372
III. 8. SchNißbetrachtungcn.
wo sich alles znsammenfindcn müsse. Die siavischc Partei Böhmens strebteseit den Märztagcn einen mit erweiterten gouvcrncmentalcn Bcfngnissenausgcstattcten Statthaltcreirath in Prag an; die deutsch böhmische Parteierblickte in einem solchen Vorschläge den Anfang eines Föderativsystems,in das sic nie cinwilligen könne. Wünschte die Slovanskä Lipa alleNationalgardcn Böhmens unter ein gemeinsames Ober-Commando inPrag gestellt zu sehen, so legte der Congrcß zu Egcr dagegen entschiedeneVerwahrung ein und instrnirte alle deutsch-böhmischen Vereine, von derAusführung eines solchen Vorschlages ihre Hand zurückzuzichen. Alleinfür den Antagonismus der sich bei diesen und ähnlichen Anlässen kund-gab mußte cs mit der Zeit doch eine Lösung geben. Am Ende konntensich die Besonnenen auf beiden Seiten nicht der Einsicht verschließen, daßder ganze Unterschied im Grunde nur in der verschicdensprachigcn Anlageund Erziehung, häufig aber auch nur in einer individuellen Ansicht undVorliebe liege, da sich geborne Slavcn im deutschen Lager finden ließenund umgekehrt geborne Deutsche sich um die slavischc Sache annahmcn;daß überhaupt seit Jahrhunderten vorgekommcne Fälle von Kreuzung undVermischung sowie das immer wechselnde gegenseitige Herein- und Hin-answachscn der beiden Nationalitäten an den Sprachgränzcn, und selbstin der Mitte des Landes, unzählige Übergänge von einer zur andernhcrbcigeführt habe; daß es sich also in der That um Brüder handle,die, Söhne eines und desselben Landes, durch die gemeinsame Unterlageihrer gesellschaftlichen volkswirthschaftlichen und staatlichen Entwicklunganeinander gewiesen, nur dann gedeihen könnten, wenn sic die Bedin-gungen dieses Gedeihens in einem wohl unterhaltenen Einverständnisseüber ihre beiderseitigen Interessen fänden.
Und was vom Lande Böhmen insbesondere, das galt von Österreichim Ganzen. War cs doch auch hier im allgemeinen der große Zwiespaltdes deutschen Elements und der nicht-deutschen Stämme, der sich durchalle Bestrebungen und Kämpfe hindnrchzog. Dabei war das deutscheElement mit sich selbst nicht im reinen. Von den Träumereien der Bcr-thcidiger eines mitteleuropäischen Ricscnrcichcs bis zur Bcgriffsstützigkcitjener, die um der W. 2 und 3 willen Österreich mit Krieg überziehenwollten, war ein weiter Weg, und jedes der Zwischcn-Stadic», die dadurchlaufen werden mußten, hatte sein Häuflein Getreuer das vonseiner Fahne nicht lassen wollte^"); wenn Österreichs Wiedergeburtvon der Deutschlands abhängig blieb, dann lag das ersehnte Ziel noch