Druckschrift 
11 (1900) Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelsohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848)
Entstehung
Seite
479
Einzelbild herunterladen
 

Die Ränke.

479

Damaskus zu senden und an Ort und Stelle ein unparteiisches Zeugcu-verhör anznstellen. Ein Befehl ging nach Damaskus an Scheins Pascha,die Folterqualen gegen die Eingezogenen und überhaupt die Verfolgunggegen die Juden einzustellen. Um die Wuthausbrüche der Christenin Damaskus, denen der Kamm gewachsen war, zu zügeln, wurden800 Mann Truppen dahin gesendet. Schon war die Angelegenheitauf dem besten Wege, zu Gunsten der Wahrheit erledigt zu werden.Die vier als Oberrichter ernannten Consuln, welche sich nicht getrauten,einen so verwickelten Prozeß zu durchdringen, wendeten sich nach Wienund erbaten sich vier deutsche Richter, Kenner des Strafgesetzes, dieSache zu untersuchen. Aber ein Politisches Zwischenspiel störte deneingeleiteten Gang.

Zwischen dem allznklugen König Ludwig Philipp und dem listigenStaatsmann Thiers bestand ein geheimer Krieg, indem dieser, einJünger Talleyrands, nur ohne dessen Fernblick, mit dem Ministerporte-feuille spielte und daher mit seiner kleinen Gestalt und seiner großenPhrase ihm immer zwischen die Beine fuhr, jener aber ihn sich sovielals möglich vom Halse hielt. Gerade um diese Zeit (Mai) hatteThiers dem König einen Streich gespielt und ihn gezwungen, ihm denVorsitz im Ministerium eiuzuräumen. Die kleineFliege", wie manihn nannte, fing allsogleich zu summen und zu brummen an und that,als ob er den Rhein französisch machen und die orientalische Fragenach Frankreichs Absichten entscheiden könnte. Es war zwar eitelWind; aber um eine Majorität in der Kammer zu haben, mußte Thierssich mit der geistlichen Partei, die besonders in der Pairskammermächtig war, in gutes Einvernehmen setzen. Es durfte also auch nichteine strenge Untersuchung in Damaskus angestellt werden, damit nichtdie Gemeinheit Ratti-Meutons und der Mönche an den Tag käme.Ohnehin war es eine Schmach für Frankreich, daß sein Consul vonder Theilnahme am Obergerichte ausgeschlossen worden war. Dazukam noch, daß Thiers auf gespanntem Fuß mit der Finanzwelt, d. h.mit Rothschild, stand, und ihr einen Streich spielen wollte, um sie zurNachgiebigkeit zu zwingen. Was lag ihm daran, daß noch mehr Judengefoltert, verstümmelt oder hingerichtct wurden, oder daß gegen dieMillionen Inden des Erdkreises der Verdacht, einer Moloch-Religionanzugehören, bestärkt wurde? Er wollte seine kleinen Zwecke durch-setzen. Der französische Generalconsul Cochelet in Alexandrien erhieltvon Thiers die Weisung, Mehmet Ali zurückzuhalten uud die Unthatcnin Damaskus nicht ans Licht ziehen zu lassen. Der egyptische Pascha,von Thiers' Schwindeleien bethört, gehorchte und nahm das den vierConsuln gegebene Wort zurück. So spann sich das Drama, das be-