Druckschrift 
2 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
Entstehung
Seite
333
Einzelbild herunterladen
 

sein im Urtheile. Dann handle und rede deiner Ueberzeugunggemäß ; wirke zum Guten hin. Sei stark und männlich.

Bei vielen Andern entsteht die Karakterlosigkeit nicht sowohlaus Schwäche des Verstandes, oder aus Uneinigkeit mitsich selber im Unheil über das, was wahr, recht und nützlichist, als vielmehr aus Schlechtigkeit und Schwäche desGemüths. Sie erkennen die bessern Grundsätze an, aber ihrEigennutz, ihre Eitelkeit macht sie treulos an denselben. Weitentfernt, mit ihren Grundsätzen unerschütterlich den wandel-baren Umständen entgegenzustehen, lassen sie ihre Denkart durchdie Umstände beherrschen. Indem sie nicht das allgemeine Wohl,sondern ihren kleinen, augenblicklichen Vortheil in Gedankenhaben, verkaufen sie sich mit falscher Klugheit dem Meistbieten-den, lassen sich von den Ereignissen beherrschen, und werdet!gegen ihre innersten Überzeugungen, aus bloßer Feigheit, dieSklaven derer, die Muth haben, ihnen zu gebieten. Daher istin ihrem ganzen Verhalten keine Gleichförmigkeit, weil Um-stände nie lange die gleichen sind. Sie tragen jeden Tag eineandere Farbe, weil sie jeden Tag eines Andern Knecht werden.Sie sind verächtliche Heuchler heute; morgen prahlende, frecheVerhöhner dessen, was wahr und gut ist; übermorgen sieht mansie kriechend das Vorige bereuen, um es, wenn es dazu Anlaßgibt, wieder zu begehen mit gleicher Schamlosigkeit.

Diefe Gattung Menschen ist in unfern Tagen nur allzuzahlreich,weil Vielen, versunken in gemeiner Selbstsucht, die Klugheitmehr gilt, als die Ehrlichkeit gegen sich selbst. Sie rechnen essich zum Verdienst, daß sie, immer in vorangegangenen undnachfolgenden Aeußerungen und Handlungen voller Widerspruch,Andern zum unergründlichen Räthsel werden. Es schmeicheltihnen, daß Niemand ihre wahre Denkart erforschen kann. O derFeigen, sie haben keine Denkart mehr, sondern nur eine selbst-süchtige Begier, die, wie Judas Jscharioth, das Ehrwürdigsteunterm Himmel im gleichen Augenblicke küßt und vcrräth.

Ich erkenne die beiden Hauptquellen des Wankelmuths.Aus welcher fließt nun mein eigener? Habe ich die Festigkeitdes Gemüths, welche ich von jedem achtungswürdigen Menschen