Redner für die Auflösung des österr. StaatSverbandes.
235
gegen die adriatische Küste; sonst ist sic nur an kurzen Säumen, Gränz-strichen, zerstreuten Punkten". Eben so leicht stellte sich Reiter die Sachevor: „Böhmen müssen wir haben", sagte er. „Wir brauchen aber dabeigar nicht gewaltthätig zu handeln. Nah an 2,000.000 Deutsche wohnenin Böhmen, deren Sympathien wir haben. Vom slavischcn Volke habenwir keinen Widerstand zu erwarten; der cechischc Bauer kümmert sich nichtum die politischen Tendenzen der Gelehrten in Prag". Andere warenfreilich einer entgegengesetzten Ansicht. Forderten Jene die ZerreißungÖsterreichs als Recht der vorwiegend deutschen Bevölkerung, so stelltenDiese sie als nothwendigen Schutz des in seiner Existenz bedrohten Dentsch-thums dar. „Verhehlen wir es uns nicht", warnte Riehl von Zwettl,„daß wir in Gefahr sind. Die sieben bis acht Millionen Deutschen wohnennicht zusammen; der compacte Theil der deutschen Bevölkerung umfaßtetwa fünf Millionen; wie leicht würde es sein, uns, wenn wir vonDeutschland getrennt vereinzelt dastehen, in jeder Beziehung dem nicht-deutschen Elemente unterzuordncn". „Wie kann das deutsche Österreich Machtüben, wenn es selbst überwältigt ist?" sprach der Dichter Uhland; „wiekann es leuchten und aufklären, wenn es zugedeckt und verdunkelt ist?Mag immerhin Österreich den Berns haben eine Laterne für den Ostenzu sein: cs hat einen näheren höheren Beruf, eine Pulsader zu sein imHerzen Deutschlands." Auf den Eiuwand, daß man Österreich doch erstfragen müsse ehe man in so einschneidender Weise über sein Schicksalbeschließe, wurde geantwortet: „Wir sind allein constituirend und keineMacht der Welt hat hier darein zu reden, weder Kaiser noch König,weder Regierung noch Provinzial-Landtag" (Giskra). „8idi ras, non ssrsllu8 sustjiosrö, das ist das richtige Losungswort der jetzigen Politik.Greifen wir ein in die Räder des schnell dahin rollenden Schicksalwagens,kühn und muthig, und welche sich fürchten sich dabei die Hand zu ver-letzen, die fordere ich auf, ihre Mandate zurückzulegcn und MännernPlatz zu machen" (Marek).
Die viertägige, durch wenige Zwischenräume parlamentarischer Waf-fenruhe unterbrochene Schlacht über die Paragraphe 2 und 3 der künf-tigen deutschen Reichsverfassnng hielt alle politischen Leidenschaften nichtbloß im Hallenranmc der Panlskirche sondern auch außerhalb derselbenin unausgesetzter Spannung. In den verschiedenen Clubs wurde währenddieser ganzen Zeit kaum minder lebhaft verhandelt als in der Reichsver-sammlnng. Der bedeutendste von jenen war das „Casino", an sich ein