ganzen Tag über vorgespiegelt hatte, aufgeregt mar, begann er znfühlen, daß es nocb andere Bande gebe, als die, welche den Kriegeran die starren Gesetze der Ehre fesseln. Er wankte zwar nicht inseiner Pflicht, aber doch fühlte er, wie mächtig die Versuchung war.Die feurigen Pulse des Kampfes hatten nachgelassen; der ernsteAusdruck seines Auges wich allmählig einem sanftere» Blicke, unddie Betrachtungen über de» errungenen Sieg hatten nichts Er-freuliches für ihn, wenn er dachte, mit welchen Opfern er erkauftworden war. Als er den letzten zögernden Blick auf die Locnstenwarf, dachte er nur daran, daß dieses Gebäude Alles, was er ammeisten liebte, einschließe. Der Freund seiner Jugend war gefan-gen und in einer Lage, welche für dessen Ehre und Leben fürch-ten ließ. Der edle Gefährte seiner Mühen, der unter der rohenLust des Krieges sich die gefällige.Milde des Friedens bewahrte,lag als das blutige Opfer seines Sieges darnieder. Das Bild desMädchens endlich, welches an diesem Tage nur eine beschränkteHerrschaft in seiner Brust geübt hatte, tauchte wieder in seinervollen Lieblichkeit vor ihm ans, und bannte den Nebenbuhler Ruhmans seiner Seele.
Der letzte Nachzügler des Corps war bereits hinter den nörd-lichen Bergen verschwunden, als der Major mit Widerstreben seinPferd nach derselben Richtung wendete. Franziska, von rastloserUnruhe getrieben, wagte sich nun furchtsam in den Sänlcngangdes Landhauses. Der Tag war mild und heiter, und die Sonnestrahlte majestätisch an dem wolkenlosen Himmel. Das Getümmel,welches erst kürzlich das Thal dnrchwühlt hatte, war einer Todten-stille gewichen, und die Natur erschien so herrlich, als ob sic niedurch die Leidenschaften der Menschen getrübt worden wäre. Nureine einzige Wolke — der Pnlverdampf, welcher sich gesammelt hatte,hing über der Ebene, und auch dieser zerstreute sich allmählig, undließ keine Spur des Kampfes mehr über den friedlichen Gräbern seinerOpfer. Alle die widerstreitenden Gefühle, alle die stürmischen Ereig-