2 ) Gouvernements- und Kreishauptstadt, 1587 an der Einmündung des Tobol in den Jrtysch erbaut; Sitz der obersten Behörden, des Generalgouverneurs von WSibirien u. eines griechischen Erzbischofs; hat alte Festungswerke, zahlreiche Kirchen, Seminar, Arsenal, Arbeitshaus, Gymnasium, Gerbereien, Seifensiedereien, Handel (bes. mit Pelzwerk, dessen Hanptuiederlage hier ist, bes. dessen, was als Tribut an die Krone abgeliefert wird); 17,427 Ew., darunter viele Verwiesene. Hier Denkmal des Eroberers von Sibirien, Jermak. Bis hierher wird die von Perm ausgehende n. Jekaterinburg, sowie Tjumen berührende Sibirische Eisenbahn geführt. Dronke. Toböso, Stadt in der span. Prov. Toledo, in der Mancha, aus Don Quixote (Dulcinea von T.) bekannt. Tobsucht (Manie), vgl. Seelenstörungen. Tocantins, der östlichste der großen rechtsseitigen Nebenflüsse des Amazonenstromes in SAmerika; entspringt (als Maranhao) in der brasilian. Prov. Goyaz aus dem See Formosa, durchfließt diese Provinz in nördl. Richtung, nimmt den Rio das Almas, de S. Teresa, Parannan, Somno (Sono) auf, ver- einigt sich bei S. Joao de duas Barras mit dem ihm ebenbürtigen Araguay, tritt darauf in die Provinz Para über, u. fällt nach einer Stromlänge von ungefähr 2000 Icm unterhalb Villa Vchoza in den Rio Para. Die Schifffahrt auf dem T. ist durch mancherlei Hindernisse beeinträchtigt. Toccate (Paeoata), ein beim Beginn einer selbständigen Instrumentalmusik viel gepflegtes, jetzt ab« gekommenes Musikstück für Tasteninstrumente, insbesondere die Orgel; eine Art Phantasie, welche keine eigentliche zusammenhängende Melodie, keine Durchführung in kunstvollem Sinne ausweist, sondern auf ein abwechselndes Spiel mit gehaltenen Accorden u. lebhaften Passagen, gebrochenen Accorden hinaus- läuft, um die besondere Eigenthümlichkeit des betr. Instrumentes, der Orgel, des Klaviers nach Klaug- u. Spielart darzulegen. Die T. diente hauptsächlich als aus freier Phantasie entsprungenes Präludium, worauf eine Fuge nachsolgte; in Italien als Orchestereinleitung zu den damaligen Mnsikdramen. Eine geschlossenere Form mit kunstvoller, thematischerVer- arbeituug der gegebenen Hauptgedanken, bei aller Wahrung des phantasirenden Charakters, zeigen die T-n bei I. Seb. Bach, der überhaupt die ganze Form zur höchsten Ausbildung gebracht hat. Andere hervorragende Componisten von T-n: Rossi, Fro- berger, Muffat, Gabrieli, Claudio Merulo u. Fres- cobaldi. Toccatina, eine Art T. von kleinerer Form. Toccato, in Trompeterchören die Grundstimme. Toce, so v. w. Tosa. Tochter, Name mehrerer Nonnenorden, so: T. der Christlichen Liebe, so v. w. Barmherzige Schwestern. T. der Gesellschaft Jesu, so v. w. Jesuitinnen. T. des guten Hirten, Nonnenorden, gestiftet 1686 von Frau von Combe, beschäftigt sich zum Theil mit Unterrichten der Jugend, zum Theil mit Besserung verdorbener Frauenzimmer, für welche ein gesondertes Gebäude eingerichtet ist. Der Orden hat. bes. inFrankreich, Bayern u. Preußen große Verbreitung gefunden, aber in letzterm Staate seine Thatigkeit 406 Tocopilla ausgeben müssen. T. der heiligen Dreifaltigkeit, s. Dreifaltigkeitsorden 4). T. der Sta. Genoveva (Miramionen), s. Genoveva 2). T. des heiligen He» zens Mariä, so v. w. Heiligen Herzensorden 4). T. des heiligen Kreuzes, so v. w. Heiligen Kreuzes- töchter. T des Leidens, so v. w. Kapuzinerinnen. Tocopilla, Ort im bolivian. Dep. Potosi, an der T-bai des Großen Oceans, mit reichen Kupferbergwerken; wurde S. Mai 1877 durch Erdbeben zerstört. Tocqneville, Alexis CharlesHenri Maurice Clerel de T., ein Urenkel Malesherbes, geb. 29. Juli 1805 zu Verneuil (Seine-et-Oise), stndirte die Rechte, wurde 1826 Jnstructionsrichter u. 1830 Hilfsrichter in Versailles, ging 1831 im Aufträge der Regierung mit G. de Beaumont nach NAmerika, um dort das Gefängnißwesen zu studiren, u. wurde 1839 in die Depntirtenkammer gewählt, wo er sich der Opposition anschloß. 1841 wurde er in die Akademie u. 1848 in die Constituirende Nationalversammlung gewählt, gehörte zum linken Centrum u. zur Commission des öffentlichen Unterrichts, in welcher er schon 1844 gewirkt hatte. Er sprach gegen das Recht auf Arbeit, für das Zweikammersystem, den Rateau-Lanjuinaisschen Antrag u. die Aufhebung der Clubs. Bei Eröffnung der Gesetzgebenden Versammlung wurde er zu einem der Viccpräsiden- ten gewählt; vom 1. Juni bis 31. Oct. 1849 war er Minister des Auswärtigen. Im Juli 1851 stimmte er als Berichterstatter niit der Minorität für die Revision der Verfassung, ebenso im Nov. für den Quästorenantrag u. fand sich 2. Decbr. mit in Odillon Barrots Wohnung ein, um gegen den Staatsstreich zu protestiren, wurde eingekerkert, aber bald wieder sreigelassen. Seitdem lebte er, von öffentlichen Geschäften zurückgezogen, in Paris u. st. 16. April 1859 in Cannes. T. hat das Verdienst, die analytische Geschichtsmethode auf das 18. Jahrh. angewendet, mit den in Frankreich vorherrschenden geschichtlichen Anschauungen gebrochen n. nachgewiesen zu haben, daß die Freiheit allein die jetzigen demokratischen Staatswesen vor dem zerstörenden Einfluß des Despotismus schützen kann. Seine Hauptwerke sind: Do 1a ävinooratüs su Lmsrigus, 1835 (an Montes- quieus Lsprit äso lois erinnernd), 13. verbesserte A. 1850, u. L'aneieu re^iine et In revolution, 1856. Ferner: Du Systems psnitontiairs aux Dtats-IInis, Par. 1832, 3. A. 1845; Listoirs pllilosoxiiigus cku rsZus äu Louis XV, ebd. 1846, nebst 6oup ä'oeil Zur Is ressus äs Louis XVI.; Oeuv. somxl. äs L.. 9 Bde., 1860—65. Vgl. über T.: Ampöre, 1859, Mignet 1866, Jaques, A. de Tocqneville, Wien 1876 u. A. Volchert. Tod (Llors), das Aufhören aller Lebenserscheinungen, in spevis des Stoffwechsels. Erfolgt derselbe ohne äußere Einwirkungen, so spricht man von na- türlichem, erfolgt er durch solche Einwirkungen von gewaltsamem Tode. Derselbe kann plötzlich eintreten z. B. durch einen Schuß, durch Sonnenstich, durch innere Blutungen, durch Herzlähmung, durch gewisse Gifte (Blausäure), oder es geht ihm der Toveskampf, die Agonie, voraus, ein Ausregungszustand, den man sich als ein Ankämpfen der Lebenskraft gegen den Untergang dachte, od. der T-esschlaf, wenn ruhig, in Betäubung, der Übergang in den T. erfolgt. Bei beiden Übergängen in — Tod. den T. entwickelt sich successtve, allgemeine Lähmung u. ist das Bewußtsein entweder gänzlich aufgehoben od. geschwächt od. bis zum letzten Augenblicke des Lebens erhalten. In der Regel sterben die einzelnen Sinne u. Körpertheile in einer bestimmten Reihenfolge ab; zuerst sterben der Geruchs- u. Geschmackssinn, dann der Gesichtssinn ab n. dem Sterbenden wird es wie Nebel vor den Augen, endlich das Gehör u. vernehmen die Sterbenden bis kurz vor dem Ende noch das um sie Gesprochene. Im Muskelsystem machen sich bes. die Lähmungen der Gesichts- mnskeln auffallend, der Unterkiefer sinkt herab, die Nasenflügel sind zusammengefallen und die Nase erscheint spitz u. verlängert, die Augenlider bedecken nur zurHälfte die Augäpfel, während die Hornhaut glanzlos, trübe wird (laoiss Irippoeratiea). Schließlich wird das Athmen verlangsamt u. unregelmäßig, der Puls sehr frequent u. kaum fühlbar dünn, das Gesicht erbleicht, die Extremitäten werden kühl, die Schläge des Herzens unfühlbar u. unter einer meist verstärkten Inspiration, der eine lang gedehnte Exspiration folgt, ist das Leben erloschen. In einzelnen Krankheiten nimmt man in der Agonie eine um ca. 1 "gesteigerte Körpertemperatur wahr; diese Temperaturerhöhung kann bis einige Stunden nach dem Tode dauern (postmortale Temperaturerhöhung). Als Zeitpunkt des eingetretenen T-es pflegt man den letzten Alhemzug zu betrachten. Kunze. Tod (cnltnrhistorisch-ästhetisch). Der T. ist künstlerisch u. dichterisch in zahllosen Allegorien dargestcllt worden. Ursprünglich erscheint er bei allen Cultur- u. Naturvölkern in mehr freundlicher, milder, ja an- muthiger n. wohlthätiger Gestalt; die Schreckgestalten des T-es gehören meist den späteren Zeiten an u. müssen alsdann entweder als Ausgeburten einer verzerrten Übercultur od. einer ästhetischen u. moralischen Verirrung betrachtet werden. Eine der ältesten Vorstellungen vom T-e ist die des Seelensüh- rers zum jenseitigen Leben (Unterwelt rc.). In dieser Weise erscheinen bei den Ägyptern Osiris, bei den Indern Fama, bei den Griechen Hermes. Künstlerisch wurde der T. zuerst bargestellt bei den Griechen als jugendlicher Genius mit umgekehrter verlöschender Fackel, begleitet von einem Schmetterling als Sinnbild der Seele; aufgesaßt wurde er als Bruder des Schlafes. Ähnlich bei Len Römern. In der grelleren Gestalt tritt der T. zuerst auf bei den Semiten; bei den Hebräern als Samael. Er fällt hier in der Regel mit dem bösen Princip zusammen, wenn er nicht gar damit als identisch erscheint. Die Ursache ist hier wol zunächst in dem durch Klima u. Lebensweise bedingten furchtbareren Auftreten des T-eS zu suchen. Die Semiten verpflanzten mit der Cnltur, die sie an den Mittelmeer-, Nord- und Ostseegesta- den aussäeten, auch ihre religiösen u. mythologischen Anschauungen. Es liegt sehr nahe u. es ist auch berechtigt, die Schreckgestalten des T-es, wie sie bei de» Etruskern, den Kelten u. Slldslaweu schon sehr srüh Vorkommen, wenigstens theilweise direktem semitischem Einfluß zuzuschreiben. Bei den Etruskern war der T. ein schwarzes geflügeltes Ungeheuer, od. als eine mit dem Hammer bewaffnete Gestalt, die ihre Beute rasch entsührt (dies ein Anklang an Charon). Bei den Kelten erscheint er als lange fahle Gestalt mit einer schwarzen Hündin, bei den Slldslaweu als boshaftes, neidisches u. häßliches, nur aus Haut u. Toda — Todeserklärung. Knochen bestehendes Weib mit Drachenflügeln, in der Hand eine Sense u. gefolgt von 6 großen hung- rigcnHunden (dieHundeAnklänge an denKerberos). Die dichterische Auffassung des T-es ist schon von grellerer Art als die volksthiimliche u. künstlerische. Schon bei Euripides erscheint er als finsterer Opferpriester der Unterwelt, schwarzen Gewandes u. bewaffnet mit einem Opferschwerr, mit dem er symbolisch dem ihm Geweihten eine Locke abschneidet. Die späteren römischen Dichter schildern ihn als schreckliches Wesen, zähnefletschend und mit blutigen Nägeln seine Opfer ergreifend. Welchen Ursprung die Gestalt des T-es als Gerippe habe, ist ungewiß, doch liegt die Vermuthung nahe, daß sie ebenfalls semitisch sei wegen des häufigen Anblickes von Gerippen, welchen Wüsteugegenden von den darin Umgekommenen boten. In Deutschland kommt sie nach Grimm erst im 12. Jahrh. vor. Die Vorstellung des T-es bei den alten Germanen ist durchaus volks- thümlich. Die in der SchlachtGefallenen werden von den Walkyren oder von Wodan selbst zur Walhalla geleitet, während die an Krankheit Gestorbenen u. die Bösen von der T-esgöttin Hel abgeholt wurden. Die Todten reiten auf Pferden ihrem Bestimmungsorte zu (das Pferd heiliges Thier, spieciell auch dem Wodan geheiligt; die Walkyren beritten). In späterer Zeit erscheint der T. auch im Troß des wilden Jägers. In der christlichen Zeit bildeten sich die grellsten Gegensätze in den Auffassungen des T-es. Während er auf der einen Seite erscheint als T-esengel, welcher die Seele zur ewigen Seligkeit führt, macht sich auf der anderen Seite die Schreckgestalt in der fürchterlichsten Weise geltend: das eine als Nachklang des antiken T-esgenius, das andere als Nachklang der semitischen Anschauung. Übereinstimmend damit wird er häufig mit dem Teufel identisicirt. Der Teufel „holt" die ihm verfallenen Seelen. T. u. Teufel, Hölle u. ewige Verdammniß lag im System der Askese in ihrer Ausartung, die damit den größten Unfug trieb. Gegen das 15. Jahrh. entstanden die sog. Todtentänze, die in Bezug auf geistige Höhe als ein entschiedener Fortschritt gegen jene asketische Richtung zu betrachten sind. Hiermit gewann die Allegorie wieder vor der früheren scheußlich nackten Auffassung das Übergewicht: Humor u. Ironie mischten sich hinein, wenn auch in der erreichbar erschütterndsten (tragischsten) Weise. Es ist hauptsächlich der vom T. direct bedrohte, aber dennoch sorglos bleibende, ja oft in Ausgelassenheit ausartende menschliche Leichtsinn, der auf solche Weise in drastischer Weise vorgeführt wird; vgl. Todtentanz. In der Volkssage stehen die Todten zu allerlei nächtlichem Treiben, ge wöhnlich in der Mitteruachtsstunde, aus ihren Grä bern aus. Sie versammeln sich zu Processionen, zu Gottesdienst (Messe rc.), zu Gerichtssitzungen u. bes. auch zum Tanz. Dieser Todtentanz ist aber wesentlich verschieden von dem durch die Kunst dargestelllen, wo der Tod wo nur als Personification auftritt. Das bekannte Goetheschc Gedicht: Der Todtentanz bezieht sich lediglich auf die Bolkssage. Der Ausdruck Freund Hain für T. ist ein älterer volksthllmlicher Name für den T. u. wurde durch Math. Claudius u. Musäus in die Literatur cingesührt. Vgl. Lauvergne, Die letzten Stunden u. der T. in allen Klassen der Gesellschaft, Lpz. 1843, 2 Bde.; Wessely, Die Gestalten des T-es u. des Teufels rc., ebd. 1877. Schroot. Toda (Todava, Tuda), ein dravidischer Volksstamm auf dem Nilgiri-Gebirge (s. d.) in Indien. Todanstreiben (Todaustragen), in germanischen u. slawischen Ländern (Boigtland, Thüringen, Franken, Meißen, Lausitz, Schlesien, Böhmen) ein auf die slawische Todesgöttin Marzana ».die Jagdgöttin Dziewanna bezügliches, hin u. wieder jetzt noch übliches Fest am Sonntage Lätare (Todsonntag), wobei ein die betreffende Gottheit versinnbildlichender Strohmann unter bezüglichem Gesang herumgetra- gen u. dann inS Wasser geworfen od. verbrannt wird. In ähnlicher Weise^kam in Deutschland das Austreiben des Winters (allegorisch der Tod) vor. Schroot. Todd, Charles, berühmter engl. Physiker, war von 1848—54 Assistent ans dem Cambridge Observatorium, erhielt dann einen Ruf nach Greenwich, wo ihm das galvan. Departement übertragen wurde. 1855 zum Astronomen u. Superintendenten der Telegraphen der Colonie SAustralien befördert, erhielt er 1870 bei der Vereinigung des Telegraphenwesens mitderPostdasAmteinesGeneralpostmeisters. Sein Hauptverdieust ist die rasche u. glückliche Herstellung des australischen Überlandtelegraphen von Adelaide nach Port Darwin (s. Australien, S. 435, 2. Sp.). Auch um das englische bes. submarine Telegraphensystem erwarb sich T. Verdienste, der neben anderen Auszeichnungen Mitglied der Königl. Astronomischen Gesellschaft u. der Britischen Meteorologischen Gesellschaft ist. Schroot. Toddy, 1) gegohrener Palmensaft; 2) Mischung ans Branntwein (Rum), Zucker u. Muskatnüssen, bes. in NAmerika. Todeserklärung, das rechtliche Erkenntniß, durch welches ausgesprochen wird, daß ein Mensch, dessen erfolgter Tod bisher zweifelhaft war, für todt zu erachteu sei. Der T. geht jedesmal eine Art Edictalproceß voraus, bei welchem zunächst der Abwesende selbst u. alle diejenigen, welche an sein Vermögen Ansprüche erheben zu können vermeinen, auf- gefordert werden, in einem bestimmten Termine vor Gericht zu erscheinen, unter der Androhung, daß der sonst Abwesende für todt erachtet, die sich nicht mel- venden Interessenten mit ihren Ansprüchen excludirt werden würden. Erscheint der Abwesende nicht, so wird meist von denjenigen, welche die T. verlangt haben, noch ein Gefährdeeid darüber, daß ihnen seit einer gewissen Zeit (10 Jahre) von dem Leben des Abwesenden Nichts bekannt worden sei, abgefordert, u. erst, wenn dieser Eid abgeleistet ist. zur wirklichen T. geschritten. Hinsichtlich solcher Personen, welche als Soldaten in den Krieg gezogen u. daraus nicht zurückgekehrt sind, ist zuweilen die Zeit, nach deren Verlaus die T. beantragt werden kann, auf nur wenige Jahre gesetzt. Die Folge der T. ist die, daß das vorhandene Vermögen des Abwesenden >deu nächstberechtigten Erben zur eigenen Disposition ausge- antwortet wird u. die etwa bis dahin geführte Ab- wesenheitsvormundschast ihr Ende erreicht. Controllers istdabei aber, welcherZeitpunkt als derZeitpunkt des vermutheten Todes anzunehmen ist: Manche nehmen den Zeitpunkt an, von welchem an der für todt Erklärte verschollen ist, Andere den Zeitpunkt des zur T. gesetzlich berechtigenden (in den Particu- largesetzen sehr verschieden, im gemeinen Gerichtsgebrauch auf das vollendete 70. Jahr bestimmten) Alters, noch Andere Len Zeitpunkt der gerichtlichen 408 Todesfisch — T. Für letztere Annahme hat sich die Gesetzgebung in Österreich u. Preußen ausgesprochen Übrigens schafft die T. iinnier nur eine sogen. Rechtsvermuth- ung (kraosumtio juris), welche dem Beweise der Wahrheit weicht. —i. Todessisch, so v. w. Seeteusel. Todeskampf, so v. w. Agonie. Todesstrafe (koona capitis), diejenige Strafe, bei welcher das Strafübel darin besteht, daß dem Verbrecher unter der leitenden Aufsicht des Staates auf eine bestimmte Weise daS Leben entzogen wird. Wie die Vollziehung jeder rechtmäßigen Strafe, so setzt auch die Vollziehung der T. ein rechtliches Erkenntlich (Todesurtheil) voraus, durch welches in Anwendung bestehender Strafgesetze dem Verbrecher das Leben abgesprochen worden ist. ES darf aber das Todesurtheil erst vollzogen werden, nachdem es die Bestätigung des Landesherrn resp. des Inhabers der Staatsgewalt erhalten hat; ausgenommen im Kriege od. nach Verkündung des Martialgesetzes od. in dringenden Fällen aus der See, wo dieselbe durch die Bestätigung des Höchstcommandirenden od. des Schiffcapitäns ersetzt wird. Vom Momente des er- öffneten Urtheils an wird dem Berurtheilten ein Seelsorger beigegeben, welcher ihn znm Tode vorbereitet, auch wird es dem Verurtheilten »erstattet, unter Aussicht Besuche seiner Verwandten und Bekannten zu empfangen, um von ihnen Abschied zu nehmen u. seinen Nachlaß zu ordnen. Anch sonstige, den Verhältnissen nach nicht unpassende Wünsche werden dem Verurtheilten noch erfüllt. Hinsichtlich der Bollziehungsart der T. unterscheidet man einfache u. qualificirte (geschärfte) T-n, u. versteht unter den elfteren die, bei denen es lediglich auf die bloße Lebensberaubung abgesehen ist, unter den letzteren solche, welche zugleich absichtlich mit körperlichen Martern od. Beschimpfungen verknüpft sind. Zu den einfachen T-n gehört die Enthauptung, das Hängen (s. Erhängen, S. 478), das Erschießen; von qualificirten T-n kennt die frühere Criminal- rechtsgeschichte das Rädern, Verbrennen auf dem Scheiterhaufen, Viertheilen, die Steinigung, das Pfählen, das Lcbendigbegrabeu u. Einmauern (s. d. 3), das Ertränken oder Säcken, das Stürzen von hohen Felsen, z.B. vom Tarpejischen Felsen in Rom, das Zersägen, die Kreuzigung (s. u. Kreuz, S. 659) rc. Außerdem kommen als Schärfungen einfacher T-n vor: das Schleifen auf einer Kuhhaut od. Schleifen zur Gerichtsstätte, das Kneipen mit glühenden Zangen, das vorausgehcnde Aus- u. Abreißen einzelner Glieder, z. B. bei VerleumdernderZunge, das Flechten des Leichnams auf das Rad od. das Stecken des Kopfes auf einen Pfahl. Im heutigen Rechte ist diese Mannigfaltigkeit der T-n zum größten Theil abgeschafft. Qualificirte T-n kommen bei den gesitteten europäischen Völkern fast gar nicht mehr vor, u. von den einfachen,ist in der Regel nur eine beibehalten, u. zwar in Österreich, England u. Amerika das Hängen mit Erwürgen am Halse, in Spanien das Hängen mit Brechen der Halswirbel (Garrotte), in den übrigen Ländern die Enthauptung, welche theils durch das Beil (Preußen), theils durch das Schwert, theils durch eine besondere Maschine, in Frankreich, in den Königr. Bayern, Württemberg u. Sachsen, durch das Fallschwert (Guillotine) voll-! zogen wird. Nur für Militärverbrechen u. bei Ver- p - Todesstrafe. kündigung des Standrechtes besteht daneben noch die Vollziehungsart der T. durch Erschießen (Arquebu- siren, Füsiliren). Die Französische Revolution hat öfters das Beispiel gegeben, daß solcheErschießungcn in Masse, mit Flinten und Kanonen (Llibraiilaäo) stattgefundcn haben; auch einzelne Militärverbrecher wurden vor Kanonen angebunden und so rücklings erschossen,;. B. 1857 während des Seapoyaufstan- dcs in Ostindien. — Ueber Intra muranhin- richtung s. unten. Nachdem schon im Mittelalter sich vereinzelte Stimmen gegen die T. hatten vernehmen lassen u. dieselbe auch im Zeitalter der Reformation Widerspruch erfahren hatte, wurde seit ungefähr der Mitte des 18. Jahrh. die Frage genauer präcisirt u. vielfach aufgeworfen, ob die T. überhaupt nach der Bestimmung der Strafe rechtlich zulässig u. zweckmäßig sei. Insbesondere war es der Italiener Beccaria (s.d.), welcher zuerst die Frage zur Sprache brachte, indem er in seinem Werk über die Verbrechen u. Strafen, 1764, dem Staate das Recht absprach, T-n zu erkennen, weil ihm die Einzelnen kein solches Recht über Leben zu verfügen übertragen hätten, u. die T. als für die Strafrechtspflege nicht blos nicht nützlich, sondern vielmehr schädlich darstellte. Ihm folgten bald Andere, welche sich in gleichem Sinne aussprachen. Eine Folge davon war, daß in Toscana 1786 u. in Österreich, nachdem hier bereits seit 1781 fast kein Todesurtheil zur Vollstreckung gelangt war, durch Gesetz vom 2. April 1787 die T. aufgehoben wurde; indessen sah Kaiser Franz II. 1796 sich veranlaßt, hier die T. wenigstens für Hochver- räther wieder einzuführen, u. im Strafgesetzbuch von 1893 erhielt dieselbe von Neuem eine noch ausgedehntere Anwendung. In Frankreich kam die Aufhebung der T. seit 1790 mehrfach, insbesondere im Convent von 1793 durch Condorcet, zur Sprache u. im Jahre IV. wurde dieselbe wirklich von dem Tage an, wo der allgemeine Frieden eintreten werde, verkündet. Später änderten sich indessen auch hier die Ansichten wieder, und der Ooäs pönal von 1819 droht für 36 verschiedene Verbrecheusfälle die T. an. Im englischen Parlament wurde die Frage mehrfach in Verbindung mit Anträgen auf Verbesserung der Gefängnisse und unter Hervorhebung der Nothwen- digkeit, mehr auf Besserung der Verbrecher hinzuwirken, behandelt n. in Folge dessen wenigstens für eine große Anzahl von Verbrechen, welche früher mir T. bedroht waren, dieselbe abgeschafft. In neuerer Zeit vergeht beinahe keine Parlamentssession, in welcher nicht der Antrag auf gänzliche Abschaffung der T. gestellt würde. Allerdings stnd es bisher nur Minoritäten, welche ihre Zustimmung errheilen, aber dieselben scheinen im Wachsen begriffen zu sein. In NAmerika erfolgte bes. unter dem Einfluß der Quäker schon 1786 im Staate Pennsylvanien versuchsweise u. 1794 definitiv die Einschränkung der T. auf den Mord, u. diese Ansicht ist dann bald auch in die Strafgesetzbücher mehrerer anderer amerikanischen Staaten übergegangen. In bes. zahlreichen wissenschaftlichen Ausführungen ist die Frage über die Beibehaltung der T. in Deutschland behandelt worden; doch sind gerade hier die Ansichten am meisten aus einander gelaufen, da hier die Strafrechtsprincipieu überhaupt, von denen man allenthalben ausgehen zu müssen glaubte, die mannigfaltigste Behandlung Todesstrafe. 4VS u. Ausbildung erfahren haben. Unter den Gegnern der T. in Deutschland heben wir aus neuerer Zeit hervor: Zöpfl, Berner, Köstlin, Mittermaier, von Holtzendorf. Gegen die T. werden hauptsächlich folgende Argumente angeführt. Es beruhe zunächst auf ganz willkürlichen Voraussetzungen u. lause eben doch aus den verwerflichen Grundsatz materieller Talion (s. d.) hinaus, wenn man die T. als die höchste Strafe und als das allein dem Werthe nach für die schwersten Verbrechen specifisch gleichwichtige Straf- übel ansehen wollte. Auch bei der Tödtung (s. d.) eines Menschen kämen die verschiedensten Grade der Verschuldung vor, u. es würde eine offenbare Verletzung der Forderung der Gerechtigkeit enthalten, wenn man blos deshalb, weil ein Mensch dabei sein Leben verloren hat, nun unterschiedslos den Urheber der Tödtung mit dem Tode bestrafen wollte. Ebenso willkürlich sei die Unterstellung, daß das Rechtsbewußtsein des Volkes die T. fordere. Man verwechsele dabei rohe Volksausbrüche mit der wahren Stimme des Volkes und übersehe, daß der verständigere Theil des Volkes sich mit Abscheu von dem Anblick der Vollziehung einer solchen Strafe hinwegwende. Die abschreckende Kraft der T. sei nachgewiesenermaßen gar nicht, jedenfalls nicht in dem Maße vorhanden, daß sie eine besondere Sicherung darbiete, u. die Gradation der Strafen lasse sich auch ohneT.sehr wohl so Herstellen, daßdie lebenslängliche Freiheitsstrafe für die schwersten Verbrechen absolut, für die minder schweren nur als Maximum gedroht werde. Die Nothwendigkeit, die T. im Kriege beizubehalten, werde vollkommen anerkannt, aber dies gebe keinen consequenten Schluß auf das Recht des Staates zur Beibehaltung der T. überhaupt, weil der Krieg ein Nothstaud sei, während in friedlichen Verhältnissen der Staat dem Verbrecher gegenüber sich keineswegs in einein solchen Nothstand befinde. Die Berufung auf Stellen der Bibel könne Nichts entscheiden, weil, insoweit man dabei Stellen des Alten Testamentes vor Augen habe, das Alte Testament und namentlich das Mosaische Recht keine Autorität für die heutige Gesetzgebung sei, auch alsdann die T.in Fällen beibehalten werden müsse, für welche sie selbst von den Vertheidigern der T. allgemein zurückgewiesen werde; insoweit aber Aussprüche des Neuen Testamentes in Frage kommen, weisen die Gegner der T. namentlich auf den Ausspruch Christi über die Ehebrecherin, sowie darauf hin, daß die Christliche Kirche, von jeher die Besserung des Verbrechers Allem voranstellend, der T. entgegengewirkt habe, u. daß auch die edelsten Theologen der Neuzeit (z.B. Schleiermacher, Predigten III., 512) dieselbe verworfen haben. Als positive Gründe für die Verwerflichkeit der T. werden aber daneben noch geltend gemacht, daß dieselbe direct über allen Zweck der Strafe in das Gebiet der Gottheit eingreife, welche allein über das Leben der Menschen zu bestimmen habe; daß sie durch die Beraubung der Möglichkeit für den Verbrecher, sich zu bessern und durch aufrichtige Reue sich des höheren Lebens würdig zu machen, den würdigsten Zweck der Strafe verfehle; daß sie für die Übung wahrer Gerechtigkeit höchst gefährlich sei, insofern ihre Anwendung nicht, wie dies bei allen anderen Strafarten doch mehr od. weniger möglich bleibt, gestattet bei einer später sich herausstellenden Unschuld des Delinquenten das durch die Strafvollstreckung zugefügte Unrecht wieder gut zu machen; ferner, daß die Richter, insbesondere Geschworene, aus Abneigung wider die T. Alles anwenden, um das Anssprechen der Strafe zu vermeiden; endlich, daß eine gleichmäßige Anwendung des Begnadigungsrechtes mit solchen Schwierigkeiten verbunden ist, daß auch hierdurch das Princip der Gerechtigkeit gefährdet erscheint. Bei dem schroffen Gegenllberstehen der Ansichten ist es erklärlich, daß der Beschluß, welchen die Frankfurter Nationalversammlung 1848 im Z 9 der Grundrechte faßte, daß die T., ausgenommen wo das Kriegsrecht sie vorschreibe od. das Seerecht im Falle von Meutereien sie zulasse, abgeschafft sein solle, sich nur vorübergehende Geltung verschaffte. Denn obschon hiernach Sachsen -Weimar, Koburg, Schwarzburg, Anhalt, Württemberg, Kurhessen, Großher- zogthnm Hessen, Brannschweig, Oldenburg, Baden, Nassau, Bremen, Frankfurt, Hamburg n. Schleswig-Holstein die T. abschafften, so ist dieselbe doch theils mit Beseitigung der Grundrechte überhaupt, theils ohne dieselbe später in den meisten dieser Staaten wieder eingesührt worden. Nur Oldenburg, Bremen u. Anhalt haben sich bis zuletzt (1871) dieser Wiedereinführung enthalten. Dagegen haben die wiederholten Angriffe ans die Rechtmäßigkeit und Zweckmäßigkeit der T. wenigstens die Wirkung gehabt, daß die Androhung derselben in allen neueren Gesetzbüchern ans sehr wenig Fälle u. deren Anwendung überdies noch durch die Gestattung der Annahme mildernder Umstände eingeschränkt worden ist. Den letzteren Ausweg hatte schon seit 1832 die französische Gesetzgebung betreten. Verhältnißmäßig häufig war die Androhung der T. noch im preußischen Gesetzbuch von 1851. Weniger häufig findet sich die T. schon in dem österreichischen Strafgesetzbuch von 1852. Das königl. sächsische Strafgesetzbuch vom Jahre 1855 kannte die T. nur noch beim Hochverrats, Mord, dem Raub, wenn dabei ein Mensch getödtet wurde, u. der Brandstiftung in vier Fällen. Seit dem 1. Oct. 1868 aber ist die T. in Sachsen ganz abgeschafft gewesen. Das neue bayer. Strafgesetzbuch vom 10. Nov. 1861 statnirte die T. nur noch bei Hochverrath, in 5 Fällen des Staats- verraths , bei thätlichen Beleidigungen des Königs, Mord und Raub mit Tödtung eines Menschen. — Der Deutsche Juristentag von 1863 (in Mainz unter Wächters Vorsitz) sprach sich gegen die T. aus. — Über die neue Deutsche Reichsgesetzgebuug s. u. am Ende. JnBetreffderneueren ausländisch enStraf- gesetzgebung ist zu erwähnen, daß in Frankreich durch die Constitution von 1848 die Aufhebung der T. für politische Verbrechen erfolgte, daß jedoch durch Gesetz vom 10. Juni 1853 für Attentate gegen das Leben od. die Person des Kaisers die Wiedereinführung derselben erfolgte. In Belgien wurde die T. für politische Verbrecher schon 1834 aufgehoben; für die übrigen schwereren Verbrechen ist sie zwar auch in dem, im Jahre 1861 angenommenen Entwurf eines neuen Strafgesetzbuchs noch beibehalten worden, indessen die Zahl der Fälle, in denen sie angedroht ist, wesentlich vermindert. In England ist die Zahl der gesetzlich todeswürdigen Verbrechen durch die Bemühungen der Gegner der T. allmählich von 160 bis auf nur noch sieben herabgeminderr 410 Todesurtheil — Tödi. worden, u. in Wirklichkeit zieht nur der Mord die T. nach sich, indem seit 1841 wegen der anderen Verbrechen keine Hinrichtung vollzogen worden ist. Im schwedischen Strafgesetzbuch wird die T. nicht absolut, sondern alternativ neben schweren Freiheitsstrafen angedroht, so daß also der Richter befugt ist, unter Umständen statt auf Tod auf eine Freiheitsstrafe zu erkennen. Inden nordamerikanischen Staaten ist sie zum großen Theil ganz abgeschafft. In Italien erfolgte für Toscana die Wiedereinführung der T. im I. >803, 18d9 aber wurde sie aufs Neue beseitigt. Das Strafgesetzbuch Sardiniens vom I. 1839 droht die T. noch in 41 Fällen an. Die Beschlußfassung über neuere Anträge auf allgemeine Abschaffung der T. ist bis zur Erlassung eines allgemeinen Strafgesetzbuchs für ganz Italien ausgesetzt worden. Die Republik San Marino hob die T. 1859 auf. Ebenso ist sie in Rumänien aufgehoben. Für die Schweiz hatte die Verfassung von 1848 (Art. 54) die T. allgemein bezüglich der politischen Verbrechen aufgehoben; außerdem hatten die neuen Strafgesetzbücher von Freiburg (1849) u. Nenfchatel (1854) dieselbe auch für alle anderen Verbrechen beseitigt. Die übrigen Kantone batten die T. zwar noch beibchalten, jedoch wesentlich, B. durch Gestattung, daß bei Milderungsgrüuden der Richter davon abgehen dürfe (Genf, Luzern, Appenzell), u. dadurch, daß nach fünf Jahren vom Urtheil an keine T. mehr vollzogen werden darf (Solothurn), beschränkt. Seit 1874 ist die T. in der ganzen Schweiz aufgehoben. Ein gleiches ist in Portugal der Fall. Auffallend war die Strenge des neuen niederländ. Gesetzbuchs von 1854, welches die T. selbst noch beim Kindesmord und Diebstahl in fünf Fällen androhte. Seit 1870 jedoch ist die T. in Holland ganz abgeschafft. Große Verbreitung hat neuerlich die Ansicht gewonnen, daß ein bedeutender Theil der Einwendungen wider die T. damit falle, wenn die Hinrichtungen nicht mehr vollkommen öffentlich, sondern innerhalb geschlossener Mauern vollzogen würden, indem dadurch namentlich am besten die empörenden Auftritte vermieden würden, welche der bei öffentlichen Hinrichtungen stattfindende Zusammenlauf der Hefe des Volkes zuweilen mit sich führt. Die Einrichtung solcher Jntramuran-Hinrichtnngen (im Gegensatz von Extramuran-Hinrichtungen) erfolgte zuerst in mehreren Staaten Nordamerikas. Diesem Beispiele waren auch mehrere deutsche Staaten, wie Preußen, Württemberg, Schwarzburg-Sondershan- sen, Hamburg, Sachjen-Altenburg, Königreich Sachsen, Baden u. Bayern gefolgt, ebenso neuerlich — seit 1869 — auch England. Die Hinrichtung wird hiernach in der Weise vollzogen, daß das Schaffst in einem rings begrenzten Raume, z.B. in dem Hofe des Gefängnisses, errichtet ist und der Act selbst in Gegenwart einer Gerichtscommission, eines Beamten der Staatsanwaltschaft, des Gerichtsarztes und nur einer geringen Anzahl von Zuschauern, soweit letzteres der Raum gestattet, stattfindet. Um dem größeren Publicum den Moment der Hinrichtung eindringlich zu machen, wird während des ganzen Vorganges mit einer besonderen Glocke geläutet, auch pflegt überdies eine kurze Schilderung der Misse- that u. der Bestrafung in öffentlichen Blättern ein- gerllckt zu werden. Was dieneueDeutscheReichsgesetzgebuug betrifft, so war dem Reichstage von 1870 von v. Holtzendorf eine von zahlreichen juristischen Koryphäen Unterzeichnete Adresse gegen die T. übergeben u. von Laster vertreten. In einem ersten Beschlüsse wurde sie auch wirklich mit 118 gegen 81 Stimmen beseitigt. Allein als Graf Bismarck nicht nur seine gegentheilige Überzeugung energisch vertrat, sondern auch das Zustandekommen des Strafgesetzbuchs davon bedingt erklärte, wurde in dritter Lesung die T. mit 127 gegen 119 Stimmen beibehalten. Jedoch ist im Deutschen Reichsstrafgesetzbnch die T. auf das geringste Maß von Fällen eingeschränkt, indem nur Mord u. Mordversuch am Kaiser u. am Landesherrn (s. Hochverrath) und außerdem nur der vollendete Mord (s. d.) mit dem Tode bedroht ist. Ueber die Vollstreckung der T. enthält die Strafproceßordnung von 1877 allgemeine Vorschriften, während sie die specielleren Vorschriften über den Vollzug selbst (ob durch Beil, Fallschwert rc.) den Einzelstaaten überläßt. In Z 485 normirt die Reichsstrasproceßord- nung die allgemeinen Voraussetzungen einer Hinrichtung. Dieselbe ist nämlich nur zulässig, wenn der Landesherr, bezw. in Sachen, welche in erster Instanz zum Reichsgerichte gehören, der Kaiser sich dahin entschließt, von dem Begnadigungsrechte keinen Gebrauch machen zu wollen. Ferner darf an schwangeren od. geisteskranken Personen ein Todes- urtheil nicht vollslreckt werden. Der Z 486 sodann schreibt die Jntramuranhinrichtung vor u. gibt über dieselbe genauere Vorschriften. Der Leichnam des Hingerichteten ist den Angehörigen desselben aus ihr Verlangen zur einfachen, ohne weitere Feierlichkeit vorzunehmenden Beerdigung zu verabfolgen. Das Militärstrafgesetzbnch für das Deutsche Reich vom 20. Juni 1872 bedroht die schwersten Militärverbreche» (s. d.), wenn sie im Felde begangen werden (Kriegs- verrath,Gefährdung derKriegsmacht, Fahnenflucht), mit dem durch Erschießen zu vollstreckenden (Z 14) Tode. Besondere Bestimmungen endlich gelten für den Belagerungszustand (s. d.) u. wird auch hier die T. durch Erschießen vollzogen. Die reichhaltigste Aufzählung der Literatur für u. wider die T. s. bei Hetze!, Die T., 1870; Berner, Abschaffung der T., 1861; Mittermaier, Die T. rc., 1862; v. Holtzeu- dorf, Das Verbreche» des Mordes u.die T., 1874; Ders., Psychologie des Mordes, 1875. Bezold? Todesurtheil, s. u. Todesstrafe. Todfall (Sterbefall), so v. w. Baulebung. Todi (das Tüder des Alterthums), Stadt unweit der Mündung der Naja in den Tiber in der italien. Prov. Perugia; Kathedrale u. die Wallfahrtskirche S. Maria della Consolazione, ein herrlicher Renaissancebau; Gymnasium, Seminar, techn. Schule, Ruinen eines Marstempels; 3293 Ew. Tödi (Dödi), ein 3623 m hoher Berg der Glarner Alpen, der höchste Berg der Ostschweiz, auf der Grenze der schweizer. Kantone Glarus, Uri und Graubünden, an der Quelle der Linth, besteht aus zwei Spitzen: dem vorderen rundlichen eigentlichen Glarner T. und der südlichen, aus Graubündener Gebiet liegenden höchsten Spitze, dem Piz Rusein. Umgeben ist der T. von dem Oberalpstock (3330 m), der Großen Windgellc (3989 m), dem Scheerhorn (3296 m), Clarideustock (3264 in), Hausstock (3156 m), Bifertenstock (3431 m) rc. Der Tödi wurde zuerst 11. Aug. 1837 von Len drei Glarner 411 Todmorden — Todtenbestattung. Gemsenjägern Bernhard u. Gabriel Vögeli u. Thomas Thut u. dann 19. Ang. desselben Jahres von dem Reisenden Friedr. von Dürler aus Zürich und jenen drei Männern znm zweiten Male bestiegen; seitdem ist er wiederholt bestiegen worden. H- Berns. Todmorden, Stadt in der engl. Grafschaft Lan- caster, am Calder, Eisenbahnstation; Latein. Schule, Baumwollen-, Seiden- u. Worstedsabriken, Maschinenbauanstalten, chemische Fabriken, Eisen- u. Messinggießerei; 1 87 1 : 11 ,9 98 Ew. 1862 wurde hier dem Parlamentsmitgliede Fielden ein Denkmal errichtet. Todsünde, s. u. Sünde. Todte Hand (Usnns morbus,), der Mangel an Dispositionsfähigkeit; zuweilen auch im Grundstücks- Verkehr Bezeichnung für Kirchen, Klöster u. andere geistliche Korporationen, sosern sie im Besitze unbeweglicher Güter sind, u. erklärt sich die Bezeichnung daher, daß in solchem Besitze befindliche Güter in der Regel für immer aus dem individuellen Berkehr u. Eigenthum ausscheiden. Endlich ist T. H. so v. w. Baulebung. Bezold.* TodtesMeer (im A. Test. Salzmeer u.Östliches Meer, später Asphaltsee; lat. msre mortuuin, arab. Bahr Lut oder Lot), Landsee im asiat.-türk. Vilajet Scham (Syrien), etwa 75llm laug, bis 16 stm breit, 1266 lDkm(23(IW) groß, besteht aus 2 , durch eine vom südöstl. Ufer vorspringende Halbinsel gebildete Becken, einem größeren nördlichen u. einein kleineren südlichen. Im Ganzen bildet der See ein langgestrecktes Oval von nordsüdlicher Richtung u. er ist die tiefste Stelle der merkwürdigen Einscnknng el Ghor, die zwischen den Seen Merom u. Genezareth beginnend, sich auch noch jüdl. vom T. M. im Wadi el Araba, u. zwar ans zwei Drittel von dessen Länge, sortsetzt. Der Wasserspiegel des Sees liegt im Durchschnitt 391 m unter dem Spiegel des Mittelländ. Meeres, seine größte bis jetzt festgestellte Tiefe 399 m, so daß also das el Ghor sich 793 m unter d. M. einsenkt. Die User sind auf ver westl. und östl. Seite durch kahle, steile, meist nahe u. oft unmittelbar an den Wasserspiegel tretende, 800—1100 m hohe Felsenmauern , die durch Wadis, u. zwar häufiger an der Ost- als an der WSeite, durchbrochen sind. Die Ufer selbst sind ganz ohne Vegetation u. nur in den Wadis tritt eine solche ans, wo süßes Wasser vorhanden ist. Der See selbst ist ebenfalls ohne jedes Leben. Weder Pflanze, noch Koralle, noch Muschel, noch Fisch finden sich in demselben, u. so rechtfertigt denn dieses räthselhafte Seebecken seine Benennung vollkommen. Die Ursache dieses Mangels an Organismen liegt in dem starken Gehalt an festen Bestand- thcilen. Mit dem Wasser des Mittelländischen Meeres verglichen, enthält das T. M. in 1000 Theilen: Feste Bestandtheile M. M. T. M. Thlornatriuin. 26,7 70,6 Magnesiumchlorid .... 3,r 117,7 Chlorcalcium. 32,1 Chlorkalium. 1,3 16,7 Manganchlorid .... 2,1 Aluminiumchlorid .... 0,g Maqnesiumbromid .... 4,4 Schwefelsaurer Kalk 1,6 0.5 Schwefelsäure Magnesium 2.N — St,s 216,2 Das Chlormagnesium verleiht deni Wasser einen ekelhast bitteren Geschmack, das Chlorcalcium macht es schlüpfrig, fast wie Öl. Dem Ansehen nach spielt das Wasser ins schillernd Grünliche. Dem Gehalt an festen Bestandtheilen entspricht auch sein hohes specifisches Gewicht. Ein frisches Ei ragt daraus mit 4 seines Volumens hervor u. der Badende sinkt nur bis an die Achselhöhlen ein. Der Siedpunkt des Wassers ist bei 150" 6 . Hauptzufluß ist der Jordan (s. d.); von den anderen sind nur Zerka u. Mod- jib von O. her erwähnenswerth. Die ansehnliche Wassermasse dieser Zuflüsse (180 Will. Cubf. täglich) geht bei dem hier herrschenden tropischen Klima durch Verdunstung wieder verloren; doch will man beobachtet haben, daß der Spiegel des Sees in langsamem Sinken begriffen ist. Soviel aber steht fest, daß er in der Tertiärperiode mehr denn 100 m über das jetzige Niveau hinausging, wie die Ablagerungen an den Abhängen ringsum beweisen. Über den Ursprung des Sees wie der ganzen Thalspalte ist man noch nicht im Klaren. Der früheren Annahme, daß vulkanische Kräfte sie hervorgebracht, widerspricht die regelmäßige Schichtenlagerung der sie umgebenden Gebirge, während heiße Quellen auf der OSeite (Kallirho'ö 61 , 5 " 0. rc.) u. das Vorkommen vulkanischer Gesteine, hier u. im S., im ThalSiddim (s. d.), darauf hindeuten. Ein eigcnthümliches Product des Sees ist der Asphalt, der einen großen Theil seines Bodens bedecken soll, übrigens keineswegs so häufig zum Vorschein kommt, als man früher annahm. Es soll von einer Breccie (Geröll mit Asphalt als Bindemittel), die sich am westlichen User findet, her- rühren. Sonst findet sich Steinsalz in großen Massen am östl. n. südl. Ufer. Im Alterthnm wurden die Ufer des Sees bewohnt, in der christlichen Zeit des. von Einsiedlern, auch wurde er noch bis ins Mittelalter hinein von Schiffen befahren. Jetzt ist Alles vollständig öde. Dennoch bietet das T. M. mit seiner felsigen Einfassung eine Menge großartiger n. herrlicher Scenerien. Genauere Kunde über seine Beschaffenheit rc. hat man erst seit 30 Jahren. und zwar seit der nordamerikan. Expedition unter Lynch, die ihn im Oct. 1848 mit zwei Booten untersuchte. Bericht darüber Baltimore 1852, deutsch von W. Meißner, Leipz. 1850. Vergl. außerdem Luynes, ck'sxplorstncm s, In mör inorts, Par. 1871 bis 1874,2 Bde.; Sepp, Jerusalem u. das heilige Land, 2 . A. Schafsh. 1873. Schro-t. Todtes Werk, s. Schiff, S. 3 , 2 . Sp. Todter Winkel, der Raum vor Festungswerken, bes. im Graben derselben, der von der Brustwehr aus nicht unter Feuer genommen werden kann. Der Angreifer benutzt ihn znm Festsetzen u. Sammeln, um von dorr den Angriff gegen das Werk selbst forl- znsetzen. Ist es daher nicht möglich, den T. W. durch die Construction fortzuschaffen, so legt man Hindernisse, Verhaue rc. an, um dem Angreifer den Aufenthalt daselbst zu verwehren. l. Todtenamt, ein Gottesdienst, welcher zu Ehren eines Verstorbenen, gewöhnlich an dem Begräbniß- tage desselben, angestellt wird; so v. w. Seelenmesse, s. u. Messe. Todtenbeschwörung, s. Nekromantie. Todtenbestattung , die mit dem Beseitigen der menschlichen Leiche verbundenen Gebräuche. Sie waren u. sind größtentheils noch religiöser Art, u. zwar zunächst hauptsächlich wegen der Scheu, welche der Todte dem menschlichen Gemüthe einflößt. Diese 412 Todtenbestattuiig. Scheu hatte nicht nur einen rein physischen Grund, sondern sie hing auch mit der viclverbreiteten Ansicht zusammen, daß die Seele eine gewisse Zeit noch in der Nähe des Leichnams verweile; auch wirkte der starkverbreitete Glaube, daß der Leiche Zauberkraft anhafte, nicht wenig zu dieser Scheu mit. Ein fer- nerer wichtiger Beweggrund war die Perspective aus die Wiederauferstehung des Leibes u. ein jenseitiges Leben, welche man in den religiösen Anschauungen fast aller Völker wiedcrfindet. Man hat drei Hauptarten der T. zu unterscheiden: das Beerdigen, das Verbrennen u. das Einbalsamiren. Vielfach finden sich aber diese Bestaltungsweiseu neben einander, so bes. das Beerdigen u. das Verbrennen, und zwar specieü bei den Griechen, Römern, den Germanen n. Skandinaviern. Bei den Persern war das Begraben der Tobten gesetzlich verboten. Die Leichname wurden vielmehrin denBegräbuißthttrmen(Dakhme) nicdergelegt. Waren die Knochen durch Raubvögel n.Witterungseinfliisse entfleischt u. gebleicht, so wur den sie in ein ausgemauertes Familiengrab beigesetzt. Bei den Ägyptern fand gleich nach dem Äb- stcrben das Todtengericht statt, s. Ägypt. Mythologie, S. 307, 2. Sp., dann wurde die Leiche einbal- samirt, s. Einbalsamiren u. vgl. Ägypten, S. 287, 2. Sp. Das Einbalsamiren übten außer Len Ägyptern noch die Urbewohner von Mejico, Peru u. den Canarischen Inseln aus. Die Hebräer begruben ihre Tobten. Nachdem alles im Leichcnhause befindliche Wasser auf die Gasse geschüttet worden, wurde der Tode auf den Fußboden gesetzt, ihm die Daumen einwärts gebogen, die Augen zugedrückt u. der Mund zugcbunden, alle Körperöfsnungen zngestopft, der Leichnam gewaschen, gesalbt, mit Tüchern umwunden u. der Kopf mit einem Schweißtuch umhüllt. Zu Häupten od. zu Füßen stand eine brennende Wachskerze. Zuletzt wurde er auf einer Bahre, begleitet von Freunden u. Verwandten, Spiellenten u. Klageweibern , nach der Familienbegräbnißstätte gebracht u. daselbst ohne Sarg in die Erde gelegt. Darauf versammelten sich die Trauernden zu einem Leichenessen, wozu auswärtigeBekanntedieSpeisen mitbrachtcn u. bei der Mahlzeit die Leibtragcnden zu trösten suchten , indem sie ihnen den Trostbccher reichten. Die jetzigen Juden haben von dem Gebrauch ihrer Vorfahren Manches beibehalten; im Ganzen aber bestehen nur noch wenig eigenthümliche Bräuche beim israelitischen Begräbuiß. Bei den alten Griechen war es eine für die Überlebenden heilige Pflicht, die Todten zu bestatten, weil man glaubte, daß die Seele des Verstorbenen erst in das Todtenreich kommen könne, wenn der Leib in heimischer Erde beerdigt od. doch eine Hand voll heimischer Erde auf ihn geworfen sei; wenigstens mußte die Seele Unbegrabenerl 00 Jahre lang um den Styx irren. Selbst im Kriege schonte mau meist der Tobten, u. die Sieger gönnten gewöhnlich den Besiegten eine Frist zur Bestattung ihrer Gefallenen. Das Nichtbesiatten galt daher als Strafe u. wurde auch für gewisse Verbrechen als solche in Anwendung gebracht. Die allgemeinen Gebräuche bei der T. waren folgende. Gleich nach Eintritt der Todtenstarre wurde der Leichnam von nächsten Verwandten gewaschen u. mit heißem Wasser überzogen, für den Fall er scheintodt sei. Dann wurde ihm das Stcrbe- gewaud angelegt. Kurz vor derBestattun- schmückte man die Leiche, die im Atrium ausgestellt war, mit Blumen, legte ihr einen Obolus als Fährgeld über den Acheron in den Mund u. gab ihr einen mit Mohn versetzten Honigkuchen als Köder für den Höllenhund Kerberos in die Hand rc. Bevor die Leiche aus bem Hause getragen wurde, rief man ihr noch ein Lebewohl zu. Dann nahinen entweder Sklaven od. auch männliche Anverwandte die Bahre auf die Schultern. Vor und hinter der Bahre schritten bezahlte Klageweiber, Harfenspieler, Sänger u. die Leidtragenden in schwarzer Kleidung u. mit kahl geschorenen Häuptern. Gewöhnlich, und in der heroischen Zeit stets, wurden die Leichen verbrannt, später auch, u. zwar mit dem Gesicht nach Osten (eine bei vielen Völkern übereinstimmend vorkommende Sitte), in Särgen beerdigt. Der Scheiterhaufen war um so höher, je vornehmer n. reicher der Verstorbene gewesen war; die Leichen wurden auf den oberen Theil gelegt u. mit ihnen Geräthe, Gefäße, sogar Thiere u. bei Kriegern in der Heroenzeit Pferde, Sklaven u. Kriegsgefangene mit verbrannt (eine Sitte, welche sich bei den meisten Völkern, welche der Leichenverbrennung huldigen, wiederfindet; vgl. Opfer, S. 717). Eine militärische Ehrenbezeugung war die Peridrome, das dreimalige Marschiren der Soldaten um das brennende Gerüst. Soldaten wurden kriegerische Ehren gespendet. Asche u. Gebeine wurden von den nächsten Verwandten gesammelt u. in Urnen geborgen. Man vergrub darauf die Urnen in die Erde u. errichtete bei namhaften Personen gemeiniglich über denselben Monumente mit Aufschristen. Lobreden ans die Verstorbenen nach der Bestattung wurden in Athen, u. zwar seit Solon, im Kerameitos gehalten. Viel älter war dagegen die Sitte, zu Ehren des Todten feierliche Spiele zu veranstalten (s. Kampfspiele). Das Ende der Leichenseierlichkeit war ein Leichenmahl, wozu sich die Verwandten im Trauerhause einfanden. Am 3., 9. n. 30. Tage nach dem Begräbniß wurden Tobte nopfer von schwarzen Thieren u. Libationen von Wein, Honig, Milch, Wasser rc. gebracht. Diese Todtenfcier wurde dann am Geburts- und Sterbetage, sowie an dem allgemeinen Erinnerungstag der Todten wiederholt. Die Todtenopfer gehören ebenfalls zu den Bräuchen, welche sich bei vielen andern Völkern,auch bei wildenRacen, wiederfinden. Neben dem Verbrennen u. Begraben bestand in Griechenland noch eine ArtEinbalsamirnng, bestehend in einer Einbettung in Honig; dieselbe kam aber wegen der Kostspieligkeit selten zur Ausführung. Die Kyniker verschmähen jede T. Diogenes, ihr Gewährsmann, wünschte ausdrücklich, daß man seine Leiche unter freiem Himmel liegen lassen solle, den Thieren znm Fräße. In Rom war anfangs das Beerdigen gebräuchlich. Das Verbrennen der Todten bürgerte sich aber rasch nach Bekanutwerden mit den Griechen ein, auch wurden die meisten Ceremonien von diesen mit her- llbergenommen. Starb ein Vornehmer, so verkündete ein Ausrufer den Todesfall u. lud zur Theil- nahme an der Bestattung ein. Ceremonienmeister trafen hierbei die Anordnungen u. führten den Zug. Der Leichnam stand auf einer mit einer purpurnen golddurchwirkten Decke überspreiteten Bahre u. wurde von Sklaven getragen. Unmittelbar hinter der Leiche folgten die Hinterbliebenen u. nächsten Verwandten, dann kam das Musikcorps, die Klageweiber, Mimen Todteiibestattung. 413 u. Deklamatoren. War der Verstorbene sehr beliebt od. berühmt, so wnrde eine Gedächtnißrede gehalten. Im Übrigen war die Zeremonie dieselbe wie in Griechenland. DiegrößteLeichenfeierlichkeitwardic 6on- soeratio der Kaiser, s. Apotheose. Im Christenthum kam die Leichenverbrennung nicht auf, einmal, weil die ersten Christen als nicht Geduldete od. als Verfolgte sich öffentlicher Gepränge enthalten mußten u. sie auf der anderen Seite durch Mittellosigkeit davon abgehalten wurden; auch vertrug sich das Verbrennen nicht mit ihrem Glauben an die Auferstehung. Als dann im 4. Jahrh. das Christenthum Staatsreligion im Röm. Reiche wurde, hörte die Leichenverbrennung allmählich ganz auf. Die Germanen hatten jedoch nicht von ihrem alten Brauche gelassen und erst als Karl d. Gr. die Feuerbestattung bei Todesstrafe für die Betheiligten untersagte, kam die Angelegenheit in Abnahme, obwol einzelne Verbrennungen noch bis ins 12. Jahrh. stattfanden. Erst die Cultur des 19. Jahrh. brachte diese Arider T. wieder auf die Tagesordnung (s. unten). Bei den Moha mmedanern wird der Todte erst gewaschen, dann in ein Tnch gewickelt, der sarg mit einem Tuche bedeckt, Gebete gesprochen u. ein Turban zu Häupten des Todten gelegt. Während der Todtengräber bas Grab bereitet, kommen die Weiber des Hauses u. weinen. Bei dem Leichenbegängnis! geht ein Imam voran, dann folgt der Sarg von vier Personen getragen, hinter demselben Klageweiber, Sklaven, die Pferde des Herrn und Arme. Auf dem Begräbnißplatz wird der Sarg vor dem Grabe niedergesetzt u. der Imam stimmt Gebete an. Nun wird der Leichnam aus dem Sarg genommen, in die Grube gelegt, mit Brettern bedeckt n. Erde darauf geworfen. Zuletzt werfen die Leidtragenden noch jeder drei Hände voll Erde aus die Leiche. Die Türken folgen bei einer Leiche mit Cy- pressenzweigen, Einer trägt die Pfeife. Wenn Las Grab ausgefüllt ist, stecken sie die Lypressenzweige rund um das Grab in die Erde. Die Perser wenden große Sorgfalt aus die Gräber, überwölben sie oft, zieren sie mit allem Schmuck der Architektur und Bildhauerkunst u. umpflanzen sie mit Fruchtbäumen «. Ziersträuchern. Die Hindu wenden nur geringe Sorgsalt aus die Bestattung ihrer Leichen; jede Secte hat ihre eigenen Gebräuche. Die Wischnuiten verbrennen die Todten, u. weil sie in Indien am meisten ausgebreitet waren u. sind, so ist das Verbrennen jetzt noch am üblichsten. Der sterbende wird mit dem heiligen Wasser des Ganges besprengt, die Leiche in Leinwand od. Seide gewickelt u. unter Absingen von Hymnen u. Gebeten aus die Brandstätte getragen. Die Asche wird gesammelt u. aufbewahrt, bis sich Gelegenheit findet, sie in den Ganges zu werfen. Der Leichnam wird nicht zur Hausthür hinausgetragen, sondern durch ein Loch in der Mauer hinausgeschoben, welches mansogleich wieder verschließt. Früher verbrannten sich häufig die Wittwen Verstorbener mit, ein Brauch, dem aber von den Engländern seit 1827 gesetzlich gesteuert worden ist; solche Wittwen nannte man Sutti. Die Siwaiten begraben gewöhnlich ihre Todten, oder lassen sie den Naubthieren zur Beute, od. werfen sie in den Ganges (s. d., S. 695) od. einen andern Fluß. Viele Buddhisten, wie die Dschainas, verbrennen ihre Todten u. streuen dann erst die Asche in das Wasser, od. begraben sie mit Ausnahme einiger Gebeine, welche in Monumenten ausbewahrt werden, od. sie setzen die Leichen aus, wie z. B. bei den Kalmücken, in Tibet u. selbst auf der Jusel Bali. Bei den Chinesen werden die Särge von dem feinsten Holze noch bei Lebzeiten angefertigt u. fein lackirt, in denselben, ehe der Todte hineingelegt wird, ein wenig Kalk geworfen u. ein Kissen mit Baumwolle hineingelegt. Eine Menge Priester begleiten den Todten zu Grabe, spielen Instrumente, singen dessen Lob rc. Ihnen folgen die männlichen Verwandten zu Fuße, die weiblichen in Sänften. Der Sarg selbst wird unter einem Baldachin getragen. Ein zahlreiches Gefolge trägt Tische mit Speisen, welche auf die Gräber als Opfer gesetzt, sowie Räucherungen, welche angezündet werden rc. Weiteres s. u. China, S. 748, 1 . Sp. Bei den Japanesen. u. zwar bei denen, welche zur Sintoreligion gehören, werden dis Todten verbrannt od. begraben. Die Asche wird in einem kostbaren Gesäße erst im Hause aufbewahrt, dann beigesetzt. Die Todten, welche man begräbt, werden in sitzender Stellung in die Gruft versenkt. Auf das Grab wirft man wohlriechende Gewürze u. bepflanzt dasselbe mit Blumen. Die Hinterbliebenen besuchen die Todten erst täglich, dann wöchentlich, zuletzt jährlich. Alle Jahre feiert man zu Ehren der Verstorbenen Las Laternen- oder Lampenfest. — Einige Stämme des Großen Oceans, z. B. die Maori auf Neuseeland begraben ihre Todten zweimal, das erste Mal in gewöhnlicher Weise, um nach Verlauf von 18 Monate die Gebeine wieder auszugraben u. sie glänzend zu Policen. Verschiedene Jnüianerstämme setzen die Leichen ihrer Krieger auf Bäumen od. Stangengerüsten, eingewickelt in Felle, bei, hängen deren Waffen u. Trophäen dabei auf u. spenden ihnen von Zeit zu Zeit Todtenopser in Gestalt von Speisen u. Getränken. Vgl. Weinhold, Die heidnische T., Wien 1858; Sonniag, Die T., Todtencultus alter u. neuer Zeit n. die Begräbnißsrage, Halle a/S. 1878. Neuerdings hat man die Frage der Leichenverbrennung (Feuerbestattung) wieder ausgenommen u. ist ihr auch schon praktisch näher getreten. Es haben sich in verschiedenen Ländern Vereine für Feuerbestattung gebildet; der erste Feuerbestattungstempel wurde in Mailand auf Kosten eines geborenen Schweizers (A. v. Keller) gebaut, dessen Leiche auch zuerst (22. Jan. 1876) darin verbrannt wurde, bis 1879 wurden dort etwa 100 Leichen auf diese Weise bestattet. In Deutschland wurde in Gotha das erste derartige Gebäude errichtet (Beschreibung nebst Abbildung u. Grundriß in der Jllustr. Zeitung Nr. 1759; vgl. auch Nr. 1705,17-24 u. 1853) u. 10. Dec. 1878 die erste Leichenverbrennung im Beisein des Staatsministers, der städt. Behörden u. der höheren Geistlichkeit vorgenommen. Die Leiche wird dort in einem durch F. Siemens gebauten Ösen mit Regenerativ- system (s.Regenerativgasfeuerung) sammtdemsarge völlig zu Asche verbrannt. Oberhalb des Ofens befindet sich ein Saal zur Abhaltung der Trauer- seierlichkeit. Der in demselben befindliche den Sarg tragende Katafalk läßt jenen nach Beendigung der Feierlichkeiten, mittels einer Versenkung unmittelbar in den Verbrennungsraum gelangen. Statutenmäßig Lars übrigens eine solche Feuerbestattung unr stattsiuden, nachdem eine ärztliche Prüfung der Leiche 414 Todtendorf - constatirt hat, daß nicht der geringste Verdacht eines Verbrechens gegen dieselbe vorliege. Die Asche wird in einer Urne gesammelt u. entweder den Angehöri gen übergeben od. in dem angebautenQoluirrbarium (s. d. 3) aufbewahrt. Gegenwärtig sind übrigens die Kosten dieser Art der Bestattung, die auch Auswärtigen zu Theil werden kann, weit höher als die der gewöhnlichen. Außer in Italien u. Deutschland hat sich in der Schweiz (Zürich rc.) u. auch in England eine Agitation für die Feuerbestattung erhoben u. ist für London bereits ein Krematorium errichtet worden. Zur Literatur: Wegmann-Ercolani, Die Leichenverbrennung, 4. Ausl. Zürich 1874; G. Kinkel, Fürdie Feuerbestattung,Berl.1877;Schmidt, Die Leichenverbrsnnnng, Winterthur 1878; Spieß, Über die Feuerbestattung, Jena 1878; Thaler, Zur Leichenverbrennungssrage, Zeitgemäße Besprechung aller einschlägigen Gesichtspunkte und Verhältnisse, Münch. 1878. Neben den religiösen u. öffentlichen Ceremonien haben sich an die T. stets viele abergläubische Privatbräuche geknüpft u. daß Lies vielfach heute noch der Fall, zeigt Wuttke in seinem Deutschen Volksaberglauben der Gegenwart, 2. A. Bert. 1869 an vielen Stellen. Schroot. Todtendorf, so v. w. Dodendorf. Todtenfeier(Todtensest),das feierlich begangene Andenkender Todten. Schon in der ältesten Christlichen Kirche begingen die christlichen Freunde und Verwandten eines Todten, im Bewußtsein ihrer unzertrennbaren Gemeinschaft in dem Herrn, den Jahrestag seines Todes durch eine gemeinsame Com- munion, brachten in seinem Namen eine Gabe znm Altar n. ließen eine Bitte für seine Seelenruhe in das Kirchengebet eiuflechten. Später hielt man für alle in einer Gemeinde während einer bestimmten Zeit Verstorbene eine gemeinsame T., n. es wurde dann in der ganzen Katholischen Kirche das Fest aller Seelen dazu bestimmt. Auch in der Protestantischen Kirche feiert man das Todtenfest seit neuerer Zeit u. zwar entweder am letzten Tage od. Sonntage des bürgerlichen od. des Kirchenjahrs. An manchen Orten bekränzt man die Gräber am Johannistage u. hält dabei eine T. Todtengericht, 1) s. u. Ägyptische Mythologie, 2) in England, s. Coroner, vgl. Leichenschau. Todtenhausen, s. u. Minden 4). Todtenkäfer, Llaps Flab,-.. Käfergatt, ans der Fam. Tenebrioniden (Schattenkäfer, Schwarzkäfer) u. der Gruppe der Ungleichzehigen; mattschwarze Käfer mit halbmondförmigen Augen, vorspringender ausgebuchteter Oberlippe, langen Kiefertastern, mittellangen Fühlern mitkugeligem 8. bis lO.Glied, kräftigem, hinter dem Halsschild eingeschnürtem Körper, eiförmigen, zngespitzten Flügeldeckel u. langen kräftigen Beinen. Dahin der gemeine T., L. morti- ssAu L., bis 30 mm lang, Flügeldeckel lang zugespitzt. Häufig in Kellern. Ganz Europa, auch Bengalen. Gilt dem Aberglauben als Todesvorbote. Todtenkosif, Lobsroubia atrapos Schmetterlingsart aus der Fam. der Schwärmer. 10 em. Körper plump. Fühler dick, steif mit feiner winklig gebogener Spitze. Ruffel kurz, breit. After stumpf. Oberflügel dunkelbraun, gelb u. schwarzbunt gewölkt, mit weißem Mittelpunkt; Unterflügel ockergelb mit zwei schwarzen Binden. Hinterleib ockergelb u. schwarz geringelt, Mitte graublau. Auf - Todtentanz. der Brust gelbliche, einem T-e ähnliche Zeichnung. j Raupe grün mit gelber Zeichnung und gekörneltem Schwanzhorn, auf Kartoffel u. Bocksdorn. Der T. ! gibt einen piependen Ton beim Anfassen von sich, saugt nicht an Blüthen, geht aber gern in Bienen- ^ körbe dem Honig nach. SEuropa u. SAsien, wan- ' dert in einzelnen Jahren nördlicher u. setzt seine Eier aus Kartoffelfelder ab. Die daraus zur Entwickelung gelangenden Schmetterlinge pflanzen sich jedoch daselbst nicht fort. Ostindien hat dem T. verwandte Arten. Farwick. Todtenlade, Bergspitze, so v. w. Milseburg. Todtenopfer, s. u. Todtenbestattung. Todtenschau, so v. w. Leichenschau u. s. Ob- dnction. Todtenschein, ein schriftliches Zeugniß darüber, daß Jemand gestorben ist; dasselbe wird ausgestellt vom Todtenbeschauer u. darf erst nach dessen Ablieferung die Beerdigung vorgenommen werden. Todtenstarre, Leichenstarre (Ikibor mortis), die bald nach dem Tode eintretende Steifigkeit und Unbiegsamkeit der Muskeln. Sie entsteht durch Gerinnung des im Leben flüssigen Muskelfaserstoffs; dadurch unterscheidet sich der durch Leicheustarre von dem durch Krampf zusammengezogenen Muskel. Dehnt man gewaltsam einen durch Leichenstarre contrahirten Muskel, so verkürzt er sich nicht wieder, sondern bleibt schlaff, während der durch Krampf ! contrayirte Muskel elastisch ist n. das Bestreben zeigt, sich wieder zusammen zu ziehen. Je nach der Tobesursache tritt die T. bald od. später nach erfolgtem Tode ein, in einzelnen Fällen z. B. beim unreifen Fötus fehlt sie ganz. Beim Tode durch Erschießen, durch Ertrinken in kaltem Wasser entwickelt sie sich sofort u. plötzlich nach erfolgtem Tode, bei Arsenikvergiftnug sehr spät, erst nach 24—36 Sinn- den, in den gewöhnlichen Fällen 4—10 Stunden nach dem Tode. Sie hält meist 24—48 Stunden an u. verschwindet dann wieder; nach ihr beginnt die Fäulniß der Leiche. Sie beginnt am Unterkiefer, Halse, Nacken, geht von da auf den Rumpf, dann aus die Extremitäten u. schließlich aus die inneren musculösen Gebilde (Herz, Darm) über. Über ihren Werth als Todeszeichen s. Scheintod. Kunze. Todtentanz, 1) (lat. LRoroa, Naoimbasorum, franz. Oanoo Nuondro), die Darstellung des Todes als Personifikation, meist als Gerippe, nackt oder bekleidet, mit einer Gruppe von Lebenden, welche die verschiedenen Stände nach der Rangordnung enthält und dieselben zu Grabe geleitend: zur Veranschaulichung der Macht des Todes über das Menschengeschlecht, sowie der Gleichheit Aller vor diesem ehernen Gesetz; überhaupt eine Versinnbildlichung der Vergänglichkeit u. der Eitelkeit des Ir, dischen. Es kommen aber auch Einzeldarstellungen dieser Art vor, d. h. Darstellungen, auf denen der Tod eine einzelne Person abholt, oft Personifikationen darstellend, so bes. menschlicher Thorheiten , u.Schwächen(Hoffahrt, Übermuth, Leichtsinn), dann j auch solche der blühenden Jugend, der weiblichen Anmuth u. Schönheit, bes. der üppigen, der Kraft u. Macht rc., wobei als charakteristischer Zug oft das Plötzliche, Unerwartete vorherrscht, was in dem unbefangenen, sorglosen Ausdruck der Mienen seinen Ausdruck findet und die schlagendsten Effecte hecvor- bringt. Die ältesten derartigen Darstellungen sind Todtenuhr — Tödtung. 415 der Kleinbaseler u. der Lübecker T. Elfterer, wahrscheinlich 1312 gemalt, befand sich in einem Kloster zu Kleinbasel, wurde aber 1480 nach Großbasel an die Mauer des Johanniskirchhofes verpflanzt. Er ist ganz zerstört, doch gab es schon früh getreue Abbildungen; neuer Abdruck 1832, auch gibt es plastische Nachbildungen davon. Der aus der Mitte des 15. Jahrh., n. A. vom I. 1495 herrllhreude Lübecker T. befindet sich in einer Kapelle der Marienkirche in Lübeck. Er ist vielfach aufgefrischt, u. der ursprüngliche niederdeutschcTcxtistdurchhochdentsche Übersetzung verdrängt worden. Ein zweiter Baseler T. ging 1804 bei Abtragung der Wand, worauf er gemalt'war, bis auf geringe Überreste zu Grunde. Aus der Mitte des 15. Jahrh. war der 1824 in der Prediger- od. Neuen Kirche zu Straßburg entdeckte, aber 1870 zu Grunde gegangene T. Dasselbe Alter hat der 1860 von Stiller in der Marienkirche zu Berlin wieder aufgefnndene, von Fischbach aus Düsseldorf restaurirte. Er ist 22,^ in lang, 1,99g in hoch. Der Text besteht ans 362 Versen. Andere Todten- tänze befinden sich zu Bern (von 1514), Dresden (1534),zwei inLuzern, Konstanz, Freiburg rc. Man kennt im Ganzen einschließlich Frankreichs, Englands u. Italiens 58 solcher Darstellungen, von denen 14 erhalten sind. Der berühmteste von allen ist der von Hans Holbein, dessen Original in 40 Bl. sich in Pe- tersburg befindet; er wurde bis auf 58Bl. vermehrt. Ursprünglich entstanden als Ima^iuss Llortis, Bas. 1530, wurde er echt herausgegeben mit franz., lat. n. ital. Text, Basel u. Lyon 1558 —74. Neue Ausg. von Schlotthauer, Münch. 1832, von Mechel, Stuttg. 1858, u. von Lippmann (in Lichtdruck nachgebildet von A. Frisch), 40 Blatt, Berl. 1878. Mit gerechter Würdigung der Großartigkeit, sowie der eminent sittlichen u. nicht minder socialen Bedeutung dieses Stoffes haben denkende Maler der Gegenwart, wie Kaulbach und Rethel, sich ähnlichen Darstellungen wieder zugewandt. Vgl. Peignot, Rseborelios nur Iss äansss äss morts, Dijon u. Paris 1826; Maßmann, Literatur der Todtentänze, Lpz. 1840; Wackernagel in Haupts Zeitschr. für Deutsches Alterthum, S. Bd., Lpz 1853; Der T. in der Marienkirche zu Berlin u. Geschichte u. Idee der T-bilder überhaupt, Berl. 1876; Wessely, Die Gestalten des Todes und des Teufels in der darstellenden Kunst, mit 2 Radirungen u. 21 Jll., Lpz. 1877. 2 ) T. im Volksglauben, s. u. Tod (cnlturhistorisch). Schroot. Todtenuhr, s. Holzsresser. Todtenvogel, so v. w. Steinkäuzchen, s. Eulen. Todtholz (Schiffsw.), die Ausklotzungcu, durch welche die scharfen Uebergänge beim Bor- u. Hinter- stcven mit dem Kiel ausgefüllt resp. durch welche sie mit cinauder verbunden werden. Tödtlirhkeit, s. u. Tödtung. Todtliegcndes, so v. w. Rothliegendes, s.Permische Formation. Todtnau, Stadt im bad. Kreise Lörrach, ander Wiese u. am Fuße des Feldberges, 650 m ü. d. M.; Baumwollenspinuerei und Färberei, Zunderfabrik, Weberei, Papierfabrik, Verfertigung von Schwarzwälder Waaren (des. Bürsten), mit welchen die Einwohner hansiren; 1250 Einw. Am 19. Juli 1876 brannte T. zum größten Theil ab, u. wurde daraus nach einem ganz neuen Plan mit Wasserleitung, Kanalisation rc., schöner Kirche im Renaissancestil, wieder aufgebant. In der Nähe ein 114 m hoher Wasserfall. Neuerdings ist T. auch Luftkurort. Todtschlag, 1) im Allgemeinen so v. w. Tödtung, s. d.; 2 ) im engeren Sinne diejenige Art der Tödtung, bei welcher der Verbrecher einen anderen Menschen zwar vorsätzlich, aber nicht mit Überlegung, sondern im Affect od. aufwallender Leidenschaft getödtet hat. Der T. unterscheidet sich hierdurch so- wol von der culposen Tödtung (s. u. 6u1pa), als vom Morde (s. d.). Das deutsche Reichsstrafgesetzbuch hat zwar die Definition des T-s lediglich negativ gefaßt, indem es ß 212 bestimmt: „Wer vorsätzlich einen Menschen tödtet, wird, wenn er die Tödtung nicht mit Überlegung ausgesllhrt hat, wegen Todtschlags mit Zuchthaus nicht unter 5 (bis 15) Jahren betraft." Allein nach der richtigeren Ansicht (Merkel) ist hier das Handeln „nicht mit Überlegung" gleichbedeutend mit: unter dem Einfluß eines die volle Besinnung ausschließeuden Affectes handeln. Frühere Gesetzgebungen statuirten zum Theil andere Voraussetzungen, z. B. daß die That ohne Vorbedacht geschehen, od. daß der Entschluß zur That plötzlich gefaßt u. sogleich ausgeführt werde. Die Strafe war gemeinrechtlich Enthauptung, particularrechtlich lebenslängliche Freiheitsstrafe. Die neueren Gesetzgebungen wendeten sich nur theilweise größerer Milde zu (nicht so thatenFrankreich, Belgien n. Österreich) und diesen ist das Neichsstrafgesetzbuch gefolgt. Im Falle schwerer Provokation ob. bei Gegebensein anderer mildernder Umstände tritt nach Z 213 sogar nur Gefänguißstrafe von 6 Monaten bis 5 Jahre ein. Als höher strafbar erklärt werden der T. an Verwandten in aufsteigender Linie (A 215) und der gelegentlich der Verübung einer strafbaren Handlung, um der Ergreifung auf frischer That zu entgehen, verübte (Z 214). Bezotd. Todtsöhlig — vollkommen söhlig. Todttheilung(Tottheilung,Dattheiluug,Grund- u. Todtheilung, Divisio totalls, O. psrksota, O. in spseie), dieTheilnng der landesherrlichen od. Lehns- Besitzungen, durch welche eine völlige Sonderung des Eigenthums u. der Lelms- u. Geschlechtsgemeinschaft eintrat u. nach welcher auch, so lange noch in der zum Besitz gelangten Linie ein Nachkomme vorhanden ist, Niemand von der anderen Linie zur Suc- cession kommt. Sie ist entgegengesetzt der Mntschir- ung u. Örterung (Oivisio partialis, v. impsrksoba, l>. rssbrieba). Tödtung (im strafrechtlichen Sinne), die rechtswidrige Herbeiführung des Todes eines Andern. Da diese Herbeiführung eine „rechtswidrige" sein muß, so sind jene T-en nicht hierunter begriffen, bezüglich deren Strafausschließungsgründe vorliegen, also solche, welche aus Nothwehr (s.d.) oder in einem Nothstande (s.d.) begangen worden sind. Begriffsgemäß ausgeschlossen erscheint ebenso eine nach den Regeln des Gesetzes vollzogeneHinrichtung eines zum Tode verurtheilten Verbrechers, oder die nach Kriegsrecht geschehene T. des Feindes. Außerhalb dieser Grenzen der Gesetze ist aber eine strafbare T. an dem zum Tode Verurtheilten ebenso gut möglich als an dem Feinde. Nach dem oben bezeichneten Thatbestande muß ferner ein „Anderer" das Object der Handlung sein. Es gehört daher Selbstmord (s. d.) und Abtreibung der Leibesfrucht (s. d.) nicht hierher. Die rechtswidrige „Herbeiführung" des 416 Tofail — Toggenburg od. Tockenburg. Todes endlich besteht in einer Handlung, deren zurechenbare Folge der Tod war. Früher machte man in Bezug auf diese Causalität noch weitere Unterschiede u. sprach von „absolut tödtlichen" u. „relativ tödtlichen", von „xor so" u. „xsr acciclsns", von „in abstracto" u. „in concreto" tödtlichen Verletz, ungen. Schon die neueren deutschen Particular- gesetzgebungen kamen allmählich hiervon zurück und enthielten zum Theil die ausdrückliche Definitionsbestimmung, cs komme nicht darauf an, ob der tödt- liche Erfolg durch zeitige ärztliche Hilfe hätte abgewendet werden können, ferner ob derselbe nur infolge der eigenthümlichen Leibcsbeschafsenheit des Beschädigten oder zufälliger Nebenumstände eingetreten sei u. dergl. Das Deutsche Rcichsstrafgesetz- buch ist der neueren Doctrin gefolgt u. hat eine Definition von T. gar nicht gegeben. Im Allgemeinen muß dieTodes-Herbeifllhrung immer durch eine positive Handlung, gleichviel ob diese absichtlich auf eine T. gerichtet od. nur eine fahrlässige war, geschehen. Ausnahmsweise stellt aber in gewissen speciellen Fällen das Gesetz auch bloßes Nichlhandeln dem positiven Handeln gleich. Die Hauptunterscheidung der T-en ist die von vorsätzlichen im Gegensatz zu fahrlässigen. Die vorsätzlichen T-en zerfallen zunächst in T. mit kaltem Blute, d.h. Mord (s. d.), u. in T im Affecte, d. h. Todtschlag (s. d.). Als besondere Arten der Tödtung erscheinen die Tödtung im Zweikampfe (s.u. Duell) u. die T. des Ein - willigenden. Das Deutsche Reichsstrafgesetzbnch (Z 216) bestimmt diesbezüglich: „Ist Jemand durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Ge- tödteten zur T. bestimmt worden, so ist aufGesäng- uiß nicht unter 3Jahren (bis 5 Jahre) zu erkennen." Über die fahrlässige T. trifft das Deutsche Reichsstrafgesetzbuch (8222) folgende allgemeine Bestimmung: „Wer durch Fahrlässikeit den Tod eines Menschen verursacht, wird mit Gcsängniß (von 1 Tag) bis zu 3 Jahren bestraft. Wenn der Thäter zu der Aufmerksamkeit, welche er aus den Augen setzte, vermöge seines Amtes, Berufes od. Gewerbes bes. verpflichtet war, so kann die Strafe bis auf 5 Jahre Gefängniß erhöht werden." (Über Fahrlässigkeit im Allgemeinen s. u. Oulpa.) Besondere Bestimmungen trifft Las Deutsche Reichsstrafgesetzbuch für dieFälle, wo eine strasbare vorsätzliche Handlung einen nicht beabsichtigten tödtlichen Ausgang hat. Hierher gehören die Bestimmungen über Körperverletzungen u. Naushäudel mit tödtlichem Erfolge (s. n. Körperverletzung), dann die Specialbestimmungen in 88 t 78, 239, 251, 307, 312,313, 315, 321,324. Auch für einige Fälle derFahrläsfigkeit mit tödtlichem Erfolge werden besondere Strafbestimmungen erlassen in den ZZ 309, 314, 316, 326. Merkel in v. Holtzendorfs Handbuch 1874 u. Rechtslexikon 1876. Civilrechtlich kann die T. nach den Grundsätzen der Iwx ^guilia zum Ersatz des dadurch geursach- ten Schadens führen, wenn nachgewiesen wird, daß der Getödtete versorgungsbedürftige Verwandte hin- terlaffeu hat, denen Lurch die T. die Ernährung genommen worden ist. Die Festsetzung der Leistungen hat uöthigensalls Lurch den Richter nach arbiträrer Schätzung zu erfolgen. Die französische u. englische Rechtspraxis bieten Beispiele dar, in welchen die diessallsige» Entschädigungen zuweilen sehr hoch bemessen worden sind. Die altdeutschen Nechtsquellen § enthielten in dieser Hinsicht in der Bestimmung der sogen. Wehrgelder (s. d.), welche der Thäter an die Familie des Gctödteten zu zahlen hatte, um sich von der Blutrache zu befreien, zuweilen sehr genaue, sich nach dem Stande des Gctödteten richtende Festsetzungen. Vgl. n. Körperverletzung. Bezoid. Tofail, s. Tophail. lolana, s. ^gua 1'oldim. Toftlnnd, Kirchdorf im Kreise Hadersleben der preuß.Prov. Schleswig-Holstein; Amtsgericht; 420 Ew. (Dänen). Toga (röm. Ant.), Nationalkleid der Römer in der Stadt; bestand aus einem großen, bis 6 Ellen breiten Tuche, welches von oben nach unten über die linke Schulter nach vorn genommen, daun über den Rücken nach vorne gezogen und in der Mitte ihrer Weite faltig mit der linken Hand zusammengefaßt wurde, so daß der obere Theil als Bausch (8iuus) herabfiel, der untere aber den Unterleib und die Schenkel deckte; das Übrige wurde über die linke Schulter von unten nach oben geworfen, wodurch diese Schulter doppelt gedeckt wurde. An den Zipfeln waren zuweilen Quasten zur Zierde. Wenn man die T. dazu noch aufschürzte, so entstand der Oiuctuz Audirms, die Art, wie man die T. ursprünglich in Gabii trug. Als man später die Tunica als Unterkleid brauchte, wurde die T. als Oberkleid getragen, aber nur in Friedenszciteu. Die T. war von Wolle u. weiß (I. pura), bei gemeine» Leuten dunkel; in der Trauer schwarz (1?. xulla); die T. mit einem Purpursaum geschmückt (M xraetextr) trugen alle Magistratspersonen, höhere Priester, einzelne Personen an gewissen Ehrentagen und Kinder bis zur Mannbarkeit. Staatskleider waren die mitGold gestickten Togen (T-as xictas), insbesondere ll'-us pal- matae, miteingesticktenPalmenblättern.vonTrium- phatoren, Consuln, später von den Kaisern und den Rittern bei feierlichen Aufzügen getragen. Nur den Römern kam das Recht zu, dieselbe zu tragen (llus toAus); Fremden ».Bürgern ganzer Staaten wurde das Recht die T. zu tragen durch Senatsbeschluß er- theilt, wie dem Römischen Gallien (daher OuIIiato- §ats. Mit dem Verluste des Bürgerrechts oder der Exilirung ging das Recht verloren. Die weiße, einfache Bürger-T. bekamen Jünglinge, wenn sie das Knabenalter zurückgelegt hatten (P. virilis, D. rscta, P.IidLru),mitgewiffenFeierlichkeiten. BesondereAr- ten der T. sind noch: 1. soräicla, theils eine schmutzig gewordene T., theils eine solche, welche Beklagte trugen, im Gegensatz von D. caulliäa, einer weiß gewaschenen od. mit Kreide aufgefärbten T., in welcher die ausgingen, welche sich um ein Amt bewarben. Im 3. u. 4. Jahrh. hörte der Gebrauch der T. bei den Römern ganz auf. Die Frauen trugen die Palla, das beim Ausgehen über die Tunica u. Stola geworfene, früher wollene, dann seidene, auch mitunter gestickte Obergewand, die T. nur den Libertinern u. Buhlerinnen überlassend. Toggenburg od. Tockenburg, ehemal. Grafschaft in der Schweiz, an die Besitzungen des Stifts St. Gallen, den Thurgau u. die Kantone Zürich u. Appenzell grenzend. Die reichen n. mächtigen Grafen von T., deren Stammschloß Alt-T. bei Fischingen im Bez. Tobel des Kant. Thurgau jetzt in Ruinen liegt, starben 1436 aus, worauf die Grafschaft an die Freiherren v. Raron kam. Diese verkauften Toggenburg — Tokio. 417 die Souveränität bereits 1469 au den Abt von St. Gallen. Die Bedrückungen, welche die Abte gegen die Bewohner des Landes, namentlich nachdem sich dieselben dem Protestantismus zngewendet hatten, sich erlaubten, gab zweimal zu blutigen Fehden Veranlassung: das erste Mal 1712, indem Zürich und Bern zur Beschützung der Toggenbnrger auftraten, wodurch der sogen. Zweite T-er Krieg entstand, der erst 1718 durch den RorschacherVergleich sein Ende fand; das andere Mal 1755—59. 1798 wnrde T. dem Kant. Linth u. 1803 dem Kant. St. Gallen zu- getheilt, wo es die 4 Bezirke Ober-, Neu-, Alt- u. Unter-T. bildet. Hier liegt die znm Dorfe Wildhaus in der Nähe der Thurquelle gelegene Häusergruppe Liesighaus, wo man das Geburtshaus Zwinglis zeigt (geb. 1. Jan. 1484). Die Hanptindustrie istBanm- wollenspinnerei. Schmitz. Toggenburg, 1) Sta. Jdda, Gräfin von, c. 1180. Es wird erzählt, daß ein Nabe der Gräfin ihren Trauring aus einem offenen Fenster auf Alten- Toggenburg gestohlen n. in sein Nest getragen habe, wo ihn ein Jäger fand n. anlegte. Der Gemahl der Gräfin, Heinrich, sah diesen Ring, vermnthete Untreue seiner Gemahlin u. ließ diese von einem Felsen herabstürzen, den Jäger aber an den Schweif eines Pferdes gebunden zu Tode schleifen. Später fand mau die Jdda als Einsiedlerin im Walde lebend; hervorragende Zweige hatten den Sturz gemildert u. ihr das Leben gerettet. Sie starb, da sie zu ihrem Gemahl zurückznkehren sich weigerte, in den: Kloster Fischingen, wo noch ihr Grabmal gezeigt wird, und sie bald als Heilige verehrt wnrde. Die Erzählung ist in vielfacher Weise von Dichtern und Legenden - schreibern behandelt worden. 2) Georg, Ritter von, aus der alten berühmten adeligen Familie T. in Rhätien, geb. 1810 aufSchloß Rhäzllns in Graubünden, wurde 7. Febr. 1855 österr. Handelsminister u. suchte als solcher durch einsichtige Grundsätze u. Thatkraft im Sinne des Barons Bruck, seines Vorgängers, durch Anlegung von Eisenbahnen n. .Hebung des Seeverkehrs die großen Hilfsquellen Österreichs, deren Schätze großen Theils noch ungenutzt in der Erde lagen, oder, wie die Galizischen Forste, wegen Mangel an Transportmittel im Walde faulten , zu erschließen. Als das Ministerium im Mai 1859 aufgelöst wurde, erhielt T. im folgenden Jahre den Posten als Statthalter des Lombardisch-Vene- tianischen Königreiches, zog sich aber alsbald aus dem Staatsdienst zurück. Schmitz. Toghluk, die 3. afghanische Dynastie in Delhi (s. d. S. 46), die 1321 auf den Thron kam. ToghrulBeg, einer der hervorragendsten Sel- dschuken-Sultane, unter dem die Macht dieses Stammes sich über Khorasan, Persien, Syrien ansdehnte u. die Besitzungen des Byzantinischen Reichs in Armenien u. Kleinasien in glücklichenKämpsenbedrohte. 1055 machte er sich, unter Verdrängung der Buiden, zum weltlichen Herrscher (Emir al Omrah) der Kha- lifen von Bagdad n. schuf damit den dauernden Einfluß der Macht der Seldschnken durch ganz Vorderasien. Er st. 1063 in Rai, mit dem Ruhm eines edel- müthigen u. weisen Fürsten, von seinen Unterthanen geliebt u. von seinen Feinden geachtet n. gefürchtet. Togian-Jnseln, eine Gruppe von ungefähr 50 bewaldeten u. unbewohnten Inseln an der OKüste der Sunda-Jnsel Celebes, im Golf von Gorontalo. PiererrNniversal-LonversatienL-rcxilon. K. Aufl. XV loilo (fr.), Gewebe von Flachs, Hanf od. Baumwolle; Leinwand; auch Tuch. Toilette (fr.), 1) Putztischtuch, Putztisch, Nachtod. Morgentisch; 2) Geräth, welches beim Ankleiden od. Putzen gebraucht wird; 3) Kästchen, worin alle beim Ankleiden nöthigen Geräthschaftcn enthalten sind; 4) das Ankleiden, derAnzug, das Costume; T. machen, sich ankleiden. Toise, die franz. Klafter, die Normaleinheit des altfranz. Längenmaßes von 6 Par. Fuß — 1,^ m. Beider officicllenEiuführnngdeSMetermaßes wurde eine T. zu 2 in angenommen. Tokat (Eudoxiana), Stadt am Jeschil-Jrmak, im türk. Vilajet Suvas (Kleinasien); ist befestigt, hat Citadclle, enge, schmutzige Straßen, viele Moscheen u. christliche Kirchen, Klöster, schöne Hane, Bazars, Bäder; Sitz eines armen. Erzbischofs; man fertigt Saffian, Leinwand, Seidenwaarcn, baumwollene Zeuge, Knöpfe, bes. aber gesuchte Knpferwaaren, n. treibt damit, sowie mit Blei u. Saffran (beides in der Nähe) Handel; die Stadt liegt amphitheatralisch auf u. an einigen Hügeln; die Zahl der Einwohner wird sehr verschieden (zwischen 45,000 u. 150,000) geschätzt. JmAlterthume lag nnweitTdie berühmte Stadt Komana Pontica. Bei T. 1527 Niederlage der Türken durch die karamanischen Empörer. Total) (Tokaj), Marktflecken im ungar. Comitat Zemplin, an der Mündung des Bodrog in die Theiß, in der Hegyallya, Station der Theißbahn; Ruinen eines alten Schlosses; Salzniederlage,Fischerei,Holzhandel, Obstbau, vorzüglicher Weinbau (s. Ungar. Weine); (1869) 5012 Ew. — Hier 22. u. 31. Jan. 1849 Gefechte zwischen den Österreichern unter General Schlick n. den Ungar. Aufständischen; 3. Ang. 1862 große Fenersbrnnst. Der König Bela IV., welcher italienische Colouisten nach Ungarn zog, soll hier 1241 die ersten Reben aus Italien u. Morea angepflanzt haben. H> Berus. Tokio (d. h. Osthauptstadt, in Europa besser bekannt nnterdemfrüherenNamenJedo od.Jeddo), seit der Nesidirnng des Mikado daselbst der Name der Hauptstadt des asiat. Reiches Japan, ans der OKüste der Insel Nippon in einer fruchtbaren, mit Dörfern bedeckten Ebene, an der NSeite der geräumigen aber seichten Bai von T. oder Jedo gelegen, an der Mündung des Flusses Snmidagawa, dessen Wasser in vielen mit schönen Brücken überdeckten Kanälen die Stadt durchzieht. Sie bietet vom Meere ans das Bild eines Halbmondes, ist im Allgemeinen regelmäßig gebaut mit geraden, beinahe parallelen od. sich rechtwinkelig schneidenden Straßen, mauerlos und bedeckt einen Flächeninhalt von über 70 HZKm. Dis Häuser sind in der Regel einstöckig und leicht gebaut wegen der häufigen Erdbeben n. zeigen die in Japan übliche Bauart (s. Japan, S. 581); die der Minister und Vornehmen zeichnen sich vor den übrigen durch große Vorhöfen, stattliche Eingänge aus. Zahlreiche Gärten finden sich inmitten der Stadl. Ungefähr im Centrnm erhebt sich auf einem Hügel der Djiro, der Palast des Mikado, bestehend aus mehreren weit- länstig angelegten Gebäuden (die eigentliche Residenz des Herrschers ist 5. Mai 1873 durch Feuer vernichtet worden u. nicht wieder aufgebant), rings um ihn liegt der Sotodjiro, die Paläste der Minister, Hochwürdenträger u. Daimios (theilweise von großem Umfang) n. in seinem östl. Theile Len Sitz der ii. Band, 27 418 Totkiren — Tolain. großen Handelswelt enthaltend, umgeben im O. von dem Snmidagawa, sonst von einem breiten Kanal. Diese beiden Stadttheile nebmei, ungefähr die Hälfte ihres Umfanges ein. Im N., S. u. W. vom Toto- djiro, verbunden durch mehrere Brucken, darunter die berühmte N'pponbaschi d. h. Japanbriicke, den geographischen Mittelpunkt des Reiches, von der die Entfernungen nach allen Punkten desselben berechnet werden, liegt die eigentliche Stadt, Midsi, ein ausgedehntes Gemisch von Straßen, Gärten, Feldern, erfüllt von zahlreichen Tempeln, im O. am andern User des Flusses die Vorst. Hondjo, mit zahlreichen Theehäusern und Vergnügungsorleu. Seit der Eröfjuung der Stadt für Ausländer (1863) hat am Meer'esnser, unweit der Mündung des Snmidagawa, sich ein europäisches Viertel, Lsukidji, gebildet, in dem die Wohnungen der Gesandten u. Con- snln,Kirchen u.Privatgebände liegen. DieJndnstrie der Stadt ist gering (Fabrikation von Lack- n. Bronze- waaren), ebenso dicHandelsthätigkeit; dagegen gelten die Vergnügungslocale (Theater, Restaurants) für die besten in Japan. Die Bevölkerung wurde 1875 aus 595,905 Ew. in 149,384 Häusern angegeben, daneben 194Sinto- n. 1026 buddhistische Tempel (darunter die berühmten Shiba genannten Kunstwerke mit Mausoleen mehrerer Siognne); sie erreichte früher, als das Gesetz noch die mächtigen Damnos nebst Familien und Anhang dort zu residiren zwang, 1H Mill. T. bildet administrativ einen eigenen Bezirk, ist Residenz des Mikado, der höchsten Regierungsbehörden u. der auswärtigen Gesandten. Seit der neuesten Zeit hat es mehrere europäische Einrichtungen, eine Polytechnische Schule (15. Juli 1878 eröffnet), Gasleitung, Telegraphen, Eisenbahn »ach Joknhama (eine andere nach Kioto ist projectirt). Es wurde Ende des 16. Jahrh. von Jjejasi zur Residenz der Siognne erhoben u. bekam bald einen bedeutenden Umfang; durch Erdbeben u. Fenersbrünste hat es öfters erheblich gelitten, so des. 29. Nov. 1877, wobei 8000 Häuser abbrannten u. 50,000 Personen obdachlos wurden. Thickmami. Tokkiren (ital. tooears, fr. touotrsr, berühren) bezeichnet eine gewisse Manier in der Auftragung der Farben in der Malerei, wobei der Pinsel fast wie eine Nadirnadel oder ein Bleistift, nämlich zur Hcrvorbringnng von Strichlagen n. festen Umrissen, in Anwendung gebracht wird. Die für die malerische Wirkung nothwendige Verschmelzung durch Übergangstöne wird daher bei dieser Manier für das Auge erst in gewisser Entfernung hervorgebracht; daher eignet sich dieselbe mehr für große Wandgemälde, namentlich in stereochromischer Manier, wo sie die Schatten durch kräftige Strichlagen vertieft u. die Formen durch verhältnißmäßig breite Contouren hervorhebt. Schasler. Toko, so v. w. großer Tukan, s. Pfefferfresser. Tököli (Tököly), Emmerich Graf von, geb. 1656 auf dem Schlosse Käsmark in Ungarn, Sohn des Protestant. Grasen Stephan T., der nach der Hinrichtung Zrinyis, Nadasdys u. Frangepans an der Spitze der Mißvergnügten in Ungarn stand, welche der Absicht des österr. Ministers Lobkowitz, Ungarns Selbständigkeit zu brechen, entgegcntraten. Stephan verlor dabei 1670 den größten Theil seiner Güter, sein Sohn Emmerich aber, erst 15jährig, floh zum Fürsten Michael Apafi von Siebenbürgen, der ihn an der Spitze eines Trnppencorps den aufständischen Ungarn zu Hilfe sandte. Nach dem Tode des Grafen Wesseleny trat Emmerich T. 1678 an die Spitze des Aufstandes u. brachte, von der Pforte u. Ungarn unterstützt, in kurzer Zeit Obernngarn in seine Gewalt. Ans dieser Zeit finden sich die ersten Münzen mit T-s Bildniß. Nach dem Frieden zu Nymwegen wandte Kaiser Leopold I. größeren Nachdruck ans die Bewältigung Ungarns, doch beunruhigte T. fortwährend mit 3 abgesonderten Heeren die kaiserlichen Erblande.,n. ungarischen Besitzungen; selbst der Reichstag zu Ödenburg 1681, ans dem Amnestie, Bestätigung der Privilegien u. freie Religionsübung zngesagt wurden, brachte keine Ruhe. T. heirathete die Wiltwe des Fürsten Franz Nakoczy, die ihm die wichtige Festung Mnnkacs zubrachte, wurde vom Pascha zu Ofen als Fürst anerkannt (1682), worauf die Pforte zum Schutze ihres zinspflichtigen Fürsten von Ungarn Len Krieg ins Herz von Österreich trug. Als aber Kara Mustapha nach vergeblicher Belagerung Wiens 9.Sept. 1683 durch Karl von Lothringen n. Johann Sobieski völlig geschlagen wurde, maß der Großvezir dis Schuld der Niederlage T. bei, der jedoch nach ALrianopel zum Sultan eilte, seine Unschuld erwies, n. Veranlassung gab, daß Kara Mustapha strangulirt wurde. Er setzte üenKampf gegen Oesterreich fort, mußte jedoch, von General Schulz in 2 Schlachten geschlagen, von allen Hilfsmitteln entblößt, sich dem Seraskier von Bosnien in die Arme werfen, der ihn gefangen nach Adriauopel sandte (1685). Er wurde erst wieder freigelassen, als der Sultan sich von seiner Treue überzeugt hatte n. ihn von Neuem im Kriege wider Oesterreich gebrauchte, freilich ohne jeglichen Erfolg; es gelang ihm nicht einmal, seine in Mnnkacs ein- geschlosscne Gemahlin zu befreien, welche 1688 die Festung übergeben mußte u. nach Wien abgeführt wurde. 1690 wurde T. von der Pforte nach dem Tode Michaels I. Apafi zum Fürsten von Siebenbürgen ernannt; es gelang ihm auch, den österr. GeneralHenßler beiZerncst zu schlagen u. gefangen zu nehmen, woraus er sich in seinemLäger bei Grossau 12.Sept. 1690 zum Fürsten krönen ließ. Er mußte sich dann aber vor Ludwig vonBaden nach der Walachei zurückziehen. Nach dem Verluste der Schlacht von Salankemen (1691), in der T. dis türk. Reiterei befehligte, wäre er beinahe als Verräther von den Einwohnern von Belgrad, wohin sich das geschlagene Heer flüchtete, zerrissen worden. Er bsthei- ligte sich auch an den folgenden Kämpfen der Türken gegen Österreich u. begab sich nach dem Karlo- witzer Frieden (Jan. 1699), in dem ihm die Rückkehr auf ewig untersagt wurde, mit seiner gegen General Henßler ausgewechselten Gemahlin nach Con- stautinopel. Er st. 1705 fern von der Heimath, auf deren Befreiung er alle seine Kraft verwandt, von dem Sultan mit dein Titel eines Fürsten von Niko- medien beschenkt, ans einem Landgute bei Nikome- dien. Schmitz. Tola, ostind. Gold- u. Silbergewicht, 180—215 engl. Torygrän; eingetheilt in 12 Mascha ä l2Röt- tibs ä 4 Dhan. Tolain, Henri Louis, franz. Politiker, geb. 18. Juni 1828 in Paris; lernte die Ciselirkunst, widmete sich aber unter dem Kaiserreiche mehr und Tolaud — Toledo, 41S mehr der Arbeiterbewegung und deren Leitung, be-!' theiligte sich an der Gründung der Internationale, für die er auch in Vereinen n. in derPresse agitirte. . Nachdem er 1870—71 Adjunct eines Arrondissements gewesen, kam er Febr.1871 in dieNational- Versammlung, in der er sich der äußersten Linken anschloß u. als ebenso unterrichteter als guter Redner für Mäßigung austrat, auch friedliche Beilegung des Communeaufstandes erstrebte. 1876 wurde er in den Senat gewählt. Toland', John, geb. 1670 von katholischen Eltern in Irland; studirte Theologie u. ging früh zur Presbyterianischen Kirche über. Mehrmals besuchte er Hannover u. Berlin und fand eine günstige Aufnahme bei der Kurfurstin Sophie u. der Königin von ^ Preußen; lebte zuletzt in Pntney bei London u. st. dort 1722. Er gehört zu Len bedeutendsten britischen ! Deisten, führte den Namen Pantheismus ein (s. d.) u. machte sich bes. auch Lurch Anfechtung des histo- rischen Christeuthnms u. Anzweiflung der Echtheit der Evangelien bekannt. Er schr.: Plis eirristianitz- ' not mz-8torion8, 2. A. Lond. 1696; UnLarsnus, or «ksrvisü, dsnbils anä Lloliametan Oiiristianit^, 1718; kantbsioticon s. I'orwnla sosisbabis soora- tioas, 1720, rc. t. Toldy, 1) Ferencz (Franz Schedel), hochverdienter magyarischer Gelehrter u. Literaturhistoriker, einhervorragenderFördererdesmagyarischenSchrif- teuthnms, geb. 10. Ang. 1805 in Ösen, studirte von 1819—27 in Czegled, Kaschau u. Pest Philosophie u. dann Medicin, war einige Zeit als praktischer Arzt in Pest thätig, hielt 1829 in Berlin Vorlesungen über Ungarische Literatur u. hörte Hegel; 1830 de- reiste er England, Frankreich u. Italien, wurde 1831 Secretär der ungarischen Akademie, 1833 Prof, der Diätetik an der Universität Pest, gründete 1836 die treffliche u. verdiente Kissaludy-Gesellschast; 1843 ernannte mau ihn zum Vorstand der Universitäts- bibliothek; er widmete sich von da an literar-histori- scheu Studien u. wurde Professor der Literaturgeschichte in Pest, wo er 10. Dec. 1875 st. Er schr. (in magyarischer Sprache): Ästhetische Briefe über die epischen Werke des M. Börösmarty, Pest 1827; Handbuch der ungarischen Poesie, Pest u. Wien 1827—28, 2 Bde.; Blumeulese ans ungarischen Dichtern, ebd. 1828; Reliquien ungarischer Dichter, Pest 1828; Die Armenpharmatopöe, ebd. 1831; Medicinisches Wörterbuch, ebd. 1833; Die Elemente der Diätetik, ebd. 1839; Iroäalmi bsWöäslc (Unterhaltungen Uber schöne Literatur), heransgeg. von Bajza,Presb.1847; Dieungarische historischeDicht- ung vorZrinyi,Wien1850; UmaMarnomLstniro- äcäom körtsnots, Pest 1851, 2 Bde., 3. A. 1874; Linear oiirs8toinabIiiL, ebd. 1853, 2 Bde.; Geschichte der ungarischen Poesie, ebd. 1855, 3. A. 1875 (deutsch von Steinacker 1863); Handbuch der ungarischen Sprache u. Literatur, ebd. 1855 s.; gab heraus; Ollronioon Luv^ariw kosonisnss, Ofen 1852; die Werke einiger ungarischer Dichter, übersetzte auch Mehreres, z. B. Schillers Räuber, 1823, 2 . A. 1842, u. redigirteverschiedene ungarische Zeitschriften. 2) Jstvän (Stephan), Sohn des Vor., geb. 4. Juni 1844 in Pest, machte an der dortigen Landesuniversitär philosophische u. juristische Studien, erhielt eine Stellung als Beamter im Ungar. Ministerium, versuchte sich nebenbei in politischen Flugschriften, schrieb nach französischen Mustern einen Roman u. einige Bände Novellen, u. trat auch als Dramatiker mit Erfolg auf durch seine Lustspiele L zökmraüalc (Die guten Patrioten), u. ^.2 üj srn- borslc (Die neuen Menschen). T. übernahm im I. 1875 die Redaction des Nsnmsbi liirlap (Natio- nal-ZeitUIIg). Booch-Arkossy.» Toledo, 1) Prov. in Spanien, umfaßt den westl. Theil Neucastiliens, grenzt im W. an Estremadura, im N. an Altcastilien u. die Prov. Madrid, im O. u. S. an die Prov. Cuenza; 14,467„ slsicm (262,^ UM) mit(!87l berechnet)340,742 Ew. (aus l Hskm 23, in ganz Spanien 33). Die Prov. ist in den südl. Theilen durch die Montes de T. u. einige Bergketten gebirgig, sonst eben od. hügelig, wird der Länge nach vom Tajo (mit Jaraina, Guadarrama, Tie- tar, Alberche u. a.) durchflossen; hat heißes, oft vom Solano heimgesuchtes Klima, ist größtentheils fruchtbar, aber nicht durchgängig angebaut. Sie produ- cirt viel Getreide, Öl u. Wein, auch Gemüse, Feigen, Mandeln, Seide, ernährtaufansgedehnten Weiden zahlreiche Schafe, Ziegen u. Pferde, ist in den Gebirgen reich an Eisen, hat zahlreiche Salz- und Mineralquellen, aber wenig Industrie u. Handel. Sie wird von der Mediterranbahn (Madrid-Alicante 100 Icm) durchschnitten; die Schiffbarmachung des Tajo von Toledo ab ist projectirt. 2) Hauptstadt darin, rechts am Tajo malerisch an einem schroff abfallenden Granithügel gelegen, Lurch eine Zweigbahn mit der Mediterranbahn verbunden, mit vielen engen, krummen Straßen n. kleinen Plätzen, von Mauern umgeben; hat 4 Thore (darunter 2 von arabischer Bauart) n. 2 hohe Brücken über die wildromantische Felsenschlncht des Tajo, deren eine (knsnte äs ^äeantarn) ebenfalls von den Mauren herrührt, ist Sitz der Provinzialregierung im ehemaligen Jnquisttionspalaste) u. eines Erzbischofs (krimalr äs ls.8 Lspanaa), welcher dem Range nach der erste Prälat des Königreichs ist. Unter den Kirchen der Stadt ist das ansehnlichste Bauwerk die großartige gothische Kathedrale, 130 m lang u. 66 m breit, mit 5 von 84 Pfeilern getragenen Schiffen, 40 Seitenkapellcn (darunter die vom Kardinal Ji- menez erbante Papilla worärabs u. die Oapilla äs los rsz-es mit den Grabmälern der Könige Heinrichs II., Johanns I. u. Heinrichs III. mit ihren Gemahlinnen) n. einer Menge von Kunstschätzen und Kostbarkeiten; unter den 14 Glocken in ihrem unvollendeten Thnrnie befindet sich die größte in Spanien von 386 Ctr. Gewicht; das zur Kathedrale gehörige Capitelgebäude enthält eine große Bibliothek mit über 7000 Codices u. Manuscripten. Unter den übrigen 26 Kirchen sind die ehemalige Jesuitenkirche u. die von Ferdinand u. Jsabella erbaute Kirche 8. änan äs los Loz'ss erwähnenswertst. Andere be- merkenswerthe Bauwerke sind: der ehemalige Jn- quisitionspalast, das prachtvolle Stadthaus (von Herrera erbaut), der erzbischöfliche Palast, der Al- cazar u. das königliche Schloß (ein auf dem höchsten Punkte der Stadt an der Stelle der ehemaligen Burg der maurischen Könige gelegenes, ungeheures, würfelförmiges, aber unvollendetes Gebäude, jetzt Kaserne), das maurische Castell an der Alcan- tarabrücke, die weitläufige Herculeshöhle unter der Stadt rc. T. hat ferner 23 Nonnenklöster (früher l! außerdem noch 14 Mönchsklöster), 9 Spitäler, 1. 27 * 420 Tolcntino - Barmherzigkeitshaus (6asa äs oarlckack), 3 Erziehungsanstalten für adlige Fräuleins; Fabrikation von berühmtem Marzipan, der auch ausgefiihrt wird, ferner vonSeiden-, Gold- u.Silberstoffenrc.; 1860: 17,633 Ew., 1877: 17,273 (zur Maurenzeit gegen 200,000 Ew.). Die1498 gestiftete Universität ist eingegangen. Bei der Stadt liegt die kgl. Fabrik blanker Waffen, welche ausgezeichneteDegenklingen(Toledo- klingen), Säbel, Bayonnete, Messer rc. liefert. Jn T. spricht man das berühmte Castellano, daß seit den Zeiten des Cervantes für das reinste Spanisch gilt. T. hieß zur NömerzeitToletum, war einfestcrOrt der Carpetaner im Tarraconensischen Spanien, wurde später römische Colonie n. war durch seine Stahl- waarenfabrikation berühmt. Hier schlugen 193 v. Ehr. die Römer unter M. Fulvius die Keltiberer u. nahmen 192 die Stadt ein. Zn Cäsars Zeit war es ein starker Waffenplatz. Der Westgothenkönig Leovigild verlegte um 585 seine Residenz von Sevilla nach T.: seine Nachfolger vergrößerten die Stadt bedeutend, des. Wamba, welcher 673 eine 2. Mauer dort baute. Nach der Zerstörung des Westgothenreiches durch die Mauren 712 hielt sich T. noch einige Jahre lang u-, wurde erst 714 sammt dem übrigen Spanien unterworfen. T. stand längere Zeit unter der Herrschaft der Omajjadischen Khaliven, bildete später aber, nachdem 1024 der Statthalter Adaser Ali Maymon sich unabhängig gemacht hatte, ein eigenes Reich, bis Alsons Vl., König von Castilien, Stadt u. Reich 25. Mai 1085 eroberte. Da Alsons VI. sich zum Kaiser des Tole- tanischen Reiches ernennen ließ, so erhielt T. den Namen einer kaiserlichen Stadt, welchen sei» Enkel Alfons VIII. bestätigte n. der Stadt zum Wappen einen Kaiser mit Schwert, Reichsapfel u. Krone gab. Es war auch mehrmals Residenz der Castili- schen Könige. 1109, 1114 u. 1127 versuchten die Mauren vergebens die Stadt wieder zu erobern. In T. war schon früh ein christlicher Bischof, welcher ansangs unter dem Metropoliten von Neu-Karthago stand, dann aber Erzbischof u. 610 der einzige Metropolit der Karthagischen Provinz wurde. T. ist des. in der Kirchengeschichte berühmtwegender zahlreichen (20) Concilien, welche daselbst gehalten wurden. Eins der wichtigsten ist das 3. Concil, das 589 stattfaud, u. auf dem der Übertritt der Westgothen zum Katholicismus publicirt, das Anathem über Len Arianismus ausgesprochen u. die kirchliche Disciplin in 23 Capiteln geordnet wnrve. 610 und 611 wurden 2 Provinciatconcilien gehalten, wo T. als Metropolitansitz erklärt wurde. Nach Einführung der Inquisition war T. ein Hanptsitz derselben. 3) Hauptstadt u. Einsuhrhasen des Lucas County imnordamerikanischenUnionsstaate Ohio, amMau- inee, 17 km von dessen Mündung in den Erie See, Endpunkt des Wabash-Erie Kanals, einer der bedeutendsten Eisenbahnknotenpunkte des NWestens, va sich hier 20 Linien vereinigen, zahlreiche Dampfer- Verbindungen, Hafen, der für alle Schisse, welche die Canad.Seen befahren, jederzeit zugänglich ist; Hochschule, höhere Kunst- u. Gewerbeschule nebst Bergakademie, öfsentl. Bibliothek von über 10,000 Bdn., großartige Wasserleitung, zahlreiche schöne öffentliche Gebäude, darunter bes. die Oper; ausgedehnte Industrie, deren Hauptzweige Tabakfabrikalion, Holzjägerei sind. Außerdem bestehen: Schiffs-, Maschi- — Toleranz. nen-, Brücken- u. Wagenbau, Faßbindern, Getreide- u. Ölmühlen, Eisen- u. Gelbgießereien, Gerbereien, Pottasche-, Holz- u. Eiseinvaarenfabriken, Schweineschlächtereien rc. Der Handel ist großartig, besonders mit Getreide, in welcher Hinsicht T. in den Vereinigten Staaten nur Chicago nachsteht. Im Jahre 1872 wurden 7,126,500 Irl verschifft. Andere wichtige Ausfuhrartikel sind: Holz, Faßdauben, Schweinefleisch, Vieh rc. Werthe der Ein- u. Ausfuhr 1872: 204,700,000 bezw. 218,672,000 Doll. Bevölk. 1850: 3829, 1860: 13,768, 1870: 31,584, darunter 5800 Deutsche, i) 2) H. Berns, s) Schroot. Tolentmo, Stadt in der ital. Prov. Macerata, am Fluß Lhiente; Kathedrale mit Fresken von den Brüdern Da San Severino u. je einem Gemälde von P. Veronese u. Tintoretto; Malerschule, techn. Schule, Seminar; Fabrikation von Eisenguß- und Wollenwaaren, sowie Leder; 4289 Ew. (Gemeinde 11,229). T. ist das alte Tolentinum im Pice- nerlande. Hier 19. Februar 1797 Friedensschluss zwischen dem Kirchenstaat u. Frankreich u. 2. u. 3. Mai 1815 Sieg der Oesterreicher unter Bianchi über die Neapolitaner unter Murat, der dadurch seinen Thron einbllßte. Toleranz (v. Lat.), 1) im Allgemeinen so v. w. Duldung; bes. 3) die in Bezug auf religiöse u. kirchliche Gesinnungen u. Rechte Seitens der Staatsgewalt geübte Duldung. In Betreff des individuellen Glaubensbekenntnisses bildet den höchsten GradderT., die vollständigeBekenntnißfreiheit, als der Grundsatz, daß jeder im Staate seine Religion ungehindert bekennen u. für sich ausüben darf, ohne dadurch irgendwie gegenüber Andern im Genüsse bürgerlicher Rechte beschränkt zu sein; den stricte» Gegensatz dazu bildet der Bekenntniß» zwang, d. h. der Grundsatz, daß nur die Bekenner einer gewissen Religion im Staate zngelassen und allen dieser Religion nicht anhängenden Individuen der Schutz des Staates versagt bleibt. Der vorchristlichen Zeit war die Idee der Bekenntnißfreiheit an sich fremd. Sowohl in den asiatischen Theokratien, als bei den Griechen u. Römern trägt die Religion einen nationalen Charakter, die Gottesver- ehrung bildet einen Theil der staatlichen Organisation, es war daher der Cnltus der nationalen Gottheiten nicht blos Bürgerpflicht, sondern auch Bedingung des Bürgerrechts u. damit Bedingung jeder rechtlichen Existenz im Staate. Erst dem Christen- thnm war es Vorbehalten, der Welt die Idee der Bekenntnißfreiheit zu bringen, denn das Lhristen- thum trat so in die Welt ein, daß es Gewissenssache des Einzelnen sein wollte, weshalb ihm jeder Ge» wissenszwang widerstreben mußte. Indem jedoch das Christenthum (durch Constantin) Staatsreligion, Staatsinteresse wurde, gestaltete sich auch die Stellung der Kirche zum Gewissen der Staatsangehörigen anders. Davon ausgehend, daß die äußere Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche Bedingung der Seligkeit sei, rechtfertigte man den Zwang zum katholischen Bekenntniß mit der Sorge für das ewige Wohl u. erhob denselben, namentlich nach der Autorität des hl. Augustin, nicht blos zum Princip der Kirche, sonder» auch zum Staatsprincip. Namentlich das morgenländische, völlig absolute Kaiserthum huldigte bald diesem Princip in ausgedehntester Weise. Die Häresie wurde nicht blos unter die ge- Toleranz. 421 meinen Verbrechen ausgenommen, sondern auch mit den härtesten Strafen und bürgerlichen Nachtheilen bedroht. Noch Schlimmeres trat mit dem seit dem 7. Jahrh. sich im Morgenland verbreitenden Islam ein, da dieser, schon im Princip jeder T. feind, vielmehr unter der Fahne des Propheten den heiligen Krieg gegen alle Ungläubigen predigte. Aber auch im christlichen Abendland griffen dieselben Principien des Bekcnntnißzwangs tiese Wurzel. Selbst die Reformatoren vermochten sich von diesen Principien nicht ohne Weiteres losznsagen, denn nicht sowohl Anerkennung der Bekenntnißfreiheit, als die Anerkennung der Wahrheit des Evangeliums in der von ihnen vertretenen Form bildete den Zielpunkt des Ankämpfcns wieder die bestehenden Zustände, und daher findet sich, daß selbst von den 2 protestantischen Confessionen, welche sich bildeten, eine jede die andere als eine verdammliche, unchristliche Lehre betrachtete und mit allen geistlichen u. weltlichen Gewaltmitteln zu unterdrücken suchte. In Italien und Spanien behauptete die Katholische Kirche mit Hilfe der Inquisition ihre bisherige Exklusivität im voll- sien Umfange. In Frankreich wurde zwar von Heinrich IV. zum Schutze der Anhänger der Reformirten Kirche 1598 das Edict von Nantes erlassen, allein von Ludwig XIV. 1685 wieder aufgehoben u. die Verfolgung der Protestanten von Neuem mit aller Heftigkeit begonnen. Andererseits richteten sich in England, wo der Protestantismus siegreich geblieben war u. Königin Elisabeth 1559 die Episkopal- kirche zur Staatskirche erhoben hatte, die Staatsgesetze mit gleicher Strenge gegen die Papisten wie gegen alle Andersgläubigen. Auch die Toleranzacte von 1689, welche die dissentirenden Protestanten von dieser Strafe befreite, nahm noch die Katholiken ausdrücklich aus. Ebenso wurde in Schweden 1593 die Lutherische Kirche zur alleinherrschenden erklärt u. die Anhänger des Katholicismus gänzlich verbannt. Im Deutschen Reiche gestattete der Augsburger Neligionssriede von 1555 nur den Ständen des Reichs (nicht deren Unterthanen) die Wahl zwischen dem evangelischen u. dem katholischen Bekenni- niß u. der Westfälische Friede von 1648 erweiterte diese Religionsvergleichnng nur insofern, als er neben denLutheranernanch die Resormirten als Evangelische anerkannte u. unter dem Schutz des Religi- onsfriedcns von 1555 stellte. Es waren nur Ausnahmen von der herrschenden Regel, daß in einzelnen Territorien wie in Wittgenstein, Isenburg und in Dänemark Dissidenten aller Art Ausnahme fanden. Die Nordamerikanische Union war der erste Staat, in welchen (1791) die T. ihren vollständigsten Sieg errang; dann nahmen Holland u. mehrere deutsche Territorien, bes. Preußen den Gedanken der T. in die Staatsgesetzgebung ein. In letzterem Staate verkündete Friedrich II. schon beim Antritt seiner Regierung vollkommene Glaubens- und Gewissensfreiheit; sie wurde wiederholt 1794 indem Allgemeinen Preußischen Lanürecht als die Grundlage aller Beziehungen des Staates zur Religion der einzelnen Bürger sanctionirt. Nach Friedrichs Vorbild erließ auch Kaiser Joseph II. 1787 ein T-edict für die Österreichischen Lande, welches indessen bald wieder durch entgegengesetzte sehr harte Verordnungen verdrängt wurde. Einen epochemachenden Anstoß zur Abtrennung der bürgerlichen Rechtssphäre von dem religiösen Bekenntniß gab dann die Französische Revolution. Die Deutsche Bnndesacte von 1815 erkannte (in Art. 16) die 1648 den Reichsständen gewährte (beschränkte) Religionsfreiheit allen Angehörigen der Deutschen Bundesstaaten zu, während sie es hinsichtlich der Sectcn den Einzelstaatcn überließ, wie viel Rechte sie denselben, einränmen wollten. Indessen ist seitdem in allen Verfassungen der deutsche» Einzelstaaten u- vor allem in der Gesetzgebung des Deutschen Reichs der Gedanke der T. zur staatsrechtlichen Geltung gekommen. Auch Österreich hat dieses Princip in seinem neuesten Protestantengesetz vom 8. April 1861 vollständig angenommen, wie sehr sich auch Tirol dagegen gewehrt hat. In gleicher Weise ist diese Anerkennung auch in fast allen anderen Staaten Europas zur Geltung gelangt. Namentlich wurden in England die Katholiken durch die Emancipationsbill von 1829 von den »och bestandenen Beschränkungen befreit u. die Bildung protestantischer Secten neben der Episkopalkirche, wenn schon mit einigen Vorbedingungen freigegeben. Auch in Schweden herrscht jetzt Bekenntnißfreiheit. Nur der katholische Süden (Portugal, Spanien) ist bei der früheren Intoleranz stehen geblieben. Das Princip der Bekenntnißfreiheit, wie es hiernach in den meisten neueren Verfassungen sich anerkannt findet, äußert sich namentlich in folgenden Sätzen: a) Niemand darf gegen seine persönliche Überzeugung zu einem bestimmten religiösen Bekenntniß od. zu Handlungen gezwungen werden, welche nur einem bestimmten religiösen Bekenntniß entsprechen. Dieses Zwanges hat sich der Staat eben so sehr selbst zu enthalten, als darüber zu wachen, daß derselbe nicht von anderer Seite, z. B. von einer Kirchengewalt ansgeübt werde. Die letztere darf wohl die Mitglieder ihrer Kirchengemeinschaft zur Beobachtung der religiösen Vorschriften anhalten, allein es soll ihr nicht »erstattet sein ihre Glaubeus- regeln mit äußerem Zwange geltend zu machen, noch viel weniger soll der Staat zu einem derartigen Zwange Mitwirken, am wenigsten ist es zulässig, das abweichende Bekenntniß eines Individuums unter bürgerliche Strafgesetze zu stellen. Das Verbrechen der Häresie ist aus den neueren Strafgesetzgebungen gänzlich verschwunden, b) Niemandem wird um seines religiösen Bekenntnisses willen der Staatsschatz od. die bürgerliche (privatrechtliche) Rechtsfähigkeit entzogen, e) Auch der Austritt aus einer religiösen Gemeinschaft u. der Übertritt in eine andere steht dem Staatsbürger völlig frei. Nur beschränkt sich diese Gestattung dadurch, daß der Staat für einen derartigen Übertritt eine gewisse Reife des Bewußtseins verlangen u. daher auch den Übertritt so lange versagen kann, als diese Reife noch nicht eingetreten ist. Daher ist es keine Verletzung der T., Laß Eltern gehalten sind ihre Kinder zunächst in der Religion erziehen zu lassen, welcher sie selbst angehören, ä) Niemanden darf die Hausandacht, d. i. dis häusliche Gottesverehrung im Kreise seiner Familie, untersagt werden, ja jeder Staatsbürger hat das Recht in dieser häuslichen Andacht geschützt zu werden, insofern dieselbe sich in den Schranken der allgemeinen bürgerlichen Ordnung u. der allgemeinen Polizeigesetze hält, s) Auf keinen Fall kann die T. selbst hinsichtlich der individuellen Bekennt- -222 Toleranzactc, Tolcranzcdict — Tolmcin. nißfreiheit so weit ausgedehnt werden, daß Jedermann dadurch ein Recht erhielte seinem religiösen Glauben eine äußere Form zu geben, durch welche die von dem Staate anerkannten kirchlichen Anstalten beschimpft u. verletzt werden. Daher unterstehen Äußerungen, welche geeignet sind die Würde u. das Ansehen anerkannter Religionsgemeinschaften her- abzusctzen, ohne Schmälerung der T., dem Strafgesetz. Dagegen verstößt es gegen die Idee der T., Laß es als sträflich erachtet wird, wenn ein Individuum od. eine Religionsgemeinschaft für ihr Bekennt- niß durch Verbreitung wissenschaftlicher od. auch populär belehrender Schriften nur Propaganda zu machen sucht, wie es nach den Gesetzen z. B. Spaniens u. Portugals der Fall ist. k) Ebensowenig darf das Bekenntnis; eine Form annehmen, welche die öffentliche Wohlfahrt schädigt u. gemeingefährlich erscheint. Öffentliche Unehrbarkeit, wie wenn etwa Jemand die Polygamie «»führen wollte, oder ein direkter Angriff gegen die Grundlagen des öffentlichen Nechtszustanoes u. der Sittlichkeit, wie z. B. die Verlängnung der Heiligkeit des Eides sind Ausschreitungen der Bekenntnißsreiheit, gegen welche der Staat um seiner eigenen Existenz willen einzn- schreiten berechtigt bleibt. Heppe. Toleranzacte, Toleranzediet, s. Toleranz. Tolfa, La, Marktflecken in der ital. Prov. Rom; dabei bedeutende Alaunmerke u. Bergbau auf Eisen, Blei re., außerdem Mineralquellen; 3226 Ew. Tolima, Staat der südamerikan. Consöderation Colombien, zwischen Antioquia, Cauca u. Cnndina- marca, 46,803 Usicm (850 Hs M) mit 230,891 Ew., begreift das obere Thal des Magdalenenflusses, das zu beiden Seiten durch hohe Ketten der Anden eingefaßt ist (wovon die westliche den 5530 m hohen Pic von T. trägt) u. sich durch Fruchtbarkeit auszeichnet. Hauptproductc: Reis, Mais, Cacao, Zuckerrohr, Tabak; starke Viehzucht. Hauptstadt ist Pnri- ficacion am Magdalenenstrom, mit etwa 8000 Ew. Tolkemit, Stadt im Kreise Elbing des preuß. Regbez. Danzig, am Frischen Haff; starke Töpferei, Schifffahrt, Fischfang, Hasen; 1875: 2751 Ew. — T., ursprünglich ein Fischerdorf, wurde 1356 vom Hochmeister Winrich von Kniprode zur Stadt erhoben. Im Juli 1767 brannte der Ort fast gänzlich nieder; 1873 starb fast der neunte Thcil der Bevölkerung an der Cholera. Toll, Karl Friedrich, Graf, geboren 1778 zu Reval, trat ans dem Cadettenhause in Petersburg 1796 als Lieutenant in das russische Heer, wurde bald Offizier im Generalstab, frühe in demselben hervorragend, begleitete Snworow 1799 auf dem Feldzüge in Italien und der Schweiz, wo er Hauptmann n. bald darauf Major wurde, u. machte die Feldzüge 1805,1806 u. 1808 in der Türkei mit. Hier avancirte er znm Oberstlientenant u. comman- dirte eine Zeit lang ein Jägerregiment in Samogi- tien; 1810 kehrte er als Oberst zum Heer zurück, wurde aber bald nach Petersburg berufen, wo er mit topographischen Arbeiten beschäftigt war; beim Ausbruch des Krieges 1812 wählte ihn Golenist- schew-Kntnsow zu seinem Generalqnartiermeister, 1813 wurde er solcher bei Barclay de Tolly u. trug sehr viel zu den Siegen der Alliirten bei. Lange weilte er, bereits Generalmajor, im Hauptquartier des Kaisers Alexander u. wurde bei Leipzig im Oct. 1813 Generallieutenant. 1814 war er im Kriegs- ralh für den sofortigen Marsch aus Paris. Nach dem Frieden von 1815 war er Generalqnartiermeister des kaiserl. Generalstabes, dann Chef des Generalstabes der Ersten Armee. 1826 wurde er General der Infanterie. Als Chef des Generalstabes begleitete - er 1829 den General Diebitsch in den Türkenkricg u. wurde nach dem Siege bei Kulewtscha 21. Juni 1829 in den Grafenstand erhoben. 1831 ging er nach dem Ausbruch der Revolution als Generalstabschef mit Diebitsch nach Polen, focht dort die ersten Schlachten mit, leitete nach Diebitschs Tode daZHeer- commando u. begann die Umgehung Warschaus, um es vom linken Weichselnfer anzugreifen. Als Paske- witsch dort ankam, trat er in seine vorige Stellung zurück, leitete aber, nachdem Paskewitsch verwundet worden war, die letzten Operationen zur Eroberung Warschaus u. den Sturm v. 7. Sept. 1831. Hieraus trat er in das Plenum des Reichsrathes. 1833 wurde er Generaldirector der Wasser- u. Wegecommunica- tionen n. Staatsbanten, war als solcher sehr thälig. auch war er Generaladjntant des Kaisers. T. st. ui Petersburg 5. Mai 1842. Seine Denkwürdigkeiten gab Theod. von Bernhardi, Lpz. 1855 f., 4 Bde., 2 A. 1865—66, heraus. Vgl. Kleinschmidt, N.-tß- lands Geschichte ».Politik, dargestellt in der Geschichie des russischen hohen Adels, Kassel 1877. Kleinschmidt. Tolland, County im nordamerikan. Unionsstaate Connecticut, 41" n. Br., 72° w. L.; 22,000 Ew. Hauptort Tolland. Tollens, Henrik van, niederländ.Dichter, geb. 24. Sept. 1780 in Rotterdam, sollte das Geschäft ; seines Vaters übernehmen, neigte sich aber bald der Dichtkunst zu ».wurde namentlich durch seine Kriegs- und Volkslieder der Lieblingsdichter der Holländer. Von ihm ist die niederländische Volkshymne zViso lstosrlanä blooä (1816). Er st. 21. Öct. 1856 in Ryswijk beim Haag u. 1860 wurde ihm in Rotterdam ein Denkmal gesetzt. Er schr. holländische Romanzen u. Idyllen, 1802; Gedicht auf Egmonds u. Hoorns Tod (Prcisgedicht), 1806; Die Überwinterung der Holländer auf Nova Zembla im 1.1597 f.; Romanzen, Balladenu.Legenden, 1818 f., 2Bde., n. mehrere Gedichtsammlungen,Gesammtansgabeseiner Werke, Leeuw. 1853 ff., 7 Bde.; auch übersetzte er Mehrcres ans dem Deutschen (z. B. Lieder von Matth. Claudius, 1853) u. Englischen. Lazal. Tollense, rechter Nebenfluß der Peene in Meck- lenburg-Strelitz n. der preuß. Prov. Pommern, entspringt oberhalb Prillwitz, durchfließt den T-sce (II Icm lang u. 2 Icm breit) bei Nenbrandenbnrg n. mündet bei Demmin; für kleine Fahrzeuge auf 45 Icm schiffbar. Unweit Treptow geht von ihr der L a n d- graben ab, welcher die Grenze Pommerns gegen Mecklenburg bildet u. sich mit der Zarow vereinigt. Tollkirsche ist Atropa, Lsllackonua. Tollkrankheit, eine Krankheit der Bienen, bcs. der jungen; dieselben scheinen heftige Schmerzen in > den Eingeweide» zu empfinden, laufen wie toll nm- s her, krümmen sich u. sterben unter heftigen Krämpfen. Es wird angenommen, daß dis T. durch schädliche Stoffe in den Nahrungsmitteln herbeigefühct wird, weshalb man durch guten Fulterhonig das Übel zu mildern sucht. Wolde. TollWUth, s. Hundswuth. Tolmcin (ital. Tolmino, slow. Tomin), Flecke c 423 Tolmezzo - u. Hauptort in dem gleichnam. Bez. der gefürsteten Grafschaft Görz n. Gradisca (Österreich. Küstenland), am Jsonzo; Schloß, in welchem Dante als Gast des Patriarchen von Aquileja einige Gesänge seiner göttlichen Komödie dichtete; 850 Ew. — T. war einst Hauptort einer Grafschaft unter österreichischer Hoheit. Tolmezzo, Districtshauptort in der ital. Prov. Udine, mit Ringmauern, altem Castell, Baumwollenspinnerei, Leinenweberei; 1560 Ew. Tolna, 1) Comitat in Ungarn, grenzt an die Co« mitate Veszprim, Stnhlweißenburg, Pest, Baranya U. Somogy; 3643,2g (66,2 sljM) mit (1869) 220,740 Ew. (auf 1 63,g, in ganz Ungarn- Siebenbürgen 48,4). Das Comitat ist im W. gebirgig u. hügelig, sonst eben u. fruchtbar. Flüsse: Donau, Sarviz, Sio n. Kapos. Kanal: Sarvizka- nal. Eisenbahnen: zusammen 64 icm. Products: Getreide (im Usberflnß), Wein, Obst, Tabak, diege- wöhnlichen Hausthiere. Die Bewohner, überwiegend Magyaren n. Katholiken, treiben Acker- u. Weinbau n. eine ansehnliche Viehzucht, sowie Fischfang (Hausenfang in der Donau). Hauptort ist Szegszard. 2) Marktflecken hier, an der Donau; Schloß, Gerberei, Spiritusfabrik, Pottaschcsiederei, Bierbrauerei, mehrere Mühlen, Hausenfang, Safran-, Wein- u. Tabaksbau; 1869: 7309 Ew. T. war einst eine mit Mauern umgebene königliche Stadt. H Berus. Tolösa, 1) Stadt, s. Toulouse. 2) Stadt in der span. Prov. Guipnzcoa (Baskische Provinzen), in einem herrlichen Gebirgsthale am Zusammenfluß des Orria u. Araxes, Station der Span. Nordbahu (Jrun-Madrid); Sitz des Generalcapitäns der bas- kischen Provinzen, hat 2 Spitäler, Dampfpapier- fabrik, Fabriken in Papier, blanken Waffen rc., Zink- und Bleigruben; 7639 Einw. — Es war ehemals Hauptstadt der Provinz. Tolosa, der 138. Asteroid, 19. Mai 1874 von Perrotin in Toulouse entdeckt. Tölpel, 8ula Vogelgatt, ans der Ordg. der Ruderfüßer; Schnabel über mittellang, schwach zusammengedrückt, spitzig, etwas gekrümmt, Oberschnabel mit 2 seitlichen tiefen Läugsrinnen, Unterschnabel weit gespalten; Kehle n. Augenkreis nackt; Nasenlöcher äußerlich nicht sichtbar; Flügel u. keilförmiger Schwanz lang; Beine sehr kurz; Gefieder vorherrschend weiß. Stoßtaucher, leben gesellig am Meere, fliegen gut, auf dem Laude sehr unbeholfen. Überall, mit Ausnahme des hohen Nordens. Artenzahl gering. 8. dasss-us. gem. T.; 95 am; weiß mit braunen Schwingen u. schwarzen Flügelspitzen; jung graubraun mit weißen Tropfflecken. Nordisch, verschlagen auch in Deutschland. Farwick. Tolstoi, russisches Adelshans deutscher Abkunft (se it 1S8ßm Ru ss lands. 1s Graf PeterAndre;e - wltsch, Söhn des Moswoden vonTschernigow, geb. 1645 in Moskau; war anfangs ein Anhänger der Zarewna Sophia u. hetzte 1682 die Strelitzen gegen die Narischkin, wurde aber ein warmer Verehrer Peters d. Gr., Capitän im Preobraschenskischen Regiments», ging 1702 nachConstantinopel,um die Türkei friedlich zu stimmen. T. blieb als Gesandter in Con- stantinopel u. Peter ernannte ihn 1710 zum Geheimen Rath. Nach der Kriegserklärung von 1710 wurde T., trotz seiner Stellung als Gesandter, im Nov. in das Gefängniß der Sieben Thürme gebracht; im^ Nov. 1714 freigelassen, kehrte er nach Moskau zurück, — Tolstoi. wurde Senator u. begleitete Peter 1.1716 auf seinen Reisen nach Holland u. Frankreich. Von Paris ans wurde er von Peter nach Wien n. von da nach Neapel gesendet, wo er den Großfürsten Alexei verhaftete, brachte ihn nach Moskau 1718, nahm an seinem Processe hervorragenden Antheil, wurde dafür reich beschenkt u. zum Präsidenten des Handelscollegiums ernannt. 1722 begleitete T. den Zar nach Persien, wurde 7. Mai 1724 zum Grafen ernannt und verließ den Zar bis zu dessen Tode nicht mehr. Unter Katharina I., für deren Thronfolge er gewirkt, blieb T. in seinenWürden, Menschikow schmeichelnd, wurde Mitglied des geheimen hohen Conseil 18. Febr. 1726, aber Peter II. entsetzte ihn 18. Mai 1727, zog seine Güter ein u. schickte ihn ins Solowetzkische Kloster zu Archangel, wo er 17. Febr. 1729 starb. Erst unter der Kaiserin Elisabeth gelang es 30. Mai 1760, den Hinterbliebenen T-s den Grafentitcl wieder zu verschaffen. 2) Gras Peter Alexandro- witsch, Urenkel des Bor., geb. 1769, focht unter Suworow gegen die Türken u. Polen, wurde 1799 russischer Commissar bei der Armee des Erzherzogs Karl, dann Flügeladjntant Pauls I., commandirte 1805 das russische Landungscorps in NDeutschland, ging 1807 als russischer Gesandter nach Paris, wurde aber wegen seiner Begünstigung der 'Legitimisten 1808 abbernfen, war 1812 Oberbefehlshaber der Moskauer Landwehr, commandirte 1813 ein Corps in der Bennigsenschen Armee, belagerte mit diesem Dresden, rückte darauf vor Hamburg u. wurde nach dessen Übergabezum General der Infanterie ernannt. Im Sept. 1823 trat er, ebenso wacker als Feldherr wie als Diplomat, in den Reichsrath. 1828 wurde er provisorisch Oberbefehlshaber u. Generalstabs- Lirector aller Militärcolonien, Commandant von Petersburg n. Präsident des 2.Dep. im Neichsrathe. Am 21. April 1831 wurde T. Geueral sn ellsk in Polen u. Oberbefehlshaber des Reserveheeres, schlug mit diesen die Polen unter Gielgud u. Chlapowski u. vertrieb sie aus Litauen. Im Ang. 1831 trat er wieder sein Präsidium im Reichsrathe an. Er st. 10. Oct. 1844 in Moskau. 3) Graf Feodor Andre- jewitsch, geb. 1758, sammelte viele altslawische Mannscripte u. Drucke, welche Strojew, 1829, beschrieb und welche jetzt aus der Petersburger öffentlichen Bibliothek sind, wurde Geheimrath u. Senator n. starb 1849. 4) Gras Feodor Petrowitsch, geb. 1783 in Petersburg, diente anfangs in der russ. Marine u. wurde Adjutant des Admirals Tschitscha- gow,nahm aber bald den Abschied ».widmete sich der Bildhauerkunst. welche er erst an der Petersburger Akademie der Künste u. dann in Italien studirte; auch als Medailleur bildete er sich glänzend aus, wurde 1828 Vicepräsident der Akademie in Petersburg u. Professor der Sculptur u. Medailleurkunst an derselben. 1844 Geheimer Rath u. st. 13. April 1873. 5) s. Ostermann2). 6) Dimitri, Graf, kam ans dem Marineministerium in das Ünterrichtswesen; er wurde Senator, wirklicher Geheimrath, General- procurator des Heiligen Synod u. ist seit 26. April 1866 Minister des öffentlichen Unterrichts (Volks- ansklärung). Orthodox bis zum Exceß u. durchaus illiberal, führte er in Polen die russische Sprache gewaltsam ein, unterwarf die Katholiken in Rußland ^dem römisch-katholischen Collegium in Petersburg u. bekehrte die Griechisch-Uuirten durch Zwang zur 424 Toltccos — Tomahawk. Staatskirche. Er schr.: Der römische Katholicimus in Rußland; Geschichtliche Untersuchungen, Petersb. 1877. 1879 sprach man von seinem bevorstehenden Rücktritte. 7 l Alexei Constantinowitsch, geh, 24. Aug. 18lv in S!. Perer^vnrg^Mwsm1836 in der Diplomatie (Frankfurt a. M.), bei der Gesetzcommission, wurde, nachdem er als Freiwilliger im Krimkriege gedient, Hofjägermeister u. starb 28. Jan. l875^Er^maMeHicheiuenbejonderenNE durch seine Trilogie: L>er Too ZoljänneZ'Kß L>a>rew' lichen, Zar Feooor Joannowitsch und Zar Boris, 1866—70; dann durch seine Balladen über die Zeit Johannes des Schrecklichen, denenderRomanKnjäs Serebränyi 1863 voranqeqanqen war . 81 veo Nr kolajewitfch, Gras, hat sich als Erzähler, bes. mi litärischer Stoffe, die Belagerung von Sebastopol, dann durch die Romane: Krieg u. Frieden (die Zeit der Napoleonischen Kriege), Anna Karanina in der russischen Schriststellerwelt berühmt gemacht. Vgl. Kleinschmidt, Rußlands Geschichte und Politik, dargestellt in der Geschichte des russischen hohen Adels, Kassel 1877. ' Kleinschmidt. Toltccos (Tultecas), eine der ältesten Nationen Mejicos, die Repräsentanten der ältesten bekannten amerikanischen Civilisation. Sie erscheinen um die Mitte des 7. Jahrh. in Anahnac, aus Tlapallan kommend, welches einige Geschichtschreiber in den fernen NW., andere an die NKüste von Honduras verlegen. Sie gründeten im Thalc von Mejico die Stadt Tolantzinco und später Tula, welches ihre Hauptstadt wurde. Ihre Fürsten wurden auf 52 Jahre erwählt; starben sic früher, so führte ein Rath der Würdenträger die Regierung. Die T. erreichten ihre höchste Blüthe unter ihrem 6. Könige, Mitl (927—986). Unter seinem Sohne Tecpancaltziu (990—1042) wurde der Agave-Wein (Pulque) erfunden, dessen Einfluß die Erschlaffung der früheren Sittenstrengezugeschrieben wird. Dazubrachenbald Bürgerkriege ans, welche im Verein mit Seuchen u. Hungersnoth den Verfall des Reiches beschleunigten. Die Reste des Volkes zerstreuten sich bis auf den Isthmus von Nicaragua u. sollen bis Sjucatan gelangt sein. Andere fiedelten sich in Oajaca an, von wo ein Theil um 1400 nach Anahnac zurückkehrte. Aus den Resten, welche im Lande geblieben waren, bildete sich die Herrschaft von Culsuacan, welche, verschmolzen mit den Herrscherfamilieu der Chichimcos, die Cnltur der T. bewahrten u. später aus die Azte- ken vererbten. Die T. besaßen medicinische u. astronomische Kenntnisse u. einen Kalender, welcher nicht nur die Kalender der gleichzeitigen europäischen n. asiatischen Cultnrvölker, sondern auch den Gregorianischen in genauer Annäherung an das wirkliche Sonnenjahr übertrifft; ferner hatten sie eine Bilderschrift, welche sie zu historischen Aufzeichnungen benutzten. Sie waren in Künsten «.Handwerken ersah- ren, errichteten großartige Steinbanten, kannten die Bearbeitung der edlenMetalle n. des Kupfers, sowie die der Gespinnstfasern rc. Ihre Religion war eine Mischung von Natnranbetung u. Heroenverehrnng, mit Menschenopfern. Schroot. Tolubalsam (Lslvamnm tolniamim), gelb- brännliches, trockenes, zwischen den Fingern weich werdendes,vanille- od. benzo'earlig riechendes, leicht in Alkohol und ätherischen, schwerer in fetten Oelen lösliches, bei der Destillation ätherisches Oel (Tolen, Benzoe- u. Zimmetsäure gebendes Harz, welches aus in den T-baum lolniksra bakssmnm. s. n. Llxrospsrmnin) gemachten Einschnitten auS- fließt; frisch ist er flüssig u. völlig durchsichtig u. kann in diesem Zustande zuweilen längere Zeit verbleiben, gewöhnlich erhärtet er rasch. Der T-baum wächst bes. im Gebiete des Magdalenenstromes in SAme- rika. Der T. wird jetzt fast nicht mehr in der Medici«, aber noch vielfach in der Parfümerie als Rän- chermittel angewendet. Zuweilen wird er mit Colo- phonium verfälscht. Jungck. Toluea, 1) Hauptstadt und Regierungssitz des Particularstaates Mejico, in einer fruchtbaren Hochebene, 2800 m ü. d. M.; Kathedrale mit Gnaden- bild, Seifen- u. Kerzenfabriken, Schweinezucht (berühmte Schinken u. Würste), Handel; 12,000 Ew.; die Umgegend liefert viel Mais. 2)Nevado deT. (aztekisch Linantecatl), 4650 m hoher erloschener Vulkan südwestlich von der Stadt T. Tolnidin, s. Anilin, S. 664. Toluidinblau ist u. wird z. B. durch Erhitzen von Fuchsin mit Tolui- din erhalten. Tolnmnius,Fllrst derVejenter, ließ einerömische Gesandtschaft an ihn tödten u. wurde darauf 428 v. Ehr. vom ConsulCorn. Cossus mit Krieg überzogen und blieb. Toluol, s. Anilin, S. 664. Tölz, Marktflecken und Hauptort in dem 742,^ lHHcm (13,gjsHM) mit (1875) 13,385 Ew. umsas- senden, gleichnam. Bez.-Amt des bayer. Regbez. Oberbayern, an derJsar, Station derBayer. Staatsbahnen; Forstamt, 2 Klöster, Cementsabrikation, Bierbrauerei; 1875: 3469 Einw. — In der Nähe Steinkohlengruben. T. ist Geburtsort des kath. Kir- chenhistoriksrs L>epp. Vorort von T. am nördlichen Abhange des Blomberges in 671 in Meereshöhe ist das Bad Krankenheil, mit mehreren Mineralquellen (jodhaltige Soda- und Sodaschwefelwässer) von ->-6 bis -s -70 R. Temperatur, welche sowol zum Trinken, als auch zum Baden benutzt werden und namentlich gegen scrophulöse Hautkrankheiten, Drüsenleiden, Leiden derHarnorgane, chronischeKatarrhc der Nase, des Nachens u. Kehlkopfes, chronische Ge- bärmuttcrentzündungen rc. in besonderen! Rufe stehen. Bedeutende Quantitäten des Mineralwassers werden versandt (bes. nach Rußland und England), außerdem wird dasselbe zu Quellsalz (Jodsodasalz), Pastillen und Seifen (Quellsalzseife, Jodsodaseife, Jodsodaschwefelseife) verarbeitet. Bereits seit 1828 wird das Mineralwasser zu Heilzwecken benutzt, doch erst 1856 begann das eigentliche Kurleben. Zu T. ist 1860 ein Badehaus erbaut, in welches das Mineralwasser in große Reservoirs geleitet wird, aus denen cs erwärmt in die Wannen fließt. Vgl. Höfler, Die Natronquellen zu Krankenheil bei T., Frciburg 1866; Ders., Führer von T. u. Umgebung, 3. A. Münch. 1878. H. Berns. Tom., Abkürzung für Bomus. Tom, Fluß im westl. Sibirien (Asien), entspringt aus Morästen in den närdl. Ausläufern des Altai, strömt in sehr raschem Laufe nach N., ist von Kuznek an schiffbar u. mündet unterhalb Tomsk in den Ob; von Ende Oct. bis Mitte April ist er gewöhnlich von Eis bedeckt. Tomahawk, die Streitaxt der Nordamerika«!- 425 Tvman — scheu Indianer, sowol znm Kampfe Mann gegen! Mann, als auch zum Schleudern gebraucht. Den T. ausgraben, so v. w. einen Krieg beginnen, ihn eingraben, Frieden machen. Toman, s. Persien, S. 237, 1. Sp. Tomaschew, s. Tomaszow. Tomaszöw kruss. Tomaschew), 1) Stadt im polnisch-russischen Gouvernement Lublin, unweit der österreichischen Grenze; 4861 Ew.; Porzellan - und Fayence-Fabrik, mehrere Leinwandmannfacturen, Handel mit Wiszniak u. Malinik, Getränken, welche aus Honig u. Fruchtsäften bereitet werden; daselbst ein Hauptzollamt. T. wurde 2. Febr. 1863 von den polnischen Insurgenten besetzt, am 5. Febr. von den Russen genommen; 8) Stadt im polnisch-russischen Gouvernement Piotrkow an der schiffbaren Pilica, mit lebhaster Industrie (28 Wollenstofffabriken); 7016 Ew. Tomback,dem Messing ähnliche,nur mehr Kupfer enthaltende Legirung, wird ans 1 Thl. Zink u. 5j, für manche Zwecke auch 8—10 Thln. Kupfer dargestellt u. zu Kurzwaaren verarbeitet, bes. zu solchen, welche vergoldet werden sollen. Der T. soll nach Einigen seinen Namen von einem Engländer Tomback haben, welcher ihn in den Handel brachte, nach AnderenistesdermalaiischeNamedesKnpfers. Jungck. Tombigbee (Tombigby), ein 700 lern langer Fluß im nordamerikan. Staat Alabama, entsteht im Staate Mississippi aus mehreren Qnellflllssen, bildet mit dem Alabamaflnß den Mobile u. ist bis Co- lumbus schiffbar. Wichtigster Nebenfluß der Black Warrior. Tomboro, so v. w. Tambora. Tombuctu, so v. w. Timbuctu. Tome, Hauptort des Dep. Coelemu in der chilen. Prov. Concepcion, an der Bai von Talcahuauo des Großen Oceans, trefflicher Hafen mit Leuchtthnrm u. Schiffswersten; Hauptausfnhrplatz für die Pro- ducte der Provinz, Dampferstation; 8000 Ew. T. war vor 1860, wo es für den auswärtigen Handel eröffnet wurde, ein unbedeutender Ort. Tomi (Tomis), Stadt in Untermösien, von Milesiern gegründet; unter Augnstus Verbannungsort des Ovid. Jetzt Anadol-köi bei Küstendsche. Tomini, Bai von, s. Gorontalo 2). Tomiyama, Stadt auf der japanischen Insel Nippon, am Kauitsu, kaiserl. Schloß; 44,700 Ew. Tomleschg, Thal, so v. w. Domleschg. Tommaseo, Niccolö, gelehrter italienischer Philosoph, Kritiker u. Politiker, gcb. 1803 zu Se- benico in Dalmatien, machte in Padua juristische, philosophische n. schönwissenschaftliche Studien, verließ 1833 Italien aus politischen Rücksichten u. lebte in Frankreich u. Corsica; 1838 amuestirt, kehrte er zurück u. hielt sich literarisch beschäftigt in Venedig auf. Da er Ende 1847 zu einer Beschwerde beim Kaiser über die Handhabung der Censnr aufgefordert hatte, wurde er 18. Jan. 1848 mit Mauin gefangen gesetzt, aber 17. März von dem Volke gewaltsam befreit u. 22. März zum Mitglieds der republikanischen Regierung (mit dem Portefeuille des Cultus u. Unterrichts) gewählt. Zu Manins republikanischer Par- tei gehörig, verlor er mit dessen Sturz 3. Juni seinen Posten; nach der Revolution vom 11. Ang. 1848 in Venedig, welche Manin wieder an die Spitze der Negierung brachte, ging T. zweimal nach Paris, - Tompa. um Frankreichs Hilfe für Venedig zu erbitten, aber ohne etwas zu erreichen. Infolge seiner Mißbilligung der Unthaten u. Blutplane der leidenschaftlichen Republikaner mit Manin gespannt, verlor er unterdessen Regiment allen Einfluß. Bei der Capitnla- tion Venedigs im Ang. 1849 war er unter den 40, welche vor dem Einzug der Österreicher Venedig verlassen mußten, u. wurde nach Korfu eingeschifft, von wo aus er in Folge einer Krankheit erblindet 1854 nach Turin ging. Den von der sardin. Regierung ihm angebotenen Lehrstuhl an der Tnriner Universität schlug er aus u. siedelte 1859 nach Florenz über, wo er 1. März 1874 st. u. ihm 1878 ein Monument errichtet wurde. Er schr.: voll' Italia, Par. 1835; iöluovo (iimonario äs' sinonimi äsüa iinAns, ital.,Mail. 1835, 5. A. ebd. 1867,2 Bds.; vsi- l'oäneamone, Lugano 1834,3. A. 1836; II Duos, ä' iltsus (Roman), Par. 1837; Commentar zu Dantes göttlicher Komödie, 1837; Rsposwions äsl sr- stsms, küss. äsl irnovo ssAAio suü' orlAins äsii« läss äi F.nt. Rosmini, Tur. 1838; Oeiis ristamps, 1839; 8tnäj üiosoüoi, Vened. 1840, 6Bde.; vsü« souois illksmtiii äsüa eilig, äi Vsnsmg, ebd. 1840; 8tnäj erit., 1843, 2 Bde.; Dsiia nnova spsranrig ä' Ilgiig, ebd. 1848; u. gab heraus: 8eritti nnovi äi Rrg Oir. 8gvonaroig, Par. 1836; Rsttsrs är Rasoais äs' Raoii, Flor. 1846; Rsiaticms äos am- bassaäsnrs vFnitisns snr iss gtkairss äs Rrgnes an 16s siöois; Par. 1838, 2 Bde.; lw isttsrs äi 8. Latsring äg 8isng, Flor. 1860 f., 4 Bde.; Rsäs s bsis^g (Roman), Mail. 1862 u. ö.; äi ssecmä» ssi^üo, Mail. 1862, 3 Bde. (Sammlung seiner politischen Schriften); Unovi stnäj sn Oanto, Turin 1865; Dsiig psna äi morts, Florenz 1865 rc.; er veranstaltete auch die sehr interessante Sammlung toscanischer, corsischer, dalmatischer und griechischer Volkslieder, Venedig 1839—43, 3 Bde. — Sein Leben beschrieben Bernardi, Vita s seritti äi idl. I., Tur. 1874; Karl Hillebrand, N. T. (Wissenschaftliche Beilage der Augsburger Allgem. Zeitung, Mai 1874). Booch-Arkoffy.« Tommasrno della Chiara, so v. w. Thomasin Zercläre. Tommaso (ital.), so v. w. Thomas; 1) T. Fi- niguerra, s. Finiguerra. 2) T. von Florenz, spanischer Bildniß- u.Historienmaler um1520; einer der Letzten aus der guten Zeit der Florenzer Schule. 3) T. di Modena, s. Modena, Thomas v. Tompa, Mihäly (Michael), hervorragender magyarischer Dichter, geb. 29. Sept. 1819 zuRima- Szombat (Gömörer Comitat); machte hier u. später in Säros-Patak theologische Studien, trat 1845 als Seelsorger in die protestantische Pfarrgemeinde zu Beje (Gömörer Comitat) ein, diente 1848 dem ungarischen Heere als Feldpredigern, wirkte nach Niederwerfung der Jnsurrection von 1852 an bis zu seinem 30. Juli 1868 erfolgten Tode als Pfarrer einer kleinen Gemeinde im heimathlichen Gömörer Comitat. T. machte sich zuerst vortheilhaft bekannt durch seine Ugprö§slc ss Hspmonägic (Volksmärchen u. Volkssagen, Pest 1846), die kurz hintereinander zwei Auflagen erlebten. Mit seiner darauf folgenden komischen Erzählung in Versen: 8rmira^ Llgbzms gewann er einen Preis und die Mitgliedschaft der Kisfalndy-Gesellschast. 1847 veranstaltete er eine Gesammtausgabe seiner bis dahin einzeln 426 Tompkins — Ton. j veröffentlichten Vorseic (Gedichte). Während der auf' die Pacificirung Ungarns folgenden schweren Zeit' der österreichischen Reaction ließ er manches patriotische Gedicht drucken, das die verzweifelte Stimmung der unter das Joch des Siegers gebeugten Ma- gyaren hob u. die Hoffnung auf bessere Tage neu belebte. Dafür zog ihn das Kaschauer Kriegsgericht zur Verantwortung n. legte ihm zuvörderst Schweigen auf. Seine Muse wandte sich nun anderen Richtungen zu; 1858 ehrte die ungarische Akademie der Wissenschaften den Dichter durch seine Aufnahme in die Zahl ihrer Mitglieder; 1868 trugen ihm seine lyrischen u. erzählenden Dichtungen, die bei schöner reiner Sprache sich durch tiefen ethischen Gehalt u. edle Form auszeichnen, den großen Preis der Akademie (200 Dukaten) ein. Von Freundeshand gesammelt erschienen seine Werke in I. vollständiger Ausgabe 1870 in Pest. Booch-Artossy. Tompkins, County im Nordamerika». Unionsstaat New Jork; 42° n. B., 76° w. L.; 33,173 Ew. Hanptort Jthaca. Tomsk, I) russ. Gonv. in WSibirien, begrenzt von den Gonv. Semipalatinsk, Tobolsk, Jenisscisk und der chines. Dsungarei, 850,261 Uslcm (15,442 M) groß. Im S. ist das Land sehr gebirgig, der Altai steigt im Bjelucha zu 3352 m an; außerdem sind das Kolywansche Erzgebirge, die Ausläufer des Sajanskischen Gebirges rc. zu erwähnen. Flüsse: Ob, mit seinen zahlreichen Nebenflüssen, wie Bija, Tschnmysch, Tom, Tschulym, Ket, Tym u. a. m. Seen sind zahlreich im Gebirge u. in der Ebene, so Telezker, Tschany rc. Der Boden ist nur im SW. fruchtbar, für den Ackerbau brauchbar, sonst meist ödes Morastland, im N. den größeren Theil des Jahres in Eis erstarrt. Klima rauh; auf kurze, heiße Sommer folgen lange, harte Winter. Von Producten bringt der Ackerbau etwas Getreide (Roggen, Gerste, Haser); zahlreich sind die wilden Beeren. Die Viehzucht (bes. beiden nomadifirenden Tataren) ist sehr ausgebreitet, Pferdezucht bes. bei den Katschinzen, nördlicher Renthier- u. Hundezucht, südlicher Kameel-, Schaf-, Hühnerzucht. T. ist reich an Wald; die Wälder geben reichliche Beschäftigung für die Einwohner durch Kohlenbrcnnen, Theerjchwelen, Pechsieden rc.; zahlreich sind die Pelzthiere u. Wild: Bären, Wölfe, Luchse, wilde Katzen, Zobel, Wiesel, Marder, Fischottern, Elcnthiere, Rehe, Hirsche; ferner gibt es vielerlei Geflügel, reichlich Fische. Vor Allem wichtig aber ist der Bergbau, welcher (Koly- wanscher District) große Mengen Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Kohlen, Salz, Edelsteine, Blei liefert. Die Werke gehörten zum Theil früher der Familie Demidow, sind jetzt alle dem Staate. Industrie ist im Entstehen. Der Handel ist ausgedehnt. 838,756 Ew., Russen, Tataren, Ostjacken (im N.) und Kalmücken (im S.). T. war erst mit Tobolsk verbnn- den, ist seit 1801 (mit Kolywan) eigene Statthalterschaft u. wird gegenwärtig in sechs Kreise getheilt, nämlich T., Barnanl, Bijsk, Kainsk, Marijnsk und Kusuek. 2 ) Hauptstadt des Kreises u. der Statthalterschaft; liegt am Uschaika n. Tom; Sitz der Provinzialbehörden, hat einige Befestigung, mehrere Kirchen, einige Moscheen u. Klöster, Kanfhof, mehrere Hospitäler, lebhaften Handel, öffentlichen Gar- ' ten; 25,605 Ew. T. wird Sitz der Sibirischen Universität, zu der Astascheff das Gebäude schenkte. Sie 'wird vier Facultäten: historisch-philosophische, physisch-mathematische, juristische und medicinische, erhalten. Dronke. lomus (lat., v. Gr.), Theil eines Buches; Band. Ton, 1) (Mus.) nennt man den nach Höhe u. Tiefe genau abgemessenen Klang, welcher aus den regelmäßigen u. gleichartigen Oscillationen eines elasti- scheu Körpers hervorgeht. Der T. bezieht sich daher auf die größere od. geringere Quantität der Schallwellen innerhalb einer Zeiteinheit, der Klang auf die Qualität (den Charakter, die Klangfarbe) des Schalles, welche je nach der Art u. Zahl der Obertöne, der Beschaffenheit des klingenden, wie des klangerregenden Körpers u. der Art der Klangerregnng eine verschiedene ist und wodurch sich der Klang der Menschenstimme von dem Klange der Instrumente, der Klang eines Pianosorte, von dem einer Violine rc. unterscheidet. Der tiefste Ton des Orchesters - ist Ih ans dem Contrabaß mit 41^ Schwingungen in der Secnnde, der höchste äs auf dem Piccolo mit 4752 Schw. in der Secnnde; der tiefste auf der Orgel 0.^ : mit 16^ Schw. in der Secnnde, wird aber, wie alle ' Töne unter L,, nur in Verbindung mit den Tönen der höheren Octave gebraucht. Übrigens ist die Tonhöhe so lange etwas Relatives, bis ein T. ans der Reihe heransgenommen und nach der Zahl der in einer Zeiteinheit gemachten Schwingungen bestimmt wird; dies geschieht mit dem Normal- oder Stimm- T. »l/ dessen Schwingungszahl gleichwohl mannig- fachen Schwankungen unterlag, jetzt aber in Deutschland allgemein zu 440 in der Secnnde angenommen ist. Unser modernes T-system hat im Grunds genommen nur 12 wesentlich verschiedene Töne, nämlich die 12 Halbtöne einer Octave, alle übrigen sind nur Wiederholungen in einer höheren od. niederen Octave; wenn man daher die Schwingungszahl eines T-s in einer Zeiteinheit kennt, so sind die übrigen leicht zu bestimmen u.es genügtznr Bezeichnung der Buchstabenname u. die Angabe der betr. Octave, z. B. L. der großen, n der kleinen Octave, das große L, das kleine n rc. Das Wort T. dient auch zur Bezeichnung des eine diatonische Stufe umfassenden Intervalls. Ferner so v. w. Tonleiter u. Tonart, sowie im Minne- n. Meistergesang die verschiedenen Singwcisen, z. B. Hildebrands-T., Schilhers Hof- T. rc. 2 ) Die Wahrnehmung der Schall resp. T- wellen durch den Gehörsinn. 3 ) In der Malerei bedeutet T. eine bestimmte Farbe in einem Gemälde im Verhältnis) theils zu den ihr benachbarten, sei es damit contrastirenden, sei es harmonisch verbundenen Farben, theils zu der coloristischen Gesammtwirknng überhaupt. Er bildet daher einen Gegensatz zur sogen. Localfarbe, welche die einem Gegenstände oder dessen Abbildung znkommende specifische Färbung ohne Rücksicht auf ihre Beziehung zu den angrenzenden Farben ausdrückt. Wenn von dem G e- sammt-T. eines Gemäldes die Rede ist, so versteht man darunter die alle Localfarben u. Einzeltöne beherrschende u. modificirende Coloritstimmnng desselben. In diesem Sinne spricht man von dem warmen u. kalten, Hellen u. dunkeln Grund- oder Ge- sammt-T. eines Bildes. Beeinflußt wird der T. — auch in der Natur — wesentlich durch die Luftperspective u. die Beleuchtung. Unter Abtöncn versteht man, den T. in einem Bilde, sei es im Ganzen, sei es partienweise, durch Brechung oder Lasirnng >- 427 Ton — Toncmpfiiiduiig. mildern, um ihn in harmonische Beziehung zu den anderen Tönen zu setzen, i) Sl-benrock. 3) Sch-Er. Ton (Tonne, engl. Tun), englisches u. nordamerikanisches Schifssfrachtgewicht von 2240 Pfund Avoirdupois. Tonale (Monte Tonale), Berg mit befestigtem Paß (2018 m) auf der Grenze von Tirol und dem Veltlin. Über denselben führt eine der wichtigsten Alpenstraßen (s. d., S. 478, 2. Sp.). Hier 1799, 1809, 1859 u. 1866 Gefechte. Tonart (lat. woärw), die bestimmte Ordnung einer Reihe von Tönen in Beziehung auf einen Grundton, insofern als diese Ordnung bestimmend auf die ganze musikalische Gestaltung einwirkt; melodisch ausgedrückt durch die Diatonische Tonleiter, welche in 5 ganzen n. 2 großen halben Tönen vom Grundton zur Octave fortschrcitet, harmonisch durch die aus der 1., 4. u. 5. Stufe der Diatonischen Tonleiter fußenden Hauptaccorde. Mit dem WortT. werden bald nur die Versetzungen der Octavgattungen, bald diese selberbezeichnet.VonbesondererBedeutung sind die griechischen (s. Tetrachord) u. die Kirchentouar- ten (s.d.). Bon letzteren, welche nachu.nach von 8 auf 12 gestiegen waren, behielt das moderne Tonsystem nur zwei, die jonische auf 0 und die äolische auf ^ und bildete dieselben als zwei innerlich verschiedene Octavgattungen (als Dur- und Mollgeschlccht) auf sämmtlichen 12 Halbtöncn nach, wodurch im Ganzen 24 T-en, nämlich 12 Dur- und 12 Moll-T-eu entstanden. Das Wesentliche unserer heutigen T. ist die Dominantbeziehuug, welche zwar auch in den alten T-en stattfand, aber lange nicht so ausgeprägt, wie im heutigen System, worin sie den Gang der Töne und Accorde im Wesentlichen bestimmt. So stehen auch sämmtliche modernen T-en in engster Domi- nantbeziehnng zu einander, was sich aus dem Ouin- tenzirkel ergibt. Parallel-T°en nennt man diejenigen Moll-T-en, welche mit denen in Dur einerlei Vorzeichnung haben, z. B. 6-äur — L.-mo1k, 6- äur — kü-moll rc. Siebenrock. Tondern (Tündern), 1) Kreis in der preuß. Prov. Schleswig-Holstein, mit den Inseln Föhr, Amrum, Sylt n. Rom, durchschnitten von den Linien Altona-Flensburg-Wandrup u Tingleff-T. der Altona-Kieler Eisenbahn; 1760 Hjüm (83,4g sUM) mit (1875) 56,677 Ew. 2 ) Kreisstadt darin, an der Widaue, Station der Altona-Kieler Eisenbahn (Tinglefs-T.); Amtsgericht, Hauptsteueramt, Schullehrerscminar, meteorologische Station, großes Armen- u. Waisenhaus, Eisengießerei, Bierbrauerei, Handel mit Vieh, Getreide, Butter u. Häuten, jährlich 39 Vichmärkte; 1875:3440 Einw. T. ist Geburtsort des Dichters v. Gerstenberg, des Orientalisten u. Theologen Olans Gerhard Tychsen, deS Entomologen Fabricius und des Astronomen Hansen. Unweit von T., bci Gallehus, wurden 1639 u. 1734 zwei goldene Hörner (die T-schen Hörner) gefunden, welche in die Knnstkammer nach Kopenhagen kamen, aus der sie 1802 entwendet wurden. Diese Hörner sollen nur Zierrath gewesen fein; das eine derselben hatte eine aus dem 6. Jahrh. stammende Runeninschrift, welche vor der Entwendung abge- schrisben worden war u. später von Munch u. Möllenhoff erklärt worden ist. T., nächst Schleswig die älteste Stadt der Provinz, war bereits zu Anfang des 11. Jahrh. als nordfriesischer Haudelsort bekannt, erhielt 1243 vom Herzog Abel kubisches Stadtrecht u. lag bis um die Mitte des 16. Jahrh. an einem offenen Busen der Nordsee. T. stand in Personalunion mit Dänemark seit 1460 sammt dem übrigen Herzogthum Schleswig. 1532, 1539, 1615 u. 1634 wurde T. von Sturmflutheu verheert. H- Berns. Tondruck, die mit sogenannten Tonplatten hergestellte Lithographie. Tonelada, Schiffsgewicht, a) in Spanien von 20 Quintales ä 4 Arobas, also 920,2 kg;; b) in Portugal von 54 Arobas, also 793„§2 UZ für Flüs» igkeiten ü 52 Almud. Tonempfindung, durch Reizung des Gehörnerven resp. seines Centrums erregte Empfindung von musikalisch bestimmbarem Charakter. Der die T. hervorrnfende Reiz kann verschiedener Art sein; namentlich kann er auch subjectiv sein und Gehörtäuschungen von musikalischem Charakter erzeugen. Objective T-en, d. h. solche, die auf einem Vorgang beruhen, welcher außerhalb des empfindenden Sub- jectes stattsiudet, werden erregt durch regelmäßige, periodische Schwingungen; s. Schall. Um T-en auszulösen, muß die Schwiugnngszahl, wie Helmholtz nachgewieseu hat, mindestens 31 in der Sccunde betragen; doch werden musikalisch scharf bestimmbare Töne erst von etwa 40 Schwingungen in der Sekunde erregt. Diese Töne sind die tiefsten, welche wir empfinden; der empfundene Ton wird um so höher, je größer die Zahl der Schwingungen wird. Die größte Schwingungszahl, welche noch als Ton empfunden wird, ist nicht für alle Personen dieselbe. Die größteSchwingungszahl,die überhanptnoch (aber nicht mehr bei Jedermann) eine T. hervorruft, ist etwas über 36,000. Die höchsten musikalisch brauchbaren Töne entsprechen einer Schwingungszahl von 4000 (od. doch wenig mehr) in der Secunde. Die frühereAnnahme, daß auch noch langsamere Schwingungen als 31 in der Secunde, bis zu 16 oder noch weniger, T. Hervorrufen sollten, hat Helmholtz als irrthümlich nachgewiesen. Die T. hat das Charakteristische, daß die Reihe der auf einander folgenden Töne aus kleineren Reihen, Octave», periodisch zusammengesetzt erscheint, innerhalb deren Töne derselben Art in derselben Reihenfolge wiederkehreu; ein Ton, dessen Schwingungszahl das 2-, 4-, 8-, 16-sache rc. eines bestimmten tieferen Tones ist, erscheint uns mit diesem letzteren gleichartig und wird auch mit demselben Namen bezeichnet. So empfinden wir die Töne, welche durch 32, 64, 128, 256, 512, 1024, 2048, 4096 Schwingungen in der Secunde erregt werden, sämmtlich als gleichartig und nennen sie alle 0; obwol wir sie nach der Tonhöhe als verschieden erkennen u. als Contra-C! (6 od. 0^), großes 0 (0, 0^1), kleines 0 (0), eingestrichenes 0 («i), zwei-, drei-, vier-, fünfgestrichencs o (vg, 04, oJ unterscheiden. Zwei verschiedenartige Töne empfinden wir als schön zusammenklingend, wenn ihr Schwingungsverhältniß ein einfaches ist. Bestimmte Reihen innerhalb einer Octave aufeinanderfolgender Töne, deren Aufeinanderfolge uns wohlkliugt, nennen wir Tonleitern (s. Schall, S. 745). Die T. ist verbunden mit einer Analyse des Klanges; d. h. das Ohr zerlegt die zusammengesetzten Schwingungen in einfache (vgl. Schall, S. 745), nimmt also die Obertöne eines Tones gesondert wahr. Das Organ, welches diese Function verrichtet und das 428 Tonfall — Organ der T. überhaupt ist das Cortische Organ (s. Ohr, S. 677). Nach der Helmholtzschen Theorie der T-en werden die Schwingungen der in der Schnecke befindlichen Flüssigkeit zunächst auf be- stinimte Radialfasern der Llombiana dasiiaris des Cortischen Organs, von diesen auf die mit ihnen verbundenen Cortische» Fasern und damit endlich auch auf die in letzteren endigenden Primitivsasern des Gehörnerven übertragen. Nach der sehr wahrscheinlichen Hypothese von Helmhvltz ist jede einzelne unter jenen zahlreichen (nach Kölliker etwa 3000), die Usmdrana dasilaris in radialer Richtung durchsetzenden, straff gespannten u. durch besondere Anhangsgebilde belasteten Fasern auf einen bestimmten Ton abgestimmt; gelangt also irgend ein Klang ins Ohr, so schwingen alle diejenigen Radialfasern mit, welche auf die in der Klangmasse vorhandenen einfachen Töne abgestimmt sind; jeder einfache Ton wird daher auch (vorzugsweise) von einer Primitiv- saser der Gehörnerven ausgenommen. Die in der Musik angewandten Töne umfassen nun 7 Octaven u. auf jede dieser Octaven kommen etwa 400 Na- dialfasern des Cortische» Organs; nimmt man nun hinzu, daß die zwischen je 2 dieser 400 Tonstnfen liegendenTönc die beiden benachbartenFasern gleichzeitig znm Mittönen bringen, so erklärt es sich, daß ein geübtes Ohr innerhalb einer Octave in der That 7 — 800 Tonstusen zu unterscheiden vermag. Nähere Belehrung über die T. findet man in dem ausgezeichneten Helmholtzschen Werke: Lehre von den T-en, 4. A. Brannschw. 1877. Wimm-nauer Li. Tonfall, so v. w. Cadenz. Tonga, I) (T.-Archipel, Freundschaftsinseln, -engl. Prisndl^ Islands), Archipel im Stillen Ocean, von N. nach S. zwischen 18 bis 22» s. Br. sich erstreckend, zwischen den Fidschi- u. Samoa-Inseln. Er besteht aus zahlreichen kleineren u. größeren Inseln, Rissen, Klippen, im Ganzen ca. 12,000 Hstcm, zerfällt in drei, durch schmale Straßen geschiedene Abtheilnngen: die südliche, wozu die Inseln Ena (Middelburg) und Tongatabu gehören; die mittlere, mit den Inseln Ramuka (Rotterdam), Tofoa u. der Gruppe Hapai, deren Hanptinsel Lifnka heißt; und die nördliche, deren größte Insel Bavao ist. Alle Liese Inseln sind von Barribreriffcn umgeben, die Schifffahrt zwischen ihnen daher sehr gefährlich, Loch liegen hinter den Riffen auch schöne Häsen. Die Inseln sind niedrig, höchstens hügelig, mit ziemlich hoherSchichtDammerde n. fruchtbar,obgleich schlecht bewässert (fast ganz ohne Flüsse). Die nördlichen .Inseln sind höher, vulkanisch. Tafoa u. Amargna haben thätige Vulkane; Erdbeben erschüttern dieselben öfters. Das Klima ist im Allgemeinen angenehm, im Sommer heiß. Products: Pisang (mehrere Arten), Jams, Arnm, Cocos, Zuckerrohr, Bambus, Baumwolle, Pfeffer, Feigen, Papiermaulbeer- bänme, Sandelholz, Citronen, Schweine, Hunde, Papageien, Secthiere (Caschelots, Schildkröten, Austern); Hanptansfnhrartikel sind Palmöl, getrocknete Cocosnnßkerne (Copprats), Kaffe und Baumwolle. Die Einwohner gehören dem hellfarbigen Stamme der Polynesier an und werden zu ungefähr 30,000 Köpfen (nach anderen Angaben höher) geschätzt. Sie sind braun, von gefälliger Gesichtsbildung, schwarz- u. glatthaarig, herzlich u. offen, dabei aber doch auch kriegslustig u. streitbar u. übertrafen an Bildung Tongeren. schon vor der Missionarisirung (s. unten) die meisten Bewohner der umliegenden Inselgruppen. Die zu ihrer Kleidung uothwendigcn Stoffe bereiten sie sich aus Fasern selbst, ebenso verfertigen sie sich Kunst- u. Schmuckgegenstände, wie Matten, Perlenschnüre rc. Die Häuser ruhen ans Pfählen u. zeigen in Einrichtung u. Bau die Geschicklichkeit der Bewohner. Einige Ortschaften haben Befestigungen und einen breiten Graben. Waffen: Keulen, Bogen u. Pfeile. In der Schifffahrt sind sie geschickt. Vielweiberei ist bei den heidnischen Einwohnern erlaubt, die Kinder werden sorgfältig erzogen. Beliebt ist Musik». Tanz (bes. bei religiösen Feierlichkeiten), wobei sie sich aus Bambus gesertigterJnstrumente bedienen. DieBe- grllßnngcn geschehen durch Druck der Nasen aneiu- der. Bei Begräbnissen der Häuptlinge werden große Feierlichkeiten veranstaltet. Die ursprüngliche Reli- gionderEinwohner war heidnisch, polytheistisch. Der größte Theil der Bevölkerung ist jetzt zum Christen- thnm bekehrt, u. zwar die der nördlichen u. mittleren Inseln znm Protestantismus (Wesleyaner), die der südl. Gruppe durch frauzös. Missionare zum Katholi- cismus. Im I. 1876 bestanden 124 Kirchen und Kapellen, di« von etwa 19,000 Personen besucht wurden. Es erhielten 5500 Kinder von 198 eingeborenen Lehrern unter Aussicht der Missionare Unterricht. Die frühere königliche Gewalt war durch die Priester eingeschränkt, sein Geschäft erleichterten ihm die Matabnlen (2. Klasse des Adels); die einzelnen Inseln hatten eigene Häuptlinge. Gegenwärtig ist wieder die ganze Gruppe unter einem Herrscher, dem König Georg Tubau, vereinigt. Der Holländer Abel Tasman entdeckte 1643 den südlichen Theil des Archipels u. nannte Tongatabn Amsterdam; Cook besuchte 1773 u. 1777 die Inseln und nannte sie wegen der Freundlichkeit ihrer Bewohner Isrisndlz- Islands. Die erste gründliche Kenntniß über die Inseln verdankt man dem Engländer Mariner, der 1806 dort in Gefangenschaft gerieth und darin mehrere Jahre verbrachte. Unterm 1. Novbr., 1876 wurde zwischen dem König von T. und dem Deutschen Reiche durch den Capitän Knorr (s. d.) ein Frenndschaflsvertrag abgeschlossen, wodurch letzterem auf der Insel Bavao ein Hafen als Kohlenstation eingeränmt wurde. Der Handel ruht fast ausschließlich in der Hand der beiden Hamburger Häuser Godeffroy u. Sohn u. Rüge, Hedemann u. Co. Die weitab nördl. gelegene Insel Uea (Wallis) wird häufig auch zu T. gerechnet, sie steht unter französischem Schutze. Vgl. Meinicke, Die Inseln des Stillen Oceans, Leipz. 1875. 2) (Tongatabu, das Heilige T., früher Amsterdam), die größte Insel der südlichen Gruppe u. des ganzen Archipels überhaupt, sehr gut angebaut, 30 lcm lang, 20 Icm breit, mit guten Häfen, zahlreichen Ortschaften. Dronks. Tongariro, thätiger Vnlcan auf der nördlichen Insel Neuseelands, 2111m hoch, ist der Mittelpunkt der vulkanischen Thätigkeit der gen. Insel. Tongeren (Tongres), Arrondissementshauptort in der belg. Prov. Limburg, an der Jaar, Station der Niederländischen Staatsbahn; schon von Plinins erwähnte Mineralquelle, Gymnasium, schöne gothi« sche Kirche aus dem 13. Jahrh.; 7599 Ew.; T. hieß bei den Römern Adnaca (Atnaca) oder Tongri u. war im 4. Jahrh. Bischofssitz, welcher später nach Lüttich verlegt wurde. Tongcschlccht — Tonncins. 429 Tongeschlecht, s. Klanggeschlecht. Tougkin, so v. w. Toukin. lonios (istota prineipalis) , der Grnndton der Tonleiter, von dein dieselbe ausaeht u. zn dem sie zurückkehrt. Sie ist von ebenso großer Wichtigkeit für die Melodie, indem diese zur Wahrung der nolh- wendigen Einheit selbst bei den weitesten Gängen immer wieder auf sic zuriickfällr, als für die harmonische u. formelle Gestaltung, worin sie in ihrer Beziehung zur Dominant und Nnterdominant grund- leglich wird. St. Tönis , Marktflecken im Kreise Kempen des preuß. Negbcz. Düsseldorf; Damast- und Sainmct- weberei; 6793 Ew. Tönisstein, s. Tönnissteiu. Tonische Mittel, roni-m, stärkende Mittel; s. Laborantin. Tonkabohne (Tonkobohne), s. vixtsr^x. Tonke, wasserreicher Fluß in SAsrika, aus unbekannten Quellen kommend, fließt durch sehr fruchtbare Gegenden gegen SO. u. mündet in den Nga- mi-See. Tonkin (Tongking, Tungkin, Dong-ngai), 1) die nördl. Provinz des hinterindischen Reiches An- nam, bewässert vom Songka u. in dessen Delta fruchtbar u. Reis, Zuckerrohr, Baumwolle hervorbringend; im Inneren reiche Mineralschätze; Hauptstadt ist Kescho. Die Gefch. s. u. Aunam. 8) Golf von T., zwischen ihr u. der Insel Hainau, ein Theil des Chinesischen Meeres. Tonkunst, s. Musik n. vgl. noch: Frank, Gesch. der T., 3. A. Lpz. 1878; Heimes, Die Musik in der Familie, ebd. 1878; Hostinsky, Die Lehre von den musikalischen Klängen, Prag 1879; Köstlin, Die T., Stuttg. 1879; Reißmaun, Zur Ästhetik der T., Berl. 1879. Tonleiter (ital. soala, franz. Aamms), die stufenweise Folge der Töne innerhalb einer Octave. Es gibt zweierlei gebräuchliche T-n: die diatonische u. die chromatische. Die diatonische T. besteht aus 5 ganzen u. 2 halben Tönen und wird in 2 Tvngc- schlechtern, in Dur u. in Moll, ansgeübt. Als Normal-T. in Dur gilt diejenige auf 0 (jonisch): oäo kZ s. b o, als Rormal-T. in Moll diejenige auf 4 (äolisch): a b o 6 e üa Ais a, wobei, den Leitton auf der 7. Stufe herzustellen, A in Ais, u. um den diatonischen Charakter der T. zu wahren, außerdem k inüs verwandeltwird; abwärts hat die Moll-T. ganz äolischen Charakter, damit dieVerwandtschaft mit 6- Dur wieder hergestcllt wird, nämlich: aAkockeüa. Diejenige Moll-T. mit dem Schritte üs Ais wird auch die melodische, diejenige mit der übermäßigen Secunde k Ais die harmonische genannt. Die chromatische T. besteht aus lauter halben Tönen: o vis ä äis rc.; die euharmonische: o ois äos ä äis SS s kos k üs A88 A Ars US s, ais b b L findet selten praktische Anwendung. Die T. entstand aus der Theilung der Intervalle, welche anfänglich auf die einfachsten Verhältnisse beschränkt blieb, dann immer weiter ausgedehnt wurde u. dem entsprechende T-n u. Systeme hervorbrachte. (S. a. Tonsystem.) Siebenrock. Tonmalerei. Je nachdem man das erste oder aber das zweite Wort dieses Compositums (Ton od. Malerei) im eigentlichen Sinne versteht, gehört die T. zur Musik od. zur Malerei, in welchem Falle dann der andere Theil im übertragenen Sinne zu fassen ist. Daher bedeutet T. entweder (in der Musik) jene durch den Ton bewirkte Nachahmung von Natur- lauten theils elementarer Art, wie das Heulen des Sturmes, das Rollen des Donners, das Geläute der Glocken rc., theils organischer Art, wie namentlich der Gesang der Vögel (Nachtigallen- u. Wachtelschlag, Kukuksruf rc.), das Brüllen des Stiers rc.; oder (in der Malerei) eine besondere, mehr ans Tou- (als auf Formen-) Wirkung tendirende Behandlung der Coloristik. Die erstere Bedeutung ist jedoch die gewöhnlichere. Im Allgemeinen gilt die musikalische T. als eine untergeordnete, mehr spielerische als künstlerische Behandlung der Musik, obschon sie — je nach dem Inhalt des Tonstückes, z. B. wenn sie, wie in den Jahreszeiten u. der Schöpfung von Haydn, der Pastoralsinfonie von Beethoven u. a. Werken,zur Charakteristik des Empfindungscindrucks ein uothwendiges Moment bildet— immerhin ihre, wenn auch secuudäre Berechtigung hat. Ganz verworfen wird sie daher nur von den einseitigen Anhängern der sogen, elastischen Musik, welche den musikalischen Ton ausschließlich als symbolisches Ausdrucksmittel der subjektiven Empfindung gelten lassen u. daher jede, wenn auch modificirte Naturlautnachahmung als dem idealistischen Charakter der Musik widersprechend u. seiner unwürdig perhorres- ciren. Die in der sogen. Programmmusik der jüngsten Entwickluugsepoche sich geltend machende Schilderung von poetischen Situationen u. Handlungen kann — abgesehen von dem in dieser Vermischung zweier incongrueuten Kunstgattungen liegenden Widerspruch — nicht eigentlich als T. bezeichnet werden, da hier von Naturlantnachahmung, also auch von Malerei im obigen Sinne nicht die Rede ist. Schasler. Tonmesscr (Tonometer), s. Monochord. Tonnay-Charente, Stadt im Arr. Rochefort des franz. Dep. Niedercharente, au der Charente, über die eine prächtige Eisenbahnbrücke führt, Station der Orleansbahn; Seilerei, Gerberei, Essigfabrikation, Färberei, guterHafen, Schifffahrt, Schloß, Handel (auch zur See) mit Wein, Salz, Getreide, Cognac rc.; 1876: 2203 Ew. (Gem. 3756). Tonne, 1) ein Faß, bes. ein größeres; dann Gewicht und Maß für trockene und flüssige Dinge, in Frankreich u. nun auch in Deutschland 1000 kA., in England 20 Ctr. ä 1l2 engl. Pfund --- 50,^ dann Maß zum Ausmessen des Schiffsraums, j. ksAisbor-tou. Im Seewesen ist T. auch so v. w. Bake. Eine T. Goldes ist 100,000 Kronenthaler, Reichsthaler oder Gulden, je nachdem in einem bestimmten Lande gewöhnlich gerechnet wird. In Dänemark, Schweden und Norwegen ist T. auch Flächenmaß u. zwar 55,^, 49,^ bezw. 39,^, s. 8) s. Seezeichen. T-ngeld ist eins Schiffsabgabe. lanneau, allfranz. Weinmaß, vorzugsweise noch in Bayonne und Bordeaux gebräuchlich, a 4 Barri« ques ä. 30 Beltes (ü 7,s I), soll demnach gesetzlich 912 I enthalten, kann aber nicht höher als zu 900 1 angenommen werden. Als Gewicht so v. w. Tonne. Tonneins, Stadt im Arr. Marmande des franz. Dep. Lot et Garonne, au der Garonne, Station der franz. Südbahn; Hengstdepot, Tabakmanufactur, > Fabrikation von Seilerwaaren, bes. Tauen, Handel mit Hanf, Tabak, Getreide, Wein, Obst, Branntwein rc. 1876: 5803 Ew. (Gem. 8199). 430 Toiincnbiückcn Tonnenbrücken (Faßbrllcken), s. u. Brücke. Tonnengewölbe, s. u. Gewölbe. Tonnens, franz. Abenteurer, der sich zum König von Araucanien aufschwang, geb. um 1820 zu Chonrgnac bei Perigneux (n. A. iu Perigord), wurde Advocat und stand zuletzt zu Perigneux. Von hier hier ging er nach Chile, wo er einen so großen Einfluß ans die Araucaner erlangte, daß diese ihn 1861 zum König von Arauco und Patagonien wählten. Er nahm den Titel Orskis Antoine rai rc. an, organisirte seinen Staat in europäischer Weise, gab ihm.eine Constitution nach französischem Muster rc. Die Republik Chile schritt jedoch gegen ihn ein, er wurde besiegtu. gesangen genommen u. nach Frankreich gebracht. Hier wurde 1864 von einem seiner Lieferanten ein Proceß gegen ihn erhoben, das Zuchtpolizeigericht in Paris erkannte ihm jedoch den Kö- nigstitel zu. Er ging 1869 wieder nach Amerika, richtete sein Königreich wieder ans, dem aber durch die Chilenen ebenso rasch wieder ein Ende gemacht wurde. T. kehrte nun wieder nach Frankreich zurück, gründete 1872 in Montpellier eine Zeitung (I,a6ou- ronno ä'^olsr. äonrnaä äu roi ä'^rausanis st äs ikataAcmis ou Istonvskks Vranos), ernannte ein Ministerium , suchte durch öffentlichen Ausruf eine Gemahlin zur Sicherung der Thronfolge rc. Er st. im Sept.1878. Er jchr.: OrölisXntoiusI. roiä^rau- oanis st äs knta^onis, son nveusinsnt an tröns st ss. onMvits nu 6kliki, 1863; I?4.rnnsnuis, Lond. 1878. Vgl. Araucanos. Schroot. Tolinerrc,Stadtn.Hauptortindem5Cant.u.82 Gem. mit 1876:40,919 Ew. umfassenden gleichnam. Arr. des franz. Dep. Donne, am Armaichon n. dem Bonrgogne-Kanal, Station der Paris-Lyon-Mittel- mccrbahn; Gerichtshof erster Instanz, interessante Kirche St. Pierre, Communal-College, öffentliche Bibliothek; Departementsgefängniß, Hospital, Fabrikation von baumwollenen u. wollenen Maaren, Glas, römischem Cement, Leder, Nägeln rc., Gießerei, Steinbrüche (lithographische Steine, Bausteine), berühmter Weinbau; 1876: 4991 Ew. (Gem. 5536). T. ist Geburtsort des Ritters d'Eon. Tönning (Tönningen), Kreisstadt im Kreise Eiderstedt der preuß. Prov. Schleswig-Holstein, an der Eider, Station der Altona-Kieler Eisenbahn (Jübeck-T.); Amtsgericht, Hanptzollamt, Schiffbau, Coaks- u. Kalkbrennerei, Dampfmühle, Schifffahrt, geräumiger Hafen, Handel mit Fleisch, Butter, Honig, Getreide, namentlich aber sehr ansehnliche Fettviehausfuhr nach England (1876: 49,558 Stück Hornvieh u. 59,381 Schafe); 1875: 3130 Ew. T. war von jeher Hauptort der Halbinsel Eiderstedt u. wurde schon früh befestigt. 1414 wurde es von den Dithmarschen inAsche gelegt; 1590 erhielt es Stadt- rechte; 1627 verwüsteten die Kaiserlichen und 1637 die Mcercsfluthen die Stadt. 1644 von dem Herzog Friedrich IV.zu einer starken Festung gemacht, wurde T. 1675 von den Dänen besetzt, welche im folgenden Jahr die Festungswerke schleiften. Später wurden die Werke von dem Herzog von Schleswig, welchem die Stadt zurückgcgcben worden war, wieder aufgebaut. 1713 mußte sich ein schwed. Heer unter Steenbock, das sich nach T. zurückgezogen hatte, den Russen u. Dänen ergeben. 1714 eroberten die Dä- ^ »enabermalsdieStadtu.schleistendie Festungswerke.! 1735 wurde auch das Schloß zerstört. H- Berns. ^ — Tonsystem. Tön»issteiN(Antoniusstein),BadeortimBrohl- thal, Kreis Mayen des preuß. Regbez. Koblenz, mit den Trümmern eines im 15. Jahrh. gestifteten Kar- mcliterklosters. Nahebei die Schweppenburg u. be- deutende Tuffsteinbrllche, sowie weiterhin der Laa- cher See. Die Quelle gehört zu den kalten alkalisch- mnriatischen Säuerlingen mit starkem Gehalt an freier Kohlensäure. Tonnlägig — geneigt. Tonschluß (Mus.), s. Cadenz. Touschlnfsel, so v. w. Notenschlüssel. Tonsehknnst, s. Musik u. Composition. Tonsnr(v. Lat.), die Abscheerung der Haare bei den München u. Klerikern zum Zeichen des Eintritts in das Kloster oder in den Klerus. Die Sitte kam seitdem 6. Jahr, allmählich auf als Nachahmung der Abscheernng des Haupthaars, welche die Büßenden Vornahmen. Die orientalische T. (bonsura, 8.?g.nU) besteht im völligen Abscheeren der Haare des Vorderhauptes, die römische (tonsura 8. k?sbri) im Schee- ren des ganzen Hauptes, so daß rings nur ein Kranz von Haaren stehen bleibt, gegenwärtig nur bei dem Papst u. den Mönchen üblich, während die anderen Kleriker auf dem Scheitel eine geschorene Platte tragen, die mit den Graden der Würde sich vergrößert. Die römische T. verdrängte die schottisch-irische (ton- snra 8. änoobi oder spottweise 81wanis Lln°;i genannt), bei welcher das Borderhanpt halbmondförmig abgeschoren wurde. Die T. ist nach den Einen die Nachahmung der Dornenkrone Christi, nach Andern ein Zeichen der Königl. Würde des Priesterthums, nach Andern ein Zeichen des vollkommenen Lebens der Kleriker, da die Kreisfignr die vollkommenste sei, wieder nach Andern das Bild der Sonne, herrührend aus der Zeit der Sonneanbetnng. Löffler. Tonsljstem, die Ordnung aller in der Musik verwendbaren Töne nach bestimmten Gesetzen. Schon die Chinesen, Inder hatten bis in die kleinsten Verhältnisse berechnete T-e, gelangten aber nicht über einen sehr beschränkten Umsang von Tönen hinaus, da ihnen dieser zur klanglichen n. formellen Herausbildung der Sprache genügte. Ein ausgebildetes T. hatten die Griechen. Die Grundlage desselben bildete das Tetrachord, welches sie auf das ganze T. von 18 Tönen ausdehnten u. in neun (eigentlich sieben) Octavgattungen, nämlich Dorisch, Hypodorisch oder Aeolisch, Hyperdorisch oder Mixolydisch, Phrygisch, Hypophrygisch oder Ionisch, Hyperphrygisch oder Lokrisch, Lydisch, Hypolydisch u. Hyperlydisch, in 15 Tonarten (Transpositionsscalen), nämlich Hypodorisch L—Ni, Hypvjonisch (Hypojastisch) L—b^, Hy- pophrygisch 8—bi, Hypoäolisch s—<- 2 , Hypolydisch eis—sisz, Dorisch ä—äz, Jonisch (jastisch)äis- äisz, Phrygisch s-sr, Äolisch s-kz, Lydisch üs—Ls«, Hyperdorisch (Mixolydisch)§—§ 2 , Hyperjonisch (Hy- perjastisch) Ais—MSz, Hyperphrygisch (Hypermixo- lydisch) n—a- 2 , Hyperäolisch k>—bz, Hyperlydisch kr—l> 2 , und in drei Klanggeschlechtern (diatonisch, chromatisch u. enharmonisch; verwandten; außerdem kannten sie die in der Praxis jedoch unberücksichtigt gebliebene Eintheilnng in Octaven u., den Prvslam- banomenos in das T. aufnehmen zu können, diejenige in Pentachorde. (Das Nähere s. Tetrachord.) Einen ganz anderen Standpunkt nahm der Gesang n. die Musik des Christenthnms ein. Hier sagte sich der Ton von der sprachlichen Prosodie los, entwickelte Tontinc — Tootc. 431 sich, der Darstellung des ungleich reicheren n. tieferen Inhalts gemäß, in selbständiger Weise, bildete selbständige Melodien u. Tonformen. Die Grundlage dieses T-s war das Octachord, welches jedoch nicht in Tetrachorde zerlegt, sondern als etwas Ganzes, Abgeschlossenes betrachtet wurde. Von den griechischen Octavgattnngen blieben nur 4, von Ambrosius ansgewählte Octavgattnngen im Gebrauche: die phrygischc Ö—ä, die dorische L—s, die hypolydische L—k, und die hypophrpgische (jonische) 0—2! wie diesen vier authentischen Octav- gatlnngen durch Gregor d. Gr. vier plagalische hin- zngcfngt, das ganze T. zur Anwendung und Wei- tcrentwickelnng gebracht wurde, s. u. Kirchentöne, Kirchenmusik. Auch bei den Kirchentonarten kam die Versetzung einer Tonart ans eine andere Stufe zur Anwendung, wurde aber, da anfänglich eine absolute Tonhöhe fehlte u. erst mit dem Hinzntritt der Instrumente (Mitte des 15. Jahrh.) zur Annahme gelangte, bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts bloß praktisch durch die Säuger geübt; eine Ausnahme machten das Lz'stemg. reguläre od. ckurum n. das Lzstsma transpositum od. inolls, welches letztere die ursprüngliche Tonart eine Quart höher od. Quint tiefer notirt zeigte. Außerdem hatte das Gesangsstudium das sogen. Hexachordsystem (s. Sol- misation) hervorgerufen; doch ist dasselbe ohne Einfluß auf die musikalische Entwickelung geblieben. Diese nahm einen weiteren Umschwung, als aus den Transpositionsscalen hervortreibend u. im Anschluß an die gesteigerte Pflege der Instrumentalmusik u. des Liedes (s. d.), Milte des 17. Jahrh., das moderne T. Geltung erlangte. Dieses wählte aus den älteren Tonleitern des 16. Jahrh. die jonische (0 dar) als diejenige, welche in der Theilung in 2 ganz gleiche Hälften (eckst; A s, Ir o) bereits die Grundlage der bestimmtesten formellen Gestaltung in sich faßte. Außer dieser Tonleiter wurde noch die äolische (L—a), aufwärts mit Erhöhung der sechsten und siebenten Stufe, abwärts mit ganz aeolischcm Charakter, beibehalten u. wie die jonische in ganz gleicher Jntervallenfolge auf jeden der 12 Halbtöne transpo- nirt. Beide zusammen bildeten das Dur- und das Mollgeschlecht n. wurden ans den ganzen Umfang der mittlerweile gewonnenen Töne ausgedehnt. Auf solche Weise entstanden im Ganzen 24 Tonarten mit verschiedenen Verzeichnungen (ft u. j,), nämlich in Dur — L ohne Vorzeichnuug; 8 mit einem ft, I) mit 2 ft, L mit 3 ft, L mit 4 ft, 8 mit 5 ft, Lis mit 6 ft (od. 6os mit 6s,), 6is mit 7 ft (od. Deo mit 5 j,), Ls mit 4 f,, Ls mit 3 j,, 8 mit 2 s, und L mit 1 s,; in Moll — L ohne Vorzeichnuug, L mit 1 ft, 8 mit 2 ft, Lis mit 3 ft, Lis mit 4 ft, Lis mit 5 ft (od. Ls mit 7 s,), Dis mit 6 ft (oder Ls mit 6 >,), Lis mit 7 ft (oder 8 mit S s,), L mit 4 0 mit 3 I,, 6 mit 2 >, u. D mit Is,. SiebenroS. Tontine, eine angeblich zuerst von dem Italiener (Venetiauer oder Neapolitaner) Lorenzo Touti, wie man sagt, schon in der Mitte des 12. Jahrh. erdachte Art Leibrente, bei welcher sich mehrePersonen in der Art mit einander vereinigen, daß jedem Theil- nehmer gegen Erlegung eines gewissen Capitals, auf dessen Zurückforderung er verzichtet (L tonäs psräu), eineLeibrente gezahlt wird, die durch das allmähliche Absterben der einzelnen Mitglieder aber sreiwerden- den Leibrenten den Überlebenden zuwachsen, so daß der zuletzt Überlebende den Genuß der ganzen Renten und, wenn nicht die schließliche Vererbung des Capitals an eine andere, jüngere T.-Gesellschaft od. etwas Ähnliches bestimmt ist, sogar auch das Capital erhält, wonach mit den Jahren die Leibrenten immer höher ansteigcn. Von Staaten und Corporationen sind die T-n, bes. im vor. Jahrh., öfters als bequemes Mittel benutzt worden, um Anleihen zu machen. Um die T-n auf richtige Grundsätze zu basiren, ist immer nothweudig, die Lebensdauer der Einleger nach den Grundsätzen der Wahrscheinlichkeitsbcrech- nung und mit Hilfe vou Mortalitätstabellen möglichst genau zu berücksichtigen. Die erste T. soll 1653 in Paris eingerichtet worden sein, andere wurden ebendaselbst 1 721 u. 1734 gegründet. In neuerer Zeit finden sich die Grundsätze derselben zum Theil in den Rentenvcrsicherungsanstalten wieder. Kolb. Tonlvechselnmschine, -ine von Cerveny 1845 erfundene Vorrichtung an Blasinstrumenten, um deren Stimmung sofort verändern zu können. Tooke, 1) IohnHor n e, radikaler engl. Politiker n. Schriftsteller, geb. 25. Juni 1738 in Westminster, studirte Theologie u. kaufte sich daun eine Pfründe in der Grafschaft Kent. Er nahm lebhaft für die Amerikaner in dem Kriege gegen England Partei u. eröffnet- selbst eine Subscription zum Besten derselben, weshalb er angeklagt u. zu einjährigem Ge- säugniß verurcheilt wurde, studirte dann die Rechte, wandte sich, da man ihm als Geistlichen die Praxis verweigerte, zur Politik u. schr. 1780 ein Pamphlet gegen die Verwaltung des Lord North und über die Nothweudigkeiteiner Parlameutsrefornl. Neue Flugschriften zogen ihm eine Anklage auf Hochverrath zu, voil der er jedoch freigesprochen wurde. Nach zwei Versuchen, ins Unterhaus zu kommen, gelang es ihm endlich, für einen Rottsn borouZftr ein Mandat zu erhalten, doch wurde ihm als Geistlicher der Eintritt ins Parlament verweigert. Er ging nun auf einige Zeit nach Frankreich, zog sich aber daun nach Wimbledon bei London zurück, wo er 18. März 1812 starb. Er schrieb die von den Engländern schr ge- schätzten^Tre« Trrepöx^ra (fliegende Worte), vr tkrs äivorsions otLurksx, Land. 1786—1805, 2 BLe. Vgl. Stephens, Lite ok 8. M, 2 BLe., Loud. 1813. 2 ) William, engl. Schriftsteller, geb. 18. Januar 1744 zu Jslington bei London, war ursprünglich Drucker, wurde aber 1771 englischer Geistlicher in Kronstadt u.1774 Gesandtschaftsprediger in Petersburg ; er kehrte 1732 nach London zurück u. priva- tisirte dort u. st. 1820. Er schrieb: Die Liebe von Othniel und Achsah (Roman),Loud. 1767, 2 Bde.; Leben Katharinas ll., ebd. 1797, 2 Bde.; Gemälde des Russischen Reichs seit Katharina H. bis zu Ende des 18. Jahrh., ebd. 1799, 2 Bde.; gab auch das große biographische Wörterbuch, ebd. 1814,15 Bde., heraus. 3 ) Thomas, Sohn des Vor., geb. 1774 in Petersburg, widmete sich dem Handelsstand und wurde bald Mitglied der Russin LompaZn^ und Associe eines der größten, bei dem Handel mit Rußland betheiligten Häuser in London; er wurde zuerst dem größeren Publicum 1819 bei Gelegenheit ver vom Parlament angeordneten Untersuchung über die Wiederaufnahme der Kassazahlungen durch dieBank von England bekannt u. verfaßte Las unter dem Namen üloreirants' Petition bekannte Document, wel- ^ ches 8. Mai 1820 von Alexander Baring (s. d.) dem 432 Topas — Parlament überreicht wurde u. zuerst die Principien! des Freihandels befürwortete und somit den Anstoß zu den handelspolitischen Reformen gab, welche bald in Großbritannien u. von da später in ganz Europa eine totale Umgestaltung der Industrie hervorriefen; ebenso beschäftigte er sich mit den socialen Fragen, namentlich über Lieder Fabrikarbeiter, und gründete 1831 den kolitieal Leonoinx Lind in London, zog sich aber bald darauf von den Handelsgeschäften zurück, blieb jedoch noch als Direktor der Lozml Lx- oüg.nAsL88nrnliLs6orpors,bionu. der Laint-Oatlls- rins's Ooelc OoivpaAnz- thätig u. st. 26. Febr. 1858 in London. Er schr.: TüougNbs anä cksbaila on liizlr anälorvxriees, Lond. 1824; Listorz-ob priess Low 1792 to 1856, ebd. 1838—57, 6 Bde. Bartling.' Topas (von den Alten nach der Insel Topazos im Rothen Meere, oder diese nach jenem benannt), krystallisirt in rhombischen Prismen mit verschiedenen Nebenformen; die Krystalle sind ein- oder ausgewachsen, zu Drusen vereinigt; vollkommen spaltbar parallel der geraden Endfläche, Bruch muschelig u. splitterig; spccifisches Gewicht 3,5,4 bis 3,5^; Härte 8; farblos, lichtgelb, reingelb, hyacinthroth, grün, bläulich, glasglanzend, durchsichtig bis durchscheinend; besteht aus kieselsaurer Thonerde, Fluoralnminium u.Fluorsilicinm: 5(4i2)8i05-i-(-4l2)8i§i>,; vordem Löthrohr unschmelzbar, inSäuren unlöslich. Er findet sich bes. im Granit, so zu Alabaschka bei Mursinsk u. bei Nertschinsk in Sibirien,im Jlmengebirge, Banff- fhire u. Aberdeenshire in Schottland; ferner im Chloritschiefer von Boa Vista bei Villa Rica in Brasilien; aus Zinnerzlagerstätten bei Ehrcnfriedersdorf u. Altenberg, sowie bei Penig in Sachsen, Schlaggenwald in Böhmen, in Cornwall; endlich bildet der T. mit Quarz u. Turmalin eine eigenthümliche Gebirgsart, denT 0 pasfels, welche im Schneckenstein bei Auerbach im Voigtlande vorkommt; auch als Geschiebe findet sich der T., bes. in Brasilien und auf Ceylon. Die sächsischen und böhmischen T-e sind meist weingelb od. farblos, die brasilianischen goldgelb, zuwei- len röthlichgelb, die sibirischen bläulich od. grünlich. Der T. ist ein geschätzter Edelstein, er dient zu verschiedenen Schmnckgegcnständen, zu Ring- u. Nadelsteinen rc. Im Handel werden folgende Arten unterschieden: a) Brasilianischer T., von goldgelber, oft röthlicher Farbe; der gebrannte wird oft für Rubin ansgegeben;!,) Brasilianischer Rubin, von rosenrother Farbe, wird unter allen T-en am höchsten bezahlt; 0) Brasilianischer Sapphir, hellblau; ci) Indischer T., safrangelb; 0) Sibirischer T-, von grünlicher Farbe (Aquamarin); I) Sächsischer T. (Schnecken°T.), blaßweingelb; A) Wassertropfen, farblos (klvZos ä'a§oa). Unreine T-e dienen zum Schleifen anderer Edelsteine. N a u ch- T. ist kein T., sondern Bergkrystall von rauchgrauer Farbe. Vgl. auch Edelsteine. Lehmann.' Topasfrls, s. Topas. Topassi, Name der Mischlinge von Portugiesen u. Eingeborenen u. von deren Nachkommen in Indien u. Ceylon. Topnzolith, Varietät des Granats (s. d. s). Tope (ncnind., im Pali tüiupa, sanskrit. stupa, d. h. Erhöhung, tibet. Tschortsn, in Ceylon auch Dagop saus dem sanskrit. ällatuZoxa, d. h. Reli- quieubehälter, od. aus dem gleichbedeutenden äliatn- Lurbliaj genannt), altindische Baudenkmäler, dem - Tvpete. > Buddhismus entsprungen, bestehend aus einerHalb- kngel, die sich über eine» terrassenförmigen Unterbau wölbt. Den Gipfel krönt ein niedriger, gewöhnlich viereckiger Aufsatz, häufig in Gestalt einer umgestürzten Pyramide, über dem sich als Dach ein aufgespann- ter Sonnenschirm erhebt. Dieser entwickelte sich in späteren Formen zu einer Spitzsäule, so daß der Bau die Gestalt einer Pyramide auf kuppelförnnger Unterlage erhielt, endlich auch zu einer wirklichen Pyramide. Der Zweck dieser Denkmäler war, heilige Reliquien, ursprüngl. Buddhas, zu bergen. Sie finden sich noch jetzt zahlreich in Afghanistan zwischen Kabul u. Dschellalabad, im Pendschab, Bahar, Centralindien bei Bhilsa, Ceylon, aus späterer Zeit auch in Hinterindien, Nepal u. Tibet. Ihre Größe und Höhe ist sehr verschieden; die letztere steigt von wenigen Metern bis zu 100 m. Topeka, Hauptstadt des Staates Kansas, am Kansas, über den eine eiserne Brücke führt, Station der Union Pacificbahn mit Abzweigung zur Kansas Pacific, Eisenbahnwerkstätten, Brückenbauanstalt, Eisengießereien,Maschinenfabriken,Mühlen,Wagenfabriken rc.; schönes Capitol; 5106 Ew. Die Stadt ist 1854 gegründet. Topelins.Zachris, finnischer und schwedischer Dichter, geb. 14. Jan. 1818 auf Knddnäs Gaard bei Ny Karleby, stndirte, ein Schüler Rumbergs, in Helsingborg bis 1840 n. trat dann 1842 in die Ne- daction der HelsinZkors HcininAnr, wurde 1852 Lector der Geschichte am Gymnasium in Wasa, 1854 außerordentlicher Professor der finnischen Geschichte an der Universität Helsingborg, 1863 ordentlicher Professor der finnischen, russischen u. nordischen Ge- s ^ schichte; inzwischen hatte er auch größere Reisen ins Ausland gemacht. Nachdem er sich bereits durch ly- rischeGedichteIgiillAl>Ic>wmor(Heideblnmen), Stockholm 1845—54, einen rühmlichen Namen gemacht, trat er 1851 als Schauspieldichter mit dem histori- > scheu Drama LLor Lmtüo ür, ebd., hervor, dem 1854 RsZinu ab LmweriL folgte; 1858 — 67 ließ er einen Cyclus romantischer Schilderungen aus 1 Gustavs II. Adolf bis Gustavs III. Zeiten, kvlts- icürns dsräbtsissr, 5 Bde., erscheinen; diese u. seine Kinderbücher 8aAor und I-äsninA Krdaru machten ihn zum Volks- u. Jngeudliebling. 1861 veröffentlichte er seine dramatischen Dichtungen, gesammelt ' als vrawatwics, äiicbsr, im selben Jahre die lyrischen Gedichte LänZsr. Seit 1870 gibt er das > blaä heraus. Lagai. Tapete, Juan Bautista, spanischer Admiral , und Staatsmann, geb. 24. Mai 1821 in Jucatan, > trat frühzeitig in die Marine ein, machte ein rasches Avancement u. war 1860 als Generalmajor Com- ' Mandant der gegen Marokko bestimmten Flotte von ^ Afrika. 1862 ward er in die Cortes gewählt, über- ^ nahm nach deren Schluß wieder ein Commando u. zeichnete sich mehrfach während des Conflicts mit den sndamerikanischen Colonicn ans und ward für seine ' Leistungen zum Contrcadmiral ernannt. Seit 1867 c Hafcncapitän von Cadiz, nahm er an den Septem- s berereignissen von 1868 den entschiedensten Antheil, s kämpfte als Marineininister in der provisorischen Regierung vom 8. Oct. 1868 gegen die Progressisten s u. Demokraten, sowie gegen Prim für des Herzogs von Moutpensier Throncandidatur, im Bunde mit 1 Serrano, unter Lessen Regentschaft er auch das Ma- 433 Töpfer — 2 rineportefeuille behielt, bis die Majorität des Cabi- nets sich siirdieThroiicandidaturdesHerzogs von Genua entschied, Nov. 1869; als diese aber fiel, trat er Jan. 1870 wieder ins Cabinet, iibernahm nach Prims Tod provisorisch das Präsidium, Las er jedoch 5. Jan. 1871 an Serrauo abgab. Im Juni mit dem Cabinet Serrano abgegangen, erhielt er im Cabinet Sagasta Dec. 1871 das Portefeuille der Colonien, trat Mai 1872 mit Sagasta zurück, um Juni im Ministerium Serrano wieder die Marine- leitnng zu übernehmen, allerdings nur auf 14 Tage, bis das radicale Regiment Zorillas begann. Nachdem er dann 4. Jan. bis 13. Mai 1874 wieder das Portefeuille der Marine innegehabt, schied er aus dem öffentlichen Leben. Töpfer, 1) Johann Gottlob, bedeutender Organist, geb. 4. Decembcr 1791 zu Niederroßla im Weimarischen, erhielt Musikunterricht von dem Cantor seines Geburtsortes, dann von Destouches, Niemann u. Müller in Weimar, besuchte das Gymnasium und das Schullehrerseminar daselbst, ging aber dann ganz zur Musik über, bildete sich zu einem ausgezeichneten Orgelspieler u. Componisten, wirkte von 1817 am Schullehrerseminar zu Weimar, wurde 1830 auch noch definitiver Stadtorganist, u. st. 8. Juni 1870. Er schr. trefflich gearbeitete, in ächr kirchlichem Geiste gehaltene Orgelstücke, bes. Phantasien, Sonaten, Vor- und Nachspiele, Fugen, eine Orgauistenschule, verbesserte ältere Choralbücher u. gab ein eigenes zu dem Herderschen Gesangbuche heraus. Unsterbliches Verdienst hat er sich um die Orgelbaukunst erworben, indem er gestützt auf die gründlichsten Untersuchungen die genaueste Berechnung über die Mensurverhältnisse der Orgelpfeifen aufstellie u. dadurch eine neue Epoche in der Orgel- baukuust hervorrief. Seine darauf bezügliche Theorie hat er in dem Werke: Lehrbuch der Orgelbaukuust, 4 Bde., Weim. 1856, niedergelcgt. 2 ) Karl, deutscher Dramatiker, geb. 26. Decbr. 1792 in Berlin, wurde auf dem Joachimsthalschen Gymnasium daselbst zur Universitär vorbereitet, widmete sich aber dem Berufe des Schauspielers, betrat zuerst die Bühne zu Strelitz, ging von da nach Breslan, hierauf nach Brünn u. 1815 an das Hofburgtheater in Wien, arbeitete nebenbei an belletristischen Zeitschriften u. versuchte sich in kleinen Lustspielen; als er damit Anerkennung fand, verließ er die Bühne, ging nach Göttingen und 1822 nach Hamburg, wo er 22. August 1871 starb. Er schrieb seit 1812 die Schauspiele: Swiatopulk König von Mähren, Der Tagesbefehl, Des Herzogs Befehl; die Lustspiele: Cyprian und Barbara, Die blonden Locken, Der beste Ton, Nehmt ein Exempel dran, Schein und Sein, Bube und Dame, Der Krieg mit dem Onkel, Freien nach Vorschrift, Der Herr im grünen Frack, Mack Kobold u. Peter Meffert, Dec lebende Todte, Rosenmüller n. Finke, n. a. m.; gesammelt in seinen Spenden für Thalicns Tempel, Lpz. 1823, in Kotze- bues Almanach, im Jahrbuch deutscher Bühnenspicle und als Lustspiele, Lpz. 1830—52, 7 Bde.; ferner Novellen und Erzählungen, Hamb. 1842,2 Bde.; Zeichnungen aus meinem Wanderleben, Hannover 1823; Redaction der Zeitschriften: Thalia, Originalien, Der Recensent. i) Siebenrock. Töpfergeschirr (Töpferzeug, Töpfergut, Haf- nerwaare, irdene Waare, Weißwaare), Gegenstände, PierersUniversal-ConversationL-rekikon. 6. Aufl. XV öpfergeschirr. welche aus röthlich od. sich rothbrennendem Töpferthon od. Thonmergel geformt, mit einer bleiischen, mehr oder weniger gefärbten Glasur versehen, in eigenen Öfen gebrannt u. für Zwecke der Haushaltung gebraucht werde». Der zu ihrer Herstellung verwendete Thon ist stets kalk- und eisenoxydhaltig und schon bei niederer Temperatur schmelzbar. Er wird, wenn er zu fett ist, mit Saud, Chamotte, Kreide, am bestenjedochmitmagerenThonsortendurchUmstechen mit der Schaufel möglichst gut gemischt u. in einem gemauerten Behälter mit Wasser angefenchtet (ciuge- sümpft) aufbewahrt, beim Bedarf wieder aus demselben genommen, durch Treten mit den Füßen, durch Balleuinden Händen,sowie durchZerschueiden mittels eines großen Messers und Kneten, unter Umständen auch durch Walzen, hinreichend homogen gemacht u. darauf aufder Töpferscheibe, einer horizontalen, aus Holz, Metall, Thon oder Gips hergestellten Scheibe, welche auf einer vertikalen drehbaren Welle sitzt, mit der bloßen Hand oder mittels sog. Lehren zu Gefäßen geformt. Die Henkel werden extra her- gestellt u. angesetzt, worauf man die Gefäße trocknen läßt u. sie dann durch Eintauchen, durch Begießen oder Bestäuben glasirt. Durch das elftere Verfahren lassen sich ohne Gefahr für die Form des Gesäßes nur geglühte Gegenstände glasireu, weshalb dasselbe, ebenso wie wegen der schädlichen Einwirkung der bleihaltigen Glasur (s. d. Art.) auf die Hände der Arbeiter nicht oft angewendet wird. Das zweite ist das bei Weitem am meisten gebrauchte, das dritte, bei dem das zu glasirende Gefäß erst in eine Schlempe von fettem Thon getaucht u. darauf mit der gepulverten Glasurmasse übersiebt wird, ist sehr schädlich für die Arbeiter, da Liese bei der letzteren Operation die giftigen, bleihaltigenStaubtheilchen einzuathmen gezwungen sind. Nach dein Glasiren werden die Gesäße an dem unteren Rande durch Abkratzen von der Glasur befreit, da sie bei dem Brennen am Boden ankleben würden. Farbige Glasuren erhält man durch Mischung der Bleiglasur mit färbenden Substanzen, z. B. Smalte (blau), Kupferasche (grün), Schwefelautimvn (gelb). Nach dem Glasiren erfolgt das Brennen. Die zuni Brennen verwendeten Oesen sind entweder liegende Flammöfen, stehende Ösen od. con- tinuirliche Öfen. Die ersteren sind in geschlossenen Räumlichkeiten gebaut, damit die von den Wänden abgegebene Wärme zum Vertrocknen der ungebrannten Waare verwendet werden kann. Sie haben eine Länge von 3—10 m, eine Höhe von 2—3 in. Die Gefäße werden in diese Öfen zu unterst auf eine Sandschicht, dann auf einander mit möglichster Raumausnutzung, wobei kleinere Gesäße in größere kommen, aufgestellt, darauf mit schwachem Feuer (Vor-, Halb-, Lavirfeuer) 11—12 Stunden gut u. langsam ausgetrocknet u. schließlich durch Vollfeuer 1—5 Stunden gar gebrannt. Damit auch die Hinteren Theile gut erhitzt werden, folgt dem Vollfeuer ein Nachfeuer, wobei man dünne Scheite durch ausgesparte Oeffnungen des Ständers oder durch Löcher in die Hinteren Theile des Ofens so lange schiebt, bis die Glasur aller Geschirre spiegelt. Die continuirlich wirkenden Oesen sind nach dem Muster eines Hoff- mannschen Ringofens (s. d.) construirt. Bei denselben liegen, durch durchbrochene u. gewölbte Wände von einander getrennt, Kammern von l,gg m Breite ii. Band. 28 434 Töpfergeschirr. u. 4 ,„g m Länge, vorn 1,57 m u. hinten 0,gt m Höhe neben einander. Im Herd befindet sich ein Rost, der von oben durch ein 0,n m großes Loch mit Holzscheiten befeuert wird. Je 4 und 4 Öfen werden in der Weise abgebrannt, daß die abziehenden Gase des ersten Ofens die drei folgenden vorwärmen. Nach dem Abbrennen des ersten erfolgt das des bereits vorgewärmten zweiten u. s. f. Das Fertigbrennen der Waaren in der ersten Kammer dauert etwa 13, in der zweiten nur 6, in der dritten nur 44/, u. in der vierten 3V, Stunden. Das braune Bnnzlauer Steingeschirr,das in ordinäres Steinzeug übergeht, und in der Nähe von Bunzlau in Schlesien, aber auch im Norden von Böhmen, in Mähren u. dem Königreich Sachsen hergestellt wird, ist äußerlich, oft auch innerlich mit einem blutrothen, sich braunbrennenden Beguß- thon überzogen. Die Fabrikationsmethode (Braun- töpserei) ist eine dreifache. Bei der elfteren, nach welcher das gewöhnlichere Geschirr hergestellt wird, wird die Glasur theils ans dem vorher ungebrannten, lederharten Geschirr, theils aus verglühter Waare durch Ausgießen des Inneren derselben und Eintauchen mit der Öffnung nach unten zum Überziehen der Außenseite ausgewogen. Sie ist aus geschlemmtem Lehm u. Pottasche bereitet. Das Brennen geschieht ohne Kapseln in Ofen, welche denen bei der Steinzeug- u. Fayencefabrikation ähnlich sind. Bei der zweiten Methode wird der feuerfeste Thon nur rnit35"/„Sand von Stecknadelkuopfgrößeversetzt, geformt ». mit einer leichtschmelzigen Glasur aus Lehm, Pottasche, Soda u. Borax überzogen u. das Brennen selbst in Kapseln mit Stein- oder Braunkohlen in stehenden Oefen vorgenommen. Nach der dritten Methode wird das sog. engobirte Geschirr mit einer weißen, außen rothbraunen Farbe fabricirt. Für die innere Engobage (Begießung) der lederharren Stücke dient irgend eine Porzellanmasse, z. B. ein Gemisch von 24 Theilen Kaolin, 10 Quarz, 45 Feldspath u. 21 Porzellanscherbeu. Die innen engo- birten Gefäße werden geglüht und innen mit einer Glasur von 16 Thln. Feldspath, 4 Thln. Quarz, 8 Thln.Kalk u. 2 Thln. Porzellanscherbeu ausgegossen, äußere mit einer Lehmpottaschenglasur glasirt. G e s ch i ch t l i ch e s. Die Töpserkünst (Keramik), die Kunst Ziegeln, gewöhnliche Töpferwaaren, Steinzeug, Fayence, Porzellan rc. herzustellen. Ihre Erzeugnisse gehöre» zu den ältesten Culturerzeugnissen. Das ursprünglichste bekannte T. bestand aus korb- od. schalenartigen Geflechten, die mit Lehm rc. ausgeschmiert wurden (Jnnerafrika). Unter den ägypt. Alterthümern finden sich jedoch schon aus ältester Zeit glasirte u.unglasirte Steine, sowie Geschirre der mannigfachsten Art in allen möglichen Formen mit eingebrannten Farben bedeckt. Die Ägypter bedienten sich nämlich schon der Töpferscheibe, die als eine ihrer zahlreichen Erfindungen anzusehen ist. Bei den Ausgrabungen von Babylon u. Ninive haben sich irdene Hohlgesäße u. Schüsseln von guter Arbeit gefunden. Der CultuS der Griechen u. Römer, die Asche ihrer Todten aufzubewahren, veraulaßte die Herstellung vou Gefäßen (s. Gefäß), die heute noch bewundert werden. Schon die alten Etrusker stellten mit Schmelz überzogene Töpferwaaren her, die schon in alten Zeiten sehr werthvoll waren und noch zur Zeit des KaisersAugustuS sehr theuer bezahlt wurden. Ohne Zweifel aber hatten sie diese Kunst durch die Ägypter oder deren Schüler, die Semiten (Phöuiker rc.) erhalten. Der Backsteinbau der alten Römer und Griechen war ziemlich weit entwickelt u. stand auch in Beziehung auf künstlerische Ausbildung auf einer hohen Stufe, s. Vasen. Von den alten Germanen und Galliern, welche wie die Römer die Überreste der Todten in Urnen aufbewahrten, sind eine Menge Urnen erhalten, die in ihrer Form von der der römischen abweicheu. Eine Entwickelung n. ein Emporblühen der Töpserkünst trat in Europa erst im 8. Jahrh. ein, als die Mauren Spanien eroberten. Sie pflegten die Töpserkünst, welche bei ihnen schon ans einer ziemlich hohen Stufe stand, indem sie es verstanden, ihre Waare zu emailliren, bis zu ihrer Vertreibung aus Spanien. Die von ihnen zur Verzierung verwendeten Farben waren prächtig, von feinem Geschmack, ihre Email von gelblich-weißer Farbe u. schillerndem Glanze, ihre Formen sehr verschieden u. künstlerisch ausgeführt. Sie stellten Gefäße, Blumen, Blätter, Vögel, Arabesken rc. dar. Ihre Ziegeln sind mit einer weißen, undurchsichtigen Glasur bedeckt u. durch Farben verziert. Die Alhambra weist viele derselben auf, ebenso eine sehr gute Vase der damaligen Zeit. Als die Saracenen 828 Sicilien eroberten, schmückten sie ihre Moscheen in Palermo mit ähnlichenZiegeln wie die Alhambra. Im 9. Jahrh. gelaugte die Töpferkunst mit der Eroberung von Apulien durch die Mauren nach Italien u. von hier nach Majorca, u. bei der Eroberung dieser Insel durch die Pisaner im Jahre 1165 nahmen die Sieger aus den dortigen Fabriken eine Menge von Kunstwerken nach ihrer Stadt und verwendeten sie zuin Schmucke ihrer Kirchen u. verpflanzten die T. nach Italien. Auch die byzantinischen Griechen trugen viel dazu bei, sie in diesem Lande zu heben. Im 13. Jahrh. wurde sie daselbst selbständig, im 14. vervollkommnete sie sich, bis sie in den beiden solgenden Jahrhunderten zur größten Blüthe gelangte, welche sie bes. dem 1400 zu Florenz geborenen Bildhauer Lucca della Robbia verdankt, der etwa 1438 der Wiedererwecker u. Wieder- erfinder der Emailirkunst wurde. Durch ihn u. seinen Neffen Andreas wurden diese Waaren, Gefäße, Schüsseln, Teller, Vasen, Leuchter rc. als Majoliken weithin verbreitet u. berühmt, s. Majolika. In Faenza und Florenz wurde zuerst nach dem Tode Luccas die von diesem verwendete weiße dünne Zinnglasur bereitet u. nach ihr Fayence benannt, womit jetzt alle weiß emaillirten Geschirre bezeichnet werden. In Deutschland hatte im 16. Jahrh. der Nürnberger Hirschvogel die Majolika-Industrie aus Urbino nach seiner Vaterstavt gebracht, wo er sie bes. in der Oseniudustrie verwandte. Neuerdings fängt mau an, diese Oefen des 16. Jahrh. zu copi- ren. In Frankreich errichtete mau 1570 auf Veranlassung des Herzogs Louis Gonzago eine Majolikenfabrik zu Revers, die sehr gute Sachen lieferte, welche in neuerer Zeit wieder nachgeahmt werde». Lange vor dieser Zeit schon besaß Frankreich bedeutende Töpfereien, bes. im S., u. schon im 12. Jahrh. waren die Waaren von Beauvais berühmt. Bes. fabricirte man daselbst emaillirte Thonwaaren. Unter Franz I. wurde zu Rouen eine Fabrik errichtet, deren Waaren im 17. Jahrh. berühmt waren. Die meisten Verdienste um die französische Töpferkunst jener Zeit 435 Töpfcrkunst — erwarb sich Vernarb Palissy, der 1550 bunte Gla- snrcn entdeckte u. prächtige Thonwaaren herstelltc, die in neuerer Zeit wieder in Österreich u. Frankreich nachgeahmt werden. Auch in Deutschland blühte vor der Zeit der Majolica bereits die Töpferkunst. Vor Allein fabricirte man am Rhein von 1440 bis 1020 gutes Steinzeug, u. schon damals waren die Geschirre des noch jetzt durch seine Töpferwaaren berühmten sog. Krug- u. Kannenbäckcrlandes Nassaus bekannt. In Holland genossen die Maaren von Delft einen großen Ruf. Zur Zeit Heinrichs IV. wurden dieselben nach England ansgefllhrt. Man copirte daselbst meist chinesisches Porzellan u. verfertigte bes. Tischscrvice. In der Steinzeugfabrikation, dessen Glanzperiode von 1540 bis 1620 reicht, that es sich ganz besonders hervor. Von jeher reich an Töpfereien war die Grafschaft Stassordshire u. hierin bes. Burslem, wo schon 1650 verzierte Schüsseln hergestellt, 1680 aber eine Salzglasur erfunden wurde. Es besaß um das Jahr 1700 bereits 22 Öfen, 1852 aber inclusive Umgegend 133 Fabriken, die mehr als 60,000 Menschen beschäftigten. 1690 ahmten die Gebrüder Elers in England sapanesische Maaren nach u. am Anfang des 18. Jahrh. stellte man daselbst bereits bemalte u. bedruckte Geschirre dar. Einen bedeutenden Aufschwung nahm die Kunst in England unter Wedgewood, der 1730 zu Burslam geboren wurde. Durch Mischung von Thon mit Mclalloxyden gelang es ihm zunächst, Achat, Jaspis n. farbige Steine nachzuahmen. 1759 gluckte es ihm, weißes Steingut u. das berühmte milchweiße Geschirr zu sabriciren. Er fertigte bes. Kunst- und Luxusgegenstände, aber auch Geschirre für den täglichen Gebrauch an. Alle sind durch feinen Geschmack ausgezeichnet. Neuerdings versucht man es vielfach, die blauen und weißen Medgewoods nachzuahmen. Über die Geschichte des Porzellans, des vorzüglichsten Erzeugnisses der Töpferkunst, s. Porzellan. Vgl. Grässe, Beiträge zur Geschichte der Gefäßbildnerei, Porzellansabrikation, Töpfer- und Glasmachcrkunst bei den verschiedenen Nationen der Erde, Lpz. 1853; Karmarsch, Geschichte der Technologie, Münch. 1872; Kerl,Handbuch der gesammtenThonwaarenindustrie, 2. Ausl. Braunschw. 1878; Jännicke, Grundriß der Keramik, Stuttg. 1878; Racinet, 5a seramigus japonaiss, Par. 1878; Tenax, Die Steingut- und Porzellanfabrikation, Lpz. 1879; Toifel, Keramik, Dresd. 1879; Niedling, Original-Entwürfe für kunstgewerbliche Erzeugnisse der gesammten Thonwaaren- indnstrie, Weimar 1879; Ornamente antiker Thongefäße , herausgeg. vom k. k. Museum für Kunst u. Industrie, 2. Aust. Wien 1879; Jahrbuch über die Leistungen u. Fortschritte der Thonwaaren-, Kalk- u. Cement-Jndnstrie, herausgeg. von Zwick, Berl. 1878 ff.; Deutsche Töpferzeitung, Lindau 1877 ss.; Allgemeine österr. Ziegel- u. Thonwaaren-Zeitung, herausgeg. von Keinper-Nenzmann in Wien. Glatz-l. Töpferkunst (Keramik), s. u. Töpsergeschirr. Tüpffer, Rudolf, Maler und Novellendichter, geb. 17. Febr. 1799 in Genf; bildete sich unter seinem Vater, dem Landschafts - u. Volkssceuenmaler Valentin T., in der Malerei aus, mußte sie aber infolge einer Augenkrankheit ausgeben, ging 1819 nach Paris, wurde 1833 Professor der Rhetorik an der Akademie in Genf n. st. daselbst 8. Juni 1846. Er ist bekannt durch seine burlesken Genrezeichnungen: - Topographie. Histoirs äs LI. stabst; llmt. äs LI. Oröpin; LI. i?e>roil;5s ckostsur b'sstus; LI. Oz'ptognms; 5sa amours äs LI. Vioux-Loin (deutsch von Kcll, Lpz. 1847), gesammelt in der Oollsetiou äs8 lüstoirss vn sstamxsa mit frauzös. u. deutschem Text, Genf 1846—47, 6 Bde. Ferner ist er berühmt durch seine kunstvoll ausgearbeiteteu Novellen, in denen er Humor, Phantasie, Empfindung u. moralische Tendenzen in anmuthiger Harmonie vereinigte. Sein Stil ist durch das IramMa rstuMS beeinflußt. Seine Hauptwerke sind: Llouvsliss Asnsvomss, 1841; VozmAvn SN ÄA-2LA, 1843—53,2 Bde., mit Illustrationen von ihm, u. Rosa st Osrtruäe, 1846; ferner: 5s prssbzcksre, 1833; 5a bibliotbsgus äs man onols, 1832, rc.; Gesammelte Schriften, deutsch Lpz. 1847 bis 1853, 8 Bde. Vgl. Namberts 5sr1varns natio- naux 8UI8SS8, 1. Bd., Genf 1874. Volchert. Topfaewölbe, s. Gewölbe. Topfstein (Giltstein), ein kalkartiges Material, aus dem feuerfeste Töpfe gedreht werden. Tophail (Tofail), Abu Dschafar Ebn T., arabischer Gelehrter aus Sevilla; er st. 1176(1190) u. sehr, de» philosophischen Roman: Hai Ebn S)ok- dhan, herausgeg. arabisch u. lateinisch (kkikoaopbus ar-roN'st«xroch von Pococke,Oxf. 1671, 2. A. 1700; englisch von GeorgeAhwell, Land. 1686; von S. Ock- ley, ebd. 1708, 2. A. 1731; deutsch(der von sich selbst gelehrte Weltweise) von Pritius, Franks. 1726, und (der Naturmensch) von Eichhorn, Bert. 1782. Topham, Frank, namhafter engl. Aquarellmaler der Gegenwart, geb. in Leeds 1808, starb in Cordova 31. März 1877. T. begann seine künstlerische Laufbahn als Stahlstecher u. trat erst 1848 als Aquarellmaler auf. Seine Stoffe holte er sich auf Reisen im schottischen Hochlande, in Irland, Italien und Spanien zusammen. Bon seinen sehr zahlreichen Werken mögen hier genannt sein: Fischers Heimath; Zeitvertreib im Hochland; Baruaby Rudge u. seine Mutter; Des Zuaven Kriegsgeschichte; Die Wanderer; Niederpyrenäen-Bauern am Brunnen; Auda- lusischer Briefschreiber; Irische Bauersleute am Fuße eines Kreuzes. Regnet. Top-Hane (türk.), 1) Kanonengießerei, Zeughaus; 2) eine Vorstadt von Constantinopel, s. d., S. 330, 2. Sp. Topik (v. Gr.), Anweisung zur Auffindung dessen, was sich über einen Gegenstand sagen läßt; bes. für die Redner. Aristoteles u. Cicero schrieben T-en. Kant unterschied von jener logisch-rhetorischen die transscendentale T., welche sich mit Erforschung des Ursprungs der Vorstellungen beschäftigt; dann die Kunst, allgemeine Begriffe u. Sätze (Isoi oommu- NL8) zum rednerischen Gebrauche auzuwenden; endlich Lehre von den bibl. Beweisstellen; daher 5opioa, Schriften, worin Beweisstellen gesammelt sind. Topinambur, s. Erdbirne. Töplitz, 1) Stadt, so v. w. Teplitz. 2) (slow. Dolenjske Toplice) stark besuchter Badeort im Bez. Rndolfswerth des österreich. Herzogthums Krain, mit drei warmen Quellen von 26"R., großeMilitär- Badeanstalt, schönes Schloß des Fürsten Auersperg, berühmte Felsengrotte Rosegg. 8) so v. w. Krapina. Topographie (v. Griech.), Ortsbeschreibung, die genauere Beschreibung einer Gegend, einer Stadt od. eines sonstigen Ortes. Die T. ist ein Theil der Specialgcographie. Von den meisten (wenigstens 436 Topographisches Aufnehmen — Torem. gröberen) Städten gibt es besondere T-», mit Angabe ihrer Lage, ihrer Localität, politischen u. mer- kaulilischeu Verhältnisse und Merkwürdigkeiten. Topographisches Aufnehmen, 1) s. Ausnehmend 2) s. Militärisches Aufnehmen. Topographische Bureaus, Anstalten, welche Alles sammeln u. anfbewahren, was auf die Kennt- niß der Oberfläche des Bodens und auf die Eigeu- thllmlichkeiten der Länder Bezug hat. Sie beaufsichtigen n. leiten daher das Entwerfen der Karten eines Landes und sammeln alle Notizen, welche zu obigem Zweck dienlich sind. Da dem Militär die genaue Keuntniß des eigenen u. benachbarten Landes von der größten Wichtigkeit ist, so wird das T. B. gewöhnlich von einem höheren Offizier des Generalstabs als Director geleitet, welchem mehrere Ge- neralstabsosfiziere, Jngenienrgeographen n. a. Personen, gewöhnlich Offiziere aus der Armee, zur Dienstleistung beigegeben sind. Es zerfällt in größeren Armen (wie in der preußischen) in das eigentliche T. B. u. in das Trigonometrische Bureau, welches die trigonometrischen Arbeiten zur Entwerf- nng des Netzes der allgemeinen Vermessungen besorgt. Außerdem gehört die Plankammer meist zu dem T-n B., n. ist jedem T-n B. noch eine besondere lithographische Anstalt, um seine Arbeiten zu vervielsältigen, u. auch einige Kupferstecher zu gleichem Zwecke beigesellt; in »euerer Zeit auch Photographen, um Pläne auf photolithographischem Wege zu vervielfältigen. l» Topographische Karten (T. Zeichnungen, T-r Grundriß), Karten, welche in einem so großen Maßstabe gezeichnet sind, daß sie das Detail des Terrains erkennen lassen. In Deutschland erscheinen die T-n K. in 1:50,00» n. 1:100,000, in Frankreich in 1:80,000, in Österreich in 1:75,000, in Rußland in 1:126,000, in Italien in 1:100,000. Topoljas, kleiner Ort in der griechischen No- marchie Attika u. Böotia, am NUfer des gleichnam. Sees (s. Kopais), liegt zur Zeit des Hochwassers auf einer Insel; die Einwohner betreiben namentlich Blntegelfang. Topologie (v. Gr.), so v. w. Topik. Topp, Las oberste Ende der Masten u. Stengen. Toppen die Raaen, d. i. in verticaler Richtung bewegen; brassen, d.i. in horizontaler. T-nant, s. Takelage; T-gasten, das sind die Vorleute der Marsgäste; Toppo, ein offenes langes Fischerfahrzeug im Adriatischen Meere mit weit rückwärts stehendem Mast undtrapezoidischemSegel; T-reep, ein starkes Tau vom T. des Großmastes nach dem T. des Fockmastes, um das Ladetakel daran zu hängen; T - segel, 1) oft die Marssegel so genannt; 2) die Segel über der Gaffel. Topp! Jnterjection, bes. beim Handschlag, v. span, topar (franz. töpsr) den Satz im Spiel halten; also figürlich „ich halte den Satz"; es gilt! Toeppen, Anton Hugo, geb. 8. Oct. 1853 zu Udzikau (Ostpreußen), studirte 1872—73 u. 1875—77iuLeipzigGeographieu. neuere Sprachen, war dazwischen Hauslehrer in Österreich u. fungirt seit Herbst 1877 als Oberlehrer an der Realschule II.O. zu Leipzig. Er schrieb: Die Doppelinsel No- waja Semlja. Geschickte ihrer Entdeckung, Leipz. 1878; Das Carambolespiel, Wien 1876 u. redigirt seit April 1878 LieZeitschrist Aus allen Welttheilen. Topschider (Toptschider) Ort in der Nähe von Belgrad (Serbien) mit fürstlichem Lustschloß mit Park. Hier wurde 10. Juni 1868 Fürst Michael Öbrenowitsch meuchlings erschossen. Tor, kleiner ägyptischer Hasenort am Gols von Suez, am Fuße des Sinai gelegen. , Torcello, Insel, 8 icm nördl. von Venedig, mit Resten der alten Stadt, Kathedrale (im 7. Jahrh. erbaut), mit alten Malereien, Mosaiken u. Sculp- turen, Kirche Sa. Fosca aus dem 9. Jahrh. rc.; jetzt hier ein Dorf mit etwa 150 Ew. Torda-Aranyos, 1) Comitat in Siebenbürgen, 1876 gebildet aus dem unteren Theil des Tordaer Comitats, dem Arauyoser Stuhl, dem längs des Aranyos liegenden Gebiete des Unter-Weißenburger u. mehreren Ortschaften des Klausenburger Comitats, 3369,gi sljicm (61,2 HZM) mit (1869) 140,600 Einw. (auf 1 sDkm 41 in ganz Ungarn-Siebenbürgen 48,4). Das Comitat ist meist gebirgig und hügelig u. wird vom Maros u. Aranyos bewässert. Die Bewohner, meist Ungarn, treiben Acker- und Weinbau, Viehzucht u. Bergbau auf Salz, Silber, Gold rc. Es wird durchschnitten von den Linien Groß- wardein-Klausenburg Kronstadt u. Kocsärd Marös- Väsarhely der Ungarischen Ostbahn. 2) Hauptort darin, so v. w. Thoreuburg. H. Berns. Tordenskjold, Peter, eigentlich Wessel, dä- nischer Seeheld, geb. 28. Oct. 1691 zu Drontheim in Norwegen; ging 1704 nach Kopenhagen, wurde Cadet der königlichen Marine, 1711 Capercapilän, 1712 Schiffslieutenant u. Ende 1714 Fregattencapi- tän; zeichnete sich 1715 in der Seeschlacht bei Rügen aus u. war dann mit bei der Flotte, welche Stralsund blokirte. Nach der Eroberung von Stralsund wurde er geadelt, erhielt den Namen T., wurde Generaladjutant u. Jnspector der Flotte u. 1718 Vice- admiral; 23. Juli 1719 eroberte er die Flotte, welche in dem Hafen von Marstrand vor Anker lag, und zwang das Fort Karlsten zur Übergabe. Nach dem Frieden von Friedrichsborg (23. Juli 1720) ging T. auf Reisen, bekam in Hannover Streit mit einem schwedischen Obersten Stahl und wurde von diesem 12. Nov. 1720 im Duell erstochen. Denkmäler in Drontheim u. in Kopenhagen. Schroot. Toreador (span.), Stierkämpfer zu Pferde, s. u. Stiergesecht. Torell, Otto, Naturforschern. Nordpolreisender, ^ geb. 5. Juni 1828 zu Warberg in Halmstads-Län ! (Schweden); studirte seit 1844 in Land Medicin n. I Naturwissenschaften, unternahm zahlreiche Reisen, von Lenen die nach den schweizerischen Alpen 1856 u. die nach Island u. bes. seine 1858,1861, 1864 u. 1868 nach Spitzbergen unternommenen wissenschaftlichen Expeditionen bemerkenswerth sind, ans welchen ihn Nordenskjöld begleitete, u. welche er mit diesem beschrieb (deutsch Lpz. 1869). T. wurde, nachdem er Adjunct der Zoologie und Intendant des Zoologischen Museums in Lund gewesen, 1866 Pro- ^ fessor der Zoologie und Geologie daselbst und 1871 Ches der zoologischen Untersuchung Schwedens in Stockholm. Schrool. Torelli, Achille, italien. Komödiendichter, geb. 1844 in Neapel; diente in den italienischen Kriegen der Neuzeit als Freiwilliger u. errang mit 16 Jahren schon durch seine erste Komödie: 6üi mnors, 43 ? Toreno - Ärars, s ein resta 81 äa pace einen Staatspreis, dem nachher noch zwei solche folgten mit La mmsicmo ckella äonna und La vsrltä. Ferner zählen zu den besten Stücken unter den 30, die er bereits geliefert: Lira eorts nsl asoolö X VII u. I inariti, sowie das für die Ristori geschriebene Stück La nonna. Toreno, Don Jose Maria Quehpo de Llano Ruiz de Saravia Conde de T., span. Staatsmann und Geschichtschreiber, geb. 1786 zu Oviedo; studirte Naturwissenschaften u. neuere Sprachen , nahm an dem Ausstande gegen die Franzosen 1808 theil und entwickelte als Unterhändler bei der Allianz mit England, sowie als Cortesmitglied 1810 n. 1812 bereits ein ausfälliges staatsmännisches Talent. Stach Ferdinands VIl. Rückkehr floh er 1814 nach Frankreich, woher er erst 1820 wiederkehrte, um in Len Cortes seine frühere hervorragende Stellung einzunehmen. Mit Eintritt der Reaction 1823 verbannt, zog er nach Paris, kehrte infolge der Amnestie 1832 abermals nach Spanien zurück, wurde 1834 Finanzminister u. machte sich durch seinen Eifer, die Finanzen seines Vaterlandes zu heben, verdient, kam aber mit den Progressisten wegen seiner Plane bezüglich der unter der Regentschaft gemachten Staatsschuld in unangenehme» Conflict. Vom April bis Sept. 1835 war er Minister des Auswärtigen u. Ministerpräsident, rief aber durch seine re- actionären Maßregeln Empörungen in den Provinzen hervor, unter denen er selbst stürzte. Nach abermaligem fast vierjährigem Ansenthalte in Frankreich 1839 in sein Vaterland zurückgekehrt, wurde er Febr. 1840 in die Cortes gewählt; aber als Moderado verfolgt, wendete er sich nach Paris zurück, wo er 16. Sept. 1843 starb. Er schr.: Llratorra ckol Isvan- tarnioirto, xnsrra z- rsvolneicm cko Lspana, Madr. 1835— 37, 5Bde., Par. 1838, 3 Bde., deutsch Lpz. 1836— 38. Lagai. Torero (span.), Stierkämpfer, s. Stiergefecht. Toreutik (v. Gr.), Kunst in Holz, Stein, bes. aber in Metall Figuren erhaben zu arbeiten, namentlich durch Guß hervorzubringen, doch auch Drehen, Schnitzen, Treiben; nach Plinius jedoch nur Bildnerei in Bronze; Toreuten, Künstler, welche solche Arbeiten verfertigen. Torf (Ponrbs, ?oab), ein bald mehr lockeres, bald mehr zusammengepreßtes, compactes, verfilztes Gewebe von Pflanzentheilen, welche in einer Umwandlung zu Kohlensubstanz mehr od. weniger vorgeschritten sind u. demgemäß noch mehr od. minder deutlich ihre vegetabilische Beschaffenheit erkennen lassen. Die Farbe des T-es ist lichtbraun, dunkelbraun und pechschwarz, je nach ihrem Alter, ihrer Zusammensetzung u. Dichte. Trocken ist der T. gewöhnlich leichter als Wasser u. saugt letzteres wie ein Schwamm auf; er verbrennt mit mehr od. weniger lebhafter Flamme unter starkem Rauch und Entwickelung eines unangenehmen Geruches u. hinter- läßtmeisteinenbedentendenAschengehalt. Bei trockener Destillation liefert der T. Kohle, Holzessig, Holz- theer n. Leuchtgas; Kalilauge wird durch T. dunkel- braun gefärbt. Der Gehalt an Kohlenstoff ist beim T. geringer als bei der Braunkohle, der an Bitumen u. Asche dagegen größer. Die T°masse besteht größtentheils aus Sumpf- u. Wasserpflanzen, Moosen, Conserven, Gramineen, Cariceen, Cyparaceen und Ericaceen. Je nach dem pflanzlichen Material — Torf. unterscheidet man a) Moos-T., von Wassermoosen, hauptsächlich Sphagnnmarten gebildet; b) Confer- ven-T., von im Wasser schwimmenden Pflanzen, Conserven, Najadeen gebildet, meist ohne deutliche vegetabilische Structnr; o) Wiesen-T., hervorgegan- gen aus den Wurzeln u. Halmen von Grasern, Ried» gräsernn.Binsen(Oarsx,8orrpns,LriopIrornmoto.); ck) Heide-T., entstanden ans Moorheidekräntern (namentlich Lrioa tstralrx); s) Holz-T., aus vermoderten Stammtheilen u. Wurzeln von Waldbän» men (Weiden, Erlen) gebildet; k)Meer-T., ans Tangarten entstanden. Je nach der Masse unterscheidet man: a) Pcch-T., von pechschwarzer oder dunkelbrauner Farbe und fast dichter Beschaffenheit, zeigt auf Schnittflächen wachsartigen Glanz; b) Ra- sen-T., von gelbbrauner oder holzbrauner Farbe, meist lockern, aus ziemlich deutlich erkennbaren Pflanzenresten gebildet; e) Faser-T., Pech-T-masse, wird von weniger zersetzten Pflanzentheilen durchzogen; scn. Im Dreißigjährigen Kriege litt T. bes. durch ^ Bauer bedeutend, so daß es 1640 fast wüst lag, und l wurde 1643 durch den schwedischen General Königs- ! mark gestürmt, jedoch bald wieder geräumt. 1690 ! wurde von hier aus die Verordnung wegen des Leip- s ziger Münzfußes erlassen, welcher auch deshalb der l T-er Münzfuß heißt. Am 12. u. 13. Aug. 1759 versuchten die Österreicher unter Stolbcrg u. Kleefeld die von Len Preußen unter Obrist Wolffersdorjs vertheidigte Stadt zu stürmen, wurden aber zurück - geschlagen, worauf die preußische Garnison wegen Mangels an Vertheidigungsmitteln 15. Aug. capi- tulirte. Am 3. Nov. 1760 Sieg der Preußen über die Österreicher bei dem nahen Sllptitz. Seit 1810 wurde T. auf Veranlassung Napoleons befestigt. Nach der Schlacht von Leipzig wurde T. erst von Sachsen, dann von Preußen unter Tauenzien eingeschlossen u. capitulirte, nachdem der französische Com- mandant Narbonne gestorben war, 26. Dec. 1813; 10. Jan. 1814 wurde der Platz übergeben. Vergl. ^ Fr. Jos. Grulich, Denkwürdigkeiten der Stadt T. aus der Zeit der Reformation, Torgau 1833, 2. A. von Bürger, 1855. Schroot. Torlonia, eine in den röm. Fürstenstand erhobene Bankierfamilie, welche von dem 1754 aus nie- derm Stande zu Siena geb. Giovanni abstammt. Derselbe schwang sich durch Thätigkeit, Sparsamkeit u. Unternehmungsgeist vom Lohndiener oder Klein- ? krämer zum Großhändler ersten Ranges u. Bankier ans, wurde vom Papst Pius VII. 1822 zum Herzog von Bracciano ernannt; sein Haus ward mit den ersten Familien verbündet und wurde der Sammelplatz des höchsten Adels. Er st. 25. Febr. 1829 in Rom und hinterließ 3 Söhne, wovon der älteste Duca Marino T., geb. zu Rom 6. Sept. l 1796, gest. 30. Sept. 1865, im Herzogth. Bracciano 439 Tormentillwurzel — Toro. folgte, das lautContractsclausel an die früheren Bescher Odescalchi znrückfiel; der zweite, Carlo, geb. 18 -Dec. 1798, gest. I.Jan. 1818 als Comthur des Johanniterordens, war bekannt durch seine wohl- thätigen Stiftungen n. an des Vaters Geschäft betheiligt mit dem jüngsten Bruder: Fürst Ales- sandro, Prinz v. Civitella Cesi, Herzog v. Ceri, Marquis diRoma vecchia, geb. I.Juni 1800; übernahm das väterliche Geschäft, das sich unter seiner genialen Leitung in die Reihe der ersten Bankhäuser der Welt erhob. Er ist weltberühmt wegen seiner großartigen Gemeinnützigkeit, durch die er unendlich viel Segen gestiftet hat. Sein größtes Verdienst besteht darin, daß er den Fuciner See bei Celano, früher eine fieberaushauchende Fläche, hat austrocknen, d.h. in Ackerland verwandeln lassen. Es mußte dazu ein neuer Tunnel von 6300 m gebrochen werden (ein alter aber total verstopfter ans der Römerzeit bestand schon). Im 1.1851 begonnen, wurde derselbe 9.Aug. 1862 eröffnet; aber erst 1875 war die Trockenlegung definitiv beendet. Das Unternehmen hatte zwar 50 Mill. Lire gekostet, es waren aber dadurch 11,332 Im des trefflichsten Bodens gewonnen von dem er 3000 finden Anwohnerndes Tees schenkte. Die Fieber sind seit der Trockenlegung spurlos verschwunden u.die ehemalige arme, verkommene, stumpfe, zu Räuberei geneigte Bevölkerung hat sich in eine wohlhabende, gesittete Gemeinde verwandelt. Vgl. Gefsroy, Iw ckssavcfioment du laolfiwin. Par. 1878. Von den Söhnen Marinos hiuterlicß der älteste Ginlio, Herzog von Poli (geb. 12. April 1824, gest. 22. Juni 1871) seinen Sohn Leopold als Chef der Herzog!. Linie, während der jüngere Giovanni,geb. 22 .Febr. 1831, gest. 9.Nov.1858, durch seine wissenschaftlichen Bestrebungen und poetische Begabung sich einen Namen gemacht. Fürst Alessandro hat nur eine Tochter, vermählt mit dem Prinzen Ginlio Borghese, der bei seiner Vermählung den Namen T. und den Titel Herzog von Ceri annahm. Schwor. TormcntiUwurzcl, s. BotsutüUa. Tormes, linker, 230 fim langer Nebenfluß des Duero in Spanien, entspringt unweit der Grenze der Prov. Toledo ans der Sierra Le Gredos, durchfließt das reizende Thal von Bohoyo u. El Barco und mündet an der portug. Grenze unterhalb Fe» mosclle. Torna, 1) Comitat in Ungarn, grenzt an die Comitate Abanj, Borsod, Gömör-Kishont u. Zips; 618,ot HHKm ( 11,2 ÜM) mit (1869) 23,176 Ew. (aus 1 sljfim 37 , 5 , in ganz Ungarn-Siebenbürgen 48,«). Die Oberfläche ist größtentheils gebirgig u. meistunfruchtbar. Flüsse: Bodva mitTornaviz. Die vorwiegend aus Kalk bestehenden Berge enthalten mehrere Höhlen, darunter die merkwürdigste die Szi- liczer Eishöhle, südl. vom Dorfe Szilicze, mit großartigen Eisbildungen im Sommer u. warm im Winter. Fast 40 0/5 der Oberfläche sind mit Wald bedeckt. Die Bewohner (meistMagyaren) bauen Gartengewächse u. Hans, etwas Getreide u. viel Wein; auch gewinnen sie Eisen n. Kupfer. 2) (Turnya), Marktflecken u. Hauptort darin, am Tornaviz; Co- mitatshans, großes Castell; Tuchweberei, Weinbau; (1869) 1469 Ew. Dabei die Ruinen des gleichnam. Schlosses, welches dem Comitat den Namen gab, u. große Waldungen. H. Berns. Tornados (Trovados, span.), heftige Stürme in Westindien und dem südlichen Nordamerika, auch Hurricans genannt; s. Wind. Tornberg, Karl Johann, schwed. Orientalist, geb. 23. Oct. 1807 zu Linköping in Schweden; stu- dirte seit 1826 in Upsala Theologie u. Philologie, wurde 1835 Docent des Arabischen daselbst u. 1847 Professor der Morgenländischen Sprachen in Lund, wo er 6. Sept. 1877 starb. Außer vielen kleineren Monographien gab er heraus: I'raAmonta guao- ckam libri ilaan-ol-wofiackirs, sto. iusoripti, Ups. 1834 u. 1835; Jbn-el-Wardis ülarAarita ruirabi- fium (mit lat. Übersetzung), ebd.1835—45, 2Bde.; ?rimoräia ckomiuatioum Llurafiitorum (aus dem Lartas genannten Buche), ebd. 1839; Jbn Khal- duns fisg-rratio cks vxpoäitionifius üranoorum in tsrras Islamismo sufijootas (mit lat. Übersetzung), ebd. 1840; 4uua1os roZum Llauritaniaö afi Ibn- afii-2sra eonseript. (mit lat. Übersetzung und Anmerkungen), ebd. 1843—46, 2Bde.; Das 11. Buch von Jbn-el-Athirs Cfirouieou, ebd. 1851 (schwed. Lund 1851), u. dann dieses ganze Werk, 1867—74, 12 Bde.; Weit cko Nirfifionck pur fir ckzwaotio äv8 Lseauisus, pers. mit schwed. Übersetz., ebd. 1863, u. beschrieb die Lockieo3 arabiei, psrsiei et tureioi difiliotfiseas Vpsalieusis, Ups. 1849, n. die Cockck. orivutals8 fiifiliotfisoas I-uuäiueusm, Lund 1850. Auch hat er sich wesentlich um die Erklärung orientalischer Münzen verdient gemacht. Vgl. darüber Zcitschr. der Dcutsch-morgenländ. Gesellschaft, Bd. 1, 3, 4, 5, 7, 11, 19, 22 u. 29. Torneä, 1) Fluß, kommt aus dem T.-See sT.- Träsk) in dem nördlichsten Theile des schwed. Läus Norrbotten, nahe an der Grenze des norweg. Amtes Tromsö; bildet mehrere Seen und Stromschnelleu, steht durch den Tärcndeby-Elf mit dem Kalip-Els in Verbindung, nimmt außer anderen Nebenflüssen den Laiuio- u. den Muonio-Elf auf u. ist von hier an bis zum Einfluß in den Bottnischen Meerbusen Grenzfluß zwischen Schweden ».Rußland. Die Länge seines Laufes beträgt 455 fim. 2) Stadt im rnss.Gouv. Uleaborg (Finnland), aus der Insel Sveusar an der Mündung des gleichnam. Flusses; Handel mit Fischen, Theer, Butter, geräucherten Rcnthierzuugen, Renthierleder, Hansrc.; (1870) 791Ew. Der längste Tag Lauert hier gegen 23 Stunden. Etwa 50 fim nördl. von T. liegt der 233 ru hohe Berg Awasakja, auf dem mau zur Zeit des Sonimersolstitiums die Sonne den ganzen Tag am Himmel sieht. — T. wurde 1621 angelegt und kam 1809 mit Finnland von Schweden an Rußland. Hier 20. Nov. 1810 Übereinkunst zwischen Rußland u. Schweden, durch welche die Grenzen des Friedrichhamner Friedens näher bestimmt wurden. H- Berns. Torne» (törnen), 1) das Umlegen eines Enües (Taues) um cinenPoller ic., um zu hemmen; 2) das Umdrehen des Loggglases dein: Messen der Schifss- geschwindigkeit. Tornister, Behälter, der auf dem Rücken getragen wird, dient dem nicht berittenen Soldaten zur Unterbringung u. Mitjllhruug der nöthigsten Be- kleidungs- u. Ausrüstungsgegenstände u. besteht aus Fell, Leder, Wachstuch od. gefirnißter Leincwand, s. Gepäck. Toro, Stadt in der span. Prov. Zamora (Leon), in einer fruchtbaren u. weinreichen Ebene (Tralo- 440 Torontal — Torpedo. Duero) am Duero (mit einer steinernen Brücke); 8430 Ew. — T. war im Mittelalter eine berühmte, volkreiche Stadt. Hier wurden auf dem Reichstage 1504 die für Spanien wichtigen I-sz'vs llo ll'oro gegeben. Hier 1476 Sieg Ferdinands des Katholischen von Spanien über Alfons V., König von Portugal. Torontal, Comitat in Ungarn, grenzt im O. an Temes, im N. an Arad, Csanäd und CsongräL, im W. an Bäcs-Bodrog n. im S. anKroaticn-Slavo- nien n. Serbien; 9495,Hskm (172,4 H>M) mir (1869) 545,503 Einw. (auf 1 Hskm 57,4, in ganz Ungarn-Siebenbürgen 48,4). Es bildet eine weite Ebene mit vielen Sümpfen u. Morästen. Flüsse: Donau (Grenzfluß im S.), Theiß (Grenzfluß im W.), Bega, Temes, Maros (Grenzfluß im N.), Aranka rc. Kanäle: Bega- und Berzava-Kanal. Eisenbahnen: 135 km. Der Boden ist sehr fruchtbar, das Klima mild, aber in einem großen Theile des Comitats ungesund. Die Bewohner treiben Ackerbau, Viehzucht, Seidencultur, Schifffahrt, Fischfang n. lebhaften Handel. Hauptort ist Groß-Becskerek. H- Berns. Toronto, Hauptstadt der canad. Prov. Ontario, an der NKüstc des Ontario-Sees u. an der Grand Trunk Eisenbahn mit 4 Abzweigungen nach dem Innern; Hafen mit Leuchtthurm, Sitz der Regierung, eines katholischen Bischofs n. des höchsten Gerichtshofes der Provinz; mehrere schöne Kirchen, Universität, Theologisches Seminar, Irrenhaus, Gesäng- niß; nicht unbedeutende Industrie, lebhafter u. ausgedehnter Handel, des. mit Getreide n. Holz. — T. wurde 1798 unter dem NamenJsorl angelegt, 1849 unter dem Namen T. zum Regierungssitz erhoben u. hatte 1861: 44,500 Ew., 1871: 56,092 Ew. Am 15. Aug. 1844 große Feuersbruiist. Schroot. Toröpez, Kreisstadt im russ. Gouv. Pskow, an der Toropa; hat 19 Kirchen, Fabriken in Leder rc.; 4989 (einst 10,000) Einw. Torpeder, Deckoffizierscharge (Feldwebelsrang) in der deutschen Marine. Torpedo, im Allgemeinen hohle Körper in Würfel-, Cylinder-, Kugel-, Pyramiden-, Birnen- oder ähnlicher, meist regelmäßiger Form aus Holz, Eisenblech od. Gußeisen, welche mit einer Sprengladung gefüllt u. mit einer Zündung versehen sind. Sie bilden eine der wirksamsten Waffen im Seekriege. Streng genommen führen aber nur jene zum Angriffe unter Wasser bestimmten Sprengapparate, welchen eine Bewegung auf das Ziel gegeben wird, den Namen T., während alle an einen bestimmten Ort gebundenen Sprenggeschosse, welche nur bei Annäherung eines Schiffes zur Wirkung kommen, Seeminen genannt werden. Die Se ein inen haben mithin den Charakter von örtlichen Hindernißmit- teln, durch welche Hafeneinfahrten u. solche Stellen der Küste vertheidigt werden, an denen der Feind eine Landung unternehmen könnte. Sie zerfallen in Stoßminen n. Beobachtungsminen. Bei den erste- ren erfolgt die Entzündung durch einen Anstoß gegen das zu vernichtende Schiff, indem dieses gegen den Zündungsmechanismus anläuft. Die Sloßininen bleiben zu jeder Zeit u. in jedem Wetter wirksam, sind leicht anzubringen u. bilden daher den größten Theil der submarinen Sperren (s. d.). Die Beobachtungsminen werden vom Lande aus durch einen Beobachter mittels Elektricität in dem Augenblicke entzündet, in dem das feiudlicheSchiff sich über ihnen ! od. in ihrem Wirkungsbereiche befindet. Zum Erkennen dieses Momentes bedient man sich der 6a- mora obseura, oder eines elektrischen Signals, das bei der Annäherung eines feindlichen Fahrzeuges an eine Mine erkennbar wird. Die Beobachlnngs- minen find da unerläßlich, wo es sich darum handelt, den eigenen Schiffen in jedem Augenblicke eine ungefährdete Passage zu gestatten u. doch gleichzeitig jedem nahenden feindlichen Schiffe gegenüber eine sichere Vertheidigung zu besitzen; sie werden daher in die Ein- und Ausgänge der schwimmenden Sperren gelegt. Seeminen sind, falls die Wasser- Verhältnisse ihren Gebrauch gestatten, überall da mit Vortheil in der Küstenvertheidigung zu verwerthen, wo in früheren Zeiten der Artillerie allein oder im Vereine mitHindernißmitteln dieFernhaltung feindlicher Schiffe oblag. Ohne Vertheidigung von Ge- schützfener hält man Minen, wie jede andere passive Sperre, für nicht genügend, um die Annäherung einer feindlichen Flotte zu verbieten. Die Stoß- minen sind meist mit feuchter, gepreßter Schieß, banmwolle gefüllte Gesäße von verschiedener Form. Zur Entzündung der Ladung dient eine Dynamitpatrone. Elektrische Leitnngsdräbte, in ein Kabel eingeschlossen, münden in diese Patrone. Das durch Elektricität herbeigeführte Erglühen derselben theilt den zündenden Funken der Patrone mit, welche ihn aus die Ladung überträgt. Zur Erzeugung des elektrischen «Stromes dient eine erregende Flüssigkeit (Schwefelsäure), die, in einer Glasröhre eingeschlossen, sich über ein im Minengefäße angebrachtes Zinkkohlenelement ergießt, sobald die Glasröhre durch den Stoß eines harten Gegenstandes zerbrochen wird. Befestigt werden Stoßminen mit Drahttauen, die durch Anker in ihrer Lage fixirt sind. Sollen dieselben feindliche Schiffe mit einiger Sicherheit treffen , so müssen sie etwa 3 in unter Wasser liegen, um nicht gesehen zu werden u. gegen treibende Ge- genstände geschützt zu sein. Die, wie schon erwähnt, bes. in die Ausgänge der Schwimmsperren gelegten Beobachtnngsminen werden gleichfalls mittels elektrischer Zündung entladen. Jede Beobachtungsmine ist mittels einer gegen feindliches Feuer u. die Action des Gegners geschützten Leitung mit der Beobachtungsstation verbunden, von wo aus sie derVerthei- diger mit Hilfe von elektrischen Apparaten spielen läßt. Die Beobachtungsminen werden so tief gelegt, daß sie auch bei dem niedrigsten Wasserstande nicht von den darüber hiuweggehenden Schiffen berührt werden können. Sie werden stärker geladen als die Stoßminen (ungefähr mit 70—80 k§ Schießbaumwolle); im einzelnen Falle richtet sich dies nach der Tiefe, in welcher sie liegen; doch fehlt es noch an Erfahrungen über die Wirkung, welche Sprengkörper gegen den Boden vonPanzerschifsen Hervorbringen, u. namentlich über das richtige Verhältniß zwischen Kraftänßerung und Entfernung der Beobachtungsminen vom Schiffe. Ihrer innerenZusammen- stellung sowol als ihrer äußeren Gestalt nach stimmen die Beobachtnngsminen mit den Stoßminen (Contactminen) im Allgemeinen überein. Torpedos sind, wie schon gesagt, im Gegensätze zu Seeminen, denen ein defensiver Charakter beiwohnt, unterseeische Sprengapparate, die eine gewisse Bewcgnngsfähigkeit besitzen, mittels deren sie an den Feind gelangen. Diese Bcwegungsfähigkeit i 441 Torpid. wird ihnen ans verschiedene Art gegeben: entweder sind sie mit einem Fahrzeuge in Verbindung, von dem sie ihre Bewegung erhalten, od man läßt sie durch Strömung u. Wind gegen feindliche Objecte treiben, oder sie tragen die treibende Kraft selbst in sich, stellen gleichsam ein submarines Geschoß dar. Zu denen der ersten Kategorie zählen die Slangen- T-s. Sie werden an der Spitze einer langen Stange oder Spiere (daher auch Spieren-T-s genannt) befestigt und von dem Angreifer auf einem besonderen Fahrzeuge (T-boot) in die Nähe des zu sprengenden Schisses gebracht. Die Anwendung der Stangen- T-s geschieht entweder von kleinen Dampfern ans, welche sich möglichst unbemerkt feindlichen Schiffen nähern und im letzten Augenblicke mit voller Kraft an dasselbe zu gelangen suchen; od. sie werden von größeren Fahrzeugen aus, die im Stande sind, mittels ihrer Ausrüstung, Schnelligkeit u. Mauövrir- fähigkeit ein Gefecht anzunehmen, zu Wasser gebracht. Die erste Art des Angriffes hat nur Aussicht aufGelingen bei Unternehmungen gegen Schiffe, die im Hafen oder auf Rheden still liegen, ferner gegen Werftaulagen, Pontonbrücken u. andere stationäre Gegenstände. Das zur Kategorie der Schlepp-T-s gehörige, von dem engl.EapitänHarwey construirte Geschoß (Schlepp-T.), welches au einer Leine an das anzugreifende Schiff herangefllhrt wird, ist immer mit Gefahr für das eigene Schiff verbunden. Es ist ein kupfernes Gefäß, das meist 50 kA Dynamit od. Schießbaumwolle enthält und von einem Holzkasten umschlossen ist. Es trägt an der vorderen Spitze das Schlepptau, an der Hinteren ein kürzeres Tau mit Korkbojen, welche letztere den Zweck haben, den T. in einer bestimmten Tiefe unter Wasser zu halten. Das Schleppen des T. geschieht vermöge seiner eigen- thümlichen Gestalt nicht im Kielwasser des angreifenden Schiffes, sondern seitwärts desselben unter einem Winke! von 45"; hieraus folgt die Gebrauchsweise, die darin besteht, an dem Vordertheile (Bug) des feindlichen Schiffes derart vorbei zu kommen, daß dasselbe aus den T. laufen muß, worauf dieser an der Schiffswand explodirt. Die einfache Art der Construction und des Gebrauches der Schlepp-L-s erfordert keine besonderen Einrichtungen und macht es möglich, daß jedes Schiff sich derselben bedienen kann. Alle Nationen haben Liesen T. daher, trotz seiner Mängel, angenommen. Treib-T-s, die ältesten von allen, sind nur da anwendbar, wo dauernde Strömungen sich befinden. Ihre Bewegung ist, der Bewegung des Wassers entsprechend, meist zu langsam, ihre Vermeidung u. ihr Auffaugen n. UnschäL- lichmachen seitens des Gegners zu leicht, ihr Erfolg mithin zu unsicher. Die wichtigste Art der T-s sind die Projectil-T-s. Die hervorragendsten Modelle derselben sind der Ericssonsche, der Laysche und der Lnppis-Whiteheadschc oder Fisch-T. Der aus dünnem Eisenblech construirte Ericssonsche T. hat einen in 2 Theile getrennten innern Raum, deren einer für die Ladung, der andere zur Ausnahme der Maschine u. Stenervorrichtung bestimmt ist. Bei dem Gebrauche bleibt er mit dem Schisse od. dem Lande, von welchem er abgelaffen wird, durch ein biegsames Kabel verbunden, das wieder mit einem Lustreservoir im Boote in Verbindung steht. Mittels der Dampfmaschine wird nun comprimirte Lust eingepumpt u.diesetreibtden Propeller apparatimT. Derselbe kann sich46invomSchifse entfernen. Die Ladung beträgt 500 ÜA Schießbaumwolle od. Dynamit. Verfehlt der T. aus irgend einem Grunde sein Ziel, so wird der Luftzutritt abgesperrt, der T. am Kabel herangeholt u. von Neuem losgelassen. Der 1,872 erfundene Laysche T., aus Kesselblech geschmiedet u. cigarrenförmig, ist 7„m laug, bei 93 om Breite, u. hat bei völliger Ausrüstung ein Gewicht von 2000 KZ-. Er schwimmt unmittelbar an der Oberfläche; die bewegende Kraft ist flüssige Kohlensäure, von welcher der T. 250 KZ mitführt. Dieser Vorrath soll für einen Weg bis zu 3 Seemeilen ansreichen. Das Innere ist durch Zwischenwände in 4 Theile getheilt. Dieselben nehmen die Ladung, welche durch Len Anstoß zur Entzündung gebracht wird, ferner die Kohlensäure, das Kabel u. 2 galvanische Batterien , 2 Relais, ein Gesäß als Regulator des Gasdruckes, die Maschine zur Bewegung des Propellers u. den Steuerapparat auf. Wie man sieht, ist dieser T. sehr complicirt u. infolge dessen empfindlich; seine Herstellungskosten sind, wie die des Ericssonsche», sehr bedeutend (ca. 40,000 U das Stück), auch ist er mehr der Zerstörung ausgesetzt, als die unter Wasser schwimmenden T-s. DerWhiteheadscheFisch- T. besteht aus einem dünnwandigen eisernen Gefäße von der Form einer an beiden Enden zngespitzteu Spindel von etwa 5 mLänge u.Gm größtem Durchmesser in dem mittleren, fast cyliudrischen Theil. Aus dieser Spindel von glatt polirter Oberfläche treten nur am Hinteren Ende die mit einem mehrflügel- igen Schraubenpropeller versehene Maschineuwelle u. einige Flossen hervor, während jedoch die eigentliche Negulirung der richtigen Schußlinie dem im Innern des T-s in seiner Construction geheim gehaltenen Steuerapparat zufällt. Dieser Steuerapparat ist das größte technische Meisterstück an dem ganzen T. Die Triebkraft des Geschosses besteht aus bis zu 40 Atmosphären gespannter Luft, die, allerdings nur kurze Zeit wirkend, das 350 I große T-gesäß mit l l m Geschwindigkeit in der Secunde durch das Wasser treibt, während die größten, 10 Mill. I sassenden Dampfschiffe eine Geschwindigkeit von höchstens 8 m aufzuweisen vermögen. Der vordere spitze Theil des Geschosses, der sog. Kopf, enthält die Sprengladung, 20 — 25 KZ Schießbaumwolle oder Dynamit, u. trägt an seiner äußersten Spitze die mechanische Zündvorrichtung in Gestalt einiger spitzen u. scharfen Hebel. Die Wirksamkeit dieser Vorrichtung ist so groß, daß die Zündung dann noch gesichert ist, wenn der T. die Wand eines Schiffes unter dem geringen Winkel von 5" trifft oder streift. Die Größe der Ladung sichert selbst gegen die stärksten Doppelböden der großen Panzerschiffe dieSprenguug einer miudestens4s^>m großen Öffnung, außerden übrigen nebenhergeheuben, leicht erklärlicheuWirknngeneiner so gewaltigen Explosion. In neuester Zeit hat man auch kleine Dampfer gebaut, die an einem stark 3 m langen Rammsporn einen T. (daher T.- Dampfer) tragen, mit der Bestimmung, denselben unmittelbar u. rasch an feindliche Schiffe heranzubringen u.dort explodiren zu lassen. Vgl. v. Ehrenbrock, Die Fisch- T-s, Berl. 1878; Ders., Geschichte der Seeminen u. T-s, ebd. 1878; T-s u. Seeminen, von einem Fachmanne, ebd. 1878. D. Torpid (v. Lat.), schwer erregbar, träge. Torpor, verminderte Erregbarkeit, z. B. des Darms. 442 Torquatus - Torquätus (lat., d. i. der mit einer Halsspange Geschmückte), Beiname der Familie der Imperiosi, d. i. der Herrischen, eines Zweiges des angesehenen römischen Geschlechts derLIaulii. 1) Titus Man- lius Jmperiosus T., rettete seinen Vater, der wegen Amtsmißbrauch in seiner Diktatur 363 von dem Volkstribun M. Pomponius angeklagt war, indem er den Tribunen durch Androhung des Todes zur Zurückziehung der Klage zwang. Er war ein Mann von überaus energischem, strengem Charakter, eine jener echt römischen Heldengestalten der älteren Zeit, der im I. 361, als beim zweiten Einsall der Gallier der übermüthige gallische Riese den besten Römer zum Zweikampfe forderte, denselben besiegte u. seiner goldenen Halsspange (torgnos) beraubte, von welcher er den Beinamen T. annahm. Unter dem Schutze der Nacht entwich das entsetzte Heer der Feinde. Er bekleidete zum dritten Male das Con- snlat, als die Latiner politische Gleichstellung mit den Römern verlangten, u. Livius legt ihm die trotzige Abfertigung in Len Mund, er werde den ersten Latiner, den er in der Sitzung des Senates träfe, nie- dcrstoßen. Beim Ansbruche des Latinischen Krieges führte er ein Heer nach Campanien, u. erließ hier, um jederLockerung der Disciplin vorzubeugen, denBefehl an die Soldaten, nur auf ausdrücklichen Befehl einen Kampf mit dem Feinde anzunehmen. Als trotzdem sein Sohn Titus Manlius bei einer Recognoscirung sich durch die höhnischen Worte des Führers der ins« culanischen Reiterei, Geminus Mettius, zu einem Zweikampfe hiureißen ließ, in dem Geminus ge- tödtet wurde, befahl der Vater die Hinrichtung des Sohnes, so die Pflicht des römischen Bürgers der natürlichen Liebe voransetzend. Seitdem blieb der Name Manlius verhaßt, ». trotz seines Sieges am Vesuv und nachher bei Trifanum hat sich das röm. Heer nicht mehr mit dem herzlosen Manne versöhnt. Eine treffliche Schilderung dieser rauheu und ungebildeten Zeit, dieses strengen Mannes, der sich so rücksichtslos für alle Pflichten und Empfindungen zeigte, die sich nicht dem Wohle Roms uuterordne- tcn, s. bei W.JHne, Röm. Geschichte, Bd.1, S.299 bis 305 (Lpz. 1868). 2) TitusMaulius T., Urenkel des Vor.; bezwang als Consul im I. 235 v. Ehr. die Sardiner u. schloß den Janustcmpcl (s. Janus), zum zweitenMale in der römischeuGeschichte. Jmzweiteu PunischenKriege besicgteerdieKarthager auf Sardinien, nahm ihren Feldherrn Hasdrubal gefangen, und brachte die Insel wieder in römische Gewalt. 3) Lucius Manlius T., Consul im I. 65 v. Chr.; verwaltete als Proconsul Makedonien, trat nach der Entdeckung der Verschwörung des Catilina, den er im Jahre 65, als dieser des Unter- schleifcs angeklagt war, vertheidigt hatte, im I. 62 als Gegner desselben auf. Er war befreundet mit Hortensius und Cicero; des Letzteren Verbannung suchte er vergeblich zu hindern. Sein Sohn 4) Lucius Manlius T., der auch als Redner auftrat, ohne indessen als solcher Bedeutung zu haben, stand im Bürgerkriege auf Seite des Pompejus, wurde 49 v.Chr. Prätor, gerieth in CäsarsGefangenschaft, wurde wieder entlassen und fiel im I. 47 in einem Treffen gegen Cäsar in Afrika. Nach Suetons Erzählung scheinen die Manlii Torquati in den Bürgerkriegen ansgestorben zu sein. Augustus beschenkte den Nonius Asprenas mit einer goldenen Hals- — Torrens. spange n. gestattete ihm u. seinen Nachkommen den Beinamen T. zu führen; s.Sueton,vivus4u§ustus oap.43insä. Vgl.A.Weichert, vol-.Varii et liussii karwsnsis vita ei earminibus (Grimma 1836), S. 304—314. Schmitz. Torgualj, Marktstadt in der engl. Grafschaft Devon, in malerischer Gegend in der nördl. Ecke der offenen Tor-Bai des Canals (La Manche) Eisenbahnstation; sehr besuchtes Seebad u. klimatischer Mnterkurort; zahlreiche Villen, komfortable Badeanstalten, Conversationshalle, Theater, Museum der Naturhistorischen Gesellschaft, Verfertigungvon Zierrathen aus Malachit, kleiner Hafen; 1871: 21,657 Ew. Hier landete 1688 Wilhelm von Oranien. Torquemäda, Thomas de, Prior der Dominicaner und 1483—98 Generalinquisitor von Spanien, s. Inquisition. Torre, d ella, ein altes berühmtes italienisches Geschlecht, von welchem die Thurn u. Taxis (s. d.) abstammen. Torre, Marques della, s. Crescenzi 2). Torre Annuneiata Stadt in der ital. Prov. Neapel, am Golf von Neapel u. an der Südbahn mit Zweigbahn nach Castellamare, königliche Waf- fensabrik, Bereitung von Papier, Maccaroni; Handel mit Getreide u. Mehl; 15,321 Ew. Es wurde mehrfach durch Erdbeben u. Ausbrüche des Vesuv (des. 1631) verwüstet. Dabei die Ruinen von Pompeji (s.d.). Torre del Greco, Stadt in der ital. Prov. Neapel, am Golf von Neapel u. an der SBahn, schöne Landhäuser, Korallenfabrik, Fischfang ans Thunfische, Austern, Sardellen; Korallenfischerei, Schifffahrt, Weinbau, 18,950 Ew. (Gem. 23,611). T. wurde voni Kaiser Friedrich II. auf den Trümmern römischer Bauwerke gegründet; es litt sehr oft durch Erdbeben u. von 1631—61 9 Mal durch Ausbrüche des Vesuvs; am 8. Dec. 1861 wurde es durch einen solchen fast gänzlich zerstört. Torre de Moncorvo, Stadt im Distrikt Bra- ganza der portug. Prov. Traz os Montes, unweit der Mündung des Sabor in den Douro ain LÄb- hange des Berges Roboredo, von alten Mauern umgeben u. durch ein altes Kastell vertheidigt; schöne Pfarrkirche, Seidenweberei; 1800 Ew. T. soll das römische §orum istardasorum sein. Torre Maggiore, Stadt in der ital.Prov.Fog- gia, ehemal. Herzog!. Palast, berühmtes ehemaliges Kloster, 7238 Ew. Torre Pellice, Stadt in der ital. Prov. Turin, am Pellice, Hauptort der Waldensergemeindeu, Ly- ccum, Industrie in Baumwolle, Wolle u. Seide; 2260 Ew. (Gem. 4001). Torrens, 1) kleiner Fluß in SAustralien, entspringt auf deni Single Tree Head im Flinders Geb. u. mündet in Len S. Vincent Golf; einige Meilen oberhalb der Mündung liegt Adelaide; 2) See in S-Australien, von 30—32" s. Br., lang, meist nur 25 km breit, von kahlen Sanddünen umgeben, hat salziges Wasser; im Sommer schrumpft er in der Hitze zu einem Sumpfe zusammen, schwillt aber in der Regenzeit stark an; von dem Flinders Gebirge strömen ihm zahlreiche kleine Flüsse (Salt Creek u. s. f.) zu; mit dem Meere soll er laut Parlamentsbeschluß von 1878 in Zusammenhang gebracht werden. 443 Torrcs — Tvrstenson. Torres, 1) (T. Novas), Stadt im District San- tarem der portng. Prov. Estremadura, am Almondo, Station der Lissabon-Oporto'Eisenbahn; 3 Klöster, Banmwollenweberet, königliche Leinenfabrik; 1863: 6878 Ew. Hier begann 4. Febr. 1844 der Soldatenaufstand, welcher bis znm April dauerte. 2 ) (T. Bedras), Stadem District Lissabon der Prov. Estremadura, am Sigandro u. an weinreichen Hügeln, Station der Lissabon-T.-Vedras Eisenbahn; Schloß, 4 Kirchen, 3 Klöster, Wein- u. Obstbau; 1863: 4162 Em. Hierbei die berühmten, jetzt verfallenen Berschanznngslinien Wellingwns und der Portugiesen 1810, welche die Franzosen nicht anzugreifen wagten. 3 ) (T-straße), Meerenge zwischen dem nordöstl. Theile des Continents von Australien und Ncn-Gninea, ist etwa 180 Icm breit u. verbindet die Arasura-See u. Carpentariabai (Indischer Ocean) mit dem Korallen-Meere (großer Ocean), in ihr liegen zahlreiche Inseln, unter denen Prinz Wales-, Horn-, Banks-, Mulgraves-Jnseln die bedeutendsten sind; dadurch bilden sich mehrere Kanäle, unter welchen die Endeavour-Straße (zwischen C. Uork u. der erstgenannten Insel), Prince ofWales-,Bramble-, Banks-, Bliph-Kanal die wichtigsten sind. Die sich inimermehr nochausdehnendenKorallenriffe machen die Schifffahrt sehr gefährlich. Sie hat ihren Namen von dem spanischen Seefahrer Torres, der sie um 1606 befuhr. M Drenke. Torrevieja, Stadt in der span, Prov. Alicante (Valencia), an der Küste des Mittelländischen Meeres u. am Cap Eervera; mit gnter Rhede u. 6653 Ew. In der Nähe die Salinen der Salzseen von La Mata u. Orihuela, deren Salz, sowie auch das der übrigen Salinen der Prov. hauptsächlich von T. exportirt wird. Torrey, John, Nordamerika». Naturforscher, geb. 1799 in New Dort; warMitbegründer des isttztv Lorlc Pz-osum ok natural Iiiatorz', einige Zeit Präsident u. Mitarbeiter an den von demselben herausgegebenen Lransaotioua n. wurde 1824 Professor der Chemie an der Militärakademie zu West Point u. 1827 Professor der Chemie u. Botanik am Me- dicinischen u. chirurgischen College zu New Jork, wo er 10. März 1873 st. Er hat sich Verdienste um die Botanik in den Vereinigten Staaten erworben, indem er zuerst die einheimischen Pflanzen specificirte u. classificirte: er sehr. u. a.: bllora ok tiio nortRorn anck mickcks soetious ok tbo Umtost Ltatoo, New Jork 1834; seit 1838 bearbeitete er mit Asa Gray eine Iflora Loroa1i-4.msrioana u. allein den 2. Theil der sstatnral iiistor^ ok lisvv ^orkc Ktats (Flora, 2 Bde.). t- Torricelli, Evangelista, berühmter Physiker, geb. 15. Oct. 1608 in Piancaldoli in der Ro- magna Fiorentina, kam 1628 nach Rom, wo er sich unter B. Castelli zum Mathematiker ausbildete, ging 1641 zu dem damals schon erblindeten Galilei nach Florenz, um denselben bei der Bearbeitung seiner Oiseorsi zu unterstützen, u. wurde nach dessen Tod 1642 Pros, der Mathematik u. Physik in Florenz; er st. 25. Oct. 1647 in Florenz. Er kam mit Rockerval u. Pascal wegen mehrerer Entdeckungen an der Cyclo'ide in lebhaften Streit, welchen nur T-s Bescheidenheit abbrach. Eine andere Erfindung (1643), welche man ihm streitig zu machen versuchte, ist die des Barometers (Torricellische Röhre, s. u. Barometer) u. der unregelmäßigen Schwankungen desselben. Durch diese Erfindung ergab sich über dem Quecksilber ein luftleerer Raum, die Toricellische Leere (s. u. Barometer), welche den Sah der alten Physiker von der Scheu des Leeren (Horror vaeni) von selbst widerlegte. Auch leistete er viel in der Verfertigung von einfachen Mikroskopen, in Schleifung trefflicher Linsen für Teleskope rc.; er schr.: Opera Asoinotriea, Flor. 1644 (darin sein berühmter ll'rattato äol moto). Über seine Erfindungen vgl. Th. Bonaventurini, DeRono aeoastomiotts, Flor. 1715. r. Torringto», Stadt in der engl. Grafschaft Devon, am Torridge, 8 Icm oberhalb Bideford; Fabrikation von Handschuhen, Garn, Seide n. Bockleder; 1871: 3529 Ew. Torfes, bei den Franzosen spiralförmig um den Schaft gewundene Reifen, s. u. Cannelirung. Torshök, Kreisst. im russ. Gouv. Twery freundlich an der Twerza gelegen, hat eine alte Palisaden- mauer, 30 Kirchen, Seminar, Kreisschule, Bazar n. s. f.; die Industrie ist sehr lebhaft namentlich Mälzereien, Gerbereien, Mühlen), bekannt sind die Honigkuchen von T., die Gold u. Silberstickcreien aus Maroquin. Ausgedehnt ist der Handel mit Getreide,Mehl, Seife u.a.; 12,910 Ew. Hier 1316 Sieg des Großfürsten Michael Jaroslawitsch über Len Fürsten Georg von Moskau. 1372 eroberte Großfürst Dmitrj dis von dem Fürsten Michael von Twcr besetzte Stadt, wurde aber von Michael daraus vertrieben. Dronke. Torsion (vom Lat.), Drehung. lorso (ital.), eigentlich Lüumpf, der Rumpf einer verstllmmelren Bildsäule; bes. der prachtvolle T. des Herakles, mit Apollonios bezeichnet, der am Ende des 18. Jahrh. in Rom ausgegraben und im Vatikan daselbst aufgestellt ist; ferner befindet sich ein schöner T. in der Münchener Glyptothek, der T. des Jlioneus. Torstenson, Leonhard, Graf zu Ortala, der talentvollste Zögling ans des Schwedenkönigs Gustav Adolss Schule u. dessen glücklichster Nachfolger in der Heeresfllhrnng, geb. 17. Ang. 1603 in Torstena in der schwed. Prov. Westgothland, kämpfte seit 1630 anfangs als Capitän der Leibwache, dann als Führer abgesonderter Corps mit Ruhm u. Glück in Deutschland. 1639 kehrte er wegen großer Kränklichkeit, die besonders sich entwickelt hatte, als Kursllrst Maximilian I. von Bayern ihn nach seiner Gefangennahme im Sturme ani Wallensteins Lager bei Nürnberg 24. Ang. 1632 6 Monate bis zu seiner Auslösung in einem elenden Kerker gehalten, nach Schweden zurück, wo er Reichsrath wurde. Nach dem Tode Bauers 1641 übertrug ihm die schwedische Regierung den Oberbefehl in Deutschland, u. jetzt setzte er die Welt durch die Schnelligkeit seiner Unternehmungen in Erstaunen, während ihn selbst seine Gichtschmerzen fast beständig an eine Sänfte fesselten. Seine erste Waffen- that war der Sieg über Franz von Lauenburg bei Schweidnitz31. Mai 1642 ».die blitzschnelle Eroberung Schlesiens; dann trug erden Krieg in die Erbstaaten des Kaisers. Beim Rückzüge nach Sachsen von Erzherzog Leopold u. Piccolomini verfolgt, er- socht er bei Leipzig 2. Nov. 1642 einen glorreichen Sieg über beide, der fast ganz Sachsen in seine Ge- 444 Tvrtola — Tortur. Walt brachte. Nachdem er sein geschwächtes Heer durch die Besatzungen von Schlesien und Pommern verstärkt, stand er plötzlich wieder an der Grenze Böhmens, entsetzte das hart bedrängte Olmütz, von wo er die Bibliothek wegführte, und machte durch seine Schaaren, die bis an die Brücken von Wien streiften, den Kaiser in seiner Hauptstadt erzittern. Als Dänemark 1643 wieder in die deutschen Verhältnisse eiuzugreifen versuchte, mußte es T-s Massen weichen, er rückte in Eilmärschen durch Schlesien, Sachsen, Braunschwcig nach dem Norden, eroberte Holstein u. Schleswig, u. brach in Jütland ein. Der kaiserliche General Gallas hoffte ihn hier cinzuschlic- ßen, doch T. jagte die Kaiserlichen bis zur Elbe zurück, u. schnitt sie von Sachsen u. Böhmen ab, sodaß Gallas nur klägliche Trümmer seines Heeres auf weiten Umwege» rettete. Christian IV. von Dänemark sah sich 1645 zu dem nachtheiligen Frieden von Brömsebro gezwungen. Am 6. März 1645 erfocht T. Uber Hatzfeld den glänzenden Sieg bei Jankan (nicht weit von Tabor, in Böhmen), infolge dessen er, mit dem siebenbllrgischen Fürsten Rakoczy verbündet, zum 3. Male ganz Mähren eroberte u. bis dicht vor Wien rückte. Mangel an Truppensend- nngen,dasNichtgclingender Belagerung von Brünn u. der Separatfriede Rakoczys mit dem Kaiser nö< thigten ihn jedoch zum Rückzug nach Böhmen, wo er von Krankheit erschöpft 1646 sein Kommando niederlegte, das Wrangel würdig weiterführte. Königin Christine erhob T. zum Grafen von Ortala und machte ihn zum Gouverneur von Pommern, Mecklenburg, Bremen u. Verden. Er st. 7. April 1651 in Stockholm, mit dem Ruhme eines vortrefflichen Feldherrn den eines Kenners n. Beförderers der Wissenschaften u. Künste hintcrlassend. Schmch. Tortöla, die größte der den Engländern gehörigen Jungferuinseln (Westindien), 90 O^m ( 1 ,^ OM) mit etwa 10,000 Ew., gebirgig, gut angebaut; Producte: Zucker, Baumwolle, Kaffe; Hauptstadt: Road Town. Tortöna, Kreishauptort inderital. Prov. Aleffan- dria, an der Scrivia n. Knotenpunkt der Oberital. Bahn; Bischofssitz, Schloß, Kathedrale (antiker Sarkophag mit Len Diosknren), Gymnasium, technische Schule, Seminar,Fabriken!» Seidenwaaren,Hüten, landwirthschafllichcn Geräthen u. Leder; 6785 Ew. (Gem. 13,504). T. hieß im Alterthum Dertona (Derthon), kam im Mittelalter andas Deutsche Reich, gegen deren Kaiser es sich bes. widersetzlich bewies. Friedrich 1. eroberten, zerstörte es 1155; die Mailänder bauten es wieder ans. Im 18. Jahrh. dreimal erobert, wurde es 1796 den Franzosen übergeben, welche 1799 die Festungswerke sprengten. Tortösa, Stadt u. Festung in der span. Prov. Tarragona (Catalonien/, links am Ebro (mit Schiffbrücke), Station der Almansa-Valencia-Tarragona- Eisenbahn, wird durch einen starken Brückenkopf u. 3 Forts vertheidigt; Bischofssitz, viele Kirchen und Klöster, Fabriken in Seife, Papier, Porzellan, Steingut, Fischerei; 1860: 24,977 Ew. Die Stadt ist durch ihre reizende, von 600 Norias bewässerte Huerta berühmt. In der Nähe sind Marmor- u. Alabasterbrüche. T. hieß zur Zeit der Römer Dertosa, war Stadt der Jlercaoner n. der gewöhnliche Übergangspunkt über den Jberns auf der Straße von Ncu-Karthagv nach Tarraco. Hier schlug 803 Dagobert, Feldherr Ludwigs von Aquitanien, die Mauren, und eroberte 804 die Stadt, die jedoch später noch wiederholt in die Gewalt der Mauren gerieth. Zuletzt wurde sie 1148 durch Raimund Berengar von Barcelona befreit, der sie mit Christen bevölkerte u. einen Bischof einsetzte. 1649 wurde T. von " den Franzosen erobert, 1708 ergab es sich nach einmonatlicher Belagerung an Karl III., wurde aber in demselben Jahre von Philipp V. wieder erobert. JmSpanisch-portugiesischen Befreiungskriegewurde T. von Suchet im Juli 1810 eingeschlossen u. erst nach tapferer Vertheidigung durch den General Antocha 2. Jan. 1811 den Franzosen übergeben, infolge der Convention Sonlts und Wellingtons 18. April 1814 geräumt. H. Berns. Tortue, jo v. w. Tortuga. Tortüga (Tortue), unbewohnte Insel zur westindischen Republik Haiti gehörig; fruchtbarer Boden, aber Mangel an Bewässerung. Tortugas (Dry-T.) eine ans 10 Korallenriffen bestehende zu den Cayos gehörende Inselgruppe an der Südspitze von Florida; Lenchithurm, Fort; während des Secessionskricges Strafort für schwere militärische Verbrecher. Tortur (vomlat. tortnra, von torgnsrs, drehen, krümmen), Folter, Peinliche Frage, wurde schon im alten Stcafproceß der Römer u. nachmals im Mittelalter, anfangs nur gegen Hörigen. Vagabunden, später allgemein, als gesetzlich zulässige Ausübung körperlichen Zwanges wider denÄngeschuldigten od. als Zenge Vorgeladenen, zur Erhebung des Sach- Verhalts u. zur Erlangung von Geständnissen ange- l wendet. In Deutschland bestand der erste Grad der f T. in der sog. Bambergischen T., Peischenhieben bei ausgespanntem Körper, od. Zusammenqnetschen der Daumen in eingekeilten oder stumpf zugespitzten Schraubstöcken; beim zweiten Grade wurden die i Arme mit härenen Schnüren znsammengezogen, die Beine in Spanische Stiefel geschraubt, od. die Dan- men u. großen Zehen durch das sog. Mecklenbur- ' gische Instrument znsammengepreßt, während beim dritten Grade der Körper auf einer Leiter od. Bank, oder durch seine eigene, mittels Anhängen von GewichtenoermehrteSchwere ausgereckt wurde. Die Criminalisten waren höchst erfinderisch in Bezug auf ^ Folterinstrumente,deren es außerdem noch eineMenge I gab, wie die Daumenschrauben, den Halskragen, die Dornenkrone, die Jnngfrau, den Mannheimer Bock, die Feucrtortur rc. Obwol schon die Peinliche Gerichtsordnung Kars V. die T. zu beschränken suchte, so dauerte es, infolge des herrschenden Aberglaubens, doch bis ins 18. Jahrh. hinein, bevor die öffentliche Meinung soweit von deren Unmenschlichkeit n. besonders auch deren Sinnlosigkeit durchdrungen war, um einen wirksamen Druck zu ihrer Abschaff, ung ausüben zu können. In der T. glaubte man nämlich neben den Gottesurtheilen ein wirksames Mittel gegen Hexen u. Zauberer gefunden zu haben und selbstverständlich konnte daher die T. erst fallen, nachdem jener Aberglaube seine Kraft verloren hatte. In Preußen hob Friedrich der Gr. die T. gleich nach seiner Thronbesteigung auf; in Baden wurde sie 1767, in Mecklenburg 1769, in Sachsen 1770, in Österreich 1776, in Schwed. Pommern 1785, in Württemberg 1806, in Bayern 1807, in Hannover 1822 aufgehoben. Außerhalb Deutschlands: in Dä- Torus — Toscana. 445 nemark 1770, in Schweden 1772,in Rußland 1801. In England bestand die T. bes. seit Heinrich Vlll. u. wurde erst 1772 aufgehoben ' in Schottland geschah dies unter der Königin Anna; in Frankreich war die gnsstnon prspsratoiis, die man bei der Untersuchung anwandte durch Ludwig XVI. im I. 1780, die gusstnon prsslabis, welche die zum Tode Verurtheillen, behufs Entdeckung der Mitschuldigen, zu erdulden hatten, erst durch die Revolution von 1789 aufgehoben. Die T. war schon im Alterthum bekannt u. wurde schon damals mit erfinderischem Sinn ausgeübt. Die Griechen wandten schon eine Art Folter zur Erpressung von Geständnissen gegen Sklaven an (/S«>ra--oc) die Römer hatten u. a. einen eisernen Handschuh, der mit spitzigen Haken versetzen war rc. Schroot. Torus (Bot.), so v. w. Lsosptaonlum, der die Blumen-, Staub- und Fruchtblätter tragende Theil der Achse. Torus, wulstförmiger Ring der antiken Säulenbasis (s. Baukunst, Taf. V.) entweder glatt oder mit horizontalen Cannelurcn, od. mit anderweitigen Dc- corationen, wie besonders Lorbeerstäben od. der Imitation eines Riemengcflechtes versehen. Tory U. Whig (Plur. Tories u. Whigs) in England, Bezeichnung der beiden politischen Haupt- parreien, u. zwar elfterer als Anhänger des Königs u. des Aristokratismus, letzterer als Vertreter der liberalen Politik u. liberalen Institutionen. Ihre Entstehung datirt aus der Zeit Jakobs I., welcher mit seinem Parlament in Streitigkeiten gerieth, die unter seinem Sohne Karl I. in offenen Kampf ausarteten. Da dieser König die irischen Rebellen und Räuberbanden zu begünstigen schien, so legte die liberale Partei, die Vertreter der Volksrechte, den Anhängern des Königs den Spottnamen Loriss (angeblich von Tsr s r/! L. i. Komm o König!, im Irischen gleichbedeutend mit Räuber) bei, während die königliche Partei zur Bezeichnung ihrer Gegner das WortlVlu^wähIte, welches voneüügenvou dem gaelischen IVinF-Mmor (d. i. Pferdetreiber), einer Bezeichnung der westschotlischen Bauern von einem Instrument u. Nus IfVIÜAlmm beim Treiben der Pferde, von Andern (nach Johnson) von VIü§ (d. i. Molken, dem Lieblingsgetränke jener Bauern) hergeleitet wird, während in neuester Zeit das Oonrt Taurus,! die Behauptung aufgestellt hat, Viri^ sei aus den Anfangsbuchstaben der Losung einer frommen Partei zur Zeit Cromwells entstanden: IVo dope in Kock (d. i. Wir hoffen auf Gott) einer Ableitung, für welche der Umstand spricht, daß das damalige Parlament seine Hauptstütze in den schottischen Puritanern fand. Indessen legte man zu jener Zeit (1648) aus diese Parteinamen noch kein besonderes Gewicht; scharf trat der Unterschied erst unter der Regierung Karls II. hervor, als man 1678 die Katholiken einer Verschwörung gegen den König beschuldigte u. dann die, welche die Verschwörung für erdichtet hielten, Tories, die aber, welche daran glaubten, Whigs genannt wurden. Die Whigs waren es hauptsächlich, welche den Erbstatthalter der Niederlande, Wilhelm von Oranien als Wilhelm III. anfden englischen Thron beriefen u. seitdem 1688 blieben sie die herrschende Partei im Ministerium, bis die Königin Anna 1710 ihren Sturz herbeisührte und ein! Toryministerium einsetzte. Dasselbe mußte jedoch! schon 1714 nach der Thronbesteigung Georgs I., dessen Thronfolge die Whigs besonders dnrchgesetzt hatten, diesen weichen, die dann auch unter Georg II. die herrschende Partei blieben. Die Tories blieben die Anhänger der Stuarts u. sannen ans deren Restauration, sowie die der königlichen Prärogative in dem von dieser behaupteten Umfange. Als jedoch jede Aussicht auf Rückführung der Stuarts schwand, verwandelten sich die Tories in Vertheidiger der Rechte der Krone u. der Regierung überhaupt, wäh- rend die Whigs fortwährend die Vertheidiger der Rechte u. Freiheit des Volkes blieben u. somit die Opposition bildeten. Der König erwählte nun oft auch sein Ministerium aus den Whigs, wenn er die Mehrheit der Opposition u. die vorzüglichsten Häupter derselben für sich gewinnen wollte, oft aber auch ein aus T. u. W. zusammengesetztes, sog. Coali- tions-Ministerium. Während der langen Negierung Georgs III. (1760—1820), wo die Tories nur mit wenigen kurzen Unterbrechungen das Staatsruder in den Händen hatten, wurden die Whigs immer mehr zur Opposition getrieben n., um das Übergewicht ihrer politischen Gegner im Unterhause zu brechen, zur Befürwortung der Parlamentsreform veranlaßt, welche sie endlich 1832 durchsetzten. Dadurch wurde eine 3., die eigentliche Bolkspartei, auf den politischen Schauplatz gerufen, deren Auftreten die früheren Parteiverhältnisse von Grund aus umgestaltete. Zunächst recrutirten die Tories, als fürs erste bedroht, im Lager der Whigs, wurden aber bald durch den Austritt Peels u. seiner Parteigenossen selbst getrennt, während sich die Whigs noch einige Zeit mit Hilfe der Radikalen hielten, bis das von ihnen gebildete Ministerium Russell sich im Febr. 1852 auflöste u. von einem Toryministerium Derby abgelöst wurde, worauf 28. Decbr. 1852 eine Coa- lition zu Stande kam, das sogenannte Ministerium aller Talente, in welchem Tories n. Whigs, Pee- liten u. Radikale neben einander saßen. Seitdem verfielen Macht u. Einfluß der Whigs und Tories alten Sinnes rasch, bis endlich die von Len Tories dnrchgesetzte radikale Resormbill v. I. 1867 die letzten Schranken zwischen beiden vollends aufhob u. neue Parteien an ihrer Stelle sich bildeten, als sich hauptsächlich bekämpfende, Liberale und Conser- vative. Tories u. Whigs gelten eigentlich nur noch als historische Existenzen. Bzl. Napin, Dissertation snr iss IVin^s st Tor/s, Haag 1717. Lagai. Tosa(Toce), 76km langer Fluß in Oberitalien, entspringt an den Grenzen der Schweizerkant. Wallis und Tessin, geht durch die Prov. Novara, bildet die 130mhohen,in3 Absätzen herabstürzenden T-fälle, die schönsten in den Alpen, nimmt die Devera, Di- veria, Ovesca, Anza, Strona u. a. auf, durchfließt das Val d'Ossola, u. fällt in den Lago Maggiore. Toscana, ehemaliges Äroßherzoglhum in Italien, umfaßte 24,03l,og lUkm (436,10 lUM), ein Gebiet, welches 1871 2,142,525 Ew. zählte (89 auf 1 djkm, in ganz Italien 90,z) u. begreift jetzt die Provinzen Mafia Carrara, Lucca, Florenz, Livorno, Pisa, Arezzo, Siena n. Grossem. Gebirge: in die nordwestliche Ecke des Landes erstreckt sich die Alpe Apuana, ein Theil des Ligurischeu Apennin, mit der 2016 m hohen Alpe de Succiie. Östlich schließt sich ! der meist ans Sandstein bestehende Etruskische Apen- ! nin daran, welcher in dem 1648 m hohen Monte 446 Toscana. Falterona am Ursprung des Arno seine höchste Höhe erreicht. Zu demselben gehört auch der am oberen Arno liegende Gebirgszug des Prato Magno von 1580 m. Westl. von dem Etruskischen n. siidl. vom Ligurischeu Apennin bis zum Meere erstreckt sich das Plateau von T., aus welchem sich der Poggia di Montiert bei Missa Maritima zu lOOO m Höhe erhebt. Der höchste Gipfel im südl. Theile ist der 1732 m hohe Monte Amiata bei Radicosani. Ans der Insel Elba erreicht der Monte Capanna 1012 w Höhe. Ebenen find die von Pistoja u. Florenz n. die Küstenebene von Pisa u. Livorno mit den Ma- remmen (s. d.). Sämmtliche Flüsse T-s münden in das Tyrrhenische Meer; die bedeutendsten sind: Serchio mit Lima, der Arno mit Sieve, Ombrone, Nievole, Peseta (diese beiden letzteren durch den Kanal Maestro znm Arno geleitet), Pesa, Elsa n. Era; di Cecina, Cornia und Bruna in den Maremmen; der Ombrone mit der Orcia; die Albegna und der Tiber in seinem oberen Laufe. Seen sind der Lago die Castiglione, L. di Fucecchio, L. die Montepulci- ano u. a. Das Klima ist mild n. angenehm, der Sommer nur öfter durch heiße und heftige Winde (Sirocco u. Libecchio) unangenehm. Der Boden ist zum Theil sehr fruchtbar (bcs. die Arnoebsne) u. gut «»gebaut, zum TheilGebirgsland,Heidestrecke od. in den Maremmen sumpfig. Gebaut wird Getreide (nicht hinreichend), Kartoffeln, Hanf, Flachs, Wein, Olivenöl (das beste von Lucca), Feigen, Kastanien, Anis, Senf, Krapp, feines Stroh zum Flechten, Maulbeerbäume rc. Die Viehzucht ist wegen des Mangels an Wiesen nicht bedeutend. Seidenzucht, Fischerei u. Bergbau liefern gute Ausbeute. Das Mineralreich liefert Kupfer, Blei (auch silberhaltig), Quecksilber, Eisen (Elba), Schwefel, Alaun, Boraxsäube (die meiste in Europa), Salz, Marmor, Alabaster, Serpentin, Edelsteine, Steinkohlen, Torfrc. Es sind über 30 Mineralquellen vorhanden. VonJndustriezweigentreibtmanFabrikationvon Wollen-n. Baumwollenzeugen, Seide, Sammet,Lein- wand; berühmtistdie Strohflechterei; außerdem gibt es Hohöfen u. Hammerwerke, Fabriken von Eisen- u. Stahlwaaren, Waffen, musikalischen u. Präcisi- onsinstrumentcn, Thon-, Glas-, Porzellan- u. Papierfabriken, Gerbereien u. eine bedeutende Kunstindustrie in Bronze, Marmor, Alabaster, Majolica, Korallen, Elfenbein, Silber u. Gold rc. Der Han- del ist lebhaft n. ansgebreitet (des. über den Haupt- Handelsplatz des Landes, Livorno). Eisenbahnen etwa 900 Icm. Hauptstadt war Florenz. Toscana (Gesch.). Durch die 3 Namen Etrurien, Tuscien, T. werden für diese Landschaft Alter- thum, Mittelalter, neue Zeit bezeichnet, wenn auch der zweite Name schon im Alterthum gebräuchlich war. Das alte Etrurien (s. d ) hatte weiteren Umfang als das nachmalige T., es erstreckte sich vom Macra bis zum Tiber. Nach dem Sturze des West, römischen Reiches 476 n. Ehr. wurde der südl. Theil von T- als Tuscia Romana zum Herzogthum Rom gerechnet, der nördliche, etwa gleich dem Gebiete des nachmaligenGroßherzogthnms, wurde nacheinander von Ostgothcn, Griechen u. Langobarden beherrscht. Hierauf wurde das longobardische Lehnsherzogthum T. eine Provinz des Fränkischen Reiches 774, und schon unter Karl d. Gr. gab es Markgrafen von Tus- cieu, deren Gebiet sich über Modena, Reggio, Ferrara, Mantua erstreckte. Als bei dem Niedergange der Karolinger Italien ein Spielball sich bekämpfender Prätendenten war, griffen auch die Besitzer von T. vielfach in diese Kämpfe ein und gelangten zum Theil zu bedeutender Macht, wie Guido, Sohn des mächtigen luscischen Fürsten Adalbert, Bruder Hugos, des Beherrschers des cisjuranischen Burgund, den er im Kampfe mit Rudolf von Hochbnrgun'd um Italien unterstützte, u. als Gemahl der berüchtigten Marozia im Besitze der Engelsburg in Rom u. damit Gebieter der Stadt selbst war. Nach Guidos Tode vermählte sich Hugo, König von Italien geworden, mit seiner Wittwe, ließ Guidos Bruder Lambert (seinen Stiefbruder), der über T. herrschte, gefangen nehmen u. blenden, setzte dann seinen rechten Bruder Boso an dessen Stelle (930), warf bald daraus auch diesen ins Gefängnis) u. machte seinen Sohn Hubert znm Markgrafen von T. An eine ordentliche u. gesetzmäßige Regierung war in Italien erst wieder nach dem Eingreifen Ottos d. Gr. zu denkcu, doch sank unter seinen Nachfolgern bereits wieder das kaiserliche Ansehen in Italien u.Konradll. mußte auf der ersten Romfahrt 1026 zur Absetzung Rainers von T. schreiten, der sich nicht unterwerfen wollte. Markgraf wurde dann Bonifacius II., der zugleich Modena, Reggio, Mantua u. Ferrara besaß, der reichste u. mächtigste Fürst in Italien seit seiner Heirath mit Beatrix, Tochter des Herzogs Friedrich von Obcrlothriugen. Er hintcrließ 1052 einen minderjährigen Sohn Friedrich, für den seine Mutter Beatrix bis zu seinem Tode (1055) die Regierung führte, worauf sein Stiefvater Gottfried der Bärtige von Niederlothringen folgte, dem Kaiser Heinrich III. Ende 1044 nach seiner Empörung sein deutsches Her- zogthum genommen hatte. Um diesen in seiner neuerdings mächtigen Stellung in Gehorsam zu halten, nahm der Kaiser 1055 die Markgräfin Beatrix und deren Tochter Mathilde (s. d. 3) als Geiseln mit nach Deutschland. Für ihre Freilassung durch die Regentin Agnes verfocht Gottfried zeitlebens eifrig die kaiserlichen Interessen; Mathilde aber, die sogen. Große Gräfin, blieb unversöhnliche Feindin des Kaiserhauses, wurde die enge Verbündete Gregors Vll. u. unter ihrem Schutze begab sich der Papst in jene feste Burg Canossa, welche 1077 die Erniedrigung der Deutschen Krone sah. Urban II. brachte ihre Ehe mit dem 18jährigen Welf V. zu Staude (1089), um dessen Vater, den alten Feind Heinrichs IV. , der päpstlichen Sache treu zu halten. Im April 1090 erschien Heinrich IV. in Italien, nahm nach mehrmonatlicher Belagerung Mantua, die Hauptfestung der tuscischen Gräfin, ein, die trotzdem entschiedener als je gegen die kaiserl. Partei austrat n. des Kaisers Gemahlin, der zuchtlosen Adelheid (Eupraxia), der Tochter eines russischen Großen, die Freundeshand reichte u. sie zur Anklage gegen Heinrich ermunterte. Sie bewog dann des Kaisers eigenen Sohn Kourad zum Abfall, der vergessen n. unbeachtet starb (1003), als er seine Dienste im Kampfe geleistet. Daß sie ihr ganzes Besitzthnm der Kirche schon 1077 verschrieben hatte, trennte 1095 ihren Gemahl Welf von ihr, als er dieses erfahren. Er trat zur kaiserl. Partei über. Mit Heinrich V. stand Mathilde in einem freundlicheren Verhättniß. Sie st. im Sommer 1115. Vergl. A. Pannenborg, Studien zur Markgräfin Mathilde. Ihr Tod rief im Frühjahr 1116 Toscana. 447 Heinrich V. nach Italien, der ohne großen Wider, stand zum Besitz der Mathildischen Güter gelangte u. bei Behauptung der kaiserl. Rechte auf dieselben seine Hauptstütze an den Lehrern des Justinianischen Rechtes fand, bes. an dem berühmten Werner (Jr- nerius) zu Bologna. Doch blieb die Mathildische Erbschaft ein Zankapfel zwischen Papst und Kaiser; der Kirche gelang es nicht, ihren Besitz anzutreten, aber, wie in der Lombardei, so wurde auch in T. bald die kaiserl. Herrschaft von dem sreistädtischeu Element überflügelt. Das ganze Land löste sich in eine Anzahl unabhängiger städtischer Gebiete auf; die bedeutendsten dieser Republiken sind Florenz, Pisa, Siena, Pistoja.Lucca, Volterra, Cortona, Arezzo u. 2 später an den Kirchenstaat gekommene Städte, Perugia u. Orvieto. Unter Kaiser Friedrich II. begann auch in T. u. gerade hier der Parteikampf der Gneisen u. Ghibellinen: während Florenz auf Seiten der Guelfen stand, waren Lncca, Pisa u. Siena ghi- bellinisch gesinnt, bis nach dem Untergang dcrHohen- staufen in den meisten Städten die ghibellinischen Magistrate vertrieben wurden. Der Parteiuntcrschied wurde bis in die kleinsten Lebensäußerungen hineingezogen: man konnte, wie einer den Tisch deckte od. das Brod schnitt, sehen, ob er Welfe od. Ghibelline sei. Die Guelfen zerfielen dann in die Fraktionen der Schwarzen u. Weißen, deren Kämpfe bes. in Florenz am erbittertsten wutheten u. mit Vertreibung der Weißen 1302 (darunter auch der Dichter Dante, s. d.) endeten. Die militärische Bedeutung seiner Lage hat in diesen Kämpfen Florenz zuerst gehoben u. dann zur Hauptstadt von T. gemacht. Die Verbindung Verdeutschen Kaiser mitder RömischenKirche, die Verbindung des deutschen Königthums und des römischen Kaiscrthums machte an dem einzig bedeutenden Flusse zwischen Po u. Tiber, am Arno, einen Übergaugspunkr notwendig, u. das ist Florenz, viel eher also zur Hauptstadt von T. geeignet, als Pisa, Las ohne die Verbindung Italiens mit Deutschland nach Leos Ansicht sonst der Punkt gewesen wäre, durch welchen T. am sreiesten n. geschicktesten mit der Welt in Verkehr getreten. In Florenz wurde, nachdem die alte Adelsherrschaft, die in den kriegerischen Zeiten von selbst geboten erschien, 1282 gestürzt war, eine mehr u. mehr zur Demokratie sich hinneigende zünftischeVerfassung gegeben, nachaußen aber breitete die Stadt ihre Herrschaft immer weiter über die Nachbarlandschaften aus, so daß unter den Medici fast ganz T. zu ihrem Gebiete gehörte. Die hauptsächlichsten Geschäfte, die in Florenz getrieben wurden, waren Bankiergeschäfte, sie bildeten dort die Quellen des Reichthums u. dazu den Maßstab politischen Einflusses, so daß es uns ganz natürlich erscheint, daß Florenz endlich die Freiheit andic ersten u. einflußreichsten Bankiers der Stadt verlor. Das waren die Medici, die bereits im 12. Jahrh. Vorkommen u. deren Namen u. Wappen (5 Pillen) sich an ihren ursprünglichen ärzmchen Stand knüpfen soll. Bald aber trieben auch sie Handel n. Wechsel- geschäfte, und zur Zeit des Konstanzer Concils galt ihre Bank als eine Geldmacht in Europa. Im I. 1433 wurde zwar Cosimo Medici verbannt, doch bereits 1443 zurückgernseu, nun doppelt mächtig, da mit seinem Weggang von Florenz alle Geschäfte ins Stocken gerathen waren. Cosimos Enkel, Lorenzo der Prächtige, der das Bankiergcschäst anfgab, regierte ohne irgend einen Machttiiel unumschränkt; unter ihm war Florenz ein großartiger Mittelpunkt der Cultur, eine der ersten Industrie- u. Handelsstädte Italiens. Lorenzos Sohn Peter wurde bei dem Erscheinen Karls VIII. vonFrankreich inJtalien 1494 vertrieben u. erst im 1.1512 wurden infolge des Sieges der Heiligen Ligue gegen Frankreich die Medici in Florenz wieder eingesetzt. Das Haupt der demokratischen Partei in der Stadt war der Dominicaner Savonarola (s. d.) gewesen, der bis zum Scheiterhaufen (1498) für politische u. religiöse Freiheit stritt. Nachdem 1527 die Medici wiederum vertrieben u. die Republik auf kurze Zeit hergestellt war, setzte Karl V. 1530 zum erblichen Herrscher von Florenz Alexander von Medici ein, der im folgenden Jahre denHerzogtitel annahm: dervollständige.Über- gang von der florentinischen Republik zur medicei- schen Erbmonarchie war lange vorbereitet. Nach seiner Ermordung Lurch seinen Vetter Lorenziuo wurde Cosimo von Medici 1537 Herzog. Dieser vereinigte mit spanischer Hilfe 1557 die Republik Siena mit seinem Gebiet, nachdem bereits Pisa, im Kampfe mit Genua geschwächt, zuerst (seit 1390) von Mailand u. seit 1407 von Florenz abhängig war. Das ganze alte T. war schon seit längerer Zeit in das Gebiet von Florenz aufgegangen. 1509 erhob nun Papst Pius V. Cosimo von Medici zum Großherzog von T., was Kaiser Maximilian II. nach langwierigen Unterhandlungen erst 1575 unter der ausdrücklichen Bedingung bei Cosimos Sohn anerkannte, daß sich der Großherzog als Vasallen des deutschen Kaisers ansehe. Kaiser Leopold I. gab dann 1699 dem Großherzog die Anrede: Königliche Hoheit. Am 1. Mai 1584 trat Cosimo seinem Sohne Francesco die Verwaltung des Staates ab, während er Titel u. höchste Gewalt sich vorbehielt und überdies die Ernennungen der Commandirenden über Heer u. Flotte u. des Gouverneurs von Siena. Am 11. Juni trat Francesco die Regierung an, nachdem ihm in florentinischem wie sienischem Gebiet der Eid geleistet war. Er theilte mit seinem Vater nur das Interesse an der Kunst u. an den physikalischen Wissenschaften, in der auswärtigen Politik ließ er sich durch persönliche Neigung leiten, im ökonomischen System machte er Fehler n. Jrrthümer, nicht als wenn es ihm an Geschästskenntniß gefehlt hätte, wol aber an einer beständigen u. gewissenhaften Thätigkeit u. an Unabhängigkeit von fremden Einflüssen: einFrauen- u. Günstlingsregiment entstand unter ihm, was unter Cosimo ganz unbekannt war. Nach seinem Tode 19. Oct. 1587 folgte sein Bruder Ferdinand I., der bis dahin Cardinal, nun den geistlichen Stand verließ n. sich mit der Prinzessin Christine von Lothringen vermählte (25. Febr. 1589). Die von seinem Bruder Don Pietro erhobenen Ansprüche an einen Theil des Familienvermögens, deren Entscheidung der spanische Hof beansprucht hatte, ließen Ferdinand sich Frankreich nähern; Loch wurden nach PietrosTode die Beziehungen zu Spanien wieder freundlicher, so daß der Erbprinz Cosimo mit der Erzherzogin Maria Magdalena von Steiermark, «Schwester der Königin svon Spanien, verlobt wurde. Ferdinand erwarb «dann durch Vertrag v. 9. Juni 1604die Grafschaft Pitigliano u. die Großherzoge von T. haben bis ans unsere Tage den Jucogniro-Titel von Grasen von ! Pitigliano geführt. Ferdinand st. 6. Febr. 1609, an 448 Toscana. die Wafsenthaten seiner Regierung erinnern die Monumente, welche Livorno u. Florenz ihm errichtet haben. Auch hielt er Handel und Industrie aufrecht, wenn auch die frühere Blüthe gesunken war; in seiner Poltik war er ziemlich unabhängig von den benachbarten Großmächten Spanien, Oesterreich und Frankreich. Als Cosuno II. 19jährig den Thron bestieg , ließ der Ehrgeiz Heinrichs IV. von Frankreich furchten, daß er nach Herstellung der inneren Ruhe seine Kraft gegen Italien wenden werde, um dort die Oberherrschaft zu erreichen, um die Franz I. vergeblich mit Karl V. gerungen. Spanien war zu dieser Zeit in seinen Hilfsmitteln nahezu erschöpft, Österreich aber stand vor dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. Doch eheHcinrich den beabsichtigten Angriff hatte ausführen können, wurde er 14. Mai 1610 ermordet u. Cosimo II. brachte eine Vermittelung zwischen Frankreich u. Spanien zu Stande. In der ersten Zeit seiner Regierung richtete er seine Blicke ans den Orient und seine ganze militärische Thätigkeit hat sich auf das Seewesen beschränkt. Von Spanien sich los zu machen, fehlte es ihm an materieller Macht. Cosimo st. 26. Febr. 1621. Von dem Regierungsantritt seines 1610 geborenen Sohnes Ferdinand II. an ist ein beständiges Sinken in jeder Beziehung bemerkbar. Sein Sohn und Erbe seit 1670, Cosimo III., ein Herrscher von steifer Zurückhaltung u. mürrischem Wesen, hat in einer halbhundertjährigen Regierung nur ein klägliches Endre- snltat erzielt. Niemand von den zu seiner Zeit inJta- lien kriegführenden Parteien achtete die unbewaffnete Neutralität des tleinen Staates, man übte selbst nicht die gewöhnlichsten Rücksichten. Und nicht geringer waren die Übelstände der inneren Verwaltung, des in der Criminaljustiz. Dazu kam häusliches Unglück, 1675 trennte er sich von seiner ausschweifenden Gemahlin Margaretha Louise von Orleans, seine zwei Söhne waren kinderlos, der Erbprinz Ferdinand st. 1713, u.als er seinen Bruder Francesco Maria nach langen Bemühungen bewogen hatte, dem Cardinals- purpur zu entsagen u. zu heirathen, schlugen die auf diese 1709 mit der Prinzessin Eleonore Gonzaga von Guastalla geschlossene Ehe gesetzten Hoffnungen sehl. Am 7. Febr. 1711 st. Francesco Maria; 31. Oct. 1723 st. der Großherzog. Sein Sohn Johann Gasto ist der letzte Medici. In der Londoner Qnadrnpel- allianz von 1718 war der Anfall L-s beim Ausstcr- ben der Medici an eine spanische Secundogenitur verfügt n. durch einen Vertrag v. 25. Juli 1731 erkannte Johann Gasto auch den spanischen Jnfanten Karl als Nachfolger an. Der Friede zu Wien aber gab nach den Präliminarien v. I. 1735 dem Herzoge Franz Stephan zur Entschädigung für Loth- ringen T., und nach Johann Gastos Tode 9. Juli 1737 veröffentlichte der Fürst von Craon 12. Juli das von Kaiser Karl VI. 12. Jan. d. I. zu Gunsten Franz Stephans erlassene Jnvestiturdecret u. empfing in dessen Namen in Florenz den Unterthanen- u. Treueid. Franz Stephan, der Gemahl der österreichischen Erbtochter Maria Theresia n. seit 1745 unter dem Namen Franz I. deutscher Kaiser, erklärte 1763 T.zu einer österreichischen Secundogenitur, in der ihm bei seinem Tode 1765 sein zweiter Sohn, Leopold I., als Großherzog folgte. Seine preiswürdige Regierung hat für den materiellen Aufschwung des Landes durch eine gute Staatsökonomie Bedeutendes geleistet, vielen Mißbrauch mit zweckmäßigen Neuerungen vertauscht u. manche Reformen, freilich ohne bleibendes Resultat, im Kirchenwesen versucht. Beiseiner Thronbesteigung in Österreich 1790 übergab Leopold T. seinem zweiten Sohne Ferdinand III. Joseph. Er regierte sein Land im Geiste seines Vaters fort, ward aber trotz seiner Friedensliebe, da er der erste Herrscher gewesen war, welcher die Französische Republik anerkannte u. mit ihr in diplomatische Verbindung trat, von Rußland u. England gezwungen, zur Coa- lition gegen Frankreich zu treten. 1799 besetzten die Franzosen das in Österreichs Niederlage verwickelte Großherzogthum, erpreßten 2Mill. Frcs. u. nöthig- len Ferdinand, das Land zu verlassen. Im Frieden von Lüneville 9. Febr. 1801 mußte T. als Königreich Etrurien zu Gunsten von Parma abgetreten werden, als ein Annex der Krone Spanien, Ferdinand wurde zur Entschädigung erst Kurfürst von Salzburg, nachher Großherzog von Würzburg. Lud wig von Parma, König von Etrurien, starb bereits 1803; ihm folgte sein unmündiger Sohn Karl Ludwig unter Vormundschaft seinerMutter Marie Louise. Doch schon 1807 wurde infolge eines zwischen Spanien u. Frankreich geschlossenen Vcrirages Etrurien gegen das nördl. Portugal vertauscht und 1808 als Departement des Arno, Ombronc und des Mittelmeeres mit Frankreich vereinigt. Napoleons Schwester Elise präsidirte mit dem Titel einer Großherzogin von T. dem Generalgouvernement in Florenz. 1814 wurde das Land vom König Murat von Neapel infolge eines mit dem französischen Generalcom- missär abgeschlossenen Räumungsvertrages in militärischen Besitz genommen u. nach einem Vertrage zwischen Mnrat u. Ferdinand 1. Mai 1814 dem legitime» Großherzoge wieder übergeben. Durch den Wiener Congreß erhielt dieser noch den früher neapolitanischen Stato degli Presidj, d. i. Piombino, Orbitello u. einen Theil der Insel Elba, hinzu, was Spanien 1557 vom Gebiet der Stadt Siena für sich behalten hatte. Auch kamen nach der zweiten Einnahme von Paris die dorthin entführten Meisterwerks von Antiken u. Gemälden nach Florenz zurück. Zugleich wurde im Pariser Tractat 10. Juni 1817 das Fürstenthum Lucca nach dem Absterben der Herzogin Maria Louise T. zugesprochen, wofür Ferdinand verschiedene Gebiete am Modena überlasten sollte. Die toskanischen Truppen wurden, zur Aufrechthaltung der inneren u. äußeren Ruhe Italiens, für den Fall eines Krieges dem österreichischen Com- mando untergestellt, wie überhaupt in der Folge T. in der Politik von Österreich abhängig war. Ferdinand III. st. l8.Junil824. SeinSohnLeopold II., geb. 1797, setzte die vom Vater begonnenen Verbesserungen des Volksschnlwesens fort, begünstigte Wissenschaften u. geistiges Streben und zeigte seine Liebe für die vaterländische Literatur durch die auf seine Kosten 1826 veranstaltete Prachtausgabe der ersten vollständigen Sammlung der Gedichte Loren- zos di Medici; 1828 unierstützte er auf das Freigiebigste eine wissenschaftliche Reise toscanischer Gelehrten nach Ägypten. Er schützte nicht nur die Protestanten in ihrem in Pisa, Livorno u. Florenz bestehenden Gottesdienst, sondern gestattete auch dem protestantischen Prediger in Florenz italienische Predigten zu halten. T. war unter seiner milden, ans- Toscana. 449 geklärten Regierung ein wahrhaft glückliches Land u. anerkannter Maßen der am besten verwaltete Staat von Italien. Keine verdorbenen Straßen, keine gierigen, barbarischen, schmutzigen Postillons, keine verarmten Hütten, keine Betteleiwar hierzu finden. Alles ist Wohlstand, Artigkeit, Redlichkeit, Ordnung. Deshalb wurde auch in T. während der für die Nachbarländer so verhängnißvollen Jahre 1830 u. 1831 die Ruhe nicht gestört, u. wenn auch 1833 die Regierung sich genöthigt sah, Verhaftungen vornehmen u. znm Theil angesehene Männer auf die Citadelle von Li- vornosctzenzn lassen, sogaben doch mehr hierzu ihre Beziehungen zu anderen italienischen Staaten u. die Rücksicht auf den allgemeinen Zustand Veranlassung. Unterstützt wurde Leopold II. in seinen Bestrebungen durch seinen Minister Graf Fossombroni 1814—44, seit dessen Rücktritt sich bald der reactionäre Einfluß Oesterreichs fühlbar machte. Als die durch Papst Pins IX. heroorgerufene italienische Reformbewegung Unruhen in der toscanischen Nomagna u. steigende Bewegung im ganzen Lande hervorrief, glaubte der Großherzog dem Papste an liberalen Concessio- neu nicht nachstehen zu dürfen u. publicirte 7. Mai 1847 ein milderes Preßgesetz, berief 30. Mai die Notabeln des Landes, um über Reformen in der Gemeindeverwaltung zuberathen, erließ für die bei den Tumulten Betheiligten Amnestie und errichtete 24. Aug. ein neues Ministerium der Justiz n. der Gnaden mit dem populären Bartolini an der Spitze. Nach Gewährung einer Bürgergarde wurde unter dem 13. Sept. die Umarbeitung der Landesgeietze, des Unterrichtswesens u. der Municipalverfassmig zugesagt, die Todesstrafe für abgeschafft erklärt. Nach der Abdication des Herzogs Karl von Lucca 7. Oct. 1847 nahm Leopold II. Lucca in Besitz n. trat gemäß des Vertrages v. 10. Jnni 1817 u. einer im Florentiner Vertrage v. 28. Nov. 1844 gemachten Modifikation den District Pontremoli nebst Bagnone, Filatierra, Groppoli u. Lusuoli an Parma u. den District Fivizzano an Modena ab. Die Bevölkerung der abgetretenen Districte versuchte zwar gegen die Losreißnng von T. bewaffneten Widerstand, war aber bis znm Dec. 1847 zur Ruhe gebracht. Am 3. Nov. hatte T. inzwischen mit Sardinien u. dem Kirchenstaate einen Vertrag wegen Gründung eines Zollvereins abgeschlossen. So brach nun das auch für T. verhängnißvolle Jahr 1848 an, in welchem Italien von der Reform zur Revolution überging. Der Unabhängigkeitsbewegung, welche alle Landschaften Italiens erfaßt hatte, glaubte Leopold II. nicht widerstehen zu können, er gab 15-Febr. seinem Volke eine Constitution, u. 26. Juni 1848 fand die Eröffnung der neugewählten Bolksvectvetung (Senat u. Depntirtenkam- mer) statt, nachdem 5. Juni Ministerien des Cultus u. Unterrichts geschaffen waren. Die abgetretenen Districte ergriffen die Gelegenheit, sich wieder an T. anzuschließen und die Regierung sah sich genöthigt, dieses zu genehmigen. Das Land war angesüllt mit fremden Abenteurern, an deren Spitze sich das Haupt der Demokraten, der revolutionäre Agitator Gne- razzi, seinen eigenen Staat in Livorno einrichtete. Als die Regierung in Florenz dorthin einen neuen Gouverneur sandte, weigerten sich die Livornesen, diesen anznnehmen u. drohten, sich als eigene Republik zu constituiren, wenn man nicht einen ihnen PiererLUniversal-Coiiversations-LWilou. K. Ausl. X 7 genehmen Gouverneur sende. Es kam dort Ende Aug. u. im Septbr. zu wiederholten Aufständen, in denen das Militär mit den Aufständischen gemeinschaftliche Sache machte. Unter diesen Umständen mußte der Minister Capponi zurücktreten und der Großherzog bildete in seiner Verlegenheit ein radi- cales Ministerium, worin Montanelli, ein Schwärmer, der in Christus den Vater der Demokratie sah, die Präsidentschaft u. die auswärtigen Angelegenheiten, Guerazzi das Innere, Mazzoni dieJüstiz erhielt (27. Oct. 1848). Die von diesem Ministerium auf den 20. Nov. ausgeschriebenen Neuwahlen entschieden überall zu Gunsten der Radicalen. Am 10. Jan. 1849 eröfsnete der Großherzog die neuen Kammern u. sprach sich sowol für Erneuerung des Nationalkrieges gegen Österreich aus, dessemwillen er bereits anfangs 1848 den östsrr. Erzherzogtitel abgelegt hatte, als auch für Berufung einer italienischen Nationalversammlung. Doch der wachsende radikale Terrorismus drängte im Febr. Leopold ins feindliche Lager; am 7. Febr. verließ er Florenz u. begab sich, trotzdem ihm Karl Albert von Sardinien seine Hilfe zur Wiederherstellung seiner Regierung anbot, nach Gadta, wohin Papst Pius IX. schon früher geflohen war. Unter wüsten Tumulten u. unter vergeblichen Gegenversnchen der Gemäßigt-Liberalen wurde 8. Febr. in Florenz eine provisorische republikanische Regierung eingesetzt, die aus Guerazzi, Montanelli, Mazzoni bestand. Am 12. Febr. pro- testirte der Großherzog von Gaeta aus gegen diese provisorische Negierung, während 15. Febr. in Florenz durch den Volksclnb die Republik proclamirt u. Unterhandlungen behufs Vereinigung mit der römischen Republik eingeleitet wurden. Am 25. März fand die Eröffnung der Nationalversammlung für T. statt, welche 27. an Guerazzi die executive Gewalt in diktatorischer Form übertrug. Die Macht des Diktators begann jedoch bald zu wanken vor der Gegenrevolntionder gemäßigt liberalen Partei, welche die von Guerazzi zu seinem Schutze herangezogenen livornesischcn Frcicorps mit Truppen und der Nationalgarde 11.—12. April ans der Stadt trieb, die Constituante auflöste u. Guerazzi sammt Ministerium n. Anhängern gefangen setzte. Dann wurde Leopold als konstitutioneller Fürst zurückgerufen u. eine gemäßigt-liberale provisorische Negierung eingesetzt; man hoffte in Florenz dadurch einer österr. Intervention zu entgehen, die der Großherzog in einem Briefe vom 26. Febr. 1849 angernfen hatte. Doch die Österreicher rückten unter General L'Aspre ein, besetzten im Mai Florenz u. nach zweitägigem Kampf das widerspenstige Livorno, wohin sich nach dem Sturze der Republik alle Gegner der neuen Ordnung der Dinge zurückgezogen hatten. Am 24. Mai setzte Leopold, nachdem er den Generalmajor Grafen Serristori zu seinem außerordentlichen Commissarins ernannt hatte, ein neues Ministerium unter dem Vorsitz Baldasseronis zusammen, er selbst kehrte erst 27. Jnli nach Florenz zurück. Die bei seiner Rückkehr erlassene Amnestie schloß 81 schwer Gravirte aus. Das Ministerium suchte die Verfassung zu erhalten n. eine Verminderung des österr. Occupationsheeres herbeizufllhren. Aber zufolge der 22. April 1850 vom Großherzog mit Österreich abgeschlossenen Militärconvention behielten 10,000 Mann das Land besetzt, n. im Juli begab sich Leo- II. B°»d. 09 450 Toscana. pold nach Wien, wo der Minister Fürst Schwarzenberg die Verfassung inT. aufgehoben wissen wollte, die zum Kriege mit Österreich geführt habe. Wirklich wurde nach der Rückkehr des Großherzogs, dem nach der Revolution der Friede mit Österreich wichtiger war, als der mit seinem Volke, 23. Sept. 1850 verkündet, daß die Verhältnisse die Wiederausrichtung der verfassungsmäßigen Organe noch nicht gestatteten, die ständische Versammlung ans unbestimmte Zeit aufgelöst sei; das war also Suspension der Verfassung, die dann 6. Mai 1852 förmlich abgeschafst wurde, womit die Herstellung der unumschränkten Souveränetät verbunden war. Mit der Abschaffung des constitutionellen Regiments waren gleichzeitig die reactionären Maßregeln aus das kirchliche Gebiet ausgedehnt, der priesterliche Einfluß in Florenz stieg Lurch das Concordat vom IS. Juni 1851 u. machte sich durch schonungsloses Einschreiten gegen alle Spuren von Protestantismus bemerkbar. Besonderes Aussehen machte dieAngelegenheitder Madiai- schen Eheleute, welche wegenVerbreitung engl. Bibeln zu 4 Jahren Zuchthaus verurtheitt u. erst im März 1853 aufAndringen vonEngland, Preußen». Frankreich begnadigt wurden. Der Proceß gegen Guerazzi u. seine Genossen endete im Sommer 1853 mit der Vernrtheilung Guerazzis zu 15 jähriger, Monta- nellis, Mazzonis u. A. In eunbumueium zu lebenslänglicher Zwangsarbeit; der Großherzog verwandelte das Unheil jedoch in lebenslängliche Verbannung. Im Mai 1855 zogen während des Orientkrieges die österreichischen Truppen aus T. ab; die Nationalgesinnten hofften durch die hierdurch möglich gewordene freiere Bewegung auf irgend einen Umschwung von der Abhängigkeit Österreichs, die priesterliche Partei dachte an Ausbeutung der Gegenwart u. Leopold lavirte mit Baldasseroni zwischen beiden Parteien. Das alte Verhältniß aber zwischen Regierung und Volk war zerstört, letzteres mißmuthig infolge des hohen Steuerdrucks, Len die Öccupa- tionskosten hervorgerufeu, u. geschädigt durch große Überschwemmungen im unteren Arno- u. im oberen Tiberthal. Die bei der Vermählung des Erbgroßherzogs Ferdinand mit der Prinzessin Maria Anna von Sachsen 1856 allen Flüchtlingen, die darum nachsuchen würden, zugesicherte straffreie Rückkehr brachte wenig Beruhigung; die Aufregung stieg,1859 wegen des bevorstehenden Kampses zwischen Öfter- reich u.Sarvinien-Frankreich. Vergebens hatte der sardinische Minister Graf Cavour sich Mühe gegeben , den Großherzvg auf die nationale Seite her- übcrzuziehen, die Regiernngspolitik war entschieden österreichisch, u. Leopold II. erklärte auf die am 24. April gestellte Anforderung zum Anschluß an Sardinien die toscanische Neutralität. Am 27. April bereits fand eine Volks - u. Soldatenversammlung auf Piazza Maria Antonia statt, eine Junta ward gebildet u. das Volk formulirte seine Forderungen, als deren erste der Marchese von Lagatico das Verlangen der Abdankung überbrachte. Leopold II. mies dies zurück u. verließ darauf nach Besprechung mit seinen Ministern u. dem österr. Gesandten T. Von Ferrara, der ersten österr. Festung aus, erließ er einen Protest, während in Florenz wieder eine provisorische Regierung niedergesetzt wurde, die am folgenden Tage (28. April) die Übertragung der provisorischen Dictatur au den König Victor Emauuel beschloß, der jedoch dieselbe nicht annahm, sondern nur den Oberbefehl der Truppen u. die Protection der toscanische» Regierung. Er schickte dann als außerordentlichen Commissar den angesehenen Staatsmann C. Buoncompagni, der einige Tage später die Gewalt in T. während der Dauer des nationalen : Krieges übernahm. Vergebens war es, daß 21. Juli Leopold II. zu Gunsten seines Sohnes Erzherzogs Ferdinand des Thrones entsagte, u. dieser in einer Proclamatiou an die Toscaner Aufrechthaltung der Verfassung u. Wahrung der Rechte der Nation versprach. In den Friedenspräliminarien von Villafranca (11. Juli) war freilich die Restauration der Habsburgisch-Lothringischen Dynastie in T. stipulirt, aber die 11. Aug. zusammeugetretene toscanische Abgeordneten-Versammlung erklärte 16. Aug. die Dynastie des Thrones für verlustig u. 20. Aug. sich für die Einverleibung in Sardinien. Am 30. Sept. wehte die dreifarbige Fahne mitdem savoyischenKrenz auf dem Thurme des Palazzo Vecchio. Victor Ema- nucl hatte, um den Wahlen der Laudesversamm- luug den Schein voller Unabhängigkeit zu geben, seinen Commissar Buoncompagni abberufen, u. an i seine Stelle hatte Ricasoli die Oberleitung übernommen. Am 30. Novbr. begab sich dieser nach Turin mit dem Beschlüsse der Nationalversammlung von T. u. derEmilia, welcher den Prinzen vonSavoyen- Cariguan, einen Vetter des Königs, zum Regenten im Namen des erwählten Königs ernannte. Victor Enianuelgab aber infolge desEinspruchs vonFrank-- reich statt dieses Buoncompagni zu seinem Stellver- ^ treter, welcher den Titel eines Generalgouverneurs der mittelitalischen Liga annahm u. als solcher 21. ^ Dec. in Florenz feierlich empfangen wurde. T. behielt übrigens getrennte Verwaltung und Ricasoli führte die Regierungsgewalt weiter, bis eine von England u. Frankreich gewünschte nochmalige allge- l meine Abstimmung 11. u. 12. März des Jahres 1860 386,145 Stimmen für die Einverleibung in Sardinien, 14,925 für Selbständigkeit T- s ergab. Am 15. März 1860 fand die Veröffentlichung deS toscanischen Plebiscits zu Gunsten des Anschlusses an die Monarchie Victor Emanuels statt, der nun durch Decret vom 22. März die Vereinigung T-s mit Sardinien anssprach, wogegen Großherzog Ferdinand von Dresden aus 26. März protestirte. Am 28. März rückten die königlichen Truppen in das che- ^ malige Großherzogthum ein, 16. April hielt Victor Emanucl seinen Einzug in Florenz. Doch wurde erst durch ein Decret vom 17.Febr. 1861 die admi- nistrcuive Einverleibung vollständig durchgeführt; bis dahin war, um das proviucielle Selbstbewnßtscin zu schonen, Ricasoli als Geueralgouverueur in T. geblieben, Prinz Eugen von Savoyen war Ober befehlshaber u. Statthalter in Florenz. Seitdem ist T-s Geschichte die von Italien. Leopold II. lebte bis znm Nov. 1869 aus seinen Besitzungen in Böhmen, daun begab er sich nach Rom, wo er in der Nacht vom 28. zum 29. Jan. 1870 in seinem 72. s- Lebensjahre starb. Vgl. Repetti, üi^ion-rrio xss- Arutieo-tioieo-storioo äolla, D., Flor. 1835—47, 6 Bde.; Jagemann, Auszug aus Rignccio Galluzzis Geschichte des Großherzogthums T. unter der Regierung der Fürsten aus dem Hause Medici, 2 Boe., Dresd. u. Lpz. 1784—85; A. von Reumont, Geschichte T-s seit dem Ende des florcutinijchen Frei- Toscanella - Maies, I. Thl. die Medici, 1.1530—1737, Gotha 1876, mit einer reichen Literaturangabe ».guten Beurtheilung,S. 647—654; 2. Thl.HausLothriu- geu-Habsburg, I. 1737—1859, Gotha 1877, mit einer literarischen Notiz, S. 673—681, u. 1 Registerband. Schmitz. Toscanella, Stadt in der ital. Prov. Nom, an der Maria, alterthümliche Kirchen S. Maria Maggiore und S. Pietro'mit Mosaiken n. Bildwerken; 3485 resp. 3898 Ew. Toscanisches Meer (Etruskisches Meer), der Theil des Mittelmeeres zwischen Toscana, Corsica u. Sardinien. Toschi, Paolo, berühmter ital. Kupferstecher, geb. 7. Juni 1788 in Parma; bildete sich seit 1809 in Paris unter Bervic aus, kehrte 1819 nach Parma zurück u. wurde Begründer einer Kunstschule u. Di- rector der Akademie der Schönen Künste in Parma, die er neu organisirte; er starb hier 30. Juli 1854. Werke: ein Blatt nach Albanos Venus n. Adonis u. ein anderes größeres: l-o opasimo cli Lieilis, nach Rafaels Gemälde in Madrid; die Kreuztragung nach Rafael n. die Kreuzabnahme nach D. da Vol- terra gelten als die Hauptwerke der neuen Stich- knnst; ferner Correggios Llackonna äslla Zoockolla, und die Fresken Correggios in der Kirche S. Giovanni in Parma. Regnet. Toß, 1) linker Nebenfluß des Rheins im schweiz. Kanton Zürich, entspringt im Bez. Hinweil an der Grenze gegen Toggenburg aus drei Quellen (an der Krenzegg, an der Schindelberghöhe u. am Fischen- thal), fließt in einem meist engen, waldigen Thale, nimmt die Eulach u. Kempt auf u. mündet bei Töß- ricdern. 8) Kirchdorf im Bezirk Winterthur des schweizer. Kantons Zürich, am glcichnam. Flusse, überden eine steinerne Brücke führt, Station der Schweizer. Nordostbahn; mehrere Fabriken; 1870: 2416 Ew. Dabei das gleichnam., 1525 säcularisirte Dominicanerfrauenkloster; wird jetzt als Fabrikgebäude benutzt. Hier 1292 Niederlage der Züricher durch Herzog Albrecht von Österreich. H- Berns. Tost, Stadt im Kreise T.-Gleiwitz des prenß. Regbez. Oppeln; Eisenbahnstation, Amtsgericht; Dampsbrennerei, 3 Bierbrauereien, Dampfmühle; 1875: 1770 Ew. Burgruine aus dem 13. Jahrh. Tostedt, Kirchdorf im Kreise Harburg der prenß. Landbrostei Lüneburg, Station der Köln-Mindener Eisenbahn (Benlo-Hamburg), Amtsgericht, Ackerbau, Bienen-, Schaf« u. Pferdezucht, Handel mit fettem Vieh; 905 Ew. Tost-Gleiwitz, Kreis im prenß. Regbez. Oppeln, von den Linien Breslan-Oswieczim und Gleiwitz- Beuthen-Schwientochlowitz der Oberschlesischen, so wie von der Linie Breslau-Dzieditz der Rechten- Oderufer-Eisenbahn durchschnitten; 900,^ Hjlcm (16,gg lUM) mit (1875) 88,960 Ew. Kreisstadt ist Gleiwitz. Total (v. Lat., als Adverb, totalitär), gesammt, völlig, gänzlich; Totalität,die Vielheit als Einheit gedacht, alle einzelne Gegenstände einer Art, Gattung rc. als ein Ganzes betrachtet. Daher: absolute Totalität, so v. w. das All; Gesammtheit, eine Sache als Ganzes ohne Bezug auf ihre Theile od. Einzelheiten gedacht. Tot'ana, Stadt in der span. Prov. Murcia, am Fuße der 1582 in hohen Sierra de Espuna, mitj — Totorkan. 451 . schönen Orangengärten; große Töpfereien, Schneehandel mit Murcia; 6875 Ew. Töth, 1) Koloman, ungar. Dichter, geb. 30. Juni 1830 in Baja (Bacs Bodreger Comitat), trat 1854 zuerst mit einer Sammlung Gedichte hervor, die bedeutenden Anklang fand, ließ dieser weiters Sammlungen, so wie auch Dramen folgen, ward 1860 Mitglied der Kisfalndyschen Gesellschaft, 1861 Mitglied der Akademie, die auch eines seiner Dramen preisgekrönt hatte. 2) Eduard, ungar. Dramatiker, geb. 14. Oct. 1844 in Putnok (Gömörer Comitat), entsagte dem ihm vorgeschriebcnen Kanf- mannsstand, um seiner Neigung zur Bühne, als Schauspieler, wie als Bühnendichter zu folgen, und fand mit seinen Volksstücken durch ebenso originelle Erfindung als poetisch gemüthvolle Sprache n. aus dem Leben gegriffenen Charakter verdiente Anerkennung, ward 1871 beim Nationaltheater in Pest als Dramaturg angestellt, starb jedoch schon 26. Febr. 1876. Totrlas, gegen den Rugier Erarich, der sich mit Gewalt der Herrschaft über die Ostgothen bemächtigt hatte, zum Könige der Ostgothen erwählt (541), ein tüchtiger Feldherr u. Regent, der den 536 begonnenen Krieg gegen die Byzantiner fortsetzte, bei Faenza einen entscheidenden Sieg erfocht und dann Italien erobernd bis nach Calabrien durchzog. Nach der Eroberung Neapels durch ihn schickte der byzantinische Kaiser Justinian seinen Feldherrn Belisar nach Italien (Frühjahr 544), doch vermochte auch dieser, schlecht unterstützt, nichts gegen T. auszurichten. Sogar Rom ging 546 verloren; bei dem baldigen Abzug von da zeigte der Gothenkönig eine solche Milde u. solchen Edelmnth, daß er selbst große Gebäude, wie Hadrians Grabmal, die dem Feinde als Castelle dienen konnten, ans Scheu vor den größten Werken des größten Kriegervolkes unzerstört ließ. 549 gmg Belisar nach Constautinopel zurück u. jetzt fiel Rom zum zweiten Mal in T'. Hände. Dann rüstete er eine Flotte aus, um Sicilien den Byzantinern zu entreißen, was jedoch nicht gelang. Doch besetzte er Sardinien u. Corsica u. verwüstete einen Theil der Jonischen Inseln. Gegen das Aeldherrntalent u. die Uebermacht des Narses aber, des Nachfolgers von Belisar seit 552, verlor T. im Juni dieses Jahres die entscheidende Schlacht bei Taginae am Fuße der Apeninnen trotz seiner vorzüglichen Anordnung und der heldenmüthigen Tapferkeit der Gothen. T. selbst starb kurz nachher an den empfangenen Wunden. Vgl. I. E. F. Manso, Geschichte des Ostgothischen Reiches, Breslau 1824. Schmitz. Totis, Markrflecken, so v. w. Tata. Tstma, Kreisstadt im russ. Gonv. Wologda, am linken llfer der Suchona gelegen, hat 9 Kirchen u. 3 Klöster, lebhaften Handel nach Sibirien; 3315 Ew. Totnes, alte Stadt in der engl. Grafschaft Devon, am Dart (mit Brücke), Eisenbahnstation; große Markthalle, Latein. Schule,Handelsinstitut, Theater, Fabrikation von wollenen Maaren, Fischfang; 1871: 4073 Ew. Totonicapan, Lepartementshanptstadt in der centralamerikan. Republik Guatemala; 24,000 Ew., größtentheils Indianer, welche sich von Ackerbau, Wollenindnstrie, Fabrikation von Töpferwaaren n. hölzerner musikalischer Instrumente nähren, j Totorkan, so v. w. Tnrtukai. 29 * 452 Tottenham Tottenham, eine der nördlichen Vorstädte Londons, mit (1871) 22,860 Ew. Tottleben, Graf Eduard Jwanowitsch, geb, 4. Febr. I8l7 in Mitau, Sohn des Kanfmanns Johann Heinrich T., mit welchem er schon als Kind nach Riga zog, erhielt daselbst seine erste Erziehung, sollte Kaufmann werden, hegte aber entschiedene Vorliebe zum Soldatenstande, empfing seit 1835 in der kaiserlichen Ingenieurschule in Petersburg seine militärwissenschaftliche Bildung, trat 1838 alsllnter- lieuteuaut ins Geuiecorps, nahm 1847—48 als Slabshauptmann an der Belagerung der Festungen Salti u. Tschoch im Kaukasus Tbeil u. wurde 1853, bereits zum Obristlieutenant aufgerückt, bei Ausbruch des Krieges gegen die Türkei dem General Schilder zugetheilt. Nachdem er an der Donau, namentlich während der Belagerung von Silistria, wiederholt Beweise seiner Tüchtigkeit gegeben hatte, wurde er mit dem Rang eines Obersten u. dem Titel Flügeladjutant im Oct. 1854 nach der Krim gesendet u. langte einige Tage nach der Landung der Alliirten beiEupatoria in Sewastopol an, wo er die Oberleitung sämmtlicher Jugenieurarbeiten erhielt n. sich sowol durch seine Fähigkeit u. Umsicht in Anlage der neuen Besestiguugswcrke an der Südseite, als durch die Energie, mit welcher er den Bau derselben betrieb, um die Vertheidiguug Sewastopols unsterbliche Verdienste erwarb. Nach dem Fall dieses Platzes begab er sich zunächst nach Nikolajew; nach dem Ende des Krieges erhielt er eine Dotation u. 1858 Len erblichen Adel. Er war inzwischen in rascher Reihenfolge zum Generalmajor u. General adjutanten ernannt worden u. ging nach Kronstadt, um die Neubauten an den dortigen Festungswerken zu beaufsichtigen, 1860 wurde er Geuerallieutenant u. Director des Geniedepartements im Ministerium des Krieges, außerdem auch Gehilfe des Generalinspectors des Geuieweseus, Großfürsten Nikolai Ni- kolajewitsch. Da die Nationalrussen , voll Neid auf ihn, ihn nicht von Neuem hervortreten lassen wollten, so wurde T. erst Sept. 1877 aus den bulgar. Kriegsschauplatz berufen, leitete hier vor Plewna die Belagerung, schloß Plewna ein u. erzwang die Übergabe. Hierfür erhob ihn der Kaiser Nov. 1877 in den erbl. Grafenstand. T. schrieb über Plewnas Belagerung ein Buch in französischer Sprache, wie er auch die Uokouao cks Lsrvirsropol, Petersburg 1864 (deutsch von Lehmann, 2 Bde., Berl. 1865—72), erscheinen ließ. T. cernirtc nach dem Falle von Plewna die bulgarischen Festungen u. wurde 29. April 1878 anstatt des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch Ober- commandirender der Occupations-Armee von Rn- inelien. Klemschmidt. Touch, Stadt im Arr. Auxerre des sranz. Dep. Aoune, an der Ouanne; Schloß, Wollenmanufactu- ren, Fayeucefabriken, Gerbereien, Lohmühlen, Handel mit Eisenwaaren rc.; 1876: 1706 Ew. (Gern. 2913). In der Nähe eine eisenhaltige Mineralquelle. Tont, Stadt n. Hauptort in dem 5 Cantone und 1l9 Gem. mit (1876) 62,977 Einw. umfassenden glcichnam.Arr. des frauz. Dep. Menrthe-et-Moselle, Festung erster Klasse (4 Außensorts), an der Mosel (darüber steinerneBrücke) u. am Nhein-Marnekanal, Station der frauz. Ostbahn; Gerichtshof erster Instanz, alte gothifche Kathedrale St. Etieune ans dem 13., 14. u. 15. Jahrh. u. Kirche St. Gengoult aus — Toulon. dem 13. Jahrh., Stadthaus (ehemals bischöflicher Palast), Communal-College, Secundärschule für Mädchen, öffentliche Bibliothek, Theater, Departe- mentsgesänguiß, Civil- n. Militärspital, Fabrikation von Stickereien, Gaze.Hüten, Essig, Fayence,Leder rc., Weinbau, Handel mit Getreide, Wein, Branntwein , rc.; 1876: 9566 Ew. (Gem. 10,085). In der Nähe ! der Stadt ist eine Mineralquelle. — T. ist Geburtsort des Marschalls Gouvion Saint-Cyr u. des Fi- nanzmiuisters Baron Louis. T., welches unter den Römern Tulluin I-suoornw hieß, ist eine sehr alte Stadt. Es gehörte später den Franken u. dann unter den Merovingern u. Karolingern stets zum fränkischen Königreich Anstrasien. Hier 612 Sieg Theo- derichs II. von Burgund über die Austrasier unter Theodebert. T. wurde nachher von eigenen Grasen regiert, welche um 1000 unabhängig wurden, u. als diese 1136 im Mannesstamm mit Friedrich I. ausstarben, kam es an Lothringen, doch wurde der Herzog nur Schutz- n. Schirmherr und die Stadt blieb deutsche Reichsstadt. Im April 1552 besetzten die Franzosen infolge des Bündnisses, das König Heinrich II. von Frankreich mit dem Kurfürsten Moritz s von Sachsen gegen Kaiser Karl V. geschlossen hatte, ^ die Stadt, ließen ihr aber die reichsstädtische Ver- ! fassung; jedoch erst im Westfälischen Frieden 1648 wurde sie definitiv an die Krone Frankreich abgetreten. In der Revolution wurde das Bisthum T., ! welches seit 410 bestand, aufgehoben. Hier mehrere Loncilien, so 550, 859 u. 860. Am 20. Jan. 1814 capitulirte T. an die Russen u. im Deutsch-sranzö- sischenKriege 1870/71 wurde es, nachdem es bereits - seit dem 10. Sept. 1870 vom 13. deutschen Armee- s corps unter dem Großherzog von Mecklenburg belagert war, 23. Sept. nach einem kurzen Bombardement zur Capitnlation gezwungen. Es wird ge- ! genwärtig zu einer starken Festung ausgebaut. Vgl. ! Thiery, Hiotoiro cko In vills M, Toul 1841; von Werder, Die Unternehmungen der deutschen Armee gegen T., Berl. 1875. H- Berns. Toulon (T. jur Mer), Stadt und Hauptort in dem 9 Cantone u. 29 Gem. mit 145,097 Ew. umfassenden, gleichnam.Arr.dcs frauz. Dep. Bar, Festung erster Klasse, wichtiger Kriegs- u Handelshafen, Hanptstation der frauz. Mittelmeerflotte, liegt an einer weiten Bucht des Mittelmeeres deren Eingang die Halbinsel Sepet schließt, ist Station der PariS-Lyon- Mittelmeerbahn u. hat regelmäßige Dampsschiffver« binLnng mit den Häsen des Mittelländischen MeereS. T. hat im Allgemeinen enge, aber reinliche Straßen, unter Lenen die wichtigsten sind: der Boulevard (ehemals nach Louis Napoleon genannt), die Rne La- fayette, Rne de la Misericorde, Rne des Chandron- ^ niers, Rne Bourbon, Rne Royal rc. Mit Aus- f nähme des weiten Platzes Champ-Le-Bataille (auch ! Place d'Armes genannt), welcher von schönen Pla- ! tauen beschattet wird und von eleganten Magazinen ^ u. Cafes umgeben ist, sind alle Plätze der Stadt klein u. unregelmäßig; erwähnenswerth sind: die Place j des Trois-Dauphins, Place St. Roche, Place St. Pierre rc. (sämmtlich mit schönen Fontänen). Hervorragende Bauwerke sind: die alte Kathedrale St. Marie-Majeure (1096 gegründet, wiederholt restau- rirt u. vergrößert), diejtirchen St. Louis, St. Fran- (ois-de-Paule, St. Pierre rc., die reformirte Kirche, das Stadthaus (am Quai Marchand), das neue Toulon. 458 Theater, der neue Justizpalast, der viereckige Thurm Monrillon von 6 Etagen (1848 erbaut, von allen Punkten der Umgegend aus sichtbar) rc. T. ist Sitz eines Gerichtshofes erster Instanz, eines Handelsgerichts, einer Handelskammer, einer Seepräfectur, eines Marinetribunals, einer Direction der Marineartillerie u. mehrerer anderer Militär-, See- u. Hafenbehörden, hat ein Lyceum, eine hydrographische Schule, eine Normalschule für Lehrerinnen, tzöhereMädchenschule,Municipalbibliothekvon16,000 und Marincbibliothek von 8000 Bänden, Marinemuseum, Observatorium, Marinehospital, 2 Civil- hospitäler, Departementsgefängniß, Börse, Succur- falederBaukooiiFrankreich, mehrere Consulate fremder Staaten, Seearsenal (s. unten) mit großartigen Werkstätten, Schiffswerften, Fabriken für Tuch, Filzteppiche, StrumpfwirkerwaareiyMesserschmiede- waaren, Chocolade, Seife, Lichtere., Gerbereien, Färbereien, Wein- u. Obstbau, Ban von Kapern, Feigen u. Südfrüchten, Fischerei, lebhaften Handel, namentlich Einsuhrhandel mit Getreide, Bauholz, Holzkohlen, Zucker, Kaffe, Hanf, Eisen n. Steinkohlen (zwei Drittel der erngesührten Maaren werden zur Verproviantirungder Marine verwandt); 1876: 61,382 Ew. (Gern. 70,509). Inden Hasen liefen 1876 80 Seeschiffe mit 15,173 Tonnen Gehalt ein n. außerdem noch ca. 350 Küstenfahrer. Der Hafen von T. nimmt unter den französischen Kriegshäfen den zweiten u. unter den französischen Handelshäfen den zehnten Rang ein. Er liegt im Hintergründe einer großen Rhede, ist gegen alle Winde geschützt und besteht ans zwei, Darse-Vieille u. Darse-Nenve genannten Becken, welche durch einen Damm geschlossen sind, der sie von der Seite der Rhede aus schützt. Beide Becken (das ältere unter Heinrich IV., das neuere unter Ludwig XIV. angelegt) haben eine directe Verbindung mit der Rhede n. sind auch miteinander durch einen Kanal (Chenal) verbunden. Zwei Drittheile der Darse-Vieille sind der Handels marine eingeräumt, der Rest derselben, sowie die ganze Darse-Nenve sind der Kriegsmarine Vorbehalten. Östlich von der Darse-Nenve liegt der 1837 gebaute Handelshafen (Port de la Rade) u. westlich von der Darse-Nenve befindet sich die Darse de Ca- sügneau, letztere von den Gebäuden des gleichuam. Arsenals umgeben. Das bedeutendste maritime Etablissement von T. ist das Marinearsenal, welches 1680 nach den Plänen Vaubaus erbaut, mit dem Arsenal von Castigneau einen Flächenraum von 270 lis, bedeckt, über 160 Millionen Fcs. gekostet hat u. durchschnittlich 10,000Arbeiterbeschäftigt. Man tritt in Las Arsenal ein durch ein monumentales Thor, 1738 erbaut n. geschmückt mit vier dorischen Säulen und den Statuen des Mars u. der Minerva. Ein Vestibül befindet sich vor dem Hofe, welchen das Hauptmagazin (enthaltend die Materialien zum Bau und zur Ausrüstung der Schiffe), die Seilerei, die Werkstätten der großen Hammerwerke, eine unbedeckte u. zwei bedeckte Calcs zum Bau u. zur Reparatur der Schiffe, der Uhrpavillon nebst den Gebäuden für die Direction, das Marinemuseum, der Artilleriepark, der Waffensaal, das Atelier für Modelle und die Darse-Neuve cinschließen. Längs dem Kanal, welcher ans dem Kriegshafen in die Darse von Castigneau führt, zieht sich der Quai de la Gar- niture hin, der mit Magazinen sürMarinebedürsnisfe besetzt ist. Auf einer Insel, welche durch eine drei, bare Brücke über den Verbindungskanal zwischen der Darse-Vieille u. der Darse-Nenve mit dem Feftlanve zusammenhängt, liegen drei Docks, der Bagno und sein Hospital. Der Bagno, 1682 unter der Verwaltung Colberts erbaut, durchschnittlich mit 3000 Sträflingen bevölkert, dient seit 1852 nur noch als Depot für die zur Deportation nach Cayenne und Neucaledonien verurtheilten Verbrecher. Das einen Flächenraum von 37 brr bedeckende, auf Pfähle» er- baute Arsenal von Castigneau zieht sich längs der Rhede 5 lcm weit bis zur Seyne hin u. umfaßt: die Marinebäckerei mit 20 Öfen, welche täglich 60,000 Nationen backen können, die Kesselschmiede, eine der großartigsten Eisengießereien in Frankreich, die mechanischen Adjustir Werkstätten, Eisenhammerwerke, das Motoren-Gebände, 3 Werftbassins, ein 125 m langes Werkzeugmagazin rc. Südöstlich u. außer- halb der Stadt liegt noch ein drittes Arsenal, das von Mourillon; es umschließt gewaltige Gräben zur Erhaltung u. Aufbewahrung der Schiffbauhölzer u. zahlreiche gemauerteSchnppen, eine prächtigeDampf- säge, große bedeckte Calcs n. 11 kleinere zum Schiffbau, eine Werkstätte für den Bau eiserner Schiffe, ein Eisen- und Kupfermagazin, einen Saal für die Gefangenen des schwimmenden Bagno rc. Zu den Marineetablissements gehören ferner das große unter Ludwig XIV. erbaute Marinehoipital mit naturhistorischem Cabinet, das Hospital St. Mandrier (ein Annex des vorigen) auf der Halbinsel Sepel mit Botanischem Garten, ein Quarantainelazareth, 2 Hospitäler für die Flotte u. mehrere Kasernen. Südöstlich von St. Mandrier erhebt sich auf dem höchsten Hügel der Halbinsel Sepet eine Pyramide zum Andenken an den Admiral Latouche-Trbville. Nm die Einfahrt in den Hafen zu sichern, sind mehrere Lencht- thllrme errichtet. Wegen des starken Wachsens der Stadt war eine Erweiterung der Enceinte zur Noih- wendigkeit geworden. Infolge eines Decrets von 1852 wurden deshalb die alten Wälle auf der nördlichen Seite demolirt und durch eine neue Enceinte ersetzt, welche sich weiter nordwärts hinzieht u. auch das Arsenal von Castigneau entschließt. Die Rhede, die Häfen und die Stadt sind außerdem durch zahlreiche Kllstenbatterien u. Redouten, sowie Lurch 11 Forts geschützt. Ein 718 km langes Telegraphcn- kabel verbindet T. mit Algier. — T. wird zuerst im 4. Jahrh. von dem Verfasser des Itiuernrinrn 4n- bonini als Telo Martins genannt; es war damals schon ein bedeutender Ort, der namentlich durch seine Purpnrfärbereien berühmt war. Jni Anfang des 10. Jahrb. u. später 1186 und 1197 wurde es von den Saracenen zerstört, erholte sich aber bald und theilte nun die Schicksale der Provence. 1524 wurde es vom Connetable von Bourbon u. >536 von Kaiser Karl V. eingenommen. Während des Spanischen Erbfolgekrieges wurde es 1707 von einer österreichisch-savoyischcn Armee unter dem Herzog Victor Amadeus von Savoyen und dem Prinzen Eugen vom 20. Juli bis 14. Sept belagert u. zugleich von der Seeseite aus von der englisch-holländischen Flotte bombardirt, aber vom Marschall Tessc so tapfer vertheidigt, daß die Belagerung aufgehoben werden mußte. 1744 zwischen T. u. den Hyerischen Inseln große Seeschlacht zwischen der französisch- spanischen Flotte u. den Engländern, in welcher Letz- ! 454 Toulouse. tere siegten. Im Nevolutionskrieg zeigte sich T. dem neuen System abgeneigt, das Volk stand gegen den Convent auf u. übergab T. 29.Aug. 1793 der vereinten englischen u. spanischen Flotte unter dem Admiral Hood. Darauf aber belagerten die Republikaner T., denen cs auch gelang (hauptsächlich durch das Verdienst Bonapartes) die Engländer zu vertreiben (20. Nov.), welche aber zuvor die französische, in ihre Hände gefallene Flotte von T. verbrannten. 1817 erhielt die Stadt von Ludwig XVIII. den Beinamen einer guten Stadt. H- Berns. Toulouse, Stadt und Hanptort in dem franz. Dep.Ober-Garonne, sowie indem 12 Cantone u.130 Gemeindenmit 209,096 Ew. umfassenden, gleichnam. Arr., am rechten Ufer der Garonne, unweit des Südkanals, Station der franz. Süd- u. Orleans- bahn; hat einen schönen Quai längs der Garonne, Brücke von sieben Bogen (Pont Neuf, 1543—1626 erbaut, ehemals mit einem Triumphbogen u. einer Reiterstatue Ludwigs XIV.), welche nebst 2 Hängebrücken die Stadt mit der Vorstadt St. Cyprien (jenseit der Garonne) verbindet, enge, winklige und schlecht gepflasterte Straßen, schöne Spaziergänge aus den Wällen u. an beiden Seiten des Flusses (bes. der Cours). T. ist Sitz des Präfcctcn, der Departe- mentalbchörden, des Obercommandos des 17. Armeecorps und hat einen Erzbischof (von T. u. Nar- bonne), protestantisches Consistorium, Appelhof, Gerichtshof erster Instanz, Afsisenhof, Handelskammer, Handelsgericht u. Schiedsgericht, 41 Kirchen, darunter die Kathedrale St. Etienne(uoch unvollendet), die schöne romanische Kirche St.Saturnin (St.Sernin) mit Mausoleum des St.Saturninus u. einer Krypte, berühmt durch ihre zahlreichen Reliquien, die Jesuitenkirche (aus dem 13. Jahrh.), die Dominicanerkirche mit dem Grabmal des Thomas von Aquino, erzbischöflichen Palast, Stadthaus (Capitol), mit dem Saal äss Irommes Ulusbres, welcher die Büsten der um T. verdienten Männer, u. a. auch die Riquets, des Erbauers des Languedockauals, enthält, Justizpalast, die ehemaligen Klostergebäude der Jakobiner (aus dem 14. Jahrh., enthält die Facultäten u. die Bibliothek), großes Theater, Zeughaus, Universität von 4 Facultäten, Sternwarte, Vorbereitungsschule für Medicin u. Pharmacie, Thierarzneischule, Ly- ceum, Normalschuls für Lehrer, Großes und Kleines Seminar, Lehrcursns für Las Hebräische, Kunst- u. Gewerbeschule, Lehrstuhl für Agricullur, Conserva- torium der Musik, Artillerieschnle, Reitschule, Akademie der Wissenschaften, Akademie für Malerei, Bildhauerei u. Architektur, Akademie der Gesetzgebung, Akademie der Blnmenspiele (Isux Horaux, s. ckeu), Gesellschaften für Archäologie, für Medicin, Chirurgie und Pharmacie, Raturwisscnschasten (mit einem sehrschönenMnseum), Acker- u. Gartenbaurc., öffentliche Bibliothek von 60,000 Bänden und 700 Manuscripten, Bibliothek der guten Bücher, Kunst- u.Antiquitätenmuseum, Ethnographisches Museum Botanischen Garten, 3 Theater, Taubstummen- und Blindeninstitnt, Waisenhaus, Irrenhaus u. andere Wohlthätigkeitsanstalten, Besserungsanstalten für Knaben und Mädchen, Börse, Succursale der Bank von Frankreich u. des Credit foncier, große Stück- gießerei, Tabakmanufactnr, Fabrikation von Eisen- u. Stahlwaaren, namentlich von Sensen u. Sicheln (etwa 300,000 Stück jährlich), wollenen, baumwollenen, seidenen u. leinenen Maaren, Messing, Glas, Papier, Fayence, feinen Töpfer- u. Marmorwaa- ren, Wagen, Quincailleriewaaren, Parquetböden, Wagenachsen, landwirthschaftlichen Maschinen, Oel, Stärke, Wachslichten,Chemikalien,Posamentierwaa- ren, Pulver rc., Baumwollenspinnerei, Eisen- und Stahlhämmer, Sägewerke, Drahtzieherei, Gerberei, Bierbrauerei, Branntweinbrennerei,zahlreicheMüh- len, lebhaften Handel, namentlich mit Getreide, Mehl, Gemüse, Wein, Marmor, Stahl, Bauholz, Häuten, Wolle, Federn, Rohseide, Käse, Seife, Öl, Entenleber- und Trüfselpasteten, sowie mir den Pro- ducten der eigenen Industrie; 1876: 120,208 Ew. (Gem. 131,642), T. war ehemals die Hauptstadt von Languedoc. (Gesch.) T., im Alterthum Tolosa (Do>lw Blutstillung bei Verletzungen der großen Gesäße bis ! zuderenUnterbindnng, beziehungsweise bei größeren ! chirurgischen Operationen zur Verhütung der Blutung aus den durchschnittenen Arterien. Man theilt die T-s in Rücksicht ihrer Wirkung: a) in solche, welche daS ganze Glied in allen Punkten gleichförmig drücken u. allen Zu- u. Rückfluß des > Blutes hindern; b) in solche, welche bes. nur auf > den Hauplstamm einer Arterie drücken. L) In I Rücksicht der Formen: a) Feldtonrniq ne tS; sie bestehen aus einer zusammengerollten Binde od. einer Pelotte von Leder, einer Scheibe von Pappe, Leder oder Horn, welche auf beiden Seiten zwei Einschnitte hat, einer festen Binde oder einem Gurt und aus einem Knebel von hartem Holz. Die aufgerollte Binde oder die Pelotte legt man anf die Hanptpulsader des Glieds und befestigt sie hier mit der andern Binde oder dem Gurte; auf die der Pelotte gerade entgegengesetzten Seite legt man die Scheibe, führt durch die Einschnitte derselben die Enden der Binde und knüpft oder schnallt diese zusammen, lieber die Scheibe führt man den Knebel durch n. dreht ihn so oft um, bis Las Glied zusammengeschnürt ist, so daß man den Puls unterhalb des T-s nicht mehr fühlen kann. Den Knebel kann man auch durch ein Paar an seinen Enden befestigte Riemen in seiner Lage erhalten, b) Die Sch rau« b entourniquets bestehen aus einer metallenen Platte, an welcher eine Scheibe befindlich ist, aus einem Gurte od. Binde mit einer Schnalle u. einer Pelotte. Meist läuft der Gurt über den Griff der Schraube u. wird durch höheres Schrauben angezogen; bei andern aber sind zwei Metallplatten da, welche durch die Schrauben einander genähert u. entfernt werden, u. der Gurt geht dann überRollen in den beiden Vlatten (von Bell, Petit); noch andere haben da, wo die Schraube mit der Metallplatte zu- sammengefügt ist, noch ein Stellrad mitGegenhaken, um das Znrückweichen der Schraube unmöglich zu machen (von Savigny); andere sind noch künstlicher gearbeitet. Auf die Hanptpulsader des Gliedes, an welches das T. gelegt werden soll, legt man die Pelotte, welche, wenn sic nicht an dem Gurte befestigt ist, mit einer Binde an dem Gliede festgehalten wird. Tourniren — Tours. 457 Auf der der Pelotte entgegengesetzten Seite des Glieds legt man die Platte des T-s, damit diese aber keinen zu starken Druck verursache, eine dünne Compresse darunter. Um das Glied herum u. über die Pelotte führt man den Gurt weg u. zieht ihn vermittelst der Schnalle mäßig an. Alsdann dreht man den Handgriff der Schraube so oft um, bis das Glied hinlänglich znsammengedrllckt ist. Zur Com- pression einzelnerArterien, bei denen ein T. nicht angelegtwerdenkann,wie bei derAorlau.subclavia, sind besondereApparate (Compressorien) angegebenwor den. In neuerer Zeit bevient man sich meist bei grö- ßerenOperationen an den Extremitäten zurBlutstill- ung u.Erleichterungdcs operativen Eingriffs des von Esmarch angegebenenConstrictionsapparates. Derselbe besteht aus einer elastischen Gummibinde u. einem Gnmniischlauch, der an einem Ende mit einem Haken, am andern mit einer Kette versehen ist. Das zu operirende Glied wird mit der elastischen Binde von unten ans bis oberhalb der Operationsstelle fest eingewickelt n. dadurch fast vollständig blutleer gemacht. Dann schnürt man den Schlauch dicht oberhalb des Bindenendes fest um die Extremität, so Laß sämmtliche Gesäße comprimirt werden, befestigt den Haken an der Kette, nimmt die Binde ab u. kann nun in fast blutleerem Gewebe operiren. Allerdings erfolgt nach Bollendnng der Operation n. Abnahme des Schlauchs aus den gelähmten arteriellen Gefäßen eine sehr reichliche Blutung, doch läßt sich diese durch vielfache Ligaturen, durch Berieselung mit Eiswasser oder durch Einwirkung eines kräftigenJnductionsstromes auf die blutenden Stellen in kurzer Zeit stillen. Blumberg. Tourniren (v. Franz.), drehen, wenden; Umschlagen. Tournon, Stadt u. Hauptort in dem 11 Can- tone und 125 Gem. mit 151,754 Ew. umfassenden, gleichnamigen Arr. des franz. Dep. Ardöche, an der Rhone, milder gegenüberliegenden Stadt Tain durch zwei Hängebrücken verbunden, Station (Tain) der Paris-Lyon-Mittelmeerbahn; Schloß, Gerichtshof ersterJnstanz,Lyceum, öffentliche Bibliothek, Seiden- mllhlen, Foulardsdruckerei, Seiden- und Weinbau (Heremitagewein), Handel mit Tuch- und Seiden- waare», Wein, Kastanien und Bauholz; Marmorstatue des Generals Rampon; 1876: 4947 Ew. (Gem. 6083). S- Berns. louemire (sr.), Wendung; gewandtes Benehmen. Tournus, Stadt im Arr. Macon des franz. Dep. Savne-et-Loire, an der Saone (Brücke von 15 Bogen über dieselbe), Station der Paris-Lyon- Mittelmeerbahn; Handelsgericht, mehrere Kirchen (darunter die alte Abteikirche St. Philibert), Com- munal-Collöge, Hospiz, Hospital,Marmorstatne von Grenze (dessen Geburtsort T. ist), Fabrikation von Zucker,Alkohol, Dampfmaschinen, Decken, Pottasche, Drainröhren rc., Gerberei, Eisengießerei, Färberei, Seidenspinnerei, Seiden- und Weinbau, lebhafter Handel mit Steinen, Vieh, Fässern,Wein rc.; 1876: 4412 Ew. (Gem. 5527). H- Berns. Tours, Stadt u. Hauptstadt in dem franz. Dep. Jndre-ct-Loire, sowie in dem 11 Cantone und 127 Gem. mitl 76,147 Ew. umfassenden, gleichnam.Arr., am Einflüsse des Cher in die Loire (über welche eine sehr schöne, 434,igM lange u. 14,^ m breite steinerne Brücke führt), Knotenpunkt der Orleansbahn u. der Eisenbahnen der Bendee, an der Stelle der ehemal. Festungswerke von ausgedehnten Bonlevards umgeben, im Innern zum Theil eng u. unregelmäßig gebaut, aber auch mit schönenStraßen(darunterdie lins Royale), die Stadt in 2 Hälften theilend; Sitz des Präsecten u. der Deparlementsbehörden, eines Erzbischofs, hat Gerichtshof erster Instanz, Assisenhof, Handelsgericht, Arbeiter-Schiedsgericht, Commando des 9. Armeecorps rc.; zahlreiche Kirchen, darunter bemerkenswerth die gothische Kathedrale St. Gauen mit reich verzierter Hauptsayade und die ebenfalls gothische Kirche St.Julien von 1224, erzbischöflicher Palast, Hotel der Präfectnr, Stadthaus, Cavalerie- kaserne mit dem Thurm Gnise (dem letzten Überrest des im 12. Jahrh. erbauten Schlosses der Grafen von T.), 2 monumentale Thürme aus dem 12. u. 13. Jahrh. (gehörten zu der in der Revolution zerstörten großen Kathedrale St. Martin von T., einem Hauptheiligthum und Wallfahrtsorte Frankreichs); Lycenm, Borbereitungsschule für Medicin u. Pharmacie, Artillerieschnle (1873), Großes und Kleines Seminar, Secundärschule für Mädchen, Zeichenschnle, öffentliche Bibliothek von 40,000 Bänden, Antiquitäten-, Gemälde- und Naturhistorisches Museum, Botanischer Garten, mehrere gelehrte Gesellschaften (für Archäologie,Wissenschaften n. Künste, Medicin rc.), Irrenhaus, Waisenhaus, Hospiz (gegründet 1656>, Zellengefängniß, Handels- u. Äcker- bankanimer, Succnrsale der Bank von Frankreich; Industrie in Eisen, Leder, Papier, Wollen-, Banm- wollen- n. Leinenwaaren, Seidenzengen (Oros cks T.), Teppichen, Töpferwaaren, Fayence, Draht, gedrehten Metallwaaren, Chemikalien, gemalten Kirchenfenstern rc., große Buchüruckerei, Weinbau, lebhafter Handel mit Wein, Branntwein, getrocknetem Obst, Hanf, Wachs rc.; 1876: 48,325 Ew. — 1853 wurde hier ein großes römisches Amphitheater aufgefnnden. Wegen seines milden Klimas wird T. vonzahlreichen Fremden, namentlich Engländern, als Aufenthaltsort gewählt. T. ist Geburtsort von Destouche Dutens u. Grecourt. Dabei die Überreste des festen Schlosses Plessts les T., in welchem Ludwig XI. 1483 starb. T. hieß zur Römerzeit Cäsarodnnum und später Turoni n. war die Hauptstadt der Tn- rones; kam dann unter die Herrschaft der Westgothen, später unter die der Franken u. wurde zu Nenstrien gerechnet. Es hatte damals eigene Grafen, deren letzter, Graf Theobald, im 11. Jahrh. von Gottfried von Anjou vertrieben wurde. Zwischen Poitiers u. T. 732 Sieg Karl Martells über die Araber. 853 wurde T. von den Normannen geplündert u. verbrannt. Von den Anjous kam T. mit der Tonraine an die Plantagenets. Unter Johann ohne Land nahm König Philipp August von Frankreich die Stadt; aber erst König Heinrich III. von England trat T. und die Touraine 1259 ganz an Ludwig IX. von Frankreich ab. Seit 1360 wurde T. als Herzogthum an nachgeborene französische Prinzen gegeben, s. Touraine. 1583 verlegte Heinrich III. das Parlament u. die anderen hohen Gerichte von Paiis hierher; dadurch, sowie dnrch die mehrmalige Versammlung der Generalstaaten, wuchs die Stadt außerordentlich , sank aber wieder, als die Parlamente von ! Heinrich IV. znrückgerusen wurden. Auch mehrere ^ Concilicn wurden in T. abgehalten. 1621 entstand hier ein Aufruhr der Reformirten gegen die Katho- 458 Tourville — Toussaint l'Ouverture. liken, welchen Ludwig XIII. durch Vertreibung aller Resormirten beendigte. Von Mitte Sept. bis Anfang Dec. 1870 war T. Sitz der Delegation der Regierung der Nationalvertheidigung; l9. Jan. 1871 wurde es von dem preußischen General Julius von Hartmann besetzt. Vergl. Giraudet, lliaioiro äs la, vills äs P., Par. 1873'. H- Berns. Tourville, ÄNue Hilarion de Cotentin, Graf von, geb. 84. Nov. 1642 zu Tourville (Dep. La Marche), wurde früh Malteser, ging zur See u. zeichnete sich gegen Algier u. die Barbarcsken ans, weshalb er bereits 1667 den Grad eines Schiffsca- pitäns erhielt. 1669 focht er unter dem Herzog von Beaufort in Candia, 1671 als Befehlshaber eines Linienschiffes unter Admiral d'Eströes gegen die Holländer, 1675 unter dem Chevalier de Valbette gegen Messina, nachher unter DuqueSne, wo er sich 1676 in der Schlacht bei Agosta so auszeichnete, daß er die Führung eines Geschwaders erhielt. Mit diesem griff er ans der Rückkehr nach Frankreich 2. Juni 1677 bei Palermo die holländisch-spanische Flotte an, vernichtete 12 Kriegsschiffe u. viele kleine Fahrzeuge. Nach dem Frieden von Nimwegen setzte er unter Duqnesne seine Expeditionen fort, reinigte, General- lientenant der Seetrnppen geworden, 1682 das Mittelmeer von barbareskischen Seeräubern, bombar- Lirte 1682 u. 83 mit Dnguesne Algier n. erzwang den Frieden, beschoß 1684 Genna u. machte dann wieder gegen Algier einen Seezng. Nach dem Ansbruch des Krieges zwischen Frankreich und Holland 1688 befehligte T. 5 Schiffe, nahm mehrere reiche Prisen u. beschoß mit d'Estrees 1. Aug. zum dritten Mal Algier. 1689 wurde er Viceadmiral des Mittelmeeres u. vereinigte seine Escadre von 26 Schiffen mit der Flotte des Grafen Chateau-Regnault, die Jakob 11. Hilfe nach Irland bringen sollte. Am 10. Juli 1690 erfochten beide Anführer bei der Insel Wight über die Engländer und Holländer einen Sieg, landeten an der englischen Küste u. verbräun- ten 12 Schiffe im Hafen von Teignmouth. Im I. 1692 ließ LudwigXIV. T. mit 44 Kriegsschiffen von Brest auslanfen mit dem Befehl, die Feinde, wo er sie träfe, anzugreifen. Bei Cap la Hogns traf der Admiral die 85 Linienschiffe starke Flotte der Engländer u. Holländer unter Russell u. erlitt trotz glänzender Tapferkeit 29. Mai eine Niederlage, welche die Bedeutung der französischen Kriegsflotte auf lange Zeit hinaus vernichtete. Aber die Niederlage war jllr die frauz. Kriegsehre so ruhmvoll, daß Ludwig den Verlust verschmerzte u. T. zum Marschall von Frankreich erhob. Er rächte sich an dem Feinde durch die Wegnahme von 80 Levantefahrern (im Mai 1693) und die Verbrennung vieler anderer im Hafen von Malaga. Bon 1695—98 führte er den Befehl über die Küsten von SFraukreich. Er st. 28. Mai 1701 in Paris, gerade, als er den Oberbefehl über die gesammte Seemacht im Mittelmeer für den Spanischen Erbfolgekrieg übernehmen sollte. Vergl. Us- inoires äs P., Amsterd. 1758, 3 Bde.; Maureix, Ptreorio äu maröetial äs P.. Par. 1878. Schmitz. Toury, Dorf im Arr. Chartres des franz. Dep. Eure-et-Loir,StationderOrleansbahn; schöne Kirche, Dampfmühle; 1353Ew. — Nach dem unglücklichen Gefecht bei Coulmiers 9. Novbr. 1870 mußten die Bayern den Rückzug antreten, der unbehelligt vom Feinde 10. Nov. bis T. fortgesetzt wurde, wo sich der General von der Tann mit der 22. Inf.- u. 4. Cav.-Div. wieder vereinigte, u. wo 12. Nov. auch die 17.Inf.- u. 6. Cav.-Div. eintrafen, welche Trup- pentheile zusammen dann eine besondere Armeeabtheilung unter dem Commando des Großherzogs von Mecklenburg bildeten. Toussaint, AnnaLnizeGeertruide, s.Bos- boom-Toussaint. Toussaint-Langenscheids-Unterrichtsme- thode, s. Sprachunterricht. Toussaint l'Ouverture, geb. 1743 auf einer Pflanzung des Grafen Noe unweit Cap Franxois auf San Domingo, ein schlauer u. unternehmender Neger, den Wissensdrang seine freie Zeit so glücklich benutzen ließ, daß er autodidaktisch im Lesen, Schreiben und Rechnen Bedeutendes erreichte. Als nach Erklärung der Menschenrechte u. der Freilassung der Sklaven die ersten Unruhen auf der Insel ausbrachen, indem die Mulatten und Neger sich gegen die weißen Pflanzer erhoben u. gleiche Rechte mit ihnen beanspruchten (August 1791), trat T., nachdem er zuerst seinen Herrn nach dem Festlande von Amerika gerettet, in das Heer seiner Stammesgenossen und wurde bereits 1793 Divisionsgeneral. Als solcher zeigte er ebensoviel Genie als kriegerische Kenntnisse u. zur Staatsverwaltung erforderliche Fähigkeiten u. suchte, soviel er konnte, jede Art von Barbarei in diesem an Gräueln reichen Kriege zu verhindern. 1796 setzte er den bei einem Volksanfstande in der Capstadt gefangenen General Laveanx wieder zum Gouverneur ein, wofür er zum Divisionsgeueral u. Gouvernementslieuteuant auf S. Domingo ernannt wurde. Infolge der glücklichen Fortschritte gegen die Engländer wurde er im folgende» Jahre französ. Obergeneral aller Truppen aus der Insel. Jetzt war T. Herr im südlichen Theil von Domingo, während der Mulatte Rigaud an der Spitze der Mulatten den N. der Insel beherrschte, wo die Engländer einige feste Punkte des Westens besetzt hielten. Als gegen diese das franz. Directorium in Paris den General Hedouville sandte, vermochte T. die bedrängten Eng- länser insgeheim, ihm die festen Plätze zu übergeben, worauf Hedouville nach Frankreich znrückkehren mußte, wohin sich im Juli 1800 auch Rigaud zu gehen gezwungen sah. Jetzt beherrschte T. die ganze Insel, gab sich aber, da er mol einsäh, daß er gegen Bonaparte ans die Dauer sich nicht werde halten können, stets den Anschein der größten Ergebenheit u. eines Beamten der franz. Republik. Er ri»f die entflohenen Weißen zurück, hielt die Neger in strenger Zucht, stellte allenthalben die Ordnung wieder her u. suchte durch ein gut ausgedachtes Äckerbausystem u. Gemeindewesen der Insel den verlorenen Wohlstand wieder herzuschaffen. Somit spielte er auf Domingo dieselbe Rolle, wie in Frankreich Bonaparte, der aber, über seinen Doppelgängersehr erbittert, unter seinem Schwager Leclerc eine Flotte von 46 Kriegsschiffen mit 22,000 Mann nach der Colonie sandte. Leclerclandete im April 1802, wußte die Unterbefehlshaber T-s, Dessalines u. Christoph, mit ihren Schaaren zu sich herüberzuziehen, so daß sich T. 8. Mai zu einer Capitulation gezwungen sah, durch die er ins Privatleben zurückkehrte. Er blieb aber von seinem Gute Ennery aus in steter Verbindung mit den Negern, worauf er durch Leclerc 8.Juui 1802 plötzlich verhaftet u. nach Frankreich gebracht lont — 'Irg.es. 459 wurde, wo er in FortJoux beiBesanyon als Staatsgefangener bis zu seinem Tode 27.April 1803 blieb. Man hat ihm den Namen l'Onverture gegeben wegen der Leichtigkeit, mit der er auf alle irgendwie erträglichen Lorschläge einging. Die Liebe u. Bewunderung seiner Landsleute für ihn stieg bis zur Schwärmerei. Die Mulatten Negis u.Lacroix schrieben über ihn, ebenso der Franzose Aut. Mentral. Schmitz. laut (fr.), Alles, das Ganze; lonb oowras obsr: norm, ganz wie bei uns. Tovnr, die einzige deutsche Colonie der südame- rikanischen Republik Lenczuela, in der Prov. Caracas, 9 Meilen westlich von der Stadt Caracas, am SAbhange des Knstengebirges, 1700 w ü. d. M., 1843 gegründet, war 1850 von 381 Seelen bewohnt, jetzt nur etwa die Hälfte. Tow (engl.), so v. w. Werch, Leinengarn. Tower (engl.), Thurm, auch Burg, Castell; insbesondere die unter Wilhelm dem Eroberer 1078 angelegte, an der OSeite der City am Ufer der Themse in der Nähe der London Bridge gelegene Citadelle von London. Vergl. Bayley, Lisborx ok tlls L., Lond. 1821,2 BLe.; Britton, Nsmoirs ok tirs M, ebd. 1830. Towianski, ein polnischer Mystiker, geb. 1800, ans einer adeligen Familie; von lebhafter Einbildungskraft, steigerte sich seine von Jugend an an- häugende Schwärmerei, als er von mehrjähriger Blindheit angeblich auf wunderthätige Weise plötzlich wieder das Augenlicht erlangte. Er stndirte in Wilna, war dann Notar, mußte aber wegen Gemüths- krankheit in ein Spital gebracht werden. Ans demselben entlassen, da man seine Schwärmerei für ungefährlich hielt, ging er nach der Revolution nach Rußland, dann ins Ausland, zunächst nach Posen, wo er sich nun offen für einen Gottgesandten ausgab; da er keine Beachtung fand, ging er nach Dresden u. von da nach Brüssel, um hier den frommen General Skrzynecki zu bekehren, sür den er die sog. Lissiaäa, eine Arr Sermon, die eigentliche Grundlage seiner Lehre, schrieb, d. i. völlige Umgestaltung des socialen Lebens der Menschheit durch die Erhebung und Erhaltung des Menschen vermittels einer inneren Überwindung u. Spannung im Zustande beständiger Begeisterung, die allein die Begriffe des Lichtes, der Wahrheit n. der Liede zu erfassen u. zu verwirklichen fähig sei. Da diese Lehre, der sogen. Messianismus, auch bei Skrzynecki keinen Anklang fand, ging T. nach Paris, um dort bei den polnischen Emigranten Anhänger zu gewinnen, und fand dort wirklich in dem Dichter Mickiewicz, damals Professor der slaw. Sprachen ».Literaturen am franz. Collöge einen eifrigen Bekenner, der die Lehre T-s sogar vom Katheder aus verkündete, sie in dem Werk I/sAiiss okkioisUs st io Nszsianisms, 2 Bde., Par. 1842—43, wissenschaftlich vertrat. Gewonnen ward Mickiewicz durch eine geheimnisvolle Heilung seiner geisteskranken Gattin Lurch T., u. bald folgte ihm auch ein Theil der poln. Aristokratie und es bildete sich unter des Dichters u. T-s Vorsitz ein Verein, der regelmäßige Sitzungen abhielt. 1841 trat T. in der Notre-Dame-Kirche öffentlich als Messias auf u. verkündete die Wiederherstellung Polens als nahe bevorstehend. Diese Verkündung, sowie die angebliche Vorhersagnng des Todes des Herzogs von Orleans u. die Gerüchte, welche über den Verein selbst umliefen, veranlaßten die franz. Regierung 1845, T. anszuweisen, der, nachdem er auch in Rom ansgewiesen worden, in der Schweiz in Zurückgezogenheit 13. Mai 1872 starb, während die Sectc der Towian- skisten od. Messianer sich längst aufgelöst hatte. ?ag°i. Town (engl.), Stadt; in England jede incorpo- rirte, mit städtischen Gerechtsamen ausgestattete Gemeinde, gleichviel, ob sie in das Unterhaus wählt oder nicht. Die mit alten Privilegien ausgestattetcn sind Litiss. Die Rarvu okl-onäon umfaßt die 6ibx u. die factisch (nicht unbedingt rechtlich) mit derselben verbundenen Orte. In den Vereinigten Staaten wird ein Ort durch seine Jncorporation zur T. lownliall (engl.), das Stadthaus, Rathhaus. lonmslnp, in England Kirchspiel oder Theil desselben, sobald er eigene Armenverwaltnng hat; in den Verein. Staaten von NAmerika eine Unterab- theilnng des County. Towyn, Marktstadt in der Grafschaft Mcrioneth des engl. Fnrstenthnms Wales, zwischen den Ästuarien des Dovey n. Disynwy an der Cardigan-Bai; Mineralquelle, Seebäder, Pferderennen; 1871: 3307 Ew. Toxikologie, Lehre von den Giften. Tozer, Oase im südwestl. Tunis (NAfrika), berühmt Lurch die vorzüglichen Datteln (Degleh), die als die besten des ganzen Dattellandes bezeichnet werden; es ist das altrömische Tisurus. Trab, s. Reitkunst. Trabant, 1) im Mittelalter die Leibwachen zu Fuß, od. bewaffnete Bediente zu Fuß, als beständige Begleiter fürstlicher u. a. hoher Personen; später auch Leibwachen zu Pferde, Garde du Corps; 2) s. Trabanten. Trabanten (Nebenplaneten, Monde der Planeten), Weltkörper, welche einige Planeten auf ihrem Umlauf um die Sonne begleiten, indem sie dieselben in elliptischen Bahnen umkreisen. Zugleich drehen sie sich um ihre eigene Achse. Der Mond ist der Trabant der Erde. Wie die Hauptplanelen empfangen sie Licht u. Wärme von der Sonne. Ihre Bewegung um ihre Hauptplaneten erfolgt nach den Kep- lerschen Gesetzen. Sie verursachen für ihren Hauptplaneten ebenso, wie für uns unser Mond, Sonnen- u. Mondfinsternisse. Bor der Erfindung des Fernrohrs kannte man keine T., da sie sämmtlich viel kleiner als ihre Hauptplaneten sind. Bis jetzt kennt man 20 T., nämlich 1 der Erde, 2 des Mars, Ades Jupiter, 8 des Saturn, 4 des Uranus und 1 des Neptun. Specht.' Traben, Marktflecken im Kreise Zell des preußischen Regbez. Koblenz, links an der Mosel, Trarbach gegenüber und am Lrabenberge, auf welchem ein vortrefflicher Wein wächst; Obst- und Weinbau, Weinhandel; 1875: 1411 Ew. Dabei die Trümmer der vormaligen Festung Montroyal, welche von Ludwig XIV. durch Vanban 1686 auf dem Trabenberge angelegt, aber schon 1697 nach den Bestimmungen des Ryswijker Friedens wieder geschleift werden mußte. 1857 große Fenersbrunst. Trabuceolo (Trabakel), das gebräuchlichste Küstenfahrzeug im Adriatischen Meere, namentlich in den österreich. Häfen, 2 Lugger ähnlichen Ruthensegel (Trabakelsegel) an 2 Masten, vorn 2 Klüver. Iravs (franz.), Zeichnung, Umriß, die Markirung einer Straße, Eisenbahn, des Umrisses des Grabens 460 Trachea - resp. der Brustwehr einer aufzuwerfenden Feldschanze, s. Tracireu. Trachea, die Luftröhre; Tracheen, die Ath- mungsorgaue derJn>ecten (s. d., S. 752), Tausend- süße u. einiger Spinnen. Trachenberg, Stadt im Kreise Militfch des preuß. Regbez. Breslau, Hauptort des gleichnam. Mcdiat-Fllrstenthums, an der Bartsch, Station der Ober-schlesischen Eisenbahn (Posen-Breslau); fiirstl. Nesidenzschloß, Amtsgericht, schöne kathol. Kirche, Waisenhaus, Hospital, Rübenzuckerfabrik, Dampf- fägemiihle, Fischerei, Ackerbau, Viehzucht; 1875: 3073 Ew. T. wurde bereits 1253 von dem Herzog Heinrich III. zur Stadt erhoben. Die >494 gebildete gleichnam. freie Slandesherrschaft kam 1641 an die Grafen von Hatzfeldt, deren Nachkommen sich noch im Besitze derselben befinden, u. wurde 1742 Für- stenthum. Im 30jähr. Kriege wurde die Stadt 1642 von den Schweden unter Torstenson und 1644 von den Kaiserlichen unter GLtz erobert. 1595 n. 1607 wurde sie durch große Feuersbrllnstc verheert. In dem hiesigen Schlosse wurde 12. Juli 1813 der vom General Knesebeck entworfene Kriegsplan von König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, Kaiser- Alexander von Rußland und dem Kronprinzen von Schweden unterzeichnet. H- Berns. Tracheotomie, so v. w. Lnströhrenschnitt. Trachom, s.ÄgyptischeAugenemzlludung,!. Bd. Trachointis (Trachon), der nördlichste District von Palästina, grenzte an Syrien, Jturäa u. Gau- lanitis, war felsig u. sandig n. wegen seiner Höhlen Aufenthaltsort zahlreicher Räuberbanden; der östl. Theil heißt jetzt Safa, der westl. Leoschä oder arabisch War. Trachophönic(Trachyphonie, v. Gr.), rauhe, heisere Stimme. Tracht, die Art sich zu kleiden, s. Costnme und Mode u. vgl. noch: H. Hauff, Über Moden u. Trachten, Slnttg. 1841; Kretschmar u.Rohrbach,die T-en der Bölker, Lpz. 1860—64; CH. Blanc, I/arb äano la parnrs st ckans Is vvtsmoirt, 1875; Nacinet, Iw oostums Iftstorlgno, Par. 1877 f.; E. Hecrmann, Naturgeschichte der Kleidung, Wien 1878; Fr. Hotten» oth, T»en,Haus-, Feld- u. Kriegsgeräthschaften der Völker alter u. neuer Zeit (Abbilvungen und Text), Stnttg. 1878 s.; Wallner, Die Harmonie u. Charakteristik der Farben mit besonderer Anwendung aus Costnmirnug, Erfurt 1878; Blätter für Co- stumknnde, Berl. 1875 ff. Schroot. Iraok^pogon Zses ab Z«., Pflanzengatt, aus der Fam. Lliaminoas, nahe verwandt mit -VnäropoAvn. I'. solroouantiruo Z. ab Zs., int südl. Asien u. Afrika, liefert ein angenehm gewürzhaft schmeckendes Heu (Horba Lebosnantbi. Kameelheu),das als schweißtreibendes Mittel in Asten geschätzt wird. Dasselbe gilt von D. eitratns O. (7. (Citronengras, Citronen- bartgras), Lessen man sich namentlich in Ostindien bedient. Engter. Tracht) t, vulkanisches Gestein, neben dessen hauptsächlichstem Bestandtheil Sanidin etwas Hornblende n. Glimmer, sowie inehr od. minder reichlich Oligo- klas auftritt. Der Gesteinshabitus ist porphyrisch. Die theils dichte, theils poröse u. rauhe, grau oder- bräunlich gefärbte Gniiidmasse enthält neben geringer Menge glasiger oder mikroselsitischer Zwischenmasse zahllose Feldspathmikrolithen, Hoinblendenä- - Irrrotus. delchen u. Magneteisenpartikel, sowie makroskopische Krystalle von Sanidin, Oligoklas, Glimmermfelchen u. Hornblendesäulen porphyrisch ausgeschieden. Der Sanidin bildet tafelförmige od. särrlenfürmige Krystalle, zuweilen bis zu 10 ein Größe, n. erscheint oft zerbrochen in der Grundmasse eingebettet. Tridymii findet sich häufig in Drusenräumen u. in der Grund- masse ausgeschieden. Zufällige Gemengtheile sind Titanit, Sodalith, Magneteisen, selten Granat und Angit. T-e finden sich im Siebcngebirge (Drachenfels, Perlenhardt) im Westerwald (Umgegend von Selters), in der Rhön (am Alsberg), bei Neapel (Mt. Olibano), in Siebenbürgen rc.; trachytische Auswürflings sind vom Laacher See bekannt. Quarz- T. (Liparit, felsilischer Rhyolith) enthält freie Kieselsäure u. schließt sich an die Quarzporphyre an. In einer fast dichten Grundmasse sind Krystalle von Feldspath, Quarz, Glimmer n. Hornblende ansgeschieden. Der Qnarz-T. ist sehr verbreitet u. findet sich namentlich in Ungarn, Siebenbürgen, in den Eiiqaneen u. auf Island. Lehmann. Tracircn (v. Franz.), 1) entwerfen, vorzeichnen; 2) die Breite der Walltheile, Gräben, Brustwehr, Banket rc. durch kleine Gräben von einigen Zoll Breite u. Tiefe (Abstecklinien) mittels Spaten od. Erdhauen längs einer Schnur (Tracirleinc, Ab- steckschnur) auf dem Felde bezeichnen; 3) so v. w. Abstecken. Tracirfaschinen, eine Art Faschinen, s. d. Traconara, Grotte im Borgebirge Misennm, s. d. Track, s. Iraotus. Traktament (v. Lat.), Behandlung, Bewirth- ung, Gastmahl, Löhnung, Sold beim Militär. - Tractarianer (Maotnrlkin!?, I'raotitos, Irae- tists), so v. w. Puseyiten, s. u. Pnscy. Traktat (v. Lat.), die Abhandlung irgend einer Sache; daher so v. w. Monographie, eine ans eine einzelne bestimmte Materie beschränkte Schrift; Tractaten, Vorschläge u. Anerbietungen, welche aus Schließung eines Vertrages abzwecken, Boroerträge, einem Frieden vorausgehende, ihn bezweckende Verhandlungen. Traktätchen, kleinere Abhandlung, Flugschrift, bes. kleine Schriften od. Flugblätter, im christlichen Geiste geschrieben, um christliches Leben u. christliche Sitte zu fördern, früher oft in ganz mystischem Sinne geschrieben. Gegenwärtig gehört die Abfassung und Bearbeitung der T. zu den Arbeiten der Inneren Mission, welche durch die Tractatengesellschaf - ten (Gesellschaften zur Verbreitung von T.) für diese Zwecke wirkt. Tractire» (v. Lat.), behandeln, begegnen, in der Volkssprache auch mißhandeln; abhandeln, verhandeln; einen Schmaus od. ein Gastmahl geben. Tractorie (v. Lat., Zuglüfte), jede Curve von der Beschaffenheit, daß alle an dieselbe gezogenen Tangenten vom Berührungspunkt an bis zu dem Punkte, wo sie eine gegebene gerade oder krumme Linie treffen, dieselbe Länge haben. Diese constan,: Größe wird der Parameter u. jene gegebene Linie die Directrix der T. genannt. Der Schöpfer dieser Klasse von krummen Linien ist Huyghens, welcher eine Untersuchung darüber schrieb und von welchem auch der Name T. stammen soll. Ii-avtus (lat.), Zug, Ausdehnung in die Länge; Strecke Landes; in der Liturgie der Kathol. Kirche Traddc — Traditionaüsimis. 461 der kurze Gesang, welcher statt des Lliolnfa an denf Sonntage», an welche sich eine traurige Erinnerung der Kirche kniipst, an das Graduate sich anschließend, gesungen wird. Tradde, Abgabe, welche sriiher im Bezirk der Kleve-Märkischen Bergordnnng von Stcinkohlengru- bcn an den Eigenthümer des Grund u. Bodens gezahlt werden mußte. Iraäesosntla 1-., Pflanzengatt, aus der Fam. der OvmmsIz-naeLLL (VI. I); mit 3 Kelch- n. 3 zarten, größeren, meist blau oder roth gefärbten Blumenblättern , 6 Staubblättern und einem dreifächerigen Fruchtknoten. Arten: 1'. vir^inien D., mit blauen, violetten, weißen od. pnrpnrrothen Blumen, in Vir- ginien; P. ckiseolor mit oben grünen, unten rolhen Blättern, rothen zweiblättrigen, die weißen Blumen kahnsörmig uinsassendcn Blnmenscheiden, in SAmeritä. Beide bei uns als Zierpflanzen. Iraäss unions, nach ihrem wesentlichen Grnnd- zng Berbindnng von Arbeitnehmern derselben Beschäftigung znm Schuh n. zur Förderung ihrer Rechte und Interessen, besonders den Arbeitgebern gegenüber. Sic entfalteten sich zu ihrer jetzigen Bedeutung zu der Zeit, als der kolossale Aufschwung der englischen Industrie dem Capital ein immer größeres Uebergewicht über die Arbeit verschaffte und dadurch die allgemein anerkannten Mißbräuche des Trucksystems (s. d.), der übermäßigen Arbeitszeit der Frauen u. Kinder, der Lohnherabsetznngcn rc. herbeiführten. Zuerst begünstigten die Gewerkvereine die Sti cke (s. d.), bald aber überzeugten sie sich von dem verderblichen Kriegszustand, welchen diese erzeugten u. suchten die friedliche Lösung in Einigungsämtern (s. d.). Nach dem Muster der englischen Gewcrkvereine, über welchen, a. Las bekannte Werk von Thorntou über Die Arbeit (deutsch von Schramm, Lcipz. 1870), sowie die Schriften Breu tanos interessante Ausschlüsse geben, bezwecken auch die deutschen Gewerkvereine eine Massenorganisation der Arbeiter zum Schutz und zur Förderung ihrer Rechte und Interessen ans dem Boden des Gesetzes. An der Spitze ihrer leitenden Grundsätze ist in ihren Statuten zu lesen. „Der Arbeitslohn muß ausreichen zum krästigcn Unterhalt des Arbeiters u. seiner Familie." Weiter erklären sie den ungerechten Lohnabzügen, der Sonntags- u. Nachtarbeit, der übermäßigen Arbeitszeit, den willkürlichen FabrikorL- nnngen, dem Mißbrauch der Frauen-, Kinder- und Zuchthaus-Arbeit den Krieg u. schließlich soll durch sie für unentgeltlichen Rechtsschutz, für kostenfreie u. schnelle Arbeitsvermittlung, für Unterstützung der Gemaßregelten u. »othgedrnngen Stinkenden, sowie für Hilfe in außerordentlichen Nothsällen gesorgt werden. Kurz, die Gewerkvereine sollen dem Arbeiter diejenige sociale Stellung erringen helfen, welche einzunehmen er ein Recht hat, sie sollen ihm endlich eine gesicherte Existenz gewähren, ihm ein Asyl für alle Fährden und Nöthen des Lebens schaffen. Sie verlangen dagegen auch vom Arbeiter, daß er voll u. ganz seinen Pflichten in der Familie und im Ge- schäst Nachkomme, daß er vor Allem durch Fleiß, Eifer u. Moralitätznm eigenen u. zum Gemeinwohle beilrage. Im Jahre 1808 mit Unterstützung des Schnltze-Delitzsch von den Bolksmänner» Max Hirsch u. Franz Dnncker ins Leben gerufen, haben bisher die deutschen Gewerkvereinc unter steter Anfeindung der Socialdemokrateu, mit deren Gewerkschaften sie oft ganz irrig verwechselt werden, fast ausschließlich sich mit dem inneren Ausbau ihrer Organisation beschäftigt. Vgl. Polke, Die deutschen Gewerkvereine u. die Socialdemokralie (mit besonderer Berücksichtigung der englischen Gewerkvereine.). Contzen. Trndetown, Stadt an der Küste Liberia (West- Afrika), mit Hafen u. etwas Handel. Tradition (v. lat. Praäitio, Übergabe), Handlung, wodurch der Besitz einer körperlichen Sache in der Absicht auf einen Andern übertragen wird, demselben ein dingliches Recht daran zu geben, s. Besitz. Dann Überlieferung, des. die der geschriebenen Geschichte entgegengesetzte u. durch mündliche Überlieferung auf die Nachwelt fortgepflanzte Erzählung von Thatsachcn, Begebenheiten rc. In der Theologie der Inbegriff von (wirklichen oder angeblichen) Offenbarungswahrheiten, welche nicht in der Heil. Schrift, ausgezeichnet, sondern mündlich überliefert sind. Dieselbe wurde ursprünglich in der Kirche auf die Apostel znrückgcsührt. Als Hauptträger der T. galten nach dem Tode der Apostelschüler die von den Aposteln gestifteten Gemeinden. Seitdem jedoch die großen ökumenischenConcilien aufgekommen waren, wurden diese als die Organe angesehen, durch welche sich die in der Kirche waltende apostolische Autorität vernehmlich machte. Damit war aber die T. ans einem historischen in einen dogmatischen Begriff umgesetzt. Man nahm an, daß infolge der Wirksamkeit des h. Geistes in der Kirche, bezw. in den Lon- cilien die Kirche von selbst die apostolische Wahrheit in sich bewahre n. erschließe. Dieser Begriff der T., welcher zuerst von dem Abt Vincentius von Lerinum (435) in der Schrift Oominonitorium klar entwickelt wurde (indem er den Satz anfstellte: „Was in der Kirche factisch allgemein gilt, ist eben damit als apostolisch erwiesen"), hat sich in der Griechischen Kirche bis auf den heutigen Tag erhalten. In der Röm. Kirche ist aber der Begriff der T. von dem Triden- tiner Concil (s d.) in der Weise umgeändert worden, daß die T. gar nicht mehr als abgeschlossener Kanon von Überlieferungen, sondern lediglich als die Befähigung der (vom heil. Geist geleiteten) Kirche gilt, in Sachen des Glaubens u. des christlichen Lebens jederzeit Bestimmungen mit infallibeler apostolischer Autoritär treffen zu können. Dabei sah man immer noch das ökumenische Concil als das Organ der T. der Kirche an, indem das Concil als insallibel galt. Eine abermalige Umgestaltung hat indessen der Begriff der T. in der Römischen Kirche neuerdings durch die Beschlüsse des Vatikanischen Concils von 1870 erhalten, indem durch dieselben als Quell der T. nicht mehr das ökumenische Concil, sondernder infallibele, ox catiiockra kotri lehrende Papst anerkannt ist. Der Protestantismus hat mit alleiniger Anerkennung der Autorität der Heil. Schrift die T. ivon Anfang an principiell zurückgewiesen, hat aber dennoch eine Anzahl einzelner T en der Kirche ohne Weiteres von Anfang an beibehalten (die ökumen. ^ Symbole,dieKi»dertause,dieSonntagsseier!c.). Vgl. !Jacobi, Die kirchl. Lehre von der T. u. Heil. Schrift, 1847 ; Dieckhoff, Schrift u. T., Rost. 1870. H-PP-- l Traditionalismus, in der Kathol. Kirche der dem Snpernatnralisnins entsprechende Glaube, welcher, mit Verwerfung der Vernunft als Quelle des Glaubens, die Tradition allein ats Glaubcnsquelle 463 üü'uäitorss — Tragische Ironie. annimmt. SLach der päpstlichen Entscheidung in die. sein Streite (1855) zwischen Rationalisten u. Traditionalisten haben Glaube u. Vernunft gleiches Ansehen als Glaubensquellen, u. zwar so, daß erst die Vernunft, daun der Glaube unter Vermittlung der Offenbarung kommt. iraäiiores (sei. librorum saerorum), s. Inrpsi. Traduciauer (v. Lat.), die Psychologen, welche behaupten, daß die Seele bei der Zeugung von Sen ten der Eltern in den Körper des werdenden Men scheu iibergeleitet (traducirt) werde. Diese Ansicht heißt Traductionssystem (Traduciauismus) od. Generatianismus, im Gegensatz zu Jnduciauismus. Traduciren (v. Lat.), hinüberführen; übersetzen, übertragen; Traductiou, Übersetzung. Traetto, Stadt in der ital. Pro». Caserta; Dom im arabisch-normannischen Stil; 4093 Ew. (Gem. 7467). Dabei Ruinen des antiken Minturnä. Trafalgar (6abo T., sonst kromoutorium.lu- nonis), Vorgebirge an der Küste der span. Provinz Sevilla, am Atlant. Meere, südsüdöstl. von Cadiz, am westl. Ausgange der Straße von Gibraltar, dem Cap Spartet (Afrika) gegenüber. Hier 21. October 1805 Seesicg der englischen Flotte unter Lord Nelson (der selbst fiel) über die vereinigte französisch.spanische unter Villenenve u. Gravina. Trafik (Trasique, v. Ital.), Handel, Verschleiß, bes. von selbst erzeugten Waareu od. selbstgefertigen Fabrikaten; in Österreich die Tabakverkaussstelleu. Traganth , die Pflanzengattung.4stra§g.Ius. Tragants) (Tragacantha),eine Art Gummiharz, bildet weiße oder gelbliche, halbdurchscheinende, oft faden- od. bandartige, verschiedenartig gedrehte, ge- ruchlose Stücken, schwillt im Wasser zu einem dicken Schleim au, löst sich aber nur zum kleinsten Theile darin auf; schwitzt aus dem Stengel des Traganlh- strauches, A-straZalns trsAaeautüm, eines aus Kreta ». de» benachbarten Inseln wachsenden, 2—3 Fuß hohen, ungefähr 1 Zoll dicken, an den Ästen mit dicht dornigen Schuppen, Rudimenten der Blattstiele u. Asterblättern bedeckten Strauches, mit gefiederten, 8—Ivpaarigeu Blättern, sehr schmalen, behaarten Blättchen, gelben, gehäuften Blüthen und wolligen Kelchen. Der Hauptbestandtheil des T-s ist Basso- rin (vcrgl. Gummi). Der T. wird als wohlriechendes, leicht brennendes Harz zu Räuchermitteln, Sprengkohle und als Klebemittel in Conditoreien, Seidensabriken rc. angewendel. Jungck. Tragbahre, 1) Vorrichtung für 2 Mann zum Tragen von Gegenständen. 2) (Bürge) ein Rahmen mit Querhölzern, welcher aus die Küpe gelegt wird, um das gefärbte Zeug darauf zu legen. Trageläphos (gr.Bockhirsch), sabelhaftes Thier, halb Bock, halb Hirsch, den Griechen nur aus Abbildungen auf den orientalischen Teppichen u. dgl. bekannt. Träger (Bauw.), sind horizontal liegende Balken aus Holz oder Eisen, welche andere Bautheile zu tragen haben. Kleinere T. bestehen ans einem Stück, größere aus mehreren, welche oft äußerst sinnreich durchdachte Conftrnctioueu zeigen. I. Hölzerne T. bestehen meist aus mehreren Stücken, die untereinander verbolzt n. außerdem verzahnt (ver- ^ zahnte T.) oder verdübelt (verdübelte T.) sind. Ar- ^ mirteT. conslrnirtmau meist ans einem durchgehen-! Leu, Lurch beiderseits angebolzte, gegeneinander abgesprengte Schwerter verstärkten Balken. 2. Zu- ! jammengesetzte T. ans Holz unter Zuhilfenahme Pon Eisen kommen meist im Brückenbau zur Anwendung. Die einzelnen Systeme werden nach ihren Erfindern benannt. Der Towusche T. ist ein mit ' Hilfe von Latten construirler Gitter-T. Der Lougsche, sowie der Howesche T. sind Fachwerks-T. Der La- vessche T. hat gekrümmte obere u. untere Gnrtung, wird daher auch F-ischbauch-T. genannt. Die T. von Thayer u. Burr sind coiubinirte Fachwerk u. Bo- gen-T. 3. Eiserne T., n) einfache: s. Eisenbalkcn ul u. b); b) die Haupt T. größerer eiserner Balkenbrücken wurden früher als Gitter-T., werden jetzt als Fachwerk-T. construirt. Der Neville-Warren sche T. hat zwischen gerader oberer u. unterer Gurtung gußeiserne Streben u. schmiedeeiserne Vertikalen. Die neueren Fachwerk-T. sind ganz aus Schmiedeeisen construirt mit gedrückten Vertikalen n. gezogenen Diagonalen. Die Systeme derselben sind einfache od. mehrfache. Die Gurtungen dieser T. sind entweder beide gerade od. cs ist nur die untere Gnrtung gerade, die obere gekrümmt. Letztere ist am Auflager der T. mit der unteren Gurtung zusammen- gefnhrt (Parabel-T., gleichwie Schwedler T.) oder nicht. Beide Gurtungen sind gekrümmt bei Len Paulischeu T-n sowie bei den Lohseschen T-n (vgl. Eisenbrücken). Die Fachwerk T. bieten an ihren Knotenpunkten günstige Stellen zur Aufnahme der Quer- T., welche daselbst von den beiden Haupt-T-n getragen werden. Die Qucr-T. trage» ihrerseits wiederum kleinere T., welche bei Eijeubahnbrücken Schwellen-T. heißen, weil sie die Schwellen der Fahrbahn unterstützen. Kühne. Träger, Christian Gottfried Albert, Dichter, geb. 12. Juni 1830 in Augsburg; studirte in Leipzig u. Halle, trat 1851 in den Instizdienst, wurde 1862 Rechtsanwalt u. Notar in Kölleda, seit 1875 in Nordhausen. Seit 1874 ist er Mitglied des Deutschen Reichstages, wo ec zur Fortschrittspartei zählt. Außer seinen Gedichten, Leipz. 1858 u. seitdem in mehreren Auslagen erschienen, schr. er: die Novelle: Übergänge, Lpz. 1860; Stimmen der Liebe, 1861, u. Deutsche Lieder in Volkes Mund und Herz, 1864, beide illnstrirte Sammelwerke; Die letzte Puppe, Soloscene, Wien 1864, 1870; sechs Zeitgedichte, Berl. 1870 u. a.; uenesteus mit Pohl: das Genrebild Morgenstündchen einer Soubrette (im Bnhnen- freund, 12. Hest, Bert. 1877). Lagai. Trägheit». Trägheitsgesetz, s. Beharrungsgesetz. Tragiker, ein Trauerspieldichter, ein Schauspieler im Trauerspiel. Tragikomödie, ein Schauspiel, in welchem ein ernster Stoff komisch behandelt wird; tragikomisch, das mit dem Tragischen verschmolzene Komische. Tragisch, s. u. Tragödie; traurig, schrecklich; in der griechischen Musik der Stil, bei welchem man die liefen Töne gebrauchte. Tragische Ironie, zunächst eine Tradition der Romantiker. Bischer beleuchtet sie in der Ästhetik I. S. 285 ff. Er sagt: indem das Subjekt im Handeln seine Größe entwickele, entfalte es eben dadurch seine gegen das Ganze verschwindende unendliche Kleinheii, u diese widersprechende Bewegung könne eine ironische genannt werden. Er weist ans die Peripetie des Aristoteles hin (kost. 11.), d. h. aus Tragkuvspen das „Umschlagen ins Gegenthcil von dem, was bc- trieben wurde," u. zwar „nach der Wahrscheinlichkeit od. Nothwendigkeit." „Die Ironie der Umdrehung erstrebten Glückes in Unglück", sagt Bischer, „verdoppelt sich, wenn die Sache sich so verhält, daß neben dem Streben nach Größe u. Glück die Anstalten hergehen, ein gedrohtes Unglück zn vermeiden, u. gerade diese Anstalten das Gegentheil ihres Zweckes bewirken." Tragknospe», so v. w. Blllthenknospen, s. mit. Knospe. Tragödie, v. griech. (s. u.). Sie schildert den Conflict, in welchen einzelne über das Gewöhnliche cmporragende Individuen mit dem Allgemeinen kommen u. am Gegenjchlage desselben unter gehen. Die tragische Ungewöhnlichkeit kann in der geistigen Begabung, im Temperament, in der Abstammung, in der Lebensstellung beruhen; sie wird in der Regel sich als bedenkliche Einseitigkeit, als Überkraft nach der einen od. anderen Seite, als eine unbewachte Leidenschaft darstellen, die nicht unbedingt verwerflich ist, ja von Gesinnungsadel zeugen kann, aber das Gleichgewicht des Inneren mit sich selbst u. mit der Welt aufhebt. Der Begriff der Schuld im gewöhnlichen Sinne des Wortes, der Zurechnungsfähigkeit der einzelnen That erschöpft nicht alle tragischen Collisionen. Auch die Schuld des menschlichen Geschlechtes, der Nation, der Gesellschaft, der Familie, auch die unheilbringende Natur des Einzelnen, von der nicht immer zu ergründen ist, inwiefern er oder Andere sie verursacht haben, kann sich hier geltend machen, und in der Benrtheilung menschlicher Thaten reicht oft genug unsere Kraft nicht aus, die Grenzen zwischen der Freiheit u. der Nothwendigkeit beim Hervorgange aus dem allgemeinen Seelenzustande Des handelnden Menschen zn bestimmen. Das den Rückschlag gegen die Störungen durch den Einzelwillen übende Allgemeine kann vom höheren Standpunkte selbst unberechtigt, nur ein transitorisch berechtigtes Erhaltungsband, kann die Abgelebtheit überlieferter Ansichten n. Formen, die der vom ge- schichtlichenGeisteverlangtenNeugestallung böswillig widerstreben, aber vorerst nicht ohne Zerrüttung des Ganzen beseitigt würden, kann aber auch u. wird in den meistenFällen die volle Berechtigung des Staates u. der Gesellschaft, die keine Störung ihrer Existenz leiden dürfen, die in sich selbst begründete sittliche Ordnung der Welt, das unzweifelhafte Gewissen sein. Durch den Widerstand gegen das letztere wird die tragische Selbstüberhebung böse. Nach der Grundrichtung der T. büßt der Held für die Collision mit dem Allgemeinen durch den zeitlichen Untergang, seltener Lurch den ewigen Tod, die innere Vernichtung, wie Macbeth n. Richard III. — Die berühmte, vielbesprochene von Aristoteles aufgestellte DefinitionderT.istzwarnicht ausreichend, enthält aber sehr beachtenswerthe Momente: „Die T. ist — Nachahmung einer ernsten u. vollständigen Handlung, die einen gewissen Umsang hat, in verschönerter Sprache, wo die einzelnen Formen in den Be- standtheilen gesondert erscheinen, in Handlung und nicht in Erzählung, durch Furcht u. Mitleid Reinigung dieser und ähnlicher Leidenschaften bewirkend." Altgriechische T. Geschichtliche Entwickelung: Das griechische Drama entwickelte sich ans — Tragödie. 463 dem gottesdienstlichen Chorgesange, der die als bekannt vorausgesetzte od. durch die Opfer symbolisch angedentete Geschichte des Gottes begleitete. Hieran knüpften sich mimische Darstellnngen, wobei sich das Wort anfangs auf dazwischen gestreute Sprüche beschränkt haben mag. Am Feste Delphinia wurde Apollon vorgeführt, wie er den Drachen Python erlegte, wie er, durch die Berührung mit diesem Ungeheuer befleckt, nach Tempe floh, dort gereinigt wurde und hierauf nach Delphi zn- rllckkehrte. In Samos feierte man die Vermählung des Zeus u. der Hera beim Hauptfeste der Göttin. Die eleusinischen Mysterien waren ein „mystisches Drama", in welchem die Geschichte Demeters und Koras gespielt wurde. Der dramatische Hanptgott war Dionysos, der Gott der Lebenssülle, des reizbaren, beweglichen, feurigen, übersprudeluden Ge- müthes, der ausgelassenen Freude, aber auch des tiefen Wehes, der Vergänglichkeit u. der Selbstwiederherstellungskraft, des Schuldbewusstseins u. der Sühne, der Gott, in dessen Natur, Walten u. Schicksal der Grieche sich vorzugsweise abgespiegelt sah. Das Bakchische Feuer u. die reinigende Hoheit des Apollinischen Geistes trafen zusammen, um der griechischen T. n. Komödie eine Gestalt von unverwelk- licher Schönheit zu verleihen. Aber das eigentlich dramatische Leben weckte der Thvrsosstab des von Lust u. Schmerz berauschten Weingottes. Bei den Anthestcricn zn Athen wurde die Gattin des 2. Archon, die Königin mit ihm verlobt. An dein böo- tischen Agrionienfeste suchte man den entflohenen Gott in den Gebirgen, und gleichzeitig verfolgte ein Priester mit dem Beil eine der Nymphen, die den Gott begleiteten. Aristoteles bemerkt ausdrücklich (?oöb. 4), die T. sei von den Vorsängern des Dithyrambus ausgegangen. Der Duhyramvos, der an den Dionysischen Festen ertönte, war von Alters her ein regelloser Ausbruch leidenschaftlicher Ge- müthsbewegnng in den Extremen der jauchzenden Lust u. der wilden Trauer, wobei Tanz, Mimik u. musikalische Improvisation zniammenwirkten. Die jubelnden Dithyramben ertönten beim Kommen des Frühlings; die wehklagenden erhoben sich beim Herannahen des Winters, der Zeit, wo der Gott verfolgt, am Leben bedroht, ja getödtet zu werden schien. Aus dem wehklagenden Dithyrambus entstand die T. An die Stelle des leidenden Dionysos traten schon frühzeitig leidende Heroen. Erst Ario n aus Methymna, dem Hauptsitze des lesbischen Dio- nysos-Cultus, der Freund des korinthischen Tyrannen Periander (6. Jahrh.) brachte Ordnung in das Chaos dieser Dichtart. Wenn er auch die tragisch e Weise rxorror), die nach dem festlichen Opfer des Bockes (r(>a?-och genannt wurde, nicht erfand, so gab er ihr doch eine künstlerische Gestaltung. Er fesselte das ländliche Spiel an bestimmte Rhythmen u. Texte, ordnete das Lied des aus 50 Männern bestehenden dorischen Kreis-Chores (-crixllroL /->(>öch, der wohl hauptsächlich den Inhalt des Liedes zu erläutern und zn vervollständigen hatte, in Strophen u. Antistrophen, stellte neben diesen Chor die alten ländlichen Satyrcn, die das Festspiel einer Bakchischen Gruppe vorführten, und denen er zum erstenmale Verse in den Mund legte, und ließ beide Chöre Zusammenwirken. Orchestik u. Mimik belebten seinen Vortrag; dieTonkunst, worin er die 7sai- 464 Tragödie. tige Laute (-»»aper) vor der Dionysischen Flöte be- ünstigte, trat vor der epischen Recitation zuruck, loch sehlte das ethische Maß. Lasos aus Hermioue (um 500) verpflanzte die Arionsche Reform des Di- thyrambos »ach Attika, wo diese Dichtgattung keineswegs etwas Neues war. Er setzte den Text gegen die Kühnheit ». Fülle der Jnstrumentirung zurück und gab seiner Coinposition insbesondere durch ver- stärkte Flötenbegleitnug, freie Rhythmen und Wettkampf der Chöre eine lebendigere Entwickelung. Das im Dithyrambos schlninuierude ernste Drama begann Loch zuerst zu erwachen, indem Thespis aus Jkaria in Attika (536 v. Ehr.) nicht allein als Chorführer, sondern auch als Schauspieler, u. zwar in 3 verschiedenen Masken auftrat. Wie es scheint, trug er zuerst eine Erzählung vor und ließ hierauf den Chor bald singen, bald sich mit ihm unterreden. Pratinasausder dorischen SradtPhlius, sein Sohn Aristiasu.der AthenerC h orilos, der bereis imJ. 524 v. Chr. anftcat u. sich neben Äschylos u. noch einige Jahre neben Sophokles behauptete, machten sichimSaiyrLramaoderder scherzendenT. (Traktor, an berühmt. Phrynichos,Sohu desPoly- phradmon, aus Athen, der seinenersten draniatischen Sieg im I. 511 v. Chr. erfocht, beschränkte sich noch aus einen Schauspieler, den er in verschiedenen aus einander folgenden Rollen verwandte, bis ihmÄjchy- los mit Ernennung eines zweiten Schauspielers voranging. Man legt dem Phrynichos die Einführung der Frauenrollen bei, die er sowol in die Chöre, als auch in die Partien der Schauspieler ausgenommen habe. Den Chor vervollkommuete er in lyrischer u. orchestrischer Beziehung; der Handlung verlieh er mehr Umfang, Ernst u. Würde; aber die Reden u. Gespräche traten bei ihm vor dem Gesang u. Tanze noch sehr zurück. Durch ihn gingen die tragischen Stoffe immer mehr vom Dionysischen Mythenkreise auf heroische Fabeln über. Nach Platon verliehen Phrynichos n. Äschylos der T. ihren ernsten, patheti- schenCharakter. Äs chylos gab ihr den tieferen Gehalt u. zog mit gesetzgeberischem Nachdrucke die Grundlinien ihrer Form. Er schöpfte aus Len Anregungen einer großen Zeit, die ihn mächtiger als jeden Änderen bewegte n. die er unter den Dichtern Athens zuerst in seinen Werken abspiegelte, er schöpfte aus den Tiefen seines innig religiösen u. sittlich-starken Gemüthes eine Philosophie der Geschichte u. führte zum ersten Male die überlieferten Mythen, von welchen er nur eine Auswahl aus dem troischen Sagen- kreise u. angrenzenden Sagen für die T. beibehielt, auf rein geistige Ideen zurück. Ohne in prosaische Reflexionen abzuschweifen, ans der vollsten Unmittelbarkeit poetischer Inspiration erhob er die Bühne zu einer vom Cultus unabhängigen Schule der Weisheit, in der die wichtigsten Probleme, bisher die Aufgabe nur weniger Dichter ».Philosophen, zur Sprache kamen. Tiefsinnig gliederte er den mythischen Stoff in Trilogie en, die er durch nachfolgende Satyrspiele zu Tctralogieen ausdehnte. Er führte einen zweiten, später nach dem Vorgänge des Sophokles auch einen dritten Schauspieler ein, benutzte die Schauspieler, mit Umkleidnngen u. Maskenveränderungen, zu verschiedenen Rollen in Einem Stücke, regelte den Dialog, ergänzte ihn durch Boten und sorgte für die Wechselbeziehung zwischen den Schauspielern, die er zum richtigen Vortrag ihrer Rollen anleitete, u. dem Chor u. für eine genaue Vertheil. ung der beiderseitigen Aufgaben. Durch Erweiterung der Fabel, die er übrigens mehr episch als dramatisch verlaufen ließ, beschränkte er die Choclieder, u. er nöthigte sie, jeder Wendung des Mythos zu folgen u. die Idee des Ganzen hervorzuhebcn. Die zunehmende Mannigfaltigkeit des chorischen Vortrages bedingte einen gleichen Wechsel im rhythmischen Texte, den Äschylos neben einem kunstreichen Sprach, system u. originalen Stil nrkräftig schaffend ins Le- ben rief. Hatte ehemals die Gesamnnzahl von 50 Choreuten den dithyrambischen Reigen ansgeführt, so theilten sich nach der von Äschylos getroffenen Einrichtung, an welcher die attische Bühne festhielt, der Reihe nach Gruppen von 12—15 Personen in Acte der Tetralogie. Die Orchestik folgte nun echoartig der Mimik der Charaktere, der Wirkung pathetischer Scenen u. den leidenschaftlichen Rhythmen des Vortrages. Durch Masken, feierliche Schleppklei- Ler, Kothurne u. a. Ausstattungen der Schauspieler, durch Symmetrie der scenischen Ranmverhältnisse, Decorationen, Maschinerie verstärkte Äschylos den Eindruck der tragischen Vorstellungen. Sophokles gab die trilogische und tetralogische Gliederung des Mythos auf und stellte in jedem Drama ein unabhängiges, für sich beflehendes Ganze dar. Straff concentrirte er den Plan u. dessen Motivirung und ließ die Handlung in spannender Weise vorangehen; dem Dialog ertheilte er das Übergewicht. So wurde esihm zumBedürfniß, den zweiSchauspielern einen dritten beizufügen, den auch Äschylos später noch annahm. Die Lharakterzeichnung machte bedeutende Fortschritte; die T. wurde ausschließlich zum Spiegel u. Schauplatze menschlicher Verirrungen u. Leiden. Durch Sophokles ging die kühne, zum Theil schroffe Erhabenheit des Äschylos in milde Schönheit über. Enripides' Dichtung ist ein philosophischer Spiegel des ochlokratischen Zeitalters. Er folgt mit nüchternem, skeptischem Verstände dem in Staat, Glauben u. Leben wühlenden Geiste der Zerstörung n. sucht ans ihm eine neue Gestaltung zu entwickeln. An die Stelle der im Zusammenstürze begriffenen religiösen Tradition, deren unwürdige Bestandtheile er rücksichtslos zerstören hilft, setzt er eine geistige Gotteslehre, kühner als Äschylos u. ohne diefromme Vermittlung des milden Sophokles. Die ihn umgebenden Widersprüche zwischen einer politisch und moralisch verderbten Welt u. den Gesetzen der göttlichen Weltordnnng strebt Enripides durch philosophische Betrachtung aufzuheben; wo ihm dies nicht gelingt, räth er zur Demnth. Es fehlt ihm der ideale Schwung der großen Vorgänger, Äschylos' Majestät n. Sophokles' bezaubernde Harmonie, wogegen er beide in der Lösung psychologischer Probleme, in der Schilderung der Leidenschaften u. des menschlichen Elendes übertrifft. Er sucht die tragische Poesie möglichst von den scenischen Einwirkungen zu trennen u. vernachlässigt den Plan seiner Werke. Sein Ansehen breitete sich immer mehr aus, u. die jüngeren Dichter eigneten sich mit Vorliebe seine Manieren an. Die Tragödie wurde mehr u. mehr ein Werk des Schulgeistes, der Redekunst u. dcr Routme; ein künstlicher Plan, eine verwickelte Handlung, auch die von einzelnen Dichtern bewährte feine Seelenmalerei waren nicht im Stande, den Mangel an großen u. starken Charakteren zu ersetzen. Bei diesem inneren Ber- Tragödie. 465 r ! falle jedoch erfreute sich die dramatische Kunst in der Hellenismen Welt Europas, Asiens und Afrikas bis in das 4. und 5. Jahrh. n. Ehr. einer sehr weiten Ausbreitung n. eifrigen Pflege. Ihr Einfluß dnrch- drang die ganze Cultur des späteren Alterthnmes; aber es gelang keinem auf die kurze elastische Periode folgenden Tragiker, sich einen dauernden Namen zu erwerben; die Einzigen, die sich über den verschlingenden Wogen der Vergessenheit aufrecht erhielten, waren Sophokles u. namentlich Euripides mit ihren alleingiltigen Bühnenstücken. Endlich ging der Sinn für ernste dramatische Poesie in der Vorliebe des Publicums für den Pantomimos, in der sinnlichen Verfeinerung der Orchestik, in dem einreißcnden, seit dem 4. Jahrh. auch die christliche Welt und den byzantinischen Hof nicht verschonenden Sittenverfalle unter. — Idee und Organisation der griechischen T.: Die T. der großen Klassiker Äschylos u. Sophokles ist eine Verschmelzung der epischen u. der melischcn (lyrischen) Dichtung u. der beginnenden Philosophie. In dieser T. wird nicht, wie im Epos, die überlieferte mythische Geschichte als Ver- gangenheit anfgefaßt n. zu einem breiten sinnlichen Lebensbild entfaltet, sondern mit großer Freiheit der stoffumbildenden Dichterphantasie auf die Grnndzüge einer gegenwärtigen, in der Vergangenheit sich spiegelnden Welt von geistigen Bewegungen znrllckgcführt. Diese T. schildert nicht, wie das Epos, die dem heroischen Zeitalter eignenden Zusammenstöße der äußeren und inneren Naturkräfte, sondern die zu allenZeiten wiederkehrenden sittlichen Kämpfe u. Mißgeschicke der irrenden Menschen, und zwar die großen Leiden tüchtiger, mit sittlichem Gehalt erfüllter Charaktere, Leiden, die ans dem Conflicte zwischen den allgemeinen sittlichen Weltzuständen u. dem Einzelwillen, zwischen göttlichem Recht und menschlicher Leidenschaft entspringen. Sie ergründet und entwickelt eine großartige Begebenheit, faßt deren einzelne Theile im strengen, durch Wahrscheinlichkeitsgründe geregelten Zusammenhänge von Ursache u. Wirkung auf u. beseitigt, dem Princip des Mythos energisch folgend, alles Nebenwerk. Sie führt eine nach Zeit u. Ort begrenzte, vor allem durch die Einheit der Idee auf das Nothwendige znsammengc- drängte Handlung rasch, kräftig und mit festem Blick auf den Abschluß, ans die Entscheidung des Processes durch. Die E n tw ick el u n g d i e s e r H a nd- lnng von innen heraus, die Erwägung ihres Gehaltes, die Hervorziehung und Beleuchtung der in ihr arbeitenden, das Zcitbewußtsein treffenden, ethischen Idee ist das der T. vorschwcbende Hauptziel. — Der tiefe Geist des Aeschylos verweilt bei dem Nachdenken über das Verhälmiß der menschlichen Freiheit u. des persönlichen Rechtes zu der ewigen Rothwendigkeit, zu der von dein obersten Gotte zwar in Verborgenheit, aber mit sicherer Hand geführten Weltregierung. In den Schicksalen der Menschen erblickt Äschylos die Folgen ihrer Tugenden oü. Misse- thaten. Gleiches wird mit Gleichem vergolten; die Missethat vererbt sich in einer langen Familienreihe, bis das Werk der ewigen Gerechtigkeit sich vollendet; zuletzt warnt der Fall edler n. gottesfürchtiger Männer, die von den Freveln ihres Geschlechtes verstrickt werden. Sophokles beabsichtigt,dieHarmonieder PiererZ Unwersal-Conversalions-Lexitim. 8. Ausl. XVII göttlichen Weltordnung, mit der die menschliche Willensfreiheit auch irrend sich vertragen lernt, durch dieMythenznveranschanlichen. Der Wille desEinzel- nen soll in dem allgemeinen Gesetze der mit Freiheit erfaßten sittlichen Rothwendigkeit aufgehen. In die Welt des menschlichen Strebens ragt die Gottheit aus weiter, oft ungeahnter Ferne, damit dem irrenden Willen ein Ziel u.Maß gesetzt werde — Euripides gibt denStandpnnktder positiven Religion n. des nationalen Bewußtseins auf; dieHeroen verwandelt er in bürgerliche Gestalten n. zersetzt den Mythos in physikalische Begriffe. Er glaubt zwar, daß Gott in den Widersprüchen nnd Unebenheiten der Welt sich bewähren müsse; hegt Vertrauen zur göttlichenGerechtigkcit, wenn es anlh nicht immer befriedigt wird, n. er fühlt einen Zug derSehnsucht nach jenseitigemLeben. Aber die griechische T. verläßt mit ihm die theologische Richtung u. schlägt die anthropologische ein. Der Dichter wählt seine Stoffe aus dem Bereiche der individuellen Leidenschaft, die nicht von herkömmlicher Sitte gezügelt wird, vielmehr oft mit derselben contrastirt »nd eine neue Ordnung anstrebt. Seine Lieblingsausgaben sind Jntriguen, moralische Verwickelungen u. Motive, u. er wirkt vorzüglich durch den Reiz des Interessanten; er dringt in die Angelegenheiten des Herzens und will die menschliche Empfindung für schwierige, dunkle Fälle des praktischen Lebens gewinnen. Ueberallhin wird er von Rhetorik u. speculativer Philosophie begleitet. Unter den Tragikern bespricht er zuerst die Grundgedanken der in seinerZeit vorgehen- denStaatsnmwälznng als Problem der bürgerlichen, moralischen, religiösen Ordnung n. übt zuerst die Kritik der Gegenwart. — Die Charaktere der handelnden Personen erscheinen bei Äschylos u. Sophokles als Verleiblichungen sittlicher Abstraktionen, allgemeiner Gattungstypen, die jedoch bei Sophokles denHauchfeinerpsychologischerFärbung an- nehmen. Aeschylos hat kein Bedürfniß, in die Tiefen des Individuums hinabzusteigen. Bei Sopho kles dagegen finden wir schon psychologische Motive u. den HervorgangderT-nausdcrinnerlichenWeltver Charaktere, auf der andern Seite die Annäherung an das praktische Leben. SeincCharakterevereinigen die alte plastische Bestimmtheit mit den schönen Anfängen der lcbendigcnJndividualität u. grnppiren sich in berechneter Abstufung. Halten sich jene Meister au die von der Uberlieserung gezeichneten festen Grundlinien der Charaktere, so gestaltet Euripides die aus dem bürgerlichen Leben geschöpften, unheroischen u. überdies der Nationalität entkleideten Individuen, die er auf der Bühne vorführt, beliebig nach den Veränderungen seiner Plane u. läßt sie mit den Strömungen der Leidenschaft sich hin- n. herbewegen. Er hat keine festen, in sich selber n. ihrem ethischen Gehalte wurzelnden Charaktere; er bringt mehr duldende u. rede- fertige, als handelnde Personen, die von trüben, bald zarten, bald starken Leidenschaften fortgerissen werden. — Schlicht sind noch die Plane des Aeschylos. Die einfachen, aus der naiven Unmittelbarkeit des Fuhlens u.Handelns noch wenig aufgeweckten Charaktere seiner T-n bedingen keinen überraschenden Wechsel der Situationen u . keinen schnellenFortgang derHandlung, vie bei ihm von derBetrachtnng überwogen ist. Sophokles dagegen führt eine engnm- Land. zg 466 Tragödie. grenzte, aber durch unähnliche Charaktere vielseitige und in steter Bewegung fortgehende Handlung ein. Die Anlage seiner T-n ist kunstvoll, die Austritte stehen zu einander in symmetrischem Verhältnisse, u. keiner wird in seinem wohlerwogenen Rechte verkürzt. Den Chor, überhaupt die Melik u. die Erzählung schränkt Sophokles bedeutend ein. Er beschleunigt das Zusammenspielen der handelnden Personen, beflügelt das Gespräch und spannt die leidenschaftlichen Gegensätze. Euripides versteht die Kunst zu interesfiren; auch sind ihm Vielseitigkeit ».Erfindungskraft nicht abznsprechen. Doch seine Plane sind unordentlich; er folgt dem Spiele des Zufalls und kennt nicht die Gliederung der Begebenheiten zu innerlicher Einheit; dem Gange seiner T-n fehlt alle Durchsichtigkeit u. Plastik; um so oster geräth er in Übermaß.— Gewaltig, urschöpferisch, aber mit Bildern überladen, allzu pomphaft und dunkel ist die Sprache des Aeschylos, namentlich im Chor. Sophokles drängt die bildlichen Figuren ans einen bescheidenen Umfang zurück u. läßt ihren Sinn lieber mit Redewendungen u. Wortbedeutungen verschmelzen; hierdurch veredelt er den Ansdruck, vertieft das Wort, schärst den Stil und macht ihn zum Organe zarter Empfindung. Seine Sprache nähert sich, ohne an eigenthnmlicher Freiheit zu verlieren, der Sprache des Lebens u. wird eine Vorläuserin des correcten Atticismus. Euripides steigt von der Höhe des schwungvollen Pathos und des Bilderglanzes, den die beiden Altmeister eutsalten, zu der Feinheit, Leichtigkeit, Heiterkeit und Präcisiou der attischen Umgangssprache hernieder. Sein halbrednerischer Dialog bewegt sich in raisonnirender, phraseologischer Gewandtheit, ohne Beobachtung des von der Sache vorgeschriebenen Maßes, nach individuellem Belieben. Er drückt in systematischer Breite die Gegensätze lebhaft u. spannend aus Er hat eine warme, edle Herzensberedsamkeit, die aber seine Sprache, bes. in den Chören, nicht vor dem Übergang in die Prosa schlitzt. — In der griechischen T. wirken alle Künste, vorzüglich Poesie, Musik u. Or chestik, zusammen; aber die Poesie herrscht, die Ordnung des Ganzen steht allein dein Dichter zu. Nur episodisch, den Gedanken u. Empfindlingen des Dramas solgend, greifen Musik u. Orchestik ein, u. sie entsalten deshalb nicht ihre volle Kraft. Wie es scheint, ohne von dem Jnstruinentalsatze Gebrauch zu machen, beschränkt sich die T. auf musikalische Rhythmen in Gesang u. freien Versmaßen. Der melische Vortrag hat entweder eine Gedankenwelt auszudrllcken u. gehört dann vorzugsweise dem Chor od. wird in höchstpathetischen Treuen durch einen Hauptschauspieler, bald in selbständigen Arien, bald in einem Wechselgesange mit Personen des Chores ausgesührt. Ein demRecitativ entsprechender syllabi- scher Gesang wird von dem Chorageten geleilet; alles Zusammensingen entbehrt der vielstimmigen Modulation u. beschränkt sich auf den Einklang; derselbe bezwecki wol die Notensetzung der Instrumente. Den Ausgaben des Chores dienen hauptsächlich erlesene Stimmen in Gruppen u. Responsorien. Zuerst bevorzugt man die schlichte Würde der dorischen Tonart. Aber in der Folge läßt man sie mit der ge- müthlichen Weichheit u. Milde gemischter lyrischer Tonart wechseln. Hierdurch empfängt der Einzelge- sang alle Mannigfaltigkeit der musikalischen Compo- sition. Äschylos u. Sophokles wetteifern mit einander im Schwung n. in der Strenge des Rhyth. mus. Euripides bevorzugt die gemuthliche Harmonie u. die weichen Versmaße u. geräth zuletzt in ver- schwinimende Rhythmen. Der Chor begleitet, in Gruppen entfaltet, seine Vorträge mit Tanzbeweg- ungen; selten mögen lebhafte Tänze, malerische Ballete eingelegt worden sein. — DerChor drückt bei Äschylos gewöhnlich das rein menschliche Mitgesühl für große Geschicke ans, urtheilt mit Freiheit, nimmt Partei, handelt, in einzelnen T-n sogar an hervorragender Stelle, weist bei jedem Zwiespalt u. bei allen Mißgriffen der verirrten Leidenschaft ans die verborgenen Pfade der göttlichen Weisheit hin und stärkt das sittliche Bewußtsein. Sophokles dagegen scheidet Len Chor von der tragischen Handlung u. weist ihm einen möglichst unparteilichen Standpunkt an. Der Chor vertritt bei diesem Tragiker den unter allen Widersprüchen des Lebens im Gleichgewichte bleibenden sittlichen Bolksgeist. Er spricht in den Momenten, wo das Gemülh nach einer Pause der Action verlangt, um sich in höherer Betrachtung zu sammeln, zu der alles menschliche Streben u. leidenschaftliche Kämpfen, gereinigt von Jrrthümern, sich zurückwenden soll. Aus Brennpunkten der dramatischen Fragen u. b ei inenschlichen Fehltritten erinnert der Chor an die geheimnißvolle, aber ohne Zweifel stets mit der göttlichen Weisheit übereinstimmende Weltordnung. Euripides macht den Chor, dem er die Stellung einer zufälligen Existenz anweist, zum Organe seiner philosophischen Zweifel u. läßt durch ihn zugleich seine feinsten EmpfinLnngenaussprechen. Das alte heitereNachspiel der T.,der -rari-(,oLfand > in Äschylos seinen Meister. Diese Spiele verloren aber, nachdem Sophokles die Trilogie aufgelöst». Len Standpunkt der T. geändert hatte, ihren Boden u. wurden mit der Ausbildung derKomödie überflüssig. Vergl. Welcker, Die griechischen T-n, Bonn 183b bis 1841, 3 Thle.; die Werke der griechischen Tragiker gesammelt von W. Dindorf (koötas seon. ürase. cum kraZm. kabul. poräit, Lpz. 1830, Oxf. > 1851) u.A.Nauck(1rs,A.6ra,go. kr»Am.,Lpz. 1856). Von Griechenland kam etwa 150 Jahre nach Sophokles und Euripides die T. nach Rom; doch beschränkten sich disrömischenDichter meist aufNachah- mung der griechischen. Abgesehen von den unter dem Namen des L. Annäus Seneca (s. d.) gehenden 10 (Lese-) Stücken besitzen wir noch einzelne geringe Fragniente der früheren Tragiker. Dazu kommt, daß die einzelnen in den Schriften der Alten aus uns gekommenen Nachrichten über die römische T. weniger die Entstehungsgeschichte u. die Ökonomie derselben als ihre Auffnhrnngszeit u. Darstellungsweise ! betreffen. Die Gründer der römischen T., LiviusAn- dronicns (240 v. Chr.), Ennius (starb um 169 v. Chr.) u. Nävius (st. 204 v. Chr.), kamen ausTarent und Campanien. Aus den überlieferten Titeln und Fragmenten der T-n ersieht man, daß von Lndro- uicus an bis gegen Augustus hin die römischen T-n ^ meist, wenn auch nicht Übersetzungen, Loch Repro- s duction griechischer waren. Am frühesten wurde ! Euripides, später wurden auch Sophokles u. Äschylos , nach Rom verpflanzt. Marcus Pacuvius (geb. um 219, gest. um 132) scheint der älteste Dichter einer römischen National-T. (i?-rbula xrastoxts.) gewesen zu sein. In späterer Zeit sollen griechische Schau- 467 ^i-i>,tz'<)potz'oii — Train. i - spieler nicht selten Nationaldramen in Nom aufgc- führt und einige Römer griechische T-n geschrieben haben. Über die Einrichtung der tragischen Bühne u. die Aufführung von Stücken s. Theater u. Schauspielkunst. Die Werke der römischen Tragiker sammelten Bothe (koötas soen. lat., Halberst. 1823 bis 1824, 2 Bde.) n. Otto Ribbeck (Losnios-g Romano- rnm posssop kruAmsnba, Lpz. 1852—53, 2 Bde.). Eine eigenthümliche Art von Dramen waren die in Tarent aufgekommenen Hilaro-T-n (Lomosäias itslioas, Phlyaken), die in der Alexandrinischen Periode ihre regelmäßige Ausbildung erhielten, eine Art Fastnachtsspiele, welche tragische Stoffe burlesk ausführten. Ueber die hervorragenden T-ndichter in den mo- oernen Literaturen verweisen wir auf die betreffen- ocnHauptartikel. Unter den englischen Tragikern behaupten Shaksspeare, Marlow, Massinger, Green, Beaninont, Fleischer, Webster, Ford, Otway, unter den spanischen Lope deVegau.Calderon, unterden sranzösischenPierre Corneille u. Racine, unter den italienischen Alfieri, unter dendentschen Lessing, Göthe, Schiller, H. von Kleist, Grillparzer, Hebbel, Grabbe, Gutzkow den Vorrang. G. Zimmermaim. Irsgopogon T., Bocksbart, Pflanzcngatt. aus oer Fam. der Lompositas-LioliorioicksLs; Stengel mit schmalen, grasartigen Blättern, Blüthenköpfe langgestielt, mit 8—12 einreihig stehenden, ziemlich gleich langen Hüllblättern; Achänen mit gekerbten Längsrippen, lang geschnäbelt; Haare des Pappus gefiedert. Arten zweijährig; 1?. porrikolins T., H a- ferwurz, Artifi, mit violetten Blüthen, in S- Enropa. Die Wurzeln u. jüngere Triebe (auch hier und da der anderen Arten) dienen als Gemüse. P. major^crez., mir großenBlllthenköpfen, deren Oberfläche in der Mute vertieft ist, u. mit knrzstacheligen randständigen Achänen, an trockenen Wegrändern, zerstreut. R. pratansiZ T., kleiner, mit gelben Blüthen wie vorige und mit körnigen Früchten. Engler Tragstempel, gewisse im Schachte in bestimmten Abständen von einander gelegte, in das Gestein eingebllhnte Hölzer, auf welchen die übrige Zimmerung ruht. Tragweite, s. u. Handfeuerwaffen, S. 772, u. Schießen. Traille (frz.), 1) Gitterwerk; 2) das Tau u. die Rolle, worein eine fliegende Brücke od. Fähre läuft. Train (Fuhrwesen), umfaßt im Allgemeinen die Transportmittel, welche zur Nachsiihrung der Bedürfnisse für das Heer bestimmt sind. Im Alterthum folgten den Heeren sehr große T-s, die namentlich zum Nachschub der Verpflegung dienten, wozu anfänglich nur Lastthiere u. erst später auch Fuhrwerke in Gebrauch kamen. Mit dem Fortschreiten der Cultur steigerten sich die Bedürfnisse der Heere, u. der Troß der römischen Legionen war so groß, daß er an Zahl dem eigentlichen Heere fast gleichkam. Auch im Mittelalter folgte den Heeren eine große Schaar von Knechten, Troßbuben, Kindern und Weibern, die mit den Packthieren u. Wagen, einen, jeder militärischen Organisation entbehrenden , undisciplinirten Hansen bildeten, wodurch die Kriegführung sehr erschwert und verlangsamt wurde. Durch die Einführung der Geschütze wurden znm Transport derselben, sowie der Mnnitionrc. weitere Transportmittel nöthig, die meist durch Requisition beschafft wurden, während die erforderlichen Mannschaften als Troß - oder Stückknechte, ohne eigentlich Soldaten zu sein, für die Dauer eines Krieges angeworben wurden. Alle Versuche die T-s zu vermindern u. die Heere dadurch beweglicher zu machen, scheiterten an der früher üblichen Art der Verpflegung aus Magazinen sowie an der vorzugs- weise angewendetenUnterbringung der Truppen inLa- gern,sowie an dem Mangel einer militärischen Organisation der Transportmittel, deren Beschaffung meist dem einzelnen Truppentheilu. dem einzelnen Offizier überlassen blieb. Während der Dauer eines Krieges steigerten sich meist noch die Bedürfnisse der Trup- pentheile wie auch der einzelnen Offiziere, sodaß die T-s, wenn auch anfänglich beschränkt, sich bald wie- der vermehrten. Erst die Zeit der Napoleonischen Kriege brachte eine Verminderung des T-s, indem statt der Magazinverpflegnng das Reqnisitionssystem (s. Verpflegung) angenommen wurde u. die Artillerie ihre eigenen Bespannungen erhielt. Die große Wichtigkeit , die der T. auf die Operationsfähigkeit eines Heeres hat, trat in den Kriegen der neueren uud neuesten Zeit immer mehr zu Tage und veranlaßte die größeren Armeen das Transportwesen völlig militärisch zu organisiren, die Transportmittel für die Bedürfnisse der Truppentheile auf das Roth- wendigste zu beschränken, dagegen diejenigen für den Sanitätsdienst zu vermehren. Außerdem geben die Eisenbahnen, deren zweckmäßige Benutzung ini Kriege, in der neuesten Zeit ein so wichtiger Factor für die Kriegführung geworden, die Mittel zur Verminderung der T-s. In welchem Umfange die erst kürzlich in Italien angestellten Versuche, Straßen- locomotiven zum Nachschub der Bedürfnisse des Heeres zu verwenden, für die Kriegführung nutzbar gemacht werden können, ist eine bis jetzt noch nicht gelöste, aber vielfach angeregte Frage. Die gegenwärtige Organisation der militärischen Transportmittel unterscheidet: die T-s der Truppen oder Bagage u. die den größerenHeereskörpern(Armeecorps. selbstLndigenDivisionenjzugethsiltensog. großen T-s, Zur Bagage zählen alle diejenigen Transportmittel, welche Len einzelnen Truppentheilen unmittelbar folgen u.auch einenBestandtheilderselbenbilden, sie enthalten alle diejenigen Bedürfnisse, die die Truppe im Gefecht braucht, wie Mnnitions-, Patronen-, Medizin-».Krankenwagen, HandpserdederOffiziere,sowie LiejenigenGegenstände, welche für den inneren Dienst, die Erhaltung der Bekleidung rc. nöthig sind, dahin gehörendie Gepäcks-, Vorraths-, Marketenderwagen, Feldschmieden rc. Man theilt hiernach die T-s der Truppen in sog. Gesechts-T-s od. kleine Bagagen, in die große Bagage, zu welch letzterer alle Transportmittel zählen, deren die Truppe im Gefecht nicht benöthigt ist, sie werden meist innerhalb der größe- ren Truppenverbände (Brigaden, Divisionen) außerhalb des Gesichtsfeldes gesammelt u. erst nach beendigtem Kampfe wieder zu ihren Truppentheilen dirigirt. Die eigentlichen od. großen T-s sind dagegen bestimmt für die größeren Truppenkörper, die im allgemeinen erforderlichen Bedürfnisse sicher zu stellen, sie sind in besondere Abtheilungen formirt, u. meist in 2 Staffeln getheilt, deren erste den Truppen auf 1—2 Tagemärschen folgt, während die zweite die Ergänzung der ersten aus rückwärtigen Magazinen od. Depots bewirkt. In fast allen grö- 30 * 468 Traineur - ßeren Armeen sind besondere T.-Truppentheilesch°n im Frieden gebildet. Im deutschen Heere besteht fürjedes der 18 Armee-Corps ein T.-Bataillon ä 2 bis 3 Compagnien mit einem T.-Depot, in welch letzterem die für die Mobilmachnngsformationen nöthigen Wagen». Geschirre rc. anfbcwahrtwerden. Sämnitliche preußischen T.-Bataillone und Depots stehen unter einem T.-Inspccteur, dessen Functionen in Bayern. Württemberg u. Sachsen durch die Ar- tillerie-Commandenrc ansgellbtwerden. Die T.-Bataillone bilden im Frieden das gesammte für die Stäbe, die Fnßtrnppcn, die T.-, Verwaltungs- und Sanitätssormationen erforderliche Personal an Un- terosfiziecen, Pferdcwärtern u. Fahrern aus, hierzu werden eine Anzahl Leute zu 3jahrigem Dienst, u. zwar speziell zur Ausbildung als Aussichtspersonal, u. der Rest zu llmonailichem Dienst zur Ans-- bildungals Fahrern. Pferdewärterin die Bataillone eingestellt. Die Feldartillerie u. die Cavalerie bilden ihre T.-Manuschaften selbst aus, auch werden im Bedarfsfälle bei einer Mobilmachung überzählige ältere Mannschaften der Cavalerie den T.-Ba- taillonen überwiesen. Das T.-Bataillou gibt im Falle einer Mobilmachung die erforderlichen Mannschaften an die Stäbe u. Trnvpentheile ab und for- mirt sodann 5 Proviant-, 5 Fuhrpark-, 1 Feldbäckereikolonne u. 1 Pferdedepot, welche Formationen das mobile T.-Bataillon des Armeecorps bilden u. dem noch der Corps-Brücken-T. zugetheilt wird. Für den Sanitätsdienst werden 3 Sanitätsdetache- ments n. 12Feldlazarethe ausgestellt. Der gesainmte T. eines Armeecorps, einschließlich der Truppen-T-s u. Munitiouskolonueu zählt etwa 1400 Fahrzeuge. JedesT.-Bataillouformirt bei Übergang zurKriegs- formation noch eine besondereErsatzabtheiluug. Man versteht unter T. daher sowohl die für den Trans- portdienst bestimmte u. hierzu besonders ausgebildete Truppe, wie auch das Material selbst und gebraucht diese Bezeichnung auch noch für dasjenige Material, welches für besondere Kriegszwecke bestimmt ist, u. im Bedarfsfälle heraugezogen wird, wie die Brücken- u. Belagerungs-T-s, die letzteren zerfallenin Artillerie-u, Jngenienr-Belagerungs-T., sie enthalten alles Material, Las zur Durchführung einer Belagerung nothwendig ist u. sind von den übrigen T-s der Feldarmee unabhängig. Traineur, so v. w. Nachzügler. Trainiren (v. Franz.), 1) ziehen, schleppe»; 2) zögern, Hinhalten; 3) ein Pferd trainiren, es durch anhaltendes, osr wiederholtes Laufen, durch Schwitzkappen u. dgl. abmagern, dabei aber durch gutes Futter kräftig erhalten u. so zum Wettrennen geschickt machen. Traisen (Trafen), rechter, 80 km langer Nebenfluß der Donau in Niederösterreich, entsteht aus der Vereinigung der Tllrnitzer- mit der Unrecht-T., welche beide auf dem Traisengebirge entspringen, u. mündet unterhalb Traismauer; die T. ist einer der verheerendsten Flüsse Niederösterreichs. Au der T. 1042 Sieg Adelberts von Österreich über König Samuel von Ungarn. Traitabel (v. Franz.), biegsam, lenksam; leicht zu behandeln. Iraitö (sranz.), 1) ein Handbuch, Abhandlung; 2) Vergleich, Vertrag, Staatsvertrag. Traiteur (franz.), Speisewirlh. - TrajaiiiiS. , Trajanopel (Orichova), Ort im türk. Bilajet Edirne (Thrakien), an der Mündung der Maritza, war einst die Hauptstadt Thrakiens, ist jetzt aber ganz unbedeutend. Die Ruinen der alten Stadt sind 1869 untersucht ».sehrumfangreich befunden worden. Die Stadt scheint im 15. Jahrh. untergegangeu zu sein. z» Trajansüriicke (kons Irujani), eine steinerne ^ Brücke von 20 Bogen, welche Kaiser Trajan 101 u. Chr. in seinem Kriege gegen Decebalus über die Donau von Egeta in Mösien nach Theodora in Da- cien baute; jetzt noch stehen davon Pfeiler u. 5 Bogen gegenüber dem Dorfe Tschernetz in der Walachei. > Trajanspforte (türkisch Kapnli Derbcnt, d. i. Thorpaß), enger Paß über den Hämns im türk. Eja- let Edirne, verbindet Adrianopel mir Sophia, war früher die Hauptstraße zwischen Wien u. Lonstanti- nopel n. wird auch wol das Eiserne Thor (Demir- kapi) genannt. Trajauswall, 1) ein Römerwall im russ. Bess- > arabien, beginnt am Pruth und zieht sich ostwärts ! bis zu den Strandseen am Schwarzen Meere; er- ^ baut wurden die Wälle 105—155 n.Chr. zum Schutz gegen die Skythen. 2) Ein Römerwall in der ru- > inänischen Dobrndscha, beginnt bei Tschernawoda an der Donau u. geht östlich bis an das Schwarze Meer.bei KnstenLsche. Trajanns, Marcus Ulpius, der Sohn des gleichnam. ausgezeichneten Feldherrn, geb. in der span. Stadt Jtalica (heute Sevilla la vieja, Sevilla gegenüber am rechten User des Guadalquivirs; erwarb sich die ersten Lorbeeren unter den Auspicieu seines Vaters im Parthischen Feldzug. Später be- - fehligte er lange Jahre am Niederrhein u. verdiente ! sich durch seine siegreichen Kämpfe mit den angren zenden germanischen Stämmen den Ehrentitel Ger- manicns. In dieser Stellung traf ihn in seinem Hauptquartier zu Köln der Ruf zum Thron. Er wurde nämlich 97 n. Chr. vom Kaiser Necva adop- tirt u. zum demnächstigen Nachfolger ernannt. Januar 98 wurde er Alleinherrscher. Seine fast 20- jährige Regierung bildet den Glanzpunkt der ge- sammten Jmperaiorenzeit; im Krieg n. Frieden erscheint er gleich groß. In zwei überaus schwierigen Feldzügen (101 — 3 u. 104 resp. 105 — 6) eroberte ^ er Dacien, machte das ganze ca. 5000 d>M umfassende Land zur römischen Provinz u. bahnte durch massenhafte Colonisation die Romanisirung jener weitenTerritorienan. Etwagleichzeitig(105)wurde durch den Statthalter Syriens, den Consular Cornelius Palma, das sog. perräische Arabien demReiche einverleibt. Der Parthische Feldzug (seit Herbst 114) nahm einen glänzenden Verlaus: die Könige von Kolchis, Jberien u. Albanien (zwischen dem Schwarzen u. Kaspischen Meere) huldigten ihm als Vasallen; Armenien, Mesopotamien u. Assyrien wurden römische Provinzen, u. in den parthischen Residenzen ! Seleukia und Ktesiphon hielt er als Sieger seinen Einzug (115 u. 116). Das Römische Reich hatte jetz! ^ seine größte Ausdehnung erreicht. In der inneren fl Verwaltung zeigte T. mehr Milde als Vespasian n. bei seiner Herzensgüte mehr Festigkeit als Titus. Hart verfuhr T. nnr gegen die verbrecherischen Delatoren, die er auf zerbrechlichen Fahrzeugen nach wüsten Eilanden des Mittelmeeres deportiren ließ. Auch duldete er keine Majestätsprocesse in engerem Sinne (persönliche Beleidigungen des Kaisers), hielt 469 Traject — dagegen mit Recht das erimon iassas maiostatio im weiteren Sinne, resp. das Verbot der ftaotsriae (Handwerkerclubs) u. sonstiger oolloAin Ulioita aufrecht. Die Art u. Weise, wie T. die zahlreichen amtlichen Anfragen des jüngeren Plinius, des Statthalters von Bithqnien u. Pontus, beantwortet, läßt uns einen Herrscher erkennen, der zwar als conser- vativer Staatsmann unentwegt ans dem Boden des Gesetzes steht, aber eifrig bemüht ist, die einzelnen Gesetze in gegebenen Fällen ebenso gewissenhaft als wohlwollend nach dem Geiste, nicht nach dem Buchstaben zu interpretiren. Vor Allem ist er bestrebt, jeden nnnörhigen Steuerdruck zu vermeiden. Von Ehrenbezeugungen, die bloß seiner Person gelten, will er nichts wissen u. in Übereinstimmung damit verkehrt er mit den Senatoren als primns inbsr paros wie mit Freunden. T-s großartige Wohl- thätigkeitsanstaltcn erinnern stark an die christliche Charitas; er übernahm die Erziehung von Tausenden unbemittelter od. verwaister Kinder (meist Knaben, aus Rom u. Italien) u. wies die Mittel dazu auf die Staatskasse an (Ätimontarin b-rbula Tra- gani). Für die Verbreitung von Bildung sorgte er durch die Gründung der vortrefflichen ulpischen Bibliothek. Die berühmtesten Bauten T>s sind: die steinerne Donau-Brücke, das Forum Trajani zu Rom (der Plan zu diesen beiden monumentalen Werken ging von Apollodorus aus), die Trajans- sänle, ein Theater, ein Gymnasium. Allenthalben ließ er Häfen und Landstraßen anlegen, machte den Versuch einerAustrocknungderPontinischen Sümpfe, sorgte endlich allwärts sür comfortable Badeeinrichtungen. Indessen auch diese hehre, bei Volk u. Senat gleich populäre Herrschergestalt war nicht ganz frei von Schwächen. Er liebte zuweilen im Übermaß die Freuden der Tafel u. des Weines, auch huldigte er einerNeigung für schöne Knaben. Jene nach Francke vielleicht übertriebenen Anklagen sind aber ebensowenig im Stande, das Gesammtbild des vortrefflichen Herrschers zu trüben, als ein paar andere Beschuldigungen, die offenbar nur scheinbar begründet sind. So muß z. B. sein Verfahren gegen die Christen vom römischen Standpunkte des conserva- tiven Staatsmannes beurtheilr werden. Gewiß waren also die Römer vollkommen berechtigt, dem Herrscher, der in edler Freundschaft mit einem jüngern Plinius verbunden war, n. dem Tacitns, der dem Cäsarenthum principiell abgeneigte große Geschichtschreiber, Las herrliche Zengniß ansstellt, unter T-s Regiment seien nicht bloß die Gedanken, sondern auch deren Ansdruck frei u. ungehemmt, mit dem Ehrennamen des Besten auszuzeichnen und sein Andenken noch Jahrhunderte lang hochznhalten. Heinrich Francke, Kaiser T-, 1837 (1. Ansg.); v. Wietersheim, Völkerwanderung, Bd. I.; Merivale, Geschichte der Römer unter dem Kaiserthnm, deutsche Ansg., Bd. IV.; Dicrauer, Beiträge zu einer krit. Geschichte T-s, Lpz. 1868. Görres. Traject (v. Lat.), die Überfahrt, das Übersetzen (über ein Wasser). DaherT-anstalten, mitSchie- nensträngen (Eisenbahnschienen in Spurweite) versehene Vorrichtungen, welche zum Übersetzen von Eisenbahnwagen resp. Zügen über Flüsse dienen. In der Regel ist hierbei ein Senken od. Herablassen der Wagen auf das Deck der sie übersetzenden Fahrzeuge nöthig, da das Niveau der Eisenbahnschienen sich in größerer od. geringerer Höhe über dem Wasserspiegel des Flusses befindet. Man hat daher bei den T-anstalten die Vorkehrungen zum Senken od. Heben der Wagen u. die Vorrichtungen zum Überfahren zu unterscheiden. Die Senkung, bezügl. Hebung der Wagen mit ihrer Ladung erfolgt entweder nach dem Ufer zu ans geneigten Ebenen od. in senkrechter Richtung mittels dynamischer od. hydranli- scherHebeapparate. Die Trajectirung erfolgt mittels Pontons u. Schleppdampfer od. durch T-Üampfer, welche die Waggons selbst aufnehmen. Trajeetorie (v. Lat., etwa Dnrchschnittslinie, Math.), eine Curve, welche ein System von Linien so schneidet, daß der Durchschnitt sür alle Cnrven einer gewissen Bedingung entspricht; die durchschnittenen Linien sind gleicher Art, werden durch eine Gleichung ansgedrückt, in welcher eine Constante für jede Linie einen andern Werth hat; so schneidet z. B.einc T. das System aller Ellipsen über derselben Hauptachse so, daß vom Scheitel aus gleiche Bogen abgeschnitten werden. Orthogonale od. rechtwinklige T. ist eine T., bei welcher der Durchschnitt unter rechtem Winkel erfolgt; ist der Dnrchschnittswinkel con- stant ein anderer, so heißt die T. eine gleichwinklige. Joh. Bernoulli wurde zuerst durch Hnygyens' Ansicht von der Fortpflanzung des Lichtes auf die von ihm benannten orthogonalen T-n geführt. Irajsotum, 4) T. vstus, T. inksrftm (Trajsobnz Rftsni), alter Name der Stadt Utrecht, s. d. 2) T. supsrina, TrnjsobusLlosas), so v. w. Mastricht, s. L. Trakehnen, Dorf im Kreise Stallnpönen des prenß. Regbez. Gumbinnen, an einem Nebenfluß der Pissa, Station (Bahnhof 5 üin vom Orte entfernt) der Prenß. Ostbahn; hat ein künigl. Hauptgestüt (1732 von Friedrich Wilhelm I. gegründet), zu dem 12 Vorwerke gehören u. dem die 3 Landge- stllte in Insterburg, Rastenburg u. Gudwallen bei Darkehnen untergeordnet sind, jährlich große Pferde- auctionen; 371 Ew. Vgl. Frenzel, Über Landes- pferdezncht im Regbez. Gumbinnen, Berl. 1875. Tralee, Hauptstadt in der Grafschaft Kerry der irischen Pro». Munster, an der Mündung des Lee in die T.-Bai des AtlantischenOceans, Eisenbahnstation; Gerichtshof, Kloster, Krankenhaus, Markthalle, Branntweinbrennerei, Bierbrauerei, Schifffahrt, Härings-u.Anüernfang, Handel; 1871:9506 Ew. Unweit davon der Badeort T.-Spea. Dralles, Joh. Georg, Mathematiker u. Phy. siker, geb. 15. Oct. 1763 in Hamburg; stndirte 1782 bis 1785 in Göttingen, wurde 1785 Professorder Mathematik u. Physik in Bern, 1810 Professor in Berlin u. st. 18./19. Nov. 1822 in London. Er ist namentlich bekannt durch Erfindung u. Verbesserung des Alkoholometers (T-scheWaage;. Er schr.: Physikalisches Taschenbuch, Gölt. 1786; Lehrbuch der reinen Mathematik, Bern 1789; Untersuchungen über die specifischen Gewichte der Mischungen aus Alkohol u. Wasser, Lpz. 1812, n. a. r. Trame (franz.), der Einschlag der seidenen Gewebe; davon Tramseide (Traminseide), so v. w. Einschlagseide, im Gegensätze von Organsinseide, s. unt. Seide. Tramelogödie (v. Griech.), eine Zwittergattung zwischen Tragödie u. Oper, erfunden von Alfieri. Irsmslss Mries., Pilzgattung, sehr nahe verwandt mit kol^porus n. schwerlich mit Recht davon 470 Tramin — Transfusivn. zu trennen. Wichtige Arten: I. Lini (Kiefernbaumschwamm), erzeugtdieRothfäute, Rind-,Ning- od. Kernfäule der Kiefer; I. rackioipsräa 70'., auf den Wurzel» der Kiefer, der Rolhbuche, des Weißdorn schmarotzend und Ursache schnellen Absterbens der davon befallenen Pflanzen. Tramin, Marktflecken im tiroler Bez. Botzen (Österreich), südl. vom Kälterer See u. unweit der Etsch; Institut der Barmherzigen Schwestern (seit 1843), berühmter Weinbau; 1869: 1886 Ew. Dabei auf einem isolirteu Felsen die Kirchenruine St. Peter mit alten Fresken vom Maler Egnolt aus St. Pauls (um 1440). Traminer, Traubensorte, s. Weinbau. Trampelthier, s. u. Kameel. Tramway, s. Pferdebahnen u. vgl. Clark, M'NIU- rva^8,tiisirevustrueiiou auckrvorIrinA, Land. 1878. Trancheen (franz.), die durch Erüarbeit vor einer belagerten Festung anfgeführten Laufgräben, deren Erde als Brustwehr nach der Festung hin aufgeworfen wird. Zu den T. gehören die Parallelen, die rückwärtigen Communicationen u. Approcheu, das Couronnemeut, s. u. Festungskrieg I L 3 n. f., die Ausführung s. u. Sappe. Trancheearbeiter, die Soldaten, von denen die Trancheen eröffnet und fortgeführt werden. Tranchcecavalier (Trancheekatze, Laufgrabenkatze). ein zur Deckung der Trancheearbeit, vor dem ausspringenden Winkel des gedeckten Weges der angegriffenen Front in früherer Zeit gebräuchliches Werk von hohem Relief, um von demselben aus den Verthcidiger aus dem gedeckten Wege zu vertreiben. Trancheemajor, derjenige Jngenieuroffizier, welcher während der Dauer einer Belagerung für die ordnungsmäßige Instandhaltung der fertigen Trancheen sorgen u. die in denselben anzubringenden Bauten, wie bombensichere Hohlräume für die Offiziere äu jour, Verbandränme, Latrinen rc. zu überwachen hat. Dem T. werden zu dem Zweck besondere Pionier-Compagnien dauernd unterstellt. Trancheewache, die Besatzung der Laufgräben, um Ausfälle des Belagerten zurückzuweisen. Sie theilt sich in die Laufgrabenbesatzung, die in der vordersten Parallele Ausstellung nimmt, pro 3 Schritt ungefähr ein Mann, das Piket u. das Gros, die in den rückwärtigen Approcheu od. Parallelen stehen u. durchschnittlich je Z so stark find, als die Laufgra- benbesatzunH. Trancheewagen (Trancheekarre) kleiner 2rä- driger Wagen, zum Gebrauch in den Laufgräben. Tranchiren (v. Frz.), etwas zertheilen, zerlegen. Trani, Stadt in der ital. Prov. Bari, ain Adriatischen Meere, Station der Südbahu; Schloß (vom Kaiser Ferdinand erbaut), Castell, Erzbischof, Gymnasium, Seminar, technische Schule, Appellationsgericht, Kathedrale, Hafen, Handel mit Ol, Wein u. Getreide; 24,388 Ew. Trani, Graf von, Titel des zweiten Sohnes des Königs Ferdinand II. von Sicilien, Prinzen Ludwig. Tranquebar (Trankebar, tamil. Tarankampadi, d. h. Wellenort), Stadt in dem Distr. Tandschur der indvbrit. Präsidentschaft Madras, an einem Mündungsarm des Cavery, von Mauern umgeben u. mit einem alten Fort (Dansborg); Hauptsitz der lutherischen Missionsanstalt (gestiftet 1705 durch Ziegen- balg, mit Schule u. tamilischer Druckerei), luther. u. kathol. Kirche; gegen 23,000 Ew. Jndersruchr- baren Umgegend wird Reis gebaut. Stadt u. Gebiet wurden 1616 dem Fürsten von Tandschur gegen einen jährlichen Tribut von dänischen Kausleuten abgekauft, fielen dann an die dänisch: Krone, kamen 1773 unter die Oberhoheit von England u. wurden endlich 1845dnrchKauf unmittelbar britisches Gebiet. Icanquillamsnte (ital., Mus.), gelassen, ruhig. Icsnquillo (franz., v. Lat.), ruhig , still, gelassen. Tranquillität, Ruhe, Stille,Gelassenheit. Irans (lat.), jenseit, hinüber, über rc.; des. ge- bräuchlich in vielen Zusammensetzungen; in geographischen Namen ist es dem Ois (diesseits) entgegengesetzt. Transaction (v. Lat.), Vergleich; Verhandlung, bes. solche, welche einem abznschließcuden Vergleiche vorausgeht. Transigiren, Übereinkommen, sich im Guten vergleichen. Iransaotions (engl.), Abhandlungen, bes. als Titel von Zeitschristen od. Sammlungen von Abhandlungen gelehrter Gesellschaften. Transüaikalien, neuerdings organisirte Prov. im Asiatischen Rußland, deren Grenzen im S. Lurch Theile des Kentei-Gebirges (China), im W. vom Baikal-See n. der Oberen Angara, im N. u. O. von den Flüssen Wittim, Schilk u. Argon gebildet werden; mit etwa 500,000 Ew., davon ^Kosaken. Hauptstadt Tschita, am Jngoda, einem Nebenfluß der Schilka, von wo Dampferverbindung mit dem Amur. Das Land ist mit hohen Gebirgsketten erfüllt, Lie grvßten- theils von SW. nach NO. laufen; die Flüsse sind meist schiffbar u. reich an Fischen. Klima nordisch, aber constant. Das Land ist reich an Waldungen n. Mi- neralschätzen, deren Hebung jedoch noch der Zukunft Vorbehalten ist. Der Ackerbau steht im Allgemeinen noch auf niederer Stufe, dagegen ist die Viehzucht bedeutend. Einen Haupterwerbszweig bilden auch Jagd u. Fischerei. Der Handel mit China ist erheblich; Haupthandelsplatz Kiachta. Irarissat(lat.), es gehe vorüber, werde vergessen; Mausouvcio, im Vorübergehen. Trausferiren (v. Lat.), übertragen, übersetzen (in eine andere Sprache); von einer Stelle zur anderen bringen; versetzen, verschieben. Transfiguration, Umgestaltung, Umwandlung; Verklärung, bes. die Verklärung Christi ans Tabor, in dem berühmten Gemälde Rafaels dargestellt. Transformiren (v. Lat.), umformen, anders bilden; einem mathematischen Ansdrucke eine andere Gestalt u. Form geben, ohne jedoch dessen Werth zu ändern. Transformation, Umbildung. Transfusion (v. lat. trauskusio), Uebergießung einer Flüssigkeit an eine andere Stelle; im engeren Sinne die Operation, durch welche Blut eines Thie- res od. Menschen in die Blutbahn eines anderen Thieres od. Menschen eingeführt wird. Die T. soll schon im grauen Alterthum geübt worden sein; die ersten wissenschaftlichenBersuche fanden nachweislich in der Mitte des 17. Jahrhunderts in Frankreich n. England statt. Denis u. Lower führten 1667, nachdem schon vorher anderweitig an Thieren, bes. Hunden, Studien gemacht waren, mit günstigem Erfolge die erste T. beim Menschen aus, wobei sie Lammblut benutzte». Auch in Deutschland fand die Operation Anhänger, durch die häufigen ungünsti- - Transigircn — Transkaspisches Gebiet. 471 gen Resultate kam sie jedoch zum Verfall u. gerieth in Vergessenheit. Erst gegen Ende des 18. n. Anfang des 19. Iahrh. wurden von englischen, deutschen u. französischen Forschern neue Experimente angestellt, u. 1824 rettete Blundell in London einer verbluteten Wöchnerin durch die T. das Leben. In neuerer Zeit haben sich noch Magendie, Gräfe. Dieffenbach, bes. Landois, Eulenburg, Hneter u. Hasse sowol um die Erforschung der physiologischen Einwirkung als um die weitere Ausbildung in der Methode u. in der Stellung der Indikationen verdient gemacht. — In der ersten Epoche führte man meist die Lirecte Thierblut-T. aus, indem man aus der geöffneten arbsria oarobis eines Thieres das Blut durch ein eingeschaltetes Gummirohr direct in die Vene des Menschen cinströmen ließ. Diese später aufgegebeue Methode wurde in jüngsterZeit von Hasse wiederum warm empfohlen, u. hat derselbe auch, ebenso wie ihm folgende Operateure, eine Reihe von günstigen Erfolgen zu verzeichnen. Erwägt man jedoch, daß nach den Untersuchungen Pauums das von einem anders organisirten Wesen transfundirte Blut nur vorübergehend eine Wiederbelebung zu bewirken vermag, bald jedoch in zerfallenem u. aufgelöstem Zustande durch die Se- u. Excretc wieder ausgeschieden wird, bedenkt man ferner, daß es unmög- sich,ist, bei der directen T. die Mengedes überströmenden Blutes zu bemessen, u. daß es leicht wegen der Möglichkeit der Gerinnung des Blutes zu tödtlichen Embolien kommen kann, so wird man sich, der Mehrzahl der Chirurgen folgend, für die indirecte T. von menschlichem Blut aussprechen. Eine fernere Frage ist die, ob man bei der T. defi- brinirtes Blut nehmen soll oder nicht. Durch eine Reihe von Experimenten haben Landois u. Eulenburg festgestellt, daß Lestbrinirtes Blut in seiner Wirkung aus den Organismus nicht nur dem venösen Gesammtblut gleichzustelleu, sondern daß es zunächst durch Beseitigung der Gefahr einer Embolie, daun aber durch den größeren Sauerstofsgehalt demselben bei weitem vorzuziehen sei. Zur Ausführung der T. defibrinirten Blutes bedient man sich durchgehends einer Spritze. Während der Operateur an dem Patienten eine oberflächliche Vene, meist in der Ellenbogenbeuge, frei präparirt, dieselbe peripher unterbindet, dann öffnet u. eine zur Spritze passende Canule einbindet, hat ein Assistent einem gesunden Menschen einen genügenden Aderlaß gemacht, das Blut durch Schlagen mit einem Besen defibrinirt u. dann durch ein reines leinenes Tuch in ein Glasgefäß, welches in einem auf 37°0.temperirten Wasserbad steht, durchgeseiht. Aus diesem füllt der Operateur die gleichfalls erwärmte Spritze mit Blut nud spritzt dasselbe langsam durch die Canule in die Vene ein. Durchschnittlich werden etwa 200—300 ss Blut transsun- dirt. Eine Modifikation der beschriebenen Methode ist die von Gräfe rc. angegebene u. von Hneter befürwortete arterielle T. Bei dieser wird das Blut in den peripheren Theil der vorher unterbundenen n. am centralen Ende durchschnittenen artsria ra- äialis od. tibialis xoobiag, injicirt, so daß es vor Uebergang in den venösen Kreislauf das Capillar- gesäßnetz zu passiren hat. Die Methode hat den Vortheil, daß man dadurch der Gefahr einer Embolie od. des Eindringens von Luft sowie einer nachfolgenden Venenentzündung überhoben ist. Auch wird dadurch der zu schnelle Uebergang einer großen Blutmasse in den kleinen Kreislauf vermieden, da das transfundirte Blut, welches sich zunächst den Weg durch das Capillarnetz der Hand od. des Fußes bahnen muß, niemals in zu großer Menge in das rechte Herz strömen kann. Als Indikation für die T. ist in erster Linie die acute Anämie zu bezeichnen, wie sie nach heftigen Blutungen im Wochenbett od. nach großen Blutverlusten bei Operationen od. nach Lungen-, Magen- u. Darmblutungen auftritt u. das Leben unmittelbar bedroht. Hier kann sie durch sofortigen Ersatz des verlorenen Blutes unmittelbar lebensrettend wirken. Eine 2. Indikation bildet die Verbesserung der kranken Blutmischung, bei welcher man nichtdieQuantität desBlutes vermehren, sondern nur die Qualität verändern will. Man wird also gleichzeitig mit der T., falls nicht überhaupt schwere Anämie vorliegt, einen Aderlaß verbinden. Es sind hierbei vor allem die acuten Vergiftungen, insbes. die Vergiftung mit Kohlenoxyd, dann auch Chloroform. Aether, Morphium, Strychnin, welche die T. indiciren. Ferner hat man die T. ausgeführt bei Septichämie, Pyämie, bei Leukämie u. Melauämie, sowie bei nicht zu weit vorgeschrittener Lungentuberculc se, doch waren die Erfolge bis jetzt entweder meist nur unmittelbar u. vorübergehend, od. doch nicht mit Sicherheit auf die T. zurückzufllhren. Vgl. Landois, Beiträge zur T. des Blutes, Lpz. 1878. Blumb-rg. Transigircn (v. Lat.), zu Stande bringen; Übereinkommen, einen Vergleich schließen; Rrans- iAsnäo, auf dem Wege gütlichen Vergleichs. Transit, Transitzölle rc., s. Transito. Transition (v. Lat.), Übergang, Übergehung, Form zur Bezeichnung des Pronomiualobjects an transitiven Verdis, wie siezwar in einigen Sprachen der alten Welt, z. B. im Ungarischen s^srotoic ich liebe, sewretlsic ich liebe dich, s^oretom ich liebe ihn od. es, Vorkommen, jedoch vorzugsweise den amerikanischen Sprachen eigen sind und dort zuerst von spanischen Grammatikern so bezeichnet wurden. Transitiv (v. Lat.), hinübergehend, übergehend, bes. von Handlungen des Subjects auf ein Object; s. Verbum. Transito (ital.), der Durchgang der Maaren durch ein Land oder eine Stadt; daher T-güter, welche aus einem fremden Lande kommen u. wieder in das Ausland gehen. T-Handel (Durchfuhrhandel), s. u. Handel. T-zoll, Abgaben von T- gütern, in der Neuzeit wol allenthalben abgeschafft, da hierdurch der Transitverkehr nur nach anderen Routen getrieben wird. Transitorisch (v. Lat.), zum Über« od. Durchgang bestimmt; vorübergehend, vergänglich; t-e Bestimmungen in Verträgen, Gesetzen, solche Bestimmungen für die Übergangsperiode. Transkaspisches Gebiet, ein 1873 gebildeter Militärbezirk am östl. Ufer des Kaspischen Meeres zwischen der Prov. Uralsk im N., Persien mit dem Grenzfluß Atrekim S. u. Khiwa imO-, etwa 220,000 H>Lm (4000UM), im ganzen ein durch Trockenheit u. schlechten Boden unwirthliches Gebiet u. nur spärlich von Nomaden bewohnt (im S. Turkmenen, im N. Kirgisen). Das Gebiet hat verschiedene Hochebenen (in der Mitte Ust-Urd, etwa 200 w hoch) und 472 Transkaukasien - Bergzüge, deren höchster, der Große Balchan, im SW. bis 1660 in ansteigt. Von Bewässerung ist kaum eine Spur. Vor Alters wurde der slldl. Theil des Gebiets von einem in das Kaspische Meer mündenden Arm des Oxus (Amn Darja) bewässert und geht inan mit dem Project um, diesen Arm wieder in eine lebendige Wasserader zu verwandeln. Ein- theilung in 2 Kreise: Mangyschlak u. Krasnowodsk; die Verwaltung steht unter der Statthalterschast Kankasien. Transkaukasten, s. Kankasien. Translation (v. Lat.), Übertragung, z. B. der Rechte ans Andere; Übersetzung; in der Telegraphie, j. u. Telegraph;Translaror, Uebertrager, in der Telegraphie, s. u. Telegraph, Üebersetzer; der Dolmetscher. Translocation (v. Lat.), Ortsverändernng, Versetzung. Transmarin (v. Lat.), überseeisch. Transmigratiou, Auswanderung, Übersiedelung; Seelenwanderung. Transmission (v. lat. Prnuouüssio), Übersendung, Überlieserung; daher 1'.notorurn, so v. W.Acten- versendung; (4'. Iisroäitntis), im Röni. Erbrecht ein Fall,in welchem eine angefallcne, aber von dem Erben noch nicht angetretene Erbschaft auf die Erben dieses Erben übertragen wird, mithin allgemein der Fall, wo, gegen die Regel, Jemand Las Erbrecht erwer- ven,'also Erbe werden kann, dem das Erbe nicht persönlich deserirt ist, indem er in die Stelle des Velaren eintrilt. In der Technik ist T.: Übertragung, Fortpflanzung; in der Maschinenlehre die Übertragung einer Bewegung durch besondere Maschinen- iheile (T-smaschinen, Zwischcnmaschinen). Transmittiren (v. Lat.), überschickeu, übertragen. Transmutatioushhpothese (Emwickelungs. Hypothese), die Ansicht von der Entstehung der verschiedenen Pflanzen- n. Lhierarten durch (allmähliche) Abänderung ans anderen. Transmutircn (v.Lat.), umwandeln, verwandeln; Transmutation, Verwandlung; Vertauschung; Buchstabenvcrsetznng. Transmutabel, verwandelbar, veränderlich. Trausnomination(Rhel.), s. v. w. Metonymie. Transpadanisch, jenseit des Po. T-es Gallien, in Bezug auf Nom, s. Gallien. T-e Republik, der von Bonaparte 1706 gegründete, 1797 aber mit dcr Eispadanischcn Republik zur Cisalpini- schen vereinigte Freistaat jenseit des Po, die Lombardei umfassend. Transparent (v. Franz.), dnrchschimmernd, durchscheinend, halbdurchsichtig; durchscheinendes Gemälde, T-bild. Transponircn heißt ein Musikstück in eine andere Tonart übertragen, als worin es geschrieben ist. Daher nennt man auch Trauspositions-L>calen die- jenigen Tonleitern, welche aus der Versetzung der Normaltouleitern auf höhere od. tiefere Stufen her- vorgegaugen sind; die 6-4>ur- u. A.-LkoU-Tonleiter sind Normaltonleitern, alle übrigen Transpositions- Scalen. Die Kunst des T-s findet namentlich beim Liedergesang sehr häufig Anwendung; doch darf die Transposition nicht in zu entfernte Intervalle geschehen , weil sonst der ursprüngliche Charakter des LiedesNoth leidet u. die Wirkung abgeschwächl wird. — Transscribiren. I T»de Instrumente nennt man diejenigen Orche- sterinstrumentc, welche um eine Octave, Secunde, ; Terz, Quarte rc. höhere od. tiefere Töne erklingen f lassen, als inNoten ausgsdrückt steht; dahin gehören der Contrabaß, Contrafagott, Piccolo, die Clarinette, das Bassethorn, Horn, die Trompete u. a. - Transport (v. Lat.), die Fortschaffnng eines Dinges von einem Orte zu einem andern; (beim ^ Militär), von Kriegsbedarf aller Art, wie Truppen, Munition, Pserde rc. Man unterscheidet: Land-, Wasser- und Eisenbahntransporte n. gibt denselben wenn eine Bewachung erforderlich, wie z. B. bei Gefangenen- und Mnnitionstransporten besondere Begleit- od. Transportkommaudos bei. Dann die Übertragung der Summe mehrerer Rechnungsposten auf eine neue Seite; T-iren, fortschaffen, übertragen. T-abel, zur Fortschafsung sich eignend, verfahrbar. Transporteur, ein Instrument zur Messung u. Zeichnung von Winkeln. Das Ganze bildet einen Halbkreis, dessen Rand genau in Grade cingetheilt ist. Der innere Raum dieses Halbkreises ist meist bis aus den, einen halben Zoll breiten Rand ausgeschnitten u. in der Richtung des Durchmessers von 0" bis 180" durch eine linealförmige Fläche, welche > ans beiden Enden ein kleines Stückchen über den ^ Halbkreis hinausragt, geschlossen. An diesem Lineal ist der Mittelpunkt des Kreises markirt, meist durch ein ausgeschnittenes rechtwinkliches Dreieck, so daß die rechtwinklige Ecke den Mittelpunkt des Halbkreises bezeichnet. Der zu messende oder zu zeichnende Winkel hat den Mittelpunkt des T-s als Scheitel u. -- den Durchmesser desselben als den einen Schenkel. Transportschiff nennt man ein solches Schiff " der Kriegsmarine, welches lediglich zum Wegschaffen ; von Truppen, Kriegsmaterial u. sonstigem Staats- ) eigenthum bestimmt ist; sei es um dieselben von einem ( Ort zum andern zu verschiffen, oder um sie fern- ! weilenden Flotten resp. Schiffen znznfllhren. ' Transportversicherung, s. Versicherungswesen. Transsccndcnt (v. Lat.), 1) in der Philosophie bei den Scholastikern diejenigen höchsten Begriffe, welche nicht zu Len allgemeinenKlassenbegriffen (Kategorien) gerechnet werden können, weil sie dieselben ihrem logischen Umfange nach übersteigen (trans- scendiren) u. in allen Kategorien Vorkommen. Nach Kam heißt transcendental diejenige Erkenntniß, welche bis auf die letzten, außer der Erfahrung liegenden Gründe zurückgeht; transscendent dagegen Las, was auch noch darüber hinansgeht, was alle Erfahrung überspringt. 2) Überhaupt so v. w. überschwänglich, nüchterner n. vorsichtig fortschreitender Erkenntniß unzugänglich. 3) (Math.), was über die niederen Rechnungsarten, d. h. die 4 Spe- cies, Potenzen u. Wurzeln mit bekannten (constan- ten) Exponenten hinausgeht; die Benennung ist von I Leibniz eingeführt. T-e Analysis, so v.w.Ana- lysis des Unendlichen. ? Transscribiren (v. Lat.), schriftlich übertragen, ^ auf einen Andern schreiben. Transscription, ' 1) Übertragung einer Verbindlichkeit an einen Andern dadurch, Laß des Einen Namen an des Andern Stelle geschrieben wird; 2) Überschreibung eines liegenden Gutes auf einen Andern, welcher es durch Kauf, Erbrecht oder sonst erworben hat; 3) Über- 473 Trausscpt — tragung eines Tonstückes ans ein anderes Instrument, mit den durch die Natur dieses letzteren gebotenen Veränderungen. Transsept (v. Lat.), 1) jeder Querbau; des. 2) das Kreuzschifs in den mittelalterlichen Kirchen. Transspirationfv.Lat.),Ausdünstung derHaut. Transspirircn (v. Lat.), I) ausdiinsten, ausdampfen, schwitzen; 2) ruchbar, bekannt werden. Transsubstantiation, d. i. Swfsverwandlung, die von Hitdebert von Tours im l2. Jahrh. ersun dene Bezeichnung für die durch das Wort des amti- renden Priesters erfolgende stoffliche, nicht förmliche Verwandlung der Abendmahlselemente in das wahre Fleisch u. Blut Christi. Kirchlich wurde diese Ver- wandlungslehre aus der 4. Lateransynode 12l5 unter Jnnocenz III. fanctionirt. Vgl. Abendmahl. Transsudircn(v.Lat.), durchschwitzen. Trans- sudation, Durchschwitzung von wässrigen Flüssigkeiten u. Blutsalzeu, z. B. bei Wassersucht. Ist die Flüssigkeit eiweisi u. faserstoffhaltig, so spricht man von Exsudat, doch ist der Unterschied zwischen Trans' sudal u. Exsudat nicht immer streng scstzuhalren. Transshlvanische Alpen, das südl. Randge- birge des siebenbürgischen Hochlandes, die höchste, schmälste und wildeste säinmtlicher siebenbürgischen Nandketten, erhebt sich mehr als 2212 m über die südl. vorgelagerte Tiefebene der Walachei, erstreckt sich wallartig, nur einmal von der Äluta durchbro- chen, vom Flusse Nagy-Puska im O. in der Richtung von O. nach W. bis zum Ursprung des Strcel- Flusses und daun in südwestl. Richtung, Leu SO. Ungarns erfüllend, bis Werschetz an der südöstlichen Linie der Österreich. Staatseisenbahn und bis zur Klissura (Donau-Enge) von Orsova. Die einzelnen Theile der T. A. sind von O. nach W.: das Bod- zaer Gebirge mit dem Csukas (1944 m); das Bur- zenländer Gebirge, mit dem Bntschelsch (2S43 m) u. Lein schroffen Königstein (2243 in); das vorwiegend aus kristallinischen Schiefern zusammengesetzte Fogarascher Gebirge, zwischen der Einsattelung von Fontina Roncsi u. dem Rothenthurm-Passe, mit dem Vunetura-Butianu (2515 in), dem Burvu-Urla (2471 in) u. dem 2543 IN hohen Negoi, dem höchsten Berggipfel Siebenbürgens; das Cibin-Gebirge, mit dem Chindrel (2239 in), der sich in der nördlich vorgelagerten Fromoaßa erhebt; das Schcbescheller Gebirge , westl. bis zum Mühlbach reichend, ein mäch - tiges Waldgebirge, auf dem Alpenwirthschaft getrieben wird, mit dem Suriäu (2950 in) n. dein God- janu (1645 m); das Paringul-Gebirge, säst ganz von S. nach N. streichend, mit dem Szlavei oder Sklävoi (2421 m) und dem Kürsia (2412 in); das Vulkan-Gebirge, südl. vom Schylthale, u. das Hat- szeger Gebirge, nöcdl. vom oberen Schyl, letzteres mit dem Retyecsat (2496 m); endlich das Banaler Gebirge, der südwestlichste Theil des ganzen Gebirgszuges, das sich im Boldovan noch bis zu 1790 m erhebt u. dessen südlicher Theil Las Sretinye Gebirge (mit dem Svinjacsa, 1220 m) genannt wird. Über die T. A. führen folgende Pässe: der Buzan- Paß, Tömös-Paß,Törzbnrger-Paß, Rothethurmpaß od. die Karolinenstraße u. der Bulkanpaß. Zu den T. A. wird auch wol das östl. Randgcbirge von Siebenbürgen (s. d., S. 424) gerechnet. H- Berns. Transvaal , engl. Colonialprovinz in SAsrika, umgrenzt von der Oranjeflußrepnblik, Natal, Suln- - Transvaal. land, den portugies. Besitzungen au der Delagvibai u. verschiedenen Reichen der Kaffern u. Beischuauen; das 296,175 sUsicm (5360 (IjM) große Land ist hauptsächlich Hochfläche vou 1000—2090 in Höhe, das gegen SW. allmählich, gegen O. in Terrassen abfällt; die erste Stufe bildet das Lombombo-Ge- birge, die zweite die Drakenberge (Kathlamba), welche im Cathkin Peak 3060 m ansteigen. An Flüssen sind zu nennen: Vaal od. Likwa mit Mooi u. a., der sich dem Oranje Strom zuwendet, der Limpopo, der die Nordgrenze T-s bildet, mit seinen Nebenflüssen Elando, Maritele, Sandfluß, Nyl, Olifant u. a., und die zahlreichen Quellflüsse des Mapntu, Tembe n. Manhissa. Das Klima ist mild, auf der Westseite aber sehr trocken; das Land ist fruchtbar, aber mehr für Viehzucht als für Ackerbau geeignet; 300,000 Ew., worunter etwa 18,000 Europäer, die übrigen Betschnanen, Snlns rc. Ergiebig ist die Jagd (Antilopenarteu, Elephanten, Rhinoceros, Krokodile, Strauß), im N. ist die gefährliche Tsetsefliege häufig, Heuschreckenschwärme verwüsten oft das Land; zahlreich sind die Schlangen (namentlich giftige). Der Boden ist reich an Kupfer, Eisen, Kohlen, Blei Zinn, Salpeter, Alaun, Marmor rc. Hauptstadt: Pothschefstrom, Sitz der Regierung: Pretoria. Die vor dein habgierigen Vordrängen der Engländer aus Natal zurllckweichenden Boers (s. d.) gründeten 1848 hier 3 Republiken, die sich 1858 zur T.- Repnblik vereinigten. Dieses Gebiet wurde ihnen jedoch von den Zulus, die ebenfalls vor den Eng- tändern zurückgewichen waren u. sich hier entschädigen wollten, streitig gemacht. Diese konnten aber den Boers nichts anhaben, bis sie die auf die aufblühende Macht der Republik eifersüchtigen Engländer unterstützten. Nun erlitten die Boers im Aug 1876 eine entscheidende Niederlage, worauf die Engländer das Land annectirten u. den Zulus das Nachsehen ließen. Dis osficielle Annexion erfolgte 12. April 1877. Die darauf bezügliche Proclamatiou erklärt, das Land bleibe ein besonderes Gouv., die Einwohner im Besitze vollster legislativer Vorrechte. Die holländische Sprache werde praktisch, ebenso die officielle Sprache sein, wie es das Englische ist, die jetzigen Gesetzewürdenvorläufig unvcrändertbleiben. Gleiche Gerechtigkeit werde Weißen u. Schwarzen zu theil werden, doch nicht gleiche bürgerliche Rechte. Alles Eigenthnmsrecht werde geachtet werde». Alle Beamten, die den Willen u. die Fähigkeit haben, sollen in ihrer Stellung verbleiben. Alle bona kicks geschehenen Concessionen n. Contracte mit der Regierung , den öffentlichen Gesellschaften oder Einzelnen, werden anerkannt. Für die Zahlung der Staatsschuld werde gesorgt werden rc. Die Boers gaben sich jedoch hiermit nicht zufrieden, um so weniger als ihre Reclamationen u. Proteste in London gänzlich unberücksichtigt blieben. Einstweilei: entstand hieraus ein Krieg der Zulns (s. Weiteres dort) gegen die Engländer. — Zur Literatur: Trollope, Loubkr Lkrioa, Lpz. 1878, 2 Bde.; Roche, On trselc in tko Irunsva-ii, Lond. 1878; Jeppe, Lrunsvurii doolc nimunao nnck ckirsetorz- kor 1877; Ders., Na;, ot tüiv 1?. anck tiis ourrounckinA borrikoriss. n. A. Pretoria 1878; v. Weber, Vier Jahre in Afrika (1871 bis 1875), Lpz. 1878, 2 Thle.; Petermanns Karte des Caplandes rc., Gotha, Perthes. sGeoqr.> Dronle. sGescki.) Schroot. 474 Transversal - Transversal (v. Lat.), der Breite nach, quer; auf der Seite. Transversale (vom Lat., quer durchgehende, Math.), im Allgemeinen jede Linie od. Fläche, welche ein System von Linien od. Flächen auf irgend eine Art Lurchschneidet; z. B. eine Gerade, welche die 3 Seiten eines Dreiecks in bestimmter Weise schneidet. Auch eine Tangente kann als T. betrachtet werden. Schon bei Ptolemäos, Pappos finden sich Sätze über T-n; Carnot hat zuerst die Theorie der T. umfassend u. selbständig behandelt; nach ihm sind hauptsächlich zu nennen: Brianchon, LpMoation äs In tlisoi-is äss transvsrsnlss, Par. 1812, n. Poncelct, Marts äss propristso projsstives äss ÜAurs.s. ebd. 1822. Die neuere Geometrie kann als ein Ausbau derT-n- theorie gelten. BuchruSer. Ii-spa L., Pflanzengatt. aus der Fam. der Ona- g-rrissao (IV. 1.) in der alten Welt. Wichtig die bei uns heimische Art M nrrtans D. (Wassernuß); in stehenden Gewässern, mit am Grunde kriechendem Stengel, dessen Aste an die Oberfläche reichen u. mit kleinen abfälligen Blättchen besetzt sind, an deren Grunde federig verzweigte Wurzeln stehen, während an der Spitze der Stengel auf der Oberfläche des Wassers eine Rosette rautenförmiger Blätter mit bauchig ausgeblasenen Stielen entwickelt wird; Blll- then achselständig, vollkommen vierzählig, mit weißen Blumenblättern; Kelchsaum an die Mitte des Fruchtknotens reichend, 4spaltig, nach der Blllthe vergrößert u. zu gekrümmten Stacheln erhärtend; Nuß einfächerig.cinsamig; Keimblätter ungleich, das eine sehr groß u. mehlig. Engter. Trapäni, 1) Provinz auf der Insel Sicilien, bildet den westlichen Theil derselben, 3145 Hjüm mit 236,190 Ew. (auf 1 Hjlrm 75, auf Sicilien 88, in ganz Italien 90,z); ist mitAusnahme der kleinen fruchtbaren Ebene zwischen Marsala u. Mazzara gebirgig (Mt. Cerrara bei Calatasimi); bringt hervor Getreide, Hülsenfrüchte, Wein (bes. der Marsala u.Castelvetrano),Lein,Hanf,Oliven, Südfrüchte, Sajran, Baumwolle, Sumach, Soda, Marmor, Alabaster, Gips, Seesalz, berühmt sind die Pferde oon Mazara und bedeutend die Korallen- u. Thunfischerei bei den Ägadischen Inseln. Die von Palermo nach der Stadt T. projectirte Eisenbahn wird die Provinz ans etwa 150 üm durchschnciden. 2) Hauptstadt darin, ans einer Halbinsel am Berge Eryx(MonteS.Giuliano), von dem man eine herrliche Rnndsicht genießt u. von welchem eine Wasserleitung hersührt; hat einen großen, durch das Fort Colombara geschützten Hafen mit Leuchtthurm, viele Kirchen, mehrere Hospitäler, Lyceum, Gymnasium, nautische n. technische Schule, Seminar, städt. Bibliothek, nalurhistor. u. Kunstmuseum; fertigt Waaren aus Marmor, Alabaster, Eisen,,Korallen, Elfenbein, Perlmutter, ferner Seife und Öl, hat große Meer- wassersalinen, bedeutenden Korallen- u. Thunfisch- sang, lebhaften Handel; 26,914 Ew. (Gem. 33,634). — T. ist Las alieDrepanum (s. d.). Hier wurde 241 eine karthagische Flotte von den Römern vernichtet. Es wurde 1077 von Roger eingenommen; hier 1264 Sieg der Veuetianer über die Genuesen. Schroot. Trapani, Graf v., Titel des vierten Sohnes des 1830 verstarb. Königs Beider Sicilien Franz I., des Prinzen Franz de Paula Bidwig Emanuel. Trapez (v.Gr., Math.), ein Viereck, in welchem — Trapezuut. ein Paar Seiten parallel, das andere nicht parallel ist; auch Parallel-T. genannt, weil früher T. das bedeutete, was jetzt Trapezold heißt. Ein sphärisches T. ist ein von 2 Parallelkrcisen u. 2 Meridianen begrenztes Stück der Kugelfläche. Trapezold (v. Gr., trapezähnlich), 1) (Math.) ein Viereck, in welchem kein Paar gegenüberliegender Seiten parallel ist; 2) (Mapsnoiäss os) der kleine viereckige Knochen der Handwurzel. Trapezunt (Trebisonde, türk. Tarabnsnn), 1) türk. Paschalik im nordöstlichen Theile von Kleinasien, begrenzt von Kastamuni, Suvas, Erzerum, Rußland und dem Schwarzen Meere; es bildet den Küstenstrich von Sinob bis zur russ. Grenze; Vorgebirge: Jndschir-, Jason-, Wona-, Görde-,Jeros., Bunin; die Küste ist arm an Golfen u. gutenHäfcn; das Innere ist von den politischen Gebirgen angefüllt, die durchschnittlich 2000 m hoch, sehr zerrissen u. waldreich sind u. im Kolat-Dagh zu 3410 m an- steigen. Von Flüssen sind zu erwähnen: der Kysyl Jrmak und der Jeschil Jrmak, deren Deltas in T. liegen; außerdem fließen zahlreiche Küstenflüsse (Charschyt.Ak, Terme u.v.m.) dem Meere zu. Das Klima an der Küste ist mild, im Gebirge wechseln strenge Winter mit heißen, trockenen Sommern; in den Ebenen u. Borbergen gedeihen Getreide, Tabak, vorzügliches Obst, Wein; reich ist das Land an gu- temHolz ».Erzen, die jedoch noch nicht ausgebeutet werden; im Gebirge sind noch Wölfe, Luchse, Bären häufig. Die 700,000 Ew. sind Türken, Griechen, Armenier u.Lasen; sie betreibenAckerban (in schlechtem Zustande), Viehzucht (Schafe, Ziegen, Geflügel, Bienen), Seidenzucht, Fischfang; die Industrie ist gering, bringt Leder, Webstofse rc. Der Handel mit eigenen Producten (Schiffsbauholz, Seide, Wolle, Kupfer, Blei, Wein) ist unbedeutend, dagegen der Transitverkehr nach Erzerum ziemlich lebhaft. 2) Schön am Abhange eines Berges gelegene Hauptstadt hier, am SchwarzenMeere; hatLitadelle, enge, unreinliche, doch gepflasterte Straßen, die Häuser meist mit Epheu überzogen, zahlreiche griech.Kirchen u. Moscheen, altes Schloß (fast verfallen), Bazars, schöne Bäder; Sitz eines griech. Bischofs; die Industrie (Webereien, Färbereien, Leder,Seide, Baumwolle) ist bedeutend, ebenso der.Handel(Holz, Kupfer, Wolle, Früchte, Eisen, Salz rc.), der durch regelmäßige Dampsschifsfahrtsverbindung gefördert wird u. namentlich Len Verkehr zwischen Europa mit Armenien u. Persien vermittelt. Einwohnerzahl auf 30—60,000 geschätzt. — T. war griech. Colonie von hoher Bedeutung für den Verkehr nach Armenien, Persien, Indien; hier kamXenophon mit den 10,000 Griechen an das Meer; noch zur Römerzeit ging der Handel überT. Im Mittelalter war es längere Zeit Sitz eines Kaiserreiches (der Groß-Komnenen), fiel in die Hände der Genuesen, welche von hier bis Ba- jesid eine Handelsstraße mit befestigten Stationen unterhielten. Unter Mahomed II. kam T. unter- türkische Herrschaft. T., im Alterthnm Trapdzus, eine alte griech. Stadt, war eine Colonie von Sinope (seit 756 v. Chr.), lag im Gebiete der Makrones (am Schwarzen Meere, an Kleinasiens NOKüste, in dem sogen. Kappadokischen Pontos), gewann zur Zeit der römischen Herrschaft neue u. höhere Bedeutung, indem Pompejus sie zur freien Stadt erklärte, Trajan sie zur Trapezunt. 475 Hauptstadt des Kappadokischen Pontos machte u. Hadrian ihren Hafen vergrößerte und verbesserte. Wichtige Festung ».Handelsstadt, überstand sie auch die Verheerung durch gothische Schaaren (untcrKai- ser Valerians Herrschaft) im 3. Jahrh. n. Ehr., und war, durch Justinian I. verschönert, unter den Byzantinern allezeit sehr bedeutend. Als 1204 Ve- netianer u. Franzosen das Byzantinische Reich zertrümmerten n. am Bosporus ein Kaiserthum Romania gründeten, hatten sich die Enkel des 1185 gestürzten AndronikosKomnenos nach dem Hofe ihrer Tante, der Königin Thamar von Georgien, geflüchtet. Mit Hilfe ihrer Truppen gewann der älteste, Alexios, im April 1204 die Stadt T., nahm den Titel eines Groß-Komnenos u. Kaisers derRomäer an, eroberte Tripolis, Kerasus, Sinope, Amastris, Paphlagonien und die Küste bis nach Heraklea und gründete als Alexios I. das T-ische Kaiser- thnm, dessen Residenz T. wurde; er verlor jedoch 1214 an den Kaiser von Nikäa, Theodor Laskaris, Heraklea, Amastris n. Paphlagonien, und 1215 Sinope an den seldschukkischen Sultan Azeddin von Jkonion, dessen Vasall er werden mußte, u. st. 1222; sein Nachfolger u. Eidam AndronikosI.GHidos verband sich mit Dschelal-Eddin von Chowaresmien gegen den Sultan Aladdin von Jkonion; doch verloren die Verbündeten 1230 die Schlacht beiAkhlat, worauf Andronikos mit dem Sultan von Jkonion Frieden schließen u. sich zur Stellung einer Reiterschaar zu dessen Heer verpflichten mußte. Dadurch war das Kaiserthum von T. in neue Abhängigkeit von Jkonion gekommen. Ihm folgte 1235 Johann I. Axnchos, L>ohn Alexios' I., 1238 dessen Sohn Joannikios; diesen entthronte sein Oheim Emanucl I., welcher sich die Großkhane der Mongolen zu Freunden machte, dadurch aber aus der Abhängigkeit von dem Sultan von Jkonion in die von den Mongolen kam. Sein Sohn erster Ehe, Andronikos II., folgte ihm 1263, ließ aber 1266 dasReich seinemHalbbruderGeorg; dieser herrschte bis 1280 u. gerietst durch Verrätst der adeligen Kron- vasallen (Archonten) inturkoinanischeGefangenschast. Sein jüngerer Bruder I o h a n n II. bestieg den Thron u. heirathete 1282 Endokia, die Tochter des byzantinischen Kaisers Michael VIII. Paläologos; seine Vasallen machten öfter Meutereien, die Fürsten von Jberien thaten Einsälle in sein Land,-die Turkoma- nen von der großen Horde der „schwarzen Schafe" entrissen ihm Len Bergdistrict von Chalybia, n. sein Bruder Georg machte nach der Rückkehr aus der turkomanischen Gefangenschaft wieder Ansprüche auf de» Thron; doch behauptete er sich, und ihm folgte 1297 sein älterer Sohn Alexios II., welcher die Turkomanen bei Kerasunt schlug (1302) u. die Genueser, welche sich in seinen Staaten niedergelassen hatten u. die Transitzölle verweigerten, züchtigte; er st. 1330. SeinSohnAndronikoslll. wurde nach 18monatlicherHerrschaft ermordet, u. dessen 8jähri- ger Sohn Emanuel II. folgte nun in dem von 2 Parteien zerrütteten Reiche. Die eine Partei, Scho- larier, war ein mächtiger Kriegerstand, die andere, Mesochaldier oder Amytzantaranten, eine mächtige Adelspartei. Die Kämpfe zwischen den beiden Parteien, mit denen sich wiederholt auch der ethnographische Gegensatz zwischen den griechischen und den lazischen oder zanischen Elementen der Bevölkerung verschlang, endigten damals mit demSiegederScho- larier, welchen diese der Unterstützung des Byzantinischen Hofes zu danken hatten; dabei wurde auch der minderjährige Kaiser von seinem Oheim Basi- lios I. (Sohn des Alexiosll.) im Sept. 1332 vom Throne gestoßen, u. dieser grundschlechte Regent beherrschte das Reich bis 1340, worauf seine Gemahlin Irene (eine Tochter des byzantinischen Kaisers Andronikos III.) trotz wilder Parteikämpfe beu Thron eine Zeit lang behanp'ete; nachdem auch ihre Schwägerin Anna Anachutlu, welche sie im Juli 1341 endlich entthront hatte, im Sept. 1342 erdros. selt worden war, wurde Johann III. (ein Enkel Johanns II.) Kaiser. Dieser vergeudete die von den Vorfahren anfgehänften Schätze, weshalb er abgesetzt u. im Mai 1344 in ein Kloster gesperrt, die Regierung aber seinem Vater Michael übergeben wurde, nachdem derselbe den Scholariern eine Ca- pitnlation beschworen hatte, daß er ohne sie, ohne die hohen Beamten u. den Senat, nichts in der Regierung unternehmen wolle. Ein erneuter Bürgerkrieg begann, durch das Volk u. den dem lazischen Stamme angehörigen Theil des Adels begonnen, in dessen Folge zwar der Kaiser seine Unabhängigkeit wieder erhielt; aber jetzt fielen Turkomanen in Las Land, welche dasselbe verwüsteten; die Pest verheerte 1347 das Reich, und 1348 und 1349 litt es schwer durch die Genuesen, bis der Kaiser sich dazu verstand, den in der Revolution ihren Landsleuten zugefügten Schaden zu ersetzen. Nach diesen Vorgängen wurde Michael ebenfalls in ein Kloster geschickt und 1349 Alexios III. zum Kaiser gewählt (Sohn des Basilios I. von einer Maitresse). Er herrschte unter vielen Parteikämpfen u. turkomani- schen Angriffen bis 1390, n. behauptete seine Macht namentlich durch kluge Diplomatie u. zahlreicheVer- schwägernngen mit allen benachbarten, auch den tur- komanischen, Machthabern. Ans ihn folgte sein Sohn Emanuel III.; unter ihm wurde das Reich dem gewaltigen Timnr zinsbar, nach Timnrs Tode (1405) aber wieder von der mongolischen Herrschaft befreit. Sein Sohn AlexiosIV., seit14!7, mußte den Turkomanen der Schwarzen Horde momentan tributär werden. Zum Mitregenten machte er 1426 seinen jüngeren Sohn Alexander; als dieser starb, griff dessen älterer Bruder Kalo-Johann, welcher srüher Mitregent gewesen, jedoch wegen eines Mordanschlags ans seinen Vater vertrieben worden mar, den Vater mit Hilfe der Genuesen (zwischen 1445 n. 1449) an u. ließ ihn ermorden. Nun wurde Kalo- Johann Kaiser, linier ihm gerieth T. in große Bedrängniß durch die Turkomanen von Ertobil. Der Untergang des Byzantinischen Reichs durch Mohammed II. (1453) n. des Kaisers falsche Politik brachte auch das T-ische Reich seinem Sturze nahe. Kalo-Johann wendete das Unglück noch einmal ab, indem er an Mohammed II. einen jährlichen Tribu- von 3000 Goldstücken zahlte; um sich aber von diesem Tribut wieder zu befreien, verband er sich später mit dem großen Turkomanensürsten der Weißen Horde, Usun Hassan, doch starb er 1458; sein Sohn war dainals erst 4 Jahre alt; daher bemächtigte sich dessen Oheim David des Reichs, mußte es aber 1461 an die Osmanen übergeben. Der griech. Adel wurde nach Constantinopel verpflanzt. Dem Kaiser wurde freier Abzug für seine Person, seine Familie 476 Twpezus - n. Verwandten gestattet, auch seine Schätze durfte er mit sich nehmen u. bekam einen Landstrich bei Se- res angewiesen; doch ließ ihn Mohammed II. bald darauf mit seiner gesammten Familie (1465) zn Co»° stantinopel hinrichten. Heutzutage ist T. eine Stadt von 50,000 Einw., neben Smyrna der wichtigste Handelsplatz in Kleinasien, u. bei bedeutender Industrie ein Hauptstapelplatz des Verkehrs zwischen Europa, Stambul, Armenien, Persien, Central- u. OAsicn, nnd zugleich die Hauptstadt des gleichnam. türk.Bilajels. Vgl.Fallmerayer, Geschichte des Kaiserthums von T., Munch. 1827; G. Finlay, Llsäio- valürsoes anä Modi^onä, Lond. 1851, n. in deutscher Übersetzung von C. L. Reiching, Tüb. 1853. (Geogr.) Dronke. (Gesch.) Hertzberg. Trapezus, so v. w. Trapeznnt. Trapp , alter Name für eine Reihe zum Theil sehr verschiedener dunkler, namentlich basaltischer Gesteine. Trappe, Otis L., Bogelgattung aus der Ordn. der Watvögel. Körper plump, Beine u. Hals ziemlich lang, Schnabel kürzer als der Kopf, Oberschna- üel etwas gebogen u. gewölbt. Beine mit nur 3 kurzen breitsohligen Zehen. Flügel kurz, dienen mehr zur Beschleunigung des Laufes als zum Fliegen. Gesellig, in fruchtbaren Ebenen; frißt Sämereien u. Jnsecten; trinkt nicht. Meist Strichvögel, sehr scheu u. flüchtig. Eier grünlich, kein Rest. Gemäßigtes u. warmes Klima der alten Welt. Arten: O.taräaL., gem.T., über 1 m lang. Oben lebhaft rostroth, dicht schwarz wellenförmig gezeichnet; Kops u. Hals hellgrau , Bauch weiß. Männchen mit langem, faserigem, abstehendem Federbart am Mundwinkel. Weibchen mehr braun, auch am Hals n. Kops, nnd ohne Bartfedern; scheu, des. gegenHunde; fliegt beimZuge im strengsten Winter ziemlich hoch, aber nicht leicht; in Europa, bes. in Sachsen u. Ungarn, n. Asien. Jeder Flug (Trupp, im Herbst, wenn es eine Familie ist, Kette, 50—60 Stück) fällt Morgens u. Abends regelmäßig an demselben Orte auf, so lange Gräser daselbst vorhanden sind; selten entfernt sich der T. weit von seinem Lager. Die T-n gehören zur hohen Jagd, doch wegen des großen Schadens aufderRüb- saat sind sie hier u. da zur niedernJagd geschlagen. 0. tstrax L., Zwerg-L., hält sich in SEuropa auf. Trappe, La, s. La Trappe. lFanmck. Trappenartige Vögel, H ü h n e r sie l z e n, Ab- theiluug der Watvögel, s. d. Trappers (engl., eigentlich Fallensteller, auch Unntors, d. i. Jäger), die Nordamerika». Wild - u. Pelzjäger. Ihr eigenthümlichesLeben ist namentlich von Gerstäcker, welcher selbst eine Zeit lang T. war, in mehreren seiner Romane ».Novellen, ebenso anch von Möllhauscn geschildert worden. Trappisten, Mönchsorden, gestiftet 1664 von Jean lc Bonihiilicr de Nauce in der ihm als Com- mcnde ertheilten Abtei Latrappe des Cistercienser- ordens. Diese Abtei, 1140 (naw stid. 1122) durch den Grafen Rotron II. von Pe.ye gestiftet u. anfangs i^otrs Oams cks 1a maison l)isn genannt, erhielt später wegen des engen u. schwierigen Eingangs in Las Thal den Namen I-a Nrapps (d. i. die Fallthür). Die Mönche nahmen 1148 die Regeln der Cistercieuser an, verfielen aber im 16. Jahrhundert in die größte Sittenlosigkeit, so daß das Volk sie die Banditen von Latrappe nannten. In die- — Trarbach. sein Zustande fiel die Abtei 1636 dem damals 10- jährigen Rance als Pfründe zu. Dieser reformirte Las Kloster, indem er die bereits im Verfall begriffenen Gebäude restauriren ließ, die 7 noch vorhandenen Mönche pensionirte und unter dem Abt Barbarin Mönche der strengsten Observanz der Be- nedictiner einführte, nach einer wild verlebten Jugend 1664 selbst Mönch u. nach vollendetem Probejahr Abt von Latrappe wurde. Er führte eine noch härtere Regel ein, wonach von früh 2—5 Uhr Messe gelesen, dann in oder außer dem Kloster gearbeitet, dann zweimal des Tages gebetet werden muß u. die T. jeden Abend vor Schlafengehen (Winter 7, Sommer 8 Uhr) noch eine kurze Zeit an ihrem Grabe arbeiten müssen; sie beobachten außer beim Gebet u. Singen u. dem gegenseitigen Gruß Nsmsnto mori ein immerwährendes Stillschweigen; Wünsche nnd Bedürfnisse werden durch Zeichen zu erkennen gegeben; sie genießen nie Fleisch noch Fett, oder geistige Getränke; sie schlafen auf Strohsäcken u. Brettern. Nur im Lazarett; bekommen sie ein besseres Lager u. Eier u. Fleisch. Wissenschaftliche Beschäftigungen sind ausgeschlossen, sie dürfen sich nur Buß- u. To- desbetrachtnngen überlassen. Sie theilen sich in Laien, Professen». 1?rerss äonnss; dieLetzteren sind solche, welche dem Orden nur kurzeZeit wegen Bnß- übnngen angehören. Tracht: lange, grauwolleue Kutte mit weiten Ärmeln n. schwarzer Kapuze mit 2 Fuß breiten, bis an die Kniee herabhängenden Streifen, breiter, schwarzlederner Gürtel, an welchem ein Rosenkranz u. ein Messer hängen, n. Holz schuhe; im Chor: dunkelbrauner Mantel mit Ärmeln u. Kapuze. Wegen der unmäßigen Strenge verbreitete sich der T.-Orden nicht weit; in Italien gab es nur ein T.-Kloster zu Buon Solasso bei Florenz, ein anderes war in der Nähe von Düsseldorf, dann seit 1795 eins bei Freibnrg; 1794 eins in England. Die Prinzessin Louise von Conde stiftete einen Orden dieses Namens für Frauen zu Clacet (Frankreich). Der Orden der T., durch die Französische Revolution aus Frankreich vertrieben, fand eine vorübergehendeZuflucht in der Schweiz, Paderborn, Münster, Polen u. sonst, durfte aber seit der Restauration nach Frankreich znrückkehren und, wenn auch Lurch die Julirevolntion zeitweilig beschränkt, seine Klöster vermehren, wie denn seit 1844 dem Orden namentlich die Anlegung einer Colonie in Algier bewilligt wurde. Ein Zweig der T. ist der im sranz. Bisthum Sens 1851 entstandene Orden der T- prediger; sie wurden von dem Superior derselben, Mnard, gegründet, welcher auch das Kloster Pierrequivire bei Avallon im Dep. Ionne stiftete. Die Mitglieder haben Regel n. Tracht der T., dürfen aber mitGenehmignng des Superiors das Stillschweigen brechen und der katholischen Mission durch Predigen dienen. Vgl. Ursprung u. Schicksale des Ordens de la Trappe, Wien 1798; List, äs i'Ad- baz-o äs In Nrapps sie., Par. 1823; Leclerc, Die enthüllten T., Franks. 1803; E. Ritsert, Der Orden der T., Darmst. 1833; Gaillardin, I-ss Trappistss, on 1'orärs äs Oitoanx an 19ms sisels, Par. 1844, 2 Bde.; Pfannenschmidt, Geschichte der T., Paderb. 1873. Löffler.» Trarbach, Stadt im Kreise Zell des preuß. Reg- bez. Koblenz, rechts an der Mosel; Amtsgericht, Pro- gymnasinm; Weinbau, Schiesergrnbe, Dampfmühle, Trasiinenischer See — Traubenfäule. 477 bcdentenderWeinhandel; (1875) 1606 Ew. Dabei die Burgruine Gräfinburg, der Sage nach in der Mitte des 14. Jahrh. von der Gräfin Laurette von Starkenburg, in Wirklichkeit aber wol erst von dem Sohne derselben, demGrafenJohannlll.sst. 1387). erbaut. 1633 nahm der schwed. General Horn T., räumte es aber den Franzosen ein, welche indessen die Stadt vermöge des RyswijkerFriedens herausgeben mußten. 1702 eroberten die Franzosen unter dem Marschall Tallard die Stadt, welche ihnen jedoch von den Alliirten unter dem Erbprinzen von Hessen-Kassel 9. Dec. 1704 wieder entrissen wurde. 1734 nahmen die Franzosen Stadt ».Schloß wieder ein u. schleiften letzteres. Hier 21. n. 22.Juli 1857 große Feuersbrunst. H- Berns. Trastmenischer See (Lago di Perugia, der laons brnsiwsnns des Alterthums), See in der ital. Prov. Perugia, 258 in ü. d. M., 110 Hstcm groß, 50 km im Umfang, mit den kleinen Inseln Polvesc, Maggiore u. Minore n. dem Ausfluß Lacava aus der OSeite. Er ist nur bis 6 m tief, reich an Wasservögeln n. Fischen. Seine Austrocknung ist projeclirt. Am T. schlug 217 v. Ehr. Hannibal Len römischen Consul T. Quint. Flamininus. Traft (Mrras, Duckstein), vulkanisches Product; gelblichgrau, leicht, auf dem Bruche erdig. enthält häufig Brocken von Bimsstein, Grauwacke, Thon- schiefer, Basalt, Lava u. Krystalle von Sanidin, Angst, Hornblende, Glimmer, Hauyn u. auch bisweilen Stücks von verkohltem Holz; findet sich in her Nähe thätiger u. erloschener Vulkane, bes. am Vesuv, bei Andernach am Rhein (Plaidt u. Krnst), dient zu weilen als Baustein; am Rhein wird er ans Traß Mühlen, welche der Cementmühle ähnlich, od. einer Stampfmühle zu Pulver (T-mörtel, der Puzzolaw erde ähnlich) gemahlen u. bes. nach Holland versem det, wo man ihn zum Wasserbau anwendet. Er be. steht nach Wagner aus: unlösliche Bestandteile Kieselsäure 7 . Ll,bo Proc. g7,« Proc. Kalk . . . 3,16 „ 2.25 „ Maqnefia . . 2,15 „ 0,27 „ Kali . . 0,29 „ 0,os „ Natron . 2,41 „ 1,12 „ Thonerde . 17,7N , 1,25 „ Eisenoxyd . . 11,17 » 0,75 „ Wasser 7,65 „ öo.os Proc. 43,re Proc. Er wird auch, bes. in der Schweiz, als Baustein zur Aufführung von Mauern, bes. Feuermaucrn, wie Sandsteinqnader behauen oder mittels Sägen zu Quadern geschnitten, häufig angewendet. Der Ba- stc>rd-T. besteht aus T., Sand u. viel Kalk u. wird in Holland, weil er billiger ist als T., zum Mauern außerhalb des Wassers gebraucht. Trasstren (ital. Mars od. trarrs), einen Wechsel auf einen andern ausstellen, einen Wechsel ziehen; daher trassirter Wechsel, ein gezogener Wechsel; der, welcher ihn ausstellt, heißt Trassant (Italien. Masuts); der Dritte, auf welchen er ausgestellt ist, der Trassat (ital. Mabario). Trastamäre, eine Grafschaft in Castilien, genannt nach Heinrich, natürlichem Sohne des Königs Alfons XI. u. der Eleonore von Gusman, welcher nachher als Heinrich II. König von Spanien wurde, s. Heinrich 12). Trastevere, die rechte Tiberseste der Stadt Rom. Tratte (v. Lat.), ein von einem Kaufmann aus einen anderen ausgestellter Wechsel; dann so v. w. Anweisung. Trau (Tra-u, slaw. Trogir), Stadt im dalmatin. Bez. Spalato (Österreich), mit dem Festlande durch eins drehbare Brücke, mit der Insel B na durch eine steinerne Brücke verbunden; sehenswerthe gothische Kathedrale aus dem 13. Jahrh., großer Seehasen, Wein-, Oliven-, Feigen- und Manbelban; Handel; 1869, mit der Vorstadt JsolaBua(1162) 3069 Ew. (Gem. 13,571). T. ist das alte Trigoninm, war rüher Bischofsitz u. befestigt. Traube, s. u. Blüthenstand. -Traube, Ludwig, berühmter Kliniker, geb. 12. Jan. 1818 in Rcstibor; studirte in Breslau n. Berlin, promovirte 1841, ging nach Wien, um Rokitansky u. Skoda zu hören, kehrte nach Berlin zurück, beobachtete als Armenarztgehilfe mit verständigem geübtem Blicke, combinirte mit scharfem Verstände, machte geistreich durchdachte Experimente an Thie- reu, zog Schönleins Blick ans sich, der ihn 1849 zu 'einem Assistenten machte, trat in Gemeinschaft mit Virchow, Reinhard, v. Gräfe, Dubois rc., erregte durch seine Vorträge über Anscultation u. Percussion allgemeine Aufmerksamkeit, ebenso durch seine geistvollen Experimente am Va^ns, erhielt 1850 eine eigene Abtheilung in der Charite, schlug verschiedene glänzende Anerbietungen aus, erhielt 1857 die außerordentliche Professur, 1862 die ordentliche am Friedrich-Wilhelms-Jnstitut, leider 1872 erst an der Universität n. st. 11. April 1876. Er war ein vielseitig wissenschaftlich gebildeter ernster Gelehrter n. ein in die wissenschaftliche Ausbildung der Heilkunde tief eingreifender Arzt n. Lehrer. Er begründete die medicinische Thermometrie (Untersuchungen über Digitalis u. Fieber), wies den Zusammenhang der Herz- u. Nierenkrankheiten nach (Berl. 1856), brachte neben Laennec u. Skoda die physikalische Untersuch- nngsmethode zu einer hohen Stufe der Ausbildung u. zeichnete sich stetig durch sein exactes naturwissenschaftliches Vorgehen aus. Er schr. außer zahlreichen Abhandlungen namentlich noch: Gesammelte Beiträge zur Pathologie und Physiologie, Berl. 1871 bis 1878, 3 BLe. Vgl. auch Deutsche Zeitschr. sür Medicin 1876, Nr. 16, u. Leyden, Gedächtnißrede ans L. T., Berl. 1876. Thamhayu. Traubenfarn, 1) Osnmmlaosas, s. u. Farne. 2) Osmunäa. Tranbenfäule (Weintranbenkrankheit), Krankheit des Weinstockes u. der Weintraube. Tucker beobachtete zuerst 1845 in England an den jungen Schossen u. Blättern des Weinstockes einen weißen, mehlstaubartigen Überzug; später breitete sich derselbe auch ans die Blüthsnstände u. auf die Frucht aus, machte letztere schwellen, ertheilte ihr einen sehr unangenehmen Geschmack und verdarb sie endlich. Dieser Verwüster ist ein parasitischer Pilz, Oiäium Ineksri, die Conidienform einer Erysiphee (vergl. Lrz-sipsts). Da bisher auf dem Weinstocke nie die zugehörige schlanchtragende Fruchtform beobachtet wurde, so ist die Species schwer zu bestimmen. Nach Fuckel gleichen aber die Conidien denen, welche zu LpIiaeiabstseaOastaAlleHsv. gehören u. es würde daher dies der richtige Name sür den Weintrauben- pilz sein. Das verzweigte Mycelium wuchert auf der Epidermis und setzt sich mit kleinen Haustorien fest, dringt aber nie in die Zellen hinein, es zersetzt die 478 Traubenkerne — Säfte der oberflächlichen Zellen u. beeinträchtigt deren Wachsthum. Anfangs zeigt sich an der noch grlln gefärbten Rindcder diesjährigenZweigc eine schwache Trübung der grünen Farbe. Ist das Übel weiter fortgeschritten, so werden die früher kaum 1 Linie breite» Flecke größer, fließen zusammen u. bekommen infolge des Absterbens der oberflächlichen Zellen eine chocoladenbraune Farbe. Das junge Rebholz verdorrt infolge des Wachsthums des Pilzes gewöhnlich von den jüngsten obersten Trieben an seitwärts, wobei häufig der untere Theil der Rebe noch frisch grlln ist, während der obere Theil abgestorben erscheint. Die Conidien sind sosorc keimfähig u. vermehren sich noch dadurch, daß ihr Inhalt in Goui- dien zerfällt, welche sofort keimen können. Beider Entwickelung des Pilzes günstiger Witterung können sehr rasch sämmtliche Stöcke eines Weinberges iufi- cirt sein. Gelangt der Pilz ans die Beeren, so wirkt er namentlich dadurch schädlich, daß er einen Theil der Oberhaut zerstört, Laß die Zellen derselben sich nicht mehr theilen können u. so die Oberhaut nicht un Stande ist, dem Wachsthum des inneren Fruchtfleisches zu folgen. Sind die Beeren erst zur Häljte ausgewachsen, so wird die getödtete trockene Oberhaut von dem sich noch ausdehnenden Fleische zersprengt; die Beere trocknet aus, bleibt klein od. fault; mar sie aber'schon ausgewachsen, als der Pilz erschien , so schadet derselbe nicht mehr. Dieser Pilz verbreitete sich 1847 in England, 1850 nach Frankreich, 1851 durch die südliche Schweiz, Tirol u. Italien bis Neapel, nach der Pyrenäischen Halbinsel, wo bes. die baskischen Provinzen sehr litten, n. nach Griechenland, wo die Korinthencrnten sehr durch die T. beeinträchtigt worden sind. Es empfiehlt sich, die Reben so niedrig als möglich zu ziehen u. den Weinstock, sobald die Krankheit eiugctretcn ist, mit gepulverter Schwefelblüthe zu bestäuben. Engler. Traubenkerne, die Samen der Weintrauben, dienen als Kafsesurrogat u. zur Bereitung des Traubenkernöls. Die Kerne werden dazu nach dem Keltern gesammelt, gesiebt, getrocknet, auf einer Satzmühle gereinigt, geschroten, unter dem Mühlsteine zu Pulver zerrieben, mit heißem Wasser angerührt und so lange mäßig erwärmt, bis man das Pulver mit den Händen teigartig drücken kann; dann kommt es unter die Presse. Die Kerne enthalten 10—11 Öl, von dem aber ein Theil verloren geht; die Öl kuchen sind ein guter Brenn- u. Gerbestoff. Das Öl ist kalt geschlagen weißgelb, warm geschlagen goldgelb, mild, säst geruchlos, fetter u. süßer als Pro- venceröl. Nur in der Hitze ausgepreßt ist es dunkler n. schärfer; der Lust ausgesetzt aber wird es dann braun, ranzig u. verdickt sich. Es dient als Brenn- öl u. brennt mit Heller Flamme ohne Rauch u. Geruch, sowie als Speiseöl, auch eignet es sich zur Malerei, desgleichen für Metallarbeiter, zur Einölung von Uhren, Gewehren rc., da es sich in der Kälte nicht verdickt, endlich kann es auch zur Bereitung der medicinischen Seife benutzt werden. Jungck. Traubenkirsche ist krumm kackus. Traubenkrankheit, so v. w. Traubenfäule. Traubenkur, eineKnrmethode, bei welcher man Weintrauben als Heilmittel gegen Kraukheitszustände anwendet. Je nach dem Zustande der Reife, den Sorten, dem Standorte der Trauben walten der Zuckergehalt oder die Säuren (Weinstein-, Apfel-, - Traubenzucker. Trauben- u. Citronensäure) in dem Safte der Weinbeeren vor n. die Wirkungen richten sich nach diesen beiden Hauptbestandtheilen. Da nach den Ergebnissen der Untersuchungen von Voit das in den Körpersäften in Lösung circulirendc Eiweiß durch einen Zusatz von Kohlehydraten (Zucker rc.) zu den stick- stoffigen Nahrungsmitteln zur Bildung von Körper- snbstanzen angeregt wird, so sind reife, süße Trauben ein gutes Mittel, die Gesammternährung des Körpers zu heben, während säuerliche Trauben (z. B. Moselweintranben) durch ihren Gehalt an Säuren u. Wasser, indem sie den Stuhlgang u. die Harnabscheidung anregcn, herabsetzend auf dis Ernährung wirken n. durch das Fehlen aufregender Substanzen in ihrem Saste bei Erregungszuständen Günstiges leisten. Es ist daher erklärlich, daß T. mit süßen Trauben bei Schwächezustäuden, mangelhafter Ernährung u. bei schwindsnchtsvcrdächtigen Reizznständeu in den Lungen, T. mit säuerlichen Trauben eiuestheils bei Verstopfung des Stuhlgangs, Vollblütigkeit, Fettleibigkeit mit Nutzen verordnet werden, sowie anderntheils auf Reizzustände in den Luftwegen, wenn sie nicht ans schwindsüchtigen Vorgängen beruhen, günstig einwirken. Als T- orte sind am bekanntesten Dürkheim u. Neustadt a. d. Hardt, Meran, Meißen, Naumburg a. d. Saale, Grnncberg in Schlesien und verschiedene Orte am Rhein, Main, an der Mosel u. Nahe. Kunze. Tranbenpomade, eine aus ungesalzener frischer Butter mit 4 (im Winter gelben Wachs zusammengeschmolzene Salbe, welcher sonst während des Kochens auch etwas frischer Weintraubcnsaft u. Rosenwasser zngesetzt wurde; um sie roth zu färben setzt man etwas Alkannawnrzel zu. Sie wird noch heiß durch Werg colirt u. dann in Papiercapseln ausgegossen, wirkt mild u. kühlend u. wird als Verband auf Excoriationen, bei Verbrennungen, nach Blasenpflastern rc. benutzt. Traubensänrc , s. Weinsäure. Trailbeustein, Botryolith, mikrokrystallini- sches Mineral, welches aus borsaurem u. kieselsaurem Kalk u. Wasser besteht u. tranbige oder nierenförmige lleberzüge auf Kalkspath bildet. Fundort: Arendal. Traubcnvitrlol, der in den Krystallisirgefäßen an den Stäben sich absetzende Eisenvitriol, im Gegensatz zu dem an den Wänden gebildeten, meist nicht so schönen Tafelvitriol. Traubenzucker, eine im Honig, in allen süßen u. vielen säuerlichen Früchten, bes. den Weintrauben, fertig vorkommende Zuckerart. Im Großen wird der T. aber nur noch ans dem Stärkemehl der Kartoffeln als Stärkezucker (s. d.) dargestellt. Er krystallisirt mit 1 Mol. Krystallwaffer, ist optisch rechtsdrehend, schmeckt weniger süß und ist weniger löslich als der Rohrzucker; chem. Formel: MitChlornatrium(Kochsalz) bildet er eine gut krystal- lisirende Verbindung: 2(26°kl^0^-l-d7u6I)-j-3ag u. geht mit Säuren u. organischen Basen eine Reihe fester Verbindungen ein. Er bildet sich aus Cellulose, Stärke od. Rohrzucker durch Behandlung derselben mit verdünnter Schwefelsäure od.Malz (daherMalz- zucker), sowie im menschlichen Körper bei derZucker- harnruhr. Er ist an sich gährungsfähig. Da der T. nur schlecht», körnig, blumenkohlähnlich krystallisirt, so heißt er auch wol Krllmelzucker, mit welchem Trauer — Traum. 479 Namen aber auch geringere, pulverartige Sorten von gewöhnlichem Rohrzucker bezeichnet werden. Jung«. Trauer, die durch ein schmerzliches Ereigniß ver- anlaßte niedergeschlagene Gemüthsstimmnng. Betrübnis;, bes. insofern sie sich durch Zeichen in Kleidung, kirchlichen rc. Gebräuchen, bei den verschiedenen Nationen, Kirchen rc. verschiedenartig äußert. Zumeist haben sich durch Herkommen eigene T-ordnun- gen gebildet und bestehen solche namentlich sür den Fall des Ablebens eines gekrönten Hauptes, einer fürstlichen Persönlichkeit. Man unterscheidet desfalls Hof-T-, Kammer-T., Landes-T. Bei Hof-T. sind für einzelne Todesfälle Zeit u. Dauer der T. vorgeschrieben, sowie die verschiedenen Trachten zu den verschiedenen Zeitmomenten der T. selbst; Labei ist dann noch Hof-T. im engeren Sinne, die von der gesummten Hofdienerschaft u. allen zum Hofstaat gehörenden Personen anzulegende T., während die Kammer-T. nur von den fürstichen Personen u. deren nächster Umgebung angelegt u. beobachtet wird. Beim Tode des Landesherrn und dessen Gemahlin erstreckt sich die T. auf das ganze Land u. wird Lan- des-T.; vormals von sehr langer Dauer, betraf sie speciell die gesummte Staatsdienerschaft, welcher sich die wohlhabenderen Umerthanen in der Kleidung anzuschließen pflegen; jetzt in den meisten Staaten auf wenige Wochen, ja in gewisser Beziehung nur auf wenige Tage abgekürzt, schließt sie für letztere die lauten Vergnügungen, Theater, Tanzmusik u. dgl. aus, dagegen findetdas Geläute derKirchenglocken (T- geläute) eine Zeit lang während der Landes-T. statt. Trauerbiene, Lnärona NUb., Gatt, der zu den Hautflüglern gehörigen Fam. der Bienen, Gruppe der Tranerbienen, von den eigentlichen Bienen bes. durch kürze Zunge u. gleiche gliedrige Lippentaster unterschieden. Trauermantel (Vansssa Lmtioxa L.), Tagfalter der Gatt. Eckfalter; 6 om, Flügel unten schwarz, oben sammetartig, braun mit weißlicher oder gelb- sicher Einfassung und einer Lavor liegenden Reihe blauer Flecke; Raupe schwarz mit weißen Tüpfeln und ziegelrothen Flecken, lebt gesellig vom Mai bis Sept. auf Birken; Europa u. Mejico. Trauermücke, Loisra ÄterA., Gatt, der Jnsec- tenfamilie der Mücken; Fühler zart, sein behaart; Laster 3gliedrig; ersten, zweite Längsader durch eine kleine Querader verbunden, dritte gegabelt; kleinere Mücken. Hierher: 80. Uromas 4,., Thomasmü ck e, 8 mm lang, schwarz, ebenso die Flügel; Hinterleib nuten gelb; gemein. Die Larven wandern bisweilen in handbreiten langen Zügen am Boden, der sog. Heerwurm. Die Larven und somit auch der Heerwnrm sind unschädlich. Farwick. Trauerwochc, s. Charwoche. Trauerzeit (4smxns InZsncir, 1. Irwins, sür die nächsten Personen oft in einem Jahr bestehend, daher Trauerjahr , Lirnns Irwins), diejenige Zeit, innerhalb deren die nächsten Verwandten eines Verstorbenen nach Sitte od. Gesetz die Trauer um denselben durch Anlegung von Trauerkleidung, Enthaltung von der Theilnahme an Festlichkeiten u. dergl. zu bezeigen haben. Besondere rechrliche Wichtigkeit hatte im Röm. Rechte die T. bei den durch den Tod der Ehegatten verwittweten Personen, namentlich dgs Trauerjahr der Wittwe. Während es dem verwitt- weten Ehemann sosort nach dem Tode der Gattin zu einer anderen Ehe zu schreiten gestattet, durste die Wittwe nicht vor Ablauf von 10, später 12 Monaten wieder heirathen, damit nicht etwa eine Unge- wißheit der Vaterschaft für die nachher von der Wittwe geborenen Kinder entstehe, sie hätte denn noch innerhalb einer Frist vom Tode des Ehegatten an geboren. Auf Verletzung des Trauerjahres, das sich auch spätere Gesetze aneigneten, durch die Wittwe war außer der Strafe der Infamie Verlust alles dessen gesetzt, was sie vom vorigen Manne erhalten, zu Gunsten von dessen Descendenten, Ascendenten oder Seitenverwandten bis zum zweiten Grade, n. in deren Ermangelung desFiscus, sowie Verlust des Rechts, durch Schenkung oder letzten Willen Etwas zu erwerben od. andere Personen, außer Verwandten bis zum dritten Grad einschließlich, kraft Jntestaterb- rechtes zu beerben. Das Canonische Recht hob zunächst die Strafe der Infamie auf, u. darauf gestützt hat dann die Praxis überhaupt alle erwähnten Strafen beseitigt und nur die Bestrafung einer während des Trauerjahres von der Wittwe begangenen Unzucht durch Verlust des ans der früheren Ehe Erworbenen beibehalten. Dagegen haben die neueren Par- ticnlargesetze sehr häufig eine T. nicht bloß für die Wittwe, sondern auch für den Wittwer (bis zu einem halben Jahre) eingesllhrt, so das Reichsgesetz vom 6. Febr. 1875 betr. Beurkundung des Personenstände s Z 3 5. Aus Rücksichten auf die allgemeine Schicklich - keit u. um den nächsten Verwandten einige freie Zeit zur Besorgung der nöthigsten durch Len Todesfall veranlaßt?» Geschäfte zu geben, ist außerdem parti- cularrechtlich den Erben überhaupt eine gewisse kurze Frist (von 9—30 Tagen), ebenfalls T. genannt, eingeräumt, binnen deren Gläubiger z. B. nicht mit Anforderungen auftreten dürfen. —» Traufenbühne, Holzdach über den Fahrten zum Ableiten herabtropfenden Wassers. Traufrecht (Dachrecht), das meist dingliche Recht eines Hauseigenthümers, das von seinem Dache herabfließende Regenwasser auf ein Nachbargrnnd- stllck laufen zu lassen. Fällt das Wasser tropfenweise vom Dache, so wird dieses Recht das T. (Lsrvrtns stillwiäii, 8. rvoipisnckr) genannt; fließt aber das durch eine Dachrinne gesammelte Regenwafser ans jener frei od. durch eine Dachröhre herab, so heißt dieses Recht od. diese Verbindlichkeit der Wasserlauf (8. lknmriiis). Bisweilen wird mit T. auch der durch ein vorspringendes Dach überdeckte Grund u. Boden bezeichnet u. wird, wo Zweifel sich erheben, derselbe als zum betreffenden Gebäude gehörig angenommen. Traum, die spontanen, aber ohne bewußte Absicht während des Schlafs entstehenden Vorstellungen u. Vorstellungsreihen. Da das Stattfinden eines T-es lediglich Lurch die nach dem Erwachen zurückgebliebene Erinnerung sestgestellt werden kann, so läßt sich nicht entscheiden, ob ein ganz normaler u. gesunder Schlaf den T. äusschließt, od. ob der schlafende Mensch immer träume, auch wenn er sich seiner Träume nicht erinnert. Der Vorstellungslanf, welcher während des Wachens durch den Verkehr mit der Außenwelt, sowie durch bewußte Zwecke nor» mirt n. regnlirt wird, ist im Schlaf von diesen Bedingungen nicht mehr vollständig abhängig; obwol es einerseits keinen T. gibt, dessen Elemente nicht ^ irgendwie mit der wirklichen Welt in Zusammenhang 480 Tmuinaticin — Trautenau. ständen, so zeigen doch anderseits die allermeisten Träume einen phantastischen Verlauf, wunderliche Verknüpfungen, nebelhafte Unbestimmtheit. Die Ursachen des Träumens überhaupt müssen darin gesucht werden, daß theils der Schlaf die psychischen Thätigkeiten nicht vollständig hemmt, so daß die vorhandenen Vorstellungen fortarbeiten, theils, daß organische Zustände des Körpers Empfindungen verursachen, welche sich in den Gebilden des T-s be- merklich machen u. sortspinnen. Zn der letzteren Kategorie gehören solche Fälle, wo Störungen in der Circulation, Druck auf große Gefäßstämme ängstliche Träume, z. B. die Vorstellung einer auf den Körper gelegten Last (sogen. Alpdrücken) veranlassen, oder wo das leichtere von Stattengehen gewisser Lebensverrichtungen die Empfindung des Fliegens, Schwedens Hervorrust; u. dgl. m. Im Übrigen gehört der Traum zu den »ormalen Erscheinungen des Lebens u. er steht in sofern, wie Versuche mit dem Volumeter (s. d. Art.) erwiesen haben, mit dem Blutumlauf in engster Beziehung. Wie ebenfalls erwiesen ist, träumen auch die Thiere. So lange aber der Mensch nicht den T. als ein natürliches Ereigniß anzusehen gelernt hat, werden Träume gern als vorbedeutende, warnende Erscheinungen betrachtet, welche dann der Aberglaube zu einer vermeintlichen T-deutung benutzt. Vgl. Jncubation. Eine gesteigerte Art des T-es sind die Visionen (s. d. Art.). Vgl. Volklet, Die T-phantasie, Stnttg. 1875; Binz, Über den T., Bonn 1878. Traumaticin, eine in der Chirurgie anstatt des Collodium angewandte Auflösung von Guttapercha in Chloroform. Traumatisch, auf mechanische Weise z. B. durch einen Stoß, Stich, Fall entstanden. Trauma, mechanische Einwirkung. Traumdeutung ^Oneirokritik, Oneiromantie). In älteren Zeiten gab es Menschen, welche sich befähigt glaubten, die Sprache des Traums zu verstehen. Vorzügliches Ansehen hatten die Tranmdeu- ter (gr. Oneiropoli) im Morgenlande. Da man Träume als eine Art der Offenbarung Gottes an die Menschen betrachtete, so hielt man auch Traum- deuter für Vertraute der Gottheit. Solche Offenbarungen erhielten im Alterthume auch Kranke in Beziehung auf ihre Heilung durch die Traum- orakel, s. u. Jncubation. Zur eigenen Deutung der Träume hat die Afterwiffcnschaft Traumbücher verfaßt, in denen die angenommenen Bedeutungen der Traumbilder verzeichnet sind. Traun, rechter Nebenfluß der Donau in Österreich, entsteht in Steiermark ans den Gewässern des Ausseer-, Grundel- u. Ödensees, tritt durch eine enge Schlucht in den Hallstätter See nach Oberösterreich, durchfließt dann Len Traunsee (s. d.), bildet unweit des Dörfchens Roitham den schönen, 14 m hohen Tra Unfall, fließt dann durch die Welser Heide, wo sie sich nach u. nach erweitert u. viele waldige Inseln bildet, u. mündet nach einem 18V km langen Laufe bei Zizelau unterhalb Linz. Sie ist fischreich u. wird bei Hallstatt schiffbar; der Traunfall wird durch einen 1416 erbauten schiffbaren Kanal umgangen. Sie dient vorzüglich zum Holz- n. Salztransport. Ihre Nebenflüsse sind links: Ischl (Abfluß des St. Wolf- gangsees), Ager (sührt ihr die Wasser des Fuschel-, Zeller-, Mond - u. Altersees zu); rechts: Alm (Ab- fluß des Almsees) u. Krems. Au der T. schlug 94L Herzog Berthold von Bayern die Ungarn. H- Berns. Traunscc (Gmnndnersee), See im Bez. Gmunden des Erzherzogthums Österreich ob der Enns, einer der schönsten Seen der deutschen Alpen, 307 m ü. d. M., 12 km lang, 4 km breit, 191 m tief und wird vom Traun durchflossen. Der See ist im O. u.S. von schroffen, gewaltigen Felsenmassen (Traunstein, Sonnenstein rc.), welche zum Theil unmittelbar aus den Fluthen emporragen, im N. und W. dagegen von einer freundlichen, an Villen, Schlössern und Dörfern reichen Hügellandschaft umgeben. Bei gutem Wetter wehen, wie auf den meisten am Ausgange der Gebirge liegenden Seen, auf dem T. regelmäßige Passatwinde (Morgens und Abends Südwind, gegen Mittag u. Mitternacht Nordwind); allein oft plötzlich einfallende Stürme machen ihn, namentlich aber seine Nordhälfte, für die Schiffer sehr gefährlich, da er alsdann ungeheuer hohe Wogen treibt. Der T. ist sehr fischreich (Hechte, Lachsforellen, Saiblinge rc.) u. wird von Dampfbooten befahren. H. Berns. Traunstein, 1) unmittelbare Stadt; außerdem Sitz eines 1192,„Hskm mit (1875) 35,83l Einw. umsassenden Bezirksamtes des bayerischen Regbez. Oberbayern, an einem Bergabhang über der bayer. Traun, Station der Bayer. Staatseisenbahnen, nach dem großen Brande von 1851 neu (namentlich am Marktplatze stattlich) aufgebant; Landgericht, Amts gericht, Realschule, Krankenhaus, ansehnliche Saline, wozu die Soole 22 km weit unterirdisch von Reichenhall hcrgeleitet wird; Soolbad, Molkenknranstalt, Kräutersafttrinkanstall; 1875: 4466 Ew. Prächtige Spaziergänge, Nadelholzwaldungen in der Nähe der Stadt. Unweit davon das Empfänger Bad mit alkalisch-erdiger Mineralquelle, der Höchberg mit Belvedere (773m) mit weiter Rundsicht über die Alpen u. den Chiemsee n. das Bad Siegsdorf (3,5 km), sowie das Wildbad Adelholzen (s. d.). Z) 1688 m hoher Berg der Salzkammergut-Alpen im Bezirk Gmunden des Erzherzogthums Oesterreich ob der Enns, östlich am Traunsee. H. Berns. Trausnitz, 1)(T. im Thale), Kirchdorf im Bez.- Amt Nabburg des bayer. Regbez. Oberpfalz; Schloß, in welchem der in der Schlacht bei Mühldorf gefan- gene Erzherzog Friedrich der Schöne von Österreich 1322—25 vom Kaiser Ludwig von Bayern gefangen gehalten wurde; 823 Einw. 2) Wohlerhältene, 1874 restaurirte höchst interessante Burg, sehr schön über der Stadt Landshut gelegen, mit sehenswerther Schloßkapelle aus dem 13. Jahrh.; Geburtsort Conradins von Schwaben u. früher Sitz der Herzögc von Niederbayern. Trautenau (czech. Trutnov), Stadt u. Hauptort in dem gleichnam. böhm. Bezirk (Österreich), an der Aupa, Station der Süd-Norddeutschen-VerbinL- ungs-- und der Österreich. Nordwestbahu, nach der großen Fenersbrunst 28. Mai 1861 größteutheils neu ausgebaut, init 4 Vorstädten, schöne Dechanteikirche, Öberrealschule, Lehrerbildungsanstalt, Mittelpunkt der Leinengarn-Spinnerei u. Leinenweberei im Niesengebirge; große Flachsgarnmaschinenspinnereien, Leinen- u. Baumwollcnweberei, Zündwaa- ren- und Papierfabrikation in nächster Nähe, Glashütten, Bleichen, bedeutender Garn- und Leinwand- Handel; alle Jahre im December großer Flachsmarkt. Trautmann 1889 : 7058 Ew.(Gem. 8297). In der Nähe mehrere Flachsspinnereien u. Steinkohlengrnben. Hier 30. Sept. 1745 Sieg der Preußen über die Österreicher; 27. n. 28. Juni 1866 zwei Gefechte zwischen Preußen u. Österreichern, s. Deutsch-Preußisch-Öster- reich.-Jtaliemscher Krieg, S. 372. Vgl, Roth, Achtzig Tage in preußischer Gefangenschaft u. die Schlacht bei T., 27. Juni 1866, 3. A. Prag 1868; Das Ge- fecht bei T., Heft 3 der Kritischen Wanderungen über die Gefechtsfelder der preuß.Armee in Böhmen1866, 2.A. Berl. 1874. H. Berns. Trautmann, Franz, Dichter und Kunstschriftsteller, geb. 28. März 1813 in München, studirte daselbst die Rechte, war hierauf sieben Jahre im Staatsdienst u. widmete sich dann ausschließlich Kunststn- dien u. literarischer Thätigkeit. Seit 1851 lebt er in seiner Vaterstadt. Nachdem er schon 1829 ein Bändchen Gedichte hatte erscheinen lassen, sich auch in dramatischen Arbeiten versucht u. an mehreren Blättern mitgearbeitet hatte, veröffentlichte er seine echt poetischen Erzählungen, nieist dem Mittelalter entnommen: Eppelein v. Geilingen (poetische Erzählung), Franks. 1852; Die Abenteuer des Herzogs Christoph von Bayern, ebd. 1853, 2. A. 1856, 3. A. illu- strirt im Erscheinen; Die gute alte Zeit, ebd. 1855; Chronica des Herrn, Petrus Nöckerlein, ebd. 1856; Das Plauderstllbchen, München 1855; Münchener Geister, ebd. 1856; Das Münchener Stadtbüchlein, ebd. 1857; DeutscheStädtegeschichten, Franks. 1862; Traum u. Sage, Münch. 1864; Abenteuer des Or. ThaddäusDonnerimJenseits,ebd. 1864; Alte Münchener Denk- u. Wahrzeichen, ebd. 1864; Die Glocken von St. Alban (Roman), Regensb. 1875, 3 Bde.; Meister Niclas Prngger, der Bauernbnb von Trudering, Regensb. 1879. Als Kunstschriftsteller bewährte sich T. mit: Kunst n. Knnstgewebe vom frühesten Mittelalter bis Ende des 18. Jahrh., Nördl. 1869. Von seinen Gedichten sind zu nennen: Kaiser Maximilians Urstände,Münch. 1840;Astern u.Rosen, Disteln u. Mimosen (Zeitgedichte), Berl. 1870. Dramatisches bot T. mit Jugurtha1845,Caaliostro, Schloß Latour u. a. Regnet. Trautmannsdorf, Marktflecken inüsterreich u. d. E., 3 üm von Wien, an der Leitha u. an der Eisenbahn Wien-Raab; Schloß, großartige Kunstmühle, des Grafen Bathyani mit großem Park; 560 Ew. Trauttmansdorff, ein altes, aus dem Schlosse Trautmannsdorf in der Steiermark stammendes, seit demll.Jahrh.bekanntes, bes.im13.u. l4.Jahrh. blühendes Geschlecht, wo 1278 in der Schlacht auf dem Marchfelde 14 u. 1322 bei Mühldorf 20 T-e unter den kaiserlichen Fahnen fielen. Zn Anfang des 16. Jahrh. bestanden fünf Linien, von denen aber vier längst erloschen sind, ebenso wie von der einzig übrig gebliebenen der ältere Ast zu Ans. des 19. Jahrh., so daß nur mehr die jüngere, Hans Friedrichs che Linie blüht, welche 1623 in den Grafenstanb erhobenwurde u. zwar in ihrem Stammvater, dem Grafen Maximilian, dessen Söhne Adam Matthias u. Georg Sigismund das Haus in zwei Stammreihen theilten. Die erste erhielt 1805 fürihren jeweiligen Aeltesten nach dem Rechteder Erstgeburt die Fürstenwürde. Graf Maximilian, jüngster Sohn Hans Friedrichs, geb. 1584 in Graz, erhielt seine Bildung durch höchst eingehende Studien u. große Reisen, machte auch verschiedene Feldzüge PiererL Ilniversal-Conversations-Lerikon. 6 . Ausl. XI — Trauung. 481 mit. Ein entschiedener Gegner des Regiments des Kaisers Matthias u. seines Ministers, deS Cardinal- bischofs Khlesl, arbeitete er diesem gegenüber offen daran, dem Erzherzog Ferdinand, nachmals Kaiser Ferdinand II., nach Matthias' Tode die Erbfolge in Österreich rc. zu verschaffen, u. war 1619 Abgeordneter auf dem Kaiserwahlcouveut. 1619 schloß er in München den Bund des Kaisers mit dem Kurfürsten von Bayern, ging als kaiserlicher Gesandter nach Rom, wo er mit dem Papste u. Spanien den Plan zur Führung des Krieges verabredete, 1623 wurde er in den Grafenstand erhoben. Mit Wallenstein von Jugend auf bekannt, war er der erste, der den Kaiser vor dessen Planen warnte, wurde deshalb mit dem Hofkriegsrath von Questenberg zur näheren Untersuchung in Wallensteins Lager gesendet u. trug wesentlich zu dessen Sturze bei. 1635 schloß er, nachdem er noch 1634 nach der Schlacht von Nörd- lingen den Kurfürsten von Sachsen sich von Schweden zu trennen bewogen, den Prager Frieden ab u. war die Seele bei den Verhandlungen des Westfäli- schen Friedens. T., ein Mann von durchdringendem Verstände, sanft u. freundlich, überall aber seine Würde wahrend u. dabei von äußerster Verschwiegenheit, leistete er fern von allem persönlichen Ehrgeize, seinem Kaiser, der ihn hoch verehrte trotz aller Anfeindungen von Seiten der Jesuiten, und seinein Vaterland "die größten Verdienste. Er. st. 1650 als Geh. Rath u. Öberhosmeister. Lagai. Trauung (Copulation, in der Römisch-Katholischen Kirche Eheliche Einsegnung sLeneciiotio oon- juAumj, in der Griechischen Kirche Stephanosis sd. i. Krönung) wegen des Symbols des Brautkranzes genannt), der feierliche Abschluß einer zwi- schen zwei Verlobten beabsichtigten Ehe, sei es durch priesterliche Einsegnung (kirchliche T.) oder durch obrigkeitliche Bestätigung des Bundes der Verlobten durch den Standesbeamten (bürgerliche T., Civil-T., s. Civilehe) Fast bei allen Völkern, welche die Ehe kennen, findet man schon seit dem grauesten Alterthum verschiedene aus dem Volkscharakter und der Volkssitte hervorgegangene Feierlichkeiten bei Vollziehung des Ehebündnisses, jedoch beziehen sich solche gewöhnlich nur auf Freudenbezeigungen, Wünsche u. Gebete für künftiges Wohl der Neuvermählten, ohne daß die Giltigkeit des Ehebündniffes davon abhängig gemacht wäre; dieses wird vielmehr nur als ein bürgerlicher Vertrag angesehen, wie dies namentlich auch längere Zeit bei den deutschen Völkern der Fall war. Dagegen findet sich bei den Hebräern die priesterliche Weihe als Erforderniß zur Bestätigung des Ehebündniffes n. von diesen ist sie ans die christlichen Neligionsvcrwandten wol übergegangen; es konnte aber erst nach u. nach die Annahme von deren Unerläßlichkeit zur Giltigkeit der Ehe sich zur allgemeinen Regel durcharbeiten. Karl d. Gr. verlangte die Einsegnung des Brautpaares zur Giltigkeit des Ehebündniffes und die Päpste, zuerst Nikolaus I., erkannten die Ehe erst dann für giltig, wenn sie mit dem kirchlichen Segen u. einer Messe geschloffen wurde. Gleiches schrieb Leo Philosophus für die Griechische Kirche vor. Immerhin aber legte die Kirche, auch nachdem im 12. Jahrh. die Ehe für ein Sacrament erklärt worden war, noch mehr Gewicht auf die Erklärung des Ehevorhabens vor dem Priester, als auf den priesterlichen Segen selbst. Ein ii. Band. zi 482 li'uvuilloi' Hour 1s roi Schritt weiter geschah im 13. Jahrh., wo Papst Jn- nocenz Hl. die dreimalige Proklamation der Verlobten befahl. Auch das Tribentiuische Concil verlangte zur Giltigkeit einer Ehe nur die Schließung derselben vor zwei od. drei Zeuge» u. dem Pfarrer, ohne die T. von demselben für wesentlich zu erklären, obgleich sie in der Kirche stets beibehalten worden ist. Die Reformatoren, welche die Ehe von einem höheren Gesichtspunkte betrachteten, erklärten zur feie» lichen Weihe derselben die priesterliche Einsegnung für wesentlich. Rebst dem Jaworte der zum Ehe- düudniß Schreitenden, als dem ersten Erfordernisse bei kirchlicher wie bürgerlicher T., ist bei erstercr noch das Wechseln der Ringe ein wesentliches Moment, das schon bei den alten Griechen, Römern u. Deutschen zu den nothwendigen Formalitäten gehörte n. in die christliche Kirche überging. Über die T. auf die linke Hand s. Morganatische Ehe, über die T. durch Procuration, s. d. u. Beilager, das als symbolische Handlung für das Beschielten des Ehebettes durch die Ehegatten galt. Lagai. Iravaillee pour >e roi äe llrusss, so v. w. umsonst arbeiten, wörtlich: für den König von Preußen arbeiten; wird verschiedentlich abgeleitet, u. a. auf Soubise bezogen, der durch seine Unfähigkeit bei Roßbach für Friedrich ll. gearbeitet habe. Travancore (Travankur, eigentlich Tiravan- lodu), indobritischer Vasallenstaat, der Präsidentschaft Madras unterstellt, auf der SWKllste von Vorderindien, zwischen Malabar u. dem Cap Co- morin, gebirgig durch das Aligiri-Gebirge, dem am Meere ein ebener, gut bewässerter, zum Theil sumpfiger Landstrich vorliegi; 17,430 Usirin u.2,311,379 Tw., meist Hindu, als herrschende Klasse Nair, ferner zahlreich Mohammedaner (Mapillah, s. d.) und Christen (theils Thomaschristen, theils Lutheraner). Die Hauptproducte sind Reis, die werthvollen Hölzer der Teak- und anderer Bäume in den großen Waldungen u. die Erträge der zahlreichen Areca- u. Cocospalmen; Hauptstadtist Trivanderam (s.d.). Der Herrscher ist ein Nair, der im vor. Jahrh., bedrängt durch die Herrscher von Maisur, 1797 freiwillig einen Schutzvertrag mit den Engländern einging und dessen Nachfolger säst durchgängig in friedlichem Ver- hältniß mit diesen gestanden haben. Thi-lemann. Trave, ein 112 Irm langer Küstcnflnß in Norddeutschland , entspringt nördlich von Ahrensbök im oldenburg. Fürstenthnm Lübeck, tritt bald darauf nach Schleswig-Holstein über,durchfließt kleine Seen, macht einen Bogen nach S. u. SO., wendet sich dann nach NO., fließt durch das Gebiet der Freien Stadt Lübeck, wo sie sich unterhalb Lübeck seenartig erweitert u. vor ihrer Mündung bei Travemünde in die Lübecker Bucht die Pötenitzer Wieck bildet, mit welcher der Dassower Binnensee in Verbindung steht. Sie ist von Oldesloe ab 38 üm weit für Flußschiffe u. von Lübeck ab für Seeschiffe von 5 m Tiefgang schiffbar. Ihre Nebenflüsse sind links: Schwartau; rechts: Beste, Steckenitz, aus welcher der Steckenitz- kaual zur Delvenau (Elbe) führt, Wakenitz (der schiffbare Abfluß des Ratzeburger Sees) u. Stepeuitz (Lurch den Dassower Binnensee). H- Berns. Travemünde, Sradt im Gebiete der Freien Stadt Lübeck, an der Mündung der Trave; Hafen, Leuchtthurm, Lootsenstation, Station zur Rettung Schiffbrüchiger, Schifffahrt, Fischerei (Dorschen,! äs ki'tisso — Travestie. Häringe), besuchtes Seebad; 1875: 1719 Ew. — In der Gegend von T. stand ehemals ein befestigter Thurm, von welchem aus die Holsteiner den Eingang in die Trave bewachten. Später bauten sich Fischer u. Schiffer dort an. Durch Verträge mit dem Grasen von Holstein kam Lübeck von 1247—53 vorübergehend, seit 1320 u. 1329 in bleibenden Besitz des Thnrmss u. des Städtchens. 1534 wurde T. von dem Grafen von Oldenburg in Brand gesteckt. T. ist Vorhafen von Lübeck. Traventhal (Traveudal), Dorf im Kreise Se- geberg der preuß. Prov. Schleswig-Holstein, an der Trave, 5 Irm südlich von Segeberg, mit einem ehemaligen Lustschloß der Herzöge von Holstein-Plön: hier 18. Aug. 1700 Friede zwischen Friedrich IV. von Dänemark n. Holstein u. Karl XII. v. Schweden. Travers, 1) (Val de T.) malerisches Thal im Schweizerkanton Neuenburg, wird von der Reuse durchströmt u. von der Linie Neuchatel-Verrieres der Westschweizer. Eisenbahnen durchzogen, bildet den gleichnam. Bezirk mit 11 Gem. u. 15,827 Ew., welche sich mit Uhrenfabrikation, Spitzenklöppeln, Verfertigung von Extraird'Absinthe, Asphaltbergbau, Ackerbau u. Viehzucht beschäftigen. Hier trat 2. Febr. 1871 die 80,000 Mann starke franz. Armee unter Bourbaki auf Schweizergebiet über. Hauptort ist Motiers. 2) Kirchdorf darin, an der Reuse, Station der oben genannten Eisenbahn; altesSchloß, bedeutende Uhrenfabrikation; 1870: 1881 Ew. In der Nähe reiche Asphaltlager. H- Berns. Traverse (Querwall), kleiner, auf den Wallgängen der Festungswälle senkrecht auf die Feuec- linie angesetzter Wall von 3 , 2 s in Stärke u. 6—8 in Länge, 1—1,s>n höher als die Brustwehr u. über diese bis nah an die äußere Brustwehrböschung übergreifend, mit bekleideten od. in ganzer Anlage geböschten Seiten. Die T - n bieten zugleich mit den Hohl-T-u (s. d.) das einzige Mittel, sich brauchbare Geschütze gegen das feindliche Seitenseuer zu erhalten und sind auf den Festungswällen nuentbehrlich, obgleich sie hier annähernd ebenso viel Raum entnehmen als die Kanonen. Sollen immer 2 Geschütze zwischen 2 T-n Aufstellung finden, so legt man sie 10—12 m von Fuß zu Fuß auseinander, bei einem Geschütz 5—7 m. Letztere Art ist bei den Franzosen die übliche. T-n, welche die Geschütze gegen Rückenfeuer sichern, heißen Parados od. Rücke «wehren. Sie laufen parallel der Brustwehr. Hin und wieder werden auch die Brustwehr-T-n bis zum Pa- rados verlängert und zur Communication auf dem niederen Wallgang Poternen durchs..gl. T-n werden ferner zur Deckung der Thore im Hof von Festungswerken angewandt. l. Traversircn (v. Fr.), quer durch etwas gehen; der Quere gehen; Bewegung beim Stoßfechten, s. u. Fechtknnst. Trauerst), Inselgruppe, so v. w. Aur. Travertin, Kalktuff, durch Niederschläge aus kalkhaltigen warmen Quellen abgesetzt, bildet bei Tivoli (Coufetto de Tivoli), Viterbo, Ascoli u. a. O. in Italien Felsen von über 100 m Höhe. Findet sich ferner in Baden bei Wien, Weimar und Tonua in Thüringen. Travestie, eine Art des scherzhaften Gedichtes, der Parodie (s. d.) verwandt u. oft mit dieser ver- ! wechselt; unterscheidet sich von dieser dadurch, daß, Travna — Trcbinje. 483 während die Parodie die Form beibehält, aber den I Schatzkammer, Finanzkammer; das Schatzamt, Fi- Stoff wechselt, die T. dagegen den Stoff beibehält, aber die Form wechselt, indem sie einen ernsten bereits dichterisch bearbeiteten Stofs in ein neues, aber komisches Gewand kleidet. Die T. nimmt die Hauptgedanken ans dem ernsten Gedicht mit herüber, verbindet sie aber mit Nebenvorstellnngen anderer Art, ändert zufällige Umstände u. schreibt den Personen die Sitten, Thorheiten, Gebräuche rc. neuerer Zeit zu. Schon bei Athenäos werden mehrere Versuche dieser Art an homerischen Gedichten erwähnt; von neueren T-n sind bes. unter den Franzosen Scar- ron, unter den Deutschen Blnmaners Aneis be- merkenswerth. Daher Travestiren, 1) eine T. schreiben, ein erhabenes Gedicht ins Lächerliche um- gestaltcn; 2) einen ernsten Gegenstand lächerlich darstellen; 3) überhaupt etwas scherzhaft od. lächerlich uniformen od. einkleiden. Travna (Travnik), Stadt in Bulgarienam nördl. Abhang des Balkan, über den von hier ein Übergang führt; Fabrikation von Holzschnitzereien u. Heiligenbildnissen, Artikeln aus Pferdehaar, Posamentirar- beiten, Rosenöl rc.; hat nach Kanitz 512 Häuser. Travnik (Teravnik), befestigte Hauptstadt in türkisch Bosnien, an derLaschwa (Zufluß der Bosna), am Fuße des Vlaschiz Planina, in sumpfiger Umgebung, hat ein altes Schloß, zahlreiche Moscheen, öffentliche Bäder rc.; 12,000 Ew. In der Nähe deL gesuchte Sauerbrunnen Lepenicza. Traz os Montes (d. i. jenseit der Berge), Pro vinz in Portugal, begreift die nordöstliche Ecke des Landes, grenzt im W. an die Prov. Minho, im S. an Beira, im O. an die span. Prov. Salamanca n. Zainora u. im N. an Zamora u. Orense; I1,115,sg slslcm (201,g, sUM) mit (1864) 379,779 Ew. (ans 1 Uslcm 34, in ganz Portugal 44). Die Provinz ist ein nur im S. durch den schiffbaren Douro dem Verkehr geöffnetes, sonst durch hohe Gebirge von den anliegenden Ländern abgeschlossenes, von tiefen Thälern durchfurchtes Gebirgsland (Gebirge von Monte-Zinho, bis 2270 m hoch, Larouco, Cha- ves n. Montalegre, Plateau von Braganza, größter Theil des weinberllhmten Hügellandes Alto-Donro) mit theils bewaldeten, theils heidereichen Felsenkäm men u. Plateaus u. wird vom Donro, welcher die östliche u. südliche Grenze der Prov. bildet, mir sei nen Nebenflüssen Tamega, Tna, Sabor bewässert. Das Klima ist im Sommer sehr heiß, im Winter ranh u. kalt. Der Boden ist meist steinig u. felsig, in vielen Gegenden aber gut angebant. Das wich tigste Product ist der Portwein von Alto-Douro; andere Products sind: Getreide, Flachs, Hanf, viel Snmach (in den Gebirgen), geschätztes Rindvieh, Seidenraupen. In den warmen Thälern des Südens gedeihen Mais, Oliven, Mandeln n. Orangen. Die Prov. hat ferner zahlreiche, gegenwärtig aber unbe nutzte Erzgänge u. mehrere Mineralquellen (die be- rühmtesten bei Chaves). Die Bewohner beschäftigen sich mit Acker- u. Weinbau, Vieh- u. Seidenranpew zucht (Braganza ist der Mittelpunkt des Portugiesin schen Seidenbaues), Seidenweberei u. Weinhandel (Hauptort dafür ist Pezo da Regna). Eintheilung in die Districte von Villa Real u. Braganza. Haupi- ort ist Braganza. H- Berns. Irsasure (engl.), der Schatz; Trsasursr, Schatz Meister, Kassirer; Tronsnrx, die öffentliche Kasse, nanzininisterium. b^irot üorä ok tlis 1'roasur)- (l-orä kli^Ii Irsasurer), der Erste Lord des Schatzes (meist der Premierminister), der Finanzminister in Großbritannien. Iroadur/Vspartmont, das Schatzdepartement, Finanzministerium der Vereinigte» Staaten. Loerstar^ ok tlis Troasur/, der Schatz- secretär (Finanzminister) daselbst; Irsasur/ lsioto, der Schatzschein, Tresorschein, Kassenbillet. Trebbia, im Alterthnm Trebia, 115 kcm langer, rechter Nebenfluß des Po in Italien, entspringt am Nordabhange der Apenninen in der Prov. Genua, nimmt rechts den Aveto auf u. mündet oberhalb Piacenza. An ihm besiegte Hannibal 218 v. Ehr. die römischen Consnln Sempronius u. Scipio. Am 17.—19. Juni 1799 Sieg der Russen u. Österreicher unter Suworow über die Franzosen unter Macdonald. Trebbin, Stadt im Kreise Teltow des preuß. Regbez. Potsdam, mit Colonie Amtsfreiheit, an der Nnthe, Station der Berlin-Anhaltischen Eisenbahn; Cigarrenfabrikation, Tischlerei, Drechslerei; 1875: 2181 Ew. — T. ist Geburtsort des Historienmalers Wilh. Hensel. Hier 21 . Aug. 1813 heftiges Gefecht. Trebel, linker Nebenfluß der Peene im preuß. Regbez. Stralsund, entsteht ans der Kleinen u. Großen T., von denen erstere bei Richtenberg, letztere östlich von Grimmen entspringt, bildet eine Strecke weit die Grenze zwischen Pommern u. Mecklenburg- Schwerin, steht durch den Mohrgraben mit der Necknitz in Verbindung u. mündet bei Demmin; sie ist 23 Icm weit schiffbar. Trebelli, Zelia, berühmte Sängerin der Gegenwart, geb. 1838 zu Paris, stammt von deutschen Eltern und hieß eigentlich Gilbert; trat erstmals 1859 unter dem Namen T. in Madrid vor die Öffentlichkeit u. sang von da an mit steigendem Beifall in den größten Städten, 1860—61 als Mitglied der GesellschaftMorelli in Berlin, 1862 in Leipzig, London u. a. Orten. Sie zeichnet sich ebensowol durch eine wundervolle, sorgfältig ausgeglichene Stimme, als durch eine blendende Coloratur u. einen hinreißenden Vortrag ans. Trcbelllus, l) Lucius T., Volkstribun im I. 47, widersetzte sich seinem Collegen Publius Cornelius Dolabella, als dieser ein Gesetz wegen Schuldenerlassung dnrchzubriugen suchte (die sog. Lex äs n»- vis tabulis), u. wurde nach Cäsars Rückkehr, welcher den Dolabella begünstigte, von den Aristokraten zum Aedil gewählt. Nachher ging er zum Antonius über, weshalb Cicero ihn inseine» Philippischen Reden mehrfach verspottet. 2) T. Maximus, war Consul unter Nero u. 70 n. Chr. Statthalter in Britannien, wo er gegen die Britannier sich nachsichtig erwies, aber vor dem durch seine Sparsamkeit erbitterten Heere flüchten mußte. Von ihm rührt das Lsnatns eonsultum VrobsIUanum (Erbschasts- gesetz), s. Legat, her. 3) T. Pollio,s. Pollio 2). Treber, so v. w. Trester. sSchmitz. Treüinje(Tirebinje), Stadt in der Herzegowina, türkisches Ejalet Bosna, war ehemals Hauptstadt der Herzegowina, an der Trebinitza gelegen, hat alte Befestignngswerke, zahlreiche Moscheen, ist Sitz eines katholischen Bischofs; angeblich 10,000 Einw. Es wurde 7. Sept. 1878 von österr. Occnpationstrnp- pen besetzt. 484 Trebisonde Trebisonde, so v. w. Trapezunt. Trebitsch, Stadt u. Hauptort in dem gleichnam. mähr. Bezirk (Österreich), an der Jglawa, Station (Startsch-T.) der Österreich. Nordwestbahn, besteht aus der eigentlichen Stadt, 6 Vorstädten u. der Judenstadt; hat gräflich Waldsteinisches Schloß, 4 Kirchen, darunter die sehenswerthe Kirche der ehemaligen Benedictinerabtei (gewölbte Pseilerbasilika im Uebergangsstile, ansdem 13.Jahrh.), 2Synagogen, Kapuzincrconvent (seit 1666), Rathhaus, Untergymnasium, Spital, Fabriken inTuch.Rosoglio, Liquenr, Leder n. Leim, bedeutende Getreide- u. Vieh-, bes. PferLemärkte; 1869: 7886 Ew. Trebnitz, 1) Kreis im prenß. Regbez. Breslau, durchschnitten von der Linie Breslau-Posen der Oberschlesischen Eisenbahn; 819,gs s^üin <14,sg UM) mit (1875) 50,759 Ew. 2) Kreisstadt darin, an der Schätzte; Amtsgericht, Kreiskrankenhans, 3 Hospitäler, Bierbrauerei, Tischlerei, 6 Korn- u. Lohmüh- len, 1 Damps- und Wassermühle, Ziegelbrennerei, Handelmit Getreide, Flachs u. Möbeln; 1875:4744 Ew. In der Nähe ein gut gepflegter Park, der Buchenwald genannt, welcher stark von Fremden besucht wird. — T. besaß bereits 1159 das Marktrecht n. erhielt 1250 das Magdeburg. Recht. 1430 wurde es von den Husiten geplündert, 1456, 1505, 1511 und 1534 durch großeFeuersbrünste verheert. 1525wurde die Reformation eingeführt. Das 1810 aufgehobene Cistercienser-Nonnenkloster wurde 1203 von Herzog Heinrich I., dem Bärtigen, n. seiner Gemahlin, der heil. Hedwig, gegründet und besaß ehemals große Reichthümer. In der Klosterkirche befindet sich seit 1694 das marmorne Grabmal der heil. Hedwig, deren Gebeine seit ihrer Heiligsprechung 1267 hier ruhen, u. in der Krypta derselben der Hedwigsbrunnen, zu welchem stark gewallfahrtet wird. H- Berns. Trebonttts, Casus, römischer Ritter, Quästor im I. 60 u. 55 v. Lhr. Volkstribun. Als solcher brachte er die sogen. 'I'rsbcmig. Isx ein, durch welche dem Cäsar sein Imperium in Gallien, dem Pompe- jus u. Crassus die zugetheilten Provinzen Spanien n. Syrien verlängert wurden. Er selbst begleitete 54 Cäsar als Legat nach Gallien, kämpfte 49 in Spanien gegen Äsranius u. leitete dann die Belagerung Massilias von der Landseite, wo er die häufigen Ausfälle der Belagerer stets znrückschlug, die Belagerungsarbeiten bis an die Stadtmauern vorrückte u. bei Cäsars Ankunft nach der Unterwerfung Spaniens die Stadt bis aufs Äußerste gebracht hatte, die jetzt auf jede Bedingung capitnliren mußte, s. Mommsen, Rom. Geschichte, III., S. 386 (5. A. Berl. 1869). Im I. 48 ging T. als Prätor nach Spanien, wurde aber von den Pompejanern vertrieben. Er schloß sich der Verschwörung gegen Cäsar an, ohne jedoch thätigcn Antheil an der Ermordung zu nehmen, unterstützte den Cassius, wurde 43 Statthalter in Asien, wo er durch Dolabella als Mörder Cäsars zu Ephesos seinen Tod fand. Er verfaßte im I. 47 eine Sammlung der Witzworte Ci- ceros, mit dem er sehr innig verkehrte. Vergl. A. Haakh in Panlys Real-Encyclopädie, VI, 2 S. 2083 ff., Nr. 9. Schuch. Trebur (Tribur); Marktflecken im Kreise Groß, gerau der großherzoglich Hess. Prov. Starkenburg, am Schwarzbach, unweit des Rhein; Landwirthschasr, Viehzucht (Pferde, Rindvieh, Schweine, Gänse) u. — Treffurt. Käsefabrikation; Handel mit Getreide, Eiern, Butter rc.; 1875:1789 Ew. T. ist ein altberühmter Ort; schon zu Karls d. Gr. Zeit stand hier eine königliche Pfalz n. Ludwig der Fromme u. Ludwig der Deutsche hielten sich häufig hier aus. Vom kaiserlichen Palast, welcher nach Heinrich V. verfiel, ist jetzt jede Spur verschwunden. 1248 kam es als Lehen in Besitz der Grafen von Katzenellnbogen; daher sein ursprünglicher Name Tri- oder Dreisurt. T. war Versammlungsort mehrerer Reichstage; Karl der Dicke wurde 887 hier abgesetzt, Heinrich IV., der hier 1066 seine Hochzeit mit Bertha gehalten, 1076 mit Absetzung bedroht. 1119 wurde hier der letzte Reichstag abgeyalten. Auch fanden hier Kirchenversammlungen statt, namentlich im Mai 895, wo sich König Arnuls mit dem hohen Clerus gegen die, die Gewalt beider bedrohenden weltlichen Großen verband. H- Berns. Trecate, Flecken in der italien. Prov. Novara, Station der Oberital. Bahn, Bereitung von Stra- chinokäse; 5390 Ew. (Gem. 6906). Ire coräs (ital.), drei Saiten. Tredegar, Stadt in der engl. Grafschaft Mon- mouth, Eisenbahnstation; wichtige Eisenwerke, Stein- kohlengrnbcn; 1871: 12,389 Ew. Tredgold, Thomas, engl. Architekt, geb. 1788 zu Brandon in der engl. Grafschaft Hampshire, war erst Tischler, kam 1813 zn dem Architekten Atkinson nach London, wo er sich Fertigkeit im Zeichnen u. in Sprachen u. Kenntnisse in fast allen Wissenschaften erwarb, so daß er schon nach wenigen Jahren dev Rathgeber aller Architekten und Ingenieurs wurde. Er baute das große Gewächshaus in Zionhouse u. ein zweites für Bretton-Hall, welches jetzt in ChatS» worth steht; er starb 1829 in London u. schr.: Llo- msntar/xrineijüss okoarpsntor, 2. A. 1824; Versuch über die Festigkeit des Gußeisens und anderer Metalle, deutsch, Lpz. 1826; Grundsätze der Heizung u.Vcntilirung öffentlicher Gebäude, Wohnhäuser rc., deutsch 1820; Abhandlungen über Eisenbahnen und Dampfwagen, 1825; IRs ZtsamonAino, 1827. Trediakowski, Basil Cyrillowitsch, russischer Dichter, geb. 1703, starb 1769, machte zuerst Versuche, die antiken Versmaße in die russische Poesie einzuführen. Iroäiei communi (ital.), ursprünglich deutsche Co- lonien in der ital. Prov. Verona, die aber immer mehr in ital. Sprache u. Sitten anfgehen. 13 Gemeinden; ähnlich den sotto eummnni. Treene, rechter Nebenfluß der Eider in der prenß. Prov. Schleswig-Holstein, entspringt südöstlich von- Flensburg, ist 30 üm weit schiffbar u. mündet bei Friedrichstadt. Treffen, 1) so v. w. Gefecht. 2) Bei der Aufstellung der Truppen zum Gefecht die taktischen Einheiten, welche auf einer Front neben einander,, in Linie oder Colonne stehen. Meist unterscheidet man Avantgarde, erstes und zweites T. Die T. stehen je nach dem Terrain 1000 — 2000 m auseinander. Treffurt, Stadt im Kreise Mühlhausen des prenß. Regbez. Erfurt, in einem schönen Thale an der Werra (mit Brücke); Amtsgericht, Cigarrenfabrikation, Bierbrauerei, Acker- ».Obstbau; 1875: 1830 Ew. — Dabei die Schloßrnine Normannst ein u. der 330 m hoch aus dem Werrathale aufragende. Heldrastcin, mit prächtiger Aussicht. 435 Trsüe — Irsüs (fr.), 1) Klee, Kleeblatt; 2) (Kreuz), eine Farbe der französischen Spielkarte. Trefort, August von, nngar. Staatsmann, geb. 1817 in Homonna (Comitat Zemplin), studirte Rechtswissenschaft in Pest u. wurde, nachdem er seit 1840 mit Baron Jos. Eötvös u. Ladisl. Szalay die Revue Luäapsati 8romko herausgegeben, 1848 in den Reichstag gewählt, Staatssecretär im Handelsministerium u. darauf nach dem Rücktritt Gabriel Klanzals Handelsminister, ging aber schon im Oct. ab, um mit Baron Eötvös sich ins Ausland zu begeben u. erst seit 1860 wieder sich am öffentlichen Leben zu betheiligen. Als Deputirter schloß er sich der Deakpartei an u. wirkte auf politischem wie materiellem Gebiete gleich eifrig für sein Vaterland, übernahm 1872 das Cultus- u. Unterrichksministe- sterium, 1875 dazu noch das Handelsininisterinm, worin er Ende 1878 neuerdings mit dem reconstru- irten Cabinet Tisza bestätigt wurde. Seinen Bemühungen ist die Erbauung der Alföld-Bahn zu danken. Lagai. Treguier, Stadt im Arrond. Lannion des sranz. Dep. Cotes-du-Nord, 7 !cm vom Canal (La Manche), am Zusammenfluß des Guindy u. Jaudy, welche den 10 üm langen schiffbaren KllstenflußT. bilden; Schloß, alte Kathedrale, Hospital, Fabrikation von Hüten, Oel rc., Gerberei, Fischfang, Schifffahrt, Handel; 1876: 3611 Ew. Treia, Stadt in der ital. Prov. Macerata, Bischofssitz, Kathedrale, Gymnasium, Techn. Schule; 2227 Ew. (Gem. 9286). Treibefäustel, s. Fäustel. Treiben (Seew.), Fortbewegung des Schiffes von seinem Ankerplatz, wenn Anker nicht hält, hervorgerufen durch Wind oder Strom; (Bergb.) einen Grubenbau, insbesondere einen horizontalen, Herstellen. Auch bezeichnet man mit T. eine einmalige Bewegung der Fördergefäße von der Sohle bis zn Tage, entnommen von der früheren Fördermethode mittels Pferde. Treibherd (Treibofen, Bleiherd), ein zum Abtreiben des Silbers aus Werkblei bestimmter Ofen. Der T. ist nach deutscher Art ein runder Gebläse- Flammofen mit concavem Herde, abnehmbarem Deckel (Treibhut od. Haube) u. angebauter Feuerung. Die Sohle des T-es wird von einer 1— 1 H om dicken Lage von Mergel (Treibsohle) oder einer Mischung aus Kalk u. Thon, beim Feintreiben ans Holz- u. Knochenasche mit etwas Thon (Test) gebildet. Auch hat man (z. B. in England) T-e mit feststehender Haube u. beweglichem Herde. Jmigck. Treibholz, Stämme von Tannen, Fichten und anderen Nadelhölzern, welche an die Küsten des nördl. Eismeeresangetriebenwerden. Das T. wird von den Bewohnern jener Polarländer getrocknet u. zum Brennen, auch zum Bauen gebraucht. Das T. kommt aus den südl. Gegenden des nördl. Asiens u. Amerikas (namentlich auch aus dem Mississippi), von wo die Bäume durch die Meeresströmungen sortgeschwemmt werden. Treibjagd, diejenige Jagdmethode, wobei das Wild den Schützen durch bes. hierzu angestellte Personen (Treiber) zugetrieben wird. In früherer Zeit geschah dies in der Regel im Frohndienfle, heutzutage meist gegen Taglohn. Die Treibjagd im engeren Sinne (auch Klopf-, Klapper-, Streifjagd) Treibjagd. ist je nach dem Orte ihrer Ausübung entweder Feld- od. Holz-(Wald-)Treiben; ersteres je nach dem Verfahren, welches dabei eingehalten wird, entweder Stand- (Anlege-) od. Kesseltreiben; man schießt hierbei vorzugsweise Hasen, nur gelegentlich auch einen Fuchs oder ein Feldhuhn, im Wald dagegen werden alle möglichen Wildarten (Hochwild,Schwarzwild, Rehe, Füchse, Hasen, Schnepfen rc.) auf der T. erlegt. Beim Kesseltreiben wird, je nach der Anzahl der vorhandenen Schützen und Treiber, ein größeres od. kleineres Stück Feld im Kreise so umstellt, daß zwischen je 2 Schützen ein, zwei od. mehrere Treiber im Abstand von etwa 40—60 Schritten kommen. Ist dieAufstellung beendigt, so rückt auf ein gegebenes Signal die ganze Gesellschaft gegen den Mittelpunkt des Kreises hin vor, wobei die Schützen das aufgetriebene Wild zu erlegen suchen, indem sie anfangs in den Kreis hinein, später aber, wenn derselbe sich bedeutend verengert hat, nur noch nach außen schießen, das Wild also vorher durchlaufen lassen. Beim Stand- od. Anlegetreiben erhält jeder Schütze seinen bestimmten Platz (Stand), den er während der Dauer des ersteren nicht verlassen darf, n. nur die Treiber, welche das Feld im Bogen, dessen rechter u. linker Flügel auf die Schützenlinie stößt, umstellt haben, rücken gegen diese vor. Mitunter kommen jedoch auch Schützen ans beide Flügel oder es gehen einzelne derselben mit den Treibern , um diese zu sichren u. zugleich das Wild zu erlegen, welches deren Linie (die Treibwehr) durchbricht oder sich drückt, d. h. niederduckt u. dieselbe vorllbergehen läßt, um dann erst flüchtig zn werden. Im Walde, namentlich in Dickichten u. jungen Stangenhölzern , wo das Wild sich am liebsten aushält, ist selbstverständlich nur das Standtreiben möglich. Man hat dabei hauptsächlich darauf zu achten, daß die Treiber mit dem Winde gehen, die Schützen dagegen vollen (guten) Wind (ins Gesicht) oder doch Schneidewind (schräg von vorne) haben, um vom Wilde nicht gewittert zn werden. Die Treiber müssen sich, bis sie fertig aufgestellt sind u. das Signal zum Losgehen kommt, möglichst still verhalten; dann sich gleichmäßig in Bewegung setzen, stets denselben Abstand enthalten, sich höchstens mäßig laut einander zurufen, mit Stöcken hier u. da an die Baumstämme od. auf die Büsche klopfen, mitunter auch sog. Hasenklappern führen. Die besten od. vornehmsten Schützen werden auf die Wechsel des Hoch- od. Rehwildes u. auf die Fuchspässe gestellt, die übrigen im Centrum (der der Treibwehr gegenüberstehenden Linie) u. wo möglich auch auf beide Flügel des Treibens vertheilt, weil das Wild namentlich bei größeren Treiben häufig hier durchzubrechen pflegt. Bei Mangel an Personal kann man sich auch damit helfen, daß man die Flügel des Treibens Verkappen, L. h. mit Tuch- od. Papierfetzen, Federn rc., wovor das Wild scheut, behängen läßt. Hunde mit den Treibern gehen zu lassen, empfiehlt sich nur bei Sauen; das übrige Wild wird hierdurch zu sehr beunruhigt. Hauptregeln für die Schützen sind, daß jeder den Stand seiner Nachbarn kennt, vor beendigtem Treiben seinen Platz nicht verläßt, selbstverständlich niemals in die Schützenlinie u., wenn die Treiber nahe gekommen sind, auch nicht mehr ins Treiben hinein schießt. Die Größe resp. Zeitdauer des letzteren hängt von verschiedenen Umständen ab: der Art u. Menge des 486 Treibriemen Wildes, der Anzahl der vorhandenen Treiber und Schlitzen, der Beschaffenheit des Terrains und der Walddistricte u. a. m. Gut besetzte Hochwildtreiben dauern mitunter einen ganzen Tag, während man andererseits an einem solchen oft 10, 12 und mehr Hasen - od. Schnepfentreiben abhalten kann. Zum Schießen auf der T. dient bei Hoch- u. Schwarzwild die Kugelbüchse, bei Reh- n. niederem Wild die Schrotflinte mit entsprechenden Schrotnmnmern od. Posten. Im weiteren sinne fallen unter den Begriff T. auch die sog. eingestellten oder eingerichteten Jagen ans Edel-, Dam- u. Schwarzwild (auch Deutsche Jagd genannt), wovon wiederum mehrere Arten zu unterscheiden sind. Das Kesseljagen ist eineT. in einem vorher mit Jagdzeug (s. d. n. d. Art. Jagdnetze u. Jagdtücher) umstellten mäßig großen Walddistrict, in welchem man die Schützen aus einer durchziehenden Schnciße od. sonst passend ausstellt u. ihnen das Wild mit Menschen od. Hunden so lange zntreibt, bis es zum Abschuß gelangt ist. Hat man letzteres vorher mit dem Leithunde bestätigt, so heißt die Jagd ein bestätigtes Kesseljagen; ist es dagegen erst durch Versperren seines gewöhnlichen Wechsels mit Jagdzeug in das Treiben gebracht morden, so nennt man sie ien Contrajagen. Das eigentliche bestätigte Jagen wird in der Weise abgehalten, daß man das in einem größeren Walddistricte befindliche u. bestätigte Wild durch Umstellen des ersteren mit Jagdzeug u. zahlreicher, planmäßig verrückender Mannschaft immer enger zusammentreibt, bis es sich schließlich auf einem verhältnißmäßig kleinen Raume, dem Zwangtreiben befindet, aus welchem es dann am Tage des Abjagens auf einen offenen Platz, den Lauf gesprengt u. hier von den im Jagdschirm (s. d.) ausgestellten Schützen erlegt wird. Im Zwangtreiben muß das Wild mit Wasser u. Aesung versehen n. erst kurz vor der Ankunft der Jagdherrschaft in die unmittelbar an den Lauf grenzende u. von diesem durch Schnapp - od. Nolltücher getrennte Kammer getrieben werden. Niederes Wild, Thiere oder Sauen, die nicht im Laufe erscheinen sollen, werden vorher separirt, indem man die Tücher so weit aufhebt, daß jene, nicht aber die gehörnten Hirsche unten Lurchkriechen können. Sind zwei Kammern einander gegenüber am Laufe angebracht, so heißt derselbe Contralaus. Derartigebestätigte Jagen wurden früher an den Fürstenhöfen ost mit großem Aufwand an Arbeitskraft u. Kosten veranstaltet; heute sind sie weil weniger im Gebrauch. Zu einemHauptjagen wurde das Wild aus größeren Revieren mehrere Tage lang zusammengetrieben, separirt und dann etwa in der Ordnung auf den Lauf gesprengt, daß zuerst die Sauen, dann Rehe, Spießer n. weibliches Edelwild, zuletzt die starken Hirsche erschienen. Beim F e st i n - ob. P r u n kj a g e n trat die Jägerei in voller Galauniform auf, der Lauf u.insbesonderedsr Jagds-Hirni, dieser wol in Form eines Säulentempels erbaut, waren mit grünem Reisig, Geweihen rc. verziert, Musikchöre aufgestellt rc. Endlich ist noch das Fangjagen zu erwähnen, wobei das Wild nicht so- wol erlegt, als vielmehr lebend in Netzen gefangen wird, um in Wagen, etwa in einen zu besetzenden Wildpark, sortgeschafft zu werden. Wimm-ium-r i,. Treibriemen, der Riemen der Riemenscheiben. Treibzeng, Apparat zum Fangen der Feldhüh- — Treilhard. ner, bestehend aus dem Hamen, einem durch hölzerne Reife offen gehaltenen Sackgarne, das ausgestreckt auf dem Boden liegt u. woran sich der Himmel, ein weiteres dreieckiges Netz, und das Geleiter anschließt; letzteres besteht ans 2 langen niedrigen Steckgarneu, die au eingesteckten Stäbchen vertical befestigt sind u. in spitzem Winkel ausein- anderlansen. Hat man mit Hilfe des Vorstehhundes ausgemacht, wo eine Kette Hühner liegt, so stellt man in der Nähe das T. auf u. treibt, verdeckt durch den Schild, daß ist das lebensgroße auf Leinwand gemalte Bild einer Kuh od. dgl., die Hühner zunächst zwischen das Geleiter, dann unter den Himmel u. in dem Hamen, worin sie ergriffen werden. Treidelt (lctt. Turraides), Dorf bei Wolmar im Kreise Riga, an der Livländischen Aa (Treiber Aa), sonst Festung (schöne Ruinen). Hier 1298 Sieg des Großfürsten Witenes von Litauen über den Landmeister Bruno von Livland. In der Nähe die sog. Livländische Schweiz, wozu die Gegendendes Aathales bei Kremon (Krimmuldes), Segewold (Siguldes), Nnrmis u. a. m. gehören. Treignae, Stadt im Arr. Tülle des franz. Dep. Correze, in schöner Lage an derVezere; Communal- College, Filiale der Waffenfabrik zu Tülle, Gerberei, Hutfabrikation, Wollkämmerei, Bierbrauerei, Handel; 1876: 1772 Ew. (Gem. 2897). Treilhard, 1)Jean Baptiste, Graf, geb.>3. Jan. 1742 zu Brives (Dep. Correze) studirte Jurisprudenz in Paris, war Advocat daselbst u. wurde 1789 von der Hauptstadt in die allgemeine Ständeversammlung abgeordnet, wo er sich der Reformpartei anschloß. Nach dem Schluß der Nationalversammlung wurde er Präsident des Criminalgerichts- hofes im Departement Seine-Oise, trat 1792 als Deputirter für Paris in den Convent, wo er neben Siöyes seinen Sitz unter den Unentschiedenen einnahm, für den Tod des Königs stimmte, die Hinrichtung jedoch aufgeschoben wissen wollte. Im April 1793 wurde er Mitglied des Wohlfahrtsausschusses u. ging im Mai im Auftrag nach den westlichen Departements. Nach dem Sturze der Girondisten zu- rückgemfen u. des Moderantismus angeklagt, hielt er sich während der Schreckenszeit sehr zurück, bis er nach Robespierres Sturz (9. Thermidord. i. 27. Juli 1794) der gewöhnliche Berichterstatter des Wohlfahrtsausschusses wurde. Er betrieb bes. die Auswechselung der Tochter Ludwig XVI. Im I. 1797 wurde er von der Regierung als Unterhändler des Friedens mit England nach Lille gesandt; im Oct. d. I. wurde er Gesandter in Neapel u. Bevollmächtigter beim Congresse in Rastatt. Bald verließ er diesen n. trat 15. Mai 1798 an Stelle des aus- geloosten Francois de Neufchateau in das Direktorium. Aus diesem entfernte ihn jedoch 17. Juni 1799 Sieyes durch Anwendung eines Artikels der Verfassung, welcher besagte, daß ein Deputirter erst ein Jahr nach seinem Austritt ans der Gesetzgebung in das Direktorium gewählt werden dürfe. Nach dem Sturze des Direktoriums (9. Nov. 1799) durch den Staatsstreich des 18. Brumaire schloß sich T. an Bonaparte an, wurde unter dem Eonsulate Präsident des Appellhofs in Paris u. Mitglied des Staatsraths, unter dem Kaiserreiche zum Präsidenten der Gesetz- gebungscommissioniinStaatsrathe ernannt u. inden Grasenstand erhoben. Er wirkte eifrig für die Vollend- Treillagc - ung des Gerichtswesens u. arbeitete des. fleißig an der Bollendung des Ooäspsnal. T. st. 1. Der. 1810 in Paris. Er hatte auch an der Abfassung des 6oäs Napoleon großen Antheil. Sein 1785 geb. Sohn 8) Achille Liberale, wurde 1806 Auditeur im Staalsrath u. war 1808 bis 1814 Präfect in mehreren Departements u. nachher Anhänger der con- stitutiouellen Partei; er hatte wesentlich Antheil an der Adresse, welche von den Jonrnalredacteuren unmittelbar vor der Jnlirevolution 1830 an den König Karl X. überreicht wurde, ward 1830 unter Louis Philipp kurze Zeit Präfect des Departements der Nieder-Seine n. während des Processes gegen die gestürzten Minister Karls X. Polizeiprä- sect, worauf er in das Privatleben zurllcktrat. Schmitz. Treillagc, Gitter, Gitterwerk, Geländer. Treitschke, Heinrich Gotthard v., Historiker u. Politiker, Sohn des 1867 verstorbenen königlich sächsischen Generallieutenants von T., geb. 15. Sep. 1834 in Dresden, stndirte in Bonn, Leipzig, Tübingen u. Heidelberg Staatswissenschaften u. habi- litirte sich 1858 in Leipzig, wo er bes. geschichtliche Vorlesungen hielt, aber mit der sächsischen Regierung wegen einer scharfen Kritik derselben in den Preußischen Jahrbüchern in Collision gerieth; 1863 wurde er außerordentlicher Professor der Geschichte in Freiburg i. B., verließ aber 1866 diese Stellung, als sich Baden in der Deutschen Frage von Preußen trennte, u. ging nach Berlin, um die Redaction der Preußischen Jahrbücher zu übernehmen. Im Herbst dieses Jahres erhielt er die Professur der Geschichte in Kiel, vertauschte dieselbe aber bereits 1867 mit der in Heidelberg u. ging 1874 nach Berlin. Als ein hervorragender Vertreter der nationalliberalen Partei wurde er 1871 in den Deutschen Reichstag gewählt. Er gab heraus: Vaterländische Gedichte, Gott. 1856; Studien (Gedichte), Lpz. 1857; Die Gesellschaftswissenschaft, ebd. 1859; Historische und politische Aussätze, vornehmlich zur nenesten Deutschen Geschichte, ebd. 1865, 5. A. 1876, neue Folge 1871 f., 2 Thle.; Zehn Jahre Deutscher Kämpfe 1865—74, Berl. 1874; Der Socialismus u. seine Gönner, ebd. 1875; Die Türkei n. die Großmächte, ebd. 1876; Der Socialismus n. der Meuchelmord, ebd. 1878; Geschichte Deutschlands im 19. Jahrh., Bd. 1, Lpz. 1879 (auf 5 Bde. angelegt). Treitzsauerwein (T. von Erntreitz), Marcus, Kaiser Maximilians I. Geheimschreiber; Abfasser des Weißkunig, s. d. Trekdieb (Trektief, Treckschuitenkanal), ein 3^ Meilen langer Kanal zwischen Emden u. Aurich, s. u. Emden 2). Trekschuite (Trekschute), Transportschiff in Holland, auf Kanälen, auch für den Personenverkehr, jetzt meist durch Schraubendampfer verdrängt. Trema (Sprachw.), ein Trennungszeichen, bes. im Französischen so v. w. knnots, äiasrossos. leomatoäa, Saugmllrmer; s. Würmer. Tremblade, La, Stadt im Arr. MarenneS des sranz. Dep. Charente-Jnserienre, unweit der Mündung der Seudre ins Atlantische Meer u. am schiffbaren Kanal von Atelier; Salinen, Fabrikation von Branntwein, Essig, Seilerwaaren u. Glas, Schiffbau, Schifffahrt, Austernsang, Handel, Hafen, Seebäder; 1876: 2568 Ew. (Gemeinde 2836). Trembowla, Stadt n. Hanptort in dem rleichn. — Trenck. 437 ,'galiz. Bez. (Österreich), am Sered; ausgedehnte Schieferbrüche; 1869: 5506 Ew. T. war einst Hauptort eines gleichnam. russ. Fürstenthums. Iromollini, f. Pilze. Tremeffen (Trzemeszno), Stadt im Kreise Mo- gilno des preutz. Regbez. Bromberg, zwischen 2 Seen,Station derOberschlesischenEisenbahn; Amtsgericht, Progymnafium, Ackerbau, Handel mit Getreide, Wolle u. Rindvieh; 1875: 4300 Ew. (überwiegend Polen). T. wird schon urkundlich 1145, wo es dem dortigen 966 gegründeten Kloster ge- hörte, als Stadt erst um 1382 erwähnt; 1772 kam es an Preußen. Große Feuersbrllnste 1359, 1405, 1420 u. 1522. Tremezzo, Dorf in der ital. Prov. Como, westlich am Comersee; 1210 Ew.; dabei die berühmte Villa Carlota. Die Umgegend, Tremezzina, heißt wegen ihrer Fruchtbarkeit u. ihrer Reize der Garten der Lombardei. Tremiti (im Alterthum vioinsäsas insulas), Gruppe von 4 kleineu Inseln an der Küste der ital. Prov. Foggia im Adriatischen Meere: S. Domino, Caprara (nach den Kapern benannt, welche sie erzeugt), Cretaccia und S. Nicolo od. T., sonst Tre- mitus, die größte mit Fort T. u. Kloster, Deportationsort für Verbrecher. Iromolsnäo (Mus.), zitternd, bebend. Tremolathal, Val Tremola (Trllmmelnthal), ein gegen 1625 in hoher wilder Thalpaß auf der Gotthardstraße zwischen dem Hospiz u. Airolo im Bezirk Leveutiua des Schweizerkaulons Tessin, im Winter u. Frühjahr den Lawinenstürzen sehr ausgesetzt. Hier 25. Sept. 1799 Kämpfe zwischen den Franzosen u. den Russen unter Suworow, an welche die in den Felsen gehauene Inschrift: Lrnvorovc viotor erinnert. Tremolit, Varietät der Hornblende, s. d. a). Tremolo, s. Bebung. Tremouillc, angesehenes französisches Geschlecht, s. Latremonille. Tremuliren (v. Lat.), zittern, bes. von der Stimme od. dem Tone, beben. Tremulant (Tre- mulation), Bebung; s. Orgel, S. 742. Trenck, von der, eine alte, in Ostpreußen begüterte, freiherrliche, 1798 in den preußischen Grasenstand erhobene Familie; 1) Freiherr Franz, geb. 1. Jan. 1711 zu Reggio in Calabrien, wo sein Vater, ein geborner Preuße, kaiserlicher Oberstlieu- tenant war. 17jährig trat T. in österr. Kriegsdienste, mußte diese jedoch wegen seines unmoralischen Lebens u. beständiger Streitigkeiten mit seinen Ca- meradeu 1737 verlassen, worauf er beim Ausbruch des Krieges gegen die Türken in russische Dienste trat. Hier wegen eines Subordinationsvergehens gegen seinen Obersten zum Tode verurtheilt, entwich er und errichtete beim Ausbruch des Österreichischen Erbfolgekrieges für Maria Theresia ein Regiment Panduren, das er bis 1746 als Major befehligte. In diesem Jahre wurde er wegen der furchtbaren Grausamkeit, Erpressungen u. Raubsucht, durch die sein Name u. der seines Corps allgemein verhaßt geworden war, vor ein Kriegsgericht gestellt u. für Lebenszeit aus die Festung Spielberg bei Brünn gesetzt, wo er 14. Oct. 1749 starb. T. sprach 7 Sprachen mit großer Fertigkeit, besaß gute militärische Kenn tnisse, eine seltene körperliche Schönheit u. eine 488 Trcncsin außerordentliche Kraft. Er selbst beschrieb sein Lebenunter demTitel: MeikwllrdigesLeben u. Thateu des Freiherr» Franz v. d. T., Wien 1770; vgl. Franz v. d. T., Largestellt von einem Unparteiischen (C. F. Hübner), mit einer Vorrede von Schnbart, S Bdchn., Stuttg. 1788. 2) Freiherr Friedrich, des Vor. Vetter, geb. 16. Febr. 1726 zu Königsberg in Preußen, widmete sich anfangs den Wissenschaften, dann dem Militär, u. war beim Ausbruch des 2. Schlesischen Krieges Adjutant Friedrichs II. Verdächtig mit dein Pandurenfiihrer T. (s. 1) geheime Verbindungen zu unterhalten (nach Andern wegen eines intimen Verhältnisses mit der Prinzessin Amalie von Preußen), ließ ihn der König nach Glatz aus die Citadelle bringe, von wo er 1747 entkam. Er trat in österreichische Dienste, lebte einige Zeit in Moskau, u. ging hierauf nach Danzig, nm mit seinen Geschwistern die Hinterlassenschaft seiner Mlltter zu ordnen. Trotzdem er kaiserlicher Rittmeister war, ließ ihn hier Friedrich II. durch preußische Husaren anfheben n. nach Magdeburg bringen, wo er bis zum Dcc. 1763 in strenger Haft gehalten wurde, die sich nach mehreren vergeblichen Fluchtversuchen stets schärfte. Nach seiner Freilassung lebte er in Prag, Wien, Aachen, Spaa u. a. Orten, zog sich aber überall durch allznsreie Urtheile in Wort u. Schrift Verfolgungen zu. Durch Friedrich Wilhelm II. erhielt er seine früher confiscirten Güter zurück; beim Ansbruch der Franz. Revolution trieb ihn sein unruhiger Geist nach Paris, wo ihn Robespierre im Juli 1784, angeblich als Geschäftsträger fremder Mächte verdächtig, guillotiniren ließ. Seine Schriften, die viel Beifall gesunden haben, sind: seine Autobiographie, 4 Bde., Berlin n. Wien, 1786 u. ö., von ihm selbst ins Französische übersetzt, Par. 1789; die übrigen in: Sämmtliche Gedichte und Schriften, 8 Bde., Lpz. (Wien) 1736. Vgl. Nähere Beleuchtung der Lebensgeschichte des Freiherrn v. d. T„ Lausanne 1788. Durch dessen Bruder 3) Karl Albrecht erhielt das Haus 1798 die preußische Grafenwürde. Ders. st. 2. Juli 1809. Schmitz. Trencsi» (Trenrschin), 1) Comitat im Königreich Ungarn, grenzt an Mähren, Galizien und die Comitate Arva, Thurocz u. Neutra; 4619,zz Hjkm (83,g HZ M) mit (1869) 248,626 Ew. (aus 1 Hjkm 53,s, in ganz Ungarn-Siebenbürgen 48,4). Das Comitat ist gebirgig durch die Karpathen (Beskiden, Jablunka- u. Weißes Gebirge re.). Der Hauptfluß ist die Waag, deren Thal eins der schönsten in Österreich ist, u. die hier die Bistritza, Teplitza u. a. kleine Flüsse aufnimmt. Eisenbahnen: 59 km. Der Boden ist namentlich an den Flüssen fruchtbar, das Klima rauh, aber gesund. Prodncte: Getreide (für den eigenen Bedarf unzureichend), Gartenfrllchte, Hanf, Flachs, Obst (bes. Zwetschen), Holz; die gewöhnlichen Hausthiere, namentlich Schafe; Steinkohlen. Zahlreiche Mineralquellen sind vorhanden; auch gibt es im Comitate, namentlich in seinem südlichen Theile noch ausgedehnte Wälder. Die Ein- wohncr sind fast sämmtlich Slawen und beschäftigen sich mit Landwirthschast, Tuch- u. Leinenweberei. 2) Hauptstadt darin u. königliche Freistadt, links an der Waag (mit Brücke); uraltes Felsenschloß mit dem Comilatszeughaus, Gefaugniß n. 180 m tiefem Brunnen, mehrere Kirchen (darunter die schöne Pia- ristenkirche),Piaristencolleginm, Gymnasium, Tuch- — Trent. Weberei n. Bierbrauerei; 1869: 3949 Ew. Das Schloß bestand wahrscheinlich schon, ehe die Magyaren in das Land kamen n. wurde von Mathias von T. bedeutend befestigt. Die Bäder in dem 8 km von T. entfernten Dorfe Teplitz heißen auch die Trencsiner Bäder. Die bei Teplitz entspringenden Quellen, im Ganzen 7, sind heiße Schwefelquellen von -s- 29,7g bis -t- 32" R Temperatur und werden namentlich bei chronischen rheumatischen und gichtischen Leiden, Skrophulose, Syphilis re. empfohlen. S- B-mZ. Trendelburg, Stadt im Kreise Hofgeismar des preuß. Regbez. Kassel, auf einem Sandsteinfelsen an der Diemel, Station der Berg.-Märk. Eisenbahn, mit altem Schlosse u. (1875) 789 Ew. T. wurde gegen Ende des 13. Jahrh. gegründet, brannte 1456 nieder, ward 1651 von den Truppen Tillys zerstört u. litt auch sehr im Siebenjährigen Kriege. In der Nähe 2 Erdfälle, Nasser u. Trockener Wol- kenbrnch genannt. Am 31. Jan. 1868 brannten 42 Wohnhäuser rc. ab. Trendclenburg, Friedrich Adolf, deutscher Philosoph, geb. 30. Nov. 1802 in Eutin, stndirte in Kiel, Leipzig u. Berlin Philosophie u. Philologie, war seit 1826 einige Jahre Hauslehrer in der Familie des Generalpostmeister Nagler in Berlin, wurde 1833 Prof, der Philosophie an der Universität Berlin u. 1847 zugleich Secretär der historischphilosophischen Klasse der preußischen Akademie der Wissenschaften. 1849 wurde er von einem Wahlbezirk der Stadt Berlin in die Zweite Kammer gewählt, gehörte dort der constitutionell-conservativen Partei an u. schied im Jan. 1851 aus, als die Kammer die Sache der deutschen Einigung anfgeben mußte. T. st. 24. Jan. 1872 zu Berlin. Er schr.: Llsmsnta loAioss Lrisbotslioas, Berl. 1837, 8. A. ebd. 1878; Logische Untersuchungen, ebd. 1840, 3. A. Lpz. 1870; Die logische Frage in Hegels System, Berl. 1843; Niobe, ebd. 1846; Historische Beiträge zur Philosophie, ebd. 1846 ff., 2 Bde.; Die Geschichte der Kategorienlehre, ebd. 1846; Die sittliche Idee des Rechts, ebd. 1849; Der Kölner Dom, ebd. 1853; über Herbarts Metaphysik u. eine neueAuffaffnngderselben.ebd. 1854;Herbartsprakti- schePhilosophien.dieEthikder Alten,ebd. 1856; Über Leibnizens Entwurs einerallgemeinenCharakteristik, ebd. 1856; Naturrecht aufdemGrnnde der Ethik,Lpz. 1860,2. A. 1868; Erläuterungen zu den Elementen der Aristotelischen Logik, Berl. 1861, 3. A. 1876; Friedrich der Gr. u. sein Großkanzler Samuel v. Cocceji, Beitrag zur Geschichte der ersten Justizre- form, ebd. 1863; Kuno Fischer n. sein Kant, Lpz. 1869; seine akademischen Reden, die er als Secretär der Akademie hielt, sind in den Kleinen Schriften, Lpz. 1870, 2 Bde., gesammelt. Vgl. Fischer, Anti-T., 2. A. Jena 1870; Bratnschek, Adolf T.. Berl. 1873; Bonitz, Zur Erinnerung an T., ebd. 1872. Specht. Tremmngshieb, so v. w. Loshieb (Forstw.). Trense, Vorrichtung zur Zäumung der Pferde; besteht ans einem einfachen eisernen Mundstück, dem sog. T-ngebiß, an dessen Enden Ringe fürden Kopfzaum u. die Zügel angebracht sind. Trent, Fluß in England, entspringt im nördl. Theile der Grafschaft Stafford, fließt in einem sehr gewundenen Laus durch diese Grafschaft, sowie durch 489 Irsnte et anni'unts — Treppe. die Grafschaften Derby, Nottingham und Lincoln, nimmt rechts Pent, Tarne, Soar u. Devon n. links Dove, Derwent u. Idle auf und vereinigt sich mit der Onfe, woraus der Humber entsteht. Er ist 269 irm lang und von Burton-on-T. an ans 188 1cm schiffbar; größere Seeschiffe gelangen bis Gainsbo- rough Der Grand-Trunk-Kanal verbindet ihn mit dem Mersey u. demnach dieNordsee mit der Irischen See; außerdem ist derT. durch zahlreiche andere Kanäle mit anderen Flußsystemen verbunden. H- Berns. 7rsnte et quursnte. so v. w. kouxs st uoir. Trenton, Hauptstadt des Staates New Jersey, an dem hier für Dampfboote schiffbaren Delaware u. am Raritan Kanal; wichtiger Eisenbahnknotenpunkt,Staatenhaus (Capitol),Gouverneursgebäude, City Hall, Staatsbibliothek, Staatsarsenal, Staatsirrenhaus, Staatsgefängniß, Lyceum, bedeutende Industrie in Eisen u. Papier; große Locomotiven- sabrik; 22,874 Ew., darunter etwa 6000 Deutsche. T. wurde 1790 zur Hauptstadt erhoben u. 1792 als City incorporirt. Hier 26. Dec. 1777 Sieg der Amerikaner unter Washington über die Engländer, wobei 900 Hessen gefangen genommen wurden. Trentstn, so v. w. Trencsin. Trepan (Trepsnum, Tsrsbrs), Werkzeug, womit die Trepanation vollzogen wird. Arten: L) der Kronen-T. (Trsp. onm voraus.), dessen schneidender Theil, wie eine Krone gestaltet, eine Kreissäge bildet; s) B ogen-T., ähnlich dem Windebohrer der Tischler; er besteht ans einer hölzernen Scheibe (Stützknops), in welcher sich der Bogen um seine Achse bewegen kann, dann aus dem hölzernen Bogen (Banm) mit einer vierseitigen Oeffnung am unteren Theil, in welche die Bohrstücke, von verschiedener Form, eingesteckt u. mit einer Feder od. mit einer Schraube befestigt werden; u. endlich aus derKrone, einer im Zirkel gestellten konischen od. cylindrischen, geraden od. palisadensörmigen Säge. In derMitte der Krone befindet sich eine spitzigePyramide,welche über den Kronenrand hervorsieht, auch hinter denselben gestellt, od. auch mittels eines eigenen Schlüssels ganz ausgeschraubt werden kann, d) Der Hand-T. (Trephine) besteht aus einem etwas großen Handgrisse, wie bei einem gewöhnlichen Bohrer, an dessen unterem Ende verschiedene Bohrstücke befestigt werden können. L) Der Perforativ-T. ('Prep. psrkorstüvuiu) kann ein Bogen- oder ein Hand>T. sein, er trägt statt der Krone eine spitzige Pyramide, mittels welcher man eine mehr od. weniger große Öffnung in den Knochen bohren kann. Man benutzt ihn bei der Trepanation, um für die am Kronen-T. befindlichePyramideeine hinreichende Öffnung zu machen. 6)Der Exfoliativ-T. (Nrsp. exkvliutivuiu) besteht aus zwei bis drei schneidenden, an einem Griffe befestigten Platten, in deren Mitte sich eine Spitze befindet; der Griff wird an einen T°banm od. einen Handgriff gesteckt. Er diente sonst, den Knochen ab- u. durchzuschaben. Blmnberg. Trepanation (lat.trspsustiv) die Ausbohrung eines od.mehrererKnochenstllcke mittels desTrepans aus einem Knochen, um entweder den kranken Kno- chentheil zu entfernen, od. um in eine von Knochen eingeschlossene Höhle zu gelangen. Im engernSinne versteht man darunter die Anssägnng eines oder mehrerer Stücke aus dem Schädel. Im Ansang dieses Jahrh. kritiklos fast bei jeder schweren Kopfverletzung ausgeführt, wurde die T. von Dieffenbach u. Stromeyer wegen der mit ihr verbundenen Gefahren überhaupt verworfen. In neuerer Zeit erkennt man jedoch, wenn auch kein volles Einver- ständniß unter den Chirurgen herrscht, die Operation im Allgemeinen in folgenden Fällen als berechtigt an: 1 ) wenn Fremdkörper in den Schädelk,lochen od. die L-chädelhöhle eingedrungen sind, falls man ihren Sitz erkennen kann u. die Entfernung wegen der entstehenden Gefahren erforderlich erscheint; 2) bei einfachen Knochenbrühen des Schädels, die mit Depression des Knochens verbunden sind, jedoch nur dann, wenn unmittelbar nach der Verletzung schwere Druckerscheinungen seitens des Gehirns eintreten u. beim Zuwarten sich nicht verlieren; 3) bei arteriellen Blutungen innerhalb der Schädelhöhle insbes. der srtoris msningos mväis; 4) bei complicirten Schädelbrüchen, wenn Splitter in die Hirnhaut od. das Gehirn eingedrungen sind u. bei den dadurch erzeugten Folgezuständeu; 5) bei Epilepsie, die nach Kopfverletzungen entstanden ist, u. auf Knochennarben, deprimirte Knochen od. Fremdkörper im Knochen zurückgeführt werden muß. Die T. wird in der Weise ausgeführt, daß man mit dem Trepan eine runde Scheibe im Knochen lossägt, dieselbe mit einem Tirefond, einem korkzieherartigen Instrument, heraushebt u. dann nach den vorliegenden Jndicalionen weiter verfährt,d.h. Fremdkörper aus der Schädelhöhle entfernt, deprimirte Knochenstllcke zu heben sucht, Blutungen stillt, Abscesse unter der Hirnhaut eröffnet. In manchen Fällen, insbes. bei Splitterextractionen, bei complicirten Brüchen wird man von der eigentlichen Tr:- panation absehen können u. mit derÄuwendnng oon Meißel, Hammer u. Zange od. des Heiueschen Osteotoms zumZiele gelangen. Nach Heilung derWunde, die meist durch bindegewebige, selten knöcherne Vereinigung zu Stande kommt, läßt man den Patienten zum Schutz der trepanirten Stelle ein Stück Leder od. eine gefütterte Metallplatte tragen. Blumbera Trepang, eine Art eßbare Holothnrie, s. d. Treport, Le, Stadt im Arr. Dieppe desfranz. Dep. Nieder-Seine, an der Mündung des Bresle in den Canal (La Manche), Station der Longpre- T.-Eisenbahn, Fabrikation von Tauwerk u. Fischernetzen, Schiffbau, Schifffahrt, Fischfang, Hafen, Handel, Seebäder; 1876: 3591 Ew. (Gem. 3819). Treppe, eine gangbare Verbindung zweier in verschiedenen Höhen belegenen Fußböden; insbesondere eine derartige Verbindung von Stockwerken. ^.) Jede T. besteht aus Stufen, jede Stufe aus einer horizontalen Fläche (Auftritt), welche zum Aufsetzen desFußesdientn. eiuerverticalenFlLche(Steigung), milderen Höhe der Fuß gehoben werden muß. s) Bei steinernenT-n befinden sich beideFlächen an den ans dem Ganzen gearbeiteten T-nstufen (Blockstufen); bei eisernen u. hölzernen T-n unterscheidet man die zum Betreten dienenden Theile, Triltstufen, u. die darunter befindlichen senkrechten Stücke, Setzoder Futterstufen (Futter), welche zur Unterstützung der Trittstufen u. zur Ausfüllung des leeren Raumes zwischen denselben dienen. Bei ordinären T-n fallen die Futterstnfen oft weg, u. solche nennt man dann ungefütterte T-n. Die unterste, erste Stufe, welche bisweilen bes. vortritt u. an Len Seiten abgerundet ist, heißt die Antrittstuse oder dec 490 Treppenrost Antritt, dagegen die oberste letzte Stufe, welche sich an den oberen Fußboden anschließt, der Austritt, d) Steinerne Stufen binden mit ihren Enden in die T°nmauern, wovon die mittlere, 2 Armen zur Unterstützung dienende die T-nzunge (Zuiigen- mauer) heißt, ein. Die Setz- u. Trittstufen Hölzer- ner T-n sind in die T-nw äugen (Zargen), 2 starke, schräg liegende Pfosten, eingelassen. Sind dieseWan- gcn unterhalb glatt fortlaufend, oberhalb nach Maßgabe des Auftrittes u. der Steigung ausgeschnitten, so nennt man die T-n aufgesattelte T-n. o)Die zur Bcquemilchkeit dienenden breiten Stufen einer T. nennt man Podeste (Ruheplätze, T-nabsätze, Flötzen). Damit man nach Ersteigung einer T. von ihr aus nach den Räumen des Stockwerks gelangen kann, sind vor jeder T. breitere Podeste (Hauptpodeste, T-nflure, T-nvorplätze) nöthig. Diezwischen 2 Hauptpodesten, etwa in halber Stockwerkshöhe, liegenden Podeste heißen Zwischenpodeste, ä) Die T-ngeländer (Lehnen, Docken) dienen dazu, das Auf- u. Absteigen mittels der Handgriffe zu erleichtern und das Herabstürzen zu verhindern. B) Der Form nach unterscheidet man: s.) gerade T-n, deren Stufen in einer geraden, ununterbrochenen Linie sortgehen; und b) gebrochene T-n, deren Stufen vom Antritte bis zum Austritte in verschiedenen Richtungen laufen; an jeder Bruchstelle befindet sich entweder ein Ruheplatz, oder bei beschränktem Raum sind die Stufen an dieser Stelle gewendelt. Jeder gerade Theil einer solchen T. bis zu einem Ruheplatze heißt ein Arm od.T-nflüg el. Zu den gebrochenen T-n gehören auch o) die Döppe l-T-u, welche unten 2 Arme n. 2 Antritte haben, die sich auf einem Ruheplatze vereinigen n. von da an in einem Arme weiter führen; oder sie haben unten einen Arm u. gehen von einem Ruheplatze an in 2 Armen fort, haben also 2 Austritte, welche häufig zu verschiedenen Theilen des Hauses führen, ü) Die Wendel-T°u sind T-n, bei welchen die Stufen im Kreise herum (radial) stehen u. an Veräußeren Seite breit, an der inneren schmal sind. Sind die Stufen an der inneren Seite in einer runden oder eckigen Spindel befestigt, so heißt solche T. eine Spindel-T.; ist diese Spindel aber so gewunden, daß die Windungen einen hohlen Cylinder bilden, so heißt eine solche T. eine Hohl-T. (hohle Wendel-T.). Der äußere Umfang der Wendel-T-n kann einen Kreis, ein Vier-, Sechs« oder Achteck, vd. ein Oval (Oval-T-n) bilden. Wendel-T-n haben den Vortheil, daß man zur Anlegung derselben einen verhältnißmäßig kleinen Raum braucht, e) Ber- mischteT-n sind solche, welche aus gewendelten u. geraden Armen bestehen, k) Schnecken-T-n, in Form eines Kegels, werden nur in Gartenanlagen benutzt», um kleine Hügel herumgelegt. A) Romanische T-n sind schiefe Flächen ohne alle Stufen; sie werden bisweilen in Thürmen schraubenförmig um eine Spindel herumgelegt; ihre Länge muß sich zu ihrer Höhe wie 5:1 verhalten. Auch gebraucht man solche T-n, wenn man mit Wagen u. Pferden zu einem höheren Theile eines Gebäudes gelangen will, kr) Frei-T-n werden im Freien vor den Gebäuden angebracht, wenn deren Eingang über der Terrainhöhe liegt. Bei Monumentalbauten sind die Frei-T-n häufig mit einer Porticus versehen. Oft sind die Stufen dieser T-n nach auswärts geschweift, — Trepprecht. mit gewundenen Wangen rc. versehen u. dienen zur Verzierung des Gebäudes. Hohe Frei-T-n müssen mit Geländer versehen sein u. oben ein breites Podest haben. 6) In den Gebäuden unterscheidet man: ») Haupt-T-n, welche au dem Hanpteiugange des Gebäudes liegen u. zu den Haupttheilen desselben führen; b) Neben-T-n, welche schmäler sind u. zu besonderen Theilen des Gebäudes führen, z. B. Boden-, Keller-, Lauf-, Degagements-T-n; Berns. Iros kaclunt oollsgium (lat.), Sprichwort: Drei machen ein Collegium aus, sind zu einem Collegium nöthig, machen es spruchfähig. Tres Forcas, s. u. Melilla. Tresa, Ausfluß des Luganer-Sees im schweiz. Kant. Tessin (bei dem Dorfe Ponte T.) in den Lago Maggiore (unterhalb Luino); bildet ein reizendes Thal n. bildet auf eine Strecke die Grenze zwischen der Schweiz u. Italien. Tresalven (Mssalbos, span.), die Abkömm lingc von amerik. Mestizen mit amerik. Indianerinnen u. umgekehrt. Trescorre (T. Balneario), Dorf in der ital Prov. Bergamo, am Cherio; schöne Kirche, von Lotto ausgemalt, Schwefelbäder; 2906 Ew. Treskow, 1) Hermann von, preuß. General geb. l.Mai 1805; trat 1835 als Secondelieuteuam in das preuß. Heer u. begleitete den General Bonin als dessen Adjutant 1848 in den Krieg gegenDäne- mark; nach dem Frieden wurde er Hauptmann beim Großen Generalstabe und war 1854—56 bei der preuß. Gesandtschaft in Paris; 1856 wurde er Flügeladjutant des Königs, 1860 als Oberftlieutenant Regimentscommandeur in Magdeburg, 1861 Oberst n. ging 1863 in das russ. Hauptquartier nach War- chan; 1864 wurde er Stabschef bei General v. Werder, welcher die preuß.-poln. Grenze zu besetzen hatte. Als Flügeladjutant desKönigs Wilhelm tratT. 1865 in das Militärcabinet u. wurde bald darauf Generalmajor u.ChefderAbtheilung für die persönlichen Angelegenheiten, später auch Chef des Militärcabi- nets. 1866 begleitete er den König nach Böhmen u. 1870 nach Frankreich; hier erhielt er auf seine Bitte im Nov. den Befehl über die 17. Division, mit welcher er an den Zügen der Armee unter dem Groß- Herzog von Mecklenburg theil nahm. Ende Januar 1871 kehrte er in das Hauptquartier des Königs zurück und trat im Februar wieder an die Spitze des Milirärcabinets; als er bald darauf diese Stellung verließ, blieb er Generaladjutant, erhielt das Commando der 19. Division u.1874 das des 9. Armeecorps. 3 ) Udo v., preuß. General, geb.7. April 1810; tratl826bei den preuß.Jägern ein u avan- cirte hier bis 1848 znmHanptmann; 1854 zur Linie versetzt, wurde er 1856 als Major zur Übernahme des Commandos des sachsen-altenburgischenCoutiu- gentes berufen u. avancirte hier 1861 zum Oberstlieutenant u. 1863 zum Oberst. 1864 trat er in den preuß. Dienst zurück u. befehligte das 53. Infanterieregiment auf Alfen, mit welchem er nachher in Mainz stand. 1866 focht T. erst mit seinen! Regiment unter Göben in der Mainarmee und machte dann, nachdem er in Leipzig das 2. Reservccorps gebildet hatte, unter dem Großherzog von Mecklenburg den Zug nach Bayern mit. Im September wurde er Generalmajor u. Commandeur der 1. combiuir- ten Jnfanteriebrigade in den Elbherzogthümern u. im October der Brigade der Hanseaten. Im Kriege gegen Frankreich 1870 commandirte er anfangs die 1. Laudwehrdivision bei der Kllstenarmee, zog aber bereits Ende August mit seiner Division nach Frankreich, wo er erst an der Belagerung Straßburgs theilnahm und seit October Belfort belagerte; hier war er zuletzt mit bei den Kämpfen gegenBourbaki engagirt, avancirte im Jan. 1871 zum Generallieutenant u. zog im Februar in Belfort ein. Nach dem Frieden wurde er Commandeur der 2. Division, mit welcher er bis zum Herbst 1871 bei derOccupations- armee in Frankreich blieb, n. 1875 nahm er seinen Abschied als General der Infanterie. Ii-Lsor (fr.), Schatz, Schatzkammer. Tresorscheine, Schatzschciue, preuß. unverzinsliches Papiergeld (1806—1825). Trespe, die Gatt. Bramus, des. 8. seoalimis. Treffen, eine Art Bänder oder Borden, bei denen die Figur meist durch Gold- od. Silberlahn ge»' bildet wird. Bei den echten T. ist auf beiden Seiten nur der Einschlag sichtbar, welcher aus Lahn besteht; die Kette, welche meist Pelseide ist, steht nicht eng u. verschwindet durch den festen Anschlag. Gewöhnlich bilden 2 Einschlagfäden auf der rechtenSeite die Fi- gur u. die beiden folgenden Einschlagfäden auf der linken Seile. Bei den unechten T. wendet man zur Figur der linken Seite Seideufäden statt des LahnS au. Die echten T. werden nach dem Gewicht verkauft. B-yss-ll. 492 Trester — Treuenfels. Trester (Weintrester, Weintreber), die nach dem Keltern der Weinbeere ausgepreßten Hülsen und Kämme, sowie der Rückstand bei der Ciderbercitung. Es wird daraus durch Aufgießen frischen Wassers der T-wein, T-bra»ntwein und T-essig bereitet. Besonders wichtig sind sie für das Petiotisireu. Außerdem werden sie getrocknet, hernach die Kerne davon geschieden u. aus diesen ein fettes Ol (s. Traubenkerne) gepreßt; zur Fabrikation von Grünspan wendet man sie bes. im südlichen Frankreich an, sonst vielfach als Viehfutter, zur Darstellung eines den Lohknchen ähnlichen Brennmaterials, zur Düngung und, mit Wasser übergossen, zu Bädern (T-bäder), od. verkohlt als schwarze Farbe (Weinrebenschwarz). DieObst-T. werden meist als Biehfutter verwendet. Iresvwi (röm. Ant.), so v. w. Iriumviri, s. d. Tretrad, ein Rad, welches dazu dient, die Arbeitskraft von Menschen oder Thieren zur Hervor- briugnng einer rotirendenBewegung zuverwerthen. Gewöhnlich besteht das T. ans einer horizontalen Welle, auf der ein dem Wasserrade an Größen. Aussehen ähnliches Rad befestigt ist, das an seinem Umfange Stufen oder Sprossen bildet, ans denen die Menschen etwas seitlich vom höchsten Punkte des T. stehen, indem sie mit den Händen einen festen Stab fassen u. mit den Füßen von einer Stufe zur folgenden tretend das Rad zur Drehung bringen. Läuft das treibende Individuum im unteren Theile des Rades, so heißt das Rad Laufrad, bildet es eine horizontale oder geneigte Scheibe, Lanfscheibe. Die T. finden jetzt außer für Hunde selten Anwendung, waren aber früher namentlich in Strafanstalten verbreitet. Giescler. Trets, Stadt im Arr. Aix des franz. Dep. Rhvne- mündungen, unweit derArc; altes Schloß, Branntweinbrennerei, Steinkohlenbergbau, Marmorbruch; (1876) 2694 Ew. (Gem,3285). — T. war vor seiner Zerstörung durch die Saracenen eine der größten Städte der Provence u. zählte gegen 10,000 E. HierSiegdesMarius überdieTeutonen102 n.Chr., meist Schlacht von ^gnas Lertias (Aix) benannt. Treubund, ein zu Ende 1848 in Berlin von Männern antidemokratischer Richtung als Anhänger des scharf ausgeprägten Preußenthums gegründeter Verein, welcher anfangs den Namen Royalistenbund erhielt, jedoch bald nach seiner Constituirung, im Febr. 1849, T. für König n. Vaterland genannt wurde. Die Thcilnahme an dem Bunde war unter allen Klassen der Bevölkerung sehr zahlreich, u. bis Mitte 1849 soll der T. über 10,000 Mitglieder gezählt haben. Als nachher von dem Constitu tionalismns abgesehen wurde, so trat zwischen den Anhängern der Constitution u. denen des Absolutismus Zwiespalt ein, welcher bald einen förmlichen Bruch herbeiführte, infolge dessen im Nov.1849 ein neuer Bund: Die Treue mit Gott für König u.Vaterland unter dem Grafen Luckner ins Leben trat, der aber schon 9. Dec. 1849 sich wieder auflöste, während an der Spitze des älteren der Graf von der Assebnrg stand. Vgl. Fr. Kunze, Der T. für König ».Vaterland, Berl. 1849. Auch in Kurhessen bildete sich zu Kassel 6. Nov. 1850 aus ähnlichen Elementen wie in Preußen ein T., uni die Treue für den Kurfürsten u. sein angestammtes Fürstenhaus, sowie die Liebe zum Vaterlande zu beleben, zu stärken u. zu befestigen, löste sich aber 9. Nov. 1853 auf. Treue, Orden der T., 1) BadenscherHans- orden, vom Markgrafen KarlWilhelm von Baden 17. Juni 1715 gestiftet; anfangs führte er den Namen: Orärs äs 1a kräslrts; wurde 1805 erneuertu. in Großkreuze n. Commandeurkreuze getheili; 1840 erhielt er neue Statuten u. wurde wieder ans eine Klasse beschränkt. Ordenszeichen: Goldenes, roth- emaillirtes, 8spitzigesKreuz, dessenSpitzen mit klei- neu goldenen Kugeln versehen u. dessen 4 Winkel mit dem doppelten, in einander verschlungenen, goldenen Buchstaben 0 (Karl) ausgefüllt sind. Auf dem weißen runden Mittelschild schwebt vorn ein doppeltes 6 über 3 Bergspitzen, darüber das Wort bstäslitas, u. hinten daS badensche Wappenzeichen (ein schrägrechter, rother Balken in Gold). Über dem Ordenskreuz: eine königl.Krone, durch welche der Ring für das orangefarbene Band mit silberner Einfassung läuft. Dazu ein 8strahliger, silberner Stern, in dessen Mitte die Vorderseite des Kreuzes, auf Orange u. auf 4 der Strahlen liegt das doppelte 0. 2) Por - tugiesischer Orden, 24. Juli 1823 von König Johann VI. für Anhänger der Monarchie während desAufstandes gestiftet. Decoration.-einKreuzaufder einen Seite mit dem Brustbilde des Königs, auf der andern mit der Inschrift: §iäöliäaäs äo roi s patria. Treuen, Stadt in der königl. sächs. Kreishaupt- mannschastZwickau(Voigtland), an derTrieb, Station der Sachs. Staatseisenbahnen; Amtsgericht, 2 Schlösser, Bezirksarmenhaus, Volksbibliothek,Handweberei wollener, halbwollener und baumwollener Stoffe, bes. Tücher, Flanellfabrikation, 2 Streichgarn- u Vigognespinnereien, 7 Färbereien, Bleiche- rei, mechanische Weberei, Weißstickerei, Gerberei, Holzhandel, Wasserleitung, Schiefer- u. Sandstein- brllche; (1875) 5409 Ew. T., ursprüngl. Drewin, kam 1329 als Reichslehn an die Vögte von Plauen U.1367 als böhm.Lehn mit der Herrschaft Plauen an Sachsen; 1390 wurde eszur Stadt erhoben. Feuersbrünste 1806 n. 3. Sspt. 1846. H- Berns. Treuenbrietzen, Stadt im Kreise Zanch-Belzig des preuß. Regbez. Potsdam, an der Nieplitz u. am Fuße des Fläming; Amtsgericht, Baugewerkschule, Tuch- n. auch Papierfabrikation, Landwirthschaft; (1875) 5466 Ew., einschließlich der damaligen Garnison, die Ende Sept. 1877 verlegt wurde. — T., wendischen Ursprungs, später von holländischen Co- lonisten bevölkert u. sonst Brietzen genannt, soll erst Ans. des 15. Jahrh. den Namen T. erhalten haben, da es 1310 den Markgrafen Waldemar gegen Ru- dolfvonSachsen in seine Mauern aufnahm ».schützte, auch 1348 dem Markgrafen Ludwig von Bayern gegen den falschen Waldemar, welchem es die Thore verschloß, treu blieb. T. gehört zu den wenigen Städten,welchedie Communalsteuernaus ihrem Vermögen bestreiten. H. Berns. Treuenfels, vr. Abraham, geb. l6.Decbr. 1818 zu Detmold, gest. 30. Jan. 1879 zu Stettin, hat dadurch eine hervorragende Bedeutung in der Entwickelungsgeschichte des modernen Judenthums erlangt, daß er durch die im Jahre 1870 von ihm begründete Israelitische Wochenschrift für die religiösen u. socialen Interessen des Judenthums, welche er bis zum Oct. 1878 redigirte, der Wortführer der großen Friedens- und Mittelpartei im Judenthum wurde, welche einem ruhigen, gemäßigten Fortschritte aus dem Boden wissenschaftlicher Erkenntniß u. Ver- 493 44'LUAL äei tiefung der jüd. Religion das Wort redet. Durch sein umfassendes theologisches und philosophisches Wissen, sowie durch seine glänzende Rednergabe u. ganz bes. durch seinen reinen makellosen u. friedfertigen Charakter war er in hervorragender Weise zu diesem Flihreramt geeignet. Er hatte in seiner Vaterstadt das Gymnasium u. in Bonn die Universität besucht. Von 1844 an wirkte er 16 Jahre lang segensreich als Dislrictsrabbiner inWeilburg (Nassau) und von 1860 bis zu seinem Tode als Rabbiner in Stettin, geliebt von seiner Gemeinde u. hochgeachtet von allen Parteien. Von seinen schriftstellerischen Leistungen sind hervorzuheben seine Aufsätze über Josephns Schrift gegen Apion, sowie über die kleine Genesis (tzorovettittt sntta) im Literatnrblatt des Orient, ferner über die Darwinische Theorie u. ihr Verhältniß zur Religion, Magdeb. 1872; auch erschienen von ihm mehrere geistvolle Predigten, theils in besonderen Heftchen, theils in Rahmers Israel. Predigt-Magazin, Lpz. 1875—78. Er gehörte auch zum Central-Comite der 4Uianes israelits uni- vorsolko. Rahmer. 7,-euga äei (lat.), so v. w. Gottesfrieden. Treuhänder, s. 8ala. ledvos, franz., so v. w. Trier. Trevi, Stadt in der ital. Prov. Perugia, Station der Rom. Eisenbahn; Kirche Madonna delle Lagrime mit Fresken von P. Perugino u. 2 Gemälden von lo Spagna; 5082 Ew. In der Nähe das ehemalige große Kloster der Olivetaner und ein kleiner antiker Tempel, jetzt Kirche, der von Vielen für den von Plinius erwähnten Tempel des Clitumnus gehalten wird, nach der Meinung Anderer aber aus der Zeit Constantins d. Gr. herrührt. 7revia (lat.), so v. w. Tronxa. Trcviglio, Stadt in der ital. Prov. Bergamo, an der Oberital. Eisenbahn; altes, festes Schloß, schöne Hauptkirche, Gymnasium, Lehrerbildungsanstalt, technische Schule, Theater, Tuch- und Sciden- fabriken, 2Messeu; 8575Ew. (Gem. 11,883). Dabei der schiffbare Kanal von T. (Fosso Bergamasco), welcher den Brembo mit dem Serio verbindet. Treviranus, Gottfr. Neinhold, als Anatom u.Physiolog hervorragender Mediciner, geb. 4.Febr. 1776 in Bremen, zeichnete sich schon früh durch seine mathematische Begabung aus, dann durch seine physikalischen u. allgemein naturwissenschaftlichen Studien, studirte 1793 in Göttingen Medicin, warf sich bes.aus vergleichende Anatomie ».Physiologie, führte beide da weiter fort, wo Haller stehen geblieben war, besetzte sich in seiner Vaterstadt als Arzt u. starb 16. Febr. 1837, seinen Namen für immer eng an die Anatomie u. Physiologie auknüpfend. Er nahm die Brownsche Idee an, befruchtete sie aber durch eine Menge der geistreichsten Gedanken. Von seinen zahlreichen Schriften seien nur erwähnt: Über Nerven- krast u. ihre Wirkungsart im Rettichen Archiv, 1, 2, und Biologie oder Philosophie der lebenden Natur, GLtt., 6. Bd. 1802—22. Thamhayn. Trevirer (Treverer), ein keltischer Stamm im Belgischen Gallien, vom Rhein bis zur Maas woh- ncnü, von den Nerviern durch die 4rräusnua sikva getrennt; sie zeichneten sich bes. durch ihre treffliche Reiterei aus. Ihre Hauptstadt war 4mAv8ta, Tro- virornm, (.Trier. Seit Cäsars Zeit Bundesgenossen der Römer, verbanden sich die T. später mit Clau- <— Treviso. dius Civilis gegen dieselben, wurden aber mit jenem besiegt u. verloren ihre Freiheit. Vgl. I. Steiniger, Geschichte der T., Trier 1845. Trevlso (Trevigi), 1) ital. Prov., liegt zwischen den Provinzen Padua, Venedig, Vicenza, Udine u. Bellnno,2432 sijlrw (44„gsHM) mit 352,538Ew. (145 auf 1 sZlcm, in ganz Italien 90,g), ist an der nordwestl. Grenze durch die Alpen gebirgig, sonst flach, wird von den Flüssen Piave, Livenza, Musone u.a. bewässert u. hat mildesKlttna. Ackerbau, Viehzucht (bes. Geflügel), Seidencultur, Seiden- u. Tuchweberei, Eisen- und Kupferwaareufabrikation sind Haupterwerbszweige. 120 kcm der Oberital. Eisenbahn durchschneiden die Prov. 2 ) Hauptstadt darin, am schiffbaren Sile, Station der vorgenannten Eisenbahn; Bischofsitz, hat alte Festungswerke u. große, von Arcaden umgebene Plätze. Unter den Kirchen ist die bemerkenswertheste die unvollendete Kathedrale S. Pietro, um 1100 durch die Lombardierbaut, im 14.Jahrh. erweitert, mit einer Verkündigung von Tizian, einer Anbetung von Bordone u. Wandgemälden von A. da Pordeuone; ferner die Kirche Monte di Pieta, die gothische Dominicanerkirche S. Nic- colo, die Kirchen S. Leonardo, S. Maria Maddalena, ebensalls mit werthvollen Gemälden. Aus der Piazza dell' Jndipendenzia Denkmal zur Erinnerung an die Befreiung von der österreichischen Herrschaft; Villa Mansrini mit ausgedehnten Gärten; Gymnasium, Lyceum, theologische Lehranstalt, Diöcesanseminar, Ateneo (Akademie der Künste u. Wissenschaften), 2 Bibliotheken, 2 Theater; Fabriken in Metallwaaren, Maschinen,Instrumenten, Tuch-u.Seideuzeug,Leinwand- u. Papiermanufacturen, im Oct. eine ansehnliche Messe u. mit den Vorstädten 18,547 Ew. (Gem. 28,291). T. ist Geburtsort des Gotheukönigs Totila u. des Malers Bordone; der französische Marschall Mortier hatte den Titel Herzog von T. — T., imAtter- thum larvisium (Travssium), vermuthlich ein Mn- nicipinm der Römer, wird mehrfach genannt in dem Kriege, den Belisar gegen die Ostgothen führte. Während Belisar selbst in Rom den Gothen unter Vitiges Stand hielt, ließ er im Frühjahr 538 durch ausgeschickte Heeresabtheilungen mit anderen Städten auch T. im Rücken der Gothen wegnehmeu. Des Vitiges Nachfolger Jldebald (540) gewann dann durch einen Sieg bei T. die Stadt wieder. Unter der Herrschaft der Langobarden wurde T. der Sitz eines Markgrafen. Karl d. Gr. theilte nach der Zerstörung des Longobardenreiches die Verwaltung der Mark dem MarkgrafenvouKärnthenzu, nachKarls Tode wechselte T. seine Herren nach den jedesmaligen Königen vonJtalien. Ende des 12. u. Anfang des 13.Jahrh. stand T. in höchster Blllthe: mehrere Städte hatten sich unter seinen Schutz begeben u. alle unzufriedenen Vornehmen aus der Nachbarschaft zogen mit ihren Schätzen in die Stadt. Als Kaiser Friedrich II. im Bunde mit Ezzelino III. von Romano gegen die Freiheit der lombardischen Städte auging, verbanden sich Vicenza, Padua u.T. gegen beide, wurden jedoch im Aug. 1236 während der Belagerung von Rivalta geschlagen, woraus Padua u. T. in die Gewalt Ez- zelinos kamen. Nach seinem Tode 1259 machten sich die Trevisaner wieder frei und wählten die Camini zu Podestas, welche auch früher dieses Amt bekleidet hatten. Sie wurden 1329 gestürzt durch den Führer der ghibellinischenLiga, Canel. Grande dellaScala, 494 Treviso der aber bereits 4 Tage nach Eroberung der Stadt starb. Seine Nachkommen überließen T. durch einen Vertrag 1338 an Venedig. Die Venetianer traten die Stadt 1381 dem Herzog Leopold II. von Österreich ab, der sie aber 1384 an die Carrara von Padua verkaufte. Im Kriege, den Franzi, von Padua im Bunde mit Johann Galeazzo von Mailand gegen Venedig führte, ging T. wieder an diese Republik verloren (1388) u. theilte von dieser Zeit das Schicksal derselben bis znm I. 1797, wo die Stadt von den Franzosen unter Mortier genommen wurde, der dafür später den Titel eines Herzogs von T. erhielt 1798 kam T. an Österreich im Frieden von Campo Formio; der Friede zu Preßburg 26. Decbr. 1805 brachte die Stadt an das Napoleonische Königreich Italien, worauf die Erhebung T-s zur Hauptstadt des Dep. Tagliamento erfolgte. Seit 1814 wieder unter österreichischer Herrschaft, wurde T. eine der 8 Delegationen des Gonv. Venedig im Lombardisch- Venetianischen Königreich. Amül.März 1848 brach hier eine revolutionäre Bewegung ans, worauf die schwache österreichische Besatzung die Stadt räumte. Am 11. Mai 1848 siegten die Österreicher bei T. in einem Gefecht über die Piemontesen, worauf T. von Graf Nugent beschossen wurde; ein zweites zwölf- stündiges Bombardement unter Weiden hatte 24. Juni die Capitulation an Österreich zur Folge. Durch den Frieden zu Wien 6. Oct. 1866 kam die Provinz T. mit Venetien an das Königreich Italien. Vgl. Giov. Bonifazio, Ltoria cli M, Bened. 1748; Lor. Crico, I,sttsrs aulls dolle artl Trlvi^lans, Trev. 1833. (G-sch.) Schmitz. Trevtso, Herzog von, s. Mortier. Trcvoux, Stadt u. Hauptort in dem 8 Cantone u. 112 Gem. mit 89,894 Ew. umfassenden, gleichnamigen Arr. des franz. Dep. Ain, an der Saone, Station der Paris-Lyon-Mittelmeerbahn; Gerichtshof 1. Instanz, öffentliche Bibliothek, Gesellschaft für Ackerbau, Wissenschaften u. Künste, Fabrikation von Bijouteriewaaren, Gold- n. Silberdraht, Uhrcylin- dern, Eisenwaaren rc., Fischfang; 1876: 2127 Ew. (Gem. 2889). Treysa, Stadtim Kreise Ziegenhain des prenß. Regbez.Kassel, am Einfluß der Wiera in die Schwalm, Station der Main- Weser- u. der Berlin-Koblenzer Eisenbahn; Amtsgericht, evang. Diakonissenhaus mit zahlreichen auswärtigen Stationen, nebst Erziehungsanstalt für verwahrloste Mädchen; Armenhospital mit Kirche im reinen goth. Stil, aus dem 15. Jahrh.; bedeutende Lohgerberei u. Strumpsweberei (Specialartikel gestrickte Kamaschen), Ackerbau und Viehzucht; lebhafter Handel mir den Products» der gesegneten Schwalmgegend (besonders Butter); 1875: 2228 Ew. — T., das bereits im 8. Jahrh. erwähnt wird, erhielt im 13. Jahrh. Stadtrechte. 1450 fiel es an die Landgrafen von Hessen, welche hier im 16. u. 17. Jahrh. mehrere Landtage abhiel- ten. Während des Siebenjähr. Krieges versuchten die Franzosen 8. April 1759 vergeblich die Stadt zu nehmen u. 26. Juni 1760 hier Gefecht zwischen den Franzosen und den Verbündeten. Irianäria, dritte Klasse des Linneschen Systems, s. Pflanzensysteme. Triangel (v. Lat.), so v. w. Dreieck. Triangel (TrianKvIo), Dreieck; ein in Form eines gleichseitigen Dreiecks aus einem Stahlstabe — Trias. gebildetes Schlaginstrument, welches mittels einer Schlinge frei schwebend gehalten u. mit einem eisernen Stäbchen geschlagen wird. Dieses Instrument dient zur Angabe des Rhythmus und findet bei der Janitscharenmnsik, auch im großen Orchester, Anwendung. i Triangel, zwei Sternbilder, von denen das große (Delta) schon vor Ptolemäos bekannt, das kleine aber erst von Hebel dazugesetzt wurde. Sie stehen dicht bei einander auf der nördlichen Halbkugel zwischen dem Stern Alamak am Fuße der Andromeda u. dem Widder. Triangnlirnng ist eine zuerst im 1.1715 von dem Niederländer Snellius angewendete Vermess- ungsmethode, deren geometrisches Princip in Folgendem besteht: wenn mehrere Punkte einer Ebene so unter sich durch Gerade verbunden sind, daß ein System von Dreiecken entsteht, von denen jedes mit einem Nachbardreieck mindestens eine Seite gemein hat, so läßt sich die Gestalt des dadurch entstandenen Dreiecksnetzes lediglich durch Messung von Winkeln bestimmen u. die Messung einer Seite als Basis genügt znr Bestimmung aller Dimensionen des Netzes. Die T. zerfällt hiernach in 2 Theile: 1) Messung einer Grundlinie (Basis) u. 2) Messung der Dreieckswinkel. Die Basismessung ist eine der feinsten Operationen der höheren Geodäsie, die neueren Grundlinien werden gewöhnlich einige Lm lang, erheblich kleiner als die Hauptdreiecksseiten selbst, gemessen mit einem mittleren Fehler von nur 1—2 mm pro 1 üm. Die Winkelmessung für T-en ersten Ranges wird mit mikroskopischen Theodoliten auf ^ j secunde genau gemacht; zur Sichtbarmachung der Dreieckspunkte auf die größten Entfernungen bis 100 Icm dient das Heliotrop. Die T»en ersten Ranges dienen theils Landesvermessungs-, theils Grad- messnngszwecken, an dieselben schließen sich T-eu 2.-4. Ranges für Kleinvermessungen an. Jordan. Trranon, 1) Groß-T., Lustschloß im Arr. u. Park von Versailles des franz. Dep. Seine-et-Oise, von buntem Marmor erbaut. Ludwig XIV. ließ eS für Frau von Maintenon errichten; zur Zeit der Revolution gerieth es in Verfall; Napoleon I. ließ cs restauriren u. Louis Philipp mannigfach umbauen u. verschönern. Hier erließ Napoleon I. das Zollgesetz v. 3. Aug. 1810 (Decret von T.). An de» prächtigen Gärten, welche Groß-T. umgeben, war Bern, de Jussieu Aufseher; daher nannte er auch sein älteres Pflanzensystem das System von T. Am Ende desselben Parks liegt 2) Kleiu-T., ebenfalls Lustschloß, nur ein Pavillon mit Garten, von Ludwig XV. erbaut, war dann Lieblingsaufenthalt der Königin Marie Antoinette, wo sie ihre Llenus plai- ^ 8iis hielt, diente während der Revolution als öffentliches Speisehansu. ward von Napoleon I.restaurirt. - Triarchie (v. Griech.), diejenige Staatsform, bei welcher Dreien die Leitung des Staates anver- . traut ist. ! Iriarii (röm. Ant.), so v. w. kilcmi, s. u. Legion. Trias, 1) (Triade, griech.), Dreiheit, z. B. die T. des Denkens in der Philosophie ist These, Antithese, Synthese; 2) (Theol.), so v. w. Trinität; 3) (Mus.), so v. w. Dreiklang rc.; 4) in der deut- scheu Politik jenes Problem, welches zur Zeit des Deutschen Bundes entstanden, auf eine Dreitheilung Deutschlands in Österreich, Preußen und die rein- Trias. 495 deutschen Mittel- u. Kleinstaaten abzielte, um letztere» unter Führung Bayerns, von dessen König Maximilian II. dasselbe bes. gesördert wurde, eine festere u. engere politische Organisation zu geben. Trias, die älteste der mesozoischen Formationen. Sie gliedert sich in Deutschland in den bunten Sandstein, in den Muschelkalk u. den Keuper, wogegen in England u. im O. von NAmerika die mittlere Abtheilung fehlt. Die T. ist in den verschiedenen Verbreitungsbezirken sehr different ausgebildet. In Deutschland gliedert sich die T. wie folgt : 1) der bunte Sandstein, vorwaltend verschiedenfarbige Sandsteine mit thonigem, kieseligem od. eisenschüssigem Bindemittel, welche theils locker, weich od. fest u. rothbraun, gelb, grünlich, weiß od. buntgesprenkelt u. gefleckt sind; ihre Gesammtmächtigkeit schwankt zwischen 200 u. 500 m. Die meist deutlich geschichteten Sandsteine umschließen häufig Thongallen; häufig bestehen die Sandsteine aus Quarzkryställcheu, so im Schwarzwalde, in der Rhön, in den Vogesen (Vogesensandstein). Ferner finden sich im Bnntsaudstein rothe n. bunte Schieferletten, Thoue u. Mergel nebst Gips, namentlich in der oberen Abtheilung desselben, im Röth. Im Röth finden sich bei Schöningen im Braunschweigischen, bei Hannover, bei Salzgitter mächtige Steinsalzlager. Rogenstein tritt im Harz, Dolomit in vielen Gegenden untergeordnet aus. Local läßt sich eine obere Abtheilung: Mergel, Gips u. Steinsalz (Röth), eine mittlere Abtheilung: vorwiegend bunte Sandsteine (Hauptbnntsandstein), u. eine untere Abtheiluug: krystallinische Quarzsandsteine u. Conglomerate (Vogesensandstein) od.dünn- bänkige Sandsteine mit Lagerzonen n. Bänken von Rogenstein, Thonen und Letten unterschieden. An Erzen finden sich Bleiglanz (Knottenerz) bei Kammern in der preuß. Rheinprovinz, bei St. Avold westl. von Saarbrücken (daselbst tritt auch Weißbleierz auf), Kupferglanz und Malachit bei Twiste unweit Arolsen, sowie Knpserlasur und Malachit bei Bulach im Württemberg. Schwarzwalde. Der Buntsandstein ist meist sehr arm an organischen Resten. Charakteristische Pflanzensormen sind: Lguiseinm nrenaesnmL-'o»A.,8eiliMLSnraparacioLaAoArmx)., ^nooaopbsrls LlonAsobi Acbimxi., Oanloptsrw VoltLi Fefirmp., sowie einige Abietiden: Albsrtia «Uiptlea VoltAa IrstvrupdMa Von thierischen Resten sind ein Schwamm, Rinro- «orailiniir üsnsnso XenL., sowie Ll^opiroria oo- staba AerrL. (Leitsossil des Röth) zu nennen. Im oberen Buntsandstein finden sich sehr häufig Fußspuren eines Froschsauriers (Oiiirotirsrinm), so bei Hildburghausen u. Würzburg, sowie im Odenwalde u. im Schwarzwalde. Bei Bernburg kommen ausgezeichnet erhaltene Schädel eines Labyrinthodonteu a)rs>nntv8g.nru8 Lrarmi Lrtrm., sowie bei Süldorf, südwestl. von Magdeburg u. im südl. Schwarzwalde Ganoidschuppen in großer Menge vor. 2) Der Muschelkalk. Das Material besteht hauptsächlich aus Kalksteinen. Der Hauptmuschelkalk bildet fußmäch- rige, ebenflächige Schichten, durch grauen Mergel von einander getrennt; der Wellenkalk tritt in dünnen Schichten mit welliger Oberfläche auf; der Schaumkalk ist eine weiße, sein poröse, fast schwammige Masse; der Terebratelkalk u. der Encrinitenkalk sind Anhäufungen der Reste von Isisbrabula vnIZaris n. von Lnerinn.8 IMkorwis; Trigouoduskalke, dichte, zuweilen krystallinische u. cavernöse Kalke, reich an ll'riMiwärw. Die meisten dieser Kalke gehen in Dolomit od. in Mergel über. Die znm Theil mächtigen Mergel sind häufig mit Anhydrit, Gips und Steinsalz vergesellschaftet. Abweichend ist die Muschelkalkformation im Gebiete der Saar, Mosel u. im Luxemburgischen. Zur Muschelkalkformation gehören die Eisenerz-, Bleiglanz- und Galmeilagerstätten von Tarnowitz und Benthen in Oberschlesien, sowie die Galmeivorkommen von Wiesloch in Baden. Die Pflanzenreste der Muschelkalk-Formation beschränken sich auf wenige Algen u. Farnwedel, reicher ist die Thierwelt vertreten. Die wichtigsten Leitfossilien sind für die deutsche Muschelkalkformation: Lnorinno lilükormio Ta,»., Aopiänra senksUata Lron»., Tsrs bratula vnlAario §c/rkoM., Rsbrla trÜAonölla Lpiriksrina irirouta Akb., Oatrsa plaon- noicks8 kvotüii lasviKatno Lrcmir., lüma otrlats. (Zsrvillia soeiaiis Huenskeckk, Alz-o- piroria linsata Mlirrsk., Pri§anockn8 LanädorAsri Alb., Haiiea Ars^aria ÄMokt/r., PnrbonlIIa 8ea- lala. Kolck/i, (lsratüteo Lneirl Alb., (üsratitssiroäo- 8N8 Lcrair., Hantiluo biäoroatus Lrorrm., Zähne von HzPockuo plioabilis A^., von Aorockvo, 8an- rioirt/8, Schuppen von Ozwolspio, i?Iaeoäu8 Aixas Ay., Psotiao8g.nrn8 mirabllio .Must. Wo die Muschelkalkformation vollständig entwickelt ist, läßt sie sich gliedern in a) untern Muschelkalk oder Wellcn- kalkgruppe, b) Mittlern Muschelkalk oder Anhydrit- grnppe, v) ober» Muschelkalk oder Friedrichshaller Kalk. 3) Der Keuper. Der oberste Schichtencom- plex der T. wird vorwiegend von bunten Mergeln von meist rother, aber auch grüner, gelber, grauer, brauner n. bläulicher Färbung gebildet. Ferner be- theiligeu flch an der Zusammensetzung des Keupers bunte Schieferletten n. Thone, sowie Gips, Anhydrit, Salzthon u. Steinsalz. Sandsteine finden sich namentlich in den untersten u. obersten Theilen des Keupers; dolomitische Kalksteine u. Dolomite beginnen zuweilen wie z. B. am oberen Neckar die Schich« tenreihedesKeupers.Untergeordnetkoinmenschwarze Kohlcnletten u. unreine, thonige Kohlen (Lettenkohle) vor. Bei Siewierz in Polen werden drei bis 2 m mächtige Flötze von Keuperkohlen abgebant, in Thüringen findet sich Lettenkohle bei Mattstedt unweit Weimar, bei Tennstädt, Mühlhausen, Sonneborn, Arnstadt, in Franken z. B. bei Kissingeu u. Würzburg. Kenperfossilien sind: Lgniosbnm arenaosuruLr-onA., L. oolnmnare Lr-curg., 8.I,öiimg.nniavnin OvM., Pasnioptsrio vlttata , ?seoptsii8 8tntt- Aartisnsio ÄrorrA., ktsrapsixlinln flasAsri LronA., Volt^ia IrstsropirMa Lro-rg., Osrvillia sooirrli-, Tsrsbrabnla vulKurio, Lobsisris. minnba Alb., 1,1»- Anla dsnuloolma Li-on»., Ilnlo u. Anoäonta, Reste von Hz-bocku8, AeroänZ, 8sirtinobns LsrZsri Ai/., Lsraboäus, 3anr1ositRx8, kflotilv8S.nrn8, Llaotoäoir- 8nnrv8 laeZsil Äbll. u. Koprolithen. Im obersten Keuper fanden sich die Zähne des ältesten u. bcutel- thierartigen Säugethiers, Lllorolsstss antlgnus Der Keuper gliedert sich in s.) untere od. Let- tenkohlengrnppe; Kohlenkeuper, d) mittlere Gruppe, bunte Keupermergel, Gipskeuper, o) obere Gruppe, das Rhät, Zone der Ävlenla oontorta. In Deutschland bildet die T. vier größere Territorien; das norddeutsche, das fränkisch-schwäbische, das von Elsaß u. Lothringen n. das oberschlesische. Eruptionen -L96 Trias. find in den Zeitaltern der T. selten; es find Basalte u. Dolerite, welche in Gängen n. Stöcken die triasi- schen Schichten durchsetzen u. auf deren Oberfläche Kuppen bilden. In England ist die T. (Lerv Rsä Lanckstons-Sronx) abweichend ausgebildet, es fehlt der Muschelkalk u. geht der Buntsandstein ohne scharfe Trennung in den Keupermergel über. Das Äquivalent des deutschen Buntsandsteins hat daselbst 300 in Mächtigkeit, besteht aus röthlichen n. grünlichen Letten n. rothen Sandsteinen n. umschließt verkieselte Conisercnstämme, sowie häufig Fußspuren von Chi-- rotherinm (Storton Hill bei Liverpool). Der Keuper beginnt mit 150—500 m mächtigen (Cheshire und Lancashire) Mergeln, welche l?o 8 iüouis miunts, sowie Gips- u. Steinsalzlager umschließen. Es folgt die Zone der ^.viouls oontorts (das Rhät) von schwarzen Schieferthonen und weißen Sandsteinen mit L.vieuls oontorts, krotoosräinni Rdsotieum, kosickoms minuts u. einer dünnen Lage von Kno- chenbreccie (Lonsbeä), bestehend aus Zähnen und Schuppen von L/bockuo Mostillo, 8 snrieIitIiz -8 sxioislio, 6 z-io 1 oxi 8 tonmotrists, spsrmstovsllruo gebildet. Die Trias- od. New Red Sandstone-For- mation in NAmerika verbreitet sich über zwei Gebiete, zwischen dem Ostabfalle des Allcghanysystems u. dem Atlantischen Ocean u. zweitens in den Rocky Mountains. Es sind in ersterm Gebiete rothbranne Sandsteine mit untergeordneten Schiefern, Conglo- meraten u. unreinen Kalksteinen. Bei Nichmonü in Virginia u. am Deep River in Nordcarolina treten werthvolle Steinkohlenflötze u. Sphärosiderite aus. Organische Reste sind selten, Coniseren, Cycadeen, Farne, Equisetaccen, sodann vorwiegend Reste von Wirbelthieren, Fischen, Reptilien, selbst Säugethie- ren und Vögeln. Mächtige Fnßstapfen (bis 0,52 m) von Labyrinlhodonten, sowie von Vögeln (bis 0 ,sg m lang) von Riesenvögeln finden sich vielfach aus den Schichtungsflächen. Die triasischen Bildungen am Ostabfalle der Rocky-Mountains bestehen ausziegel- rothen Sandsteinen und Mergeln mit Gipsstöcken. Sehr abweichend von der deutschen T. ist die T. der Alpen. Die dem Keuper entsprechenden Bildungen sind vorherrschend aus anderem Materiale, kalkigen u. dolomitischen Sedimenten, zusammengesetzt und erreichen eine enorme Mächtigkeit -u. enthalten eine Fülle von marinen Thierformen. Zugleich machen sich auch beträchtliche Faciesunterfchiede geltend. Die T. der Alpen gliedert sich in: L.) Untere alpine T. 1 ) Buntsandstein (Grödener Schichten, Werfener Schichten), petrographisch dem außeralpinen Buut- sandsteiu gleich. 2 ) Röth (Werfener Schichten zum Theil, Guttensteiner Schichten zum Theil, Seisser- und Campiler Schichten) rothe glimmerreiche und grünlichgraue sandige Schiefer, bunte Schieserthone mit Gips- u. Steinsalzstöcken. Leitfossilien: 6 orsti- tss Osvoisnus Htteirst., 'lsurkoroetieoststus Latten, Lstioslls ooststs Mo)«., l?ootsnäiooitos ^o/rlot/r., >I)'tiIu 3 eäulikormiv , ülz-soitso ksoossn- ois lLlss., Ll/opiroris oootsts ^e-rli:., llnAnln ts- nniooiws L-'orrn., LIrirooorsllillm zsnonvs ^sn/c. L) Obere alpine T. (Muschelkalk und Keuper). I. Untere Gruppe der oberen T. (Wellenkalk u. Anhydritgruppe). I) Wellenkalk (Virgloriakalk, Kalkstein von Reccaro und Reifling, Gößlinger Schichten), dunkle feste Plattenkalke. Leitsossilien: Vsäoorinllv Arsolliv Lttc/r., Lnoriulls lüiikormiv Le/rloÄ., lorsbrstnls vulAsris ,5e/riot/r., 8piriksrius Llsn- trsli Larr/c., ^mmonitev diuoäovnv Latten. 2) Mendoladolomit, massiger Dolomit in Südtirol mit schlecht erhaltenen Ammoniten u. Korallen. II. Mittlere Gruppe der oberen alpinen T. (Norische und Karnische Gruppe). Dahin gehören im Gebiete der Fassaner u. westvenetianischen Alpen 1) die Wenge- ner Schichten (Halobien oder Daonellen Schichten), zu unterst dünnplattige schwarze Kalksteine (Buchensteiner Kalke, Pötschenkalk) mit Lslobis Lomslli spHsnr., u.zahlreichenglobosenAmmoniten, ander Seisser Alp folgen dunkle Schiefer, Kieselkalke, Tuffsandsteine, Tuffschieser mit eingelagertem Augitpor- phyr, in den Schiefern Lslobis (Osonolls) Iwm- molli lPHsm., Lmmonitsv Lon Üasillo- nomz-s 'VVon^ousis lLrWm.; zu oberst folgen ein zäher grauer Kalk mit ünoriimo Oavsiauus Lattbs (Kalkstein von Cipit). 2) St. Cassianer Schichten, vulkanische Tuffe mit eingelagerten Mergeln und oolithischcn Mergelkalken, welche an der Seisser Alp u. am Prelongniberg an Versteinerungen sehr reich sind: Ortbooorsv olsAsnv Mtt»Ä., Llonvckonts tls8- Zisns Ul^rssm.. lllseroobollus sbovstus l?bssi- snollsLronlli lLrLLm., Unrebisonis lllumi üLtnik., Lnouls linssts , krockuotus I^eonsräi L'rssm. u. a. 3) Schlerndolomit, ein massiger, kry- stallinisch körniger Dolomit, am Schlern 1000m mächtig mit undeutlichen Ammoniten- u.Korallenresten. 4) Raiblerschichten, am Schlern eisenschüssige, oolithi- sche, kalkigsandige Schichten mit N/opboris Lskor- stsini sowie Kalkmergel u. Muschelmarmor mitkorns svionlsokormio Lirrm., Sorbin LlellinAbi Latte,-, bei Naibl sind es s) Mergel u. Kalke mit AFopboris Lokerotoimi Kolck/) b) Schwarze Kalke mitL.mmomto8llorickn8 lLal/'., u. Lpiriagrins ^rs- Asris Lusss. (Bleiberger Schichten), 0 ) Dolomit von 130 m Mächtigkeit, darauf braungelber Mergel, schwarzbranner Kalk u. Muschelmarmor mit ?orns svieulsekormis, Oorbuls Rostborni. An der Nordseite der Alpen (Bayern und Nordtirol) gliedert sich die norische und karnische Gruppe in 1) Partnach Schichten (Halobien- od. Daonellaschichten), dunkle, oft glimmerige Mergelschiefer, schwarze Schieserthone u. dunkle hornsteiufllhreude Plattenkalke, zu oberst Sandstein mit Lslsmitss srollsosuo Lguise- tum eolumnsis Kerttb.; in den Schiefern Lslobis (Osonolls) Oommoli Vissm. 2) Mergel mit Cassianer Versteinerungen, zwischen weißen Kalken u. mit Lnerinno Lsooisnno Lattbe, Dorobr. incki- otinots Ler/r., Oiclsris ckorostsZ/ttnst. 3 ) Wettersteiner Kalk, weißer oder lichtgesärbter, zum Theil oolithischer Kalkstein mit Osot/Iopors sonnlsts Ls/ra/A., Lbomnitris Rovtborui Lo>»., ^.mmoui- ts8 üsrbsv MÄirst., Nonotiv oslinsris Lro»». 4) Gruppe der Lsräits oronsts, s) die Halobienschiefer oder Reingrabener Schiefer, dunkele Schieferletten mit Lslobis rnZovs Sttmb. u. Lmmanits3 üoriäuv sPsttl/s d) Der Lunzer Sandstein, grünlichgrauer, feinglim meriger Sandstein mit Pflanzenresten: Lgui- 8stnm eolllmns.ro, ktoropliMum üssAori, l?ooop- tsrio 8tllttAsrtlsll8i8, im O. mit abbamvürdigen Steinkohlenflötzen. o)Die Carditaschichten im engeren Sinne; muschelreiche Oolithe mit Lsräits ors- usts Mttnsk., ksetoll Lolli Lm»»'., Oordio Äsl- linZi Latten, Lorduls Rostliorm Loris, ^.mmolli- toa tloriänv ssTttl/'. ä) Gelbliche Rauchwacke, Gips Tribau — Tribunen. 4S7 ». Letten. III. Obere Gruppe der oberen alpinen T. (Rhätische Stufe), 1) Hauptdolomit zu oberst in Plattcnkalke übergehend, ein feinkörniger, wohlge- jchichteter Dolomit, bildet den mächtigsten Gesteins- complex der deutschen und norditalienischen Alpen; enthält Fischreste von Lsminotus, I-spiäotus, kkro- lickoxllorrm u. geht in graue Plattenkalke über niit Stcinkeruen von KIssos, alpma. 2) Dachsteinkalk u. Kössener Schichten, ersterer ist ein dunkler, reiner, dichter Kalkstein mit LIsAatoäus kriguo- kor Äir»e»-., die letzteren sind versteinerungsreiche, talkigthonige Schieserthone u. Mergel mit dünnen Zwischenlagen von dnnkelgrauem Kalk, in denen tzlerrillia inüata Xviouta eontorta, Oarctium rtmsktoum ätks»'., keeten Vatonisnsts De/i, ll'visbrabntu ^vSAuriaAueW., 8p1riAsra oxz-- eolpos enthalten sind. Eruptivgesteine sind in der alpinen T. sehr häufig (STirol); Augitpor- phyr, Melaphyr, Monzonit, Turmalingranit und Porphyrit bilden theils Gänge, theils Kuppen und deckensörmige Ablagerungen u. stehen mit Tuffen u. Reibungsbreccien in Verbindung. Vergl. Alberti, Überblick über die T. mit Berücksichtigung ihres Vorkommens in den Alpen, Stnttg. 1864. Lehmann. Tribau, so v. w. Trüban. Triberg (Tryberg), Stadtu.Hauptort im gleich- nam. Lez.-Amt des bad. Kreises Villingen, nach dem Brande von 1826 neu aufgebaut, zwischen 3 Bergen (daher der Name) des L>chwarzwaldes in einem tiefen n. srenndlichen Thale an der Gntach, Station der Bad. Staatseisenbahnen, 685 m ü. d. M.; Hauptsitz der Schwärzwälder Uhrenindnstrie, Strohflechterei, Docht-, Thon- und Bronzewaaren- fabrikation; 1875: 2193 Ew. — Dabei der prachtvolle T-er Wasserfall, der 180.m hoch in 7 Hauptabsätzen hinunterstürzt. T. ist Geburtsort des badischen Staatsmannes Joh. Bekk. H- Berns. Triboniänus, geb. in der pamphylischeu Stadt Eide, Verfasser zahlreicher Schriften in verschiedenen Literaturzweigen u. das wichtigste Mitglied des Ausschusses, den Kaiser Justinian niedersetzte, um das Oorpus jnris zu schaffen. Er erhielt dann ausgedehnte Vollmacht zur Vornahme von Verbesserungen, und dieser neue eoäex fluatmiansus erhielt Gesetzeskraft v. 29. Dec. 534 an. T. hatte zuerst sachwalterische Praxis betrieben, Justinian beförderte ihn zum Huusstor saori pataiit, ÄaZistsr oküoi- vrnm, ?rasksotu8 prustorlo u. zuletzt zum Consul. Er soll außerordentlich beredt gewesen sein u. große Gewandtheit des Geistes besessen haben, stand aber auch in dem Zinse eines gemeinen Schmeichlers n. habsüchtigen, sowie gewissenlosenMenschen. Er schied, jedenfalls noch im besten Mannesalter, im I. 545 aus dem Leben. Schmitz. Tribrächys, ein aus 3 Kürzen (>---—) bestehender Versfuß, z. B. ünrmä. Tribsees, Stadt im Kreise Grimmen des preuß. Regbez. Stralsund, an der Trebel u. der mecklenburgischen Grenze; St. Thomaskirche mit einem sehr alten Schnitzwerk von hohem Knnstwerth (die Schöpfung u. die Lehre von der Traussubstantiation darstellend), höhere Bürgerschule, Waisenknaben-Nett- ungsaustalt, Landwirthschaft, Getreide- u. Fettvich- handel, bedeutender Torfhandel; 1875: 3082 Ew. — T., seit 1285 Stadt, ist Geburtsort des Theologen Spaltung. PiereiS Uiiiverial-Lonversatwi^-Lerikon. 6. Aufl, XV Tribun, s. Tribunen. Triünnn (kirchl. Ant.), so v. w. Apsis. Tribunal (lat.), Bühne od. Gerüst, auf welchem der Magistrat, bes. der Prätor, auf der LvIIu curu- tis sitzend, Gericht hielt; jetzt so v. w. Gerichtshof, Gerichtsstelle, bes. eine höhere. Tribunal, das Amt eines Tribunen, s. d. Tribunen (Tribünt), 1) die Tribusvorsteher des ältesten Rom. Später wurde der Name auch auf andere Beamte übertragen. Ihr Amt hieß Tri- bunat (Mübunatua). 2) (M-Ibunl asrarü) diejenigen unter den Vorstehern der Tribns, welche die Kriegsstener (M-idutum) zu erheben hatten, um den Soldaten das Stipendium auszuzahlen. Als dies Amt den Quästoren übertragen war, bestanden sie noch fort, vielleicht als Intendanten der Quästoren. Sie folgten dem Heere, bildeten auch einmal (seit der I-ex Lursliu des L. Aurelius Cotta (70 v. Ehr.) bis zur Iwx flulia (46 v. Ehr.) neben den Rittern u. Senatoren ein dritte Nichterdecnrie, in welcher sie das plebejische Element vertraten, 3) 1'rlbnmm oslvrum, der Anführer der 300 Oslsrss, der reitenden Leibwache der Könige; er war zugleich auch Vertreter des Königs in dessen Abwesenheit u. hatte das Recht, Comitien zu versammeln. Das Amt währte bis zum Tode des Königs, da jeder neue König sich wieder einen anderen wählte. Mit Vertreibung der Könige hörte dies Amt auf u. wurde erst von Augnstus wieder für religiöse Zwecke eingerichtet. 4) ll'rlbnni mi- litZrss (T. rnllrtmm), die Anführer der Legionen. Bei jeder Legion standen deren 6, welche später jeder eine bestimmte Cohorte führten. Anfangs durch die Consulu ernannt, allmählich sämmtliche für die jährlich ansgehobcnen 4 Legionen vom Volk; nur wenn noch andere Legionen ansznheben waren, ernannten für Liese die Eonsuln die T. Die vom Volk ernannten hießen dann 6om1tiati, die von den Con- suln knkuli. Zn Ende der Republik u. in der Kaiserzeit waren alle ritterlichen u. senatorischen Ranges u. hießen in erstsrem Falle 4mAustioIavii, weil sie einen schmalen, im letzteren Imtiolavli, weil sie einen breiten Purpurstreif an der Toga trugen. Sonst war ihre Auszeichnung ein goldener Ring u. die Begleitung mehrerer Apparitoren. Außerdem ernannten auch die Kaiser bisweilen Militär-T. durch einen Gnadenbrief, welche Pribuni eoflieitlarii hießen u. als Auszeichnung ein Schwert trugen; u. damit viele dieser Ehre theilhaftig werden könnten, wurden sie auch bloß auf ein halbes Jahr ernannt und hießen deshalb Lribuni Lsmoskrss. Kaiser Hadrian hob dieses Ehrentribunat wieder auf. 5) Mibuui mitibarss oonsuiuri potssks-ts, Militär-T. mit cou- sularischer Gewalt, waren 3 (auch mehrere) Militär- T., welche, um dem Drängen der Plebs nach An- theil am Consulat auszuweichen, 445 v. Ehr. statt der Consulu eingesührt wurden, zu welchem Amte nun auch Plebejer Zutritt haben sollten, erst 400 v. Chr. durchgesührt. Seit 405 erhöhte sich ihre Zahl auf 6, u. sür die Jahre 403, 380 u. 379 werden sogar 8 Cvnsnlar-T. erwähnt, wobei wahrscheinlich jedesmal die beiden Censoren mitgezählt sind, denn schon 443 wurde sür die nur den Patriciern zugängliche Jurisdiction die patricische Censur von dem Consulartribnnat abgezweigt. Die Consular-T. wurden, wie dieConsuln, inCenturiatcomitien unter Auspicien gewählt; auch warihr Amtsantritt u.nie- 1. Band. Z 2 498 Tribunen. Verlegung ganz dem Consulat conform. Es ist zweifelhaft, ob sie das consularische Jnsigne hatten u. ob sie als curnlische Magistrale betrachtet wurden, doch konnten sie einen Dictator ernennen. Immer mußte einer zur Leitung der städtischen Angelegenheiten in Rom Zurückbleiben u. wurde als solcher auch geradezu ?rasksobu8 urkü genannt. Das Consulartribuuat bestand bis 367 v. Chr , wo durch die Iwx Inoivia, Sextia das Consulat wieder eingesetzt wurde n. jährlich ein Patricier und ein Plebejer gewählt werden sollte. 6) Tridnni plsbio. Nach der ersten Auswanderung der Plebejer auf den Heiligen Berg 494 v. Chr. (s. Rom, Gesch.), wurde denselben zu ihrem Schutz gegen Bedrückung durch die patricischen Magistrate das Bolkstribuuat zngestanden. Dieser Volks-T. waren anfangs wahrscheinlich 2, dann 5, endlich 457 10, welche Zahl, nachdem während des Decemvirats das Tribunal cessirt hatte, bei seiner Wiedereinsetzung beibehaltcn wurde u.bis zum Ende der Republik blieb. Gewählt wurden sie seit der I-sx Rnftliiia (471 v. Chr.) in den Lomiiis, tridntn, in denen ein aus dem Collegium durch das Loos bestimmter Tribun den Vorsitz hatte. Wählbar waren bloß Plebejer, Patricier nur, wenn sie sich zuvor von einer plebejischen Familie hatten adopüren lassen. Ein bestimmtes Alter war nicht erforderlich, doch ging die Verwaltung der Quästur u. der plebejischen Aedilität voraus. Der Antrittstag war der 10. Dec. Besondere Insignien hatten die Volks-T. nicht; ihre Diener waren Viatorss, Loribae u. Rraseonss. Der Kreis der Befugnisse der T. (katv8ia8 tribunieia) war ursprünglich ein sehr beschränkter (ans. nur das ^uxilinm u. bas llus n^vnüi enm plsbs), doch nachdem sie zur Geltung wirklicher Magistrate der ganzen Nation (ülaZwtratmvpopuIi Romani) sich zu erheben begonnen hatten, hatten sie auch die allenMagistraten gemeinschaftlichen Befugnisse. Der Tribun konnte ebensowol unaufgefordert, als auf ausdrückliche Anrufung intercedirend einschreiten, weshalb seine Thür selbst zur Nachtzeit stets offen war u. er außer den Roriao labinas nie einen vollen Tag außer der Stadt sein durfte. Strasgewalt hatten die T. nicht u. auf Geldstrafe (Llnlota) konnten sie in den Tribus nur antragen, später hatten sie das Recht der Verhaftung (llns prenoivnis), mit welcher sie den Con- suln, Consular-T. u. Tensoren drohen konnten u. zu deren Ausführung sie sich der plebejischen Adilen u. ihrer eigenen Viatvroo bedienten. Unverletzlich (va- oro8aneti) waren sie seit ihrer Einsetzung durch die I-ox vaoraba geworden, über den sich an ihrer Person Vergreisenden sprach der Pontifex die Acht, so daß jeder denselben tödten konnte, dessen Güter eingezogen wurden und dem Cerestempel als Eigenthum verfielen. Aber auch nach ihrer Abdankung konnte Niemand sie wegen der von ihnen in ihrem Tribunal vorgenommenen Handlungen zur Rechenschaft ziehen. Wer Hilfe bei den T. suchte, mußte sie aurufen (Appellativ), worauf sie sich versammelten, den Fall untersuchten u. einen Beschluß (Oserstnm) faßten, in welchem sie die Hilfe zusagten od. verweigerten. Dies ckn8 anxilii entwickelte sich zunächst zu einem ausgedehnten llns lntsresäsncli, indem sie durch ihr roto! od. prnlridso! (ich verbiete, thue Einspruch) Einzelne gegen Straferkenntnisse der Consuln wegen Verweigerung des Heerdienstes od. gegen solche der richterlichen Magistrate in Criminal- und Civilprocessen, sowol vor, als nach gefälltem Urtheils- spruch, die ganze Plebs bei Aushebung (velsotuo), gegen Ansschreibcn des Tributum, gegen Senats» beschlösse u. gegen alle Vorschläge, welche an die Co- mitieu gebracht werden sollten, in Schutz nahmen. Bei allen Arten von Comitien konnten die T. inter- cediren. Rücksichtlich des Senates hatten die T. anfangs gar kein Recht; erst durften sie bloß vor der Curie auf ihren Subsellien sitzen, indem sie von hier ans mit dem Luxilium gegen die Ausführung von Beschlüssen des Senates drohten; bald aber erhielten sie einen regelmäßigen Sitz, die Befugniß, den Senat sogarzu versammeln u. an denselben zu referiren, wahrscheinlich bald nach der Rsx Valsria (449 v. Chr.), durch welche ihnen das Recht der Legislation für Sachen, welche in die feststehende Competenz der Oowitla ognbnriatg. nicht direct eingriffen, gegeben wurde, welches Recht dann durch die I-ox Rnblilia (339 v. Chr.) u. die I-sx Rortsnoia, (287 v. Chr.) so erweitert wurde, daß es auch die Competenz der Oomibia osntnriatn über Angelegenheiten des Imperium enthielt. Endlich machte das Rlsinoeiimm Xtiniuw sie zu wirklichen Mitgliedern des Senates. So wurde die Einwilligung der T., welche in diesem Falle ein T unter die Senatsbeschlüsse schrieben, die Bedingung jedes förmlichen Senatusconsnltnm. Schon in früherer Zeit hatten sie das Recht, die Plebs zu einer llontio zu berufen, in welcher sie dann den Vorsitz führten. Wichtiger noch war die Berufung u. der Vorsitz in den Tributcomitien, namentlich seit der Iwx Valoriu, RnftUIiu u. Rorrsnoia, wo nicht bloß die Wahlen mehrerer Magistrate vorgenommen u. Gericht gehalten, sondern auch über die wichtigsten Angelegenheiten berathen u. über die einflußreichsten Gesetze (lwAso sSrurias, über Vertheilung der Provinzen und des Oberbefehles) abgestimmt wurde. Sehr bald brachten es auch die T. dahin nicht nur Männer ihres Standes, sondern auch Patricier vor das Gericht der Plebs zu ziehen u. sowol Capitalstrafen als Geldstrafen zu beantragen; seit 476 wurden die Consuln nach ihrer Abdication zur Rechenschaft ihrer Amtsführung vor ein strenges tri» bunicisches Gericht gezogen. Ihr lluo xreusionis mißbrauchten sie oft nicht nur gegen Private, sondern häufig auch gegen die höchsten Magistrate, Consuln n. Ceusoren, indem sie dieselben durch ihre Biatoren ins Gesängniß werfen ließen od. sie doch damit, auch mit sofortigem Herabstllrzen vom Tarpejischen Felsen bedrohten. Nur gegen die Diktatoren vermochten sie nichts; auch war ihr Lnxilinm durch die Bannmeile Roms begrenzt, wogegen ihnen das fluo prsn- 8iom8 allerwärts blieb. Durch die veränderte Geltung der Tributcomitien (s. u. Oomitia) erhielten sie späterhin gewisse Anspicien n. erließen jährlich Edicte, worin sie wahrscheinlich angaben, in welcherlei Fällen sie ihr Luxikinm eintreten lassen wollten u. dgl. So heilsam anfangs die Macht der T. als Gegengewicht der Gewalt des Senats, der Consuln n. des Patriciats gewesen war, so verließen sie doch bald die Bahn der Mäßigung u. zeigten sich in der späteren Zeit oft als wuthende Demagogen, so daß der Staat durch dieß Amt in die größte Gefahr kam. Die gesetzliche Beschränkung des Tribunals, namentlich die Ueber- einstimmung im Collegium der T., welches nichts abschließen konnte, wenn auch nur ein einziger inter- cedirte, reichte nicht ans. Darum resormirte Sulla > ! ! » Tribur — Trichine. 499 durch die I-sx6ornoIia äs tribunieinpotoststs das Tribuuat im Sinne der Optimalen, indem er das Jnterccssionsrecht beschränkte, ihnen die Legislation entzog und sie auf das Maß ihrer ursprünglichen Rechtebeschränkte. ÄlleinPompejus,stellte 70 V.CHr. die frühere Macht der Tribnnates wieder her, u. in dieser erhielt es sich bis zum Übergang in die Man archie. Ünter Julius Cäsar erreichte es eine Höhe, welche es vorher nie gehabt u. in der Kaiserzeit bildete es in gewissem Sinne den Mittelpunkt der kaiserlichen Macht, während die noch fortbestehenden Volks-T. ihre frühere Bedeutung ganz verloren hatten. Das processuale llus anxilii besaßen sie noch, aber geschwächt durch die kaiserliche Instanz. Der Sitz im Senat verblieb ihnen, aber die Befugniß, Multen aufznlegen war sehr vermindert. 7 ) Dri- bumis voluptsinm, kaiserlicher Ausseher beiSpielen n. anderen öffentlichen Belustigungen. Jäger.» Tribur (Triburia), so v. w. Trebur. Tribns, politische Eintheilung der Bevölkerung des alten Rom.Zuerstgab es derendreipatricische:T. 8g.mnsvsis,ausdenLatinerngebildet,welchedenPa- latinischenHügelbewohnten;diell?.Libion8is,vonden unter Titus Tatins nach Rom gezogenen Sabinern auf dem Capitolinischen Berge; u. die 'I. Imosrnm, die unter Tullus Hostilins nach Rom nbergesiedelten Albanerbegreisend. Jede T. hatte als Vorsteher einen Tribunns(s. Tribunen 1); da sich nun bis zur Zeit des Königs Tarquin I. die T-glieder sehr vermehrt hatten, so theilte dieser jede in zwei Theile und unterschied Ramnsnsss primi u. ssonncii oder posteriores rc. Auf Servius Tullius wird die neue T.-Ein> theilung zurückgefllhrt, nach welcher die Stadt (1. vrbanae) in 4 locale Bezirke und T., M Palatina, aus dem Palatinischen u. Capitolinischen Hügel; D. snburana (it. gnousana), in der Niederung zwischen Cälius und Esquilin; T. Lsgnilina, an dem Esquilin; u. 1. Lollina, auf dem Quirinal u. Vi- minal, u. die Umlande in 26 T. (1. Rmsticas) zerfielen. Die Zahl der T. wuchs bis auf 35 (241 v. Chr.), bei welcher es blieb. Jeder römische Bürger gehörte zu einer T. u. hieß als socher Triduiis; das willkürliche Umziehen aus einer T. in eine andere war schon seit Servius Tullius gesetzlich verboten. Während ursprünglich die ländlichen T. den städtischen an Rang nachstauden, wurden sie denselben später gleich geachtet, ja da die ersteren meist aus Grundeigenthümern, die letzteren aus Kausleuten, Handwerkern u. Taglöhnern bestanden, erhielten die ländlichen endlich einen bleibenden Vorrang, und die Freigelassenen dursten bis zur Anerkennung der I-sx Lnipitia durch Sulla nur in die städtischen eingeschrieben werden. Auchwareseine censorische Strafe, daß ein Bürger aus einer ländlichen T. in eine städtische versetzt wurde (Tridn inovsrs). Jede T. hatte wieder Unterabtheilungen, Oeenrias; auch zerfielen die M Ilrdanae in Viei u. 6ompita, die D. Rnsti- eas in kaZi (daher ihre Feste Oowpitaiia u. valia). Nach der Reform der Centuriatcomitien, wo Klassen n. T. verschmolzen wurden, hatte jede T. 5 6sntnrias soviornm u. 5 Osnturias jnniornm. Die Terarii waren in keine T. eingeschrieben, sondern standen in den ludnlas Oasritnm. Eine sacrale Bedeutung hatten dis T. nicht, aber groß war von Alters her ihre Bedeutung in administrativer u. politischer Beziehung, da sie die Grundlage des Census, der Kriegssteuer (Trikmtum) n. der Aushebung bildeten u. in ihrer Gesammtheit eine mächtige Nationalversammlung repräsentirten, vgl. Oomibia tri- bnta. Daneben hatten die T. auch eins commnnale Bedeutung, La die Tributen eine enge Verbindung unter sich erhielten u. sich als Genossen gegenseitig als iLmioi u. Vioini betrachteten. Zwar dauerten in der Kaiserzeit, wenigstens in Rom, die T. wegen des Delectus u. der Spenden fort, aber wichtiger ist ihre Bedeutung im engeren Sinne für die in ihnen wohnenden Armen, welche bei den regelmäßigen Largitionen ihr Getreide umsonst erhielten, in jeder T. eine Art Corporation ausmachten und sich nach ihrer T. nannten. Vgl. Mommsen, Die römische T-, Alt. 1844. Jäger. Tribuscomitien, so v. w. Oomitis, tribnta. Tribut (v. lat. Tribntum), 1) (Ant.) ursprünglich inRom die Steuer, welche dieBürger zu Kriegszwecken an den Staat zahlten. Anfangs nach Köpfen (st?, in oapits,), seit Servius Tullius nach dem Vermögen (M sx csnsn). Seit der Eroberung Makedoniens (166 v. Chr.), wo Ämilins Paullns große Schätze in den Staatsschatz brachte, wurde gar kein T. von den Bürgern mehr bezahlt. Dafür erhielt nun gegen das Ende der Republik die von den Provinzialen theils als Grund-, theils als Kopfsteuer erhobene Abgabe, früher Lbipsnäiam genannt, den Namen Mibubum. Seit Kaiser Maximianus wurde das M auch aus Italien übergetragen u. erhielt den Charakter einer Reichssteusr, von welcher nur die Städte mit dem llns idalicnm frei waren. 2 ) Abgaben Besiegter od. in sonstig untergeordnetem Ver- haltniß zu einem anderen Staate Stehender an denselben, wie sie bei den Griechen, Römern, Persern und auch den Germanen Sitte waren. In diesem Sinne versteht auch die neue Zeit unter T. nur Abgaben bezwungener Völker an die Sieger. Tributär, d. i. tributpflichtig. Tricarlco, Stadt in der ital. Prov. Potenz«; Bischofsitz. Kathedrale, Seminar, Seidenzucht,Wein-, Tabak u. Safranban; 6856 Ew. Es litt 1694 sehr durch Erdbeben. Irioops (lat.),dreiköpfig; D. innseulns, Dreiköpfiger Muskel. Trichiasis, Einwärtskehrung der Augenwimpern gegen den Augapfel, Folge von narbigen Schrumpfungen der Lidbindehaut, des. bei der ägyptischen Angenentzündung od. Körnerkrankheit. Trichine, Haarwnrm, Miollmn Gattung der Würmer aus der Klasse der Rundwürmer. Hinterleib etwas verdickt, nicht geknickt; Geschlechts - u. Afteröffnung von 2 kegeligen Wülsten begrenzt. Bekannteste n. berüchtigtste Art T. spirniis Owen, T., Männchen 1,z nun, Weibchen 3 mm. Vollkommen entwickelte, geschlechtsreife T-n, die sog. Darm-T-n, finden sich nur im Darmkanal höherer Thiere n. des Menschen. In folgenden Thieren wurden Darm- T-n gefunden: Schwein, Hase, Kaninchen, Meerschweinchen, Ratte, Maus, Katze, Hund, Rind, Igel, Haushnhn, Taube, Truthuhn, Eichelheher. Der Aufenthalt der T-n im Darm beschränkt sich auf 4 bis 5 Wochen. Während dieser Zeit pflanzen sie sich fort. Das Weibchen setzt eine große Zahl, 200 und weit darüber, Junge ab. Die Darm-T-n gehen nicht in das Muskelfleisch über, sondern sterben nach und nach ab. Die zahlreichen, 0,i mm langen Jungen 32* 500 Trichinenkrankheit - dagegen wandern nach kurzem Aufenthalt im Darm, die Wandungen desselben durchbohrend, in alle Weichtheile des Körpers, besonders in das Muskelfleisch der Kau- und Athmungswerkzeuge. Nach beendigter Wanderung rollen sie sich spiralig auf und kapseln sich ein — die sog. Mnskel-T-n. Die ovalen Kapseln sind im Anfänge durchsichtig n. lassen unter dem Mikroskop den spiralig ausgerollten Wurm durch- scheinen, später jedoch werden sic durch Aufnahme von Kalisalzen, das sog. Verkleiden der Kapseln, undurchsichtig. Bis gegen 14 Jahrelang können die Mnskel-T-n in ihrer Kapsel lebensfähig erhalten bleiben. Wird das mit Mnskel-T-n behaftete Fleisch im rohen Zustande (durch Kochen n. starkes Braten werden die T-u getödtet) von Menschen od. Thieren verzehrt, so gelangen durch Auslösen der Kapseln die eingeschlossenen T-n in den Darmkanal, vollenden schnell ihr Wachsthnm u. erzeugen zahlreiche Brut, die den Proccßder Wanderung wiederum durchwacht bis zur Einkapselnng. Dis Lurch die wandernden T-n veranlaßte» krankhaften Zustände des Körpers sind Lähmungen n. Entzündungen mit fieberhaften, sogar den Tod herbeisnhrenden Erscheinungen. An 300,000-T-n fand man in wenigen Bissen Fleisch, deren Nachkommen etwa 30Mill. betragen würden. Daher ist größte Vorsicht im Genüsse rohen Fleisches anznratheu, bes. des rohen Schweinefleisches. Städtische wie Staatsbehörden haben eigene Beamte, sog. Flcischbeschauer, znm Zwecke der Untersuchung des Fleisches der geschlachteten Schweine angcstcllt. Der durch die T-n veranlaßte krankhafte Zustand des Körpers wird als T-nkrankheitbezeichnet, s. d. Bon den oben bezeichncten Thieren, bei denen T-n gefunden wurden, besitzen Muskel-T-n gar nicht die Vögel n. selten Hasen, Kaninchen u. Rinder, so daß das Schwein fast allein Beachtung verlangt. Die natürlichen Überträger der T-n an die Schweine sind Ratten u. Mäuse. Im 1.1876 wurden in Preußen 1,624,386 Schweine mikroskopisch untersucht u. darunter 860 mit T-n behaftete vorgefunden. Nachstehende Tabelle gibt die Details nach den einzelnen Regierungsbezirken: Regierungs- Bezirk. ^ >b Zahl d. trichinös befundenen Schweine. Zahl d. Gem., in denen trich. Schweine geschlachtet worden sind. ZKZ Königsberg . . 9436 63 23 93 Gumbinnen . . 30968 32 18 47 Marienwerder . 31509 47 26 147 Potsdam . . . 8992 2 2 32 Frankfurt a. d. O. 27272 33 19 169 Posen .... 47746 230 5,2 141 Bromberg. . . 1975S 61 24 134 BreSlau . . . 244840 03 41 1710 Liequitz.... 9135 8 2 67 Merseburg. . . 274264 88 51 244 Erfurt .... 109076 13 9 30 Magdeburg . . 226012 73 43 238 Hannover . . . 100361 20 12 477 Hildesheim. . . 122856 8 8 35 Lnneburq . . . 129676 9 9 208 Münster . . . 18668 1 1 11 Minden. . . . 78083 9 6 223 Arnsberg . . . 88084 3 2 56 Kassel .... 58670 37 11 105 Summa 16S4S801 800 S50 4172 Bgl. Wolfs, Untersuchung des Fleisches auf T-n, 5. A. Brcsl. 1878; Long, Das Wissenswerthcste über die Geschichte n. den Lebensgang der Driobina api- — Tmolro8niit!ie8. ralia, 2. A. ebd. 1878; Benecke, Die T. u. die mikroskopische Fleischschan, Straßb. 1879. . Farwick. Trichinenkrankhcit (Trichinose), ein durch die Trichine (s. d.) im Körper, namentlich in den Muskeln, bedingter Krankheitszustand. Die Trichinen gelangen durch den Genuß von rohem oder nicht ganz dnrchgekochtem, od. nicht genügend gepöckeltem Schweinefleisch in den menschlichen Körper, u. zwar zunächst in den Darm, begatten sich hier, gebären Junge, die sich schleunigst ans den Weg zu den willkürlichen Muskeln machen. Ob sie dahin gelangen, > daß sie die Darmwand durchbohren n. im lockeren l Bindegewebe weiter wandern, od.daß sie in die Blutbahn eindringen n. sich durch den Blntstrom in die Muskeln einschwemmen lassen, ist bis jetzt noch nicht entschieden. In den Muskeln angelangt, erregen sic zunächst körnigen Zerfall der Primitivfasern u. eine körnige Wucherung ans der Innenfläche des Sarco- ^ lemmaschlanches, Lurch welch letzteren die Trichine eingekapselt wird n. nach hierauf erfolgter Verkalkung der Kapsel kann sich die Trichine viele Jahre lebend und forlpflanznngsfähig in den Muskeln erhalten. Die Erscheinungen, welche die Trichinen Hervorrufen, bestehen in Katarrh des Darmes, wenn die Trichinen noch im Darme sitzen, u. können selbst heftige Schmerzen u. choleraartige Entleerungen vorhanden sein. In den Muskeln angekommen, erregen die Trichinen intensive, den rheumatischen ähnliche Schmerzen, welche durch Druck u. den Gebrauch der Muskeln vermehrt werden; nicht selten können die Kranken wegen der Trichinen in den Zwischenrip- penmnskeln, dem Lieblingsitze der Trichinen, nur unter den größten Schmerzen oberflächlich athmen. Immer sitzen, znm Unterschiede von den rheumatischen, die Schmerzen mir in den Muskeln, niemals in den Gelenken. Ein fast constantes Symptom ist eine wässerige Anschwellung (Ödem) des Gesichts, namentlich der Augenlider. Außer diesen Erscheinungen pflegt mehr od. weniger Fieber zu bestehen. Die Krankheit geht entweder in den Tod (in ca. 5 od. in Genesung über; die letztere ist meist nicht ganz vollkommen n. verzögert sich viele Monate. Die Behandlung besteht, so lange man noch im Darm Trichinen vermnthen kann, in energischen Abführmitteln; hat man es nur mit Mnskeltrichineu zu thun, vorzugsweise in Beseitigung der Schmerzen n. Er- I Haltung der Kräfte. Kunze. Trichite, schwarze oder undurchsichtige, kurzen Haarenden vergleichbare mikroskopische Gebilde, welche als eine besondere Form der Mikrolithe in ' vielen Gesteinen angctroffcn werden. , Trichomc (Haargebilde) werden alle Theile der Pflanzen genannt, welche sich aus Zellen der Oberhaut entwickeln, ohne Rücksicht ans ihre Function. ^ Meistens sind es nurHaare (s. d.); bei den Kryptoga- ^ men jedoch, namentlich beidenMoosenu.Farnen, entwickeln sich T. zu ungeschlechtlichen Fortpflanzungsorganen (Sporangien bei den Farnen) oder zu ge- , schlechtlichenFortpflanzmigsorganen (Anthcridien u. Archegonien bei Moosen u. Farnen). Engler. Trichord (v. Gr.), eine dreisaitige, kleine Laute od. Mandvnne. Irkodosaniiiss L., Pflanzcngatt. aus der Fam. der Onenrbitaeoas, nahe verwandt mit Ouonmis. Die Früchte vieler Arten wirken stark purgirend. R. ^.nguina (Schlangengurke), mit länglichen ge- Trichotomic — Tridentiner Concil. 501 krümmten Früchten, in China; dieselben sind bitter u. in Asien als Bandwurmmittel im Gebrauch, unreif werden sie als Gemüse genossen. Dasselbe gilt von 1. enspiciata, H,r. in Ostindien. Trichotömie (v. Griech.), Haarschneiden, Haarspalten. Trichroismus (fr.), im französischen republikan. Kalender der dritte Tag jeder Decade. Tridymit, Modifikation der Kieselsäure von 2,2g2 bis 2 , 82 « spec. Gew.; erscheint in einfachen od. vielfach verzwillingten, scheinbar hexonalen, wahrscheinlich aber triklinen Täfelchen; farblos od. weiß, glasglänzend bis perlmutterglänzend, Bruch musch- lig, Härter 7. Findet sich namentlich in Trachyten, sodann im Dolerit des Frauenberges bei Brückenau, im Porphyrit bei Waldbökelheim u. a. a. O. Trieb, s. Menschliches Wesen, S. 787. Triebe!, Stadt im Kreise Sorau des prcuß. Regbez. Frankfurt; Amtsgericht, Weberei, Schuhmacherei, Bierbrauerei, Dampfmahl- und Sägemühle, Ziegelbrennerei; 1600 Ew. Triel, s. Regenpfeifer. 7riSnms (lat.), dreijährig, was drei Jahre lang dauert. Daher Drksnninm, eine Zeit von drei Jahren; M sesäsmkeruu, der (gewöhnlich, stellenweise sogar gesetzlich bestimmte) dreijährige Besuch einer Universität. Trient (Trident, ital. Trento), Stadt mit eigenem Statut u. Hauptort in dem gleichnam. Bezirk der österreich. gefürsteten Grafschaft Tirol n. Vorarlberg, liegt in den Welschen Confinien (Grenzgegenden), in einem mit Weinbergen und Villen besetzten Gebirgskessel, links an der schiffbaren Etsch, über welche eine steinerne Brücke führt, Station der Oesterreichischen Südbahn (Brennerbahn); ist mit Mauern, deren ältere Theile angeblich von Theo- derich gebaut sind (mit vier Thoren) umgeben, har zwei Vorstädte, breite Straßen, ganz im italienischen Stile gebaute Häuser, zahlreiche Thürme, Marmorpaläste , den schönen Platz Piazza grande oder del Duomo mit Neptunsbrunncn, u. die große Piazza d'Armi. T. ist Sitz eines Fürstbischofs, eines Dom- capitels, hat Kreisgericht, Finanzbezirksdirection, Hauptzoll- u. Hauptsteueramt rc. Unter seinen 15 Kirchen sind namentlich bemerkenswerth: der 1048 gegründete, in seiner gegenwärtigen Gestalt 1212 begonnene u. zu Anfang des 15. Jahrh. vollendete Dom, eine romanische Pfeiler-Basilika mit Kuppel und halbverblichenen Wandgemälden; die Kirche Sta. Maria Maggiore (aus dem 16. Jahrh.), in welcher das Tridentiner Concil gehalten wurde, mit Trient — Trier. 503 den Bildnissen der Mitglieder des Concils; die Kirche S. Pietro, berühmt durch die Kapelle des h. Simon u. mit einer Gedächtnißtafel mit den Namen der 1487 bei Calliano gefallenen Osfiziere; die ehemalige Jesuiten-, jetzt Semiuarialkirche; die Kirche dell' Annunziata mit hoher Kuppel. Andere hervorra- gende Gebäude fiud: das Schloß Buon-Consiglio (einst Sitz der Fürstbischöfe, jetzt feste Kaserne) mit Resten von Fresken aus dem 15. Jahrh., das Rathhaus, der fürstbischöfl. Palast mit dem Stadtthurm (Torre di Piazza), der Jnstizpalast, das Theater, der gewaltige runde Angustusthurm (angeblich ein röm. Bauwerk), die Paläste Zambelli, Gallas (ehemals der Familie Gallas gehörig u. Geburtsort des Generals Gallas), Tabarelli u. Wolkenstein mit Gemäldesammlungen, Casa Tevini (wo während der Liga von Cambrai Friedensunterhandlungen zwischen Kaiser Maximilian n. den Venetianern stattfanden). T. hat außerdem 2 Schwesterninstitute, bischöfliches Klerikalsemi- uar (seit 1579) mit Bibliothek, theologische Diöcesau- lehranstalt, Obergymnasium, Lehrer- u.Lehrerinnen- bildungsanstalt, Handlungsschule, öffentliche Bibliothek, Museum mit römischen, keltischen u. anderen Alterthümern, Taubstummenanstalt, großartiges Waisenhaus u. andere Wohlthätigkeitsanstalten, Fabriken in Glas, Spielkarten, Papier, Leder, Tuch, Thonwaaren, Oel u. Confituren, iseideuspinnerei u. -Weberei, Eisengießerei, Glockengießerei, Bierbraue- rei, bedeutenden Handel; 1869:17,073 Ew, (mit den Vorstädten). In der Umgegend Obst- u. Weinbau, Gips- n. Marmorbrüche. Auf dem rechten Etschufer am Eingänge der Velaschluchtder besestigteFelshügel Verruca od. Dos Treuto mit schöner Aussicht. T. ist Geburtsort des Bildhauers Alessandro Vittoria. — T., das alte Tridentum in Rhätien, das von Strabo, Plinius u. Ptolcmäus erwähnt wird, ist der Sage nach von den Etruskern gegründet worden. Später gehörte es den Römern, dann den Gothen u. Langobarden. 78 n. Ehr. soll Hermagoras, Schüler des Evangelisten Marcus, hier das Evangelium gepredigt und den ersten Bischof Jovinus eingesetzt haben, welcher unter dem Erzbischof von Aquileja stand. Unter Karl d. Gr. kam die Stadt an das Fränkische Reich, unter Otto I. mit Italien an Deutschland, 1027 durch Schenkung des Kaisers Konrad ll. an den Bischof von T.; doch erkannte der Bischof u. das dasige Stift immer die Grasen von Tirol als ^ävoeatuo an. Berühmt geworden ist T. durch das Concil (s. Tridentiuer Coucil). 1802 wurde das Hochstist säcularisirt u. Tirol einverleibt. 1809 kam T. au Bayern, 1811 als Departement Ober-Etsch an das Königreich Italien u. 1814 an Oesterreich. H- Berns. Trient, linker Nebenfluß der Rhone im schweiz. Kanton Wallis, entspringt aus dem Glacier du T., dem nördlichsten Gletscher der Montblanc-Gruppe, durchströmt das gleichnam., in seinem oberen Theilc wiesengrüne und waldumhegte, in seinem unreren Theile eine ca. 12 Icm lange, enge, finstere n. schauer- liche Schlucht (Gorge du T.) bildende Thal, nimmt die Eau-Noire auf u. mündet bei Bernayaz. Zwischen dem T-- u. dem Rhonethale liegt der 1524 m hohe Cot de T. (bekannter unter dem Namen Col de la Forclaz de Martigny), über welchen ein Bergübergang von Martigny (Martinach) nach Chamou- nix führt. Trier, 1) Regierungsbezirk der preuß. Rheinprovinz; 7182,gg (ZIcm (130,s s^M) mit (1875) 615,111 Ew. (auf 1 sUkm 85,g, in ganz Preußen 74,Z; 1871 betrug die Einwohnerzahl 591,562, so daß die Bevölkerung seitdem um 4,„"/„ gestiegen ist. Der Regbez. ist gebildet aus dem größten Theile des Erzstistes T., Theilen von Luxemburg, des kurpfälzischen Fürstenthums Veldenz, der Grafschaft Saarbrück, Blankenheim und Gerolstein, der Wild- u. Rheingräflichen Länder, der Grafschaft Ottweiler u. Blieskastel, sowie Lothringens u. aus der Abtei Prüm, Len Herrschaften Neumagen, Dachstuhl, Illingen, dem Fürstenthum Lichtenberg rc.; grenzt an die preußischen Regbez. Aachen und Koblenz, den bayer. Regbez. Pfalz (Rheinpfalz), das oldeuburg. Fürstenthum Birkeufeld, das deutsche Reichsland Elsaß- Lothringen u. an das Grobherzogthum Luxemburg. Die Oberfläche ist durchaus gebirgig. Der N. des Regbez. ist von der Eifel, u. zwar von dem rauhe- ten Theile derselben, der Schneifel u. einem kleinen Theile der Vulkanischen Eifel, erfüllt; durch den S. erstreckt sich, von der Eisel durch die Mosel getrennt, der Hunsrück mit dem Jdarwald, dem Hochwald n. demSaarbrllckerSteinkohlengebirge. Viele, zum Theil romantische u. fruchtbare Thäler durchziehen das Land. Hauptflnß ist die Mosel, welche den Regbez. in zwei Hälften theilt u. hier die Saar (mit Biers, Prims u. Nied), Sauer (mit Prüm), Kyll, Salm, Lieser u. Alf aufnimmt. Eisenbahnen: zusammen 294,vs Icm. Davon kommen auf die Saarbrücker u. Rhein-Nahe-Eisenbahn 200,^ u. auf die Rheinische Eisenbahn 94,55 stm; außerdem sind mehrere Anschlußbahnen von Steinkohlengruben rc. vorhanden. Noch im Bau begriffen ist die Moselbahn (etwa 100 Icm). Die Gesammtlänge sämmtlichcr Kuuststraßen beträgt 1415 Icrn, der Telegraphcu- linien 508 Icm. Der Boden ist größtentheils wenig ergiebig u. nur in einigen kleineren Strichen fruchtbar. Von der Gesammtoberfläche sind 40,«°/« Ackerland, 0 , 5 "/, Gartenland, 20 ,g"/g Wiesen u. Weiden und 34 °/o Holzungen. Auf Weinberge kommt ein Areal von 3830,^ Im. Der Ackerbau ist im Ganzen von geringer Bedeutung u. die Getreideproduction deckt nicht den eigenen Bedarf des Regbez.; die Vieh, zucht dagegen, namentlich die Rindviehzucht, ist von Wichtigkeit. Viehstand am 10 . Jan. 1873: 29,416 Pferde (darunter 20,404, welche vorzugsweise zu landwirthschaftlichen Arbeiten benutzt wurden), 33 Maulthiere, 86 Esel, 246,726 Stück Rindvieh (darunter 126,015 Kühe), 109,777 Schafe (darunter nur 1656 Merinos u. 3721 veredelte Fleischschafe), 122,632 Schweine und 29,365 Ziegen; ferner an Bienenstöcken 38,506 (darunter 1774 mit beweglichen Waben). Seidenzucht: 1872 wurden erzeugt Cocons im Gewichte von 22 ,^ Pfd. Die Erwerbsquellen der Bewohner bilden Ackerbau, Viehzucht, Obst- u. Weinbau, Bergbau u. Industrie. Bergbau findet hauptsächlich statt aus Steinkohlen n. Eisenerze; ferner werden gewonnen: Kupfer-, Blei- u. Manganerze, Schiefer, Sandsteine, Gips, Kalk, Thonerde rc. Von Mineralquellen find namentlich zahlreiche Säuerlinge vorhanden. Die bedeutendsten Industriezweige bilden die Eisenindustrie u. die Ledersabrikation;es gibt zahlreiche Eisenhüttenwerke, Eisenhämmer, Eisengießereien u. Maschinenfabriken, Lederfabriken u. Lohgerbereien. Außerdem bestehen 504 Trier. Fabriken für Eisenbahnwagen, Tabak n. Cigarren, ^ zeigt, seitdem nicht mehr; die letzte Vorzeigung Glas, Papier, Tapeten, Thonwaaren, Steingut, Fayence, Porzellan, feuerfeste Steine, Seife, Lichte, Chemikalien, Liqueure rc., Branntweinbrennereien, Bierbrauereien, Kalkbrennereien rc. Die Steuerkraft des Negbez. ergibt sich aus folgenden Angaben: von je 100 der gesamiuten Klassensteuerbevölkerung waren für das Jahr 1875 zur Klassensteuer veranlagt 19,1» (in ganz Preußen 20,2g), davon 9„, mit einem Einkommen von 420—660 Ll, 0, facius (ebd. III., H. 1/13, S. 112—120); 8. Ur- > 513 Trierarchie künde Baldewins vom 1.1310, Mai 30.(ebd. III-, H. 1/3, S. 143—149); 9. Welche römische Imperatoren haben längere od. kürzere Zeit zu T. residirt (ebd. Ill-, H. 4/6, S. 217—230); 10. Anzeige von Berich. Seufferts Legende von der Pfalzgräfin Ge- Nvfeva (ebd. IV., H. III., S. 160—170). Görres. Trierarchie, d. h. die Ausrüstung der Trieren (Kriegsschiffe) sur den Staat, sowie die Besoldung und Verpflegung der Mannschaften, war zu Athen eine Obliegenheit der reicheren Bürger, die deshalb Trierarchen hießen. Triere (gr.), Dreidecker, schnelles u. leichtge- bantes Schiff, welches auf jeder Seite, der Länge »ach übereinander 3 Reihen Ruderbänke hatte und jheilweise od. auch wohl ganz gedeckt war; sie waren gewöhnlich Kriegsschiffe. Die Zahl der Reihen der Ruderer wurde übrigens noch gesteigert, es gab Penteren mit 5, Octeren mit 8 rc. Reihen. Triest (Triefte), rcichsnninittelbare Stadt im österreichischen Küstenlande, halbkreisförmig am Golf von T. des Adriatischen Meeres, ist Endpunkt der k. k. südlichen Staatsbahn (Wien-T.), Anfangspunkt der Eisenbahn T.-Mestre (Venedig) u. hat regelmäßige Dampferverbindungen mitdenmeisten europäischen Häfen und mit OÄsien. Die Stadt, deren Bauart italienisch ist, theilt sich in die Alt- u. Neustadt, letztere wiederum in die Theresienstadt, die Josephsstadt und die Franzensvorstadt. Die Altstadt, an den Abhängen des Schloßberges eng und winkelig gebaut, erstreckt sich bis zum Corso, dem alten Hafen und dem Meere; die Theresienstadt oder eigentliche Neustadt, von den übrigen Stadttheilen umschlossen und von der Altstadt durch den Börsenplatz u. den Corso (die schönste u. breiteste Straße mit modischen Verkanfslädcn) nordöstlich getrennt, ist der schönste Theil der Stadt u. Sitz der reichsten Handelshäuser; sie wird durch den Canal grande, der Len Schiffen das Löschen innerhalb der Stadt ermöglicht, in 2 Hälften getheilt. Die Franzensvorstadt, der neueste Stadttheil, wird durch den Torrente (Starebruk), einen hier ganz überbrückten Bach, von der Theresienstadt getrennt; zu ihr zählt man noch die nach dem Gebirge u. dem Castell zu gelegenen Vorstädte Chiozza, Conti, Cassi, Mauri- tio, Niay, Lazzarich, Loy u. die nach dem Meere zu gelegene Vorstadt Tomassini. Die Josephsstadt liegt südwestlich von der Altstadt am Meere. T. ist Sitz der Statthalterei, des Oberlandesgerichts, eines Handels- u. Seegerichts, der Steuerdirection, eines Hauptzollamtes, der Centralseebehörde, des Centralhafenamtes, einer Handels- und Gewerbekammer, eines Platzcommandos,Marineobercomma»dos, des Bischofs von Capo d'Jstria, der Consuln aller see- fahrendenNationen u. a. Behörden. Die Stadt wird vertheidigt durch ein Castell (1508—1680 an Stelle des ehemaligen römischen Capitoliums erbaut), durch das Fort S. Vito und ein Fort auf dem Molo S. Teresa, wo auch ein 33 m hoher Leuchtthurm, sowie durch mehrere Hafenbatterien. Unter den 7 arößerenPlätzenliegtder große Platz (Piazza grande, P. di S. Pietro), für Frucht- u. Victnalienhandel, in ter Nähe des alten Häsens Mandracchio, an ihm be- jindetsich das Kaffchans Locanda grande das Stadthaus mit der Militärhanptwache, ans ihm auch der 1751 durch Mazzoleni errichtete Brunnen der The- resiamschen Wasserleitung n. das Denkmal Kaisers PiererL Universal-Conversations-Lexikon. 6. Aust. XI — Triest. KarlVI.;der3eckigeBörseuplatz(Piazza dellaborsa), Mittelpunkt des Handels ».Verkehrs, mitdem1660 errichteten Standbild Kaiser Leopolds I., der Ponte - Rossoplatz (Piazza del Ponte Rosso), an der über den Cauale grande führenden Rothen Brücke, der Doga- naplatz mit großen Magazinen, der mit Bäumen besetzte Leipziger Platz (P. di Lipsia) in der Josephsvorstadt, an welchem die bischöfliche Residenz liegt, der Josephsplatz am Molo Giuseppina mit dem von Schilling modellirten, 3. April 1875 enthüllten Standbild des Kaisers Maximilian von Mejico, der als Contreadmiral in T. vielfach lebte. Endlich das neue Denkmal der Kaiserin Maria Theresia. Kirchen u. Klöster: Die Kathedrale S. Giusto am Schloßberge, ein im 4. Jahrh. begonnener byzantinischer Ban init 5 Schiffen, Alterthümern, Mosaiken rc. u. dem Grabmal des 1855 in T. verstorbenen Königs von Spanien Don Carlos, dabei ein ans den Fundamenten eines Jupitertempels um das Jahr 1000 erbauter Glockenthurm; auf dem Platze vor der Kathedrale die 1560 zn Ehren des Kaisers Ferdinand I. errichtete sog. Adlersäule. Die St. Peterskirche, 1367 erbaut, mit altem Glockenthurme; die Pfarrkirche Sta. Maria Maggiore (Jesuitenkirche), 1627 erbaut, mit Fresken von Santi; S. Maria del Soccorso (gewöhnlich S. Antonio Vecchio genannt), am Leipziger Platz; S. Antonio nnovo, am Ende des Kanals im griech. Stil; S. Giacomo; die neue Kirche in der Josephsstadt; die griechische Kirche S. Nicolo, mit großen Ölgemälden; die illyrische Kirche der orientalischen Griechen; die neue serbische Kirche, die armenisch-kathol. Kirche im byzantinischen Stil, die neue protestantische Kirche auf der Piazza Carradori; die Synagoge in der Altstadt. Unter den Palästen sind die Carciotti mit grüner Kuppel, Griot, Chiozza, Pi» gazzi (sonst Panzera), Fontana (mit Münzsammlung), Ara, Revoltella, Vuccetich, Jvanowich; Villa Necker (ehemals dem König von Westfalen gehörig, jetzt Sitz des Mariiteobcrcommandvs), Billa Murat (früher Eigenthnm der Erben des Königs Murat, jetzt eine Art Volksgarten). Außerdem das Statthaltereigebäude hinter dem Molo San Carlo. Kaufmännische-, Marine- und Militärgebäude: Ans dem Börsenplatz steht das 1840 ans Actien erbaute Ter- gesteum, in welchem sich der Handelsstand versammelt, die Bnreaux n. Lehrsäle des Lloyd u. des kaufmännischen Vereins sich befinden und jetzt auch die Börse gehalten wird. Daneben befindet sich das eigentliche Börsengcbäude, im Dorischen Stil mit Säulenfaxade von Mollari. Außerdem sind bemer- kenswerth das Mariuearsenal am neuen Lazareth, das Artilleriearsenal mir Marinekaserne, riesige Waa- renhallen und Waarenmagazine, Salzmagazin, die Schiffswerfte der kaiserlichen Kriegsmarine von 2. Marco, 3Kasernen, eine Reitschule, Militärmagazine, Militärlazarcth. Wissenschaftliche und Bild- ungSan stakt en: T, hat eine Marineakademie, eine Akademie für Handel u. Schifffahrt (seit 1844) mit Bibliothek, Sammlungen nautischer Instrumente u. Observatorium, eine Handelshochschule (seit 1877), ein Obergymnasium, eine Schule für Kirchengesang n. eine für Instrumentalmusik, eine Hebammennn- terrichtsanstalt rc. Unter den Museen u. Sammlungen steht oben an das zoologische oder städtische Museum Ferdinand Max, mit zoologischen, astrologischen II. Band. JZ 514 Trifels. u. zootomischen Sammlungen (bes. eine vollständige Fauna des Adriatischen Meeres) u. einer zoologisch- zootomischen Bibliothek, das Autiquitätenmuseum mit römischen Alterthümern, Münzen, Manuscripten und dem 1832 errichteten Denkmal des 1768 in T. ermordeten Winkelmann, die Loeistü äslla W- nerva, mit Gemälde- und Antikensammlung und Bibliothek, städtische und private Münzsammlungen, städtische ärarische Bibliothek, Städtisches Archiv, Botanischer Garten. T. hat noch mehrere Alterthümer des antiken Tergestum aufzuweisen, so eine Wasserleitung, welche durch Maria Theresia wieder hergestellt ist, eine andere in Trümmern liegende Wasserleitung, welche 2 ^ Meilen weit das Wasser herführte, den Arco di Ricardo od. II trionko in der Nähe der Kirche Sta. Maria Maggiore, welcher entweder ein römisches Siegesthor od. der Eingang zu einer Wasserleitung war, römische Säulen am Thurm der Kathedrale, Leichensteine, Inschriften rc. Wohlthätigkeitsanstalten: das neue Lazareth am äußersten nördlichen Ende des Hafens, 1769 bis 1841 erbaut, kann 4000 Kranke fassen, das großartige städtische Krankenhaus in der Franzensvorstadt, die Irrenanstalt, das Gebär- und Findelhaus,Hauptarmeninstitm, Kinderspital, israelitisches Spital, das Elisabethinische Mädcheninstitut zur Bildung weiblicher Dienstboten rc. Es gibt in T. 4 Theater, das Große Theater am Hafen, das Mrsatro Llaurouor in der Franzensvorstadt, Mrsatro kiloära- matiso u. Lrmcmia; das Tergesteum (s. o.) die 8c>- olstä äella Niusrva, 4Casinos, Musikalische Gesellschaft, Philharmonischdramatischer Verein, Stauda äl raäunaima äsi aommsroianti; ferner eine Kaltwasseranstalt in Scorcola, Seebäder n. Schwimmanstalten. Seine größte Bedeutung hat T. als der erste Handelsplatz der österreichischen Monarchie, als welcher es seit 1719 die Rechte eines Freihafens besitzt und dasselbe für das südliche Deutschland ist, was Hamburg für das nördliche. Der Hafen T-s, früher nur eine offene Rhede ist in den letzten Jahren nach den Bedürfnissen in großartigstem Maßstabe neu gebaut. Die jenseits des Leuchtthurms gelegene Bucht von Servola bei Muggiaist Stations- Platz der österreichischen Kriegsflotte. Der Schiffsverkehr war 1876 folgender: Angetommen Abgegangen Segelschiffe Daurpfer 6362 Mit 336574 T. 1489 „ 649108 „ 6330 mit 330209 T. 1498 „ 654835 „ .. Zus. 7851 mit S8S682 T. > 7828 mit SSS014 T. davon Österreich 5245 mit 5741V0 T. j 5250 mit 576287 T. Die Werthe der Ein- u. Ausfuhr zurSee beliefen sich 1876 auf 139,195,000 bezw. 97,896,000 Fl. Da- von kamen auf die europäischen u. nordasrikanischen Häfen 93,346,000 bezw. 65,121,000 Fl., auf die transatlantischen 33,647,000 bezw. 5,248,000 Fl., speciell auf die österreichischen 12,202,000 bezw. 27,527,000 Fl. Die Totalwerthe der Ein- u. Ausfuhr betrugen 218,116,805 bezw. 193,281,069 Fl. Unter den öffentlichen Instituten und Vereinen für Credit, Verkehr, Production u. Industrie sind die 1858 gegründete Commerzialbank, die Filial-Es- compteanstalt der österreichischen Nationalbauk, 25 Versicherungskammern, der Österreichische Lloyd (s. Lloyd 2). Die Industrie T-s erstreckt sich aus Fabrikation von Tauwerk, Leder, Wachs u. Wachslichter, Ölseife, Rosoglio, Möbeln, Essig, Salpeter, Weinstein; es gibt ferner eine große Dampfgetreide- mllhle, die große Dampfmaschinensabrik Ltabili- meato teouioo, Dampfchocoladenfabrik, Nähsabrik, in welcher alle Uniformen für die kaiserliche Marine gefertigt werden, Fabriken inSeide, Baumwolle, Ankern, Kanonenkugeln, Schiffswerfte, Wein-, Obst- u. Gemüsebau, FischfanglThnnfische, Austern von Ser- vola). Das Klima in T. ist höchst veränderlich u. wechselt oft in Zeit einer Stunde uni 5—7 Die mittlere Jahrestemperatur beträgt 10 ,DerScirocco, ein lähmender Südostwind, die Bora von N. u. die Bo- rina wehen jeder 20—30 Tage lang. Die besuchtesten Promenaden sind der Städtische Garten in der Franzensvorstadt, der Corso, der Molo S. Carlo, die Straße S. Andre am Meere hin über die Villa Campo Marzo nach Servola, die Allee Acquedotto mit dem Kaffehaus la Gloriette, das Wäldchen Bos- chetto im Thale S. Giovanni (der Prater der Trie- ster), das Jägerhaus auf dem Berge Farneda, Villa Revoltella mit der schönsten Aussicht auf Stadt und Umgebung, die 1823 entdeckte Grotte von Corniale u. a. Viele Landhäuser schmücken die die Stadt umgebenden Bergabhänge; in der Nähe liegt auch das Lustschloß Miramar (s. d.). Am Castell Duino, gegen NW., wächst der berühmte Wein Prosecco. In der Nähe Zaule mit bedeutender Austernzucht. Die Stadt ist in 10 Bezirke, 5 innere u. 5 äußere ge- theiltu. zählt 119,174 Ew. (im ganzen 949 km umfassenden Stadtgebiet 126,633), unter denen alle Nationen vertreten sind. T. ist das alte Tergeste (Tergestum) 180 v. Chr. von den Römern unterworfen u. unter Vespasian röm. Colonie, blühte es damals schon durch See- Handel. Im 6. Jahrh. wurde hier ein Bisthum ge- stiftet, welches unter dem Erzbischof von Aquileja stand. Viel litt T. von Langobarden, Hunnen, Gothen, Slawen u. anderen Barbaren, während und nach der Völkerwanderung, welche, so wie die Sa- racenen, die Stadt im 9. Jahrh. zerstörten. Von 1202—1382 stand T. unter venetianischer Botmäßigkeit, dann begab es sich unter den Schutz des Herzogs Leopold von Österreich. 1702 wurde es von einer französischen Escadre bombardirt. Karl VI. gab T. 1719 eine Messe und erhob den Hafen zum Freihafen. Im März 1797 wurde T. von den Franzosen besetzt u. erst 1805 wieder geräumt, 1809 im Frieden zu Schönbrunn, abermals an Frankreich abgetreten jedoch 1814 durch Patent wieder mit Österreich vereinigt. Von Mai 1848 bis 12. Aug. wurde T. von einer neapolitanisch-sardiuischeu Flotte blockirt. Im Oct. 1849 wurde T. nebst Ge- biel zur reichsunmittelbaren Stadt erhoben und bildet seit 21. Der. 1867 mit seinem Gebiet ein eigenes Kronland mit 2 Vertretern im Hause der Abgeordneten. Vgl. Löwenthal, Geschichte der Stadt T., Triest 1857, 2 Bde.; Scuffa u. Kandier, Ltoria oroiwAraüa, äi Irissto, ebd.1864„; Rziha, Die Bedeutung des Häsens von T. für Österreich, 2. A. Wien 1873; lLlmauaeoc» s Auiäa sosmatioa äi Irissts mit Plan (jährlich); kort äs Irissts st Kai« äs NuAAia, hcrausgeg. von Osp. äs 1a msr, Par. 1878 (Nor ^äriatigas, Nr. 3534). Schroot. Trifels (Dreifels), Ruine einer Reichsfestnng bei Annweiler im Bez.-Amt Bergzabern des bayer. Regbez. Pfalz, aus einem Berge 496 m ü. d. M. Die ehemals bedeutende Burg wurde im 10. Jahrh. 515 Irlfoliuin, — gegründet, wenn anch die jetzigeRuine aus dem 12. Jahrh. stammt. Hier hielt sich Heinrich IV. 1076 auf, als er vom Papste Gregor VII. in den Bann gethan und von den Fürsten u. seinem Sohne verlassen war. Auf T. hielt Heinrich V. den Erzbischof Adalbert von Main; in harter Gefangenschaft, aus welcher ihn die Mainzer Bürger befreiten. Heinrich VI. brachte 1193 den englischen König Richard Löwenherz von Dürrenstein an der Donau in weitere Haft hierher, bis der Sage nach der Sänger Blondcl denselben 1194 hier fand. (Der Aufenthalt des Königs währte nur vom 24. März bis 19. April 1193.) T- war oft Aufenthaltsort der Deutschen Kaiser, anch Schatzkammer derselben n. Aufbewahrungsort der Reichsinsignien. 1330 verpfändete Kaiser Ludwig IV. die Burg an Pfalz, später kam sie an die Zweibrücker Linie. Im 30jährigen Kriege mehrmals eingenommen, n. 1635 wegen einer pestartigen Krankheit von den Bewohnern verlassen. Außer sehr ansehnlichen Manerresten, ist bes. ein 1854 restaurirter, 80 Fuß hoher Thurm vorhanden. Vom Städtchen Annweiler führt eine hübsche Waldanlage nach dem 1 Stunde entfernten Gipfel des Berges. Südlich davon tragen 2 andere Gipfel des- selbenBergrückens dieBurgruinenAnebos u. Scharfenberg (Münze). H- Berns. Irikolium V,., Klee, Pflanzcngatt. aus der Familie der ImAllminosLS - kapilionaosas - Drikoiisas (XVII. 4); Kelch Sspaltig, Schiffchen stumpf, Staubblätter mehr od. weniger mit der Krone verwachsen; Griffel kahl, Hülse meist eirund, ein- bis vielsamig, schlauchartig n. in den Kelch n. die Blumenkrone eingeschlossen; Blllthen in Köpfchen od. kurzen Ähren; Arten sehr zahlreich. X) Mit Deckblättern u. nicht 2lippigem Kelch. Sect. I. 61irono8sminm, ausgezeichnet durch gelbe, nach dem Verblühen trockenhäutige, bleibende Blumenkrone, einsamige Hülsen u. deutlich blattwinkelständige Blüthenköpfe. Hierher: I. aursuva Voll., V. agrarium (V.) Voll., V. proenmdslw V. (Brachklee), letztere Art mit sehr kleinen Köpfen u. sehr verbreitet. Sect. II. Vritoli- astrnm, mit weißer od. rother Blumenkrone, 2—6- famigen Hülsen und blattwinkelstäudigen Blllthcn- köpfen. V. repons L. (kriechender Klee), mit kriechendem Stengel u. schmutzigweißen Blllthen, sehr verbreitet auf Wiesen. V. Ir^brickum V,. (Bastard- klee), mit aussteigendem Stengel u. Hellfleischrothen Blllthen, gutes Futterkrant. V. montannm V. (Bergklee), mit steifem Stengel, schmaleren, ellipti- schenBlätternu.weißenBlüthen.auftrockenenWiesen u. in Laubwäldern. Sect. III. UMilns. Sect. IV. 6r^pto8oiLckium. Sect. V. Impirmstor. Sect. VI. Invoiuoraria. 8) Mit Deckblättern und 2lippigen, oberwärts häutigem,nach demVerblllhen blasig ansgetriebenem Kelch. Sect. VII. Hsmipstz'ga. Sect. VIII. dalsaria. V. IraZilorum V. (Erdbeerklee), mit kriechendem Stengel und fleischrothen Blllthen- köpfen, häufig an Grabenrändern rc. 6) Deckblätter gänzlich verkümmert; Hülse oval, einsamig, im Kelch verborgen. Sect. IX. Ltsnosominm. Sect. X. Im- Aopns. V. arvonos L. (Mäuseklee), mit ausrechtem, ausgebreitet-ästigem Stengel, lineal-länglichen Blättchen u. langhaarigen Kelchen; auf Sandfeldern und trockenen Grasplätzen. V. pratonss L. (Wiesenklee), mit 3eckigen, Plötzlich in eine Granne verschmälerten Nebenblättern u. kugeligen Ähren; am häufig- Trigonometrie. sten angebaute Art. V. alpostro L., mit lanzettlich- pfriemlichen Nebenblättern, lanzettlichen Blättchen, kugeligen Ähren n. behaarter Kelchröhre; in trockenen Gebüschen. V. msckium L., mit lanzettlichen Nebenblättern, kugeligen od. eiförmigen Ähren und kahler Kelchröhre; in Laubwäldern und Gebüschen. V. rnbsns L., mit lanzettlichen Nebenblättern, cy- lindrischer Ähre u. kahler Kelchröhre; in Laubwäldern u. Gebüschen. Sect. XI. LatzwomorMnm. Irikormis (lat.), dreigestaltig. sEngler. Trift, 1) dieBewegnnz, der öftereGebrauch einer Sache; 2) der Weg, ans welchem das Vieh zur Weide getrieben wird; ist solcheT. mehrerenEigenthümern od.Gemeinden gemeinschaftlich, so heißt sieKoppel- T.; dann so v. w. T-gerechtigkeit; 3) so v. w. wilde Flößerei oder Holzschwemme, s. d. Art. Flöße. Triftgerechtigkeit (Tristrecht, auch Trist, 8sr- vitng aetn8, 8. nAoncki), das Recht eines Grundstücksbesitzers , sein Vieh über das Grundstück eines Anderen treiben zu dürfen, wobei aber, sofern nicht mit dem Triftrecht auch eine Weidegerechtigkeit ver- bunden ist, das Vieh vom Fressen selbst'abzuhalten ist. Triglav, Berg, so v. w. Terglou. Triglaw, der Hauptgott der alten Pommern (8UMMU8 paZauornm Dons), abgebildet mit 3 Köpfen, weil er nach der Erklärung der heidnischen Priester in Stettin Herr im Himmel, ans Erden u. in der Unterwelt war (vita s.Ottonio ll.«. 13). Ihm war ein schwarzes Pferd geweiht, welches die Orakel mit dem Fuße ertheilte. In Stettin hatte er den vornehmsten Tempel, dessenHolzwände mit Reliefs vo» Menschen, Vögeln u. anderen Thieren geziert u. bemalt waren; außerdem wurde T. noch anderwärts bei den Pommern, in Höhlen u. Grotten, verehrt. Triglyph (v. Gr.), 1) 3mal geschlitzt od. gespalten; 2) mit 2 ganzen u. 2 halben, also 3 aufrechten, abgeschrägten Furchen versehener Steinblock des dorischen Gebälks über demArchitrav (s.BaukunstTaf. IV. u. Säulenordnungen), welcher hauptsächlich die Last des Gebälks aufzunehmen hatte. Die Form ist höchst wahrscheinlich aus dem Holzbau hervorgegangen u. bezeichnet das demArchitrav anfliegende Balkenende, welches vermuthlich mit einem geschlitzte» Brette verkleidet wurde. Ewerb-ck. Trigonalzahlen, s. Polygonalzahlcn. Istigonellal,.,Pflanzengattnng ans derFam. der I-SAamino8as-I'apiIionLogLo- Istikolisao (XVII. 4), Kelch bspaltig, Schiffchen stumpf, Staubfäden nicht mit den Blumenblättern verwachsen; Flügel gleich, mäßig convex, am oberen Rande ohne Eindruck, Fruchtknoten bis zum Griffel gerade, Griffel kahl; Hülse einfächerig, lineal, od. länglich.lineal, zusammengedrückt, 6-bis vielsamig. Arten: I. losnum Araseum L. (Griechisches Heu, Bockshorn), in Süd- Europa u. auch in Deutschland cultivirt, mit 3zähli- gen Blättern, blaßgelben Blllthen, 7—9 om langen, liniensörinigen Hülsen. Das Kraut, sowie der Brei von den bes. gestoßen stark steinkleeartig riechenden, schleimigen Samen dient im Orient, bes. in Ägypten, als Speise. Der Samen dient als 8sm. kooni Araoei (Bockshornsameu) zu Pflastern, Salben, Viehpulvern. Engter. Trigonometrie (v. Gr., Dreiccksmessung), der Thcil der Mathematik, welcher aus einer hinreichenden Anzahl von Linien ».Winkeln, welche zu einem 33 * 516 Trigonometrische Functionen. Dreiecke (im Weiteren zn einer beliebigen geradlini gen Figur) gehören, das Dreieck (die Figur) berechn nen, d. h. die noch unbekannten Stücke durch Rechnung finden lehrt. Hierzu ist nöthig, daß sämmtliche verkommenden Größen gleichartig gemacht werde», was man dadurch erreicht, daß man statt der Winkel Linienverhältnisse, die von den Winkeln abhängen, einführt, die sogen, trigonometrischen (goniometrv scheu) Functionen (s. den folgenden Art.). Die Am Wendung der letzteren ist für die T. bezeichnend; die Lehre von Len trigonometrischen Functionen (Goniometrie) ist ein Zweig der T. Die T., soweit sie ebene Figuren behandelt, heißt ebene T., soweit sie sphärische Dreiecke behandelt, sphärische T. Die elftere findet ihre hauptsächliche Anwendung beim Feldmesscn, die letztere in der Astronomie. Wir finden die T., u. zwar die sphärische, als Wissenschaft zuerst bei Len Griechen im 1. Jahrh. n. Chr.; der berühmte Astronom Ptolemäos stellte im 2l Jahrh. ein System der sphärischen T. auf. Von Griechen n. Indern ging dieKenntniß der T. ans die Araber über, von welchen sie beträchtlich bereichert dem Abcndlande zukam. Bis in die neueste Zeit sind noch wesentliche Verbesserungen u. Fortschritte in der T. zu verzeichnen. Buchrucker. Trigonometrische Functionen (Goniome. irische Functionen), die Functionen Sinus, Cosinus, Tangente,Cotangente,Secante,Cosecante, ursprünglich Linienverhältnisse, deren Größe abhängig ist von dem Winkel, in welchem sich die Linien schneiden,durch deren Einführung in die Rechnung die Trigonometrie entstanden ist. In beistehender Figur sei um Punkt 0 mit dem Radius 00 ein Kreis beschrieben, M u. §1, seien auf einander senkrechte Durchmesser, in 0 und § seien Tangenten an den Kreis gezogen, ^8 sei ein von Punkt L auf HO gefälltes Perpendikel, also OL die Projektion von OL ans 00, die gerade Linie OL habe den durch den Pfeil angedeuteten Sinn, die Länge des Radius sei die Längeneinheit. Punkt L sei beweglich, er bewege sich von 0 aus aus dcmKreise in der Richlnug aus L; damit ändern zugleich die Punkte 6,1) u. L ihre Lage in leicht ersichtlicher Weise. ! 1) Sinns, im Sanskrit Ziva (Bogensehne), wahrscheinlich von den Arabern als gib» übernom- ^ wen, welches im Arabischen bedeutungslose WorO durch das in der Schrift jenem ganz gleiche Arütz nachmals ersetzt wurde; letzteres heißt Busen, lat. sinus. DerWinkel, welchen OL mit 00 bildet, heiße «, dann heißt das Verhältniß der projicirenden Li- LL nie 8L zur projicirten Linie OL, also od>, weil OL gleich 1 ist, die Maßzahl von 8L der Sinus des Winkels a, geschrieben sin a, gelesen Sinns a. 8L wächst, während L von 0 nach L geht und damit - ... in ink. SIN « — a-s- — 1.2.3 I.2.3L.5 Sinus versus, eine jetzt ungebräuchliche Function; sin vors a — 1 — cos a, mithin — ^ — 80. 2) Cosinus (aus eomplsmsnti sinns, Sinus des Complementwinkels, entstanden) des Winkels a ist das Berhältniß der Projektion 08 zur projicirten Linie OL, also ^ od., weil OL — 1 ist, die Maßzahl von 08, geschrieben cos a, gelesen Cosinus a. 03 vermindert sich, während a von 0 bis 90° wächst, von 1 bis 0; wenn L sich über L hinaus bewegt, a größer als 90° wird, erhält 08 einen dem früheren entgegengesetzten Sinn u. also entgegengesetztes Vorzeichen; man sieht leicht, daß der Cosinus sich inr zweiten Quadranten von 0 bis —1, im dritten von —1 bis 0, im vierten von 0 bis -i-1 bewegt. Der Cosinus eines spitzen Winkels ist das Verhältniß der ihm anliegenden Kathete zur Hypotenuse. Unter der früheren Bedingung ist «2 a« o°s«--1---6 —--^...IN ink. Cosinus versus, jetzt ungebräuchlich; eos vsrs « — 1 — sin a — UL. 3) Tangente des Winkels a, geschrieben tan « oder a oder tanA «, gelesen Tangens «, ist der Quotient oder das Verhältniß der projiciren- den Linie 3L zur Projektion 08, also ög ^ 00 oder, weil 00 — 1, die Maßzahl von 08; die geometrische Tangente 00 veranschaulicht demnach die vorliegende T.F., die von jener denNamen bekommen hat. Wenn a wächst, bewegt sich I) von 0 über 8 hinaus, bei a — 90° liegt 8 im Unendlichen; wenn a über 90° wächst, 8 sich über L hinausbewegt , trifft nicht mehr die Verlängerung von OL, sondern dessen rückwärtige Verlängerung die Linie 88; 08 erhält einen dem früheren entgegengesetzten Sinn u. somit entgegengesetztes Vorzeichen. Wie man leicht sieht, bewegt sich mithin die Tangente im ersten Quadranten von 0 bis -i- <», im zweiten von — <» bis 0, im dritten wie im ersten, im vierten wie im zweiten. Die Tangente eines spitzen Winkels ist 517 IriA^iiiu. - das Verhältniß der ihm gegenüberliegenden Kathete zur anliegenden. 4) Cotangente (aus oomplsmonbi tanAsns, Tangente des Complementwinkels, entstanden) des Winkels a, geschrieben cot a od. ootZ a od. et§ a, gelesen Cotangens «, ist der umgekehrte Werth von tan ad. i. - ^ — O"?," od. das Verhältniß der Projection OL zur projicirenden Linie LL, also ^ ^ od., weil OL —1, dieMaßzahl vonOO. Die geometrische Tangente 00 veranschaulicht demnach die Cotangente. Man sieht, daß 00 den Sinn ändert, wenn 0 von O ans nach L zu sich bewegt, d. i. wenn a über 90° hinaus wächst; daß im ersten Quadranten die Cotangente von -j- «> bis 0, im zweiten von 0 bis — >», im dritten wie im ersten, im vierten wie im zweiten sich bewegt. Die Cotangente eines spitzen Winkels ist das Verhältniß der ihm anliegenden Kathete zur gegenüberliegenden. 5) SecantedesWinkelsa, geschrieben so««, ge- lesenSecans a, ist der umgekehrte Werth desCosinus a, d. i. od. das Verhältniß ^ — ^5 — 00 ovo a, 00 00 (weil 00 — 1). Die geometrischeSecante OO veranschaulicht demnach die vorliegende Function u. hat ihr den Namen gegeben. Wenn a SO" überschreitet, fällt O auf die Rückverlängerung von OL, 00 wechselt also Sinn u. Vorzeichen. Die Secante bewegt sich im ersten Quadranten von 1 bis -0 «>, im zweiten von — « bis — l, im dritten von — 1 bis — «>, im vierten von -l- -v bis l; sie wird nicht häufig angewendet. 6) Cosecante (aus oomplemsnki 8sean8, Secante des Complementwinkels, entstanden) des Winkels a, geschrieben 080 a oder eosoe a, gelesen Co- secans «, ist der umgekehrte Werth von sin a, d. i. 1 OL, 00 — . ... -— — 00, welche geometrische Se- cante die Function veranschaulicht und offenbar bei a ^ 180° Sinn u. Vorzeichen wechselt, da sie dort auf die Rückverlängerung von OL übergeht; die Cosecante wird selten angewandt. Die Functionen Sinus, Tangente, Secante werden wol trigonometr. Hauptsunctionen, die drei anderenCosunctionen genannt. UmdieT-n F. negativer Winkel darzustellen, denke man OL in entgegengesetzter Richtung gedreht, L von 0 nach 0 hin bewegt; es finden die Beziehungen statt: sin a — —sin (— a), oo 8 « — 008 (— a), tan a — —tan (— a), ec>t a — —cot (— «), 8 so « — — see (—«), 68« « — —686 (—«). Eine trigo- nometrischeFunction ändert ihrenWerth nicht, wenn der Winkel sich um ganze Vielfache von 360" ändert: tan u. oot auch nicht, wenn der Winkel sich um 180 ° ändert. Der Name der Cosunctionen hat seinen Grund in dem aus der Figur sofort erhellenden Satze, daß der Sinus eines Winkels gleich dem Cosinus des Complementwinkels ist, LL —OLl, woraus folgt, daß überhaupt eine T. Function eines Winkels gleich der entsprechenden Cofunction des Complementwinkels ist. Die Werthe der T. F. sind für Winkel von rationaler Maßzahl nur ausnahmsweise rationale, in der Regel irrationale Zahlen, derenBerechnung jedoch mitHilfe unendlicher Reihen - Trikupis. bis zu jedem gewünschten Grade von Genauigkeit ausführbar ist; in den üblichen trigonometrischen Tafeln findet man nicht die Werthe der T°n F. selbst, sondern deren Logarithmen (meist für ain, ooa, tan, oot) systematisch zusammengestellt. Die Griechen wandten statt des Sinus die Sehne des. doppelten Winkels an, die Chordentafel des Ptolemäos ist als erste trigonometrische Tafel anznsehen. Die Func- tionSinus stammt von denJndern, von denen auch Sinustafeln berechnet wurden. Die Function Tangente wurde von dem Araber Abul Wefa erfunden, mußte jedoch im 15. Jahrh. von Regiomontanus von Neuem entdeckt werden. Die Elemente der Lehre von den T-n F. finden sich in jedem Lehrbuche der Mathematik. Buchrucker. IrigMa, Ordnung mehrerer Klassen des Linnc- schen Systems, durch 3 Griffel oder 3 Narben ausgezeichnet. Trlkhala(Terhale), 1) Stadtim türk.VilajetJa- nina, am Astopoto (Nebenfluß derSalambria) gelegen, Sitz eines griech. Erzbischofs; hat Schloß, mehrere Moscheen, griech. Kirchen, griech. Collegium, 2 Synagogen; baut viel Baumwolle, unterhält Färbereien u. Gerbereien; 10,000 Einw.; Ruinen der alten thessal. Festung Trikka, welche der Geburtsort des Asklepios war, der hier einen Tempel hatte. Im NW. liegen die berühmten griech. Pindusklöster (Meteoren) auf einsamen Felsen. 2) Bergflecken in der griech. Nomarchie Argalis (Peloponnes); 1606 Ew. Hier finden sich noch die Befestigungen, welche 1715 die Venetianer gegen die Türken anlegten. Trikölon (gr.), ein Gedicht aus 3 verschiedenen Bersarten. Trikupis, Spyridon, griech. Gelehrter und Staatsmann, geb. 1791 in Missoluughi; ward unter den Augen u. auf Kosten des Lords North, nachmals Grafen Guilford, Gouverneurs der Jonischen Inseln, in Korfu erzogen, nach Vollendung seiner Studien in Paris u. London dessen Secretär u. leistete ihm bei der beabsichtigten Errichtung einer Universität für die Jonischen Inseln wichtige Dienste. Nach Ausbruch der griech. Revolution im I. 1821 ging T. nach Griechenland, wo er bis aus die neueste Zeit, mit geringer Unterbrechung, die wichtigsten Posten in der Verwaltung ». Diplomatie bekleidete. 1824 war er mit Lord Byron in Missoluughi u. stand zu ihm als sein Nathgebcr in vertrautester Freundschaft. Unter König Otto war er in Griechenland von 1833—49 zu verichiedenenZeitcu Minister des Auswärtigen, sowie deSCnltus u. öffentlichenUnter- richts, Vicepräsident des Senats u. Ministerpräsident und bekleidete dazwischen von 1835 — 38 und 1841—43 den Posten eines außerordentlichen Gesandten in London. 1850 ging er infolge der Blokade der griech. Häfen durch England als außerordentlicher Gesandter nach Paris u. später wieder nach London. 1862 gab er den dortigen Gesandtschaslsposten aus u. kehrte nach Athen zurück, wo er seinen Sitz im Senate wieder einnahm und 24. Febr. 1873 starb. Er schr. ein Klephtengedicht:*0 x' ^ Par. 1820; -cko/or rTrcxyckvcoe xac r7rrr-/xrroi (eine Sammlung seiner Leichen- u. Siegesredeu aus den 1.1824—27), Ägina 1829; */i'a rh5 cTrai-aaräavwr, Lond. 1853 —57,4 Bde., 2. A. 1862. Sein Sohn Constantin T. war 1875—76 Ministerpräsident, 1877 im Coalitionsministerium Ko- 518 Trilatcral — Trinidad. munduros Minister des Auswärtigen. Er gehört zu den Radicalen. Lagai. Trilatcral (lat.), dreiseitig. Trilingnisch (v. Lat.), dreisprachig; Schriften, bes. Inschriften, welche in 3 Sprachen abgefaßt sind. Triliterismus (v. Lat.), das Bestehen der Stammwörter ans 3 Lauten, wie es z. B. im Hebräischen gewöhnlich ist. Triller (v. ital. Drillo), s. Verzierungen. Trillhiiusche«, Triller, ein an einer horizontalen Wette befestigtes, drehbares, hölzernes, mit Stäben versehenes Häuschen, in welches wegen Po- lizeivergehcn an manchen Orten Verbrecher niedern Standes gebracht u. umgedreht wurden, um so den Leuten znm Gespötte zu dienen. Trilling (Laterne), allgemeinsov.w.Getriebe, speciell Getriebe aus Holz; auch so v. w. Dreischlag, L.h. eine ähnliche Einrichtung mit drei Vorsprüngen, um das Rüttelsieb an Mahlgängen zu treiben. Trillion, eine Million Billionen, 10^, mit 1 u. 18 Nullen geschrieben, eine Einheit des dekadischen Zahlensystems u. zwar die 18. vor den Einern. IHIIo (ital.), Triller. Trilobiten(1rilobit:g.s,l?a1asaäas), krebsartige Thiere, welche ihren Namen von der dreilappigen Äbtheilnng ihres Körpers haben und den jetzigen Phyllopoden in ihrer Organisation am nächsten stehen. Sie waren von hornig-kalkigen Panzerstücken bedeckt. Der Kopf ist deutlich vom Rumpfe gesondert u. wird von einem großen, halbkreisförmigen od. pa- rabolischenSchilde bekleidet, dessen mittlerer Theil Len wirklichen Kopf einnimmt. Alle T. besitzen zwei Augen, welche mehr od. weniger deutlich aus den Seiten flächen des Kopfschildes hervorragen. Der gegliederte u.der Länge nach 3theilige Rumpf wird von 6—20 gleichartigen Niugschildern bedeckt, deren Verbindung mit einander bei mehreren Gattungen eine Zu- sammenkugelung des Leibes gestattet. Den Hinterleib bedeckt das Schwanzschild, welches dem Rumpfe, oft aber auch seiner Gestalt nach dem Kopfschilde sehr ähnlich wird. Die T. gehörten zu den ältesten Bewohnern der früheren Meere, verbreiteten sich, im Silur mit außerordentlich großem Formen- u. Jn- dividuenreichthum beginnend, bis in das Steinkoh- lengebirge u. starben dann gänzlich aus. Die wichtigsten silurischen Geschlechter sind Laruäoxläoo (?. bollemicno Bcri-r.); Olsnuo (0. mierurus L'ackk); X^uosbns (^.intsAsrBez/»'.); L.saxlius (.O h-ran- uu8 Murc/i); Iklasnno (l. Davlsii Aalt); Iri- nnelouo (1. eouesntrieus Blak.); Lak^lnsns (0. Llumsnbaeiii BroAw.). Jin Devon ist die Zahl der Geschlechter bereits sehr gesunken: kiiaoopo (?ü. labilrons Hoirmlonotus (II. armabno Brum.); Lrontsua u. einige andere. In derStein- kohlensormation sind nur noch wenige winzige Arien, namentlich der Gattung Lüilklpsia. (?b. puobu- lata §c/tl Geist die drei Personen erkennen zu sollen glaubte. Indessen kann eine dogmatisch unabhängige Exegese — Trinität. 519 in jenen u. anderen Stellen des Alten Testaments doch höchstens nur eine providentielle Vorbereitung einer Erkenntniß finden, die ganz und gar in dem Glauben an die Gottcssohnschaft Jesu Christi ihre Basis hat. Die für das Dogma von oer T. bedeutsamste Stelle des Neuen Testaments ist die sogen. Taufformel Matth. 28,19, wo Vater, Sohn u. Heil. Geist unterschieden u. ganz coordinirt als der Eine Gott genannt werden, ans dessen Namen die Taufe verrichtet werden soll. L)Die Entwickelung der Lehre von der T. in der Kirche. In den ersten 3 Jahrh. der Christlichen Kirche machten sich noch über die Persönlichkeit des Logos, über das gegenseitige Verhältniß zwischen Vater n. Sohn, über die Natur des Heiligen Geistes sehr verschiedene Ansichten geltend; namentlich standen sich im 3. Jahrh. zwei Ansichten gegenüber: die der Subordinatianer, welche im Interesse der Unterscheidung der drei Personen die Unterordnung des Sohnes unter den Vater u. des Heil. Geistes unter den Vater u. Sohn behaupteten, u. derPatripassianer od.Modalisteu (s- d.), welche im Interesse der Anerkennung der Einheit des göttlichen Wesens denUnterschied derPersonen soweit zurllcktreten ließen, daß die Gegner dieser Lehre aus derselben die Folgerung ableiteten, „der Vater habe gelitten". Jene erstere Lehrweise war hauptsächlich von Origenes zu Alexandria (s. d.), diese letztere vonSabellius(s.d.)vertreten. Einen bestimmten Ab- schluß erhielt die Lehre von der T. durch die Aria- nischen Streitigkeiten. Arms lehrte: Gott der Vater allein ist ewig u. Schöpker u. Erhalter der Welt; der Sohn wurde vor Erschaffung der Dinge durch den freien Willen des Vaters aus Nichts geschaffen, ist dem Vater nicht gleich an Wesen, sondern untergeordnet. Vom Geiste sagt er nichts, er scheint ihn für ein Geschöpf des Sohnes gehalten zu haben. Gegen ihn wurde ans dem Concil in Nikäa 325 dem Sohne u. 381 zu Constantinopel dem Heil. Geiste gleiches Wesen u. gleiche Würde mit dem Vater er- theilt. Diese Lehre wurde seitdem von der Abendländischen wie von der Morgenländ. Kirche vertreten. Doch trat seit dem Spanischen Concil zu Toledo 589 die Lehre, daß der Heil. Geist nicht nur vom Vater, sondern auch vom Sohne ausgehe, als eine die abendländische Dogmatik von der morgenländischen (welche den Ausgang des Heil. Geistes vom Sohne leugnete) charakterisirende Lehreigenthümlichkeit hervor. Die Reformatoren nahmen das überlieferte (im Mittelalter von der Scholastik mit ganz besonderem Interesse zergliederte) T-sdogma unverändert in die Evangelische Kirche auf. Unitarier, welche behaupteten, daß das T-sdogma nur als Lehre von der Existenz dreier Götter aufgefaßt werden könnte und welche gewöhnlich mit den Anabaptisten Hand in Hand gingen, wurden als Erzketzer verfolgt; Ser- vet ward sogar verbrannt. Indessen erwuchs ans dem Unitarismus der Reformationszeit der Socinia- nismus, der die T. läugnete. Neben demselben hielt zwar der Arminianismus das Dogma fest, wollte es jedoch nur im subordinatianischen Sinne gelten lassen. Späterhin suchte die Wolffsche Philosophie sich speculativ mit dem Dogma zurecht zu finden, ohne daß sie cs fertig zu bringen wußte, während der Rationalismus das Dogma ganz über Bord warf. Dasselbe schien daher für immer beseitigt zu sein, als die Philosophie Schillings n. Hegels, an Gedanken 520 Trinitatisfest - Jakob Böhmes anknLpfend, mit Versuchen einer von der kirchlichen Form des Dogmas ganz unabhängigen Reconstruction desselben hervvrtrat. Hegel n. Schelling wollten sogar in dem philosophisch verstandenen T-sdogma den Inbegriff der gesamm- ten religionsphilosophischen Wahrheit gefunden haben. Diese philosophische Begeisterung für das (von der kirchlichen, symbolischen Form zu befreiende) Dogma übte natürlich sofort ihren Rückschlag auf die Theologie aus, wenn schon Schleiermacher für dasselbe in seinem System keine rechte Stelle zn finden wußte. Die an Schleiermacher sich anschließende, von der Dogmatik des 16. u. 17. Jahrh. unabhängige theologische Wissenschaft erkennt daher wol in allen ihren Vertretern in dem T-sdogma ein Symbol der tiefsten Wahrheit an; aber nur ein Theil der sogen, positiven Theologen hält das Dogma in der altkirchlichen Form fest, während die Angehörigen des Protestantenvereins dasselbe sammt dem Dogma von der Gottheit Christi zur Seite warfen. Vergl. Baur, Die christliche Lehre von der Dreieinigkeit u. Menschwerdung Gottes in geschichtlicher Entwicklung, 1844; Ritzsch, lieber die wesentliche Dreieinigkeit (in den Stnd. u. Krit. 1841), u. die neueren Lehrbücher der Dogmatik u. Religionsphilosophie. Heppe. Trinitatisfest (Tsstnm Trinitatis), Fest zur Verehrung der göttlichen Dreieinigkeit; kam im 8. Jahrh. aus u. wurde auf der Synode in Arles 1260 zu feiern anbesohlen, aber erst seit 1334 durch Papst Johann XXII. allgemein. Für dasselbe ist der erste Sonntag nach Pfingsten bestimmt, u. nach ihm werden bei Len Protestanten die Sonntage bis zu Ende des Kirchenjahres gezählt; dieser sind, je nachdem Ostern früher oder später sällt, höchstens 27 u. wenigstens 23. Trinitatisordcn , s. Triuitarier. Trinite, Hafenstadt auf der franz. westind. Antille Martinique ; 6000 Ew. Trinity, 1) (T. Harbour) Hafenort an der Tri- nitybai an der NKüste der Halbinsel Avalon (Neufundland); Fischerei; von hier ans wurde im Sommer 1858 das erste Kabel zwischen Amerika u. Europa gelegt, das aber nach kurzer Dienstleistung zerriß. 2 ) (T. River) Fluß im Staate Texas, gebildet aus dem Elm Fork u. dem West Fork, welche sich oberhalb Dallas Court House vereinigen; hat sehr fruchtbare Ufer mit Baumwollen-, Zucker-, Reis- ii. Maisplantagen, wird bei Liberty für Dampfboote schiffbar u. sällt nach einer Stromläuge von ungefähr 900 icm in die Galvestonbai des Mejicanischen Meerbusens. 3 ) T. Land (Dreieinigkeitsland), das 1821 von Powell u. Pallmer entdeckte, am weitesten nach N. unter 62" südl. Br. u. 40" westl. L. liegende Antarktische Land. Trinkgefäst(Trinkgeschirr), Gefäß, woraus man bei Mahlzeiten u. Gelagen trinkt. T-e waren bei den GriechenbaldeinGegenstandder bildeudenKunst,bes. da sie z. B. unter den Geschenken waren, welche sich Gastsrennde einander verehrten. Das Material war meist Metall, die Formen verschieden: Karchesion, engbauchig, mit hohen Henkeln; Kantharos, hoch u.enghalsig u.weitbanchig; Kothon, von Thon, mit gewundenem Hals, Feldgefäß der spartanischen Soldaten; Skyphos, großes T. der Landleuts und Armen; Rhyton, oben breit, unten spitz, aus dessen engem Untertheil man den Weinstrahl in den — Tripelallianz. Mund laufen ließ; Kylix, Trinkschale mit Fnß und zwei Handhaben; Kotyle,klein,dem Spitzglas ähnlich. Wie sich das Aleison, Depas u. Kypel- lo n, welche beiHomer Vorkommen, unterschieden, ist nicht ausgemittelt; das Amphi ky pell on war ein Becher, welcher aus beiden Seiten eine Vertiefung halte n. zum Trinken od. auf der einen Seite zum Libiren gebraucht werden konnte. Bei den Römern wurden die T. (Taenia) bei steigendem Luxus viel prächtiger, als bei den Griechen; man verfertigte ! sie nicht nur aus edel» Metallen, sondern auch aus kostbaren Steinen (Krystall, Amethyst), Bernstein rc., besetzte sie auch mit Edelsteinen u. verzierte sie auf alle Weise. Außer einigen, welche sie von den Griechen entnommen hatten, waren Tubern u. Tllinln, flache Schalen; Lnlix, in Becherform mit niedrigem Fuß; Luxus, ein gehenkeltes Becherchen aus Thon (meist zu gottesdienstlichem Gebrauch) u. m. a.; dazu phantastische Formen, wie das L^mbinm u. 8on- plrium, wie Nachen gestaltet rc. Bei den germanischen Völkern war das Horn (Trinkhorn) vorherrschend. Im Mittelalter ging die Form der T- e in Becher über; die aus edeln Metallen gefertigten, mit reichen Ornamenten, Edelsteinen rc. geschmückten, bildeten einenHauptzweigderKunstderGoldschmiede. Die barbarische Sitte, aus den Hirnschalen erschlagener Feinde T >e zu machen, findet sich jetzt noch unter Cannibalen, aber auch germanische u. slawische Völker tranken aus solchen mit Metall besetzten u. geschmückten Schädeln. Tritt», Stadt in der ital. Prov. Novara; Gymnasium, Stiftskirche; starke Schweinezucht (gute Schinken); Reisbau; 7541 Ew. (Gem. 9774). Trio, 1) jedes für 3 Jnstruinentalstimmen gesetzte Tonstllck, von gleicher Form u. Einrichtung der Souate, des Quartetts, anfänglich auch 8onnbnu brs genannt. Ein Tonstück für 3 Singstimmen mit od. ohne Instrumentalbegleitung heißt Terzett; 2 ) der mit T. überschriebene Theil eines Marsches, Walzers, einer Menuett, auch des modernen Scherzo, von melodiösem und sangbarem Charakter, welcher mit den beiden ersten Theilen dieser Tonstücke abwechselt u. bei der alten Menuett abwechselungshalber dem 2stimmigen Hauptsatze gegenüber 3stimmig ausgefllhrt wurde. Siedenrock. Triole, Notenfigur von drei Noten gleichen Werthes oder die Zerlegung einer Note in Drittel. Da die gewöhnliche Notenschrift kein besonderes Zeichen für ein Drittel hat, so werden dieselben nach Maßgabe ihrer Dauer wie Halbe-, Viertel-, Achtel-, Sechzehntheilnoten geschrieben u. dem Vortragenden durch eine darüber geschriebene 3 angedeutet, daß er diese so bezeichneten Noten als Drittel anszusüh- reu hat. Siebeirrock. Triolett, Dreiklangsgedicht, ein kleines acht- (zuweilen auch neun- odex zehn-) zeiliges Ringelgedicht. Die erste Zeile wird nach der dritten und die beiden ersten nach der sechsten wiederholt. Die erste Zeile wird dreimal in der Strophe gesetzt (daher der Name); die beiden ersten Zeilen müssen natürlich einen vollständigen Sinn geben. Das T. hat meist nur zwei Reimlaute. Iripurtlius (lat.), dreitheilig. Tripel (Tripelerde, Torrn trixolitnlln), so v. w. Polirschiefer (s. d.). Tripelallianz, Verbindung von drei politischen 521 Triphaii — Mächte; bes. das 23. Jan. 1668 im Haag von England, Holland u. Schweden gegen Lndwig X.1V. von Frankreich geschlossene Bündniß, dessen Folge der Aachener Friede vom 2 . Mai 1668 war. Triphan, so v. w. Spodumen. Iriplox (Bot.), dreifach. Triplicat, die dritte gleichlautende Verfertigung einer Schrift. Triplik, im bürgerlichen Rechtsverfahren die Beantwortung der Duplik des Beklagten durch den Kläger. Besondere Gründe, namentlich die Vor- bringnng neuer relevanter Thatsachen in der Duplik, können den Richter bestimmen, den mit der Duplik eingetretenen Actenschlnß wieder aufzuheben u. die Fortsetzung zu »erstatten. Diese Venia triplioanäi stir den Kläger schließt die Venia gnaärnplieanäi für den Beklagten in sich, weil dieser das letzte Wort haben muß. Triplik (Eisenpecherz), Mineral, findet sich in derben Massen von muscheligem Bruch u. kastanien- brauner bis schwarzer Farbe; kantendurchscheinend bis undurchsichtig; Härte 5 bis 6 , spec. Gew. 3,« bis 3,g; chem. Zusammensetzung nach der Formel Morin k wesentlich Eisen u. Man- gan bedeutet; kommt im Granit von Limoges in Frankreich vor, Schlaggenwald in Böhmen, Pcilan in Schlesien. Iriplum (lat.), das Dreifache. Tripode (Tripus, v. Gr.) der Dreifuß. Trip odie (v. Gr.), metrische Periode, welche aus drei Versfüßen besteht. Tripöli (T. di Barbarin), 1) das Küstenland zwischen Aegypten u. Tunis (NAsrika), gegen das Innere (Sahara, Murzuk) ohne feste Grenzen. Die über 1200 Lm lange Küste hat wenig Gliederung. Die wichtigsten Caps sind: RasMachabcs, R. al Sahun, R. Taschuni, R. al Halal, R. alem Rum; Golfe außer der GroßenSyrte gibt es kaum,dieHäsen sind selten, Barka ist die einzige Halbinsel. Gegen S. liegt das vegetationslose Plateau Hamäda, das gegen die Küste in Terrassen (Gharizan Geb.) abfälll u. nur im W. mehrere Oasen (wie Rhadames) enthält. Die Halbinsel Barka ist mit einem Plateau erfüllt. Zahlreich sind die Strandseen mit Salzwasscr, auch Natronseen, dagegen mangelt es gänzlich an Flüssen und Süßwasserseen; der Boden zeigt aber außer den Wüstengebieten schon in geringer Tiefe Wasser. Das Klima ist im Allgemeinen trocken, warm u. gesund, nur der Südwind (Samum) ist sehr verderblich; die Küsten der Großen Syrte sind vielfach sumpfig, von Fiebermiasmen heimgesucht. Der Boden ist im Allgemeinen wenig fruchtbar, es werden gezogen Getreide, Baumwolle, Krapp, Wein (namentlich bei Misrata), Citronen, Oliven, Johannisbrodbänme, im Innern Datteln, Feigen, Granaten, Mandeln. Mit Fessan und Barka (seit 1872 politisch mit T. wieder vereinigt) ist die Größe etwa 900,000 djlrm. Die Zahl der Einwohner beträgt nach abweichenden Schätzungen 800,000 bis 1 , 200 , 000 , meist Mauren u. Araber, außerdem Türken und Juden. Die Industrie (Weberei, Leder-, Metallarbeiten) ist gering, der Handel dagegen recht bedeutend, da aller Handel mit Central-Sudan (Wadai, Borgu rc.) über T. geht; England, Italien!,:. Österreich sind hauptsächlich betheiligt. Der Werth der Handelsgegenstände wird auf 1 t Will. N angegeben, wovon aus Ein- u. Ausfuhr je die Hälfte. Hanptausfuhrgegenstände - Tripoli. sind: Weizen, Öl, Gerste, Elfenbein, Wolle, Gold- staub u. Vieh; der Sklavenhandel hat aufgchört. Eingefllhrt werden bes. Fabrikate in Wolle, Baumwolle, Metall, Glas, seruer Waffen u. Schießbeüarf, Nutzholz und Colonialwaaren. T. bildet ein türk. Vilajet u. ist in 5 Sandschakate: Tarablus i gharb, Djebel gharbie, Chamsi, Fessan, Benghazi getheilt. Im Allgemeinen ist das Land unter der Verwaltung seit 1835 zurllckgegangen. Für den auswärtigen Handel wird fast ausschließlich nach span. Piastern gerechnet. Maße: Längenmaß: der türk. Pik soll 680 , 5 , der kleine Pik 384 mm lang sein; Fruchtmaß: für Korn hat der Üba 4 Temen (Viertel) ä 4 Orbah, 1 Üba— 107,g5 Liter; Wcinmaß ist der venetianische Barilo in 24 Bozze getheilt. Gewichte: Handelsge- wicht: derCantaro(Centner) hat 100 Rotal (Pfund), der Rotal — 506,g Gramm, wie in Algier n. Fez. Goldgewicht ist der Metikal, getheilt in 24 Kharoubs; der Metikal moumery für verarbeitetes Gold wiegt 72 engl. Troygrän oder 4,5555 Gramm. 2 ) Hauptstadt hier, auf einer Landzunge, eng u. unregelmäßig gebaut, mit hohen Mauern u. 6 Basteien umschlossen, von herrlichen Gärten umgeben, hat Palast des Paschas, enge Straßen, plattdachige, meist steinerne, weiß angestrichene Häuser (ohne Fenster auf der Straßenseite), schöne Bazare, Moscheen, Karavan- serais, einige europäisch eingerichtete Wirthshäuser, katholische Kapelle, Synagoge; der Hafen, durch Batterien geschützt, ist gut; Industrie in Teppichen u. Leder ist nicht ohne Bedeutung; der Handel ausgedehnt, erstrecktsich bis Timbuktu, Boruu, Wadai rc.; 25—3O,000Ew.,wor.3O0OJsrasliten. Vgl.Rohlfs, DieBedeutungTripolitaniens, Wenn. 1877. Drouke. Tripoli (Gesch.). Der Landstrich, welcher das jetzige T. bildet, gehörte im Alterthum in seinem östlichen Theile, dem heutigen Plateau von Barka, zu Kyrenaika (s. d.), der westliche, das fast 100 Meilen lange Küstenland an Len beiden Syrien (s. d.) hieß nach diesen die Syrtenlandschaft (Sz-rtioa rsAio). Bewohnt von räuberischen Stämmen, den Nasamo- nen, Makeu, Gindanen, am westlichen Ende von den sagenhaften friedlichen Lotophagen, hatten sich in ihr Phöniker angesiedelt und die 3 alten Handelsstädte Leptis, Oea u. Sabratha gegründet. Zuerst zu dem Gebiet Karthagos gehörig, fiel sie nach dessen Fall an Numidien u. Ende des 2 . Jahrh. v. Ehr. an Rom u. bald nach dieser Zeit scheint infolge der Vereinigung der 3 Städte unter einer Regierung der Name Tri- polis (d. h. Dreistadt) entstanden zu sein, der dann seit Kaiser Septimius Severus aus das ganze Gebiet (Vripolitana rsZio) sich ausdehnte und speciell der der Hauptstadt Oea wurde, an deren Stätte die heut. Stadt T. liegt, während Sabratha in der Gegenwart Alt-T. genannt wird. Das Land blieb dem röm. Reiche bis zur Eroberung durch die Vandalen, fiel dann an die Byzantiner, 643 n. Ehr. an die Araber u. wurde ein Bestandtheil des afrikanischen Theiles des Khalifen-Reichs, unter dem die Reste griechischer Cultur vernichtet wurden. Im 13. Jahrh. kam es zu Tunis, machte sich jedoch Ende des 15. unabhängig. 1509 wurde es von den Spaniern unter Graf Pietro von Navarra erobert, 1530 von Karl V. den Johannitern übergeben, diesen jedoch 1551 von dem türk. Seeräuber Dragut abgenommen, der es dem Türkischen Reiche unterstellte. Die Verbindung mit der Pforte blieb jedoch eine lose u. aus Tributzahlung 522 Tripolis — Trippergicht, Tripperrheumatismus. u. Heeresfolge beschränkt; die Regierung lag in den Händen eines Dey genannten Statthalters, der zuerst von den Janitscharen auf Lebenszeit gewählt wurde, dessen Würde aber seit 1714 durch Hamed Bey aus der Familie der Karamanliin dieser erblich wurde. Der Seeraub war die Haupterwerbsquclle der Bevölkerung u. störte den Handel aller Nationen, erlosch auch nicht trotz der Züchtigungen, welche Lud- wig XIV. dem Dey 1681 durch Verbrennung seiner Galeeren durch Duquesne u. 1685 durch ein furchtbares Bombardement der Stadt T. durch d'Eströes angedeihen ließ, so daß im 18. Jahrh. fast alle handeltreibenden Mächte sich durch Tributzahlungen schützen mußten. Trotz dieser Einnahme verarmte das Land unter der despotischen Regierung u. durch Auswanderung immer mehr. Erst seit 1815 gelang es den Anstrengungen der Engländer u. Franzosen den Seeraub auszurotten, was den Dey Sidi Jussuf 1835 zu starken Bedrückungen der Bevölkerung und diese zum Aufruhr veranlaßte. Er selbst dankte ab, sein Sohn Sidi Ali wurde von den Türken gefangen gesetzt u.das Land zu einer türk. Provinz unter einem Pascha gemacht. Der harte Steuerdruck der türk. Paschas hat noch mehrmals (1842,1844,1855) gefährliche Aufstände hervorgerusen, die unter blutigen Grausamkeitcnunterdrückt werden mnßten.Thielemann. Tripolis, Stadt in Nordphönikien, am Mittcl- meere, trieb starken Seehandel, welcher durch den trefflichen Hasen begünstigt wurde. Jetzt Tripoli oder Tarabulus (s. d.). T. war von Tyros, Sidon u. Arados als Bundesort angelegt und zwar so, daß jede der drei Colonien einen besonderen mit Mauern cingeschlossenen Theil ausmachte, daher der Name T. Hier landete 162 v. Ehr. Demetrios I. von Syrien, welcher von der Snccession ausgeschlossen, in Nom gelebt hatte, nach seiner Entweichung von Rom und ließ sich hier krönen. T. kam mit Syrien an das Römische Reich und bei der Theilung desselben an das Oströmische Reich. 638 wurde es für den Khalifen Omar genommen. Im Ersten Kreuzzuge wurde T. durch Raimund von Toulouse u. nachdem cs wieder an Aegypten abgefallen war, abermals von dessen Sohne Bertram 10. Juni 1109 erobert, der cs zum Hauptort der ven Küstenstrich von Mar- kab bis zum Nähr el Kelb (zwischen dem Königreich Jerusalem im L>. u. dem Fürstenthum Autiochia im N.) umfassenden Grafschaft T. machte. Er hals 1110 dem König Balduin Berytus erobern u. nahm nach der Eroberung Sidons seine Residenz in T.; starb 1112. Sein Sohn PoutiuS verlor Tyrus 1124, ward 1132 vom Sultan von Aleppo im Schloß Montferrand belagert, durch König Fulco von Jerusalem befreit, 1137 im Kriege gegen den Sultan von Damascus von einem Syrer ermordet. Sein Sohn Raimund I., lange Zeit Gefangener des Sultans Zenghy, fiel 1151 von der Hand eines Assassi- nen. Im Jahre 1170 wurde T. von einem Erdbeben gänzlich zerstört, aber gleich wieder aufgebaut. Raimunds I. Sohn Raimund II., 1163 bis 1171 Gefangener Nnreddins, übernahm 1173 nebenbei die Regentschaft für den aussätzigen Balduin bis 1177, dann wieder nach Balduins Abdankung 1184 bis zur Krönung Guidos von Lusignan 1186. Am 3. Juni 1187 von Saladin bei Liberias geschlagen starb er plötzlich. Da er kinderlos war, rief die Wittwe seinen Pathen Raimund (III.), zweiten Sohn des Fürsten Bohemnnd III. von Antiochien zur Regierung. Diesem folgte sein Sohn Bohe- mund V., der von seinem Onkel Bohemund IV. das Fürstcnthum Antiochien geerbt hatte und 1201 die Grafschaft T. mit Antiochien vereinigte. Am 26. April 1289 eroberte der Mameluk Kclaun e! Mansur, König von Aegypten, T. u. machte es deni Boden gleich, doch wurde es in einiger Entfernung neu angelegt. Hier 1415 Sieg der Franzosen und Genuesen über die Saracencn. Schroot. Tripoliha (Tripolis), 1715 nach Sturz der Ve- netianerhcrrschaft in Morea, aus den Trümmern von Pallantion, Tegea, Mantinea, Muchli u. Trikli erbaute Stadt in der griech. Nomarchie Arkadien (Morea), am Fuße des MLualongebirges in der wiesenreichen OArkadischen Hochebene (659 m), unter der türk. Herrschaft Hauptstadt des Peloponnes mit 20,000 Ew.; wurde in der Griechischen Revolution 5. Oct. 1821 von den Griechen erobert, war 1823 der Sitz derRegierung, wurde 1825 von Ibrahim Pascha genommen und 1828 gänzlich zerstört, später aber wieder aufgebaut. Gegenwärtig ist T. die Hauptstadt der Eparchie T. und der ganzen Nomarchie Arkadien mit 1871: 7020 Ew., Sitz eines Erzbischofs u. eines Gerichtshofes erster Instanz u. hat Gymnasium, so wie mehrere Gemeindeschnlen. Eine deutsche Meile davon liegen die Ruinen von Tegea. Dronle. Trippel, Alexander, Bildhauer, geb. 1744 in Schaffhausen, fiedelte mit seinemVater, einem Schreiner , nach England und kam dort zu einem Instrumentenmacher in die Lehre, bildete sich später in Kopenhagen unterWicdevelt als Bildhauer,namentlich im Modelliren »ach antiken Vorbildern, aus und wurde hier im Aufträge des Bildhauers Stanley zu künstlerischen Arbeiten verwendet. 1771 ging er nach Parisund 1777 nach Rom, wo er sich namentlich durch das Monument des Grafen Tschernischew einen Ruf erwarb und auch die beiden berühmten Büsten Goethes u. Herders (1789) schuf u. später ein marmornes Denkmal Geßners für die Stadt Zürich aussührte. Sein Vorbild war die Antike. Er starb 1793 in Rom u. wurde an der Pyramide des Ee- stins begraben. Regnet. Tripper, so v. w. Gonorrhoe. Trippcrgicht, Tripperrheumatismus, eine in seltenen Fällen zum Harnröhrentripper hinzutretende u. wahrscheinlich auf Einschwemmung (Lmbo- lis) von Trippergift von der Harnröhre beruhende u. einer rheumatischen Entzündung gleichende Afsec- tion eines Gelenks und zwar vorzugsweise eines Kniegelenks, später anderer Gelenke od. eines Nerven od. von Muskelgruppen. Die T. verläuft entweder in acuter oder in chronischer Weise. Im er- steren Falle ist mehr oder weniger heftiges Fieber, Ausschwitzung in das Gelenk u. bedeutende Schmerzhaftigkeit, in letzterem Falle kein oder nur mäßiges Fieber u. erträgliche Schmerzhaftigkeit vorhanden. Ein Umspringen der Affectiv» aus andere Gelenke findet nicht statt u. hat man noch niemals Entzündung der inneren Herzauskleidung (Lnckoearckitis) bei T. beobachtet. Mit dem Aushören des Trippers hört auch die T. auf. Die Aussicht auf Genesung ist bis auf Ausnahmen vorhanden; bisweilen bleiben Gelenkwassersucht n. Gelenkverwachsung zurück. Die Behandlung besteht in absoluter Ruhe des Gelenks, 52A Tripsis — Tristan u. Isolde. Application von Blutegeln u. Anwendung von Eis« waffcrcompressen; bei chronischem Verlause genügen nicht selten Bepinselungcn mitJodtinctnr od. sorgsam angelegte Druckverbände. Kunze. Tripsis (v. Gr.), 1) Zerreibung; 2) so v. w. Friction; 3) so v. w. Einreibung. Triptis, Stadt im großherzogl. Weimar. Ver- waltuugsbez. Neustadt a. d. Orla, an der Orla unweit ihrer Quelle, Station der Thüringischen Eisenbahn; Schloß n. Ruinen eines Benedictinerklosters, welches 1170 nach Zwickau, dann nach Eisenberg verlegt wurde; Gerberei, Leimsiederei, Bierbrauerei, Ziegelbrennerei; 1875: 1685 Ew. Triptolemos (griech. Mythol.), Sohn des Königs Keleos von Eleusis, empfing von der Demeter einen mit geflügeltenDrachen bespannten Wagen, um auf demselben fahrend Gctreidesamen auf der Erde auszustreuen. Auf diesem Zuge kam T. zum Könige Lynkos in Skythien, welcher ihn ermorden wollte; Liesen verwandelte Demeter in einen Luchs. Durch den Schutz der Göttin entging T. auch den Nachstellungen des Getenfürsten Karnabon. Da auch Keleos ihn schließlich tödten lassen wollte, mußte er auf Befehl der Göttin dem Sohn sein Reich abtreten. T. wurde als Heros in Eleusis verehrt; abgebildct auf einem Drachenwagen, in der einen Hand Ähren u. ein Scepter haltend; er galt als der Erfinder des Pflugs und Begründer des Ackerbaues und der ans diesem hervorgegangenen Cultnr, wie auch als Stifter der elensinischen Mysterien. Hertzberg. Triptöton (gr.), ein Wort, welches nur in drei Casus vorkommt. Irlpuülum (lat., Aut.), 1) Auspicium aus der Beobachtung der heiligen Hühner (?uUi); 2) eine Art Tanz, Wafsentanz. Triqueballc, so v. w. Schleppwagen. Triqueti, Henry, Barouvo», franz. Bildhauer, geb. in Conflans 1804, st. inParis 11. Mai 1874, war zuerst Maler n. wendete sich 1830 der Plastik zu. Bon ihm die Gruppe: Tod Karls des Kühnen (1831) u. das Grabmal des Prinzen Gemahl. Regnet. Iriremis (röm. Ant.), ein Schiff mit drei Reihen Rudern; s. Triere. Trisection (v. Lat., Dreitheilnng, Math.) des Winkels, die berühmte Aufgabe des Alterthums, auf dem Wege der Coustruction einen Winkel in 3 gleiche Theile zu theilen; sie ist nur mit Hilfe von Curven, nicht mit Lineal u. Cirkel allein ausführbar. Insetum (^srs.), Pflanzengatt, aus der Fam. der 6ramineas-L.vsnsas (Hl. 1.), nahe verwandt mit ^vsna, verschieden von dieser Gattung durch die kahle, von der Seite zusammengedrückte, unge- surchte Frucht. Trishagron (Trisagion, Ilz'irmus anAsiisus, ll. slwrubisus, II. triumpbalis), ursprünglich das Dreimal Heilig od. das Epinikion, eine liturgische Formel, genommen aus Jes. 6, 3 u. von seinem Anfang: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth" so genannt. Es ist ein sehr alter Bestandtheil der griechischen Liturgie, welche diese Formel vor derOb- lation hatte. Später in den Zeiten der christologischen Streitigkeiten wurde das Epinikion zum T. erweitert, was wahrscheinlich in der Syrischen Kirche geschah, und in dieser Form von Constantinopel aus in dogmatischem Interesse verbreitet. Die Formel lautet jetzt: Heiliger Gott, Heiliger Starker, Heiliger Un sterblicher, erbarme Dich unser! Vom Monophysitis- mns wurde gegen den Nestorianismus zur Zeit des PeterFullonach„Unsterblicher"nocheingefllgt: „Der Gekreuzigte we^en unser." Löffler. Trismacrnr, Festung in Nieder-Mösien. Trismegistos (gr.), der Dreimalgroße, Erha-^ benste; s. u. Hermes. Irismus (lat.), Kinnbackenkrampf. Trissino, Giovanni Giorgio, italienischer Dichter und Gelehrter, geb. 8. Juni 1478 in Bi- cenza, ging 1502 nach Rom, wurde von Leo X. als Gesandter an den Kaiser Maximilian geschickt, war unter Clemens VII. Nuntius am Hofe Karls V. u. der Republik Venedig u. st. 1550 in Rom. Neben der Poesie liebte er vorzüglich die Baukunst. Er schrieb: Ibalia libsrata äsi lflati (die erste regelmäßige Epopöe); das Trauerspiel; 8olo- nisba; das Lustspiel: I similimi (die Zwillinge); eine Poetik; Opsrs, Hrsg. von Maffei, Ber.1729, 2 Bde.,, Fol. Vgl. NicolilÜ, G. T., Vic. 1874. Booch-Arkossy.' Trist (v. Lat.), traurig, düster. Tristan da Cunha, eine kleine Felseninselzwischen der Südspitze Afrikas und Süd-Amerika, aus einem erloschenen Vulkan, ans Basalt, Dolerit und Laven bestehend, mit einem Kegel von über 2500 m. Höhe; den Krater füllt ein See aus, 116 HZIcm groß mit 85 Einw. Dabei noch zwei kleinere Inseln; die Gruppe heißt auch Erfrischungsinseln. In wei- terer Entfernung nach der amerikanischen Küste zu die Dreieinigkeitsinseln, bestehend aus kahlen, bis 600 m ansteigenden Felsmassen. Tristan u. Isolde, Sage aus dem Kreise des Königs Artus und der Tafelrunde, bretonischen Ursprunges. Über die verschiedenen Bearbeitungen s. Irisbau ob Isult, posm» äs Ooblrit äs Lbrasbourg', eompars ä ä'autrss xoeiuos sur Is msms sussb, par L. Lasset, Par. 1865; R. Heinzel, Tristan n. seine Quelle, in Haupts Zeitschrift XIV., 272; Ger- vinus, Geschichte der deutschen Dichtung, 5. A. I. 622—624. Deutsche Bearbeitungen von Eilhart von Oberge (s. d. Art. Oberge), dann von Gottfried von Straßburg, aber von diesem unvollendet u. fortgesetzt von Ulrich von Türhcim u. Heinrich von Freiberg (s. d. Art. Deutsche Nationalliteratur, S. 169, b. u. Gottfried 5). Die Grundzüge der Erzählung sind nach Gottfried von Straßburg u. Heinrich von Freiberg folgende: Riwalin, König zu Lohnoys (Leon- nais) in Parmenien, gewann bei seinem Aufenthalt am Hofe des Königs Marke von Kurnewal (Cornwall u. Engellant, dessen Schwester Blancheflur lieb, entführte sie und heirathete sie daheim. Riwalin blieb darauf in einem Gefechte gegen seinen Lehnsherrn Morgan; Blancheflur aber gebar einen Sohn, Tristan, und starb im Wochenbette. Ri- walins Marschall, Rual, und dessen Gemahlin Florete erzogen den jungen Tristan im KastelCa- noel u. gaben ihn für ihr Kind ans. 14 Jahre alt wurde Tristan von norwegischen Kaufleuten entführt u. in Kurnewal ausgesetzt, kam an den Hof des Königs Marke, bei welchem er sich sür einen verlorenen Kaufmannssohn ausgab und Jägermeister wurde. Erst durch Rual wurde Tristan später vom König Marke entdeckt und nun zum Ritter geschlagen. Er rächte des Vaters Tod an Morgan, übergab sein Land dem treuen Rual und ging zu seinem Oheim Marke zurück. Hier erlegte er Morolt, den Königs- 524 Tristany sohnvonJrland, welcherTribut zu holen kam, wurde aber im Kampfe mit ihm selbst tödtlich verwundet. Nur Morolts Schwester Isolde konnte solche Wunden heilen. Als Sänger verkleidet ging Tristan nach Irland, wurde von ihr geheilt u. ihr Lehrerim Ge- sänge. Dann kehrte er zn Marke zurück. Dieser wollte ihm sein Land übergeben, wurde aber von seinen Mannen zu einer Heirath bewogen. Er sollte durchTristan um dieHand Isoldens werben. Tristan führte, alsKaufmann verkleidet,seinenAnftrag glücklich aus und erhielt Isolden für seinen Herrn. Die Mutter gab ihr heimlich einen Liebestrank für den Bräutigam mit; aber T. u. I. tranken denselben unbewußt, entbrannten in Liebe zn einander u. vermählten sich unterwegs. Isolde wurde nun zwar Markes Frau, blieb aber unzertrennlich niit Tristan verbunden. Als Marke dieses Verhältniß erfuhr, mußte Tristan fliehen; er ging nach der Normandie, nach Alemannien, zuletzt nach Parmenien, wo Rual gestorben war; in Arundel focht er für den Herzog Jo- velin u. liebte dessen Tochter Isolde mit denwei- ßen Händen. Zwar vermählte er sich mit ihr; aber die Erinnerung an die zuerst von ihm geliebte Isolde hinderte ihn, die Ehe mit seiner Gemahlin zu vollziehen. Er ging an Artus' Hof zu einer Versammlung der Tafelrunde, u. Artus führte die Versöhnung zwischen ihm u. Marke herbei. Als aber Tristan sein Verhältniß zu Isolden sortfetzte, verdammte ihn Marke zum Tode. Tristan entführte die Geliebte nach der Liebeshöhle, wo er häufig mit ihr zusammenkam. Nach einem halben Jahre kehrte Isolde zn Marke zurück; Tristan aber ging nach Arundel zu seiner Gemahlin. Endlich erhielt er in einer Fehde für seinen Schwager eine tödtliche Wunde; zur Heilung beschied er Isolden aus Knrnewal zn sich; aber auf die falsche Nachricht von ihrer Weigerung zu kommen, starb Tristan. Aus Gram folgte ihm die Geliebte im Tode nach. Marke, welcher jetzt erst den Grund dieser verhängnißvollen Leidenschaft erfuhr, begrub zu Tintajol beide nebeneinander u. setzte auf das Grab Isoldens einen Rosenstock u. aus das Grab Tristans eine» Weinstock, die beide in einander wuchsen u. sich so fest verschlangen, daß sie nicht mehr getrennt werden konnten. Vgl. Jmmermann im 13. Bande seiner Werke. W. Hertz, T. u. I. von Gottfried von Straßburg, neu bearb. u. nach altfranz. Tristanfragmenten des Tronvere Thomas ergänzt, Stuttg 1877; Die nordische und die engl. Version der Tristansage herausgeg. von Kolbing, Heilbronn 1878. G. Zimmcrmann. Tristany, Mosöe Benet, geb. um 1780, vor Ausbruch des Bürgerkrieges in Spanien ein Würdenträger der Kirche, nachher im Karlistenkriege u. später einer der gesürchtetsten Guerillaführer in Ca- talonien, bei einem seiner kühnen Züge wurde er 1847 mit seinem Unterchef Ros de Eroles gefangen u. erschossen. Tristlchon (gr.),ein dreizeiligesGedicht.dreizei- lige Strophe. Irislis (lat.), traurig; daher liistia, Klage-, Trauerlieder; Titel der Elegien des Ovidius s. d. Trisylkabus (v. Gr.), Versfuß, aus 3 Sylbcn bestehend. Trisyllabum, ein dreisylbiges Wort. Tritheismus (v. Gr.), in der Christlichen Kirche die Irrlehre, daß jede Person der Trinität eine be- sondereindividnelle Substanz, ein bes. Wesen sei, mit- — Triton. hin 3 Gottheiten bestehen. Diese Ansicht stellte bes. der Syrer JohannesAskusnages u. sein Schüler Johannes Philoponos im 7. Jahrh., später Roscellin auf. Trityemius, Johann, hervorragender Humanist, geb. zu Trittenheim(ErzbisthumTrier) 1. Feb. 1462, Sohn eines armen Landmanns Joh. Heidenberg. Früh verwaist u. mittellos, aber voll Wissensdrang, verließ er Las väterliche Hans, lernte zn Trier Latein, studirte, nach mannigfachen Wanderungen als fahrender Schüler, zn Heidelberg, wo ihn R. A gricola in die philologischen n. historischen Wissenschaften einführte. Auf einer Reise in die Heimath blieb er im Kloster Sponheim bei Kreuznach, trat 1. Febr. 1482 als Mönch ein u. ward schon 1483 zum Abt gewählt. Der Ruf seiner Gelehrsamkeit brachte ihn in Verbindung mit den bedeutendsten Gelehrten u. vielen Fürsten. Die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften zog ihm den Ruf zn, er treibe die Schwarze Knust, widerspenstige Mönche seines Klosters bereiteten ihm Ungelegenyeiten: er re- signirte deshalb und folgte, glänzende Anträge Kaiser Maximilians und des Kurfürsten Joachim von Brandenburg ablehnend, einem Rufe nach Würzburg, wo ihm Bischof Lorenz die Stelle eines Abtes vom Schottenkloster St. Jakob verschaffte. Dort st. er 16. Dec.1516. Die äußerst zahlreichen Schriften kamen meist erst nach seinem Tode heraus. Die theologischen (bes. Heiligengeschichten, Predigten u. Askese, Abhandlungen über Ordensregel, klösterliches Leben u. dessen Reformation) sammelte Busaeus (Mainz 1604 f.,Fol.); die historischen M.Freher (Frkf. 1601, 2. Bde., Fol.). In diesen beweist T. unglaubliche Belesenheit u. großen Sammlerfleiß, der sich auch aus Ausbeutung der Archive erstreckte; allein er verfährt ohne Kritik u. erfindet selbst angebliche Quellenschriften, um unter ihrer Ägide seine Ansicht von der älteren Geschichte vorzutragen. Seine historischen Schriften (die wichtigsten sind Xnnalss äs ori- Amo Asntüs vrauoornm; Obroirioon monastsrii Lponbsimsusis u. man. ilirsanAisnsis; obronioon snoosssionis änenin vavarias sb oom. valat.; vor allem die wichtigen biographischen Sammelwerke OataloAns illnstrium virornm und Vs sorixtari- bns soolssiastiois) sind darum nur mit der äußersten Vorsicht zu benutzen und nur für seine Zeit zuverlässig. Andere Schriften: Vibsrootognasstionnm aäNaximil. 6assar.. Oppenh. 1515; Xatnralmm Hnasstiaimm librl XX; Vol/Arapbias likri VI. aä U. 6. omn elavs ssn snuolsaiorio, in gnibns plnres soribsmli moäos apsrib, Oppenh. 1518; LbsZanoAraxbia sivs äs rations ooonlts soribsnäi, Frkf. 1606;VpistoIas familiäres, 1536. W.Crecelms. Iritieum L.. s. Weizen. Tritomle (v. Gr.), die Theilung einer Einheit in 3 Theile, jedes Theils dann wieder in 3 Theile u. s. f. Tritomisch, 3mal zerschnitten. Triton (griech. Mythol.), Sohn des Poseidon u. derAmphitrite, Meergott mit Fischschwanz u. Floßfedern, im Mittelmeer (aber auch die Localgottheit des libyschen Sees Tritonis), gebot mit seiner weithin tönenden schneckenförmigen Muscheltrompeteden em- pörtenGewässern. Auch im Gigantenkriege erschreckte er durch sein Blasen die Götterfeinde. Daneben werden mehrere Tritonen genannt: Doppelwesen, halb Mensch, halb Fisch. Nach der Vorstellung der Alten war ihr Hanphaar grün, der Leib mit Schup- Triton — Triumph. 525 pen bedeckt, sie hatten Kiemen unter den Ohren, menschliche Nase, breiten Mund mit Thierzähnen, grüne Augen, rauhe Hände, u. endeten unten in einen Delphinschwanz; sie hatten die Muscheltrompete u. dienten den Nereiden zum Reiten wie auch zum Ziehen ihrer Gespanne. Hertzberg. Triton (Wadi el Dschedi), bedeutendster Fluß am Südabhange des Atlas in Algier, entspringt aus den Dschebel Amur, fließt nach O. am Rande des Atlas entlang, dessen Bäche er sammelt u. verschwindet im Gebiete des Schatt Melrhirh. Triton, s. Molche. Tritonshorn , Tritonium Lrrr/s., Schnecken galt, aus der Ordnung der Vorderkiemer. Gehäuse bauchig, nach der Spitze zu lang kegelförmig gewunden; Windungen breit, grob spiralig gerippt; Spindel schwielig, umgeschlagen; Mündung oval; Lippen grob gerieft. Größere Arten von 30 cm werden als Trompeten verwendet. Wärmere Meere. Arten: N. varicgatumLam., gen.Trompetenschnecke. Indischer Ocean. Fossile Arten finden sich von der Kreide an. Tritonus (Tritono), die aus 3 ganzen Tönen bestehende übermäßigeQuart od. verwunderte Quint, z.B. k—Ir, c—§cs; war indem altenKirchengesange verboten u. muß auch jetzt vorsichtig eingcfiihrt werden. Der T. entsteht auch, wenn 2 Stimmen in großen Terzen od. kleinen Sexten fonschreiteu, was die Alten mit mi contra ks bezeichueten und durch den Spruch Lli contra ka sst ckiabolus In mnsica ver boten. Tritschinopoli(Trichinop.oly,Tirutschiuapalli), 1) Districtder iudobritischen PräsidentschaftMadras, eine flache Ebene, bewässert von der Cavery u. ihren Nebenflüssen und durchzogen von der Südiudischeu Eisenbahn, mit trockenem, heißem Klima, hauptsächlich Reis, auch Baumwolle und Tabak hervorbrin gend. 9100 s^üm u. 1,200,408 Ew., meist tami- lischer Abstammung, zum Theil Christen, die außer Ackerbau auch einige Industrie in baumwollenen Zeugen betreiben. 2) Hauptstadt davon, am Fuß eines Graniikegels, aus dem ein Fort und ein be- rühmter Tempel des Siva stehen, u. der genannten Bahn, eine weit ausgedehnte Stadt, zerfallend in einen europäischen und einen eingeborenen Theil, wichtige Militäcstation; 76,530 Ew. T. war im 18. Jahrh. ein Streitpunkt zwischen Engländern und Franzosen u. wurde 1801 durch Cession des Nabobs von Carnatic britisch. Thielemann. Trittau, Kirchdorf im Kreise Stormarn der prenß. Prov. Schleswig-Holstein, unweit der Bille; Amtsgericht, Oberförsterei,Papiermühle,Bierbraue lei, Dampssägemühle, Ziegelbrennerei, Holzhandel; 1875: 1299 Ew. Triumph (Lriumplms), 1) die höchste militärische Belohnung im alten Rom, bestehend in feierlichem Einzug des Feldhcrrn mit seiner siegreichen Armee in die Stadt; der Antrag dazu ging vom Feldherrn aus u. wurde von dem Senat decretirt. Nurderjenige konnteAnsprllchc auf einen T. machen, welcher als Oberseldherr im Kriege mit auswärtigen Feinden gesiegt, den Staat durch Eroberung vergrößert hatte, seine Provinz beruhigt (Trium- xllalia provincia) zurückließ; Sieg in einem Bürgerkrieg od. Auswetznug einer früher erlittenen Niederlage verliehen keinen Anspruch. Den: feierlich zuerkannten T. ging die Lupxlicatio vorher. Den Zug beim T. (Trivmxlralio pompal, welcher vomOam- pns Llartirw durch die korta triumplralis über das Velabrum u. Oircus §Iamininus die via aacra und das Forum nach dem Capitol ging, bildeten Musikanten u. Sänger; dann Beutestücke u. die dem Sieger von den Verbündeten gesandten Geschenke auf Wagen; Tafeln mit den Namen der überwundenen Völker und Abbildungen der eroberten Städte und Länder; diegefangenenFeldhcrren in Ketten (welche, wenn der Wagen am Forum angekommen war, in die Gefängnisse abgesührt wurden), die Opferthiere t ür denJnpiter,dieLictoren mit denlorbeerumwundeuen Fasces, begleitet von Sängern u. Tänzern, unter Lenen ein Pantomim, welcher durch Geberdeu die Ueberwundenen verhöhnte; der Triumphator, das Gesicht mit Mennig bestrichen, mit der Nnnica palmata u. ToZaxicta bekleidet, mit einem Lorbeer« kränz (Triumplralis corona) bekränzt; in der Linken einen Lorbeerzweig, in der Rechten ein elfenbeinernes Scepter, am Hals eine Bulla anroa, um die Arme mit einem Armbande (Aalbsum), Amulet gegen den Neid, auf vergoldetem, von 4 Schimmeln gezogenen Wagen (Triumplralis cnrrus); neben dein Triumphator saßen seine Söhne, zu den Seiten des Wagens seine Verwandten u. Clienten; hinten auf dem Wagen ein Sklave mit einer goldenen Krone, welcher dein Triumphator znrief: Bedenke, daß du ein Mensch bist! Darauf die Armee des Siegers, umgeben von Volkshaufeu unter den Ausruf: Io triumplrc! Auf dem Capitol angekommen, u. hier von dem Senat empfangen, dankte der Triumphator dem Jupiter u. de» übrigen Göttern, befahl die Opferstiere zu schlachten u. legte die goldene Krone in den Schooß des Jupiter. Darauf vertheilte er Geschenke unter die Armee, gab seinen Freunden ein Gastmahl (Triumplralis cosua) auf dem Capitol u. wurde Abends mit Fackeln u. Musik von dem Volk nach Hause begleitet. Zuweilen wurden auch Spiele (Triumplralss Inäl) bei einem T. gegeben. Auch wurden einem Triumphator Ehrenbogen, od. vom Senat ein Haus auf öffentliche Kosten erbaut (Triumplralis äomus), in welchem die Thllren sich nach auswärts öffneten Bisweilen dauerten die T-e länger als einen Tag, z. B. der des Ämilius Paulus 3, der des Cäsar 4 Tage. Wenn der Senat einem Feldherrn die Ehre des T-s verweigerte, so trinmphine derselbe wohl eigenmächtig, u. zwar außerhalb der Stadl auf dem Albanischen Berge, wie Papirius 232 v. Ehr.; od. er appellirte an das Volk, wie L. Valerius u. M. Horatins 447 v. Chr. In der Kaiserzeit war die Ehre des T-s auf die Kaiser eingeschränkt, während die Feldherrn nur die Ehrenzeichen des T-s (Triumplralis Ornaments-, 1'. irrsiA- iria), in einer To§a picts, Turrica palmata, einem elfenbeinernen Scepter, einem goldenen Kranz uns der 8sIIa errrulis bestehend, empfingen. In Rom wurde der erste T. vom König Tarquinius I., der letzte 303 u. Chr. von Diocletian, in Constautinopel der letzte von Belisar nach seinen Siegen in Afrika gehalten. Der T.für einen Sieg zurSee hießTrium- plrus navalis; den ersten dieser Art feierte Duilius im ersten Pnnischen Krieg. Eine geringere Art T. !war die Oratio, welche einem siegreichen Feldherr» ! zuerkannt wurde, wenn er nicht alle Bedingungen ^ zu einem T. befriedigen konnte, aber doch einer be- 5 526 Triumphator sonderen Auszeichnung würdig war. Bei der Ovation zog der Sieger zu Fuß od. zu Pferde, mit der IvAs, xrastsxta bekleidet u. einem Myrtenkränze geziert ein und opferte ein Schaf, wovon (fälschlich) der Name abgeleitet. Den Zug begleitete Flötenspiel. 3) Überhaupt so viel wie Sieg, Siegesfreude, Siegesgepräuge, Festzug. Jäger. Triumphator (röm. Ant.), s. u. Triumph. Triumphbogen (^rcns od. i?ornix trinmpüa- lis, röm. Ant.), Ehrendeukmäler, den triumphircn- den Feldherrn (s.Triumph) ».Kaisern,letzteren auch wegen andere Verdienste um eine Stadt, erbaut. Während die T. anfangs aus einfachen von Ziegeln errichteten Bogen bestanden, wurden sie unter den Kaisern prächtiger erbaut; sie waren große Portale, oben mit einem Bogen geschlossen (nur der T. der Goldschmiede hat eins eckige Öffnung, welche oben gerade bedeckt ist). Meist hatten die T. nur einen Durchgang, andere 2 von gleicher Größe neben einander, die größten u. prächtigsten deren 3 neben einander, von denen der mittelste größer ist, als die beiden andern; über den Bogen stets eine Attika. Zn den Verzierungen der T. gehören Säulen, Basreliefs u. Statuen. Die Säulen gewöhnlich Wandsänlen), meist korinthische, zuweilen römische, standen auf hohem Postament, dessen Fuß gemeiniglich um den ganzen T. herumlief u. diesem zum Fuß diente. Basreliefs fanden sich an den Mauern, zuweilen auch innerhalb des Durchgangs, ebenso an den Friesen. Die über dem Gebälk sich erhebende Attika, hatte über den unteren Säulen gewöhnlich attische Pfeiler od. Postamenten gleichende breite Vorsprünge; die hier sich bildenden Felder enthielten Inschriften. Auf der Attika aber standen Reiterstatnen, Quadrigen, Trophäen rc. Triumvirat (röm. Ant.), s. Iriumviri. Irimnvlri (Mssviri, Dreimänner, lat.), I) im alten Rom Collegien od. außerordentliche Commissionen aus 3 Männern zu verschiedenenBestimmungen: D. LAris ckanclis u. T. oolonias äsänosnäae, Com- missäre vom Senat zur Verrheilung der Staatsäcker u. zur Einrichtung einer Colonie gewählt; I. eapi- baiss, ein seit 289 v. Chr. bestehendes Amt, sie spüren Polizeivergehen nach, beaufsichtigen die Gefängnisse, können in dringenden Fällen Verhaftungen vornehmen, vollstrecken die Strasurtheile, haben eine discretionäre Strafgewalt über Sklaven und Peregrinen; st?. inonstalsa, zur Zeit der Republik eine ständige Commission, welche über das MUuz- wesen gesetzt war; M nooturni, führten die Aussicht über die Nachtwachen u. das Feuerlöschwesen. Ihre Function ging später auf die M oapitalss über. M rsipnblieas oonstitusnäg-s, keine Magistratur, sondern Bezeichnung einer außerordentlichen revolutionären Gewalt, 3 Männer, welche in den Zeiten der bürgerlichen Unruhen es übernahmen, den Staat zu ordnen u. zu verwalten. Es sind bes. 2 Triumvirate der Art in der römischen Geschichte zu verzeichnen, das des Cäsar, Pompejus und Crassus, eine bloße Privatverbindung; und das des Antonius, Lepidus n. Octavianus, eine vom Staat autorisirte Behörde. 3) st?, rsi litsrarias, ein Ehrenname, welchen man dem Erasmus, Budäus u. Bives beilegte. Jäger- Trivanderam (Trivandrnm, Tiruvanantapu- ram), Hauptstadt des indobritischen Vasallenstaates — Trochaos. Travancore, am Arabischen Meer, Sitz des Fürsten u. des britischen Residenten, mit Palast, Fort, 1837 errichteter Sternwarte, 40,000 Ew. Trivento (das alte Treventinnm), Stadt in der Prov. Campobaffo; Bischof, Kathedrale, Schwefelquelle ; 4624 Ew. (Gem. 4978). s Trivial (vom Lat.), 1) auf einem Kreuzweg liegend; im Mittelalter das, was zum ll'rivinm gehörte; daher 3) alltäglich, allgemein bekannt, seicht, abgenutzt, abgedroschen. Trivialitä t,das Gemeine, Niedrige, Platte im Ausdrucke,..Alltäglichkeit. Trivialschnleu, Schulen, in welchen das Tri- vium gelehrt wurde, also Vorbereitungsschulen für die Gymnasien; jetzt die Volks- u. niederen Bürgerschulen. Irivium (lat. Dreiweg), ehemals in den Schulen der vorbereitende Cursus, bestehend im Unterricht in der Grammatik, Rhetorik u. Dialektik. Trivulzio, Christin«, s. Belgiojoso. Trivulzio, eine der berühmtesten mailändischen Familien, namentlich im 16. Jahrh. von hoher Bedeutung. Der hervorragendste des Geschlechts war Gian Giacomo, geboren 1441, Marschall von Frankreich u. Gouverneur von Mailand, gest. 1518, neben ihm zeichneten sich aus: Teodoro, Marschall von Frankreich, Gouverneur von Genua und Lyon, gest. 1513; Gian Giacomo Teodoro, gest. 1656, war Cardinal, Generalcapitän von Sicilien u. Gouverneur der Lombardei unter der spanischen Herrschaft. Gian Giaconio, geb. 22. Juli 1774, zeichnete sich durch seine außerordentliche elastische Bildung u. den Eifer ans, mit , dem er für Literatur u. Wissenschaft wirkte. Unter seiner Unterstützung erfolgte die Herausgabe von Nosminis Leben Franc. Filelfos 1808 und der Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Marschalls Gian Giacomo T. 1815; Mazzncchellis Ausg. des Gedichtes von Cresconius Corippus über den Mau- renkrieg, 1820 u. dessen Sammlung der Briefe Annibale Caros, während er selbst Dantes Oonvito u. Vita llnova kritisch bearbeitet herausgab. Er st. 9. März 1831. Lag-»- Troas, Nordwestliche Landschaft in Kleinasten zwischen der Propontis und dem Adramyttemischen Meerbusen, später zu Myfien gerechnet, größten- theils gebirgig (Jda jetzt Kaz Dagh, bis 1750 m hoch). Flüsse: Skamander (jetzt Menderes) mit Si- mois. Die Landschaft bildet jetzt ein Lima des asiatisch türkischen Vilajets Dschesairi Bahri Sefid mit der Hauptstadt Tschanak Kalesti. Die ältesten Bewohner, welche der Landschaft den Namen gaben, waren die Troer (Trojaner) und die Teukrer (Dar- daner), später ließensich Achäern. Äoler hier nieder. Städte: Ilion, Sigeion, Rhöteon u. a. Vgl. Meyer, Geschichte von T. mit Karte, Lpz. 1877. Trocadero, Platz in Paris am rechten Seineuser aus einer Anhöhe, an deren Abhang nach der Seine zu 1878 ein Ausstellungsgebäude errichtet wurde; benannt nach einem Fort bei Cadiz, das die Franzosen 31. Aug. 1823 eroberten. Trochaos (gr., d. i. Läufer, auch Choreo genannt), ein Versfuß, welcher aus einer betonten langen u. einer kurzen Silbe (— ---) besteht; daher Tr ochäi sche Metra, welche aus solchen Füßen bestehen, z. B. Tr och äische Tetra Nieter, die aus 8 Trochäen bestehendenTetrameter des altenDramas. 527 Trochycl — Trödelvertrag. Trochisci (Trochisken), so v. w. Pastillen. Trochiten, s. Luoriuus. Trochu, Louis Jules, frauz. General, geb. 12.Mai 1815 in Palais bei Belle Jsle (Dep.Mor- bihan); besuchte seit 1835 die militärische Specialschule zu Paris und wurde 1838 Lieutenant in der Generalstabsschule u. 1840 Oberlieutenant im Generalstabe; seit 1841 diente er in Algerien, wo er LainoricitresAdjntant war u. 1843Capitän wurde. Nach der Schlacht am Jsly, wo er sich hervorgethan hatte, wählte ihn der Generalgonverneur Bugeaud 1845 zu seinem Adjutanten; er avancirte 1851 zum Oberstlieutenant und ward 1852 als beigeordneter Direktor des Personals im Kriegsministerium nach Paris berufen, wo er bald Oberst wurde. Im Krimkriege 1854 war er Adjutant u. Militärsecretär des Obercommandenrs Saint-Arnaud u. dann Canro- berts; als Pelissier im Mai 1855 das Oberkommando erhielt, befehligte T., zum Brigadegeneral ernannt,im 1.Armeecorps. JmJtalienischenKriege 1859 wurde er Divisionsgeneral und focht bei Magenta u. Solferino. Nach dem Frieden wurde er in das Comite des Großen Generalstabes nach Paris berufen, weil die Regierung ihn, als einen Orlea- nisten, unter den Augen zu haben wünschte. In der Aussicht auf einen baldigen Krieg mit Preußen gab er 1867 eine Broschüre heraus, worin er die Niel- sche Armeeorganisation aufs strengste kritisirte u. zu einer ernstlichen Reorganisation mahnte, was aber nur Mißfallen von Seiten der Regierung einbrachte. Beim Ansbruche des Krieges gegen Deutschland 1870 war er allein von den Generalen in Paris u. rieth, wiewol wieder vergebens, nach den ersten Niederlagen der Franzosen die Hauptarmee vor Paris zu concentriren, um einer Belagerung der Hauptstadt zu begegnen. Das ihm angeboteneKriegsportefenille nahm er nicht an. Am 16.Aug. wurde er vomKriegs- minister zumCommandanten des zuformirendenl2. Armeecvrps im Lager zu Chalons, am 18. aber vom Kaiser selbst zum Gouverneur von Paris und zum Oberbefehlshaber allerStreitkräste daselbst ernannt, stand jedoch mit der Regierung u.Kaissrin-Regentin in stetem Conflict. Beim Ausbruche der Revolution vom 4. Sept. verließ er die kaiserliche Sache u. trat als Präsident an die Spitze der provisorischen Negierung, zugleich bekleidet mit militärischen Vollmachten fürdieNationalvertheidigung, übergab aber das Commando der Truppen 22.Jan. 1871 an Vinoy, nachdem er 30.Nov. bis 1.Dec.1870 sowie 19.Jan. 1871 mißlungene Ausfallsversuche unternommen hatte. Nun ließ er durch I. Favre die Kapitulation vonParis unterhandeln u. legte imFebr. seine Vollmacht in die Hände der Nationalversammlung von Bordeaux, in welche er zum Deputirten gewählt worden war, ein Mandat, das er jedoch Anfang Juli 1872 niederlegte u. sich vom öffentlichen Leben zurückzog. Er schrieb: I/arruss travpaiss on 1867, 20. A. Paris 1870; I/Lmpirs st 1a ästsnss <1s kaiis äsvaut Is juri cls la Lotus, ebd. 1872; kour 1a vs- rits et paar lajustieo, ebd. 1873; I^a xolitigus st 1s sisAS äs kario, ebd. 1874; I/armös kranpaws sn 1879, ebend. 1879, deutsch, Wien 1879. Schroot. Trockenbohrer, eine runde Eisenstange, welche, in ein mit Letten angesülltes Bohrloch getrieben, letzteres so lange abtrocknet, daß das Pulver zur Entzündung gebracht werden kann. Trockendock, s. Dock. Trockene Weine (Saure Weine), Weine, bei denen man die Währung bis zu Ende gehen läßt, so daß aller Znckerstofs zersetzt ist. Trockcnfrüchte, Früchte mit trockener, nicht fleischiger Schale. Trockenlegung des Bodens geschieht durch Entfernung des überschüssigen Wassers durch Ausschöpfen, Saugeschachte, offene u. verdeckte Gräben und Drainage, s. d. Das Ausschöpfen geschieht in Niederungen an flachen Meeresufern, wo es an Gefälle fehlt, durch Schöpfräder, Wasserschneckcn od. Pumpen, welche durch Wind oder Dampf in Betrieb gesetzt werden (Holland). Handelt es sich um T. einzelner nasser Stellen, denen kein Gefälle gegeben werden kann, so sucht man das Wasser durch einen Saugeschacht in eine tiefere durchlassende Schicht des Bodens zu versenken. Durch offene Gräben leitet man Tagewasser aus quelligemTerrain, aus schwammigem Torf- u. Moorland ab. Da offene Gräben, abgesehen vom Bodenverlust, die Bestellung des Ackers erschweren, füllt man dieselben mit Feldsteinen aus, oder setzt Steinplatten schräg aneinander, legt Steinplatten aus die Sohle und auf diese Hohlziegel, oder benutzt als Füllung Faschinen, bedeckt die Füllung mit Rasenstücken (Narbe nach unten) u. bewirft sie mit Erde. An flachen Meeresufern sucht man durch Schutzdämme die Fluth aufzuhalten und das Land vor Überschwemmung zu schützen. Rhode. Trocknen der Blnmen, ein Industriezweig, welcher seil etwa 20 Jahren immer mehr in Ausnahme gekommen ist u. gegenwärtig in Verbindung mit der Bouquet- u.Kranzbinderei an manchenOr- ten fabrikmäßig betrieben wird, z.B. in Erfurt von I. C. Schmidt n. N. L. Chreslemen, welche dabei weit über 100 Menschen beschäftigen. Zum T. eignen sich vorzugsweise alle Blumen, welche nicht zu weiche, saftige Blüthenblätter besitzen, z. B. Aster, Rosen, Päonien, Malven, Stiefmütterchen, Verbe- nen, Pelargonien, Sanvitalien u. viele andere, bes. auch einheimische und fremde Gräser u. Moose. Es geschieht bei einigen durch Schwefeln, indem sie in einem fest verschlossenen Raume starken Schwefeldämpfen 10 —15 Minuten lang ansgesetzt werden, bis sie ihre lebhafte Färbung verloren haben, welche sie später aber an einem trockenen, luftigen, dunkeln Orte nach u. nach ziemlich wieder erhalten und die man durch Eintauchen in verdünnte Schwefelsäure oder Scheidewaffer leuchtend machen kann. Bei anderen Blumen geschieht das T. in gesiebtem, ausgewaschenem Sande; derselbe wird getrocknet, erhitzt u. mit etwas Stearin gemischt u. in erkaltetem Zustande benutzt, die Blumen in einem flachen Kasten vorsichtig ganz damit zu bedecken. So bedeckt bleiben die Blumen einige Zeit der Sonnenhitze oder mäßiger Ofenwärme ausgcsetzt, bis sie vollständig trocken sind. Gräser und Moose werden zum T. in Bündeln an der Lust oder auf Trockenböden aufgehängt od. ausgebreitet, dann theilweise weiß gebeizt oder mit den verschiedenen Anilinfarben lebhaft gefärbt. W°lde. Trödelvertrag (lüonbraetus asotimatorius), der im Römischen Rechte zu den sogen, irregulären Jnnominat-Contracten (s. unt. Contract) zählende Vertrag, welcher darin besteht, daß Jemand eine zu bestimmtem Preise geschätzte Sache von einem An- 528 Troer - dern zum Zwecke des Verkaufes mit der Verpflichtung übernimmt, entweder diesen Preis od. die Sache selbst zurückzubringen. Der Trödler oder Feilbieter (Colporteur, Agent, Commissionär) wird durch die Eingehung des Vertrages daher verpflichtet, die so übernommene Sache entweder zu verkaufen u. von dem Erlöse so viel, als der vereinbarte Taxwerth (Lssbimabio) beträgt, an denFeilgeber abzuzahlen, oder die Sache selbst in unversehrtem Zustande zurückzugeben oder auch, wenn er sie nicht so znrück- geben kann, resp. selbst behalten will, für den Taxwerth selbst zu kaufen u. aus eigenem Vermögen ab- znführen. Die moderne Sprachweise denkt gewöhnlich dabei, daß die zu vertrödelnde Sache eine alte, schon gebrauchte ist, ». bezeichnet deshalb mitTröd- ler vorzugsweise solche Personen, welche in der angegebenen Weise oder auch als reine Händler mit alten, gebrauchten Gegenständen ein Handelsgeschäft betreiben; juristisch genommen ist jedoch die Art n. Beschaffenheit der Sache ganz gleichgiltig. Troer, so v. w. Trojaner. Trogen, Marktflecken und Hauptort im schweiz. Kant. Appenzell-Anßerrhoden, am Fuße des Gäbris u. unweit der Goldach, mit Hnndwyl abwechselnd Sitz der Landsgemeinde, mit Herisau abwechselnd Sitz der Synode; Sitz der Kantonspolizeidirection, der Criminal- u. Obergerichtskanzlei, sowie des Crimi- nalgerichts, Kantonsschule (Progymnasium u. Realschule) und Erziehungsanstalt, mechanische Stickereien, Baumwollenfabrikation, Webeanstalt; (1870) 2912 Ew. Troglodyten (v. gr. Troglodytai, d.i. Höhlenbewohner), im AlterthnmeBezeichnung für dieVöl- kerschasten, welche in verschiedenen Ländern Asiens, in Äthiopien, auch in Ägypten in Höhlen wohnen sollten; namentlich hieß das Küstenland am Rothen Meere von Berenike ab nach S. das T.-Land. In den ersten christlichen Zeiten nannte man gewisse Ketzer T., weil sie, von allen Anderen ausgestoßen, ihre Zusammenkünfte in Höhlen hielten. TrogusPompejus, röm.Historiker, aus einer gallischen, durch PompejusMagnus mit dem römischen Bürgerrechte beschenkten Familie, lebte unter Angustus u. schrieb eine Universalgeschichte, s. Ju- stinus 4). Troicart (franz. trois gnarbs), ein mit dreieckiger Spitze versehenes, gerades, od. nach der Fläche gekrümmtes Stilet mit hölzernem Griffe, welches in eine silberne Röhre, die Canule, so eingeschoben wird, daß nur die Spitze über die Canule hervorragt, der Rand der letztem aber sich hinter der Spitze genau an das Stilet anlegt; dient zur Entleerung von krankhaften Flüssigkeiten ans Körperhöhlen, z. B. bei Bauchwassersucht, Hydrocele rc. Der T. wird mit der Canule an einem passenden Orte eingcstoßen u. das Stilet entfernt, worauf die Flüssigkeit durch die in der Wunde zurückgebliebene Röhre ausflicßt. Ein Explorativ-T. ist ein seiner T., mittels dessen man sich zu diagnostischen Zwecken über die Art des zu entleerenden Inhalts belehrt. Die T-s werden auch in der Thierarzneiknnst zu ähnlichen Zwecken gebraucht. Blumberg. Troika, s. Kibitke. Troilit, in manchen Meteorsteinen u. Meteor- eisenmassen vorkommendes Einfach - Schwefeleisei^ (§s8). i - Troja. Troina, Stadt in der ital. Prov. Catania (Si- cilien), ans steilem Felsen 11l3m ü. d. M.; 10,193 Ew. T. war eine der ersten sicil. Städte, deren die Normannen sich bemächtigten(1062), es wurde hier das erste katholische Bisthum der Insel gegründet, aber 1087 nach Messina verlegt. Troiza (Troitza, slaw.), die Heilige Dreieinigkeit, daher Name vieler Orte, bes. Klöster u. Kirchen. Troizk, 1) Marktflecken im russ. Gouv. Moskau, mit lebhaftem Handel in Vieh, Branntwein, Tuch, Seiden n. Leinenwaaren, Glas,Ziegelsteinen ».Nutzholz; 2) (Troizkaja Krjepost), Kreisstadt im russ. Gonv. Orenburg, am U'i u. der Uwelka, Hanptwas- fenplatz der Mjkischen Distanz der Orenburger Linie, mit Mauern ».Wällen umgeben; griech.Kathedrale u. 2 andere griech. Kirchen, Hospital, großer Kaufhof; 8298 Ew.; Handel bes. mit den Kirgisen; 3) Stadt im rnss. Gonv. Pensa, Kr. Narowtschat, am Einfluß der Sesemka in die schiffbareMokscha; 5Kir° chen, Handel initHolz- u. Eisenwaaren, Seilerarbeiten, Leinwand, Spiritus u. Seife; 5351 Ew.; 4) 1731 angelegte Kupferhütte im rnss. Gouv. Kasan, mit der ältesten Messingfabrik in Rußland; 2024 Ew.; 5) (Werchnei-T., Nishnei-T.) 2 Kupferhütten im Kreise Menselinsk des russ. Gouv. Orenburg, am Jkflusse. Dronke. Trolzko-Sawodsk (Troizkossawsk), Festung an der Kjachta, im rnss. Gebiet Transbaikalien an der sibirisch-chinesischen Grenze, in einer sandigen u. unfruchtbaren Ebene, mit griech. Hanptkirche; 4675 E.; starker Grenzverkehr. Troizko-Sergietv (Troizkoi-Sergiew, Troitza Lawra,gewöhnlich bloß Troiza genannt), Marktflecken im Kr. Bogorodsk des rnss. Gonv. Moskau, 68 Irm nördl. von Moskau, mit dem größten u. prächtigsten russ. Mönchskloster, 1338 vom hl. Sergius gegründet; das Kloster bildet ein großes Viereck, durch Mauern mit Thürmen beschützt, hat einen kaiserl. Palast, 9 steinerne Kirchen, Seminar (mit dem Range einer Akademie) für Theologie, Wissenschaften u. gelehrte Sprachen für 300 Eleven, u. große Gärten. Die größteKirche istdieUspenski-Kathedrale mitlZpracht- vollen Goldkuppeln; die besuchteste ist die Dreinig- keitskirche, unter deren goldener Kuppel der vergoldete Silbersarg des hl. Sergius u. der Silberbaldachin (12 Ctr. schwer) sich befinden. Der Schatz des Klosters beträgt über 600 Mill. Silberrubel u. gehörten früher 100,000 Leibeigene dazu. Im alten Zarenpalaste suchte Peter d. Gr. 1689 Zuflucht gegen die Strelitzen. Die Zahl der Wallfahrer zum Kloster beträgt jährlich durchschnittlich über 100,000. Der Ort hat Hospiz für die Wallfahrer, lebhaften Verkehr. Dronk. Troja, 1) (Ilion oder Jlios), Stadt in Troas, lag auf einem Hügel zwischen den Flüssen Skaman- dros u. Simois, mit der Burg Pergamos. Der Sage nach wurde sie von Jlos, dem Sohne des Tros, als Hauptstadt des T-nischen Reiches gegründet, von Apollo ».Poseidon mit festen Mauern umgeben, von Herakles, dem König Laomedon den für die Rettung der Hesione ausbedungenen Lohn vorenthielt, erobert u. dem Priamos übergeben. Unter dessen Negierung fällt der T-nische Krieg (s.d.), der mit der Zerstörung T-s endigte. Nach dem Unter- ^ gange des T-nischenReiches wurde in der Nähe des j alten T. von den aus Griechenland ausgewanderten Achäern u. Aolcrn Neu-Jlron gegründet, das aber erst unter der Herrschaft der Römer, welche Nach- > kommen der Trojaner zn sein glaubten, zu größerer Bedeutung gelangte. Die Lage des Homerischen T. ist, wie schon im Alterthum, so auch jetzt noch streitig; nach einigen Forschern lag es bei dem jetzigen ? Bunarbasch, nach anderen bei Neu-Jlion aus dem > Hügel Hissarlik. Die hier von Schliemann gefnnde- ! neu Alterthümer gehören indeß nicht dem Homerr ^ scheu, sondern einem viel früheren Zeitalter an. Nach l Hercher (Die Homerische Ebene von T. in den Abhandlungen der Berliner Akademie von 1876) ist die Lage T-s überhaupt nicht zn bestimmen, da Ho- > mers Schilderung ganz frei ist u. auf keine der angeführten Stellen paßt. Vgl. Hahn, Die Ausgrabungen aus dem Homerischen Pergainos, Lpz. 1865; Gelzer, Wanderung nach T., Basel 1873; Schliemann, T. u. seine Ruinen, 1875. 3) Stadt in der ital. Prov. Foggia, Kathedrale im byzantin. Stil; 5S71 Ew. (Gem. 6337); im II.Jahrh. von den Byzantinern angelegt. Hier wurden 1093 u. 1116 Con- cilien zur Reform des Klerus gehalten, i) Jähoke. Irojae Imlus (Trojanische Spiele), zunächst Name für das alte, von Cäsar wieder eingesührte Neiter- spiel „Troja" der patricischen Jünglinge in Rom; daun. Name für Turnier. Trojan, Ackerbau treibendes Städtchen in Bulgarien, am NFuße des nach ihm benannten Theiles des Balkan, über den auch ein ebenso benannter Paß führt; 3500 Ew. > Trojanischer Krieg, der zwischen den Griechen . u. Trojanern 10 Jahre lang geführte Krieg, der mit 1 der Zerstörung Trojas endete. Die Veranlassung zu ; demselben gab nach der Sage der Raub der Helena, der Gattin des Spartanerkönigs Menelaos durch den trojanischen K önigssohn Paris. Um die Helena wieder zn erhalten, betreibt Menclaos einen Kriegszug des gesammten Griechenlands gegen Troja. Die griech.Flotte sammelt sich inAulis, wird aber durch ungünstige Winde, welche die dem zum Führer er- wähltenAgamemnon zürnende Artemis sendet, lange Zeit znrückgehalten. Erst nachdem sie durch die Opferung der Jphigenia (s. d.) versöhnt ist, können die Griechen absegeln. Sie landen zuerst in Mysien, wo Achilleus den feindlichen Telephos gefährlich verwundet, dann in Troas. Sofort beginnt der Kampf mit den Trojanern u. ihren Bundesgenossen. Die tapfersten Helden auf Seiten der Griechen sind Achilleus u. Patroklos, Nestor u. Antilochos, Ajax Ler Oilier u. Ajax derTelamonier, Diomedes, Odysseus u. A.; unter den Troern ragen vor Allen hervor Hektor n. Paris, die Söhne des Königs Pria- mos, Äneas, Sarpcdon, Memnon, die Amazonenkönigin Penthesilea u. A. 9 Jahre laug währte der Kamps, ohne Laß die Griechen etwas gegen das feste Ilion ausrichtcn. Erst das zehnte bringt die Ent- j scheidung (hiermit beginnt die Ilias). Achilleus zieht I sich vom Kampfe zurück, ans Groll gegen Agamem- i non, der zum Ersätze für die Zurückgabe der Chry- ! sels ihm die Briseis entrissen hat. Entbehrt dieser auch die Hilfe des tapfersten der Griechen ungern, so führt er doch das Heer zur Schlacht heraus. ! Ein Zweikampf zwischen Paris u. Menelaos, ui dem ^ der Sieger die Helena erhalten sollte, bringt keine Entscheidung, so daß der allgemeine Kampf wieder beginnt. Trotz der größten Tapferkeit werden die ^ Pierers Nniverial-CouversationL-Lexilon. 6. Ausl. XV Griechen in ihre Verschanzung zurückgetnebeu und Agamemnon riech ernstlich zum Abzug, da ein Versuch , Achilleus durch die Zurückgabe der Briseis zu versöhnen, nicht gelingt. Am nächsten Tage, nachdem die meisten der griech. Helden verwundet das Schlachtfeld hatten verlassen müssen, dringen die Troer noch weiter vor. Hektor sprengt das Thor des griech. Lagers u. treibt die fliehenden Griechen bis zn den Schiffen; schon werfen die Troer Feuer in dieselben, als Patroklos in der Rüstung des Achilleus mit den Myrmidonen zu Hilfe eilt. Erschreckt weichen die Troer zurück, vom Patroklos bis an die Mauern der Stadt verfolgt. Allzu kühn läßt er sich gegen Achilleus Weisung mit Hektor in den Kampf ein, wird von diesem getödtct n. derWaffen beraubt. Mit Mühe retten die Griechen den Leichnam, der zu dem klagenden Achilleus getragen wird. Was die Bitten der Griechen, die Demüthigung des Agamemnon nicht vermocht hatten, bewirkt des Patroklos Fall. Um den Freund zu rächen, ergreift Achilleus wieder die Waffen. Mit neuer vom Hephästos geschmiedeter Rüstung stürzt er sich in den Kampf, unzählige Troer tödtend, zuletzt den tapfer kämpfenden Hektor, dessen Leichnam er an den Streitwagen bindet, zn den Schiffen bringt u. bei der feierlichen Be- stattungdesPatroklosdreimalnmdessenTodtenhügel schleift. Obwol willens, ihn den Vögeln zum Raube zu geben, läßt er sich doch durch die Bitten des greisen Priamos, der sich selbst in das griech. Lager wagt, bewegen, ihn den Troern zur Bestattung zn übergeben (Ende derJlias; Fortsetzung durch die Kykliker). Nachdem Achill noch die Penthesilea u. den Memnon erlegt, fällt er selbst, von Paris u. Apollo erschossen. Um seine Waffen entsteht Streit unter den Griechen, und da sie dem Odysseus zugesprochen werden, ermordet sich deshalb der Telamonier Ajax selbst. Odysseus ist es auch, dem die Griechen Trojas Er- oberung zu verdanken haben. Er entwendet mit Diomedes das Palladium, von dessen Besitz dieRett- ung Trojas abhing, aus der Burg von Troja und läßt durch Epeios ein hölzernes Pferd (das Trojanische Pferd) erbauen, in dessen Innern er sich mit den tapfersten Helden verbirgt. Während die griech. Flotte scheinbar absegelt, ziehen die Troer das Pferd in die Stadt es für das zum Ersatz des Palladiums bestimmte Heiligthum haltend, wozu sie Sinon nach Laokoons Tod (s. d.) überredet. In der Nacht öffnet der mit nach Troja gezogene Sinon den Bauch des Pferdes, die Griechen steigen heraus, die abgezogenen kehren zurück und überfallen die Stadt; es entsteht ein allgemeines Blutbad, die Stadt wird geplündert u. verbrannt. Die wenigen Troer, welche sich retten, führt Äneas (s. d.) nach Italien. Der T. K. ist wahrscheinlich kein geschichtliches Ereigniß, sondern eine Sage, die bei der Eroberung von Äo- lis (1054 V. Ehr.) unter Len Achäern u.Äolern entstand, bei denJonern weiter entwickelt u. später von Homer, den Kyklikern u. A. episch behandelt wurde. Die späteren Griechen hielten ihn für ein wirkliches Factum u. setzten ihn in die Jahre 1194—84 v.Chr. Vgl. Uschold, Geschichte des T-n K-s, Stuttg.1836; Welker, Der epische Cyklus, Bonn 1835—49; Cnr- tius, Griech. Geschichte, BL. 1, Lpz. 1874. Jiihnke. Troki, Kreisstadt im rnss.Gouv.Wilna, an einem See; hat Schloß, Kirche mit Gnadenbild, Kloster, i Mnränenfischerei; 2191 Einw.; einst Residenz des II. Land. zx 530 Troll — Trollope. Großfürsten von Litauen. In der Nähe das Dorf Staro- Z)hus, englischer Schriftsteller und Historiker, äl- MeVSöhlt der Bvrigeupr^br ^ Z^Ml iFlOs' vüll- endete seine Siuoien aus der Universität Oxford, bereiste dann den Continent und veröffentlichte als Frucht dieser Reise: X snnunsr in Lrittanz- (1840) u. ch snmmsr in IVsstoru Rraucs (1841). Hierauf ließ er sich in Florenz nieder, wo er noch heute (1879) wohnt. T. ist ein fleißiger Mitarbeiter au den bedeutendsten englischen Zeitschriften n. italienischer Korrespondent der blsrv Vorlc Rribuus. Die meisten seiner Schriften beziehen sich auf die Geschichte, das Leben und die Gebräuche Italiens; nennenswerth sind: Rbs§irlbooä okOatbarius äs' Nsäici(1856); Xäeeaäo okltaliauvvomsu (1859); Lusoauzin 1849 auä 1859 (1859); Rilipxo Ltrorri (1860); Raul V. tbs Roxo auä Raul tbo Rriar (1860); La Leata (1861); Llaristta (1862); X Leuten sourusz- in llinbria auä tbe Llarcbss ok ^.uooua (1862); 6iuUo Ualatssta (1863); Lopp» tbs oousoript (1864); Ristorz- ok tbs Lommou- rvsatbokRIorsuoö(1865, 4Bde.); (lsmma(1866); LöouoraOassaloui(1869); OiamouäoutOiamouä, a storz- ok Rusoau liks (1875); Lbv papal ooucla- vss as tbez vsrs auä as tbsz- ars (1876); X ka- milz- partz in tbs Ria^a ok 8t. Roter, auä otbsr stories (1877); Xpovp bebiuä tbs sosuss in Roms (1877) u. Lbg storz- ok tbs liks okRius IX. (1877, 2 Bde.). Zu seinen sich nicht auf Italien beziehenden Schriften und Romanen gehören: Liuäiskara llbass (1864); Vrting-äale 6astlo (1867); Lrsam biumbors (1868); Rks OarstauAss ok lflarstavx 6raoZo (1869); X 8iren (1870) u. Lurutou Xbbsz (1871). Seine Gattin Theodosia Garrow, gestorb. 1865, war eine Künstlerin u. Schriftstellerin. Sie übersetzte ins Englische Niccolinis Trauerspiel Vr- uolä äa Lreseia (1846), veröffentlichte Kritiken über Villaris Leben Savonarolas u. schrieb für das Londoner Athenäum eine Reihe von Briefen über Rbs social aspsct ok tbs ItalianRsvolutiou(1861). 31 Anthonv. namhafter eng lisch er Romandichte r 31 Anthonv. namhafter englischer Romandrchte r ü. Schriftsteiler, jüngerer Bruver des Vor., geb. zn London 1815, ward wie dieser zu WmchesteVuTspä- ter zu varrow erzoqen. 1834 trat er in den brit. Postvienst uüd macMM'AüfttM dess elben ans gc- oehnte Reisen in oen Bereungken Staaten, West» '^ndienTVküsiralien IN SWäsrikä. 1867 trat er aus ' LenRMeltsrATchewarL'sich lE'ckfölglöSM' libera- ^ien Interesse ullv^nesnZitzDvPnrkamente. T. ist , ein sehr fruchtbarer und viel gelesener'Schrifksteller, 3L8er mebrerV'tüchtige NeksMerkTlrr^sne'TswßeZahl, Lieist dreMnbiger Romane geichkieben hat. Der größtTTHeiLLer lMeMi^rsWnsörienlveise zu gleicher Zeit in englischen u. amerikanischenZeitschriften; zu neunen sind: Rbs Llacäermots ok Lallzäorau (1847); Lbs Lellz-s auä tbs O'Rsllz-s (1848); La Vsuäso, ein historischer Roman (1850 u. ö.l; Tbs IVaräeu (1855); Larobestsr Rorvsrs, sein erster durchschlagender Roman (1857); Rbe tbrss clsrks (18571 ; Loctor Rboruo einer seiner bellen R omane (1858); ^kbs Lsrtrams (I859); Lbs IVsst luUas auä tbsLpauisb Naiu, Reiseskizzen (1859); Oastl« Ricbmouä (1860); Rarmlsz parsousAe (1861); Orlsz karm (1862); Tbs struWlss ok Lrorvu, flo- uas, anä Robinson (1862); Xortb Vmerica, » boolc ok travel (1862); Raebvl Raz (1863); Tbs small bouss at Xllin^tou (1864); Rbs Lslton Rstats (1864); Ilunting slcstcbss (1864); 6au zou korZivs bor? (1865); NissNaebeuxiv(1865); 6lsrgz-msu ok tbo cburcb ok Ruglauä (1866); Rra- vslliuA sbstebos (1866); Tbs LlaveriuZs (1867); Rbs last obronielss ok Larsst (1867); Rkinsas Rbiun, tbs Irisb mombsr (1866); Rs busrv bs rvas ri§bt (1869); 8ir llarrz' llotspur ok ITum- bletbrvaits (1870); Rbo Vioar ok Lullbarnpton (1870); Ralpb tbs bsir (1871); Tbs Ooläsu Lion Tröltsch — Trommsdvrff. 531 . ok6ranckpsre(1872); kklineas lkecinx (1873); Mrs vs livs nov (1873 u. ö.); Düs Lustlos Oia- moncks (1873); ^ustralia anä i^sv 2saianck (1873, 2 Bde.); Ilari)' IleLtlivots ok 6an§oI1 (1874); ^nns (1874); Miv krims minister (1876); Mio ^meriean Lsnator (1877) und Lonbii iLkriea (1878). Eine Eigenthümlichkeit der T-icken Ri umul» lich zum Hervorheben des Rhythmus u. wird zusam- ) einzelne der Charaktere uCverschiedeueu-dLr- men mit denBecken geschlagen; die Wirbel-od.Roll- ist, M 'selben ' nommen -Trolisch, , . 1829 in Schwabach (Nürnberg); studirte anfänglich Jura, seit 1848 Naturwissenschaft, dann Medicin, wendete sich später speciell der Ohrenheilkunde zu, ließ sich in Wnrzburg nieder, wo er sich 1860 habi- litirte u. 1864 die Professur erhielt. Er hat sich, namentlich durch Wilde und Toynbee angeregt, durch seine subtilen Arbeiten eine bedeutende Autorität auf dem Gebiete der Ohrenheilkunde erworben, die er mit in ganz neue Bahnen eingelenkt hat. Seiner Anatomie des Ohres rc., Wiirzb. 1861, folgte im Jahre daraus Die Krankheiten des Ohres, einBuch, das bereits in demselben Jahre in 2. Ausl, erschien n. 1871 in sechster. Thamhayn. Trombe, so v. w. Wasser- oder Windhose. Trombone, Posaune, s. d. Tromlitz, A. v., Pseudonym für K. A. F. v. Witzleben, s. d. Trommel, 1) ital. lliamimro, franz. larnbonr), rin schon den Hebräern als Pauke (Dopii) u. als T. (Llaanim) in verschiedenen Arten bekanntes Schlaginstrument; ist jetzt hauptsächlich beim Militär gebräuchlich, aber auch durch die Italiener in die Opernmusik eingesührt worden. Die T. besteht aus einem Cylinder von Messingblech od. Holz, der oben u- unten mit einem in Reisen befestigten Kalbsfelle überspannt ist. Die Reifen sind durch eine Schnur, die sog. T-leine, über dem Jnstrumentenkörper befestigt u. kann diese Schnur vermittels mehrerer an derselben laufenden Schlingen angespannt werden, was eine verschiedene Stimmung der Felle hervorbringt. Das obere Fell heißt das Schlagfell; das untere das Saitensell; über dieses ist eine starke Darmsaite, die sogen. Sang- oder Schnarrsaite, gezogen, welche gegen dasselbe rasselt, wenn das obere Fell geschlagen wird. Das Schlagen od. Rühren der T. geschieht mit 2 T-klöppeln (T-stöcken), hölzernen Stäben von hartem Holz, je nach der Größe der T. 25—40 om lang, an welche vorn ein Knopf gedreht ist. Der T°schläger oder Tambour trägt beim Gebrauche die T. an einem breiten Riemen (T-riemen) über die rechte Schulter und Brust gehängt an der linken Seite des Schenkels, bei denT-n neuererArt an einem T-Haken von Messing, welcher durch ein bewegliches Scharnier an einer Lederschleise befestigt ist u. durch dieselbe am Säbelkuppel getragen wird. Obgleich die T. nur einen einzigen Ton von sich gibt, so können doch durch das einfache od. doppelte Schlagen, durch Stärke oder Schwäche, Schnelligkeit oder Langsamkeit des Schlages, Wirbel, viele Veränderungen in dem T-schlage hervorgebracht werden. Der T-schlag wird zu verschiedenen militärischen Zeichen und Commandos benutzt, auch dient er vorzüglich dazu, beim regelmäßigen Marsche denSchritt in gleichem Tempo zu erhalten, doch ist er auch eine angenehme Begleitung bei militärischer Musik. Die Manieren beim T-schlagen bestehen aus dem Wirbel, Schleifschlag, Doppelschlag rc. Bei Trauer» aufzügen wird die T. Lurch ein auf die obere Haut gelegtes Tuch u. Umwickelnng der Saite gedämpft. Verschiedene Arten der T.: die große, dicke, türkische T. (6ran Dawburo, 6ran Lassa), dient hauptsäch- von Wirbeln (mit tr. be- (itambnro Militärs) ; diese lautenSchall, kannaber auch mittels einer über das Fell gebreiteten Decke u. durch Nachlassen der Felle gedämpft werden. 2 ) (Hüttenkunde) ein meist beiderseits offener, schiefliegender, hohler Cylinder aus siebförmig durchlöchertem Eisenblech; in Las obere Ende fällt das zu siebende Erz rc., dort befinden sich auch die engsten Löcher, welche von da aus gewöhnlich in 3—5 Abtheilungen größer werden. Die Stücke, welche auch für die weitesten am unteren Ende befindlichen Löcher zu groß sind, fallen ans dem unteren Ende heraus. Die Trommel wird meist mittels Transmissionen gedreht; sie besitzt eine Steigung von 10—25" gegen den Horizont. Die aus den verschiedenen Löchern an den Enden fallenden Stücke gelangen in ebensoviele darunter befindliche Abtheilungen, womit der Zweck, die Sortirung nach der Korngröße, erreicht ist. 3) Kurze kupferne Röhre, über die Bram- u. Ober- bramstängen gestreift, auf welcher das Bram- und Oberbramgnt liegt. 4) (Säulen-T.), beim Säulen» bau die einzelnen, gleichhohen Blöcke, welche anfänglich äußerlich roh belassen u. nur mit glattbear- beiteten Lagerflächen aufeinandergesetzt und durch bronzene od. eiserne Dübel mit einander verbunden werden. Zuletzt wird dann die ganze so zusammengesetzte Säule äußerlich glatt bearbeitet u. mit Can« nelirungen versehen. 1) Siebenrock. s) Junglk. Trommelfell, s. u. Ohr. Trommelsucht, so v. w. Blähsucht. Trommsdorff, Joh. Bartholomäus, Che- miker, geb. 8. Mai 1770 zu Erfurt, wo sein Vater Apotheker u. Professor an der Universität war. Auch der Sohn widmete sich der Pharmacie, übernahm die Apotheke, gründete 1796 ein pharmaceutischeS Institut und war 1795—1816, wo die Universität aufgehoben wurde, Professor. Er st. das. 8. März 1837. Er schr. u. a.: Kurzes Handbuch der Apothekerkunst, Stettin 1790; Uebers. der wichtigsten Entdeckungen in der Chemie, Wenn. 1792; Systemat. Handbuch der Pharmacie, Erf. 1792, 4. A. 1831; Lehrbuch der pharmacentischen Experimentalchemie, Altona 1796, 3. A. Hamburg 1822; Handbuch der pharmacentischen Waarenknnde, Erf. 1799, 3. A. 1822; Chem. Neceptirkunst, das. 1797, 5. A. 1826; Systematisches Handbuch der gesammtcn Chemie, 8 Bde., das. 1800—1804; Chem. Probircabinet, das. 1801, 3.A. 1818; Allgem. chem.Bibl., 5 Bde., das. 1802—1805; Handbuch der Färbekunst, 5Bde., das. 1805—1820; Pharm.schem.Wörterbuch,5Bde., das. 1805—1813, Suppl. 1821—22; Geschichte der Chemie, das. 1806; Agriculturchemie, Gotha 1816; Grundsätze der Chemie, Ers. 1829. Ergab heraus Journal der Pharmacie, 26 Bde., Lpz. 1793—1817, die erste pharmaceutische Zeitschrift in Deutschland; Neues Journal der Pharmacie, 27 Bde., das. 1817 bis 1834; Historisches Taschenbuch für Aerzte rc., 34 * <.32 Tromp — Trompete. 3 BLe., Elf. 1803—1805; Almanach der Fort-! schritte rc. in den Wissenschaften, Jahrgang 12 -15,! Las. 1807—1810; Taschenbuch sür Chemiker rc.,! Jahrg. 41—50, Weim. 1820—29. In seinen eige- neu, sowie in anderen Zeitschriften sind viele Abhandlungen von ihm. r. Tromp, 1) Martin Harpertzoon,beriihmter Holland. Admiral, geb. 1579 zu Briet, begleitete seinen Vater 1608 ans einem Srrcifzuge und wurde unweit Guinea von einem englischen Caper gefangen, dem er 2H Jahre als Schiffsjunge diente; er trat dann 1611 in holländischen Seedicnst u. wurde 1624 Fregattencapitäu; 1630 nahm er seinen Abschied, doch ernannte ihn der Statthalter 1637 zmn Vice- admiral und 1639 zum Admiral. Er scblng die span. Flotte 18. Febr. 1639 auf der Höhe von Gravelin- gen und 21. Octbr. in den Dänen, wofür er in den französische» Adelsstand erhoben wurde. Da er 1652 vor den Dünen infolge eines Sturmes gegen die Engländer unglücklich war, so erhielt de Rnyter an seiner Stelle das Commando. In dasselbe bald wie- der eingesetzt, besiegte er die Engländer 10. Decbr. abermals in den Dünen, bestand 28. Febr. bis 2. März 1653 in Gemeinschast mit de Rnyter heftige Gefechte gegen die überlegene englische Flotte, zog aber 12. u. 13. bei Nieuport den Kürzer» u. fiel in der sllrdieNiederlande unglücklichen Seeschlacht gegen die Briten zwischen Scheveningen und der Maasmündung 7. Aug. 1653. Er wurde zu Delft beigesetzt und ihm ein Denkmal in der Kirche daselbst errichtet. 2 ) Cornelis, holläud. Seehcld, Sohn des Vor., geb. 1629 in Rotterdam, wohnte 1652 als Capitän eines Linienschiffes unter dem Admiral Van Galen der Schlacht bei Porto Longvne gegen die Engländer bei u. zeichnete sich bes. bei Livorno ans, worauf er zum Contreadmiral vorrllckte. 1656 erhielt er ein Commando bei der großen niederländischen Flotte u. züchtigte 1662 Algier; bei Solcbay 1665 führte er die von den Engländern geschlagene Flotte geschickt zurück und erhielt bis zu de Nuyters Rückkehr das Commando; in der Schlacht in den Dünen, 11.—14. Juli 1666, zeichnete er sich aus, schlug im August die englische Flotte, wurde aber, weil er, von der holländischen Hauptflotte abgeschnitten, de Rnyter nicht zu Hilfe kommen konnte, abberufen. In dem Kriege gegen England u. Frankreich 1673 wieder mit einem Commando betraut, brachte er den Engländern 7. u. 14. Juni sowie 21. Aug. Niederlagen bei und wurde nach dem Frieden 1673 sogar vom König Karl II. von England zum Baronet ernannt. 1676 wurde er holländischer Admiral-Gen erallientenant u. 1691 Oberbefehlshaber der holländischen Flotte, st. aber 29. Mai desselben Jahres und wurde im Grabmal seines Vaters zu Delft beigeseht. Schroot. Trompcr Wpk, Meerbusen der Ostsee im Ne- giernngsbez. Stralsund der preuß. Prov. Pommern, auf der Nordostscite der Insel Rügen, zwischen den Halbinseln Jasmund und Wiltow, ist durch die Schmale Heide seine Landenge) von dem Binnenwasser der Insel Rügen getrennt. Trompete (lat.buda.ital.tromba. elariuo.franz. bruwpot-bo), 1 - ein bei derTheater-, Concert- u. Militär- , bes. Cavaleriemusik (daher auch Trompetenmn- sik) viel gebrauchtes Blechblasinstrument von glänzendem, durchdringendem Tone, besteht aus einer sznsammengelötheten, innerhalb verzinntenMessing- ! blechröhre in der Längevon 2,^m, welche der Beqnem- ! lichkcit wegen mehrmalszusammengebogen wird, sich nahe derMündung erweitert u. in einen Schallbecher (Stürze) ansläust. Am oberen Ende ist das kessel- förmige, mit einer engen Öffnung versehene Mund- stück aufgesetzt. Verschiedene Arten derselben: Die Natur-T., derenRöhre keine Tonlöcher besitzt, weß« halb die Töne mittels verschiedener Lippenstellnng hervorgebracht werden müssen. Deren Umfang erstreckt sich ans folgende Töne: 0 c A o, «i Ai d, ckz flr üsg A »L dz Ii2 0g, doch können auch die fehlenden Töne durch Lippendruck u. Stopfung erzielt werden, klingen aber nicht so gut wie die offenen, wie überhaupt nur dieTöne von Z an gut ansprechen. Diese T. wird in den Stimmungen tief 8,0,8,Ls, L, L, 6, ^s, hoch 8, 0 verfertigt, die übrigen Tonarten gewinnt man durch aufgesetzte Krumm- bogeu; die Notirung geschieht im Violinschlüssel u. inO-äur, wobei die betr. Stimmung jedesmal durch Rromba in L, 0,8 alto rc. angegeben wird. Zum Hervorbringen der chromatischen Scala ohne Stopfung wurden verschiedene Verbesserungen unternommen durch Meyer (1760) mittels eines eigenen Mundstücks, Wögel (1780) mittels der mit Zügen versehenen Jnventions-T., Weidinger (1801) mittels der Klappen-T. im chromatischen Umfange von 2 Octaven n. A., bis endlich Stölzel 1817 daS Veutilsystem erfand, wodurch man sämmtliche diatonische u. chromatische Töne im Umfange von fast 3 Octaven offen hervorzubringen vermag. Durch eine T. mit 3 Ventilen kann der Naturton siebenmal verändert werden; das erste erniedrigt ihn um eine ganze, das zweite um eine halbe Stufe u. das dritte um zwei ganze Stufen. Die Stimmungen dieser Instrumente sind meistens in Ls, Lu. L. — Der Ursprung der T. verliert sich in das graue Alterthnm. In Asien solle» die Tyrrhener die T. zuerst besessen haben; sie zeigte bei den Hebräern u. anderen Völkern Asiens die Form eines geradeauslaufenden, etwas gebogenenHornes ».diente zu Rufen imKriege, bei öffentlichen Versammlungen, Opfern. Moses stiftete am 1 Tage des 7.Monats ein cigenesTrom- petenfcst, wobei die Bläser Zusammenkommen u. zur Verherrlichung des Tages blasen mußten. Die Sitte, das Signal zur Mittags- u. Abendtafel durch die T. zu geben, ist jetzt noch bei Festlichkeiten gebräuchlich; außerdem dient sie bei der Reiterei zu Signalen für Schritt, Trab, Galopp rc. Herolde, Parlamentärs sind ebenfalls von Trompetern begleitet. Früher wurden in Deutschland gelernte u. ungelernte Trompeter unterschieden; erstere bildeten als Hof- u. Feldtrompeter mit den Heerpaukern eine Zunft od. Kameradschaft, die verschiedene Privilegien erhielt, so von Ferdinand II. (1623), u. erst nach dem Tode Josephs II. aufgelöst wurde. Diese zunftmäßi- gen Trompeter waren angesehene Leute, wurden Offizieren gleich geachtet u. gehörten in der Vereinigung zu einem Chor nothwendig zum Hofstaat eines Fürsten. Dieselben hatten eigene Manieren beim Blasen, bes. gewisse künstliche Znngenstöße, die sie nur innerhalb der Zunft gebilvetcn Bläsern mit- theilten; auch gaben sie manchen Tönen gewisse zunftmäßige Namen, 0 Flattergrob, 0 Grobstimme, A Faulstimme, das Blasen der Grundstimme hieß Principal-, das der Oberstimme Clarinblasen, Las ! i 533 Trompctenbaum — Tropen. Schmettern trommeten u. das Pianoblasen schlecht blasen. Vgl. Altenburg, Versuch einer Anleitung zur heroisch-musikalischen Trompeter-n. Paukerkunst, Halle 1795. 2) Ein 8, selten 16 od. 4sußiges Orgel- Manual- u. Pedalrohrwerk. Si-bmrock. k Trompetenbaum, ist I) Lsoropis. xsltsts; 2) Ostslps sz-rinAssIulis.; 3) Datura urbares,. ! Trompetenstsch (Xulostoms. obiasnss Lae.), Fisch ans der zu Len Stachelflossern gehörigen Fam. der Flötenmäuler; Körper gestreckt, mit langvorge- zogener Schnauze u. eugem Maule an deren Spitze; 65 em; Indischer Ocean. Trompeter, beimMilitär die Spiellente der berittenen Truppen, welche die Sigualtrompete blasen, meist aber auch noch auf anderen Blechinstrumenten ausgebildet werden, um Märsche n. sonstige Musikstücke aufzuführen. An der Spitze des T°corps einer Truppe steht ein Stabs-T. Tromsö, 1) Amt in Norwegen, grenzt im S. an das vorweg. Amt Nordland und das schwedische Län Norrbotten, im O. an Norrbotten u. das vorweg. Amt Finnmarken, im N. und W. an das Nördliche Eismeer; 25,173,, dskm (457,2 (UM) mit (1875) 54,015 Ew. (auf 1 Uslcm 2,i, in ganz Norwegen 5„). Das Amt gebirgig durch die nördl. Zweige der nordländischen Gebirge mit Golze Barre(l277m),Bens- jordtind (1221 m), Goatza Gaisi (1230 m) u. a. Die Küste» sind durch zahlreiche Buchten u. tief einschneidende Fjorde, welche theils Inseln, theils Halbinseln bilden, sehr zerrissen. Die größten dieser Busen sind: Kvenang-, Lyngen-, Ulfs-, Bals-, Malan- gen- n. Vaags -Fjord. Inseln: Kaagö, Arnö, Reenö, Aandö, Nord- u. Süd-Kvalö, Riugvatsö, T., Sen- jen, Hindö (nur mit dem südlichen Theile zu T. gehörig) rc. Flüsse: Reisen-, Skiboten-, Maals-, Bardo-Elv rc. Lands een: Kolos, Tag, Alt- Vaud rc. Klima und Vegetation sind ähnlich wie in Finnmarken (s. d.). Die Bewohner sind meist Berglappen, weniger Fischer - u. Kirchspielslappeu, und treiben hauptsächlich Viehzucht, besonders Ren thier- u. Schafzucht, Fischerei, Jagd u. Eiusammeln der Eiderdaunen. Das Amt zerfällt in die 2 Vogteien T. u. Senjen. 2) Hauptstadt darin, auf der 8 Icm langen gleichnam. Insel, 1794 angelegt u. schnell zu einem ansehnlichen Handelsort angewachsen; Sitz eines Bischofs u. eines Amtmanns, Gelehrte Schule, Schullehrerseminar, mehrere Fabriken, lebhafter Handel, namentlich mit Fischen, Thran u. Nickelerz, Hafen; 1875: 5454 Ew. Der Gesammtwerth der Ausfuhrbeträgt jährl. etwa 2,ysMill.U. H Berns. Trona, das in manchen Ländern, z. B. in Ägypten u. der Berberei, aus der Erde u. dem Gestein, als weiße, wollähnliche Krystalle auswitternde, kohlensaure Natron (s. u. Soda). Es enthält außerdem gewöhnlichen kohlensauren Natron u. Kochsalz auch viel anderthalbfach kohlensaures Natron: dlSzOOz 'b XsD60g -f- 2 D 2 O, was ihm vor der Soda für Tuch- u. Seifenfabriken gewisse Vortheile verleiht. Jungck. Tronchet,Franyois Denis, bedeutender Jurist, geb. 1726 in Paris, war Parlamentsadvocat u. wurde 1789 Deputirter des dritten Standes; er unterstützte 1790 Len Amrag zur Vernichtung der Rechte der Erstgeburt bei Lehnserwerbungen, war einer der drei Anwälte Ludwig XVI., von diesem selbst erwählt; unter Robespierre flüchtig geworden, kam er unter dem Directorium wieder, trat 1795 in den Rath der Alten, wurde unter dem Consulat Präsident des Cassationshofes, 1801 Mitglied des Er- haltnugsseuats u. war Mitglied der Redaction des neuen Eivilcodex, st. 10. März 1806. Tronchicnnes (fläm. Drongcu), Flecken an der Lys im Arr. Geut der belg. Prov. Ostflandern, Station der Belg. Staalsbahu, Krappfabrik; 4711 Ew. St. Trond (fläm. Sint-Trnyen), Stadt in der belg. Prov. Limburg, Station des Grand Central; 11 Kirchen, Gymnasium, Salzwerk, Gewehrfabrik, Spitzenklöppelei; 11,253 Ew. Trondlfjem, so v. w. Drontheim. Troilto (Truentus der Alten), 88 km langer Küstsnflnß in Italien, entspringt in der Provinz Aquila u. mündet in der Prov. Äscoli Piceno. Er ist auf eine Strecke für kleine Fahrzeuge schiffbar. Trooil, Hafenort in der schott. Grafschaft Ayr, 10 km nördl. von Ayr; Schiffbau, Fabrikation von Segeltuch u. Seilerwaaren, Seebäder, Hafen (1876 liefen ein 2882 Schiffe von 371,724 Tonnen Geh.); 1871: 2790 Ew. Ii-opssolaeeso, Pflanzenfam. aus der Klasse der Oruiuslöo, in n uerer Zeit auch von manchen Botanikern mit Len 6srsuisosss vereinigt; zarte, windende, glatte Kräuter mit wässerigem Safte und oft knolliger Wurzel, mit gestielten, einfachen, schildförmigen, ganzrandigen, gelappten oder tief handförmig getheilien Blättern; Kelch bleibend, sünfspal- tig, ander Basis gespornt; Blumenblätter 2—5, dem Kelchschlnnde eingefügt, zuweilen fehlend; 8 Staubblätter, dem Fruchtbodeu eingefügt; Fruchtknoten frei, sitzend, dreilappig, drei- selten zweifächerig; Fächer mit einem anatropen Eichen; Frucht bald beeren-, bald kapselartig, dreilappig, drei-, durch Verkümmerung zwei- od. einjächerig, in jedem Fach ein Same; Keimling ohne Eiweiß. Gatt.: Iroxsoo- lum. Engler. Tropäolin, so v. w. Aurin. Iropaoolum L., Pflauzengattung aus der Fam. der Mopsoolsosss (VIII. 1.). 1. mag ns IX (Kapuzinerkresse), kahl, mit fast kreisrunden, ausgeschweiften, unterseits meergrünen Blättern ».orangefarbenen, stumpfen Blumenblättern, von denen die vorderen benagelt sind. Aus Perm eingeführte, allgemein verbreitete Zierpflanze. Außerdem werden noch viele andere Arten cultivirt. Tropen, Stadt in der ital. Prov. Catanzaro, am Tyrrhenischen Meer; Bischofssitz,Schloß,Kathedrale; 4646 Ew. (Gem. 5581). Tropen, in der Geographie die Wendekreise; daher T-gegenden, die Theile der Erde, welche innerhalb der beiden Wendekreise, also von 23" 27' 30" nördlicher bis dahin südlicher Breite liegen, so daßihreBreite 699,jgeographischePkeilen einnimmt u. die ganze Fläche 3,672,893,2 deutsche HW beträgt. T-länder heißen dis hier liegenden Inseln u. Theile des Festlandes. Da hier die Sonne zur Mittagszeit fast (an zwei Tagen, für die beiden äußersten Ränder an einem Tag, genau) senkrecht über der Erde steht, so sind Tag und Nacht überall hier nahezu gleich lang, nach den beiden Rändern der Zone höchstens etwas über 1^ Stunde von einander unterschieden. Das Tropische Klima (T° klima), nur zweiJahreszeiteuenthaltend, eine feuchte und eine trockene, wird bestimmt durch den Sonnen- 534 Tropene — stand u. die Lage der Örtlichkeit: Eintritt der Sonne ins Zenith bringt die Regenzeit (die also in den Sommer der betreffenden Erdhälfte fällt); nur auf offenem Meere sind diese T»rcgen auf den äquatornahen schmalen Calmeugürtel beschrankt, u. nur wo die Luft unter besonderen örtlichen Verhältnissen zu wenig Waffergas enthält, um dessen Verdichtung zu Regen zu ermöglichen, fehlen die T-regen auch dem Festland, so dem S. der Sahara und dem tropischen Westrand SAmerikas vom Guayaquil-Golf slivwärts. Nicht sowol die große Hitze als die (bis aus die eben erwähnten Ausnahmen) in der T-zone herrschende über große Luftfeuchtigkeit, verbunden mit jener Hitze, machen das T-klima, welchem am besten der Neger angepaßt ist, für den Europäer gefährlich. Das T- klimaist auch zurErzeugung u. zum Wachsthum eigen- thümlicher Pflanzen (T-gewächse,T-früchte) u. zum üppigen Gedeihen vieler andern dienlich. Kirchhofs. Tropeue, so v. w. Camphene. St.-Tropez, Stadt im Arr. Draguignan des franz. Dep. Var, am gleichnam. Golf des Mittelländischen Meeres, Kriegsplatz 3. Klasse; Handels- und Fischerschiedsgericht, hydrographische Schule, Schiffbau, Fabrikation von Korkstöpseln, Branntweinbrennerei, Fischerei auf Thunfische, Sardinen, Anchovis u. Korallen (die schönsten des Mittelmeers), guter, mehr als 10 Irs, großer Hafen (durch eine Ci- tadelle und am Eingänge durch 2 kleine Batterien vertheidigt), Handel (Ausfuhrartikel: Wein, Brennholz, Marionen, eingesalzene Fische; Einfuhrartikel: Kork, Getreide, Salz, Stockfisch), besuchte Seebäder; 1876: 3236 Ew. (Gem. 3531). Bei T. gefundene Inschriften, Mosaiken u. Münzen machen es wahrscheinlich , daß es auf der Stelle der wichtigen röm. Schiffsstation Reraolsa Oavoabaria steht. H- Berns. Tropfen, beim freiwilligen Herabfallen in der Luft sich bildendes kugliges Flüsstgkeitstheilchen, s. Flüssigkeit. Tropfen-Platten, die vias des Vitruv am dorischen Gebälk. Sie befinden sich an der abgeschrägten Unterseite der Hängeplatte (Geison) und zwar über jedem Triglyph u. jeder Metope. An der sichtbaren Unterfläche dieser T. befinden sich je 18 Tropfen (K'uttas), geordnet in 6 Reihen von je 3 Tropfen. Vgl. Bank. Taf. IV. Gebälkstück vom Parthenon. Tropfstein (Stalaktiten und Stalagmiten), aus kalkhaltigem Wasser durch Verdunsten desselben ausgeschiedener kohlensaurer Kalk, entsteht meist in Höhlen Lurch Herabtröpfeln des Wassers von der Decke u. den Wänden; gewöhnlich sind die dadurch entstehenden Gebilde den Eiszapfen ähnlich, bilden allerhand eigenthümliche Gestalten, Thürrne, Portale, Säulen, Kanzeln, Särge, Statuen, Wasserfälle, Menschen- u. Thiergruppen rc. oft von riesigen Dimensionen. Die meisten Höhlen der Kalkgebirge enthalten T-gebilde und sino T-höhlen (s. u. Höhle). Für die prachtvollste und großartigste T-höhle wird die 1878 beiLuray, Page County, im nordamerikan. Unionsstaat Virginia entdeckte gehalten, wovon die Jllustr. Ztg. in Nr. 1856, 1857 u. 1861 Abbildun- gen u. Beschreibungen brachte. Trophäen, Tropäen (v. Griech.), Siegeszeichen nennt man die im Kriege mit bewaffneter Hand erbeuteten Waffen, Fahnen rc. Sie wurden schon bei den Römern dem einziehenden siegreichen Feldherr» vorausgetragen. Dann bezeichnet man mit T. auch Troppaii. f mehrere zusammengestellte Rüstungsstücke, Fahnen, Waffen, welche in Erz gegossen, oder aus Stein ge. ' hauen, zu architektonischen Verzierungen angewandt l werden. Trophoneurosen,Ernährungsstörungen,welche i durch eine anomale Function der sogen, trophischen s Nerven entstehen. Diese Ernährungsstörungen können in einer Uebernährung u. in einem Ernährungs- Mangel einzelner Organe, in gesteigerter und ver- ! mindertet: Absonderung drüsiger Örgane, ja in wirklichen Neubildungen bestehen. Die neuere Zeit hat diese Verhältnisse zum großen Theile experimentell sestgestellt. So konnte Mantegazza durch Durchschneidung gewisser Nerven eine Verdickung des Bindegewebes, der Knochenhaut, der Knochen u. der Lymphdrüsen, Stilling durch Nervenverletzung eine einseitige Gesichtsverdickung (Hypertrophie), Claude Beruard durch Durchschneidung des Hals- sympathicns eine Vermehrung der Absonderung der Speicheldrüsen herbeifllhren. Diese trophischen Störungen werden beobachtet in der Haut und bestehen in bestimmten Hautkrankheiten (Nesselfieber, Gürtelflechten u. s. w.), in den Muskeln, in den Knochen u. Gelenken, in den drüsigen Organen, u. in den Eingeweiden; ihre Heilung erfolgt erst nach Wiederkehr der normalen Function der trophischen Nerven resp. nach Beseitigung der die Function der trophischen Nerven störenden Verhältnisse. Kunze. Trophonros, s. Agamedes. Tropisch (v. Gr.), 1) was zur Wendung gehört; 2) bes. was zwischen den beiden Wendekreisen geschieht, liegt, wächst, erscheint; daher T-e Gegenden, Gegenden unter den Wendekreisen; T-es Klima, Klima, wie es unter den Wendekreisen ist, s. u. Tropen;T-eKrankheiten, diejenigen Krankheiten, welche bes. unter den Wendekreisen u. in den heißen Zonen überhaupt auftreten; charakterisireu sich durch Leiden der Leberfunctionen; daher fehlerhafte Gallenbereituug, Leber- und Milzleiden, bösartige Wechselfieber, Dysenterie, Cholera rc. T-e Winde, Passatwinde. T-es Jahr, s. u. Jahr. Troplong, Raymond Theodore, französ. Jurist von Bedeutung, geb. 8. Öctbr. 1795 zu St. Gaudens (Dep. Haute-Garonne), war Gencraladvo- cat, später Präsident am königlichen Gerichtshöfe zu Nancy, unter Ludwig Philipp Rath am Cassationshof zu Paris u. unter der Republik erster Präsident des Appellationsgerichts zu Paris. Als im Decbr. 1851 die Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften auf Antrag Mignets die Sitzungen suspendirte, um gewissermaßen ein Mißtrauensvotum gegen den Staatsstreich auszusprechen, stimmte T. allein dagegen, Ludwig Napoleon ernannte ihn darauf znm Senator u. zum Mitglied des oberste» Unterrichtsrathes; Ende 1852 wurde er erster Präsident des Senats, 1858 Mitglied des Geheimen Rathes u. starb 1. März 1869. Er schr. u. a.: Rs droit oivii expligus, 1833—58, 28 BLe., d. i. eine 1 ReihevonMonographien über das franz. Civilrecht; i daun l)s i'illüusnes cku Lirristianismo sur Is droit i eivii des Romains, 1843, n.A.1868rc. Vgl.Dufour, N. soll osuvrs et ss, mstirod., Par. 1869. Lagai. Troppau, 1) Herzogthum im österr. Schlesien, an der Over, Oppa und Mohra. Als Schlesien in mehrereHerzogthümer zerfiel, gehörte T. zu demHer- zoglhume Teschen. Unter Wenzel III. kam es an Böh- 535 Troppo — men u. Ottokar, König von Böhmen, belehnte 1261 damit seinen natürlichen Sohn Niklas, dessen Nachkommen 1469 ansstarben. 1471 wurde Victorin,Sohn von Georg Podiebrad,damit belehnt, überließ es aber 1485 durch Tanschvertrag an Matthias Corvinns, welcher es seinem Sohne Johann Corvinns gab, der es aber bald wieder verlor. Wladislaw IV., König vonBöhmen n. Ungarn, gab es hierauf seinem Bruder Johann Albrecht, u. dieser, als er 1492 König von Polen wurde, seinem Bruder Sigmund, u. als auch dieser 1507 König von Polen wurde, fiel es an Böhmen zurück u. Wladislaw vereinigle es für immer mit der Krone Böhmen. 1523 erhielt es Kasimir IV. zu Teschen auf Lebenszeit, 1526 fiel es als Be- standlheil Böhmens an das Haus Habsbnrg, und 1614 wurde es vom Kaiser Matthias an die Fürsten von Liechtenstein verpfändet, welche noch gegenwärtig im Besitz des Herzogthums sind. Vgl. Dndik, Des Herzogthums T. ehemalige Stellung zur Markgrafschaft Mähren, Wien 1857; Biermann, Geschichte der Herzogthümer T. u. Jägerndorf, Tesch. 1874. 2) Hauptstadt darin, rechts an der Oppa, Station der Kaiser FerLinand-Nordbahn und der Mährisch- Schlestschen Centralbahn, besteht aus der inneren Stadt u. drei Vorstädten (Grätzer-, Jaktarer- und Ratiborervorstadt), ist Sitz der Landesregierungs- u. Gerichtsbehörden, der schlesischen Advocaten- u. einer Notariatskammer, der Steuer-, Bezirks-u.a. Behörden, eines Archipresbyteriats, eines Platz- commandos, einer Handels- und Gewerbekammer, einer Filealescompte- u. Leihanstalt der österr. Nationalbank, Schlesische Bodencreditaustalt rc., hat ein fürstlich Liechtensteinisches Schloß, unter den Kirchen die alte gothische Hanptpfarrkirche (Propstei), die vormalige Jesuitenkirche, die Minoritenkirche zum Heiligen Geist, Minoritenconvent, Obergymnasium mit Museum u. Bibliothek, Oberreal-,Handelsschule, Lehrer- u. Lehrerinnen-Bildnngsanstalt, zwei Krankenhäuser, drei Hospitäler, Siechenanstalt, Rettungs- Haus, Theater, Lesecasino, Musikverein, Tuchweberei, Wollenwaarenwirkerei, Liqueur-, Maschinen-, Spiritus-, Pottasche-, Rübenzuckerfabriken, Bierbrauerei, Papiermühle, Ziegelei, Speditions-, Tuch- und Leinwaudhandel, große Vieh- u. Wollenmärkte und 16,000 Ew. Dabei schöne Gartenanlagen (Chiosk) u. großer Park, u. eine Stunde davon Bad Johan- uisbrunn. — T. wird um 1164 zuerst erwähnt und war Sitz der Herzöge, s. oben. Hier anläßlich der Neapolitanischen Revolution vom 20. Oct. bis 30. Dec. 1820derTroppauerCougreß, wo sich die Kaiser von Rußland u. von Österreich u. der König von Preußen zur Aufrechterhaltung des politischen Standes von Europa von 1815 verpflichteten. Vgl. Baron Bignon, Du oouxrss äs Troppau, ou sxa- möu äes xrstsrttious äss mouaroliiss adsaluss ä 1'sAnrä äs la manurodis sonstütuiücmsUs äs Xup- Iss, Par. 1821 u. dazu „Beleuchtung" Lurch S. v. N., Lpz. 1821. 1) H. Berns. L) Schroot. Iroppo (ital.)zu viel; Mus., so v. w. zu sehr, Beiwort bei näherer Bezeichnung eines Tonstücks; z. B. ^.UsKro uov troppo, geschwind, doch nicht zu sehr. Tropus (v. Gr., ital. tröpo, span, tröpo), eigentlich die Wendung, eine Redefigur, wo man ein Wort statt des andern setzt, mit welchem es eine Ähnlichkeit hat od. mit ihm in Verbindung steht; also ein bildlicher Ausdruck, Verwandlung der Vorstellung in ein Troubadours. anschauliches Bild; der T. ist entweder Synekdoche od. Metavher od. Metonymie. Daher Tropisch, so v. w. uneigentlich, figürlich, bildlich dargestellt. Troschel, Franz Hermann,Zoolog, geb. 10. Oct. 1810 zu Spandau, studirte in Berlin, wurde Oberlehrer an der Königstädtischen Realschule und Kustos am zoolog. Museum daselbst, habilitirte sich u. wurde 1849 Professor der Zoologie in Bonn. Er besorgte die2.—7. A. desHandbuchsder Zoologie von Wiegmann und Ruthe, redigirte auch seit 1849 das Archiv für Naturgeschichte. Ferner schrieb er über das Gebiß der Schnecken, Berl. seit 1856, noch nicht vollendet; Loras ielltiiz-oloKioas, mit I. Müller, Berl.; System der Asteriden, auch mit I. Müller, Brauuschw. 1842. r. Troß, früher so v. w. Train (s. d.), theilweise jetzt noch gebräuchlich für die von einzelnen Trup- pentheilen eigenmächtig mitgesührten Wagen rc. Tröffe, s. Tau. Trost, Johann Joseph, deutscher Kunstschrift, steiler, geb. in Aschafseuburg 16. Mai 1789, starb in Wien 8. Febr. 1867, studirte Philosophie, wurde 1810Studienlehrer inAschafsenburg,gab dieseStelle aber aus um ganz Europa zu bereisen, ward 1811 Erzieher beim Grafen Kuenburg in Tobitschan in Mähren, ging 1831 nach Paris, 1832 nach Wien, wo er Professor der Theorie der bildenden Künste u. Bibliothekar an der Akademie wurde, auch Custos der Kupferstichsammlung, bis er 1866 in Ruhestand trat. Schriften: Die Proportionslehre DürerssWien 1859); Die Proportionslehre mit einem Kanon der Längen-, Breiten- u. Profilmaße aller Theile des menschlichen Körpers (Wien 1866). Regnet. Trot (fr.), Trab. Trottoir (v. fr. Mobtor, gehen). Die zu beide» Seiten der städtischen Straßen entlang der Häuserreihen hinlaufenden, über Las Straßenniveau gewöhnlich etwas erhöhten Gänge oder Steige. Vgl. Pflaster. T-e wurden schon im Alterthum in Anwendung gebracht, wie das Beispiel Pompejis beweist. Trotzeudorf, eigentlich Friedland, Valentin , T. genannt nach seinem Geburtsort T.bei Görlitz, der bedeutendste Schulmann seiner Zeit, geb. 14. Febr. 1490, studirte seit 1513 in Leipzig und wurde 1515 unterster Lehrer in Görlitz, wo er den Rector u.die übrigen Lehrer in den Anfangsgrllnden der griechischen Sprache unterrichtete. Nach Luthers Auftreten ging er 1518 nach Wittenberg, schloß sich diesem u. Melanchton an und lernte hier Hebräisch. 1523—27 war er Rector der Schule zu Goldberg, 1527—29 Lehrer in Liegnitz, daun in Wittenberg, übernahm aber 1531 das Rectorat in Goldberg vo» Neuemu st. zu Liegnitz. wohin er nach einem Brande in Goldberg mit der Schule gezogen war, 26. April 1556. Erbrachte die Schule zu Goldberg zu hoher Blllthe, so Laß dieselbe ost über 1000 Schüler zählte aus Ungarn, Polen, Siebenbürgen, Lichtenau rc. Gelehrt wurde Religion, lat., griech. u. hebr. Sprache (das Deutsche war verbannt), Rhetorik, Geschichte u. Dialektik. Er schr. u. a.; Lrsoabionss; Hotlw- äus äootrinas eabsoitstioas, Görl. 1570; Lebensbeschreibung von G. Pinzger, Hirschb. 1825. Lagai. Trotzkopf, eine Art der Bohrkäfer. Troubadours(ital.I?rovktbori,spau.Provnäär), die Ritterdichter des 12. u. 13. Jahrh. in SFrauk- reich u. NSpanien (während die in NFrankreich 536 Hot 1886 NU — Trohes. Trouvcres hießen), so genannt von der Kunst ihrer poetischen Erfindungen; auch Provenyalen, weil sie des. in der Provence blühten. Da die provenxa- lische Sprache eine romanische war, so hießen sie auch Romanische Dichter; über sie s. Proven;a- lische Literatur. Iroussssii (sranz.), eigentlich ein Bündel, ein Bund, Gebnnd; sodann bei hochstehenden Personen die Aussteuer, Ausstattung der Töchter bei der Hei- rath mit Kleidern, Einrichtungsgegenstanden rc. Troussean, Armand, sranz. Mediciner, geb. 14. Oct. 1801 zu Tours , seit 1825 Arzt in Paris; er erhielt 1828 den Auftrag, die epidemischen Krankheiten in SFrankreich u. das Gelbe Fieber in Gibraltar zu studiren, ward 1831 Hospitalarzt u. gründete 1834 mit H. Gouraud und I. Lebaudy das äourual äss eo»,missalless insäioo-ellirurAioalss. 1839 ward er Professor der Therapie und Arzneimittellehre au der Universität u. saß 1848 für das Dep. Eure-et-Loire in derConstituante; 1856 wurde er in die Akademie der Medicin ausgenommen u. st. 22. Juni 1867. Er schrieb: Doeumsut» rseeuiUis pur In eoillmissillll Iran«;giss envovss ü Oibrnitar pour ebservsr In üsvrs zguns (mit Chervin und Barry), Par. 1830, 2 Bde.; Iraits elemsntairs äs thörnpsuiigus et äs mutiere msäiesls, ebd. 1836 (mit M. Pidoux), 8. A. 1867, 2 Bde.; Im pirtlrisio larz-NAse (Preisschrift), 1837; NouveUss rsolrsr- eirss sur In travirsotowis pratigues äuns In ps- rioäs extreme äu oroup, 1851; Du tubuAS äs In xlotts st äs 1a trgslisotomis, 1859; Oiinigus me- äiegls äs IHötsi-Oieu, 1861, 2 Bde., 2. A. 1862 bis 1864, 3 Bde. Vgl. Beclard in seinen Kutioss st portruits, Par. 1878. Trouville (T.-sur-Mer), Stadt und Seebadeort im Arr. Pont-l'Evbque des sranz. Dep. Calvados, an der Mündung der Touques in den Canal (La Manche), Station der Franz. Westbahn; Stadthaus im Stile Ludwigs XIII., zahlreiche reizende Villen, stark besuchtes Seebad, Sammelplatz der Pariser Well, Schiffbau, Austcrnfang; 1876: 5161 Ew. (Gem. 5886). Louis Philipp schiffte sich hier aus seiner Flucht 1848 nach England ein. Vrovstllri (ital.), so v. w. Troubadours. Trowbridge, Stadt in der engl. Grafsch. Wilts, auf einer felsigen Anhöhe am rechten Ufer des Were u. am Kennet-Avon Kanal; Eisenbahnstation; bedeutende Fabrikation von feinen Tuchen und anderen Wollenwaaren; 1871: 11,508 Ew. Troxler, Ignaz Paul Vital, schweiz. Philosoph u. Politiker, geb. 17. August 1780 zu Beromünster im Kanton Luzern, studirte in Jena und Göttingen Philosophie und Medicin, wurde 1820 Professor der Philosophie u. Geschichte am Lyceum zu Luzern, 1830 zu Basel, 1831 wegen vorgeblicher Theilnahme am Aufstand von Basel-Landschast abgesetzt , 1832 Mitglied des Großen Raths des Kantons Aargau, 1834 Professor an der Universität Bern u. st. 6. März 1866 aus seinem Landgut bei Aarau. Als Philosoph huldigte er einer mystischen Richtung, als Politiker gehörte er zu den Verfechtern der schweizerischen Einheitsbestrebungeu. Bemer- keuswerthesteSchriften: Erkenutuißlehre,Aar. 1821; Logik, Stuttg. 1829, 3 Bde.; Vorlesungen überPhi- lojophie, Bern 1835, 2. A. 1842; Der Atheismus in der Politik, ebd. 1850. Specht. Trost , Hauptort des Rensselaer County im Nordamerika». Unionsstaat New I)ork, zu beiden Seiten des Hudson, Endpunkt der Seeschifffahrt auf dem Hudson, wichtiger Eisenbahnknotenpunkt (Centralbahnhof, einer der größten in NAmerika), bedeutende Fabrikthätigkeit in Baumwolle, Wolle, Papier, Maschinen aller Art, Schuhwerk, mathematischen Instrumenten (berühmt), Wäsche (4500 Arbeiter), ferner: Gerbereien, Eisengießereien, Bau von Wagen u. Waggons, Getreidemühlen, Bierbrauereien rc.; hat University, Polytechnisches Institut u. mehrere andere höhere Lehranstalten; Arsenal der Vereinigten Staaten rc. Im Jahre 1789 gegründet, wurde T. 1816 als Stadt incorporirt, hatte 1860 30,246 u. 1870 46,465 Ew. 1878 etwa 60,000, darunter an 10,000 Deutsche. Mehrere große Feuersbrünste, unter denen die vom 10 . Mai 1862 einen Schaden von 3 Mill. Dollar verursachte, suchten die Stadl heim. Schroot. Troya, Carlo, ital. Geschichtschreiber, geb. 7. Juni 1784 in Neapel, studirte die Rechte, diente im Staate unter König Murat, war nach Rückkehr der Bourbonen ALvocat, mußte aber infolge seiner die revolutionären Bestrebungen von 1820 fördernden journalistischen Thätigkeit in die Verbannung gehen. Er bereiste nun Italien u. durchforschte die Bibliotheken u. Archive, kehrte 1848 nach Neapel zurück, war vom 3. April bis 14. Mai Präsident des Ne- volutionsministeriums, wurde von derznrückkehren- den Regierung begnadigt und lebte nun wieder den Studien bis zu seinem Tode 27. Juli 1858. Er veröffentlichte II vsltra nUsAorieo äi Dante, Flor. 1826, eine von der Tiefe seiner historische» Forschungen zeugende Schrift, dann Ltoria ä'Itaiia äek meäio s-svo, Flor. 1839 ff., 16 Bde., die Zeit von 476—1321 zu umfassen bestimmt, aber nur bis auf Karl d. Gr. reichend. vagai. Trostes , Stadt u. Hauptort in dem franz. Dep. Aube, sowie in dem 9Cantone u. 120 Gemeinden mit 1876: 101,940 Ew. umfassenden, gleichnam. Arr., früher auch Hauptstadt der Champagne,au derSeine, welche die Stadl in mehreren Kanälen durchströmt, u. am Oberseiuekanal, Station der Ostbahn u. der Orleans-Chälons-sur>Marne-Eiseubahn,i»iJnnern meist unregelmäßig n. schlecht gebaut, vormals befestigt, an Stelle der alten Gräben jetzt mit hübschen Promenaden u. Anlagen umgeben; Sitz des Präfec- teu und der Deparlemeutsbehörden, eines Bischofs, hat Gerichtshof erster Instanz, Assisenhof und Handelsgericht, mehrere Kirchen, darunter namentlich bemerkenswerth die Kathedrale St. Pierre (1208 begonnen und 1640 vollendet, zeigt ein Gemisch verschiedener Baustile) mit einem reich verzierten Portale von 1606, die Kirche St. Urbaiu (1262 bis 1267 von dem Papste Urban IV. erbaut), die Kirche St. Jean (aus dem 13. Jahrh.), die Kirche Ste. Madelaiue (aus dem 12. Jahrh.) u. die Kirche St. Remy (aus dem 14. und 15. Jahrh.), schönes Stadthaus (1624—70 erbaut) mit prächtigem Saale, Lyceum (in einem schönen Gebäude), Rormalschulen für Lehrer u. Lehrerinnen, höhere Schule für Mädchen, Handels- und Gewerbeschule, öffentliche Lehr- knrse für Sprachen, Gesang, Zeichnen u. Architektur, Lehrknrsus für angewandte Chemie, öffentliche Bibliothek von ca. 110,000 Bänden u. 5000 Manu- scripleu, Museum mit Sammlungen von Gemälde», s Troyes — Truchseß. 537 Sculpturen, Antiquitäten u. Naturalien, chemisches Laboratorium, mehrere gelehrte und gemeinnützige Gesellschaften (u. a. für Ackerbau, Garten- u. Weinbau, Wissenschaften u. Künste rc.), Theater, Hospital, (Hötel-Dieu), Departementsgefängniß, Ackerbau- u. Handelskammer, Succursale der Bank von Frankreich, Kaufhallen, zahlreiche Wollen- u. Baumwollenspinnereien, Fabriken in wollenen, baumwollenen, u. leinenen Zeugen, Strümpfen, Handschuhen, Wirk- waaren, wollenen Decken, Stickereien, künstlichen Blumen, Wachskerzen, Öl, Seife (savon blaue äs L.), Papier, Pergament, Wagenrc., Gerberei, Bierbrauerei, Branntweinbrennerei, Bereitung von berühmten Cervelatwürsten u. geräucherten Hammelzungen, ansehnlichen Handel mit Getreide, roher Wolle, Tuch, Würsten, getrockneten Gemüsen, Wein, Branntwein, renommirten Käsen rc.; 1876: 41,275 Ew. T. ist der Geburtsort des Papstes Urban IV — T. hieß zur römischen Zeit Augustobona u. war die Stadt der Tricasses, daher auch später Tricassis (Tricassä) und seit dem 5. Jahrh. Trecä genannt. Unterderfränkischen Herrschaft kam T. an Neustrien; 889 zerstörten es die Normannen; seit 1019 besaßen es die Grafen von Champagne und machten es zu ihrer Hauptstadt; 1339 kam es mit der Champagne an Frankreich. Hier 1111 Concil, auf welchem die Gregorianischen Edicte wegen derJnvestitur erneuert wurden. 1415 wurde T. vom Herzog von Burgund erobert. Hier 21. Mai 1420 Friede zwischen Frankreich u. England, in welchem Heinrich V. von England die Hand Katharinens, der Tochter Karls VI. von Frankreich, die Zusicherung auf die Thronfolge nach Karls Tode u. bis dahin die Regentschaft in Frankreich erhielt. 1429 wurde T. von Karl VII. wieder erobert. 1814 war es einer derHauptopera- tionSPuukte derösterr.Armee. Vgl.Bomiot, Histoirs äsIavilIsäs1.,4Bde.,Troyesl870—74. H-Berns. Trohes, Chretien de, s. Crestiens de T. Trotj-Gewicht (Troypfund), s. Lvoir äu xois. Troyon, Constant, berühmter franz. Landschaftsmaler, geb. 28. Aug. 1810 zu Sevres, starb 20. März 1865 iu Paris, erhielt den ersten Unterricht von dem Conservator des keramischen Museums in Sevres in der Richtung des sog. elastischen Styls, stellte 1833 zuerst aus, warf sich bald der Natur in die Arme, die er namentlich in der Normandie und Touraine studirte und bereiste dann auch Holland, die Pyrenäen u. die Schweiz. Bis 1848 hatte T. fast nur Landschaften gemalt u. mit einer einzigen kleinen Figur stafstrt. Von da an brachte er auch Thiere in denselben an. Sein Thal von Touque u. seine Höhen von Suresnes verbinden die landschaftliche Statur u. Las Thierleben auf das Innigste mit einander. Im Allgemeinen erscheinen die Thiere u. Menschen in seinen Bildern nur als Staffagen zur Vervollständigungdes Charakters derNatur.Hauptwerke: Die Morgens zur Arbeit gehenden Stiere (1855), Aufbruch zum Markte. T. gehört zu den begabtesten Vorkämpfern der realistischen Richtung u. zeigt namentlich eine außerordentlich feine Beobachtung u. seltene Energie des Vortrages. Regnet. Trözene (Trözeu), Stadt in der Landschaft Trö- z enia in Argolis, wahrscheinlich von Ioniern erbaut, mit dem Hafen Pogou. Trübau (Tribau), I) Stadt so v. w. Böhmisch- T.; 8) Stadt, jo v. w. Mährisch-T. Trubctzkoi, rust. Fürstenfamilie, vom Großfürsten OlgierdvonLitauen abstammend. Am Bekanntesten wurden: 1)FürstDimitri Timofejewitsch, ein Diplomat u. Feldherr voll Wankelmuth u. Tücke. 1608 wurde er unter dem zweiten Pseudo-Dimitri Bojar, 1610 verließ er ihn, trat in den Reichsrath u. fpeculirte, auf die Reste der Dimitrischen Frac- tion gestützt, auf den russischen Thron. 1611 belagerte er Moskau, wurde neben Läpunow u. Saruzki Oberfeldherr, ließ aber bald Läpunow tödteu. 1611 huldigte er dem Diakonen Isidor als Dimitri, ließ ihn aber 1612 fallen. Mit Posharski und Kosma Mini», auf die er voll Dünkel herabblickte, erstürmte er Oct. 1612 Moskau. Der Reichstag schenkte ihm Ländereien u. Leibeigene, aber vergebens hoffte der Fürst 1612—13 auf die Krone. 1614 commandirte er in Staraja-Russa gegen Schweden, wurde aber vertrieben. Der Patriarch Philaret fürchtete seine Jntrigueu am Hofe Michails u. T. wurde darum Gouverneur von Sibirien, als welcher er 1625 st. 2) Fürst S erger, ein liberaler kunstsinniger Manu, dem es aber an aller Charakterfestigkeit u. an Grundsätzen fehlte, war Generaladjutant, Oberstim Stabe des 4. Armeecorps u. seit 1825 Militärgouverneur von Kiew, als er sich nicht nur iu die Geheimbüude hineinziehen, sondern sogar als provisorischer Dicta- tor an die Spitze der Verschwörung gegen die Autokratie des Zaren stellen ließ; total unfähig zu einer solchen gefährlichen Rolle, that er bei dem Ausbruch der Conspiration nichts, wurde verhaftet, suchte vor Nikolauszuleugnen, mußte gestehen, flehte feige ums Leben u. zeigte volle Muthlosigkeit. Zum Tode ver- urtheilt, wurde T. zum Verluste des Adels, zur Degradation u. zur lebenslänglichen Zwangsarbeit in Sibirien 1826 begnadigt, verlor in Sibirien seine engelhafte Gemahlin (Gräfin KatharinaLaval) 1854, durfte 1856 heimkehren u. starb 1861 in Moskau. Vgl. des Verfassers Rußlands Geschichte u. Politik, dargestellt in der Gesch. des russischen hohen Adels, Cassel 1877. Klemschmidt. Trubtschelvsk, Kreisstadt im russ. Gouv. Orel, an der Mündung der Nerusa in die Desna, 8 Kirchen, etwas Handel, Salzmagazine; 5451 Ew. Truche, Geheime, eine sonst in Württemberg, seit dem 16. Jahrh. bestehende ständische Kaffe, aus welcher der Ausschuß der Stände, wenn der Landtag nicht zusammen war, Gelder nach Gutdünken ent- nehmen konnte, wofür er nur dem nächsten Landtag Rechenschaftzu geben brauchte. 1804 u. 1805 wurde sie, wie die Landstände selbst, vom König Friedrich aufgehoben. Truchemenen, so v. w. Turkmenen, s. d. Truchemenen-Jsthmus , der Landstrich zwischen dem Kaspischen Meer u. dem Aralsee. Truchseß (v. althochd. ti'iättsLüo, Vorgesetzter der trnftt, des Trosses, im Latein des Mittelalters vapiksr, in Frankreich Seneschall ss. d.j, in England Ligia Ltsvarä), im Deutschen Reiche seit der Krönung des Kaisers Otto I. der vornehme Hosbe- amte, welcher die Oberaussicht über Küche n. Oeko- nomie der kaiserlichen Hofhaltung führte u. bei dem feierlichen Krönungsmahle vier silberne Schüsseln mit Rindfleisch aus die Tafel zu fetzen hatte. Das Erbtruchseßamt war am deutschen Kaiserhofe eine der höchsten erblichen Würden des Reiches und gehörte feit frühester Zeit zu Bayern, war 1356 bis kl 538 Truchseß — Trum. 1623 bei den Kurfürsten von der Pfalz und dann wieder bei Bayern, welches es, mit Ausnahme einer kurzen Unterbrechung von 1708—14, bis zur Auflistung des Deutschen Reichs besaß. In der Eigenschaft als Erb-T. hatte der Kurfürst von Bayern die Verpflichtung bei der Kaiserkrönung den Reichsapfel vor dem Kaiser herzutragen u. hatte seit frühester Zeit einen erblichen Stellvertreter für diese Würde in den schwäbischen Grafen T. von Waldbnrg. Truchseß, Name vieler adeligen Geschlechter, welche daher ihren Namen hatten, daß ihre Vorfahren Erbtruchsesse bei verschiedenen Höfen waren. Irucksengl.), Tausch, Tauschhandel; daher Trucksystem, eine bes. inFabrikorten gewöhnliche Art, wie Fabrikarbeiter von den Fabrikherren ausgezahlt werden, wobei Maaren (Zucker, Kasse, Käse, Butler) statt des baaren Geldes gereicht werden. Da bei diesem, an sich segensreichen System doch der Habgier des Fabrikanten zu freier Spielraum gelassen ist, so daß die Arbeiter vielfach gedrückt u. übervor- theilt werden, indem jene Maaren über den Werth angeschlagen, auch wol in größeren Quantitäten anf- genöthigt werden, als der Bedarf der Arbeiter ist, so ist von den Regierungen gegen dasselbe eingeschritten worden. Vgl. Cottagesystem. Truckee, Stadt im uordamerikan. Unionsstaat Calisornien, Station der Union- u. der Central Pa- cificbahn, an dem 2200 m hohen Truckeepaß; Holzhandel; 6000 Ew. Trucksystem, s. Iruok. Trude rc., so v. w. Drude. Trueba, 1) Anronio de, neben Eugemo de Hartzenbusch der gefeiertste u. gelesenste zeitgenössische Dichter u. Novellist Spaniens, geb 24. Dec. 1821 in Montellana (Biscaya), kam 1836 als Handelslehrling uach Madrid, suchte sich in seinen Mußestunden schönwissenschaftlich weiter zu bilden, veröffentlichte erst anonym in verschiedenen Zeitschriften seine Dichtungen u. entschied sich 1846 ganz für die literarische Laufbahn, zu welcher ihm die mit Beifall aufgenommenen, allmählich mehr u. mehr sich veredelnden Erzeugnisse seiner Feder den Weg gebahnt hatten. Er fand zunächst Verwendung bei der Redaction einer Zeitung. Im Libro äs los eautarss (Madr. 1852) bot er dem Publicum eine 1. Sammlung seiner Gedichte; sie fanden allseitigen u. dauernden Beisall u. wurden Gemeingut des spanischen Volkes. Die kunstvolle Technik seiner Verse, die natürliche u. gleichwohl gewählte Sprache ».tiefe, herzliche Empfindung in derselben, verbunden mit einem edlen männlichen Charakter, verschafften dieser seiner Gabe die hochehreude Auszeichnung der Aufnahme in die treffliche Lolsoeion äs autoros ospauolss (1860), welche bei Brockhaus in Leipzig erscheint u. eine stattliche Reihe elastischer spanischer Werke in handlichem Format zu billigem Preise bietet. Ebendaselbst erschien auch eine Auswahl seiner vorzüg- lichenErzählungen,Novellen, Märchen u. Schwänke, die in Spanien selbst in vielen Auflagen verbreitet sind; wir nennen darunter: Lusutos äs eolor äs rosa (zuerst Madr. 1859); Lusntos vamposinos (Dorfgeschichten), ebd. 1862 ff.; Lusutos äs vivos z? äswuortos, ebd. 1866 ff.; Karin Lanta, ebd. 1874; Karraemnss populäres, ebd. 1874 u. Lpz. 1875; chst rsäsntor moäsrna (Der moderne Erlöser), Madr. 1876. Allgemein beliebt, geschätzt u. anerkannt, erhielt T. 1862 die Ernennung zum Archivar von Biscaya; 1865 begleitete er die Königin Isabel auf deren Rundreise durch das Baskenland. Bei Ausbruch des Bürgerkrieges 1868 verlor er sein Amt u. floh nach Madrid, wo er seitdem bloß de» Musen lebt. Die meisten seiner Novellen u. Erzählungen sind seither mehrfach ins Deutsche, Englischere, übersetzt worden. 2) T. y Cosio Telessoro de, trefflicher span. Lustspieldichter u. Romanschriftsteller, geb. 1805 zu Santander, bildete sich in Paris und London zum diplomatischen Dienste aus u. wurde zum Attache der spanischen Gesandtschaft in Paris ernannt; schon 1822 nach Spanien zurückgekehrt, stiftete er mit Gleichgesinnten eine sogen. Akavemie, zu deren Mitgliedern die damaligen jüngeren Dichter Spaniens zählten. Die Ereignisse von 1823 nöthig- ten ihn, nach Cadiz zu flüchten; hier schrieb er die 2 ausgezeichneten, für elastisch erachteten Lustspiele LI vslsts, (Die Wetterfahne) u. Lasars« ccm 60,00» äuros. Der Terrorismus der absolutistischen Regierung Ferdinands VII. trieb ihn nebst vielen Anderen ins Ausland; er wandte sich nach London, lebte den schönen Wissenschaften u. veröffentlichte in englischer Sprache verschiedene geschichtliche Romane u. das zeitgenössische Sittengemälde karis anä Louäon, das allgemeinste Anerkennung fand. Nach Ferdinands VII. Tode (1834) kehrte er heim, ward vou den Cortes zum Procurator, später zum Secretär der 2. Kammer gewählt. Fortwährend kränkelnd, begab er sich nach Paris, wo er 4. Oct. 1835 starb. Trüffel, s. Illbsr. (Booch-Ärkossy. Trugdolde, s. Blüthenstände. Trugschluß, so v. w.Sophisma, s. u. Sophistik. Trujillo (Truxillo), 1) Stadt in der span. Prov. Caceres (Estremadura); altes Castell, Leinenweberei, Töpferei, Gerberei, Viehhandel; 7860 Ew. T. ist das alte Iuris äulis, u. Geburtsort Pizarros. 2 ) Prov. der südamerikan. Republik Venezuela, ander östl. Seite des Golfs von Maracaibo, 11,211 Hjicm (203,g HÜM) mit (1871) 108,872 Ew., wird im südöstl. Theil von der Cordillere von Merida durchzogen, im Übrigen flach, gut bewässert u. fruchtbar u. bringt in vorzüglicher Qualität Südfrüchte und Kaffe hervor. 3 ) Hauptstadt darin im Gebirge; Collegium, Kafseexport; 2648 Ew. 4 ) Hauptstadt des peruan. Dep. Libertad, mit der Hafenstadt Salaverry durch Eisenbahn verbunden; Bischossitz, schöne Kathedrale, Collegium, Priesterseminar; 8000 Einw. Im 1.1535 durch Pizarro gegründet, litt die Stadt wiederholt durch Erdbeben. In der Nähe die großartigen Trümmer der Hauptstadt des untergegangenen vorinkasischen Chimu - Reiches. 5 ) Stadt mit Hafen im Dep. Joro, Honduras, am Karaibischen Meer, war im 16. Jahrh. eine bedeutende Handelsstadt und wurde durch die Holländer und Bnccanier zerstört; etwa 4000 Ew. Schroot. Trum, 1) (Geol., Plural Trümer), aderför- mige Gangmassen, od. Gangäste, in welche sich größere Gänge zerschlagen oder zertrümern. Je nachdem sie im Hangenden oder Liegenden des Ganges austreten, unterscheidet man Hangende und liegende Trümer, legen sich dieselben in der Fortsetzung wieder an den Hauptgang an, so nennt man sie Bogentrümer, setzen sie nach einem benachbarten Gange hinüber, Diagonaltrümer. 2) Die Abtheiluug eines Schachtes: Förder-, Fahr-, Pumpen-, Wetter-T. 539 Trumbull — Truthuhn. Trnmbull, County im uordamerikan. Unions- staat Ohio, 41" n. Br., 81" w. L.; 38,840 Einw. Hauptort: Warren. Irumesu (sranz.), Fensterpfeiler, ein denselben bedeckender Wandspiegel. Trumpp, Ernst, bedeutender Orientalist, geb. 13. März 1828 zu Jlsfeld (Württemberg), studirte auf dem Stift zu Tübingen Theologie u. orientalische Sprachen 1845—49, dann in England letztere weiter u. trat dann in die Olinrdi Llisdonar^ Looist^. In derenAustrag erforschten, bearbeiteteer indenJahren 1854—58 die Sprache des Jnduslandes, die Sprache der Afghanen u. erlernte das Neuarabische inAegyp- ten u. Syrien 1860, um seine zerrüttete Gesundheit wieder herzustellen, kehrte er nach Stuttgart zurück, ging aber, nachdem er seih1861 eine Diaconatsstelle versehen, 1870 im Auftrag der englischen Regierung nach Lahore, um dort mit einigen Sikhspriestern eine Übersetzung der heiligen Bücher der Sikhs anzufertigen. 1872 nach Europa zurückgekehrt, habi- litirte er sich in Tübingen u. wurde 1874 ordcntl. Professor der orientalischen Sprachen in München, auch Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Hauptwerke: Lincklii ros,äin§ doolc in ^radie anä Lanskrit diaraotsrs, Lond. 1858; Über die Sprache der sog. Kafirs im ind. Kaukasus, 1866 (ein Vortrag); Mrs Linälli Diwan ok L.dä-nI-Datik 8 Irak, 1866; 6laminar ok tko 8iiräkr lanAnaAS, eom- xarsci wibll tilg Zansicrit-Dralcrit rc., 1872; Oram- mar ok tlls kaskto or lanAuaZs ok tks ^k^kans rc., 1873; Einleitung in das Studium der arabischen Grammatiker, Münch. 1876; Btis Läi Diantk, or tke kol^ soriptnrss ok tks Nilcks, kranslatock krom tks oriZivol 6nrmnüki, Lond. 1877 rc. Trunkenheit, hoher Grad des Rausches, s. d. Trupiale, lotsricias <7ab., den Staaren nahestehende Singvogelfamilie, in Amerika heimisch; daher auch amerikanische Staare. Schnabel lang, schlank-kegelsörmig; Flügel spitz; 9 Handschwingen; Schwanz lang, Füße kräftig mit langer Hinterzehe; schwarz mit gelb oder orange, selten braun od. blau. Dahin u. a, der Kuhvogel (s.d.) u. der Trupial (Drupialis Lx.). Letztere Gattung charaktcrisirt sich durch sehr feinspitzigen Schnabel mit Stirnschneppe. Brasilien. Truppen, die zum activen Kampfe gegen den Feind bestimmten Soldaten. Man theilt sie in Feld- u. Besatzungs-T. Zu Ersteren gehören die Linien- u. Reserve-T., zu Letzteren die Ersatz-Bataillone, -Es- kadrons u.-Compagnien, sowie dieGarnisonbataillone u. die LanLsturmformationen. Nach ihrer Gattung theilen sie sich in leichte u. schwere T-, bei der Infanterie in Füsiliere bezw. in Grenadiere u. Musketiere, bei der Cavalerie in Kürassiere u, Ulanen bezw. Dragoner und Husaren; nach ihren Massen in Infanterie, Cavalerie, Artillerie, Pioniere u. Train, l. Truppcngnttungen,sov.w. Waffengattungen. Truro, Stadt in der englischen Grafschaft Cornwall, am Zusammenfluß des Kenwin u. St. Allen, welche hier in das obere Ende des Falmouth-Hafens münden, Eisenbahnstation ;königl. Institut von Cornwall (mit Museum), Bergschule, Stempelhalle (6oi- nuAS IiaU), in der früher das Stannaryparlament zusammenkam, Denkmal des hier geborenen Afrika- Reisenden Lander, Krankenhaus, Eisengießerei, Schmelzöfen, Papier- u. Porzellanfabrikation, Ha- fen; 1871: 11,049 Ew. — T. ist Hauptort eines Bergwerkbezirkes, dessen Zinn- u. Kupfererze von hier verschifft u. ansgefllhrt werden. T. sendet 2 Mitglieder ins Unterhaus. H- Berns. Trnsche, Fisch, so v. w. Aalraupe. Truthuhn, LkeloaZfris L., Vogelgatt, der Fam. Oradäas prg., Ordg. Scharrvögel; Schnabel kurz u. stark; Kopf u. Hals nackt, fleischig, warzig; am Grunde des Oberschnabels ein schlaffer, schwellbarer Fleischzapfen, sogen. Klunker; Flügel kurz, gewölbt; Schwanz I8fedrig breit, zu einem Schirm aufricht- bar; Lauf nackt mit stumpfer Spornwarze; Brust des Männchens und der alten Weibchen mit haarartigem Federbüschel; Eier weiß, fein braunfleckig. Amerika. Arten: Ll. Mllopavo D., Truthahn, Puter, 1 m lang; schwarz, Brust u. Rücken in der Sonne goldig schimmernd, jede Feder trägt ein dunkleres Querband; Schwingen weißgrau gebändert; Schwanzfedern braun gebändert. Hühner meist Heller. Als besondere Varietäten werden aufgeführt das nordamerikanische Bronze-T., das von Norfolk u. Cambridge. Außerdem gibt es noch Farbenvarietäten, so die schönen, aber zärtlichen weißen Truthühner. Die Truthühner kamen 1524 nach England u. 10 Jahr später nach Deutschland. Seitdem werden sie vielfach domesticirt gehalten. Ihre Aufzucht ist mit nicht geringen Schwierigkeiten verbunden u. ganz bes. vom Klima abhängig. Gegen Nässe u. Feuchtigkeit sind sie bes. zu schützen. Auf eine» Hahn, welcher stark n. lebhaft sein muß, rechnet man 4— 6 Hühner; die grauen sind die dauerhaftesten, während die weißen das beste Fleisch liefern. Die Truthenne legt gewöhnlich zweimal im Jahre 15 bis 20 Eier, im zenigen Frühjahr u. gegen Ende des Sommers. Sie brütet 28 Tage. Während der Brütezeit ist Gerste mit Löwenzahnblättern und Nesseln das beste Futter. Die Jungen müssen vor Sonnenschein, Regen, Thau u. Kälte geschützt werden. Als Futter gibt man ihnen Fliegeularven, Negcnwürmer, Ameisenpuppen u. Mehlwürmer, später hartgekochte Eier und das schon erwähnte Grünsutter. Sind sie etwas herangereist, so tritt daneben Körner- und Weichsntter ein, welches die Truthühner bei frischem kalten Wasser vollkommen mästet. Auch treibt man sie mit gutem Erfolg aus Stoppelfelder und in Gebüsche. In Frankreich werden die Truthühner zur Mast geschnitten. Das Durchschnittsgewicht eines Mast-T-s beträgt 12^ ir§. Fleisch sehr geschätzt, bes. bei gekappten (castrirten) Hähnen. Man ißt das T. gewöhnlich gebraten. Auch benutzt man dis Federn (selten zum Schreiben, mehr zu Betten u. Federbüschen) u. Eier. Das T. stammt aus NAmerika, wo es bes. am Mississippi in Herden zu mehreren Hunderten lebt. Die ersten Truthühner brachten die Spanier 1524 von Florida nach Europa. Im 1.1541 galten sie in England bereits als ein wenig seltener Leckerbissen, während in Frankreich der erste ans der Hochzeitstafel Karls IX. 1570 verspeist wurde u.in D eutsch- land der Vogel in der ersten Hälfte des 16. Jahrh. ganz unbekannt gewesen zu sein scheint. Der wilde wie der zahme Truthahn zeigt sich scheu u. dumm, elfterer wird leicht in Lauben von Holzstäben gelockt n. gefangen. Die zahmen Hähne werden anderem Hofgeflllgel und gereizt selbst Kindern gefährlich. Durch Nachahmen des Kollerns, Pseiscn u. den An- blick rother Farbe gerathen sie in Zorn. Als die 540 Trutz-Nachtigall — Tschandala. Stammform des domesticirten Truthahns gilt LI. inorieaoa Soukck, mejicauischer Truthahn, ganz Mejico. LI. oosliaba 7«mr»., augenflcckiges T., ,f>onduras-T., mit saphirblauem, gold- u. rnbinroth eingefaßtemAugenspiegel im Schwänze, oben metallgrün mit schwarzer Binde, jenseit derselben lasurblau, Schwingen weiß, braun und grün gefleckt, mit kupferfarbig goldenem Spiegel; Centralamerika. Trutz-Nachtigall (Lit.), s. u. Spee. Mrwick. Triitzschler, Wilhelm Adolf von, Sohn des Geh. Raths Franz Adolf von T., geb. 20. Febr. 1818 in Gotha, studirte seit 1835 in Leipzig, Jena u. Göltingen die Rechte, wurde 1815 Assessor beim Appellationsgericht in Dresden und ging 1818 als Mitglied der Nationalversammlung nach 'Frankfurt, wo er sich zu der äußersten Linken hielt. Beim Aus- brnchderMairevolutionl849inBaden wurdeec von LemLandesausschnß26.MaizumCivilcommissarder Stadt Mannheim u. Regierungsdirector des Unter- rhcinkreises ernannt, organisine hier den Aufstand, setzte Mannheim in Vertheidigungszustand, betheiligte sich auch an den militärischen Operationen der Insurgenten u. verfuhr so energisch bei derAnssllhr- ung seiner Maßregeln, daß ein Theil der Mannheimer, seiner Verwaltung überdrüssig, bei der Annäherung der Preußen u. Reichstruppen gegen ihn auftrat, ihn 22. Juni, als er schon ans der Flucht begriffen war, einholte und den Preußen überlieferte. Durch das Kriegsgericht wurde er 13.Ang. 1819 als Hochverräther zum Tode vernrtheilt u. 11. Aug. zu Mannheim erschossen. Truxillo, s. Trujillo. Tryphiodoros, griech. Epiker, aus Ägypten, in der späteren Zeit (vielleicht im 6. Jahrh.); schr. eine Odyssea, in welcher das Kunststück angebracht war, daß in dem ersten Buch kein a, in dem zweiten kein,4 rc. vorkam (daher 'Ockvaaeea rox genannt); noch übrig ist ein kleines episches Gedicht: Vlii'ov älw-rrL, herausgeg. von Schäser, Lpz. 1809, Fol.; Wernicke, 1819; Köchly, 1850; Ueber- setzung von Torney, Mit. 1861. Trzemeszno, Stadt, so v. w. Tremessen. Ts ad, See mit süßem Wasser, im Innern NAfri- kas, 250 m ü.d.M., über 3000 sü km, zwischen den Reichen Bornu u. Bagirmi, erhält von S. her den Schari, von W. her den Komadagu (Jen) als Zufluß, Abfluß hat er nicht. Der See ist nicht tief (durchschnittlich nicht über 5 m) und bildet in der trockenen Jahreszeit an seinen Ufern weite Sumpffläche»; in der Regenzeit aber schwillt er sehr an u. setzt das Land auf große Strecken unter Wasser. Er ist reich an Fischen, Flußpferden, Sumpf-u. Wasser- Vögeln. Die zahllosen Inseln sind theils öde Sanddünen, theils wald- u. grasreiche Niederungen und werden von den unabhängigen Budduma, den Piraten des T., bewohnt. Der nördl. Theil des Sees heißt Nki-tsilim (schwarzes Wasser), der andere Nki- bnl (weißes Wasser); die Ufer sind niedrig, ohne Berge, daher reizlos, Barth nennt ihn einen großen Sumpf. Näher untersucht wurde der T- 1851 von Overweg, 1866 von G. Rohlfs. Dronke. Tsauasce, so v. w. Tanasee. Tsazega, Stadt in dem zu Tigre (Abessinien) gehörigen Lande Hamasen, hoch im Gebirge, an der Quelle des Mareb in fruchtbarer Gegend gelegen, Residenz des Statthalters; 2000 Ew. Tschaab, das niedere Küstenland am Nordende des Persischen Golfes, umfaßt hauptsächlich das Delta des Schatt-el-Arab u. Striche der pers. Prov. Chu- sistan; große Theile desselben sind den jährlichen Jmundationen der Ströme ausgesetzt. Das Klima ist wegen der Hitze n. Feuchtigkeit äußerst ungesund, berühmt sind die Datteln des T. Tschabuschnigg, Adolf,Rittervon, österreich. Staatsmann n. Dichter, geb. 9. Juli 1809 in Kla- genfnrt, trat nach absolvirten Rechtsstndien 1832 in den Staatsdienst, ward 1850 Oberlandesgerichtsrath, 1869 Hofrath beim obersten Gerichtshof in Wie»; 1861 kam er in das Abgeordnetenhaus, 1870 in das Herrenhaus, u. verwaltete das Justizporte- fenille im Cabinet Potocki vom 12. April 1870 bis 1. Febr. 1871. T. st. 1. Nov. 1877. Von seinen Dichtungen seien genannt: Gedichte, Dresd. 1833, 4. A. Lpz. 1871; Novellen, Wien 1835; Humoristische Novellen, ebd. 1841; Nene Gedichte, ebd. 1851; Aus dem Zauberwalde (Romanzenbuch), Berl. 1856; die Romane: Die Industriellen, Zwick. 1854, 2 Thle.; Grafenpfalz, Nordh. 1862; Kinder und Thoren, Brem. 1875, 2 Bde.; Gesammelte Werke, ebd. 1875 - 77, 6 Bde. Vgl. v. Herbert, A. Ritter v. T., Klagenf. 1878. Lagai. Tschagatai (mongol., von weißer Farbe), war der Name des zweiten Sohnes des Weltstürmers Tschinggis-Khan. Ihm fielen nach seines Vaters Tode das ganze östliche u. westliche Turkistan (auf widersinnige Weise in Europa Große und Kleine Bncharei benannt) als Besitz zu n. sein Name ging eine Zeitlang auf dieselben über. Tschagatajisch heißt seitdem auch das in jenen Gegenden heimische reineOsttürkische,in welchem bedeutende Schriftsteller, wie Abulgasi u. Sultan Baber, ihre Werke abgefaßt haben. T. st. 1240 u. Z. Schott. Tschai (türk.), Fluß. Tschaidam, so v. w. Zaidam. Tschaja (Chaja), (Oirauim elm. Varia MrA.), südamerikanischer, dem Anhima ähnlicher Vogel, ebenfalls mit Sporen an den Flügeln, aber kleiner und ohne Horn ans dem Kops. Die L. wird, wie der Anhima, den zu den Sumpfvögeln gehörigen Hllh- nerstelzen, von Neueren aber den zahnschnäbligen Schwimmvögeln zugezählt. Tschako (Csako), ehemalige hutartige militärische Kopfbedeckung, cylindrisch oder konisch mit 1 oder auch 2 Schirmen. Tschamalhari, so v. w. Tschumalari. Tschamara (czech.), der nationale, mit einer Reihe Knöpfe versehene Schnllrrock der Czechen. Tschamba, kleines Fllrstenthum im Himalaja, im südlichen Theile von Kaschmir, 8325 (II km und 110,000 Ew. Der Radscha ist Vasall Kaschmirs u. damit der Engländer. Gleichnam. Hauptstadt am Rawi; 5000 Ew. Tschambak, so v. w. Tschumbul. Tschanak Kalesst (Topfburg), auch Sultanieh Kale nach einem benachbarten Fort genannt, Stadt im asiatischen Theil der türk. Prov. Constantinopel, am Hellespont; Fabrikation u. Export von Töpfer- waaren, lebhafter Transithandel; 6000 Ew., zur Hälfte Mohammedaner, im Übrigen Christen und Inden. Tschandala, Angehöriger der verachtetstenKaste im alten Indien, der die niedrigsten u. unreinlich- 541 Tschandernagur sten Beschäftigungen zngewiesen waren u. die außerhalb derStädte wohnen mußten. Ursprünglich waren sie Abkömmlinge eines Sudra u. einer Brahmanin. Tschandcrnagur (Chandernagor, Tschandar- nagar, d. h. Mondstadt), Stadt u. franzöi. Besitzung inmitten der indobrit. Präsidentschaft Bengalen, am Hugli, nördl. von Calcutta; 23,277 Ew. Seit 1700 ist sie französisch; 1757 — 63 n. 1793—1815 war sie von den Engländern besetzt. Tschandravhaga, der sanskrit. Name des heutigen Tschinab (s. d). Tschangtschau (Tschangtscheu), eine bedeutende Handels-u. Industriestadt in der chines. Prov. Fn- nan, westlich von Amoy, starke Seidenfabrikation, Missionssitz; 1 Mill. Ew. Tschangwa, Hauptstadt einer Provinz im westl. Theil der Insel Formosa, mit Mauern umgeben, 60,000—80,000 Ew. In der Umgebung ergiebiger Reisbau. Tschany, großer See in Westsibirien, zwischen den Gouv. Akmolinsk u. Tomsk, über 3000 s^jicra groß, mit sehr zahlreichen niedrigen Inseln, in öder Umgebung, aber trotz des salzigen Wassers äußerst fischreich. Tschapka, die Kopfbedeckung der Ulanen. Tschnpra (Chupra), Hauptstadt des Districts Sarnn der indobrit. Division Patna (Bengalen), an einem Arm des Ganges; 46,287 Ew. Tschardasch (Csardas), sehr graciöser ungar. Nationaltanz, der anfänglich unter dem Andante der Musiknnr inBewegungen der Tanzenden nach Rechts und Links besteht, wobei der Tänzer die Beine abwechselnd erhebt und mit den bespornten Absätzen zusammenschlägt, die Tänzerin nur zuweilen in die Höhe hllpst. Erst wenn das Tempo der Musik rascher wird, bewegt sich der Tänzer vom Platz u. im Kreise herum, bald sich beugend, bald aufspringend, wobei er die Tänzerin bald flieht, bald hascht. Die beim T. aufspielenden Musikanten sind stets Zigeuner mit der Geige, auch wohl dem Cymbal u. der Clarinette. Tscharkowa (Czarkowice), Dorf im russisch polnischen Gouv. Kielce; Mineralquellen, Schwefelgewinnung jährlich etwa 15,000 Ctr. Tscharnikow (Czarnikan), I) Kreis im Regbez. Bromberg der preuß. Prov. Posen; sumpfig u. stark bewaldet, von der Netze und deren kleinen Zuflüssen bewässertu. von der Ostbahn u. der Stargard-Po- sener Bahn durchschnitten; 1563,5 (28,4 UM) mit (1875) 68,418 Ew. 2) Kreisstadt darin, an der Netze; Amtsgericht, 1 katholische, 1 reformirte Kirche, Synagoge, Collegiatstift, Präparanden-Anstalt; Tuchweberei, Färberei, Getreidehandel, stark besuchte Märkte; 4098 Ew.; T. brannte 1776 ab. Tscharonda (Wosche), größerer See im russ. Gouv. Nowgorod, ca. 400 s^jicin groß, nimmt von O. die Woschga ans u. ergießt sein Wasser durch die Kowscha in den Latschasee (Onega). Tschaslan, so v. w. Czaslau. Tschataldscha, türk. Name sür Pharsalos, s. d. Tschataldscha, so v. w. Fersala. Tschatarpur, s. Tschntterpnr. Tschattisgarh (Tschattisgnrh, Chntteesgnrh), Division der indobrit. Centralprovinzen, der nord- östl. Theil derselben, zum großen Theil gebirgig u. bewaldet, von derMahanadi durchflossen u. an deren llfern fruchtbar u. mit Reis, Weizen, Zuckerrohr n. — Tschekiang. Baumwolle angebant, auch Kohlen u. Mineralschätze enthaltend; 65,200 s^slcm u. 2,383,957 Ew., darunter viele Gond. Sie zerfällt in die Districte Rai- pur, Bilaspur, Sambalpur und Ober-GodLveri; außerdem sind ihr 13 Vasallenstaaten zugetheilt. T. ist ein Theil bes alten Gondwana (vgl. d. u. auch Centralprovinzen). Tschatyr-Dagh, der wildeste Theil des Armenischen Hochlandes, westl. des Goktscha Sees, nördl. des Arras, steigt im Alaghös fast zu 3900 m an. Tschausch, in der Türkei 1) Gerichtsdiener; 2) eine Art Gendarmerie, begleiten den Sultan beim Ausreiten u. die großen Paschas; ihr Oberhaupt ist der Basch-T. oder T.-Baschi, welcher am türkischen Hofe zugleich die Stelle eines Reichsmarschalls vertritt, s. u. Diwan 3); 3) bei der Armee Bolen, welche Befehle des Commandanten überbringen. Tschaussl), Kreisstadt im russ. Gouv. Mohilew; Fabrikation von Leder, Seife, Talg, Wolle; 4167 Ew., zur Hälfte Juden. Tschautsch, Albert, Maler, geb. 2l.Dec. 1843 in Seelow (Brandenburg), arbeitete, nachdem er 4 Jahre die Berliner Musterzeichenschnle besucht, für eine Teppichfabrik, nebenbei die Akademie besuchend und trat dann in Schräders Atelier. Nachdem er durch eine Scene aus der Frithjofssage, Dornröschen, Schneewittchen, Oberon u. Titania ec. seine hohe Begabung bekundet, ging er mit einem Regierungsstipendium ausgestattet nach Italien, von wo aus er die Undine u. die Wilde Jagd einsandte n. Ans. 1878 nach Berlin zurückkehrte. Weitere Arbeiten neben trefflichen Porträts: Liebestrank, de- corative Bilder für eine Kirche in Schlesien, Fresken ans Rübezahl rc. Lagai. Tscheboksar (Tschebokssary) Kreisstadt im russ. Gonvern. Kasan, am Einfluß der Tscheboksara in die Wolga; Jnstengerberei, Handel mit Leder, Honig, Wachs, Kasanscher Seife rc.; 3564 Ew. Tschebotarew, Chariton Andrejewitsch, russ. Geschichtschreiber, in Moskau geboren, stndirte daselbst, wurde 1778 Professor der Universal- und Literärgeschichte u. starb 1815 als erster Rector der Moskauer Universität. Er stiftete die Gesellschaft für russische Geschichte und russische Alterthllmer in Moskau, deren Präsident er war u. lieferte der Kaiserin Katharina II. zu deren Denkwürdigkeiten zur russischen Geschichte die nöthigen Auszüge aus russischen Chroniken. Auch schrieb T. mehrere gelehrte Abhandlungen rc., sowie eine russische Geschichte für seine Zuhörer. Tscheduba (Cheduba), Insel an der Küste von Britisch Birma (Hinterindien), zu dem Districte Ramri der Division Arracan gehörig, fruchtbar n. reich an Reis, Tabak, Pfeffer, auch Eisen, Kupfer u. namentlich Petroleum bergend; 500sH>cmu. 10,000 Ew. aus dem Stamme der Rakhaing (s. d.). Tscheki, türk. Handelsgewicht, für Kameelhaare 2,W2 Ic§, für Opium 800,545 A. Tschekiang, mittlere Küstenprov. Chinas, im nördl. Theil fruchtbares Alluvialland, im südl. und inneren von Bergen durchzogen, mit starker Lultnr von Thee, Reis, Baumwolle u. Seide n. werthvollen Waldungen; 92,383 iHIcm und 8,100,000 Einw.; Hauptstadt ist Hang-tschen, dem Anslande geöffneter Hafen Ningpo. Der Küste lagern zahlreiche Inseln !vor, darunter Tschusan (s. d.). 542 Tscheljabinsk - Tscheljabinsk (Tscheljaba. Tscheljababinsk), Kreisstadt im ruff. Gouv. Orenburg, an dem in den Jsset fallenden Mias, befestigt; 5811 Ew. Tscheljuskin, das nördlichste Cap Asiens (und aller Erdtheile), aufderTaimyr-Halbinsel unter 7 7° 85' nördl. Br. u. 104" 50' östl. L. von Gr. Tschembar, 1) Fluß im südl, Theile des rnss. Gouv. Pensa, fließt westl. u. ergießt sich in die Wo- rona; 2) Kreisstadt im genannten Gouv. am gleich- nam. Flusse, mit einigem Handel; 3948 Ew. Tscheinkent, wichtige Stadt im rnss. Gouv. Sir-Darja, nördl. von Taschkent, 1865 durch die Russen erstürmt, am Westfuße des Ala-tau, mit bedeutenden Kohlengruben, welche abgebaut werden; 5422 Einw. Tschempin, Stadt, so v. w. Czempin. Tschenper, ein Messer, welches die Hauer in Erzbergwerken in einer Ledertasche mit sich führen. Tschepeways u.Tschepewyan, s. Chippeways u. Chippewyans. Tschepza, Fluß im rnss. Gouv. Wjatka, fließt fast rein westlich, nimmt sehr zahlreiche Zuflüsse (rechts: Lyp, Pysep, links: Losa, Ubyt, Pischma, Kosa u. a. m.) auf u. ergießt sich nach einem Laufe von 450 km, wovon mehr als K schiffbar, in die Wjatka. Tschera, altindisches Reich im inneren Dekhan, ungefähr die heutigen Districte Salem u. Coimba- tore der Präsidentsch. Madras umfassend. Es entstand im 5. Jahrh. v. Chr. durch Einwanderung brahmanischer Ansiedler und erhielt sich, allerdings oft abhängig von den Nachbarstaaten, aber von der mohammedanischen Invasion wenig berührt, bis zum 17. Jahrh. Seine Hauptstadt war theils das jetzt verfallene Skandapura, theils Tschera, welches man in dem heutigen Salem sucht. Tschcrdhn, Kreisstadt im rnss. Gouv. Perm, an der schiffbaren Kolwa, die älteste Stadt Bjarmiens u. früher Sitz bjarmischer Fürsten, hat 3261 Einw. Hier der Berg Diwoi-Kamen, mit Stalaktitenhöhle u. einem See. Tscheremiffen, Volk zu der Wolgafamilie der Finnen gehörig, bewohnen die Westabhänge des Ural u. die Flußthäler vom Wjatkaflusse bis über Orenburg hinaus, namentlich die russischen Gouv. Wjatka, Perm, Ufa, Orenburg, Samara, Simbirsk, Kasan, etwa 210,000 Seelen stark; sie sind klein, von dunkler Hautfarbe u. schwarzem — auch von den Frauen lose herabhängend getragenem — Haar, die Berg-T. sind Heller u. kräftiger gebaut; sie haben äußerst scharfe Sinne, sind unreinlich, von Charakter schüchtern, langsam, äußerst abergläubisch, leben in schlechten, dürftigen Holzhäusern in Dörfern vereint, treiben hauptsächlichAckerbau, etwas Viehzucht,Jagd u.Fischerei. Von den sie umwohnendenRussen u. Tataren haben sie in Religion u. Gebräuchen vielerlei angenommen; die meisten sind jetzt Christen (Russische Kirche), huldigen dabei aber noch vielfach den altheidnischen Gebräuchen; unter den an der Wjatka u. Kama ansässigen T. gibt cs noch viele Heiden, deren ursprüngliche Religion — ein roher Naturdienst — mit mohammedanischen u. christlichen Anschauungen vielfach vermengt ist; so tritt neben der Verehrung einer großen Zahl von Göttern u. Göttinnen der Glaube an den Teufel (Ochaitan od. Jo) auf; Opfer, namentlich weißer Thiere, sind zahlreich — Tscherkessen. an den — auch von den christianisirten T. gefeierten — Festtagen. Eichenhaine gelten als Lieblings- ausenthalt der Götter. Die Braut wird den Eltern mit Geld abgekauft; sie sitzt am Tage der Verhei- rathung verschleiert hinter einem Verschlag, geht, wenn sich die Gäste versammelt haben, dreimal traurig, von ihren Gespielinnen (welche dabei etwas Brod, Bier und Honig genießen) begleitet, in dem Zimmer umher. Hierauf nimmt ihr der Bräutigam den Schleier ab, küßt sie u. tauscht den Ring. Sie legt das Frauenkleid an u. wird nun als Frau betrachtet. Die Neuvermählten essen in einem besonderen Zimmer u. sind sich selbst überlassen. Am folgenden Morgen nimmt der Vater eine Peitsche in die Hand u. fragt, wie der Ehemann zufrieden ist, diese Frage wiederholt er einige Tage u. prügelt die Frau, wenn die Antwort nicht günstig lautet. Die Begräbnisse finden drei Tage nach dem Tode statt, der Verstorbene bekommt das beste Kleid und eine Silbermünze zur Überfahrt, einen Stock und eine Ruthe, um die bösen Geister abzuwehren, u. einiges Hausgeräth mit. Dronke. Tscheremschan, Nebenfluß links der Wolga, entsteht aus dem kleinen u. großen T., fließt durch die Gouv. Kasan u. Samara u. mündet nach einem 300 km langen südwestl. Laufe in die Wolga. Tscherepöwez, Kreisstadt im rnss. Gouv. Nowgorod an der Scheksna, hat einigen Handel mit Holz und Landesproducten, lebhafte Eisenindustrie (namentlich Hohöfen u. Nagelschmieden); 3540 Ew. Tscheribon (Cheribon, Tjeribon), 1) niederländ. Resiüentie auf der NKüste der Sunda-Insel Java, mit heißem Klima, namentlich Kaffe, dann Indigo, Zucker, Reis hervorbringend; 7048 s^jkm, ungefähr 850,000 Ew. 2) Hauptstadt davon, an der See, mit einer offenen Rhede, 15,000 Ew. In der Nähe das als heilig verehrte Grabmal des Scheikh Mau- lana, der in Java den Islam entführte. Tscherlkow, Kreisstadt im ruff. Gouv. Mohi- lew, an der Sosha, hat eine Kreisschule, Handel u. 3858 Ew. Tscherkaskij, Wladimir, Fürst von, rnss. Staatsmann, aus einer seit 1798 in den rnss. Reichs- sürstenstand aufgenommenen, altsürstlichen Familie, geb. 13. April 1821, trat nach absolvirten Rcchts- studien in den Staatsdienst. Einer liberalen Richtung folgend u. in enger Verbindung mit der liberalen Partei der ruff. Aristokratie wirkte er eifrig für Aufhebung der Leibeigenschaft, war Mitglied des Polen auf demokratischer Grundlage organisiren wollenden Comites, trat infolge dessen 1864 aus dem Staatsdienst u. nahm die Stelle eines Bürgermeisters von Moskau an. Bei Ausbruch des Russ.- Türk. Krieges 1877 wurde ihm die Verwaltung Bulgariens u. dann dessen Organisirung als selbständiges Fürstenthum übertragen, er st. aber vor Vollendung des letzten Auftrags 3. März 1878 in St. Stefano. Lagai. Tscherkafsy, Kreisstadt im ruff. Gouv. Kiew, am Dnjepr in sehr fruchtbarer Gegend, mit Handel, Zuckersiedereien; 13,914 Ew.; war einst ein Hauptort der Kosaken. Tscherkessen (Circassier, in ihrer eigenen Sprache Adighe), ein zu dem westl. Zweige der Kaukasischen Völker gehörendes Volk, an der Westhälste des Kaukasus u. den an sie angrenzenden Ebenen vom Flusse Tscherkcssen. 543 Kuban im N. bis zum Cap Jskale u. dem Elbrus hin wohnend, das durch seinen langjährigen u. hart- nackigen Widerstand gegen die russische Macht am bekanntesten unter den Kaukasusbewohnern geworden ist und unter dessen Rainen daher oft auch andere entferntere Stämme dieser begriffen wurden. Physisch den Typus der Kaukasischen Race am vollendetsten repräsentirend sind sie von mittlerer Statur, schlankem u. kräftigem Wuchs, braunenHaaren, weißer Gesichtsfarbe, fein u. regelmäßig gebildeten Gesichtsziigen. Ihre Kleidung bilden ein leinenes oder rothseidenes Hemd, darüber ein Kaftan von weißer, rother od. blauer Seide u. über diesem ein langer Rock mit Ärmeln, auf dem zwei Patronentaschen ausgenäht sind, enganliegende tuchene Beinkleider, die Kopfbedeckung eine hohe Pelzmütze, die Fußbekleidung lederne Halbstiefel. Ueber der Kleidung befindet sich gewöhnlich noch ein Panzerhemd; überhaupt gehe» die T. fast immer in voller Bewaffnung mit langer türkischer Flinte, kurzen Pistolen, Dolch u. Säbel. Ihre Nahrung besteht vorwiegend aus Hammelfleisch, Pilau, Hirsebrei u. aus süßen aus Mais, Hirse u. Honig bereiteten Kuchen; von Getränken kennen sie außer Milch eine Art gegohrener, dem Wein und Meth ähnlicher Flüssigkeit. Stark verbreitet ist der Tabaksgenuß. Ihre Wohnungen bestehen meist aus unbehauenen Holzstämmen, deren Zwischenräume mit Flechtwerk ausgefüllt u. mit Lehm ausgeschlagen sind; das Innere ist mit Teppichen bedeckt. Kreisförmig zusammengebaut bilden sie in gewisser nicht zu großer An- zahl ein Dorf (Aul), gewöhnlich an nicht leicht zugänglicher Stelle liegend, welches durch mit Erde ausgefülltem Flechtwerk umzäunt und gewissermaßen befestigt wird; in der Mitte des Kreises weilt des Nachts das Vieh. Die Beschäftigung ist Ackerbau in geringem Maße, mehr Viehzucht, von Gewerben wird die Versertigung von Waffen, Leder- u. Eisengeräthen, Wolle«» u. Leinenfabrikaten betrieben. Der Handel wurde anfangs dieses Jahrh. namentlich mit den Türken stark betrieben; die wichtigsten Einfuhrartikel bildeten Pulver u. namentlich das in den Bergen fehlende Salz, für die im Tausch Wolle, Wachs, Häute, als werthvollstes Object jedoch die tscherkessischen Mädchen für die Harems der türkischen Großen gegeben wurden. Hervorragende Charakterzüge der T. sind Entschlossenheit, Mäßig- keit, Gastfreiheit, Tapferkeit, neben denen als oft überwiegend (u. namentlich in der neuesten Zeit außerhalb ihrer ursprünglichen Wohnsitze in den Bergen) Rohheit, Grausamkeit, Neigung zu Diebereien u. zur Lüge hervortreten. Sie sprechen eine an rauhen Kehllauten reiche (übrigens noch wenig erforschte) Sprache, die zu den Kaukasischen Sprachen (s. d.) gehört (Grammatik von v. d. Gabelentz in Hofers Zeitschrift für Wissenschaft der Sprache, Bd. 3); eine Schrift haben sie nicht entwickelt, ebensowenig daher, trotz nicht unbeträchtlicher geistiger Begabung, eine eigentliche Literatur; dagegen findet sich bei ihnen ein Schatz von traditionell überlieferten Volksliedern, wie überhaupt Neigung zu Poesie, Musik u. Tanz ihnen in großem Maßstabe eigen ist. Zur Aufzeichnung von Schriftstücken dient das arabische Alphabet, das seit der Annahme des Islam zugleich mit der arabischen Sprache sich verbreitet hat. Die Religion ist jetzt seit Jahrhunderten an Stelle des früher verbreiteten griechischen Christenthums der Islam, jedoch nur in sehr äußerlichen Formen; im Grunde genommen bricht überall ihre alte Naturreligion (Verehrung von Naturgöttern, auch von heiligen Hainen u. Bäumen) durch; während die mohammedanischen Feiertage wenig beachtet werden, werden die Feste der alten Götter Schible, Tleps, Seosseros streng gefeiert. Als Gesetzbuch gilt der Koran, dessen Auslegung der schriftgelehrte Priester besorgt u. der bei den Volksgerichten hinzugezogen wird, dessen Bestimmungen jedoch gegen die Gebote des uralten Laudesbrauches nachsteheu müssen. Die Sitten sind in den Bergen noch einfach u. unverdorben; der Hausvater ist unumschränkter Herr auf seinem Hose, Lessen Erbe sein ältester Sohn wird; die Mädchen, welche früh mit weiblichen Handarbeiten vertraut gemacht werden, bleiben bis zur Verheirathung in freien Verhältnissen im elterlichen Hause. Die Heirath geschieht durch Kauf u. Entführung; mit dem Eintritt in die Ehe muß die Frau stets den Schleier tragen. Dabei bleibt dem Hausherrn das unumschränkte Eigenthumsrecht über seine Kinder, ein Recht, das, namentlich bei den ärmeren Familien, in großem Umfange benutzt worden ist, die Mädchen in die türkischen Harems zu verkausen. Seit alter Zeit herrschen bei den T. erbliche Staudesnntcrschiede, welche nur langsam durch die uivellirenden Satzungen des Koran sich verwischt haben. Sie zerfallen in vier Standesgliederungen: die Fürsten (Pschih), deren Zahl jetzt sehr gering ist, die ELelleute (Work od. russ. Usden), Freie Volksangehörige (Tokav) u. Sklaven (Pschitli). Die beiden ersten Stände hatten früher viele Vorrechte vor dem dritten, die jedoch im Laufe dieses Jahrhunderts gefallen sind; die Sklaven sind meist Kriegsgefangene od. Geraubte od. Abkömmlinge von Liesen, wohnen in der Nähe der Wohnung ihres Herrn, mit Ackerbau u. Viehzucht beschäftigt, können Waffen tragen n. dürfen ohne ihren Willen nicht verkauft werden. Die Mitglieder der drei oberen Klassen sind insofern streng von einander geschieden, als sie nie eheliche Verbindungen eingehen; sonst stehen sie sich gleich u. hat das meiste Ansehen, welcher sich durch Einsicht auszeichnet od. Tapferkeit hervorge- than hat. Die Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung ist das Stammesleben, dessen Gestaltung seit uralterZeit an Stelle von Staat u. Familie nach uralten Gebräuchen alleLebensverhältnisse regelt. Das Volk zerfällt in eine Anzahl Stämnie(Tokum), deren Mitglieder, wenngleich über das ganze Land zerstreut lebend, durch die engsten Bande an einander gefesselt sind. Der Stamm ist verantwortlich für jedes seiner einzelnen Mitglieder u. der Einzelne für den Stamm; jede Unbill wie die Genugthnung kommt auf die Rechnung des Stammverbandes. Die Buße, die ein Stamm für das Unrecht eines seiner Mitglieder erlegen muß, besteht gewöhnlich in der Auslieferung von Ochsen, deren Zahl sich nach dem Werthe des Objectes richtet. Streitigkeiten entscheiden dieÄltesten(Thamata)in den den Stamm bildenden Bruderschaften, in wichtigeren Fällen entscheidet ein Schwurgericht, aus 12 der angesehensten u. unbescholtensten Männer bestehend. Die öffentlichen Angelegenheiten des Stammes werden in der Volksversammlung (Medschili) unter freiem Himmel 514 Tscherkesscnkricg verbandet, an der jeder Freie theilnehmen kann, die aber gewöhnlich durch aus den Weisesten u. Tapfersten des Stammes gewählte Deputirte abgehalten wird. Die einzelnen Stämme lebten früher in unaufhörlichen Fehden, Räubereien von Vieh u. Kämpfen mit tödtlichem Ausgang, deren Sühne Lurch Zahlung der Ochsenbuße geleistet wurde; verweigerte der Stamm die Genugthuung (z. B. für den Lurch ein Mitglied begangenen Todtschlag an den betroffenen Stamm die üblichen 200 Ochsen auszulieferu), so trat gegenseitige Fehde n. für den Einzelnen die Blutrache an die Stelle. Indessen hat bei dem Vordringen der Russen u. dem dadurch bedingten engeren Zusammenhalten der einzelnen Stänune diese sehr nachgelassen; innerhalb des einzelnen Stammes herrscht vollkommene Sicherung des Eigenthums u. werden gegenseitigeVerletzungen auf das Strengste bestraft (der vorsätzliche Mord nach -dem Urtheil des Schwurgerichts durch Hinrichtung, vollzogen durch Ertränkung mittels an den Hals gebundener Steine). Die Zahl der tscherkessischen Stämme wurde verschieden angegeben; zu den bekanntesten gehören die Abadsechen, Schaspsngen, Natnchaizen, Kabardiner; die Angaben derZahl des ganze» Volkes schwanken zwischen ^—1 Mill. Die T. sind wahrscheinlich die Kerketen des klassischen Alterthums u. schon damals wegen ihrer Neigung zu Räubereien bekannt. Im 12. u. 13. Jahrh. n. Ehr. wurden sie von den Georgiern unterworfen u. zu Anhängern des Christcmhums gemacht, das jedoch bei ihrer Befreiung von dieser Herrschaft im 15. Jahrh. dem Islam wich. Mit den nördlich wohnenden Tataren lagen sie in langdauernden Kämpfen. Mit den Russen kamen sie zuerst unter Iwan IV. Wasiljewitsch in Berührung, der 1555 einen Theil unterwarf, jedoch die Herrschaft bald wieder aufgab. Peter d. Gr. suchte vergeblich, gegen sie vorzudringen. Näher wurde die Berührung wieder Ende des 18. Jahrh., als der Kuban die russische Grenzlinie wurde u. so entspann sich nach u. nach jener langjährige Kampf, der erst 1859 mit Unterwerfung aller Bergvölker geendigt hat (s. dar. Kaukasien, S. 321—24). Dieser Kampf, in dessen späterer Gestaltung sich durch den Einfluß SchamylS alle Bergstämme zu einheitlicher Kriegführung einigten, hat den Namen der T. zu einem gefeierten gemacht, u. sind sie als der Typus der freien Bergbcvölkerung oft verherrlicht worden. Seit dem Ende des Kampfes sind sie in Schaaren ausgewandert n. in der Europäischen u. Asiatischen Türkei, namentlich in Bulgarien, Thessalien u. Armenien, angefiedelr u. in den Kämpfen des türkischen Reiches von 1875—78 als Hilfstruppen verwendet worden, wo sie aber durch zügellose Rohheit u. blinde Zerstörnngslust mehr geschadet als durch kriegerische Tüchtigkeit genutzt haben, da ihrer Natur nach nur im regellosen, zerstreuten Einzelkricg, nicht aber im geschlossenen Kampf ihre Tapferkeit zur Geltung kommt. Mit der Auswanderung ist auch die ohnehin lose Zusammengehörigkeit des Volkes geschwunden u. damit ihr Untergang als Nation mit ziemlicher Sicherheit vorauszusehen; auch die Reste, die noch in den alten Wohnsitzen geblieben sind, scheinen ihren Zusammenhang mehr n. mehr verloren zu haben, wcshald auch die vorliegende Schilderung ihrer Verhältnisse mehr die Vergangenheit getroffen — Tschernajew. haben, als der Gegenwart angehören dürfte. Literatur, s. u. Kaukasien. Thielemann. Tscherkeffenkrieg, s. Kaukasien. Tscherkesfien (Lircassien), s. u. Tschcrkessen. Tscherinak, Gustav, bedeutender Mineralog, geb. 9. April 1836 zu Liitau in Mähren, studirte in Wien, wo er sich 1861 habilitirte. 1862 wurde er Custos, 1868 Director des k. k Hofmineraliencabi- nets u. außerordentlicher, 1873 ordentlicher Professor der Mineralogie an der Hochschule. 1864 bis 1874 machte er wiederholt größere wissenschaftliche Reisen nach England, Schottland, Deutschland, Italien rc. 1875 wurde er Mitglied der Akademie, 1877 legte er die Directorstelle am Mineraliencabinet nieder und wurde 1878 Hofrath. Unter seinen Schriften sind hervorzuheben: Studien über die Feld- spathgrnppe, Wien 1864; Die Porphyrgesteine Oesterreichs, ebd. 1869. In den Sitzungsberichten der Wiener Akademie finden sich zahlreiche Abhandlungen von T. (kssuäomorpiwsoii, 1862—66; Zusammensetzung, Verbreitung u. Umwandlung verschiedener Minerale, 1860—71; Meteoriten, 1870 bis 1878; Vulkanismus als kosm. Erscheinung, 1877; Pyroxen- u. Amphibolgruppe, 1871; Glimmergruppe, 1877—78). Seit 1871 redigirt er die Mineralog. Mittheilungen, Wien 1871—77, u. die zweite Serie seit 1878 Mineralog. n. Petrographi- sche Mittheilungen. r. Tschcrn, Kreisstadt im russ. Gouv. Tula, am gleichnam. Flüßchen (Zufluß der Suscha) u. an der Eisenbahn Moskau-Orel liegend, hat etwas Handel, 4 Kirchen, 3978 Ew. Tschrrnagöra, so v. w. Montenegro; Tscher- nagorzen, so v. w. Montenegriner. Tschernnja,1)(TschernajaNjeka,Tschernorjeka, d. h. der schwarze Fluß), Fluß im russ. Gonv. Oren- burg, fließt in den Tulnpow Jaik u. dadurch in den Ural ab; 2) (Tschernaja-Rjetschka, d. h. schwarzes Flüßchen), Flüßchen der Krim, welches von O. her durch das Baidarthal fließt und in der Rhede von Sebastopol mündet. Während der Belagerung von Sebastopol bildete der Fluß die Scheidelinie der Armeen. Der vom Fürsten Gortschakow am 16. Ang. 1855 unternommene blutige, aber erfolglose Angrifs aus die Stellung der Alliirten wird die Schlacht an der T. genannt. Tschernajew,MichaelGrigoriewitsch,russ. General, geb. 1828, trat, im adeligen Regiment erzogen, 1848 in Las Pawlowskische Garderegiment u. kam, nachdem er noch in der Nikolai-Akademie studirt, 1853 in den Gcneralstab u. machte nun die Kriege gegen die Türken u. im Kaukasus (47 Gefechte rc.) mit. 1864 erhielt er das Commando des bes. sibirischen Corps, kämpfte nun in Mittelasien n. wurde der erste Gouverneur des von ihm eroberten Turkestan. 1867 nahm er seinen Abschied, wurde aber Ende d. Js. wieder in den Dienst berufen; jedoch mit dem Kriegsminister in stetem Con- flict, erbat er nach sechs Monaten nochmals den Abschied, lebte eine Zeitlang in Moskau, kaufte 1874 die Zeitung Rußky Mir, das Organ der Panslawisten u. arbeitete für dieselbe mit regem Eifer. Im Juli 1876 berief ihn Fürst Milan u. übertrug ihm das Commando der serbischen Armee an der Mora- wa, weshalb er seiner russischen Nationalität entsagen mußte. Am 29. Oct. bei Alexinatz von den Tschernawoda — Tschernischew. 5^5 Türken geschlagen, trat er seitdem von der Schau-sHanptmann und ging hieraus nach Morea, um als bühne zurück. Nachdem Schlüsse des, Türk.-russ. Krieges suchte er eine bulgarische Erhebung in Ost- rumelien und Thrakien zu organisiren, wurde aber auf Reklamationen der Pforte von der russ. Regierung aufgefordert, von Adrianopel, wo er sich aushielt, sich nach Rußland zurückzubegebeu und da er nicht Folge leistete, im März 1879 unter militärischer Bedeckung nach Odessa eingeschifst. L->S"i- Tschernawöda, so v. w. Czernawoda. Tscherncmbl (Zernamel), Stadt und Hauptort in dem gleichnam. Bezirk des österr. Herzogthums Krain, auf einer Anhöhe an der Tschermohalsehitza; Schloß, Obst- u. Weinbau; 1309 Ew. Tscherntgow, 1) russisches Gouvernement, von den Gouv. Kiew, Minsk, Mohilew, Smoleiük, Orel, Kursk u. Poltawa umschlossen, 52,402 Uslcm groß, im O. u. N. hügelig, im W. flaches, zum Theil sumpfiges Land, sandig, kalkig, meist aber mit fruchtbarer Ackerkrume bedeckt; reich bewässert; die Misse gehören alle znm System des Dnjepr, der die West- grenzc mit dem Sosch bildet: Besjed, Jput, Desna sOstr, Seim, Snow),Trnbckch u. v.a. Das Klima ist das des slldrussischen Steppenlandes, im Winter sehrkalt,imSommertrockenu.heiß. Die 1,659,600 Ew. sind meist Kleinrnssen, doch haben sie in Bauart ihrer Wohnorte ec. schon vielfach großrussische Sitten angenommen, sind namentlich unreinlich; zwischen ihnen wohnen 30,000 Israeliten, einige Griechen u. Deutsche, welche letztere aber ihre Nationalität fast ganz aufgegeben haben. Hauptbeschäftig, ung ist Ackerbau, der auf dem fruchtbaren Boden namentlich Hanf, Tabak, Kartoffeln, Getreide und Ölfrüchte liefert; der Garten- n. Gemüsebau liefert Melonen, Senf, Gurken, der Obstbau vortreffliche Kirschen (Kirschsaft, Kirschwasser); man zieht viele Rinder (Ukrainer Race), Schweine, Gänse, auch Pferde u. Schafe; bedeutend ist die Bienenzucht; der Wald ist fast ganz gerodet; von natürlichen Produkten wird nur etwas Eisen u. Porzellanerde gewonnen. Die Industrie (Brennereien, Glasöfen, Segel- tuchwebercien, Leinenwebereien) hat sich in den letzten Jahren sehr gehoben, ebenso der Handel (mit Landesproducten, Vieh u. denFischereiprodncten des Südens). Die Eisenbahn Kiew-Knrsk dnrchschneide! das Gouvernement. T. gehört zur Ukraine u. war früher Gouv. Kleinrußlands mit Poltawa vereinigt, wurde aber 1801 als eigenes Gouv. von Poltawa u. Kiew getrennt. 3) Gouv. n. Kreisstadt hier, an der Desna; Sitz der obersten Behörden der Statthalterschaft, des Erzbischofs, hat alte Befestigungen, Schloß, Kathedrale mit den Gräbern mehrerer Heiligen, 18 andere Kirchen, Seminarium, Gymnasium, Waisenhaus, Handwerks-, Nitterschule, einige Fabriken in Tuch, Leinwand, Leder, Seife; inmitten der Stadt erhebt sich der Bolainsche Berg, in dessen Innerem sich 3 Kirchen befinden. 16,174 Einw. 1339 wurde T. von den Mongolen zerstört. Dronke. Freiwilliger im französischen Besatzungscorps zu diene», wo er bis 1830 blieb u. dann in Kopenhagen in der neuerrichteten Artillerieschule als Lehrer angestellt wurde; 1834—38 besuchte er die größten Artillerieschulen und Geschützgießereien in Europa, um die verschiedenen Systeme u. Fortschritte in diesem Fache zu studiren; 1839 übernahm er die Verwaltung einiger Kohlengruben in der Auvergne u. wurde bald darauf Direktor der neuentstehenden Eisenbahn von Cette u. Montpellier, welche er zur Ausführung brachte; dann kehrte er in sein Vaterland zurück, wo er einer der Chefs des Artilleriecorps wurde. Nach kurzer Thätigkeit aus diesem Posten nahm er 1841 seine Entlassung, trat ins Privatleben u. beschäftigte sich mit Publicistik. Er gilt als erster Anreger des Vereins der Bauernsreunde in Dänemark, sowie er auch 1848 mit Orla Lehmann im Casino in Kopenhagen der vorzüglichste Stimmführer war. Im März 1848 übernahm er im sogen. Casinomimstcrium bas Departement des Kriegs und entwickelte besondere Thätigkeit für das dänische Heerwesen, legte sein Amt aber im Novbr. d. Js. mit seinen College» nieder, wurde zum Obersten ernannt u. blieb bis 1852 Mitglied des Volksthings. Bei der Wahl im Febr. 1853 fiel er durch, doch trat er 1854 wieder ein, wurde Mitglied des Neichsraths und im Volksthing gingen seine Vorschläge über Veränderung des Gesammtverfassnngs- planes, so wie über dieZusammensetzung des Reichsraths durch. Er st. 29. Juni 1874. Von ihm: Zur Beurtheilung des Verfassungsstreites, 1865. Lagai. Tschernischew (Tschernitschew, Czernyschew) ein gräfliches u. fürstliches, in 2 Zweigen blühendes Geschlecht in Rußland; stammt von Iwan Tschernetzky, welcher 1493 ans Polen nach Rußland kam u. Dumnoi-Dworäuin wurde. Bes. berühmt sind: I. aus dem älteren Zweig: 1) Fürst Alexander Jwanowitsch, geb. 1779, nahm sehr früh russische Kriegsdienste, wurde 1811 Oberst eines Kosakenregiments und als außerordentlicher Militärbevollmächtigter Febr. 1812 nach Paris geschickt, wo er durch Bestechung mehrerer im Kriegsministerium Angestellter die Details des künftigen Operationsplans Frankreichs .gegen Rußland zu erhalten wußte. Zufällig ließ er bei seiner Abreise eins der Blätter liegen; die französische Polizei erfuhr Lies u. einige Stunden, nachdem er die Brücke von Kehl passirt hatte, langte mit dem Telegraphen der Befehl zu seiner Verhaftung in Straßburg an, dennoch entkam er glücklich u. befehligte 1812 u. 13 eine Division Kosaken welche bald die Avantgarde, bald ein Strcifkorps bildend, den Franzosen viel Schaden thaten n. unter andern im März Augereau in Berlin bedrohten, Berlins Übergabe erreichten u. 4. März dort einzogen. 2. April focht er bei Lüneburg gegen Morand, streifte im Mai gegen Halberstadt, nahm hier 28. Mai Len westfälischen General Ochs Tscherning, Anton Friedrich, dän. Staats- gefangen, ging im Juni mit Woronzow (s. d.) bis mann, geb. 12. Dec. 1795 in Frederiksvärk; nach ^ Leipzig vor, siegte 26.-27. Ang. bei Belzig u. Ha- vollendeten Vorstudien trat er 1813 ins Artillerie-!velberg über Girard, erschien plötzlich vor Kassel 28. corps, machte die Kriege am Rhein u. in Frankreich Sept., erzwang die Kapitulation vom 30. Sept. u. mit, bildete sich, 1816 Lieutenant geworden, 181 7! erklärte 1. Oct. das Königreich Westfalen für auf- u. 1818 in den Artillerieschulen zu Paris und Metz! gelöst. Bald zog er sich aus Westfalen wieder zuweiter aus. Zurückgekehrt, erhielt er Anstellung! rück. Unter Wrede focht er bei Hanau 30. u. 31. Oct. beim Aussichtspersonal in Frederiksvärk, wurde 1828^1814 erstürmte er Soissons, dann wurde er Gene- PiererL lliiiverlal-Conversalions-Lcrikon. 6. Ausl. XVII. Band. Zg 546 r Tscheruischewski — Tschetschna. rallieutenant. 1817 wurde er mit einer außerordentlichen Mission nach Belgien beauftragt, um mit den Oranieru und Wellington zu conferiren. Er folgte dem Kaiser nach Wien, Aachen u. Verona zum Con- greß, erhielt zum Generaladjutanten befördert, mehrere diplomatische Sendungen, war bei Entdeckung der Decemberverschwörung 1825 sehr thätig u. entfaltete bis 1826 große Rührigkeit gegen die Dekabri- sten, wurde 3. Sept. 1826 zum Grafen, Sept. 1827 zum Kriegsminister u. 28. April 1841 in den Fürsten- stand als Durchlaucht erhoben. 26. Oct. 1827 wurde er General der Cavalerie u. bald Chef des kaiserl. Generalstabes. Er war ohne alle Wissenschaft!. Bildung, bestechlich u. ein eleganter Sklave. Das Heer zerfiel unter ihm, aber Nikolaus hielt ihn für unentbehrlich. Seit 28. Nov. 1848 war er auch Präsident des Reichs- u. Ministerrathes; nachdem er aber bereits 1852 das Kriegsministerium an Dolgornki abgegeben hatte, legteer im April 1856 auch feine übrigen Ämter nieder u. blieb bloS Geueraladjutant des Kaisers; er st. 2V. Juni 1857 zu Castellamare. II. Aus dem jüngeren Zweig: 2) Grigorij Pe- trowitsch, geb. 1672, eroberte als Generalmajor u. Commandant in Wiborg 1710 Helsingfors, schlug 1714 die Schweden am Pelkansee, wurde Generallieutenant, 1. Juni 1725 Generalkriegscommissair, 1726 Gouverneur von Livland, 11. März 1730 Senator u. General-en-chef, 4. Mai 1742 in den Graseustand erhoben, Generalgouverneur von Weißrußland u. st. 30. Juli 1745 in Petersburg. I) GrafZachar Grigorjewitsch,Sohudes Vor., geb. 1705, besetzte 1760 mit Tottleben u. 2 österreich. Generalen 8. Oct. Berlin, wo er stramme Disciplin hielt, folgte dann als General dem Hauptheere nach Polen «.war die Stütze Buturlins. 1761 blieb er mit etwa 26,000 Mann bei London, als sich auch die russ. Hauptmacht unterButurliuschonzurllckgezogeuhatte. Dies Corps stieß 1. Juli 1762 zu Friedrich II., wurde jedoch nach Peters Entthronung wieder abberufen. T. aber war Friedrich II. so ergeben, daß sein Corps, als er schon Id. Juli 1762 die Nachricht von der Throuveränderung und seiner Zurückberufung nach Rußland erhalten hatte, doch noch einen Theil der Österreicher in Schach hielt, während Friedrich II. den andern bei Reichenbach angrifs; erst 21. Juli zog er ab. 1762 wurde er Generalgouverneur von Weißrußland, Generalfeldmarschall u. Präsident des Kriegscollegiums, hielt lange zu Orlow; wandte sich aber 1772 gegen ihn, wurde Aug. 1774 von Potemkin aus dem Kriegsministerium verdrängt, hingegen 16. Febr. 1782 Generalgouverneur von Moskau u. st. 17. Sept 1784. 4) Graf Iwan Grigorjewitsch, Bruder des Vor., wirklicher Geheimrath und Kammerherr, Senator, Vicepräsident des Marinecollegiums unter Katharina II., ließ die Flotte zerfallen u. st. 1797 als Feldmarschall; 5) Graf Peter Grigorjewitsch, geb. 1710, Senator, wirklicher Geheimrath, Bruder des Vor., war rufs. Gesandter in Kopenhagen, dann am Hofe Friedrichs II. in Berlin u. Ludwigs XV. in Paris u. st. in Petersburg Sept. 1773. 6) Graf Zachar, Enkel von T. 4), Capitän der Chevaliergarde, war in die Verschwörung von 1825 gegen den Kaiser Nikolaus verwickelt, wurde deshalb nach Sibirien verbannt u. sein hierdurch verwirkter Name und Titel mit allen Gütern auf seinen Schwager Iwan Kruglikow 1826 übertragen, welcher sich nun Graf T.-Kruglikow nannte. Zum gemeinen Soldaten degradirt, durfte er 1856 zurllckkehren u. seine edle Schwester, Kruglikows Frau, gab ihm alle Güter außer dem unveräußerlichen Majorate wieder heraus. Vgl. Kleinschmidt, Rußlands Geschichte u. Politik, dargestellt in der Geschichte des russischen hohen Adels, Kassel 1877. Klcinschmidt. Tschernischewski.NikolaiGerassimowitsch, russ. Schriftsteller, besuchte, von einem Geistlichen abstammend, ein Priesterseminar, vollendete seine Studien in St. Petersburg ander Universität 1850, redigirte eine militärische Zeitschrift u. 1855—64 DenZeitgenossen; seinepublicistischeThätigkeitführtc ihn auf die Festung, u. sein hier verfaßter nihilistischer Tendenzroman: Was thun? 1867 erschienen, brachte ihm die Verbannung nach Sibirien. Bon seinen anderen Arbeiten sind zu nennen: Eine Studie über Lessing 1857, die tiefe Kenntniß der deutschen Literatur bekundet, u. die Bearbeitung von Smiths Werk über den Nationalreichthum unter dem Titel: Grundlagen der politischen Ökonomie, 1864. Tschernobog, so v. w. Czernobog. Tfchernoijarsk, so v. w. Tscheruyj Jar. Tschernomorsken, ein Stamm der Kosaken vom Schwarzen Meer. Tscherno-sem (russ.), so v. w. Schwarzerde. Tschernowitz, so v. w. Czernowitz. Tschernyj Jar (Tfchernoijarsk), Kreisstadt im russ. Gouv. Astrachan, am rechten Ufer der Wolga, 1626 im Gebiete der Kalmücken angelangt, mit Fischerei u. Handel; 4761 Ew. Tscheschme, 1) (Tschischme, Dschesme), Kirchdorf u. Marktplatz im russ. Gouv. Bessarabien; 1300 Ew. (Bulgaren u. Walachen); Korn-, Tabak- u.Seidenbau; Viehzucht; Handel,Jahrmärkte; liegt dicht am Trajanswall; 2) so v. w. Tschesme. Tscheskaja, großer Meerbusen im nördl. Eis' Meer, NKüste vonRußland, Gouv.Archangel,schneidet halbkreisförmig insLand u. wirddurch die Halbinsel Kanin vom Weißen Meer getrennt. Tschesme, 1) sonst Kyssus, kleine Stadt im türkisch-asiatischen Vilajet A'idin, am Kanal von Skio (Ägäisches Meer) der Insel Skio gerade gegenüber; hat Hasen u. Citadelle (von den Genuesern erbaut). Hier Verbrennung der türkischen Flotte durch die Russen unter Orlow 5. Juli 1770; 2) kaiserl Lustschloß im russ.Gouv.St. Petersburg; dabeiSlobode mit jährlichem Markt. Tschetschenzen, der allgemeine Name für die mittlere Gruppe der Kaukasischen Völker (s. Kauka- sien, S. 320). Sie selbst nennen sich Nachtschuoi. Im engeren Sinne ein Stamm von ihnen, nördl. von Daghestan bis zum Terek. Die T. haben sich unter Schamyl durch ihren Widerstand gegen die Russen bekannt gemacht. Ihre Sprache ist von Schiefner behandelt in Tschetscheuzische Studien, Petersb. 1864. Tschetschna, Landstrich am nördl. Abhange des Kaukasus, der sich bis zum Sundschaflusse (Nebenfluß des Terek) im rufs. Gebiete Terek erstreckt, bildet den fruchtvarsten u. wegen seines vortrefflichen Klimas gesundesten Bezirk des ganzen Kaukasus; das schluchten- u. waldreiche Gebiet, in die Große u. KleineT. gewöhnlich unterschieden, ist berühmt durch die langen blutigen Freiheilskämpfe seiner Bewoh- r L M 547 Tschetwcrt ner (Tschetschenzen) unter Schamyl (s. d.) gegen die russische Herrschaft. Dronke. Tschetwcrt, russ. Getreidemaß, der 16. Theil einer Last, 209,g i. Tscheu (chines.), 1)so v. w. Stadt; 2) so v. w. Kreis. Tscheuschan. so v. w. Tschusan (s. d.). Tschibuk, halblange türkische Tabakspfeife, besteht aus einem Rohr von feinem Holz, an dem der tellerartig gesonnte Thonkopf rechtwinklig ansitzt u. an dem sich ein kurzes Mundstück von Bernstein befindet. Der T., der stete Begleiter des Türken, ist oft mit Edelsteinen besetzt, u. reiche Türken haben zu seiner Wartung rc. einen eigenen Diener (Tschibuk- tschi). Vgl. Vambery, Sittenbilder aus dem Morgenlande, Berl. 1876. Tschicacole (Chicacole), Hauptstadt des Distr. Gandscham der indobritischen Präsidentschaft Madras, unweit des Meeres, ein schlecht gebauter Ort; 15,587 Ew. Tschiftlik (türk), 1) bedeutet Landhaus, Meierei u. bildet die 2. Hälfte gewisser Ortsnamen; 2) s. u. Zweibrücken. Tschifu, Stadt in der chines. Pros. Schantnng, am Eingang des Golfs von Petschili, Tractatshasen mit einer Ein- u. Ausfuhr von 2,598,000 bezw. 1.230.000 bl (1876, directer Außenhandel) u. etwa 30.000 Ew. Tschigrin(Tschigirin), Kreisstadtim russ.Gouv. Kiew, in hügeliger fruchtbarer Gegend an der Tjas- mina, mit 9677 Ew. Tschih, chines. Maß — 0,g„ in, zersällt in 10 Tsun s, 10 Fan. Tschili (Chili), so v. w. Pe-Tschili (s. d.). Tschilka (Chilka), bedeutender Landsee längs der Küste des bengalischen Meerbusens, im südl. Theil der indobrit. Prov. Orissa bis in den Distr. Gandscham sich erstreckend, mit dem Meer in Verbindung u. von salzigem Wasser, seicht u. von wechselndem (ungefähr 1000 djkm) Umsang. Tschillambram (Sittambalam), Ort in dem Distr. Tandschur der indobrit. Präsidentschaft Madras, berühmt durch 4 dem Sisa geheiligte Pagoden, von Lenen die eine ein Meisterwerk indischer Baukunst ist. Tschille (türk), ans dem pers. tschihil vierzig, bezeichnet die 40 Tage nach der Niederkunft eines Weibes; auch die 40 kältesten Wintertage. Tschillianwalah, Dorf unweit des Dschilam in der indobrit. Präsidentschaft Pendschab. Hier 13. Jan. 1849 mit schweren Verlusten erkaufter Sieg der Briten über die Sikh. Zum Andenken steht dort ein Obelisk. Tschi nab (engl. Chenaub, sanskrit. Tschandra- bhaga, in den Veden Asikni, griech. Akesines), einer der Ströme des Pendschab, entspringt in 2 Arme» auf dem Himalaja in dem Gebirgslande Dschamu u. erreicht in vielfach gewundenem, westlichen Laufe die Ebene, die er vorherrschend südwestlich durchfließt. Dort fließen ihm rechts Dschilam, links Rawi zu, worauf dervereinigte Strom gewöhnlich den Namen Trimab führt (s. Pendschab, S. 205). Seine Ufer sind im oberen Laufe fruchtbar u. angebaut), im unteren dürr u. nur von Viehherden belebt. TschingelPut(Tschingelpat,Chingleput,Tschen- galpattu), 1) District der indobritischen Präsident- — Tschita. schaft Madras, an der Küste, das Stadtgebiet Madras einschließend, vom Palar durchflossen, mit sehr heißem Klima; 7130 u. 938,184 Ew. 2) Hauptstadt davon, südwestl. von Madras, mit einem starken Fort; 7979 Ew. Tschingkiang, Handelsstadt in der chines. Prov. Kiangsn, an der Mündung des Kaiser-Kanals in den Jantsekiang, nicht weitvon der Mündung dieses Stromes, wichtigster Export- u. Tractathafen; (Werthangaben schwankend), Missionssitz; etwa 150,000 Ew. Die Stadt wurde 1853 von den Insurgenten von Grund aus zerstört, hob sich aber durch ihre günstige Lage rasch wieder zu ihrer jetzigen Blttthe. Am 21. Juli 1842 wurde sie von den Engländern erstürmt. Tschillfltu (Tschingtnfn) Hauptstadt der chines. Prov. Setschuan, in einer sehr fruchtbaren Ebene am Minkiang, eine der bestgebauten Städte Chinas; 800,000 Ew. Stadt u. Umgebung wurden schon in sehr früher Zeit von Chinesen angesiedelt. Ts chipangu (Zipangu), der mittelalterlicheName von Japan. Tschipka, s. Schipkä (Paß). Tschirch, Wilhelm, Compositeur, geb. 8. Juni 1818 in Lichrenau (Schlesien), wurde in Berlin musikalisch gebildet, 1843 städtischer Mnsikdirector in Liegnitz, 1852 fürstlicher Kapellmeister in Gera. Er hat zahlreiche Composilionen für Männergesang geliefert, darunter das allein schon zur Begründung seines Rufes geeignete dramatische Longemälde für Männerstimmen u. Orchester: Eine Nacht aus dem Meere. 1869 besuchte er auf Einladung NAmerika, wo ihn die deutschen Männergcsangvereine des. hoch feierten. Siebenrock. Tschirnau (Groß-T.), Stadt im Kreise Guhran des preuß. Regbez. Breslau, unweit der polnischen Grenze; adliges evangel. Frünleinstift, Landwirth- schast, Handel; 1875: 788 Ew. Dabei die Dörfer Ober-T. mit 660 Ew. u. Nieder>T. mit 570 Ew. Tschirnhausen, Ehrenfried Walthe:, Graf von, Physiker, geb. 10. April 1651 zu Kieslings- walde bei Görlitz in der Oberlausitz, studirte iu Leyden, trat 1672 in holländische Dienste, bereiste 1674 Frankreich, Italien, Sicilien u. Malta u. lebte dann in Wien, später in Holland, kehrte nach Sachsen zurück, wurde kursächsischer Rath u. st. 11. Oct. 1708 in Dresden. Er ist der Entdecker der Brennlinie, verbesserte den Brennspiegel u. fertigte selbst große Brennspiegel (3 Ellen Durchmesser, 2 Ellen Brennweite), von Kupfer an. Auch errichtete er die ersten 3 Glashütten in Sachsen, u. unter seiner Leitung vollendete Böttger die Erfindung des Porzellans; er schr.: Nsckieina msntis et corporis, Amst. 1686, Lpz. 1695, 1705, 1728; Anleitung zu nützlichen Wissenschaften, absonderlich zu der Mathesis u. Physik, Lpz. 1708, 3. A. 1712. r. Tschistopol, Hauptort des gleichnamigen äußerst gewerbthäligen Kreises im russ. Gouv. Kasan, am linken Ufer der Kama, mit lebhaftem Handel und Industrie (Holz, Metall, Webereien), 13,030 Ew. Tschita, 1) kleiner Fluß in der russ. Provinz Transbaikalieu (Asien), ergießt sich in den Jngoda (NebenflußderSchilka); 2)Hanptstadtderrnss. Prov. Transbaikalieu am Zusammenfluß des T. mit dem Jngoda gelegen, der von hier von Dampfschiffen befahren werde» kann; Klima äußerst rauh (oft bis 35 * 548 Tschitradrug Mitte April in Schnee u. Eis gehüllt; Mittelpunkt der wichtigen Bergindustrie; 3019 Ew. TschitradruglChittledroog, Chitaldrug, Chitul- drug), Stadt in dem indobritischen Vasallenstaate Maisnr, Hauptort eines Districts (11,579 Hskm u. 531,380 Ew.) der Division Nagar, auf einem Berggipfel, einer der von Natur festesten Plätze von S- Jndien, welcher im 18. Jahrh. die Schätze u. das Staatsgefängniß der Fürsten von Maisnr enthielt; 5812 Ew. Tschitschagow, Paul Wassiljewitsch, russ. General, Sohn des 1809 verstorbenen Admirals Wassilij Jakowlewitsch T., geb. 1762, trat 1782 in die russische Marine, kämpfte unter seinem Vater bei Reval u. Wiborg, nahm 1796 wegen Zurücksetzung seinen Abschied als Contreadmiral, trat 1799 wieder in Dienst, um das russische Geschwader zu führen, welches mit den Engländern au der holländischen Küste operiren sollte, aber nach der Niederlage des Herzogs von Dort abzog. 1802 wurde erVice- admiral u. Dirigent des Seeministerinms, machte sich ungemein verdient, erwarb sich aber durch seinen Freimuth viele Feinde. 1807 wurde er Admiral. Erlöste im Mai 1812 Golenistschew-Kutusow in dem Obercommando über die russische Armee in der Türkei ab, schloß 28. Mai den Frieden von Bukarest u. bildete daraus in Volhynien, mit dem Tor- massowschen Corps vereint, die 3. Westarmee. Er eroberte im Nov. Minsk n. Borisow, konnte aber doch den Übergang Napoleons über die Beresina nicht verhindern, sondern erlitt 21. u. 28. Novbr. 1812 durch Oudinot bedeutende Verluste n. Ney warf ihn bis Stachowa zurück. In Ungnade gefallen, trat er vom Commando ab, nahm Urlaub auf lange Zeit u. reiste ins Ausland. Nach dem Frieden lebte er in Paris n. London u. schrieb seine Berthcidigung für den russischen Feldzug: Lotrsat ot'Napoleon, Lond. 1817. Als 1834 der Ukas des Kaisers Nikolaus alle im Ausland lebenden Russen zurückrieflleisteteT. demselben keine Folge, verlordes- halo seine Würden als Admiral und Reichsrath wie seine Besitzungen, ließ sich in England naturalisiren, schriftstellerte, gab seine Memoiren thcilweise in den engl.Journaleuheraus ».beschloß seinLebenIO.Sept. 1849 in Paris. Vgl. 2I6moirss cks 1'^miral Potiit- dra,Aorv(1767—1849),Lpz. 1862. Kleinschmidt. Tschitschenöode» (Tschitscherei), s. unter Karst. Tschittagong (Chittagong), 1) Division der iu- dobritischen Präsidentschaft Bengalen, das Küstenland am Bengalischen Meerbusen nördl. von Britijch- Birma bis zum Meghna begreifend; 28,700 dslcm u. 2,025,645 Ew. Sie zerfällt in die Districte Tipperah u. Tipperah Hills (s. d.), Noakhali ander Meghna-Mündung n. 2) T., den südl. Theil um- fasiend, gebirgig u. waldig, Reiscultnr, zahlreiche Elephanten; 5880 f^skm und 1,006,422 Ew.; 3) östl. davon T. Hills (Hill Tracts), 17,823 u. 69,607 Ew., meist uncnltivirte Bergbewohner. 4) Hauptort des Distr. (von Aureng Zeyb Islamabad genannt), an der Mündung des gleichnam. Flusses, früher ein bedeutender Handelsort, jetzt im Zurückgehen ; 20,604 Ew. Thiel-mmm. Tschobe, bedeutender Nebenfluß rechts des Zam- besi, entspringt auf dem Mosamba, durchfließt erst südlich, dann östlich äußerst fruchtbare von Negern bewohnte Gegenden; seine Gewässer sind belebt von — Tschudi. Flußpferden, die ausgedehnten Wälder an seinen Ufern von Elephanten, Büffeln, Antilopen, Zebra, Schweinen u. a. Tschokta, so v. w. Choctaws. Tschola, altiudisches Reich an der OKUste des Dekhan, um die Mündung der Cavery, ungefähr die heutigen Distr. Taudschur, N. u. SArkot u. Tschin- gelput der Präsidentsch. Madras umfassend. Es entstand im 5. Jahrh. n. Ehr. durch Einwanderung brahman. Ansiedler; seine Hauptstadt war Kantschi- puram, jetzt Conjeveram oder Kondschevaram. Aus T. entstand der Name der Küste Coromandel (s. d.). Tschorba, türkische Nationalspeise, eine Art Ra- goutaus Hammelfleisch, Kartoffeln,Reis u. Zwiebeln. Tschorten (tibet.,genauer mtveddock-itön), der Name für die Len indischen Dopen (s. d.) ähnelnden Heiligthllmer in Tibet. Tschota stiagpur(Chota Nagpore),Division der indobrit. Präsidentsch. Bengalen, der südwestl. Theil derselben, ein noch vielfach unerforschtes Hügelland, von Wäldern mit wcrthvollen Hölzern bedeckt, Kohle u. Eisen enthaltend; 72,200 slgicm und 3,326,964 Ew., darunter viele uncnltivirte zu den Munda- Stämmen zählende (Kolh, Sonthal). Sie zerfällt in die DistricteHazaribagh, Lohardaga, Maunbhum u.Singbhum; außerdem sind ihr noch 7 kleine Tri- butärstaaten eingesügt. Hanptort ist Ramgarh. Tschnchlöma, 1) Kreisstadt im russ. Gouv. Kostroma, mit einiger Waldindnstrie, 1949 Ew.,am 2) See T. (Tschuchlomskoje Ofero), 10 Icm breit. Tschuden, 1) im Allgemeinen die im Russischen Reiche verbreiteten Völkerschaften bes. 2) die eigentlichen Finnen (s. d. 2); im engeren Sinne jedoch nur ein jetzt fast vollständig ausgestorbener, den Ehsten nahe verwandter finnischer Stamm in der Nähe des Peipussees. Tschudi, ein altes Adelsgeschlecht imSchwcizer- kantou Glarus. Johann T., der Urahn des Geschlechts, wurde 906 von Ludwig III. in Le» Adelsstand erhoben u. bekleidete, wie fast 300 Jahre lang Glieder seiner Familie, das Meieramt des Kantons Glarus. Von seinen Nachkommen sind namhaft geworden: 1) Ägidius, geb. 1505iuGlarus, studirte 1516—1520 in Basel und Paris, dann in Wien Mathematik, Geschichte n. Alterthumskunde; wurde 1528 glarnischer Gesandter in Reformationsangele- geuheitcn bei der Tagsatznug, 1530 Landvogt von Sargans, 1533 Laudvogt in Baden u.1534 Hauptmann infranzösischeuDieusten, in denen er bis 1542 verblieb, worauf er sein Amt in Baden wieder übernahm; er wurde 1556 Statthalter n. 1558 Land- ammann in Glarus. Als eifriger Katholik mußte er 1562 Glarus verlassen, kehrte aber 1564 dahin zurück u. st. 28. Febr. 1572. Er sammelte viele Handschristen, Bücher, Münzen für sein Museum auf seinem Schlosse Greplang im Sarganser Lande ».schrieb viele theologische, geschichtliche,genealogische, heraldische u. kirchenhistorische Werke, namentlich istrrouioon Iroivsbioum, Hrsg, von Jseliu, Basel 1734, 2 Bde, ; vgl. Fuchs, Äg. T--s Leben und Schriften, St Gallen 1805,2 Bde.; Vogel, Äg. T. als Staatsmann u. Geschichtsschreiber, Zür. 1856. 2) Joha nn Jakob von, geb . 25. Juli 1818 in Glarus,"studirie die vcaturwipenschaften in Zürich, Neuschatel, Leyden u. Paris u. machte 1838 eine Reise nach Peru, wo er sich 5 Jahre lang mit natur-' Tschudisches Meer — Tschuwaschen. 5^9 wissenschaftlichen Untersuchungen beschäftigte . 1857 bis 1859 bereiste er wieder '«Amerika, war 1861—63 schweizerischer Gesandter in Rio Le Janeiro u. seit 1866 in Wien. Er schrieb: System der Batrachier, Leyden 1838; Untersuchungen über die lssuna?e- ruaua, St. Gallen 1844—47 mit 76 Tafeln; P e- rnanische Reiseskizzen aus den Jahren 1838—4Zs"I 'ebd. 184ß, 2 Bde.; 2 )ie Kecyuaspracye, Wien rvou, 2 Bde.; Reise durch die Andes von Südamerika, Gotha 186 0; Die braslüanische Provinz Minas Geraes, ebd. 1863; Reisen durch Südamerika, Lpz. 1866—68. 5 Bde . Gemeinjchastltch mit DonM.E. ' de Rivera gab er heraus: ^ubi^usäaäss kornanas, Wien 1851, nebst Atlas von 58 Tafeln Fol., und bearbeitete die 5. Ausl, von Winkells Handbuch für Jäger u. Jagdliebhaber, Leipz. 1878. 3 ) Iwan von, Bruder des Vor., geboren 1816 zu Glarus, übernahm die Buchhandlung Scheitlein und Zolli- kofer in St. Gallen und gab heraus: Der Tourist in der Schweiz u. dem angrenzenden Sllddeutschland, Tirol, Savoyen, im Veltlin, aus den oberital. Seen rc., 21. Ausl. 1879; Savoyen u. das angrenzende Piemont u. Dauphine, 1871, wohlfeileAusg. 1878; Praktische Reiseregeln u. Notizen für Touristen in der Schweiz, 4. Ausl. 1878. 4 ) Friedrich v., Bruder des Vor., ließ sich in St. Gallen nieder, wo er 1870 u. 1875 in die Regierung gewählt wurde u. sich um das Schulwesen verdient machte, geb. 1820; er schrieb: Landwirthschastl. Lesebuch, 6. A. Franenf.1874; ThierlebsuderAlpenwelt, Lpz. 1854, 9. A. 1872. Vgl. das Geschlecht der T.von Glarus, St. Gallen 1853. 1) H-n»--Am Rhyn. 2)-4) Schroot. Tschudisches Meer, so v. w. Peipussee. Tschugnjew, Stadt im russ. Gouv. Charkow, an der Tschugewka u. dem Donez; schön gebaut, srüherHauptort derMilitäransiedlungen dieses Gouvernements u. Kosakencolonie, welche je 4 Regimenter Manen, Husaren u. Kürassiere zählte; die Befestigungen sind verfallen; 9061 Ew. Tschu-kiang (Perlfluß), der Fluß indem Flußnetz der chinesischen Prov. Knangrnng, der sich bei Kanton aus der VercinignngdesPekiang,Tongkiang u. eines Armes des Sikiang bildet n. in einen Busen des Chinesischen Meeres mündet. Seine Mündung heißt die Bocca od. Boca Tigris. Tschuktschen, ein den Korjäken verwandter Volksstamm im nordöstlichen Sibirien u. auf den Inseln an der nordwestlichen Küste vonNordamerika, mittelgroß, kräftig u. wohlgewachsen, tätowiren sich, kleiden sich in Ober-, Beinkleider u. Stiesel aus Renthierfellen, wohnen im Winter in Erdhütten, im Sommer in Bretterbuden od. noinadisiren. Die seßhaften od.Stand-T. (Ssidjatschije Tschnktschi od., wie sie sich selbst nennen, Namollo) halten Hunde als Zngthiere, nähren sich fast allein von Fischen; die no- madisicenden od. Renthier-T. (Olennyje Tschnktschi, welche sich selbst Tschauktschu nennen), halten Ren- thiere. Die T. führen ein patriarchalisches Leben, sind tapfer, unabhängig von den Russen, üben Blutrache u. tödten Altersschwache u. Gebrechliche. Die T. an der NWKllste von Nordamerika zeichnen sich durch dicke Kopse u. starken Körperbau aus, sind unreinlich, haben kleine Augen, vorstehende Backenknochen, behängen die Mundwinkel mit allerlei Flitter, haben langes, schwarzes Haar, kleiden sich in Felle, u. führen Lanzen, Bogen, Pfeile u. große Messer. Tschultri, Herberge für die Wallfahrer in Indien, mit einem Wasserbehälter (Tang) in der Nähe. Eine solche findet sich fast stets in der Nähe der großen Pagoden. Tschuma, s. v. w. Chinagras. Tschumalari(Tschamalhari),Berggipfeldesöst- ichenHimalaja, an der Grenze von Bhotan u. Tiber; 7292 m hoch. Tschumbnl (Chmnbnl, Tschambal, sanskrit. Tscharmanvati), rechter Nebenfluß der Dschnmna in Indien, entspringt auf dem Vindhja-Gebirge u. mündet nach einem vorherrschend nördöstl. Laufe von 650 Irm Länge durch das Land Malwa zwischen Etawa u. Kalpi in den NWProvinzen. Tschunar (Chunar, Tschanar), Stadt im Distr. Mirzapnr der indobrit. Divis. Benares, auf einem steilen Sandsteinfelsen am rechten Gangesufer, mit Fort, altem Hindu-Palast u. starker englischer Garnison; 10,125 Ew. Sie war einst eine bedeutende Festung des Großmoguls; seit 1768 britisch. TschuuktNsi, bedeutende Handelsstadt in der chinesischen Provinz Setschuan, an der Mündung des Kialing in den Jamsekiang; 250,000 Ew. Tschuprija (Tjuprija) Kreisstadt in Serbien an der Morawa, 2833 Ew.; steht an Stelle des römischen Horreum Margi. Tschusan (chines. Tscheuschan), 1) Inselgruppe nahe an der Küste der chinesischen Provinz Tscheki- ang, vielleicht 400 Inseln, nnter denen, außer der gleichnamigen Hauptinsel Kintang u. Puto die be- merkenswerthestcn sind; ungef. 400,000 Ew. 2) Die Hauptinsel der Gruppe, durch ihre Lage von großer commerciellerBedentung.ist meist sehr fruchtbar u. gut angebant, mit ungef. 200,000 Ew.; die Hauptstadt ist Tinghai, mit einem der besten Häfen an dieser Küste. Im Jahre 1700 hatten die Engländer eine Factorei hier gegründet; 1841 u. 1860 war sie von den Engländern besetzt. Tschussowaja, Fluß im russ. Gouv. Perm, ent- springt im mittleren Ural, den er zunächst in nördl. Laufe am WFuße begleitet; dann wendet er sich nach W. u. mündet einige irm oberhalb Perm in die Kama; unter seinen zahlreichen Nebenflüssen ist der Sylwa der bedeutendste. Im seinem 750—800 sim langen Lauf ist er großentheils schiffbar u. öffnet er den Weg zu zahlreichen Hütten- u. Bergwerken des Ural. TschntterPur(Tschatarpur,Chutterpore)Haupt- stadt eines indobrit. Lehnsllrstenthums, dem Agen- tnrbezirk Bundelkund in Centralindien angehörig (3212dskm u. 170,000 Ew.), Sitz des Radscha, Industrie in Papier u. Eisenwaaren, 20,000 Ew. Tschuwaschen, Volksstamm in Rußland, des. in den Gouv. Kasan (400,000), dann auch in Sim- birsk (125.000), Samara (70,000), Orcnburg, Saratow u. Wjatka, zusammen 670,000 Köpfe stark. Sie galten früher allgemein für finnischer Abkunft, neuere Forschungen haben gezeigt, daß sie einMisch- lingsnolk der Finnen u. Tataren sind, die vielleicht auch die Neste der Bulgaren ausgenommen haben. Von Gestalt klein u. hager haben sie blaße Gesichtsfarbe, sind träge, schmutzig, still, friedlich u. treu, reden einen tatarischen Dialekt; bewohnen kleine Hütten, welche dörferweis beisammen sind, treiben Jagd u. Feldwirthschast, haben sich zwar zur christlichen Religion bequemt (verehren Keremet Asch, Gott den Vater, Keremet Amscha, Gott die Mutter, u. Keremet 550 Tsetsefliege — Inder. Uewli, Gott den Sohn), aber noch daneben viele heidnische Gebräuche, halten namentlich viel auf Zauberei. Vgl. Malchow, Die Ssimbirskischen Tschuwaschen, Kasan 1877. Dronke. Tsetsefliege, Olossina, nwrsitans Fliegenart aus der Familie der Fliegen. Nahe verwandt mit unserer Stechfliege vd. Wadenstecher, von der Größe der Stubenfliege. Das graubraune Rücken» schild trägt 4 abgekürzte schwarze Längsstriemen. Hinterleib 5 ringelig, gelbweiß, die 4 letzten mit braunen Binden, welche nur ein am Grunde ausgezogenes Dreieck von der Grundfarbe sreilassen. Beine gelbweiß. Flügel gebräunt. Mit ihrem vorstehenden Stechrllssel greift sie Menschen und Thiere an, bes. anschwülen Tagen, um Blntzu sangen. Bei manchen Hausthieren wirkt der Stich tödtlich. In Mittel- asrika, sehr gefürchtet. Farwick. Tfinan (Tsinanfu), Hauptstadt der chinesischen Provinz Schantung, Seidenfabrikation, Missionssitz; 70,000 Ew. Tsitstkar, s. Zizichar. Tsomognalari, so v. w. Pangong-See (s.d.) Isuga (Lnck/.) <7«»'r., Pflanzengattnug aus der Familie der Ooniksrus-Lbiotinsg.s, nahe verwandt mit L.bios u. Tieea; Blätter flach, immergrün; die ganze Fruchtähre bei der Reife abfallend wie bei Tiess, die Staubbeutel quer aufspringend wie bei Hiiss. Art: T. onimäsnsis (D.) Oarrrere (Li,iss o. Mre/muw), in Nordamerika heimischer Baum von 16—30 m Höhe, mit horizontal abstehenden Ästen, ziemlich kleinen, stumpfen Blättern u. hellbraunen Fruchtähren. Häufig in Parks gepflanzt. Engler. Tsnngming, große u. gut angebaute u. bevölkerte Insel vor der Mündung des Jantsekiang, mit gleichnamiger Hauptstadt, zur chinesischen Provinz Kiangsu gehörig. 1 °. I., Abkürzung 1 ) für Toto titulo, mit ganzem Titel; 2) für Titulo transmisoo, mit Übergehung des Titels. Tunm, Stadt in der Grafschaft Galway der irischen Prov. Connaught, Sitz eines kathol. Erzbischofs, eines anglikanischen Bischofs u. eines Gerichtshofes, 2 Kathedralen, Zuchthaus, Brauerei, Gerberei, Leinenweberei; 1871: 4223 Ew. Tnamotuinseln (Paumotuinseln), s. v.w. Nie- drigc Inseln. Tuareg (Tuarik, Jmoscharh), Volk in der mittleren Sahara (Afrika), zu den Berberen (Hamiten) gehörig. Kräftig u. wohlgebildet, sind die T. der schönste Menschenschlag von ganz Afrika; ihre Hautfarbe ist weiß, nur das Gesicht ist gebräunt; sie sind dem Namen nach Mohammedaner, doch ist ihnen der Islam fast ganz unbekannt; Aberglaube beherrscht sie gänzlich; den Leib behängen sie mit Amuletten; die Vorschriften des Koran halten sie meist nicht. Sie führen ein nomadisirendes Leben, beschäftigen sich hauptsächlich mit Schaf- u. Kameel-, auch Pferdezucht, Loch haben sich auch einz. Stämme seßhaft niedergelassen; die größte Bedeutung hat das Volk aber dadurch gewonnen, daß es hauptsächlich den Handel zwischen den Gestadeländern des Mittelmeeres u. dem Sudan vermittelt u. die Karawanen gegen eine Abgabe durch die Wüste geleitet. Sie sind aber auch raubsüchtig, u. es besteht das Sprichwort: in der Wüste gibt es nur zwei Feinde, de» Skorpion u. den T.; bewaffnet sind sie mit Schwert, Dolch u. Speer, jetzt meist mit Flinten, bisweilen noch mit Bogen n. Pfeil. Die westlichen Stämme tragen enganliegendes Hemd ».Hosen, alle übrigen nur weite Gewänder aus dunkelblauer Baumwolle (Kanozeug). Charakteristisch für sie ist der „Tessilgemiß" (Gesichtsshawl), welcher zweimal um das Gesicht gewunden wird, dieses fast ganz verhüllt u. dadurch Augen u.Mund vor dem Wüstensande schützt. In Lederbeutelu (am Hals od. am Gürtel) tragen sie stets Zwirn, Feder, Pfeife u. Tabak bei sich. Ihre Sprache ist nur wenig vonder Berbersprache verschieden. Sie verbreiten sich südwestlich bis Timbuktu, das ihnen zinspflichtig ist, nordwestlich bis zu dem Plateau von Tademayt, nördlich bis zurAlgierschen Sahara, östlich bisFessan u. südlich bis über den mittleren Niger. Sie zerfallen in einzelne Stämme, die sich gegenseitig hassen u. befehden. Die hauptsächlichsten derselben sind: die Tinylkum in Fessan, westlich von Murzuk; die Hogghar u. Asgar in Ahaggar; die Kelowi in der Oase A'rr (Asben), mit einem in Agades resi- direnden Sultan, welcher auch über die Stämme Kelgeress, Jtissan u.a. herrscht. Vgl. Barth, Reisen u. Entdeckungen in Nord« u.Central-Asrika, Gotha 1855—58, 5 Bde. lspec. der 1. Bd.); Chavanne, DieSahara,WienI878. Dronke. Tnat, Gruppe von Oasen in der uordwestl. Sahara (Afrika) durch die Sandzone El Erg von den Atlasländern getrennt, fast 2000 dsicm groß, zerfällt in das nordwestl. Gurara, das mittlere Au- gerut u. das südl. (eigenst.) T., wird zum Theil vom Wadi Guir bewässert (im N. liegt auch ein großer Salzsee), ist sehr fruchtbar, bringt Datteln, Gemüse, Klee, auch Körnerfrüchte, wird von unabhängigen seßhaften Tuaregs bewohnet, welche Viehzucht u. Ackerbau treiben. Dronke. Tubs (lat.), 1) ein von Moritz u. Wieprecht 1835 erfundenes Messingblasinstrument mitVentilen,wel« ches bei der Militärmusik den Contrabaß ersetzt u. gewöhnlich auch Lo- u.O-Stimmung besitzt. Das Anblasen geschieht durch eine 8-Röhre, an deren Ende ein Baßposaunenmnndstück angebracht ist. 2) überhaupt Rohr, Röhre, daher T. stontorLa, das Sprechrohr, auch figürlich für erhabenen Styl; T. Duotaollü, s. u. Ohr, S. 675. Tubai (Austral-)Jnseln, eine Gruppe meist sauft hügeliger Inseln in Polynesien,südl. der Gesellschasts-, westlich der Niedrigen-, östlich der Cooksinseln; die hauptsächlichsten sind Raewaiwai, Tubuai, Rurutu, Rimatra, alle sind von Korallenriffen umgeben, haben ausgezeichnetes Klima, reichliche Bewässerung, liefern Tabak, Bananen, Schiffsholz; die 1300 (christianisirten) Bewohner treiben auch ergiebigen Fisch- u. Schildkrötenfang; die beiden erstgenannten Inseln sind französisch, die andern unabhängig. Sie wurden theilweise von Cook, theilweise von Brougton 1791 entdeckt. Dronke. Tubangumini (6ummi tuban), so v. w. Gutta Percha. Tübbing (v. engl, tub, Tonne), Ring von Gußeisen zur Construction von Schächten, s. Bergbau, S. 206. Puder lArek. (Trüffel), Pilzgattnng aus der Familie der Tubsravsi; Pilze, deren Fruchtkörper mehr od. weniger kugelig ist, ohne flockiges Lager, außen rauh warzig, schwärzlich erdfarben, innen i t> luberneei - fleischig, säst wachsartig u> labyrinthförmig, dicht gekammert; die kugeligen Schläuche sind durchsichtig, meist eiförmig u. enthalten 1—5, meist aber 2—4, in der Regel elliptische Sporen, deren braunes od. goldgelbes Epispor stacheligu.genetztist. DieTrüfseln entwickeln ihren Fruchtkörper unterirdisch u. wachsen oft herdenweise, namentl. im südl. Europa, in Waldungen, auf Weinbergen u. mäßig feuchten Wiesen. Man bedient sich zu ihrer Auffindung (Triiffeljagd, Trüfselsnche) besonders abgerichteterHunde(Trllffel- Hunde, Trüfselsucher), gewöhnlich Schäferhunde, oder Saufinder, doch auch anderer Hunde, welche auf Trüffeln dressirt sind. Man läßt den Hund hungern u. gibt ihm dann etwas Brod mit einem Stück Trüffel, führt ihn hungrig in den Wald, gräbt dort Trüffeln ein und legt ein Stückchen Brod daneben, worauf er das Brod ausgräbt, die Trüffeln aber liegen läßt. Ist dies mehrmals geschehen, so gibt der Hund durch Scharren die Stelle an, wo er Trüffeln wittert, muß aber stets ein Stück Brod erhalten. Auch der Schweine bedient man sich dazu, welchen jedoch, damit sie die Trüffeln nicht fressen, ein Ring um den Rüssel gelegt wird. Aber auch ohne Hilfe der Trüffelhunde kann man Trüffeln, welche seicht unter der Erde liegen, auffinden, da sich über denselben die Erde etwas erhebt, auch wol Risse bekommt. Das Aussuchen wird vom August bis in den Spätherbst betrieben. Die Trüffeln werden als beliebte Delicatesse, theils für sich in Wasser gekocht od. in heißer Asche gebraten, theils als Zuthat zu Saucen (Trüffelsancen), Pasteten (Trüffelpasteten), frisch od. eingemacht, verspeist. Sie werden abge- trocknet u. in Wachspapier gewickelt, od.mitBanmöl übergossen, versendet. Wichtigere Arten: T. oiba- rium -Rbt/i. (gemeine oder eßbare Trüffel, Leckertrüffel), bis faustgroß, außen schwärzlich, warzig innen gelblich weiß, mit braunen Kammern, frisch angenehm, eigenthümlich bisamartig riechend u. süßlich gewürzhast schmeckend; zerstreut in Deutschland, häufiger in Südeuropa, unter fetter, aber lockerer Walderde bis in einer Tiefe von 0,z—3 äem im August n. September. T. aldiäum (weiße Trüffel), kleiner, weniger angenehm schmeckend s. riechend, außen rauh,innen schmutzig weißlich, kommt seltener vor; 1?. Arisonm Lsrs. (T. aldum tt'm., graue oder Piemonteser Trüffel, Tartukolo, Trnkolla), blaßgrau od. röthlich, seifenartig, wird in Piemont, auch in der Provence in bergigen Gegenden gefunden, riecht knoblanchartig, sehr beliebt u. wird theuer bezahlt; T. rukum LoMir (rothe Trüffel, ital. Rosetta), in Weinbergen und bewaldeten Hügeln bei Verona u. Modena, außen nicht ganz glatt, immer anfangs schmutzig weiß, dann röthlich mit weißen Adern, sehr angenehm rie- chend u. schmeckend; T. mosallatum Lull. (Moschus-, Bisamtrüfsel), in Frankreich, rundlich, glatt, innen u. außen schwärzlich, weich, getrocknet runzelig gefaltet, frisch stark wie Moschus riechend; T. nivsum (schneeweiße, Afrikanische und Arabische Trüffel), von der Größe einer Nuß bis zu der einer Pomeranze, in den heißen Sandwüsten Numidiens u. der Berberei, wird von den Arabern gebraten u. gekocht als Leckerbissen gegessen. Einige andere früher zu T. gestellten Arten werden zur Gattung LiÜMpogon gebracht, welche Gattung durch lange, 6—8-sporige Schläuche u. eine — Tübingen. 551 außen netzaderig-fädige Peridie ausgezeichnet ist. Eine schmackhafte Art ist Rt>. UnAimtum (lsrcka (Tuber Ll.Lr'co), 0,5—I äem im Durchmesser, blaß od. röthlichgelb, kleinwarzig, innen weiß u. endlich röthlich, blaßgelb geadert; gesellig auf sandigem Boden an Bergabhängen, sehr häufig in Oberitalien. Engler. Tuberaoei, s. Pilze. Tuberkel (v. lat. tubsreulum, Knötchen), kleine, höchstens grieskorngroße (miliare), oft mit bloßem Auge kaum sichtbare, gefäßlose, von einem feinen Netzwerk durchzogene Zellenhaufen, welche in ihrem Innern meistens große, vielkernige Zellen (Niesenzellen) enthalten u. schleunigst von ihrer Mitte aus in Verkäsung übergehen. Gewöhnlich sind mehrere T. mit einander verbunden (T.-Conglomerate) und bilden dann erbsen- bis haselnußgroße Knoten. Sie sind wol immer nur eine secundäre Erscheinung und entstehen hauptsächlich durch Einschwemmung vonzerfallenenZellenmassen(käsigenMassen). Solche käsige Massen liefern bes. die chronische katarrhalische Lungenentzündung, die man bei Schwächlichen und Scrophulösen findet, entzündete Lymphdrüsen, chronische Hodenentzüudung, chronische Knochenentzüud- ung rc. In die Lungen eingelagert bilden dieT. einen Theil der anatomischen Veränderungen der Lungenschwindsucht, während, wenn cs den käsigen Massen gelingt, in die allgemeine Säftemasse zu gelangen, eine allgemeineMiliartuberculose entsteht u. in fast allenKörperorganeu (bes. in der weichenHirn- haut, im Bauchfell, in der Leber, >cn Nieren rc.) T. auflreten. S. Lungenschwindsucht u. Miliartuber- culose. Kunze. Tuberkelkrankheit (Tuberculose), s. Miliartuberkulose u. Lungenschwindsucht. Tuberosenöl , ein durch Maceration von Tuberosen (Toliantbes -Lubsrosa) in feinem Olivenöl erhaltenes, sehr wohlriechendes, in der Parfümerie gebrauchtes Öl. Tnbet, s. Tibet. Tübingen , Oberamtsstadt im württembergischen Schwarzwaldkreis, aus den Abhängen des Schloß- u. Österberges, am Einfluß der Steinlach (Ammer) in den Neckar, Kreuzungspunkt der Wllrttembergi- schen Staatsbahn; Landgericht, Oberamtssitz, eines Generalsuperintendenten, eines evangel. Dekanats, einer Bibelgesellschaft, Schloß Hohen-Tübingen (sonst alte Pfalz) 1535 erbaut, früher Sitz der Pfalzgrasen von T., mit der Universitätsbibliothek, RathhauS von 1435, im Jahre 1877 stilmäßig renovirt und mit schönen Sgraffittomalereien rc. geschmückt, 3 luther. Kirchen, (darunter die gothische, 1460—83 erbaute Stiftskirche mit den Grabmälern von 12 württem- bergischen Fürsten, u. a. des Grafen Eberhard im Bart, des Herzogs Ulrich rc., kathol. Kirche, Universität, gestiftet 1477 von Eberhard mit dem Bart, bestätigt vom Kaiser Friedrich IH. 1484, verbessert vom Herzog Karl, daher Lbarbarcko Oaroliim genannt, mit 7 Facultäten, protestantisch-theologischer, katholisch-theologischer, juristischer, medicinischer, philosophischer, staats- u. natnrwirthschaftlicher, von welchendiekatholisch-theologischevonEllwangen1871 hierher verlegt, die staatswirthschastliche 18 l 8 und die naturwissenschaftliche 1863 neu errichtet wurde und (1878) 1137 Studirenden; ferner mit evangel. Predigeranstalt, Physiologischem u. Anatomischem 552 Institut, Botanischem Garten, chemischen Laboratorien, Klinik, zoologischen, anatomischen, mineralogischen u. geognostischen Sammlungen, Münz- und Antiquitütencabinet, Physikalischem Kabinct, Sternwarte, land- u. forstwirthschaftlicher, technologischer Sammlung, Gemäldesammlung, Philologischem Lehrerseminar rc. Im Reformationszeitalter waren ausgezeichnete Lehrer hier: Neuchlin, Andrea, Oslander d. I. u. A.; in der neuen n. neuesten Zeit bes. Storr und Baur, die Begründer der Tübinger Schulen (s. d.). Außerdem besitzt T. ein höheres evangelisches Seminar (1537 von Herzog Ulrich gegründet, das sog. Stift, mit etwa 120 Studenten), höheres katholisches Seminar (Wilhelmsstift, im ehemaligen 6oI1s§inm illnstrs, einer 1687 gegründeten Ritterakademie, mit 130 Studenten), Gymnasium, Realschule, Meteorologische Station (325 m Seehöhe), Hospital, Krankenhaus, Armennnterstlltz- ungsverein der Studirenden, Denkmäler Uhlands (1873, am Bahnhof) und Silchers (1874, in den Aulaanlagen), Tuchmacherei, Kupferhammer, Museum für gesellige Unterhaltung; treibt bedeutenden Getreide-, Obst- u. Weinbau; 10,471 Ew. mit Garnison. Am Fuße des Osterberges liegt der frühere Wohnsitz Uhlands; in der Nähe die Wurmliuger Kapelle u. in 3 üm Entfernung Bebenhauseu (s. d. Art.) — T. kommt erst zur Zeit der Fränkischen Kaiser als Tubinga vor; 1078 belagerte Kaiser Heinrich IV. den Pfalzzrafen Hugo daselbst, u. es war daher schon damals Sitz der Pfalzgrafen von T., welche später ihre Besitzungen au die Grafen u. Herzoge von Württemberg verkauften u. verpfändeten u. nach 1631 mit Georg Eberhard aus- siarben. Schon 1342 hatte Graf Ulrich von Württemberg Stadt u. Schloß von den Pfalzgrafen Götz u. Wilhelm erworben. Die Pfalzgrafen schrieben sich nun nur Grafen von T. und hielten zu Lich- teueck im Breisgau Hof. 1519 suchte der junge Herzog Christoph von Württemberg nach Vertreibung seines Vaters auf dem Schlöffe zu T. Sicherheit u. der Schwäbische Bund unter Herzog Wilhelm von Bayern belagerte u. eroberte die Stadt. 1514 wurde der Tübinger Vertrag zwischen den Ständen u. dem Herzog Ulrich I. hier geschloffen. Herzog Ulrich von Württemberg belagerte T. vergeblich 1546; im Schmalkaldischcn Kriege ergab sich die Stadt an die Kaiserlichen, aber das Schloß hielt sich; 1647 eroberten es die Franzosen, verließen es aber wieder, 1688 nahmen sie es von Neuem und schleiften die Mauern. Vgl. T. u. seine Umgebung, Tüb. 1876; Klüpfel, Die Universität T. in ihrer Vergangenheit U. Gegenwart, Lpz. 1877. Schroot. Tübinger Schule, ein Kreis von Theologen in Tübingen, Vertreter einer besonderen theologischen Richtung. L.) Die ältere, supranaturalistische T. S. Ihr Stifter ist Gottlob Christian Storr (1746—1805), Professor der Theologie in Tübingen. Das Christenlhum ist ihm vorwiegend Lehre, deren Autorität ihm durch den rein verständigen Nachweis der Glaubwürdigkeit der Bibel u. Jesu „als des höchsten, göttlich beglaubigten Gesandten Gottes" genügend gesichert scheint u. die er dann durch rein grammatische Exegese aus der Bibel mosaikartig zusammenstellt, ohne die Begründung aus der Vernunft u. Erfahrung für wesentlich nothwendig zu halten. In der Berührung mit Kant verwerthete später Storr : Schule. dessen Ansicht von dem Unvermögen der theoretischen Vernunft, über das Gebiet möglicher Erfahrung hinauszngehen, zu Gunsten des Offenbaruugsprin- cips, wie er dann auch ganz Kantisch die moralisch- praktische Seite an den Dogmen hervorzukehren liebte. Seine Schüler, Mitarbeiter und Nachfolger waren Johann Friedrich Flatt, Friedrich Gottlieb Wüskind, Karl Christian Flatt, deren Theologie sich ganz im Storrschen Geleise bewegt. Ernst Gottlieb Bengel nahm eine gewisse selbständige Stellung ein, indem er, dem Rationalismus sich annähernd, im Christenthum eine formale Bestätigung der Ver- nunftwahrheit sah. Dagegen bildeten Steudel, Christian Friedrich Schmid, Klaiber mehr die supranaturalistische Seite der Storrschen Theologie fort, jedoch schon stark von Schlsiermacher beeinflußt. Das beste über die ältere T. S. enthält der betreffende Artikel in der Herzogschen Realencyclop., Bd. 16, Seite 485 ff. von Länderer. L) Die neuere, historisch-kritische T. S. Ihr Begründer ist Ferdinand Christian Baur (s. d., 1792—1860), Professor der Theologie zu Tübingen. Unter seinen Schülern sind bes. zu neunen Strauß, Schwegler, Karl Christian Planck, Schnitzer, Karl Neinhold Köstlin, Albrecht Ritschl (in seiner früheren Periode), Hilgenfeld, Volkmar, Eduard Zeller. Die Baursche T. S. hat auf dem Gebiet der gesammten Theologie die gründlichste Umwandlung bewirkt u. völlig neue Aufgaben u. Wege gewiesen, indem sie nach rein historisch-kritischen Grundsätzen bes. die Entstehung des neutestamentlichen Kanon und im Zusammenhang damit die Geschichte des Urchrisienthums untersuchte. Zu den großen, folgenreichen Entdeckungen der Baurschen Schule nach dieser Richtung gehört: die Klarlegung des schroffen Gegensatzes zwischen dem ursprünglichen Jndenchristenthum, dessen kanonische Denkmäler die synoptischen Evangelien, bes. Matthäus in ihrem apostolischen Kern, u. die Apokalypse Johannis seien, u. dem Paulinismus, wie er in den allein ächt Paulinischen Briefen an die Römer, die Korinther und Galater vorliege; die Nachweisnng der allmählichen Ausgleichung dieses Gegensatzes, wie er sich in der uachapostolischenBearbeitung der synoptischen Evangelien, in der Apostelgeschichte und in den Paulinisireuden Briefen an die Theffalonicher, Philipper, Kolosser, Epheser, Timotheum und Titum spiegele; endlich der höheren Versöhnung des Gegensatzes in den unter dem Namen des Johannes nach der Mitte des 2. Jahrh. verfaßten Schriften, Evang. n. Briefe Joh., sowie der dadurch angebahnten Entstehung der Altkatholischen Kirche gegenüber dem Montanismus u. der Gnosis. Wurde auch „durch Selbsicorrectur der Schule zurückgenommen, daß Marcion den Ur- lucas bewahrt habe u. Paulus mehr der Schöpfer des Christcnthums sei als die nebelhafte Gestalt in den Evangelien" (Hase), so hat doch der Einfluß der Baurschen T. S. bis in die neueste Zeit immer mächtiger u. in immer weiteren Kreisen auf die Theologie eingewirkt. Wenn auch in manchen Fragen von Baur abweichend, haben doch von ihm angeregt nach seinen Grundsätzen die Forschungen über die geschichtliche Urgestalt des Christenthums u. seines Stifters weiter fortgefllhrt Männer wieHoltzmann, Keim, Holsten, Hausrath, Weizsäcker, der Holländer Schölten, Franzosen wie Renan, Scherer, 553 Tubuai-Jnseln — Tuche. ! Coqucrel, Colani. Das Beste über die neuere ! T. S. enthält Zeller, Verträge und Abhandlungen, Lpz. 1865. Wffler.* jj Tubuai Inseln , so v. w. Austral-Inseln. » Tubulus , seitlich angebrachter Hals bei Glasge- ff säßen, wie Retorten rc. s Indus (lat.), 1) so v. w. Rohr; 1. aenstions, so j v. w. Hörrohr; 2) so v. w. Fernrohr, t Tuch, Johann Christian Friedrich, Ori- ! entalist, geb. 17. Decbr. 1806 in Quedlinburg, stu- l dirte seit 1825 in Halle Theologie u. Orientalische Sprachen, wurde 1830 Privatdocent u. 1839 außerordentlicher Prosessor der Philosophie in Halle und 1841 als Professor der Theologie für alttestament- liche Exegese u. Orientalische Literatur nach Leipzig berufen, wo er 1853 auch Kanonicus im Stifte zu Zeitz, später Domherr u. Kirchenrath wurde u. 12. April 1867 st. Er schr.: Commentar über die Ge nesis, Halle 1838, 2. A. v. Arnold u. Merx 1871; Os dliuo nrds, Lpz. 1845; Einundzwanzig sinaitische Inschriften (3. Bd. der Deutschen Morgenland. Zeitsch. 1849); Spccialnntersuchungen über Christi Himmelfahrt,1857; Josephus,1859—60; Antonius Martyr, 1864; Beiträge zur Grammatik der Äthio pischen u. Syrischen Sprache rc. Lag«. Tuü>e (tuchartige Zeuge), Gewebe ans vorherr- sehend wollenem Garne hergestellt, welche durch das Walken eine filzartige Decke erhalten. Zn ihrer Herstellung verwendet man nur kurzhaarige Wolle ! (Streichwölle), damit auf ihrer Oberfläche möglichst !, viel Faserenden sich zeigen, welche sich leicht zu einer s Decke verfilzen lassen. Die tnchartigen Zeuge zerfallen im Allgemeinen in zwei Hauptarten, eigentliches Tuch u. tuchartige Stoffe. I. Das eigentliche Tuch wird ans rein wollenem Garn gewebt und hat Leinwandbindung (s. Gewebe). Das Tuch wird auf einem, dein Leinenstnhl ähnlichen Stuhle gewebt; nur ist derselbe viel breiter als jener, weil dnrch das Walken die Waare um mehr als schwindet. Tuch, welches als fertige Waare ^ breit sein ! soll, muß wol ^ breit gewebt werden. Früher s webte man häufig zweimännig, jetzt sind Schnell- fchützen in Gebrauch, oder man webt überhaupt ans Kraftstllhlen. Die Kette wird geleimt. Durch das Weben entsteht der Loden, bei welchem die Kett- u. Einschlagsäden noch vollständig sichtbar sind. Dem Weben folgt das Noppen, welches auch wol dnrch Noppmaschinen geschieht und sodann bas Waschen mit Waschmaschinen, welche entweder Hämmer oder Walzen haben. Zwischen dem Waschen u. dem Walken wird das Tuch oft gesärbt (lodenfarbige T.), aber man färbt es auch in der Wolle (wollfarbige, in der ! Wolle gefärbte) oder auch nach dem Walken (tuch- farbige). Das Walken, welches wiederum mit Maschinen mittels Hämmern od. Walzen geschieht, bewirkt eine gänzliche Veränderung des Loden, weil sich durch Einwirkung des Schlagens oder Pressens ^ vereinigt mit der Nässe, die Fasern verfilzen u. eine Decke von Haaren gebildet wird, sodaß man die Fäden nicht mehr sieht. Zum Walken braucht inan die Walkererde (Lös) u. Seife oder gefaulten Urin, dadurch wird die Waare schlüpfrig. Die Zeit des Wal- kens ist sehr verschieden u. kann von 6—40 Stunden dauern. Durch Anwendung von Wärme kann man die Zeit bedeutend abkürzen, doch walkt sich das Tuch dann oft nur oberflächlich. Nach dem Walken wird das Tuch wiederum, oft in dem Walktroge mit vielem Wasser gewaschen u. kommt dann auf die Trockenrahmen, wo man es nicht zu sehr spannen od. recken muß. Außer den Rahmen im Freien wendet man auch solche in geschlossenenen Räumen an, bei welchen zur Naumersparniß das Tuch oft in Spiralen aufgespannt wird. Damit ist eigentlich das Tuch fertig, doch beginnt jetzt die Appretur. Die nächste Arbeit ist Las Rauhen, wodurch die Härchen des Filzes heransgezogen u. nach einer Richtung (Strich) gelegt werden. Mau zieht die Waare über die in Reihen geordneten Fruchtköpfe der Färberdistel hin. Dies geschieht entweder mit der Hand, ähnlich dem Bürsten od. mitMaschinen, wo sich dann dieKarden auf einer Trommel befinden. Die Waare ist dabei stets naß. Sodann erfolgt das Scheren, wodurch alle hervorstehenden Härchen abgeschuitten werden. Auch hier schert man mit der Hand od. mit Maschi- neu von verschiedener Art meist der Länge des Stoffes nach, aber auch der Breite nach u. diagonal. Die Waare ist dabei trocken. Die Arbeiten des Rauhens u. Scherens werden öfters mit einander abwechselnd wiederholt (Rauhen aus den Haaren, aus dem 2., 3., 4. Wasser), zwischen jedem Rauhen u. Scheren muß das Tuch auf dem Rahmen getrocknet werden und wird dort auch mit großen Bürsten bearbeitet. Dazu erhält die Waare bei jedem Rauhen u. Scheren verschiedene Trachten und zwar nimmt die Anzahl derselben bei den letzten Wassern beim Rauhen ab, aber beim Scheren zu. Darnach beginnt erst die eigentliche Appretur. Zunächst wird noch einmal genoppt, dann die etwa entstandenen Löcher fein gestopft u. darauf folgt das Dekatiren n. Pressen. Durch das Pressen erhält nämlich das Tnch einen starken Glanz, welchen man nicht liebt und welcher auch besonders beim Naßwerden sehr unbeständig ist. Dieser falsche Glanz wird durch das Dekatiren in einen richtigen verwandelt. Man läßt beim Dekatiren Wasserdampf dis ganze Waare durchdrungen n. läßt sie im so erwärmten Zustande einige Zeit verharren. Das Pressen geschieht in sehr starken, oft hydraulischen Pressen zwischen Preßdeckeln od. Preßspänen (glänzenden harten Pappen). Zuletzt folgt das Bürsten, doch wechselt man mit den 3 letzten Arbeiten ebenfalls öfter ab od. unternimmt sie auch schon während des letzten Rauhens n. Scherens. II. Die Tuchartigen Stoffe werden ganz od. theilweise aus streichwollenem Garn hergestellt, haben im Gewebe meist eine andere Bindung n. auch meist andere Appretur als das eigentliche Tuch. Die gebränch- lichstensind: halbwo llenes Tuch(Halbtnch).Dasselbe hat baumwollene Kette u. streichwollenen Einschuß, wird ganz so wie gewöhnliches Tuch gewebt u. appretirt. Damit die Kette genügend fest sei, nimmt man dazu Banmwollenzwirn, läßt aber die einzelnen Fäden weit auseinander liegen und schlägt, um eine gehörige Filzdecke zu erlangen, den Schuß sehr dicht ein. Kasimir od. Kaschmir, s. d. Als Modeartikel wird er musterartig gepreßt (gansrirt), Dem Kasimir nahe verwandt, jedoch leichter und weniger gewalkt, ist die Circasjienne. Kaschmiret hat floretseidene Kette und sehr feinen, wollenen Einschlag, ist geköpert gewalkt, gerauht u. geschoren. Er zeigt eine zarte Filzdecke, durch welche der Körper durchschimmert. Fries, Flaus oder Coating, ganz wollen, ist gröber, dicker und langhaariger als 554 Tuchel - Tuch, stark gewalkt, wenig gerauht u. geschoren, gepreßt, gebürstet». geglättet,wodurch ein starkerGlanz erzielt wird, welchen man auch wol mittels Tragantschleim od. Olivenöl erhöht. Ähnlich ist der Molton. Flanell, s.d. Doppelflanell ist ganzaus feinem Streichgarn mit zwei Ketten Hergestell:, welche übereinander liegen u. ihre Stellung abwechselnd mit einander vertauschen. Die beiden Ketten haben verschiedene Farben, es ist z. B. die eine schwarz u. die andere weiß, u. auch im Einschuß wechselt stetig ein schwarzer mit einem weißen Faden. Unter Anwendung der Jacquardmaschine im Webstuhl entsteht ein Muster von verschieden gestalteten größeren u. kleineren flammenartigen Flecken u. Strichen, welche aus der einen Seite des Stoffes weiß im schwarzen Grunde und auf der anderen schwarz im weißen Grunde erscheinen. Doppelluch zu dicken Winterkleidern ist ganz aus Streichgarn piquearlig mit zwei Ketten hergestellt, von denen jedoch die untere immer gröberes Garn enthält als die obere, weshalb sie beim Zusammenweben nicht in das obere Gewebe hinauf gezogen, sondern immer die obere Kette in das untere Gewebe genommen wird. Die Appretur ist gleich der des Tuches , nur wird die untere oder Rückseite stark gerauht u. wenig geschoren, um den Stofs warmhaltend zu machen. Buckskin, ist entweder ganz wollen mit gezwirnter Streichgarnkette od. halbbaumwollen niit gezwirnter Banmwollen- kette; er wird mit Köperbindung gewebt und zeigt also Köperstreisen od. andere einfache Muster, wird ferner nicht gerauht, aber auf der rechten Seite glatt geschoren. Dünne, leichte Buckskins nennt man auch Doeskine. Cassin et, hat stark gedrehte baumwollene Kette u. streichwolleneu Einschlag. Das Gewebe ist dreibindiger Köper. Er wird nicht gewalkt, sondern nur in der Walke gewaschen, nicht gerauht u. auf der rechten Seite, welche meist die wollenen Fäden zeigt, glatt geschoren, endlich noch heiß gepreßt. Köpertuch oder Drap, ist ganz wollen n. der Schuß von feinerem Garn als die Kette. Die Bindung ist zweiseitiger Köper, mit vier Schäften gearbeitet. Der Stoß wird wie Tuch appretirt, namentlich stark gewalkt. Lama, s. d. Papiermachersilz aus grober Wolle, locker gewebt, nicht gerauht u. nicht geschoren, bei der Papierfabrikation angewendel. Rauhes Deckenzeug (Kotzen), zu Pferde-, Fuß- und Bettdecken dienender Stoff aus grober Wolle locker gewebt, lcinwandartig, geköpert od. fa;onnirt, schwach gewalkt aber stark gerauht u. nicht geschoren, daher pelzartig. Neuerdings hat man in Paris auch eine Art T. aus Federn (Federtuch) hergestellt, welches fünfmal leichter und dreimal wärmer als Wolle, gegen Nässe undurchdringlich u. so färbbar u. dauerhaft wie irgend ein anderer Tuchstoff sein soll. 700—800 A Flaum genügen zur Herstellung eines j^jm Federtuch. Frlztuch, eine amerikanische Erfindung (1839), ist ein dem T. ähnliches Product, wird aber ohne Spinnen u. Weben, blos durch Filzen der Wolle hergestellt. Vgl.Oelsner, Lehrbuch derTuch-n. Buckskinweberei,Altonal879. Tuchel, 1) Kreis im preuß. Regbez. Marienwerder, bis Ende 1873 ein Theil des Kreises Könitz; 895 HjLill (16,2s llUM) Mit (1875) 26,966 Ew. 2) Kreisstadt darin; Amtsgericht, Schnllehrerseminar, Progrimnasium, altesSchloß; Ackerbau,Holz- u. Getreidehandel, Biehmärkte; 1875: 2780 Ew. (fast zur — Tuckey. Hälfte Juden). — T.,1'87—1207 von den Wenden unter der Regierung des Herzogs Sambor erbaut, wurde noch im 13. Jahrh. zur Stadt erhoben u. worein stark befestigter Platz, der unter der Herrschaft des Deutschen Ordens u. der Polen mehrmals erobert u. ° niedergebrannt wurde. 1433 wurde die Stadt von ' den Husiten erobert, u. 1772 kam sie an Preußen. Nachdem sie 1781 gänzlich abgebrannt war, ließ Friedrich der Große sie wieder aufbauen. Nach T. ist die 112 km lange u. 30—40 km breite Tuchel- sche Heide benannt, welche sich im Gebiete der Brahe und des Schwarzwassers ausbreitet, sich durch die Kreise Schwetz, Könitz, T. u. Stargard zieht u. größ- tentheils mit Kiesernwaldungen bedeckt ist. H- Berns. Tüchersfeld, Dorf im Bez.-Amt. Pegnitz des bayer. Regbez. Oberfranken, in äußerst malerischer Lage in dem wildromantischen Thale der Püttlach, in der sogen. Fränkischen Schweiz; Trümmer zweier Burgen; 214 Ew. Tuchfnbrikation. Die Fabrikation der Tuche (s. d. Art.) od. überhaupt der Gewebe aus Streichwolle unterscheidet sich hauptsächlich von der aller anderen Webestoffe durch das Walken, wodurch sich die Fäden verfilzen u. der Stoff in Breite u. Länge sich zusammenzieht (Krumpen, Krimpen). Wird das Tuch nicht gehörig gewalkt, so schwindet es beim Gebrauch. Gut gewalktes Tuch nennt man krimpffrei. Tuckerinan, Henry Theodor, bedeutender, nordamerikan. Schriftsteller, geb. 20. April 1813 in Boston, widmete sich den akademischen Studien, welche er aber wieder aufgab; besuchte 1833 En- ropa, bes. Italien, kehrte nach etwa einem Jahre 1 nach den Vereinigten Staaten zurück, wiederholte aber 1837 die Reise nach Italien u. lebte dann in New Ijork, wo er 17. Decbr. 1871 starb. Seine Schriften zeichnen sich durch anmuthig leichten Ton und Stil aus u. zeigen darin viele Aehnlichkeit mit Washington Jrwing. Daneben ist seine Bedeutung als Kunstkritiker für sein Vaterland hervorragender Art. Er schr.: Itaiian sksteb book, New Jork 1834 u. ö.; lsabel auck 8ioM (Romanze), ebend. 1839; Pbs pilArims ol tbs Rbins; MmnAbts cm tim poets, ebd. 1846; Artist-Ickks, or 8kstobeso1A.ms- rloan paintsrs, ebd. 1847; Obaraotsristies oliitv- raturo, ebd. 1849—52, 2 Bde.; Llsntai portraits or stuckiss ot ebaraotsrs; Isis Optimist (eine Sammlung Essays), ebd. 1849, n. A. 1850; Pbs lils cck 8iias Palbot, ebd. 1850; Mrs spirit ol po- strv (in Versen), ebd. 1851; Ibo ckiarx ok a ckrsa- msr, ebd. 1851; A. mcmtb in ümZIanck, ebd. 1853; Pire Isaves trom tbs äiarz- ok a ckrsamor, Lond. 1853; Llsmoriai ok lloratio ürssuonxb, New Jork 1853; LioArapbieal sssa^s, ebd. 1857; Look oktbs artists (Charakteristiken amerikanischer Künstler nebst Abriß der Gesch. der Kunst in Amerika), ebd. 1867; I-ils cck 1. IN Lsnnsäx, ebd. 1871. t. Tuckey, engl. Capitän, der 1816 eine Expedition zur Untersuchung des unteren Kongo führte, den- L selben bis Enimbo, etwa 300 km in gerader Richtung von der Mündung, befuhr u. ihn noch 30 Tagereisen weiter auswärts auskundschastete. Aus dem verhältnißmäßig geringen u. langsamen Anschwellen des Stromes schloß er, daß sein Laus nördlich nber den Äquator hinausreichen müsse. In dem Werk, Las er über diese Expedition veröffentlichte, trug er den Kongo auch gemäß dieser Auffassung kanogra- 555 Tuckum - phisch ein; dieselbe fand aber keinen Anklang, bis sie durch die Expedition Stanleys (s. d.) vollständige Bestätigung fand. Vgl. Petermanns Gcogr. Mitth. 1877, S. 466 ff. 'Schroot. z Tuckum, Ort, so v. w. Tnkum. Tucumau, 1) einer der nordwestl. Staaten der Argentinischen Conföderation, zwischen Salta, Ca- tamarca, Santiago und dem Gran Chaco; 41,296 Hjkm (750 dsM) mit 108,963 Ew. T. ist mehr als zur Hälfte der Cultur unzugängliches Gebirgs- land, von engen Flußthälern durchzogen, aber reich an malerische» Naturschönheiten; dersüdöstl. Theil ist dagegen eine fruchtbare Ebene; Hauptflüsse sind der Rio Salado u. der Rio Dolce. 2) San Miguel del T., Hauptstadt desselben, am östl. Abhange der Sierra de Aconquija; Industrie in Leder, Zucker u. Rum; in der Umgegend Plantagen und Orangen- haine; 17,500 Eiuw. T. wurde 1564 gegründet. Hier 24. Sept. 1812 Sieg der Patrioten unter Bel- grano über die Spanier unter Tristan; 9. Juli 1816 erklärte der 25. März 1816 hier eröffuete Congreß die Bereinigten Provinzen von La Plata für unabhängig von Spanien u. proclamirte 3. Dec. 1817 u. 25. Mai 1818 deren Vsrfassungsurkunde. Schwor. Tudela, Stadt in der span. Prov. Navarra, rechts am Ebro (darüber eine steinerne Brücke mit 17 Bogen), in fruchtbarer Ebene, Station der T.» Bilbao- u. der Saragossa-Barcelona-Eisenbahn, ist unregelmäßig u. finster gebaut, hat aber schöne Plätze und Spaziergänge, viele Kirchen, 4 Nonnenklöster, - Instituts u. andere Unterrichtsanstalten, Lakritzen- ff sastfabrik, Wein- u. Ölbau, Handel; 8925 Ew. — 7 km südöstl. davon das großartige Wehr u. Schleusenwerk am Ebro (el Boca del Rey), wo der Kaiserkanal von Aragonien beginnt. T. kommt erst im 8. Jahrh. vor, wo es in die Gewalt der Mauren fiel. König Sancho eroberte es 900 n. Ehr., verlor es aber bald wieder. Alfons V., König von Aragonien, Castilien u. Navarra, entriß es 1141 den Mauren u. gab es dem Grafen Rotran von Perche, jedoch kam T. bald wieder an die Krone zurück. Hier 23. Nov. 1808 Niederlage der Spanier unter Castanos durch die Franzosen unter Moncey u. Lan- nes. 1834 brannte die Stadt fast ganz ab. H. Berns. Tudeschi, Nikolaus (Nikolas von Palermo, Nikolas von Sicilien, rlbbao kauormitauuo), geb. in Catania; Geistlicher, wurde Abt in Agatha, dann Erzbischof in Palermo, wurde vomPapst Felix 1440 zum Cardinal ernannt u. als Legat s, latsrs nach Deutschland geschickt u. st. 1445 in Palermo. Er war bes. als Lehrer des Kanonischen Rechts ausgezeichnet, weshalb er Len Namen Imosrna zuris erhielt. Werke: Vened. 1717, 9 Bde., Fol. u. a. Tudor, der Name einer Dynastie, welche nach dem Hause Plantagenet 1485 —1603 den Thron ! von England inne hatte; sie leitet ihren Ursprung ! bis aus Owen-ap-Merodith-ap-T. (nach Einigen so i v. w. Öwen Theodor), einem walisischen Edelmann, zurück. Owen-T. ward 1422 Gemahl der Königin Katharina, Wittwe Heinrichs V. von England u. Mutter Heinrichs VI., u. zeugte mit ihr 3 Söhne, von denen der jüngste, Owen, Geistlicher wurde, der zweite, Jaspar, als Graf von Pembroke, ohne Kinder zu hmterlassen, starb, während der älteste, Edmund, zum Grasen von Richmond erhoben wurde. Nachdem der Vater in der Schlacht bei Mortimer« - Tugela. Croß, auf Seiten der Lancaster, 1461 in die Hände der Jorks gefallen u. sofort auf Befehl des Herzogs von Jork enthauptet worden war, heirathete Edmund T., Graf von Richmond, Margaretha von Beaufort, die Erbtochter des Hauses Lancaster; aus dieser Ehe entsproß ein Sohn Heinrich T., Graf von Richmond, der22.Aug. 1485 denKöuigRichardlll. aus dem Hause Jork in der Schlacht bei Bosworth besiegte u. erschlug u. sich auf dem Schlachtselde als König Heinrich VII. die englische Köuigskrone aussetzte, dann aber Lurch seine Heirath mit Elisabeth, Tochter Eduards IV. aus dem Hause Jork, den Kampf der Weißen u. Rothen Rose endete. Ihm folgte sein Sohn Heinrich VIII., diesem erst sein Sohn Eduard VI. (der Gemahl der Johanna Grey, der Enkelin der jüngsten Tochter Heinrichs VII., Maria, welche in zweiter Ehe den Herzog von Suffolk zum Gemahl hatte) und dann dessen Schwestern, die katholische Maria und die große Elisabeth, mit deren Tode 1603 das Geschlecht T. wieder erlosch. Margaretha, die älteste Tochter Heinrichs VII., vermählte sich mit Jakob IV. von Schottland und zeugte mit diesem Jakob V., den Vater der Maria Stuart n. Großvater Jakobs VI., welcher als Jakob I. nach dem Aussterben des Hauses T. in England folgte u. die Reihe der Stuarts auf dem englischen Throne eröffnete. Lag«. Tudorstil, ein spätgothischer Baustil in England, welcher in der Sucht nach Überladung in Gliederung u. Ornamentation die constructiven Grundlagen häufig verläßt u. den Eindruck eines phantastischen Spieles macht. Bes. ist dieser Richtung der flache gedrückte, aber doch in der Mitte noch nach aufwärts geschweifte Bogen jTudorbogen, Eselsrücken), eigenthümlich. Das bemerkenswertheste Beispiel dieser Periode ist die Kapelle Heinrichs VII. inderWestmilisterkircheiuLondon, 1502—20 erbaut. Tuff, geognostische Bezeichnung für vulkanische, aus feinerem Material bestehende Ablagerungen: zum Theil sind es erhärtete vulkanische Schlammmassen, zum Theil vulkanische Aschen, Sande u. La- pilli, welche bereits beiin Niederfall Schichtung an- nehmen od. von Wasser zusammengeschwemmt und geschichtet wurden. Fast alle Eruptivgesteine haben auch T-e geliefert; es gibt daher Basalt-T., Bims- stein-T. u. Traß, Phonolith-T., Trachyt-T., Diabas- T. (Schalstein, Grünsteiu-T.), Porphyr-T. (Thon- steinj. Meist sind die T-e stark zersetzt. Tüffer (Markt T.), Marktflecken im steier. Bez. Cilli (Oesterreich), an der Sann, Station der Österreichischen Südbahn; schönes Schloß, alte Bergfeste, Dampsbrauerei, Branukohlengruben; 1869: 2969 Ew. Dabei das Kaiser-Franz-Josephsbad miteiner indifferenten Therme von -i- 30" R. Temperatur, Kurhaus, Molkenanstalt rc.; 8 km südl. von T. das Römerbad (Töplitz zu T.), Station der Österreich. Südbahn, mit 3 indifferenten Thermen von -l- 27,s bis -i- 29 , 5 " ü. Temperatur, welche schon von den Römern benutzt worden sind; mit gut eingerichteten Bädern, Kurhaus, schönen Anlagen, prächtigen Spaziergängen rc. Nach dem Brand von 1840 ist T. neu ansgebaut. Vgl. Leidesdors, Das Römerbad T., Wien 1857; Brum, Das Mineralbad T., ebd. 1875. Tuffstein, so v. w. Tuff. lH- Berns. Tugela, Fluß in SÄsrika, entspringt aus dem Montaux Sources in den Drakenbergen u. mündet I 556 Tugend - in de» Indischen Ocean; er bildet die Nordgrenze der Colonie Port Natal. Tugend, I) so viel wie Tauglichkeit, Vorzüglichkeit, Vortrefflichkeit; daher z. B. die heilkräftigen Wirkungen gewisser Pflanzen rc. bisweilen T-en genannt, auch Thieren, namentlich den Pferden, T-en zugesckirieben werden. Der wissenschaftliche Sprachgebrauch, welchem sich der des gewöhnlichen Lebens angeschlossen hat, beschränkt dagegen den Begriff der T. ausschließend auf das Gebiet des Sittlichen; hier bezeichnet T. 8) Die Verwirklichung u. Darstellung des sittlich Guten nicht in einer ein- zelnenHandlung, sondern im persönlichen Charakter des Menschen, indem das sittliche Verhalten im einzelnen Falle nichts anderes als die freie Wirkung n. Kundgebung der persönlichen Charaklerbestimmtheit ist. Die griechische Philosophie suchte seit Sokrates die T-en zu klassificiren. Plato unterschied 4 Cardi- nal-T-en: die Weisheit, Tapferkeit, Mäßigkeit, Gerechtigkeit. Die Formel drang auch in die kirchliche Theologie ein. Doch stellte die Scholastik neben diesen 4 philosophischen noch 3 theologische T-en auf, nämlich: Glaube, Hoffnung, Liebe. Diese Zusammenstellung von philosophischen n. theologischen T-en beruhte jedoch auf gänzlicher Verkennung, wie des wahren Wesens der Sittlichkeit, so auch des Wesens der Wurzel derselben im Christen. Eine tiefere Ergründung des Wesens der T. begann erst mit Kaut, der sie als die Willensstärke auffaßt, vermöge welcher der Mensch seine Neigungen der Pflicht unterordnet. Schleiermacher bezeichnet die T. als die Kraft der Vernunft in der Natur, ähnlich R. Rothe alsdieKräftigkeitderPersönlichkcitdes Individuums in ihrem Verhältnis) zur materiellen Natur. Über das Geschichtliche vgl. die historische Einleitung zu Wuttkes Ethik. H-M. Tngendbund (Tugendverein), ein nach dem Frieden von Tilsit im Frühjahr 1808 zu Königsberg gegründeter u. 30. Juni vom König von Preußen genehmigter Verein, Sittlich-Wissenschaftlicher Verein, zum Zweck, die durch das allgemeine Unglück aufgeregten Gemüther zu beruhigen und zur Ausdauer zu ermahnen; die Liebe für den König u. sein Haus zu erhalten n. die Liebe zum Vaterland zu erwecken und zu vermehren; das Unglück des Staates im Einzelnen kennen zu lernen, Vorschläge zu dessen Minderung u. Abhilfe zu thun u. kräftig zu deren Ausführung mitzuwirken; eine zweckmäßige Einrichtung des Militärs herbeizuführen; für die Verbesserung der Erziehung zu sorgen, einen guten Sinn im Volke zu erhalten u. dasselbe zu ermuntern im Hinweisen auf eine bessere Zeit; die Noth Einzelner zu mildern; die Polizei zu unterstützen; die Literatur zu beleben und die Lügen der Libellenschreiber, welche das Volk unzufrieden machen, aufzudecken. Neben diesem offenenZweck verfolgte der Verein noch als geheimen u. eigentlichen Hauptzweck, das französische Joch zu brechen, wenigstens dessen Abwerfung vorzubereiten. An der Spitze standen bei der Gründung Mosqna, Lehmann, Velhagen, Both, Bardeleben, Baczko u. Krug, an die sich dann Witzleben, Grolmann, v. Thile, v. Ribbentrop, Merkel, Ladenberg, Boyen, Eichhorn rc. anschlossen. Der Andrang zu der Gesellschaft wurde groß, u. bald bildeten sich Töchtervereine in den anderen Städten des Königreichs, welche - Tuggurt. aber mit dem in Königsberg in Verbindung bleiben sollten. An der Spitze des T-es stand ein Hoher Rath von 5 Mitgliedern, welch? aus dem Sramm- verein, d.h. den zuerst eingetretenen 20 Mitgliedern, gewählt wurden; einer dieses Hohen Rathes war der I Censor, welcher auf die Ansrechthaltung der Gesetze ! sah und die Streitigkeiten unter den Mitgliedern ^ schlichtete. Der Hohe Rath wurde von Zeit zu Zeit neu gewählt. Ausgenommen konnte jeder unbescholtene, christliche Bewohner des Königreichs werden, welcher von einem Mitglieds vorgeschlagen war u. von welchem der Censor nichts Nachtheiliges erfuhr; Ausländer waren ausgeschlossen. Die Mitglieder durften nichts über den Verein schreiben u. mit keinem Nichtmitglied über denselben reden. Es gab keine verschiedenen Grade in der Gesellschaft. Bes. thätig wirkten die Militärs auf die Regeneration der Armee. Scharnhorst, obgleich nicht Mitglied des T-es, kannte die Arbeiten desselben genau, und berichtigte u. benutzte vieles davon; mehrere Ossi- ! ziere seiner nächsten Umgebung, bes. Gneisenau, waren eifrige Mitglieder des T-es. Der T. erregte bald bei den französischen Machthabern in Deutschland Argwohn, bes. 1809, als der Major v. Schill, Mitglied des T-s, seinen Zug über die Elbe begann. Anfgsfangene Briefe des Ministers v. Stein an den Fürsten v. Wittgenstein bestärkten die Franzosen in dem Verdacht, als beabsichtige Stein, der als Haupt > des T-es galt, wol mit seinen Zwecken vertraut war, aber demselben nicht angehörte, ihn selbst für unpraktisch hielt, eine allgemeine Erhebung Deutschlands gegen Frankreich. Stein mußte ans seiner - Ministerstelle entlassen werden und der König nach seiner Rückkehr nach Berlin im Dec. 1809 durch eine Cabinetsordre die Aufhebung desselben u. die Einsendung aller Acten u. Arbeiten befehlen. Im Stillen wirkte der T. aber, ohne eigentlich organisirt zu sein, fort. Als im Dec. 1812 Stein, um eine Bewaffnung zu organisiren, mit den Russen nach Ostpreußen zurückkam, benutzte er die Mitglieder des aufgelösten T-es, u. als im März die Aufforderung des Königs erschien, waren dort alle Vorarbeiten ! schon getroffen. Lange nach seiner Auflösung, im Spätjahr 1815, erfuhr der T. harte Angriffe vom Geheimrath Schmalz in Berlin, wogegen Krug, welcher selbst als Professor in Königsberg das Cen- , soramt im T. bekleidet hatte, durch die Schriften: ^ Das Wesen u. Wirken des T-es, Lpz. 1816, u. Dar- ! stellnng des unter dem Namen des T-es bekannten sittlich-wissenschaftlichen Vereins, nebst Abfertigung seiner Gegner, Berl. 1816, auftrat u. den T. ver- theidigte. 1819, bei den Untersuchungen über De- magogismus, wurde der T. auch vielfach verdächtigt, als habe er durch Aufreizung der Einzelnen zu außerordentlichen politischenAnstrengungen den ersten Anstoß zu der späteren Demagogie gegeben. Vgl. I. i Voigt, Geschichte des sogen. T-es (aus den Origi- nalacten),Berl. 1850; Lehmann, Der L., ebd. 1867. j Tuggurt (Tuggnrtha), Hauptort derOase Ouad ' Rir in der franz. Pro». Constantine (Algerien), in weitem sumpfigem Becken, berüchtigt durch die daselbst herrschenden Fieber; von Mauern n. Gräben umgeben, zählt über 1200 Ew., welche sehr ausge- deh'ntenWüstenhandel treiben, auch etwas Industrie haben. Die Häuser n. 20 Moscheen sind nur elende > Erdhaufen. i 557 Tughra Tughra, s. Thogra. Tnickii, Ortschaft im SO. des Narbonensischeu Gallien zwischen Arelate u. Aqua Sextiä; Ruinen davon beim jetzigen Saint Jean. Tuilerien (franz.), s. Paris, S. 113, 2. Sp. Tllisko, der erdgeborene Gott, welchen die Germanen nach Tacitus als Stammvater ihres Volkes besangen. Aus sich selber erzeugte derselbe einen Sohn Mannus, von dem die 3 deutschen Völkerstämme: Jstävonen, Jngävonen und Herminonen stammen. T-s Name wird von den Einen als der Himmlische, Göttliche, von Anderen als der Zwiefache, Zwiegeschlcchtige gedeutet. Raßmaim. Tukane, so v. w. Pfefferfresser. Tukum (Tnkkum), Kreisstadt im russ. Gouv. Kurland, schön gelegen, 3751 Einw. Das Schloß wurde 1299 von dem Deutschmeister Gottfried von Rogga erbaut u. gehörte seitdem den Heermeistern, deren einige auch hier residiren. T. kam 1561 an Polen, von welchem es Gotthart Kettler als Lehn erhielt. Tula, 1) rnss. Gouv., begrenzt von Kaluga, Moskwa, Rjäsan, Tambow u.Orel, 30,965 Hjllm, ver- hältnißmäßig hoch gelegen, meist flach ober schwach hügelig, reich bewässert; Flüsse: Don, der hier entspringt, mit dem Kragnij Metsch, Oka mit den Nebenflüssen Suscha (mit Tscher), Upa (mit Schat u. Jlawa), Osetr u. v. a. Das Klima zeigt rauhe, schneereiche Winter, dabei warme Sommer, der Boden ist äußerst fruchtbar u. gut angcbaut (Z- des Ge- sammtareals sind Ackerland und Weiden), dagegen mangelt es an Wald (nur 9°/„ der Fläche); man producirt Hanf, Ölgewächse, Lein, Körnerfrüchte, wichtig ist auch die Viehzucht. T. ist eines der industriereichsten Gouv., zählt über 200 Fabriken (Eisen, Tuch, Leinwand), der Handel ist blühend; T. wird von den Bahnlinien Moskau-Orel und Orel-Astrachau durchschnitten; 1,167,878 Ew., fast alles Großrnssen. T. gehörte früher zum Gouvernement Moskwa, wurde aber 1777 abgesondert. 2) Gouvernements- und Kreisstadt, am Einfluß der Tnliza in die Upa, Kreuznngspnnkt der Eisenbahnen Wiasma-Rjaschk und Moskau-Kursk; hat 28 Kirchen einige Klöster, Gymnasium, geistliches Seminar,adeliges Erziehungsinstitut, Armenhäuser, Zucht-, Arbeits-, Findelhaus, Theater, Industrie- Museum, kaiserl. Gewehrsabrik (seit 1712 bestehend, 4000 Menschen beschäftigend u. jährlich über 40,000 Gewehre u. treffliche Eisen-u. Stahlwaaren liefernd), Zeughaus mit Waffen für 100,000 Mann, Fabriken in Eisen, Weißkupfer od. einer anderen Composition (s. Tulasilber), Leder Talg, Siegellack, Handschuhen, Hüten, Pomaden, Parfümerien, künstlichen Blumen, wollenen Zeugen rc., Brauereien, Handel mit diesen Producten, Getreide u.Hanf, versendet jährlich an 5000 Fäßchen Pfeffergurken nach Moskau; 57,374 Ew. — T. kommt zuerst 1150 in Chroniken vor; im 13. Jahrh. gehörte es zu dem Fürstenthnm Rjäsan, zu Ende des 14. Jahrh. kam es unter die Tataren u. erst später ging es an Moskau über. 1514 wurde es ummauert; 1607 hielt sich hier der falsche Peter (Kosak Jleika) gegen den Zar Wasilij Schuiski, bis dieser die Stadt durch die gedämmte Upa unter Wasser setzte. 1712 wurde der Grund zu der Gewehrsabrik gelegt; es verlor 11. Juli 1834 2000 Häuser durch den Brand, wurde aber schöner aufgebaut. 3) Rio T. (Rio Montezuma), Fluß in der — Tüll. Nordamerika». Föderativrepublik Mejico, vereinigt sich mit den, Panuco (Tampico). 4 ) Districtshaupt- stadt im Staate Mejico, am gleichnam. Flusse, über 2000 m ü. d. M., soll die älteste, im 7. Jahrh. gegründete Stabt in Anahuac sein, die Hauptstadt der Tvlteken. 5 ) San Antonio de T., 1100 m ü. d. M., Stadt im mejican. Staate San Luis Potosi, am nordwestl. Ende der Hochebene von Potosi gelegen, großentheils von Chichimeken bewohnt; Pferdezucht. Droukc. Tulasilber, Legirung aus 9 Theilen Silber u. je 1 Theil Kupfer, Blei u. Wismuth zusammengeschmolzen und mit Schwefel gesättigt; es ist eine Abart des Niello, aber von blauer Farbe. Die Erzeugung des T-s ist in Rußland seit Jahrhunderten bekannt und wurde vornehmlich in der Stadt Tula betrieben. Neuerdings wird es auch in Berlin fabrikmäßig hergestellt. Tulasne, Louis Rene, franz. Botaniker, geb. l2.Sept. 1815 zu Azay-le-Rideau (Dep. Jndre-et- Loire), studirte zuerst die Rechte in Poitiers, dann Botanik, wurde von Aug. St. Hilaire, der damals eine Revue der Flora Brasiliens vorbereitete, zum Mitarbeiter erwählt; 1842 erhielt er eine Stelle am Llrwsum ci'Lisb. Naturells in Paris, wurde Professor daselbst, 1854 an Stelle Adrians v. Jussteu Mitglied der Akademie und ist jetzt in den wohlverdienten Ruhestand getreten. Er schrieb mit seinem Bruder Charles :§ungil,)-po^aei, Par. 1851,Fol.; 8olaeba kunZorum oarpolo^ia, ebd. 1861—63,3 Bde. Allein: IwZuminsusss ark>orssesnts8 cls Umsrigus clu 8u<1, Par. 1845; Nem. sur Iss usti- laAiness eomparess aux ureäinsss, ebend. 1847; Illtuclss cl'sml>rz-c>Aönis vsAstals, ebd. 1849; LIem. ä l'lrist. anat. st xliz'sioloA.clsslielisns., ebd. 1852; kcxlvstsmaesarum monoZr., ebd. 1852, und eine große Anzahl Abhandlungen in Fachzeitschriften, r. Tuldscha (Tultschä), Stadt im Fürstenthum Rumänien, rechts an der Donau, wo sich Snlina- und Kedrillearm trennen, hat einen stark besuchten Hafen u. 15,000 Ew. T. wurde 1789 von dem russischen Contreadmiral Ribas erstürmt; Sieg der Russen unter Repnin über die Türken 9. Juni 1791. lulipa D. (Tulpe), Pflanzengatt, ans der Fam. der Inliaosae (VI. 1), Zwiebelgewächse mit wenigen lanzettlichen Blättern u. einer großen endständigen Blüthe mit glockenförmigem, abfallendem Perigon, 6 Staubblättern u. einem dreiseitigen Fruchtknoten, dem eine dreilappige Narbe anfsitzt. Fruchtknotenfächer mit zahlreichen zusainmengedrücktcn Samen. Einheimische Art: M sz-Ivoskris L. mit dottergelben, vor dem Aufblühen überhäugenden Bllltheu; in Laubwäldern Mitteleuropas u. stellenweise in Gras- gärten infolge früherer Kultur verwildert. Von den zahlreichen, im Mittelmeergebiet u. in den Steppen Asiens heimischen Arten sind mehrere beliebte Zierpflanzen, namentlich werden von der aus SEuropa stammenden V. 6ssnsr1ang. L„ welche 3 länglich- lanzettliche Laubblätter und ausrechte Blüthen mit kahlen Staubblättern besitzt, zahlreiche Varietäten gezogen, deren Blüthen braunroth,roth, gelblich u. weiß sind. Engter. Tüll, gazeartigcs, mit größeren oder kleineren Löchern versehenes Gewebe von Baumwolle oder Seide; wird zum Kopfputze u. zu Kragen u. Krausen für Frauen benutzt. 558 Tulla — Tumult. Tulla, Johann Gottfried, verdienstvoller badischer Ingenieur, geb. 20. März 1770, studirte in Heidelberg Mathematik u. Mechanik, sowie in Freiberg Bergbaukunde, erhielt 1797 in Baden Anstellung als Ingenieur, wurde 1803 Oberingcnieur u. 1813 Chef des Wasser- u. Straßenbaues u. st. 27. März 1828. Seine Hauptverdienste beruhe» in der Gründung der badischen Ingenieurschule u. in der Projectirung und theilweisen Ausführung der Cor- rection des Oberrheins, eine der großartigsten, wichtigsten u. segensreichsten Wasserbauten. Der Markgraf Max von Baden ließ ihm auf Maxau ein Denkmal errichten. t. Tullamüre, Hauptstadt in der Grafschaft Kings County der irischen Prov. Leinster, am Grand Kanal, Eisenbahnstation; Gerichtshof, Kloster, Krankenhaus, Bierbrauerei, Branntweinbrennerei, Gerberei; 1871: 5179 Ew. Dabei die Jesuitenschule Tullabeg. Tülle, Stadt u. Hauptort in dem franz. Dep. Correze, so wie in dem 12 Cantone und 118 Gem. mit 132,845 Ew. umfassenden, gleichnam. Arrond., in einem tiefen, engen u. pittoresken Thale, an der Mündung der Solane in LieCorröze; eine schlecht gebaute Stadt, deren abschüssige Straßen sich an Felsen anlehnen; Sitz eines Bischofs, eines Präfec- ten, der Departementalbehörden, hat Gerichtshof 1. Instanz, Assisenhof u. Handelsgericht; Kathedrale aus dem 12. Jahrh-, Communal - College, Großes Seminar, Normalschule für Lehrer, Lehrkursus für Geometrie, öffentliche Bibliothek, Theater, große Waffenfabrik. Fabriken in Eisenwaaren, Spitzen (küsse äs st?.), Papier, Spielkarten, halbwollenen Zeugen, Leder, Chocolade,Liqueurs, Wachslichten rc., Färbereien, lebhaften Handel; 1876: 11,038 Ew. (Gem. 15,342). In der Nähe von T. die sog. Ruinen vonTintignac, römische Alterthümer, darunter die Reste eines Theaters. T. ist Geburtsort Etiennes Baluze. T. kommt erst in der fränkischen Zeit als Tutela vor. H- Berns. Tullins, Stadt im Arrond. St. Marcellin des franz. Dep. Jsere, unweit der Fure, Station der Paris-Lyon-Mittelmeerbahn; Fabrikation von Bändern, wollenen Decken, Maschinen, Eisen- u. Stahl- waaren, Packpapier rc.; Ruinen eines alten Schlosses; 1876: 3398 Ew. (Gem. 4881). T. ist Fundort zahlreicher Alterthümer. Tullrus, die Pullia Asus, ein römisches Geschlecht plebejischer Abstammung, umfaßte die Familien der Cicero, Laureas, Montanus u. m. Tulln (Tuln), Stadt im Bez. Hernals des Erzherzogthums Österreich unter der Enns, an der Mündung des Tullnerbaches in die Donau, Station der Kaiser Franz-Josephsbahn, welche hier, neben einer Brücke für den gewöhnlichen Verkehr, die Donau auf einer schönen Gitterbrllcke mit 5 Öffnungen überschreitet, mit Mauern ».Graben umgeben; Bezirksgericht, 4 Kirchen, darunter die merkwürdige altsächs. Dreikönigskapelle, 3 Kasernen, Pottaschesiederei, Schifffahrt; 1869 : 2286 Ew. T., eine der ältesten Städte ander Donau, ist das Comageua der Römer, Standort einer der 3 Flotten, die von Carnuntum (Petronell) bis Lorch zur Bewachung des Stromes auf der Donau kreuzten. Nach dem Nibelungenliede empfing zu T. (Tulne) Etzel Kriemhilden. Auf der weiten Ebene bei T., dem fruchtbaren T«er Felde, vereinigte sich 1683 das 60,000 Mann starke deutsch-polnische Heer u. rückte nach Wien zum Entsätze von den Türken. Vgl. Kerschbaumer, Geschichte der Stadt T., Wien 1874. H. Berns. Tullus, 1) T. Hostilius, folgte 679 v. Chr. (nach herkömmlicher Chronologie) auf Numa Pom- pilius als dritter römischer König; er führte Kriege gegen Alba Longa und unterwarf die Albaner durch den Sieg der Horatier über die Curiatier; dann gegen die Sabiner, welche er ebenfalls besiegte; s. u. Rom, S. 294. Er st. 640, vom Blitze erschlagen. 2) Attius T., volskischer Feldherr, welcher den aus Rom vertriebenen Coriolanus aufnahm und rächen wollte. Er ging nach Rom u. sprengte dort das Gerücht aus, daß die Volsker jetzt kämen, um Rom in Brand zu stecken; diese kamen auch in Menge, aber um den feierlichen Spielen beizuwohneu, u. da sie nun von den argwöhnisch gemachten Römern aus der Stadt gewiesen wurden, kündigten sie, dadurch beleidigt, den Römern den Krieg an u. wählten den Coriolanus zu ihrem Feldherrn; da er aber, ohne Rom vernichtet zu haben, zurllckkehrte, klagte ihn T. der Verrätherei au u. die Volsker steinigten den Coriolanus. Jäger. Tuln, so v. w. Tulln. Tulpe, s. kulipa. Tulpenbaum, s. lurioäenärcm. Tulse Hill, Sternwarte bei London. Tultscha, s. TulLscha. Tulu (Tuluva), ein zu den Dravida-Völkern (s. d.l in Indien gehöriger Volksstamm, um Man- galur wohnhaft; 200,000 Köpfe. Ihre Sprache steht der Altcauaresischeu nahe. Tulumbadschk, die Feuerwehr in Constantino- pel, bildete früher eine strenge Zunft, die nur gegen Vergütung Dienste verrichtete; neuerdings nach europäischer Art umgestaltct. Tuluniden, erste mohammedanische Dynastie in Ägypten (877—905), s. Aegypten, S. 297. Tumba (v. gr. Tymba), ein auf Füßen ruhendes sargähuliches Grabdenkmal, bes. in Kirchen. Tümmler, so v. w. Gemeiner Delphin. lumor (lat.), Geschwulst. Tümpel, 1) beim Hohofen der Boden des Herdes, aus welchem sich das geschmolzene Metall sammelt. T-stein (T-stück), T-blech u. T-eisen, s. u. Hohofen; 2) beim Frischherd ein aus Gußeisenplatten zusammengesetzter Kasten, welcher das Eisen aufnimmt. Tümpling, Wilhelm von, preuß. General, geb. 30. Decvr. 1809, trat 1830 beim Regimente Garde du Corps in die preuß. Armee, avancirte hier bis 1849 zum Major u. Generalstabsoffizier u. machte als solcher den Zug gegen die badenschen Insurgenten mit; 1858 wurde er zum Generalmajor befördert und commandirte 1864 im Kriege gegen Dänemark, in dem er sich namentlich bei Düppel auszeichnete, und 1866 im Kriege gegen Oesterreich die 5. mobile Infanteriedivision u. wurde bei Git- schin schwer verwundet. In demselben Jahre zum Generallieutenant befördert, erhielt er das General- commando des 6. Armeecorps in Breslau; 1868 wurde er General der Cavalerie u. führte sein Corps 1870 mit gegen Frankreich. t. Tumult (v. lat. Numultus), Aufruhr; Tumultuant, Aufrührer,Unruhestifter. Tumultua risch, i! j 1 i lumulus — Itmicm. 559 aufrührerisch; lärmend; stürmisch, ungestüm. Tu- multuarisches Verfahren, Behandlung eines Processes ohne Beobachtung der ordnungsmäßigen Reihenfolge der processualischeu Handlungen. lumülus (lat.), Todtenhllgel. Tun, 1) englisches Großgewicht — 20 Centner (UlmärsäcvsiAÜb) — 2240 Pfund ^.voiränxois; 2) Flüssigkeilsmaß sürWein 252, fllrBier 216Gallons. Tunbridge (Tonbridge), Stadt in der englischen Grafschaft Kent, am Medway, Eisenbahnstation; Stadthaus, Lateinische Schule, Handwerkerinstitut, Literarisch - wissenschaftliches Institut, Markthalle, Fabrikation von Pulvern, hölzernen Maaren; 1871: 8209 Ew. Tunbridge Wells, Stadt in der engl. Graf» schaft Kent, an der Grenze der Grafschaft Sussex, 6,5 üm südl. von Tunbridge, eine hübsche Stadt mit altem Schloßthor aus dem 11. Jahrh.; schönes Rathhaus, Literarisch, wissenschaftliches Institut, Fabrikation von Spiel- und Nippsachen (sog. Tunbridge Maaren), stark besuchtes Mineralbad (eisenhaltige Mineralquellen) mit großen Badeanstalten; 1871: 19,410 Ew. Tundren, die im Europäischen Rußland u. Sibirien in einer Breite von etwa 150 km das Eis- meer umgebenden sumpfigen Flächen. Sie sind über 9 Monate im Jahr zugefroren, thauen in dem kur- zen, aber ziemlich heißen Sommer oberflächlich auf u. bedecken sich mit Moosen u. Gräsern. Sie werden dann von den auwohnenden Völkerschaften (Samojeden, Tnngusen, Dolganen rc.) mit Renthier- Herden betrieben, während sich dann auch eine Menge Wasservögel, bes. Gänse einstellen, um hier zu weiden u. zu brüten. Im Winter sind diese traurigen, Lurch keinen Baum oder Strauch unterbrochenen Ebenen öde u. todt. Schroot. Tundscha (Tundsja), Fluß in der Europäischen Türkei; entspringt aus dem Balkan, fließt erst östl. am Südfuße des Balkan, dann südl. u. mündet bei Adrianopel in die Maritza. Tungkin, so v. w. Tonkin. Tungri, einkeltisches Volk im Belgischen Gallien, in dem früher von den Eburonen bewohnten Landstrich zwischen der Maas u. Schelde; ihre Stadt war Aduaca; in ihrem Gebiete lag auch das berühmte Heilwasser k?ons NunZrornm, wahrscheinlich das j. Spaa. Tungstein, so v. w. Scheelit. Tuuguragua, 1) der Hauptqnellenfluß des Ma- ranon u. somit auch des Amazonenstromes (s. d.); 2) (Tungurahua) 4927 in hoher Vulkan der Cor- dillcren im südamerikanischen Staate Ecuador, nördl. von Riobamba, 1797 kamen bei einem Ausbruch 1600 Menschen ums Leben; 8 ) Prov. im östlichen Theil von Ecuador mit etwa 70,000 Ew. Tnngusen (Tungusische Völker), ein großer Zweig der Mongolischen Völker mit mehrsylbigen Sprachen im östlichen Asien, nördlich von Korea u. der Mongolei, vom Ochotjkischcn Meere bis zum Jenissei, aus der Taimpr Halbinsel bis zum Eismeere streifend, sonst durch Las Gebiet der Jakuten begrenzt; die T. haben eine gelbe bis gelbbraune Hautfarbe, walzenförmiges, straffes, schwarzes Haar, Bart u. Flaumhaare aus der übrigen Haut fehlen gänzlich od. sind sehr schwach, die Augen sind schief- gestellt, die Jochbeine stark vorspringend, Nase platt, Schädel breit u. auffallend niedrig. Sie zerfallen in die Mandschu (s. d.), welche die Mandschurei u kleinere Bezirke der russ. Kllstenprovinz bewohnen u. dem chinesischen Kaiserreiche den Herrscher gegeben haben, u. in die T. im engeren Sinne. Diese letzteren, etwa 70,000 an Zahl, leben alle in OSibi- rien, in den unermeßlichen, von undurchdringlichen Wäldern, Sümpfen und Felsen bedeckten Strecken. Sie werden als sorglos, fröhlich, leichtsinnig, gastfrei, treu, kühn, geduldig, leichtgläubig, aber auch freiheitsliebend geschildert; dabei sind sie viel reinlicher, als die umwohnenden anderen mongolischen Stämme. Ihrer Beschäftigung nach unterscheidet man seßhafte u. nomadisirende T., letztere wieder in viehzuchttreibende u. in Renthier-T. Alle wohnen in Jurten, kleinen aus Leder od. Filz angesertigten Zelten; ihre Nahrung besteht aus dem Fleisch der Jagdthiere (Bären, Eichhörnchen rc.), Fischen (frisch, getrocknet od. zerrieben), selten aus Geflügel, ferner aus Beeren aller Art. Thee, Tabak u. Branntwein sind die durch russ. Einflüsse eingeführten Bedürfnisse geworden, bei reichen T. fehlt der Ssamovar nicht mehr. An Hausthieren besitzen sie außer dem Renthier den Hund. Die seßhaften T. sind alle, die nomadisirenden größtentheils Christen, wenigstens äußerlich, die übrigen hängen dem Schamairismus an, der bei ihnen am weitesten ausgebildet erscheint. Die Kleidung, weit u. in Form gefällig, wird aus Leinwand, Kattun, Leder, auch aus Seide gefertigt; die Industrie — Gerben rc. — ruht allein in den Händen der Frauen. Die T. sind äußerst geschickte ausdauernde Jäger (meist mit Flinten, bisweilen noch mit Pfeil u. Bogen) u. Fischer. Sie zahlen ihren Tribut an die Russen in Pelzwerk. Ihre Kähne sind leicht aus Birkenrinde u. dünnen Brettern gefertigt. Die T. nennen sich selbst Boje (Menschen) od. Donki (Leute) u. zerfallen in die Tschagopiren an der mittleren Tunguska, die Orotongeu, nördl. von den ersteren an der unteren Tunguska wohnend u. bis zum Eismeere auf ihren Jagden streifend; die Orotschonen, welche beide User des Amur u. das Jabtonoi-Gebirge zwischen den Quellen des Ama» sar u. Oldoi bewohnen, die Maniagren, die nördlichen Nachbaren der vorhergehenden, die Dauren Khoadsongeu, Ghelphanen und Manguten an dem Amnr abwärts. Die Meer-T. od. Lammen gehören ebenso wie die Schibä im Jlithale zu den Mandschu. Dronke. Tunguska (obere), so v. w. Angara. I'liinos (lat.), das ärmellose Unterkleid der Römer, welches ans dem bloßen Leibe unter der Toga getragen wurde. Eigentlich von Wolle, zur Kaiserzeit auch Leinen; Farbe gewöhnlich weiß, bei Kindern u. Soldaten hochroth (N. rusoa), bei Sklaven und gemeinen Leuten dunkelfarbig. Die N. reichte bei den Männern bis an die Kniee, war eng u. wurde mit einem Gürtel unter der Brust zusammengehalten; die der Weiber war länger u. weiter u. in der Folge mit Ärmeln versehen (N. wanieata), od. noch mit langen Franzen geschmückt. Anfangs trug man nur eine!'., später, bes. im Winter, zwei; die untere hieß Lndulea (L. inberlor). Man hatte auch Abzeichnungen an der 1., welche in einem vom Halse bis unten an das Ende der 'I. reichenden aus der Außenseite befindlichen Purpurstreisen (Olavus) bestanden (1. olavaba); an den Tuniken der Senatoren u. Pa» 560 Tunicaten — Tunis. tricier war er breit (1°. latielavia), an denen der Ritter waren zwei schmälere (1. an^ustielavia), doch trugen auch die Ritter zur Kaiserzeit die erstere Art. Die Triumphatoren trugen eine mit Palmblättern gestickte 1'. (R. palmata). Im Gegensatz zu der I. elavata stand die 1. pura, die einfarbige, unver- ziertc st., dieselbe erhielten Jünglinge, wenn sie die 'tvAa virilis nahmen; die L.roeta trug die Braut am Hochzeitstage. Während vornehme Römer nie in der bloßen L., sondern stets mit übergeworfener Toga ausgingen, sah man Sklaven u. gemeine Leute nur mit der st. bekleidet auf den Straßen. Dagegen erschienen die Vornehmen zuHaus nur inder st. İger. Tunicaten (Lemmata,), so v. w. Mantelthiere. Tunicin(thierische Cellulose) isomer der Cellulose und dieser in den chem. Eigenschaften sehr ähnlich. Im Mantel der Tunicaten (s. Mantelthiere). Verwandelt sich nach dem Auflösen in kalter concentrirter Schwefelsäure bei langsamem Zugießen in viel siedendes Wasser in Traubenzucker. Broglie. Tunis, 1) Staat in der Berberei in Afrika, grenzt nördl. u. östl. an das Mittelmeer, westl. an Algier, südl. an Algier n. Tripolis. Die über 8000 Icm lange Küste ist verhältnißmäßig die meist gegliederte des Erdtheils; an Vorgebirgen sind zu nennen: Cap Blanco, Cap Bon, Ras el Mclha, Ras el Mustafa; die bedeutendsten Golfe sind die von T., Hamamer, Gabes (Kleine Syrte); von den vorliegenden Inseln gehören Dscherba, Kerkena, Galina zu T. , Li- naria, Pantellaria zum Königreich Italien. 118,400 dsicm groß. Die horizontale Gliederung des Landes ist äußerst mannigsaltig; im N. zieht sich an der Küste entlang meist niit steilen Felsennfern bis znm Cap Blanco die Fortsetzung des Algericschen Küstengebirges. Daran reiht sich das breite Thal des Medscherda, von welchem südl. der Atlas zwei Parallelketten von SW. nach NO. aussendet; die eine derselben endet im Cap Bon, die andere nördl. des Busens von Gabes. Südl. hiervon dehnt sich Flachland aus, das zum Theil tiefer liegt als das Meer, das von der Kleinen Syrte nur durch einen schmalen Küstendamm getrennt ist und dessen Salzsiimpfe Schott, Kebir u. Grarnis wol die Reste eines einstigen Meeresarmes bilden. Von französischer Seite geht man mit dem Plane um, durch eine Durchstechung des trennenden Landrückens das Gebiet wieder in Meer umznwandeln. Südl. erheben sich noch Hochflächen des Ghurian Gebirges. Die Küste ist vielfach flach und sandig. Flüsse sind ziemlich zahlreich , der bedeutendste ist der Medscherda mit Lein Mellach, doch leiden alle im Sommer an Wassermangel, während sie zur Regenzeit zu reihenden Strömen anschwellen. Das Klima ist gesund, im Sommer, namentlich bei SWiud, drückend heiß, nur im Gebiete der Schotts herrscht Fieberluft; die Regen beginnen im Oct. n. dauern bis Januar, bisweilen bis April, in welchem Falle die Fruchtbarkeit sehr zunimmt. Die scharfen Gegensätze zwischen Tell (dem Culturland), Steppe u. Wüste, wie er sich in Marocco u. Algier findet, ist hier nicht zu beobachten. Im Ganzen ist der nördl. Theil äußerst fruchtbar (LIriea proprio, der Römer), der S. theils Steppe, theils Wüste. Die Gebirge tragen noch stellenweise ausgedehnte Waldungen; ergiebig sind die Bergwerke, welche Blei (namentlich imDscheblRej- sas), Silber, Kupfer u. etwas Quecksilber liefern. Der Ackerbau liegt gänzlich danieder, über die Hälfte des Landes ist fruchtbarer Boden, wird aber nur zum kleinsten Theile bebaut; er liefert vorzügliches Getreide, Hülsenfrüchte; außerdem gewinnt man Öl, Datteln (im Wüstenbezirk), Citronen, Wein, Pomeranzen rc. Die Viehzucht liefert ausgezeichnete Pferde, Rinder, Schafe, Kamele. Die Finanzen, früher total zerrüttet, sind durch die europäische Finanzcommission einigermaßen in Ordnung gebracht ! u. die äußere schuld auf 125 Will. Frcs. reducirt worden, wogegen der Bey die Zolleinnahmen definitiv abgetreten hat. Die Eingangszölle sind seit Juni von 3"/„ auf 8°/o erhöht worden. Die Armee im regulären Stande besteht aus 7 Regimentern Infanterie, 4 Bat. Artillerie u. einer Abtheiluug Reiterei u. zählt im Kriege etwa 20,000 Mann. Die irreguläre Armee zählt etwa 10,000 Mann. In Kriegsfällen kann die irreguläre Reiterei auf 30,000 Mann gebracht werden. Der Bey muß auf Anfor- ^ derung der Türkei Heeressolge leisten. Die Kriegs« ! marine besteht jetzt nur noch aus 2 Dampfern mit s zusammen 10 Kanonen. Der Handel ist nicht unbedeutend. Für 1876 wird der Werth der Einfuhr auf etwa 9ß, derjenige der Ausfuhr auf 13^ Will. Ll angegeben, wovon auf die Stadt T. (Hasen Goletta) 6,»g bezw. 4,^ Will. Ll kommen. Hauptausfuhr- arlikel sind: Olivenöl (über 5 Mill. Ll), Getreide (2H Will. Ll), Südfrüchte (etwa 1 Mill. LI) u.Seide. Beim Import hat England das entschiedene Ueber- ^ gewicht. An Eisenbahnen waren Ende 1878 etwa 185 Icur im Betrieb bezw. im Bau. Die Gesammt- länge der Telegraphenlinien betrug etwa 1000 Icm. Die Einwohnerzahl schätzt man ans etwa 2 Mill. > (1,800,000), meist Mauren u. Araber, außerdem s wahrscheinlich 40—50,000, nach Andern 100,000 Juden u. 25,000 Europäer. Religion ist der Islam. Regierungsform: DemNameu nach istT. türk. Prov., doch hat die Pforte fast keinen Einfluß. An der Spitze des Staates steht ein erblicher Bey (seit 1706 aus der Familie eines Renegaten). Im Jahre 1842 ist der Sklavenhandel u. seit 1849 auch die Sklaverei aufgehoben; am 9. Septbr. 1857 hat der Bey dem Lande eine Constitution gegeben, worin unter Anderem auch allen religiösen Parteien und Bekenntnissen freie Religionsübung gewährt wird. 1864 wurde sie von Mehmed Sadik infolge eines Ausstandes wieder aufgehoben. Die Industrie begreift nur Wollenweberei, Leder- u. Seifenbcreitung. Mit der geistigen Bildung ist es traurig bestellt. Münzen, Maße ».Gewichte. Maurechenl nach tunesischen Piastern zu 52 Asper ä 2 Burben ä 6 Burbinen, oder nach Piastern ä 16 Carrubeu — 52 Asper — 104 Burben — 624 Burbinen; doch ist der Piaster auch hier, wie in der Türkei u. Ägypten, von sehr ungleichem Werth u. schwankt zwischen 1 ,12 Ll bis unter 50 p. Maße: der arabische Pik (Elle) für Baum- wollenwaaren ist 488, 1 , mm lang, der türkische Pik für Seidenwaaren 637 mm, der Pik Hendaze zu Wollenwaaren 673 mm. Fruchtmaß: der Cafiz od. st Kafis hält 550—560 I; für Öl, Essig, Milch rc. exi- stirt der Saä — 1^ I, 8 Saas — 1 Kolla, 2 Kollas — 1 Mettar (Mattaro, Metal); der Mettar Öl hält in Marseille 19,z—19„ I oder 17H—18 Ic^, er ist aber in den einzelnen Häfen von T. verschieden; Gewicht: der Rotal od. Rowlo ist ebenfalls sehr verschieden und schwankt zwischen 507 und 639 A. — 2) Hauptstadt der Resiocntschaft, an der WSeite der 25 Icm tief einschneidende» Bai et Bahira (Boghaz), welche durch die Goletta, einem Lagunenkanal, mit der Bai von T. in Verbindung steht; geschützt durch das Fort Goletta und Mauern, Ausgangspunkt der Tunesischen Eisenbahnen, hat über Goletta (Bahnverbindung) drei regelmäßige Dampfcrverbindnngcn mit Europa; enge, schmutzige Straßen, flachdachige Häuser, Wasserleitung (zu Karls V. Zeit erbaut), 11 Thore n. 2 Vorstädte, zahlreiche Moscheen, katholische Kirche u. Kapuzinerkloster, griechisches Kloster mit Kirche, lutherische Kapelle, mohammedanische Hochschule, katholisches Gymnasium (von der französischen Regierung unterstützt), Börse, schöne Kasernen, öffentliche Bäder, lebhafte Bazars u. Ka- ravanserais, einen neuen, im Maurischen Stile erbauten Residenzpalast, das Lazareth und ein alter Palast befinden sich auf einer Insel der Bai. Ansehnlich ist die Industrie, namentlich in Seidenweberei , rothe Feß, Saffians u. Waffen. Bedeutend ist auch der Handel (s. u. 1) sowol zur See, als auch zu Lande; daher hier auch englische, französische, amerikanische und italienische Consulate. Unter den 100-150,000 Ew. befinden sich 20—30,000 Juden. Zwei icm von der Stadt der Bardo, Winterresidenz des Bey, Sitz seiner Regierung, Standquartier der Garnison und Staatsgefängniß. In etwa 30 Lm Entfernung die Ruinenstätte von Karthago (Eisenbahnverbindung). 3) Golf des Mittelmeeres, zwischen Cap Bon (Leuchtthnrm) u. Cap Farina. Im Inneren Cap Kartadschena mit Leuchtthnrm. Vgl. Schwab, Uomorrs sur 1'etIriwArupIris äs 1a Nu- ussis, Par. 1868; Playfair, Nra-vsls iu blis koot- stoxs ob Lrues in Liberia auä lunis, Lonv. 1877; Schneider,VonAlgiernachT.u. Constantine, Dresd. 1878; de Sainte-Marie, La Nuussis obrötäouns, Lyon 1878. Dronle. Tunis '(Gesch.). Das Gebiet von T. war im Alterthum das Gebiet von Karthago und kam nach dessen Fall zu der röm. Prov. Akriea propria. Die alte Stadt T. oder Tunes lag 10 Millien von Karthago an einer Küstenlagune, war aber im Alterthum ohne Bedeutung. Nach der Eroberung durch die Araber u. der zweiten Zerstörung Karthagos begann sic sich zu heben, besonders nach dem Sinken der StadtKairwan. VielfacheiunereUuruhen«.Kämpfe der Araber mit den eingeborenen Berberstämmen hinderten sehr den Aufschwung des Landes. Die stets lose Verbindung desselben mit dem Khalifat begünstigte das Vordringen der Macht von Marokko bis hierher u. machte T. zu einem Lehnsstaat zuerst der Almoraviden-, dann der Almohaden-Dynastie, bis 1206 Abu Hasst ans Sevilla sich dort ein selbständiges Reich gründete. Die von ihm begründete Dynastie, unter der sich das Land wieder zu hohem Wohlstand emporschwang, regierte bis in die Mitte des 16. Jahrh. Der Feldzug, den 1270 Ludwig IX. der Heilige von Frankreich gegen den Fürst Mon- stausur Villah unternahm, blieb bei dem Tode des Königs u. dem eiligen Friedensschluß seines Nachfolgers resultatlos. Besseren Erfolg hatte 1509 der des Cardinais Jimenes, der die Oberlehnsherrschasr der spanischen Krone erstritt. Bald darauf entstanden Thronstreitigkeiten zwischen den zwei Bewerbern Mulei-Hassan u. Al-Raschid , in welche sich der türk. Seeräuber Haireddin Barbarossa eiumischte u. der Pierers Universal-Converlations-Lexilon. 6. Aufl. X Stadt T. bemächtigte. Indessen die glänzende Expe- dition Karls V. 1535, bei der T. erobert n. 20,000 Christensklaven befreit wurden, verdrängte ihn wieder u. führte Mnlei Hassan unter spanischer Ober- Hoheit in sein Reich zurück. 1574 eroberte Stadt u. Land der türkische Admiral Sinan Pascha u. regierte es als Lehnsmann der Pforte mit Beihilfe einer Janitschareuschaar unumschränkt, nur von einem Divan der angesehenste,i Offiziere, welchem ein Aga präsidirte, unterstützt. Stach Sinans Tode 1576 entriß der Aga seinem Nachfolger, Kilik-Ali, die höchste Gewalt. Die türkische Miliz wählte nun einen Dey als Inhaber der höchsten Gewalt, entthronte u. ermordete aber die meisten nach einer kurzen Re- gierung; so den ersten schon nach drei Jahren; der zweite, Ibrahim, dankte nach vier Jahren freiwillig ab; unter dem dritten, Kara-Osman, bemächtigte sich der Bey Murad (ursprünglich ein zum Einsammeln der Steuern bestimmter Beamter) der öffentlichen Gewalt, Loch ohne den Dey gänzlich zu verdrängen. Nach einem Siege über die Algierer ließ sich Murad zum Pascha ausrnfen u. lenkte nach dem Tode Kara-Osmans die Wahl des neuen Deys Jussuf ganz nach seinem Willen, behielt sich alle Gewalt vor u. machte dieselbe in seiner Familie erblich. Der erbliche Bey hielt nun den wählbaren Dey in gänzlicher Abhängigkeit. Die solgende Geschichte von T. bietet wenig Bemerkenswert'hes; wiederholte innere Aufstände, Kämpfe mit Algier, dessen Oberhoheit durch Tributzahlungauerkanntwerden mußte; die Verhältnisse mit den europäischen Staaten waren, da T. von den nordafrikauischen Staaten ver- hältnißmäßig am wenigsten Seeraub trieb, durchschnittlich friedliche. Mehr Aufmerksamkeit begann es zu erregen, als Frankreich sich Algiers bemächtigt hatte. Schon 8. Aug. 1830 wurde T. zu einem Vertrag gezwungen, in welchem es eine Zahlung von 800,000 Frcs. an Frankreich, die Abschaffung der Seeräuberei u. Sklaverei, sowie die Abtretung der ehemals Genua gehörigen Insel Tabarca versprach. Am 20. Mai 1835 starb der Bey von T., Sidi Hussein, u. sein Bruder Sidi Mustapha trat an seine L-telle. Er schloß sich, um vor den Franzosen sicher zu sein, mehr an die türkische Regierung an, starb aber schon 1837, u. ihm folgte sein Sohn Sidi Achmed, welcher große Bauten unternahm u. seine Militärmacht stark vermehrte; er gerieth hierdurch in einen ernsten Conflict mit dem jetzt die Oberherrlichkeit beanspruchenden Sultan und mußte sich zur Reduction der Armee u. jährlicher Rechnungslegung verstehen. Verdient machte er sich wegen seines entschiedenen Auftretens gegen den Sklavenhandel. 1845 erhielt er von der Pforte die Investitur auf Lebenszeit, nur bei Kinderlosigkeit des Bey behielt sich der Sultan das Recht vor, einen Nachfolger zu ernennen. Während des Orientalischen Krieges im I. 1854 stellte Achmed ein Hilfscorps von 10,000 Mann, welches jedoch nicht zur Action kam. Ihm folgte 2.Juni 1855 seinSohnSidiMohammed, welcher den Handel sehr beförderte, durch seine vielfachen Neuerungen jedoch 1857 einen Ausstand hervorrief, der nur mit Mühe nnterdrllcktwurde. Unter Beistand Englands und Frankreichs gab er hierauf eine für mohammedanische Verhältnisse selten liberale Ver- sassuug, in der Freiheit des Handels, Sicherheit der Personen, gleiches Recht für Angehörige aller Con- ?ri. Band. ZL 562 Tunja — fessionen verkündet wurden. Sein Nachfolger undj Bruder (seit 24. Sept. 1859) Mohammed es Sadok Pascha bestätigte diese Einrichtungen, unter denen sich Ackerbau u. Handel des Landes gehoben und T. zu einem der bestverwalteten mohammedanischen Länder sich emporgeschwungen hat. Schwierigkeiten machte allein die starke äußere Schuld, welche durch eine specielle europäische Finanzcommission auf 125 Mill. Frcs. festgesetzt wurde u. zu deren Verzinsung u. Amortifirungder Bey die Zolleinnahmen definitiv abgetreten hat. Schon mehrfach ist das Bestreben der Mittelmeermächte Frankreich und Italien (namentlich des elfteren) hervorgetreten, sich eine Art Protectorat über T. zu verschaffen, wenngleich bis jetzt noch ohne Erfolg. Vergl. Desfosses, Innlsis, iüstoirs, ÜNLNLS 8 , politigns,Par. 1877. Thielemann. Tunja, Hauptstadt des colombischen Staates Boyaca,2800 m ü. d. M. ; Universität, Gymnasium, Salpeterbereitung, Wollen- u. Baumwollenmanu- facturen, Tabakbau; Handel; 8000 Ew. Tunkcrs, s. u. Baptisten. Tunnel (englisch, wörtlich Rauchfang, Röhre, sranz. sontorrain), ein durch einen Berg. od. unter einem Fluß hinweg gegrabener unterirdischer Gang für eine Fahrstraße, Eisenbahn od. einenWasserweg. L.) Historisches: Schon die Alten kannten dergleichen Gänge. So ging in Babylon ein gewölbter 150 m langer, 4,, m breiter u. 1 ,g„ m hoher Gang unter dem Euphrat hin, zur Herstellung einer bequemen Verbindung zwischen zwei königlichen Palästen und den Haupttempeln. Beim Bau dieses T-s war der Euphrat in ein anderes Bett geleitet worden. Beide Enden waren mit ehernen Thoren verschlossen. Ähnlicher Art war der von Agrippa durch den Berg bei Cumä, behufs Anlegung einer Straße durch diesen Berg geführte Gang, welcher bei der Belagerung Cumäs durch Narses zum Theil verschüttet ward u. jetzt noch als Orotts, äi 8 ibMa gezeigt wird. Zur Ableitung des Fuciner Sees wurde vom Kaiser Claudius ein 5640 m langer T. gebaut. An dessen Stelle ließ der römische Banquier Tor- lonia (s. d. Art.) einen neuen anlegen, da der alte vollständig unbrauchbar geworden war. Neuere find der T., durch welchen der Languedockanal (s. L.) in Slldfrankreich durch einen Berg geht; der T. durch den Österberg bei Tübingen, durch welchen die Ammer geleitet ist; der zwischen Gravesand u. Rochester durch Kalkfelsen gehauene, eine deutsche Meile lange, 11 m hohe u. 9,40 m weite T., in welchem Schiffe auf einem Kanal von dem Medway nach der Themse gehen u. durch welchen auch ein Fußweg führt; der bei Manchester, in welchem der Bridgewaterkanal läuft; der durch einen Hügel in Staffordshire, den Trent- u. Mersaykanal verbindende; der Washinglon-Street-T. in Chicago; die T. bei New S)ork unter dem Harlem-River u. Hudson; die Wasser-T. unter dem Michigan-See; die Vogesen-T. u. s. w. Der 2 Meilen lange, 1853 vollendete, von dem Ufer der Grau unweit Zarnowitz bis in die Chemnitzer Bergwerke führende T. dient zur Abzapfung der unterirdischen Gewässer, sowie zur leichten Ausbeutung der Bergwerke u. enthält auch zur Heransführuug der Erze , eine Eisenbahn. Die berühmtesten T.sind die Themse-T., der Mont-Cenis-T.u. der Gotthard°T., der 10,880 m lange T. bei Baltimore in Nordamerika (1879 - Tunnel. j noch im Bau), die aber sämmtlich durch den noch unvollendeten T. unter dem Canal La Manche zwischen Frankreich und England in Schatten gestellt werden. 8 ) T-ban: Am häufigsten kommen der» gleichenBauten bei Eisenbahnen vor. Eisenbahu-T. werden durch Bergrücken angelegt, um große Umwege u. kostspielige, schwierige u. selbst nachtheilige Einschnitte zu vermeiden, an Stelle von Einschnitten über 15 w Tiefe wendet man stets T. an; sie werden bes. bei Gebirgsbahnen wichtig. Die Art der Ausführung der T. ist je nach der geognostischen Beschaffenheit des zu durchbrechenden Bodens verschieden. Mau führt T. ebensowohl durch Felsarten der verschiedensten Festigkeit, als durch Lehm, Letten, Thon u. Sand. Die T-bauarbeiten zerfallen in: 1) Häuerarbeiten. Hierher gehört das Wegfällen, Keilhauen, Schlämmen, ferner bei festem Gestein die Schlägel- u. Eisenarbeit, die Herein- treibearbeit, das Sprengen, Schießen u. Bohren. T.-BohrmaschinenwurdencoustruirtvonSchnmann, Schwarzkopf, Talbot, Dubois u. Franyois, Brand, Perret, Sommeiller u. Grattoni. Die Letzteren, deren Bohrer nach allen denkbaren Richtungen, je nach Erfordern, arbeiten können, arbeiten mit einer Geschwindigkeit von 250—300 Stößen perMinute. Das zeitraubende Reinigen des Bohrloches bei der Arbeit wird bei den Maschinen dadurch vermieden, daß man durch den Bohrer selbst einen Wasserstrahl entführt, welcher dasBohrloch fortwährend ausspült. Die Bewegung der Bohrmaschinen geschieht mittels durch hydrostatischenDruck compromittirter Luft von 4—4Z Atmosphären Spannung in zwei Maschinen von je 250 Pferdekräften. 2 ) Förderungsarbeiten. Das gelöste Material muß auf möglichst leichte Weise weggeschafft werden. Man wählt daher den kürzesten u.bequemstenWeg, vermeidet Umladen u. legt die Gestänge aus die Sohle des T s. Als Aördergefäße dienen„Hunde",Gestellwagen,Seitenkipper, T-wagen auch Kübel- u. Förderkörbe. 3) Die T.-Zimmerung richtet sich in ihrer Con- struction nach der Beschaffenheit des Booens; für lockeren Boden muß sie stärker sein, um die sich ablösenden Erdmassen tragen zu können. Bei nachbrechendem Erdreich müssen diese Stollen (Strecken, Gänge) mit einer Unterstützung od. Verkleidung versehen werden, welche in der Regel aus mehren Rahmen od. Gevierten besteht. Je nach der Gebirgsart wendet man die Firsten-Thllrstock-Sparren- od. Ge. triebe-Zimmerung an. BeijederGrubenzimmerung müssen die Hölzer in der Druckrichtung stehen. Eine leichte Auswechselung schadhafter Stellen muß möglich sein. Verschnitt, Zapfen und Überblattungen sindzu vermeiden. 4) Die T.-Holzbau-Systeme. Beim T-ban in weichen, lockeren n. feuchten Bodenarten darf die Ausgrabung des Bodens jedesmal nur für kurze Strecken vorgenommen werden, worauf nach Auszimmerung dieser Strecke das Ausmauern erfolgt. Diese Auszimmerung geschieht nach dem englischen, französischen, deutschen od. österreichischen L-ystem. Letzteres ist in stark drnckhaftem Gebirge Las vortheilhafteste. Es findet dabei der Vollausbruch des T.-Profils statt, sowie die zweckmäßigste Verwerthung der T-bauhölzer. 5) Die T.-Mauerung geschieht mit Hilfe von Lehrgerüsten, welche entweder als Zirkelholzbogen (in Frankreich), als Bohlenbogen (in England) öd. als 563 Tunstall — Turamsch «parrenbogen (in Österreich) hergestellt werden. Einen bedeutenden Fortschritt hat die T-baukunst aufzuweisen durch die zuerst von Rziha angewendcten gußeisernen Lehrbögsn, wodurch der scheibenweise Ausbau des vollenProfils initLeichtigkeit ausgeführt werden kann. Wahrend der Ausführung der Seitenmauerung wird dabei der Scheitel anstatt durch Bolzung durch schmiedeeiserne Segmentstllcke unterstützt. Bei der T.°Mauerung sind alle Hohlränme hinter dem Gewölbe vollständig auszusüllen. Das Einschieben des Schlußsteins geschieht in der Richtung der Langsame des T-s. Die T.-Sohle wird meist mit einem umgekehrten Gewölbe versehen. Es ist am günstigsten für die T.-Mauerung, wenn fünf Zonen in Arbeit sind, deren eine geschlossen, eine gewölbt, eine mit Lehren versehen wird u.dereu zwei in den Widerlagern resp. den Fundamenten ausgemauert werden. Bei nur unbedeutender T- länge wird die Arbeit von den beiden Mündungen aus nach der Mitte zu betrieben, wobei mau die bequemste Ableitung etwaigen Quellwassers ».leichteste Förderung der Erde hat. Bei T n von größerer Länge u. bei nicht zu bedeutender Höhe des Bergrückens wird an mehreren Punkten gleichzeitig au- gefangen u. werden zu dem Ende von oben herab Treibschachte (Lichtlöcher) abgeteust, von denen aus die Arbeiten betrieben werden; bisweilen sind noch besondere Wasserstollen zum Abzug des Quellwassers nothweudig.6)DieSch achte od.Brunnendienenan- ser zur Inangriffnahme an mehreren Orten (Treibschachte) auch noch zur Versorgung der Arbeiter mit Lust (Luftschachte) u. zur Förderung des Quellwassers. Ost läßt man nach Vollendung eines T-s einige solcher Schachte zum Hinablassen von Materialien bei vorkommenden Reparaturen stehen. Meist erhalten die Schachte eine besondere Verkleidung aus Steinen vd. Holz. Im ersten Falle ist der Querschnitt des Schachtes rund, im zweiten quadratisch od. rechteckig. GemauerleSchachte werden gewöhnlich durch Versenkung aufgeführt, d.h.das Schachtmaucr- werk wird auf einen hölzernen od. eisernen Kranz gesetzt u. dieser letztere untergraben, wodurch sich Kranz u. Mauerwerk senkt u. nach Maßgabe der Einsenkung die Ausmauerung erfolgt. Ausgezim- merte Schachte bestehen aus einzelnen Rahmen, Eckpfosten u. der Bohlenverkleivung, ähnlich wie bei Stollen. Der größteSchacht, welcher bis jetztversenkt wurde, ist der Zugang zum Lhemsetunuel in London. 7) Bes. hervorzuhebende Theile eines T-s sind die an seinen beiden Enden befindlichen T eingänge od. Tu n- nelportale. DieT. werden au denEndeu durch eine verticale mehr od. weniger hohe Stirnmauer begrenzt, über welcher das natürlicheErdreich in angemessener Böschung aussteigt. Man gibt diesen Mauern i» der Regel architektonische Verzierungen n. Inschriften, sowie einen massigen Charakter. Oft führt man die Stirnbögen des Tunnelgewölbes nach einer andern überhöhteren Bogeuliuie ans, als Las Gewölbe hat, um ein bedeutungsvolleres Ansehen zu gewinnen. Literatur: F. Löhmann, Der Themse-T. zu London, Leipzig 1825; Rziha, Lehrbuch der gesummten T-bauknnst, 2. A. Berlin 1871; Ders., Die neue T-baumelhode in Eisen, 2.A. Bert. 1864; Angström,Gesteinsbohrmaschinen; A. Burat, (tours ä'sxploibstnon äss minss, Paris 1871; I-os prägst« cks sirsiuius äs ksr pur Iss utpss ireivstiqnss, >e Völker u. Sprachen. Zürich 1869; Ritter vom Grünburg, Der Bau des Sonnenstein-T-s (Gesteinsbohrmaschinen System Brandt), Wien 1878; Ritter, Statik der T.-Gewölbe, Berl. 1879. Köh„e. Tunstall, Stadt in der engl. Grafschaft Stafford, in dem Potteries genannten Bezirke, Eisenbahnstation; Gerichtshof, Markthalle, Töpferei, Ziegelbrennerei, chemische Fabriken, Kornmühlen; 1871: 13,540 Ew. Tüpfelfarrn, die Pflanzengatt, kolz'poäinm. Tupi (Tupinamba), Jndianerstamm , eines der Urvölker Brasiliens, bewohnten die Ostküste dieses Landes, haben sich aber jetzt fast ganz verloren und finden sich nur noch in den Ebenen des Amozonen- stromes. Ihre Sprache wurde von den Jesuiten als IfinAua Asral (s. d. Art.) ansgebildet. Tupisa, Stadt im Dep. Potosi der südamerikan. Republik Bolivia, 3000 in ü. d. M.; Landbau, Transitohaudel; 3000 Ew. Der früher bedeutende Bergbau ist ganz zurllckgegangen. Tupungato, s. Cordilleren, S. 383. Tura,NebenflußdesTobolinSibirien, entspringt am Ural im Gouv. Perm, durchfließt für Handel n. Bergbau wichtige Gegenden, ist von Tjnmen an schiffbar u. mündet 90 llm unterhalb dieser Stadt. Turan (mittel- und neupersisch, so v. w. das Feindliche, zusammenhängend mit dem altbaktr. turn Feind), bei den Persern im Gegensatz zu Iran das Steppengebiet des Oxus u. Jaxartes, der Sitz feindlicher Nomadenstämme. Der Name war im classischen Alterthum u. im Mittelalter nicht üblich. In neuerer Zeit ist der Name für die Tiefebenen nördl. des Hindukusch u. Irans, östl. vomKaspischen Meer u. westl. vom Thianschan aufgekonnnen (s. u. Centralasien, S. 605 f.). Turanische Völker «. Sprachen (gewöhm. Alkäische oder Ural-Altaische Völker u. Sprachen ge- nannt, auch als Skpthische znsammengefaßt), ein in seinem inneren Zusammenhänge u. Verwandschaftsverhältnissen erst in neuerer Zeit näher erforschter Völker- und Sprachstamm, welcher im Allgemeinen über die ganze große Nordhälfte Asiens südlich bis zum tibetanischen Hochlande, dem Hinbuknsch u. Kaukasus, sowie über das noroöstliche, östliche und südöstliche Europa ausgebreitet ist u. aller Wahrscheinlichkeit nach seine Urheimath am Nordrande Hochasiens, am Altai, hat. Von letzterem ans ergossen sie sich nach Osten, Norden u. Süden, die etwa vorhandenen Ureinwohner anderen Stammes verdrängend, sowie über den Ural nach dem östlichen u. nördlichen Europa, wo sie jedoch durch Slawen (in Rußland) und Germanen (in Skandinavien u. den Bat- tischen Ländern) viel Beeinträchtigung erfuhren, während andere Stämme sich erst vor 4 Jahrhunderten in Vorderindien u. dem südöstlichen Europa seßhaft gemacht haben. In ethnologischer Beziehung ordnen sich diese Völker dem sogenannten MougolischenRacentypus(s.Mensche»racen,S. 784) unter, nur daß diejenigen derselben, welche geographisch semitischen u. indogermanischen Völkern näher gerückt sind, auch ihren Nacentypus rheilweise oder ganz verloren haben u. in den Kaukasischen überge- gangeu sind (wie z. B. in vollstem Maße die Türken). Die T-n S., wenngleich lexikalisch sehr verschieden (nur eine geringe Anzahl Wurzeln ist ihnen gemeinsam), sind in dein Sprachbau in den Hanpt- 36 * 564 Turaiiische Völker u. Sprachen. zügen vollständig übereinstimmend. Sie gehören sämmtlich zn den agglntinirenden Sprachen; die Sinnbegrenzung der Wurzel geschieht dadurch, daß eine oder mehrere Wurzeln angesügt werden, welche agglutinirten Bestandtheile zum größten Theile ihre materielle Bedeutung verloren haben u. zu Suffixen geworden sind. Die eigentliche Wurzel bleibt durchaus unverändert und kann weder mit den Suffixen verschmelzen noch euphonische Veränderungen erleiden. Damit zusammenhängende formelle Ueberein- stimmungen sämmtlicher Zweige der Turanischen Sprachfamilie sind z. B. noch, daß es keine Ableitung durch Präfixe gibt, daß es keine Präpositionen, sondern nur Postpositionen gibt, daß der Umlaut fehlt, und daß der Stammvocal Len Endungs- vocal bestimmt (s. dar. unt. Vocalharmonie), daß nie ein Wort mit doppelter Consonanz beginnen u. schließen kann rc. Am klarsten und durchsichtigsten, sowie zugleich bis auss Feinste nüancirt, zeigt sich der Organismus des turau. Sprachtypus in der Türkischen Sprache (s. d.s. Stach ihren genealogischen Beziehungen lassen sich die T-n V. u. S. solgenderweise gruppiren: 4) Die Tungusische od. Amurische Gruppe im nordöstlichen Asien, in einem östlichen (Lamuteu, Man- dschu u. verschiedene kleinere Völker im Amnrlande) n. einem westlichen Zweige; zu letzterem gehören die Lschapogiren, Orotongen, Dauren rc. L) Die Mongolische Gruppe in Hochasien, in 4 Zweige, die eigentlichen Mongolen, Kalmücken, Bnrjäten n. die (versprengten) Hazara (s. d. a.) zersallend. v) Die Tatarische (Turkotatarische od. Türkische) Gruppe, den westlichen Theil von Hochasieu und das kaspisch aralische Tiefland erfüllend, einerseits jedoch vielsach an den großen Strömen Sibiriens u. und der Wolga abwärts bis tief nach Sibirien und Rußland hineingedrängt, andererseits erobernd über einen großen Theil des östlichen Iran, Borderasien, die Kaukasusländer, das südliche Rußland und die Balkanhalbinsel bis nach Aegypten vorgedrungen. Sie läßt sich in drei Hauptabtheiluugen eintheilen: l) die nördliche: Jakuten, Baschkiren, Kirgisen und die sibirischen Tataren; 2) die südöstliche: Uiguren, Usbeke», Turkmenen, Karakalpaken; 3) die westliche: die eigentlichen Türken (Osmanen), die europäischen Tataren, Nogaier, Kumüken. Doch beruht diese Eintheilung mehr auf geographischem Fundamente; die innere Gliederung nach sprachlichen Rücksichten istnochnäherzubestimmen. D) Die Samojedische Gruppe, über einen Ungeheuern Raum im äußersten Rordosten Europas u. dem Norden des westlichen Sibiriens ausgebreitet, aber an Kopfzahl äußerst schwach und in steter Abnahme begriffen (Juraken, Tawgy- u. Ostjak-Samojeden, Jenissei-Samojeden u. Kamassinzen). Endlich L) die weit verbreitete u. zersplitterte Gruppe der Finnischen Völker und Sprachen im Norden u. Nordosten Europas mit ihren vier Hauptzweigen, dem ugrischen,wolgaischen, permischen u. baltisch-finnischen (Nähres s. u. Finnen, S. lOO). Unter denselben sind die eigentlichen Finnen und die Magyaren unter Einwirkung des ähristenthums u. der abendländ., bes. der german. Enliur, zu einer höheren Entwickelung gelangt. An diese noch fortlebenden Bölker tnranischer Abstammung schließt sich eine Reihe von Stämmen an, welche einst in der Geschichte handelnd ausgetreten sind, aber jetzt ganz oder bis auf wenige Spuren untergegangen sind. In dieser Beziehung sind zu erwähnen: die Khitan u. die Kin (wahrscheinlich aus der Tungusischen Familie), in den ersten Jahrh. des Mittelalters gefürchtete Feinde der Chinesen, die Hiongnu (s. d.), vielleicht auch die Jueltchi (s. d.), ferner einige wenigstens der von dem classischen Al- terthume unter dem Namen Skythen (s. d., S.497) zusammengefaßten Stämme u. die Saken des pers. u. indischen Alterthums, die Seldschnkcn, endlich die in der neueren Geschichte Europas hervortretenden Hunnen,Avareu, Bulgaren,Chazareu, Petschcncgen, Kumanen. Zweifelhaft ist es bei den Alanen und Roxolanen, bei denen vielleichtmit mehr Recht indogermanische Abstammung angenommen wird. Die T-n V., welche jetzt durch weit auseinanderliegende Wohnsitze, verschiedene Beschäftigung, mannigfache Cultnreinflllsse geistig weit sich unterscheiden, habenin der Geschichte der Menschheit nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Der Natur ihrer heimathli- chen Steppen in Centralasieu gemäß vorherrschend Nomaden, durch Viehzucht u. Jagd sich den Lebensunterhalt verschaffend, zu blitzschnellen Vorstößen u. Eroberungszügen stets geneigt und bereit haben sie fast durchgängig in geistiger Passivität verharrt und sehr geringe staatbildende Anlage gezeigt) Von Anfang der historischen Kunde bis in die neue Zeit waren Krieg u. Verheerung das einzige Ziel ihrer Thätig- keit u. eine Reihe alter Cultnrstaateu ist von ihnen zertrümmert u. nebst ihrer uralten Cultur vollständig vernichtet worden; die an ihre Stelle gesetzten Reiche haben entweder, wie die der mongolischen Großkhane, wohl eine noch nie wieder erreichte Größe eingenommen, aber eine nur kurze, auf die persönliche Größe ihrer Stifter begründete Dauer gehabt, oder sind bei längerer Dauer, unterwühlt von inneren Streitigkeiten, langsam auseinander gefallen, wie die des Moguls in Indien u. der Tatarenkhane in Rußland; wo sich Dynastien ihrer Abstammung behaupteten (wie in China), geschah es durch Ainal» gamirung mit den Unterworfenen. Einzig die Os- manen haben ein, aber auch nurlosezusammenhäugen- deS, größeres Reich behauptet. Auch in der Literatur sind ihre Leistungen verhältnißmäßig gering; die der Mongolen u. Mandschu ist wenig mehr als Übersetzung und Nachahmung, die der Türken lehnt sich an persische u. arabische Vorbilder; eine rühmliche Ausnahme machen allein die der Finnen u. die neu aufstrebende der Magyaren. Dem turanischen Sprachstamme versuchte Max Müller, indem er die eben aufgeführten Sprache» als nördliche Abtheilung bezeichnet?, noch als südliche Abtheilung die Sprachen der Thai (Siamesen), der Lohita, der DraviLa, der Munda, der Malaio-Poly- nesen, endlich die von ihm als Gangetische bezeich- neten Dialekte der Himalaja-Völker und Tibets zu subsumiren, eine Hypothese, die jedoch als auf keine sprachlichen Momente gestützt, allseitigenWiderspruch gesunden hat. Ferner hat sich bei der Erforschung der älteren Keiljchriftarten in Mesopotamien herausgestellt, daß dort Len semitischen Bewohnern ein verschiedensprachiges Culturvolk vorangegangen ist, dessen Sprache (das Akkadische) als Turanische behauptet wird (vgl. Babylon, S. 486 u. Keilschrift, S. 342), eine Hypothese, die mit dcr Thatsache, daß sich in Iran zahlreiche Reste von Tnraniern in alter Turbaco — Turbinen. Zeit finden, in Einklang stehen würde, die aber sonst noch sehr streitig ist.—Die Feststellung des Begriffs der T-n V. wird der neueren Zeit verdankt, namentlich den Forschungen der Finnen Castren u. Ahlqvist u. der Deutschen Schott u. Böller; über die letztgenannte Hypothese sind die Arbeiten der Assyriologen Schräder, Oppert, Menant n. A. zu vergleichen. Th. Tnrbaco , Dorf in der Provinz Cartagena des Colombia-Staates Bolioar (SAmerika); Sommeraufenthalt der in der Provinz ansässigen Europäer. In der Nähe die Volcanitos de T., gegen 20 kleine Schlammvulkane, deren Krater mit Wasser ge- füllt sind u. von Zeit zu Zeit Stickgas mit Geräusch ausstoßen. Hierwohnte 1801 Alexander ».Humboldt. Turban (von Dlllbend-Muslin, Kopsbinde), ursprünglich die Umwindung der Kopsbedeckung mit Leinwand, wurde später wulstig geflochten, von grüner Farbe bei den echten Nachkommen des Propheten, weiß bei den geistlichen Würdenträgern, den Gelehrten u.dem Adel, bunt beim gewöhnlichen Bolk. Der T. dient nicht nur als Kopfbedeckung, er dient zugleich als Schirm gegen die Sonne, bei Nacht als Kopfkissen, vielfach sogar als Necessaire zur Aufbewahrung von Briefschaften, Papiergeld, Zahnbür- sten,Zahnstochern ».ähnlichenKleinigkeiten. Inder Form sehr abweichend, ist er unter allen Umständen ein Kennzeichen des Rechtgläubigen. Vgl. Vambery, Sittenbilder ans dem Morgenlande, Berl. 1876. Tnrbeh, Grabdenkmalder türk. Sultane, größten- theils in Len Anßenhöfen der Moscheen errichtet, bestehen aus einem meist sehr zierlichen Kiosk, unter dem sich der Katafalk befindet. Turbinen, Maschinen zur Nutzbarmachung der Kraft des fallenden Wassers, welche zunächst eine gewöhnlich senkrecht stehende Welle in Umdrehung versetzt, von der die Bewegung weiter fortgepflanzt wird. Außerdem unterscheiden sie sich von den Wasserrädern namentlich dadurch, daß das Wasser nicht mit verhältnißmäßig geringer Geschwindigkeit in das Rad tritt u. wie ein herabsinkendes Gewicht durch seine Schwere wirkt, sondern mit einer dem vorhandenen Gefälle entsprechenden Geschwindigkeit in das T.-Rad eintritt, in demselbendiese Geschwindigkeit allmählich verliert und eben dadurch seine Kraft an das Rad abgiebt. Um von einer einfachen Maschine aus- zngehen, betrachte man in Taf. II. Maschinenlehre Segners Wasserrad. Dasselbe besteht aus einer senkrechten, oben offenen, unten geschlossenen Röhre 80, die sich um eine senkrechte Achse drehen kann. Unten setzensichzwei horizontale einander gegenüberstehende Röhren an Len senkrechten Cylinder, die zwar an ihren Enden geschlossen sind, aber in der Nähe derselben zwei entgegengesetzt gerichtete Oeff- nnngen § u. 6 haben. Läßt man durch die Rinne 8 Wasser in 86 fließen, so fließt dasselbe zunächst in horizontalen und entgegengesetzten Richtungen durch die Oeffnnngen 8 und 6 aus und dabei geräth die Drehachse in eine Umdrehung, deren Richtung derjenigen des ausfließenden Wassers entgegengesetzt ist. Die Kraft, welche die Drehung bewirkt, heißt die Reaction (s. d.) des Wassers. Die vorstehende Con- strnction des Segnerschen Rades liefert bessere Resultate, wenn man den Armen 6 I' und 6 6 gekrümmte Form giebt, so daß sie das Wasser allmählich ans der vermalen Richtung in die horizontale der Austrittsöfsnung führen und ferner den Wassereintritt von unten nach oben geschehen läßt, indem man durch ein gebogenes Rohr, das sich lsicht an den unteren Umfang des Cylinders 8 6 legt, das Wasser zusührt und den jetzigen Boden über den Armen 6 § anbringt. So verbessert wird das Rad wegen seiner Einfachheit zur Nutzbarmachung hoher Gefälle noch heute unter dem Namen der schottischen oder Reactions-T. ausgeführt, obgleich es selten gestattet, der vorhandenen Wasserkraft nutzbar zu machen. Bessere Resultate gewährt die auf derselben Tafel abgebildete Tangential-T. Hierbei bezeichnet 8 ein feststehendes Gußrohr, welches das Wasser von der höchsten Lage, aus der es kommt, dem tief stehenden T.-Rade zusührt. Aus 8 wird das Wasser durch den sogenannten Leitschanfelapparat 6 nahezu tangential an den Umfang des um die senkrechte Achse II drehbaren T.-Rades 88 66 geleitet. Bei 6 sind Stücke Eisenblech (Schaufeln) befestigt, welche dem Wasser sie gehörige Richtung geben n. I) ist ein Schieber, durch den man den Zufluß des Wassers ganz oder theilweise anfheben kann. Das T.-Rad ist bei 66 von oben gesehen, bei 88 ebenso gesehen, aber im Querschnitt, gezeichnet. Es besteht aus zwei ringförmigen mit der Achse durch Arme verbundenen Gußstücken, zwischen denen sich gebogene dünne Schaufeln befinden, deren Gestalt man aus der Figur ersieht. Auch erkennt man gleichzeitig, wie das Wasserbei seinem Eintritt indas Rad ans die Schaufeln wirken wird, indem es das Rad rechts herumdreht und allmählich seine Kraft an dasselbe abgebend schließlich am innern Radumfange austritt. — Denkt man sich den Leitbodenapparat um Las ganze Rad herum fortgesetzt, so daß das Wasser an allen Punkten des Umsangs gleichzeitig eintritt, so geht die T. ans einer Partial- in eine Voll-T. über n. hat Ähnlichkeit mit der ursprünglichen Construction von Fourneyron, nur, daß bei dieser das Wasser am inneren Radnmfange ein- und am äußeren austritt, wonach manT.mitäußereru. innerer Beaufschlagung unterscheiden kann. In ganz anderer Weise ist die T. von Henschel (Abbildung Maschinenlehre II) con- struirt. Bei dieser tritt das Wasser zunächst in ein senkrecht abwärts führendes Rohr und daraus in den Leitbodenapparat 88 , der, wie Las unmittelbar unter ihmliegende T.-Rad 8 L, einen znmZufllhrnngs- rohre concentrischen Ring bildet, der mit Schaufeln besetzt ist. Die Leitschanfeln führen das Wasser aus der vertical abwärts gerichteten Bewegung allmählich in eine nahezu horizontale über, mit der es gegen die annähernd entgegengesetzt gekrümmten Schaufeln des T.-Rades trifft und dasselbe in Umdrehung versetzt. Um veränderliche Wassermengen benutzen zu können, ist in der Figur innerhalb des in Thätigkeit gezeichneten Rades 8 L noch ein zweites mit zugehörigem Leitbodenapparat 8^81 gezeichnet, dessen Eingangsöffnungen 88 durch Schützen 88 verschlossen sind, die bei hinreichenden Wassermengen aufgezogen werden. Ein besonderer Vorzug der Henlchel-T. besteht in vielen Fällen darin, daß man, ohne an ausgenutztem Gefälle zu verlieren, das Rad nicht am tiefsten Punkte des Gefälles ausznstellen braucht, wenn man nur an das Rad ein Rohr von gleichem Durchmesser anschließt, das bis in das Unterwasser reicht. Dabei wird die Wassersäule unterhalb des Rades durch den äußeren Luftdruck getragen und darf dieselbe deshalb eine der 566 Tiirbitwurzel — Türckheim zu Altdorf. Größe desselben entsprechende Höhe von höchstens 1V in nicht überschreiten. Von den vorstehend betrachteten Hanptformen der T. weichen gebräuchliche Constructionen im Einzelnen wesentlich ab. Namentlich ha» die Schwierigkeit der T., bei sehr veränder- lichenWassermengen einen hohen Nutzeffect zu geben, zu den mannigfachsten Constructionen Veranlassung gegeben, indem man LieT. mehrfach construirt, wie die zuletzt beschriebene, od. die Eingänge zu den Leitschaufeln theilweise verschließbar macht, wie beim Tangentialrade, oder die Eingänge resp. die Größe der Oeffnungen zwischen denLeitschanseln veränderlich herstcllte. Bor denWafferrädern haben die T. häufig Vorzüge, namentlich wo es sich um Ausnutzung sehr großer oder kleiner Gefälle, besonders solcher mit veränderlichem Unterwasserspicgel, handelt. Auch wenn die zu betreibenden Arbeitsmaschinen große Geschwindigkeiten haben sollen, wie die Steine der Mahlmühlen, sind T.-Anlagen meistens billiger und einfacher herzustellen, als Wasserräder von gleicher Gute. Geschichtliches. Die ältesten Räder, die mit den heutigen T. Aehnlichkeit haben, sind horizontale Räder, welche auf der Spindel eines Mühlsteines befestigt sind und denselben dadurch drehen, daß ein von der Höhe herabkommender Wasserstrahl durch eine Rinne gegen löffelartige Schaufeln am Umfange des Rades geleitet wird. Solche Räder sind in Gebirgsgegenden (Provence, Dauphine, Schweden u. s. w.) seit alter Zeit bekannt. Wegen der mit dem Stoß des Wassers verknüpften Effectverluste machen sie nur der vorhandenen Wasserkraft nutzbar. Daniel Bernonilli lehrte 1730 die Reactionskrast des Wassers, Segner benutzte 1750 dieselbe bei der Construction des nach ihm benannten Wasserrades, dessen Theorie Euler vervollkomm- nete (1750 u. 1754). Dectot machte darnach mehrere gelungene Ausführungen in der Normandie. M. Burdin constrnirte 1824 ein Rad, das Eulers Ideen sehr nahe entspricht und dem er den Namen Turbine beilegte. Er verbesserte dasselbe, ohne jedoch den Hauptfehler, die unterbrochene Folge der Leitkanäle, zu entfernen. Dies gelang erst Burdins Schüler Fonrneyron, der dadurch 1833 einen aus- gesetzten Preis gewann und die T. endgiltig in die Praxis einführte. Es erregte namentlich die gelungene Ausführung in St. Blasien (Schwarz- wald) s. Z. großes Aufsehen. 1837 nahmen Henschel u. Sohn in Kassel ein Patent auf die nach ihnen benannte Constrnction, die später (1841) an Jonval in Frankreich noch einmal patentirt wurde. Seitdem sind noch von zahlreichen Ingenieuren Verbesserungen in einzelnen Theileu, bessere Formgebungen n. s. w. Angeführt. Die Entwickelung der Theorie der T. gelang zuerst Poncelet 1838, jedoch ohne Constructionsregeln aufzustellen. Diese wurden erst von Redtenbacher erkannt und 1844 veröffentlicht, nächstdem machte sich auch Weisbach verdient u. sind in neuerer Zeit diese Theorien von vielen Andern zur Herleitung richtiger Constructionen verwendet. Vgl. Poncelet, Theorie rc., Lompbso ronäns 1838; Redtenbacher, Theorie u. Bau der T. u. Ventilatoren, Weisbachs Ing. Mechanik; Werner, Theorie,c., Zeitschr. des Ver. d. Ing. 1858, S. 202; Rittinger, Rohrtnrb., Prag 1861; Hänel, Verbess. T.-Con- slruction, Zeitschr. d. Ver. d. Ing. 1861; H. Meyer, Nutzbarmachung der in der Tiefebene gelegenen Wasserkräfte, Oldenburg 1878; G. Meißner im 2. Bd. in seinem Werk über Hydraulik u. die hydraulischen Mowren, Jena 1878 f. Gieseler. Turbitwurzel , die Wurzel der in Ostindien u. Ceylon wachsenden Turbitwinde (Oonvokvnins Inr- xsbnm). Sie ist geruchlos, schmeckt anfangs süß, dann scharf u. ekelhaft u. wurde früher als Purgir- mittel benutzt. Turbulent (v. Lat.), unruhig, ungestüm. Turbulenz, ein solches Wesen. Türck, Karl Christian Wilhelm v., bedeutender Schulmann, geb. 8. Jan. 1774 in Meiningen, stndirte die Rechte in Jena, wurde 1794 Kanzleirath in Neustrelitz, 1806 Justizrath in Oldenburg, widmete sich seit 1808 in Dverdun unter Pestalozzi der Pädagogik, wurde 1815 Rcgierungs- u. Schulrath in Potsdam, legte 1833 sein Amt nieder um eine von ihm gegründete Civilwaisenanstalt zu leiten. Er hat sich auch verdient gemacht um Einführung des Seidenbaues in Deutschland; um ein besseres Verfahren beim Abhaspeln der Seide auszumitteln, reiste er nach Frankreich u. Italien, errichtete nach seiner Rückkehr eine Haspelmaschine. Sowol bezüglich dieses Gegenstandes als auch in pädagogischer Hinsicht war er schriftstellerisch sehr thätig, doch sind diese Arbeiten jetzt veraltet. Er starb 31. Juli 1846 zu Kleinglienicke bei Potsdam. Seine Selbstbiographie kam Potsdam 1859 heraus. Türckheim zu Altdorf (T. gen. von Baden), eine aus dem Elsaß stammende, später im vormaligen Reichsritterkanton Ortenau u. jetzt in Baden begüterte Familie, welche 1782 den Reichssreiherrnstand erlangte u. sich mit Johann V. u. Bernhard Friedrich, Söhnen des 1793 verstorbenen Freiherr» Johann IV., in die beiden noch blühenden Linien, die Altere u. die Jüngere, theilte. Aus der älteren Linie sind zu erwähnen: 1) Freiherr Johannes, geb. 1746 in Straßbnrg; wurde 1789 zum französischen Dsputirten gewählt, wanderte aber zur Zeit des Terrorismus nach Baden aus, wo er bei Erten- heim das Gut Altdorf besaß u. deshalb Mitglied der Ortenauschen Ritterschaft war. Er vertrat mehrere sächsische Fürsten aus dem fränkischen Reichstage zu Nürnberg, wurde Larmstädtischer Gesandter in Regensburg, dann in Wien und unterhandelte für die protestantischen Fürsten Süddeutschlands mit dem päpstlichen Hofe das Concordat. Er st. 28. Januar 1824 zu Altdorf. Von ihm: Darstellung der politischen Verhältnisse des Elsasses u. der Stadt Straßbnrg. 2) Freiherr Johannes, Sohn des Vor., geb. 17. Oct. 1778 zu Straßbnrg, stndirte in Tübingen und Erlangen die Rechte, war 1799—1803 Offizier in österreichischen Diensten, dann sächsischer Gesandter bei der Kreisversammlung in Nürnberg, wurde 1819 Staatsrath und Mitglied der Ersten Kammer und 1831 vom Großherzog von Baden zur Leitung des Ministeriums des Hauses und der Auswärtigen Angelegenheiten berufen, trat aber bereits 1835 zurück und lebte, mit den Wissenschaften n. der Landwirthschaft beschäftigt, auf seiner Besitzung Altdorf; er st. 30. Juli 1847 im Bad Pseffers. Er fchr.: Betrachtungen auf dem Gebiete der Ver- fassnngs- und Staatenpolitik, Karlsr. 1842—45, 2 Bde. 3) Freiherr Hans, Sohn des Vor., geb. 15. Dec. 1814 zu Freibnrg i. Br., mar 1849—64 Turcos — Turemie. 567 Vortragender Rath im badischen Ministerin»: des Auswärtigen u. Mitglied der badischen Ersten Kammer u. ist seit 1864 Gesandter in Berlin u. seit 1871 Mitglied des Bnndcsrathes. Turcos, die meist aus Eingeborenen bestehende algerische leichte Infanterie der frauz. Armee. 1847 wurde 1 Bataillon L. errichtet, gegenwärtig bestehen unter der Bezeichnung algerische Tirailleure3 Reg., s. Frankreich, S. 337. Durenne, Henri de la Tour d'Anvergne, Vicomte von, geb. 11. Sept. 1611 in Sedan, zweiter Sohn des Herzogs Heinrich von Bouillon u. durch seine Mutter, Prinzessin Elisabeth von Nassau, dem HauseOranien verwandt, im Calvinismus erzogen, nimmt in der französischen Kriegsgeschichte einen ausgezeichneten Platz ein, da ihm des. die Regierung Ludwigs XIV. einen großen Theil ihres Kriegsrnhmes verdankt. Er erhielt seine erste kriegerische Ausbildung unter dein Prinzen Moritz von Oranien, u. wurde dann 1630 bei seiner Anwesen- heit in Paris, um die Rechte seiner Familie auf die Souveränetät von Sedanzu vertreten, vonRichelien, der ihm ein franz. Regiment gab, für den sranz. Dienst gewonnen. Seine Dienste unter Laforce in Lothringen brachten ihm 1634seineErnennung zum Martchal-de-Camp; im Sommer dieses Jahres zeichnete er sich unter dem Cardinal La Valette durch Ausdauer im Kampfe diesseits des Rheins aus u. 1635 durch die Entsetzung von Mainz. 1637 führte er dem Herzog Bernhard von Weimar ein Hilfscorps zu, welches sich ruhmvoll an den siegreichen Kämpfen gegen die Generale Götz u. Lamboy vor Breisach am 25.Oct. n. der Einnahme dieser Stadt am 19. Dec. betheiligte. Neuer Ruhm wurde T.in Italien zu Theil, wohin er 1639 unter dem Grafen d'Harcourl geschickt wurde. Er schlug die Deutsche» n. Spanier bei Casale, zwang im Sept. 1640 Turin zur Capitulation, leitete in den folgenden Jahren eine Reihe von erfolgreichen Belagerungen u. eroberte 1643 die Grafschaft Roussillon. Nach der Niederlage u. dem Tode des Marschalls Guebriant 24. Nov. 1643 bei Tuttlingen, wurde T. ans Piemont nach Deutschland gerufen u. zum Marschall ernannt. Er sammelte die zerstreuten Überreste von Guebriants Heer im Elsaß, zog über den Rhein, ohne jedoch Freiburg entsetzen zu können, u. vereinigte sich darauf am 30. Juli bei Benfeld mit dem später unter dem Namen des großen Conde berühmt gewordenen Herzog von Enghien. Die beiden größten franz. Feldherrn des 17. Jahrh. stürmten am 3. u. 6. Aug. mit Aufopferung einer bedeutenden Zahlder tapfersten Soldaten das befestigte Lager der GeneraleMercyu. Johann vonWerthvorFreiburg, ohne etwas weiteres zu erreichen, als daß die Pariser Akademie sie als Helden pries. Beide eroberten dann die Pfalz, das Kurfürstenthnm Mainz u. die Rheinlinie von Straßburg bis Koblenz bis zum 19. Sept. 1644. Im März 1645 ging T. bei Speyer über den Rhein, drang in Franken ein, das er barbarisch verwüstete, wurde aber dann beiMergentheim von Mercy u.Werth zum ersten Male völlig besiegt, so daß er über den Main u. Rhein nach Oberhessen sich zurückziehen mußte. Nach dem für die Franzosen vortheilhasten Tressen bei Allersheim in Bayern 3. Aug. n. der Erkrankung des Herzogs von Eughien übernahm T. das Commando über das gesammte franz. Heer, das er im Sommer 1646 durch einen meisterhaften Marsch mit denSchwcden unterWran- gel vereinigte, worauf beide Führer sich aus Bayern warfen u. bei Zusmarshansen siegten. T. begann jetzt die Einleitung zu einem bes. Waffenstillstand mit dem Kurfürsten Max, der am 14. März 1647 in Ulm wirklich zu Stande kam. Darauf ging er nach Flandern u. beschleunigte durch Einnahme vieler Städte den Westfälischen Frieden. Im bürgerlichen Kriege der Fronde in Frankreich stand T. anfangs auf Seiten der Fronde, bis er, im Dec. 1650 von dem Marschall Duplessis-Praslin bei Rethel geschlagen, sich mit dem Hose aussöhnte u. nun an die Spitze des lonigl. Heeres gestellt wurde, das den Großen Conde zum Gegner hatte. Nach dem berühmten Treffen in der Vorstadt St. Antoine 2.Juli 1652 mußte sich Conde vor seinem früherenWafsen- gefährten zurllckziehen, u. dieser ging an die Eroberung des größten Theils von Flandern. Als 1667 der Krieg gegenSpauien aufs Neue sich entzündete, wurde T. Generalmarschall aller Heere, u. eroberte einen Theil von Flandern u. Hennegau. Nach dem Kriege trat er auf Ludwigs XIV. Wunsch, gewohnt sich dem Ganzen unterzuordncn, zumKatholicismus liber. Sein großes Feldherrntalent entwickelte er bes. indem 1672 begonnenen Holländischen Kriege. Nachdem er 1673 den Großen Kurfürsten vonBran- denburg zum Frieden von Vossem genöthigt, eroberte er im folg. Jahre die Franche Comte, ging dann bei Philippsburg über den Rhein, nahm Sinzheim, trieb die Kaiserlichen unter Caprara u. den Herzog von Lothringen über den Neckar, schlug den Prinzen von Bournonville u. hinderte dessen Vereinigung mit dem kaiserl. Hauptheere. Er besetzte die ganze Pfalz, welche er derart verwüstete, daß der Kurfürst Karl Ludwig in gerechter Entrüstung ihn zum Zweikampf forderte, den Ludwigs XI V. Verbot hinderte. Trotz angeborener Milde kannte T., wo der Vortheil des Staates oder der Krieg harteMaß- regeln zu fordern schien, kein Erbarmen. Durch seine Kriegsfllhrung in der nächsten Zeit ist er der Begründer der neueren auf umfassenden Plänen u. künstlichen Märschen u. Stellungen beruhenden Kriegskunst geworden. Er ging über den Rhein zurück, schlug den Herzog von Lothringen bei Sinzheim u. bewog die Feinde durch einen falschen Rückzug im Elsaß Winterquartiere zu beziehen, kehrte dann aber durch dieVogesen zurück,überfiel u.schlug die Österreicher «.Brandenburger am 29.Dec.1674 bei Mülhausen, 5. Jan. 1675 bei Türkheini und zwang sie zu eiligem Rückzug über den Rhein. Dann stand er Montecuculi gegenüber; Jeder wich, deu anderen scheuend, einer Entscheidung aus: doch hielt T. durch geschickte Strategik den Feind von einer beabsichtigten Invasion in Frankreich selbst zurück, bis er am 27. Juli 1675 bei einer Recognoscirnng unweit Offenburg bei Sasbach durch eine Kanonenkugel getödtet wurde: sein Tob war den Franzosen ein härterer Verlust als die bei Sasbach erlittene Niederlage. Sein Leichnam wurde in der Abtei von St. Denis beigesetzt. Bei der Zerstörung der dortigen Königsgräber im Oct. 1793 wurde sein wohlerhaltenes Skelet ebenfalls herausgenommen n. in i dem Naturaliencabinei des llaräin ckes plante in Paris ausgestellt, bis Bonaparte 1801 den Leichnam mit dem, ihm von seiner Familie in der Abtei von 568 '1'urk - St. Denis errichteten marmornen Denkmal in den Dom der Invaliden nach Paris überführen ließ. T-sMcmoiren,von 1642—58 reichend, sind von Grimoard als Oollsoiion äss msmoirss äu mars- obsl äs I. (Par. 1782, 2 Bde.), heransgegeben. Deschamps, einer seiner Officiere, veröfsentlichte unter dem Titel Nvmolrss (Par. 1687, 2.A. 1756) die Geschichte von T-s beiden letzten Feldzügen, eine Ergänzung zu T-s Memoiren; Lebensbeschreibungen T-s sind von Raguenet, d'Avrigny, Buisson (Am- sterd. 1712) u. Ramsay kaiskoirs äuVioombs äsM, Paris 1735. Schmitz. 7url (engl.), ursp. Torf; dann eine mit Gras bedeckte Erdfläche, Rasen; endlich der Rasenplatz, worauf Pferderennen abgehaltcn werden, auch Rennbahn, Wettrennen. Turfiten, die Liebhaber am Wettrennen, die ans Wettrennen Wettenden, die der Pferderennkunst Beflissenen. Turfan, 1) früher die östlichste Provinz des cen- tralafiatischenReichesKaschgar,südl.vomThianschan, westl. von der Wüste Gobi, ohne Flußläufe, angebl. 126,000 Ew., aber durch die letzten Kriege in Tur- kestan stark verheert u. 1877 von den Chinesen erobert. 2) Stadt daselbst, früher ein hervorragender Handelsplatz, jetzt im Verfallen. Im Mittelalter hieß sie Kautschaug u. war längere Zeit Hauptstadt eines Uiguren-Reiches. Turgenjew, 1) Alexander Jwanowitsch, russ. Geschichts- n. Alterthumsforscher, geb. 1785 zu Simbirsk, studirte in Moskau u. Göttingen, trat 1806 iu den russischen Staatsdienst, wurde 1807 Unterstaatssecretär im Cultusuiinisterium u. Aus- schnßmitglied des Staatsrathes für Gesetzgebung; er that viel für Verbesserung der Schulen, ließ die Bibel in alle slawischen Dialekte übersetzen, betrieb die Aufhebung der Leibeigenschaft, wozu er auf sei- neu eigenen Gütern das Beispiel gab, rc. Seit der Regierung des Kaisers Nikolaus lebte er als Wirklicher Geheimerrath meist im Auslände (Deutschland, Italien, Frankreich, England, Dänemark u. Schweden) u. durchforschte die Dortigen Bibliotheken u. Archive zu seinem Studium der älteren russischen Geschichte; er st. 5. (17.) Dec. 1845 in Moskau. Die von ihm gesammeltenUrkundeurc. wurden unter dem Titel Nouumsntrr kistorias Russiae, Pctersb. 1841 f., 2 Bde., herausgegeben von der Archäo- graphischen Commission zu St. Petersburg (auf Rußland bezügliche historische Urkunden, ausgezogen aus Archiven u. Bibliotheken in Deutschland, Italien, Frankreich, England u. Dänemark); dazu erschien ein Nachtrag als Lupplsmsntum, ebd. 1848. 2) Nikolai, ebenfalls Geschichtsforscher, Bruder Les Vor., geb. 1790, war 1813 unter Stein russ. Commissar der provisorischen Verwaltung der den Franzosen entrissenen deutschen Provinzen, wurde dann Wirkt. Staatsrath u.Adjunct des Staatssecre- tariats für innere Angelegenheiten, u. widmete sich in dieser Stellung ganz der Banernemancipatiousfrage; zu deren baldigenLösuug schloß er sich 1819 Trubetzkoi u.Murawiew zum Bunde des öffentlichenWohles an u.ward dadurch in die Verschwörung von 1825 verwickelt. Zum Glück war er beim Ausbruche derselben iin Auslande u. wurde nur in eontumaoinm zum Tode verurtheilt. Er lebte seitdem iu Paris, wohin ihm sein Bruder Alexander Las durch diesen gerettete Vermögen brachte, bis zu seinem Nov. 1871 crfolg- Tlirgot. ten Tode. Hier schr. er: Da Russis ob Iss Rusass. Paris 1847, 3 Bde. (deutsch, Grimma 1847). 3) Iwan Sergiewitsch, bedeutender russ. Schriftsteller, geb. 9. Nov. 1818 in Orel, bezog 1833 die Universität Moskau, studirte dann in Petersburg u. seit 1840 in Berlin Philosophie ».Geschichte, trat 1843 ins Ministerium Les Innern, gab aber schon 1846 diese Stelle auf u. widmete sich nun ganz der literarischen Thätigkeit. Nach längerem Aufenthalt im Auslande, 1852 nach Rußland zurückgekehrt, verbannte ihn KaiserNikolaus wegen eines Aufsatzes über Gogol ins Innere des Reiches; später begnadigt begab sich T. wieder ins Ausland u. lebt seitdem meist in Baden-Baden. Als Schriftsteller trat T. zuerst hervor mit zwei Gedichten: Parascha 1843 u. Das Gespräch 1845, der Form nach wie tm Gcdan- kenreichthnm Musterwerke; darnach ließ er im 8oav- rsmsrmilcdieMemoiren einesJägers erscheinen,gef. 1852 deutsch von Viedert u. Boltz, Berl. 1854, auch englisch; ihnen folgten dann: Scenen aus dem russ. Leben 1858, Neue Scenen 1863 u. zahlreiche Romane u. Erzählungen, die durch ihre treffliche Charakter- n. Gestaltenzeichnung, sowie durch psychologische Wahrheit bald die Lieblinge der Russe» n. fast in alle europ. Sprachen übersetzt wurden, auch im Auslände die weiteste Verbreitung fanden. Ge- sammtausgabe seiner Werke, 5 Bde., 1844—65; Ausgewählte Werke, deutsch, Mitau 1871—74, bis jetzt 11 Bde., dann seine Erzählungen, deutsch von Bodenstedt,Münch. 1864—65, 2Bde.; seine neuern Werke sind übersetzt von A. Großmann. Lag»!. Turgor, der natürliche straffe Zustand der Kürpcr- gewebe. Turgot, eine alte sehr angesehene schottische Familie, seit dem 13. Jahr, in der Normandie, der 1) Anne Robert Jacques, Baron de l'Aulne, angehörte, Generalcontroleur der Finanzen in Frankreich unter Ludwig XVI. Sein Vater Michel Etienne, gest. 1751, war Staatsrath u.seit 1741 Präsident des Großen Rathes. Er selbst, geb. 10. Mai 1727 in Paris, wandte sich ursprünglich den geistlichen Studien zu, u. bildete sich an der Sorbonne, deren Prior er 1749 wurde, zu einem tüchtigen theologischen Dialektiker. Doch von der Unhaltbarkeit der scholastischen Theologie überzeugt, warf er sich seit 1751 aufdas Studium derPhilosophie u. Rechtswissenschaft, wurde Parlamentsrath u. 1753 Referent im Staatsrath (mnltro äss rsguötss). In dieserZeit beschäftigte er sich viel mit der Frage über den Grundsatz, welcher in der Staatshaushaltung leitend sein müsse u. gab sich überhaupt national- ökonomischen Studien hin, in Folge deren er sich mit dem ökonomistischen (physiokratischen) System Quesnays bekannt machte, das die Bodenproduction als Hauptquelle des Nationalwohlstandes ansah. Als Intendant der Provinz Limousin (1761) fand T. Gelegenheit, sein staatswissenschaftlichss System durch die Erfahrung zu erproben. In I5jähriger Verwaltung hat er hier durch Belebung des Ackerbaues, Beschränkung des Frohndienstes, überhaupt der Feudallastcn, Beseitigung des Zunftzwanges rc., durch Eröffnung neuerAusfuhrwege für dieProducte des Landes sich so sehr Aller Vertrauen erworben, daß seine Ernennung zum Generalcontroleur der Finanzen im Aug. 1774, nachdem er im Monat vorher Marineminister geworden war, Jedem als eine Der- Turm. 569 sicherung galt, daß durchgreifende Reformen vorge- nommen u. eine neueOrdnung der Dinge eingeführt würde. T. drang in der Thar auf eine gänzliche Umwandlung der Verwaltung; er wollte Zulassung der Bürgerlichen zu den Hähern Ämtern u. Gerichtsstellen, die bestehenden Steuern sollten allmählich durch eine neue auf einerLaudvermessung beruhende Besteuerungsweise, die auch den Adel u. Klerus umfasse, verdrängt, die Frohnden u. Loskaufung der Feudalklassen abzestellt, die Zünfte, Innungen u. Binnenzölle aufgehoben werden, damit der Bürgerin Bauernstand sich hebe. Weiter dachte T. an Beschränkung der Klöster, Toleranz gegen die Protestanten, Verbesserung des Uuterrichtswesens n.Frei- gebung der Presse. Im Großen n. Ganzen umfaßten diese beabsichtigten Reformen also gerade das, was später die Revolution erreichte. Aber mit diesen Nadi- calformen verletzte er Alle, die dabei ein Opfer brin- geusollten: Adel, Geistlichkeit, Parlament n. dieZünst- ler leisteten ihm Widerstand, u. alsl775 infolge einer Mißernte Theuerung u. in mehreren Städten ein Aufruhr entstand, gab man ihm die Schuld, weil er den Getreidehanüel im Innern von Frankreich frei- gegeben. Der König sah sich deshalb gezwungen, im Mai 1776 T. zu entlassen: mit ihm schied der letzte Manu, der den Ausbruch der Revolution hätte hindern können. Er lebte in der Folge den Wissenschaften bis zu seiuem Tode am 20. März 1781 in Paris. Er schr. Mehreres, in seinen letzten Jahren die berühmte Abhandlung Des vrsis prinoipss cts t'imxosrtüoir, übersetzte den Ossiau, den Virgil und mehre Gedichte Klopstocks; seine Osuvros eompis- bss gab Dupont de Nemours (Paris 1808—1811, 9 Bde.) heraus, dann Daire ebend. Vgl. Dupont, Nsnroirss snr Is vis st iss ouvrs^es äs M, Par. 1782, 2 Bde.; Batbie, st?, piiiiosopiis, ssonomists st säministrsieur, Par. 1861; A. Maskier, 1., ss vis st ss. (iootrins, ebd. 1862; Tissot, 1., ss vis st soir säministrstion, sss onvrs^ss, ebd. 1862; Jobez, I-s §rsnes sons I.ouis XVI., 1 Bd. ebd. 1877. 2 ) Louis Felix Etienne, Marquis de, geb. 26. Sept. 1796, ans der Militärschnle inSt.Cyr gebildet, nahm 1830 seinen Abschied vom Militär, u. wurde 1832 Pair von Frankreich. Nach der Februarrevolution schloß er sich au Louis Napoleon an, wurde 26. Oct. 1851 Minister des Auswärtigen u. blieb in dieser Stellung bis zum 29. Juli 1852. Er wurde daraus Senator, ging im März 1853 als Gesandter an den spanischen Hof u. 1858 als französischer Bevollmächtigter bei der Schweizerischen Eidgenossenschaft nach Bern. Er st. am 1. Oct. 1866 in Versailles. Schmitz. Turin (ital. lorino), 1) ital. Provinz, zwischen Schweiz (Wallis), Savoyen u. den ital. Provinzen Cuneo, Alcssandria u. Novara; bis auf den kleineren östl.Theil von den Abhängen der Penninischen, Grauen u. Cottischen Alpen, sowie des Mont Blanc erfüllt n. vom oberen Po u. dessen Nebenflüssen Pellice, Dora Riparia,Stura, Orca u.DoraBaltea bewässert; 10,535 Usicm (186,5 H>M) mit (1871) 972,986Ew.(94„auf lHj!cm,in ganz Italien 90,J. Haupterwerbszweige sind außer dem Ackerbau in den Flußthälern eine bedeutende Industrie, bes. in der Textilbranche, dann auch in Glas, Thon, Chemikalien, Papier, Seife, Stärke, metallurgische Gegenstände, Leder, Gold- u. Silberwaaren rc. Etwa 300 Icm der oberital. Bahn dnrchschneiden die Provinz. 2 ) Hauptstadt darin, bis 1861 Hauptstadt der sardin. Monarchie u. bis 1864 Hauptstadt des Königreichs Italien, in einer fruchtbaren, hügelum- säumten Ebene, am Einfluß der Dora Riparia in den Po, 239 in ü. d. SN., Knotenpunkt von Eisenbahnen nach Mailand, Alessandria u. Genua, Cnneo u. Susa (Mont-Cenisbahn), Pinerolo n. Savona, ist in lauter regelmäßigen Vierecken erbaut, mit breiten, geraden Straßen (Via di Po, Roma, del Re, Nuova, Dora, die schönsten), welche znm Theil Arkaden haben, mit großen Plätzen (Piazza Vittorio Emanuele, Castello, Emanuele Filiberto, delle Statuts, Venezia,Carlo,Alberto d'Armi,Carlo Felice rc. u. 5 Vorstädten (Borgo Dora, Vanchiglia, Po, Salvators n.Donato). Über denPo führen zwei Brücken, die eine, 1810 aus Granit erbaut, mit 5 flachen Bogen, die andere, eine eiserne Hängebrücke, 1840 erbaut; über die Dora zwei Brücken; zwei andere sind im Bau begriffen (1879). T. ist Sitz eines Erzbischofes, eines Cassationshofes, eines Appellund Assisenhofes rc., eines General-Commandos, einer Handelskammer und eines Handelstribunals. Die ehemaligen Festungswerke sind in herrliche Spaziergänge umgewandelt u. auch die von Herzog Emanuel Philibert 1565 erbaute Citadelle ist seir 1857 aufgegeben u. dient jetzt nur noch als Kaserne. Diese Spatziergänge sowohl, als die regelmäßige geräumige Bauart in Verbindung mit der großen Anzahl herrlicher Bauwerke räumen T. einen hervorragenden Platz unter den schönsten italienischen Städten ein. Unter den weltlichen Gebäuden sind bes. hervorznheben: Das königliche Schloß am Piazza Castello u. Reale, unter Karl Emanuel 11. in der Mitte des 17. Jahrh. erbaut; am Eingänge die bronzenen Reitcrstatuen des Castor u. Pollux, am Treppenaufgänge das Reiterstandbild Victor Amadeus I.; cs enthält die königliche Bibliothek (50,000 Bde., 2000 Mannscripte u. über 20,000 Handzeichnuugenl, die berühmte königliche Rüstkammer (Au-msris), Sammlungen von Elfenbeinschnitzereien, Münzen, Bronzen, unmittelbar anstoßend der Schloßgarten u. der reichhaltige zoologische Garten. Unter den übrigen Palästen ist der merkwürdigste der Palazzo Madama auf Piazza Castello, das frühere herzogliche Residenzschloß u. das einzige mittelalterliche Gebäude der Stadt, 1416 von Amadeus V III. erbaut, 1718 erweitert erhielt seinen jetzigen Stamen von der Mutter des Königs Victor Amadeus II., der Herzogin von Savoyen Nemours, deren Witlwensitz er war; er enthält jetzt das astronomische Observatorium ; Palazzo delle Torri, angeblich aus derZeit der römischen Kaiser, jetztGefäugniß; Palazzo Carignano, früher Sitz der Depulirtenkammer, des Staatsraths, enthält jetzt die naturwissenschaftlichen Sammlungen. P. della citta, Rathhaus, außerdem P. Birago de' Borgara, P. del Duca d'Äosta, P. Manatti, der neue Ceutralbahnhof, Umversitätsgebäude mit schöner.: Hof u. Büsten berühmter Professoren im Corrida:. Von den Kirchen sind hervorzuheben: die Kathedrale St. Giovanni, 1492—98 gebaut, Renais sancestil mit Marmorfa^ade, Gemälden u. in de: aus ganz dunkelfarbigem Marmor errichteten Ca pella del S. Sudans die weißen Marmorstandbilder des Herzogs Amadeus VIII., Emanuel Phi- liberts (1849 errichtet), Karl Emanuels II. (1849 570 Turin. errichtet) u. der Königin Maria Adelheid (1856 errichtet), sowie das angebliche Grabtuch Christi, wovon auch Exemplare in Rom, Besannen, Cadouin u. Perigord als echt aufbewahrt werden, die Kirche S. Massimo in Form eines römischen Tempels mit einer Kuppel mit Frescogemälden, die reich ausgeschmückte Kirche Corpus Domini, La Consolata mit einem hochverehrtenMadonnenbilde u. den knienden Statuen der Königin Maria Theresia, Gemahlin Karl Alberts u. Maria Adelheid, Gemahlin Victor Emanuels, Gran Madre di Mo, nach dem Muster des römischen Pantheons, 1818 erbaut, die protestantische Kirche im Male del Ne, die neueSynagoge, das höchste Gebäude der Stadt, vom Stadtrath behufs Einrichtung eines Nationalmusenms angetanst. T. ist außerordentlich reich an öffentlichen Denkmälern. Es sind: das der sardin. Armee errichtete auf der Piazza Castello; das Giobertis auf der Piazza Ca- rignano; das Karl Alberts ans der P. Carlo Alberto; das Emanuel Filiberts (Reiterbild) auf der P. S. Carlo; das Cavours auf der P. Carlo Emanuele c demselben außerdem Gedenktafel am Geburtshause in der Via Cavour); das Amadeus VI., des Prinzen Ferdinand (Reiterbild), des Königs Karl Albert u. des Königs Victor Emanuel u. des Prinzen Eugen am Rathhaus; das des Herzogs Ferdinand von Genua auf der Piazza Solserino; das Brofferios und Cassinis im Giardino della Citadella; das des Soldaten Pietro Micca, der 30. Aug. 1706 die Citadelle durch Anzunden einer Mine rettete u. das vonAlex. Lamarmora an der Citadelle; das dÄzeglios auf der P. Carlo Felice, wo außerdem ein Denkmal zur Erinnerung an die Eröffnung des Mont-Cenis Tunnels; das Paleocapas, das Lagranges; ferner das Karl Emanuels III. u. Victor Amadeus II. am Eingang zur Universität; endlich auf der P. Savoia ein Obelisk zur Erinnerung an die Abschaffung der geistlichen Gerichtsbarkeit rc. Wissenschaftliche n. Kunstanstalten, Sammlungen, Schulen rc. Die königliche Akademie der Wissenschaften (s. Akademie I. § a) mit Bibliothek von 4006 Bdn. u. dem Museum ägyptischer Denk- mäler, griechischer u. römischer Alterthümer, einer der reichsten Münzsammlungen Europas, königliche Akademie der schönen Künste (Avoaä.ir. äolls dslls arti) mit Gemäldesammlung, außerdem Gemäldesammlungen des Conte Castellani, des Marquis Faletti di Barolo, des Sgn. de Angelis, des March. Cambiano u. a., Medaillensammlung des Abate Incisa, Gemmensammlung des Abate Pullini u. des Grafen della Tnrbia. Die Universität, um 1405 gestiftet u.1632 erneuert, mit 1876—77 1234 Stu- direnden, Bibliothekvon 225,000Bdn.».zahlreichen kostbaren Manuskripten, Sternwarte und den mit dem neuen städtischen Garten verbundenen Botanischen Garten beim Schloß Valentins; außerdem eine medicinisch - chirurgische Akademie mit Biblio- lhek von 20,000 Bdn., eine königliche Polytechnische Schule mit Ausstellungen, Gewerbemuseum, städtisches Museum, eine Militärakademie, eine Artille, rieschule, eine höhere Kriegsschule, ein Arsenal mit Artilleriemuseum; ferner Lehranstalten für Handwerkslehrlinge (ÄlbsrAO reale äi virtü, 1580 von Karl Emanuel II. gegründet), Erziehungsinstitut armer Mädchen (Ritiro äslls Rosine), Erziehungsanstalt für Töchter gebliebener Offiziere rc. Es gibt 10 Theater, unter ihnen 1 Marionettentheater, das königliche Theater (2500 Sitze), Teatro Carignano, Oper u. Ballet, MisLtrs Loribs, u. ein großes Bolks- rheater, ferner 1 Hippodrom u. 2 Circus. T. hat gut eingerichtete Wohlthätigkeitsaustalten, darunter das Ospsäals Francis äi 8. diovanni, mit 557 Betten, das Hospital des Lazarus- u. Mauri- tiusordcns, das Osp. äi 8. ImiAidoimaZa (1794 gegründet) für Unheilbare, das Krankenhaus für Mili- tär-Reconvalescenten, ein Irrenhaus, ein protestantisches Spital rc. Industrie: In dem Zeughaus befinden sich die Artilleriewerkstätten, Waffenfabriken, Geschützgießereien, Laboratorienrc. AußerdemFabri- kation seidener Stoffe u. Strümpfe, Tuch, Tapeten, Papier, Fayence, Chocolade, Tabak, Handschuhe, Leder rc.; derHandel ist sehr lebhaft. Zahl der Einwohner 1871 192,443 (Gem. 212,644) 1631 36,447 > 1813 66,000 1799 80,752 > 1848 136,849 Die Umgegend bietet viele schöne Punkte, so bes. das auf dem Hügel auf der rechten Seite des Po liegende aufgehobene Kapuzinerkloster und der Weinberg der Königin (ViFna äslla Lsgina, jetzt Institut für Offizierstöchter) beide mit prachtvoller Aussicht über die Stadt, die Umgegend u. auf die Alpen, ferner die königlichen Lustschlösser LastoUo äi AZUs u. la Vensria, das Jagdschloß Stupinigi u. in 11 Icm Entfernung die Superga, königl. Gruftkirche (678 m hoch), ansehnlicher Kuppelbau mit Säulenvorhalle. Ganz in der Nähe fand die Schlacht von 1706 statt. T. war die stark befestigte Hauptstadt der Tau- riner im Cisalpinischen Gallien u. hieß Taurini od. Taurasia; Hannibal eroberte u. zerstörte es 218 v. Ehr.; Augustns, welcher eine Colonie hierher sendete, nannte es AnFusta lllanrinornm. Nach dem Verfall des Römischen Reiches besaßen es nach einander die Gothen, Heruler, Burgunder u. endlich die Longobarden, deren Herzöge hier ihren Sitz hat- ten ».von denen einige Könige von Italien wurden, unter andereuAgilulf,GemahlderTheodelinde, welcher 602 die Kathedrale erbaute. Nach Zertrüinmer- ungdesLongobardenreiches durch Karl d.Gr. wurde T. die Residenz der Herzöge von Susa. Nach dem Absterben des letzten derselben, Ulrico Manfred, 1032, kam T. durch Heirath seiner Erbtochter Adelheid an den Grafen Otto von Savoyen. 1147 schenkte Kaiser Friedrich II. T. samuit Gebiet dem Bischof von T.; in Folge dessen entstanden lange Fehden zwischen dem Bischof n. den Grafen von Savoyen, denen es jedoch gelang, die Stadt zu unterwerfen. 8. Aug. 1381 hier Friede zwischen Padua u. Venedig. 1506 eroberten die Franzosen T. u. behielten es bis 1562, wo Herzog Philibert von Savoyen die Stadt wieder erhielt u. sie zur Residenz wählte. 1640 nahm der französische General Har- court T. nach siebzehntägiger Belagerung ein. Hier 29. Aug. 1696 Separatfriede zwischen Savoyen u. Frankreich. Am 7.Sept. 1706 (bei Superga) Sieg des Prinzen Eugen über dieFranzoseu. Am I.Febr. 1742 Provisionalvertrag zwischen Maria Theresia u. Sardinien zur Vertheidiguug der Lombardei gegen Spanien u. Neapel. 1798 ergab sich Stadt u. Citadelle an die Franzosen, denen cs 1799 die Österreicher wieder entrissen, um es jedoch 1800 nach der Schlacht von Marengo wieder zu räumen. T. wurde 571 Türmer Glosse — Türkis. nun Hauptstadt desDepartementsPo, die Festungswerke aber 1801 geschleift; 1814 fiel es durch den Pariser Frieden an Sardinien zurück. Infolge Verlegung der Residenz nach Florenz 1864 kam es zu einer aufrührerischen Bewegung, die durch Waffengewalt gedämpft werden mußte. Vgl. Cibrario, Ltoria äi ü'., Tur. 1846; Baricco, loriiw äs8oritba, Tur. 1869, 2 Bde.; C. Promis, Norino, ebd. 1871 (für die Römerzeit); Italien. Eine Wanderung von den Alpen bis zum Ätna (Prachtwerk), 2. A. Stuttgart 1879. Schroot. Turiner Glosse, eine wenigstens schon aus dem 10. Jahrh. stammende Erläuterung zu den Jnstitutionendes Kaisers Justinian, welche sich einer in der königlichen Bibliothek zn Turin aufbewahrten Handschrift der letzteren beigeschrieben findet. Vgl. über dieselbe bes. von Savigny, Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter, Bd. 2, S. 199 ff., wo sich auch S. 429 ff. ein Abdruck findet. Turka, Marktflecken n. Hauptort in dem gleichnamigen galiz. Bez. (Österreich), slldwestl. von Sam- bor; Molkenkuranstalt; 1869: 4174 Ew. Türkei, s. Türkisches Reich. Türken, eine Gruppe von Völkern, zu der Familie der Ural Altärer (Mongolische Race) gehörig; sie haben sich über Central- u. WAsien, sowie über SOEuropa verbreitet u. ihre Körperbildnng durch die Vermischung mit indo-germanischem Blute wesentlich verändert, sodaß die WTürken fast nur noch durch die Sprache zn den Mongolen gehören. Ob- wol ohne politischen u. commerciellen Zusammenhang u. auf weit entfernten Gegenden zerstreut ist doch die Sprache bei allen so nahe verwandt, daß sie sich alle untereinander verständigen. Die nord- u. centralasiatischen Stämme leben unter russischer Botmäßigkeit, die übrigen sind frei u. haben sich theil- weise andere Völker unterworfen (wie die Tadschik in Persien rc.). Während einzelne Völker (wie Jakuten rc.) Fischerei u. Jägerei treiben, sind die ineisten derselben Viehnomaden, einzelne auch Ackerbauer; fast alle sind Mohammedaner, die Jakuten hängen noch dem Schamanismus an. Sic leiten ihre Herkunft von Türk, einem Sohn Japhets ab. Man unterscheidet Uiguren, Özbegen, Osmanen, Jakuten, Turkmanen, Nogaier, Basianen, Kumyken, Karal- paken u. Kirgisen. Über Jakuten, Kumyken, Kirgisen s. d. Der wichtigste u. größte Stamm ist der der Osmanen, welche das herrschende Volk der heutigen Türkei bilden; ihr Hanptsitz ist in Kleinasien, von wo sie sich bis Armenien und in die Ebenen des Euphrat n. Tigris u. auf das syrische Plateau erstrecken; in Europa sind sie wenig zahlreich, meist Beamte, Soldaten u. Handwerker; noch geringer ist ihre Zahl in Afrika; im ganzen rechnet man in der Asiatischen Türkei 10—11 Will. T.; s. Türkisches Reich. Außerdem gehören dazu die Turkmanen, die Usbeken n. die Nogaier. Dronke. Türkenbund ist Inlinm inartaZon. Türkensattel (ssllatnroioa, Anat.), der Hintere Theil der oberen Fläch- des Keilbeins. Derselbe bilde! eine sattelförmige Aushöhlung, die Sattel- grnbe (kos8n Ii/popü/8oc>8) u. wird nach vorn von einer queren Erhabenheit, dem Sattclknops (tubsr- enlnm solias), nach hinten von einer etwas nach vorn geneigten, frei aufsteigendei: Platte, der Sattellehne (äor8nm sellns) begrenzt. In dem T. liegt der sog. Gehirnanhang (ü/popk^nio osrabri s. Klancknla pi- tmitaria). Blumberg. Turkestan, s. Tnrkistan. Türkheim, 1) Marktflecken im Bez.-Amt Min- delheim des bayer. Regbez. Schwaben u. Neuburg, unweit der Wertach, Station der Bayer. Staatsbahnen; Schloß, Kapuzinerkloster, Ludwigsthor (1829 inForm einesTriumphbogenserbaut); 1875: 1516 Ew. T. ist der Geburtsort des Schriftstellers Ludwig Aurbacher. In der Nähe viele römische Al- terthümer. T. war ehemals Hauptort der Grafschaft Schwabeck und kam mit derselben 1714 an Bayern. 2) (Unter-T.), Kirchdorf im Oberamt Kannstatt des Württemberg. Neckarkreises, amNeckar, Station der Württemberg. Staatsbahnen; Gitterbrücke, Gipsbrllchc, Obst- n. vorzüglicher Weinbau, Märkte ; 1875: 2949 Ew. Hier stifteten 28. Mai 1514 die Remsthaler Bauern den Bund des Armen Konrad. 3) (Ober-T.), Kirchdorf, unweit des vorigen, amNeckar, StationderWürttemberg. Staatsbahnen; Baumwollenspinnerei, mechanische Werkstätten, Weinban; etwa 1300 Ew. 4) Stadt im Kreise Kolmar des deutschen Regbez. Ober-Elsaß, an der Fecht, aus der hier der Logelbach nach Kolmar führt, in reizender Gegend u. am Eingänge ins Münsterthal, Station der Elsaß-Lothring. Eisenbahnen; Baumwollenspinnerei, Papiermühle, meh- rere Kornmühlen, vortrefflicher Weinbau, Weinhandel; 1875: 2547 Ew. 8 km nordwestl. von T. auf einem 734 m hohen Plateau des Wasgaugebirges dervielbesuchteWallfahrts-u. Kurort Drei Ähren. T. hieß ehemals Turingheim, war schon vor der Völkerwanderung Stadt, sank später zn einem Dorf herab u. gehörte seit 1312 zn den 10 freien Reichsstädten des Elsaß. Bei T. 5. Jan. 1675 Sieg der Franzosen unter Turenne über die Deutschen unter von Bonrnonville, dem Herzoge Karl von Lothringen u. dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm dem Gr. von Brandenburg. T. kam bald darauf anFrankreich. Vgl.Gerard, bataills cksN.,Kolm. 1870.H-Ben,s. Turk (Turk's)-Jnseln, die südlichste Gruppe der Bahamas, wichtig wegen der Salzgewinnung, etwa 25 KZIim groß mit 4723 Ew. Türkis (Kalait, orientalischer, persischer T.), Mineral, ist amorph, derb, eingesprengt, als Geschiebe, gewöhnlich tranbig, nierenförmig oder als Überzug, mit muscheligem od.feinsplitterigem Bruch, Härre 6, specifisches Gewicht 2,g—2,g, blau-, gras-, graulich-grün, mit grünlich-weißem Striche, schimmernd bis matt, an den Kanten durchscheinend bis undurchsichtig. Ist wasserhaltige phosphorsaure Thonerde, gewöhnlich mit etwas Kupfer- u. Eisenoxyd-Phosphat; kommt bei Jordansmühle in Schlesien, Oelsnitz in Sachsen vor; am schönsten findet er sich in Mesched bei Herat in Persien, in den Cerillos- Bergen in Mexico, im Megarathal am Sinai, wo er schon vor 4000 Jahren von den Ägyptern bergmännisch gewonnen wurde n. a. a. O. Der T. ist ein geschätzter Edelstein u. wird bes. als Ring- und Nadelstein, znmBesetzenvonfeinenDamennhren rc., in Persien zur Verzierung der Waffen angewendet. Man schleift ihn stets sn oaboellon. Von diesem echten vd. orientalischen T. verschieden ist der in den Handel häufig vorkommende unechte (occidenta- lische, abendländische T., Zahn-T.) von Miask in Sibirien, fossile Zähne urweltlicher Thiere, welche 572 Türkisch-Brod — Türkische Literatur. durch phosphorfaures Eisenoxyd blau gefärbt sind. Solche unechte T-e unterscheiden sich von den echten durch ihre geringere Härte und die streifige knochen- artige Structur. ' Lehmann, Türkisch-Brod, Stadt, so v. w. Brod 3). Türkisch-Gradisca, Stadt, so v. w. Berbir. Türtisch-Roth (Indisch- od. Adrianopel-Noth), ein durch ein eigenthümliches Verfahren des. ans Baumwolle, aber auch auf Leinewand, mittels Krapp erzeugtes Roth. Das Garn od. Gewebe wird zuerst in dem ans Olivenöl, Pottasche, Schafkoth u. Wasser bestehenden Mistbade, dann in dem aus Tonr- nantöl od. Palmöl, Pottasche u. Wasser bestehenden Ölbade gebeizt, dann in die Luft gehängt u. darauf das nicht an die Stoffe gebundene Öl mit kohlensaurem Natron od. Kali entfernt. Die Zenge werden nun gallirt, d. h. durch einen Absud von Sn- mach oder Galläpfeln, dann wiederholt durch ein Bad von Alaun n. etwas Soda gezogen u. dann mit Krapp od. künstlichem Alizarin gefärbt. Zuletzt erhöht (schönt) man die Farbe noch durch ein Bad von Zinnchlorür, Salpetersäure, Seife u. Wasser. Das T. ist eine der echtesten u. schönsten Farben für Baumwolle. Der chemische Vorgang in der T.-Färberei ist übrigens noch nicht völlig erklärt, nach Wagner wird Lurch die obige Vorbereitung die Pflanzenfaser gewissermaßen animalisirt u. so zur Aufnahme des Farbstofses geeignet gemacht. Jungck. Türkische Becken, s. Becken 2), S. 75. Türkische Kresse, ist Isi-opasolum majno. Türkische Literatur, nennt man vorzugsweise die Literatur der Osmanen, obgleich man sonst mit dem Namen Türken (s. d.) im weiteren Sinne auch die Tschagataisch sprechenden u. schreibenden Osttllr- ken u. die Bewohner des Kiptschak versteht. Wenn auch die T. L. ungemein reich in den verschiedenen Gebieten der Poesie, in der Geschichte u. den Wissenschaften ist, so besitzt sie doch nur wenig Eigenthümliches, fast alle Literatnrwerke sind mehr od. minder Nachbildungen arabischer n. persischer Muster, bis herab auf die neueste Zeit, wo die abendländische Bildung namentlich in den wissenschaftlichen Leistungen der Osmanen ihren Einfluß zu bekunden an- gefangen hat. Die Anfänge der T-n L. reichen hinauf bis in die Zeit der Begründung des Reichs der Osmanen. Noch in die Zeit der Seldschnken in Kleinasien gehören die Weisheitssprllche im Buche des Oghns (bei Diez, Denkwürdigkeiten von Asien, Bd. 1, S. 157—205), eine Reihe türkischer Distichen in dem Rsbäbnaino des Sultan Weled, des Sohnes des großen persischen Dichters Dscheläl-ed- Din-Rumi, u. einige kleine Schriften über Jagd, bes. die Falknerei (vgl. von Hammer, Falcknerklee, Pest 1840). Die Osmanen eigneten sich die Vorgefundene Civilisation an, n. schon Orchan begründete 1327 in Brnssa Lehranstalten, worin ihm Bajesid für Adrianopel, Wnrad II. in den eroberten Ländern!!, bes. Mohammed II. inConstantinopel folgten. Besonders unter Bajesid II. fanden die Gelehrten viel Anerkennung u. Aufmunterung; die glänzendste Zeit der osmanijchen Literatur war jedoch die Regierung Suleimansl. llnterdemselben traten Schriftsteller in allen Fächern aus, bes. wurden die schönen Redekünste damals ausgebildet, u. noch jetzt gelten die Schriften aus jener Zeit für classisch. Schon mit Mnrad III. (1574) begann das Reich n. mit ihm die Blüthe der Literatur zu sinken; nachdem zu den Zeiten Mnrads IV. u. Mohammeds IV. bes. unter dem Schutze der beiden Kinperli nochmals nationale Literatur und Wissenschaft gepflegt worden war, ge- rieth dieselbe besonders seit dem Frieden von Karlo- witz immer mehr in Verfall. Der Zeitraum seit dem Frieden von Klltschük Kainardschi vollendete denselben;die Literatur wurdeihrcrnationaleu Eigen- thümlichkeiten entkleidet in demselben Maße, wie auch das Volk durch die nöthig gewordenen Zugeständnisse an das Abendland und die inneren Re- sormen seine Nationalität zu verlieren begonnen hat. Besonders seit den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrh. ist die abendländische Einwirkung immer sichtbarer geworden; namentlich französische Werke wurden ins Türkische übertragen u. franz. Muster schwebten den Verfassern von Originalwerken vor, überhaupt ist für die Türken der jüngstenZeit abendländische Cultur soviel wie französische Cultur. Die im März 1851 nach abendländischem Vorbild begründete Akademie hat für die eigentliche Wissenschaft nichts geleistet; eine Universität ist noch nicht zu L-tande gekommen, obgleich das in Constantino pel dazu erbaute Gebäude fertig ist. 1727 wurde in Constantinopcl eine Druckerei errichtet, ans welcher eine Reihe von Werken hervorging, allein dieselbe erfuhr mehrfach Unterbrechungen. In jüngster Zeit jedoch hat, wie in Indien u. Persien, so auch in der Türkei die Lithographie zur Vervielfältigung älterer u. neuerer literarischer Prodnctionen Anklang gefunden. Auch sind von Abendländern in Constantinopel Buchhandlungen begründet worden, welche sich theilweise auch mit der Besorgung dortiger Drucke nach dem übrigen Europa befassen. Von Büchertiteln u. Namen der Verfasser sind bis heute weitaus die meisten arabisch. Ganz bes. zeigt sich die Unselbständigkeit der T-n L. in der Poesie. Die Türken selbst besitzen keinen eigentlich poetischen Genius, sie ahmen nur arabische, häufiger persische Vorbilder nach. Das Drama fehlt ganz, dagegen tritt das beschreibende u. didaktische Gedicht sammt dem mystischen, sowie die Lyrik in Fülle hervor. Gleich die Formen sind ganz die persischen, haben indessen, wie beiden Persern, ohne Ausnahme arabische Benennungen. Man unterscheidet auch bei den Türken a) das ülosnorvi od. doppelt gereimte Gedicht; es umfaßt nicht nur das romantische u. historische Epos, sondern auch das Lehrgedicht, das ethische wie das mystische, und auch das beschreibende Gedicht. Die historischen Poesien führen insgemein den Titel Hains (d. i. Buch), wie z. B. Mmurnams (das Buch von Timur); die romantisch-epischen Poesien sind nach den Namen der Hauptpersonen, z. B. Insorck u. Lnlsiolra, benannt. Sonst heißen Hains auch kleinere beschreibende Poesien, welche öfter den Diwanen angehängt sind. Auch die Himmelfahrt u. die Geburt des Propheten sind der Stoff vieler besonderer doppeltgereimter Gedichte, welche den Titel Nirackssinjs (Himmelfahrtsgedicht) und Llsrvlnäijs (Gebnrtsge- dicht) führen, d) Die Lassiäs, das längere lyrische Gedicht, bei welchem nur die 2 ersten Verse u. dann immer die zweitfolgcnden mit demselben Reime endigen u. welches größtentheils panegyrischen Inhalts ist. Doch werden in dieser Form auch die Todtenklagen (Llsrsrjs) u. reine Schönheit beschrei- Türkische bende Gedichte (Hesib), die Satiren (Ueäsoliiv) u. die Possen (klsssl), beide letztgenannten aber auch in LlWvmvis versaßt, o) Das Oiaassl ist nicht in der Reimfolge, sondern nur in der Länge von der Lasoiäs unterschieden, indem es aus nicht weniger als 5 u. nicht mehr als 7 Distichen bestehen soll; der Inhalt ist entweder rein erotisch und bacchantisch oder allegorisch und mystisch. Die geistlichen Lieder der Derwische, welche unter Flötenbegleitnng beim heiligen Reigen (8imaa) abgesungen werden, heißen 8imuui, die erotischen Gassenhauer 8eftsrici od. Loäsotmsoli (Umarmung), ci) Isräsoliü, Ilas- silleu od. Slmsslov mit wiederkehrenden Schlnß- rcimen. s) Die Glossen heißen, je nachdem ein Vers der Unterlage in 5 od. 6 Verse rc. erweitert wird, Daokimio, Toaäio rc. (d. i. Versllnfsachung, Versechs- fachung rc.). k)Kudijat,sind vierzeilige Strophen, in denen die erste mit der zweiten u. vierten reimt, während die dritte leer ausgeht u. in welche insgemein kheils ethische, theils epigrammatische Gedanken gekleidetwerden. Die Räthsel heißen Llimaa, die Logo- gryphen IiLAims, die Akrostichen Naictub, endlich die Lhronogramme lurieli. Die Sammlungen lyrischer Gedichte eines Verfassers heißen VUvau. Hat ein u. derselbe Dichter fünf Llosuoivis, sei es nun epischen, ethischen od. mystischen Inhalts verfaßt, so heißt die Sammlung derselben OIiamos(d. i. ein Fünfer). Die Stoffe der epischen Poesie der Türken sind die der Perser. In anderen mystisch-romantischen Dichtungen sind die Helden nur personificirte Allegorien wie in 6ü u. Lülbül (Rose und Nachtigal) oder die Helden tragen keine historische», sondern nur von den Dichtern erfundene Namen, wie 6ül und Llülsnäain (Rose u. Rosenstengcl), Lslirum u. ^.iialiiä (Mars n. Venus) rc. Für den ersten bedeutenden türkischen Dichter gilt Aaschik Pascha (gest. 1332), welcher bereits zu Anfang des 14. Jahrh. kurz nach dem Beginne des Reichs mit einem großen mystischen Gedichte (Unvau-1-^.asoIiiü) einer Nachahmung des persischen Llssiisrvi des Dschclal-ed-Din Numi, anf- lrat. Fast gleichzeitig übertrug Scheich Elwan von SchiraS das mystische Gedicht d-lüIselrsnI-Uas (Rosenstrauch des Geheimnisses) aus dem Persischendes Mahmud Tchekisten. Die Werke der beiden Genannten sind die Grundlagen der osmanischen Poesie und bezeichnen für die folgenden Jahrhunderte die Richtung, nach welcher hin sie sich entwickelte. Unter Bajesid I. blühten Suleimau-Tschelebi, der Dichter des ersten LIerrlück (Geburtsfeier des Propheten), n. Ahmedi (gest. 1412), der Dichter des Islcsnäsriiums (Buch von Alexander), eines großen historischen u. mystischen Epos, u. Dschelal-Arghun (gest 1373), der Verfasser eines ethisch-didaktischen deuäselmunis (Schatzbuch). Der erste große Dichter des romantischen Epos bei den Türken war Scheichi, der unter Mohammed I. lebte u. Olicwru u. Loliiriu dichtete. Hierzu kommen noch im 15. Jahrh.: Jasidschi- Oghlu od. Jbn-Katib, welcher um 1449 eine Uo- tmilliuockrje, ein großes didaktisches Gedicht über den Islam, vollendete, u. Dschemalisade, welcher 1404 das Gedicht Oiiurooiuci u. 1'srrnoicsoliali verfaßte. Dieser ersten Periode der Geschichte der osmanischen Dichtkunst, in welcher das religiös-didaktische u. mystische Gedicht die Oberhand hat, folgt die eigentliche Glanzperiode, welche mit dem Eroberer Mohammed II. beginnt. Unter ihm blühte der erste große Ly- Literatur. 573 rikerAhmcd-Pascha (gest. 1496),welcher jedoch unter Bajesid II. von Nedschati u. Chiali übertrofsen wurde. Hamdi lieferte in seiner Bearbeitung des lusauk u. Luisietm ein zweites Meisterwerk des romantischen Epos; Firdewst verfaßte das 8uleimun- vums (Buch von Salomo), eine Sammlung vo» Sagen ».Legenden, welche 360 Bände umfaßte, von der jedoch nur 70 erhalten sind. Die höchste Blüthe- zeit feierte die osmanische Literatur unter Suleimau II. (1519—66), welcher Poesie u. Wissenschaft begünstigte u. das Reich auf den Gipfelpunkt seiner Macht erhob. Es wurden jetzt die Thaten u. Feldzüge der Sultane in epischen Dichtungen in 8eiiali- uamss, d. i. Königsbücheru, poetisch geschildert, wie von Aarifi, Hadidi, Hesarparapara, Shehdi u. A. Mehr poetischen Werth beanspruchen jedoch die alle- gorischen und mystischen Poesien, unter denen wohl Faslis (gest. 1563) 6ü1 n.Lü1bük(türkisch ».deutsch von Hammer, Pest 1834) die lieblichste ist. Andere berühmte Dichter dieser Zeit sind Jahja, welcher alle seine Vorgänger im beschreibenden Gedicht übertraf; ferner Baki (gest. 1600), der sich den Ruhm des bedeutendsten Lyrikers der Osmanen erwarb (sein Diovan, deutsch von Hammer, Wien 1825); Ali-Wasi, der als Verfasser des Ilnmuj unuams, einer türkischen Bearbeitung der Fabeln des Bidpai, für den gländzendsten Prosaiker gilt; Chelili bearbeitete die persischen Liebliugsgegenstände Oftosroir u. Loftiriu u. Iwila n. Llocisotzulln; Fikri übersetzte Firdewsis 8eliaiiame ins Türkische; Snruri, der Verfasser von 3 Diwanen, übersetzte u. commentirte diepersischenMeisterwerkevonHafis,Saadi,Dschami u. Attar. Der fruchtbarste u. größte Dichter dieser Zeit ist jedoch Lamii (gest. 1531); außer verschiedenen prosaischen Werken, welche zum Theil Übersetzungen persischer Werke des Dschami sind, verfaßte er 4 große epische Gedichte IVumik u. eLsru (bearbeitet von Hammer, Wien 1833); IVeios u.Kamin, tdbssl u.Zelman u. das Ksrliuciimms, dieGeschichte von Chosrew u. Schirm enthaltend (bearbeitet von Hammer, Stuttg. 1812, 2 Bde.). Außerdem verfaßte er noch viele lyrische, didaktische und beschreibende Gedichte,;. B. die Verherrlichung der Stadt Brnsa (deutsch von Pfizmaier, Wien 1839). Unter den Nachfolgern Suleimans begann bereits der Verfall der Literatur. Unter den vielen Dichtern zwi- scheu 1566 n. 1640 nehmen nur 3 eine hervorragende Stelle ein: Attaji,der Verfasser einer Oliamssii romantischer Gedichte, der Mufti Jahja, welcher die Borda ins Türkische übertrug, einen Diwan n. andere Gedichte verfaßte; u. Nefii (hingerichtet 1635), der namhafteste türk. Satiriker. Dem Zeitalter der Kiuperli gehörte Nabi (gest. j1712) an, welcher von den gleichzeitigen Geschichtschreibern einstimmig als Dichlerköiiig bezeichnet wird. In die Periode zwischen den Frieden von Karlowitz u. Kütschük Kain- ardschi fallen noch: Wehbi der Ältere, der bedeu- tenste Lyriker seiner Zeit, Talib, Kjani und Aasim (der Geschichtschreiber Tschelebisade), sowie derGroß- vezir Raghib-Pascha, ein philosophischer Dichter, welcher von seinen türkischen Biographen der Sultan der Dichter Rums u. der Vorsitzer der Vezire genannt wird. Nach ihm sank dis Dichtkunst zur reinen Chronographik herab; jedenfalls der letzte bedeutende Dichter der Osmanen war der Mystiker !Ghalib (gest. 1795), neben welchen von seinen Zeit- 574 Türkische genossen nur etwa noch der jüngere Wehbi, sowie Fa- silbeg, der Dichter des Lennams (Buchs der Weiber), Len Dichternamen verdienen. Unter allen bisher genannten Dichtern werden schon von den Türken selbst jedoch nur 7 als Sterne ersten Ranges bezeichnet, nämlich Ahmedi,Sati, Lamii,Baki, Nefii,Nabi, der ältere Wehbi u. Ghalib. Die türkischen Dichterbiographen zählen mehr als 3000 Dichter aus; Notizen überdas Leben von 2200 Dichtern u. reiche Proben von deren Dichtungen gibt von Hammer in seiner Geschichte der vsmanijchen Dichtkunst (Pest 1833, 4 Bde.). Der sür den größten türkischen Dichter des 19. Jahrh. gehaltene Ketschedschisade hat sich nur im Chrono- gramm ausgezeichnet n. ist von gar keiner eigentlichen poetischen Bedeutung, obgleich er eine große Anzahl Nachahmer gefunden hat. Die Zahl der Dichterinnen ist nur gering, ihre Leistungen nicht hervorragend. Auf dem Gebiete des Märchen und der Erzählung sind außer dem Lumajunname noch zu nennen die türkische Bearbeitung des Vnti-nams (deutsch von Rosen, 2 Thle., Lpz, 1858), die Schwänke des Nasr-ed-Din (deutsch von Camerloher, Triest 1857), die Geschichten der 40 Vezire von Scheikh Sade u. a. m. Eine türkische Übersetzung der 1001 Nacht hat Ahmed-Nadif (Const. 1858 —1860, 6 Bde.) besorgt. Sammlungen von Märchen lieferten auch Lamii(Buch der Beispiele) u. Dschenani (Wnn- derbare Denkmale). Eine Art von Nitterroman, 8iä LatNI, ist gleich dem arabischen Lntar ungemein populär; weniger bekannt sind das Islrsnäer- nams u. das ikamsanams, 2 Romane, ein jeder in 24 Bänden, beide von Hamsawi, welcher unter Ba- jesid lebte, u. in Prosa verfaßt. Nachahmungen von SaadiS Gulistan u. Dshamis Bostan sind der Li- Karistau des Lomal kasedg. u. der LaelUistun Faslis. Unter den Blüthelesen, deren die T. L. sehr viele besitzt, sind hervorzuheben: die vonKassadc (gest. 1621), Liegroße vonNasmiu. die von Dschew- det-Effendi (gest. um 1834). Hieran reihen sich die Dichterbiographien von Sehi (gest. 1548), betitelt Ilesostb Libisebt die Acht Paradiese, welcher Notizen über 200 Dichter gibt, von Ahdi 1495—1563), Aaschik-Tschelebi (gest. 1571) u. Latifi (gest. 1582), welche sämmtlich der Regierung Sultan Suleimans n. seines Sohnes Selim II., der Zeit des höchsten Flors des Türkischen Reichs u. der türkischen Poesie, angehören; ferner dieDichterbiographienvon Hassan Tschelebi Kinalisade (gest. 1602), welcher 607 Dichter behandelt, von Rijasi (gest. 1644), von Risa, von Safaji (gest. 1725), von Salim, von Seid Ismail (gest. 1729) in dessen Sammlung von Lebensbeschreibungen aller berühmten Männer, die in Brusa verstorben sind, von Aasim-Tschelebi Pertew (gest. 1807) rc. Das neueste Werk dieser Art ist der st?Wlccro-i-6Iiatimet ül Lsoü'Lr von Fathi-Efendi (lithogr. Const. 1855). Sehr reich ist die historische Literatur der Türken. Bis ans die neuere Zeit blieben ihre Hi- sioriker jedoch chronikmäßige Überlieferer von Tatsachen und mit wenig Ausnahmen schwülstige, überladene Stilisten. Auch ist die starre Ausschließlichkeit islamischer Anschauung zumeist vorwaltend. Die amtlichen Annalen der Hohen Pforte wurden von ei- gens dazu ernannten Beamten angefertigt, welche bis auf Suleiman den Großen Ledohnamsäseüi (Königbuchsmacher), später Vakianünäs (d. i. Auf- Literatur. Zeichner der Begebenheiten) hießen. In schönen Abschriften in irgend einem Palaste niedergelegt, blieben diese Annalen der Außenwelt unzugänglich. Manche gelangten zwar im Lause der Zeit auf Befehl der Sultane zur Veröffentlichung, doch geht die zuletzt gedruckte Staatschronik nicht über Len Frieden von Kütschük Kainardschi (1774) hinaus. Für klassisch gilt das die Geschichte der Osmanen bis 1520 erzählende Werk des Saad-ed-Din (türk, und lat. von Kollar, Wien 1750), an das sich dann eine Reihe anderer Staatschronisten schließt: Raima, von 1591 bis 1659, Const. 1734, 2 Bde. (engl, von Fraser, Lond. 1832—36,2 Bde.); Reschid, von 1660—1721, Const. 1741, 3 Bde., Tschelebisade von 1721—27, Const. 1741; Samt, Schakir u. Subhi von 1730—1743, Const. 1785; Jssi von 1744—52, Const. 1785; endlich Wassif von 1752—1773, Const. 1805, 2 Bde., Kairo 1831; Auszug von Caussin de Perceval unter dem Titel: krsois Inst, äs In Zusrrs «Iss lurss vontrs Iss Kusses äs 1769 L 1774, Par. 1822. Ein vollständiges Verzeichniß der Quellenschriften zur Geschichte der Türken bis 1774 gibt von Hammer- Purgstall in seiner darnach bearbeiteten Geschichte des Osmanischen Reichs. Hauptwerke über die neuere türkische Geschichte lieferten die Staatsgeschichtschreiber: Enweri (gest. November 1794) von 1769 bis 1791 in fünf verschiedenen Werken; der bereits genannte Wassif-Efendi (gest. 1807), die Zeit bis 1802 in drei Werken; Edib Efendi von 1788—92; Nnri-Bei von 1794—98; Aasim-Efendi, welcher sich in seiner Darstellung mehrfach über den Standpunkt eines bloßen Chronikenschreibers erhebt, von 1806 bis 1808; der als vielseitiger Gelehrter und Dichter bekannte, um 1827 gest., Schanisade (Chronik von der Thronbesteigung Mahmuds bis 1821); Esaad- Efeudi (geb. 1789, gest. 1848), von 1821—1822 und 1825 bis 1826. Der gelehrteste Historiker des 17. Jahrhunderts war Hadschi-Khalfa, gewöhnlich Tschelebisade, welcher außer seinem arabischen bibliographischen Wörterbuchs auch sehr reichhaltige historische Tafeln verfaßte, die von Adam bis 1640 reichen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildete der Historiograph Esaad-Efendi den Mittelpunkt der türkischen Geschichtschreibung. Gegenwärtiger Staatschronist ist Ahmed Dschewdet Efendi, dessen Geschichte des Osmanischen Reichs mit dem Frieden von Kainardschi beginnt und seit 1854 in Druck erscheint; er hat auch die geheimen Pfortenarchive benutzt u. gibt einfache, gesunde und unparteiische Beurtheilungen der jeweiligen politischen Lage derDinge; sonst sind zu nennen: Ibrahim Pet- schewi, dessen Geschichtswerk (1525—1631) wichtig für die Geschichte der Türkenkriege in Ungarn ist; Mustafa-Nedschib-Efendi, Wahib-Efendi; Halimge- rai-Khan (dlllbüui Olianän eine Geschichte der Khane der Krim). Eine allgemeine Weltgeschichte (Oül- solisni, Llaäril) compilirte Feraisade Efendi aus Befehl Sultan Mahmuds (gedr. Const. 1836, 2 Bde.) von Adam bis zum Frieden von Kainardschi. Die Geschichte der türkischen Sultane (Varislri Osma- niijs) schriebHadschruhah°Efendi(Const. 1854—57, Bd. 1—11). Eine Geschichte der türkischen Groß» vezire verfaßte Osmansade Ahmed Taib, fortgesetzt bis ans die neue Zeit; die Biographien der Mufti schrieb Mustakim-Efeudisabe, die der Ulemä und Scheiche: Taschköprisade (gestorben 1598), sortge- Türkische setzt bis auf die neuere Zeit von Munib-Efendi. Der Schleich-el-Islam und Besitzer der reichsten Bibliothek in Constantinopel Aarif-Hükmet Bei hat die Protocolle der Verhandlungen des Friedens zu Sistowa und Jassy (Constant. 1855—58,4 Bde.) drucken lassen. Eine kurzgefaßte Geschichte der os- manischen Historiker hat Dschemaleddin-Efeudi (gest. um 1856) verfaßt. Geographische Werke besitzt die ältere T. L. außer dem vsollUrLu mmaa) d. i. Weltschau, Const. 1783), u. dem geographischen Wörterbuch des Hadschi-Khalfa nur wenige; Reiseberichte lieferten in neuerer Zeit Ewlia-Esendi (engl, von Hammer, London 1834), Muhammed-Efendi (Par. 1841) u. in jüngster Zeit Mehemed Churschid Efendi (Liastatnamöi-iloäack, lith. Const. 1861). In der Wissenschaft bewegen sich die Osmanen ebenfalls in den von den Arabern und dem Islam überhaupt vorgezeichneten Bahnen u. Grenzen, und sind die hierher gehörigen Leistungen meist nur Ueber- tragungen, Auszüge n. Compilationen, namentlich aber auchCommentarezu arabischen Werken. Wenn auch auf einzelne wissenschaftliche Gebiete der abendländische Einfluß gewirkt hat, so verharrt die rürki- sche Wissenschaft in starrer Stabilität in allen mit dem Islam unmittelbar in Verbindung stehenden Disciplinen, wie Philosophie, Dogmatik u. Rechtswissenschaft, u. wird es bleiben, so lange der Körper der Ule,na mit allen seinen Abstufungen, Lehranstalten und Privilegien unverändert fortbesteht. Die eigentliche theologische Literatur besteht fast nur aus Commentaren zu den gebräuchlichen arabischen Abrissen u. Lehrbüchern u. wiederum Glossen zu Len Commentatoren. Das höchste Ansehen genießt der Abriß der Glaubenslehre nach dem orthodoxen Lehrbegriff der Sunniten von Mohammed-Pir Ali el Berkewi (Const. 1802 u. ö.; franz. von Garcin de Tassy, Par. 1822), vielfach commeutirt, wie namentlich von Kasisade (Ahmed Ben-Mohammed Emin, gedr. Const.1839). Einen Umriß der Glaubenslehre enthält auch Lnrvär-nI-Lasetriicin (d. i. Lichter der Liebenden), um 1449 von Mohammed-ben-Katib, genannt Jasidschi-Oghln, arabisch verfaßt und von dessen Brnver Ahmed-Bidschan ins Türk. übertragen (Const. 1845). Die berühmten dogmatischen Werke (LIcaiä) von Nesefi u. Avhad-eddin u. deren Commentatoren Dewani u. Testasana wurden von Ke> lenbewi u. Silknti, zweien der berühmtesten türkischen Gesetzgelehrten des 18. Jahrh., glossirt. Verschiedene Commentare und Glossen gibt es zu der Lsnnsijjs des Senust u. deren Commentatoren, dann zu den Werken über Koranexegese (Psksir),llber Tradition. LiturgischeWerkesind das6Ummjst(ein Com- memar Ibrahims zum Lnnijob des Imam Kasch- gari) u.das klaiiijsb vonNakschbendi ausGüselhissar (1826). Das gewöhnliche Lehrbuch für die Logik ist die l8aäseImäsobi(^r), d. i. Einleitung) des El-Abheri (Ebheri), ebenfalls mehrfach commeutirt. Das beste metaphysische Werk ist das ülovalcik von El-Jdschi, commeutirt und glossirt von Mehreren. Mit großem Fleiße, wenn auch wiederum fast nur in Commentaren, Glossen u. Anhängen, ist von den Türken die mit der Tyeologie eng verschwisterts n. auf gleichem Fundamente ruhende Rechtswissenschaft bearbeitet worden (Ilm-sl-§1ülr), welche überhaupt den Zielpunkt aller wissenschastichsn Bestrebungen bildet. Die juristischen Werke sind meist ara- Literatur. 575 bisch verfaßt und commeutirt, doch haben Türken zahlreiche Subcommentare u. Glossen sowol in türkischer wie in arabischer Sprache über dieselben geliefert. Die erste Klasse derselben umfaßt diejenigen Arbeiten, welche eine systematische Gesammtdarstell- ung nach den Principien des Koran geben. Eine zweite Reihe von juristischen Werken stellt blos die Entscheidungen (§sbvva) berühmter Rechtsgelehrten für specielle Fälle oder schwierige Rechtsfragen zusammen. Derartige Sammelwerke od. §starvi besitzt die T. L. eine ganze Reihe. Eine große Gesetzsammlung stellte zur Zeit Suleimans des Großen Scheich Ibrahim-Elhalebi zusammen, die LlaitokL, von Mewkufati (gest. 1655) ins Türkische übertragen (Const. 1853, 2 Bde.). Als 8olcnlc, d. i. Sammlung von Mustern für Formeln, Urkunden u. gerichtliche Aussätze, ist das von Debbaghsade Nunman-Efendi (Const. 1832) am meisten geschätzt. An Monographien über einzelne Disciplinen der Rechtswissenschaft, wie bes. über das Erbrecht, ist kein Mangel. Auch die Politik der Türken ist religiöser Natur, die Schriften darüber enthalten nicht selten gute Sittenlchren, sonst sind sie in Grundsätzen gemäßigt. Der jüngsten Zeit gehören die 'llaalimüti nmnmrjs, od. politische Belehrung für alle Beamte desOsmanischen Reichs (gedr. Const. 1846) u. Ilmi tsäbiri miUc, ein Abriß der politischen Ökonomie, englisch von Wells, London 1860). In der Phi- lologie haben die Türken wenig für ihre eigene Sprache gethan, desto eifriger aber die Arabische u. Persische Sprache bearbeitet. Besondere Erwähnung verdienen hier die türkischen Übersetzungen des arabischen Wörterbuchs des Dsollanlmri von Wankuli (Const. 1803, 2 Bde.), des arabischen Wörterbuchs Lamas durchAstm-Efendi (ebd. 1814, 3 Bbe., Kairo 1835, 3 Bde.); wichtig ist auch das persisch- türkische Wörterbuch ICorllsnAi-Zolinüri (ebd. 1742, 2 Bde.). Sehr geschätzt ist das persisch-türkische Glossar des Wehbi, welches von Ahmed-Hajati- Efendi (ebd. 1822) n. von Lebib (ebd. 1846) com- mentirt wurde. Ein gereimtes türkisch-arabisch-persisches Glossar verfaßte Aini ausAintab (ebd. 1834). Ebenso wichtig sind die zahlreichen commentatorischen Werke, bes. über die beliebtesten Persischen Dichter. In neuester Zeit verfaßte Fuad-Efendi eine türkische Grammatik (ebend. 1852). Das Hauptwerk über Encyklopädik hat Taschköprisade (st. 1598) geliefert. In Bezug auf Mathematik, Astronomie, Naturwissenschaften und Medicin war die T. L. bis auf die neuere Zeit herab von ihren arabischen u. persischen Vorgängern ebenso abhängig, wie auf dem theologisch-juristischen Gebiete. Jedoch zeigen sich hier schon in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrh. die Spuren abendländischen Einflusses. Dahin gehört das medicinischeWerk des Schanisade (1820, 2 Bde.), welcher sich auch auf dem Gebiete der Mathematik und Militärwissenschaft auszeichnete. Auf letzteren wurden die Werke vonJshak- Chodscha, dem Vorsteher der Ingenieurschule, von großem Einfluß; er schrieb eine Encyklopädie der mathematischen Wissenschaften (Const. 1831—32, 4 Bve.), über Befestigungsknnst (ebd. 1834), über Höhenmesseu rc. Mm^ studirte in den letzten Jahrzehnten, in welchen sich die Regierung u. Verwaltung soweit als möglich abendländische Principien anzubequemen suchte, Staats- und Cameralwissen- 576 Türkische Musik schäften, gab seit 1847 ein LLI-naiuolr Jahrbuch, d?>. Staatshandbnch heraus u. suchte durch officielle Zeitungen (eine Staatszeitung war schon im 3. Jahrzehnt unseres Jahrh. begründet worden) auf das Volk zu wirken. Die neueste ».modernste Form der literarischen Thätigkeit der Türken bekunden die Zeitschriften nach dem Vorbilde der französischen Lsvns üs8 äsnx monäsZ. Die inhaltreichste derselben, an welcher sich die angesehensten u. Hochgestell, testen Männer betheiligen ist NoäZLtiinnsä-b'llllnn, welches seit Juli 1863 von der Osmanischen wissenschaftlichen Gesellschaft (voeüsmisti-ilmisl-ooma- nls) heransgegeben wird. Ernste Forschung bekundet ans einem im Orient selbst noch gar nicht gepflegten Gebiete der Fürst Subtl in dem Psümilet- nl'ibar (Constant. 1862) einem numismatischen Werke. Über die T. L. geben Nachweisungen Tode- rini, I-ettsratnra Tnrolrosoa, Ben. 1787 , 3 Bde., deutsch von P. W. G.Hausleutner, Königsb. 1796, 2 Bde.; I. G. Eichhorn, Geschichte der Literatur, 3. Bd.,S. 1103—1297; Chabcrt, Biographische Nachrichten von vorzüglichen türkischen Dichtern, Zürich 1800 ; Ders., Geschichte der osmanischen Dichtkunst, Pesth 1836—38, 4 Bde.; Dora d'Jstria, Uaposois äos Ottoinano, Par. 1877; Freiherr von Schlecht« Wssehrd in Sitzungsberichten u. Abhandlungen der Wiener Akademie. Die türkischen Drucke verzeichnet Zenker, in der LibUotürsoa orientalw (Leipz. 1847 dis 1862, 2 Bde.). Schott. Türkische Musik, so v. w. Janitscharenmufik. Türkisches Reich (hierbei 1 Karte). I. Allgemeines. Kaiserreich (Osmanisches Reich), das sich über Theile von Europa, Asien u.Asrika erstreckt. In Europa umfaßt das Türkische Reich, soweit es noch wirklich Herr ist, nach dem Berliner Frieden hauptsächlich die Westseite der Balkanhalbinsel südl. von Skntari bis zum Busen von Arta, die Länder um dasÄgäische u. Marmora-Meer, sowie die Insel Kreta; doch sollen Theile von Thessalien u. Epirus an Griechenland abgetreten werden. In Asien gehören zu dem Türkischen Reiche Kleinasien, Theile von Armenien und Kurdistan, Mesopotamien, Irak Lrabi, Syrien, die Westküste El Hava des Persischen Golfes, sowie Hsdschas u. Jemen aus der Westseite Arabiens; doch ist hier der Besitz jederzeit ein problematischer; in Afrika gehören Tripolis, Fessan und Barka zu den unmittelbaren Besitzungen des T.N-es. Kolb in seinem Handbuch der Statistik (8. A. Leipz. 1879) gibt davon folgende Zusammenstellung: vänder akna Mill.Ew Unmittelbare Besitzungen: I» Europa. 178945 5,ü In Asien. 1872040 16,o 2050985 21,5 Mittelbare Besitzungen: In Europa: Bulgarien 63319 1,7 Ost-Rumelien 34688 1,0 Bosnien-Herzegowina . 52307 1,0 Kreta .... 8810 0,2 ISM24 3,9 In Asien: Cypern .... 9525 0,2 Samos .... 551 O.NZS 10076 In Afrika: Aegypten 468010 Nubien, Sudan rc. 1927100 10.V Tripolis, Fessan . 880960 1,2 Tunis .... 121132 1,8 s :!:!072VS 18,2 JnSgesanimt 5,017,187 ykin mit 11,716,000 Ew. - Türkisches Reich. Über die asiatischen und afrikanischen Theile des Reiches s. d. betr. Art. Die Europäische Türkei wird begrenzt im O. durch das Schwarze, Marmora- u. Ägäische Meer, im S. von Griechenland, im W. vom Jonischen, Adriatischen Meere, Fürstenthum Montenegro, Österreichisch-Dalmatien, im N. durch Ungarn, Serbien u. Rumänien, bezw. die Bulgaren Die Küstenentwickelung ist allerwärts bedeutend, u. würde, falls geordnete Zustände im Reiche wären, den Handel rc. sehr fördern. An Vorgebirgen seien erwähnt: Cap Rodoni, Pali im Gebiete der Adria, C. Glossa in der Straße von Otranto , C. Palinri, Drepano, C. Giorgi im Ägäischen Meere. Meer- bnsen: Golf von Avlona u. Arta im W., G. von Volo, Saloniki, Kassandra, Hagion Oros , Hierisso, Ren- dina (Orsana), Saros im Ägäischen Meere, G. von Burgas im Schwarzen Meere; besondere Bedeutung haben die beiden Straßen Hellespont u. Bosporus (s. d.). Die dem Lande vorliegenden Inseln gehören fast alle zu Griechenland, nur Thaso, Samothraki, Jmbro ii. Limni gehören zum Türkischen Reiche, die drei letzgenannten werden aber zum asiatischen Vi- lajet Dschesarri gerechnet Von Halbinseln sind zu erwähnen: Chalkis, die sich in die drei Kassandra, Longos u. Hagion Oros verzweigt, u. d?r Chersonnes. II. Oro- und Hydrographie. Die vertikale Gliederung zeigt nirgends die Entwicklung von ausgedehnten Plateanx, dagegen zahlreiche Systeme von Kettengebirgen, doch gehört das Türkische Reich zu denLändern in Europa, welche die bedeutendste mittlere Höhe haben (einschließlich Griechenland 579,-, in, vgl. Europa, S. 599, 2. Sp.). Man kann die Gebirge des Türkischen Reichs in drei Hauptgrnppen- theilen: 1) das westl. oder Antiapenninsche, 2) das nordöstl. ,od. antitranssylvanische u. 3) das östl. System am Ägäischen Meere. Vom Karst, zwischen dem Busen von Fiume n. dem Thale der Kulpa, ziehen sich die Kalkgebirge nach SO. unter verschiedenen Namen fort (Capella-, Vellebichgebirge) u. erhalten von der Quelle der Unna an die Bezeichnung Dina- rische Alpen; ihre Richtung ist von NW. nach SO. Parallel mit ihnen streichen zahlreiche Ketten von der Unna bis zur Drina, wie Konju- (1900 in), Zetz- (2100 m), Radowan-Planina u. v. a., welche man unter der gemeinsamen Bezeichnung der Bosnischen Gebirge zusammenfaßt. Dieselben setzen sich in mehr östl. Richtung zwischen Drina u. Morawa sort als Serbisches Gebirge, dessen bedeutendste Ketten >m S. Javor-, Golia-, Kopavnik- u. Lepenatz- Planina sind. Die Dolomitgebirge, welche die Fortsetzung der Dinarischen Alpen jenseits des tief eingeschnittenen Narentathales bilden, wie Lipeta-, Welesch-, Gradina-, Bielastitza - Planina umgürten die Thäler des Lim und der Tara mit fast 1000 m hoch senkrecht ansteigendenFelsen, meilenlange Fjordartige Einschnitte erzeugend; im. Dormitor und im Kom überragen sie die Höhe von 2400 m. In letzterem vereinen sich die Ketten der Zrnagora (schwar- zenBerge), welche gegen dasDrimhal steil abfallen. Oestlich derselben dehnt sich bis zu den südlichsten Ketten der serbischen Gebirge (Sncha-Planina) das von der Sitznitza durchflossene Ämselfeld (s. d.). Den Slldostrand der Fläche bildet der Kara Dagh, und im S. erhebt sich steil die isolirte dreieckige Pyramide des Ljubatrn (2111 rn), von welchem aus sich Las antiapenninische System nunmehr in südlicher Richtung erstreckt. Der Schardagh (durchschnittlich 1950 in hoch, im Kobiliza 2631 in) u. die ihm pa» °rallelen westl. Ketten Albaniens begleiten den schwarzen Drin bis zum See von Ochrida u. von Presba, nach O. trennen sich mehrere Ketten (Porobolse-, Babuna-Planina, Sukha-Gora u. a.), die zum Thei! bis zum Bilsen von Saloniki streichen. Jenseits des Devol setzt sich die Meridiankette als Grammosge- birge fort (1500 m), an den sich im Wassilitza (1700 m) das mit dem Mnro Vnni beginnende Pindus- gebirge anreiht. Westl. sind diesen die Gebirge von SAlbanien u. Epirus vorgelagert, welche größten- theils bis dicht an die Küste herantreten. Nach O. zieht sich vom Mnro Vnni das Volntzagebirge, das unter dem Namen Schabka die Küste des Busens von Saloniki erreicht, u. an welches sich der höchste BergdesT.R.,derOlympos (29,3m) anreiht; jenseits des tief eingeschnittenen Salamvriathales begleiten das Kissowo-, Manro Vuri- und Plessidige- birge die Meeresküste bis zu dem Golfe von Volo. Vom Pindos zweigt sich am BnLzikaki nach O. der Othrys, augenblicklich noch die Grenze vom Türkischen Reiche gegen Griechenland, ab, nni steil mit dem Hierako Vttno nördl. des GolfesvonZitnniabzusallcn. Gleichwie das antiapenninische System mit dem parallel laufenden Apennin die Mulde des Adriatischen Meeres umschließt, so bildet das System des Balkan (antidakisches, antitranssylvanischesGebirge) mit denTranssylvanischenAlpen diellmwallung des großen Tieflandes der unteren Donau (Bulgarei n. Walachei). Von den Ufern der Donau, bei deren Durchbruch (Eisernes Thor) zieht sich der Balkan anfänglich gegen S. dann gegen O. und endet am Cap Emineh am Schwarzen Meere. Anfänglich aus einem Gewirrs von sich kreuzenden Ketten (Golu- binske-, Omolske-, Samajnatz-, Rtanj-, Gosren- . Planina n. a.) bei bedeutenderQnerausdehnung bestehend, die durch das Thal der Morawa vom serbischen Gebirgslande getrennt sind, geht es allmählich in ein waldreiches Kettengebirge über; gegen N. fällt es sanft, gegen S. steil ab n. bietet mit seinen wilden Felsen nur wenige Übergänge. Bon W. nach O. fortschreitend unterscheidet man: Sveti Nicola-, Berkoviza-, Wcliki-, Etropol-, Khodscha-, Schipka Kütschük-Balkanrc. ÜberPLsse,Höhenverhältnisse rc., s. Balkan. Von den östlichsten Theilen des Balkan zieht sich entlang der Küste des Schwarzen Meeres bis zum Bosporus das Jstrandschagebirge u. süb westl. Ausläufer desselben füllen den Chersonnes ans n. umgürtcn den Busen von Saros. Zwischen den Quellen von Jsker n. Struma süd> sich des Etropolbalkan erhebt sich das aus Syenit bestehende Massengebirge des Vitosch (2278 m), an den sich südlich der Nilo Dagh (2972 m) anlehnt; .etzterer ist der Knotenpunkt des Rhodopegebirges oder Despoto-Dagh, welcher mit seinen zerrissenen n verworfenen Ketten (Pcrim-Dagh im Jel-Tepe über 2900 m hoch rc.) n. seinen zahlreichen Granib oder Trachytknppen von mächtigem Baue das ganze Gebiet zwischen Struma, Maritza u. dem Ägäischen Meere anssllllt. Außer diesen drei Hauptsystcmen durchziehen noch zahlreiche kleinere Ketten das Land; >'o trennt das säst gänzlich unwegsame Jchtiman- gebirge daS Thal von Sophia von dem der Ma- litza, die Sredna Gora, der Karadscha Dagh und Bair Dagh begleiteü den Südabhang des Balkan, Welitza Planina u. Dschengel Dagh ziehen sich zwischen Wardar und Struma gegen S-, das Cholo- mondagebirge füllt die Halbinsel Chalkis in deren 3 Ausläufer aus und endet im Athos (Hagion Oros, 1897 m). Ausgedehnte Tiefländer hat die T. nur auf beiden Seiten des Balkan, das Donantiefland (Bulgarien), gegen S. hügelig, gegen den Fluß hin vielfach sumpfig, u. das reiche Tiefland der Maritza (Ostrumelien). Die zwischen den Gebirgen cinge- schlossenen Thalmnlden sind — wie das Amselfeld, die Ebene von Monastir rc. — meist die Becken früherer Seen. Flüsse: In türkisch Kroatien u. Bosnien verschwinden in den unterirdischen Höhlen der Kalkge- gebirge zahlreiche Flüsse, die wahrscheinlich unterseeisch in das Adriatische Meer abfließen, wenigstens finden sich an dessen Ostküste zahlreiche starke Süßwasserquellen. Zum Gebiete des genannten Meeres gehören: die flößbare Narenta(Neretwa) mit Rama, Trebisat; Trebinischitza, welche unterhalb Trebinje verschwindet, um nördlich von Ragusa als Reka aus dem Berge Bergato wieder hervorzntreten; Bajana aus dem See von Skntari kommend, welcher durch die Moraca sein Wasser erhält; der Drin, als Schwarzer und Weißer Drin entstehend; Mafia; Skumbi; Ergent mit Devol; Wojntza (Wjossa) mit Deschnitza und Dryno. Im Gebiete des Jonischen Meeres: Kalamo (Thyamis), Arta und Aspropotamo (Ache- lous). Im Gebiete des Aegäischen Meeres: Sa- lamvria (Küsten), schiffbar, mit rechts Blinri und Phersalitis, links Leragi; sein enges Dnrchbrnchsthal zwischen Olymp und Kissowo ist das Thal Tempe; Wistritza oder Jndsche Karasn mit Wenetika; Wardar mit rechts Treska und Kütschllk-Karasu, links Zynia und Bregalnitza; Struma (Strymon) mit Strnmnitza; Msta oder Karasu; Maritza (Hebrus), der bedeutendste Fluß der Halbinsel mit links Topol- nitza, Gjopsa, Tnndscha, Ergene (Tschorlu), rechts Arda. Zum Gebiete des Schwarzen Meeres gehören: Reswe, Wilika, Kamtschy, Prawady. Die Nordgrenze Bulgariens, sowie eines Theils von Serbiens bildet die Donau, die Bosniens und des westlichen Serbiens deren Nebenfluß Save. Zn letzterer wenden sich ans dem T. R. kommend: Unna (mit Sauna), Wrbas, Bosna (mit Kriwaja n. Sala rechts), Drina (mit Lim), welche die Westgrenze Serbiens gegen Bosnien bildet. Von dem System der Morawa liegt nur die Quelle des Jbar (Simnitza) u. die der bulgarischen Morawa ans türkischem Gebiete. Die weiteren Nebenflüsse der Donau (rechts):Timok(Grenzflnß),Dschibritza,Ogust,Schit, Jsker, Wid, Osma, Jantra, Lom rc. gehören alle zum Fürstenthnm Bulgarien. Die Zahl der Seen ist ziemlich groß; die bedeutendsten sind, abgesehen von den Strandseen: der von Skntari (Skadarsko, Jesaro), von Ochrida, Presba, Swrina, Kastoria, Pepertika-Göl, Ostrowo-Göl, Tachyuo, Terkos rc. III. G eo gnostisches. Während das ganze Sy- stem der Antiapenninen im NW. bis znm Schar Dagh und ebenso das des Balkan von dem Donan- dnrchbruche bis zu dem Schwarzen Meere wesentlich Flözgcbirge der Secnndär-Periode sind, während dagegen der Despoto Dagh aus platonischen resp. metamorphischen Gesteinen zusammengesetzt ist, bildet die Meridian-Kette südl. des Schar Dagh, selbst ans Gneis, Glimmerschiefer, Trachyten bestehend, Pierers Universal-ConversationZ-Lexiton. 6. Ausl, xvn, Band. 37 578 Türkisches Reich (Geogr.). die scharfe Grenze zwischen den westlichen Gebieten der secnndäreu Periode und den östlichen metamor- phischen Gesteinen. Die Niederungen der Save, der unteren Donan, die Küstenländer des Marmora- meeres, das Thal der Maritza, das des Wardar u. der Wistritza, sowie kleinere Gebiete von Thessalien und an der Bai von Bnrgas bestehen aus Tertiärformationen. Die Gebirge des Nordwestens bestehen hauptsächlich ans Kalk (Dolomit); die nordwestlichen Theile des Balkans werden von Grauwacke gebildet, während das eigentliche Balkansystem Porphyrkämme zeigt u. die Vorberge desselben meist aus Kalk, Sand, Tonschiefer rc. bestehen. Der Vi- tosch ist ein reines Syenitmassiv. Der ganze Despoto Dagh besteht ausGlimmerschiefer mit vorgelagertem Urschiefer, während die höchsten Kämme von Granit u. Trachyten gebildet werden. Die Alluvialschichten der Niederungen haben äußerst fruchtbaren Boden, nur jene des Nordwestgebietes sind ärmer. Die Einzelheiteudes geologischen Baues sind größtentheils noch unbekannt, ebenso ist der Boden auf das Vorkommen von abbauwürdigen Erzen noch nicht untersucht. Bosuien ist reich an gutem Eisen, außerdem kennt man Salzlager, Bleigäuge (auf dem Cher- sonnes) und Kupfererze. Zahlreiche warme Quellen am Südfuße des Balkan deuten auf innere vulkanische Thätigkcit dieses Gebirges. IV. Klimatische Verhältnisse, Flora und Fauna. In klimatischer Beziehung zeigt das T. R. (zwischen 39 u. 4b" u. Br.) trotz ihrer nicht großen MeriLianaüsdehnung verhältnißmäßig scharfe Gegensätze. Das Tiefland der Donau bis zum Balkan steht noch unter dem Einfluß der östlichen Tiefebenen; im Winter tiefe Schneedecke, 2—3° mittlere Temperatur, häufig heftige kalte Nordoststllrme; im Sommer steigt die mittlere Temperatur auf 22—24", der Regen, der meist im Herbst fällt, erreicht nur eine Höhe von 35—40 om. Südlich des Balkan steigt die mittlere Wintertemperatur auf -I- 5—6", während die Sommerwärme nur unwesentliche Aender- ungen zeigt; die Regenhöhe steigt auf 50 «m. Die Grenzscheide der nördlich gemäßigten gegen die subtropische Zone bildet der Olymp, dessen Spitzen von den stets streitenden Passat u. Anlipassat umweht, fast immer in dichte Nebel gehüllt sind. In Epirus u. Thessalien ist völlig subtropisches Klima (Winter -i- 8", Sommer -l- 23") mit reichlichem Winterregen. Die vielfachen Zerklüftungen der Gebirge, die Verwerfung der Ketten ändern natürlich das Klima für fast jeden einzelnen Ort; im Allgemeinen ist die Westseite wärmer, im Nordwesten auch regenreicher. Gefürchtet ist im Gebiete der bosnischen Gebirge u. der Zrnagora der austrocknende Borra. Kein Berg des T. R. ragt in die Grenze des ewigen Schnees; die höchsten Spitzen sind 8—9 Monate mit Schnee bedeckt, sonst ist im Allgemeinen nirgends die Baumgrenze überschritten. Bosnien, der Balkan, auch Theile des Rhodopegebirges besitzen dichte Wälder, namentlich von Eichen, in höhern Lagen auch von Nadelholz; die Waldwinhschast ist aber äußerst vernachlässigt. Die herrlichen Urwälder werden gerodet, ohne daß für neue Anpflanzungen gesorgt wird, so daß stellenweise großer Holzmaugel schon eingetreten ist. In den Ebenen bilden zahme Kastanien, Eschen u. a. den Waldbestand, an den westlichen Gedirgsabhängen, im südlichen Albanien u. Makedonien bis nach Constantiuopel bilden Pinie, Cy- presse, Platane u. Myrthe die charakteristischen Baumformen; namentlich sind die türkischen Kirchhöse mit elfteren geschmückt. Die Gebirge im Nordwesten zeigen noch vollständig die Alpenflora(Gentianeenrc.)> im Süden tritt die Flora Griechenlands an deren Stelle, die immergrünen Lanbbänme (Lorbeer, Pomeranze) gedeihen hier. Von Nutzpflanzen ist neben dem außer dem Gebirge überall trefflich gedeihenden Tabak die Baumwolle zu nennen; ferner in wasserreichen Niederungen Reis, in dem Maritzathale Ro- sen, Färberpflanzen (Krapp), Safran, Süßholz und vorzüglich Wein; in den Gebirgsgegenden auch Hanf u. Lein: Steinobst ist in manchen Strichen besonders ergiebig. Von wilden Thieren sind der Bär und Wolf noch sehr häufig; charakteristisch ist die große Zahl der in allen Städten sich umhertreibenden herrenlosen Hnnde. Jagdthiere (Hirsch, Reh, Rebhühner, Trappen rc.) sind überall zahlreich. Unter den gezüchteten Thieren nehmen die Schafe die erste Stelle ein; auch die Pferde sind wegen der edlen ! Race geschätzt; wichtig ist ferner die Schweine-, Bienen-, Ochsen-, Büffel- und Seidenzucht, sowie der Blutegelfang; an den Meeresküsten tritt der Badeschwamm in großen Mengen auf. V. Volkswirthschaftliches. g.) Ackerbau. Die uatürlicheFruchtbarkeitdesBodens wird in keinem Lande so wenig ausgenutzt wie im T. R. Die ungeregelten Steuerverhältnisse, das Fehlender Communi- cationsmittel, der Mangel an Arbeitskräften und an Capitalien, sowie die feindselige Stellung der verschiedenen Stämme, welche die herrschenden Türken zu einem einheitlichen Ganzen nie zu verschmelzen vermocht haben, und deren Feindschaft sich regelmäßig nach dem Verlaufe einiger Jahre in Aufständen od. in ausgedehnten Räubereien kundgibt, verhindern eine gedeihliche Entwickelung der Verhältnisse, namentlich aber die ausgiebige Benutzung des Bodens. Man baut überall nur soviel, als man zum eigenen Lebensunterhalte nöthig hat. Am fleißigsten ist der Bulgare. Alan rechnet, daß etwa 40"/„ des Bodens Ackerland, 29—30"/„ Unland, 16"/^ Wiese u. Weide, der Rest Wald sind. Vom Acker wird nur ein kleiner Theil in Bebauung genommen, der Rest bleibt 2 Jahre lang brach liegen; die Düngung findet sehr selten und nur in geringem Maße statt, trotzdem bringt der Boden äußerst reiche Ernten. Man baut Mais (in den Douauländern, Rumelieu, Makedonien, Thessalien), Weizen, daneben auch Roggen u. Gerste an. Kartoffeln sind nur in Bosnien verbreitet, Bohnen, Zwiebeln, Knoblauch, Melonen, Gurken, Kürbisse rc. allerwärts. Dem im ganzen Gebiete bekannten Weinbau wird nur wenig Sorgfalt zugewendet, so daß der gewonnene Wein meist nur von mittelmäßiger Qualität ist; dagegen werden gute Rosinen u. Korinthen in den griechischen Provinzen erzeugt; im Ganzen werden etwa 2H Will. Eimer Wein u. 7—10 Mill. KZ Rosinen prodncirt. Neben dem Ölbaum, dessen Früchte auch theilweise als Nahrungsmittel dienen, wird Sesam als Ölpflanze vielfach angepflanzt. Obst u. SUvfrllchte gedeihen vortrefflich, berühmt sind die Pflaumen, welche gedörrt einen wichtigen Handelsartikel bilden. Krapp, Hanf, Lein, in den Niederungen Safran, Süßholz u. Anis, sowie Baumwolle werden in einzelnen Bezirken angebaut. Aus dem Mohn wird etwas Opium Türkisches Reich (Geogr.). 579 bereitet. Die beiden bedeutendsten Products des Landbaues sind Tabak, Rosenöl und Rosenwasser. Ersterer gedeiht vorzüglich in den Thälern des Ma- ritza, Wardar, Jndfche-Karasu n. in Thessalien, der beste kommt von Dschenidschevardar u. Sari Scha- bam. Die Nosenzncht ans Feldern wird am Süd- abhange des Balkan in ausgedehnter Weise betrieben; aus 7200 Icx Rosenblättern erzeugt man 2j IcA Rosenöl. Die jährl. Production beträgt etwa 350,000 Drein (Drachmen), wovon der Bezirk von Kasanlik mehralsdieHälfteliefert. b)Vi,ehzncht.DerReich- thum der Gebirgsbewohner besteht im Vieh, und an manchen Stellen hat die Landbevölkerung sich noch heutedennomadischenCharakterbewahrt. Die Pferde werden sehr geschätzt, werden aber wegen der man- gelnden Strassen nur als Reit - od. als Sanmthiere benutzt; im Süden finden sich Esel und Manlthiere von trefflicher Beschaffenheit; die Schafzucht liefert gute Wolle, Schweine werden viel in Bosnien, Ziegen in den rauheren Gebirgsgegenden gezogen. Mastochsen liefert Bosnien, als Zugthicre werden vielfach Büffel benutzt. GroßerAusbreitung erfreute sich auch die Bienen- u. Seidenzucht, elftere in den Gebirgsgegenden, letztere hauptsächlich in Makedonien u. Thessalien, besonders hoch geschätzt wird die Seide von Larissa, o) Bergbau. Wie bereits bemerkt, ist das Land auf seine natürlichen Products noch nicht hinlänglich untersucht und die bekannten Erz- n. Salzlager rc. werden aus Mangel an Arbeitskräften, Verkehrswegen u. an Capitalien nicht genügend ausgebeutet; so werden z. B. die Quecksilber- und die Zinkerze in Bosnien noch gar nicht abgebaut. Einige Kohlen liefert Bulgarien (Braunkohle) u. das Vilajet Saloniki (Anthracit), Bleierze gewinnt man bei Gallipoli auf dem Chersonnes, bei Olowo in Bosnien u. in Thessalien, Roheisen wird in guter Qualität hergestellt in Bosnien (Foca, Fojuica), in denVilajets Prisrend (Samakov), Saloniki n. Janina; Gold u. Silber, welche sich an ver- schiedenen Stellen finden, werden nur in KaraDagh und nördlich von Chalkis bergmännisch gewonnen. Marmor wird auf einzelnen Inseln, die rothe Siegelerde auf Stalimene gebrochen, ct) Industrie. Obschon der Türke für einzelne Industriezweige hohes Geschick besitzt, so liegt doch die Industrie noch in der ersten Kindheit. Neben den bereits mehrfach genannten Mängeln an Capital, Arbeitskräften und Verkehrswegen tragen die mangelhafte Bildung des Publicums, welches wenig Bedürfnisse kennt, die Kraftlosigkeit der Regierung, durch welche keine Unterstützung gewährt wird, u. auch das Fehlen eines jeden Vertrauens in die Zustände, welches ein Cre- ditsystcm sich nicht entwickeln läßt, die Hauptschuld. Das Kleingewerbe liefert den täglichen Bedarf, arbeitet aber mit den allerbescheidensten Mitteln. Die Gewerbszweige der Sattler, Waffenschmiede, Kaffe sieder, Barbiere u. a. dürfen nur von Türken ausgeübt werden. Die früher berühmten türkischen Fa> brikate (Shawls rc.) sind, weil sie die Concurreuz mit den westeuropäischen Stoffen (namentlich Wien u. Paris) nicht ertragen konnten, vom Markte verschwunden. Die hervorragendste Industrie des T. R. ist die Wollenindustrie. Die Teppichfabrikation in Saloniki, Scharköi rc. liefert noch heute sehr ge- schätzte Producte; Tuche von trefflicher Qualität liefert Rumelien, besonders gesucht ist der rauhe gram braune Abba von Saloniki. Baumwollen- u. Lei- nenindustrie haben nur sehr geringe Ausdehnung, dagegen liefern einigeFabriken (Constantinopel) sehr- gute Hanfleinwand. Die einheimische Seide wird namentlich in Constantinopel u. Saloniki verarbeitet; die Badetücher (Paschmetal) sind besonders geschätzt. Eine Specialität der türkischen Industrie war seit dem Mittelalter stets die Färberei, bei welcher vor Allem die Dauerhaftigkeit der lebhaften Farben gerühmt wird. Neben der Wollenindnstrie nimmt die Herstellung feiner Leder (Saffian rc.), der Schuh- u. Sattlerwaaren einen ziemlich bedeutenden Rang ein. In der Metallindustrie ist die Fabrikation von Hiebwaffen aus Damascener Stahl zu erwähnen; Kanonengießereien u. Gewehrfabriken befinden sich in Dolmabagdsche. Die Kuustindustrie erzeugt geschätzte Gold- u. Silberfiligranarbeiten. Bemerkt ist schon die Gewinnung von Rosenöl n. Rosenwasser. An Eisenbahnen besitztdas T.R. folgende Linien: Constantmopel-Adricinopel 3! S l-m, Adrianopel-lKuleli-)Dede Aghalsch 112 „ Adriaiwpel-Bellowa 248 „ Trmowa-Jamboli 101 „ Saloiiili-Ne-Iüb 2-14 „ Ueslüb-Mitrowitza IIS „ Banjaluka-Doberlin 102 „ Rustichuk-Varna SSt „ im Ganzen 1467 lem. Geschichtliches s. Eisenbahnen, S. 134, 2. Sp. Über Anlagekosten, Berhältniß zu den übrigen Ländern n. Betriebsmaterial (1873), s. ebd. ,S. 135 u. 136. Über Post und Telegraphen s. diese beiden Artikel. Die Verkehrswege für den Binnenhandel fehlen gänzlich; letzterer ist fast nur auf die Sanmthiere beim Transport angewiesen; genaue Angaben fehlen. Der auswärtige Handel hat sich seit den regelmäßigen Dampsschifffahrtsverbindungen mit den übrigen europäischen Ländern sehr gehoben. Die Handelsflotte des T. R. kann man auf 1100 Schiffe mit 162,000 Tonnen Gehalt schätzen. 1874 liefen in den Häfen der Europäischen Türkei an 39,907 Segelschiffe (worunter 3450 griechische, 1448 italienische, 755 österreichische n. 629 englische), sowie 3657 Dampfer (unter diesen 1750 englische, 400 österreichische, 265 französische, 306 russische rc.) mit rund 4,900,000 Tonnen Gehalt. Fast der gesummte Handel, namentlich aber der Geldverkehr, liegt in den Händen der Griechen n. Armenier. Ansgeführt werden Wolle (nach England u. Frankreich), Baumwolle (nach Rußland), Getreide, Oel, Wein, Südfrüchte, Rosinen, Korinthen, gedörrtes Obst, Süßholz, Anis, Schwämme, Krapp, rohe Seide u. Cocons, Tabak, Rosenöl, Rosenwasser, Galläpfel, sogenannte Knuppern rc. Eiugefnhrt werden Colonial-, Metall-, gewebte Maaren, Kohlen, Glaswaa- ren.Drognenrc. Münzen,Maße n. Gewichte. Die Münzeinheit ist der Piaster od. Gersch (18—19 I>), eingetheilt in 40 Para st 3 Courant Asper, 1 Lira türk. (Medschidie) — 100 Piaster (18,50LI); außer ihr werden halbe u. i Lira in Gold geprägt. Der Silber Medschidie hat 20 Piaster; 1 Beutel (Kis) ist — 500 Piaster, 1 Beutel Gold — 30,000 Piaster — 15,000 Zecchinen. Gewichtseinheit ist die Oka, 1 Kantar (56^ ir§) — 44 Oka st 400 Drachmen. Rosenöl wird nachMiskäl (1^Drachme) verkauft. Als Äetrcidemaß dient das ic§, das jedoch in jedem Orte eine andere Größe hat (z. B. in Constantinopel 35,2gs 1, in Saloniki 140 I rc.): Längen- 37 * 580 Türkisches Reich (Gevgr.). maß ist der Pik oder Arschin (0,§,s na, bei Seiden- waaren aber nur 0,«s in); seit 1871 ist auch der Meter eingeführt, 1 Stadion—1 km, die Meile zn 10 Stadien. VI. Ethnographisches. Unter den verschiedenen Volksstämmen, welche in buntestem Gemische die Bevölkerung des T. R. bilden, hatten vor der Abtrennung der Walachei n. Serbiens u. der Con- stituirung des Fürstenthnms Rumänien die Slawen derart das Übergewicht, daß sie allein 43"/o der gelammten Bevölkerung ausmachten; Rumänen waren 25"/o, Griechen u. Albanesen je 7°/g und die herrschenden Türken (Osmanli) betrugen nur 12^. Durch die Lostrennung derFllrstenthümer Rumänien u. Serbien, sowie die Abtretungen an Montenegro, hat sich das Berhältniß verschoben. Einschließlich ORumeliens n. Bulgariens werden sich die Völker jetzt etwa in folgender Weise gruppiren: 1 ) Völker Mongolischer Race: Tiirken 2050000 Tataren _ 50000 2100000 od. 23,1 »1° 2) Völker Slawischer Familie: BoLniaken 750000 Herzegowiner, Serben und Raizen 170000 Bulgaren 3000000 3020000 od. 43,2°/» 3) Völker der griechisch-romanischen Familie: Griechen lisooou Rumänen 150000 1300000 od. 14,s"/° 4) Jllyrische Völker: Albanesen 1000000 od. 11,2°,'° 51 Völker verschiedener anderer Familien: Armenier 300000 Zigeuner 170000 Juden 60000 Deutsche, Magyaren, Araber u. s. f. 121000 651000 od. 7,r °/° Die Türken bildenalso, selbst wenn man noch Bulgarien und die unter christlicher Verwaltung stehende Prov. ORumelien (mit rund 2-tz Mill. bulgarischen Bewohnern) außer Acht läßt, nur einen Bruchtheil der Bevölkerung; bei der geringen Thätigkeit der Türken in Bezug auf das äußere Leben u. dem dadurch bedingten Mangel an Einfluß auf das geistige Leben der übrigen Völker, hat sich überhaupt keine Nation, keine nationale Cnltur entwickelt n. flehen die einzelnen Völker noch heute in demselben abgeschlossenen u. feindlichen Verhältnisse einander gegenüber, wie zur Zeit der Eroberung des Landes durch die Osmanlis. In den Städten wohnen nach religiösem Bekenntnisse bezw. Volksabstammung die Bewohner in völlig getrennten StaLltheilen; in den Dörfern aber sind sie gänzlich geschieden, so daß man in christlichen Dörfern keinen Mohammedaner und umgekehrt trifft. Zum Mohammedanismus bekennen sich etwa ZH Mill. Ew. (ca. 38 °/J, alle übrigen, außer den Israeliten n. den heidnischen Zigeunern, sind Christen u. zwar die Bosniaken, soweit sie nicht Mohammedaner sind, und einzelne Albanesen sind Römisch-katholische, die übrigen Albanesen, die Slawen u. Griechen gehören zur Griechisch-katholischen Kirche, ihr Patriarch hat seinen Sitz in Constanti- nopel; die Bulgaren erkennen aber letzteren nicht an, bilden vielmehr eine eigene Kirche; die Armenier, deren Oberhaupt ebenfalls ein Patriarch in Con- siantinopel ist, theilen sich in nnirte u. nicht unirte. Außer denTürken sind nochdieBosniaken zurHälfte, sowie einzelneBulgaren, Albanesen Mohammedaner. Der Türke hat im Ganzen von der europäischen Cnltur gar nichts angenommen, steht vielmehr in vielen, zum Theil in seinen religiösen Ansichten, zum Theil auch in seiner ursprünglichen Geistesrichtung begründeten Punkten ini scharfen Gegensatz zn den Cultnrvölkern (Stellung der Frau, Mangel an geistigerJnitiative, Idee vom Staate rc.). Durch diese Vermischung christlich-abendländischerCultur mit der moslemitisch-morgenländischen bildet das T. N. den Übergang von Europa zu dem Orient. Das stetsver- schlosseue Haus der Türken hat einen steinernen Unterbau auf den einlcichter Holzbau mitKnppel(Kiöschk) aufgesetzt ist; einstöckige Häuser, überall überwiegend, heißen Ew, Sommerwohnungen Jali, große Paläste Serai; Konak bedeutet ursprünglich das zweistöckige Hans, jetzt wird in der Provinz namentlich das Hans des Gouverneurs so bezeichnet; das Innere des Hauses theilt sich in das Selamlük (Männerzimmer) u. Odatük (Franengemach, Harem); letzteres darf nur der Hausherr betreten, welcher auch das Recht hat, jeden Fremden, der hier betroffen wird, zu tödten. Jede Frau u. jede Geliebte hat ihr besonderes Zimmer. Den Boden der letzteren bedecken kunstreiche Teppiche (Adschem), an den Wänden entlang liegen weiche Polster (Sofsah, persisch Chanapeh); im Winter stellt man offene Kohlenpfannen in die Räume. Bei den Jung- oder Reform- türken findet man Stühle, Tische, Kamine rc. Der Türke ist von Natur bequem, langsam, liebt lebhafte Farben, ist sehr genügsam u. hängt mit großer Zähigkeit an dem Althergebrachten; abergläubisch sucht er sich durch Amulette mit Koransprüchen gegen Unglück zn schützen. Seine religiösen Pflichten (s. Mo- hammedanisinus) erfüllt er mit peinlicher Gewissenhaftigkeit; hat er die vorgeschriebene Pilgerfahrt »ach Mekka gemacht, so reist er in Len meisten Fällen nie mehr; nur macht er, namentlich der Constantinopo» litaner, gern Landpartien, um unter einer Platane den Tag in beschaulicher Ruhe unter Rauchen und Kaffetrinkcnzuverbringen. Die alttürkische Kleidung besteht ans einem Turban, sehr weiten Tuchhosen, westenartiger Jacke, über welche der weißroth mit Goldlitzen verzierte Dolman mit herabhängenden aufgeschlitzten Aermeln angezogen wird; hierüber wird der Tnchrock getragen; an den Füßen werden Saffianschnhe oder Halbstiefel über wollene Socken angelegt. Die Frau wurde ehemals gekauft, noch heute kann die Ehe nicht ohne Brautgeschenke geschlossen werden. Der Türke darf 4 Franen (der Sultan deren 8) u. soviel Sklavinnen habe», als er will; die meisten leben aber in Monogamie und der Verfall u. die Corruption der oberen Schichten der türkischen Gesellschaft ist wesentlich mit in der Poly. gamie begründet. Als Soldat ist der Türke durch sein zähes Festhalten, seine Todesverachtung u. seine Genügsamkeit vortrefflich, namentlich zur Vertheidig- ung fester Stellungen geeignet. Besondere Erwähnung verdienen die gut eingerichteten Bäder sowol in den Wohnhäusern als auch die öffentlichen. Von der nicht türkischen Bevölkerung sind im Allgemeinen die Israeliten u. die Zigeuner (hauptsächlich in Bulgarien ansässig) sehr verachtet; elftere sind Handelsleute,Apotheker, Ärzte,letztere Kesselflicker, Schmiede, Musikanten rc. Die Griechen (türkisch Urum) sind s Türkisches Reich (Staatsverf.). 581 stark mit slawischem Blute vermischt; auf Kreta sind sie (wie aus Cypern) meist Moslems, auf dem Fest- lande theils unirte (Latiner) od. orthodoxe Christen. Sie bilden den eigentlichen Bürgerstand u. zeichnen sich durch ihre Intelligenz aus. Die Albanesen thei- len sich in die mohammedanischen Ghegen und die christlichen (orthodoxen) Tosken; sic sind wesentlich Viehzüchter, neigen stark zu Räubereien. Die Armenier (in Alt-Armenier und Katholiken zerfallend) find die reichen Kauflente, namentlich Banquiers im Lande. Über die Bulgaren u. Rumänen s. d. betr. Artikel. Volksbildung u. Schulwesen. Beider feindlichen Stellung der einzelnen Völker, welche die Bewohner des T. R. bilden, gegen einander kann natürlich auch eine gemeinsame Bildung sich nicht entwickelt haben; hierzu kommtnoch die Verschiedenheit der Religionen, welche öffentliche Schulen für- alle Einw. gar nicht anskommen läßt. Die Negierung hat nur Interesse für die Bildung der Moslemin. Nach der Organisation von 1847 besteht für die Mohammedaner Schulzwang; der Unterricht wird in den Mo kt eb es (Elementarschulen) unentgeltlich er- theilt n. erstreckt sich auf Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion, Türkische Sprachlehre, Geographie und Geschichte des T. R. Jedes Stadtviertel und jedes Dorf soll solch eine Primarschule haben; die meisten derselben sind mit den Moscheen verbunden u. wird in denselben nur der Koran in altarabischer Sprache erklärt, höchstens etwas Lesen n. Schreiben gelehrt. Gemäß des Organisationsplanes von 1869 sollten sich jenen Mektebes Ober-Primär-, Vorbereitungsschulen, Lyceenu. Fachschulen anreihen, doch ist von einer Ausführung dieser Beschlüsse noch nichts zu merken. Die Oberprimärschulen (Ruschdie) fördern die älteren Schüler bezw. Erwachsenen weiter, entsprechen etwa Fortbildungsschulen. In den Lyccen wird Arabisch, Rhetorik, Mathematik, Geographie u. Geschichte gelehrt. Die Medresse bereiten für den Civildienstvor; ausderAkademievonMohammed ll. u. Mustaphalll. zu Constantinopel gehen die Ulemas hervor; inderHauptstadtistauchdurch SafvetPascha eine Universität begründet, aber noch nicht vollständig organistrt; die besten Anstalten verhältuißmäßig find die Militärschulen (zuPe»a, zu Südlüdsche rc.), sowie die medicinische Schule von Galata Serai, in welcher auch Christen u. Juden ausgenommen werden; in allen Liesen Anstalten wohnen die Stuüiren- den im Gebäude, erhalten hier ihre Nahrung u. sogar Sold. Von den Christen legen nur die Griechen Werth ans Schulbildung, sie haben zahlreiche, meist von Popen geleitete Elementar-, auch höhere Pri- vatschnlen, sowie 2 Lehrerseminare (in Constantino- pel u. auf Chalki); doch sind die früher berühmten Anstalten (wie in Janina, Adrianopel Saloniki rc.) in Verfall; die Armenier haben ebenfalls in jedem Kirchspiele eine Freischule u. an einigen Orten auch höhere Anstalten (auch Mädchenschulen). Bulgaren, Bosniaken, Albanesen, Serben legen auf Bildung gar keinen Werth; auf 100 Dörfer kommt bei ihnen oft nur eine Schule. Aus tiefster Stufe steht auch die Schulbildung der Israeliten. VII. Staatsverfassung. Vermöge der Verfassung v. 23. Dec. 1876 (7. 2i1kicljs, 1293) ist das T. R. eine constitutionelle Monarchie, allerdings mehr in der Theorie als in der Praxis. Dietürkische Gesetzgebung zerfällt in 2 Haupttheile: das religiöse Gesetz (Lotioriat) n. das politische Gesetz (Larmn). Dem Loiieriat, welches indessen auch mit vielen bürgerlichen Rechtsvorschriften dnrchwsbt ist, liegen alsQnellen zu Grunde: dcrKoran, die Sunna od. religiöse Tradition, das Jdschma i ümmet, d. i. die Erklärungen, Auslegungenu. Entscheidungen der 4 ersten Khalifen, u. das Kijas od. die Sammlung gerichtlicher Entscheidungen der 4 großen Imams Ebn Hanife, Maliki, Schaffst n. Hambeli ans den ersten 3 Jahrhunderten der Hedschra. Im Anschlüsse hieran ist die Rechtsdisciplin durch eine Menge Rechtsgelehrter ausgebildet worden, aus deren Arbeiten wieder verschiedene, nachmals als Rechtsquellen benutzte Sammlungen hervorgingcn. Die erste dieser Sammlungen führt den Namen Düvar (Perlen) u. enthält Rechtssprllche u. Auslegungen bis znm Jahr 1470; die zweite führt den Namen Mülteka ül buhur (Verbindung der Meere) u. rührt von dem gelehrten Scheich Ibrahim Halebi (gcst. 1549) her. Ursprünglich in Arabischer Sprache verfaßt, wurde die letztere Sammlung erst später in das Türkische übersetzt u. im 1.1824 revidirt. Sie bildet vorzugsweise die Grundlage für die bürge» lichen Rechtsverhältnisse u. das Civil- u. Criminal-- verfahren. Daneben haben auch nochdie A d e ts (Pro- viuzialgewohnheiten) große Bedeutung. Die neueren Verordnungen der Hohen Pforte führen verschiedene Namen. Organische Gesetze, welche der Sultan als Beherrscher der Gläubigen mit religiöser Sanction erläßt, werden Hatti-Scherif (erlauchte Schrift), Hitti-Hnmaium (hohe Schrift) od. einfach Hat (Schrift im eminenten Sinne) genannt; Befehle, welche der Sultan nur als politischer Herrscher erläßt, heißen Ir ade; Verordnungen, welche sich auf Verwaltungsangelegenheiten beziehen, Fermans; diplomatische Conventionen Seneds; Verordnungen, welche die Ausführung eines Hatti-Scherif betreffen, Tansimat. Bes. bemerkenswerth sind unter den neueren Reformgesetzen des Sultans Abdul Medschid ein neues Strafgesetzbuch v. I. 1840, ein Handelsgesetzbuch von 1850 (eine Copie des 6ocks cko eoroinsroo von 1807), der Hatti-S cherif von Gülhane v. 2. Novbr. 1839, welcher durch mehrere nachfolgende Fermans (Tansimats-Gesetze) näher erklärt wurde; der kaiserl. Hat v. 7. Septbr. 1854 u. der Haiti- Hiimaium v. 18. Febr. 1856 (s. Gesch.). An diesen schließt sich dann die Reform- Jradev.l3.Zilcadel292(Nov.30./l2.Dec.l87b), auf Grund deren die oben genannte Verfassung v. 7. Alstiäss 1293 (23. Dec. 1876) gegeben wurde. Nach dieser Verfassung ruht die höchste Staatsgewalt in den Händen des Großsnltans (Sultan od. Padischah, Großherr); sie vereinigt mit der Person des Souveräns das oberste Khalisat des Islams u. gebührt dem ältesten Prinzen der Dynastie Os- man. Derselbe (gegenwärtig Abdnl-Hamio-Khan, geb. 22. Sept. 1842, 35. Souverän vom Stamme Osmans, Sohn des Sultans Abdul-Medjid-Khan, succedirte seinem Bruder dem Großsulta» Murad V., 31. Ang. 1876) ist Souverän und Padischah aller Ottomanen u. als oberster Khalif der Beschützer l.der muselmännischen Religion. Der Sultan wird ? mit dem 15. Jahre mündig. Sein Titel ist überaus ^ schwülstig; er nennt sich iLlsmpsuaii (Zuflucht der ! Welt), Äilrstast (Schatten Gottes), Unnsiiar (Herr 582 Türkisches Reich übcrLebenu.Tod),DmIik(s.o.), oberster Imam rc. Im diplomatischen Verkehr erhält der Sultan den Titel Kaisers. Majestät, franz. klantssss. Statt der Krönung wird dem Sultan der L>äbel Osmans in der Moschee Ejnb in Constantinopel umgürtet, nachdem er den Schwur auf den Koran abgelegt hat. DerSultan ist unverantwortlich, seine Person heilig; er ernennt die Minister u. entläßt sie, verleiht Würden u. Grade rc., erklärt Krieg u. schließt Frieden u. Verträge, läßt Geld münzen, ist Oberbefehlshaber zu Land u. zur See, überwacht die Ausführung des Scheri (heiligen Gesetzes) u. der weltlichen Gesetze, erläßt die Vorschriften für die Staatsverwaltung, beruft u. vertagt die Reichsversammlung und löst, wenn nöthig, die Deputirtenkammer auf. Die Rechte der Ottomanen, zu denen, ohne Unterschied der Religion, alle Reichs-Unterthanen gerechnet werden, bestehen in Unverletzlichkeit der persönlichen Freiheit, Gleichheit aller Unterthanen vor dem Gesetze, freier Ausübung der neben der Staatsreligion, L. i. dem Islam, anerkannten Confessionen und Wahrung ihrer Privilegien; Preß-, Lehr-u. Unterrichtsfreiheit, Petitions- n. Versammlungsrecht, innerhalb der durch das Gesetz gezogenen Grenzen; Zulassung aller Ottomanen zu öffentlichen Ämtern unter Voraussetzung der Kenntniß des Türkischen u. in Gemäßheit ihrer Fähigkeiten, gerechte, gleichmäßige Vertheilung der nur gesetzmäßig zu erhebenden Steuern rc. Bezüglich der obersten Staatsverwaltung bestimmt die Verfassung: die Minister werden durch kaiserl. Jrade ernannt, nur der Groß- vezir u. der Scheich ül Islam erhalten vom Sultan persönlich die Investitur. Die Minister sind verantwortlich vor der Deputirtenkammer und wird von dieser, nachdem sie die Vertheidigung des angeklag- ten Ministers vernommen, der betr. Beschluß zur Aburtheilung dem Sultan vorgelegt. Von dem Ministerium in dringendem Falle zur Rettung des Staates getroffene Dispositionen erhalten durch kaiserl. Jrade provisorisch Gesetzeskraft. Jeder Minister hat das Recht, im Senat, wie in der Depu- tirienkammer zu sprechen, u. zwar von jedem Mit- gliede, welches das Wort verlangt hat, u. anderseits die Verpflichtung, verlangte Auskunft zu ertheilen. Die Reichsversammlung besteht aus einem Senat (Herrenhause) und einer Deputirtenkammer und tritt jedes Jahr 1. Nov. zusammen. Eröffnung u. Schluß geschehen gemäß kaiserlicher Jrade. Wegen seiner Meinung oder seines Votums in der Kammer darf kein Mitglied verfolgt werden. Die Kammern theilen mit dem Ministerium das Recht der Initiative der Gesetzesvorschläge. Ein Gesetz wird nur durch Zustimmung beider Kammern und kaiserlicher Jradö sestgeslellt. Die Mitglieder des Senats ernennt der Sultan auf Lebenszeit und darf deren Zahl ein Drittel der Zahl der Deputirten nicht überschreiten; die Senatoren erhalten monatlich 10,000 Piaster Gehalt. Der Zahl der Deputirten ist Las Verhältniß von 1:50,000 männlichen Ottomanen zu Grunde gelegt. Die Wahl ist geheim und kann jeder unbescholtene, türkisch sprechende, mindestens 30 Jahre alte Ottomane gewählt werden; nur Beamte (außer den Ministern) sind nicht wählbar. Das Mandat dauert 4 Jahr, und erhält der Depntirte außer den Reisekosten 20,000 Piaster für jede Session. Den Präsidenten u. den Mcepräsidenten der Depu- (Staatsverf.). tirtenkämmer ernennt der Sultan aus 9, von der Kammer selbst dazu vorgeschlagenen Personen. In Betreff der Justizgewalt bestimmt die Verfassung: Unabsetzbarksit der Richter, Öffentlichkeit der Tri- bunatssitzungen, Zulässigkeit jedes gesetzmäßigen Vertheidigungsmittels vor dem Tribunal; für das heilige Gesetz betreffende Processe bestehen besondere Tribunale, während außerdem alle Specialgerichte ausgeschlossen sind. Der höchste Gerichtshof ist zusammengesetzt aus 10 Senatoren, l O Staatsräthen u. 10 aus den Präsidenten u. Mitgliedern des Cas- sations- n. Appellhofes gewählten Mitgliedern. Ihm steht die Aburtheilung der Minister, des Präsidenten u. der Mitglieder des Cassationshofes, sowie aller anderen Personen wegen Ma;estätsbeleidigung und Gefährdung der Sicherheit des Staates zu. Endlich ist für die Finanzen bestimmt, daß jede Staatssteuer nur kraft eines Gesetzes erhoben werden darf; das Budget wird jährlich durch die Reichsversammlung votirt u. zum Gesetz erhoben; alle Finanzoperationen u. die jährlichen Rechnungsabschlüsse werden vom Rechnungshof geprüft. Die Staatsverwaltung anlangend, so ist der Großvezir, 8uär-^am (eine seit 132 der Hed- schra od. 754 n. Chr. eingeführts Wurde), Chef der Verwaltung, dem auch die Minister unterstehen u. damit die gesammte Exekutivgewalt. Dem Scheich ül Islam, d. i. dem direkten Repräsentanten der geistlichen Gewalt des Khalifats des Islam, steht die Auslegung des Gesetzes zu, zugleich ist er, obwol selbst weder Priester, noch Gerichtsperson, der Chef der Ulema (s. d.), einer zugleich gerichtlichen und priesterlichen Körperschaft; ohne seine Zustimmung ist keine Verordnung, kein von der höchsten Behörde ausgehender Act giltig, sein Gutachten heißt Fetwa. Diese beiden hohen Würdenträger, durch welche der Sultan die vollziehende und gesetzgebende Gewalt ausübt, führen den Titel Hoheit. Ihnen zunächst stehender Staatsminister, d. i. der Präsident des Staatsraths, die Minister des Auswärtigen, des Krieges (Seraskier), der Marine (Kapndan Pascha), der Großmeister der Artillerie u. Minister des Innern, der Justiz, der Finanzen, der öffentlichen Arbeiten u. des Handels, des öffentlichen Unterrichts, der indirecten Steuern, der Polizei, der Intendant der Evkafs (der den Moscheen od. frommen Stiftungen gehörigen Güter), die Minister der Civilliste, der Archive, dann der Präsident von Constantinopel und endlich der Musteschar (Unterstaatssecretär) des Großvezirs. Diese sämmtlich führen den Titel Mn- schir od. Vezir. Zur Berathschlagung aller gemeinsamen Interessen versammelt sich allwöchentlich der GeheimeRath, Diwan, bestehend aus dem Scheich ül Islam, Len genannten Staatsministeru. Ferner besteht noch seit 1868 der Staatsrath (ülsllsetUisi Valn), nach dem Muster des kaiserl. sranz. OonssU cüLbab. Zum Conseil der Ministerien des Krieges, der Marine, der Polizei, des Handels rc. gehören noch neben den Unterstaatssecretären (Mnsteschars) die Mufti, das sind deren rechtsgelehrte Mitglieder. Von diesen Behörden haben in der Hohen Pforte (kusosis, Lapisi im Volksmund) ihren Sitz: der Großvezir mit seinen Bureaux, das Ministerium des Äußern uud Las Nsclsvdlioi Valn, außerdem dann das Llsäsalilisi ulclciuini acllis oder der Rath des obersten Gerichtshofes n. das Lmsäi clirvaui IIn- 583 Türkisches Reich (Staatsverf.). majnm, ein Bureau, das in directer Verbindung mit der Privatkanzlei des Sultans und der Pforte steht. Weitere nicht stritt hierher gehörige Aemter sind: das Bureau der 4 verschiedenen Neligionsge- sellschaften (Katholiken, unirten u. nichtunirten Griechen u. Inden), das Bureau des Ceremonienmeisters, der kaiserlichen Unterschriften u. die staatliche Schule u. Bibliothek zum Unterricht im Französischen, die wie das Übersetznngsbnrean zum Ministerium des Äußern ressortirt. Sämmtliche Beamten der Kanz< leien u. der Magistratur führen den Titel Effendi, die Söhne der Paschas u. die oberen Offiziere den Ehrentitel Bey, alle Snbalternosfiziere, sowie die Beamten der Verwaltung und des Hofes unter der 2. Klasse den Titel Aga. AlleÄmter des Reiches zerfallen in 4 Klassen: wissenschaftliche oder Ämter des Lehrstandes (Ulema), Ämter derFeder(Laksinijs od.Administrationsbeamle), Ämter des Sabels (Armee n. Flotte), Hofämter. Behufs der Verwaltung ist das T. R. hinsichtlich seiner unmittelbaren Besitzungen eingetheilt in: Vilajets oder General-Statthalterschaften; an der Spitze eines jeden steht ein Baly, Generalgouver- nenr; die Vilajets sind in Sandschaks (Bezirke) gethcilt, an deren Spitze je ein Mutcssarif (Gouverneur) steht, u. die Sandschaks zerfallen wieder in Kazas (Districte), in Leuen ein Ka'imakam (Gouverneur-Lieutenant) die Verwaltung führt, u. diese endlich in Nahie (Gemeinden), an deren Spitze ein von den Eingesessenen gewählter Mukhtar od. Kod- scha mit einem Beigeordneten, Muavin, steht. In jedem Generalgouvernement ist dem Verwaltungs- ches ein Generalrath als Landesvertretnng mit berathendem Wirkungskreise zur Seite; ebenso in den Sandschaks u. Kazas die Lloäsvüliss 1 iciarsir, Berwaltuugsräthe, zusammengesetzt ans 3—4 von den Einwohnern gewählten Personen und den religiösen, richterlichen u. finanziellen Spitzen; in den Nahies wird der Rath aus der Gemeinde allein gebildet. Die Stadtgemeinden haben ebenfalls ihre aus ihrem Schooße gewählte Gemeindevertretung, sowie auch deren Vorstand von der Gemeinde resp. deren Vertretern gewählt wird. In den Städten jedoch, welche mehrere Kirchspiele od. Anhänger verschiedener Religionen umfassen, hat jede Rcligionsge- meinde gewöhnlich ihre besonderen Vertretern. Beamte. Unter den griechischen Rajahs ist ihre Zahl nach den Kirchspielen geordnet; jedes Kirchspiel hat seine Ephoren, gewöhnlich 3, einen Administrator, Schreiber u. Kassirer, welche jedes Jahr durch allgemeine Abstimmung gewählt werden; ein Ephi- merioS des Patriarchen ertheilt ihnen die Investitur. Die Geschäfte des Ephoren sind die des Gemeinde- Vorstandes. Die Gerichtsbarkeit steht gewöhnlich dein Diwan des Patriarchen od. anderen Gerichten zu. Die militärische Territorial-Eintheil- ung ist in 7 Armeecorps (Oräas), von denen 3 auf die europäischen Landestheile kommen. Die Rechtspflege betr., so steht dieselbe unter dem Schcich-ül- Islam n. Großmufti,sofern es sich um rein Mohammedanisches handelt. Die desfallsigen Justizbehörden sind die (pselrsris, während die aus Christen u. Mohammedanern zusammengesetzten Justizbehörden Lisamijsüs heißen; diese letzteren entscheiden über Streitigkeiten zwischen Bekenner» verschiedener Religionen, sowie Crimi- minalfälle; jedes Vilajet, Sandschak und Kaza hat ein solches, u. zwar in seinen Mitgliedern von der Bevölkerung gewählt. Der oberste Gerichtshof ist der ^.rs-aäassi, welcher in 2 Abtheilungcn, die eine für die europäischen Provinzen (Lumslie Oasaslcsr- die andere für die Provinzen Asiens (lLira- tolrs CarmslcorliAhzch, jede mit einem Lavi Xsker als Vorsitzender an der Spitze u. 10 Beisitzern, zerfällt. Unter der Sanction des Scheich-ül-Jslam besetzen beide Abtheilungen alle Richterstellen in ihren bezüglichen Departements. Dann besteht noch ein höchster Gerichtshof für Constaminopel, Isbambuk Calliss^. Eine Art Mittelinstanz bilden die 21 blsrvlorvijslrs der unmittelbaren Länder, an deren Spitze je ein Mollah steht. Die Gerichte erster Instanz sind die Lärms (Amtsgerichte), deren es 120 gibt. Jedes dieser Gerichte besteht ans einem Richter (NoUalr od. Laäi), einem Staatsanwalt (lUnkti), einem Hilfsrichter (Laib), einem Gerichtsvollzieher (^.zmkc Laib) n. einem Schreiber (Lasslr Lratsib). Jedes Vilajet hat ein Nselrsri-Gericht, unter dem Vorsitz eines Mollah, der zugleich dem Appellationsgerichte des Vilajets, OUvan-1 einigsi, präsidirt; Außerdem bestehen noch Orts- u. Friedensgerichte, welche, aus dem Rathe der Ältesten gebildet, in Len Gemeinden für Ansgleichsveisuche in Civil- und geringen Strafsachen dienen. Jedes höhere Gericht bildet die Appellinstanz für die niederer». Endlich sind seit 1847 in den Seestädten Handelsgerichte eingeführt. Das Rechtsverfahren selbst betr., so ist dasselbe meist ein sehr summarisches. Für das Militär besteht ein besonderes Militärstrafgesetzbnch. Für die Finanzverwaltung, für die allerdings seit 1856 ein förmlicher Etat aufgestellt wird, hat jedes Vilajet seinen eigenen Beamten, Destendar, dem auch die Überwachung gewisser besonderer Einnahmen, wie von Zöllen, Posten, Brückengeldern, Salinen rc., übertragen ist; n. ebenso ist in jedem Sandschak u. jedem KazaS ein Finanzbeamter angestellt. Landesreligion ist der Islam (s. d.). Oberstes Haupt des Islam ist der Großherr; das heilige Buch ist der Koran (s. d.); die Gelehrten, welche dasselbe erklären u. deuten, sind die Ulemas (s. d.); an deren Spitze steht der Scheich-ül-Jslam oder Großmufti (s. o.), welcher in sich nächst dem Sultan die oberste Gewalt der Gesetzgebung u. das höchste kirchliche Amt vereinigt; er umgürtet beider Thronbesteigung den Sultan mit dem Säbel Osmans. Der Ulema, gewöhnlich aus den niederen Klassen recrutirt, tritt, wenn er 10 oder 12 Jahre alt die Schule verläßt, als Novize in eine der mit den großen Moscheen verbundenen Medresses (die Semina- rien des Islam), in welcher er als Sofia 10—15 Jahre verbringt u. Unterricht in der Grammatik u. Arabischen Syntax, in der Logik, Moral, Rhetorik, Philosophie, Theologie, Rechtsgelehrsamkeit, im Koran u. in der Sunna erhält. Hinlänglich vorbereitet, wird der Sosta durch ven Großmufti zum Mnla- zim ernannt, als welcher er Richter (Kadi) werden kann. Wenn er aber zu den höheren Würden des Gesetzes gelangen will, muß er von Neuem 7 Jahre aus das Studium des Rechtes, der Dogmatik und mündlichen Auslegung rc. verwenden. Hierauf wird er vom Mufti zum Mnderris ernannt. Die Gotteshäuser der Mohammedaner werden gewöhnlich Mo- 584 Türkisches Reich (Staatsverf.). scheen genannt; die größeren heißen Dschami, die kleineren Medschid. Die Geistlichkeit ist in fünf Klassen gecheilt: die Scheichs, d. h. Älteste, sind die HanptpreLigcr in den Moscheen; die Khatib sind die Borbeter des Khutbe (des öffentlichen Gebetes für den Sultan); die Imams besorgen den gewöhnlichen Dienst in den Moscheen u. die Trauungs- u. Be- gräbnißfeierlichkeiten; die Mudzzin verkünden von Len Minarets die Stunden des Gebetes; die Ka'ims sind die Wächter u. Diener der Moscheen. Die beiden letzten Klassen gehören nicht zu den Ulemas. Neben der Weltgeistlichkeit gibt es auch eine Ordensgeistlichkeit, die Derwische, eine Art Mönche. Die Geistlichkeit trägt hellgrüne Turbans, die Derwische hohe spitze Mützen von grauem Filz u. weite Röcke. Geduldet werden außerdem alle Anbeter nur Eines Gottes, die Götzendiener aber gebietet der Koran zu vernichten. Es besteht daher im T. R. der protestantische, griechische, katholische, armenische Cultus, so wie die Mosaische Religion. Die Griechisch- Orthodoxe Kirche zählt noch, wie zu alten Zeiten, ihre Patriarchen von Constantinopel, An- tiochia, Jerusalem und Alexandria; die drei letzteren haben aber wenig Bedeutung. Der Patriarch von Constantinopel ist der ökumenische, das Haupt der Morgenländischen Kirche; er präsidirt der Heiligen Synode, welche aus den 3 übrigen Patriarchen, 12 Metropoliten u. Bischöfen u. 12 angesehenen Laien besteht, u. hat die Große Schule der Nation unter sich. Unwissenheit der Geistlichen u. der Verkauf der geistlichen Stellen sind ganz gewöhnlich. Die Römisch-Katholische Kirche besteht theils aus Lateinischen Christen, theils ans Unirten Armeniern» Griechen rc. u. zählt 28 Patriarchen u. Bischöfe, von denen 5 ans die Europäische Türkei kommen. Die Armenier haben 4 Patriarchen an der Spitze ihrer Glaubensgemeinschaft, in Constantinopel, Sis, Aktamar und Jerusalem. Jede von der Pforte anerkannte Religionsgesellschaft (LliUsi) ist der Regierung gegenüber durch ihren Civilches neben dem betr. Patriarchen vertreten, die Juden durch ihren Großrabbiner in Constantinopel. Finanzen. Die Lage der türkischen Finanzen, ohnehin eine schwierige, hat sich durch die Kriegsjahre seit 1876 aufs Aeußerste verschlimmert. Die Emission des Papiergeldes ist aufs Maßloseste betrieben worden u. die Gesammtschuld ist bis Ende 1877 auf über 6000 Will. Frcs. gestiegen. Die Bevölkerung ist durch die Kriege, durch Zwangssteuern und durch aussaugende Verwaltung an den Rand des Ruins gebracht u. würde auf immer rni- nirt sein, wenn nicht die unerschöpflichen Hilfsmittel des Landes die Hoffnung auf ein Wiederausblühen rechtfertigte. Die tü rkische Armee wurde 1869 reorganisirt, wobei taktische Eintheilung, Ausbildung rc. den damaligen Einrichtungen der sranz. Armee nachgebildet worden waren, während die eigentliche Wehr- Verfassung sich mehr an das preußische System anlehnte, jedoch mitbeschränkter allgemeiner Wehrpflicht u. Stellvertretung. Die Ergänzung des Heeres erfolgt durch Conscription u. Einstellung von Freiwilligen n.erstreckt sich nur auf die mohammedanische Bevölkerung, während andersgläubige Unterthanen eine ziemlich hohe Wehrsteuer zu entrichten haben. Mehrere Provinzen u. Districte sind von der Recru- tirung gänzlich befreit. Die reguläre Armee besteht aus der Linie (Nizam) mit 6 jähriger, der Landwehr (Redif) mit ebenfalls Ojähriger n. dem Landsturm (Mustehafiz) mit 8 jähriger Dienstzeit. Die Dienstpflicht beginnt mit dem 20. Lebensjahre u. umfaßt eine Gesammtdienstzeit von 20 Jahren. Die Friedenpräsenzzeit beträgt 4, bei der Cavalerie u. den technischen Truppen 5 Jahre, wonach der Übertritt zur Reserve (Jchtijat) erfolgt. Das jährliche Cou- tingent beträgt 37,500 Mann u. die gefammte Friedensstärke etwa 150,000 M., die für den Fall eines Krieges durch 60 bis 70,000 M. Reserven verstärkt werden. Die in 2 Aufgebote getheilte Landwehr wird aufetwa200,OOOM.,derLandsturmanf300,000 M. veranschlagt, so daß sich die gesammte Streitmacht auf etwa 700,000 M. berechnen läßt, welche Zahl trotz der gewaltigen Anstrengungen während der letzten Kriege aber lange nicht erreicht wurde. Zusammensetzung der Linienarmee: 43 Jnf.-Rgtr. ä 3 Bat. (Tabor), 1 bosnisches Regt, ä 4 u. 1 griech. Grenzrgt. ä 3 Bat., 43 Jägerbat. u. 2 Cordonbat. zusammen 181 Bat. ü 8 Compagnien. 25Cavalerie- regt. ä 6 Escadrons, wovon 4 Ulanen u. 2 Dragoner. 8 Feldartillerieregtr. mit zus..104 Batterien ä 6 Geschützen, außerdem sind jedem Jägerbat. 2 Geschütze zugetheilt. 7 Rgtr. Festungs- u. Küstenartillerie ä 4 Bat., 5 selbständige Festungsartilleriebat., 17 localeArtillerieabth.u.lArt.-Arbeitercorps. 2 Genieregt, ä 2 Bat., 6 Sappeur u. 7 Handwerkercompagnien, sowie 65 Bat. Gensdarmen (Saptie). Eingetheilt sind die Linientruppen in 7 Armeecorps (Ordus), welche normal aus je 6 Jnf.-Ngtrn., 6 Jägerbat.» 4 Cavalerieregtrn.» 1 Feldartillerieregt, ä 3 reit., 9 Feld-, 1 Gebirgs- u. 1 Mitrailleusen- batterie, sowie 1 Sappeurcompagnie bestehen sollen, deren Zusammensetzung aber eine sehr verschiedene ist. Für den Krieg wird jedes Armeecorps in 2 Divisionen ä 2 Jnf.-Brigaden, 1 Jägerbat., 3 Escad. Cavallerie u. 2 Batterien u. eine aus den übrigen Truppen des Corps gebildete Reserve eingetheilt. Im Frieden besteht eine derartige Eintheilung nicht, doch sind jedem Armeecorpscommando eine Anzahl höherer Offiziere zugetheilt, die im Kriege als Di- visions- (Ferik) resp. Brigadegenerale (Liwa) ein- treten. Jeder Armeecorpsbezirk ist in Landwehrbataillonsbezirke eingetheilt, in welch letzteren die Rekrutirungs- n. Landwehrangelegenheiten besorgt werden. Für den Krieg sollte jedes der beiden Landwehraufgebote 43 Rgtr. ä 4 Bat. formiren, eine Organisation des Landsturmes war nicht vorgesehen. Die Infanterie ist mit Hinterladungsgewehren und zwar die Linie mit dem Henri-Martini-, die Landwehr mit dem Snidergewehr bewaffnet. Die Cavalerie hat Lanzen u. Hinterladungskarabiner, die Feldartillerie 8 u. 9 omGußstahlkanonen Kruppscher Construction u. als Gebirgsgeschütze 3pfüge. With- worthkanonen. An Militärschulen bestehen: eine allgem. Militärschule zur Vorbildung der Offiziere der Infanterie u. Cavalerie u. eine Artillerie- n. Ingenieurschule, beide befinden sich in Constantinopel, aus ihnen geht aber nur ein kleiner Theil der Offiziere hervor, die Mehrzahl ergänzt sich aus dem Unteroffizierstande. Der Durchführung der Heeresorganisation von 1869, die1878 vollendet sein sollte, stellten sich aber bedeutendeSchwierigkeiienentgegen, Die fortwährende Geldnoth, in der sich dis Hohe Türkisches Reich (Gesch.). >85 Pforte befand, die Mißbräuche in der Verwaltung, Mangel an Offizieren, an Waffen, Bekleidung und Ausrüstung hatten die Reorganisation so verzögert, daß bei Ansbruch des bosnischen Aufstandes die nöthigen militärischen Kräfte zu dessen Unterdrückung fehlten u. die Kriege gegen Serbien in Montenegro schon die Aufbietung der Redifs u. irregulärer Truppen erforderte. Die letzteren bestehen aus den sogen. Baschi-Bozuks (s. d.) u. den Spahis, freiwillige Reiterei, meist aus Einwohnern der halbnnabhängigen asiat. Stämme unter eigenen Anführern zusammengesetzt. Ferner sind Ägypten n. Tunis zur Gestellung von Hilfstruppen für den Fall eines Krieges verpflichtet. Der Ausbruch des Russisch-Türkischen Krieges fand die osmanische Armee bereits durch die Kämpfe der vorhergegangenen Jahre sehr ge- schwächt n. desorganisirt, wenn trotzdem der Widerstand, den die Russen fanden ein sehr hartnäckiger war, so ist dies ein Beweis für die zähe Ausdauer, die dem türkischen Soldaten eigen ist. Über den gegenwärtigenZustand der türkischenArmee u. deren Zusammensetzung (1879) liegen, bei den wirren u. völlig unsicheren Verhältnissen, die auf der Balkanhalbinsel herrschen, nähere Angaben nicht vor. Seemacht. Die Kriegsflotte bestand 1877 aus 15 großen Panzerschiffen neuester Construction mit 149 Geschützen, wozu noch 18 kleinere Panzer u. 45 andere Dampfer kamen. An Marine-Infanterie bestand 1 Regiment von 3 Bataillonen d 8 Comp., sowie 2 Regimenter Marinehandwerkcr ä 2 Bat. Das Reichswappen (PsnZstra) ist ein grüner Schild, mit wachsendem silbernem Mond (das Emblem, welches Mohammed II. nach der Eroberung von Constantinopel auf seine Fahnen setzen ließ). Den Schild umfliegt eine Löwenhaut, auf welcher ein Turban mit einer Neiherfeder liegt; hinter demseb ben sind zwei Standarten mit Roßschweifen schräg gestellt. Der Sultan führt aber in seinem Wappen seinen u. seines Vaters od. Vorfahren Namenszug mit dem Beisatze: Unüberwindlicher Kaiser n. einer Blume aus 6 Blättern als Beizcichen. Die Orden im T. R. sind: der 1799 gestiftete Orden des hal ben Mondes (für Verdienste von Ausländern) in 3 Klassen u. einer Medaille; der Orden des Ruhms (Hiscdan-iktlligür), vom Sultan Mahmud II. 19. Aug. 1831 gestiftet, in 4 Klassen; der vom Sultan Abdul Medjid im Aug. 1852 gestiftete Medsidi'e orden mit 5 Klassen; der vom Sultan Abdul Aziz 1861 gestiftete OsmaniLorden. Außerdem ferner 4 silberne Kriegsmedaillen. Sonst bestehen als Aus zeichnungen Ehrenkaftane u. Ehrensäbel. Vgl. Hammer-Purgstall, Staatsverfassung und Staatsverwaltung des Osman.Reiches, Wien 1815, 2 Bde.; v. Moltke, Briefe über Zustände u. Begebenheiten in der Türkei, 1835—39, Berl. 1841, 3. A. 1877; v. Basse, Das T. R., Lpz. 1854; Ari- starchi Bey, Ln IsAisIntäon ottom., Constant. und Par. 1873—75, 4 Bde.; Baillie, Digest ob moüa- msännln^v, 2.A. Land. 1875 rBou^LsguisssAsolü- Zigns äs In Durguis ä'Lurops, Par. 1840; Ders., Ln Lnrgnis ä'Lnrops, ebd. l 840,2 Bde.; Wantery, On tMs rsIiAion, mnnnsrs, cnstoms anä Constitution ok tilg Purst, sinpirs, Land. 1850; Ubicini, Lottrss sur In Purguio, Par. 1854; Ders. (mit Pavet de Courteille), IAnt prsssnt äs I'smpirs ot- tomnn, ebd. 1876; Tchichatcheff, Lsttrss sur In Purguis, Brüss. 1859; Thornbury, Purstisll Ufg nnä cstnrnetsr, 1860, 2 Bde.; Joanne u. Jsambert, Itiusrnirs, ässsript. bist. st. nrostsol. äs 1'Orisnt, Par. 1861; H. Barth, Reise durch das Innere der Türkei, Berl. 1864; Jsambert, 6rscs et 1'urguio ä'Lurops (Reisehandbuch), 2. A. ebd. 1873; Schweiger-Lerchenfeld, Unter dem Halbmond. Ein Bild des Ottomanischen Reiches u. seiner Völker, Jena 1876; Ders.,ZwischenPontnsu. Adria, Wien 1879; Reclus, I^ourolls AsoArnpüis uuirsrsslls, Bd. I., Par. 1876; G. Kinkel, Die christl. Unterthanen der Türkei in Bosnien u. der Herzegowina, Basel 1876; Bambery, Der Islam im 19. Jahrh., Lpz. 1875; Ders.,Sittenbilder ansdem Morgenland, Berl.1876; Ders., Ist die Türkei culturfähig oder nicht, Budap. 1877; Baker, Die Türken in Europa, deutsch von Franzos, Stnttg. 1877; Densufiann u. Dame, Lss Romains äu 8uä; Nnceäoins, Llrsssalis, Lpirs, PIwncs, ^.Ibnuis, Bukar. 1877; Dieffenbach, Die Volksstämme der Europ. Türkei, Frkf. 1877; Bian- coni, LtüuoArnpIüs st stntistigus äs In Purguis äs I'Lurops st äs In Orsss, Par. 1877: Stambnl u. das moderne Türkenthum, von einem Osmanen, Lpz. 1877, neue Folge 1878; Hertzberg, Die Ethnographie der Balkanhalbinsel im 14. u. 15. Jahrh. in Petermanns Geogr. Mitth., 1878; F. v. Hell- wald u. Beck, Die heutige Türkei. Mit zahlreichen Illustrationen u. 1 Karte, Lpz. 1878—79, 2 Bde.; F. v. Hellwald, Die Umgestaltung des Orients als Culturfrage, Angsb. 1878; Arendts, Der europäische Orient in seiner Neugestaltung, Kempt. 1878; Drion, Ooustnutiuopls st In Purguis sts., Limoges 1878; Stöcker, ^itli tbs Luspsnstndlss. Pwo ^snrs compniuiuA iu Luropsnv nnä ^sintic Dur- stsx, Land. 1878; Kuhlow, VolkSstndien im Otto- manischen Reich in der Zeitschr. Ans allen Weltthei- len X, Lpz. 1878—79; Kanitz, Donau-Bulgarien n. der Balkan, 2.A. ebd. 1879 f., 2 Bde. (zugleich franz. Ausg. in Paris); Ders., Originalkartc des Fürstenthums Bulgarien u. des Balkans, 1:420,000, Wien 1878, 2 Bl.; Sax, Ethnographische Karte der Europ. Türkei, in den Mitth. der k. k. Geogr. Gesellschaft in Wien, 1878; Generalkarte der Türkei, her- ausgeg. vom k. k. Militärgeographischen Institut in Wien, 1:300,000. (Geogr.) Dronke. (Verfassung) Lagm. (Literaturang.) Schroot. Türkisches Reich (Gesch.) In den Hochgebirgen Mittelasiens war der Ursitz der Türken u. das wtzt Lürken, eigentlich Osmanen genannte Volk ist blos ein Zweig derselben . Bon Tataren u. Mongolen aänzüch verschieden, saßen sie selbltändia -wischen China, dem Ältaigebirge und dem Baikalsee. AuZ den Hochgevirgen des Großen Altai und von Tangnn stiegen sie dann ln die Niederungen u. dehn-" ren sicy nacy L>W. ü. Sr^. aus. Durkistan empfing von ihnen den Namen. N ie Chinesen, die über ihre Urgeschichte am meisten berichten, nannten die Türken Chiung-nu (Hinng-nu); ein kriegerisches Nomadenvolk, lebten diese unter verschiedenen Stammhäuptern, zogen umher u. behelligten ihre chinesischen Nachbarn. Ca. 1200 v. Ehr. verbanden sie sich zuerst unter einem Könige aus chinesischem Stamme. Unter Eroberungen nach O. u. W. stieg ihre Macht, aber seit 141 v. Chr. eroberten die Chinesen allmählich das ganze Reich der Chinng-nu. Im Beginne des 1. Jahrh. n. Chr. rafften sich die von Kl 586 Türkisches Reich (E-esch.). China Unterworfenen nochmals auf, zerfielen in ein südliches u. nördliches Reich, welche sich rastlos befehdeten. Die nördl. Hiung-nu wurden von den südlichen u. den Chinesen Ende des 1. Jahrh. nach W. gedrängt u. bis Mitte des 5. Jahrh. aufgerieben. Die südl. Chiung-nu aber wurden von den in die Gebiete der nördlichen eingerückten Tungnsen u. Mongolen u. den Chinesen bedrängt, durch Bürgerkriege zerrüttet, ihr letzter Fürst fiel 216 n. Ehr. in chinesische Gefangenschaft, das Volk theilte sich wieder in Horden unter Stammeshäuptern, die China huldigten. Gegen 460 endetdie Geschichte der Chiung- nu, indessen am Fuße des Altai sich eine kleineHorde, die Türken (damals Thu - kiu) niederließ. Lange vom Stamme der Juan-Juan abhängig, erhoben sie sich erst 552 mit chinesischer Hilfe zu Ansehen, ihr Fürst nannte sich Khan und erweiterte sein kleines Land. Unter Mu-kan-Khan umschloß das Reich der Thu-kiu bereits alles Land längs des Oxus u. Jaxar- tes bis znm Kaspischen Meere, grenzte im N. an Sibirien, im S. an Tibet und China, im O. ans Weltmeer. 562 schickten die Thu- kiu die erste Gesandtschaft, 568 die zweite nach Byzanz, um hier gegen ihre Feinde, die Avaren, zu wirken, und 569 wurde ein Schutz- u. Trutzbllnduiß zwischen dem Großkhan u. Kaiser Justinus II. besiegelt. Gegen Persien u. China streitend, zerfiel das Reich der Thu-kiu allmählich wieder in viele Theile: 581 gab es schon 4 Khanate unter der Hoheit des Großkhans, die Chinesen unterwühlten das Reich. Das Ostreich der Thu-kiu kam in chinesische Abhängigkeit u. fand 744 sein Ende durch den Türkenstamm der Hoei-he. Das Westreich der Thu-kiu litt durch den Türkcn- stamm der Thu-ki-ihi, welche es eroberten, in der zweiten Hälfte des 8. Jahrh. aber unter die Gewalt der Hoei-He fielen. Diese sind das Stammvolk der späteren Oghusen, Seldschuken und Osmanen und stammten selbst von den Chiung-nu ab; ihre Khane waren Vasallen Chinas. Gleich ihnen stammten die Uiguren von den Hiung-nu ab, welche von China abhängig, um die Mitte des 8. Jahrh. von den Hoei- He unterworfen wurden. Die Uiguren pflegten die wissenschaftliche Bildung u. beeinflußten so das geistige Leben der östl. Türkeustämme; ihre Sprache ist die am reinsten ausgebildete alttürkische. Mit der Bildung der Uiguren kam aber bei den Hoei-He auch Corruption der Sitten auf, sie sanken; 780 wurden ihre östl. Gebiete China unterthan u. 848 vernichteten die Hakas (ein Kirgisenstamm) ihre Herrschaft im O. total. Die westl. Hoei-He, bald im Abendlande Turko- inanen genannt, dehnten sich bis zu den Ufern des Jaxartes, des Aralsees n. des Kaspischen Meeres aus u. treten als Oghusen u. Seldschuken in der Geschichte ans. Die Oghusen lagen in stetem Kriege mit Persien u. Arabien u. unterwarfen das ganze Land jenseits des Oxus (1018). Ihre Geschichte fällt bald darauf mit der der Seldschuken u. Osma- nen zusammen; jetzt residirte ihr Khan in Buchara. Der älteste Gottesdienst der Türken war ein roher Naturdienst, dem aber der Begriff eines unsichtbaren höchsten Wesens mit ihm untergeordneten guten u. bösen Geistern beigemischt war. Vielfach fand dann der Buddhismus Eingang, auch das Christeuthnm wurde bekannt. Die Seldschuken verehrten einen Gott, Kauk-Tangri. Oghusische Horden in der Landschaft Mawarennahar erhielten zuerst vom Islam im Anfänge des 10. Jahrh. Kenntniß. 960 n. Chr. nahm der Khan der Oghusen, Salue, mit 2000 Familien den Islam an, nannte sich Kara-Khan und freiwillig wie mit Waffengewalt wurden allmählich zahlreiche Türkenstämme dem Islam gewonnen. Der bedeutendste u. mächtigste Stamm war der der Seldschuken (s. d.). Zu Ende des 10. Jahrh. saß diese tapfere Horde unter Seldschuk bei Buchara; seine Nachfolger machten große Beutezüge und seit 1037 standen die Seldschuken in Persien gefürchtet da. Toghrulbeg wurde ihr erster König; siegreich drang er bis Jspahan vor u. verlegte 1051 hierher seine Residenz; die Khalifen erkannten seine Herrschaft über Asien 1057 an. Er hatte treffliche Nachfolger, aber 1192 brach das große Reich zusammen und dasjenige der Westseldschuken zerfiel seit 1322 immer mehr. An der Stelle der Seldschuken traten nun als Repräsentanten der Westtürken in Vorderasien die Osmanen auf. Unter dem seldschuk. Sultan Dschelal-ed-Din.von Kharesm(s.d.), welcher mit den Seinen längst Mohammedaner u. Gegner Dschin- gis Khans war, lebte der Emir Suleiman Schah in Khorasan, welcher sich, als sein Vaferland von den Mongolen überwältigt wurde, 1224 mit seinem Stamme nach Westen wendete u. sich bei Ersendschan u. Achlath (in Hocharmenien) festsetzte. Als er zurück in die Heimath wollte, ertrank er 1231 im Euphrat bei Dschaber, worauf sein Stamm sich zerstreute. Von seinen vier Söhnen kehrten zwei nach Khorasan zurück; die beiden anderen,Dundarn. Er- toghrul, fanden mit 400 Familien Aufnahme im Gebiet Alaeddins, des Seldschukensultans von Rum, wo ihnen Sitze an der westl. Grenze des Gebiets von Angora angewiesen wurden. Ertoghrul (st. 1288) focht für Alaeddin siegreich gegen die Mongolen und Byzantiner, worauf ihm Alaeddin beim ehemaligen Doryläon in Phrygien einen District (Sultan-Ogi) als erbliches Lehen gab, welcher der Stammsitz der osmanischen Macht in Kleinasien wurde; Residenz war Sögud. Ertoghruls ältester Sohn, Osman, nach welchem sein Stamm den Namen Osmanen erhielt, eroberte 1288 Karadschahissar, verlegte hierhin die Residenz, führte den Islam in der Landschaft Sultan - Ogi (Oeui) ein, befestigte hier in Ruhe seine Herrschaft, faßte 1299 auch jenseits des Tuma- nidsch Fuß u. machte sich von dem Sultan von Rum unabhängig, so wie beim Zerfall dieses Reiches zu Anfang des 14. Jahrh. die anderen osmanischen Lehnsfürstendesselben. Osmans Reich war die Landschaft um den Olympus; im O. begrenzten es der Sangaris, im W. der Olympus u. der nach S. fortlaufende Arm des Tumanidsch, der Murad-Tagh; im S. war Karadschahissar, im N. Jenischehr Grenzpunkt. Seine besten Genossen machte Osman zu Statthaltern der Hauptstädte n. Burgen; er nahm seinen Sitz in Jenischehr, tödtete seinen Oheim Din- dar bei der Einnahme von KLprihissar, verheerte Bithynien, setzte seine Kriege gegen Byzanz bis 1307 fort, bedrohte Brussa immer mehr u. eroberte 1308 die Inseln Kalolimne u. Chios. Umsonst suchte der byzantinische Kaiser Andronikos bei dem Mongolenkhan Hilfe, Osman verheerte die Inseln Kleinasiens u. nahm alle griechischen Schlösser bis znm Schwarzen Meere. Einen Einfall der Tataren au der Süd- grcnze des Reiches schlug sein Sohn Urkhan (Orkhan) 587 Türkisches Reich (Gesch.). 1317 zurück. 1326 eroberte Urkhan Edreuos und Brussa, wo er nach Osmans Tode 1326 seine Residenz nahm. Er eroberte 1327-Semendria, Aldos und Nikomedia mit der Küste des dortigen Meerbusens. Überall entstanden Moscheen u. Bethäuser u. in Nikomedia eine öffentliche Lehranstalt des Islam. Urkhan eroberte 1330 Nikäa, gründete dort mehrere Moscheen n. Unterrichtsanstalten, eine Hochschule, an der bald glänzende Lehrer standen, u. sein ältester Sohn Suleiman Pascha, Statthalter von Kodscha- Jli, eroberte den nördl. Landstrich Bithyniens jenseits des Sangaris 1333; bis 1340 war ganz Bi- thynien genommen. Bis dahin hatten die 10 Tür- kenstämme Kleinasiens in Frieden mit Osmans Dynastie gelebt, von jetzt an aber verschonte Urkhan auch die Stammgenossen nicht mehr. Die zwei Söhne des Fürsten von Karasi (dem alten Mysien) stritten damals um die Herrschaft. Der jüngere erkaufte den Beistand Urkhans durch Abtretung mehrerer Städte, wurde aber von dem älteren vor Ber- gama ermordet u. nun eroberte Urkhan 1335 Ber- gama u. verleibte Karasi seinem Reiche ein. Zuerst von allen Sultanen organisirte Urkhan seine Lande, suchte Einheit in die Administration zu bringen und theilte das Reich in 2 Sandschaks (Militärdistricte), Sultan-Oeni u. Kodscha-Jli; ein drittes Sandschak kam bald hinzu, Chudawenkiar. Staatsverfassung n. «Verwaltung fußten auf dem Koran, dem sich aber ein besonderes Staatsrecht (Kamm) anreihte. Ur- khans großer Bruder, Alaeddin, schuf dasselbe, zum ersten Male mit der Würde des Vezirs bekleidet. Eigene Münzstätten wurden jetzt angelegt 1328, eine einfache Kleiderordnung erlassen u. das Heer orga- nisirt; so kamen die Janitscharen auf, das neue Fußvolk. Auch das unregelmäßige Fußvolk, die Asab, wurden organisirt. Als besoldete Reiterei entstanden die Sipahi n. Silihdare, als eigenthümliche Lehensreiterei die Mosselliman — so war die osmanischc Herrschaft in Vorderasien durch Truppen gesichert. Urkhan schloß 1333 Frieden mit den Byzantinern u. erneuerte denselben 1341, nachdem eine Landung der Türken in Europa 1337 von den Griechen zurück- geschlagen worden war u. sie viele Beutezüge nach Europa gemacht hatten. Unter dem Kaiser Johannes Kantakuzenos fand eine genaue Verbindung zwischen Byzantinern u. Türken statt u. um dieses Bündniß noch mehr zu befestigen, vermählte Kantakuzenos 1346 eine seiner Töchter mit dem alten Urkhan. Daneben liefen aber türkische Beutezüge ins Byzantinische nach wie vorher und Urkhan wie sein Sohn Suleiman sannen auf die Eroberung dieses Reiches. Urkhan verband sich 1353 mit den Gennesern gegen die Venetianer. Als Johannes Kantakuzenos mit seinem Mitkaiser Johannes Pa- läologos um die Alleinherrschaft stritt, verlangten Beide den Beistand Urkhans, dessen Sohn Suleiman dies benutzte, um 1356 im Europäischen Griechenland (in Tzynipe sTschini)) festen Fuß zn fassen. Urkhan sandte Kantakuzenos 10,000 Reiter zu Hilfe gegen Paläologos. Die Osmanen nahmen 1357 Gallipolis. Biele angesehene Türkensamilien wurden dort angesiedelt und der griechische Adel wie die Besatzungmeist nachAsien verpflanzt. Derthrakische Chersonnes mit der ganzen Küste fiel in türkische Ge- walk u. der reiche Handelsplatz Gallipolis galt für den Schlüssel zu Europa. 1358 st. der siegreiche Suleiman, der erste Osmanensürst, welcher in En- ropa (in Bulair) begraben wurde, u. 1359 Urkhan selbst. Ihm folgte sein jüngerer Sohn, Mur ad I., Ghasi (Sieger im heil. Kampfe). Nachdem er den Fürsten von Karaman gezwungen hatte, ihm An- kyra (Angora) abzntreten, ging er 1361 nach Europa über und eroberte Demotika, Adrianopel und Philippopel, so wie das ganze Land bis znm Hämus. Nun schloß er Frieden mit dem byzantinischen Kaiser, während sich die Fürsten von Ungarn, Serbien, Bosnien und der Walachei gegen ihn verbündeten. Diese drangen 1363 bis znr Maritza, zwei Tagemärsche von Adrianopel, vor, wurden aber von den Türken geschlagen. 1365 kam die Thogra (s. d.) in Gebrauch. Nachdem Murad I. seine Residenz 1365 nach Adrianopel verlegt hatte, ließ er die Eroberungen am Schwarzen Meere u. in Thrakien fortsetzen u. bis Mösien u. Bulgarien ausdehnen. Murad selbst eroberte 1372Apollonia n. andere Küstenstädte nahe Constantinopel, durchzog Südthrakien u. Makedonien bis Seres erobernd, unterwarf zwei am Rhodope u. Wardar herrschende Fürsten 1374 seiner Herrschaft, wandte sich 1375 gegen Lazar von Ser- bien u. den Bnlgarenkönig Sisman, besiegte Lazar, eroberte Nissa und machte im Frieden 1375 beide Fürsten zu seinen tributpflichtigen Lehnsleuten. Der große Sultan organisirte nun seine Herrschaft in beiden Erdtheilen; er entwickelte das Heerwesen rc. Durch die Vermählung seines Sohnes Bajesid mit der Prinzessin von Kermian erwarb dieser den größten Theil von Kermian. Darauf kaufte Murad dem Fürsten von Hamid den Landstrich zwischen Kermian u. der türk. Grenze ab n. eroberte 1382 durch seine Feldherrn die Städte am Rhodopegebirge und Axios, sowie Sophia jenseit des Hämus. Der byzantinische Kaiser Johann V. erklärte sich 1379 zn seinem Vasallen. Einem Anschläge des byzantinischen Prinzen Manuel auf Seres zuvorkommend, nahm der Bezir Chaireddin Pascha 1385 Saloniki ein. 1386 von dem Fürsten Ali-Beg von Karaman angegriffen, setzte Murad nach Asien über, schlug Ali-Beg in der Ebene von Koma, eroberte Koma u. führte die in dieser Schlacht beobachtete Schlachtordnung für künftig gesetzlich ein. Als 1387 die über ihre Abhängigkeit erbosten Bulgaren u. Seltner die Türken in Bosnien besiegt hatten, schickte Murad den neuen Großvezir Ali Pascha mit einem Heere nach Europa, welcher die Bulgarei eroberte, die zum T. R. geschlagen wurde. Der König Lazar von Serbien wurde 15. Juni 1389 bei Kossowa ans dem Amselfeld von Murad geschlagen, aber der Sultan selbst blieb, von einem Serbier erstochen. Durch diesen Sieg, den ersten der Osmanen in offenem Felde in Europa, endigten die Türken die Selbständigkeit der slawischen Donanländer u. unterwarfen sich dieselben. Murads I. Sohn Bajesid I. (Bajazed), Jildi- rim (d. i. der Blitz) folgte n. ermordete seinen Bruder Jaknb, um des Thrones sicher zu sein — solche Greuel wurden mit der Zeit Brauch im Hause Osmans. Er gab dem Sohne des Königs Lazar von Serbien, Stephan, einen Theil seines Landes gegen Tributzahlung ».StellungvonHilfstrnppenzurück, dann half er dem byzantinischen Prinzen Androni- kos 1390 seinen Vater, Len KaiscrJohann, entthronen, bald aber leistete er diesem wieder Beistand ge- 588 Türkisches Reich (Gesch.). gen Andronikos, wofür der Kaiser ihm einen jährlichen Tribut zahlen und 12,000 M. Hilfstruppen stellen mußte. Das Schicksal des Byzantinischen Reiches lag ganz in seiner Hand n. er eroberte auch Philadelphia, die letzte Stadt der Byzantiner in Wen. Bajesid stellte Gallipolis wieder als starken Punkt her. Er verheerte Chios, Euböa, Attika u. nach dem Tode des Kaisers Johann Paläologus 1391 das byzant. Gebiet bis Constantinopel u. belagerte diese Stadt von 1391 an 10 Jahre lang. Während dessen streifte ein anderes türk. Heer in der Walachei, Bosnien u. Ungarn n. zwang den Fürsten der Walachei, Myrtsche, zur Unterwerfung; sein Land wurde zinspflichtige Provinz. Ebenso wurde ganz Bulgarien dem T. R. einverleibt. König Sigismund von Ungarn ging den Türken 1392 bis in die Bnlgarei entgegen, siegte zwar anfangs, wurde aber bald znm Rückzüge gezwungen. Der ganze Küstenstrich am Schwarzen Meere, der byzantinisch gewesen, n. das letzte Stück der makedonischen Küste wurden bis 1394 erobert u. einverleibt. 1391 vereinigte der Sultan einen Theil des asiatischen Fürstenthums Aidin mit dem T. R.; der noch selbständige Theil der WKüste Klcinafiens erfuhr gleiches Geschick. Den wieder vordringenden Ali-Geg, Fürsten von Karaman, unterwarf Bajesid, nahm ihm 1391 zum Theil sein Land, zog, als Jener seinen Oberseldherrn Timnrtasch in Angora überfallen, 1392 wieder gegen ihn, schlug ihn bei Aktschai total u. vereinigte Karaman mit dem T. R.; 1392 unterwarf er den Landstrich zwischen Cäsarea n. Siwas. Auch den letzten selbständigen SelLschnkeusllrstcn in Kleinasien, Kötürüm Bajesid von Kastcmnni, schlug er 1393 u. verleibte sein Land ein. König Sigismund von Ungarn, verbündet mit den Franzosen, wollte der osmanischen Macht in Europa einen Stoß versetzen, nahm mit 60,000M. 1396 Orsowa, Wid- din u. Rachowa und belagerte seit Sept. Nikopolis, aber der Sultan schlug ihn 28. Sept. 1396 vor dieser Stadt vernichtend u. streistc bis Steiermark; seine Truppen verheerten den Landstrich zwischen Donau, Sau u. Drau, Bosnien, Syrmien u. Slawonien; in der Walachei dagegen leistete ihnen Fürst Myrtsche erfolgreich Widerstand. Darauf eroberte Timnrtasch alles Land vom Halys bis zum Euphrat, Bajesid selbst aber drang 1396 in Thessalien ein, besetzte die wichtigsten Städte, erschien in Griechenland, eroberte es von den Thermopylen bis znm Isthmus von Korinth u. übertrug die Überwältigung des Peloponnes seinen Feldherren Jaknb Pascha u. Ewrenos- Beg 1397, welche die Bewohner als Sklaven nach Asien verpflanzten, dagegen das Land mitTurkoma- nen u. Bulgaren neu besetzten. 1400 drang Timur, der Mongolenkhan, gegen Bajesid, welcher die Gebiete Siwas und Ersendschan, dessen Fürst Timurs Lehnsmann war, überwältigt u. Timurs Gesandte beleidigt hatte, bis znm Euphrat vor und eroberte Siwas (Sebastc) wieder. Bajesid hob die Belagerung von Constantinopel eiligst auf u. rückte Timur, welcher bereits Siwas, Malatia, Behesna, Aleppo, Balbek, Damaskus u. Bagdad überwältigt und im Spätjahr 1401 bei Karabagh Winterquartiere bezogen hatte, entgegen. Erst 20. Juli 1402 trafen Bajesid u. Timur bei Angora zur Völkerschlacht zusammen: Bajesid unterlag u. wurde gefangen. Von seinen 5 Söhnen retteten sich 3, Suleiman, Mohammed n. Jsa; Musa gerieth mit dem Vater in Gefangenschaft und der 12jährige Mustapha verscholl im Getümmel. Timur behandelte den gefangenen Sultan mit Ächtung u. ließ ihn erst nach einem Fluchtversuche in einer vergitterten Rohrsänfte von Lager zu Lager führen (daraus entstand die Sage von dem eisernen Käfig). Sich aufreibend, st. Bajesid I. zu Akschehr 8. März 1403 in der Gefangenschaft. Unter ihm herrschten Luxus und wildeste Schwelgerei. Grauenhaft hausten die Mongolen in Kleinasien. Timur aber kehrte nach dem O. zurück, während Ba- jesids 4 Söhne in wilden Fehden um die Herrschaft des T.R. rangen. Suleiman I., der älteste, hatte von Timur die europäischen Länder mit der Residenz Adrianopel erhalten; Jsa u. Mohammed bestritten sich die asiatischen Länder, Jsa residirte in Brnssa, Mohammed zuAmasia. Da Mohammed seincMacht in Asien ansdehntc, so daß er seinem Bruder Jsa verdächtig wurde, zog dieser ihm entgegen, wurde geschlagen (beilllnbad) u. floh. Mohammed zog als Sieger in Brnssa ein, Jsa fand ein klägliches Ende. Suleiman mißgönnte Mohammed den Sieg, ging mit seinem Großvezir Ali Pascha 1404 nach Asien u.croberteBrnssa,Angorau. vielesGebiet. Mohammed vertheidigtc sich und unterstützte seinen Bruder Musa, welcher 1406 nach Europa überging u. sich großer Strecken bemächtigte. Aber Suleiman kehrte nach Europa zurück u. gewann 1406 Lurch den Sieg bei Tonstantinopel wieder dis Oberhand. Ganz entnervt, verlor er den größten Theil seiner asiatischen Gebiete rasch an Mohammed, der nun in Brnssa residirte. 1408 verhandelte Venedig mitSnleiman um Frieden u. zahlte jährlich l600Ducaten Tribut für den ruhigen Besitz seines griechischen u. albanischen Gebietes. Mnsa rüstete fortwährend, um Suleiman zu stürzen; 1410 gelang es ihm, denselben zu überfallen n. Adrianopel zu nehmen, Suleiman wurde ans der Flucht von Bauern ermordet. Musa, nun Herrscher des Osmancnreichs in Europa, ein D-s- pot vom reinsten Wasser, verheerte Serbien, eroberte Thessalonich und viele makedonische und thessalische Städte wieder, forderte von dem byzantinischen Kaiser Emanncl Tribut, belagerte, da Emannel zu Mohammed hielt, 1410 Constantinopel n. schlug seinen zum Entsätze herbcieilenden Bruder Mohammed, ebenso 1412. Mohammed aber siegte 1413, mit den Serbiern verbündet, in der Ebene von Tscha- murli. Da Mnsa auf der Flucht auf Mohammeds Befehl erdrosselt worden, vereinigte Mo h am med l. wieder das ganze Osmanische Reich, der wahre Wiederhersteller der Monarchie, ein Manu mit Regen- lentugendeu u. kluger Politiker. Er gab dem byzantinischen Kaiser Emannel Thessalien u. den Peloponnes nebst den festen Plätzen am Schwarzen Meere u. der Propontis zurück, belohnte den Serbenkönig mit einem Landstriche, erneuerte 1413 mit den Vcnetia- nern den Vertrag und ging nach Asien über, wo er bis 1415 den Empörer Dschuneid, Fürsten von Smyrna, unterwarf, Smyrna eroberte u. das empörte Karaman zum Gehorsam brachte. Seine gegen den Herzog von Naxos, Jakob Crispo, n. den Herrn von Andros, Pietro Zeno, gerüstete Flotte stieß mit der venetianischen zusammen u. wurde 29.Mai 1416 bei Gallipolis völlig geschlagen, jedoch im Juli 1416 der Friede mit Venedig rueuert. 1416 verheerten die Osmanen die Walachei u. zwangen den Fürsten j 589 Türkisches Reich (Gcsch.). wieder zum Tribute. Darauf ließ Mohammed Einfälle in Ungarn, Bosnien und Steiermark machen, doch wurden die Türken bei der Belagerung von Radkersburg 1418 von den Deutschen unter Österreichs Führung n. I4.Oct. 1419 vom König Sigismund zwischen Nissa u. Nikopolis geschlagen. Mohammed I. st. 1421; seine Vezire verheimlichten seinen Tod 40 Tage lang, bis seinSohnMuradll. ans Asien ankäm u. die Herrschaft übernahm. Jetzt erschien ein Mensch, der sich für den verschollenen Mustapha, Sohn Bajesids I. (s. oben), ausgab n., von dem Empörer Dschnne'ld von Smyrna u. dem byzant. Kaiser Johannes beralhen, den Thron in Anspruch nahm, vor Gallipolis zog und Adrianopel in Besitz nahm, worauf Gallipolis capitulirte. Mustapha setzte nach Asien über, erlitt jedoch bei Ulubad eine Niederlage u. mußte, von seinen Anhängern u. vonDschunetd verlassen, nach Europa fliehen; Mu- rad II. erzwang den Eintritt in Gallipolis und zog als Sieger in Adrianopel ein. Mustapha fiel in Mu- rads Hände, welcher ihn 1422 hängen ließ u. seinen Sitz in Adrianopel nahm. Mnrad bewilligte den ihm hilfreich gewesenen Genuesen große Handelsvorrechte u. belagerte im Juni 1422 Constantino- pel, um den byzant. Kaiser zu bestrasen, unternahm 24.Aug. einen Sturm, mußte aber 6. Sept. die Belagerung aushebcn, da auf Betrieb des Kaisers Ema- nuel in Kleinasien sein junger Bruder Mustapha gegen Mnrad aufgestanden war. Mnrad setzte nach Asien über, drang in Nikäa ein u. ließ den Bruder erdrosseln. Während Mnrad 1423 den Fürsten von Sinopeu.Kastemuni.Jsfendiar, bekriegte u. beugte, unterwarfen seine Feldherren den Peloponnes und Albanien. 1424 schloß Mnrad Frieden mit demKai- ser Johannes, erhielt von ihm fast alle Städte am Schwarzen Meere n. am Strymon und machte ihn zum Vasallen u. Tributär. Mit Ungarn schloß Mnrad 2jährigen Waffenstillstand. Die Serbier u. Walachen hielt er im Zaume. Dschuneid, der sich in Asien abermals erhob, 1425, ward endlich überwältigt u. mit seiner Familie hingerichtet. Wiederholte Kriege mit dem Fürsten von Karaman endeten mit dem Frieden von 1432, doch nur vorübergehend. 1425 wurde Mentesche in Kleinasieu u. 1427 Ker- mian dem T. R. cinverleibt. 1427 brach wieder der Krieg mitSerbien, welches tributbar gemacht wurde, u. init Ungarn wegen Galambotz aus, welches König Sigismund nach einer Niederlage an den Sultan verlor. 1430 eroberte Mnrad Saloniki von den ihm seit lange verfeindeten Venetianern n. ließ die Bevölkerungtheils niederhanen, theils gefangen fort- führen. DieVenetianer unter Morosini eroberten u. schleiften dagegen ein Dardanellenschloß u. 4. Sept. 1430 wurde der Friede erneuert. Janina u. Umgegend fielen 1431 in Murads Besitz und der Fürst von Epirus u. Akarnanien zahlte jährlichen Tribut. Ein Feldzug nach Siebenbürgen 1432 scheiterte. 1434 zog Mnrad gegen denDespoten vonSerbien, doch versöhnte ihn dieser durch Geschenke u. gab ihm seine Tochter zur Ehe. 1437 überfielen die Türken Siebenbürgen, eroberten 1438 nach langer Belagerung Semendria und schlugen ein ungarisches Heer, welches zum Entsätze heranrückte. Fast ganz Serbien fiel in Murads Gewalt u. Bosnien erkaufte den Frieden von ihm. Seit 1440 trat den bis jetzt in Ungarn siegreichen Türken Johann Hunyades entgegen. Mnrad belagerte 1440 Belgrad 7 Monate nutzlos u. ward 1441 bei Hermannstadt n. 1442 bei Vasag glänzend geschlagen. 1443 eröffnete Hunyades mit Unterstützung deutscher Kreuzfahrer n. des Papstes den sogen. Langen Feldzug, in welchem er binnen 5Monaten 5 Hauptschlachten (z. B. bei Nissa з. Nov.) gewann und mehrere türk. Feldherren gefangen nahm. Die Pässe des Hämus wurden erstürmt, die wichtigsten Plätze der Bulgarei erobert и. nach der letzten Hauptschlacht bei Knnowiza (Ja- lowacz), 24. Dec. 1443, der Rückzug nach Bnda angetreten. Da Mnrad wieder mit dem Fürsten von Karaman zu ringen hatte u. ihm Epirus nnterSkan- derbeg zu schaffen machte, schloß er 13. Juni 1444 mit Ungarn u. dessen Bundesgenossen auf 10 Jahre den Frieden zu Szegedin; er behielt Bulgarien, gab Serbien u. die Herzegowina an Georg Brankowitsch zurück, der die Hälfte der Einkünfte dem Sultan geben mußte, trat die Oberherrschaft über die Walachei an Ungarn,ab, behielt aber das Tributrecht in der Walachei. Über seine Unfälle gebeugt, eilte Mnrad nach Asien, brachte den Fürsten von Karaman zur Unterwerfung, legte 1444 die Regierung nieder u. ernannte seinen noch minderjährigen Sohn Mohammed II., unter Aufsicht der Vezire, zum Sultan. Als aber König Wladislaw von Ungarn, vom Cardinallegaten Juliano Cesarini aufgehetzt, den beschworenen Frieden brach u. Bulgarien überfiel, eilte Mnrad II. selbst aus Magnesia mit 40,000 M. über den Bosporus u. schlug die Ungarn 10. Nov. 1444 bei Varna gänzlich, wobei wieder die Jani- tscharcn entschieden, legte die Regierung zum zweiten Male nieder u. begab sich nach Magnesia. Doch schon 1445 nöthigte ihn ein Aufruhr der Jauitscharen, die Feuer an Adrianopel legten, die Regierung wieder zu übernehmen, welche er nun behielt. Febr. 1446 erneuerte er den Frieden mit Venedig, wendete sich dann gegen Griechenland, eroberte 1446 mehrere Städte, wie Theben, welches er dem Herzoge von Athen zuwies, erstürmte das Hexamilion Dec. 1446 u. nahmKorinrh; Kaiser-Johannes erhielt den Frieden gegenEinverleibung alles Landes vomJsthnius bis zum Pindns ins T. R.; der Peloponnes wurde als zinspflichtige Provinz behandelt u. mußte eine allgemeine Kopfsteuer zahlen. Von der gänzlichen Unterwerfung des Byzantinischen Reiches wurde Mnrad II. durch die Ungarn abgehalien, welche Johann Hunyades mit 24,000 Dt. abschickten, um die Niederlage bei Varna zu rächen. Mnrad II. schlug ihn 18.— 20. Oct. 1448 bei Kossowa, wo die Walachen zu den Türken übergingen. Ein gefährlicher Feind der Türken war Georg Castriota, genannt Skänderbeg, welcher seit 1443 in Epirus und dem Peloponnes mitGlück gegen sie focht; er nahm durch List 1443 Kroja, eroberte in nicht einem Monat ganz Albanien, besiegte mehrere türkische Heere, so 1444 Ali Pascha bei Kroja und 1447 bei Oronocho den Pascha Mustapha, welchen er selbst gefangen nahm. 1449 u. 1450 entriß ihm zwar Mnrad II. mehrere Festen, auch Sfetigrad, konnte aber Kroja nicht erobern und kehrte nach Adrianopel zurück, wo er 5. Febr. 1451 starb. Nun nahm sein SohnMoham- m edII. den Thron in Besitz, ließ seinen kleinen Bru- derAchmed umbringen u. bestätigte üenFrieden mit allen europäischen Fürsten, nm eure neueEmpörung in Karaman zu unterdrücken; dann kehrte er nach 590 Türkisches Reich (Gesch.). Europa zurück II. rüstete sich zur Überwältigung des Byzantinischen Reiches. Der Kaiser Constantin XlI. mußte zuseheu, wie Mohammed sogar ein Schloß auf der europäischen Seite des Bosporus erbaute u. so Herr der Meerenge wurde. 1452 begannen die Feindseligkeiten der Türken gegen alle außerhalb Constantinopel wohnenden Griechen, welche ermordet, mißhandelt oder gefangen wurden. Im April 1453 erschien Mohammed II. selbst vor Constantinopel mit 400,000 M. und schloß die Stadt von der Landscite ein, während an 400 Schiffe die Belagerung von der Secseite unterstützten. Um in den in- nern Hasen zu kommen, ließ Mohammed, gegen den Venedig, der Papst u. Genua unter Giustiniani Hilfe gesendet, 70 Schiffe 2 Stunden weit aufWalzen über Land um die Stadt ziehen und der von Giustiniani geplante Versuch der Byzantiner, Liese zu vernichten, mißlang. Als der Kaiser die Aufforderung zur Übergabe abgelehnt hatte, ließ der Sultan 28. Mai die Stadt stürmen u. eroberte sie, s. Byzantinisches Reich, S. 344. Mohammed II. begann schon 3 Tage nach der Einnahme u. schauerlichen Verwüstung die neue Einrichtung und zwangsweise Bevölkerung Constantin- opels auf osmanischem Fuße. 1454 begann er den Bau des alten Serail. Das byzantinisch-hellenische Element blieb sehr mächtig im Reiche. Er gestattete den Griechen die freie Ausübung ihres Gottesdienstes, gebot selbst die Ernennung eines griechischen Patriarchen u. ertheilte den griechischen Einwohnern durch Schntzbriefe bürgerliche Rechte. April 1454 erneuerte er den Frieden mit Venedig, dem er Handelsfreiheit im Reiche znsagte. 1454 überfiel er Serbien, eroberte Ostrowiza und verwüstete das Land. 1455 unternahm er, um eine Niederlage seines Feldherrn durch die Serbien u. Ungarn unter Hnnyades n. den Verlust Widdins zu rächen, einen zweiten Feldzug, eroberte im Juni Novoberda und wurde Herr SSerbiens. Seit 1456 führte er einen Seekrieg gegen die Johanniter auf Rhodos u. gegen Lesbos, Chios n. Kos, ohne aber viel auszurichteu. Im Juni 1456 belagerte er mit 150,000M. Belgrad u. sperrte gegen die Ungarn mit 200 Schissen die Donau. In- dessen hatte Papst Calixtus III. gegen die Türken einen Krcuzzug predigen lassen; eine zusammen- gelaufene Schaar unterJohann von Capistrano stieß zu Hnnyades, der mit ihr 14. Juli die türk. Flotte sprengte, Verstärkung nach Belgrad führte u. dessen Vertheidignng leitete. Am 21. Juli erstürmte Mohammed II. die äußere Stadt, wurde aber aus deren Besitz 22. Juli verdrängt und mußte mit dem Verlust alles Belagerungsgeschützes bis nach Sophia fliehen. 1458 unterjochte Mohammed gauzSerbien u. machte es zur Provinz. Mai 1458 zog er gegen Griechenland, eroberte fast ganz Achaja mitKorinth und 1460 Theben, Athen, Kalamata und Arkadia; die byzantinischen Despotate des Peloponnes und das fränkische Herzogthum Athen wurden osmanisch. Dagegen gewann aber Skanderbeg eine Reihe von Schlachten gegen türkische Heere, Mohammed II. sah sich genöthigt, selbst ihm Juni 1461 einen ehrenvollen Frieden auzubieten u. ihn als Herrn Albaniens anzuerkennen, — um nun gegen bas Kaiser« thnm Trapezunt zu ziehen, dessen Besitz ihm zur ungestörten Behauptung Kleinasiens u. der Herrschaft am Schwarzen Meere unentbehrlich war. Mohammed überfiel 1461 Amastris, die Hauptstadt der genuesischen Niederlassungen am Schwarzen Meere, darauf Sinope, welches er dem Turkomanenfürsten Jsmailbeg durch List entriß, und erschien vor Tra- pezunt. Der Kaiser David übergab gegen freien Abzug mit seinen Schätzen feige 1461 die Stadt; dennoch ließ der Sultan ihn mit seiner Familie hinrichten. Von jetzt an nannte Mohammed II. sich Herrscher zweier Erdtheile. 1462 besiegte er den Fürsten WladlV.Drakul von der Walachei, welcher den Tribut verweigerte, 25,000 Türken hatte umbringen lassen u. verheerend in die Bulgarin eingefallen war. 1462 überwältigte er Lesbos u. verleibte es ein. 1463 drang derSultan in Bosnien ein, erstürmte die Bergfeste BabicsaOcsak im Juni, machte die Bevölkerung zu Sklaven, nahm Jaicza; der Groß- vezir Mahmud Pascha besetzte Klincs, nahm König Stephan von Bosnien gefangen und ganz Bosnien wurde überwältigt, die Herzegowina tributpflichtig gemacht, die meisten Bergschlösser in Montenegro gestürmt u. der Wojwode nmgebracht; bis Kroatien und Steiermark hin verheerten die Osmanen. Bosnien wurde ganz osmanisirt, der Kern des Volkes in die Sklaverei geführt u. König Stephan gegen den Vertrag hingerichiet. DieÜngarn eroberten 1463 Theile Bosniens wieder, 1464 belagerte Mohammed umsonst das verlorene Jaicza, zwang aber die Ungarn im Novbr. zum Abzüge nach Syrmien. 1463 begann der Venetianische Krieg, welcher 16 Jahre lang zu Land u. Meer geführt wurde. Die Türken entsetzten Korinth u. eroberten Argos, während die Venetianer feige den Isthmus Preisgaben; bald darauf aber winden die Türken von Skanderbeg, dem Verbündeten Venedigs, mehrmals geschlagen und Mohammed II. griff vergebens Kroja an, bis Skanderbegs Tod 1467 ihn von diesem Feinde befreite. 1466 unterjochte der Sultan auch Kara- man u. Konia, fiel 1469 in Slawonien, Steiermark u.Kram ein u. drang bis Cilly vor, dagegen verlor er Aenos, Phokäa u. die Inseln Jmbros u. Lemnos an die Venelianer. Dies zu rächen, zog er mit 2 Heeren und 300 Schiffen gegen Negroponte; aber hier verlor er binnen 17 Tagen in 5 Stürmen 50,000 M., ehe 12. Juli 1470 die Stadt und einige Tage darnach das Castell fiel. 1470 war unter Usnuhasan, Fürsten der Turkomanen vom weißen Hammel, der sich bis Vorderasien hin des Landes bemächtigt hatte, die ganze Bevölkerung gegen die Türken anfgestan- den. Usnuhasan fiel in Karaman ein und zerstörte Tokat. Nach wechselndemKriegsglllcke erlitt 26. Juli 1473 Usnuhasan bei Terdschan von dem Sultan selbst eine Niederlage. Mnstapha, Mohammeds Sohn, zum Statthalter von Karaman ernannt, eroberte mehrere Festungen, starb aber noch vor dem Ausgange des Krieges. Sein jüngerer Bruder Dschem, nun Statthalter, unterjochte 1475 Karaman ganz. Um gegen N. gesichert zu sein, erbauten die Türken die Festung Sabacz an der Save u. von 1470—80 machten alljährlich türkische Reiterschaaren Streifzüge in Kroatien, Slawonien, Ärain, Kärnthen u. Steiermark, ohne daß der Kaiser Friedrich III. Vorkehrungen dagegen traf. Hingegen nahm König Matthias 1475 Sabacz weg ».verheerte die Gebiete an derDonan; 1476 siegte er beiSemendria. 1474 belagerten die Türken umsonst Skutari, 1475 wurde im Kriege gegen die Moldau wegen verweigerten 591 Türkisches Reich (Gesch.). Tributs das 120,000 Mann starke Heer der Türken am See Rakowyecz, 17. Januar, von dem Fürsten Stephan völlig aufgerieben, der auch Kilia nahm. Am 1. Juni 1475 erschien Mohammeds Flotte mit 40,000 Mann vor Kassa, dem Hauptstapelplatz der Genueser für ihren levantinischen, persischen n. indischen Handel, u. schon am fünften Tage ergab sich die Stadt. Gleich darauf fielen auch Menknb, Asow (Tana) u. andere Festen. Der levantische Handel der Genuesen war hierdurch vernichtet u. der Khan der Krim mußte dem Sultan als Lehnsmann huldigen. Nun ließ Mohammed Akkjerman einnehmen, dann brach er selbst in die Moldau ein u. besiegte 26. Juli 1476 den Fürsten Stephan im Weißen Thale. Nach fruchtlosen Friedensverhandlungen begannen die Feindseligkeiten gegenBenedig 1477 mit neuer Energie und Mohammed ließ Lepanto, Skutari n. Kroja belagern. Nach Krojas Capitulation (Juni 1478) zwang er selbst Skutari endlich zur Übergabe, worauf 26. Jan. 1479 zu Constantinopel der Friede mit Venedig geschlossen wurde. Venedig erhielt alle Besitzungen in Albanien, Morea u. Dalmatien, außer Kroja, Skutari, Leinnos, Negroponte u. der Maina zurück, gab aber die eroberten Plätze heraus u. zahlte einen Theil der alten streitigen Schuld: sein Levantehandel war gerettet. 1479 zog ein türk. Heer nach Ungarn, ein anderes verheerend nach Siebenbürgen; letzteres wurde 13.Oct.1479 bei Szasz-Varos vom Grafen Panl Kinis von Temesvar u. Stephan Ba- thory gänzlich geschlagen. Noch eroberte Mohammed II. Zante, Santa Manra n. Kephalonia u. Lachte an eine Expedition nach Italien. Die Osmanen landeten in Apulien, 26. Juli 1480 fiel Otranto, 10. Sept. 1481 mußte aber die türkische Besatzung dort capituliren. Nun war die Expedition der Osmanen in Italien zu Ende. 1480 unternahm Mohammed II. einenFeldzng gegendieJohanniterritteraufRhodos, mußte aber nach 3 Monaten zurück. Mohammed II. st. 3. Mai 1481, als Eroberer n. Verwalter gleich groß. Ihm folgte sein Sohn Bajesid II. Gleich nach feiner Thronbesteigung, beider dieJanitscharen sich erhoben, mußte ergegenseinenjüngerenBrnderDschem, Statthalter von Karaman, ins Feld, welcher ihm in Kleinasien den Thron streitig machte und in Brnssa einzog. Auf DschemsVorschlag einer Rcichstheilung ging Bajesid nicht ein. Bei Jenischehr 20. Juli 1481 geschlagen, floh Dschcm nach Ägypten, verschwor sich 1482 mit dem verjagten Fürsten von Karaman, wurde bei Koma von Bajesid geschlagen u. floh nach Kilikien, begab sich dann nach Rhodus als Schützling des Johanniter-Ordens; für seine Bewachung zahlte Bajesid jährlich 45,000 Ducaten. 1488audenPapstausgeliefert, wurdeDschem infolge einer Übereinkunft mit Bajesid von Alexander VI. Febr.1495vergistet.Der schwacheBajesid schloß 1483 mit Ungarn Waffenruhe. 1484 nahm er Kilia u. Ak- jerman. Mit dem Gründer des nenpersischen Reiches, Schah Ismail, der auch das Haupt der neuen Secte der Ssoffi war, kam er wiederholt in Streit; die Unruhen der Secte legte er bei. Mit dem Sultan von Ägypten, der stets die aufrührerischen Karama- nier n. Dschem unterstützt u. bis 1485 einen Theil von Kleinarmenien erobert hatte, kämpfte er auch ohne Glück u. mußte ihm im Frieden 1491 einige .eroberte Schlösser belassen. Raubzüge gegen Albanien u. zugleich Steiermark, Kärnten, Krain, Siebenbürgen n. Kroatien endeten mit einer Niederlage der Räuber bei Villach 1492 u. unter Paul Kinis schlugen die Ungarn 1492 die Türken am Rothen- ThurmPasse.AbereintllrkischesHeerüberschwemmte im Sept. 1493 Kroatien u. 9. Sept. fiel die Blüthe des kroatischen Adels am Weißen Berge; 1494 verfolgte Kinis die Osmanen bis unter die Mauern von Semendria u. machte enorme Beute. Während 1495 ein Waffenstillstand mit Ungarn auf 3 Jahre zu Stande kam, fielen die Türken 1496 u. 98 in Bosnien, Friaul und Dalmatien ein. 1490 u. 93 hatte Bajesid Friedensverträge mitPolengeschlossen, nach deren Ablauf König Johann Albrecht von Polen 1496 die Moldau wieder zu erobern suchte; die Türken drängten ihn hinaus, fielen 1497 in Polen ein, hausten grauenhaft, doch raffte sie der Winter zu Tausenden hin. Gereizt vom Papst und den mit ihm alliirten Mächten Italiens, begann Bajesid 1499 den Krieg gegen Venedig, 28. Juli erfocht seine Flotte den Sieg bei Sapienza, eroberte 26. Aug. Lepanto u. ein türk. Heer streifte nach Dalmatien, Friaul und Kärmen. Die Venetianer eroberten Kephalonia, die Türken aber Modon, Na- varin u. Koron Aug. 1500. Nachdem die Venetianer Aug. 1502 Sla. Manra genommen hatten, wurde 14. Dec. 1502 Friede geschlossen: Venedig behielt Kephalonia, gab aber Sta. Manra zurück; Bajesid behielt seine Eroberungen von 1500. Mit Ungarn kam der Friede erst 20. Aug. 1503 zu Wege u. wurde 1510 verlängert. 1506 erhielt Bajesid von Venedig Alessio in Albanien. 1509 verheerte ein ensetzliches Erdbeben das ganze Reich, halb Con- stantiiiopel fiel ein. Die letzten Regicrungsjahre Bajesids wurden durch die Kriege seiner Söhne um die Erbfolge beunruhigt, bis endlich Selim, der 3. Sohn Bajesids, von Len Janitscharen nach Con- stantiiiopel berufen u. zum rechtmäßigen Thronerben erklärt wurde. Bajesid II. wurde von den Janitscharen 25. April 1512 zur 'Niederlegung der Negierung gezwungen u. st. an Selims Gift 26. Mai 1512 auf dem Wege nach seinem Verbannungsorte Demotika. Selim I., der Henker, ließ sogleich die Söhne seiner Brüdern, diese selbst, nachdem er sie im Felde besiegt, ermorden. Murad,ein Sohn Achmeds, floh nach Persien zum Schah Ismail, dem Verfechter des Schiitenthums. Selim ließ eine Verfolgung der Schiiten in seinem Reiche anstelle» u. 1514 an 40,000 derselben hinrichtcn u. da der Schah die Sunniten verfolgte u. ins Osmanische Reich einfiel, zog Selim gegen ihn n. schlug ihn 23. Aug. 1514 bei Dschaldiran. Selim I. eroberte Tebris, 1515 Knmach, verleibte die Landschaft Snlkader seinem Reiche ein u. seine Feldherren vollendeten die Eroberung von NMesopotamien, welches zum Reiche geschlagen wurde. Selim traf eine neue Heereintheil- ung, vermehrte die Seemacht und verminderte die Zahl der Janitscharen bis auf 12,000. 1516 griff er Ägypten an, weil der dortige Sultan, Kanssn Gawri, Ismail von Persien unterstützt hatte; durch den Sieg von Aleppo (Haleb), 24. Aug. 1516 gewann er Aleppo, Palästina mit Jerusalem u. ganz Syrien u. verleibte dies Land dem T. R. ein. Als Tumanbeg, der neue Sultan von Ägypten, die Anerkennung der türkischen Oberherrschaft verweigerte, 592 Türkisches Reich (Gesch.). schlug ihn Selim 22. Jan. 1517 bei Radauia, zog in Kairo ein, fing endlich Tumanbeg, den er 13. April hinrichten ließ, u. verleibte Ägypten ebenfalls seinem Reiche ein, sowie er auch Mekka n. Medina unterwarf;, zugleich nahm er den Namen Khalif an, welchen die ägyptischen Sultane bis dahin gesiihrt hatten. Mit den Ungarn kam es zu wiederholten Händeln wegen Streifzügen. Ein Kreuzzug gegen Selim fiel 1514 in die Brüche. 1518 dämpfte er den Aufruhr des Schwärmers Dschelali in Asien. Selim st., im Begriff einen Zug gegen Rhodus zu unter- nehmen, 21. Sept. 1520, ein Tyrann wildester Art, ein großer Krieger, dabei hochgebildet. Ihm folgte sein einziger Sohn Suleiman l. der Große od. der Prächtige, der größte Fürst der Türkei. Ein Aufruhr des Statthalters in Syrien, Ghasali, wurde durchdieSchlacht bei Aleppo ö.Febr. 1521 gedämpft, Ghasali getödtet. Im Kriege gegen Ungarn wurde Sabacz 8. Juli, daun Semlin, viele fyrmischeOrte, 29. Aug. 1521 Belgrad geuommen. Am 24. Juni 1522 ankerte die türk. Flotte vor Rhodos u. 28. Juli erschien derSnltan mit100,000 Mann; nach mehreren glücklich abgewiesenen Stürmen der Türken ergab sich Rhodos 21. Dcc. Darauf wurden noch Leros, Kos, Kalmino, Nisyros, Tclos, Chalke, Limouia und Syme eingenommen. Der aufrührerische Achmed Pascha in Ägypten wurde 1525 besiegt u. ein Aufruhr der Janitscharen mit eiserner Strenge niedergedrückt. 1522 eroberten die Türken Ostrowicza u. Skardona, wurden aber bei Kuinu.Krupagelchlagen;1524erlittensieinSyrmien eine herbe Niederlage u. mußten sich 1525 von der Belagerung Jaiczas mit großem Verlust zurllckziehen. Der Großvezir Ibrahim Pascha erstürmte dagegen 15. — 27. Juli 1526 Peterwardcin, Jllok fiel, die Dran wurde überschritten u. Suleimau schlug das ungarische Heer 29. Aug. 1526 bei Mohacz völlig; hierauf sielen Ofen (10. Sept.), Maroth u. andere Städte in türkische Hände; 17. Sept. trat Suleiman den Rückzug an, ohne Besatzungen dort zu lassen. Als 1529 Joh. Zapolya, Fürst von Siebenbürgen, n. König Ferdinand sich um die Krone Ungarns stritten, zog Suleiman Elfterem unter der Bedingung, daß Ungarn der Pforte lehnbar würde, zu Hilfe nach Ungarn, nachdem 1528 Jaicza in Bosnien u. viele feste Plätze in Bosnien, Kroatien, Dalmatien n. Slawonien gefallen waren. Ofen wurde 8. Sept. übergeben u. Johann Zapolya 14. Sept. als Lehnkönig von Ungarn eingesetzt. Dann brach Sulci- man gegen Österreich auf u. begann 27. Sept. die Belagerung von Wien. Das türk. Heer zählte über 240,000 Mann u. führte 22,000 Kameele, 800 Donauschiffe u. 300 Stück schweres u. leichtes Geschütz bei sich. Als aber am 9., 11., 12. u. l4.Oct. von der nur 22,000 Maun zählenden Besatzung die Stürme abgeschlagen worden, hob Suleiman 15. Oct. die Belagerung auf n. trat mit seinem um die Hälfte geschmolzenen Heere den Rückzug an. Trotz dieses Unfalles wies er Ferdinands erneuerte Friedensanträge zurück, da er den König Joh. Zapolya nicht aufgeben wollte u. von Frankreich gegen Österreich ausgereizt wurde; er unternahm vielmehr 1532 einen neuen Feldzug gegen Ferdinand. Unterwegs wurden viele seste Schlösser erobert, aber in Günz wehrte sich Nikolaus Jurischitsch mit 700 Mann 3 Wochen lang bis 28. Aug. tapfer, wodurch Kaiser- Karl V. u. Ferdinand Zeit gewannen, Verstärkungen an sich zu ziehen und die erneuerte Belagerung von Wien, den Hauptzweck des Feldzugs, zu vereiteln. Nur Steiermark wurde ausgeplündert, hierbei aber 16,000 Mann leichter Reiterei der Türken aufgericben u. Graz vergeblich von Suleiman be- rannt, worauf er nach Ungarn zurückging. Koron in Morea wurde 19. Sept. 1532 von dem kaiserl. Admiral Andreas Doria erobert, Patras und die Felsenschlösser bei Lepanto genommen, überall warfen sich die Griechen ans die Türken u. Doria verwüstete die Küsten von Sikyon u. Korinth. In dem 23. Juni 1533 geschlossenen Frieden behielt König Ferdinand nur den von den Türken noch nicht eroberten Thcil von Ungarn u. 8. Ang. nahmen die Osmanen Koron wieder. Der Schutz, welchen der Schah Thamasp einem abgefalleneu türk. Statthalter gewährte, bot zu einem neuen Zug gegen Persien Vorwand. Schon 15. Juli 1534 eroberte der Großvezir Ibrahim Pascha die Hauptstadt Tebris; Suleimau besetzte Ende December Bagdad. Jan. 1536 schloß er ein Freundschastsbündniß mir Frankreich. Unter Suleiman hob sich die osmanische Seemacht, ein Venetianer leitete den Schiffbau, der kühne Seeräuber Haireddin Barbarossa wurde Großadmiral der Flotte. Derselbe nahm 1534 Tunis, wurde von Kaiser Karl V. von da 1535 vertrieben u. besetzte Algier. Auf Haireddins Antrieb ließ der Sultan 1537 eine Landung auf Korsu unternehmen, doch wurde nur die kleine Insel Paxo erobert n. Apulien verheert; ein türkisches Heer machte in Dalmatien beträchtliche Fortschritte u. ein anderes fiel ungeachtet des bestehenden Friedens in Ungarn ein und erfocht bei Valpo Nov. 1537 einen Sieg über die Österreicher. Darauf eroberte Haireddin 25 Inseln der Venetianer im Archipelagus, die Belagerung von Napoli di Romania u. Malvasia hob Kasim- Beg nach anderthalb Jahren auf, Haireddin aber gewann 28. Sept. 1538 die Seeschlacht bei Prevesa über die vereinigte Flotte des Papstes, des Kaisers u. Venedigs. 1538 brach Suleiman verheerend in der Moldau ein, zündete Jassy an, vertrieb den Fürsten, verfolgte ihn bis in die Bukowina, nahm Suczawa u. belehnte des Fürsten Bruder mit der Moldau, derselbe mußte den ganzen Landstrich zwischen Dnjestr,Pruth u. dem Schwarzen Meere an Suleiman abtreten (Bessarabien), der daraus ein San- dschakatAkjerman-Kilia bildete. Mit Venedig wurde im Oct. 1540Friedegeschlossen;VenedigtratNapoli di Romania u. Malvasia in Morea, einen Strich der dalmatischen Küste u. die Inseln des Archipelagus ab und zahlte 300,000 Ducaten. Der große Einfluß Venedigs an der Pforte ging jetzt auf Frankreich über. Der Tod des Königs Johann Zapolya von Ungarn veranlaßte einen neuen Krieg mit Österreich, denn Ferdinand beanspruchte Nieder-Un- garn, welches Suleiman für den kleinen Sohn des Verstorbenen, Johann Sigismund, vertheidigen wollte. Ferdinands Truppen rückten in Ungarn ein u. belagerten Ofen, eroberten Pest, Warzen, Wissegrad u. Stuhlweißcnbnrg, wurden aber vor Ösen vom Pascha von Semendria geschlagen u. 2. Sept. zog Suleiman in Ösen ein; er versprach Za- polyas Wcktwe, Jsabella, die den Tribut von 30,000 Ducaten zahlte, ihren Sohn als König von Ungarn anzuerkennen, tras aber solche Maßregeln, daß man 5S3 Türkisches H deutlich sah, er wolle Ungarn seinem Reiche einverleiben. Ferdinand hatte unterdessen deutsche Hilss- trnppen erhalten, drang 1542 in Ungarn vor, leistete vor Pest nichts, verlor 1543 Valpo, Fllnfkirchen, Siklos, Gran, Tata und Stnhlweißenbnrg, 1544 Wissegrad u. viele Schlösser bei Tolna, Velika, Mo- noslo rc. 10. Nov. 1545 wurde in Adrianopel ein Waffenstillstand ans 1j Jahre geschlossen u. 19. Juni 1547 ein Friede ans 5 Jahre, nach welchem der Sultan alles in Ungarn Eroberte behielt und von Österreich für das Übrige einen jährlichen Tribut, „Pension," von 30,000 Ducaten bekam. 1542—44 focht eine osmanische Flotte gemeinsam mit der französischen gegen den Kaiser bei Nizza u. Toulon. In einem neuen Feldzug gegen Persien, um Mas Mir- san, den Bruder des Schah Thamasp, in seinen Ansprüchen ans einen Theil vonPersien zu unterstützen, eroberte Suleiman 1548 Tebris und später auch Wan u. während er selbst Dec. 1549 nach Constan- tinopel zurllckkehrte, gewann sein Heer noch Georgien. Um zu verhindern, daß Siebenbürgen an Österreich käme, machte Suleiman 1551—52 wieder einen Feldzug nach Ungarn; die Österreicher wurden bei Szegedin 1551 geschlagen, Veszprim, Temesvar u. Lippa genommen, wodurch das Banat an die Türkei kam. Dagegen wurde Erlau von den Türken 9. Sept. bis 18. Oct. 1552 vergeblich belagert. 14. Aug. 1551 war den Osmanen Tripolis durch Capitulation zugesallen. 17. Ang. 1553 nahmen sie Bastia auf Corsica. Im Spätsommer 1553 eilte Suleiman nach Persien u. unterwarf die Landschaften Nachitschewan, Eriwan u. Karabagh, worauf 29. Mai 1555 der Friede zu Amasia zu Stande kam, in welchem Georgien, Wan u. Mosul an die Türken abgetreten wurden. Suleiman gestattete der ränkevollen Sultanin Roxolane zu vielen Einfluß; aus ihre Verdächtigung ließ er seinen älteren Sohn von einer anderen Mutter, Mnstapha, Statthalter von Amasia, den Liebling der Nation u. der Janitscha- ren, 1553 in Aleppo hinrichten, ebenso seinen Knaben Mohammed. Auf ihren Rach wurden die Großen des Reichs ab- u. eingesetzt u. alle waren blinde Werkzeuge ihres Willens. Mnstaphas Bruder, Ba- jesid, Statthalter iu Karamau u. Selim, der Thronfolger, führten den erbittertsten Krieg mit einander. Selim, der Sultan des Unheils, hatte sich den Lüsten ergeben, daher der jüngere Sohn Bajesid bei Volk u. Heer in größerem Ansehen stand; da aber ein kraftvoller Herrscher dem Oberhofmeister Selims, Lala Mnstapha, nicht angenehm schien, so entzweite er beide Brüder, um Bajesid zu verderben. Als Bajesid, von ihm verleitet, sich erhob, wurde er bei Koma 29.—30. Mai 155'9 geschlagen u. floh mit seinen vier Söhnen zum Schah Thamasp nach Persien, welcher ihnen anfangs Schutz gewährte, nachher aber sie ins Gefängniß zu Kaswin warf u. dem Sultan ausliefcrte, der sie 1562 erwürgen ließ. Neuen Kämpfen in Ungarn hatte 1461 ein Friede auf 8 Jahre ein Ende gemacht; beide Theile blieben auf dem 8tatu8 guo ihrer Eroberungen, Österreich entsagte allen Ansprüchen auf Siebenbürgen u. verstand sich zu der früheren Abgabe von 30,000 Ducaten. Doch dauerten die Fehden in Ungarn fort. Unter dem Öberbefehl des Kroaten Piali setzte die osmanische Flotte im Mittelmeer durch kühne Unternehmungen die Küsten Afrikas, Italiens u. Spa- PierersUmversal-ClmversatwnL-Lexikon. S. Aust. XI eich (Mich.). niens in Schrecken; 1554—56 nahm Piali Bud- schia, Oran n. Benefert u. Torghud, welcher Tripolis erobert hatte, verheerte die Küsten u. nahm Dscherbe. Als die Spanier, von allen Seemächten Italiensu.den Malteser-Ritternunterstützt, Dscherbe eroberten, gewannen Piali und Torghud 14. Mai 1560 einen vollen Sieg über die christliche Flotte u. eroberten Dscherbe zurück. Da die Johanniter auf Malta die natürlichen Feinde der türkischen Seemacht waren, so beschloß Suleiman ihre völlige Vertreibung aus dem Mittelmeer, u. 19. Mai 1565 erschien Piali mit 130 Segeln vor Malta, 20,000 Manu landeten u. griffen das Fort St. Elmo an, welches 23. Juni genommen wurde; dagegen mußten die Türken die Belagerung der Schlösser St. Angelo u. St. Michael nach vielmaligem vergeblichen Stürmen 11. Sept. aufheben, da die spanische Flotte zum Entsatz erschien. Um diese Scharte auszuwetzen, ging Piali gegen Chios, wo Genua seine bedeutendste levantische Colonie hatte, vor u. unterwarf 14.April 1566 ohne Kampf die Insel. 1566 begab sich Suleiman persönlich zu dem gegen Ungarn bestimmten Heere, wo die Feindseligkeiten immer fortgedauert u. die Ungarn 1565 Tokay u. Serenis erobert hatten. In Semliu nahm er die Huldigung des Königs von Siebenbürgen 29. Juni an; nachdem die Österreicher Wesprim u. Tata genommen u. unter Niklas Zriny bei Siklos gesiegt hatten, langte Suleiman 5. Aug. vor Szigeth an, welches von Zriny vertheidigt wurde; nach vierzehntägiger Belagerung wurde die Stadt genommen u. Zriny in das Schloß gedrängt; zwei Stürme schlug er hier ab, als aber eine große Bresche geöffnet war, machte er mit 600 Mann einen Ausfall auf den Feind; zugleich flog auf seine Veranstaltung der Pnlverthurm 8. Sept. mit ihm auf, von dessen Trümmern 3000 Feinde erschlagen wurden. Am 6. Sept. 1566 war Suleiman I. im Lager gestorben, der Großvezir Mohammed Sokolli verheimlichte aber seinen Tod dem Heere, bis der Thronfolger in seinem Lager angekommen war. Selim II. war unbrauchbar u. unthätig, aber der Ruhm seines Vaters und die kluge Leitung des Großvezirs Mohammed Sokolli sicherten die Macht des Reiches. Selim befriedigte die rebellischen Ja- nitscharen, schloß Febr. 1568 Friede auf 8 Jahre mit Österreich, wobei die Türken eine kleine Grenz- erweiterung erhielten. Im Übrigen blieb alles wie vordem Kriege. Auch mitPersien ward 1569 der Vertrag erneuert. Der jüdische Jntriguant Joseph Nazi verleitete Selim zumCyprischen Kriege u. 1570—71 erfolgte die Eroberung Cyperns, während Arabien aufs Neue pacificirt wurde. Unterdessen führten die türkischen Flotten Len Krieg auch gegen die übrigen venetianischen Besitzungen fort. Kandia u. Cerigo, Zanten. Kefalonia u. mehrere Städte an der Küste wurden genommen. Die Venetianer schlossen nunMai 1571 mit dem König von Spanien u. dem Papste ein Bündniß gegen die Türken und Don Inan d'Austria führte die Flotte der Verbündeten (207 Galeeren, 30 Schiffe u. 6 schwimmende Batterien, mit 1815 Kanonen u. 28,000 Soldaten) auf die Höhe von Lepanto, wo in der Bucht die türkische Flotte, 222 Galeeren u. 60 andere Schiffe mit 750 Kanonen und 34,000 Soldaten lag. Am 7. Oct. 1571 erkämpften die Christen einen vollständigen ii. Band. zg 594 Türkisches Reich (Gesch.). Sieg. Die Türken verloren fast alle ihre Schiffe u. Z0,000 Mann; aber die Uneinigkeit der Verbündeten hinderte Don Inan den Sieg zu benutzen, die Türken ergänzten ihre Flotte schnell und im Soinmer 1572 erschienen wieder 250 türkische Schiffe im Adriatischen Meere. Venedig, von Spanien nicht hinreichend unterstützt, schloß 7. März 1573 Frie- den mit der Pforte n. erhielt die türk. Eroberungen in Dalmatien n. Albanien zurück; es trat Cypern ab, zahlte 300,000 Dukaten u. für Zante erhöhten Tribut. 1572 hatte Don Juan Tunis erobert; Juli 1574 landete aber ein türk. Heer und eroberte diese Stadt wieder. Den französischen Hugenotten wurde von Constantinopel aus eine gewisse Unterstützung gewährt. Bei der Königswahl in Polen 1572 suchte die Pforte Polen schwach zu erhalten n. war daher für die Wahl eines schwachen Magnaten, dann für die Anjous. 1572 gab derSultaudcn Moldauern auf Bitten der Bojaren Johann II. znm Wojwoden; als dieser den erhöhten Tribut verweigerte, kam es znm anfänglich-für Sclim unglücklichen Kriege, doch wurde Johann nach einer dreitägigen Schlacht 11. Juni 1574 überwunden und hingerichtet. Selim II. erneuerte noch Dcc. 1574 den Frieden mit Österreich auf 8 Jahre und st. 12. Dec. 1574. Sein Sohn Murad III., der sofortseine 5 Brüder erwürgen ließ u. die Gunst der Janitscharen u. Spahi erkaufte, war ein beschränkter, entnervter u. grausamer Despot n. voll Habsucht, ein Spielball der Weiber n. Günstlinge. Sokolli verlor sein Ansehen u. als er 157S ermordet worden, nahm die Unordnung in der Verwaltung überhand. Seit 1578 trat die Pforte in Beziehungen zu England u. 1580 kam der erste, englisch-türkische Handelsvertrag zu Stande. Mit Österreich gab es unaushörlicheKämpfe in Ungarn trotz des Friedens, der 1577 u. 83 auf 8 Jahre erneuert wurde, die Türken dehnten ihre Herrschaft in Ungarn beträchtlich aus u. die türkische Flotte plünderte die italienische Küste. Die Thronrevolutionen in Persien benutzten die Osmanen, unter Mustapha Pascha gewannen sie 9. Aug. 1578 bei Dschildir eine Hauptschlacht, worauf sich die georgischen Fürsten unterwarfen, Tiflis 29.Ang. überging n. Georgien noch vor gänzlicher Eroberung einverleibt wurde. Vom 7.—9. Nov. siegten die Türken am Kur. 1579 legten die Türken die Grenz- feste Kars an u. eine Kette von Zwingburgen fesselte Georgien an das T. R.; Daghestan wurde unterworfen. Die Niederlage der Ösmanen bei Niasa- bad (25. April 1583) wurde durch den Sieg bei Derbend (9. Mai ausgcwetzt u. Daghestan osma- nische Statthalterschaft. 1584 belagerte der klinische Khan Kassa, floh aber vor dem Kapudan Pascha u. der von den Türken eingesetzte Khan Ismail bekannte sich zum Vasallen Murads. 1585 wurde Tebris von dem Seraskier Osman Pascha genommen, doch wurde er von den Persern bei Scheib- Ghasan 27. Sept. und 25. Oct. besiegt; mit Mühe behaupteten die Türken 1586 Tebris, Wan, Eriwan u. Tiflis. 1587 aber unterwarfen sie Loristan und Hamadan Murads Oberhoheit, ebenso Gnherdan u. 1588 nahmen sic Karabagh ein. Im Frieden von 1590 mußte Persien an Murad Tebris mitdem dazu gehörigen Theile von Aderbeidjan, Gendsche, Karabagh, Schirwan u. Gurdistan (Georgien), Lo< ristän u. Schersol abtreten, trotzdem stand der Erwerb für das T. R. in keinem Vergleiche zu den ungeheuren Opfern des 14jährigen Krieges; Persien blieb ein wnnder Fleck am osmanischen Reichskörper. Das Verhältniß zu Österreich wurde jährlich gespannter, fortgesetzt kam es zu Gefechten ». Naub- zügcn n. endlich wurde auf Antrieb des Großvezirs Sinan Pascha Juli 1593 der Krieg gegen Österreich erklärt; schon im Juni unternahmen die Türken die Belagerung von Sissek, wurden aber 22. Juni geschlagen. Nun erschien Sinan Pascha selbst und eroberte Veszprim 13. October, dann Palota und Paja, dagegen erlitt 3. Nov. ein türkisches Corps bei Sluhlweißenbnrg durch General Hardegg eine Niederlage u. ängstlich räumten die Osmanen viele Festen. Im Frühjahr 1594 belagerte Erzherzog Mathias zwar Gran vergebens, dagegen eroberte Erzherzog Maximilian Chraslowicz, Gora, Petri nia, Sissek, verlor sie aber außer Sissek rasch, auch Tata u. Raab gingen an die Türken verloren, während Komorn sich hielt. Die Fürsten von der Walachei, der Moldau u. Siebenbürgen vertrieben nun die Osmanen u. verbündeten sich mit Österreich; der Großvezir bat daheim um-Hilfe u. die heilige Fahne wurde zum ersten Male nach dem Lager gebracht. Murad III. st. 16. Jan. 1595. Mohammed III., sein Sohn, ließ 19 Brüder u. 7 schwangereFrauendes Vaters ermorden, stillteeinen heftigen Aufruhr der Janitscharen durch Geld u. setzte den Krieg gegen Ungarn fort, doch erlitten seine Heere mehrere 'Niederlagen in der Walachei und wurden von den Kaiserlichen 4. August bei Gran geschlagen, diese Festung 2. Sept. 1595 erobert, auch Wissegrad u. Waitzen gingen an Österreich verloren; in Kroatien wurde mit wechselndem Glücke gekämpft. Ibrahim Pascha, Sinan Paschas Nachfolger, eroberte 28. Septbr. 1596 Erlau; die Schlacht bei Kereszted 23.—26. Octbr. war bereits von den Ungarn ung Deutschen gewonnen, als die Sieger zur Plünderuus des türkischen Lagers sich zerstreuten,», nun von dem Vezir Cigala überfallen n. völlig geschlagen wurden; doch nützten die türkischen Feldherren den Sieg nicht aus. 1597 wurde Tata von den Türken, dagegen Papa von den Kaiserlichen genommen und im Nov. ein türkisches Heer bei Waitzen geschlagen. 1598 eroberten die Kaiserlichen Raab, Tata, Veszprim u. Tschambock. Um Ösen zu entsetzen u. Warasdin zu belagern, zog der Seraskier Saturschi im Herbst heran, wurde aber bei Szolnok vonden Janitscharen zum Rückzuge genöthigt u. kehrte nach Belgrad um, weshalb er hingerichtet wurde. Der Großvezir Ibrahim Pascha, geizig, arglistig und grausam und mehrmals ab - u. wieder eingesetzt, übernahm 1599 das Commando, that aber auch nichts, nach Frieden sich sehnend. Im Juni 1600 mißglückte der Versuch, Papa durch Geld zu erobern, aber Kanischa ging nach langer Belagerung 11. Septbr. an die Türken über. 1601 nahmen die Österreicher Stnhlweißeu- bnrzu.schlugendenGroßvezirHasan 15. Oct. daselbst, mnßten aber die Belagerung von Kanischa mit großem Verluste abbrechen. 1602 eroberte Erzherzog Matthias Pest, belagerte aber vergebens Ösen, während der Großvezir Hasan 29. August Stnhl- weißenburg nahm, Pest jedoch vergebens belagert wurde. Die Ursache der lassen Kriegsführung in Ungarn lag in der schlechten Regierung, welche durch 595 Türkisches Reich (Gesch.). die Sultanin Valide und deren Günstlinge verwirrt wurde. Bestechungen u. Ungerechtigkeiten herrschten in allen Provinzen des Reiches u. riefen Empörungen hervor. 1599 erhob sich Abdul Halim Achisade, an der Spitze der Kurden u. Turkomanen, in Asien, bemächtigte sich Edessas und erzwang dadurch eine Statthalterschaft, schlug ein gegen ihn gesandtes türk. Heer 25. April 1600 bei Kaisarish und nannte sich Kaiser von Asien; der Vezir Hasan vernichtete aber sein Heer und seine Herrschaft bei Sepedlü. Abduls Bruder, Hussein Delhi, stellte sich nun an die Spitze der Rebellen, nahm Tokat, verglich sich aber 1602 mit der Pforte, wurde Statthalter Bosniens u. der größte Theil seiner Heeresreste ging bei Pcsts Belagerung 1603 zu Grunde. Die Besatzung von Te- bris hatte die Landschaft Aserbeidschan geplündert u. den Befehlshaber von Selmas genöthigt, Schutz bei dem Schah Abbas zu suchen; dieser erschien deshalb mit einem Heere vor Tebris, schlug 26. Sept. 1603 bei Ssofian die türk. Rebellen u. eroberte 21. Öct. Tebris, dann Nadschiwan. Mohammed III. st. 22. Decbr. 1603. Sein Sohn Achmed I. war erst 14 Jahre alt, als er den Thron bestieg. Der Schah Abbas eroberte nach sechsmonatlicher Belagerung 1604 Eriwan, nahm die Huldigung der georgischen Lehnsfürsten an, gewannselbstKars,gabes aberwiederauf, verarmte Wan nutzlos u. schlug die Türken unter Ci- gala 6. Aug. 1605 bei Tebris. In Ungarn zog der Großvezic Lala Mohammed 1604 ins Feld, erreichte abernichts. Hingegen verbündete sich die PforteJuni 1605 mit dem Fürsten Stephan Bocskai von Siebenbürgen, dem Ungarn als Lehen zugesagt wurde. Lala Mohammed eroberte 29. Septbr. 1605 Gran; seine Unterfeldherren aber und Bocskai Veszprim, Wissegrad, Palvta u. Neuhänsel. Dann unterwarf er die Walachei und setzte einen neuen Fürsten ein. Ein Heer ließ er Steiermark verwüsten. Bocskai krönte er 11. Nov. 1605 zum Könige von Ungarn beiRakosch, Loch diente er nur als Einschüchterungsmittel, um den Kaiser zum Frieden willfähriger zu machen; derselbe kam 11. Novbr. 1606 zu Sitva- torok aus 20 Jahre zu Stande. In diesem wurde gegen eine Geldsumme der jährliche Tribut Oesterreichs aufgehoben, Österreich behielt das, was es hatte, die Türken Ofen, Gran, Erlau und Kanischa; Bocskai entsagte der Krone von Ungarn zu Gunsten Oesterreichs, laut dem Wiener Vertrage vom 23. Juni. Fast überall in Asien erhoben sich Rebellenhausen , gegen welche die Truppen unglücklich fochten. Der greise Großvezir, Murad Pascha, eilte 1606 selbst nach Asien u. unterwarf bis 1608 die Empörer Kalenderoghli u. Dschanbulad. 1612 schloß Achmed mit dem siegreichen Schah von Persien Frieden, wonach alle Länder, welche Murad III. und Mohammed III. den Persern entrissen, Schah Abbas aber znrllckerobert hatte, in dessen Händen blieben. Seit 1611 war die Pforte mit Polen gespannt, weil es dem vertriebenen Moldauer Wojwoden Radul Scherban Unterstützung verlieh, auch seinen von Achmed abgesetzten Nachfolger Konstantin Mogila aufnahm. Achmed setzte Stephan Tomsa als Wojwoden ein, aber die Kosaken fielen ins Land u. vertrieben ihn, erlitten jedoch eine totale Niederlage und Stephan kehrte 1616 zurück. Nov. 1614 landeten die Tonischen Kosaken bei Sinope, plünderten diese Stadt u. verheerten die Gegend. Gegen Persien mußte 1616 ein neuer Feldzug unternommen werden, weil Schah Abbas seine Grenze überschritten hatte; Eriwan ca- pitnlirte, konnte aber von den Türken nicht behauptet werden, Kars wurde hergcstellt u. auf dem Rückzüge kam ein großer Theil des Heeres vor Hunger um. Der Friede von Sitvatorok wurde in Neuhausel März 1608 bestätigt u. in Wien 1615 auf 20 Jahre erneuert. Wegen Polens Einmischung in der Moldau und der Einfälle der unter türkischer Hoheit stehenden Tataren in Polen drohte der Krieg, doch hinderte der Vertrag von Brnssa 27. Septbr. 1617 den Ausbruch desselben; ihm zufolge sollten die Kosaken den Dnjepr nicht überschreiten und die Polen sich nicht in die Angelegenheiten der Moldau, Walachei u. Siebenbürgens mischen, sowie die Tataren Polen in Ruhe lassen. Am 22. Novbr. 1617 st. Sultan Achmed I. Da seine sieben Söhne noch unmündig waren, so folgte sein blödsinniger Bruder Mustaphal., doch wurde er bereits 16. Febr. 1618 entsetzt u. Achmeds ältester Sohn Os man II. zum Sultan ausgernfen, welcher kaum 14Jahrealtwar, aber bereits nachzweiJahren die Regierung selbst übernahm. Bei Seraw erlitten die Tücken gegen Persien 1618 eine neue 'Niederlage und Osman schloß 26. Sept. 1618 den Frieden von Seraw auf den Bedingungen von 1612. Partei- Händel in Siebenbürgen u. Ungarn bedrohten den Frieden mit dem Kaiser um so mehr, als die Pforte die Protestanten im Öesterreichischen hätschelte und mit den rebellirenden Ständen des Kaisers sich Ang, 1620 verbündete, Ferdinand nicht mehr als König von Ungarn anerkannte rc. Der Sieg Oesterreichs am Weißen Berge vereitelte aber das Bündniß und die Pforte ließ die Insurgenten fallen. Mit den durch Tatareneinfälle gereizten Polen brach wegen Absetzung des Fürsten Caspar Gratiani von der Moldau durch Ösman 1620 der Krieg aus: ein türk. Heer schlug 20. Sept. 1620 die Polen bei Jassy n. trieb sie bis zum Dnjestr, wo sie 6. Octbr. eine zweite Niederlage von den Tararcn erlitten. 1621 zog der Sultan, nach Ruhm dürstend, selbst gegen die Polen; da er aber das verschanzte Lager derselben bei Choczim trotz sechsmaligem Sturm vom 8. bis 14. Sept. nicht nehmen konnte u. seine Soldateska wegen der Winterkälte murrte, schloß er Ende 1621 Frieden und zog heim. Die Janitscharen, von ihm niedergehalten, erregten wiederholt Aufruhr, Osman dachte bald an neue Feldzüge, bald an die Vernichtung der Janitscharen und Spahis, ward aber von ihnen 18.—20. Mai 1622 vom Throne gestürzt u. Mustapha wurde wieder eingesetzt. Der Friede mit Polen wurde Febr. 1623 auf Grund der früheren Verträge erneuert abgeschlossen. Indessen sowol die Janitscharen als die Ulemas u. der Anhang Os- mans waren mit Mustapha unzufrieden, setzten ihn 30. Aug. 1623 abermals ab u. erhoben Len 14jähr. Bruder des ermordeten Sultan Osman II., Murad IV. Ghast, zum Sultan. Das Reich schien im Verfalle; die Aufstände der Truppen mehrten sich. Anfangs führte die Sultanin Valide mit ihren Günstlingen geschickt die Regierung; nach drei Jahren ergriff Biurad selbst die Zügel u. führte sie energisch, er verbot u. a. Las Kaffee- u. Weintrinken u. Tabaks- raucheu bei Todesstrafe, obgleich er den Wein selbst sehr liebte; mit der Zeit wurde er aber ein Wüstling und Scheusal. Bald erregten die Janitscharen und 38 * 596 Türkisches Reich (Gesch.). Spahis, an Reichstheilung denkend, einen Aufstand u. forderten trotz der Erschöpfung des Schatzes, das gebräuchliche Thronbesteigungsgeschenk; man mußte es geben. Um wieder Geld zu bekommen, wurden einige Vezire hingerichtet n. ihr Vermögen confiscirt. Noch zu Mustaphas Zeit hatte sich Emir Bekir des Paschaliks Bagdad bemächtigt und, nachdem er von den Türken geschlagen worden, sich an den Schah AbbaS gewendet, welcher ein Heer schickte u. Bagdad 1623 in Besitz nahm, von wo er sich ausbreitete. Der Großvezir Tscherkes-Mohammed schlug den Empörer Abasa Pascha, welcher den Tod Osmans II. rächen u. die Janitscharen beseitigen wollte, lö.Aug. 1624 bei Kaissarije, mußte ihm aber doch das Paschalik Erzerum bewilligen, wodurch Kleiuasien scheinbar beruhigt wurde. 1624 mußte nach vergeblichen Versuchen ihn zu unterwerfen, der Khan der Krim, Mohammed-Girat, als solcher anerkannt werden. Die Kosaken machten wiederholt Streifzüge nach dem Bosporus, erlitten aber durch den Kapndan Pascha Juli 1625 bei Kara Chirmen eine schwere Niederlage. Der neue Großvezir, Hafis Pascha, zog 1625 gegen die Perser u. erfocht im Mai 1625 bei Kerkuk einen Sieg, belagerte dann Bagdad, wurde aber, nachdem er in drei Schlachten den Entsatz zurückgc- schlagen, durch eine Empörung des Heeres 21. Juni 1626 abznziehen genöthigt; der Rückzug artete in Flucht aus. 1627 war der Feldzug gegen Persien ganz ungünstig u. Abasa Pascha empörte sich wieder in Erzerum, wurde aber endlich daselbst eingcschlosseu u. Septbr. 1628 durch Unterhandlungen zur Unterwerfung gebracht; 1634 wurde der gefährliche Empörer hingerichtet. In Ungarn waren unterdessen auf Antrieb des siebenbürgischen Fürsten Bethlen Gabor mehrere Einfälle geschehen n. 13. Sept. 1627 wurde der Friede zu Szön auf 25 Jahre erneuert. Der Großvezir Khosrew Pascha zog 1629 gegen Mossul, beugte Kurdistan u. zerschlug es in 39 Sand- schaks, warf wiederholt die Perser, eroberte 1630 Hasanabad nach dem Siege vonMireban (27. April), dann Hamadan und schloß Bagdad seit Oktober ein, mußte aber nach vergeblicher Belagerung 14. Nov. 1630 wieder abziehen. Er wurde Oct. 1631 abgesetzt, daun hiugerichtet u. seine beiden nächsten Nachfolger traf gleiches Loos. Mehrfache Soldatenempörungen, die selbst das Leben des Sultans bedrohten, wurden endlich gedämpft u. darauf den Spahis viele ihrer Vorrechte entzogen. Murad resormirte das Steuerwesen, aber seine Bestrebungen, dem Ja- nitscharen-Corps neues Leben einzuhanchen und es total zu reorganisiren, fühlten zu Nichts. Um den Krieg gegen Persien nachdrücklich zu führen, ging er selbst einige Zeit nach Asien, straste die schuldigen Beamten u. ließ selbst 1. Jan. 1634 den ehrenhaften Großmufti hinrichten, was noch kein Großsnltan gewagt hatte. Der mächtige Drusenfürst Fahreddin in Syrien, der fast 30 Jahre im Aufstande gegen die Pforte gestanden, mußte sich endlich, nachdem er Oct. 1633 eine schwere Niederlage erlitten, 12. Nov. 1634 amLibanonergebenu. wurde 1635 hingerichtet. Von Rußland stets zum Kriege gegen Polen gehetzt, begann Murad 1633 denselben; der Statthalter von Widdin, Abasa Pascha, fiel mit den Tataren in Polen ein, wurde aber 22.Oct. 1633 bei Kaminiec geschlagen u. Oct./Nov. 1634 wurde der Friede mit Polen erneuert. Murad IV. wurde seit 1634 immer grausamer und schonte selbstseinerLieblingeu. Vertrauten nicht; von Persien ans gab er den Befehl zur Hinrichtung seiner Brüder Bajesid und Suleiman. 1635 hatte er das Heer nach Persien geleitet, 8. August ergab sich Eriwan, 11. Sept. fiel Tebris ohne Schwertstreich, Mn- rad zerstörte Alles u. kehrte 25. Dec. nach Constan- tinopel zurück. Am 1. April 1636 eroberten die Perser Eriwan zurück und es geschah nichts zu ihrer Vertreibung, hingegen wurden die Osmanen u. die mit ihnen alliirteii Kurden 19. Sept. 1636 bei Mireban von den Persern geschlagen. In dem Streite zwischen Stephan Bethlen, dem Schützling der Pforte, u. Rakoczy um den Fürstenstuhl von Siebenbürgen wurde das für Bethlen zusammengebrachle türkische Heer 3.—4. Oct. 1636 bei Szalonta total geschlagen, worauf Rakoczy von der Pforte bestätigt werden mußte. 1638 zog Murad IV., nachdem er noch seinen Bruder Kasim hatte hinrichten lassen, nochmals gegen Persien; er eroberte Bagdad nach vierzigtägiger Belagerung 25. Dec., trat ermattet den Rückzug Jan. 1639 an und schloß 17. Mai 1639 zu Sehab Frieden mit Persien: Bagdad mit ganz Mesopotamien blieb dem T. R., welches die übrigen Gebiete (Eriwan, Mireban rc.) abtrat. 1637 eroberten die Kosaken Asow. Ein Land- u. Seekrieg gegen Venedig wurde Lurch Vermittelung Juli 1639 im Entstehen erstickt. Murad IV. st. 9. Febr. 1640. Der Nero der Türkei hatte an 100,000 Menschen hinrichten lassen. Ihm folgte sein Bruder Ibrahim I., weichlich und entnervt, grausam, ein Werkzeug seiner Weiber n. der Günstlinge, welche in raschem Wechsel erhoben u. hingerichtet wurden. Der reformatorische Großvezir Kara Mnstapha wurde 22. März 1643 ermordet. Die Feindseligkeit gegen Oesterreich, zu der der nach Oberungarn lüsterne Rakoczy die Pforte bewogen, wurde alsbald wieder eingestellt u. 1645 der Friede von Szön erneuert. 1641 trotzten die Kosaken heldenhaft der Belagerung in Asow durch den Kapndan Pascha und den Serdar. 1642 aber erklärten sich Rußland n. Polen gegen sie u. die Türken nahmen, mit den Tataren verbündet, 1642 Asow wieder, es wurde neu befestigt. 1645beganndiePforte wegen der JnselKandia mit Venedig den Krieg, der 24 Jahre dauerte. In einem Aufruhr der Janitscharen, denen auch die Ulemas beitralen, wurde der Großvezir Achmed Pascha ermordet, Ibrahim selbst 8. August abgesetzt u. 18. Aug. 1648 erdrosselt. Unter seinem erst 7jährigen Sohne, Mohammed IV., führten der Großvezir Ssofi Mohammed u. die Großmutter des Sultans dieZügel n.schlugendieaufständischenPagen u. Spahis mit Hilfe der Janitscharen Oct. 1648 nieder, die Macht der Letzteren wurde dadurch gesteigert; aber bald wurden Großvezir u. Sultanin uneinig u. Elfterer fiel einem Janitscharen-Aufstande Mai 1649 zum Opfer. Das Reich wurde durch Aufstände und zwei religiöse Parteien, die Orthodoxen n. die Mystiker, erschüttert, eine Münzverschlechterung u. Einschränkungen in den Gehalten rc. erregten großes Mißvergnügen n. einenAuflauf derKausleute 1651, infolge dessen der Großvezir Melek-Achmed abgesetzt wurde. Nun erhielt die Partei der jungen Valide, Mutter des Sultans, das Übergewicht und die alte Valide, welche während der Regierung von vier Sultanen geherrscht hatte, wurde 2. Sept. 1651 erdrosselt. Im Kriege gegen Venedig, der bei diesen inne- 597 ... Türkisches Reich (Gesch.). ren Zerrüttungen ohnedem lässiger geführt wurde, wechselte das Glück anfänglich. Da Chmelnicki, der Hetman der Zaporoger Kosaken, von dem König von Polen abgefallen war u. sich der Pforte unterworfen hatte, entstanden Zerwürfnisse mit Polen, die aber schon 17. Dec. 1653 durch den Frieden zu Kaminiec beseitigt wurden. Februar 1656 kam ein neuer Aufstand der Janitscharen in Constantinopel zum Ausbruch u. auch in Kleinasien brachen neue Empörungen aus, zumal die Venetianer 6. Juli 1656 eine türkische Flotte in den Dardanellen schlugen u. außer Ägina, Bolo und kleinen Inseln nun auch Tenedos, Samothrake u. Lemnos eroberten. Zur schwierigsten Zeit überkam 15. Sept. 1656 Mohammed Kiuperli (s. d.) das Großvezirat u. die Leitung der Regierung; er unterdrückte die Jntriguen des Harems und verhinderte unnütze Grausamkeiten, übte aber gegen Empörern. Pflichtvergessene Strenge. WeilGeorgll. Rakoczy Polen überfallen, erklärte der mit Polen alliirte Sultan ihn für abgesetzt; ein türkisch-tatar. Heer brach in Walachei n. Moldau März 1658 ein, ersetzte beide Wojwoden durch neue n. hauste furchtbar. Rakoczy war bei Jenö im Mai siegreich über die Türken, im Juni aber brach Kiuperli selbst im Vereine mit einem polnischen Heere u. den Tataren in Siebenbürgen ein, eroberte den größten Theil des verheerten Landes n. erhob an Rakoczys Stelle Len Achatius Barcsai im Oct. zum willenlosen Fürsten von Siebenbürgen. Während die venetianischs Flotte im Golfe von Scala-Nova 2. Mai 1657 und auch bei den Dardanellen 17. Juli die türkische geschlagen, hingegen Tenedos und Lemnos wieder in türkische Hand, Aug. u. Novbr. 1657, fielen, erhob sich in Kleinasien Abasa Hassan, der Februar 1659 endlich in die Gewalt des türk. Feldherrn fiel. In der Walachei wüthete der Wojwode Michne gegen die Türken, auch vertrieb er den türkenfreundlichen Wojwoden der Moldau, Ghika; Kiuperli sandte die Tatarengegen Michne; bei Jassy geschlagen, floh dieser nach Siebenbürgen zu Rakoczy. Bei Deva schlug der Pascha von Öfen Rakoczy völlig, 22. Nov. 1659, und eroberte nach dem Siege von Torda im Dec. Temesvar; 22. Mai 1660 wurde Rakoczy bei Szamossalva vernichtet u. Großwardein capitnlirte 27. Aug. 1660. Zugleich hatte eine türkische Armee den Tatarkhan gegen Rußland unterstützt, welcher 10. Juli 1660 ein russisches Heer bei Maigli au der Wolga vernichtete. 1661 nach Kiuperlis Tode wurde sein Sohn Achmed Kiuperli Großvezir. Der Thronstreit Apafis u.Kemenys in Siebenbürgen, d. h. eines türkischen u. eines kaiserlichen Trabanten, führte Juni 1661 zu einem türkisch-tatarischen Einbrüche in Siebenbürgen, wobei selbst Ungarns Grenze überschritten ward; von hier trieb Montecuculis Erscheinen den Serdar Ali Pascha zurück, welcher eine Schlacht vermied. Ali Pascha unterwarf die Szekler und befestigte Apafis Stellung. 1662 wurde Kemeny von den Osmanen u. Apafi überrumpelt u. fiel. Noch immer hoffte man in Wien ans Frieden — umsonst. Der Feldzug gegen Ungarn wurde vom Großvezir 7. Aug. mit einem Siege bei Parkany eröffnet, welchem 24. Sept. die Eroberung von Neuhänsel und die Einnahme mehrerer Städte solgte, während die Tataren Mähren überschwemmten. Das Waffenglück der Türken bewog die deutschen Fürsten u. den König von Frankreich dem Kaiser Hilfstruppen zu senden, aber Klanscnburg u.Zekelhyd gingen ver- loreu. Neutra wurde 2. Mai 1664 von dem Grasen de Touches genommen. Doch eroberte der Großvezir, nachdem er Kanischa entsetzt hatte, am 30. Juni Serinwar, den eigentlichen Zankapfel des Krieges, u. dann die von den Kaiserlichen während desFeldznges besetzten Festungen wieder. Dagegen siegte Souches 19. Juli1664 beiLewenz über die Paschas vonOfen, Erlau u. Neuhäusel n. Montecuculi, mit den franz. u. Reichstruppen vereinigt, zwang durch den glänzenden Sieg bei St. Gotthard an der Raab 1. Aug. 1664 den Großvezir zum Rückzüge mit ungeheurem Verlust. Gegen alle Erwartung schlossen die kaiserl. Minister 10. Aug. 1664 den Frieden von Vasvar, in welchem Neuhänsel, Neugrad u. Großwardein in den Händen der Türken, Szathmar und Szaboltsch dem Kaiser blieben; Szekelhyd u. Serinwar mußten geschleift werden. Außer dem Divan murrte Alles über solchen Friedensschlnß. 1667 ward abermals vom Großvezire die Belagerung Kandias begonnen u. endlich 6.Septbr. 1669 ward die Stadt erobert, worauf sogleich der Friede zu Stande kam, nach welchem Kandia dem T. R. einverleibt wurde. In einem Kriege mit Polen wegen der ukrainischen Kosaken eroberten dis Türken Kaminiec 30. Aug. 1672, worauf König Michael 18. Sept. 1672 den Frieden zu Bndschak schloß, wodurch er die Ukraine an die Kosaken unter türkischer Oberhoheit u. Podolien an die Pforte abtrat u. sich zu einem jährlichen Tribut verpflichtete. Da aber der Reichstag auf des poln. Feldhercn Sobieski Bitten diesen Frieden nicht genehmigte, begann der Krieg von Neuem 1673 und mußte Sobieski, nachdem er zweimal die Türken geschlagen und Lemberg gerettet, endlich, zu wenig unterstützt, den ihm von dem Großvezir vorgeschriebenen Vertrag vom 27. October 1676 annehmen ».Kaminiec, den größten Theil von Podolien u.ß der Ukraine in den Händen der Türken lassen. 30. Oct. st. Achmed Kiuperli, der bedeutendste Großvezir des T. N.; ihm folgte Kara Mustapha. Der Abfall des ukrainischen Kosakenhetmans, Doroschenko, welcher sich der russischen Lehnshoheit unterwarf, veranlaßte März 1677 einen Krieg gegen Rußland, der mit dem Frieden von Radzin u. der Abtretung Kiews an die Russen endete, 11. Febr. 1681. In Ungarn unterstützte die Pforte die Insurgenten u. erkannte den Emmerich Tököly als Lehnskönig von Mittelungarn 10, Aug. 1682 an. Während die Nachricht von dem 31. März 1683 zwischen dem Kaiser u. Polen geschlossenen Bündniß eintraf, ging das türk. Hauptheer, nachdem es eine Menge fester Städte u. Schlösser erobert, Raab aber vergeblich angegriffen hatte, 8. Juli über die Raab. Die kaiserliche Armee, 7. Juli bei Petronell geschlagen, hatte sich ans Wien zurückgezogen; offen lag das Land vor Kara Mustapha, dem Todfeinde Oester- reichs; am 14. Juli erschien er mit 200,000 M. vor Wien und begann sogleich die Belagerung der vom Grafen Starhemberg mit nur 13,800 M. u. 8200 Bürgern und Studenten vertheidigten Stadt. Die Türken beschossen Wien wllthend, sprengten Minen u. unternahmen 18 Stürme. Am 6. Sept. ließ der Großvezir wieder 24 Stunden ununterbrochen stürmen, aber 11. Sept. erschienen Sobieski, Lothringen, Waldeck u. die Kurfürsten von Sachsen n. Bayern mit dem Entsatzheere ans dem Kahlenberge. Am 898 Türkisches Reich (Gcsch.). 12. Septbr. erfolgte der allgemeine Angriff ans die Türken; sie wurden bis in ihr Hauptlagcr vor Wien znrückgedrängt u. hier löste sich nach einstündigem Kampfe das türk. Heer in wilder Flucht auf. Das ganze Lager, 300 StückGeschütze u. der ganze Schatz des Großvezirs fielen in die Hände der Sieger; die Türken verloren bei der Belagerung und hier über 60,000 M. und an 10,000 auf der Flucht. Am 9. Oct. kam es bei Parkany nochmals zur Schlacht, in welcher die Türken 15,000 M. u. infolge davon Gran verloren; hierfür büßte Kara Mustapha 25. Der. mit dem Kopse. Der Herzog von Lothringen eroberte 18. Juni 1684 Wissegrad, gewann 27. Juni Waitzen u. Pest, schlug 10. Juli den Seraskier u. belagerte Ofen, dessen Unterstadt er 19. Juli nahm, während die Oberstadt sich hielt. Obgleich ein türk. Entsatzheer 22. Juli bei Hamsabeg u. an demselben Tage ein anderes türkisches Heer bei Ve- rovititza in Slawonien besiegt u. diese Stadt erobert wurde, so fiel die Oberstadt von Ofen doch nicht n. 29. Oct. zog das Heer auf Gran ab. Gleichzeitig wurde auch die von den Polen unternommene Belagerung von Kaminiec aufgehoben. Auch Venedig erklärte 15. Juli 1684 der Pforte den Krieg, 8. Ang. eroberte die venetian. Flotte Sta. Maura u. darauf Prevesa, wurde aber, während sie den Ka- pudau Pascha bei Skiv eingeschlossen hielt, 24. Oct. durch einen Sturm zerstreut. In Morea verjagten die Mainoten die Türken. Am 12. Aug. 1685 capi- tulirte Koron an die venctianische Flotte n. letztere eroberte ganz Maina. In Ungarn war zwar Waitzen durch Verrath wieder in die Hände der Türken gefallen, die Kaiserlichen eroberten dagegen Szolnok u. Szarvas u. viele ungarische Orte. Darauf belagerten die Türken Gran u. nahmen Wissegrad, die Kaiserlichen belagerten Nenhäusel u. nahmen, nach dem Siege bei Gran 16. Ang., am 19. Neuhänsel mit Sturm, eroberten auch Vihiz in Kroatien. Wegen dieses Unglücks der türk. Waffen gegen Österreich wurde der Großvezir Kara Ibrahim abgesetzt und Soliinan Pascha, sein Nachfolger, brach mit ausgedehntester Vollmacht im Mai 1686 nach Ungarn auf. Unterdessen hatten dis Kaiserlichen (60,000 M. mit Freiwilligen aller Nationen) unter dem Herzog von Lothringen 18. Juni die Belagerung von Ofen ernsthaft begonnen. Die 10,000 Türken Besatzung mußten, nachdem sie in 14 Tagen 3 Stürme abgeschlagen, die äußere Mauer demFeinde überlassen u. endlich 2. Sept. 1686 wurde Ofen, zu dessen Entsatz der untaugliche Großvezir selbst herbeigeeilt war, Lurch Sturm erobert, nachdem es 145 Jahre im Besitz der Türken gewesen war. Daraus nahm der Herzog von Lothringen noch eine Reihe der wichtigsten Städte. Der venetianischeFeldherr, Graf Königsmarck, hatte unterdessen 2. Juni Navarin erobert u. nahm dann Morea, Modon u. Argos u. die Städte Patras, Le- panto u. Athen. In Dalmatien aber wurde Sign 1686 u. Castelnuovo 1687 erobert, 1688 Kinn. Inzwischen war ein neues türk. Heer über die Do- nau gegangen, wurde aber 12. Aug. 1687 bei Mo- hacz geschlagen u. mußte sich nach Peterwardeiu zn- rückziehen; der Herzog von Lothringen eroberte alle festen Plätze in Slawonien u. auch Siebenbürgen unterwarf sich den Kaiserlichen; fast ganz Ungarn war Ende 1687 in Österreichs Hand. Erbitten über Liese Unfälle, erregte das mit seiner Strenge unzufriedene Heer einen Aufstand gegen den Großvezir Soliman u. wählte Siawusch Pascha zum Großvezir, welche Wahl der Sultan nachgiebig bestätigte. Trotzdem wurde die Ruhe nicht hergestellt; dasHeer rückte auf Constantiuopel los, forderte des Sultans Entthronung , die Ulemas sprachen sie 8. Novbr. 1687 ans u. Mohammed wanderte in den Kerker. Suleiman II., Bruder Mohammeds IV., welcher der Ermordung durch denselben kaum entgan- gen war, ein schwacher, milder Herr, wurde Padi- schah. 24. Febr. 1688 plünderten die Janitscharen mit dem Pöbel die Häuser der Minister u. ermordeten Siawusch Pascha; ihm folgte als Großvezir Ismail Pascha. In Slawonien machten die Kaiserlichen weitere Fortschritte, in Ungarn gingen Erlau, Peterwardein, Weißenburg, 6. Sept. 1688 Belgrad, dann Semendria und Galamboz, in Griechenland Theben verloren u. in Aleppo u. Kandia brachen Empörungen aus; blos gegen die Polen u. Russen hielt der Talarkhan die türkischen Angelegenheiten aufrecht und entsetzte 1687 das belagerte Kaminiec. 1688 eroberte Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden viele bosnische Städte, schlug Bosniens Pascha bei Derbend 5. Sept. total n. Zwornik wie Lippa wurden genommen. Nach gescheiterten Friedensanträgen wurde Arab Redsched Pascha zum Oberseld» Herrn gegen die Kaiserlichen ernannt. Von den Türken wurde zwar Zwornik znrückerobert u. Orsowa entsetzt, dagegen Redsched bei Grabowa, 29. Aug., 30. August 1689 bei Baludschina und 24. Septbr. bei Nissa durch den Markgrafen von Baden total geschlagen, worauf Nissa fiel. Der Markgraf besetzte die Balkanpässe von Len Grenzen Rumelieus bis zur Herzegowina, nahm alle Donaufestungeu von Wid- din bis Nikopolis und bezog die Winterquartiere in der Walachei. Dagegen wurden die Russen bei Perekop, das polnische Belagcrungsheer bei Kaminiec geschlagen u. die Veuetianer belagerten vergebens Malvasia. Im Nov. 1689 wurde der staatskluge Mustapha Kinperli Großvezir; sparsam und streng, stellte er die Ordnung in der Verwaltung her u. war duldsam gegen die nichtmohammedanischen Religionsparteien. Er erließ ein Ausgebot an alle Moslemin u. trat an die Spitze des so gewonnenen Heeres. Zugleich hatte er in Siebenbürgen unter Tököly ein Heer aufgestellt, welches die Kaiserlichen 12. Aug. bei Tohani schlug. Während Veterani u. der Markgraf von Baden zur Rettung Siebenbürgens herbeieilten, auch letzterer Tököly bis in die Walachei zurllckwarf, eroberte der Großvezir 29. Aug. 1690 Widdin, 8. Sept. Nissa, dann Orsowa, Äalambocz u. Semendria u. 9. Oct. Belgrad, belagerte Essek u. schlug das Entsatzheer unter Vete- raui, mußte aber wegen des nahenden Winters die Belagerung dennoch aufheben; aus Siebenbürgen warf der Markgraf von Baden Tököly abermals hinaus. Die Venetianer eroberten Ang. 1690 Malvasia, die letzte den Türken noch gehörige Stadt in Morea, u. der venet. Admiral Daniel besiegte die türk. Flotte bei Mytilene. Am 23. Juni 1691 st. Suleiman II. n. ihm folgte sein Bruder Achmed II., von Kinperli mit Zurücksetzung der Söhne Sulei- maus auf den Thron erhoben. Bei der Beschränktheit des unmännlichen Sultans führte Kinperli die Regierung, blieb aber bereits 19. Aug. 1691 bei der furchtbaren Niederlage bei Szalankemen gegen 599 Türkisches N den Markgrafen von Baden; Großwardein capitu- lirte 6. Juni 1692, nachdem 1691 Lippa, Karanse- bes u. Lugos, Posega, Brod u. Gradiska von den Kaiserlichen genommen worden. Den vom Sultan gewünschten u. von Holland n. England befürworteten Frieden mit den Kaiserlichen hinterrriebcn Frankreichs Jntriguen. 1692 waren die Venetianer fast im Besitze Caneas, als ein Einbruch des Se- raskiers in Morea sie heimricf; umsonst belagerte der Seraskicr Korinth u. Lepanto; 12. Sept. 1694 eroberten die Venetianer rasch die Insel Chios, welche freilich schon 21. Febr. 1695 von den Türken, mit denen der kühne Seeräuber Hassan Mezzomorto ging, wieder genommen ward. 1694 fochten die Os- manen unglücklich gegen die Araber u. Polen. Am 6. Febr. 1695 starb Achmed II. Sein Nachfolger Mnstapha II. > Mohammeds IV. Sohn, begann seine Negierung mit Kraft u. Einsicht u. wurde vom Großvezir Elmas bei Verbesserung der inneren Verwaltung unterstützt. Gegen die Russen waren die Türken 1695 siegreich , indem sie im Oct. den Zar Peter zur Aufhebung der Belagerung von Asow zwangen; Juli 1696 hingegen nahmen es die Russen nach langer Belagerung sammt der Umgegend. Gegen den deutschen Kaiser zog Mnstapha selbst ins Feld, nahm Lippa 7. Sept. durch Sturm, dann Titel n. schlug 22. Sept. ein österr. Corps bei Lagos. Das kaiserl. Hauptheer unter dem Kurfürsten von Sachsen, August dem Starken, belagerte 1696 Te- mesvar, zog sich aber vor dem Großvezir in ein festes Lager an der Bega n. erlitt 15. Ang. eine Niederlage. 1697 bedrohte der Sultan mit 130,000 M. n. 50,000 Ungarn u. Siebenbürgen unter Tö- köly Peterwardein, aber an der Theiß bei Zenta wurde fast sein ganzes Heer vom Prinzen Engen von Savoyen 11. Sept. 1697 aufgeriebcn. Mnstapha selbst flüchtete mit den Trümmern nach Temesvar u. dann »ach Belgrad. Ein Streifzng Eugens nach Bosnien schloß den Feldzug ohne Nutzen ab. Der Krieg mit Venedig im Archipel u. Morea blieb ohne große Begebenheiten, in Dalmatien und Albanien waren Venedigs Waffen erfolgreich. Die Bewegungen gegen Asow führten zu keinem Erfolge n. das Vordringen der Türken am Dnjepr 1697 war ohne Nachhalt. Im Nov. 1698 begannen unter Vermittelung von England u. Holland die Friedensnnter- handlungen zu Karlowitz mit allen Mächten, gegen welche die Pforte im Kriege lag. Zuerst kam den 25. Dec. 1698 ein Waffenstillstand zwischen deuRus- sen u. Türken auf 2 Jahre zu Stande; beide Theile behielten ihre Eroberungen; erst 13. Juli 1700 wurde definitiv Friede geschlossen und Asow blieb russisch. Am 26. Jan. 1699 wurde von der Pforte mit dem Kaiser, Polen u. Venedig Friede geschlossen. Polen bekam die Ukraine, Podolien und Kaminiec wieder u. räumte die Moldau. Der 25jährige Frieden zwischen Österreich n. der Pforte wurde 1703 in einen 30jährigen Frieden verwandelt u. 1710 nochmals auf 30 Jahre verlängert. Siebenbürgen, so wie es Michael Apafi besessen hatte, kam an den Kaiser-, der Ungarn behielt; die Türken behielten Temesvar, die anliegenden österreich. Plätze sollten geschleift werden, das Gebiet zwischen der Theiß u. Donau blieb kaiserlich, eine von der Mündung der Marosch bis an die der Bossut in die Sau gezogene Linie sollte für Ungarn östlich und die San bis zu seich (Gesch.). ihrem Zusammenfluß mit der Unna südl. die Grenzen bilden. Der Friede mit Venedig wurde erst 15. April 1701 definitiv unterzeichnet: Venedig behielt Morea, Sta. Maura n. Ägina, gab aber das Festland von Griechenland heraus, räumte Lepanto u. die den Türken zufallende Festung Prcvesa u. das Castell von Rumelien wurden geschleift. Die Inseln des Archipel u. der anderen Meere blieben türkisch, Die Tributzahlung für Zante wurde für immer aufgehoben. In Dalmatien blieben die Festungen Knin, Sing, Ciclut u. Gabella venetianisch u. eine Grenzlinie wurde zwischen türkischem und venetianischem Gebiete gezogen. Casteluuovo u. Risano verblieben Venedig. Dieser Friedcnsschluß, in dem die Pforte die bessere Hälfte ihrer europäischen Besitzungen verlor, erregte bei allen Osmanen großes Mißvergnügen n. der für seine Reformen des Friedens bedürftige Großvezir Hussein Kiuperli allein freute sich der gewonnenen Ruhe. In Adrianopel lebend, kümmerte sich der Sultan nichts um die Regierung, der Mufti aber hauste gewissenlos mit Gesetz u. Recht. Janitscharen und Volk in Constantinopel empörten sich, ernannten Juli 1703 einen neuen Großvezir n. luden den Sultan zur Verantwortung vor; dann zogen sie im Ang. nach Adrianopel. Die Regierung hier wagte keine Vertheidigung, die Rebellen zogen die Truppen Mnstaphas an sich Mnstapha II. entsagte daher 24. August 1703 dem Thron, welchen sein Bruder Achmed III. einnahm, u. st. 31.Dec. 1703. Achmed begann milde u, weise u. alle Empörungen in Asien, Arabien u. Ägypten wurden, da es dabei an Plan u. Leitung fehlte, leicht niedergeschlagen; der Einfluß der Pforte in den Barbareskcn- fiaaten hingegen sank bald auf Null. Der Schwerpunkt der auswärtigen Pfortenpolitik neigte sich nach Rußland. Achmed benutzte den Spanischen Erbfol- gekrieg nicht, um den Kaiser anzngreifen. Seine Friedensliebe theilte der Großvezir Ali Pascha, welchem er seit 1705 die ganze Regierung überließ; Peter der Große hingegen rüstete unablässig gegen die Pforte, um das Schwarze Meer zu erhalten. Karl XII. von Schweden war, als er 1709 nach der Niederlage bei Poltawa nach der Türkei floh, kein willkommener Gast, obgleich die Pforte längst mit ihm correspondirte. Doch erhielt er eine Freistätte in Bender u. erst 1710, nachdem Ali Pascha abgesetzt war u. durch die Jntriguen des von Schweden u. Frankreich beeinflußten Serails der kriegerisch gesinnte Baltadschi Mehemed das Reichssiegel erhalten, wurde der Krieg an Rußland erklärt. Die Russen unter Scheremttew drangen 1711 bis Jassy vor; die Hospodare der Moldau u. Walachei, Kantemir und Brancowan Bessaraba, verbündeten sich verrätherisch mit Peter. Der Großvezir rückte mit 200,000 M. von Adrianopel gegen die Moldau vor: Peter langte im Juli 1711 mit 80,000 M. am Pruth an, doch verlor er durch Mangel, Krankheit rc. bald über die Hälfte davon u. wurde von dem türkischen Heere völlig eingeschlossen, 20. Juli — da gelang es seiner Gemahlin Katharina ihn zu retten, indem sie den Großvezir mit ihrem Schmucke u. viel Geld be- stach. JmFriedenvonHusch,23.Juli 1711,gestattete der Großvezir dem russ. Heere freien Abzug, wogegen Peter Asow zurückgab, die Festungen Kamienska, Samara u. Taganrog schleifte, seine Truppen aus 600 Türkisches Reich (Gcsch.). Polen entfernte, die Schifffahrt aus dem Schwarzen Meere einstellte, auch in die Angelegenheiten der unter polnischem u. türkischem Schutz stehenden Kosaken sich nicht mehr einznmischen versprach. Zwar genehmigte Achmed III. den Frieden nicht, sondern entsetzte auf Schwedens Antrieb den Großvezir und ließ Rußland Dec. 1711 den Krieg erklären, aber der neue Großvezir Jnssuf Pascha ließ sich ebenfalls von Rußland bestechen u. 15. April 1712 kam durch Vermittelung Englands u. Hollands ein neuer Friede zu Stande, worin Kiew u. die Ukraine dieffeit des Dnjestr an Rußland abgetreten wurde u. Peter alle Truppen aus Polen zog; die Pforte versprach, die Tataren u. Kosaken im Zaume zu halten. Noch einmal gelang es der schwedischen Partei, die Pforte zum Kriege gegen Rußland (20. Nov.) zu bewegen, doch auch diesmal siegte das russische Geld. Der schwedisch gesinnte Großvezir Ibrahim Pascha wurde gestürzt u. der Friede mit Rußland durch Englands u.HollandsVermittelung 3.Juli 1713 auf 25Jahre geschloffen; eine Reactiou zu GunstenKarls XII. war rasch vorübergegangen. Karl XII. mußte 1. Oct. 1714 das türkische Gebiet verlassen u. in doppelzüngiger Politik schloß der Divan 22. April 1714 auch mit Polen Frieden, Stanislaus fallen lassend. Eine 1711 in Kairo ausgebrochene wilde Empörung wurde erst 1714 gestillt. Unter Vorwänden beschloß der neue Großvezir Damad Ali Pascha den Krieg gegen Venedig, indessen Kaiser Karl VI. bedrohte als Garant des Karlowitzer Friedens die Pforte mit Krieg, sobald diese Venedig angriffe. Die Pforte setzte sich daher gegen Ungarn in Bertheidigungszu- stand u. stellte auch gegen Rußland u. Polen Beobachtungscorps auf. In der Ebene von Adrianopel wurde eine Reservearmee aufgestellt, ein Heer von über 100,000 M. u. eine Flotte von 90 Segeln u 60 Galeeren unter dem Kapudan Pascha Dschannn- Chodscha mar zur Eroberung von Morea bestimmt. Während der General-Proveditore von Morea, Delfins, in dem Hafen von Elsimeno mit seiner gebrechlichen Flotte u. geringen Mannschaft auf die Türken wartete, landete der Kapudan Pascha bei Tine, welches sich ihm (Juni), wie Ägina (Juli) ergab, und zugleich drang der Großvezir durch die Landenge von Korinth in Morea ein und eroberte Korinth und Napoli di Romania; Ende 1715 war ganz Morea mit allen Festungen in türkischer Gewalt. Im Sept. fielen auch Suva u. Spinalonga, Venedigs letzte Stationen auf Kandia, dann Cerigo, indessen die Venetianer selbst Sta. Mauras Werke schleiften. 1714 schon war der Pascha von Bosnien in Montenegro eingefallen n. hatte furchtbar gehaust; in Dalmatien aber mußten die eingedrnngenen Tataren u. Osmanen 1715 schmählich abziehen. Die Pforte ergriff die schärfsten Maßregeln gegen Venedig u. verbot alle seine Maaren im Reiche. Kaiser Karl VI. schloß 13. April 1716 ein Schutz- u. Trutz- bündniß mit Venedig u. stellte drei Heere (125,000 M.) in Ungarn unter Prinz Eugen auf. Der kai- serl. Resident wurde abberufen, April. Der Großvezir erhielt den Oberbefehl über das auf 150,000 M. verstärkleHeer gegen Ungarn, wo erRakoczy den Fürstenstnhl Siebenbürgens», den Ungar. Königstitel versprach. Obwol der Großvezir seinen Untergenera len die Feindseligkeiten zuerst zu beginnen verboten hatte, um nicht als Verletzer des Karlowitzer Friedens zu erscheinen, griffen die Türke» doch den ihren Übergang über die Save beobachtenden Grafen Palffy zuerst bei Karlowitz an u. schlugen ihn völlig. Das bei Peterwardein versammelte kaiserl. Hauptheer aber, an 80,000 M. stark, griff 5. Aug. die über die Save gegangenen Türken bei Peterwardein an u. siegte; die meisten Paschas mit 12,000 M. blieben u. auch der Großvezir Ali Pascha starb in Karlowitz an seinen Wunden. Das von den Kaiserlichen belagerte Temesvar ergab sich 13. Oct., worauf Prinz Eugen das ganze Banat besetzte. Auch gegen Venedig waren die Türken unglücklich u der Kapudan Pascha hatte die im Juli unternommene Belagerung von Korfu 22. Aug. aufgehoben; Butrinto u. Sta.Mau- ra gingen verloren. In Albanien n. den Donau« fürstenthümern regten sich Sympathien für Oesterreich; die Walachei erklärte sich bei dem Einrücken eines österr. Streifcorps im Novbr. 1716 geradezu für den Kaiser u. der Fürst Maurokordato wurde von den Österreichern gefangen, sein Bruder aber von der Pforte eingesetzt. Ein österr. Streifzug in die Moldau, um den Fürsten Rakovitza aufzuheben, scheiterte 1717. Der Winter verlief unter eifrigen Rüstungen; die Kaiserlichen verstärkten sich bis aus 140,000 Mann, der Großvezir Chalil Pascha auf 200,000. Rakoczy u. andere Feinde des Kaiserhauses wurden aus Frankreich zurllckgerufen. Im Juni 1717 begann Prinz Engen mit 100,000 M. die Belagerung von Belgrad, 1. Juli fiel Semlin. Engen hatte bereits große Fortschritte gemacht, als 1. Aug. die Vorhut des türk. Heeres aus den Höhen von Belgrad erschien u. Engen im Lager einzuschlie- ßeu drohte. Dieser, von den Höhen ans u. von der Festung selbst stark beschossen, beschloß dem Großvezir eine Schlacht zu liefern u. griff 16. Aug. mit etwa 60,000 M. die Türken an. Mehrmals schwankte die Schlacht, endlich siegten die Kaiserlichen u. stürmten das türkische Lager. Der Verlust der Türken betrug 13,000 Todte, 5000Gefangene u. 3000 Ertrunkene, der der Kaiserlichen 2000 Todte u. 4000 Verwundete. Belgrad capitnlirte 18.Aug-, die Besatzung erhieli freien Abzug. Bald darauf räumten die Türken auch Semendria, Ram, Sabacz,Mehadia u. Or- sowa, nur nicht Novi n. Zwornik. Der Krieg mit Venedig blieb ohne bedeutende Ereignisse, nur fielen ihm Prevesa u. Vonizza Oct. n. Nov. 1717 durch Capitulation zu. Den Feldzug von 1718 mit Venedig unterbrach der Friedeusschluß, den wieder England n. Holland vermittelten. Nach langen Verhandlungen wurde zu Passarowitz ein Congrcß eröffnet u. 21. Juli 1718 der Friede unterzeichnet, dem der von Karlowitz zur Grundlage diente. Die Alma wurde nach der Walachei hin die Grenzscheide zwischen dem kaiserlichen u. osmanischen Gebiete. Temesvar, Belgrad u. ein Theil von Serbien, Bosnien u. der Walachei wurden an Österreich abgetreten; dagegen behielt die Pforte einige Plätze in Dalmatien, Tine u. Morea. 27. Juli wurde auch ein Handelsvertrag zwischen dem Kaiser u. der Pforte geschlossen. Venedig verlor seine bisherige orientalische Machtstellung. 16. Novbr. 1720 wuroe der Friede mit Rußland „ans ewig" erneuert a. auch darin die Aufrechterhaltung des Wahlkönigthnms in Polen, d. h. der Ursache seiner Schwäche, garantirl. Als Peter d. Gr. seit 1720 die inneren Unruhen in Persien zur Eroberung von Daghestan benutzte, 601 Türkisches Reich (Gesch.). begaben sich Lesghien n. Georgien in türk. Schutz; im Volk u. Heer rief man nach Krieg gegen Rußland , indessen kam durch Frankreichs Vermittelung ein Theilnngsvertrag Persiens zwischen Rußland u. der Pforte 24. Juni 1724 zu Stande, wodurch beide sich ihre von Persien eroberten Provinzen verbürgten; die Türken sollten große Theile der Provinzen Schirwan, Gcndsche, Eriwan, Mochhan, Karabagh, Aserbeidschan n. persisch Irak haben. Unterdessen waren in Persien (s. d. S. 247) Thronstreitigkeiten ausgebrochen, welche die Pforte benutzte; die Türken eroberten 1725 Merend u. Sonos, siegten vor Te- bris 25. Mai u. nahmen es, sowie die ganze Provinz Loristan rc.; aber 20. Novbr. 1726 schlug der pers. Prätendent Aschraf die Türken bei Andschedan gänzlich , worauf 3. Oct. 1727 ein Friede mit ihm in Hamadan zu Stande kam u. er als Schah von Persien anerkannt wurde, die Türken aber im Besitz ihrer Eroberungen blieben. Im Innern bewies der Großvezir Ibrahim Pascha sich thälig für die Verbesserung der Reichsvcrwaltung u. Einführung zweckmäßiger Einrichtungen, legte sogar Bibliotheken an u. errichtete 1729 eine Buchdruckerei in Cou- stantiuopel, auch nahm er den Franzosen Bonneval 1756, stellte aber, als England zu einem Kriege mit Österreich drängte, 1761 nur ein Beobachlungsheer an der ungarischen Grenze auf; dagegen schloß er, aller Jntriguen Frankreichs ».Rußlands ungeachtet, ' am 2. April 1761 einen Freundschasts- u. Handelsvertrag mit Preußen ab. Ein Schutz- u.Trutzbünd- niß wurde durch Frankreichs Einwirkung vor» Divan Türkisches Reich (Gesch.). 603 14. Oct. 1762 zu Preußens Schrecken verworfen. Rußland rief neue Empörungen in Asien hervor, welche der Nachfolger des 1768 gestorbenen Groß- vezirs Raghib, Hamid Hamsa Pascha, dämpfte. Den S chritten der Kaiserin Katharina II. Polen gegenüber sah der Divan ungerne zu, suchte aber trotz aller Aufforderung der Patrioten, derBarer Confödcration rc. den Krieg mit Rußland zu vermeiden. Nach der Plünderung u.ZerstörungvonBalta aberdurchZaporoger Kosaken u. Nüssen, Juli 1768, gelang es Frankreich, Mnstapha III. 30. Oct. 1768 zum Kriege mit Ruß- land zu vermögen; der Gesandte Obreskow wurde eingesperrt. Der Großvezir Mohammed Emir sammelte ein Landheer von über 100,000 M., während der Kapndan Pascha Gazhi Hassan eine Flotte von 30 Schiffen ausrüstete u. der Khan der Krim in Rußland (Neuserbien) einfiel. Galitzin, welcher das russische Heer befehligte, griff am 30. April die Ver- schanzungen beiChoczim an, bekam aber erst am 21. Sept. nach dem Siege vom 18. die Festung in seine Gewalt, worauf die Russen unter General Elmpt im Oct.Jassy, unter Oberst Karasin 16.Nov.Bncharest eroberten. General Stoffeln vollendete die Unterwerfung der Walachei 1770, nahm 28. Jan. ein türk. Lager bei Bralla, verbrannte die Stadt, schlug am з. Febr. den Seraskier bei Giurgewo, besetzte es, unterwarf die Donausürstenthllmer Rußlands Bot- Mäßigkeit u. schlug am 5. Mai ein türk. Corps bei Braila. Indessen wandte Rumanzow, Oberbefehlshaber an Galitzius Stelle, mit der Hauptarmee sich gegen Choczim, während eine andere rnssischeArmee unter Panin von der Ukraine ans gegen den Dnjestr zog, um Bender zu erobern. Numanzow schlug den Tatar-Khan am 28. Juni am Kalmassu u. am 18. Juli an der Larga u. am 1. Aug. den Großvezier Chalil Pascha am Kaghul. General Repnin besetzte, den Tatar-Khan verfolgend, Ismail 6. Aug., rückte vor Kilia, welches sich am 18. Aug. ergab u. ließ Akkjerman durch den General Jgelström einschließen; es fiel 6. Oct. Otschakow leistete siegreich Widerstand, Braila ergab sich 5. Nov. Inzwischen erstürmte Panin Bender in derNacht vom 26.-27. Sept., nachdem er durch Vertrag vom 17. Aug. die Tataren von Jedissan n. Bndjak zur Unterwerfung unter Rußland gebracht; 25. Nov. wurde Bukarest nochmals von den Russen besetzt; Tottleben drang 1770 siegreich nach den Ufern des Schwarzen Meeres vor u. Medem unterwarf wieder die Kabardei den Russen. Im Frühjahr 1770 segelte eine russische Flotte unter dem Admiral Spiridow in den Archi- pelagus, um die Mainoten zu unterstützen, welche sich gegen die Türkei erhoben hatten. Der Flotte Spiridows folgte die von Elphinstone, n. über beide sollte Alexei Orlow den Oberbefehl fuhren. Spiri- dow landete mit 500 Russen unter Feodor Orlow in der Maina. Die Russen n. Mainoten wurden 19. April bei Tripolizza geschlagen und Tripolizza wie Patras erfuhren ein entsetzliches Strafgericht durch die Osmanen. Dolgornki eroberte Leontari, Arkadia u.Navrrin, konnte aber nur letzteres halten. Koron u. Modon widerstanden den Russen — diese verließen Morea u. die Osmanen hausten nun als Rächer schamlos. Unterdessen hatten die Flotten von Elphinstone u. Spiridow sich mit einander vereinigt и. am 5. Juli schlug Alexe! Orlow den Kapndan Pascha bei Chios. Beide Admiralschifse flogen bei diesem Kampfe in die Luft u. Feodor Orlow wie Spiridow retteten sich mit Mühe; die Überreste der türk. Flotte flüchteten sich in die Bai von Tschesme, wo sie von den Russen unter Greigh 6. Juli verbrannt wurden. Der ganze Archipel erklärte sich für Rußland. Orlow blokirte die Dardanellenschlösser fruchtlos u. belagerte Lemnos, von wo er aber durch den Viceadmiral Hassan-Bey 24. Oct. vertrieben wurde. Da die Friedensunterhandlungen, von den Großmächten unterstützt, an den hohen Forderungen Katharina's II. gescheitert waren, so sammelte der Großvezir Silihdar Mohammed Pascha ein Heer an der Donau, dessen Artillerie durch den Baron Tott neu gebildet worden war. Bevor aber der Großvezir den Feldzug eröffnen konnte, eroberte der russische General Ölitz am 1. März 1771 die Stadt Giurgewo, General Weißmann am 4. April das Schloß Tuldscha, schleifte das feste Schloß Jsakdschi u. die Magazine u. zog sich hieraus nach Ismail zurück. Gegen Ende Mai eröffneten die Türken endlich den Feldzug; der Scraskier schlug am 15. Juni Potemkin u. Gndowitsch u. eroberte am 20. Juni Giurgewo wieder. Achmed Pascha aber wurde auf seinem Marsche gegen Bukarest 21. Juni von Repnin zum Rückzüge gezwungen. Rumanzow war indessen von Jassy bis an den See Kaghnl vorgerückt. Am 1. Nov. eroberte General Weiß- mann die Stadt Babadagh, worauf sich der hier stehende Großvezir nach Aoriauvpel zurückzog. Nachdem daun noch das von den Türken wieder gewonnene Jsakdschi am4.Nov. gefallen, war am Ende des Feldzuges das ganze linke Donanufer inderGewalt der Russen. In der Krim hatte Perekop nach dem Sturme Dolgorukis auf seine Linien Ende Juni capitulirt; I.Juli erkannten die Tatarischen Mnrsen Rußlands Oberhoheit an. Dolgornki schlug 10. Juli den Seraskier der Krim bei Kassa u. eroberte Kassa, Kertsch, Jenikale u. L-utak fast ohne Schwertstreich. Der Khan floh nach Constantinopel u. die Krim unterwarf sich den Russen; aber ein Versuch Dolgorukis, Otschakow u.Kinburn zu erobern, wurde im Aug. zurückgewiesen. Ein am 6.Juli 1771 zwischen Österreich n. der Pforte abgeschlossener geheimer Subsidientractat wurde rasch bekannt u. vom Kaiser nicht ratificirt. Der neue Großvezir Muhsinsade Mohammed Pascha ging gerne auf das Anerbieten von Preußen u. Österreich, einen Waffenstillstand zu Wege zu bringen, ein; am 10. Juni 1772 abgeschlossen, wurde er 6 Wochen später auch auf die Flotte im Archipel ausgedehnt. Die 19. Aug. in Fokschani begonnenen Unterhandlungen scheiterten an den hohen Forderungen der Russen u. an dem Starrsinn der Ulsmas, der Waffenstillstand wurde auf 6 Monate verlängert u. 20. Nov. ein neuer Congreß in Bukarest eröffnet, der sich ergebnißlos 1773 auflöste. Der Feldzug von 1773 an der Donau bot außer einem Siege des Generals Weißmann über die Türken bei Karassu, 8. Juni, nichts von Bedeutung. Die Tataren der Krim boten der Pforte, Rußlands müde, wieder Unterwerfung an u. der Mamelukenaufstand in Ägypten endete Mai 1773, obgleich ihn die Russen von der See her unterstützten. Die Türken wollten anfangs diese Erfolge benutzen, gaben aber die Offensive auf, als Suworow am 14. Sept. den Versuch, Hirsowa wieder zu erobern, vereitelte. Während nun Kamenski 604 Türkisches Reich (Gcsch.). Rnstschuk u. Potemkin Silistria einschloß, vereinigte sich Dolgornki bei Karainnrad mit dem General Ungern »nd am 28. Oct. schlngen Beide ein türk. Corps wieder bei Karassu; Angriffe auf Schumla u. Varna mißlangen aber den Russen u. sie mußten sich vor einem neuen türk. Corps zurückziehen. Zur See war 1772 u. 1773 nichts von Bedeutung geschehen. Am 21. Jan. 1774 starb Mustapha III. u. sein Bruder Abdul Hamid I. folgte; er war 49 Jahre alt u. hatte 43 Jahre im Kerker gelebt, war geistlos, hochfahrend u. beschränkt u. wollte im Kriege Ruhm erwerben. Rumanzow zeigte sich zur Wiederaufnahme der Unterhandlungen bereit, aber die Ule- mas erklärten, die Abtretung türkischer Festungen widerstreite dem Islam. Der im April 1774 er- Lffuete Feldzug führte nach einem Siege der Russen über die Türken bei Koslidsche im Juni, zur Einschließung der Armee des Großvezirs in die Ber- schanzungen von Schumla im Juli; Rumanzow verwarf den angesnchteu Waffenstillstand und ließ dem Großvezir Muhsinsade nur die Wahl zwischen dem Frieden unter russischen Bedingungen oder Krieg. In seiner Noth gab Muhsinsade nach und sein Rußland freundlicher Kiaja Bey Resmi Achmed Effendi ging mit dem Reis Effendi mit ausgedehnter Vollmacht ins russischeLager ab. Auf einer Trommel wurde in Rumanzows Zelte von ihnen 21. Juli 1774 der Friede zu Kutschnk-Kainardschi mit dem Fürsten Repnin unterzeichnet. Die absolute politische Freiheit der Tataren in der Krim, in Bessarabien u. amKuban wurde ausgesprochen, nur blieb der Sultan ihr geistliches Oberhaupt. Kertsch, Jenikale, Asow, die kleine u. große Kabardei u. Kin- burn wurden an die Russen abgetreten und so die Türken ihrer Hauptschntzwehren beraubt; zugleich sti- pulirte sich Rußland die freie Schifffahrt auf den türkischen Meeren u. Gewässern u. leitete später aus den W 7 u. 8 das Schntzrecht der griechischen Con- fessionsverwandten im ganzen T. R. ab; die Pforte erhielt Bessarabien, wie die Inseln des Archipel zurück, desgleichen die Moldau u. Walachei, übernahm aber die Verpflichtung, die dortigen Christen mild u. gerecht zu behandeln. Rußland räumte Georgien u. Mingrelien u. versprach, sich nicht mehr in ihre Angelegenheiten zu mischen. Die Pforte bezahlte 4^ Mill. Rubel Kriegskosten an Rußland u. dieses versprach, seine Truppen u. Flotte binnen einiger Monate zurückzurusen. Polen, die Hanptursache des Krieges, war garnicht erwähnt. Dieser für Rußland eminent günstige Friede war der Geburtstag der Orientalischen Frage. Um der Finanznoth abzuhelsen, wurden außerordentliche Maßregeln getroffen; der Restaurator der Marine, derKapudan Pascha Ghasi-Hassan, war dafür bes.thätign.besaß hohen Einfluß; der alte Staatsgedanke, durch den Großvezir Derendeli „Mehemed Pascha vertreten, sollte verwirklicht, die Übermacht der herrschsüchtigenUlemas sollte gebrochen,die geistlichen Güter zu Staatszwecken nutzbar gemacht werden, aber der Großvezir wurde von den Ulemas im Aug. 1778gestürzt; diealteSorglosigkeit ».Erschlaffung in der Reichsverwaltung trat unter seinem elenden Nachfolger wieder ein u. das Heerwesen zerfiel. Während in Syrien u. Palästina, sowie in Ägypten die türkische Herrschaft wieder befestigt werden mußte, kam der Divan auch mit Kerim Khan in Persien in schlimme Händel 1775—77, u. in Albanien maßte sich die statthalterliche Familie eigentlich die Gewalt an, in Morea aber unterwarf der Kapudan Pascha, Ghasi-Hassan, die Albaneserhorden und brachte den Divan wieder zur Herrschaft 1779. Vergebens suchte die Pforte eine Milderung der Bedingungen von Kutschnk-Kainardschi zu erlangen, Preußens Vermittelung nützte nichts u. 24. Jan. 1775 wurde der Friede ratisicirt. Schon im Sept. 1774 besetzten die Österreicher einen osmanischen Grenzdistrict der Moldau, zur Beunruhigung der übrigen Mächte; die Pforte konnte keinen Feldzug wagen u. überließ das Gebiet Österreich im Grenzvcrtrage v. 7. Mai 1775 und 2. Juli 1776. 1777 ließ Katharina II. Perekop widerrechtlich besetzen u. kreuzte den türkischen Einfluß in derKrim fortwährend. Die Spannung mit Rußland steigerte die Hinrichtung des russisch gesinnten Moldauer Hospodars Ghikä im Oct. 1777. Der drohende Krieg unterblieb aber zumeist durch Frankreichs Vermittelung u. es kam 21. März 1779 die Convention zwischen Rußland u. dem T. R. von Ainali Kawak zu Stande, die den Frieden von 1774 erneuerte u. den Türken einen Landstrich bei Otscha- kow gab. Der Plan einer preußisch-russisch-türkischen Tripelallianz 1779 scheiterte. 1782—83 rüstete die Pforte gegen Rußland wegen seiner Eingriffe in der Krim, indessen Katharina an die Theilung des T. R. dachte. Am 8. April 1783 erklärte die Kaiserin Katharina II. durch ein Manifest Krim, Kuban u. Taman als russische Provinzen, da sie ihr der Khan gegen ein Jahrgeld abgetreten habe u. die Pforte mußte, von Frankreich u. den deutschen Großmächten bestimmt, diese Besitznahme trotz alle» Widerwillens 8. Jan. 1784 bestätigen. L>ie erneuerte zugleich den Frieden mit Rußland, behielt Otschakow u. Sud- schuk Kalessi, der Kuban wurde Grenze u. dis Pforte duldete, daß sich der Fürst Heraclius von Georgien Rußland unterwarf. Ebenso nachgiebig zeigte sich die Pforte gegen den deutschen Kaiser, mit dem sie 24. Febr. 1784 einen Handelsyertrag schloß. Trotzdem fand 1787 die Zusammenkunft Josephs II. mit der Kaiserin Katharina von Rußland in Cherson statt, offenbar gegen die Pforte gerichtet. Die Verhandlungen in Cherson wurden aber der Pforte von Oesterreichs Feinden im gefährlichsten Lichte dargestellt, der Großvezir Jussnf Pascha rief wegen zahlloser Kränkungen durch Rußland nach Krieg, warf den Gesandten Bulgakow ins Gefängniß n. erklärte 24. Aug. 1787 Rußland den Krieg. Rußland hätte am liebsten denselben noch vermieden, aber die Pforte lenkte nicht ein u. Katharina erließ 20. Sept. ihr Kriegsmanifest. Das türkische Heer war wohlgerüstet u. fast 500,000 Manu stark, aber ohne Dis- ciplin; die Flotte war gut, doch fehlten im ganzen Feldzuge einheitliche Leitung u. Plan. Von Otschakow aus begannen die Türken 30. Aug. 1787 ihre Angriffe auf Kinburn, aber eine 12. Öct. gelandete Kerntrnppe wurde von Suworow vernichtet u. Kinburn dadurch gerettet. Indessen hatte auch Kaiser Joseph II. 9. Febr. 1788 den Krieg an die Pforte erklärt, weil diese seine Vermittelung abgelehnt habe, u. zog mit 200,000 Mann unter Feldmarschall Lascy an der türkischen Grenze einen von Kroatien bis zur Bukowina sich hinziehenden Cordon. Schweden verbündete sich mit der Pforte im Jan. 1788, erklärte 605 Türkisches Reich (Gcsch.). aber erst Mitte 1788 den Krieg an Rußland. Der Kaiser nahm Sabacz 28. April mit Sturm, dagegen erlitt der Fürst Liechtenstein vor Dubicza eine Schlappe. Im Juli rückte der Großvezir Jussuf PasLa mit seinen 70,000 Mann im Verein mit dem Seraskier von Widdin gegen die kaiserl. Hauptarmes vor u. ging, als Joseph II. sich über die Save znrückzog, bei Kladova über die Donau, jagte das Corps des Generals Wartensleben 28.Aug. von den Höhen bei Mehadia herab n. drang ins Temesvarer Banat ein. Die Kaiserlichen hielten erst Stand, als der Kaiser mit 40,000 Mann bei Slatina zu War- tensleben gestoßen war. Hier griff der Großvezir seit 14. Sept. wiederholt,das österreichische Lager an u. 20. Sept. traten die Österreicher aus Lugosch den fluchtartigen Rückzug nach Temesvar au. Siebenbürgen schwebte in der größten Gefahr, aber der Großvezir benutzte den Erfolg nicht u. zog sich auf Belgrad zurück. Joseph traf Ende Oct. iu Scmlin ein, zog die dort zurückgelassenen 30,000 Mann wieder an sich u. ging nach Wien, während sein Heer Winterquartiere bezog. In Kroatien hatte Laudon den Fürsten Liechtenstein abgelöst, 26. Aug. Dubicza u. 3. Oct. Novi erobert. Fabris vertheidigte die zahlreichen Pässe aus der Walachei nach Siebenbürgen. Der Prinz Josias von Kobnrg, der mit 18,000 Mann in der Bukowina stand, zog 10,000 Russen unter Saltykow an sich u. zwang mit ihnen Choczim 19. Sept zur Capitulation. In der Krim operirten Potemkin u. Suworow mitGlück u. ebenso zurSee der Prinz von Nassau-Siegen u.derContre- admiral Paul Jones. Ende Mai erschien der Kapudau Pascha Hassan mit 10 Linienschiffen u. 6 Fregatten vor Ötschakow, nachdem er auf der hohen See eine zweite Flotte von 8 Linienschiffen u. 8 Fregatten zurückgelassen hatte. Aber er wurde in mehreren Gefechten vom 18. u. 27. Juni im Limau geschlagen, verlor durch eine Batterie Suworows von der Kin- burner Landzunge ans 28. Juni fast die ganze Flotte und flüchtete nach Ötschakow; 12. Juli zerstörte Nassau den Rest der Flotte. Der Kapudan Pascha hielt sich noch längere Zeit bei Beresan, bis er im Öctbr. nach Coustantinopel zurückkehrte. Potemkin hatte sein Heer Ende Juni bei Sokoli gesammelt, begann aber erst 31. Juli die Belagerung von Otscha- kow; als Hunger u. Kälte zu stark wurden, befahl er endlich den L>turm 17. Dec., worauf er die Werke schleifen ließ. Der Großvezir Jussuf ging im März 1789, an der Niederdonau eine Beobachtungsarmee gegen die Russen stehen lassend, mit 90,000 Mann bei Rustschuk über dieselbe u. drang nach der Moldau, um hierdie Österreicher anzugreifen, vor, wurde aber bei Braila von den Russen unter Derselben zu- rllckgeworfen, 16. April bei Maximeni besiegt u. bis Galacz verfolgt. Abd-ul-Hamid folgte 7. April 1789 Selim III., von Kriegsmuth beseelt. Ein Sohn Mustaphas III., abervou seinem Oheim Ab-dnl-Hamid sorgfältig erzogen, rief er den Großvezir Jussuf zurück u. an dessen Stelle trat Kntschuk-Hassan. Suworow u. Kobnrg schlugen vereinigt, die Türken I.Aug. 1789 bei Fok- schani; erst 21. Septbr. ging Potemkin über den Dnjestr nach der Donau zu, wo Kutschuk-Hassan mit der Hauptmacht stand. Mit ca. 100,000 Mann ging der Großvezir bei Braüa über die Donau auf Rymnik los, den Seraskier Hassan Pascha drängte Nepuin von Bessarabien auf Ismail zurück. -Suworow u, Kobnrg schlugen den Großvezir total 22. Septbr. bei Martineschti; Kobnrg überwinterte in Bukarest, l 4. Nov. capitulirte Äkkjerman an Pla- tow u. 15. Nov. Bender an Potemkin u. die Russen nahmen iu Bessarabien Winterquartier. Über die Österreicher führte 1789 Feldmarschall Graf Haddik das Commando; erst im Mai kam er mit 55,000 Mann im Lager von Futak an. Laudon, seit Mai Commaudeur in Kroatien-Slawonien, erzwang 9. bis 10. Juli die Übergabe der Festung Berbir und traf, an Haddiks Stelle Oberbefeblshabcr der Kaiserlichen geworden, 14. Aug. bei Semliu ein; Feldmarschall Graf Clersayt schlug die Türken 28. Aug. bei Mehadia u. stieß zu Laudon bei Semlin; während eine österreichische Abtheilung 9. Nov. Kladowa nahm u. 6. Nov. Krajowa fiel, begann Laudon 15. Sept. die Belagerung von Belgrad, welches 8. Oct. capitulirte; gleich darauf ergaben sich Semendria u. Passarowitz, Neu-Orsowa hielt sich noch bis 19. April 1790. 11. Juli 1789 war auf Preußens Drängen der türkische Substdienvertrag mit Schweden unterzeichnet worden u. nach sehr verwickelten Verhandlungen kam 31. Jan. 1790 der Abschluß einer Allianz zwischen Preußen u. dem T. R..zu Wege. Preußen wandte sich gegen Rußland u. Österreich, verbürgte der Pforte den Wiedererwerb der Krim rc. Preußen machte mobil u. ratificirte den Allianzvertrag 20. Juni 1790. Der Krieg wurde 1790 anfangs lässig geführt; die Fortschritte der Russen hatten die westlichen Mächte bedenklich gemacht u. um das T. R. nicht Rußland preiszugeben, veranstalteten England, Holland, Österreich u. Preußen dieConferenz in Reichenbach wegen Erhaltung des T. R. und schlossen hier 27. Juli die darauf bezügliche Convention. Im Juni hatte sich Koburg umsonst gegen Ginrgewo versucht, aber 20. Juni war die Festung Czettin an die Österreicher gefallen. Nach Bekanntwerden der Reichenbacher Convention zog sich Suworow, welcher sich 15.Aug. mitdem Prinzen vonKobnrgwieder vereinigt hatte, nach Kilia zurück u. blieb hier bis Ende Sept. 19. Sept. wurde von Koburg u. dem Großvezir ein neunmonatlicher Waffenstillstand in Giur- gewo abgeschlossen, indessen Schwedens Friedensschluß mit Rußland die Pforte sehr verdroß. Der Contreadmiral Uschakow vernichtete einen Theil der türkischen Flotte vor Sinope u. Anapa, besiegte den Kapudan Pascha in den mörderischen Gefechten vom 19. Juli u. 9. Sept. bei Jenikale u. Odessa u. vereitelte seinen Angriff auf die Krim; Admiral Ribas aber lief mit der Ruderflotte in die Donau ein u. eroberte 17. Nov. Tuldscha; sein Bruder bemächtigte sich der Stadt Jsakdscha u. General Müller belagerte Mitte Sept. Kilia, welche Festung sich 15. Octbr. an den General Gudowitsch ergab. Suworow belagerte Ismail, indessen auch die Donauflotille die Stadt von der Wasserseite eiuschloß, beschoß sie u. nahm sie 22. Dec. mit Sturm, lieber 30,000 Türken nebst dem Seraskier u. 5 Paschas blieben hierbei. Auch im Kuban u. Kaukasus waren die russischen Waffen glücklich, nicht aber in den griechischen Mee- ren. Leopold II. ließ, um bei dem Friedensschlüsse vortheilhastere Bedingungen zu erzielen, vorher Widdinu.Giurgewo belagern, aberimSept. sprengten die Türken die Linien der Kaiserlichen vor Giur- gewo u. zwangen sie zur Aufhebung der Belager- 606 Türkisches Reich (Gesch.). ung. Im Dec. 1790 versammelten sich in Sistowa türkische u. österreichische Bevollmächtigte, die Seemächte u. Preußen vermittelten; nach langen Verhandlungen, die sogar im Juni von Österreich vorübergehend unterbrochen wurden, kam 4. Aug. 1791 mit Öesterreich der Friede zu Sistowa auf dem Status guo zu Staude, sowie eine ihn modificirende Separatconvention, in der Alt-Orsowa u. das Gebiet bis zurCzerna anÖsterreich fielen. Gegen Rußland, welches den angebotenen Frieden nicht angenommen hatte, setzten die Türken den Krieg fort. Im Jan. 1791 vereinigten sich die Generale Gole- nistschew-Kntnsow u. Galitzin, gingen 6. April über die Donau, verjagten 18,000 Türken aus Matschin u. besetzten dieses am 8., wurden aber vor Braila 12. April geschlagen u. zum Rückzuge nach Galacz genöthigt; auch gelang den Türken der Überfall von Hirsowa 25. Jan. Repnin ging im Juli bei Galacz über die Donau, eroberte 10. Juli das türkische Lager vonMatschin u. zwang LenGroßvezir zum Rückzug nach dem Balkan. Kurz zuvor hatten dis Russen auch in der Asiatischen Türkei Fortschritte gemacht u. Gudowitsch 3. Juli Anapa erobert. Zwar besiegte 19. Juli der Kapudan Pascha die russische Flotte unter dem Admiral Uschakow im Schwarzen Meer bei Jenikale, wurde aber ll.Aug. beiKaleri-Burnn fast vernichtet. Das türkische Volk forderte gebie terisch den Frieden. Im Aug. begannen Friedens»»- terhandlungen mit Rußland zu Galacz, die ll.Aug. unterzeichnet wurden. Zu Jassy wurde wegen des Friedensschlusses weiter verhandelt u. 9. Jan. 1792 kam der Friede zu Jassy mit Rußland zu Stande. Die Türken traten Otschakow u. den Landstrich zwischen Bng u. Dujestr ab u. der Dnjestr bildete von nun an die Grenze. JnÄgyptenhatten sich unterdessen die Mameluken- beys und in Aleppo die Janitscharen empört, der Pascha von Bagdad wollte den erblichen Besitz seiner Provinz erzwingen, auch die anderen Paschas in Asien versagten den Gehorsam und in Europa hielten die Paschas die Einkünfte nach Gutdünken zurück. Um mehr Ordnung u. Festigkeit in die innere Regierung zu bringen, führte Selim III., ein wahrer Reformator, einen Staatsrath von 10 ordentlichen und vielen außerordentlichen Mitgliedern ein, wodurch die Gewalt des Großvezirs beschränkt u. selbst durch gesetzliche Formen gebunden wurde. Eine Menge Neuerungen gingen vom Reis Effendi Raschid u. bes. von Mahmud-Tschelebi-Effendi aus; die Wissenschaften wurden begünstigt, die in Verfall gerathenen Buchdruckereien wieder in Thäligkeit gesetzt. Zur Europäisiruug des Kriegswesens geschah Alles; eine Kriegskasse wurde neu errichtet, in Sud- ledsche eine Jngeuieurakademie unter Leitung französischer u. englischer Offiziere gestiftet, neue Gieß- und Zeughäuser errichtet und die Arbeiten auf den Schiffswerften für eine neue Flotte eifrig betrieben. Weil aber gegen die Europäisiruug der Armee wie gegen die Einverleibung in die neuen Truppen die Janitscharen sich sträubten, auch siegreich gegen letztere fochten (1805 — 6), so mußte Selim die Reformen 1806 einstweilen einstellen. Die in Belgrad u. mehreren Orten ausgebrochenen Unruhen wurden bald gedämpft. In Rumelieu u. Bulgarien erreichte der Räuberunsug eine entsetzliche Höhe, von höchsten Würdenträgern begünstigt. Ihr Hauptbunüesge- nosse war Paswan Oglu in Widdin: verletzt durch die Confiscation seiner väterlichen Güter, stellte er sich an die Spitze der Janitscharen u. anderen Gesindels und vertrieb von Widdin den Pascha. Bald hatte er 80,000 Mann um sich, besetzte viele Städte und bedrohte 1797 Belgrad u. die Walachei. Der Staatsrath bewilligte ihm Verzeihung u. Wiedergabe der eingezogenen Güter, aber er behielt seine Truppen, forderte das Paschalik von Widdin für sich u. griff, als dieses ihm verweigertwnrde, 1797 aufs Neue zu den Waffen u. zwang durch seine Siege den Divan, mit ihm den Vertrag vom 28. Oct. 1798 abzuschließen n. ihm 1799 das Paschalik von Widdin zu bewilligen, von wo aus er lange Einfälle in die Walachei machte. Seit Ausbruch der Französischen Revolution hetzten die Jakobiner in Constantiuopel gegen die legitimen Throne u. im Aug. 1793 schloß der Divan mit der Republik einen Vertrag, während erMonsieur nicht als Regenten von Frankreich aner-, kannte. Selim wollte die Krim wieder haben und darum Krieg mit Rußland; so bald aber die Friedenspartei unter dem geriebenen Reis Effendi die Oberhand gewann, sank der Eiuflnß der Jakobiner. Für den vom französischen Gesandten de Verninac vorgeschlagenen Plan eincrQuadrupelallianzFrankreichs, Preußens, Schwedens u. der Pforte zur Herstellung Polens u. Erniedrigung Rußlands (1795), war kein Beifall im Divan zu finden. Unvorbereitet wurde die Pforte in Krieg mit Frankreich verwickelt, da Bonaparte im Juli 1798 Ägypten besetzte. Die Kriegserklärung der Pforte erfolgte 4. Septbr., 23. Dec. 1798 u. 5. Jan. 1799 schloß sie Bündnisse mit Rußland u. England. In St. Jean d'Acre hielten sich die Türken, aber zum Abzug aus Ägypten konnten sie erst im Sept. 1801 im Verein mit den Engländern die Franzosen zwingen, s. u. Französischer Revolutionskrieg, S. 443 ff. Diesen Krieg beendete der Frieden zu Paris 25. Juni 1802, der Alles aus den alten Fuß setzte u. Frankreichs Handelsschiffen die freie Fahrt auf dem Schwarzen Meere zugestand. Eine vereinte russisch-türkische Flotte hatte 1798—99 die Franzosen von den Jonischen Inseln vertrieben, was Ali Pascha von Janina, der auf deren Besitz speculirte, verdroß. Mi Pascha unterwarf die ehemals venetianischen Festungen Albaniens, die nun dem T.R.einverleibiwurden. Durch den Constautiuopler Vertrag v. 21. März 1800 schufen Rußland u. das T. R. die Republik der 7 vereinigten Inseln (s. Jonische Inseln). Selim wollte die Herrschaft der Ma- melukenbeys in Ägypten vernichten, aber England nahm diese 1801 in Schutz u. durch Vertrag v. 9. Jan.,. 1803 verzieh ihnen die Pforte (s. Ägypten). In Ägypten behauptete sich nach langem Ringen Mehemed-Ali, im April 1806 von Selim endlich als Vicekönig bestätigt. Die Gewaltherrschaft Achmed Dschesar Paschas in Syrien, der sich um den Sultan kaum kümmerte, endete 1804 mit seinem Tode und dis Ruhe wurde bald hergestellt. Sehr bedrohlich war die.Erhebuug der Wahabi in Arabien (s. Ära- bien); die Pforte konnte gegen sie so gut wie nichts unternehmen. Auch machte Ali Pascha von Janina (s. d.), der in Albanien fast unabhängig herrschte,' dem Sultan viel zu schaffen u. vernichtete die Suli- oten. Der Aufstand dec Serbier unter Czerny Georg bereitere der türkischen Regierung neue Unruhen, s. u. Serbien, S. 362. 1803 im Kriege zwischen 607 Türkisches Reich (Gesch.). Frankreich u. England blieb das T. R. neutral. Den Kaisertitel Napoleons wollte die Pforte nicht aner- kennen u. sein Gesandter Brune verließ 18. Decbr. 1804 Constantinopel. Bei dem erneuerten Kriege zwischen Frankreich u. Rußland 1805 suchten beide Mächte die Pforte für sich zu gewinnen. Sie erneuerte zwar 30. Dec. 1805 den Allianzvertrag mit Rußland, lehnte aber die Erneuerung mit England ab. Nach der Schlacht bei Austerlitz stieg Frankreichs Ansehen so, daß trotz Rußlands Einrede Anfang 1806 die Anerkennung Napoleons als Kaisers erfolgte u. eine Verordnung gegen das Schutzrecht türkischer Unterthanen durch fremde Mächte erlassen wurde, die zumal Rußland betraf. Als 10. Ang. 1806 General Sebastiani als französischer Gesandter nach Constantinopel kam, wurde die französische Partei im Divan bald überwiegend; die russisch gesinnten Hospodare der Walachei u. Moldau, Upsilanti und Murusi, wurden auf Sebastianis Drängen 30. Ang. abgesetzt u. dafür Sntzo u. Kallimachi, Frankreichs Anhänger, ernannt, 9. Sept. Hiergegen protestirten energisch Rußland u. England. Selim gab nach u. setzte die alten Hospodare 17. Oct. wieder feierlich ein, aber Rußland begann, dies nicht abwartend, die Feindseligkeiten gegen das T. R. Anfang Nov. rückte eine russische Armee von 50,000 Mann unter Michelion in der Moldau u. Walachei ein, besetzte Choczim u. Bender u. 29. Nov. Jassy; 23. Dec. schlug Michelson Mustapha Bairaktar, den Pascha von Rustschuk, bei Grodau u. besetzte 27. Bukarest. Beide Fürstenthiimer waren rasch iu Michelsons Hand. Der britische Botschafter in Constantinopel übernahm zwar noch einmal die Vermittlung und drang ans Entfernung des französischen Gesandten, der, die Militärreform Selims unterstützend n. eigentlich die türkische Regierung leitend, unaufhörlich zum Kriege gegen Rußland hetzte u. 20. Decbr. die Kriegserklärung der Pforte erzielte, auf Erneuerung des Älliauzvertrages Englands mit der Pforte, aus Überlieserung der Dardanellenschlösser u. der türkischen Flotte an England u. auf Abtretung der Do- nausürstenthllmer an Rußland. Da dies abgelehnt wurde, so verließ er 29. Jan. 1807 Constantinopel u. infolge dessen segelte 18. Febr. der britische Admiral Duckworth mit 5 Linienschiffen u. 3 Fregatten durch die Dardanellen, verbrannte auf der Höhe von Gallipoli eine türkische Escadre u. erschien 20. Febr. vor Constantinopel. Arbuthnot, der englische Gesandte, erneuerte seine Forderungen (s. o.); Lon- stantinopel wurde unter Sebastianis Leitung stärker befestigt, der Volksgeist war rege u. der Divan ermannte sich. Er erklärte, daß er erst weiter unter handeln wollte, wenn die britische Flotte das Marmarameer verlassen habe, beängstigende Gerüchte thaten auch das Ihrige u. Duckworth kehrte l.MLrz nach Teuedos zurück. Der Angriff der Engländer ans Ägypten, um Mehemed Alis Regiment zu vernichten und die Mamelukenherrschast herzustellen, scheiterte. Seit 1807 bemühte sich England, den Frieden herznstelleu, ALair in Wien war zumal dafür thätig und von russischer Seite wirkte Pozzo di. Borgo (s-d.) dasllr am Divan, doch ohne Erfolg wie auch Preußen. 26.April 1807 im Barteusteiner Vertrage garantirten Preußen n. Rußland die Unabhängigkeit und Integrität der Pforte. Nach Abschluß des Tilsiter Friedens sandte Napoleon den Obersten Guilleminot nach dem T. R., um den öffentlichen Artikeln des Friedens gemäß einen Was- fenstillstand mit Rußland einzuleiten, während er insgeheim mit Alexander das T. R. theilte n. auch Österreich dabei bedachte. Zwischen Rußland, dessen Admiral Siniawin die türkische Flotte 19. Mai 1807 bei Tenedos geschlagen u. diese Insel erobert hatte, während Gudowitsch in derAsiatischen Türkei Auapa erobert u. am Arpatschai den Seraskier von Erzerum besiegthatte, u. der Pforte wurde durch Gnilleminots Mediation ein Waffenstillstand 24. Ang. ans dem Schlosse Slobosia bei Giurgewo bis 21. März 1808 abgeschlossen, in dem die Russen und Türken versprachen, die Fürstenthiimer binnen 36 Tagen zu räumen,auch die Feindseligkeitenin Asien eiuzüstelleu. Als der Großvezir Ibrahim 1807 gegen Rußland zu Felde zog u.sein Kaimakam, Musta Pascha, wie der neue Mufti als falsche Freunde den Großherrn umgarnten, kam eine Verschwörung gegen den Sultan u. bes. den Nisam-Dschedid (die neuen Truppen) zum Ausbruch. Vom Kaimakam ausgehetzt, vertrieben die Janitscharen u. Jamack 26. Mai die neuen Soldaten aus den Dardanellen, die Ulemas schürten das Feuer, die Jamack drangen unter Ka- backschi Oglu iu Constantinopel ein, während Selim sich noch sicher glaubte, ermordeten ihre Gegner 29. bis 31. Mai, erklärten Selim III. 31. Mai für abgesetzt, was des Muftis Fetwa bestätigte u. erhoben Mustapha IV., den schwachen Sohn Abd-ul Hamids, aus den Thron, welcher sogleich die Einrichtungen seines Vorgängers, voran die Nisam-Dschedid wieder abschaffte, ganz von Musta Pascha und dem Mufti geleitet ward u. sich dem franz. Interesse weniger geneigt zeigte, ohne aberdenKrieg gegen Rußland mit Nachdruck zu führen. Nach dem Tage von Slobosia war der franz. Gesandte Sebastiani wieder iu Constantinopel allgewaltig, die türk. Friedensun- terhaudlungen mit England wurden abgebrochen u. Len englischen Schiffen der Zutritt in türk. Häfen verboten. Der russ. Obercommandant v. Meyen- dorfs ratificirte den Vertrag von Slobosia u. wollte die Fürstenthiimer räumen, aber der Zar verweigerte die Ratification, rief Meyendorff ab und sandte für ihn Prosorowski, der nichts zu leisten vermochte. Die Russen wichen trotz des Vertrages von Slobosia nicht ans den Fiirstenthümern u. als Sebastiani der ohnehin auf Frankreich gereizten Pforte rieth, sie Rußland preiszugeben, sank sein Einfluß so, daß er Lonstantiuopel 27. April 1803 verließ. Der Zwiespalt zwischen dem Mufti u. dem Kaimakam u. ihren Parteien zerfleischte den Divan u. auch nach LesKai- makams Sturze hörten die Kämpfe nicht ans; sein Nachfolger Tajar-Pascha befehdete ebenfalls die Ulemas n.tJauitscharen, war Selims III. u. der Nisam- Dschedid heimlicher Anhänger, wurde aber gestürzt und floh zum treuesten Verehrer Selims und dessen Reformen, dem Pascha von Rustschuk, Mustapha Bairaktar. Sie verabredeten die Wiedereinsetzung Selims III. und zogen den Großvezir Tschelebi Mustapha Pascha ins Vertrauen. Der Großvezir ».Bairaktar zogen nach Constantinopel Juli 1808, stürzten die Herrschaft der Jamack, die Mnstapha^IV. preisgab, aber Bairaktars Plan, Selim III. zu erheben, scheiterte 28. Juli — sofort ließ Mustapha IV. Selim ermorden, Bairaktar aber entsetzte nun Mustapha IV. und erhob dessen Bruder Mahmud II. 608 Türklsches Reich (Gcsch.). 28. Juli auf den Thron. Mahmud II., 23 Jahre alt u. der einzige Überlebende aus Osmans Geschlecht, war heftig u. zur Grausamkeit geneigt, doch von seltenen Gaben und wurde der größte Reformator des Reiches. Er ernannte Mustapha Bairaktar zum Großvezir u. wollte mit ihm die totale Resormirung der Janitscharen u. die Errichtung europäisch orga- nifirter Truppen vornehmen. Was noch nie geschehen — eine Reichsversammlung, ein außerordentlicher großer Divan, wurde einberufen u. der Groß- vczir machte ihnen seine Resormvorschläge, die allgemein angenommen wurden, Oct. 1808. Bei der Ausführung der Resormen aber überstürzte er sich, die Ulemas hetzten an den Janitscharen, Letztere erregten 14. Nov. 1808 einen Ausstand, in welchem Mustapha Bairaktar bedrängt, sich 15. Nov. mit den Scinigen in einen Thurm seines Palastes zurückzog und bei der entsetzlichen Feuersbrunst erstickte. Am 16. Nov. währte der Aufstand noch fort, mit schwerem Herzen ließ Mahmud seinen Bruder Mustapha IV., nach dem die Rebellen riefen, im Kerker tödten. Die Rebellen waren überall über die Regierungs- truppen Sieger u. verbrannten halb Constantinopel. Um die Ruhe herzustellen, mußte Mahmud II. die Abschaffung der eingesührten Verbesserungen bestätigen. Auf dem Erfurter Cougresse wurden dem Zaren die Donausürstenthümer von Napoleon zugestanden, 12. Oct. 1808; anstatt aber wie in Tilsit von Theilung der Türkei zu reden, garantirten beide Kaiser alle türk. Gebiete außer den Fürstenthümern. Am 5. Jan. 1809 schloß die Pforte in Constantinopel mit England Frieden u. bald zeigte sich Ali Pascha von Janina als Englands erklärter Bundesgenosse — Frankreich protestirte vergebens gegen den Frie- den vom 5. Jan. Der engl. Gesandte Adair plante eine Tripelallianz Englands, der Pforte u. Oesterreichs, aber der Pforte war es nicht hierum, sondern um Frieden mit Rußland zu thun; diesen suchte Adair zu vermitteln und im Februar trat ein Frie- denscongreß zu Jassy zusammen. Die russ. Bevollmächtigten forderten aber als Basis für die Präliminarien die Abtretung der Moldau u. Walachei, sowie die sofortige Entfernung Adairs aus Constanli- nopel. Diese Bedingungen verwarfen die türk. Unterhändler und verließen im März Jassy. Umsonst drohte Fürst Prosorowski. Adair versprach dem Divan Englands Beistand bei einer Offensive gegen Rußland in der Krim und die Pforte rüstete emsig. Der Divan erließ sofort ein Kriegsmanisest und erklärte den Krieg für einen heiligen. Justus Pascha wurde April 1809 zum Großvezir ernannt. Bevor aber der Großvezir etwas unternehmen konnte, hatte in der Moldau Prosorowski schon Befehl zum Vorrücken erhalten; seine Avantgarde unter Milora- dowitsch hatte 1. April ein türk. Corps beiSlobosia geschlagen, doch Giurgcwo vergebens angegriffen; das Anschwellen der Flüsse verhinderte den Fortgang aller Operationen und erst 19. August setzte Prosorowski über die Donau bei Galacz. In Serbien hatten Czerny Georg u. andere Führer Angriffe auf die Türken gemacht, aber wenig Erfolg erzielt, da sie unter sich haderten. Bagration (s. d.), Prosorowskis Nachfolger, nahm raschJjakdscha,Tuldscha,Matschin, Hirsowä und nach einiger Belagerung Ismail und Brallow, blos in Silistria leisteten die Türken Widerstand. Der Großvezir sendete Len Pascha Pech- liwan mit 15,000 Mann zum Entsatz dieser Festung ab, Bagration ging ihm entgegen, zog sich jedoch nach der Kanonade bei Tartariza 3. Novbr. bei Hirsowa über die Donau zurück und beendigte den Feldzug. In Asien hatten die Russen 14. Nov. Poti erobert. Während des Winters aus 1810 waren neue Friedensversuche gemacht und in Bukarest Unterhandlungen gepflogen worden, aber an der Forderung des Kaisers von Rußland, daß die Türken die Moldau und Walachei abtreten sollten, scheiterten auch diese; Alexander sah sich bereits im Besitze Constan- tinopels. Die Russen standen mit 8 Divisionen in Bessarabien, der Moldau u. Walachei und konnten den Serbien: die Hand bieten. Die Türken dagegen sammelten sich in dem festen Lager bei Schumla u. waren noch im Besitze mehrerer Festungen auf beiden Donauufern. Das türk. Heer befehligte der Großvezir Justus, das russ. Kamenski. Gegen Ende Mai rückten die Russen über die Donau in der Do- brudscha ein. Kavarna und Basardschik fielen, Silistria capitulirte 11. Juli, dann ward Rasgrad genommen u. dort der walachische Hospodar Kalimachi gefangen; der Sturm auf Rustschuk, wo Bosniak Aga commandirte, mißlang aber 3. Aug. Indessen sammelten an der Jantra, zwischen Kriwena u. Si- stowa, die Söhne Ali Paschas von Janina, Muktar- u. Weli Pascha, eine Armee von 40,000 Mann und bezogen eine starke verschanzte Stellung, während der Großvezir über Rasgrad die russ. Armee zu umgehen drohte; aber 7. Sept. wurden die Türken beiBatyn völlig geschlagen; Achmed Pascha ergab sich am andern Morgen mit dem Rest des türk. Heeres, die nach Rustschuk bestimmte türk. Proviantflotille wurde erobert. Rasch fielen nun bis zum Novbr. Giurgewo, Rustschuk, Sistowa, Tirnowa, Nikopoli, Plenum u. Lowtscha. In Serbien wüthete erbitterter Kamps mit den Türken u. nach der unglücklichen Schlacht bei Losnitza, 5.-6. Octbr., wurden diese über die Drina geworfen. Den Feldzug von 1811 eröffnete der neue Oberfeldherr Golenistschew-Kutusow (s.d.) mit der Schleifung von Nikopolis u. Silistria, während er Rustschuk besetzt hielt. Der neue Großvezir Achmed Pascha wollte an der Spitze von 60,000 Mann u. 78 Geschützen Rustschuk wieder erobern, wurde aber 2. Juli geschlagen; am 4. Juli griff er den Gegner wieder an, aber nach unentschiedener Schlacht zogen sich beide Feldherren zurück, Golenistschew-Kutusow räumte Rustschuk 5. Juli u. Bosniak Aga besetzte es. Die Russen blieben unthätig. In der Nacht vom 8.-9. Sept. ging der Großvezir oberhalb Rustschuk über die Donau u. 14. Sept. standen bereits 30,000 Türken mit 50 Kanonen verschanzt am linken Donauuser, auf dem rechten User befanden sich ebenfalls zwei verschanzte Lager. Nach vergeblichen Angriffen der Türken auf die russ. Verschanzungen wurde von dem russ. General Markow 13. Octbr., das Lager am rechten Donauuser erobert, worauf der Großvezir dem Pascha Tschapan-Oglu den Befehl über die Armee auf dem linken Stromufer übertrug. Dieser indeß, rings von Feinden umgeben, von aller Zufuhr abgeschlossen u. aus 200 Kanonen beschossen (die russ. Flotille war auch herbeigekommen) nahm 28. Octbr. einen Waffenstillstand an. Am 8. Dec. streckten, vermöge einer Ueberein- knnst, die Türken aus dem linken Donauufer die Was- 609 Türkisches Reich (Gesch.). > i fen. In der Kleinen Walachei mußte endlich auch Jsuunl-Bei zmn Rückzug über die Donau sich ent> schließen. Die FriedcilSverhaudlungen in Bukarest, Lein Hauptquartier Golenistschew-Kittusows, gepflogen, zogen sichinLieLäiige,dadiePforte nicht in Rußlands Forderungen (Grenze der Sereth anstatt des Pruth) willigen wollte, zumal die Verhältnisse Rußlands zu Frankreich immer gespanmer wurden. Endlich sandte der Zar den Admiral Tschitschagow (s. d.), um anstatt Golenistschcw-Kutnsows Frieden zu schlie- ßen und eine Offensiv- und Defensivalliauz mit der Pforte einzugehen. Sobald Golenistschew-Kutusow dies erfuhr, zeigte er den türk. Bevollmächtigten Napoleons Schreiben, welches Alexander die Theilung der Türkei anbot, die Engländer drängten in sie zum Abschlüsse des Friedens u. Golenistlchew-Kutu- sow nebst Tschitschagow schlossen ihn in Bukarest 28. Mai 1812 ab. Bessarabien kam an Rußland, der Pruth wurde jetzt die Grenze Rußlands u. der Türkei, in Asien blieb alles beim Alten u. den Serbien! wurdeAmiiestie versprochen. Vor Ratification des Vertrages wollte Tschitschagow noch nach Con- stantinopel vormarschireu, aus Furcht vor Österreich gestattete der Zar dies nicht, verschob es aber nur; die Allianz mit der Pforte kam nicht zu Wege. In Folge des Friedensschlusses wurde der Großvezir durch Khurschid Pascha ersetzt und die von Rußland bestochenen Pfortendolmetsche Murusi fielen unter deni Beile. Für die Donaufürstenthümer wurden als Hospodore Kallimachi u. Karadscha, Günstlinge des bei Mahmud II. allvermögenden Haled-Effendi, im Oct. 1812 eingesetzt. Seit 1811 leitete dieser letztere mit dem Sultan die Staatsgeschäfte und bereitete die Maßregeln zur allmählichen Aufhebung der Janitscharen vor. Auch die Paschas demüthigte er u. beschränkte ihre Macht; nur Ali Pascha von Janina und Mehemed Ali von Ägypten behaupteten durch richtige Tributzahlungen u. zumal durch Schlauheit ihre Stellung. Die We- chabiten schlug im Oct. 1818 Ibrahim Pascha von Aegypten bei Drehijeh u. zertrümmerte nach dem Falle ihres Hauptes Abdallah ihre Macht für immer. 1821 brach, sich aus dem Kampfe mit Ali Pascha entspinnend, der Aufstand der Griechen aus (s. Grie- chenland, Gesch. §). Die Pforte konnte nicht kräftig gegen die Griechen auftreten, denn der fortdauernde Aufstand des Pascha Ali von Janina und ein ausbrechender Krieg mit Persien hielt sie in Schach. Indessen besiegte Khurschid Pascha den Ali Pascha im Iebr. 1822 und wendete nun seine Macht gegen die Griechen, mit wilder Grausamkeit operirend. Rußland suchte vermittelnd einzuschreiten, wodurch zwischen dieser Macht u. der Pforte Mißhelligkeiten entstanden, welche England u. Österreich beizulegen sich bemühten. Durch die Griech. Unruhen hatten die Janitscharen im Divan großen Einfluß erhalten, auf ihr Verlangen mußte der Sultan seinen Rathgeber Haled-Esfendi aufopfern, auch mehrmals die Großvezire n. andere hohe Reichsbeamten hinrichten lassen. Die Finanzen waren gänzlich zerrüttet. Am 23. Juli 1823 wurde mit Persien der Friede zu Erzerum auf dem atatus guo auts geschlossen. Nach dem Tode des Kaisers Alexander von Rußland vereinigte sich der Kaiser Nikolaus 4. April 1826 mit England zur Vermittelung der Griechischen Sache, jedoch mit der ausdrücklichen Bedingung, daß die Pierers Universal-ConversationZ-Lexikon. i>. Ausl, xi Behandlung der Rußland speciell angehenden An- gelegenheiten völlig unabhängig hiervon und ohne Einmischung fremder Mächte geschehen sollte. Rußland erfocht einen glänzenden diplomatischen Sieg über die Türkei durch den Erfolg seines Ultimatums vom 5. April. Am 5. Aug. begannen in Akkjerman die Verhandlungen zwischen Rußland n. der Pforte u. 6. Oct. 1826 wurde der Vertrag von Akkjerman abgeschlossen, in welchem die genaue Vollziehung des Friedens von Bukarest nochmals versprochen wurde. Rußlands Grenze in Bessarabien wurde rectificirt, der Moldau und Walachei wurden ihre Privilegien bestätigt (s. d.); Rußland behielt seine an der tscher- kesstsch-abchasischen Küste gemachten u. trotz des Bu- karester Friedens noch nicht restituirten Eroberungen; die Privilegien Serbiens, wo die Türken blos die Festungen besetzt halten sollten, mußten laut den Versprechungen von Bukarest binnen Jahresfrist in Kraft gesetzt werden; die Reklamationen russ. Unter- thanen fanden Erledigung; die russ. Schifte wurden gegen die Seeräuber« der Barbareskenstaaten gesichert, wofür Las T. R. die Verpflichtung übernahm; sie durften frei beide Meerengen passiren u. auf allen türkischen Gewässern frei verkehren. Über diesen schmählichen Vertrag waren Mahmud u. der Divan außer sich, aber die Ratification verweigern, hieß Krieg auf Tod u. Leben des osmanischen Reiches. Die Großmächte bewogen Mahmud zur Ra- tification. Noch vor dem Abschluß dieses Vertrages führte Sultan Mahmud II. die längst beschlossene Reform im Kriegswesen aus n. stiftete eine neue auf europäische Weise gebildete Truppe (Mnallein Jschkendj), in welche Theile der Janitscharen eintreten sollten. Ihrer Häupter bereits beraubt, erregten die ihren Untergang ahnenden Janitscharen in der Nacht auf den 15. Juni 1826 einen Aufstand, Willens das ganze Reformregiment umzustürzen; sie stürmten das Haus ihres Aga, mordeten dessen Familie, plünderten mehre Häuser der Großen und den Pfortenpalast. Mahmud hatte unterdessen Hussein Pascha mit den neuen Truppen u. mit den Artilleristen nach Constantinopel berufen u. ließ die Empörer auf dem Utmeidan beschießen u. ihre Kasernen verbrennen. Drei Tage dauerte der Kamps; die Aufstellung der Fahne Mohammeds, das Zeichen für alle Moslems sich unter derselben zu schaaren und zu fechten, entschied den Sieg. Über 7000 Janitscharen blieben. Am 16. Juni wurden die Janitscharen definitiv aufgehoben , der Großmufti belegte ihren Namen auf ewig mit dem Fluch u. verbot jedem Moslem ihren Namen nur zu nennen. Ein furchtbares Blutgericht wurde darauf gehalten und Ende Juli waren schon 16.000 Strafbare oder Verdächtige hingerichtet, 30.000 aber nach Asien verbannt. Die den Jani- tscharen affiliirten Brandlöscher u. Lastträger wurden aufgehoben, ebenso der Orden der Bektaschi (Derwische). Auch die Aamack, die Besatzung der Dardanellen, wurden, blos weil sie gefährlich schienen, aufgehoben und 1000 niedergehauen, 3000 auf die Flotte geschleppt. Um die Gemüther in Constantinopel, wo fast an alle Paläste Feuer gelegt u. 6000 Häuser zu Aschenhaufen geworden (ein Verlust von 50 Millionen Piaster) zu beruhigen, gab der Sultan mehre Polizeigesetze, bes. eine Sicherheitspolizei nach Art der französischen. Dagegen wurde die Eröffnung ii. Baud. zg 610 Türkisches Reich (Gesch.). von 2000 Wein- und Branntweinschenken erlaubt, allen Proselyten die Beschneidung erlassen und das Weintunken gestattet und Beides durch Fetwas des Großmufti gebilligt. Aber desto heftiger wurden die Complotte u. Brandstiftungen der echten Moslems; die heimlichen oder dafür gehaltenen Anhänger der Janitscharen wurden überfallen u. nebst ihren Anhängern uiedergemetzelt, 2000 aber nach Kleinasien cxilirt. Mit unbeugsamer Härte u.Cousequcnzführte Mahmud seine Neuerungen durch, um die Macht der Osmanen wieder herznstellen; das neue Heer wurde auf 90,000 Mann Infanterie und eine tüchtige Artillerie berechnet. Das öffentliche Wohl hoch über seinen Privatvortheil stellend, hob Mahmud Öctbr. 1826 Las dem Kronschatze so einträgliche Heimfallrecht der Krone ans. Indessen kamen, während in Kleinasien sich der Georgier Mohammed Kiaja wider das Psortenregiment erhob und in Epirus u. Mace- donien die christliche Bevölkerung einen Raubkrieg gegen die Türken führte, auch in Griechenland die Türken nicht vorwärts. Endlich 1827 entschlossen sich die europäischen Großmächte zur Vermittelung. Ein von Stratford Cauning (s. d.) verfaßtes Prome- moria wurde durch die Dolmetscher der russ. u. engl. Botschaft 10. März 1827 dem Divan übergeben u. darin für Griechenland etwa die Stellung, wie sie die Douanfürstenthümcr erhalten, gefordert. Anstatt nachzugeben, entließ Mahmud den gemäßigten Reis Efscndi Said und ernannte den Starrkopf Pertew Effeudi, einen fanatischen Mosleuiin, zum Reis Ef- fendi. Pertew lehnte jede Vermittelung des Auslandes schroff ab. Nun kam 6. Juli 1827 der Tripelallianz-Vertrag zu London zwischen Frankreich, England u. Rußland zu Stande, durch welchen die drei Mächte sich verpflichteten, den Frieden zwischen der Pforte und den Griechen zu bewirken, die Sec- räuberei in den levantinischen Meeren auszurotten und den Handel zu sichern. Ihren auch von Österreich u. Preußen unterstützten Antrag wies Pertew wiederholt zurück, zumal die türk. Waffen augenblicklich in Griechenland Erfolg hatten. Am 9. Sept. ließen die Gesandten der alliirten Mächte Pertew eröffnen, sie würden dem türk.Geschwader (92 Segel) den Weg nach Morca verlegen und die Waffenruhe für die Griechen erzwingen. Pertew erklärte, jede Thätlichkcit würde als Kriegserklärung ausgenommen. Ribeaupierre, der russ. Gesandte, verschaffte sich Ende Septbr. zwei nicht armirte Kriegsbriggs. Wittgenstein concentrirte ein russ. Corps ain Prnth, der Divan stattete die Donanfestungen aus. Als der Sultan die Nachricht von der Vernichtung der türk.-ägypt. Flotte in der Schlacht bei Navariu 20. Oct. durch die engl.-russ.-franz. unter dem engl. Admiral Codrington, die ohne Kriegserklärung erfolgt war, 2. Nov. erhielt, befahl er sofort eine allgemeine Bewaffnung für Rumelien und sämmtlicher Schiffe im Hafen der Residenz. Jede Intervention der deutschen Großmächte wurde abgelehnt. Am 4. Novbr. bedauerten die Gesandten der drei Allianzmächte bei Pertew das Borgefallene u. hofften, das „gute Einvernehmen" mit der Pforte würde dadurch nicht leiden — eisig wies er sie ab. Der Divan annullirte schon 5. Nov. alle Verträge mit England, Rußland u. Frankreich und hierauf erklärte der Reis-Effendi, ^ die Pforte verlange völlige Aufgebuug der gricch.! Sache, hinlängliche Entschädigung n. Genugthuung l für Navarin. Am 10. Novbr. antworteten die Ge- sandten auf diese Erklärung ablehnend, aber dennoch dauerten die Unterhandlungen fort, von Österreich u. England geleitet — umsonst. Schließlich verließen die Gesandten Frankreichs ».Englands 8. Dec.u. der russ. am 16. Coustantinopel. Der Sultan berief auf 2. Dec. den Großen Rath (gewählt aus den reichen Grundbesitzern von den Bewohnern der Städte und Flecken) nach Coustantinopel. Dieser sprach sich für einen kräftigenVerthcidigungskrieg gegen die Russen aus u. ermächtigte den Großherrn jedes vom Großmufti u. den Gesetzeskundigen gebilligte Mittel zur Kriegführung zu ergreifen. Hieraus ließ die Pforte den Bosporus sperren u. verwies in rücksichtslosester Weise alle Russen, Engländer u. Franzosen aus Con- stantinopel; 12,000 unirte Armenier wurden nach Kleiuasien geschleppt. Mahmud bot in einem Fer- man an die Ajäus(Dorfnotabeln) die Moslemin zum Kriege auf und fanatisirt rief das Volk nach Krieg. Da die Janitscharen aufgehoben u. die neue Armee keineswegs hinlänglich organisirtwar, blieb dieMach. der Türken weit hinter den Erwartungen zurück nt waren Alles in Allem circa 145,000 Mann aufzu- briugen, — gegen 105,000 Russen mit 458 Geschützen in SRnßland n. 12,000 in Kleinasien. Am 26. April 1828 wurde von Rußland der Krieg gegen die Pforte erklärt; das russische Heer ging 7. Mai über deuPruth u.GeneralRoth besetzte im Mai Jassy u.Bukarest; GrafPahleu wurde Chef der russ. ischen Civilverwaltung beider Fürsteuthümer. General Rudzewitsch ging beiJsmailans das rechteDo- nanufer.umdiewichtigstenKüstcnpunktederDobrud- scha u. Bulgare! zu besetzen n. Schumla mit Varna zu nehmen. Seit 15. Mai von General Woinoff eiugeschlossen, fiel Bralla erst 15. Juni, nachdem Jsakdschi am 11. Juni capitulirt hatte. Nun ergaben sich auch Matschin, Tultscha, Hirsowa u. Kllsten- dsche. Wittgenstein hatte das ganze Gebiet von der Donaumündung bis zum Trajanswalle unterworfen; auch der Zar traf bei Wittgenstein Mitte Juli ein u. führte selbst das Heer gegen Schumla, während der General Roth auf Silistria zog u. General Suchtelen auf Varna detachirt wurde. Dieses fiel, heldenmäßig vertheidigt durch den nachmaligen Großvezir Kapudau Pascha, Jzzet-Mehemed, 13. Oct. durch Capitnlatiou, nachdem die untere Stadt schon 3 Tage vorher an die Russen verrathcu worden war. Außerdem wurden Anapa und Pravadi genommen. Im Übrigen hatten die Russen durch Ehalil Pascha bei Eski Stambul schwer gelitten im Aug. ».die BelagerungvonSilistriau. von Schumla mußte aufgegebcn werden. Decimirt zogen sich die Russen auf Las linke Donauufer zurück. Nur in Asien hatte Paskewitsch, allerdings durch heimliche Unterstützung von Seiten der Armenier, Erfolge; er erstürmte 23. Juli Kars, gewann 24. Juli Ächal- kalaki, 27. Aug., nachdem er die Paschas zweimal geschlagen, Achalziche, worauf sich noch Bajazid, Ar- , dahan rc. ergaben. Mahmud II. rüstete voll Energie während des Winters 1828 auf 29 u. erneuerte erfolgreich das allgemeine Aufgebot. Nach allen Seiten gingen Truppenverstärkungen, bei Aldos sammelte sich das Heer des Großvezirs, der aber die Küsten gegen einen Sceaugriff der Russen zn schützen vergaß. Febr. 1829 schon nahm ein russisches Geschwader Las Fort 611 Türkisches Reich (Gesch.). Ächjolu u. die Festung Sizebulo. Dies führte die Ersetzung Jzzets als Großvezir durch den bekannten Redschid Pascha herbei. Mitte April gingen die Russen beiHirsowa über die Donau n. lagerten sich unter Diebitschs Oberbefehl im Mai bei Lscherna- woda. Im Mai begann die Belagernngvon Silistria durch Diebitsch, am 18. war es vollständig eingeschlossen. DerGroßvezir Redschid Pascha, der in Schumla 45,000 M. zusammengezogen u.eineruss.Abtheilung unter General Roth 17. Mai sich jenseits Pravadi znrllckznziehen gezwungen hatte, suchte Pravadi zu stürmen. Diebitsch vereinigte sich 10. Juni mit Noth n.bei denDefileen vonKulewtscha wnrdendisTürken 11 . Junisogeschlagen, daß stein flnchtähnlicherUnord- nung nach Schumla zurückkehrten. Hier bot Diebitsch vem Großvezir Friedensunterhandlungen an, die sich erfolglos hinauszogen. Am 15. Juni bezog Diebitsch ein festes Lager vor Schumla u. nachdem sich 30.Jnni Silistria ergeben, unternahm Diebitsch, durch das Belagernngscorps von dort verstärkt, den Übergang über den Balkan, während Krassowski vor Schumla blieb u. so die rnss. Operationslinie deckte. Der Abzug erfolgte unbemerkt vom 14. bis 17. Juli. Da die Übergangsbefestigungen über den Kamtschyk meist verlassen waren, die an den Engpässen aufgestellten Türken nur geringen Widerstand leisten konnten, Aldos u. Mesembria schon 25. refp. 23. Juli gefallen waren, konnte Diebitsch schon 26. Juli sein Hauptquartier in Aldos aufschlagen, während nach dem Falle von Burgas 24. Juli dessen Golf der Sammelpunkt der russischen Flotte im Schwarzen Meere wurde. 28. Juli wurde Karna- bat genommen u. infolge des Gefechtes mit Sche- remetew räumten die Türken Jamboli 31. Juli. Krassowski hielt während der Zeit den Großvezir, der ihn vergebens zu werfen suchte, fortwährend bei Schumla fest, bis dieser Anfang August ansbrach. Diebitsch zog nun mit der Hanptarmee gegen Adrianopel zu, schlug 12. Aug. bei Sliwno Len letzten Rest der türkischen Armee u. erschien 19. Aug. vor Adrianopel. Obwol hier die Mittel zum Wider- stand sich hinreichend fanden, dachte Niemand mehr an Vertheidignng; die Rathlosigkeit war allgemein. Schon 19. Aug. erschienen Abgeordnete des Seras- kiers im russischen Lager u. boten eine Capitnlation an. Diebitsch bewilligte sie, doch mußte ihm alles bewegliche Staatseigenthnm ausgeliefert und alle Truppen entwaffnet in ihre Heimalh, nur nicht nach Tonstantinopel, geschickt werden. Hierauf rückten die Russen ohne Schwertstreich 20. Aug. in Adrianopel ein. An der Donau war mittlerweile der kleine Krieg mit türkischen Streifcorps geführt worden, die Türken eroberten Rahowa u. stellten so die Verbindung zwischen Widdin n. Nikopolis wieder her; auch ihre Flotille erschien von Giurgewo her wieder ans der Donau. Anfang Sept. stand die russische Armee mit ihrem Centrnm in Adrianopel, mit ihrer Vorhut schon in Lüle-Burgasi; ihr rechter Flügel stützte sich aus die Flotte im Ägeischen Meere u. ihr linker ans die Flotte im Schwarzen Meere, welche unter Greigh alle Küstenpunkte bis zum Cap Ainada genommen hatte. In Asten hatte der Seraskier Salich Pascha umsonst Achalziche, Kars n. Bajazid wieder zu erobern versucht, ebenso die Invasion in die georgischen Provinzen Guriel und Mingrelien. Paskewitsch trieb ihn in die Berge, schlug ein anderes Corps u. rückte nun 8. Juli nachdem Hassan Kale 5. Juli gefallen, vor Erzerum', welches schon 9. Juli capitulirte. 16. Juli ergab sich Chhnys, 19. Juli wurde die Festung Baiburt genommen. Als die Lasen Baiburt zurück erobern wollten, eilte Paskewitsch herbei, vernichtete 8. und 9. Aug. bei Charz u. Bohar die Lasen u. vollendete die Eroberung Armeniens. Ende Ang. besetzte General Simonitsch, nachdem er den Pascha von Tra- pezunt geschlagen, Gllmisch-Chane. Der Reis-Effendi Pertew wurde mittlerweile gefügiger u. beschwor die Botschafter der Westmächte, nach Constantinopel zurückzukchren, trat aber dem Londoner Vertrage nicht bei. Die Londoner Confe- renz stellte 16. Nov. 1828 Morea n. die Cycladen unter den Schutz Rußlands, Frankreichs und Englands, was der französische Bevollmächtigte Janbert der Pforte Jan. 1829 notificirte; er rieth der Pforte, Rußland alle billigen Forderungen zu gewähren u. wurde dabei von den Gesandten der deutschen Groß- Mächte unterstützt. Pertew wies auf Akkjerman hin, wo Rußland versprochen habe, sich nicht in die griechische Frage zu mischen n. Metternich suchte Rußland eine Allianz der vier Großmächte entgegenznstellen. Pozzo di Borgo in Paris erwirkte die Griechenland günstige Abänderung des Londoner Beschlusses in dem Londoner Protokolle vom 22. März 1829. Im Juni 1829 trafen die Botschafter Englands (Gor don) u. Frankreichs (Gnilleminot) wieder in Con- stautinopel ein, aber vergebens suchten sie die Pforte zur Annahme des Protokolls vom 22. März zu bestimmen. Erst die Siege der Russen machten den Divan endlich nachgiebig n. auf Verwendung der Gesandten Englands, Frankreichs u. Preußens (von Roher) sandte derselbe 2 Unterhändler ins russische Hauptquartier. Der prenß. Generallieutenant von Müffling, welcher seit dem 4. Ang. in Constantinopel war, sicherte Mahmud II. im Namen seines Königs die Integrität des Reiches zu, wofern er sich den billigen Forderungen des rnss. Kaisers fügen u. den Tractat von Akkjerman erfüllen würde. Mahmud gab gebrochen nach. Es kam in Adrianopel seit 28. Ang. zu Unterhandlungen und endlich 14. Sept. 1829 zum Friedensschluß. Zufolge des Adria- nopler Friedens gab Rußland die Walachei u. Moldau, sowie die in Bulgarien n. Nnmelien gemachten Eroberungen an die Pforte zurück; doch wurde die Macht derPsorte inder Moldau,Walachei u.Serbien dadurch wesentlich geschwächt, daß diese Länder freiere Verfassungen erhielten; als Grenze zwischen Rußland u. dem T. R. wurden der Prnth und nach seinem Einflüsse in die Donau diese scstgesetzt; Rußland erhielt die Inseln im Donaudelta, sowie das Küstenland am Schwarzen Meere von Anapa bis Poti; südlich von Guriel sollte der Fluß Tschürüksü n. dann eine Demarkationslinie vom Guriel und Adjara, welche durch die Paschaliks Tschyldyr, Achalziche n. Kars lief, die Grenze zwischen Rußland und der Türkei bilden, die Gebiete südl. dieser Linie blieben türkisch, die anderen mit Achalziche u. Achal- kalaki behielten die Russen, welche sich zugleich Han- delssreiheit im ganzen T. R., freie Handelsschifffahrt durch die Dardanellenstraße u. den Bosporus gleich allen mit dem T. R. befreundeten Nationen, dazu 1^ Will, holländ. Dncaten Entschädigung für die rnss. Kaufleute u. 10. Will. Dncaten 39 * 612 Türkisches Reich (Gesch.). Kriegskosten ausbedangen. Ferner gestand die Pforte zu, daß das Süduser der Donau aus 2 Stunden Entfernung vomDelta ausunbewohntbleibcn sollte. Endlich trat sie dem Londoner Vertrage vom 6. Juli 1827 u. dem Protokolle vom 22. März 1829 bei. Durch diesen Friedensschluß wurde die Übermacht Rußlands in OEuropa und WAsien befestigt, die Freiheit der Griechen so gut wie anerkannt und die Moldau und Walachei bis zur Bezahlung der Coulribution in russ. Händen gelassen; Nesselrode meinte, das T. R. existire jetzt nur noch unter dem Schutze Rußlands; in der That war es zerschmettert. Der Sultan Unterzeichnete 26. Sept. den Frieden, aber erst Mitte Oct.hörtcnllberalldie Feindseligkeiten auf. Die Friedensbedingungen wurden nach und nach erfüllt, Ginrgewo im Nov. geräumt, die Russen räumten Adrianopel 20. Nov., die verbannten unir- ten Armenier wurden zuriickberufeu n. die 6 früher von Serbien abgerissenen Districte wieder mit demselben vereinigt. Um eine Minderung der erdrückenden Kriegscontributiou zu erlangen, schickte Mahmud II. im Nov. Chalil Pascha nach Petersburg, welcher wirklich (Mai 1830) die Erlassung von 3 Mill. Dukaten bewirkte. Die Rußland feindlichen Würdenträger traten aus dessen Wunsch ab, durch den bestochenen Chosrew Pascha wurde Mahmuv beeinflußt u. Pertew Efsendi siel. Als Einleitung zu einer neuen Handelsgesetzgcbnng ließ der Divan Len Oocks cku eommsros ins Türkische übersetzen. Im Innern loderte überall die Empörung, welche des Sultans Provinzialstatlhalter nur mit treulosen Mitteln überwältigten. Auf Kreta u. Samos tobte oer Aufstand nach wie vor; schließlich überließ die Pforte ohnmächtigKretas Statthalterschaft dem Vice- königevon Ägypten, Mehemed Ali; Samos erkannte, von der Londoner Conferenz Nov. 1831 dazu bewogen, die Souverainetät der Pforte au u. wurde auf Antreiben der Mächte endlich ein selbständiges tri- butaires Fürstenthum unter christlichen Fürsten, die der Großherr aus Lebenszeit ernennen sollte; Febr. 1833 wurde der erste derselben ernannt, Fürst Stephan Vogorides. Die Eroberung Algiers durch Frankreich 1830 erregte in Constantinopel Mißstimm- ung, da der Sultan sich noch theoretisch als Oberherr der Barbareskenstaaten ansah, führte aber zu keinem ernsten Streite. Als im Jahre 1831 Rußland in Polen enga- girt war, glaubte der Sultan von Dort her nichts zu befurchten zu haben u. nahm den Besehl znr völligen Räumung Griechenlandszurück, jedoch nach derBesie- gung Polens schloß er sich um so fester an Rußland an, dessen Einfluß jetzt selbst den Englands überwog. Bei der Reise des durch seine europäifirenüe Verwaltung unbeliebten Sultans durch die Europäische Türkei machte die Sorgfalt, welche er auf die verarmten Provinzen verwendete, einen günstigen Eindruck. Der Aufstand des Mustapha Pascha Skodraly in Albanien wurde durch Redschid Pascha Nov. 1831 niedergedrückt , die Unterwerfung Bosniens, das sich mit Mustapha verbündet hatte, gelang erst Mai 1832, in Bagdad hatte sich Daud Pascha empört, wurde aber von Ali Pascha von Aleppo nach zweimonatlicher Belagerung gefangen genommen; ebenso wurden die aufständischen Paschas von Wan ».Damaskus besiegt. In Constantinopel häuften sich die Feuersbrünste als Zeichen der Unzufriedenheit mit den Maßregeln des Sultans; trotzdem ließ er den katholischen Armeniern ihre von den Türken in Besitz genommenen Häuser zurückgeben und erlaubte ihnen, eine Kirche in Galata zu bauen, ertheilte den Rajahs von Kleinasien, welche an der griechischen Jnsnrrec- tion Theil genommen hatten, Amnestie und gab ihnen wie den Leuten auf Chios u. Tenedos ihre während der Revolution eingezogcnen Güter zurück. Am 1. Nov. erschien das erste Blatt des Uonitsur Ottomau, die erste türkische Zeitung, in Französischer u. türkischer Sprache. Mit demVicekönig von Ägypten war cs schon seit 1830, wo derselbe Kandis besetzte, zu Mißhelligkeiten gekommen; (s. darüber Ägypten, S. 301). Der durch diesen Krieg und fortlaufende Niederlagen in die äußerste Verlegenheit gerathenen Pforte bot Frankreich Friedensvermittelungen an, aber der Sultan traute ihm nicht u. suchte Englands Vermittlung nach, die aber abgewiesen wurde. Rußland trug hingegen Lurch Murawiew (s. d.) schon Dec. 1832 seine Mediation an n. wurde der Retter der bedrohten Pforte. In der Staatsrathssitzung vom 3. Jan. 1833 nahm mau die Vermittelung an u. Mahmud wandte sich 2. Febr. 1833 an den Kaiser Nikolaus mit der Bitte um Hilfe zu Land n. See. Da der Vlcekönig sich durch General Murawiew nicht bewegen ließ, die Feindseligkeiten einzustellen, ging 14. Febr. von Sebastopol ans ein russisches Geschwader unter Lazarew nach Constantinopel unter Segel, um die Psorte in jedem Falle zu sichern. Auch in London u. Paris hatte man sich über Mittel berathen, das T. R. zu retten u. zugleich Rußlands llberwiegenben Einfluß in Constantinopel zu hemmen. 17. Febr. kam der Viceadmiral Nons- sin als franz.Botschafter dort anu.machtel9.Febr. den Vorschlag, die Pforte solle die Vermittelung Rußlands ablehnen, weil er den Frieden mit Ägypten abschließen wolle. Als aber 20. Febr. das russ. Geschwader bei Bujukdere vor Anker ging, war die Ablehnung der russ. Intervention unmöglich. Rons- sin, sich aus die vielen Russengegner unter den türk. Staatsmännern verlassend, protestirte u. sandte erfolglos wegen eines Vergleiches an Mehemed Ali. Aus Bitten Mahmuds sandte Rußland abermals eine Flotteuabtheilung. Barennes, der franz. Gesandte, vermittelte nebst Mustapha Mehemed Reschid in Kutahja den Frieden zwischen Mehemed Ali und Mahmnd II. u. Anfang April schloß Mehemed Ali, angesichts der bis auf 18,000 Mann verstärkten russ. Macht im Bosporus, mit der Pforte Frieden (der Sultan erkannte ihn erst 5. Mai an). Mehemed Ali blieb zwar Vasall der Pforte, wurde aber in den Paschaliks von Ägypten u. Kandia bestätigt und erhielt noch die Paschaliks Damaskus, Tripolis, Saida, Aleppo. Akka, Jerusalem u. Nablus wie Adana. Am 10. Juli verließ dasruss.Hilfsheer mit der Flotteden Bosporus. Am 8. Juli war nach vielen Bestechungen der türk. Würdenträger vom Grafen Orlow mit der Pforte eine Defeustvallianz zu Hnnkiar Jske- lcssi aus 8 Jahre abgeschlossen worden, welcher zufolge die Pforte versprach, aus Verlangen Rußlands die Dardanellen fremden Kriegsschiffen zu sperren, anstatt Rußland materielle Hilfe zu schicken, wogegen Rußland ihr solche zuwenden sollte, sobald sie deren bedürfte. So wurde das Schwarze Meer ein russischer Binnensee u. der Bestand des T. R. ins Belieben des Zaren gestellt. Frankreich u. England mußte 613 Türkisches Reich (Gcsch.). der Vertrag schwer treffen u. ihre Botschafter erklärten darum 27. Ang.: sie würden iw. Falle einer bewaffneten Dazwischenknnft Rußlands bei inneren Angelegenheiten des T. R. so handeln, als ob der Vertrag nicht bestände. Englische und französische Flotten erschienen vor den Dardanellen, erreichten aber, da die Cabinette uneins waren, nichts und kehrten wieder um. Der russische Gesandte domi- nirte im Divan, arbeitete Mahmuds Reformen entgegen, bevormundete ihn, bestach seine Umgebung u. vereitelte die Heranziehung franz. u. engl. Jn- structenre für das Heer. Am 29. Jan. 1834 wurde ein neuer Vertrag in Petersburg zwischen der Pforte durch den Söldling Rußlands und Günstling Mahmuds, Achmed Fewzi Pascha, und Rußland abgeschlossen, dem zufolge der Rest der türkischen Con- tribulion um H ermäßigt u. bestimmt wurde, daß noch im April d. I. die Hospodare der Moldau und Walachei ernannt u. dann diese Länder von den Russen geräumt werdensollten; die tllrk.-russ. Grenze in Asien wurde im russ. Interesse abgeändert; die Pforte stimmte dem ReAlemonti orMnigus der Do- naufürstenthümcr zu, welches gleichfalls ganz russisch gehalten war. Die königlich griechische Regierung suchte lange umsonst mit der Pforte in diplomatische Beziehungen zu treten, dies gelang erst Aug. 1834. Unterdessen war Albanien, welches eine eigene Regierung wie Serbien verlangte, im Aufstand u. auch Kleinasien blieb unruhig, doch wurden Ende 1833 bis Sommer 1834 hier überall die Rebellen von Reschid Pascha geschlagen. Dagegen brachen in Bosnien wieder Unruhen aus u. die Insel Samos, welche zufolge des Londoner Protokolls wieder unter türkische Botmäßigkeit kommen sollte, weigerte sich die Oberherrschaft der Pforte wieder anzuer- crkennen, doch wurde Samos durch eine Escadre unter Hassan Bey im Juli 1834 unterworfen. Mahmud II. bewilligte ihm kurz darauf Handelsvortheile u. erlaubte seinen Schiffen freien Eintritt in die Dardanellen. Im Mai befahl der Sultan die Errichtung einer bewaffneten Miliz durch das ganze Land, bei welcher Schulen des gegenseitigen Unter- richts angelegt wurden; überall wurden Straßen zu bauen angefangen und ein regelmäßiger Posteu- laus sollte eingerichtet werden. Die Organisation der Armee schritt rasch vorwärts, die Dardanellen wurden unter Aussicht preußischer Ingenieurs neu befestigt u. aus den Werften herrschte große Thätig- keit. Der Mittelpunkt der antirussischen Bestrebungen in Constantinopel wurde nicht Frankreich, das immerfort an Entsetzung der Dynastie Osman dachte, sondern England: sein Botschafter Lord Ponsonby (s. d.) war entschieden gegen Nikolaus u. Mehemed Ali n. sein talentvoller Secretär Urgnhart focht mit der Feder erfolgreich gegen die Russe». Am 31. Aug. setzte Mahmud II. plötzlich den Patriarchen vouConstantinopel ab u. ernannte selbst einen neuen (eine Ernennung, welche blos der Heiligen Synode zukam), was auf die Rajahs einen üblen Eindruck machte. Gleiches geschah 1835 mitdem Oberrabiner der Juden,, Neue Verwickelungen mit dem Vice- könig von Ägypten wurden infolge der Vorstellungen Englands und Frankreichs friedlich beigelegt, der Vicekönig mußte endlich den Bezirk von Orsa räumen. In Constantinopel wurde im Jan. 1835 eine Verschwörung gegen Mahmud II. entdeckt u. zahlreiche Hinrichtungen konnten die Aufregung nicht beschwichtigen. Im Frühjahr 1835 sendete Mahmud II. eine Escadre nach Tripolis in Afrika, welches ihm nach dem Verlust von Algier seiner Lage wegen höchst wichtig war. Diese Flotte brachte Tripolis als Paschalik wiederiuunmittelbareAbhängig- keit von der Pforte. Ein Ausstand in Albanien griff 1835 so um sich, daß im Juli nur noch Skutari den Sultan anerkannte; die türkischen Generale richteten Anfangs wenig hier aus. Seine Ausschweifungen machten Mahmud das Selbstregieren immer unmöglicher u. die Reformpartei (Radikale) u. alttürkische (conservative) Partei stritten sich im Divan um die Herrschaft; an der Spitze der Conservativen stand Pertew Efsendi, an der der Reformpartei Chosrew Pascha mit den Parasiten Mahmuds, der selbst zu ihr schwur. Ende 1835 wurde Albanien mit Grausamkeit unterworfen. Sehr zur Ungunst Rußlands u. Ägyptens erlheilte Mahmud 1835 England die Erlaubniß, den Euphrat von Vasra bis Bir mit Dampfschiffen zu befahren, aber Mehemed Alis Protest machte die Sache unmöglich. Nach Rache an Mehemed Ali dürstend, rüstete Mahmud fortgesetzt zum Kriege, der Berufung französischer Instrukteure widersetzte sich der russ. Gesandte Buteniew beharrlich, endlich dursten preußische vom Sultane berufen werden. Die Generalstabsoffiziere von Moltke u. von Berg kamen zufällig 1835 nach Constantinopel, auf Bitten des Seraskiers Chosrew Pascho bewilligte ihnen Friedrich Wilhelm III. einen Urlaub, Moltke blieb längere Zeit und bearbeitete u. a. ein Memoire über die Anwendbarkeit des preuß. Landwehrsystems auf das türkische Heerwesen; bald folgten ihm eine Reihe von Offiziere nach dem T. R. u. halfen die türkische Abmee verbessern. England vermochte den Sultan, dem Vicekönige zu befehlen, er solle die Monopole in Syrien wieder aufheben; so wollte Ponsonby die ägyptischen Finanzen ruinirenu. versprach Englands Hilfe. Mahmud erließ Febr. 1836 den betreffenden Ferman. Rußland wollte aber Mahmud nicht frei werden u. handeln lassen, Buteniew schloß darum eine ihn verbindende Convention mit der Pforte 27. März 1836 ab; Rußland ermäßigte die Kriegsschuld auf weniger als die Hälfte u. versprach nach Zahlung derselben binnen 5 Monaten Silistria zu räumen; auf russ. Wunsch stellte Mahmud dieFeindselig- keitengegenMehmedAliein. Ponsonby waraußersich u. pochte stets mit Englands Macht. Um Österreich, Preußen u. Rußland bei dem Sultan zu verdächtigen, notificirte erdem Divan, dieSacheaus derLnftgrei- fend, die Regenten obiger Staaten hätten im Sommer 1836 sich über die Theilnng des T. N. geeinigt n. nur durch Englands Einsprache sei sie unterblieben; werde ihm aber jetzt nicht die verlangte Ge- nugthuung (für Mißhandlung eines Engländers), so überlasse England das T. R. seinem Schicksale. Dies wirkte, der russisch gesinnte Reis-Effendi Akif fiel Juni 1836. Bald aber llberwog Rußlands Einfluß wieder weit den englischen u. England maulte, ohne zu handeln. Das T. N. trug seine Schuld au Rußland total ab u. die Russen räumten 11. Sept. 1836 Silistria mit 74 Kanonen und viel Munition den Türken ein; stets spielte jetzt der Zar den Groß- mllthigen. Dieschroffste Reaktion griff seit Ende1836 um sich. Im Mai 1837 bereiste aber Mahmud II. 614 Türkisches Reich (Gesch.). Bulgarien u. Thrakien und die hier gefaßten Eindrücke bestimmten ihn, das Reactionsministerium zu beseitigen u. in dem neuen üb erwogRußland wieder. Mahmud II. verordnte 1838 die Einführung von Prüfungen zur Erlangung eines Amtes,türk. Gesandte wurden an die Monarchen Europas geschickt, zur Erlernung des Französischen eine officielle Schule gegründet,Ho!pitäler geschaffen, gegendiePestinCon- stantinopel Onarantaineanstalten errichtet, Leucht- thürme aufgestellt, die Binnenzölle im Innern ab- gesckafst. Wie schon 1836 die des Reis Effendi, so wurde die Stelle eines Großvezirs 30. März 1838 aufgehoben u. dafür ein engerer n. weiterer Staats- cath, Chosrew Pascha an der Spitze, eingesetzt. Rauf Pascha wurde als Basch Vekil Minister des Innern u. Premierminister; es geschahen Schritte zur einheitlichen Leitung des Milirärwesens u. die Seele der neuen Reformen war der Minister des Äußeren, ReschidPascha. Im MaiI838wurden allen Staatsbeamten bestimmte Gehalte bewilligt, um Druck u. Bestechung zu beseitigen. Als Mahmud sich gerne infolge der syrischen Wirren gegen Mehemed Ali erhoben hätte, hielt ihn die fremde Diplomatie davon ab. Um aber Ägypten empfindlich zu treffen, schloß Ponsonby 16. Ang. 1838 init der Pforte den Handelsvertrag von Balta-Liman ab, in den Ägyp tcn als Paschalik eingeschlossen war; die Monopole wurden beseitigt u. die vielen lästigen Gebühren in eine am Hasenorte zu erlegende Manthabgabe verwandelt. Gegen die Anwendung des Vertrages auf Ägypten protestirte der franz. Gesandte energisch u. doch nützte der Handelsvertrag England wenig, da Rußland überall im Bvrtheile war. Der türk. Flotte im Mittelmeere, die sich gegen Ägypten übte, schloß sich ein bedeutendes engl. Geschwader unter Admiral Stopsord Herbst 1838 an. Reschid Pascha suchte als außerordentlicher Botschafter in Paris u. London für Dcmüthigung des Vicekönigs u. Wiedereinverleibung Syriens ins T. R. zu wirken; in Paris wies man ihn kalt ab u. in London that man nichts für ihn. Buteniew mahnte immerfort zum Frieden mit Mehemed Ali, der den Tribut verweigerte und erklärte der Pforte, der Zar werde zu diesem Kriege die in Hunkiar-Jskclessi verheißene Hilfe nicht leisten. Au Syriens RGrenze standen sich Mahmuds u. Mehemed Alis Heere gegenüber u. 14. April 1830 trat Las türkische unter Hafiz Pascha seinen Marsch über den Taurus au, 9. Juni erklärte Mahmud II. an Mehemed Ali den Krieg, ächtete ihn u. seinen Sohn Ibrahim als Rebellen und forderte die Bewohner Syriens aus, sich um seine großherrliche Fahne zu schaaren, doch wurden die Türken 24. Juni bei Nissib vollständig geschlagen. Bald darauf st. Mahmud II. am 1. Juli 1839. Ihm folgte sein lOjähriger schwächlicher Sohn, Abdul Meüjid. Die wichtigste Gefahr drohte dem neuen Großherrn durch die Aegypler von Syrien aus, wo Ibrahim mit einem großen Heere lagerte. Sein Berathcr war der alte Chosrew Pascha. Fühlend, daß man den Conseroativen ein Zngeständniß machen müsse, um den Widerwillen gegen die Reformen Mahmuds II zu dämpfen, stellte Chosrew die Würde eines Großvezirs wieder her, übernahm sie u. rief die regelmäßigen Gesandten aus den Hauptstädten Europas wieder ab. Der nichtswllrdige Günstling Mahmuds II., der Kapndan Pascha, Achmed Fewzi Pascha, der bitterste Feind Chosrews, segelte mit der ganzen türk. Flotte unter franz. Es- corte 5. Juli nach Alexandrien u. übergab die Flotte 14. Juli an Mehemed Ali (vgl. Ägypten, S. 301). Der Sultan war ohne Heer u. Flotte, ohne Schatz. Er wollte Frieden, aber der Vicekönig wies feine Vorschläge zurück u. forderte den erblichen Besitz Syriens n. Ägyptens wie Adanas u. Maraschs u. die Verbannung Chosrews; der Divan fürchtete, er werde in Constantinopel landen u. sich zum Majordomus machen. Nun wollte Palmerston nicht dulden, daß Rußland als Schützer der Türkei ein Heer nach Constantinopel sende u. schlug für diesen Fall die Einfahrt einer engl.-franz.Flotte in die Dardanellen vor, was aber Frankreich verwarf. AufMet- ternichs Anregung ersuchten dann die Botschafter der 5 Großmächte in der Collectivnote vom 27.Juli die Pforte, in der Ägyptischen Frage nichts ohne ihre Mitwirkung zu beschließen. Hiermit war der Divan einverstanden, aberMetternichsVorschlag einer Con- serenz in London scheiterte am Widerspruche Rußlands, Frankreichs u. der Pforte. Um die europäischen Sympathien für den Bestand seines Reiches zu erwecken, berief AbdulMedjid 2.Nov.1839, geleitet von Reschid Pascha, die Großwürdentrager des Reiches, die Notabilitäten, die Schecks der Derwische, die 3 Patriarchen, den Oberrabiner, das diplomatische Corps, die Ulemas, dieMollahs, dieVorsteher der Corporationen, nach dem Kiosk von Glllhane u. ließ hier den Hattischerif vonGülhane pro- clamiren, den er mit seinen Großwürdenträgern unerhörter Weise beschwor. Er sicherte durch denselben allen Uuterthanen Leben, Ehre u. Vermögen zn, verbürgte billige n. gleichmäßige Abgabenvertheilung, versprach den Mohammedanern allein gleichmäßige Aushebung zum Soldaten u. 4—5jährige Dienstzeit; für die Befreiung vom Kriegsdienste mußten die Najahs eine Kopfsteuer zahlen; die Monopole, die Coufiscationen u. die Steuerverpachtung in den Provinzen an den Meistbietenden wurden definitiv abgeschafft; die Todesstrafe durste von nun an nur durch richterlichen Spruch nach stattgehabter Untersuchung verhängt werden, die Gleichheit der Rechte jedes Uuterthanen, ohne Unterschied der Religion wurde verfügt und feste Besoldungen versprochen. Ganz Europa pries Reschid Pascha u. den Sultan für die Reformacte, nur Buteniew nannte sie einen Theatercoup. Wirklich blieb das Meiste beim Alten u. die Paschas verletzten die neue Charte ungestraft. Als Frankreich auf keineWeise dazu zu bringen war, in Gewaltmaßregeln gegen Mehemev Ali zu willigen, so nahm Metternich wieder den Plan einer Londoner Conferenz auf; dieselbe trat Anfang 1840 zusammen, beschloß auch ohne Frankreich zu handeln u. es kam der Vertrag vom 15. Juli 1840 zwischen England, Österreich, Rußland u. Preußen mit der Pforte zn Stande, worin sich jene 4 Mächte verpflichteten, dieJnregrität desL.R. zu wahren; derVice- köuig sollte uölhigensalls mit Waffengewalt gezwungen werden, Syrien an den Sultan zurückzugeben, nur Palästina ohne Akka sollte er behalten. Dieser Vertrag wurde 15. Sept. ratificirt. Reschid Pascha reformirtc unterdessen weiter, wenn auch der Versuch einer Repräsentativ-Verfassung elend scheiterte u.seineUmgestaltungderSteuerverhältnisse auf hefli- genWiderstand stieß. Durch lauterSerail-Jntriguen 615 Türkisches Reich (Gesch.). ließ sich der Sultan bewegen, den Todfeind desVice- königs, Chosrem Pascha, 6. Juni zu entlassen, und unter seinem Nachfolger, dem bedeutungslosen Groß- vezir Rauf Pascha, war Reschid die Seele des Ca- binets — Mehemed Ali gewann hierdurch nichts. Den Libanon-Aufstand gegen ihn schürten englische Agenten. Mehemed Ali verwarf geradezu die Beschlüsse der Quadrupel-Allianz, wies den sie ihm überdüngenden Risaat Bey zurück, wurde durch einen Ferman vom 14.Sept. abermals abgesetzt, feierlich der Bann über ihn ausgesprochen u. statt seinerJzzet Pascha zum Pascha von Aegypten erhoben. Zur alli- irtenSeemacht an Syriens Küste stießen einige türk. Fregatten u. Transportschiffe mit 6000 M. Landungstruppen. Die brit. Flotte bombardirte Beyrnt, brit., österr. und türk. Truppen beranntcu es, der ganze Libanon stand auf, Commodore Napier erstürmte Saida 27.Sept., 8.Oct. wurde Beyrnt geräumt. Bald war säst ganz NSyrien erobert. Ibrahim selbst wurde 10. Oct. bei Beksaja von Napier u. den Türken geschlagen u. mußte sich zurückziehe». Am 17.Oct. fiel Tripolis, dannTortosa u. 4. Nov. nach einem Bombardement der vereinigten Flotte St.Jean d'Acre; Syrien war für Mehemed Ali verloren u. die alliirteFlotte erschien unter 'Napier vor Alexandrien, es blokirend. Jetzt bequemte sich Mehemed Ali zu Unterhandlungen, 27. Nov. schloß er mit Napier eine Convention, in der er die Herausgabe der türk. Flotte u. Syriens völlige Räumung versprach, wenn ihm Ägypten erblich zngestchert würde. Diesen von Napier eigenmächtig geschlossenen Vertrag erkannte der Divan nicht als staatsrechtlich giltig an, doch gab er aus Winke aus Petersburg nach, zumal Mehemed Ali Lurch Schreiben vom 10. Dec. an den Großvezir sein Schicksal der Gnade des Sultans überließ. Am 11. Jan. 1841 lieferte Mehemed Ali die türk. Flotte aus, räumte alle Gebiete außer Ägypten, zahlte jährlich 30Mill. Piaster Tribut, reducirte sein Heer, in dem der Sultan die Offiziere vom Obersten an ernannte rc., u. Lurch Ferman vom 13. Febr. 1841 wurde ihm die Verwaltung Ägyptens erblich übertragen u. die Investitur darüber 1 .Juni 1811 ertheilt. Nach Syriens Räumung waren hier die Christen Feindseligkeiten u. Insulten wieder ausgesetzt, während der Kampf der Maroniten und Drusen fortwährte, ohne daß die Pforte ihn stillen konnte. Am 13. Juli 1841 schlossen in London die Großmächte mit der Pforte den Meerengen-(Dardanellen-) Vertrag ab, den Pal- mcrston kurzsichtig als großenSicg ansah: dieDurch- sahrt dnrch die Dardanellenstraße u. den Bosporus wurde für immer, so lange das T. N. im Frieden sei, fremden Kriegsschiffen verschlossen — hiermit endete der Vertrag von Hnnkiar-Jskelessi. Reschid Pascha wurde durch Beamtenintrignen Ende März 1841 gestürzt, aber sein Nachfolger Risaat Pascha setzte seine Reformpolitik fort, so sehr auch der Widerwille dagegen nackt an den Tag trat. Auch bei Syriens Reorganisation wollten die Großmächte mitsprechen, während die Pforte der Selbständigkeit des Libanon ein Ende zu machen dachte, da ihr der christliche Staat dort ein Dorn im Fleische war. Im Juni 1841 empfahlen auf der Conserenz in Constantinopel die Vertreter Englands, Österreichs u. Rußlands der Psorte für den Libanon ein einheitliches Regiment unter einem vom Sultan unmittelbar abhängigen Schehab und für Jerusalem größere Selbständigkeit. Die Pforte ging hierauf ein u. verbürgte allen Christen in Syrien den Fortgenuß ihrer Privilegien, stellte Jerusalem unter einen mit Aufrechthaltung der Ordnung an den heiligen Stätten zu beauftragenden eigenen Gouverneur u. beließ den Libanon autonom, aber tributpflichtig unter den Schehabs. Bald darauf brach eine Empörung der Drusen aus, 1841—42 stellte die Pforte durch Militär die Ruhe her und zeigte Europa die Schäden selbständiger Organisation des Libanon. Dec. 1841 fiel Raus Pascha u. der altconscrvative Jzzet Mehemed Pascha, der Varna 1828 heldenhaft verthcidigt, wurde Großvezir; Risaat Pascha wurde von Ssarym Effeudi als Minister des Äußern ersetzt, der gegen jede europäische Einmischung war. Im Libanon dauerten die Wirren fort, der Bürgerkrieg brach aus, die Christen litten furchtbar. Im Juni u. Juli 1842 fielen persische Heere in Irak und Wan ein, wurden aber zurnckgeschlageu u. Lurch europäische Vermittelung 1843 der Friede hergestellt. In Serbien regten sich wiederholt Unruhen gegen Fürst Milosch n. seinen Nachfolger Michael, die Pforte unterstützte 1842 die Aufständischen und erkannte, ohne den Zaren zu fragen, den von den serbischen Notabel» gewählten Alexander durch Hattischcris vom 14.Nov. 1842 als Fürsten an. Der Zar griff diese Verfügung an, der Divan zeigte tiefe Rene u. Rußland stimmte dann befriedigt 1843 ebenfalls fürAlexander. In der Walachei mußte diePsorte 1842 ebenfalls Rußland nach- geben u.Jan. 1843 den russisch gesinnten Georg Bi- besco als Hospodaren anerkennen. Ssarym Pascha, der lauter Niederlagen erlitten,,mußte Mai 1843 Ni- faat Pascha als Minister des Äußern weichen. Die Reformen des Hattischerif von Gülhane setzten bei den Muselmännern täglich böses Blut gegen die Christen, es kam zu Excessen u.Greuelscenen in Adrian- opcl, Smyrna, Kaissarieh, Koma, Mußul rc., und Aug. 1843 wurde in Constantinopel ein junger vom Islam zum Christenthume übergetretener Armenier unter dem Jubel des Mob hingerichtet. Hiergegen traten die großmächtlichen Gesandten auf und trotz aller religiösenBedenken sah sich derSnltan zu einem Ferman gezwungen, wonach hinfort nicht mehr die Todesstrafe über islamitische Renegaten verhängt werden durfte. In Albanien widersetzten sich die Türken der durch die Constitution (Tanzimat) verfügten Truppenaushcbung, fochten gegen die Regierungstruppen u. plünderten das christliche Eigen- thnm. Omer Pascha drückte März bis Oct. 1844 die Bewegung nieder. 1845 erreichten die Kämpfe der Maroniten u. Drusen im Libanon einen solchen Höhegrad, daß endlich eine neue Organisation des Libanon in Constantinopel entworfen u. vom Pfor- tencommissär Schekib Effeudi eingeführt wurde; er entwaffnete den ganzen Libanon und mit der neuen Organisation kehrte der Friede ein. Oct.1844 wurde anstattRifaats Schekib Effeudi Minister des Äußern n. unter ihm Überweg derEinfluß des anti-europäisch gesinnten Seraskiers Riza Pascha, der Abdul Med« jid total beherrschte, aber im Militärwesen segensreich wirkte. In einem Hattischerif vom Jan. 184S tadelte der Sultan, daß außer der Militärreform bisher keine seine erstrebten Reformen ansgesllhrt worden, u. betonte als das Nothweudigste gute öffentliche Schulen — doch geschah hierfür blutwenig. 616 Türkisches Reich (Gesch.). Bald darauf wurden aus allen Provinzen Abgeord netc cingerufen, um über die materiellen Bedürfnisse der verschiedenen Landcslheile Bericht zu erstatten; dies nützte wenig, doch wurdenProvinzialregierungs- collegien (Mcdjlib) neben die Statthalter gestellt u. so auf deren Kosten die Centralgewalt gestärkt. Am 6. Aug. 1845 fiel der allmächtige Seraskier Riza Pascha durch eine Serailintrigue, mit ihm Schekib Effendi, an dessen Stelle im Oct. 1845 abermals Reschid Pascha trat. Die armenischen Protestanten wurden infolge ärgster russischer Intoleranz seit 1845 von den türkischen Behörden entsetzlich behandelt — Dank der Verwendung des engl. Gesandten Strat- sord Canuing wurden sie Nov. 1850 als selbständige religiös-bürgerliche Körperschaft anerkannt, erhielten auch 6. Juni 1853 gleiche Privilegien mit den anderen Christen. Auch für die Krypto-Katholi- ken in Albanien erwirkten die Gesandten Englands, Preußens und Frankreichs nach energischem Protest gegen die verübten Scheußlichkeiten wenigstens Linderung der Leiden der Opfer. Der Sultan stellte Reschid Pascha im Mai 1846 als Großvezir an die Spitze der Regierung, u. sein bedeutendster Anhänger, Aali Pascha, wurde Minister des Äußern. Ein neuer Ausstand in Bosnien wurde Nov. 1846 mit den Waffen uiedergcworfen. Im Libanon wurde auf wiederholte Reklamationen der Diplomatie die Entwaffnung auch der Nichtchristen durchgeführt, die Gerichtsbarkeit geregelt, die Entschädigungsgelder wurden ausgezahlt n. das Vertrauen zur Regierung wuchs dergestalt, daß selbst von christlicher Seite ein türk. Befehlshaber erbeten wurde. Durch den offe neu Schutz Frankreichs ermuthigt, hatte der Bey von Tunis seit geraumer Zeit die Tributzahlung an die Pforte eingestellt, wodurch die Souveränetätsrechte der letzteren über Tunis gänzlich aufgehoben zu werden schienen; um allen weiterenVerwickelnngen auszuweichen, ernannte die Pforte den Bey Herbst 1845 zum Ferik Pascha auf Lebenszeit und entsagte allen' Tributaiisprüchen. Als jedoch der Bey im Herbst 1846 auf französische Veranlassung nach Paris kam und dort mit allen einem Souverän gebührenden Ehren empfangen wurde, legte die Pforte dagegen Protest in einer besonderen Denkschrift ein. Seitdem war der Einfluß Frankreichs in Constantinopel sehr vermindert. Schon seit 1843 war trotz verschiedener Juter- cessionen der christlichen Diplomaten bei der Pforte die nestoriauisch-christliche Bevölkerung des Distriktes Hekkari am See Wan in Kurdistan den Verfolgungen des Kurdenhäuptlings Bedr-Chan-Beg ausgesetzt gewesen u. 1847 wurde der Bevölkerung jakobitischen Glaubens ein gleiches Schicksal bereitet. Omer Pascha unterjochte die kriegerischen Stämme des Gebirges u. schlug 13. Juni in der Hauptschlacht bei Dschesireh Bedr-Chan-Beg völlig aufs Haupt. Da zugleich im Juni auch die Ratisicirung des in Erzerum verhandelten Vertrags mitPersien eintras, so war für jetzt der normale Zustand im O. des Reiches gesichert. Auch neue Aufstände in Albanien wurden mit Erfolg bekämpft u. ein Bruch mit Griechenland , mit dem das T. R. ohnedem immer auf gespanntem Fuße stand, durch die Schuld Griechenlands, im Dec. 1847 durch die Dazwischcnknnft der also einmal wieder Erfolge auf. Als der Sultan den Papst Pius IX. zu seiner Thronbesteigung durch einen außerordentlichen Gesandten, Schekib Effendi, begrüßen ließ, schickte der Päpstliche Stuhl, um mit Umgehung der kathol. Höfe direkten Einfluß im Orient zu gewinnen, den außerordentlichen Nuntius Ferner! im Jan. 1848 mit einem zahlreichen Gefolge nach Constantinopel ab. Derselbe wurde zwar glänzend empfangen; als er jedoch seine Absicht, Vortheilc für seine Kirche gegenüber den anderen christlichen Glaubensbekenntnissen zu erlangen, zu laut werden ließ, ging die Pforte auf seine Forderungen nicht ein u. er zog im Mai erfolglos ab. Mit der Jnvestirung Abbas Paschas als Vicekö- nig von Ägypten, 7, Dec. 1848, endete die gefahrdrohende Stellung Ägyptens. Die alttürkische Partei, dem Sultan das Verderbliche des von Reschid Pascha vertretenen Fortschrittsystems an dem Beispiele des Abendlandes darlegend und von Rußland unterstützt, setzte 27. April 1848 den Sturz Reschid Paschas durch; anstatt seiner wurde Großvezir Ssa- rymPascha, während RifaatPascha anstatt Aali Minister des Auswärtigen wurde. Unter ihnen herrschte Rußland unbedingt. Bald wurde der Sultan mißtrauisch, 25. Juli rief er Reschid u. Aali zurück und Reschid wurde 11. Ang. wieder Großvezir. Das neue Ministerium erließ ein Rundschreiben an die Statthalter der Provinzen, worin die Verbesserung der allgemeinen Zustände, daS Aufhören der Mißbräuche, der Erpressungen u. der Bestechlichkeit im Beamtenstande, die Aufrechthaltnng der neuen Reformen als bes. nothwendig hingestellt, den Anhängern des alten Systems aber mit harten Strafen gedroht wurde. Die heimlichen Wühlereien der Gegenpartei, denen namentlich auch die damals zahl- reichen Feuersbrünste in der Hauptstadt zugeschrie- ben wurden, fanden eine gewaltthätige Unterdrückung in der Beseitigung einiger fanatischer Häupter. Die Ereignisse in der Moldau, von den unhaltbaren Zuständen erzeugt (s. Moldau, Gesch.), gingen ohne namhafte Verwickelung vorüber, obschon es Rußland verdroß, daß die Notabeln den Schutz des T. R. angerufen hatten und dieses Kabuli Effendi als Commissär in die Moldau schickte, uin den Proceß der Unzufriedenen gegen den Hospodaren Stonrdza zu leiten; der neue Großvezir Ssarym Pascha aber beugte sich vollständig vor Rußland u. seinCommis- sar Talaat Effendi ging mit dem russischen, General Duhamel, Hand in Hand, zur Befestigung des russischen Interesses u. zur Beugung der legalen Opposition der Moldau. Viel größere Schwierigkeiten bereiteten die Zustände in der Walachei (s. d., Gesch.), in welchem bei weitem extremere Forderungen au den Fürsten Bibesco gestellt worden waren. Rußland fand die Maßregeln der Pforte zu milde u. ließ im Juli die völlig beruhigte Moldau mit Truppen besetzen, mit der Aufforderung an die Pforte, Gleiches zu thnn. Diese lehnte ab, ließ aber Truppen im Sept. in Bukarest einrücken, worauf sofort auch ein ruff. Corps in die Walachei cinmarschirte u. der rnss. Commissär GeneralDuhamel auch in die innere Verwaltung des Landes eingriff, Fuad Effendi, den türk. Commissär in den Schatten stellend. Die hierauf folgende Spannung wurde erst durch den von Rußland Großmächte, bes. Englands und Rußlands, in der. der Pforte endlich abgedrnngenen Sened (Feststellung) Pforte günstiger Weise vermieden. Die Pforte wies j von Balta-Liman vom 30.April (I.Mai) 1849 ge- 617 Türkisches Reich (Gesch.). hoben. Abgesehen von den die Verhältnisse derDo- nanfürstenthümer speciell berührenden Stipulationen (s. Moldau, Gesch.) desselben sicherte sich Rußland zunächst auf die nächsten 7 Jahre so ziemlich gleiche Rechte mit dem T.R. auf die Donaufllrstenthümer, indem vorläufig eine gemischte Occupationsarmee von 35,000 M. dort ausgestellt bleiben, nach Wiederherstellung der Ruhe aus 10,000 M. vermindert u. nach Beendigung der organischen Verbesserungen ganz zurückgezogen werden, indeß in der Nähe bleiben sollte für den Fall, daß wichtige Ereignisse ähnliche Maßregeln erheischten. Dieser Sened war für Rußland ein Ersatz für die Aufgabe des Vertrages von Hunkiar-Jskelessi. Reschid Pascha neigte sich den Ideen der politischen Propaganda immer williger zu u. widmete gleich Aali der ungarischen Revolution seine Sympathien; Beide hofften auf das Entstehen eines ungarischen Staates, der gegen Österreich u. Rußland sich auf die türkische Freundschaft stützen müsse. Die Bevollmächtigten u. Paschas der Pforte verkehrten mit denMagyaren auf dem freundschaftlichsten Fuße, wenn man auch in Constantinopel ihr Verhalten desavouirte; auf Andrängen Rußlands u. Österreichs wurde 1818 Kossnths Bevollmächtigter, Baron Splenyi, aus Constantinopel gewiesen, dagegen unmittelbar darauf Andrassy als neuer ungarischer Botschafter zugelassen. Schaaren politischer Flüchtlinge, bes. Polen u. Italiener, zogen über Con- stantionopel nach Ungarn, während Andere als revolutionäre Agenten zurllckblieben. Die Pforte erfuhr mit Freuden, daß die Österreicher unter Puchner von den Aufständischen in die Kleine Walachei gedrängt worden, u. protestirte gegen den Übertritt der russ. Armee unterLüders über die tllrk.-östcrr. Grenze nach Siebenbürgen,freilich umsonst. NachderKatastrophe von Vilagos (13. Aug. 1849, s. u. Ungarn, Gesch.) traten 4500 Ungar, u. polnische Flüchtlinge, unter ihnen die Häupter der Ungar. Revolution, Kossuth, Bem, Dembinski u. A., Letztere nach ausdrücklicher Zusicherung des Schutzes, auf türk. Boden über u. blieben zunächst in Widdin. Alsbald verlangten der österr. u. russ. Gesandte, gestützt zumal ans einen Artikel des Vertrages von Kntschuk-Kainardschi von 1774, die Auslieferung der Nevolutionshäupter. Die Pforte lehnte den Antrag ab, vom engl. Gesandten berathen; derSultan bot dagegen in einem vouFuad Effendi dem Zaren überbrachten Briefe die Bürgschaft dafür an, daß die Flüchtlinge m Gewahrsam gehalten u. au weiteren Umtrieben verhindert würden. Derruss.u.österr.Gesandte,Titowu.Stürmer, brachen 17. Sept. den diplomatischen Verkehr mit der Psorte ab. Eine englische und eine französische Flotte näherten sich nun zu Gunsten des T. R. den Dardanellen; die englische lies 4. Nov. in den Dardanellen ein u. legte sich inderBarbiera- Bucht vorAnker, während die sranz. beiBnrlac sta- tionirte. Die brit. Flottendemonsiration erregte in Wien u. Petersburg große Verstimmung, bes. tobte Nesselrode. Der Zar zeigte sich in der Flüchtlingsfrage infolge des Schreibens des Sultans nachgiebiger und Titow- wie Stürmer knüpften Ende Dec. 1849 wieder die Verhandlungen mit demDivan an. Von den auf türk. Boden zurückgebliebenen Flüchtlingen wurden 1849 Kossuth, Bem, Meszaros, Kmeti, Batthyanyi u.A., zusammen 320 Mann, von Widdin nach Schumla übergesiedelt. Noch aber war keine Aussicht auf friedlichen Austrag des Streites, zumal Rußland, statt vertragsmäßig sein Heer in den Do- naufürstenlhümcrn auf 10,000 M. zu reduciren, dasselbe auf 40,000 M. brachte, und Österreich erklärte, in der Angelegenheit ganz mit Rußland gehen zu wollen. Da zugleich Serbien eifrig im Sinne Rußlands bearbeitet wurde, so setzte die Pforte ihre Rüstungen, bes. hinsichtlich der Flotte, fort. Mitte Dec. trat jedoch bei gegenseitigem Nachgeben eine friedliche Ausgleichung ein; England u. das T. R. erklärten, die englische Flotte habe sich nur vor den Herbslstürmcn in die Bucht gerettet und die Pforte versicherte, der bis dahin schwankende Begriff des maro olausnm sollte sowol für die Straße nach Con- stantinopcl wie für die der Dardanellen ans die ganze Länge der Meerenge ausgedehnt werden. Rußland verlangte vom Sultan die Austreibung der polnischen Emigranten, doch begaben sich diese fast alle unter französischen oder amerikanischen Schutz und nur der Nest wurde ausgewiesen. Die ungar. Flüchtlinge wurden 1850 in Kutahja interuirt; viele von ihnen traten zum Islam über und 6. April 1850 wurde der diplomatische Verkehr mitÖsterreich wieder hergestellt. Am Ende des J. 1849 verließen auch die verbundenen Flotten das türkische Gebiet. Nach langem Notenwechsel mit dem österr. Jnternnntius schasste die Pforte die christlich gebliebenen Ungarn 1851 nach England u. Amerika. Im Innern traten die heilsamen Folgen der ein- gesührten Reformen zu Tage; namentlich war dem Bestechungssysteme der Beamten kräftig Einhalt ge- than worden. Nur in Bosnien, welches 1848 allen Aufreizungen von Seiten der Südslawen widerstanden hatte, war in der Kraina wieder ein Ausstand ausgebrochen. Der Hauptgrund war, neben der anbefohlenen Stellung von Mannschaft zum regulären Heere, bes. die Auflegung einer neuen Grundsteuer, wonach jeder Türke u. Christ der Regierung ^ des Bodenertrages, jeder Christ außerdem noch ^ von Heu und Gartengewächsen, wovon die Spahis die Hälfte erhielten, entrichten sollte. Die christliche Bevölkerung hielt sich anfangs jedem Widerstande fern, dagegen forderte ein Türke, Ali Kedich, 6. Juli 1849 zum bewaffneten Widerstande auf u. fand unter den Türken zahlreichen Anhang. Nachdem I.März 1850 die Festung Bihacz in seine Hände gefallen, erklärten sich die meisten festen Städte sür ihn u. die Bewegung griff tief nach Bosnien bis in die Herzegowina ein; 15. Oct. wurde der Vezir aus Mostar vertrieben u. diese Festung von den ansständischen Bewohnern in Verthcidigungszustand gesetzt. Omer Pascha, der Statthalter von Bosnien, schlug die Insurgenten in drei Treffen vom 30. Oct. bis 20. Nov. 9. Febr. 1851 drängte sie Mohammed Ständer Beg nach Mostar zurück und besetzte selbst diesen Platz. Auf Samos, wo es seit 1849 gährte, kam es zum offenen Bruche mit der Regierung, als eine nach Constantinopel abgegangcne Deputation, welche die Abstellung vieler Mißbräuche nachsuchen u. die Gewaltschritte gegen den Fürsten Vogorides rechtfertigen sollte, erfolglos zurückgekehrt war; die Insel mußte in Belagerungszustand erklärt werden. Zu gleicher Zeit erhoben sich die Araber in Syrien mit Beschwerden über die Christen u. griffen dann zu Thätlichkeiten n. zwar zu Len scheußlichsten Grausamkeiten; Ruhe u. Ordnung kamen erst wieder, nachdem 12 Rädels- 618 Türkisches Reich (Gesch.). führer und Häuptlinge nach Europa abgeftthrt und über 320 Rebellen gerichtlich streng bestraft und die Truppenzahl in Syrien bedeutend verstärkt worden war. Ein Ministerwechsel im April war ohne weitere Einwirkung ans die innere, noch dem Fortschritte huldigende Politik, in deren Sinn u. a. auch angeordnet wurde, daß die von den Christen zu entrich- tende Kopfsteuer nicht mehr von türkischen Beamten erhoben, sondern von den christlichen Gemeinden selbst vertheilt u. eingeliesert werden sollte; auch erfolgte eine Regnlirung des Münzfußes; nach dem Vorbild von Constantinopel wurde für andere Orte, Kairo, Alexandrien, Smyrna rc. die Errichtung von gemischten (halb türkischen, halb fremden Untertha- nen) Handelstribnnalen angeordnet, sowie die Errichtung besonderer Gerichtshöfe für Fremde; Ba- stonnade, Peitsche und Tortur wurden untersagt. Das in der Türkei giltige Staatsgrundgesetz, Tanzimat, sollte auch in Aegypten gelten und Englands Jnteressenpolitik traf mit der des Sultans insofern zusammen, als beide Aegypten nicht kräftig wissen wollten. Aber der Vicekönig Abbas Pascha widerstand (s. Aegypten, S. 303). Die Verhandlungen der Pforte mit dem Bey von Tunis wegen Annahme des Tanzimat zogen sich ohne bestimmtes Resultat in die.Länge. Gestützt auf eine Capitulation von 1740 verlangte von der Pforte Frankreichs Gesandter, General Aupick, 28. Mai 1850 die Rückgabe der großen Basilika und der Gebnrtskrypta in Bethlehem, des Steins der Salbung n. der 7 Bögen der Jungfrau in Jerusalem in der Grabeskirche u. andere Rechte. Frankreich machte hier die Ansprüche der abendländischen Christen gegenüber denen der morgenländi- scheu geltend, wogegen sich Rußland im Namen der letzteren aus den verjährten, bei mehreren Veranlassungen bisher nie angefochtenen Besitz stützte; einstweilen war noch kein Erfolg der diplomatischen Verhandlungen abzusehen. Die so lange schwebende Frage wegen der vertragswidrigen Occupatio» der Donausürstenthümer durch die Russen fand 1851 ihre Lösung durch Abzug der russischen u. osmani- schen Truppen im April, worauf Schekib Effendi als Generalinspector in die Donanprovinzen abging. Die Unruhen in der Kraina schienen einen ernsten Charakter annehmen zu sollen, wurden aber durch Omer Pascha mit den Russen unterdrückt. Da die Staatsschuld stets wuchs, wurden, um Re- ductionen im Staatshaushalt hcrbeiznsühren, das Polizeiministerinm aufgehoben und dem Kriegsministerium einverleibt, auch die Besoldungen der Gouverneure der Provinzen u. Districte ermäßigt. Zur Abhilfe der Finanznoth wurden unverzinsliche StaatSschuldscheine (Kaimes, s. d.), auf 10 Piaster lautend, creirt u. ausgegeben. In Betreff der heil. Stättenfrage antwortete Aali Pascha 30. Dec. 1850 Frankreich, die Pforte erkenne die volle Giltigkeit der alten Verträge an, doch müsse eine gemischte Commission die vor und nach der Capitulation von 1740 hierüber erlassenen Fermans prüfen, da von verschiedenen Seiten legale Ansprüche gemacht würden. General Aupick protestirte 5. Jan. 1851 hiergegen und forderte 23. Febr. eine kategorische Erklärung, ob sich die Pforte an die Capitulation von 1740 stricte gebunden halte. Österreich, welches sich Las Recht anmaßte, in Len türkischen Nachbarprovinzen den Katholicismus zu schützen, unterstützte Frankreich, welches an Stelle Aupicks im Mai den Marquis von Lavalette sandte, u. im Juni 1851 trat auf den Antrag Oesterreichs n. Frankreichs in Constantinopel die gemischte Commission zusammen; im Oct. > d. I. schien die Angelegenheit ausgeglichen. Nun ! überreichte der russische Gesandte Titow dernSnltan l ein kaiserl. Schreiben, worin die Erwartung ausgesprochen war, es würde an dem sbatus gua des Be- sitzverhältuisses der heiligen Stätten nichts verändert u. vertraulich äußerte Titow, anderen Falles müsse er die diplomatischen Beziehungen abbrechen. Hierauf trat Aali Pascha sofort von seiner vorläufigen Vereinbarung mit Lavalette, der vergebens protestirte, zurück, die gemischte Commission wurde aufgelöst und die Pforte setzte eine Commission von türk. Staatsbeamten u. Ulemas ein, um die Streitfrage zu entscheiden. Ihren Bescheid genehmigte der Sultan u. Aali Pascha theille ihn 9. Febr. 1852 Lavalette mit: die französischen Ansprüche waren unbegründet erfunden, nur erhielt Frankreich einen Schlüssel zur Basilika in Bethlehem für die Lateiner. Frankreich, völlig besiegt, fügte sich, Titow machte Einwendungen u. auf sein Drängen garan- tirte der Sultan durch Ferman der griechischen Geistlichkeit ihre Rechte an den heiligen Stätten. Rußlands Sieg war vollkommen. Titows Nachfolger, von Ozcrow, stellte gegen Lavalette im Dec. 1852 officiell die Behauptung auf, Rußland besitze durch den Vertrag von Kutschuk-Kainardschi das Schutzrecht über alle Orthodoxen in der Türkei, wogegen der Marquis erklärte, Frankreich beanspruche kein ^ Schutzrechi über die katholischen Rajahs. Um den unangenehmen Handel zu schlichten, erklärte der Sultan 15. Dec. 1852, Rußlands Verlangen gemäß solle der den Griechen ausgefertigte Ferman in Jerusalem öffentlich verlesen und den Lateinern der Schlüssel zur Nativitätskirche ausgehändigt werden. Auch Lies ließ Lavalette ruhig geschehen. England hielt sich von der Frage ferne n. der Zar bemühte sich, es zu seinen Wünschen, die auf die Vernichtung der Türkei ausgingen, zu bekehren. 1852 schritt Omer Pascha in Bosnien, um das nur noch locker niit dem Hauptlande zusammenhängende, thatsächlich in der Hand einiger Adelsfamilien befindliche Gebiet wieder unter die Souveränetät der Pforte zurückzuführen u. in die jetzt allgemein angestrebte Centralisation hiueinzuziehen, mit den äußersten Gewaltmaßregeln vor. Besonders hatten jetzt die ihre Hinneigung zu Oesterreich offen bekundenden Christen die härtesten Verfolgungen zu erleiden. In dein durchaus militärisch besetzten Lande wurde eine allgemeine Entwaffnung aller Griechen n. Katholiken vorgenommen, viele Geistliche u. irgendwie einflußreiche Männer verhaftet, die katholische Geistlichkeit gezwungen, von ihren Klostergütern den Zehnten zu entrichten. Selbst auf die österreichischen llnterthanen dehnte sich die Strenge Omer Paschas s aus. Auch unter seinem Nachfolger milderte sich das Loos der Christen nicht, weshalb Tausende nach Oesterreich auswanderten. Das Wiener Cabinet sah sich deshalb auch zu ernsten Vorstellungen bei der Pforte veranlaßt, die noch dazu auf einem türkischen Streifen Landes in Dalmatien Strandbefestignugen anzulegen versucht hatte, weshalb auch zwei österreichische Kriegsschiffe nach der Bucht von Cattaro - ^ ^ -.-kli'-t S-r-k-L-«! Türkisches Reich (Gesch.). 619 abgingen. Unter die in diesem Jahre ergriffenen Maßregeln der Regierung gehörte namentlich die Einführung einer gemischten Personal- und Vermögenssteuer, welche im Durchschnitte mit 20 Piastern auf den Kopf bemessen worden war. Auch wurde infolge der Verbreitung vieler Broschüren über die Zustände des T. N., namentlich den im Reiche lebenden Fremden der Druck von Büchern u. Broschüren ohne vorhergängige Autorisation verboten. Das Ministerium unterlag in diesem Jahre den wesentlichsten Veränderungen; 26. Jan. 1852 trat für Rcschid Pascha wieder Rauf Pascha als Großvezir ein, der ganz für Rußland war. Neschid Pascha wurde zwar 5. März wieder Großvezir, jedoch schon 5. August durch Aali Pascha verdrängt; dieser mußte schon 3. Oct. dem bisherigen Marineminister Me- hemed Ali Pascha weichen, was mit der in Paris u. London negociirten Anleihe in Verbindung stand, welche als eine mit Ungläubigen getroffene n. deshalb verabscheute Vereinbarung die Bestätigung nicht erhielt; dis bereits gemachten Zahlungen wurden zurückgestellt u. eine Nationalanlcihe ausgeschrieben, an welcher sich der Sultan selbst mit 40 Millionen Piaster und Hingabe von Silbergeräthe betheiligte; dem Vicekönig von Aegypten wurde die Vorauserlegung eines zweijährigen Tributes abgefordert. Zugleich wurde die Errichtung einer Bank beschlossen. Die inneren Verhältnisse verlangten aber auch ungewöhnliche Anstrengungen, namentlich waren in Asien die Zustände wieder sehr gefahrdrohend geworden. Den Drusen in Syrien mußte die Con- cession der Berufung eines Provinzialrathes unter Zuziehung der DrusenhLnptlinge gemacht werden. In Montenegro wurde 21. März 1852 durch Beschluß der Volksversammlung die weltliche und geistliche Herrscherwürde getrennt und die weltliche im Hause des Vladika erblich erklärt. Der Vladika stand unabhängig von der Pforte da, von Rußland geschützt. Die Pforte protestirte u. als der Vladika die abgefallene Nahie Piperi im Novbr. mit Waffengewalt wiedergewinnen wollte, gerieth er bei Podgorizza mit den türkischen Hilfstruppen in blutige Conflicte, aus Lenen ein längerer Krieg entsprang, der aber Ende Febr. 1853 zu Montenegros Vortheil endete infolge österreichisch-russischer Vermittlung. Unter solchen Verhältnissen brach das verhängniß- volle Jahr 1853 für das T. R. an, von dem schon nach altem Volksglaubcndie Vernichtung des nun eben 400jährigen Osmanenreichs in Stambul erwartet wurde. Die Pforte war mit Rußland u. den katholischen Mächten entzweit wegen der heiligen Stätten, mit sämmtlichen Gesandtschaften wegen eines neuen Gesetzes über die Außercuurssetznng ausländischer Münzen; mit England u. Österreich wegen des Verbotes der Schifffahrt Fremder im Bosporus; mit Oesterreich wegen der Angelegenheit der bosnischen Christen; mit England u. Frankreich wegen der Anleihe. Oesterreich zog eine Heeresabtheilnng in den dalmatinischen Grenzdistricten zusammen und 30. Jan. 1853 verlangte der außerordentliche Gesandte, Feldmarschalllieutenant Graf Leiningen, im Namen seiner Negierung von der Pforte Herstellung des Status guo in Montenegro sowol in territorialer als administrativer Beziehung n. Räumung des Landes von Len türkischen Truppen; sofortige Jnternirung der in Omer Paschas Heer stehenden ungarischen n. polnischen Flüchtlinge; Abtretung der türkischen En- claven Kleck u. Suttorina in Dalmatien an Oesterreich ; Zusicherung einer gerechten und menschlichen Behandlung der Rajahs in Bosnien und der Herzegowina; Aufhebung der in den genannten Provinzen widerrechtlich erhobenen Zollaufschläge ans österr. Ein- und Ausfuhrartikel, ebenso der widerrechtlichen Besteuerung des Tabaksbaues u. des Ausfuhrverbotes von Holz; endlich Befriedigung der gerechten Ansprüche einer Anzahl von österr. llnterlhanen an die Pforte. Als der Großvezir diese Forderungen unbedingt ablehnte, wurde das an der Unna stehende österr. Observationscorps ans 50,000 Mann gebracht und die österr. Gesandtschaft bereitete sich zur Abreise von Constantinopel. Zugleich hatte auch Rußland ein Armeecorps an der türk. Grenze ausgestellt. Ans das 10. Februar vom Grafen Leiningen übergebene Ultimatum wurden aber alle Ansprüche Österreichs 14. Febr. zngestanden; nur trat an Stelle der Abtretung der zwei Enclaven die Bewilligung einer Etappenstraße für Österreich. Geheim wurde Österreich berechtigt, bei Gebietsverletzungen durch türk. Grenznachbaru sosort die Grenze zu überschreiten u. sich selbst Genugthunng zu nehmen u. ihm die Oberhoheit über die christliche Bevölkerung Bosniens u. der Herzegowina zugestanden. Hier sollten nach einem großherrlichen Ferman Christen und Juden den Türken gleichberechtigt werden u. in dem großen Verwaltungsrathe für Bosnien Sitz u. Stimme haben; auch sollte eine neue Regelung der Steuer erfolgen. In kurzer Zeit kehrte der größte Theil der auf österr. Gebiet geflüchteten Christen nach Bosnien zurück. Anderwärts war dagegen das Schicksal der Rajahs wieder sehr in Frage gestellt Lurch die laut großherrlichem Ferman vom 22. Jan. versügte Aufhebung des wichtigeren Theils des Tanzimats, wodurch den Provinzialstatthaltern fast der volle Besitz ihrer früheren, beinahe unbeschränkten Gewalt wiedergegeben wurde. Nachdem die Pforte sich vor Österreich gebeugt, trat Rußland wieder feindselig gegen sie auf. Fürst Menschikow erschien 28. Febr. 1853 in besonderer Mission in Constantinopel, fand die Montenegrinische Frage abgethan und zeigte alsbald durch seine Verletzung der am türkischen Hofe so hoch gehaltenen Etikette, daß es auf eine tiefe Demllthigung der Pforte abgesehen sei. Er erklärte, mit Fnad Pascha, der Rußland zu selbständig geworden, nicht verhandeln zu wollen und der Sultan gab diesem 6. März sofort die erbetene Entlassung; Rifaat Pascha wurde Ministerdes Äußern. DcrDivan, der das Schlimmste von Rußland befürchtete, bat unter der Hand um Sendung der franz. u. engl. Mittelmeerflotten in die levantinischeu Gewässer. Menschikow wußte aber die Gesandten beider Mächte zu beruhigen und trat dann 17. März mit seinen Forderungen an den zaghaften Rifaat Pascha heran; er forderte, die Pforte solle sich durch förmlichen Vertrag verpflichten, in Bezug auf die heiligen Stätten den status gnc> nach den Anordnungen vom 9. Febr. 1852 aufrecht zu ! erhalten, jede fremde Einmischung in die Angelegenheiten des griech. Klerus beseitigen, die Patriarchen ans Lebenszeit ernennen, u. sic von ihr unabhängig stellen. Rifaat nahm, so maßlos er Menschikows Forderung fand, sie Loch all rotsrsncinm. Frankreich schickte eine Flotte nach Salamis, England gab dem 620 Türkisches Reich (Gesch.). Divan den Rath, möglichst in der heil. Stättenfrage Rußland nachzugeben, aberden Vertragsabschluß hin- anszuschieben. Am Ib.Aprilpräcisirte Menschikow in einerzweiten Note an Risaat seine Forderungen, ver- langteErtheilüngvonFermansüberdieBesitzverhält- nissederheiligenStätten u. dieAusbefferuugderKup- pel derGrabeskircheunteralleiuigcrBetheiligung des griechischen Patriarchen u. den Abschluß eines Sened als Garantie für Erhaltung des stricten statuv guo der Privilegien des griechisch-russischen Cultns. Durch Lord Nedcliffes Vermittelung kam eine Einigung zwischen den Botschaftern Rußlands u. Frankreichs zn Stande n. die Pforte konnte die beiden Fermans Mai 1853 erlassen — über den dritten Punkt ging sie aus Redcliffes Rath schweigend weg. Menschikow erließ nun 5. Mai ein Ultimatum an den Divan mit Frist bis 10. Mai. Erforderte: die orthodoxe Kirche mit ihren Priestern u. Besitzungen solle hinfort unter des Sultans Schutze im Geuuffeihrer alten Privilegien u. Immunitäten bleiben u.alle christlichen Bekennen! bewilligten Vortheile genießen; der neu erlassene Ferman über die heil. Grabesfrage solle der rnss. Regierung gegenüber formell verbindliche Kraft erhalten und in Jerusalem sollen die Bekenner der russisch-griechischen Kirche dieselben Privilegien wie die übrigen Fremden haben. Der Note war ein Entwurf des Sened beigeschlossen. Der Divan erwiderte 10. Mai: er werde die Rechte u. Privilegien der Rasah griech. Confession aufrecht halten, könne aber eine internationale Verpflichtung nicht übernehmen, da dies mit der Unabhängigkeit u. Souve- ränetät des Sultans unvereinbar sei. Infolge eines neuen tactlosen Schrittes Menschikows beim Sultan, 13. Mai, trat Rifaat Pascha sein Ministerium an Reschid Pascha ab, dessen Abneigung gegen Rußland offenkundig war; Muslapha wurde Großvezir. Menschikow erneuerte 19. Mai in einer Note seine Forderungen. Reschid lehnte sie ab u. Menschikow reiste mit dem Botschafterpersonale 21. Mai ab. Nesselrode erklärte in einer Note an Reschid 31. Mai, Menschikow habe seine Instructionen nicht überschritten, der Zar billige ganz seine Handlungen, die rnss. Truppen würden in wenigen Wochen die Grenzen überschreiten, aber nicht um Krieg zu führen, sondern um so lange materielle Bürgschaften für die verlangten Forderungen zu erhalten, bis die Pforte die vergebens nachgesuchten moralischen Sicherheiten zugestehe. Dies zu verhüten, solle Reschid binnen 8 Lagen nachgeben; Reschid verwarf dies Ultimatum 16. Juni, wollte aber einen außerordentlichen Gesandten nach Petersburg senden, um die Beziehungen wieder auzuknllpfen u. einen Ausgleich anzubie- ten, der mit der Unabhängigkeit des Sultans vereinbar sei, jedoch meinte er, die angedrohte Occupa- tion der Donaufürstemhümer lasse sich nicht mit den einer befreundeten Regierung schuldigen Rücksichten vereinigen und erklärte die türk. Rüstungen nur für Defensivmaßregeln gegen die russischen. Nikolaus antwortete26.JunimitdemKriegsmanifeste. Gleichzeitig theilte Reschid den Vertretern der Großmächte mit, auch die Türkei müsse jetzt auf ihre Sicherheit denken. Die Rüstungen wurden eifrigst betrieben, unter der Begeisterung der alttürkischen Partei für den Krieg. Ende Juni nahmen die vereinigten Flotten Frankreichs u. Englands, die offen auf Seiten des T. R. standen, ihre Stellung in der Besika- bai vor der Straße der Dardanellen. Dagegen näherten sich nun aber auch die rnss. Heere der türk. Grenze u. die russ. Flotte sammelte sich im Schwarzen Meere. Durch den 6. Juni erlassenen Ferman an die geistlichen Häupter aller christlichen Genossenschaften wurde letzteren die Zusicherung erlheilt, daß alle noch vorhandenen Mißbräuche vollständig ent- j fernt und die besonderen geistlichen Privilegien der Kirchen und Klöster, sowie ihrer Besitzungen unverletzt erhalten werden sollten; dies bewirkte, daß alle Christen im Reiche tadellose Ruhe hielten. Am 2. Juli begann die russ. Armee unter Fürst Gortscha- kow den Übergang über den Pruth; binnen 6 Tagen war die ganze Donau besetzt. Eine mächtige Partei im Lande rief nun nach Krieg gegen Rußland und 7. Juli entließ der Sultan den zu gemäßigten Reschid, aber die Majorität im Divan und die Vertreter der Großmächte erwirkten nach wenigen Tagen Reschids Rückkehr u. der Krieg wurde nicht erklärt. Nur erließ die Pforte 14. Juli gegen die Besetzung der Donaufürstenthllmer einen äußerst milden Protest, den die Wiener Conferenz einfach zu den Acten legte. Diese war unter Betheiligung Frankreichs, Englands, Oesterreichs und Preußens, auf Anregung Frankreichs, 24. Juli zusammengetreten u. erließ 31. Juli eine Note, in der es hieß: die Pforte suche gerne das gute Einvernehmen mit dem Zaren wieder her- znstellen u. werde gemäß dem Buchstaben wie dem Geiste der Verträge von Kntschuk-Kainardschi und Adrianopel den Bekennern des Griechischen Glaubens dieselben Vortheile n. Begünstigungen gewähren, welche sie künftig den übrigen christlichen Con- fessionen ihres Reiches gewähren werde und sie im Genuß aller geistlichen Privilegien schützen. Die Pforte bestätigte die die heiligen Stätten betreffenden Fermans und erklärte, an dem dadurch gegebenen stutrm qua keine Veränderung ohne vorgängige Zustimmung Englands u. Frankreichs vorzuuehmen; sie versprach die russischen frommen Stiftungen unter die Specialaufsicht des russ. Generalconsnls in Syrien u. Palästina stellen zu lassen. Der Zar erklärte 3. August seine Zustimmung zur Note. Eine ; Divansitznng vom 14. Aug. aber fand die Note un- ^ genügend und nach langen Debatten wurde sie mit Modificationen angenommen, die gegen Rußlands Einmischung in die inneren Angelegenheiten abzielten. Dabei wurden die Rüstungen in großartigster Weise betrieben; alle wichtigen Pässe u. festen Plätze wurden stark befestigt u. 250,000 M. aufgestellt, zu denen noch ein ägyptisches und ein tunesisches Hilfs- > corps stieß. Rußland verwarf 7. Sept. die Modificationen der Pforte u. verlangte einfache Annahme des Wiener Entwurfes. Die fremden Gesandten ! drängten durchaus nicht in den Sultan nachzugeben, die Wiener Conferenz war gescheitert. Bei dem Einzüge in Moldau u. Walachei im Juli erklärte zwar Gortschakow, die politischen Verhältnisse dieser Länder blieben unberührt, aber schon 5. Juli befahl er beiden Hospodaren, ihre Verbindung mit der Pforte abzubrechen u. den Tribut an sie einzuhalten. Vergebens befahl der Divan beiden Fürsten 25. Juli u. 29. August das Land zu verlassen. Als der Kriegszustand daselbst eintrat, enthob Gortschakow sie ihrer Stellen und ein dem Militär unterstellter Verwaltungsrath unter Baron Budberg trat 8. Novbr. als oberste Regierungsbehörde für beide Lande ein. Die 621 Türkisches Reich (Gesch.). Pforte beorderte trotz des Vordringens der Russen, sich strenge an den Verträgen haltend, keine Truppen in die Fürstenthümer. In Constantinopel verlangte das Volk gebieterisch den Krieg gegen den Erzfeind, im Divan wurde die Kriegspariei immer lauter und sie benutzte einen Tumult vom 10. Sept., um die Gesandten Englands u. Frankreichs um Absenkung einiger Kriegsschiffe zum Schutze der Hauptstadt gegen Len Pöbel anzugehen; schon 14. Septbr. warfen 2 englische und 2 französische Fregatten vor Constantinopel Anker, wogegen Rußland durch Brnnnow in London 25. Sept. protestirte. An diesem Tage erfuhr man in Constau- tinopcl, Rußland verwerfe die modificirte Wiener Note u. der Divan berief den aus 172 Personen bestehenden Großen Rath, der sich einmuthig für den Krieg aussprach. Der Sultan sanctionirte den Beschluß u. erklärte 4. Octbr. den Krieg au Rnßlanü. Omer Pascha verlangte 6. Oct. von dem russischen Oberbefehlshaber Gortschakow die Räumung der Fürstenthümer binnen 15 Tagen u. als Gortschakow eine ablehnende Antwort gab, begannen 17. Octbr. die Feindseligkeiten (s. Krimkrieg). Zur Bestreitung der laufenden Kriegslasten streckten England und Frankreich (1854) jedes 10 Millionen Franken vor, welche aus der Einnahme einer zu London u. Paris nochmals versuchten Anleihe zurückbezahlt werden sollten; jedoch gelang es der türkischen Regierung erst 1855 mit Hilfe des Hauses Rothschild und unter Bürgschaft Frankreichs n. Englands 125 Mill. Franken anfznbringen. Am 27. Decbr. 1853 Unterzeichnete der Sultan 3 Hattischerifs in Bezug auf Serbien, die Moldau n. die Walachei, worin das Protectorat Rußlands für aufgehoben erklärt, die Rechte u. Vorrechte dieser Länder aber vom Sultan von Neuem bestätigt wurden. Der Fürst von Serbien dankte unter dem 10. Febr. 1854 im Namen seines Landes für dieBestängnng der Freiheit, sprach jedoch auch den Wunsch, daß die russ.-türk. Verträge von Bukarest, Akkjerman u. Aüriauopel aufrecht erhalten werden möchten, sowie den Entschluß Serbiens aus, seine vertragsmäßigen Beziehungen sorool gegen Rußland, wie gegen das T. R. getreulich wahrzunehmen. Zur besseren Ausführung des Tan- zimats ordnete der Sultan 7. Sept. 1854 die Nie- dersetznng eines außerordentlichen Bollzugsrathes von sechs höheren Staatsbeamten an, welche die Gebrechen der Berwaliung, des Finanzwesens und der Rechtspflege aussuchen und die zur Beförderung der Volkswohlfahrt erforderlichen Maßregeln Vorschlägen sollten. Am 8. Oct. 1854 wurde der Sklavenhandel überhaupt u. namentlich der Circassier im T. R. untersagt. Am 17. Septbr. 1854 löste der Sultan die Baschi-Bozuks (s. d.) auf. Der Krieg an der Donau war unterdessen, während die Kriegsflotten der Engländer u. Franzosen bereits (8.Nov. 1853) in den Bosporus eingelausen waren n. die Westmächte eifrigst zum Kriege rüsteten, verhältnißmäßig glücklich geführt worden, aber die fortwährenden Niederlagen in Kleinasien u. die Vernichtung der türk. Kriegsflotte im Hafen von Sinope durch den russ.Admiral Nachimow (30.Nov. 1853), nöthigten Reschid Pascha am 6. Der. um Verlegung der engl, und franz. Kriegsschiffe ins Schwarze Meer zu bitten. Die türkische Regierung lehnte sich bei den diplomatischen Verhandlungen, welche zwischen Frankreich, England, Österreich u. Prenßen einerseits und Rußland anderseits noch geführt wurden, eng an die Westmächte an, wollte immer noch den Frieden erneuern u. achtete nicht der großen Gährung unter den Mollahs n. Softas. Am 4. Jan. 1854 lief nun die westmächtlichc Flotte ins Schwarze Meer ein, nm die Thätigkeit der russischen Kriegsschiffe gegen die Türkei zu hindern; bald darauf folgte der Bruch Rußlands mit den Westmächten. Die Griechen hielten die Zeit, wo die Westmächte mit Rußland beschäftigt sein würden, für günstig, um sich auf Kosten der Türkei zu vergrößern od. womöglich ein Byzantinisches Kaiserreich wieder herznstellen; doch wurden die Türken bald des Ausstandes in den Greuzprovinzen Herr. Die Vorstellungen des türk. Gesandten in Athen gegen den von Griechenland aus den Aufständischen offen geleisteten Beistand blieben fruchtlos; 28. März 1854 wurden die Griechen aus dem T. R. ansgewieseu, 19. März 1854 erließen der Divan, 13.Mai Frankreich u. England ihr Ultimatum an Griechenland u. 25. Mai besetzten engl, u. franz. Truppen den Piräus, König Otto war am 2S. zu voller Neutralität gezwungen. Schon im Febr. 1854 begannen England u. Frankreich ihre Truppensendungen nach dem Oriente. Am 12. März wurde zwischen England, Frankreich u. der Pforte ein Vertrag abgeschlossen, wonach Frankreich u. England sich verpflichteten, die Türkei mit Waffengewalt bis zum Abschluß eines die Unabhängigkeit des T. R. u. die vollen Rechte des Sultans sichernden Friedens zu unterstützen, auch sofort nach dem Friedensschluß alle während des Krieges von ihren Truppen besetzten Gebietstheile der Türkei zu räumen; die Pforte ihrerseits gelobte, ohne die Zustimmung der beiden Schutzmächte keinen Waffenstillstand od. Frieden zu schließen. Am 28. März erklärten England u. Frankreich Rußland den Krieg u. schloffen 10. Mai ihren Alliauzvertrag. Am 31. Marz trafen die ersten französischen Hilfstruppen in Gatlipoli ein, am 14. April die ersten englischen. Um drohendenBewegungenderslawische» Völkerschaften im Norden des T. R. zu Gunsten Rußlands vorzubengen, war die türk.Regierung mit Österreich in nähere Verbindung getreten, so daß sie am 27. Mai dem serbischen Fürsten den Einmarsch österreichischer Truppen in Montenegro ».Albanien für den Fall anzeigen konnte, daß die„russische Partei einen Aufstand versuchen würde. Österreich hatte mit Preußen u. dem Deutschen Bunde Verträge geschlossen u. am 3. Juni eine Aufforderung an Rußland ergehen lassen die Donausürstenthümer zu räumen. Während die russische Regierung hierin im Juni nachgab,kam eineUebereinknnftzwischenÖster- reich u. der Türkei zur Wiederherstellung des gesetzlichen Zustandes in den Donaufürstenthümern, nach der Räumung durch die Russen, zu Staude, wonach die Moldau u. Walachei bis zur Ausführung eines Friedensvertrages zwischen Rußland u. dem T. R. Lurch österreichische Truppen besetzt werden sollten. Im August 1854 waren die Fürstenthümer von den Russen geräumt u. von den Österreichern besetzt u. wurden dann von türk. Rsgiernngscommissarien die früheren Verwaltungen wiederhergestellt. Im Ministerium traten in Folge des Krieges 29. Mai u 23. Nov. 1854 Änderungen ein. Das Großvezirat führte erst Mehemet Kibrisli Pascha, dann Reschid 622 Türkisches Reich (Gesch.). Pascha, der frühere Minister des Aeußern, der 2. Juli 1855 an den Minister des Auswärtigen Aali Pascha diese Würde übergab, während im äußern Amte Fuad Pascha folgte. Ueber den Verlauf des Krieges, in dem die Türken als Vorhut des rechten Flügels in der Krim eine untergeordnete Rolle spielten, aber hohe Tapferkeit entfalteten, u. der der Türkei 7000 M. n. 5V Will. Fr. kostete, s. Krimkrieg. Am 15. März 1855 wurden in Wien neue Friedensconferenzen eröffnet, denen als türkische Bevollmächtigte Arif Effendi u. Riza Bey beiwohnten; dieselben endeten am 4. Juni resultatlos. Österreich stellte dann im Nov. 1855 mit den Weltmächten ein Memorandum fest u. ließ es als Ultimatum der russischen Regierung 16.Dec. vorlegen. Gezwungen nahm Rußland das Ultimatum 16.Jan. 1856 an. Aus Russenhaß hielt man in Europa die Aufnahme des T. R. in die bisher christliche Staatenfamilie für gerecht u. glaubte sie weit reform- fähiger als sie war, dagegen wollte man nur das T. R. aus einem Gewaltstaate in einen Rechtsstaat nmgeformt u. die Christen den Muselmanen gleichgestellt wissen. Der britische Gesandte, Lord Strat- sord de Redclifse, hatte vom Sultan die Verordnung vom 16. März 1854 erwirkt, wodurch das Zeugniß von Christen in Criminalsachen gegen od. für Mohammedaner zulässig wurde u. in den Provinzial- hanptstädten neue von der islamitischenGesetzgebung unabhängige Tribunale eingeführt werden sollten, so wie die vom 10.Mai 1855, welche die Kopfsteuer der Christen anfhob, gleichzeitig aber wurde procla- mirt,daßalle mnselmanischenUnterthanen ohneAns- uahme zum Militärdienst angehalten würden, die Regierung ein Kontingent aus den nicht muselmanischen Unterthanen feststellcn solle ».die darin nichr Inbegriffenen eineKriegssteuer (Djidzye) zahlen mußten. Diese Verfügungen vom 10. Mai erbitterten die Rajahs wie die Muselmanen u. die Aushebung der Rajahrecruten blieb vertagt. Frankreich, England n. Österreich beschlossen, noch vor Abschluß des Friedens eine Vereinbarung mit dem Sultan über die bessere Lage der Christen in dem T. R. zu Stande zu bringen n. ihre Botschafter conferirten darüber seit 9. Jan. 1856 mit dem Minister des Äußern n. dem Großvezir. So entstand derHatti-Hnmajun des Sultans vom 18. Febr. 1856, eine Bestätigung ».Erweiterung des Hattischerifs von Gülhane u. der darauf bezüglichen Verwaltnngsgesetze (Tanzimat). Die hauptsächlichsten Punkte waren: Gleicher Genuß der Rechte ohne Unterschied des Standes od. der Religion, Sicherheit u. Schutz der Person, des Ei- genthnms, der Ehre; Bestätigung aller nichtmoham- meLanischen Glaubcnsgenossenschaften in alter Zeit od. später gewährten geistlichen Freiheiten u.Rechte, Aushebnngder vonMohammed II.den verschiedenen Prissterschasten je sür ihre Religionsverwandten (Millet) ertheilten weltlichen Negierungsbefngnisse; LiePatriarchate u.Synoden verlierenjcde richterliche u. civile Gewalt, die Patriarchen sind nur Geistliche u. werden auf Lebenszeit ernannt; der Klerus erhält feste Besoldungen vom Staate, das kirchliche Vermögen der Rajahs wird durch einen Rajahrath ans Geistlichen u. Laien verwaltet. Ferner verfügte derHatti-Hnmajun: die Erlanbniß christliche Kirchen, Schulen, Hospitäler, Kirchhöfe zu bauen; volle Freiheit in der Ausübung jedes Glaubensbekenntnisses; Aufhebung alles dessen, was in der Verwaltung n. Rechtspflege für die Rajahs verletzend sein kann; Zulassung der Rajahs zu allen Staatsämtern; Abschaffung aller Verfolgungen wegen Übertrittes vom Islam; gleiche Theilnahme aller Unterthanen am öffentlichen Unterricht; Recht jeder Gemeinde > Unterrichtsanstalten zu errichten; Einführung von Civilgerichtsbarkeit für die Rajahs n. Verhandlung der Processe zwischen Mohammedanern u. Rajahs vor gemischten Gerichten; Zulassung jedes Eides u. von Zeugen jedes Glaubens; baldige Codification der bestehenden Civil- n. Criminalgesctze u. Veröffentlichung des Gesetzbuches in allen Sprachen des Reiches; Verbesserung des GsfLngnißwesens n. der Strafanstalten, sowie der Polizei; gleiche Verpflichtung der Rajahs zum Kriegsdienst, jedoch mit Los- kanf u. Stellvertretung; Reform der Provinzial- u. Gemeinderäthe, um die Christen besser vertreten zu sehen; Einräumung des Rechtes an die Fremden, unter gewissen Bedingungen Grnndeigenthum zu erwerben; AnfhebnngderStaatseinnahmenverpacht- ung, allmählicheEinführung unmittelbarer Steuererhebung; Festsetzung der Gsmeindeabgaben nach billigem Verhältniß ohne Gefährdung der Arbeit; Verbesserung der Verkehrswege u. Verkehrsmittel zu Wasser n. Land; jährliche Festsetzung u. Veröffentlichung der Staatseinnahmen u. -Ausgaben; Berufung von Notablen (auch christlichen) aus allen Theilen des Reiches zur Theilnahme an den Bcra- thnngen über allgemeinwichrige Angelegenheiten im Verein mit dem Divan (Staatsralh); vollkommene Redefreiheit sür die in denselben (auf 1 Jahr) vonder , Regierung bernsenen Mitglieder; Gründung von Banken n. Geldgeschästsanstalten zur Hebung des Handels, Ackerbaues, Gcwerbfleißes u. zur Verbesserung des Münz- u. Finanzwesens. Das Recht mit Glockenznm Gottesdienst zu läuten u.neneKircheuzu bauen wurde den Christen nicht eingeräumt; gleichwohl genehmigte die türkische Regierung seit dem Frühjahr 1856 nicht nur alle Gesuche,' den Ban neuer Kirchen betreffend, sondern gestaltete auch den Griechen in Constantinopel, aber nur als besondere Gnade, den Gebrauch der Glocken. Von Anfang an stieß der vom Anslande dnrchgesetzte Hatti-Humajun auf lebhaften Widerstand von Seiten der Türken, die Gleichstellung mit den Rajahs erschien ihnen als Unding u. die Zerrüttung der Finanzen mußte vorerst noch ärger werden — auch die Christen waren unbefriedigt. Der Hatti-Humajun blieb ein Stück Papier ohne durchgreifende Wirkung, aber er diente dazu, um zu zeigen, das T. R. sei reif, in das europäische Concert einzutreten. Nachdem Rußland die Vorschläge Österreichs genehmigt hatte, nahm auch 1. Febr. der türk. Gesandte in Wien Jhsan Beg Effendi dieselben Seitens des T. N.an u. der Großvezir Aali Pascha nahm mit dem türk. Gesandten in Paris, Mehemcd Djemil Bey, an den am 25. Febr. 1856 zu Paris eröffnetenFriedensconferenzen Theil. Am 30. März wurde der Pariser Friede abgeschlossen, am 27. April ratificirt. Die Pforte erhielt ihre Gebiete zurück, soweit sie in Feindeshand waren, u.gab allen compromittirten Unterthanen volle Amnestie. Das T. R. trat in das europäische Concert u. alle Vortheile des öffentlichen europäischen Rechtes ein; ihre Unabhängigkeit u. ihr Territorialbestand wurden von den contrahiren- Türkisches Reich (Gesch). 623 den Mächten garantirt. Der Sultan theilte den Haiti. Humajun denselben mit. Der Vertrag vom 13. Juli 1841 (Meerengeu-Vertrag) blieb in voller Kraft bestehen. Das Schwarze Meer wurde neutralifirt, seine der Handelsmarine aller Nationen offenen Wasser u. Häfen wurden den Kriegsflaggen aller Mächte verschlossen; an seinem Littorale dursten weder Zar nochSultan ein militärisch-maritimes Arsenal halten. Rußland u. die Pforte behielten sich vor, auf dem Schwarzen Meere je 6 Dampfschiffe u. 4 leichte Dampf- u. Segelfahrzeuge zu halten. Die Wiener Congreßacte über die Schifffahrt wurde auf die Donau angewendet u. bei den durch eine europäische Commission zu leitenden Arbeiten an den Donau- müudnngen nahm auch ein türk. Coinmissär theil, ebenso an der Flußcommission, die erstere in 2 Jahren ersetzte. Wie alle contrahirenden Mächte durfte das T. R. jederzeit 2 leichte Schiffe an den Donau- mündnngen stationiren lassen. Das von Rußland an die Moldau abgetretene Gebiet kam unter türkische Oberhoheit. Moldau, Walachei n. Serbien behielten ihre Privilegien u.Freiheit unter türkischer Oberhoheit u. der Garantie der Mächte (s. Serbien u. Rumänien, Geschichte). Die Grenze zwischen Rußland n. dem T. R. in Asien blieb die alte. Im Laufe des Monats August war die Räumung des T. R. von Seiten der engl. u. sranz. Hilfstruppen vollendet; allein die engl. Kriegsflotte blieb im Schwarzen Meere u. die österr. Besatzung verließ die Donausürstenthümer erst Ende März 1857. Bei der Krönung des Kaisers Alexander II. zu Moskau am 7. Sept. 1858 ließ sich der Sultan durch einen außerordentlichen Gesandten, Mehemed Kibrisli, vertreten. Die am 15. April 1856 in Paris zwischen Frankreich, England und Oesterreich abgeschlossene Specialconvention (29. April ratificirt) hielt die Unabhängigkeit des T. R. aufrecht u. schirmte seine Integrität — es war ein Beweis ihrer Unselbständigkeit. Die inneren Verhältnisse waren nicht erfreulich, die Grundsteuer mußte von der Regierung auf mehrere Jahre im voraus erhoben werden, innerer u. auswärtiger Handel krankten. Die bemittelte nichtarbeitende Klasse der Osmanli zeigte sich als durchaus ungeeignet im Geiste europäischer Civilisation vorzuschreiten, geeigneter dazu die türkischenKaufleute ».Handwerker, welche jedoch kaum den fünften Theil der türkischen Bevölkerung bilden. Freilich erschwerten auch die Christen, namentlich die Slawen, die Ausführung des Hatti-Humajun durch Forderungen, deren letztes Ziel nichts Geringeres als vollständige Unabhängigkeit zu sein schien u. welche der türkischen Reaction in dieHände arbeiteten. Neben der Durchstechung der Landenge von Suez (s. d.), tauchten mehrere Eisenbahnprojecte auf, deren Bau — meist an engl. Gesellschaften übergeben — im Frühjahr 1857 beginnen sollte; auch Telegraphenlinien wurden errichtet. Die Einwanderung wurde ini Interesse des Ackerbaues begünstigt. In Folge der politischen Verhältnisse wurde Reschid Pascha 1. Nov. 1856 Großvezir u. Ethem Pascha am 26. Nov. anstatt Aalis Minister des Äußern. Um die Schwierigkeiten zu heben, welche die zur Feststellung der neuen Grenze zwischen Rußland n. dem T. R. an Ort u. Stelle gesandte europäische Commission gefunden hatte, trat eine Conferenz von Bevollmäch- tigten der Pariser Congreßmächte nochmals in Paris zusammen u. beschloß am 6. Jan. u. 19. Juni 1857, daß die neue russ.-türk. Grenze längs dem Trajanswall, indem sie die Städte Bolgrad u. Tobak der Moldau zntheilte, bis zum Flusse Jalpuk sich erstrecken u. daß Rußland auf dem rechten Ufer dieses Flusses die Stadt Kumrat mit einem Gebiete von etwa 7 H>M behalten sollte; daß ferner die im W. der neuen Grenzscheide gelegenen Gebiete der Moldau zugetheilt werden sollten mit Ausnahme des Donandeltas u. der Schlangeninsel, welche unmittelbar an das T. R. zurückfielen. Es wurde außerdem festgesetzt, daß spätestens 30.März 1857 die Grenzregelung bewerkstelligt sein sollte u. daß bis zu dieser Zeit die österr. Truppen die Donausürstenthümer u. die britische Flotte die inneren Gewässer des T. R. zu räumen hätten. In Betreff der Donau- fürstenthllmer und der dortigen Ereignisse, s. Rumänien (Geschichte.) In diesem Jahre wurde auch das Polizeiweseu in dem T. R. — das in Constantinopel in Verbindung mit den europäischen Gesandten — neu geregelt. Sodann erfolgte die Vollziehung des Tauzimats, die Bekanntmachung einer neuen Gerichtsordnung, welche das Civilrecht, die Handels-, Criminal- u. Verwaltungsgesetzgebung umfaßte. Ohne eigentliche Systemänderung wechselten die Ministerien rasch, ebenso das Großvezirat; 31.Juli wurde damitMnstapha Giritli Pascha bekleidet, aber schon 22. Oct. wieder von Reschid Pascha ersetzt. Nachdem bei den Neuwahlen in den Donanfürsten- thümern die Unionspartci gesiegt u. die Vereinigungsbestrebungen dort (s. Rumänien, Gesch.) schärfer hervorgctretcn, sah sich die Pforte veranlaßt, in den Circulardepsschen vom 23. Sept. u. 28. Oct. 1857 gegen diese Bereinignngsprojecte von Moldau u. Walachei, als die Rechte des Sultans u. die Verträge verletzend, zu protestiren. Bedrückungen der Grundherren n. kleb ergriffe der türk. Beys gegenüber den Christen riefen in Bosnien ».HerzegowinaJuni 1857 wieder Unruhen wach; die Montenegriner mischten sich ein ».die Türken sandten Truppe» gegen letztere. Es kam zu wilden Kämpfen; die Türken erlitten bei Grahowo 11. Mai 1858 eine vollständige Niederlage u. zogen sich nach Trebinje zurück. Die Großmächte aber vermittelten den Frieden. Man kam überein, un'er Zuziehung eines türkischen u. eines montenegrinischen Delegirten die türkisch-montenegrinische Grenze durch eine von den Großmächten zu ernennende Commission zu bestimmen u. am 14. Mai ertheilte die Pforte Hussein Ferik Pascha, dem türk. Feldherrn, den Befehl, sich weiterer Feindseligkeiten zu enthalten. Doch fuhr die Pforte fort, Truppen nach der Herzegowina zu schicken u. zwar ans dem ihr von Österreich gestatteten Weg über Nagusa. Die Christen der Herzegowina riefen die Vermittelung der Consuln Frankreichs u. Englands an u. erklärten auf deren Zureden ihre Unterwerfung (14. Juli 1858), indem sie zugleich ihre sehr mäßigenForderungen formulirten. Hierauf wurden die in der Herzegowina angesammelten türk. Truppen znrückbernfen. Am 16. Mai 1858 brach an einigen Orten des Districtes von Canea aus Kreta ein Aufstand der Griechen wegen der neuen Steuern, bes. der Con- scriptionssteuer aus. Die Aufständischen (mehr als 6000) überreichten dem Pascha n. sämmtlichen Consuln, mitAusnahme des englischen, eine Beschwerde- 624 Türkisches Reich (Gesch.). schrift. Die Pforte sandte zwei außerordentliche Commissare nach der Insel, welche auf alle Forderungen der Christen eingingen. Es wurde 7. Juni Allen, welche die Waffen ergriffen hatten, Amnestie verwilligt, dieAnfrechterhaltungdes Hatti-Humajun in Bezug auf Religionssreiheitzngesichert, das Recht Waffen zu tragen Christen u. Türken bewilligt u. hinsichtlich der Steuern möglichst den Wünschen der Bevölkerung entsprochen. Sann Pajcha, bisher türk. Unlerrichtsminister, wurde anstatt Velys Generalgouverneur von Kreta. Inder-Umgebung vonMekka hatte die Verkündigung der Aufhebung des Sklavenhandels eine aufständische Bewegung hervorgerufen und mit dem muselmanischen Fanatismus vereinigte sich die Rivalität der arabischen Schifser u. Kaufleute mit einer als bevorstehend angekündig- teu Dampfschiffverbindung im RothenMeere u. mit den neuerdings namentlich in Dschidda angesiedelten deutschen Handelshäusern. Angriffe aus das engl. u. französ. Consulat, sammt Ermordung der Consulnu.aller den Fanatikern erreichbaren Christen führten zu ernst-bedrohlichem Conflicte mitEngland u. Frankreich, selbst zur Beschießung Dschiddas durch ein englisches Schiff, bis endlich die Rädelsführer hingerichtet wurden. Schon am 7.Nov.1857 war in Wien die Acte zur Regelung der Donauschifffahrt von den Bevollmächtigten der Uferstaaten unterzeichnet u. am 9. Jan. 1858 ratificirt worden. Doch erregten einige Bestimmungen derselben Streitigkeiten. Die Schlnßacte über die Feststellung der Grenze zwischen Rußland u. dem T. R. in Asien wurde am 5. Dec. 1857 unterzeichnet. Gegen die Besetzung der Insel Perim durch die Engländer protestirte die Pforte 1857 vergebens. Am 29.Mai 1858 trat in Paris die Conferenz zur Regelung der Organisation der Donausürstenthümer zusammen; die Pforte vertrat Fnad Pascha (hierüber s. Rumänien, Geschichte). Die 14. Oct. 1858 in Constanti- nopel eingesetzte u. 8.Nov. geschlossene montenegrinische Grenzregulirungscommijsion theilte die streitigen Districte von Grahowo u. Jupa, nördl. von der Tschernagora, definitiv den Montenegrinern zu, wogegen der District von Kutschi unter türk. Herrschaft zurückfiel. Dem am 7.Jan. 1858 verstorbenen Reschid folgte 11.Jan. Aali Pascha im Großvezirat, Fnad Pascha wurde Minister des Äußern. Aali Pascha bemühte sich namentlich um die Ordnung der Finanzen; die Verschwendungen des Hauses des Sultans u. die Geldnoth waren aufs Aeußerste gestiegen. Beiden zu steuern wurden die Fermans vom 17. u. 26. Aug. 1858 erlassen u. verschiedene Veränderungen in der hohen Verwaltung vorgenommen. Aali gelang es ein Anlehen von 5 Mill. Psd.Sterl. abzuschließen, welches vorzugsweise zur Einlösung des Papiergeldes bestimmt wurde. Auf der Insel Kandia kam es auch 1859 wegen der Härte des Gouverneurs wieder zu Unruhen zwischen Christen u. Türken. Am 17. Sept. wurde in Constantinopel eine Verschwörung gegen die Person des Sultans entdeckt, deren hauptsächliche Anstifter Ulemas waren. Man wollte den Sultan absetzen, die gegenwärtigen Minister beseitigen u. unter dem Bruder des Sultans, Abdul-Aziz, den Reformen ein Ende machen; besonderen Haß widmeten die Verschworenen, denen die gesammte Bevölkerung mit Theilnahme folgte, Riza Pascha. Die 5 Häupter der Verschwörung wurden zum Tode verdammt, aber zum Exile begnadigt. Den Vertretern der Pariser Vertragsmächte gab diese Verschwörung Anlaß zn einem gemeinschaftlichen Memorandum an die Pforte, welches unterm 3. Oct. 1859 Reformen u. eine Regiernngsweise verlangte, unter welcher alle Unterthancn des Sultans, Muselmanen n. Christen, statt unter den gleichen Übelstäuden zu leiden, an den gleichen Wohlthaten Theil hätten. Ein 15. Octbr. verlesener Haliischerif gegen die Unordnung in den Staatsansgaben beantwortete das Memorandum; als aber hierdurch ermuthigt Aali Pascha in einem Conseil auf eine strenge Conlrole der Ausgaben im Departement des Krieges, der Marine u. bes. der Civilliste drang, wurde schon 18. Oct. anstatt seiner Mehemed Kibrisli Pascha Großvezir, welcher 26. Dec. wieder Mehemed Ruschdi Pascha weichen mußte. Die Lage der Christen in den türk. Provinzen blieb eine höchst traurige. Ans Bosnien u. der Herzegowina wanderten zahlreiche Familien nach -Österreich ans. In Bulgarien, Makedonien, Thessalien und Epirns nahmen Mord u. Plünderung immer mehr überhand u. meist begingen gerade die zum Schutze bestimmten türk. Truppen die gröbsten Excesse. Rußland lud in einer Note vom 5. Mai die Großmächte ein, sich mit ihm zu einem gemeinsamen Einschreiten für die Christen in dem T. R. zu vereinigen u. namentlich zn erklären, daß sie den gegenwärtigen Zustand der Dinge in den christlichen Provinzen des T. R. nicht länger dulden könnten und wirksame Garantien für Abstellung der Beschwerden verlangten. England ging zwar nicht ohne Weiteres hierauf ein, doch veranlagten die russischen Vorschläge einen Ministerwechsel in Constantinopel. An Stelle Mehemed Ruschdi Paschas wurde Mehemed Kibrisli Pascha 27. Mai wieder Großvezir; neben ihm stand Fnad Pascha für das Äußere, Aali Pascha als Präsident des Tanzimatrathes. Der neue Großvezir nahm die Untersuchungen über die Beschwerden der Christen in den Provinzen persönlich vor, sollte die Ungerechtigkeiten adstellen und befriedigte so die Großmächte. Aber die Reise nutzte nichts, denn sein Bericht an Len Sultan leugnete, daß die Christen überhaupt Grund zn Klagen hätten n. gab nur zu, daß einige Zweige der Verwaltung einer ernstlichen Reform bedürftig seien. Die Bulgaren erklärten sich von dem griechischen Patriarchen in Constantinopel los, ohne sich vorerst für ein unabhängiges Bisthum od. für eine Union mit der Römischen Kirche zu entscheiden. Aus der Krim u. vom Kaukasus wanderten Tataren u. Tscherkessen zahlreich in das T. R., namentlich in die Dobrndscha, in Bulgarien und die asiatischen Grenzprovinzen ein und mußten ihnen vielfach die Christen Wohnungen u. Ländereien abtreten; viele bulgarische Familien wanderten nach Serbien ans, andere ließen sich, um den Schutz der Consuln zu erlangen, als russische od. österreichische Unterthanen naturalisiren. Bei der dauernden Unordnung in der Staatsfinanzverwaltung währtedie Finanznoth fort. Das volle Elend der Lage des Reiches zeigte sich 1860 bei der Erhebung der Drusen gegen die Ma- roniten im Libanon, die so entsetzliche Greuel mit sich brachte. Ganz Europa gerieth darüber in Aufregung: aber ohne kräftiges Dazwischentreten der Großmächte, die bewaffnete JnterventionFrankreichS zu Lande u. Englands zur See wäre die Pforte den 625 Türkisches U Greueln gegenüber nicht nur unthätig, sondern auch unfähig geblieben. Nur widerwillig bestrafte die Pforte die Schuldigen, die Drusen blieben im Han- ran in drohender Stellung. Sicherheit u. Rückerstattung ihres Eigenthinns erlangten die Christen nur da, wo französische Truppenabthcilnngen waren u. als die sranz. Occupationstruppen vertragsmäßig 5. Juni 1861 Syrien verließen, wurden die zur Ue- berwachung der Ruhe u. der vertragsmäßig für die Christen bestimmten Entschädigung re. an den Küsten kreuzende englische unv französische Flotte verstärkt. Unter dem 9. Juni 1861 wurde eine Reorganisation der Verwaltung des Libanon beschlossen, ein einziger christlicher, direct von Constantinopel abhängiger Gouverneur Daud Pascha (s. d.) eingesetzt. Diese Bestätigung war einer der letzten Regierungsacte des Sultans Abdul-Medjid. Er starb 25. Juni 1861. Ihm folgte sein Bruder Abdul-Az iz, welcher sofort Veränderungen im obersten Regierungspersonal vornahm u. vielfache Reformen verkündigte. Die Einrichtung des Harems sollte refor- mirt, der Tanzimatralh mit dein der Justiz verschmolzen werden. Am 3. Juli wurde Riza Pascha, der unter Abdul-Medjid so viel galt, verhaftet und Mehemed Ali Pascha wurde Günstling des neuen Sultans. Aali Pascha wurde 7. Aug. Großvezir, trat aber 22. Nov. dieses Amt an Fnad Pascha ab u. übernahm das Ministerium des Äußern. Alle überflüssigen Beamtenstellen sollten eingezogen, im Heere Ersparungen eingeführt, den Ünterschleifcn durch heimliche Aufseher gesteuert werden. Aber abgesehen von einigenVeränderungen im Militär blieb Alles beim Alten u. die Finanz- u. Handelsverhältnisse verschlimmerten sich immer mehr; es wurden im April 1861 1250 Will. Piaster Papiergeld mit Zwangscours für das ganze Reich ausgegeben, ein Zwangsanlehen von 150 Will. Piaster u. Gründung einer Wechselkasse mit 375 Will. Capital ausgeschrieben, bis es endlich der Pforte im März 1862 ge- lang, in London ein neues Anlehen abznschließen. Mit Frankreich, Italien u. Belgien wurden Handelsverträge auf dem Princip der Gleichstellung mit den meistbegünstigten Nationen, ebenso wie 1862 mit fast sämmtlichen anderen europ. Staaten abgeschlossen. Angesichts der andauernd schlimmen Lage der Christen in Bulgarien verlangte ein Memorandum des rnss. Gesandten Fürsten Lobanow-Rostowski eine Confe- renz der Vertreter der Großmächte mit Len Ministern des Sultans, um ReformenzurVerbesserungderLage der Christen zu berathen. Die Pforte bestritt die Richtigkeit der von Rußland behaupteten Thatsachen u. beschränkte sich schließlich darauf, 27. Mai Mittheilung über von ihr im Princip beschlossene Reformen zu machen, welche aber nicht zur Ausführung kamen. Die kirchliche Bewegung in Bulgarien (s. o.) gelangte einen Schritt weiter, indem der Papst dem Gesuche von 200 bulgarischen Häuptlingen rc., die Bulgarische Kirche in den Schooß der Katholischen aufzunehmen u. deren getrennte u. nationale Hierarchie als kanonisch anzuerkennen, stattgab, die neue Gemeinde von der Pforte anerkannt u. ein unirter Erzbischof von Bulgarien vom Papst geweihtu. von der Pforte bestätigt wurde, der aber alsbald Lurch einen Administrator der unirten Bulgaren ersetzt werden mußte. In der Herzegowina und an der Grenze Montenegros fingen mit Beginn des Jahres PiererL Universal-ConversationZ-Lexilon. 6. Ausl. XI eich (Gcsch.). 1861 wegen der Gewaltthätigkeiten der Türken die Unruhen von Neuem an. Auf allen Seiten wütheie der Kamps und fiel mcistentheils zum Nachtheil der Türken aus, zumal nachdem durch die Hand des Lnka Vukalovics in die Kriegführung des Aufstandes eine mehr einheitliche Leitung gekommen war. Im April wurde Omer Pascha mit der Pacificirung des Aufstandes durch Güte od. Gewalt beauftragt n. ihm eine europäische Commission beigegeben, die während der militärischen Operationen fortwährend Verhandlungen mit dem Fürsten von Montenegro rc. führte. Dieselben führten jedoch zu keinem Resultate u. die Commission wurde daher im Oct. 1861 aufgelöst. Erst im Frühjahr 1862 konnte Omer Pascha die Kriegsoperationen ernstlich beginnen, stieß aber überall auf den heftigsten Widerstand. 9. April 1862 erließ die Pforte ein Ultimatum, welches der Fürst 23.April ausweichend beantwortete. Die siegreichen Bergvölker nahmen Niksich ein u. hatten freie Bahn bis zum Meere sich gemacht. Da wandte sich Mitte Mai das Kriegsglück und 19.—23 Mai rückten die Türken nach Forcirnng des Dugapasses von Spncz aus in Montenegro selbst ein; am 10. Juli schlugen sie bei Ostrog ein von dem Fürsten selbst befehligtes montenegrinisches Corps und trieben es aus seinen Verschanzungen; 24.—25. August erfochten sie den durchgreifenden Sieg von Rjeka und rückten nun bis in die Nähe von Cettinje vor. Nur die diplomatischen Verhandlungen verhinderten das Besetzen dieser Stadt. Das Ultimatum der Pforte vom 31. August forderte Anerkennung der Suzeränetät, das Durchzugsrecht für türkische Truppen, Herausgabe der Gefangenen, Unterlassung jeder Hilfeleistung in der Herzegowina rc. Der Fürst Nikolaus nahm, nachdem er vergebens auf Hilfe von Serbien ans gehofft hatte, die ihm vorgelegten Bedingungen an, mit Ausnahme jedoch der Anerkennung der Suzeränetät. Das vom 31. Aug. 1862 datirte Kriedensinstrument, welches Fürst Nikolaus 13. Sept. Unterzeichnete, regelte die Grenze Montenegros nach der von der gemischten Commission 1859 festgesetzten Demarcationslinie, eröffnete den Montenegrinern den Hafen von Antivari als Freihafen, untersagte ihnen aber die feindlichen Züge über die Grenze und die Unterstützung eines Aufstandes in den Grenzdistricten, sowie die Errichtung von Bollwerken an den Grenzen; mehrere Punkte der dem Handel zu öffnenden Route von der Herzegowina nach Skutari, durch das Innere Montenegros sollten von türkischen Truppen in Blockhäusern besetzt werden. Im engsten Zusammenhänge mit den Wirren in der Herzegowina u. in Montenegro standen die gleichzeitigen Ereignisse in Serbien (s. d.). In Syrien regten sich 1862 die Drusen von Neuem u. lieferten dem Pascha von Damaskus mehrere Gefechte; in Armenien wurden Christen nmgebracht und von Asis Pascha, Statthalter von Marasch, friedliche Dörfer überfallen n. Greuel aller Art verübt. Als ein Fortschritt verdient erwähnt zu werden, daß der Gebrauch, die männlichen Kinder kaiserlicher Prinzessinnen zu tödten, vom Sultan abgeschafft wurde. Die Revolution in Griechenland (Oct. 1862) veranlaßte die Pforte, an der griechischen Grenze einige Truppen znsammenzuziehen. Infolge einer Differenz zwischen der Pforte n. Montenegro wegen der Straße durch die Lerda wurde diese durch die il. Land. 40 626 Türkisches Reich (Gesch.). Vermittelung Österreichs und Frankreichs als eine Handelsstraße und deren Befestigung nur an den beideuAusgangspunkten zulässig erklärt. Das Jahr 1863 brachte wiederholte Ministerwechsel. Am 5. Jan. 1863 wurde anstatt Fuads, der unter allen Staatsmännern seit einiger Zeit am ineisten hervorragte, KiamilPascha Großvezir, aber schon 13. Febr. wurde Fuad wieder Kriegsminister u. 1. Mai Großvezir. Zur Hebung des Staatscredits wurde nach langer Verhandlung mit dem Pariser Credit-Mobi- lier n. der osmanischen Bank in London ein Vertrag wegen Errichtung einer Nationalbank mit einem Capitale von 2,530,000 Pfd. St. abgeschlossen, die 4. Febr. ins Leben trat, aber wegen ihrer engen Perbindung mit der Staatskasse nicht recht gedeihen konnte. Der Sultau verzichtete auf einen Theil seiner Civilliste u. viele Großwürdenträger sahen sich genöthigt, seinem Beispiel zu folgen; auch wurden viele überflüssige Beamte, wenigstens Christen, ihrer Stellen entlassen. Anderseits aber verschenkte der Sultan große Summen an die Soldaten seiner Garde u. die Mannschaften der Flotte, während in den Provinzen der Sold der Soldaten mehrere Jahre lang rückständig blieb u. mit dem Mangel der noth- wendigsten Bedürfnisse Unordnung u. Zuchtlosigkeit Zunahmen. In Syrien, im Libanon, in Bosnien u. der Herzegowina kam es immer wieder zu neuen Unruhen und stellenweise Metzeleien, denen, wie in Damaskus«. Smyrna, nur durch das energische Dazwischentreten der Consulu Einhalt gethan werden konnte. Zu den Tributärstaaten Serbien u. Rumänien blieben die Beziehungen gespannt. Eine um die Mitte des Jahres 1863 abgehalreue türk. Industrieausstellung bot kein bes. günstiges Bild von der türk. Industrie. Im Mai 1863 nahm die Pforte au den Schritten der Cabinete von Paris, London u. Wien in Petersburg zu Gunsten der unglücklichen Polen theil, die aber resultatlos blieben. Oct. 1863 wurde ein Gesetz publicirt, wonach Fremde in dem T. R. unter Bedingungen Grund u. Boden erwerben konnten. Ende 1863 wurde der Geistlichkeit aller Religionen im Reiche die Einführung von Ge- burts- u. Sterberegistern anbefohlen,' auch sollte ein Census der gesammteu Bevölkerung stattfinden; im Finanz- und Verkehrswesen wollte man Reformen machen, mau wollte dem Handel wieder aufhelfen, aber fast Alles blieb frommer Wunsch u. die Natio- ualkraft nahm ab. Ohne daß sie es wollte, blieb u. ist die Pforte vom Geiste des Orients erfüllt u. alle occidentalen Experimente scheitern, ihr gleichzeitig den nationalen Boden unter den Füßen erschütternd. Unsinnig verschleuderte Abdul-Aziz Gelder für Luxns- bauten im europäischen Geschmacks, für Militärspielereien u. für eine nutzlose Flotte. Auch 1864 fanden Kämpfe zwischen Christen u. Türken im Libanon u. in Kreta, wie in Bosnien u. Herzegowina statt, in den Vasallenstaaten wurde der Pforte nur so weit gehorcht, als es im eigenen Interesse lag. Als die arabischen Stämme in Tunis sich im April 1864 gegen den Bey erhoben, hätte der Sultan gerne als Oberherr intervenirt, aber die Cabinete, voran das Pariser, gestatteten dies nicht. In Ägypten wandte sich der Vicekönig, als Differenzen zwischen ihm u. der Suezkanal-Compagnie ausbrachen, nicht an seinen Oberherrn, sondern an Napoleon III. als Schiedsrichter. Durch Protocoll der fünf Großmächte vom 6. Sept. wurde Daud Pascha (s. o.) auf noch 5 Jahre als Gouverneur des Libanon bestätigt, so wenig auch die Pforte für ihn war. Im Oct. 1864 ging die griechische Synode von Constantinopel auf das Schroffste gegen die bulgarischen Geistlichen vor, die sich ihr nicht bedingungslos unterwarsen; sie be- ? stimmte für dieselben Absetzung u. Exil u. der Divan ließ sich von Rußland verführen, hierzu die Hand zu bieten. Am 1. April 1865 wurde ein Finanz- Vertrag zwischen der Pforte u. dem englischen Hause Laing abgeschlossen, um neue Anleihen zu ermöglichen. In Bulgarien u. Bosnien kamen immer neue Abfälle vom Patriarchen in Constantinopel vor und im Libanon gährte cs unaufhörlich. Im Juni 1865 wurde die Organisation der neuen Donauprovinz, deren Hauptstadt Rustschuk ist, vollendet, 23. Dec. wurde aus den Paschaliks Makedonien, Thessalien, Epirus u. Rnmelien eine Provinz mit der Hauptstadt Mouastir gemacht u. Omer Pascha (s. d.) ihr Gouverneur. Da die Pforte in täglich ärgere Fi- nanznoth gerieth, kam der Großvezir Fuad Pascha ans den Gedanken, die Moscheengllter einzuziehen, stieß aber im Ministerrathe bei dem Scheich-ül-Js- lam ans entschiedenen Widerstand. Am 2. Nov. Unterzeichneten Bevollmächtigte des T. R. , der fünf Großmächte u. Italiens in Galacz eine Acte über die Schifffahrt auf der unteren Donau von Jsaktscha bis zum Meere. 1867 wurde auf Veranlassung des franz. Botschafters Bouree eine Christen u. Muselmanen zugängliche höhere Unterrichtsanstalt in Constantinopel errichtet, um beide Religionen einander zu nähern. Die Unruhen im Libanon unter den Ma» ' roniten endeten 28. März 1866, nachdem ih r Held i Joseph Karam entflohen war u. die türk. Truppen ! konnten abziehen. Gegen die Vorgänge in Rumä« ! nieu, die Cusas Sturz herbeisllhrten u. folgten (s. ! Rumänien, Gesch.) protestirte die Pforte, aus den Pariser Vertrag von 1856 gestützt, 26. Febr. 1866 u. forderte von den Großmächten den Zusammentritt einer Conferenz, zog aber auch ein Armeecorps unter Omer Pascha gegen Rumänien bei Rustschuk zusammen. Auf der Pariser Conferenz protestirte der türk. Bevollmächtigte 17. Mai gegen die Wahl Ca- rols von Hohenzollern zum Fürsten von Rumänien u. verlangte, die Conferenz solle provisorische Ho- spodare für die Moldau wie für die Walachei wählen u. 25. Mai protestirte derselbe abermals bei der Conferenz gegen die factische Besitzergreifung Carols in Rumänien — dis von der Conferenz geforderte Ermächtigung zur militärischen Besetzung Rumäniens wurde der Pforte abgeschlagen und von allen Mächten rieth ihr Frankreich am meisten davon ab. Nach längerem Widerstreben fügte sich das T. R., erkannte im Oct. 1866 Carol an u. der Sultan in- vestine ihn persönlich 24. Oct. (s. Rumänien, Gesch.). Während dieser Vorgänge wurde der lange allgewaltige Fuad Pascha 5. Juni gestürzt und an der Spitze eines alttiirkischen Ministeriums der weil unbedeutendere Mehemed Ruschdi Pascha Großvezir. Hatte sich die Pforte Rumänien gegenüber ohnmächtig gezeigt, so geschah dasselbe gegenüber Aegypten, wo ihre Oberherrlichkeit immer weniger in Frage kam — 30. Mai 1866 gestand Abdul-Aziz demVice- köuige Ismail Pascha die directe Erblichkeit des Bicekönigthums in seiner Familie Lurch Fermau zu; er begründete hiermit in Ägypten, ganz dem Haus- 627 Türkisches Reich (Gesch.). gesetzt zuwider, einen vom Abendlande entnommenen Erbfolgeznstand, den in seiner eigenen Dynastie nachzuahmen bald sein Lieblingsgedanke wurde. 1866 forderte der Fürst von Montenegro von dem T. R. den Landstreifen mit dem kleinen Hasen von Novosella, um freie Communication mit dem Meere zu erhalten n. die Pforte erfüllte 13. Oct. sein Begehren, zu sehr mit dem Kriege ans Kreta beschäs- tigt. Der Fürst von Serbien verlangte 5. Oct. von der Pforte die Räumung aller Festungen in Serbien, voran Belgrads. Im April 1866 traten bei Canea auf Kreta un- bewaffnete Volksversammlungen auf, wählten Ausschüsse u. richteten eine Bittschrift um Abhilfe ihrer Beschwerden an die Pforte. Als diese Anfang Mai abschläglich antwortete, erhob sich wider den dringenden Rath der kret. Commission in Athen die ganze Insel, die türk. Bevölkerung zog sich in die festen Plätze der Nordküste zurück und überließ das offene Land den Christen. Die Pforte mußte diese Bewegung um so mehr beängstigen, als ihre Finanzen gänzlich zerrüttet waren; im Juli konnte der fällige Zinscoupon der allgemeinen Schuld nicht bezahlt werden u. die Coupoubesitzer wurden auf 13. Oct. vertröstet; am 22. Oct. bestimmte eine Verordnung des Sultans die Staatseinnahmen, welche vom 1. März 1867 an zur Deckung der allgemeinen Schuld sowie der im Auslande abgeschlossenen Anlehen verwendet werden sollten und bevollmächtigte die otto- manische Bank mit der directen Einziehung dieser Einnahmen. Im August 1866 brach der eigentliche Kampsin Kreta aus. 1«,060 bewaffneteGriechen standen gegen3mal so vieletllrk. reguläre Truppen. Nach einer Reihe kleiner Gefechte richtete die Generalversammlung der Kandioten 21. Aug. aus Apokoronos eine Denkschrift mit Aufzählung ihrer Beschwerden an die Vertreter der Schutzmächte Griechenlands u. 2. Sept. beschloß sie in Sphakia die Abschaffung der osmanischen Herrschaft auf Kreta u. die ewige Bereinigung mit Griechenland. Darauf wurde die Insel von dem türk. Oberbefehlshaber Mustapha Pascha in Blokadezustand erklärt. Trotzdem langten 2000 gediente Soldaten u. Offiziere, sowie Lebensmittel und Munition aus Griechenland an. Während die Insurgenten die Consuln der Schutzmächte um Intervention anriefen, wiesen sie jede Aufforderung des türk. Oberbefehlshabers zur Versöhnung oder zur Unterwerfung in der beleidigendsten Weise zurück u. wo sie sich ihm gezwungen unterwarfen, erhoben sie sich nach seinem Abzüge von Neuem. Gegen Ende des Jahres waren die Districte von Sphakia, Selinos und Kissamos noch immer nicht unterworfen, die Großmächte wurden freundlicher gegen die Kandio- ten, die Griechenland offen unterstützte u. 26. Dec. beschwerte sich die Pforte in einer Depesche an die drei Schntzmächte Griechenlands aufs Bitterste über diesen Staat, der allein die Pacification Kretas verhindere u. drohte mit offenem Bruche mit Griechenland, das jeden Schutz gegen die verdiente Züchtigung bei den Großmächten fand. Inzwischen hatte sich in Epirus u. Thessalien auch ein Revolutions- Comile gebildet, welches in einem Memorandum vom 10. Nov. 1866 an die fremden Consuln Freiheit wie Vereinigung mit Griechenland forderte — u. im Dec. bereits als provisorische Regierung anf- trat. Am 9. Jan. 1867 beauftragte Abdul-Äziz in einem Rescripte Mustapha Pascha, die Wahl von Delegirten der muselmännischen u. christlichen Bevölkerung auf Kreta zu veranlassen, die dann in Constantinopel mit den Ministern die Beschwerden prüfen s ollten; die Nationalversam mlnng Kretas ab er verwarf I.Febr. die Wahl solcher Delegirten, beschloß hingegen 13. Febr. eine aus 7 Mitgliedern bestehende provisorische Regierung im Namen des Königs von Griechenland einzusetzen. Zwar gelang es Mustapha Pascha, 33 christliche u. türk. Delegirte aufzubringen, die sich 25. Febr. nach Constantinopel einschifften; der Sultan empfing sie 20. März, aber nach einiger Zeit kehrten sie ohne jedes Resultat in aller Stille heim. Im Febr. 1867 ertheilten Frankreich, England und Rußland dem bedrängten T. R. in einer identischen Note den Rath, die im Hatti- Hnmajun von 1856 verheißenen Concesfionen an die Christen auszuführen; Rußland widerrief später seine Betheilignng an diesem Schritte, aber 24.März legte es den Großmächten ein Memoire über die in der Türkei bisher unternommenen Reformen u. bes. über die Unzulänglichkeit des Hatti-Hnmajun, der in Wahrheit unausführbar sei, vor u. 18. April machte es in einem weiteren Memoire positive Vorschläge zur Reconstruction des T. R. u. gab die Mittel an, die christliche Bevölkerung wirklich zu befriedigen. Mitte März war fast ganz Kreta außer den 3 Festungen in Händen der Jnsnrrection. Mustapha Pascha wurde durch Hussein Pascha und dieser schon 6. April durch Omer Pascha ersetzt. Am 28. März machte Frankreich der Pforte den Vorschlag, Kreta an Griechenland abzntreten; dazu riechen auch Rußland, Österreich, Preußen u. Italien, aber die Pforte lehnte aufs Entschiedenste ab. Am 11. Febr. 1867 ward der bisherige Großvezir Mehemed Ruschdi Pascha als solcher durch Aali Pascha ersetzt, Fuad Pascha hatte das Ministerium des Äußern erhalten u. standen somit die beiden unbefangensten Staatsmänner an der Spitze. Am 24. April richtete Fuad eine wegen des den Candioten geleisteten Vorschubs sich bitter über die griech. Regierung beklagende Depesche an den türk. Gesandten in Athen. Doch blieb dieselbe ohne Erfolg. Am 9. Juni besetzte Omer Pascha nach mehrfachem Mißgeschick endlich das Plateau von Lassithi, kehrte jedoch, ohne den Vortheil ausznbeuten, nach Canea zurück. Inzwischen hatten die Mächte neue Vorschläge gemacht, ohne einen Erfolg zu erzielen. Im Juli gelangte endlich die Sphakia wieder in türk. Besitz, aber ins Gebirge wagte sich Omer Pascha nicht und wurde dann im Oct. durch Hussein Pascha ersetzt. Als Fuad Pascha in Livadia dem Zaren aufwartete, 18. Aug., suchte dieser ihn vergebens zur Abtretung Kandias an Griechenland u. zum Anschlüsse des T. R. an Rußland zu bestimmen — Fuad hielt am Bunde mit England fest. Am 13. Sept. erließ die Pforte ein Amnestiedecret für Einheimische u. Fremde, die bis 1. Nov. die Insel verließen u. der Großvezir Aali Pascha ging 28. Sept. selbst nachKreta, um die Ruhe herzustelleu. Er lud die Kandioten ein, aus jedem Districte 4 Abgeordnete nach Canea zu senden, um seine Vorschläge zu vernehmen u. die Wünsche der Bevölkerung zu formuliren; die kret. Nationalversammlung aber erklärte durch Zuschrift an die Consuln die Amnestie für ungenügend. Auf Rußlands Vorschlag erklärten Rußland, Frankreich, Preußen 40 * 62 « Türkisches Reich (Gesch.). u. Italien 30. Octbr. der Pforte unter Beschwerde über die Nichtbeachtung ihrer guten Rathschläge in Betreff Kretas, daß sie nun die Pforte den Conse- qnenzen ihrer Thaten überließen, ihre diplomatische Intervention abschließend; Österreich und England lehnten den Beitritt zu dieser Erklärung ab. Am 22. Nov. eröffnete der Großvezir die Delegirten- Versammlung der Insel, worin von 75 Mitgliedern nur 26 Christen waren, mit einer Rede; die von ihm 27. Nov. ernannten türk. u. christl. Beamten konnten nicht in ihre Amtsbezirke eindringen, denn obgleich fast alle griech. Freiwilligen Kreta verlassen halten, dauerte der Ausstand fort. In der zweiten Sitzung der Delegirtenversammlung überreichten die 26 Christen Aali ein Memorandum mit ihren nur Steuererleichterung, resp. Regelung und Besserungen auf materiellem Gebiete anstrebenden Forderungen, welche der Ministerrath 11. Dec. auch zu bewilligen beschloß. Die Pacification war indeß nur halb gelungen; die Sphakia beharrte im Aufstande n. ihr Gouverneur konnte nicht ins Amt gelangen. Die Unterstützungen Won Griechenland gingen nicht ans, während die dorthin geflüchteten candiotischen Familien die bitterste Roth litten. Am 1. April publi- cirte die Pforte den Bericht des Großvezirs über seine Mission nach Kreta, worin sie sich energisch gegen das dem T. R. gefährliche Nationalitätsprincip n. die Idee des Panhellenismus erklärte. Im Oct. war der Aufstand aus Mangel anHilfsmitteln nahezu erloschen, nur der griech. Dampfer Enosis gab ihm noch Nahrung. Am 1. Dec. 1868 beschloß die Regierung energisch gegen Griechenland vorzngehcn. Am 5. Dec. ging ein türk. Geschwader in die griech Gewässer ab und 11. Dec. überreichte der türk. Gesandte in Athen ein Ultimatum seiner Regierung, welches Zerstreuung der neuorganisirten Freischaa- renbanden, Entwaffnung der Corsarenschifse Enosis, Kreta u. Panhellenion od. wenigstens Verwehrung des Zutritts in griech. Häfen, Bestrafung derer, welche Angriffe ans türk. Militärs u. Unterthanen gemacht hätten, Entschädigung der dadurch Beschädigten u. Beobachtung der Verträge u. des Völkerrechts verlangte. Griechenland lehnte das Ultimatum 15. Dec. ab, der türk. Gesandte verließ Athen: alle türk. Häfen wurden den griech. Schiffen geschlossen u. alle griech. Unterthanen u. Angehörigen mußten das Pfortengebiet räumen. Nun legte sich Preußen ins Mittel mit dem 21. Dec. an Frankreich gerichteten Vorschlag, die türk. - griech. Differenz auf einer besonderen europäischen Conferenz zu behandeln u. fandsofort,wenigstens „imPrincipe" beiallenMäch- tenAmiahmcderselben; die Pforte stimmte dem Con- ferenzvorschlage nur unter der Bedingung bei, daß die Forderungen ihres Ultimatums vom 11. Dec. der Conferenz als Basis dienten und erörterte in einer Circulardepesche vom 30. Dec. die Sachlage unter Betonung ihrer Mäßigung in der ganzen Frage. 'Am 27. Decbr. ergab sich aus Mangel an Lebensmitteln und vom sranz. Consul in Canea bestimmt, der alte Oberst Petropulakis mit 300 griech. Freiwilligen den Türken unter günstigen Bedingungen, und 6. Jan. 1869 der Sohn Petropulakis mit 150 Gefährten. Am 9. Jan. 1869 trat die Conferenz in Paris zusammen, das T. R. erhielt berathende und beschließende, Griechenland nur berathende Stimme. Bis zum 12. Jan. waren alle Mitglieder der provisorischen Regierung Kretas gefangen, vier getödter u. die Archive anfgefunden. Obgleich Rußland stets heimlich die griech. Umtriebe unterstützt hatte, einigte sich die Pariser Conferenz rasch u. beschloß 17. Jan. eine Declaration an Griechenland. Am 20. Jan. gab der Sultan Kreta durch Ferman ein neues Grundgesetz. Im Febr. ergaben sich die letzten Insurgenten ans Kreta und Griechenland unterzog sich 6. Febr. der Declaration der Pariser Conferenz. In ihrer Schlußsitzung 18. Febr. erklärten die Pforte u. Griechenland sich bereit, die wechselseitigen diplomatischen Beziehungen wieder aufzunehmen. Bis Mitte März waren circa 25,000 Candioten zurückgekehrt, circa 5000 blieben dauernd in Griechenland. Am 8. März 1869 traf der neue Gouverneur Omer Fenizi Pascha auf der Insel ein. Die totale Unterwerfung Kretas u. die Demllthigung Griechenlands waren ein großer Erfolg der von Aali u. Fnad geleiteten Pforte. Am 3. März 1867 willigte die Pforte officiell in die vom Fürsten von Serbien 1866 verlangte bedingungslose Räumung aller Festungen in seinem Lande (s. o.) u. 10. April erhielt der Fürst in Con- stantinopel den Ferman, wonach die bisher von türk. Truppen besetzten Festungen Serbien übergeben wurden, doch die türk. Fahne in Zukunft neben der serbischen dort wehen sollte — Anfang Mai hatten die Türken alle Festungen geräumt. Durch Ferman vom 15. Mai wurde infolge der Mission Nubar Paschas der Vicekönig von Aegypten in administrativen Dingen noch unabhängiger von dem Sultane. Unter der jungtürk. Partei gährte es indessen gegen die leitenden Staatsmänner u. ans Furcht vor dem Ausbruche einer Verschwörung unterließ Abdul-Aziz 30. Mai 1867 seinen Jahresbesuch an der hohen Pforte; 6.—7. Juni wurden unter jener Partei zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Am 3. Juni wagte die Regierung den ersten Angriff auf die Mo- scheengüter (Bakus); ihre Unveräußerlichkeit wurde zwar nicht angetasiet, aber die Erbpacht für dieselben bis auf 8 Generationen erweitert und die Taxe zu Gunsten des nahezu bankerotten Staates erhöht. Ein neues Gesetz vom 18. Juni berechtigte die Fremden, im T. R. außer der Provinz Hedjaz Grundeigenthum zu erwerben. Um mehr zu decentralisi- ren und die Bezirke unabhängiger zu stellen , wurde das Vilajet-System 15. Juni 1867 auf alle Provinzen ausgedehnt u. hierzu 13 neue Vilajets organi- sirt, doch blieben die Vilajets zu abhängig von den obersten Staatsbehörden u. das System erfüllte somit seinen Zweck nicht. Zur Pariser Weltausstellung von Napoleon III. eingeladen, begab sich der Sultan — der erste, der eine Reise ins Ansland machte —, nachdem der Scheik-ül-Islam seine Einwilligung gegeben, sich dorthin 21. Juni, in Begleitung seines Sohnes Nussuf-Jzzeddin-Effendi, seines Neffen und präsumtiven Nachfolgers Mehemed-Murad-Effendi u. des Ministers Fuad Pascha; für die Dauer seiner Abwesenheit führte Aali Pascha die Regentschaft. Da der Staatsschatz ganz leer war, so wurden die Reisekosten dadurch gedeckt, daß an den Gehalten der Beamten u. am Solde der Offiziere 16 °/o abgezogen u. der Zehnte auf fünf Jahre von 10 auf 15 »/, erhöht wurde. Das jährliche Deficit belief sich etwa auf 21 Will. Frcs. Der Großherr machte durch seine äußerst einfache Erscheinung überall den günstigsten Türkisches Reich (Gesch.). Eindruck u. sog mit vollen Zügen die neuenEindrücke ein. Von Paris kam er nach London, besuchte dann den König von Preußen in Koblenz u. den Kaiser von Österreich in Wien und traf 7. Aug. wieder in Constantinopel ein. Abdnl-Aziz, der früher von der Möglichkeit eines heiligen Krieges gegen die Ungläubigen geträumt, kam belehrt zurück von der Reise u. sann darauf, Türken und Christen in seinem Reiche gleiche Stellung zu geben; hierzu schien ihm vor Allem nöthig, die politischen von den kirchlichen Functionen zu scheiden u. Len Staat der Vormundschaft der Religion zu entziehen; auch wurde unter dem elenden Beamtenthum eine gründliche AuLceinigung vorgenommeu. Durch kaiscrl.Ferman vom 7. März 1888 wurde der Staatsrath ausgehoben, ein oberster Verwaltungsrath errichtet, dem der mehr und mehr hervortretende Reformer MidhatPaschapräsidirte, u. ein oberster Justizrath eingeführt — gleichzeitig wurde der Christ Agathon Efsendi Minister der öffentlichen Arbeiten. Der oberste Verwaltungs- oder Staatsrath erhielt 4. Mai 41 Mitglieder, theils Mohammedaner, theils Christen u. 10. Mai eröfsnete ihn Abdnl-Aziz mit einer vorurtheilssreieu, wie es hieß selbstversaßten Thronrede, in der große Reformen versprochen wurden. Bei den organischen Gesetzen über den Staatsrath legte man das Hauptgewicht auf die Trennung der Justiz von der Verwaltung, welche, in den Provinzen bereits durch das Vilajet- System eingeführt, jetzt auch auf die Centralregierung angewendet werden sollte; durch Einführung einer besseren Gesetzgebung sollte der Staat vom Einflüsse religiöser Meinungen total emancipirt werden. Der Staatsrath sollte als die erste constitutio- nelle Körperschaft in der türk. Geschichte erscheinen. Am 23. Mai empfing der Sultan den griech., den gregor.-armen. u. den kathol.-armen. Patriarchen wie den Großrabbiner stehend, u. erklärteren Christen ständen nun alle Acmter ofsen. Für den Libanon wurde ein Katholik zum Gouverneur ernannt. Ein Einbruch bewaffneter u. von Bratianu unterstützter Banden aus Rumänien in die Bulgarei wurde durch Midhat Pascha streng bestraft, und als neue Banden im Sept. eindrangen, wurde in Rumänien energisch Beschwerde geführt, dort aber jede Conni- venz geleugnet. Der Direktor des Handelsamtes, Daud Pascha, war Jan. 1869 in Wien thätig, um der Pforte die Mittel sür Herstellung eines türk. Eisenbahnnetzes zu verschaffen, welches sich an das europäische Eisenbahnsystem anschlösse. Am 11. Nov. 1868 hatte die heilige Synode in Constantinopel alle Vorschläge der Pforte, um den Beschwerden der Bulgaren zu entsprechen, abgelehnt. Die noch vom Fanar abhängigen Patriarchate sprachen bis Febr. 1869 sich in der bnlgar. Kirchenfrage gleichfalls negativ aus u. lehnten den Pfortenvorschlag: doppelten Episkopat u. doppelte geistliche Jurisdiction ab — weder die Pforte noch die Bulgaren gaben sich hiermit zufrieden. Die Pforte setzte eine Commission für die Frage ein u. das Resultat ihrer Arbeiten war 19. April den Bulgaren günstig — da aber der griech. Patriarch entschieden dagegen war, verzögerte die Pforte die Genehmigung des Resultates, die rnss. Synode in Petersburg bestärkte den Patriarchen in feinem Widerstande u. er lehnte 20. Juni förmlich Len von der Commission ausgearbeiteten Compro- miß ab. 629 Am 5. Febr. 1869 erließ die Pforte ein Nationa- litätsgesetz, wonach türk. Unterthanen nur mit des Sultans Erlaubniß sich im Auslände naturalisiren lassen können u. ohne dieselbe türk. Unterthanen bleiben, wenn sie im T. R. leben. Am 11. Febr. ließ die Pforte, die den Sporadcn (s. d.) ihre bisherigen Jmmunitätsprivilegien entziehen wollte, die Haupt- insel Symi durch ein Geschwader unter Achmed Kaisserly besetzen und im März unterwarf sich eine Insel nach der anderen ihrem Willen. Am 13.Febr. wurde Midhat Pascha, die eigentliche Seele der inneren Reformen, aus Constantinopel entfernt und als Gouverneur nach Bagdad versetzt — trotzdem hörten die Reformen nicht ans. Einen Protest der Pforte gegen die Anstellung einer officiellen Diplomatie von Seiten Rumäniens im März blieb unbeachtet. Dank der Bemühungen Daud Paschas kamen die Verhandlungen wegen des türk. Eisenbahnnetzes zum Abschlüsse, u. das Bankhaus Hirsch erhielt 4. Oct. gegen eine Caution von 5 Mill. die definitive Concession zum Bau der türk. Bahnen. Serbien empfing 21. April 1869 die Concession, selbständig Handelsverträge mit fremden Mächten abschließen zu dürfen. Im Mai 1869 erneuerte Montenegro die bereits Dec. 1867 gestellte Forderung der Abtretung des Hafens von Spizza, wurde aber, obwol von Rußland u. Preußen unterstützt,vom Divan kurz abgewiesen. Nach Midhat Paschas Abgang war die Commission für Reform des Unterrichtswesens im April 1869 wieder aufgelöst worden, doch erschien 15. Sept. ein allgemeines Unterrichtsgesetz, von den Europäern freilich von Anfang an für einen tobten Buchstaben gehalten. Im Mai wurde der neue oberste Gerichtshof definitiv organisirt. Durch die Erfolge auf Kreta gehoben, trat Abd- ul-Aziz, von Aali Pascha berochen, Len Anmaßungen des Vicekönigs von Ägypten (s. d.) entgegen. Auf dem Wege der Reform fortschreitend, führte die Pforte fürs ganze Reich das Decimalsystem fllr Maß u. Gewicht 21. Jan. 1870 ein und im März 1870 schloß sie mit Persien einen Handelsvertrag, auch erschien ein neues Forstgesetz. Am 6. Febr. 1870 erließ ein Theil der katholischen Armenier eine Erklärung gegen Rom und den ihnen von da anfge- zwnngenen Patriarchen Hassun, beharrte aus den alten Privilegien ihrer Kirche u. hob ihre Verpflichtungen gegenüber der Pforte hervor. Hierauf excom- municirte Pins IX. 7 armenische Geistliche u. sandte Pluym als außerordentlichen Abgesandten nach Constantinopel, wo der Sultan den Dissidenten eine Kirche eingeränmt; Pluym excommnnicirte 3. April 38 von Rom abgefallene armenische Priester und Mönche. Diesen dissentirenden Armeniern gewährte die Pforte 15. Aug. ihren definitiven Schutz gegen Roms Übergriffe, worauf Pius 17. Nov. 4 armenische Bischöfe excommnnicirte. Wegen des vatikanischen Concils sich von Rom trennend, wählten die katholischenArmenier 26. Febr. 1871 sich einen neuen Patriarchen. Diese Kirchenfrage durch Unterhandlungen mit der Regierung zu lösen, traf 13. April 1871 der päpstliche Legat Franchi in Constantinopel ein, aber alle seine Forderungen lehnte der Groß- vezir rund ab u. Franchi ging 1. Nov. ohne allen Erfolg nach Rom zurück. 1. Mai 1872 wurde durch Ferman des Sultans die Wahl Haffuns zum Pa-> 630 Türkisches Reich (Gesch.). triarchen der katholischen Armenier annullirt u. die Päpstliche Bulle Leversums für das T. R. als nicht existirend erklärt; die Armenier wurden aufgefordert, baldigst einen neuen Patriarchen zu wählen, der aber der Pforte angenehm sei und nach üblichem Modus gewählt werde. Trotz aller Proteste von Hassnns Anhängern investirte der Sultan sofort 19. Mai den von ihnen gewählten Knmelian; Hassnn mußte 20. Juli das Land verlassen u. ging nach Rom. 18. Oct. 1873 wurde Knmelian von der Pforte als Patriarch der orientalischen Armenier anerkannt. Schließlich entschied ein großherrliches Decret 22. Febr. 1874 den Streit zwischen den Hassunisten u. ihren Gegnern dahin, daß erstere als abgesonderte Gemeinde anerkannt und bei der Pforte durch ein nicht geistliches Haupt, den Vekil Tinghir Oglu Puzant, repräsen- tirt sein sollten. Die Hassunisten protestirten gegen die Theilung der Güter der armenischen Katholiken im März 1874, weil sie selbige allein verlangten, die übrigen Mitglieder der hierfür eingesetzten Commission sprachen sie den Antihassunisten zu, die sich in den Besitz von Kirchen setzten. Die Regierung begünstigte die Antihassunisten offenkundig u. schritt an manchen Orten thätlich gegen ihre Gegner ein, obgleich Frankreich letztere unterstützte; 20. Juni 1874 erhielten die Antihassunisten sogar die Patriarchats- od. Erlöserkirche in Constantinopelu. damit die Oberhand. Nachdem die Pforte dem Wunsche der Bulgaren auf Trennung vom griechischen Patriarchate gemäß durch Ferman vom 10. März 1870 die Bulgarische Kirche als eine besondere unter einem Exarchen anerkannt, trat 20.Febr. 1871 in Constantinopel zum ersten Male eine bulgarische Nationalversammlung, bestehend aus von allen bulgarischen Gemeinden frei gewählten geistlichen und weltlichen Deputirten auf, um das 1870 durch bulgarische Notabeln für das bulgarische autonome Exarchat entworfene kirchliche Organisationsstatut nebst Wahlordnung zu prüfen und zu betrachten. Am 26. Mai war der Entwurf beendet. Am 15. Sept. wurde ein neuer Patriarch gewählt u. auf den Monat Februar 1872 ein bulgarischer Kirchencongreß in der Residenz ausgeschrieben, um die Bestimmung des Fermans v. 10. März 1870 zu vollziehen. Am 22. Febr. wählte dieser Congreß Authimos, den Bischof von Widdin, zum Exarchen. Der Sultan bestätigte Authimos in feierlicher Weise im März, indessen das griechische Patriarchat, welches, anfänglich von Rußland u. Serbien unterstützt, gegen alle seitherigen Maßnahmen protestirt hatte, auch diesmal vergebens den Bulgaren ein neues Ausgleichsproject vorlegte. Der griechische Patriarch berief nun einen Congreß um sich u. excommunicirte den Exarchen nebst 3 Bischöfen 25. Mai. 29. Sept. erklärte die griechische Synode unter dem Vorsitze des Patriarchen von Constantinopel einstimmig die Bulgaren für Schismatiker, somit war alle Verständigung zwischen beiden Kirchen abgeschnitten. Im März 1870 lieferte derVicekönigvon Ägypten wirklich die 1869 von ihm gesorderten Panzerschiffe dem Sultan aus u. die Pforte schlug sein Begehren, in Unterhandlungen mit den europäischen Regierungen wegen Abschaffung der Consulargerichtsbar- keit zu treten, ab; 27. April ernannte der Sultan des Vicekönigs Bruder, Mustapha Fazyl Pascha, zum Präsidenten des obersten Staats - und Justizhofes, ließ aber bald die beabsichtigte Justizreform fallen u. machte Mustapha Fazyl 19. Ang. zum Fi- uanzminister. Der Khedive und sein Thronfolger wurden vom Sultan im Juli aufs Huldreichste empfangen u. kehrten befriedigt heim, doch sah man, ? als im Dec. 1870 in Arabien sich ein Aufstand gegen den Sultan erhob, den Khedive als Anstifter an. Als der Französisch-deutsche Krieg 1870 ausbrach, ordnete die Pforte Rüstungen an, aber rasch beruhigte sie der norddeutsche Bundesgesandte; der Sultan beglückwünschte zwar Napoleon III. im Juli telegraphisch zur Kriegserklärung, beobachtete aber strenge Neutralität während des Krieges. Im Nov. 1870 nahm die Pforte, obgleich in erster Linie inter- essirt, die Kündigung der Neutralisirung des Schwarzen Meeres durch Rußland (s. Rußland, Gesch.) auffallend gleichmllthig hin; Aali Pascha bewies die besonnenste Haltung, erklärte voll Zuversicht, das T. R. sei stark genug, um eines papiernen Tractates entrathen zu können u. brach damit der kriegerischen Regung in Österreich u. England gegen Rußland die Spitze ab. Zu den Londoner Conferenzen über die Pontusfrage ging Mulurns Pascha als Bevollmächtigter ab u. Unterzeichnete 13.März 1871 den neuen Vertrag. Infolge der Londoner Conferenzen näherte sich die Psocte Rußland mehr u. mehr, sich von der Bevormundung der Westmächte lösend; darum entließ sie auch massenhaft im April ihre polnischen Beamten. Am 27. Juni, als in Tunis Differenzen mit Italien eintraten, riefen die tunesischen Großen die Pforte als souveräne Macht um Hilfe an, 10. Juli ging ein Geschwader mit einem Commissär des Sultans dahin ab, 10. Ang. fügte sich der Bey im Wesentlichen dessen Forderungen u. 24. Oct. verständigte er sich durch seinen Abgesandten in Constantinopel,Khaireddin Pascha (1879 türkischerGroß- vezir), vollkommen mit Abdul-Aziz; ein großherrlicher Ferman regelte die Beziehungen zu Tunis, der Sultan verlieh dem Bey die Senioratserbfolge für sein Haus, machte aber Tunis weit abhängiger von der Pforte als bisher. Am 6. Sept. 1871 traf das T. R. ein unersetzlicher Verlust durch den Tod Aali Paschas, des bedächtigen, scharssinnigen und genialen Reformators. Ihm folgte als Großvezir u. Minister des Äußern Mahmud Nedim Pascha, der sofort die durchgreifendsten Veränderungen im Personale der inneren Verwaltung machte, alle Beamten,durch einander warf und eine neue Politik inauguriren wollte, dabei aber die Freundschaft mit Rußland aufrecht erhielt. Bei allen Anläufen zu Reformen sank das Osmanenthum allmählich, während die Rajahs sich langsam auf eine höhere Stufe erhoben. Die in Ägypten anstatt der Senioratsuc- cession eingeführte directe Erbfolge wollte Abdul-Aziz auch in dem T. R. entführen, anstatt seines Neffen ^ Mehemed-Murad-Effendi sollte sein ältester Sohn Nussuf-Jzzeddin-Effendi Thronerbe werden. Die . Kunde von diesem Vorhaben drang erst zu Anfang ! 1872 in die Öffentlichkeit u. stieß allenthalben auf Widersprüche. Die europäischen Gesandtschaften re- monstrirten in nachdrücklichster Weise gegen diesen den Sultan fortwährend beschäftigenden Plan. Da aber Rußland die Miene annahm, als wolle es dem Sultan für denselben an die Hand gehen u. sein in- triguanter Botschafter Jgnatiew (s. d.) ihn hierin be- Türkisches Reich (Gesch.). 631 stärkte, so warf sich derSultau immer mehr auf Rußlands Seite. Auchwurde seinVerhältnißzumKhedive freundlicher. Im Juli 1872 genehmigte der Sultan den ihm vom Khedive persönlich vorgelegten Reor- ganifationsentwurf der ägyptischen Jurisdictionsverhältnisse u. übersandte ihm im Sept. einen Fe» man, der alle Zugeständnisse des Fermans von 1867 erneuerte n. alle Einschränkungen des Fermans vom Nov. 1869 aufhob; hierfür versprach der Vicekönig, künftig 3 Will. Thlr. Tribut mehr zu zahlen, wenn ihm der Sultan die Eroberung abessinischer Gebiete erlaube, Ägypten kam somit wieder zu einer bedrohlichen Stellung. Am 1. Aug. 1872 wurde plötzlich der Großvezir Mahmud Nedim Pascha, ein Sklave Rußlands, gestürzt und zur hohen Befriedigung der öffentlichen Meinung durch den thalkräftigen Reformer Midhat Pascha ersetzt. Der Zar wurde über diesen Wechsel beunruhigt, doch beabsichtigte Midhat keinen Ab- bruch der Freundschaft. Nach der augenblicklichen Laune des Sultans und den stets wechselnden Einflüssen des Serails trat jedoch anstatt der Stetigkeit der Regierung zur Zeit Fuads u. Aalis ein rascher Amtswechsel in den leitenden Stellen ein, eine geordnete Administration wurde geradezu unmöglich, das T. R. arbeitete selbst au seinem Niedergange n. der Sultan führte ein Regiment despotischer Willkür. Schon 19. Oct. 1872 fiel Midhat, wieder wurde Mehemed Ruschdi Pascha Großvezir, dem bereits 15. Febr. 1873 Essad Pascha (bisherKriegsminister) folgte. Die Finanznoth des T. R. nahm eine bedenkliche Höhe an und die Pforte schloß 26. März 1873 ein Eisenbahnanlehen von 59 Will. Pfd. St. zu 5 °/o zum Course von 60 ab; schon 3. Aug. folgte ein neues Anlehen von 15 Mill. Pfd. St. bei dem 6rs 15,000 Mann kampffähiger Soldaten vorfand. Am 30. Dec. einigten sich die 3 Kaisermächte Angesichts der Unzulänglichkeit der Jrade vom 12. Dec. über einen modificirten Wortlaut ihrer Note an die Pforte wegen der für Herzegowina u. Bosnien speciell zu fordernden Reformen u. theilten dieselbe England, Frankreich u. Italien mit, um sie zum Beitritt zu bestimmen. Dieselbe forderte volle Religionsfreiheit, Aufhebung des Steuerpachtsystems, theilweise Verwendung der in Bosnien und Herzegowina aufgebrachten directen Steuern zum Besten dieser Provinzen, Einsetzung einer aus ebensoviel Christen als Mohammedaner umfassenden Commission zur Überwachung der Reformen u. Verbesserung der Lage der Landbevölkerung; endlich sollte die Pforte ihren Entschluß, diese Bedingungen zu erfüllen, nebst den Jraden vom 2. Ocr. und 12. Dec. zur amtlichen Kenntniß der Großmächte bringen. Während Frankreich u. Italien der Andrassyschen Note sofort ini Jan. 1876 beistimmten, zögerte England bis 18. Jan. u. trat dann nur unter ausdrücklichem Vorbehalte wegen etwaiger weiterer Schritte gegen die Pforte bei. Inzwischen protestirte die Pforte im Voraus gegen jede Schmälerung ihrer Souveränetät und erhob Einsprache gegen jede Mittheilung einer Collectiv- od. identischen Note durch die Mächte, auf welche letztere jedoch der Großvezir verzichtete Angesichts der Erklärung Österreichs u. Rußlands, die Pforte habe zu dieser Zurückweisung kein Recht. Trotz ihrer großen Geldnoth rüstete.die Pforte, mehr und mehr in die Hand der Langno Ottomans geratheu, u. 14. Jan. sandte sie Truppen nach Kreta, wo es wieder gährte. Um dem diplomatischen Drucke sich etwas zu entziehen u. den Schein eigener Initiative zu retten, ordnete ein Pfortenerlaß vom 15. Jan. die 12. Oct. 1875 versprochene Umwandelung der Nockjissi ll'omM in Appellhöfe (Oivarü Ismzfiv) für die Vi- lajets an. Alle türkischen Reformen aber blieben ohne Erfolg, der Vali von Bosnien mußte wegen offenenMißvergnügens der mohammedanischenBegs 17. Jan. die Durchführung der Reform >Jrade vom 12. Dec. sistiren u. den wieder versteigerten Zehnten trieben die Pächter nach Belieben ein. Ali Pascha u. Constant Effendi, die in Moflar mit den Häuptern der herzegowinischen Jnsurrection eine Verständig, nng suchten, erreichten natürlich nun nichts. Die Pforte schickte zwar 20. Jan. außerordentliche Com- missare in alle Provinzen, um den Reformferman auszuführen u. die Provinzialrathswahlen zu überwachen. Am 31.Jan.l876 üb ergab endlich der österreichische Botschafter Graf Zichy die, Andrassyfche modificirte Note dem Minister des Äußeren; das Gleiche thaten die Botschafter Rußlands u. Deutschlands und die Gesandten der anderen Großmächte erklärten, ihre Negierungen fänden in derNotenichts dem Pariser Vertrage zuwider Laufendes. In Bulgarien wurden unterdessen trotz des Reformfermans vom Dec. 1875 die rückständigen Steuern in brutalster u. willkürlichster Weise eingetrieben und im Jan. 1876 petitionirten die Bulgaren bei dem Sultan, er möge ihnen gleich seinen mohammedanischen Unterthanen das Tragen von Waffen u. die Berechtigung zum Dienste im Heere gestatten und in der Verwaltung des Vilajets ihre Sprache zur Geltung bringen. Am 12. Februar 1876 modificirte die Pforte die Verwendung der directen Stenern zum Besten Bosniens und der Herzegowina, welche An- drassys Note forderte, dahin, daß der Sultan statt dessen einen Fond aus der Staatskasse anwies und seine Verwendung unter die Controle der Provinzialversammlung stellte. Hierauf nahm die Pforte 13. Febr. die Forderungen der Andrassyschen Note bis 634 Türkisches Reich (Gesch.). aus den eben beregten Punkt an. Die in der Sutto- rina versammelten Insurgenten lehnten trotz aller Bemühungen derConsuln die ihnen in Aussicht gestellten Reformen ab, da sie keine Garantie derselben für ihre Ausführung sahen. Gleiches thatcn die Führer der bosnischen Jnsurrectiou. Ebenso vergebens bemühte sich Österreich, Serbien u. Montenegro von der Unterstützung der Insurgenten abzu- halten, denen von russischer Seite auch viel geheimer Vorschub geleistet wurde. Am 17. Febr. erließ die Psorte ein Gesetz über den Erwerb von Grundeigcn- thum durch ihre muselmanischen u. christlichen Uu- terthanen,das als eine tüchtige Nesorm gelten konnte, wenn es wirklich in Geltung trat u. 18. Febr. wurde die Einsetzung eines Oberstudienrathes in jedem Vilajete durch den Unterrichtsminister verfügt. Am 22. Febr. gewährte eine Jrade des Sultans den Insurgenten, die binnen 4 Wochen heimzögen, allgemeine Amnestie, die Regierung wollte die Kosten für den Aufbau ihrer Häuser u. Kirchen übernehmen u. ihnen Mittel zur Wiederaufnahme der Arbeit gewähren u. zur Ausführung dieser Versprechungen sollte Ali Pascha, der frühere Botschafter in Paris, als Statthalter der aufständischen Provinzen Mitwirken. Aber weder legten die Insurgenten die Waffen nieder, noch kehrten die Flüchtlinge aus Österreich u. Montenegro heim. Am 26. Febr. wies der Großvezir die Geueralgouverueure der Provinzen an, die Wahlen der Provinzialräthe schleunigst vornehmen zu lassen, ängstlich wahrte die Pforte, wo sie konnte, ihre Initiative; darum theiltc sic auch 1. März durch Circulardepesche den Mächten die von ihr zur Realisirung der Andrassyschen Reformvorschläge getroffenen Maßnahmen mit und an die Gouverneure ergingen wegen der Verwaltung der Vilajets neue Instructionen, die wieder auf dem Fuße allgemeiner Gleichheit vor dem Gesetze standen. Die Finanzlage wurde täglich trauriger, nur den Sultan berührte sie nicht u. ost ließ er durch einen Adjutanten abholen, was seben ans Fiuanzdepar- tement eiuging; fortwährend wurden Bestellungen von Panzerschiffen, Gewehren und Kruppschen Kanonen gemacht, während die Truppen schon 10 Monate ohne Sold waren und alle Beamten auf dem Hunger-Etat standen. Nachdem 2. März die herze- gowinischen Insurgenten, die Refvrmversprechungen der Psorte verwerfend, Rußland als den Messias der slavo-serbischen Freiheit proclamirt hatten, versuchte Österreich nochmals eine Vermittelung. Feldzeugmeister von Rodich ließ sich vom Fürsten von Montenegro strenge Ncutralitätgegenüber Der Pforte versprechen u. unterhandelte mit den Insurgenten einerseits, mit Ali und Mukhtar Pascha anderseits, aber die Insurgenten blieben unbeweglich u. auch ein neues von Mukhtar veröffentlichtes Amnestiedecret vom 28. März war erfolglos. Am 29.März erklärte ein Psortenerlaß, daß die Auszahlung der 1. April fälligen Coupons der Staatsschuld auf 1. Juli ver- schoben werden müsse u. vertröstete die Staatsgläubiger mit 6 " o Verzugszinsen; seit 1. April wurde sogar das Gehalt der Botschafter nicht bezahlt. Trotz aller vergeblichen Versuche unterhandelte Rodich 4. bis 5. April nochmals in der Suttorina mit den Jnsnrgentenchefs, wobei auch ein Agent Gortscha- kows, Bozidar Wesselitzky, erschien u. den Insurgenten im Namen des Zaren dringend zum Frieden rieth. Trotzdem stellten sie unannehmbare Forderungen auf, ebenso die bosnischen Insurgenten u. somit war auch dieser Mediationsversuch gescheitert. Am 8. April befahl derSultan, alle Mohammedaner in Bosnien zu bewaffnen. Durch Vermittelung Österreichs war in Bosnien u. Herzegowina einige , Zeit Waffenruhe gewesen, Nikita von Montenegro hatte sie unredlich zur Unterstützung der Jnsurrec- tion verwerthet, jetzt griffen die Insurgenten, ca. 7000Mann, wiederzu den Waffen. MukhtarPascha, der mit den Festungsbesatzungen nur 22,000 Manu hatte, erlitt auf dem Marsche nach Niksich, das er verproviantiren wollte, 14.—18. April im Dnga- Passe schwere Schläge u. der Sultan wollte aus das Gerücht hin, daß einige tausend Montenegriner dabei gewesen, den Krieg an Montenegro erklären, befahl 20. April die Aufstellung eines Heeres bei Skutari u. wies dafür Gelder aus seinem Privat- schätze an. Der Großvezir Hintertrieb aber die Kriegserklärung, auf Rußlands drohende Haltung Rücksicht nehmend. Die Psorte zahlte den April- conpou ebensowenig wie die bisherigen u. da außer dem Kriege auch noch in Asien eine Hungersnoth ausbrach, gingen nur wenige Steuern ein, die für die Genüsse des Hofes od. für den Krieg verbraucht wurden. Die unbezahlt bleibenden Beamten singen allmählich an, Lärm zu schlagen; zuerst regten sich die Arsenalarbeiter, dann die Schulmeister (6üoä- oeims), endlich die Studenten (Loktas), die bald eine Macht wurden; zum ersten Male wagte man davon zu sprechen, eine gewaltsame Absetzung des Sultans sei s unter solchen Verhältnissen nicht unmöglich. Uni auch Serbieuzubedrohen,vermehrtediePforteihre Truppenzahl bei Nisch, betonte aber, als die Mächte gegen die Bedrohung Montenegros u. Serbiens re- moustrirten, ihre friedlichen Gesinnungen. 28.—20. April drang Mukhtar Pascha glücklich durch den Dngapaß nach Niksich vor, konnte es aber nur für einige Wochen verproviantiren. In Montenegro stand man kaum noch vom offenen Kriege ab n. in Rumänien u. Serbien traten kriegerische Ministerien ans Ruder. In Bulgarien bereitete sich schon seit Monaten ein Ausstand vor, der 13. Mai unter Mord u. Brand beginnen sollte. Ende April circulirte in Bulgarien eine Petition an Leu Sultan, die ihn aufforderte, Bulgarien constitutionelle Institutionen zu verleihen u. es in ein Königreich als iutegrirenden Theil der Monarchie zu verwandeln; die nationale Vertretung sollte in Rustschuktagen, die Centralregierung in Constantinopel, aber die Leitung der auswärtigen Augelegeuheiteu u. des Kriegswesens behalten. Als Flugblatt erschien dann ein Manifest einer geheimen Nationalregierung an die bulgar. Nation, welches letztere zu den Waffen rief u. Verräther wie Spione mildem sicheren Tode bedrohte. Auf dasGerücht hiu, die ganze Verschwörung sei den Türken verrathen worden, brach schon 4. Mai der wilde Aufstand aus, Greuel aller Art wurden begangen u. die Erhebung > breitete sich bis zum Rhodope-Gebirge hin aus. Da noch keine regulären Truppen in Bulgarien standen, hausten die rasch ausgebotenen meist tscherkcssischen ^ Banden, Baschi-Bozuks, mit schauerlicher Wuth. Die Pforte sandte alle verfügbaren regulären Truppen mit der Eisenbahn nach Bulgarien. Am 5. Mai wurde der Kriegsminister Derwisch Pascha, der 635 Türkisches Reich (Gesch.). für die Kriegserklärung au Serbien n. Montenegro war, durch den Großvezir gestürzt u. Abdul Kerim Pascha sein Nachfolger, der auch sofort den Befehl über das Heer in Bulgarien übernahm. Am 5. Mai wurde eine Bulgarin mit ihrer Einwilligung nachSalouiki gebracht, um den Islam anzunehmcn, aber ein griechischer Haufe entriß sie den Türken u. schleppte sie auf das amerikanische Consnlat, 6. Mai forderte der mohammedanische Pöbelsie heraus, die Consuln von Deutschland n. Frankreich, Abbott u. Monlin, eilten beschwichtigend unter den Pöbel und wurden, da der Gouverneur, der Platzcommandant und der Capitän des im Hafen liegenden türkischen Kriegsschiffes keinerlei Vorsichtsmaßregeln getroffen, ermordet. Die von Deutschland u. Frankreich geforderte Genngthuung und Bestrafung der Schuldigen geschah, obgleich die Botschafter der anderen Mächte auch die Forderung unterstützten, in zufriedenstellender Weise erst nach mehrfachen Protesten n. Erneuerungen. Inzwischen hatten die Botschafter zum Schutze der Christen in der Residenz Kriegsschiffe in die nächste Nähe kommen lassen. Während 10. Mai die militärischen Operationen gegen die bulgarische Jnsnrrection, die das ganze Land unterwühlt halte, begannen, brach in Constantinopel die so lange zählende Unzufriedenheit gegen des Sultans Will- kürregiment aus, insgeheim von dem Haupte der jungtürkischen Partei, Midhat Pascha, geschürt, der auf den Sturz Abdnl-Azizs hinarbeitete. Die fanatischen Mohammedaner waren auf den Großvezir Mahmud Nedim Pascha wegen seiner Rußland u. den andern Mächten freundlichen Haltung aufgebracht ;die Studenten desKoran, dieSoftas.u.dieUlemasschlu- gen sich ganz zu ihnen; 20—25,000 Sofias zogen 10. Mai nach der Pforte u. verlangten die Entlassung des Großvezirsu. seines Anhängers, des Scheik- ül-Jslam Hassan Fehmi Effendi. Der geistig herabgekommene Sultan gab sofort nach und ernannte 11. Mai Mehemed Ruschdi Pascha zum Großvezir, Hassan Chairullah Effendi zum Scheik-ül-Jslam u. Hussein Avni Pascha zum Kriegsministerf, Midhat Pascha trat nebst Namyk Pascha 19. Mai ohne Portefeuille als Minister ins Cabinet ein: der Vorgang vom 10. Mai war das Vorspiel zur Palastrevolution. Die Kanzler der 3 Kaiser-Mächte konnten nicht umhin, diesen Vorgängen ihre besondere Aus- merksamkeit zuzuwenden n. das Resultat ihrer Be- rathungell über die Türkenfrage war das Berliner Memorandum vom 13. Mai. Dasselbe enthielt die ernste Warnung an die Pforte, den von ihr Lurch Annahme der Andrassyschen Note überkommenen, bisher unerfüllt gebliebenen Verpflichtungen zu entsprechen; des Sultans Regierung solle eine directe Verständigung mit den Insurgenten suchen und zu diesem Zwecke mit ihnen auf 2 Monate Waffenstillstand schließen; lause auch diese Frist resultatlos ab, so müßten die Mächte sich über wirksame Maßregeln, damit die Empörung nicht weiter greife, verständigen; die von Gortschakow, der jetzt überhaupt anstatt Andrassy in den Vordergrund trat, für diesen Fall vorgeschlagene Besetzung Bosniens durch die Österreicher lehnte Andrassy unbedingt ab. Dem Memorandum traten Frankreich und Italien sofort bei, England aber verweigerte 19. Mai den Beitritt, da die Autorität der Pforte durch das Memorandum leide u. der Vertrag von 1856 durch dasselbe verletzt werde. Am 23. Mai verwarf der große Ministerrath vom Großvezir, Midhat Pascha u. Hussein Avni geleitet, das Memorandum als unannehmbar, noch ehe es überreicht war, was 30. Mai geschehen sollte, aber infolge der Thronveränderung unterblieb. Um dem Proteste Nachdruck zu geben, erschien 24. Mai eine Panzerflotte unter Admiral Drum- mond in der Besika Bai u. zählte bald 20 Fahrzeuge mit 5000 Mann. Abdnl-Aziz fühlte sich auf dem Thron wankend, seitdem das neue Ministerium im Amte war u. Jgnatiew rieth ihm, auf Rußland zu bauen; 14. Mar ließ der Sultan den präsumtiven Thronerben Mehemcd-Murad-Effendi u. seine 5 Brüder verhaften u. in einem Theile des Palastes streng bewachen. Midhat Pascha aber, der sich mit dem Thronfolger genügend in Contact gesetzt und am neuen Scheik-ül-Jslam einen Sklaven hatte, gewann den Kriegsminister Hussein Avni mehr und mehr für seine Ümsturzpläne. In Constantinopel herrschte eine solche Gährung, daß der Sultan den Palast nicht mehr verließ u. Niemanden empfing. Midhat u. Hussein Avni zogen den Großvezir an sich, ebenso den Marineminister Kaisarly Achmed, der Scheik-ül-Jslam erließ ein Fetwa, daß den Sultan als wahnsinnig und unfähig des Thrones erklärte. Der Kriegsminister holte den Thronerben ins Seraskierat ab, ging mit Truppen nach dem Paläste Abdul-Aziz' 30. Mai, kündigte ihm seine Entthronung an und führte ihn nebst Mutter, Frauen und Kindern in sichern Gewahrsam nach dem Palaste Top Kapu. Das Volk blieb ruhig und war offenbar mit dem Thronwechsel einverstanden, das Fetwa des Scheik-ül-Jslam gab dem Aete eine religiöse Weihe. Für Rußland war der Thronwechsel eine große Niederlage, denn der Thronerbe haßte es n. hielt sich an England u. dessen Botschafter Elliot. Auf Abdnl-Azizs dringende Bitten brachte man ihn von Top Kapu nach dem Palaste Tscheragan u. hier soll er 4. Juni sich entleibt haben, doch ist wol mit Bestimmtheit zu sagen, daß er ermordet worden sei. Das Triumvirat Mehemed Ruschdi Pascha, Midhat Pascha u. Hussein Avni Pascha erhob den ältesten Sohn Abdul-Medjids, Mehemed-Mnrad-Effendi, den die englische Presse als ein Wunder von Fähigkeiten ausposaunte, als Sultan M nrad V. auf den Thron, auf dem er eine bloße Puppe war. Er bestätigte die Minister u. Beamten 1. Juni im Amte, versprachzugleich bahnbrechende Reformen,ohne das Wort Constitution noch zu gebrauchen, gestand allen Unterthanen volle Freiheit zu, strich 5H Mill. N von seiner Civilliste u. gelobte Ordnung in die Finanzen zu bringen. Die Vasallenstaaten u. die Mächte erkannten Mnrad alsbald an, aber Serbien zahlte 31. Mai seinen fälligen Tribut nicht. Am 5. Juni wurde Midhat Pascha Präsident des Staatsrathes u. Tags darauf begannen die Ministerialberathnngen über Erlaß einer Art Verfassung, die für das ganze Reich constitionelle Einrichtungen bringen sollte, doch zeigte sich bald, dieselben würden nicht so rasch zum Resultate gelangen. Am 7. Juni erließ Mnrad eine Amnestie und sechswöchige Waffenruhe für die Insurgenten in Bosnien n. Herzegowina, während deren sich die türkischen Truppen concen- triren u. Niksich verproviantiren wollten; die Pforte sprach gleichzeitig aus, sie erwarte, daß die Mächte ihr bei ihren ausgedehnten Reformen nicht vorgrei- 636 Türkisches Reich (Gesch.). fen würden. Da Bulgariens Rebellion durch Ab» dul Kerim Pascha überwunden war, forderte das T. R. in einem Ultimatum von Serbien 9. Juni Abrüstung u. der Fürst erklärte seine friedfertigen Gesinnungen in nachgiebigem Tone; trotzdem schloß er ein Bündniß mit Rumänien gegen die Pforte. Die Unterdrückung der Bulgaren war bis Mitte Juni in der grausamsten Weise erfolgt; Tausende Unschuldiger wurden hingemordet u. Hunderte von Dörfern eingeäschert und die Pforte belohnte ihre Henker reichlich, anstatt sie zu züchtigen; in Kreta gährte es von Neuem gegen die türk. Verwaltung. MiLhat, die Seele der Reformpartei, lag von den ersten Tagen Murads V. an mit Hussein Avni, der von seinen constitutionellen Träumen nichts wissen wollte, in Fehde, während Murad V. vom 10. Tage seiner Regierung an öiner unheilbaren Gehirnkrankheit litt, weshalb die Säbelnmgürtungs-Ceremonie unterblieb. Hussein Avni führte gegen Midhat einen Schlag ans, indem der Scheik-ül-Jslam 9. Juni die Sofias, Midhats leichte Truppe, zur Ruhe verwies u. ihnen Waffen zu tragen verbot; auch sorgte er dafür, daß das Ministerium den Constitntions- entwurf Midhats arg zurichtete. Midhat stützte sich auf Elliot n. der Großvezir unterrichtete 10. Juni die Gouverneure der Provinzen davon: die Gesetze, auf Lenen das neue Regierungssystem beruhen sollte, würden jetzt nach dem im Hat des Sultans vom 1. Juni ausgesprochenen Principien berathen, während die alten Verordnungen ab geschafft seien; in Überhast wurden somit die neuen Gesetze, bevor sie verfaßt waren, zur Herrschaft gebracht u. die alten beseitigt u. cs galt mittlerweile natürlich kein Gesetz. Während einer nächtlichen Sitzung desMinister- rathes in Midhats Hanse, 15./16. Juni, drang ein entlassener tscherkessischer Oberst Hassan Bey ins Zimmer, erschoß die Minister des Krieges u. den des Äußeren, Hussein Avni u. Raschid Pascha, verwundete den Marineminister Kaisarly Achmed und ließ nur Midhat unberührt. Hassan Bey starb am folgenden Tage an seinen Wunden im Gefängnisse, ohne Geständnisse zu machen und seine Leiche wurde gehängt, auf Midhat aber blieb der Verdacht ruhen, er habe Hassan gedungen; jetzt war er seines mächtigen Nebenbuhlers, Hussein Avnis, ledig. Kriegsminister wurde Abdul Kerim Pascha. Die Insurgenten der Herzegowina erklärten 27. Juni den Fürsten von Montenegro u. die Bosniens 28. Juni den von Serbien zu ihrem Herrn und, nachdem bereits 1. Juli die Feindseligkeiten begonnen, erklärten Serbien u. Montenegro 3. Juli dem T. R. ojficiell den Krieg (s. über denselben Serbien, Montenegro, Russisch-Türkischer Krieg von 1876). Das Bekanntwerden der türkischen Greuelthaten in Bulgarien rief einen Umschwung der öffentlichen Meinung in England gegen eine Unterstützung des T. R. hervor, überall in England tagten Eutrüst- ungsmeetings und Gladstoue schleuderte die Schrift LulAurian atroeitios gegen die Türken, deren Entfernung aus Europa fordernd. Der Krieg nahm der Pforte jede Möglichkeit zur Finanzverbesserung und 1. Juli wurde abermals der fällige Coupon der Staatsschuld nicht bezahlt. — Rumäniens Haltung wurde immer bedenklicher (s. Rumänien, Gesch.).— Unterdessen arbeitete Midhat au seiner Verfassung fort und ihr Entwurf wurde 17. Juli dem großen, Pfortenrathe vorgelegt, der ihn vorerst im Principe genehmigte. Bei Murads V. Unzurechnungsfähigkeit, die später von der Regierung officiell eingestanden wurde, konnten aber so weit tragende Reformen nicht ausgeführt werden, der Großvezir vertagte darum die weiteren Berathungen, die Regier- s ung verbot 4. Ang. bei schwerer Strafe jede öffentliche Besprechung des Verfassungsprojectes u. schob es bei Seite; 10. August protestirten die Sofias in einem Schreiben an Midhat gegen die von ihm im Berfassungsprojecte beabsichtigte Gleichstellung von Moslemin u. Christen. In ihrer großen Finauznoth beschloß die Pforte 26. Juli die Ausgabe von2Mill. Psd. St. Papiergeld mit Zwangscours u. 14. Nov. die Ausgabe einer weiteren Serie Papiergeld. Am 15. Ang. beschloß die Pforte die gründliche Reorganisation des Staatsrathes, in dem auch zwei a» menische Katholiken saßen — Midhat unternahm einstweilen diese Reform, auf eine neue Ära hinar- beitend; er schloß sich immer enger an Elliot au, dieser näherte ihm den Großvezir Mehemed Ruschdi u. 17. Ang. kam eine Commission zu Wege, welche präsidirt vom Minister der öffentlichen Arbeite», Server Pascha, mit der Ausarbeitung eines Programms für die in der allgemeinen Landesverwaltung einzuführenden Reformen beauftragt wurde; sie bestand aus 5 Mohammedanern und 3 Christen. Midhat bestand darauf, der Thron müsse mit einer regierungsfähigen Person besetzt werden, Elliot unterstützte ihn, damit Friedensverhandluugen eröffnet > u. überhaupt wichtige Fragen erledigt werden könn- ! ten. Schließlich ließ sich auch der Großvezir von s Midhat überreden u. der Scheik-ül-Jslam war rasch gewonnen. Da der geisteskranke Murad V. sich absolut um die Regierung nicht kümmerte, beschloß der Pfortenrath 25. Ang. seine Absetzung, der Scheik-ül- Jslam erließ ein diesen Act billigendes Fetwa und ! 31. Ang. 1876 wurde anstatt Murads sein nächster Bruder (geb. 22. Sept. 1842) Padischah als Abdul-Hamid II. i Abdul-Hamid II., dem man abermals alle erdenk- ! lichen Tugenden znschrieb, ließ sich 1. Sept. in der Ejnb Moschee huldigen und schon 7. Sept. mit dem Schwerte nmgürten, d. h, krönen. In seinem ersten ! Hat vom 10. Septbr. sprach er sich entschieden für ^ durchgreifende Reformen in der Verfassung u. Verwaltung des Reiches aus. Die Mächte gaben sich mittlerweile alle Mühe, für den Frieden zu wirken, indessen Rußland und Rumänien sich immer verdächtiger benahmen. Die Pforte theilte den Mächten die an Serbien gemachten Friedensvorschläge u. daraus 14. Sept. officiell ihre Friedensbedingungen an Serbien mit — gleichzeitig erklärte sie sich bereit, mit Montenegro auf Grund des stabus guo auts bsllum Frieden zu schließen. Serbien lehnte die Bedingungen noch 14. Sept. ab, (s. Serbien, Gesch.) u. die Mächte ignorirten sie in ihrer Antwort vom 23. Sept. total. Am 16. Sept. ^ trat eine lOtägige Waffenruhe ein, die später bis 2. Oct. verlängert wurde. Bisher ruhig, beschwerten sich die Armenier in Coustantinopel 20. Septbr. bei dem Großvezire über die zahlreichen Gewaltacte der Redifs u. der muselmännischen Bevölkerung im Innern Anatoliens u. stellten in sieben Punkten ihre Wünsche u.Fordernngenaus. Am26.Sept.ließ Lord Derby durch den Botschafter Elliot seine von den üb- 637 Türkisches Reich (Gesch.). rigen Mächten im Allgemeinen gebilligten Friedensbedingungen der Pforte vertraulich zngehen; sie bestanden in: noch näher zu bestimmender Autonomie für Bosnien u. Herzegowina, Garantie gegen künftige Mißvcrwaltung Bulgariens u. Wiederherstellung des früheren Status in Serbien u. Montenegro. Die Pforte aber antwortete ausweichend, Midhat mochte besonders von der Autonomie nichts hören u. 30. Sept. lehnte die Pforte Derbys Bedingungen ab. Um diesen Bedingungen ausznweichcn, kam sie 27. Sept. auf das Versassungsproject zurück u. beschloß die Errichtung eines aus 30 Muselmanen und 30 Christen bestehenden Reformrathes, der sich mit den von den Mächten geforderten Reformen beschäftigen sollte; sie selbst wollte die Initiative der Reformen ergreifen u. sie für das ganze Reich durchführen. Rußlands Vorschlag: Österreich solle Bosnien, Rußland Bulgarien besetzen n. England eine Flottendemonstration im Bosporus machen, wurde in London n. Wien zurückgewiesen. Am 2. Octbr. beschloß der Große Pfortenrath die Zusage von Reformen für Bosnien, Herzegowina und Bulgarien u. die Unterzeichnung eines die Pforte gegenüber den Mächten bindenden Protokolls abzulehnen, denn die für das ganze Reich zu erlassende Verfassung müßte auch den drei Provinzen u. gegenüber den Mächten genügen. Die Muselmanen besonders in der Residenz zeigten die gereizteste Stimmung u. die Ulemas stachelten ihre religiösen u. politischen Gefühle immer mehr an. Wie gleichzeitig in Rußland, so wurde jetzt im T. R. der Krieg zum Glaubenskriege gestempelt. Am 3. Oct. lud Rußland durch Circulardepesche die Mächte ein, der Pforte einen 2monat- lichen Waffenstillstand aufzuerlegen, damit sie unterdessen sich über weitere Schritte einigen könnten. Indessen die Pforte Bosnien eine Reihe Wohlthaten versprach, suchten die Mächte dieselbe zu einem längeren Waffenstillstände zu drängen. Elliot forderte in höchst entschiedener Weise einen Waffenstillstand von mindestens 4 Wochen u. drohte im Weigerungsfälle Constantinopel zu verlassen, da dann die Pforte ihrem Ruine entgegen gehe. Aber erst, nachdem Elliot in besonderer Audienz dem Sultane die Forderung empfohlen, beschloß ein großer Divan 10. Oct. einen Waffenstillstand bis zum 15. März 1877 einzngehen, — hiermit war für die Pforte viel gewonnen n. Midhat Zeit für Ausführung seiner Reformen gegeben. Indem die Pforte Len Mächten ihren formellen Vorschlag eines Waffenstillstandes bis zum 15. März überreichte, fügte sie eine Note bei, ausschließlich die beschlossenen Reformen betref- send,nämlich: Einführung eines Zweikammersystems, Abänderung des Vilajet-Gesetzes im Geiste der allgemeinen Decentralisation, Bildung von Proviu- zialverwaltungsräthen und die Reorganisirung der Polizei. Rußland verwarf den 6monatlichen Waffenstillstand und Jgnatiew bestand 21. Oct. auf einem Waffenstillstände von 6 Wochen, auf der Autonomie Bosniens, der Herzegowina u. Bulgariens und auf Garantien. Von allen Mächten gedrängt, erklärte sich die Pforte 30. Octbr. zu einem 2monatlichen Waffenstillstände bereit mit zwei Verlängerungsfristen von je 6 Wochen, falls die Friedensverhandlungen solche nothwendig machen sollten. Da verlangte noch an demselben Tage, auf eine Depesche aus Livadia hin, Jgnatiew von der Pforte, sie solle binnen 24 Stunden einen Owöchentlichen Waffenstillstand annehmen n. die Feindseligkeiten einstellen oder er werde die diplomatischen Beziehungen ab- brecheu. Auf dies Ultimatum antwortete der Minister des Äußern, Safvet Pascha, 1. Nov. durch Annahme des 2monatlichen Waffenstillstands, während Rußlands Kriegslast offenkundig war. Anfangs Novbr. publicirten die Blätter eine Analyse des von der Regierung vorbereitetenu. invielen Berathungen vorläufig genehmigten Verfassungsentwnrfes fürs Reich u. eines Wahlgesetzes für die Zweite Kammer und 7. Nov. beschloß die Pforte die Errichtung eines statistischen Bureaus. Rußland bestand darauf, die Großmächte sollten sofort auf einer Conferenz die von dem T. R. zu erfüllenden Bedingungen feststellen, ohne Beiziehung eines türkischen Bevollmächtigten. Lord Derby hingegen lud in einem Rundschreiben an die englischen Gesandten bei den Großstaaten die letzteren zu einer Conferenz in Constantinopel 4. Novbr. ein, bei der auch das T. R. vertreten sein sollte und schlug als Grundlagen für deren Verhandlungen vor: die Unabhängigkeit u. territoriale Unverletzlichkeit des Os- manischen Reiches, eine Erklärung, daß die Mächte nicht beabsichtigten, für sich irgend welche Vortheile zu suchen, welche nicht in gleicher Weise auch den anderen Mächten zu Gute kämen, die englischen Friedensvorschläge vom 21. Sept., die Elliot 26. Sept. der Pforte mitgetheilt (s. oben). Der Eröffnung der Conferenz sollte eine Präliminarconferenz mit Ausschluß der Pforte vorangehen. Am 8. Novbr. legte Elliot diese Vorschläge der Pforte vor u. trotz Rußlands Rüstungen erklärten sich alle Mächte 15. Nov. mit dem englischen Projecte einverstanden, nur die Pforte machte Schwierigkeiten, ließ sich aber durch Englands Drängen bewegen, 18. Nov. ihre Bethei- ligung an der Conferenz auszusprechen. Der Sultan ernannte Midhat Pascha zum ersten u. Edhem Pascha zum zweiten Conferenz-Bevollmächtigten. Am 21. Nov. erklärte der Großvezir, die Verfassung des Reiches werde gewiß noch vor dem Beginne der Conferenz fixirt u. veröffentlicht u. 22. Nov. wurde sie ihm von der Verfassungscommissiou überreicht. Selbstzufrieden wies Abdul-Hamid 25. Nov. Elliot auf den guten Willen hin, den er durch den Befehl, eine Verfassung für sein Reich auszuarbeiten, den Mächten gezeigt; dabei betonte er entschieden, er würde sich allen Maßnahmen widersetzen, welche im Geringsten seiner Sonveränetät Abbruch thun könnten u. er würde nie einigen Provinzen den Vorzug vor den anderen geben, ihnen besondere Concessionen machen rc. Somit stellte sich die Unmöglichkeit einer Verständigung über die Reformen u. die Garantiesrage von vornherein heraus u. Rußland schob alle Schuld auf die Halsstarrigkeit der sich ihrer Haut wehrenden Pforte — letztere wies in ihrer Antwort ans die Mobilisirungsordre Rußlands die Verantwortlichkeit für die Zeitlage 30. Nov. von sich. Seit 28. Novbr. berieth der Pfortenrath den definitiven Berfassungsentwurf, der Großvezir setzte Manches daran aus, es trat eine Art Ministerkrisis ein und derEntwurfwurdewesenklich beschnitten. DiePforte, die es sehr eilig hatte, ihre Reformlust Europa zu beweisen, befahl, obgleich die neue Verfassung noch nicht ssstgestellt war, 16. Dec. den Statthalternder Provinzen, die Vorbereitungen für die Wahl der 638 Türkisches Reich (Gesch.). Abgeordneten zur Zweiten Kammer zu treffen. — Am 12. Dec. begannen in Constantinopel unter Jg- natiews Vorsitz und unter Ausschluß des T. R. die Vorconferenzen, die 20. Dec. abschlossen; Rußland gab, so viel es ihm möglich schien, bei denselben nach u. England kam ihm entgegen, um die Pforte durch Pression zum Frieden zu bestimmen. Serbien u. Montenegro sollten etwas erweitert und für die Ordnung der Verhältnisse in Bosnien und Herzegowina einerseits, in Bulgarien anderseits zwei Subcommissionen eingesetzt werden; Bosnien und Herzegowina sollten ein Vilajet, Bulgarien aber zwei mit den Hauptstädten Tirnowa n. Sophia bilden; die Kantone sollten die administrative Einheit darstellen, 5—10,000 Seelen umfassen u. möglichst so eingelheilt sein, daß sie nnr von Christen od. nur von Mohammedanern bewohnt würden—der Kan- tonalrath hatte Maire u. 2 Beisitzer ans sich zu wählen; mehrere Kantone bildeten ein Sandschak unter einem von der Pforte ernannten Mutessaris, der je nach der Zusammensetzung der Bevölkerung Christ oder Mohammedaner sein sollte; jedem Vilajet sollte ein Generalgouverneur (Bali) vorstehen, der unter Zustimmung der Garantiemächte von der Pforte auf 5 Jahre ernannt würde und in den drei benannten Vilajets Christ sein müßte; ihin zur Seite sollte eine Provinzialvertretung stehen, die für Bosnien zu je H aus Mohammedanern u. Griechisch-Orthodoxen u. zu ^ aus Katholiken bestehen sollte; aus ihr ginge der besoldete Verwaltungsrath hervor; von den Steuern sollten wenigstens 70°/„ für die betreffende Provinz verwendet werden, als höchstesGerichtsollte ein Appellationshof dienen, dessen Mitglieder und Präsident von der Pforte unter Zustimmung der Großmächte ernannt würden; neben den türkischen Truppen, die nur in den Festungen und größeren Städten garnisoniren dürsten, sollte in den 3 Vilajets eine Gendarmerie und in Bulgarien überdies eine Miliz sormirt werden, Tscherkessen-Ansiedelungen müßten unterbleiben; über der Ausführung all dieser Reformen sollte eine internationale Commission ein Jahr lang wachen u. ihr eine Special-Gendarmerie zur Verfügung gestellt werden, die aber 8000 Mann nicht überschreiten dürste und sich aus europäischen Heeren recrutirte — Belgien lehnte ab, daß es dieselben stellen sollte. Nach Schluß der Vorconferenz erfolgte ein Cabi- uetswechsel. Der Pfortenrath beschloß 22. Decbr., von Midhat inspirirt, die jüngst ausgelassenen Artikel wieder in die Constitution aufzunehmen und da der Großvezir Mehemed-Ruschdi dagegen war, wurde an seiner Stelle Mirchat Pascha Großvezir. Die von ihm nach belgischem Mnster bearbeitete Verfassung wurde 23. Dec. 1876 in Constantinopel u. den Provinzen feierlich verkündet u. vom Minister des Äußern, Sasvet Pascha, in einem Rundschreiben an die türkischen Gesandten in den Grundzügen skizzirt; auf dem Papiere entsprach sie den modernsten europäischen Anschauungen über constitutionelle Verfass- ungsprincipien (s. o. Versassung). Indem die Pforte gerade jetzt die Verfassung veröffentlichte, wahrend dieConferenz zusammen trat, erklärte sie sich gegen das Vorhaben des christlichen Europa, ihre Reformversprechuugen zu überwachen; sie wollte nicht unter dessen Vormundschaft gestellt werden. Der Conserenz der Mächte, welche 23. Dec. begann, präsidirte Sasvet Pascha u. die türk. Bevollmächtigten nahmen die Beschlüsse der Vorconferenz , die theilweise mit der neuen Verfassung unvereinbar waren, einfach aä rokoronckum entgegen. Midhat suchte der Negierung eine feste Haltung zu verleihen u. wollte darum 27. Dec. die Bankerotterklärung des T. R. vom 6. Oct. 1875 rückgängig machen. LordSalisbury hingegen, Englands außer- ordentlicher Bevollmächtigter, beschwor Abdul -Hamid 27. Decbr., das von der Conserenz beschlossene Programm anzunehmen, da im Falle der Ablehnung die Pforte von England nichts zu hoffen habe. Trotzdem brachten die türk. Bevollmächtigten in der zweiten Sitzung der Conserenz, 28. Dec., Gegenbemerkungen vor — ihr Vorschlag, den Waffenstillstand mit Serbien u. Montenegro, der 1. Jan. 1877 ablief, auf 2 Monate zu verlängern, wurde angenommen, aber sehr unangenehm berührte, daß die Türken die ausschließliche Ernennung christlicher Gouverneure, die Errichtung einer gemischten Miliz, die internationale Ueberwachungscommission, die Abtretungen an Serbien u. Montenegro u. die Umwandlung des Zehnten in eine Grundsteuer verwarfen und um augenscheinlich zu machen, daß die Pforte auf Englands Hilfe nicht zählen könne, ging die engl. Flotte auf Salisburys Befehl 28. Dec. aus der Besikabai nach Athen ab. In der 4. Sitzung 1. Jan. 1877 erklärten die Delegirteu der sechs Großmächte, falls die Pforte bei der Ablehnung ihrer Vorschläge beharre, so sei ihre Arbeit zu Ende; hieraus erwiderten Savset u. Edhem kühl, sie feien zu keinen weiteren Concessionen befugt u. der Bruch schien entschieden. Jgnatiew bat Savset um Erlaubniß, auf seinem Dampfboote die russische Botschaft nach Odessa zu bringen u. Salisbury versicherte Midhat, die De- ! legirten verließen die Hauptstadt, falls die Pforte > nicht nachgebe. Einstimmig lehnte 3. Jan. der türk. Ministerrath ab: die Vergrößerung Serbiens und Montenegros, die Errichtung von zwei bulgarischen Vilajets, die Anerkennung der Volkssprache in jedem Districte als amtliche Sprache, die Ablieferung von nur 30 der Einkünfte der 3 Provinzen an die Staatskasse u. Verwendung des Restes für öffentliche Arbeiten, die Municipalpolizei u. die thatsäch- lichen Garantien. Dies wurde der Conserenz in der 5. Sitzung 4. Jan. amtlich kund gethan. Man erwartete nun ein Ultimatum an die Pforte, stattüessen vertagte sich die Conserenz bis zum 8. Jan., an den Beschlüssen der Vorconferenz fest haltend. Italiens Plan, ohne die türk. Delegirteu zu tagen, drang nicht durch und die Pforte fand noch immer einen gewissen Rückhalt an England, wenn auch die Sendung Odian Effendis nach London, um das Cabinet Derby ganz zum T. R. hin zu ziehen, scheiterte. Am 8. Jan. in der 6. Sitzung legte der ital. ^ Delegirte, Graf Corti, die Nichtigkeit der türkischen ! Gründe dar u. Salisbury unterstützte ihn; das von Jgnatiew geforderte Eingehen in die Specialdebatte verweigerten Edhem u. Savset. Ebenso resnltatlos war die 7. Sitzung 11. Jan. und alle Delegirteu ließen darum in der 8. am 15. Jan. wesentlich mildere Forderungen durch Salisbury als Ultimatum überreichen. Die Mächte standen nach demselben ganz ab von der internationalen Gendarmerie, von der Kantonirung der türk. Truppen u. von der ^ Theilung Bulgariens in zwei Vilajets; ob Zwornick Türkisches Reich (Gcsch.). 639 an Serbien abgetreten werdensollte, blieb in Schwebe u. an Montenegros Vergrößerung wurde reducirt; die Bestätigung der Valis in den zu pacificirenden Provinzen sollte nur während der ersten 5 Jahre den Mächten zustehen und anstatt der europäischen Controlcommission eine gemischte europäisch-türkische Commission eingesetzt werden. Nach Ueberreichung des Ultimatums erklärten Salisbury und nach ihm alleDelegirte: falls diePfortedasselbenichtannähme, würden sie Constantinopel verlassen. Savfet Pascha beugte sich nicht, behielt sich eine definitive Antwort vor, bezeichnete es aber im voraus als unmöglich, daß der große wegen der Antwort einzuberusende Divan die Controlcommisfion und die Gouverneur- frage zugeben würde. Savset täuschte sich nicht; 18. Jan. traten über 200 Würdenträger zum Großen Divan zusammen u. beschlossen einstimmig, das Ultimatum abzulehnen, unter dem Rufe: „Lieber Tod als Entehrung!" In der letzten Sitzung der Confe- renz, 20. Jan., wurde von Savfet Pascha die ablehnende Note der Pforte verlesen, Jgnatiew walzte die volle Verantwortlichkeit für alle Folgen auf letztere, 21. Jan. Unterzeichneten alle Delegirten das Schlußprotokoll der Confereuz u. nur Geschäftsträger zu- rücklassend, gingen die fremden Delegirten von Con- stantiuopel in den nächsten Tagen ab. Auf Englands Antrieb zeigte sich die Pforte nachgiebig gegen Serbien u. Montenegro, Midhat forderte beide Fürsten 26. Jan. aus, in Friedensverhandlungen einzutre- ten; beide erklärten sich bereit, wünschten aber die Verhandlungen in Wien geführt zu sehen, was nicht erfüllt wurde. Die 5. März mit Montenegro eröff- neten Friedensverhandlungen in Constantinopel führten zu keinem Resultate, seine Forderungen erschienen unannehmbar u. 13. April reisten seine Bevollmächtigten ab. Mit Serbien wurde 28. Febr. der Friede auf dem vollständigen stutus guo ante abgeschlossen (s. Serbien, Gesch.). Abdul-Hamid mochte fürchten, Midhat könne zu mächtig werden u. die ihm selbst entzogene absolute Gewalt zu sehr usurpiren und sein Schwager, Mahmud Damat Pascha, Midhats Feind, bestärkte ihn hierin. Er berief darum Midhat 5. Febr. nach dem Palaste, wo ihm seine Absetzung rund mitgetheilt wurde; als staatsgesährlich wurde der Vater der Verfassung auf eine Macht gebracht, auf der Insel Metelin (Lesbos) ans Land gesetzt u. ging dann nach dem westlichen Europa. Großvezir wurde Edhem Pascha u. die Verfassung blieb in Geltung. Am 8. März betonte die Pforte in einer Depesche an England ihren Entschluß, die Reformen ohne Verzug mit allem Eifer durchzusllhren, indessen die Deputaten zum ersten Parlamente bereits in der Residenz eintrafen; England bemühte sich nun, Rußland, das, wenn es gerüstet gewesen wäre, am liebsten sofort losgeschlagen hätte, dahin zu bestimmen, daß es der Pforte für die Ausführung der Reformen etwa ein Jahr Frist gewähre und mittlerweile abrüste. Am 18. März ernannte der Sultan die Mitglieder des neuen Senates, worunter auch mehrere Christen u. 19. März 1877 eröffnete er das erste ottomanische Parlament mit einer Thronrede, auf die dasselbe 27. März eine sehr national gehaltene Antwortsadresse votirte; dem Auslande gegenüber erwies es sich als Stütze der Regierung, wenn es auch im Ganzen den Eindruck einer Nachäffung Westeuropas unter einem gänzlich unparlamentarischen Volke machen mußte. lieber Jgnatiews Rundreise und das Londoner Protokoll, s. Rußland, Gesch. Am 3. und 4. April wurde der Pforte von Rußland und England das Londoner Protokoll überreicht und alle Großmächte empfahlen ihr dringend seine Annahme nebst der Absendung eines Specialbevollmächtigten nach Petersburg; sie aber lehnte die Annahme des Protokolls 9. April ab; Tags darauf erklärten sich beide Kammern des Parlamentes nochmals gegen jede Gebietsabtretung an Montenegro. England hatte vergebens gegen die Ablehnung des Londoner Protokolls bei der Pforte gearbeitet. DasT.R. fühlte,daßnunderKrieg mit Rußland unvermeidlich sei u. 14. April ging Abdul Kerim Pascha als Oberfeldherr aller Streitkräfte in Europa gegen Rußland nach der Donau ab. Am 21. April traf der Whig Layard als engl. Botschafter in Constantinopel ein, auch Deutschland u. Oesterreich sandten wieder Botschafter, etwas später Italien; nur Frankreich unterließ es. Layards Bemühungen,eine freundschaftliche Bermitteluug der Mächte zu bewirken und Italiens Vorschlag, die Pforte solle einen Gesandten ins russische Hauptquartier senden, blieben erfolglos. Als dann die Pforte die Mächte 23. April um Vermittelung ansprach, war es zu spät — Rußland erklärte 24. April ihr den Krieg. (Über denselben s. Russisch-Türkischer Krieg.) Im Mai schloß sich Rumänien Rußland gegen das T. R. an, am 8. Mai wurden dem rumänischen Bevollmächtigten in Constantinopel die Pässe von der Pforte zugestellt u. 21. Mai erklärte sich Rumänien für unabhängig. In Rumänien, Serbien u. Griechenland regten sich Kriegsgelüste gegen die Pforte; letzteres hoffte bei dem Zusammenbruche des Gebäudes Thessalien, Epirus u.Makedonien zu erbeuten u. schürte trotz Englands Einsprache die Unruhen in Thessalien u. Epirus; nur weil Rußland ihm nicht thätig beisprang, unterließ es den offenen Krieg. Das T. R. Hinwider unterstützte gegen Rußland die Aufständischen im Kaukasus. In Kreta rührte sich wieder die christliche Bevölkerung u. forderte 25. Mai für die Insel als autonomes Land eine Sonderstellung. Am 19. Mai beschloß LieZweite Kammer einstimmig eine Anklage gegen den als Russenfreund bekannten Ex-Großvezir Mahmud Nedim Pascha. Gleich der öffentlichen Meinung in Constantinopel verlangte eine Deputation der Sofias an die 2. Kammer 24. Mai die Absetzung des Kriegsministers Redif Pascha u. des Directors des Artillerie- und Festungswesens, Mahmud Damat Pascha, des bei dem Sultan hochbegünstigten Schwagers des Letzteren. Als Antwort auf Liese Kundgebung verhängte die Regierung den Belagerungszustand über Constantinopel. Nun bildete sich dort unter Mahmud Damat eine Art Hofkriegsrath, der vom grünen Tische aus die Operationen der Heere leiten wollte. Im Juni trasen aus den Provinzen nur noch sehr wenige Truppen in Constantinopel ein, mit der überall angeordneten Anwerbung von Freiwilligen ging es sehr schlecht voran, überall fehlte es an Kriegstauglichen u. die Christen entzogen sich total dem Kriegsdienste, in Kreta offen der Regierung trotzend. Am 2.Juni begann in der türkischen 2. Kammer die Debatte über das Budget; auf der Ministerbank saßen zwar gelangweilt einige Mini- 640 Türkisches Reich (Gesch.). ster, doch vom Finanzministerium war wunderbarer Weise Niemand zu sehen; mehrere Deputirte griffen unverblümt die Finanzpolitik an. Am 9. Juni genehmigte die 2.Kammer eine innere Zwangsanleihe von 6 Mill. Pf. Kaimes (Kassenscheine); der Senat lehnte die Herabminderung des Budgets durch die 2. Kammer seinerseits 21.Juni ab, diese nahm dann das Budget unter Anfrechthaltung der Reductionen an u. 28. Juni endete die erste Session des Parlamentes, welches sich bei der liderlichen hohen Be- amtung gründlich verhaßt gemacht hatte—von allen Beschlüssen des Parlaments hatte der Sultan keinen sanctionirt, so daß er Gesetz geworden wäre. Nur das schließlich von beiden Kammern des ersten Parlaments votirte Budget erhielt die Sanction Abdul- Hamids u. wurde 18. Aug. vom Amtsblatts publi- cirt. Hiernach beliefen sich die regelmäßigen Ausgaben aus 29,470,990, die Einnahmen auf 19,725,345 türk. Pfd. u. das somit entstehende Deficit wurde durch Vertagung der Zahlung von Interessen u. Amortisationsquoten der äußeren Aulehen (außer der von 1855) beseitigt. Die außerordentlichen Ausgaben, 16,232,785 türk. Pfd., wurden gedeckt durch den aus dem Ordinarium in Folge der Nichtzahlung der Zinsen u. Amortisationen sich ergebenden Uberschuß, durch die innere Zwangsanleihe (s. ob.) u.durch Verdoppelung der Hammelsteuer. In Bulgarien hausten die Russen jetzt als Herren; Fürst Tscherkaski organisirte es. Gleichzeitig mit der Absetzung des Generalissimus Abdul Kerim Pascha erfolgte 22. Juli die des Kriegsministers Nedif Pascha, der mit dem Günstlinge Mahmud-Damat uneinig war, u. des Ministers des Äußeren Savfet Pascha. Minister des Äußern wurde Aarifi Pascha, schon 2. Aug. aber Server Pascha. Am 17. Aug. rief derGroßherr alle waffenfähigen Männer ohne Unterschied der Religion, vom 15.—40. Lebensjahre als „Nationalmiliz" unter die Waffen u. hoffte so seine Streitkräfte zu verdreifachen. Aber die verschiedenen christl. Consessionen u. die Juden machten hierbei große Schwierigkeiten u. leisteten beharrlich Widerstand, worauf dann 17. Sept. die Regierung alle Christen außer denArmeniern aus dem Staatsdienste entließ. Mitte August hatte auf Kreta ein Theil der Christen zu den Waffen gegriffen u. sich bei Apoko- ronos verschanzt. DaKreta fast ganz von türk. Truppen entblößt war, verhandelte der Gouverneur 21. Aug. mit Jenen. Die Pforte hatte durch den Eintritt Montenegros, Rumäniens u. Serbiens in die Action enorm zu kämpfen, um sich ritterlich gegen sie u. Rußland zu vertheidigen. Am 10. Nov. versuchte die Pforte die Aushebung aller waffenfähigen Männer vom 18.—60. Jahre und wer die zweite Hälfte der von ihr verdoppelten Steuern nicht sofort zahlte, wurde bis zur Zahlung eingesperrt — eine Maßregel der Verzweiflung. Die Pforte wollte den Krieg bis aufs Äußerste sortsetzen, die ganze Bürgergarde des Reiches mobilisiren u. eine Reservearmee von 150,000 Mann bilden, neuerdings die christlichen Unterthanen des Reiches bewaffnen u. einreihen u. einen Ausruf an alle Moslemin in Asien u. Afrika erlassen; am 24. Nov. approbirte der Sultan eine Jrade, die die Bürgergarde mobi- lisirte u. die Christen einzureihen befahl u. die öffentlichen Ausrufer verkündeten dieselbe noch bei Nacht in der Residenz. Nach der Capitulation von Plenum am lO.Dec. schlug auch Serbien gegen den Sultan los u. dieser begann sich nach Frieden zu sehnen. In einer Circnlardepesche vom 12. Dec. suchte die Pforte die Vermittlung der Mächte für einen Friedensschluß mit Rußland, aber auf der Basis ihrer Integrität nach; auf dieser war aber ) keine Verhandlung möglich, zumal Rußland erklärte sich entschieden dagegen. Am 13. Dec. wurde das vom 13.Nov. verschobene Parlament eröffnet u. die Thronrede des Sultans hob hervor, wie das Wohl des Reiches völlig auf der aufrichtigen Ausführung der Constitution beruhe, der leidige Krieg aber die Erfüllung mancher Reformen hemme. Am 24. Dec., an welchem der Sultan den Fürsten von Serbien für abgesetzt erklärte, erbot sich Lord Derby, falls Abdul-Hamid es wünsche, in Petersburg anzufragen, ob der Zar zu Friedensverhandlungen geneigt sei. Der Sultan ging gerne hierauf ein u. England stellte 27. Dec. in Petersburg die Anfrage. Gort- schakow antwortete 31.Dec. sehr höflich, lehnte aber Englands Vermittelung ab, versicherte, Alexander II. sei jederzeit bereit, direkte türkische Anträge zu empfangen, doch müßte die Pforte sich erst direct mit einem Gesuche um Waffenstillstand an die russischen Höchstcommaudireuden in Europa u.Asien wenden. Am 8. Jan. 1878 theilte Derby, da Gortschakow nicht hiervon abging, diese Eröffnung derPforte mit u. sie nahm sofort den Vorschlag an. Die Russen verzögerten aber die Übersendung der Instructionen an die beiden Höchstcommandirenden, um möglichst spät den Vormarsch auf Constantiuopel zu unterbrechen. Sie vernichteten auch die letzte feldtüchtige > Armee der Türken u. konnten unter den günstigsten Constellationen die Stillstandsverhandlunqeu beginnen. Server u. Namyk Pascha reisten als Bevollmächtigte ins russische Hauptquartier u. am 31. Jan. 1878 wurde in Adrianopel das Protokoll über die Friedensgrundlagen unterzeichnet: die Pforte sollte nicht nur Rußland durch Geld, Land od. sonstwie für seine Kriegskosten entschädigen, sondern sich auch mit Rußland über die Wahrung seiner Rechte u. Interessen im Bosporus u. an den Dardanellen verständigen. Bulgarien sollte in dem aus der Constanti- nopolitaner Conferenz stipulirten Umfange ein autonomer Vasallenstaat mit christlicher Regierung u. ohne türkische Garnisonen werden, die Unabhängigkeit Montenegros, Serbiens u. Rumäniens wurde anerkäuntu. ihnen vergrößerndeGrenzberichtigungen zugesichert, Bosnien u. die Herzegowina sollten eine autonome Verwaltung u. die anderen christlichen Provinzen ähnliche Reformen erhalten. Gleichzeitig wurde der Waffenstillstand u. eine Demarcations- liuie festgesetzt (s. Russisch-türkischer Krieg.) Jetzt machte Griechenland, weil es bei dem Friedenspro- jecte leer ausging, einen Angriff aus das T. R., es brachte nicht nur die Erhebung in Kreta, Epirus u. Thessalien zumAusbruche, sondern seine Truppen ! überschritten die Grenze — kaum aber näherte sich die türk. Flotte dem Piräus u. sah Athen sich von einem Bombardement bedroht, als Griechenland 7. Febr. den 5tägigen Krieg feige durch Heimberufung der Truppen beendete. In Kreta hingegen erfüllte der Aufstand bald das ganze Innere u. die thessalische Erhebung machte Len türk. Truppen viel zu schaffen. England sah anderseits mit Argwohn, daß Eon- 641 Türkisches N stantinopel wehrlos vor den Russen liege n. ließ trotz des türk. Protestes — Rußlands Einfluß überwog jetzt im Divan — am 13. Febr. einen Theil seiner Flotte die Dardanellen passiren. Rußland u. England, hierdurch einander feind, verständigten sich i 19.Febr. wieder, Bismarck übernahm als „ehrlicher Makler" die Führung der Friedensverhandlungen u. in San Stefano bei Constantinopel trafen die türk. Bevollmächtigten, Savfet Pascha — seit 19. Febr. anstatt Servers Minister des Äußern — u. Saa- dullah mit den russischen, Jgnatiew u. Nelidow, zusammen. Am 3. März wurde der Friede hier unterzeichnet, am 18. März ratificirte ihn der Zar. Er war sehr hart für das T. R., von dessen europäischer Halste wenig übrig blieb. Das selbständige Fürsten- thum Bulgarien wurde derart abgegrenzt, daß es von der Küste des Schwarzen Meeres bis Hakim- Tabiassi u. von der Küste des Archipels vom Buru- See bis zur Struma-Mündung reichte, von da aus lief die Grenze nach dem Meere westwärts bis zum Kastoria-See u. dann über Ochrida nach Norden bis zur Grenze des erweiterten Serbien. Serbien, Montenegro u. Rumänien wurden ganz unabhängige Staaten, die serbischen Grenzen wurden so weit nach Süden vorgerückt, daß nur ein schmaler Land- streisen Serbien von Montenegros neuer Grenze schied. Durch diesen schmalen Streifen blieben die Herzegowina u. Bosnien mit Albanien verbunden; ferner behielt die Pforte in Europa Rumelien mit Eonstantinopel u. Adrianopel n. ganz davon getrennt die Halbinsel Saloniki, Thessalien, Epirus u. Alba- > nien. Der Herzegowina u. Bosnien wurde der Zustand zugesichert, den die Constantinopolitaner Con- serenz ihnen versprochen; auch Kreta, Thessalien u. der Rest der Europäischen Türkei sollten neu organisirt n. den Wünschen der Bevölkerung dabei volle Rücksicht geschenkt werden. Bulgarien war von nun an eigentlich nur durch die Tributzahlung von der Pforte noch abhängig, die Einführung der neuen Verfassung u. ihre Überwachung wurden für zwei Jahre einem russischen Commissar übertragen, dem 50,000 Dl. zur Disposition gestellt werden sollten. Die Kriegsentschädigung an Rußland betrug 1400 Mill. Rvl. außer der aus 10 Mill. taxirten Schadloshaltnng von Privaten, doch sollten an Zahlungs Statt für 1100 Mill. Rbl. die Dobrndscha u. in Asien Arda- han, Kars, Batum, Bajesid und das Land bis zum Saganlu-Gebirge angenommen werden. Die Dardanellen u. der Bosporus blieben wie bisher auch im Kriege für neutrale Kauffahrteischiffe geöffnet; außerdem wurden noch verschiedene minder wichtige Bestimmungen getroffen, während an demselben 3. März die makedonischen Insurgenten eine provisorische Regierung bildeten u. die Vereinigung Makedoniens mit Griechenland unbekümmert um die Friedensverhandlnngen proclamirten. Österreich war der in San Stefano beschlossenen russischen > Machterweiterung sehr entgegen n. Andrassy schlug einen Congreß der leitenden Minister in Berlin vor, England machte große Schwierigkeiten n. forderte, Rußland müsse den großen Vertrag von San Stefano dem Congresse zur Prüfung vorlegen, ob er nicht Bestimmungen enthielte, die den Verträgen von 1856 u. 1871 widersprächen. Gortschakow wollte hiervon absolut nichts hören, es drohte Krieg mit England, auch Derbys Nachfolger, Lord Salisbury, PiererL Univerlal-ConversationL-kerikon. k. Aust. xr eich (Gcsch.). hielt an der englischen Forderung fest, Jgnatiew ging nach Wien, um ein Bündniß Österreichs mit England zu verhindern, Deutschlands Bemühungen, den Frieden zu vermitteln, schienen vergeblich. Der Sultan näherte sich Rußland, Englands Allianz nicht recht trauend, u. tauschte am 26. März Besuche mit demrussischenHöchstkominandirenden inEuropa, Großfürsten Nikolai, aus. Dessen Nachfolger Tottleben (s. d.) aber schob die russischen Stellungen Con- stantinopel noch näher. In dem T. R. sah es trostlos ans. Schnmla, Varna u. Batum wurden trotz des Vertrages vom з. März den Russen nicht eingeräumt u. die kriegerischen Lasen rüsteten sich in Asien gegen die Russen. Die Albanesen traten zusammen, um den Montenegrinern Podgoricza u. andere Orte nicht zukommen zu lassen; die Pomaken in Bulgarien überfielen in wildem Kleinkriege die Bulgaren u. Russen, in Thessalien u. Kreta war die Jnsurrection im vollen Gange. Schuwalows (s.d.) Reise führte aber jetzt zu dem Berliner Congresse. Demselben ging ein von Schnwalow u. Salisbury am 30. Mai unterzeichnetes Memorandum voraus, in welchem in Betreff Bulgariens bestimmt wurde: dasselbe solle nur bis zum Balkan autonom werden, in seiner Südhälste aber, die nach dem Ägäischen Meere wie nach dem Westen hin sehr verkleinert wurde, eine der Regierung der englischen Colonien ähnliche erhalten; der Psorte blieb dqs Recht Vorbehalten, unter Umständen ihre Truppen einrückeu zu lassen. In dem Memorandum wurde Englands, event. auch der anveren Mächte Mitwirkung bei der Reorganisation der griechischen Provinzen "u. Armeniens zugestanden, ferner die Versicherung ertheilt, daß die Kriegsentschädigung des T. R. nicht in Gebietsabtretung nmgewandelt и. Rußlands Grenze in Zukunft nicht weiter gegen die Asiatische Türkei vorgeschoben werden solle. Die Ausgabe, das T.R. vor den Gefahren der russischen Nachbarschaft zu behüten, sollte — so hieß cs — fortan besonders England zufallen. Von den Abtretungen in Asien verzichtete Rußland ans Bajesid u. das Thal des Alaschgerd, so daß die Handelsstraße nach Persien dem T.R. verblieb, welches dagegen die Provinz Khotur Persien überließ. Den Erwerb Bessara- biens durch Rußland gab Englandzu. Um dem russ. Einflüsse in Eonstantinopel dauernd denWegzu kreuzen, benutzte England noch vor Beginn des Berliner Congresses die Lage der Pforte; sein Botschafter Layard schloß 4. Juni mit ihr einen Vertrag ab, der England die militärische Besetzung Cyperns u. die Übernahme seiner Verwaltung gestattete, wogegen England sich verband, in Zukunft für die Integrität der Asiatischen Türkei mit den Waffen einzustchen; der Sultan versprach, in dieser Hälfte der Monarchie nach Verständigung mit England Reformen einzuführen; von Integrität der Europäischen Türkei war nicht die Rede, hierfür mochte Österreich ein- treten. Der Vertrag wegen Cypern sollte nur in Kraft treten, wenn Rußland auf der Erwerbung von Kars, Batum n. Ardahan bestehe — sonst erlöschen. Der Berliner Congreß zeigte die von ganz Europa eingestandene Schwäche u. Zerfallenheit der Pforte, für die sich Niemand mehr um ihrer selbst willen erwärmte; ihre Gesandten waren zu der traurigen Rolle verurtheilt, zu sehen u. ungehörl unterschreiben zu müssen, wie man um türkische Gebiete das Loos^ II. Band. 642 Türkisches Reich (Gesch.). warf. Der Sultan sandte als seine Bevollmächtigten den MuschirMehemed Ali Pascha n. den Minister der öffentlichen Bauten, den Griechen Karatheodory. Der Kongreß begann 13. Juni. In Betreff Bulgariens bestimmte er: seine Südgrenze wurde der Balkan, nur bei Sophia ging sie darüber hinaus, Südbulgarien erhielt Len Namen Ostrumelien, wurde vom Ägäischen Meere total abgeschnitten, u. auch an der Westgrenze wesentlich verkleinert, die genauere Feststellung der Grenzen sollte eine europäische Commission an Ort u. Stelle vornehmen; die Provinz blieb unter der unmittelbaren Autorität des Sultans, der die Grenzen — vorzüglich die Balkan- Pässe — militärisch besetzen u. aus Verlangen des Generalgouverneurs seine Truppen auch ins Innere einrllcken lassen durste. Der russische Militärgouverneur behielt, bis die Bulgaren sich einen Fürsten aus einem nicht regierenden europäischen Hause gewählt haben würden, die Verwaltung Bulgariens, doch wurden ihm ein türkischer Commissar u. je ein Consul der Großmächte zur Controle zugesellt u. bei Conflicten die Entscheidung den großmächtlichen Vertretern in Constantinopel überlassen; die Orga- nisirung u. einstweilige Administration von Ostrumelien sollten gleich nach dem Frieden den Händen einer europäischen Commission anvertraut werden. 9 Monate sollte die russische Besetzung dauern, in Rumänien aber 1 Jahr. Die Pforte gab ferner ihre Zustimmung zu der Besetzung Bosniens u. der Herzegowina Lurch Österreich. Sie erkannte die Unabhängigkeit Serbiens an; die Bestimmung der serbischen Grenze wurde einer Specialcommission überwiesen. Rumänien erhielt trotz aller Ansprüche seine Unabhängigkeit nur, indem es Bessarabien an Rußland gegen die Dvbrudscha, die Schlangeninsel u. den Landstrich vonRassowa bis Mangalia vertauschte — in Rumänien u. Serbien sollten Cultusfreiheit u. politische Gleichberechtigung der Juden gelten. Auch Montenegro wurde unabhängig, erhielt Anti- vari, während Österreich Spizza empfing. Die Festungen an der Donau wurden zur Schleifung verurtheilt u. der Unterlauf des Stromes mit deu Ufern u. Inseln neutralisirt; in die europäische Donauschiffsahrts-Commission trat ein rumänischer Vertreter ein. Obgleich Karatheodory sich verschwor, das T. R. könne Rußland keine 30V Mill. Kriegsentschädigung zahlen, blieb es dabei; hingegen erklärte Rußland, es würde sie nicht in eine Gebietsabtretung verwandeln n. ihr keinen Vorrang vor den älteren hypothekarisch begründeten finanziellen" Verbindlichkeiten der Pforte vindiciren. Alle Konfessionen im T. R. sollten gleichberechtigt sein, den Gesandten u. Consuln wurde das Schntzrecht über Kleriker u. Pilger wie fromme Stiftungen ihrer Nationalität, Rußland besonders noch die Obhut über die Athos-Klöfier u. Frankreich der bisherige Einfluß an den heiligen Stätten Palästinas garan- tirt. Kreta u. den hellenischen Provinzen wurden Reformen zngesichert, die von einer genügend mit Eingeborenen versetzten Commission entworfen u. von der europäischen Commission für Ostrumelien gebilligt werden sollten. Der Vergrößerung Griechenlands war das T. R. entschieden entgegen, doch mußte es eine türkisch-griechische Grenzregulirung zugcbcn, über die noch eine Commission tagt. Ar- dahan und Kars mit dem Gebiete der Lasen fielen an Rußland, England ergriff Besitz von Cypern, l Persien von Khotur. In der Meereugenfrage blieb ^ es beim Alten, da Batum von Rußland zum Freihasen erklärt wurde. Der Berliner Congreß endete 13. Juli, aber auch er hat die Orientalische Frage ; noch lange nicht gelöst. Sie wird es auch nicht, so lange die Türken in Europa weilen; sollte es aber Rußland je gelingen, sie daraus zu vertreiben, so wäre Europa in der entschiedensten Gefahr, unter ! den Despotismus Rußlands gebeugt zu werden, - eine Gefahr, die weit entsetzlicher sein dürfte als > das Verbleiben eines schwachen Osmanenreiches am goldenen Horne. — Indessen England von Cy- ^ Peru ruhig Besitz ergriff u. hier seine Verwaltung ' begann, fiel Österreich mit der Öccupation Bos- niens u. der Herzegowina eine schwere Last zu, die E blutigsten Kämpfe mit den dortigen Insurgenten n. ein steter Kleinkrieg machte ihm enorm zu schaffen. Die Russen herrschen in Bulgarien, es ganz russisch verwaltend, wie die Herren u. der Generalgouverneur, Fürst Dondukow-Korsakow, liebäugelt mit den Schwärmern für ein Reich Großrumelien. Seit April 1878 ist Rußland an der Pforte wieder ständig durch einen Botschafter, den Fürsten Lobanow- Rostowski, vertreten, der weniger schroff als Jgna- tiew auftritt. Am 5. Febr. 1878 hob Abdul-Hamid das Groß- vezirat ganz auf u. setzte anseine Stelle das Präsidium des Miuisterrathes; hiermit bekleidete er Achmed Befik Pascha. Nachdem am 14.Febr. das Parlament aufgelöst worden, wurde am 13. Mai Said Pascha, der sehr viel bei dem Sultan gilt, Präsident desSenates. r Am 19. April trat ein neues Ministerium unter s, Sadyk Pascha ins Amt, aber am 28. Mai stellte der ! Sultan das Großvezirat wieder her u. verlieh es abermals an Mehemed Ruschdi Pascha, dem schon am 4. Juni Savset Pascha als Großvezir folgte. Stete Unruhen im Serail trübten die ohnehin argen Verhältnisse, bald wurden Gerüchte von der geistigen Umnachtung Abdul-Hamids laut u. Conspiratiouen zu Gunsten seines nächsten Bruders Mehemed Re- schad Ejsendi (geb. 3. Nov. 1844) geplant, bald der Irrsinn des entthronten Sultans Murad V. in Zweifel gezogen u. an seiner Wiedereinsetzung gearbeitet. Abdul-Hamid, dem besondere Fähigkeiten mangeln, steht auf unterhöhltem Boden. Uber die im letzten Kriege unglücklichen Feldherrn werden Kriegsgerichte abgehalten, da man die Schuld, die in den Verhältnissen liegt, auf Einzelne abladen möchte (s. Snleiman Pascha). Im Dec. 1878 wurde plötzlich der Großvezir Savset Pascha, der bei Rußland gut angeschrieben war, nebst dem Scheik-ül-Jslam u. dem Kriegsminister abgesetzt; Großvezir wurde der frühere tunesische Minister Khaireddin Pascha, wie es scheint, ein Reformen ganz abholder mit den Ulemas zusammen hängender Alttürke, unter dem Frankreich an Einfluß gewinnen dürfte,», ein Feind Rußlands; Scheik-ül-Jslam wurde Nurian Zade Effad, Kriegsminister der bei dem Sultan in hoher Gunst stehende Löwe von Plewna, Ghasi Osnian Pascha (s. d.), Minister des Äußern zum ersten Male ein Nichttürke, der begabte Grieche Karatheodory, Minister des Innern Kadri, der Justiz des Sultans Günstling Said Pascha, der öffentlichen Arbeiten Savas u. des Handels Djevdet. Um dieselbe Zeit machte der bei dem Sultan als Schwager u. Ber- 643 Türkische trauter sehr mächtige, aber allgemein verhaßte Großmeister der Artillerie, Mahmud Damat Pascha, in Verbindung mit hohen Beamten u. Nlemas, darunter auch dem früheren Scheik-ül-JSlam Hassan Fehan Pascha, eine Verschwörung gegen Abdul-Hamid II., um Reformen zu vereiteln u. wahrscheinlich ihn abzusetzen. Die Conspiration wurde aber entdeckt, zahlreiche Verhaftungen erfolgten, Haussuchungen fanden bei den ehemaligen Ministern statt, Murad V. u. der Thronfolger MehemedReschadEffendi (s.ob.) kamen unter strenge Aufsicht u. Mahmud Damat ging 10. Dec. als Gouverneur nach Tripolis ab. Jetzt sind Unterhandlungen im Gange, um Cyperns Besitz dauernd England zu verbriefen u. den Hafen von Alexandrette (im Ejalet Aleppo) ihm unter türkischer Oberhoheit gegen finanzielle Vergünstigungen abzutreten; mit Österreich soll die Frage wegen Novi-Bazar, die auf dem Berliner Congresse von Andrassy angeregt worden, zum Austrage gebracht werden. Am 8. Febr. 1879 erfolgte in Constanti- uopel der definitive Abschluß des russ.-türk. Friedens durch Fürst Lobanow-Rostowski und Karatheodory Pascha. Durch Jrade vom 1. April 1879 hat der Sultan den Patriarchen Hassun als christliches u. bürgerliches Oberhaupt der armenischen Glaubens- genoffeuschaften anerkannt, u. verlangen nun infolge dessen die Anti-Haffunisten die Erlaubniß eiuen eigenen Patriarchen wählen zu dürfen. Vgl. D. Kantemir, Ibs bistorx ok tbs Zroivtb avck ckeoa^ krom Otbmav etc. to Llabomstb IV. (1300—1711), aus dem Lateinischen vonN. Tindal, Lond. 1734 (französisch 1743, deutsch von I. L. Schmid, Hamb. 1745; I. von Hammer-Purgstall, Geschichte des Osmanischen Reichs, Pest 1827—34, 10 Bde., 2. Aust. ebd. 1835 ff.; I. W. Zinkeisen, Geschichte des Osmanischen Reiches in Europa, Hamburg u. Gotha, 1840—1863, 7 Bde. u. Register; Wurm, Diplomatische Geschichte der orientalischen Frage, Lpz. 1858; G. Rosen, Geschichte der Türkei von dem Siege der Reform im Jahre 1826 bis zum Pariser Tractat vom Jahre 1856, Lpz. 1866—67, 2 Bde.; F. von Hagen, Geschichte der oriental. Frage. Franks, a. M., 1877. Kremschmidt. Türkische Sprache, im weiteren Sinne ein Zweig des ural-alkäischen oder turanischen (s. d.) Sprachstanimes; im engeren Sinne die Sprache der Osmanen, welche durch den Verkehr mit Arabern, Persern u. Europäern zwar geistig weiter gebildet, dabei aber auch in gewissem Sinne abgeschliffen u. mehr als die übrigen Dialccte mit Fremdwörtern, bes. arabischen u. persischen, vermengt ist. Die Osmanen haben schon lange das aus dem syrischen Schriftcharaktcr entstandene uigurische Alphabet mit dem arabischen vertauscht, welches sie durch Annahme von vier, dem Persischen ungehörige Zeichen u. Hinzufügung eines guasi neuen Buchstabens ihrer Sprache angepaßt haben. Sie zählen demnach 33 Buchstaben, von denen aber 5 säst nur in arabischen Wörtern Vorkommen. Die Türken schreiben wie alle Völker, welche die arabische Schrift angenommen haben, von der Rechten zur Linken. Ihre Sprache kennt weder Artikel noch grammatisches Genus. Der Plural wird durch Anhängung der Sylbe lar od. 1er gebildet, z. B. er, Mann, vrlsr, kui, Sklav, kuliar. Der sogen. Casus (die sich dem Worte nie eiukörpern, daher von Flexion nicht die Sprache. 'Rede sein kann) gibt es nur drei. Der wesentlichste Consonantdes Genitivs ist ursprünglich ir (iv§), des Dativs §, des Accusativs n; die Osmanen lassen aber das A des Dativs u. das ir der beiden anderen n rch consonantischen Endungen ausfallen u. ersetzen § u. ir nach Vocalen durch j, z. B. Kol, der Arm: kol-uv, kol-a, kol-v; dagegen boru, die Trompete, boru-nuv, boru-ja, boruju. Die Stärke od. Schwäche des Stammvocals wirkt fort auf die Vocale der sogen. Casus, wie überhaupt aller Anhänge, daher z. B. sr, der Mann, Genit. sr-iv, Dat. vr-e, Accus. er-1; i§no, die Nadel, iZns-niv, iZvs-jo, i§us-ji. Dieser Grundsatz des Vocaleinklangs gilt durch die ganze Grammatik, wird aber beim Lesen weniger beobachtet, als beim Sprechen. Das Adjectiv wird dem Substantive unverändert vorgesetzt, der Com« parativ durch vorgesetztes ckaoirz- (ckalra) mehr, an- gehängtes rak, roll (jetzt veraltet), am gewöhnlichsten durch den Ablativ des verglichenen Dinges bezeichnet, z. B. airclav büjük (von jenem ab groß, d. i,) größer. Den Superlativ umschreibt man ebenfalls. Die Grundzahlen heißen: 1 dir, 2 iki, 3 ütseb, 4 ckört, 5 bssob, 6 altx, 7 jsäi, 8 SLskis, 9 bokus, 10 ov. Die Ordinalzahlen werden durch den Zusatz iväsobi gebildet: birinäsobi, der erste, ikiväsebi, der zweite, ütsobivcksobi, der dritte rc. Distributiva erhalten die Zugabe sr, nach Vocalen sobsr: birsr, ikisobsr, ütsobsr rc. Die persönlichen Pronomina sind bsn, ich, 8Mv, du, ol, o, er, bis, wir, sris, ihr, avlar, sie; die Declination derselben ist nur wenig von der der Substantiva abweichend. Die Possessivs werden suffigirt, z.B. von baba, der Vater: babam, mein Vater, babav, dein Vater, babusrü, sein Vater, babamus, unser Vater rc. Des Nachdrucks .wegen kann noch der Genitiv des Personalpronomens vorgesetzt werden. Demonstrativs sind bu, sebu, isob- bu, Relativa Kim u. ki, Interrogativs Kim, wer? vs, was? kanAbz-, wer von Beiden? Von Zeitwörtern gibt es, außer dem Hilfswort, 7 verschiedene Arten: Activum, Passivum, Negativum, Im- posstble, Causale, Reciprocum, Reflexivum. Das Activum zeigt im Imperativ die reine Wurzel: bak, schau, (Iö§ (äöj), schlag; davon bildet man den Infinitiv durch die Sylbe mak, mok: bakmak, äögmsk. Das Passiv entsteht aus dem Activ, indem il od. iv zur Wurzel hinzutritt: bakilmak oder bakinmak, geschaut werden. Die Bildungssylbe des Negativ ist ma, ms: bakmamak, nicht schauen; die des Jmpos- sibile ama, eme: bakamamak, nicht schauen können, cköjsmsmsk, nicht schlagen können; die des Causale ckur:bakclurma.k, schauen lassen; diedes Reciprocum iseb: bukisebmak, einander anschauen; die des Reflexivum in, on, un: bakivmsk, sich selbst auschauen. Jede Art des Zeitwortes kann aber wieder mit den andern combinirt werden, z. B. bakäurmamak. nicht schauen lassen, bakisobamamak, einander nicht schauen können rc. Die Conjugation entsteht aus der Verbindung der Wurzel od. eines von ihr abgeleiteten Particip mit gewissen Hilfsstämmen, von denen ein altes i (für ir) nur noch mangelhaft, ol aber vollständig vorhanden ist. Den Conjunctiv bezeichnet ja, js (aus Za), nach Conson. nur a, s, den Con- ditioual sra, s?s. Dauer in der Gegenwart (besserdie wahre Gegenwart) u. Vergangenheit bezeichnet hinter der Wurzel eingeschobeues jo, z. B. ötsr (aori- stisch), er singt, wird singen, ötjor, er singt jetzt. Mit 41 * Hilse der Participien werden Tempora umschrieben u. feine Unterschiede angedeutet. Die zahlreichen ^ ernndialen Formen ersetzen manche Partikel u. gern der rhetorischen Prosa etwas eigenthllmlich Feierliches. Anstatt der Präpositionen hat die T. S. Postpositionen. Der Satzbau zeichnet sich durch Regelmäßigkeit und logische Folgerechtheit aus, indem Alles, was früher gedacht wird, auch im Satze vorangeht. Darum steht der Genitiv vor seinem Regens, das Adjectiv vor dem Substantiv, das Subjekt vor dem Verbum, ebenso jeder bedingende, einschränkende, causale re. Satz vor dem Hauptsatze. Der Anfang des Vaterunsers lautet: vj Aösisr-cko vlan bisim babamz-8, isrmin mnicaääesu olsmm, d. h.oHimmeln-in seiend Vater-unser, Name-dein geheiligt sei. Grammatiken: v. Maggi, Rom 1670; Meninski, Wien, 1680; Holdermann, Const. 1730; Viguier, Const. 1790; Dimitrios Alexandridou, Wien 1811; Hindoglu, ebd. 1829; Davids, Lond. 1832; Zaubert, Paris 1833; Boyd, Lond. 1842; Rcdhonse, Par. 1846; Barker, Lond. 1854; Wahrmund, Gießen 1868. Die letztgenannte ist die vorzüglichste u. keineswegs blos, weil sie die neueste ist. Wörterbüchervon Meninski, Wien 1780—1803; Bi- anchi, Par. 1835; Handscheri, Mosk. 1840 ff. Schott. Turkistan (Turkestan, Türkistan, d. h. Land der Türken), war bei den orientalischen Schriftstellern des späteren Mittelalters der Name für die Wohnsitze des türkischen Stammes in Asien u. nach der unbestimmten u. wechselnden Auffassung von diesem von unbestimmter Ausdehnung gedacht; in der neueren Geographie ist es wieder die Bezeichnung geworden für das Land in Centralasien zwischen dem Aral-See u. Kaspischen Meere im W. u. der Wüste Gobi im O., der Kirgisensteppe im N. n. den Hinduknsch, Karakorum und Kuen-lucn-Gebirgen im S. Diese ungeheure Länderstrecke wird durch das Thian-schan-Gebirge u. die sich ihm anschließenden Hochebenen von Pamir in zwei scharf von einander unterschiedene Hälften, eine nordwestliche u. eine südöstliche, gespalten, das Becken des Tarim im O. der genannten Berge (Ost-T.) u. das Gebiet der Flußsysteme des Amu- n. Sir-Darja sOxus u. Jaxarless (West-T., od. auch Turkistan allein in eigen». Sinne genannt) im W. Beide Hälften zeigen physisch derartige Unterschiede n. haben historisch u. politisch so verschiedene Schicksale erfahren, daß am Passendsten eine jede für sich behandelt wird. West-T. (od. das eigentliche T., früher mit dem unpassenden Namen Große Bucharei oder mit Freie Tatarei bezeichnet, auch Dschagatai vd. Tschagatai, nach dem zweiten Sohne Dschingis- khans, der dort ein Reich gründete, genannt) ist im Allgemeinen aufgefaßt das Ländergebiet zwischen dem Kaspischen Meere im W., Persien, Afghanistan u. OT. im S., dem Chinesischen Reich im O. u. dem Kirgisenlande im N.; genauer betrachtet werden aber die Grenzen, entsprechend den wechselnden politischen Gestaltungen, sehr verschieden gezogen. Die natürlichen Verhältnisse zu Grunde gelegt werden eine Linie vom SWRand des Aralsees bis zum SOEnde des Kaspischen Meeres (unges. das alte Flußbett des Opus begleitend) u. der Aralsee im W., die Khorasanschen Grenzgebirge u. der Hindukusch imS., die Hochebene Pamir u. derThian-schan im O. u. NO. als die Grenze zu bezeichnen sein; oft indeß werden als solche auch die der jetzigen russischen Besitzungen (s. n. 8) angenommen; die Grenze gegen Nt. bildet eine imaginäre Linie in der Kirgisensteppe. Nach jenem weiteren Begriffe besteht T. in seinem westlichen u. nordwestlichen Thcile ans einer (auch ' mit dem speciellen Namen Turan bezeichneten) weit- I ausgedehnten Tiefebene, meist aus öden Wüsten u. mageren Steppen bestehend, von spärlichen Oasen unterbrochen u. nur an den Flnßläusen fruchtbar, cnltivirt u. stark bevölkert, in seinem östlichen u. ^ nordöstlichen aus mit Weiden bedeckten u.von frucht- j baren Thälern durchzogenem wohlbewäfsertem Al- ! penland. Die Hauptflüsse sind die dem Aral-See znströmenden Amu- u. Sir-Darja, der Serafschan, zwischen beiden strömend u. in einem kleinen Wüstensee endigend, im N. der im Sand der Kirgisensteppe verstechende Tschu n. der Jli im NO. Groß ist die Anzahl der im Wüsten- od. Steppensande verrinnenden kleineren Flüsse, in gleichem Maße die der Steppenseen. Das Klima ist durchgängig ganz kontinental mit extremen Wärme- u. Kältegraden. Die Vegetation ist sehr untereinander contrastirend je ^ nach der Beschaffenheit der Oberfläche des Landes; das Mineralreich liefert viele (meist noch nnausge- beutete) Schätze. Die Bevölkerung bilden in der Mehrzahl Angehörige der turkotatarischen Völker- ^ samilie: Turkmenen im S., Usbeken zwischen Amu- ! u. Sir-Darja, Kirgis-Kaisakcn im N. des Amu weil j verbreitet bis an den Balchasch-See, Karakalpaken am > Amu-Delta, Kirgisen (Karakirgiscn, Buruten), Kal- müken im Jli-Gebiet; zwischen diesen meist noma- v. disirenden sitzen als seßhafte Bevölkerung überall ff zerstreut die iranischen Tadschik; Araber, Perser, Inden, Chinesen, Afghanen u. A. finden sich ver- ^ einzelt. Politisch zerfällt T. jetzt in Las Land der unabhängigen Turkmenen (s. d.) im S., die Khanate Khiwa u. Bokhara (s. d.) im SW. u. eine Anzahl theils unabhängiger, theils mit Afghanistan in losem Vcrhältniß stehender Fürstenthümer, wie Wakhan, Hissar, Badakhschan, Kunduz, Andchui, Maimene, Darwas, Karategin; der weitaus größte Theil des Landes befindet sich jetzt im Besitz der Russen. (Näheres s. unter den einzelnen Ländern u. unter 8); über die Gestaltung des Landes auch unter Centralasien, S. 606). 8. Russisch-T. (das asiat.-russische Gouvernement T.), der größte Theil .des eigentlichen West-T., über 24 Längengrade und beinahe 10 Breitengrade sich erstreckend, grenzt im N. an Sibirien, im O. an chinesische Provinzen, im SO. an Ost-T. od. Kaschgar, im S. an Karategin u. Bokhara u. im W. an das Khanat Khiwa und den Aralsee. Genauer betrachtet zieht sich die Nordgrenze gegen die asiat.-russ. Provinzen Turgai.Akmolinsk u.Semipalatinsk von dem Nordende des Aralsees aus in slldöstl. Richtung , die Wüste Karakum durchschneidend nach dem Sau- - malsee, folgt dann dem Laufe der Tschu, wendet sich ^ dann, den Balchaschsee durchschneidend, nach NO. > n. erreicht ihr östl. Ende in dem Tarbagatai-Gebirge - gegen die chines. Dsungarei; von dort südwestl. laufend und theilweise das Alatau-Gebirge begleitend, ! biegt sie noch einmal weit nach O., das Gebiet des Jli einschließend, bis sie die Haupikette des Thian- schan erreicht. Sie begleitet dann diese u. die an sie ^ sich westl. anschließenden Ketten (Alai-tau) als Süd- j grenze nach W. zu, biegt nach S. zu, wo der Aksai- Turkistail. 645 - u. Karamburan-Tau von Bokhara trennen und er- f reicht daun in vorherrschend nordwestl. Richtung, !> oberhalb Peiro-Alexandrowsk, den Amu-Darja, dessen Lauf bis zum Aralsee die schließlich? Süd- s grenzlinie bildet. Im Ganzen bieter das Gouver- k nement das Bild eines von der Tiefebene am Aral» s see im W. allmählich nach O. hin steigenden Landes , u. endigt im O. (so namentlich das scharf zwischen !> der chines. Dsungarei u. Ost-T. einschneidende Gebiet von Kuldscha) in einem vollständigen Alpenland. Es zerfällt administrativ nach der neuesten Eintheil- ung (in welcher Beziehung bei dem unaufhörlichen Vordringen der russischen Macht fortwährend Veränderungen getroffen werden), in 2 Provinzen, Sir Darja im W. des Aralsees und Semirjetschensk sich südöstl. daran anschließend u. 4 Gebiets: Amn-Darja im äußersten SW., Samarkand oder Serafschan u. Ferghana (Kokand), südlich der letzteren Provinz u. endlich Kuldscha in der äußersten Ostspitze und wird auf einen Flächeninhalt von 1,131,027 ssZkm (20,540 H>M) angegeben. Den westl. Theil des Gouvernements, die Provinzen Sir-Darja u. Amn- Darja erfüllen ungeheure Flächen, theils vollständige ; Sandwüste, theilsspärlichesSteppeuland enthaltend, so die Wüste Kisilkum zwischen Sir- u. Amn-Darja, die bis zu dem fruchtbaren Thal des Serafschan sich ^ fortsetzt, Mojun- od. Ak-kum nördl. des Sir-Darja ! u. des Karatau-Gebirges, auf welchejenseit des Tschu- ! Flusses u. östl. des Balchaschsees schon im Strom- s gebiet des Jli in der Provinz Semirjetschensk sich s die Wüsten Tau-kumu.Sary-tschik-atrauanschließen, s Nur ein verhältnißmäßig geringer Theil dieses Terrains ist ergiebig u. anbaufähig; der größere ist magere Weide od. öde Wüste. Fruchtbarer u. zur Cust tivirung geeigneter ist das Gebiet von Samarkand, namentlich im Bereich des Serafschanflusses, ebenso das gebirgige Ferghana mit seinen reich ausgestatteten Thälern; zum reinen Alpenland mit fruchtbaren Flußthälern u. üppigen Weiden erheben sich der größte TheilderProvinz Semirjetschensku.das Gebiet von Kuldscha. Der Hauptfluß des Gouvernements ist der Sir-Darja (Jaxartes), in seinem oberen Laufe von zahlreichen Gebirgswässern gespeist, während am unteren die Natur des die Ufer begleitenden Terrains jeden Zufluß hindert, als dessen wichtigste (linksseitige) Nebenflüsse der aus Tschatkal u. Pskem zusam- menströmende, bei Tschinas mündende Tschirtschik u. der auf dem Karatau entspringende Arys zu erwähnen sind; beider Uferlandschaften gehören zu den fruchtbarsten des Landes überhaupt. Neben ihm ist der bedeutendste der Amu-Darja (Oxus), von dem jedoch nur der Oberlauf u. der äußerste Unterlauf mit seinem Delta das russ. Gebiet durchströmen, als dessen intentioneller Nebenfluß der vorher in einem Steppensee verstechende, von Len üppigsten Gefilden umgebene Serafschan angesehen werden kann. Der größte Fluß im N. ist der Tschu, durch die Vereinigung des von der Alexanderkette kommenden Katschgar u. des dem Alatau entströmenden Kubin gebildet, mit theilweise grasreichen, zum Weideland geeigneten Usern, der nach einem Lauf von ungefähr 1000 km zuletzt vielfach verzweigt u. versumpft sich in dem Steppensee Saumal-kul verliert; ein kleinerer Fluß der Wüste Ak-kum ist der Talas, der auf der Alexanderkette entspringt u. im Anfang von waldreichen Umgebungen begleitet, dann im Wüstensande verrinnt u. im See Kara-kul sein Ende erreicht. Im NO. endlich ist der Hauptstrom der den Balchaschsee speisende Jli (s. d.) mit trübem, reißendem Gewässer, sehr fruchtbaren u. augebauten Umgebungen u. vielen kleinen Nebenflüssen (Tjur- gen, Jssyk, Talgar, Kastelen u. a.) u. im äußersten NO. geben die vom Dsuugarischen Alatau kommenden u. dem Balchasch zufließenden 7 Ströme (Lepsa mit Baskan,Asku mit Sarkan, Bien, Karatal mit Koksu) dem von ihnen durchströmteu Terrain Bewässerung u. Fruchtbarkeit und dem ganzen Lande südl. des Balchasch, endlich einer weiter ausgedehnten russ. Provinz den Namen (Semirjetschensk, russ. so v. w. Siebenstromland). Zahlreich sind die Seen über das Gouvernement verbreitet, darunter der Balchasch (s. d.) an der Nordgrenze der größte, ferner die Steppenseen Saumal-kul im N., Karakul in der Wüste Ak-kum, Tuskul zwischen Sir- und Amu- Darja; von den nicht unhäufigen Gebirgsseen ist der Jssyk-kul der bedeutendste. Gebirge fehlen dem W. und SW. gänzlich; erst zwischen dem mittleren Lauf des Sir-Darja und dem Tschu erhebt sich der Karatau, an den sich im O. der Urtak- oder Aksai- Tau anschließt, von denen Querketten bis zum Sir- Darja auslaufen; den SO. bildet ein vollkommenes Bergland, Ferghana (s. d.). Hieran schließen sich die mannigfach sich verzweigenden Ketten des Thian- schan-Gebirges (Terske-, Alatau, Koktaltau), das im Khan-Tengri seine höchste Höhe über 7000 m erreicht; im O. endlich erfüllen der Dsungarische Alatau, dem sich als südliches Randgebirge das Talki- Gebirge anschließt und mehrfache Parallelketten des Thian-schan das Land. Das Klima von T. ist trocken bei großen Hitze- und Kältegraden; es giebt Sommer, wo auch nicht ein Tropfen Regen fällt n. durchgängig sind die atmosphärischen Niederschläge sehr selten. Abgesehen von den gebirgigen Theilen ist daher in den Ebenen das Wachsthum u. die Eul- tivirung von Producten des Pflanzenreichs an die Flußnetze und deren Jrrigationssysteme gebunden. Der Anbau wird deßhalb fast ausschließlich in den bewässerten Gebieten des mittleren Sir-Darja, Serafschan und Jli betrieben; die vielfachen Steppenflächen eignen sich nur für die Viehzucht der Nomaden u. unabsehbare Wüstenstriche sind ganz produc- tionslos. Von Getreidearten werden hauptsächlich Weizen, Wintergerste, Mais, Bohnen, Erbsen, verschiedene Arten von Hirse, darunter eine Dschugara genannte, ferner Reis im.Mdöstl. Theile, von Futterkräutern Luzerne, von Olgewächsen Sesam, Lein u. die Sonnenblume, endlich Mohn zur Opiumgewinnung gebaut. Auch die Gewinnung der Baumwolle, wenngleich diese von geringerer Qualität, ist bis zum Sir-Darja stark verbreitet, ebenso die von Seide, die durch Glanz u. Haltbarkeit ausgezeichnet ist; die Cultur des Weinstocks, die bis jetzt aus Rücksicht auf die Lehrendes herrscheudenJslams vernachlässigt war, hat noch eine größere Zukunft; der Ban des Tabaks findet sich überall. Ausnehmend groß ist die Zahl u. meist vorzüglich die Qualität der Products der Gartencultur und der Obstzucht. Alle die europäischen Gemüse werden in Überfluß gewonnen; alle europäischen Obstsorten, ferner Pistazien, Wandest, Granatbäume, Feigen finden sich im reichsten Maße u. edelster Qualität. Der Land- u. Gartenbau liegt fast ausschließlich in den Händen der L4ö Turkistan. Tadschik u. wird mit sehr primitiven Instrumenten betrieben; der leichte poröse Boden, der lediglich der Bewässerung bedarf, verbunden mit der starken Wirkung der Sonne, macht die Resultate zu äußerst günstigen. Jn> Ganzen herrscht die Drcifelderwirth- schast vor; Weizen n. Gerste werden als Winterge- treide gebaut. Empfindlich ist der Mangel an Waldungen u. an Hölzern. In den Steppen findet sich allein derSaxaul (Haloxz-lonLwmockouäron)), eine zu der Familie der Chenopodiaceen aus der Abtheil- uug der Salsoleen gehörige Pflanze mit baumartiger Größe, bis zu 6 m hoch u. hartem u. sprödem Holz , in den bewässerten Gegenden Ulmen , Eschen, Platanen, Weiden, verschiedene Pappelarteu und Fruchtbäume, in den Gebirgen Pappeln u. Tannen, doch reichen sie für den Bedarf nicht aus und sind üeßhalb bei Taschkent Waldculturen neuerdings angelegt worden. Größer ist die Zahl von Bäumen im Jli-Gebiete. Bedeutend ist, den vielen Weiden entsprechend, die Viehzucht. Pferde, Esel, Rinder, Schafe, (zweihökrige) Kamele finden sich in großer Zahl, Schweine in geringerer; jagdbare u. zu verwendende Thiere sind der Argali, das Bergschaf, die Antilope u. das Wildschwein, Fasanen u. mannigfache Arten von Gänsen u. Enten in Len schilfigen Usern des Sir- und Amu-Darja; von Raubthieren finden sich Tiger, Leoparden, Hyänen, Panther, Wölfe, Füchse, Schakale, Dachse, Marder, vonRaub« vögeln Falken, Geier, Reiher rc. Nicht weniger zahlreich sind Schlangen, Eidechsen u. Schildkröten; gefürchtet Scorpione, Taranteln, Heuschreckengrillen. Groß ist auch der Reichthum an Fischen, namentlich im Sir-Darja u. dem Tschirktschik. Nicht unbedeutend, aber in sehr geringem Maße ausgebeutet, sind die Schätze des Mineralreiches. Gold findet sich im Bett des oberen Sir und von dessen Nebenflüssen, Silber, Blei, Eisen u. Kupfer kommen in den Mittelgebirgen vor, Türkise, Rubinen sind in großer Menge vorhanden. Wichtiger sind, bei dem Mangel an Brennmaterial, die großen Steinkohlenlager bei Khodschcnd u. Samarkand, deren Abbau begonnen ist und die mächtigen Steinsalzlagcr bei Khodscheud. Die Industrie, vollständig in den Händen der Tadschik, ruht noch in Len Kinderschuhen und beschränkt sich auf Manufakturen; Baumwollen-, Wollen-, Seiden- u. Ledersabrikate werden sich in großen Massen sabricirt; zur Ausfuhr kommen nur Teppiche und Seidenzeuge. Der Handelsverkehr ist ein sehr reger u. findet seinen Mittelpunkt in den Städten Taschkent , Samarkand und Kokand, wo die Karawanen von dem Europäischen Rußland u. dem Britischen Ostindien zufammentreffen. Die Wege sind noch im Entstehen, so daß der Verkehr sich durch Kamele vermittelt. Eine Pvstverbindung ist zwischen Taschkent über Orsk nach Orenburg eingerichtet. Eisenbahnlinien sind seither nur erst projectirt. Die Zahl der Einwohner wird auf 3—4 Will, angegeben, wovon der größere Theil Nomaden sind; am zahlreichsten find die Kirgisen (s. d.), ferner bestehen sie aus Usbeken, Turkmenen, Karakalpaken, Tadschik und zu geringerem Theil aus Persern, Juden, Chinesen, Dungauen u. Russen. Die oberste Verwaltung von T. führt ein Generalgouverneur, der zugleich Commandern der Truppen ist; unter ihm regieren Gouverneure, die zugleich die Militär- u. Civilverwalt- ung führen, in den einzelnen Provinzen; die niedere Verwaltung ist Eingeborenen verblieben.DieSteuern bestehen aus Kopfsteuern in den Städten, wofür bei den Nomaden eine Kilitken- od. Familiensteuer erhoben wird, und indirecten Auslagen aus Getränke, namentlich Branntwein, Patente, Pässe, decken aber , bei weitem nicht die Kosten der Unterhaltung der ^ Armee u. Administration u. werden meist zur Anlage von Straßen verwandt. Die russ. Militärmacht besteht aus ungefähr 20,000 Mann, die über Las ganze Land verrheilt sind. Die Hauptstadt des Gouvernements und Sitz des Generalgouverneurs ist Taschkent; sonstige bedeutende Städte sind Samarkand , Kokand, Khodschend, Margilau, Namangan, Wjernoje, Kuldscha. 6. Ost-Turkistan (früher Kleine Bucharei, auch Turfan genannt, chines. Thianschau-Nan-lu, türk. Altischahar od. Altyschar, russ. Schitischahar od.Dschitischaharod.Jettischahar, nachdemHaupt- ort auch unter Kaschgarien verstanden) südöstl. von Russisch-Turkistan gekegen, zwischen dem 36° und 43" n. Br. u. den 74"u.92° östl. Länge». Greenw., - begrenzt im N. durch die südliche Kette desThian- i schan-Gebirges, im W. durch die Kisil-Jart-(Kisil- ! Jjart-Mette, den Ostrand der Pamir (s. das.) genannten Hochebenen, im S. durch bis zu 6000 m hohe dem System des Kuen-luen (s. d.) angehörende Gebirgsketten, welche den Nordrand desTi- betischen Hochlandes bilden; im O. ist die Grenze imaginär in öder zur Gobi verlaufenden Wüste, ungefähr eine Linie von Turfan im N. bis Tschat- schan im S. Im Ganzen betrachtet bietet dasLand das Bild eines von drei Seiten von hohen Gebir- ^ gen umgebenen, von W. nach O. sich verbreiternden ! u. in gleicher Richtung sich senkenden, nachO. offenen, sehr tief gelegenen Beckens (daher nach dem Hauptfluß auch neuerdings Tarim-Becken genannt) dar, dessen Länge ungefähr 6750 Icm (900 M) u. dessen durchschnittliche Breite ungefähr 2100 Icm (275 M) beträgt und dessen Areal verschiedentlich (zwischen 600,000 und 1 Will. Hjlcm) angegeben wird. Wie geologische Thatsachen beweisen, ausgetrockneter Meeresgrund zeigt dieses Becken, eine langgestreckte Depression, denenormenHöhenunter- schied von durchschnittlich 5400 m gegen die es im S. begrenzenden Hochebenen des Kuen-luen, eine Differenz, die am Lob-Noor, der tiefsten Stelle, sich noch erheblich steigert. Der Boden ist größten- theils steril, und besteht aus Kies oder Sand; nur in der Umgebung der Flüsse findet sich fruchtbare, zum größtentheil von diesen angcschwemmtc Erde. Der fruchtbarste und am meisten bevölkerte Theil Landes ist im W., NW. und N., am Abhange der , Gebirge; den SO. u. die Mitte nimmt die Wüste ' Takla-Makan, eine wellenförmige Sandebenc, ein; gegen O. verliert sich das Land in die Wüste Gobi ^ (s. d.). Der Grundcharakter des Klimas ist große - Trockenheit, dabei extreme Hitze- und Kältegrade; Frühjahr u. Herbst sind von sehr kurzer Dauer u. l von heftigen Winden begleitet. In dieses Gebiet s strömen von den umgebenden Gebirgen zahlreiche Flüsse, anfänglich mit großer Wassermasse und reißendem Lauf, bald jedoch durch Verdunstung u. Zertheilung ihres Wassers in abflußlose Seitcn- kanäle verkleinert, so daß viele in der Wüste verrinnen; sie sammeln sich, soweit sie nicht im Sande endigen, in 4 größeren Strömen, demKhotan,Jar» Turkistan. 647 s kand, Kaschgar u. Aksu, aus deren Vereinigung der z Tarim entsteht, der vor seiner Mündung in den E Lob-Noor dann weiter östlich noch den Kutscha und H Kaidu ausnimmt. Der Inhalt dieser Flüsse wech- i seit mit der Jahreszeit; im Winter vollständig - wasserarm, schwillen sie im Sommer an u. können mit Booten befahren werden; ihr Hanptnutzen jedoch ist die Bewässerung des umgebenden Landes. Zahlreich sind die Seen des Beckens, aber meist fast ganz unbekannt; die bedeutendsten unter ihnen sind der Bagrasch oder Bostu-Noor südöstl. von Kara- schahr, der vom Kaidu gebildet wird, der Kiria u. endlich der Lob-Noor (bei den EingeborenenTschök- kul od. Karakoschun), der Endpunkt der Tarim, mit süßem Wasser, umgeben von Salzmooren, an dessen Südfläche sich das Altyn-tag-Gebirge, wahrscheinlich einer der nördlichen Ausläufer des Kuen-luen erhebt. Die Vegetation des Landes ist auf beschränkte Gebiete angewiesen; in den Wüsten ist jeder Pflanzenwuchs spärlich u. finden sich nur an den Flußbetten dichte Wälder von Pappeln u. Ta- ! marinden, an den Abhängen der Bergest, den Berg- thälern dagegen eine mehr od. weniger reiche Vegetation, die zahlreichen Herden zur Nahrung dient. Bedeutend ist die Vegetation u. die Anbaufähigkeit in den bewässerten Landstrecken; Weizen, Gerste, i Mais, Reis, Luzerne, Hirse, Baumwolle (im S.), Flachs, Hans, Mohn werden in Menge gewonnen; die Gartenproducte finden sich in gleicher Weise wie in Europa, ebenso Obstbaumpflanzungen u. Weingärten; Wälder von Pappeln, Weiden, Maulbeer- > bäumen u. Ulmen geben das nothwendige Brenn- ( u. Nutzholz. Vom Thierreich finden sich hier das doppelbucklige wilde Kameel, das wilde Pferd (Kulan), das wildeRind, Antilopen, Hirsche, Hasen, Wildschweine u. vomRanbthiergeschlecht der Tiger, Panther, Luchs, Wolf u. Bär; als Hausthiere werden Rind, Pferd (von kleiner aber ausdauernder Race), Schaf (in großer Anzahl mit ausgezeichneter Wolle), Ziege, Esel und Hund gehalten. Von Vögeln finden sich Schwäne, Gänse, Wildenten, Reiher in großer Zahl und Mannigfaltigkeit auf den Seen und Sümpfen; an Fischen sind der Tarim und der Lob-Noor sehr reich. Große Ausbeute ge- s währen die Schätze des Mineralreiches; Gold ist ein I wichtiges u. seit alter Zeit gefördertes Product von Khotan, nicht weniger berühmt die Nephrit - Pro- ^ l duction dieses Bezirks; Eisen, Blei, Alaun, Kupfer, ^ Schwefel sind in ergiebigen Lagern vorhanden; > Kohlen finden sich bei Aksu u. Turfan; Salz wird ! an der Oberfläche ausgctrockneter Seen gewonnen. Die Industrie war früher berühmt in Seiden-, Wollen- u.Baumwollenwaaren, Teppichen, ist aber jetzt sehr zurückgegangen; der früher rege Handels- ' verkehr ist durch die letzten politischen Umwälzungen jetzt gänzlich gelähmt. Die Bevölkerung (auf i 1 — 1H Will, geschätzt) besteht aus nomadisirenden ! Karakirgisen, Kalmükcn; die seßhafte Bevölkerung r ist sehr gemischt; der Hauptmasse nach Uigureu aus der mongolischen Race, haben sie ihren Typus durch s Kreuzung mit anderen Völkern derselben und mit arischem (iranischem) Blut sehr verändert; einen Theil bilden die Dunganen (s. d.). Die Religion ! ist der Sunnitische Islam. Der äußeren Natur entsprechend zerfällt OT. in eine Anzahl durch Wüsten geschiedener, kleine Staaten bildender Landschaften (nach der Hauptstadt genannt): Khotan, mit den Städten Karakasch, Kiria u. a ; Jarkand, mit San - dschu, Karghalik u. a.; Janghissar, mit vielen Dörfern ;Kaschgar; Usch-Turfan; Aksu; Kutscha; Kurla; Karaschahr; Turfan, mit Pidschan, dann der Lob- Noor-Bezirk am gleichnamigen See, ein Sumpfgebiet mit in den letzten Jahren durch die Blattern sehr reducirter Bevölkerung; Maralbaschi, das Wüstengebiet zwischen Kaschgar u. dem Lob-See; endlich werden noch die Berglandschaften Sirikul (s. d.) u. Pakhpuluk dazu gerechnet. Welche einheitliche Verwaltung diese kleinen Staaten jetzt zusammenhält, darüber ist bei der seit 1877 ausgebrochenen Umwälzung nichts Genaues bekannt geworden; die jetzige chinesische Herrschaft beruht nur auf Waffengewalt. Geschichte. Das westl. T (in seinem weiteren Umfang genommen), bildeten im Alterthum bis zum Jaxartes hin die Provinzen Margiane, Baktria und Sogdiana des Perserreichs, und bewohnt von iranischen Elementen, jenseits dieses Flusses war es da- malsvon skythischenStämmen denMassageten u. a., bewohnt u. wurde in der classischen Geographie als Lo^tbau inbru Imanm verstanden. Mit dem Sturz des Perserreichs entwickelte sich im S. das Baktrische Reich (s. u. Baktrien), das kurz vor Ehr. Geburt von einem centralasiatischen Stamme, den Jne'itchi (s. d.) zerstört wurde. Mit diesem begann die Herrschaft des sog. Jndoskythischeu Reiches; im S.Wtargiane) herrschte die Parthische Macht. In den ersten Jahrh. v. Ehr. blieben dieJueitchi Herren jenseits des Oxus, bis zu welchem die Herrschaft der Sasaniden sich erstreckte; jenseits des Jaxartes nomadisirteu turanische Stämme, Uiguren u. a. In dieser Zeit drangen chines. Heere bis in die Gegenden über die Pamir u. hielten sich eine Zeit lang rin Besitz einzelner Landstrecken (so Kokand). Die aufstrebende Macht des Islam ließ in der Mitte des 7. Jahrh. auch die Gegenden bis zum Jaxartes dieser Religion u. dem Kha- lifat anheimfallen, von dem die südl. Districte bis zum Oxus später an die Samaniden in Persien (s. d., S. 244) fielen. Zwischen Oxus und Jaxartes (welches Land von den Arabern Mawar-ul-nahar genannt wurde) fing die Einwanderung tnrko-tatar. Stämme an;jenseit des Jaxartes blieb dieHerrschast turanischer Nomaden, Hoeihe genannt, unerschüttert. Nachdem kurze Zeit die Herrschaft der Ghasnaviden- Dynastie gedauert hatte, wurden die südl. Länder ein Theildes östl. Reiches der Seldschuken,die Oasen am untern Oxus bildeten das Reich Kharesm, das spätere Khiwa (s. das.). Alle diese Reiche wurden Ans. des 13. Jahrh. eine Beute der Mongolen unter Dschingiskhan, nach dessen Tode sich hier unter seinem Sohn Tschagatai od.Dschagatai das bis über den Jaxartes erstreckende, gleichnam. Reich bildete, an dessen Grenzen das gleichfalls von mongolischen Herrschern regierte Reich der Goldenen Horde (s. u. Tartaren, S. 197) stieß. Die bald entstehende Zerrüttung desDschagataibeuutztc Ende des 14. Jahrh. Timur (s. d.), um in den Gegenden zwischen Oxus und Jaxartes den Mittelpunkt seines ungeheuren Reichs, in Samarkand sich dessenHauptstadtzu schassen (s. Mongolen, S. 144). Nach seinem Tode bil- dctenstch hier kleinere Herrschaftcn(Kokaud oderFer- ghana,Badakhschan u. a., den südl. Theil besaßen die Herrscher von Khorasan) n. begannen die Stämme 618 Turkmantschai der Turkmenen in Usbekenss. o. b.), sich einen maßgebenden Einfluß zu 'schaffen; im N. des Jaxartes ruachten sich ebensalls die Usbeken, ferner die Dsun- gareu amBalchasch-See, endlich die Kirgisen gellend. Im 16. u. 17. Jahrh. bildeten sich bis zum Jaxartes die Khanate Khiwa, Bokhara, Kokand (s. d. a.); die Steppen südl. von ihnen erfüllten die Turkmenen u. kleinere Herrschaften, deren Besitz ein vergebliches Streben der Perser war; im N. des Jaxartes hatten die Kirgisen sich verbreitet. Vom 18. Jahrh. an datirt das Vordringen der Russen in diese Gegenden; schon in dieser Zeit erkannten die Kirgisen des Zaren Oberherrlichkeil an; das eigentliche Vordringen datirt jedoch erst aus der neueren Zeit. 1848 kam der untere Lauf des Sir Darja in ihre Gewalt, bald darauf drangen sie zum Amu-Darja n. dem Siebcnstromland vor; 1864 wurde Tschem- kent, 1865 Taschkent besetzt, 1866 in erneutem Krieg mit Bokhara Samarkand erobert, 1873 Khiwa mit Erfolg bekriegt u. die Turkmenen gezüchtigt, 1875 Kokand erobert. Die südl. kleinen Herrschaften kamen 1873 durch Vertrag unter Afghanistan (s. b.). Aus diese Weise hat sich die jetzige politische Gestaltung des Landes gebildet. Daß es bei dieser verbleiben wird, ist kaum anznnehmen; allem Anschein nach wird die ruff. Macht nicht stehen bleiben, als bis die natürlichen Grenzen T-s, die es von Persien und Afghanistan trennenden Berge, erreicht sind. Von den dort noch existirenden kleinen Khanaten ist keines mehr mächtig genug, dagegen anzukämpfen; ebenso ohnmächtig sind die Perser u. Afghanen es zu verhindern; England ist die einzige Macht, die Interesse, Streben u. Kraft besitzt, erfolgreiche Hindernisse zu bereiten. Jedenfalls haben die Verhältnisse dort einen Abschluß noch nicht gefunden. Das östl. T. war bei den Alten sez-tlün extra Imaum u. der Sitz einer Anzahl, wahrscheinlich der turko-tatarischen Familie ungehörigen Stämme. Schon im 2. Jahrh. n. Ehr. drangen die Chinesen hier vor u. schufen sich die Oberherrschaft über die derNaturdesLandesgemäßzerstrentenkleiueu Reiche. Bald nach Ehr. drang hier der Buddhismus ein; auch christliche Gemeinden bildeten sich in nicht geringer Zahl, im 7. Jahrh. endlich brachten die auch hierher streifenden Araber den Islam hierher. Die Laudstrccken erfuhren hieraus sehr wechselvolle Schicksale (s. das Hauptsächliche unter Kaschgar, S. 284), bis sie um 1766 in die Gewalt der Chinesen fielen. Von diesen befreite sie Jaknb Beg (s. d.) in diesem Jahrh. u. stiftete dort ein selbständiges Reich, dessen Dauer aber nur kurz war (s. u. Kaschgar u. Schiti- Schahar). Seit 1878 haben sich die Chinesen unter vielem Blutvergießen wieder des Landes bemächtigt, ohne, wie es scheint, einen sicheren Besitz damit errungen zu haben; die Verhältnisse sind noch nicht aus der Anarchie herausgekommen. Die russische Regierung hat diese Verwirrungen benutzt, uni ihre Herrschaft über das Jlithal u. Kuldscha (s. d.) auszudehnen, zu dessen Rückgabe sie von den siegreichen Chinesen aufgesordert worden ist, ohne daß diesem Verlangen wahrscheinlich entsprochen werden wird. Auch hier sind die politischen Verhältnisse noch in Entwickelung begriffen u. zu einem dauernden Abschluß nicht gelangt. Das maßgebende neuere Buch über die physischen Verhältnisse von T. ist von Richthofen, China, Bd. — Turkmenen. ^ 1, Berl. 1877; über das westl. vgl. Petzholdt, Um- schau in Russisch-T., Lpz. 1877; über das östl. Shaw, Reise nach der Hohen Tatarei, Jena 1874; Bellew, Laobmir anä LaoliAar, Lond. 1875; Forsyth, Rv- porto oka, misoion in flarüanck, Calc. 1875; Prsche- „ walskij; Reise an den Lob Nor, Ergäuzuugshesl 53 ß von Perermanns Geogr. Mitth. Weitere Literatur s. u. den einzelnen Ländern. Turkmantschai, Ortschaft im Persischen Arme- nien; hier Frieden am 22. (10.) Febr. 1828 zwi- ! scheu Persien u. Rußland. , Turkmenen (Turkomanen, Turkmanen, Türkmen), nomadische Horden, dem turko-tatarischen Zweige der turanischen Völkerfamilie angehörig, welche im Wesentlichen das Land zwischen dem Kaspi- s scheu Meere im W., dem Aral-See u. dem Lauf des Amu-Darja im N. u. O. u. dem Hochland Irans bewohnen; vereinzelte u. versprengte Glieder finden sich auch jenseit des Oxus in Bokhara, in Afghanistan, Persien, Kleinasien u. Syrien. Ihr Hauptsitz, nach ihnen auch Turkmenenland genannt, ist zum größten Theil eine furchtbare, streckenweise ganz vegetationslose Wüste mit extremen Kälte u. Wärme- Graden; nur an den Ufern der Flüsse Amu-Darja, Murghab, Gnrgan u. Atrek gestattet der Boden ei- s nigen Anbau u. Ansiedelung. Politisch wird der westl. Theil zu dem russischen transkaspischen Gebiet gerechnet und gehört der nördliche zu Khiwa, im Grunde genommen unterstehen jedoch die T. keiner Oberhoheit und sind vollständig unabhängig. Ihre Zahl wird auf 1—1^ Mill. geschätzt. Physisch gehören sie zur mongolischen Rare, deren Typus jedoch k selten noch vollständig ausgeprägt ist, da starke Ver- I Mischungen mit iranischem Blut, namentlich bei den in den Flußthälern wohnenden, stattgesunden haben; gemeinsam ist allen ein kühner u. scharfer Blick und stolze, kriegerische Haltung. Ihre Sprache ist ein Dialekt des Türkischen, ihre Religion derSnnnitische Islam. Obwol ihnen nun Abkunst, Sprachen. Religion gemeinsam sind, bilden sie dennoch keine politische Gesammtheit, sondern zerfallen in 9 (sich oft untereinander bekriegende) Stämme. 1)Tschau- dor, aus der Halbinsel Mangischlak, dem Ust-Uurt u. im N. der Oase Khiwa; 2) Jomud (Jomut), südl. von diesen an dem Ostrand des Kaspischen ! Meeres bis zu den Flüssen Atrek u. Gnrgan; 3) Goklen (Göklen), östl. dcr vorigen, an den oberen Flüssen Atrek u. Gnrgan, der friedlichste Stamm; 4) Tekke, nordöstl. von den beiden vorigen, am Nordabhang des Kjnrjan-Dagh, bis nach Merw, der mächtigste u. wegen seiner Räubereien gefürch- tetste Stamm, zerfallend in zwei große Hauptlager, die westlichen(Achat-Tekke) u. östlichen(Merw-Tekke); 5) Salor, früher sehr mächtig und im Besitz von Merw, jetzt von den Tekke daraus südwärts gedrängt, am Murghab; 6) Sarik, wegen ihrer Tapferkeit berühmt, südl. von den vorigen, beiPandschedeh am Murghab; 7) Kara od.Sakar, nordöstl. der beiden > vor. Stämme, in der Wüste zwischen Merw n. An- 1 dchni; 8) Alieli in Andchui; 9) Ersari, am linken Amu-Darja-User zwischen Tschardschui u. Balkh, einer der zahlreichsten Stämme. Die einzelnen Stämme zerfallen wieder in Horden (Taife) u. diese in einzelne Klans (Tire). Ebenso wenig wie ein gemeinsames Band die gesammten T. bindet, stehen die einzelnen Horden und Unterabtheilungen unter Turkomaneii — Turmalin. 649 Oberhäuptern; jeder Turkmene ist gleichberechtigt, unabhängig u. frei; wol haben die einzelnen Stämme in den Aksakale (d. h. den Ältesten) eine Art Vorstände, die jedoch nur gewisse Ehren genießen, deren Anordnungen aber in der Wirklichkeit ohne Einfluß sind. Das Band, welches dennoch diese vollständig anarchischen Nomaden zusammenhält, ist einmal die unlösbare Zusammengehörigkeit der einzelnen Taife u. Tire sowol, als auch des ganzen Stammes, deren Angehörige seit der frühesten Jugend unlösbar damit verkettet sind, ferner der Deb, d. h. der seit Jahrhunderten heilige u. auf das Strengste befolgte Gebrauch, der alle Handlungen regelt. Auch der Islam hat diesen, obwol er vielfach seinen Satzungen widerspricht nicht zu beseitigen vermocht. Die strenge Befolgung des Deb hat bewirkt, daß die unbändige Rohheit, Wildheit u. Raublust dieser Stämme durch gewisse Formen geregelt ist u. nicht bis zur gegenseitigen Vernichtung geführt hat. Die Beschäftigung des bei weitem größten Theils der T. ist die Viehzucht, nur der kleinere ist ansässig u. treibt Ackerbau n. (nach der Lage des Wohnsitzes) Fischzucht, man theilt daher das gesammte Volk, ohne Rücksicht auf ihre Stammeseigenthümlichkeiten, in die Tscharwa (Viehzüchter), die aber, da diese Beschäftigung nicht zu ihrem Unterhalt ausreicht, mit Vorliebe auf Menschenraub, namentlich im benachbarten Persien ansgehen, und Tschomri (Ansässige), die feste Zeltlager besitzen, spärlichen Handel u. Industrie treiben und nebenbei sich mit Sklavenhandel beschäftigen. Übri gens ist Trägheit im häuslichen Kreise eine hervor stechende Eigenschaft des Volkes, welches die noth- wendigen Arbeiten den Frauen überläßt; nur bei Len Raubzügeu u. Kämpfen zeigt es wilde Energie u. ungebändigten Muth. Seinen Haupterwerb bilden die gefangenen Feinde, welche, von grausamen In der neuesten Zeit hat ihre unbezwingliche Raubsucht mehrere Züge russischer Streifcorps gegen sie hervorgerufen. Die genauesten Nachrichten über die T. gibt Vambery, Reise in Mittelasien, 2. A. Leipzig 1873 . Lhielemann. Turkomanen, so v. w. Turkmenen. Turks-Jslands, so v. w. Turk-Jnseln. Turlak (Turlaki), Stadt im Kreise Akjerman der russ. Pro». Bessarabien, am Liman des Dnjestr; Korn-, Tabak - u. Seidenbau, Viehzucht, Handel; 6800 Ew. Turlupin, 1) Bühnenname des zur Zeit Ludwigs XIII. lebenden Komikers Belleville in Paris. Davon 2 ) Possenreißer, fader Witzling, Schwätzer, u. Turlupinade, Witzelei, Possenreißerei; 3 ) im 14 . u. 15 . Jahrh. Turlupinen, in Paris u. Jsle Le France der Spottname der 8ratro8 ok sororss 8piritus libsri. Ihre Führerin Jeanne Dabenton wurde 1372 verbrannt; sie verbreiteten sich auch nach Savoyen u. verloren sich im 15 . Jahrh. Turmalin (Schörl, Jndigolith, Rubellit), Mi. neral, krystallisirt rhombo'edrisch, die Rhomboeder stets combinirt mit Prismen, deren Flächen gewöhnlich vertical gestreift sind; die Krystalle sind ein- od. ausgewachsen,meist lang, seltener kurz säulenförmig, ausgezeichnet hemimorph; häufig findet sich der T. auch derb, in stengeligen, faserigen od. körnigen Massen, auch als Geschiebe; spaltbar unvollkommen nach dem Grundrhomboeder; Bruch muschelig-uneben; Härte 7 —8; spec. Gewicht 2 ,9-8,2; meist schwarz, auch grün, braun, roth gesärbt, selten wasserhell, nicht selten zeigt ein u. derselbe Krystall verschiedene Farben, indem bald der innere Kern u. die äußere Hülle, bald das obere Ende u. der untere Theil der Krystalle ganz verschieden gefärbt sind; glasglanzend u. durchscheinend, beim Erwärmen stark polar-elek- Mißhandlungen gepeinigt, entweder sich durch schwe- trisch werdend, daher der alle Name Aschenzieher res Lösegeld loskaufen müssen oder als Sklaven weiter verhandelt werden. Daher lautet auch die Charakteristik des T. ungünstig; Habsucht, Lügenhaftigkeit, Betrügerei, schonungslose Grausamkeit werden ihm vorgeworfen, der nicht einmal die Gastfreundschaft kennt. Allerdings treffen diese Vorwürfe hauptsächlich die nomadischen Stämme; die ansässigen haben einen großen Theil ihrer Wildheit abgelegt u. überhaupt sind die Verschiedenheiten der einzelnen Stämme zu groß, als daß eine allgemeine Charakteristik zuträfe. Die Lebensweise ist durchgängig mäßig, die Wohnung das in den asiatischen Steppen gewöhnliche Filzzelt; der Hauptbesitz und der Stolz der Einzelnen bas durch Schnelligkeit u. Ausdauer ausgezeichnete Pferd. Die T. sollen aus dem Kirgisenland zwischen dem Kaspischen Meer u. Aral-See in ihre jetzigen Wohnsitze eingewandert sein. Schon im 11 . Jahrh. werden verheerende Raubzüge von ihnen nach Persien, dessen Sultan Saudschar 1057 in ihrer Gefangenschaft starb, und Vorderasien gemeldet. Zu einer größeren politischen Bedeutung gelangten sie in den beiden Horden, der vom Schwarzen Hammel (Kara koinlu) u. der vom Weißen Hammel (Ak koinlu), s. dar. Persien, S. 246 . Bis in die neueste Zeit haben sie theils durch vorübergehende Ranbzüge, theils entscheidend in die Geschicke Persiens eingegriffen (die jetzige Dynastie daselbst entstammt ihnen). 1860 u. 1876 wurden! od. Aschentreker. Diechem.Zusammensetzung des T-s ist sehr complicirt u. schwankend; als Hauptbe- standlheile enthält er Kieselsäure, Borsäure, Thonerde, Eisenoxydul, Manganorydul, Kalkerde, Magnesia, Kali, Natron, Lithion, kleine Mengen von Fluor, Phosphorsäure u. Wasser. Nach Rammels- berg bestehen die T-e insgesammt aus Zweidrittelsilicaten, allgemein: I 1 RgAOz, worin 8—8, L, Via, I-i II 11 RgAOg „ 8—LI§, 8s, Lin, 6a (L)üiO, „ (L^Li,.), (62) u. zerfallen in 2 Gruppen: H.) die größere, mit der Zusammensetzung ik6(^l2)2(i^2)^^402s>"stIkZ(^.l2)2(l^2)^i40La I II VI od. allgemein (82,8)9(82)2814629, VI wobei 8(82)-sind. Hierhin gehören die gelben braunen und schwarzen T-e, welche nur 32—34 "/o Thonerde u. meist viel Eisenoxydul (bis 17 "/o) enthalten; 8) bestehend aus 82(^12)2(82)2819045-1-82(^.12)2(82)28^045 1 II VI od. allgemein (82,8)2(82)9819045, VI die Perser bei Merw entschieden von ihnen besiegt.! wobei 8(8-)—ös-LIZ 4-2(8.9) sind; hierhin gehören 650 Turmalinfcls — Turnen. die farblosen, hellgrünen und rothen T-e, welche 42 bis 44 °/o Thonerde enthalten u. durch die Gegenwart von Lithion, sowie durch das fast gänzliche Fehlen von Eisen ausgezeichnetsind. Dieintensiv grünen T-e sind nach Rammclsberg isomorphe Mischungen der beiden vorstehenden Gruppen. Findet sich in granitischen Gängen des Granulites bei Rochsburg, Penig, Wolkenburg, Limbach in Sachsen, Andreasberg im Harz, Bodenmais, Rabenstein n. Zwiesel in Bayern, Dobrowa bei Unter-Drauburg in Kärnten, Elba, Utöen, Rozeua, Campo longo in Tessin u. Binnenthal in Wallis, Mursinsk, Miask, Chesterfield in Massachusetts, Paris u. Hebron in Maine, Haddam u. Monroe in Connecticut, Gouverneur in New Jork u. v. a. Orten in NAmerika, Ceylon, Madagascar u. a. Ländern. Zuweilen bildet schwarzer T. mit Quarz eine eigenthümliche Gesteiusart, den T-fels (s. d.). Die schön gefärbten reinen Varietäten des T-s werden zu Ring- und Nadelsteinen verarbeitet; die durchsichtigeren Varietäten dienen zu Po- larisationsapparaten. Lehmann. Turmalinfels (Schörlfels), ein krystallinisches Gestein, besteht aus einem körnigen Gemenge von Quarz u. Turmalin, in welchem bisweilen Krystalle von Feldspath liegen; kommt bes. bei Eibenstock, Ehrcnsriedersdors u. Geyer in Sachsen, an denRos- commonklippen bei St. Just, Bottallark u. a. O. in Cornwall vor und steht in naher Beziehung zu den Zinnerzgängen dieser Gegenden. Ein schieferiges Gemenge von feinkörnigem Quarz und schwarzem Turmalin unterscheidet man als Turmalinschiefer (Schörlschiefer), welcher bes. am Auersberg bei Ei- benstock in Sachsen, sowie in Böhmen u. Cornwall vorkommt. Turmalinschiefer, s. Turmalinfels. Türmayr, Johann, so v. w. Aventinus. Turnan(Turuow), Hauptort einer böhm.Bez.- Hauptmannschajt, links an derJser, Krcuzungspunkt der T.-Kraluper und der Süd-Norddeutschen Verbindungsbahn, hat eine Vorstadt, Sitz der Bezirksbehörden, Postamt, 2 Kirchen, Franciscanerkloster (seit1651),Theater,Baumwollenwaarenfabrikation, Dampssäge, Maschinen, Seilerwaarensabrik, Essig- sabrik, Bierbrauerei, 2 Kunstmühlen, Lohgerberei, Kunstgärtnerei. Man schleiftdortseitdem 15.Jahrh. Edelsteine u. fertigt falsche, den venetianischen Glasflüssen nacheahmte (T-er Glascomposition), die nach dem Orient u. Amerika verschickt werden; südl. davon die Ruine Waldstein. Turnau-Kralup-Prager Eisenbahn (1877). Länge: 120,s km,' Anzahl der Locomotiven: 17, der Personenwagen: 49, der Güterwagen: 403; Einnahme: 1,363,866FI.; Benennung der Linien: Prag- Turnau(103,gkm),Kalup-Neratovic(17km); Zeit der Gründung: 1863—69, Inbetriebsetzung: 1865 bis1872;AnlagecapitalbeiderGründung: 7,000,000 Fl.; heutiges Anlagecapital: 13,428,078 Fl. Privatverwaltung; Dircctionssitz: Prag. Turnbullsblau, s. Berlinerblau. Turnen, bezeichnet im Allgemeinen geregelte Bewegungen, welche aus dem Bewegungsvermögen des menschlichen Organismus hervorgehen u. diesem zu seiner Vervollkommnung, wie zur Erhaltung seiner Kraft, Gesundheit u. Gewandtheit dienen. F. L. Jahn gab 1811 der Sache zuerst den dem Althochdeutschen eninvmmenenNamen u. damit eine besondere Zweckbestimmung in Beziehung auf pädagogische u. deutschthümliche Bestrebungen. In der weitesten Bedeutung zur Bezeichnung aller planmäßigen Übungen bei den verschiedenen Völkern und in den verschiedensten Zeiten dient der Ausdruck Leibesübungen, während die Benennungen gymnastische Übungen oder Gymnastik an die Bedeutung des Begriffes jener Bewegungen nach der Auffassung der alten Griechen erinnern. I. Die Griechen waren die Ersten, welche eine systematische Gymnastik (s. u. Gymnastik) in umfänglichster Weise einführten; in der Verbindung mit der Musik od. denMusenkllnsten sollten die gymnastischen Übungen einen Haupttheil der Bildung ausmachen, damit durch harmonische Entwickelung von Geist u. Körper vollkommene Menschen erzogen würden. Die berühmten Kampfspiele in Olympia u. Delphi, in Ne- mea und auf dem Jsthmos gaben Zcuguiß von der gymnastischen Fertigkeit der griechischen Jünglings- u. Männerwelt, welche sich hier Siegespreise in den landesüblichen Kampfarten errang (vergl. Krause, Gymnastik u.Agonistik der Hellenen, Lpz. 1841; O. Jäger, Die Gymnastik der Hellenen, Eßl. 1850). Bei den Römern findet sich zwar Nachahmung der griechischen Einrichtungen für Gymnastik, ohne daß dieselbe bei ihnen zu einem Bestandtheile der öffentlichen Erziehung geworden wäre. Die Circensischen Spiele waren glänzende Schauspiele mitWagenren- nen, Reiter- und Thiergefechten; die Gladiatoren, welche meist Sklaven waren, führten im Austrage n. gezwungen öffentliche Fechterspiele auf, wobei es auf Leben u. Tod ging. Während bei den Römern die Gymnastik keineswegs so wie bei den Griechen zur Volkssitte geworden war, so findet sich bei ihnen doch eine ziemlich ausgebildete kriegerische Gymnastik, da die römischen Soldaten alle für den Kriegsdienst wichtigen Leibesübungen, wie Gehen, Laufen, Springen, Voltigiren, Lasttragen, Fechten ».Speerwerfen mit Sorgfalt zu treiben hatten. Bei den Deutschen tritt im Mittelalter zuerst ein planmäßiger Betrieb der Leibesübungen auf zur Zeit des Ritterwesens u. der Turniere, indem die Ritterju- geud zeitig lernen mußte, den Vorkommnissen des Turniers od. des Ernstkampfes zu begegnen. Hier galt es, sattelsest das Roß zu tummeln, sich im eisernen Panzer wie im leichten Gewand zu bewegen u. dabei die Waffen sicher u. leicht zu führen. Die dazu nöthigeKraft, Gewandtheit ».Ausdauer mußten die Edelknaben ».Knappen sich in strenger Weise erwerben, zu welchem Zwecke das Speerwerfen, das Schirmen mit dem Schild gegen Lanzen u. Geschoß, das Voltigiren, Klimmübungen an der schrägen Leiter, Lanfübungen, Spiele mit Lanzen u. Armbrüsten, sowie eigeneKriegsspielc u.Turngefechte imGebrauche waren. Nach dem Verfall der Turniere fielen jene ritterlichen Turnübungen weg u. nur sogen, adelige Exercitien, etwas Fechten und Voltigiren, erhielten sich; bes. zunftmäßig eingerichtete Fechterschulen in Augsburg, Nürnberg u. Frankfurt waren die einzigen Pflegeanstalten der Leibesübungen. Die Gymnastik der neueren Zeit wurde vorbereitet durch Luther, Camerarius, Rousseau, Montaigne, Locke u. A., welche deren Nothwendigkeit nachwiesen n. auch vereinzelte Anfänge zu deren Einführung machten. Die Philantropen, namentlich Basedow und Salz- mann, führten geregelte Leibesübungen für erziehe- § k Turnen. 65l rische Zwecke förmlich ein. Unter Salzmann arbeitete (seit 1785) I. Fr. Gutsmnths, der erste Turnlehrer Deutschlands, welcher das System einer deutschen, vielleicht europäischen Gymnastik begründete, nach allen seinen Einzelheiten ausarbeitete n. praktisch durchführte (bes. durch Gymnastik für die Jugend, 1793,1804; Turnbuch für Söhne des Vaterlandes, Franks. 1817; Spiele zur Übung des Körpers, 1796, 5. Ausl, besorgt von O. Schettler, Hof 1878. Nicht unwichtig war für das pädagogische T. Pestalozzi, welcher 1807 eine Elenientargymnastik schrieb. Geschichtlich faßte alle Vorkommnisse in Bezug auf Leibesübungen zusammen Gerhard Ulrich Anton Vieth, geb. 1763, gest. als Schulrath. a. D. 1836 zu Dessau, in dem Werke: Versuch einer En- cyklopädie der Leibesübungen, 1. Thl. Berl. 1794, 2.THI. 1795, 3.Thl. Lpz. 1818. Fr.L.Jahn brach Len Leibesübungen neue Bahn, indem er sie als deutsch-nationales Erziehungsmittel zur Durchführung brachte, wie er das schon in seinem Werke: Deutsches Volksthum, Lübeck 1810, im Plane entworfen hatte. In der Hascnheide bei Berlin wurde 1811 durch ihn der erste Turnplatz eröffnet und bald folgte fast ganz Deutschland diesem Beispiele. Jahn wußte seinen Turnern Vaterlandsliebe einzuflößeu und sie für den Gedanken zu begeistern, sich wehrtüchtig zu machen, so daß auch 1813 alle wehrhaften Turner und Jahn selbst ins Feld zogen. Nach dem Kriege wurde Jahn von der preußischen Regierung als öffentlicher Turnlehrer angestellt. Er schuf nun eine eigene Turnsprache, um „eine deutsche Sache mit deutschem Worte zu bezeichnen", u. schr. mit seinem Gehilfen E. Eiselen: Die deutsche Turnkunst zur Einrichtung der Turnplätze (Berl. 1816), welches Werk die Norm für Leitung der Turnplätze bildete. Als Alles im bestenGange war, in Preußen z.B. ein großartiger Plan zur allgemeinen Einführung desT-s von Staatswegen durchgeführt werden sollte, brach ein heftiger Streit los, angeregt durch bedenkliche Stimmen, welche auf das Gefährliche der Turnübungen in gesundheitlicher Beziehung hinwiesen u. namentlich eine Anmaßung u. Verwilderung derTnrnjugend bemerkt haben wollten. DieseTurn- streitigkeiten, unter dem Name der Breslauer Turnfehde bekannt, wurden in den I. 1817 u. 1818 geführt u. riefen viele Schriften für u. wider hervor. Vgl. hierüber die Aufsätze von Th. Bach inderDeut- schenTurnzeitung, Jahrg.1864 u.1868. Vorkommnisse beim Wartburgfeste in Eisenach u. die Ermord- ungKotzebues durch Sand wurden 1819 die äußere Veranlassung zur Schließung der Turnplätze durch fast ganz Deutschland, weil man dieselben als die Stätten der politischen und demagogischen Umtriebe ausah. Jahn selbst erhielt Festungsarrest u. wurde erst 1825 freigesprochen; viele seiner Schüler hatten ein ähnliches Geschick. Nach dieser allgemeinen Turnsperre wurden einzelne Turnanstalten wieder eröffnet, wie die in Berlin durch Jahns Mitlehrer E. Eiselen, die in München durch Maßmann, in Stuttgart durch Klumpp, in Magdeburg durch Koch, in Frankfurt durch Ravenstein. Um dieselbe Zeit entwickelte in Dresden, später von 1839 ab in Dessau, J.A.L. Werner (geb. 1794 zu Vielau bei Zwickau, gest. 1866 inDessau) eine rührigeThätigkeit für die Gymnastik auch nach ihrer orthopädischen Verwend- ung. In der Zeit der Vernachlässigung der Gymnastik war Werners Austreten ein ersprießliches, wenn er auch den Turnplatz zu sehr als Schaubühne theatralischer Productionen benutzte u. ziemlich kritiklos eine großeAnzahl gymnastischer Werke schrieb. Ähnlich war die Wirksamkeit des Schweizers Pho- kionHeinrich Käslin, gewöhnlich Elias genannt (geb. 1782, gest. 1854), der vielfach deutsche Turnschriftsteller ausbeutetc n. damit in der Schweiz, in Frankreich u. England Aufsehen erregte. Der Lorinse» sche Schulstreit (s. u. Lorinser) im I. 1836 hatte zur Folge, daß in vielen deutschen Staaten die gymnastischen Übungen bei den Schulen wieder eingeführt wurden, bis 6.Juni1842 derKönig vonPreu- ßen durchCabinetsordre dieEinsllhrnng desT-s als nothwendigen Bestandtheil der männlichen Jugenderziehung befahl u. 1843 Maßmann aus München zum Oberleiter des preußischen Turnwesens nach Berlin berief. Die meisten deutschen Staaten folgten dem Beispiele Preußens. Die pädagogisch-technische Umgestaltung des deutschen T-s, namentlich im Interesse der Schulen, erfolgte durch A. Spieß, welcher dafür zuerst in der Schweiz, dann in Darmstadt eine umfängliche praktische Wirksamkeit entwickelte. Ankuüpsend an Gutsmuths u. Jahns Arbeiten brachte Spieß mehr System in die Behandlung der einzelnen Turnarten u. wußte namentlich das ästhetische Element der Turnübungen zur Geltung zu bringe». Zu diesem Zwecke bearbeitete er als ganz neue Turnart die Freiübungen (s. unten), welche ohne alle Geräthe eine allseitige turnerische Durchbildung des Körpers in den gewöhnlichen Zuständen des Stehens u. Gehens bewirkten. Diese Turnart führte ihn weiter zur Behandlung der Ordnungsübungen, mit derenHilfe sich eine größereAu- zahl von Turnern nach bestimmter und mannigfach wechselnder Ordnung u. Gliederung bewegt u. gemeinsam turnt. Die Turnübungen an Gerüsten ordnete Spieß nach der Leibesgliederuug u. den Bewegungsmöglichkeiten u. war dabei auch auf eine zweckmäßigere Ausbildung der Turngeräthe bedacht. Als wissenschaftliches System legte Spieß seine Reformarbeiten nieder in dem Werke: Die Lehre der Turnkunst, Bas. 1840—47, 4 Bde. Für die uuterricht- liche Behandlung seines Systems gab Spieß einen praktischen Wegweiser in dem Turnbuch für Schulen als Anleitung für den Turnunterricht durch die Lehrer der Schulen (Bas. 1847 u. 1851, 2 Thle.). Das Spießsche T. fand in der Schweiz u. inDeutschland die meiste Verbreitung. Seine Üeineren Schriften hat I. C. Lion gesammelt und herausgegeben, Hof 1871. Im I. 1850 errichtete die sächsische u. 1851 die preußische Regierung eigene Turnlehrerbildungsanstalten in Dresden unter Kloß u. in Berlin unter Rothstcin, worin 1862 auch die württembergische durch Errichtung einer solchen Anstalt in Stuttgart unter Jäger uachfolgte. Von jetzt ab schieden sich das T. der Schulen und das Ver eins-T. Erwachsener nach Umfang u. Organisation mehr von einander. Jetzt ist das T. in allen deutschen Staaten gesetzlich geordnet und in höheren wie niederen Schulen eingeführt. Auch sind in verschiedenen Ländern Curse zur Ausbildung von Turnlehrerinuen, z. B. in Berlin, Dresden, München rc., eingerichtet worden. Infolge der Begünstigung des Schwedischen T«s Lurch Rothsteiu in Berlin erhob sich ein ernster Streit, der namentlich dadurch allgemein wurde, als 652 Turnen. Nothstein den Barren für gefährlich erklärte. Dieser sog. Barrenstreit rief eine reichhaltige Literatur für u. wider hervor. Zuletzt unterlag Rothstcin u. das Deutsche T., für welches mannhaft Dubais-Raymond, Virchow rc. eiutraten, errang namentlich in der nunmehr unter Euler stehenden Civilturulehrer- bildungsaustalt einenvollständigenSieg. EiueStock- ung in der Entwickelung desT-s trat vorübergehend in Len 1.1849 u. 1850 ein, wo viele Turnvereine politischer Tendenzen halber aufgelöst wurden. Jetzt wächst mehr u. mehr dicTheilnahme. Die Turnlehrer Deutschlands hieltenBersaininluugen ab inBer- lin 1861, Gera 1862, Dresden 1863, Stuttgart 1867, Görlitz 1869, Darmstadt 1872, Salzburg 1874, Braunschweig 1876. Die deutschen Turnvereine hielten große allgemeine Turnfeste in Koburg 1860, Berlin 1862, Leipzig 1863 (hier waren 23,000Turner erschienen), Bonn 1872, Dresden 1875. Auf dem ohne Festlichkeit in Weimar einbcrufenen Turntage 1868 constituirten sich die Turnvereine als Deutsche Turnerschaft. Jetzt bestehen in Deutschland u. Deutsch-Österreich ungefähr 1800 Turnvereine, welche sich in 17 Kreise, die wieder in Gaue zerfallen, gliedern und dadurch zu einem lebenskräftigen Organismus verbunden sind. An der Spitze steht ein Ausschuß. Ausführliches hierüber in den statistischen Jahrbüchern der Turnvereine, Leipzig 1863, 1865 n. 1871. Über das Schul-T. vgl. I. C. Lion, Statistik des Schul-T-s in Deutschland, Lpz. 1873; I. Niggeler, Turnschule für Knaben u. Mädchen, Zür. 1877 u. 1878; I. C. Lion, Leitfaden für den Turnunterricht in Volksschulen, 3. A. Lpz. 1877; Hausmann, Das T. in der Volksschule, 3.A. Weim. 1877; Spieß, Turubuch für Schulen, 2. A. durch Lion, Lpz. 1879; Schmickler, DasKnaben-T. in den Elementarschulen mit besondererBerllcksichtiguug der Schulen auf dem Lande, 2. A. Bonn 1879; Maul, Anleitung für den Turnunterricht in Knabenschulen, Karlsr. 1878—79; lieber Einrichtung von Turn- austalten, -Hallen, -Plätzen vgl. Angerstein, Anleitung zur Einrichtung von Turuaustalten, Berl. 1863; Lion, 7 Tafeln Werkzeichuungen von Turngerätheu u. Turueiurichtuugen, Berl. 1872. II. Die gebräuchlichsten Leibesübungen zerfallen in folgende Hauptartcn: L.) Die Freiübungen (früher Gelenkllbungen genannt) ergeben sich als die natürlichsten Bewegungen aus der Gliederung des Körpers und dessen Bewegungsmöglichkeiten. Sie sollen die Geschmeidigkeit der Gliedmaßen fördern u. dem Turner zur Gewandtheit und vollen Herrschaft über seinen Körper verhelfen. Dazu werden diever- jchiedenen Gliederübnugeu im Stehen, Gehen, Hüpfen, Springen, Laufen ».Drehen beimT. am häufigsten im Tacte, selbst unter Gesang- u. Musikbegleitung ausgeführt. Die möglichenBewegungen u. deren Verbindungen sind zahllos. Doch wählt man nur die turnschickigen Freiübungen aus, welche körperllbend u. schön sind. In Verbindung mit den Ordnungsübungen entstehen durch kunstvolle Combinationen der Freiübungen die Turnreigen, geordnete Bewegungen einer größeren Turnerschaar mit allerlei Schreitungen, wechselnden Aufstellungen und Verschlingungen der Einzelnen oder einzelner Reihenkörper nach bestimmten rhythmischen Verhältnissen. Vgl. A.Maul, Die Freiübungen u. ihreAn- wendnng im Turnunterricht, Darmst. 1862; I. C. Lion, Leitfaden fürdenBetrieb einfacher Ordnungs- u.Freiübungen, 5.A. Lpz. 1875; W.Buley u.Franz Pammer, Liederreigen für das Schul-T., Wien 1877. L) Bei den Geräthübungen kommen die Freiübungen vielfach zur Anwendung, indem man sich zu ihrer Verstärkung u. Ausführung leicht zu handhabender Turngeräthe bedient, wie Stäbe, Hanteln (engl. Vurnddelev), Stelzen, Kugeln, Keulen, Schwingseile, Wurf- u. Springstäbe; vergl. Kloß, Hantelb'üchlein für Zimmerturner, 4.A. Lpz. 1872; O. Jäger, Orduungs- u. Freiübungen mit dem kurzen Eisenstabe, Lpz. 1863. 6) Die Gerüstübungen als die schwersten u. kräftigsten Turnübungen werden an feststehenden Vorrichtungen vorgenommen, wobei der Turner seinen natürlichen Standpunkt auf ebenem Boden aufgibt, um in einer schwierigeren Stellung od. Lage einen noch entschiedeneren Kampf mit der Schwäche od. dem Ungeschick seines Leibes aufzuuehmen. Die Hang-, Stemm- und Sprungkrast werden durch die Gcrüstübnngcn vornehmlich geübt. Dazu dienen als Hauptgerüste: der Barren u. das Reck, erstere sind 2 wagerecht parallel laufende Hölzer, je aus 2 vertical stehenden Hölzern ruhend, ungefähr 8 Fuß lang, von verschiedener Höhe, meist aber annähernd in der Brusthöhe des Turnenden; letzteres ist nur ein dergleichen auf 2 Stämmen wagerccht befestigtes Holz, aber bei Weitem höher als dieBarren, meist um Weniges höher, als daß der betreffende Turnende mit hoch ausgestreckter Hand hiuausreichen könnte, um beimT. den Erdboden nicht;»berühren; fürSchwebe- od.Ba- lancirübungen: der Schwebebaum, dieSchwebe- stangen und Schwebekanten, die Gangschaukel; für Spriugübungen: der Springgraben mitSpring- ständern und Springleinen, der Tiefspringel, der Sturmlauf; fürKletter- u. Steigübungen:das Stangengerüst mit einer Zusammenstellung senkrechter u. schräger Kletterstangen, Strickleiter, senkrechte, schräge u.wagerechteLeiter, Knoten-u. Sprossentau, Kletter- u. Stcigemaste. Der Ruudlauf, die Schweberinge, die Hang - u. Stemmschaukel dienen für Entwickelung der Hang - und Stemmkraft; zum Voltigiren: Springbock, Springtisch u. Voltigir- pferd. Vergl. A. Ravenstein, Volksturnbuch, 3. A. Franks, a. M. 1876; Lion, Die Turnübungen des gemischten Sprunges, Lpz. 1875; A. Laug,Turn- taselu, Illustrationen rc., Hof1878; Kloß, Katechismus der Turnkunst, 4. A. Lpz. 1874. v) Bei den Turnübungen mit Widerstand od. niit gegenseitiger Unterstützung treten mehrere Turner in Wechselbeziehung zu einander, theils um ihre Kräfte ab- zuwägen u. zu stärken, wie beim Ringen, theils um sich gegenseitig bei Ausführung von Leibesübungen zu unterstützen. L) DasTurn-od.Bewegungs- spicl hat von jeher als wesentlicher Theil des T-s gegolten. Vgl. Gutsmuths, Spiele zur Übung u. Erholung des Körpers, 5.A. Hof 1878; Kloß, Das T. im Spiel, Dresd.1861; O. Schettler, Turnspiele für Knaben u. Mädchen, Plauen 1876. Kürturnen (d. h. das T. nach eigner Wahl der Uebungen, jedoch innerhalb gewisser Beschränkungen), Wettkämpfe u. Turnspiele schließen sich unmittelbar an den Turnunterricht an u. dienen wesentlich zur Belebung desselben. Das in neuerer Zeit allgemeiner gefühlte Bedürf- niß des T-s ist wesentlich aus der Erkenntniß her- Turnen. 653 vorgegangen, daß die körperliche Organisalion durch geregelte Leibesübungen zu einem Grade der Vervollkommnung gebracht werden könne, wie sie für alle Menschen unter den heutigen Culturzuständen als nothwendig erscheint. Die Wissenschaft wie die Erfahrung legten es als unzweifelhaft dar, daß der Körper durch geregeltes T. in allen Gliedern mächtig erstarkt, daß ferner die Organe des Blntlaufs, des Athemholcns u. der Verdauung, von deren ungestörtem Zusammenwirken die Gesundheit wesentlich abhängt, an Energie zunehmen, daß ein Gefühl von Kraft alle Nerven durchströmt u. sie gegen zahllose Schädlichkeiten abhärtet, denen der Schwache sonst unterliegt. Bes. hob es die neuere Physiologische Schule der Mediciner hervor, wie eine gehörige Leibesbcwegung das geeignetste Mittel sei, die kommenden Geschlechter mit Kraft, Ausdauer und freudigem Muthe zu erfüllen. Schreber in Leipzig war ein hervorragender Vorkämpfer dieser Ansicht. Jdeler in Berlin baute das System der Diätetik auf die Gymnastik, nicht minder waren Bock in Leipzig, Berend in Berlin, Richter in Dresden u. Andere in ihren Schriften u. Berufsstellungen für Verbreitung des T-s thätig. Diese ärztlichen Stimmen fanden bei Erziehungsbehörden ».Schulmännern Beachtung. Die Pädagogik nahm das T. als Bestandtheil des öffentlichen Unterrichtswesens auf, wegen des heilsamen Einflusses, welchen ein wohlgeordneter Turnunte» richt neben seinen körperbildenden Eigenschaften auch auf die Erziehung der Jugend zur Sittlichkeit ausüben kann, indem die Turnanstalt eine Schule der Entschlossenheit u. Geistesgegenwart, der Mäßigung u. Besonnenheit, der Ordnung u. des Gehorsams sein soll. III. Die allgemeine Aufnahme des T-s war von Einfluß aus die Vervollkommnung desselben an sich. Die ursprünglichen empirischen Turnübungen wurden nun nach bestimmtenPrincipien angeordnet, entwickelt, vervollständigt und zu einem harmonischen Ganzen von innerer u. äußerer Zweckmäßigkeit verarbeitet, wobei Einsicht in die Natur der Bewegung wie in die Beschaffenheit des menschlichen Organismus maßgebend waren. Es entwickelte sich so ein rationelles T. als dasSystem einer naturgemäßen, anatomisch-physiologisch begründeten Lehre u. Kunst der Leibesübungen. Nach ihrer verschiedenen Anwendung erhielten die Leibesübungen außer ihrer pädagogisch diätetischen Richtung noch ihre besondere Gestaltung: L.) Als militärisch esT.. welches die besonderen Turnübungen behandelt, welche zur Erhöhung der Wehrtüchtigkeit des Soldaten nach den Forderungen der heutigen Kriegsführung dienen. Für das militärische T. gelten in Deutschland: Instruction für den Betrieb der Gymnastik bei den Truppen zu Pferde von 1860; Vorschriften über das T. der Infanterie vom 6. April 1876, Berl. 1876; Vorschriften über das Bajonettfechten der Infanterie, Berl. 1876. Als Erläuterungsschriften hierzu dienen: Übnngszettel zum unmittelbaren Gebrauch beim Unterricht in der Gymnastik beiderJn- santerie, Hann. 1875; ».Rabenau, Leitfaden für den systematisch-rationellen Betrieb der Militärgymnastik, 2.A. Brei». 1878; Junk, Praktische Anleitung zur Ertheilung eines systematischen Turnunterrichts bei derCavalerie, Hann. 1877. 8) Eine weibliche Turnkunst hat man bes. unterschieden, insofern die Rücksichtnahme auf die weibliche Organisation und weibliches Wesen überhaupt eine eigene Auswahl der Turnübungen nöthig machten. Mit der kunstge- mäßenAusbildung des T-s hat auch das Mä d ch c n- T. Eingang u. Verbreitung in der Privaterziehung wie bei den öffentlichen Schulen gefunden. Dem weiblichen T. sind nach Art u. Umfang der Übungen die Grenzen viel enger gesteckt; bei ihm tritt bes. der ästhetische Charakter des T-s hervor. Vgl. Kloß, Die weibliche Turnkunst, 3.A. Lpz. 1875; O. Schettler. Turnschnle für Mädchen, Plauen 1875 u. 1876; H. O. Kluge, Das Mädcheu -T. in den Klugeschen Turnanstalten, Berl. 1872; Wiebe, Zimmergymnastik für das weibl. Geschlecht, 2 . A. Hamb. 1878. Über die Schwedische Gymnastik s. d. Art. Heilgymnastik. Deutschland ist das Stammland des neueren T-s für alleVölker geworden, bei Lenen sich Männer fanden , welche die Gutsmnthschen n. Jahnschen Ideen u. Schriften nach ihrer landesüblichen Weise verarbeiteten. In Österreich erschien, nachdem an einzelnen Schulen bereits ein Anfang gemacht worden war, 1848 die erste gesetzliche Verordnung über den Turnunterricht an Schulen, worin es hieß, daß die Gymnastik „nach Bedürfniß u. Möglichkeit" einzn- sühren sei. Officiell für die allgemeine Volksschule augeorduct wurde das T. durch den Ministerial-Er- laß vom 31.Oct. 1867. Spätere Erlasse haben dieß weiter ausgeführt, namentlich das Schulgesetz von 1869. In Wien besteht eine Turnlehrerbildungsanstalt, die von JohannHofser geleitet wird, welcher 1874 einen officiellen Lehrplan für den Turnunterricht an Volks- u. Bürgerschulen für Knaben bearbeitet hat. In Dänemark wurde das T. zeitig durch Nachtigall eingeführt. Für die Schweiz wurde Elias der erste Vertreter des T-s. Neuerdings ist dasselbe in den Schulen wie in Vereinen allgemeiner geworden, u. I. Niggeler gibt in Zürich eine Schweizerische Turnzeitung heraus. In Frankreich tritt die Gymnastik gleichzeitig mit Jahn auf. Das erste französische Turnwerk von F. Amoros, dlouveau inanuol oomplst cksäuea- tion püMgus, A^mnastigus et morale, Paris 1830, bildet die Grundlage für spätere sranz. Tnrn- schriften, von denen noch hervorzuheben ist: Laisne, Oz-mnastigns praetigus, Par. 1850. DasMilitär- T. ist in Frankreich sehr ausgebildet u. die oben angeführte Instruction gilt im Auszüge auch für die Schulen. Großartige Turnanstalten bestehen in Paris. In England sind an Stelle des T-s mancherlei Turnspiele gebräuchlich, unter denen das Cricket hervorragt. In London bestehen mehrere Turnanstalten, namentlich die von Chiosso, welcher durch die Schrift: 6zmmasties, au essential bravdrs ok National-säuoatioir eto., Land. 1854, bekannt geworden. In Familien u. Pensionen sind eine Art von Freiübungen im Gebrauche, mit deren Hilfe allerlei Stellungen u. Bewegungen dnrchgenommeu werden; vgl. Laspee, tlalistüsnios-, or tlrs slsmonts ok boällx eulturs, Land. 1856. Neuerdings sind auch iuLondon u. anderen größeren Städten deütsche Turnvereine entstanden. Besonderen Aufschwung nimmt auch das T. in Italien, wie verschiedene dort erscheinende Turnzeitungen beweisen. In Amerika ist das T. durch deutsche Einwanderer eingebürgert worden; zahllose Turnvereine sind, ganz den deut- sehen nachgebildet, dort entstanden und fast bei allen 654 Turner — Turnier. Culturvölkern findet gegenwärtig dasT.Aufnahme. Allgemeines über T. findet man in: Angerstein, Theoretisches Handbuch für Turner, Halle 1870; Hirth, Das gesammte Turnwesen, ein Lesebuch für deutsche Turner, Lpz. 1865; Euler, Der Unterricht im T.; in Diesterwcgs Wegweiser, 5.A.Efsenl877. Außerdem: Kloß, Neue Jahrbücher für die Turnkunst, Dresd. seit 1855; E. Strauch, Deutsche Turn- zeituug, Lpz. seit 1856; Roth, Grundriß der physiol. Anatomie für Tnrnlehrer-Bilduugsanstalteu, 3. A. Berl. 1 8 79; Döhnel, Vorturnerübungen, Gera 1879; Übungstafeln für das Riegen-T., Berl. 1879. St. Turner, 1) Sharon, engl. Geschichtschreiber, geb. 24. Sept. 1768 in London, studirte die Rechte u. prakticirte als Anwalt in London, wo er 13.Febr. 1847 starb. Neben seinen Amtsgeschäften widmete er sich einer gründlichen Forschung in der Geschichte Englands, als deren Resultate erschienen: Tlls lli- stor^.ok tiis L.uAlo-8axous, Lond. 1799—1805, 3 Bde., 7. A. 1853; L. Historx olkZnAkanll Irom tiis «nrlisst psrioä to tüs äsatü ok Dimadotlr, herausgegeben in 4 verschiedenen Theilen unter besonderen Titeln, 1799—1829, 9 Bde.; Tire saersci tust. ok tüo rvorlfi, 1832, 3 Bde., 8. A. 1848; New Dork 1838; u. kurz vor seinem Tode: Vieüarä IH., ein Gedicht. 2 ) Joseph Mallord William, engl. Landschasts-, Marine- und Historienmaler, geb. 23. April 1775 in London, st. in Ehelsea 19. December 1851; bildete sich au der Londoner Akademie, zu deren Mitglied er 1802 seiner ausgezeichneten Aquarelle, halber ernannt wurde. Daun wendete er sich der Ölmalerei zu, bereiste Frankreich, die Schweiz, Italien u. Deutschland u. ward 1808 Professor der Perspective an der Akademie. In seinen Landschaften tritt eine ungezügelte Phantasie u. übertriebene Farbe zu Tage, welch letztere wol in seiner Farbenblindheit ihren Grund hat. Im Übrigen bekunden seine Werke originelle, ja geniale Auffassung. Eine reiche Sammlung seiner Bilder vermachte T. der Nationalgalerie u. seine Skizzen gab er unter dem Titel Isidor stnäiornm heraus. Auch als Illustrator war T. gesucht. Von seinem großen Reichthum, welchen ihm die Kunst eingebracht hatte, bestimmte er in seinem Testament 20,000 Psd. St. für die Akademie, u. den Rest, ungefähr 200,000 Psd. St. zur Stiftung eines Asyls sür hilflose, alte Künstler. Im Jahre 1863 wurde ihm in der St. Pauls Kirche eine Statue (v.Mc.Dowell) errichtet. Vgl. John Burnet und Peters Cunningham, Turnor nuck dis rvorüo, Lond. 1852 u. Walter Thornbury, Isis« oILurnsr, London 1861. 1) Bartling. L) R-gn-t. Turners Gelb, so v. w. Mineralgelb, s. Kasseler Gelb. Turnhout, Arrondissementshauptort in derbelg. Prov. Antwerpen, Knotenpunkt des Grand Central u. der Linie Lierre-T.; altes Schloß, Gymnasium, Fabriken in Tuch , Baumwolle, Leinwand, Spitzen, Branntwein; bedeutende Blutegelzucht u. lebhafter Handel; 15,473 Ew. Hier 22. Jan. 1597 Sieg der Niederländer unter dem Prinzen Moritz von Nassau über die Spanier unter Varas u. 27. Octbr. 1789 SiegderbrabautischenPatrioten unter Vandermersch über die Österreicher. Turnier (v. franz. klournoi, mittelhochdeutsch lurnoi, mittellateinisch Torusamsntuw), ritterliche Kampfspiele im Mittelalter, welche bei höfischen Festlichkeiten od. auch auf sonstige Veranlassung angestellt wurden. Die bei einemT. gegenwärtigen Personen außer den Vögten n. Rittern waren: die Herolde, die vor dem Beginn des T-s die Gesetze und Statuten desselben ausriefen und das T-zeug der Kämpfer untersuchten; die Grieswärtel (Städler), als Aufseher des Kampfplatzes mit langen Stäben versehen; hatten vordem Rennen die Entfernungen abzumessen, welche die Kämpfer einzuhalten verbunden waren, während des T-s die Turnierenden, wenn sie sich ernstlich angriffen, aus einander zu bringen u. den Gefährdeten in Schutz zu nehmen; endlich die Damen, deren jede T-gesellschast 3 mitbrachte (eine Frau, Wittwe u. Jungfrau); sie waren auch bei der Wappenschau zugegen u. überreichten den Siegern die Preise. Der T-Platz (T-Hof) war länglich rund, an seinen Enden (Schranken, Seile) ritten die Kämpfer ein, rings um die Bahn war das Schaugerüst aufgeführt. Am Abend vor dem Ritter-T. fand das Knappen-T. (Gesellenstecheu), ganz in der Weise der eigentlichen T-e statt, wobei die Sieger oft zum Ritter geschlagen wurden. Am dritten Tage begann das Ritter- (Haupt-) T. Die T-e waren verschie- den, je nach Anzahl der Kämpfer und nach Art der Waffen. Entweder kämpften Mehrere gegen einander, welches T. in ein Vor- u. Nach-T. zerfiel; im Vor-T. wurde mit denT-kolben (kurzen, eisernen Stangen, welche an dem Brustharnisch mit Ketten befestigt waren) gekämpft; dieser Kampf dauerte oft einige Stunden, bis mit der Trompete das Zeichen zum Ende gegeben wurde. Nun begann das Nach-T. mit stumpfen Schwertern, wobei man sich die Helmkleinodien abzuhaueu suchte. Bei dem zu Zweien diente als Angriffswaffe die Lanze ohne metallene Spitze, mit einem kleinen Halbmond versehen, als Schutzwaffe Schild u. Stechhelm. Die Arten des Lanzenkampfes (Lauzenbrechen) waren verschieden; a)das Stechen überSchranken; hierzu war auf der Rennbahn eine bretterne Wand errichtet, auf deren verschiedenen Seiten die Kämpfer gegen einander anrannten. Der mit der Lanze den Andern so auf die Brust traf, daß derselbe vom Pferde fiel (aus dem Sattel gehoben wurde), od. daß wenigstens die Lanze zersplitterte, hatte einen ledigen Fall gewonnen, u. wer die meisten Fälle gewonnen hatte, dem wurde der Preis zuerkannt. 8) Das Stechen im hohen Zeug, wobei die Kämpfer auf hohen Sätteln saßen, deren Knöpfen gegenüber sich an der Pferderüstnug vorn über der Brust ein hoher Vorbug erhob. Als Gesetz galt bei diesem Lanzenstechen, daß der Stoß nur auf Kopf, Schild od. Brust (zwischen die 4 Glieder) geführt werden durfte; zu hoch od. zu niedrig war ein Fehler, die Pferde durften nicht verwundet werden, u. wenn einer der Kämpfer das Visir öffnete, so durfte er nicht mehr angegriffen werden. Nach geendigtem T. kam die Ausrufung der Sieger durch die Herolde u. die Vertheiluug der Preise (Danke) durch die Damen. Außer den an die Sieger vertheilten Preisen gab es noch andere, als den Zierdank, welchen derjenige erhielt, welcher in der besten Rüstung erschienen war; den Ältestendank, für die beim T. anwesenden ältesten Ritter rc. Nach dem T. wurden die Ritter von denDamen ent- wappuet u. znr Tafel geführt; die Sieger hatten die vornehmsten Plätze; nach dem Gastmahl folgte ein 655 Turmkct - Tanz, wo die Sieger vortanzten. Das Kübel-T. war eine Belustigung der Knechte und Troßbuben nach dem T., wobei sich die Kämpfer mit Heu und Stroh ausstopsten, statt dcrHelme umgestürzte Was- serkllbel aufsetzten und mit langen Stangen gegen einander rannten. Der Ursprung der T. wird auf Frankreich zurückgeführt, doch kommen sie in Deutschland schon sehr früh vor. Unter Konrad II. od. Heinrich IV. theil- ten sich die Ritter Deutschlands schon in 4 große T - gesellschaften, die Rheinische, Bayerische, Schwäbische u. Fränkische, welche wieder in mehrere Abtheilungen zerfielen, die sich nach den Zeichen nannten, welche sie bei T-en u. Festen am Hals od. am Hute trugen. Die Gesellschaften hielten T-e zu bestimmten Zeiten. Au der Spitze jeder T-gesellschaft stand ein T°vogt (T-könig); diese waren der Pfalzgraf bei Rhein u. die Herzöge von Bayern, Schwaben und Franken. Die Unterabtheilungen standen unter je einem Uuter-T-vogt, welche Zeit und Ort des T-s bestimmten, durch Herolde mittels offener Briefe dazu einluden, für das Unterkommen der zum T. Geladenen sorgten, die Gekommenen in das T- buch eintrugen, bei der Wappenschau zugegen waren, während des T-s auf Ordnung hielten, wobei sie von den Gesellschaftsvögten, den 2, 4 od. mehreren aus ihrer Gesellschaft gewählten Nebenaufsehern, unterstützt wurden; auch stellten sie T-briefe aus u. führten in dem T-gericht den Vorsitz. Zum T. hatten nur T-sähige, d. h. mannhafte Personen aus altem, ritterbürtigem Geschlecht mit wenigstens 4 ebenbürtigen (bei den Franzosen 3) Ahnen, Zutritt, erst später wurde den Neugeadelten von dem Kaiser zugleich das Privilegium ertheilt, an T-en theilzu- nehmen. Die T-sähigkeit wurde untersucht durch die Wappen-und Helmschau, wobei die Ritter- Schild u. Helm mitHelmzierrathenu. ererbteuKleino- dien an einem bestimmten Platze ausstellten; ferner durchdie T -bücher (T-register) ,in welchejederTheil- nehmeram T. seinenNamen inGegenwartdreierHe- rolde einschreiben ließ; u. endlich durch T-briefe, von den T-Vögten unterschriebene Bescheinigungen, welche den Kämpfern nach dem T. eingehändigt wurden. Die T-fähigkeit ging für ein Geschlecht verloren, wenn dessen Glieder innerhalb 50 Jahren nicht bei einem öffentlichen T. erschienen waren. Die Regeln u. Vorschriften, welche beim T. zu beobachten waren, wurden zusammengestellt in T- od. Car- tellordnungen; ihre Abfassung ging von T-vög- ten aus; die ältesten sind die sogen. Zwölf alten T- artikel aus unbestimmter Zeit, danndieHeidelberger T-ordnung von 1481, die Heilbronner von 1484, vor denen schon früher in Würzburg u. in Mainz solche Gesetze gegeben worden sein sollen. Als die T-e nach und nach aufhörten (das letzte öffentliche u. wirkliche T. in Deutschland soll 1487 in Worms gewesen sein), so trat bes. in Frankreich das Carroussel an ihre Stelle. Um dieselben den T-en ähnlich zu machen, wurden statt des eigentlichen T-s, wo ganze Rotten gegen einander kämpften, hier auch dem ähnliche Aufzüge (Quadrillen) aufgeführt. Solche Rotten, welche gegen einander ritten, waren nach der Regel, damit 2 Rennen gemacht werden konnten, wenigstens 4 u. höchstens 12; jede einzelne Rotte bestand wieder aus 4, 6, 8, 10—12 Rittern, die Anführer abgerechnet, welche durch das - Turpiu. Loos gewählt oder auch fürstliche Personen waren. Zuweilen wurden auch große allegorische Tableaus aus der Geschichte oder der Mythologie aufgeführt. Neben den Quadrillen wurden auch den Rennen in den alten T-en ähnliche Übungen vorgeuommen, u. zwar waren deren gewöhnlich 3: das Quintan- rennen, wobei die Kämpfer gegen Bäume oder Pfeiler rannten, an denen ein Punkt bemerkt war, welchen sie treffen mußten; theils dadurch, theils daß die Lanze zersplitterte u. sich der Ritter fest im Sattel erhielt, bewährte er seine Kunst. Statt der unbeweglichen Gegenstände wurden später hölzerne Figuren auf Zapfen so gestellt, daß sie sich drehen konnten; traf der Ritter die Figur auf die Stirn, zwischen die Augen od. auf die Nase, so blieb sie stehen u. die Lanze brach; wurde sie aber an anderen Stellen getroffen, so drehte sie sich schnell und versetzte dem ungeschickten Kämpfer einen Schlag mit einem Mehlsack, hölzernen Hammer, Schwert rc. Das Kopfrennen, wobei man im Stechen nach Figuren von Türken- u. Mohreuköpfen übte; dazu brauchte inan als Waffen die Wurfspieße, Lauzen, Pistolen, auch Degen, womit man auf der Erde liegende Köpfe aushob, während mit jenen Waffen nach ausgesteckten Köpfen geworfen od. geschossen wurde. Das Ring- rennen (Ringelquinten), wie es jetzt noch auf den Drehcarroussells geübt wird. Vergl. Carrouffell und Bintz, Die volksthümlichen Leibesübungen des Mittelalters, Hamburg 1879. Tnrniket, so v. w. Touruiquet. Turnips (engl.), so v. w. Wafferrübe. lurn-out (engl., d. i. das Herausgehen), 1) in England das Arbeitseinstellen der Fabrikarbeiter in Masse; vgl. Strike; 2) (Durn out traeüs), die Ausweicheplätze auf Eisenbahnen. Turn-Severin (Turnul - Severinului), rasch ausblühendes Städtchen des Fürstenthums Rumänien, am linken Donauufer, wo diese aus dem Ge- birgsdnrchbruche heraus in die Ebene tritt. In der Nähe hat wahrscheinlich die Trajansbrllcke über die Donau geführt, wenigstens weisen die zahlreichen Trümmer von Mauern, Wällen, Schanzen, Gräben, welche als Vertheidiqunqswerke gedient haben mögen, darauf hin. Turnu Magurelle, Hauptort des walach. Distr. Teleorman, an der Mündung des Alt in die Donau; starke Getreideausfuhr; etwa 6000 Ew. 7urmw (lat.), der Kreislauf, Reihengang; die in der Runde laufende Ordnung, Reihenfolge, nach welcher eine Anzahl Personen die ihnen aufliegende Verpflichtung erfüllen, oder die ihnen zustehenden Rechte ausüben. Turon (Turonien, Geol.), Abtheilung der Kreideformation (s. d. 4). lurpokum minerale, basisch schwefelsaures Quecksilberoxyd. Tnrpin, in den ältesten Quellen Tulpinus, Benedictinermönch von St. Denis, wurde 753 Erzbischof von Reims, war auf dem in Rom wegen der Bilderverehrung 769 gehaltenen Concil u. st. 800. Er gilt als Verfasser einer lateinischen Chronik: Vs vita Oaroli U. ei Rolancii Iiistoria, welche in sagenhafter Weife einen zweimaligen Zug Karls d. Gr. nach Spanien erzählt, aber entschieden von Verschiedenen u. selbst zu verschiedenen Zwecken abgefaßt ist. Das ursprüngliche Werk wurde um die Mitte des 656 Türr — Tuscaroras. 11 Jahrh. verfaßt, während der zweite Theil im zweiten Jahrzehnt des 12. Jahrh. entstand, u. zwar von einem Geistlichen von Vienne, der den damaligen Bischof von Vienne (nachher Papst Calixt II.) auf seiner Pilgerfahrt nach San Jago de Compo- stclla begleitete u. von hier erst das Grnndwerk mitbrachte. Vom zweiten Theile besteht eine jüngere Redaction, welche in einem Capitel die Privilegien des hl. Dionysius enthält u. für die Abtei von St. Denis von einem Mönchs derselben verfaßt ist; sie findet sich inzahlreichenHandschriften. Ins Französische schon um 1200 von Nicolans v. Saintonge übersetzt, wurde sie namentlich zu den LUronignes äs 8. Oenis vouAlbericus, Vincentius Bellvvacensis rc. vielfach benutzt u. hat so literarhistorische Bedeutung gewonnen. GedrucktinReubers8eripkoros, Franks. 1584; herausgeg. dann von Joannes, Hanau 1619; in Neiffenbergs Ausg. der (Lrovigus äs vbilipxs Llousicss, 2Bde., Brllss. 1836; bes. herausgeg. von Ciampi, Vs vits, 6sroU N. ob Rolanäi Instoria äs Turxino vul§o tributu, Flor. 1822; eine deutsche Übersetzung von Hufnagel im Rhein. Taschenb. 1822; in Romanzen bearbeitet von Fr. Schlegel, im Poet. Taschenb. 1806. Eine kritische Untersuchung über Geschichte u. Verfasser der Chronik lieferte G. Paris: Os Vssnäo-Turpino, Par. 1865. Lagai. Tiirr, Stephan, geb. 10. Aug. 1825 zu Baja in Ungarn, trat in die österreichische Armee, kämpfte 1848 unter Radetzky in Italien, wurde im Novbr. 1848 Lieutenant, ging 19. Jan. 1849 in Buffalore zu den Piemontesen über, errichtete eine ungarische Legion, nahm nach der Schlacht bei Novara an der badischen Jnsurrection theil, lebte dann als Flllcht- ling in England, später in der Türkei, trat beim Ausbruch des Krimfeldzuges in englische Dienste u. wurde als Oberst bei der Englisch-türkischen Legion angestellt. Als solcher wurde er 1855 in Bukarest von den Österreichern verhaftet, nach Wien gebracht, von einem Kriegsgericht zum Tode vernrtheilt, aber durch Verwendung der Königin Victoria von England im Jan. 1856 freigelassen. Er kehrte nach der Türkei zurück, kämpfte 1859 alsBataillouscomman- Leur der Garibaldischen Alpenjäger in Italien, folgte Garibaldi 1860 als Oberst u. Adjutant nach Sicilien, nahm an den Kämpfen bis zur Einnahme von Palermo theil u. wurde von Garibaldi znm General u. Commandant der gegen Messina bestimmten Division ernannt, verließ aber infolge seiner Wunden bald darauf Sicilien, begab sich nach Turin, spielte eine hervorragende Rolle beider Actionspartei u. trat in nahe Beziehungen zum König Victor Emanuel und wurde zum Divisionsgeneral ernannt. 1866 versuchte er von Serbien aus in Ungarn eine Insu rrection anzufachen. 1867 kehrte er nachUngarnzur ück,wo er seitdem lebt. Vgl.Schwarz, Stephan T., Wien 1868, 2 Bde. Schroot. Turriänus, Bildner aus Fregellä, verfertigte die thönerne Statue des Capitolinijchen Jupiter. lurrls (lat.), Thurm, s. d.; danu Belagerungs- maschine der Alten, aus mehreren Etagen bestehend, mit einem Mauerbrecher unten, während in den oberenEtagenBogenschützenu.Wursspießschleuderer ausgestellt waren. Diese Art Thürme brachte man auf den um die Stadt gezogenen Wall u. schob sie aus Rädern allmählich der Mauer näher. Um sie gegen die von den Belagerten danach geworfenen brennbaren Materialien zu schützen, war die gegen die Stadt gewendete Seite mit nassen Decken u. Ziegeln bedeckt. Turrita, Fra Mino od. Giacomiuo, geb. in Siena; erster ital. Musivmaler von Bedeutung, von welchem die Mosaiken in Sta. Maria Maggiore in Rom u. die in der Tribüne von S. Giovanni in Florenz gefertigt sind; st. um 1289. lurrktas (Ant.), so v. w. Thurmschiffs, Kriegsschiffe mit Thürmen, von deren Höhe aus die Wirkung der Geschosse u. schweren Massen erhöht wurde. Cyrus hatte schon solche und ihre weitere Vervollkommnung fanden sie durch Demetrios in der Dia- dochenzeit. Tursellrnus (Torsellinv), Horatius, gelehrter Jesuit, geb. 1545 in Rom; war Rector des Se- minariums zu Rom, Florenz n. Loretto, u. st. 6. April 1609. Sein vorzüglichstes Werk ist: Vs usu partioukarum latini sormonis, Nom 1598 u. ö., bearbeitet u. verbessert von I. A. Ernesti, Lpz. 1769 u. zuletzt von Hand, 4 Bde., ebd. 1829—45. Sein historisches Werk: ilistoriurum a. oonäito munäo UbriX, zuletzt Eton 1775, wurde bis ins 18. Jahrh. beim Geschichtsunterricht auf den holländischen Universitäten als Leitfaden benutzt. Ferner sehr, er: Vs vita, 8t. vraneisei Xavsrü, Rom 1594 n. ö., und übersetzte dessen Briefe aus dem Spanischen in das Lateinische, ebd. 1596. L°g°>- Tursi, Stadt am Sino, ital.Prov. Potenza; Kathedrale, Baumwollenbau; 3261 Ew. (Gem. 4375). Turteltaube, Art der Gattung Taube, s. d. Turtmau (franz. Tourtemague), Kirchdorf im Bez.Leuk des schweizer. Kantons Wallis, links au der Rhone am Eingänge des ca. 20 lim langen, alpen- reichen, nur im Sommer bewohnten und mit dem schönen, vom Weißhorn herabsteigeuden T.-Gletscher endigenden Turtmanthales; Schioß(vurris ma§na, jetzt Kapelle); 540 Ew. — Der in die Rhone mündende Thalbach, Abfluß des T.-Gletschers, bildet bei T. einen seheuswerthen, 26 m hohen Wasserfall. Turtuk äi (Totorkän), Stadt in Bulgarien, der Mündung des Ardschisch gegenüber an der Donau; als Übergangspuukt über Liesen Strom gegen Bukarest hat es einige Bedeutung n. ist mit 4 Außenwerken befestigt; 6000 Ew. Tnruchansk, Stadt im russ. Gouv. Jenesseisk an der Mündung des Turuchan in den Jeneffei, in sehr rauher Gegend, nur 216 Einw. (1873), aber wichtig als Handelsplatz und Sammelplatz für die Pelzjäger; hieß früher Mangaseja. Tuscaloosa, Hauptort des gleichnam., 20,081 Ew. zählenden County im nordamerikan. Unious- staat Alabama, am Black Warrior, der von hier an mit Dampsbooten befahren wird, Eisenbahnstation, Sitz der Alabama Univerfity (1832 gegründet, mit Bibliothek) n. der Staatsirrenanstalt; mehrere Akademien u. Seminare, Industrie in Baumwolle u. Eisen, Handel, namentlich mit Baumwolle; 3340 Ew. T. war bis 1847 Hauptstadt des Staates Alabama. Tuscarawas, County im nordamerikan. Unionsstaate Ohio 40° n. Br., 81° w. L.; 33,840 Einw.; Hauptort: New Philadelphia. Tuscaroras, nordamerikan. Jndianerstamm, welcher zu der Zeit der Besiedelung von Nord Carolina die Ufer des Neuss und Tar bewohnte. Im I. 1708 zählte er ungefähr 1200 Krieger, erklärte Tusch — Tutti. 657 1711 den Ansiedlern den Krieg, erlitt aber 1713 eine nina, in fruchtbarer Gegend, an der Jalta; 6000 totale Niederlage, infolge deren er sich zu den ihm Ew., meist Katholiken; 2 ) so v. w. Larnaka. befreundeten Jroquois, am Oneida-Lake im Staate lusrilsgo T,., Pflanzengatt, aus der Fam. 6om- New ^ork zurückzog. Hier verhielt er sich längere pcwitas (XIX. 1). Einzige europ. Art: 1. I'nrlara. Zeit hindurch ruhig , trat jedoch beim Ausbruch der L. (Huflattich), mit einfachem, nur schuppenförmige Revolution auf Seite der Engländer. Nach u. nach Niederblätter und einen gelben Blüthenkopf tragengründete er im Niagara County feste Wohnsitze, dem Blüthenstengel; Nandblüthen zungenförmig, Die Nachkommen der T., welche noch in jener Ge- fruchtbar, Scheibenblüthen rührig, Szähnig, un« gend wohnen (ungefähr 50 Familien) find civilisirte fruchtbar; die nach denBlüthen an andern Sproßen Ackerbauer. sich entwickelnden rundlich-herzförmigen, unterseits Tusch (v.Franz.),1)Berührung,Anreizung;Be. weißfilzigen Laubblätter sind officinell; überall auf leidigung; 2 ) s. Fanfare 3). Thon- u. Lehmboden, im ersten Frühjahr blühend. Tusche, s. Chinesische Tusche. Inssis (lat.), Husten. Tuschen, bezeichnet entweder die Ausfüllung Tus-Tschölli (Tuz-Göl, Salzsee), der größte einer einfachen Umrißzeichnung durch Farbenflächen See Kleinasiens, liegt gerade in der Mitte der Halb- od. die Herstellung einer Zeichnung selbst vermittels insel, 850 m ü. d. M., etwa 70 km lang u. 25 km nassen Pinselanstrages. Im ersteren Falle ist T, breit, hat salziges Wasser, ist nur von geringer Tiefe gleichbedeutend mit Jlluminircn; im zweiten Falle, u. ist jedenfalls der Rest eines weit größeren durch wo speciell von Tuschzeichnung die Rede ist, unter- Anstrocknung verringertenSeebeckens.dasnoch fortscheidet sich diese von Aquarell nur durch die Einfar- während im Schwinden begriffen zu sein scheint, Un- bigkcit (gewöhnlich schwarz od. braun), die höchstens ter seinen schwachen Zuflüssen hat nur der von Osten nur durch aufgesetzte Lichter etwas belebt werden kommende Bejas Sn das ganze Jahr Wasser, darf. In diesem Sinne bildet sie also den Gegensatz lutsmon (Tutament, lat.), ein Schutzmittel, von Tokkiren (s. d.), welches farbige Bilder durch Tutanego (Tntania, Tnttanego), 1) ehemalige Pinselstrichlagen hervorbringt, während das Tusch- Benennung des Zinks; 2) so v. w. Toutenague, vgl. zeichnen einfarbige Bilder durch Pinselflächenaus- Packfong u. Argentan. füllung erzeugt. SchaZler. Tutaniablech, so v. w. Zinkblech, s. Zink. Tuschfarben sind erdige Farben von starker lutöls (lat.), Tutel, Schutz, Vormundschaft. Deckkraft, welche mit Wasser angerieben sich nicht Tntelina, römische Schutzgöttin, die nur im darin lösen, sondern nur fein zertheilen. Freien angerufen wurde u. auf dem Aventinus einen Tusci, die alten Bewohner Etruriens (s. d.); Altar hatte; sie war Beschützerin u. Erhalterin der davon Tnsci (Tuscien), so v. w. Etrurien; lusoum eingeerntcten Früchte u. allgemeine Schutzgöttin der mnrs (Tnscisches Meer), s. Tyrrhenisches Meer. Stadt Rom. Tusciilum, alte feste Stadt in Latium, 2^ Meilen Ttttenag, s. Tutanego. südöstlich von Nom, auf einem hohen Bergrücken des Tntenkalk (Tutenmergel, Tutenstein, Nagelkalk), Albanergebirges (PusLnIani wontss, noch heute ein Kalkmergcl, welcher aus spitzen tutenförmig in klcmti Pnseolani), die nach der Sage Telegonos, einander steckenden u. neben einander gestellten Ke- der Sohn des Odysseus u. der Kirke, gründete. Ihr geln besteht; die breiteren Enden der Kegel ragen Dictator Octavius Mamilius, Eidam des Tarqni- wie Nägel aus dem Gesteine hervor. Kommt bes. nius Supcrbns, soll nach dessen Vertreibung die in der Liassormation vor; so in Württemberg, Ba- Latiner zum Kriege gegen Rom anfgereizt haben, den, im Banat. der mit ihrer Niederlage am See Regillus 496 v. Tntikorin (Tuttunkudi), Stadt in dem District Chr. endete. T. schloß sich darauf den Römern an Tinnewelli der indobrit. Präsidentschaft Madras, und wurde Mnnicipalstadt. Die reizende Gegend am Golf von Manaar, mit guter Rhede, früher bemachte, daß die Landschaft von T. bis Rom mit deutendem Handel; in der Nähe Perlenfischerei, Gärten u. Villen der reichsten Römer angefllllt war. 10,565 Ew., darunter viele katholische Christen. Bgl. Ciceros Tusculanische Untersuchungen. Im Tutilo (Tuotilo), Mönch und Künstler in St. Mittelalter gab csGrasenvon T., aus deren Familie Gallen, Geburtszeit unbekannt, starb nach 912. Er Papst Benedict IX. stammte. Kaiser Heinrich VI. war in der Baukunst wohlerfahren, ein ausgezcich- gab 1191 bei seinem Frieden mit Papst Cölestin die neter Bildhauer, ein hervorragender Goldschmied, seinem Vater treuergebene Stadt den Römern preis, daneben Dichter, Musiker und Gelehrter. Wir be- die sie zerstörten. Die Überlebenden gründeten in sitzen leider von ihm nur eine Diptychontafel in St. der Nähe das rasch anfblühende Frascati (s. d.). Gallen u. den Einband des Ooäox Nr. 60 daselbst. Diese Stadt har in ihrer Nähe zahlreiche Reste von T. war bemüht, den starren Formen wieder Leben Mauern, Thoren, von Theatern und von Felsen- einzuhauchen u. dramatisch zu schildern. In seinen gräbern. Vergl. Canina, Üsserirnous cisU' aniieo Arbeiten ist eine gewisse Aehnlichkeit mit Leonardo 'I'u8oulc>, Rom 1841. Schmitz. La Vinci unverkennbar. Regnet. Tuskar, kleine, zur irischen Grafschaft Wexford lutor (lat.), Beschützer, Vormund; an den enggehörige Insel im St. Georgskanal an der Südost- lischen Universitäten Titel für gewisse Universitätsspitze von Irland; mit Lenchtthurm. lehrer, deren eine Klasse, die OollsAe intors, als Tuskegen, Stadt im Marion County des Nord- angestellte Professoren alles die Studircnden betres- amerikan. Unionsstaates Alabama, 3 höhere Lehr- sende Geschäftliche zu besorgen hat, Collegienausse- anstalten, darunter 2 weibliche; 4392 Ew. her, während die andere Klasse als der Universität Tusker, s. Tusci. Attachirte, Ksllmvg, zu den Studenten im Verhält- Tusla, 1) Stadt und Hauptort eines Lima im nisse bezahlter Privatlehrer, Lectoren, steht, türk. Vilajet Bosna, am Fnße des Majewitza Pla-! Tut«, diejenigen Stellen eines Vocal- n. Or- Pierers Universal-ConversationL-Lexilon. 6. Ausl. XVII. Band. 42 chestermusikstückes, welche von allen Stimmen u. Instrumenten ausgefiihrt werden. Das T. tritt dem ein- od. mehrstimmigen Solo gegenüber (s.d.) lutti leutti (ital., d. i. alle Früchte), Gericht der Italiener, ans mehreren Früchten od. Gemüsen bestehend; Titel eines Werkes des Fürsten Hermann Pückler, vermischte Aufsätze enthaltend. Tuttlingen, Oberamtsstadt im Württemberg. Schwarzwaldkreise, an der Donan; Station der Württemberg. Staatsbahn, Realschule, Lateinische Schule, Zeichenschule, mehrere Wohlthätigkeilsan- stalten, 2 Kirchen, schönes Rathhans, vorzügliche Wasserleitung; bedeutende Industrie, besonders in Schuh- u. Messerwaaren, chirurgischen Instrumenten, große Wollenspinnerei, Strumpswirkerei, Tuch- u. Wollenzeugweberei u. Gerbereien; lebhafter Handel mit den Fabrikaten, u. mit Getreide; 7231 Ew. In der Nähe das Eisenwerk Lndwigsthal und der Berg Witthoch mit prachtvoller Fernsicht. Zur Ge- meindc gehören die Ruinen des Schlosses Homberg, im Dreißigjährigen Kriege zerstört, die durch Van- damme zerstörte Bergveste Hohentwiel, wo I. I. Moser 5Jahre gefangensaß,besuchterAussichtspunkt. T., das aus der Römerzeit schon stammt, besaßen im 14. Jahrh. nach einander die Herren von Wartenberg u. von Sulz, wahrscheinlich kam es 1471 mit Sulz an Württemberg. 1635 übergab es der Kaiser dem Grasen Schlick. Hier 24. Novbr. 1643 Sieg der Österreicher u. Bayern unter Johann von Werth, Hatzseld u. Mercy über die Franzosen unter Rantzau. Im Westfälischen Frieden kam es wieder an Württemberg; 1803 brannte die Stadt ganz ab. Vgl. Beschreibung des Oberamts T.,Stuttg. 1879. Tütz, Stadt im Kreise Deutsch-Krone des preuß. Regbez. Marienwerder, zwischen 3 Seen; Schloß, Dampssägemühle,Branntweinbrennerei,Ziegelbren- uerei, Fischerei; 1875: 1910 Einw. T. ist im 13. Jahrh. von Fischern erbaut. Tutzing, Kirchdorf im Bezirksamt München links der Isar desbayer. Regbez. Oberbayern, am Würm- See, Station der Dampfboote u. der Bayer. Staatseisenbahnen; beliebter Sommeransenthaltsort der Münchener; Schloß mit hübschen Anlagen u. Brauerei, schöne Villen; 903 Ew. 2 üm südlich von T. bei dem Dorfe Oberzeismering die Jlkahöhe mitprächtiger Aussicht auf See und Alpen. Tuy, Stadt in der span. Prov. Pontevedra (Galicien), am Minho, Station der Span. Nordwestbahn, Grenzfestung gegen Portugal; Sitz eines Bischofs, Kathedrale u. 4 andere Kirchen, 3 öffentliche Plätze, Seminar, 2 Spitäler, Handel mit Leinewand und Eingemachtem; 2781 Ew. (Gem. 11,760). In der fruchtbaren Umgegend Obst-, Wein- u. Oelbau. T. ist ein Hauptort des Schmuggelhandels zwischen Spanien u. Portugal. Dabei der Badeort Calde- las de T. mit warmen Schwefelquellen von -I- 37 bis -I- 39° R. Tuz-Göl, so v. w. Tus-Tschölli. Twain, s. Mark Twain. Twardowski, Johannes, poln. Edelmann, welcher unter der Regierung des Königs Sigmund August (1548—72) lebte n. aus der Universität Krakau Mathematik u. Physik studirte. Er soll, um sich jeden Genuß verschaffen zu können, auf dem Feuersteinberge bei Podgorze (daher noch T-s Katheder genannt), seine Seele dem Teufel verschriebe» haben mit der Bedingung, daß er von ihm nur in Nom geholt werden dürfe. Er verrichtete nun allerhand Wunderthaten, bes. vermittels seines Zauberspiegels u. seines Zauberbuchs, welches nachmals im Jesuitencollegium zu Wilna niit Ketten an die Wand ge- j schmiedet war. Als der Teufel nach den ausbedun- ^ genen sieben Jahren sich T-s in einer Rom benannten Schenke bemächtigte, u. mit ihm durch die Lüfte flog, stimmte T. ein Liedzum Lob der HeiligenJung- frau an, worauf ihn der Teufel fahren ließ. T. aber ( schwebt seitdem nach der Tage bis zum Jüngsten ! Gericht zwischen Himmel und Erde. Bearbeitet ist diese, mehrfach mit der Faustsage znsammengestellte ' u. auch mit ihr, insofern bvvaräz- fest bedeutet, in Verbindung stehende Sage u. A. von Mickiewitz in kan Dv. HinntsrnoA u. I?ra st)rvaräc>vv8ics,; vergl. Vogl, T., der polnische Faust, Wien 1861 . ! Tweed, ein 154 icm langer Fluß in Schottland, ! entspringt auf dem Ostabhange des Errickstane-Hü- ! gels in der Grafschaft Peebles, bildet in seinem uu- ^ teren Laufe die Grenze zwischen Schottland u. England u. fällt bei Berwik in die Nordsee. Twente, Landschaft in den Niederlanden, den östl. Theil der Prov. Oberyssel bildend, Hauptsitz der niederländ. Baumwollenindustrie. Twer, 1) Gouv. im Europäischen Rußland, umschlossen von den Gonv. Nowgorod, Jaroslaw, Wladimir, Moskwa, Smolensk u. Pskow; 65,330 s^ZIcm (1186 ÜZM) groß, im W. Bergland mit zahlreichen 250 bis über 300 m hohen Gipfeln, dagegen ist der O. u. S. völlig Niederung mit weiten Sumpf- u. Moorstrecken. VonFlüssen sind zu erwähnen: Düna,welche , ans kurze Strecke die Grenze zwischen Pskow bildet; die Wolga, welche hier entspringt, rechts Tud, Sischka, Wasusa,Schoscha,linksSeligarowka,Koscha,Twerza (mit Zna u. Osuga) u. Medwjediza aufnimmt, die Mologa mit der Tichwinka u. v. a. Sehr groß ist die Zahl der Seen, unter denen die bedeutendsten sind: Seliger-, Wselug, Sig, Welikoje, Werestowo, Stersche, Dolgon, Sosniza-See; Klima rauh, aber feucht, Anfang April bis Anfang November sind die Flüsse frei von Eis; Einwohner: 1,528,881, meist Russen; außerdem Karelier (85,000), Westeuropäer (bes. Deutsche); Beschäftigung: Ackerbau auf Flachs, Hanf, Getreide und Hülsenfrüchte, Gartenbau (nur auf die gewöhnlichen Gemüse), Viehzucht, Holzcul- tur (doch sind die Waldungen wegen der häufigen Moräste nicht überall zugänglich), Fischerei (sehr er- ^ giebig). Man findet hier noch viel Raubwild, Bären, Wölse, Füchse; blühende Industrie in Leder, Leine- wand, Segeltuch, Farben u.v. a., man treibt Handel mit diesen u. den Erzeugnissen des Landes. Die Eisenbahn von Petersburg nach Moskau u. deren Zweigbahn nach Rybinskdurchschneiden das Gouvernement. 2) Gouvernements- u. Kreisstadt hier, am Einfluß der Twerza u.Tmaka in die Wolga u. an der Eisenbahn von Petersburg nach Moskau; ist Sitz des Gouverneurs, der Gouvernementsbehörden u. eines ^ griechischen Erzbischofs; hat 33 Kirchen, darunter ' eine Kathedrale, Denkmal Katharinas II. aus sibirischem Marmor; Priesterseminar, mehrere Klöster, Gymnasium, Nitterakademie und andere Schulen, Wohlthätigkeitsanstalteu, Theater, Kaufhaus, hat ) schöne gerade Straßen mit Steinhäusern n. mehreren ! großen Plätzen. Man beschäftigt sich besonders mit Schisfbau,Schifffahrtu.Landfracht, fertigt Leinewand, ! Twerza - Leder, Papier, Öl, Terpentin, Glocken, Seilerwaa- ren, Lichter, Bier, treibt Handel mit Liesen Produc- ten, Getreide, Eisen, Hanf, getrockneten Fischen. T. ist der bedeutendste Handelsplatz an der oberen Wolga, ans welcher jährlich 4000 Schiffe ankommen; 38,248 Einw.; H Stunde davon das Mönchskloster Nikolaj-Monastyr. T. war sonst ein eigenes Groß- fürstenthum, s. u. Russisches Reich. Die Stadt T. wurde im 12. Jahrh. erbaut u. war einst Residenz eigener Großfürsten aus Ruriks Stamm. Zu Ende des 15. Jahrh. fiel das Großsiirstenthum an das von Moskau; 160«; nahmen diePolenT. mit Sturm n. brannten es nieder. 1763 brannte die von Holz gebaute Stadt wieder ab, wurde aber durch Katharina II. aus Stein wieder aufgebaut. Dronke. Twerza, Nebenfluß der Wolga im russ. Gouv. Twer, 180 icm lang, mundet bei Twer. Sie ist durchweg schiffbar u. bildet einen Theil des Kanalsystems, welches die Wolga mit der Ostsee in Ver- bindung setzt. Twcsten, I)August Detlev Christian,Protestant. Theologe, geb. 11. April 1789 in Glllckstadt, studirte in Kiel, wurde zuerst Lehrer am Friedrich- werderschen Gymnasium in Berlin, 1813 Inspektor am Joachimsthaler Gymnasium, 1814 Professor der Theologie in Kiel, 1835 an Schleiermachers Stelle Professor u. Consistorialrath in Berlin, dessen theologischer Richtung er im Ganzen folgte, indem er, die Sache des Christenthums als eine Sache der inneren Erfahrung behandelnd, die Dogmatik vom Gebiete der Philosophie schied u. in diesem Sinne lehrte u. schrieb. Bon seinen Werken seien erwähnt: die Ausgaben der Drei Oekumenischen Symbole, derAugsburgischenConsessioii u. derLopstitio oon- ksssionis AuZusbaiias, Kiel 1818 u. der Umgeän dertenAugsburgijchen Lvnfession, Kiel 1819; Logik, bes. die Analytik, Schlesw. 1825; Vorlesungen über die Dogmatik der Evangelisch-Lutherischen Kirche, Hamb. I.BL. 1826 (4. Ä. 1838), 2. Bd. 1837; Grundriß der analytischen Logik, Kiel 1834; Einleitung zu der von ihm herausgegeb. Ethik Schleiermachers, Bert. 1841; Matthias Alacins Jllyricus, cbd. 1844. 1850 wurde er Oberconsistorialrath u. Mitglied des Evangel. Oberkirchenraths. Er starb 8. Jan. 1876. 2) Karl, bekannt durch sein parlamentarisches Wirken, Sohn des Vor., geb. 22. April 1820, studirte 1838—41 in Berlin und Heidelberg die Rechte, trat dann in den preuß. Justizdienst, wurde 1845 Assessor beim Kammergerichl in Berlin, dann Kreisrichter in Wittstock, 1855 Stadtgerichts rath in Berlin. Infolge einer das Programm der damals sich bildenden Fortschrittspartei entwickelnden Brochüre: Was uns retten kann, 1861, hatte er ein Duell mit dem sich durch dieselbe beleidigt suhlenden General v. Manteufscl u. wurde ihm dabei der rechte Arm zerschmettert. Im selben Jahre wurde er ins Abgeordnetenhaus gewählt u. bewährte sich hier als einer der vorzüglichsten Redner der Opposition. Seine Kammerreve über die preuß. Justizvcrwald ung 1865 führte aber den Conflict über die Redefreiheit der Abgeordneten herbei und für ihn einen Proceß, der 1868 mit seiner Verurtheilung in eine Geldstrafe endete, worauf er seine Entlassung aus dem Staatsdienste nahm. Inzwischen war er 1866 aus der Fortschrittspartei ausgetreten u. hatte sich an der Gründung der nationalliberalen Partei be- Tychsen. 659 thciligt. 1867 war er Mitglied des Constituirenden u. darauf des ersten Norddeutschen Reichstages und st. 14. Octbr. 1870 in Berlin. Außer einigen politischen Brochüren, Abhandlungen für die Preußischen Jahrbücher schr. T. eine kleine Schrift: Schiller in seinem Verhältnisse zur Wissenschaft, Berl. 1863 n. dann: Die religiösen, politischen u. socialenJdeender asiat. Cultnrvölker u. der Aegypter in ihrer histor. Entwickelung(1856—59, aberunvollendet),nach seinem Tode Hrsg, von M. LazaruS, Berl. 1873. Lagai. Twickenham, Dorf in der englischen Grafschaft Middlesex, ander Themse, 19 Icm oberhalb London; zahlreiche Landsitze, Denkmal des Dichters Pope, Pulver- u. Oelmühlen; 1871: 10,533 Ew. T. war Lieblingsaufenthalt berühmter Männer, u. A. von Essex, Bacon, Hyde, Pope, Fielding rc. Twist, Sir Trawers, engl. Rcchtsgelehrter, geb. 1810 zu Westminster, studirte zu Oxford, wurde dann 1842 Professor der StaatSwiffenschasten und Nationalökonomie daselbst, 1852 Prosessor'des internationalen Rechts am Lin^a Oolloxs in London, 1855 Professor des bürgerlichen Rechts in Oxford, 1858 Kanzler der Diöcese London, nachdem er schon seit 1852 neben seiner Professur die Stelle eines Ge- neralvicars des Erzbischofs von Canterbnry bekleidet hatte. 1867 wurde er unter Erhebung in den Adelsstand Generaladvocat. Seine Schriften behandeln politische, historische und rechtswissenschaftliche Themata u. sind erwähnenswerth davon: Lpitoms ok. Msbulir's liiotor/ ok Doms, 1837, 2 Bde.; Mio Oregon gnsvtion sxaminocl, 1846; Vioiv ok tilg proxrsss ok potikioal soonowx in Lurops aivcs tiio XVI. oonkiirz-, 1847, eine höchst werthvolle Arbeit; Mio kopo's Isktors - apootolio oonsicksrsä, 1851; Iwoturos on tiis soisnos ok international law. 1856; I-aiv ok nations oonsicisrsck as inüspvn- cisnt oommnnnities, 1861 ; I-aiv ok nations in time ok rvar. 1863, 2. A. 1875 rc. Lagai. Twist (engl.), Baumwollengarn, welches zum Weben gebraucht wird. Tyäna, Stadt in Kappadokien, am Fuße des Laurus; dabei ein Tempel des Zeus. T. war Vaterstadt des Apollonias (s. d. 4); jetzt Kilis Hiffar, südwestl. von Nikbeth. T., seit der Zeit des Kaisers Caracalla römische Colonie, wurde unter ValenS Hauptstadt von Oappaciooia sseuncka. In T.wurde 368 eine Synode in Sachen der Arianischen Streitigkeiten gehalten. Ttjburn, ehemals Dorf auf der Nordseite des Hyde Park in London, am Westende von Oxford Street, wo bis 1783 der öffentliche Richtplatz der Verbrecher Londons war, und an Lessen Stelle vor etwa 3 Jahrzehnten der Stadttheil Tyburnia, einer der elegantesten der Stadt, erstanden ist. Tljchc, s. Fortuna 2). Tycho de Brahe, s. Brahe 2). Tychsen, 1) Olaus Gerhard, berühmter Orientalist u. Begründer der arab. Paläographie, geb. 14. Dec. 1734 in Ländern, studirte seit 1756 in Halle Theologie u. Orientalische Sprachen, wurde 1757 Lehrer am Waisenhaus daselbst ii: 1759 Mitarbeiter an Callenbergs Missionsanstalt, zu welchem Zwecke er 2 Jahre in Deutschland und Dänemark reiste; er ging 1760 als Privatdocent nach Bützow, wurde daselbst 1763 Professor der Orientalischen Sprachen, 1789 aber Professor, Oberbibliothekar u. 42 * 660 Tydeus — Tyndall. Vorsteher des Museums in Rostock, 1813 Vicekanz- ler u. st. 30. Dec. 1815 das. T. bereicherte des. die biblische Literatur durch Sammlung von Varianten, Vergleichung der alten Übersetzungen mit dem hebr. Gruudtexte rc, u. legte die Resultate seiner Talmn- Lisch-rabbinischen Studien in den Bützowischen Ne- benstundeu, 1768—69, 6 Bd.,eiu-em höchst schätzens- werthen Magazin für die Geschichte u. Wissenschaft des Judenthums nieder; von seinen Studien in der Numismatik und Epigraphik zeugen die Ausgaben von Allllaorim Iristaria, rnonstas arah. ete., Rost 1797; OsIsAalidus^radum ponä. et msns., 1800; Die Nnechtheit der jüdischen Münzen, Rost. 1779; Intsrprotaiio inseriptnvnis oulioas sto., ebd. 1787, 2. A. 1788, ^pponäix 1790; Iirtroäuotio in rsm nnmariuin Llullawsclauorum, ebd. 1794, ^ääita- inontuin 1796; Oe ennsatis inseriptlonibue xorss- politanis, ebd. 1798. Die Ergebnisse seiner Bibelstudien finden sich in: Os xsntatsuolro samaritano, Bütz. 1765; A-bbrsviatuarrrm llsbraioarum snpp- lemsntum I. st II., 1768 f.; Vs variis soäienm ksbraoorum V. I. Ksnsrilms, Rost. 1772; ferner schr. er: Arabische Grammatik, ebd. 1792; Syrische Grammatik,ebd. 1793. SeineSammlnng vonorientalischen Antiquitäten wurdefurdieRostockerUniversi- tät erkauft. Vgl.HartmannO.G.T.,Brem. 1818 bis 1820,2 Bde. 2) Th omas Christian,Orientalist u. Archäologe, geb. 8. Mai 1758 zu Horsbyll im Amte Tonüern; studirte in Kiel u. Göttiugen Theologie u. Philologie, bereiste, unterstützt ^on der dänischen Regierung, 1783—84 Frankreich, Spanien u. die Lombardei, kam 1784 als Prof, der Theologie nach Göttiugen u. st. dort 24. Oct. 1834. Er schr.: Oomrnonbatio äs (juinti Lmzwnasi paralipo- insnis Oomsri, Gött. 1783; Grundriß einer Archäologie der Hebräer, ebd. 1789; Grammatik der arabischen Schriftsprache, ebd. 1823; gab auch den QuintnsSmyrnäus,Straßb. 1807, u. den6. Band zu Koppes N. T. heraus, vollendete den 4. Band von Michaelis Anmerkungen für Ungelehrte, zu dessen Übersetzung des N. T. Seine jüngste Tochter Cäcilie, geb. 18. März 1794, st. 3. Dec. 1812, zeichnete sich durch Anmuth u. hohe Geistesgaben aus u. wurde von Ernst Schulze (s. d.), ihrem Bräutigam, in seinen: Epos Cäcilia besungen. Lagen. Tydeus, eine imposante Gestalt der griech. Heldensage, war der Sohn des Königs Öneus, in dem ätolischeu Kalydon, u. der Periböa, mußte wegen einer blutigen That aus seiner Heimath fliehen und kam nach Argos zu KönigÄdrastos, welcher ihm seine Tochter Deipyle zur Gemahlin gab, mit welcher T. den Diomedes zeugte. Mit Adrastos zog er in den Krieg gegen Theben, in welchem er seinen Tod sand. Tyfcndagh, hoher Gebirgsstock im Kaukasus im russischen Gouv. Derbcnt; in der Nähe der Hochgipfel Babatagh. Tyler, John, zehnter Präsident der NAmeri- kanischen Union 1841—45, geb. 29. März 1790 im Bezirk St. Charles-Eity in Virginien, Sohn eines Pflanzers, studirte die Rechte, u. wurde schon 1816 Mitglied des Repräsentantenhauses, bald darauf Gouverneur von Virginien, 1827 Senator für diesen Staat, trat von da 1836 zurück/ 1840 zum Vi- cepräsidenten der Vereinigten Staaten erwählt, ersetzte er nach dem4. April 1841 erfolgten Tod Harri- sons Liesen als Präsident der Union, welche Stelle er bis zum 4. März 1845 einnahm; über seine Regierung s. u. Nordamerikau. Uniousstaaten, S. 565, wozu nur zu bemerken, daß er bei dem ausgiebigen Gebrauche des ihm zustehendeu Vetorechtes in der Bank u. in der Tariffrage, in der inneren Politik überhaupt mit der Volksvertretung fortwährend in Streit lag. So zog er sich denn auch verachtet und gehaßt 4. März 1845 auf sein Landgut in Virginien zurück, von wo er erst 1861 wieder politisch thätig in Washington erschien als Mitglied, der virginischen Friedensdeputation u. dann als Präsident des sog. Friedensconvents. Nach Ausbruch des Bürgerkrieges wurde er in Len Senat der Secessionisten gewählt u. st. 18. Jan. 1862 in Richmoud. Tylor, EdwardB., berühmter engl. Ethnologe, geb. 2. October 1832 in Camberwell, einer Vorstadt Londons, erhielt seine Erziehung in einer Quäkerschule zu Tottenham und widmete sich hernach fast ausschließlich ethnologischen und archäologischen Studien, zu deren Förderung er im Jahre 1860Mejico bereiste. Er ist Mitbegründer der neuen Wissenschaft, welche den Namen der Vergleichenden Ethologie (Sitteukunde) trägt und die hauptsächlich die Erforschung der Sitten, Gebräuche, Religionen, socialen Einrichtungen u. abergläubischen Anschauungen uncivilisirter Nationen zum Gegenstand hat. Er schrieb: ^.naliuas, or Llsxioo anck tüisNsxioauo, AnoionI anä Lloäern, 1861, Hssvareliss iuto tRs Oarlz- Oistur^ cck Naulcincl anck Osvslopmoiit ok Llvilwation, 1865, deutsch von Müller, Leipzig 1876; Orimitivo Oulturs, Losoareliso into tlioOv- vslopmsnt ok Nztlrulo^, Olrilosoplr/, Rolixion, A.rt anä Oustoms, 1871, 2 Bde., deutsch von Spengelu. Poske,Le>pz., 1873, 2 Bde. u. arbeitet seit 1876 au einem Werke über Orimrtivs Llorals, wovon Thcile bereits in den Engl. Magazinen veröffentlicht sind. Steuer. Tympauitis, so v. w. Blähsucht. IFmpsnc» (ital.), so v. w. Pauke. Tympännm (v. Gr.), 1) eine dem Tambourin ähnliche Handtrommel, Handpauke, mit hohlem, halbrund gewölbtem Bauch; bes. brauchte man das T. bei dem Dienst der Kybele u. bei Einweihungen in die Mysterien; 2) so v. w. Pauke; 3) so v.'w. Trommelfell. Tyndale, William,ein Opfer derKirchenrefor- mationiuEngland, geb. um 1477 in Gloucestershire wurde Geistlicher u. alsbald ein eifriger Anhänger Luthers, fand aber alssolcher sohestigeGegnerschaft,daß er 1523 aus England fliehen mußte u. lebte nun eine Zeitlang bei Luther in Wittenberg, wo auch 1525 seine Übersetzung des N. T. ins Englische erschien, 1530 die Übersetzung der 5 Bücher Mofis. Von da begab er sich nach Antwerpen, wo er, nachdem er sich gesträubt, den Einladungen Wolseys u. Thom. Mores, seines erbittertsten Gegners, zur Rückkehr nach England Folge zu leisten, auf engl. Veranlassung verhaftet wurde; nach langer Haft wurde er Sept. 1536 in Vilvoord bei Antwerpen erdrosselt u. daun seine Leiche verbrannt. Seine Flugschriften, darunter die: Vom christlichen Gehorsam die vorzüglichste, erschienen gesammelt, Lond. 1573. Tyndall, John, bedeutender Physiker, geb. zu London 21. Äug. 1820, wurde nach vollendetem Studium, auch aufdeutjchen Hochschulen, Lehrer am Hussrnvooä OolloAo u. von 1853 an Prof, an der fr Tyndareos — Typhöse Fieber. 661 Lo^al Institution zu London. Als Meister in edel populärer Darstellung wissenschaftlicher Untersuchungen verschaffte ersich bes. Anerkennung durchseine Vorträge über Heut, a moäs ob inotion, 1863, 5. A. 1875, deutsch 3. A. Braunschw. 1875; Lounck, 3. A. 1875, deutsch 2. A. ebd. 1874; lÜAÜt, 1873, 2. A. 1875, deutsch ebd. 1876; Hins ok rvatsr, 1872, 6. A. 1876, deutsch ebd. 1872 (auch in Brockhaus internationaler wissenschaftlicher Bibliothek). Die Ergebnisse seiner ansangs mit Huxley, dann allein unternommenen Gletscherstudien sind in 61a- oisrs ob blio XIps, Land. 1860, niedergelegt. Die kliilos. Nransaet enthalten zahlreicheAbhaudlungen über Wärmestrahlung, Diamagnetismus, Fortpflanzung des Schalls rc. Ins Deutsche sind auch übersetzt: Varaäa^ as a äiseovsrsr (Braunschweig 1870) n. UraAMsnts ok Zoisnos, 5. A. 1876 (ebd. 1876). ^ r. Tyndareos (Tyndareus), war nach der griech. Heldensage Sohn des Peri'eres und der Gorgophone od. desÖbalos u. derBatea, König von Lakedämon; von seinem Bruder u. dessen Söhnen aus seinem Reich vertrieben, floh er nach Atollen zum König Testios, mit dessen Tochter Leda er sich vermählte. T. kehrte später wieder als Herrscher nach Lakedämon zurück, nachdem Herakles seine Feinde ge- tödtet hatte. Von T. wurde Leda Mutter des Kastor u. der Klytämnestra, während sie von Zeus Helena n. Pollux gebar. Da Kastor u. Pollux als die Dioskuren unter die Unsterblichen ausgenommen wurden, übergab T. seinem Schwiegersohn Menelaos das Reich Lakonien. Tyndariden, so v. w. Dioskuren. Tyne, ein 117 Icm langer Fluß im nördlichen England, entsteht in der Grafschaft Northnmber- land aus 2 Qnellflüssen, North- u. South-T., bildet in seinem unteren Laufe die Grenze zwischen den englischen Grafschaften Northumberland u. Dnrham n. fällt bei Tynemouth in die Nordsee. Tynemouth, Marktstadt in der engl. Grafschaft Northumberland, an der Mündung des Tyne in die Nordsee, Eisenbahnstation; Castell (dient jetzt als Kaserne) aus dem 11. Jahrh. auf hoher Halb- insel, Abteiruine, Hospital für Matrosen, Zuchthaus, Schiffbau, Maschincnbauwerkstätten, Eisenwerke, Ankerschmieden, chemische Fabriken, Fischfang, Schifffahrt, Steinkohlenbergbau rc.; Seebad. T. bildet mit Storth Shields, Chirton, Cullercoats und Preston eine ParliamentaryBorongh mit (1871) 38,941 Ew., welcher ein Mitglied ins Parlament sendet. Typen-Teleyraph, s. Telegraph. Typentheorie, s. Chemie, S. 706 u. f. 1>pks L. (Lieschkolben, Rohrkolben), Pflanzengattung aus der Fam. der stFpllaesas (XXI. 3), Wasserpflanzen mit kriechender Grundachse, endständigem, beblättertem Blüthenstand, n. schmalen, stumpfen Blättern. Unterer Theil des Blüthenstandes weiblich, der obere männlich, ein jeder mit einer od. mehreren Scheiden versehen, welche zeitig abfallen; Blüthen sehr zahlreich u. dicht gedrängt, mit einem ans zahlreichen Haaren gebildeten Perigon, männliche mit 3 am Grunde verwachsenen Staubblättern, weibliche mit einem kurzgestielten Fruchtknoten. Bekannteste Art: T. latilolla H.. mit blangrünen, breit-linealischen Blättern, überall in Teichen und Flüssen. Das kriechende, knotige, süßlich herbe Rhizom enthält viel Stärkemehl u. Zucker, u. kann jung, sowie die Schößlinge inEsstg eingelegt, gegessen werden. Die Haare des Blüthenkolbens dienen als trockener Umschlag, wie Baumwolle, bei Verbrennungen u. zum Ansstopfen von Matratzen. Engler. 1>pkaeeae, kraulartige Sumpf- u. Wasserpflanzen aus der Ordnung der 6Iumassas Lartt., mit dickem, kriechendem, ausdauerndem Wurzelstocke u. einfachen od. ästigen Stengeln, ohne Knoten; Blätter grundständig, grasartig , ohne Blattscheiben, an der Basis sich umfassend; Blüthen in cylindrischen od. kngligen Scheinähren, eingeschlechtlich, die unteren Blüthenstände weiblich, die obern männlich; männliche Blüthen mit 3 freien od. monadelphischen Staubblättern, weibliche mit einem eineiigen Fruchtknoten, Blüthenhlllle borstlich; das Eichen hängend; ein Griffel mit haarförmiger Narbe; Frucht ein gestieltes Nüßchen; Keimling eingeschlossen in mehligem Eiweiße. Gattungen: Tz-plla u. Spar^anium. Typhlitis, s. Darmentzündung, S. 755. Typhlösts (griech.), die Blendung, Blindheit. Typhoid, Unterleibstyphus, s. Typhöse Fieber. Typhon 1) (Typhoon, Typhös, Typhoens), fabelhaftes Gebilde, theils den verderblichen Stnrm- u. todtenden Südwind, theils den heißen Dampf, wie er aus Erdspalten ».Vulkanen kommend, theils die dörrende Gluth der tropischen Sonne bes. in Wüstengegenden bezeichnend. Nach der Griechischen Mythe war T. der jüngste Sohn des Tartaros u. der Gäa, Ungeheuer mit 100 Schlangenköpfen, feurigen Augen, schwarzen Zungen, furchtbarer, bald dem Löwengebrllll, bald dem Schlangenzischcn ähnlicher Stimme. Sein Sitz war in Arima, wo er mit Echina den Orthros, Kerberos, die Chimära und Lernäische Hydra, nach Einigen auch den Hesperischen Drachen u. den Nemäischen Löwen zeugte. Als er mit Zeus um die Weltherrschaft stritt, wurde er von demselben getödtet u. in den Tartarus od. unter die Arimischen Berge gestürzt. Nach den späteren Mythen sollte ihn Here ohne Vermischung mit einem Manne geboren haben n. seine Wohnung in Kili- kien, od. an dem Kaukasus, od. an dem irakischen Hämos sein. Er war oben menschlich gebildet u. so groß, daß er bis an die Sterne, mit den ausgespannten Armen von Abend bis nach Morgen reichte; Hände u. Unterleib endigten in Schlangen, der Körper war geflügelt. Vor seinen Anblick flohen die Götter nach Ägypten u. verwandelten sich in Thier- gestallen; nur Zeus verfolgte und bekämpfte ihn, wurde das erste Mal von ihm besiegt, überwältigte ihn aber beim zweiten Kampf, lödtete ihn u. begrub ihn ans Sicilien, wo er durch seine im Tode noch fortdauernden krampshasten Bewegungen die Erdbeben u. durch Ansspeien von Feuer die Answürfe des Ätna bewirkt. 2)s. Seth 2); 3) so v. w. Teifnn. Typhöse Fieber (früherNervenfieber genannt) sind solche Erkrankungen, die durch ein specifisches sog. Typhusgift erzeugt werden u. das gemeinsame Krankheitssymptom der Betäubung an sich tragen. Man zählt zu den Typhen a) den Unterleibstyphus, b) das Fleckfieber (exanthema- tischerTyphus), o)das Rückfallsfieber(IZ-p1iu.8 rseurrens), obwol diese Eintheilung u. Znsammen- fafsung unter den gemeinschaftlichen Begriff des Typhus nicht gerechtfertigt ist. Die eben genannten drei Typhnsarten sind wesentlich von einander ver- 662 i i Typhöse Fieber. schiedene Krankheitsproccfse, keiner von ihnen kann in eine andere Form Umschlagen; so wenig wie das Krankheitsgift der einen, eine der andern Formen zu erzeugen vermag, a) DerUnterleibstyphus entsteht entweder spontan d. h. durch die Einwirkung in Zersetzung begriffener organischer, namentlich thierischer Stoffe, doch gehört nach neueren Anschauungen immer die Beimischung des Typhus- gistes zu diesen Stoffen dazu, wenn sich Typhus erzeugen soll, oder, was jedoch vielfach bezweifelt wird, Lurch Ansteckung von Person zu Person. Die Träger des Thphusgiftes sind die Luft und das Triukwasser. Es kommt zu Massenerkrankungen amAbdominaltyphus (Typhusepidemien), wenn dem Typhusgift die Bedingungen gegeben werden sich zu vermehren. Als eine Hauptbedingung betrachtet man das Eindringen des Typhusgiftes in einen solchen Boden, der mit verwesenden Stoffen durchsetzt ist. Das Grnndwasser vertheilt dann das Typhusgift auf größere Flächen u. gelangt entweder durch das Brunnenwasser oder durch die dem Boden entstiegenen Gase in den menschlichen Körper. Es erfolgt eine Erkrankung am Unterleibstyphus, sobald durch diese Vehikel das Krankheitsgist Personen zu- gesührt wird, die eine individuelle Disposition zu Typhuserkrankungen haben. Die Erscheinungen des Unterleibstyphus bestehen etwa in Folgendem: Nachdem einige Zeit (3 bis 4 Tage) allgemeine Abgeschlagenheit, Schwindel, Ziehen in den Gliedern als Vorläufer der Erkrankung bestanden haben, pflegt sich der Krankheitsansang mit einem 1—2- maligen Schüttelfröste zu markiren. Es tritt Fieber ein, dessen Temperatur von dem einen bis zum folgenden Tage am Abend um 1 bis 1H" steigt, bis etwa 40° 6. erreicht sind. Am Morgen findet ein Nachlaß von H—H° statt. Gleichzeitig mit der Temperaturerhöhung ergreift den Kranken eine solche Mattigkeit, daß er sich zu Bett legen muß. Der Puls ist vermehrt, desgleichen der Durst. Die Zunge ist schleimig belegt und hat Neigung trocken zu werden. Gewöhnlich ist mäßige Diarrhöe vorhanden. Die Stühle haben meist eine erbseugelbe Färbung und in der rechten Darmbeiiigcgeud wird bei Druck, welcher zndemempfindlich ist, ein gurrendes Geräusch wahrgenommen. Gegen den 5.—6. Tag entsteht Vergrößerung der Milz und sind aus der Brust u. auf dem Bauche kleine rothe Flecken (Roseola) bemerkbar. Es beginnt nun die 2. Krankheitswoche. Alle Erscheinungen steigern sich bedeutend, der Kranke ist mehr betäubt als bisher u. delirirt vor sich hin, er ist schwerhörig, die Zunge trocken, der Durchfall fort bestehend. Die Roseola ist in vermehrter Anzahl sichtbar, die Milz bedeutend vergrößert. Die Genesung erfolgt entweder mit Ablaus der 2. od. 3. bisweilen erst in der 4. Krankheitswoche u. kündigt sich an durch ruhigen Schlaf, milden Schweiß, Feuchtwerden der Zunge, Klärwerken der Sinne u. Herabgehen der Temperatur ans die Norm. Der Tod erfolgt durch hochgradiges Fieber (kleinen, äußerst frequentem Puls mit hoher Temperatur — adynamisches Fieber), Darmblutungen und andere Krankheitszustände, die sich hinzugesellen können. Die Behandlung besteht hauptsächlich in Wärmeentziehungen durch kalte Vollbäder, Herabdrücken der Temperatur durch Chinin od. jalicylsaureS Natron in möglichster Erhaltung der Kräfte durch flüssige, stickstoffreiche Kost (gute, je- doch abgefettete Fleischbrühe mit Hafergrützschleim, Milch, weiche Eier), welche weit in die Neconva- lescenz innegehalten werden muß, da im Unterleibstyphus immer eine Menge Darmgeschwüre vorhanden sind, die sich erst sehr allmählich zur Heilung anschicken und keine Reizungen durch feste Nahrungsmittel vertragen, b) Das Fleckfieber (exanthe- matischer Typhus), ist eine ungewöhnlich ansteckende, sich von Person zu Personsortpflanzende Erkrankung. Das Krankheitsgift desselben scheint vorzugsweise in den Hautausdünstungen n. in dem Schweiße der Kranken enthalten zu sein. Es wird verschleppt durch Kleider und Effecten. Besonders werden herabgekommene in Schmutz u. Elend lebende Personen, ferner die in überfüllten u. schlecht eingerichteten Gefängnissen Jnhaftirten (Kerkerfieber), die in großer Entbehrung u. Zusammenhäufung in belagerten Festungen Lebenden rc., vom Fleckfieber ergriffen. Der Verlauf u. die Erscheinungen sind etwa folgende: Nachdem allgemeine Mattigkeit, Gliederschmerzen, Frösteln eine Zeitlang bestanden haben, beginnt die eigentliche Krankheit mit einem Schüttelfrost u. einer rapiden Temperatursteiger- nng ans 39—40". Es entwickelt sich große Hinsäl- ligkeit u. Schwindel, so daß die Kranken Betrunkenen gleichen. Hierzu gesellt sich heftiger Kopfschmerz, Thränen der Angen, Schwerhörigkeit, Benommenheit, trockene borkige Zunge, der Stuhlgang ist meist verstopft. Vom 3.—5. Krankheitstage tritt auf dem ganzen Körper eine große Menge rot her Flecken auf, die sich meist bräunlich oder schwärzlich entfärben. Vom 10.—14. KrankheitStage pflegt ein schnelles u. bedeutendes Abfallen der Temperatur einzutreten u. damit ein Nachlassen sämmtlicher übriger Krankheitserscheinungen. Die Behandlung besteht wesentlich in guter, diätetischer Pflege: guter Lüftung der Zimmer, leichter, flüssiger, stärkender Kost, Waschung des Körpers mit lauem Wasser rc. o) Das Rücksall s sieb er (T/Mus recurrens) ist erst seit 1843 in Deutschland bekannt. Es ist außerordentlich ansteckenL n. verbreitet sich v o n P e r- son zu Person durch unmittelbare Berührung. WieamFleckfiebcr erkranken auch am Rücksallsfieber vorzugsweise durch Schmutz u. Hunger herabgekom- mene Personen, weshalb man das Rücksallsfieber gradeznHungertyphns genannt hat. Im Blute der Kranken findet man korkzieheranig gedrehte, nur bei starker mikroskopischer Vergrößerung erkennbare Fäden (Recurrensspirillen). Der Verlauf ist ein sehr eigcnthümlicher und geschieht in einzelnen Absätzen. Die Patienten ertranken Plötzlich mit Schüttelfrost, Abgeschlagenheit, Kopfschmerz, Gliederschmerz und die Temperalursteigerung erreicht schon am ersten Krankheitstage 39,g—40°. Die Haut ist schwitzend, der Durst sehr heftig, die Besinnung meistens ungetrübt, die Milz enorm geschwollen. Diese Erscheinungen steigern sich noch bis zum 5.-9. Tage; dann tritt Plötzlich unter einem reichlichen Schweiße ein Tempcratnrabfall bis unter die Norm (35° 0.) ein u. es verschwinden wie mit einem Schlage alle Krankheitserscheinungen, so daß man glaubt, der Mensch sei genesen. Das bleibt jedoch nur in sehr wenig Fällen so. In den meisten treten nach 5—8 Tagen dieselben Erscheinungen noch einmal ein, ja bisweilen noch ein. 3. Mal, ehe die Ge- ^ . . . -, 4 >:. Typhus — Throne. 663 nesung erfolgt. Wie beim exanthematischen Typhus, so ist auch die Behandlung beim Rucksallsfieber eine rein diätetische. Kunze. Typhus, s. Thyphöse Fieber. Typisch (v. Gr.), I) vorbildlich; T-e Theologie (Typik, Typologie), die Vorbilderlehre od. Lehre von den Vorbildern im A. T. 2) Einem Typus folgend, in bestimmten Zeiträumen erscheinend. Typograph (v. Gr.), der Buchdrucker. Typo- graphie, die Buchdruckerkunst, zur Buchdrucker- kunst gehörig, dieselbe betreffend. Typologie s. Typisch. Typösis (gr.), 1) Bildung eines Abdrucks; 2) Abdruck, Darstellung überhaupt. Typus (gr.), der Eindruck in eine weiche Masse, ein eingeprägtes Musterbild, Abdruck, Modell; dann überhaupt Vorbild, Urbild, Grundgestalt u. somit auch Gesammtvorstellung (Gesammtinbegriff) einer Sache ihren bleibenden u. wesentlichen Merkmalen nach, die Zusammenfaßung gemeinschaftlicher Grundzüge, welche verschiedenen Modificationen eines Urwesens, einer Urgestalt rc. eigen sind; daher spricht man vom T. einer Thiergattung, einer Krankheit rc., wie in der Philosophie die Ideen Platos die Typen der sinnlichen Dinge sind u. seitdem durchs Mittelalter von den Neuplatonikern fortgepflanzt, mit Typen die Formen bezeichnet werden, welche der scholastischen Philosophie gemäß für die Einzelwesen in urbildlichem Verstand vorhanden sind und wonach sie ihre bestimmte Gestalt erhalten haben Über Typen in der Chemie, s. Chemie, S. 706 u. f.; über die Typen der Zoologie, s. Thicrsysteme. Tyr, Gabriel, franz. Historienmaler, geb. zu St. Paul de Mons (Haut-Loire) 1817, starb 16. Febr. 1868, Schüler von Vict.Orsel, Mitarbeiter desselben bei der Ausmalung der Marienkapelle in Notre Dame de Lorette, die er nach dessen Tod vollendete. Hauptölgemälde: Schutzengel im Museum von Le- Puy. Regnet. Tyralin, purpurner Farbstoff; man vermischt 1 Gew. Th. Anilin mit 1 Gew. Th. Salzsäure, verdünnt die Flüssigkeit mit gleichviel Wasser, setzt sie zu einer Lösung von 1 Gew. Th. Ferridcyankalium (Rothes Blutlaugensalz) in 10 Th. Wasser u. kocht 2—3 Stunden. Nach dem Erkalten filtrirt man den graublauen Niederschlag, wäscht ihn mit Wasser aus, bringt ihn noch feucht mit einer Lösung von 1 Th. Weinsäure in 2 Th. Wasser zusammen u. kocht ihn damit mehre Stunden. Die saure Flüssigkeit wird abfiltrirt u. kann sofort zum Färben verwendet werden, od. man neutralisirt sie mit Ammoniak, filtrirt den entstandenen Niederschlag u. löst ihn in Holzgeist, wodurch man eine sehr beständige, präch tig purpurne Flüssigkeit enthält. Jungck. Tyrann (v. Gr.), bedeutet in der griechischen Geschichte nur einen Usurpator od.Herrscher, welcher ohne Wahl der Bürgschaft u. gegen die bestehenden Gesetze die königliche Gewalt- od. Alleinherrschaft erlangt hat. Der Begriff der Gewaltthätigkeit u. der Willkürherrschast, welchen bei uns vorherrschend das Wort T. angenommen hat, war bei den alten Griechen nicht nochwendig damit verbunden. In der griechischen Geschichte bezeichnete die Tyrannis in der Regel die Uebergangszeit von der Aristokratie zur Demokratie. Im 7. u. 6. Jahrh. v.Chr. traten meist geistig bedeutende Führer des Volkes, selbst von Adel, an die Spitze des Volkes gegen die Alleinmacht ihrer Standesgenoffen. Aus den Volkssllh- rern werden Alleinherrscher, neue demokratische Könige, welche eine glänzende Entwickelung des bürgerlichen Lebens herbeifllhren, Kunst- u. Prachtliebe entfalten, Poesie u. Wissenschaft begünstigen u. eine materielle Hebung des Mittelstandes u. der ärmeren Volksklaffen erreichen. Doch ist die Tyrannis ohne tiefere Wurzel im Volksleben u. daher nur eine vorübergehende Erscheinung; sie führt nur ausnahmsweise zur Gründung von Dynastien, da sich der T. gegen den Willen des Volkes der Herrschaft bemächtigt u. zur Behauptung derselben ungerechter n. grausamer Willkürmittel bedarf, woher denn heute sich mit dem Wort T. der Begriff der Eigenmächtigkeit, Bedrückung, Grausamkeit verbindet. Vgl. Dru- mann, Ostzwannis Araseis,Halle 1812. Platz, Die Tyrannis beidenGriechen, 2 Thle.,Lpz. 1859,2Bde. Die berühmtesten T-en sind: 1)in Griechenland: Pisi- stralus, T. von Athen 560—527. Sein Sohn Hip- pias bis 510. Theagenes vonMagara um 625bis 594. Kypselos von Korinth (657 v. Chr.) u. sein Sohn Periander von 627—587 v. Chr., der zu den 7 Weisen Griechenlands gezählt wurde. In Sikyon Orthagoras nach Demllthigung des dorischen Adels und gestützt auf die alte ägialeische Bevölkerung (Her. V. 68) um 665 v. Chr., dessen berühmtester Nachfolger Kleisthenes ist, dessen Herrschaft um 600 v. Chr. endete. Polykrates von Samos 540—523 v. Chr. Anderer Art waren die sog. 30 Tyrannen (s. d.) in Athen nach dem Peloponnesischen Kriege. In späterer Zeit sind noch besonders bekannt T. Alexander von Pherae, gegen den Pelopidas3Züge unternahm, Machanidas T. von Sparta, von Phi- lopoemen bei Mantinea 206 v. Chr. geschlagen u. getödtet; sein Nachfolger, der grausame Nabis. 2) auf Sicilien: Gelon von Syrakus (484—477 v. Chr.) mit Theron, T. von Agrigent, verbündet. Dionysius I. u. II. von Syrakus (406—343 v. Chr.) Aga- thokles (gest. 289). 3) In der römischen Geschichte gibt es eine Periode der sog. 30 T. unter Kaiser Gallienus; die hervorragendsten dieser Prätendenten sind Tetricus in Gallien u. Spanien u. OLenathus aus Palmyra in Syrien. Schmitz. Tyrannen, Vogelfam.aus der Ordg. der Sänger. Schnabel mittellang, so hoch als breit, an der hakigen Spitze mit Ausschnitt. Flügel lang n. spitz. Beine kräftig. Amerikaner, vom Habitus unserer Finken u. zänkischer Natur. Hieher Tzwannus in- tropiäus, Tyrann. Tyrnau, so v. w. Tirnau. Tyrol u. Vorarlberg, s. Tirol. Tyrone, Grafschaft in der irischen Prov. Ulster, grenzt im N. an Londonderry, im O. an Antrim u. Armagh, im S. an Monazhan u. Fermanagh u. im W. an Donegal; 3264,», sZZlcm ( 59 , 28 » HZ M.) mit (1871) 215,766 Ew. (aus 1 HZüm 68, in ganz Irland 64). T. hatte 1841: 312,965 Ew., 1851: 255,661 Ew. u. 1861 noch 238,426 Ew., demnach findet eine ziemlich starke Abnahme der Bevölkerung statt. Unter letzterer sind 56 °/» Katholiken. Mit Ausnahme des östlichen ebenen Theiles am Lough Neagh ist die Grafschaft gebirgig, bes. im N. u. W. (Slieve-Hough u. Lengfield), reich an großartigen Naturschönheiten u. wird deshalb viel vonTouristeu besucht. Die höchsten Punkte sind: Sawel (679 m), 664 Tyros - Mullaghcarn (542 m) u. Bessy-Fell (422 in.) Zahl- reiche Flüsse, davon die bedeutendsten: der Foyle (hier Strule genannt) mit dem Moyle u. Derg im W. u. der Blackwater an der Slldostgrenze. Von der Oberfläche kommen etwa 26°/„ auf Seen, Sümpfe u. Moore, etwa 56"/„ auf Ackerland, Wiesen u. Weiden u. 1,z"/„ ans Waldungen. Der Boden ist theilweiserechtfruchtbar. DieHaupterwerbsqnelleder Bevölkerung, welche trotz der Fruchtbarkeit des Bodens in größter Dürftigkeit lebt, ist die Viehzucht, weniger der Ackerbau, der als Hauptproducte Kartoffeln n. Hafer liefert. Große Eisenstein- u. Steinkohlenlager sind vorhanden, aber nur Steinkohlen werden in geringer Menge gewonnen. Die unbedeutende Industrie beschränkt sich ans Flachs-u. Baum- woklenspinnerei, Leinwandfabrikation u. Branntweinbrennerei. Die Eisenbahn von Dundalk über Omagh nach Loudonderry durchschneidet die Grafschaft. Hauptstadt ist Omagh. H- Berns. Tyros (Zor, Tsor), uralte Stadt in Phönikien, von einer Colonie aus Sidon gestiftet, die mächtigste u. reichste aller phönikischen Städte, von der Karthago u. viele andere Colonien gegründet wurden. Nachdem die Syrier den Salmanassar zur See ge- geschlagen hatten, belagerte Nebukadnezar 586 v. Chr. T. 13 Monate. Während dieser Belagerung hatte sich der größte Theil der Bewohner auf einer kleinen nahen Insel angesiedelt, die alte Stadt (Pa- lätyros) sank dadurch zum Flecken herab. 332 eroberte Alexander der Große die Stadt nach 7mo- natlicher Belagerung (s. n. Alexanders des Großen Zug nach Persien, S. 397) durch Hilfe eines vom Lande aufgeworfenen Dammes, welcher sich in der Folge erhielt u. noch vorhanden ist. Obwol hierdurch u. durch die späteren Belagerungen des Antigonos u. Pakoros geschwächt, blieb T. für den Handel, bes. zwischen Römern u. Syrern, wichtig. Der Kaiser Severus erhob es zur Colonie (6o!oiüa Lsptimana 4. Llotropolis.) Im Mittelalter wurde T. von den Kreuzfahrern erobert (1125) u. bis 1191 behauptet, wo es ihnen von den Saracenen entrissen wurde. Nachher kam es an die Sultane von Aleppo, denen es 1298 der Sultan von Ägypten entließ. Unter der türkischen Herrschaft sank T. gänzlich herab, der Hafen ist versandet, der Handel hat sich nach Beirut gezogen; Neu-Tyrus ist jetzt nur ein unbedeutender Flecken, vondeuTürkenSur genannt, von Alt-T. ist fast gar nichts übrig. Vgl. E. W. Hengstenberg, Os redus 'Izriorum, Berl. 1832; H.Prutz, AnsPhönicien, Lpz. 1876; Sepp, Meerfahrt nach Tyrus, Lpz. 1879. Jilhnke. Tyrosin, 6g Oi, IWg, wird als Spaltungspro- duct verschiedenartiger Proteinkörper neben Leucin, Asparaginsäure u. a. m. erhalten u. zwar bei der Zersetzung durch schmelzende Alkalien od. durch Säuren od. durch fermentartig wirkende Stoffe. Die letztere Bildungsweise veranlaßt sein Auftreten im thierischen Organismus, z.B. bei der Pankreasver- daunng. Seidenglänzende, feine Nadeln, welche sich in 150 Th. kochendemWasser, kaum inAlkohol, nicht in Aethcr lösen. Broglie, Tyrree, so v. w. Tirree. Tyrrhcner (Tyrsener), s. Etrurien. Tyrrhenisches Meer (Toscanischcs Meer), Theil des Mittelmeeres zwischen dem Festland voch Italien n. den Inseln Corsica, Sardinien u. Sici-! - Tzetzcs. Ulien, mit den Bayen von GaSta, Neapel, Salerno, ; S. Euiemia, Gioja; im weiteren Sinne der Theil i des Mittelmeeres von Sicilien bis an die Küsten : Liguriens, in welcher Ausdehnung es die Römer mit : Naro inkerum bezeichneteu. Tyrtaios, Tyrtäus, griech. Dichter aus Athen i od. Milet. Als dieSpartancr im zweiten Messenischen : Kriege (685—668 v. Chr.) auf den Rath des Del- - phischen Orakels sich einen Führer von den Athe- , nern erbeten hatten, schickten ihnen jene der Sage - nach den lahmen T-, u. dieser ritterliche Dichter > begeisterte durch seine Kriegs- n. Marschlieder die ^ Spartaner so, daß sie siegten (s. Messenien, S. 814). > Auch sonst war sein Einfluß auf die Spartaner erfolgreich: durch eine Elegie (ZuVo^-a) schlichtete er Streitigkeiten über eine von vielen geforderte Acker- vertheilung; überhauptbliebenseineLieder in Sparta lange in Ehren u. dienten als Bilduugsmittel für die Jugend. Drei erh. Kricgslieder in jonischem Dialekt (anfeuernde °4broSi)-car) u. ein dorisches Marschlied nebst den Resten der Lvr-ozE sind herausgeg. mit den Gnomischen Dichter» von H. Stephanus, Gaisford, Brunck, Schnei- dewin, Bergk (in Oostas l^rioi ^rasoi); deutsch in Arndts Lieder für Deutsche, 1813, u. in Webers Elegische Dichter der Hellenen, Franks, a. M., 1826. Tyrns, s. Tyros. Wiese. Tyrwhitt (Thyrwhitt), Thomas, bedeutender Philolog, geb. 26. März 1730 in London, trat nach Vollendung seiner Studien in den Dienst der Regierung, war 1761—67 Secretär im Unterhaus, 1784 mit Crocherode Inspektor des Britischen Museums u. st. 19. Aug. 1786; er schr.: Oo Labrio, Lond. 1776, 4uotar. dazu 1781, n. A. von Harleß, Erl. 1785; 6onjseturao in Ltrabcmsm, Lond. 1783, u. A. von Harleß, Erl. 1788; Oonjsotmras in IraAioos Maosos, Oxf. 1821; gab heraus: OraAMsnta OIn- larolli, Lond. 1773; Orpheus äs lapiäibus, ebd. 1781; Jsäus Oratio aä Nsusolow, ebd. 1785; Chaucers Oaatsrbur^ taiss, ebd. 1798, 2 Bde., u. m. a. Die Oosms supposoä to llavs bssn rvrittsn at Lristol, (Lond. 1778) begleitete er mit Einleitung u. Anmerkungen. Tysmenieca (Tysmienica), Stadt im galiz. Bez. Tlnmacz (Österreich): Schloß, Dominicanerkloster, Sasfianfabrikation, Gerberei, Handel mit Wachs, Fellen u. Leder; 1869: 7158 Ew. (darunter viele Armenier). Die Stadt brannte 12. Juni 1866 fast gänzlich nieder. Tzako (ungar.), so v. w. Czako. Tzeyes, Johannes, griech. Polygraph, der Typus eines vielerlei u. nichts gründlich wissenden, urtheilslosen, eitelen, verbitterten Byzantinischen Gelehrten, lebte noch 1180, vom Hofe begünstigt, zu Constantinopel; er schrieb in Hexametern (in 3 Theilen: 4ntolloinerioa, Komsrioa, Oostlloinsrica; Hrsg, von Schwach, 1770, F. Jacobs, 1793, I. Bekler, 1816, F. S. Lehrs u. Düb- ner, Par. 1840 u. ö.); SrMor ein Allerlei verschiedenartiger Gelehrsamkeit, nach der Einthci- lung in 13 Tausende (politischer Verse) auch genannt (hsg. von Th.Kießling, Lpz.1826); Briefe, Hrsg, von Presse!, Tüb. 1851; vgl. Matranga, Lmsoä. 6r., Rom 1850, Bd. 1. 2; mythische, physische, moralische Allegorien vonF.Morel, Par. 1616, Verwandtes, wie die Schrift vom Ursprung der Göt- 665 Tzimiskes - ter, von Cramer ^iisoä. Oaris. Bd. 3, Matranga ^.nsock. Bd. 1.2; Mrso^onia von I. Bekker, 1842, Matranga, Bd. 2; Homerische Allegorien (nach anderen vollständig Hrsg, von Matranga a. O.I, die zur Ilias allein von Boissonade) Par. 1851; Gedichte über grammatische, metrische, rhetorische, literarhistorische Gegenstände; über die Erziehung (bei den Ausg. der Chiliaden); über den Tod des Kaisers Manuel Komnenos; Versuch eines dramatischen Gedichtes; OxsAssis in Rom. II. (Hrsg, von G. Hermann mit Drakon, von Bachmanu, mit den Lolrol. in II. 1838), Scholien zu Hesiod, Aristophanes, wohl auch zu Aeschylos, zu Nikander, Oppians Ha- lientica, Hermogenes u. a., auch zu seinen eigenen Schriften; Metaphrase der Geographie n. Scholien zn Len Kanones des Ptolemäus, ungedruckt. Mit seinem ihm nachstehenden Bruder Isaak stellte er die Scholien zu Lykophron zusammen (Hrsg, von Chr. PH. Müller, Lpz. 1811, 3 Bde.). Eberhard. Tzimiskes, s. Johannes 7). Tzschirner, Heinrich Gottlieb, berühmter Theolog u. Kanzelredner, geb. 14. Nov. 1778 in Mitweida, stndirte seit 1796 in Leipzig, habilitirte sich 1800 in Wittenberg u. wurde Adjnnct der pbi- losophischenFacultät; 1801 ging er als Amtsgchilfe seines Vaters nach Mitweida u. wurde daselbst Dia- konns; 1805 kehrte er als Professor der Theologie nach Wittenberg zurück, wurde 1809 Professor u. Universitätsprediger in Leipzig, begleitete 1813 als Feldpropst die sächsische Heeresabtheilung unter dem Großherzog von Weimar bis zum Hauptquartier von Tournay, wurde 1814 Archidiakonus an der Thomaskirche zu Leipzigu.Kanonicns zuZeitz, 1815 Pastor an der Thomaskirche, Superintendent u.As- - Ubbelohde. sessor des Consistoriums, 1818 Domherr zu Meißen n. st. 17. Febr. 1828 in Leipzig. Seine theologische Denkart war der supernaturale Rationalismus; berühmt machte er sich des. als Apologet des Protestantismus. Er schr.: Geschichte der Apologetik, Lpz. 1805; über den moralischen Jndifferentismns, Lpz. 1805; Os virtnbum sb vitiorum inbor ss ooAna- ticms, Wittenb. 1805; Fortsetzung der Kirchcnge- schichteSchröckhs (s. d.), 2 Bde., 1810; Joh. Matth. Schröckhs Leben, Lpz. 1812; Briefe veranlaßt durch Reinhards Geständnisse, ebd. 1811; Hallers Ueber- tritt zur Katholischen Kirche, Lpz. 1821; Protestantismus n. Katholicismus aus dein Standpunkte der Politik, ebd. 1822 (in mehre Sprachen übersetzt); Die Gefahr einer deutschen Revolution, ebd. 1823; Das Reactionssystem, ebd. 1824; lieber dieAnnahme der prenß. Agende, 2. A. Lpz. 1824 rc.; Sammlung von Predigten, ebd. 1812—16, 2 Thle., dazu kamen noch 4Thle., 1828—29 von Goldhorn heraus- geg.; er war auch Mitherausgeber des Repertoriums für empirische Psychologie, 1802, des Archivs für alte u. neue Kirchengcschichte, des Kirchenhistorischen Archivs, der Analclten für das Studium der exegetischen n. systematischenTheologie. Aus seinem Nachlaß gab heraus Nicdner: Der Fall des Heidenthums, Lpz. 1829, I.Bd.; Haje, Vorlesungen über die christliche Glaubenslehre, ebd. 1829; Krug, Briefe eines Deutschen an Chateaubriand, Lamen- nais u. A., 1828; Goldhorn, Oxnseula aoacksmloa, 1829. Vgl.Tittmanu,LIsmoria 4., Lpz. 1828; Gold- Horn, Mittheilungen ans T-s lctztcnAmts-u. Lebensjahren, ebd. 1828; Pöliy, Abriß seines Lebens, ebd. 1828; Krug, T-s Denkmal, ebd. 1828. L->g und v zusammengesetzte Laut oo (auch verbunden » geschrieben). Die Ans- sprachedes deutschen u ist bald geschärst (Luchs,Sucht), bald gedehnt (Ur, lugen); im Franz, und Holländ. wird n n gesprochen; 2) als Zahlzeichen: a) im Lat., s. u. V; b) in der Rubricirung — 20; 3) als Abkürzung : a) auf röm. Jnschrificn, s. u. V; li) ans franz. Münzen bedeutet es den Münzort Pau; 4) chemisches Zeichen für Uran. >i- Ü, Umlaut der deutschen Sprache von u, welcher bald gedehnt (Hüter, Stühle, Mühle rc.), bald geschärft (Flüsse, Nüsse, Küche rc.) gesprochen wird. Ilalan (Strong Island), die wichtigste Insel der östlichen Carolinen im Großen Ocean, gebirgig n. stark bewaldet, namentlich an Palmen n. werthvollcn Bauhölzern reich, mit zwei sicheren u. tiefen Häfen; ungefähr 5000 Oicm n. 1800 Ew. von Heller Kupferfarbe. Ans ihr finden sich zahlreiche Ruinen von Mauern u. Steinbauten, zum Theil ans mächtigen Quadern erbaut. Uapöa, die südlichste Insel in der Nordwestgruppe des Mendana-Archipels, hat üppige Vegetation, viele seltsam geformte Piks (bis 1100 m), die Bewohner wurden schon von Cook als die freundlichsten des ganzen Archipels gerühmt. Ubai (Jbonamas), Nebenfluß des Guapore in der südamerikan. Republik Bolivia, über 1300 lern lang n. zum großen Theil schissbar. Ubbelohde, August, hervorragender Romanist, geb. 18. Nov. 1833 in Hannover, Sohn des Finanzraths U., trat 1854 nach in Göttingen n. Berlin gemachten Studien in den hannöv. Justizdienst und habilitirte sich dann 1857 in Güttingen für römisches Recht. Seit 1862 anßcrordentl.Prosessor für hannöv. Privat- und Landwirthschaftsrecht, folgte er 1865 einem Rufe als anßerordentl. Professor des röm. Rechts nach Marburg u. ist für Liese Universität seit 666 Ubeda — 1871 Mitglied des Herrenhauses. Er schrieb u. a.: Über den Satz: Ipso furo oornponsutur, Gött. 1858; DieLehre von den untheilbaren Obligationen, Hann. 1862 ; Über die rechtlichen Grundsätze des Viehhandels, Gött. 1865; Zur Gesch. der benannten Real- contracte aus Rückgabe derselben Species, Mark. 1870; Über die Ilrmvapio pro maneipato, ebd.1870; zahlreiche Abhandlungen. Kurze Zeit redigirte er auch das Jahrb. für Landwirthschaft der kgl. Hann. Landwirthschaftsgesellschafl 1865. Lagai. Ubeda, Stadt in der span. Prov. Jaön (Andalusien), 600 m ü. d. M. auf einem Plateau zwischen dein Guadalquivir u. Gnadalimar, in einer anmuthi- gen, an Öl» und Weinpflanzungen reichen Gegend; großes, von einer mit mehr als 20 Thürmen besetzten Mauer umgebenes Kastell, zahlreiche alterthüm» liche, zum Theil schöne gothische Kirchen u. Klöster, Fabrikation von Tuch, Leder und Seife, Handel mit Wein, Öl rc.; 16,040 Ew. In der Umgegend treffliche Pferdezucht. U. war zur Zeit der Mauren eine blühende Stadt von etwa 70,000 Ew., ist nach der Zerstörung 1212 neu aufgebaut, hat gegenwärtig noch einen bedeutenden Umfang, ist aber theilweise verödet. Hier 1210NiederlagedesKönigsMoham- med von Marokko durch die verbündeten Könige von Navarra u. Castilien. H- Berns. Überall, der seemännische Ruf, aus welchen die schlafende Mannschaft des Morgens aufsteheu muß. Überbein , s. Ganglion 2). Überbrechen (Bergw.), Überbruch, ein in der Lagerstätte zur Untersuchung derselben nach oben getriebener Bau. Überchlorsäure, MIO.,, farblose, stark sauer schmeckende Flüssigkeit von Ölconsistenz, die ander Luft raucht u. ein spec. Gew. — 1,,^ besitzt. Sie ist stark hygroskopisch u. löst sich in Wasser unter Erhitzen auf. Beim Erwärmen zersetzt sie sich, oft unter Explosion. Auf kohlenstoffhaltige Substanzen, wie Holz und Papier oder auch auf Kohle selbst ge» bracht, explodirt sie heftig. Ans der Haut erzeugt sie bösartige Wunden. Sie läßt sich nur kurze Zeit aufbewahren u. explodirt auch in zugeschmolzenen Glasröhren nach längerer vd. kürzerer Zeit. Beständiger sind ihre Hydrate. Ans einer concentrirten Lösung der U. erhält man beim Erkalten Ü-Hydrar (LlstOz-s-L^O) in prismatischen, farblosen, leicht zerfließlichen Krystallen, die bei 50" schmelzen u. aus organische Substanzen ähnlich, aber nicht so energisch wirken, wie die Säure selbst. Bei 110" zersetzen sie sich in Ü. u. ein erst bei 203° destillirendes flüssiges Hydrat (RLIOj-i-üUzO). — Die Ü. wird am einfachsten aus ihrem Kaliumsalze (s. u.) erhalten, indem man dasselbe mit concentrirter Schwefelsäure in einer Retorte erhitzt und das krystalliuische Destillat (HOIOz-i-IlLO) mit großer Vorsicht bei 110 " destil- lirt. Das Anhydrid der Ü. ist nicht bekannt. Die Salze (Perchlorate) lassen sich durch directe Einwirkung der betr. Basis auf die Säure erhalten; das in Wasser schwer lösliche Kaliumsalz erhält man einfacher durch vorsichtiges Erhitzen von chlorsaurem Kali: dasselbe schmilzt unter Sauerstoffabgabe, wird dickflüssig und besteht nun aus einem Gemisch von Chlorkalium u. llberchlorsaurem Kali, aus welchem sich das erstgenannte Salz durch Wasser ausziehen läßt. H-tz-r. Übergabe. Überdecken (Bergw.), von einem gewonnenen Fundpunkte aus mit dem begehrten Felde, andere noch in der Herstellung begriffene Fundpunkte bedecken u. letzteredadurch entwerthen. Überfall, 1) der unerwartete u. deshalb oft einen günstigen Erfolg bringende Angriff einer feindlichen Stellung, einer Festung, od. irgend eines Postens. Die dazu bestimmten Truppen versammeln u. nähern sich dem zu überfallenden Orte in möglichster Stille, gewöhnlich in der frühesten Morgenstunde, heben die feindlichen Außenposten auf oder dringen, dieselben rasch verfolgend, mit ihnen zugleich in die Verschanz- ung, Festung rc. ein u. überwältigen Len Feind, ehe er zu einer geordneten u. kräftigen Gegenwehr Zeit gewinnt. Vorbedingung für das Gelingen eines U-s ist genaue Ortskeuntniß und Überraschung des Gegners. Vgl. Festungskrieg I. L). 2) (Überfallwehr), s. u. Wehr; auch wol eine niedrige Stelle an einem Damme, über welche bei starkem Auschwellen des Flusses oder Grabens das überflüssige Wasser abfließt. Übcrfangsglas, s. Glas. Überflügeln, bei einem Angriff die feindliche Front mit einem Theile der eignen Front überragen, um den Feind in Flanke u. Front zu nehmen. Man schützt sich dagegen durch ein Verlängern der Front od. durch Zurücknehmen (Versagen) des gefährdeten Flügels. Übergabe (Irackitio), bei Rechtsgeschäften die wirkliche Überlieferung einer Sache von dem bisherigen Inhaber derselben an einen Andern. Dieselbe kann entweder blos als ein Act des Bcsitzerwerbes Vorkommen, oder auch als ein Act der Übertragung des Eigenthums. Im letzteren Falle wird erfordert, daß eine Übergabe auch in der Absicht Eigenthum zu übertragen n. zu erwerben erfolge und daß diese Absicht in einem Rechtsgeschäft (lluota, oauog, brackl- tücmls) erkennbar hervortrete; ferner, daß der Übergebende (Tradent) auch an dem zu übergebenden Gegenstände selbst Eigenthum habe u. die Fähigkeit dasselbe zu veräußern besitze, sowie daß damit auch die Fähigkeit u. der Wille des Empfängers Eigenthum entweder für sich od. einen Andern zu erwerben zusammentreffe. Indessen verleiht auch die von einem Nichteigenthümer vorgenommene Ü. sofort dem Erwerber Las Eigenthum, wenn demselben gesetzlich die Besugniß zur Veräußerung zusteht, z. B. dem Pfandgläubiger, wenn er den Eigenthümer zu vertreten berechtigt ist, wie der Vormund, Bevollmächtigte rc.; wenn der Fiscus eine fremde Sache als ihm gehörig veräußert; der bisherige Eigenthümer hat solchenfalls gemeinrechtlich nur eine auf den Zeitraum von vier Jahren beschränkte Entschä- digungsklage gegen den Veräußerer. Für den eigentlichen Act der U. genügt es nach gemeinem Rechte, daß der Empfänger der Sache wirklich u. vollständig die physische Gewalt über die Sache erhält. Bei beweglichen Sachen genügt, wenn dem Empfänger nur die Schlüssel zu dem Behältnisse überliefert werden, in welchem sich die Sache befindet, od. daß die Sache in den Gewahrsam des Empfängers gebracht wird. Bei Grundstücken reicht es nach Römischem Rechte aus, wenn nur der Besitzer denjenigen, welchem es tradirt werden soll, in dasselbe einweist, ohne daß der Letztere es deshalb zu betreten braucht (Praäitio 667 Übergabe einer Festung — Uberlingen. längs, manu, Ü. zur langen Hand). Umgekehrt ist der Ausdruck Prackitio drsvi manu (Ü. zur kurzen Hand) da üblich, wo der Erwerber sich bereits im Besitz der zu erwerbenden Sache, z. B. als Pächter, befindet; hier reicht daun blos eine Erklärung des Tradeuten, daß er das Eigenthum zu Gunsten des Andern aufgeben wolle, aus. Diese Grundsätze deS Römischen Rechts haben jedoch in Deutschland eigentlich nur in Betreff des durch Ü. vermittelten Eigenthumserwerbs an Mobilien gemeinrechtliche Geltung erlangt u. behalten; für das Recht der Grundstücke hat sich ein anderes, dein Rom. Rechte ganz fremdes Recht ausgebildet, insofern für den Eigenthumserwerber an solchen eine gerichtliche Auflassung (N. juckioislls, InvssMurs, LLimsrecksbio, Anerb- ung), d. h. die feierliche vertragsmäßige Übertragung des Eigenthums durch den Richter, od. wenigstens unter Mitwirkung desselben, erfordert wird. Dieselbe hat sich geschichtlich aus dem Gebrauche einer symbolischenÜ. entwickelt, welche vor Zeugen auf dem Grundstücke selbst, z. B. durch Ü. eines von den Bäumen des Grundstückes abgebrochenen Zweiges, od. einer Erdscholle, od. eines Spanes aus der Thür desHansesstattfand, woraus dann nochzum Beweise des Actes gewöhnlich eine Urkunde (Ollsrts, Isstsmsntum) ausgenommen wurde. Die neuere Form der Ü. bei Grnndsiücksübereignungen besteht entweder in der Eintragung des neuen Acquireuten durch das Gericht od. durch einzelne Gerichtspersonen in bes. dazu bestimmte Grundbücher, od. in die allgemeinen Gerichtsbücher (Kauf- u. Handelsprotokolle, Handels-, Auftragsbücher); oder in der gerichtlichen Ausfertigung und Bestätigung des Con- tracts, infolge dessen das Eigeulhum übergehen soll (Kaufbriefes), mit welcher dann auch gewöhnlich noch eine Umschreibung der Eigenthümer in die dafür bestimmten Gerichts- od. den Hypothekenbüchern verbunden ist. Die Zuständigkeit zur Vornahme des betreffenden Actes hat der ckuäox rsi sibss, d. h. der Richter, welchem die Gerichtsbarkeit über das betreffende Grundstück zusteht. Übergabe einer Festung, die Überlieferung derselben an den Feind infolge einer Blokade oder Belagerung, s. u. Festungskrieg I. L. S) d). übcrgangsgcbirgc, so v. w. Grauwackenformation. Übergangsstil, diejenige Bauweise, welche der eigentlichen Gothik od. germanischen Bauweise vorangeht, zwar noch vorherrschend romanische Formen u. Anlage, Loch schon den Spitzbogen u. die damit in Verbindung stehenden Constructionen zeigt. Der Ü. kommt vom 12. bis 14. Jahrh. vor. Übergehen, des Ballastes, der Ladung rc. (von seinem Platze stürzen). Überhalten (Forstw.), bei der Verjüngung eines Holzbestandes einzelne Bäume (Oberständer) oder Baumgruppen (Horste), stehen lassen, sodaß sie erst im folgenden Umtrieb zur Nutzung gelangen. Überhang, 1) die Früchte, welche an den über des Nachbars Grund und Boden hinüberragenden Ästen hängen u. ebenso diese Äste selbst, insoweit sie hinllberragen. Nach altdeutschem Recht hatte der Inhaber eines Grundstückes die Besugniß diesen Ü. sich anzueiguen (Ü-srecht). Doch gab es schon in älterer Zeit locale Modificationen der Regel, bes. wurde oft zwischen dem Ü. im engeren „Sinne als den noch am Baum hängenden, u. dem Überfall, als den bereits abgefallenen Früchten unterschieden u. blos die Wegnahme der letzteren dein Grundstücksbesitzer erlaubt (Überfallsrecht). Dem Römischen Recht war dies Recht unbekannt; es gibt im Gegen- theil dem Eigenthümer eines solchen Baumes ein besonderes Intorckiotum äs Alsncks Is§oucks, mit welchem der Nachbar angehalten werden kann, dem Baumeigenthümer die übergesallenen Früchte aus- lesen zu lassen, wogegen derjenige, in dessen Grundstück ein solcher Baum hereinhängt, seinerseits ein Intorckiotum cks srdoridua osockonckis hat, womit er die Behauung u. Wegnahme des Baumes vom Nachbar fordern und, wenn der Nachbar dies nicht thut, Schutz für die eigene Vornahme dieser Handlungen zu verlangen berechtigt ist. Jnsolge Receplion des Römischen Rechts wurde jenes deutsche Ü-s- resp. Überfallsrecht gemeinrechtlich aufgehoben u. ist dasselbe auch particularrechtlich nur theilweife erhalten. 2) Der Theil eines Gebäudes, welcher über die senkrechte Linie der Hauptwand hervorragt. Bei einer Grenzmauer hat der Nachbar gemeinrechtlich die Ausbauchung zu dulden, wenn sie unter einem halben Fuß beträgt. Bezold. Überhaue», ein im Einsallen eines Flözes zum Zwecke der Fahrung od. Wetterführung hergestellter Grubenbau. Überhitzter Wasierdampf, Dampf, welcher nach seiner Bildung noch mehr od. weniger stark erhitzt wurde; er dient als kräftig heizendes, trocknendes u. oxydirendes Mittel, so z. B. bei der Zinkentsilberung zum Entfernen desZinks aus dem Bleibade. Überhöhcn, das Verhältuiß des Maßes, um welches die Krone einer Brustwehr, die vor ihr liegenden Befestigungstheile od. das Vorgelände überragt, s. Commandement. Überladen, ein Geschütz od. Gewehr so stark laden, daß der Rückstoß zu heftig wird, oder dasselbe springt. Ü-e Minen, s. u. Mine 2). Überlegungsfrist , Deliberationsfrist, Lpatium ckelibvrsucki, s. Lsnoüoium 1), S. 168, Überlieferung , s. v. w. Tradition. ÜSp- 2. Überliegetage sind die Tage, welche ein Schiff mehr als die in der Chartepartie festgesetzten Liegetage braucht zum Löschen resp. Laden der Maaren. Die Vergütung, die der Befrachter hierfür zu leisten hat, heißt Las Liegegeld. Überlingen, Amtsstadt im badenschen Kreis Konstanz, am Überlinger See (dem nordwestl. Theil des Bodensees mit der Insel Mainau), in wein- u. srnchtreicher Gegend, von Mauern u. Thürnieu umgeben; hat schönes gothischeS fünfschisfiges Münster mit 69 m hohem Thurme, vielen Kunstschätzen und 177 Ctr. schwerer Glocke, Sradtbibliothek von 30,000 Bdn.; Rathhaus mit restaurirtem Saal, worin kunstreiche Schnitzwerke, Reichlin-Meldeggsche Patrizierhof von 1462, Wasserleitung, höhere Bürgerschule, Gewerbschule, Museum, Zeug-, Armenhaus , eisenhaltiges Miueralbad, Seebäder, bedeutende Frachtmärkte, starker Verkehr mit den Uferstaaten ; 3864 Ew. Unter dem Namen Jburinga 668 Übermangansaure war Ü. im 7. Jahrh. Residenz des alemannischen Herzogs Gnnzo, gehörte dann zum Herzogthum Schwaben u. war 1397—1802 freie Reichsstadt; es wurde 1632 von Bernhard von Weimar genommen, 1634 von den Schweden unter Horn vergebens belagert, 1643 von den Schweden geplündert, 1644 nach viermonatlichcr Belagerung an die Bayern u. 1647 an die Schweden übergeben, welche sie nach dem Frieden 1649 wieder räumten. 1803 kam Ü. an Baden. Schroot. Übermangcmsiinre, s. Mangansäuren. Übersättigt heißt eine Lösung, wenn sie von dem gelösten Stoffe mehr enthält, als das Lösungsmittel bei der Temperatur, welche die Lösung gerade besitzt, von demselben aufuehmen kann; s. Auflösung. Überschar, kleines, zwischen zwei verliehenen Gruben im Freien liegendes Terrain, welches früher hänfig unter denselben vertheilt wurde. Überschwemmung (Hochwasser), dieüberfluth. ung von Kulturland u. bewohnten Gegenden durch austretende Flüsse od. durch Sturmfluthen. Die gefährlichsten Ü-en kommen in Niederungen vor, wenn die Fluth des Meeres od. andere Gewässer die Dämme durchbrechen; aber auch da können leicht Ü-en Vorkommen, wo Flüsse niedrige Ufer, oberhalb viel Fall u. viel Zufluß aus Gebirgsgegenden, unterhalb aber wenig Fall haben. Anhaltende Regen, Wolkenbrüche, schnell eintretendes Thauwetter bringen an solchen Orten leicht Ü. hervor, bes. auch, wenn der Eisgang an oberen Flußstellen früher ein- tritt, als an untern, wodurch Eisstopfungen u. Aufstauungen entstehen. Auch an Flußmündungen entstehen leicht Ü-en, wenn zur Zeit der Springfluthen heftige Stürme gegen das Land wehen. Eine der schlimmsten Ursachen der durch Flüsse ungerichteten ll-en ist das Entwalden der Gebirge. Dies zeigen bes. deutlich die Abholzungeu in den Gebieten der Garonne, der Weichsel rc. Der beste Schutz gegen Ü-en ist daher ein rationeller Forstbetrieb; dann eine genügende Regulirung der Flüsse u. ihre Eindeichung in flachen Gegenden. Die furchtbarsten Ü-en, welche die Geschichte kennt, hat Holland zu erleiden gehabt, das dagegen aber auch das bestaus- gcführte u. bcstgepflegte Deichsystcm der Welt aus- zuwcisen hat. Bgl. darüber denArt. Niederlande, S. 462—63. In neuester Zeit waren bes. verheerend die Ü-en 1872 an der östl. holsteinischen Küste durch Sturmfluth, in Südfrankreich 1875 durch die Garonne, 1877 u. 1879 in Polen u. Preußen durch die Weichsel, u. 1879 in Ungarn durch die Theiß. Bei letzterer Ü., die mau zu den schrecklichsten derartigen Katastrophen rechnen kann, wurden mehrere Städte (darunter bes. Szegedin) u. eine Menge von Ortschaften zerstört, während der Verlust an Menschenleben nach vielen Tausenden zählte. Vgl. Stcfano- vic v. Vilovo, Über die Ursachen der Katastrophe von Szegedin, Wien 1879; Kakay, Der Untergang von Szeaedin, Szeg. 1879 ;Knobloch, Die Beseitigung derll-en nach einem neuen System, Wien 1879. Vorrichtungen zu künstlichen Ü-en werden an geeigneten Stellen zur Verstärkung von Festungen angelegt. Schroot. übersctzungsrecht, ?. Urheberrecht. Übersichtigkeit, Hypcrmetropie, s. Brillen, IV. — Überzugsgeld. Bd., S. 85; ferner Asthenopie, II. Bd., S. 241; über das Einwärtsschielen bei übersichtigem Bau der Augen, s. Schielen. Übersinnlich, das, was das Gebiet des durch die Sinne Wahrnehmbaren und damit dessen, was der menschlichen Erfahrung durch die sinnliche Wahrnehmung zugänglich ist, überschreitet. Über Stag gehen, s. Wenden. Ubertss (lat.), Fruchtbarkeit, Überfluß; bei den Römern Personification für die Fruchtbarkeit des Erdbodens, dargestellt als schönes Weib mit umgekehrtem Füllhorn. Daher Übertät, Überfluß, Menge. Übertretung, überhaupt eine Handlung, wodurch ein Gebot od. Verbot übertreten wird; insbe- sondere (franz. Loutravsntion, Polizeillbertretung), eine Handlnng gegen eine blos polizeiliche Straf- drohung, im Gegensatz zu den Verbrechen (sranzös. Oriwss) u. Vergehen (Üölits), die niederste Gattung der Straffälle. In letzterem Sinne aufgefaßt, wurden die Ü-en früher größtenteils von den Polizeibehörden als Frevel bestraft, nur die bedeutenderen waren an die Gerichte gewiesen. Die neueren Strafgesetzgebungen schließen sich dagegen bei dem Begriffe der ܰen zugleich an die franz. Dreiteilung der Berbrecherfälle an, unter Annahme von nämlich Verbrechen, Vergehen u. Ü., u. bezeichnet das Deutsche Strafgesetzbuch § 1 eine mit Hafl od. mit Geldstrafe bis zu 150 Lk bedrohte Handlung als eine Ü. Die Aburteilung der Ü-en fällt nach dem Gerichtsver- sassnngsgesctz IV. Th. 8 27 den Schöffengerichten zu. Ü-en polizeilicher Vorschriften straft die Polizei. Ü-en verjähren in 3 Monaten. Überversicherung, die in der Regelals Betrug strafbare höhere Angabe des Werthes des versicherten Gegenstandes als des wirklichen bei einer Versicherung, in der Absicht eine höhere Versicherungssumme zu erzielen. Überweg, Friedrich, bedeutender Philosoph, gcb. 22. Jan. 1826 zu Leichlingen in der preuß. Rheinprovinz, stndirte in Göttingen u. Berlin Philologie und Philosophie, war kurze Zeit Lehrer in Dresden, Duisburg u. seit 1851 in Elberfeld, verließ aber das Schulfach u. habilitirte sich in Bonn, von wo er 1862 als außerordentlicher Professor der Philosophie nach Königsberg berufen wurde; hier erhielt er 1867 eine ordentliche Professur u. starb 9. Juni 1871. Ü. war Erfahrungsphilosoph, sein Hauptverdienst liegt aber auf historischem Gebiet. Hauptschriften: System der Logik, 4.A. Bonn 1874; Grundriß der Geschichte der Philosophie, 5. A. Berl. 1877 , 3 Bde. (beide ins Engl, übersetzt). Außerdem schr. er: Die Entwickelung des Bewußtseins durch Leu Lehrer und Erzieher, Berl. 1853/ und Untersuchung über die Echtheit und Zeitfolge platonischer Schriften, Wien 1861 (Pceisschrift). Schroot. Überzeugung , diejenige Art des Fllrwahrhal- ^ tens, welche sich entweder auf wirklich unbestreitbare Thatsachen od. auf die Einsicht in die Unmöglichkeit des Gegentbeils gründet. Alle wissenschaftliche Ü. muß daher auf objektiven Gründen beruhen u. von aller Willkür u. dem Einflüsse der Wünsche u. Neigungen unabhängig sein. Überzugsgcld, s. u. Abzugsgeld. 669 Ilbi — Obi (lat.), wo; das Obi, die Frage über den Ort des Gegenstandes. llbi bene, idi pstrls (lat.), wo es mir wohlgeht, La ist mein Vaterland. Ubicini, Jean Henri Abdolonyme, franz. Schriftsteller, geb. 20. Oct. 1818 in Jssondu», stu- dirte 1836—38 im Lyceum zu Versailles und lehrte dann mehrere Jahre die Rhetorik in Joigny; 1846 ging er nach Italien und bereiste Len Orient, Griechenland, die Türkei u. die Donaufürstenthümer, wo er sich im Juni 1848 an dem Aufstand gegen den Fürsten Bibesco betheiligte und dann Secretär bei der provisorischen Statthalterei wurde, verließ jedoch die Walachei beim Einrücken der russ. Truppen, im Sept., und kehrte nach Paris zurück. Er veröffentlichte u. a.: Ostckrss sur la lurgnis, Par. 1847 bis 1851, 2 Bde., 2. A. 1853 (ital. Mail. 1853, engl. Lond. 1856); Im gusstiou ä'Orient äevant i'Ln- rope, 1854; Nrovinoss roumainss, 1856; Im guos- tion äss xrineipantös äanubisnnss äsvunt i'Ln- rops, 1858; Otnäss bistoriguss sur los popuia- tione obrstisnnos äs ia, lurgnio ä'Lurops, 1867; mit Pavet de Courteille: Otat present äs I'smpire Ottoman, 1877. Auch übersetzte er den Macrobius ins Franz., Par. 1845, u. gab Boitures Gedichte, 1856, 2 Bde., heraus. Schro°t. Ubier, germanisches Volk am rechten Rheiuufer; von den Sueven gedrängt, baten sie Hilfe von Cäsar; da aber die Sueven später die Feindseligkeiten erneuerten, wurden sie 37 v. Chr. von Len Römern durch Bipsanius Agrippa in das Gebiet der Trevi- rer auf dem linken Rheinufer versetzt n. gingen zuletzt in den Franken ans. Ihr Gebiet erstreckte sich von der Mündung der Nahe bis an die westl. Beugung des Rheins. Hauptstadt: Ocäcmia ^rippina, j. Köln. Übigau, Stadt im Kreise Liebenwerda des prenß. Regbez. Merseburg, an der Schwarzen Elster; Bierbrauerei, Seifensiederei, Torfstich; 1875: 1429 Ew. Ubiquität des Leibes Christi. Diese Lehre hat sich im Lutherthum als eine dogmatische Hilssvor- stelluug zur Beantwortung der Frage entwickelt: Wie der Leib u. das Blut des gen Himmel gefahrenen Christus hier auf Erden im Abendmahls substantiell u. reell gegenwärtig sein u. gegessen werden könnten. Luther war schon in seinen auf das Abendmahl bezüglichen Schriften aus den Jahren 1526 bis 1528 aus den Gedanken einer Allgegenwart der menschlichen Natur Christi gekommen, welche in der Verbindung derselben mit der göttlichen Natur ihren Grund habe. Doch waren diese an die Scholastik anknüpfenden Auslassungen Luthers für Las Be- kenntniß u. die Doctrin des deutschen Protestantismus ohne alle Bedeutung geblieben. Erst durch die wnrttembergische Landessynode zu Stuttgart von 1559, welche geistig ganz n. gar von Johann Brenz beherrscht wurde, erhielt die Lehre von der U. als dogmatische Voraussetzung der Lutherischen Lehre vom Abendmahle symbolische Bedeutung. Melanch- thon wehklagte damals über die neue Dogmenma- cherei; allein nach seinem Tode nahmen doch nicht wenige seiner Schüler den Gedanken der U. in die Dogmatik aus. Dabei trat jedoch ein bis in die untersten Fundamente der Christologie reichender Gegensatz zwischen der in Württemberg zur Ausgestaltung gekommenen und der in Norddentschland üblich Üchtritz. werdendenll-slehre hervor. In Württemberg führte man die kl. aus die Jncarnation zurück, in welcher der Logos seine göttlichen Attribute in die Menschheit Christi hineingegossen habe, weshalb man hier die U. als ein wesentliches u. bleibendes Attribut Christi auffaßte. Doch wichendie Häupter der wllrttcmberg- ischen Theologie in der weiteren Entwickelung dieses Gedankens wiederum von einander ab. In Norddeutschland dagegen schob man die U-slehre in die Christologie Melanchthons so ein, daß man aus ihr den Gedanken ableitete, Christus könne mit seinem Leibe und Blute allgegenwärtig sein, wo er wolle (Mnltivolipräsenz) also z. B. im Abendmahle. Bei der Abfassung der Concordienformsl wurden diese beiden grundverschiedenen christologischenAnschauun- gen, namentlich von dem Würtlemberger Jakob An- dreä und von Chemnitz zu Braunschweig vertreten. Den Gegensatz wirklich zu überwinden vermochte man nicht; daher konnte er in der Concordienformel nur sehr übel verdeckt werden. Der Gegensatz der beiden christologischeu Anschauungen bestand somit in der Lutherischen Kirche fort n. sührte im Dreißigjährigen Kriege zu dem die ganze Kirche erschütternden Streite der Tübinger n. Gießener Theologen, zu dessen Beilegung sich endlich die lutherischen Fürsten genöthigt sahen. Vgl. Dorner, Lehre von der Person Christi, Bd. 2, S. 665—717 und Heppe, Dogmatik im 16. Jahrh., Bd. 2, S. 108—156. Heppe- Ubychen(Ubyken),StammderTscherkessen(s. d.). kl. o., Abkürzung für nrbis ounckitas (d. i. von Erbauung der Stadt (Roms an gerechnet). Ucatzäle, f. u. Amazonenstrom, S. 522, 1 . Sp. Uchatius, Franz Freiherr v., österreichischer Generalmajor, geb. 20. Oct. 1811 zu Lheresienfeld in 'Niederösterreich, trat 1829 als Cadett in die österr. Artillerie, erhielt seine mathematisch-technische Ausbildung in der Schule des Bombardiercorps, verlegte sich dann mit großem Eifer aus chemisch-physikalische Studien, wurde 1841 Feuerwerker in der k. k. Geschützgießerei n. beschäftigte sich neben seinen theoretischen Studien mit beharrlichen Versuchen zur Herstellung von Geschlltzmetallen. Diese führten ihn zur Entdeckung des nach ihm benannten Uchatiusstahles u. der Stahlbronze (U-stahl,s. Stahl, S. 727), aus welcher letzteren das gesammte österreich. Geschützmaterial hergestellt worden ist. 1842 Offizier, 1861 Major u. Commandant der Geschützgießcrei, wurde er 1867 zum Obersten, 1874 zum Generalmajor n. Commandeur der Artilleriezengfabrik im Wiener Arsenal ernannt u. in den Freiherrnstand erhoben. Er ist auch österreichischer Geheimrath und Mitglied der k. k. Akademie der Wissenschaften. Schroot. Uchte, Flecken mit Stadtrechten im Kreise Nienburg der prenß. Landdrostei Hannover, am Mühlenbach; Amtsgericht, Oberförstern, Cigarren- u. Selterswasserfabrikation, Gerberei, Branntweinbrennerei, Bierbrauerei; 1875: 1186 Ew. Üchtritz, ein altadeliges, ursprünglich ans Böhmen herstammendes Rittergeschlecht, welches sich in Thüringen niederließ, wo das Stammhaus Ü. in der Herrschaft Goseck, in der Nähe von Neukirchen, nach der Sage um 1309 gegründet wurde. Von da kamen die Ü. nach der Queisgegend in der Oberlausitz, wo ihnen die Obhut des Götzenbildes Flynz (welches sie noch in ihrem Wappen führen) u. der Schutz der Grenzen anvertraut worden sein soll u. 670 Ucker — Uden. zugleich die Herrschaft über den südlichen Queiskreis vom Queis bis zum Jscrkammc zufiel, in welchem sie die nochjetztin Ruinenvorhandene Burg Schwerts gebaut haben sollen. Sie kommen dort urkundlich seit dem 14. Jahrh., sowie in Meißen, Böhmen, Schlesien u. seit dem 18. Jahrh. in den branden- burgischen Marken vor. Ob alle diese Geschlechter Ü. zu demselben Stamme gehört haben od. ob dieselben verschiedenen Ursprungs gewesen seien, ist noch streitig. Das Geschlecht nannte sich bis zu Ende des 15. Jahrh. Nuchterwz, wurde 1818 unter die Württemberg. Freiherrnklasse ausgenommen u. besitzt die von Christine, Gemahlin des 1693 verstorbenen Christoph II. von U., gestiftete Fideicominißhcrrschaft Gebhardsdorf am Queis in der Obcrlausitz, die seit mehrern Jahrhunderten sich ununterbrochen in den Händen der Familie befunden hat. Aus dem Geschlechts stammt: Friedrich von, deutscher Dra- matiker, geb. 1800 in Görlitz, studirte in Leipzig die Rechte, wurde in Berlin als Referendar beim Stadt- u. Landgerichte beschäftigt, pflog dort freundschaftlichen Verkehr mit Heine u. Grabbe, kam 1828 als Assessor an das Landgericht in Trier, 1829 nach Düsseldorf, wo er in der Folge zum Oberlandesgerichtsrath , dann zum Appcllationsgerichtsrath anf- stieg, trat 1858 in den Ruhestand, lebte seit 1863 in Görlitz, wo er 15. Febr. 1875 st. Unter seinen Dramen ist Alexander und Darms, Berlin 1827 durch Tiecks anerkennende Kritik (in den Dramaturgischen Blättern) am bekanntesten geworden Eine Charakteristik des Dichters findet sich in E. Kuhs Schrift über F. Hebbel. U- Ucker (Uecker, Uker), Küstenfluß in Preußen, bildet sich bei dem Marktflecken Fredewalde im Kreise Templin des Regbez. Potsdam aus dem Abflüsse eines kleinen Sees, durchfließt den Ober-U.°, U.- n. Unter-U-see, nimmt die Quillow auf, durchfließt den Blindowsee, tritt bei Pasewalk in den Regbez. Stettin, empfängt hier die Randow u. mündet unterhalb Uckerinllnde in das Kleine Haff. Die U. ist 103 km lang u. von Pasewalk an aus 36 km schiffbar; Seeschiffe gelangen aufwärts bis Uckerinünde. Uckermark (Ukermark, Uckerland, von dem Flusse Ucker od. vcn Uckern benannt), der nördlichste Theil der preußischen Provinz Brandenburg, von der Mittelmark, Mecklenburg-Strelitz, Pommern und der Reumark begrenzt; 3875 Hjkm (70„HM). Hauptstadt war Prenzlau. Sie zerfiel sonst in zwei Kreise, den Uckermärkischen und Stolpischcn; jetzt umfaßt sie die drei Kreise Prenzlau, Templin und Angcrmllnde des preuß. Regbez. Potsdam. Im 6. Jahrh. war die U. im Besitze des wendischen Volksstammes der Uckern (Uchri), war dann kurze Zeit von dem Deutschen Reiche u. gegen Ende des 10. Jahrh. von den Obotrilen abhängig; um 1142 kam sie in den Besitz der Pommerschen Herzöge. 1250 mußte Herzog Barnim I.von Stettin die U. an die brandenburg. Markgrafen Johann I. u. Otto III. abtreten; allein infolge der Schlachten bei Prenzlau (1329) n. bei Kremmen (1331), in denen der Markgraf Ludwig I. von Brandenburg von demHerzogeBarnim III. von Stettin geschlagen wurde, kam der größte Theil derselben wieder an Pommern. Erst unter Friedrich I. gelangte dcr pommersche Antheilder U. im Frieden zuPerlcberg 1420 wieder an Brandenburg u.wurde nachher auch von diesem behauptet. H- Berns, i Uckermünde (Ukermünde, Ueckermünde), 1) Kreis im preuß. Regbez. Stettin, südl. vom Pommerschen Haff, durchschnitten von den Limen Anger- münde-Pascwalk-Stralsnnd und Pasewalk-Mecklen- bnrgische Grenze der Berlin-Stettiner Eisenbahn; 1088,, sükm (19,7g lH>M) mit (1875) 45,672 Ew. 2) Kreisstadt darin, an der Ucker, welche unweit davon in das Kleine Haff geht; Amtsgericht, Schloß, Landarmenhaus, Provinzial-Jrrenanstalt, großartige Ziegeleien, Fischerei, Schiffbau, Schifffahrt; 4739 Ew. Ncklei, so v. w. Ukelei. Uclcs, kleine Stadt in der span. Prov. Cuenca (Nencastilien); 1650 Ew. Hier 13. Jan. 1809 Sieg der Franzosen unter Victor über die Spanier unter dem Herzog von Jnfantado. Udaipnr (Oodeypore, Ondipoor), 1) der bedeutendste Vasallenstaat der Agentschaft Mewar in der indobrit. Prov. Radschpntana, im N. anAdsch- mir stoßend, in seinem westlichen Theile gebirgig durch die Arawallikette, durchzogen vom Bunas u. a. Flüssen u. in deren Gebiet fruchtbar u. mit Weizen, Gerste, Hirse, Mohn angebaut, sonst Weideland, durchschnittlich reich an Silber, Kupfer, Zinn, Eisen n. Salz, ca. 30,00t> Hjkm n. 1,160,000 Ew., Hindu, Dschat n. Mohammedaner; in den Bergen streifen Mina, Mera n. a. Abvriginerstämme. Die herrschende Klaffe sind Radschpntcn; die regierende Familie (mit dem Titel Maharana) gehört zu den berühmtesten Radschpntenfamilien und führt ihren Stammbaum auf einen Sohn Ramas zurück. U. war schon im Mittelalter ein angesehener Radschpu- tenstaat, der seit Ende des 12. Jahrh. hartnäckig u. erfolgreich sich der mohammedanischen Invasion erwehrte. Erst seit 1568, wo die Hauptstadt Tschitor von Nkbar erobert n. zerstört wurde, gelang cs den Moguls sich festzusetzen u. 1613 wurde deren Oberherrschaft anerkannt. Bei dem Verfall ihrer Macht übernahmen im 18. Jahrh. die Mahratten deren Stelle, von denen das Land mehrmals überfallen u. verheert n. stark ansgeplündcrt wurde (zuletzt 1806 bis 1817inVerbindungmitde»Pindaris). Dies gab dem Rana Bhim Singh 1818 Anlaß, sich dem brit. Protektorat zu untergeben, welches sich unverändert erhalten hat; 2) gleichnam. Hauptstadt, an eine»n See, mit Palast des Fürsten, 15,000 Eiv. U. (sans- krit. Udajapura) wurde 1568 nach dem Falle Tschi- tors Hauptstadt. Thi-l-mann. Uddewalla, Stadt im schwed. Län Bohus (Gothenburg), am innersten Theile des tiefeingeschnittenen Byfjords, Station der Herrlu»ja-U.-Eisenbahn; lebhafter Gewerbebetrieb, bes. Baumwollenspinnerei, Hasen, Schifffahrt, lebhafter Handel, namentlich mit Bauholz, Fischfang; 1876: 6315 Ew. Uden, Lncas von, berühmter Landschaftsmaler n. Radirer, geb. 18. Oct. 1595 zu Antwerpen, hatte seinen Vater zum Lehrer, trat um 1627 in die Ma- lerzunft daselbst u. st. in seiner Vaterstadt 1672 od. 1673, nachdem er dieselbe nur kurze Zeit 1650 verlassen. Er hatte sich Jan Breughel und in der Ausführung den Pinsel des Rubens zum Muster genommen, für dessen Bilder er auch mehrfach den landschaftlichen Theil malte, wofür ihm dieser sowie auch Teniers u. A. die Staffage gaben. Seine Bilder, die noch von seinen Radirnngen durch die Zartheit der Nadel übertroffen werden, finden sich in den 671 Udine größeren Galerien Europas, namentlich schöne Sachen sind Eigenthum der Dresdener Galerie. Lagai. Udine, I) Prov. des Königreichs Italien, zwischen Kärnten u. Istrien einerseits und den italien. Provinzen Belluno, Treviso u. Venedig, sowie dem Adriatischen Meere anderseits; 6515 s^jlcm (116, UM) mit 1871:481,685 Ew. (74,g auf IsDkm, in ganz Italien 90,5); im nördl. Theil erfüllt von Verzweigungen der Karnischen Alpen, im südlichen eben, Hanptfluß ist der die Mitte der Prov. durchströmende Tagliamento; die Produkte sind im Ganzen die der LandschaftBenetien; die Industrie ist nichtvon großer Bedeutung, weshalb ein Theil der Bewohner jährl. außerhalb Beschäftigung sucht. 82 km der Oberital. Bahn durchschneiden die Provinz. 2 ) Hauptstadt darin, am Roja u. an der Oberital. Bahn; Sitz des Präfecten und eines Erzbischofs, besteht aus einer äußeren u. einer inneren Stadt, jede besonders um- mauert, in der Mitte der inneren Stadt das Castell; in desscnNähe dieDenksäuledes Friedens vonCampo Formio. Die Stadt bietet in ihrer Bauart viel Ähnlichkeit mit Venedig, hat eine prächtige romanische Kathedrale und 12 andere Kirchen, unter ihnen bes. S. Domenico. Ferner: Piazza Contarina (S. Giovanni) mit Porticus, ein dem Dogenpalast ähnliches Rathhaus, erzbischöflicher Palast mit Gemälden und manuscriptenreicher Bibliothek, ehemaliger Palast des Patriarchen (jetzt Gerichtshof), dabei der neue Spaziergang il Giardino; theologische Lehranstalt, ein bischöfliches u. ein Staatsgymnasium u. mehrere andere Schulen, Akademie des Ackerbaues, verschie- dene Wohlthätigkeitsanstalten, Theater, Baumwol- lenweberei, Seidenwaarenfabriken, Gerbereien, Sei- dencultur, Handel, bes. mit Seide, Weinbau; der Kirchhof ist einer der merkwürdigsten n. schönsten in Italien; 22,004 Ew. (Gem. 29,630). U. ist Vaterstadt des Malers Giovanni da U. U. kommt zuerst im 10. Jahrh. vor. Im 13. Jahrh. wählte der Patriarch Bertold U. zu seiner Residenz, worauf es beträchtlich an Umfang gewann, bes. als Zufluchtsort vieler in den Bürgerkriegen Italiens vertriebenen Familien. 1445 kam U. unter venetianische Herrschaft. Hier 27. Septbr. 1797 die ersten Friedensbesprechungen zwischen Bonaparte u. dem österreichischen Bevollmächtigten, worauf 17. Oct. auf dem Schlosse in Campo Formio der Friede unterzeichnet wurde, wodurch die Stadt an Österreich kam. 1805 wurde U. dem Königreich Italien einverleibt u. Hauptstadt des Dep. Passerino; 25. Oct. 1813 besetzten österreich. Truppen die Stadt wieder, wurde 25. März 1848 von der österreich. Besatzung geräumt, jedoch 23. April wieder besetzt u. kam 1866 wieder an Italien. Vgl. ^nunario otatisbioo per In provinoia cki Häms, Udine 1878. Schroot. Udrne, Giov. da, s. Johannes 36). Uäitüro (ital.), so v. w. Auditor, eine geistliche Oberhofscharge am Päpstlichen Stuhle. Udschein (Oojein), weitläufig gebaute Stadt in dem indobrit. Vasallenstaate Gwalior, am Sipra, einem Nebenfluß des Tschumbul, mit vielen Hindn- tempeln u. einem umfangreichen Palast ans der Mahrattenzeit. Sie ist dasUdschdschajinider alten Inder ('Oxyr-y des klassischen Alterthnms), im 1. Jahrh. v. Ehr. die blühende Hauptstadt eines altindischen Königreiches, dessen Stifter Vikramaditja (s. Indien, S. 692) hervorragend in der Geschichte - Ufa. anftrat. Im 14. Jahrh. fiel sie in die Gewalt der Mohammedaner, im 18. in die der Mahratten u. war bis 1810 Residenz der Scindia. Udväihely, 1) Comitat in Siebenbürgen, bei der Comitatseintheilung von 1876 gebildet ans dem ehemaligen Stuhle U. und aus mehreren Gemeinden des Küküllöer u. Ober-Weißenburger Comitats, sowie des Schäßburger und Repser (Köhalomer) Stuhles; 3417,gg (Mm (62,1 UM) mit (1869) 105,349 Einw. (auf 1 Uslcm 30,g, in ganz Ungarn- Siebenbürgen 48,4). Das Comitat ist gebirgig durch Verzweigungen der Karpathen, namentlich durch das Hargitagebirge (bis 1741 m hoch) und seinen westl. Ausläufer, das Görgenyergebirge, welches südl. von dem Straßensattel bei OlLhsalu in das Borot.erge- birge mit dem Kukukhegy (1540 m) übergeht. Der einzige nennenswerthe Fluß ist der Große Kokel. Die Bewohner treiben hauptsächlich Ackerbau und Viehzucht, dann auch Hanf-, Wollen-u. Baumwollen- Weberei, Gerberei u. Handel. 2) Szekely-U. (Oder- hällen oder Hofmarkt), königl. Freistadt u. Hauptort darin, am Großen Kokel; großes Rathhaus, evangelische u. 2 katholische Kirchen, Franciscanerkloster, 2 Obergymnasien, Realschule, Bürgerspital, Gerberei, starke Schuhmacherei, Tabakbau, Produktenhandel; 1869: 4376 Einw. Dabei das von I. Si- gism. Zapolya erbaute Schloß des Grafen Gyulai u. das Bad Szombathfalva mit einem Säuerling u. einer Schwefelquelle. H. Berns. Uechtland flimtbonis,, Nichtland, ödes Land, Helvetische Wüste), mittelalterlicher Name für einen Landstrich um Freiburg in der Schweiz; umfaßte den jetzigen Kanton Freiburg und einige angrenzende Strecken, gehörte sonst zu Hochburgund und hatte eigene Grafen. Es erhielt seinen Namen nachdem es in einem Kriege im 7. Jahrh. verheert worden. Uelle, Fluß in Centralafrika, 1870 von Schweinfurth entdeckt, der ihn für den Oberlauf des in den Tsadsee mündenden Schar! hielt, was Nachtigal bestritt, der auf seiner Reise 1872—73 einen Bahr Knta genannten u. mit dem U. ohne Zweifel identischen Fluß befuhr. Stanley identificirt ihn mit dem aus seiner berühmten Reise von ihm entdeckten Aruwimi, einem mächtigen Nebenfluß des Kongo. Er entspringt in den Blauen Bergen, westlich vom Mwutan Nzige. Vgl. Petermanns Geogr. Mitth. 1877, S. 466 ff. Nfa, 1) russ. Gouvernement, umgrenzt von den Gouvernements Orenburg, Perm, Wjatka, Kasan, Samara; 121,812 Hflcm (2212 (MN); die östl.HLlfte ist durchaus gebirgig durch den eigentlichen Ural, der hier im Taganai auf 1000, im Jremel ans 1506 m ansteigt. Die mehrfach durchbrochenen Ketten streichen alle von SW. nach NO. Gegen W. ist das Land hügelig, theils flach. Flüsse: Kama, welche hier Bjelaja und Jk aufnimmt; ersterein wenden sich zu rechts Sim, Ufa mit Juresan, Tanym, links Dema, Tscheremsan, Sinn u. a. Klima rauh; Flüsse fast H Jahr mit Eis bedeckt; der Boden gehört fast ausschließlich der Permschen Formation an u. birgt ungeheure Schätze; gewonnen werden namentlich Gold und Eisen in großen Mengen, auch andere Metalle, wie Kupfer, Silber, Blei, ferner Kohlen; U. ist noch reich an Wäldern, in denen Bär, Wolf, Fuchs und anderes Wild sowie Pelzthiere zahlreich Vorkommen; 1,364,925 Ew., Russen, Baschkiren, Tataren, einige 672 Ufenau — Ugarte. Wotjaken u. Mordwinen. Ackerbau gering, dagegen bedeutende Montan« und einige Holzindustrie; die türkischen und finnischen Stämme sind noch vielfach Nomaden (Viehzüchter) oder Jäger u. Fischer. 2) Hauptstadt desselben, Sitz der obersten Behörden, eines griechischen Erzbischofs, eines tatarischenMnfti, hat Festung, 12 Kirchen, Moscheen u. Schulen, liegt am Einfluß der Ufa in die Bjelaja auf steilem Felsen; 20,917 Ew.; hier jährlich im Januar ein lOtägiger Jahrmarkt (die Ufimsche Messe); 3) Fluß hier , entspringt mitten im Uralgebirge, am Karatau, nimmt Len Ai u. Juresan auf u. fällt bei der Stadt Ufa in die Bjelaja. Dronke. Ufenau (Ufnau), kleine niedrige Insel im Züricher See, dem Kloster Einsiedeln gehörig, mitKirche u. Kloster (beide 1141 geweiht); auf U. fand Ulrich von Hutten, vor seinen Feinden flüchtend, ein Asyl, starb aberschon nach nur 14tägigemAufenthaltEnde August 1523. Uferaas, s. Tagthierchen. Uferbau, jeder Bau, welcher an und mit einem Ufer vorgenommen wird. Diese Bauten sollen entweder einen Fluß, dessen Uferbeschafsenheit der Schifffahrt hinderlich ist, schiffbar machen —was durch Flußcorrcctionen, Buhnenbau oder Parallelwertsbau geschieht — oder das anstoßende Land gegen Ueberschwemmungen schützen, welche durch die FlurhdesMeercs od.dnrchdas Anschwelleu der Flüsse entstehen kann (Deichbau) od. das Ufer gegen den Abbruch desWassers schützen. DasdabeinöthigeVerfah- ren lehrt die U- kn n st. BeiUferbauten muß man bes. darauf Rücksicht nehmen, durch welcheArtder Bewegung das Wasser dem User Abbruch thut u. an welcher Stelle (au der Oberfläche oder im Grunde). Dem entsprechend werden Böschungen, Bohlwerke oder Futtermauern angelegt. Gegen Abschälung schützt man das Ufer: durch Schlickfänger oder Anhägerung; oder durch eine sanfte Abschrägung od. eine möglichst flache Abdachung, welche mit Rasen bewachsen sein muß; jedoch reicht eine solche Böschung oder Dossirung nur bei ruhigen Flüssen hin; ferner durch gewöhnliche Pflasterung oder verpfähl- tes Deckpflaster od. durch eine Unterlage von Holzfaschinen mit Stcinschutt; durch Anpflanzung von Strauchwerk; durch Faschinenbau; endlich bei steilen Ufern durch besondere feste Wände, wie Futter- und Quaimauern, hölzerne od. eiserne Bohlwerkswände, mit Bohlen verkleioete Stützmauern, aus überein- andergelezten Balken gebildete (Block-) Wände, Spundwände. Dem Grundbruche kann man dadurch abhelfen, daß man den Fluß rectificirt u. der Strombahn eine andere Richtung gibt. Besonders gefährdet ist das User stets an Krümmungen des Flusses und zwar hier stets dasjenige Ufer, welches dem Wasser die hohle Krümmung zukehrt, während an dem anderen mit der erhabenen Krümmung versehenen Ufer sich leicht eine Sandbank ablagert. Bei CorrectionendesStromlaufssnchtmandaherKrümm- ungen u. namentlich scharfe Krümmungen möglichst zu vermeiden. In allen Fällen aber, wo das Erdreich eines Ufers allein nicht Haltbarkeit genug besitzt, ist das Ufer durch besondere Deckwerke u. andere Hilfsmittel zn erhalten u. zu befestigen. Zu diesen Befestungsmitteln gehören Berasung, Besetzung, Strauchpflanzung, Las Packwerk mit Busch u. Faschinen, Flechtzäunungen, Spreutlagen, Steinpfla- l steruug, Bohlwcrke u. Fnttermauern. Zum U. ge- ! hören ferner Anlagen, welche eine Benutzung des Ufers bezwecken, als Landungstreppen, Landungsbrücken, Hebevorrichtungen an den Ausladestellen (insbesondereKrahne,feststehende,fahrbare, Damps- u. hydraulische Krahne, auch Mastenkrahne) u. Kohlensturzvorrichtungen. Literatur: Deutsches Banhandbuch III. A. III Berl. 1877; Hagen, Wasserbau, 3. A. Berl. 1869—71 (2. Bd.); Winkler, Theorie des Erddrucks, Wien 1872; Erbkams, Zeitschrift für Bauwesen, Hannoversche Zeitschrift für Bauwesen u. Deutsche Bauzeitung. Kühne. Uferspecht, so v. w. Gemeiner Eisvogel. Uffenheim, Bezirksamtsstadt im bayer. Regbez. Mittelfranken, an der Gollach, Station der Bayer. Staatsbahn; mit Mauern u. Thoren umgeben, Sitz des Bezirksamts u. Landgerichts; Schloß, Lateinische Schule, Hospital, Gerberei, bedeutende Bierbrauerei, starke Viehzucht, ergiebiger Obstbau, Gips-, Sandstein- u. Kalksteinbrllche; Weinbau; 2087 E. In der Nähe die Ruine Hoheulaudsberg u. Schloß Frankenberg, ehemaliges Eigeuthum der Familie Hutten. Ufnau, Insel, so v. w. Ufenau. Ugalde, Delphine, geb. Beauce,französische Bühnensängerin, geb. 3.Dec. 1829 zuParis, wurde von ihrer Mutter in Gesang unterrichtet, debutirte im Saal Chanteraine u. kam nach ihrer Berheirath- ung mit dem Musiker U. (starb 1858) an die Opera national, wurde 1848 für die Opera oomigns, 1858 für das Tüoatrs L^rigus engagirt und übernahm 1866 die Direktion der Lontl's3 - ikarimons, wo sie namentlich in Schöpfungen Offeubachs mit Erfolg auftrat. Ihre Fähigkeiten als Sängerin, die sie nicht nur im Engagement, sondern auch auf Gastspielreisen bcthätigte, standen die einer trefflichen Lehrerin zur Seite u. unter vielen Anderen bildete sie auch Mlle. Saß aus. Ebenso hat sie Verschiedenes componirt, darunter die im Febr. 1867 zuerst auf dem Loulks8-I?aris1sn8 aufgeführte komische Oper La Halts au moulin. Kürschner. Uganda, Reich in Centralafrika, zwischen dem Ukerewe und dem Mwutansee, etwa 82,600 ÜDm (1500 HZM), im W. sehr gebirgig (Kituaragebirge am Mwutan) im östlichen Theil mehr hügelig, ein fruchtbares Land mit gesegnetem und wegen seiner Lage, im Mittel 1450 m ü. d. M., mildem Klima, bringt außer den gewöhnlichen Feldfrüchten Bananen, Kaffe, Zuckerrohr, Tadak rc. hervor. Die Bewohner (Mganda) sind sanften Charakters und genügsam , jedoch abergläubisch und zur Trägheit geneigt. Das Land wurde zuerst von Speke besucht (1862), zuletzt von Stanley (1875). Der jetzige König Mteja hat sich Lurch seine Gefälligkeit und sein Entgegenkommen, das er den jene Regionen besuchenden europäischen Reisenden bewies (Speke 1862, Long 1874, Stanley 1875), einen Namen von gutem Klang erworben. Seit 1871 hat der Islam in U. Eingang gefunden, nachdem Mtesa diese Religion angenommen. Hauptstadt ist Ulagalla, ein regelmäßig angelegter, wohl gebauter.u. befestigter Ort unter 32° 49' 45" ö. L. u. 0° 32' n. Br. Schroot. Ugarte, Don Antonio, span. Grand aus Navarra , wurde durch den russ. Gesandten Tatischew in Madrid 1817 dem König Ferdinand empfohlen und bald ein einflußvolles Mitglied der Camarilla, überall im Einverständniß mit dem russ. Minister § - 673 Uglitsch - ! handelnd. Kurz vor Ausbruch der Spanischen Re- > volution wurde ll. nach Segovia verwiesen, kam aber bald wieder nach Madrid zurück n. in seine alte Stellung beim König u. organisirte nach Erklärung der Constitution 1822 die erste königl. Jnsurrection. si Nach der Restauration von 1823 stürzte er, in Verbindung mit dem russ. Gesandten Pozzo di Borgo, ! das Ministerium des Victor Saez, wurde 1824 Se- cretär des Ministeriums u. des Staatsrathes, aber im März 1825 von Zea-Bermudez, den er zum MinisterdesAnswärtigenerhobenhatten.Colomarde gestürzt, war dann bis 1827 Gesandter in Turin u. st. im Nov. 1830. Uglitsch (Uglicz), Kreisstadtim russ. Gouv. Ja< roslaw, am rechten Ufer der Wolga, der Mündung der Koroschitschna gegenüber, Mittelpunkt bedeutender Holzindustrie, hat zahlreiche Kirchen u. Klöster, 30 Fabriken (Leder,Seife, kupferne u.zinnerneWaa- ren, Papier) u. sehr lebhaften Handel; 13,069 Ew. Ugocsa, Comitat in Ungarn, zwischen den Comi- tatenGeregh,Marmarosu.Szathmar;1190,ggsHm (21,gs^M) mit (1869) 67,498 Ew. (aus I 56,„ in ganz Ungarn-Siebenbürgen 48,4). Die Bewohner sind größtentheils Magyaren u. Katholischer Confession. Das Comitat ist im O. gebirgig u. sehr waldreich; wird von der Theiß n. Borsova bewässert u. hat im Allgemeinen nur wenig ergiebigen Boden. Hauptproducte sind: Wein, Getreide, Holz, Obst; Vieh (namentlich Schweine n. Schafe), Fische; Gold, Silber, Eisen rc. Eisenbahnen: 64 llu». Hauptort ist Nagy-Szöllös. H Ugogo , Gallastamm, der die Hochebene westlich von Zanzibar u. den Usagara (s. d.) bewohnt. Von stattlichem, wohlgebildetem Körperbau, ist er auch geistig hochstehend u. ist in beiden Beziehungen den meisten afrikanischen Stämmen überlegen. Er ist I kriegerisch, wohlgeübt in Waffen (Speer, Bogen n. Pfeile, kleine Streitaxt), lebt von Ackerbau, Viehzucht und Jagd, gelegentlich auch vom Raube. Er glaubt an ein himmlisches Wesen, Mulungu genannt, der Aberglaube ist jedoch stark ausgebildet bei ihm und die Priester sind als große Zauberer bekannt. Ugolino (Hugolinus), 1) eigentlicher Name des Papstes Gregorius IX. 2) U., genannt Andrea Pisano, s. Pisano3). 3) U. Gherardesca, s. Ghe- rardesca. Ugra, Fluß in den russ. Gouv. Smolensk u. Ka- lüga, fließt träge, fast ohne Gefälle Lurch Wiesenflächen, nimmt Worja, Schanja u. a. auf u. mündet, von Juchnowan schiffbar, links in die Oka; die U. bildete früher die Grenze zwischen Rußland u. Litauen. Ugriirmow, Grigorij Jwanowitsch, russ. Historienmaler, geb. in der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. in Moskau, wurde in der Petersburger Akademie der Künste ansgebildet u. starb in der ersten Hälfte des 19. Jahrh. in St. Petersburg. Daselbst ! befinden sich feine Hauptwerke, wie: Die Eroberung Kasans durch die Russen, Die Thronwahl Michael k Fedorowitsch Romanows u. a. m.; auch malte er ^ viele Porträts. Uhland, Ludwig, deutscher Dichter u. Literar- ! Historiker, geb. 26. April 1787 in Tübingen, erhielt seine wissenschaftliche Vorbildung auf dem dortigen Gymnasium, stndirte auf der Hochschule seit 1805 die Rechte, disputirte im April 1810 über eine juri« ' stifche Dissertation, die Vangerow mit Anerkennung i PiererSUiiiversal-ConversationL-Lexilon 6. Aust. XV - Uhland. erwähnt, u. promovirte. Nachdem er in den Advo. catenstand eingetreten war, ging er im Mai nach Paris, wo er die Handschriften altfranzösischer u. mittelhochdeutscher Dichter eifrig stndirte. März 1811 kehrte er in die Heimath zurück, advocirte in Tübingen u. trat mit Justinus Kerner u. Gustav Schwab in Verbindung. 1812 wurde er Accessist auf der Kanzlei des Justizministers in Stuttgart. In demselben Jahre erschien sein Aussatz über das altfranzösische Epos in Fouqucs u. Reumanns Musen. 1814 nahm er die Advocatur in Stuttgart wiederauf. 1815 erschien bei Cotta die erste Ausgabe seiner Gedichte (60. Ausl. 1875). In dem durch den König Friedrich I. erregten Versassnngsstreite (s. d. Art. Württemberg) kämpfte U. wacker für das „alte gute Recht" des Tübinger Vertrages von 1514. Am 7.Mai 1818 wurde seinTrauerspiel.Herzog Ernst von Schwaben zum erstenmale auf dem Hoftheater in Stuttgart anfgefllhrt. Er Unterzeichnete 1819 auf der Ständeversammlung in Ludwigsburg als Abgeordneter die zwischen dem König Wilhelm I. u. den Ständen vereinbarte neue Verfassung. Januar 1820 schloß er eine sehr glückliche Ehe mit Emilie Bischer, die ihn überlebte. 1822 gab er seine Schrift über Walther von der Vogelweide bei Cotta heraus. 1829 wurde er zum außerordentliche» Professor der deutschen Sprache u. Literatur an der Universität Tübingen ernannt; seine Vorlesungen wurden sehr eifrig besucht u. erwarben ihm begeisterte Anhänger. Da ihm die Negierung wegen seiner liberalen Gesinnung 1833 denUrlaub zumEintritt in dieStände- kammer verweigerte, kam er um seine Entlassung ein, die man ihm „recht gern" bewilligte. 1836 veröffentlichte er Sagenforschungen. 1839 lehnte er die Neuwahl in den Landtag ab u. lebte fortan in gelehrter Zurückgezogenheit. 1844 f. gab er im Cotta- schen Verlage alte hoch- u. niederdeutsche Volkslieder in 2 Abtheilungen heraus. Im März 1848 wurde er von dem neuen württembergischen Ministerium als Vertrauensmann (Siebenzehner) dem Bundestage beigegeben. Hier trat er gegen die Idee des Erbkaiserthnms, insbesondere des preußischen auf n. bezeigte eine entschiedene Vorliebe für Oesterreich. Von der Permanenz des Vorparlamentes wollte er nichts wissen. In der constitnirenden Nationalversammlung saß er auf der äußersten Linken des Centrums. In seiner Parlamentsrede vom 25. Januar 1849 stimmte er gegen die Wahl eines regierenden deutschen Fürsten zum Reichsoberhaupte, gegen die Erblichkeit desselben, sowie gegen den Ausschluß Österreichs, dagegen für die Wahl des Reichsober- hanptes auf 6 Jahre. Er wünschte republikanische Institutionen, aber nicht die deutsche Republik. Bei der Kaiserwahl am 28. März erklärte er: Ich wähle nicht. Am 11. April stimmte er schließlich gegen die Reichsverfassung überhaupt. Er folgte dem sogen. Rumpfparlamente nach Stuttgart u. verharrte darin, bis die Versammlung aus Befehl des Ministers Römer gesprengt wurde. Er concentrirte nun seine Thätigkeit aus die Sagenforschung, 1852 in der Schweiz, 1853 in Berlin, später in Tübingen, wo er 14. Nov. 1862 st. U. behauptet neben Schiller die erste Stelleunterden LieblingsdichternderNation. Seine Entwickelung fällt in die romantische Periode unserer Literatur, in die erwachenüengermanistischen Studien u. in die Befreiungskriege. Mit den Ro- II. Band. 43 674 Uhlanen — Uhlcfeld. mantikern theilt er den lebhaften Sinn für das Wunderbare, für die Geheimnisse des Lebens u. des Ge- müthes, den innigen Zusammenhang mit der Vorzeit, bcs.der mittelalterlichen, densagenhaftenGrundzug seiner gesammten Dichtung. Steht er auf der einen Seite an Reichthum, Feinheit u. Tiefe der Ideen, an. geistiger Beweglichkeit u. Vielseitigkeit hinter den romantischenCoryphäen zurück, so gebührt ihm auf der anderen Seite der Vorzug unverschleier- ter Wahrheit u. Überzeugungstreue, realistischer Gediegenheit, Begrenztheit u. Bestimmtheit, — Eigenschaften,die bei jenen oftdnrchinnereUnklarheit.Jagd auf Paradoxien u. ästhetisches Liebäugeln mit fremdartigen Anschauungen beeinträchtigt werden, und wenn er sich auch in romantischer Weise phantastischen Stoffen hingibt, versteht er es doch, sie ins Einfach-Menschliche nmzubildcn. Gleich den Sängern der Befreiungskriege tritt er als ein Kämpfer für die Heiligthümer der Nation, der Menschheit auf, u. sein Stil, seine Tonart hat von jenen bedeutende Einwirkungen erfahren. Seine hauptsächlichen Vorbilder sind die deutsche, auch die romanische Poesie desMittelalters, dieauch in die Neuzeithereinreichenden deutschenVolkslieder u. Goethe; für Schiller hat er keine rechte Sympathie. In seinen Productioncn entfaltet er die Geschichte seines Herzens u. Lebens, doch mit sehr leisem Farbenauftrage der einzelnen biographischen Momente, in homerischer Anspruchslosigkeit, die, an ihren Stoff hingcgeben, das Ich verschwinden läßt, mit ihren persönlichen Empfindungen in der Seele des Volkes anfgeht, ja nur als der Mund des Volkes redet. U. ist nur Lyriker mit epischen Intervallen, nicht Dramatiker (die schönsten Stellen seiner dramatischen Werke sind lyrisch). Seine Gedichte enthalten eine Menge von trefflichen Liedern. Hier ist die Stimmung echt menschlich u. edel, natürlich erwachsen ohne fremdartige Beimischung , unbefangene Hingebung der Seele an die unwillkürlich in ihr ertönende Melodie. Bezaubernd ist die Einfalt, die volksthümliche Treuherzigkeit dieser Gesänge. Ihre Wärme ist mäßig, aber nachhaltend. Besonders glücklich ist U. im Ausdrucke sanfter, rührender, andächtiger Empfindungen. Gedichte wie: Am 18. Oct. 1816, Katharina u. Tells Tod können, mehr im antiken als im neueren Sinne des Wortes, den Elegien beigezählt werden. In vielen Balladen des Dichters begegnet uns eine schöne Hineinbildnng des Inhaltes in die Form, eine Lurch das Ganze verbreitete lebendige Empfindung, eine zwanglos darin sich austönende Melodie n. jener geheimnißvolle Reiz einer mehr andeutenden als erzählenden Darstellung,die uns an die nordischen, englischen u. deutschen Volksgesänge erinnert. Den trag, isch-gewaltigen Stoffen, zu welchen die Ballade stark hinneigt, ist U. nicht zugethan, u. wo er sie ergreift, kann er nicht umhin, sie zu mildern. Am liebsten versenkt er sich in die Wunder des Herzens, namentlich des liebenden Frauenherzens, das er von Len ersten traumartigen Dämmerungen der Liebe durch Hoffnung u. Furcht, durch Seligkeit n. Gram, durch Treue bis in Len Tod, ja über das Grab hinaus in holden Tönen begleitet. Er weckt die tiefsten Rührungen, aberohnedenAnhauchderEmpfindsamkeit, u. seine Hauptstärke wohnt in der Poesie des Mitleids. In der Nachbarschaft der Balladen finden wir unter seinen Gedichten manche, die wir als Heldenlie - der, Sagen, Märchen, Allegorien bezeichnen können. In seinen Romanzen tönt die romanische Poesie des Mittelalters nach; sie versetzen uns in eine exotische, geistesaristokratische Welt von Begrif- fen, Anschauungen, Empfindungen, die aber U. aus das Maß des Allgemein-Menschlichen zurücksührt. Sie verschmelzen auf eigenthümliche Weise das romanische mit dem deutschen, ja mit dem schwäbischen Elemente. Der musikalische Geist schwebt hier über dem epischen Stoffe u. beherrscht ihn. Auch in der Legende bewährt U. seine außerordentliche Kraft (Der Waller). Im germanistischen Fache nimmt er sowol durch die Gründlichkeit seiner Forschungen als durch die Congenialität seiner literarhistorischen Darstellung einen hohen Rang ein. Gesammtaus- gabe seiner Schriften zur Dichtung und Sage von W. Holland, A. von Keller und F. Pfeiffer, 3 Bde., Augsb. 1865 ff. Volksausgabeseiner lyrischen u. dramatischen Dichtungen in der Volksbibliothek, Stuttg. 1878. Vgl. F. Notier, Ludwig U., sein Leben und seine Dichtungen, Stuttg. 1863. G. Zimmermann. Uhlanen, s. Manen. Uhlefcld (tlhleseldt, Mfeld), Corfiz, Graf von, dän. Reichshofmeister, geb. 1604, Sohn des dän. Großkanzlers U., der ihn, einen sehr fähigen Kops, vortrefflich ansbilden ließ und schon in feinem 11. Jahre ins Ausland sandte, aber nachher ganz aufgab, weil der Sohn, mit seinem Hofmeister entzweit, wider des Vaters Willen die sogen. Cavalierreise durch Europa allein machte. Er nahm daher zuerst eine Pagenstelle beim Grafen Günther von Oldenburg an, trat dann in die dänische Armee u. wurde, endlich mit feinem Vater ausgesöhnt, Hofjuuker in Kopenhagen. Hier heirathete er 1636 die Leonore Christine, Gräfin von Schleswig u. Holstein (eine natürliche Tochter des Königs Christian IV. von Dänemark, von der Christin« Munk, Gräfin von Schleswig-Holstein, geb. 1622), wurde mit Reich- thümern u. Ehren überhäuft, Reichsrath u. Großschatzmeister, dann auf Anlaß des Königs vom Kaiser Ferdinand III. in den Reichsgrafenstand erhoben und endlich 1643 Reichshofmeister, in welcher Stellung er nicht nur über die Einkünfte des Reiches n. deren Verwendung schaltete, sondern auch Flotte und Heer und sogar den königlichen Hofstaat zu ordnen hatte und somit ungemessenen Einfluß übte u. mit seinen Schwägern, Hannibal Sehestädt, dem Vicekönig von Norwegen, u. Penz, dem Statthalter von Holstein, den Gatten der beiden anderen Töchter der Christin« Munk, eine fabelhafte Verschwendung trieb. Doch zeichnete er sich Labei durch diplomatische Geschicklichkeit und Talent für Repräsentation aus u. war deshalb oft zu glänzenden Gesandtschaften gebraucht. Nach Christians Tode suchte er Lurch Jntriguen die Neuwahl eines Königs hinzuhalten, um so lange als möglich die Interimsregierung zu führen, nicht aber, wie diesem so klugen Manne mit Unrecht Schuld gegeben, um die Krone für sich zu erlangen. Als endlich Friedrich III. erwählt war, war U. einer der ersten, der ihm huldigte, konnte aber bei allen äußeren Vorzügen n. diplomatischen Künsten den Haß der neuen Königin gegen die Munkische Nachkommenschaft nicht bezwingen n. mußte sich endlich angesichts der Scan- dalproccsse, welche die Dina Winhofver und andere seiner Gegner gegen ihn veranlaßt (sie hatten ihn , Maschinenlehre VII. (Gasmaschine, Gasuhr und Uhren.) Gasuhr. Freie Ankerhemmung. Uhr mit Spindelhemmung. Gasmaschine. Pendeluhr. Cylinderheminung. 2 AM -LLiijZ Pierer's Universal-Cunversations-Lexikon. «. Ausl. Zu den Artikeln: „Gasmaschine, Gasuhr und Uhren/ der Absicht, den König zn vergiften, beschuldigt), entschließen, 14. Juli 1651 aus dem Reiche zu fliehen. Er fand bei der Königin Christin« von Schweden die glänzendste Aufnahme u. intrignirte nun aufs Eifrigste gegen Dänemark, wo seine Güter u. selbst die Zinsen der von ihm ausgeliehenen Capitalien in Beschlag genommen waren. Was ihm bei Christum mißlungen war, gelang ihm endlich 1657 bei Karl X.: Schweden zum Krieg gegen Dänemark zu bewegen; der denselben schließende Friede von Roeskilde, bei dessen Verhandlungen U. selbst als schwedischer Bevollmächtigter fungirte, brachte ihm alle seine Guter u. Capitalien zurück, ebenso seiner Schwiegermutter ihren Rang. Indessen war er schon im zweiten Dänisch-Schwedischen Kriege den Schweden des geheimen Einverständnisses mit seinen Landsleuten verdächtig geworden u. wurde verhaftet, entkam aber nach Kopenhagen, jedoch nur um hier anss Neue in Haft genommen zu werden, aus der ihn der König erst gegen das Versprechen der Vcrzichtleistung auf seine Güter entließ. 1663 unternahm U. eine Reise nach den Niederlanden; wahrscheinlich wieder mit Ränken gegen das Dänische Reich beschäftigt, wurde er auf Requisition Friedrichs Hl. ans den Niederlanden ausgewiesen, entfloh jedoch nach Basel, wurde in eontumaomm zum Tode vernrtheilt u. ertrank auf der Überfahrt von Basel nach Breisach im Rhein im Febr. 1664. Inzwischen war seine Gemahlin, ebenfalls der Verschwörung verdächtigt, in London verhaftet, nach Kopenhagen gebracht n. hier im Ang. 1663 eingekerkcrt worden n. erhielt erst nach dein Tode ihrer Feindin, der Königin Sophie Amalie, nach 22jähriger Haft 19. Mai 1685 die Freiheit wieder, worauf sie zurückgezogen in Mariboe lebte, wo sie 16. März 1698 starb. Vgl. Leben und Fall des Reichsgrafen von U., Kopenh. 1775; Denkwürdigkeiten der Gräfin Leonore U., herausaeq. von I. Ziegler, Wien 1871. Ühlich, Leberecht, einer der Gründer der freireligiösen Gemeinden, geb.27. Febr. 1799 inKöthen, stndirte 1817—2V in Halle Theologie, wurde dann Hauslehrer u. Lehrer an der Schule in Köthen, 1824 Pfarrer in Diebzig, 1827 in Pömmclte bei Schönebeck u. 1845 Prediger der Katharinengemeinde in Magdeburg. U. gab die Veranlassung zu den Versammlungen der Protestantischen Freunde (Licht- freunde) seit 1841 u. galt als das Haupt und der Führer derselben, kam aber wegen seiner auswärtigen Wirksamkeit für diese Richtung, sowie wegen mehrerer freisinniger Predigten u. weil er das Apostolische Symbolum bei der Taufe nicht in vorgeschriebener Weise gebrauchte, mit dem Consistorinm in Conflict wurde im Sept. 1847 von seinem Amte suspendirt u. die Disciplinaruntersuchung gegen ihn eingelcitet, weil er keine bestimmte Antwort auf die Frage des Consistoriums gegeben hatte, ob er sich nach der für Lehre u. Liturgie bestehenden kirchlichen Ordnung richten wolle. Er entging der ferneren Untersuchung gegen ihn dadurch, daß er Ende Nov. .1847 aus der Kirche trat n. die Freie Gemeinde in Magdeburg gründete, deren Prediger er wurde. 1848 zum Abgeordneten in den preußischen Landtag gewählt, gehörte er dort dem linken Centrum an. Bon Magdeburg ans machte er öftere Missionsreisen für die Freien Gemeinden u. gab ein in Gotha erscheinendes Sonntagsblatt heraus, welches weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Verbreitung fand. U. starb 23. März 1872. Bon seinen zahlreichen Schriften sind die bemerkenswerthesten: Bekenntnisse, Lpz. 1845, 2. A. ebd. 1846; Sendschreiben an das deutsche Volk, Dessau 1845; Die Throne im Himmel u. auf Erden, ebd. 1845; Das Büchlein vom Reiche Gottes (ein Katechismus), Magdeb. 1845 u. ö.; Kurzer Abriß der Vernunftreligion, Gotha 1858; Naturbetrachtung, ebd. 1866; Abendstunden, ebd. 1867; Bildungsgeschichte, ebd. 1867; Blllthen der Menschheit, ebd. 1868; Der Mensch nach Leib u. Seele, ebd. 1870; Geschäft und Geist, ebd. 1871; Glaube u. Vernunft, 3. A. ebd. 1872; Vom Aberglauben, ebd. 1872. Sein Leben beschrieb er selbst, Gera 1872. Specht. Uhr, im weiteren Sinne jede Vorrichtung, welche dazu dient, die Zeit zu messen. Inden ältesten Zeiten bestimmte man die Tageszeit nach dem Stande der Sonne u. der Sterne, häufig durch Lage ».Länge der Schatten, wozu bcs. die Obelisken der Ägypter geeignet und nicht unwahrscheinlich gebraucht sind (Sonnen-U-en). Später wurden Sand- n. von Kte- sibios 240 v. Chr.Wasser-U-en(s.b.) erfunden, vgl. Gnomon. U. im engeren Sinne ist eine Räderst., d. h. eine Maschine, welche den angegebenen Zweck mit Hilse eines Räderwerkes erreicht und die Zeit durch Zeiger auf einem Zifferblatte anzcigt. Die Erfindung der Räder-U-en fällt nicht vor Anfang des 9., wahrscheinlich zwischen das I I. u. 12. Jahrh, u. zwar sollen die Kreuzfahrer die Erfindung von den Saracenen mitgebracht haben. Die U., welche Severus Boetius im I. 510 verfertigte, war nur eine künstliche Wasser-U., u. auch die U., welche der KhalifHarun alRaschid 807 Karl d. Gr. schenkte, war wol eine Wasser-U., mit welcher Räderwerk in Verbindung stand. Dem Mönch Gerbert (später Papst Sylvestern.) im 10.Jahrh. wird häufig die Erfindung dcrSchlag-U-enzugeschrieben,doch glaubt man, daß auch sein Werk nur eine künstliche Sonnen- kl. war. Dante zu Ende des 13. Jahrh. erwähnt zuerst eine Schlag-Uhr. Die ersten bekannten Gewichts-u. Schlag-U-en sind von Dondi (erste Thurm- U. in Padua 1344) in Italien, von Wallingford in England u. von de Wik in Deutschland. Zuerst hatte man U-en in den Klöstern n. zn Ende des 14. Jahrh. waren die U-en in den Städten noch eine Seltenheit. Die ersten U-macher kamen 1368 nach England; Schoner, Hebel u. Tycho de Brahe bedienten sich im 16. Jahrh. der Näder-U-en zn astronomischen Beobachtungen. Die Erfindung der Pendel-U. wird dem Holländer Chr.Huyghens zugeschrieben (1656), aber die Italiener legen diese Erfindung dem Gal. Galilei u. seinem Sohne Vincenz Galilei zu, welcher Letztere 1649 eine Pendel°U. nach der Erfindung seines Vaters construirt habe. Beladini, Luila prima a-ppliearions äelxsuckolo aZfii OroloZj, Mail. 1854. Die Taschen-U-en sollen um 1510 von Peter Hele in Nürnberg erfunden sein (Nürnberger Eier). Um die Vervollkommnung der U. haben sich namentlich verdient gemacht Clement (1680) u. Graham (1715), ferner Harrison (1726), Berthoud (1761), Arnold (1772), Breguet, Jürgensen rc. I. Die Hauptbestandtheile einer U.sind: 1) der Bewegnngsapparat, der seinen Antrieb vom Motor, gewöhnlich einem niedersinkenden Gewich oder einer gespannten Feder erhält; 2) das Räder» 43 * 676 Uhr. werk, welches die Bewegung vom Motor empfängt u. auf die Zeiger überträgt, damit diese die Zeit nach Stunden,Minuten, Sekunden richtig auf dem Zifferblatte angeben; 3) der Regulator, d. h. ein Pendel (Perpendikel), od. ein kleines Schwungrad mit Spiralfeder, Unruhe genannt, welcher den gleichmäßigen Fortgang der U. bedingt; 4) dieHemmung, wodurch der Regulator mit dem Räderwerk in Verbindung steht u. dieses in gleichen Zeitintervallen um ein bestimmtes Stück fortrücken läßt n. gleichzeitig auch für sich einen Antrieb zur Fortsetzung seiner Bewegung erhält; 5) das Gestell u. Gehäuse der U., worin alle Theile ihre sichere Lagerung resp.den nöthigen Schutz vor Staub rc. finden. Die Räder-U-en werden in 2 große Gruppen unterschieden, je nachdem ihnen als Regulator ein Pendel (Pendel-U-en) oder eine Unruhe (Unruhc-U-en) dient. Mit Bezug auf die Abbildung auf Taf. VII, Maschinenlehre, möge zuerst eine einfache Pendel-U. beschrieben werden. ^ ist das niedersinkende Gewicht, welches als Motor dient. Es hängt an einem seil, das um eine cy- lindrische Trommel (8) mehrfach geschlungen und schließlich mit feinem Ende an dieser befestigt ist. Das Gewichtist bestrebt, die lose auf ihrerAchse sitzende Trommel 8 zu drehen. Verhindert wird diese Drehung durch das mit einer Stirnfläche der Trommel 8 fest verbnnoene Sperrrad?, in dessen Zähne durch die Stahlfeder 8, der Sperrkegel gedrückt wird, der an dem auf der Trommelachse festsitzenden Rade 6 durch einen Zapfen befestigt ist. Es erhellt hieraus, daß das Gewicht L. nicht herabsinken kann, ohne gleichzeitig das Zahnrad 6 (Walzen od. Bodenrad) zu drehen, daß man dagegen die Trommel 8 im umgekehrten Sinne drehen kann, um das Gewicht wieder aufznwinden (d. h. die U. aufzuziehen), ohne daß das Rad 6 an dieser Bewegung theilnimmt. Der zunächst dem Rade 6 mitgctheilte Bewegungsantrieb pflanzt sich nun in folgender Weise fort. Rad 0 treibt das Getriebe 8, dessen Achse das ebenfalls auf ihr befestigte Rad 8 mitnimmt, welches wiederum das Getriebe 8 (Minutengetriebe) mitnimmt, aus dessen Achse der Minutenzeiger befestigt ist, der sich vor dem hinter der Figur liegenden Zifferblatte bewegt. Anderntheils pflanzt ein Rad auf 8 die Bewegung von Rad 6 fort. 8 hat eine hohle, mit der Achse von 8 concentrische Achse, die lose von dieser getragen wird und an ihrem hinter der Figur liegenden Ende den Stundenzeiger trägt, der sich etwas näher am Zifferblatt als der Minutenzeiger vor diesem bewegt. Das Rad 6 treibt auch GetriebeLaus dessen Welle sich ein Rad X befindet. Man beachte nun weiter, daß das Rad L auch noch in ein Getriebe 8 eingreist, das auf einer Achse mit dem eigenthüm- lich geformten Rade LI (Steigrad) fitzt, in dessen Zähne 2 Halen (1414) eingreifen, die an einer Art Gabel sitzen, welche durch dl mit der Achse 0 verbunden sind, an der das in der Figur fortgelassene Pendel hängt. Während nun das Pendel hin- und hsrschwingt, macht der Haken od. Anker 14 eine entsprechende Bewegung, wodurch abwechselnd auf der einen Seite des Rades LI ein Zahn losgelassen (in der Figur links) u. auf der anderen Seite ein Zahn nach kurzer Bewegung des Rades bl wieder gehalten wird, so daß sich das Rad N beim Hin- u. Rückgänge des Pendels um eine Zahntheilung weiter bewegt, so daß schließlich die Schwingungen des Pendels (s. d.) das Fortrllcken des Räderwerkes bedingen, od. den Gang der U. reguliren. Aus der Beschreibung ist fernerzu ersehen, daß man dieZwischen- räder 8 n. 8 aus der U. fortlassen kann, wenn man das Bodenrad 6 direct in das Minntengetriebe 8 u. dieses in 14 eingreifen läßt; u. in der That sind solche Pendel-lk-en gewöhnlich. Ein Vortheil der Einrichtung der Figur liegt darin, daß Las Gewicht sich pro Stunde weniger senkt, die U. also beiderjelben dispo- niblenFallhöhe des Gewichtes nicht so oft aufgezogen werden braucht, als sonst der Fall sein würde. Über das Compensationspendel s. Pendel. Statt der hin- n. herschwingenden Pendel wendet man auch sogen. Kegel- oder Centrifugalpendel zum Reguliren des Ganges an. Hierbei ist das PendelmittelsKompaß- anfhängung oder mittels eines Fadens oder feinen Drahtes so auszuhängen, daß sein unteres Ende einen horizontalen Kreis beschreiben kann. Das Räderwerk der U. ist dann so einzurichten, daß es eine senkrechte Achse in Umdrehung setzt, an der sich ein horizontaler Arm befindet, welcher das untere Ende des Pendels milnimint u. in gleichförmige Rotation versetzt. Solche U-en haben den Vorzug einer ununterbrochenen Bewegung, während U-en mit hin- und hergehendem Pendel stoßweise sortrücken; außerdem ist der Gang ein völlig geräuschloser, doch erfordern dieselben, um genau zu sein, einen mit constanter Kraft wirkenden Motor. Zur weiteren Erläuterung der allgemeinen Einrichtung von U-en diene die Abbildung einer Uhr mit Spindelhemmung einfachster Constrnction (Taf. Maschinenlehre VII). Als Motor dient die Spiralfeder 8. Sie ist mit einem Ende an einer senkrechten Drehachse befestigt, mit dein anderen am feststehenden Gestell der U. u. wird gespannt, indem man bei 8, einen U-schlüssel aufsetzend, die erwähnte Achse dreht. Das Zurückspringen der Feder wird dadurch verhindert, daß ein auf der Achse der Feder festsitzendes Sperrrad 8 sich gegen einen durch Feder ange- drücktenSperrkegeldesRades 6 stemmt, welches selbst zwar lose auf der Federachse steckt, aber durch das weitere Räderwerk der U. an freier Bewegung verhindert wird. Rad 0 überträgt den Druck der Feder auf das Minutengetriebe 8, dessen Achse oberhalb des Zifferblattes den Minutenzeiger trägt. Von dieser Achse aus wird durch ein auf ihr festsitzendes Rad 8 das auf einer parallelen Achse befindliche Getriebe bewegt, auf dessen Achse sich das Rad 8 befindet, welches das Rad 8 treibt, ans dessen hohler, mit der Achse des Minutenzeigers concentrischer Welle sich der Stundenzeiger befindet, dessen Bewegung Lurch passend gewählte Zähnezahlen der Räder zwölfmal so langsam ansfällt als die des Minutenzeigers. Um die Gleichförmigkeit des Ganges zu erzielen, sitzt ans der Achse des Minutenzeigers Rad 8, das in 8 eingreift, dessen Achse durch 8 die Bewegung auf II überträgt. Die Welle von 81 trägt das Kronrad L, welches das auf horizontaler Welle sitzende Getriebe 8 bewegt u. damit das Steigrad LI. Letzteres ist ein Kronrad mit sägeförmigen Zähnen, die durch 2 an der Achse der Unruhe 14 befestigte Lappen i abwechselnd gehemmt u. für eine kleine Fortbewegung freigegeben werden. Die Unruhe 14 ist ein kleines hin- und herschwingendes Schwungrad, an dessenAchse durch die darauf sitzende sogen. Spiralrolle eine sehr seine Spiralfeder be- festigt ist (in der Figur fortgelassen), deren anderes Ende für gewöhnlich am Gestell der U. fest sitzt am sogen. Spiralhaken, indessen ist die Verbindung keine absolut feste, sondern durch einen zweiarmigen Hebel vermittelt, dessen Lage man verändern kann, um dadurch behufs Regulirung des Ganges der U. der Spiralfeder eine mehr od. minder große durchschnittliche Spannung zu geben. Nachdem im Vorstehenden die wichtigsten Grundformen der U-en beschrieben sind, wird es zweckmäßig sein, einige Bemerkungen über die Haupttheile der U-en folgen zn lassen: a) der Bewegungsapparat wird, wie schon erwähnt, durch ein sinkendes Gewicht od. eine gespannte Feder, die als Motoren wirken, in Gang gesetzt. Da es für den regelmäßigen Gang der U. von großer Bedeutung ist, daß der Motor stets in gleicher Stärke wirkt,so ist offenbar ein herabsinkeiides Gewicht vortheilhaster als eine Feder, deren Kraft in dem Maße abnimmt, wie die U. ab läuft. Daher hat man die sogenannte Schnecke mit Kette in die U. eingeführt. D. h. die Feder dreht zunächst einen Cy- linder, das Feberhaus, in dem sie sich befindet, dann geht von diesem eine feine Gelenkkette nach einem Konus (Schnecke) indessen spiralförmig eingeschnittenen Vertiefungen der größte Theil ihrer Länge Platz findet. Bei der fortschreitenden Drehung des Federhauses wickelt sich die Kette allmählich von der Schnecke ab u. auf den Cylinder auf u. es läßt sich durch richtige Stellung u. Dimensionen der Schnecke erreichen, daß die Kraft übertragende Kette zuerst nahe der Achse der Schnecke wirkt u. in dem Maße als die U. abläuft an einem immer länger werdenden Hebelarm, so daß trotz der veränderlichen Kraft der Feder das Räderwerk der U. einem sich nicht verändernden Impulse unterliegt. Da jedoch durch diese Einrichtung die U. komplizirter u. leichter zerbrechlich wird, sucht man in neuerer Zeit den Fehler durch Anwendung recht langer Federn u. guter Hemmungen unmerklich zu machen, läßt daher die Schnecke meist fort. Eine weitere Störung in der Gleichmäßigkeit der Bctriebskraft findet statt beim Aufziehen der U. Bei guten U-en sucht man auch hierbei das Fortbestehen dcrBetriebskrast zu sichern, indem man z. B. nach Harrison die Kraft von der Walze zum Bodenrade durch Vermittlung einer elastischen Feder überträgt, die durch den Motor gespannt erhalten wird, beim Aufziehen aber durch einen besondern Sperrkegel verhindert wird zurück zu gehen u. nun die Triebkraft für das Bodenrad abgibt, od. man wendetdie Huyghensche Schnur ohne Ende an, um die Walze zu treiben. Dabei liegt unter der gewöhnlichen mit dem Bodenrade fest verbundenen Walze eine zweite mit Sperrung. Die Schnur wird über die oberen Hälften beider Walzen gelegt u. durch zwei an Rollen hängende Gewichte gespannt, von denen das eine viel größer ist als das andere, b) Die Hemmungen der U-en pflegt man in folgende Klassen zn bringen: zurllckfallende, ruhende, freie n. solche mit constanter Kraft. Von elfterer Art sind die schon beschriebenen Hemmungen. Sie sind die ältesten u. leicht herzustellen, daher bei billigen U-en noch im Gebrauch. Weil sie störend auf die Schwingungen des Regulators wirkten, suchte man sie durch bessere zn ersetzen, von denen zunächst die ruhenden sich dadurch charakterisiren, daß das Steigrad während eines Theiles der Schwingung des Regulators vollständig ruht. Hierher gehört die ruhende Ankerhemmung von Graham ( 1715 ), s. u. Pendel, dann die bei Tascheu-U-eu so gebräuchliche Cylinderhemmung (Tompion 1695 ), die durch Abbildungen (Taf. VII Maschinenlehre) erläutert wird. An der Unruhe sitzt hierbei ein concentrisch mitschwingender Hohlcylinder 17, von dem ein Theil des Umsanges 80 ausgeschnitten ist. Wie die Zähne des Steigrades durch den Cylinder fortrücken u. sowohl auf dem äußeren als auf dem inneren Umfange desselben ruhen, erhellt am besten aus den 4 Abbildungen, die auseinander folgende Lagen darstellen. In derselben Tafel findet man auch eine freie Ankerhemmung dargestellt. Diese wird dadurch charakte- risirt, daß während eines Theiles ihrer Schwingung die Unruhe sich vollständig frei bewegt, also die bei Cylinderhemmung oftstörendenReibnngswiderstände fortsallen. BeideraufTaf.VIIdargestelltensreienAn- kerhemmung für Taschen-U-n ist 8eine von der Achse der Unruhe getragene Scheibe mit Treibstift 1 (Hebestein). Dieser greift in das gegabelte Ende (Hörner ftu.lr') des Ankers der einen um ö drehbaren zweiarmigenHebel bildet, welcher mit Balancegewicht 8 versehen ist u. dessen Bewegung nach rechts u. links durch die Anschlagstiste 8 u.«'begrenzt wird. In der gezeichneten Stellung drängt der Zahn s des Hemmnngsrades gegen die Fläche ab des Ankers u. ertheilt durch das Horn ft dem Hebestein i einen Antrieb zur Bewegung in dem Sinne von i nach 8. Während i seine Schwingung vollendet u. dabei über b' hinanstritt, hat sich der frei werdende Zahn s des Hemmungsrades weiter bewegt u. Zahn § legt sich gegen äk, ohne einen auf Drehung des Ankers wirkenden Druck auszuüben. Dieser erfolgt erst, wenn derHebestein von seiner Schwingung nach 1 zurückkehrt, das Horn b mitnimmt u. der Fläche § gestattet gegen o ä zu wirken u. s. f. Unterhalb der Scheibe 8 sitzt eine andere punktirte Scheibe 1? mit Ausschnitt beiu. In u spielt ein unter b.u.b' punkt- tirter Vorsprung des Ankers der sogenannte Sicherheitsmesser. Sein Ende liegt beim Ausschwingen der Unruhe dicht an der Peripherie von 8, wodurch verhindert wird, daß das gegabelte Ende des Ankers durch Stöße od.dergl. seine Stellung verlassen kann, ehe der Hebestein i zwischen die Hörner b u. b' von seiner Schwingung zurückgekehrt ist.—Bei den freien Hemmungen übt also das Hemmungsrad nur einen ganz kurzen Stoß als Antrieb auf die Unruhe aus, während ihr weiterer Weg ganz unabhängig vom Hemmungsrade od. den durch Druck desselben verursachten Reibungen zurllckgelegt wird. Hemmungen mit konstanter Kraft suchen den Antrieb des Hemmungsrades möglichst gleich werthig u. unabhängig von der Betriebskraft zu machen, indem sie durch diese eine besondere gleichmäßige Kraft Herstellen (z.B. eine Feder spannen), die bei jeder Schwingung ihre Wirkung in gleicher Weise unabhängig von der Betriebskraft des Ganzen äußert. Anwendung finden die letzteren Hemmungen für sehr genaue U-en od. Chronometer. Die mit vielen U-en verbundenen Schlagwerke bilden besondere Mechanismen mit eigenen Motoren (Federn oder Gewichte) deren Gang durch schnell laufende Windflügel, die sie umtreiben gleichmäßig gemacht wird. Mit der Uhr hängen sie nur in so fern zusammen, als diese ihren gewöhnlich gehemm- 678 Uhr. ten Zustand rechtzeitig auslöst auch wol die Stell« ung eines Stückes bestimmt, das die jeder Auslosung folgende Anzahl von Schlägen regulirt. Man unterscheidet zwei Hauptarten von Schlagwerken, solche mit Schloßrad u. Falle (Thurm-, Schwarzwälder U-en u. s. f.) u. solche mit Rechen u. Staffel. Letztere können auch, mit der Hand ausgelöst werden u. wiederholen die letzte Stunde (Repetir-U-en), während erstere die folgende schlagen. Das Schlagen wird meist durch hebelartig drehbare Hämmer bewirkt, die vom Schlagwerk angehoben u. dann freigelassen auf Glocken od. Federn fallen. DieZahl der Schlägewird durch rechtzeitig einfallende Hemmungen bestimmt. II. Arten der U-en riicksichtlich ihrer Einrichtung, Leistungsfähigkeit u. Gebrauchsweise, -ä.) Pendel- Uhren. u) Gewöhnliche Wanduhren haben theils Spindelhemmung, theils, wie meist die Schwarzwälderuhren, rückfallende Ankerhemmung. Diese U-en haben fast steis ein Schlagwerk, sind also Schlaguhren, d) Bessere Wanduhren (Regulatoren) od. Pendeluhren in engerem Sinne sind durchgehend besser u. aus besserem Material gearbeitet, das Räderwerk ist gewöhnlich Lurch einen besoudernKasten (Uhrkasten) gegen Staub geschützt. Ältere U-en derArt habenSecuudenpeudel mit rückfallender Ankerhemmung u. ein Schlagwerk, neuere haben ruhendeAukcrhemmuug ».seltener ein Schlagwerk. Sie gehen meist 1—4 ÄZochen in einem Aufzuge. o)Astronomische Pendeluhren gehen sehr genau, haben Secundenzeiger, aberkeinSchlag- werk: das Pendel hat gewöhnlich eine schwere Linse u. ist ein meist an einer Feder aufgehäugtes Com- pensalionspendel u.so leicht beweglich, daß es ohne Ersatz an bewegender Kraft 6—8 Stunden fortschwingt. Die Zapfenlöcher der Ankerwelle u. der Steigradswelle, oft auch der Mittel- u. Minntenradwelle sind aus hartem Edelstein (Rubin od. orientalischem Saphir); desgleichen die Ankerpaletten. Sie haben eine Einrichtung, um die Störung des Werkes beim Aufziehen zu verhüten; die Gangzcit bei einem Aufzug liegt bei den meisten zwischen 8—30 Tagen, steigt jedoch bis zu 10 Jahren. Diese U-en zeigen für astronomische Zwecke nicht mittlere Zeit, sondern Sternzeit, ä) Die Thurmuhren haben Räder u. Wellen aus Eisen, die verstählten Zapfen liegen in (oft messingenen) Lagern des eisernen Gestells u. sind mit Schlagwerk verbunden. Um das Gangwerk von dem Einfluß heftiger Winde frei zu halten, har man zur Bewegung der Zeiger ein besonderes Räderwerk (Laufwerk) angcwendet, welches alle Minuten vom Gangwerk ausgelöst wird u. den Minutenzeiger sprungweise weiter führt; bei den neuesten Thurmuhren ist dagegen das Gangwerk mit Ausnahme des Stcigrades gehemmt u. wird nur alle Minuten einmal ausgelöst, s) Stock-, Tisch- od. Stutzuhren,Pendnlen,Tafeluhren sindPen- Lelubren selten Unruhuhren, welche von einer Feder getrieben werden. Die ältere deutsche Stock- nhr hat Spindelhemmung, freies Federhaus, Bodenrad mit Schnecke, Stundenschlagwerk u. geht 24 Stunden; die neuere deutsche Stockuhr (Wiener Stockuhr) hat rückfallende Ankerhemmung, ein od. zwei Repetirwerke, oft ein Spielwerk, welches alle Stunden ein Stück spielt, u. geht 24 Stunden, die französische Stockuhr hat eine gefällige Form, Uhrkasten mit Glassturz (Uhrglocke), rückfallende od. ruhende Ankerhemmung, Stundenschlagwerk, geht meist 8 Tage. I) Normaluhren sind Uhren von vorzüglicher Genauigkeit, wonach andere gerichtet werden. Häufig richtet eine Normaluhr auch auf mechanische Weise durch Auslösung eines galvanischen Stromes oder, wie es in neuerer Zeit in Wien mit großem Erfolge geschieht, durch Auslösung comprimirter Luft eine große Zahl in der Stadt vertheilter U-en, die dann resp. elektrische od. pneumatische genannt werden. §) Kunstuhren sind mit besonderen Zeigern versehen, die die Zeit anderer Orte, das Datum, den Laus des Mondes u. s. f. angeben, allerlei Spielereien, Puppen u. dergl. zu bestimmten Zeiten erscheinen lassen u. dergl. m. Eine berühmte Uhr dieser Art ist die im Straßburger Münster befindliche große Uhr (s. u. Straßburg.) 8) Tragbare od. Unruhuhren haben als Regulator eine Unruhe u. sind Federuhren. Die in England, Frankreich, Deutschland u. bes. in der Schweiz u. Nordamerika errichteten Uhrfabrikeu liefern eine enorme Menge U-en u. noch mehr Uh- rentheile, welche die Uhrmacher zusammensetzen. 1862 wurden aus der Schweiz 1959 Ccntner U-en ausgeführt, a) Taschenuhren zerfallen je nach ihrer Hemmung in Spindel-, Cyliuder-, Anker- uhrcn rc.; sie sind oft Repetiruhren od. Secunden- uhren. Spindeluhren sind mit einer Schnecke versehen, Cylinde» u. Ankeruhren neuerdings nicht. Das ganze Werk steckt in einem Uhrgehäuse. Die Zapfen laufen bei guten U-en in Edelsteinen, b) Taschenchronometer sind U-en mit besonders vorzüglicher Ausführung aller den regelmäßigen Gang sichernden Theile. Schiffschronometer sind stärker gebaut als die Taschenchronometer, gewöhnlich in Kästen od. Büchsen (daher Boxchrono- mcter) eingesetzt u. diese werden nach Art der Kompasse aufgehängt, um sie vor den Schwankungen des Schiffes zu bewahren, e) Reiseuhren haben Viertel- u. Stundenschlagwerk u. ähneln auch sonst de« Wiener Stockuhlen (s. L. v). III. Bei jeder guten U., dieselbe mag nun nach mittlerer Sonnenzeit od. nach Sternzeit gehen, ist stets der Gang u. Stand der durch die Uhr anzugebenden Zeit gehörig zu berücksichtigen. Der Gang ist der Unterschied, welcher zwischen einer durch die U. gegebenen gewissen Zeitdauer u. der nämlichen durch die wirkliche mittlere Sonnenzeit od. Sternzeit gegebenenZeitdauer sich ergibt; man spricht gewöhnlich von dem 24stiindigen Gange einer Uhr Der Stand ist der Unterschied, welcher zwischen einer durch die U. gegebenen Zeilepoche u. der nämlichen durch die wirkliche mittlere Sonnenzeit od. Sternzeit gegebenen Epoche sich herausstellt. Man sagt daher, die U. geht zu früh (accelerirt) od. zu spät (retardirt) gegen mittlere Zeit od. Sternzeit. Die Uhrenfabrikation wird im Großen bes. in der Schweiz, dann in Frankreich, den Nordamerikanischen Unionsstaaten u. England betrieben. Der Werth derjährlich aus diesen Ländern exportirten U-en beträgt der Reihenfolge nach etwa 70,13, 10. u. 13 Mill. M. Vgl. Jür- gensen, Die höhere Uhrmacherkunst, 2. A. Kopeuh. 1842; Nösling ».Stoß, Der Thurmuhrenbau, Ulm 1843; Barfuß, Geschichte der Uhrmachcrkunst, 3. A. von Schreiber, Wenn. 1856; Lehmann, Vorschule für Uhrmacher, Leipz. 1860; Martens, Die Hemmungen der höhern Uhrmacherkunst, 1860; Heidner, Uhrich Die Schule des Uhrmachers, n. A. Wiesb. 1871; Meyer, Grundlehren der Uhrmacherkunst, Weim. 1873; Schilling-Baumann, Über Uhren, deren Geschichte u. Behandlung, Zürich 1875; Vollständiges Handbuch der Uhrmacherknnst, nach Moinet, 3. A. Weim. 1875; Philippe, Ltnäss sur IkorlvAsris L I'sxposition äs Daris 1878, Basel 1879; Grosch, Praktisches Handbuch für Uhrmacher, mit Atlas, Weimar 1879. Gi-s-ler.* Uhrich, Johann Jakob Alexis, franz. General, geb. 15. Febr. 1802 in Pfalzburg, besuchte die Kriegsschule von St. Cyr, trat 1820 als Unterlieutenant in ein franz. Infanterieregiment, war 1823 bis 1826 mitinSpanien,avancirte1831 zum Capitän, 1834 zum Major, ging nach Algerien, wo er 1848 Oberstwurde; 1852—54 commandirte er als Brigadegeneral im Depart. des Nieder-Rheins in Straßburg u. machte dann bis 1856 den Krimkrieg, wo er zum Divisionsgeneral ernannt ward, u. 1859 Len Italienischen Krieg im 5. Armeecorps mit. 1867 erfolgte seine Versetzung zur Reserve. Beim Ausbruch des Krieges gegen Deutschland 1870 wurde er Gouverneur von Straßbnrg u. hielt diesen Platz bis zum 28. Sept., wo er capitulirte. 1871 wurde er von der Versailler Regierung zum Chefintendanten der Armee gegen die Insurgenten in Paris ernannt, nahm aber, als 1872 die üntersuchnngs- commission wegen Uebergabe der Festungen seitens der französischen Commandanten auch gegen ihn einigen Tadel aussprach, seinen Abschied u. veröffentlichte Doenmsnts rslatiks an siö^s äs Ltras- bonr§, Par. 1872. Schroot. Uhu, s. Eulen. U. i., Abkürz, für Dt inkra (lat.) wie unten. Ui, 1) linker Nebenfluß des Tobol im russischen Gouv. Orenburg, entspringt im Ural; an seinen Usern sind 8 Festungen gegen die Kirgisen angelegt, dazu gehören Uiskaja, an den Quellen des Ui; Ust Uiskaja, an der Mündung desselben u. a. m.; an ihm entlang geht ein Hanpttract zur Verbindung Sibiriens mit Europa; 2) Fluß im Gonv. Perm, fällt in die Aspa; daran die Kupferhütte Uinsk; 3) (Üi) Provinz von Tibet (s. d.). Uiguren (Ost-Türken), den Türken verwandtes Volk in Hochasien; sie sind Mohammedaner, sehr fanatisch u. haben eine eigene, aus dem syrischen Estrangelo entlehnte Schrift. Indem man die U. früher fälschlich mit den Ogor der Byzantiner u. den Jngpren der russischen Geschichtschreiber verwechselte, glaubte man sie zu dem finnischen Völkerstamme rechnen zu dürfen, obwohl schon Ruisbroeck sagt, daß ihre Sprache die Wurzel der türkischen u. komanischen sei, so wie auch Ulug-beg schon die uigurische Sprache türkisch nennt, womit die von Abnlghazi n. Ahmed bcn Arabscha aufbewahrten Nachrichten übereinstimmen. Erst Klaproth (Über Sprache ».Schrift derU-, Berlin 1812, Paris 1823) bewies mitZuziehung chinesischer Quellen den Tur- kiSmns des Volkes u. seiner Sprache. Strenger durchgeführt u. nebenbei mitHervorhebung der Übersetzungsfehler Klaproths, wo ihm türkische ».persische Texte Vorlagen, ist dieser Beweis in Schotts akadem. Abhandlungen Zur Uigurenfrage (Berlin 1874 bis 1875). Die Sprache ist eine der ungefälschtesten des türkischen Stammes. Auf der uigurischen Schrift fußt die der Mongolen u. der Mandschu. Schott. — Ukas 679 Uist, 1) South-U., Insel, eine der mittleren Hebriden, zur schott. Grafschaft Jnverneß gehörig-, 330 Usicm (6 s^sM.) mit 3650 Ew. Die Insel ist gebirgig, namentlich im östlichen Theile, wo sich der Mt. Hekla (617 rn) und der Ben More (621 m) erheben, hat viele kleine Seen, steile Küsten, viele Buchten bes. an der N.- u. SKüste (darunter Loch Skiport, Loch Eynort n. Loch Boisdale) u. zahlreiche gute Häfen. Die Bewohner treiben Fischerei, Vogelfang, Kelpbrennerei, Viehzucht n. etwas Ackerbau. 2) North-U., s. d. H- Berns. Uistiti (Seidenäffchen), s. Affen. Uj-Banya, so v. w. Königsberg 10). Ujest, Stadt im Kreise Groß-Strehlitz des prenß. Negbez. Oppeln (prenß. Prov. Schlesien), an der Klodnitz, Amtsgericht, 3 kathol. Kirchen, Synagoge, Ziegelbrennerei, 2526 Einw. Seit 1861 sind die dem Hause Hohenlohe-Öhringen (s. Hohenlohe b.) gehörenden Fideicommißherrschasten in Öber- schlesien, wozu U. gehört, zum Herzogthum ü. erhoben worden. Ujfalvy (zu Deutsch Neudörfer), Charles Engöne von Mezö-Kövesd, ein um die Linguistik, bes. der finnisch-ungarischen Sprachen verdienter, Schriftsteller, geboren 16. Mai 1842 in Wien, studirte, nachdem er die Militärcarriere aufgegeben, seit 1864 in Bonn, ist seit 1867 in Paris ansässig; seit 1868 Prof, am Lycenm zu Versaille, seit 1871 am Lyceum Dsnri IV u. seit 1873 anßerordentl. Pros, anderdor- tigenoriental.Schule,wnrde1876 von derfranz.Regierung auf Reisen geschickt ».veröffentlichte darüber" Dxpöäition seisntiLgnsIrauyaiss snRussis, sn Liberia st äans is Tnrüsstan. Iw Ilobistan. Is Dsr- AbanabstLonläfaaveo nnappsnäiss sur la Ilasb- Aario, Par. 1878; Iw Lz'r Daria, Is üöralebüns, ia provines äss Lspt Liviörs stlaLibörissesiäsntals avsvguatrs appslläioös,oartsotplanvbös,ebd.1879. Außerdem schrieb er: Da lan§us waZ/ars, Versailles 1871; Da DonAris, sonbistsirs stc.,Par. 1872; Da Migration äss psuplss st partisulisrsinsnt osils äss Tonrauisns avso 32earts st planobss, ebd. 1873; I>'stbiwArapkis äs1'A.sis,ebd. 1874; LIsIanZssal- taignss, ebd. 1874; Dtuäs eompares äss ian^nss onArosinnsisss, ebd. 1875; Dlswsnt äs Draminairs rna^xars, ebd. 18 76; Drain inairs ünnoiss (mitHertz- berg), ebd. 1876 rc. Auch war er Herausgeber einer Lsvns äs DbiloloAis st ä'DtbnvAraxbis, Übersetzer magyar. u. finnischer Poesien ins Französ. rc. Schott. Ujhely (Sätoralja-Ü.), Marktflecken u. Comi- tatshauptort im ungarischen Comitat Zemplin, in derHegyallya, Station der ungar. NOBahn; Collegium der Piaristen, Gymnasium, Bibliothek von 24,000 Bdn., Hauptschule, mehr als 300 Felsenkeller, Denkmal für die 1809 bei Raab gegen die Franzosen gebliebenen adeligen Insurgenten; Granitsteinbruch, vortreffl. Weinbau: 1869: 9946 Ew. Ujvar, so v. w. Aba-Ujvar. Ukas, (v. russ. nlcasat, d. i. anreden) in Rußland Bezeichnung für alle von der Regierung erlassenen legislativen u. administrativen Befehle od. Edicte. Gehen sie direct vom Kaiser aus, so heißen sie imsnn/ »käs; diese, so wie die als Beschlüsse des dirigirenden Senats veröffentlichten U. haben Gesetzeskraft, so lange sie nicht durch eine spätere Verfügung beseitigt werden, wobei selbstverständlich die Senats-U-e nicht den kaiserlichen widersprechen 680 Ukcler - dürfen; sie können diese nur erklären. Kaiser Nikolaus ließ sämrntliche U-e sammeln (s Rußland, S. 467) u. bildet diese Sammlung die Grundlage des Rufs. Rcichscodex 8tvock. Ukelei, eine Art Weißfisch, s. d. Ukerewe(Victoria Njanza), größter See im äquatorialen Afrika, im Quellgebiete des Nil, zwischen 2" 40's.Br. u. 20' n. Br. 49» 20' u.52°35'östl.L. (von Ferro), in einer Seehöhe von 1270 in, bedeckt eine Fläche von 83,970sH>cm (1525 UM). Seine meist flach verlausenden Ufer bilden äußerst zahlreiche Golfe n. Buchten, unter welchen die bedeutendsten sind: Speke«, Lewy-, Murchison-Golf u. Napoleons- Channel. Die Zahl der Inseln ist sehr groß u. bedecken ein Areal von etwa 75(UM.; die ausgedehn- testen sind: Kome, Ukerewe, Ukara im S., Ugingo im O., Usuguru, Usamu, Uvuma, Sesse u. v. a. im N., Bumlureh im W. Das umliegende Land ist bergig, theils aus Granit, theils auch aus vulkanischen Gesteinen (Laven, Basalt u. s. f.) bestehend, sehr fruchtbar, mit dichtenWaldungen bedeckt u. von zahlreichen Negerstämmen, welche Ackerbau ».Viehzucht treiben, bewohnt. Das Wasser ist süß, von blauer Färbung, ernährt viele Fische, Flußpferde, Krokodile u. a. m. Auch die Vogelwelt ist stark ans den Inseln u. an den Ufern vertreten. In den U. münden von W. kommend der Kitangule od. Alexandra Nil, welcher als der eigentliche Qnellflnß des Nils betrachtet wird; ferner der Kalonga, Schim-' eeyu, Gori u. v. a. Aus dem Napoleons-Canal fließt durch die Riponfälle (s. d.) der Victoria Nil od. Kiri ab. Der U. wurde zuerst von Speke am 30. Juli 1858 entdeckt u. von ihm sofort als Haupt- quelle des Nil bezeichnet, während sein Reisegefährte BurtousichgcgendieseAnsichtaussprach.Spekenauute den See Victoria, die Eingeborenen nannten ihn Njanza od. Nianja, während die arabischenHändler ihn als U. bezeichnen. Speke u. Grant untersuchten 1862 seine Westseite u. entdeckten sowol den Zufluß des Alexandra-Nils als auch den Abfluß durch die Riponfälle. Später besuchte ihn Livingstone u. 1875 umfuhr ihn vollständig Stanley, durch den wir eine genaue Kenntniß seiner Verhältnisse erhalten haben. Vgl. Stanley, 'I'firouAli tirs ckaric eoutiusnt, Lond. 1878,2 Bde., deutschLeipz. 1878 u.Behm, Stanleys Erforschung des Victoria Nyanza in Petermanns Geogr. Mitth. 1875 u. 1876 mit Karte, außerdem diese Zeitschrift 1863,S.388u. 1879,S. 64. Drenke. Ukert, Friedrich August, deutscher Historiker, geb. 28. Oct. 1780 in Eutin, studirte seit 1800 in Halle u. Jena, wurde 1804 Hauslehrer in Danzig, 1807 Erzieher der nachgelassenen Sohne Schillers u. des jungen Wolzogen in Weimar, ging jedoch 1808als LehrerandasGymuasium nach Gotha, wo er alsbald Oberbibliothekar des.Herzogs wurde u. auch das Herzog!. Münzencabinet unter seineAufsicht bekam. Nachdem er zuerst histor. u. geograph. Werke aus dem Spanischen, Englischen u, Französischen übersetzt, wandte er sich der Geographie des elastischen Alterthums zu. Als Resultate seiner scharfsinnigen Forschungen u. Quellenstudien erschienen: Über die Art bei den Alten, die Entfernungen zu bestimmen, Weim. 1813; Über die Geographie des Hekatäos u. Damastes, ebd. 1814; Über die Geographie des Homeros, ebd. 1815; Handbuch der Geographie der Griechen ».Römer, Weim.1826 biss — Ulbach. 1846, 3 Bde.; Erdbeschreibung vonAfrika (inHassel u. Gaspari, Handbuch der Erdbeschreibung, 21. u. 22. Bd.), ebd. 1824 f.; Gemälde von Griechenland, Königsb. 1811, n. Aufl. Darmst. 1833; Bearbeitung von Kinnairs n. Beauforts Reisen in Kleinasien, Armenien u. Karamanien, ebd. 1821; Italienische Chrestomathie, Gotha 1823; Abhandlung über Dämonen, Heroen u. Genien, Lpz. 1850 rc. Mit Heeren (s.d.) gab er seit 1823 die Geschichte der europäischen Staaten, Hamb. 1820 ff., u. mit Fr. Jacobs Beiträge zur älteren Literatur od. Merkwürdigkeiten der herzoglichen Bibliothek zu Gotha, Lpz. 1835—38, 3 Bde., heraus; ferner seines Vaters Georg Heinrich U. (gest.in Gotha 1814) Werk: Or. Martin Luthers Leben, 2 Bde., Gotha 1817, u. seines Schwiegervaters Löffler: Kleine Schriften, 3 Bde., Weim. 1817—18. Außerdem ordnete u. kata- logisirte er die herzogliche Bibliothek. U. st. 18. Mai 1851 in Gotha. «ag->i. Ukraine ld. i. Grenzlandj, 1) Landschaft in Rußland etwa mit dem heutigen Kleinrußlaud zusammenfallend, auf beiden Seiten des Dnjepr, umfaßt Las östliche Volhynien, Kiew,Tschernigow, Poltawa u. Charkow. Das leicht hllqeliqe, aut bewässerte vom Dnjepr, Pripet, Leterew, Desna u. s. f. durch- tronne Lano r>r ieyi iruchibar,' KMksk IlällU'tKff- icbes Viev (berühmte kwbtrss cks §srraAU8). Endlich gab er seit 1868 die radicale 1,3, 61oobs heraus. Auch schrieb er Romane und ! L 4 681 Ulceration - Novellen u. a.: N. sbLlmotssrnsIsder beliebteste von ' seinenRomanen),1860;Lsmaiiä'Lntoinst<:e,1862; Aämoiros ä'un ineonnu, 1864; Romans äs In bourAsoisis, 1868; Ra xrinossss Llorarü, 1871; ä.vsnkurs8 äs trotz §ranäss äamss äs In eour äs Visnns, 2 Bde., 1876; Rs baron amsrioain, 1877; Rss msmoirss ä'un assassin, 2 Theile, 1877; Llaäams 6ossslin, 1877; Llonsisur Rops, 1878, auch Theaterstücke, die jedoch wenig Erfolg hatten. Ende 1878 wurde U. Bibliothekar des Arsenals in Paris. Volchert. Ulceration (v. Lat.), Verschwärung, Eiterung. lllsus (lat.), Geschwür. Ule, Otto Eduard Vincenz, verdienter na- turwissenschaftlicherSchriftsteller, geb. 22.Jan. 1820 zu Lossow bei Frankfurt a/O-, stndirte seit 1840 in Halle zuerst Theologie, hierauf Naturwissenschaften, dann in Berlin noch Philosophie, nahm an den politischen Kämpfen von 1848 lebhaften Antheil, wurde Lehrer an der Fortbildungsschule zu Ouetz bei Halle, gründete 1852 mit vr. Karl Müller die Zeitschrift Die Natur, lebte dann als Schriftsteller in Halle, wirkte in Schrift u. Wort für die Verbreitung naturwissenschaftlicher Bildung u. wurde 7. Aug. 1876 bei einem Brande in Halle, wo er die Feuerwehr kommandirte, durch einen herabstürzenden Stein ge- tödtet. Die bsmerkenswerthesten seiner Schriften sind: Das Weltall, 3. Aust. Halle 1859; Physikalische Bilder, ebd. 1854—57, 2 Bde.; Populäre Naturlehre, Leipz. 1865; Warum und Weil, 4. Aust. Berl. 1877; Kleine naturwissenschaftliche Schriften, Leipz.1865—68,2Bde.; Aus derNatur, ebd. 1871, 2 Bde.; Die Wunder der Sternenwelt, ebd. 1861, 2 Aust, von Klein 1877. Ferner gab er eine deutsche Bearbeitung von Reclus Ra tsrrs, Leipz. 1873 bis 1876, heraus. Specht. Uleä, Fluß im nördl. Finnland, durchströmt den gleichnamigen See u. durchbricht in mehreren schönen Katarakten den Kainun-Selkä und mündet bei Uleaborg in den Bottnischen Busen. Ulcäborg, 1) seit 1821 Gouvernement im Großherzogthum Finnland, das nördlichste dieses Reiches, begrenzt von Schweden, Norwegen, den russischen Gouvern. Archangel, Olonez,den sinn. Gouvern. Kuopio u. Wasa, u.demBottnischen Busen; 165,844 (3008 sZM), nimmt fast dieHälfte ganz Finnlands ein; den nördl. Theil bilden die 7 Lappmarken, die von den Ausläufern Kjölen durchzogen werden (Jeristunturi über 700 m hoch); sonst durchziehen niedere aus Granit gebildete Hügelzüge ll. im Osten, wie Suomen-, Kainun-Selkä u. a. Gegen die Küsten hin ist das Land flach, sumpfig. Unter Len zahlreichen Flüssen sind zu nennen: Tornea- mit Mno- nio-Elf, welche die schwedische Grenze bilden, Kemi- joki mit Ounasjoki, Jjojoki, Uleä, Siikojoki, Jsojoki, die alle zum Bottnischen Busen sich wenden; Luolo- joki zum Eismeere u. Kitkajoki u. Pisto zum Weißen Meere gehörig; Seen: Enare, Kemirräsk, Kiatko, Kiando u. v. a. Klima sehr rauh, die Flüsse von Mitte October bis Mitte April mit Eis bedeckt; mittlere Wintertemperatur— lObis — l2",imSommer ->-12°. Es gedeiht noch etwas spärliches Getreide; bedeutend ist die Renthierzucht. Holz u. Holzindustrie (Theerschwelen rc.), Fischfang sind die Erwerbsquellen; (1870) 179,161 Ew., unter ihnen Schweden ander Küste, im Innern Quänen u. Karelier, im — Ulfilas. N. Lappen (Reuthier- u. Fischlappen), die zum Theil noch Heiden sind. 2) Hauptstadt hier, am Abfluß der Uleä-Elf in den Bottnischen Meerbusen, 1605 auf einer Halbinsel gegründet; hatzweiMarkt- plätze, altes Schloß, Kirche, Rathhaus, Hospital, Schifsswerfte, versandeten Hafen, Gesundbrunnen, treibt Schifffahrt, Lachsfang, Ackerbau, wichtiger Handel mit den Landesproducten; 8679 Ew. Dronke. Ulema (arab.), der Plural von Alim (d. i. ein Wissender, Gelehrter), bezeichnet bei den Türken Theologen u. Juristen in einer Person. In Con- stantinopel bilden sie gleichsam ein eigenes Corps u. haben als moslimische Glaubenswächter vornehmlich das Amt, den Koran auszulegen n. darnach die einschlagenden Staats-, Rechts- u. Glaubensfragell zu entscheiden. Sie sind abgabenfrei u. können zwar ihrer Stellen entsetzt u. verbannt, nicht aber zum Tode verurtheilt werden. An ihrer Spitze steht der Mufti (s. Türk. Reich). UIsx L., Pflanzengattnng aus der Fam. der Rs- Auminosas - Rapilionaoeas - Llsnistsas, Sträucher mit pfriemlichen, stechenden Blättern u. kurzen, dornigen Ästchen, an den untern Ästen auch mit dreizäh- ligenBlättchen; Blüthen in achsclständigenTrauben; Kelch tief zweilippig; Hülse gedunsen, wenigsamig. Arten zahlreich im westlichen Theil der Pyrenäischen Halbinsel; eine, 17. suropasus tR. (Hecksamen), auch im mittleren u. nördlichen WEuropa auf Heiden zerstreut; diese Art erreicht eine Höhe von 1 m u. hat große goldgelbe Blüthen, welche eine schöne gelbe Farbe liefern. Die jungen Sprossen sind zerquetscht ein vortreffliches Futter. Engter. U. L. ??., Abkürzung für Unserer Lieben Frau, d. h. der Jungfrau Maria. Ulfilas, in goth. Form Vulfila d. h. Wölflein, übersetzteangeblich die gauzc Bibel insGothische, mit Ausnahme der Bücher der Könige, wie erzählt wird, um dem Kriegseifer seines Volkes keine neue Nahrung zu geben. Er legte bei dem Alten Testamente die Septuaginta, die griechische sübersetznng des hebräischen Urtextes, bei dem Neuen Testamente das griechische Original zu Grunde. Vgl. 2 Programme 1864 n. 1868 in Erfurt von Ernst Bernhardt, kritische Untersuchungen über die gothische Bibelüber- setznng. Nur große Bruchstücke der Evangelien (namentlich Lucas) sind uns im eoäsx arAsntsus erhalten, den General Königsmark nach der letzten Unternehmung im 30-jährigen Krieg, der Eroberung der Kleinseite von Prag, von dort nach Upsala brachte, sowie in einer zweiten kurzen Handschrift (ooäsx Oarolinus in Wolfenbüttel, im vor. Jahrh. von dem Abt Knittel aus Braunschweig entdeckt) einzelne Theile des Römerbriefes. Außerdem sind noch in Mailand Handschriftenfragmente, die aus dem lombard. Kloster Bobbio stammen. Letztere, von dem Cardinal Angelo Mai entdeckt u. mit dem Grafen Castiglione herausgegeben, enthalten Fragmente aus demMatthäus, den Paulinischen Briefen, aus Esra u. Nehemia. Die Bibelübersetzung ist als das älteste noch erhaltene Denkmal germanischer Sprache für die Geschichte der Sprache von der höchsten Bedeutung. U. war von kappadokischer Herkunft, geb. 311, wie die scharfsinnige Untersuchung Bessels entgegen G. Waitz, der 318 als Gebnrts- u. 388 als Todesjahr aunahm, dargethan hat. Im Jahre 341 zum Bischof der arianischen Gothen ge- 682 Ulfliot - weiht, mußte U. vor den Verfolgungen der heidnischen Gothen unter Athanarich mit seinenAnhängern i. I. 355 von Dacien nach Mösien auswandcrn. 360 wohnte er der arianischen Synode in Coustan- tinopel bei, wo er 381 starb, als er mit anderen Bischöfen vom Kaiser Theodosius zur Besprechung über religiöse Angelegenheiten wieder nach Constan- tinopel berufen war. Zu dem von ihm gebrauchten Runenalphabet (rnnaalthdsch.Geheimniß, geheimes Wissen) fügte er noch lateinische u. griechische Schrift- zeichen n. bildete aus Liesen drei Bestandtheilen das gothische Alphabet. Vgl. I. Zacher, Das Gothische Alphabet Vülfilas u. das Runcnalphabet, Leipzig 1854. S. Gothische Sprache u. Literatur. Die erste u. vortreffliche Gesammtausgabe seiner Übersetzung besorgten die beiden Altenburger Hans Konon von der Gabelentz (gest. 1874) u. Jul. Löbe,,2 Bde., Altenb. u. Leipz. (1836—1843 Text, lat. Übersetzung u. kritische Anmerkungen, 1843 Glossar, 1846 Grammatik). Dann Maßmann, Stnttg. 1855—56, U., goth., griech. n. lat. Text, Anmerkungen, Wörterbuch , Sprachlehre und geschichtliche Einleitung, 1857. Nach italienischen Handschriften den Text berichtigt hat der schwedische Gelehrte Andreas Upp- ström (gest. 1865 in Upsala), der 1850 den Matthäus , 1854 die vier Evangelien nach dem eoäsx arxsntous heransgab, dann nach einander alle erhaltenen gothische» Sprachdenkmale. Sein Sohn Wilhelm vollendete die Arbeit 1868. Die neuesten Ausgaben besorgten Fricdr. Ludw. Stamm (gest. 1861 als Pastor in Helmstädt), U., Text, Grammatik u. Wörterbuch, 6. Ausl., besorgt von M. Heyne, 1874 u. E. Bernhardt, U. od. die goth. Bibel, herausgegeben n. erklärt, Halle 1875. Vgl. Georg Waitz, Über das Leben u. die Lehre des U-, Hannov. 1840; W. Bessel (Prof, in Göttingen, gest. 1864 in Hannover), Über das Leben desU. ».die Bekehrung der Gothen zum Christenthum, Gott. 1860. Schmitz. Ulfliot, isländischer Gesetzgeber des 10. Jahrh.; um der zerstörenden Blutrache zu steuern, machte er im I. 926 den Vorschlag Statuten zu machen, und reiste zu dem Behufe selbst im 60. Jahre seines Lebens nachNorwegen, wo er sich von seinemOheim, Thorleif dem Weisen, der bei der Abfassung des Norwegischen Rechtsbuches Oulatbinxslöx; beschäftigt war, im Rechte unterrichten ließ. Bei seiner Rückkehr 928 wurde sein von ihm wahrscheinlich nur mündlich vorgetragenes Gesetz angenommen u. längere Zeit traditionell fortgepflanzt, erhielt jedoch wahrscheinlichschon beiEinsührungdesChristenthums (1000—1016) einige Änderungen. Uliasscr, der gemeinschaftliche Name der 3 Ain- boina benachbarten Inseln Nussa laut, Saparua u. Oma (s. d.) im Indischen Archipel. Nlibischew, Alexander Dmitrijewitsch, russ. Staatsrath u. Musikschriststeller, geb. 1795 in Dresden, erhielt hier seine Erziehung, widmete sich der diplomatischen Laufbahn, trat aber schon 1830 zurück, um sich, schon srüh ein Meister imViolinspiel, ganz den musikalischen Studien zu widmen n. zog auf seine Güter bei Nishnij ^Nowgorod, wo er 24. Jan./5. Febr. 1858 st. Er schr. eine sehr gelungene öivArapbis äs Norarb, in verschiedene Sprachen übersetzt, deutsch von Gantter, 2. A. Stuttg. 1859 u. dann das weniger gründliche Werk vsstlmvon, sss oritiguss st sss Alossabsurs, Leipz. 1857, deutsch - Ulloa. von Bischof, ebd. 1859. Viel verdient machte er sich durch Förderung musikalischer Bildung u. Interessen in Rußland. Ullmann, K arl, evang. Theolog, geb. 15. März 1796 zu Epsenbach in der Pfalz; studirte seit 1812 in Heidelberg n. Tübingen, wurde 1819 Privat- docent u. 1821 Professor der Theologie in Heidelberg; 1829 wurde er als solcher nach Halle berufen, kehrte aber 1836 nach Heidelberg zurück, war 1846 für Baden bei der Evangelischen Conferenz in Berlin u. wurde 1853 Mitglied u. 1856 Director des Ober- kirchenrathes in Karlsruhe; seineThätigkeit in dieser Stellung war auf Einführung eines stark positiv gefärbten Unionismus in der badischen Landeskirche gerichtet, fand aber so heftigen u. allgemeinen Widerstand, daß U. zurücktreten mußte; seit Ende 1860 pensionirt starb er 12. Jan. 1865. Seiner theologischen Richtung nach gehörte er zu der Schleier- macherschen Rechten, der gläubigen Vcrmitteluugs- theologie. Er schr.: Kritischer Versuch über den zweiten Brief Petri, Heidelb. 1821; Vs v^gsistarüs, ebd. 1824; Gregor von Nazianz, Darinst. 1825, 2. Aufl. Gotha 1867; Theologische Bedenken aus Veranlassung des Angriffs der Evangelischen Kirchen- zeitnng ans den Halleschen Rationalismus, Halle 1830; Johann Wessel, Hamb. 1834, 2. A. 1842; Reformatoren vorder Reformation, Hamb. 1841 f., 2 Bde. (holländ. von W. N. Mnnting, Lcyd. 1835), 2. Aufl. 1866; Vs Lerz-Ilo vosbrsno » Halle 1836; Historisch od. mythisch? Hamb,, 1838; Über denCul- tns des Genius, ebd. 1840; Über die Sündlosigkeit Christi, ebd. 1841 , 7. A. 1863; Die bürgerliche u. politische Gleichberechtigung aller Confessionen, Stnttg. 1848; Das Wesen des Christenthnnis,Hamb. 1845, 5. Aufl. Gotha 1865; Gesammtausg. seiner Werke, Gotha 1863 ff.; er gab heraus mit Ümbreit: Theologische Studien und Kritiken, ebd. 1828 ff. Vgl. W> Beyschlag, Or. K. U., eine biographische Skizze, Gotha 1866. Löffler.» Ullöa, 1) Antonio, berühmter Spanier, geb. 12. Jan. 1716 in Sevilla; trat in span. Seedienste, begleitete 1734 einige Mitglieder der PariserAkade- mie nach Peru, um diese dort bei der Gradmessung am Äquator zu unterstützen u. bereiste bis 1744 die spanischen Staaten in Südamerika, dann einen großen Theil Europas, wurde 1746 Fregattencapitän, baute die Hafenbassins von Ferrol n. Cartagena u. ging 1755 als Chef d'Escadre nach Peru zurück, erhielt daun den Oberbefehl über die Flotte in dem Westindischen Meere und wurde 1764 Gouverneur von Louisiana. 1767 wurde er nach Spanien zurückberufen u. zum Director der Artillerie- u. Marineschule in Cadix ernannt. Um sein Vaterland machte er sich noch durch Hebung der Wollmanufacturen u. des Bergbaues bes. zu Almaden, verdient. Er st. 5. Juli 1795 u. schr.: Nslaoion bist, äsl viapfs a 1a ^.msriean msriä., Madr. 1748 (deutsch im 9. Bde. der Allgemeinen Historie der Reisen); Nntioia» amsrioanas sobrs 1a Xmsrioa msriä. ^ 1a sspton- brional-orisnt:., ebd. 1772 (deutsch Leipz. 1781, 2 Bde.); Uotis. sssrstas äi ^.msrlea, herausgeg. Lond. 1826. 2) Agosto, span. Staatsmann, gest. 26. März 1879. Derselbe war im ersten Cabinet des Königs Amadeo Justizminister, später Minister des Auswärtigen. Mit demselben Portefeuille 1874, als Serrano Präsident der Executivgewalt war, be- S-ü-MäM » >> .,'A Uli» — Ulme. 683 traut, richtete er sein ganzes Streben auf die Anerkennung Spaniens von Seiten der europ. Mächte. Die letzten Jahre seines Lebens sind aufs engste mit der Geschichte der constitutionellen Partei in Spanien verwachsen, in deren Mitte er das gemäßigteste Element vorstellte. Er gehörte zu den ersten parlamentarischen Redern Spaniens. i) t. Ulm, Hauptstadt deswürttemberg.Donaukreises, an der Donau, welche hier die Blau u. ^ Stunde oberhalb der Stadt die Iller aufnimmt n. schiffbar wird, ist Knotenpunkt der Württemberg. Staatsbahn (Linie Stuttgart-Friedrichshafen) u. derEisenbahnen nach Augsburg u. Lindau; mit dem gegenüberliegenden Neu-Ulm (s. d.) Festung I.Ordn. mit 21 Außenforts, wovon 12 aus dem linkenu. 9 anfdem rechten Ufer, bis 1866 deutsche Bundesfestung, jetzt Reichsfestung für deren Ausbau 1873 die Summe von 3,630,000 Ll. ausgeworfen wurde, ist mit Neu-Ulm durch drei Brücken verbunden, darunter die 1832 vollendete Wilhelms-Ludwigsbrllcke u. eine Eisen- bahubrücke. Unter den 4 Kirchen ist besonders her- vorzuhebendas im reinsten Gothischen Stil 1376 bis 1494 aufgeführte aber unvollendete Münster zu U. L. F., 139 m lang, 57 m breit, im Mittelschiff 41 m hoch (5 Schiffe im Ganzen), mit einem herrlichen, ursprünglich auf 150 m projectirten aber nur bis 99 m hoch aufgeführten Thurm über dem prachtvollen Hauptportal, hat ausgezeichnet in Holz geschnitzte Chorstühle von Syrien, eine 1856 erbaute Orgel (mit 100 Registern), eine der größteninDeutsch- land, und schöne Glasmalereien. Seit 1842 wird eifrig an seiner Restauration gearbeitet. Andere Gebäude sind: das alterthümliche Rathhaus init dem sogen. Fischkasten, einem schönen Brnnnen von Syrien, davor, Cameralgebäude (Kaisersheimer Hof), Gouvernement (Salmannsweiler Hof), Zeug- Haus, Komthnrei (jetzt Artilleriekaserne), Theater, Militärspital, Bahnhofsgebäude. U. ist Sitz der Kreisregicrung, eines Gerichtshofes, Oberamtes, Oberamtsgerichts, einer Handels- u. Gewerbekam- mer, eines Hauptsteneramts, einer Reichsbanknebenstelle; hat Stadtbibliothek von 25,000 Bdn., Land- wirthschaftlichenVerem,Gymnasium mit Realanstalt, Industrie- u. Sountagsgewerbschnle, Privattöchterschule , Katharinenstift (Erziehungshans), meteorologische Station (478 m Seehöhe), Waisenhaus, Hospital, Militärstrasanstalt, Badeanstalt Griesbad und türkisches Bad, Oberschwäbischen Verein für Kunst und Alterthnm, Freimaurerloge Karl zu den drei Ulmen. Unter den Erzeugnissen der Stadt die bekanntesten: Mehl, Gerste, Pfefferkuchen, Pfeifen köpfe, Spargel, außerdem wirv gefertigt Leinwand, Messing u. Messingwaaren, Tabak, Leder, Feuer, schwamm, Felbel, Karten, chirurgische Instrumente, Nähmaschinen, Uhren, Glocken; Rnnkelrübenzucker, chemische Feuerzeuge, Papier; Kupfer- u. Messinghammer ; es wird Schifffahrt, Viehzucht, Gemüsebau, starke Bierbrauerei, Holzhandel u. Speditionshandel getrieben; starke Jahr-, Korn- u. Pferdemärkte, Leder- u. Tuchmessen, sowie Wollmärkte von Bedeutung; 1875 einschl. Garnison 30,222 Ew. Wappen: ein quer gecheckter Schild, oben schwarz, unten silbern. Nach Einigen soll das Alcimoennis (Alcimo. nium) bei Ptolemäus das heutige U. sein. Unter Karl dem Gr. war es eine Villa. rvAia. und wurde daher sonst irrthümlich von Vielen zu den Reichsdörfern gezählt; 854 erscheint es in einer Urkunde Ludwigs des Deutschen als Hulma, pa.Ia.tio roxio. Karl der Dicke bestätigte 883 seine Privilegien als Stadt; 1134 wurde es Reichsstadt n. war eine der wichtig, stenReichsstädte in Schwaben (nächstAugsburg). Hier 1245 Sieg des Herzogs KonradIV. von Schwaben über den Landgrafen Heinrich Raspe 111. von Thüringen u. 1331 Abschluß des Landfriedenbundes zwischen den Landherren u. Städten Schwabens u. Bayerns. 1372 hatte U. eine Fehde mit Eberhard von Württemberg u. wurde von demselben erobert, aber nach Kurzem wieder geräumt. Im 15. Jahrh. stieg die Macht U-s sehr u. sie war eins der Hauptmitglieder der Bündnisse in Schwaben. In der Reformation wurde U. lutherisch und trat 1531 zum Schmalkaldischen Bunde, mußte sich aber in dem Religionskriege dem Kaiser Karl V. 1546 unterwerfen. 1552 wollte der Markgraf von Baden u. zum Bünd- niß zwingen u. belagerte es, jedoch vergebens. Im Juni 1620 hier Vergleich zwischen der Evangelischen Union u. der Katholischen Ligue. Am 14. März 1647 hier Separatwaffenstillstand zwischen Frankreich, Schweden».Bayern geschlossen. 1702 wurde cs vom Kurfürsten von Bayern durch Überrumpelung genommen, aber 1704 durch den kaiserl. General von Thüngeu zurückerobert. Hier 26. Sept. 1796 Gefecht zwischen den Österreichern ».der franz.Arridregarde. Durch den Reichsdeputationsreceß von 1803 verlor U. (damals 14 UM Gebiet mit 38,000 Ew. u. mit 300,000 Fl. Einkünfte) die Neichssreiheit u. wurde bayerisch und Hauptstadt des Ober-Donankreises; 1805 ward es von den Österreichern besetzt, der General Mack aber von den Franzosen unter Napoleon eingeschlosseu u. mußte sich am 17. Oct. mit 23,80» Mann zu Kriegsgefangenen ergeben. 1809 wurde U. von Bayern an Württemberg abgetreten. Vgl. Weyermann, Nachrichten von Gelehrten von U., Ulm 1829; Jäger, U. im Mittelalter, Heilbr. 1831, 3 Hefte; Reichard, Geschichte der Kriege U-s, Ulm 1832; Grüneisen u. Manch, U-s Künstlerleben im Mittelalter, Stuttg. 1840; Fischer, Geschichte von U., 1863; Häßler; U-s Knnstgeschichte im Mittel- alter,Stuttg. 1872; Presse!,Ulmisches Urkundenbuch, ebd. 1873 ff.; Ders., U. u. sein Münster (Festschrift zum 30. Juni 1877), Ulm 1877; Pfau, Das U-er Münsterjubiläum, ebd. 1878. Schroot. lllmsoone, Pflanzenfam. aus der Ordn. der Ilr- bioinao, Holzgewächse mit 2zeiligen, ungleichseitigen Blättern und abfallenden Nebenblättern; Blüthen mit 4—-6theiliger Blüthenhülle und 4—6 Staubblättern, seltener doppelt so vielen; Fruchtknoten frei, 1 —2fächerig, in jedem Fach mit einem Eichen. Die Familie zerfällt in 2 Untersam., I. Illmoicksa» mitl- od. 2 fächrigem Fruchtknoten, hängenden, umgewendeten Eichen, einsamigen Flügelfrllchten oder Nüßchen u. eiweißlosen Samen mit geradem Keimling : IIImns, Ll-rnora. II. Loitickoickoas mit ein- fächrigem Fruchtknoten, an der Spitze des Faches sitzendem Eichen, mit Steinfrüchten, etwas Eiweiß u. einen gekrümmten Keimling enthaltenden Samen: Ositis, /ollrorva, u. a. Engter. Ulme (Rüster, IIImns H.), Pflanzengattnng aus der Fam. derlllwaosns, Bäume mit 2-zeiligen, doppeltgesägten, ungleichseitigen Blättern u. achsel- ständigen, geknäuelten od. bllschligen Doppelwickeln, die eher als die Blätter erscheinen; Blüthenhülle 684 Ulmin - meist fiinfspaltig, mit so vielen Staubblättern als Blüthenhüllabschuitten u. mit einem Fruchtknoten mit zwei Griffeln; Frucht einsamig, beiderseits geflügelt. Arten: Gemeine U. od. Rüster(II. oain- pestrisD.), mitoberseits kahlen od. fast kahlenBlät- tern u. sehr kurz gestielten Blüthen; Fruchtflügel am Rande kahl, Griffelkanal so lang als der Same; Blüthen im März n. April erscheinend; Frucht Ende Mai u. Anfang Juni reifend; die Rinde an den jungen Trieben steif behaart, an den Ästen glatt, an alten Stämmen fein ausgeriffen. Eine ausgezeichnete Varietät ist die K ork-U., II. subsrosa mit korkgeflllgclten Ästen, deren Kork wie der der Kork- eiche verwendet wird; vom 12. bis zum 30. Jahre wird der Baum nur alle 7—8 Jahre, in einem Hähern Alter alle 4—5 Jahre entrindet. Der regelmäßig entschalte Baum erreicht ein noch einmal so hohes Alter, als der nicht geschälte. Die größeren Stücke der Rinde werden in kleinere getheilt, über Kohlenfeuer an der Oberfläche angebrannt, mittels einer Raspel glatt gefeilt, wodurch sie mehr Festigkeit erhalten, stark mit Wasser befeuchtet, getrocknet u. durch einen allmählich verstärkten Druck glatt gepreßt. Der durch das erste u. zweite Entrinden gewonnene Kork ist noch nicht zu gebrauchen, mit jedem späteren Entrinden aber nimmt er an Leichtigkeit u. Elasticität zu. II. ruanba.ua. Il^ll/r. ist von voriger Art durch oberseits rauhe Blätter n. größere Früchte unterjchieden, deren Griffelkanal doppelt so lang als der Same ist. Das reife Holz dieser Arten ist bräunlich, feinfaserig, fest. zähe u. sehr dauerhaft. Der Splint ist gelblichweiß, wenigerdicht u. dauerhaft. Die Blätter geben frisch n. trocken ein gutes Schaf- u. Rindviehfutter; die Borke ist ein gutes Gerbmaterial u. der Bast dient zu Flechtwerk u. zum Binden. Die Flatter-U., II. poäuueukaba. Aefonw (II. eü'usa IsiM-k., Flatterrüster) hat langgestielte, hängende Blüthen mit 6—8 Staubblättern u. ovale, zottiggewimperte Früchte. Wie II. oamps- sbris häufig in Wäldern u. Gebüschen. In Parkanlagen werden bisweilen nordamcrikanische Ärten angepflanzt, namentlich II. lukva L. In ihrem forstlichen Verhalten stehen unsere einheimischen Mmenarten, die außerdem in Frankreich, Ungarn, Italien, weniger im Norden, weit verbreitet u. vielfach angebant sind, der Esche u. dem Ahorn (vgl. d. Art.) am nächsten; unterscheiden sich von diesen jedoch durch ihre Fähigkeit, reichliche Aus schlüge nicht allein vom Stocke, sondern auch von der Wurzel zu treiben, weshalb sie auch im Niederwald, selbst als Unterholz im Mittelwald od. lichten Eichenbestand, ihre Stelle finden. Das Ulmenholz ist grobfaserig, ziemlich hart, sehr dauerhaft u. schwer- spaltig, hat braunen Kern u. Hellen Splint. Spec. Gewicht nach Nördlinger: grün 0,„—l,,u, trocken 0,5s-0,s2- Dasjenige derKork- u.Feld-U. wird,weil es wenig splittert, zu Kanonenlafetten u. dgl. sehr gesucht, auch wegen seiner schönen Farbe u. Politur als Fournierholz zu Möbeln; stärkere Stücke leiden leicht durch Reißen, Schwinden u. Werfen. In der Heizkraft steht es dem Buchenholz wenig nach; das Holz der Flatter-U. dagegen ist in jeder Hinsicht weniger werthvoll. Belangreiche Nebennutzungen liefert die U. außer etwa Futterlaub nicht. (Bot.) Engler. Schmitz. 2 ) Lagai. 3)—g> G. Zimmermann. Nlriri, Hermann, theistischer Philosoph, geb 23. März 1806 zu Pforten in der Niederlausitz, stndirte seit 1824in Halle u. Berlin die Rechtswissenschaften, wurde 1829 Referendar in Frankfurt a. d. O., gab aber noch in diesem Jahr seine juristische Stellung auf, um sich philosophischen Studien zu widmen. Nachdem er sich mit Geschichte, Mythologie, Kunst u. Poesie beschäftigt hatte, habilitirte er sich 1833 als Privatdocent in Berlin n. wurde 1834 Professor in Halle. Er schr.: Charakteristik der antiken Historiographie, Berl. 1833; Geschichte der hellenischen Dichtkunst, ebd. 1835, 2 Bde.; Über Shakspeares dramatische Kunst, Halle, 1839, 3. A. Lpz. 1868, 3 Bde.; Über Prinzip u. Methode der Hegelschen Philosophie, Halle 1841; Das Grund princip der Philosophie, Lpz. 1845—46, 2 Bde.; System der Logik, ebd. 1852; Über die Verschiedenei Auffassungen des Madounenideals, Halle 1854, Gott u. die Natur, Lpz. 1862, 3. A. 1875; Leib u. Seele, ebd. 1866, 2. A. 1874, 2 Bde.; Kompendium der Logik, ebd. 1860,2. A. 1872; Grundzüge der praktischen Philosophie, ebd. 1873; Abhandlungen zur Kunstgeschichte als angewandte Ästethik, ebd. 1876. Auch gab er heraus: Shakspeares Romeo u. Julia mit Anmerkungen, ebd. 1853. Specht. Nlrike Eleonore, l.) jüngste Tochter des Königs Friedrich lll. von Dänemark u. der Sophie Amalie vouBraunschweig-Lauenburg, Christians V. Schwester, geb. 1656, 1680 mit Karl Xl. von Schweden vermählt, gelehrte u. treffliche Dame, st. 2. Aug. 1693. 2) Jüngste Tochter der beiden Vor., geb. zu Stockholm 23. Jan. 1688. Sie führte, als ihr Bruder Karl Xll. im Lager zu Bender in oer Türkei verweilte, 1713 die Regierung für ihn u. leitete eine friedliche Politik ein, die jedoch Karls entschiedene Mißbilligung bei seiner Rückkehr fand. Sie zog sich deshalb anfangs 1714 von den Staatsgeschäften zurück. 1715 vermählte sie sich mit Friedrich, nachmaligem Landgrafen von Hessen-Kassel, der bald darauf schwedischer Geuerallissimus wurde. Nach dem Tode ihres Bruders vor Friedrichshall wurde Ulrike 21. Februar 1719 nach vorheriger Beschränkung der königlichen Gewalt zu Gunsten des Reichs- rathes auf den schwedischen Thron erhoben u. 17. März d. I. zu Upsala gekrönt. Sie überließ jedoch 29. Febr. 1720 die Regierung ihrem Gemahl Friedrich, der auch 3. Mai die Krönung empfing. Ihre Ehe blieb kinderlos; mit ihr starb 24. Nov. 1741 der letzte Sproß des Wasaschen Hauses (s. Schweden Gesch., S. 209). Schmitz. 686 Ulster — Ulster, 1) (Ultonia), die nördlichste Provinz des Königreichs Irland, wird im O. von der Irischen See u. dem NKanal, im N. u. W. vom Atlantischen Occan bespült, grenzt im SW. an die Prov. Con- naught und im S. an die Prov. Leinster; Flächen- raum: 22,188,95 s^Iiva (402,7,74 f^M), wovon etwa 65 "/<, auf cultivirtes Land, 31 °/g auf unprodncti- ves Berg- und Moorland u. 4 "/<> aus Binnenseen kommen. Die Bevölkerung ist stark im Abnehmer,; sie betrug 1871: 2,410,725 Ew., 1861: 1,914,200 Ew. u. 1871 nur noch 1,833,228 Ew. (aus 1 s^lcm 85, in ganz Irland 64). Etwa 51 "/„ sind Prote- starrten. Die Küste ist vielfach gegliedert u. reich an Hafenbuchten u. Baien, welche, Binnenseen ähnlich, ins Land einschneiden; die bedeutendsten derselben sindirn O.:Carlingfordlough,Dundrnm-u. Strangfordbai u. Belfastlough; im N.: Foyle-, Swilly- lough u. Sheephaven; im W.: Lochrusmore n. Do- negalbai. Die NKüste ist gegen die Meeresbrand- ung durch die Basaltfelsenreihe des Rieseudamm (s. d.) geschützt. Die Küsten sind meistens flach, das Innere dagegen wird von mehrerenGebirgsketten durchzogen (höchste Spitzen: Slieve Donnard 850 in, Slieve Bcg 727 in, Slieve Sawel 679 in, Erri- gal 750 in). Unter den zahlreichen Binnenseen sind der Lough Neagh und der Lough Erne die be- deutcndsten, unter den Flüssen: Bann, Foyle und Erne. Hauptuahrungszweige sind Viehzucht, Ackerbau (bes. auf Flachs), Fischerei u. Schifffahrt; die wichtigsten Industriezweige sind: Flachsspinnerei, Leinenweberei, Wollenweberei, Baumwollenspin- nerei u. Weberei, Maschinenbau, Schiffbau rc. Bon Mineralien werden gewonnen Steinkohlen, Eisen, Blei, Silber, Kupfer, Marmor, Bausteine rc. Auch zahlreiche Mineralquellen sind vorhanden. Mehrere Eisenbahnen durchschneiden die Provinz. Einthcil- ung in 9 Grafschaften (Oountios): Down, Antrim, Londonderry, Donegal, Tyrone, Armagh, Monag- han, Cavan und Fermauagh. Die bedeutendsten Städte sind: Belfast u. Londonderry. 2) County im nordam. Unionsstaate New Jork, 41° n. B. u. 73" w. L., 84,375 Ew. Hauptort Kingston. H- Berns. Vit., 1) Abkürzung für Mtümns, der Letzte; für Iliteriora, das Weitere; 2) für Ultimo, s. d. Ultorlor (lat.), der fernere, weitere. Ultima ratio (lat.), eigentlich der letzte Grund, bes. das letzte strenge Mittel; daher u. 1. rs§is, Inschrift an Geschützen, das letzte Mittel des Königs; wird allgemein aus Ludwig XIV. zurückgeführt, ein ähnlicher Ausspruch findet sich aber auch bciCalderon. Ultimatum (v. Lat.), 1) die letzten Vorschläge, welche bei einer diplomatischen Unterhandlung gemacht werden u. bei denen man fest stehen zu bleiben erklärt; überhaupt 2) die letzten Vorschläge in einer Verhandlung; ein Termin, den man behufs Annahme solcher Vorschläge stellt u. nach dessen Ablauf die Entscheidung nach der einen od. der anderen Seite fällt. Neuerdings hat man diesen Ausdruck noch zum Ultimatissimum gesteigert. Ultimo (lat.), am letzten Tage eines Monats od. Jahres; beide werden dazu genannt; ist kein Zusatz, so bedeutetes meist denletztenTagdeslausendenMonats. UIUmus (lat.), der Letzte. Ultra (lat.), darüberhinaus, jenseits; häufig auf die moralische Welt angewendet, so daß man unter 6. einen Menschen versteht, der in seinen Gesinn- Ultramarin. ungeu u. Handlungen in blinder Leidenschaft das durch die Verhältnisse gebotene Maß überschreitet, u. gebrauchtman somitdas Wortll.zur Bezeichnungaller politischen u. socialen Extreme; so spricht man von Ultraliberalen, überspannten Liberalen, Ultrarevolutionären, überspannten Revolutionären (den wüthenden Jakobinern), Ultraroyalisten in constitutionellen Staaten, diejenigen, welche eine völlig absolutistische Staatsform wollen. Das Wort kambes. I814anf, wo in Frankreichder größte Theil des alten hohen Adels u. der hohen Geistlichkeit seine Unzufriedenheit mit dem constitutionellen System u. seinen Wunsch, Alles aus den Fuß, wie vor der Revolution, zurückgesührt zu sehen, laut aussprach. Ultrarsmns, Überschreitung des Maßes in menschlichen Dingen od. Übertreibung der Grundsätze bis zum Unnatürlichen. Es gibt einen polit. U., s. u. Ultra., n. einen moralischen U., s. Rigorismus. Ultramarin (Lasurblau), schöne kornblumenblaue Farbe, welche sich weder an der Luft, noch in der Hitze verändert; man stellte es früher aus dem Lasursteine (I-apls larnli) dar, welcher schon im Al- terthnm bekannt war u. häufig als Edelstein verarbeitet wurde. Die Darstellung dieses echten U-s war sehr umständlich u. das Fabrikat wegen der Sel° tenheitdss Lasursteins so theuer, daß in ganz Europa jährlich kaum 4 Pfund im Werth von etwa 1500 Thlrn. gebraucht wurden. Der Lasurstein wurde in haselnußgroße Stücke zerschlagen, diese sorgfältig abgewaschen, geglüht, in Wasser abgeschrcckt u. das erhaltene feine Pulver mit verdünnter Essigsäure digerirt, um den mit dem Lasurstein gemengten kohlensauren Kalk aufzulösen. Darauf wurde der Lasurstein fein gerieben, mit einem gleichen Gewicht eines Gemenges von Harz, Wachs, Leinöl u. Burgunderpech gemischt, und der Teig unter Wasser so lange geknetet, als dasselbe noch blau gefärbt wurde; aus dem Wasser setzte sich das U. als feines Pulver ab. Man erhielt so ca. 2—3 "/„ vom Gewicht des angewandten Lasursteines. So lange das U. aus dem Lasursteine dargestellt werden mußte, konnte es von keiner technischen Wichtigkeit sein; seitdem aber Gmelin 1822 seine künstliche Darstellung erfunden, u. Guimet 1828 es im Großen zuerst dargestellt hatte, nahm der Verbrauch an U. immer mehr zu, so daßmaugegenwärtig die jährliche Consnmtion auf etwa 200,000 Ctr. schätzt. Der Lasurstein bestchtaus 31,7 °/o Thonerde, 45,g Kieselsäure, 9 Natron, 5„ Schwefelsäure, 1 Schwefel u. 3,sKalk,wozu noch etwa v, s "/« Chlor u. 0,1 °/o Wasser treten. Die Natur des hlauen Farbstoffs ist aber heute noch nicht mit Sicherheit erforscht. Nur so viel steht fest, daß Thonerde, Schwefel, Natron u. Kieselsäure zu seiner Bereitung unerläßlich sind, das Natron kann durch Baryt ersetzt werden. Seit 1836 wird der U. auch in Deutschland in großer Menge dargestellt, Hoffmann, Mahla, Wunder, Fürstenau, Knapp u. A. haben das Verfahren seitdem wesentlich verbessert. Als Rohmaterialien zur Bereitung des U-s wendet man möglichst eisenfreien Thon, am besten Kaolin von der Formel reines Glaubersalz, Soda, Schwefel u. Holz- od. Steinkohlenpulver auch wohl Ätznatron statt der Soda, u. Schwefelnatrium statt des Glaubersalzes an. Sämmtliche Bestandtheile werden sorgsam entwässert, fein gepulvert, u. dann innigst gemischt. Die Mengenverhältnisse, in denen Ultramarinblau man die Substanzen mischt, sind sehr verschieden, z. B. 100 Kaolin, 83—100 wasserfreies Glaubersalz, 17Kohle, od. 100Kaolin,41 Glaubersalz, 41 wasser- freieSoda, 13Schwefel,17Kohle rc., die Masse wird, nachdem sie vorgeglüht u. nochmals gemahlen worden in Chamottetiegel gestampft u. bis zu stärkster Rothgluth 7—10 Stunden langsam in offenem Tiegel — beiLuftabschluß bliebe die Masse weißfweißer U.)— erhitzt; dadurch erhältman einezusammengesin- terte, graueod.hellgrüneMasse,welcheinWasserauf- geweicht, wiederholt ausgewaschen, gemahlen n. gesiebtwird,», so den grünen U. bildet, welcher nun in den blauen U. übcrzuführen ist. Auch kommt dieser grüne U. als grüne Farbe in den Handel. Die Verwandlung des grünen U-s in blauen erfolgt durch Rösten mit Schwefel unter Luftzutritt. Man wendet z. B.ineiuemOsenliegendeCylinder an, in denen sich eine Flllgelwelle bewegt; mau erhitzt darin 25—30 Pfund des grünen U°s so weit, bis sich ein Stück Schwefel darin entzündet, mäßigt dann das Feuern, bringt 1 Pfund Schwefel in die Retorte, welcher verbrennt, während die Migelwelle in Bewegung ist; oder man röstet in Muffel-, geschlossenen Herdöfen rc. unter Umrühreu. Das Rösten wird so lange fort- gesetzt, bis das Gut das höchste u. reinste Blau erlangt hat. Nach dem Rösten wird das U. ausgelaugt, getrocknet, feingemahlen u. geschlämmt unter die helleren Sorten wird dabei gleichzeitig Porzellanthon in verschiedener Menge gemengt. Die Analysen des blauen U-s ergeben als Bestandtheiledesselben: etwa 39—40Kieseljäure26—28 Thonerde, 7—14Schwe- fel, 17—22 Natron, außerdem geringe Mengen Eisen, Kalk n. Magnesia. Bei Bereitung des sog. Soda-U-s wird das Glaubersalz ganz od. größten- theis durch Soda u. Schwefel ersetzt u. die Masse welche sich leicht direkt in blaues U. verwandeln läßt, in Flammöfen geglüht. Der Kieselerde-U. ist Soda-U-, dessen Masse vorher nach Wagner 5—10 "/o des Kaolins an sein zertheilter Kieselsäure zugesetzt wurde;er brennt sich stets sofort blau,hat einen röthlichen Farbenthon, seine Bereitung ist schwieriger als die der beiden andern, liefert aber ein sehr haltbares, durch Alaunlösung nicht zersetztes Pro- duct. Seit 1873 kommt von Nürnberg aus ein ausgezeichneter violetter U. in Handel, dessen Bereitung noch Geheimniß ist. Die Anwendung des U-s ist eine sehr verbreitete, man benutzt es zum Malen und Tünchen auf Kalkgrund, als Maler- und Anstrichfarbe, zum Tapeten- u. Zeugdruck, in der Buntpapierfabrikation, zum Bläuen der Leinwand, der Wäsche, des Papierzeuges, des Zuckers rc. Verfälscht wird das U. mit Kreide, Gips od. Thon. Bei seiner Anwendung ist zu berücksichtigen, daß seine blaue Farbe durch Säuren verschwindet. Von dem Kobalt-U. od. Wiener U. (s. Lisa), läßt es sich durch sein Verhalten gegen Säuren unterscheiden, da das Kobalt-U. durch Säuren nicht verändert wird. Das gelbe U. (Gelbin) ist chromsaurer Baryt. Durch Vermischen von U. mit chromsaurem Bleioxyd erhält man eine schöne grüne Farbe. Vgl. Vogelfang, Über dienatürlichenU.-Verbiudungen,Bonnl873. Jirngck. Ultrainarinblau, so v. w. Ultramarin. Ultramaringelb ist chromsaurer Baryt. Ultramaringriin, s. Ultramarin. Ultramarinviolett, s. Ultramarin. Ultramontan (v. Lat.), was jenseit des Ge. — Ulverstone. 687 birgss (ultra moutss) liegt; bes. in Beziehung auf die diesseits der Alpen Wohnenden,was jenseit der. selben, bes. in Italien ist. Daher Ultramontanes System (Ultramontanismus), die Richtung in der Katholischen Kirche, welche die Theorie des Autori tätsprincips der Römischen Kirche auch in Praxi durchgeführt wissen will, der röm. Curie Ansprüche auf unumschränkte monarchische Gewalt in der Kirche n. auf die unbedingte Wiederherstellung der Bestimmungen desKanonischen Rechts auch in der bürgerlichen Gesetzgebung verwirklicht wissen will. Somit ist U. das ganze Papalsystem, welches im Gegensätze zum Episkopalsystem (s. d.) alle kirchliche Gewalt im Papste conceutrirt, ohne Rücksicht auf die einzelnen Laudesgesetze rc. In Frankreich ward gegen dieses System schon früh angekämpft, u. ihm durch die Satzungen der Gallicanischeu Kirche (s. d.) eine Schranke gezogen, in Deutschland begann der Kampf schon mit Hontheim u. der Emser Punktation, aber ohne Erfolg. In neuester Zeit bes. seit dem letzten Vaticanischen Concil 1869—70 und der damit verbundenen päpstlichen Unfehlbarkeitserklärung (s. Jnfallibilitär) hat sich hierüber wieder ein heftiger Streit erhoben. Vgl. aus der neuere» Literatur: Gladstone, Roms anä tüs usvssb ksslrions iu rollAwn, Lond. 1875, deutsch Nördl. 1875; Sal- mond, Fürst Bismarck u. die Ultramontanen (Preis- schrist), deutsch Berl. 1876; W. Arthur, Tüs xoxs, türsIünAs null tüs fksopls, Lond. u. Bels. 1877, 2 Bde; Curci, der moderne Zwist zwischen der Kirche u. Italien, Flor. 1878; Conrad, Die klerikale Schild- erhebung,Brest. 1878; Preußen u. die Kath. Kirche seit 1640, I.Bd. der Publikationen aus den Königl. Preuß. Staatsarchiven,vonM. Lehmann, Lpz. 1878; P. Reichensperger,Culturkampf,1—4A. Berl. 1876; F. L. Schulte, Gesch. der ersten 7 Jahre des prß. Cul- turkampfes,Essen 1879,2Bde.(letztere beide Schriften klerikal); Hase,Des CulturkampfesEnde, 3.A.Lpz. 1879; Schiltz, DerCulturkampf,ebd.1879rc.S4root. Mrs poses nemo obligstur, über sein Vermögen etwas zu thun, ist Niemand verbunden. - Mtraroth u. ultraviolett, s. 8psetrum. Ulug Beg, Sohn von Schah Rokh, Enkel von Timur, geb. 1394, folgte seinem Vater, nachdem erschau in früher Jugend Statthalter von Khorasau und Turkestan gewesen war, 1446 auf den Thron der mongolischen Weltherrschaft, wurde aber schon 1449 von seinem Sohn Abdallatif ermordet. Er begünstigte sehr die Wissenschaften, namentlich die mathematischen; mit Unterstützung der berühmtesten Astronomen verfaßte er Astronomische Tafeln (herausgegeben von Gräve, Leid. 1648 , von Hudson, Lond. 1652). Thielemami. UIvs L., Pflanzengatt, aus der Klasse der Algen, mit lüntsromorpffg. die Fam. der Illvsesss bildend, mit oft einige Quadratdecimeter großem, blattartigem, grünem Thallus. Häufigste Art: ll. Lsebues L. (Meersalat), an allen Küsten der europäischen Meere in großen Massen. Ulverstone, Marktstadt n. Hauptort im Bezirk Furneß, in der engl. Grafschaft Lancaster, durch einen Kanal mit der Mündung des Leven (in die Morecambebai) verbunden; Eisenbahnstation; Lateinische Schule, Theater, Baumwollen-, Leinwand-, Seide- u. Hutfabriken, Handel mit Eisen u. Schiefer; 1871: 7607 Ew. 688 Ulysses - Ulysses, so v. w. Odysseus. Ülzen, 1) Kreis in der preuß. Landdrostei Lüneburg, durchschnitten von der Hannoverschen Staats- bahn (Hannover-Harburg) u. der Magdeburg-Hal- berstädter Bahn (Berlin-Bremen), 1464 (26,xg HW) mit (1875) 43,764 Ew. 3) Kreisstadt darin, Station der eben genannten Bahnen, an der Ilmenau; Amtsgericht, Marienkirche mit werthvollen Holzschnitzwerken u. Glasmalereien in der S. Viti-Capelle, Gewerbeschule, Eisengießereien, Tuch- fabrikation, Fabriken in Tabak, Leder, Watte, Ci- chorie, Feuerspritzen, lebhafter Produktenhandel, Flachs-n. Pferdemärkte,bed.Mergelgrnbeu, 3 große Getreidemahlmühlen; 6366 Ew.; früher Hansestadt. Geburtsort des Geographen v. Zimmermann. t. Uman, Kreisstadt im russ. Gonv. Kiew, an der Umanka (Nebenfluß des Bug); Schloß, Ritterschule, Handel; 15,393 Ew.; dabei das kaiserliche Schloß Sofiowka. Umdella, die Dolde, s. Blllthenstand; IlmbsIInka, Döldche», die einfache Dolde als Bestandtheil der zusammengesetzten Dolde (in der Familie der Owbol- likoras). Umbolliksrse (Doldengewächse), Pflanzenfamilie aus der Ordn. der IlmbsUiüoras, enthält größten- theils krautartige Gewächse mit in der Regel mehrfach gefiederten oder fiedertheiligen Blättern und in einfachen oder zusammengesetzten Dolden stehenden Blüthen. Blüthen alle zwitterig oder die rand- ständigen in Folge von Abort männlich, bisweilen auch geschlechtslos, mit unterständigem, dimerem Fruchtknoten, meist undeutlich, seltener deutlich 5zäh- nigem Kelchsanme, 5 Blumenblättern, deren Spitz- chen häufig eingeschlagen ist, und 5 Staubblättern; Fruchtknotenfächer mit je einem hängenden anatro- pen Eichen; Frucht in 2 Theilfrüchtcheu od. Hänge- früchtchen zerfallend, welche oben mildem Mittel- säulchen Zusammenhängen; jede Hängesrucht besitzt 5Rippen (jnAa), zwischen denen mitÖl gefüllte Behälter, sog. Striemen (vitckas), in den Thälchen liegen. Bisweilen sind noch secundäreRippen vorhanden. Indem mit derFrnchtschale verwachsenen Samen ist das Eiweiß an der Fngenfläche (der Fläche, wo sich die beiden Theilfrüchtcheu berühren) entweder convex (gewölbt), od. flach oü. concav. Die II. finden sich vorzugsweise in der gemäßigten Zone, namentlich im mittlercnAsien, demMittetmeergcbiet u. NAmerika, viele auch in den Gebirgen SAmeri- kas u. SAfrikas. Die Zahl der Arten schätzt man auf etwa 1300. Bei der großen Gleichförmigkeit im Bau der Blüthen u. der Frucht ist es oft schwer, die einzelnen Gattungen scharf zu umgrenzen; zur Bestimmung derselben sind in den meisten Fällen die Früchte unentbehrlich. Eintheilmig: X) Ilstsioseia- ckisao: Dolden einfach od. unregelmäßig zusammengesetzt; Thälchen ohne Striemen. I. UFckrocotzcksae, Fruchtseitlichznsammengedrückt: U^clroootxls.Xro- rella; II. Llnlinsas; III. Lanienlsas, Frucht stielrund oder vom Rücken her zusammengedrllckt, Fugenfläche breit: Lr^npfium, XMrantia, Ilaognstia, Lanienka I-a^oeeia. Ü) Uaplor/Kieas: Dolden meist zusammengesetzt; Thälchen meist mit deutlichen Striemen; Frucht nur mit primären Rippen; IV. Lobi- rwplwrsao; v.^mminsas, Frucht seitlich zusammengedrückt, mit schmaler Fngenfläche, meist ohne Flügel: Loninm, Lmz-rnium kvLlaui'nrll Xpium, 61- - Uinbreit. ' onta, Xmirü, darum, Lwou, I'aloaria, 8ium, XsZo- f pockium, Nimpiuskla, LIxrrbis, dbasropliMum, ! Loanclix, Lnlbriseus; VI. Sosslinoas, Frucht kn- , gelig oder länglich, stielrnnd oder vom Rücken her zusammengedrückt, mit breiter Fngenfläche; die pri- l mären Rippen stuinpf od. geflügelt; Samen an der k Fngenfläche flach od. gefurcht: Xlbamanta, Lsseli, ^ §osmeulum, 8, kranZov, drikbmnm, Os- l uaulbs, Xststnsa, Lilsr, Lilano, LIsum, I-iAuati- l eum, Tlraspium, Lokinnm, klsurospsrmum, I-evi- > stieum, Lii^sliea, XrelravAsIiea; VII. fksnosäa- k nsas, Frucht vom Rücken her stark znsammenge- ! drückt, mit erweitertem Rand; die primären mittle- ^ reu Rippen wenig hervortretend, die seitlichen geflügelt od. angeschwollen: Hornla. Oorema, ksnos- clanum, Iloraclsuw, Opopouax, Nalabaila, lllorckx- lium. llslirvnia u. a. 0) OipIoL/Aisas: Dolden zu- ^ sammengesctzt; Thälchen mit mehr od. weniger deutlichen Striemen; Secuudärrippen hervortretend od. geflügelt, meist stärker als die primären; VIII. dan- snlinoas, Frucht rund od. zusammengedrückt; Rippen mit tief gelappten Flügeln od. Stacheln: dori- auckrum, Likora, Oumiuum, vauous, danealls u. a.; IX. Imssrpitisas, Frnchtrippen sehr stark hervortretend und geflügelt: Imoerpitivin, Tlrapsia u. a. Die II. besitzen in allen Theilen, namentlich in den Wurzeln n. Früchten, Öl- u. Harzgänge; auch ent- l halten dieWurzeln in denselben oftSchleim ».Zucker mit Harz u. Öel gemischt, od. gummiharzige Stoffe. Die Schleim- u. zuckerhaltigen, wie z.B. die Mohrrüben, sind beliebte Nahrungsmittel, die Gummi- » harze enthaltenden liefern die geschätztesten Heilmit- « tel n. die Früchte vieler Arten finden mehrfache Ver» s Wendung als Gewürz. AnderseilssindvieleArtenreich ! an Alkaloiden n. scharf narkotisch, daher giftig. Engter. Umbolllklorso ZMÄ., Pflanzenordnnng der chori- ! petalen Dicotyledonen, umfassend Pflanzen mit klei- I neu, in Dolden stehenden Blüthen, deren oberstän- ! diger Kelch einen nur schwach entwickelten Saum be- ! fitzt. Blumenblätter und Staubblätter meist gleich- s zählig einer epigynischen scheibenförmigen Wucherung der ansgehöhlten Blüthenachse eingesügt; Fächer des 1-bismehrfächerigenFrnchtknotens mit je einem hängenden anatropen Eichen, Las sich zu einem eiweißhaltigen Samen entwickelt. Engter. Uinbererdc, so v. w. Umbra. Umdilioug (lat.), der Nabel. Umbra (lat.), der Schatten. Umbra, 1) (Türkische, echte, Cyprische u.) ein feiner, leicht zerreiblicher Thoneisenstein von leberbrauner oder dunkel gelblichbrauner Farbe, matt, abfärbend, klebt au derZnnge; spsc. Gew. 2,^; durch Brennen lassen sich verschiedene, mehr oder weniger ins Rothe od. Schwärzliche ziehendeNüancen Hervorbringen; findet sich besonders in Ceylon u. wird als Farbe in der Wasser- ».Ölmalerei, zu braunen Firnissen, zum Färben vonHolz, Leder,Schnnpstabakrc. benutzt; 2) (Kölnische Erde, Kölnische U., Kölnisches ? Braun, Kasselerbraun, Spanisches Braun) ein wohl- ' feiles Surrogat der echten U, ist eine erdige Braunkohle. Jungck. Nmbreit, Friedrich Wilhelm Karl, bedeutender prot. Theolog, geb. 11. April 1795 in Sonne- born; stuüirte1814—17 in Göttingen, wurde daselbst 1818 Docent der oriental. Sprachen, verlebte den Sommer 1819 in Wien mit orientalischen Sprach- Umbrien - stndien unter Hammers Leitung beschäftigt, wurde 182V Professor der Philosophie in Heidelberg, wo er hauptsächlich alttestamentliche Exegese u. orientalische Linguistik, später auch neutestamentliche Exegese u. Einleitung vortrug; er begründete u. redigirte seit 1828 mitUllmanu die Theologischen Studien ».Kritiken, trat 1829 in die Theologische Facultät und st. 26. April 1860. Als Theolog gehörte er der vermittelnden Richtung an. Von seinen Übersetzungen u. Erklärungen seien genannt: Loinmentatio ülsto riava LmiiornM ol Owrsü sx Xkmkksäa sxbibens, 1816(Preisschrift); Kohelcts des weisenKönigs See» >enkamps,Gothal818;OobeIsb8esxtien8 äs summa bona, Gott. 1819; Lied der Liebe (Übersetz. desHohen- liedesi, Heidelb. 182V, 2.A. 1828; Das BuchHiob, ebd.1824, 2.A. 1832; Commcntarüber dieSprüche Salomos, ebd. 1826; Christliche Erbauung aus dem Psalter, Hamb. 1835; Grundtöne des Alten Testaments, Heidelb. 1843 (insHolländ. übersetzt); Praktischer Commentar über die Propheten des Alten Bundes, Hamb.1841 fs., 4Bde., 2.A. desJesaias 1846; David u. Jonathan, Lied der Freundschaft, Heidelb. 1844; Neue Poesien aus dem Alten Testamente, Hamb. 1847; Der Brief an die Römer auf dem Grunde des alten Testaments ansgelegt, Gotha 1856. U-s dogmatische Richtung bekundet sich aus seinen Schriften: Der Knecht Gottes, Hamb. 1840, u. Die Sünde, Beitrag zur Theologie des A.T., Hamb. u. Gotha 1853. Lebensbeschreibung von Ullmann in den Theolog.Studien ».Kritiken 1862, S.435 ff.r°g°-.' Umbrien, 1) so v. w.Perugia. 8) Die Umbrier (Ismlrri, griech. Ombrikoi), einer der in Italien ein- gewanderten indogermanischen Stämme, gehörten zu der ältesten, mit den Griechen stammverwandten Bevölkerung, welche lange Zeit herrschend u. mächtig in Italien war, bis sie von den Tyrrhenern (Rasen, Etruskern) aus ihren Wohnsitzen jenseits des Appeninus n. Tiberis verdrängt wurde, während die Zurückbleibenden mit den Etruskern verschmolzen. Auch in ihren östlichen Besitzungen wurden die Um- bricr um 400 v. Ehr. von den aus N. vordringenden gallischen Sennonen beschränkt u. von der Küste weggetrieben. In den Samniterkriegcn verloren durch ihren Anschluß an die italische Coalition die Umbrier nach der Entscheidungsschlacht bei Senti- num in U. 295 v. Ehr. ihre Selbständigkeit; die Römer legten zur Sicherung ihrer Herrschaft nachNar- nia die später Vis. iffamima genannte Heerstraße u. zahlreiche Colonien an. Durch die Erfolge, welche die Bundesgenossen im Marsischen Kriege im I. 90 aus dem südlichen Kriegsschauplätze gegen den röm. Consul L. Julius Cäsar errangen, wurden auch die Umbrier mit den Etruskern zum Abfall ermuthigi, doch bald durch die nach der I-sxüukia erfolgten Er- theilung des Bürgerrechts beruhigt. Seit Augustus bildete das Land U. die sechste Region Italiens. Von einer eigenen Literatur der Ümbrier wissen wir nichts; von ihrer Sprache, die der lateinischen näher kommt als der etruskischen, sind die Überreste gesammelt von Ausrecht u. Kirchhofs, Umbrüche Sprachdenkmäler, Berl. 1851, 2 Bde. Vergl. Grotefend, Nuäimsnta UuAnas umbriens,Hann.1835. Das wichtigsteDenk- mal ihres Dialekts sind die sog. Eugubinischen Tafeln (s.d.). Bei der Ohnmacht des Oström. Reiches suchten die Päpste sich der Oberherrschaft über U. zu bemächtigen, doch erst als Paul III. durch Erbau- Pierers Universal-EcnversariMis-Lexikon. k, Aufl. xvi - Umgang. 689 ung der Citadelle in Perugia sich zum Herrn der Stadt gemacht hatte, wurden bis gegen Ende des 16. Jahrh. alle Städte U-s für den Päpstl. Stuhl in Besitz genommen. Perugia war das Haupt der Umbrüchen Malerschule, der Rafael angehört.. Die päpstliche Herrschaft fand ihr Ende durch die Annec- tirung U°s von Seiten Victor Emanuels. Schmitz. Umbruch, ein Grubenbau, der einen zu schützenden Bau umfährt. Umeä, 1) Län in Schweden, so v. w. Westerbotten. 3) 1605 von Karl IX. gegründete Hauptstadt des schwed.Läns Westerbotten, an der Mündung des Umea-Els in den Bottnischen Meerbusen, ist regelmäßig gebaut; guter Hafen, Fischfang, ansehnlicher Handel (Renthierhäute, Holz, Theer, Pelzwerk, getrocknete Fische, Butter); (1876)2638E. 3) (Umea- Els), Fluß im schwed. Län Westerbotten, entspringt aus dem See Ü.-Wattnet an der norweg. Grenze; bildet mehrere Seen, unter denen der Stor-Uman der bedeutendste ist, nimmt die Vindels - Elf u. andere Flüsse auf und fällt bei U. in den Botin. Meerbusen, nachdem er kurz zuvor beiWännas 2 der prächtigsten Wassersälle, Lina-Link und Fällsorsan, gebildet hat. Die U. hat einen 470 km langen Lauf, wovon etwa 250 km für kleinereFahrzeuge schiffbar sind.H.Berns, Umsang, einer Figur, ihre gesammte, gerad- oder krummlinige Begrenzung; auch die Länge der letzteren wird U. genannt. Bei krummlinigen Figuren heißt der U. auch Peripherie, bei geradlinigen Perimeter; U. eines Begriffs, s. Begriff. Umfang(Ambitus),wirdsowolaufdie Tongrenzen einer Melodie, als der Singstimmen u. Instrumente und des ganzen Tonsystems bezogen. Die ältesten Kirchengesänge gingen nicht über den U. einer Quinte hinaus, der in dem Gregorianischen Gesänge eine Octave ausmachte, im 12. Jahrh. auf eine Decime erweitert, endlich nach der Feststellung der heutigen Dur- und Molltonart den natürlichen Tongrenzen der Singstimmen u. Instrumente angepaßt wurde. Über den U. der Singstimmen, s. Stimme; über den U. der verschiedenen Instrumente, s. die denselben gewidmeten Specialartikel. Der U. sämmtlicher in der Musik gebrauchten Töne erstreckt sich auf 8 Octaven, 62—0^,!- a. Ton. Umfassen, so v. w. Überflügeln. Umgang, der Verkehr mit Len Nebenmenschen, bes. auch die Art ».Weise desselben. Die Wichtigkeit des U-s auf die intellectuelle u. bes. auch moralische Entwickelung des Menschen ist von der weittragendsten Bedeutung; ja der U. muß oft das ersetzen, was in Erziehung und Unterricht versäumt oder verfehlt worden ist; ein guter U. ist dazu auch wohl imStande, während ein schlechter U. leicht die beste Erziehung zerstören kann u. thatsächlich oft zerstört. In welcher Weise man den U. zu pflegen habe, erlernt sich nun zwar am besten durch denU. selbst, doch gibt es Fälle, in denen, namentlich bei mangelnder Erfahrung n. Anleitung, eine theoretische Vorbildung wohl angebracht ist. Eine solche bietet sich in einer ziemlich starken Literatur. Von älteren Werken sind bes. zu nennen: Knigges U. mit Menschen, 15. A. Hann. 1869, u. Balthazar Gracians Handorakel u. Kunst der Weltklugheit, aus dem Span, übers, von Arth. Schopenhauer, 3. A. Lcipz. 1878. Neuerdings erschienen: Rocco, Der U. in u. mit der Gesellschaft, 3. A. Halle 1878; Der gute Ton in allen Lebens- 1. Band. 44 690 Umgehen - lagen, nach den Schriften derMad. Louise d'Alq (I-e savoir-vivrs u. La soisnos äu mouäs), herausgeg. von F. Ebhardt, 2. A. Berl. 1878; Waldau, Der gesellschaftliche U. mit dem weiblichen Geschlecht, 8. A. Berl. 1879. Vgl. Bildung. Schroot. Umgehen, in Betrieb sein. Umgehen, den Feind durch besondere Corps in Flanke und Rücken fassen. Umgehungen tragen oft zum Gewinnen der Schlacht bei, ein feindlicher Flügel wird mit Übermacht angegriffen, zurllckge- drängt und reißt nicht selten das Centrnm mit fort, sodaß der Feind von seiner Rückzugsstraße abgedrängt wird. Eine Umgehung aus dem Schlachtfelde wird eine tactische, eine solche auf dem Kriegstheater eine strategische genannt. Vgl. Ausrollen, Flanke u. Schlacht. Umgehung, s. Umgehen. Umgekehrtes Glacis (Slaois SN sontrspents), s. n. Carnotsches Befestigungssystem. Umgeschrieben, fälschlich noch meist umschrieben genannt, heißt ein Vieleck einer krummlinigen Figur, wenn alle Seiten des Vielecks den Umfang der letzteren berühren; ebenso ist einPolyeder einem krummflächigen Körper umgeschrieben, wenn die Seitenflächen des Polyeders die krumme Oberfläche berühren; dagegen heißt eine krummlinige Figur, bez. ein krummflächiger Körper, einem Vieleck, bez. Polyeder umgeschrieben, wenn der Umfang, bez. die Oberfläche jener durch alle Ecken des letzteren geht. Uminski, Jan Nepomucen, poln. General, geb. 1789 im Großherzogthum Posen; focht schon 1794 unter Dombrowski im Feldzuge Koscinszkos, lebte dann abwechselnd in Dresden und auf seinen Gütern, bis er 1806 wieder in poln. Dienste trat; er focht mit bei Danzig u. wurde 1807 beiDirschau gefangen u. als Miturheber des polnischen Aufstandes von einem prenß. Kriegsgericht zum Tode ver- urtheilt, aber begnadigt. Nach dem Frieden wurde er Major in einem sranz. Dragonerregiment u. befehligte im Kriege gegen Österreich 1809 Dombrow- skis Vorhut, errichtete dann als Oberst das 10. poln. Husarenregiment, an dessen Spitze er sich 1812 u. besonders bei Mosaisk anszeichnete. Beim Einzuge in Moskau bildete er die Vorhut. Anfangs 1813 errichtete er als Brigadegeneral in Krakau Las Regiment der Krakusen u. führte den Vortrab des 8. Armeecorps, wurde aber bei Leipzig verwundet u. gesangen. Die von ihm u. Lukasiuski errichtete patriotische Verbrüderung der Sensenträger wurde 1826 entdeckt und U. zu 6jähriger Haft in Glogau verurtheilt. Von hier entfloh er im Februar 1831, wurde in Warschau von den Insurgenten zum Divisionsgeneral ernannt, zeichnete sich bei Grochow u. Dembe und bei der Vertheidignng von Warschau aus und entkam nach der Einnahme von Warschau nach Frankreich, lebte später in London und in den letztenJahren in Wiesbaden, wo er Mitte Juni 1851 starb. Er schr. u. a.: Rsoib äso svsusmsnts milkt, äs In batallls ä'Ostrolsnüa. Par. 1832. Schroot. Umkehrung, nennt man bei Intervallen und Accorden die Versetzung der höheren Töne unter den ursprünglichen tiefsten Ton. Über die U. der Intervalle, s. Intervall. Die U. der Accorde ergibt: 1) bei den Dreiklängen den Terzquartsextaccord oder Sextaccord (Z oder 6), wenn die Terz, den Quart- sextaccord (2), wenn die Quint im Baß liegt; 2) bei - Umtrieb. den Septimenaccorden denTerzqnintsextaccord od. Quintsextaccord (§), wenn die Terz, den Terzquartsextaccord oder Terzquartaccord S od.H),wenn die Quint u. den Secundquartsextaccord od. Secund- accord (A od. 2), wenn die Septime im Baß liegt. Die U. der Stimmen im doppelten Contrapunkt, s. Contrapunkt. Umlaut, in den germanischen Sprachen (s. d.) bei der Flexion die Trübung eines einfachen ursprünglichen Vocals in der Wurzel durch Eintritt eines i, so daß aus a ä, aus o ö, ans u ü, aus au äu wird, z. B. Hand Hände, Hos Höfe, log löge, Krug Krüge, trug trüge, Schlauch Schläuche. Vgl. Rückumlaut, Ablaut. Ummanz, Insel westlich von der Insel Rügen, zum Kreise Rügen des preuß. Regbez. Stralsund gehörig, mit etwa 150 Ew., welche ihr Jnselchen das Land, sich selbst die Upländer nennen. Ummerstadt, Stadt im sachsen-meining. Kreise Hildburghausen, an der Rodach; starke Töpferei, Bierbrauerei, Gerberei, Kalkbrennerei, 2 Mühlen; (1875) 845 Ew. Umravatti, so v. w. Amaravati. Umriß, so v. w. Contour; der Linearumfang irgend einer Figur; U. der Fest ungen, die äußere Form einer Festung durch gerade Linien ausgedrückt, s. u. Befestigungsmanier u. Tenaille. Umritsur, Stadt, so v. w. Amritsar. Umschanzungslinie , so v. w. Circumvalla- tionslinie. Umschattige, s. Schatten 1). Umstadt, Stadt, so v. w. Großumstadt. Umstandswort, s. u. Adverbium. Umtrieb (Umtriebszeit), der Zeitraum, welcher von der Begründung eines Holzbestandes bis zu dessen Abnutzung verstreicht. Vgl. den Art. Forst- wirthschaft. Man unterscheidet a) Natürliche od. physische U-szeit, welche demjenigen Holzalter entspricht, in Sem die natürliche Verjüngung (s. d.) am leichtesten von Statten geht, b) Technische U-szeit, d. i. diejenige, in welcher das Holz die zu gewissen Gebrauchszwecken erforderliche Stärke erreicht. o) U. des größtenMassenertrags. Da die Masse eines Holzbestandes nicht von Jahr zu Jahr um den gleichen Betrag, sondern in den ersten Jahrzehnten immer stärker, dann allmählig wieder weniger zunimmt u. der Zuwachs (s. d.) zuletzt ganz erlischt, so läßt sich aus einer jeden Ertragstafel (s. d.) dasjenige Alter entnehmen, in welchem der durchschnittlich jährliche Holzznwachs culminirt. Der diesem Alter gleich gesetzte U. ist derjenige des größten Massenertrages, ä) Der U. des größten Geldertrags wird in derselben Weise aus Ertragstafeln entnommen, nachdem man vorher die daselbst angegebenen Holzmassen mit den zugehörigen Preisen multiplicirt hat. Zieht man die jährlich aufzuwen- denden Unkosten für Cultur, Wegebau, Verwaltung, Steuern u. dgl. mit in Rechnung, jo erhält man den U. des größten Reinertrags od. der höchsten Waldrente, andernfalls denjenigen des größten Rauhertrags. Beive differiren indeß wenig, s) Finanzielle U-szeit endlich wird diejenige genannt, für welche sich die höchsteBodenrente od. der größteBo« denwerth berechnet, wobei unter letzterem der auf das Jahr der Bestandsbegründnng mitZins u.Zin- Umwandlung — Uncialbnchstaben. 691 seszins discontirte Werth aller bis in die Ewigkeit aus dem Walde zu ziehenden Erträge abzüglich aller Unkosten verstanden wird (vgl.Waldwerthrechnung). Eine jede U-szeit erfordert, wenn anders der Wald nachhaltig jährliche Erträge (s. Forstwirthschaft) ab- werfen soll, einen gewissen ständigen Holzvorrath, dessen Größe mit der Höhe des U-s steigt und fällt. Bei Festsetzung desselben nach einem der unter a) bis ä) genannten Verfahren wird nun das Vorhandensein resp. die Beschaffung jenes sog. Normalvor- raths vorausgesetzt, ohne Rücksicht darauf, ob dessen Werth, als Capital betrachtet, durch den jährlichen Ertrag eine hinlängliche Verzinsung findet od. nicht. Der Forderung dieser Verzinsung dagegen will die von Faustmann und Preßler zuerst in die Literatur eingeführte, von G. Heyer, Jndeich, Lehr, Seckendorf». A weiterausgebildete, vonWagcner theilwcise modificirte Lehre von der finanziellen U-szeit gerecht werden, indem sie nachweist, daß hierbei zugleich der höchste Überschuß der Erträge über die aufgewendeten Productionskosten (Werth des Bodens u. Holz- Vorraths,AnsgabenfürCuliur,Verwaltung, Steuern u.dgl.) erzielt wird. Die Einführung dieser Lehre in die Praxis würde vieler Orten eine Abkürzung der jetzt gebräuchlichen U-szeiten um 30, 40 und mehr Jahre, also auch eine entsprechendeHerabsetzuug der normalen Holzvorräthe u. die Versilberung der sich hierdurch ergebenden Vorrathsüberschüsse veranlassen. Hiergegen haben sich nun wieder, namentlich aus den Reihen der praktischen Forstbeamten, zahlreiche u. gewichtige Stimmen erhoben, indem sie auf die Unsicherheit obiger Berechnungen Hinweisen, die sich aus so schwankende Factoren, wie Zinsfuß und Stand der Holzpreise in später Zukunft, stützen. Gleichwol ist die theoretische Richtigkeit jenes Nech- nungsmodus nicht zu bestreiten u. wird anderseits auch von den Vertretern der sog. finanziellen U-szeit deren Einführung im Großen nur ganz allmählich und mit der nöthigen Vorsicht gefordert, damit ihre Vortheile durch Uberfllllung des Marktes nicht wieder verloren gehen sollen. Vgl. den Art. Waldertragsregelung, sowie die Schriften der oben erwähnten Männer und ihrer Gegner Baur, Bose, Braun, Helfferich u. A. Wimm-nauer i,. Umwandlung (Forstw.), die Einführung einer von der seitherigen abweichenden Holz- od. Betriebsart bei der Verjungung eines Holzbestandes. Una, der 160. Asteroid, 20. Februar 1876 von Peters in Clinton entdeckt. Unabhängige Töne (ursprüngliche, natürliche Töne), welche die Tonleiter von 0 ckar bilden, znm Unterschied von anderen Tönen, welche durch die Versetzungszeichen (h s,) gebildet werden. Unabhängigkeit (Philos.), s. Abhängigkeit. tlna oorcka, so v. a. auf einer Saite, bedeutet bei Streichinstrumenten, daß die mit u. o. oder 8u1.. be zeichnete Stelle eines Musikstücks der einheitlichen Klangfarbe wegen nur aus einer Saite gespielt, beim Pianosorte, daß die Verschiebung genommen werden soll, wodurch der Hammer nur zwei oder eine, statt drei oder zwei Sailen anschlägt. Unalaschka (Agun Alaschka), eine der größten der Fnchsinseln, zu Aleska gehörig, etwa 3000 Hstiin groß mit 600 Ew.; hat gute Häsen, viel Pelzwild, Vögel, Fische, wenig Holz, eßbare Beeren u. Wnr- zelwerk in Menge. Hauptort ist Jliuliuk. tlnsm sanetam, Anfangsworte und danach Name einer berühmten, 18. Nov. 1302 vom Papst Boni- sacius VIII. zur Befestigung der päpstlichen Macht über die weltliche gegebenen Bulle. Unangenehm, s. u. Angenehm. Unanim (v. Lat.), einmüthig, einstimmig. Daher: Unanimität, Einstimmigkeit. Unarticnlirt (v. Lat.), Töne, welche nicht mit dem Tonfall u. den Pausen hervorgebracht werden, also unverständlich bleiben. Unbefahren, noch neu im Seedienst. Unbefleckte Empfängnis), s. Mariä Em- pfängniß. Unbekannte Größe (Math.), eine Größe, welche durch mathemat. Betrachtung od. Rechnung aus bekannten abgeleitet, berechnet werden soll und für die mathemat. Behandlung vorläufig durch einen Buchstaben, meist x, z-, 2 u. a. vom Ende des Alphabets, bezeichnet wird. Unbenannte Zahl, Zahl ohne concrete Einheit, bloße Anzahl, im Gegensatz zur benannten Zahl; 15 15 Pferde sind benannte; die bloße Zahl 15 ist eine U. Z. Unbestimmte Größe (Math.), eine Größe, welche nicht einen einzelnen (bekannten oder unbekannten) Werth hat, sondern mehrere od. alle Werthe annehmen kann; wird durch einen beliebigen Buchstaben bezeichnet. Unbestrichener Raum, der vor den aussprin- genden Winkeln eines Festungswerkes liegendeRaum, welcher von diesem aus gar nicht od. nur durch sehr schräg zur Brustwehr abgegebene Schüsse getroffen werden kann. Unbewegliche Feste, s. u. Fest 0 ) bb). Unbewegliche Güter, s. Immobilien. Unbewußte, das, als philosophischer Begriff, s. u. Hartmann 8) u.vgl. noch dessen Schriften: Das U. vom Standpunkte der Physiologie u. der Descendenz- lehre, 2. A. Berl. 1877 (nebst Erwiderung auf O. Schmidts Angriff: Die Naturwissenschaft!. Grundlagen der Philosophie des U., Lpz. 1876) u. Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins, Berl. 1878. Von der Schrift Philosophie des U-n erschien 1878 die 8. A. Eine Neubearbeitung der Erläuterungen zur Metaphysik des U-n ließ Hartmann unter dem Titel: Neukantianismus, Schopenhaueriauismus u. Hegelianismus in ihrerSiellung zu den Philosoph.Aufgaben der Gegenwart, Berl. 1877, erscheinen. Schroot. Unoaria Ac/»-eb., Pflanzengatt. ans der Familie kubinoeLs-idlaneloeas, kletternde Sträncher mit kurz gestielten Blättern u. achselständigen Blüthenköpfen. Arten: 17. 6ambirÄowb., in Ostindien, mit rothen, in Köpfchen stehenden Blüthen, Mutterpflanze des Gambir (s. d.) oder Gutta Gambir, welches als Ca- techu verwendet wird, auch Färbematerial liefert; II. seiäa Lowd., kriechender n. rankender Strauch in Ostindien, mit hakenförmigen Stacheln n. lang- röhrigeu, weißlichen u. wohlriechenden Blumen; die Blätter werden mitKalk gekaut, färben auch roth,die Stengel enthalten ein wässerigesdurstlöschendesMark. vnom (lat.), so v. w. Unze. (Engl-r. Uncinlbuchstaben (Capitalbnchstabcn, v.Lat.), Buchstaben, welche die Länge eines Zolls haben; sie wurden ursprünglich auf Monumenten gebraucht n. die Benennung Ü. blieb nach der Erfindung der kleineren Buchstaben für die größeren, mit Lenen noch 44* I 692 Uncle 8 Lin — die ältesten Handschriften (Uncialhandschristen) geschrieben sind; daher Uncialschrift, Schrift allein mit großen Buchstaben. Uncle 8sm, scherzhafte Benennung der Nordame- rikaner u. ihrer Regierung, entstanden aus der osfi- ciellen Abkürzung II. 8. .-Im. Und atro n (v. Lat.), Wellenschlag, Wogen. vnllecimo, Intervall im Umsange von elf Stufen, z. B. 6 k, wird, wie auch der aus fünf über einander gebauten Terzen entstehende, aber nur sünfstim- mig, mit Auslassung der Terz des Grundtones gebrauchte Undecimcnaccord als Vorhalt verwendet. vitäooimolo, eine zu einem bestimmten Zeitwerlh (Halbe, Viertel) zusammengefaßte rhythmische Figur aus elsTönen,vondeneuder erste accentuirtwird. Undine, s. Asteroiden N. 92. Undinen, nach der mystischen Philosophie des Mittelalters die geistigen Wesen (Elementargeister) des Wassers; Wasserjungfrauen. Sie sind unsterblich, leben im Wasser, haben Macht über das Wasser u. repräsentiren dasselbe; sie knüpfen gern zarte Verhältnisse mit Sterblichen an. De la Motte Fouque schrieb einen Roman U., Lortzing componirte eine Oper U. Vgl. Elementargeister u. Nixen. Undo Sec, See im östl. Theil des russ. Gouv. Olonetz, hat unterirdische Abflüsse, durch die er in manchen Jahren sein Wasser gänzlich verliert. Undulatianstheorie des Lichtes, s. Licht, S. 221. Unduliren (v. Lat.), sich wellenförmig bewegen, wogen, schwanken. Und ulation, wellenförmige Bewegung, s. Wellenbewegung. Undulationstheo- rie, s. u. Wellenbewegung u. Licht. Undulatorisch, wellenförmig, schwankend, schaukelnd. Unehelich, das was nicht ehelich oder der Ehe angemessen ist; daher so v. w. außerehelich. Uneheliche Kinder (natürliche, ledige Kinder, Lpnrii), sind alle außer der Ehe erzeugten und vor Eingehung derselben geborenen Kinder. Das Römische Recht kannte neben der Ehe noch ein zweites Institut, in Bezug aus welches manche besondere, Len ehercchrlichen sich annähernde Bestimmungen bestanden. Es war dies das Concubinat, s. d. Abgesehen von den im Concubinat geborenen Kindern aber stand den U-n K-n nach Römischem Rechte keinerlei Anspruch ans Ausmitlelung eines Vaters, geschweige ein Alimenrationsanspruch gegen solchen zu. Es galt vielmehr der Rechtssatz: Das uneheliche Kind hat keinen Vater. Das Kanonische Recht gab zwar der außerehelich Geschwängerten Rechtsansprüche gegen den Schwangerer, beließ es aber in Bezug ans das außereheliche Kind bei dem Römischem Rechte. Derselbe strenge Grundsatz gilt heutzutage noch im Französischen Rechte, wo der Locke ibiapokson vorschreibt: Die Erforschung der Vaterschaft ist verboten. Diesem Beispiele sind alle diejenigen Länder gefolgt, welche den LocksiKap. als Civilgesetzbuch bei sich einführten, so Baden, Belgien, einige Schweizer Kantone rc. Früher galt übrigens in allen diesen Ländern, wie beinahe in ganz Europa, ein anderes, für die U-nK. günstigeres Recht n. cs fehlt in neuerer Zeit nicht an Stimmen, welche auch in Liesen Ländern der Rückkehr zu diesem früheren Rechte das Wort reden. Es hatte sich nämlich entgegen dein Römischen u. Kanonischen Rechte schon seit dem Mittelalter eine Klage ausgebildet, durch Unfruchtbarkeit. welche der uneheliche Vater eines Kindes erforscht u. zur Leistung von Alimenten für das Kind u. nebenbei zur Entschädigung für die Mutter angehalten wurde. Dieses mittelalterliche Recht hat sich in Deutschland bis auf die Gegenwart erhalten. Zu einer einheitlichen u. vollständigen Durchbildung ist dieses Recht jedoch nicht gelangt und ebenso gingen auch die verschiedenen Particulargesetzgebungen (Preußen,Sachsen) von verschiedenen Gesichtspunkten aus. Als allgemeines Gewohnheitsrecht in Deutschland kann nur angesehen werden, daß das uneheliche Kind im Verhältnisse zur Mutter durchaus die gleichen Rechte wie ein eheliches Kind genießt, daß ihm aber gegen den Erzeuger ein besonderer Alimentationsanspruch von einer gewissen mäßigen nach den Umständen billig auszumessenden Größe zusteht. Ähnlich wie für die Feststellung der ehelichen Geburt nach Römischen Rechte wurde für die außereheliche Geburt gewohnheitsrechtlich angenommen: alsaußerehelicher Vater habe Derjenige zu gelten, welcher innerhalb des 182. u. 300. Tages vor der Geburt des Kindes mit dessen Mutter den Beischlaf vollzogen hat. (Par- ticularrechtlich sind auch diese Zeiträume geändert.) Alle weiteren aus dies Obligationsverhältniß bezüglichen Sätze sind streitig u. wird sowol gewohnheitsrechtlich ein verschiedenes Recht gehandhabt als die Particulargesetzgebungen verschiedene Sätze aufstellen. Der Grund hiervon liegt darin, weil man über das zu Grund zu legende Princip nicht einig ist. Einerseits nämlich behandelt man das Verhältniß als aus einem Delict, d. h. dem als solches erscheinenden Beischlaf entstanden, anderseits leitet man den Anspruch aus dem Verhältniß der Verwandtschaft ab. Insbesondere wird hiernach die Frage verschieden beantwortet, ob die Einrede des innerhalb der kritischen Zeit von mehreren Männern mit der Mutter vollzogenen Beischlafes den Anspruch ausschließe. Ebenso ist es mit der Frage nach einem dem außerehelichen Vater etwa zuznerkennenden Erziehungsrechte rc. Vgl. Alimentation u. Legitimation. Eck und Rivier in v. Holtzendorfss Rechrslexikon Bd. 1 (1875), S. 49, Bd. 2 (1876), S. 294. Bezold. Unehrlich, 1) zu Betrug u. Veruntreuung geneigt; 2) den eingeführten Begriffen von bürgerlicher Ehre nicht gemäß, ein geringer Grad von ehrlos (s. d.). Unendlich (Math.), ohne angebbare Grenze. Eine Größe heißt unendlich groß, wenn sie größer, unendlich klein, wenn sie kleiner als jede angebbare Größe ist; das Zeichen für erstere ist -» , für letztere Eigentliche Rechnung mit ihm ist unmöglich. In der Infinitesimalrechnung (inünitLs, unendlich) gelingt die Behandlung unendlich kleiner Größen dadurch, daß man nur Quotienten von ihnen, welche endlicheWerthehaben, rechnend vcrwendet.Buchrucker. Unfallversicherung, s. Versicherungswesen. Unfehlbarkeit, so v. w. Jnfallibilität. Unfruchtbarkeit (Sterilität), die Unfähigkeit des Weibes, Kinder zu erzeugen. Dieselbe kann darin bestehen, daß es entweder gar nicht zur Befruchtung ».Entwickelung eines Eies kommt, oder daß das befruchtete Ei nur gewisse Entwickelungsstadien erreicht u. dann als unreife Frucht aus der Gebärmutter ausgestoßen wird (Tbortim). Die Ursachen des erster-» Fehlers sind äußerst zahlreich. 693 Unfundirte Schuld — Seit Marion Sims hielt man vorzugsweise mecha- nischeVerhältnisse, welche dasVordringen des männlichen Samens zu Len zur Zeit der Menstruation von den Eierstöcken abgelösten Eiern erschweren od. unmöglich machen, für Hindernisse der Empfänglich u. zählte hierher Mißbildungen u. Verwachsungen der Scheide, abnorme Form u. Richtung derMutter- mundslippen, Verengungen und Verbiegungen des Halskanals der Gebärmutter, Verschluß der Muttertrompeten rc. u. hielt demnach die chirurgische Behandlung für das Wesentlichste zur Hebung der U. Neuere Erfahrungen haben bewiesen, daß die Sa- menflüsfigkeit nur eines äußerst geringfügigen Spaltes bedarf, um zu den Eierstöcken zu gelangen und wenngleich nicht geleugnet werden kann, daß in einzelnen Fällen nach chirurgischer Erweiterung des verengten Halskanals der Gebärmutter w. Empfänglich stattfand, so muß man doch annehmen, daß die mechanischen Hindernisse der Befruchtung weit seltener wirksam sind wie Marion Sims annahm. Wichtiger wie die ungehinderte Passage des Weges zu den Eierstöcken ist unzweifelhaft ein normal u. kräftig entwickeltes reifes Ei und der Boden, in welchen es zu seiner Weitereiitwickelung eingepflanzt wird, namentlich also die innere Gebärmntterfläche. Ein gesundes, kräftiges Ei ist aber nur bei sonst gesunden Frauen vorauszusetzen; deshalb spielen Badekuren u. sonstige Kuren, welche die Gesundheit im Allgemeinen ansbessern, eine wichtige Rolle; wie ferner das gesundeste Weizenkorn in felsiges Gestein eingelegt nicht wächst und gedeiht, so auch nicht selbst Las gesundeste Ei, wenn es in eine kranke Gebärmutter eingelagert wird. Da unsere Kenntnisse der Beschaffenheit der menschlichen Eier noch sehr dürftig sind, anderseits selbst bei der sorgfältigsten Untersuchung der betreffende Fehler der Gebärmutter u. übrigen etwa kranken Geschlechtsthcile oftmals nicht entdeckt werden kann, so ist es klar, mit welchen Schwierigkeiten die Behandlung der U. zu kämpsen Hai u. daß es nur in wenigen Fällen gelingt, durch dieselbe ein glückliches Resultat herbeiznführen. Jedenfalls ist bei Vornahme einer Behandlung ans die obigen 3 Punkte: mechanische Hindernisse, Beschaffenheit des Eies und der Gebärorgane, namentlich der Gebärmutter die Aufmerksamkeit zu richten. Durchsichtiger sind häufig die Ursachen des Abortus; die Erfahrung lehrt, das; Syphilitische fast immer im 7. oder 8. Monate abortiren; daher läßt die Geburt einer todtfaulen Frucht fast immer auf Syphilis der Eltern schließen. An der todtfaulen Frucht selbst finden sich endlich stets unzweifelhafte Kennzeichen der Syphilis. Kunze. Unfundirte Schuld, so v. w. Schwebende Schuld, s. u. Staatsschulden. Ung (Ungh), 1) Comitat in Ungarn, grenzt an Galizien u. die Comitate Beregh,Szabolcs u. Zemp- lin; 3V55„1 flstcm (55,g (ZM) mit (1869) 130,039 Ew. (auf 1 KZKm 42,g, in ganz Ungarn-Siebenbürgen 48,«). Das Comitatist zuzwei Drittheilen gebirgig durch Zweige der Karpathen, wird bewässert vom Ungh,derLatorcza,Laborczau. Lynta. Eisenbahnen: zusammen 37 km. Products: Mais, Korn, Hafer, Kartoffeln, Hanf, Obst, Wein, Vieh. Mx(w als 33"/o der Oberfläche sind mit Wald bedeckt. Die Bewohner sind Ungarn». Slawen. 2)Ungvär,Stadt u.Hauptort darin, am Ungh, mit Brücke über denselben; Station - Ungarische Literatur. der Ungar. Nordostbahn; Sitz der Comitatsbehörden und des Comitatsgerichts, des griechisch-unirten Bischofs von Munkacs mit Domcapitel u. Consistorium, 3 Kirchen (darunter die prächtige Hauptkirche), altes Schloß (Sitz der Domherren von Munkacs), bischöfl. Seminar u. Lyceum, Obergymnasium, Schullehrer- präparandie, Armenhaus, Waisenanstalt, Mineralbad, Fabriken, Weinbau, 8 stark besuchte Jahrmärkte; 1869: 11,017 Ew. Hier 1086 Sieg des ungarischen Königs Ladislaw I. über den abgesetzten König Sa- lomon. " H- Berns. Ungarisch-Altenbnrg, so v. w. Altenbnrg 2 ), S. 491, 2. Sp. Ungarisch-Brod (Brod-Uhersky), Stadt und Hauptort in dem gleichnam. mähr. Bez. (Österreich), rechts an der Olsava, mit Mauern u. Graben umgeben; Schloß des Fürsten Kaunitz, 2 Kirchen, schöne Synagoge,Dominicanerconvent; Zuckerfabrik, wichtiger Weinbau; 1869: 3959 Ew. (dar. viele Juden). Ungarisches Erzgebirge, s. u. Erzgebirge 3), S. 517, 2. Sp. Ungarisch - Galizische Eisenbahn , (1877) Länge 267 km; Anzahl der Locomotiven 29; der Personenwagen 92; der Güterwagen 69 8: Einnahme Fl. 657,926 ;Zeitder Inbetriebsetzung 8. April1872; Aulagecapital bei der Gründung Fl. 33,598,400, heutiges Aulagecapital Fl. 35,944,750. Privat- Verwaltung; Directionssitz Wien. Die Verwaltung hat auch den Betrieb der 146 km langen Staatsbahn Tarnow-Leluchow u. der 112 km langen Dniester- bahn übernommen. Ungarisch-Hradisch (HradiZte uherske), Stadt u. Hauptort in dem gleichnam. mähr. Bez. (Österreich), links an der March; Station der Kaiser Fer- dinands-Nordbahn; Sitz eines Kreisgerichts, einer Finanzbezirksdirection n. eines Hauptsteueramtes, 4 Kirchen (darunter die Pfarrkirche zum hl. Franz Lavier), Convent der Franciscaner-Reformalen, Real- Obergymnasium , bemerkenswerthes Rathhaus, Wein- u. Getreidebau, ansehnliche Märkte, namentlich in Flachs, Garn u. Wolle; 1869: 3100 Ew. kl. soll 1258 von Ottokar II. zum Schutze gegen die Ungarn gegründet sein und war bis 1780 Festung; sie wurde 1469—1473 durch den König Matthias Cor- vinus von Ungarn vergeblich belagert. H- Berns. Ungarische Literatur. Von einer solchen im eigentlichen Sinne des Wortes kann erst seit dem 16. Jahrh. die Rede sein; denn die wenigen in Ungar. Sprache geschriebenen Werke, welche vom 13.—16. Jahrh. heranskamen, gestatten uns keinen Schluß auf damalige literarische Zustände. Erst die Reformation schuf auch auf diesem Gebiete ein wirkliches Leben. Die Gelehrsamkeit trat aus den Klöstern hervor, um Gemeingut der Nation zu werden; dem Volke wurde das Evangelium in seiner Muttersprache gepredigt und die todte lateinische Sprache mußte derselben mehr u. mehr weichen; allenthalben wurden Schulen gegründet, wodurch die Kenutniß des Lesens und Schreibens immer allgemeiner wurde. Alles dies übte einen so entschiedenen Einfluß auf die Entwickelung der U. L., daß dieselbe bis znm Ende des 16. Jahrh. eine große Ausdehnung erhielt. Zwar steht der Werth der in dieser Periode erschienenen Werke keineswegs im Einklang mit ihrer bedeutenden Zahl, da die Dichter, wenige abgerechnet (wie Adalbert György, Valentin Balassa 694 Ungarische u. A.), meist ohne allen Kunstsinn, entweder wirkliche Begebenheiten mit ängstlicher Wahrheitsliebe in schlechten Reimender Mitwelt erzählten, od. in didaktischen Gedichten ihre Gelehrsamkeit leuchten ließen u. die vielen Prosaiker neben der Menge von Bibelübersetzungen, Volks- u. Streitschriften kaum ein Werk von wirklich wissenschaftlichem Werthe verfaßten. Dennoch ist der Einfluß, welchen diese erste Blüthe der U. L. ans die späteren Jahrhunderte ausübte, nicht zu verkennen. Reicher an gediegenen Werken ist das 17. Jahrh., besonders in der Poesie u. geistlichen Bercdtsamkeit. Unter den Dichtern sind besonders drei hervorzuheben, nämlich Graf Nikolaus Zrinyi, Stefan Gyön- gyösi u. Adalbert Molnär, von denen der Erste durch wahrhaft poetische Erfassung u. kunstvolle Composi- tion, die beiden Anderen durch schöne Sprache und gewandte Technik ihre Zeitgenossen weit übertrafen. Als Prosaikcrzeichnete sich vorzüglich Peter Päzmüny, Cardinal und Primas von Ungarn, aus, der wegen der Kraft seiner Bercdtsamkeit der ungarische Cicero genannt wurde. Neben ihm sind noch zu bemerken: Georg Küldy und der Philosoph Johann Apüczai Csere. Nachdem die U. L. beinahe zwei Jahrhunderte hindurch ein ziemlich reges Leben entfaltet hatte, gerietst sie infolge der langwierigen Neligions - und Freiheitskämpse nach dem Frieden zu Szatmür (1711) in gänzlichen Verfall, das Nationale verschwand allmählich vor den fremden Elementen. Deutsche u. sranzös. Bildung griff unter den Magnaten um sich, in den Städten gewann das Deutsche immer mehr an Einfluß, während unter dem mittleren Adel wie im öffentlichen Leben u. der Schule das Lateinische an Stelle des Ungarischen trat. Von den Wenigen, welche damals noch in der Muttersprache schrieben, sind nur die Dichter Franz Faludi n. Ladislaus Amade u. der Historiker Michael Cse- renyi bemerkenswerth, deren Werke aber auch größ- tentheils erst nach dem Wiedererwachen der U. L. im Druck erschienen. Mit dem Jahre 1772 beginnt eine neue Periode in der U. L., als Georg Bessenyei schriftstellerisch austrat, ein Glied der von Maria Theresia aufgestellten ungarischen Leibgarde, u. mit ihm mehrere seiner Freunde, wodurch die gänzlich in Verfall gerathene U. L. zu neuem Leben und zu neuer Kraft erstand. Schon in den letzten Jahren der Regierung Maria Theresias begann die ungarische Nation aus dem langen Schlase zu erwachen; noch mehr geschah aber, als König Joseph II. nicht nur die Verfassung des Reiches willkürlich nmgestaltcn, sondern auch die deutsche Sprache als Amts- u. Unterrichtssprache in ganz Ungarn einsühren wollte. Unter der Opposition dagegen wurde mit den übrigen Neuerungen die deutsche Sprache beseitigt und die lateinische wie- der eingeführt (auf dem Reichstage 1790/91), aber nur provisorisch, bis sie durch die ungarische ersetzt werden könne. Unter der Regierung des Königs Franz I. verbreitete sich die ungarische Sprache in immer weiteren Kreisen, 1832 wurde es Gesetz, daß sie in der Neichsverwaltung vor der lateinischen gebraucht werden sollte, u. bes. wurde sie durch das Wirken des Palatins Erzherzog Joseph sowol in den Schulen als auch im öffentlichen Leben in ihre früheren Rechte eingesetzt. Was nun die Literatur selbst betrifft, so begann zu- : Literatur. erst in derPoesie gegen Ende des 18. Jahrh. ein regeres Leben sich zu entwickeln, u. zwar besonders in drei Richtungen: der französischen, der elastischen u. dernational-ungarischen. Dies r anzösischeSchule, die sich in der obengenannten Leibgarde in Wien an der damals modernen französischen Literatur heranbildete, gab sich hauptsächlich im Drama und in der didaktischen Poesie kund, u. wählte als Form die dort üblichen Alexandriner. Häupter dieser Schule sind Georg Bessenyei, Lorenz Orczy, Abraham Barcsay und Paul Änyos; dieser der Bedeutendste starb aber frühe. Bessenyei hatte mehr Anlagen zur Philosophie, wovon mehrere seiner Schriften Zeugniß ab- legen. Josef Peczeli u. AlexanderBüröczy besonders übersetzten franz. Werke. Die klassische Schule suchte die Ungar. Sprache bes. dem klassischen Versmaße anzupassen. Bis zum Auftreten dieser Schule folgten die Dichter fast nur ihrem rhythmischen Ge- sühle. Die Gründer der klassischen Schule waren David Barvti Szabö, Nikolaus Revai und Josef Räjnis, die sich zugleich als Dichter und Begründer der ungar. Metrik verdient gemacht haben. Größer als Dichter in dieser Richtung war Benedict Viräg, Schöpfer der heroischen Ode, und später Daniel Berzsenyi, dessen Oden mit denen des Horatius wetteifern können. Die Verfechter der klassischen Richtung suchten auch durch Übersetzungen, besonders der vorzüglichsten lateinischen Classiker, ihr Priucip zur Geltung zu bringen. Die national-ungarische Richtung, vorzüglich Andreas Dugonics, Graf Josef Gvadänyi und Adam Horvrith, suchte durch die volksthümliche Behandlung patriotischer und nationaler Stoffe das noch schwache ungarische Nationalgefllhl zu stärken, theils in Prosa, theils in alten rhythmischen Versmaßen. Nach u. nach strebte dann eine vierte Richtung, die Resultate der drei Schulen zu verschmelzen und die Einseitigkeit von der Poesie abzustreifen, so vor Allen Michael Csako- nai Vitcz u. Gabriel Dayka. Alexander Kisfaludy, ein ebenfalls vorzüglicher Dichter zu Anfänge des 19. Jahrh., gehörte eigentlich zu gar keiner der genannten Richtungen. Infolge dieser Bestrebungen wurden, die Form der Gedichte betreffend, neben den klassischen Formen auch die modernen Reimstrophen vielfach gebraucht, jedoch mit metrischen Zeilen; aus Inhalt u. Stil wirkte aber die deutsche Literatur immer mehr u. mehr. Indessen war die ungarische Sprache noch nicht reich genug, um das wahrhaft Schöne vollkommen ausdrllcken zu können, und es ist das Verdienst des Franz Kazinczy, eines der thätigsten Kämpfer für Kunst und Literatur, die ungarische Sprache mit neuen Wortbildungen und aus fremden Sprachen entlehnten Redeweisen bereichert zu haben, freilich unter ernsten Kämpfen mit den Conservativen. Ihm schlossen sich bes. Franz Kölcsey, Karl Kisfaludy, Michael Vörösmarty an, und so erfreute sich die U. L. einer immer größeren Ausdehnung u.cifrigererBebauungder verschiedenen Felder der Poesie. Dazu schufen geistreiche Kritiker Einsicht u. Discipli» in die Literatur u. dis nach dem Tode Karl Kisfaludys gegründete Kisfaludy-Gesell- schaft suchte durch Preisausschreiben den literarischen Eifer zu wecken n. zu belohnen. Dennoch konnte bei alledem, selbst durch Vörösmarty, dem phantasie- reichsten u.vielseitigstcnungarischenDichter,diePoesie kein echt nationales Gepräge erhalten, bis durch Ungarische den genialen Alexander Petöfi (s. d.) u. weiter durch Johann Arany der Grund zu einer wahrhaft ungar. Nationalpoesie gelegt wurde; letzterer gab dem auf dem Accent beruhenden Versmaß auch eine theoretische Begründung. Nebenbei geschah auch Manches für Hebung der Gelehrsamkeit. 1830 begann die Ungarische Akademie der Wissenschaften nach langem Bemühen ihr Wirken, das vor Allem für die Sprache und Geschichte bereits von Segen gewesen ist. Nach Niederwerfung der letzten ungarischen Revolution 1849 war wol eine kurze Zeit ziemlicher Stillstand in der U. L., bald aber raffte die Nation auch auf diesem Felde ihre Kräfte wieder zusammen, u. zwar um so mehr, als die österreichische Regierung durch die Einführung der deutschen Sprache in Schule u. Verwaltung auch die nationale Bildung u. Literatur zu schwächen sich bemühte. Es erschienen, bes. im Fache der vaterländischen Geschichte, der ungarischen Sprachkunde und der Reiseliteratur, mehrere vorzügliche Werke. Weniger merkliche Fortschritte machte die Poesie, obschon die Zahl der Dichter im weitesten Sinne kaum je eine größere sein mochte. Hervorzuheben ist Emerich Madäch (Madäcs, s. d.), der durch sein Werk Lr smbsr traAsäistja. (Die Tragödie des Menschen) in allen literarischen Kreisen Aufsehen errregte (1862). Die Richtung der ganzen Poesiewar einevolksthümliche, die einzelne gediegene Werke ausweisen kann, bei mehreren Dichtern aber in Derbheit u. leeren Formalismus ausartete. Gegenwärtig hat sich die Volkspoesie schon überlebt, es ist aber an ihre Stelle noch keine klar ausgesprochene Richtung getreten. Dessenungeachtet erscheinen auch gegenwärtig nicht wenig poetische Werke, wie überhaupt die Zahl der jährlich in ungarischer Sprache geschriebenen Werke in den letzten Jahren 400—500 betrug. Zeitungen u. Zeitschriften erscheinen gegen 70, von denen mehr als die Hälfte allein aus Pest fällt. Was durch Übersetzungen ungarischer Werke zur Kunde des Auslandes, bes. Deutschlands, gelangte, macht nach der letzten Revolution mehr aus, als was vorherJahrhunderte hindurch geschah, da in dieser Richtung namentlich einige ungarische Emigranten sehr thätig waren n. die Aufmerksamkeit des Auslandes überdies in der neuesten Zeit durch die Bewegungen in Ungarn vielfach auf dieses früher so unbekannte Land gelenkt wurde. Bes. sind es die Romane u. Novellen Jö- sikas, Jvkais u. Eötvös', dann die poetischen Arbeiten Petöfis u. Aranys, u. endlich die Werke einiger ungarischer Reisenden, welche in das Deutsche und theils auch in das Franz, u. Engl, übersetzt wurden. Was die einzelnen Dichtungsarten betrifft, so ist es bes. die lyrische od. (im weiteren Sinne genommen) subjektive Poesie, in welcher die U. L. namentlich in neuerer Zeit Vieles, zum Theil Vorzügliches aufweisen kann. Schon zu den Zeiten der ArpädenwarderGesanginEhren; mansangKriegs- u. religiöse Gesänge, u. auch an Gesängen launigen Inhaltes belustigte sich das Volk. Die Sänger hießen AsAsäiwöic, I,nnto8olc (wörtlich: Geiger, Lautenspieler); sie sangen nicht allein an den Tafeln der Fürsten n. bei den Festen des Volkes, sondern folgten auch dem Heere ins Feld. Die ältesten noch vorhandenen ungarischen Gedichte sind aus dem 15. Jahrh., z. B. der Hymnus an König Ladislaus den Literatur. 695 Heiligen u. das Lied an die Jungfrau Maria. Der erste bedeutendere lyrische Dichter war Baron Ba- lentin Balassa (1551—1595), von welchem jedoch leider nur wenig Gedichte der Nachwelt erhalten sind, da er die meisten, wie er es in einem seiner Gedichte sagt, selbst verbrannte. Im 17. Jahrh. wurde die eigentliche lyrische Poesie durch die didaktische ersetzt, welche der von vielen Drangsalen heinigesuchten Nation in einem schwermüthigen elegischen Tone von der Verachtung alles Irdischen, der Vergänglichkeit u. der Unbeständigkeit des Glückes sang. Hierher gehören die Dichter Johann Rimay (1595—1631), Peter Beniczky, Gras Stefan Kohäry (1648—1730) u. Valentin Balassa II. (1631 —1684). Von den übrigen lyrischen Dichtern dieser Zeit sind nur noch Graf Nikolaus Zrinyi, dessen wenige Elegien und Idyllen zu den besten poetischen Erzeugnissen dieser Periode gehören, und Adalbert Szenczy Molnar, der Übersetzer der Psalmen, zu erwähnen. Franz Falndi und Ladislaus Amade, beide aus dem 18. Jahrh., waren auch bes. Lyriker. Falndi schr. viele Lieder, sowol im ernsten, als auch im scherzhaften u. satyrischen Tone, Amades Gedichte sind ausschließlich naive, einfache Liebeslieder, die bei seinen Lebzeiten nur handschriftlich unter seinen Freunden u. Bekannten umliefen u. erst1836 gesammelt in Druck erschienen. Zu den berühmteren Lyrikern aus der Zeit des Wiederauflebens der U. L. gehören von den schon oben erwähnten: Benedict BirLg (1752 bis 1830) u. Daniel Berzsenyi (1780—1836), beide von echt elastischem Geiste; ferner Anyos (1756 bis 1782) u. Gabriel Dayka (1768—1796), deren Gedichte ein tiefes Gefühl, aber ein mit der Welt zerfallenes Gemüth beurkunden, der geniale Michael Csokonay Vitez (1773—1805), Alexander Kisfaludy (1772 —1844, s.d.), dann noch Franz Kazinczy, Johann Kiß, Franz Kölcsey, Franz Vcrseghy, Gabriel Döbröntey, Paul Szemere, Andreas Fäy und bes. Karl Kisfaludy. Seit 1830 stand Michael Vö- rösmarty (1800—1855) auch als Lyriker über allen seinen Zeitgenossen, ihm zur Seite Gregor Czuczor, dann in zweiter Reihe Josef Bajza, Johann Garay, Alexander Vahot und Johann Erdelyi. Alle aber überflügelte Alexander Petöfi (1823—49), Ungarns größter Lyriker. Theils mit, theils nach diesem Meteor tauchten auf: Michael Tompa u. Johann Arany (Letzterer größer als Epiker). Unter den jüngeren ist der talentvollste Johann Vajda; beliebte Lyriker der neuesten Zeit sind noch Karl Szäsz, Koloman u. Andreas Töth, Stefan Zajzoni, Paul JLmbor, Koloman Lisznyay, Josef Levay, Johann Szaba- dos, Josef Vida, Gy. Dalmady. Eine für Ungarn neue Dichtungsart, die Dialektcndichtnng, brachte Koloman Lisznyay durch seine käloer äa- loic (Lieder der Paloczen 1850) in Aufnahme, ihm folgten Lad. Szelestey mit Liedern im Dialekte der Kemenescher Gegend u. Koloman Thaly mit seinem Lrälcol^ Kurt (Szekler Horn). Unter den Dichterinnen, welche sich über den Dilettantismus erheben, sind zu erwähnen: Judith Duka-Takäcs, Flora Majthenyi, Therese Ferenczy, Iduna, Athala u. A. Die epische Poesie hat nicht nur viele, sondern auch einige bedeutende Werke aufzuweisen. Das eigentliche Epos trat erst im 17. Jahrh. auf in der von poetischem Geiste durchdrungenen Zrinyiade des Grafen Nikolaus Zrinyi (1616—1664); Baron La- 696 Ungarische dislaus Liszti (1630) erzählt inülakiäesivesesckslsms (DieNiederlage beiMohäcs) ohne alle poetischeAuf- fassung den Verlauf der Schlacht bei MohLcs (1526) der geschichtlichen Reihenfolge nach in gekünstelten Versen; der im 18. Jahrh. noch viel gelesene Ste- fan Gyöngyösi(1620—1704), ist hervorragend durch schöne, fließende Verse. GegendasEndedes 18. Jahrh. traten als Ependichter, bes. der national-ungarischen Richtung, auf: Adam Palöczi Horvath, Johann Könyi, Josef Gvadänyi, Martin Etedy u. A. Seit Anfang dieses Jahrh. entstanden Gabriel Döbrön- teys LenxörmWoi äiacial (Der Sieg bei Kenyer- mezö) n. Mnckorkokiervär (Belgrad), Andreas Horvaths L.rpää, Martin Debreczenis Liovi osata (Schlacht bei Kiew), Gregor Czuzors ^.nZsburM ütkcönst (Treffen bei Augsburg), A.raäi Mukös (Reichstag von Arad), Michael Vörösmartys 2s.- kän Intäsa (Die Flucht Zalans), Osöikis1om,Bp;sr, L. äolsLiAet (Die Südinsel), InnäervölM (Das Zauberthal) u. a., Johann Garays Lsatär und Lront Bäsestö. Von diesen Epen zeichnen'fich die Vörösmartys bes. durch schwungrciche Sprache und Phantasie, die Czuczors durch Kraft u. Gedrungenheit, u. Horvaths Lrxää durch plastische Darstellung der Sitten u. Gebräuche der alten Ungarn aus. In der neuesten Zeit ist das ungarische Epos fast ausschließlich durch Johann Arany (s. d.) vertreten. Komische Epen sind von Csakonay (vorottz-s.), Pe- töfil^krelxssA lcakapäo8a.,Der Dorshammer, 1844) u. Arany (^. nas'vickai orinänvokc, Die Zigeuner von Nagyida), s. Petöfi. Eine sehr verbreitete Dichtungsart war in der älteren U. L. die historische Erzählung, in welcher bes. im 16. Jahrh. der letzte ungarische Troubadour Sebastian Tinödy sehr fruchtbar war. Mit ihm u. nach ihm schrieben solche eigentliche Reimchroniken noch: Peter Jlosvai, Paul Jstvänfi, Andreas Valkai, Kaspar Vasfai u. A. Diese Art Poesie erstarb gegen Anfang des 17. Jahrh. ganz, bis sie im Ansange dieses Jahrh. durch die eigentliche poetische Erzählung oder Novelle ersetzt wurde. Die bedeutendsten Werke in dieser Gattung sind von Alexander Kissaludy, Alexander Vahot, Michael Tompa, Alexander Petöfi, Johann Arany, Karl Szäsz. Märchenu. Sa gen, schon vom 16. Jahrh. an geschrieben, von Adalbert György, Stefan Pöli u. A.; in neuerer Zeit von Peter Bajda, A. Petöfi u. Tompa u. von der talentvollen Dichterin Stefanie Vöhl. Volksmärchen sammelten Franz Kazinczy, Johann Erdelyi, Ladislaus Mcrönyi (5 Bde.) und Lad. Arany. Legenden schrieben Karl Kissaludy, M. Vörösmarty, I. Arany u. A. Als Fabeldichter sind bekannt im 16. Jahrh. Gabriel Pesti u. Kaspar Heltai; in neuerer Zeit Michael Vitkovics, Alois Szentmiklosy u. bes.AndreasFäy. Die Romanze führte Franz Kölcsey ein u. nach ihm findet man noch bessere Rvmanzen bei Karl Kissaludy, Vörösmarty, Bajza, Alexander Vahot, Petöfi u.A. Die Ballade erhielt nach langem Schwanken zwischen lyrischer u. epischer Erzählung von I. Arany einen entschieden dramatischen, u. zwar vorwiegend tragischen Charakter n. eine starke nationale Färbung. Vor Arany schrieben Balladen K. Kissaludy, I. Bajza, Franz Kölcsey, Vörösmarty u. A. Von der Menge in neuester Zeit erschienener Balladen zählen diejenigen Lud. Tolnais zu den besten, dann c Literatur. ! auch die von I. Kriza herausgegebenen trefflichen szekler Volksballadeu. Dramatische Gedichte kommen seit Ende des 16. Jahrh. vor; merkwürdig sind bes. ein Nationalschauspiel Lalaosi Neuz>klärt (von P. Karädi entdeckt) u. Bornemiszas Klytämnestra. Meist in Festungen (wo ihr Gegenstand Kriegsthaten waren) und in l Städten gegeben, waren sie komisch-tragische Spiele, ' zu denen der Stoff aus der Moral u. Mythologie genommen war. Im 18. Jahrh. verschwanden die dramatischen Vorstellungen von öffentlichen Plätzen u. es wurden nur noch bei feierlichen Gelegenheiten in den Erziehungsinstituten von Jesuiten in lateinischer Sprache geschriebene Stücke gegeben, deren ! Gegenstände aus der alten Geschichte gewählt waren. > Mehr ausgebildet wurde das ungarische Theater zu Ende des 18. Jahrh.; 1790 entstand die erste ungarische u. 1792 die erste siebenbürgische wohlorgani- sirte Schauspielergesellschaft; der Dramen zählte man in einem Zeiträume von 5 Jahren an 250, theils selbständige (von Dngonics, Besscnyci u. A.), aber ohne Werth, theils Übersetzungen aus Shakspeare, Kotzebue, Goethe rc. Von den berühmteren Dichtern schrieben noch Schauspiele Alexander Kissaludy und Mich. Csokonai. Die Ära der dramatischen Literatur in Ungarn begann erst mit Karl Kissaludy, dessen Schauspiele von hohem Talente zeugen u. noch gegenwärtig gern gesehen werden. Das beste unga- , rische Trauerspiel schrieb in den zwanziger Jahren Joses Katona, dessen Länkc bän (deutsch von A. Dux) noch gegenwärtig unter allen ungarischen Trauerspielen am höchsten geschätzt wird. Theils Trauer-, , theils Schauspiele schrieben noch Andreas Fäy (^ ! Kot Bätkiorz ), Mich. Vörösmarty (ä. bujckosölc. > Die Flüchtlinge, Lskomon Iciräkz-, König Salomon), s Lorenz Tvth (Vatkia), Johann Garay (^.rkwes), Lad. Teleky (LsMenoic, Der Günstling), Sigmund Czäkü (L.akmär ös tsnAorssri, Kaufherr und Seemann, Boona, VäM-siickokst, Das Testament), Karl Obernyik (s. d.), Karl Hugo (BM- maMar Iciräkz-, Ein Ungar. König, Brutus ss Imorstia, Büro es bankcär, Baron und Banquier), Lud. Dobsa (IV Basels, Lcmov ^Znes, Legat Istvän), Moriz J5- kai (s. d.) u. A. Die bekannteren Lustspieldichter außer K. Kissaludy sind: Josef Gaal, Emerich Vahot, Ignaz Nagy, Alois Degre, Koloman Töth, Hegedüs, Alex. Balacs, Szigeti u. bes. Eduard Szi- gligeti, welcher überhaupt in allen Gattungen des Dramas der fruchtbarste ungarischeDichter war.Als ein bedeutendes dramatisches Werk ist »och bes. hervorzuheben das schon oben erwähnte, von der Kis- faludy-Gesellschaft 1862 herausgegebene u. seitdem wiederholt gedruckte dramatische Gedicht Emerich Madächs Le omk>srtra§öäigja (deutsch vonAlexan- der Dietze, 1865). Eine Sammlung von theils selbständigen , theils übersetzten Theaterstücken gab in den VicrzigerJahren Jgnäcz Nagy heraus, desglei- chen später Stefan Toldy unter dem Titel: chlemeeti seinkiäe (Nationaltheater). Die Herausgabe von Shakspcares sämmtlichen Werken in Übersetzung besorgte in neuester Zeit die Kisfaludy-Gesellschaft. Romane im weiteren Sinne des Wortes kom men wol schon im 16. Jahrh. vor, eigentlich wurde aber der Roman in die U. L. erst durch den Piaristen Andreas Dngonics, dessen Werke den ritterlich sentimentalen Charakter tragen u. seinen Zeitgenossen Ungarische Literatur. 697 Johann Könyi Angeführt. Die schwachen Anfänge dieser Beiden wurden später durch die Romane Nikolaus Jüsikas (s. d.) bedeutend überflügelt. An diesen reihen sich in diesem Gebiete: Baron Josef Eötvös (st. 1871, s. d.); Baron Sigmund Kemeny, Meister in der Schilderung historischer Zustände, u. der an Fruchtbarkeit, Phantasie u. Humor unübertroffene Moriz Jökai (s.d.). Romandichter zweiten Ranges sind: Andreas Fäy, Alois Degre, Baron Friedrich Podmaniczky, Vas Gereben, Adalbert Pälfy, Karl P. Szathmäry; auch Petöfi schr. einen Roman; endlich noch Ludwig Abonyi, Karl Vadnay, Daniel Dözsa, Anton Nüzfaägi, Franz Viräghalmi u. A. Nicht Unbedeutendes haben die Ungarn in der Novelle geleistet. Schon die ersten Versuche von Karl Kissalndy, Kölcsey, Bajza u. A. bewegen sich meist aus dem nationalen Felde, od. in vorzugsweise nationalen Anschauungen. Eine reiche Anzahl netter n. abgerundeter Bilder aus dem öffentlichen u. Privatleben enthalten die Novellen von Paul Koväcs, Jgnäcz Nagy, Peter Vajda, Adolf Frankenburg n. A. Besondere Beachtung verdient Ludwig Küthy (1813 — 1864, Gesammelte Novellen 1841 — 53, 1. — 9. Bd.) als ein vorzügliches Erzählertalcnt. Sonst sind aus neuester Zeit noch zu nennen: S. Kemeny, M. Jökai, KarlBerczy, Paul Gyulay, Albert Palst, Ludwig Dobsa, Johann Pompery, Alexander Baläzs, Karl Vadnay, Arnold Bertesi, Wilhelm Györi u. A. Unter den Frauen ist die Schauspielerin Lilla BulyovSzky hervorzuheben. Ein populärer Humorist ist Ka'par Bernät; in der Art Saphirs schrieb Lad. Bcöthy (Punsch). In Dorfgeschichten entwickelte Josef Radakovics, Pseudo- nym Bas Gereben, ein bedeutendes Talent. Außer den nicht wenigen, meist gut redigirten Zeitschristen bieten in neuerer Zeit namentlich die Almanacheu. Albums Gelegenheit zur Einführung in die Literatur u. zur ersten Bekanntmachung von Dichtungen u. anderen selbständigen Literaturwerken. Auch hier ging wieder seit 1890 Karl Kis- faludy mit seinem Taschenbuch Aurora voran. Hierher gehören auch die Sammelwerke: A. Szilägyis Ungarische Erinnernngsblätter aus der Revolution, Album ungarischer Literaten, u. Buch der Frauen (1853). Von den neuesten ist bes. das von Paul Gyulay zu Gunsten des Schriftstellerunterstlltzungs- vereins herausgegebene Reszvcr-Album hervorzuheben (1864), welches mehrere vorzügliche Werke enthält. Als Kunstkritiker u. Ästhetiker sind unter den älteren die vorzüglichsten Franz Kölcsey, der außer mehreren Kritiken auch eine Abhandlung über das Komische schrieb; Daniel Berzsenyi durch seine poetische Harmonistik; Josef Bajza als der eigentliche Begründer der ungarischen Kritik, und M. Vörös- marty durch seine dramaturgischen Schriften. Zu den neuesten Ästhetikern gehören Johann Erdelyi, Äug. Greguß, Paul Gyulay, Karl Zilahy, Franz Salamon, Josef Szekely u. A. Bes. hervorznheben find auch die prosaischen Schriften Aranys u. die vielen ästhetischen Aufsätze u. Kritiken von Karl Szäsz. In der politischen Be red tsamkeit sind die Leistungen der Ungarn ans der Zeit vor u. während der letzten Revolution in ganz Europa bekannt: neben Äossnth traten als ausgezeichnete Redner auf: Paul Ragy, Aurel Dessewfsy, Engen Beöthy, Moriz Szentkiralyi, Josef Eötvös, Ladislaus Szalay, die Gebrüder Veffelenyi, Gabriel Kazinczy, Stefan Szechenyi, Franz Deal, Dionys Pazmäudy, Stefan Bezeredi u. A. Auch an Kanzelrednern besitzt Ungarn manches bedeutende Talent: unter den älteren bei den Katholiken Peter Pazmän, Nikolaus Telekdy u. Georg Käldy, bei den Protestanten Franz David, u. unter den neueren St. Szoboszlai Pap n. Josef Szekäcs. Die meisten genannten politischen Redner haben auch als Publicisten Ruf u. Einfluß gewonnen. Koffuth u. Eötvös (s. d. Art.) entwickelten ihre Ideen im kesti Uirlap rc., ebenso Stefan Szechenyi. Einen nicht geringen Antheil an der Bildung der Sprache, wenn auch nicht an der Bereicherung der Literatur, hatten die vielen Übersetzungen der Bibel, womit man in Ungarn schon im 14. Jahrh. begann u. im 15. Jahrh. fortfuhr, deren meiste aber dem 16. u. 17. Jahrh. angehören. Im Übrigen ist die theologische Literatur sehr unbedeutend; von den vielen theologischen Schriften des 16. und 17. Jahrh. ist nur Päzmäns läoäoAns (d. h. Führer zur Wahrheit) bemerkenswerth; von den Wenigen, die gegenwärtig als theologische Schriftsteller bekannt sind, verdienen nur die katholischen Theologen Josef Lonovics und Franz Hovänyi, und die Protestanten Emerich Revesz, Gabriel Szeremley n. Moriz Bal- lagi genannt zu werden. Die Literatur der eigentlichen Philosophie be- stehtin Ungarn bisher meist nur in Lehrbüchern. Im Allgemeinenist die Philosophie daselbst aus deutschen Systemen entlehnt u. größtentheils in Lateinischer Sprache wiedergegeben. Eine eigenthümliche Erscheinung in älterer Zeit war die Logik von Johann Apäczai Csere (1656), welcher auch schon 1653 eine Encyklopädie aller Wissenschaften nach CartesinS, Beides zumal in ungarischer Sprache, heransge- geben hatte. Die äußeren Beschränkungen, denen Untersuchungen auf dem Gebiete der Philosophie in Ungarn unterlagen, waren dem Weiterkommen darin sehr hinderlich. Ans neuerer Zeit sind zu nennen: Samuel Köteles (Erkölesi Milosopüia, Moral- Philosophie, IwFika, Ulüiosopliiai enegolopsäia), der im Geiste Wolfss schrieb, u. Johann Jmre, ein Kantianer. Von den mehr od. minder strengen Hegelianern sind zu nennen: Täubner, Johann Er- !delyi, Kerkäpoly u. Josef Peti. Mehr unabhängig !von den modernen philosophischen Ideen arbeiteten Johann Hetenyi u. Gustav Szontägh (kropzlasn- ^muk a maZ/ar püUosopIiiäkor!, Programm zur s ungarischen Philosophie, 1839, u. Uropxlaenmok i a ^z-akorlaii pliilvsopdiätzor, Programm zur praktischen Philosophie), die ein neues System, das har- § monistische, anfstellen wollten, aber Beide infolge j frühen Todes nicht über allgemeine Grundsätze hin- ! auskamen. Einzelne philosophische Werke schrieben . Theodor Pauker (lloAdölosöorst, Rechtsphilosophie), ' Samuel Brassay (IwZika), I. Telfi (Milka) u. A. Lehrbücher, philosophische Aufsätze rc. von Cirill Horvälh, Paul Hunfalvy, Purgstaller, Lorenz Tvth, Wenzel Kallay, Czaczkö u. A. Eine Geschichte der ungar. Philosophie schrieb Johann Erdelyiin derZeit- ! schrift 8ärosxataki kiirstsk (Hefte von Sarospatak). I Eines der bestangebauten Gebiete der U. L. ist das derGeschichte. Unter den Arbeiten über die Universalgeschichte verdient nur Joh. Huufalvys Universal- ^ geschichte (1850, 3 BLe.) und Virgil Szilägyis Ge- 698 Ungarische Literatur. schichte der neueren Zeit (1851) besondere Erwähnung. Was die Geschichte Ungarns betrifft, so veranstaltete Katona eine Sammlung latem. Urkunden. Ladislaus Szalay schr. eine Geschichte Ungarns (Lpz. 1851), u. Michael Horvüth muNaralr törtensts, Geschichte der Magyaren (1842—46,4Bde., deutsch Pest 1850—52, 3 Bde.), welche letztere auch in einer kürzeren Fassung in 2 Bdn. u. in einem Auszuge in einem Bande erschien. Einen größeren Abschnitt der ungar. Geschichte behandelte Graf Josef Telekis Hunzmüialr Irora, (Die Zeit der Hunyaden, Pest 1852). Andere Beiträge lieferten PaulJäszay (H. maA^ar nswset napjai a molläosi osata utän, Die Tage der ungar. Nation nach der Schlacht bei Mohäcs, Pest 1853), Emerich Palugyai (Dalmatiens Verhältnis) zu Ungarn), Georg Fejer (Bon den Chasaren, 1851; Der Ursprung der Kumanen, 1852), Franz Salamon (ö. Török stöäitäs törtsnsts Lka- ^aiorsrÜAvn, Geschichte der Türkeneroberung in Ungarn, 1864)u.A. Überden Ursprung des ungar. Volkes schrieben(seitBeregzüsziu.Gyarmathy)Viele; vor Allen sind N. Nevai und Paul Hunfalvy als besonnene Forscher zu rühmen. Über Siebenbürgen schrieben n. A. Karl Schalter, Graf Joseph Kemeny u. Lad. Löväry. Die letzten Revolutionskämpfe in Ungarn haben eine große Anzahl von Werken her- vorgerusen. Zu den bedeutendsten gehören die Veröffentlichungen von Arthur Görgey, Klapka, Sze- mere, Baron Sig. Kemeny, Alexander Szilngyi. Hieran schließen sich eine Anzahl historisch-politischer Schriften, welche Streitfragen zum Gegenstände haben, von Paul Komsich, Joh. Török, Aurel Kecske- meti u. A. m. Neben diesen einheimischen Arbeiten wurden mehrere der bedeutenderen ausländischenGe- schichtslbreiber in die U. L. eingefllhrt; ein Törts- ooti kön^vtär (Historische Bibliothek, 1843—45, 6 Bde.) gab Joses Bajza heraus. Ferner wurde in den letzten Jahren Macaulays Geschichte von England durch Anton Csengery, Gnizots Geschichte der engl. Revolution durch Paul Somstch und Thierrys Attila durch Karl Szabv übersetzt. Die Biographien bearbeiteten Josef Bajza, Ant. Csengery, Lad. Szalay rc. Von den älteren ungar. Geschichtschreibern, die meistens in latein. Sprache schrieben, sind die bedeutendsten Bonsinius, Nikolaus Jstvänffy, Mathias Bel, Martin Kovächich, Ben. Viräg, E. Buday, Georg Pray u. A.; in deutscher Sprache schrieb Feßler die Geschichte der Ungarn. Das Feld der Kirchengeschichte ist in der U. L. fast ganz unbebaut; nur in neuester Zeit erschien eine allgemeine Kirchengeschichte von Emerich Revesz, n. schon früher von demselben die Biographien von M. De- vay Birö (1863) u. Calvin. Die archäologischen Forschungen nehmen in neuester Zeit in Ungarn ziemlich überhand; nicht wenig thut in dieser Hinsicht dieAkademie der Wissenschaften, auch in der von K. Rath und Fl. Römer redigirten archäologischen Zeitschrift Ozwri törtsnolml es rsAssroti knrwtsk (Naaber historischen, archäologische Hefte), erscheinen viele archäologische Aussätze. Das bedeutendste Werk in diesem Fache ist Arnold Jpolyis ungarische Mythologie (1854). In der Rechtsgelehrtheit kann die U. L. trotz der vielen Rechtsgelehrten Ungarns, bes. in ungar. Sprache nicht viel Bedeutendes aufweisen. Mehr od. weniger schrieben in diesem Fache Jgnäcz Frank, Theodor Panier, Lorenz Töth, Karvasy, Venczel, Mcszäros, V. Lkröß u. A. Noch weniger sind die Naturwissenschaften angebaut; wol besteht schon seit mehreren Jahren ein Verein für Naturwissenschaften, einer für Geologie u. auch ein Verein der ungar. Arzte und Naturforscher; wichtigere Resultate kann aber keines derselben ausweisen. Bekanntere Schriftsteller in diesem Fache sind: Jedlik, Stoczek, Tarczy, Schirkhuber, Lutter, Nendtvich, Joh. Szabü, Brassai, Koväcs, Dorner, Hanak, Berde, Balassa, Bugät, Poor u. A. Was die Geographie betrifft, so erschienen au allgemeinen Werken fast ausschließlich Lehrbücher. Die geographischen Briese des Baron Dionys Med- nyänszky befinden sich im Jj maA^ar Ärmsum (Neuen Ung. Museum). Einige bedeutendere Reise- werke traten namentlich in der neueren Zeit ans Licht; so Joh. Jerneys Reisen im Orient, 1844, zur Auffindung der Ahnensitze der Ungarn (1850, 2 Bde.); der Reisende Reguly, welcher dem Ursprünge der Ungarn am Ural u. in Sibirien nachforschte, veröffentlichte seine Berichte in Ditzum, u. 1865 erschienen unter dem Titel Ro^ul^ (Regulys Nachlaß), Forschungen P. Hunfalvys auf der Basis der Sammlungen Regulys von der Akademie herausgegeben. Hierher gehören auch das Prachtwerk des Grasen Emerich Audrässy , die Reisen in Rußland und Skandinavien von Baron Lad. Podmaniczky, Panl Hunfalvys Reise in den Ostseeländern (Iltarms aLalt tsuAorvIllskoiu, Pest 1871, 2 Bde.), die vielen Schriften von Johann Tanthus über Amerika, Ladislaus Magyars Reisewerk über einen Theil von Centralafrika, u. Hermann Bäm- berys, des Reisenden in Centralasien, unlängst erschienenes Werk. Sonst sind als geistreiche Reiseschriftsteller noch zu nennen Gabriel Egressy, der Priester Hovänyi, Lorenz Töth, Adalbert Szilaffy, Joses Jrinyi, Stefan Gorove, Friedrich Szarvady, Barth. Szemere, Frau Bulyovszky u. A. Als Begründer der ungar. Statistik ist Alexius Fenyes (geb. 1807) Beschreibung Ungarns, anzusehen; andere brauchbare historisch-statistische Arbeiten lieferten Mich. Horvath, Geschichte des Gewerbfleißes u. Handels in Ungarn während der letzten drei Jahrhunderte, Arpad Kerekgyärtö, Geschichte der Cultur Ungarns, Bajüky, Bärändy, Emerich Palugyai. Eni Wörterbuch der Geographie Ungarns gab Alexander Fenyes (Pest 1851.4 Bde.) heraus. Eine Reihe geographisch-statistischer Schriften über Ungarn u. seine Nebenländer veröffentlichte Joh. Csa- plovics. In den früheren Jahrhunderten und im Anfänge dieses Jahrhunderts schrieben Viele in lat. oder in deutscher Sprache geographisch-statistische Werke. Von Letzteren ist Schwärmers Statistik Ungarns bes. hervorznheben. Bedeutende Leistungen auf dem Gebiete der clas« fischen Philologie u. Alterthumskunde hatte die U. L. bis jetzt wenige aufzuweisen. Fast alle Erscheinungen bestanden in Schulbüchern, Chrestomathien u. Textabdrllcken. Eine neue Aera in diesem Gebiete verheißt jedoch das von Török Ponori feit 1877 gestiftete kA^otsmss pstiloloZiai stöÄönx, Allgemeines Organ der Philologie. Die orientalischen Studien lagen lange fast ganz darnieder. Jetzt können die Ungarn ihres Csoma Körösi, Väm- bery, Goldzieher, Grafen Geza Kuun, Balint u. Anderer, theils um die Sprachen Vorderasiens, theils um Ungarische Nordostbahn die Hoch- u. Jnnerasiens sehr verdienter Männer sich rühmen. Das Studium der sog. finnischen und tatarischen Sprachen wird in neuerer Zeit besonders durch die sich immer mehr verbreitende Vergleichung des Magyarischen mit diesen ihm verwandten Idiomen gefördert. Das Studium der neueren europäischen Sprachen ist noch von geringer Bedeutung ; zwar erschienen in jüngster Zeit eine große Anzahl von Grammatiken, Chrestomathien rc. der deutschen, französischen, englischen und italienischen Sprache, allein sie sind alle nur für das Lehrbe- dürfniß berechnet. Als Übersetzer haben sich namentlich Stefan Szabö durch seine Übersetzung Homers (1841—51), Karl Szabö durch die des Euri- pides u. Paul Huufalvy durch die des Plato (1851) Ruf erworben. Die Jliade hatte vorher schon Välyi- Nagy (1821) n, zum Theil J. Kölcsey (1826) übersetzt. Virgils Äneis übersetzten I. Baröti-szabö, zum Theil Rajnis u. in neuester Zeit St. Remele. Johann Kiß übertrug die Rhetorik des Aristoteles, Gregor Czuczor den Cornelius Nepos u. die Lisr- mania des Tacitus, Szenczy die Annalen des Ta- citus u. Benedict Viräg Horazens Werke. Deutsche Clasflker wurden nur selten übersetzt, da jeder gebildete Ungar dieselben im Original zu lesen vermag. Zu nennen dürften beispielsweise etwa sein: Franz Toldy (Schillers Räuber), Tärkäuyi (Proben aus Klopstocks Messiade), I. Nagy (Goethes Faust) u. A. Uebersetzer ital. Werke sind F. Csaszär und E. Meszüros. Aus der franz. Literatur wurde Vieles in Üngarn eingeführt von Gabriel Kazinczy, Dam. Horvath, Karl Szüsz und eine Menge Romane von verschiedenen Autoren. Unter den Übersetzungen engl. Werke sind vor allen die der Lieder Thomas Moores von Karl Szäsz, schott. Balladen von Johann Arany u. die Uebersetzungen Shakspearescher Dramen von Vörösmarty.Pelöfi, Arany, KarlSzäsz, I. Levai n. A. zu neunen. Auch aus dem Spanischen, Portugiesischen, Schwedischen und Russischen wurden einige theils größere, thcils kleinere Werke ins Ungarische übersetzt, so z. B. des Camöes Lusiaden von Jul. Greguß. Eine Zeitschrift für vergleichende Literatur in weitestem Sinne redigiren seit 1877 H. von Meltzl und Brassai in Klausenburg unter zehn Titeln, von welchen der lateinische ^.oba compara- tstonw littorarum univsrsarnm lautet. Mit großem Eifer, wenn auch lange Zeit vorur- theilsvoll, wurde das Studium der ungarischen Sprache gepflegt. Der erste Begründer vorurtheils- loser n. wahrhaft historischer Forschungen über das Magyarische war Li. Revai, in dessen Fußstapfen nach sorgfältiger Sichtung Männer wie P. Hunfalvy, I. Budenz u. wenige Andere getreten sind. Der Er- stere begann mit einerZeitschriftLIuA^ar^sIvssret (Ungar. Sprachforschung), welcher seit dem Jahre 1863 die viel Treffliches bietenden L^slvinäomün/i köslomsnz-sk (sprachwissenschaftliche Mittheilungen) sich anreihen. Im Aufträge der Akademie erschien das große, rein Ungar., von Czuczor und Fogarasi bearbeitete Wörterbuch (iK Linear n^skv sräbüra, Pest 1862—74 6 Bde.), dessen Verfasser rühmlichen Fleiß beurkunden, aber gern in etymologischen Spielereien sich ergehen. Größeren kritischen Werth hat in mehrerer Hinsicht das viel ältere Werk von F. Kresznerics, betitelt LI. ssäbür ^öksrrsnäsl ös äsäkormtstal (M. W. nach Wurzelordnung und mit — Ungarische Sprache. 699 latein. Erklärung), Ofen 1831, 2 Bde. Die besten Ungar.-deutschen Wörterbücher zum Handgebrauch lieferten M. Ballagi (Bloch) und Fogarasi; neuere Auflagen des Ersteren erschienen 1857 ff. Moritz Ballagi gab eine treffliche Ausführliche theorct.» prakt. Grammatik der Ungar. Sprache für Deutsche nebst einer Auswahl von Beispielen nach der Jnter- linearmethode und Uebersetzungsaufgaben aus dein Deutschen ins Ungarische (Pest 1844, 7. A. 1870) heraus. Ihm folgten Franz Ney, Ungar. Sprachlehre nach Ollendorfs Methode (Pest 1857, 19. A. 1876); Riedl, Magyar, Grammatik (Wien 1858). Eine Sammlung aller neugeformten u. wiederauflebenden älteren Wörter aus dem Gebiete der Wissenschaften u. Künste veranstaltete A. Knnoß (Pest 1844, 3. Ausl.), welcher bald deutsche Nachfolger auf diesem Felde fand, wie Schuster einUugarisch-deutsches Wörterbuch aller neugeformteu Wörter aus dem Gebiete des Gesetzes, der Wissenschaft, Kunst, Technologie rc., Wien 1838). Den »ngar. Sprichwörterschatz suchten Johann Erdelyi (Pest 1850) u. Moritz Ballagi (Pesth 1850, 2 Bde.) darzulegen. Erzeugnisse der eigentlich magyar. Volksmuse sammelten L. Arany und P. Gyulai unter dem Titel: LI. istopkültiösi Müjtsmon^ (Sammlung magyar. Bolkspoesien, Pest 1872, 2 Bde.). Schon neun Jahre früher (1863) hatte Kriza eine reichhaltige AuswahlvonVolksliedernderSzekler, betitelt Wilde Rosen (VacirEÜK) in einem starken Bande zu Klausenburg erscheinen lassen. Für die Kenntniß der älteren U. L. sind auch bedeutend Toldys Katharinenlegende (1855), Passionstexte (1856), der Nä- dorcodex (1857), die Elisabethlegende (1857), die größere Legendensammlung (1858—63, 2 Bde.), die Legenden Ungar. Heiligen (1859), die Prosaiker des 16. Jahrh. (1858) mit literarischen Einleitungen, Anmerkungen u. Glossarien. Ein großes Unternehmen ist das von Franz Toldy unter Mitwirkung mehrerer Literaten von Bedeutung herausgegebene L7sm2stüL5n^vtär(d.i. Nationalbibliothek), welches 1842 begonnen wurde, in 15 Abtheilungen sämmt- liche Classiker Ungarns umfassen sollte u. 1854 seine Endschaft erreichte; selbständig edirte er Dayka(1833), Kazinczy(1836),Bajzas(1857)u.Berzsenyis(1859) poetische Werke, sowie die Classiker der Ungarn (seit 1859). Unter den Schriftstellern über U. L.-Ge- schichte steht Franz Toldy (s. d.) oben an. Die Werke Paul Tümbors, Dauieliks u. Környeis über U. L. sind unbedeutend. In deutscher Sprache schrieben über U. L. Schedius, Kerlbeny u. A. in Zeitschriften. Über uugar.Zeitungen vergleiche man den Artikel Zeitschriften. Schott. Ungarische Nordostbahn (Ans. 1878), Länge 576 km; Anzahl derLocomotiven 54; der Personenwagen 157; der Güterwagen 1203; Einnahme (1877) 2,435,990 Fl.; Benennung der Linien: De- breczin-Szathmar-Kiralyhaza-Szigeth (220 km), Szerencs-Kiralyhaza (172 Icm), Ujhely-Kaschau (64 km), Nyiregyhaza-Csap-Ungvar (94 km), Batyu- Mnnkacs (26 km); Zeit der Inbetriebsetzung 1871; Anlagekapital bei der Gründung 57,390,000 Fl., heut. Anlagekapital 80,708,112 Fl. Privatverwalt, ung. Directioussitz: Budapest. Ungarische Sprache. Die U. S. ist ein Glied der finnisch'uralischeu (od. finnisch-ugrischen) Spra- chenfamilie, deren übrige Glieder heutzutage nur im 700 Ungarische Weine. hohen Norden n. Nordosten Europas u. in Sibirien bis gegen den Jenisej hin anzutreffen. Als entferntere Verwandte der Ungarn (Magyaren) lehrtnns vergleichende Sprachforschung die Finnen, Ehsten ». Lappen, alsnähereVerwandte aber gewisse Stämme zu beiden Seiten des Ural (der alten Heimath des Magyarenvolkes), insonderheit die Mordwinen, Ost- jaken (besser Aßjachen) u. Wogulen kennen, in deren Sprachen wir der sog. objcctiven Conjngation (s. u.) wieder begegnen, die man lange Zeit für das ausschließliche Eigenthum des Ungarischen gehalten hat. Alle diese Idiome verkünden auffallende Analogie, in schwächerem Grade auch wahre leibliche Verwandtschaft mit denen des sogen. Tatarischen Geschlechtes (vgl. Türkische Sprache). Das Ungar, zählt sieben Vocale: a, v, i, o, ö, n, ü, die entweder kurz oder lang (insofern durch u, unterschieden) sein können. Der Ton fällt immer auf den Vocal der ersten Sylbe einesWortes,gleichviclob dieser lang od. kurz ist, hindert aber nie die gewissenhafte Dehnung langer Bo- cale der folgenden Sylbe. Die Abwechslung natürlicher Längen u. Kürzen macht das Ungar, zur Nachahmung antiker Versmaße geschickter als jede andere Sprache des heutigen Europa. Wichtig für die Formlehre ist der Unterschied zwischen harten (n, o,u) und weichen (s, ö, ü,) Vocalen, da die Vocale der Flexioussylbcn sich in der Regel »ach denen der Wnr- zelsylven richten, was selbst bei gewissen Zusammensetzungen, namentlich mit Postpositionen, stattfindet. DerConsonanten sind 24 : i>, os(veraltetts), 02(veraltet t2), ä, k, §, Az-, 1 , Ix, m, n, nx,p, r, 8 , 82, t, tx, v.2,28. Die mit x zusammengesetzten Cvnso- nantenwerden erweicht; eine eigenthümliche, schwer zu erlernende Aussprache hat xx, ungefähr wie cki in dem franz.Worte ckisu, nur näher dem Gaumen. 68 ist tsch, 02 od. 0 — z, s — sch, 82 ^dem franz. y, 2 — dem franz. weichen 8 od. 2,28 — dem frz. z gleich. Die U. S. duldet nicht gern zwei Consonanten am AnfangderWörter; in fremden eingebürgerten Wörtern hilft sie sich daher durch Versetzung oder Einschiebung eines Vocals, z. B.a82tal, Tisch (slawisch 8 toi), icirnix, König (slawisch icruij). Die Declina- tion ist sehr einfach; das Genus wird nicht bezeichnet; der Plural wird aus dem Singular durch ein angehängtes ic (od. aic, o!<) für Wörter mit harten, sic, für solche mit weichen Vocalen) gebildet, z. B. tnniiä, Lehrer, Plur. banibö!c;virri^, Blume, Plur. viraAoIc;icönxv, Buch, Plur. Icöuxveic. Streng genommen hat die U. S. nur eine Casusendung, nämlich zur Bezeichnung des Objectverhältnisses (Accu- sativ): i, ab, ob, sb, öt,z. B. tanitöt, viräxab, Icönx- vst, Plur. tauitölcab rc. Der Nominativ wird durch keine besondere Endung, alle anderen Verhältnisse sind durch Postpositionen bezeichnet, weshalb frühere Grammatiker znm Theil eine große Menge Casus annahmen, z. B. Dativ virÜAnnk (eigentlich für die Blume), Ablativ virälcboi (von der Blume). Anstatt des Genitivs bedient man sich entweder der Postposition des Dativs: «2 atxäuaic Iui2u (dem Vater sein Hans) od. man läßt das im Genitivver- hältniß stehende Wort ohne Beugung u. hängt nur dem darauf folgenden Substantiv das Pronominal- sujfix der dritten Person an: a' virä§' 82SP8SKS (die Blume ihre Schönheit, statt dieS chönheit der Blume). Außerdem hat der Ungar die Endung s zu Bezeichnung eines absoluten Genitivverhältnisses, ähnlich dem unverbundenen Pronomen possessivum der deutschen und franz. Sprache (der meinige, Is misn), z. B. 22 atxäo, das des Vaters. Das mit dem Hauptwort verbundene Adjectiv wird nicht flectirt, unverbunden hat es mit jenem gleiche Declination. Der Comparativ wird durch die Endung bi> (ak>i>, oi>k>, sdb), der Superlativ aus diesem durch die Vorsetz- sylbe Io§ gebildet, z. B. ng.§x> groß, naZxobb, größer, IsMMAxobb, grüßest. Von den einfachen Zahlwörtern werden Distributiv« durch die Endung an, on, sn, ön, Ordinalia durch die Endung ckiic gebildet, das Suffix 82vr, 82ör, s2sr bezeichnet — mal. Die Declination der persönlichen Fürwörter'ist unregelmäßig, den Postpositionen werden sic suffigirt: noicsm, für mich, bölsm, von mir. Dieselben Suffixe bilden an Substantiven das Possessivum: icönxvsm, mein Buch, virnMM, meine Blume, abxärn, mein Vater. Den Plural bezeichnet i statt lc: icönxvoim, meine Bücher, icönxvoinlc, unsere Bücher. Demonstrativ« sind 82, s' (dieser), «2, a' (jener). Letzteres wird als bestimmter Artikel gebraucht, ein Luxus, welchen die Sprache wol erst später durch Berührung mit germanischen und romanischen Völkern sich angeeignel hat, da die nie fehlenden Pronominalsuffixe jeder Undeutlichkeit Vorbeugen. Die Verhält- nißwörter sind in der U. S. Postpositionen, welche theils mit dem Substantiv verbunden werden, z. B. g,2 avötalcm, aus dem Tische, theils nicht, z. B. «2 as2bai aiabt, unter dem Tische. Einen besonderen Rcichthum entfaltet die U. S. indem Verbum; nicht nur unterscheidet sie Activum u. Passivum u. bildet vonjedem, nach verschiedenenRegeln,Tempus u. Modus, sondern sie hat auch eine doppelte Conjngation, je nachdem das Object der Handlung ein bestimmtes od. ein unbestimmtes ist (Icsrslc, ich bitte, Icsrsm, ich bitte ihn, sie, es rc.). Außerdem gibt es Bildungs- sylben für Transitiv«, Jntransitiva, Cansativa, Fa- cultativa rc., so wie auch in Entwickelung der Substantivs, Adjectiva u. Verba, eines ans dem anderen, die U. S. eine große Bildsamkeit besitzt. Ad- verbia werden ans Substantiven, Adjectiven u. Zeitwörtern durch die Endungen an, on, sn, ön, ui, üi, InA, IsA, Ü 8 b, 88 t, va, vs, gebildet. In der Con- struction erfreut sich die U. S. fast gleicher Freiheit mit der latein., deren Periodenbau nachzuahmen sie überaus geeignet ist. Das Adjectiv steht vor seinem Substantiv, deshalb auch der Familienname, welcher als eine Art Adjectiv angesehen wird, vor dem Taufnamen. Das Verbum snbstantivum der dritten Person, wenn es nur Copula ist, wird ausgelassen; mit dem Dativ drückt es das Zeitwort haben (eigentlich mir, dir rc. ist) aus, wofür die U. S. kein besonderes Wort hat. Der Anfang des Vaterunsers lautet: Lli atxänlc Ici vaM a' msunxslcbou, 82 snts 1 ts 888 MSA g,' bs novoä, d. h. wir Vater - unser welcher bist Himmel - in, geheiligt - werde der Name - dein. Sprachlehren und Wörterbücher sind verzeichnet in dem Artikel Ungar. Literatur. Schott. Ungarische Weine (nebst Notizen über die anderen Weine der Österr.-Ungar. Monarchie). Die U-n W. sind größtentheils Gewächse von südlichem Charakter. Die erste Stelle darunter nimmt der weltberühmte Tokayer ein. Er wächst im Zemp- liner Comitat, auf den südlichen Abhängen des Hegyalla-Gebirges, wo der Flecken Tarczal auf einem ganz kleinen Weinberg die beste, Mozosmaly Ungarische Westdahn — Ungarn. 701 (Honigslrahl) genannte Sorte liefert, die aber als Eigenthum der Krone, niemals in denHandel kommt. Weine ersten Ranges liefert auch die Umgegend von Talya u. Mad. Der Flecken Tokay, von dem der Wein den Namen führt, kommt mit seinem Product / nicht über den zweiten Rang hinaus. Mittelweine liefern ebenfalls Erdöbanya, Sarospatak, Kereßtur, Tolcsva, Zombor rc. Im weiteren Kreis um diese herum wachsen die Weine dritten Ranges, unter denen immer noch vorzügliche Gewächse. Der To- kayer, den man, wie alle südlichen Weine übrigens selten echt erhält, wird in 5 Sorten hergestellt: die Essenz, aus dem durch den eigenen Druck hervorgebrachten vor der Kelterung erzielten Ausfluß der Trauben u. Trockenbeeren, der besten Sorte; den Ausbruch, das Ergebniß der Kelterung der Trauben, wobei auf das Faß (10 Butten) 5 Butten u. mehr Trockenbecren genommen werden; den Maß- lacz, wobei auf das Faß 1—4 Butten Trockenbeeren kommen; den Szamorodny aus Trauben mit ihren Trockenbeeren u. den Ordinari aus Trauben, von Lenen die Trockenbeeren abgeleseu sind. Die Essenz u. der Ausbruch kommen selten oder gar nicht in den Handel. Der echte Tokayer hat eine gelbgrüne Färbung, u. besitzt alle edlen Eigenschaften in köstlichster Ausprägung: Geist, Süße u. Schmalzigkeit, Würze, stärkende Kraft u. Dauerhaftigkeit. Er erfrischt den Mund u. nimmt den Geschmack vorher genossener Speisen weg. Schon im Mittelalter berühmt, knüpfen sich an ihn verschiedene charakteristischeAussprllche ! hoher Personen. Papst Pius IV. auf dem Concil k zu Trident, den Wein kostend, rief begeistert aus: ; 8ummum pontikieem takia vina cksoenb. Von Kai- ^ ser Mathias rührt der Ausspruch her: IfluIIum vi- uum uisi IluvMrreum. Die Stadt Krakau hat den Ruhm, den Tokayer von jeher am besten gepflegt zu haben. Dort lagern zweihundertjährige Weine, von denen die Flasche zu 60 Silberrubel notirt wird. ! Der Zuckergehalt der Tokayer Weine beträgt durchschnittlich 27—32"/o, der Alkoholgehalt 14,z bei ! o/o Säure. — Sonst werden noch Dessertweine producirt in Menes, Rußt, Ödenburg, Badacsou u. ; am Plattensee. Ausgezeichnete rothe Qualitätweine werden bei Erlau, Bisonta, Szegszard, Neusatz, s Villany, Budapest, Werschetz u. im Comitate Ba- ranya erzielt. Die besten Weißweine wachsen bei Magyarat, Schomlau, Badacson, Neszmely, Ermel- lek, Budapest, Szerednye, Neusatz, Werschetz, u.inden Comitalen Veszprim (Devecser), Neograd, Hont, Preßburg, Stnhlweißenburg.Somogyn. Eisenburg. TrotzderungeheuergroßenProductionjs.u.) werden aus Ungarn nur annähernd 300,000 Iik exportirt. s Unterösterreich bringt zum Theil sehr gute Weißweine hervor, unter denen die vorzüglichsten der Gumpoldskirchener u. Klosterneuburger; andere i. renommirte Produclionsorte sind Nußdorf, Mailberg t rc. Die besten Weine Mährens wachsen beiZnaim I (Frauenberger) u.Joslowitz, doch erreicht keiner den D ersten Rang. Auch Steiermark, obwol ihm das s Prädicat eines Weinlandes gebührt, kann sich noch keiner vollkommenen Gewächse rühmen. Das Quan- > tum der Qualitatweine(darunter auchLiqneurweine) ist, wie mehr oder weniger in der ganzen Monarchie, gegendie geringen Sorten verschwindend klein. Ganz - dasselbe gilt von Krain. In den Küstenländern ' herrschen ähnliche Verhältnisse wie in Dalmatien, s wenn auch mit weniger ausgeprägtem südlichem Charakter (s. Dalmatische Weine). Tirol bietet viel Ähnlichkeit mit Steiermark, doch herrscht der südliche Charakter mehr vor u. es werden überhaupt mehr gute Weine gezogen. Das Etschthal bei Nogaredo (Jsera), Terlan, Roverew, Trient, Ala, Tramin bringen die vorzüglichsten hervor. Kroatien, Slawonien u. Militärgrenze liefern bei günstigen Vorbedingungen verhältnißmäßig äußerst wenig Gutes. Weit besser stehen die Verhältnisse in Siebenbürgen, wo mit den Sachsen deutscher Weinbau u. deutsche Pflege sich eingebürgert hat; im außersächsischen Siebenbürgen ist freilich der Weinbau noch sehr im Rückstände. Das Hauptgebiet der Siebenbürger Weine sind die Thäler des Großen u. Kleinen Kockel. Über die Böhmischen ».Dalmatischen Weine s. d. Art. Nachstehende nach Hamms Wein- bnch (2. A. Lpz. 1874) aufgestellte Tabelle bringt die ungefähre Ausdehnung und Production des Weinbaues in Österreich-Ungarn zur Anschauung. LandeStheile Areal Erzeug- da niß Ul Ungarn. Mederösterreich. 633472 12253000 42242 823000 Böhmen. 33266 üogooo Mähren. 14448 216000 Steiermark. 33969 763000 Kram. 10959 140000 Küstenländer. 27148 407000 Tirol u. Vorarlberg .... 29004 463000 Dalmatien ... . . 39592 905000 Kroatien. Slawonien rc. . 82500 2377000 Siebenbürgen. 26683 1255000 Jnsgesammt j S 73 I 83 jLooaaooo Ein Hauptübelstand beim Weinbau in Österreich- Ungarn besteht in der außerordentlich geringen Sorgfalt, welche auf den Rebsatz u. die Behandlung des Products verwendet wird, sowie in dem falschen Princip, das man befolgt u. welches darin besteht, daß man das Augenmerk zu wenig auf die Production guter Mittelweine richtet. Man producirt eben nur ganz gute od. ganz schlechte Sorten, elftere aber in so geringem Verhältniß zur Gesammtproduction, daß nur etwa 1j"/o dieser letzteren zur Ausfuhr gelangen, während z. B. in Spanien Lies Verhältniß annähernd 40/0 ausmacht. Schroot. Ungarische Westbahn (Stuhlweißenburg- Raab-Graz) (1879): Länge 375,g Icm; Anzahl der Locomotiven 34; der Personenwagen 111; der Güterwagen 678 ; 1877 Einnahme Fl.l,519,692.23; Be- nennung derLinien: Stuhlweißenburg-Klein-Zell- Steinamanger-Graz Südbahnhof (303,glrm), Klein- Zell-Naab (71,gIcm). ZeitLerGründungJuli 1870, der Inbetriebsetzung 1. Mai 1873, Anlagekapital bei der Gründung Fl. 35,786,600, heutiges Anlagekapital Fl. 20,634,000. Privatverwaltung m. Staatsgarantie. Directionssitz Budapest. Ungarn (lat. HunAariu, magyar. Na^xur ors- rÜA, d. i. Land der Magyaren, slaw. VsnAriu, böhm. Uirr^, türk. Na^aristun, franz. UonAris, engl. klunMr;-), Königreich, mit dem ehemaligen Groß- fürstenthume Siebenbürgen (seit 1868 in legislativer n. administrativer Hinsicht U. einverleibt), dem Königreiche Kroatien-Slawonien u. der königl. Freistadt Fiume sammt Gebiet die östliche Hälfte der Oesterreichisch-Ungarischen Monarchie (das ungarische Staatsgebiet, die Länder der Ungar. Krone od. 1 702 Ungarn (Geogr.). das Königreich U. im weiteren Sinne) bildend; grenzt im N. an Mähren, Österreichisch - Schlesien u. Galizien, im O. an Galizien, die Bukowina, Siebenbürgen u. Rumänien (die Walachei), im S. an Serbien u. Kroatien-Slawonien, im W. an Steiermark, Oesterreich unter der Enns und Mähren; 225,441, ^ micm (4094, zs UM) mit (1869) 11,530,397 Ew. (auf I sFsürn 51, in den Ländern der Ungar. Krone 48). U.-Siebenbürgen hat ein Areal von 280,388,^ (5092,° sü>M) mit (1869) 13,561,245 Ew. (auf 1 Hjkm 48,«) (für 1876 ofsiciell berechnet zu 16,842,080). U. umfaßt zwei große Tiefebenen, welche im NW., N. u. O. von den Karpathen, im S. von der Donau u. im W. von den Ansläufern der Alpen begrenzt werden. Der größte Theil des ausgedehnten Ge- birgslandes U-s gehört den Karpathen u. zwar den West- u. Hochkarpathen sowie dem Karpathischen Waldgebirge an, welche das Land von NW. nach SO. in einem großen, nach SW. offenen Bogen umgeben. Die WKarpatheu beginnen mit dem The- benerkogel (513 m) am Donaudurchbruche bei Preß- burg (der korta. UunAnriea) als Kleine Karpathen, welche im Bradlo 815 in Höhe erreichen u. bis zur Miavafenke ziehen. Nördlich von dieser Senke erhebt sich an der Grenze von U. u. Mähren das Weiße Gebirge mit dem Javorina (967 w), an das sich an den Quellen der Beczwa u. Ostravica die Beskiden mit dem Großen Polomberge (1061 m) anschließen, welche die Grenze gegen Mähren, Schlesien u. Galizien bilden; vondenBeskidensüdöstl.liegt dieGura-, Magura- od. Arvaer Gruppe mit der 1722 in hohen Babia Gura. Von den östlich davon sich erhebenden Hoch- od. Ccntralkarpathen gehört der fast ganz iso- lirte mächtige Gebirgsstock der Hohen Tatra, deren höchste Gipfel auf Ungar. Gebiete der Große Krivän (2492 m), die Gerlsdorfer Spitze (2647 in), die Eis- thaler Spitze (2628 in) u. die Lomnitzer Spitze (2642 in) sind, zu mehr als H zu U. Zwischen den WKar- pathen, der Hohen Tatra, den beiden Ungar. Tiefebenen u. der Donau breiten sich mehrere ansehnliche Gebirgszüge aus, welchezusammendassogen.innere Bergland bilden. Die wichtigsten Theile desselben sind: das Neutraer Gebirge mit dem Jnnovecz (1051 in), dem Klak od. Nasenstein (1333 m) und dem Krivän Fatra (1667 m), die Kleine Tatra od. das Liptauer Gebirge mit dem Djumbir (2043 m) u. der Krälova Hola od. Königsalm (1940 m), das Karpathische Vorgebirge mit dem Zelesznik (830 in), die Fatra od. das Ungar. Erzgebirge (s. Erzgebirge 3) u. die bis zu 1445 in hohe Ostrowskygruppe; kleinere Gruppen desselben sind: das Neograder Gebirge mit dem Hideg-Hegy (865 in), die Gruppe des 857 in hohen Karancs, das Pike- od. Bllckgebirge mit dem Bolvär (946 m), die Matra mit dem Dasko od. Adlerberg (einem ansgebrannten Vulkane, 910 w) u. die Hegyallya (s. d.). Von der Hohen Tatra an zieht auf der Grenze gegen Galizien das Karpathische Waldgebirge, das bis zum Ungh auch die Öst- B-skidcn genannt wird, in südöstlicher Richtung bis zur Nordgrenze der Transsylvanischen Alpen; die höchsten Gipfel des im SO. am höchsten aufsteigenden Gebirges sind auf Ungar. Boden: der Rawka (916 in), der Rusky Pnt (1303 in), der Popadje (1735 m), die Bistra (1811 m) n. der Pop Iwan (1925 m). Im inneren Rande des letzteren Gebirgszuges erhebt sich die vulkanische Gebirgskette des Vihorlct mit dem Kiovisko (816 m) u. dem Barlo (1058 m). Von den Randgebirgen des siebenbürg. Hochlandes gehören die äußeren Abfälle der nördlichen u. westlichen Randgebirge zu U., so die des Rodnaer Gebirges mit dem Pietrosz (2297 ni), des Läposgebirges mit dem Gutin (1434 in) und dem Czibles (1826 in), des Bück- u. Kraßnagebirges, des Bihargebirges mit dem Bihar od. Kukurbeta (1846 in), des Siebenbllrgischen Erzgebirges mit der Drocsa (838 in) u. der Hegyes (806 in), des Cserna- od. Rußkagebirges mit der Pojana-Rußka (1360 in) u. der Vurvu-Piatra (2192 in). Ferner liegt in U. der südwestlichste Theil der Transsylvanischen Alpen, das Banaler Gebirge, das in Boldovea eine Höhe von 1790 m erreicht, u. dessen südlicher Theil mit dem 1220 in hohen Svinjacza das Sre- tiuyegebirge genannt wird; Letzteres bildet mit dem jenseit der Donau aus serbischem Boden gelegenen Mirotschgebirge die berühmte Klissura od. Donau- enge von Orsova. Die den W. u. SW. U-s, den Raum zwischen Donau u. Drau, erfüllenden Berg- u. Hügelzüge gehören dem Alpensysteme an u. bilden sämmtlich die östlichen Ausläufer der Steierischen Alpen. Das Leithagebirge, theilweise zu Niederösterreich gehörig, erstreckt sich, den Neusiedler See im N. umziehend, nach NO. bis Hainburg an der Donau n. bildet mit den Kleinen Karpathen auf dem linken Donauuser die Enge, welche die Donau von Fischament bis Preßburg durchbricht. Von dem Steierischen Hügelland ist nur der östliche Theil ungarisch, dagegen gehört der Bäkonywald, der sich zwischen dem Marczal, der Zala, dem Plattensee u. der Donau in nordöstlicher Richtung erstreckt, und dessen höchste Gipfel der Köröshegy (707 m) u. der Kabheyy (599 in) sind, ganz U. an. Seine nordöstliche Fortsetzung, das Verresgebirge mit dem Kört- velycs (480 in) u. dem Pilis (755 in) erreicht bei Viszegrad die Donau u. bildet hier mit dem Reo« grader Gebirge auf dem linken Donauufer eine Donauenge, den sogen. Plintenburger Paß. Den Raum zwischen Mur, Drau, Donau u. Plattensee erfüllt das Pannonische Hügelland od. Niederungarische Berglaud (im Mecsekgebirge 671 in hoch), welches als eine Fortsetzung des Steierischen Hügellandes anzusehen ist. Unter den zahlreichen merkwürdigen Höhlen der Karpathen sind die bedeutendsten: die Höhle Baradla u. die Eishöhle von Dobschau im Gömörer Comi- tate, die Drachen- od. Schwarze Höhle (Czerna Hola), die Höhlen Benikowa, Okno u. Vodi Vivje- romja im Eomitate Liptan, das Goldloch, die Rosenhöhle n. das Drachenloch im Zipfer Eomitate, die Lvziliczer Eishöhle im Eomitate Torna u. die Vete- ranihöhle im Eomitate Szöreny. Im Pannonischen Hügellande befindet sich bei dem Dorfe Abaligeth im Eomitate Barauja die merkwürdige Abaligether Höhle (Paplikä, Pfarrhöhle). Über die Karpathen führenfolgende Pässe, u. zwar über die WKarpatheu: der Paß von Szikany aus dem March- ins Waagthal, der Paß Hrozinkau (438 m) von Ungar. Brod im Ölsavathale nach Trencsin im Waagthale, der Paß von Wlar (420 m) von Brumow in Mähren zur Waag, der Lissapaß aus dem Beczwathale ebenfalls zur Waag, der Jabluukapaß (601 in), welcher die Hauptverbindung zwischen Schlesien u. U. bildet s 1 Ungarn u. von der Kaschau - Oderberger Bahn überschritten wird, von der Olsa gleichfalls zur Waag', der Paß von Raycza aus dem Thale der Sola in das der Kiszucza, der Paß von Jordanow (802 ru) von der Arva zur Raba; über das Karpathische Waldgebirge: der Duklapaß von der Ondava zum Wislok, der Paß aus dem Thale der Laborcza in das der Oslawa u. nach Przemysl (wird von der Ersten >1n- garisch-Galizischen Eisenbahn durchzogen), der Paß von Uszok aus dem Thal des Ungh in die Thäler des Stry u. des San, der Vereczkepaß od. Magyarenweg, über den die Erzherzog Albrechtsbahn von Munkacs nach Lemberg führt, zwischen dem Stry- u. Latorczathale u. der Paß von Körösmezö od. De- latyn aus dem Thale der Schwarzen Theiß in das des Pruth. Die beiden großen ungar. Tiefebenen breiten sich längs der Donau und ihren Zuflüssen aus. Die kleinere, die Oberungarische Tiefebene (das Preßburger Becken), liegt zwischen dem Bäkony- walde, dem Leithagebirge, den Kleinen Karpathen u. dem inneren karpathischen Berglande zu beiden Seiten der Donau, dringt gegen N. an der Waag und Neutra busenartig in die Karpathen ein, umsaßt einen Flächenraum von ca. 7700 Usicm (140 d>M), von dem etwa H auf dem rechten Donauufer liege», u. hat eine mittlere Höhe von 126 m. Sie zeichnet sich größteutheils, namentlich aber in ihrem nördlich von der Donau gelegenen Thcile durch eine große Fruchtbarkeit ans u. bildet im Allgemeinen eine an- muthigc Landschaft, in der Hügel u. Ebene, Wald u. Feld, Rebenpflanzungen u. Obsthaine mit einander abwcchseln, u. in der Ortschaft an Ortschaft sich reiht. Die große Nicdernngarische Ebene (das Alsöld od. Pester Becken), welche etwa 96,010 Hfüm (1760 HfM) groß ist, u. deren Meereshöhc zwischen 160 n. 75 in schwankt, wird im N. n. O. von den Karpathen, im S. von der Donau u. alpinen Vorhöhen u. im W. von dem Pannonischen Hügelland?, dem Bäkonywalde u. dem Vertesgebirge begrenzt, bildet im Allgemeinen ein fast vollkommenes Flachland, das sowol von N. nach S. (von Waitzen bis Pancsova), als auch von der Ost- u. Westseite zum Bette der Theiß sich senkt. Weite Pußten (s. d.), mir fast gar keinen Dörfern aber mit zahlreichen weit von einander liegenden Meierhöfen besetzt, ausgedehnte Wasser- u. banmarme Heideflächen mit öden n. fast pflanzenlecren Flugsandhügeln, ungeheuere Snmpf- strecken, dann auch üppige Kornfelder n. Weingär. ten, ans denen sich prächtige Obstbäume erheben, üppig grünende Wiesen, Röhrichte od. kleine Teiche u. schattige, die niedrigen Hügel krönenden Wälder sind die landschaftlichen Elemente der unermeßlich scheinenden Ebene. Ein großer Theil des sandigen u. von Sanddüncn dnrchzogenenLandstrichs zwischen Donau n. Theiß führt im N. den Namen Kecskcme- ter Heide; südlich davon liegt in der sogen. Bacska das mit ziemlich steilen Rändern umsäumte, im Innern mit zahlreichen Hügelreihen bedeckte, bis 169 in hohe Plateau von Telccska u. im SO. das Titelcr Plateau. Während die auf der rechten Seite der mittleren Theiß gelegenen Ebenen bei Munkacs, Unghvar n. Ujhely, die Bodrog-Köz (Bodrogebene) u. Takta-Köz fruchtbare Gebiete sind, ist das Gebiet zwischen Theiß, Szamos u. Kraszna sehr versumpft. Westlich von der Kraszna liegt der 3850 dflcm (70 HjM) große, von der Theiß im N. u. W. umflossene ^ (Geogr.). 703 Landstrich Nyir, ein größteutheils sandiges, kahles n. waldloses, mit struppigem Gebüsch besetztes, dann auch Rohrsllmpfe, grüne Wiesenmnlden, wenige Wälder u. Ackerländereien umschließendes Gebiet. Längs der Berettyo erstreckt sich die Berettyä-Surret, ein großes Sumpf- u. Moorgebiet. Südwestlich von der Nyir liegt die der Stadt Debreczin gehörige Pußta Hortobagya (die Debrecziner Heide), ehemals ein fruchtbares Gebiet, jetzt seit der Theißregnlirung eine traurige, salzrciche Wüste, da die früheren befruchtenden Überschwemmungen nicht mehr möglich sind. Wie die Särret sind auch die längs der Theiß sich hinziehendenLandstricheNetköz u.Hosßuret große Snmpfgebiete, jedoch durch die Regulirung zum großen Theil trocken gelegt. Sämmtliche Flüsse U-s außer dem Poprad, welcher durch den Dunajec der Weichsel zufließt, gehören zum Gebiete der Donau. Diese durchfließt das Land, mehrere bedeutende Inseln, wie dieGroße u.Kleine Schütt, die Andreas-, Csepel- n. Margittainsel bildend, von Theben oberhalb Preßburg bis Orsova, wo sie die Österreichisch- Ungarische Monarchie verläßt. Ihre Nebenflüsse sind links: March, Waag (mit Arva, Kisucza, Thu- rocz u. Neutra), Gran, Eipel, Theiß (mit Taraczko, Talabor, Nagyag, Bodrog, Sajö, Eger u. Zagyva rechts, Viso, Jza, Szamos, Körös, Maros u. Bega links) u. Temes; rechts: Leitha, Raab (mit Marczal, Pinka, Guns u. Rabnitz), Särviz u. Dran (letztere Grenzfluß im S. gegen Kroatien-Slawonien). Um die Überschwemmungen zu verhindern, durch welche fast alle Flüsse U-s häufig großen Schaden verursachen, sind namentlich seit 1845 Stromregulirungen ausgeführt u. zu diesem Zwecke, sowie auch zur Erleichterung der Schifffahrt u. zur Entwässerung der vielen Sümpfe zahlreiche Kanäle angelegt worden. Diese Regnlirungen sind aber, u. zwar gerade bei dem gefährlichsten Flusse, der Theiß, durchaus ungenügend, wie das verhängnißvolle Jahr 1879 es bewiesen hat. Die wichtigsten Kanäle sind: der schiffbare Bacser- od. Franzenskanal zwischen Becse und Zombor, verbindet die Dona» mit der Theiß; der schiffbare Begakanal zwischen Temesvär u. Becske- rek; der Berzavakanal zwischen Temes u. Berzava, steht mit dem Verseczer (Theresien- od. Alibnnar-) Kanal u. mit dem Dettakanale in Verbindung und dient mit diesen zur Entwässerung der Sümpfe im SO. des Landes; der Sarviz- od. Palatinalkanal (der regulirte Sarviz), hauptsächlich zur Austrocknung der Sümpfe zwischen Stuhlweißenburg und Szegszärd gebaut; der Albrechts-Karasiczakanal im Mündungsgebiete der Drau, zur Entsumpfung dieses Gebietes angelegt; der Siokanal, verbindet den Sarvizkanal, in welchen der Zichy- od. Kaposkanal (der regulirte Kapos) einmündet, mit dem Plattensee; der Berettyäkanal zwischen der Schnellen Körös u. der Berettyo u. der Köröskanal längs der Weißen Körös, beide bei der Theißregnlirung zur Entwässerung von Sümpfen gebaut. An größeren Landsern besitzt U. den Plattensee (s. d.), den Neusiedlersee (s. d.), den Velenczersee östlich von Stuhlweißenburg, den Velki Kntvin im O. der Theißniündnng und den Palicsersee im O. von Maria-Thsresiopel. Zahlreich sind die kleinen Sumpf- n. Pußtenseen, von denen viele natronhaltig, also Sodaseen sind; unter diesen sogen. Weißen Seen ist der Feher Tu im R. von Szegedin einer der größten. Ferner sin- 704 > Ungarn den sich in den Karpathen zahlreiche kleine Gebirgsseen, Meeraugcn genannt, unter denen die in einer Meereshöhe von 1260—1990 m gelegenen kleinen Seenspiegel der Hohen Tatra, deren man 58 zählt (die Fünf-Seen, s. d. rc.), die merkwürdigsten sind. Von den zahlreichen Sümpfen u. Morästen sind die bedeutendsten: der Hansäg (s. d.), der Ecseder Sumpf bei Szathmar, die Berettyö-Sarret, der Alibunarmorast, der Palacser Sumpf bei Cepin rc. Viele Sümpfe, bes. die an der Donau und Theiß sind durch Abzugskanäle ganz od. theilweise trocken gelegt. .Der Boden ist in den weiten Niederungen außerordentlich fruchtbar u. gewährt auch ohne Dünger sehr reichliche Ernten. Auch mehrere Thäler, wie das schöne Waagthal, das Thal der Neutra rc. haben einen fruchtbaren Boden. Ferner ist das Hügelland, mit Ausnahme der oberen Theißgegend, wo sich Flugsand findet, überall sehr frucht- bar; nur sind hier die Flußuser nicht gegen Ueber- schwemmungen gesichert u. Sümpfe bedecken einen weiten Raum. Dagegen sind die höheren Karpathengegenden mit einigen Thälern im N. u. NO., die sandigen Strecken westlich von der Donau, namentlich aber der große, von Waitzen im N. bis nahe zum Franzens-Kanal im S. zwischen Donau u. Theiß sich erstreckende, mit Flugsand bedeckte Landstrich wirklich unsrnchtbar. Der rauhe Gebirgsstrich im SO. an der siebcnbürg. Grenze besitzt nur eine geringe Ergiebigkeit. Das Klima ist im Allgemeinen mild; am rauhesten ist es in Len Karpathen, die größten Extreme der Temperatur werden in den flachen Theilen des Tieflandes beobachtet, namentlich ist hier der Unterschied der Tages-u. Nachtwärme oft sehr groß (oft mehr als 20° L.). Die mittlere Jahrestemperatur beträgt in Arva -l- 4,«», in Schemuitz -j- 5,,", in Pest -s- 8„°, in Debreczin -s- 9° n. in Pancsova -s- 9,«° R. Die jährliche Regenmenge ist am größten im Gebirge, am geringsten in der Ebene; sie beträgt in Arva 88, dagegen in Pancsova nur 66, in Szegedin 49 u. in Ofen 46 ein. Die Gewitter sind am häufigsten in den Tatrage- genden, am seltensten in den großen Pußten östlich von der Theiß; im Durchschnitt rechnet man jährlich für Leutschau 22,5, für Pancsova IS,-, für Füuf- kirchen 16,,, für Preßburg 12,z u. für Debreczin nur 9,,. Im N. u. W. des Landes sind die Nordwinde vorherrschend, in der großen Ebene die Nord- u. Nordostwinde. Die große Ebene hat heiße, im Allgemeinen trockene Sommer, der Herbst ist angenehm, aber kurz, wie der oft sehr kalte, schneereiche Winter; trotzdem das Frühjahr im Ganzen regen- arm ist, verwandelt sich dann die Ebene in eine endlose Koth- u. Morastfläche, von der im Sommer Sumpfstrecken Zurückbleiben. Im Allgemeinen ist das Klima in U. gesund, nur in den Sumpsstrecken erzeugen sich häufig Wechselfieber u. ähnliche Krankheiten. Bei anhaltender Trockenheit im Sommer ist in denNiederungen die Fata Morgana (Ungar, veli Lada) eine gewöhnliche Erscheinung. Im Ungar. Berglande reicht die Region des Weinstocks bis zu 325m, die des Obst- ».Ackerbaues bis zu 812 m; in den Beskiden geht der Obstbau bis zu 392 m, der Ackerbau bis zu 910 m, im Karpathischen Waldgebirge der Ackerbau nur bis zu 650 m hinauf. Die Region des Laubholzes reicht bis 1140 m, die des Waldes überhaupt bis 1365 m (in den Beskiden u. (Geogr.). im Karpath. Waldgebirge höher als in der Tatra u. im Ungar. Bcrglande. In den Central-Karpathen folgt oberhalb des Waldes die Region des Krummholzes bis 1820m. Die Bevölkerung U«s, deren jährliche Zunahme sich durchschnittlich auf stark 1°/, beziffert, bildet in nationaler, sprachlicher u. religiö- ser Beziehung ein überaus buntes Gemisch u. wohnt ' in 139 Städten (darunter 51 königl. Freistädte), > 671 Marktflecken, 9662 Dörfern u. 3616 Pußten u. ! Ansiedelungen. Sehr zahlreich sind die größeren l Wohnplätze; denn in 205 Ortschaften mit einer Bevölkerung von mehr als 5000 Ew. wohnen 20 °/g > der Gesammtbevölkerung. Dabei darf aber nicht ver- > gessen werden, daß die Gemeinden oft eine Ausdehnung von vielen Meilen besitzen u. eine Menge von Ortschaften umfassen, u. daß der Hauptort der Gemeinde oft einen sehr geringen Bezirk umfaßt. Von dieser sind der Nationalität nach 43 °/„ (die relative Majorität der Bevölkerung) Magyaren, 16,25 °/„ Slowaken, 13 °/„ Deutsche, 11,25°/» Rumänen, 6,^<7« Serben, 4,s°/« Juden, 4,25°/» Ruthenen, der Rest Griechen, Armenier,Albanesen,Bulgaren, Walachen, Italiener, Zigeuner rc. In Bezug auf Religion u. Consessiou bekennen sich 53 "/„ zur Römisch-katholischen, 23,2°/, zur Evangelischen, über 10"/„ zur Griechisch-orientalischen u.8,I°/o zur Griechisch-katholischen Kirche, 4,5 °/g sind Juden. Von den Erwachsenen sind über 66"/„ in der Land- u. Forstwirthschqft u. im Bergbau, nicht ganz 10°/o in der Industrie u. mit Gewerben, 2°/« beim Handel u. Verkehr beschäftigt, über 17,5°/„ sind persönliche Dienste Leistende, 2,z°/„ bilden die sog. Intelligenz u. der Rest sind Rentner. Die Magyaren od. die eigentlichen Ungarn sind finnischen Ursprungs u. bewohnen fast nur die großen Ebenen, u. zwar unvermischt namentlich das Gebiet an der Theiß von Tokay bis Szegedin; nur im Heveser Comilate an der Matra sind sie auch im Gebirge angesiedelt; in 29 Comitaten bilden sie die absolute Majorität. Sie sind meist von mittelgroßer, kräftiger Gestalt, haben einen sehr starken Nacken, eine» fast runden Kopf mit wenig entwickelter, niedriger u. gebogener Stirn, einen bleichen Teint,etwas schräg gestellte, aber dunkle, feurige Augen, eine kurze u. flache Nase, einen hervvrtretenden Mund mit dicken Lippen, meist schwarzes Haar. Die Männer tragen einen Schnurrbart (der übrige Bart ist schwach), auf welchen sie einen großen Werth legen. Die Frauen zeichnen sich durch eine große Regelmäßigkeit der Züge aus. Die Mädchen entwickeln sich sehr früh, meist schon im 13. Lebensjahre, altern aber auch sehr schnell. Von Charakter ist der Ungar lebendig, in der Regel ernst, doch auch munter, kräftig, edelsinuig, gutmllthig, offenherzig, leicht zu erregen, leidenschaftlich, äußerst gastfrei, tapfer, kühn, ja tollkühn, vor Allem vaterlandsliebend. Charakteristisch ist der Nationalstolz der Magyaren, welcher sich in Verachtung anderer Nationalitäten, namentlich der Slawen, u.in dem bittersten Hasse gegen die Deutschen ausspricht. Dieser Haß des deutschen u. überhaupt jedes fremden Elements hat indeß das Gute gehabt, daß die magyarische Sprache sich seit 60Jahren außerordentlich ausgebildetn. eine eigene Literatur erworben hat. Die Umgangssprache der Magyaren war seither ein verderbtes Latein; der französischen Sprache bediente sich mit Vorliebe der 705 Ungarn. hohe Adel; das Deutsche, welches im ganzen Lande, aber in zahlreichen Dialekten gesprochen wird, ist die Sprache der Kaufleute, der Gewerbetreibenden u. des allgemeinen Verkehrs; in neuester Zeit aber ist es das Bestreben der Magyaren, welche in U. die ) herrschende Nation sind, das Magyarische zur durchgehend herrschenden Sprache im ganzen Lande zu machen. Die Nationaltracht ist eigenthümlich, aber schön. Die Männer tragen einen oben eingedrückten Hut mit breiten, aufgeschlagenen Krampen od. eine Pelzmütze od. einen Kalpak. Das Hemd ist ^ kurz, aber sehr weitärmelig. Die Beinkleider sind eng, reich mit Schnüren besetzt n. reichen bis an die Knöchel; darüber werden bis an die halbe Wade reichende Stiefel (Zischmen) mit Sporen n. mit Schäften, welche oft mit Seiden-,Gold- od. Silberschnüren verziert sind, getragen. Im Sommer trägt man, bes. die Landleute, statt der engen Beinkleider weite, weiße Leinwaudhosen (Gatya). Die Weste ist gewöhnlich von blauem Tuch, mit vielen kleinen weißen od. gelben Knöpfen besetzt; die Ärmelweste od. das Wams (Dolman) ist von hellblauem od. auch schwarzem Tuch, ist mit vielen Knöpfen u. Schnüren verziert u. liegt eng an. In neuerer Zeit wird auch wol ein kurzer Rock (Attila) getragen. Bei rüuher u. kalter Witterung wird darüber ein ähnliches, mit Pelz verbrämtes, reich verschnürtes Kleidungsstück (Bekes) getragen; bei gutem Wetter hängt dieser Pelz aber an Schnüren über die linke Schulter. Im Sommer u. Winter Pflegt der Ungar ein mantelartiges Kleid (Szüe) von grobem, weißem ! Schaswollstoffe, an den Nähten mit bunten Blumen ausgestickt, mit sich zu tragen; im strengen Winter u. auf Reisen hat er auch einen dicken Schafspelz (Bunda). Die Frauen tragen weite, faltige, halblange Röcke n. Jacken von hellblauem oder grünem Halbtuche, welche unter dem Mieder von einem an beiden Enden mit Knöpfen oder Franzen besetzten Gürtel festgehalten werden; ein meist rothes oder schwarzes, mit Schnüren od. Bändern besetztes Mieder schließt fest auf den Leib u. wird durch einen Schließhaken um denHals u. über dem feinen Heinde gehalten; dazu kommen Kopftücher od. Häubchen. Die Mädchen tragen überdies bis unter die Knie reichende kostbare, mit Luchs ausgeschlagene u. reich mit Schnüren besetzte Pelze. Die Fußbekleidung bilden Stiefelchen, oft von rothem Leder. Die Mädchen tragen die Haare in einen Zopf geflochten, welcher, mitBändern verziert, über den Rücken hinunter hängt, während dis Frauen die Haare aufstecken. Die Wohnung des Magyaren besteht meistens nur ans zwei Zimmern, einer Küche u. einer Kammer. Die Wände werden von Lehmziegeln, welche an der Sonne getrocknet sind, oder auch wol nur aus Erde, welche zwischen zwei Brettern, die immer höher gerückt werden, sestgestampft ist, aufgeführt; darauf kommt dann dcrDachstuhlzu liegen. Die Bedachung besteht entweder aus Stroh od. Rohr; ' in neuerer Zeit werden jedoch auch Ziegeln u.Schindeln dazu verwendet. Die Häuser stehen meist mit der Giebelseite nach der Straße; an der dem Hofe zugekehrten Frontseite des Hauses hat das Dach einen Vorsprung, welcher vonHolzpseilern getragen wird. Ställe, Scheunen u. sonstige Nebengebäude sind stets etwas abgerückt. Der Zimmerfußboden wird meistens aus festgestampftem Lehm hergestellt, PiererL Universal-CoiwersationL-Lexilon. K. Ausl. (Geogr.) hier u. da findet sich auch ein Brettcrboden. Den Schmuck des ziemlich reinlich gehaltenen Zimmers bilden bis zur Zimmerdecke ansgehäufte Federbetten, zahlreiches über dem Speisetisch aufgehängtes Geschirr, Krüge u. Flaschen, so wie unter Glas u. Rahmen befindliche Heiligenbilder. Die Sitten der Magyaren haben noch viel Rohes; sie werden zwar durch die vorschreitende Culrur mehr u. mehr abgeschliffen, allein nur zu oft birgt sich noch unter einem seinen, äußeren Schliff eine große innere Rohheit. Die Magyaren beschäftigen sich am liebsten mit Jagd ».Fischfang, Ackerbau ».Viehzucht, scheuen aber andauernde, anstrengende Arbeit. Sie besitzen eine große Leidenschaft für Musik, besonders für die der Zigeuner (Huszt od. Hegedü), u. Tanz in dem Nationalcostüm mit Stiefeln u. Sporen. Ihre Musik hat im Allgemeinen etwas Düsteres n. Schwer- müthiges, dabei aber doch Gewaltiges; ihrNational- tanz (Tschardasch) hat keine bestimmte Touren, sondern diese wechseln willkürlich u. nach derJdee, welche er darstellen soll. Eigenthümlich sind die Gebräuche bei den Hochzeiten. Die Braut wird unter gewissen Feierlichkeiten u. unter Scherzen ans dein elterlichen Hause abgeholt n. dem Bräutigam übergeben, worauf die Copulation u. dann der Hochzeitsschmaus erfolgt. Während des letzteren werden von 4—6 Musikern, welche auf dem Ofen od. in einer Ecke Platz genommen haben u. meist von so vielen Knaben, wie der Raum zuläßt, umgeben sind, alle Schüsseln, die ausgetrageu werden, mit einem Tusch u. Puhrufen begleitet. Das erste Gericht bildet stets in Honig gekochter Branntwein, wozu Kolatschen (ein Weißgebäck) hernmgegeben wird; nicht fehlen darf auch eine süße Zunge (damit sich die Neuvermählten stets mit süßen Worten liebkosen mögen.) Der Schmaus dauert stets bis tief in die Nacht hinein, u. Tanz beschließt das oft mehrtägige Fest. Die Braut wird während dessen feierlich in das Haus n. von Len Brautjungfern, deren jede eine Kerze trägt, in das Brautgemach eiugeführt; im neuen Staude muß sie am folgenden Morgen die Hauswirthin machen. Bonden slawischen Stämmen wohnen die Slowaken hauptsächlich im NW. u. N. des Landes von der Donau bis zur Tatra, die Ruthenen od. Rußniaken, welche meist unter Ludwig dem Gr. nach U. gekommen sind, im NO. u. zwar von der Tatra bis zu den Theißquellen, die Serben längs derGrenze von Kroatien-Slawonien, die Rumänen längs der Grenze Siebenbürgens von der Maros bis zu den Quellen der Weißen Theiß. Diese Slawen U-s sind in Natur u. Physiognomie allen übrigen Slawen ähnlich, sie haben also einen starken Körperbau, Stumpsnasen, starke Backenknochen, kleine Augen u. einen finstern Zug aus der Stirn; von Charakter sind sie ruhig, sanft, duldsam, schmiegsam, eigensüchtig, verschmitzt, schmeichlerisch, kriechend, sehr tapjer, arbeitsam. Die Nationaltracht der Slawen ist bei den Männern von der der Magyaren wesentlich verschieden. Der gemeine Slawe trägt meist ein weißes Tnchkamisol, blautuchcne Beinkleider, große, bis an die Knieereichende Stiesel u. einen großen, breitkrämpigen Hut, welcher bei den slowakischen Safraubauern bis zu den Schultern herabhängt; bei seinen Arbeiten im Sommer dagegen ein kurzes, nur bis unter die Rippen reichendes u. die Brust kaum bedeckendes Hemd, welches mit II. Band. 45 706 Ungarn (Grogr. rc.). einem Gürtel befestigt ist, u. weite, leinene Beinkleider. Als Fußbekleidung bedient er sich häufig eines mit Riemen um die Füße gebundenen L-tückes Schweins- od. Kalbshaut (Bocskor, Opanken), der Gebirgsbewohner dagegen oft hoher, schwarzer u. weißer Filzstrllmpfe mit hohen Sohlen. Bei kaltem od. nassem Wetter wirft der Slawe einen groben, weißen Tuchmantel (Szurowicza) od. auch einen großen Schafspelz (Bunds) um. Die weibliche Tracht ist der ungarischen ähnlich; nur das Schuhwerk ist plumper als das der Magyarinnen u. mit Hufeisen, welche oft mit Blumen od. anderen Figuren verziert sind, beschlagen, n. auch der Kopsputz ist nach den verschiedenen Districten verschieden. Die Mädchen gehen meist mit bloßem Kopfe od. haben aufdemKopfe ein sog.slowakischesBogelnest(Pärta), einen zollbreiten, mit Gold- u. Silberftreisen durchwirkten schwarzsammetenen Streifen, welcher bei großen Festen am Hinterkopfe befestigt wird. Die Wohnungen der Slawen sind freundlicher n. von regelmäßigerer Bauart als die der Magyaren; an das Wohnhaus, in dessen Mitte die Scheune ist, stößt meist ein umfriedigter Baumhof. Eigenthümlich ist ihr Nationaltanz; er besteht meist in einem fortwährenden Drehen zuerst des Mädchens allein, dann mit dem Burschen gemeinschaftlich, während desselben singen die übrigen Weiber aus voller Kehle in langen ausgczogenenTönen. Die Slawen beschäftigen sich mit Ackerbau u. Viehzucht, od. arbeiten in Berg- n. Hüttenwerken u. in Fabriken, od. treiben sonstige Gewerbe u. Handel. Unter den Slowaken gibt es überdies viele Fuhrleute, Hausirer u. Drahtzieher, u. viele durchziehen als sogen. Rastelbindcr fast ganz Europa. DieDeutsch.en sind über ganz U. zerstreut u. wohnen meist in den Städten u. größeren Marktflecken; nur in dem Wieselburger Comi- täte bilden sie die Mehrzahl, in ganzen Ortschaften u. in größeren Blassen finden sie sich außerdem in den Comitaten Eisenburg, Oedenburg, Baranya, Tolna, Bäcs-Bodrog, Toronläl, Temes, Szathmär, Pest, Zips, Veszprim, Bekes rc. In den Comitaten Wieselbnrg, Eisenburg, Oedenburg u. zum Theil auch in Preßburg waren Deutsche schon zu Karls des Gr. Zeiten ansässig; die übrigen sind eingcwan- derte Colonisten, welche theils in ganzen Stämmen, zuerst 1142 unter Geysa II., aus der Gegend von Köln n. Flandern nach der Zips u. nach den Bergstädten, theils in einzelnen, oft kleinen Schaaren aus Schwaben, Franken, Thüringen, Niedersachsen, dem Elsaß rc., meist zu Ende des 17. u. zu Anfang des 18. Jahrh., gekommen sind. Sie haben ihre nationale Tracht, Sprache u. Sitten bcibehalten, sind fleißig, mäßig, ruhig u. meist wohlhabend u. treiben Acker- u. Weinbau, Industrie, Bergbau, Handel rc. Die Inden sind am zahlreichsten im Pester Comitate, nächstdem in den Comitaten Neutra, Zemplin, Preßburg, Szabolcs, Säros u. Trencsin, sowie in allen Handelsörtern. Sie treiben fast ausschließlich Handel, in den Städten haben sie meist den Haupthandel in Händen. Die Griechen u. Armenier leben im Lande zerstreut, meistens in den Handelsplätzen, u. sind überwiegend Kaufleute u. Viehhändler. Die Zigeuner, welche im ganzen Lande zerstreut wohnen, haben sich gewöhnlich in der Nähe kleiner Städte u. Dörfer angesiedelt; die ärmeren führen aber vielfach ein Wanderleben. U. ist überwiegend ein Land der Nohproduclion; die Industrie ist noch wenig entwickelt u. auch der Handel steht hinter dem aller Länder Cisleithaniens bedeutend zurück. Von der Gesammtoberfläche sind etwa 33,«//« Ackerland, 1 ,««<>/« Weinberge, 11,«?/, Wiesen und Gartenland, 14,,^ »/« Weiden, 22,« °/« ! Waldungen und IS,^"/« unproductives Land. Die ^ Laudwirthschaft verdankt die reichen Ernteerträge zumeist dem guten Boden, denn im Allgemeinen ist die Bestellung des Bodens noch eine ungenügende, u. nur ausnahmsweise wird der Ackerbau auf den großen Gütern n. von den Deutschen rationell betrieben. U. erzeugt über seinen eigenen Bedarf Getreide , so daß es große Quantitäten ins Ausland aussühren kann. Weizen wird sowol zum eigenen Bedarf als auch zur Ausfuhr vorzüglich in Nieder- tlngarn (am besten um Miskoloz und im Comitate Arad) gebaut, wo auch viel Halbfrucht, ein Gemisch von Korn und Weizen, gezogen wird; Korn bauen vorzüglich die Slawen in den sandigen Strichen der Comitate Somogy, Szabolcs, Pest u. Szathmar, so wie in den steinigen Gebieten der Comitate Zala, Veszprim, Zips rc.; Gerst- baut man in ausgedehnterem Maße in den Gegenden, wo sich Bierbrauereien befinden, od. wo das Stroh dem Futtermangel abhelfen soll, Hafer im Großen besonders in den ComitatenArva,Trencsin (in beiden Comitaten auch als Nahrungsmittel für Menschen), Bihar u. Heves als PferLefntter u. zur Ausfuhr, Hirse am meisten in den Comitaten Pest u. Bäcs, so wie in den sandigen Gegenden um Debreczin, Buchweizen vorzugsweise in den Comitaten Somogy, Eisenbnrg, Wieselburg und Oedenburg, Mais (Kukuruz), der überall gedeiht, vorzüglich im S. u. O. zur Mäst- uug der Schweine (ans Maismehl wird jedoch auch Brod gebacken). Andere Bodenproducte sind: Kartoffeln, Hülsenfrüchtc aller Art, Kohl, Spargel (wächst auch in großen Mengen wild), Rüben, Runkel- u. Zuckerrüben, Gurken, Wasser - und Zuckermelonen (die besten Melonen wachsen in: Comitate Heves), Kürbisse, Rettige, Spanischer Pfeffer (Paprika), Kümmel, Fenchel, Dill, Senf, Anis, Zwiebeln, Knoblauch, Raps, Rübsen, Tabak (schon seit 150 Jahren bedeutend gebaut, eins der Haupt- producte des Landes, die besten Sorten wachsen in den Comitaten Oedenburg, Komorn, Heves, Arad, Hont, Eisenburg, Gömör, Borsod rc.),Mohn, Flachs (am meisten in den Comitaten Zips und Säros), Hanf (besonders in Bäcs), Hopfen, Safran (besonders in den Comitaten Neutra, Pest, Bäcs u. Zips), Saflor, Waid, Wau, Krapp u. andere Farbpflan- zen rc. Der Obstbau wird in vielen Gegenden, namentlich in den von Deutschen u. Slawen bewohnten, betrieben. Das beste Obst wird in dem Comitate Oedenburg gezogen, wo es, eingemacht und gedörrt, einen wichtigen Handelsartikel bildet. Im S. zieht man viele Pflaumen, welche meist zur Bereitung des Zwetschenbranntweins (Slibovitz) verwendet werden, Aprikosen, mehr als 50 Pfirsich- Arten, Wallnüsse, Mispeln, Feigen und Mandeln. Wälder von echten Kastanien gibt es in den Comitaten L>zathmär, Bihar, Neogräd, Hont und in dem ganzen W. u. SW. — Hinsichtlich des Weinbaues s. Ungarische Weine. Maulbeerbäume sind erst in neuerer Zeit zahlreich angepflanzt worden, namentlich in den Comitaten Eisenburg, Oedenburg, Wie- 707 Ungarn (Geogr. rc.). selburg, Tolna, Bäcs u. in der ehemaligen Militär« grenze. Die ausgedehnten Waldnngen in den Ge« birgsgegenden des Nordens und Westens, so wie in den Grenzgebieten gegen Siebenbürgen liefern außer bedeutendenMassen Bau- u. Brennholz große Mengen von Eicheln (zur Schweinemästung), Knoppern, Galläpfeln, Rinden, Theer, Harz, Terpentin, Pottasche, Holzkohlen rc. Dagegen herrscht in vielen Theilen der Tiefebenen ein solcher Holzmangel, daß Mist, Torf, Stroh, Schilf, Rohr rc. als Brennmaterialien dienen müssen. Sehr bedeutend ist die Viehzucht, zu deren Betrieb die ausgedehnten Wiesen u. Weiden sich ganz besonders eignen. Vieh ist daher auch einer der Hauptausfuhrartikel des Landes. 1869 betrug der Viehstand: 1,711,536 Pferde, 2262 Maulesel, 27,517 Esel, 3,672,575 Stück Rindvieh, 12,448,169 Schafe (darunter 4,472,129 edle), 268,395 Ziegen, 3,191,037 Schweine; Bienenstöcke zählte man 393,762. Die Rindviehzucht hebt sich in U. immer mehr u. wird auf den größeren Güter-Complexen auch mit weit größerer Sorgfalt betrieben als ehedem; indessen besteht auch noch in den weiten Ebenen u. Putzten (s. d.) die sogen, wilde Zucht, indem die Herden, bewacht von Hirten (Gulyäs od. Csordäs), das ganze Jahr hindurch im Freien bleiben. Am stärksten ist die Rindviehzucht in den Comitaten am westl. Donauuser u. in den an Wiesen reichen nördl. Comitaten; in den ehemals an Rindvieh so reichen Districten zwischen Donau ».Theißist sie hauptsächlich wol infolge der häufigen Umwandlung von Hutweiden in Ackerland, sehr zurückgegangen. In der Ebene findet man vorherrschend die stämmige, weißhaarige un> garische Niederungs- oder die podolische Rinderrace mit großen Hörnern, als Zucht- und Schlachtvieh ausgezeichnet, aber milcharm, in den Thälern und auf den Abhängen der Gebirge das kleinhörnige, kurzfüßige, farbige Rind der Schweizerrace, ans den Weiden des Samogyer Comitats häufig auch Bllfsel. In veuKarpathen wird auch Alpenwirthschaft getrieben. Die Pserdezucht, welche im Comitate Bäcs, sowie in dem von Bekes aus nach S. über Cjanäd u. Torontäl bis zur SGrenze sich erstreckenden Gebiete am lebhaftesten betrieben wird, hat sich in neuerer Zeit sehr gehoben. Zur Hebung derselben haben bes. die Staatsgestllte zu Mezöhegyes (im Comitate Csa näd), Bäbolna (im Comitate Komorn) und Kisber (im Comitate Komorn), sowie die an verschiedenen Orten stattfindenden jährlichen Wettrennen mit Staatspreisen u. Staatsprämien für Pferdezllchter beigetragen. In den großen Ebenen und Steppen werden jedoch noch immer große Herden halbwilder, dauerhafter, von Roßhirten (Szikvs) beaufsichtigter Pferde gezüchtet. Die ungarischen Pferde sind nicht groß, aber von gutem Wuchs, sehr behende u. gute Läufer, mit kleinem Kopfe, kleinen Nasenlöchern, feurigen Augen, langem u. dünnem Halse, schlanken, gelenken u. fast unbehaarten Schenkeln. Das Steppenpferd wird nicht leicht von einem anderen an Schnelligkeit, wie an Wildheit übertroffen. Sehr bedeutend ist ferner die Schafzucht, auf die ziemlich viel Sorgfalt verwendet wird. In den gebirgigen Gegenden u. indenfruchtbarenStreckender mittleren Ebene wird Las Zackelschaf, in den von Magyaren bewohnten Gebieten eine einheimische Race mit guter Wolle gezüchtet; seit längerer Zeit hat man auch die einheimischen Racen durch denBezug spanischerMerinosu. durch die Zucht feinwolliger Schafe veredelt. Ferner züchtet man auch wegen seines schmackhaften Fleisches und als Melkvieh das gehörnte Schaf. Die großen Schafherden des Südens überwintern zum Theil auf den Weiden der bosnischen Gebirge. Der Schafhirt wird Juhasz genannt. Die Zucht der Schweine ist überall verbreitet, am bedeutendsten ist sie in den sumpfigen Gegenden der mittleren Ebene, in den an Eichen- und Bnchenivaldungen reichen Comitaten Baranya, Somogy, Tolna, Zala u. Veszprim, ferner in den Heiden, an den Sumpfufern, in den Flußniederungen u. Waldungen der Comitate Bekes, Bihar, Csanäd und Arad. Jn Süd-U. mästet man die Schweine vielfach mit Mais, der dem Fleische einen besseren Geschmack gibt. Die jährliche Ausfuhr von Schweinen ist sehr bedeutend. Die Schweinehirten (Kanaszen) haben eine eigenthümliche Tracht und sind wilde, wenig zuverlässige Menschen. Die Geflügelzucht, namentlich die ZuchtvonHühnern, Gänsen, Enten u. Truthühnern, ist ebenfalls überall verbreitet; jährlich werden ansehnliche Quantitäten Federn ausgesührt. Von Belang ist ferner die Bienenzucht, welche namentlich im Großen u. mit ausgezeichnetem Erfolge in den südöstlichen Comitaten sowie in dem Comitate Wieselbnrg betrieben wird. Die Seidenzucht, die unter Maria Theresia begonnen u. durch den Herzog von Koburg- Kohary besonders gepflegt wurde, u. zu deren Hebung in Szegszärd ein Staatsseideninfpectorat besteht, hebt sich immer mehr. Groß ist der Reichthnm U-s an Wild; es gibt: Hirsche, Rehe, Gemsen, Wildschweins, Hasen, Kaninchen, Füchse, Biber, Fischottern, Wölfe, Baren, Luchse, wilde Katzen, Marder, Iltisse, Hamster, Billiche, Zieselmäuse, Eichhörnchen, ungeöhrte Bergratten rc.; ferner Adler, Geier, Falken u. andere Raubvögel, Trappen, Hasel- u. Rebhühner, verschiedene Schnepfenarten, Krammetsvögel, eine große Menge Staare, Wachteln ».Singvögel (vorzüglich viele Nachtigallen u. Lerchen), Sumpf- u.Wasservögel (wilde Gänse u. Enten, Pelikane, Rohrhühner, Kropfaänse, Störche, mehrere Reiherarten, namentlich im Bekeser Comitate viele Edelreiher), zahlreiche Sprosser, wilde Truthühner, Kraniche rc. Nicht weniger groß ist verhältnißmäßig der Reichthnm an Fischen, bes. in der Theiß (diese gilt für den fischreichsten Fluß Europas), dann in der Donau u. in den Seen; gefangen werden: Störe, Hansen, Lachse, Hechte, Karpfen, Schaiden, Forellen, Barben, Karauschen, Weißfische, Schille, Schwertlinge (Garda), Zahnfische (Fogas) rc. Zahlreich finden sich auch Krebse und Schildkröten, namentlich im Plattensee. Die Sumpfgegenden des Tieflandes sind von Schlangen, Rattern, Fröschen, Krötenu. Blutegeln in Menge bewohnt. Letztere werden nicht blos gefangen, sondern auch in vielen künstlichen Teichen gezüchtet. Große Schnecken werden viel nach Oesterreich ausgesührt. Der Mineralreichthum ist überaus groß, und zählt das Land hinsichtlich seiner mineralischen Schätze zu den reichsten Ländern Europas; namentlich besitzt es unerschöpfliche Salz-, Kohlen- u. Eisensteinlager, sowie reiche Gold-, Silber-, Kupfer- und andere Erzgänge. In Bezug auf Reichthnm an Edelmetallen wird U. in Europa nur von Rußland llber- troffen. Reiche Gold- und Silberbergwerke sind in 45 " 708 Ungarn (Geogr. rc.). Schemnitz, Kremnitz, Neusohl u. Schmöllnitz in Len Westkarpathen, in Nagybänya u. Felsöbänya in Leu -Ostkarpathen, in Oravicza im Banaler Gebirge rc. Außerdem finden sich Goldwäschereien an der Donau, Maros, Theiß n. Körös. Die reichsten Kupferbergwerke befinden sich in der Umgegend von Schmöll- nitz, Nagybänya, Rezbänya und Oravicza. Quecksilber wird namentlich zu Altwasser bei Schmöllnitz, ferner bei Rosenau und Mazurka gewonnen. Die vorzüglichsten Eisenbergwerke find in Len Comitaten Sohl, Gömör, Zips, Abauj, Torna, Borsod, Säros, Temes, Krassv rc. Bleigruben gibt es in den Co- mitaten Hont, Bars, Liptau, Sohl, Marmoras, Szathmär, Bihar, Krassv rc. Galmei wird zu Ora- vicza,Antimon znMagurka, Schmöllnitzu.Rosenau, Kobalt u. Nickel in Dobjchau u. Libcthen gewonnen. Die Salzgewinnung, die zwar ans den Marmoras- Szigether Bezirk beschränkt, aber sehr bedeutend ist, wird als Staatsmonopol betrieben. Die ergiebigsten Salzbergwerke sind zu Rhonaszek, Sugatag, Sandorfalva, Szlatina u. Königslhal. Zu Sovär im Comitaie Säros wird nur Sndsalz gewonnen. Soda wird an vielen Orlen gewonnen, besonders reich daran ist der Boden des Niedernngarischen Tieflandes. Salpeter findet sich gleichfalls in vielen Gegenden in natürlichem Zustande. Natürliches Glaubersalz gewinnt man bei Ofen, sowie in Len Comitaten Stuhlweißenburg und Wieselbnrg. Die vorzüglichsten Alaunwerke sind in den Comitaten Heves und Bereg. Alle Arten Bitriol liefern die Bergwerke. Steinkohlenbergbau wird betrieben bei Fünfkirchen im Comitate Baranya, bei Oravicza u. Resiczabänia im Comitate Krassv. Auch Braunkohlen, die in zahlreichen u. mächtigen Lagern, namentlich im Brennberge bei Oedenburg, bei Grau rc. vorhanden sind, werden gewonnen. Auch Edel - und Halbedelsteine kommen vor. Der Hauptfundort des edlen Ungar. Opals, des edelsten in Europa, ist das Comitat Säros; außerdem finden sich Amethyste, Chalcedone, Granaten, Hyacinthe, Carneole, Sap- phire, Achate, Bergkrystalle (darunter die sogen. Marmaroser Diamanten), Turmalin rc. Ferner gewinnt man Asphalt, Porzellanerde, Walkerde, Töpferthon, Dachschiefer (von ausgezeichneter Güte im Comitate Borsod), mannigfache Marmorarten (vorzüglich schönen weißen im Comitate Krassv), Alabaster (bes. im Comitate Zemplin), Mühlsteine, Granit, Gneiß, Porphyr, Basalt, Sand- und Kalksteine, Kreide, Gips, Talk, Serpentin, Asbest, Bergöl, Erdpech, Graphit, Tors (hauptsächlich in den großen Sümpfen, aber auch im Comitate Zips am Fuße der Karpathen). Die vorzüglichsten Montanprodncte waren 1873 : 1094,2 Münzpsnnd Gold, 34 , 794,2 Mllnzpfund Silber, 15,339 Ctr. Kupfer, 23,891 Ctr. Blei, 250 Ctr. Quecksilber, 6940 Ctr. Kobalt und Nickel, 2 , 563,705 Ctr. Roheisen, 12 , 161,020 Ctr. Steinkohle, 13 , 632,815 Ctr. Braunkohle und 1 , 164,242 Ctr. Salz. — Reich gesegnet ist u . mit Mineralquellen, unter denen die berühmtesten sind: die Thermen von Pistyän (Pösteuy) im Comitate Neutra, die 7 Schweselthermcn von Teplitz bei Treucsin, die alkalisch-salinischen Thermen von Ofen, die Herknlesbäder (meist erdig-salinische Schwefelthermen) zu Mehadia im Comitate Szöreny, kne stark »inriatischen Schweselthermen von Harkany im Comitate Baranya, die alkalisch-salinischen Thermen von Stubnya unweit Kremnitz im Comitate Bars, die warme Eisenquelle von Vichnye (Eisenbach) im Comitate Bäcs, die Thermen von Szliäcs od. Ri- bär im Comitate Sohl, die Stahl-, Schwefel- und Alaunquellen von Paräd im Comitate Heves, die alkalisch-salinischen Säuerlinge von Füred am Plattensee im Comitate Zala, die alkalischen Eisenquellen von Bartfeld im Comitate Säros, die gasreichen Eisenquellen von Lucsky im Comitate Liptan, die sehr gasreichen Säuerlinge von Groß-Schlangendorf od. Mülenbach u. Schmecks im Comitate Zips, die Schwefelquellen von Wolfs oder Balf im Comitate Oedenburg, die erdig-salinischen Schwefelquellen von Szobrancz im Comitate klug, die Soolquellen von Alsv-Sebes bei Eperjes im Comitate Säros rc. Die Industrie U-s ist nur gering und deckt den eigenen Bedarf bei Weitem nicht; sie beschränkt sich größteutheils auf das Kleingewerbe, kaum in einigen Zweigen kann von einer Großindustrie die Rede sein. Schafwoll-, Flachs- u. Hanfspinnerei n. Weberei werden lebhaft betrieben, aber fast nur als Hausindustrie u. erzeugen meist nur ordinäre Maaren: grobe Leinwand, grobes Wolltuch, grobe Decken (Kotzen), Teppiche rc. Feineres Tuch wird nur in einigen größeren Fabriken fabricirt. Bedeutend ist die Gerberei, neben den gewöhnlichen Sorten liefert sie in den südlichen Comitaten auch Corduanleder. Schuh-, Riemer-, Sattler- u. Kürschnerwaaren werden an vielen Orten in guter Qualität erzeugt, namentlich in Budapest. Papier, aber meist nur von gewöhnlicher Qualität, wird in etwa 60 Papiermühlen und einigen größeren Fabriken hergestellt. Die Töpferei ist allgemein verbreitet, in einigen oberungarischen Comitaten bildet sie einen blühenden Zweig der Hausindustrie. Schönes Steingut- und Fayencegeschirr wird gefertigt, namentlich in Fünfkirchen. Irdene Pfeifenköpfe liefert Schemnitz, Krem- nitz, Debreczin rc. U. besitzt nur eine, aber durch ihre künstlerischen Producte berühmte Porzellanfabrik zu Herend im Comitate Veszprim. Es bestehen 45 Glashütten (die meisten in den nördlichen Comitaten), welche aber meist nur ordinäres Hohl- und Tafelglas liefern. Bon verhältnißmäßig großer Bedeutung ist die Verarbeitung der Bergwerksproducte. Grob- u. Streckeisen liefern das Banat, die Zips n. Las Gömörcr Comitat, Stahl hauptsächlich das Banat u. Las Borsoder Comitat; Eisengießereien gibt es in Ofen, Krompach (im Comitate Zips), Rhonitz (im Comitate Sohl), Resicza (im Comitate Krassä), Dernö (im Comitate Gömör) rc.; ferner bestehen mehrere Fabriken für Eisenblech, Draht, Eisenwaa- ren, Ketten, Waffen rc. 1871 bestanden 43 Fabriken für landwirthschaftliche Maschinen. Locomoiiven, Schiffs- u. andere Maschinen werden namentlich in Budapest gebaut, wo auch der Schiffbau im Großen betrieben wird. Zahlreich sind die Kupferschmieden, so wie die Werkstätten für Gold- u. Silberarbeiten. 1871 bestanden ferner 25 Zuckerfabriken, 181 Bierbrauereien, 40,491 Branntweinbrennereien, 293 Ölfabriken, 4 ärarische Tabaksfabriken, circa 24,000 Mühlen (darunter etwa 450 Dampfmühlen). Von Chemikalien werden namentlich Weinstein, Pottasche Uno Soda erzeugt. Außerdem ist noch erwähnens- werth die Fabrikation von Seifen (bes. in Debreczin u. Szcgedin), Wachs-, Stearin- u. Talglichten, Essig, Liqueur, Rosoglio, Möbeln, Rohr- n. Strohmöbeln, 709 Ungarn (Geogr. rc.). Rohrdecken, Böttcherwaaren, allerlei Holzgeräthen, Sieben, Netzen, Seilen, Schnüren rc., der Schiffbau n. endlich auch die Holzschnitzerei, welche in vielen Gebirgsgegenden betrieben wird, aber nur ordinäre Maaren liefert. Der Handel ist fowol im Innern als nach dem Auslände ziemlich lebhaft. Die wichtigsten Ausfuhrartikel sind: Rindvieh, Pferde, Schweine, Getreide, Mehl, Schafwolle, Thierhäute, Wein, Branntwein, Fleischwaaren, Tabak, Salz, Bau-u. Werkholz, Hanf, Flachs, Möbel, Leder-, Ei- sen-n.Wollenwaaren, Bergwerksproducterc. Haupt- gegenstände der Einfuhr sind: Colonialwaaren, Leinen-, Wollen-, Baumwollen- u. Seidenwaaren, Tabak, Cigarren, Eisenwaaren, Leder, Lederwaaren, Schmuck- n. Kurzwaaren, so wie mancherlei andere Industrie-Erzeugnisse. Haupthandelsplätzs sind: Budapest, Preßbtirg, Oedenbnrg,Kaschau,Debreczin u. Temccvär. Handels- und Gewerbekammern bestehen in sämmtlichen zuletzt genannten Orten, Filialen der Österr. Nationalbank zn Wien in Buda- Pest, Kaschau, Debreczin und Temesvär. An guten Landstraßen mangelt es in U.; dem Handel dienen hauptsächlich die Eisenbahnen u. Wasserstraßen. Elftere hatten Ende 1877 im ganzen Ungarischen Staatsgebiet eine Länge von 7059 lcm (wovon 145 noch im Bau); letztere eine Länge von 3542 km. Mit Dampfschiffen befahren werden die Donau (diese allein ganz), Theiß, Drau, Bega, der Franzenskanal u. der Plattensee. Münzen, Maße u. Gewichte sind gesetzlich die österreichischen; seit 1876 sind die französ. Maße n. Gewichte eingeführt. Die Volksbildung hat zwar in neuerer Zeit erfreuliche Fortschritte gemacht, allein in manchen Theilendes Landes, namentlich in den von slawischen Stämmen bewohnten, steht sie noch hinter der in den meisten Ländern des österr. Staatsgebietes zurück. 1875 gab es15,387Volksschulenmit19,610Lehrern u. 1,497,144 Schülern,d.h. nur 70°/u aller schulpflichtigen Kinder besuchten eine Schule. An höheren Unter- richtsanstaltenbestehen:eineUmversität,dasJosephs- Polytechnicum, 12juridische Lehranstalten,35theolo- gische Lehranstalten verschiedener Confessionen, 52 Ober-u. 65 Untergymnasien, 11 Ober-u. 12 Unter- realschulen,40Bildnngsanstalten für Lehrer u. 8 für Lehrerinnen. Ferner bestehen an Fachschulen: das Ludovicenm (militärische Hochschule für Offiziere der Honvedarmee), eine Central-Bildungsanflalt für Zeichenlehrer, verbunden mit einer Musterzeichenschule, die Landesmusikakademie, eine Handelsakademie, ein Thierarznel-Jnstitut, einelandwirthschaft- liche Akademie, eine Berg- u. Forstakademie,2 Heb- ammenschulen rc. An Hnmanitätsanstalten ist U. noch sehr arm. Wissenschaftliche und Kunstinstitute und Gesellschaften sind ferner: die 1830 gegründete Ungar. Akademie der Wissenschaften, die Ktsfaludy» Gesellschaft, die geologische Reichsanstalt, das centralmeteorologische Institut, das königl. ungar. statistische Bureau, das Nationalmuseum, das Landesarchiv, die Landesgemäldegallerie rc. In kirchlicher Beziehung zerfällt U. in die drei römisch-katholischen Erzdiöcesen Gran, Erlau u. Kalocsa. Dem Erzbischöfe von Gran, der zugleich Primas von U. ist, unterstehen die Sufsraganbischöfe von Eperj.es, Neu- sohl, Neutra, Stnhlweißenbnrg, FUnskirchen, Steinamanger, Raab, Waitzen, Veszprim und Munkacs, demErzbischose von Erlau die Bischöfe vonRosenau, Zips, Szathmar und Kaschau, dem Erzbischöfe von Kalocsa die Sufsraganbischöfe von Großwardein u. Csanad und außerdem der Bischof von Karlsburg (Siebenbürgen). Die griechischen Katholiken stehen unter den Bischöfen von Eperjes, Munkacs, Lugos u. Großwardein, die dem Erzbischöfe von Blasendorf (Siebenbürgen) unterstehen, und die der Griechischorientalischen Kirche Angehörigen unter den Bischöfen von Neusatz, Ofen, Arad, Temesvär, Versetz u. Karausebes, welche theils dem Patriarchen von Kar« lowitz (Slawonien) für die Serben, theils dem Erzbischöfe von Hermannstadt (Siebenbürgen) für die Rumänen untergeordnet sind. Die EvangelischeKirche Augsburger Confession wird von einem weltlichen General-Jnspectorate u. dem alljährlich einberufenen General-Convente geleitet; dasobersteVerwaltungs« organderReformirtenKircheistderGeneral-Convent, welcher in Budapest Zusammentritt. Die Cultns- Angelcgenheiten der Israeliten leitet die israelitische Landeskanzlei in Pest. Eintheilung. Früher war U. in die 5 Verwaltungsgebiete Pest-Osen, Oeden- burg, Preßburg, Kaschau u. Großwardein eingetheilt, welche in 6 Stadtbezirke, 41 Comitate u. 1 District zerfielen; dazu kamen später kleinere Theile Siebenbürgens, die zu U. geschlagen worden waren, die WojwodschaftSerbien u. das TemeserBanat, welche in I Stadtbezirk u. 5 Kreise eingetheilt waren, und die Banater Militärgrenze, welche in 3 Regiments- bezirke u. 1 Bataillonsbezirk zerfiel. Seit 1861 war dann das Land in 50 Comitate, 3 Districte und die 16 Zipfer Städte eingetheilt. 1876 wurde auch diese Eintheilung wieder abgeändert, namentlich wurden die Comikatsgrenzen in den Gegenden an der Theiß wesentlich verändert. Gegenwärtig ist nun U. in folgende 50 Comitate eingetheilt: Abauj, Arad,Arva, Bäcs-Bodrog, Baranya, Bars, BMs, Bereg, Bi- har, Borsod, Csanad, Csongräd, Eisenburg, Gran, Gömör-KisHont,Hajduken, Heves,Hont,Jazygien- Groß-Kumanien-Szolnok, Komorn, Krassö, Liptau, Marmaros, Neogräd, Neutra, Oedenburg, Pest- Pilis-sölt-Klein-Kumanien, Preßburg, Raab, Säros, Sohl, Somogy, Stnhlweißenbnrg, Szabolcs, Szathmar, Szilägy, Szöreny,Temes, Tolna, Torna, Toroniäl,Trencsin, Turöcz,Ugocsa,Ung, Veszprim, Wieselburg, Zala, Zemplin u. Zips. Hauptstadt ist Budapest. Verfassung und Verwaltung rc., s. Ästerr.« U., S. 801 ff. — Zur Literatur: v. Csaplovics, Gemälde von U., 2 Bde., Pest 1829; A. Ellrich, Die Ungarn, wie sie sind, 2. A. Berl. 1833; I. Chownitz, Handbuch zurKenntniß U-s,Siebenbürgens rc., Bamberg 1851; M. Hahn, Historisch-topographisch-statistische Beiträge zur Kenntniß des heutigen U-s, Pest 1855; E. Palngyay, Geschichtliche, geographischen, statistische Beschreibung von U. (in ungar. Sprache), 4 Bde., ebd. 1855; K.Galgoczy, Landwirthschaft- liche Statistik U-s (in ungar. Sprache), ebd. 1855; Pronay, Lsguisses äs la vis populäres sn IlonAris, ebd. 1857; Hornyansky, Geographisches Lexikon des KönigreichsU., ebd. 1857; D. Lengyel dePrzemysl, Die Heilquellen n. Bäder U-s, ebd. 1854; Vecsey, Beiträge zur Geschichte der Flüsse u. Sümpfe U-s, ebd. 1854; U. ü. Siebenbürgen in malerischen Originalansichten mit Text von I. Hunfalvy, Darmst. 1856 ff.; J.Hunsalvy, Physikalische Geographie des Ungar. Reiches (in ungar. Sprache), 3 Bde., Pest 710 Ungarn 1863; Patterson, Ibe ÄlaAzmrs; tiieir eonutrzc anck Its insbitntiovs, 2Bde., Land. 1869; Schwicker, Geographie von U., Pest 1871; Keleti, Bevölkerung der Länder der heil. StephanZkrone rc. (in Ungar. Sprache), ebd. 1871; Zöllner, Das Deutschthum in U., eine ethnographische Skizze, in: Aus allen Welt- theilen, Juniheft 1871; Lla^ararsräAlisI^nsvtära. Ortsverzeichniß der Länder der Ungar. Krone, her- ausgeg. vom königl. Ungar, statistischen Bureau, Pest 1873; Klun, Das Uugarland, ein Cultnrbild, in: Ausland, 1875 in den Nummern 21, 23,25 u. 27; Kraynik, Reisehandb. inU.,Budap. u.Lpz.1875;P. Huufalvy, Ethnographie U°s (deutsch v on Schwicker), Budapest u. Stuttg. 1876; Amtl. statist. Mitth. des Ungar, statist. Bureaus 1868—75; Statist. Jahrb. für U. 1876—78; Schwicker, Statistik des Königr. U., Stuttg. 1877; Reclus, MnveUs ZevAraptlis uuivorsalls, Bd. III, Paris 1877; Braun, Wiesbaden, Reiseeindriicke aus dem Südosten, U.,Jstrienrc., Stuttg. 1878, 2 Bde.; Hantken, Nitler v. Trudnik, Die Kohlenflötze u. der Kohlenbergbau in den Ländern der Ungar. Krone, Budapest 1878; Reuehr, Im Donaureich, Prag 1878, 2 Bde.; von Ruthner,! das Kaiserth. Österreich u. Königr. U.in malerischen Originalansichten, Wien 1878—79; Umlauft, Wanderungen durch die Österr.-Ungar. Monarchie, Wien 1879; Gumpolowicz, Das Recht der Nationalitäten u. Sprachen in Österreich-Ungarn, Junsbr. 1879; Strahalm, Politisch-statistische Tafel der Österreich.- Ungar. Monarchie, Wien 18 76 ff. (IV. Jahrg.1879); v. Wagner, Land- u. volkswirthschaftliche Zustände U-s in Komers Jahrbuch für österreichische Land- wirthe; Specialkarte von U., heransgeg. vom K.K. Militär-Geographischen Institute, Wien. Vgl. auch die Lit. zu Österreich-Ungarn. H- Berns. Ungarn (Gesch.). Das jetzige U. wurde zur Römerzeit von denPannouiern u.Daciern bewohnt, zwischen denen die Jazygen wohnten. Sic Alle wurden unter den ersten Kaisern von den Römern unterworfen. Seit dem 4. Jahrh. hausten die Hunnen hier, nach deren Weichen Mitte des 5. Jahrh. nacheinander die Gepiden, Ostgothen, Langobarden u. im 6. Jahrh. Avaren Theile des Landes besetzten; Letztere wurden im 8. Jahrh. von den Serben u. Bulgaren auf das Land zwischen der Save n. Enns beschränkt, 791 von Karl dem Großen bezwungen und 796 Avarien zu einer Provinz des Fraukenreichs gemacht. Der hunnisch-scythische Bölkerstamm der Magyaren, der von der Wolga u. dem Ural herkam u. den Chazaren als Bundesgenosse gegen die Perser u. Araber diente, wauderte 884, von den Petschenegen verdrängt, im chazarischen Reiche in Lebedia u. 887 in Bessarabien u. der Moldau ein. 887 wurde Arpäd, der Sohn des hochverehrten Wojewoden Almos, durch Nationalvertrag Fürst der Ungarn, u. zwar sollte diese Würde immer in seinem Hause bleiben. 888 leisteten die Ungarn dem byzantinischen Kaiser Leo dem Weisen gegen die Bulgaren treffliche Kriegshilfe. Arnulf, König der Deutschen, rief 889 im Kriege mitSwalopluk, Großfürsten von Mähren, ebenfalls die Magyaren zn Hilse; aber während sie unter Arpäd dieselbe leisteten, fielen die Bulgaren u. Petschenegen über ihr Land her, verheerten es u. nahmen es größteniheils ein. Die Ungarn mußten darum sich neue Sitze im Westen suchen u. drangen 889 unter Arpäd bis ;ur Theiß (Gesch.). u. Bodrog vor; die slawische Bevölkerung huldigte , meist sofort. 889 eroberteArpäd den Strich zwischen ; den Karpathen u. dem Sajö, das Sajöthal bis zur . Matra u. das Hernadthal bis zur Tatra, 890 das l heutige Siebenbürgen u. das Temescher Banat, so- > wie das bis zur Zagywa reichende Gebiet. Arpäd . vertheilte die Gebiete unter die einzelnen Stämme. > 889 eroberte er auch das Land zwischen Donau u. ; Theiß, dann hielt er eine große Nationalversammlung ; in Pußta-Szer ab, ans der die Grundzüge der Lan- deseintheilung u. der späteren Burgversassung fixirt wurden. Um die Macht der Stammhäupter in seinem Interesse zu beschränken, verlieh er auch Anderen, selbst Fremden, größeren Besitz. Die vielen Burgen im Lande behielt er als Stützen der Landes- vertheidigung sich als Staatsdomainen vor u. ließ sie von den Stammeshäuptern nur verwalten als eomibss ecwtri. Z des um die Burgen ansässigen Volkes wurde zu ihrer Bewachung bestimmt u. unter dieselben sehr viel Boden für ihre Kriegsdienste vertheilt als Erbbesitz — sie hüteten von den Burgen aus die Heimath, während das übrige freie Volk neue Raubzugc machte. Aus solchen schlug Arpäd die Bulgaren, machte sie tributpflichtig, drang in das Land der Raizen, dann bis Kroatien, unterwarf Spalatro u. in U. die Insel Csepel, wo Arpäd seine Residenz nahm. Buda fiel in seine Hand, ferner das Land bis zur Drau n.bisznmLapincs-Flllß. Durch die Heirath seines Erben mit der Tochter Maröts, des Fürsten von Bihar, kam nach dessen Tode das ganze Land zwischen der Körös u. Maros auch an Arpäd. Noch in rüstigem Alter ließ er seinem Erben Zsolt (Ssoltan) als Fürsten bereits huldigen, um die Einigkeit der Nation zu befestigen. 900 verwüsteten die U. Österreich u. Bayern furchtbar, erlitten aber auf dem Heimzuge von dem Markgrafen Luitpold von Bayern schwere Niederlagen, ebenso 902; 903 plünderten sie ganz Ober- italieu. Arpäd st. 907; ihm folgte sein minderjähriger Sohn Zsolt. 907 zogen die Magyaren wieder nach Deutschland, dort gewöhnlich Hunnen genannt, n. schlugen die Bayern bei Prcßburg u. bei Augsburg; 908 verwüsteten sie Thüringen u.Obersachscn, 909 Franken, Bayern u. Schwaben; 910 schlugen sie den Kaiser Ludwig bei Augsburg n. fast jährlich wiederholen sich diese Streifzüge. Italien u. Süd- frankreich wurden wiederholt von ihnen heimgcsucht u. häufig fielen sie in Sachsen ein. Der deutsche König Heinrich der Vogler, unter dem sie Thüringen verheerten, nahm 925 einen ihrer Hauptanführer gefangen u. zwang sie zu neunjährigem Waffenstillstand. 933 fielen sie in drei Heeren, in Griechenland, Italien u. weil ihnen Heinrich den Tribut verweigerte, in Thüringen ein. Die beiden ersten waren glücklich, aber das dritte wurde vonHeinrich 15.März 933 bei Keuschberg unweit Merseburg u. bei weiteren Einfällen in Sachsen u. Bayern wiederholt besiegt. Der Griechenkaiser Constantin gewann zwei ungarische Feldherren für das Christenthnm, wodurch diesem der Weg nach U. gebahnt wurde—des Einen Tochter, Sarolta, ward später die Gattin Geysas I. 947 überließ Zsolt die Regierung seinem Sohne Tacksony u. st. 950. 947 verheerte Tacksony die Lombardei. Des Kaisers Otto I. Sohn, Ludolf, rief die Ungarn 954 gegen ihn ins Land, doch ließen sie sich, da Otto sie gerüstet erwartete, in keine Ungarn Schlacht ein, sondern verheerten die Rheinlande, Frankreich u. Italien. 955 kamen sie äußerst zahlreich wieder ins Reich, wurden aber von Otto I. auf dem Lechselde bei Augsburg lO.Aug. total vernichtet. Nun gab Tacksony die Raubzüge im Ganzen auf, friedliche Beschäftigung gewann die Oberhand, das Christenthum kam mehr in Berührung mit dem Volke u. im deutschen Reiche lebten an den Grenzen gegen U. die Markgrasschasten wieder aus. Tacksony rief Bulgaren, Petschenegen, Bessarabier rc. in sein Land «. bedrohte wiederholt das griechische Reich, wurde jedoch 970 bei Adrianopel geschlagen. Nach seinem Tode, 972, erhielt sein Sohn Geysa (Geyza) l. die Regierung. Dieser unterdrückte das Räuberwe- sen im Innern, verbot die Raubzüge, zog Einwanderer aus Italien n. Deutschland in das Land u. ließ die deutschen u. slawischen Sklaven als Ackerbauer u. Handwerker verwenden. Das Christenthum drang mächtig inU. vor, vonPassan aus geleitet. 975 verband sich Geysa mit Heinrich von Bayern gegen Kaiser Otto II. u. die deutschen Missionare wurden vertrieben; nach dem Friedensschluß aber wurde das Bekehrungsgeschäft mit Glück betrieben, zumal durch Bischof Adalbert von Prag. 994 ließ sich Geysa mit seiner Familie taufen — hierbei nahm sein Sohn Baik den Namen Stephan an — seine Gemahlin Sarolta, die Seele seiner Regierung, bewog ihn dazu. Auch den Unterthanen rieth er dringend zum Christenthnme u. gab alle christlichenGefangenen frei. Um in engem Bunde mit Deutschland zu stehen und in die europäische Fürstensamilie zu kommen, vermählte er Gisela von Bayern 996 mit Stephan. Geysa st. 997, ihm folgte sein Sohn Stephan I., der Heilige. Sein erster Befehl war die allgemeine Taufe. Dies verursachte aber die Vertreibung der Deutschen u. 998 eine Empörung, an deren Spitze Kupa, Fürst von Somogy, stand; allein dieser wurde 999 beiBeszprim geschlagen u. blieb, woraus die Civilisation über die Barbarei siegte. Stephan erzwang vom Volke die Annahme des Christenlhnms, gab alle christlichen Sklaven frei, wählte die Heilige Jungfrau zur Schutzpatron«: seines Reiches, berief gelehrte Mönche u. Priester, stiftete Schulen, gründete Kirchen u. Klöster, errichtete 10 Bisthllmer, darunter das Erzbisthum in Gran, erhob die Prälaten zu dem ersten Stande des Reiches n. verordnete die Abgabe des Zehnten an die Geistlichkeit. Deshalb erhielt er den Beinamen desHeiligen, von Papst Sylvester II. auf sein Ansuchen 1000 eine Krone n. ließ sich damit in Granl5.Aug. 1000 zum Könige krönen. Seine Residenz nahm er zu Stuhlweißenburg. Im Rathe der Stammeshänpter, Bischöse u. eingewanderten Herren schloß er mit dem Volke einen neuen Vertrag n. gab ihm eine neue Regie- rungssorm. Die Thronfolge blieb Arpäds Stamme gesichert u. die Majestätsrechte wurden erweitert. Zur Erleichterung der Rechtspflege u. als Hofämter traten ein: der Palatin, das Hauptorgan für Verwaltung u. Rechtspflege im Lande, der Hofrichter (zuäsx ourias), später Landrichter u. der Schatzmeister. Drei »stände wurden begründet: hoher Klerus, hoher Adel, niederer Adel; alle drei nahmen Theil an der auf den Nationalversammlungen ausznuben- Sen Gesetzgebung. Obgleich der Klerus u. hohe Adel überwiegenden Einfluß besaßen, erlangte nur Gesetzeskraft, was durch die Majorität der drei Stände (Gesch.). 71 i zur Geltung gekommen u. vom Könige bestätigt worden war. Beide weltlichen Stände wurden im persönlichen u. Eigenthnmsrecht völlig gleich, beide standen einzig unter König u. Palatin. Die Comi- tatsversassungwurde weiter ausgebildet; die Burgen im Lande mit ihren Ländereien blieben unveräußerlich u. wurden vom Burggrafen (später Obergespan) verwaltet; ihre Bewachung erhielten die Burg- nnterthanen (vürjobäZM). Das Reich theilte Stephan in 72 Gespanschasten (Comitate). In jedem Comitate wurden zwei königliche Sluhlrichter (ju- ckioov roAnIvs) zur Schlichtung geringerer Streitsachen aufgestellt. Sein Strafgesetzbuch (Osorstnm Ltopstani) war im Geiste der Zeit auf das Princip des Blutzeldes, der Wiedervergeltung u. der Geldstrafe gegründet. Zur Landesvertheidigung schuf er ein königlichesHeer u. ein Nationalheer. Unter ihm begann schon der Einfluß der fremden Geistlichen auch in Sachen der Politik; diese verdrängten die nationalen Großen vom Hofe u. führten statt der ungarischen die deutsche Sprache als Geschäftssprache ein. 1002 kriegte Stephan I. mit Gyula, Fürsten von Siebenbürgen, welcher dom Christenthum widerstrebte, nahm ihn gefangen u. machte Siebenbürgen zur ungarischen Provinz; Karlsburg wurde ein Bischofssitz, 1031 starb Stephans I. einziger Sohn Emmerich, u. nun ernannte er auf Antrieb seiner ränkesüchtigenSchwester Gisela anstatt eines Arpüden den Sohn derselben von einem bnrgundischen Grafen,Peter, zumNachfolger. Deshalb verschworen sich mehre Große gegen Stephan I., wurden jedoch entdeckt. Stephan I. st. 15. Aug. 1038 n. Perer der Deutsche folgte ihm u. damit eine Zeit der Wirren. Gegenüber seiner Willkür«. Begünstigung der Fremden wählten die Magyaren, als Peter gegen denKai- ser gezogen, 1041 anstatt seiner zum Könige Samuel (Aba), Stephans Schwager, welcher den König vertrieb, die Italiener «.Deutschen ermorden ließ, aber 1044 vom Kaiser Heinrich III. bei Raab besiegt u. auf der Flucht enthauptet wurde; Peter kam wieder auf den Thron, wurde aber wegen seiner Grausamkeit u. eines Vertrages, in welchem er U. dem Kaiser unterwarf, durch die Ungarn 1046 gestürzt u. sein Vetter Andreas zum König gewählt. Gleichzeitig erhob sich ein Theil der Ungarn gegen das Christenthum u. machte Kirchen u. Priester nieder. Peter wurde aus der Flucht vor Andreas eingeholt, geblendet u. st. 1047 im Gefängniß. 1047 wurde Andreas I. gekrönt. Er nöthigte alle vom Christenthum Abgefallcnsn zur Rückkehr zu demselben, erstickte das Heidenthnm, übertrug, da Kaiser Heinrich ihm entschieden feindlich war, A U-s als Herzogthum seinem kraftvollen Bruder Bela, stritt, von ihm unterstützt, seit 1050 mit dem Kaiser u. erreichte im Frieden von 1053 die Anerkennung der Unabhängigkeit U«s. Als Andreas 1058 seinen neunjährigen Sohn Salomo zu seinem Nachfolger krönen ließ, verließ Bela, der aus den Thron gehofft, U., kam mit einem polnischen Heere 1060 zurück, fand großen Zuzug aus U. u. besiegte Andreas 1060 an der Theiß; Andreas wurde gefangen u. starb bald. Bela I., alsbald gekrönt, bekämpfte einen nochmaligen Versuch der Rückkehr zum Heidenthum unter dem Volke, führte geregeltes Maß, Gewicht «.Münzen ein, wodurch er der eigentliche Begründer des j Handels in U. wurde, suchte das entkräftete König- 712 Ungarn (Gesch.). thum zu heben u. den Gesetzen Geltung zu verschaffen u. berief zum Reichstage je zwei Abgeordnete aus jeder Gespanschaft. Er starb 1063, im Kriege mit Oesterreich begriffen; ihm folgte Salomo, Sohn von Andreas, welcher seinen Thron bes. dem Kaiser Heinrich IV., mit dessen Schwester er verlobt war, verdankte; er ließ sich nochmals krönen u. versprach in einem Vergleich mit den Söhnen Belas l., Geysa, Lambert u. Ladislans diesen Z U-s als Eigenthnm, hielt aber sein Versprechen nicht n. seine Vettern flohen 1064 nach Polen, von wo ans sie mit einem Heere die Vollziehung des Vergleichs erzwangen. Geysa krönte den König 1065 selbst zu Fünfkirchen. Die Vettern standen nun Salomo 1069 gegen Mähren, 1070 gegen die Kumanen, 1072 gegen diePet- schenegen bei u. eroberten 1072 Belgrad. Erst als sie Salomo, nichtswürdig berathen, ermorden lassen wollte, sammelten sie ein Heer, schlugen Salomo 1074 bei Mogyorod ».jagten ihn nach Preßbnrg, von wo er nach Deutschland floh. Geysa ging nach Stuhlweißenburg, unterließ aber die Krönung bis 1075. GeysaI. kriegte mit Salomo u. mit Kaiser Heinrich IV. n. wollte von den Ansprüchen des Papstes, welcher die Oberherrlichkcit über kl. prä- tendirte, nichts wissen. 1077 versprach er Salomo die Krone zurückzugeben, wenn er ihm u. seinen Brüdern das Drittel U-s überließe, starb aber vor Abschluß einer Uebereinknnst 1077. Sein Bruder Ladislaus I., der Heilige, ein bedeutender Fürst, bewog erst 1081 Salomo dieKrone gegen ein Jahrgeld aufzugeben n. ließ sich krönen. Er stellte den Landfrieden wieder her, gab treffliche Gesetze in der allgemeinen Verwaltung, der bürgerlichen u. Criminaljustiz, beschränkte die Macht der Magnaten, bestimmte genau den Wirkungskreis der Obergespane u. Gespane, hatte lange mit Salomo zu kämpfen, schlug 1086 die von diesem herbeigerufenen, in U. eingefallenen Moldauer Knmanen, ebenso 1089, eroberte 1089 Kroatien biszurKulpa, gab den Christen werdenden Knmanen Sitze in Jazygien (s. Äumanien, Gesch.); 1091 dehnte er die ungarische Verfassung über Kroatien aus, gab ihm seinen Steffen Minos zum Fürsten u. errichtete das Bisthum Agram (s. Kroatien, Gesch.). 1092 auf dem Szabolcser Landtag traf er kräftige Maßregeln zur Vernichtung des Heidenthums u. zum Siege der Kirche. 1093 bekriegte er Galizien u. es erkannte seine Oberherrlichkeit an. 1095 wurde er wegen seiner glänzenden Thaten auf dem Concile vonPia- cenza zum Oberfeldherrn der Kreuzzngsarmee erwählt, starb aber kurz daraus 1095. Ihm folgte Geysasälterer Sohn,Koloman,dem Zeitalter zu weit voran, um von ihm begriffen zu werden. Er eroberte 1095 einige Seestädte,unterwarf Kroatien ganz der ungarischen Krone u. entschädigte seinen Bruder Almos mit dem dritten Theile U-s. Den Oberbefehl über das Kreuzsahrerheer lehnte er ab, ließ aber 1096 mehrere Abtheilungen desselben U. passiren, obgleich sie manche Excesse begingen. Gegen die ganz zügellosen Haufen Volkmars, Gottschalks und des Grafen Emico zog er aus und vernichtete sie bei Neutra, Altenburg u. Wieselbnrg, doch gestattete er Gottfried von Bouillon 1096 den Durchzug. Um die Stammhänpter u. Burggrafen in ihrer Macht einzuschränken, wurde ein Landtag nach Tarczal 1100 berufen u. hier ein Gesetzbuch erlassen. 1102 zog Koloman wieder in das unruhige Kroatien, dämpfte die Unruhen, eroberte Drau, Zara u. Spalatro, viel von Dalmatien u. die Adriatischen Inseln u. ließ sich 1103 zu Bjelograd als König dieser Provinzen krönen, ans denen er eine ungarische Seemacht aufbauen wollte. Koloman setzte dem Klerus engere Schranken, sah sich aber vom Papste 1106 gezwungen, dem Jnve- stiturrecht zu entsagen, wogegen er das Recht der Ernennung behielt. Mit Almos lag er in stetem Bruderkriege, bis ihn Koloman schließlich 1112 fangen u. mit seinen Söhnen blenden ließ. Koloman st. 1114. Sein Sohn Stephan II. war noch minderjährig; während der Vormundschaft nahm Venedig 1115—17 ganz Dalmatien, so daß der Doge sich seit 1116 Herzog von ganz Kroatien u. Dalmatien nannte; von Len Ungarn geschlagen, schloß aber Vene- dig 1117 Waffenstillstandu. gab allcsLand außerZara heraus. Stephans Einfälle in Österreich, um das unter Salomo verlorene Land jenseits der Leitha zurück zu erobern, waren 1117—19 unglücklich wie sein Zug nach Rußland 1123. Einigen tausend kuma- nischenFamilicn gab erWohnsitze im heutigenKlein- Kumanien u. in wilder Buhlerei mit Kumaninnen vergcudeteer seineKräste. 1131 st.StephanII.u.B ela II. der Blinde, der gcblendeteSohn desHerzogs Almos,weichender kinderloseStephan1129 zum Nachfolger ernannthatte, folgte; an seinerStelle herrschte seine kräftige ».kluge, aber rachsüchtige Gemahlin, Helena, eine serbische Prinzessin, welche gegen Boris, einen Bastardder2.FrauKolomans, glücklich kämpfte u. die Königsmacht wesentlich hob. Nach ihrem Tode 1139ergabsich Bela dem Trunken.st.1141. Seinältester Sohn Geysa II. folgte unter Vormundschaft. Er berief die auswandernden Flamänder nach U. u. wies ihnen die Zips u. Siebenbürgens Südtheil zum Wohnsitz an; bald blühten diese Gebiete. Boris überfiel mit einem österreichischen Hilfsheere 1145 Preßbnrg, aber Geysas Vormünder vertrieben das Heer, schlugen es 1146 u. verwüsteten Österreich. 1147 hauste des Kaisers Kreuzfahrerheer auf dem Durchzug schändlich in U.; in dem weit besser dis- ciplinirten, welches unter König Ludwig VII. von Frankreich 1147 durch U. zog, war auch Boris. Geysa verlangte von Ludwig dessen Auslieferung u. nun flüchtete Boris nach Constantinopel. Durch seine russische Ehe wurde Geysall. in die Händel der russischen Fürsten verwickelt. 1152 begann ein Krieg mir dem Kaiser Manuel Komnenos wegen Serbien, welcher erst 1156 mit Boris'Tod endete. Die gegen Geysa conspirirenden Brüder des Königs, Stephan n. Ladislaus, fanden inByzanz einen Rückhalt. Als Geysa II. 1161 st., huldigten die Magnaten seinem ältesten Sohn, dem minderjährigen Steph an III. Aber nun traten dessen beide Oheime, von Manuel Komnenos unterstützt, mit einem Heere in Serbien auf, Manuel forderte»«» denU. dieAnerkennung des einen, Stephan, als König; ihn verwarfen aber die Reichsstände. Als aber Manuel mit großem Heere vor Belgrad stand, fielen viele weltliche Große von Stephan lll. ab u. erhoben den anderen Prätendenten Ladislaus (II.) zum Könige; sein Bruder- Stephan sollte ^ U-s erhalten. Manuel zog hierauf ab u. Stephan III. ging nach Preßbnrg, wo der Kirchenbann über Ladislaus ausgesprochen wurde. ^ Ladislaus st.Jan. 1162; mitgriechischerHilfe wurde Ungarn (Gesch.). 713 Stephan (IV.) Gegenkönig; als man aber erfuhr, daß er Sprinten an Manuel für die Hilfe gegen seine Unterthanen versprochen, fielen fast Alle von ihm zu Stephan III. ab u. er floh zu Manuel. Manuel erheuchelte nun Friedensliebe, schloß mit Stephan III. Frieden n. versprach Bcla, dein Bruder des Königs, seine Tochter Marie in die Ehe zu geben u. ihn zum Nachfolger im Kaiserthuine zu ernennen, wodurch dieses u. II. vereinigt werden sollte, wogegen Bela bei Manuel erzogen u. mit Sprmien ausgestattet werden sollte. Da Manuel aber Stephan (IV.) von neuem unterstützte, eroberte Stephan III. Sprmien wieder. 1163 jedoch nahm Manuel dieses abermals u. unterstützte verrätherisch Stephan (IV.). Letzteren belagerte Stephan III. in Semlin 1164 u. nach seinem Tode nahm er Semlin mit der ganzen Provinz. Manuel eroberte 1165 Sprmien zum dritten Male, forderte in Belas Namen auch Dalmatien u. erwirkte in blutigem Kriege von Stephan III. 1167 die Abtretung Dalmatiens. Als Manuel 1170 einen Sohn bekam, scheiterten alle Hoffnungen Belas auf den Kaiserthron. Stephan III. st., deutlich von Manuel vergiftet, 1173. Bela III., sein Bruder, wurde nach längeren Thronstreitigkeiten 1174 gekrönt. Er schickte dem griechischenKaiser1176Hilfstruppen gegen die Türken u. vereinigte nach dessen Tode 1180 Dalmatien u. 1182 Zara wieder mit U. Bela eroberte 1186 Galizien u. ließ es durch seinen Sohn Andreas regieren, den aber Kasimir von Polen bald vertrieb; U. verblieb trotzdem die Oberherrschaft. Die Nene- tianer versuchten wiederholt die Inseln u. Städte der adriat. Küste wiederzu erobern, allein sie erreichten nichts Dauerhaftes gegen die nichtunbedeutendeSee macht U-s. Bela III. traf scharfe Verfügungen gegen Räuberunwesen, führte in U. byzantinische Sitten u. Cultur ein, wodurch sich die Magyaren mehr an das beständige Zusammenleben in Städten gewöhnten; auch die Errichtung einer Hofkanzlei geschah nach by- zantinischem Muster. Belas zweite Verheirathung mit der französischen Prinzessin Margarethe brachte U. in civilisatorische Berührung mit Frankreich; am Hofe wurde französische Eleganz eingefllhrt, junge U. studirten in Paris; Bela führte auch den Cister> cienserorden ins Land. Willens, einen Kreuzzug an zutreten, st. Bela III. 1196. Sein Sohn Emme rich bestieg den Thron; er war schwach n. kränklich u. hatte mit seinem Bruder Andreas, der Kroatien u. Dalmatien wegnahm, zu kämpfen, auch erweiterten der Adel u. die Geistlichkeit ihre Macht. Ihm folgte 1204sein minderjähriger Sohn Ladislaus II. unter Vormundschaft seines Oheims Andreas, wel cher ihn aber mit seiner Mutter gleich Gefangenen be handelte. Beide entflohendeßhalb 1205 nach Wien,wo Herzog Leopold sich ihrer annahm, aber als Ladis laus alsbald starb, schloßLeopold mitAndreas Friede u. dieser wurde als Andreas II. (Hierosolymita uns) König. Bei der Krönung mußte er gegen den Gebrauch schwören, des Adels Rechte u. Freiheiten u. die Würde n. Interessen der Krone zu wahren. Über den unselbständigen Andreas herrschte sein ehrgeiziges, bald von der Nation gehaßtesWeib Gertrud von Meran. Andreas verschleuderte an den Adel Krongüter u. füllte seinen Schatz mit ungerechten Steuern. Wiederholt regten sich Empörer gegen ihn, 1214 brach eine verschworene Adelsfamilie in den Palast n. ermordete die Königin. Der Erzbischof von Kalocsa, ihr Bruder, entfloh mit ihrenSchätzen nach Deutschland; die Mörder wurden hingerichtet. Da der Papst in ihn drang, ins Gelobte Land zu ziehen, verordneteAndreas: sein ältesierSohn Bela solle U. n. Kroatien erben, sein zweiter Koloman Galizien, welches er ihm schon jetzt übergab. Andreas bemächtigte sich vieler Kirchenschätze u. ließ das alte Geld gegen schlechtes einwechseln; dann unternahm er 1217 den Krenzzug, kehrte aber bald zurück u. fand in U. Alles in Verwirrung: der Schatz war leer, der hohe Adel hatte sich Vorrechte u. königl. Burggüter angemaßt, das Volk war gedrückt, Koloman aus Galizien verjagt. Als Andreas ihn wieder ein- 'etzen wollte, wurde sein Heer 1219 geschlagen, Koloman gefangen u. erst 1221 frei, als Andreas auf Galizien verzichtete. Um Geld zu bekommen, griff Andreas zu den verderblichstenMitteln, dieKammer- einkllnfte ließ er durch habgierige Juden u. Jsmäs- liten verwalten, überall erhoben sich Klagen. Die rechen Übergriffe mochte der Thronerbe Bela nicht länger ertragen; da sein Vater dagegen nicht austrat, sondern sogar dem Adel schwur, nie seine nnmä- zigen Schenkungen zurückzuuehmen, bewogBela den Papst 1220, Andreas dazu zu vermögen, dieselben zurückzuziehen u. ihn von seinem Eide zu entbinden; 1221 erließ Andreas dahin zielende Verordnungen. Der Bürgerkrieg zwischen Vater u. Sohn wurde durch päpstliche Vermittelung beendet n. 1222 der Friede erneut; als sein Resultat gab Andreas II. seinem Volke den berühmten Freiheilsbrief (Bulla aurea), das Grundgesetz bis jetzt. Hierin wurde bestimmt, daß jährlich zum St. Stephanstagezu Stuhlweißenburg eine Versammlung znsammenbcrufen werden sollte, um die Adelssachen zu entscheiden; die meisten Rechte des Adels wurden bestätigt, doch dem Adel alle ohne Verdienst geschenkten Krön- u. Burggüter genommen. Die Großen weigerten sich aber die Güter herzugeben, stifteten neue Zwietracht zwischen Andreas n. Bela, Letzterer floh nach Ästerreich, doch 1224 verglich sich Andreas mit ihm u. gab ihm Kroatien u. Dalmatien. Mit fester Hand begann Bela für seinen Vater die Einziehung der verschenkten Güter in Siebenbürgen u. den Thcißlanden, die ihm zur Verwaltung übergeben wurden. Eine Verschwörung gegen Andreas II. u. Belas Leben u. zur Berufung des Kaisers auf U-s Thron wurde 1229 entdeckt u. vereitelt, innere Unruhen führten 1231 zu einer Erweiterung der Bulla aursa. Nachdem Andreas 1233 noch einen nutzlosen Krieg mit Herzog Friedrich von Österreich gefllhrr, st. er 1235. Sein Sohn Bela IV. rang danach, das königliche Ansehen herzustellen u. den durch die Bulla auroa übermächtig gewordenenAdel niederzudrücken; dieser empörte sich u. berief Erzherzog Friedrich von Österreich 1236 aus den Thron, doch schlug ihn Bela, verheerte sein Land bis Wien u. nahm den Rebellen alle usnrpirten Burggllter weg. 1239 nahm er sowol als Stütze gegen seinen Adel als auch gegen die Mongolen 40,000 kumanische Familien zwischen Donau u. Theiß auf; doch geriethen diese in steten Streit mitdencivilisirterenUngarn und derHaßgegen ihren Schützer Bela nahm zu; auch bezeichnte der Volksverdacht dieKumanen als heimliche Allürte der Mongolen, Legen die sehr schlechte Verthcidigungsanstal- ten getroffen waren. 1241 rieben die Mongolen das Heer des Palatins auf, Bela riesFriedrich von Öfter- 714 Ungarn (Gcsch.). reich zu Hilfe, viele Kumanen wurden von Len ll. er- schlagen n. andere gingen aus Rache hierfür zu den Mongolen über od.zogen in dieBulgarei. Die Mongolen schlugen den König am Sajö u. besetzten alles Land bis zur Donau. Bela floh zu Friedrich von Österreich, der ihn dann zwang, ihm seinen Schatz u.dicGespanschastenWicselbnrg,Eisenburgn. Ödenburg zu übergeben. Bela ging nach Kroatien u. 1242 nach der Insel Veglia und kehrte erst Ende dieses Jahres nach Abzug der Mongolen nach U. zurück, das er in entsetzlichster Noth fand. Um die Spuren der Verheerungen zu verwischen u. die Bevölkerung wieder zu vermehren, berief Bela IV., der Wieder- Hersteller U-s, Colonillen aus Sachsen, Kroatien, Mähren u. Böhmen, hob den Bürgerstand durch die Vermehrung der Freistädte, vermehrte und erneute die Burgen, führte den Tokayerweinban ein u. förderte Lurch andere Maßregeln den Wohlstand des Landes. AuchdieKumanenkehrtenausLerBulgarei nach U. zurück u. erhielten das heutige Knmanien (s.d.). siewurdenunterdieGecichtsbarkeitdesPalatins gestellt u. Bela IV. fügte seinem Titel den eines Königs der Kumanen zu. 1244 eroberten die Vene- tianer Zara. 1246 besiegte Bela den verrätherischen Friedrich von Österreich in der Schlacht bei Neustadt u. an der Leitha, wo Friedrich fiel n. vereinigte die an ihn 1241 abgetretenen Comitate wieder mit seinem Reiche. Bela u. Ottokar von Böhmen streckten nun die Hand nach Österreich aus u. bekriegten sich darum, bis der Papst 1254 dahin entschied, daß Bela Steiermark erhielt, welches er seinem Sohne Stephan überließ. Mit Stephan unzufrieden, verjagten ihn die steirischen Stände schon 1260 u. beriefen Öttokar von Böhmen. Es kain zu neuem Kriege, der 1261 endete; Steiermark siel im Frieden an Ottokar. Einen neuen Einfall der Mongolen schlug Bela 1261 zurück. 1262 erhob sich sein Sohn Stephan, ein herrschsüchtiger Mann, wegen der Theii- ung von Land zwischen ihm u. seinem Bruder Bela gegen den Vater; es kam znm Bürgerkrieg, der erst 1267 durch Stephans Unterordnung endigte. Hierdurch wurden Ördnung u. Rechtspflege abermals gestört u. der Adel wieder übermächtig. Stephan unterwarf 1268 einen großen Theil der Bulgarei U. Bela st. 1270 zu Ofen. Sein Sohn Stephan V. wollte Steiermark wieder erobern u. von Öttokar einige flüchtige Großen ausgeliefert haben, verband sich dazu mit Polen, brach in Steiermark 1270 ein, verwüstete es u. Österreich u. kehrte mit 20,000 Gefangenen heim. 1271 schloß Ottokar, von Rudolf I. Magnaten fest u. zwangen ihn 1281 zur Bewillig- j ung ihrer Forderungen, zu harten Verfügungen ^ gegen die Kumanen u. zur Aufnahme seiner Gattin. i Die Kumanen aberempörten sich unter ihremHänpt- i ling Oldamur u. verheerten U.; nun ließen die Mag- s naten den König frei, welcher die Kumanen 1282 am See Hood schlug u. durch Siebenbürgen wegjagte; die an dem Aufstande linbetheiligten mußten sich fest niederlassen u. Christen werden. Durch Oldamnr aufgehetzt, fielen die Tataren 1285 in U. verheerend ein, mußten aber wiederholt geschlagen abziehen; ihre Gefangenen siedelte Ladislaus in mehreren Co- mitalen an; so entstanden die noch heute durch den Vorsatz Pat-ir bezeichnten Orte. Bald sank Ladislaus in die Laster zurück, sperrte seine Gemahlin ein, lebte unter Zelten mit der Knmanin Edna u. mit Tataren u. allgemeine Unordnung riß in U. ein. Die Kumanen verheerten die Güter des Adels u. Klerus; der hohe Adel usnrpirte neue Macht; bedrückte den niederen n. riß viele Krongüter an sich; die Bürgerschaft wurde unterdrückt, Handel n. Gewerbe gelähmt u. der Bauer mußte bald selbst seinen Karren ziehen. Umsonst redete der Papst 1287 La- , dislans zur Besserung zu n. ließ dann gegen die heidnischen Kumanen u. Tataren einen Krenzzug predigen, dieKreuzsahrerbegingenabersolcheGräuel, daß Ladislaus ein Heer sammelte u. sie zersprengte. Der Obergespan von Trentschin begann im Waag- thale sich unabhängig zu machen; der Graf von Güssing verlor anAlbrecht von Österreich 1288 Güns mit ca. 30 Ortschaften; Galizien machte sich unabhängig, Serbien riß 1287 das Machower Banat, Venedig das dalmatinische Küstenland an sich. 1290 wurde Ladislaus IV. ans Ednas Anstiften von drei Kumanen ermordet. König ward Andreas III., ; der Venctianer, Sohn des Herzogs Stephan, des ! Bruders Belas IV., von der Venetianerin Morosini. s Andreas mußte schwer um den Thron kämpfen, vor ; Allen mit einen; Betrüger, der sich für den 1277 ge- ^ storbencn Bruder Ladislaus IV.. Andreas, ausgab. Weder Kaiser Rudolf, noch der Papst erkannten An- ! dreas III. an, Rudolf verlieh U. als kaiserliches Reichslehn 1290 seinem SohneAlbrecht von Österreich, der Papst aber als päpstliches Lehn dem Prinzen Karl Märtel von Sicilien, Sohn der Schwester ! Ladislaus IV. Herzog Albrecht fiel in U. ein n. nahm ^ es bis Waitzen hin weg, aberAndreas III. fiel 1291 mit 8000 Mann in Österreich ein, verwüstete es bis Wien u. zwang Albrecht schnell zum Frieden, zur Herausgabe von Güns mit den 30 Ortschaften u. s zur Verzichtung auf U.; auch Karl Märtel erreichte ! nichts gegen Andreas, wurde bei Agram geschlagen und st. 1295. Der Papst Bonifacius VIII. ernannte nun den minderjährigen Karl Robert (Ka- ' robert) von Neapel 1297 zum König von ll. Durch seine Strenge und königliche Autorität entfremdete sich Andreas den Adel, die dalmatinischen Städte 715 Ungarn ergriffen Karl Roberts Partei, die großen Landtage von Pest (1298) und Rakos (1299) brachten Andreas keine Hilfe gegen die allgemeine Zerrissenheit, vergebens kämpfte er gegen den Anhang Karl Roberts; sein Bündniß von 1297 mit Al- brecht von Österreich und Wenzel von Böhmen hals ihm nichts. Andreas III. st. 14. Jan. 1301 u. mit ihm erlosch dieArpädscheDynastie im Mannesstamm. Der Nation fiel dasRecht der Königswahl zn u. tausend Wirren erfüllten U.; unter den zahlreichen Parteien ragten zwei hervor, die päpstliche, welche Karl Robert von Neapel schon 1299 inAgram hattekröneu lassen n.die mehrnationale,welcheKönig Wenzeslaw vonBöhmen, der durch seine Großmutter ein Urenkel Bclas IV. war, zum König bestimmte. Albrecht vonÖsterreich unterdrucktedie Sehnsucht nach U., da er für Wenzeslaw sehr viel Anhang fand. Mit unbeschränkter Vollmacht erschien jetzt der päpstliche Legat Nikolaus, Bischof von Ostia, in U. u. Karl Robert wurde abermals in Gran gekrönt, rasch aber nach Österreich vertrieben. Wenzeslaw hingegen schlug die Krone U-s aus, empfahl aber dafür seinen Sohn Wenzeslaw u. die Magnaten, hoffend unter dem Knaben herrschen zu können, führten ihn mit einem böh- mischenHeere überGran nach Stuhlweißenburg Sept. 1301; hier wurde er Ladislaus getauft u. gekrönt. Der Papst Bouifacius VIII. entschied in Rom über den Streit, entband Wenzeslaws sämmtliche Anhänger des Eides der Treue, drohte ihnen, falls sie ihn nicht verließen, mit dem Banne und erklärte sich für Karl Robert 1303. Für diesen sprachen sich jetzt die meisten Comitate.jenseits der Donau u. Kroatien aus, Rudolf von Österreich verband sich mit ihm; König Wenzeslaw aber kehrte 1304 mit dem Prinzen Wenzeslaw, Len geraubten Kronin- signien u. dem Kirchenschatz nach Prag zurück. Wenzeslaws Partei berief nun den Herzog Otto svon Niederbayern, auch einen Enkel Belas IV., der neue Böhmenkönig Wenzeslaw III. entsagte zu seinen Gunsten dem Anspruch an U. u. Otto wurde 1305 zu Stuhlweißenburg gekrönt. Karl Robert erhielt österreichische Hilfe, ber Papst Clemens V. that Ötto in den Bann; in Öber-U. herrschte Matthäus Csnk wie ein König und der übermächtige Wojwode La- Lislaw Apor von Siebenbürgen, um dessen Tochter Otto warb, nahm ihn 1307 gefangen. Parteikämpfe zerrissen das Reich; seine eigene Partei ließ den feigen Otto fallen; 1308 befreit, kehrte er nach Bayern zurück u. hatte U. verloren. Karl Robert wurde endlich Nov. 1307 von den Reichsständen auf dem Raköser Felde zum König gewählt, vom Cardinallegaten Gen- tilis auf dem Pester Reichstage 27. Nov. 1308 be- stätigt u. 15. Juni 1309 zum 3., im Jan. 1310 in Stuhlweißenburg zum 4. Male gekrönt. Entschieden widersetzte sich der mächtigsteMagnat, Matthäus Csük, (s. oben), der König besiegte ihn zwar bei Rozgony 1312, aber seine Macht blieb ungebrochen u. er bekämpfte die werdende Ördnung bis zum Tod, 1318. Karl Robert eroberte mit Hilfe des Herzogs Friedrich von Österreich 1314—15 Schütt, Komorn u. Wissegrad. Den Streiszllgen der Tataren 1314 konnte er nur mit Mühe Einhalt thnn, hingegen vertrieb er bis 1324 Cs-iks Anhang, die Geißel des Volkes n. Verkehrs. 1319 eroberte er von Serbien Machow u. Belgrad, begnügte sich aber mit Anerkennung von U-S Oberhoheit durch den Fürsten. In (Gcsch.). Dalmatien gingen Zara u. die Seestädte an Venedig verloren. Karl Robert führte mit Energie Recht u. Ordnung wieder ein, legte durch seine 3. Heirath mit Elisabeth den Grund zur einstigen Vereinigung U-s und Polens, breitete seinen Einfluß über den ganzen Nordosten aus u. gab U. u. dem Hause Anjou eine Weltstellung. 1322 unterstützte er Friedrich von Österreich n. intervenirte nach seiner und Heinrichs von Österreich Gefangennahme sür ihre Befreiung. 1324 besiegte er die Siebenbürger Sachsen u. stellte ihre alten Freiheitenher. Um denvcrarmten Staatsschatz zu heben, ließ Karl Robert die Gold- u. Silberbergwerke tüchtig bearbeiten und gleich Andreas II. wechselte er das alte Geld jährlich gegen neues ein, wobei der sog. Kammergewinn erzielt wurde; da es große Unzufriedenheit erregte, verwandelte er diese Abgabe in eine stehende Steuer; auch die willkürliche Besteuerung des Klerus führte zu vielen Klagen. Um das zerrüttete Heersystem zu reformi- ren, erhob er das leibeigene Schloßvolk zu Schloß- unterthanen, setzte die zum Kriegsdienst verpflichteten Völkerschaften wieder an ihren Platz, suchte möglichst viele abhanden gekommene Krongüter zurück zn nehmen, stieß aber hierbei auf schroffen Widerstand des Adels. Er suchte nun unter dem Adel ritterlichen Geistzuwecken, veranstaltete Kampsspiele, vertheilte — was in U. unbekannt war — Wappen, erlaubte den Adligen, die größere Banderien errichteten, sie unter eigenen Zeichen in die Schlacht zu führen, erweiterte den Wirkungskreis der königlichen Räche,Obergespanen, höchstenHofdiener u. gab auch einer Person mehrere Ämter; solche, die kein Amt hatten, wurden von der Comitatsgerichtsbarkeit frei. Seine Hofhaltung war überaus glänzend. 1331 schloß er ein Schutz-u. Trutzbündniß mit Österreich. Das Attentat Felician Zachs, seines Rathes, dem der leichtsinnige Hof ein Gräuel war, auf König u. Königin 1330 führte zu seinem u. seines Geschlechtes grausigem Untergange. In der Walachei erlitt der König 1330 eine furchtbare Niederlage und dieselbe hielt sich nun unabhängig bis zu Ludwigs I. Thronbesteigung. Da ihm der Papst Neapel u. Salerno nicht zukommen ließ, vermählte er seinen Sohn Andreas mit Johanna, Erbin von Neapel, 1333. In PolensKönig Kasimir schnfer sich einenengenAlliirten, den er überall glänzend unterstützte, verpflichtete sich die Herrscher Böhmens u.Mährens u. Kasimir erreichte 1339 bei seinen Ständen, daß sie Ludwig, Karl Roberts ältesten Sohn, zum polnischen Thronerben wählten. Karl Robert führte 1342 ein neues Steuersystem ein und verbesserte das Münzwesen bedeutend, ließ zuerst Goldmünzen prägen, führte ein regelmäßiges gerichtliches Verfahren statt der Gottes- irrtheile ein n. starb in Wissegrad Juli 1342. Ludwig I., der Große, Karl Roberts ältester Sohn, solgte ihm 17 Jahre alt. Er führte sofort die neue Stenerordnung durch, bezwang die Siebeubürger, welche ihm denZins verweigerten u. unterwarf wieder den Fürsten der Walachei. In Neapel ließ die hinterlistige Erbin Johanna Ludwigs Bruder Andreas nicht den Königsthron theilen u. ihnAug. 1345 erdrosseln. Da ihm der Papst keine Genugthuung in Neapel verschaffte, zog Ludwig trotz aller Einreden Johannas u. des Papstes im Febr. 1347 nach Nea- pel (s. Sicilien, S. 413), wo er den Stephan Apor als Statthalter ließ. 1350 zog er mit einem Heere 716 Ungarn nach Italien u. eroberte mühsam das Reich wieder, kehrte aber, da er den Widerwillen des Volkes gegen die Fremdherrschaft sah, Ende 1350 zurück. Während dessen eroberten die Litauer Galizien, Ludwig nahm es 1351 ihnen wieder ab n. überließ es Polen für 100,000 Dukaten. 1352 schlug er die Moldauer Tataren, drängte sie bis zur Krim zurück u. unterwarf die Moldau der ungarischen Oberhoheit; auch 1354 schlug er die Litauer und Tataren und befestigte den Erbvertrag mit Polen. 1356 zwang er die Venetianer, Dalmatien an U. wieder abzutreten. Ludwig sorgte dafür, daß der Adel nicht durch Veräußerung der Güter verarme und ihm große Banderien ins Feld stellen könne. Die Güter ganz ausgestorbener Geschlechter kamen an den Königsschatz. Aus dem Landtag von 1351 bestätigte er die aursabulla Andreas'II. u. begründete die Aviticität (s. d.) wie den Heimfall an den Fis- cus. Der Bauernstand auf den königl., adeligen und geistlichen Gütern »rußte den 9. Theil der Bodenerzeugnisse der Herrschaft als Steuer abliefern. Überdies erhielten Geistlichkeit und Adel volle Patrimonialgerichtsbarkeit über ihre Unterthanen und die Freizügigkeit der Bauern (1298 decretirt) wurde von der Zustimmung der Herren abhängig, der Bauer kam in elende Lage. Gegen die Seele der Patarener in Bosnien war sein Palatin 1359 unglücklich, gegen Serbien kämpfte Ludwig 1359 selbst, eroberte das Machower Banat wieder u. unterwarf Serbien seiner Oberhoheit; von den Walachen, die in die Moldau eingewaudert waren u. die er wie die Serben vergeblich dem Katholicismus zufllhren wollte, ließ er sich 1360Tribut zusichern. Inden ödeuComi- ralen Marmarosch u. Bereg wurden Russen angesie- delt. Mit dem Kaiser KarlIV. längereZeit gespannt, versöhnte Ludwig sich 1364 in Brünn mit ihm u. es wurde bestimmt, daß bei Aussterben des Habsburgischen Hauses Österreich an U. und wenn letzteres ohne Erben bliebe, au das Haus Luxemburg fallen sollte. 1365 eroberte Ludwig ganz Bulgarien links der Donau u. übertrug cs einem Wojewoden; seitdem dachte er viel an einen Türkenkrieg. 1369 zog er abermals gegen die Walachei u. demüthigte sie; ihr Wojewode mußte Katholik werden. Als 1370 König Kasimir III. von Polen starb, erhielt Ludwig auch die polnische Krone (s. Polen, S. 497), behandelte aber Polen als Nebenland und überließ die Regierung seiner bald mißliebigen Mutter Elisabeth (s. Polen). Ludwig that Alles, um die Heiden unter den Kumanen in U. noch zu bekehren. Nach Johannas Tode beabsichtigte er, Neapel an sein Haus zu bringen, berief darum schon 1362 Karl den Kleinen von Durazzo (s. Karl 27) zu sich u. machte ihn zum Herzoge von Dalmatien u. Kroatien; auch 1368 betonte er bei dem Papste sein Recht an Neapel u. kam bald mit Venedig wegen Dalmatien in Krieg; er unterstützte Carrara in Padua gegen Venedig u. verbündete sich 1373 dagegen mit Österreich. Seit 1375 bestimmte er Karl den Kleinen zum Throne Neapels u. sandte ihn dahin; um eine neue Stütze gegen Venedig zu haben, gab er dem bosnischen Fürsten Tvartko den Titel König von Bosnien und Serbien. 1377 nach neuer Besiegung der Litauer vereinigte Ludwig Galizien mit U. Da er keinen Sohn hatte, wollte er seine beidenNeicheseiner alteren Tochter Maria hintcrlasseu; er verlobte sie 1377 ^ (Gesch.). mit Sigismund von Brandenburg, dem 2. Sohn des Kaisers Karl IV., u. die jüngere, Hedwig, welcher er nur Geld gab, mit Wilhelm von Österreich. Der endlich 1378 ausgebrochene Krieg mit Venedig endigte 1381 mit einem Frieden, in dem Venedig eine jährliche Zahlung von 7000 Ducaten an U. versprach, Ludwig auf die Insel Pago u. den Handel mit dalmatinischem Salze verzichtete und die Unterthanen beider Staaten nur mit Erlaubnis) der betreffenden Macht dort Schifffahrt treiben sollten; der Friede war U-s Handel sehr nachtheilig, n. nur wegen der neapolitanischen Verhältnisse abgeschlossen. Karl der Kleine eilte mit einem ungarischen Heere nach Neapel u. eroberte dies Reich (s. Sicilien, Gesch.). In Ludwig erlosch 11. Sept. 1382 dasHaus Anjou im Manuesstamme in U. Er war der echte Ritter des Mittelalters und mag ihm als solchem die Austreibung der Juden aus U. verziehen werden. Lei- der setzte er das Wohl des Landes oft zu Gunsten der hohen Aristokratie hinten an u. das Volksleben gedieh nicht. Er förderte den Handel, begünstigte die Industrie u. stiftete U-s erste Universität 1367 in Fünfkirchen. Maria, Ludwigs Tochter, folgte ihm unter der Vormundschaft ihrer Mutter Elisabeth in U. u. Polen. König Tvartko von Bosnien, entriß ihr sofort mehrere dalmatinische Städte n. in Kroatien gährte es. Über Polen s. d.; 1384 ging diese Krone an Marias Schwester Hedwig verloren, die Wladislaw Jagello heirathete. In Kroatien bildeten Große, darunter das Haus Horvüthy, gegen Maria u. ihre Mutter 1383—84 eine Verschwörung, um Karl Len Kleinen von Neapel auf den ungarischen Thron zu erheben. Karl der Kleine eilte 1385 nach Agram, wo sich seine Partei sammelte, während in Marias Namen umsonst auf dem Landtage vom Juni 1384 die Goldene Bulle bestätigt wurde und Sigismund, ihr Gemahl, sich durch die Verpfändung des Matthiaslandes an Mähren in U. verhaßt machte. Darum empfing der größte Theil von Ungarns Adel Karl den Kleineu jubelnd, führte ihn nach Ofen und beide Königinnen mußten sich fügen; voll Arglist thaten sie es u. er wurde 31. Der. 1385 zu Stuhlweißenburg gekrönt. Am 6. Febr. 1386 aber in Ofen lud ihn die Königin-Mutter zu sich mit dem Vorgeben, ihm wichtige Eröffnungen zu machen, ließ ihn niederhaucn, seine Italiener tödten od. fortjagen n. ihn in den Kerker nach Wissegrad schleppen, in welchem er nach wenigen Tagen an seinen Wunden starb. Seine Anhänger in Kroatien aber sammelten unter den Horvüthys ein Heer, überfielen beide Königinnen bei Diakovär im Juli 1386 u. setzten sie im Schlosse Novigrad gefangen; hieraufbaten sie Karls des Kleinen Wittwe, ihren Sohn Ladislaus ihnen als König zu seuden; als sie ihr beide Königinnen ausliefern wollten, verhinderte dies eine venetianische Flotte. Sigismund von Brandenburg eilte 1387 mit einem Heere herbei, die Venetianer belagerten für ihn Novigrad, wo die Rebellen nundie Königin-Mutter erdrosselten; die uugar. Stände wählten Sigismund in Ofen zum Könige neben Maria u. er wurde im März 1387 in Stuhlweißenburg gekrönt, worauf ein ungarisches Heer Horvüthy nöthigte, seine Gemahlin Maria im Juni 1387freizugeben. Mit ihm kam das Haus Luxemburg auf den ungarischen Thron. !s :r :r n n e r r r r l Ungarn 1388 u. 1389 kämpften die Rebellen u. Tvartko! von Bosnien mit Glück gegen Sigismund; 1390 huldigten alle dalmatinischenStädteaußsrZaraTvartko. Wladislaw Jagello von Polen entriß dem Könige Galizien 1387—90 u. reizte Moldau und Walachei gegen ihn auf, aber Sigismund führte letztere Staaten 1390 wieder zur Tributpflichtmkeit zurück. Er vertrieb 1392 die eingefallenen Türken aus dem Machower Banate, mehrere dalmatinische Städte wurden znrückerobert, die Häupter der Rebellion u. Tvartko starben zwar 1392, Horväthy wurde hingerichtet, aber in U. dauerte die Gehässigkeit gegen Sigismund fort. Seine Bevorzugung der Fremden, sein Jähzorn n. Leichtsinn und die willkürliche Versicherung von 1393 an seinen Bruder Wenzel, wenn er kinderlos stürbe, ihm U. zu vererben, regten die Großen auf u. manche neigten sich Hedwig zu. 1394 beunruhigten die Türken U-s Slldpro- vinzen bis ins Sewriner Banat; während Sigismund 1395 gegen sie focht, starb daheim Maria 17. Mai. Von den mit ihm Unzufriedenen berief nun ein Theil Hedwig und Jagello, der nur mit knapper Noth durch den Erzbischof von Gran vom Betreten U-s mit seinem Heere abgehalten wurde, und die Comitate jenseits der Donau u. Kroatien riesen Ladislaus (s. oben), den aber Landeswirren in Neapel hielten. Sigismund brach durch Verrath die Macht der neapolitanischen Partei, indem er in Ofen 32 Edle hinrichten ließ. 1396 erneute er den gesetzwidrigen Erbvertrag mit König Wenzel u. ließ sich, als ob U. zum Deutschen Reiche zählte, zum kaiserlichen Statthalter ernennen, was neuenGrimm erregte. 1396 zog Sigismund gegen die ihn bedrohenden Türken, wurde aber bei Nikopoli von dem Sultan Bajesid total geschlagen, der nun Syrmien ». Slawonien verheerte u. die andern Nebenländer sich unterwarf. Die neapolitanische Partei in U. erhob sich wieder, Ladislaus wagte nicht selbst nach U. zu gehen, sandte aber 2 Statthalter, von denen Sigismund 1398 gegen Treue u. Recht einen enthaupten ließ. Die Demüthigung der Rebellen in Bosnien mißlang ihm und viele geistliche und weltliche Große wurden seiner satt, zumal er 1399 Jodocns von Mähren, seinem Neffen, U-s Krone dreist versprach. 1400 überfielen ihn die Unzufriedenen auf demSchlosse zu Ofen u.brachten ihn nach Wissegrad, dann nach Siklös, aber über den Nachfolger wurden sie nicht-einig u. Sigismund wurde nach 18 Wochen Lurch seinenAnhang befreit, söhnte sich mitden Magnaten aus u. wurde wieder in die Regierung eingesetzt. Er vermählte sich nun mit Barbara, Tochter des Grafen Hermann von Cilly. Für Ladislaus ergriff Bonifacius IX. Partei u. ein neapolitanisches Geschwader unterwarf die dalmatinischen Seestädte, Sigismunds Truppen waren in Dalmatien unglücklich. Er selbst zog 1402 mit einem Heere nach Böhmen, wo er seinen Bruder, den König Wenzel, u. dessen Enkel Prokop gefangen setzte, und die Regentschaft übernahm. Auf dem Reichstage zu Preß- burg ließ er 1402 von über 110 ansgebotenen Herren einen von ihm mit Albrecht von Österreich geschlossenen Vertrag unterzeichnen, wonach Albrecht bei seinem kinderlosen Tode U. erben sollte und vernichtete den jüngst mit Jodocns von Mähren abgeredeten Vertrag (s. oben). Von Neuem stieg die Erbitterung gegen Sigismund, der jetzt nach Böh- (Gesch.). 717 mens ». des Reiches Krone strebte, viele Adlige u. Bischöfe fielen zu Ladislaus ab, dieser landete 1403 in Dalmatien u. ließ sich zu Zara krönen. Sigismunds Feldherr Slibor entriß den RebellcnNaab u. schlug Ladislaus bei Päpöcz; mit ihm vereint, nahm Sigismund Gran ein. Er erließ 1403 ein Am- nestiedecret u. versprach Len Ständen, mehr im Sinne der Gesetze zu regieren, worauf der weitgrößte Theil U--s zu ihm trat. Ladislaus kehrte enttäuscht heim, ernannte jedoch zuvor Hervöja zu seinem Reichsverweser inDalmatien; nur jenseits der Dran hielt sich noch die Rebellion, 1404 wurde sie geschlagen, 1406 von Sigismund die Partei Ladislaus in einem Blutbade erstickt, auch Hervvja huldigte 1409, alle dalmatinischen Städte außer dem von Ladislaus an Venedig verkauften Zara erkannten Sigismund an, der voll Freude den Drachen- ordcn gründete. Sigismund suchte nun das Königthum in U. zu befestigen, dem Drucke des niederen Adels, der Bürger u. Bauern durch den hohen Adel zu steuern u. ausLandtagen 1404 u. 1405 die Schäden zu heilen. Er ordnete das Besitzrecht durch ein besonderes Gesetzbuch, grenzte weltliche u. geistliche Gerichtsbarkeit besser von einander ab, sorgte für den Schutz der Schwachen gegen die Stärkeren, verbot die Bekanntmachung päpstlicher Bullen u. Verordnungen, so lange sie nicht die königliche Geneh- migung erhalten hätten, führte in U. ein allgemeines Maß und Gewicht ein, vermehrte die Zahl der königlichen Freistädte, erhob den Bllrgerstand zum Neichsstand, gab den Bauern die Freizügigkeit wieder und beschränkte Ofens Recht, Len Waaren- werth zu fixiren, auf das Ausland. 1410 wurde Sigismund von einem Theile der Kurfürsten, 1411 nach JodocusTode auch von den anderen zum Deutschen Kaiser gewählt, was den Ungarn so sehr im- ponirte, daß sie 1411 auf dem Preßburger Reichstag für den Fall, daß Sigismund keinen Sohn erhalte, seine Tochter Elisabeth als Thronerbin anerkannten. Die Kaiserpflichten zogen seine Thätigkeit oft sehrvonU. ab (s.DeutschlandGesch., S. 326 und Sigismund). 1412 verpfändete er die 13 Zipser Städte für 740,000 Gulden an Wladislaw von Polen. Ozorai, Sigismunds Feldherr, eroberte 1411 einen großen Theil Frianls von den Vene- tianern u. drang bis Treviso vor, Sigismunds harte Friedensbedingungen wurden znrllckgewiesen, die Venetianer wieder geschlagen, aber 1413 wurde ein 5jähriger Waffenstillstand auf dem skntns gno mit ihnen geschlossen, sie hatten Ozorai bestochen und zahlten 200,000 Ducaten. Die Konstanzer Kirchenversammlung besuchten 1414 6 ungarische Erzpriester, 5 Äbte, 2 Universitätsprofessoren, 10 Magnaten, viele Edle u. Städteabgeordnete. Während Sigismunds fast 6 jähriger Abwesenheit ans U. regierten die ausschweifende Königin Barbara, der Erz- bischof von Gran u. der Palatin Gara, die Oligarchie stiftete lauter Unruhen, die Türken machten in Bosnien Eroberungen. 1417 kamen die Zigeuner über Klcinasien durch Thrakien nach U., d. h. in größeren Massen, denn schon 1219 sprechen die Schrifsteller von ven Czigani in U. Sigismund kehrte 1419 nach U. zurück n. ließ seine ehebrecherische Gemahlin Barbara in Großwardein sofort einsperren; gegen die Türken focht er 1419 glücklich n. drängte sie aus Serbien u. Bulgarien, doch beunruhigten sie noch wieder- 718 Ungarn holt Ungar. Gebiete, bis Sigismund 1421 niitMnrad II. einen 5jährigen Waffenstillstand schloß. Auch aus U. gingen große Heere gegen die Husiten ab. 1419 wurde Sigismund auch König von Böhmen u. 1422 vermählte er leine Tochter Elisabeth mit dem Herzog Albrecht von Österreich, dem er schon 1425 Mähren überließ. Immer heftiger wurde seit 1426 der Andrang der Türken (s. Türkisches Reich, Gesch.), gegen die Serbien Ungarn kräftigst unterstützte; doch mußte cs 1428 vom Bündnisse mit Sigismund zurücktreten 1430 fielen die Husiten in U. ein und verwüsteten es bis Tyrnau, gingen aber nach einem blutigen Siege heim. Bencdig nahm die dalmatinischen Städte allmählich weg und Sigismunds Heer war gegen die Republik 1431—32 im Friaul unglücklich. 1432 drangen die Osmancn nach Siebenbürgen u. die Husiten über Tyrnau bis zur Donau vor. 1435 auf "dem Preßburger Reichstage wurde zur Herstellung der inneren Ordnung ein Gesetz buch verfaßt, Verwaltung u. Justiz darin geordnet; außerdem wurde die Landesverrheidiguug neu geregelt und auch der Bauernstand in dies System ausgenommen. 1487 wurde Murad II. bei Belgrad von einem ungarisch-böhmisch-polnischen Heere unter Jo Hann Hunyad (j. d.) besiegt u. räumte ganz Serbien. Sigismund ließ in Böhmen 1437 seine mit ihm versöhnte Gemahlin Barbara zur Königin krönen, die aber seine Tochter Elisabeth vom böhmischen Throne auszuschließen und sich mit dem 14jährigen König Wladislaw von Polen nach Sigismunds Tod zu vermahlen gedachte. 1437 erhoben sich die Siebenbürger Bauern gegen ihre Zwiugherrn und legten die Waffen erst nieder, als ihre Steuern u.Leistuugen gerechter geregelt wurden. Aus Znaym gab Sigismund Befehl die Königin zu verhaften u. st. hier 9. Dec. 1437. Der innere Verkehr war unter ihm lebendiger geworden, ausländische Kaufleute kamen viel nachU., Sigismund ließ vieleHandwerkerauSKrank- reich kommen, U. erzeugte Pulver u. Gewehre, die Wissenschaften wurden gepflegt. Trotz aller Versuche blieb der Bürgerstand unentwickelt n. die Oligarchie allgewaltig. Nach Sigismund ging die Krone U-s aus seinen Eidam Albrecht über und damit auf das Haus Habsburg. Er wurde 1438 mit Bewilligung der Ungarn auch deutscher Kaiser und zum König von Böhmen im Juni 1438 gekrönt. (S. Deuschland, Gesch., u. Böhmen, Gesch.). Die Türken benutzten seine dadurch bewirkte Abwesenheit von U., um in Siebenbürgen einzufallcn (s. Türk. Reich, Gesch.). Albrecht zog gegen sie, aber sein Heer, in dem die Ruhr ausbrach, lief bei Titel davon u. auf dem Wege von Ofen nach Wien st. Albrecht im Dorse Neszmely 27. Oct. 1439. Unter ihm errang 1439 auf dem Ofener Reichstage die Aristokratie einen neuen Sieg über die Krone; u. a. wurde bestimmt: des Königs Töchter dürfen nur mit Beirath der Stände vermählt werden, der König muß in U. wohnen, der Palatin wird künftig von den Ständen gewählt, zu den anderen Ämtern darf der König nur Ungarn ernennen, Keiner Lars mehr als ein Amt haben, alle Ausländer verlieren sofort ihre Ämter, den königl. u. Reichsbanderien muß der König einen gewissen Sold zahlen; nur wenn er damit nicht gegen den Feind auskommt, darf er das Gesammtheer aufbieten, der Adel darf nicht gezwungen werden, im Aus- (Gesch.). laude Krieg zu führen, alle ungesetzliche Besteuerung des Klerus hört auf, die an den König zunickge- fallenen adeligen Güter muß er umsonst verdienten Adeligen zu Lehen geben, jeder Edelmann ist vom ! Zehnten frei rc. Albrechts Gemahlin Elisabeth ' hatte unstreitig das Thronrecht, aber auch mächtige Gegner in dem Palatin und dem Erlauer Bischose. Viele gute Patrioten wollten, daß sie sich mit dem jugendlichen Polenkönige Wladislaw vermähle u. der Ofener Reichstag stellte 1440 dieselbe Forderung. Nach langem vergeblichem Sträuben gab Elisabeth mit dem Vorbehalte nach, daß im Falle sie einen Sohn gebäre, Wladislaw nicht König werden solle u. U. ihrem Sohne bleibe u. gebar bald darauf Ladislaus, 22. Febr. 1440. Nun rief sie ihre Abgesandten zurück; anstatt zu folgen, schlossen diese aber mit Wladislaw von Polen ab u. führten ihn nach U. Die Anhänger der Königin liegen den Säugling Ladislaus (Posthumus) in Stuhlweißeuburg von dem Erzbischof von Gran krönen, dann ging Elisabeth mit ihm u. der Krone nach Preßburg und rief den Schutz Kaiser Friedrichs III. an. Wladislaw von Polen wurde von seiner Partei nach Ofen gebracht u. auf dem Reichstage von den Ständen die Krönung des Kindes Ladislaus für uugiltig erklärt. Der Bürgerkrieg brach aus, die Anhänger Elisabeths in kl., Kroatien u. Dalmatien boten Alles auf», setzten die Festungen Raab und Kaschau, sowie die Berg- städtc in Berthcidignngszustand, Raab aber wurde ihnen abgeuommen n. dieAnhäugerWladislaws von Polen krönten ihn auch in Stuhlweißeuburg. Elisabeth mußte bald vom Kaiser wiederholt Geld leihen, zusammen 26,000 Ducateu, verpfändete ihm dafür ungarische Städte u. überließ ihm schließlich die Vormundschaft über ihr Kind u. die Regierung Österreichs. Endlich wurde der Krieg 1442 durch den Papst Eugen IV. beendigt, Wladislaw versöhnte sich in Raab mir Elisabeth, die aber alsbald Plötzlich im Dec. 1442 starb. Des Königskiudes nahmen sich nun Kaiser Friedrich III., der Feldhauptmann Gis- kra, der Erzbischof von Gran, Ladislaw Gara u. A. an u. es kam 1443 durch päpstliche Vermittelung zu einem zweijährigen Waffenstillstand, welcher um so nöthiger war, da der Sultan Murad II., obgleich 1442 von Johannes Hunyad geschlagen, im Mai 1443 einen jährlichen Tribut od. die Abtretung von Belgrad verlangte. Mit 15,000 Manu brach Hunyad auf, siegte am Eisernen Thore u. als zu dem vom Papste gepredigten Kreuzzug gegen die Türken polnische, deutsche, böhmische, serbische und wa- lachische Schaaren mit dem Adel U-s sich vereinten u. im Juli 1443, ca. 40,000 Mann stark, von Ofen l mit dem jungen Könige Wladislaw aufbracheu, bil- . dete er mit 12,000 Ungarn den Vortrab, vernichtete ! 4 große türkische Heere, nahm Nissa u. Sophia ein ! u. siegte abermals; im Febr. 1444 kehrten Beide j triumphirend nach Ofen heim. Als ein neuer Zug s ausgeboten wurde, bot Murad II., in Asien beschäftigt, Wladislaw den Waffenstillstand an, in 4 welchem aus 10 Jahre zu Szegedin 13. Juni 1444 , abgeschlossen, die Türken Serbien seinem Fürsten > Zurückgaben, die Walachei wieder unter U-s Ober- ! Hoheit stellten rc. Indessen Wladislaw brach aus s Drängen des CardinalsJulian denFrieden u. drang ; mit Julian, Hunyad u. 20,000 Mann bis Varna ' vor, ward aber hier von dem rückkehreuden Murad II. § 719 Ungarn (Gcsch.). 10. Nov. 1444 völlig geschlagen; Wladislaw Jagello u. Julian blieben. Groß war der Jammer im Lande; vorerst wurden 5 Landescapitäne, darunter Hunyad, ernannt, bald darauf Hunyad zum Ober- capitän. Er züchtigte den Wojewoden der Walachei Drakul u. ersetzte ihn durch Dän; in Kroatien zwang er den tibermüthigenGrafen Ulrich Cilly zum Treu- side an die Krone. Pfingsten 1446 wählte der Reichstag Hunyad zum Reichsverweser (6mbor- nator) u. von Neuem begannen Unterhandlungen mit Kaiser Friedrich III. wegen Auslieferung des Königskindes Ladislaus, siir das sich die Stände 1445 ausgesprochen. Die Ungarn forderten, daß Ladislaus V. Posthumns in U. erzogen werden sollte, aber dcß weigerte sich Kaiser Friedrich, als Vormund des Prinzen, wie er auch die Krone des St. Stephan nicht herausgeben u. Preßbnrg bis zur Volljährigkeit des Knaben behaupten wollte. Drakul, von den Türken unterstützt, vertrieb Dän aus der Walachei, Hunyad schlug ihn n. die Türken im Mai 1446 an der Save, setzte Dän wieder ein u. verband sich mit dem Moldauer Wojewoden gegen den Sultan. Er kündigte endlich, nin die Auslieferung des jungen Königs zu erlangen, dem Kaiser den Krieg an, drang 1446 in Österreich verwüstend bis Wien vor u. bewilligte dem erschreckten Kaiser den Waffenstillstand nur unter der Bedingung, daß er Raab zurückgebe n. sofort Friedensverhandlungen beginne; diese führten zu weiter nichts, als daß 1447 der Waffenstillstand aufs Jahre verlängert wurde und Raab an U. znrückkam. Der Reichstag bezeichnete 1447 Jeden als Hochverräther, der nicht Ladislaus als König anerkennen würde. Hunyad hatte stets mit dem ränkesüchtigen Ulrich Cilly (s. d.) zu schaffen, der Kroatien anshetzte u. der Fürst von Serbien trieb den Verrath so weit, daß er dem Sultan Hu- nyads Pläne mittheilte, wofür er seine Besitzungen in U. verlor. Hunyad verwüstete Serbien u. zog im Sept. 1448 mit 24,000 Ungarn und Walachen gegen die Türken, wurde aber auf dem Amselfelde 17.—19.Oct. 1448 gänzlich geschlagen (s.Türkisches Reich); 17,000 Mann verlor er n. fiel in serbische Gefangenschast aus der Flucht. Doch erwirkten die Stände U-s seine Freigebung, er kämpfte bis 1450 mit Giskra, der frech in Oberungarn hauste u. mit Serbien, schloß dann Frieden mit letzterem u. durch dessen Vermittelung 3jährigen Waffenstillstand mit den Türken. Von den mißvergnügten Magnaten in allen Unternehmungen aufgehalten u. mit Giskra in erneutem Kriege, versuchte Johann Hunyad 1452 aufs Neue, den König aus der Gewalt des Kaisers zu befreien. Mit den österreichischen Ständen im Bunde belagerte er Letzteren in Wienerisch-Neustadt u. erzwang einen Vergleich, wonach der König bis zur erlangten Volljährigkeit unter die Allssicht seines Großoheims, des Grafen Ulrich Cilly, gestellt wurde; bis zur Mündigkeit sollte Hunyad in U. dis Regierung sortführen. Cilly verleitete Ladislaus V. zu allen Ausschweifungen, nin bequem einst für ihn herrschen zu können u. hetzte ihn gegen die Säule des Thrones, Hunyad, fortgesetzt auf. Dieser legte bereitwillig die Reichsverwesung nieder u. Ladislaus übernahm die Regierung 1453; trotz Cillys Jn- triguen bewirkten die Stände bei Ladislaus reichen Lohn für Hunyad u. 1454 wurde er Generalcapi- tän. Cilly, bald gestürzt durch Eitzinger, unter dem Ladislaus sich besserte, machte sich die Abwesenheit Hunyads im Türkenkriege 1454 zu Nutzen n. erhob sich wieder: Eitzinger fiel und Hunyad fand nur Wirren, Ladislaus selbst voll Argwohn gegen ihn. Als Mohammed II. mit einem Heere anrüitte, floh Ladislaus feige nach Wien u. da die auswärtige Hilfe ausblieb, ruhte U-s Hoffnung einzig auf Hunyad, der, obwol durch Cillys Verrath fast allein aufseine u. einiger Freunde Banderien u. auf Capistranosss.d.) 60,000 Kreuzfahrer angewiesen, 14. Juli die türkische Flotte n. 21. Juli in entsetzlichem Gemetzel das Heer schlug. Zn U-s Unheil starb der Nationalheld Hunyad infolge einer Seuche 11. August 1456 zu Semlin n. im Oct. Johann Capistrano. Der König kam nun von Wien nach Belgrad u. ernannte den verruchten Cilly znin Reichsstatthalter, der sich heuchlerisch mit dem Hanse Hunyad versöhnte. Bald aber brach die alte Feindschaft beider Familien wieder aus; Ladislaus Hunyad, von Anschlägen Cillys unterrichtet, erschlug den Reichsstatthalter in Belgrad, der elende König aber ließ ihn in Ofen 16. März 1457 enthaupten, seinen Bruder Matthias nahm er gefangen mit nach Wien u. Prag. Überall erregte Ladislaus' V. schändliche Behandlung der Hunyad Abscheu, der Adel griff großentheils zu Len Waffen, nahm Siebenbürgen fast ohne Widerstand, streifte bis Ofen und beunruhigte Ober-U. Ladislaus V. starb zu Prag, wo er sein Beilager mit Margarethe von Frankreich, der Tochter des Königs Karl VIl., zn feiern gedachte, 23. Nov. 1457, von Georg Podiebrad u. dem husitischen Erzbischof Ro- kiczana vergiftet. Der König von Polen, Herzog Wilhelm von Sachsen, Kaiser Friedrich III., der König von Frankreich, und einige Erzherzöge traten als Throncandidaten auf, von den Gegnern der Hunyad gehalten; deren Anhänger aber unter Johann Hunyads Schwager, Michael Szilägyi, sammelten 40,000Mann beiPest, wo der Adel sich einmüthig für den erst 15jährigen Matthias I. Corvinus, den Sohn des Johann Hunyad, aussprach; 21. März 1448 allgemein zum König ansgerufen, kam Matthias, von Georg Podiebrad zögen das Versprechen, dessen Tochter Katharina zu ehelichen u. ein Lösegeld von 60,000 Dn- caten freigelassen, l6.Febr. unter allgemeinem Jubel nach Ofen; bis zn seinem 20. Jahre sollte Szi-, lägyi Reichsverweser sein. Da der Kaiser die Krone U-s nicht auslieserte, mußte die Krönung unterbleiben; mit ihm intriguirten verrätherisch Gara und Ujlaky, 2 mächtige Große, indessen Giskra für Kasimir von Polen anstrat und in Oberungarn verheerend einherzog; in denNebenländernU-s streiften die Osmanen, der Landesschatz war leer n. bei jeder Unternehmung sah sich Matthias durch die Wahl- capitnlation oder Szilägyis unpolitische Manöver gehemmt. Der thatenlustige König ließ durch seine Feldherren Giskra unterwerfen, erneuerte auf dem Pester Reichstag das Gesetzbuch Albrechts von 1439, modificirte die Wahlcapitulation im monarchischen Sinne u. ordnete möglichst den Landesschatz. Szilägyis Vormundschaft wurde ihm bald verhaßt u. als dieser die Sachsen in Bistritz mißhandelte, sperrte er den Oheim ein; nie erhielt er die Reichsverwesung wieder, trotz der Versöhnung. Matthias brachte Ende 1458 auf dem Szegediner Reichstage das zerrüttete Wahlsystem wieder in Stand. Gara, Ujlaky 720 Ungarn u. ihre Genosse», wegen Complots gegen den König ihrer Ämter entsetzt, riesen in Güssing Anfang 1459 Friedrich IH. zum Könige von U. aus u. krönten den Kaiser in Wienerisch. Neustadt 4. März. Die übrigen Großen aber hielten an Matthias fest; sein Heer wurde zwar von den Rebellen u. dem Kaiser geschlagen, dann aber errang er einen Sieg mit einem zweiten Heere u. allmählich kehrten die Rebellen zum Gehorsam zurück. Die Verhandlungen mit dem Kaiser führten.endlich 1461 dahin, daß Friedrich I II. die Krone u. Ödenburg gegen 60,000 Ducaten aus- liesern, den Königstitel u. die bisher verpfändeten Städte aber bis zum Tode behalten sollte, worauf sie für 40,000 Ducaten auszulösen wären; stürbe Matthias ohne Erben, so sollte U. aus Friedrichs Haus übergehen u. stürbe Matthias' Gattin, so dürfte er nicht mehr heirathen. Diese sehr harten Frie- densbedingungen nahmen Matthias u. der Reichstag in Ofen 1462 an. 1462 zog Matthias gegen Johann Giskra u. seine Böhmen, nahm ihnen Raubschlösser und schloß dann einen Vertrag mit ihnen: Giskra wurde Magnat, erhielt die Schlösser Soly- mos u. Lippa, stritt im Solde Matthias' gegen die Türken u. übergab seine Burgen in Oberungarn für 25,000 Ducaten; seine böhmischen und polnischen Mitstreiter gaben ihre genommenen Burgen für l6,000Dncaten heraus. Matthias setzte die Kriegsmacht in besseren Stand: aus den Böhmen Giskras (s. o.) u. anderen Freiwilligen errichtete er ein stehendes Fußvolk u. legte so den Grund zu der später berühmten Schwarzen Schaar. 1463 eroberte Mohammed II. Bosnien und belagerte Ragusa, aber Matthias I., welcher im Juli einen Destnitivfrieden mit dem Kaiser schloß, schlug die Türken, verfolgte sie durch Serbien, schloß 12. L>ept. mit Venedig ein Bündniß gegen die Türken und eroberte Bosnien schnell wieder. Im Triumphe heimgekehrt, wurde er mit der im Juli 1463 vom Kaiser ausgelieferten Krone im März 1464 in Stuhlweißeuburg gekrönt. 1464 entsetzte Matthias das von den Türken be- lagerte Jaicza, nahm Szrebernik, mußte aber die Belagerung von Zwornik abbrechen; 1465 säuberte er mit eherner Faust NWU. von den böhmischen u. mährischen Banden (Zsebraken). Um stets gerüstet zu sein, verhängte derKönig auf demOfener Reichstage 1466 den Verlust der Güter u, des Lebens über die, welche nicht an den von ihm bestimmten Terminen sich im Lager stellten. Ans dem Ofener Reichstage von 1467 begründete er ein neues Steuer- n. Zollsystem, das denHandel hob u. den königl. Schatz bereicherte, aber in Siebenbürgen einen gefährlichen Aufstand herbei führte, den Matthias 1467 kräftig niederwarf; hierauf bändigte er auch die Moldau, die sich den rebellischen Siebenbürgen angeschlossen. Durch gewissenhafte Rechtspflege suchte der König in ganz U. Ordnung u. Gesetz zu Ehren zu bringen u. die Verfassung von der Oligarchie zu lösen; U. war überdies unter ihm die Schutzmauer der Christenheit gegen den Türkensturm. Leider besteckte er seinen Ruhm, indem er sich vom Papste verleiten ließ, König Georg Podiebrad von Böhmen 1468 den Krieg zu erklären; der Papst verhieß ihm die^ böhmische Krone, auch 'Mähren wollte ihn als Herrn' anerkennen; der Kaiser versprach ihm den Lehnbesitz' Böhmens, die Erlaubuiß zu einer zweiten Ehe u., für die Kriegslasten Österreichs JahreLsteuer. Da, (Gesch.). der Reichsrath in Erlau beistimmte, nahm Matthias den von den Türken angebotsnen Waffenstillstand an, begann im April 1468 den Krieg gegen seinen Schwiegervater u. wurde in Olmütz nach einem siegreiche» Feldzuge von den katholischen Ständen zum König von Böhmen gewählt. Indessen mit dem König von Polen verfeindet, in U. auch nicht sicher, dachte er an neue Friedensvsrhandlnngen mit Podiebrad; doch st. dieser im Mai 1471 u. da nun die Stände in Prag den Prinzen Wladislaw von Polen zum König von Böhmen wählten, so verlor Matthias I. alle Früchte des Krieges. Indessen traten die unzufriedene Geistlichkeit U-s und bes. der Erzbischof von Gran, sowie die meisten Adeligen mit dem Könige von Polen in Unterhandlung, um dessen zweiten Sohn Kasimir zum König von U. zu erhalten. Matthias aber berief einen Reichstag nach Ofen und gewann die Verschworenen, indem er sich stellte als kenne er sie nicht, durch Ernennungen und Gunstbewcise; versprach den Ständen, ohne ihre Zustimmung keine Steuer in U. auszuschreiben, Len hohen Klerus nicht zu beschweren, wenn er seine Bänderten ordentlich ausrüste, Adelige ohne Urtheilsspruch nicht zu verhaften, falls sie nicht ihre dienstliche Verpflichtung gegen ihn verabsäumten; alle Processe wurden ordentlichen Gerichtsstühlen überwiesen», die Palatinal-Gerichtsstühle abgeschafft. Der Adel ließ sich derart umstimmen, daß er auf diesem Ofener Reichstage viermal mehr als die gesetzmäßige Steuer (80 Pfennige von jeder Session) an- bot. Prinz Kasimir mußte unter solchen Umständen seinen Ende Oct. 1471 in Scene gesetzten Einbruch in U. alsbald wieder aufgeben u. seinen Genossen, den Erzbischof von Gran, nahm Matthias in festen Gewahrsam. Papst Sixtus IV. unterstützte Matthias' böhmische Königspläne u. bedrohte die böhmischen u. mährischen Stände, die ihn nicht anerkennen wollten, mit dem Banne. Matthias u. Kasimir knüpften vergeblich Friedensverhandlungeu an. Die von den Polen besetzten Plätze ließ Matthias belagern u. nahm die ihm von Victorin, Podiebrads Sohn, für seine Freiheit ausgelieserten Schlösser in Besitz. Als er sich gegen die Türken wenden wollte, schloß er Ans. 1474 einen 3jährigen Waffenstillstand mit Kasimir, der aber, sobald Matthias gegen die Türken auszog, sich mit dem Kaiser gegen ihn verbündete u. 60,000 Mann nach Böhmen führte. Matthias zog verwüstend nach Mähren u. wiegelte die Herzöge von Mailand und Sachsen gegen den Kaiser ans. Bei Breslau lagerte sich Matthias u. zwang den Polenkönig , dessen Heer durch Hunger u. Kälte litt, zum Nachsuchen um Frieden. Matthias schloß mit Kasimir u. seinem Sohne Wladislaw Waffenstillstand auf 2H Jahre. Die Türken wurden 1475 u. 1476 ge- schlagen, verheerten aber Kroatien, Dalmatien und Slawonien u. zerstörten die Forts vor Semendria. Mildem höchstenPompe feierte derKönig inOfenim Dec. 1476seine Vermählung mit der Prinzessin Beatrix vonNeapelu.ihreKrönung. Kaiser Friedrich III. belehnte Wladislaw von Polen mit Böhmen u. Matthias erklärte ihm Len Krieg, fiel im Juli 1477 in Österreich ein, eroberte rasch das ganze Land bis auf Wien u. Linz, worauf der Kaiser um Frieden bat u. ihn zu Kron-Nenburg schloß: Friedrich gab die in seiner Macht stehenden Städte U-s heraus, ent- 721 Ungarn sagte dem Königstitel mit allen Ansprüchen an U., belehnte Matthias mit Böhmen, seinen Schwager Ferdinand mit Mailand n. sollte Matthias 100,600 Ducaten Kriegskosten zahlen; Matthias aber hatte alle österreichischen Eroberungen herzugeben. Im Dec. 1478 wurde auch ein Definitivfrieden zu Ol- mütz mit Böhmen abgeschlossen u. 1479 besiegelt: Wladislaw und Matthias führten von nun an den böhmischen Königstitel; Wladislaw erhielt Böhmen. Matthias I. aber Mähren, Schlesien u. die Lausitz mit den Sechsstädten, was nach Matthias' Tode, wenn Wladislaw noch lebte, gegen 400,000 Ducaten Auslösung an Böhmen zurücksallen konnte; starb Wladislaw früher, so erbte Matthias ganz Böhmen. Die 1479 wieder eingefallenen Türken wurden 13. Nov. auf dem Brodfelde geschlagen, die Benetianer nahmen die vom Papste U. zuerkannte Insel Veglia weg u. da der Kaiser die im Kron-Neuburger Frieden versprochenen 100,000 Ducaten nicht bezahlen wollte u. den flüchtigen Erzbischof v. Gran in Schutz nahm, fiel Matthias 1480 in Steiermark ein und stürmte mehrere Städte und Burgen, schloß aber, da die Türken in Slawonien u. Deutsch -U. eingebrochen waren, mit Friedrich Waffenstillstand u. verwüstete das Türkengebiet jenseits der Sau. Um den abermals wortbrllchigenKaiser zu züchtigen, der um Ödenburg „herum Heerte, schickte Matthias Truppen nach Österreich und Steiermark, nahm selbst Haimburg 1483, eroberte 1484 Bruck, St. Pölten, Klosterneuburg u. a. Städte, schlug das kaiserl. Heer u. belagerte Wien. Ausgehungert mußte Wien Ende Mai 1485 sich ergeben, 1. Juni zog Matthias mit seinem Sohne Johann Corvinus und 5. Juni die Königin in Wien ein. Matthias bestätigte die Freiheiten der Stadt. 1484 hatten auch die Türken einen 5jährigen Waffenstillstand mit U. geschlossen, den sie aber wie gewöhnlich nicht hielten. Matthias hatte nur einen hoffnungsvollen natürlichen Sohn, Johann Corvinus, den er von Stufe zu Stufe hob, um ihm schließlich U-s Krone von den Ständen zuerkannt zu sehen — aber umsonst. Ihm Lachte er Österreich zu u. 1485, als er aufdem Reichstage das Amt des Palatins mit reicher Machtflllle begabte, dachte er dem Sohne dadurch eine Stütze zu verschaffen; Palatin wurde Emmerich Zapolya. Aus dem Reichstage von 1486 wurde die Rechtspflege und die Ordnung der Gerichtsstllhle geregelt. Die Rechtspflege ist überhaupt der Glanzpunkt in Matthias' Regierung, sie verschaffte ihm seine einzig dastehende Popularität in U. und ohne Murren trug darum sein„Volk die sehr hohen Steuern. Bis Ende 1486 war Österreich links der Donau ganz in Matthias' Macht, 1487 fielWienerisch-Neustadt u. infolge dessen ganz Österreich. Nun zog das deutsche Reichsheer unter Albrecht von Sachsen gegen ihn , es kam aber nur zu kleinen Treffen u. zu einem bis Sept. 1488 angesetzten Waffenstillstände; derselbe wurde nachher bis Mai 1489 verlängert. Matthias nahm den Herzogen von Oppeln 1488 ihre Lande weg. Um die Großen für seinen Sohn zu gewinnen, kam er 1489 nach Öfen, eidlich gelobten ihm die Stände, nach seinem Tode den Sohn zu wählen, aber seine Ernennung zum Thronerben ließ die Opposition unter der Königin nicht zu. Friedrich III. bot er die Rückgabe Österreichs gegen 700,000 Ducaten an, was dieser verwarf. Matthias, U-s größter König, Pierers Umvirsal-Conversatlons-Lexilon. K. Aug. x (Gcsch.). hob die Krongewalt mächtig, machte U. zu einer europäischen Macht, bändigte die Oligarchie, hielt die Rechte der Nation in Ehren; wenig günstig war seineZeit den materiellen Interessen, denn durch die Türkenstürme hörte der Transithandel mit dem Orient fast aus; hingegen wurde der innere Handel u. Gewerbefleiß gepflegt, prachtvolle Bauten entstanden, italienische u. deutsche Künstler kamen nach U. Als Freund u. Kenner der Wissenschaften errichtete Matthias die Universität Preßbnrg 1467 und in Ofen wollte er ein großartiges Erziehungshaus für 40,000 Schüler errichten, was sein Tod vereitelte. Mehrere Bischöfe gründeten die trefflichen Schulen in Waitzen, Großwardein, Erlau u. Gran, er selbst aber die enorme ca. 50,000 Bücher enthaltende Bib- liothekzu Ofcn(Corvina) u. ebenda 1470 eineBuch- druckerei. Unter seinem Schutze entstand eine gelehrte Gesellschaft — aber die Wissenschaft, lateinisch betrieben, blieb dem Leben der Nation fremd. Matthias starb in Wien 6. April 1490. Die Oligarchie wollte nun einen Schattenkönig, uin unter ihm willkürlich zu Hausen u. war darum für Wladislaw von Böhmen u. Polen. Vergebens zählte Johann Corvinus auf seine eigene Wahl, er unterlag. Andere CanLidatcn waren der Römische König Maximilian, Prinz Albrecht von Polen und Königin Beatrix. Durch Stephan Bäthorys Bemühung wurde nach den verwegensten Parteiintriguen 15. Juli 1490 der König vonBöhmenals Ladislaus VI. (VII.) zum König von U. gewählt. Er kam sogleich nach U., verglich sich mit Johann Corvinus, der das Königreich Bosnien, dazu Slawonien, Liptau u. Oppeln, das Banat von Kroatien, Preßburg und Komorn erhielt u. unterschrieb die die Königsmacht sehr einschränkenden Jnauguralbedingungen: der Ducat Grundsteuer wurde abgeschafft, der König durfte in Geld - u. anderen wichtigen Angelegenheiten nichts ohne den Reichsrath ändern, mußte stets in U. sein u.dem Adel alle seine Privilegien verbriefen. Hierauf wurde Ladislaus18. Sept.1490 in Stuhlweißenburg gekrönt. Zwar versuchten Prinz Albrecht von Polen und König Maximilian ihre Ansprüche auf U. durch die Waffen geltend zu machen u. Maximilian drang verheerend bis Stuhlweißenburg, aber eine Empörung im Heere zwang ihn zur Umkehr. Zapolya schlug Albrecht u. dieser schloß mit Ladislaus Friede 1491, in dem er die Herzogthümer Glogau u. Sagan zur Entschädigung erhalten sollte. Mit König Maximilian kam 7. Oct. 1491 in Preßbnrg der Friede zu Stande. Ladislaus behielt U-s Krone und nach ihm sollte sein Mannsstamm folgen: starb er kinderlos , ging U. an Maximilian und sein Haus über. Ladislaus mußte Liesen Vertrag von dem Reichstage bestätigen lassen, wo er einen furchtbaren Sturm wegen der das Wahlrecht der Nation verletzenden Paragraphen erregte. Ladislaus mußte auch Len SchuldbriefFriedrichslll.anMatthias über 100,000 Ducaten herausgeben u. ebenso viel an Maximilian für Kriegskosten zahlen — ein schimpflicher Friede, der Österreich ohne alle Entschädigung dem Kaiser herausgab. Nur einzeln Unterzeichneten ihn die Magnaten, der Reichstag erklärte sich 1492 dagegen. Auf letzterem wurde die Königsmacht abermals beengt, Matthias'Steuersystem (s. o.) und ebenso die Palatinalstühle in den Comitaten, die Geschworenengerichte daselbst u. die ausgerufenen Versammlungen eil. Land. zg abgeschafft; der Adel sollte nicht mehr außerhalb der Grenzen U-s den Heerbann leisten u. brauchte Ban- derien nur aufzustellen, wenn die königl. Söldner u. Beamtenbanderien gegen den Feind nicht genügten; außer den Prälaten, Reichsbaronen und freien Erbgrasen sollten Alle ihr Contingent zum Comitats- banner stellen rc. Am 6. Jan. 1493 löste Ladislaus die berühmte, jetzt zuchtlos gewordene Schwarze Schaar auf. Unter dem feigen u. energielosen König sank U. rasch, seine Geschichte bestand einzig aus den Unruhen des zügellosen Adels; Ladislaus schloß 1494 mit Polen einBündniß gegen seine rebellischen Unterthanen. Die Opposition errang stete Siege über die Regierung. 1493 begann der Krieg mit den Türken wieder u. wurde meist zu Gunsten U-s bis 1503 geführt, wo der Sultan Bajesid II. einen Wassenstillstand mit Ladislaus schloß (s. u. Türkisches Reich). Als der Reichstag zu Pest 1505 auf Antrieb des übermächtigen Zapolya den Erbvertrag von 1491 mit Maximilian für ungültig erklärte —- Johann Zapolya hoffte auf den Thron — kam Kaiser Maximilian I. mit einem Heere ins Land u. der Vertrag von 1491 wurde neu bestätigt. 1508 ließ Ladislaus seinen zw eijährigen Sohn zum König von U. u. 1509 zum König von Böhmen krönen. Der Papst Leo X. hatte 1514 auf Bitten des intriguanten ungarischen Cardinals Thomas Bakacs das Kreuz gegen die Türken predigen lassen u. den Szekler Georg Dvzsa zum Anführer dieser Armee ernannt. Da nun die Bauern massenweise sich unter Dözsas Fahne schaar- ten ».die Edelleute sie znrückhalten wollten, brach ein Bauernaufstand ans. Dvzsa ließ die adeligen Güter plündern, den Adel niedermctzeln, zog nach der Theiß u. ließ sich von den Kreuzfahrern (Kuruczen) zu ihrem König ausrnfen, wurde aber von Johann Zapolya, dem Wojwoden von Siebenbürgen, u. Stephan Büthory, als er Temesvär belagerte, 1514 total geschlagen, gefangen genommen und unter den scheußlichsten Martern hingerichtet, der ganze Aufstand, vielleicht der blutigste aller Bauernkriege, hier- auf zersprengt. Nun trat die gewöhnliche Reaktion ein: die Lastender Bauern wurden erhöht, sie verloren das Recht der Freizügigkeit u. wurden an den Boden gejesselt. 1515 schloß Ladislaus in Wien mit Kaiser Maximilian einen Vertrag: Ladislaus' Tochter Anna soll binnen einem Jahre einem Enkel Maximilians, Karl oder Ferdinand, verlobt werden od. trotz ihrer Jugend Maximilian heirathen, widrigenfalls Letzterer in 2 Jahren 300,000 Ducaten zahlt; binnen Jahresfrist soll Erzherzogin Maria den Thronfolger Ludwig von U., dem sie schon vor seiner Geburt bestimmt war, heirathen; in einem Geheimartikel wurde bestimmt, daß im Falle des Todes des Thronfolgers U. dem künftigen Gemahle Annas zufiele; Maximilian nahm Ludwig als Sohn an u. ernannte ihn zum Statthalter im Reiche. Zapolyas Partei widersprach heftig diesem ohne Zustimmung des Reiches abgeschlossenen Vertrage. Am 13. März 1516 st. Ladislaus und ihm folgte sein Sohn Ludwig II., 10 Jahre alt, unter der Vormundschaft des Cardinals Bakacs, seines Schatzmeisters Bornemissa n. des ihm verwandten Markgrafen Georg von Brandenburg; die Regierung führte aber der Reichsrath. Die Parteien befehdeten sich u. U. blutete darunter. 1520 eroberten die Türken Szrebernik, Szo- kol u. Kuin, der Agramer Bischof fiel in der Schlacht u. Suleiman I. schickte eine Gesandtschaftnach Ofen, um den Waffenstillstand zu verlängern, die Zustände U-s auszuspioniren, auch einen Jahrestribut zu fordern. Trotz der Zerrissenheit U-s hielt der Reichsralh die Gesandtschaft fest und bat den Papst, den Kaiser und Polen um Hilfe gegen Suleiman. Indessen kraft des Vertrages Ludwig Maria von Oesterreich und Erzherzog Ferdinand Anna von U. heiratheten, fiel Suleiman mit ungeheuerem Heere 1521 in U. ein, Achmed Pascha eroberte Sabäcz nach heldenhafterVertheidignng 15.Aug., Suleiman selbst eroberte, vom Verrathe unterstützt, Belgrad 29. Aug. u. ließ gegen die Capitulation die Besatzung niederhanen. Die Vaterlandsliebe u. Opferwilligkeil war im Adel total erloschen, ja er wollte die Steuergesetze geradezu abschaffen. 1521 wurde Ludwigs Gemahlin Maria in Stuhlweißenbnrg gekrönt, Ludwig trotz seiner 15 Jahre mündig u. trat die Regierung selbst an; 1522 hielt er das Beilager u. ließ sich u. Maria in Böhmen krönen. Vergebens suchte er den Türken ein Heer entgegen zu stellen; sie verwüsteten Dalmatien u. Syrmien, wo sie Paul Tonory schlug; Jaicza wurde wacker gegen sie vertheidigt u. ein Sieg über sie errungen. Bei dem Verfalle der Kirche verbreitete sich die Reformation doppelt rasch inU., zuerst unter denZipser u. Siebenbürger Sachsen, die ihreSöhne oft an deutschen Universitäten erziehen u. ihrePfarrer dorther kommen ließen. Schon 1520 wurden Luthers Schriften u. Lehre bei ihnen bekannt. Auch bei Hofe fanden sie Gönner, z. B. Georg von Brandenburg u. den Schatzmeister Alexius Thnrzo,und selbst die Königin neigte der neuen D Lehre zu; ein heimlicher Anhänger Luthers, Henkel, wurde Hoskaplan Marias, Simon Grynäus und Veit Windsheini Professoren der Ofener Universität. ^ Obwol Ludwig II. 1522 strenge Strafen verhing, schritt die Reformation fort, öffentlich wurde ihr zumal in Siebenbürgen nachgelebt u. der König befahl darum, es sollten in Hermannstadt Luthers säinmt- liche Schriften verbrannt u. seine Anhänger mit Güterverlust bestraft werden; auch der Erzbischof von Gran ließ sie, auf päpstl. Befehl von den Kanzeln verdammen; aufdem OfenerLandtag1523 wurde festgesetzt, daß alle Lutheraner u. deren Gönner mit dem Verlust des Lebens und der Güter gestraft werden sollten, allein die Verwirrung im Innern ließ das Gesetz nicht zur Ausführung kommen. In Hermannstadt führte der gegen alle Lutheraner 1524 verhängte , Bann und die Verbrennung der lutherischen Bücher zu Nichts und die katholischen Priester wurden in ! manchen Orten Siebenbürgens vertrieben. Zapo- ! lya wiegelte mittlerweile den Adel gegen den Reichsrath u. die ersten Magnaten auf, währendLudwig auf dem Räkoser Reichstag vom Sept. 1524 vom Adel wegen der Türken mehr Stenern begehrte. Verböczy, der Verfasser des ungarischen Gesetzbuches, schlug hingegen in Zapolyas Sinne vor, der gesammte hohe und niedere Adel solle am Stephanstage 1525 auf ^ einem Reichstage in Hatvan die Reichsschäden heilen » und von da gegen die Türken ziehen. Ludwig sanc- tionirte diesen Beschluß nicht, sondern berief für 1525 einen Reichstag auf dem Räkosfelde, der aber nur die Mißstimmung steigerte. Trotz königlichen Verbots kamen 14,000 Adelige in Hatvan Juli 1525 zusammen n. der schwache Ludwig erschien auch, um willenlos des Adels Wünsche zu vollziehen; so wurde 723 Ungarn der Reichspalatin Stephan Bathory abgesetzt und Verböczy an seine Stelle erwählt. Gegen Zapolyas Partei stifteten nun Bäthory u. die anderen Gegner den Bund der Abenteurer sLalanckos), den niederen Adel anhetzend, brachten König u. Königin auf ihre Seite und erklärten April 1526 auf dein Räkoser Reichstage ihre Zwecke öffentlich. Verböczy wurde abgesetzt, Büthory Palatin, neue Gesetze wurden abgefaßt. Ganz ungerüstet war U., als Sulciman II. heraukam; jämmerlicher Weise rückten die Magnaten nicht aus, bis endlich Ludwig selbst ins Feld zog; des Geldes total baar, brachte er nur 20,000 Mann gegen den überall siegreichen Sultan zusammen, erlitt 29. Aug. 1526 bei MohäcS eine gänzliche Niederlagen. ertrank im Sumpfe. Mit ihm erlosch das Haus der Jagellonen in U. Fünskirchen und Ofen gingen in Flammen auf, Snleiman machten, zur Wüste u. zog mit den werthvollstcn Schätzen des Ofener Schlosses und einem großen Theil der Cor- vina (s. o.) 10. Oct. heim. U. war am Rande des Unterganges durch die Jagellonen angelangt. Nun aber stieg noch der Parteihader,zumalJohann Zapolya nach dem Throne begehrte. Die verwitt- wete Königin Maria von Ästerreich schrieb einen Reichstag auf den 28. Novbr. 1526 nach Preßburg aus, um ihren Oheim Ferdinand von Österreich gewählt zu sehen. Zapolya aber, von Verböczy unterstützt, versammelte seinen Anhang 14. Octbr. in Tokay, die meisten Großen traten zu ihm, er wurde auf dem Landtage in Stuhlweißenburg 11. Novbr. als Johann I. zum König gewählt u. 12. Novbr. vom Bischof von Neutra gekrönt. Ferdinand aber ermunterte seinen Anhang in U.; der 25. Novbr. in Preßburg eröffnete Reichstag, von dem Palatin Stephan Bnthory geleitet, erklärte alle Beschlüsse des Landtages in Tokay für ungiltig und erklärte Ferdinand I. 16. Decbr. 1526 zum König. Kroatien huldigte Ferdinand 1. Jan. 1567, Slawonien Johann 6. Jan. Johann hielt im März 1527 einen Landtag in Ofen u. hier erklärten die Stände, sie würden wederFerdinand'noch einen anderenFremdenals König anerkennen,hingegensolltendieGüterallerAn- Hänger Ferdinands confiscirt werden. Ferdinand kündigte Johann nun den Krieg an, da Polens Friedensintervention nichts fruchtete; auch bewog er den Krouhüter Pereny die Krone St. Stephans ihm anszulieferu. Katzianer fiel in die oberen Comitate N-s ein, Ferdinand nahm Raab, Komorn, Gran, Wissehrad u. Ofen; Johann floh nach Erlau u. ganz Slawonien fiel von ihm ab. Bei Tokay geschlagen, suchte Johann vergebens von Großwardein aus die in Ofen versammelten Stände von Ferdinand zu lösen. Dieselben wählten Ferdinand abermals 6. Oct. 1527 zum Könige u, er wurde in Stuhlweißeu- burg mit der Stephanskrone 5. Nov.1527 gekrönt. In Ferdinand I. kam das Hans Habsbnrg abermals auf U-s Thron.Seine Gegner wurden nun zuLandesverräthern erklärt.Johann wandte sich an Snleiman II. um Unterstützung, der elende Veneti- aner Gritti machte deu Unterhäudler,Johann floh nach Polen u. wartete hier auf die Ankunft des türkischen Hilfsheeres in U. Als Johanns Partei wieder gewachsen, schlug er beiLippa in U. sein Lager auf; Ferdinand suchte vergebens den Sultan zum Frieden zu stimmen. Suleiman rückte mit 300,000 Mann über U-s Grenze und vereinigte sich im Juni 1529 (Gesch.). bei Mohacs mit 6000 Mann unter Johann, der ihm huldigte. Am 3. Sept. wurde Ofen erstürmt, Johann in Besitz der Königswürde gesetzt; bei der Eroberung von Wissehrad fiel auch die Krone in der Türken Hand; ohne Widerstand nahmen dis Türken die Städte U-s u. erschienen 26. Sept. vor Wien (s. Österreich-Ungarn u. Türkisches Reich, Gesch.). Nach Aufhebung der Belagerung zog Sulciman im Oct. nach der Türkei heim, doch blieb türkische Besatzung in Ofen. Der österreichische General Katzianer folgte den Türken nach U. u. eroberte im Vereine mit dem Grafen Hardegg Trentschin, Tyrnau, Kaschau u.Un- garisch-Ältenburg; Ferdinand zog die Siebenbürger Sachsen an sich. DieJohann zuHilfe gesandten Türken hausten in U. schauerlich u.schadetenihm nur. 1530 scheiterte aber des österreichischen Generals Roggendorf Unternehmen gegen Ofen. Entsetzlich verheerte der Bürgerkrieg das arme Land. Trotz des scharfen Edicts Johann Zapolyas von 1527 gegen die Pro. testanten wurde seit 1530, wo die Augsburger Con- fession inU. bekannt wurde, die Reformation immer mehr verbreitet u. wegen der politischen Unruhen ihr kein Hinderniß entgegengestellt, selbst nicht von den katholischen Prälaten, da sich die Evangelischen nicht von dem kirchlichen Verbände trennten u. ihre pecu- niären Verpflichtungen gegen die Katholische Kirche erfüllten; nur sollten sie an der Augsburger Conses- sion festhalten u. nicht zu den Calvinisten gehören. Alle Friedensversuche zwischen den Gegenkönigen scheiterten, ebenso Ferdinands Versuch, Suleiman zum Frieden zu bewegen und dessen Zug nach Wien 1532; an den Wällen von Gllns brach sich der Türken Macht. Ferdinand schloß 1533 mit Suleiman, dem er Grans Schlüssel überschickte, Waffenstillstand u. wurde von ihm für den von Ferdinand besetzten Theil U-s als König anerkannt; bald aber wurde Suleiman durch Grittis Jntriguen gegen ihn verhetzt, von Neuem brach der Krieg aus, die Protestanten hielten zu Ferdinand gegen Johann und endlich schlossen diese Beiden 24. Februar 1538 Frieden in Großwardein: Johann behielt den Köuigstitcl und Siebenbürgen so wie das Land bis an die Theiß, Ferdinand aber Dalmatien, Kroatien, Slawonien u. das übrige U. Nach Johanns Tod sollte das ganze Land an Ferdinand oder dessen Erben fallen; hinler- ließJohann einen Sohn,so sollte dieser Gemahl einer Erzherzogin, Herr der Familicngüter in Zipsen u. Herzog werden. Johann vermählte sich hierauf 1539 mit Jsabella, Tochter des Königs Sigismund von Polen, dachte aber bald an Umgehung des Großwar- deiner Friedens n. Aussöhnung mit dem drohenden Sultan. Als er einen Aufruhr in Siebenbürgen stillen wollte, starb er, ein Knäbchen Sigismund Johann hinterlassend, 1540 in Mühlbach. Zu Vormündern Sigismund Johanns, dem er den Thron vererben wollte, bestellte er den eminent begabten Bischof von Großwardein, Georg Utjesenich (auch Martinuzzi genannt) und einen Vetter des Kindes, Peter Petrovics. Beide suchten dem Kinde die Krone seines Vaters zu sichern und schickten Verböczy nach Tonstantinopel, um Suleimansll. Hilfe zu erlangen, während Ferdinand ebenfalls in ConstantinopelJah- restribut bot, wenn Suleiman den Frieden von Großwardein bestätige. Zugleich schickte Ferdinand Leonhard Fels zur Belagerung Ofens,Snleiman bestätigte hierauf den kleinen Sigismund Johann als 46 * 724 Ungarn König vonU. Während dessen Mutter, Königin Jsa- bella, für bedingungsweiseHaltung desGroßwardei- ner Friedens war, widersetzte sich Utjesenich aufs Energischste. 1541 belagerte wieder einösterreichischesHeer unter General Roggendorf Ofen; Suleiman II. ließ durch den Pascha v. Belgrad Ofen entsetzenu. das öfter- reichische Heer anfrciben, bemächtigte sich aber selbst dieses Platzes. Suleiman wies Sigismund Johann Siebenbürgen u. das Land zwischen Theiß u. Leipa als Lehnssllrstenthnm an; bis er herangewachsen, sollte Ofen türkisch bleiben; bis zu seinem 20. Jahre sollten Utjesenich u. Petrovics regieren; Jsabella u.ihr Sohn gingen nach Siebenbürgen; Verböczy wurde Oberrichter der türk. Provinz U. u. 10,000 Janit- scharcn blieben in Ofen. Ferdinand I. verständigte sich 1542 mit Jsabella u. Utjesenich: gegen die Abtretung der Zipser Gespanschaft mit dem Herzogstitel sür Johann und einen Jahrgehalt von 12,000 Ducaten sür Jsabella versprach Letztere Ferdinand im Vergleich zu Weißenburg vom 15. Juli 1542, die Krone u. Siebenbürgen auszuliefern u. alle Ungar. Schlösser u. Gespanschaften, welche noch in ihrer Gewalt waren, hcrauszugeben. Ferdinand I. sammelte besonders mit Hilfe der protestantischen Fürsten Deutschlands 1542 ein Heer von 80,000 Mann unter Kurfürst Joachim II. von Brandenburg, zu welchen 3000 Mann päpstliche Truppen unter Gene- nsral Vitelli stießen; allein der Sturm auf Pest mißlang u. der ganz verkehrt operirende Kurfürst mußte sich znrllckziehen, woraus sehr viele Ungarn das Heer verließen. 1543 erschien Suleiman wieder mit gewaltigem Heere, nahm Valpö, Siklös n. Fünskirchen u. zog in Ofen ein, Gran fiel wie Dotis, endlich auch Stuhlweißenburg, 1544 Wissehrad, das ganze Donauland bis Komorn, Neograd, Hawaii rc. Erst Juni 1547 kam ein fünfjähriger Waffenstillstand zu Stande, dein zufolge Suleiman wie Ferdinand in U. behielten, was sie besaßen u. Ferdinand jährlich 30,000 Ducaten Tribut zahlen mußte. Die in türk. Hand befindlichen Gebiete wurden ganz türkisch verwaltet und bluteten unter dem härtesten Despotismus; in Ofen saß ein Begier Beg, unter dem 14 Sandschakate standen. Ferdinand I. berief, um dem Elend in seinem Theile U-s abznhelsen, wiederholt Reichstage, ließ dis Nanbschlösser in U. zerstören u. verordnet, da die Protestanten seit 1530 in Siebenbürgen so wie in den freien Städten Kaschau, Eperies, Leutschan, Bartsa u. Zeben u. in anderen Theilen des Landes die Mehrzahl der Bevölkerung bildeten, die unbedingte Wiedereinführung derKatholischenCoufession, eine Verordnung, deren Erfolg nur gering war, da mehre protestantische Große n. des. der Wojewode Peter Pereny von Siebenbürgen ihre Vollziehung hinderten. Von Utjesenich geleitet, schloß Jsabella 1550 mit Ferdinand einen vorläufigen Vertrag: Ferdinand erhält auch Siebenbürgen u. die Krone, Sigismund Johann dafür zu den väterlichen Gütern die Herzogthümer Oppeln u. Natibor, Utjesenich wird Erzbischof von Gran n. Cardinal u. führt nach wie vor die Regierung von Siebenbürgen. Alsbald befahl suleiman den Paschas von Ofen u. Belgrad zum Kriege zu rüsten. Utjesenich rettete Siebenbürgen für Ferdinand n. dieser ließ es durch Nädasdy n. Castalbo in Besitz nehmen. Mit Jsabella Unterzeichnete Ferdinand jetzt einen Vertrag 1551: sie er- (Gcsch.). hielt als Wittthnm100,OOODucaten, ihr Sohn obige Herzogthümer mit 24,000 Ducaten jährlich u. Ferdinands Tochter zur Braut; Jsabella übergab Ferdinand die Krone und ihre Festungen und verließ Siebenbürgen. Der Sultan schickte ein Heer, um Jsabella Siebenbürgen zu erhalten, doch hielt Utjesenich dasselbe von Siebenbürgen ab n. eroberte mit Castaldo Lippa, ging nach Siebenbürgen zurück n. am 17. Dec. 1551 ließ Castaldo u. Pallavicini Utjesenich, den sie für einen Verräther hielten, ermorden. 1552 machten die Türken neue Fortschritte u. Ferdinand verhandelte erfolglos mir Suleiman. Da aber wegen Castaldos Bedrückungen in Siebenbürgen Ferdinands I. Truppen aus dem Lande hinaus- gcworfen wurden, erschien Jsabella 1556 wieder als Königin dort, trat aber schon 1559, da sie sich wegen ihrer Härte nicht im Lande halten konnte, wieder in Unterhandlungen mitFerdinand I., welche nach ihrem im Sept. d. I. erfolgten Tode ihr Sohn Sigismund Johann als König von Siebenbürgen fortsetzte. Nachdem Ferdinand 1556 zugleich Deutscher Kaiser geworden war, wurde sein Sohn, Erzherzog Maximilian, nach vielen Schwierigkeiten von dem Reichstage zu Preßburg als König von U. anerkannt u. 1563 gekrönt. Ferdinand schloß 1562 mit dem Sultan Frieden auf 8 Jahre u. versprach jährlichen Tribut von 30,000 Ducaten. Ferdinand st. 25. Juli 1564, unermüdlich thätig. Maximilian, sein Nachfolger, sandte gegen Sigismund Johann, welcher die Grenzbezirke U-s verwüsten ließ, den General Schwendi. 1566 begann Suleiman Len Krieg wieder, Sigismund Johann unterstützend. Maximilian zog 70,000 Deutsche, Ungarn u. Italiener zusammen, Suleiman belagerte im August 1566 Szigeth (s. Türk. Reich, Gesch.), Nikolaus Zriuyi vertheidigte es glorreich u. alsTrümmerhaufe kam es Sept. 1566 in den Besitz der Türken. 1567 kam der Waffenstillstand zu Adrianopel zu Stande: Maximilian zahlte den früheren Tribut u. er wie Sigismund Johann behielten, was sie gerade besaßen. Da Sigismund Johann alleJntriguen gegen denKaiser fehlschlugen, schloß er 1570 mit ihm Frieden u. entsagte dem Königstitel; er wie der Kaiser wollten die Türken als gemeinsame Feinde ansehen u. er sollte eine Schwester des Kaisers heirathen rc. Sigismund Johann st. März 1571. Ihm folgte Stephan Bäthory als Wojewode (s. Siebenbürgen, Gesch.). 1572 ließ der Kaiser seinen Sohn Rudolf zum König von U. wählen u. im Sept. d. I. zu Preß- bnrg krönen. Die Türken verheerten wieder U-s Grenzgebiete, eroberten 1574 einige Festungen u. trotz des wiederholt erneuerten Friedens hörten ihre Streifereien nicht auf. Unter der äußerst duldsamen Regierung Maximilians hatten die Ungarn, welche zum größten Theil protestantisch geworden waren, ihre Kirchenverfassung ausgebildet u. ordneten unter dem Schutze der Magnaten u. Städte ihre Kirchen- u. Schulangelegenheilen. Sehr zahlreich waren auch die Calvinisten, außerdem traten Socinianer (Unitarier) auf. Anders wurde es unter dem streng katholischen Rudolf, welcher die 1561 zuerst in Tyrnau angesiedelten Jesuiten in U. ansässig machte u. eine Reihe von Verfolgungen über die Protestanten verhängte. Maximilian st. 12. Oct. 1576. Rudolf, nun auch Deutscher Kaiser, überließ alsbald seinem Bruder, dem Erzherzog Ernst, die Statthalterschaft 725 Ungarn in U.; Erzherzog Karl, sein Oheim, erhielt 1575 das Ewige Generalat in Kroatien, dazu 1578 das Gouvernement Jllyrien, wo er 1579 die Festung Karlstadt baute. Bald war Zwietracht zwischen Nation n. Regierung. Die Reichstage beklagten sich wiederholt bitter über die Besetzung der meisten Ämter mit Deutschen n. die Übergriffe der Söldnertruppen, Rudolf versprach auf dem Reichstage 1583 allmähliche Abstellung der Beschwerden u. hielt 5 Jahre keinen Reichstag; die meisten Klagen blieben unerhört. Der kleine Grenzkrieg war indessen, trotz des 1590 auf 8 Jahre verlängerten Waffenstillstandes, mit den Türken immer sortgeführt worden u. wurde seit 1592 immer ernsthafter. (S. Türk. Reich, Gesch.) 1593 übernahm anstatt Ernsts Erzherzog Matthias, des Kaisers anderer Bruder, die Statthalterschaft in U.,doch mit beschränkter Vollmacht. Den Türkenkrieg führte der Kaiser im Bunde mit Sigismund Bäthory, Fürsten von Siebenbürgen, fort. Inzwischen trat die Willkür gegen die Protestanten, namentlich durch die Jesuiten u.dnrch Jakob Barbian vonBelgiojoso (s. d.), königlichen Obercapitän in Ober-U., immer greller hervor, ihre Kirchen wurden ihnen genommen, ihre Geistlichen vertrieben, ihre Güter geplündert. Ihre Beschwerden waren vergebens u. Rudolf stellte auf demReichskage1597 aus eigener Machtvollkommenheit einen Gesetzartikel auf, worin alle Bitten ». Beschwerden der Protestanten als solcher für ungegrün- det erklärt, alle gegen sieerlassenenGesetze bestätigtu. ihnen die strengstenStrafen angedroht wurden, wenn sie nicht zur Kathol. Kirche znrückkehrten. Den Religionswirren glaubte der engdenkende König auf dem Reichstage von 1604 ein Ende machen zu können, indem er zu 21 Gesetzartikeln, die ihm die Stände zur Sanktion vorlegten,als22tenhinzufügte: vonnunan sollen aus den Reichstagen alle Verhandlungen über Religionsangelegenheiten streng verboten sein. Infolge dessen brach ein Ausstand aus, geleitet von Stephan Bocskay von Siebenbürgen, der nach demFür- stenhute strebte. Mißvergnügte allenthalbenher, darunter viel Adel,versammelten sich um ihn ».bald waren ganz Siebenbürgen u. alle nördl. Gespanschasten in seinenHänden, 1605 wurde er in Szerencs zum Fürsten Siebenbürgens ausgerufen. DaS kaiserl. Heer unter dem Commando Bastas wurde allenthalben geschlagen, ganz Ober-U. huldigte Bocskay u. er verband sich mit den Türken, die ihn selbst zum Könige von U. ernannten. König Rudolf mußte 25. April 1606 Matthias zum Haupte seines Hauses erklären sehen u. Matthias schloß 23. Juni 1606 mit Bocskay den Wiener Frieden: Den Protestanten wurde im ganzen Umfange des Reiches Religions- u. Cultusfreiheit zugesichert, doch so, daß der Römischen Kirche kein Nachtheil erwachsen dürfe; Matthias wurde Gouverneur von U. mit unbeschränkter Vollmacht, Bocskay erhielt Siebenbürgen n. die dazu gehörigen Gebiete unter ungarischer Oberhoheit n. im Falle seines kinderlosen Todes durfte Siebenbürgen frei einen Fürsten küren. Auch mit dem Sultan schloß Rudolf Frieden auf 20 Jahre: Beide behielten ihre Eroberungen (nur Waitzen wurde dem Kaiser wieder übergeben) u. Rudolf sollte 200,000 Gulden dem Sultan zahlen. Während dieses Krieges hatte U. auch mit Venedig wegen der Uskoken, Freibeuter zur See, Händel bekommen, indem die ungarische Regierung sie nicht vernichten wollte ;diese Fehde en- (Gesch.). dete 1616 mit theilweiser Versetzung der Uskoken in die Gegend vonKarlstadt. JnzwischenwarendiePro- testanten nach Bocskays Tode (st. 29. Nov. 1606) wieder bedrückt worden, weshalb hie u. da Unruhen ausbrachen. Als nun auf dem Reichstage zu Preß- bnrg 1608 den Protestanten die Bestimmungen des Wiener Friedens bestätigt wurden, der König aber die Beschlüsse des Reichstags für ungiltig erklärte, setzte Matthias Rudolf ab u. die Stände wählten MathiasII. zum König, welcher 9. Nov. 1608 gekrönt wurde, nachdem er den Protestanten Stephan Jlleshäzy zum Palatin ernannt u. 17 Artikel unterzeichnet hatte, in denen er u. a. vollkommene Religionsfreiheit gestattete n. versprach, alle Reichsgeschäfte durch U. verwalten zn.lassen, alle drei Jahre Landtag zu halten, die an Österreich verpfändeten Städte u. die 13 anPolenverpfändetenZipserStädte wieder einzulöseu, Krieg u. Frieden nicht ohne Bewilligung der Stände zu beginnen, keine fremden Völker ins Land zu ziehen, stets in U. zu residiren, alle Freiheiten dcrNation aufrechtzu erhaltenrc. Nach dem Tode des Palatins Jlleshäzy, 1609, wurde zwar wieder ein Protestant, Graf Georg Thurzö, Palatin, aber die Katholiken erhielten immer mehr Macht und von den Protestanten gingen Viele zur Katholischen Kirche über, bes. durch die Wirksamkeit des Jesuiten Peter Päzmüny. Mit Siebenbürgen hatte Matthias zwar 1610 einenVertrag geschlossen, aber dennoch kam es 1611 mit dem tyrannischen Gabriel Bäthory zum Kriege, der aber noch im selben Jahre endete u. 1615 schloß Matthias zu Tyr- nau Frieden mit Bethlen Gabor, Fürsten von Siebenbürgen, erkannte ihn au u. dieser den Wiener Frieden von 1606. Mit den Türken kam 1616 ein 20-jähriger Friede zu Stande, in welchem 237 ungarische Dörfer in türkische Gewalt zurllckgcgeben u. die Magnaten unter türkischerBotmäßigkeitfür zinsfrei erklärt wurden. 16. Mai 1618 wurde auf Matthias Antreiben sein Vetter, Erzherzog Ferdinand, zum König ausgerufen ^ Palatin wurde Sigismund Forgüch, der wieder katholisch geworden. Ferdinand wurde 1. Juli 1618 gekrönt u. Matthias starb 20. März 1619. Herd inand II., ein Zögling der Jesuiten u. fanatischer Vorkämpfer der Gegenreformation, folgte. Die gegen„ihn verbündeten Stände Böhmens, Mährens n. Österreichs forderten in Preßburg die U. zu einem Bündnisse auf u. viele Protestanten traten auf ihre Seite; Bethlen Gabor von Siebenbürgen schloß nun ein Bündniß mit den obernugarischen Ständen, kam nach U. u. verstärkte sich durch die dortigen Protestanten bald bis auf 60,000 Mann. Georg Nakoczy, welcher denVortrab führte, eroberte im Oct. Kaschau u. ließ dort das Jesuitencollegium zerstören. Nachher nahm Bethlen Neuhänsel u. Tyr- nau, schließlich Preßburg, streifte in Mähren und Österreich u. drohte selbst Wien zu belagern. Im Nov. beries er im Verein mit dem Palatin Forgäch einenReichstag nach Preßburg, seiueHanfen nahmen Ödenburg u. er ließ sich von den Comitaten jenseits der Donau huldigen. In Preßburg kam es zu den erbittertsten Fehden zwischen den Katholiken n. den Protestanten, die Ferdinands Absetzung wünschten.. Der kaiserliche General Dampierre schlug gegen das Ende des Jahres 1619 die kl. bei Hamburg u.Hom- monai, Rakoczy bei Kaschau. Ferdinand II. schloß 726 Ungarn (Gesch.). 18. Jan. 1620 einen Waffenstillstand mit Bethlcn auf H Jahr u. gab ihm den Titel eines Neichssürsteu mit Oppeln n. Ratibor u. vier ungarischen Comita- ten als Erbbesitz, neun anderen auf Lebensdauer. Bald aber brach der Streit wieder aus, auf dem ReichstageinNeusohl wurde BethlenGabor 25. Aug. 1620 zum König von U. erwählt u. ein Bund mit Len Böhmen geschlossen. Bethlen verbannte die Jesuiten u. Anhänger des Kaisers u. zog alle geistlichen Guter ein, eroberte im Sept. Neutra, dann Papa, Beszprim rc. u. sein Heer schlug am 9 Oct. Dam- pierre bei Preßburg. Durch den Sieg am Weißen Berge bei Prag (8. Nov. 1620) ermuthigt, ging Ferdinand energisch gegen Bethlen vor, erklärte seine Wahl u. die Neusohler Beschlüsse sllr ungiltig, General Boucquoi zog gegen Bethlen, nahm 1621 Fulek, Preßburg, Tyrnau, Neutra u. Gllnz, wurde aber bei Nenhäusel geschlagen 10. Juni. Markgraf Johann Georg von Brandenburg mit 8000 Mann stieß zu Bethlen Gabor u. dieser eroberte Tyrnau u. Körmönd, mußte aber von Preßburg nach Mähren abziehen. Es kam zu Unterhandlungen u. am 31. Dec. 1621 wurde zu Nikolsburg Friede zwischen dem Kaiser u. Bethlen Gabor geschlossen: Bethlen verzichtete aufU.u. denKönigstitel, gabdieFestungen u. die Krone St. Stephans heraus, wurde Reichssürst, erhielt die schlesischen Fürstenthümer Oppeln u. Ratibor u. sieben ungarische Gespanschasten in der Nähe Siebenbürgens nebst 5 Städten u. jährlich 30,000 Gulden. Auf dem Reichstage zu Ödenburg im Mai suchte der Kaiser U. zu beruhigen u. ernannte sogar einen Lutheraner Thurzö zum Palatin. 1622 bewogen die Protestanten Bethlcn Gabor wieder zum Kriege. Mit Hilfe der türkischen Grenzpaschas eroberte er 1623 ganz Niedcr-U., die Bergstädte u. Tyrnau u. drang tief in Mähren ein, ließ sich aber von neuem zum Frieden im Mai 1624 bestimmen, der im Ganzen auf der Nikolsburger Basis ruhte. Mit denTürkenerneuerteFerdinand 1625 dasBünd- niß von Zsitva-Torok n. schloß auf dessen Grundlage 12. Sept, 1627 zu Szöny Frieden. Auf dem Reichstage zu Ödenburg erwählte man nach heftigen Debatten am 8. Dec. 1625 den Erzherzog Ferdinand, Len ältesten Sohn des Kaisers, zum König von U. u. den Grafen Nikolaus Esterhazy zum Palatin. Beschwerden derProteftanten gegen neueVersolgungen, Schließung von Kirchen, Vertreibung der Prediger fanden bei dem Palatin, unterstützt vom Erzbischof Pazmäny, kein Gehör, vielmehr unterdrückte er alle Discussionen über Neligionssachen. Bethlen trat, nachdem 1626 der geächtete Graf Ernst von Mansfeld mit 15,000 Mann zu ihm gestoßen war u. auch die Türken Hilfe versprochen hatten, abermals gegen Ferdinand!!, auf, abervondenTürkenschlecht unterstützt u. von Wallenstein in allen Unternehmungen gehemmt, schloß er December 1626 mit dem Kaiser Frieden ans der Basis von 1624, verzichtete aber auf die 30,000 Gulden jährlich. Bethlen Gabor hielt von nun an mit Ferdinand Freundschaft u. st. 15. Nov. 1629. Sein Nachfolger Georg I. Rakoczy vereitelte den Plan der Kaiserlichen, Siebenbürgen wieder mit U. zu vereinigen, schloß mit dem Palatin 1629 den Frieden zu Eperies u. gab die sieben an Bethlen abgetretenen Gespanschasten an U. zurück; 1633 wurde dieser Vertrag bestätigt u. Munkacs als erblicher Besitz für 200,000 Gulden Rakoczy überlassen. Auf dem Reichstag von 1635 wurde u. a. bestimmt, jedes 3. Jahr müßte unbedingt ein Reichstag sein u. neben dem Kanzler müßten 2 ständige ungarische Hosräthe stehen, wodurch der Grund zur Gestalt der königlichen Hofkanzlei von später gelegt war. Ende 1636 wurde Ferdinand (III.) gekrönt. Ferdinand I!. st. 15. Febr. 1637 u. bald nach ihm Päzmäny, der 1635 die Univers. Tyrnau gegründet. Ferdi nand III,, Ferdinands II. Sohn, gelang es nur mühsam, die Protestanten aus dem Reichstage von 1637 zu beruhigen, indem er Restitution ihrer Kirchen verhieß. Die Jesuiten, obschon von Ferdinand III. weniger begünstigt, fuhren auch unter ihm in der Bekehrung fort und die Türken, im Besitz des halben Landes, setzten ihre Raubzüge nicht aus, bis 1642 der Friede zu Szöny wieder erneut wurde. Die Protestanten, mit ihren Beschwerden von einem Reichstagezumandernverwiesen,wurdeuvonSchwe- deu u. Frankreich zu einer Empörung aufgereizt u. Rakoczy schloß 26. April 1643 einen Subsidienver- trag mit Frankreich u. Schweden gegen Ferdinand III. Er wurde 1644 bei Kaschau von einigen Ge« spanschafteu als Fürst von U. ansgerufen, erließ im Febr. 1644 ein Kriegsmanifest an den Kaiser und drang mit 10,000 Mann in U. ein, eroberte Szath- mär, Tokay u. fast ganz Ober-U.; das kaiserliche Heer unter General Puchheim belagerte Kaschau, die Türkenhilfe blieb für Rakoczy aus u. es begannen Friedensunterhandungen inTyruau, scheiterten aber an Rakoczys Forderungen. 1645 eroberte Rakoczy Tyrnau, den Hauptsitz der Jesuiten, und bedrohte Preßburg. Am 16. Dec. 1645 aber schloß er mit Ferdinand !!!. den Frieden zu Linz, in welchem der Kaiser den Protestanten ihre früheren Rechte, freie Neligionsübnng, den Gebrauch der Kirchen u. Glocken u. eigener Friedhöfe versprach, die sieben ungarischen Gespanschasten an Rakoczy u. die Gespanschasten SzathmLr u. Szabolcs seinen Kindern auf Lebzeiten gab u. Tokay, Tarczal u. Rogecz seiner Familie erblich überließ. Der katholische Klerus war entschieden gegen den Frieden, es kam zu den bittersten Fehden mit den Protestanten, Lenen 90 Kirchen anstatt 400 endlich zugesprochen wurden. Am 3. Juli 1647 wurde des Kaisers ältester Sohn, Ferdinand Franz, zum König von U. designirt u. noch Juli gekrönt, da Ferdinand IV. aber 1654 starb, so wurde sein Bruder Leopold 1655 gewählt u. gekrönt. Als 1648 Georg Rakoczy gestorben u. der Westfälische Friede geschlossen war, begannen die Bedrückungen der Protestanten in U. von neuem. Am 2. April 1657 st. Ferdinand III. u. sein Sohn Leopold I. unterstützte alsbald Polen gegen Georg II. Rakoczy, der ihn dann vergebens gegen die Türken u. Len GegenfürstenBarcsay um Hilfe rief(s. Siebenbürgen, Gesch.) Der Ofener Pascha belagerte Großwardein u. nahm es 30. Aug. 1660. Leopold schloß einen Vertrag mit Johann Kemeny, Fürsten von Siebenbürgen (s. d.), unterstützte ihn durch General Montecuculi mit 20,000 Mann 1661 u. erhielt von ihm Szekelyhid u. Kövär. Der Großvezir, der Michael Apaffy als Fürste» in Siebenbürgen einsetzen wollte, wurde 22. Juni 1661 von Montecuculi bei Klausen- bürg geschlagen; dann zog sich aber Montecuculi nach U. zurück u. bald fiel Kemeny 1662 gegen die Türken. Leopold verfolgte nicht allein die Protestanten in früherer Weise, sondern ging auch gegen die < 727 Ungarn Rechte des Landes vor. Siebenbürgen u. die Religionsunruhen gaben den Vorwand, ein deutsches Heer nach U. zu legen u. fast alle Festungen unter deutsche Commandanten zu stellen, aber hiergegen ' protestirten die Stände wiederholt. Auf demReichs- ' tage zu Preßbnrg 1662 erzwangen sie ein Rescript ! Leopolds, betreffs Entfernung des deutschen Heeres ^ u. die Protestanten unter ihnen forderten ihre seit 1659 weggenommenen Kirchen; als sie ungünstig ! beschieden wurden, verließen sie den Reichstag. ' Die Pforte wollte Leopold nur unter schimpflichen Bedingungen den Frieden verlängern, aber endlich nach dem glorreichen Siege Moutecuculis bei St. ' Gotthard, 1. Aug. 1664, wurde 10. Aug. 1664 zu Vasvar au der Raab der Friede geschloffen (s. Türk. Reich, Gesch.). Für U. war er sehr nachtheilig, denn Neuhäusel,Neogradu.Großwardcin blieben türkisch, Szekelyhid mußte zerstört werden rc. Schutzlos war U. den Türken preisgegeben und die Mißstimmung mit dem eigenmächtigen Könige groß. Mau fürchtete, er wolle U. seiner Verfassung berauben. Vielfach kam es zu Auftritten zwischen seinen Truppen u. dem Volke. 1665 verbanden sich Graf Peter Zrinyi, Ban von Kroatien, der Palatin Franz Wesselenyi, Franz I. Rakoczy u. Andere zur Aufrechterhaltnng der Ungar. Freiheiten und zur Erwählung Apaffys unter türk. Schutze; an sie schlossen sich bald andere Herren wie Frangipani, Nädasdy und Tattenbach. Anstatt der Palatinalversammlung zu Neusohl unter einem kaiserl. Commissär forderten sie einen Reichstag zur Abstellung ihrer Klagen. Da sie kein Gehör fanden, verschworen sie sich gegen Leopold I. Wesselenyi starb u. bald leitete Manche niedriges Interesse anstatt des Gesammtwohles; Zrinyi wollte König von ll. werden u. seinen Schwiegersohn Franz I. Rakoczy mit Siebenbürgen beschenken, Nädasdy erstrebte das Palatinat. Die Verschworenen waffne- ten sich und sprachen die Türken um Hilfe an. Der Dragomau des Großvezirs verrieth dies dem kaiserl. Botschafter Casanova; Leopold sandte abermals Com- missäre nach Eperies, darunter Zrinyi, um den Beschwerden abzuhelsen, doch erfolglos. Die Protestanten begünstigten die Verschwörung, Leopold schickte neue Truppen nach U.; Zrinyi rief nochmals türk. Hilfe an, sammelte mit Frangipani ein Heer, forderte Rakoczy zur Unterstützung u. das Land zum Aufruhr auf. Von Constantinopel aus wurden nun dem Könige die Verschwörer genannt; ein kaiserl. Heer unter Spankau ging nach Kroatien, ein anderes unter Sporck nach Ober-U. Auf der Flucht wurden Zrinyi u. Frangipani ergriffen und nach Wien gebracht, 1670; Rakoczy schlug los, unterwarf sich aber bei Sporcks Ankunst alsbald. Alle Häupter der Verschwörung wurden gefangen. Herzog Karl von Lothringen eroberte Schloß Muräny mildem Archive der Conspiration. Der Premierminister Fürst Lob- kowitz, ein Feind U-s, leitete die Untersuchung durch eine Commission in Leutschau u. ein Kriegsgericht in Wien. Am 30. April 1671 wurden Frangipani u. Zrinyi in Wienerisch-Neustadt, Nädasdy in Wien hingerichtet u. ihre Güter confiscirt. In Preßburg saß ein Gerichtshof unter Gras Rothal, lud 300 Ver- Lächtige, meist Protestant. Edelleute u. Geistliche vor — einige davon wurden hingerichtet, andere ihrer Güter beraubt u. exilirt, die meisten zur Festungs- od. Galeerenstrafe verdammt, Franz Rakoczy aber (Gesch.). begnadigt. Leopold, Lobkowitz u. der Kanzler in Wien, Hocher, meinten, jetzt könne man U-s Constitution umstoßen; um es zu beruhigen, wurde allgemeine Amnestie verkündet, dann veröffentlichte man das in Murüny erbeutete Archiv der Verschworenen u. Leopold, der den Sinn U-s gebrochen glaubte, berief im Frühjahr 1671 einen Reichstag nach Preßburg. Als die Stände aus Furcht nicht erschienen, erließ er 12. März ein Decret, in welchem er allen Einwohnern des Reichs zur Strafe für ihre Hartnäckigkeit eine Reihe Steuern und den ständigen Unterhalt eines neuen deutschen Heeres von 30,000 Mann auferlegte, das in die Dörfer U-s einquartiert wurde. In einem andern Decret vom 6. Juni d. I. wurden alle hohen Reichswürden abgeschafft, die Thronbefugnisse für unumschränkt erklärt u. Johann von Ampringen, Hochmeister des Deutschen Ordens, wurde im Febr. 1673zum Generalgouverneur U-s mit unbeschränkter Vollmacht ernannt. Vergebens war alles Flehen U-s bei dem harten Leopold. Ampringen, dem als Gubernator eine Regiernngskammer aus acht Mitgliedern, meist Deutsche, beigegeben ward, zog willkürlich Güter ein u. verfuhr als Tyrann; furchtbar waren die Zustände im Lande, unter den wilden Kämpfen der Regierungsanhänger (Kurutzen) und Aufständischen (Labantzen) blutete zumal der Landmann. 1673—74 klagte das außerordentliche Gericht in Preßburg circa 350 Protestant. Prediger u. Lehrer an, sie seien mit den Türken heimlich im Ein- verständniß gewesen, hätten ihre Hilfe angerufen, das Volk aufgewiegelt und Schmähschriften gegen Leopold ausgestreut; es verurtheilte sie zum Tode; anstatt dessen begnadigte sie Leopold meistentheils, wenn sie ihr Amt niederlegten u. freiwillig auswan- derten,etwa 70 aberließ er lange im Kerker schmachten u. dann nach Triest u. Neapel auf die Galeeren 'erkaufen. Die Anderen wurden zum Übertritt zur Katholischen Kirche gezwungen. Dies verursachte wiederholt Ausstände u. obgleich der General Kopp die Mißvergnügten öfters schlug, so blieb doch deren Zahl gefährlich; freilich unterstützten die Türken aus den benachbarten Paschaliks sie sehr ungenügend, aber sic fanden einen tüchtigen Heiser in Siebenbürgen an Michael Teleki. Aussöhnungsschritte Leopolds blieben erfolglos; Teleki, Emerich Tököly u. andere Große schlossen mit Ludwig LIV. einen Subfidial- vertrag, wodurch sie 6000 Mann u.jählich 100,000 Thlr. zugesichert erhielten, dagegen aber 15,000 Mann gegen Leopold stellen mußten. 1677 schloß mit ihnen der Fürst von Siebenbürgen ein Bünd- niß, das franz. Hilfscorps unter Bethune schlug die Kaiserlichen und nahm einige Festungen. Tököly wurde 1678 Oberfeldherr, ließ Münzen mit der Inschrift: Bro libsrtats sbjuotitia schlagen, aus deren Revers stand: Imckovious rsx Oallias protsotor ob patronno UnnAarias, und hatte bald über 20,000 Mann um sich. Vergebens suchte Leopold das Land zu beruhigen, die Leidenschaftlichkeit seines Kanzlers Hocher verdarb Alles. Tököly eroberte fast ganz Ober-U., schlug im Sept. 1678 die Kaiserlichen unter Leslie, streifte in Mähren und eroberte selbst Brünn, alle Bergstädte gingen dem König verloren; wiederholt schloß dieser mit Tököly Waffenstillstand. ! Auf dem Reichstag iu Ödenburg 1681 wurde Graf Paul Esterhazy zum Palatin erwählt, Tököly aber ! erschien nicht, sondern ließ durch Abgeordnete mit- 728 Ungarn tcls der Ödenburgischen Artikel die Güter u. Kirchen der Protestant. Partei wie die alten Rechte der Nation zurückfordern u. bestand darauf, daß der König den Tribut übernehme, welchen er der Pforte versprochen habe. Apaffy führte im Auftrag des Sultans Ang. 1681 10,000 Mann nach U., überwarf sich aber mit Tököly. Am 9. Nov. 1681 erließ Leo- pold ein Rescript, indem den Protestanten die im Wiener Frieden bewilligte Religionsfreiheit auch fernerzugesichert, die gesetzliche Verwaltung im Lande wieder eingeführt wurde rc. Mohammed IV. schloß hingegen 1682 mit Tököly ein Bündniß und übersandte ihm Sabel, Streitkolben u. Standarte; am 10. August 1682 ernannte er ihn gegen einen jährlichen Tribut von 40,000 Thlr. zum Fürsten von Ober-U. unter türk. Hoheit; auch Frankreich sandte Geld. Tököly eroberte 1682 Szathmär, Kaschau, Eperies, Leutschau und die Bergstädte, während sich die Paschas von Großwardein u. Ofen der Städte Fülek u. Tokay bemächtigten. Kara Mustapha (s. d.) überschritt mit ungeheurem Heere die Grenze U-s; in Essegg empfing ihn Tököly Mai 1683 u. rückte mit ihm vor; während Kara Mustapha seinen unglücklichen Zug nach Wien machte, lag er vor Preßburg (s. Türkisches Reich, Gesch.). Am 12. Sept. 1683 geschlagen, mußte Kara Mustapha von Wien fliehen und das eroberte U. verlassen. König Johann von Polen u. Karl von Lothringen zogen in U. ein, schlugen die Türken 10. Oct. bei Pürkäny total, eroberten 21. Octbr. Gran, welches 150 Jahre fast stets türkisch gewesen n. 11. Dec. Leutschau. Tököly suchte, den Türken nicht mehr trauend, die Vermittelung Polens und Lothringens nach, aber Leopold bestand auf seiner Ergebung zu Gnade u. Ungnade. Tököly sammelte wieder ein Heer n. bedrohte Alle, die ihn verlassen würden. Leopold aber bot volle Amnestie für jeden Mißvergnügten an, welcher sich bis Ende Febr. 1684 unterwürfe; 14Magnaten, 17 Ge- spanschaften und 12 Städte unterwarfen sich dem König und da Ludwig XIV. mit Leopold Frieden schloß und Venedig dem Bündniß gegen die Pforte beitrat, so sank den Türken der Mnth immer mehr; 1684 nahm Lothringen Wissehrad, schlug die Türken bei Waitzcn u. belagerte Ofen, mußte aber nach seinem Siege bei Hamsabcg 1. Nov. dennoch abziehen. Am 16. Ang. 1685 schlug er die Türken bei Gran u. erstürmte 19. Ang. Neuhäusel; überall drangen die Kaiserlichen vor, Feldmarschalllientenant Schultz eroberte Tökölys Hauptwaffenplätze Kaschau n. Eperies, General Caprara hielt Apaffy im Schache und 1686 unterwarf sich dieser dem Kaiser. Der Pascha von Temesvär fing Tököly 4. Octbr. u. schickte ihn nach Belgrad. Jetzt legten die meisten Mißvergnügten die Waffen nieder und erhielten Amnestie; nur Munkäcs, wo Tökölys Gattin befehligte, widerstand noch in Ober-U. Mohammed IV. ließ, da 1686 Ofen bedroht werden sollte, Tököly frei u. gab ihm Geld und 9000 Mann, um Ober-U. zu beunruhigen. Am 2. Sept. 1686 eroberten die Kaiserlichen Ofen mit Sturm, nachdem esl45Jahretürkisch gewesen; Lothringen nahm Simontornya, Fünskir- chen, Siklös, Szegedin und andere feste Plätze ein. General Caraffa errichtete zu Eperies ein Blutgericht meistens aus Ausländern u. begann, zugleich Ankläger u. Richter, im Febr. 1687 eine Menge von Processen; viele Schuldige oder Verdächtige wurdet? (Gesch.). gemartert, geviertheilt, gespießt u. das Schaffst war bis zum November 1687 permanent; erst als außer den Comitaten und dem Palatin der neue Oberbefehlshaber des kaiserl. Heeres, der Markgraf Ludwig von Baden, selbst gegen Caraffa bitter in Wien klagte, wurde das Blutgericht ausgelöst. 1687 wurden Essegg, Peterwardein, Slawonien u. Syrmicn erobert u. 12. Aug. 1687 schlug der Herzog von Lothringen den Großvezir bei Mohacz; dann zog er nach Siebenbürgen, das er besetzte, zwang Apaffy in 12 FestungenKaiserliche aufzunehmen u. dafür 700,000 Gulden zu zahlen — Siebenbürgen schwur Leopold als König von U. den Treueid. Nachdem Leopold den Adel gebrochen glaubte, berief er einen Reichstag nach Preßburg, wo er die Erwählung seines Sohnes Joseph zum König u. die Aufhebung des ungar. Wahlrechts wie des von Andreas II. den Ständen verwilligten Jnsurrectionsrechtcs gegen den König 31. Oct. 1687 durchsetzte. Die Stände verzichteten somit auf die Hauptstützen ihrer Freiheiten, U. wurde ein habsburgisches Erbreich, aber nach Erlöschen des Hauses Habsburg sollte U. das Recht haben einen neuen König zu wählen; Leopold erließ eine allgemeine Amnestie außer für Tököly, unter Bestätigung freier Religionsübung für die Protestanten. Am 9. Dec. 1687 wurde Joseph als König gekrönt. Erlau wurde den Türken entrissen, 1688 mußte endlich Tökölys Gemahlin Munkücs an den General Caraffa übergeben u. wurde mit ihren Kindern nach Wien gebracht. Später ausgewechselt, ging sie zu Tököly, der wiederholt Versuche auf Siebenbürgen machte (s. Siebenbürgen, Gesch.), aber nie prosperirte. Der Türkcnkrieg (s. Türk. Reich, Gesch.), wurde erst 1699 durch den Frieden von Kar- lowitz geendigt: Siebenbürgen wurde wieder mit U. vereinigt, aber von besonderen Behörden verwaltet. Leopold erhielt alle von seinen Heeren eroberten Gebiete U-s außer dem Temescher Banate, die Schifffahrt auf Theiß u. Maros wurde gemeinsam für die Ungarn u. Türken, Karansebes, Lippa n. einige andere Festungen wurden geschleift rc. (s. Türk. Reich, Gesch.). Tököly u. sein Anhang wurden auf immer aus U. verbannt, er starb 1705 in der Türkei. Dieser Friede, ohne ungar. Abgeordnete geschlossen, wie die Ansdehnung der königl. Rechte mißfielen den Ungarn, die unter schweren Steuern seufzten. Die Lommisoio nooaLguwitiea, vor welcher alle Ansprüche auf die unter türk. Hoheit gewesenen Güter geltend gemacht werden mußten, entschied nicht nach den Erwartungen der Betheiligten; die fremden Truppen in U. preßten das Landvolk aus und verheerten aus Mangel an Sold U.; in der Gegend von Ujhely kam es zu einem Ausstande großer Volks- Hansen und der Haiducken, der blutig unterdrückt wurde. Die Religionsfreiheit wurde immer mehr beschränkt, der Erzbischof Kollonitsch verjagte alle reichen Protestant. Bürger aus seiner Diöcese und die anderen Bischöfe folgten ihm hierin nach. Der hochbegabte junge Franz II. Rakoczy, Tökölys Stiefsohn , sollte der Führer der Unzufriedenen werden, wurde aber verrathen u. im Mai 1701 ins Gesäng- niß nach Wienerisch-Neustadt gebracht, aus dem er durch Bestechung nach Vü Jahre nach Polen entkam. Den Spanischen Erbfolgekrieg, welcher den Kaiser nöthigte, den größten Theil seiner Truppen gegen 729 Ungarn Frankreich aus dem Lande zu ziehen, benützten die Unzufriedenen und riefen Franz Rakoczy 1703 aus Polen nach U.; rasch sammelten sich in den nördl. Grenzgebirgen unter dem Religions- und Steuerdruck dorthin geflüchtete Bürger u. Bauern um ihn n. 7. Juni 1703 rief er durch Manifest ganz U. zur Erhebung gegen den König auf. Bald nahm der Aufstand, Dank der Halsstarrigkeit in Wien, größere Dimensionen an und obwol Rakoczy 14. Juni bei MunkücsvonNigrelli geschlagen worden war, mehrten sich seine Truppen täglich, so daß man endlich inWien doch einen milderen Ton annehmen zu müssen glaubte; im Oct. 1703 verkündete Prinz Eugen den Erlaß eines Drittheils der Contribntion, Abhilfe der Beschwerden und Amnestie. Die Mißvergnügten hörten aber nicht daraus, sondern bauten auf die ihnen versprochene Hilfe Frankreichs und Bayerns. Rakoczys Unterbefchlshaber Bercsenyi machte größere Fortschritte und schickte Streifpartien bis Mähren und Österreich vor; Simon Forgäch, Graf von Borsod, kaiserlicher General, ging zu den Insurgenten über, auf deren Seite auch der Neffe des Palatins Esterhazy war. Da die österreich. Generale nichts gegen sie ausrichteten, trat der Kaiser 1704 wiederholt mit den Mißvergnügten in Unterhandlung, aber an ihren Forderungen zerschlugen sich dieselben jedesmal. Die Ungarn hatten sich der Ueber- gänge über die Donau, die Morava und die Waag versichert ».mit den Franzosen einenAngrifs auf Wien verabredet, wohin zum Entsetzen Leopolds Kärolyi im Juni 1704 an der Spitze eines Ungar. Corps streifte. Da erfolgte die Niederlage der Franzosen u. Bayern bei Blenheim u. Hochstädt 13. Ang. n. Kä- rolyi zog sich, da der kaiserl. Feldmarschall Heister Verstärkungen erhielt, nach U., Rakoczy bereits im Begriff, Leopoldstadt zu belagern, an die Theiß zurück. Kärolyi wurde Ende 1704 zwischen der Raab u. Donau von Heister zweimal geschlagen, Forgäch aus der Insel Schütt und Franz Rakoczy 26. Dec. bei Tyrnau. Leopold st. 5. Mai 1705 n. ihm folgte sein ältester SohnJosephI., welcher, von Engen von Savoyen berathen, Alles anwendete, die Mißvergnügten zu versöhnen; aber diese hielten, ungeachtet der Abberufung des strengen Feldmarschalls Heister und der sogleich neu verkündeten Amnestie eine aufrichtige Versöhnung mit Österreich für unmöglich. Sie waren Anfang 1705 mit 75,000 Mann wieder vorgerückt, hatten ein österr. Corps auf die Insel Schütt zurückgedrängt, belagerten Leopoldstadt, Pest, Ofen, Peterwardein und Großwardein, fielen auch unter Bercsenyi in Steyermark, Mähren u. Österreich ein u. streiften bis vor Wien. Heisters Nachfolger, Feld - marschall Herbeviller, zog gegen Siebenbürgen und schlug 11. Ang. Rakoczy an der Waag, entsetzte Leopoldsladt und Pest, vertrieb die Malcontenten von Großwardein, schlug 11. Nov. Ratoczy bei dem verschanzten Paß von Zsibö an der Grenze von U. u. Siebenbürgen, besreite Hermannstadt, vereinigte sich mit dem General Rabntin, der dort die Sachsenstädte behauptete und stellte in ganz Siebenbürgen die königl. Regierung wieder her. Indessen blieben Rakoczys Untergenerale, Batthyanyi in Nieder- und Oczkai in Ober-U., fortwährend Meister im Felde u. bedrohten Wien. Joseph nahm nun das Anerbieten Hollands n. Englands, zwischen ihm n. den Miß. (GesiH.). vergnügten zu vermitteln, an; Rakoczy stimmte zwar zu, berief aber zugleich einen Reichstag ans 1 . Scpt. d. I. nach Szecsen, wohin ihn der Erzbischof von Kalocsa als Vermittler begleitete u. wo viele Magnaten, einige Bischöfe, die Comitatsdelegirten, sowie auch Josephs Abgeordnete znsammentraten Die Stände beschlossen zwar, dem König treu zu bleiben, aber eineConsöderation nach Art der polnischen zu errichten. Man wählte nun im Sept. 1705 Rakoczy zum Haupt der Conföderation mit einem Senat von 25 Personen. Rakoczy unterhandelte seitdem mitJosephs Commissären, indessen Rabutins eine Wahl zum Fürsten Siebenbürgens für null u. nichtig erklärte. Schließlich bewirkten die vermittelnden Gesandten Englands u. Hollands, daß zu Tyrnau Friedensverhandlungen in Gang kamen, 11. Mai 1706 erfolgte ein Waffenstillstand. Ende Juni überreichte die Rakoczysche Deputation ein Friedensproject in 23 Punkten, über welche man sich jedoch nicht einigen konnte, da vor Allem Joseph dem Besitze von Siebenbürgen nie entsagen wollte. Rakoczys Abgeordnete brachen also 22. Juli 1706 die Unterhandlungen ab u. der Krieg begann von neuem. Johann Palfsy schlug den Insurgenten Forgach n. eroberte Ungarisch-Altenbnrg, das die Malcontenten schon im Mai genommen hatten, wieder. Gras Guido Starhemberg, der jetzt den Oberbefehl gegen U. erhielt, schlug die ungar. Armee bei Gran und nahm dies ein, indessen Siebenbürgen wieder fast ganz von Joseph abfiel. 1707 vertrieb Franz Rakoczy die Jesuiten aus U. (Loch blieben einige als Professoren in Tyrnau u. Kaschau zurück). Vergebens suchte er Ludwig XIV. zu einem offenen Bündnisse zu bewegen, ließ sich nun in Siebenbürgen 28. März 1707 zum Fürsten wählen u. ein ungarischer Reichstag wurde von den Conföderirten ans Mai 1707 nach Onod berufen. Der König, welcher den Reichstag von Onod im Voraus sür ungiltig u. hochverrätherisch erklärte, hatte den Protestanten in U. erklären lassen, daß sie von ihm nichts zu sllrchten hätten; die Thnröczer Gespanschaft mahnte infolge dessen durch Adresse an sämmtliche andere Comitale zum Frieden, Rakoczy der Ehrsucht verdächtigend. Dieser drohte nun, seine Würde als Haupt der Consöderation niederzulegen, worauf die anderen Abgeordneten die Deputieren des Thnröczer Comitats in der Sitzung überfielen u. tödteten, 16. Mai 1707 U. von der österr. Herrschaft lossagten n. Rakoczy von neuem als Für- sten bestätigten, während sie bald an die Berufung des Kurfürsten Maximilian Emanuel von Bayern zum Könige U-s dachten, sich aber in der Erwartung auf Frankreichs Beistand völlig verrechneten. Auf diesem Reichstage waren die Abgeordneten von 29 Gespanschaften versammelt gewesen, wogegen durch königl. Umlaussschreiben vom 4. Ang. erklärt wurde, daß 11 Barone, 40 Magnaten, 13 Freistädte, 20 Bischöfe und ganz Kroatien und Dalmatien an dem Beschluß vom 16. Mai keinen Antheil genommen hätten, sondern dem König treu geblieben wären. Unterdessen war Rabntin, während Starhemberg, ansehnlich verstärkt von Oczkai, durch die Bedrohung Mährens zu nutzlosen Hin- u. Hermärschen verleitet wurde, nach Siebenbürgen marschirt und hielt dort die Malcontenten von allen bedeutenden Unternehmungen zurück, selbst erfolgreich vorschreitend; 1 Johann Palfsy faßte Fuß in den Comitaten jenseits 730 Ungarn (Gesch.). der Donau. In U. selbst erlahmte die kriegerische Regung,da Alles darnieder lag. Dies benützte Joseph, versicherte wiederholt allen Reuigen Amnestie und schrieb einen Reichstag nach Preßburg auf 29. Febr. 1708 aus, der aber wegen Furcht vor Rakoczy nicht zahlreich besucht war. Auch ernannte der König den Feldmarschall Heister wieder zum Obergeneral in U. Die Unterhandlungen des Reichstages scheiterten an dem Widerstand der kath. Klerisei rc. u. Joseph I. vertagte ihn schon 12. März. 1708 verscheuchte Heister die Schaaren, welche Wien bedrohten, schlug dann 4. Ang. bei Trenczin die Ungarn unter Rakoczy gänzlich, zwang Neutra zur Übergabe, vertrieb die Ungarn von dem rechten Donau-User u. zahlreich traten Conföderirte zu Österreich zurück. Rakoczys Stern sank. Rakoczy mußte Siebenbürgen preisgeben. 1709 nahmen, da die Kaiserlichen siegreich vor- Lrangen, immer mehrConföderirte dieAmnestie an; Joseph gewann hauptsächlich die Herzen zurück, indem er den Protestanten Zugeständnisse machte. Am 25. Aug.1710 eroberteHeisterSimonthornya u. kurz darauf Veszprim, worauf sich ganzNieder-U. unterwarf. Heister brachte im Herbst noch das halbeZip- jerland zum Gehorsam, nachdem er mehrere einzelne Corps von Rakoczys Heere geschlagen hatte, ward aber dann, weil zu verhaßt, durch Pälffy ersetzt, der inzwischen Neuhäusel belagert hatte. Schließlich verloren die Malcontenten, die nur noch wenige Städte besaßen, den Muth und da die Unterstützung von außen aushörte, so neigten sie sich zum Frieden. 1711 kam es in Szathmar zu Unterhandlungen u. obgleich Rakoczy dieselben stets zu verhindern suchte, endlich zum Frieden zu Szathmar 1. Mai 1711, bes. durch die Bemühungen Pälfsys. Die Conföderirten erhielten Amnestie: ja selbst Rakoczy, welcher nach Polen gegangen war, wenn er binnen 3 Wochen zurückkehrte, den Eid der Treue leistete u. die Festungen überlieferte; den Protestanten wurde freie Neli- gionsübuug zugestanden u. alleRechteder Nation,wie ein Palatin, Reichstag, Selbstbesteuerung, einheimische Gerichte, freiwilliges Kriegsaufgebot, Entfernung der Fremden wurden aufrecht erhalten; dagegen verzichtete U. auf die Rechte der Königswahl u. der Selbstbewaffnung, welche Andreas II. zugestan- Len hatte. Vor Abschluß des Friedens st. 17. April 1711 Joseph I., LieKaiserin-Wittwe bestätigte darum 26. Mai den Frieden, ebenso der Nachfolger Kar l lll. (als Deutscher Kaiser Karl VI.), Josephs Bruder. Um die Ruhe zu befestigen, ging Karl im April 1712 selbst zum Reichstag nach Preßburg, ließ sich 22. Mai 1712 krönen, versprach Abhilfe vielerLeschwer- Lcn, aber wegen der Pest mußte er den Reichstag im Juli abbrecheu; erst 1714 trat derselbe wieder zusammen und dauerte wegen der Religionsstreitigkeiten ein ganzes Jahr bis Juni 1715. Während desselben wurde die Königin 10. Oct. 1714 gekrönt u. Nikolaus Pälffy Palatin. 136 Gesetze traten ins Leben; namentlich wurde der Nation garantirt, daß sie nach ihren eigenen Gesetzen regiert werde, Rakoczy u. sein Anhang wurden als Vaterlandsfeinde bezeichnet, ein stehendes Heer wurde geschaffen, Len Jesuiten Stimmrecht am Reichstage u. die Jugend- erziehung übertragen, der Erzbischof von Gran zum Reichsfllrsten creirt u. s. w. Die eifrigen Katholiken verlangten die Aushebung der Religionssreiheit n. bloß den lebhaften Vorstellungen Kärolyis, Pälfsys ^ u. des Prinzen Eugen von Savoyen gelang es, dieselbe ausrecht zu Hallen. 1716 brach ein neuerTür- kenkrieg ans (s. Türk. Reich, Gesch.), welcher einen glücklichen Gang sür die Kaiserlichen nahm u. durch den Frieden zu Passarowitz im Juli 1718 beendet wurde; hierdurch kam an U. die Kleine Walachei, Temesvar, Serbien bis an den Timok u. die Drina, Belgrad u. Bosnien bis zur Unna. Auch wurde ein Handelstractat zwischen U. n. der Türkei errichtet. Da Karl III. 1716 seinen einzigen Sohn verloren, so wollte er die 1713 errichtete Pragmatische Sanc- tion auch in U. einführen und suchte bes. die Protestanten dafür zu gewinnen. Auf dem Reichstage zu Preßburg 1722 wurde die Pragmatische Sanction einstimmig angenommen u. überhaupt 129 Gesetze verfügt. Der königl. Statthaltereirath wurde errichtet, welcher sür Vollziehung der Reichsgesetze zu sorgen hatte u. in dessen Geschäftskreis alle Landesangelegenheiten, mit Ausnahme der Justiz - u. Ca- meralsachen, gehörten; die Steuerfreiheit des Adels wurde anerkannt, wofür derselbe die Verpflichtung übernahm, bei der aufgebotenen Jusurrection zu den Waffen zu greifen; dieGerichtsverfassung wurde verbessert, als höchster Gerichtshof die königl. Tafel neu organisirt, 4Districtual- u. 2 Banaltafeln geschaffen u. den Bauern Schutz gegen die Unterdrückung ihrer Grnndherren durch die Magistrate zugesichert; die Einwanderung wurde sehr begünstigt und für den Handel gesorgt, aber für die Protestanten geschah nichts. Unter Mercys (s. d.) Verwaltung wurde das Temescher Banat eine der fruchtbarsten Gegenden. Fiume wurde Stapelplatz des Seehandels und mit Karlstadt durch eine Straße verbunden. Aus einem zweiten Reichstage (vom Mai 1728 bis Nov. 1729) sollten die Frohnen u. die Leibeigenschaft beschränkt und das angemaßte Recht der Adeligen auf Steuerfreiheit der von ihnen erkauften Bauerngüter beseitigt werden, aber es kam zu keinem Resultat. 1731 erließ der König eine Resolution zur Erklärung der Hauptverträge von 1681 u. 1687, in deren Folge die Protestanten allerhand Bedrückungen u. Vergewaltigungen ausgesetzt wurden und fast zu einer im Lande nur geduldeten Secte herabsanken. Übrigens that Franz Stephan von Lothringen als Statthalter- Viel sür U-s Landeswohl. Ein neuer Türkenkrieg von 1737—39 (s. Türkisches Reich, Gesch. ) war für Karl höchst unglücklich, wenn auch das Auftreten Joseph Rakoczys, Sohnes Franz' II., den die Türken zum Fürsten Siebenbürgens ernannten, 1738 ohne Erfolg blieb. Der Friede von Belgrad, 18.Sept.l739, entriß U. fast alle Erwerbungen des Passarowitzer Friedens wieder; der Verlust von Belgrad erbitterte die Ungarn aufs höchste. Am 20. Oct. 1740 starb Karl III. n. ihm folgte, der Pragmatischen Sanction zufolge, seine Tochter Maria Theresia (s.d.). Karl III. hatte ihr ein zerrüttetes Heer, einen leeren Schatz u. erschöpfte Länder hinterlassen u. der Österreichische Erbfolgekrieg brach aus. Allerorten von Feinden bedroht, erschien die schöne Königin in U. Graf Johann Pälffy wurde Palatin u. sie 25. Juni 1741 zur Königin in Preßburg gekrönt. Am 11. Sept. 1741 erschien sie in der Reichsversammlung zu Preßburg u. erklärte, sie erwarte die Rettung der Monarchie bloß von der Tapferkeit und Treue der Ungarn. „Lloriamui pro ro^s nostro Llaria Mrsre- sia", riesen die Stände begeistert ihr entgegen, 731 Ungarn (Gesch.). voran der greise Palatin und noch an demselben Tage wurde eine Deputation zur Organifirung einer allgemeinen Jnsurrection niedergesetzt. 21,622 M. Fußvolk stellten die Comitats- und städtischen Behörden zum königlichen Heere; zu ihrer Besoldung wurden 2H- Millionen auf die Unterthanen ausgeworfen. Der Adel mußte allerwärts zu den Wafftn greisen und die Grundbesitzer hatten von jeder Palatinalporte einen gerüsteten Reiter auf ihre Kosten zu stellen. Hierzu kamen noch eine siebenbürg. Armee von 6000 Ai., 14,000M. kroat. u. raizischerPanduren u. 4 ungar. alte Regimenter,», endlich noch mehrere von Magnaten gestellte besondere Regimenter. An dieSpitzederganzenJnsurrection, welche soglän- zende Thaten gegen die Bayern u. Franzosen voll- sührte, trat der greise Palatin Pälffy. Am 21. Sept. 1741 wurde der Gemahl Maria Theresias, der Gro ß- herzog Franz Stephan, zum Mitregenten von U. erwählt u. darauf EndeOctober der Reichstag geschlossen, auf dem Manches zur Befestigung der constitu- tionellenRechte geschehen war:z.B. wurdebestimmt, U. solle stets nach eigenen Gesetzen u. nur durch Ungarn verwaltet werden, die ungar.Hoskanzlei u.Hofkammer von den deutschen Ministern unabhängig bleiben, der ganze kgl. Staatsschatz sammt den Salz- u. Bergwerken nnrvonder ungar. Hoskammer geleitet werden; die bisher militärisch verwalteten Gespan- schaften sowie das Temescher Banat, Syrmien u. Unter-Slawonien wurden U. wieder einverleibt u. der constitntionellen Administration unterworfen. 1744 wurde eine neue Jnsurrection angekündigt n. 40,000 Ungarn drängten die Preußen ausBöhmen heraus. Auch inJtalien bildeten die Ungarn die Hauptstärke des österr. Heeres. In Wien fing man nun erst an, die so lange verkannte Nation zu würdigen und ihr Liebe u.Zutrauen zu schenken. Auch im Siebenjährigen Kriege fochten die Ungarn heldenhaft. 25.Aug. 1758 nahm die Königin den Titel Apostolische Majestät an. 1760 errichtete sie eine königl. Leibwache von 120 jungen Adeligen U-s u. stiftete die Bergakademie in Schemnitz. Sie begann im Temescher Banat den Bergbau. 5. Mai 1764 stiftete sie den St.Stephans- orden zur Belohnungbürgerlicher Verdienste u. erhob Siebenbürgen zum Großsllrstenthnm. Die traurige Lage ihrer Finanzen zwang sie wiederholtzur Steuer- erhöhung. Vielfach wurde die Rechtspflege reformirt, sehr viel für die Kirche gethan, die Universitäten fan- den besonderePflege; in Preßbnrg, Raab, Kascha». Großwardein u. Agram entstanden Nechtsakademien, an vielen Orten Gymnasien. Das Vermögen des aufgehobenen Jesuitenordens, 3 Millionen, wurde StnLiensond. Die Tyrnauer Universität kam 1777 nach Ösen, für Volksschulwesen geschah sehr viel. 1776 wurde der Freihafen von Fiume mit U. »er- einigt. Den Bitten der Protestanten um Abhilfe ihrer drückenden Lage konnte aber die Königin, gehindert durch den Krönungseid u. die Landesgesetze, nicht abhelsen. Manches geschah dagegen für die Erleichterung des Landmannes, ohne den durch Ehren gewonnenen Adel zu erbittern; deutsche Sitten wurden mehr u. mehr nach U. verpflanzt. Seit 1765 hielt die Königin keinen Reichstag mehr, wie sie überhaupt das konstitutionelle Leben U-s ungemein schwächte u. der deutschen Verwaltung in Wien Einfluß gestattete, ohne jedoch deshalb das Zutrauen der Ungarn zu verlieren. 1770 wurden von den Österreichern plötzlich die 13 Zipser Städte (s. o.) besetzt, für Österreich gehörig erklärt n. sofort U. einverleibt. Maria Theresia st. 29. Nov. 1780 und ihr folgte ihr Sohn Joseph II., welcher schon seit seines Vaters Tode 1765 Mitregent der Königin, aber ohne Einfluß gewesen war. Er wollte überall centralisi- reu, unbekümmert um die Volksthümlichkeit, wie um das Hergebrachte. Dazu brauchte er unumschränkte Gewalt n. da diese in U. durch den Eid auf die Verfassung beschränkt war, berief er keinen Reichstag u. ließ sich, um dem Eid zu entgehen, gar nicht krönen. Mit großer Sparsamkeit ordnete er die Finanzen. Die 1781 gewährte Preßfreiheit mußte bald beschränkt werden, da sie in Zügellosigkeit nmschlug. Seine Neuerungen fanden indeß in U. nur Beifall bei den Bürgern und Bauern, zu deren Gunsten sie eiugeführt werden sollten. Die Aufhebung der Klöster, die Hemmung der päpstlichen Einmischung, die Beseitigung vieler Orden, Las Toleranzedict (vom 29. Oct. 1781), die Simultan-Elementarschulen für Katholiken und Protestanten rc. erbitterten bes. den Klerus; die Aushebung der Leibeigenschaft (1785), die Steuerregulirung, die Einführung einheimischer Gesetzbücher u. die Aufhebung der Bevorzugung den Adel; die Conscription das Volk u. dieBegründung einer Gleichförmigkeit des ganzen Staatenvereins wie das Gebot für Alle, deutsch zu lernen, die Magyaren u. Slawen. Am 17. Mai 1782 hob Joseph die vereinigte Hofkammer aus u. übertrug ihre U. betreffenden Geschäfte auf die ungar. Hofkanzlei, mit der er trotz des Widerwillens Siebenbürgens l4.Aug.l782 die sieben». Hofkanzlei verband. An Stelle des Pa- latinats ernannte Joseph darum zur Leitung des Statthaltereirathes einen Präsidenten n. zwei Vice- Präsidenten mit dem Sitze in Ösen, während die Universität von da nach Pest überzog. 1784 wurde die Stephanskrone nach Wien abgeführt, die Einführung der deutschen Sprache anstatt der lateinischen in den öffentlichen Angelegenheiten angeordnet. 1785 trennte Joseph die Civilverwaltung von der Gerichtsbarkeit u. theilte U. in politischer Beziehung in 10 Kreise, deren jeder von einem kgl. Commissär geleitet wurde. Die bisherige Comitatsverwaltung wurde total umgeändert. Die Städte wie die bisher bes. verwalteten Kreise u. Gebiete wurden den Co- mitaten einverleibt. Die Gerichtspflege wurde cen- tralisirt, die Septemviraltafel oberstes Hofgericht, die königl. Tafel zum Appellationshofc umgestaltet; die 5 Districtualtaseln wurden Gerichtshöfe erster Instanz, dazu kamen 38 untergeordnete Gerichtshöfe in U. Der Aufstand in den Niederlanden u. der unglückliche Anfang des Türkenkrieges von 1788 — 90 (s. Türk. Reich, Gesch.) bewirkten auch in U. nachgerade eine solche Gährung, daß der König durch Rescript vom 28. Jan. 1790 die Neuerungen widerrief und Alles wieder aus den Fuß von 1780 brachte, mit Ausnahme der Glaubensfreiheit, Regelung derSeel- sorge u. bäuerlichen Verhältnisse. Der nngemessenste Jubel erhob sich bei dieser Nachricht; Adel, Geistlichkeit n. Bürgerschaft feierten diesen Triumph der un- garischenSache. Schon 20.Febr. 1790 st. der überhastige Reformer Joseph II., welchem sein Bruder- Leopold II. folgte. Leopold II. versicherte U., erwerbe seine Rechte aufrecht erhalten, schrieb einenLand- tag aus ».beseitigte noch einigeJosephinischeReformen. Der sehr besuchte Ofener Reichstag, im Juni 732 Ungarn beginnend, seit lange der erste wieder, war anfangs sehr stürmisch, wurde aber, in Preßbnrg fortgesetzt, ruhiger. Ein Beweis von Vertrauen wardieErwäbl- ung des ErzherzogsAlexander,des Sohnes Leopolds, zum Palatin und 15. Nov. wurde Leopold gekrönt. 75 Gesetzartikcl wurden geschaffen, tt. blieb trotz des habsbnrgischen Erbrechtes frei, mußte nach seinen Gesetzen regiert und der König H Jahr nach Antritt gekrönt werden, vor der Krönung durfte er keine Privilegien ertheilen. Der König theilte die gesetzgebende Macht mit der Nation, sie durste mit gegenseitiger Zustimmung nur auf dem Reichstage aus- geübt werden, der jedes dritte Jahr zusammentreten u. über Steuern u. Recrutirung verhandeln mußte; keine fremde Sprache sollte U. aufgedrängt, sondern die Nationalsprache möglichst ansgebildet werden u. die Stephanskrone in Ofen bleiben. Leopold befahl auch 8.Febr. 1791 dieJnarticulation desToleranz- edicts (dessen Aushebung der Klerus gleichfalls beantragt hatte) in dieNeichstagsbeschlüsse u. die Aufnahme unter die Landesgesctze, was der Reichstag billigte. Dieser Artikel gewährte den Protestanten Augsburgischer und Helvetischer Confession ungestört freie Religionsllbung, das Recht, in kirchlichen Angelegenheiten nur von ihren kirchlichen Oberen abznhängen, Kirchen u. Schulen zu bauen, den Lehrplan selbständig zu bestimmen, Prediger und Lehrer selbst zu wählen, bei Kirchen- u. Schulbauten der Katholischen keine Hilfe zu leisten rc. Leopold II. schloß den Frieden von Sistowa mit den Türken (s. Türk. Reich, Gesch.) u.st.1.März1792. Sein ältester Sohn Franz I. (als Deutscher Kaiser Franz II.) folgte; er wurde 6. Juni 1792 als König von U. gekrönt und bemühte sich die Eintracht zwischen ll. n. Österreich zu befestigen, erhielt auch 1792 u. in den folgenden Jahren große Kriegssubsidicn. Auf U-s Wunsch hob er die 1791 errichtete illyrische Kanzlei 1792 auf, erhob in den öffentlichen Lehranstalten die Ungar. Sprache zum ordentlichen Lehrgcgenstande rc. Im Jnli1795 verunglückte der beliebte Palatin Alex- andern, der König ernannte seinenBruder,Erzherzog Joseph, zum Statthalter, den die Stände 1790 zum Palatin erkoren. Die Anhänglichkeit der Ungarn, welche indenKricgen von 1792—1815mitkämpften, an dasHausHabsburg zeigte sich bes. 1809, als die französische Armee Pest bedrohte u. Napoleons Pro- clamation an ll. 15. Mai von einer Versammlung auf dem Racvser Felde sprach, um sich frei einen König zu wählen. Palatin Joseph wachte mit treuer Fürsorge für U. u. setzte manches Gute u. Nützliche Lurch. Aber durch die Kriege brach eine furchtbare Finanznoth ein. Alles lag darnieder. Eine Verordnung vom 20. Febr. 1811, setzte den Werth des Pa- Piergeldes auf^herab; in denVerträgen von Privatpersonen entstand unsägliche Verwirrung und laute Klagen erhoben sich im Lande. Auch die Protestanten waren mit ihrer Stellung unzufrieden, da sie trotz des Gesetzes vom 8.Febr. 1791 von dem katholischen Klerus allerhand Unbilden und Beinträchtigungen erfuhren. Der König suchte durch die Nicht- bernfung des Reichstages die Opposition zu vereiteln; da aber ohne Genehmigung des Landes die von ihm geforderten Steuern u. Recruten nicht erlangt werden konnten, so wurde 1825 cinNeichstag nachPreßburg berufen, mit welchem dieRegicrung, zu constitutionellenPrincipien zurückkehrend, sich ver- (Gcsch.). ständigte, wenn auch eine kraftvolle Opposition sich geltend machte, geführt von Graf Stephan Szöchenyi. Es war die Zeit, da sich die Ungar. Nationallitera- tnr (s. d.) zu neuer Blüthe emporrang. Von dem Reichstage 1830 wurde der Gebrauch der ungar. Sprache in den Gerichten u. bei der Militärverwaltung durchgesetzt. Die Bewegungen von 1830 verfehlten nicht, ihre Wirkung auch auf U. auszuüben. In den Comitatsversammlungen bildeten sich die Parteien der Liberalen (Radicalen, Freisinnigen) n. Conscrvativen aus u. die Comitatc wurden zur Licb- lingsinstitution der Ungarn, die Reichstage aber nur ihr Echo. Am 2. März 1835 st. Franz I. und sein ältester Sohn Ferdinand V. (als österr. Kaiser FerdinandI.), schon 28.Sept.l830 zum König von U. gekrönt, folgte ihm. Noch währte der Reichstag von 1832 fort. Metternich «.ErzherzogLudwig, des Königs Stellvertreter iu U., hätten gar gern U. zur bloßen Provinz Österreichs gestempelt und um das Aufhören seiner Unabhängigkeit zu bezeichnen, den König Ferdinand I. anstatt V. genannt gesehen, aber die Nationalen kämpften erbittert, bis sie siegten, mit ihnen. Der König genehmigte, daß den seither in lateinischer Sprache abgefaßten Gesetzartikeln auch der ungarische Text bcigefügt werde u. räumte der nationalen Sprache manches Recht ein; endlich kam auch noch das Urbarialgesetz zu Staude, wodurch die bäuerlichen Verhältnisse besser geordnet, dagegen die unbedingte Steuerfreiheit des Adels wesentlich beschränkt wurde. 1836 wurde der feit 1832 tagende Reichstag geschlossen. Auf demselben zeichneten sich als Redner der Opposition Kossuth, Deal, Wesse« leuvi n. Andere aus, veranlaßten aber durch ihren Freisinn die Regierung, gegen die Redefreiheit ein- zuschreitcn u. die Redner mit Processen zu verfolgen; die Reaction machte sich täglich fühlbarer und fand einen willigen Diener im Kanzler Grafen Fidelis Pälfsy; ebenso wuchsen aber auch die Opposition u. die Freiheitsliebe der Nation. Die Idee des Panslawismus fand bei den Slawen in U. viel Anklang n. das Wiener Cabinet begünstigte sie, um dem Liberalismus der Ungarn und ihrem Rationalgefllhl entgegen zu wirken; es fürchtete diesen Jllyrismus, wie mau die slawische Bewegung nannte, nicht und letzterer bekämpfte in der Presse und im politischen Leben schonungslos den ungarischen Liberalismus. Am 6. Juni 1839 wurde der neue Reichstag eröffnet. Da Pälffy zu verhaßt war, ersetzte ihn Gras Anton Majlath als Kanzler. Bald besaß die Reform- u. Oppositionspartei die Oberhand u. die Ständetafel beschloß königliche Anträge nicht eher in Erwägung zu ziehen, als bis den Beschwerden des Landes über die Verletzung der Rede- u. Wahlfreiheit abgeholfen sei; obgleich die Magnatentafel diesem Beschlüsse nicht beitrat, so ergab der Reichstag doch beim Schlüsse am 13. Mai 1840 ein günstiges Resultat, den Hauptbeschwerden war abgeholfen. Der Handel, neubclebt durch einen am 22. Febr. publi- cirten HandelstractatÖsterreichs mit Rußland über die freie Donauschifffahrt, erhielt ein Wechselrecht, Ackerbau u. Industrie wurden gehoben. Die ungarische Sprache wurde in mehreren Verwaltuugszwei- gen zum gesetzlichen Organ gemacht, ihr überhaupt weitere Zugeständnisse ertheilt. Die Bauern durften sich nun gesetzlich,durch das Gesetz vomEwigenFrei- lauf, von allen Urbariallasten loskanfen. Den Ju- -^«»ÄLc Ungarn (Gcsch.). 733 den wurde unter gewissen Beschränkungen Besitzfähigkeit u. Bürgerrecht zuerkannt, Bezüglich der Stellung der Protestanten zu den Katholiken, sowie in Betreff gemischter Ehen wendete sich die Stimmung immer mehr gegen die strenge römische Praxis. In den Comitatscongregationen rührte es sich mächtig. In dem Pester Comitat, wurde von der liberalen Partei der Stände die Öffentlichkeit und Mündlichkeit der Gerichte durchgesetzt u. sogar eigenmächtig die Einführung dieses Gerichtshaltens bestimmt, doch mußte sie infolge Einschreitens der Regierung unterbleiben. Ferner rief die Frage der Adelsbestenerung, bes. bei der Generalversammlung 12. März 1843 im Szabolcser Comitat, einen Tumult hervor. Am 20. Mai 1843 wurde der Reichstag vom König eröffnet. Die Regierung brachte 8 wichtige Punkte in Vorschlag; aber ungeachtet der sehr stürmische Reichstag 18 Monate (bis 11. Nov. 1844) dauerte, waren seine Resultate gering. Unter den zu Gesetzen erhobenen Gegenständen waren die wichtigsten: Alle königl, Propositionen, Decrete, Bescheide und Erlasse an den Reichstag, sowie auch die Gesetze sollen in ungar. Sprache abgefaßt sein und überhaupt Ungarisch die officielle Sprache der Hofkanzlei und der anderen Behörden, bes. des Reichstages sein; nur den Kroaten solle es gestattet sein, durch die nächstfolgenden 6 Jahre ihr reichstägiges Votum lateinisch abzugeben. Gemischte Ehen sollten auch vonprotestantischenGeistlichen rechtskräftig geschlossen werden können; der Übertritt derKatholiken zu einer protestantischen Confesfion wurde erleichtert; auch Nichtadclige sollten zu Grundbesitz u. Ämtern befähigt sein. DieStaatssrohnen wurden näher re- gulirt. Bedeutende Verlegenheiten erwuchsen jedoch der Regierung aus den Couflicten der verschiedenen Nationalitäten, da der Sieg der Magyaren über die Slawen in dem Sprachenstreite der nationalen Agitation die lebhafteste Nahrung gegeben hatte. Am tiefsten trat die Spaltung inKroatien hervor und es kam im Agranier Comitat bei den Wahlen zur Erneuerung der Comitatsbeamten selbst zu den blutig, sten Straßenkämpfen. Die Regierung suchte möglichst zu beschwichtigen, so durch Entfernung des Militärs u. durch die an die versammelten Stände gerichtete Aufforderung, einen Vorschlag zu entsprechender Organisation des Landtages vorznlegen. Dieser Vorschlag ging dann auch auf die administrative Trennung von U. In U. selbst riefen jene Vor- gänge eine große Aufregung hervor u. LiePester Co- mitatsstände entsandten sogar im December eineDe- putation zur freilich vergeblichen Beschwerdefllhrung nach Wien. Die Wahlen in U. 1845 gingen auch nicht ohne gewaltthätige Austritte ab. Ebenso kam es in der Angelegenheit des ungarischen Schutzvereins für inländische Industrie zu Excessen. Der patriotische Eiser der exaltirten Ungarn ging dabei selbst so weit, daß sie Leute auf der Straße anfielen u. deren Kleider beschädigten, weil sie ausländische Stoffe trugen. Hingegen erfolgte die Selbstbesteuerung des Adels in manchen Comitaten; die Regierung eröfsnete die Aussicht, daß sämmtliche Elementarschulen reformirt würden rc. Ein charakteristisches Zeichen der Zeit zwischen dem Reichstage von 1845 u. dem vom I. 1847 war das Hervortreten einer Bewegung auf dem materiellen Gebiete, welche bes. von der liberal- conservativen Mittelpartei unter der Führung des Grafen Szechenyi hervorgerufen u. erhalten wurde und sich namentlich durch die Gründung einer großen Anzahl von Vereinen kundgab, doch nicht ohne politischen Beisatz. Außer der jetzt vorzugsweise betonten Gefahr der Trennung Kroatiens von U. richtete die Öppositionspartei ihre Angriffe auch ans die von der Regierung beliebte Bestellung von besoldeten Administratoren für die Comitate an Stelle der meist abwesenden Obergespane—ein Regierungs- experiment, um sich die Majorität beim Reichstage zu verschaffen. Üm dabei rascher zu operiren, ernannte Ferdinand den Grafen Georg Apponyi, den Führer der gemäßigten Conservativen, 1847 zum Hoskanzler. Während bes. im Pester Comitate die Aufregung der Opposition wuchs, starb derpopnläre Erzherzog-Palatin Joseph 13.Jan. 1847, nachdem er die Palatinswllrde seit 1796 bekleidet hatte. Sein freisinniger, aber durchaus nicht zum Staatsmann geschaffener Sohn, Erzherzog Stephan, wurde Statthalter. Das Resultat der Wahlen für den Reichstag fiel zu Gunsten derOpposition ans; daneben hatten sich auch in der Magnatentafel die oppositionellen Elemente verstärkt. DenRcichstag eröfsnete inPreß- burg König Ferdinand 12. Nov. 1847 zum ersten Mal in ungar. Sprache; zum letzten Male standen sich das alte Österreich u. das alte U. friedlich gegenüber. Erzherzog Stephan wurde einmüthig zum Palatin gewählt. Die liberal gefärbten königl.Präpositionen betrafen u. a. Regelung des Stimmrechts der Städte, freien Bezirke u. Domkapitel, Reform der Städteordnnng, Aufhebung der Aviticität und Einführung der Grundbücher, Erleichterung derAb- lösung der Urbariallasten, Verbesserung der Com- municationsmittel (Theißregulirung, Fiumaner Eisenbahn), nochmalige Verhandlung über Einverleibung der siebenbürgischen Theile, Vorlegung eines neuen Strafgesetzbuches rc. Hinsichtlich der Dome- sticalstener wurde derAdcl gleichbesteuert u. auch bei der zu errichtenden allgemeinen Landeskasse zurDeck- ung allgemeiner Landesbedürfnisse gleichmäßig mit den Nichtadeligen herangezogen. In der Urbarial» ablösnngsfrage wurde beschlossen, daß der Grundherr in Len Loskauf des Bauern willigen müsse, sobald derselbe Liesen wolle u. vermöge. Auch für Abschaffung der Aviticität, der Censur u. Erlaß eines Preßgesetzes sprachen sich beide Tafeln ans. In der Sprachenfrage wurden die bisherigen diesfallsigen Anordnungen erweitert und verschärft, den Kroaten dagegen in ihren inneren Verhältnissen der Gebrauch ihrer Sprache freigelassen. Die Kunde von der franz. Februarrevolution 1843 konnte kaum irgendwo einen tieferen Eindruck machen, als in dem zählenden U. Am 3. März beschloß die Ständetafel, in welcher jetzt Kossuth das Wort führte u. das Regierungssystem verdammte, in einer unverzüglich an den Monarchen zu richtendenAdresse den Wunsch zu äußern, daß der König allen seinen Provinzen eine freie Verfassung, U. aber nach altem Rechte eine selbständigeVerwaltung gebe. DieMag- uatentafel stimmte bei. DieAdresse forderte dieUm» Wandelung des Collegialregierungssystems in ein verantwortliches ungarisches Ministerium u. sprach zugleich die Bitte aus, daß der König Mitglieder der ungarischen Statthalterei an den Reichstag beordere, welche unter persönlicherVerantwortlichkeit die vollziehende Gewalt ausüben u. die nöthigen Anfklär- 734 Ungarn ungen rc. geben möchten. Daneben beschlossen die Stände 14. März, daß alle Steuern u. öffentlichen Lasten einschließlich der Kriegsstener aus alle Lan- dcsbewohner gleichmäßig vertheilt, dieUrbariallasten u. bäuerlichen Abgaben aufgehoben u. die Entschädigungen vom Staate übernommen werden möchten; den Städten sollte noch auf diesem Reichstage eine verhältnißmäßige Ausübung des Stimmrechtes er- theilt u. die Deputaten sollten nun nicht mehr als VertreterdesComitats od. einereinzelnenKaste, sondern als Repräsentanten des ganzen Volkes betrachtetwerden— die uralte ständischiVcrfassnng war begraben. Kossnth forderte auch volle Preßfreiheit u. neue Wehrverfassung u. fand allgemeinen Beifall. Auch das Volk wurde von der Bewegung ergriffen u. überbot sich bald inWllnschen. Bes. galt dies von Pest, dem eigentlichen Mittelpunkte der Bewegung. Die radical'e Jugend (Studenten, Literaten, der Oppositionsclub) stellte als Programm der Nation 12 Punkte auf: Ein verantwortliches unabhängiges ungarisches Ministerium; Aufhebung der Censur und Preßfreiheit; jährlicher Zusammentritt des Reichstages in Buda-Pest; Religionsfreiheit u. Gleichheit vor dem Gesetz; Einberufung des ungarischen u. Entfernung des fremden Militärs aus dem Laude; Beeidigung des Militärs auf die Verfassung; Nationalgarde; gleiche Betheilignng an Lasten und Steuern; Aushebung der Urbarialgesetze; Amnestie sür die politischen Gefangenen; Geschwornengerichte und Volksvertretung aus gleichheitlichem Principe; Nationalbank; Lehr-u. Lernfreiheit; Union mit Siebenbürgen; Aufhebung der Hofkanzlei u. der Statthaltern. Sofort erzwangen die Hitzköpfe durch Sturm einer Druckerei denDrnck der 12 Punkte. Die Nachrichten von dem Wiener Aufstande brachen vollends allenWiderstand der Gemäßigten u. 15-März machte die geängstigle städtische Behörde von Pest die 12 Forderungen zu den ihrigen, sowie auch Sicherheitsausschüsse für die Stadt u. das Comitat gebil- det wurden. Am 16. März fand die von Preßburg abgegangene Reichstagsdeputation, Kossnth an der Spitze, in Wien bei dem König eine wohlwollende Aufnahme ü. die Forderungen der Nation wurden gewährt. Den 12 Pester Forderungen traten bald die meisten Städte U-s bei und der „Radicalclnb" dominirte inPest. Durch kaiserliches Handbillet vom 17. März wurde der Erzherzog-Palatin zum kaiserlichen Stellvertreter in U. und Gras Ludwig Bat- thyänyi, bisher Führer der Opposition in der Mag- natentasel, zum Ministerpräsidenten ernannt. Der Reichstag, von den Radikalen ganz gelähmt, erklärte 18. März Urbarinm u. Herrenstühle für aufgehoben. Kossnth zwang den Adel, ein freundliches Gesicht zu machen und die geistlichen Vertreter im Reichstage mußten auf den geistlichen Zehnten verzichten. Das gleiche Stimmrecht aller Depntirten wurde beschlossen u. der Reichstag permanent erklärt. In größter Hast gingendieVerhandlungen vorwärts, dabei aber in ängstlichem Hinblick auf den lieben Pöbel: als das provisorische Preßgesetz vom Pester Volke verbrannt wurde,änderte derReichstag es ab, ebenso gefügig war er imNationalgarde-Gesetze u. da der Judenhaß zu offen im Volke austrat, wurden die Juden vom Wahlrechte ausgeschlossen. Alles, was an die österr. Kron- herrschaft erinnerte, verschwand; das souveräne Volk brach mit der Tradition ab; der Reichstag zitterte (Gesch.). vor ihm. Am 22. März nahm er das Ministergesetz an, die Hofkanzlei u. Hoskammer sollten aufhören, ein Staatsrath in Pest organisiert und der Minister des Äußeren am Wiener Hofe beglaubigt werden. Die Minister waren zum Theil gemäßigte Männer, die in Wien einiges Vertrauen erweckten. Am 23. März theilte Batthyänyi die Liste dem Reichstage mit: er erhielt das Präsidium, Szemere das Innere, Fürst Paul Esterhazy das Aenßere, Kossnth die Finanzen, von Meszäros den Krieg, Graf Stephan Szechenyi Straßen u. Kanäle, Baron Eötvös Cultus und öffentlichen Unterricht, Klanzäl Handel u. Industrie, Deak Justiz. Erzherzog Stephan legte in Wien die Ministerliste vor u. holte die Zustimmung zum Ministergesetze u. den Urbarialdecreten ein. Das Zandern Ferdinands, seine Billigung auszusprechen, rief neue Gährung in U. hervor u. 27. März brach sie in Hellen Flammen in Pest ans. Der Palatin erwirkte in Wien die Anerkennung des Ministeriums Batthyänyi ».kehrte nach U. zurück. Am 29. März wurden im Reichstage die königlichen Resolutionen verlesen: das Ur- barialgesetz war sanctionirt, doch sollte dafür dem Adel Entschädigung geboten werden. Die ungarische Hofkanzlei sollte als Cassationshof fortbestehen u. alle Ernennungen, Gnaden ec. des Königs vermitteln, die Verwaltung der ungarischen Caineralgllter wie selbständige Regelung der Zölle u. des Handels wurden dem Finanzministerium entzogen, die Einkünfte sollten, so weit sie zur Deckung der Reichsbe- dürfnisse nöthig seien, an die Wiener Hofkammer abgeliefert u. das „Ministerium der Landesverthei- dignng" bloß Administrativbehörde u. Organ des österreichischen Kriegsministerinms werden. Die Aufregung war ungeheuer, Batthyrinyi gab seine Entlassung, derPalatin beschworihn aber zu bleiben u. versprach, in Wien neue Zugeständnisse zu erwirken; empfahl in Wien Nachgiebigkeit u. Ferdinand nahm die königl. Resolutionen (s. w.) zurück u. machte die vom Reichstage geforderten Concessionen. U. war somit selbständig, autonom. Der Preßburger Reichstag wurde am 11. April vom König persönlich geschlossen u. alle vom ihm beschlossenen Gesetze sanctionirt; des. Aufhebung der Aviticität, der unter- thänigenLasten, der grundherrlichen Gerichtsbarkeit, Verwandlung der Urbarialbeneficien in eine Staatsschuld, gemeinsame Besteuerung, Deputirteuwahl auf Basis des allgemeinen Stimmrechts, jährliche Sitzungen des Reichstags u. Vereinigung Siebenbürgens mit U. Das Ministerium traf 14. April in Pest ein, die ungarische Hofkanzlei wurde 15. April ansgehoben; anstatt Preßburgs war nun Pest das Centrum U-s. Die österreichischeRegierung verlangte jetzt, es sollte ein Theil der österreichischen Staatsschuld (ursprünglich der vierte Theil) von den Ländern der ungar. Krone übernommen werden —dies fand weder bei dem Volke, noch bei dem Ministerium Beifall, dazu kamen die Ausschreitungen einer übel- vcrstandenen Freiheit,Judenverfolgungen,Bauern- excesse gegen die Gutsherren rc. — es mußte das Standrecht verkündetwerden. Viel ernster aber war dieBewegung in den nichtmagyarischen Ländern der ungar. Krone, deren Hauptherd Kroatien war. So verschieden auch das Ziel der einzelnen Völkerschaften (Kroaten, Slowaken, Serben, Raitzen,Walachen rc.) war, so kamen sie doch alle darin überein, Unabhän- 735 Ungarn gigkeit von U. zu erringen u. sich ihm politisch gleich zu stellen. Die Serben hielten seit 13. Mai eine große Nationalversammlung in Karlomitz, consti- tuirten sich als selbständiges Volk, erwählten den schlauen Erzbischof Najacic zum Patriarchen u. stellten einen Befehlshaber ihrer bewafsnetenMacht auf. Die Opposition der Südslawen gegen die Magyaren ward in Wien gern gesehen u. darum Jellachich (s. d.) zum Banus von Kroatien, Slawonien u. Dalmatien ernannt. Er stellte sich alsbald feindlich gegen das ungarische Ministerium, drohte mit Trnppen- macht dem sonderbiindlerischen Treiben der Magyaren in U. ein Ende zu machen, verfolgte u. vertrieb die Anhänger des Magyarenthnms u. erklärte selbst das Standrecht, um sie einzuschüchtern. Vorstellungen des Palatins sowie der nngar. Regierung dagegen waren vergeblich u. letztere sandte Feldmarschalllieutenant Hrabowski als Kommandanten u. Com- missär in die ausständischen Gegenden, der aber an der Grenze zurückgewiesen, später sogar als dem Kriegsrecht verfallen erklärt wurde. Landesversammlungen beschlossen, ohne alle Rücksicht auf das ungarische Ministerium nur dem Ban zu gehorchen, in Agram dachte man bereits an ein eigenes kroatisches Ministerium u. an den Kaiser wurde die Erklärung gerichtet, daß man für die Selbständigkeit Kroatiens bis auf den Tod kämpfen werde. Der Berufung einer Versammlung der Serben nach Temes- var durch die Ungar. Regierung wurde nicht Folge geleistet; vielmehr suchten die Serben sich in Len Besitz der beanspruchten Gebietstheile zu setzen, wurden zwar von Hrabowski in den ersten Junitagen zurückgedrängt, benutzten aber den ihnen dann bewilligten vierzehntägigen Waffenstillstand nur zu neuen Rüstungen. Auch die Siebenbürgen protestirten gegen die Union mit Ungarn; ebenso traten die Romanen 15. Mai in Blasendorf zusammen gegen die Union Siebenbürgens. Die Ungar.Regierung forderte dagegen umsonst Zurückberufung des ungarischen Militärs aus Italien u. entschloß sich daher, durch Pro- clamation vom 14. Mai zur Bildung einer 10,000 Mann starken mobilen Nationalgarde aufzufordern; das Volk war gerne bereit, wie auch zu Geldspenden für Gründung eines Fonds als Hypothek sür die zu creirenden Banknoten. Indessen war Batthyanyi wegen der kroatischen Angelegenheit selbst nach Innsbruck zum Kaiser gereist, wohin auch der Ban Jellachich beschicken war, aber nicht erschien, weshalb er entsetzt wurde(10.Juni). Kaiserliche Proklamationen an die Kroaten u. Slawonier, Sachsen n. Romanen vom 10.Juni forderten zur Unterwerfung unter die nngar. Regierung auf. Gleichwohl aber wurde der Ban, nachdem er endlich am kaiserl. Hoflager er- schienen, bald wieder in seinem Posten bestätigt. In Ofen kam es zu bitteren Fehden zwischen Len Radikalen u. den königlichen Truppen, bes. 10. Mai, u. der commandircnde General Baron Lederer entfloh. Die vom Kaiser als ungesetzlich erklärte kroatische Landesversammlnng tagte als Vertreterin der Königreiche Kroatien, Slawonien u. Dalmatien ungestört fort; sie forderte vom König ausdrücklich die Vereinigung jener drei Provinzen zu einem von U. unabhängigen Kronlande, falls sic nicht ihre inJta« lien kämpfenden Soldaten heimberufen solle. Am 9. Juli vertagte Jellachich den Agramer Landtag u. war in Kroatien Herr der Lage. Am 5. Juli wurde (Gesch.). die erste Nationalversammlung U-s(Reichstag) durch den Erzherzog Stephan in Pest eröffnet. Die Majorität der aus 377 Abgeordneten bestehenden Nationalversammlung — jetzt anstatt der früheren Magnaten- u. Ständetafel ein Ober- u.ein Unterhaus — gehörte dem gemäßigten vormärzlichen Liberalismus im Sinne Batthyänyis an. Sie gewährte 11. Juli die Ermächtigung zur Aufstellung von 200,000 M. u. zu derenAusrüstungu.Unterhaltung auf einJahr die Creirung von Papiergeld im Betrage von 42 Will. Fl. CM. Am 20. Juli wurde auf Wesselenyis Vor- schlagdieSendungungarischerHilfstruppennachJta- lienbeschlossen. VieleReichstagsbeschlüsse wie manche Reden Kossnths, Nyärys u. A. u. die Kossnthsche Zeitung Lossutlr Mrlapsa sprachen offenen Haß gegen Österreich aus u.U. suchte mit Deutschland in enge Beziehungen zu treten. Die Ende Juli gepflogenen Wiener Verhandlungen zwischen dem Erzherzog-Palatin, Batthyanyi u. dem Ban Jellachich führten zu keinem Resultate. Zwischen Magyaren u. Serben kam es seit Ende Juni täglich zu blutigen Händeln. Bald tobte der Kampf im Banate, am heftigsten aber in der Bacska, wo dieSerben Sieger blieben. Täglich zogen ungarische Nationalgarden nach dem bedrohten Süden, aber es begann bald an Offizieren zu fehlen, da ein Theil derselben sich neutral erklärte. Im Juli kamen die ersten neuen Ungar. Banknoten, die natürlich von den österr. Kassen nicht angenommen wurden, woraus KossMh Gleiches den österr. Guldennoten gegenüber gebot: U. galt ihm bereits als ein selbständiges Reich. Durch Verordnung vom 15.Aug. rief Batthyanyi auch den Landsturm zwischen Donau u. Drau auf. 22. Aug. nahm der König die außerordentlichen Vollmachten des Palatins zurück u. stellte den unmittelbaren Verkehr zwischen dem nngar. u. österr. Ministerium wieder her. Die Sanction für das neue Recruti- rungsgesetz u. dasAnleiheproject mußte jetzt in Wien eingeholt werden, wohin der König zurückgekehrt war, Batthyanyi u. Deal gingen 30. Aug. nach Wien, wo man gewillt war, den Gesetzen die Sanction zu verweigern. Immer höher stieg die Aufregung in U., Jellachich rüstete offen zum Einfalle in U. „im Namen des Kaisers." Darum erklärte Kos» such im Reichstage am 4. Sept., derselbe müsse eine Deputation an den Kaiser senden u. 100 Reichstagsmitglieder, geführt vom Präsidenten des Unterhauses, Dionys PLzmäny, gingen nach Wien ab und überreichten am 9. Sept. dem König die Adresse, deren Forderungen sich bes. auf Heimsendnng der Ungar. Truppen, auf die kroat. Verhältnisse, die Beseitigung der Reaction n. Bestätigung der von der Nationalversammlung beschlossenen Gesetze sowie seine sofortige Reise nach U. bezogen. Der König antwortete ausweichend u. da nun ein kaiserl. Hand- billet vom 4. Sept. an Len Ban Jellachich bekannt wurde, welches ihn in alle seine Ämter u. Würden wieder einsetzte, so trat nach der Rückkehr der Deputation von Wien BatthyLnyi ab, die ganze Nobelgarde kündete Ferdinand den Dienst u. die Radikalen sahen ihr Ziel nahe; auch Esterhazy trat ab. Der i Palatin wollte nun selbst regieren n. die Extremen bändigen, aher Kossuth warf sich unter allgemeinem Beifalle 11. Sept. zum Diktator auf. Bat- Uhyanyi übernahm hingegen 12. Sept. auf des Pa- ! latins Bitte die Bildung eines neuen Cabinets n. 736 Ungarn Kossuth schloß sich ihm an. Aus Kossuths Antrag hatte der Reichstag 11. Sept. statt der Conscription die Werbung durchs ganze Land für die National- armce (Honved), endlich die Heimberufuug sämmt- licher Ungar. Soldaten beschlossen. Jellachich hatte am 11. Sept. die Drau überschritten u. war ohne Schwertstreich bereits bis Groß-Kanischa vorgedrungen. In fieberhafter Aufregung wurde zur Bertheidigung U-Z gerüstet u. Kossuth beantragte am 15. Sept. in der Nationalversammlung, daß der Palatin selbst dasHeer gegen Jellachich führe; gleichzeitig bestach Kossuth Bauernstand wie Adel durch Vergünstigungen, während er den Reichstag, obwohl nicht mehr Minister, leitete. Kossuth schickte eine Deputation an den österr. Reichstag, um ihn zur direkten Einmischung in U. zu vermögen; der Reichstag wies sie ab, aber die Wiener Demokratie schloß mit ihr einen engen Bund. Obgleich Batthyünyi in Wien nicht den geringsten Anhalt fand, blieb er Ministerpräsident. In der Ungar. Armee herrschten Zwiespalt u. Mißtrauen, die nationale Wehrkraft stieg unterdessen, die meisten festen Plätze, auch Kontor» fielen in die Hände der Ungarn. Jellachich in U. vorrllckend, fand aber nirgends den erwarteten Anschluß von Volk u. Truppen. Der Palatin, bereit U-s Heer zu führen, versuchte vorerst Jellachich zum Frieden zu bewegen, eilte 21. Sept. zu ihm ins Hauptquartier nachSzemes,aber derBaukam nicht. Erzherzog Stephan, nun rathlos, begab sich auf den Weg nach Wien, reichte hier 24. Sept. sxine Entlassung ein u. entfernte sich dauernd aus Österreich. Am 22. Sept. erließ Ferdinand ein Manifest an die Ungarn u. die dort stehenden Truppen, in dem mit Entrüstung der Verdacht znrückgewiesen war, als wolle man U-s Constitution brechen. Von Batthyä- nyis Ministerliste wollte man in Wien nichts hören u. Kossuth forderte 22. Sept. die Einsetzung eines außerordentlichen Regiernngsrathes, natürlich um! Dictatorzu werden. Batthyänyi wurden vomRcichs- tage sechs Deputirte beigegeben, lauter Radikale, die ihn alsbald controlirten —aus ihnen entwickelte sich rasch der Landesverthcidignngsansschnß unter Kossuth. Durch Manifest vom 25. Sept. wurde FML. Graf Franz Lamberg zum königlichen Com- missar in U. u. zum Obcrcommandainen aller in U. befindlichen Truppen ohne Zustimmung des Ungar. Ministeriums ernannt. Die Nationalversammlung erklärte nun am 27. Sept. das Manifest als von reinem Ungar. Minister gegengezeichnet für nngiltig n. verbot durch Proklamation allen Truppen, dem Grasen Lamberg Folge zu leisten. Die königlichen Manifeste, verbunden mit der Nachricht, daß Jellachich bereits bis Stuhlweißenburg vorgerückt sei u. Laß die Ungar. Krone aus Ofen nach Wien gebracht werden solle, brachte die heftigste Bewegung hervor u. bewaffnete Schaaren strömten nach Ofen. Die wüthende Rotte ermordete den biederen Lamberg 28. Sept. auf der Brücke zwischen Ofen u. Pest u. damit war die Verständigung mit dem König unmöglich. Noch 28. Sept. übertrug die Nationalversammlung, da keine Regierungsautorität vorhanden sei, die vollziehende Gewalt einstweilen dem Landesvertheidig- ungsausschusse (Commission der Sechs), Kossuth war sein Präsident. Batthyänyi war abgetreten, der unbedeutende Recsey wurde Ministerpräsident. Die Ungarn unter General Moga schlugen am 29. (Gesch.). Sept. den Ban Jellachich bei Vclcncze u. gewährten ihm dreitägigen Waffenstillstand, worauf er seine Armee 6. Oct. auf österreichisches Gebiet führte. Das ungar. Heer, durch zahlreichen Landsturm verstärkt, nahm aber unter Perczel u. Görgey am 7. Oct. des Bans Reserve unter den Generalen Roth u. Philippovich bei Ozora gefangen. Der Ministerpräsident Recsey unterschrieb willig das wie eine Kriegserklärung an U. zu betrachtende Manifest Ferdinands vom 3. Oct.: in ihm wurde der Ban als Oberbefehlshaber über alle in U., feinen Nebenländern u. Siebenbürgen liegenden Truppen, Nationalgarden u. Freicorps proclamirt u. ihm unumschränkte Macht als königlichem Stellvertreter übertragen, zugleich der ungar. Reichstag für aufgelöst, seinebiShernichtsanctionirtenBeschlüssefür nngiltig erklärt, das Königreich U. aber dem Kriegszustände unterworfen. Die ungar. Nationalversammlung erklärte das Manifest für ungesetzlich n. nngiltig, ächtete Jellachich u. forderte Recsey zur Rechenschaft. Der österr. Kriegsminister Latour entband Feldherrn u. Besatzungstruppen ihres Eides an die ungar. Regierung u. forderte von ihnen Gehorsam. Was an Truppen verfügbar war, dirigirte er nach der Grenze; hierbei kam es zu der Oktober-Revolution in Wien (s. Österreich-N., Gesch.) n. die Ausführung der gegen U. beschlossenen Maßregeln wurde dadurch verschoben. Kossuth, seit 10. Oct. Präsident des Landesvertheidignngsausschusses, war der unbestrittene Herr des Volkes u. seine Verordnungen folgten ununterbrochen. Die Wiener Revolutionäre forderten in Pest Hilfe, worauf die ungar. Armee unter Möga am 26. Oct. aufbrach. Am 30. Oct. unweit Schwechat warf sich den Ungarn ein Theil der kai- serl. Armee unter Jellachich entgegen u. zwang sie zum Rückzug (s. Österreich-U., Gesch.). Arthur Görgey wurde General u. Oberbefehlshaber der Ungarn. NachderUnterdrückungdesWienerAufstandes wurde von Österreich die oberste Machtvollkommenheit in die Hände des Fürsten Windischgrätz gelegt, welcher den schon früher zur Unterwerfung U-s entworfenen Plan Latours aufnahm, wonach Ü. von allen Seiten her zugleich angegriffen werden sollte. Die Ungar. Streirkräfte standen: die Hauptarmee unter Görgey an der österreich. Grenze um Preßburg; im Norden Mesznros; in der Bäcska u. im Banal Kiß, insge- sammt 58,000 Mann mit 122 Geschützen; in Siebenbürgen befanden sich fast nur noch die Trümmer einer Armee. Von den Festungen waren Peterwardein, Komorn, Essegg, Munkacz und Leopoldstadt mit den Kriegsvorräthen allerdings in Händen der Ungarn; dagegen Arad u. Temesvär, gerade inmitten der in- surgirten Gegenden, noch in der Gewalt österreichisch gesinnter Commandanten. Neue Verstärkungen kamen durch Werbungen u. durch die im Wiener Aufstande Compromittirten. Den gegen die Magyaren kämpfenden Serben gelang es im Banate nicht vor- zurücken, aber sie hielten die Ungarn im Süden fest, so daß diese nicht gegen Windischgrätz und Jellachich fechten konnten. Am 6. Nov. wurde die fernere Emission des Papiergeldes verboten u. Kossuth u. Genossen zu Landesverräthern erklärt. Am 2. Dec. dankte Ferdinand V. zu Gunsten seines Neffen FranzIoseph ab u. dieser bestätigte sofort den Fürsten Windischgrätz als kaiserl. Stellvertreter in U. Die ungar. Nationalversammlung erklärte dagegen am 7.Dec., daß 737 Ungarn (Gcsch.). sie den Thronwechsel nicht anerkenne, da der nngar. Thron nur im Todesfälle des gesetzlich gekrönten Königs erledigt werde, auch in diesem Falle der Nachfolger verpflichtet sei, mit der Nation einen Krönungsvertrag zu schließen, Gesetze u. Constitution zu beschwören u. sich mit der Krone des St. Stephan krönen zu lassen. Mitte Dec. begannen die Operationen gegen U., indem Windischgrätz am 15. Dec. bei Bruck den Ungar. Boden betrat. Das 1. Armeecorps unter Jellachich rückte auf dem rechten, das 2. unter Wrbna auf dem linken Donauufer vor. Die Ungarn unter Görgey wichen Schritt vor Schritt zurück. Am 18. Dec. zog das 2. Armeecorps bereits in dem ge- räumten Preßburg ein, während Jellachich nach einem lebhaften Gefecht gegen Görgey Wieselburg besetzte. Bei Raab, welches befestigt worden war, wollte nun Görgey eine Schlacht annehmen; da aber der vom Landesvertheidigungsausschuß herbeigeru- sene Perczel im größten Hader mit Görgey war, räumte Görgcy auch Raab u. ging bis auf Babolna zurück. Der isolirte Perczel wurde bei Moor am 30. Dec. von Jellachich geschlagen, mußte auf Stuhlweißenburg zurückgehen u. sammelte in Pest die Trümmer seines Corps. Der österr. General Si- munich, an der unteren Waag vordringend, hatte unterdessen Leopoldstadt eingeschlossen u. am 23. Dec. Tyrnau genommen; der österr. General Götz hatte bei Sillein ein siegreiches Treffen b'standen; Schlick schlug am 11. Dec. die Magyaren u. zog in Kaschau ein; nach Miskolcz vorgerückt, ging er auf Kascha» 30. Dec. zurück. Die von 15,000 Ungarn eingeschloffene Festung Arad wurde im December von General Puchner verproviantirt u. entsetzt. Als die Kaiserlichen Klauscnburg bedrohten, stellten sich ihnen umsonst Magyaren entgegen; 17. Nov. capitu- lirte die Stadt und Siebenbürgen fiel fast gänzlich in die Hände Puchners. Der Landesvertheidigungsausschuß hielt Siebenbürgen für verloren. Windischgrätz selbst zog 27. Dec. in Raab ein. Eine auf Bat- thyänyis Antrieb an Windischgrätz noch einmal mit Friedensvorschlägen avgeschickte Deputation wies dieser zurück: er unterhandle nicht mit Rebellen — sagte er — u. fordere Unterwerfung auf Gnade u. Ungnade. Koffuth beschloß, Pest aufzngeben u. den Sitz der Regierung in die Steppen hinter der Theiß zu verlegen, um dort kräftig zu rüsten. Der Reichstag stimmte 31. Dec. bei u. jo räumten in der Nacht vom 4. zum 5. Jan. 1849 die Ungarn ihre Hauptstadt, nachdem Koffuth, derLandesvertheidigungsausschuß, der Reichstag mit der Krone des St. Stephan, den Reichsinsignien, der Banknotenpresse, den Landeskassen rc. schon 1.—2. Jan. nach Debreczin aufgebrochen waren. GörgeywandtesichvonPestllberWaitzen den Bergstädlen, Perczel von Szolnok der Theißgegend zu. Windischgrätz nahm ohne Schwertstreich 5. Jan. von Ofen u. Pest Besitz, erklärte Pest, Ofen,den Jazyger u.KumanerDistrict in Belagerungszustand u. setzte zur UntersuchungderUmtriebe eine militärisch, politische Centralcommission inOfen 15.Jan. nieder. Die Communalbehörden vonPcst-Ofcn huldigten dem Kaiser Franz Joseph, bald thaten dies auch andere Städte u.Comitate. Alle Koffuth anhängenden Individuen wurden 1 .Jan. mit Sequester bedroht. Allen Militärs vom Feldwebelabwärts, welche unverzüglich zur k. k. Fahne zurückkehren würden, wurde ein Gene- Pirrerr Univerkal-TonversationL-Lerilon. S. Ausl. ralpardonangeboten. GrafLudwigBatthyänyi.Graf Karolyi, D. Päzmany und die Generale LLzar, Hrabowski n. Moga wurden gefangen, andere Offiziere zum Tode verurtheilt, aber zu mehrjährigem Arrest begnadigt. Die magyarische Sache stand verzweifelt, doch gewannen die Magyaren neuen Muth. In den von den kaiserlichen Truppen nicht besetzten Gespanschaften wurde eifrigst recrutirt u. gerüstet; auf Schleichwegen wurde Kriegsmaterial bezogen; auch von den Szekler Husaren u. aus Polen erhielten die Magyaren fortwährend Verstärkungen, darunter die Generale Dembinski, Bem, Wisocki u. A. Schlick schlug Meszaros 4. Jan. 1849 bei Kaschau völlig. Aber 22. Januar wurde Schlick bei Tarczal von Klapka zurückgewiesen, ebenso 31. Januar, gab darum 1. Februar seinen Plan, die Theiß zu überschreiten auf, zumal er von Görgeys Vordringen in der Zips hörte. Görgey war im strengsten Winter unter steten Gefechten durch die Karpathen zurückgezogen. Die Besorgniß, daß er in Galizien eindringen u. dies Land revoltiren werde, war so groß, daß der Commandant Galiziens alle Straßen längs der Grenze doppelt besetzen und den Landsturm aufbieten ließ. Aber Görgey verstärkte sich durch Werbungen u. die Aufnahme der vereinzelten Truppentheile bedeutend, nahm aus den Bergwerken starke Gold- u. Silbervorräthe mit u. zog durch die Zips 4. Febr. Görgey nahm Leutschau ein, wo ihm neuer Zuwachs, bes. die deutschen Nationalgarden der Zips zuströmten. Am 5. Februar stürmte die Division Guyon den Braniska-Paß, 9. Febr. zog Görgey in Eperies und am 12. in Kaschau ein, vereinigte sich mit Klapka und Schlick mußte die obere Theiß aufgeben. Im Süden standen die Dinge für die Ungarn ungünstig; Anfang 1849 waren die Bascka u. das Banat fast ganz in feindlichen Händen. Die Festung Essegg ging 13. Febr., wie bereits Leopoldstadt im Norden 2. Febr. den Ungarn verloren. Dagegen hatte Perczel, welcher zur Deckung des Theißüberganges bei Szolnok 10,000 M. zusammengezogen hatte, am 23. Jan. unerwartet die Theiß überschritten, General Ottinger geschlagen u. über Czegled hinaus getrieben. Windischgrätz, der Gefahr für die Hauptstadt darin sah, rückte mit allen verfügbaren Truppen 27. Jan. aus Pest, Perczel aber war hinter die Theiß zurückgegangen u. Windischgrätz kehrte 30. Jan. nach Pest zurück. Am 5. Febr. war znm Mißvergnügen Görgeys Dembinski zum Oberbefehlshaber der gesamm- ten ungarischen Armee erwählt worden, der bald durch seine politischen Ansichten berechtigteAbneigung erweckte u. sich mit Görgey, Perczel u. Klapka übcr- warf. Nach seinem Feldzugsplane sollten die Corps von Görgey u. Klapka gegen Pest verrücken, Perczel den Übergang über die obere Theiß decken Damjanich gegen Szolnok rücken und Flanke und Rücken der Kaiserlichen bedrohen. Windischgrätz concentrirte seine Hauptkräfte auf der Pest-Erlauer Hauptroute, traf am 25. Februar selbst in Gyön- gyös ein, beschloß, die Ungarn bei Babolna anzn- greifen und befahl Schlick, von Peterväsära gegen Verpeleth vorzugehen. Am 26. Februar machten die Colonnen der Feldmarschälle, Graf Wrbna und Fürst Schwarzenberg, einen enischeidungslosen Angriff auf die Ungarn. Schlickerstürmte am Abend den Engpaß von Sirok, zog auf Verpclelh u. stieß 47 XVII. B-mt. 738 Ungarn zu Mndischgrätz. Am 27. Febr. griffen Schlick und Windischgrätz gemeinschaftlich an; Verpelöth u. Ka- polna wurden erst am Abend nach tapferer Verthei- digung aufgcgeben; die Ungarn zogen sich bis Mäkler zurlick. Dembinski ging hinter die Theiß zurück nach mehren bedeutenden Gefechten gegen die verfolgenden Österreicher bei Poroszlo. Windischgrätz kehrte nach Ofen zurück. Dembinski wurde abgesetzt u. Vetter Oberfeldherr der Ungarn, Mürz 1849. Die kaiserliche Brigade Karger wurde bei Szolnok 5. März von Damjanich fast anfgerieben, das um Komorn stehende Cernirungscorps wiederholt belästigt. An der untern Donau organisirte Perczel den Landsturm, die Dampfschifffahrt wurde unterbrochen u. die Verbindung mit den in der Bacska operirenden kaiserlichen Truppen erschwert. Im Süden wurde der Serbensührer Knicanin von der Besatzung von Szabadka in die Flucht getrieben u. der kaiserliche General Theodorovich erfuhr vor Szegedin Gleiches; als dann die türkischen Serben durch den Pascha von Belgrad abberufen wurden, mußte Theodorovich auf Kleinkanisa zurück. Indessen hatte der Erfolg von Kapolna das dadurch verblendete österreichische Cabinet veranlaßt, die octroyirte Verfassung vom 4. März zu erlassen, wodurch die alte ungarische Constitution aufgehoben u. U. anstatt eines selbständigen Landes eine österreichische Erbprovinz wurde; Kroatien ».Dalmatien, die neue Wojewodschaft Serbien und Siebenbürgen wurden gänzlich von U. getrennt, sollten ihre eigenen Prvviuziallandtage erhalten u. die Militairgrenze dem Kriegsministerium unmittelbar unterstehen. Dieser Schritt führte Viele in die Reihen der Aufständischen u. vereitelte die von Windischgrätz u. den Häuptern der Altconservativen U-s eifrig betriebenen Versuche die gemäßigten Parteien im Lande durch Unterhandlungen zu gewinnen. Zugleich wurde Las ungarische Geld für die ganze Monarchie verboten; die noch mit des Palatins Sanction früher ausgegebenen Ein- u. Zweiguldennoten löste Windischgrätz 12. März gegen österreichische ein u. nahm dafür die zur Fundirung jener von der ungarischen Regierung in Pest zurückgelassenen 1,800,000 Fl. in Gold u. Silber in Beschlag; die übrigen, im Oct. u. später von Debreczin aus emittirten ungarischen Noten, deren Deckung auf dieNationalgüter angewiesen war, wurden dagegen für ungiltig erklärt. Zugleich wurden zur Leistung der Requisitionen allein die beim Aufruhr betheiligten Bürger, Edelleute, Städte u. Gemeinden für verpflichtet erklärt u. alle Grundherren u. öffentliche Beamten, welche sich beim Anmarsche der kaiserlichen Truppen entfernen würden, mit der Confiscation ihres Vermögens bedroht. Für Österreich gestalteten sich die Dinge jetzt ungünstig. Vor Allem war dies in Siebenbürgen (s. d.) der Fall, wo Bem siegreich vorrückte. Trotz seiner Niederlage bei Hermannstadt, 21. Jan., durchPuch- ner stand er so furchtbar da, daß Puchner die Russen ans der Walachei zu Hilfe ries; den ersten Schritt hierzu thaten die Sachsen u. die Romanen. Am 2. Febr. besetzten 6000 Russen Kronstadt, einige tausend Hermannstadt, aber Bem verband sich mit Len Szeklern, warf Österreicher u. Russen 11.März aus Hermaunstadt, 20, März aus Kronstadt u. trieb sie in die Walachei; er besaß fast ganz Siebenbürgen. Moritz Perczel schlug die Serben bei Zombor, Sireg (Gesch.). u. Horgos u. entsetzte 26. März Peterwardein. Am з. April erstürmte er das bis jetzt unbezwungeue Szent-Tomasch u. die Römerschanzen u. säuberte einen großen Theil des Banats. Auch Bem rückte ins Banat vor, besetzte Karansebes u. war 10. April in Lugos, während die Österreicher sich gegen Temes- varzurückzogen. Perczel sicgtebeiMelencze29.Apr. и. besetzte am 30. Großbecskerek, so daß die Vereinigung der im Süden operirenden Heere nnn als vollendet zu betrachten war; Theodorovich mußte über die Temes zurück, die Serben zitterten u. durch Beins Erfolge über Puchners Nachfolger Malkowski ward im Mai der Besitz des Banats gesichert. Perczel zog in Pancsowa am 10. Mai ein u. Malkowski trat 15. Mai nach der Walachei über. Windischgrätz beabsichtigte, die Ungarn von den verschiedenen österr. Corps in einen Kreis an der Theiß einschließen zu lassen u. hier, aller Subsistenzmittel beraubt, in sich selbst aufzureiben: die kaiserliche Armee nahm eine feste Stellung von Tabio Bicske bis Hatvan u. Aszod ein. Görgey, der nach Vetters Erkrankung Oberfeldherr geworden, setzte am 20. März beiTokay überdieTheiß, vierungarische Armeecorps (ca. 50,000 Mann mit 182 Geschützen) vereinigten sich 27. März. Ueberall wurden die Kaiserlichen geschlagen oder zurückgedrängt. Windischgrätz hatte sich in U. als unfähiger Feldherr und Administrator gezeigt, wurde darum 12. April vom Kaiser abberufen u. der alte Feldzeugmeister Weiden Ober- commandant in U. ».Siebenbürgen. Görgcy überschritt 18. April mit 30,000 Mann die Gran und schlug 19. beiNagy-Sarlo den Fcldmarschalllieute- nant Wohlgemutst, der sich hinter die Waag zog; der Weg nach Komorn lag den Ungarn offen und 22. April entsetzten sie die Festung. Weiden mußte an die Rettung seines Heeres denken, Österreich auf Pest u. alles Land jenseits der Donau verzichten. Den stets störenden Jellachich schickte er nach Essegg, um eine Südarmee zu schaffen. In Ofen blieb eine starke Garnison unter General Henzi zurück, um es möglichst lange zu halten. In der Nacht zum 24. April räumte Weiden Pest und die Ungarn wurden 24. April mit endlosem Jubel hier begrüßt. Unbe- lästigt zog sich das kaiserliche Heer zurück bis an die österreichische Grenze. Schmählich wares, aller Erwartung entgegen, im Feldzüge unterlegen. In Debreczin, wohinKossnth ll.AprilvomHeere heimgekehrt war, wurde 14. April als Antwort aus die octroyirte Verfassung vom 4. März von ihm im Reichstage der Antrag gestellt, U. mit Siebenbürgen n. den dazu gehörigen Landen sollten ein freier, unabhängiger Staat sein; das verrätherische Haus Habsburg-Lothringen sei für ewig von dem Throns auszuschließen u. zu sxiliren u. bis die Nationalversammlung über die künftige Regierungsform U-s bestimmt haben würde, sollte ein mit aller Macht versehener Präsident die Geschäfte mit einem von ihm gewählten Ministerium leiten. Die Repräsentanten nahmen einstimmig den Antrag an, welchem sich auch das freilich nur spärlich vertretene Oberhaus auschloß. Zugleich wurde Kossuth mit Stimmeneinheit zum verantwortlichen Gouverneur-Präsidenten der neuen Republik erwählt. U.sollte ein selbständigerStaatEuropas werden. Am 19. April wurde im Namen des Reichstags ein Manifest erlassen, welches die Gründe des Abfalls Ungarn (Gesch.). 739 von Oesterreich angab, die Beschlüsse vom 14.April kundthat,den österreichischen wieallen VölkernFrieden u. gnteNachbarschast zusichertc,das künftige Regier« ungssystemdcrFeststellungderNationalversammlung vorbchielt, die für die Zwischenzeit erfolgte Erwählung Kossnths zum verantwortlichen Regierungspräsidenten verkündete n. das gesammte Volk von der Treue gegen das Haus Habsburg entband. Der Schritt vom 14. April trug U-s Verderben in sich, weil er alle Monarchisten eine Republik befürchten ließ; im Adel u. Heere erzeugte er Spaltungen und führte Manchen aus die Seite Oesterreichs zurück. Anstatt aber die Oesterreicher vollends aus, dem Lande zu vertreiben, auf Wien loszngehen u. Österreich dadurch in die äußerste Noth zu bringen, erhielt Görgey Befehl, Ofen um jeden Preis zu nehmen. Mit den besten Truppen begann er 4. Mai die Belagerung Ofens, die bis 21. Mai dauerte, wo Ofen erstürmt wurde; Henzi fiel als Held. Unermeßlich war der Jubel der Ungarn, Kossuth glaubte wie das Volk, Ungarn sei gerettet. Am 5. Juni hielt Kossuth seinen triumphatorischen Einzug in Pest, der Reichstag kam von Debreczin hierhin u. wurde auf 2 Monate vertagt. Das 2. Mai von Kossuth gebildete Ministerium bestand meist aus Republikanern: Ministerpräsident Szemere zugleich für das Innere, Graf Kasimir BatthyLnyi für das Außere, Duschek für die Finanzen, Bischof Horvath für den Cullus, Bukovics für die Justiz, Csünyi für die öffentlichen Arbeiten, Klapka (seit Juni Görgey) für den Krieg. Das Cabinet huldigte unbedingt der Volkssouverä- netät; monarchische Aussichten waren nicht da. Das Parlament war ohnmächtig, das Heer unsicher. Eifrig wurde an der Organisation des Beamtenthums u. des Landes gearbeitet. Die Nationalgarde sollte wieder ins Leben treten, die ungarischen Banknoten bei strenger Strafe im vollen Nennwerthe angenommen, die Nationalfarben wieder überall angebracht, eine standrechtliche gemischte Militär« und Civilgerichtsbarkeit eingesetzt werden. Der Kaiser hatte von allen Seiten sein Heer verstärkt, seinen Stolz bezwungen und den Zaren Nikolaus, den Hort des Absolutismus, um militärische Unterstützung gebeten; Rußland, von der ungarischen Erhebung in Polen gefährdet, hatte dieselbe zugesagt, um überwiegenden Einfluß in Wien zu erhalten. Am 1. Mai bereits war die Ankunft der Russen von der österr. Regierung offiziell verkündigt worden u. 2. Mai Unterzeichneten Rußland u. Oesterreich den Vertrag; in Warschau beredeten beide Kaiser 21. Mai das Nähere über die Intervention u. den Operationsplan. Von nun an konnte es sich für U. nur noch um einen ehrenvollen Untergang handeln u. der Optimismus mußte sich bald legen. An Stelle Weldcns wurde Feldmarschall Baron Haynau 30. Mai Obercommandant der Heere in U. u. Siebenbürgen, welche Lande in Belagerungszustand erklärt wurden, u. mit unumschränkter Vollmacht versehen; der brutale Mann entfremdete Oesterreich durch Gewaltacte alle Sympathien. Die gesammte österr.-russ. Streitmacht betrug 27S,00l)Mann mit 600 Geschützen. Die Ungarn hatten dieser gewaltigen Macht kaum 170,000 Mann entgegenznsetzen, die viel zu weithin verthcilt waren und von denen 20,000 Mann in den Festungen bleiben mußten. Die Feldartillerie bestand aus 100 Kanonen. Vergebens hoffte U. auf diplomatische Einsprache oder Intervention; außer der Republik Venedig schloß kein Staat mit ihm Verträge u. der mit Venedig war nutzlos. Kossuth entflammte den nationalen Fanatismus, er protestirte 18. Mai feierlich gegen die russische Invasion, bot überall den Landsturm auf, ließ alle Wege nach U. ungangbar machen rc. Auf Szemeres Antrieb wurde neben der Ausschreibung eines allgemeinen Buß-, Fast- u. Bettages auf 6. Juni, ein förmlicher Kreuzzug im Namen der Religion gepredigt. Die strengsten Maßregeln wurden ergriffen, die liegenden Güter königlich gesinnter Magnaten, geistlicher Würdenträger,reicher Edelleute u. Bürger sollten confiscirt, ferner vor dem Feinde alle l Lebensmittel weggeschafft u. die Dörfer augezündet 'werden. Eine Proclamation vom 29. Juni rief abermals die ganze Nation zu den Waffen und zu blutigem Guerillakriege auf.Tief erschütterte die wachsende Geldnoth den Credit der Regierung Kossuths, der überdies in stetem Hader mit Görgcy lag. Um ^ie Besetzung oder den Verschluß der Ebenen an u. ^ hinter derTheiß drehte sich der Feldplan derAlliirten. !Alle Bemühungen der Ungarn, den Feind von der Waaglinie zurückzudrängen u. das rechte Waaguser zu forciren, Mitte Juni, scheiterten u. kosteten ihnen über 3000 Mann. Görgey mußte 21. Juni sämmt- liche Truppen wieder in ihre früheren Stellungen zurückgehen lassen. Haynau dagegen concentrirte > seine Hauptmacht nun auf dem rechten Donauufer, ! wandte sich gegen Raab, griff hier die verschanzte Stellring der Ungarn (10,000 M. unter Pöltenberg) an u. zwang dies Corps 23. Juni zum Rückzug auf Acs. Kaiser Franz Joseph zog in Naab ein u. die Ungarn suchten Zuflucht im verschanzten Lager bei ^ Koinorn. Görgey rieth der Negierung zur Flucht nach Großwardein. Paskewitsch war bei Dukla 18. Juni überdieKarpathen gegangen u.aufdem Marsche in U. aufkeinenerheblichenWiderstand gestoßen. Der gegen ihn gestellte Wisocki konnte nirgends größere Massen vereinigen n. wich vor ihm in die Gegend Pests zurück. Die Russen nahmen Bartfeld, Eperies und Miskolcz, eine fliegende Colonne besetzte sogar das wehrlose Debreczin, 3. Juli. Bem kämpfte in Siebenbürgen gegen die Russen unter Grotenhjelm u. Lüders, dem sich die Reste des österr. Armeecorps unter Clam-Gallas angejchlossen; überall wurde der sonst so glückliche Bem zurllckgedrängt; Lüders erzwang das Defile von Tömö, nahm Kronstadt 20. Juni und 21. Juni die dortige Citadelle; der Paß von Borgo Prund wurde wie Jllova-Mila 22. Juni genommen. Bem mit den Magyaren u. Szeklern griff Grotenhjelm 27. u. 28. Juni bei Ruß-Borgo an u. ging nach Deckendorf zurück. Kossuth berief 2. Juli in Pest einen Kriegsrath, legte ihm den neuen Fcldzugsplan Dembinskis vor u. schickte Abgesandte an Görgey, um ihn für den Plan zu stimmen. Am 3. Juli griff Haynau Görgey im verschanzten Lager von Komorn an, aber nach blutigem Kampfe gingen beide Theile in die alten Stellungen zurück. Schon 1. Juli entzog Kossuth Görgey das Obercommando ».gab es dem ganz unfähigen Meszaros. Dembinski wurde dessen Generalstabschef u. Klapka erhielt die Donauarmee. Kaum war dies jedoch in Görgeys Lager bekannt geworden, als unter seinen Anhängern die bedenklichste Aufregung entstand; deshalb blieb Görgey an der Spitze der Donauarmee, 47 * 740 Ungarn gab aber das Ministerium des Krieges ab und ordnete sich Meszaros unter. Görgey beschloß, vor Komorn nochmals das Schlachtenglllck zu versuchen. Seinen Ausfall auf die Österreicher 11. Juli schlugen diese zurück u. er mußte nun an Abmarsch von Komorn denken. Am 2. Juli hatte der Reichstag in Pestseine Sitzungen wieder begonnen, aberSzemere schlug sofort die Übersiedelung nach Szegedin vor. Zuerst flüchtete Kossuth u. bis zum S. Juli räumte die , ganze Regierung Pest. Am 11. Juli besetzten die Österreicher unter Major Wussin Ofen u. 12. Juli unter General Ramberg Pest. Die neuen Behörden erklärten hier sofort die Kossuthnoten für ungiltig, was wie die Verfolgungswuth Haynaus bald das böseste Blut setzte. Am 12. Juli traf Kossuth in Szegedin ein, wo von eigentlicher Regiernngsthätig- keit keine Rede mehr war. Da nur ein Magnat da war, setzte das Oberhaus seine Sitzungen aus. Am 1. Juli war die Festung Arad nach viermonatlicher Belagerung in die Hände der Ungarn gefallen und General Vetter wie Guyon schlugen den Ban Jel- lacksichl4. Juli bei Hegyes; der Ban mußte auf das rechte Donauuser zurück. Bern erlitt 10. Juli eine Schlappe bei Bistritz u. fiel in die Moldau 23. Juli ein, erzielte aber nichts, weder Romanen noch Türken entschieden sich sür U. Am 13. Juli zog Görgey aus dem Komorner Lager aus u. mit 45,000 Mann kam er 14. Juli nach Waitzen, 15. Juli kämpfte er mit Rüdiger; dieser verfolgte ihn bis Vadkert 17. Juli. Am 22. Juli erreichte Görgey Miskolcz. In Waitzen war sein Nachtrab geblieben, aber Pajke- wilsch nahm die Stadt 17. Juli. Perczel u. Wisocki hatten 20,000 Mann bei einander, wurden aber 20. Juli bei Tura von den Russen unter General Tolstoi bis an die Zagyva-Ufer zurückgetrieben. Lü- ders u. Clam-Gallas schlugen Bern bei Hermann- stadt 20.Juli ».besetzten es 21. Juli; beiJllyefalva kam es 25. Juli zwischen Bem und Clam zum bitteren Kampfe. Vor Komorn ließ Haynau 28,000 Mann mit 114 Geschützen, doch zog er Ende Juli 16,000 M. davon zurück. Am 19. Juli traf Haynau in Pest ein, erließ eine Proklamation voll der ernstesten Drohungen und als Rächer auftretend, legte er den Judengemeinden in Pest und Alt-Ofen, ihrer Hinneigung zur Ungar. Sache halber, die Lieferung von Munition», anderweiten Ausrüstungsstücken im Werthe von nahezu 2 Mill. Fl. ans. Am 24. Juli verließ der Obergeneral Pest und folgte der schon 21. Juli gegen die Theiß aufgebrocheucn Hauptarmee. In der 21. Juli eröffneten Repräsentantenkammer in Szegedin beschäftigte man sich in diesen schweren Tagen mit den Fragen der Gleichberechtigung aller Stämme u. der Juden-Emancipation zum Lohneihrer nationalenHaltungu.verkündete 28.Juli die allgemeine nationale Gleichberechtigung. Da von allen SeitendcrFeind herannahte, verlegte derReichs- tag28.Juliseinen Sitz nach Arad; eheersich aber dort versammelte, war die Revolution gebändigt. Während Bem in die Moldau eingczogen, erstürmte Lü- ders den Rolhenthurm-Paß und Grotenhjelm rückte bis Szäsz-Regen vor. Bem eilte herbei, um das Szeklerland zu retten, wurde 31. Juli bei Schäß- bürg geschlagen, sammelte aber alle Streitkräste und erschien plötzlich 5. Aug. vor Hermannstadt. Bem trieb den russ. General Hasfort zurück, aber als er ebendie Stadtbesetzte, schlug ihn Lüders völlig 6. Aug. (Gesch.). Das unter Bem stehende Steinsche Corps war I.Aug. bei Reismarkt geschlagen worden. Bem verzweifelte an der Behauptung Siebenbürgens u. eilte nach dem Banate. Was die Ungar. Regierung an verfügbaren Truppen hatte, vereinigte sie bei Szegedin. Stete Zwiste zerrissen die Regierung und das Heer. Sze- mere reichte 25. Juli die Entlassung ein und schlug Görgey anstatt Kossuths zum Diktator vor; Perczel wurde 30. Juli entlassen, Dembinski commandiren- der General u. Meszaros sein Generalstabschef. Am I. Aug. verließen die Ungarn Szegedin u. zogen sich nach Szöreg zurück. Haynau zog 3. Aug. in Szegedin ein, erzwang den Theißübergang und ließ den Brückenkopf amlinkenUfer stürmen; Ramberg überschritt die Theiß 4. Aug. bei Kanisa, Schlick bei Al- gär. Bei Szöreg schlug Haynau 5. Aug. die ung. Armee und sie mußte sich zurllckziehen. Anstatt sich mit Görgey zu verbinden, zog Dembinski auf Te- mesvar zu, konnte aber die von Vecsey schon hart bedrängte Festung nicht nehmen, 6. Aug. wurde die Belagerung aufgehoben. Am 9. Aug. nahm die Regierung Dembinski den Oberbefehl, den Bem erhielt. Die Ungarn wurden aber 9. August bei Temesvar von Haynau besiegt u. vernichtet, sie flohen auseinander. Temesvar wurde alsbald entsetzt. Als Görgey die Sajo-Linie gefährdet glaubte, zog er sich auf die Hernad-Linie zurück. Sein Hauptzweck war ein ruhmvoller Rückzug; er glaubte, die Hauptmacht der Russen sei hinter ihm. Am 28. Juli ging er bei Tokay über die Theiß, nachdem er die Russen unter Grabbe bei Onod am Hernadflusse geschlagen; er wollte nach Arad ziehen u. trat mit der Hauptmacht 30. Juli den Weg an, Nagy-Sündor schickte er mit dem ersten Armeecorps nach Debreczin, doch wurde dieser 2. Aug. von Paskewitsch hier schwer geschlagen u. Debreczin genommen. Am 5. August trafen die Reste dieses Corps u. Görgey in Großwardeiu zusammen u. 9. Aug. war Görgey in Arad. Niemand hielt eine Rettung mehr für möglich; im Minister- u. Kriegsrathe brach offen die Feindschaft zwischen Kossuth u. Görgey durch. Kossuth wurde bewogen, die Diktatur niederzulegen u. Görgey zu übergeben, II. Aug. Kossuth floh heimlich, die Reichskleinodien mitnehmend, aus U. Der neue Dictator Arthur Görgey unterhandelte schon seit Wochen wegen Bedingungen der Unterwerfung mit den Russen; thö- richter Weise umging er Österreich u. hoffte, Rußland werde zu U-s Gunsten in Wien eiutreten. Görgey galt seitdem sür U-s Verräthcr. Sei» Kriegsrath entschied 11. Aug. für die bedingungslose Unterwerfung unter die Russen u. Görgey bot sie dem zunächst stehenden General Rüdiger an. Mit dem Heere u. vielen Mitgliedern der Regierung und des Parlaments zog er ihm nach Mlügos entgegen. Am 13. Aug. streckte Görgey hier mit 23,000 Mann u. 130 Geschützen die Waffen, dabei waren I I Generale. Eine Zeit lang wurden die Capitulanten von den Russen sehr freundlich behandelt u. Viele glaubten selbst an eine Allianz Rußlands mit den Ungarn, um GroßsürstKonstantin zur Krone von U. zu bringen. Bald aber wurden Alle, mit Ausnahme Görgeys, dem wilden Haynau ausgeliesert. Alle Ungar. Corps lösten sich auf. Oberst Kaczinczy, welcher von Norden herab kam, streckte 25. Aug. bei Zsibv die Waffen; ebenso Vecsey (19.—20. Aug.) bei Boros- Jenoe.Lazar u. Desewffy bei Mehadia. Am 17. Aug. 741 Ungarn (Gesch.). übergab Damjanich die Festung Arad, Munkacz ergab sich 26. Aug. u. Peterwardein 6. Sept. Bem u. Guy»n wollten sich mit circa 8000 M. durchschlagen, wurden bei Lugos von dem Feinde in ein Gefecht verwickelt, flohen u. der größte Theil des Corps streckte vor Luders 18. August die Waffen, der Rest entkam auf türkischen Boden. Auch Meszaros, Dem- binski, Perczel, Kmethy, Wisocki u. Stein flüchteten aus U. in die Türkei. Einzelne versprengte Jnsur- gentenhausen beunruhigten gleichRäuberbandendas Land noch eine Zeit lang, bis sie von der später errichteten Gendarmerie allmählich aufgerieben wurden. Nur Komorn war noch iu den Händen der Ungarn. Dort befehligte Klapka, machte mehrere erfolgreiche Ausfälle u. ergab sich erst 27. Sept. unter sehr ehrenvollen Bedingungen. Am 3. Oct. zogen feine Truppen aus Komorn ab. Dem Siege folgte nun das Strafgericht über die Besiegten. Haynau wüthete erbarmungslos, die Kriegsgerichte von Pest u. Arad traten dem einstigen von Eperies (s. oben) zur Seite. Am 6. Oct. wurden in Arad Kiß, Toeroek, Desewfsy, Lazar, Vecscy, Aulich, Pöltenberg, Nagy-Sandor,Knezich, Graf Karl zu Leiningen-Westerburg, Damjanich u. Andere, in Pest Gras Ludwig Batthyanyi, Fürst Wo- ronieczki, Csanyi, Jeßanek,Perenyi u. A. hingerichtet. Die theilweise sehr großen Güter dieser Opser wurden eingezogen. Hunderte mußten in die Verbannung, Hunderte lagen indenKerkern. Dcrschran- kenloseste Militärdespotismus herrschte. Görgey wurde begnadigt u. ihmKlagenfurtzum Aufenthaltsort angewiesen. Die Lage des nun wieder unterworfenen u. ganz unter dem Belagerungszustände sich befindenden Landes war jammervoll; viele Gegenden waren völlig entvölkert, zahllose Familien verarmt, der Credit hatte völlig aufgehört. Mit verhaltenem Grimme trug U. dies Joch. Zu den versöhnenden Maßregeln der Regierung gehörte die Er- theilung vollkommener Amnestie für die gesammte Mannschaft vom Feldwebel oder Wachtmeister abwärts, welche aus den Reihen der kais. Truppen zu Len Insurgenten übergegangeu waren; doch wurden alle Zurückkehrenden als Gemeine in die österreich. Armee eingereiht; ebenso die diensttauglichen Hon- veds ohne Unterschied. So kamen circa 50,000 M. ins österr. Heer. Auch die nach der Türkei überge- fretenen Mannschaften wurden so amnestirt. Obgleich Rußland ».Oesterreich vom Sultan die Auslieferung der Häupter derJnlurrection forderten, beließ er sie ungestört in der Türkei u. einige traten zum Islam über, z. B. Bem. Die Russen verließen das Land nach dessen Pacificirung. Die Organisation der Verwaltung in U. erfolgte laut kais. Entschließung v. 17. Oct. nur provisorisch u. zwar ganz im Sinne der Centralisationsidee der Reichsverfassung. Kroatien nebst Slawonien u. Siebenbürgen wurden neben U. eigene Kronländer, die Wojewodschaft Ser bien mit dem Temeser Banat erhielt eine von U. unabhängige Stellung. Die Verfassung U-s ist aufgehoben u. ein besonderes Statut regelt, gemäß der Reichsversassung,die landesverfaffungsmäßigen Beziehungen U-s; die ganze Verwaltung untersteht der obersten Leitung des Ministeriums; für die einzelnen Verwaltungsbezirke sind Statthalter die zunächst unter dem Ministerium stehenden Organe der vollziehenden Gewalt; für die Dauer des Ausnahmezustandes bleibt die Handhabung der vollziehenden Gewalt dem Befehlshaber der Armee, mit einem Ci- vilcommissär zur Seite; das Land wird in mehrere größereVerwaltungsgebietegetheilt, welche vorläufig als Militärdistricte unter dem Districtscommandan» ten nebst einem Ministerialcommiffär für die Civil« geschäfte u. die Durchführung der Berwaltungsor- ganisation stehen; jeder Militärdistrict wird in Ci» vildistricte eingetheilt mit Districts-Obergespanen an der Spitze; die Civildistricte zerfallen in Amtsgebiete mit Stuhlrichtern. Durch kais. Verordnung v. 20. Oct. 1849 wurde die Grundsteuer in U. und Siebenbürgen eingefllhrt. Am 1. Nov. wurde die österr. Reichsverfaffung v. 4. März auch für U. pu- blicirt, während 3. Nov. die Grundzüge derJustiz- organisatiou u. der Rechtspflege die höchste Genehmigung erlangten. Die Presse blieb aufs schärfste überwacht, die für ungiltig erklärten Kossuthnoten wurden vernichtet (wie deren bis 1851 an 100 Mill. verbrannt wurden), alle Schuldforderungen an Aufständische, deren Güter confiscirt worden waren, für ungiltig erklärt. Mit Haynaus Enthebung 6. Juli 1850 u. der Ernennung von Appels zum Militär- u. von Geringers zum Civilgouverneur wurde auch zugleich den nicht schwer Gravirten Amnestie u. Er- laubniß zur Rückkehr ertheilt u. die Güterconfisca- tiou der Amnestirteu eingestellt. Nachdem 7. Juni durch kaiserl. Patent die Zolllinie zwischen Österreich u. U. gefallen, verordnete ein Patent v. 30. Sept. die Einführung der Branntwein- u. Biersteuer und ein Patent v. 29. Nov. die Einführung des Tabaksmonopols auch fllr ll. vom 1. März 1851 an. Gegen Ende 1851 begann der Ausnahmezustand nach und nach aufzuhören; Oct. 1851 wurde Erzherzog Albrecht Civil- u. Militärgouverneur von U. u. nach der Rundreise des Kaisers Juni bis Aug. 1852 wurden die Kriegsgerichte geschlossen, doch wähne der Belagerungszustand wegen des noch immer nicht unterdrückten Räuberunwesens fort. Am 1. Septbr. 1852 erhielt U. eine neue Preßordnung. Laut kaiserlicher Entschließung vom 10. Jan. 1858 wurde die politische Örganisation lk-s publicirt u. mit dem 1 . Mai d. I. ins Leben geführt, an letzterem Tage auch die Geltung der österr. Civilgesetze auf ll. aus- ! gedehnt; ebenso wurden neue Civilproceßordnungen !für U. u. Siebenbürgen erlassen. Die Colonisation U-s, namentlich durch deutsche Auswanderer wurde, bisher in Privathänden, nun von der Regierung selbst zur Aushilfe für das verödete u. nur dünn bevölkerte Land betrieben, u. 1853 gesetzlich geregelt, ebenso später die Übersiedelung aus Österreich nach !sk. Am 8. Sept. 1853 wurden die Ungar. Kronin- signien, welche Kossuth Januar 1849 mitgenommen und bei Orsowa vergraben hatte, durch den kaiserl. Major Titus von Karger gefunden. Sie wurden unter großen Feierlichkeiten eingeholt, nach Wien übergefllhrt, 20. Sept. von dem Kaiser entgcgenge- nommen, 21. Sept. aber nach Ofen zurückgebracht. Die nun folgenden Jahre brachten nach Aushebung des Belagerungszustandes 17. April 1854 für U. eine Zeit des fast vollständigen Stillstandes des politischen Lebens. Von ganz besonderer Wichtigkeit für die materielle Entwickelung des Landes war die i gesetzliche Ordnung des sog. Urbarialverbands und cher ihm verwandten Rechts- und Besitzverhältnisse zwischen den ehemaligen Grundbesitzern u. den ge- 742 Ungarn (Gesch.). wesenen Grundholden; hieran schlossen sich Patente betreffend die Urbarialentschädigung und Grundent- lastnng u. Anfang 1866 die Errichtung eines obersten Urbarialgerichtshofes für U. in Wien. In drei Jahren wurden die neuen Grundbücher fast für ganz II. durchgeführt. Nachdem 1854 die Leitung der kirchlichen Angelegenheiten bei den Evangelischen beider Bekenntnisse in U. durch die Presbyterien unter Mitwirkung von landesfürstlichen Coimnissaricn, ingleichen die Thätigkeit der Senioren u. Superintendenten provisorisch geregelt worden, traten im Mai 1855 Geistliche u. Schulmänner U-s als Vertrauensmänner in Wien zusammen zur Vorberath- ung einer Gesetzvorlage über Kirchen- n. Schnlan- gelegenheiten der Evangelischen in U. Um Verbreitung von Volksbildung in den niederen Ständen erwarb sich der Stephansverein unter Protection des Cardinal-Primas Scitowski viel Verdienste. Kaiserliche Entschließungen v. 16. Nov. 1856 bestimmten den persönlichen Wirkungskreis des Generalgouverneurs als unmittelbaren Stellvertreters des Kaisers mit der Oberleitung der gesammten Civil- u. Militärverwaltung u. des Generalgouvernements, welcher als oberster politischen Behörde des Königreichs der Wirkungskreis der Ministerien n. Centralstellen innerhalb gewisser Grenzen znstehen sollte; diesem Abschluß der behördlichen Organisation des Königreichs folgten Aushebung der Überwachnngsmaß- regeln n. Güterconfiscationen u. eine weitere Am- nestirung vieler Geflüchteter. Den Israeliten wurde die Erlangung der Advocatur frcigegeben, in Pest eine Handelsakademie u. in Ofen ein Polytechnicum gegründet. Um den Frieden der Krone mit dem Lande zu besiegeln, traten Kaiser n. Kaiserin 4. Mai 1857 eine zum Triumphzuge sich gestaltende Reise durch U. an, kehrten aber von Debreczin aus wegen Ablebens ihrer Tochter Sophie 30. Mai zurück. Der Kaiser befahl im Anschlüsse an die vollkommene Amnestie v. 8. Mai die Rückgabe der confiscirten Güter der kriegsgerichtlich Verurtheilten u. den Erlaß jeder Rechnungslegung über während der Revolutionszeit aus der Staatskasse erhaltene Vorschüsse. Die außer Land Geflüchteten konnten durch Amnestiegesuche an die Gesandtschaften und Consulate auch der Generalamnestie theilhaftig werden. Das Gesuch mehrerer Magnaten und Bischöfe um Wiedereinführung der früheren ständischen Verfassung blieb unbeachtet, doch versprach der Kaiser, für Aufrechthaltnng der nationalen Sprache n. Eigenthümlichkeitcn Sorge tragen zu wollen. Es wurde dessalls auch bestimmt, daß die Staatsbeamten in U. künftig zu H aus dortigen Landeskindern bestehen u. bei allen Gerichten Eingaben in ungarischer Sprache angenommen werden sollten. Durch kaiserl. Verordnung von 1858 wurden neue landwirthschaftliche Ansiedelungen in U. u. seinen Dependenzen sehr begünstigt, doch wurde davon wenig Gebrauch gemacht, zumal der Räuberbanden wegen. Der Italienische Krieg, zu welchem U. zahlreiche Freiwillige stellte, erweckte 1859 die weitgehendsten Hoffnungen. Zu dem nach dem Friedensschluß für den Kaiserstaat beginnenden Reformwerk wurden aus U. angesehene Magnaten als Vertrauensmänner nachWicnberufen. Inder Sprachenfrage wurde der bisher vorherrschend deutsch ertheilte Unterricht an den Gymnasien den Nationalitätsverhältniffen entsprechend zu ertheilen befohlen, das Gesuch der Pester Studenten aber, die ungarische Sprache an der Universität obligatorisch zu machen, abgewiesen. Die kirchlichen Verhältnisse fanden durch das sog. Protestantenpatent v. 1. Sept. 1859Regelung, welches die innere Verfassung, die Schul- u. Unterrichtsanstalten ordnete und im liberalsten Sinne die staatsrechtliche Stellung der Lutheraner u. Reformirten , in U. u. den Nebenländern der Stephanskrone regelte. Die hierdurch geschaffene Kirchenverfassung beruhte ans dem Presbyterialsystem, ihr Schwerpunkt war die Gemeinde. Dieses Patent wurde Gegenstand einer sehr lebhaften Agitation, welche vom kirchlichen sehr bald ans das politische Gebiet hin- llberspielte; die Ungarn forderten ihre vor 1849 geltende Kirchenverfassnng zurück. Selbst unruhige Auftritte blieben nicht aus. Mehr als 2,800,000 Protestanten petitionirten durch ihre Vertreter um die Rücknahme des Patents und auf Vorstellungen der Führer einer nach Wien gesandten Protestanten- depntation ward endlich im Mai das Patent znrllck- genommen u. denjenigen, welche sich an den unruhigen Auftritten dagegen betheiligt hatten, Amnestie er- theilt. Im April 1860 wurde anstatt des Erzherzogs Albrecht Feldzeugmeister von Benedek, ein Ungar, Generalgonverneur u. commandirender General in U.; die Statthaltereiabtheilungsn wurden zu einer Statthalterei mit dem Sitz in Ofen vereinigt; Comitatsverwaltnngen sollten eingeführt werden. In dem verstärkten Reichsrathe (s. Österreich, Gesch.) wahrten die ungarischen Mitglieder, Npponyi n.Andrassy, energisch die Ansprüche ihres Landes auf Autonomie. In U. wuchs die Aufregung immer mehr n.Demonstrationen gegen die Deutschen, Herunterreißen der kaiserl. Adler rc. fielen mehrfach vor. Nach einer Verordnung des Justizministeriums an die Gerichtsbehörden inU. sollten die deutsche und ungarische Sprache als Geschäftssprache innerhalb des ganzen Königreichs, die slowakische in 23, die rumänische in 5, die rnthenische in 4 Comitaten zur Anwendung kommen. Die möglichst umfassende Gewährung ihrer Wünsche erhielten die Ungarn aber durch das kaiserl. Diplom zur Regelung der inneren staatsrechtlichen Verhältnisse der Monarchie v. 20. Oct. 1860 und die damit in Verbindung stehenden Verfügungen. Hiernach sollte die alte Verfassung U-s im Wesentlichen wieder hergestellt, der Landtag in kürzester Frist zur Berathung eines Wahlgesetzes einberufen werden, welches mit Beseitigung der ehemaligen ausschließlichen Berechtigung desAdels eine wahre Vertretung des Landes herbeiführen würde. Die ungarische Hofkanzlei wurde wieder hergestellt u. Baron Vay zum Hofkanzler ernannt, General- gouverneurvonBenedekseinerStelle enthoben. Folge aller dieser Umgestaltungen war zugleich die bereits unterm 19. April in Aussicht gestellte Wiederherstellung der Comitatsverwaltung u. Bildung der Comi- tatsansschüsse, auch wurde ein Tavernicus ernannt, die ganze Justizverwaltung innerhalb der Grenzen des Königreiches zurückverlegt u. die 6uria rsZia unterVorsitz des lluckox onrins zu Pest hergestellt,die ungarische die allgemeine Geschäfts- u. Amtssprache. Alle Einrichtungen gingen ganz nach den Gesetzen von 1848 vor sich. Am 4. Nov. begann die ungarische Hoskanzlei ihre Thätigkeit. Dies Alles genügte den Ultras nicht, die, was seit 1849 in U. geschehen, ! l > 4 743 Ungarn (Gesch.). nicht gelten ließen. Es kam wiederholt zu unruhigen! teste anschlossen, wurden ausgelöst u. anstatt deren Auftritten u. die Forderungen der Magyaren wur-! 6 Commissäre eingesetzt. Das Land zog sich in eine den immer höher gespannt. Mehrere der zu Ober gespanen designirten Personen lehnten die Ernennung ab. Eine Landesconferenz zu Gran (18. Dec.) verlangte einstimmig die Wiederherstellung desWahl- gesetzes von 1848, von anderer Seite wurde die Wiederherstellung der Nationalgarde gefordert. Die kaiserl. Beamten waren Plötzlich ohne Thätigkeit, die Gerichte u. Gesetze ohne Geltung, die Steuern wurden nicht entrichtet u. die Regiernngsmonopole nicht beachtet. Um den ruhigeren Theil der Nation zu gewinnen, ordnete der Kaiser 27. Dec. die Wiedereinverleibung der Wojwodina n. des Temeser Banats in das Königreich U. an u. erließ 7. Jan. 1861 eine Amnestie für die Vergehen, welche eine Änderung des bis 20. Octbr. 1860 bestandenen Regierungssystems bezweckten; ein Rescript v. 16. Jan. an alle Comitate u. städtische Magistrate U-s aber tadelte, mit Strenge drohend, die Ausschreitungen u. Überstürzungen in den Beschlüssen der Comitate, wie nächst den Steuerverweigernngcn namentlich die Wahl politisch landesflüchtiger Personen, die Aufhebung der bestehenden Gerichtshöfe vor Constituir Art passiven Widerstands zurück n. es herrschte bei der gegenseitigen Erbitterung eine dem Belagerungszustand ähnliche Schwüle über ganz U. Die Regierung trieb die systematisch verweigerten Steuern mit militärischer Gewalt ein n. nahm die Recrutir- ung ernstlich in Angriff. Die Rechte der Comitate wurden suspendirt. Unterm 5.Nov. wurde zur Wiederherstellung der Autorität der Regierung Feld- marschalllientenant Graf Moritz Pälffy zum Statthalter ernannt u. vereinte in sich die politische Verwaltung, Justiz u. Steuerwesen. Den Erbobergespanen wurden Administratoren beigeordnet, die anderen Obergespane durch neue Obergespane oder königl. Administratoren ersetzt, die alle unter dem Statthalter direct standen. Bis zur Herstellung der öffentlichen Ordnung wurde die corporative Wirksamkeit des Statthaltereirathes u. der Municipien suspendirt, die Comitats- n. städtischen Ausschüsse aufgelöst, alle neuen Organe der Executivgewalt unter den Schutz besonderer Militärgerichte gestellt, welchen politische Vergehen überwiesen wurden. Diese außerordentlichenMaßregeln wurden energisch ung der neuen -c. u. untersagte jeden Versuch, die! durchgeführt; in dem mehrjährigen durch sie geschah Gesetze von 1847 u. 48 factisch ins Leben zu rufen Viele Comitate beantworteten dies Rescript mit Gegenvorstellungen, in denen sie sich auf ihre verfassungsmäßigen Rechte beriefen; das Treiben der magyarischen Partei wurde um nichts gebessert u. Niemand wagte, ihr entgegen zu treten. Unterm 14. fenen Provisorium lernten Österreich u. U. sich besser kennen, die Regierung brach mit Mäßigung den Terrorismus der extremen magyarischen Partei, eine versöhnlichere Stimmung griff Platz u. eigentliche Ruhestörungen von politischer Bedeutung hörten nach u. nach auf. Den aufgehobenen deutschen Ge- Febr. 1861 wurde der ungarische Landtag u. zwar^setzen wurde wieder Giltigkeitbeigelegt, dieGewerbe nach dem Wahlgesetz von 1848 eingerufen; die 26.!freiheit wieder eingeführt. Ein Beweis der kaiserl. Febr. Österreich verliehene Verfassung umfaßte U.> Versöhnlichkeit war die 13. Nov. 1862 den von den nicht. Am 6. April wurde der Landtag zu Ofen vom > Kriegsgerichten verurtheilten politischen Sträflingen llncksx onrias, Grasen Apponyi, eröffnet, sofort aber! und den znrückgekehrten politischen Flüchtlingen ge- verlegte der Landtag die Sitzungen zufolge den Ge- ^ währte allgemeine Amnestie. Die Verwaltung versetzen von 1848 nach Pest. Die Wahlen waren kei-! Rechtspflege blieb im traurigsten Zustande, so daß ueswegs regierungsfreundlich; hierüber, wie übew z. B. die Nationalbank die Gewähr von Hypothek- die Parteien der Deakisten (Gemäßigte, Adreßpartei) darlehen nach U. verweigerte u. der Pcster Handels- u. der Ultramagyaren (Beschlußpartei, Partei Te- lekis), s. Österreich, Gesch., S. 823. Die Ende Juni 1861 nach Wien gebrachte Adresse des ungarischen Landtags stützte sich auf die pragmatische Sanction, lehnte das October- n. Februar-patent ab, forderte die Wiedervereinigung Kroatiens mitU.u.in schroffer Weise die reine Personalunion u. vollste Autonomie für U. Der Kaiser war nicht zum Nachgeben ge stand in einem Memorandum an den Kaiser um Änderung der ungarischen Handels- u. Wechselgesetze resp. Einsührung der deutschen baten. Trotzdem beschloß eine in Pest znsammcngetretene Judexcnrial- conserenz (16. März 1863) die unveränderte Beibehaltung der ungarischen Gesetze, u. bei Gelegenheit der demonstrativen Überreichung eines Albums an Franz Deal, 28. März d. I., wurden die 1848er neigt; anstatt Vays wurde Graf Anton Forgäch Gesetze von allen Rednern als unantastbares Priw ungarischer Hoskanzler und anstatt Szecsens Graf i cip bezeichnet. Der ünäsx anrias, Graf Apponyi, Moritz Esterhazy Minister ohne Portefeuille. Mit § welcher sich auch an dieser Demonstration betheiligt ihrer Zustimmung betonte der Kaiser im Rescripte hatte, wurde 8. April durch Graf Andrassy ersetzt. v. 21. Juli die Reichseinheit, wies U-s Forderungen zurück u. forderte eine Revision der 1848er Gesetze vor jeder Verhandlung. Als daraus der Landtag in seiner Antwortsadresse v. 8. Aug. aus seinem Standpunkte beharrte, die Absenkung von Deputirten zum Reichsrath ablehnte u. gegen jede» Beschluß dieser Versammlung für die Gesammtheit der Monarchie protestirle, löste ein kaiserl. Rescript v. 22. Aug. den ungarischen Landtag auf, wogegen dieser nun prote Als die Wiener Regierung beschlossen hatte, Justiz u. Verwaltung in U. durch Octroyirungen zu reor- ganisiren u. seine alte Municipalverfassung wesentlich zu ändern, trat Forgach 22. April 1864 ab u. Graf Hermann Zichy wurde ungarischer Hoskanzler. Ganz unerwartet sprach er sich 6. Juni 1864 offen u. direct für den Eintritt U-s in den Reichsrath aus. Die sogen. Altconservativen stellten 13. Sept. wieder ein Programm zur Lösung der Ungarischen Frage stirte. Eine kaiserl. Botschaft an den Reichsrath recht- j auf; der an ihrer Spitze stehende Graf Andrassy (s. fertigtet.Aug.dieseMaßregel.Nunmehrergriffdasld. 6) trat ab u. anstatt seiner wurde Graf Toeroek Gouvernement kräftig diezurHerstellungseinerAuto-! 19. Sept. stnäsx enrias. 3.Jan. 1865 genehmigten rität inU.erforderlichenMittel. Die Comitats- u.Mu- ^ kaiserl. Handschreiben den Zusammentritt des serbi- nicipalversammlungen, welche sich demLandtagspro-s schen Nationalcongresses in Karlowitz u. der Synode 744 Ungarn (Gesch.). der griechisch-orientalischen serbischen Bischöfe wegen Ausscheidung des den romanischen Sprengeln zu- kommenden, bisher gemeinsamen Vermögens der Karlowitzer Metropolie in U., Kroatien, Slawonien u. der Militärgrenze. Vom 6. Febr. bis l. April 1865 tagte der serbische Nationalcongreß, aber trotz aller stürmischen Auftritte wurde ein Ausgleich zwi- schen Serben u. Rumänen nicht erzielt. Eine kaiserl. Entschließung v. 25. Jan. 1865 befahl, die Arbeiten für das Reorganisationswerk in U. zu beschleunigen, um sie als königl. Propositionen dem einzuberufenden Landtage vorzulegen und die Aufhebung des Kriegsprovisoriums vorzubereiten. Schmerling sah in der altconservativen Partei U-s seine Todfeindin, welche die Februarverfafsung beseitigen u. ihn zum Falle bringen wollte; er erklärte darum, sich nie mit die Rechtscontinuität u. formelle Giltigkeit der Gesetze von 1848 an, blieb aber bei der bisherigen Ansicht der Regierung stehen, daß diese Gesetze vor ihrer Ausführung revidirt werden müßten. Die Ungarn hingegen verlangten, die Gesetze müßten erst anerkannt u. eingeführt werden, ehe sie sich zu ihrer Revision entschlössen. Beide Theile beharrten auf ihrer Anschauungsweise. Um persönlich auf den Landtag einzuwirken, ging der Kaiser mit der Kaiserin nach U. u. wurde 29. Jan. 1866 in Pest glänzend empfangen. Vergebens aber suchte er die Stimmung im Interesse der Gesammtmonarchie zu verändern u. kehrte unverrichteter Dinge 5. März nach Wien heim. Auch suchten U. u. Kroatien umsonst einen Ausgleich zu erzielen. Die Spannung zwischen Wien u. Pest wurde immer stärker, als der Ausbruch des ihr einlafsen zu können. Doch sah man in Wien jetzt! 1866er Krieges die Angen davon abzog. Durch die Aussöhnung mit U. unter annehmbaren Beding-1 kaiserl. Rescript wurde der Landtag 26. Juni auf ungen als weit wichtiger denn Schmerling u. seine ^ unbestimmte Zeit vertagt. Ein kaiserl. Manifest v. Februarverfassung an. Einige hervorragende Alt->7. Juli, welches erwartete, daß die kampftllchtigen conservative, voran Graf Moritz Esterhazy (s.d. 6),! Söhne U-s, vom Gefühle angestammter Treue ge- benutzten diese Strömung u. beredeten den Kaiser leitet, freiwillig unter die Fahne eilten, verklang zum Besuche in Pest-Osen 6.-9. Juni 1865. Franz! ganz wirkungslos. Hingegen benutzten die Ungarn Joseph wurde von den Magyaren glänzend empfan- die Schwäche Österreichs u. Deal unterhandelte im gen. Er näherte sich, dietrennendeVergangenheit ver- Juli in Wien mit der Regierung wegen des Zuge- gessend, den Notabilitäten der verschiedenen Parteien! ständnifses eines eigenen Ministeriums für U. Öfter- u. machte sich manchen Gegner zum Freunde. Der reich erkannte, daß U. nur mit seiner autonomen Boden wankte unter Schmerlings Füßen. Eine Folge des Besuches war die 26. Juni Plötzlich erfolgende Entlassung Zichys u. seine Ersetzung durch Verfassung für den Gesammtstaat eine Stütze sein würde u. bei Eröffnung des ungarischen Landtags 19. Novbr. 1866 kam ein kaiserl. Rescript den Anden altconservativen Grafen Georg Majläth (s. d.) schaumigen und Forderungen desselben bereitwillig als ungarischen Hofkanzler. Am 18. Juli wurde Graf Palffy der Statthalterschaft von U. enthoben u. das Haupt der Altconservativen, Gehcimrath Baron Paul Sennyey, lavornioorum rs^alium maxister in U. Zichys zurückgebliebene Liste neuer Obergespaneim GeistederFebruarverfaffung wurde 1. Aug. zurückgezogen u. 9. Ang. Graf Cziraky llu- cksx ourias. Um die Ungarn zu gewinnen, wurde ihren Stammgenossen in Siebenbürgen ihr altes Bollgewicht eingeräumt; auch dachte man au die Wiedervereinigung Siebenbürgens mit U. Allmählich kam der Plan zur Reife, U. u. seine Nebenländer den deutsch-slawischen Provinzen als eine Ge- sammtheit gegenüber zu stellen u. so das Reich in 2 große Hälften zu theilen; in rein dualistischem Sinne sprach sich die ungarische Presse immer deutlicher aus. Am 17. Sept. berief ein kaiserl. Rescript den ungarischen Landtag auf 10. Oct. ein. Durch Patent v. 20. Sept. wurde die Februarverfassung vertagt, um den Weg der Verständigung mit den legalen Vertretern der Länder der ungarischen Krone zu betreten. Bei den Vorbereitungen zum Landtage beschränkte sich die radicale Partei überall auf Proteste gegen die Nichtwiederherstcllung der Comitate; alle Programme forderten die volle Wiederherstellung der Gesetze u. der Autonomie U-s u. verriethen die entschiedene Neigung, die gemeinsamen Angelegenheiten aus ein Minimum zu reduciren. Die Adreß- partei, die Deakisten, waren bei den Wahlen der ehemaligen Beschlußpartei, um ca. 100 Stimmen überlegen. Am 12. Dec. wurde der Kaiser jubelnd in Ofen empfangen u. 14. Dec. eröffnete er selbst den Landtag. Die Thronrede ließ die 1861 noch aufrecht erhaltene Theorie der Rechtsverwirkung durch die besiegte Revolution U-s fallen, erkannte entgegen, indem es die Ernennung eines verantwortlichen ungarischen Ministeriums u. die Wiederherstellung der municipaleu Selbstverwaltung zugestand. Der Premierminister Baron Belcredi fühlte, wie nothwendig der Ausgleich mit U. sei u. veran- laßte das kaiserl. Patent v. 2. Jan. 1867, wonach ein außerordentlicher Reichsrath aus den deutsch- slawischen Ländern die Bedingungen dieses Ausgleiches prüfen sollte. Der Kaiser suchte Deaks Partei zu gewinnen und auf ihr den Ausgleich aufzubauen. 16. Febr. hob er die Stelle des ungarischen Hofkauzlers auf u. ernannte Graf Majläth anstatt dessen zum llucksx eurlas u. 17. Febr. wurde daS verantwortliche ungarische Ministerium Andrassys, aus Deakistcn bcstehend, ernannt. Über U-s weitere Geschichte, s. Österreich, Gesch. Vgl. I. Bongarsius, Rsrum bunAariearunr sorip- torss varii, Franks. 1600, Fol.; Feßler, Geschichte der Ungarn, Lpz. 1815—25,10 Bde., 2. A. bearb. von Klein, ebd. 1367—78, 5 Bde.; I. v. Majl-ith, Geschichte der Magyaren, Wien, 1828 — 1831, 5 Bde., 2. A. Regensb. 1852; Horväth, Geschichte von U., Pest 1859—63,6Bde.;Ders.,Kurzgefaßte Geschichte U-s, ebd. 1863, 2 Bde.; Ders., Fünfund- zwanzig Jahre aus der Gesch. U-s. (1823—48), deutsch von Novelli, Lpz. 1867, 2 Bde.; Szalay, Gesch. U-S, deutsch von Wögerer, Pest 1870—75, 3 Bde.; Büdinger, Ein Buch Ungarischer Gesch. 1058 —1100, Lpz. 1866; Krajner, Die ursprllngl. Staats- Verfassung U-s,Wien, 1872; Sacher-Masoch,U-s Un- tergangu.MariavonÖsterreich,Lpz.1862;Szilagyi, Die letzten Tage der ungarischen Revolution, ebd. 1850; Klapka, Memoiren, ebd. 1850; Ders.,DerNa- tionalkrieg in U.u.«Siebenbürgen,ebd.1851,2Bde.; Görgey, Mein Leben u. Wirken in U., ebd. 1852, 2 Ungarweine — Unger. 745 Bde.; Weiden, Episoden aus meinem Leben, Graz 1853; U-s politische Charaktere, Mainz l85l;Sze- mere, Politische Charakterskizzen, Hamb. 1853; A. Springer, Geschichte Österreichs seit dem Wiener Frieden 1809, 2 Bde., Lpz. 1863—65; Vargyas, Gesch. des ungar. Freiheitskampfes, Preßb. 1871; Rogge, Österreich von Vilägos bis zur Gegenwart, 3Bde.,ebd.1872—73;KroneS, Handbuch derGesch. Österreich-U-s, Berl. 1876—78,4 Bde. « 1 -inschmidt. Ungarweine, s. Ungarische Weine. Ungebundene Rede, so v. w. Prosa. Ungehorsam, die Nichtbefolgung von Anordnungen und Befehlen, insbesondere solchen, welche von der Obrigkeit ausgegangen sind u. welchen nachzukommen der Ungehorsame verpflichtet gewesen ist. Der U. bildet, wofern er durch Gewalt, Drohungen oder Hindernisse, welche der Obrigkeit in den Weg gelegt werden, eine besondere äußere Bethätigung erhält, den Charakter verschiedener Verbrechen, als der Widersetzlichkeit (6rimsnvis, s. d.), des Aus ruhrs, deS Auflaufs rc. Dagegen erscheint der ein- fache U., er mag in Nichtvollziehung eines obrigkeit- lichen Befehls oder im Handeln gegen denselben be stehen, nicht als Vergehen, sondern gibt nur der Obrigkeit Anlaß mit Zwangsmitteln, welche dann aber auch in Strafdrohungen bestehen können, ihren Anordnungen Folge zu verschaffen. Doch heben die neueren Gesetzbücher auch einzelne Fälle des einfachen U-s als strafbare Vergehen hervor, besonders solche U-ssälle, bei welchen die versuchte oder schon bewirkte Vereinigung einer Mehrzahl von Personen zu gemeinsamem U. einen gemeingefährlichen Charakter auzunehmen geeignet ist. So z. B.: gemeinschaftliche Verabredungen zum U. wider staatliche Anordnungen. Wer hier zum U. durch Verbreitung oder öffentlichen Anschlag od. öffentliche Ausstellung von Schriften od. anderen Darstellungen auffordert, wird nach dem Deutschen Str.-G.-B. Art. 110 mit Geldstrafe bis zu 600 Ll od. mit Gefängniß bis zu 2 Jahren bestraft, ebenso wer eine Person vom Soldatenstande zum U. auffordert (Art. 112). Über die Folgen des U s in Rechsstreitigkeiten s. u. Coutumaz. Ungeld (Bergw.), der Theil des verdienten Lohnes, welcher von dem Arbeiter für Sprengmateria- lien, Geleuchte rc. gezahlt werden muß. Unger, 1) Johann Georg, hervorragender Holzschneider, geb. 1715 in Goes bei Pirna, st. 1788 in Berlin; lernte als Buchdrucker und widmete sich dann ohne Lehrer der Holzschneidekunst u. ging 1740 nach Berlin, wo er besonders seine Kunst zur Verbesserung der zum Drucke nöthigen Verzierungen anwendete. Hauptwerke: fünf Landschaften. Er erfand auch eine Druckerpresse u. Rammmaschine. 2 ) Johann Friedrich, Sohn von U. 1), geb. 1750 in Berlin; Buchhändler, Buchdrucker, Form-und Stahlschneider, auch seit 1800 Professor der Holz schneidekunst an der Akademie der Künste daselbst; st. 1804 in Berlin. Er verbesserte die Lettern der Fracturschrist, indem er neue, der Schwabacher Schrift ähnliche Arten erfand, welche eine geraume Zeit sehr beliebt waren (Ungerische Schrift). Noch mehr verdient machte sich U. um die Holzschneidekunst, welche er zuerst zu größerer Vollkommenheit erhob. 3) Franz Xaver, Botaniker und Paläon- tolog, geb. 1800 zu Leutschach in Steiermark, studirte zu Wien und Prag Medicin, war anfangs praktischer Arzt, wurde dann 1835 Professor in Graz u. 1849 Professor der Botanik in Wien. Von 1866 an lebte er als Privatmann in Graz, wo er 13. Febr. 1870 starb. Schon sein erstes Werk über die Hautkrankheiten der Gewächse war voll feiner neuer Beobachtungen, seine Schrift über das anatomische Ver- HLltniß des Mono- und Dikotylenstammes wurde preisgekrönt. In der Botanik hat er die Anatomie der Pflanzen, besonders die Zellenlehre, sowie die Physiologie gefördert; er hat zuerst die Function der Spermatozv'tden der Moose richtig erkannt. Ganz besondere Verdienste erwarb er sich aber um die Kenntniß der fossilen Floren und ihres organischen Zusammenhanges mit der jetzigen Pflanzenwelt. Er schr.darüber u. a.: Lzmoxsis xlantarum kossiliuw, Leipz. 1845; 6snsra st spssiss p1s.nba.rum fossil., Wien 1850; Die Pflanzenwelt der Jetztzeit und ihre histor. Bedeutung, ebd. 1851; IsonoArapllia plan- tarum kossilium, Abbildung, u. Beschreib, fossiler Pflanzen, ebd. 1852; Die Urwelt in ihren verschiede, neu Bildungsperioden, Münch. 1851; Versuch einer Geschichte der Pflanzenwelt, Wien 1852; 8Mo§s planbsrum fass., Samml. fass. Pflanzen, bes. der Tertiärformat., 3Thle., ebd. 1860—66; Fossile Pflanzenreste aus Neu-Seeland, gesammelt aus der Novara-Expedition, ebd. 1864; Geologie der europ. Waldbäume, 2 Thle., Graz 1870. In seinem verdienstvollen Lehrbuch dcrAnatomieu. PhysiologiederPflan- zen,Wien 1855, hob er bes.auch die Übereinstimmung von Protoplasma u. Sarkode hervor. Außerdem schr. er u. a.: Botan. Briefe, Wien 1852; Botan. Streifzüge auf dem Gebiete der Culturgeschichte, ebd. 1857, 1863, 1866; Wissenschaftliche Ergebnisse einer Reise in Griechenland u. den Jonischen Inseln, ebd. 1862; mit Kotschy: Cypern, ebd. 1865. 4 ) Friedrich Wilhelm, Rechtsgelehrter u. Kunsthistoriker, geb. 8. April 1810 in Hannover, studirte seit 1829 die Rechte in Göttingen, wandte sich dann in München 1831 der Malerei zu, um jedoch nachher seine Rechtsstudien in Güttingen bis 1834 zu vollenden. Er trat hierauf in den Hannöver. Staatsdienst, habilitirtc sich aber 1840 als Privatdocent der Rechte in Güttingen, wo er 1842 auch ordentlicher Beisitzer des Spruchcollegiums wurde. 1845 gab er wegen seiner Ernennung zum Bibliotheksecretär die Lehrthätigkeit auf, um sie 1858 wieder auszunehmen, nun aber als Mitglied der philosophischen Facultät für Kunstgeschichte; 1862 zum außerordentlichen Professor und dann zum Director der akademischen Gemäldesammlung ernannt, st. er 22. Decbr. 1876 in Güttingen. Als Rechtsgclehrter leistete er ganz Bedeutendes auf rechtshistorischem Gebiete: Die altdeutsche Gerichtsverfassung, Götting. 1842; Geschichte der deutschen Landstände, Hannov. 1844, 2 Thle.; Des Richtes Stig, Gött. 1847; Römisches u. Nationale- Recht, ebd. 1847. Nach seinem Übergang zur Kunstgelehr. samkeit erschienen von ihm: Die bildende Kunst, Gött. 1858; Übersicht der Bildhauer- n. Malerschulen seit Constantin d. Gr., ebd. 1860; Die Bauten Constantins d. Gr. am Heiligen Grabe zu Jerusalem, ebd. 1863; Correggio in seinen Beziehungen zum Humanismus, Lpz. 1863; für die Encyklopädie von Ersch n. Gruber lieferte er in dem Art. Griechenland : Die christlich-griechische od. byzantinische Kunst, 1866—67. 5) Joseph, Rechtslehrer und österr. I Staatsmann, geb. 2. Juli 1828 in Wien, wo er die 746 Ungerische Schrift Rechte stndirte u. 1848 an den politischen Vorgängen hervorragenden Antheil nahm; er widmete sich dann auch historischen u. philosophischen Studien u. schrieb nnter dem unmittelbaren Eindruck Hegelscher Philosophie: Die Ehe in ihrer welthistorischen Entwickelung, Wien 1850; habilitirte sich 1852 in Wien als Privatdocent, wurde 1853 außerordentlicher Professor des Civilrechts in Prag u. 1857 ordentl. Professor in Wien, dann Mitglied des Unterrichts- rathes (aus welchem er 1866 wieder ausschied), zugleich desUniversitätsconsistorii, 1867 indenStaats- gerichtshof gewählt und 1868 zum lebenslänglichen Mitglied des Herrenhauses u. des Reichsgerichts ernannt. 28. Novbr. 1871 trat er als Minister ohne Portefeuille in das Ministerium Auersperg und hat demselben als Vertreter vor dem Reichsrathe durch sein eminentes Rednertalent (daher auch Sprechmi- nister genannt) die wesentlichsten Dienste geleistet. Als juristischer Schriftsteller hat er sich ganz besonders hervorgethan durch das Epoche machende Werk: System des österreichischen Privatrechts, 1. und 2. Bd. Lpz. 1856—59, 4. A. 1876, 6. Bd. (Erbrecht), 1864, 3. A. 1879; Der Entwurf des bürgerlichen Gesetzbuches für das Königreich Sachsen, Wien 1853; Über die wissenschaftliche Behandlung des österreich. gem. Privatrechts, ebd. 1853; Die rechtliche Natur der Jnhaberpapiere, Lpz. 1857; Der revidirte Entwurf eines bürgerl. Gesetzbuches für das Königreich Sachsen, ebd. 1861; Die Verlaffenschaftsabhandlung in Üsterrcich, ebd. 1862; Zur Reform der Wiener Universität, ebd. 1869; Die Verträge zu Gunsten Dritter, Jena 1869. Er gibt mit Jhering die Jahrbücher für die Dogmatik des heutigen römischen u. deutschen Privatrechts u. mit Glaser u. von Walther Sammlung von civilrechtlichen Entscheidungen des k. k. obersten Gerichtshofes heraus. 6) William, Stecher u. Radirer, Sohn von U. 4), geb. in Hannover im Septbr. 1837, sollte sich zum Architekten ausbilden, ging aber anstatt dessen 1854 nach Düsseldorf auf die Akademie, erlernte das Stechen unter Kellers Leitung, arbeitete von 1857 an bei Thäter in München u. stach dort sein erstes größeres Blatt: Umnckantia u. Llissria nach Wislicenus. Um sich im Farbeustich ausznbilden kehrte U. 1860 nach Düsseldorf zurück n. ging 1863 nach Leipzig, hierauf um die 12 Monate nach Wislicenus zu stechen nach Weimar, wo dieser Künstler damals lebte. Seine Verbindung mit E. A. Seemann, dem Verleger der Zeitschrift für bildende Kunst, gab Anlaß, daß er sich ganz dem Radiren widmete, nach Brauuschweig u. 1869 nach Kassel ging n. den Winter 1871—72 in Ungarn zubrachte. Seitdem wohnt U. in Wien. Seine Hauptstärke besteht in der Reproduktion der alten Coloristen, deren Farbenwirknng er mit einer Meisterschaft wiedergibt, so daß er aus diesem Gebiete in Deutschland unübertroffen ist. Er ist fast ausschließlich für die obengenannte Zeitschrift und die Gesellschaft für vervielfältigende Kunst thätig. Letzte Stiche: Der hl. Jldefonso nach Rubens und Die Madonna unter dem Apfelbaum; Franz Hals Galerie mit Text von C. Vosmär, Leiden 1873. 1) 0) Regnet. 2 > Witzler. S> r. »i s) Lagai. Ungerische Schrift, s. u. Unger 2 ). Nngcrn-Sternbcrg, Alexander, Frhr. v., Romandichter, aus der Nordischen Linie des von dem Grafen von Sternberg abstammenden Geschlechts, — Unghcr-Sabatier. dessen Ahnen als Hauptführer der den Schwertbrüdern zu Hilfe zugeführten Ungarn den Namen Unger erhielt u. das als U.-St. 1531 in den Reichs- u. 1653 in den schwed. Freiherrnstand erhoben wurde, geb. ! 22. (10.) April 1806 ans seinem LandsitzeNoistser bei ij Reval in Ehstland; sollte die Rechte in Dorpat studi- ren, widmete sich aber den Schönen Wissenschaften; er kam 1829 nach Petersburg u. 1830 nach Deutschland, wo er erst in Dresden, dann in Mannheim u. nach einer Reise durch die Schweiz und Oberitalien längere Zeit in Weimar und dann in Berlin, hier 1848 als Mitarbeiter an der Kreuzzeitung angestellt, n. seit 1852 wieder in Dresden lebte; an einem Gehirnleiden erkrankt, wurde er nach Danuenwalde in Mecklenburg-Lürelitz gebracht, wo er 24. Aug. 1868 starb. U.-S. ist der Meister des deutschen Salonromans, der sich aber nicht aus die Schilderung der vornehmen Gesellschaft beschränkt, sondern mit allen Zeitfragen in lebendiger Beziehung steht, ausge- zeichnetdurch unerschöpfliche glückliche Erfindung, geistige Beweglichkeit künstlerische Einheit in der Darstellung, seltene Erzählergabe, glänzende Reflexion, blendende Effecte, graziösen Stil; unter seinen zahlreichen Schriften ragen hervor: Der Missionär, Roman in 2 Bdn., Leipz. 1842; Diane (ein Criminal- gemälde der modernen Gesellschaft), Bcrl. 1842, 3 Thle.; Paul (Tendenzroman für Regeneration des Adels), Leipz. 1845, 3 Bde.; Berühmte deutsche Frauen, 1848; Die Royalisten (Roman), Bremen 1848, u. als Fortsetzung dazu: Die beiden Schützen, 1849 u. Die Kaiserwahl, 1850; Erinuerungsblät- ter, Berl. (die späteren Lpz.), 1855 ff., 6 Bde.; Die Dresdener Galerie (Geschichten und Bilder), Leipz. 1857 ff., 2 Bde.; Dorothea von Kurland (biogra- phischerRoman),ebd. 1859,3Bde.; Elisabeth Charlotte, Herzogin vonOrleans (biographischerRoman), ebd. 1861, 3 Bde.; Künstlerbilder, ebd. 1861, 3 Bde.; Peter Paul Rubens (biographischer Roman), ebd. 1862; Novellen, Stuttg. 1832—35, 5 Bde.; Gesammelte Erzählungen u. Novellen, Dess. 1844 bis 1845, 4 Bde.; Kleine Romane u. Erzählungen, ebd. 1862, 3 Bde. Zimmermann. Ungeziefer, lästige u. schädliche Thiere kleiner Art, besonders Jnsecten und Gewürm; doch werden auch Mäuse, Fledermäuse, Ratten darunter verstanden. Als ein probates Mittel gegen U. wird Alaun empfohlen. Zwei Pfund Alaun werden in 41 Wasser aufgelöst und diese Flüssigkeit in siedend heißem Zustande in alle Spalten und Risse der Stubenböden, Waareumagazine rc., wo Ratten u. Mäuse ihre Ein- u. Ausgangslöcher haben, gebracht. Das Holz und selbst die Steine ziehen die Alaunlösung aus u. während das Wasser verdunstet, bleibt der Alaun in Kry- stallen im Holz u. in den Wänden zurück. Wanzen verschwinden sofort, wenn man die Wände, Bettstellen rc. mit kochender Alaunlösung bestreicht und kehren nie wieder an Liesen Ort zurück. Auch Fliegen halten sich in Zimmern nicht auf, deren Wände mit Kalk bestrichen sind, dem Alaun beigemengt war. Einen nachtheiligen. Einfluß auf die Gesundheit der Menschen hat Alaun nicht. Ungh, Comitat, so v. w. Ung 1). Unghcr-Sabatier, Karoline, geb. 1800 in Wien, wo sie sich zur Sängerin ausbildete, betrat 1819 aus dem Kärthnerthortheater die theatralische Laufbahn, wurde dann unter Barbaja für die Jta- 747 IIiiAusnturii — Union. lienische Oper in Wien engagirt u. ging mit diesem 1828 nach Italien, wo sie bis 1840 in Venedig,Rom, Florenz, Neapel u. Triest Engagements hatte. Bes. glanzte sie in der Opera bulks, und ooiniseris durch ihren schönen Sopran. 1840 verheirathete sie sich mit dem Franzosen Sabatier, trat von der Bühne ab u. lebte dann bei Florenz auf ihrer Villa, wo sie Ende Marz 1876 starb. Unguentum (lat.), Salbe. Unguis (lat.), Huf, Klaue; IInAulats, so v. w. Hufthiere. Nngvär, Stadt, s. Ung 2). Unioum (lat.), das Einzige in seiner Art, nur einmal Vorhandene; bes. ein nur noch in einem Exemplar vorhandener Abdruck eines seltenen Buches, einer Münze rc. Unieh (Eunjeh, ehemals Önöe), Stadt im asiat. türkischen Elajet Trapezunt, am Schwarzen Meere, hat Hafen, Baumwollenweberei, Schiffbau, Handel; 2000 Ew. Uniform, beim Militär die gleichförmige Bekleidung u. Ausrüstung der Angehörigen eines Heeres, einer Waffengattung, eines Truppentheilcs rc. Im Alterthum und im frühen Mittelalter dienten meist nur gleichfarbige Helmzierdeu, Feldbinden rc. als äußere Erkennungszeichen der Heere und ihrer verschiedenen Theile, während die Kleidung u. auch Bewaffnung oft sehr verschiedenartig waren. Nach u. nach entwickelte sich aber in Farbe u. Form der Bekleidung eine gewisse Gleichmäßigkeit, die mit Einführung der stehenden Heere zu Ende des 17.Jahrh. vollständig zur Durchführung gelangte. Die U. soll den Dienstverrichtungen des Soldaten entsprechen, soll bequem, wohlfeil u. dauerhaft fein, dem Manne gegen die Einflüsse der Witterung hinreichenden Schutz gewähren, nächstdem aber auch als Erkenn- ungs- u. Unterscheidungszeichen für die verschiedenen Waffengattungen u. Trnppcntheile dienen. Dem Soldaten soll durch die U. zugleich eine möglichst kleidsame n. ihn anszeichnende Tracht gegeben werden. Durch verschiedene an den U-en angebrachte Abzeichen, wie Epaulettes, Achselstücke und Bänder, Tressen rc., werden auch die einzelnenChargeu kenntlich gemacht. Fast alle größeren Heere haben, abgesehen von den nationalen Abzeichen, wie Helmzier, Cocarde, gewisse Eigenthümlichkeiten in Farbe und Form der einzelnen Bekleidnngs- u. Ausrüstungsstücke, die der U. der einzelnen Heere einen nationalen Charakter verleihen. Vgl. Die sämmtlichen europäischen Heere in ihrer jetzigenUniformirnng, Stuttg. 1873; Uniformirungsliste des deutschen Reichsheeres n. der Marine, Berl. 1876; Geschichte der Bekleidung u. Ausrüstung der königl. prcuß. Armee in den Jahren 1808 — 78, Berl. 1878; C. Meinecke, Die Bekleidungswirthschaft bei den Trnppentheilen der Armee, bes. der Infanterie, 2. A. Rost. 1879. z- Uniformisten (v. Lat.), diejenigen, welche allen Staaten oder allen Kirchen Eine Gestalt geben wollen. Uniformitätsacte, die englische Parlamentsacte von 1622, wornach die Geistlichen schwören mußten, keine andere Liturgie als die der Episkopalkirche beim Gottesdienste anznwenven; wurde 1689 durch die Toleranzacte wieder aufgehoben; s. u. Anglikanische Kirche. Unigenltus sei kilius (lat.), d. i. der Eingeborene Sohn Gottes; die Ansangsworte und daher Name zweier Bullen: 1) Bulle des Papstes Clemens VI. vom 27. Jan. 1343, worin das Jubeljahr von 100 Jahren auf 50 herabgesetzt ».das Dogma der Katholischen Kirche von der Verwaltung des überflüssigen Gnadenschatzes durch den Papst festgestcllt wurde; 2) Bulle des Papstes Clemens LI. vom Scpt. 1713 gegen die Jansenisten, s. u. Jansen. Unilateral (v. Lat.), einseitig, z. B. von Ver- trägen, in denen nur die eine Partei eine Leistung verspricht; dann so v. w. halbbürtig, nur von einer Seite ebenbürtig. Unimak, die östlichste und größte Fuchsinsel, durch eine schmale Straße von der Halbinsel Alaska getrennt, etwa 3600 sUkin mit noch nicht 100 Ew., reich an heißen Quellen; hat drei thätige Vulkane, von denen der Schischaldin sich 2647 m erhebt, und ist häufig von Erdbeben heimgesucht. Uni», s. Flußmnscheln. vnlo (lat.), Vereinigung, Bund. Union (v. Lat.), die Vereinigung confessionell getrennter Kirchen zu Einer Kirche. I. Über die!!, und ihr Wesen überhaupt. In der Idee des Evangeliums liegt es, daß es nur Eine Kirche gibt. Christus selbst verheißt Eine Heerde unter Einem Hirten, die Apostel reden von dem einigen Grunde, Christus, auf welchen: sich die Gemeinde erbauen solle, und von der Einigkeit des Geistes durch das Band des Friedens. Daher ist in der Kirche, seitdem sich dieselbe in verschiedene Kirchcnkörper (Consessio- nen) gespalten hat, zu allen Zeiten das Bestreben der Wiedervereinigung derselben hcrvorgetreten. Die Frage »ach dem Wesen der U. hat sich dabei allezeit nach dem in Len separirten Confessionen bestehenden Begriff der Kirche gestaltet, weshalb unter der U. der Morgen- und Abendländischen Kirche (die nur als hierarchische U. gedacht wird), etwas ganz anderes zu verstehen ist, als unter der U. der Reformirten n. Lutherischen Kirche. Auch eins (undenkbare) ll. der Katholischen mit der Evangelischen Kirche würde nur als eine kirchenregimentliche, hierarchische U. (wie sie z. B. Melanchihon vorschwebte) aufgefaßt werden können. Die ll. der Lutherischen u. Reformirten Kirche hat ihre Unterlage in der Unterscheidung fundamentaler u. nicht-fundamentaler Glaubensartikel in der Weise, daß das Vorhandensein der elfteren in beiden Kirchen anerkannt u. die Differenz in den letzteren als das Seligkeitsinteresse nicht berührend angesehen wird. Dabei kann nun die U. der beiden protestantischen Kirchen so gedacht werden, daß dieselben ihr Bekenntniß sich bewahren, aber in den confessionellen Differenzen kein Hindernis) kirchlichen Gemeinschaftslebens, namentlich bezüglich der Abendmahlsseier finden u. sich daher zu Einem Verfassungsorganismus zusammenschließen; oder so, daß alle Dogmen, in denen die Confessionen von einander abweichen, als nicht mehr zum Bekenntniß der Kirche gehörig angesehen werden, vielmehr deren Auffassung dem Gewissen der Einzelnen überlassen wird. Die letztere!!, wird als absorp- tiv e U. bezeichnet. II. Unionen, welche versucht und wirklich vollzogen worden sind. L) Diel!, zwischen der Römischen u. Griechischen Kirche, a) Im Griechischen Reiche. Die im 9. Jahrh. eingetretene Kirchenspaltung zwischen der Morgen- und Abendländischen Kirche veranlaßt sehr bald U-s ver- 748 Union. suche, welche von den griechischen Kaisern hauptsächlich aus politischen Rücksichten begünstigt wurden. Jedoch hatten sie anfangs keinen Erfolg, vielmehr wurde 1054 von der päpstlichen Gesandtschaft in der Sophienkirche zu Constantinopel die gegen die Griechische Kirche gerichtete Txcommunicationsbulle nie- Lergelegt u. späterhin wurde die Spaltung durch die Errichtung des lateinischen Kaiserthums 1204 noch mehr verfestigt. Die Verhandlungen auf der Synode zu Lyon 1274 sühnen zwar zur Ausstellung eines Glaubeussymbols u. zur Anerkennung des Papstes seitens der Griechen, die Beschlüsse kamen aber nicht zur Ausführung, u. erst auf der Synode zu Florenz 1439 gelang die U., indem die Griechen zwar den Zusatz tilioguo nichtin ihr Symbol aufnahmen, aber sich in der Formel, daß der Heilige Geist aus dem Vater durch den Sohn hervorgehe, wie in der Anerkennung des päpstlichen Primats mit der Römischen Kirche vereinigten. Jedoch hatte diese U., welcher das Volk im Allgemeinen abgeneigt blieb, wie ein späterer, infolge der damaligen Bedrängnisse des Kaisers durch die Türken veranlaßter Versöhnungs- Versuch 1452, wo ein römischer Cardinallegat in der Sophienkirche zu Constantinopel die Messe hielt, keinen bleibenden Erfolg, b) U-sversuche mit der Griechisch-Russischen Kirche. Über die, seitdem 10. u. 11. Jahrh. in der Ukraine, Podolien, Wolhynien u. Litauen eingesührte Confessio» der Griech. Kirche gewann die durch die litauischen Großfürsten Wladislaw Jagello und Bitold begünstigte römische Lehre seit dem Ende des 14. Jahrh. allmählich die Oberhand. Der U. in Florenz (s. oben) schloß sich Isidor, Metropolit von Kiew, an u. führte sie in Litauen und Rcussen ein. Aber bald darauf wurden die Geistlichen lauer, u. Adel u. Volk wendeten sich, gewonnen von russischen Missionären, wieder der Griechischen Kirche zu. In Polen suchten zuerst die Jesuiten, welche zur Unterdrückung der Reformation nach Polen gekommen waren, nachdem ihnen dieses gelungen war, die griechischen Gemeinden mit Rom zu untren, und zwar nicht ohne Erfolg. Ans der Generalsynode zu Brzesc 1590 sprachen sich für die, von dem Metropoliten von Kiew, Michael Rochosa, vorgcschlagene U. mit der Römischen Kirche die Bischöfe von Luzk, Brzesc, Przemysl u. noch 3 andere aus, u. auch die niedere Geistlichkeit war nicht dagegen, nur der Adel war nicht dazu zu bewegen. Aus der zweiten Synode zu Brzec 1593 wurde aber die U., obgleich mehrere vom Adel dagegen waren, durch die Einstimmigkeit der ganzen Geistlichkeit bewerkstelligt u. die Bischöfe Poziej von Wladimir und Terlezki von Luzk zur Ausführung nach Rom geschickt. Die Russische Kirche behielt Glaubensbe- kenntniß, Sacrameme, CultuS u. nahm den Zusatz üliogus in der Lehre vom Ausgang des Heiligen Geistes u. die Suprematie des Papstes an. Aus der dritten Synode zu Brzesc 1596 wurde die U. aus- gesprochen, die der U. beigetreten waren, hießen Unirte Griechen. Zu den fortwährende» Gegnern der U. gehörte der Patriarch von Constantinopel, u. viele Schismatiker gab es in Orscha, Polozk, Witepsk, Mohilew rc., mit denen sich die griechischen Russen verbanden, u. die Versuche, welche die Päpste Gregor XIV. u. Clemens VIII. zu Ende des 16. u. Ansang des 17. Jahrh. durch Peter Arcudius zur U. der beiden Kirchen machten, waren vergebens. Durch den Aufstand des Kosaken Chmielnicki wurden alle Unirten aus der Ukraine, Volhynieu u. Podo- lien vertrieben. Zwar gelang es den Jesuiten, die Unirten dorthin zurückzufllhren, aber mit der U. nicht zufrieden, suchten sie die Unirten ganz zur Katholischen Kirche hinüberzuziehen, was ihnen mit Vielen dadurch gelang, daß sie den Cultus der Unirten, deren Geistliche sie vernächlässigten, durch die Benennung OKIopsIca rviara sBauernglaube) beschimpften. In dem Tractat von 1686 zwischen Rußland und Polen wurde zwar den Bisthümern Przemysl, Lemberg und Luzk freie Religionsübung zugesichert, aber bis 1713 war die U. überall wieder mit Gewalt eiugeführt; für Polen erfolgte die Bestätigung der U. auf der Synode zu Zamosc 1720. Die Versuche, welche Rußland seit 1772 machte, die Unirten von der Römischen Kirche abzuziehen u. der Griechischen zuzuführen, und wie dies endlich dem Kaiser Nikolaus 1839 gelang, darüber s. Russische Kirche. Seitdem gibt es in Rußland selbst keine Unirten Griechen mehr, wol aber in anderen slaw. Ländern», in Ungarn, o) Mit den Jakobiten, s. u. Monophysiten. ä)Mit der Armenischen oder Gregorianischen Kirche. Ein Plan der U. dieser Kirche mit der Römischen war von dem Patriarchen Gregor verworfen und auf dem Concil zu Sis, 1307, wurden mehrere Punkte der U. angenommen, aber dieU. selbst wegen des Widerstandes des Volkes nicht vollzogen. Nur außer Landes gibt es Unirte Armenier, s. u. Armenische Kirche. L) Die Union sversnche zwischen den Katholischen u. anderen vom Papst abgesalle, nenKirchen:a)mitderEvangelischenKirche. Dahin zweckten schon die Religionsgespräche zwischen den Katholischen u. Evangelischen ab, welche mit dem Colloquium zu Worms 1540 begannen. So nahe indeß vorzüglich auf dem Religionsgespräch zu Regensburg (s. Religionsgespräche u. Interim) 1541 die beiden Parteien einander zu treten schienen, so wurde dennoch die Absicht so wenig erreicht, daß vielmehr eine tiefe Erbitterung sich der Gemüther bemächtigte. 1564 übergab der Katholik Cassander seine an Maximilian II. gerichtete,iVrtieuli rsUxionia inter Latirol. st krotsst. oontrovsrsi (hsgg. von H. Grotius 1642) dem Kaiser Ferdinanv I. Seine Vorschläge gingen auf Abschaffung des Bilder- u. Reliquiendienstes u. ähnliche Mißbräuche, auf Freiheit in Kirchengebräucheu, Bewilligung des Laienkelches u. der Priesterehe n. Beibehaltung des Papstes, der Hierarchie, der Transsubstantiatiouslehre u. der objektiven Kraft der Sacramente o: opere opsrato. Hugo Grotius empfahl 1642 in seinem Votum pro paos soelssiastioa,, man sollte von beiden Seilen mehr Gewicht auf die moralischen, als auf die dogmatischen Wahrheiten legen u. mehr auf die ökumenischen Symbole als den Consens der ge- sammten christlichen Kirche halten. Beide fanden keinen Beifall. Ebenso hatten die Bemühungen des Königs Wladislaw IV. von Polen durch daS Religionsgespräch von Thorn 1645, von Georg Calix- tus, welcher auf Grund der ökumenischen Symbole u. der Satzungen der ersten fünf Jahrhunderte eine U. anstrebte, ü. von Anderen keinen Erfolg. 1660 ließ der Kurfürst von Mainz, Johann Philipp v. Schönborn, durch seinen Kanzler von Boyneburg mehren evangelischen Fürsten U-svorschläge eröffnen Union. 749 u. beantragte eine Synode von 24 Deputirten von beiden Konfessionen, welche die Symbolischen Bücher beider Parteien prüfen u. eine Vereinigung ermitteln sollten. Indessen zerschlug sich d.ie Sache, ehe sie officiell wurde. Da nahm Rosas de Spinola den Faden von Neuem auf. Seit 1675 reiste er als Friedensvermittler zwischen derKatholischen u. Protestantischen Kirche in Deutschland umher, seit 1691 ging er auch nach Ungarn u. Siebenbürgen. Den Protestanten verhieß er bei der U. die Erhaltung aller errungenen Rechte u. verlangte nur die Anerkennung des Papstes als des ersten u. obersten Patriarchen der Christenheit, welchem der Primat nur nach menschlich-kirchlichem Rechte zukomme. Das Nähere sollte aus einem allgemeinen Concil ausgemacht werden, bei welchem die Protestanten von dem Namen Ketzer durch eine Bulle befreit werden n. als Mitrichter, nicht als Angeklagte erscheinen sollten. VonSpinolaangeregt, machteMolanus, lutherischer Abt in Loccum, einen U-sversuch durch die Schrift LvFulas circa, cbristlanorum oinniuiu ecclssiastü- cam isuuionsin, indem er über dieselbe mit dem Bischof Bossuet von Meaux in Verhandlung trat. Indessen auf einem von seinem Hose (welcher sich sehr für die U. interessirte, jetzt aber die Aussicht auf den Thron von England durch beharrliche Fortführung dieser Einigungsvcrsuche zu verlieren fürchtete), erhaltenen Wink brach Mvlanus die Verhandlungen ab, wofür nun (1691) Leibniz eintrat. Mit großer Vorliebe faßte dieser die Idee einer U. auf, corre- spondirte darüber mit Bossuet bis 1694 u. entwarf auch einLxstematiicoloA.(gedruckt erstParis1819, deutsch von Näß u. Weis, Mainz 1820), welches beide Kirchen vereinigen sollte. Indessen BossuetS So- phistik, welche den Protestantismus zu vernichten trachtete, ließ Leibnizen endlich erkalten, u. alle Plaue gingen mit dem Ableben derer, welche sie betrieben hatten, zu Grabe. In neuerer Zeit (1849) hat H. Thiersch in seinen Vorlesungen über Katholi- cismus u. Protestantismus den (mißglückten) Versuch gemacht, die Möglichkeit einer Aussöhnung des Katholicismus und Protestantismus nachzuweisen. Seit derAufstellung desJnfallibilitätsdogma (1876) kann natürlich von derartigen Versuchen gar nicht mehr die Rede sein. 6)U. der evangelischen Cs nfessionen der (Lutherischen», Re formirtenKir che). s,)Jre- nische Versuche überhaupt. Den ersten derartigen Versuch machte der Landgraf Philipp von Hessen mit dem Marburger Religionsgespräch 1529; dasselbe hatte jedoch keinen Erfolg, weil Luther in den Schweizern einen anderen Geist sah. Die von Melanchthon verfaßte Wittenberger Concordia von 1536 stellte anfangs einen Schein von Frieden her, bis Luther sieben Jahre später den Streit erneuerte, wobei sich beide Parteien mit unversöhnlichem Hasse verfolgten. Je mehr die Richtung Melanchthons in der Theologie (seit 155V) zurückgedrängt ward, desto weniger war auf eine U. zu rechnen. Der zwischen den in Polen lebenden Lutheranern, Calvinisten u. Böhmischen Brüdern 157V abgeschlossene Sendo- mirsche Vergleich (s. u. Loossnsus) wurde nach 3V Jahren von den Lutheranern, welche darin ihren Glauben verrathen fanden, wieder anfgegeben. David Pareus in Heidelberg, obgleich sehr für den refor mirtenLehrbegrifs eingenommen, riech doch in seinem Ircnicum (Heidelberg 1614, deutsch von Zonsius, Franks. 1615) zur U., indem er den Unterschied zwischen der resormirten u. lutherischen Lehre als nicht fundamental bszeichnete. Indessen die Leidenschaftlichkeit seiner lutherischen Gegner, I. G. Siegwart in Tübingen (Lämonitio cirrisb. cke ircnico karsi, Tüb. 1816), Leonh. Hutter (Ircnicum vers cüristir- num, 1618, Fol.) u. Albert Grauer (kuMiacuIum antü-psrsii.nuin, 1621), verwarf seine Vorschläge. Die Drangsale des Dreißigjährigen Krieges führten zu erneuten U-sversuchen, z. B. auf dem zwischen brandenburgischen, hessischen u. sächsischen Theologen gehaltenen Religionsgespräch zu Leipzig 1631; aber dasselbe verfehlte, wie das Thorner Gespräch 1645, wo auch Katholische waren, seinen Zweck. Auf dem Kasseler Religivnsgespräch zwischen Marburger n. RintlerTheologen, 1661, wurde wenigstensdie Möglichkeit einer Consöderation beider Confessionen docu- mentirt. Die Bemühungen des schottischen Predigers John Dury, welcher fast alle protestantischen Länder Europas an 50 Jahre lang durchreiste, um dieU. der sämmtlichenresormirtenKirchen zu Stande zu bringen, blieben, weil er des Synkretismus verdächtig war, ohne Erfolg. 1703 berief der König Friedrich I. von Preußen mehre lutherische u. refor- mirte Theologen nach Berlin, um unter dem Vorsitz des Benj. Ursinus die U. zu berathen, ließ die U-s- kirche in Berlin u. Charlottenburg eröffnen, Kinder aus beiden Confessionen in denselben Waisenhäusern erziehen u. 1786 Entwürfe zur Einführung der englischen Liturgie promulgiren. Alle Versuche scheiterten jedoch an der Besorgniß der Lutheraner, daß den kaum 20,000 in Preußen lebenden Resormirten zu viel eingeräumt sei. In dem darüber bis 1719 geführten Streite (Ironischer Streit) schrieb Val. Löscher am heftigsten gegen u. Beckmann in Frankfurt a. O. am dringlichsten für die U. Auch fanden die später von den Tübingenschen Theologen Klemm u. Matth, Psafs 1710—22 proponirten15U-spunkte so wenig Beifall, daß die Confistorien in Dresden u. Gotha, das letztere bes.unterCyprianbeidem Reichstage zu Regensburg nachdrücklich gegen die Annahme derselben protestirten. l>) Die U. in Preußen. Schon derGroße Kurfürst Friedrich Wilhelm, welchem auch anS Gründen der Politik eine Annäherung der Lutheraner u. Reformieren am Herzen lag, suchte wenigstens eine gegenseitige Anerkennung der Fundamentallehre zu bewirken u. veranstaltete deshalb 1662 ein Religi- onSgespräch in Berlin, welches aber ersolglos blieb. Erst unter Friedrich Wilhelm III. trat man der U-sidee wieder näher. Am 27. Sept. 1817 erließ der König einen Aufruf an die Consistorien, Synoden u. Superintendenten, worin er die Annahme der U. von Seiten seines Hauses aussprach u. dieselbe von Seiten der beiden evangelischen Kirchenparteien in der Weise wünschte, daß keine von beiden Konfessionen zu der anderen übergehen sollte. Die U. sollte zunächst keine confessionelle, sondern eine religiöse ll., u. die Feier des Abendmahls mit gebrochenem Brode u. der evangelische Name statt des lutherischen u. resormirten, ihre Symbole u. der Verfassungsorganismus ein gemeinsamer sei». Dieser Ausruf wurde beifällig ausgenommen, die Synode der Berliner Geistlichen umer Schleiermacher erklärte 29. Oct. 1817 ihren Beitritt u. 31. Oct. feierte man in 750 Union. den unirten Kirchen gemeinschaftlich das Abendmahl (auch der König mit den höchsten Behörden). Dabei wurde von Seiten des Königs an dem Gedanken festgehalten, daß die U. ans der freien Entschließung der Gemeinden erwachsen müsse. Doch schien es angemessen zu sein, die allmähliche Beseitigung der verschiedenen consessionellen Kirchenordnungen durch Aufstellung einer U-sagende zu unterstützen: daher ließ der König (da die desfalls angeordneten Berath- ungen zu keinem Ziele führten) 1822 aus dem Cabinet eine Agende erscheinen, deren Einführung in den Garnisonkirchen er befahl. Das Erscheinen dieser Agende (welche den Einen zu lutherisch, den Anderen zu reformirt war) vcranlaßte jedoch eine solche Aufregung, daß die Durchführung der U. durch die Agende nicht gefördert, sondern gehindert wurde. Um daher den gegen die Agende immer lauter hervortretenden Widerspruch zum Schweigen zu bringen, ließ der König 1829 durch den Bischof Neander eine neue, erweiterte Bearbeitung derselben pnbli- ciren, welche eine große Auswahl von Formularen bot, wonach die Agende mit der U. seit 1830 als gesetzlich eingeführt galt. Alsbald erhob sich aber die inzwischen erstarkte lutherische Partei der preußischen Landeskirche gegen die Agende mit solcher Heftigkeit, daß sich der König dazu gedrängt sah, in einer Cabi- netsordre vom 28. Febr. 1834 die Erklärung abzugeben, nur die Agende sei Gesetz, u. die Lutherische Kirche sei mit ihren Bekenntnißschristen durch die U. nicht beseitigt. Diese Erklärung wurde jedoch, als ungenügend, in den lutherischen Kreisen ganz unbeachtet gelassen. Vielmehr wuchs die lutherische Strömung im Lande immer mächtiger an, namentlich in Folge der Bewegungen von 1848. Eine Ca- binetsordre vom 6. März 1852 decretirte daher, daß der (inzwischen errichtete) Evangelische Oberkirchenrath aus Mitgliedern beider Confessionen bestehen u. daß confessionelle Angelegenheiten nur von den Angehörigen des betr. Bekenntnisses entschieden werden sollten. Daher erfolgte jetzt innerhalb des Oberkirchenraths u. der Consistoricn eine itio in partes. Dieses führte jedoch zu so ernsten Gegenvorstellungen seitens der Freunde der U., daß es der König endlich für nothwendig erachtete, in einer neuen Cabinctsordrc vom 12. Juli 1853 sich dahin zu erklären, daß die Garantirung derSonderbekennt- nisse keineswegs eine Aufhebung der U. sein solle. Zugleich befahl der König den Behörden, gewissenhaftest darüber zu wachen, daß nicht durch confessionelle Sonderbestrebungen die Ordnung der Kirche untergraben würde. Eine 1858 an den Oberkirchenrath gerichtete Eingabe von fünf Kirchenpatronen in Pommern, welche sich sehr entschieden gegen die U. u. deren Wirkungen aussprachen, wurde daher von dem Oberkirchenrath in mißbilligender Weise beantwortet. König WilhelmI. (seit1857Regent, seit1861 König) hat sich wiederholt dahin ausgesprochen, daß er das Festhalten an der (positiven) U. als die erste u. wesentlichstcAnfgabe seines Kirchenregiments ansehe. e) Die ll. in den anderen deut schen Ländern. In Rhcinbayern, wo die Zahl der Re- formirten etwas größer war, als die der Lutheraner, wurde die U. bereits im August 1818 auf der Synode zu Kaiserslautern vollzogen. Auf Veranlassung des Rllckwärtsdrängens des Oberconsistoriums in München wurde 1822 interpretirend bestimmt, daß nur die Heilige Schrift als Glaubensgrund und Lehrnorm, jedoch unter gebührender Achtung der Bekenntnißschristen beider Kirchen, anerkannt werden solle; auch wurde auf der Generalsynode 1823 ein neuer Katechismus u. ein neues Gesangbuch angenommen. Die ganze Bewegung war in entschieden rationalistischem Sinne. Die später erwachende konfessionelle Richtung suchte die U. auf positiver Grundlage fortzubauen, auf der Generalsynode 1853 wurde die locuplctirte Augsburger Confession von 1530 als der historische Ausdruck der Übereinstimmung beider Confessionen angenommen und auf den folgenden Generalsynoden die Einführung eines neuen Katechismus u. eines neuen Gesangbuches im Sinne des starren Lutherthums beschlossen. Bei den heftigen Streitigkeiten, welche darüber entstanden, hielt die sog. liberale Partei an der absorptiven U. von 1818, die confessionelle Geistlichkeit aber mit dem Kirchenregiment an der Abänderung von 1853 fest, während die königlichen Rescripte von 1861 durch weise Mäßigung die Versöhnung anbahnten. Im rechtsrheinischen Theile des Königreichs Bayern, wo nur 3000 Neformirte leben, war die U. kirchenregiment- lich insoweit angebahnt, als die Reformirten in der Verfassuiigsurkunde als ein integrirender Theil der protestantischen Gesammtkirche des Königreichs bezeichnet wurden, n. ihnen da, wo sie keinen Geistlichen hatten, gestattet war die Amtsfunctionen von Geistlichen einer anderen Confession zu beanspruchen, so daß namentlich Abendmahlsgemeinschaft stattfand. Auch hier trat eine Opposition gegen die U-s- idee hervor. Gleichwol bestand die kirchenregiment- liche Verbindung der Confessionen fort, obschon die Vertretung der Reformirten Kirche im Oberconsi- stormm durch einen reformirten Geistlichen, seitdem die Kirche in Rheinbayern nicht mehr unter dem Oberconsistorium stand, 1849 aufhörte u. die reformirte Synode, wie überhaupt der ganze refor- mirte Kirchenorganismus, dem lutherischen Kirchenregiment untergeordnet wurde. Die durch diesen abnormen Zustand erregte Unzufriedenheit steigerte sich, als man seit 1851 lutherischer Seits denRefor- mirtendieAbendmahlsgemeinschaft anmehrenOrten verweigerte. Auf der Generalsynode 1861 wurde ein Antrag des Pfarrers Löhe die Abendmahlsgemeinschaft zu verbieten freilich abgelehnt, dieselbe aber als ein Nothstand beklagt. Dagegen suchten jetzt auch die Reformirten den lutherischen Angriffen gegenüber ihr Bekenntniß zur Geltung zu bringen. In Nassau bestätigte der Herzog 11. Ang. 1817 die U. In Baden wurde 1821 auf einer ans beiden Kirchen berufenen, von Geistlichen u. Weltlichen gebildeten Synode, die U. beider Kirchen zu einer Evangelisch-Protestantischen vollzogen, welche der Augsburgischen Confession und den Lutherischen und Heidelberger Katechismus symbolisches Ansehen ließ, aber freie Schriftforschung gestattete. Die rheinbayr. U-surkunde diente in vielen Beziehungen als Grundlage , doch unter nicht unwesentlichen Beschränkungen des Rationalismus. Das U-swerk schritt trotz einzelner Unzufriedenheiten so fort, daß 1834 ein Landeskatechismus u. 1836 eine Landesagcnde für die Unirte Kirche erscheinen konnte. Allein die Einführung eines neuen Kirchenbuches an die Stelle der Agende erregten heftige Streitigkeiten, welche erst durch die 1862 erschienene Verfassung für die ver- Union — Universalisten. 751 einigte Kirche erledigt wurde. In Knrh essen kam die U. in dem nachherigen Consistorialbezirk Hanau durch die Hanauer Synode von 1817 im absorp- tiven Sinne zur Einführung, während sie in den übrigen Landestheilen 1832 nur in der theologischen Facultät zu Marburg, in den Consistorien, Schulen u. Waisenhäusern zur Geltung kam. Im Gro ßh erz o gth um Hessen wurde dieU. seit 1817 in ganz Rheinhessen u. in einer großen Anzahl von Gemeinden der übrigen Landestheile eingeführt. Vgl. Hering, Geschichte der kirchlichen U-sversuche, Lpz. 1836—38, 2 Bde.; Wangemann, Sieben Bücher preußischer Kirchengeschichte, 1859 u. 1860; I. Müller, Die evangelischen., 1854; Stahl, Die lutherische Kirche u. die kl., 1859; dagegen: Sack, Die evangelische Kirche u. die U., 1861.' Heppe. Union, Counties u. Orte im nordamerik. kl-sge- biet, darunter: 1) in Illinois, 37" n. Br., 89" w. L., 16,518 Ew., Hauptort Jonesborough; 2) in Indiana, 39" n. B., 82" w. L., 6,341 Ew., Hauptort Libariy; 3) in Kentucky, 37" n. Br., 88° w. L., 13,640 Ew., Hauptort Morganfield; 4) in New Jersey, 40" n, Br., 74" w. L., 41,859 Ew., Hanpt-- ort U.; 5) in Nord Carolina, 35" n. Br., 83° w. L., 12,217 Ew., Hauptort Monroe; 6) in Ohio, 40 °n. Br., 83° w. L , 18,730 Ew., Hauptort Marysville; 7) in Pennsylvania, 41" n. Br., 77" w. L., 15,565 Ew., Hauptort Lewisbury; 8) in Süd Carolina, 34° n. Br., 81" w. L., 19,248 Ew., HauptortUnionville. Union- u. Central-Pacificbahn, s. Pacisic- bahnen 1). Unionisten, die Anhänger der 1817 zu Stande gebrachtenVereinignngder Lutherischen u.Resormir- ten Kirche zu Einer Evangelischen Kirche, s. n. Union; die, welche eine allgemeine Vereinigung aller christlichen Religionsparteien zu Einer Kirche beabsichtigen; in dem Nordamerikanischen Kriege 1861 bis 1865 die Anhänger der Union, im Gegensatz zu den Consöderirten. Unionkanal, 1) s. Schottland, S. 124, 1. Sp. 2) ein 125 km langer Kanal im Nordamerika». Unionsstaat Pennsylvanien, verbindet den Susquehan« nah bei Middletown mit dem Schuylkill bei Rending u. hat nicht weniger als 91 Schleusen. Unionsacte, 1) Parlamentsacte, durch welche Schottland u. England 1707 vereinigt wurden, s. u. England, Gesch., S. 357; 2) Acte, durch welche die schwedischen Reichsstände Gustav III. 1789 das Recht über Krieg u. Frieden übertrugen, s. u.Schweden, Gesch., S.210. Unionskönige, die dänischen Könige, welche über die durch die Kalmarische Union vereinigten Skandinavischen Reiche 1412 —1522 regierten, s. Dänemark u. Schweden, Gesch. Unio prolium (lat.), so v. w. Einkindschaft. Unirt, vereinigt, bes. von verschiedenen Glaubensgenossen, welche sich vereinigt haben. Unirte Griechen, Unirte Protestanten, s. Union. Unisono, im Einklang; in einem mehrstimmigen Stücke die Stellen, wo zwei u. mehrere, sonst selbständig geführte Stimmen od. Instrumente im Einklänge sortschreiten. Anfänglich war dies die einzige Weise, in welcher die Musik ausgeübt wurde; bei den Juden u. Griechen entstanden alsdann die Wechselgesänge u. erst aus deren Verbindung in der christlichen Musik ging die Mehrstimmigkeit hervor. Unitarier, 1) in u. nach der Reformationszeit 0 v. w. Socinianer od. Antitrinitarier, da sie in der Gottheit nur Eine Person annahmen, jetzt namentlich in Siebenbürgen mit einem geordneten Kirchenwescnheimisch. 2) Die 1774 von Theophilus Lindsay zu London, von dem Kaufmann William Christie zu Montrose u. später vonPriestley zuLeeds gestifteten antitrinitarischen Secten, denen anzugehören gesetzlich bis 1813 mit Todesstrafe bedroht war. Von Großbritannien verbreiteten sich die U. auch in Nordamerika u. dort hießen bes. U. die Anhänger der antitrinitarischen Lehre, welche sich 1815 aus den Congregationalisten herausbildeten u., weil sie die Mehrzahl ausmachten, in dem Besitz der Kirche u. Universität zu Cambridge in Massachusetts blieben. In diesem Staate sind die U. am verbreitetsten u. machen hier die Mehrzahl der Kirchen aus. In England sprachen ihn die Gerichte wegen der Läugnung der Dreieinigkeit den Anspruch aus das Kirchengnt ab, bis sich diese durch die Gesetzgebung (Oisssnbsrs obapslsbil11844) änderte. Neuerdings find sie mit dem deutschen Protestantenverein in Verbindung getreten. Ein gemeinsames Bekenntniß der U. existirt nicht. Vgl. die Zeitschr. IlnitarianUsralck, Art. Socinianer. 3) Anhänger des Staatssystems, nach welchem nur ein Staat unter einem Oberhaupt sein soll, entgegengesetzt den Föderalisten, welche die verschiedenen Provinzen einzeln regiert n. gleich wie in Nordamerika sie nur im Bündnisse repräsentirt haben wollen. Heppe- klnitoü 8tatss ok ümsrios (Vereinigte Staaten von fNord-Mmerika; officielle Abkürzung: II. 8. il., gewöhnlicher blos: II. 8.), s. Nordamerikauische Unionsstaaten. llnltus, vereinigt; daher Viribus Ilnitis, mit vereinigten Kräften, die Devise des Franz-Joseph- Ordens. Universal (Universell, (v. Lat.), allgemein, allumfassend, das Ganze betreffend. Universalarznei (Universalmittel, l?auaosa), Mittel, welches gegen alle Krankheiten Helsen soll. Universalerbe (Ilasros univsrsakis, Uasras ex asss), s. u. Erbrecht u. Universalsuccession. Universalfideicommisi, u ni v ers alv er< m Lchtniß, ein eine ganze Erbschaft od. ein Quote- theil derselben umfassendes Vermächtniß. Universalien, die allgemeinen Grundbegriffe (Aonus. spoeiss ota.), unter denen die Einzeldinge betrachtet werden, u. bezüglich deren die Scholastiker über die Frage stritten, ob sie nur subjective Ab- stractionen wären, od. ob sie objective Realität in den Dingen hätten, s. Scholastik. Universalinstrnment, einastronomischerWin- kelmesser, welcher als ein Passagcinstrnment, Meridiankreis, Repetitionskreis n. Theodolit zu gebrauchen ist. Das Fernrohr zeigt alle Besselschen Fnn- damentalsterne auch bei Tage. Universalismus (v. Lat.), die Richtung auf das Allgemeine, Allumfassende, namentlich wo mit ihr zugleich die Befähigung der allgemeinen Verbreitung verbunden ist. In diesem Sinne spricht man von dem U. des Christcnthums, um dadurch seinen Anspruch u. seine Befähigung, die Religion aller Völker der Erde zu werden, zu bezeichnen. S. auch Universalisten. 1 Universalisten (v. Lat.), diejenigen, welche an- 752 Universalität nehmen, daß Gottes Wille die Menschen zu beseligen, sich aus alle erstrecke u. nicht blos auf die, welche eine bestimmte Religion angenommen haben; diese Ansicht heißt Universalismus. U. bezeichnet sodann auch eine Secte in NAmerika, deren Hauptdogma ist: Da Christus für alle Menschen gestorben ist, so müssen auch alle ohne Unterschied selig werden, u. zwar glaubt die eine Partei derselben, daß jeder Mensch unmittelbar nach dem Tode in die Seligkeit eintritt, weil mit dem Tode alle Strafe für die Sünde gebüßt ist, während die andere, weniger verbreitete die Ewigkeit in zwei Perioden theilt: der Gerechte wird gleich nach dem Tode selig, der Sünder aber muß nach dem Tode bis zum Jüngsten Gerichte büßen u. geläutert werden u. erst nach dem jüngsten Gericht, wo die 2. Periode der Ewigkeit beginnt, wird er selig. Die U. find sehr zahlreich u. zählten über 900 Gemeinden, eine Universität u. 4 höhere Schulen, sämmtlich unter Leitung des aus Laien u. Geistlichen bestehenden Generalconvents in Massachusetts. Universalität, Allgemeinheit, diejenige Eigenschaft, vermöge deren etwas alles umfaßt, was zu einer gewissen Gattung gehört. Universalmonarchie, die Staatsform, welche die ganze Welt unter einer Regierung vereinigen will; ebenso wenig durchführbar, als der Universalstaat, der alle Völker der Erde zu einem Staate vereinigen soll. Universalsprache, so v.w.Allgemeine Sprache, s. u. Sprache. Univcrsalsuceession (sueessio univsrsalis), s. Succession. Universität (v. lat. Universitaa), Hochschule, eine öffentliche Lehranstalt, welche dazu bestimmt ist, nicht nur die Gesammtheit der Wissenschaften durch öffentliche Vorträge u. geeignete Übungen der ge- reifteren Jugend zu überliefern, sondern auch das Gebiet des menschlichen Wissens durch selbständige Forschungen der Lehrenden zu erweitern u. zu vertiefen. In der letzteren Beziehung haben die U-en dieselbe Aufgabe, wie die im engeren Sinne sogen. Akademien (s. d.), auch bezeichnet man sie oft mit diesem Namen; sie unterscheiden sich aber von ihnen wesentlich durch ihren Charakter als Lehranstalten. Andererseits unterscheiden sie sich von Len übrigen Hochschulen (Polytechnischen Schulen, Berg- und Forstakademien rc.), dadurch, daß an ihnen nicht blos einzelne Fächer gelehrt werden, sondern die Gesammtheit der Wissenschaften wenigstens in annähernder Vollständigkeit vorgetragen wird. Dadurch bieten sie dem Lernenden Gelegenheit, auch wenn er sich einem bestimmten Fache widmet, sich nicht nur mit allen Hilfswissenschaften dieses Faches bekannt zu machen, sondern auch ein Bewußtsein von den gegenseitigen Beziehungen u. dem Zusammenhänge der verschiedenen Zweige des Wissens zu gewinnen u. sich dadurch für seine künftige Beruss- thätigkeit möglichst vielseitig vorzubilden. Dieser Begriff u. diese Aufgabe einer U. gilt jedoch vorzugsweise von den deutschen U-en; auch hat er sich erst allmählich ausgebildet. Die Entstehung der Anstalten, für welche allmählich der Name U. gebräuchlich worden ist, fällt in das 12. Jahrhundert. Gelehrte Unlerrichtsan- stalten, welche zunächst ohne Rücksicht auf die sogen. — Universität. Brodstudien eine höhere geistige Bildung vermittelten, hat es zwar auch bei den Culturvölkern der alten Welt gegeben. Dahin gehören bes. die Prie- ster- bezw. Tempelschulen der Ägypter, aus denen feit dem 4. Jahrh. v. Chr. die hohe Schule zu Alexandria hervorging, welche sich zu einer wirklichen U. für alle Völker damaliger Zeit erhob u. das Vorbild aller anderen Hochschulen im Orient, Indien u. Europa wurde. In Griechenland waren die Schulen zu Athen u. Rhodos, die erstere bes. durch die Pflege der Philosophie berühmt; unter den römischen Kaiserschulen, welche durch Vespasian, Antoninus Pius u. Hadrian in den größeren Städten des Römischen Reiches eingerichtet wurdeir u. an welchen öffentliche Lehrer (Prosessoren) mit bestimmter Besoldung angestellt waren, um durch Vorträge über Philosophie, Grammatik, Poetik, Rhetorik und Geschichte die Ausbildung künftiger Staatsbeamter zu sichern, ist zu nennen das vom Kaiser Hadrian begründete Athenäum, später Levola romaua genannt, welches bis ins 5. Jahrh. in Blüthe stand. Die größte Ähnlichkeit mit den späteren U-en hatte die Schule zu Constantinopel durch die Einrichtung, welche ihr gegen Ende des 4. Jahrh. der Kaiser Valentinian gab; es waren an ihr 31 Lehrer ange- stellt: 1 Philosoph u. 2 Juristen, 5 Sophisten u. 10 Grammatiker für das Griechische, 3 Redner und 10 Grammatiker für das Lateinische, außerdem 10 sog. Antiquare mit der Verpflichtung Handschriften zu vervielfältigen. Die Studirenden mußten bei ihrer Aufnahme Zeugnisse ihrer Heimathsbehörde mitbringen; ihr Name, Geburtsort und Studium wurden in Verzeichnisseeingetragen; rücksichtlich desBe- suchs der Theater und anderer zeitraubender Zerstreuungen standen sie unter einer Disciplinaraufsichl; über die Trägen u. Widerspenstigen hatte der Prä- fect der Stadt eine Strafgewalt; Uber ihre Fortschritte u. ihr Betragen wurde ein jährlicher Nachweis an den Llaxistsr ofkiciorum eingegeben. Allen diesen Anstalten fehlte jedoch die eigenartige Selbständigkeit unserer U. Mit dem Untergänge des Weströmischen Reiches verkamen sie in den zu demselben gehörigen westlichen Ländern. Bei den germanischen Völkern aber waren die dürftigen Anfänge der wissenschaftlichen Cultur lange Zeit so ausschließend in Leu Händen der Geistlichen, daß vom Ende des 8. bis ins 12. Jahrh. die seit Karl dem Gr. und zuerst durch ihn entstandenen Kloster-, Stifts- u. Domschulen die einzigen Anstalten waren, an denen die der damaligen Zeit zugänglichen Kenntnisse (vgl. tzua- ärivium u. Drivium) zunächst von Geistlichen u. für Geistliche mitgetheilt wurden. Seit dem Anfang des 12. Jahrh. traten jedoch an einigen Orten Lehrer auf, welche nicht Geistliche waren und in andern Wissenschaften, z. B. der Jurisprudenz u. Medicin, Unterricht ertheilten; indem sich ihnen wißbegierige Schüler anschlossen, entstanden (anfänglich unabhängig von der Unterstützung des Staates und der Kirche, welche nur eine allgemeine Aussicht über sie in Anspruch nahmen) Spccialschulen; Lehrer u. Lernende traten dem Geiste des Mittelalters gemäß erst nach der Nationalität, später nach der Gleichartigkeit und Zusammengehörigkeit ihrer Studien zu Corpo- rationen mit bestimmten Verfassungen (Natioiwn, Facultäten ) zusammen, und so entstanden Lehranstalten , welche man durch das Wort Ruckimu od. Ltuäiuw Asneralo, u. seit dem 13. Jahrh., um die corporative Zusammengehörigkeit aller Lehrenden u. Lernenden zu bezeichnen, Ilviversitas, nämlich maAistrornm st seüolarium nannte, während die Beziehung des Wortes U. auf die Gesammtheit der Wissenschaften (Universitas litsrarnm) viel jüngeren Ursprungs ist. Als solche höhere Schulen waren seit Anfang des 12. Jahrh. des. berühmt Salerno für die Medicin, Bologna, wo Jrnerius (s. d.) lehrte, für die Rechtswissenschaft, und Paris für Theologie, scholastische Philosophie und Rhetorik. Unter den Studirenden der damaligen Zeit waren viele gereifte Männer, zum Theilverheirathet, aus verschiedenenNationen, u. dies war von großem Einflüsse auf die corporative Verfassung der U-en und ihr Verhältniß zum Staate. In Beziehung auf das letztere hatte schon 1158 Kaiser Friedrich I. der U. Bologna durch eine sogenannte Authentica selbständige Gerichtsbarkeit ertheilt; dasselbe geschah vom König Philipp August sllr die Universität Paris, und dieses Privilegium wurde von ihm 1229 nach einem Zerwürfniß, infolge dessen Lehrer und Lernende Paris verlassen hatten, von Neuem bestätigt und mit anderen Vorrechten vermehrt. Die Vertretung der Studirenden, überhaupt die ganze Gliederung der U. beruhte wesentlich aus der Eintheilung in Nationen; in Italien war die Hauptunterscheidnng die in die cisalpinische u. transalpinische; in Paris theilten sie sich seit 1206 in die englisch-deutsche, picardische, normännische und französische, in Prag (1348) in Böhmen, Polen, Bayern, Sachsen. Die innere Verfassung der U. hatte in Bologna u. anderen italienischen U-en einen auf eine gewisse Gleichheit der Lehrenden n. Lernenden gegründeten Charakter; die Letzteren wählten dasOberhaupt der U-, denRector, ihre Repräsentanten im Rathe der U. ((ionsiliarii, ikroenratorss), den Syndikus, welcher die Verhandlungen der U. mit anderen U-en zu führen hatte, den Kassirer, selbst die Lehrer. In Paris wählten die Nationen zwar auch Len Rector, bis 1280 direct, seitdem durch Wahlmänner), aber die Lehrer übten die Gerechtsame der Nationen, überhaupt die Hoheits- u. Regierungsrechte ausschließend aus. Neben der selbständigen Gerichtsbarkeit, an deren Ausübung die Beamten der Nationen theil- nahmen, war das Recht, Eigenthum zu erwerben u. selbst zu verwalten, eine der wichtigsten Folgen der corporativen Selbständigkeit der U-en. Ebenso erwarben sie zum Theil Lurch päpstliche Bestätigung das Recht, die Uosntia cioosnüi, d. i. die Befuguiß als Lehrer auszutreten, zu ertheilen. Dieses Recht hatte zu Anfang des 13. Jahrh. in Paris der Kanzler in Anspruch genommen, während die Bischöfe, denen esPapstHonoriusim Jahre 12i9zugesprochen, die Prüfung für das Lehramt in der Regel den Mei- sternselbst überließen. So wurde gerade der Kampf um dasselbe eineVeranlassung dazu,Laß sich die Vertreter derselben Wissenschaften enger zusammenschlossen zu Facultäten, welche nunmehr ebenso wie die Nationen zunftartige corporative Gestaltung gewannen. In Paris consolidirte sich neben der ssasnltas ar- tinin (der philosophischen Facultät) die theologische u. nach ihrem Beispiel die medicinische n. juristische Facultät erst 1259 u. 60; an der Spitze der Facultäten standen die aus ihrer Mitte gewählten Decane PiererL Ilniversal-TonverlationL-Leriton. L. Ausl, XV rsität. 753 und die Eintheilung nach Facultäten kreuzte sich in mannigfaltigen Beziehungen mit der nach Nationen. Für den, welcher als Lehrer austreten (sich habili- tiren) wollte, wurde eine gewisse, in Vergleichung mit den gegenwärtigen Verhältnissen sehr lange Studienzeit gefordert; er mußte sich Prüfungen unterwerfen n. seine Befähigung in öffentlichen Disputationen darlegen. Hiermit hing die Entstehung u. Abstufung der akademischen Würden und Grade zusammen, welche unter großen Feierlichkeiten ertheilt wurden. Die beiden akademischen Grade waren die des Baccalaureus und des Licentiaten; mit dem elfteren war in Paris die Benennung Magister, in Bologna die Benennung Doctor gleichbedeutend, während die Unterscheidung des Doctorats als der höchsten akademischen Würde von diesen beiden Stufen erst später auskam u. heutan den deutschen U-en die Bezeichnungen Baccalaureus u. Magister ganz verschwunden sind u. nur die theologische Facultät noch den Unterschied zwischen Licentiaten u. Doktoren festhält, die übrigen aber nur Doctoren promo- viren. Besoldungen vom Staate erhielten die Lehrer an den meisten U-en anfangs nicht; ihre Einkünfte bestanden neben den Renten des Corpora- tionsvermögens in den Honoraren ihrer bisweilen sehr zahlreichen Schüler; feste Besoldungen hatte jedoch Kaiser Friedrich II. den Lehrern an der von ihm 1224 gegründeten U. zu Neapel ausgesetzt; auch in Bologna gab es seit 1289 zwei (später 4) von der Stadt fundirte Lehrstellen; allmählich fingen jedoch Fürsten n. Gemeinden an ausgezeichnete Lehrerdurch Besoldungen zu gewinnen od. zu erhalten. Berufungen waren lange Zeit nur Ausnahmen; dagegen waren freiwillige Übersiedelungen u. Wanderungen der Lehrer, denen auch wol eine Anzahl Schüler folgte, nichts Seltenes. Da es unter den Studirenden viele unbemittelte gab u. als namentlich in Paris die große Menge derselben in den Klostergebäuden kein Unterkommen finden konnte, entstanden die Collegien und Bursen (Lnrsav), Gebäude, in denen die Studirenden (Lnrsalss, Lnrsalii, Burschen) unter der Aussicht von Lehrern mit der Verpflichtung zurBeobachtung der Hausordnung wohnten u. ihre Lebensbedürfnisse gegen Bezahlung erhielten; für die ärmeren wurde mannigfaltig durch milde Stiftungen (Stipendien, Freitische, Hospitäler) gesorgt. WährendinEnglanddieseCollegien, in denen die Studirenden außer Wohnung, Unterhalt u. Beaufsichtigung auch ihren Unterricht erhalten, an den U-en Oxford und Cambridge (s. u.) reichlich dotirt, fast ungeändert fortbestehen, haben dieselben in Deutschland niemals einegleicheBedeutung gewonnen u. heute bezeichnet man mit dem Wort Collegium, ohne an seinen Ursprung zu denken, einfach eine Vorlesung. Anderseits schuf der Trieb nach Unabhängigkeit u. die Wanderlust der Germanen eine dem Mittelalter eigenthümliche Art von Studenten, die fahrenden Schüler, die im Lande umherziehend bald als Schreiber, bald als Gelegenheitsdichter, bald als Schulmeister ihren Lebensunterhalt suchten, nicht selten aber auch zur Landplage wurden. Seitdem 13. Jahrh. wurden die neugestifteten U-en meist durch bestimmte Einkünfte dotirt; ihre Rechtsverhältnisse wurden in der Regel sorgfältig in bes. Statuten sestgestellt, deren Bestätigung beider weltlichen u. geistlichen Macht nachgefucht werden mußte; 1. Band. 48 754 Universität. namentlich hing die Bestätigung der Stiftung einer U. vom Papste ab. Die Einrichtungen der Pariser U. wurden für viele der im Lause des 13.—15. Jahrh. gegründe- teu U-en Frankreichs, Englands nnd Deutschlands maßgebend. Nach den Ländern u. der Zeitfolge geordnet sind es folgende: In Frankreich: Paris, als U. privilegirt 1200; Montpellier, 1180, privile- girt, 1289; Toulouse, seit 1229 unter päpstlicher Aufsicht; Angers, 1229 berühmte Rechtsschule, seit 1373 mit 4 Fakultäten; Orleans, 1254; Lyon, schon vor 1300; Grenoble, 1339, nach Valence verlegt 1452; Avignon,Perpignan, 1340; Aix, 1409; Dole, 1426; Poitiers, 1431; Caen, 1433; Bordeaux, 1447; Nantes, 1463; Bourges, 1464. Jn Jta- lien: Salerno, 1075, organisirt 1150, privilegirt 1490; Bologna, privilegirt 1158; (Bicenza, 1204, Arezzo, 1215, juristische Hochschulen); Padua, um 1222; Neapel, 1224; Rom, Archigymgasium,1245, Universität 1431; Pisa, 1316; Pavia, 1361; Ferrara, 1264, reorganisirt 1391; Turin, 1412; Florenz, 1438; Catania, 1445. In England und Schottland: Oxford, seit 1141; Cambridge, vor 1209 (in Urkunden 1229); St. Andrews, 1412; Glasgow, 1454; Old-Aberdeen, 1477. In Deutschland: Prag, päpstliches Privilegium 1347, kaiserliche Stiftungsurkunde 1348; Wien, 1365; Heidelberg, 1346, eingeweiht 1386; Köln, 1388 (aufgehoben 1801); Erfurt, 1392 (aufgehoben 1815); Wllrzburg, 1403; Leipzig, 1409, gegründet von aus Prag ausgewanderten Professoren und Studenten; Rostock, 1419, nach Greifswald verlegt 1437 -43, nach Blltzow 1760, in Rostock wieder hergestellt 1789; Greifswald, 1456; Freiburg im Breisgau, 1457; Trier, 1472 (ausgehoben 1798); Ingolstadt, 1472 (1800 nach Laudshut u. von da 1826 nach München verlegt); Tübingen, 1477; Mainz, 1477 (jetzt Gymnasium). Inder Schweiz: Basel, 1460. In Spanien: Valencia, 1209; Salamanca, um 1250; Lerida, 1300; Valladolid, 1346; Huesca, 1354; Sigueuza, 1472; Saragossa, 1474; Toledo, Alcala, 1499. In Portugal: Coimbra, 1297; Lissabon, 1290, nach Coimbra verlegt 1308. In den Niederlanden: Löwen, 1462. In Dänemark: Kopenhagen, 1479. In Schweden: Upsala, 1476. In Polen: Krakau, 1347. In Ungarn: Ofen, 1465, 1784 nach Pest verlegt. Die großen kulturhistorischen Ereignisse des 15. und 16. Jahrh., die sog. Wiederherstellung der Wissenschaften (ksstauratio iitsrarum) durch das erneuerte Studium des klassischen Alterthums u. die kirchliche Reformation, waren nicht von den U-en als solchen ausgegangen, obwohl viele an ihnen wirkende Gelehrte den thätigsten Antheil daran nahmen u. einzelne U-en, wie z.B. Wittenberg durch Luther u. Melanchthon, Mittelpunkt der neuen gei- stigen Bewegung wurden; aber die Rückwirkung dieser geistigen Bestrebungen und der durch sie ge weckten Bedürfnisse auf die U-en konnte nicht aus- bleiben. Zwar behielten die schon bestehenden U-en ihre aus dem Mittelalter überlieferte korporative Verfassung bei; aber bei der wachsenden Erweiterung der Wissenschaften mußten sowohl die Lehrkräfte vermehrt, als auch die Anforderungen an die Lehrer größer werden. Vielen U-en war es nicht möglich Liesen Ansprüchen durch die eigenen Mittel zu genügen; Zuschüsse von Seiten des Staates wurden unentbehrlich; dadurch gewannen die Regierungen Gelegenheit, einen vermehrten Einfluß auf die U-s- augelegenheiten, bes. auf die Besetzung der Lehr- stellen, auszuüben. In Deutschland, der Schweiz u. den Niederlanden war der Gegensatz des Katho- licismus u. Protestantismus u. innerhalb des letzteren die Verschiedenheit des lutherischen u. reformir- tcn Bekenntnisses Veranlassung zur Stiftung vieler neuer U-en, welche zum Theil mit eingezogenen Klostergütern dotirt wurden, eine Maßregel, welche auch manchen älteren protestantisch gewordenen U-en zu Gute kam. So wurde Marburg 1527 vom Landgrafen Philipp dem Großmllthigen als die erste protestantische U. gegründet; es folgte Straßburg 1538, eine Stiftung des Straßburger Magistrats, Königsberg in Preußen 1544, die Erhebung des lutherischen Gymnasiums zuJena zu einer U. 1558; ebenso entstanden die U-en zu Zürichdurch Zwinglis, zu Genf durch Calvins Betrieb, zu Herborn durch Johann den Älteren, Grafen von Nassau. Bon kath. Neichsfürsten, Erzbischöfen u. Bischösen wurden dagegen in der 2. Hälfte des 16. u. 17. Jahrh., wo die Reaktion des Katholicismus gegen den Protestantismus unter dem Einflüsse des Jesuitenordens geistige Hilfsmittel suchte, ebenfalls eine Anzahl katholischer U-en, wie Dilliugen, Graz, Paderborn, Molsheim, Salzburg, Münster, Osnabrück, Innsbruck, gegründet. Zur Übersicht dient das folgende Verzeichniß der seit dem 16. Jahrh. in den verschiedenen Ländern Europas gegründeten U-en: In Deutschland: Wittenberg 1502, lutherisch seit 1517, aufgehoben und mit Halle vereinigt 1817; Franks, a. d. O. 1505, protestantisch 1539, aufgehoben und mit Breslau vereinigt 1811; Marburg 1527; Straßburg 1538, mehrfach umgestaltet unter französischer Herrschaft, wiederhergestellt als deutsche U. 1. Mai 1872; Königsberg in Preußen 1544; Jena 1558; Dillingen, kathol. Seminar, 1549, seit 1804 Lyceum; Helmstädt, lutherisches 1576, aufgehoben 1809; Altorf, lutherisches 1575, aufgehoben 1809; Herborn, resormirtes akademisches Gymnasium 1584, U. 1654, seit 1818 nur noch theologisches Seminar; Graz 1586 für katholische Theologie u. Philosophie, U. seit 1827; Paderborn 1592, ausgehoben 1815; Gießen luther. 1607; Molsheim im Elsaß kathol. 1618, nach Straßburg verlegt 1702; Rinteln lutherisch 1618, ausgehoben 1809; Salz- bürg katholisch 1622, aufgehoben 1810; Münster 1631, seit 1821 theologische Specialschule mit einer philosophischen Fakultät; Osnabrück kathol. 1632, seit 1650 Jcsuitencollegium; Bamberg, kathol. 1648, 1803 in ein Lyceum verwandelt; Duisburg reform. 1655, ausgehoben 1804; Innsbruck kathol. 1670, aufgehoben 1810, wiedcrhergestellt 1826; Lingen resormirtes akademisches Gymnasium 1687, seit 1820 in ein Gymnasium verwandelt; Halle luther. 1694; Breslau kathol. 1702, erweitert, namentlich mit einer evangelisch-theologischen Fakultät, u. mit Frankfurt a. d. O. vereint 1811; Kassel, Oollegiuw, illustrs Oarolinum 1709, aufgehoben u. mit Marburg vereinigt 1786; Fulda kathol. 1734, aufgehoben 1804; Göttingen luther. 1734,eingeweihtl737; Erlangen luther., in Baireuth 1742 gestiftet, nach Erlangen verlegt 1743; Bützow luther. 1760, mit Rostock vereinigt 1789; Bonn kathol. 1774, einge- Universität. 755 gangen 1792, neu begründet kathol. und evangelisch 1818; Stuttgart (Karlsschnle, s. d.), Militärische Akademie 1770, U. 1781 (jedoch ohne theologische Facultät), eingegangen 1794; Olmütz kath. 1779, nach Brünn verlegt 1783, wiederhergestellt 1827; Lemberg kathol. 1784;Laudshut 1802 , aufgehoben und mit München vereinigt 1826; Berlin 1810, München 1826. In der Schweiz: Zürich 1621; Lausanne 1537, erweitert 1711; Genf 1536; Bern 1805. JndenNiederlanden u.Belgien: Douai kathol. 1562; Leydenreform. 1575 ;Franeker reform. 1585, ausgehoben 1811, seit 1816 Athenäum; Har- derwijk reform. 1600, aufgehoben 1811, seit 1816 Athenäum, Groningen, reform. 1614; Utrecht re- formin 1636; Lüttich u. Gent 1816; Wechsln kath. 1834, bald darauf nach Löwen verlegt; Brüssel 1839. In Großbritannien: Ediuburg 1582; Dublin 1591; New-AberLeen 1593; London 1836. In Dänemark u. Norwegen: Soroe, luther. d^nmasium iUustrs 1586, Akademie 1623; Chri- stiania 1811. In Schweden: Äbo in Finnland luther. 1640, Lund 1666. In Frankreich: Reims 1547, Besanxon 1564. In Italien: Macerata 1540, Messina 1548; Mailand 1565; Parma 1606, Mantua 1625; Urbiuo 1671. In Spanien: Al- cala de Henaris (Oompkukum) 1499; Sevilla 1504; Granada 1531; Compostella 1532; Baeza 1533 eingegangen; Ossuna 1548 eiugeg.; Gandia 1549 eingeg.; Osma 1550; Orihuela u. Almagro 1552 eingeg.; Oviedo 1580; Barcelona 1596 eingeg.; Pamplona 1680 eingeg.; Giroua 1700 eingeg.; Cervera 1717 eingegangen. In Ungarn: Tyrnau 1635, mit Ofen vereinigt 1780;Klausenburg 1580. In Rußland ».Polen: Wilna l576;Kiew 1588; Zamosk 1594 eingeg.; Dorpat 1632, neu eilige- richtet 1802; Moskau 1705; Kasan 1803; Charkow 1804; Warschau 1816, aufgehoven1832, wiederher- gestellt 1862; St. Petersburg 1819. In Griechenland: Athen 1837. In der Türkei: Constantino- pel durch SafvetPaschagegründet. Vgl. Fr.Zarncke, Die deutschen U-en im Mittelalter, 1. Beitr., Lpz. 1857; Lholuck, Das akademische Lebendes 17.Jahrhunderts, Halle 1853. In Deutschland erfreuten sich die protestantischen U-en wegen der der Hauptsache nach auf ihnen anerkannten Freiheit der wissenschaftlichen Forschung der fruchtbarsten Entwickelung. Zwar wirkte der Dreißigjährige Krieg durch die Verwilderung u. Rohheit der Studirenden, zu welcher er führte, auch auf sie höchst nachtheilig, n. leidenschaftliche theologische Streitigkeiten, sowie ein engherziger, pedanti- scherZunsl-u. Kastengeist der Lehrenden lähmten vielfach ein ernstes u. uneigennütziges wissenschaftliches Streben: aber seit dem 18. Jahrh. erstarkte zum Theil unter der Pflege von Fürsten u. Regierungen, welche die Wissenschaft um ihrer selbst willen liebten, der wissenschaftliche Sinn von Neuem; U-en, wie Halle u. Göttingen, im 19. Jahrh. Bonn u. Berlin, erhielten sogleich bei ihrer Gründung od. ihrer Reorganisation eine von den Schranken des mittelalterlichen Corporatiouswesens unabhängigeEinrichtung; für Bibliotheken, Sammlungen u. Institute wurde mit größerer Freigebigkeit gesorgt; es wurden Lehrstühle sür Geschichte, Natur- u. Staatswissenschaften, vergleichende Sprachkunde, Geographie rc. errichtet, u. wenn auch die U-en durch den mit ihren vermehrten pecuniären Bedürfnissen nothweudig zunehmenden Einfluß der Regierungen auf sie einen großen Theil ihrer Selbständigkeit verloren haben , so wird dieses doch im Ganzen u. Großen durch die ihnen zu Gute kommende öffentliche Fürsorge vergütet. Im Deutschen Reich bestehen jetzt folgende Universitäten Zahl der Lehrer (Winter-Semester 1878/79) « jL " ! Zahl der Z renden (S mer-Sem. „ ! rr Z > H HZ' Z. Z"> L Sludi- 0M- 1378) L S Berlin .... 136! 79 215 2569 1762 4331 Bonn .... 77 ^ 23 100 1063 35 1098 Breslau 7üi 30 106 1240 10 1250 Erlangen 17 17 64 415 415 Freiburg 47 10 57 418 36 454 Gießen .... 46 9 55 335 12 347 Götti-iqen . . 85 3> 120 988 21 1009 Greifswald . 49 12 61 525 9 534 Halle .... 72 35 107 Vl4 30 944 Heidelberg 73 37 110 750 SS 808 Jena .... 57 21 78 545 25 570 Kiel .... 47 69 252 12 264 Königsberg . 67 22 69 666 5 671 Leipzig .... 118 42 160 2861 87 2948 Marburg München 51 20 71 450 6 466 97 42 136 1364 32 1390 Münster (nur theolog. u. Philosoph. Facultät) 26 4 30 322 1V 332 Braunsberg desgl.. 9 1 10 17 17 Rostock .... 33 8 41 15^ 157 Straßburq 71 19 90 736 736 Tübingen 64 24 88 1137 7 1144 Wiirzburg 43 23 66 922 38 960 Zu den deutsche» U-en können auch die der Schweiz (Basel: 67 Lehrer, 215 Studirende; Bern: 82 Lehrer, 321 Studirende; Zürich: 86 Lehrer, 391 Stu- dirende) gerechnet werden; ebenso die der russ. Ost- seeproviuzen Dorpat (78 Lehrer, 910 Studirende). Die Grnndzllge der Einrichtung der deutschen U-en sind unter Abrechnung einzelner localer Verschiedenheiten folgende. An der Spitze der U. steht ein gewöhnlich aus den Zeitraum eines Jahres aus der Mitte der ordentlichen Professoren gewählter, von der Regierung bestätigter Rector, od. wo die Landesfürsten sich das Rectorat sür immer Vorbehalten haben, wie z. B. in Jena u. Göttingen, Pro rec- tor; an manchen U-en ist die Regierung durch einen besonderen Curator oder Kanzler vertreten; seit den Karlsbader Beschlüssen von 1819 soll an jeder U. ein Regierungsbevollmächtigter als eine Art Aufsichtsbehörde vornehmlich in politischer Beziehung sich befinden. Unter dem Vorsitze des Rectors beräth od. beschließtderAkademischeSenat über allgemeine U-saugelegenheiten; die Zusammensetzung u. Art der Ernennung desselben ist aber, eben so wie der Umfang seiner Befugnisse, an verschiedenen U-en verschieden. Die ganze U. besteht in der Regel ans vier Facultäten, der theologischen, juristischen, medicinischen u. philosophischen; die letztere umfaßt außer der Philosophie die Philologie u. Linguistik, Geschichte, Natur- u. Staatswissenschaften. In Tübingen bestehen für die beiden letzten besondere Facultäten. Auch in München u. Würzburg ist eine staatswissenschaftliche, in Straßburg u. Dorpat eine mathematisch-naturwissenschaftliche Fa- cultät von der philosophischen getrennt, während an Len schweizer. U-en Liese Facultät aus 2 Abtheilungen 48 * 756 Universität. besteht. An der Spitze einer jeden Facultät steht ihr Dekan, welcher von den ordentlichen Professoren der Facultät aus ihrer Mitte aus ein Jahr gewählt u. von der Regierung bestätigt wird. Auf die einzelnen Facultäten vertheilen sich die Studirenden Deutschlands wie folgt: 1738 evangelische Theologen: katholische Theologen: Juristen: Mediciner: Philosophen, Philologen, Mathem., Naturw. :c. ) 700 öISL S7LS 7242 Berufung tüchtiger akademischer Lehrer Concurrenz zu machen. Für die Aufnahme der Lernenden (Stuben» ten) wird der Beleg einer genügenden Vorbildung durch einMaruritätszeugnißverlangt; als diese Vorbildungwird vorherrschend dieGymnasialbildung angesehen; indessen haben die veränderten Richtungen u. Bedürfnisse der neueren Zeit in dieser Hinsicht insofern eine Veränderung herbeigefllhrt, als auch die Abiturienten der Realschulen 1. Ordnung, wenn sie Mathematik od. Naturwissenschaften oder Im Verhältniß zur Gcsammtzahl ihrer Studiren- neuere Sprachen studiren wollen, in die philosophi- den zählt die meisten Theologen: Erlangen (darnach-sche Facultät ausgenommen werden u. auch die Stu- Tübingen, Halle), die meisten Juristen: Heidelberg! direuden der technischen Hochschulen in Berlin an der (dannBerlin,Leipzig),diemeistenMediciner:Würz-§dortigen U. zum Besuch der Vorlesungen berechtigt bürg (dann Greifswald), München), während inHalle (Breslau,Königsberg) die philosophische Facultät die frequenteste ist. Die Lehrer zerfallen in ordentliche u. außerordentliche Professoren u. Privatdocenten; die letzten erwerben die Erlaubniß Vorlesungen zu halten (Venia ckoesocki) durch die Habilitation, d. h. durch eine mündliche Prüfung, die Vertheidi- gung einer gedruckten Probeschrist iuöffentlicherDis- putation u. an manchen U-en durch eine Probevorlesung. Die ordentlichen Prosessoren sind für bestimmte Fächer angestcllt, über welche sie Vorträge zu halten haben (sogen. Nominalprofcssuren); die außerordentlicheProsessur ist die Übergangsstufe vom Privatdocenten zum ordentlichen Professor; die Privatdocenten bilden gleichsam die Pflauzschule für die akademischen Lehrkräfte; das Institut derselben wirkt so wohlthätig, daß auch die österr. U-eu seit! 1849 dasselbe angenommen haben, während in Österreich früher die Bewerbungen um akademische Lehrämter, wo nicht unmittelbare Beförderungen u. Berusungen einlraten, durch Concursschriften stattfanden. An einigen Ü-en gibt es als eine Mittelstufe zwischen den Privatdocenten und außerordentlichen Professoren Repetenten. Für die neueren Sprachen sind erst in jüngster Zeit an einigen U-en besondere Lehrstühle geschaffen an den übrigen U-n heißen die Lehrer der neueren Sprachen noch heute Lectoren und gehören nicht zu dem eigentlichen akademischen Lehrkörper. Für die Musik, das Turnen, die Fechtkunst, Reitkunst u. Tanzkunst sind in der Regel besondere Nebenlchrer angestellt. Die Ernennung zu akademischen Ämtern liegt in der Hand der Regierungen; indessen haben bei der Wiederbesetzung erledigter Lehrstellen die betreffendenFacultätenentweder statutenmäßig vd. durch langen Gebrauch das Recht des Vorschlags (Denomination). Für den akademi- scheu Unterricht gilt vornehmlich an den protestantischen U-en im Princip der Grundsatz der Lehrfreiheit, d. h. jeder Docent darf die Ergebnisse seiner wissenschastlichenForschung frei u. ungehindert vortragen u. jede wissenschaftliche Richtung, welche nicht geradezu mit den bestehenden Gesetzen des Staates in Conflict geräth, darf sich geltend machen; für die Aufrechterhaltung dieses Grundsatzes u. überhaupt für eine gewisse Unabhängigkeit der akademischen Lehrer ist dabei die Theilung Deutschlands in eine Vielheit von Staaten insofern nützlich, als die Anstellung u. Beförderung nicht, wie z. B. in Frankreich, von dem Belieben einer einzigen Regierung abhängt, sondern die letzter» genöthigt sind, sich in der sind. Neben den vollberechtigten Studenten kann aber auch Jeder, welcher die Erlaubniß des Rectors dazu erhält, Vorlesungen hören u. die Institute der U. benutzen. Den Act der Aufnahme eines Studenten, die Immatrikulation, bezeichnet die Jnscrip- tion, d. h. das Einträgen seines Namens in das Verzeichniß (LIdum) der U. sammt der damit verbundenen Verpflichtung auf die akademischen Gesetze. Wie für die Lehrer der Grundsatz der Lehrfreiheit so gilt für die Studirenden der der Lernfreiheit, d. h. es ist in die eigene Wahl des Studirenden gestellt, welche Vorlesungen (Collegien), in welcher Reihenfolge, bei welchem Lehrer er sie hören will; nur daß gewisse für einen bestimmten Berus bes. wichtige Vorlesungen gehört worden sind, darüber wird bei der späteren Anmeldung zu den für den Eintritt in ein öffentliches Amt angeordneten Prüfungen eine Bescheinigung verlangt (Zwangscollegien, obligate Collegien). Ein anderes Mittel, den Gefahren einer unbeschränkten Lernfreiheit zu begegnen, sind die in neuerer Zeit an fast allen U-en entstandenen theologischen, philologischen, historischen, mathematischen rc. Seminare, deren Mitglieder zu selbständigen Arbeiten von den leitenden Professoren angeleitet, meist auch durch Preise ermuntert werden. Auch die alljährlich von Len einzelnen Facultäten gestellten Preisaufgaben sollen zu umfangreicheren wissenschastlichcn Forschungen anspornen. Mehrfach ist auch die Gewährung von Unterstützungen (Stipendien, Freitische, Stundung der Lollegienhonorare) von einer Probe des Fleißes abhängig. Jeder Studirende kann seine Studien aus jeder deutschen U. machen; nur einige Semester muß er in der Regel auf der Landesuniversität studirt haben. Für die Dauer des akademischen Studiums nahm man sonst drei Jahre an (Prionniurn aeaäsmiouin); die Ausdehnung, welche allmählich die verschiedenen Zweige des Wissens erlangt haben, läßt diesen Zeitraum meist als zu kurz erscheinen, selbst wenn der Studirende seine Zeit gewissenhaft benutzt. Die Studirenden stehen rllcksichtlich ihres Betragens und ihrer Handlungen mit Ausnahme solcher, welche vor die Criminalge- richte gehören, unter einer eigenen akademischen Gerichtsbarkeit, welche von dem U-srichter unter größerer od. geringerer Mitwirkung von Mitgliedern des Akademischen Senats ausgeübl wird. Gegen die Zweckmäßigkeit dieses eigenen Gerichtsstandes der Studirenden, vorzüglich für Schuldsachen und polizeiliche Vergehen, sind in neuerer Zeit von diesen selbst vielfache Einwendungen erhoben worden, obgleich ursprünglich u. Jahrhunderte lang ihr Universität. 757 eximirter Gerichtsstand für eines ihrer wichtigsten Privilegien gehalten wurde. Nach der neuen deutschen Gerichtsordnung werden die U-sgerichte aufgehobenwerden. Das Aufsichtsrecht in Disciplinaran- gelegenheiten ist durch ein besonderes Gesetz geregelt. Die U-sstrafen bestehen in Verweisen, Freiheitsstrafen (Carcer) u. der Wegweisung von der U. auf kürzere oder längere Zeit (Oousiliuiu adsunär und Relegation). Neben der Lehr- u. Lernfreiheit versteht man unter der Akademischen Freiheit bisweilen noch vorzugsweise eine gewisse Ungebundenheit derStudirenden in Beziehung aus die geselligen Verhältnisse , eine Unabhängigkeit von den durch diese gebotenen Rücksichten, deren ängstliche Beobachtung in ihren Augen den Philister charakterifirt. Studentische Sitten u. Gebräuche (s. Comment) bildeten sich schon unter den fahrenden Schülern aus, so der Unterschied zwischen den älteren Studenten (Bakchan- ten, Burschen) u. den jüngeren (Tironen, Schützen, Füchsen). Schon frühzeitig entwickelte sich ein eigenes Standesbewußtsein, getragen durch den Begriff der studentischen Ehre, zu deren Wahrung u. Mehrung das Duell diente. DiePflegedieses studentischen Comments (Paukcomment,Kneipcomment rc.) wird vorzugsweise von den Mitgliedern der an allen deutschen U-e» bestehenden Studentenverbindungen in Anspruch genommen. Solche Verbindungen waren seit dem 17. Jahrh. die Orden und die aus Studirenden desselben Landes gebildetenLandsmann- schaften oder Corps, welche beide an die Stelle der mittelalterlichen Bursen traten u. sich feindselig einander gegenllberstanden, bis seit Anfang des 19. Jahrh. die Orden vor den Landsmannschaften verschwanden. Diese hatten förmliche Constitutionen u. Abstufungen ihrer Mitglieder als Thargirte, Corpsburschen u. Renoucen. In neuester Zeit, wo diese Verbindungen nicht mehr von Landsleuten, sondern von Studirenden verschiedener Länder gebildet werden, heißen sie blos noch Corps, haben aber ähnliche Constitution u. denselben Comment zum Theil auch dieselben Namen (Preußen, Westfalen, «ilesen rc.) wie die alten Landsmannschaften. Im Gegensatz zu ihnen setzte sich die nach dem Befreiungskriege ent- standene Burschenschaft (s. d.), die Vorbereitung zur Herbeiführung eines frei u. gerecht geordneten u. in Volkseinheit gesicherten deutschen Staatslebens mittels sittlicher, wissenschaftlicher und körperlicher Ausbildung aus der Hochschule zum Ziele. Aber infolge der Vorgänge beim Wartburgssest und der Ermordung Kotzebues durch Sand (s. d.) faßten in der Zeit der damaligen politischen Reaction die Regierungen gegen diese Verbindungen, ja gegen die U-en selbst als gefährliche Herde politischer Aufregung Mißtrauen, welches durch Schmähschriften, wie Alexander Stourdzas Llsmoiro sur 1'stat uetusl äs 1'L.UsmsZiw noch vermehrt wurde. Die Folge davon waren neben den Karlsbader Beschlüssen weitausgedehnte Untersuchungen gegen geheime Studentenverbindungen, welche jedoch trotz aller Strenge der Mainzer Centraluntersuchungscommission lediglich Belege jugendlich überspannter Schwärmerei, aber keine Beweise politischer Verschwörungen zu Tage fördern konnten. Trotz aller Verbote bestand die Burschenschaft im Geheimen fort, aber seit 1820 lösten sich nicht nur zahlreiche Mitglieder ab, um von Neuem Landsmannschaften zu bilden, sondern innerhalb der Burschenschaft selbst entstanden zwei Verbindungen, die gemäßigten Arminen u. die entschiedeneren Germanen, welche sich namentlich in Jena lebhaft bekämpften. Aber nach den politischen Ereignissen des Jahres 1830 ordueteder Deutsche Bundestag infolge des Frankfurter Attentats und des Hambacher Festes eine neue Centraluntersuchungscommission in Frankfurt a. M. an, welche Hunderte von Jünglingen u. jungen Männern, die mit Freuden ihr Herzblut fürs Vaterland hingegeben hätten, ins Gefängniß führte. In Preußen, wo ein Kamptz, Dambach, von Tzschoppe, in unerhörter Weise die Untersuchung geführt, wurden von 204 Angeklagten wegen versuchten Hochvorraths 39 zum Tode ver- nrtheilt, davon 4 zu lebenslänglicher, die übrigen zu 30jährigerFestungshaftbegnadigt. Erst nach dem Tode Friedrich Wilhelms III. (1840) fand eine Amnestie statt, welche den letzten dieser Unglücklichen (u. A. Fritz Reuter) die Freiheit wiedergab. Überhaupt blieben burschenschaftliche Verbindungen bis 1848 verpönt, während die Landsmannschaften od. Corps, als Gegner der Burschenschaften, stillschweigend tole- rirt, hier u. La wol auch protegirt wurden. Die Bewegungen des Jahres 1848 erregten auch dieGemü- ther der akademischen Jugend; in der Wiener Revolution spielte die Akademische Aula einige Monate lang eine bedeutende Rolle; an den Aufständen in Dresden u. Baden betheiligten sich jedoch nur einzelne Studirende, u. wo sie sich sonst politisch vor- drängteu, waren sie meist nur Werkzeuge schlauer Demagogen. Dagegen entstanden damals allerlei Forderungen in Beziehung auf die Reorganisation u. einheitliche Verknüpfung der deutschen U-en. Die meisten dieser Bestrebungen sind ohne Erfolg geblieben, weil die von verschiedenen Seiten gestellten Forderungen einander aufs Schroffste wiedersprachen, weil man einerseits den Äußerlichkeiten des U-s- u. Studentenlebens gegenüber der eigentlichen Aufgabe der U. als eine Pflanzstätte der Wissenschaft zu hohen Werth beilegte, während man anderseits vergaß, daß eine rein schulmäßige Beaufsichtigung der Stu- direnden die freie Entfaltung ihrer geistigen Kräfte und echte Charakterbildung beeinträchtigen würde. In den fünfziger Jahren haben die Regierungen die Studentenverbindungen auch dieburscheuschaftlichen, gegen Einreichung ihrer Statuten erlaubt. In neuester Zeit haben sich vielfach auch die außerhalb der älteren Verbindungen stehenden Studenten (die sog. Ka- meele, Wilden, Finken), theils zu einer allgemeinen Studentenschaft (Allgemeinheit), theils zu wissenschaftlichen und ähnlichen Vereinen (mathematischer, naturwissenschaftlicher, chemischer,juristischer, theologischer,Sing-, Turn-,Missionsverein,Schachclub rc.) verbunden. Die Verbindungen u. Vereine verschiedener U-en stehen meist unter einander in Verbindung (im Cartellverband); so gibt eseineuEisenacher Deutschen Cartellverband (Ü. 0.) für Burschenschaften, einen Köseuer Senioren-Convenl (8. 0.) für Corps, einen Deutschen Cartellverband akad.-math., einen solchen akad.-Naturwissenschaft!.,akad.-theol. Vereins rc.; einen Weimarer Cartellverband (0. V.) für die allgemeine Studentenschaft. Im Allgemeinen läßt sich zwar nicht verkennen, daß die U-en nicht mehr in demselben Grade wie früher die alleinigen Inhaberinnen und Pflegerinnen der Wissenschaft sind; auch führt die Bereicherung u. Erweiterung der ein- 758 Universität. zelnen wissenschaftlichen Gebiete, welche eine immer größere Theilnng der Arbeit nothwendig macht, vielmehr zu einer Zersplitterung als zu einer Znsam- mensassung der auf den U-en vereinigten Gebiete u. erschwert die Doppelaufgabe der U-en, einerseits die Wissenschaft um ihrer selbst willen zu pflegen, anderseits die Studirenden aus einen bestimmten Lebensberuf vorzubereiten, von Jahr zu Jahr mehr. Gleichwohl sind sie für Deutschland die wichtigsten Pflanzstätten u. Haltepunkte der höheren Cultur, sie gehörten zur Zeit der politischen Zerrissenheit zu den wenigen Institutionen, von denen ein lebendiges Bewußtsein der Zusammengehörigkeit Deutschlands getragen wurde u. es würde ein großer Verlust sein, wenn ihre Eigenthümlichkeit, welche biegsam genug ist, um veränderten Culturbedürfnissen nachzugeben, in ihren wesentlichen Grundzügen angetastet würde. Vergl. A. Tholuck, Das akademische Leben des 17. Jahrh., Halle 1853 f.; Dolch, Geschichte des deutschen Sludententhums von der Gründung der deutschen U-en bis zu den Freiheitskriegen, Leipz. 1858; Robert und Richard Keil, Geschichte des Je- naischen Studentenlebens, 1548—1858, ebd. 1858; Erdmann, Vorlesungen über akademisches Leben u. Studium, Lpz. 1858; Wuttke, Jahrbücherder deutschen u-en, Leipz. 1842; Barthvlomäi,Allgemeine U-szeitung, Jena 1861 f.; Ascherson, Deutscher U-s- kalender, Berlin 1873 ff.; Deutsches Akademisches Jahrbuch, Leipz. 1876 ff. Auchdieö st er reich isch enU°en(Czernowitz,Graz, Innsbruck, Krakau, Lemberg, Prag, Wien, Budapest, Klausenburg), welche bis zum Jahre 1848 kaum zu den eigentlichen deutschen gerechnet wurden, haben sich seitdem zu ihrem großen Vortheil manche Einrichtungen der letzteren angeeignet. Au Len englischen U-en haben sich die Verfassungsformen, welche die U-en im Mittelalter erhielten, am vollständigsten erhalten, sie haben infolge dessen einen von den deutschen sehr abweichenden Charakter. Unsere Lehrfreiheit, Lernfreiheit, akademische Freiheit ist in England nicht zu finden. In Oxford u. Cambridge gehören die Studirenden nicht einer bestimmten Facultät an, sondern bestimmten Collegien (Oolks^ss), od. Hallen (Kulis), in denen sie Wohnung, Unterhalt u. Unterricht erhalten. Die ältesten dieser Collegien sind schon im 13. Jahrh. entstanden. Später wurden sie von Königen u. rei-" chen Privatleute» mit liegenden Gründen reichlich u. selbst glänzend ausgestattetc Corporation«!, welche ihre Einkünfte selbst verwalten, ihre eigenen Wohngebäude, Kapellen, Bibliotheken, Museen u. Gärten besitzen u. in denen Lehrer u. Schüler zusammenwoh- neu; ihre Gesammtheit bildet die U.: Oxford hat 19 tlvIIsAss und 5 Kalks, Cambridge 13 Oollsxesund 4 Kalls. Die Lehrer, welche Mitglieder der 6ol- le§es sind, heißen Kellmvs (d. h. Gefährten, Theil- nehmer); sie beziehen aus deren Einkünften eine Rente od. Pfründe (100—400 Pfd. St.); sie wählen den Vorstand des Kollers (Ksaä, ^Varäeu, ldee- tor, Krovost oder Dresiäent genannt), die Decane (Deans) und Oensors, sowie die übrigen Beamten. Als Nutznießer des Stiftungsvermögens heißen sie Nernbsrs on tüv kounäation; die übrigen bei weitem zahlreicheren Mitglieder, z. B. die, welche gegen einen Geldbeitrag eine Stimme im Universitätsrathe haben, die Doctoren, Magister u. Baccalaureen, die ! für Wohnung u. Kost zahlenden Studirenden sind likembers not on bde konnckation. Alle eigentlichen Schüler haben den gemeinschaftlichen Namen Knäsr- Arackuatos; die, welche Kostgeld zahlen, heißen nach Maßgabe ihres bürgerlichen Ranges und der Höhe des Kostgeldes Kodlsinen, Dsllorv - Ooininonsrs, tloinillollers; die ärmsten, welche dafür, daß sie den Kellorvs auswarten, vier Jahre lang Kost u. Unterricht frei haben, heißen 8srvitors. Zur Jmmalri- culation ist im Allgemeinen weder ein Maturitäts- zengniß noch eine Aufnahmeprüfung erforderlich. Der Unterricht, welcher in der Regel täglich von 10 bis 12 Uhr dauert, gleicht dem in unfern Primen er- theilten, er beschränkt sich aus eine Befestigung und Vertiefung der allgemeinen Bildung, hauptsächlich durch weitere Beschäftigung mit den alten Classikern. Den eigentlichen Unterricht empfangen die Studirenden weniger in den öffentlichen Vorlesungen der U. als solcher, als vielmehr indem College, welchem sie angehören, unter Aufsicht und mit Unterstützung der lbutors, d. h. derjenigen Dolloivs, welche theils zur allgemeinen Fürsorge und Aussicht über sie verpflichtet sind, theils als Drivutss tutors ihre Privatstudien leiten. Alle Mitglieder der Colleges sind statutenmäßig einer fast klösterlichen Lebensordnung unterworfen, welche aber häufig durchbrochen wird. Die Kalls sind ähnliche Anstalten, in welchen die Studirenden für ihr Geld Wohnung, Kost u. Unterricht empfangen, nur bilden sie nicht besondere Cor- porationen. Die höchste Würde an der U. als Ganzem bekleidet ein von der Gesammtheit der U. gewählter Kanzler. Gewöhnlich ist dies aber einer der höchsten Staatsbeamten, welcher zur Besorgung der Geschäfte den von den Würdenträgern der U. aus den Vorstehern der Colleges gewählten Vicekanzler mit 1—4jähriger Amtsdaner ernennt. Der Vicekanzler hat die allgemeine Aufsicht n. das Recht U-sversamm- lungen zu berufen; ihm zur Seite stehen 4, ebenfalls aus den Vorstehern der Colleges gewählte Provice- kanzler, ebenso der vom Kanzler mit Zustimmung der ganzen U. auf Lebenszeit ernannte Großrichter (Kixli Ltsvrarä), welcher die U. namentlich in juristischer Beziehung zu vertreten, über die Verthci- digung ihrer Rechte u. Freiheiten zu wachen und innerhalb der U-sgrenzen d. h. bis zur Entfernung einer engl. Meile rings um die Stadt die oberste Gerichtsbarkeit über alle U-smitglieder auszullben hat. Auch dieser ernennt sich einen Stellvertreter. Die Procuratoren (Kroetors u. Droprootors) sind Beamte, denen die Beaufsichtigung des Betragens der Mitglieder u. die Bestrafung der außerhalb des Collegs vorgefallenen Vergehen obliegt, während über das Betragen innerhalb des Collegs (regelmäßigen Besuch des Gottesdienstes, Tragen der vorgeschriebenen Kleidung, Beobachtung der Ordnung bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten :c.) der Dekan (Dean. Deeliaut) zu wachen hat. Außerdem besteht noch ein aus den Vorstehern der Collegs gebildeter Verwaltungsrath (Ksdäamackal doart). dessen Mitglieder Sitz u. Stimme in der allgemeinen kk-sver- sammlnng ((lonvoesbion) haben. In geistiger Beziehung erhalten die engl. U-en ihr eigenthllmliches Gepräge dadurch, daß einerseits die zuin Theil reich dotirten Ksllorvslüps vurch die Unabhängigkeit ihrer Inhaber diesen die Möglichkeit verschaffen sich vollkommen sorglos den wissenschaftlichen Studien zu Universität. 759 widmen, anderseits von dem Stndirenden das, was man in Deutschland Brodstudien nennt, gar nicht verlangt u. getrieben wird. Außer den theologischen, in Rücksicht auf dasDogma n. die Interessen der bischöflichen Hochkirche eingeengten Wissenschaften werden nur die klassischen Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaften u. Philosophie gelehrt und getrieben; die Vorbereitung ans Specialfacher, wie Medicin u.Jurisprudenz, fällt besonderenAnstalten, wie für die Mediciner dem 1525 vonHeinrich VIII. in London gestifteten OoUsAs ok pdz-sioiaus u. dem 1800 errichteten OoilsAs ot surZsons, für die Juristen dem ÖoilsAS ok sivilinns, gewöhnlich Ooetors Oommons genannt, in London anheim. Die Studienzeit ist in der Regel auf vier Jahre berechnet, auf welche die Studien so vertheilt sind, daß von den nach Vollendung der einzelnen Curse eintretenden Prüfungen das Ausrücken im Range an der U. selbst abhängt. Eine wichtige Rolle spielen auch die häufig wiederkehrenden Preisarbeiten. Da Oxford und Cambridge nach der Reformation an die Hochkirche übergingen (so daß kein Dissenter an ihnen studiren konnte, weil jeder Studirende auf die 39 Artikel verpflichtet wurde), deshalb in politischer Beziehung immer aus der Seite der Tories standen und ihre Privilegien». exclusiveStellung gegen alle Reformversuche mit Zähigkeit vertheidigten (selbst eine 1850—52 ungeordnete Commission zur Untersuchung ihres gegenwärtigen Zustandes war in der letzten Beziehung ohne wesentlichen Erfolg), fo gründetendie Whigs 1826 eine freie U. zu London mit einer durch Privatbeiträge mittelstActien ausgebrachtenDotation von 300,000 Pfd. Sterl., welche sich dann mit der 1836 gestifteten Donäou-IIllivsrsib^ vereinigte. Der von den hochkirchlichen U-en erhobene Streit über das Recht akademische Grade, u. zwar ohne Unterschied des kirchlichen Bekenntnisses zu ertheilen, ist nach ziemlich langem Kampfe zu Gunsten der jungen U. entschieden worden. Um ihrem Einfluß entgegen zu wirken, wurde von den Anhängern der Hochkirche schon 1831 durch das LinZ's (ioilsZs (Königliche Collegium) der Grund zu der Londoner neuen U. gelegt, an welcher mit Ausnahme der Lehrer für morgenländische u. neuere Sprachen nur Mitglieder der Hochkirche als Lehrer u. Beamte angestellt werden können. Dieschottischen U-en(L>t.Andrews, Glasgow, Aberdeen, Edinburg) sind von der Bischöflichen Kirche unabhängig u. zeichnen sich durch Vielseitigkeit u. wissenschaftlichen Geist aus; sie nähern sich in ihren Einrichtungen mehr den deutschen als den englischen U-en; die Stndirenden wohnen nicht in Colleges od. Alumnaten, stehen nicht unter Tutoren, sondern hören Vorlesungen bei den Professoren. Da aber auch hier eine Aufnahmeprüfung nicht gefordert wird, so müssen die U-en Vieles treiben, was bei uns die Gymnasien leisten. In Irland gibt es eine anglikanische u. eine römisch- katholische U. zu Dublin, außerdem seit 1845 Univsr- aitx ((jnosns-) OolieAss zu Belfast, Cork u. Galway, ferner ein presbyterianisches Colleg zu Galway und ein römisch-kath. zu Maynooth; endlich eine neue römisch-kath. U. zu Kensington (London), welche einen streng geregelten vierjährigen Lehrcnrsus hat. Vgl. Gnber, Die engl. U-en, Kassel 1839 f., 2 Bde.; Loigt, Mittheilungen über das Unterrichtswesen Englands und Schottlands, Halle 1857; Wiese, Deutsche Briefe über engl. Erziehung, Berl., I. Bd. 1850, II. Bd. 1877. In Frankreich hob der Convent i. I. 1792 alle Collegien u. Facnltäten auf n. zog ihr Vermögen ein. Die von ihm proclamine Unterrichtsfreiheit führte jedoch nur zu allerhand verfehlten Experimenten, bis der Staat wieder das gesammte Untcrrichtswesen unter seine Aussicht nahm. Im I. 1808 vereinigte Napoleon I. alle Unterrichtsanstalten des Landes zu einem einzigen großenLehrkörper, der Universits äs ICranos, so daß von einer Centralstelle ans, von dem 6rnnämnrtrs u. dem 6on- ssil äs I'IInivsrsits äs Kranes, die innere Organisation, Methode, Schulbücher rc. den verschiedenen Schulen vorgeschrieben u. sämmtliche Personalangelegenheilen geregelt wurden. Als Unterabtheilnng dieser Universits wurde zunächst in jeder Provinz i. I. 1850 in jedem Departement eine Akademie gebildet. Diese Organisationen bilden aber nur einen Verwaltungsapparat u. sind nicht zu verwechseln mit unser» gleichnamigen Anstalten. Für die höheren wissenschaftlichen Studien bestehen Spezialschulen, unter dem Namen von Uaonltös, von denen bisweilen, wie inParis, mehrere neben, aber unabhängig von einander, an ein u. demselben Orte sich befinden; u. zwar bestehen neben den theologischen, juristischen u. mcdicinischen Facnltäten noch §aeni- tös äs8 soisnoos u. Uavultss äss 1ebtrs8; zu den ersteren gehören die Lehrstühle für Mathematik, Astronomie, Mechanik, Physik. Chemie und Philosophie, zu den letzteren die für Philologie, Rhetorik, Poesie, Geschichte, Geographie und Geologie. Die Decane der Facnltäten eines Departements gehören zu den Mitgliedern desUonssil nonäsmigns. Gegen die Allgewalt der Ilnivorsits oder richtiger des Unterrichtsministers, der 1824 an die Stelle des Uranämnitrs getreten war, wurde zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Parteien mit wechselndem Glück angekämpft, namentlich agitirte seit 1842 der Episkopat sür Unterrichtsfreiheit. Allein Napoleon III. stellte 1852 die fast unumschränkte Machtvollkommenheit des Ministeriums wieder her, wenn er auch dein Klerus einen großen Einfluß auf seine Entschließungen gestattete. Nach seinem Sturze nahm die Kirche den Kampf für Unterrichtssreiheit in ihrem Sinn wieder auf und 1875 setzte sie es durch, daß die Gründung freier U-en mit dem Rechte Staatsprüfungen abzuhalten, auch der Kirche oder einem andern Gemeinwesen gestattet würde. Bon dieser Errungenschaft Gebrauch machend, gründete sie sosort 6 katholische U-en (zu Angers, Lille, Lyon, Paris, Poitiers, Toulouse). Die Einrichtung dieser U-en ist ähnlich wie die der katholischen U-e» in Irland u. Belgien; von Lehr- u. Lernfreiheit in unserem Sinne ist auf denselben nicht die Rede. Vielleicht aber werden sie für ihre Gegner eine Veranlassung, ihnen wirklich freie U-en nach deutschem Muster gegenüberzustellen. Ein neues Unterrichtsgesetz , welches den gesetzgebenden Körpern zur Be- rathung vorliegt, soll den Einfluß des Staates auf die Schulen gegenüber dem der Kirche vergrößern. In Belgien bestehen neben den beiden alten Staats-U-en zu Lüttich u. Gent zwei sogenante freie U-en , von denen die katholische zu Löwen von den Klerikalen, dagegen die zu Brüssel von den Liberalen gegründet ist. 760 Universität. Die holländischen, dänischen, selbst die russischen U-en haben in ihren Einrichtungen Aehnlichkeit mit den deutschen. Dagegen haben die U-en in Schweden besondere Institutionen. An der Spitze derselben steht ein Kanzler (der jedesma lige Kronprinz), dessen Stellvertreter in Upsala der Erzbischof, in Lund der Bischof als Prokanzler ist; unter ihnen der Rector mit dem U-s-Consistorimn, alle Professoren unter dem Präsidium des Rectors. Außer den Ordinarprofessoren gibt es für alle Fakultäten mehre Adjunkten und Docenten, für freie Künste u. neuere Sprachen Lectoren. Jedem Professor liegt ob, öffentliche Collegia zu lesen, nur dem jedesmaligen Rector ist das Eollegienlesen nachgelassen. Sobald ein Student immätriculirt ist, muß er in eine der Nationen treten, welche den Namen seiner Geburtsprovinz führt; die Mitglieder der Nationen zahlen Beiträge, wovon dann des. Gebäude erkauft, Bibliotheken errichtet, musikalische Instrumente angeschafft werden rc. An der Spitze jeder Nation steht ein Prosessor als Inspektor, dann ein oder mehrereCuratoren,einBibliothekar u. mehrere Senioren, die übrigen Mitglieder sind Ehrenmitglieder, Ehrensenioren, Junioren, Neue, ganz Neue, denen sich noch Andere unter dem Namen von Novizen, Examinand,, Adscripti rc. anreihen. Das Nationenhaus ist der Versammlungsort sowohl zu wissenschaftlichen Zwecken (Vorlesen, Disputiren, Lesen, Musiciren rc.), als auch zu Vergnügungen, Trinkgelagen rc. Duelle gibt es nicht. Promotionen der NaAistri pirilosoxlrias sind alle drei Jahre; Doctoren werden nur selten creirt u. die meisten Me- diciner werden nur Licentiaten in ihrer Facultät. In Norwegen besteht erst seit 1813 eine eigene Universität in Christiania, die ganze U. steht unter einem Prokanzler; die Lehrer an Len vier Facultäten sind theils Professoren, theils Lectoren (den außerordentlichen Professoren bei uns vergleichbar), sie lehren alle unentgeltlich. Ein dem deutschen ähnliches Studententhum gibt es hier nicht. Von der Schule abgegangen machen die Jünglinge ein Dramen artium, worauf sie immätriculirt werden und sich an irgend einen Professor anschließen, welcher ihr Rathgeber und der Leiter ihrer Studien wird. Examina entscheiden über Fortschrittte u. Zeit des Ausstndirens. Die spanischen U-en, so berühmt auch manche derselben (Valencia, Salamanca, Alcala) im Mittel- alter gewesen sind allmählich unter dem Drucke des geistigen und weltlichen Despotismus verkümmert u. haben sich unter den politischen Erschütter- ungen des 19. Jahrh. nicht wieder erheben können. Eben so ist der Glanz u. der Ruhm der italienischen verblaßt; doch herrscht jetzt ein reger wissenschaftlicher Geist unter den Gelehrten Italiens. Neben den im Jahre 1875 reorganisirten 17 Staats- U-en gibt es in Italien 4 freie U-en. In Griechenland ist, wie überhaupt das ganze Unterrichtswesen, so auch die U. (//»»-Eur-fz/to--) zu Athen ganz nach deutschen Mustern eingerichtet. Der Rector (/7j-v- die Dekane (L/oxä(>/ac) der vier Facultäten (Lz-olai) u. der akademische Senat (HxaüTMllxö«, bilden die akadepnschen Behörden. Die Lehrer sind ordentliche Professoren (?a--rrxai xaS^^rar), außerordentl. Professoren ()L7rraxrrxor Honorarprofessoren('L7rtrr^eor xaS.)! u. Privatdocenten Vürairrxok cküaxro- pee). Die U. graduirt zum Licentiaten (/Tnolvr^e) u. Doctor (x/rüaxrwx>); die Vorlesungen werden durch einen Lectionscatalog (77»k>h-pauu« rw-- angekündigt. Außereuropäische Länder. In Nordamerika wurden, so lange es zu England gehörte, OollsAes nach englischem Vorbild errichtet; so 1638 das Üarvarcl-OollsAs zu Cambridge in Massachusetts (ursprünglich nur für Theologen, jetzt eines der bedeutendsten Colleges, s. Cambridge 3), 1691 das IVUIiam anck Narx-6oIIoxe zu Williamsburg in Virginien, 1701 das ^Is-l)oUs§s zuNewHaven in Connecticut, 1738 die Ha8sau-8aH (blsv üsrssx 6o1Is§o) zu Princeton in New Jersey, 1754 das Oolumbla-OollsAs in New Jork. Nach der Unab- hängigkeitserklärung wurde 1791 in Philadelphia eine Universität von B. Franklin gegründet (aus der Vereinigung zweier ähnlicher Institute, von denen das älteste, schon ursprünglich ksnnszckvania llnivsrsit^genannt, aus Sem Jahre 1754 stammt); 1795 wurde das Union OoI1s§s zu Schenectady im Staate New Jorku. 1819 die U. zu Charlotteville in Virginien gegründet. Im Allgemeinen versteht man aber in Nordamerika unter einer Universität (vni- vsraitz-, OollsZs) eine Anstalt, welche die Mitte hält zwischen den deutschen Gymnasien u. der philosophischen Facultät einer deutschen Hochschule. Mit den ersteren haben die 6oIIsAss gemein einen festen Cur- sus des Unterrichts, die Einteilung in Klassen, die Controls der Studirenden in Bezug auf den Besuch der Vorlesungen u. auf ihr sonstiges Leben, die Form des Unterrichts in Frage u. Antwort, die Examina am Schluß des Schuljahres und im Allgemeinen wol auch das Niveau wissenschaftlicher Bildung, welches sie bei ihren Zöglingen zu erreichen streben. Der U. in unserem Sinne gleichen sie durch daS meist reifere Alter und die größere Ungebundenheit der Lernenden, durch die am Schluffe der Studien erfolgende Promotion zum Laeirslor ok ,4rtz und durch das Recht Doctoren der Theologie n. der Rechte zu ernennen. Sie hatten ursprünglich nur den Zweck, Geistliche auszubilden u. trugen deshalb ein mehr theologisches Gepräge. Obgleich allmählich zu Anstalten für allgemeine Bildung geworden, gelten sie doch hauptsächlich als Vorbereitungsschulen für das theologische Seminar und sind deshalb vornehmlich das Werk kirchlichen Eifers u. christlicher Liberalität. Von den etwa 150 Anstalten dieser Art, welche sich im Jahre 1851 in den Vereinigten Staaten fanden, waren nur 14 staatliche Stiftungen u. nur 20 andere verdankten nicht einer bestimmten kirchlichen Denomination ihr Dasein. So schließen sich denn an sehr viele dieser Anstalten theologische Seminarien an, deren Stiftung aber erst gegen das Ende des 18. Jahrhunderts (das erste 1794, das zweite 1804) beginnt. Es bestanden im Jahre 1856 deren 44 unter 11 kirchliche Parteien vertheilt. Die Vollendung des theologischen Cursus gibt ohne weiteres Examen den Grad eines Llastsr ok^rts (D.D.V.); das Honorar der Studenten beträgt jährlich im Colleg 37H Doll. In Südamerika wurde 1827 in Buenos-Ayres eine U. gegründet, in Santiago de Chile die U. 1842 nach deutschem Vorbild reor- ganisirt; in gleicher Weise ist in Rio de Janeiro eine meüicinische Facultät mit allem Zubehör u. seit 1852 761 Universum — Unsere Frau od. Unsere Liebe Frau. in Sydnei in Neusüdwales, Australien, eine U. errichtet. In Asien steht Ostindien mit seinen drei Landes-U-en zu Bombay, Madras u. Calcutta, sowie der 1877 gegründeten mohammedanischen U. obenan. In Japan hat seit 1872 die Errichtung von 8 Landes-U-en begonnen. In Sibirien ist seit 1878 die Errichtung einer U. von 3 Facultäten (hi- storisch-philosophische, physisch-mathematische u. me- dicinische) zu Tomsk im Werke. Afrika har seine U. in Kairo, Aegypten. Vgl. für die deutschen u. auswärtigen U-en: Sybel, Die Deutschen u. die auswärtigen U-en, Bonn 1868. Universum (lat.), das Ganze, der Inbegriff aller Dinge, s. Welt. Unk (der, auch die Unke), so v. w. Ringelnatter. Unke (Feuerkröte), s. Frösche. Unkel, Marktflecken im KreiseNeuwied des preuß. Regbez. Koblenz, am Rhein, Station der Rheinischen Bahn u. der Rheindampfer, Pelzfärberei, Cement- platten- u. Röhren Fabrik, Weinbau, Basaltbrüche; 700 Ew. Hier früher im Rhein die Unkelsteine, «ine für die Schifffahrt gefährliche Stelle. Unken, Dorf im Bez. Loser des österr. Herzogthums Salzburg, Kurort. Vgl. Strauß, Der Alpenkurort U. n. seine Umgebung, Salzburg 1879. Unmittelbar, s. Jmmediat. Unna, 1) Stadt im Kreise Hamm des preuß. Regbez. Arnsberg, Station der Berg.-Märk. und Wests. Bahn; Amtsgericht, Wasserleitung, Eisengießereien, Tabakfabrikation, Gerberei, Dampf- mühle; Leinen- u. Strumpfweberei, Bierbrauerei, Branntweinbrennerei, Töpfereien, Hospital; 7330 Ew.; in der Nähe ist das Salzwerk Königsborn (s. d.); U. gehörte s. Z. zur Hansa u. hatte in der Geschichte der Fehmgerichte Bedeutung. 2) rechter Nebenfluß der Save, entspringt ans dem zum Karst gehörigen Plisovica-Gebirge in Bosnien, bildet später die Grenze zwischen diesem Lande u. Kroatien und mündet bei Jasenovac; nimmt rechts die Unnatz u. Sanna auf, ist 180 üm lang n. nur für kleine Fahrzeuge schiffbar. Uno notu (lat.), in Einer (Ununterbrochenen) Handlung. Uno animo, einmüthig, Ino eontsxbn, in Einem Zusammenhänge, Ununterbrochen. Unodwengu, Hauptkraal des Zulureiches in SAsrika, unweit des linken Ufers des Weißen Um- volosi, zählt etwa 1200 Hütten. Unorganisch, so v. w. Anorganisch. Unpaarzeher, korissoäaot/la 0rv., Ordg. der Wirbelthierklasse der Säugethiere. Meist große plumpe Thiere; ihre Haut ist meist nackt u. bisweilen stark verdickt und dabei hart; nur bei einigen ist sie behaart; Schädel mit überwiegendem Gesichts- theil; beide Kiefer mit Schneidezähnen, Eckzähne fehlen zuweilen, Backzähne zwei- oder vielhöckerig; Querfortsätze der Halswirbel mit Ausnahme des 7. durchbohrt; wenigstens 22 Nückeuleudenwirbel,deren Dornsortsätze vorn am höchsten sind; die Querfortsätze der Lendwirbel sind rippenartig verlängert; 5—6 Kreuz- u. 13—22 Schwanzwirbel; Schulterblatt lang u. schmal; Schlüsselbeine fehlen; Oberarm kurz, Unterarm mit Elle und Speiche oder nur ein Knochen; Handwurzelknochenzweireihig, die übrigen Knochen der Hand sehr verschiedenartig: Kniescheibe vorhanden; Unterschenkelknochen verwachsen oder getrennt; von den Fußwurzelknochen besitzt das Fersenbein zwei ungleiche Gelenkflächen; Zahl u. Entwickelung der Zehen ist sehr verschiedenartig, jedoch der 3. Finger stets der mittlere; die Zehen sind dehnst; das Gehirn ist sehr windungsreich; der lange Darm weist auf die Pflanzennahrung hin, der Magen ist einfach, der Blinvdarm sehr entwickelt: es fehlt die Gallenblase; Uterus zweihörnig; Zitzen weichenständig. Placema diffus. Fossile Arten im Diluvium. Verbreitet über die alte Welt, neuweltlich nur 1 Art. Hierher die Fam. Lgniäas (?>'«!/, Pferde; Hasioornia. ///rp., Nashörner; Papirina Tapire; Lalasotsisrina Ow. u. Iwpsiiockon- tis. Üw., beidefossil,letzterenuraltweltlich. Farwick. lln pooo, ein wenig, an pooo ackaZio, aUs^rstto, oresoenäo, äiminnsncko rc., ein wenig langsam, bewegt, ein wenig stärker, schwächer werdend rc.; u. p. pin, ein wenig mehr. Unrecht, im weiteren Sinne so v. w. bös, sittlich verwerflich, im engeren Sinne jede Handlung, welche dem Rechtsbegriff n. dem bestehenden Rechte zuwider läuft u. dasselbe verletzt. Unruh, HauS Victor v., preuß. Baurath a. D. n. Politiker, geb. 28. März 1806 in Tilsit, Sohn des Generals v. U., stndirte in Königsberg und Berlin das Bauwesen, trat 182-1 in den Staatsdienst, wurde 1829 Wafferbauinspector in Breslau, 1839 Regieruugs- und Baurath in Gumbinnen, und 1843 in gleicher Eigenschaft nach Potsdam versetzt. Aus dem Staatsdienst zur Privatindn- strie übergegangen, baute er 1844 bis 1847 die Potsdam-Magdeburger und 1846 bis 1851 die Magdeburg-Wittenberger Eisenbahn. 1848 wurde er von der Stadt Magdeburg zum Abgeordneten für die preuß. Nationalversammlung gewählt, gehörte hier dem Centrnm an gründete den Verein vom Hotel de Russie (Fraktion Unruh), wurde im Oktober zum Präsidenten gewählt, tagte aber nach Verlegung der Versammlung nicht mit in Brandenburg. 1849 in die Zweite Kammer gewählt, gehörre er zur Opposition, zog sich vom politischen Leben zurück, baute die Gasanstalt in Magdeburg, gründete danudie Deutsche Continentalgasgesellschaft in Dessau u. leitete dieselbe bis 1857, trat darauf an die Spitze der Gesellschaft für Eisenbahnbedarf in Berlin und betheiligte sich 1859 bei Gründung des Natioualvereins, in dessen Ausschuß er gewählt wurde. Im Jan. 1863 trat er für Elbing und im Nov. 1863 für Magdeburg ins Abgeordnetenhaus u. wurde zum Vicepräsidenten gewählt. E: gehörte zu den Gründern der Fortschrittspartei, wendete sich aber seit 1866 zu den Nationalliberalen, u. ist seit 1867 Mitglied des Reichstags n. galt längere Zeit als einer der Führer der nationalliberalen Fraction. Er schr.: Skizzen aus Preußens neuester Geschichte, Magdeb. 1849; Erfahrungen aus den letzten drei Jahren, ebd. 1851; Volkswirthschaftl.Katechismus, Berl. 1876. «-Mi. Unruhe, der Regulator der Unruhuhren, s. Uhr Unruhstadt, so v. w. Karge. (S. 676. Unschlitt, so v. w. Talg. Unschuldiger Kindertag (Kindleintag, Tag od. Fest der unschuldigen Kindlein, Westum innoeen- tinm), der kirchliche Festtag zur Erinnerung an die Ermordung der Kinder in Bethlehem durch Herodes, der 28., in der Griechischen Kirche der 29. Dec. Unsere Frau (Unsere lieb e Frau), so v. w. Maria. 762 Unsingis — Unsingis, Küstenfluß in Nordgermanien; j. Hunse bei Groningen. Unst, die nördlichste Insel ans der Gruppe der Shetlandinseln, von der Insel Dell durch den Blue Mull-Sund getrennt; ist 17,§ low lang, 6,g Lni breit, gebirgig, hat steile u. zerklüftete Küsten, gute Häfen u. 2780 Ew. In der Mitte der Insel ist ein See (Loch Cliff) u. in der Nähe liegen mehrere kleinere Inseln (z. B. Balta, Uya u. a.). Unstandesmiistigc Ehe, so v. w. Mesalliance. Unsterblichkeit (lmmortalitas), die mit dem Bewußtsein der individuellen Persönlichkeit verbundene ewige Fortdauer der Seele od. des Geistes nach dem Tode des Leibes. Der Glaube au U. in diesem Sinne ist so allgemein verbreitet, daß er, wenn auch in verschiedener Form, ein wesentliches Bestandstück fast aller Religionen allsmacht, u. das theils theoretische, theils eudämonistische, theils sittlicheInteresse, welches sich an die Fortdauer des geistigen Lebens nach dem Tode knüpft, ist so stark, daß die philosophische Speculation den Grund u. die Haltbarkeit dieses Glaubens immer vouNeuem zum Gegenstände ihrer Untersuchung gemacht hat. Dabei haben häufig bie volksihümlichen religiösen Ansichten u. die verschiedenen Richtungen des philosophischen Denkens gegenseitig Einfluß ans einander gehabt u. die besondere Form des Glaubens an U. ist bei geistig entwickelten Völkern meistentheils ein Product aus der religiösen Überlieferung und den Erzeugnissen der philosophischen Reflexion. Je geringer der Antheil der letzteren ist, desto mehr wird die Form, unter welcher die Art der Fortdauer des geistigen Lebens nach dem Tode gedacht wird, auf Analogien mit den Zuständen des irdischen Lebens beschränkt sein. Dabei liegt ein Unterschied der volksthümlichen Vorstellungen darin, ob das Leben nach dem Tode als eine Abschwächung des irdischen od. als eine gesteigerte Fortsetzung des letzteren angesehen wird. Die erstcre Vorstcllungsart findet sich z. B. bei Homer, wo die Helden in der Unterwelt ein schattenhaftes Dasein führen, so wie bei den Hebräern in der Zeit vor dem Exil Die zweite Vorstellungsart ist häufiger als die erste. Nach hellenischer Vorstellungsweise sind die Freuden des Elysiums u. die Strafen u. Qualen des Tartarus Steigerungen dessen, was der Mensch auf Erden genießen kann u. zu dulden hat; nach der Vorstellung der Germanen werden die in der Schlacht gefallenen Helden in der Walhalla zu Freudengelagen versammelt; die uordamerikani- schen Stämme lassen ihre Todten in den Gefilden des großen Geistes ihre Jagdgründe wiederfiuden. Fast durchaus verknüpft sich mit diesen Vorstellungen die Annahme, daß der Zustand nach dem Tode eine Vergeltung, Belohnung u. Bestrafung, für das eiuschließt, was der Mensch während des irdischen Daseins gethan hat. Sehr bestimmt liegt dieses (ethische) Moment in der Lehre der alten Ägypter von dem Gericht des Osiris u. seiner Beisitzer, welche in der Unterwelt (Ameuthes) die Seelen der Verstorbenen richten. Nach der Lehre des Zoroaster (s. d.) gehen die Tugendhaften nach dem Tode über die Brücke Tschinewad in den Himmel des Ormuzd, die Seelen der Schlechten aber werden von den Dews (bösen Geistern) zur Erduldung ewiger Qualen in die Hölle gestoßen. Die Griechen lassen die Verstorbenen in der Unterwelt von Minos, Äakos u. Rha- ! Unsterblichkeit. damauthos gerichtet u. je nach Schuld od. Verdienst sin den Tartarus od. das Elysium verwiesen werden. !Auch der indischen Lehre von der Seelenwanderung (s. d.s liegt der Gedanke der Angemessenheit dieser verschiedenen Körper an die Würdigkeit od. Unwürdigkeit der Lebensführung zu Grunde. In den Urkunden der Christlichen Religion tritt die U. als die unentbehrliche Voraussetzung des ganzen Erlösunbs- werkes auf; das irdischeLeben erscheintin ihnen als eine Vorbereitung auf das ewige, u. die Art des letzteren, die Seligkeit oder Verdammnis), hängt ab von dem Grade der religiös-sittlichen Vollkommenheit od. Unvollkommenheit desMenschen während seines Erdenlebens. Christi eigene Auferstehung von den Todten ist Symbol u. Bürgschaft der U. Der Ort, an welchem die Frommen zum seligen Anschauen Gottes dereinst versammelt werden, wird im N. T. Paradies, der Aufenthaltsort der Verdammten die Hölle (Geenna) genannt. Die Juden kannten in ihrer frühesten Zeit keine U-slehre. In dieAusbildung dieserLehregriffen bildliche, oft phantastische Vorstellungen einerseits u. Versuche, auf specielle daran sich knüpfende Fragen eine Antwort zu finden, anderseits ein. Schon unter den Juden hatten die Pharisäer die Ansicht ausgestellt, daß die Seelen der Verstorbenen, bevor sie in den Himmel od. die Hölle eintreten, erst in einem Mittelzustande verharren. Die Kirchenväter der 4 ersten Jahrhunderte theilen diese Ansicht; die Gnostiker dagegen lehrten, daß die Seelen der Frommen sogleich in den Himmel kommen. Auch Tertullian läugnete den Seelenschlaf und ließ die Seelen der Märtyrer sogleich nach dein Tode ins Paradies kommen. Cyprian spricht schon die Meinung aus, daß die Gebete der Lebenden den abgeschiedenen Seelen eine frühere Aufnahme in den Himmel erwirken können; Hieronymus legte diese Kraft den Fürbitten der Heiligen bei; Vigilantius läugnete diese Ansicht. Auch nach Origenes litten die Seelen, welche nach dem Tode mit einem feineren Körper vereinigt werden, bei Gott für die Lebenden. Der Volksglaube an die U. stand mit dem Glauben an Erscheinungen der Geister in Verbindung n. Eustratins suchte im 6. Jahrh. in einer besonderen Schrift zu erweisen, daß die abgeschiedenen Seelen wirklich erscheinen können. Überhaupt war die kirchliche Vorstellung von den dem Menschen nach dem Tode bevorstehenden Belohnungen u. Strafen aus das Engste verknüpft mit der Erwartung des Jüngsten Gerichts, für welches die Todten wieder auferweckt werden würden. Die Lehre vom Fegefeuer, welche damit ebenso, wie die von der Auferstehung des Fleisches zusammenhängt, wurde schon im 6. Jahrh. durch den Papst Gregor d. Gr. fixirt. Die Auferstehung des Fleisches wurde, gegen die Versuche des Origenes, des Scotus Erigena und einiger mittelalterlicher Secten, sie zu vergeistigen od. zu läugnen, im wörtlichen Sinne, daß der irdische Leib auferstehen werde, von der Katholischen Kirche festgehalten. Die Griechische Kirche fixirte das Dogma dahin, daß eS keinen Mittelzustand zwischen Seligkeit». Verdamm- niß gibt, daß nur die Gebete und Opfer der Kirche Gott bewegen, die Sünder zu erlösen od. doch ihre Strafe zu mildern u. daß die Seligen nicht vor dem Gerichte Gott schauen und der Seligkeit thcilhaftig werden können. Die Reformatoren u. nach ihnen die Protestantische Kirche bekannten sich auf Grund Unstrut. ?63 der biblischen Verheißungen und der Auferstehung Jesu zu einer persönlichen Fortdauer des Menschen nach dem Tode u., mit Verwerfung des Fegefeuers, des Seelenschlases u. der Seelenwanderung, zu der Lehre, daß die Seele unmittelbar nach dem Tode in den künftigen Zustand eintrete. Die verschiedene Auffassung der Abhängigkeit dieses Zustandes der Seligkeit od. Verdammniß von dem Nathschluffe Gottes war einer der Differenzpuukte zwischen den Lutheranern u. Reformirten (s. Prädestination). Unabhängig vom dem kirchlichen Dogma ist die Frage nach der U. auch Gegenstand einer philosophischen Untersuchung, ja Kant erklärte sie neben der nach dem Dasein Gottes u. der Freiheit des Willens für den dritten wesentlichen Gegenstand aller specu- lativen Nachforschung. Ihre Beantwortung hängt aber nothwendig mit den höchsten Problemen u. den allgemeinen Principien einer speculativen Meltau sicht zusammen. Der wissenschaftliche Materialismus stellt die U. in Abrede, bekämpft diese Idee so gar als eine pathologische Erscheinung und stellt sie als einen aus dem Überwiegeu des Glückseligkeits triebes hcrvorgegangenen Jrrthum hin. Ebenso wenig findet die Annahme der Fortdauer der individuellen Persönlichkeit in streng pantheistischen Systemen Platz; in ihnen ist der individuelle Geist nur eine vorübergehende Erscheinung, welche in dem allgemeinen Geist wieder zurückgenominen wird. Die Frage nach der Vereinbarkeit od. Nichtvereinbarkeit der persönlichen U. mit der Alleinslehre ist in neuer Zeit mit specieller Beziehung aus die Hegelsche Philosophie mehrfach verhandelt worden. Vgl. Richter, Lehre von den letzten Dingen, Berl. 1833, Bd. 1; Göschel, Von den Beweisen für die U. der menschlichen Seele, ebd. 1833; Derselbe, Die siebenfältige Osterfrage, ebd. 1836; H. Beckers, Über Göschcls Versuch eines Beweises für die persönlichen., Hamb. 1836; C. H. Meiste, Die philosophische Geheimlehre von der U. des menschl. Individuums, Dresd. 1834; I. H. Fichte, Die Idee der Persönlichkeit n. der individuellen Fortdauer, Elberf. 1834. DieGedanken- reihen, welche man die Beweise für die U. der Seele nennt, stützen sich sämmtlich auf eine theisti- sche Weltansicht u. die Voraussetzung der Einheit u. relativenSelbständigkeit der Seele als desRealprin- cips des geistigen Lebens. Der erste ausgeführte Versuch eines solchen Beweises findet sich in Platons Phädon. Aristoteles unterschied zwischen der Seele (zt-v/rj) als der Lebenskraft u. der Vernunft (--oilch als dem Princip des speculativen Denkens, u. spricht nur der letzteren die U. zu. Die Kirchenväter, wie Origenes, Gregor von Nyssa, Lactantius, Augustinus, entlehnten die Gründe des Glaubens an ll. aus der Einfachheit der Seele, aus der Gottähnlich- kcit des Menschen, aus der Entwickelungsfähigkeit seiner Anlagen, aus der Nothwendigkeit der Belohnung u. Bestrafung für Tugend u. Sünde. Die spätere Zeit hat diese Gründe meistentheils wiederholt u. weiter ausgesllhrt. Man unterscheidet daher unter den Beweisen für die U.: a)den ontologischen od. metaphysischen, aus der Einfachheit u. Unzerstörbarkeit der Seele; b) den teleologischen, gegründet theils auf die Analogie mit dein allgemeinen Entwickelungsgang derNatur, in welchem nichts nur sehr unvollkommen erreicht u. oft ganz verfehlt werde; o)dcn theologischen , aus der Wahrhaftigkeit, Weisheit, Güte u. Gerechtigkeit Gottes. In der Ausführung des letzteren ist bald der positive Glaube an die göttlichen Verheißungen, bald das eudämo- nistische Verlangen nach einer Ausgleichung zwischen Tugend und Glückseligkeit, bald das Bedürf- niß der Realisirnng einer über die Grenzen des irdischen Daseins hinaus reichenden sittlichen Weltordnung vorzugsweise betont worden. Kant, welcher namentlich den ontologischen Beweis für die U. einer scharfen Kritik unterwarf, erklärte die Frage nach ihr für eine aus streng theoretischen Gründen unbe- autwortliche, die Annahme der U. selbst aber für ein Postulat der praktischen Vernunft, d. h. für einen durch die Forderung einer immer fortschreitenden Annäherung an das sittliche Ideal für jedes einzelne Individuum gerechtfertigten u. sittlich nothweudigen Glaubenssatz (sogen, moralischer Beweis). Bei der Unmöglichkeit, gegenüber der Einsicht, daß unser irdisches Selbstbewußtsein eine durch irdische Verhältnisse bedingte Erscheinung ist, sich eine bestimmte Vorstellung von der Art der Fortdauer dieses Selbstbewußtseins unter gänzlich veränderten Bedingungen n. Verhältnissen zu machen, ist in neuerer Zeit mehrfach der Gedanke hervorgetreten, daß auch unter der Voraussetzung der Selbständigkeit der Seele die Fortdauer des individuellen Bewußtseins nach dem Tode nicht einfach als eine selbstverständliche Natur- nothwendigkeit, sondern als ein Geschenk göttlicher Gnade anzusehen sei, nur für das bestimmt, was als Glied einer höheren geistigen Ordnung fortzudauern werth ist. Auch vom idealistischen Standpunkte ist in der neuesten Zeit die U. bekämpft worden. Zur Literatur: Mendelssohn, Phädon od. über die U. der Seele, Berl. 1767; L. H. Jacob, Beweis für die U. der Seele aus dem Begriff der Pflicht (Preisschrift), Züll. 1790, 2. A. Jena 1794; Feuerbach, Gedanken über Tod u. U., Nürnb. 1830, n. A. Lpz. 1877; Ders., Gottheit, Freiheit n. U., ebd. 1866; Hüffel, Briefe über die U. der Seele, Karlsr. 1832; Ders., Die U., ebd. 1838; Fechner, Büchlein von dem Leben nach dem Tode, Lpz. 1836; Ders., Zen- davesta od. über die Dinge des Himmels u. des Jenseits, ebd. 1851, 3 Thle.; Martin, Im vio luturs, Par. 1855; Fichte, Die Seelenfortdauer, Lpz. 1867; Strauß, Der alte u. der neue Glaube, Lpz. u. Bonn 1872 u.ö.; Spieß, Entwickelungsgeschichte der Vorstellungen vom Zustand nach dem Tode auf Grund vergleichender Religionsforschung, Jena 1877; Löwenhardt, Über Gott, Geist u. U., Wolgast 1877 f.; Seifert, Die ll-sidee in ihrer geschichtlichen Entwickelung, Lpz. 1878; Huber, Die Idee der ll., 3. A. Münch. 1878; F. Splittgerbcr, Tod, Fortleben u. Auferstehung od. die letzten Dinge der Menschen, auf Grund der heil. Schrift u. unter bes. Berücksichtigung der bezllgl. Literatur dargestellt, 3. A. Halle 1879. Vgl. den Art. Jenseits. Specht. Nnstrut, linker Nebenfluß der Sachs. Saale; entspringt bei Dingelstedt im Kreise Heiligenstadt des preuß. Regbez. Erfurt auf dem Eichsselde, fließt in mehreren, nach S. u. N. gerichteten Bogen von W. nach O., tritt in Len Regbez. Merseburg u. mündet nach einem Lause von 172 km bei Groß-Jena unterverloren geht,theils auf die Aulagen u. Bestimmung halb Naumburg. Durch Schleusen u. Kanäle ist sie des Menschen, welche während des irdischen Lebens von Brettleben bis zu ihrer Mündung 93 km weit 764 Unständig — Untcrfrankm u. Aschaffcnburg. schiffbar gemachtu. in ihrem oberen Laufe sind 1874 bis 1877 bedeutende Regulirnngsarbeitcn vorge- nommcn. Ihr unteres Thal ist reizend u. mitunter sehr schmal, wie bei Nebra u. Freiburg. Nebenflüsse rechts: Gera, Lasse; links: Helbe, Wipper, Kleine Wipper u. Helme. An ihr u.der Helme liegt die Gol - dene Aue. An der ll. 1075 Sieg Kaisers Heinrich IV. über dessen aufrührerische sächsische Vasallen. Unständig, nicht fortwährend auf der Grube arbeitender Bergmann, zur minder begünstigten Klasse der Knappschaftsmitglieder gehörend. Unter .. .die damit zusammengesetzten Artikel, welche hier nicht zu finden sind, s. u. dem Hauptwort; bes. geographische Namen; vgl. Nieder... U, heißt im Ungarischen Also. Unteraugenhöhlenkanal (oanalis Inkraorbi- talis), ein am Boden der Augenhöhle durch die Augenhöhlenfläche des Oberkieferbeins verlaufender Kanal, der zum Durchtritt für die gleichnamigen Gefäße n. Nerven dient. Unterbindung (Ligatur), Umschnürung eines Körpertheils mittels eines zugeknoteten Fadens, einer Schnur, eines elastischen Schlauches, des Ecrasenrs (s. d.), einer Darmsaite, entweder um das Absterben u. Abfallen des betr. Theils zu bewirken, wie bei manchen Geschwülsten, od. um die Blutcireulation zeitweise od. dauernd zu unterbrechen, wie bei einigen Krankheitsznständen u. bei Aneurysmen (s. d.), dann um das Eindringen von einzelnen Giftstoffen in die Blutcireulation zu verhüten (Schlangengift, Hundswuthgift), bei Fisteln zur Durchtrennung der Gänge u. Erregung einer adhäsiven Entzündung, bei Vorfall einzelner Eingeweide nach Verletzungen, wenn dieselben nicht reponirt werden können (z. B. Lunge, Netz) n. insbesondere, um stärkere Blutungen aus Arterien u. Venen zu stillen od. denselben, wenn sie zu befürchten sind vorzubengen. Die U. der Blutgefäße war schon den Alten bekannt, gerieth aber in Vergessenheit, bis sie von Ambroise Pare um die Mitte des 16. Jahrh. als eins der unschätzbarsten, chirurgischen Hilfsmittel wieder eingeführt wurde. Sie wird gewöhnlich ausgeführt mittels Seidenfäden od. Darmsaiten (oatZnt) u. zwar entweder an der Stelle der Verletzung od. in der Continuität des blutenden Gefäßes. Blumberg. Unterbrechmtgszeichen ( —), Zeichen, wo- durch angedeutet werden soll, daß eine Rede nicht vollendet sei, bes. wenn ein starker Ausdruck erfolgen soll, welchen der Schreiber dem Leser selbst hinzuzudenken überläßt, z. B. guos s§o — I Nnter-Charente, s. Charente 3). Nnterchlorige Säure, MIO, in reinem Zustande nicht bekannt; die wässrige Lösung ist gelb gefärbt, vondurchdringendem, chlorähnlichem Gerüche; concentrirt zersetzt sie sich schon im Dunkeln unter Chlorentwickelung, verdünnt läßt sie sich ohne Veränderung destilliren. Bei der Leichtigkeit, mitwelcher sie ihren Sauerstoff abgibt, ist sie ein kräftiges Oxydationsmittel, durch welches Schwefel, Phosphor, Chrom, Jod, Antimon rc. in die höchsten Oxyda- tionsstusen übergesllhrt werden. Sie zersetzt organische Substanzen, namentlich auch Farbstoffe, n. ist deshalb ein vorzügliches Bleichmittel. Man erhält sie entweder Lurch Auflösen ihres Anhydrides in Wasser od. Lurch Schütteln von Qnecksilberoxyd mit Chlorwasser, Abfiltriren des Qnecksilberchlorürs u. Destilliren. Leitet man eine Zeit lang Chlorgas durch eine wässrige Lösung von schwefelsaurem Natron, so erhält man durch Destillation ebenfalls eine Lösung von U-r S. Hetzer. Unterchloriflsnurcanhydrid, Chlormonoxyd, OI^O, bei gewöhnlicher Temperatur ein rothgelbes Gas von chlorartigem Geruch, dessen spec. Gew. 2,g, ist und das sich schon durch die Wärme der Hand, ferner bei Berührung mit brennbaren Körpern (Kohle Schwefel rc.) unter heftiger Explosion zersetzt. Im Wasser löst es sich sehr leicht unter Bildung von unterchloriger Säure (s. d.) auf. Chlorwas- serstoffsänre bildet damit Wasser u. Chlor. Organische Substanzen zerstört es sehr schnell. Bei starker Abkühlung verwandelt es sich in eine dunkelrothe Flüssigkeit, die schon bei der leichtesten Erschütterung unter Explosion sich zersetzt. Man stellt es dar, indem man trocknes Chlorgas über gelbes, durch Erhitzen bis 300° hinreichend dicht gemachtes Quecksilberoxyd leitet. Hetzer. Unterchloriasäuresalze, Hyporchlorite, ent- stehen, wenn der Wasserstoff der unterchlorigen Säure (HOIO) durch ein Metall ersetzt wird. Sie sind noch wenig u. nur in wässriger Lösung bekannt, da sie sich außerordentlich leicht zersetzen. Stärkere Säuren aller Art, selbst die Kohlensäure der Luft, entwickeln aus ihnen unterchlorige Säure; daher finden mehrere als kräftige Bleich- u. Desinfectionsmittel ausgedehnte Anwendung (s. Chlorkali, Chlorkalk, Chlornatron). Hetzer. Unterfahren (Bergw.), einen Bau unter einem Schachte Herstellen zur Beschleunigung des Durchschlages. Unterfangen (Bergb.), die Firste durch Zimmerung stützen. Unterfassen (Bergb.), das Hängenbleiben der FördergefäßeinderZimmerungbeiderAusförderung. Untersranken und Aschaffenburg, Regbez. im Königreich Bayern, gebildet aus dem ehemaligen Hochstist Würzburg, dem vor der sranz. Revolution zu Kur-Mainz gehörenden Fürstenlhum Aschaffenburg, der Reichsstadt Schweinfurt u. aus Theilen der Bisthümer Fulda und Bamberg, des Fürsten- thums Ansbach rc., wird begrenzt von Württemberg, Baden, Hessen, derpreuß. Pro». Hessen-Nassau, Sachsen-Weimar, Sachsen-Meiningen, Sachsen-Ko- burg-Gotha u. den bayer. Regbez. Ober- u. Mittelfranken; 8398,m dsicm (152,§ l^M) mit (1875) 596,929 Ew. (auf 1 Hjicm 71,,, in ganz Bayern 66,2). Der Regbez. ist gebirgig durch die Rhön mit dem Kreuzberg, die Faßberge, den Steigerwald u. Spessart. Der Hauptfluß ist der Main, welcher den Regbez. in mehreren großen Bogen durchzieht, und welcher die Jtz, Baunach, Wern u. die Fränkische Saale (mit der Milz, Streu, Schondra, Sinn) aufnimmt; die Tauber berührt das Land nur im S. Der Boden ist mit Ausnahme einiger Gebirgsgegenden im Ganzen recht fruchtbar, bes. aber iu den Fluß- thälern; das Klima in den letzteren, namentlich in dem des Main, mild u. angenehm, dagegen in den reich bewaldeten Gebirgsdistrikten im Allgemeinen rauh. Von der Gesammtoberfläche sind etwa 61°/o cultivirtes Land u. 35"/o Waldungen und Gehölze. Products: viel Holz, Wein (darunter der Stein- u. Leistenwein), Obst, Getreide, Kartoffeln, Gemüse, Hopsen, Flachs, Hans; Gips, Alabaster, Kalk- und 765 Untergang der Sterne Sandsteine, Thon, Eisenstein. U. hat ferner mehrere Mineralquellen (Kissingen, Brückenau, Wipfeld, Bocklet u. a.) Die Haupterwerbsquellen der Bewohner bilden Ackerbau, viel Wein- und Obstbau, Viehzucht (namentlich Nindviehzucht, weniger erheblich ist die Pferde- und Schafzucht), Waldwirth- schaft, Jagd, Fischerei, Schifffahrt, Bergbau u. Industrie. Die wichtigstenJndustriezweige sind: Baumwollenspinnerei, Leinen-, Baumwollen- u. Wollenweberei, die Fabrikation von Farben, Tapeten, Papier, Eisenwaaren, Maschinen, Glas rc. Der Handel vertr eibt die Landesproducte, auch Spiegel, Glas, Schiff- u. Bauholz, welches letztere bis nach Holland geht. Der Regbez. hat etwa 420 Icm Eisenbahnen. Derselbe wird eingetheilt in 4 unmittelbare Stadtbezirke (Wllrzburg, Aschafsenburg, Kitzingen, Schwein- surt) u. 20 Bezirksämter. Für die Katholiken besteht das Bisthum in Wllrzburg, die Evangelischen stehen unter dem Consistorium in Bayreuth. Hauptstadt ist Wllrzburg. H- Berns. Untergang der Sterne heißt das Verschwinden derselben unter dem Horizont in Folge der täglichen Umdrehung des Himmels. Man findet die Zeit des Unterganges eines Gestirns, wenn man den in Zeit ausgedrückten halben Tagesbogen zur Zeit der Culmination hiuzurechnet. In Folge der atmosphärischen Strahlenbrechung bleiben jedoch alle Gestirne etwas länger über dem Horizonte sichtbar. Bei Gestirnen, welche ihren Ort am Himmel schnell verändern, muß man bei Berechnung ihres Auf- u. Unterganges noch auf die Eigenbewegung Rücksicht nehmen. Specht. Untergraben, unter einem Gegenstände die Erde herausgraben; dies war bei den Belagerungen der Alten ein Mittel die Städtemauern zum Einsturze zu bringen (s. u. Festungskrieg II.) Untergurt, so v. w. Sattelgurt, s. Sattel. Unterhändler, s. Mäkler. Unterharz, 1) der südöstliche Theil des Harzes, s. d. 1); 2) bes. der Rammelsberg u. das Salzwerk bei Harzburg. Unterhaus, beim Parlament in Großbritannien das Haus der Gemeinen, s. Großbritannien, Vers. Unterhautgewebe, s. u. Haut i). Unterhefe, das Ferment der Weingährung u. der Währung des bayerischen Lagerbiers. Sie besteht aus einzelnen sich rasch vermehrenden Zellen. Die Art, wie bei ihr sich die neuen Zellen ans den alten bilden, ist noch nicht mit Sicherheit sestgestellt. (Vgl. Hefe.) Jungck. Unterholz (Unterwuchs), s. Forstwirthschast, S. 260. Unterkieferkanal, ein dem Unterkiefer von hinten nach vorn der Länge nach durchziehender Kanal zum Durchgang für die gleichnamigen Gesäße und Nerven. Unterkiefermuskel«, diejenigen Muskeln, wel- che den verschiedenen Bewegungen des Unterkiefers vorstehen. Nach unten wird der Unterkiefer gezogen Lurch den zweibäuchigen Muskel, den Kieferzungenbeinmuskel und den Kinnzungenbeinmuskel. Die Wirkung dieser Muskelnaus den Unterkiefer kann nur dann eintreten, wenn das Zungenbein fixirt ist. Die eigentlichen Kaubewegungen des Unterkiefers werden durch vier Muskeln ausgesührt, den Kaumuskel, Len Schläfenmuskel, den äußeren n. den inneren Flll- — Unternehmergewinn. aelmuskel. Der Kaumuskel, der innere Flügelmuskel u. der vordere Theil des Schläfenmuskels heben den Unterkiefer nach oben u. drücken die Zahnreihen gegen einander. Der äußere Flügelmuskel zieht den Unterkiefer nach vorn, wobei der Gelenkfortsatz auf den Gelenkhöcker tritt; wirkt nur der Muskel einer Seite, so wird der Kiefer nach der entgegengesetzten Seite verschoben; bei abwechselnder Thätigkeit der beiderseitigen Muskeln wird dadurch eine Reibebewegung erzeugt. Nach hinten wird der Unterkiefer durch den hintern Theil des Schläfenmuskels gezogen. Blumberg. Unterkricchen — mit dem Stollen soweit in das Gebirge eindringen, daß der Bau ganz im Gestein steht. Unterlahnkreis, Kreis im preuß. Regbez. Wiesbaden, von der Lahn durchflossen u. von den Linien Franksurt-Wiesbaden-Wetzlar, Diez-Zollhaus und Limburg-Hadamar der NassauischenEiseubahndurch- schnitten; 611„« slKw (11,„ (UM) mit (1875) 69,543 Ew. Hauptstadt ist Diez. Unterlassungssünde, s. u. Sünde. Unterlassungsverbrechen, vgl. Verbrechen. Unterleibsbeschwerdcn, unangenehme Empfindungen, wie Druck, kolikartige od. schneidende Schmerzen im Unterleibe, welche in chronischer Weise bestehen u. aus den verschiedensten Erkrankungen der Unterleibsorgane beruhen können. Häufig ist mit den Schmerzen Unregelmäßigkeit des Stuhlganges (Verstopfung, Durchfall od. beides abwechselnd) u. psychische Verstimmung (Hypochondrie) verbunden. Die Heilung ist meist schwierig u. richtet sich nach dem zu Grunde liegenden Organleiden. S. chron. Magen- u. Darmkatarrh, Leberkrankheiten rc. Kunze. Unterleibstyphus, s. Typhöse Fieber. Unterlieutenant, 1) s. Lieutenant; 2) zur See, der unterste Seeoffiziersgrad in der deutschen Marine — Seconde-Lieutenant der Armee. Untermalung, bei einem Gemälde der erste Farbenauftrag, welcher, je nachdem der Künstler die Absicht hat sein Bild mehr od. weniger auszufllhren, fleißig od. flüchtig ist. Der Ton der U. ist fast bei jeder Schule verschieden. Die älteren, bes. deutschen u. niederländischen Meistern untermalten sehr licht, die Benetianer grau, die Bologneser u. Römer schwarz, die Mailänder, bes. Leonardo, fast schwarz. Untermann, 1) so v. w. Lehnsmann od.Client; 2) der, welcher einem andern zunächst im Range folgt; 3) bei Truppen, welche in Linie aufgestellt sind, derjenige, welcher an der linken Seite des andern steht. Unter-masten, -raaeu, -segel, -Wanten, s. Rundholz u. Takelage. Uuternehmcrgcwinn ist das Entgeld für die bei der Leitung eines Unternehmens aufgewendete Arbeit und zugleich ein Ersatz, eine Versicherungsprämie für das mit demselben verknüpfte Risico, vom Arbeitslohn u. allen übrigen Einkommenzweigen unterscheidet er sich aber dadurch, daß er nie ausbedungen werden kann, sondern im concreten Falle von dem Erfolge des Unternehmens abhängt. Der U- ist der Werthllberschuß, der dem Unternehmer, als dem Productivcombinator der Elemente verschiedener Privatwirthschaften zukommt. Der Zweck wie der Erfolg der Einsetzung der gesammten wirthschastlichcn Persönlichkeit für die Production ist 766 Unteroffizier - der U. Bgl. v. Mangoldt, Die Lehre vom U. 1855; Schaffte, Nationalökonomie, S. 179 ff.; Böhmert, Die Gewiunbetheiligung, Untersuchungen über Arbeitslohn u. U., Lpz. 1878. Contzen. Unteroffizier, eine bes. Klaffe von Militärper- soneii, die im Range zwischen den Gemeinen u. den Offizieren stehen, engl, non commissionsä oküesr, was in Deutschland oft mißverstanden n. falsch übersetzt wird. Denselben liegt ob die Ausbildung und Führung kleiner Abtheilungen, sowie die Besorgung von Geschäften des innerenDienstes einesTrup- pentheils. Zu den U-en zählen die Chargen der Feldwebel (Wachmeister), der Vicefeldwebel (Vice- wachmeister) u.der Portepeefähnriche, welche sämmt- lich zu den Portepee-U-en gerechnet werden, weil sie das Offiziersportepee tragen, ferner die Sergeanten u. die eigentlichen U-e(Corporale), sowie das Feuerwerkspersonal (s. Feuerwerker), auch erhallen Spielleute u. Lazarethgehilfcn den Rang der verschiedenen U-chargen. In Frankreich gelten nur Feldwebel u. Sergeanten als Unteroffiziere, getrennt davon sind die Corporale,die etwa denGefreiten der deutschsnArmee entsprechen. Die U-e sind ein sehr wichtiger Bestand- theil jeder Armee, da sie meist länger im Dienst bleiben, u. somit, abgesehen von ihrem unmittelbaren Einfluß aus die Heranbildung des Soldaten, den eigentlichen Stamm eines Truppentheils bilden. Die Ergänzung der U-e erfolgt aus Mannschaften des Truppentheils, die sich durch gute Führung u. Intelligenz auszeichnen u. sich durch Capitulation zu längerer Dienstzeit versuchten oder ans den U-s Schulen, deren Zweck ist junge Leute im Alter von 17—18 Jahren zu U-en, namentlich für die Infanterie heranzubilden. Derartige Schulen bestehen für das Deutsche Heer in Potsdam, Jülich, Bieberich, Weißenfels, Ettlingen u. Marienberg (für Sachsen), außerdem ist neuerdings eine Vorbereitnngsschule in Weilburg errichtet worden. Nach 2—3jährigem Curse treten die U-schüler entweder als U-e, Gesreite od. Gemeine in die,Armee, in der sie mindestens einer 4jährigen Dienstzeit zu genügen haben. In mehreren Armeen wird das Offizierskorps zum Theil aus U-en ergänzt, in der Deutschen Armee ist dies nur in Bezug auf Zeug- u. Feuerwerksoffizierc der Fall, es muß daher in besonderer Weise für die Versorgung gut gedienter U-e gesorgt werden, weshalb dieselben nach 12jähriger Dienstzeit den Anspruch auf eine ihren Kenntnissen u. Fähigkeiten ent- sprechende Anstellung im Civildienst erhalten, r- Unteroffizier, im Seewesen: Bootsmann, Feuerwerker, Maschinist, Meister, Torpeder u. s.w. (Feldwebelrang) u. deren Maate. Unterpfand, s. v. w. Pfand. Unterricht,!) Mittheilungdes Lehrenden an den Lernenden. Der U. ist ein Theil der Pädagogik (s. d.), welche es mit der Erziehung (s. d.) zu thun hat, u. hat die Aufgabe die geistigen Kräfte Lurch Kenntnisse u. durch Übungen zu entwickeln. Um dies zu erreichen, muß er nach einer bestimmten Methode (Lehrmethode, U-smethode, s. Methode 2) in geregeltem Fortschreiten ertheilt werden. Die Anweisung dazu ertheilt die Theorie des U-s (Lehrwiffenschast, U-swissenjchast, Didaktik); wer sie kennt u. praktisch üben kann, besitzt die Lehrknnst (U-skunst). Der U. kann schriftlich ».mündlich sein; ein öffentlicher, durch Schulen u. Anstalten, u. ein häuslicher (Privat-U.), - Unterschenkel. welcher entweder durch einen Hauslehrer oder durch einen Privatlehrer in einzelnen Stunden (Privat- stnnden) ertheilt wird. Selbst-U. ist derjenige, welcher fremde mündliche Mittheilung entbehrt od. verschmäht, s. Autodidakt, vergl. Elementarschule. Die durch Bell u. Lancaster (s. d.) eingeführteU-smethode heißt wechselseitiger U. od. die Bell-Lan- castersche U-smethode. Bei diesem Verfahren werden die besseren Schüler (Monitoren) als Lehrgehilfen beim U. der weniger vorgeschrittenen verwendet. In einer solchen Schule können demnach zu gleicher Zeit in zahlreichen Abtheilungen Hunderte von Schülern unterrichtet werden. Es ist dies eine Nachahmung des altindischen Brauchs, Kinder durch Kinder unterrichten zu lassen. In England, Amerika rc. ist dies Monitorensystem weit verbreitet, in Deutschland hat man diese Uuterrichtsweise nach einigen Versuchen in Eckcrnförde, Magdeburg rc. aufgegeben. Vgl. hierüber Harnisch, Ausführliche Darstellung u.Beurtheilung des Bell-Lancasterschen Schulwesens. Zur Literatur: Grasberger, Erziehung u. U. ini klassischen Alterthum, Würzburg 1864—1866, 2 Thle.; K.Kehr, Geschichte der Me- thodik des deutschen Volks-U-s, Gotha 1877 ff.; Köpp, Jllustrirtes Hand- u. Nachschlagebuch der vorzüglichsten Lehr- u.Veranschaulichnngsmittel ans dem Gesammtgebiete der Erziehung u. des U-s, mit 576 Holzschnitten, Bensh. 1877; Encyklopädie des gesammten Erziehungs- u. U-swesens, herausgeg. von K. A. Schmid, Gotha 1877; Die Lehrbücher der Pädagogik von Dittes, Schumann, Waitz rc.; Diesterwegs Wegweiser, 5. A., Essen 1877. Eine Anstalt zur Anfertigung von Lehrmitteln aller Art wird durch F. Krönings SöhneinMagdeburgunterhalten. Untersalpetersäure, s. Stickstoffdioxyd. sSt. Untersberg, ansehnlicher Gebirgsstock der Salzburger Alpen, südwestlich von Salzburg, theilweise auf bayer. Gebiet gelegen; mit den 3 Gipfeln Geiereck (1801 m), Salzburger Hohethron (1851 in) u. Berchtesgadener Hohethron (1975 >n), mit eigeu- thllmlich zerklüfteten Felsen u. zahlreichen Schluchten n. Höhlen (darunter die 1845 entdeckte Kolowrats- höhle mit grotesken Eisformationen). Der U. hat eine weite u. schöne Aussicht nach Bayern u. liefert vorzüglichen Marmor, bes. röthlichen (U-er Marmor). An den U. knüpfen sich viele Volkssagen, namentlich schläft nach der Sage im U. Kaiser Karl d. Gr. verzaubert so lange, bis Deutschland zur alten Herrlichkeit znrückgekehrt ist. Vgl. Maßmann, Sagen vom U., München 1831; Söltl, Der U., Deutsche Bilder im Spiegel der Geschichte u. Sage, Augsb.1863. H> Berns. Unterscheidungszeichen, so v. w. Inter- pnnction. Unterschenkel (lat. orrw), der zwischen Fuß u. Oberschenkel befindliche Theil der unteren Extremität. Seine Grundlage bilden zwei Knochen, das Schienbein n. das Wadenbein. L.) Das Schien- kein ist ein dreiseitiger, von oben nach unten sich verjllngenderKnochen, an dem man ein oberes Ende, den Kopf, einen mittleren Theil, den Körper u. ein unteres Ende, die Basis unterscheidet. Der Kopf trägt 2 Anschwellungen, Knorren, zur Verbindung mit dem Oberschenkel n. eine kleine Gelcnkfläche zur Verbindung mit dem Wadenbein. Die Basis endet nach unten mit einer viereckigen Gelcnkfläche zur 767 Unterschiebung eines Kindes. Verbindung mit dem Sprungbein u. besitzt an der zieht zur Fußsohle, vereinigt sich dort mit seinem inneren Seite einen stumpfen Fortsatz, den inneren Knöchel. Eine kleine Aushöhlung an der äußeren Seite dient zur Verbindung mit dem Wadenbein. L) Das Wad enb ein. Man unterscheidet ebenfalls ein rundliches Köpfchen zur Verbindung mit dem Schienbein, einen dreiseitigen, von oben nach unten um seine Achse gedrehten Körper u. das untere Ende, welches zum äußeren Knöchel ausgezogen ist u. eine dreiseitige Gelenkfläche zur Verbindung mit dem Sprungbein besitzt. Die Gelenkverbindung der beiden U-knochen ist eine sehr feste; verstärkt wird sie noch durch das zwischen beidenKnochen ausgespannte Zwischenknochenband, welches die Muskeln der vor- derenvondenen derhinterenSeite scheidetu. für einen Theil derselbendieUrsprungsstelle bildet. DieMus- keln des U-s, welche die verschiedenen Bewegungen des Fußes u. der Zehen vermitteln, liegen an der vorderen, äußeren u. Hinteren Seite, während die innere Seite u. die Knöchel frei bleiben. 1) An der vorderen u. äußeren Seite: a) Der vordere Schienbeinmuskel entspringt vom Schienbein u. dem Zwischenknochenband u. heftet sich mit einer Sehne an Las 1. Keilbein u. den 1. Mittelfußknochen, b) Der lange Strecker der großen Zehe entspringt vom Wadenbein u. dem Zwischenknochenband u. befestigt sich mit einer Sehne an die große Zehe, o) Der gemein schaftliche lange Zehenstrecker entspringt vom Schien dein, Wadenbein u.dem Zwischenknochenband, spaltet sich in 4 Sehnen, die sich an die 2. u. 3 Phalanx der betr. Zehen anheften, ä) Der dritte Wadenbein, muskel entspringt vom Wadenbein u. dem Zwischen, knochenbaud u. befestigt sich mit einer Sehne an den 5. Mittelsußknochen. s) Der langeWadenbeinmuskel entspringt vom Wadenbein, zieht mit einer Sehne um den äußeren Fußrand herum zur Fußsohle und heftet sich an das 1. Keilbein n. den 1. Mittelfußknochen. k) Der kurze Wadenbeinmuskel entspringt vom Wadenbein u. setzt sich mit einer Sehne an den 5. Mittelfußknochen. Der vordere Schienbeinmuskel beugt den Fuß in dorsaler Richtung u. hebt den inner» Fußrand. Die Function der Zehenstrecker liegt in der Benennung selbst. Der dritte Wadenbeinmuskel beugt den Fuß ebenfalls u. hebt den äußeren Fußrand. Der lange u. kurze Wadenbeinmuskel strecken den Fuß (Plantarflexion) u. drehen dabei die Fußsohle nach außen (Pronation). 2) An der Hinteren Seite: a) Der zweiköpfige Wadenmuskel od. Zwillingsmuskel der Wade entspringt mit 2 Köpfen oberhalb der Condylen des Oberschenkels; er ver einigt sich mit dem folgenden Muskel zu der stärk sten Sehne des Körpers, der Achillessehne, welche sich an die Hintere Fläche des Fersenbeins anheftet, b) Der Sohlen- od. Schollenmuskel entspringt vom Wadenbein u. Schienbein u. geht in die Achillessehne über, o) Der dünne Sohleumuskel entspringt vom Oberschenkel». vonderKniegelenkkapselu. verschmilzt mit der Achillessehne od. strahlt in die Fettschicht hinter dem Fußgelenk aus. ci) Der Kuiekehlenmnskel entspringt vom Oberschenkel u. der Kuiegelenkkapsel u. setzt sich an den ober» Theil des Schienbeins, s) Der lange Beuger der großen Zehe entspringt vom Wadenbein, zieht mit einer Sehne hinter dem inneren Knöchel her zur Fußsohle u. heftet sich au die kurzen Kopf (s. Fuß) u. heftet sich mit 4 Sehnen an die 2. bis 5. Zehe, gh Der Hintere Schicubeinmus- kel entspringt vom Schienbein, dem Zwischenknochen band u. vom Wadenbein, zieht zur Fußsohle u. heftet sich an das Kahnbein, an die 3 Keilbeine u. die 3 ersten Mittelfußknochen. Der Wadenn.der Sohlenmuskel heben die Ferse u. strecken den Fuß (Plan- tarflexion); bei fixirtem Fuß beugt ersterer den Oberschenkel u. stellt letzterer den Unterschenkel fest. Der dünne Sohlenmuskel spannt die Kapsel des Knie- eleukes od. Fersengelenks. Der Kniekehlenmuskel eugt den U. u. dreht ihn einwärts oder dreht den Oberschenkel nach außen. Die beiden Flexoren beugen die entsprechenden Zehen. Der Hintere Schienbeinmuskel streckt den Fuß u. hebt den inneren Fußrand. DieU-muskelnsindzumTheil vonderU-binde, einer Fortsetzung der Oberschenkelbinde bedeckt. Sie ist an der Streckseite bedeutend stärker entwickelt, als an der Beugeseite u. sendet Fortsätze zwischen die einzelnen Muskeln. Die Arterien des U-s stammen aus der Fortsetzung der arbsris. kemoralla, der Kniekehlpulsader. Diese theilt sich in eine vordere u. Hintere Schienbeinarterie, von denen jene die Muskeln ander vorderen, diese ander hinterenSeitedes U-sversorgt. Aus der Hinteren Schienbeinarterie zweigt sich die Wadenbeinarterie ab, welche die Wadenbeinmuskeln versorgt u. sich weiterhin in eine vordere u. Hintere Wadenbeinarterie spaltet, welche sich auf den entsprechenden Seiten des U-s verzweigen. DieBenendes U-s zerfallen in tiefe u. oberflächliche; erstere begleiten in doppelter Anzahl die entsprechenden Arterien, letztere vereinigen sich zu 2 Hauptstämmen, der kleinen u. großen Frauenader od. Rosenader, von denen jene an der Hinteren, diese an der vorderen inneren Seite des U-s emporsteigt (s. Tafel Venen, Fig. 13). Seine Nerven erhält der U. von dem Hüstnerv, der sich in der Kniekehle in den Wadenbein- und Schienbeinnerv spaltet. Ersterer versorgt den vorderen Schienbeinmuskel, die Streck- u. Wadeubein- muskeln u. gibt de» Hinteren Hautnerven des U-s ab für die Haut an der Hinterseite des U-s. Der Schienbeinn.erv versorgt die Muskeln an der Hinteren Seite des U-s u. gibt den Wadennerv ab, welcher sich mit dem Hinteren Hautnerven verbindet. Die Haut an der inneren u. vorderen Seite des U-s wird von dem aus dem Schenkelnerven stammenden großen Rosennerven versorgt. Blumberg. Unterschiebung eines Kindes (Supxositio partim 8. iukautis), die Unterschiebung od. Verwechselung eines Kindes aus feiner Familie in eine andere in der Absicht, demselben den angestammten Familienstand zu entziehen, wurde bei den Römern mit dem Tode bestraft. Das neuere Recht betrachtet die U. e. K. dagegen, bei der eingetretenen Aufhebung des schroffen Unterschiedes zwischen den verschiedenen Kasten ».Ständen nach Römischem Recht, nur als eine Art von Fälschung od. einen Betrug an den Familienrechten, u. bedroht dieselbe mit weit milderenStraseu. Das deutsche Reichsstrafgesetzbuch stellt dieses Reat unter den Abschnitt: „Verbrechen n. Vergehen in Beziehung auf den Personenstand" u. trifft die Strafbestimmung in ß 169 wie folgt: „Wer ein Kind unterschiebt od. vorsätzlich verwechselt, große Zehe, k) Der gemeinsame lange Zeheubeuger oder wer auf andere Weise den Personenstand eines entspringt mit einem langen Kopf vom Schienbein,!Andern vorsätzlich verändert oder unterdrückt, wird 768 Unterschlagung — Unterstab. mitGefängniß (von 1 Tag) bis zu 3 Jahren n.,wenn die Handlung in gewinnsüchtiger Absicht begangen wurde, mit Zuchthaus (von 1 Jahr) bis zu 10 Jahren bestraft. — Der Versuch ist strafbar." B-z°>d,» Unterschlagung (Veruntreuung, Unterschleif, Intorvoroio). Im Römischen Recht umfaßte der Begriff des Diebstahls auch die Fälle der U. (s. Diebstahl). Im älteren Deutschen Recht hingegen gehörten die N-en weder zum Diebstahl, noch hat sich hier ein abgeschlossenes Verbrechen der U. ausgebildet. Jedoch wurden wenigstens alle hieher gehörigen Fälle bereits unter dem Ausdrucke „dickliches Behalten" zusammengefaßt. Als besonders strafbar wurden diejenigen Fälle ausgezeichnet, welche einen Vertrauensbruch in sich schließen. Den gleichen Standpunkt nahm auch noch die Peinliche Halsgerichtsordnung ein. Eine eigcnthümliche Entwickelung nahm der Funddiebstahl (s.d.). Dieser von dem älte- ren Deutschen Rechte im Gegensätze zu dem Römischen Rechte betretene Weg wurde auch von der neueren Deutschen Particulargesetzgebung weiter verfolgt u. Diebstahl als dickliches Nehmen von der U. als Liebliches Behalten geschieden, wobei jedoch thejl- wcise derKreis der U. insofern nicht weit genug gesteckt war, als man nur das rechtswidrige Behalten förmlich anvertranterSachen als U. faßte. Das Deutsche Reichsstrafgesetzbuch stellt zwar Diebstahl u. U. im nämlichen Abschnitte zusammen u. behandelt beide, was die Strafe betrifft, in mancher Beziehung auf gleiche Weise, allein es scheidet begrifflich beide Reate genau u. erweitert hierbei ganz sachgemäß dcnKreis der U. Während es nämlich in H 242 als Diebstahl erklärt, wennJemand „eine fremde bewegliche Sache einem Ändern in der Absicht wegnimmt, dieselbe sich rechtswidrig znzueignen" (das Nähere s. u. Diebstahl), so bestimmt Z 246: „Wer eine fremde bewegliche Sache, die er in Besitz od. Gewahrsam hat, sich rechtswidrig zueignet, wird wegen U. bestraft." Wie der Gewahrsam der Sache erlangt wurde, ist gleich- giltig, nur darf er natürlich nicht durch Diebstahl erlangt worden sein, da bei Gegebensein aller Momente des Diebstahls eben nur Diebstahl u. keine U. vorliegt. Der Gewahrsam kann erlangt sein durch ein Rechtsgeschäft (z. B.durch ein Leihgeschäft), durch Zufall (z. B. Finden des Gegenstandes), unter Umständen auch durch Jrrthum u. in rechtswidriger Weise (z. B. wenn mau sich durch Täuschung Las Jnnehaben der Sache verschafft hatte.) Der Schwerpunkt liegt bei der U. in der Zueignung selbst, bei dem Diebstahl in dem Nehmen behufs Zueig- nung. Zueignungsacte bei der U. liegen in dem Verbrauchen, Veräußern, Ableugnen des Besitzes derSache. DieZueignungmußrechtswidrigsein. Die U. fällt daher weg, wenn der Empfänger der Sache befugt war, dieselbe sich zuzueignen, u. die Verpflichtung nur dahin ging, eine im Werthe gleichstehende Sache zurückzugeben. Bei Geld u.dgl. ist sogar eine ausdrückliche Verabredung, daß nur eine gleiche Summe zurückgegeben zu werden brauche, der Empfänger also die eingehändigten Geldstücke sich aneignen dürfe, nicht einmal nölhig u. es genügt hierbei zur Ausschließung einer U., wenn nicht eine entgegenstehende Willensäußerung bei Übergabe des Geldes erfolgt ist, u. wenn nach Lage der Umstände n. der Natur des Geschäftes das Moment der Rückgabe derselben Geldstücke als gleichgiltig erscheint. Absicht u. Bewußtsein des Thäters müssen rechtswidrig sein. Irrige Annahme eines Eigenthumsrechtes oder dgl. schließen daher die U. aus.—Was Strafe u. Strafausmeffung betrifft, so erscheint die U. einer gefundenen Sache (Funddiebstahl, s. d.) am gelindesten zu strafen, am strengsten die des Anvertrauten. Letzteres ist im Reichsstrafgesetzbuch ausdrücklich angeordnet. Im Verhältniß zum Diebstahl erscheint die U. um etwas gelinder strafbar. Ebenso nach dem Rcichsstrafgesctzbuch. Dasselbe bedroht nämlich die U. mit Gesängniß von 1 Tag bis 3 Jahren, u. setzt letzteres Strafmaximum bei U. des Anvertrauten aus 5 Jahre hinauf. Bei dem Vorhandensein mildernder Umstände jedoch kann immer statt auf Gefängnißstrase auf Geldstrafe von 3 bis 900 M. erkannt werden. Der Versuch der U. ist strafbar. Die U. an Angehörigen u. dgl. unterliegt den gleichen Bestimmungen wie der s. g.Hans- u. Familiendiebstahl. S.u. Diebstahl, S.419. Nach der Strafgesetznovelle von 1876 ist hinzugekommen, daß auch derjenige, welcher einer Person, zu der er im Lehrlingsverhältnisse steht, oder in deren häuslicher Gemeinschaft er als Gesinde sich befindet, Sachen von unbedeutendem Werthe stiehlt od. unterschlägt, nur auf Antrag verfolgt werden darf. Die Zulässigkeit der Rücknahme dieses Antrages ist auch von der Novelle belassen worden. Merkel in von Holtzendorffs Handbuch, Bd. III (1874), S. 690, u. Rechtslexikon Bd. II (1876), S. 744. Bezold. Unterschrift einer Urkunde (od. eines Diploms) ist zu deren Beweiskraft unerläßlich u. zwar muß sie von dem die Urkunde Ausstellenden od. von einem ausdrücklich dazu Ermächtigten — durch Vollmacht Beauftragten vollzogen sein, in einer jeden Zweifel an der Identität der Person ausschließenden Weise. An die Stelle der Unterschrift tritt bei den ein Handelsgeschäft gewerbsmäßig Betreibenden, Kaufleuten rc. die Firma. Unterschwellige Säure, thionigeSäure.Thio- schwefelsäure, U282O2, hypothetische Säure, bis jetzt noch nicht dargestellt, da sie bei jedem Versuche, sie durch eine stärkere Säure ans ihren Salzen abzuscheiden, in Schwefel, Schwefligsäureanhydrid u. Wasser zerfällt. Von ihren Salzen (den Hyposulfiten od. Thiosulsateu) ist das Natriumsalz (Natrium- hyposulfit) — Huy Ly Og —das wichtigste. Man stellt es dar durch Kochen von Natronlauge od. schwefligsauren Natron mit Schwefel od. durch freiwillige Zersetzung von Schwefelnatrium an der Luft. Seine wässerige Lösung besitzt die Fähigkeit,im Wasserunlösliche Silberverbindungen, wie Thlorsilber,Bromsilber u. Jodsilber aufzulösen u. wird deshalb in der Photographie benutzt. Die Salze zersetzen sich beim Erhitzen, oft schon in wässeriger Lösung, indem Schwefelsäuresalze, Schwefligsäuresalze, schweflige Säure u. Wasser sich bilden. Neuerdings ist von Schützenberger eine andere Säure des Schwefels von der Form II^LOz entdeckt worden, welche ebenfalls unterschweflige Säure genannt wird, u. deren Salze als Hyposulfite bezeichnet werden. Daher gebraucht man für erstgenannte Säure u. ihre Salze jetzt besser den Namen Thioschwefelsäure resp. Thio- sulfate. Hetzer. Unterste, der südwestliche Theil des Bodensees. Unter-Seine, so v. w. Nieder-Seine. Unterstab (Militärw.), s. u. Stab. 769 Unterständig — Unterwalden. Nnterstäudig (Unterwcibig, Bot.), so v.w. hy- pogynisch, s. Blüthe, S. 571, Sp.1. Unterstützungswohnsitz, derjenige Orts-Armenverband (Landarmenverband), welcher eintretenden Falles eine unterstützungsbedürftige Person aus seinen Mitteln zu unterstützen verpflichtet ist. Jeder Deutsche (mit Ausnahme der Bayer. Staatsangehörigen u. Elsaß u. Lothringen) ist in jedem deutschen Staate in Bezug auf die Art u. das Maß der im Falle der Hilfsbedürftigkeit zu gewährenden öffentlichen Unterstützung, so wie auf den Erwerb u. Verlust des Unterstützungswohnsitzes als Inländer zu betrachten. Erworben wird der U. durch zweijährigen Aufenthalt, durch Verehelichung, Abstammung. Der Verlust tritt ein Lurch Erwerb eines anderweitigen U-es, u. durch zweijährige ununterbrochene Abwesenheit nach zurückgelegtem 24. Lebensjahre. (Bundesgesetz über den U. vom 6. Juli 1870, durch Gesetz vom 8. Nov. 1871 in Württemberg u. Baden eingeführt, von Bayern gemäß Art. 4 der Reichsverfassung vom 16. April 1871 ausgeschlossen). Untersuchung, 1) die Anwendung der Mittel, welche dazu dienen, um über irgend eine Thatsache od. einen Gegenstand eine möglichst gründliche u. allseitige Gewißheit zu erlangen, daher bes. im Strafrecht(vgl.Criminalproceß); Disciplinar-U. das Verfahren wider einen Beamten, durch welches die Verletzung einer Amts- od. Dienstpflicht, einer Nachlässigkeit bei Verwaltung des Amtes oder ein sonstiges ungehöriges Verhalten im Dienst ergründet Wird(vgl. Amtsverbrechen.) Der Richter,welcher eine U. zu führen hat, heißt U-srichter (franz. llu§s ck'in- struoticm). Nach den neueren auf Mündlichkeit u. LfsentlichkeitberuhendenStrafproceßordnungenins- besondereauchnachderDeutschenStrafproceßordnung v. 1877(Z177 rc.)darf regelmäßig keine Criminal-U. ohne den vorausgängigen Antrag der Staatsanwaltschaft eröffnet werden, u. ist dieser Antrag gestellt, so kommt dem U-srichter nur eine Bor°U., d. h. die vorläufige Instruction des Rechtsfalles, so weit solche zur Fällung eines Verweisungserkenntnisses über die dringende Verdächtigkeit des Angeschuldigten u.dieAbhandlung der mündlichenHaupt- verhandluug erforderlich ist, zu. Zum Zwecke der Vor-U. kann ein Angeschuldigter auch in U-shast genommen werden, damit demselben die Möglichkeit genommen werde die Spuren des Verbrechens zu vertilgen, sich mit Mitschuldigen zu bereden od. zu entfliehen. Die neueren Strafproceßordnungen insbesondere auch die Deutsche (Z112 ff.) enthalten darüber genaue, die Fälle der U-shast möglichst vermindernde Bestimmungen. Die U-sgefängnisse sind von den Strafgefängnisseu räumlich getrennt. Über dieU-skosten, s. Crimiualkosten. 2 ) So v. w. Inquisition: daher U-sproceß, s. v. w. Jnquisitions- proceß, s. u. Criminalproceß; 3 ) geburtshilfliche u. wundärztliche U., s. Exploration 2) u.3). Untersuchungshaft, s. Untersuchung. lB-zold.» Unterthan (Subckibus), eine Person, welche einer obrigkeitlichen Gewalt, in Sonderheit einer bestimmten Staatsgewalt unterworfen ist. Ursprünglich war U. der Schutzpflichtige, dem Recht u. Persönlichkeit nicht vermöge seiner eigenen persönlichen Stellung od. seines Mitgliedschastsverhältnisses zu einem selbständigen Gemeinwesen, sondern vielmehr ^ erst von einer bevorzugten Körperschaft od. einem sonstigen Oberherrn gegen das Zugeständniß der eigenen Abhängigkeit gewährt wird; so erscheinen die Metoikoi in Athen, die Bundesgenossen in!der römischen Republik, die Lidi (Lläionss) bei Len Deutschen als U. des Vollbürgerthums, u. erhielt dieses Schutzverhältniß in Deutschland sich noch bis auf unsere Zeit herab in der Gutsunterthänigkeit. Mit der Festigung der Landeshoheit trat der zu einem fürstlichen Territorium gehörige Schutzpflichtige in dieses Verhältuiß zum betreffenden Landesherrn. Nach den neueren Staatstheorien ergibt sich die U-enschaft nothwendig aus der Souveräuetät, da zum wirklichen Staatsoberhaupte ein anderes Ver- hältniß nicht angenommen werden kann, auch nicht für den, welcher nur temporär in einem fremden Staatsgebiete sich anfhält. Es gründet sich demnach die U-enschast entweder auf die Staatsangehörigkeit u. ist demnach ein bleibendes persönliches Nechtsver- hältniß, oder sie gründet sich nur auf temporären Aufenthalt eines Nicht-Staatsaugehörigen in fremdem Lande u. ist somit ein vorübergehendes Rechts- verhältniß, nur für die Zeit des Aufenthaltes in dem Staate geltendes; von diesem sind jedoch diejenigen ausgenommen, welche als Vertreter eines andern Staates in fremdem Lande leben (Gesandte, Botschafter rc. u. das hierzu gehörige Personal), u. kommt ihnen krast ihrer Anerkennung als solche das Vorrecht der Exterritorialität zu. Übrigens wird heutzutage das Verhältniß des Staatsangehörigen zur obersten Gewalt mehr u. mehr aus dem Gesichtspunkte des Staatsbürgerthums erfaßt u. damit nicht blos die pflichtmäßige, sondern auch die berechtigende Seite des Verhältnisses ins richtige Licht gestellt; daher unter Staatsbürgern auch die politisch vollberechtigten lk-en begriffen werden. Endlich ist die U-enschaft nur ein dingliches Rechtsverhältniß, inso-, fern sie sich lediglich auf den Besitz unbeweglicher Güter stützt, ohne daß ein solcher U. — Laudsasse genannt — in dem Laude wohnt, in welchem sich diese Güter befinden; er ist hier um dieser willen gerichtspflichtig (Ikorsnsw) u. unterliegt Len Grundstücke betreffenden Gesetzen. Lagai. Unterwalden (8ub8x1vania.),der sechste Kanton der Schweizer Eidgenossenschaft, einer der drei Ur- kantone u. einer der vier Wald- oder Bergkantone, bestehendaus den beiden durch denKernwald geschiedenen Landestheileu (Halbkantonen) Ob dem Wald und Nid dem Wald; grenzt im N. an Luzern und Schwyz (durch den Vierwaldstättersee), im O. an Uri, im S. an Bern u. im W. an Luzern; 765, gsjZkm (13,g sDM) mit (1870) 26,116 Ew. (auf 1 (Islrm 34, in der ganzen Schweiz 64). Auf U. ob dem Waldeutfallen474,gH>Icm(8,gHZM)mit14,415Ew. (auf1sHsüm30)u. auf U. nid dem Wald 290,g Hjicm (5,g UM) unt 11,701 Ew. (auf l Hjkm 40). Der Kanton ist zum größten Theile mit Gebirgen erfüllt, welche, vom Vierwaldstättersee nach S'. ansteigend, ihn wie eine Mauer umgeben. Vom Pilatus (2133 m) im NW. beginnend, zieht sich die Gebirgs- mauer Uber den Glauberstock, das Brienzer Roth- horn (2153 m) u. die Lungernberge südlich bis zun: Paßeiuschuitt des Brünig, von da über Len Hoch- stvlleu (2484 m), Tannalpstock, Titlis (3239 m) u. sodann nachN.über dieSpannörter(2338m),Sureneu, den Blackenstock(2952m),Henneuberg,Uri-Roth- Pierersllniversal-ConversationZ-Leriton. 6. Aufl. XVII. Band. 49 770 Unterwall. 'iock (2933m), dieWallenstöcke(2625m),dasBuoch- fcrhorn (1810 m)u. a. zum Vierwaldstättersee. Die Gebirge (Unterwaldner Alpen) gehörenindas Gebiet der Kalkalpen. Über sie führen die Pässe des Brü- nig (1004 w) von Lungern in das Haslethal, der Jochpaß (2238 m) von Engelberg nach Oberhasle, die Surenen (2305 m) von Engelberg nach Uri u. die Storregg (2043 in) von Melchthal nach Engelberg. In Obwalden erstreckt sich die größte Ebene zwischen dem Sarnersee u. Alpnacht, in Nidwalden zwischen Stansstadt, Stans und Buochs. Flüsse: die Engelbergeraa u. dieSarneraa (mitderMelchaa, dem Großen und Kleinen Schlierenbach) bilden die zwei aneinander parallel laufenden Hauptthäler des Kantons. Zu demselben gehören von Seen, welche im Ganzen einen Flächenraum von 43,^ Hstcm be- decken, der Vierwaldstättersee (nur mit seinem südwestlichen Theile), der Sarner- und Lungernsee und mehrere kleine Alpenseen. Das Klima ist im Allgemeinen mild und gesund, in den hohen Bergthälern rauh. Der Boden, in den beiden genannten Thä- lern am fruchtbarsten, liefert einiges Getreide (doch für den Bedarf bei Weitem nicht zureichend); andere Produkte sind: viel Obst, bes. Nüsse, Futterkräuter u. viel Holz. Fische gibt es bes. im Vierwaldstädtersee, ausgezeichnete Forellen in den Gebirgsbächen. Das Melchthal u. Alpnachtliefern schönen Marmor. Unter den zwei vorhandenen Mineralquellen ist das Kaltbad in der Schwendi das besuchteste. Klimatische Kurorte sind: Buochs, Engelberg u. Rotzloch. Die Hauptbeschäftigung der Einwohner istViehzucht u. Käsebereitung (der Schwendikäse berühmt). Der Viehstandbetrug21.April 1876:523Pferde, 15,282 Stück Rindvieh, 4089 Schafe, 6681 Ziegen u. 4289 Schweine; von Bienenstöcken waren 1094 vorhanden. Die Jagd gewährt ziemliche Ausbeute, bes. an Gemsen. Industrie ist so gut wie nicht vorhanden; nur 1 Papierfabrik u. 1 Glashütte bestehen, ferner wird in Buochs Seidenspinnerei und Kämmerei ge- trieben. Ebenso ist der Handel von keiner Bedeutung; ausgesllhrt werden: Vieh, Käse, Butter, Obst, bes. Nüsse, Eider, Branntwein, Holz u. Häute. Die Einwohner sind deutschen Stammes, ein schöner Menschenschlag und folgen (mit Ausnahme von 414 Protestanten u. 5 Juden) sämmtlich der Katholischen Confession. Für die Bildung ist in neuerer Zeit ausreichendergesorgtworden.JmSchuljahre1871/72 wurden die Primärschulen, an denen 68 Lehrer wirkten, von 3398 Schülern besucht; die Sekundärschulen zählten 30 Lehrer u. 179 Schüler. An höheren Unterrichtsanstalten besitzt U. 3 Gymnasien (in Sarnen, Stans u. im Stift Engelberg). Es gibt 5 Klöster, unter denen die Benedictinerabtei Engelberg (s. d. 2) das angesehenste ist. U. gehört in kirchlicher Hinsicht zur Diöcese Chur. V erfassung: U. bildet im Bunde nurEinenStand, ist aber imJnnern seit unbekannter Zeit in Liezwei besonderen Halbkantone Ob- u.Nid dem Walde(unter diesem Walde ist der sogen. Kernwald gemeint) mit gegenseitig unabhängiger Versassung u. Verwaltung geschieden; beide haben eine rein demokratische Verfassung. Die jetzt giltige Verfassung von Obwalden ist 27. Oct. 1867 vom Volke angenommen worden; die Grundzüge derselben sind folgende: Die souveräne Landesgemeinde, aus allen ehrenhaften Landleuten von mindestens 20 Jahren bestehend, bewilligt alle Staatsanleihen, alle 10,000 Franken übersteigenden Ausgaben, die Steuern u. bestätigt oder verwirft Gesetze u. Anträge. Jeder einzelne Bürger hat das Recht der Gesetzesinitiative. Der Landesgemeinde stehen zur Seite der Regierungsrath, dessen Präsident der regierende Landammann ist, u. der Katonsrath. Der Regierungsrath, aus 7 von der Landesgemeinde auf 4 Jahre gewählten Mitgliedern bestehend, ist die oberste Verwaltungs- u. Vollziehungsbehörde. Der Kantonsrath, so viel wie das gesetzgebende Organ des Volkes, wird von den Gemeinden auf 4 Jahre gewählt. Die oberste richterliche Instanz bildet ein Obergericht, das aus 9 Mitgliedern zusammengesetzt ist, die von der Landsgemeinde auf 4 Jahre gewählt werden. Obwalden ist in 7 Gemeinden getheilt; Hauptort ist Sarnen. Die Verfassung von Nidwalden, welche vom 2. April 1877 datirt, stimmt im Allgemeinen mit der von Obwalden überein. Regierungsrath u. Obergericht bestehen in Nidwalden jedoch aus je elf auf drei Jahre gewählten Mitgliedern; ferner wird der Landrath (Kantonsrath in Obwalden) auf 6 Jahre gewählt. Nidwalden zerfällt in 11 Gemeinden; Hauptort ist Stans. Das Wappen von U. ist: Ein getheilter Schild, der sowohl in dem einen roth- u. silbergetheilten Felde, als auch in dem anderen rothen Felde einen silbernen Schlüssel zeigt. Vgl. v. Berlepsch, Luzern, der Vierwaldstätter See n. die Urkantone, 2. A., Luzern 1876). U. erscheint in der Geschichte in der ersten Hälfte des 12. Jahrh. u. theilte schon um diese Zeit sich inzweiHälften, Ü. ob dem Walde und U. uid dem Walde oder in die Thäler Sarnen u. Stans, in welchen sowofi^V^ Österreich als andere weltliche und geistliche Herren gewisse Rechte besaßen. Wahrscheinlich verband sich U. schon früh mit Schwyz u. Uri, sicher im 13. Jahrh. mit Luzern, doch ist unbekannt, wann die Unterwal- dener die ersten Freiheitsbriese von den Kaisern erhielten. Mit Uri u. Schwyz schlossen sie 1291 den ersten bekannten Bund u. ihre Freiheiten wurden zuerst 1309 durch Heinrich VII. bestätigt. Mit denselben Orten stritten sie am Morgarten 1315 gegen die Ansprüche Österreichs, deren Reste sie nach und nach loskauften. Nicht inbegriffen in diesen Bestrebungen war das Kloster Engelberg, welches bis 1798 als besonderes Gebiet unter dem Schutze der Eidgenossen stand. Im genannten Jahre wurde U. mit Uri u. Schwyz zum Kanton Waldstätten der Helvc- tischen Republik vereinigt; aber Nidwalden lehnte sich gegen dieselbe auf u. wurde deshalb von einem französischen Heer überfallen und verwüstet. U. fiel mit den übrigen kleinen Kantonen 1802 von der Helvetischen Republik ab u. als 1815 die Schweiz eine neue föderative Verfassung erhielt, sperrte sich Nidwalden auch gegen Liese, wurde aber zum Beitritte gezwungen und mußte zur Strafe Engelberg, das ihm seit 1803 einverleibt war, an Obwalden abtreten. Ganz U. nahm 1832 am Sarnerbnnde u. 1845 am Sonderbunde theil u. erlitt dessen Schicksal (s. Schweiz). Auch seitdem bewahrte es einen ultramontan-con- servativen Standpunkt. Vgl. Darstellung des Can- tons U., Zürich 1802; I. Businger u. Zeller, Ver- such einer Geschichte des Freistaates U., Luzern 1789 bis 1792, 2THIe.(Geogr.) Berns.iGesch.)Hcm,e-AmRhyn. Nnterwall, 1) so v. w. Hausse brs^s; 2) ein zwischen dem Haüptwall u. der Grabenescarpe liegender niedriger Wall, bestimmt das Vorgelände u. 771 Unter-Weißenburg (Als6 Glaus eines Festungswerkes rasant mit Gewehrfeuer zu bestreichen, welches von dem hochgelegenen Hauptwall aus zu bohrend wirkt. Auch ist letzteres in der Regel für den Geschützkampf reservirt, so daß die Infanterie dort keinen Platz findet. Der U. wird in der Regel nicht traversirt, erhält aber gedeckte Zugänge vom Innern des Werkes, seine Brustwehr ist gewöhnlich 4 m stark. Unter-Weißenburg (Also Feher), Comitat in Siebenbürgen, 1876 gebildet ans dem früheren Comitate U. mit Ausnahme des Aranyos-Thales u. einiger anderer kleineren Theile, aus Karlsburg, Abrudbänya u.Vizakna; wird begrenzt von Hunyad, Hermannstadt, Groß-Kokel, Klein-Kokel und Torda- Aranyos;3576,sHjkm(65sIM)mit(1869) 188,702 Ew. (auf 1 f^icm 52,„, in ganz Ungarn-Siebenbürgen 48,«). Das Comitat ist im W. gebirgig durch das Siebenbürgische Erzgebirge mit dem Dimboj (1368 m), wird vom Maros, Kokel und einigen anderen kleinen Flüssen durchströmt und von der Linie Arad-Karlsburg der Siebenbllrger Eisenbahn und den Linien Großwardein-Klausenburg-Kronstadt u. Tövis-Karlsburg derUngar.Ostbahn durchschnitten. Die Hauptbeschäftigung der Bewohner bilden Viehzucht, Acker- u. Weinbau, so wie Bergbau auf Gold, Silberu.Steinsalz.HauptortistRagy-Enyed. Berns. Unterwelt, s. u. Griechische Mythologie VI. u. Zustand nach dem Tode. Unterwerken, unter dem bisherigen Tiefsten einer Grube, u. zwar nicht vom Schachte ans, Mineralien gewinnen. Unterwind , die zur Verbrennung des Brennmaterials aus den Röststäben der Feuerungen von unten Angeführte Zug- od. Gebläseluft. Unterzug (Bergb.),ein unter dem Hangenden in der Richtung des Einfallens der Lagerstätte gelegtes, durch Stempel gestütztes Holz. Untheilbare Güter, Landgüter, deren Grund- stücke beim Verkauf oder Vererben nicht vereinzelt werden können, und bezeichnet man demgemäß mit Untheilbarkeit der Landgüter die Eigenschaft, vermöge deren gewisse Landgüter überhaupt nicht oder wenigstens nicht ohne besondere obrigkeitliche Genehmigung in kleinere Parzellen zerstückelt werden dürfen, sondern immer in ihrem ganzen Com- plex od. wenigstens in gleicher Größe, wie bisher, erhalten werden müssen. Der Grundsatz der U. ist dem Römischen Rechte durchaus fremd; bei der Anwendung desselben steht der Zerstückelung der Landgüter auch in die kleinsten Parzellen kein Hinderniß im Wege. Dagegen hat von jeher sowol deutsche Sitte, als auch deutsches Recht, mehrfach die kl. bei Landgütern gewisser Klassen angestrebt und wirklich auch eingeführt. In der früheren Zeit war dabei bes. die Rücksicht darauf maßgebend, daß das Gut einen Bestandbehalten müsse, welcher dem Bewirthschafter des- selbendie ans demselbenruhenden Lasten an Lehndienst, Lehngeld,Frohndiensten, Erbzinsen,Zehnten,Spanndienste in Kriegsfällen rc. zu leisten möglich machte. Auch die Steuerverfassnng gab öfters Anlaß derTheil- barkeit der Landgüter Beschränkungen anfzuerlegeu, indem die Steuerlast unter die vorhandcnen Güter nach Hufen vertheilt wurde u. nur mit Genehmigung der Steueranfsichtsbehörde solche Husen getheilt werden durften. Nach dem Longobardischen Lehnrechr wurden Herzogthümer, Fürstenthümer, Markgrafschaf- > Fchsr) — Unyamwezi. ten und Grafschaften, nach der Goldenen Bulle die deutschen Kurfllrstenthümer für untheilbar erklärt. Späterhin bewirkte namentlich dieRllcksichtdenGlanz und das Ansehen einer Familie zu erhalten, daß in vielen Familien des Adels durch Einführung von besonderen statutarischen Familiensatzungen, wie durch Erbverträge, Testamente, Primogenitur-, Majorat- , Seniorat- u. Minoratordnungen die U. des alten Stammbesitzes zum Princip erhoben wurde. Eine indirecte Unterstützung erhielt das Streben nach Zusammenhalten der Güter durch das Gespilderecht, durch welches den Besitzern eines Hauptgutes ermöglicht wurde bei späterer Veräußerung von Stücken, welche im Laufe der Zeit vom Hanptgute abgekommen waren, durch Zahlung des von Anderen gebotenen Kaufpreises in den Kauf einzutreten und das Trennstück dadurch wiederum zum Hauptgute zurllckzubringen. JnneuererZeit hat man, nachdem die Rücksichten wegen Leistungen der Frohndienste rc. durch die Ablösungen hinweggefallen sind, mehr die ökonomische Seite der Frage in den Vordergrund gestellt. Hierüber, d. h. über das Für und Wider, vgl. d. Art. Dismembration. Lagai. Untiefe ist eine seichte Stelle im Meere. Untreue, so v. w. Treubruch; in strafrechtlichem Sinne absichtliche Verletzung gewisser vermögensrechtlicher Verbindlichkeiten, welche nach Auffassung des Gesetzgeb ers ihrem Charakter nach ihren Grund in Vertrauensverhältnissen haben. Nach dem Deutschen Straf-Gesetz-Buch Art. 266 werden wegen U. mit Gefäugniß, woneben auch noch auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden kann, bestraft. Vormünder, Curatoren, Güterpfleger, Sequester, Massenverwalter, Vollstrecker letztwilliger Verfügungen u. Verwalter von Stiftungen, wenn sie absicht- iich zum Nachtheile der ihrer Aufsicht anvertranten Personen od. Sachen handeln, sodann Bevollmächtigte, welche über Forderungen od. andere Vermögensstücke des Auftraggebers absichtlich zu dessen Nachtheil verfügen; endlich Feldmesser, Versteigerer, Mäkler , Güterbestätiger u. andere zur Betreibung ihres Gewerbes von der Obrigkeit verpflichtete Personen, wenn sie bei den ihnen übertragenen Geschäften absichtlich diejenigen benachtheiligen, deren Geschäfte sie besorgen. Ist bei Begehung der Untreue beabsichtigt, sich od. einem Andern einen Vermögensvortheil zu verschaffen, so kann auch noch auf Geldstrafe bis zu 3066 Ll erkannt werden. Läßt sich ein öffentlicher Beamter eine U. zu Schulden kommen, so wird dieselbe als Amtsverbrechen (s. d.) bestraft. Der Versuch der U. wird nicht bedroht. — Unverritzt, vom Bergbau noch nicht berührt. Nnyamwezi, Landschaft ist OAfrika zwischen Zanzibar u. dem Tanganjikasee, zerfällt in eine bedeutende Anzahl einzelner Reiche, von denen Unya- nyembe das wichtigste ist. Das Land ist äußerst fruchtbar u. gilt als der Garten von OAfrika, dabei ist auch die Viehzucht äußerst ergiebig. Das Klima gehört zu den günstigsten. In Uuyanyembe befinden sich große Factoreien der arabischen Händler, von wo diese ihre Leute zum Einkauf von Sklaven u. Elfenbein aussenden. Hier muß jeder Reisende eine Zeit lang verweilen, La alle Contracte mit den Trägern nur bis hierher lauten u. hier die Träger gewechselt werden. Der Hauptort von Uuyanyembe ist Tabora (früher Kaseh). 772 Unyanyembe Unyanyembe, s. u. Unyamwezi. Unze (lat. 8noia), 1) ursprünglich von jedem Ganzen; bes. ^ des römischen As. Im Apothekergewicht 1 U. — ^ Psd. Als Handels-, Gold- u. Silbergewicht ist 1 U. in Italien — ^ Pfd., in England—^Handelspfnnd, wovon man das Trotz- gewicht unterscheiden muß: nämlich für Edelmetalle, Juwelen u. wissenschaftliche Bestimmungen ist 1 U. (ounso, abgekürzt 02) — Troy-Psd. Nach Köln. Gewicht war 1 U. — 2 Loth — ^ Pfd. od. ^ Köln. Mark. 2) Bezeichnung einer Münze, sowol in Silber als in Gold, welcher das Gewicht einer U. zu Grunde liegt, so in Gold auf Sicilien, in Spanien, von wo der Name nach Mejico u. SAmerika kam. In den verschiedenen südamerikan. Staaten schwankte der Werth einer Oura (äo oro) zwischen 64,g2 und 69,21 deutsche Mark. In Colombia heißt der Dop- pel-Condor auch Onra — 80,gg deutsche Mark. Sil- ber-U. auf Malta, in Marokko u. a. 3) Längenmaß, so V. w. 1 Zoll od. Fuß. Brambach. Unze , so v. w. Jaguar. Unzelmann, hervorragende Kllnstlerfamilie 1) Karl Wilhelm Ferdinand, geb. 1. Juli 1753 in Brannschweig; betrat 1771 zuerst in Schwerin die Bühne als jugendlicher Liebhaber, wurde 1775 als Komiker und Sänger in Berlin engagirt, trat zwischen hinein inden bedeutender» Städten Deutschlands auf, war 1814—23 Regisseur des Schau- u. Lustspiels inBerlin u. st. hier 2l.April1832. Seine Gemahlin war (1788—1803) die Friderike Flintter, nachmals Bethmann s. d. 2) Karl Wolfgang, Sohn der beiden Vorigen, geb. 1790 in Berlin, wurde von Goethe der Bühne zugeführt, zeichnete sich bes. in Posse u. Lustspiel aus, Labei besaß er in hohem Grade das Talent zu improvisiren und Zeit- u. Localverhältnissein seine Rollen zu mischen. Er trat zuerst in Weimar auf, seit 1821 in Dresden, Wien, Berlin, Darmstadt, Mannheim, Mainz und Frankfurt a. O., kam aber durch Verschwendung n. Trunksucht sehr herab u. ertränkte sich 21. Mai 1843 in Berlin. 3) August, Bruder des Vorigen, geb. 1792 inBerlin, war Mitglied des Berliner Hoftheaters bis an seinen Tod 1833. Bes. hervorragend in einzelnen Charakterrollen u. komischen Par- tieen. 4 ) Friedrich Ludwig, Bruder des Vor., geb. 1797, widmete sich der Holzschneidekunst, in welcher er es zu einer großen technischen Vollkommenheit brachte. Er befreite sich allmählich von der älteren Stichmanier, wodurch es ihm möglich wurde seinen Schnitten weichere u. zartere Formen u. eine lebendigere Wirkung zu geben. 1843 zum Mitglied der Akademie in Berlin ernannt, erhielt er 1845 den Professortitel u. st. zu Wien aus einer Reise 29. Aug. 1854. Er hat eine Menge Arbeiten, Por- traits, Landschaften, Genrebilder, namentlich auch Illustrationen von Geschichtswerken, geliefert, u. a. zu Raczynskis Geschichte der neueren deutschenKunst, zu Kuglers Geschichte Friedrichs des Gr., zum Nibelungenliede nach Zeichnungen von Hübner nnd Bendemann; unter den größeren Blättern ist zu erwähnen: Franz von Sickingens Tod u. Gutenberg (nach Menzel). 5 ) Bertha Wagner-U., Tochter von U. 3), geb. 19. Dec. 1822 in Berlin, betrat die Bühne 1842 in Stettin, wurde noch 1842 beim Königstädtischen Theater in Berlin angestellt, 1843 beim Hostheater in Neustrelitz, 1844 in Bremens — Upland. 1845 in Leipzig, gastirte 1846 in Berlin u. wurde > hier 1847 Mitglied des Hoftheaters. 1849 verhei- s rathete sie sich mit dem Schauspieler Joseph Wag- > ner, fand mit diesem lebenslängliches Engagement s am Hofburgtheater in Wien, war dort bis 1854 thätig, bes. ausgezeichnet in der Darstellung gefühl- ^ voller Charaktere, wurde aberdann durch Kränklichkeit verhindert weiter aufzutreten u. st. 7.März1858. Unzer, Johann August, geb. 29.April 1727 zu Halle, studirte hier Medicin, promovirte 1748, hielt ! Vorlesungen über Philosophie n.Medicin, ging 1750 s nach Hamburg, dann nach Altona u. starb 2. April ( 1799. Er ist der klarste, originellste u. bedeutendste j Schriftsteller der Nach-Hallerschen Zeit, der durch die ' Herausgabe einer populär medicin. Zeitschrift: Der Arzt einen ungemeinen Einfluß ausübte, gewissermaßen als Begründer der Nervenphyfik zu betrachten ist, das Verhältniß der Mechanik im Körper u. derNervenwirkung am schärfsten schied, nichts erheblich Neues auffand, aber das Vorhandene resü- mirte und durch das Streben sich auszeichnete, eine ähnliche Gesetzmäßigkeit für das organische Leben anfzufinden, wie sie für die mechanischen Vorgänge bereits vorhanden war, leider aber die vegetativen Thätigkeiten ganz außer Acht ließ (vgl. Wunderlich, Geschichte der Medicin). Seine: Erste Gründe einer Physiologie der eigentl. thier. Natur thier. Körper, Lpz. 1771, verschafften ihm ein enormes Ansehen; unter vielen Werken noch zu nennen: Medicinisches Handbuch, Hamb. 1770, 5. A. Lpz. 1794; Einleitung zur allgem. Pathologie der ansteckenden Krankheiten, Halle 1783. Nach ihm benennt man die ' Unzerschen Pulver (Goldschwefel, schwefelsaures Kali, präparirte Austerschalen in gleichen Theilen) gegen kaltes Fieber. Thamhayn. Unzucht, s. Fleischliche Verbrechen. Unzurechnungsfähigkeit ist die Negation des Zustandes, in welchem sich derjenige befindet, welcher sich frei für die Begehung einer Handlung zu bestimmen vermag n. ebendeßhalb für dieselbe strafrechtlich verantwortlich ist. Das klebrige s. n. Zurechnung. Unzuständigkeit (Jncompetenz), der Mangel an denjenigen Bedingungen, von welchem das Recht abhängt gewisse Handlungen, bes. der öffentlichen Autorität, vorzunehmen, z. B. Recht zu sprechen, Befehle zu erlassen; vgl. Gerichtsstand. Upanga (sanskr.), eigentlich Untcrablheilung, dann Anhang, ergänzendes Werk von geringerer Bedeutung , eine Ergänzung zu einer Ergänzung, ist der Name der 4 untergeordneten Glieder (U-s), die sich an die 6 Vedangas (s. d.) anschließen und ans dem Gesetzcorpus (8mriti), aus den Schriften über die bei den orthodoxen Haupttheilen der Philosophie, die Nyaya n.Mimansa, u. endlich aus den religiösen Epopäen u. Puranas bestehen. Upanishad sind indische Schriften, welche die wichtigsten philosophischen Probleme behandeln, s. u. Sanskrit, Literatur II. ä), S. 666. s Upapurana, d. i. Neben-Purana, deren Zahl ebenso wie die der Purana (s. d.) 18 beträgt, s. Sanskrit, Literatur 8. e), S. 667. Upas, malaiisch, so v. w. Gift; II. Lackja u. 8. Lntiar, die ostinischen Pfeilgifte, s. Pfeilgifle. Upland , Landschaft im mittleren Schweden, er- ^ streckt sich vom nördl. Ufer des Mälar bis zum Dab . 773 Upolu — Elf und wird im O. von der Ostsee bespült, umfaßt den größten Theil der mittleren Ackerregion Schwedens n. prodncirt daher viel Roggen u. Gerste. Der felsigen Küste sind zahlreiche Inseln und Scheeren (Upläudische Scheeren) vorgelagert. Der östl. Theil U-s (Roslagen) gehört zum Stockholmslän, der westl.Theil, mitAusnahmedes zum Westeräslän gehörigen Fjerdhundra, zumUpsalalän. U.ist das Hei- mathland vieler großer Männer, wie Sture, Gustav Wasa, Axel, Oxenstierna, Celsius, Bauer rc. Berns. Upolu, die fruchtbarste u. dichtbewohnteste Insel ans der Gruppe der Samoa - Inseln (Australien), unter 14" s. Br. u. 155" w. L., dehnt sich 60 km lang von O. nach W. aus, 15 km breit, bergig, der Vulkan Tofua erreicht eine Höhe von 611 m; alle Höhen sind bis zum Gipfel von Palmen oder andern Pflanzen bedeckt; gut bewässert, der See Lauta füllt einen alten Krater; hat mehrere gute Hasenbuchten (Fangaloa-, Apiabai u. a.); Klima vortrefflich, durch stete Seewinde gekühlt, bringt vorzüglich Brodfrucht- bäume, Cocospalmen, Pandanus, Schildpatt rc. Der nicht unbedeutende Handel ist in deutschen Händen; 16,500 christianisirte Ew. U. steht jetzt unter nordamcrikanischer Hoheit. Geschichtliches s. unter Schifferinseln. Dronke. Upper (engl.), ober, höher; bes. in Zusammensetzungen. Uppingham, Stadt in der engl. Grafschaft Rut- land, mit lateinischer Schule, Versorguugshaus und (1871) 2464 Ew. Upsala, 1) Län in Schweden, umfaßt den östl. Theil der Landschaft Upland (s. d.) u. wird von den Läns Gefleborg, Westeras n. Stockholm und vom Bottnischen Meerbusen begrenzt; 5316,^ HZKm (96,§ IHM) mit (1876) 106,004 Ew. (auf 1 sZkm 19,g, in ganz Schweden 10). Das Län ist im Innern größtentheils eben u. fruchtbar, im N. sumpfig und waldreich, die Küsten zeigen die felsige Scheereunatur. Es wird bewässert vom Mälar, welcher hier mehrere tiefe Busen hat und von mehreren Binnenseen (zusammen 192,s,sHkm umfassend), ferner von dem Dalelf, Tierps-Ä, Fyris-A, Orsnnds-A u. a. Eisenbahnen: zusammen etwa 224 km. Das Klima ist, der geographischen Lage entsprechend, ziemlich rauh, doch liefert der Ackerbau ziemlich viel Getreide, auch L>hst. Außer Ackerbau bilden Viehzucht u. Waldwirthschaft die Haupterwerbsqnellen, indessen sind auch von Wichtigkeit der Bergbau (namentlich auf Eisen) u. der Hüttenbetrieb, ferner die Fischerei, Kalkbrennerei, Kohlenbrennerei, Schifffahrt und der Handel. 2) Hauptstadt darin, in weiter fruchtbarer Eheue, auf beiden Ufern der Fyris-Ä(Sala), unweit des Mälarsees; Station der Stockholm-U.-Krylbo-, der U.-Gefle- und der U.-Lanna-Eisenbahn; besteht aus dem hochgelegenen älteren und dem niedriggelegenen neueren, hauptsächlich gewerblichen Theil; Sitz eines Erzbischofs, eines Consistoriums und der Regierung des Läns. Die merkwürdigsten Gebäude sind: das von Gustav I. erbaute große Schloß (nach dem Brande von 1702 nur zum Theil wieder hergestellt); die Domkirche, 1258 — 1435 erbaut, 89 m lang, bis4l,g m breit, im Chore27,gmhoch, einfach und imposant, ehemals die Krönungskirche der Könige, mit fünf Schiffen, durch vier Reihen Säulen getheilt, dem Gustaviani- schen Chor, 1830—38 von Sandberg mit Frescoge- - Upsala. mälden aus der Geschichte Gustav Wasas geziert u. 12 anderen den vornehmsten Familien des Reiches gehörigen Grabchören, einem schönen Altarblatt, einer großen Orgel, kupfernem Dach und zwei nach dem großen Brand restaurirten unansehnlichen Thürmen, ferner mit St. Erichs IX., Johanns III., Gustav Wasas, Sinnes u. a. Grabmälern; in der Kirche werden viele Merkwürdigkeiten aus der schwedischen Geschichte aufbewahrt, u. A. ein kolossales Bild Thors , die Kleider oes in U. ermordeten Nils Sture, der zwei Ellen lange Schleifstein, welchen Albrecht von Mecklenburg der Königin Margarethe von Dänemark zum Spotte schickte, damit sie ihre Nähnadeln darauf schleife, sowie auch die Fahne, welche Margarethe aus ihren Hemden fertigen ließ u. ihrem Gegner als Zeichen der Verachtung überschickte. Zwischen dem schönen neuen Universitätsgebäude und dem Dome ist eine schöne Promenade, Odinslund(Odinshein), geschmückt mit einem 1832 vom Könige Karl XIV. Johann zu Ehren Gustav Adolfs errichteten Obelisken von Granit. Im Karolinenpark steht ein Denkmal Karls XIV. Johann. U. hat eine Akademie für Beförderung der Kennt- niß nordischer Sprachen u. Wissenschaften (s. Akademie) ; eine Universität, die erste des Landes (Zahl der Studenten 1500 durchschnittlich), 1476 von Sten Sture gestiftet, 1624 von Gustav Adolf mit reichen Einkünften bedacht, mit Museum (von Gustav III. erbaut). Botanischem Garten (berühmt durch Liune, dessen Statue von Bystrüm hier aufgestellt ist), ferner mit Münzsammlung, Anatomischem Theater, Sternwarte, Reitschule, Bibliothek (der bedeutendsten Schwedens) von etwa 200,000 Bänden u. 6000 Manuscripten (darunter der 6octsx arAsntsus, s. d.), neuem chemischem Laboratorium, Krankenhaus rc.; ferner Predigerseminar, Hospital, Sauer- hruunen, Arbeits- u. Correctionshaus, Fabrikation von seidenen Strümpfen und Bändern, Tabak rc., Handel, Ackerbau; 1876: 13,049 Ew. Bei U. liegt Las Dorf Gamla -U. (Alt-U.),die ersteRiederlassung der Odinier, mit uralter, von Erich dem Heiligen angeblich aus Steinen des zerstörten Sigtuna erbauter Kirche; dabei die 4 Upsalahögar (Upsala- Hügel), von denen einer oben platter ist u. die Gerichtshöhe (Thinghög) heißt, da auf demselben bei dem Allshärja-Thing der Thron des Königs stand, die drei andern (Kungshögarna od. Königshöhen), die Gräber Odins, Freyrs u. Thors sein sollen. Hier ist auch das Gut Hammarby, ehemaliger Wohnsitz des berühmten Linne. U. ist die älteste Stadt in Schweden, war sonst die Hauptstadt des Landes und hieß das östl. Aros. Odin hatte dahin den Freyr als Priester gesetzt, u. da Freyrs Odins Nachfolger auf dem Königsthron wurde, so erbaute er einen großen Tempel daselbst u. verlegte auch die Residenz dahin. Unweit der Stadt auf der Morawiese (s. d.) wurden die Könige gekrönt. Bei U. (auf dem Fyris- wall) fand 984 die dreitägige Schlacht zwischen Erik Segersäll (Siegreich) und seinem Neffen Stprbjörn dem Starken statt, in der Letzterer fiel. Der Tempel zu U. wurde im 12. Jahrh. bei Einführung des Christenthums zerstört u. eine Kirche und ein Bisthum gegründet. 1163 gründete König Karl I. das Erzbisthum, welches 1164 vom Papst Alexander III. bestätigt wurde. Als die Könige ihre Residenz nach Stockholm verlegten, wurden die Erzbischöfe immer 774 17. R. Ural. mächtiger. Zu ihrer Zügelung baute Gustav Wasa, welcher 1521 die Stadt erobert hatte, im Jahre 1558 das Schloß daselbst. Auf dem Schloßhof ist noch ein altes Gewölbe, in welchem ErichXIV. den Nils Sture erstach, weil er von demselben Nachstellungen fürchtete. 1593 war hier eine große Kirchenversammlung. 1702 u. 1809 brannte U. größtentheils ab. H- Berns. U. k., Abbreviatur, so v. w. Dirds Roms.. Ur —, deutsche Vorsetzsylbe, bedeutet ein Hervorgehen oder Hervorbringen aus dem Innern, z. B. Ursprung, Urheber, Ursache; einen Beginn, Ansäng- lichkeit, z. B. Urquell, Ursprache, Urwelt, besonders im Familienverhältniß sowol in aufsteigender als abwärtsgehender Linie das vierte Glied, so Ureltern, die Eltern des Großvaters und der Großmutter. Durch die Verdoppelung Urur— wird das fünfte Glied in aussteigender u. abwärtsgehender Linie des Familienverhältnisses angezeigt; endlich überhaupt Verstärkung od. Steigerung des Begriffs, z. B. uralt, urplötzlich. Ur, so v. w. Auerochs. Ur, Gegend im nördlichen Mesopotamien, wahrscheinlich in der Nähe der Tigrisquellen, Stammland derFamilie Abrahams, von wo dessen Vater Tharah über Haran nach Kanaan zog. Uracca, Erbtochter des Königs Alfons VI. von Castilien, vermählte sich in erster Ehe mit dem Grasen Raimund von Burgund, dann mit Alfons VII. von Aragvnien; f. Spanien, S. 577. Urach, Stadt u. Hauptort in dem 290,^ djicm (6,üv ÜW) mit (1875) 28,591 Einw. umfassenden, gleichnamigen Oberamt des Württemberg. Schwarz- waldkreijes, an der Mündung der Elsach in die Erms, Station der Ermsthalbahn; Schloß (1443 erbaut), schöne evangel. Kirche (von 1472), niederes evangel.-theolog.-philolog.Seminar(seit 1818),schöner gothischerMarktbruunen (aus dem 15. Jahrh.), Spital,Flachs-,u.Baumwollcuspinnerei, Baumwollen-,Wollen- u. Leinenweberei, Färberei, Bleicherei, Papiermühle, Wagen- und Möbelfabrikation, Ger- berei rc., Mllhlwerke, Kalk- u. Tuffsteinbrüche, Handel mit Leinewand, Leder rc., Frucht- und Schaf- märkte; 1875: 3380 Einw. (Gem. 3650). In der Nähe ein schöner Wasserfall im Brühl, die Ruinen der Veste Hohen-U. u. das königliche Gestüt Güter- stein. U. wird zuerst 1137 erwähnt u. war ehemals Hauptort einer wichtigen Grafschaft, welche bereits 1265 ganz an Württemberg kam. Hier 1473 Vertrag zwischen Eberhard V. u. Heinrich wegen Möm- pelgard. Von U. führte eine Linie von Württemberg den Namen Württemberg-U., welche 1441 gestiftet wurde u. mit dem Sohne des Stifters, Eberhard I. dem Bärtigen, 1496 wieder ausstarb. Heute fuhren noch die Nachkommen des Herzogs Wilhelm Friedrich Philipp (gest. 1830), Bruder des Königs Friedrich I. von Württemberg, den Titel: Graf von Württemberg, Herzog (Fürst) von U. Vgl. Führer durch das Uracher Gebiet, Urach 1875. H- Berns. Urachus (Harnschnur), ein kanalartiger, hohler Gang, der beim menschlichen Embryo vom oberen Blascneude aus als Fortsetzung der Blase zur Bauchhöhle herauszieht u. in den Nabelstrang eintritt, bei Thieren, welche eine Allantois haben, in diese mündet. Nach der Geburt ist der U. obliterirt u. bildet einen dünnen, häutigen Strang, das mittlere Blasenband (ligawsntum veoieao wsäium), welches hinter der weißen Linie bis zuni Nabel reicht. Zuweilen findet sich derselbe nach der Geburt noch offen, eine Mißbildung, die wahrscheinlich dadurch entsteht, daß der Urin nicht auf normalem Wege entleert werden konnte. Ural (d. i. Gürtel, rufs. Semlänii- oder Kam- menoi-Pojas), 1) (Llontsa Rixkrusi) Gebirge in Rußland, die Grenze Asiens gegen Europa bildend, zieht sich von N. nach S. 4000 üm weit durch die Gouv. Archangelsk, Wologda, Tobolsk, Perm , Ufa, Orenburg und endet mit feinen Ausläufern in den Aralo-Kaspischen Niederungen von Turgai u. Uralsk. Man unterscheidet den nördlichen, den mittleren und den südlichen U. a) Der nördliche U. füllt mit seinen äußersten Ausläufern die Inseln Nowaja Semlja u. Waigatsch aus u. erstreckt sich vom Karischen Meere zuerst in einem Bogen, dann in meridionaler Nicht- ung bis fast zu 60" n. Br.; sein nördlichster Thcil ist Las Pa'ö Chor Gebirge, kahl, von Sümpfen (Tundren) umgürtet, im Pa'ödaja 477 na hoch. Der mit dem Gneljn (1297 na) beginnende samojedische U. wendet sich gegen SW. bis zur Grenze des Gouv Wologda; seine Höhen sind kahl, zerrissen, in denThä- lern zeigen sich Büsche von Zwergbirken u. Krüppelholz, im S. auch Nadelholzwälder, die den Lieblingsaufenthalt der Renthiere bilden. Der mit Trümmern bedeckte Gipfel des Pae Jer steigt steil zu 1418 na empor, zeigt aber keine Gletscher, die überhaupt im ganzen U. fehlen. Mehrere seit Jahrhunderten betretene Pässe führen über das Gebirge und vermitteln den Verkehr zwischen Nordwestsibirien und Archangel; die wenig zahlreichen Bewohner sind Samojeden, Ostjaken, im S. auch Wogulen. Mit dem 65°, wo sich das Sabljagebirge steil u. einsam vorlagert (1566 m), bildet der U. ein Knie u. streicht nun genau südlich; in diesem zum Theil mit dichten Urwäldern (von Lärchen, Fichten, Espen rc.) bedeckten Zuge erhebt sich der Tell-pos js zu 1689 m, Deneschkin Kamen zu 1633 na. Obschon nur durchschnittlich 80—85 bin breit, zeigt sich überall deutlich die Bildung von Parallelketten, die in geringerer Höhe die Hauptkette begleiten. Die letztere besteht aus Granit, Syenit, Serpentin, Porphyr u. Diorit, auf welchem sich durch Quarzit durchsetzte Kalk- und chlorithaltige Schiefer sowie Marmor auflagern. Der nördliche U. ist bis jetzt am wenigsten bekannt, d) Der mittlere, Permische oder Werchoturische U. (auch erzreicher genannt), setzt den nördlichen in der Meridianrichtung fort bis zur Quelle der Ufa; deutlich trennen sich in ihm zwei Parallelketten, deren westliche durch die Tschnssowaja, die östliche durch den Tagil durchbrochen sind; große Handelsstraßen führen über ihn von Tscherdyn nach Petropawlowski, von Solikamsk nach Werchoturje u. von Perm nach Jekaterinburg; der höchste Punkt ist der Kontscha- kow (1559 in). Dieser Theil des U. birgt in den Permischen Schichten unerschöpfliche Reichthümer; die an beiden Seiten anstehenden Permischen Schichten enthalten Steinkohlen (noch wenig abgebaut), Gold, Platina, Silber, Kupfer, Eisen, Diamanten rc. Den Mittelpunkt des Bergbaues bildet Jekaterinburg. «) ,Der südliche U. (im Gegensatz zu dem mittleren vielfach bereits entwaldeten auch waldreicher genannt) fcheidet sich in drei Parallelketten: der östliche niedrigste trennt das Gebiet des U-flusses von dem Gebiete des Ob u. führt anfangs den Na« 775 Ural-Altaische Sprachen — Uran. men Jlmengebirge, dann Dschabyk-Karagai u. verflacht sich allmählich als Mugodschargebirge in der Steppe: die mittlere Kette mit dem Jremel (1536m), der Äaschkiren-U., füllt den Raum zwischen dem U-fluß u. der Bjelaja aus, während der westliche (der eigentl. U.) sich mehr südwestlich wendet, in zahlreiche vielfach durchbrochene Glieder zerfällt u. im S. mit dem Obtschei Syrt im Zusammenhänge steht. Der Bergbau, dessen Centrum hier Slatoust ist, bringt dieselben Erze wie im mittleren U. Die beiden bedeutendsten Handelsstraßen sind die von Ufa über Slatoust nach Tscheljabinsk u.vonOrenburg nachWergneUr- alsk(in dessenNähe derMagnetberg).Seit1878wird der U. durch die Sibirische Eisenbahn (Linie Perm- JekaterinburgMcrschritten. Das höhere Gebirge hat auch im mittl. u. südl. U. Granit, das niedere Glimmer- n. Thonschiefer, Wacke, Kalk, Gneis, Porphyr, Sand u. a. Vom U. kommen die Flüsse: Ufa, Pe- tschora, Tschussowa, Silwa, Ufa, Ural, Sakmara (alle westlich), Soswa, Tawda, Ui u. a. (östlich). Vergl. Murchison, De Berneuil und Graf von Keyserling, Llls AsolvM ok Lussis in 3urope anä tsts Oral monntains, Par. u. Lond. 1845 ; Hochstetter, Der U., Berl. 1873 (Nr. 181 der Sammlung Gemein- verst. wissensch. Vorträge). 2) (Früher Jaik, nach der Empörung des Pugatschew, welcher hier hauste, U.), fischreicher Fluß in Rußland, entspringt aus dem Baschkirischen U. am Karatau, geht durch das Ulu- taugebirge, wird meist als Grenze Europas gegen Asien betrachtet, nimmt den Kisil, Tanalik, Sakmara, Or, Jlek u. a. Flüsse auf, bildet bei seiner Mündung ein Deltaland u. fließt bei der Stadt Gurjew in das Kaspische Meer. Dronke. Ural-Altaische Sprachen, so v. w. Tnranische Sprachen (s. d.). Uralisch-Baltische Landhöhe, s. Landhöheni. Uralisch-Karpathische Landhöhe, s. Landhöhen II. Uralit, Mineral, ist faserige Hornblende, welche die Form des Augites besitzt, wahrscheinlich ein Um- wandlungsproduct des Augit, welcher zuweilen noch unversehrt im Innern der Krystalle erhalten ist; findet sich eingewachsen in den Grünsteinporphyren des Urals, Norwegens, Südtirols. Uralsche Kosaken, s. Kosaken. Uralsk (Uralskoi-Gorodok), Hauptstadtim Lande der Uralschen oder Jaik-Kosaken; Hauptstadt der Uralschen Linie an der Einmündung des Tschagan in den Ural, an dessen rechtem User, durch Palisaden u. Wälle beschützt, hat 1 Vorstadt, mehrereKirchen u. Fabriken, Kaufhof; 17,950 Ew. (Russen, Kosaken, auch eine Colonie Kasanscher Tataren u. viele Armenier); lebhaften Handel, sehr besuchte Jahrmärkte; Fischerei im Ural, Caviarbereitung; erhebliche Gärtnerei. U. ist Sitz eines Kosakenatamans, des russischen Commandanten u. Civilgouverneurs. Urämie, s. Harnvergiftung des Blutes. Uran, ein metallisches Element, dessen Atom das Zeichen 3 und das Gewicht 240 hat. Es findet sich in der Natur nur sehr selten u. immer nur in Verbindungen, so im U-pecherz (Pechblende), U-ocker u. U-vitriol; aus dem ersteren werden durch ein umständliches Verfahren dieU-verbindungen gewonnen. Das Metall selbst erhält man durch Glühen des U- chlorürs mit Natrium unter Zusatz von Chlorkalium; es ist stahlgrau, sehr hart, nur wenig schmiedbar u. schmilzt erst in der Weißgluth; spec. Gew. 18,^; an der Lust läuft es gelblich an; in der Rothgluth verbrennt es bei Luftzutritt mit starkem Glanze; auch mit Chlor und Schwefel verbindet es sich direct; in verdünnten Säuren löst es sich unter Wasserstoffentwickelung auf. In seinen Verbindungen tritt das U-atom bald vierwerthig (U-oxydul- oder Uranoverbindungen), bald sechswerthig (U-oxyd- od. Urani- Verbindungen) auf. Die ersteren sind meist grün gefärbt, wirken wie die Eisenoxydulverbindungen als kräftige Reductionsmittel u. gehen sehr leicht schon beim Stehen an der Luft in Oxydverbindungen über. Diewichtigstensind: das U-chlorür (Uranochlorid), — 303 — welches bei der Einwirkung von trockenem Chlorgas auf ein glühendes Gemisch von U- oxydul u. Kohle in schwarzgrünen, metallgläuzenden Oktäedern sublimirt und sich unter beträchtlicher Wärmeentwickelung in Wasser löst. Das U-oxydul (Uranooxyd) — UO? — entsteht beim Erhitzen der höheren Oxydationsstufen im Wasserstoffstrome als schwarzes, krystallinisches Pulver, das sich an der Luft leicht höher oxydirt; cs wird in der Porzellanmalerei als schwarze Farbe benutzt. Das U-oxy- dulhydrat(Uranohydrat)— 30^ — erhältman bei Fällung eines U-oxydulsalzes mit einem Alkali als braunen Niederschlag, der schon beim Kochen Wasser abgibt u. in U-oxydul übergeht. Das schwefelsaure U-oxydul (Uranosulfat) — 3(80^2 3-8320 — bildet sich beim Auflösen von U-oxydul in concen- trirter Schwefelsäure; es wird durch Wasser in ein lösliches saures u. ein unlösliches basisches Salz zerlegt. — Über die Constitution der U-oxydverbind- nugen, die stets Sauerstoff enthalten, gehen die Ansichten noch auseinander; Während sie von einigen Chemikern (O. B. Kühne) als den Eisenoxydverbindungen analog zusammengesetzt betrachtet werden, enthalten sie nach anderen (Peligot) ein eigen- thümliches Radical, Uranyl (IIO 2 ), welches die Rolle eines zweiwerthigen Elementes spielt. Das Uranylchl 0 rid—HOzOiz— nach andern U-oxychlo- rid od. basisches U-chlorid erhält man durch Erhitzen von U-oxydul in Chlorgas; es ist gelb, zerfließlich, leicht schmelzbar, aber wenig flüchtig. U°oxyd — 30z — od. Uranyloxyd — (30z)0 — erhält man durch vorsichtiges Erhitzen von salpetersanrem U- oxyd als röthlich gelbes Pulver, welches beim Glühen Sauerstoff abgibt und sich in U-oxyduloxyd verwandelt. U-oxydhydrat — 30z-l-3z0 (Uranylhy- drat — IlO^OUjz) scheidet sich als orangefarbige, schwammige Masse ab, wenn man eine Lösnug von salpetersanrem U-oxyd mit absolutem Alkohol erwärmt; es löst sich leicht in Säuren auf, indem sich gelblichgrün gesärbte U-oxydsalze bilden, vermag sich aber auch wie das Aluminiumoxydhydrat mit starken Basen zu eigenthümlichen Verbindungen — Uranaten—zu vereinigen, von denen das U-oxyd- natron (ÜUzlizOi-l-MzO) unter dem Namen U- gelb in den Handel kommt; es dient zur Herstellung des gelblichen, grün fluorescirendenU-glascs.U-o x y d- 0 xydul (Üranouranioxyd)—3zOg od. 30z 3- 230z — findet sich in der Natur als U-pecherz derb od. in krystallinischen Körnern von grüner bis schwarzer Farbe; beim Erhitzen im Wasserstoffstrome wird eszu U-oxydul recticirt. Das salpetersaure U-oxyd — IMyOg — oder Uranylnitrat — 30z(30g)2 — bildet sich beim Auflösen von U-oxyd in Salpeter- 776 Uranglas säure; es krystallisirt in grünlichgelben, wasserhaltigen Tafeln od. Säulen, die an trockener Lust verwittern. Behandelt man es mit concentrirter Schwefelsäure, so erhält man schweselsaures U-oxyd — ULOö-i-Zll-iO-derUranylsulfat—(IlOzsSOj-l-SUzO — in kleinen gelben Krystallen. Bei Fällung eines U-oxydsalzes mit Schwefelaunuouiuiu scheidet sich braunes, bei längerer Berührung mit Schwefelam- monium sich roth färbendes Schwefel-U. (IIO 28 ) oder Uranylsulfid ab. — Das U. wurde 1789 von Klaproth entdeckt u. nach dem Planeten Uranus benannt. Hetzer. Uranglas, durch Uranoxyd gefärbtes, eigen- thümlich gelbgrün schillerndes Glas; wird zu Luxus- gegenständen und seiner Fluorescenz wegen für optische Zwecke zuLinseu verarbeitet, da eine solche Linse z. B. erlaubt, Interferenz streifen u. Fraunhofersche Linien im ultravioletten Theile des Spectrums, die bei Anwendung gewöhnlicherLinsennicht sichtbar sind, direct zu sehen. Nranglimmer, 1) (Chalkolith, Kupferuranit), Mineral, krystallisirt quadratisch, häufig in Schuppen u. Blättern oder als Anflug; spaltbar vollkommen basisch; Härte 2 —3, spec. Gew. 3 , 5 — 3 ,g; gras- od. smaragdgrün, auch spangrllu, Strich apselgrün, perl- mutterglänzend,durchscheinend; besteht ausphosphorsaurem Kupfer- u. Uranoxyd mit Wasser; findet sich zu Johanngeorgenstadt, Eibenstock, Schueeberg in Sachsen, Schlaggenwald in Böhmen, bei Callington, Wheal Bulker bei Redruth, Tavistock in Devonshire. 2) So v. w. Uranil. Lehmann. Urania (gr., d. i. die Himmlische), 1) Beiname der Aphrodite als Göttin der edlen Liebe, im Gegensatz zur Paudemos, s. Aphrodite; 2)eine derneun Musen, die Vorsteherin der Astronomie, s. Musen 8 ); 3) s. Asteroiden, Nr. 30. Uranienburg, Schloß, s. unter Hven. Uranit (Urauglimmer z. Th., Autunit, Kalku- ranit), Mineral, krystallisirt im rhombischen System; meist blättrige oder schuppige Massen, Härte 1 — 2 , spec. Gew. 3—3, 2 , gelblichgrün oder gelb, Strich gelb, perlmutterglänzend; besteht aus phosphorsaurem Urauoxyd, phosphorsaurem Kalk und Wasser; findet sich zu Johanngeorgenstadt u. Schueeberg in Sachsen, bei Autun u. Limoges in Frankreich. Uranographie u.Uranolögie (v.Gr.), 1) Beschreibung ».Lehre vom Himmel, d. h.von dem,was am Himmel vorgeht; daher 2) so v. w. Astronomie. Uranolätrie (v. Gr.), Verehrung der Himmelskörper, eine besondere Art des Polytheismus; verql. Sabäismus. Uranos (gr.), 1) Himmel; 2 ) Sohn u. Gemahl der GLa, welche ihm die Centimauen, Kyklopen, Titanen und Titaniden gebar. Als er jene in den Tataros einschloß, reizte Gäa den Kronos, einen der Titanen, daß er mit seinen Brüdern Rache an dem Vater nehmen sollte. Dieser entmannte daher den U., u. aus den herabträufelnden Blutstropfen entstanden die Erinnyen, die Melischen Nymphen und Giganten; das abgeschnittene Glied warf Kronos in das Meer u. aus dessen Schaum erstand Aphrodite. Abgebildet wird U. gewöhnlich mit einem sternbesäe- teu Mantel, in der Hand ein Rad haltend, auf der Brust mit einem Stern geschmückt. 3) S. Uranus. Uranoskop (v. Gr.), so v. w. Astronomisches Fernrohr, s. Fernrohr II. a. — Uranus. Uranotantal, so v. w. Samarskit. Uranpecherz (Nasturan), Mineral, krystallisirt höchst selten in Octaddern; meist dicht, derb, eingesprengt, Bruch muschelig, Härte 3—4 od. auch 5—6, spec. Gew. 4,g—5,z oder auch 7,g— 8 ; pechschwarz, grünlichschwarz, bräunlichschwarz, Strich olivengrün od. bräunlichschwarz; fettglänzend, undurchsichtig; besteht aus Uranoxyduloxyd, meist verunreinigt mit Kieselerde, Blei, Eisen, Kalk, Arsenik rc. Vor dem Löthrohr unschmelzbar; mit Borax gibt es in der Oxydationsflamme eine gelbe, in der Reductions- flamme eine grüne Perle; Salzsäure löst es nicht, wol aber heiße Salpetersäure u. Königswasser. Findet sich auf Erzgängen zu Maricnberg, Annaberg, Schneeberg u. Johanngeorgenstadt in Sachsen, Joachimsthal in Böhmen, Redruth in Cornwall. Dient zur Darstellung der Uranpräparale, bes. der gelben u. schwarzen Farben für die Porzellanmalerei, sowie zur Fabrikation gelber u. hellgrüner Gläser (Cana- rieuglas). L-Hmaim. Uranus, der dritte der sonnenfernen (jenseit der Asteroidenbefindlichen) Planeten; sein Zeichen ist Herschel entdeckte ihn 13. März 1781 u. nannte ihn nach König Georg III. von England Georgsgestirn (Georgsplanet, Ksor^ium siäus); die englischen Astronomen nannten ihn nach dem Entdecker, die deutschen aber U. Schon viel früher hatte Flam- steed (1690) u. Tobias Mayer (1756) ihn gesehen u. seinen Himmelsort bezeichnet, ihn aber für einen Fixstern gehalten. Seine mittlereEntfernungvonder Sonne beträgt ungefähr 396tz Will, geogr. M, die Länge seiner Bahn um dieselbe fast 2500 Will. M u. er legt dieselbe in 84 Jahren 5 Tagen 19 Stunden 41 Minuten 36 Secnnden zurück. Die Neigung seiner Bahn ist 0 ° 46', die Excentricität ist 0,oEios, daher sein kleinster Abstand von der Sonne 378, sein größter 415 Mill. M. Die Sonne erscheint vom U. aus des größeren Abstandes wegen im Durchmesser über 19 und in der Fläche 368mal so klein als von der Erde aus, daher auch die Erleuchtung des U. durch die Sonne 368mal so schwach. Sein kleinster Abstand von der Erde ist 357, sein größter 436 Mill. Meilen, sein scheinbarer Durchmesser 3,g Secunden, seine Lichtstärke die eines Sternes sechster Größe. Sein Durchmesser beträgt 7466 geogr. Meilen, ist also fast 4ßmal so groß als der Erddurchmesser; sein Volumen ist also 82mal, dagegen ist seine Masse nur etwa 15mal so groß als die der Erde. Eine Rotation ist am U. bisher noch nicht mit Sicherheit beobachtet worden, weil man auf der kleinen Scheibe keine Flecken erkennen kann, doch vermuthete schon Herschel eine Abplattung und Mädler schätzt dieselbe auf was natürlich auf eine Rotation schließen läßt. U. ist von vier Monden umgeben, die anfangs vermu- theten Ringe haben sich als optische Täuschung erwiesen. Die U-monde bieten die merkwürdige Erscheinung dar, daß, während die Trabanten der übrigen Planeten sich in Bahnen bewegen, welche gegen die Ebene der Ekliptik nur wenig geneigt sind, und zwar immer von West nach Ost, die U-monde mit einer Neigung von 79", also fast unter einem rechte» Winkel gegen die mit der Ekliptik fast zusammeufal- lende Ebene der U°bahn sich bewegen, u. zwar von Ost nach West. Da nun bei den übrigen Planeten die Ebenen der Mondsbahncn mit der Ebene des Äquatorszusammensällt, so wird manzudem Schlüsse Urao — Urban. 777 geführt, daß der Äquator des U. auf der Ebene seiner Bahn fast senkrecht steht, und daß seine Rotationsachse fast in diese Ebene fällt, so daß während einer Umlansszeit säst jeder Punkt des U. die Sonne im Zenith sieht. Specht. Urao, ist kohlensaures Natron, welches in der heißen Jahreszeit aus einem Salzsee Colombias in Südamerika auskrystallisirt. Jährlich werdxn etwa 1600 Centner gewonnen. Urari, eine Art Pfeilgift, s. d. Urari-sixo, die Rinde von Ooeoulns ^.ma^onnm, woraus das Ti- cumasgift bereitet werden soll. Ural , zu einem handlichen Strendünger verarbeitete menschliche Excremente, welche auch unter den Namen Pondrette, Taffon u. noir auimaliss in den Handel gebracht wird. Meistens wird bei dieser Nutzbarmachung dermenschlichenAuswurfstofseder werthvolle Urin unberücksichtigt gelassen. Es erklärt sich hieraus u. mancherlei anderen Gründen, warum die sogen. Pondrettefabriken einen so schweren Stand haben. Für größere Städte ist durch Berieselung (Rieselfelder, Rieselwiescn) eine bessere Ausnutzung der Excremente angebahnt. Marx. Ura-Tübc(Ura-Tjube),StadtinRuss.Turkistan, südl.vonKhodschend; Shawlsabrikation. Wurde nach ^wöchentlicher Belagerung 14. Ocr. 1866 von den Russen mit Sturm genommen. Urbän (v. Lat.), 1) städtisch,bes. 2) großstädtisch, so wie man in der Residenz lebi, spricht rc.; daher 3) sein, gebildet.. Urbanität, großstädtisches Wesen, seine Lebensart, Bildung, in der Rede namentlich bei den Römern jene alles Provinzielle in den Gedanken und Worten, wie in der Aussprache vermeidende feine Ausdrucksweise, Ilrbanitao zum Unterschiede von der ünotioa romana linAna. Urban, I.Heiliger: 1) St. U.,geb. zu Anfang des 4. Jahrh., aus vornehmer Familie, widmete sich dem geistlichen Stand u. wurde Bischof von An- domatunnm (jetzt Langres); hochverdient um seine Kirche st. er 376. Tag: 23. Jan. II. Päpste: 2) St. U. I., ein Römer, der 17. in der Reihe seit Petrus, saß auf dem Päpstlichen Stuhl 222—230, in welchem Jahre er nach späterer Überlieferung als Märtyrer unter Severus Alexander soll gestorben sein. Sein Gedächtnißtag ist der 25. Mai. 3) U. II-, der 165. Papst, schon von Gregor VII., der ihn zum Bischose (Otto) von Ostia erhoben und als Legaten mit dem Banndecret über Heinrich IV. Winter 1085 zu der deutschen Synode in Quedlinburg (Ostern d.J.) gesandt hatte, als einer der zu seinem Nachfolger tauglichen Männer empfohlen, u.nach Victor III. Tod, übrigens erst nach Verlauf eines halben Jahres (März 1088) wirklich zum Papst geweiht, trat ganz in die Fußtapfen Gregors. Er beeilte sich die große Gräfin (Mathilde von Tnscien) und den mächtigen Herzog Welf von Bayern der päpstlichen Sache dadurch treu zu erhalten, daß er den Sohn des Letzteren, den erst 18jährigen Welf V. mit der Mathilde vermählte, wodurch Welf die Aussicht auf den reichen Besitz der Mathilde erhielt. Als Heinrich IV. aber April 1090 in Italien erschien, mußte U. dem Gegenpapst Clemens weichen u. nach Unteritalien entfliehen. Lange Zeit konnte er sich nur mit Mühe hier behaupten, als auf einmal die von großartigem Erfolge gekrönte Aufforderung zum Kreuzzuge auf der Kirchenversammlung zu Piacenza Frühjahr 1095 eine schwärmerische Begeisterung im ganzen Abendlande für ihn hervorrief, wodurch Clemens schnell alles Ansehen verlor. Was zu Piacenza begonnen war, vollendete das Concil zu Clermont n der Auvergne im Herbst 1095. U. konnte mit großem Nachdruck - den Kampf um die Investitur fortsetzen, Philipp I. von Frankreich, der seine Gemahlin verstoßen hatte, in den Bann thun, Heinrichs IV. Sohn, Konrad, hatte er schon früher zum Abfall vom Vater vermocht u. zum König von Italien krönen lassen. U. st. 29.Juni 1099. Seine vitau. epistolas befinden sich in Mansis Laorornm oonviliornm nova, oolleetio, Flor. 1759—88, XX. Bd. 4) u. III., der 178. Papst, 1185—87, vorher Humbert Crivelli, Erzbischof von Mailand, suchte vergebens die Verbindung Heinrichs, des Sohnes von Friedrich Barbarossa, mit Constantia, der Erbin von Sicilicn, sowie dessen Krönung zum König von Italien zu verhindern. Als er sich dann mit dem Erzbischof Philipp von Köln gegen den Kaiser in Verbindung setzte, sah er sich durch Friedrichs kraftvolles Einschreiten bald von allen deutschen Bischöfen verlassen. Nun suchte er mit einem Bannsprnch gegen den Kaiser vorzu- gehen, was aber nur die Folge hatte, daß die Veroneser, in deren Mauern er sich befand, ihn jetzt nicht länger dulden wollten. Er st. ein ohnmächtiger Gegner, 20. Oct. 1187 zu Ferrara, gerade als ihn die Kunde von der Einnahme Jerusalems durch Sa- ladin getroffen hatte. 5) U. IV., der 188. Papst 1261—64, von Geburt ein Franzose mit Namen Jakob Pantaleon, Sohn eines Schuhmachers in Troyes, bewirkte durch die Übertragung des Reiches Sicilien anKarl von Anjou an Stelle Manfreds, des Halbbruders König Konrads IV., in den italienischen Angelegenheiten eine Veränderung, die für die spätere Geschichte die größte Bedeutung erhalten hat, da sich hieraus die französischen Ansprüche ans Ün< teritalien herlciteten. Übrigens kam U. durch die Partei Manfreds so sehr ins Gedränge, daß er kurz vor seinem Tode die ganze Christenheit in einem Rundschreiben um Hilfe auflehte. Dazu war die Geistlichkeit in Sicilien u. Frankreich aufs äußerste gegen ihn erbittert, da er sie, um Geld für den Krieg gegen Manfred zu erhalten, mit übermäßigen Steuern drückte. Mitten in dieser unangenehmen Lage st. U. 2. Oct. 1264 zu Perugia. An ihn (seit 1264) knüpft sich auch das für mittelalterliches Kirchenwesen so bedeutungsvolle Frohnleichnams- fest an. 6) kl. V., der 206. Papst, 1362—70, vorher Wilhelm von Grimoard, Benedictiner, Abt zu Auxerre u. Marseille, Päpstlicher Legat in Neapel u. Sicilien, brachte Frühjahr 1264 die Visconti n. damit Ober- u. Mittelitalien zum Frieden und richtete seitdem sein Augenmerk einzig darauf, den Sitz des Papstthums aus Ävignon, wo der Papst stets zwischen den Königen von Frankreich n. England im Gedränge war, wieder nach Rom znrllckznverlegen. In seinem Aufträge verkündete Petrarca die Rückkehr des Papstes u. die Wiederherstellung der alten Herrlichkeit Italiens in enthusiastischen Briefen. U. selbst aber suchte an dem deutschenKaiserKarlIV.,mitdem er Frühjahr 1365 eine Zusammenkunft in Avignon hatte, Hilfe zu finden. Karl machte die stattlichsten Versprechungen und betheuerte dem Papste wiederholt, daß er ihn nach Rom zurücksühren wolle, bis U. 778 Urban — Urbana. schließlich die Geduld verlor u. für sich allein Anstalten zur Abreise traf, die er 30. April 1367 ins Werk setzte, trotz der Versuche des franz. Königs Karl V. n. des Cardinalcolleginms, ihn zurückzuhalten. Am 4. Juni landete U. in Genua, begab sich dann nach Mterbo, wo er vergeblich auf den deutschen Kaiser wartete, um sich von diesem nach Rom zurücksühren zu lassen, u. traf endlich 16. Oct. in Rom ein. Ungeachtet des 1364 geschlossenen Friedens mit den Visconti hatten sich diese aufs diene dem Römischen Stuhle furchtbar gemacht. Daß Karl der IV. Hilfe versprach u. auch wirklich 1368 nach Italien zog war ohne dauernden Erfolg. Eine thätigere Verbündete aber fand U. an Johanna I. von Neapel, mit der er sich gegen Ambrosius Visconti, natürlichen Sohn des mailändischen Herrschers Barnabas, verbündete. Ambrosius hatte den ganzen Kirchenstaat verheert, u. trotz seines Sieges Herbst 1369 sah sich der Papst bald so bedrängt und war schließlich der Unruhen u. Entbehrungen, die ihn in Rom trafen, so müde, daß er kurz vor seinem Tode den dringenden Bitten der franz. Cardinäle nachgab u.nachAvignon zurückkehrte. Wenige Wochen später st. er dort 19. Dec. 1370. 7) U. VI., Bartholomäus von Prignano, ein Calabreser, der 208. Papst, vorher Erzbischofvon Bari, nach GregorsXI. TodMärz 1378 mit der Verpflichtung gewählt, den Stuhl Petri in Rom wieder anszurichten. Die Cardinäle hatten ihn gewählt, da sie ihn wegen seiner sanften Art leicht zu lenken hofften. Aber er besaß eine wilde Energie, die er bis dahin bemäntelt hatte, n. gleich seine erste Rede drohte Allen, welche sich Pfründen ancignen, Geschenke anuehmen n. nicht an der Wiederherstellung der seit Jahrhunderten verfallenen Zucht der päpstlichen Hofgeistlichkeit Theil nehmen würden, mit Ausschluß aus der Kirche. Dieser angebliche Neformeiser, einzig hervorgernfen durch die Herrschsucht ».Habgier des Papstes, rief die Spaltung der Abendländischen Kirche herbei. Die bedrohten Cardinäle entwichen u. nahmen bei dem Grafen von Fondi 20. Sept. 1378 eine neue Wahl vor, die ans dem kriegerischen Cardinal Robert von Genf (Papst Clemens VII) fiel. Nach heftigen Kämpfen in Rom und Italien entwich Clemens VII. nach Avignon in den Schutz Frankreichs, das ihn nebst Neapel u. Spanien allein anerkannt hatte. U. aber wnrhete gegen das Haus Anjou in Neapel, gegen welches er Karl von Dnrazzo unterstützte, zerfiel dann niit diesem, der ihn in Rom belagerte und zur Flucht nach Genna zwang, befleckte sich dort mit dem Morde von 6 Cardinäle» seiner eigenen Partei, die er einer Verschwörung beschuldigte (1385) u. endete sein Freunden u. Feinden gleich schreckhaft gewordenes Pontificat 15. Oct. 1389. Vgl. Ferd. Grego- rovius, Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, Stuttg. 1859 im 6. Bd. 8) U. VII., der 236. Papst, Nachfolger Sixtus V., vorher Johann Baptista Castagna, Erzbischof von Rossano, seit 1583 Cardinal, von seinen Vorgängern Pius V., GregorXIII. u. Sixtus V. mehrfach mit Gesandtschaften nach Deutschland und Spanien betraut, überlebte seine Papstmahl nur um 13 Tage, gest. 27. Sept. 1590. 9) U. VIII., der 243. Papst, 1623—44, geb. zu Florenz 1568, mit Namen Maffeo Barberinl. 1604 wurde Mafseo Erzbischof von Nazareth, ging im folgenden Jahre als Apostolischer Nuntius nach Paris, wo sein Einfluß vorzüglich die Wiederaufnahme der Jesuiten bewerkstelligte. Seit 1608, Erzbischof von Spoleto, wurde er 1623 Gregors XV. Nachfolger auf dem Röm. Stuhl. Als Papst hat er sich viel mehr staatsmännischen und kriegerischen Interessen hingegeben als die inneren Angelegenheiten der Kirche beachtet. Österreichs übermächtige Stellung auch in Italien fürchtend, schloß er sich in der Politik dem französischen Cardinal Richelieu an, der auf Demüthigung der Habsburgischen Weltmacht hinarbeitete. 1631 kam mit dem Aussterben des Hauses Rovere das Herzogthum Urbino (s. Urbino) an den Kirchenstaat, dem es in der Folge blieb. Als U. alt u. schwach geworden, beherrschten ihn völlig seine den Römern arg verhaßten Neffen Taddeo u. Antonio Barberini, die ihn im I. 1641 zu einem Kriege gegen Odoardo I., Herzog von Parma, vermochten, um die an der Grenze des Kirchenstaates gelegenen Herrschaften Castro u. Nonciglione zu erhalten. Der Krieg, welcher alle Staaten Mittelitaliens in Bewegung brachte, dauerte 2 Jahre, ohne nennenswerthe Resultate zu haben; als Las Ende des Papstes vorauszusehen war, schlossen im März 1644 seine Neffen Frieden, in demAlles auf den alten Fuß gesetzt wurde. Am 29. Juli d. I. st. der Papst. Von seinen kirchlichen Verordnungen verdienen Erwähnung die Erneuerung der Bulle In oosno. Domini in der noch jetzt bestehenden Fassung, die Errichtung der OonAroZabio äs Propaganda Kicks (solisZinin Ilrdannm) 1627, die Ertheilung des Titels Eminenz an die Cardinäle. Er verdammte 1633 das Sonnensystem Galileis (s. d.). Im Übrigen förderte er, selbst Gelehrter, Künste n. Wissenschaften. SeineGedichte, erschienen Rom 1631, Par. 1642, hat später Brown, Oxf. 1726 herausgegeben. Lebensbeschreibung von Andreas Nicoletti. Schmitz. Urban, Karl Freiherr von, österr. Feldmarschall-Lieutenant, geb. 31. Aug. 1802 in Krakau, von bürgerlichen Eltern, wurde in der Cadettencom- pagnie in Olmütz zum Offizier vorgebildet, trat 1820 als Fähnrich in die österreichische Infanterie, wurde 1847 Oberstlieutenant, war 1848, in Ungarn in Garnison, einer der ersten Offiziere, welche dem neuen ungarischen Ministerium den Gehorsam und Len Eid auf die neue Verfassung verweigerten, unterdrückte mit 1500 Grenzern den Aufstand der Szekler n. schlug 18. Nov. 1848 die Insurgenten bei Klausenburg, wurde Ende 1848 Oberst, zeichnete sich dann während des ungarischen Feldzugs noch in mehreren Gefechten aus, avancirte 1850 zum Generalmajor, wurde 1851 in den Freiherrnstand erhoben, 1857 zum Feldmarschallientenant befördert u. erhielt 1859 beim Beginn dcsJtalienischen Feldzugs den Befehl über eine mobile Division, mit welcher er nach der Schlacht bei Montebcllo dem Vordringen der Alpenjäger unter Garibaldi in der nördlichen Lombardei auf dem rechten Flügel der Österreicher entgegentreten sollte, erzielte jedoch keinen Erfolg und wäre nach der Schlacht von Magenta beinahe abgeschnitten worden, rettete sich aber noch durch einen Gewaltmarsch u. erreichte am Min- cio die Hauptarmee wieder. Nach der Schlacht von Solferino wurde er zum Commandanten von Verona ernannt, später pensionirt u.nahm sich 1. Jan. 1877 zu Brünn selbst das Leben. Urbana, Hauptort des Champaign County im 779 IlrÜLiiu lin^nu — IIri)8. nordamerikan. Unionsstaat Ohio, wichtiger Eisenbahnknotenpunkt, Swedenborgisches Institut, einige Industrie; 4276 Ew. vedüna lingua, s. u. Römische Sprache. Urbama, Stadt am Metauro in der ital. Prov. Pesaro e Urbino,Bisthnm, Kathedrale, Majolikafabrik; 2331 Ew.(Gem.) 4911.GeburtsortBramantes. Der Ort wurde an Stelle des antiken ürbiuum ms- taursussalsCastelDurantevonWilhelmDuranteim 13. Jahrh. erbaut u. erhielt seinen jetzigen Namen vonUrban VIII., welcher ihn 1635 zur Stadt erhob. Urbanistinnen, s. u. Clarissinnen. Urbanität (ürbanitao), s. u. Urban. Urbärbuch (Urbarium), Buch, worin die zu einem Orte gehörigen, angebauten Grundstücke nebst ihren Besitzern verzeichnet sind. Urbarialgcsetz, Gesetz, welches die Urbarmachung der Grundstücke, die freie Benutzung derselben u. die Abgaben von denselben betrifft. Urbarmachung, Zubereitung des Bodens,durch welche ein theils unfruchtbares od. weniger ertragfähiges, od. bisher zum Acker- u. Wiesenbau nicht benutztes Grundstück in einen tauglichen Zustand versetzt wird. Das Verfahren richtet sich dabei nach der Beschaffenheit u. der früheren Benutzung des Bodens. Bei Waldboden,bes. Laubwald, ist nach Abtreibung des Oberholzes, Ausrodung der Wurzeln nöthig. Dieses Durcharbeiten des Grundes macht das Land bei einigermaßen guter Beschaffen, heit sogleich geschickt, um mit Getreide od. noch besser mit Kartoffeln bestellt zu werden. Am häufigsten werdenLehden, Heiden od. Gemeindeanger urbar gemacht. Der Rasen wird entwederim Frllh- jaht tief geackert u. sogleich besäet, od. er wird schon im Herbste flach umgeriffen, auch wohl mit der schweren Egge u. Walze überzogen. Vertiefungen, welche der Pflug nicht ergriffen hat, werden mit dem Spaten nachgebessert. Wenn im Frühjahr der Rasen wieder treibt od. neue Wurzeln schlägt, wird wieder geackert, bis das Land im Herbst zur Winter- ciusaat geeignet ist. Auch kann man aus dem abgeschälten u. mit Stallmist od. Kalk vermischten Nasen Coinpvst Herstellen u. diesen dann unterpflllgen; endlich wird die Grasnarbe auch abgebrannt. Moorboden muß erst durch Abzugskanäle trocken gelegt werden. Dann kann das Land als Wiese benutzt od. auch wie Lehde in Ackerland verwandelt werden. Zur U. kann man auch die Entwässerung nasser Grundstücke rechnen (s. Drainage u. Trockenlegungj.Rhode.* Urbeis (franz. Orbcp), weit ausgedehntes Ge- birgsdorf im Kreise Rappoltsweiler des deutschen Rcgbez. Ober-Elsaß (Elsaß-Lothringen), an der Weiß in einem Thale des Wasgaugebirges; Weberei, Spinnerei, Papierfabrikation, Käsebereitung rc.; 1875: 4778 Ew., welche ein franz. Patois, untermischt mit Überresten der alten keltischen Sprache reden. Über dem Dorfe die Ruinen des Schlosses Beilstein, welches lange Zeit dem Hause Habsburg gehörte. Westlich von U. die Ruinen der ehemaligen, 1138 ge gründeten Cistercienserabtei Päris (jetzt Hospüal) ü. im Quellgebiete der Weiß der Weiße u. Schwarze See(1054u. 950mü.d.M.). H Berns. Urbino, ummauerte Stadt in der ital. Prov. Pesaro e Urbino auf einem steilen Berge u. mitten im Gebirge in herrlicher Lage, Sitz eines Erzbischofs, Kathedrale und 10 andere Kirchen (darunter S. Francesco mit Gemälden u. verschiedenen Denkmälern der ersten Herzöge von U.), Palazzo Ducale (Frührenaissance 1447). Palast Albani mit Gemäldesammlung, Palast della Commune, Akademie, Collegium, Ritterschnle; Fabrikation von seidenen u. hänfenen Maaren, Hüten, Nadeln; 5162 Ew. (Gem. 16,194). Geburtsort desMalersRaphael,dessen Geburtshaus noch hier gezeigt wird u. dem auch ein Denkmal errichtet ist. U. gehörte unter dem Namen Ilrbi- numUortsu8s(dieEinwohnerIIrbivatssIIortsll8S8) zn den zahlreichen Städten der italischen Landschaft Umbria. Zu Cäsars Zeit war sie Municipalstadt der Tribus Stellatiä. Die Stadt stand dann der Reihe nach unter gothischer, oströmischer, longobar- bischer Herrschaft; den Langobarden entriß sie Pipin und schenkte sie, was auch Karl d. Gr. bestätigt habensoll,demRöm. Stuhl. Doch finden wir in späterer Zeit dort von Karl eingesetzte Statthalter. Dann kam die Stadt an die Grafen des benachbarten gebirgigen Montefeltro, unter denen zunächst Guido, der Beherrscher von U. u. Gubbio, hervorragt in de» Kämpfen zwischen den Condottieren Braccio- da Mantone und Attendolo Sforza (1420). Friedrich von Montefeltro erhielt 1474 vom Papst Sixtus IV. denTitelHerzog vonU. Er st. 1482. Mit seinem Sohne Guido Ubaldo st. 1508 das Haus dieser Grafen aus; er adoptirteseinen Eidam Francesco Maria della Rovere, Herr von Sinigaglia n. Neffe des Papstes Julius II. Derselbe erlitt bei Bologna als Generalcapitän der Kirche von den Franzosen unter Trivulzio eine Niederlage, infolge deren ihn der Papst aller seiner Stellen entsetzte, doch schon nach 5 MonatenwiederinGnaden aufnahm. LeoL. jedoch machte seinen Bruder Guiliano statt des Herzogs VonU. zum Generalcapitän, n. beraubte im folgenden Jahre den Herzog seines Herzogthums zu Gunsten seines Neffen Lorenzo Medici. Dieser konnte sich indessen nur kurze Zeit behaupten u. Francesco Maria erhielt 1522 U. von Hadrian VI. zurück. Er st. 1538. Sein Neffe Francesco Maria II. von Rovere, Sohn des 1571 gest. Guido Ubaldo und der Prinzessin Victoria Farnese von Parma, vermachte das Herzogthum seiner an den Großherzog Ferdinand II. von Florenz vermählten Tochter. Nach seinem Tode zog jedoch Papst Urban VIII. 1631 U., dasdamals 7Städte(U.,Pesaro, Sinigaglia, Osimo, Montefeltro, Cingoli, Gubbio) u. gegen 300 Schlösser mit Dörfern umfaßte, als erledigtes Lehen ein, n. auch der Krieg, den Großherzog Ferdinand im Bunde mit Venedig, Parma und Modena begann, brachte keine Änderung. Das Haus della Rovere hat durch Beschlltzung der Künste u. Wissenschaften, sowie durch hervorragende Kriegsthaten und durch innige Verbindung mit den mächtigsten Staaten SEuropas einen ausgezeichneten Ruf erlangt. Des letzten Rovere Gemahlin war Katharina von Medici. U. blieb mit dem Kirchenstaat vereinigt, bis Victor Emanuel 1860 die Provinz Pesaro e U.annectirte u. 1861 mit dem neugebildeten Königreich Italien vereinigte. Vgl. Cimarelli, Ltoria äsllo stato ä'IIr- bino, Urb. 1642; Baldi, Nsmoirs vonoernsnti lg. oittä ä'U., Rom 1724; Ugolini, Ltoria cis' Oouti s Ouebi ck'ürbiuo,Flor.1852,2Bde. IGeschO Schmitz. Urbs (lat.), Stadt, u. zwar als der Sammelplatz eines Volksstammes-, bes. große od. Hauptstadt, wie denn auch bei den Römern, wenn von der Stadl 780 Urccus — (II.) im Allgemeinen die Rede war, Rom verstanden wurde. Urceus, Anton Codrus, geb. 1446 in Ru- biera (nach Andern in Ravenna), wurde 1469 Prof, der Schönen Wissenschaften zu Forli, I486 zu Bologna n. ward 1500 daselbst ermordet. Seine Werke (Reden, Briefe u. Gedichte), gab PH. Beroald Heraus, Par. 1502, mit einer Lebensbeschreibung des U., von B. Blanchini, Ven. 1506, Par. 1615, Bas. 1540; Auszug von Hyacinthus in Len Llsmoiros littsrairss, 1715, als Llatallasiana, 1740, wieder gedruckt. Vgl. Dsils. vita s äells opsrs äi Antonio Ilreeo ästto Ooäro, Bologna 1878. Urda, der 167. Asteroid, 28. Aug. 1876 von Peters in Clinton entdeckt. ürdingen, Stadt im Landkreise Kreseld des prenß. Regbez. Düsseldorf, am Rhein, Station der Berg.-Märk. u. der Rhein. Eisenbahn.regelmäßig gebaut; Amtsgericht, Hauptsteueramt, höhere Stadtschule, höhere Töchterschule, Krankenhaus, drei Zuckerrafsinerien.RheinischeRöhrendampskesselfabrik (bautunexplodirbareSiederohrdampskesselnach eigenen Patenten), Dampsmühle, chemische Fabrik für Herstellung des neuen Farbestoffcs Eosin, Emaillir- sabrik, Cigarrenfabrik,Spritfabrik, mehrere Liqueur- sabriken, Talgsiederei, Bierbrauerei, Fabriken für Knochenkohle, Fuchsin, Holzessig und Bleiröhren rc., Färberei, Gerberei, bedeutende Rheinkiesbaggereien (1877: ca. 30,000 Waggons), ansehnliche Flnß-Rhe- derei, bes. für den Transport von ausländischem Getreide, Farbhölzernrc. Fischfang, Spedilionshandel; 1875: 3216 Ew. Oberhalb Ü. nimmt der im Projekt genehmigte Rhein-Maas-Kanal seinen Anfang, vergl. Venlo. Ü., im 9. Jahrhundert eine Billa, lag bis zum Mittelalter auf einer Rheininsel u. gehörte später bis 1794 zu Kurköln. Es wird bereits 1274als Stadt genannt, wozu der Erzbischof Konrad von Hochstadcn es erhoben haben soll, n. wurde 1325—30 durch den Erzbischof Heinrich von Virneburg mittels einer Burg, Mauern u. Thürme befestigt. 1477 wurde die Stadt durch den Landgrafen Hermann von Hessen eingenommen, 1583 durch Adolf Graf von Neuenahr erobert, geplündert u. verwüstet, 3. Juli 1625 durch Herzog Christian von Brannschweig überfallen u. gründlich ansgeplündcrt, um Allerheiligen 1641 unter tapferer Vertheidigung von Seiten der Bürger durch die Hessen vergeblich belagert, im Jan. 1642 durch die Franzosen n. Hessen eingenommen, geplündert und theilweise niedergebrannt, 23. Mai 1674 abermals durch die Spanier geplündert u. im Spanischen Erbfolgekriege 10. März 1689 durch die alliirteu Truppen erobert; 7. Oct. 1794 wurde U. vou den Franzosen besetzt u. vom 5. auf den 6. Sept. 1795 fand bei Ü. ein Übergang der Franzosen über den Rhein statt. Der Ort hat häufig durch Fcnersbrünste (zuletzt 15. Sept. 1740) u. Lurch Rheinüberschwemm- ungen (bes. 1799) arg gelitten. H. Berns. Urdn (Oordoo), s. u. Hindustanische Sprache. Ure, Andrew, Chemiker u. Technolog, geb. 18. Mai 1778 in Glas gow, besuchte die Universität seiner Vaterstadt u. vollendete seine Studien in Edin- burg; 1800 kehrte er nach Glasgow zurück, wo er als praktischer Arzt u. 1804—30 als Professor der Naturgeschichte u. Chemie an der Lnäsrsonian Institution lebte; seit 1809, wo er zur Gründung der Urethroskop. ! Sternwarte in Glasgow beitrug, beschäftigte er sich mit Astronomie; 1830 wendete er sich nach London u. st. daselbst 2. Jan. 1857. Er schr.: Xsiv experimental ressaroües on soms ok tüs IsaäinA äoc- trinos ok caloric, 1818; Dictionary ok cllsinistrzi, 1821; Nsinoir on tüs ultünats analxsis ok vsZe- tabls snä animal substaness, 1822; Herr System ok AsoloM, 1829; klnlusoplizi ok manukaoturos, or an sxposition ok tlrs solontiüc, moral ancl corn- msrelal eeonomx ok tilg kaetorz- s/stsm ok 6rsat- Lritain, 1835 (deutsch von Dietzmann Lpz. 1835); On tlrs cotton inanukaetursokOrsat-Lritain, Lond. 1836, 2 Bde. (deutsch von Hartmaun, Weim. 1843); Dictionary ok arts.manukactnios anckminss, 1839, nebst Supplementband 1842, 2. A. 1853 (deutsch von Karmarsch u.Heeren, Gött.1843 f.,3Bde.). r. Oreäinsi, Ordn. der Pilze, so v. w. Rostpilze. Ilrocko Dsrs., umfaßt Conidienformen verschiedener Gattungen der Rostpilze, z. B. von kuccinia, Ilromz-ces, DtwaZmickinm u. a.; alle sind kugelige od. eiförmige, kurz gestielte Zellen von gelber oder orangerotherFärbung, sie keimenssehr rasch auf demselben Individuum, auf dem sie entstanden oder auf einem andern derselben Art und entwickeln ein Mycelium im Innern der Nährpflanze, welches entweder nochmals Uredosporen od. Teleutosporen erzeugt. (Vgl. Rostpilze n. Duccinia). Von mehreren II. kennt man noch nicht die zugehörigen Teleuto- sporenformen u. Äcidiumformen. Engter. Ures, s. u. Sonora i). Ureter (gr.), Harnleiter. Urethra (gr.), Harnröhre. Urethitris, Entzündung der Harnröhre nach Anwendung chemischer Reize, wie nach Einspritzungen von Lali caustieum-Lösung, Höllenstein, Knpfervitriolrc. od. nach Einwirkung mechanischer Reize wie Druck, Quetschung der Harnröhre. Die durch Beischlaf entstandene Harnröhrenentzündung begreift man gewöhnlich unter der Bezeichnung Gonorrhoe (s. d.), Tripper. Die Behandlung der U. ist wesentlich eine entzlludnngswidrige, weniger eine specifische. Urethroskop (Endoskop), ein Instrument zur Beleuchtung u. Untersuchung der Harnröhre. Dcsor- meanx war der erste, welcher 1853 ein solches Instrument erfand, doch war dasselbe zu unhandlich u. complicirt, als daß es eine größere Verbreitung hätte finden können. Nach Desormeaux waren es bes. Fllrstenberg in Berlin (1870) u. Grünfeld in Wien (1874), welche sich um die Verbesserung des U. bemühten. Am einfachsten ist Las Grllnfeldsche U., doch immer noch viel zu schwierig in seiner Anwendung, als daß letztere eine allgemeine werden könnte. Es besteht ans einem Belenchtungsspiegel, wie er bei der Kehlkopsnntersuchnng gebraucht wird u. einer Anzahl verschieden gestalteter metallener Katheter, die inwendig matt geschwärzt sind, an dem einzuführenden Ende ein Lurch Glas geschlossenes Fenster, an dem zum Hineinschauen dienenden Ende eine trichterförmige Erweiterung u. dem Fenster gegenüber einen Metallspiegel besitzen. Die Beleuchtung geschieht durch Sonnen- od. Gaslicht. S. vssor- rasanx, äs I'enäoscops st äs sss applications au äia§nostigus, Par. 1865; Fürstenberg, Berl. klin. Wochenschrift 1870, Nr. 3 u. 4; GrüiifelL, Wiener medic. Presse XV. Jahrg., Nr. 11 u. 12 u.Mitth. 's- ^ Urethrotomie — Ur-Gncißformation. 781 des Wiener medic. Doctoren-Collegiums, 1. Bd. Nr. 19. Kunze. , Urethrotomie (gr.), Harnröhrenschnitt, chirur. gische Operation von callösen od. narbigen Harn- röhrenstrictnren, welche durch allmähliche Dilatation ' nicht beseitigt werden können. Man unterscheidet den Schnitt von innen (Ilrstlrrolomia intsrna) u. den von außen (Cr. sxborna bontomrisrs). Nrevangclium, Protevangelium, nach Annahme mehrerer Theologen die Quelle, aus welcher die vier kanonischen Evangelien geflossen sein sollen: indeß beruht diese Annahme nur auf einerHypothese, durch welche man die oft so auffällige Ähnlichkeit der alten Evangelien Matthäi, Marci ü. Lucä in Sachen u. Worten zu erklären suchte. Am scharfsinnigsten haben dieHypothese von einem geschriebenenU. jeder in eigenthümlicher Art, Marsh u. Eichhorn dnrch- geführt. Die neuere Zeit ist mehr u. mehr der Meinung Herders von einem mündlich fortgepflanzten Evangelium beigetreten. Nrfa (Orfa), s. u. Edessa. Urfe, Honore d', Graf von Chateauneuf, Marquis von Valevmery, der berühmteste franz. Romanschriftsteller des XVI. Jahrh., geb. 11. Febr. 1567 in Marseille, widmete sich nach Beendigung seiner Studien dem Kriegsdienste, in dem er durch Tapferkeit glänzte, aber auch große diplomatische Gewandtheit in Unterhandlungen mit Savoyen n. Benedig bekundete. Am Hose Heinrichs IV. nicht besonders beliebt, da seine Familie sich gegen die Bourbonische Partei erklärt hatte, begab er sich an den savoyischen, wo er die glänzendste Aufnahme fand, zog sich in späteren Jahren ans sein Landgut bei Nizza zurück, um sich ganz literarischen Arbeiten zu widmen. Er st. 1625 zu Bille- franche. Sein schriftstellerischer Nus gründet sich auf seinen allegorischen SchäferromanC'Lstres(Asträa) Par. 1637 u. ö., 5 Bde.; außerdem schr. er: Im L^rsrns, Par. 1618; La Lxlvaiüro, Par. 1625; LpisbrsZ moralso, Lyon 1626. Lagai. Urfehde (Crxirsäa), ursprünglich ein Eid, wel chen der entlassene Kriegsgefangene dahin ableisten mußte, sich nicht mehr in Fehde mit demjenigen, welcher ihm die Freiheit schenkte, einzulassen. Im Sinne der Carolina (s. Halsgerichtsordnung) u. der späteren peinlichen Landesgerichtsordnungen, die Aufhebung der Fehde zwischen den Parteien durch eidlichen Verzicht des Beklagten auf die Calum nienklage, wenn der Ankläger seine Anklage nicht hatte beweisen können, ohne daß ihm jedoch der Vor Wurf einer absichtlich falschen Anklage gemacht werden konnte. Später mußte auch ein Jnculpat, welcher torquirt worden war, den Gerichten selbst eine li. schwören, daß er sich wegen der Marter nichträchen wolle. Sodann wurde auch mitunter der Eid, welchen der aus einem Gcrichtsbezirke Verbannte dahin schwören mußte, daß er während der Dauer der Verbannung nicht zurückkehrcn wolle, als Schwö reu einer U. bezeichnet. Urga (d. h. Lager, bei den Mongolen Ta-Kuren) durch Mauern umgeben, hat ordentliche Häuser u. Straßen, von chinesischen Beamten u. K-mfleuten bewohnt, welch letztere einen ausgebreiteten Handel (mit Rußland) treiben. In der Mongolcnstadt beludet sich in mitten der Zelte, aus denen die ganze Stadt besteht, das große stadtähnliche Kloster, früher Palast des Guison Tamba, des geistlichen u. weltlichen Oberhaupts der KhalkaS, der Wallfahrtsplatz ür die Buddhisten, welches zur Zeit der religiösen Versammlungen oft von 30,000 Lamen (Priestern) bewohnt wird. Außerdem zu erwähnen der prachtvolle neue Palast des Guison Tamba. Vgl. Zeitschr. Aus allen Welttheilen I., Lpz. 1870. Dronte. Urgebirge, die ältesten aus der Erstarrung der Erdoberfläche hervorgegangenen Gebirgsarten. Als ölche nahm man früher die Granite, Syenite, Gneiße, Glimmerschiefer rc. inAnspruch; dieselben sind jedoch theils nicht die ältesten Gesteine, theils geschichtet und auf dem Boden noch älterer, freilich nirgends der Beobachtung zugänglicher Massen abgelagert. Lehmann. Urgel, s. Seo de Ürgel. Urgentsch, Name zweier Städte in dem centralasiatischen Reiche Khiwa: 1) Köne od. Kunga- (d. h. Alt-) U., die alte Hauptstadt des Landes, im Delta des Amu-Darja, früher am Lauf dieses Stromes, jetzt an einem versandeten Arme, von Timur 1383 erobert u. zerstört, dann wieder aufgebaut, seit der Besitznahme des Landes durch die Usbeken verfallen n. jetzt ein armseliges Dorf. 2 ) Jengi- oder Jani- (d. h. Neu») U., südöstlich davon, unweit des Amu- Darja au einem Kanal desselben, die bedeutendste Industriestadt Khiwas, mit einigem Handelsverkehr; angebl. 20,000 Ew. Urgeschichte, Darstellung der allmählichen Entwickelung des Menschengeistes aus seiner ursprünglichen natürlichen Wirksamkeit (vgl. G. F. Daumer, U. des Menschengeistes, Berl. 1827) u. wird in diesem Sinne U. in neuester Zeit der Inbegriff von Kenntnissen über frühere Zustände des Menschengeschlechts genannt, die sich nicht auf geschriebene oder mündlich überlieferte Nachrichten, Urkunden stützen, sondernauf indemSchooßeder Erde, in deren oberflächlichenSchichten gefundenen Thatsachen. Vgl. Steinzeit, Bronzezeitalter, Eisenzeitalter. Urgewicht (beim Eichen), ein Gewicht, das die Gewichtseinheit genau darstellen soll u. als gesetzlich anerkanntes richtiges Gewicht dient, um danach andere zum Wägen dienende Gewichte anzufertigen. So ist für das metrische System ein aus Platin von Fortin gefertigtes Kilogramm maßgebend, das bei 0° im luftleeren Raume ebensoviel wiegen soll, wie 11 Wasser von 4° 0. Nach diesem werden die gesetzlich beim EichenvonHandelsgewichtenalsUr-od.Nor- malgcwichte dienenden Gewichte angefertigt. Gieseler. Ürgiren (v. Lat.), auf etwas dringen; drängen; Nachdruck darauf legen, aus etwas bestehen. Ur-Gneißformation(laurentischeFormation), die unteren Schichten der aus einer über 30,000 m mächtigen Schichtenreihe von krystallinischen Gesteinen bestehenden archäischen Formationsgrnppe (auch Hauptstadt der Khalkas-Mongolei, am Tola im,primitive, vorsilurische, azoische od. eozoische For Tyale, 1300 m ü. d. M., Sitz der höchsten chinesi scheu Behörden (eines Bkandschu n. eines Mongolen) n, des Bogdo-Lama, besteht aus zwei völlig getrenn- mation, Urgebirge genannt). Die U.-G. besteht wesentlich aus Gneißen, Granitenu. enthält in Lagern n. Zonen von größerer od. geringerer Mächtigkeit ten Orten, der Mongolen- u. der Chincsenstadt ckrystallinischenKalkstein, Dolomit, Quarzit, Serpen- (Maimaischen); letztere ist 3 üm von elfterer entfernt, tin, Magneteisenstein ».Graphit. Ebenso spielen Gra- 782 Urheberrecht. nulite u. die Hälleflinta in der U.as Gesetz vom 9. Jan. 1876, betr. das fl-änWerken der bildenden Künste (mitAus- schluß.dprBankunst) ordnet das ausschließliche Nach- KÄuAgSrecht des Urhebers, seiner Erben u. sonsti- ML.RÄHtsnachfolger Allgemeinen durchaus nach Leu obigen Principien. Einzelne Modifikationen sind durch die hier obwaltenden besonderen Verhältnisse hervorgcrufen. So erhält z. B. der Käufer eines Bilde- oder einer Statue nicht das Recht der Vervielfältigung, es verbleibt vielmehr dasselbe dem Künstler. Jedoch ist der Käufer gesetzlich nicht verpflichtet, ihm das Kunstwerk zu diesem Behufe wieder herauszugeben. Bei Porträts u. Porträtbüsten jedoch geht das Vervielfältigungsrecht auf den Besteller über. Auch bei den bildenden Künsten erscheint die „freie Benutzung eines Werkes zur Hervorbringung eines neuen Werks" nicht als Nachbildung. Nicht verboten ist eine Einzelcopie, sofern dieselbe ahneAvsicht derVerwerthnng angcfertigt wird. Unter besondere Strafe aber ist es gestellt ( 86 , 1 ), wenn der Copist den Namen oder das Monogramm des Urhebers auf der Einzelcopie anbringt. Ein Werk. der zeichnenden oder malenden Kunst darf durch die plastische Kunst nachgebildet werden u. umgekehrt. Kunstwerke auf öffentlichen Straßen u. Plätzen dürfen nachgebildet werden, jedoch nicht in der nämlichen Kunstform. Erlaubt ist endlich die Aufnahme von Nachbildungen in ein Schriftwerk, wenn das letztere als die Hauptsache erscheint u. dieAbbildun- gen nur zur Erläuterung des Textes dienen; jedoch muß der Urheber des Originals oder die benutzte Quelle angegeben werden (86,4). Besondere Sach- verständigen-Vereine werden nach ß 16 gebildet. III. Das Gesetz vom 10.Jan. 1876, betr. den Schutz der Photographien, normirt im Allgemeinen das Recht des Verfertigers einer photographischen Aufnahme und des Porträtbestellers, sowie die Bildung besonderer Sachverständigen-Vereine wie das vorstehende Gesetz. Verboten ist, das durch Photographie hergestellte Werk ganz oder theilweise „auf mechanischem.Wege" nachzubilden. Erlaubt hingegen, eine photographische Aufnahme durch ein Werk der malenden, zeichnenden od. plastischen Kunst nachzubilden. Der Schutz selbst ist nur unter einer Bedingung und in beschränkterer Dauer verliehen. Er wird nämlich nur dann gewährt, wenn auf jedem photographischen Bilde od. dessen Carton Name u. Wohnort des Verfertigers od. der Verlagsfirma u. das Kalenderjahr des ersten Erscheinens enthalten ist. Statt der gewöhnlichen 30jährigen Dauer des Schutzes ist hier nur eine 5jährige gewährt. IV. Das Gesetz vom 11. Jan. 1876, betr. das U. an Mustern u. Modellen, s. Musterschutz. V. Endlich gehört hierher das Patentgesetz vom 25. Mai 1877, s. Patent. Vgl. Lewis invonHoltzendorffs Rechtslexikon, Bd. II. (1876), S. 770; Klostermann, U. 1876. B-zold. Uri, 1) der vierte Kanton der Schweiz u. einer der drei Urkantone, grenzt im N. an Schwyz, im O. an Glarus u. Graubünden, im S. an Tessin u. im W. Wallis, an Bern u. Unterwalden; 1076 Hjstm (19,s (IM.) mit (1870) 16,107 Ew. (auf 1 sUkm 15, in der ganzen Schweiz 64). Nächst Graubünden (mit 13 Ew. auf 1 ssZIcm) ist U. der am schwächsten bevölkerte Kanton der Schweiz. Er begreift das Thal der oberen Neuß mit seinen zahlreichen wilden Nebenthälern u. die diese umstehenden mächtigen Alpenstöcke. Die Gebirge (Urneralpen), von denen mehrere über 3000 in hoch sind, erstrecken sich von dem Centralstock des Gotthard, dessen Spitzen Fibia (2742 m), Fieudo (3082 m), Luzendro (3161 m), Urserenspitz(2667m) n. Mntthorn(3103 m)zu U. gehören, ans der östlichen Seite über den Sixma- dun (2931 m), Crispalt (3080 m), Bristenstock(3075 m), die Windgalle (3189 in), das Scheerhorn (3296 m), die Clariden (3264 m) u. die Noßstockkette, auf der westlichen Seite von dem Mutthorn n. Galenstock (3598 in) an der Fnrka über das Sustenhorn (3511 m), den Titlis (3239 m) n. U.-Rothstock (2933 in) zum südlichen Ende des Vierwaldstättersees. Alle Liese Gebirge sind reich an kahlen Felswänden, Schneefeldern u. Gletschern n. bergen großartige u. wilde Alpeulandschaften. Die Gletscher bedecken eine Fläche von 114,g dskm. Der Hauptfluß ist die Neuß mit der von der Fnrka hcrabkommenden Göschenen- k-euß, dem Mayenbach, Kärstelenbach, Schächcnbach ' u. a. Sie bildet auch das Hanptthal des Kantons; . die bedeutendsten Nebenthäler sind das Urserenthal, 784 Uri. Göschenenthal, Mayenthal, Maderanerlhal, Schm chenthal, Jsenthal, welches letztere sich in den Vier, waldstättersee öffnet. Seen: der südliche Theil des Vierwaldstättersees (Urnersee), Oberalpsee u. mehrere andere kleine Alpenseen. Von den Pässen u. Straßen sind die fahrbaren Pässe über den St. Gotthard (2114 m), die Furka(2436m) u. die Oberalp (2052 in) die wichtigsten; außer diesen führen Saumpfade aus dem Schächenthal über deu Klausen (1962 m) ins Lintthal, durch das Mayenthal über den Susieupaß (2262 m) ins Gadmenthal, der Sureneupaß (2305 m) ins Thal der Engelbergeraa, durch dasMaderancrthal über deu Kreuzlipaß(2350 m) nach Disentis rc. Kl ima: Zu den mildesten Gegenden gehört das Reußthal vouFlüelen bis Amsteg, nach dem Gotthard zu wird es rauher, u. im Urse- renthal dauertderWinter fast8 Monate; die mittlere Jahrestemperatur beträgt in Altdorf -i- 7,„", in Andermatt -I- 2,^ ° u. am St. Gotthardshospiz — 0,gz" L. Der vorherrschende Wind ist der gefährliche Föhn, in den Thälern am häufigsten im Frühjahr n. Herbst; zahlreich sind auch die Lawinenstürze. Die Haupte rwerb squellederBewohner,welche deutschen Stammes sind u. mit Ausnahme von 81 Protestanten u.8Juden sich zur Römisch-katholischen Kirche bekennen, ist die Viehzucht u.Alp enwirthschaft. Der Viehstand betrug 21. April 1876: 526 Pferde, 9220 Stück Rindvieh, 8594 Schafe, 10,711 Ziegen u. 2002 Schweine; an Bienenstöcken waren 383 vorhanden. Von Rindvieh hat man in den niederen Gegenden die Schwyzerrace, in den höher gelegenen die kleine Graubündnerrace (berühmt sind der fette Urseren- u. Maderanerkäse). Viele Pferde werden bes. im Urserenthal zur Fortschafsung der Güter über den Gotthard gehalten. Feld- u. Gartenbau wird wegen der Ungunst des Bodens nur aus der Strecke vom Vierwaldstättersee bis Wesen getrieben u. beschränkt sich auf Anbau von Getreide, welches aber den Bedarf bei Weitem nicht deckt, Raps, Hanf, Kartoffeln, Gemüse u. Obst, bes. Nüsse. Die Waldungen bedecken einen Flächenraum von 64,4 oder 44,4 °/o der Gesammtoberfläche u. liefern einen beträchtlichen Ertrag an Brenn- u. Nutzholz, sind aber größtenthcilsohneForstcultur. DieJagd ».Fischerei (erstere auf Gemsen, Berggeflügel, Alpenhasen und Füchse) sind noch ziemlich einträglich. Die Fabrik- indnstrie ist von keinem Belang; dagegen sind der Handel mit Vieh, Butter, Käse, Häuten, Wolle, Kirschwasser, Enzianbrauntwein, Holz, Harz, Pech, Pottasche, Arzneipflanzen, Bergkrystallen u. anderen Mineralien (Haupthandelsplätze für Liese sind Amsteg und Urseren), italienischem Wein und Reis, die Speditionsgeschäfte u. der starke Personenverkehr u. Waarcntransit von großer Bedeutung für den Kanton. Die Haupthaudelsstraße ist die Gotthardstraße; eine lebhaste Förderung des Handels erwartet man von der Gotthardbahn, die ihrer Vollendung entgegengeht. Für die Volksbildung ist nur unzureichend gesorgt. Im Schuljahre 1871/72 wurden die Primärschulen mit46Lchrern von2225Schülern u. die Secundärschnlen mit 2 Lehrern von 23 Schülern besucht; in Altdorf besteht eine Kantonsschule (Gymnasium u. Realschule). Es gibt 3 Klöster. Die Katholische Religion ist Staatsreligion, der Fortbestand der Klöster unter Staatsobcranfsicht gewährleistet; in kirchlicher Beziehung ist der Kanton dem Bisthmn Chur untergeordnet. In U.nlieyett von geschichtlich merkwürdigen Orten Las'Rütli, Brunnen, Altdorf, die Tellskapelle u. a., vvn.limd- schaftlich ausgezeichneten Punkten die Gotthardsiraße mit den Schöllenen, der Teufelsbrücke rc. Börsen^, sung: Die gegenwärtig giltige 5. Mai 1850 vom Volke angenommen u.^si^Edt. 1850 u. 4. Mai 1851 revidirt. Die höchste Gewalt steht beider am ersten Sonntage im Mai zu Bötzlingenan der Gand, außerordentlich in der Regel ausLeüLand° lentmatte beiAltdorf od. an einem andern uvmLand». rath bestimmten Orte versammelten Landsgemeinde. Stimmberechtigt ist jeder männliche Einwichner des. Kantons, welcher das 20. Lebensjahr errrichthat, die Geistlichkeit ausgenommen. Jeder zu. oinem. Amte Gewählte ist verpflichtet, dasselbe auf eine Amts-' Lauer zu führen. Die Landesgemeiude bewilligt Gesetze, Steuern, Anleihen, Verträge u. wählt Nie Beamten. Der Landrath, welcher aus demLandaininann^ als dessen Präsident, dem Landesstatthalter,, den übrigen 4 Vorsitzenden Mitgliedern des RsgierungS- rathes, dem Kantonsgerichtspräsidenten u. je eineny auf 300 Einwohner kommenden, von den Gemeinden ans 4 Jahre gewählten Mitglieds besteht, bringt, als stellvertretend gesetzgebende Behörde alle Gesetzesvorschläge mit seinem Gutachten vor die Landesgö- nieinde, überwacht die gesammte Staatsverwaltung' u. übt das Recht der Begnadigung u. Amnestie; nur bei Begnadigung von zum Tode Verurtheiltcn wird er durch denZweifachenLandrathergänzt, d. h. durch die Verdoppelung seiner Mitglieder. Außerdem hat er fünf Mitglieder des Regierungsrathes, die elf Mitglieder des Kantonsgerichts, die Mitglieder des Criminalgerichts, diejenigen aller Verwaltungscom- Missionen, des Verhöramts n. a. zu ernennen. Unter seiner Oberaufsicht steht der Regierungsrath, welschem die Vollziehung der Gesetze, Verordnungen u. die Staatsverwaltung obliegt, u. welcher arrs denr Landammann, dem Landesstatthalter, dem Panne» Herrn, dem Landeshauptmann, dem Landessäckel- meister u. dem Bauherrn (die ersten vier auf 1 od^i 2, die beiden zuletztgenannten auf 4 Jahre von,der ? Landsgemeinde gewählt) u. ans fünf vom.Lande, rathe aus seiner Mitte gewählten Mitgliedern gS bildet wird. Das Kantonsgericht ist die höchste clbil- u. strafrichterliche Behörde u. übt die Oberaufsicht über die gesammte Rechtspflege. Als erste. Jnsütstx in Criminalfällen besteht das CriminalgerkchtylM! erste Civilinstanz die beiden Bezirksgerichre.'.llNsy Bezirken stehen Bezirksräthe vor, anderen Spitz» des Bezirksammann steht. Die oberste Gemeindsbetziirdä ist die Dorfgemeinde, die verwaltende Behörde inMe» meindesachen der Gemeinderath od. da.- Lorfgertcht. Alle staatskirchlichen Angelegenheiten, Ehestreitig- keilen u. die Aufsicht über die Verwaltung des Kü> chengutes liegt einem Diöcesanrathe ob; der.KbenL'r« steht aus fünf vom Landrathe gewählten Mitg»'kvern, aus den bischöflichen Commissarien beider zivke u. ans zwei geistlichen, vom Priestercapitcl gewsthts ten Mitgliedern n. steht unter der Oberaufsicht i, 'S Landrathes. Der Erziehungsrath ist ans fünf geist lichen u. fünf weltlichen Mitgliedern gebildet. Die v Staatseinnahmen betrugen 1877:479,555Fräilkeilj die Ausgaben 461,658 Franken; die Staatsschulden Ende1877:10„Mill.Franken, welche größtenthcils durch die Betheiligung des Kantons an demBan döt Uria — Nttchardbahnentstanden sind. Wappen: ein schwär- zvcStierkops im goldenen Felde. Eintheilung: in dttzzwei BezirkeU.u. Urseren. Hauptort ist Altdorf, t Bestimmtere Erwähnung wird U-s zuerst in dem SUstungsbriefe des Frauenmünsters in Zürich vom Jschre 853 gethan. Nach demselben schenkte König Ludwig, Enkel Karls des Großen, dieser Abtei u. seine« zwei Töchtern Hildegard u.Emma den kaxsl- iiüsiDranias. Neben der genannten Abtei übten in vsnistolgenden Jahrhunderten auch das Kloster Wet» u«M, die Grafen von Rapperswyl, die Freiherren vstn'Allinghausen u. Andere besondere Gerechtsame nstdsm Lande. Die Reichsnnmittelbarkeit der Urner VMiwiesle Kaiser Friedrich II. Sohn Heinrich 1231. WuGchwyz m. Unterwalden verband sich U. 1291 Mp'lersten Ewigen Bunde u. erhielt 1309 die Be- Migung seiner Freiheiten. Es nahm an den Freiheitskriegen der Schweizer regen Antheil. illachdem 14 - 1,0 :die Urner das Urserenthal in ihren Schirm atffgenommenhatten, kauften sie in denJahren 1441 «^.'1487 auch noch das Livenerthal. Doch erwuchsen ihlten aus diesen Erwerbungen in späterer Zeit Gefahren, u. namentlich ist hierbei der Empörung der Litzener 1713, so wie des bewaffneten Ausstandes dtvjühen 1755 zu gedenken, Ereignisse, über welche Turner nur durch die größten Kraftanstrengungen h^»Wegkamen. Große Drangsale aber erlitt U. 1799, Mchdem es 1798 nach Auflösung der alten Eidge- gKioffenschaft mit Schwyz, Unterwalden u. Zug zu dem Kanton Waldstätten vereinigt worden war. In neuerer Zeit gehörte U. stets zu den conservativen Kantonen u. verfolgte fast immer das politische System von Schwyz u. Unterwalden. Daher auch Aue Theilnahme an der Sarner Conferenz 1832 (s-lSchweiz, S. 253), seine Protestation gegen die Couserenz zu Baden 1834 (s. ebd., S. 254) rc. WH. an der Ende 1845 zu Luzern abgehaltenen ÄMch'knz der klosterfreundlichen Stände nahm U. Alkcheil- u. erlitt das Schicksal des übrigen Sonder- tmidrs (s. Schweiz), dessen Geist auch gegenwärtig MchHU. herrscht. Vgl. F. V. Schmid, Gesch. desFrei- stautes u., Zug 1788—1790, 2Thle.; Lusser, Gesch. pkß Kantons U., Schwyz 1862; v. Berlepsch, Luzern, dpr Vierwaldstätter See u. dieUrkantone, 2. A.Luz. IßFtz, - ,Geogr.) H. Berns. iGesch.) Henne-Am Rhyn. IlUria, 1) ein Hethiter, Heerführer Davids. Als iivainter Joab Rabbath-Ammon belagerte, hatte Küvid des U. Gattin verführt, u. um das Verbrechen-zu verdecken, sich den U. senden lassen, u. den- tzM-n.mit einem Brief an Joab zurückgeschickt, wel- ckssadrn Befehl enthielt, den U. vor dem belagerten MAtzdth-Ammon an eine Stelle zu verweisen, wo «tavpMiFeinde getödtet würbe. Der Auftrag ward »iM»gen. Daher ein U - sbrief ein für Len Über- Hjinger verderblicher Brief. 3) U., Hohepriester unter König Ayas von Juda, förderte auf des Königs Beseht den Götzendienst, ließ einen Altar nach dem Muster des Altars zu Damaskus im Tempel anbrin- U., SohnSemaja's ausKiriath-Jearim, Pro- vhvdzurZeitdes Jeremia, prophezeihte gleich diesem »MrjKöuig Jojakim die Zerstörung Jerusalems u. Tempels, entfloh, von dem König verfolgt, nach Ägypten, ward aber zurückgeholt u. hingerichtet. Fürst. »iMnel (d. i. Gottes Licht), einer der 4 Erzengel, weiche stets zu Dienst des Jehovah um dessen Thron itMstdeii. Pierers Universal-Conveisations-rerilo». K.Aufl. XVI Urkunde. 785 Urija, die Bewohner der indischen Div. Orissa (s. d. S. 750), auch Bezeichnung ihrer Sprache. Urim u. Thummim, nach 2 . B. M. 28 , 9 ff. 2 Edelsteine mit den Namen der 12 Stämme; aus diesen Steinen soll der Hohepriester im Namen Gottes Fragen beantwortet haben; im zweiten Tempel wurden sie nicht erneuert, weil man sich in jener Zeit die Prophetengabe nicht mehr zuschrieb. Die Worte werden von dem Talmud, den TXX u. derVuIZata mit „Offenbarungen u. Wahrheit" übersetzt. Urin (v. lat. (Irina), so v. w. Harn. Urinawros, so v. w. Taucher. Uri-Nothstock, ein 2932 in hoher, mit Schnee bedeckter Berggipfel der Vierwaldstätter Alpen im schweiz. Kant. Uri; im O. desselben der Surenen- Paß (s. d.). Urk, Insel in der Zuidersee, im Bez. Horn der niederländ. Prov. Nordholland, mit Leuchtthurm u. etwa 1600 Ew., die auf einer sehr nieder» Bildungsstufe stehen, sich durch strenge Kirchlichkeit auszeichnen u. nur von Fischfang leben. Auf der WSeite die gefährliche Urker Untiefe. U. war ehemals mit der Insel Schokland verbunden. Urkalk (Urkalkstein, körniger Kalk), Kalkstein der archäischen Formationen. Urkantone, die 3 ersten Kantone der Schweizer Eidgenossenschaft, welche sich zur Vertheidigung ihrer Bolksrechte erhoben, Uri, Schwyz u. Unterwalden, mit Gesammtstächenraum von nur 49,sHjM, daher die kleinen Kantone od. die 3 Länder genannt; s. u. Schweiz, S. 243. Urkornalge ist krotooooeus. Urkunde (lat. Inskrnrnsnturn), 1) im weitesten Sinne jedes Beweismittel, mitEinschluß derZeugen; 2) im engerenSinne ein lebloser, von'Menschenhand gefertigter Gegenstand, welcher entweder zur Erhaltung des Andenkens an irgend eine Begebenheit od. zur Offenbarung eines bestimmten Gedankens oder Willensactes dient. Es lassen sich in diesem Sinne schriftliche u. nichtschristliche U-n unterscheiden; zu den letzteren gehörenZeichnungen, Wappen, Grenzsteine, Siegel, Malpfähle, Kerbhölzer u. dgl.; 3) im engsten Sinne eine schriftliche Aufzeichnung, gleichviel ob sie ursprünglich sogleich zumZwecke des Beweises aufgenommen wurde oder nicht. U-n enthalten dann entweder eine Aufzeichnung, welche in der Absicht ausgenommen wurde, daß dadurch das beurkundete Geschäft selbst seine Giltigkeit erhalten od. damit bewiesen werden sollte, z. B. Testamente, Codicille, die urkundlichenVollziehungen über gesetzliche Erlasse oder über Verträge aller Art; od. Eingeständnisse ihres Verfassers, z.B. Schuldverschreibungen, Quittungen, Briefe rc.; od. Zeugnisse eines Dritten, z. B. Protokolle, öffentliche u. Privatattestate rc. Altere deutsche Ausdrücke zur Bezeichnung von U-n sind: Brief, Breeff, Breff (vonLrsvs, 8ro- via, daher in der Gerichtssprache Brief u. Siegel), seltener Schrift, Ding, Gedinge, Gesätze, Satzung, Zate, Zatebreeff, Handfeste Zettel (von 8ellsäula), Zärter, z. B. Ehezärter (von (Laika). Das eigent- liehe Gebiet der U. ist das Civilrecht und der Civil- proceß. Im Strafrechte hat die allgemeine Lehre über U. nur für die U-nfälschung Bedeutung, allein es treten hierbei mancherlei Modificationen ein, welche für das Strafrecht eine besondere Behandlung der U. verlangen. Früher war ein Glei- i. Bend. kn 786 Urkunde. ches auch auf dem Gebiete des Strafprocesses der Fall, indem für die Benutzung der U-n als Beweismittel u. für deren Beweiskraft zur Überführung des Angeschuldigten vielfach besondere Vorschriften bestanden. Dieselben hängen mit der strafrechtlichen Beweistheorie zusammen. Da nun für den Strafproceß durch die neue aus Öffentlichkeit und Mündlichkeit gebaute Gesetzgebung mit jeder Beweistheorie vollständig gebrochen worden u. an deren Stelle die freie richterliche Beweisprüfung getreten ist, so hat für den Strafproceß die Lehre vom U-nbeweis ihre Bedeutung verloren. Jedoch wurden jetzt andere Vorschriften nothwendig. Gegenüber dem Principe der Mündlichkeit war nämlich durch eine unbedingte Gestattung der Benutzung schriftlicher Beweismittel Mißbrauch zu besorgen, weshalb diesbezüglich beschränkende Bestimmungen getroffen wurden. Es geschah dies insbesondere auch durch die neue DeutscheStrafproceßordnung von 1877 in den 88 71,232, 248—254, 255, wo die Ausnahmsfälle einer Verlesung von U-n statuirt sind. (Vgl. im Übrigen u. Criminalproceß.) Was nun die strafrechtliche Auffassung der U. gelegentlich der Behandlung der U-nfälschung betrifft, so ist hier der Begriff der U. enger gefaßt, als es im Civilrecht geschieht, indem vom Reichsstrafgesctzbuch vorausgesetzt wird, daß die U. dazu bestimmt und zugleich dazu dienlich ist, daß durch dieselbe Rechtsverhältnisse oder rechtlich erhebliche Thatsachen bewiesen werden. Öffentliche U-n sind sodann solche, welche nach Maßgabe der Gesetze ihres Entstehungsortes auf öffentlichen Glauben (im engsten Sinne) Anspruch haben; während von den Privat-U-n nur diejenigen hierher gehören, welche nach den gesetzlichen Bestimmungen über Beweisführung im Civilprocesse zum Beweise von Rechten od. Rechtsverhältnissen erheblich erscheinen (Merkel). Als Strafe droht der 8 267 Gefängniß von 1 Tag bis 5 Jahren. Bei dem Gegebensein gewinnsüchtiger Absicht wird zwischen Fälschung einer Privat-U. n. der einer öffentlichen U. geschieden und elftere mit Zuchthaus von 1—5Jahren, letztere mitZnchthaus von 1—10 Jahren bestraft (ß 268). In demselben Abschnitte über U«nfälschung behandelt das Reichsstrafgesetzbuch noch eine ganze Reihe weiterer Fälschungen (s. u. Fälschung). Nachdem wir aus solche Weise die strafrechtliche u. strafprocessuale Seite der U. vorweg behandelt haben, kehren wir nun zur U. im Allgemeinen und auf ihrem eigentlichen — dem civilrechtlichen u. civilprocessualen — Gebiete zurück. Bis in das späte Mittelalter hinein scheint in Deutschland die Errichtung schriftlicher U-n nicht sehr üblich gewesen zu sein; nur die Geistlichkeit förderte sie, da ihr daran gelegen war, daß über die ihr gemachten Schenkungen, sowie über den Besitz ihrer Güter, Einkünfte und Gerechtsame schriftliche Beweise ausgefertigt wurden. Eine wesentliche Förderung erhielt der Gebrauch der U-n durch die Verordnung des Kaisers Karl d. Gr., daß jeder Graf, Bischof rc. in seinem Sprengel einen Notarius haben solle. Auch die Ausbildung des Lehnswesens erhöhte den Gebrauch der U-n sehr durch die Einführung der Lehnbriefe. Vollendet wurde die Ausbildung des U-nwesens zugleich mit dem schriftlichen Proceß. Was die Anwendung der U-n betrifft, so ist das materielle Recht einerseits und der Proceß anderseits einer gesonderten Betrachtung zu nnterzieheo^ I. Materiellrechtlich ist die Vorschrift, daß gb< wisse Rechtsgeschäfte zur Rechtsgiltigkcit der schriftlichen Form nothwendig bedürfen. So ist z. Bc die Errichtung einer U. als unbedingtes Erforderniß sta-, tuirt, daß Verträge einer gewissen Gattung äber- Haupt zu Stande kommen können. Hierher gehört der Wechsel (s. d.). Oder es wurde wenigstens. -für! solche Verträge, derenWerth eine bestimmte Summe überschreitet, die schriftliche Errichtung Vorgeschichte ben. So müssen nach dem Preußischen Landrschb alle Verträge, welche einen Gegenstand von mehr.' als 50 Thlr. betreffen, schriftlich errichtet wände«-. Endlich aber gab es sowol nach Römischem Rechte als nach früheren deutschen Particulargesetzgebungon und gibt es noch heute nach neueren Gesetzgebungen Fälle, in welchen Schriftlichkeit zur Giltigkeit nicht einmal genügte, sondern wo neben derselben -noch strengere Formen, z. B. gerichtliche oder notarielle Errichtung, obergerichtliche Bestätigung vorgclchrie« ben werden, wie bei Verträgen über dingliche Rechte an Grundeigenthum, bei Adoptionen u. dgl. - - II. Im Processe werden die U-n als dasvor- zugsweise wichtige Beweismittel einer bes. sorgfältig gen Behandlung unterzogen. Nicht allein füvsmt schriftlichen Proceß war dies der Fall, es geschieht auch dort, wo neuerlich mündlicher Proceß und i« Allgemeinen freie Beweisprüfung eingeführt ist. Es fehlt zwar nicht an Stimmen, welche auch den U-n gegenüber lediglich freie Beweisprüsung des Richters eingeführt wissen wollen, allein bisher ist diese Forderung nicht durchgedrnngen u. insbesondere hat auch die Neue Deutsche Civilproceßordnnng vonl877 einzelne solche Beweisregeln in Bezug aus die U-n aufgestellt. S. unten Ziff. IV. Für die Beweiskraft der U-n von besonderer Wichtigkeit ist deren Eintheilung in ^.) öffentlich«.?». Privat-U-n (Instruments, publica u. privat»), Öeffentlich nennt man eine U. dann, wenn sieove» einer Behörde oder einer solchen Person ansgestellt wurde, welche öffentlichen Glauben genießt, vorausgesetzt, daß der Gegenstand, über welchen Sie U. ausgefertigt wurde, zu dem amtlichen Wirkungskreis des Ausstellers gehört, und daß derselbe vll- bei auch in amtlicher Eigenschaft thätig wcttMlle anderen U-n fallen unter den Begriff von Privat- U-n. Als öffentliche U-n gelten hiernach nicht>Sk«H die von einem Gericht über von ihm verhandelte <8i»- genstände aufgenommenen U-n, sondern bes.nrllch die Pfarrbücher u. Pfarrmatrikeln über GeburlliO; Ehe- u. Sterbefälle, jetzt Civilstandsregister, dieSM cher u. Kataster der öffentlichen Steuerämter , in gehöriger Form aufgenommenen NotariatsinMv» mente (s. u. blotarius). Zweifelhaft ist die Frag?) ob die Aufbewahrung einer U. in einem Archiv« ihr die Eigenschaft einer öffentlichen verleihe. Die deutsche Civilproceßordnnng von 1877 enthält darüber keine Bestimmung. Das Römische Recht unterschied noch Documenta guasi publica und verstand darunter solche Privaturkunden, welche von 3 unbescholtenen männlichen Zeugen mitunterzeichnstlsiktzl Nach dem neueren Civilproceßrecht müssen sie ÄStl Privat-U-n gleichgestellt werden. 8) In Originale (^.utboutica scrlptura, Urschrift) u. Tapse» (Drsmplum, Abschrift). Unter Original hat tuwti Urkunde. 787 c>ab?i nicht bloß das erste in vollkommener Form vollzogene Exemplar einer U., sondern jedes Exem» plar zu verstehen, bei dessenAbfassung der ursprüngliche Errichtungsact von denselben Hauptpersonen wiederholt worden ist. Es können demnach von derselben U. auch mehrere Originale vorhanden sein. Copien dagegen sind Nachbildungen des Originals, ohne Wiederholung des ursprünglichen Errichtuugs- actes. Man unterscheidet von denselben noch einfache und beglaubigte, wenn die Nachbildung von einer hierzu autorisirten Behörde oder Person mit dem Original verglichen u. die Übereinstimmung beider in gehöriger Form bestätigt worden ist. III. Was die Beweiskraft der U-n im Einzelnen betrifft, so hing dieselbe nach dem gemeindeutschen Civilproceß zunächst von derBeschaf- fenheit ihres Inhaltes ab. Enthält die U. einZeug- niß, d. h. wird von dem Aussteller derselben irgend ein geschichtlicher Vorgang, eine Handlung oder ein Ereigniß bestätigt, so kommt es darauf an, ob die U. eine öffentliche od. eine Privat-U. ist. Im erste, rcn Falle liesert die U. für die Thatsache vollen Be weis, wenn sie nur in der gesetzlich vorgeschriebenen Form ausgefertigt ist. Auf diesem Grundsätze be ruht bes. die volle Beweiskraft der gerichtlichen Pro- tocolle, weil diese nichtsAnderes als öffentliche schrift, liche Zeugnisse sind. Gegen die Existenz u. den Im halt einer durch ein solches öffentliches schriftliches Zeugniß bestätigten Thatsache ist selbst ein Gegen, beweis nur in beschränktem Maße zulässig, nämlich nur insofern, als entweder ein formelles Gebrechen bei Errichtung desZeugnisses, od. eine Verfälschung oder nur eine Unvollständigkeit desselben behauptet wird. Eine Privatnrkunde ermangelt dagegen sol- . chcnfalls in der Regel aller Beweiskraft. Jnsbesom dere ist dies derFall, wenn der Aussteller der U. die im Rechtsstreite aufgetretene Partei selbst ist. Lautet nämlich das Zeugniß zum Vorthsil des Ausstellers, so hat es deshalb keine Beweiskraft, weil Niemand in eigener Sache Zeugniß ablegen kann (Loriptnra pro soribsnts niüil probat); lautet es aber zum Rachtheil desselben, so kann die U. zwar Beweiskraft haben, allein es richtet sich dieselbe alsdann nicht nach den Regeln eines Zeugnisses, sondern eines Ge ständnisses. Jedoch beweisen gemeinrechtlich die in gehöriger Form geführten Handelsbücher für den sie prodncirenden Kausmann so viel, daß darauf einEr süllungseid gestützt werden darf. Das Mg. Deutsche Handelsgesetzbuch bestimmt, daß ordnungsmäßig ge. führte Handelsbücher bei Streitigkeiten unter Kauf, leuten in der Regel einen unvollständigen Beweis liefern, welcher durch Eid od. andere Beweismittel ergänzt werden kann. Ihre Beweiskraft gegen Nicht- kausleute festzusetzen, ist den Landesgesetzen überlassen. Eine weitere Specialbestimmnug des A. D. Handelsgesetzbuches ist die, daß die Tagebücher der öffentlichen Handelsmakler den Abschluß der einge. tragen?» Geschäfte u. deren Inhalt beweisen. Ent hält die U. ein Gutachten des Ausstellers, so beur- theilt sich die Beweiskraft derselben nach den Erfov dernisscn des Beweises durch Sach- oder Kunstver- verständige. Bildet den Inhalt der U. ein Geständ. niß der Gegenpartei od. einer solchen Person, deren Geständnisse die Gegenpartei für sich gelten lassen mnß, so beweist die U. vollkommen (Loriptnrs. oon- tra 8cribeutem probat). Enthält endlich die U. den unmittelbaren Ausdruck eines eigenen Willensactes des Ausstellers, wie z. B. bei Testamenten, S'chittd- cheinen rc. (sog. dispositive U°n), so liefert dieselbe ebenfalls vollen Beweis sowol der Existenz als des Inhaltes der getroffenen Disposition, da eine derartige U. die Handlung selbst bildet, welche durch die Schrift sinnlich erkennbar u. in dieser Erkennbarkeit auf eine bleibende Art fixirt worden ist. Jedoch erstreckt sich dieser Beweis nur auf die Thatsache der Disposition und ihres Inhaltes, nicht auf die rechtliche Giltigkeit derselben, weshalb der Beweis des Betruges, der Simulation rc. dem Gegentheil immerhin offen bleibt. Eine besondere Art von U-n bildeten gemeinrechtlich die guarentigiirten U-n (Ooo. AuarsntiAiata), aus denen allein der Exe- cutivproceß (s. d.) angestellt werden konnte. Die Echtheit wird bei öffentlichen U-n, wenn sie die äußeren Kennzeichen der legalen Ausfertigung, bes. das entsprechende Amtssiegel an sich tragen u. sonst keine sichtbaren Fehler, wie Rasuren, Durchstreichungen, Veränderungen rc. haben, rechtlich prä- sumirt. Privat-U-n haben dagegen eine solcheRechts- vermuthung nicht für sich, u. es muß daher derPro- ducent derselben den Richter von der Echtheit bes. zu überzeugen suchen. Die Herstellung dieser Überzeugung aber wurde gemeinrechtlich zuerst immer dadurch versucht, daß die U. dem Gegentheil (Product) gerichtlich vorgelegt u. derselbe ausgefordert wird, sich darüber zu erklären, ob er dieselbe recognoscire od. diffitire, d. h. ob er sie als echt anerkenne od. nicht. Im ersteren Fall wurde jeder weitere Echtheitsbeweis von Seiten des Producenten überflüssig; im zweiten Falle aber mußte der Producent den Echtheitsbeweis mittels der gewöhnlichen Beweismittel, namentlich durch Zeugen, andere U-n oder durch die Schriftenvergleichung (6ompa.rs.tio Uttsrarnm) übernehmen, wenn er es nicht beidenProductenznmDifsessions- eid kommen lassen wollte, durch welchen, wenn er wirklich geleistet wurde, die U. alle Beweiskraft verlor. Eine Folge der Production der U-n im Pro- ductionstermin ist die damit eintretende Gemeinschaftlichkeit derselben (Oommnnio äosnmontorum). Es wird damit der Satz gemeint, daß der Gegentheil, wider welchen mit den U-n Beweis geführt werden sollte, jetzt auch von dem Resultate derselben für den von ihm zu führenden Beweis Gebrauch machen kann. Befindet sich die U., deren sich eine Partei zur Herstellung des Beweises in einem Civilprocesse bedienen will, in fremden Händen, u. verweigert der Besitzer die Herausgabe derselben, so kann der der U. zum Beweis Benöthigte unter gewissen Voraussetzungen auf Edition der U. dringen, s. Edition. Vgl. Spangenberg, Lehre vomU-nbeweise, Heidelb. 1827, 2 Abth. IV. DieDeutscheCivilproceßordnung von 1877 hat, obwol auf das Princip der freien richterlichen Beweisprüfung gebaut, einzelne gesetzliche Beweisregeln über die U-n als Beweismittel aufgestellt. Die Hauptbestimmungen finden sich in 88 380, 382 u. 383 über öffentliche, in 8 381 über Privat-U-n. Hiernach liefern erstere vollen Beweis, vorbehaltlich des Gegenbeweises; in beschränkterem Maße hat das Gleiche auch bei Privat-U-n statt. Nach 8102 haben ferner die öffentlichen U-n die Vermuthung der Echtheit für sich. An die Stelle des gemeinrechtlichen Executivprocesses ist nach 8 555 ff. der U-nproceß 50* 788 Urkuudeubcwci getreten. In demselben kann nämlich ein Anspruch geltend gemacht werden, „welcher die Zahlung einer bestimmten Geldsumme oder die Leistung einer bestimmten Quantität anderer vertretbarer Sachen od. Werthpapiere zum Gegenstände hat", jedoch nur unter der Voraussetzung, daß die sämmtlichen zur Begründung des Anspruchs erforderlichen Thatsachen durch die U-u bewiesen werden können. Das Verfahren selbst ist ein beschleunigtes. Unter Umständen jedoch ist dem Beklagten dieAusführung seinerRechte im ordentlichen Verfahren vorzubehalten (Z 562 ff.). Unter Umständen findet auf Grund von öffentlichen U-n sogar die sofortige Zwangsvollstreckung statt (Z 702 Zifs. 5). Eine eigenthümliche Bestimmung trifft LieD.Civilproceßordnung insofern, als der 8231 eine besondere Klage auf Anerkennung einer U. oder auf Feststellung der Unechtheit derselben zuläßt. Urkundenbeweis, s. u. Urkunde. sBezold.» Urkundenfälschung, s. Urkunde. Urkundenlehre, so v. w. Diplomatik. Urkundspersonen, das sind Standesbeamte u. Notare, als Personen, welche zur Beurkundung gewisser Thatsachen amtlich bestellt u. desfalls mit öffentlichem Glauben (pudlies. ückss) ausgestattet sind. Urlaub, die einer Militär- oder Civilperson für eine gewisse Zeit von den Vorgesetzten gestattete Enthebung von ihren Dienstgeschästen. Bei Staatsdie- nern ist das U-swesen zumeist gesetzlich normirt u. findet eine Gehaltskürzung erst bei längerer Dauer des U-s (3 bis 6 Monate rc.) statt. Speciell beim Militär die zeitweise Entlassung einer Militärper- son aus dem Dienste, entweder auf eine bestimmt bemessene kürzere, oder aus unbestimmte Zeitdauer, was zuweilen auch als kleiner und großer U. unterschieden wird. Die auf eine bestimmte Zeit beurlaubten Militärpersonen zählen zum etatsmäßigen Stand ihres Truppentheils und erhalten von diesem ihre Verpflegung, falls der U. nicht auf eine längere Zeit ertheilt ist, in welchem Falle meist Gehaltsabzüge rc. eintreteu, so werden im Deutschen Neichsheere Offiziere nur aus die Dauer von 1A Monaten mit vollem Gehalt beurlaubt, für weitere 4H Monate tritt ein Gehaltsabzug ein, darüber hinaus wird überhaupt kein Gehalt gewährt; Mannschaften können ausnahmsweise bis auf die Dauer von 3 Monaten mit Gehalt beurlaubt werden. Aus unbestimmte Zeit werden meist nur solche Militärpersonen beurlaubt, welche bereits ausgebildet sind, sie bleiben, wenn sie die gesetzlich festgestellte Friedenspräsenzzeit noch nicht abgedient haben, zur Disposition ihres Truppentheils u. heißen sann Dispositionsurlauber (s. d.) oder treten zur Reserve bezw. Landwehr über. Alle auf unbestimmte Zeit beurlaubten Militärpersonen zählen zum Beurlaubtenstande, und unterstehen der Controle der Militärbehörden, jedoch nicht der Militärgerichtsbarkeit, sie können im Frieden auf kürzere Zeit zu Uebungen wieder eingezogen werden (s. Wehrsystem). S- Urliste, jede ursprüngliche detaillirte Liste; insbesondere das Verzeichuiß aller zu einer gewissen Wahl (z. B. zum Reichs- od. Landtag) stimmberechtigten Einwohner, der in einer Gemeinde zu Bekleidung des Schöffeuamtes sowie auch zur Berufung als Ge- schworenefürdasSchwurgerichtgeeignetenPersonen. Urnurß, s. Maß. Urmeristen, s. Gewebe, S. 1S7. — Urquhart. Urmia, so v. w. Urumia. Urnen (v. Lat.), 1) eigentlich Wasserkrüge; 2) Töpfe, bes. 3) (Ilrnss sopulerslss), zur Aufbewahrung der Asche verbrannter Todtcn; bes. im alten Italien gebräuchlich, meist von rundlicher Gestalt, ost mit Handhaben und schlossen oft mehrere kleine (Ollue) ein. Sie wurden in den Grabgewölben (Ledola, 01- Isrium, Oolumbsrium, Oiusrsrium) beigesetzt und mit Blumen umwunden. Auch die germanischen u. slawischen Völker bewahrten die Asche Verstorbener in U. auf, man gräbt deren viele im nördl. Deutschland aus und es finden sich in ihnen zuweilen auch kleine metallene Gegenstände, als Spitzen, Nadeln, Spangen rc. Urner Loch, s. u. Neuß (Fluß). UrnerSee, der südöstliche Zweig des Vierwaldstätter L>ees. llrocMr LadeM., Pilzgattung aus der Fam. der IIstilsAiuoi (s. d.); Sporen aus mehreren zu einem Ballen vereinigten Zellen bestehend, von denen die mittleren, größeren u. dunkleren keimfähig sind. Wichtigste Art: 17. ooeults Labeu/i. (Roggenstengelbrand), auf dem Roggen lange, streifenförmige Fruchtlager in Blattscheide, Blattspreite u. Stengel bildend; das aus denSporen sich entwickelnde Pro« mycelium erzeugt an seinem Scheitel 2—6 Ausstülpungen, welche schließlich den gesammten Plasma-Inhalt des Promyceliums aufnehmen u. au ihrem unteren Ende zu einem dünnen Keimschlauche auswach- sen, der in die Keimpflanze des Roggens eindringt. Uroqcnitalshstem, diejenigen Theile des Körpers, welche, zum Theil vereinigt, die Harn- u. Geschlechtswerkzeuge bilden, also neben den jedem Geschlecht eigenthümlichen Organen die Nieren, Harn» leiter, Blase u. Harnröhre. Vrom>oe8 Dev., Pilzgall. aus der Fam. der Ilrs- äinsi, innigst verwandt mit Luooinis (s. d.), nur dadurch verschieden, daß die Teleutosporen einzellig sind. Wichtige Arten: II. Lisi KckrEei- (Erbseu- rost), die Uredo- u. Teleutosporen auf Erbsen u. verwandten Pflanzen, die Äcidien (^seiäium Lupdor- biss Der«.), ausWolfsmilcharten.II.LebsoLte/»r. (Runkelrübenrost), auf den Blättern der Runkelrübe. II. sppsuckieulstus Dsv., II. LdsLsolorum Dok., auf Bohnen, O. stristim L'ckirotsi', auf Klee. Engter. Uropöefls (griech.), die Harnbereitung; davon: Ilropoötlos visvörs, die den Harn bereitenden Organe. Ilropssmmug, Harngrics. Urphede (Rechtsw.), so v. w. Urfehde. Urquhart, David, engl. Politiker, geb. 1805 in Braclangwell (schott. Grafschaft Cromarty), stu- dirte in Oxford u. bereiste dann das Festland, 1827 Griechenland (wo ec aus Theilnahme für den Griechischen Freiheitskampf sich der Umgebung Cochraues anschloß), später Constantinopel. 1831 nach England zurückgekehrt, bemühte er sich, durch Wort u. Schrift zu beweisen, daß die Türkei ein durchaus lebensfähiger Staat sei, daß aber Rußland zu seiner Vergrößerung aus die Erniedrigung derselben hinarbeite. 1833 ging er zum zweiten Mal nach Constantinopel, um seine Studien über die Türkei zu vervollständigen, bereiste 1834 einige Küstenplätze Circasstens u. kehrte 1835 nach England zurück. Im selben Jahre wurde er zum Gesaudtschastssecretär bei Lord Ponsonby in Constantinopel ernannt und nahm hier jetzt türkische Kleidung u. Sitte an, ließ 789 Urquiza — Ur-Schiefcrformation. sich Daud Bey nennen u. benahm sich ungcinefsen! gegen den Gesandten. Deshalb wurde er 1836 nach London berufen, um sich über sein Benehmen gegen seinen Chef zu verantworten. Der Tod seines Gönners, des Königs Wilhelm IV., sein Fernhalten von den Tories n. den Radikalen u. sein feindliches Beginnen gegen Lord Palmerston entrückte ihn seinem Ziele, zur Emancipation der Türkei beizutragen, immer mehr. 1839 ging er nach Paris u. bereiste spater Spanien u. die Uferstaaten NAfrikas. 1847 bis 1852 vertrat er Stafford im Unterhaus, betrieb u. leitete 1853 u. 1854 in von ihm veranstalteten Versammlungen die Opposition gegen das Cabinct hinsichtlich dessen lauer Politik gegen Rußland u. be- züchtigte das Ministerium, im geheimen Einverständnisse mit Rußland zu sein, um den Ruin der Türkei vorzuberciten. Sein Rundschreiben an die tscherkesfischen Stämme im Mai 1854, worin er dieselben vor der Hilfe Englands warnte, hatte den Erfolg, daß Schamyl die englische Unterstützung ablehnte, aber U. wurde hierdurch in England so unpopulär, daß er bei der Neuwahl im Juni 1854 auch nicht eine einzige Stimme erhielt. Seitdem hielt er sich vom politischen Leben fern u. gab auch seine schriftstellerische Thätigkeit auf. U. st. im Mai 1877 in Nizza. Er schr.: Obsorvakions on Duro- psan Turlksx, 1831; TurDsz- anck its rssourooa, 1833; Tbs 8uikau Natzmouck anck Usiiomsck ^cki kasolla, 1834; DnZianck, Kranes, Rnssia anck Pur- Lsx, 1835; Diplomatie irarwaokioiw in Oontrai- ^,8ia, 1834—1840; Dsüeotions on tbouAsits anck tsiinAS, 1836, 2 Bde.; Lpirit ob tl,s Last, 1838; Dxposition ok tlis bounckar^ ckikkeronoss bstnvson Orsat-Dritain anck tlis Dnitsck-8tats8, Glasgow 1840; Diplomatie Transaotians in Osnkral-Hsia, Lond. 1840; lüoasono kor äsmanäin§, 1840; Da Tranes äsvant Iss gnatrs pnissanoss, Par. 1840; Tire N^oterx ok tlie Danubs, 1844 (deutsch, Berk. 1853); Piro Dillaro ok Ilereules, a Narrative ok Travels in 8pain anck Llarooeo, 2 Bde., 1850: Tire DroAross ok Russia in tbs IVest, Nortb anck 8ontir, 1858; Dsttrss anck Dssa/s on ltussian Hgssrsssions, 1853; Rsosot Dvonts in tbs Task, 1854; Tire Debanon, a Distor^ anck a Diarx, 2 Bde., 1860, sowie v. a. Werke. Bartting. Urquiza, DonJusteJosede, argentin. General u. Staatsmann, geb. 1800 in der Prov. Entre Rios als Gaucho, hatte es 1836 schon zum General gebracht, kämpfte unter Rosas gegen die Unitarier, wurde 1840 Gouverneur von Entre Rios, brachte 1845 den Unitariern bei Jndia Muerta einen entscheidenden Schlag bei u. erhob sich 1851 gegen Rosas, den er mit brasilianischer Hilfe 3. Febr. 1852 bei Monte Castros besiegte. Nachdem er sich dann Lurch Staatsstreich der Regierung bemächtigt, wurde ihm die Präsidentschaft 20. Nov. 1853 auf consti- tutionellem Wege übertragen. Buenos Ayres, das sich durch Empörung von der Conföderation losriß, nöthigte er durch Waffengewalt zum Wiedereintritt. Nach abgelaufener Amtszeit 1860 war er eine Zeit lang Oberbefehlshaber der Kriegsmacht zu Wasser u. zu Land u. zog sich dann ins Privatleben zurück, ohne aber dem politischen Treiben zu entsagen. Bei Gelegenheit eines Ausstandes wurde er in San Jose vonLopez Jordan ermordet (11. April! 870). Schroot. Urrechte, so v. w. Menschenrechte. Ursache u. Wirkung nennt man die Aufeinanderfolge zweier od. mehrerer materiell od. logisch zusammengehöriger Bewegungs-Erscheinungen od. Veränderungen, die an einem Ding oder mehreren Dingen, Verhältnissen rc. vor sich gehen. Es ist Naturgesetz, daß auf jede Ursache eine Wirkung od. vielmehr eine unendliche Reihe von Wirkungen, die der Ursache nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ entsprechen, folgt. Man hat von einer Ersten Ursache gesprochen, d. h. einer solchen, die in sich selbst beruhe; dies ist aber nach dem Gesetz der Cau- salität eine rein willkürliche, durch Nichts zu beweisende Annahme. Eine Ursache setzt unter allen Umständen eine vorhergehende voraus u. somit ist man denn genöthigt, die Ewigkeit der Ursache anzunehmen. Bei einer Ersten Ursache wird nicht nur der Begriff U. u. W. in Eins zusammengeworfen, es wird auch das Gesetz der Causalität geradezu auf den Kopf gestellt, denn dann ginge die Wirkung der Ursache voraus. Da nun aber die Bewegung nicht etwas Abstractes sein kann, sondern nur die inte- grirende Eigenschaft der Materie, od., anders ansgedrückt , kein Stoff ohne Bewegung besteht u. Bewegung ohne Stoff undenkbar ist, so muß auch die Materie ewig sein. Kann demnach die Welt, wie sie besteht, etwas schlechthin Gegebenes nicht genannt werden, so kann man sie vom praktischen Standpunkt recht gut als Solches nehmen, ohne im Princip fehl zu gehen. Denn die Welt ist nichts anderes, als eine unendliche Summe gesetzmäßig entstandener und in gesetzmäßiger Weiterentwickelung begriffener Bewegungs-Erscheinungen. Diese Bewegungs-Erscheinungen treten ihrerseits als ebenso viele scheinbar selbständige Motoren auf, die wiederum scheinbar selbständige Wirkungen Hervorbringen, ein Moment, auf das die Trennung von U. u. W. zurllck- zufllhren ist. Jener praktische Standpunkt empfiehlt sich sogar dringend an, denn der Mensch hat seine Aufmerksamkeit auf die concreteu Verhältnisse und bes. auf den durch das Naturgesetz bedingten, die anorganische wie organische Welt, das materielle wie geistige Leben, bis ins Kleinste u. Geringste hinab umfassenden u. einschließenden Gang von U. u. W. zu richten, wenn er nicht fortwährend Schaden nehmen u. einem unverhältnißmäßig raschen Untergang entgegen gehen will. Daraus beruht die ungeheure u. in der That nicht hoch genug anzuschlagende Wichtigkeit der Naturwissenschaften u. der Naturphilosophie , u. ohne Zweifel haben dieselben sich auch so großer Fortschritte u. Erfolge zu erfreuen, eben weil sie ein Lebensbedürfniß der Menschheit sind. Schroot. Ur-Schieferformation (krystallinisches Schiefersystem, huronische Formation, Cambrium zum Theil), überlagert die lanrentische Formation und bildet mit dieser die archäische Formationsgruppe. Siebestehtauseiner über 8000 m mächtigen Schichtenreihe von vorwaltenden Glimmerschiefern, Thonschiefern, Quarziten, krystalliuischen Kalksteinen und zahlreichen Erzlagerstätten. In Canada u. England betheiligen sich auch Conglomerate an der Zusammensetzung dieser Formation. Organische Reste sin- mit Sicherheit nur iu dem obersten, meist aus Thond schiefern bestehenden Horizonte, u. zwar Anneliden- Spuren (Röhren von Vronioolitos ckick^inus u. II. 8par8us), Lingula-Abdrücken, Crinoiden-Stielglie- der, ferner Reste von Fucoiden (OIcktiamia ankigua. 790 Urseren - u. 0. rackiata) aufgestinden worden. Die Verbreit« ung der huronischen Formation ist eine weniger allgemeine als diejenige der laurentischen Formation, in deren Begleitung sie gewöhnlich auftritt. In der laurentischen Formation sowol wie in der huronischen treten zahlreiche Einlagerungen u. Gänge od. stock- förmige Massen von Granit, Diabas rc. auf. Lehm-mn. Urseren, 1) Urserenthal, s. u. Reuß (Fluß); 3) fo v. w. Andermatt. Urshum, Kreisstadt im russ. Gouv. Wjatka, an der Urschunka, nahe deren Einmündung in dieWjatka, in hügeliger, erzreicher Gegend, hat Handel mit Getreide u. Pelzwerk; 2454 Ew. Ursllti, röm. Fürsteugeschlecht, s. Orfini. Urfinns, Zacharias, deutsch-reformirter Theolog der Reformationszeit, hieß eigentlich Beer, geb. 18. Juli 1534 in Breslau , studirte seit 1550 in Wittenberg als Melanchthous Schüler u. Freund, ging 1557 über Gens nach Paris und studirte das Hebräische unter I. Mercier; 1558 nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er Lehrer am Elisabethanum in Breslau; weil man ihn aber für einen Sa- cramentirer hielt, ging er 1560 nach Zürich, wo er sich mit den Resormirten verband; er wurde 1561 Professor der Theologie in Heidelberg; hier wirkte er in hervorragender Weise bei den Bestrebungen des calvinisch gesinnten Kursllrsten Friedrich III. mit, indem er sich an der Aufstellung der pfälzischen Kircheuorduung betheiligte, mit Olevianus den Heidelberger Katechismus entwarf und an dem Maul« brouner Gespräch 1564 Theil nahm; unter dem eifrig lutherischen Kurfürsten Ludwig wurde er 1577 seiner Stelle entsetzt und 1578 an das OoUsAruw 6asi- miriannM nach Neustadt a. d. H. berufen, wo er Theologie u. Logik lehrte u. 6. März 1583 starb. Eine Sammlung seiner Schriften erschien als Trao- datäones tlisologieas, 1584—89,2 Bde.; u. dannvon Quir. Reuter, 1612, 3 Bde. Bgl. Sudhoff, Olevianus u. Zach. U., Elberf. 1857. Löffler. Ursprache, s. u. Sprache, S. 681; Ursprach- lehre, f. u. Sprachlehre. Ursprungscertisieat, Ursprungszeugnis, beim Eingang fremder zollpflichtiger Maaren in ein bestimmtes Land die Bescheinigung, daß diese!- den in einem anderen Laude fabricirt worden sind; die Waare kann infolge dieser Bescheinigung unter Len handelsvertragsmäßig zwischen beiden Staaten bestehenden Bedingungen eingeführt werden. Urstoffe, so v. w. Elemente. Ursula, Sta., nach einer Sage schöne u. fromme Tochter des britannischen Königs Deonotus (Diog- netns), war zur Nonne bestimmt, aber ein heidnischer Fürst verlangte sie für seinen Sohn Holofernes zur Gemahlin. Auf göttliche Eingebung verlangte sie 3 Jahre Frist, um mit 10 edeln Jungfrauen, deren jede, wie sie selbst, 1000 Jungfrauen zu Begleiterinnen hatte, eine Wallsahrtsreise zur See zu machen. Sie fuhren nach dem Hasen Tila an der gall. Küste, von da rheinaufwärts nach Basel, wallfahrteten dann zu Fuß nach Rom u. von da nach Basel zurück, wo sie ihre Schiffe wieder bestiegen; in Köln wurden sie beim Aussteigen von den die Stadt belagernden Hunnen erschlagen. Darauf erschienen 11,000 überirdische Krieger u. trieben die Mörder in die Flucht, die Kölner aber begruben die Leichen der 11,000 Jungfrauen. Dort wurden 1156 neben vielen weib« — Ilrsus. lichen auch männliche und Kindergebeine gefunden, worauf die Äbtissin Elisabeth von Schönau die entstandenen Zweifel durch eine ihr gewordene Offenbarung über U. u. die 11,000 Jungfrauen zerstreute. Die Schädel der 11,000 Jungfrauen werden noch in der Kirche Sta. U. zu Köln verwahrt u. sind mit Gold, Silber, Sammt zum Theil schön verziert. Die Sage vonU. mag mituordischenMythen Zusammenhängen, scheint aber ihre spätere Gestalt aus falscher Deutung einer Grabschrift erhalten zu haben (8auota Ursula ob XI N. V., d. i. XI martxrss viiAinss, gelesen aber XI millia virginum). Tag: 21. Oct. Crombach, Ursula vinäioata s. Vita st martzwium Ursulas st uuckeeiva millium vlrZiuum, Köln 1647; O. Schade, Die Sage von der St. U. u. den 11,000 Jungfrauen, Hannov. 1854; Kellerhoven, La 1e- Asnäs cke 8. Lrs., Par. 1860; Kessel, S. U. u. ihre Gesellschaft, Köln 1863. Löffler.* Ursnlinerinnen, Klosterfrauenverein, gestiftet 1535 von Angela (Angelica) Merici in Brescia (geb. 21. März 1470, gest. 27. Jan. 1540) u. 1537 bi« schöflich genehmigt für Krankenpflege, Unterstützung der Armen u. unentgeldlichen Unterricht für arme Mädchen im Elementarwefen, in Religion u. weiblichen Arbeiten. Bald verbreitete sich diese Anstalt über andere Gegenden u. wurde 1544 vom Papst bestätigt. Zu Ende des 16. Jahrh. fanden die U. auch in Frankreich Eingang. Nun erschien auch die erste Reform, indem an die Stelle des ungebundenen Tertiarierinneulebens ein strenger geregeltes u. geschlossenes Zusammenleben in Häusern, zuletzt in Klöstern (Congregirte U.) gesetzt wurde. Nach der weiteren Verbreitung über Frankreich, Niederlande u. Deutschland gründeten Frau Acarie u. Magdalena von Sie. Beuve 1611 in Paris die eigentlichen U.-Klosterfrauen, welche unter St. Augustinus Regel feierliche Gelübde ablcgten, von den Jesuiten Satzungen, vom Papst Paul V. u. vom König 1612 Bestätigung und 3 Doctoren der Theologie zu Regenten erhielten. Tracht: graues Unterkleid, schwarzer Rock mit ledernem Gürtel u. eiserner Schnalle, schwarzer Mantel ohne Ärmel, Vortuch mit einer alles Haar verbergenden Binde; schwarzer, weiß- gefütterter Weihel. Bald umfaßte diese Congrega- tion 84 Klöster, darunter auch die von Erfurt und vielen deutschen Städten; u. schnell bildeten sich viele ähnliche Congregationen in Toulouse, Bordeaux, Lyon, Dijon, Tülle, Arles, die königliche von Mariä Reinigung; auch in Amerika wurden solche U. gebildet. Eine der bedeutendsten ist die Congrega- tion der U. von Bordeaux, gestiftet 1606 von Franzisca von Cazares u. Jeannette de la Mercerye, bald über 131 Klöster in Frankreich, Deutschland u. Italien verbreitet; Tracht: schwarz sergener Rock mit sehr weiten Ärmeln, ein Strickgürtel mit 5 Knoten, ein weißes, auch Stirn n. Wangen bedeckendes Vortuch, ein langer Schleppschleier. Der Orden, welcher zur Zeit seiner Blüthe bei 20,000 Religio- sinnen zählte, hat gegenwärtig etwa noch 3000. Durch das Gesetz v. 31. Mai 1875 wurde ihre Tätigkeit für Jugendunterricht in Deutschland unterdrückt. Die Regeln der U. als Oonstibubicms äss roliZisusss äs Lte. Ilrsnle äs la oouZrsAation äs karis, 1648, u. RsAlsmsns äss rsIiZ. Lrsakinss äs la eouArsA. äs karis, 1673. Löffler.» vrsus (lat.), Bär. 791 Urtcl — Urtel, so v. w. Urtheil. Uriheil (lluäioium) ist die Form der Verknüpfung od. Trennung der Begriffe, in welcher das Ver- hällniß derselben zn ihren Merkmalen od. zu einander zum Bewußtsein gebracht wird. Das Zeichen der Verknüpfung od. Nichtverknüpsnng ist die Co- pula, u. da zu jedem Satze Subject, Prädicat u. Co- pula gehören, so ist das logische U. die wesentliche Grundlage des grammatischen Satzes. Hinsichtlich des Umfanges sind die U-e allgemein, besonders u. einzeln; hinsichtlich ihrer Beschaffenheit bejahend, verneinend u. unbestimmt; in Bezug auf die gegenseitige Unterordnung kategorisch, hypothetisch u. disjunktiv; in Bezug aus das Verhältniß eines U-s zur Erkenntuiß problematisch, assertorisch u. apodiktisch. Verql. Bergmann, Grnndzüqe der Lehre vom U., Marb. 1876. Specht. Urtheil (Erkenntuiß, Sentenz, lat. Lsvtsntäa, Dserotum, Vsvioum), eine richterliche Entscheidung in Bezug auf den Gegenstand eines Rechtsstreites, sei dieselbe eine endliche (8sntsnkäa im engeren Sinne, 8. äsülllbiva, End-U.), welche im Civilpro- cesse bestimmt, ob die von dem Klager beantragte Anerkennung seines Rechtes u. Verurtheilung des Gegners stattfinden könne, u. im Criminalprocesse, ob die Bestrafung des Angeklagten zu erfolgen habe od. nicht; od. eine vorläufige (8. iiutorlooutoria, veerstum, Bei-U., Zwischenbescheid, Jnterlocut), welche im Civilproceffe die endliche Entscheidung in der Hauptsache vorbereitet. Zuweilen werden nur die Erkenntnisse in Criminal- und in Civilordinar- sachen als U-e bezeichnet, alle anderen, namentlich die Erkenntnisse in summarischen Processen, als Bescheide. Gemeinrechtlich stunden im Civilproceffe den U-en die Decrete gegenüber, welche bloß und allein das gerichtliche Verfahren leiten, ohne einen Einfluß aus das Recht der Parteien zu haben; ebenso im gemeinrechtlichen Strafproceffe die Strafdecrete (vgl. Decret). In ähnlicher Weise stehen nach der Neuen Deutschen Civil- und Strafproceßordnnng von 1877 den U-n die Beschlüsse gegenüber. I. Im Civilproceffe muß nach den Vorschriften des gemeinen Rechts,welche im Allgemeinen auch heute nochAnwendung finden, das End-U. eine deutlich abgefaßte Verurtheilung (6onäsmuatio)od. Lossprechung (Ldoolutio) des Beklagten hinsichtlich Lessen enthalten, was den Hauptzweck der Klage bildete, daher z. B. bei Vindicationen u. anderen dinglichen Klagen die Verurtheilung zur Auerkennuug des Ei- gcnthums an der streitigen Sache, bei Klagen aus Obligationsverhältnissen die Verurtheilung zu Leistung der verlangten Zahlung oder Handlung. Zugleich ist auch über Früchte, Zinsen u. andere Nebenleistungen zu erkennen, wenn diese in Frage stehen, ebenso über die Frage, ob eine Partei u. welche die Proceßkosten zu erstatten habe. Sind gleichzeitig in demselben Verfahren mehrere selbständige Klagen od. eine Klage u. eine Widerklage verhandelt worden, so ist über jede derselben ausdrücklich zu erkennen. Bedingte U-e kommen da vor, wo die Vernr- theilnng oder Lossprechung noch von der Leistung eines von der einen od. anderen Partei zu leistenden Eides abhängig ist. Jedes U. nmß ferner in schriftliche Form gebracht werden. Das ausgefertigte U. wird mit der Unterschrift des Gerichtsdirigenten u. mit dem Amtssiegel versehen. Eine Urtheil. allgemeine Verpflichtung des Richters, allen U-en auch Entscheidungsgründe beizusügen, besteht zwar gemeinrechtlich nicht, wol aber schrieben die meisten deutschen Landesgesetze nicht bloß solche Beifügung, sondern auch die Mittheilung von Entscheidungsgründen vor. Dieselben können entweder, wie dies in Deutschland gewöhnlich geschieht, von dem U-s» spruch (Decisivtheil) äußerlich getrennt, d. h. dem U. in einem besonderen Aufsatz beigesügt, od. auch, wie dies der französische Gerichtsstil mit sich bringt, dem U. selbst mit einverleibt werden (meist durch die Formel: In Erwägung, daß rc. sranz. Kn oonsi- ckorani gus). Die Eröffnung eines U-s an die Parteien erfolgt entweder mündlich durch Vorlesung in einem Termin (Publicationstermin) oder durch Zusertignng einer Abschrift. Sobald die Eröffnung erfolgt ist, können wirkliche U-e (im Gegensatz von einfachen, bes. bloß proceßleitenden Dekreten) von dein Richter nicht mehr abgeändert werden, sollte derselbe sich auch von einem untergelausenen Jrr- thnm selbst überzeugt haben. Nur bloße Schreibund Rechnungsfehler können noch von dem Richter selbst von Amtswegen verbessert werden. Im Übrigen ist es Sache der Parteien, insofern sie sich bei vem gesprochenen U., als ihrer Ansicht nach den Rechten nicht entsprechend, nicht beruhigen wollen, durch Einwendung von Rechtsmitteln eine anderweite Entscheidung zu veranlassen, insofern nicht die Rechtskraft des U-s dem hindernd entgegentritt, d. h. die Eigenschaft eines Erkenntnisses, vermöge deren dasselbe nicht mehr durch ordentliche Rechtsmittel augefochten werden kann (s. u. Appellation). Die Wirkung der Rechtskraft des U-s besteht darin, daß nunmehr die Fiction eintritt. Es sei das Rechts- verhältniß der streitenden Theile in der That so beschaffen, wie dasselbe in dem U. festgestellt wurde, selbst dann, wenn diese Feststellung auf einem Jrr- thum des erkennenden Richters beruhen sollte. Die siegende Partei erlangt durch das rechtskräftige U. das Recht auf Exemtion (s. d.), jede Partei überdies auch das Recht auf Zurückweisung späterer Ansprüche, welche mit dem Inhalt des rechtskräftigen U-s in Widerspruch treten würden, vermittels der kxesptio rsi juciieatas. Doch setzt der Gebrauch der letzteren voraus, daß die gerichtliche Verhandlung des neuen Angriffes auch in der Thal wieder aus dieselbe concrete Streitfrage zurückfllhren würde, über welche bereits im vorigen Processe rechtskräftig entschieden ist, u. wenn bei dem neuen Angriffe die nämlichenParteien einander gegenüber stehen, welche Len vorigen Rechtsstreit durchgefllhrt haben. Hinsichtlich der vielfach bestrittenen Rechtskraft der Ent- scheidnngsgründe ist so viel außer Zweifel, daß ihnen eine selbständige Krast gegen den Inhalt des U-s selbst nicht beiwohnen kann, u. daß sie insofern an der Rechtskraft, welche dann nur dem dispositiven Theil beizumeffen ist, nicht Theil nehmen. Insofern sie aber zugleich die nächste u. sicherste Jnterpreta- tionsguelle für den wahren Inhalt des U-s sind u. oft erst erkennen lassen, in welchem Umfange die Entscheidung gemeint ist, unterliegen sie auch der Rechtskraft. Die Deutsche Civilpro ceßord nungu. bezw. das deutsche Gerichtsverfassungsgesetz von 1877 fußen im Allgemeinen aus den, nämlichen Grundsätzen, jedoch mit den durch die Öffentlichkeit 792 Urteilskraft u. Mündlichkeit (s. d.) nöthig gewordenen Modifica- tiouen. So ist z.B- Öffentlichkeit der U-sPublication vorgeschrieben (Z 174 G.-V.-G.). Unter den im 2. Titel der Civ.-Pr.-O. (88 272—2S4) über das U. enthaltenen Vorschriften ist als eine besondere die des ß273überdasTheil-U. hervorzuheben; ein solches soll nämlich dann erlassen werden, wenn von mehreren in einer Klage geltend gemachten Ansprüchen nur der eine od. andere, od. von einer mehrere Ansprüche enthaltenden Klage nur ein Theil derselben, od. endlich bei erhobener Widerklage entweder nur die Klage od. nur die Widerklage zur Endentscheidung reif ist. Genaue Vorschriften sind über die Berichtigung von Unrichtigkeiten im U. durch das ur- theilende Gericht in AZ 290 u. 291 getroffen. Während die Vollstreckung eines U-s dessen Rechtskraft vcranssetzt, kennt Die deutsche Civ.-Pr.-O. auch Ausnahmsfälle, in welchen schon vor dem Zeitpunkt der Rechtskraft eine vorläufige Vollstreckbarkeit anerkannt wird. Unter Umständen werden von den U-en selbst vollstreckbare Ausfertigungen ertheilt (ZA 496, 502, 562, 644, 648 ff.). II. Im Criminalprocesse fanden gemeinrechtlich zum Theil dieselben Grundsätze wie im Civilprocesse Anwendung. Eine eigenthümliche Art von U--en bildeten hier die Erkenntnisse auf Entbindung von der Instanz (^.bsolutionos ab instantia), durch welche die einstweilige Lossprechung des Angeschuldeten bis aus Erlangung neuer Verdachtsgründe ausgesprochen wurde. S. im Übrigen unter Crimiualproceß. Vielfach vereinfacht erscheinen die Vorschriften über U. in der deutschen Strafproceßordnung von 1877. Die Hauptvorschrift enthält Z 259, welcher lautet: die Haupt- Verhandlung schließt mit der Erlassung des U-s. Das U. kann nur aus Freisprechung, Verurtheilung od. Einstellung des Verfahrens lauten. Die Einstellung des Verfahrens ist anszusprechen, wenn bei einer nur auf Antrag zu verfolgenden strafbaren Handlung sich ergibt, daß der erforderliche Antrag nicht vorliegt, od. wen» der Antrag rechtzeitig zu- rllckgensmmen ist. Verschieden sind die Vorschriften über Verfahren, Abfassung, Rechtskraft, Vollzug rc., je nachdem es sich um U-e der Schwur-, Schöfsen- od. Landgerichte, um amtsrichterliche Strafbefehle, um Privatklagesachen u. sogen. Nebenklagen oder dgl. handelt. B-zold.» Nrtheilskraft , im Sprachgebrauchs des ge- wohnlichen Lebens das Vermögen, Urtheile zu bilden, d.h. in seinem Denken über das Verhältniß der Begriffe, zu entscheiden. Die U. ist daher zunächst logisch. Insofern die im logischen Urtheile ausgesprochenen Beziehungen der Begriffe angesehen werden als entsprechend den Verhältnissen u. Beziehungen der Dinge, wird die U. angesehen als das Vermögen diese letzteren Verhältnisse richtig u. der Natur der Dinge entsprechend aufzufassen; sie erscheint als ein Theil des Erkenntnißvermögens, als theoretisch. Insofern ein sestgestelltes Urtheil zugleich als Regel des Handelns benutzt, die Behandlung des einzelnen Falles dieser Regel unterworfen u. dadurch entschieden wird, was unter besonderen Umständen zu thun oder zu lassen sei, wird sie praktisch. Man schreibt daher im gewöhnlichen Leben U. demjenigen zu, welcher die Verhältnisse der Dinge rasch ».sicher auffaßt n. sein Handeln darnach — Urthicre. einzurichten versteht. Kant unterschied zwischen der bestimmenden, welche das Besondere unter ein schon bekanntes u. gegebenes Allgemeine unterordnet, u. der reflectirenden U., welche zu dem gegebenen Besonderen das Allgemeine sucht. Für das Princip, nach welchem die letztere verfährt, erklärte er den Begriff der Zweckmäßigkeit, u. die Untersuchung, in wiefern dieses Princip in dem Wohlgefallen am Schönen einerseits, u. in der teleologischen Auffassung der Natur andererseits angewendet wird, ist der Gegenstand seiner Kritik der U. Urthiere (krotoML), erster Thiertypus, umfaßt vorwiegend mikroskopisch kleine Thiere von sehr abweichender Körperform u. einfachen, weder Gewebe noch Organe aufweisenden Bau. Die Körpersubstanz ist homogen, gallertig u. contractil, u. wird Sarkode genannt. Dieselbe ist äußerlich zuweilen zu einer Hautschicht, welche Anhänge verschiedener Art trägt, verdichtet, bewahrt aber im Innern ihre Homogenität, da weder Leibeshöhle noch Darm zur Entwicklung kommen. Die nackthäutigen besitzen in den Scheiufllßchen, Psendopodien, fadigen Ausstülpungen der Sarkode, Beweguugswerkzeuge. DieBe- häuteten tragen Hautanhänge in Form von Geißeln, Borsten, Wimpern, Gebilde in der Haut von Stabform werden den Nesselorganen der Cölenteraten an die Seite gestellt. Während die weiche Körpermasse im Innern ein Gerüst von Kalk-u. Kieselnadeln zur Stütze erhält, wird der Körper mancher von außen durch eine weiche oder starre, verkalkte Schale abgegrenzt. Nerven n. Muskeln sind nicht nachweisbar. Hellere Körperchen u. gefärbte Stellen deuten auf Sinnesorgane hin. Einige besitzen Mund u. Andeutung von einem Darm, andere sind ganz mund- u. darmlos. Die Ernährung geschieht vermittels der Scheinsüßchen, indem diese die Nahrungsstoffe umschlingen, welche dann in der nachfließenden Körpersubstanz eingebettet werden, od. durch Aufnahme in die Sarkode derselben selbst, wie bei den beschälten, wo die feinen Poren der Schale zum Durchtritt der Scheinfüßchen eine directe Einführung nicht gestatten. Auch findet Ernährung auf Wege der Endosmose statt. Die Infusorien besitzen einen mit Wimpern oder Stäbchen bewaffneten Mund, einen After u. contractile Blasen, letztere sollen die Respiration vermitteln. Die Vermehrung geschieht durch Theilung, Knospung u. Eier. Die Geschlechtsorgane z. B.der Infusorien sind der vielgestaltete Kern als weibliches u. das ihm benachbarte Kernchen als männliches Organ. Die U. erscheinen bereits in den ältesten Erdschichten, wonach daher auch ihre Bezeichnung gewählt ist. Man unterscheidet 5 Klassen: 1. LtÜM- poäa, Wurzelfüßer. 2. Inknsoria, Infusorien. 3. LponZiae, Schwämme. 4. OrsAarmae, Gregarinen (s. d. a.). 5. ül^rvv^sboäoa, dazu die Gatt, llloobi- luoa. Die einzige Art dieser Gattung, die bis 1 mm Durchmesser hat u. von Pfirsichform ist. lll. miliaris überzieht als 3 am dicker Schleim die Meeresoberfläche und wird als wesentliche Ursache des Meeresleuchtens betrachtet. Erklärung zur Taf. Urthiere: Kleines Glockenthierchen, Vortiosllanalorosroma. Vergr. 300. 1. Ausgewachsenes Glockenthierchen. a u. d. Wimpertranz. o. Speiseröhre. S. contractile Blase. «. bandförmiger Kern. k. lorkziehsrartiz einziehbarer Stiel, g. u. u. Knospen. 2 . Glockenlhierchen in Längstheilung begriffen, a. Stiel. d. Kern. o. Mnndanlage der neuen Thierchen. ^pw.Trt^ntL.i^rÄ.-ks»,.,.: > n Arthiere. Ein Stückchen von Latdzdlvs UneokoliL I Atnschel-Thierchen. Kleines Glockenthierchen in verschredenen Entwicklungszuständen. Nickendes Glockenthierchen. Protomyxa. » I sog. Maall'ecrdoite,' cklklnrulL ^ lng..st„fen INI, cs KakkschwainineS sNixirilrMl: II sreischtrimmcade Dar« »I oder «aatrnta: X don Anke»: L i», !>änaRa,na»- ^ ^ I Festsit!-ndcr Schwammn mchcu nnd im l'ängSschnittc: Bezcichmmg^ ° «»d l «öi ^rschichk,. Skelet eines Radiolars, /Vatiucminia asteraaairtliiou Hartgebrlde ans der Haut der Schwämme Pierers Universal-Conversations-Lexiton. e. Aust. Zu»! Artikel: „Urthierer 793 Utioa — S. Glockenthierchen L mit zur Ablösung reifen Sprössling. L. n. Kern. d. contractile Blase, a. Speiseröhre, ck. u. e. Wimpsrlranz. k. Hinterer Wimperkranz von L, der vordere ist eingezogen. 4 . Abgelöster Sprössling. Mnschel-Thierchen, Stxlonvotua inz-tilns. Vergr. 200. a. Wimperkranz, d. contractile Blase, a. Fortpflanzungsorgan. iBgl. ferner die betr. Artikel). Farwick. Urtios D., (Nessel), Pflanzengattung aus derFa- l milie der Ilrtieassas, ein- n. zweihäusig; männliche I Blüthenhülle viertheilig, mit 4 Staubblättern, weib- liche zweitheilig, Fruchtknoten mit sitzender pinsel- > artiger Narbe, Frucht ein eiusamiges Nüßchen, von ! der vertrockneten Blüthenhülle umgeben; Stengel, ! Blätter u. Blüthenhüllen gewöhnlich mit Brenn- ! borsten besetzt. Arten: II. ursns L. (kleine Brenn- > nessel, Eiternessel), 30—40 om hoch, mit hellgrünen, eisörmigen, stumpfen, sägezähnigen, von scharfen ! Brennborsten besetzten Blättern, häufiges Unkraut. ! II. äio'tea, L. (große Brennnessel), mit oft manns- > hohem Stengel, herzeisörmigen, langgespitzten Blät- ' tern, zweihäusigen Blütheu; häufig auf Schutthaufen, an Zäunen. II. pilulilsra, L., mit eiförmigen, langzugespitztcn Blättern, in runde Knöpfchen zusammengedrängten Blütheu, sehr brennend, als Horb, st som. urt. romanas officinell, in Thüringen, der Lausitz u. Südeuropa. II. oannabina, L., 1 m u. darüber hoch, mit dreitheilig tiefeingeschnittenen Blättern, in Sibirien. Der Bast der beiden letzten Arten eignet sich vortrefflich zu Gespinusten in gleicher Weise wie Hanf; es hat sich daher in - neuerer Zeit die Aufmerksamkeit einiger Industriellen diesen Pflanzen zugewendet u. denkt man daran, dieselben im Großen anzubanen, zumal die Pflanzen auf dem unfruchtbarsten Boden wachsen (s. a. Gespinnstpflanzen). Ferner wird der Ball von H. tsnasissima Äowd. (Loslimsria. utilis Hi. Reah- hanf) in Sumatra zu dauerhaften Seilen verarbeitet. II. ersrmiats, Lowb. (II. ursutissima Li.), in Java, u. m. a. in heißen Ländern, erregen bei der leisesten Berührung ein überaus heftiges, Wochen lang anhaltendes, selbst Krämpfe u. lebensgefährliche Zufälle herbeiführendes Brennen, welches durch kaltes Wasser verstärkt u. selbst nach Monaten won Neuem erweckt wird; H. Stimulans L. /I, ausJava, baumartig, mir großen Blättern, hier u. da mit einzelnen größern Stacheln, daselbst benutzt, um die Zugochsen anzutreiben, daher von den holländischen Colonisten Buffelblad genannt. Vgl. v. Rößler- Lade, Die Nestel, eine Gespinnstpflanze, Lpz., Io- hannßeus landwirthsch. Verlagsbuchhandl.; Müller, Deutsche Brennnesseln, ebd., Hugo Voigts landw. Verlag. Engler. veticaeeas, Pflanzenfamilie aus der Ordnung der Urtiemas, Kräuter, Sträuchcr od. baumartige Pflanzen mit entgegengesetzten od. abwechselnden, einfachen gestielten, fiedernervigen, ungetheilten, gezähnten od. gesägten, selten handsörmiggelappten Blättern, oft mit Brennhaaren besetzt, wie auch die übrigen Theile; Blüthen polygamisch mit kelchartiger Blüthenhülle od. ohne solche; Fruchtknoten einfächerig, mit 1—2 Griffeln u. einem, selten 2 Eichen. Die Familie wird von den Botanikern in verschiedener Weise begrenzt; neuerdings werden einige früher den Urticaceen coordinirtc Familien als Un- i terfamilien subordinirt wie folgt: I. Ilrtiooiäsas ohne Milchsast, mit spiraligen od. gegenständigen Uruguay. Blättern; Fruchtknoten mit einem aufrechtenEichen; Keimling gerade in der Achse des fleischigen Eiweißes: Urbiea, Uakaisia, kiksa, Losümsria, ?a,ris- taria,,§or8iwlsau.a. II.LIoroiäsas meist nsitMilch- faft; Fruchtknoten mit einem gekrümmten Eichen; Griffel meist 2spaltig; Keimling gekrümmt, innerhalb des fleischigen Eiweißes: Norus, Lroussonstüa, Llaolura, bstous, vorstsnia, Hatoua u. a.; III. Lrto- carpoiäsas, wie die vorigen; aber die Samen ohne Eiweiß: Lrtoearpus, Nrseuiia, Lsoropia. Auch wird klatanus als einziger Repräsentant einer vierten Unterfamilie, der Ulatg-noicksas hierher gestellt. Engler. vi-tiesria (lat.), Nesselausschlag, s. d. Urtieinss, Pflanzenordnung der choripetalen Dico- tyledonen, charakterisirt durch Blüthen, deren Quirle meist 2—Zgliedrig sind u.in Folge gleicher Ausbildung der Blätter beider Blllthenhüllkreise nur eine einfache Blüthenhülle zu bilden scheinen; Staubblätter so viel als Perigonblätter u. vor diesen; Fruchtknoten einfächerig, seltener 2fächerig; Fächer mit einem, selten 2 Eichen. Hierher gehören die Familien: Ilrtlsa). Die Einwanderung war eine Zeit lang verhältnißmäßig stark u. gipfelte in 1873 mit 24,339 Personen; 1876 war sie jedoch wieder auf 5570 zurückgegangen. Flüsse: La Plata, Uruguay, Jbicuy, Negro, Joses (diese drei zum Uruguay), Barriga-Negra (Goday, Zebolyati); Seen: Mirim, 157Lin lang bis 45 km breit, Lagos Manquera; Boden größtentheils eben, sehr fruchtbar, das Klima gemäßigt. Viehzucht ».Handel bilden die Haupterwerbsquellen. Der Viehstand betrug nach den Annalen der Landwirtschaft zu Buenos AyreS 1877 (geschätzt) 6,327,000 Rinder, 13.005.000 Schafe, 12,701 Schweine. Der Werth der Ausfuhr betrug 1875 12,693,000 Pesos, davon allein für 12,392,000 thicrische Stoffe u. zwar für 5.451.000 Häute, 325,000 Felle, 2,596,000 Wolle, 1.575.000 gesalzenes Fleisch, 324,000 Fleischcon- servenu.Fleischextract, 912,000 Talg, 604,000 Rind vieh rc., 342,000 thierische Abfälle rc. Hauptverkehrsländer sind dem Range nach: Großbritannien, Frankreich, Brasilien, die Vereinigten Staaten, Belgien, Spanien, Argentinien, Italien rc. Der Ausfuhr steht eine fast gleiche Summe als Einfuhr gegenüber. Eisenbahnen standen 1877 in Betrieb 375,5 km, Telegraphen, einschl. von 160 km submarines Kabel, 1219 km. Münzen, Maße u. Gewichte wie in der Argentinischen Conföderation. Die Verfassung ist vom 18. Juli 1830 u. sehr liberal; au der Spitze der Executivgewalt steht ein auf 4 Jahre vom Volk erwählter Präsident, welchem als Vice- Präsident der jedesmalige Präsident des Senates zur Seite steht. Die Gesetzgebende Gewalt beruht in zwei Kammern, eine mit neun Senatoren, die zweite mit Deputirten (je einer auf 3000 Ew.); die Sitzungen Lauern jährlich vom 15. Febr. bis Juni; während der Zeit ihrer Vertagung bleibt eine Permanenz- commission von zwei Senatoren u. fünf Deputirten. Es bestehen Religions- u. Preßfreiheit, Geschworenengerichte. Die Römisch-katholische Religion ist die weit überwiegende. Das Schulwesen ist noch sehr im Rückstände, am beste» bestellt ist es mit den Pri- vataustaltcn. An höheren Lehranstalten bestehen eine Universität u. eine Polytechnische Schule. Nachdem neuen Schulgesetz vom 24. Aug. 1877 ist der Schulbesuch obligatorisch u. es werden überall Staats- Freischulen gegründet. DiePrivat-Unterrichtsanstal- ten sind nebenbei gestattet, jedoch unter Ober-Aussicht des Staates. Armee: im Jahre 1877: 1636 M. Infanterie, 850 M. Cavalerie, 275 M. Artillerie, zus. 2261 Mann vom stehenden Heer, dazu 728 ac- tive u. 1091 zur Disposition gestellte Offiziere. Die Nationalgarde zählt etwa 20,000 Mann. Nationalfarben: Weiß u. blau. Flagge, s. Flaggentasel. Das Budget von 1876 führt die Einnahmen mit 8,470,608, die Ausgaben mit 4,552,570 Pesos auf, in welch letzterer Summe jedoch nur die unumgänglich nöthigeu Summen enthalten sind. Die Staatsschuld zerfällt in eine innere u. eine äußere. Elftere betrug am 1. Jan. 1877 29,894,676, letztere 17,716,810 Pesos, so daß die Gesammtschuld sich auf 47,611,485 Pesos beläuft. Hauptstadt ist Montevideo. Vgl. Woysch, Mittheilungen über das sociale Leben in der Republik U., Berl. 1864; Frankenberg, Darstellung der politischen Verhältnisse der Republik U., Buenos Ayres u. Köln 1866; Weber in der Zeitschr. Aus allen Welttheilen V, Lpz. 1874; Diaz, Rots siistorigus st statistigns snr 1a rs- xubligus orlsutals ä'slruKua,^ sn 1878, Paris 1878; Lspubllgus orientale ä'IIruAua^. Dssums statistiguö xcnrr I'sxposltlon äs karis, Montevideo 1878. U., von den Bewohnern meist BandaO rien tal genannt, war wegen seiner wichtigen Lage fast seit Entdeckung Südamerikas einZankapfel der Nationen u. Schauplatz von Kriegen. 1776 eroberten die Spanier U. definitiv u. verschlossen die'Beschiffung des La Plata den Portugiesen. Rasch hob sich der Handel der Colonie u. sie genoß bis 1810 der Ruhe. Dann warf sie das spanische Joch ab, der Gauchohäuptling Artigas knechtete sie mit seinen zügellosen Banden; Brasilien benutzte diese Wirren, um die Banda Oriental für sich zu gewinnen u. verband sich mit Artigas' Gegnern. Der brasilianische General Lecor besetzte 20.Jan. 1817 mit 6000 M. fremder Hilfstruppen Montevideo und nachdem Artigas, welcher inzwischen den Kampf nicht allein mit Buenos Ayres fortgesetzt, sondern auch mit Brasilien ausgenommen hatte, 1820 nach Paraguay vertrieben worden war, wurde die Banda Oriental 1821 unter dem Namen der Cisplatinischen Provinz mit Brasilien vereinigt. Als 1822 Brasilien sich von dem Mutterlands Portugal trennte, blieb die Besatzung in Montevideo der portugiesischen Regierung treu; die Brasilianer belagerten deshalb die Stadt, nahmen dieselbe Dec. 1822 ein u. der Kaiser verleibte nun die Cisplatina dem Kaiserthum Brasilien ein. Da die Republik Buenos Ayres den Kaiser Dom Pedro nur unter der Bedingung anerkennen wollte, daß er Montevideo nebst der Banda an die Conföderation abtrete u. die Brasilianer Cisplatina aussogeu, erhob sich dieses im Juni 1825 unter dem Obersten Lavalleja u. Fruct. Ribera u. schloß sich der La Plata-Union an. Über diesen Krieg s. Argentin. Conföderation. Am 27.Aug. 1828 kam es zu Rio de Janeiro u. 4. Oct. 1828 zu Sauta-Fe unter großbritannischer Vermittelung zum Frieden, in welchem die Unabhängigkeit der Cisplatina anerkannt wurde. Die Cisp latinische Republik gab sich nun 10. Sept. 1829 eine Verfassung u. wählte zu ihrem ersten Präsidenten den General Rondeau aus Buenos Ayres. Nachdem die Schutzmächte England u. Brasilien 24.März 1830 die Verfassung gebilligt hatten, wurde dieselbe am 18. Juli 1830 beschworen, der Staat nahm den Namen Repub- lica Oriental del U. an u. wählte Fructuoso Ribera zu seinem Präsidenten. Gegen diesen brach 3. Juli 1832 eine Verschwörung aus; Ribera mußte fliehen u. Lavalleja wurde zum Oberbefehlshaber Uruguay. 79L LerArmee ernannt. Indessen schon 9. Aug. begann in Montevideo eine Gegenrevolution. Lavalleja floh nach NAmerika u. Ribera kehrte an die Spitze der Negierung zurück. Eine Differenz zwischen U. und Buenos Ayres über den Besitz der Falklandsinsel endete damit, daß die Engländer diese Insel 1833 in Besitz nahmen; indessen blieben die Verhältnisse beider Staaten zu einander gespannt. Ami. März 1835 wurde General Oribe Präsident von U. Damals war Montevideo der Zufluchtsort der vom Dictator der La Platastaaten, Rosas, hart verfolgten Partei der Unitarier; an der Spitze derselben vertrieb Ribera Oct. 1838 Oribe u. wurde 21. Oct. wieder Präsident. Nun entspann sich ein innerer Krieg; ans der Seite Riberas standen die Gauchos, sie (die Liberalen) führten den Parteinamen Colorados (die Rothen); aus der Seite Oribes aber standen die Estanceros (die Grundbesitzer), die Stadtbewohner, (die Conservativen), welche den Namen der Blan- quillos (Weißen) führten. Oribe fand bei Rosas Hilfe, wurde aber von dem durch Frankreich unterstützten Ribera gestürzt u. nun wandte sich dieser gegen Rosas. Seit 10. März 1839 war Buenos Ayres in Krieg mit U., s. Argentinische Confödera- lion. Fm Vertrage vom 31. Oct. 1840 zwischen Frankreich u. Rosas wurde die Unabhängigkeit U-s bestätigt. Im Verlaufe des Krieges gegen U. war Rosas glücklich; 12. April 1842 alliirten sich U., Entre-Rios u. Santa-Fe gegen Rosas, Oribe aber schlug den General Lopez 20. April bei San Pedro, blokirte Montevideo seit Mai 1842 mit Rosas Unterstützung von der Seeseite u. 17. Febr. 1843 begann die Belagerung von der Landseite. Ribera, bei Santa Lucia Chica 16. Februar 1843 besiegt, setzte den Krieg bis 27. März 1845 fort, wo er bei Jndia- Rivera von Urquiza total geschlagen, nach Brasilien floh. Nu» wurde Joachim Suarez Präsident. Am 19. März 1846 kam Ribera auf einer spanischen Handelsbrigg wieder u. 1. April brach zu seinen Gunsten in Montevideo ein Aufstand ans, dem sich die Truppen anschloffen. Ribera landete 6. April in Montevideo u. ernannte ein Ministerium aus seinem Anhänge. Suarez blieb Präsident. 26. März 1846 erkannte Spanien endlich die Unabhängigkeit U-s an. Auch nachdem England u. Frankreich Frieden mit Rosas gemacht hatten, dauerte der Krieg zwischen U. u. den La Platastaaten fort, da U. die Friedensvermittelung beider Mächte verwarf. Von Frankreichs Hilfe verlassen, wendete sich U. nun um Unterstützung an Brasilien u. Entre-Rios, dessen Gouverneur Urquiza ein Gegner Rosas' war. Am 29.Mai 1851 wurde zwischenU., Brasilien u. Entre- Rios eine Trippleallianz gegen Rosas und Oribe geschlossen und im Juli rückten Urquiza mit den Truppen von Entre-Rios u. Corrientes u. Graf Caxias mit einem brasilianischen Corps in U. ein. Nachdem sich am 25. Aug. der uruguayische Anführer Garzon mit Urquiza u. Caxias vereinigt hatte u. am 30.Aug. ein brasilianisches Geschwader unter Admiral Grenfell in den Paranafluß eingedrungen war, hob Oribe am 2. Sept. die Belagerung von Montevideo, nach mehr als achtjähriger Dauer auf u. wurde, bereits von Rosas' Hilfe entblößt u. von einem großen Theile seiner Truppen verlassen, am 3. Oct. bei Las Piedras bei Montevideo geschlagen. Ain 8. Oct. zog Urquiza in Montevideo ein. Durch die Niederlage Rosas' bei Santos Lugares 3. Febr. 1852 u. dessen Sturz verlor Oribe seine letzte Hoffnung nach Montevideo zurückznkehren. Dennoch setzte seine Partei bei der Präsidentenwahl ihren Candidaten Juan Franc. Giro durch, welcher am 1. März 1852 als Präsident antrat. Differenzen mit Brasilien wegen Grenz-n. Schuldverträgen wurden beglichen. Der durch die Revolution 1853 in Buenos Ayres gestörte Handel zog sich nebst den meisten Etablissements immer mehr von dort und nach Montevideo. Die gegenseitige Befeindung der Blanquillos, zu der nicht nur der Präsident Giro, sondern auch die Mehrheit der Kammermitglieder u. somit auch die meisten Verwaltungsbeamten gehörten, u. der Colorados dauerte indessen im Innern fort. Als Erstere den Plan besprachen, eine neue Hauptstadt zu bauen, stieg die Erbitterung gegen sie immer mehr u. als der Präsident vollends sich weigerte, Mitglieder der anderen Partei ins Ministerium ansznnehmen, drängte man ans beiden Seiten zu einer Entscheidung durch die Waffen u. Brasilien intriguirte gegen Giro. Die Colorados bestachen ein Regiernngsbataillon Sieger, welches lange keinen Sold bekommen hatte, die Regierung bewaffnete die Nationalgarden und 18. Juli 1853, am Jahrestag der Verkündigung der Verfassung, kam es zu Thätlichkeiten zwischen beiden; jedoch wurde die Ruhe wieder hergestellt. Die Colorados bedrängten nun den Präsidenten mit der Forderung, den General Oribe zu verbannen und die Directoren der Provinzen zur Hälfte aus jeder Partei zu ernennen. Oribe verließ das Land freiwillig; die andere Forderung verweigerte aber Giro, bis 24. Sept. eine Revolution in Montevideo ausbrach u. er sich indieArtnedesfranz. Generalconsuls MartinMaillefer werfen mußte. Am 27.Sept. bildetesich eine provisorische Regierung aus Flores, Lavalleja u.Ribera, woraufGiro abdantteu. sich ins Privatleben znrllckzog. Venancio Flores wurde nach dem Tode Riberas (13. Jan. 1854) provisorischer Gouverneur der Republik u. zugleich wurde eine constituirende Generalversammlung nach Montevideo auf 1. März berufen. Ein Decret der Regierung vom 10. Oct. 1853 öffnete alle schiffbaren Flüsse dem fremden Handel u. stellte den dem Handel günstige» Tarif von 1837 wieder her. Die Einwanderung wurde begünstigt, um die reichen HilsSquellenU-s auszunutzen, mit der Argent. Cou- föderation u. europäischen Machten,;. B. dem Deutschen Zollverein, Freundschafts- u. Handelstractate geschlossen. Neue Aufstände in verschiedenen Landes- theilen besiegte Flores zwar; aber außer Stande, die Hauptfchäden des zerrütteten Staatsgebäudes zu heilen, sah er sich nach fremder Hilfe um. Brasilien verständigte sich endlich mit ihm zur Zahlung von 60,000 Piastern monatlich und zur Besetzung von Montevideo u. dem Gebiet der Republik bis zur Herstellung gesetzlicher Zustände. Am 12. Marz 1854 trat die legislative Versammlung in Montevideo zusammen u. ernannte Flores bis zuml.März 1856 zum Präsidenten der Republik. Unterdessen hatten sich die Colorados, durch welche Flores die Präsidentschaft erlangt hatte, in zwei Parteien gespalten, wovon die mächtigere sich aufs Heftigste gegen ihn erklärte. Seine Lage wurde noch schwieriger, als im August 1855 Oribe im Hasen von Montevi- 796 Uruguay. Leo erschien und ans Land stieg. Am 28. August wurde Flores in einer Revolution aus Montevideo vertrieben, während in der Stadt eine provisorische Regierung unter Luis Lamas sich bildete, welche die Bevölkerung bewaffnete. Aber die Gesandten von Frankreich, England u. Spanien vermittelten vor dem Ausbruche des Kampfes eine Vereinbarung mit Flores, wonach dieser 9. Sept. abdankte, und Manuel Bnstamente 10. September provisorisch bis zum März 1856 an seine Stelle trat. Uni den fortdauernden Umtrieben zu steuern, erklärten Flores und Oribe eine bei der bevorstehenden Präsidentenwahl etwa aus sie fallende Wahl nicht anzunehmen, aber zur Aufrechthaltung der Verfassung u. Unterstützung der Regierung vereint wirken zu wollen. Die brasil. Regierung zog ihre Truppen aus dem Gebiete von U. znrück, und schon am folgenden Tage, 25. Nov. 1855, brach ein neuer Aufstand unter Jose Munos ans, welcher von Flores in Montevideo und von Oribe auf dem Lande rasch besiegt wurde. Am 1. März 1856 trat der neugewählte Präsident der Republik, Gabriel Antonio Pereira, seine Stelle an; der reichste Privatmann von U., verzichtete er auf jeden Präsidentengehalt, wurde aber in seinen gemeinnützigen Bestrebungen sehr wenig von den Kammern unterstützt. Die Partcikäuipse ruhten nie u. sehr rührig war die Partei, welche Vereinigung aller Plata-Staaten einschließlich U. betrieb. Als die Kammern einen neuen mit Brasilien abgeschlossenen Handelsvertrag U-s verwerfen wollten, der als sehr nachtheilig für den Handel von Montevideo galt u. den Pereira nur geschlossen haben sollte, um gegen die ihm von den Flüchtlingen in Buenos-Ayres drohenden Angriffe eine Stütze in Brasilien zn gewinnen, schloß die Regierrung Plötzlich die Session u. ließ am nächsten Tag mehre ihrer Gegner, darunterGomez,ergreifen u. nach Buenos-Ayres deportiren(Oct. 1857). Die anföfsentliche Kosten mit königl. Ehren vollzogene Beerdigung des am 12. Nov. gestorbenen Generals Oribe benützte General Flores zu einem Maniseste, in welchem er die von ihm mit Oribe abgeschlossene Vereinigung den Parteien als Grundlage der Verständigung empfahl. Obschou nun die Regierung bei den Wahlen dem Anscheine nach obsiegte, bildeten sich Loch an verschiedenen Punkten des^ändes revolutionäre Zusammenrottungen, welcheAnfang 1858auchMon- tevideo bedrohten. Am 6. Jan. 1858 landete der General Cesar Diaz mit etwa 100 Mann von Buenos- Ayres im Hasen von Montevideo u. vereinigte sich mit den Colorados, welche den General Freire zum provisorischen Präsidenten wählten. Nach einer Mitte Januar erlittenen Niederlage ergab sich am 28. Jan. das Hauptcorps der Aufrührer am Ufer des Rio Negro bei Quinteros den Regierungstruppen unter General Medina. Argentinische Truppen zogen sich au der Grenze zusammen u. die brasilianische Flotte schnitt die Verbindung der Insurgenten mit Buenos-Ayres ab. Diaz, Freire u. 25 andere Offiziere wurden 31. Jan. zu Quinteros erschossen; weitere Executionen u. Verbannungen folgten. Am 2. Juni in einem zu Rio Le Janeiro Unterzeichneten Staatsvertrag zwischen Brasilien, der Argen- uischenConföderation u. U. erkannten Erstere dieJn- lregität u. Neutralität U-s als Bürgschaft des Friedens, des Gleichgewichts u. der Sicherheit in diesem Theile Amerikas an. Im Einklang hiermit genehmigte das Abgeordnetenhaus 1859 ein Geseo, welches die Neutralität des Territoriums der Republik U. aussprach n. ermächtigte die Regierung auf gleicher Basis wie mit Brasilien u. der Argen^'iii'chen Conföderation, auch mit Frankreich, England, den Vereinigten Staaten und Spanien Verhandlungen anzuknüpfen. Am 1. März 1860 wurde der bisherige Senatspräsident Bernardo Prudencio Berro zum Präsidentender Republik gewählt, ein Hauptanführer der Blanquillos; er theilte U. sofort in fünf Militärcommandanturen und ernannte ein in versöhnlichem Sinne zusammengesetztes Ministerium. Der Vorschlag einer allgemeinen Amnestie für die Theilnehmer der früheren Revolutionen brachte aber das Ministerium in Conflict mit der Kainmer. Ein Postvertrag mitGroßbritannienwurde von denKam- mern verworfen u. derHandelsvertrag mit Frankreich v. 1836nur auf2Jahre verlängert. Dies führte eine Erkaltung der Beziehungen zu Frankreich n. England herbei. Brasilien, dessen Convention mit U. v.8.Mai 1858 auch abgelehnl worden war, nahm sofort eine ziemlich feindselige Haltung gegen U. an. Die Recla- mationen Englands u. Frankreichs wegen Enkschädi- gungsforderungen wurden seit April 1861 drängend u. bald auch drohend u. nach schleppenden Verhandlungen Anfang 1862 mußte U. einem ihm gestellten Ulimatnm nachgeben. Ein nur aus persönlichen Gründen Juni 1861 vorgenommenerMinisterwcchfel führte eine Spaltung der Blanquillos, die den Präsidenten bisher gestützt, herbei. Die entlassenen Minister u. deren Freunde vereinigten sich mit den Colorados, welche nun eine für die Regierung gefähr» liche Opposition bildeten. Dazu bedrohte General Flores von Buenos-Ayres ans die Ruhe des Landes. Im April 1863 landete derselbe bei Colonia del Sacramento u. organisirte einen neuen Aufstand. Die Reibungen zwischen kl. u. der argentinischen Conföderation wurden 30. Juni 1863 durch einen Vertrag beendigt u. letztere versprach U. Neutralität in seinem Bürgerkrieg. Aber Flores wurde trotzdem von Buenos-Ayres unterstützt, was zu heftigen Fehden führte. Der Bürgerkrieg dauerte in U. fort, Flores lagerte sich vor Montevideo, Berro war froh, als seine Präsidentschaft zu Ende war u. Anastasia Agnirre, ein Blanqnillo, wurde 1. März 1864 Präsident. Flores setzte mit ihm den Kampf fort, ohne daß der von ihm erwartete Aufstand gegen Agnirre erfolgte. Dieser war ohne Schatz, sein Heer desorganisirt; einzelne Parteiführer errichteten in den Provinzen eine Verwaltung auf ihre Faust und erhoben Steuern. Brasilien benutzte diese Mißlage, während ein Versuch, unter argentinischer, brasilianischer, paraguayscher und englischer Vermittelung Agnirre zur Annahme der Bedingungen Flores' zu bewegen, im Juli 1864 scheiterte. Agnirre wollte ll. nie in Abhängigkeit von Brasilien oder der Argentinischen Conföderation kommen lassen, kl. wies alle brasilianischen Forderungen im August 1864 ab u. forderte für den bevorstehenden Krieg Hilfe von Paraguay. Flores ergriff die Offensive gegen U.. erstürmte mehrere Orte, z. B. la Florida u.'ließ die gefangenen Offiziere erschießen. Eine brasilianische Corvette nahm ohneKriegserklärung einen Dampfer U-s weg. Hieraus stellte Agnirre dem brasilianischen Ministerresidenten in U. die Pässe zu und ent- Urumia — Urwald. 797 zag saium, au^ckinnischeu Consulu 1. September dSSEmsiu»Är. .In höchster Eile brachte er ein ganz iqüiStipImirücssHeer zusammen und 7. Sept. trat cM. Mlmfiezmkn: ab. Brasilien beschleunigte die Mstujigemgtges U. Der brasil. Admiral Taman- dare blökt«« M. Hafenstädte Salto u. Paysandu, eate»k-ti«o»rm«>,cs zu Lande angegriffen, ergab sich v7Ältc^:P«o«qdu widerstand heldenhaft, bis es 2. Jaückitüü.'ueirslürmt wurde. Flores wüthete dann icherchlichi- MLütevideo wurde zu Land u. See ein- gcschlosienj . aber Agnirre gab nicht nach. Am 15. Febr:i1865 ües seine Amtszeit ab, Vilalb a wurde Präsident, bpgann sofort UnterhandlungenmitFlores üiiTgivrLdyiL.u. übergab die oberste Gewalt dem GsveoalüLLrak^llo, Flores' Stellvertreter. Die Blo- t«de Mviitcldideos hörte aus, die Führer der Blan- quillos,voran Agnirre, verließen es u. Flores zog im Triumphe 23. Febr. 1865 ein. Flores wurde provisorischer Gouverneur der Republik, bildete ein Ministerium aus lauter Colorados, erneuerte die von Agnirre annullirten Verträge mit Brasilien u. stellte die dortige Gesandtschaft U-s wie auch alle religiösen Körperschaften in U. her, nahm Pereiras Leeret von 1859 gegen die Jesuiten zurück u. arbeitete unermüdlich gegen die Blanquillos. Er auto- nsirte mehrere Banken, beförderte den Handel und hob die Zolleinnahmen des Staates. Am 4. Mai 1865 unterzeichneteFlores einen Vertrag inBuenos- Ayres, der gegen Paraguay sich richtete. (S. über den Krieg: Paraguay). Flores versprach, 5000 M. regulaire Truppen zu stellen u. war lieber auf dem Schlachtfelde brasilianischer General als in U. Präsident. Räuberische Schaaren durchzogen unterdessen U>, in dessen Innerem wilder Partei- Hader tobte. Durch Decret vom 5. Juni 1865 übertrug Flores die Ausübung der Executivgewalt dem Minister des Innern, Antonio Vidal, der seine Autorität aber nicht geltend machen konnte. Die Colorados waren unter sich uneinig. In dem Kriege zwischen Chile u. Peru einer- u. Spanien andererseits beobachtete Flores die strengste Neutralität u. ließ dem chilenischen Gesandten Lastarria, der von U. ungestüm die Theilnahme am Kriege forderte, im Dcc. 1865 die Pässe zustellen. Am 29. Sept. 1866 verließ Flores das Heer der gegen Paraguay Murten u. kehrte heim. Die Wahl eines definitiven con- stitutionellen Präsidenten schob er Lurch ein Manifest 4. Nov. 1866 aus ein Jahr hinaus. Die Härte Flores', der nicht ohne politische u. militärische Talente tvar, entflammte seine Gegner zu wildem Hasse, es bildete sich in Montevideo eine Verschwörung, er ließ sie trotz Warnungen unbeachtet n. als die Führer verhaftet wurden, gab er sie 18. Febr. 1868 wieder frei. In der folgenden Nacht aber bereiteten die Blancos Alles zum Staatsstreiche vor, am 19. Febr. wurde Flores auf der Straße in Montevideo erschossen, aber es gelang Bcrro u. den andern Führern nicht, an das Ruder zu kommen; ihre Banden zerstreuten sich, sie selbst wurden standrechtlich er- schvUen,.Veide Kammern bewilligtenFlores'Wittwe Wextzp^längliche Pension von 12,000 Piastern u. MMMpdie Errichtung eines Marmordenkmals M^ftÄMontevideo. ImvollstenWiderspruchemit )MßMMichte des Volkes stand das Gesetz, welches UM tiKan. 1870 an die Todesstrafe in U. abschaffte. .nÄtMÄ- März 1868 wurde General L. Battle einstimmig zum Präsidenten erwählt. Die Ruhe wurde hergestellt, aber 1869 wieder gestört, indem einige in ihren ehrgeizigen Plänen getäuschte Anhänger der früheren Verwaltung dem Präsidenten Schwierigkeiten bereiteten. Im Äug. 1869 wurde die Revolution erstickt, Carballo geschlagen n. ergriffen, Urquiza unterstützte Battle tüchtig. Im Jan. 1871 nahmen die revolutionären Bewegungen wieder zu, aber die Insurgenten wurden bei Montevideo geschlagen n. im Juli 1871 nach dem Tode des Generals Medina war die Blanco-Revolution unterdrückt, worauf allgemeineAmnestie verkündet wurde. Im November 1871 endete der Bürgerkrieg der Blanquillos u. Colorados, sie einigten sich über einen Waffenstillstand u. gemeinsame Verhandlungen wegen der künftig cinzuhaltenden Regierungsweise. Am 1. März 1872 wurde Thomas Gomensoro Präsident, 1. März 1873 Jose Elaueri. Ein gegen ihn gerichteter Aufstand wurde im Dec. 1874 rasch unterdrückt, aber in einem zweiten wurde Elaueri 18. Jan. 1875 vertrieben u.Pedro Var ela Präsident. Im April 1875 beschloß die Legislatur, die Zinsen der Staatsschuld nicht zu zahlen, wogegen die Vertreter des Auslandes in U. protestirten. Schon im Oct. 1875 zeigte sich eine revolutionäre Bewegung, um die Verfassung gewaltsam zu beseitigen u. am 11. März 1876 gelang es dem Obersten L. Latorre, den Präsidenten zu stürzen. Er ließ sich mit diktatorischer Gewalt bis zum Beginne der neuen Verfassungsperiode (l.März 1878) bekleiden. Im Dec. 1876 führte er durch Decret die Goldwährung u. 24. Aug. 1877 ein neues Schulgesetz in kl. ein. Friedliche Zustände sind in U. eine Seltenheit. Vgl. Franckenberg, Darstellung der politischen Verhältnisse der Republik U., Buenos-Ayres u. Köln 1866; Mulhall,blunckbosü oktirslkivsrl'labsropn- blies, Lond. 1878.(Geogr.>Schroot.lG-sch.Memsch,uidt. Urumia (Urnmijah, Urmia), 1) auch Schahi genannt), See in der pers. Provinz Aserbeidschau, 1210 m über dem Meer, gespeist von dem Adschi Tschai, Dschag hat», Tatau u. Gader, von N. nach S. 30 Stunden lang, mit der größten Breite von 10 Stunden, von geringer Tiefe. Das Wasser ist so salzhaltig, daß keine Fische in ihm existiren können. In ihm liegen 56 Inseln, darunter 9 größere. 2) Stadt in einiger Entfernung westlich von ihm, in fruchtbarer u. wohlangebauter Umgebung; Einwohnerzahl ans 30—50,000 angegeben. Urumtsi (Ti-Hua-Tscheu), Stadt in der chin. Provinz Kansu (Dsungarei), bedeutender Gewerbe- betrieb, wichtiger Handel; angeblich 150,000 Ew. Einige Icm westlich davon Knng-Ku, Verbanuungs- ort mit starker Besatzung. Urup (Compagnie Insel), die südlichste Insel der Kurilien (Ostasien) felsig und steil mit russischen Ansiedlern. Urwahl, bei indirecten Wahlen die Vornahme derjenigen Wahl, durch welche zunächst von sämmt- lichen Stimmberechtigten die sogen. Wahlmänncr, d. h. Personen gewählt werden, deren Beruf es dann ist, durch eine zweite Wahl diejenige Person zu bestimmen, welche als Abgeordneter, Gemeindevertreter rc. fungiren soll. Urwald, der Wald in seinem Ursprungszustande. Frei von jeglicher Einwirkung der Menschen erfolgt in ihm Entstehung, Entwickelung, Leben u. Vergehen 798 Urwelt — Usedom. der Gewächse von Geschlecht zu Geschlecht ausschließlich nach den Gesetzen der Natur, bedingt durch den Standort (Boden, Lage, Klima), sowiedurch die demselben entsprechende Gattung u. Art der Gewächse. In buntem Durcheinander zeigt der >1. die Pflanzenwelt, vom zartesten bis zum höchste. Alter, im Zustande des Entstehens wie des Verwesens, in vollkommenster u. riesenhafter wie in verkrüppelter u. zwergartiger Form, in dichtem wie in unterbrochenem Stande auf, durch u. neben einander. Geschlechter entstehen u. vergehen, um andern Platz zu machen, um das Leben neuer Geschlechter vorzubereiten. In Deutschland dürste jetzt oder doch bald der U. wohl nur noch in jenen Hochlagen u. Alpengegenden zu suchen sein, wo entweder der Holztransport nnthun- lich wird, od. die Baumbildung aufhört u. nur noch Krüppelbestände sich entwickeln, denn auch die großen Waldungen bei Krummau in Böhmen, wegen Absatzmangel vor nicht langer Zeit noch uunutzbar u. zum Theil bei ihren riesigen Nadelwaldbeständen mit Recht noch als Urwälder bezeichnet, sind neuerdings aufgeschlossen worden u. werden bald jenen Urzustand verlieren; in den dünn bevölkerten Gegenden von Polen, Rußland, Schweden u. Norwegen aber, sowie vorzugsweise in Amerika kommen noch Urwälder in großartigster Ausdehnung vor. Ganz besonders reiche und ursprüngliche Urwälder finden sich indenTropenländern, ebensoausgezeichnetdurch riesenhafte Bäume, als eigenthümlich u. malerisch schön wegen der Menge prächtiger und zum Theil staunenswerth mächtiger Schlingpflanzen, welche ebenso die stehenden Riesenbäume bis in die äußersten Spitzen, als die bereits wieder nmgefallenen Stämme u. die üppig wuchernden Unterhölzer dergestalt umschlingen u. oft ganz bedecken, daß diese Wälder undurchdringlich und nur durch die Axt zu- gänzlich zu machen sind. Engter. Urwelt, diejenige Periode der Erdgeschichte, welche der durch menschliche Aufzeichnungen u. Sagen unserer Kenntniß überlieferten Zeit vorausging und in ihrer Dauer die letztere fast unendlich übertrifft. Mit der Erforschung derselben beschäftigt sich die Geologie. Lehman». UrzeugUNg(6sllsratio8polltansa,8.Lsguivoea), Entstehung eines Organismus ohne Mitwirkung eines bercitsvorhandenen(elterlichen) Organismus; Gegensatz von Zeugung; s. Fortpflanzung. U. 8., Abkürzung für ab supra, d. i. wie oben, gewöhnlich in Rechnungen. II. 8., Abkürzung für Ünibsck8babs8(ok^msiioa), Vereinigte Staaten von (Nord-)Amerika. Usagara, Gallastamm von sehr wohlgebildetem Körperbau zwischen Zanzibar u. den Ugogo (s. d.); sein Wohnsitz ist ein schönes fruchtbares Gebirgsland, das bis 2000 m ansteigt. Ihre Waffe ist ein langer Speer, der geschickt gebraucht wird. Sie sind, wie alle Afrikaner sehr abergläubisch u. tragen eine große Anzahl von Amuletten an einer Schnur am Halse. Das Haar tragen sie in einer Unzahl von korkzieherähnlichen Löckchen frisirt. Usance (fr., aber herstammend vom ital. Uoaurm), Gebrauch, Herkommen, Gewohnheit, besonders im Handelsverkehre, gewohnheitsmäßiger Handelsbrauch, gewohnheitsmäßige Voraussetzung bezüglich derWaare, der Lieferungszeit, der Zahlungsfrist rc., welche, sofern unter Len beiden Parteien nicht anderes vereinbart ist, für disNemckb-iü'-a Handelsgeschäftes maßgebend wi., gesetzbüchcr besteh,ii, ist U. nur in . ' ,., als sie dev Bestimmungen dicser «m.u.zr. Usbek, Großkhan u. Khan der Gvtoencn Poroe, herrschte 1316—1341, s. Tataren, S. 1S7. Usbeken (Uzbegen, Oezbege»), NU u. tarischen Familie zugehöriges ,. vor des Aralsees über Turkistan bis unwn- Grenze in der Zahl von ungefähr 1 Rist.- >n, . wohnend, im westl. Turkistan vielfach die Spuren der Mischung mit den iranischen Tadsch'k zeigend, im östl. mit reinem mongol. Racentypus, 'vn träge u. der Arbeit abgeneigt, aber krie-I- wild, dabei ritterlichen u. auf'-, n u . zelorischeMohammedaner u. stark v.m -I hingegeben. Ihre Sprache ist ein Dialekt des Türkischen, ihre Beschäftigung hauptsächlich Viehzucht, weniger Ackerbau, ihre Nahrung befand. Hammelfleisch u. Reis, das Getränk Kumys. Das Betreiben von Handel u. Gewerbe bleibt als verächtlich den Tadschik überlassen. Die U. sind mit dem Verfall des Hauses Timurs, Ende des 15. Jahrh., in dem westl. Turkistan überall die herrschende Klasse geworden und beherrschen und benutzen als eine Art Adel im Besitz der höchsten Stellen und der Ländereien die Arbeit der Tadschik; in den Staaten Khiwa, Bokhara und Kokand haben sie sich in den Besitz des Thrones gesetzt. Thiele,nann. Usch (Uscz), Stadt im Kreise Kalmar des preuß. Regbez. Bromberg, an der Netze, gegenüber der Mündung der Kllddow; Fischfang; 1875: 2144 Ew. Dabei die Glasfabrik Neufriedrichsthal. Uschitze, Kreisstadt in Serbien an der Dietinja, Nebenfluß der Morawa, Realgymnasium, Ruinen von Festungswerken; 4081 Ew. Uschner, Karl, bekannt durch seine Übersetzungen antiker Dichter, geb. 1. Aug. 1802 in Lübben, studirte in Leipzig und Berlin die Rechte, trat 1823 in Len preuß. Justizdienst, 1870 als Oberlandesgerichtsrath in Ratibor (seit 1836) in den Ruhestand und st. 26. Juli 1876 in Oppeln. Er übersetzte mit Geschick in echt poetischer Weise: Ovids Metamorphosen, Berl. 1857; Homers Ilias u. Odyssee, ebd. 1861; Auakreons Lieder, ebd. 1864; Hesiods Gedichte, ebd. 1865; Catulls Gedichte, ebd. 1867. Selbständig verfaßte er u. a. die humoristisch-satirischen Gedichte: Karotten u. Marotten, Brevier der hl. Rosalie, Nenhaldensleb. 1846. Sein SohnKarl Richard Waldemar (geb. 30. Mai 1834 in Mit- tenberg, seit 1875 Kreisgerichtsrath in Oppeln) hat sich durch seine erzählende Dichtung: Der letzte Minnesänger, 2. A. Hamb. i875, 2 Bde., einen Ruf erworben; auch schrieb er verschiedene Theater- stücke. Lagai. Usedom, 1) Insel, zum Kreise U.-Wollin des preuß. Regbez. Stettin gehörig, von der Swine, dem Großen u. Kleinen Haff, der Peene und der Ostsee umgeben; 52 km lang, 22 km breit, ca. 400 H>km groß mit etwa 24,000 Ew. — Der Haupttber! der Insel, im O. flach, aber mit dem Golmveig :>6 m) zu einem kleinen Plateau aussteigend, schönen Hügellaudschafteu, an reizend, , Äckkidteelk (Schmollen-, Gothen-, Kachlin-See) und ! Buchenwäldern, hat ziemlich guten Ackeövod, -Md - nur an der Ostseeküste mehrere hohe Sov d-Ma-- 799 Usedom - einer schmalen Landenge zwischen der Ostsee u. dem Achterwasser liegen die Streckelsberge und verbinden mit dem Haupttheile der Insel eine langgestreckte nordwestliche Halbinsel. 2 ) Stadt auf derselben, an dem mit dem Kleinen Haff in Verbindung stehenden U-schen See, Station der Berlin-Stettiner Eisenbahn; Weberei, Fischerei, Schifffahrt; 1875: 1738 Ew. — Die sehr alte Stadt war ehemals ein wichtiger Ort n. ist berühmt durch den Landtag von 1128, ans welchem die Pommern das Christenthum annahmen. Vgl. Müller, Die Inseln Rügen, U. rc., 9. A. Berl. 1878. S- Berns. Usedom, Graf Guido, preuß. Diplomat, geb. 17. Juli 1805, stndirte 1825—29 in Greifswald, Güttingen ».'Berlin die Rechte, lebte in den Dreißiger-Jahren den Wissenschaften in München und erstattete von dort 1834 einen Bericht über die traurige Lage der protestantischen Zillerthaler nach Berlin, welchen dann beiihrerAnswanderung eineZufluchts- stätte in Schlesien eröffnet wurde. Er war darauf 1835—37 preuß. Legationssecretäru. 1849 bis Ende 1854 Gesandter in Rom; wurde im März 1859 preuß. Bundestagsgesandter in Frankfurt und, nachdem er Dec. 1862 in den Grafenstand erhoben worden war, im Februar 1863 Gesandter in Florenz, wo er 19. Juni 1866 die, im Juli 1868 durch Lamarmora der Öffentlichkeit übergebene Note übergab, in welcher der ital. Regierung die Intentionen Preußens gegen Oesterreich kund gegeben waren. Im März 1869 wurde er von Florenz abberufen u. zur Disposition gestellt, im Herbst 1871 aber zum Adlatus des Kronprinzen in dessen Eigenschaft als Kunstprotector u. 1872 znm Generaldirector der Kunstmuseen ernannt. Er ist Mitglied des Herrenhauses aus Lebenszeit. Von ihm sind die Polit. Briese u. Charakteristiken aus der deutschen Gegenwart, Berl. 1849. Schroot. Usedom-Wollin, Kreis im preuß. Regbez. Stettin, besteht aus den zwischen den Mündungsarmen der Oder gelegenen Inseln Usedom u. Wollt», wird von der Linie Swinemünde-Ducherow über Usedom der Berlin-Stettiner Eisenbahn durchschnitten; 1159,gt d>kw oder 21,„g (IW (davon 471,^ sWw oder 8,n (UM Gewässer) mit (1875) 46,267 Ew. Kreisstadt ist Swinemünde. Usen (Maloi- und Bjeloi- oder Welikoi-U., d. h. Kleine u. Weiße od. Große U.), zwei Steppenflüsse, entspringen imruss.Gouv. Saratow, anfdemObscht- schei Ehrt, lausen parallel, sind ziemlich tief n. breit, fischreich; hiervon geht der Maloi U. nach Astrachan, der Bjeloi oder Welikoi U. ins Orenburgische über. Beide verlieren sich inSalzseeu der Kirgisen Steppe. Usener, Hermann, Philolog, geb. 23. Octbr. 1834 in Weilburg, stndirte seit 1853 auf den Universitäten zu Heidelberg, München, Göttingen und Bonn u. wurde 1858 Adjunct am Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin; von da ging er 1861 als Professor der clasfischen Philologie nach Bern, 1863 nach Greifswald u. 1866 nach Bonn, wo er auch Direktor des Philolog. Seminars ist. Er schr.: ljuass- tiouss ^.naximsusas, Gotting. 1856; ^.nalseta Diisopiiraaboa,, Leipz. 1858; ämscckobon Uolckori, evd. 1877, Abhandlungen in verschiedenen Zeitschriften und Universitätsprogrammeu n. gab ^Isxanckri ^xkr. prokl. III. IV, Berl. 1859, Lvimiis. in Im- eani bollum oivils, Bd. I, Lpz. 1869 , Sxriaui in sivistot. mstapb. sowwont. Berl. 1870, heraus. - Uslar. Usher, s. Ussher. Usia (Asarja), König von Juda, folgte seinem Vater Amazia, s. Hebräer, S. 95. Usingen, Stadt im Obertaunuskreise des preuß. Regbez. Wiesbaden, an der Use; hat Amtsgericht, ev. Schullehrerseminar, Realschule, Hospital; ca. 1800 Ew. Über die Linie Nassan-U., s. Nassau, Gesch. Ufinger, Rudolf, Geschichtsforscher, geb. 1835 in Nienburg, stndirte in Göttingen Geschichte, habi- litirte sich daselbst, folgte dann 1865 einem Rufe als Professor der Geschichte nach Greifswald, 1868 nach Kiel, wo er auch Secretär des Vereins für schlcSwig- holsteinische Geschichte war u. 1. Juni 1874 st. Von seinen zahlreichen Werken seien erwähnt: Deutschdänische Geschichte 1189—1227, Berl. 1863; Napoleon , der Rheinische u. der Nordische Bund, ebd. 1865; Forschungen zur Imx Laxomiw, ebd. 1867; DieAnfänge der Deutschen Geschichte, Hann. 1875; Oklioiuw Lauobi Lauubi ckueia, Kiel 1875. Zu Hirschs Jahrbüchern des Deutschen Reichs unter Heinrich II. lieferte erdenl.Bd.,Berl. 1862. Lagai. Usipeter (IIsiMss, Ilsipii), ein meist in Ver- bindungmitdenTencterern genanntes Volk im westl. Germanien. DieSueven hatten sie aus ihren Sitzen im Inneren Germanieus nüt den Tencterern (an Lippe u. Ruhr) u. Ubiern verdrängt; sie gingen darauf über den Rhein nach Gallien, wo sie Cäsar i. I. 55 v. Chr. durch Verrath überwand und über den Rhein zurücktrieb (ol. 6as8. bsii. ssaii. IV. 1. 16). Sie wurden von den Sigambern in ihr Gebiet ausgenommen u. ließen sich am nördlichen Ufer der Lup- pia (Lippe) bis zum Main nieder. Tacitus nennt sie als Nachbarn der Chatten. Uskat (Usgat,Josghad, Jozgad), Hauptort eines Lima im asiatisch-türkischen Vilajet Angora, an einem Nebenfluß des Delitsche-Josghad, 1300 m ü. d. M., etwa 25,000 Einw.; war vor 120 Jahren noch ein unbedeutender Ort u. wurde durch den Turkmenenhäuptling Tschapan-Oglu (gest. 1805) zu ihrer jetzigen noch stets wachsenden Bedeutung erhoben. In 12 üw Entfernung beidem Dorfe Neseskioi ausgedehnte Reste einer alten Stadt, während in 16 lew, Entfernung bei Boghazkioi die großartigen Ruinen einer Stadt liegen, die man für das alte Pteria hält, mit merkwürdigen Steindenkmälern im assyrischen Stil. Uskub (Üskjllb, Skopia, Scupi), Stadt im türk. Vilajet Prisren, am oberen Wardar, zwischen dem Kara- u. Schar-Dagh, 283 w ü. d. M., schön gelegen, durch Eisenbahn mit Saloniki verbunden; diese Bahn soll weiter bis zur österreichischen Grenze geführt werden; von U. führen zwei bedeutende Pässe, nach N. in das Thal der Simnitza, nach W. über den Schar-Dagh nach Prisren. U. liegt in einem Walde von Obstbäumen, hat lebhaften Handel, sowie Industrie in Leder, Metall, Webereien n. Färbereien , ist Sitz eines griechischen Erzbischofs, hat viele Moscheen und Kirchen (erstere mit schwarzen Kuppeln und Minarets), hat ein befestigtes Schloß, Reste eines großen Aquiiducts (lustinirms, prima); 28,000 Ew. Dr-mte. Uslar, Amtsstadt in der preuß. Landdrostei Hildesheim, an der Aale u. am Sollingerwaldc, Station der Westfälischen Bahn, Amtsgericht, Schloß, Gewerbeschule, Hospital; fertigt Ziegel, thönerne Pfeifen, Papier u. Leinewand, hat Bleichen, Wollspinnerei, Holzschneiderei und königl. Eisenhütte mit 800 Uslar - Gußstahlwerken; 2279 Ew. In der Nähe Quader- sandsteinbrUche. Uslar, Peter Karlowitsch, Baron v., russ. Sprachforscher, geb. 2. Sept. 1816 zu Kurowo im russ. Gouv. Twer, studirle die Kriegswissenfchasten, nahm bis 1840 an den Feldzügen im Kaukasus theil, absolvirte dann die Akademie des Generalstabes und machte dann Reisen im Ausland. Nachdem er die Gouvernements Twer, Wologda u. Eriwan militärisch-statistisch beschrieben hatte, erhielt er 1858 vom Kaiser Alexander den Auftrag, eine Geschichte des Kaukasus zu verfassen und bereiste, um zunächst die dort herrschenden Sprachen zu studiren, seit 1862 das Land u. bewältigte in Zeit von 11 Jahren die meisten derselben, so bes. die Sprachen der Abchasen, Tschetschenzen,Kasikumüken, Ghürkanen, Awaren u. Kürinen u. legte seine Forschungen Petersb. 1863 bis 1872 nieder. Diese linguistisch u. ethnographisch äußerst werthvollen Arbeiten wurden aber nur in wenigen Exemplaren lithographirt u. harren noch des Druckes, um der Gelehrtenwelt zugänglich werden zu können. U. mußte aus Gesundheitsrücksichten 1873 seine Studien abbrechen u. st. 20. Juni 1875 auf seinem Gute Korowo im Gouv. Twer als Generalmajor. Schroot. Usmaiten, Landsee im russ. Gouv. Murland, etwa 40 Hjlrm groß, mit mehreren Inseln; sein Abfluß ergießt sich in die Stende. Usnea TM. (Bartflechte), Flechtengatt, aus der Fam.derllsnsaosas, mit flachem, bartartigem, meist schlaffem, sehr vielästigem Thallus; mit fadenförmigen Besten u. end- oder seitenständigen, flach schildförmigen Apothecien. II. barbata (lüolisn bar- batus L.), bis 3 om lang, Apothecien am Rande haarig gewimpert; häufig von den Asten alter Bäume herabhängend; II. ionAissinia Ae/r., wird bisweilen 4 m lang u. findet sich häufig an alten Waldbäumen. Uso (ital.), so v. w. Ilsanos. Uffel, Stadt u. Hauptort in dem 7 Cantone und 71 Gemeinden mit 63,925 Ew. umfassenden, gleichnamigen Arrond. des sranz. Dep. Correze; ehemals Hauptstadt des Herzogthums Bentadour, zwischen der Sarzonne u. Diege; Gerichtshof erster Instanz, Acksrbaukammer,Departementsgefängniß,Wollkämmerei, Färberei, Fabrikation von Holzschuhen und Leder, Granitbrüche; 1876: 2822 (Gern. 4231). U. ist angeblich das antike Ilxsilockunum. Ufsher (Usserius), James (Jakob), anglican. Erzbischof in Irland, geb. 4. Jan. 1581 in Dublin, studirte daselbst Geschichte u. Theologie, wurde 1600 katechetischer Lector daselbst und 1601 Hofprediger, 1607 Professor der Theologie u. 1614 Vicekanzler der Universität. Er verfaßte 1615 die sogen. 104 Irischen Artikel. Sie wurden von der Synode zur Ordnung der kirchlichen Verhältnisse in Irland angenommen , aber weil sie von dem Bekenntnisse der Englischen Kirche abwichen, kam U. bei Hof in den Verdacht des Puritanismus, gewannjedoch die Gunst des Königs bald wieder u. wurde 1621 Bischof von Meath; er verweilte seit 1623 in London, um Urkunden zur Britischen Kirchengeschichte zu sammeln, woraus er 1625 zum Erzbischof von Armagh u. Primas von Irland ernannt wurde. Durch die von Lord Strafford mit Gewalt durchgesetzte Beseitigung der 104 Irischen Artikel u. die Einführung der, wenngleich nach den Verhältnissen des Landes abgeänder- - Wer. ten, 39 Artikel der Engl. Kirche in Irland verle^,.. verließ er 1640 Irland u. ging wieder nach England. Hier diente er als Vermittlerzwischen den Führern der Puritaner u. der Staatskirche u. erhielt, nachdem er infolge des irischen Aufstandes sein Erzbisthnm verloren hatte, das Bisthum Carlisle und 1642 vom Parlament die Erlanbniß, in Oxford seinen wissenschaftlichen Arbeiten zu leben; als er in der West- minsterversammlung die beabsichtigte Trennung der Puritaner von der Kirche mißbilligte, zog er sich de» Haß des Parlamentes zu und verließ 1645 Oxford, worauf er erst in Cardiff, daun in St. Donate und seit 1646 wieder in London lebte; er wurde 1647 von den Juristen der Lincolns Inn zum Prediger gewählt u., obgleich ein erklärter Royalist, von Crom- well mit Achtung behandelt. Er st. 21i März 1656. Seine Schriften sind meist apologetisch-polemischen, archäologischen, kirchenhistorischen, chronologischen Inhalts. Die wichtigsten derselben sind: Lritauni- oarum soeissiarum avtüguitatss, Dubl. 1639,Lond. 1677; Os lAnatü st Lolz-oarpi ssriptäs, 1644; Ls- ckuotion ok spiaoopae^ uuto tlie lorm ok sMväioal Aovsrumsnt rsosivsä in tkis ansisnt skiurvii anck yropoasck in 1641, herausgeg. von Bernard 1657; Lmnaisa V. st dl. Nsstamsuti, Lond. >650—54, 2 Bde., Par. 1673, Brem. 1686; u. a. Gab auch Vstsrum epiatoiarum iubsrniearuin sxlloAs, Lond. 1631, Par. 1666, u. die Briefe des Ignatius und Polykarpus 1644, dazu ^.pxenäix 1647, heraus. Werke herausgegeben von Charl. Elrington, Dubl. 1847, 16 Bde. Lebensbeschreibung von R. Parr, Lond. 1686, und in Ellingtons Ausgabe der Werke U-s. «i-ffl-r.' Usfi, Stefano, ital. Historien- u. Genremaler der Gegenwart und Professor an der Akademie zu Florenz; zeigte früh ein energisches Streben, die Fesseln des Conventionalismus zu sprengen und huldigte einem gesunden Realismus. Zu seinen ersten bedeutenderen Arbeiten gehört sein Dante von Frauen verlacht. Nach der Eröffnung des Kanals von Suez ging U. nach Ägypten, dessen leuchtender Himmel, Natur und alten Denkmale seinem Talent neue Bahnen eröffneten. Im Aufträge des Vicckö- nigs malte U. die Abreise der Pilger nach Mekka, die zwar auf der Wiener Weltausstellung viel Aufsehen machte, doch im Allgemeinen nicht so viel Beifall fand, wie ihn vordem seine Jagd des Herzogs von Athen gefunden. In Wien sah man auch eine Lianen (laxslio von U. Kürzlich machte U. auch eine Studienreise nach Marokko. Regnet. Ussing, Tage Algrecn-U., s. Algreen-Ussing. Ussmann , Kreisstadt im russ. Gouv. Tambow nahe der Worona, an der Eisenbahn Koslow-Wo- ronesch, mit etwas Industrie (Branntweinbrennereien, Tuch rc.) u. Handel; nahe der Stadt führt der Tatarenwall vorüber; 7488 Ew. Ussuri, Fluß in Ostasien, entspringt auf dem Sichota Alin (russ. Küsteuproviuz), fließt nach N., nimmt rechts Waka (mit Jma), Bikin, Sim, Chur, links Murren, Sichulin u. Noro aus, bildet, auf eine große Strecke hin schiffbar, die Grenze der Mandschurei gegen die russische Küstenprovinz und mündet in den unteren Amur. Nster(Ober- u. Nieder-U.), Marktflecken und Hauptort in dem glcichnam. Bez. des schweizerischen Kantons Zürich, an der Aa, Station der Bereinigten i 801 Usteri — Ust Schweizerbahnen; altes Schloß, bedeutende Baumwollenspinnerei u.-Weberei,Seidenspinnerei ».-Weberei, Gerberei, Feuerspritzen« u. Spindelnfabriken, Eisengießereien, Bierbrauerei; 1870: 5808 Ew. Usteri,1) Johann Martin,schweizer.Dichter, geb. 14. Febr. 1763 in Zürich, Sohn eines Kaufmanns, starb als Rathsherr in seiner Vaterstadt 29. Juli 1827; seine Dichtungen in Versen und Prosa, in Hochdeutscher Sprache und Schweizerdialekt, herausgegeben von David Heß, Berl. 1831, 2 Bde. Vorzüglich bekannt ist er als Dichter des Liedes: Freuet euch des Lebens, welches er um 1785 für Freunde schrieb. 2) Paulus, schweizer. Staats- , mann, geb. 14. Febr. 1768 zu Zürich, wurde Arzt, betheiligte sich an der schweizer. Bewegung von 1798 in gemäßigt freisinniger Weise, wirkte im Senat der Helvet. Republik mit'Escher u. A. gegen die Bevormundung und Ausbeutung der Schweiz durch die Franzosen, war 1802 Gesandter Zürichs an Napo - leon Bonaparte, um dessen Vermittelung in den schweizer. Wirren anzurnfen u. blieb dann Mitglied der Regierung von Zürich bis zu seinem Tode 9. April 1831. Mit Escher gab er 1798—1803 die Zeitschrift Der schweizer. Republikaner heraus u. schr.: Schweiz. Staatsrecht, 2 Bde., 3. A. Aar. 1815—31. Seine kleinen gesammelten Schriften erschienen nach seinem Lode, Aar, 1832. 3) Leonhard, bedeutender schweizer. Theolog, geb. 22. Oct. 1799 zu Zürich, studirte in Zürick u. Berlin, auf letzterer Universität l besonders von Schleiermacher und Hegel angeregt. ^ Er wurde 1824 zum Professor und Direktor des Gymnasiums in Bern berufen, wo er 18. Septbr. ! 1833 starb. Seine Hauptschrift: Entwickelung des Paulinischen Lehrbegriffs mit Hinsicht auf die übrigen l Schriften des N. T., Zür. 1824, 6. A. Zür. 1851, war für dieses Gebiet der biblischen Theologie bahn- - brechend. Schr. außerdem: Oommsutabio sritien, z in gna LvnnAvIinm loarwis Asnninnm osss sx § ooinparatüs IV UvanZsIiornm nurrntionisins äs i ooova ultima st passivus Issn 6kiristi ostsnäitnr, Zür. 1823; Commentar über den Brief Pauli an die Galater, Zür. 1833; Die Taufe u. Versuchung Christi, Studien und Kritiken von 1832; bearbeitere die Vorlesungen F. A. Wolfs zu den vier ersten Büchern der Ilias, Zür. 1830; Plutarchs Lonsolatio aä Lpolkouiuin, Zür. 1830; gab mit Qrelli Päda- gogifche Ansichten heraus, Zür. 1831. Löffler. Usticu, Insel im Tyrrhenischen Meere, zur sici- lischen Prov. Palermo gehörig; hat vulkanischen Boden, Höhlen, Mineralquellen u, steigt bis 970 m an; hat 2 Forts, bringt Wein, Öl, Baumwolle u. > har etwa 2500 Ew., welche einen Hauptnahrungszweig in der Korallenfischerei finden. Ustilaginsi (Brandpilze), parasitische, im Innern anderer Pflanzen vegetirende Pilze, welche ihre Fortpflanzungsorgane meistens in den Blüthen- theilen, manche auch in den Rhizomen, der Nährpflanze, namentlich häufig im Fruchtknoten derselben entwickeln. Das im Innern wuchernde Mycel sendet in die benachbarten Parenchymzellen Haustorien. Die Sporen sind einfache Conidienbildungen, sie sind meist einzellig, seltener zweizeilig, mit einem meist , braunen, verdickten Exosporium u. einem dünnen ! Endospor versehen; sie lösen sich bei der Reife von dem Mycel los u. stellen ein trockenes schwarzbraunes od. schwarzes Pulver dar. Bei der Keimung MercrL Universal-Conversalions-Lekikon. k. Ausl, xvi Kamemivgorsk. entwickeln die Sporen ein wenigzelliges Mycclium, ein sogen. Promycelium, an welchem in einer bei den einzelnen Gattungen verschiedener Weise Spori- dien gebildet werden, welche sich loslösen u. einen kleinen Keimschlauch entwickeln, der in die junge Nährpflanze eindriugt, um daselbst ein kräftiges My- celium zu entwickeln. Die Sporidien des Roggen-- stengelbrandes (Ilroexsbis oeoulta) durchbohren erst das Scheidenblatt des keimenden Roggens u. wachsen dann in das nächst anliegende grüne Blatt hinüber; bei andern dringen sie auch in den ersten Stcngel- knoten, den Wurzelknoten u. das zwischen beiden liegende erste Jnternodinm der jungen Graspflanze ein u. diese Insertion der Achse hat jedenfalls , wie durch Kühn experimentell festgestellt ist, die kräftigste Entwickelung des Parasiten zur Folge. Um die Cul- tnrpflanzen, namentlich die Getreidearten gegen ihre specifischen Brandpilze zu schützen, muß man eins trockene Saatzeit wählen n. von dem Saatgut alle mit Pilzen behafteten Samen entfernen. Bei dem Weizen kann man die voni Steinbrand (lilistig. onriss) befallenen Samen äußerlich nicht sofort erkennen, dieselben werden mit den gesunden eingeerntet n. es empfiehlt sich daher hier, die Samen mit halbprocentiger Knpfervitriollösnng zu beizen; nach 12—I4stündigem Liegen in derselben sind die Pilzsporen getödtet. Gattungen: IIsbikuM, Ilrooz-sbis, Vikiobia, 6sminelka, Lorisporinm. Engter. vstilago LL., Pilzgattungaus der Fam. Ilsti- Is-Ainsi (s. d.); Sporen einzellig, mit einem Promycelium keimend, dessen Gliederzellen sich trennen u. keimen oder aber seitlich Sporidien bilden, welche meist in die Stengel u. Wnrzelglieder der jungen Nährpflanzen eindringen. Das Mycelium ist an dem Örte der Sporenbildung sehr protoplasmareich n. reich verzweigt, aber ohne Querwände; dieMem- bran der Zweige quillt stark ans, es entstehen an den Fäden zahlreiche Einschnürungen um einzelne Portionen des Protoplasmas, die verschlungenen Fäden bilden so eine Gallertmasse, in der die einzelnen zu Sporen werdenden Glieder gewissermaßen eingebettet sind. Bei der Reife verschwindet die Gallertmasse immer mehr, während die Membran der Sporen sich immer mehr verdickt. Mehrere Arten richten dadurch, daß das Mycel im Fruchtknoten von Culturgräsern seine Sporen entwickelt, großen Schaden an; es sind dies folgende: 1) II. Onrbo (II. ssZsbum Flugbrand, Rußbrand, Staubbrand), Sporen mit glattem Exosporium, ein schwarzes, rußartiges Pulver in den Blüthen der Gräser bildend, namentlich auf Hafer, Gerste n. Weizen. 2) II. Llaz'äis Twv. (Maisbrand), Sporen mit stacheligem Exosporium, braun; bildet oft kindskopfgroße, unförmliche Beulen, die später in ein schwarzbraunes Pulver zerfallen. 3) II. äostrnons Dnb. (Hirsebrand), Sporen braun, mit netzförmigem Exospor; zerstört die noch von den oberen Blättern eingeschlossene Blüthenrispe der Hirse. Engler. Ustjug Weliki, s. Weliki Ustjng. Ustjushna, Kreisstadt im russ. Gonv. Nowgorod in flacher sumpfiger, aber waldreicher Gegend am rechten User der Mologa, hat lebhaften Handel mit Holz u. Eisen; 6900 Ew. Ust Kamennogorsk, befestigte Kreisstadt in der russ. Prov. Semipalatinsk (Centralasien) amJrtysch, gehört zum Jrtyschschen Festungsgürtel, hat drei . Band. 802 Ust-Syssolsk - Kirchen, ist Mittelpunkt des Handels nach der Dsungarei; 3489 Ew. Nst-Syfsolsk, Kreisstadt im ruff. Gonv. Wo- kogda,anderMündungderSyssola indieWytschegda; Pelzhandel; 3570 Ew. Ust-Urt, eine wüstenartiqe, etwa 200 in hohe Ebene, welche den Raum zwischen dem Kaspischen Meere u. dem Aral-See entnimmt. Nsualinterpretation. Die Auslegung (s.d.) der Gesetze hat nach den allgemeinen Auslegungsregeln, d. h. nach den Regeln der Sprache u. Logik zu geschehen. Ausnahmsweise ist dem Richter eine bestimmte Auslegung vorgeschriebe» u. zwar entweder durch Gesetz (s. u. Authentisch) oder durch Gewohnheit (usns). Diese letztere Auslegung heißt die U. Usucaplo (lat.), 1) (17sus anctoritas), im älteren Römischen Recht diejenigeArt derAdquisitivverjähr- ung, nach welcher das quiritarische Eigenthum durch rechtmäßigen u. in gutem Glauben erlangten Besitz von einem Jahr bei beweglichen u. von zwei Jah- renbeiunbeweglichen Sachen erlangt werden konnte. Neben ihr kam später eine Art indirecter Ersitzung auf, indem bei rechtmäßig u. in gutem Glauben erworbenem Besitz von 10 Jahren unter Anwesenden u. 20 Jahren unter Abwesenden (kossossio lang! tsmporis) der Besitzer durch eine LxesMo oder TCrasseriptio longi tovaporis geschlitzt wurde. Dazu kam als ein drittes verwandtes Institut noch die Verjährung der Eigenthumsklage durch dreißig- oder vierzigjährigenBesitz, krasseriptio longissimi tom- xorio, welche den Besitzer einer an sich fremden Sache gegen die Eigenthumsklage auch ohne guten Glauben schützte. Justinian bildete das ganze Rechtsinstitut um, indem er mit beiden Arten der Präscrip- lion, mit der letzter» unter Voraussetzung der Bonn üäes, die Wirkung eines vollständigen, Lirecten Eigenthumserwerbes verband, nachdem er zuvor schon Len Unterschied zwischen quiritarische,» u. nichtquiri- tarischem Eigenthum beseitigt hatte. Sodann hob er auch die zweijährige 17. italischer Grundstücke auf u. gestattete eine Ersitzung nnheweglicher Grundstücke überall nur noch durch zehn- oder zwanzigjährigen, resp. durch dreißig- oder vierzigjährigen Besitz, die Ersitzungszeit für bewegliche Sachen erweiterte er aber bis zu drei Jahren. 2) 17. Ildsrtatis, in Betreff städtischer Grunddienstbarkeiten die Ersitzung der Freiheit eines Grundstückes von einer solchen Servitut während des Verjährungszeitrauines durch den Eigenthllmer des kraockium servisns. Im Übrigen s. sowol zu 1) als 2) unter Verjährung. Bezold.» llsürs (lat.), Nutzung, Nutzungsgeld, Zinsen. Usurpation (v. Lat.), während das ältere Rom. Recht unter U. die Unterbrechung der Verjährung durch Aufhebung des Besitzstandes begriff, versteht man nach neuerem Sprachgebrauchs darunter widerrechtliche Anmaßung eines Besitzes, einer Besugniß, einer Gewalt, das Ansichreißen der Staatsgewalt über ein anderes Land mit Gewalt u. zwar in der Absicht den bisherigen Souverain desselben von seinem Rechte zu verdrängen, für die Zukunft denselben von dem Wiedereintritte in die Regierung ganz auszuschließen. Durch den einseitigen Umsturz einer auf Verträge gegründeten Verfassung sich in Besitz der höchsten Gewalt zu setzen, dem Volke seine Selbständigkeit zu rauben. Solche in der auf anerkannten Rcchtstiteln beruhenden Legitimität, legitimen Herr- — Ilsiiskruotus. schaft und legitimen Verfassung ihren Gegensatz habende U. kann indessen wiederum einen legitimen Zustand begründen, sobald das Volk in seiner Ge- sammtheit die U. in ihren Folgen anerkennt u. dem Usurpator Gehorsam schenkt, bis dahin ist der durch sie geschaffene Zustand kein rechtsbegründeter, sondern nur ein factischer. Lagai. Usus (lat.), 1) Gebrauch, Anwendung. 17. Io- quvncki, Sprachgebrauch. 17. spanortliotieus, die Nutzanwendung. 17. kori, so v. w. Gerichtsgebrauch; 2) Mode; 17. sst tzwanrms, die Mode ist ein Tyrann; 3) nach Rom. Recht die persönliche Servitut, welche darin besteht, daß der Berechtigte (Usuarius) eine fremde Sache ihrer Natur und Bestimmung gemäß für seine eigenen Zwecke gebrauchen darf, aber nicht das Recht hat, ans derselben sonst noch andere Vortheile zu ziehen, namentlich sie etwa als Erwerbsquelle zu benutzen. Gemeinrechtlich ist über die Ausdehnung des Rechtes überhaupt Streit u. im heutigen Rechtsleben ist das qanze Institut so gut wie unbekannt. 4) vgl. Ehe, S. 41. Ususkeuctus (Nießbrauch), das an sich nur dem Eigenthllmer zustehende Recht von einer Sache alle Früchte u. Nutzungen (^inotus) zu ziehen und alle Arten des Gebrauches (17sns) davon zu machen. Als ein besonderes, aus dem Eigenthume ausgeschiedenes Recht ist 17. das einer bestimmten Person zustehende Recht an einer fremden, nicht verbrauchbaren Sache auf den von dieser Sache durch Gebrauch u. Fruchtgewinn, ohne Verbrauch derselben, zu ziehenden Nutzen. Der Berechtigte heißt Usufruciua- rius (Fructuarius, Nießbraucher, Nutznießers das Eigenthnm, welchem mit dem Rechte der Nutznießung sein wesentlichster Vortheil entzogen ist, wird kropriotas nnäa genannt. Die Entstehung des Nießbrauchs kann durch Vertrag, Testament, auch unmittelbar durch Gesetz erfolgen. Letzter Art ist z. B. der 17. patsrnns, der Nießbrauch des Vaters an dem Vermögen der seiner väterlichen Gewalt unterworfenen Kinder, und der 17. maritalis, der Nießbrauch, welchen nach vielen deutschen Landesgesctzen der Ehemann am Vermögen seiner Ehesrau hat. Der 17. ist ein theilbaresRecht, er kann auch nur auf einen intellectnellen Theil der Sache beschränkt sein. -1) Die Rechte des Nutznießers bestehen a) in der Besugniß mit Ausschließung des Eigenthllmers die Früchte zu ziehen u. zu genießen. Unter den Früchten sind nicht blos die natürlichen (b'rnctus natura- Iss), sondern auch die bürgerlichen (17». oivilss), wie Zinsen und Pachtgelder, inbegriffen. Beschränkt ist der Nutznießer dabei blos in der Weise, daß er allenthalben nur so nutzen darf, wie ein verständiger und sorgsamer Eigenthllmer selbst die Sache nutzen würde. Die natürlichen Früchte erwirbt der Nutznießer durch Perception, junge Thiere sofort durch die Trennung vom Multerthier. Auch die Ausbeute von Steinbrüchen , Bergwerken re. gebührt dem llsusructnar; dagegen erwirbt er nicht den während des Nießbrauchs durch Alluvion demGrundstück entstandenen Zuwachs, welcher vielmehr nach dem Ins aecossionis dem Eigenthllmer zufällt, wenn auch der Nießbrauch sich auf ihn mit erstreckt. Bei Waldungen kommt es daraus an, zu welchem Zwecke sie bestehen. Sollten dieselben nicht zum Holzschlag bestimmt sein, so darf auch der Ususructuar sich nicht an ihnen vergreifen; bildet dagegen bei einem Walde der Holzertrag ein regel- 803 Ilt - mäßiges Emolument des Eigenthümers, so fällt der« selbe auch dem Usufructuar zu, sosern er nur dabei die forstwirthschaftlichen Regeln einhält, welche für Gehölze der fraglichen Art in der Gegend von allen verständigen Eigenthümern befolgt werden, 7>) In Betreff der Verfügung über die Sache selbst ist der Nutznießer insoweit beschränkt, daß er ohne Einwilligung des Eigenthümers die Sache weder ganz verbrauchen, noch auch solche wesentliche Veränderungen mit derselben vornehmen darf, welche nicht durch den Zweck ordnungsmäßiger u. ihrer Bestimmung entsprechender Benutzung gerechtfertigt werden. Ans der andern Seite kann aber der Nutznießer auch dem Eigenthümer jede Änderung der Sache untersagen, durch welche seine Nutzung beeinträchtigt werden würde, o) Die Ausübung seines Rechtes kann der Usufructuar entgeltlich od. unentgeltlich, für die ganze od. theilweise Dauer desNießbrauchs einem Andern übertragen. 77) Die Verbindlichkeiten deS Usu- fructuars bestehen darin, daß er die Sache immer mit Rücksicht auf möglichste Erhaltung der unveränderten Substanz derselben und in gutem Stande zu erhalten beflissen sein muß. Auch hat er die Abgaben u. Lasten zu tragen. Bei Nachlässigkeit haftet er für Omni» oulxa; für außergewöhnlichen Schaden hat er nicht einzustehen, ebensowenig für solche Werthsabminderungen, welche die Zeit u. die angemessene Nutzung unvermeidlich von selbst mit sich bringt. Nach Endigung des 17. hat er die Sache herauszugeben und wegen verschuldeter Zerstörung oder Abwerthung Ersatz zu leisten. Um wegen aller dieser Verbindlichkeiten eine Sicherung zu haben, ist der Usufructuar endlich auch verpflichtet, dem Eigenthümer od. demjenigen, an welchen die Sache nach Beendigung des Nießbrauchs zurückfällt, eine Laubig usukruotuaria, der Regel nach durch Realcaution, zu bestellen. Befreit von dieser Caution sind jedoch der Nutznießer, welchem die Proprietät nach beendigtem Nießbrauch mit Gewißheit selbst zusällt, der Vater als Usufructuar an den Bona ackvontioia seiner Kinder, der Mann rllcksichtlich des ihm in ckotsm gegebenen Nießbrauchs, der Schenker, welcher sich den Nießbrauch an der geschenkten Sache vorbehielt, u. der zur zweiten Ehe schreitende Gatte rücksichtlich des ihm verbleibendem Nießbrauchs an den damit den Kindern erster Ehe zufallenden Immobilien. Aller Verbindlichkeiten kann sich der Nutznießer sofort dadurch erledigen, daß er sein Recht ganz aufgibt. Im späteren Römischen Recht wurde neben dem eigentlichen 77. auch ein Huasi-77. dadurch ausgebildet, daß man auch in Ansehung verbrauchbarer Sachen ein dem wahren 77. analoges Berhältniß anerkannte, in der Weise, daß solche Sachen in das Eigenthum desjenigen, welcher die Nutznießung haben soll, übertragen werden, mit der Verpflichtung, dereinst, wenn der Fall eintritt, welcher dem wahren 77. ein Ende machen würde, dieselbe Quantität von Sachen derselben Gattung od. deren Geldwerth dem herauszugeben, welchem beim wahren 77. deren ursprünglicher Gegenstand herauszugeben wäre. Auf diese Verpflichtung ist dann die auch hier zu leistende Caution gerichtet. Der Begriff des Huasi-77. ist selbst aus Forderungen ausgedehnt worden (77. no- minum). — In Beziehung auf Sachen, welche an sich des wahren 77. nicht schlechthin unfähig, jedoch der Gefahr wesentlich eutwerthender Abnutzung un- Utah. terworfen sind, z. B. Kleider, läßt sich sowol die Bestellung eines wahren 77., als eines Hus.si-77. denken. Bezold.» Ut, der erste Ton der Guidonischeu Solmisation, s. d. Utah (Putah), Territorium der Vereinigten Staaten von NAmerika, zwischen den Territorien Idaho, Wyoming, Colorado, Arizona u. dem StaatNevada; 218,810 s^icm (3973,g HsM) mit (1870) 86,786 Ew. nebst etwa 13,000 nomadisirenden Indianern. U. ist eine Hochebene von 1200—1600 m, welche durch die Wasatch-Berge (Gipfel von 3600 va) in einen kleineren westl. u. einen größeren östl. Theil geschieden wird, dessen Hauptabdachung, wie der Verlauf des Green u. Grand, der bedeutendsten Flüsse des Territoriums erweist, von N. nach S. gerichtet ist, während dieAbdachung des westl.Theiles gerade entgegengesetzt verläuft (Sevier River) und in den beiden Seen Utah- und Great Salt Lake ihre tiefste Einsenkung findet. An der nordöstl. Grenze streichen die Uintahberge von O. nach W. mit Gipfeln bis zu 4200 m. Außer den genannten Flüssen sind noch der Jordan und der Bear River, beide im Salzsee verlaufend, hervorzuheben. Nach seiner Bodenbe- schaffcnheit ist U. größtentheils noch wüst und zum Theil auch unfruchtbar, bes.im W.(Theile des Great Basin) u. im S.; die Flußthäler sind dagegen durch ergiebigen Boden ausgezeichnet, der sich bes. auch zum Anbau des Weizens eignet. Das Klima ist conti- nental, jedoch sind die Winter mehr mild als kalt. Plötzliche Temperaturwechsel kommen nur im Frühling u. Herbst vor. Werth der Producte 1871: der Landwirthschaft 600,000, der Viehzucht 1,400,000, der Industrie 2,343,000, des Bergbaues 1,315,000 Doll. Seitdem haben sich die Verhältnisse selbstverständlich sehr geändert, so betrugderWerthder1877 gewonnenen Edelmetalle allein 6 Mill. Doll. Den N. des Territoriums durchschneidet die Union- und Central-Pacificbahn mit 959 lcm. Das Unterrichtswesen ist außerhalb der Wohnsitze der Mormonen noch wenig entwickelt; in Great Salt Lake City besteht eine höhere Lehranstalt, Tinivsraitz- ok Dsasrt. Verfassung: An der Spitze des Territoriums steht ein Gouverneur, welcher auf vier Jahre gewählt wird, die gesetzgebende Versammlung besteht aus zwei Häusern, dem der Senatoren, gebildet von 13 Senatoren und dem Repräsentantenhause, mit 26 Vertretern, erstere mit zwei-, letztere mit einjähriger Amtsdauer. DieFrauenbesitzendaspolitischeStimm- recht. Eintheilung in 21 Counties. Hauptstadt ist Great Salt Lake City. Die Geschichte von U. knüpf: sich an die der Mormonen, welche im NW. die Wüste in einen ergiebigen Landstrich umgewandelt n. ihre Zahl durch Proselytenmacherei in allen Ländern, bes. in Großbritannien, Skandinavien, Dänemark u. der Schweiz verdoppelt u. verdreifacht haben. Vor diesem neuen Gelobten Land ist aber, aufs Allernachdrücklichste u. Ernsteste zu warnen. Zwar ist Deutschland für sie bis jetzt kein ergiebiges Feld gewesen, doch sollen immerhin über 100 Familien den Verlockungen ihrer Apostel zum Opfer gefallen sein. Auf das Trügerische dieser Verlockungen ist wiederholt hingewiesen worden, u. noch in letzterZeit hat ein in Great SaltLakeCity ansässiger NordamerikanerNa- mens Kntnow in der Frankfurter Zeitung (Nr. 31 u. 32 von 1879) die Wirklichkeit als das directe Ge- qenthcil dieser Vorspiegelungen dargestellt u. über- 804 Utahs — Haupt das Treiben der Mormonen als im höchsten Grade verwerflich und sogar verbrecherisch gebrandmarkt. Nach seiner Schilderung ist Jeder der sich in die Gewalt dieser Heiligen begibt, ein verlorener Mensch, der, seines Vermögens und seiner Freiheit beraubt, ihrer absoluten Willkür anheimfällt, ohne hoffen zu können, jemals aus ihren Krallen befreit zu werden. Vergl. R. v. Schlagintweit, geograph.- statist. Beschreibung rc. von U. in der Schrift über die Mormonen, 2. A. Köln und Leipzig 1878; Urs Rook^ Llunntain Laints, bull anä oomplsts instar/ ol tilg Llormons b/ L. K. Ltoniwuss, 25 /ears a Llormou bllcior anä Llissionar/. Schroot. Utahs, Jndianerstamm im O. von Kalifornien, im SW. des Territory Utah u. im NW. von New Mexico, bes. am Colorado und seinen Nebenflüssen, zählt etwa 20,000 Köpfe u. ist roh u. der Civilisa- tion wenig zugänglich. Utakamand (Ootacamund), Ort indem indobrit. District Coimbatore, in dem Nilgiri-Gebirge, 2184 in hoch gelegen, wegenseines günstigenKlimas 1822 zur Gesundheitsstation für die Präsidentschaft Madras erhoben u. bald zu hoher Entwickelung gelangt. Utensilien (v. Lat.), brauchbares Geräth , bes. Geräthschaften zu technischen od.Wirthschaftszwecken Daher U-conto, die in dem Hauptbuchs geführt, Rechnung über die Geräthschaften, welche bei Betreibung eines Geschäfts nöthig sind. Uterindrüsen (Ais.näuig.s utorinas), Gebär- mntterdrüsen, schlauchförmige Drüscnin der Schleimhaut der Gebärmutter, welche im Körper einfach od. gablig getheilt sind, im Halstheil größere, theilweise mit glasigem Schleim angefüllte Ausbuchtungen (Schleimbälge) bilden. Morini (lat.), von ein u. derselben Mutter, Halbgeschwister. Utcrsen, Stadt an der Pinnau in der ehemaligen Herrschaft, jetzt Kreis Pinneberg (Holstein), Amtsgericht, Armenhaus, Krankenhaus, Schullehrerseminar, Mittelschule; 4358 Ew. Das Kloster Ü., Stift für Töchter der Schleswig-Holsteinischen Ritterschaft bildet eine Gemeinde für sich. Uterus (lat.), die Gebärmutter, s. Geschlechtsorgane, S. 150. Uternsdouche. Instrument, um einen Flüssigkeitsstrahl gegen die Gebärmutter zu richten. Sie besteht aus einem elastischen Schlauch, der vorn ein sog. Multerrohr, ein an der Spitze mit mehrfachen, vorderen und seitlichen Öffnungen versehenes Rohr von Hartgummi trägt u. entweder mit einer Clyffo- pompe (s.Clyssoire) od. mit einem Blechgefäß in Verbindung steht, welches an der Zimmerwand aufgehängt ist u. die Flüssigkeit enthält. Man nimmt zur U. entweder einfaches, warmes od. kohlensäurehalti- ges Wasser, oder auch verschiedene Thermalwasser. Ihre Anwendung findet sie hauptsächlich bei der chronischen Gebärmutterentzündung, dem sog. Infarkt, um durch die erzeugte Hyperämie eine Resorption der Bindegewebswucheruugen einzuleiten, ferner bei plötzlicher Unterdrückung der Menstruation und bei der Einleitung der künstlichen Frühgeburt. Douchenmitkaltemod.EiswassersindinmanchenFäl- len von Gebärmutterblutungen angezeigt. Blumberg. llt ps rc., s. u. Solmisation. Utgardhaloki (nord. Myth.), ein winterlicher Mesenkönig in Jötunheim, den Thor in Begleitung - Ütliberg. seiner beiden Diener Thjalfi u. Röskva u. deS>tzoki besucht n. bei dem er mit diesen merkwürdige WE?' kämpfe auszuführen hat. Aber er selbst u. seine Begleiter werden besiegt, da ihnen der Riese trügerisches Blendwerk entgegengesetzt hatte. Die Erzähiung davon hat uns die Sn. Edda bewahrt und gehört zu ihren schönsten, wenn sie auch an das Märchenhafte streift. Sexo Grammaticus kennt den U. als Utgar- thilocus. Raßmann. Uttca, 1) (a. Geogr.), Stadt in Zeugitana (Lckrlea. proxria), am Meerbusen von Karthago; die älteste Colonie der Phöniker in Afrika, gegründet um 1100 v. Ehr., mit Hafen. Zu dem westl..davon gelegenen jüngeren, aber mächtigeren Karthago stand U. im Verhältnis) der Bundesgenossenschaft u. wurde im zweiten Panischen Kriege von Scipio belagert. Im dritten Punischen Kriege trat es auf die Seite der Römer u. erhielt nach der Eroberung Karthagos den größten Theil der Ländereien dieser Stadt von den Römern geschenkt; dadurch erhob es sich zur ersten Stadt von Afrika u. wurde der Sitz des röm. Proconsuls. In dem Bürgerkriege zwischen Cäsar u. Pompejus war U. der Hauptwaffenplatz u. letzte Zufluchtsort der Pompejaner, n. als sich die Stadt gegen Cäsar nicht mehr halten konnte, ermordete sich 46 v. Chr. Cato (s. d. 3), welcher daher den Beinamen Iltioensis erhielt. Augustus machte sie zur römischen Colonie. An der Stelle von U. steht jetzt das Dorf Bu-Schatir, welches aber durch Alluvio- nen tiefer ins Land gerückt ist. 2) (n. Geogr.), Stadt im Oneida County des nordamerikan. Unionsstaates New Dort am Mohawk und Erie Kanal, bedeutender Eisenbahnknotenpunkt, mehrere Akademien u. Seminare, zwei öffentliche Bibliotheken, zwei Waisenhäuser, das New Jork Staats-Irrenhaus, Industrie in Wolle, Baumwolle, Eisen u.Leder, Schuh- waaren, Maschinenbauwerkstätten. U. nimmt den Platz des ehemaligen Fort Schuyler ein, wo 1784 erst vier Gebäude standen, wurde 1817 als Villaqe, 1830 mit 8300 Ew als City incorporirt und hatte 1870 28,804 Ew. Milo (lat.), das Nützliche, der Nutzen; II. äuloi, das Nützliche mit dem Schönen (verbinden). Utilitarismus (neulat.), Nützlichkeitstheorie, jene Moral- und Staatstheoric, welche von James Bentham aufgestellt, sich zum Ziele setzt den größtmöglichen Nutzen einer größtmöglichen Anzahl Menschen zu verschaffen. Namentlich suchte er an die Stelle des abstrakten Rechts ein solches von Humanität u. Billigkeit getragen, zu setzen. Iltiiitairss, eine communistische Secte, welche kurz vor der Revolution von 1830 in Frankreich entstand u. sich der Benthamschen Nlltzlichkeitsphilosophie nach ihrer Weise bemächtigte. Ui itilra (lat.) wie unten, od. nachher bemerkt wird. Mi possiäotis (lat.) wie ihr besitzt; im Römischen Recht Bezeichnung für eine Klage zum Schutze im Besitze von Grundstücken, in neuer Zeit Bezeichnung für den augenblicklichen Besitzstand bes. bei Abschluß eines Waffenstillstandsvertrages gebräuchlich. Mi rögss (abbrevirt II. R., röm. Ant.), wie du vorschlägst, aus den Stimmtafeln, Bezeichnung der Zustimmung zu einem eingebrachten Gesetzvorschlag; vgl. Oomitia. Ütliberg (Uto), der nördlichste u. höchste Gipfel des Albisrückens im Schweizerkanton Zürich, 873 in 805 Utopien - ü. d. M. mit Kurhaus, Hotel u. berühmter Aussicht aus den Züricher See mit seinen Umgebungen u. auf die Alpen (daher wol auch als der kleine Rigi bezeichnet). Seit Juni 1875 führt eine Eisenbahn von Zürich zum Gipfel. Am 4. Nov. 1878 brannte das Bergnügungshaus Utokulm ab. Vgl. Binder, Iw clismiu äs kor cis I'IItliborA. L,vsc 25 iI1u8tr. Zürich 1878. Utopien, ein nach dem Griechischen gebildeter Name, bezeichnend einen Ort, welcher nirgend vorhanden ist (Nirgendheim), welchen Th. More (s. d.) in De optima roipudlioao atatu der erdichteten Insel gab, wo alle Genüsse des sinnlichen LebensohneAr- beit u. Anstrengung zu erlangen sind. Dieses U. ent- sprichtdem Schlaraffenland der Mitteldeutschen Poesie, einem fabelhaften Land mit Seen voll Wein, Teichen voll gesottener Fische, die gebratenen Tauben fliegen ins Maul, das Wild laust gleich bereitet zur Mahlzeit umher u. dgl. m. Daher Utopist, Jemand welcher erwartet, daß ihm Alles ohne Arbeit znfließe; in der Politik, Jemand, welcher sich mit unausführbaren Reformplänen trägt. Utraquisten hießen die Calixtiner, weil sie das Abendmahl abweichend von der Katholischen Kirche unter beiderlei Gestalt, Brod n. Wein, nahmen. Utraquisttsch, was auf zweierlei Weise geschieht. So heißen bes. in Posen utraquistische Schulen solche, in denen in polnischer und deutscher Sprache unterrichtet wird. Utrecht, 1) Prov. in dem Königreich der Niederlande, an die Zuidersee, an Nord- u. Südholland u. Geldern grenzend; 1384 f^skm (25,,4 HZM) mit 184,084 Ew. (133 aus 1 Hskm, in ganz Holland 116); meist eben u. niedrig, östlich etwas hügelig, fruchtbar in den niedrigeren, sandig u. heidig in den hügeligen Theilen; hat viel Torf, gute Weiden, zur Bewässerung außer den Armen des Rheines (Leck, Kromme Rijn, Oude Rijn', Vecht, Issel), mehrere kleinere Gewässer u. Kanäle, bes. die den Leck mit der Vecht verbindende Baart. Klima: gesund; Products: Getreide reichlich (berühmter Buchweizen), Tabak (bester in Holland), Pferde, Rindvieh (von welchem man vorzüglich Butter n. Käse gewinnt), Bienen; man fertigt allerlei Gewebein Wolle, Baumwolle, Seide, Leinen, gute irdene Maaren, Branntwein, Bier u. treibt Handel mit diesen Fabrikaten, so wie mit den Erzeugnissen der Viehzucht (bes. Butter u.Käse) u. des Ackerbaues; 140 km Eisenbahnen. 2 ) Hauptstadt hier, in anmuthiger Umgebung, am Onden Rijn (alten Rhein), welcher die Stadt umfließt u. in 2 Armen durch die Stadt geht, u. sich in die Vecht denVaartschenu.OudenRijn trennt; Kno- tenpunklderNieder!. Central-, Nieder!. Rhein-, Nie- Lerl. Staats-u. der Holländ.Bahn,umgeben vonverschiedenen Forts; hat herrliche Spaziergänge (bes. die Maliebaan,eine 1000 Schritte langeAlleevon6 Reihen Linden) 4 Vorstädte u. 36 Brücken. U. ist Sitz zweier Friedensgerichte, eines Militärgerichtshofes, eines katholischen (Jansenistischen) Erzbischofs, eines Handelsgerichts und einer deutschen Ordenshausballei (wiederhergestellt 1815) hat 20 Kirchen, darunter 7 der Resormirten, 6 der Katholiken. Merkwürdig ist besonders die im reinsten gothischen Stil 1254—67 erbaute Domkirche zum hl. Martin mit Denkmälern mehrerer Bischöfe von U. u. des Admirals Van Gent (in den Grüften unter der Kirche — Utrecht. sind die Eingeweide der hier gestorbenen deutschen Kaiser Konrad II., 1039 u. Heinrich v., 1125); hat einen 103 m hohen, seit dem Einsturz des vorderen Theiles des Schiffes 1674 etwas abstehenden Thurm, welcher eine Aussicht über den größten Theil Hollands gewährt und ein Glockenspiel hat. Ferner:Königspalast,in welchem 1713 der Utrechter Frieden geschlossen wurde, Rathhaus mit reichhaltigem Archiv, Gemälde- u. Kunstsammlung, Deutschordenshaus,Münzgebäude,Papsthaus, Kinderhospital rc. U. hat eine Universität mit 5 Facultäten und (1878—79) 502 Studirenden, gestiftet 1634, eingeweiht 23. März 1636 mit Bibliothek von über 600,000 Bdn., Anatomischem Theater, berühmtem chem. Laboratorium, Sammlungen von physikalischen Gegenständen u. Modellen, Sternwarte, Botanischem Garten; außerdem Thierarzneischule, Gymnasium, höhere Bürgerschule, auch für Mädchen; Theater, Gesellschaft der Künste und Wissenschaften, Gesellschaft der Dichtkunst, Stiftung zum Unterricht für Waisen, Malercollegium, Museum kirchlicher Alterthümer, Museum der schönen Künste mit Jn- strumentensammlung, die Münze ('s Lijks Llunt). Die industrielle Thätigkeit ist von keinem großen Belange, um so bedeutender sind Handel u. Verkehr. 1876: 65,052 Ew. Bei dem Dorfe Zeyst (wo eine Herrnhutercolonie ist) ist der Union von 1579 ein Denkmal gesetzt. U. ist das alte Iraz actum ack Lsto- uu meine Stadt der Bataver im Belgischen Gallien. Schon in dem Itiusrarium Lntonii wird U-s als Stadt gedacht. Nach dem Verfall des Römischen Reiches gehörtedasvon einem Burggrafen bewohnte CastellTrajectum denFriesen; dabei war eine Stadt Wiltaburg (Wiltrecht) gelegen, wo auch der bischöf- liche Sitz war. Nachdem König Dagobert eine Kirche, die spätere Kathedrale 630 ans der Südseite angelegt hatte, wuchs die Stadt rasch, bes. unter dem Bischof Balderich (um Mitte des 10. Jahrh.). 1046 schenkte Konrad der Salier die Grafschaft Theister- band u. die Insel Betau der Kirche von U., und zu selbiger Zeit scheint auch der Bischof seinen Sitz in U. genommen zu haben. U. war früh schon durch seine prachtvollen Kirchen berühmt u. war oft Kaisersitz. 1279 brannte fast die ganze Stadt ab. Bischof Heinrich, Prinz von Bayern, überließ Stadt und Fürstenthum U. dem Kaiser Karl V. als dem Herzoge von Brabant u. Grafen von Holland 1527 u. 1529 baute Karl V. in der Stadt ein Schloß, die Vreeburg od. Friedensbnrg das Zwing-U., das die Bürger 1577 zerstörten (ein Platz am Bahnhof heißt noch heute Vreeburg). 1559 erhob Papst Paul IV. die Kirche in U. zur Metropolitankirche u. untergab dem neuen Erzbischof die Bisthümer Hartem, Middelburg, Leeuwarden, Deventer n. Groningen. Erster Erzbischof war Friedrich Schenk von Tautenburg (st. 1580). Unter Philipp II. vereinigte sich U., nachdem die Reformation hier Angeführt worden war, nebst seinem Gebiet, mit den 6 anderen niederländischen Provinzen zu einem Staat durch die U-er Union, 13. Jan. 1579, durch welche die Unabhängigkeit der Niederlande begrllndetward. Bis 1593 war U. dann der Versammlungsort der Generalstaaten. 1672 brandschatzten die Franzosen die Stadt. Den 11. April 1713 wurde hier Friede (U-er Friede) zwischen Frankreich einer-, u. England, Portugal, Holland u. Preußen anderseits geschlossen 80 ö Utrechter Friede — Uwarvw. u. dadurch für diese Staaten der Spanische Erbfolgekrieg geendigt, während derselbe für die anderen Staaten erst durch den Frieden von Baden 1714 sein Ziel fand. U. wurde 17. Jan. 1795 von den Franzosen unter Pichegrn besetzt. U. ist Geburtsort des Papstes Hadrian VI. (mit dem Familiennamen Boeijsns) u. der Anna Schurmann. Vgl. Becka u. Heda, Olwouioou äs opineopio Illtraz'., herausgeg. von Buchet, Utr. 1643; Geer, vrjckraAsu tot äs §o- sosiiocisnis sn onälrsäsn äsr provinois II., ebd. 1860; Müller, Vs Ilnis van vtroekrt, ebd. 1878. Utrechter Friede, s. u. Utrecht 2). sSchroot. Utrechter Union, s. u. Niederlande, m es ml rc., s. u. Solmisation. Utrera, Villa in der spanischen Provinz Sevilla (Andalusien), in einer äußerst fruchtbaren Ebene, Kreuzungspunkt der Eisenbahnen U.-Moron u. Sevilla, Cadiz; verfallenes Castell, gothische Kirche, mehrere Spitäler, Fabriken von Hüten, Leder, Seife, Töpferei, ausgezeichnete Pferdezucht; 12,450 Ew. vt reteo (lat.), wie umstehend, vtricularia V., Pflanzengattung aus der Familie der IItri.6u1aiig.esas (Vsrwik)u1uriaosa,s)(II.1.) Wasserpflanzen mituntergetauchten, vieltheiligen Schwimmblättern, an denen einzelne Abschnitte zu rundlichen Schläuchen umgebildet sind, an deren Mündung sich 2 gewimperte, tentakelartige Gebilde befinden, welche in diese Höhlung kleine Wasserthierchen hineinsplllen, die darin ihren Untergang finden; hauptsächlich dienen aber die Schläuche dazu, um mit Lust erfüllt, die Pflanze zur Blüthezeit emporzuheben, während nach dem Verblühen bei eingetretener Fruchtreife die Luft ausströmt u. die Pflanze untersinkt. Die Blüthenzweige stehen in der Achsel eines unentwickelten Blattes u. sind traubig; Kelch tief 2theilig, Blumenkrone mit stark entwickeltem Gaumen u. 2 Staubblättern; Frucht unregelmäßig zerreißend; einheimische Arten: II. vulgaris D., in stehenden Gewässern; Blüthen groß, gelb, innen rothgelb gestreift; II. miuor L., viel kleiner u. zarter als die vorige; in Moorgräben. Engler. Mrioulariaooae (VsntibulariLsoLs), Pflanzenfamilie aus der Ordnung der VabiatikorLo, Wassernd. Sumpfpflanzen, ost mit untergetauchtem Stengel, Blüthen einzeln oder in Trauben in der Achsel eines Blattes, mit einzelnen Deckblättern, seltener ohne diese; Kelch zweilippig, Blumenkrone zweilippig, maskirt, gespornt; zwei Staubblätter; Fruchtknoten einfächerig, mit einem freien, vieleiigen Mittelsäul- chen, einem Griffel u. einer zweilappigen Narbe; Frucht eine einsächerige, vielsamige, ringsumschnit- teue od. zweiklappig aufspringende Kapsel; Samen klein, eiweißlos; Keimling nieist ungetheilt. Gattungen: Iltriolliaria, voullssa u. viuAuieuIa. vtriusque juris üootor (lat.), beider Rechte (nämlich des Römischen u. Canonischen) Doctor. bt rogas, so v. w. IIti rogas. Ut s., Abkürzung für ut auxra, wie oben. Uttmann, Barbara, gcb. 1514 zu Elterlein im Erzgebirge. Ihr Vater, H einrich von Elterlein (geb. 1485, gest. 1582), verheirathete sie an einen reichen Bergherrn in Annabcrg, Christoph U., u. hier erfand sie um 1561 das Spitzenklöppeln od. führte dasselbe vielmehr ein. Sie st. verwittwet 1575 in Annaberg. Denkmal auf dem Kirchhofe zu Annaberg. Uttoxeter, Stadt in der engl. Grafschaft Staf« ford, amDove, Eisenbahnstation; Lateinische Schule; 1871: 3604 Ew. Utzschneider, Joseph von, geb.2.März 1763 zu Rieden in Oberbayern; studirte in München u. Ingolstadt. Betheiligte sich bei Gründung des Illuminatenordens. 1783 wurde er Professor der Ca- meralwissenschaften u. Repetitor der Mathematik u. Physik in München. Wegen seiner Verdienste um die Salinenverhältnisse wurde er 1795 Salineuadmini- strator im Fürstenth. Berchtesgaden, 1799 einer der sieben Direktoren der Generallandesdirection u. bald darauf geheimer Finanzreserendar, da aber seine Verbesserungspläne einem großen Theile der Stände mißfielen, 1804 von allen Staatsgeschästen entfernt. Nun errichtete U. in München eine Ledermanufactur u. begründete 1804 mit Georg von Reichenbach n. Joseph Liebher das Optisch-Mechanische Institut in Benedictbeuern, wozu später Fraunhofer gezogen wurde. 1807 trat U. als Generalsalinenadministrator u. geheimer Finanzreferendar wieder in Staatsdienste, wurde auch 1811 Vorstand der Staatsschuldentilgungsanstalt, nahm jedoch 1814 nochmals seinen Abschied u. betrieb wieder die Tuch- manufactur u. Bierbrauerei. 1818 wurde U. Bürgermeister von München bis 1821. Er wurde 1827 Vorstand der Polytechn. Schule in München, beschäftigte sich seit 1829 auf seinem Gute Erching auch mit der Landwirthschaft u. st. 31. Jan. 1840. r. Nvea, s. u. Wallis Inseln. Uvula (lat.), das Zäpfchen, s. Gaumen. Ulvarow, 1) Serge! Semenowitsch, Graf, geb. 25. August 1785 in Moskau, wurde 1798 als Junker in den Listen des Collegiums der Auswärtigen Angelegenheiten eingetragen u. 1803 zum Trans- lateur befördert, studirte in Göttingen u. Moskau u. verkehrte in der Gesellschaft „Arsamas". Er war vielseitig gebildet, besaß seltene Sprachkenntuisse u. erwarb sich Alexanders Zuneigung. Er sungirte seit 1806 bei der Gesandtschaft in Wien, seit 1809 als Legationssecretär in Paris, wurde 1810 zum wirklichen Staatsrath befördert». 1811 zum Curator des Petersburger Lehrbezirkes wie der Universität, 1812 zum Gehilfen des Direktors der öffentl. Bibliothek u. Jan. 1818 zum Präsidenten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften ernannt; als letzterer suchte er die russ. Sprache zur alleinherrschenden zu machen. Täglich wurde der früher liberale Mann reaktionärer. 1810 veranlaßt er, als Orientalist bedeutend, die Errichtung von Lehrstühlen für morgenländische Sprachen an der Petersburger Akademie und Universität, eines asiatischen Museums und 1823 einer orientalischen Diplomatenschule. Nachdem U. i. I. 1821 den Posten als Curator niedergelegr, wurde er 1822 zum Direktor des Departements der Manufakturen u. des inneren Handels u. Mitglied des Conseils des Finanzministers, 1823 zum Dirigiren- den der Commerzbank u. der Leihbauk ernannt, legte aber Dec. 1824 diese Ämter nieder, wurde wirklicher Geheimrath, 1826 Senator, 3. Mai 1832 College des Ministers der Volksaufkläruug u. 1833 sein Nachfolger. Als solcher gründete er die Universität Kiew 20. Nov. 1833 u. andere Anstalten u. förderte wesentlich die Ausdehnung des Unterrichtes, hemmte ihn aber gesinnungslos an jeder freien Richtung, wofür er zum erblichen Grafen 1846 erhoben wurde. 807 Uwarowit — Uzen. Aber 1848 war selbst er, den sein früherer Freund Puschkin (s. d.) nun verspottete, dein Zaren nicht starr genug und mußte vom Ministerium abgehen, blieb Präsident der Akademie, wurde 10. Nov. 1849 Reichsrath im Plenum u. starb 16. Sept. 1855 in Moskau. Er gab den Nonnos 1817 heraus, und schrieb: Über das vorhomerische Zeitalter; Versuch über die Eleusinischen Geheimnisse; Kritische Untersuchung über die Fabel des Hercules, u. a. gesammelt als Ltuäss äs püiloloZis st äs oritigus, Petersb. 1843,2. A. 1845; Dsguissos poliiiguss et Utsrairss, Par. 1849. Sein Sohn, Graf Alexer Sergejewitsch, beschrieb Petersb. 1852 eine von ihm in antiquarischem Interesse unternommene Reise an die Nordküsten des Schwarzen Meeres. 2) Feo- dor Petrowitsch, geb. zu Chruslowka (Gouv. Tula) 27. April 1769, diente unter Potemkin und Suworow, wurde Generallieutenant und Chef des Chevaliergarde-Regimentes, benachrichtigte Pahlen (s. d.) von den Plänen des Zaren Paul gegen die kaiserliche Familie und war an der Verschwörung gegen Paul, nicht aber an dem Morde selbst betheiligt. Er stritt in den Kriegen von 1805—14 aufs Tapferste und gab 1814 400,000 Rubel zu einem Triumphbogen für die kaiserliche Garde. Er war ein erklärter Günstling Alexanders, dessen General- adjntant n. General su elrek der kaiserl. Garde-du- corps. Im Sept. 1814 wurde er Mitglied derJn- Validen-Commission, im Sept. 1823 Reichsrath u.st. in Petersburg 2. Dec. 1824. Vcrgl. Kleinschmidt, Rußlands Gesch. u. Politik, dargestellt in der Gesch. des russischen hohen Adels, Kassel 1877. Kl-inschmidt. Uwarowit, Varietät des Granats, s. d. 1). Uxbridge, Marktstadt in der engl. Grafschaft Middlesex, am Colne u. dem Grand Junction Kanal, Eisenbahnstation; literarische Gesellschaft, bedeutender Viehhandel; 1871: 7497 Ew. U. gibt jetzt dem Marquis von Anglesey den Grafentitel. Üxkiitt, s. u. Riga. Uxmal (Uxmutal), große Nuinenstätte in Duca- tan, 50 üm südlich von der Hauptstadt Merida, enthält zahlreiche Gebäude, meist auf pyramidalen Unterbauten, die bis 32 in hoch aufgeführt sind. Die Gebäude sind mit Sculpturen rc. geschmückt, jedes in anderer Weise. Die Thürbalken sind ans Holz, sonst alles aus Stein. Zahlreiche cisternenartige Vertiefungen. vxor (lat.), Gemahlin, Gattin. Uz, Johann Peter, deutscher Dichter, geb. 3. Oct. 1720 in Ansbach, der Sohn eines Goldschmiedes, erhielt seine gelehrte Vorbildung auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt, studirte 1739—43 in Halle die Rechtswissenschaft u. schloß dort ein Freundschafts, bündniß mit Gleim, das nie getrennt wurde. Zn dem näheren Umgänge dieser jungen Männer gehörten Rudnick ans Danzig u. Götz aus Worms. Die vier genannten Dichter bildeten eine Schule, die man in der neueren Literaturgeschichte als die zweite Hallesche bezeichnet. Uz wurde 1748 Secretär bei dem Ansbachschen Justizrath u. bekleidete diese Stelle 12 Jahrelang ohne Gehalt, indem er von seinem bescheidenen väterlichen Vermögen lebte. Dabei setzte er die frühzeitig begonnene poetische Thätigkeit fort; so entstand eine Sammlung, die Gleim 1749 unter dem Titel: Versuch lyrischer Gedichte herausgab, meist anakreontistrende Liebes- u. Weinlieder. Das von Uz i. I. 1753 veröffentlichte komische Epos: Sieg des Liebesgottes, zog ihm durch satirische Ausfälle auf die Schule Bodmers deren Feindschaft zu. Einen zweiten, schonungslosen Angriff richtete Uz auf die Schweizer in einem 1754 geschriebenen Briese, den er in der Ausgabe seiner Gedichte vom folgenden Jahr erschienen ließ. Den Vorwürfen der Züricher sreimüthigcn Nachrichten antwortete er in seinem 6. Briefe (an Gleim). Wieland, in jener Zeit noch Bodmerianer u. Idealist, fiel gegen Uz, der auch ihn scharf getadelt hatte, in den Sympathieen aus, die 1754 gedichtet u. erst 1758 gedruckt, aber früher bekannt wurden. In der Zuschrift an den Obcrcon- fistorialrath Sack in Berlin, mit der Wieland seine i. I. 1755 herausgegebenen Empfindungen eines Christen begleitete, wurde Uz der Frivolität in der neuesten Ausgabe seiner lyrischen Gedichte beschuldigt. Für ihn erhob stch Lessings gewichtige Stimme in der Voßschen Zeitung u. die Bibliothek der schönen Wissenschaften u. freien Künste. Die heftigsten Angriffe erfuhr Uz von Dusch in Altona. Hierauf antwortete er 1760 in dem Schreiben über die Be- urtheiler seines oben erwähnten komischen Epos. Dusch nahm später seine ungegrllndeten Beschuldigungen zurück; dasselbe thaten Bodmer u. Wieland, über den sich Uz mit steigender Bewunderung aussprach. Im I. 1760 gab Uz auch sein Lehrgedicht: Die Kunst, stets fröhlich zu sein, heraus. Er wurde 1763 Assessor beim Kaiserlichen Landgerichte des Burggrafeuthums Nürnberg und gemeinschaftlicher Rath derMarkgrafenvonAnsbachu.Kulmbach, womit ein lächerlich kleiner Gehalt verbunden war. Durch beide Anstellungen vermehrten sichdie ihm obliegenden Geschäfte so bedeutend, daß er seine ganze Kraft u. Thätigkeit darauf zu beschränken genöthigt wurde u. von den Musen Abschied nahm. Doch veröffentlichte er 1768 von seinen bisherigen Gedichten eine vollständige Sammlung (wiederholte Ausgabe 1772) u. arbeitete mit dem Generalsuperintendenten Junck- heim einige Jahre (bis 1781) auf Anregung seines Markgrafen das neue Ansbachsche Gesangbuch aus. Er lebte mit ganzer Seele dem amtlichen Berufe; alle Räthe bewunderten seine Thätigkeit u. zugleich die juristische Gründlichkeit u. lichtvolle Darstellung in seinen Arbeiten. Der Markgraf nahm ihn 1771 unter die Mitglieder des Scholarchates aus u. übertrug ihm 1790 die burggräfliche Direktorstelle. Uz war nie verheirathet; er lebte in Ansbach mit seiner Mutter u. mit seinen Schwestern, von denen er eine zurückließ, in schlichter, zufriedener Einsamkeit, ohne Ueberstuß u. ohne Mangel. Nachdem der Markgraf 1791 seine Länder dem Kurhause Brandenburg übergehen, erhielt Uz 12. Mai 1796, wenigeStuuden vor seinem Tode ein Königlich Preußisches Patent, das ihn zum Wirkt. Geh. Justizrath u. Landrichter in Ansbach ernannte. Ausgaben seiner Werke von Weiße, Wien 1804, 2 Bde.; ebd. 1805, 3 Bde., neue A. 1824. Die Gesellschaft für vaterländische Kunst u. Gewerbsleiß in Ansbach ließ ihm 1825 im dortigen königl. schloßgarten ein Denkmal errichten, wozu Heideloff in Nürnberg die kolossale Büste verfertigte, lieber die nationalliterarische Bedeutung des Dichters s. d. Art. Deutsche Nationalliteratur, S. 197 f. G. Zimmermonn. Uzbeken, Volk, so v. w. Usbeken. Uzen, so v. w. Polowsker, s. u. Kumanien. 808 Uztzs — Vacanz. Uzes, Stadt u. Hauptort in dem 8 Cantone und 99 Gemeinden mit 80,313 Ew. umfassenden, gleich- nam. Arr. des franz. Dep. Gard, am Alzon; Gerichtshof erster Instanz, altes festes Schloß, alte Kathedrale u. einige andere Kirchen (darunter eine reformirte Confistorialkirche), Communal-College, öffentliche Bibliothek, Departementsgefängniß, Fabrikation von grobem Tuch, Papier, seidenen und wollenen Strümpfen u. anderen Wirkwaaren, Hüten, Leder rc., Handel mit Getreide, Äl, Wein, Branntwein, Vieh rc.; 1876: 4865 Ew. (Gem. 5585 Ew.). Papst Clemens V. liegt hier begraben. H- Berns. . B, 1) im ältesten Griechischen das Digamma (Griech. Sprache,S, 494); späterwurdedas v in ausländischen Namen durch ^ od. ov (») wiedergegeben, z. B. Over-rror od. Arr-rror Vcnsti, Vsrns, Vslsns; im Lateinischen war für V u. n nur einZeichen; das von Kaiser Claudius eingeführte umgekehrte Digamma -j für v bürgerte sich nicht ein; s. u. U; imHebräischen gibt es einen Buchstaben für den Laut, ,welcherjedochmehrdemW(s.d.)alsV. entspricht, er ist, wie auch das 1^, der 6. im Alphabet u. hat auch den Zahlwerth 6; in den german. u. den neueren romanischen Sprachen ist das V heimisch u. im Neuhochdeutschen der 22. Buchstabe; Z) als Zeichen (V) die römische Ziffer 5; 3) Abbreviatur: s) auf römischen Inschriften und Münzen für vivns, vixit, vir, Votum, victoris, vsls rc.; b) in Büchern: viäs, voraus, verte; 4) auf französischen Münzen der Prägort Trotzes; 5) (Musik), so v. w. Violine od. volti; 6) (Chem.), so v. w. v Wolfram; 7) in der Chiffre so v. w. s) vecclno conto, die alte Rechnung, od. b) vostro conto, Ihre Rechnung. V, chemisches Zeichen des Vanadins. Vs (franz.), eigentlich geh! dann: es sei, es gilt; daher: Vs bangue, es gilt die Bank, d. h. die ganze Summe des Bankhalters bei Hazardspielen. Vs, tout, es gilt alles auf das Spiel gesetzte Geld. Baal, s. Oranje Rivier. Baals (Vaels;, Dorf in der niederländ. Prov. Limburg, hart an der preußischen Grenze, etwa 4 km von Aachen; Tuch- und Nähnadelfabrik; 3846 Ew. St. Vaast-de-la-Hougne, Seestadt im Arr. Valognes des franz. Dep. Manche, am Canal (La Manche); alte Kirche mit romanischem Chor, Schiffbau,Oelfabrikation, Makrelen- u.Häringsfang,große Austernparks, lebhafter Küstenhandel, Handel mit Brettern, Steinkohlenu. getrockneten Früchten,sichere u. bequeme, durch Forts geschützte Rhede, Seebäder; 1876: 3014 Ew. (Gen,.'3283). Va banquo, s. u. Vs. Vacauo, Emil Mario, Schriftsteller, 1840 in Schönberg an der mähr.-schles. Grenze geh., Sohn eines Beamten in St. Pölten, betrat früh schon die Bühne, wandte sich aber, da er hier keinen Erfolg hatte, in den 60er Jahren der Schriftstellerei zu, in der er äußerst productiv ist, unterstützt von einem seltenen Erzählungstalent, das aber durch seine Sucht nach kitzelnd Sensationellem oft schwer beeinträchtigt wird: er hat wol schon über 100 Bde. Romane u. Erzählungen aus allen Schichten der menschlichen Gesellschaft geliefert. Vacant (v. Lat.), erledigt, offen, besonders von Stellen; von einem Regiment Bezeichnung, daß der vorige Inhaber gestorben und die Stelle desselben noch nicht besetzt ist, Vscantss (lat.), Geistliche, welche keine kirchliche Stelle bekleiden. Vacanz (v.Lat.), 1) das Erledigtsein einer Stelle, bes. einer kirchlichen (auch Vacatur genannt). Diese tritt ein, wenn der bisherige Inhaber stirbt od. entsagt, wenn er befördert, versetzt od. entsetzt wird. Von der Erledigung eines Bischofsitzes, Sedis°V., einer eigentlichen ,vscsntis ecclesiss, wurde die bloße Stell-V. (v. loci) unterschieden. Die Dauer der V. ist gemeiniglich, wenn ein geistlicher Patron die Stelle zu besetzen hat, auf 6, bei einem weltlichen auf 4 Monate beschränkt. In der Protestantischen Kirche dauern die V°en meist,) Jahr, während dessen die Amtsgeschäfte von benachbarten Geistlichen oder von bes. dazu eingesetzten Vicaren besorgt, die Einkünfte aber theils von den Erben des verstorbenen Geistlichen, theils von den Fisken bezogen werden. Zuweilen werden auch vom Kirchenregiment V-en verlängert, um ärmeren Gemeinden, z. B. bei Pfarr- banten, durch einen Theil der Pfarrdotation eine Unterstützung zu gewähren. Die Kasse, welche aus solchen Einkünften gebildet wird, heißt die V - kasse. 2) Die Ruhezeit, Berufssreiheit, Ferien. Löffler. Verzeichniß der Illustrationen zum siebenzehnten Band. Karten: Thüringische Staaten ..... Europäische Türkei. Seite 360 576 Maschinenlehre VII. Urthiere . . . . Tafeln: Takelage I. II. Telegraphie I. II. NI. IV. V. Am Uert: 166 Storchschnabel .. 225 Trigonometrische Functionen . . . Seite 675 792 27 Sie