87
„Wenn das der Fall ist," bemerkte Warden, „dann thunChristenmenschen besser, sich mit der Waffe des Gebetes zu schützen,als durch die leere Form eines kabbalistischen Zaubers."
„Das Zeichen unserer Erlösung," versetzte der Subprior,„kann nicht so genannt werden; das Zeichen des Kreuzes entwaff-net alle bösen Geister."
„Freilich," antwortete Warden, „aber es sollte im Herzengetragen werden, nicht mit den Fingern in die Luft gezeichnet.Die unempfindliche Luft, durch welche Deine Hand fährt, behältgerade so den Eindruck Deiner Handlung, wie die äußere Hand-lung dem Abergläubigen hilft, welcher leere Körperbewegungen,nichtige Kniebewegungen und Bekreuzungen an die Stelle derlebendigen, aus dem Herzen kommenden Pflichterfüllungen desGlaubens und guter Werke setzt."
„Ich bedaure Dich," sagte der Subprior, eben so streitfertig,wie sein Gegner, — „ich bedauere Dich, Heinrich, und antworteDir nicht. Du vermagst ebensowohl den Ocean in ein Sieb zufassen, als die Macht heiliger Worte, Zeichen und Handlungen zuermessen mit dem irrthümlichen Maßstabe Deiner Vernunft."
„Nicht mit meiner Vernunft messe ich sie," versetzte Warden,„sondern nach Seinem heiligen Wort, nach der unverlöschlichenund untrüglichen Leuchte auf unseren Wegen, im Vergleich mitwelcher Menschenvernunft nur eine flackernde Kerze und Euregepriesene Ueberlieferung nur ein Irrwisch ist. Zeige mir DeinenBeweis aus der Schrift, daß Du solchen nichtigen Zeichen undBewegungen eine Kraft zuschreiben darfst."
„Ich habe Dir," entgegnere der Subprior, „einen ehrlichenKampf angeboten und Du hast ihn ausgeschlagen. Jetzt mag ichden Streit nicht wieder aufnehmen."
„Wären dieß meine letzten Worte," sprach der Reformator,„und wären sie am Pfahl ausgesprochen, im erstickenden Rauch und
W
Ä
ML