Druckschrift 
Deutschland und seine Kolonien im Jahre 1896 : amtlicher Bericht über die Erste Deutsche Kolonial-Ausstellung
Entstehung
Seite
136
Einzelbild herunterladen
 

und wieder zurückrollen. Es ist eine grosse Fertigkeitund Anstrengung der Ruderer nötig, um das schwereBrandungsboot senkrecht auf den Wellen zu halten, diezurückrollenden zu überwinden und dann mit einergeeigneten grossen Welle auf den Strand aufzulaufen.Hier springt die Mannschaft schnell aus dem Boot,um es an einem langen Tau festzuhalten und höherauf das Ufer zu ziehen, ehe die zurückströmenden Wogenes wieder mit sich nehmen. Der weisse Passagier aberspringt im Augenblick des Aufschiessens einem oderzwei Schwarzen auf die Schultern, oder die Leute selbstreissen ihn aus dem Boot und schleppen ihn durchdas zurückkommende Wasser auf den höheren, trockenenStrand, wo sie ihn wieder auf seine Fiisse stellen. Fastimmer kommt man dort freilich mehr oder wenigerdurchnässt an und muss noch froh sein, dass nichtsSchlimmeres passiert ist.

Auf die Dauer natürlich können diese ungünstigenVerhältnisse nicht bestehen bleiben, und so geht mandenn auch ernsthaft mit dem Plan um, in Lome einenPier in das Meer bis ausserhalb der Brandung zu bauen,wo die Leichterschiffe direkt anlegen können und somitalles Ein- und Ausladen in bequemer und sichererWeise vor sich gehen wird.

Wenn wir nun so — etwa in Klein-Popo — ge-landet worden sind und, den Sand mit den Knöchelnmessend, den höheren Strand und dort die Nieder-lassungen der Europäer oder die Wohnungen der Ein-geborenen erreicht haben, so erblicken wir unmittelbarhinter denselben einen Wasserlauf, der uns als Lagunebezeichnet wird. Diese Lagune, im allgemeinen mitder Küste parellel laufend, schneidet von dem eigent-lichen Festland einen mässig erhöhten Sandstreifen ab,der etwa mit einer Nehrung zu vergleichen wäre. DiesesVorland ist bei Klein-Popo nur einige hundert Schrittbreit, hat aber im übrigen Verlauf der Togoküste eineBreite von einem oder zwei Kilometern. Die Laguneselbst, welche besonders bei Klein-Popo mannigfachverzweigt ist, hat eine wechselnde Breite von einigenhundert Schritt oder Metern, oder sie ist auch schmäler;sie erweitert sich aber, etwa in der Mitte der Küste,zu dem ungefähr io km breiten und langen Togosee,um sich dann als trockenes Bett weiter bis zur Ost-grenze des Gebietes zu ziehen. Von hier aus wiederzeitweise Wasser führend, wächst sie zu der grossenKittalagune im englischen Gebiet aus. So bildet dieserWasserlauf von Klein-Popo nach Westen bis zum Togo-see, aber auch nach Osten in das französische Gebiethinein nach Ague und Gross-Popo und weiter nachDahomey eine sehr schöne Verkehrsstrasse. Währendauf dem Meere der Bootsverkehr von Platz zu Platzdie allergrössten Schwierigkeiten findet, bietet dieLagune die ruhigste und sicherste Wasserstrasse, diedenn auch von Eingeborenen und Europäern vielfachbenutzt wird. Die Ufer der Lagune sind mit Gras und

Schilf oder Gesträuch und Palmen bestanden. EineFahrt auf derselben, besonders zu den mit Papyrusbewachsenen toten Armen und Ausbuchtungen, bildeteine gute Jagdgelegenheit; denn hier ist das Wasserbelebt von weissen, grauen und gefleckten Reihern,von Enten, Möwen, Strandläufern, Königsfischern undvielen anderen Vögeln. An offeneren Uferstellen da-gegen kann man beinahe sicher sein, einige Kroko-dile sich sonnen zu sehen, die aber vorsichtig genugsind, bei Annäherung des Kanus oder Bootes sich indas Wasser zu stürzen. Die Lagune birgt viele Fische,Krabben und Krebse, deren Fang, oft durch Zäuneund Reusen betrieben, die Beschäftigung eines Teiles derBewohner der Lagunenufer ist.

Andererseits entsendet die Lagune, vor allem derstagnierende Teil derselben, besonders in der Trocken-zeit, wo der Wasserstand ein niedriger ist, und bei vor-herrschenden Landwinden, eine verpestete Luft, die fürdie gesundheitlichen Verhältnisse nur von schädlichstemEinfluss sein kann. Man wird deshalb bei Klein-Popoeinen toten Lagunenarm zuschütten; Lome dagegen,hinter welchem sich das trockene Lagunenbett hinzieht,gilt für unsere Küste sozusagen als Luftkurort.

Das Wasser der Lagune ist brackig, und die Ein-geborenen graben, um trinkbares Wasser zu erhalten,unfern des Ufers Gruben, in welche ein immerhin nurmässigen Ansprüchen genügendes Wasser durchsickert.Die bisherigen Versuche zur Anlage von Brunnen sindnoch erfolglos geblieben.

Jener Sandstreifen zwischen Meeresküste und La-gune trägt eine Anzahl von Dörfern, unter denen Klein-Popo, in der Landessprache Anehö genannt, und Lomedurch die Zahl ihrer Bewohner und der daselbst befind-lichen Europäerniederlassungen eine grössere Bedeutunghaben. Klein-Popo mag an 5000 Einwohner, mit denunmittelbar in seiner Nachbarschaft gelegenen Dörfernaber 9000—IOOOO Einwohner zählen. Seine Ausdehnungist allerdings durch die Lagune beschränkt; dagegennimmt Lome, das auch an 4000 Bewohner hat, einenkräftigen Aufschwung. Von den zur Zeit in der Kolonielebenden Europäern — etwa 90 — wohnt die grössereZahl in diesen beiden Orten; die meisten von diesenwiederum sind Kaufleute. Fast der gesamte Handel desTogogebietes hat sich auf diese Plätze zusammengezogen,und die zwischen ihnen an der Küste gelegenen OrteBagidä und Porto Seguro treten immer mehr zurück.Die Dampfer und Segelschiffe, von denen im Jahre 1896die stattliche Zahl von 267 die Togoreeden anliefund eine Ausfuhr im Gesamtwert von etwa drei MillionenMark, zumeist aus Palmöl, Palmkernen und Kautschukbestehend, bewältigte, besuchen oft nur Lome undKlein-Popo. In dem ersteren Ort befinden sich jetzt9 Faktoreien und 53 Verkaufsläden; überhaupt machtder Platz mit den regelmässig angelegten, sich zumeistrechtwinklig schneidenden, reinlichen Strassen einen

136