Druckschrift 
2 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
Entstehung
Seite
256
Einzelbild herunterladen
 

2-56

Betragen, der tiefe Schmerz um unsere, Gott zugefügten Lieb-losigkeiten, wartet nicht erst auf die Ankunft eines Bußtagesoder einer heiligen Nachtmahlsstunde.

Der Verdruß eines Kindes mit sich selber wegen Ungehorsamgegen Aeltern wartet nicht erst bis zum Neujahrstage, wo es imAllgemeinen seine Fehler bereut und Besserung angelobt. Fehlenund Kummer darüber sind die Kinder des gleichen unglücklichenAugenblicks. Alles Uebrige ist keine Reue, sondern Heuchelei,Zeremonienwerk und Prunk. Vor den allwissenden Gott bringenwir diese vergebens. Und doch wie tief gesunken ist die Mensch-heit unserer Tage! doch gehen Tausende und Tausende znKirche, Beichtstuhl und Altar, gehen Tausende und Tausendezur Anbetung des Allerhöchsten, empfinden keine Unzufriedenheitmit sich, keine Reue über ihre unrechtmäßigen Handlungen, son-dern plappern Gebete und Reue, allgemeine Sündenbekenntnisseher, und hoffen damit gegen die ewige Gerechtigkeit genug gethanund Vergebung der Sünden hinlänglich verdient zu haben!Irret euch aber nicht, Gott läßt seiner nicht spotten. EureSünden bleiben euch behalten und gebunden, wofern ihr nichtächte Reue fühlet und wahre Buße thut.

Noch entsetzlicher ist die Rohheit solcher Sünder, welchenach einer Beichte, nach einem Abendmahl glauben, nun vonaller Schuld befreit zu sein, und, in Hoffnung fernerweitigerVergebung, ihr Leben mit Stolz, Haß, Betrug, Wollust, Geizund allen Vergehungen fortsetzen, wie sie es vorher getriebenhatten. O ihr Wahnsinnigen, ihr Verblendeten! Meinetihr den allerheiligsten Gott, den gerechten Richter der Todtenund Lebendigen, zum Helfershelfer eurer Verderbtheit, zumSchutzgeist eurer Lüste, eurer Bosheiten, eures Eigennutzes zumachen? Eure Reue ist sündlich, wie euer ganzes Leben.Sie schließt euch keinen Himmel aus, keinen Weg zur Gnadeund Verzeihung, Gott will nicht euer wohlgcstelltes Wort:er fordert Wahrheit, Geist und That. Er will nicht die äußernBezeugungen von Buße, sondern eure Seele voller Reue.

Die wahre tiefe Reue quillt aus der unangenehmen Wahr-nehmung des Unterschiedes, welcher zwischen unfern Handlungen