Druckschrift 
6 (1853) Der Spion : eine amerikanische Erzählung aus dem Jahre 1780
Entstehung
Seite
402
Einzelbild herunterladen
 

402

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Habt Ihr für Claudio keine Gegenordre?

Und muß er also morgen sterben?

Maaß für Maaß.

Der Gefangene brachte, nach Anhörung seines Todesurtheils,noch einige Stunden im Schooße seiner Familie zu. Herr Whar-tvn beweinte das unglückliche Geschick seines Sohnes in hoff-nungsloser Verzweiflung, und die ans ihrer Ohnmacht erwachteFranziska fühlte eine Seclcnqual, gegen welche die Bitterkeit desTodes ein leichter Schmerz gewesen wäre. Miß Peyton alleinbewahrte noch einen Hoffnungsstrahl oder doch so viel Geistes-gegenwart, nm angeben zu können, welche Schritte untersolchenUmständenwohldie geeignetsten sein möchten. Die verhältniß-miißige Besonnenheit der guten Tante entsprang übrigens keines-wegs ans einem Mangel an Thcilnahme für das Schicksal ihresNeffen, sondern gründete sich auf ein gewisses unbewußtes Ver-trauen zu Washingtons Charakter. Er war mit ihr in der glei-chen Kolonie geboren, und obschon ihr näherer Verkehr nur kurzgedauert hatte, da er frühzeitig in Kriegsdienste trat, und siehäufig unter der Familie ihrer Schwester weilte, in der sie spä-ter für die Dauer verblieb und die Stelle der Mutter ersetzte, sokannte sie doch seine häuslichen Tugenden, und wußte wohl, daßdie starre Unbengsamkeit, welche seine öffentliche» Handlungenbezeichnete, seinem Privatcharakter fremd war. Er galt in Vir-ginien für einen beharrlichen, aber gerechten und milden Herrn,und sie fühlte einen gewissen Stolz, wenn ihre Gedanken denLandsmann mit dem Führer der Armeeni, der grvßentheils Ame-rikas Geschick in seinen Händen hielt, in Verbindung brachten.Sie wußte, daß Heinrich das Verbrechen, wegen dessen er zumTod verurtheilt wurde, nicht begangen hatte, und konnte daherin der Einfalt ihrer edeln Seele nichts von den Anwendungenund Auslegungen eines Gesetzes begreifen, welches Strafe ver-