Druckschrift 
6 (1891) Große Ethik [u.a.] Metaphysik
Entstehung
Seite
188
Einzelbild herunterladen
 

183

braucht; der spitze Winkel ist nemlich kleiner, als der rechte. DaSgleiche Verhältniß findet statt beim Kreis und Halbkreis: der Halb-kreis nemlich wird bestimmt durch den Kreis und der Finger durch dasGanze; der Finger ist nemlich der und der Theil des Menschen. Also:diejenigen Theile, welche materieller Art sind und in welche als mate-rielle etwas zertheilt wird, sind spüter; dagegen die Theile, welche denBegriff, die Substanz begrifflich gedacht, constituiren, find früher, ent-weder alle oder zum Theil. Nun ist die Seele der Thiere (denn dießist die Substanz der beseelten Wesen) das begriffliche Wesen, die Form,der Begriff zu dem und dem Körper; (wenigstens um irgend ein Glieddes Körpers richtig zu definiren, braucht man nothwendig eine Thätig-keit, dieß aber kann nicht stattfinden ohne eine Sinnesthätigkeit) '),daraus folgt denn, daß die Theile der Seele entweder alle oderzum Theil früher sind, als das ganze Geschöpf, und so ist es dannbei jedem einzelnen Wesen. Der Körper dagegen und seine Theilesind später als diese Substanz, und was in die körperlichen Theile alsin die Materie zertheilt wird, das ist nicht die Substanz, sondern dasGanze. So find also die materiellen Theile früher, als das Ganze,doch aber in gewissem Sinn auch wieder nicht, sofern sie nemlich ge-trennt keine selbständige Existenz haben; denn ein Finger für sich, ermag sein, wie er will, ist nicht Finger eines lebendigen Wesens, son-dern er hat nur den Namen, er ist ein todter Finger. Manches istaber auch gleichzeitig, dasjenige nemlich, was ein wesentliches Elementbildet, worin in erster Linie der Begriff und die Substanz enthaltensind, wie etwa das Herz oder das Gehirn; es macht nichts aus, obwir das eine oder das andere annehmen. Sagt man aberMensch"oderPferd" oder dergleichen, so existiren diese blos als Einzeln-wesen; eine Substanz als etwas ganz Allgemeines gibt es nicht, son-dern immer nur ein Ganzes als Produkt des und des Begriffs undder und der Materie, ganz im allgemeinen, im einzelnen aber ist z.B.Sokrates aus einer letzten concreten Materie und so ist es auch beiden andern Dingen. Theile also gibt es sowohl der Form, (unterForm" verstehe ich den reinen Begriff) als auch des Gesammt-

Z. B. das Ohr ist die Materie des Gehörs, das Gehör ist die Form desOhrs, die Sinnesthiitigkeit aber liegt als allgemeine Form der Eeele zu Grund.