143
Wäldern eine Menge freundlicher Dörfer, deren Bauart an Ita-liens Nachbarschaft mahnt. Es ist ein wnnderliebliches Landschafts-gcbilde, von den Firnen und Gletschern des Bernina, Maloya,Septimcr, Julier, Albnla, Scaletta, wie von einem Un-geheuern Silberrahmen umfaßt. Der Inn fließt leise und durch-sichtig, wie Luft durch die Thalebene. Im saftigen Grün derWiesen heben sich fremde Blumen mit brennenden Farben hervor,Farben, wie sie nur der reine Himmel der Hochalpcn oder derTropcnländcr geben kann. Die Blumen des Klee's gleichen inFülle und Pracht halb aufgeschlossenen Rosen. Die Ccdern desGebirgs reichen hinauf bis zum Saum des ewigen Schnees.
Die Bevölkerung ist dabei bildungsreicher, als man von ihrerAbgeschiedenheit in einem Hochthale erwarten sollte, wo ein acht-monatlicher Winter die drei übrigen, schönern Jahreszeiten in denengen Raum von 20 Wochen zusammendrängt; oder von einerSprache erwarten sollte, die sonst in der Welt nirgends, als indiesem Thale gehört wird. Es ist die lateinische, ähnlich der,welche LiviuS, als das Latein im Munde des Volks, bezeichnethat. Denn hier isi's, wo die Enkel der italienischen Flüchtlingewohnen, die, sei es vor Hanibals Schaaren, aus Latium undUmbrien hergeflvhcn waren. Hier hatten sie sich wieder ein neuesArdea, (Ardcz), ein neues Lavininm (Lavin), Tntium (Zutz),Scamptia, (Seanifs), Ccrnctium (Zernetz), Voetancum(Fettau) u. s. w. erbaut.
Wenige Stunden unterhalb der Jnnqnellen liegt am Fuße desAlbula das Dörflein Madnlcin, von etwa 100 Seele» bewohnt.Eine hölzerne Brücke führt hier über den Bcrgflrom in die baum-lose Thalebenc. Links, neben den Hütten, blickt von den, Fels-Hügel zwischen Gebüschen der viercckte Thurm und das verfalleneGemäuer der alten Burg Gardoval düster über das Thal hin-weg. Ein Bischof, Volkhart von Chur, hatte das Schloß schon