Vertrauen auf einen Glauben ohne Werke, ist zugleich von jeher-die Hauptquelle gegenseitigen Religionshasses geworden. Indernman allen Werth auf das Glauben und nicht auf das Thunsetzte, verfolgten sich die verschiedenen Religionsparteien mitnamenloser Grausamkeit. Sie sahen nur auf die Meinung, nichtauf das Herz; nur auf den Glauben, nicht auf die Redlichkeitdes Gemüthes. Mochte ihr Nächster noch so schuldlos, Menschen-freundlich, wohlthätig sein im Leben und im Wandel: sie ver--folgten ihn als einen todeswürdigen Verbrecher, weil er einesandern kirchlichen Glaubens als sie war. Zur Ehre GotteSmordeten sie ihre Brüder; zur Ehre Gottes zündeten sie devUnschuld Scheiterhaufen an; zur Ehre Gottes verfluchten, ver-lästerten, verfolgten sie den Andersdenkenden; zur Ehre Gotteswaren sie heimtückisch, arglistig, räuberisch, gewaltthätig.—Ach! die Elenden, sie wähnten mit ihrem Eifer einen Himmelzu erobern, während ihre Laster und Unthaten die göttlicheSchöpfung auf Erden besudelten; sie wähnten Gott zu gefallen,dessen Kinder sie ermordeten oder ins Elend stürzten; sie wähntensich zu heiligen, indem sie in das Amt des Welteurichters griffen,und Barmherzigkeit und Liebe Andern versagten, die sie selbstvor Gott suchten!
Diese fürchterlichen Ausbrüche der Glaubenswuth sind freilichin unfern Tagen seltener geworden, oder vielmehr durch weiseund christlich gesinnte Obrigkeiten, Dank sei der Vorsehung!gänzlich verschwunden. Dahingegen erweckt und unterhält dasfalsche Christenthum, welches den todten Glauben über Alleserhebt, und desto weniger auf Tugenden, in Christi Sinn geübt,siebet, einen gefährlichen Hang zur Schwärmerei, zum fruchtlosenSpiel mit Empfindungen, zu überspannten Andächteleien.
Wir sollen aber leben, als könnten wir nur durch unsereThaten gerecht, nur durch unsere Tugend Erben des Himmelswerden ; und sterben, als könnte uns nur durch Jesu Verdienstund Gottes Barmherzigkeit das ewige Heil zufallen. In beiden,ist keine Täuschung; beides ist heilige Wahrheit. Denn dur<chden Glauben allein und ohne Werke werden wir vor Gott nicht?