Druckschrift 
2 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
Entstehung
Seite
303
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Um ein Christ zu sein, ist wenig Sorgens, wenig Nach-denkens vonnöthen. Der Tugendhafte übt freudig seinePflicht, freudig seine gute Handlung, und vergißt sie wieder.Nicht so der Lasterhafte, der Fehlende. Er denkt noch lange anseine unerlaubten Thaten zurück. Ach, er darf sie nie vergessen,um sie nicht selbst einst durch Vergeßlichkeit zu verrathen. Ermuß durch sein ganzes Leben hin immer rückwärts gekehrtenBlicks gehen, immer der Betrachter seiner eigenen Schandebleiben, deren Andenken ihm wie ein ekelhafter Schatten nach-geht. Er muß bei Allem, was er sagt, bei Allem, was erhört, seiner Fehltritte eingedenk sein, damit er sie wieder be-mänteln könne, damit ihn die Rache der Welt nicht zu frühtreffe, damit er sich nicht in seinen eigenen Fallstricken vergarneund stürze.

Um ein Christ zu sein, bedarf es keiner großen Kunst, mitMenschen umzugehen. Er tritt mit leichtem Herzen vor dasAngesicht seiner Obern, mit Harmlosigkeit in den Kreis seinerFreunde, mit Leutseligkeit zu seinen Untergebenen. Sich seinerTreue gegen Alle bewußt, hat er von Keinem einen Vorwurf zufurchten. Er bewies ihnen nur Gehorsam, Freundschaft, Hilfe;er kann nur erwarten, daß Liebe mit Liebe crwiedert wird.Nicht so der Fehlende. Er muß darauf denken, wie er sich gegenJeden besonders betragen will. Ihm ist keine Bewegung undRede anderer Leute unbedeutend. Er beobachtet mißtrauisch dieAugen und Mienen der Menschen. Er will wissen, ob sie ihndurchschauen. Er will auf seiner Hut sein, um nicht durchschautzu werden. Er will edler scheinen, als er ist, und studirt seineBewegungen und Worte. Er muß hintergehen, und fürchtetdaher, hintergangen zu werden. Ihm fehlt die liebenswürdigeKlarheit und Offenheit des Unschuldigen, die Unbefangenheitdes Tugendhaften, undwenn es gilt der Much desChristen.

Es ist nicht schwer, ein Christ zu sein; denn nichts hindertihn, es zu sein, vielmehr Alles ermuntert zur Wahl und Uebungneuer Tugenden. Denn Gottes Hand hat Alles so in der Schöpfunggeordnet, daß wir besser werden, daß wir endlich das Höhere,