1465
liche» Leben zu berühren, deren leidenschaftliches Wirkenin unserem höflichen und civilisirten Zeitalter selten ohneMaske vor unser Auge tritt — ich meine den Haß.
In den guten alten Tagen unserer Vorväter, als nocheinfache Sprache und derbe Hiebe in der Mode waren, derMan» sein Herz auf der Zunge trug und vier Fuß scharfenEisens an seiner Seite klirrten, spielte der Haß eine ehrlicheund offene Rolle auf dem Welttheater. Ja, wenn wir dieGeschichte lesen, so scheint er sich sogar breit gemacht zu habenauf der Bühne. Aber wo ist jetzt der Haß? — Wo könnenwir ihm ins Gesicht sehen? Ist er in diesem lächelnden,gutmüthigen Wesen, das dir im Vorbeigehen so herzlich dieHand drückt — oder in jener würdevollen, stattlichen Gestalt,die dich seinen „sehr ehrenwerthen Freund" nennt? Erkennstdu ihn in diesem sich verbeugenden, dankbaren, gehorsamenDiener, oder in jener sanftängigen Amaryllis? Frage nicht— gib dein Rathen auf; du wirst den Haß erst kennenlernen, wenn das Gift schon in deinem Becher ist oder derDolch in deiner Brust steckt. In alten Zeiten hat phan-tastischer Humor den „Todtentanz" gemalt; in unserem fei-nen Jahrhundert sollte uns irgend ein Satyriker „den Mas-kenball des Haffes" vorführen.
Die entgegengesetzte Leidenschaft verräth sich freilichdem Auge fast auf den ersten Blick; denn die Liebe ist selteneine Heuchlerin. Der Haß aber — wie entdecken wir diesenund schützen uns gegen ihn? Er lauert, wo du ihn amwenigsten vermulhest, wird durch Ursache» hervorgerufen,von denen du es am wenigsten erwarten würdest, und die