Druckschrift 
1 (1855)
Entstehung
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141
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aber in diesem Buch las und dichtete sic siebenzig Jahre. Jetzt that siecs zwar nicht mehr, verlangte auch nicht mehr, daß man ihr vorlese;aber ganze Prophctenstellen sagte sie oft laut her, und in ihrem Wesenwar Art und Weise jenes Buches ausgeprägt, so daß selbst zuletzt ihregewöhnliche Redeweise etwas Fremdes und gleichsam Morgcnländischeszeigte. Dem Knaben erzählte sie die heiligen Geschichten. Da saß er nunoft an Sonntagnachmittazcn gekauert an dem Holunderstrauch undwenn die Wunder, und die Helden kamen, und die fürchterlichen Schlach-ten, und die Gottesgerichte und wenn sich dann die Großmutter indie Begeisterung geredet, und der alte Geist die Ohnmacht seines Körpersüberwunden hatte und wenn sie nun ansing, zurückgesunken i» dieTage ihrer Jugend, mit dem welken Munde zärtlich und schwärmerischzünden, mit einem Wesen, das er nicht sah, und in Worten, die er nichtverstand, aber tiefergriffe» instinktmäßig nachfühlte, und wenn sie um sichalle Helden der Erzählung versammelte, und ihre eigenen Verstorbenen cin-mischte, und nun alles durcheinander reden ließ : da grauete er sich inner-lich entsetzlich ab, und um so mehr, wenn er sie gar nicht mehr verstand allein er schloß alle Thore seiner Seele weit auf, und ließ den fan-tastischen Zug cingehen, und nahm des andern Tags das ganze Getüm-mel mit auf die Haide, wo er alles wieder nachspielte.

Dieser Großmutter nun wollte er sein Vorhaben deuten, damit sieihn nicht eines Tages zufällig vermisse, und sich innerlich kränke, als seier gestorben.

Und so an einem frühen Morgen stand er neben den Elternreisefertig vor der Thür, sein dürftig Linnenkleid an, den breiten Hut aufdem Haupte, den Wachholdcrstab in der Hand, umgehängt den Haidesack,in welchem zwei Hemden waren und Käse und Brot. Eingenäht in dieBrusttasche hatte er das wenige Geld, welches das Haus vermochte.

Die Großmutter, immer die erste wach, kniete bereits nach ihrerSitte inmitten der Wiese an ihrem Holzschcmcl, den sic dahin getragen,und betete. Der Knabe warf einen Blick auf den Haidcrand, welcherschwarz den lichten Himmel schnitt dann trat er zu der Großmutterund sagte:Liebe Mutter, ich gehe jetzt, lebet wohl und betet für mich !"

Kind, Du mußt der Schafe achten, der Thau ist zu früh, und zukühl!"

Nicht auf die Haide geheich, Großmutter, sondern weit fort in