MN Buch voller erhabenen Schilderungen und kühner Bilder,Seren Sinn aber für uns dunkel geworden, also daß es schwer,ja fast unmöglich wird, ihren Inhalt zu deuten. Es ist dies,wiewohl vergeblich, zu allen Zeiten und von den größten Gottes-gelchrten versucht worden. Doch keiner hat den geheimen Sinnaufgeschlossen, und wer es that, fand sich zuletzt durch seineeigene Einbildungskraft getäuscht, und gab Jrrthümer statt derWahrheiten.
Wenn ich nun dies alles überdenke, wenn ich erwäge, daßdie Bücher der heiligen Schrift nicht allesammt in einer undderselben Zeit, sondern in einem Umfang von mehrern Jahr-tausenden nach und nach aufgesetzt worden sind, wo sich dieSprachen, Gebräuche, Sitten, Vorstellungsarten und Ort-schaften sehr verändert hatten; wenn ich bedenke, daß dieseSchriften von vielerlei frommen Männern verfaßt worden sind,deren jeder dabei seine besonder» Zwecke hatte, und der eine fürganz andere Menschen sprach und schrieb, als der andere; wennjch in Betrachtung ziehe, daß, seitdem das letzte dieser Büchergeschrieben wurde, nun schon weit über anderthalbtausend JahreVergangen sind, wo sich die Völker und ihre Wohnsitze, ihreSprachen, ihre Ordnungen, ihre Kenntnisse, ihre Gebräucheganz verändert haben, so wird die Frage für mich um so wich-tiger, wenn ich die heilige Schrift zur Hand nehme: Verstehstdu auch, was du liesest?
Schon dasjenige, was Jemand vor wenigen Jahrhunder-ten in unserer eigenen Sprache geschrieben, ist in der heutigenZeit, wo unterdessen Vieles anders geworden, nicht mehr voll-kommen hell. Schon ein Brief, der in unfern Tagen geschrie-ben worden, wird mir unverständlich sein, wenn ich nicht weiß,wer ihn gemacht, und an wen er ihn geschrieben; wenn ichdarin Anspielungen oder Benennungen finde von Dingen undBegebenheiten, die mir nicht bekannt genug sind. Wie darf ichhoffen, die heilige Schrift ganz hell und klar in ihrem vollenSinn zu begreifen, die in so entfernten und verschiedenen Zeitenunter Völkern und Personen verfaßt wurde, die nicht mehr vor-handen sind?