551
Standpunkten, um von einer Sache vollkommen gleiche An-sichten zu haben. Christus Jesus sprach seine Lehre meistensrein aus. Doch hüllte er sie oft in bildliche Vorstellungen,in mancherlei Gleichnisse ein, um übersinnliche Begriffe einemsinnlichdenkenden Volke begreiflicher und eindrucksamer zu machen.So pflegen auch heutzutage Lehrer, Erzieher und Aeltern manchenützliche Wahrheiten für ihre, des Denkens weniger fähige Kin-der in Beispiele, Geschichten, Fabeln und Gleichnisse einzukleiden.
Wenn nun in spätern Zeiten fromme Bibelleser die Redens-arten Jesu falsch verstanden; wenn sie, statt dasjenige zu achten,worauf Christus mit diesem oder jenem Bilde oder Gleichnissehindeutete, vielmehr auf das Bild selbst sahen und es für dieWahrheit hielten, da es doch bloß die Einkleidung der Wahrheitsein sollte: so mußte schon daher Abweichung und verschiedeneMeinung entstehen.
Die Jünger Jesu verstanden ihren Meister und seine Lehrartwohl. Auch sie verfuhren nachmals bei der Verkündigung deSEvangeliums auf ähnliche Weise, und richteten sich nach den Vor-kenntniffen und Vvrurtheilen der Völker, zu denen sie kamen.Sie predigten zwar Allen nur einen und denselben Gott, einenund denselben Heiland, aber nicht Allen auf die gleiche Weise.Sie bemühten sich Allen allerlei zu werden, auf daß sie vieleSeelen gewännen. Wenn Paulus und andere Apostel zu denJuden so gesprochen hätten wie sie zu den Heiden zu sprechengenöthigt waren; wenn sie den Juden Beweise für die Wahr-heit des Evangeliums aus den Grundsätzen heidnischer Welt-weisen und Dichter gegeben hätten, würden sie wohl Eingangbei den Anhängern des mosaischen Gesetzes gefunden haben?Oder würden sie wohl hinwieder von den Heiden verstandenworden sein, wenn sie denselben Beispiele aus jüdischen Ge-bräuchen gebracht, Christum mit dem Osterlamm verglichen, ihnden Hohenpriester, ihn den von jüdischen Propheten verheißenenMessias, ihn den Sohn Davids genannt, ihn dem Aaron undMelchisedeck gegenübergestellt hätten? Von dem allem wußtendie Heiden nichts.