Druckschrift 
7 (1837) Der Christ und die Ewigkeit
Entstehung
Seite
517
Einzelbild herunterladen
 

517

Als es einmal bei den Großen der Erde und an ihren Höfenzur Staatsklugheit gehörte, sich nicht in die Zänkereien derGottesgelehrten einzumischen, die Religion nur als eine Staats-dienerin zu betrachten, welche man von Zeit zu Zeit mit Vor-theil zur Leitung des Volkes benutzen könne: fanden sich, durchsolches verderbliche Beispiel gereizt, bald eitle Nachahmer genug,zumal in den höhern Ständen des Volks. Man hielt es auseitler Nachäfferei für groß, für aufgeklärt und anständiger, sichaus der Religion überhaupt wenig zu machen. Man hielt es fürklug, sich zwar zu einer gewissen, nun einmal herrschendenKirche zu bekennen, weil es zur Uebung gehörte; weil man demVolke keinen Anstoß geben wollte; weil die Kirche als eineöffentliche und gesetzliche Einrichtung, als ein Bestandtheil derStaatsverfassung angesehen ward; aber vom Werth der Religionan sich selbst hatte man die geringschätzigste Meinung! Manwar sehr gleichgültig gegen daS, was von innerer Heiligungund Erfüllung christlicher Pflichten gegen Gott und Menschheitgelehrt ward, und dachte vornehm: Die Geistlichen sind vonAmtswegen verbunden, so zu predigen und zu moralisiern; da-für empfangen sie vom Staat ihn Besoldungen; dafür habensie den Genuß von den Kirchengütern, welche ihnen dsr Staatzusichert. Sie müssen so sprechen, auch wenn sie selber wederso glauben, noch so handeln mögen, wie sie lehren.

Eine Folge dieser verächtlichen Lauheit gegen alles Kirch-liche und Religiöse, da man nur gar nicht der Mühe werth hielt,in Untersuchungen einzutreten, war, daß man den ehemaligenEifer der Christen mit stolzem Gefühl des Bess-rwissens belächelte,oder wohl gar schalt, ihn für eitle Wirkung der priesterlichenVerführung und Herrschsucht hielt. Und nicht aus Ueberzeu-gung, nicht aus Menschenliebe, nicht aus Ehrfurcht für dasRecht zur Denkfoeiheit und Gewissensfreiheit, sondern aus voll-kommener Gleichgültigkeit gegen die Religion überhaupt, undmit Staatsklugheit, gefiel man sich, in vielen Gedanken Tole-ranz oder Duldung gegen alle Glaubensbekenntnisse und Kirchen-parteien zu äußern und einzuführen. Die That war löblich,aber ihre Quelle unsauber. Inzwischen bildeten sich diejenigen