grössten Feind beobachtest und bestreitest. Das zerstreut dichweniger, als wenn du ängstlich die ganze christliche Lehre immer-dar vor Augen haben, und jeden deiner Gedanken, jedes deinerWorte furchtsam prüfen wolltest. Dies ist eine Uebertreibuna,welche das Maas menschlicher Kräfte übersteigt.
Tritt harmlos hinein in das gewöhnliche Leben, gehe um mirden Menschen, wie sie sind, ohne dich mit beständigen Ueber-kegungen zu quälen — aber deinen innern Hauptfeind, deineLieblingsleidenschaft, laß nie aus den Augen; sie muß vernichtetwerden, wenigstens durchaus dir und Andern unschädlich gemachtsein. Du hast gewiß, neben deinen hervorstechenden Fehlern,manche vortreffliche Eigenschaft, die dich vielen Menschen liebmacht. Glückt es dir nun, deine größte Untugend abzulegen:so hast du dich mit neuen Vorzügen geschmückt, welche dichden Menschen ehrwürdiger, und dich dir selbst achtungswerthermachen.
Die Beobachtung eines solchen einfachen Entschlusses kannDem Christen, auch mitten im Gewühl der Welt, nie zu schwerwerden. Er nahm sich nichts Unmögliches vor, denn er siehttausend Menschen, welche den gleichen Fehler abgethan habenund verabscheuen, der ihn noch entstellt. Und was Andern mög-lich war, sollte es dir nicht gelingen?
Indem Manche eine plötzliche allgemeine Sinnesänderungin sich vornehmen, und aus dem Stande ihrer Unwürdigkeitjählings in den Stand der reinsten Heiligkeit übergehen wollten,wurden sie selbst das Opfer ihres übertriebenen Entschlusses, undverfielen nicht selten in andere entgegengesetzte Fehler. So wardmancher leichtsinnige Verschwender zum Geizhals, mancher Wol-lüstling zum argwöhnisch verdammenden Tad.'er jeder unschul-vigen Freude. Allein eine solche Bekehrung ist keine Besserung,denn ein solcher Entschluß ist keine Chriftenweisheit gewesen.
Bekämpfe erst deine vorzüglichste Schwäche in dir, und dazuspare, im Leben mit der gewöhnlichen Welt, deine vorzüglichsteBesonnenheit auf. Willst du mehr leisten, so ist zu fürchten,du werdest deinen Anstrengungen unterliegen, oder durch dieseUebertreibung in entgegengesetzte Fehler stürzen, oder in einen