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Fragment eines Drief-Conzepts
von Kestner an Goethe nach Empfang des Werther.
(Aus Hannover, vom Ende Sept. oder Anfang Oct. 1774.)
Euer Werther würde mir großes Vergnügen machenkönnen, da er mich an manche interessante Scene undBegebenheit erinnern könnte. So aber, wie er da ist,hat er mich, in gewissem Betracht, schlecht erbauet. Ihrwißt, ich rede gern wie es mir ist.
Ihr habt zwar in jede Person etwas Fremdes ge-webt, oder mehrere in eine geschmolzen. Das ließ ichschon gelten. Aber wenn Ihr bey dem Verweben undZusammenschmelzen euer Herz ein wenig mit rathenlassen; so würden die würcklichen Personen, von denenihr Züge entlehnet, nicht dabeh so prostituirt seyn. Ihrwolltet nach der Natur zeichnen, um Wahrheit in dasGemälde zu bringen; und doch habt Ihr so viel wider-sprechendes zusammengesetzt, daß Ihr gerade Euren Zweckverfehlt habt. Der Herr Autor wird sich hiergegen em-pören, aber ich halte mich an die Würklichkeit und an