Vorwort.
Der jüdische Stamm hatte trotz seiner staatlosen Existenz undatomistischen Zerstreuung eine organische Geschlossenheit und Einheitbehauptet und in den drei Jahrhunderten von Saadia, dem erstenmittelalterlichen Religionsphilosophen, bis auf Maimnni, dengroßen Gedankenwecker, eine Höhe geistiger Freiheit sowie wissen-schaftlicher und poetischer Fruchtbarkeit erklommen, die vergessenmacht, daß diese Erscheinung im Mittelalter auftrat. Auf diesereiche geistige Erntezeit folgt ein eiskalter, schauriger Winter. Innereund äußere Vorgänge bieten einander die Hand, die jüdische Geschichteihrer bisherigen Großartigkeit zu entkleiden und ihrem Träger,dem jüdischen Volke, eine abschreckende Knechtsgestalt aufzudrücken.Es sank von der himmelanstrebendcn Höhe in das tiefste Elend.
Vermag ein Sohn der Gegenwart sich eine volle Vorstellungvon den Leiden dieses Volkes zu machen, die es von der Zeit anerduldete, als das Papstthum und seine irregeleitete Heerde vonFürsten und Völkern ihm den Schandfleck anhefteten, damit jedergrinsende Mund es anspeien, und jede Faust sich gegen es zumSchlage ballen sollte, bis zur Vertreibung der Juden aus derpyrenäischen Halbinsel und noch darüber hinaus, bis das Morgen-roth der Völkerfreiheit auch ihm anfging? Nehmet allen Jammerzusammen, den weltliche und geistliche Despotie mit ihren Henkers-knechten Einzelnen und Nationen zngefügt haben; messet, wenn ihr'skönnt, die Thränenströme, welche Menschen je über verkümmerteExistenz, über zertretenes Glück, über fehlgeschlagene Hoffnung ver-gossen haben; vergegenwärtigt euch die Martern, welche eine über-reizte Phantasie in den tausend und aber tausend Heiligenlegenden