Druckschrift 
4 (1893) Geschichte der Juden vom Untergang des jüdischen Staates bis zum Abschluß des Talmud
Entstehung
Seite
291
Einzelbild herunterladen
 

R. Hnna.

29l

welche alle Schichten der jüdisch-babylonischen Bevölkerung durchdraug,und das Zeugniß ablegte, daß das Jndenthnm nicht erstorben war,sondern Jngendkraft genug besaß, neue Blüthen zu treiben, wurde vonden Nachfolgern Rab's und Samuel's auf das Kräftigste gefördert.Die hervorragendsten derselben waren: R. Huna, welcher, als Vor-steher der snranischen Akademie, zugleich als religiöses Oberhaupt inund außerhalb Babyloniens anerkannt war; ferner R. Inda b. Jeches-keel, der ein neues Lehrhans in Pnmbadita gründete und auch indem Halachastudium eine neue Methode einführte; R. Nachman b.Jakob, welcher nach der Zerstörung Nahardea's (259) sein Lehrbausnach Schekan-Zib am Tigris verlegte, endlich R. Chasda, R. Scheschetund Rabba bar Abbahu. Fast alle diese Amoräer hatten eine eigeneRichtung und brachten in den engen Lehrkreis der babylonischen Hoch-schulen Mannigfaltigkeit und Abwechslung.

R. Hnna (geboren um 212, starb 297) aus Dio Kart*), Nach-folger Rab's in Sura, war die Autorität dieses Zeitalters, dem sich,wie bereits erzählt, die judäischen Amoräer freiwillig unterordneten.Seine Lebensgeschichte giebt zugleich ein vollendetes Charakterbild derZeit, wie der »»ermüdete Eifer für die Lehre Hand in Hand mitweltlicher Beschäftigung, mit Ackerbau und anderen Erwerbsthätigkeitenging. R. Hnna war, obwohl mit dem Exilsfürsten verwandt^), dochvon Hanse aus nicht reich. Er bestellte seinen kleinen Acker selbstund schämte sich der Arbeit nicht. Verlangten ihn Parteien zumRichter, so Pflegte er ihnen zu bemerken: „Stellt mir einen Mannzur Feldarbeit, so will ich euer Richter sein."^). Oft kehrte er vom

Felde mit dem Spaten auf der Schulter heim. So erblickte ihn einst

der reichste Mann in Babylonien, Chama b. Anila'i, der auchzugleich der wohlthätigste und freigebigste war. Dieser Chama hat inder Ausübung der jüdischen Tugend, Vater der Armen zu sein, das

Ideal erreicht. In seinem Hanse ist Tag und Nacht für Arme ge-

backen worden, an jeder Seite desselben waren Thüren angebracht,durch welche die Dürftigen eintreten konnten, und wer hungrig in seinHaus kam, verließ es satt. Ging Chama aus, so hielt er seine Hand stetsim Geldbeutel, damit er einen verschämten Armen auch nicht so langein der peinlichen Lage zu lassen brauche, bis er die Münze ausgesucht.Zur Zeit der Hungersnoth ließ er bei Nacht Weizen und Gerste fürdiejenigen hinlegen, welche das Ehrgefühl verhinderte, sich unter dieBettler zu mischen. War eine außerordentliche Steuer nöthig, so war

*) laauib 21. b., 23. b. 2 ) Scherira's Sendschreiben.

2) Lsbubot 105. a.

19 *