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Der Optische-Maassstab oder die Theorie und Praxis des ästhetischen Sehens in den bildenden Künsten : auf Grund der Lehre der physiologischen Optik für Architekten, Maler, Bildhauer, Musterzeichner, Modelleure, Stukkateure, Möbelfabrikanten, Landschaftsgärtner und Kunstfreunde ; mit 63 Holzschnitten und 4 lithographischen Tafeln
Entstehung
Seite
55-56
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55 Baumpflanzungen in Strassen. — Trigonometrische Berechnung der Deutlichkeit von Profilirungen. 56

in der Parade flach gehaltenen „Miethskasernen“, und kommt viel-leicht noch hinzu, dass eine solche Strasse nicht den ihrer Breiteentsprechenden Verkehr hat, so wird man immer finden, dass schonso breite Strassen ein äusserst langweiliges d. h. unschönes Bildbieten, (co'nf. die Behrenstrasse in Berlin in ihrer frühem ödenErscheinung und in ihrer jetzigen wohlthuendern mit reich aus-gebildeten kaufmännischen Palastfagaden.) Zur Correctur einerderartigen Langweile ist die Anpflanzung von Baumreihen in denStrassen oder die Anlage von Vorgärten vor den Häusern zuempfehlen. Jeder erfahrene Stadtbaumeister weiss, welche Wunderhei solchen Umwandlungen sofort erzielt werden können, zumal wennman es verstanden hat, bei derartigen Pflanzungen sich schon ältereBäume zu verschaffen. Er sollte es als eine interessante Lebensauf-gabe ansehen, verdorbene Stadttheile durch die Kunst der Land-schaftsgärtnerei etc. nach und nach zu corrigiren und zu verbessern.

Es ist vielleicht nicht überflüssig, unsere Fachgenossen dar-auf aufmerksam zu machen, dass man sich von dem ästhetischenEindruck einer Strasse, welche auf dem Stadtplane in ihrer Breiteeingezeichnet aber noch nicht ausgeführt ist, sehr leicht durchwenige Striche eine plastische Anschauung verschaffen kann, wennman sich nämlich das Querprofil der Strasse mit anliegendenFa^adendurchschnitten aufzeichnet und diesem Querschnitte eineperspectivische Zeichnung der Strassenlinie anfügt d. h. die Ge-simslinien, Trottoirlinien, Baumreihenlinien nach einem in derMitte der Zeichnung liegenden regelrechten Verschwindungspunkteverlaufen lässt. Bei derartigen skizzirten Zeichnungen von Quer-schnitten ist ein Maassstab von 1 : 200 schon vollständig hin-reichend, um eine richtige Anschauung selbst zu gewinnen undAndern zu geben.

Kapitel 16.

Man wird es dem Verfasser wohl nicht zum Vorwurf gemachthaben, dass er bei den vorstehenden, für die Praxis so wichtigenFragen etwas länger stehen geblieben ist. — Kehren wir jetztzu unserem Hauptthema zurück, so haben wir an die Kapitel an-zuknüpfen, in welchen über die Relation zwischen Klarheit derarchitectonischen Detailform und zwischen Weite der Augendistanzgesprochen ist.

Wir haben das Richtige unseres normalen, dem Augenauf-schlagswinkel von 27° entsprechenden Distanzpunktes dadurch nach-zuweisen gesucht, indem wir arithmetisch berechneten, dass beson-ders von diesem Standpunkte aus die überall als Muster geltendenBauwerke des Alterthums sich einerseits ihrer Gesammthöhe nachleicht und ungestört übersehen, andererseits in'ihren feinenProfilirungen mit normalem Auge gerade noch deut-lich erkennen lassen. Diesen letzten Fall bitten wir den Leserganz besonders zu beachten, da derselbe uns im weiteren undwichtigem Verlaufe des Buches vorherrschend beschäftigen wird.

Wir drehen nämlich die obige Behauptung von nun an umund sagen: Weiss der Architect erst ganz genau, dass es über-haupt eine normale Augendistanz für jede seinerSchöpfungen gibt, und dass er für diese Augendistanzin allererster Reihe seine Gebäude plastisch zu formenhat, so kann er sich mit Rücksicht darauf, dass unser Auge nachKap. 3 einem Winkelinstrumente vollständig entspricht, beim Pro-jectiren seiner kleinern Details deren Minimal-Höhe resp. Stärkeresp. Breite trigonometrisch berechnen.

Wenn wir in dieser Behauptung nach allen Richtungen Rechtbehalten werden, so wird der Architekt künftig das übliche aberumständliche Mittel, Gesimsmodelle etc. in natürlicher Grösse anzu-fertigen und an Ort und Stelle provisorisch aufzustellen, um nachihren direkten Eindrücken auf sein Auge besonders die kleinen Glie-der zu reguliren, dieselben also zu vergrössern oder zu verringern,fast ganz entbehren können. Er berechnet sich einfach die Stärke

dieser kleinen Glieder. Sind dann erst die kleinen Glieder bestimmt,und wir wissen andererseits, dass ihre Höhe zu der Höhe der nächst-folgenden grösseren Glieder in den Grenzen bestimmter Verhält-nisse steht, so sind auch letztere auf das Maass des Augenwinkelszurückgeführt. Es ist also ein System möglich, auf Grund derErfahrungen, welche die wissenschaftliche Optik bietet, künftig hinjede Profilirung d. h. die Klarheit und Deutlichkeit der-selben durch trigonometrische Berechnungen genaufestzustellen resp. im Voraus sicher zu prüfen. Von diesemGesichtspunkte aus betrachtet muss uns die Seite 43 gegebeneTabelle noch sehr viel wichtiger erscheinen. Wir erkennen in* ihren Resultaten Muster, wonach auch die moderne Architecturihre kleinsten Glieder der analogen Haupt- etc. Gesimse zu formenhat, um dieselbe Deutlichkeit und Klarheit, welche uns die antikenMusterbauten zeigen, zu erlangen. Der Leser wird sich, wie schonoben gesagt ist, nur mit Hinzuziehung correcter geometrischerZeichnungen in den Sinn der Tabellen vertiefen, damit er ihreneue Sprache nicht allein sprechen, sondern auch in der-selben denken lernt.

Zur Erleichterung dieses Studiums haben wir nebenstehenddie Tabelle des Kap. 12 in erweiterter Form mit Aufnahme einigerweiterer Gliederungen noch einmal dem Leser vorgeführt und die-selbe mit kritisch-ästhetischen Bemerkungen ergänzt.

Wir legen gerade dieser Tabelle eine grosse Bedeutung bei,weil wir der Ueberzeugung sind, dass es selbst für den erfahrenstenArchitekten eine grosse Erleichterung gewähren muss, wenn erbei Zeichnung von Gesimsen von vornherein ganz genau weiss,wie gross resp. wie klein er deren kleinste Stege und kleinsteRundstäbe zu formen hat. Beide, nicht in dunklem Gefühle son-dern in sicherem Maasse auf das Papier gebracht, werden demfeinfühlenden Profilzeichner es meistens schon möglich machen, dieübrigen grösseren Profilglieder in rechter Proportionalgrösse d. h.in proportionaler Deutlichkeit den obigen kleinen Gliedern anzu-