Druckschrift 
4 (1862) Der kleinen Schriften erster Theil
Entstehung
Seite
290
Einzelbild herunterladen
 

290

auf ihre Hand nicdersah, bemerkte er einen Siegelring an ihremFinger, der einen lebhaften Eindruck auf ihn machte; er erkannte- auf ihm ein Wappen, das ihn nngemein intcressirte. Die Damesagte ihm, es sei der Siegelring ihres Bruders.,— „Und seinFamilienname heißt?" fragte der Bürgermeister lebhaft. —„Piautaz," erwiederte die Fremde, „unser Vater war einSapoyardc und hatte einen Kram in Montpellier."

Da wurde der Bürgermeister. sehr unruhig, er lief nach.seinem Pult, er holte mehrere Papiere hervor, er las, er fragtesie um das Alter ihres Bruders, und da sie zu ihm sagte:„Heute würde er 46 Jahre alt sein, wenn er noch lebte," sagteer mit freudigem Ungestüm: „Recht, ganz recht, heute ist er soalt, denn er lebt noch. Amelie, ich bin dein Bruder! Ich binvon der Amme deiner Mutter gegen das Söhnlciu des. Mecha-nikus Maggi ausgewechselt worden; dein Bruder hat dick) nichtgeliebt: es war Maggi's Sohn, der deines Bruders Namentrug und eines so unglücklichen Todes starb. Wohl mir, daßich dich fand!"

Die gute Dame konnte sich in diese Rede gar nicht finden;aber der Bürgermeister überzeugte sie durch ein über diesenAustausch von der Amme auf ihrem Todesbett aufgenommenesProtokoll, und sie sank ihrem neugefundenen Bruder in die Arme.

Sie soll nachher dem Bürgermeister drei Jahre die Haus-haltung geführt haben, und als er gestorben, in das Klosterzu St. Clara in Colmar gegangen sein, und demselben ihrganzes Vermögen vermacht haben.