136
da die Feinde sich um die prächtige Hauptstadt Hinlagern, ihreWagenburg schlagen, sie ängstigen und belagern würden; wiedann weder die verzweiflungsvolle Tapferkeit, noch die dreifachenRingmauern mit den neunzig Thürmen, noch die StärkenderBurgen Sion und Antonia, noch die Heiligkeit des berühmtenTempels retten könnten. Er sah diese Mauern, diese Burgen,diese prachtvollen Wohnungen und den Tempel selbst in Schuttund Asche versunken. Und heute noch jauchzte das Volk um ihnher. Es jauchzte mit blinder Freude dem schrecklichen Untergängeentgegen. Das erfüllte den Menschenfreund mit Wehmuth, seinAuge mit Thränen. Wenig um sich selbst bekümmert, wenig umdas Hosiannageschrei der lärmenden, freudetrunkenen Haufen,wenig um das schwarze Schicksal bekümmert, welches ihn inwenigen Tagen treffen sollte, war er nur mit dem Weh undWohl anderer Menschen beschäftigt.
Dieser schöne Zug in der Denkart Jesu, welchen wir sooft im Laufe seines Lebens wahrzunehmen Gelegenheit haben,zeigt, welche fast überirdische Hoheit in ihm lag. Wo ist der,welcher ihm je darin gleich kam, und schwermüthig über denWahnsinn und die Verderbtheit einer Nation trauerte, die ihnmit Frohlocken zum Thron emporzuheben bereit gewesen wäre?Wo ist der, welcher seinen eigenen nahen Tod mit Gewißheitvorhersah, und denselben über alles Unglück vergaß, das Andernbevorstand?
Aber gerade dieser hohe Sinn ist der ächte Christussinn,den wir uns zu eigen machen sollen, und wer dessen nicht fähigist, sondern sein eigenes, eitles Selbst und seine kleinen Vortheileoder Nachtheile bei allen Vorfällen zuerst ins Auge faßt, der istnoch nicht in Jesu. Des wahren Christen Wandel ist im Himmel,wie Christi Wandel war ; das heißt : in der höchsten sich selbstvergessenden Liebe der Menschheit, in der Harmlosigkeit um allesIrdische, nur in dem göttlichen Gedanken an das Gute! —Ich weiß es wohl, so tief ist das heutige Menschengeschlecht imSchlamm der Selbstsucht versunken, daß fast Keiner den Anderneiner solchen überirdischen Größe und Uneigennütz gkeit fähig hall.Aber glaubet: was Einer gern von Andern denkt, das