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Dieses Talent der völligen Hingabe, diese unendliche Empfäng-lichkeit des Geistes, gibt uns den Schlüssel zur Erklärung einerder größten Eigenschaften, die wir in Raffael bewundern: seineVielseitigkeit, seine Universalität. Müßte man nicht fürch-ten, mißverstanden zu werden, so würde man an Garrik erinnern,der seinem Gesichte jeden Ausdruck zu geben und in jeder Muskelseines beweglichen Körpers die Leidenschaft darznstcllen verstand,bei dem nichts gelernt, nichts geübt, nichts nachgeahmt zu seinschien, er mochte „als Lear beben oder als Richard mit der Hölleim Blicke vom Titanenlager auffahren". Mit der Macht einesvorgezogenen Geistes verstand es Raffael, sich in alle Zustände derSeele, in die leise erregten wie in die stürmisch aufgeregten zu ver-senken, sie in ihrer Reinheit zu ergreifen und darzustellen, jedeschwankende Erscheinung im Geiste und in der Natur zu erfassenund unter dem Gesetze der Schönheit als Bild darzustellen. Ver-möge dieser Gabe der Universalität vermochte Raffael Alles dar-zustellen, aber nicht Alles, was er konnte, wollte er: die Kunstgeht durch alle Gebiete — aber nur im ästhetischen hat sie ihrenSitz, und nur hier kann sie Werke, bleibende Werke bilden. Raffaelwollte nur das Schöne darstellen, deßwegeu wird er mit Rechtder Maler des Schönen genannt.
Diese wunderbare Gabe Naffael's tritt um so glänzender her-vor, wenn man sie im Widerschein ihres Gegensatzes betrachtet.
Bringt man die Bilder einzelner auch großer Maler im Geistezusammen, so wird man sogleich verwandte Ankläuge vernehmen,das eine Bild erinnert an das andere, das eine könnte das andereersetzen; wie in den Werken bekannter, gefeierter Schriftsteller,werden nur die Decorationen gewechselt, und der eine Gedanke,nur anders costumirt, tritt immer von Neuen: auf der Bühne auf!Von diesen Malern und Künstlern gilt es, was Raffael von sichsagt: ich halte mich an ein gewisses Bild im Geiste, welches inmeine Seele kommt, nur in ganz andern: Sinne; es ist das EineBild, der Eine Typus, der immer von Neuem erscheint. WeiseKünstler, die sich ihrer Kraft, aber auch der Schranken derselben