Druckschrift 
Der Optische-Maassstab oder die Theorie und Praxis des ästhetischen Sehens in den bildenden Künsten : auf Grund der Lehre der physiologischen Optik für Architekten, Maler, Bildhauer, Musterzeichner, Modelleure, Stukkateure, Möbelfabrikanten, Landschaftsgärtner und Kunstfreunde ; mit 63 Holzschnitten und 4 lithographischen Tafeln
Entstehung
Seite
151-152
Einzelbild herunterladen
 

151

Nachtrag zum „Optischen-Maassstabe“ des H. Maertens.

152

Erläuterung bedürfen: Wir machen in denselben eine Hauptzwei-theilung plastischer Formen und zwar in Formen, welche demprimären, und weiter in Formen, welche dem sekundären Stand-punkte entsprechen. Die Eintheilung stützt sich auf die Ausein-andersetzungen S. 32 u. S. 45 u. Der Leser weiss daher schon, dassder Architect bei Profilirungen und bei pflanzlichem Ornament zuden sekundären Grössen nur dann greifen soll, wenn er den höchstenGrad der Zierlichkeit erreichen will. Solche Fälle finden fast inder Regel statt bei Boule-Möbeln, bei Holz- und Elfenbein-Intarsien,bei tauschirten Decorationen etc., also besonders, wenn stark con-trastirende Farben bei der Verdeutlichung mithelfen.

Bei figürlichem Ornament werden wir freilich viel öfter diesekundären als die primären Figurenhöhen anwenden und zwarganz im Allgemeinen überall da, wo die anzuwendenden Figurendas umgebende pflanzliehe etc. Ornament resp. das ganze Kunst-object nicht gänzlich beherrschen, sondern sich unterordnend mitersterem in Harmonie zu setzen haben.

Die primären wie sekundären Figuren steigern sich bei derInnenarchitectur noch weiter in ihrer Grösse, wenn dieselben por-traitartig wirken sollen (conf. Cap. 29). Für die wirkliche Praxisstellt sich durch weitere Experimente heraus, dass diese allmäligeSteigerung nicht, wie das Cap. 29 andeutet, bis zum Dreifachen,sondern nur bis zum Doppelten der primären resp. sekundärenGrösse zu gehen braucht, um schon hinreichend „seelisch“ zu wirken,auch dass bei diesen Steigerungen selbst jede zwischenliegendeGrösse noch gut anwendbar ist. Der Eindruck gibt dann immermehr und mehr das seelische Leben des Menschenkopfes bis zurGrenze der zweifachen Höhe. Ueber letztere hinaus, besonders beider Steigerung bis zur dreifachen Höhe der primären Figuren wirddie entstandene Riesengrösse die ganze Umgebung gleichsam er-drücken, z. B. Bild der c. 12,0 m hohen Athene im c. 17,0 mhohen Innenraum des Parthenon, conf. Tabelle XV, 12, o.

Neben den oben behandelten Grössenverhältnissen gibt es anKunstwerken noch Figuren von einer tertiären Höhe. Wir sprechenvon Figuren III. Ranges und meinen darunter solche, bei derenHöhenwahl nicht die Dimensionen des Gesammtkunstwerkes, son-dern nur die specielle Höhenlage der tertiären Figur selbst amKunstwerke maassgebend ist. Am glücklichsten werden derartigeFiguren*) in die Nähe der Eingänge resp. Portale disponirt, undsind dann meistens nur diese Portal-Höhen allein für die Höheder tertiären Figuren maassgebend.

Sich in der Praxis schnell zu entscheiden, ob für eine be-stimmte Stelle eine Figur I. oder II. (oder III.) Ranges besserpasst, bringt selbst den Meister nicht selten in einige Verlegenheit.Der Verfasser fühlt sich daher dem Leser 'gegenüber verpflichtet,hier noch weiter auf diese Sache einzugehen.

Die oben empfohlene Sparsamkeit, Figuren I. Ranges beiKunstwerken anzuwenden, fällt vielfach fort bei hoch monumentalenGebäudefagaden. Wir werden hier a) die dominirenden Figuren

aussetzung bei derartigen Bestimmungen ist, dass das Bauwerk einer gutenPeriode angehört, also durch ein feinfühlendes Künstlerauge geformt ist.

*) Es ist nicht zufällig, dass derartige tertiäre Bildergruppen meistensdurch einen Bilderrahmen eingeschlossen auftreten, s. einengende Bedeu-tung des Bilderrahmens S. 20 u.

im Hauptgiebel (Parthenon); b) die dominirende Einzelfigur aufdem Hauptgesimse der Fagade; c) etwaige Hermen oder Kary-atiden, welche Balkon oder Aehnliches tragen; d) Köpfe, welchewir als Schlusssteine in die gequaderten Fensterbögen des Erdge-schosses einführen; e) auf der Fagade etwa angebrachte Masken;f) Gestalten, vor dem Haupt-Portale freistehend auf Piedestal gesetzt,immer als primäre Figuren zu behandeln haben. Schon bei diesenMonumentalfagadeu wird man jedoch anderseits alle Hermen undKaryatiden, welche speciell zu gewöhnlichen Thür- und Fenster-einfassungen*), auch zu verticalen Fensterstäben gehören, fernerüberhaupt fast alle Hermen etc., welche in den oberen Theilender Fagaden sitzen, weiter auch alle Figuren, welche in und aufNebengiebeln angebracht sind, endlich vor Allem die Figuren,welche nicht einzeln, sondern in Reihen das Hauptgesims derFagaden krönen (sog. „Dachfiguren“), als sekundäre Figuren auf-treten lassen. — Bei Privatgebäuden, d. h. bei weniger monu-mentalen Fagaden, fallen die Figuren I. Ranges fast überall fort.Primär bleibt hier nur das oben unter c, d und e bezeichnetefigürliche Ornament. — Figuren III. Ranges kommen an Fagadenausser an Portalen nur noch unter Fensterbrüstungen (schon imI. Stock mit zweifelhaftem Werthe) vor. — Abweichungen vonder Regel finden sich am meisten bei Anwendung von Puttenge-stalten, besonders wenn letztere ohne Verbindung mit erwachsenenGestalten vorgeführt werden, also ohne vergleichende Grösse da-stehen. Selbst grösste Meister haben hier zwar die allgemeinenPutten-Körperverhältnisse (dreijähr. Kind) beibehalten, jedoch relativdie normale Kinderhöhe bis c. Vs vermehrt**). — Wendet manbei Dachfiguren die richtige Puttenhöhe (II. Ranges) an, so kanneiner gewissen Kleinlichkeit der Gruppe vorgebeugt werden, indemman immer an jedem Punkte zwei Putten zu einer Gruppe um eineVase etc. vereinigt. — Treten Figuren auf öffentlichen Plätzen alsHauptinhalt von Baldachinen (gothischen Pyramiden) auf, so sindsie immer Figuren I. Ranges. — Ganz dasselbe Verhältnis solltebei öffentlichen Springbrunnen stattfinden, da die Figuren II. Rangeshier meist einen kleinlichen Eindruck machen. — Dagegen kannman die Grösse der Figuren I. Ranges bei freistehenden Bildsäulender Norm gegenüber um Etwas verringern, wenn sie nicht ganzselbständig auf Plätzen auftreten, sondern nur die Flügel einesverhältnismässig niedrigen Monumentalbaues oder einer anderngrossem Bildsäule bilden (Schinkel’s Wachgebäude zu Berlin, dieFeldherrn neben Rauch’s Blücher ebendaselbst), conf. Tabelle, Aum. 14.

Gehen wir bei letzten Betrachtungen noch kurz auf dieInnenarchitetur ein, so finden hier ganz analoge Verhältnisse statt.Z.B. an Möbeln sind diejenigen Karyatiden, welche man am unterstenTheile, gleichsam das Ganze tragend, an wendet, als primäre Figuren

*) Werden zu derartigen Karyatiden dennoch primäre Figuren ver-wendet, so treten dieselben sofort zur ganzen Fagade in ein durchaus do-minirendes Yerhältniss. Es ist daher dann nicht rathsam, mehr wie zweidergleichen Figuren an einer mittelgrossen Fagade anzubringen.

**) An einzelnen Stellen ist auch so verfahren worden, dass man,wenn Puttenreihen das Hauptgesims krönen sollen, hier sogar in der ReihePuttenhöhen I. Ranges anstellt. Bei den analogen, verhältnissmässig nie-drigen Panzern mit aufgestülptem Helm hat man oft dieselbe Auswahl derGrösse getroffen, z. B. Dachkrönungstrophäen des Zeughauses zu Berlin.