das ist auch Kolonialmacht, sei nun die Kolonie inBosnien oder Indien. Die Ausbreitung der eigenenKapital macht und der in Erwerbsunternehmungen zuverwandelnden Kulturkräfte, welche in Intelligenz undArbeitsfähigkeit sich zeigen, wurde die Parole der Gene-ration, welche auf den Schlachtfeldern herangereift war.Dieser Gedanke trat immer klarer hervor neben dembisweilen übertrieben betonten, aber durchaus richtigenGefühl, dass eine jede koloniale Ausbreitung nicht alleindurch die Erfordernisse des Handels und der Industriegeboten erscheine, sondern ein Gebot nationaler undkultureller Pflicht sei. Der Körper der Nation warjedenfalls so weit im Innern erstarkt, dass es einesneuen Mittels bedurfte, um nach aussen hin wirksamund thätig sein zu können. Die deutsche Flotte wurdedann geschaffen, und damit ging wieder ein Traum desdeutschen Volkes in Erfüllung.
Es war von nun an eine der ersten Sorgen derKaiserlichen Regierung, die Stellung der im Auslandelebenden Deutschen, welche nur zu oft hintangesetztwurden, zu befestigen und mit dem Rückhalt einer that-kräftigen Konsularvertretung zu versehen. Da Deutsch-land eigene Kolonien nicht besass, so blieb der mächtigemporblühende deutsche überseeische Handel auf dieunter fremder Oberhoheit stehenden Gebiete angewiesen.Man musste also dahin wirken, dass ihm die Märktegesichert blieben, dass er nicht von Ausschliessung be-droht oder durch einer solchen nahezu gleichkommendeUeberbürdung mit Abgaben und dergleichen beunruhigtund in seiner Existenz gefährdet wurde, und suchtedies durch Abschlüsse von Meistbegünstigungs-, Handels-und Schiffahrts-Verträgen zu erreichen. Die KaiserlicheRegierung hielt aber noch gegen Ende der siebzigerJahre die Erwerbung von Kolonien für überflüssig undstrebte nur auf eine strikte Durchführung unbedingterHandels- und Verkehrsfreiheit mit gleicher Behandlungder Angehörigen aller Nationen hin. Aber verschiedenekolonialpolitische Vorfälle, besonders die durch englischeUeberhebung erzeugte Auffassung in den Kreisen derdeutschen Kaufleute, dass Deutschland seinen Handelund seine überseeischen Interessen durch kräftigereMittel als durch Handelsverträge und durch ein Netzvon Flottenstationen allein schützen müsse, führten mehrund mehr zu einer Aenderung in der Haltung derKaiserlichen Regierung. Sie konnte nicht verkennen,dass sich der deutschen Nation eine tiefer und tiefergehende Bewegung bemächtigt hatte, und erweiterte ihrPrinzip allmählich dahin, überall da, wo deutsche Inter-essen in freien Gebieten vorwiegend vertreten waren,eine Garantie für die Unabhängigkeit und Neutralitätder betreffenden Gebiete anzustreben. In der Südseewar das Eingreifen der deutschen Macht am not-wendigsten, um die deutschen Unternehmungen zuschützen. Nachdem aber der Reichstag im Jahre 1880die sogenannte Samoavorlage, welche einer neu zu
errichtenden Seehandlungsgesellschaft durch Gewährungeiner Dividendengarantie die Uebernahme und Fort-führung der Geschäfte der an Stelle des Hauses Godeffroyeingetretenen Handels- und Plantagengesellschaft der Süd-see ermöglichen sollte, abgelehnt hatte, schien es, alsob der kaum beginnenden Kolonialpolitik ein schwererSchlag versetzt worden war. Aber das Gegenteil warder Fall. Die Reichstagsverhandlungen regten zu neuenUntersuchungen über die Frage an, ob Deutschland derKolonien bedürftig sei. Das Für und Wider wurde leb-haft erwogen, und hier ist es wohl angebracht, nachdemwir das erstere stets betont haben, auf die damaligenpolitischen Befürchtungen einzugehen, welche sich mög-licherweise an einen Kolonialbesitz knüpfen können.Man sagte, dass das Deutsche Reich durch Rücksichtenauf seine Kolonien in seiner Aktionsfreiheit in Europagehindert werde, dass es durch seine kolonialen Inter-essen mit anderen Staaten in Kollision geraten könne,deren Freundschaft ihm wertvoll sei, und endlich wurdedie Befürchtung ausgesprochen, dass im Falle einesKrieges die mit vielen Kosten erworbenen deutschenKolonien wieder verloren gehen würden, da es demMutterlande nicht möglich sei, sie gegen feindliche An-griffe zu verteidigen. Allerdings ist es richtig, dass überden Besitz, beziehungsweise den Verlust der Kolonienstets die zwischen Kolonialmächten in Europa geführtenKriege mit ihrem Ausgang entschieden haben. Aberhat sich etwa Frankreich trotz seines Interesses amGange der europäischen Politik von einer Verfolgungweit ausschauender Pläne abhalten lassen? Hat nichtEngland, trotzdem es angeblich mit Kolonien übersättigtist, seinen Kolonialbesitz beständig vermehrt? Daher fanddie Furcht mancher Kreise vor »Nasenstübern« keinenWiderhall im Herzen des deutschen Volkes, dessenStellung im Auslande dann wieder auf ein Niveau hinab-gedriickt worden wäre, welche dem zu Zeiten des selig ent-schlafenen Bundestages sehr ähnlich gewesen wäre. Diespäteren Generationen Deutsche werden es kaum be-greifen, dass manche Männer aus der Zeit des grossenKrieges mit einem gewissen Zagen und Zaudern ankoloniale Unternehmungen herangegangen sind, dennsie werden den weiten Blick und einen frischen Wage-mut in diesen Dingen besitzen. Sie haben die grosseSchule der überseeischen Thätigkeit durchgemacht undwerden dann sicherer weiter und weiter greifen undan der Vollendung des grösseren Deutschlands bauen.
Wenn in der Siidsee die Kolonialbestrebungen sichzuerst in schüchterner Weise hervorwagten und jahre-lange Verhandlungen der Besitzergreifung vorausgingen,so brachten die Vorgänge in Afrika die Dinge bald zucinerEntscheidung. Dieser alte Kontinent, dessen Plateausund Berge schon in der tropischen Sonne lagen, alsüber dem grösseren Teil Europas noch das Meer rauschte,dessen geringe Küstenentwicklung und in den Tropenfeindseliges Klima eine Annäherung erschwerten, dessen