Druckschrift 
1 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
Entstehung
Seite
421
Einzelbild herunterladen
 

421

öffentliche Achtung ihnen im Wege steht; oft ist es nur alteRangsucht von Familien, deren jede den Vorzug besitzen möchte;oft ist es Eigennutz einiger Bürger, welche weniger zum öffentlichenWohl beitragen und die gemeinen Lasten auf Andere wälzenmöchten, wodurch die Einigkeit des Gemeinwesens verloren geht.Wer kann die tausend finstern Quellen alle zählen, aus welchendas Verderben der Gemeinheiten und der Völker unmerklichhervorbricht! Beobachte, was die Hauptursachen bürgerlicherUneinigkeit, gegenseitigen Mißtrauens und Kaltsinns sind indeiner Gemeinde; diesen wehre mit Wort und That, mit War-nung und Beispiel.

Ein anderes Hinderniß der Eintracht, und vielleicht dasgemeinste in unfern Zeiten, ist der Eigensinn derer, welche denehemaligen Zustand der Dinge zurückfordern, in welchem sie sichvormals befanden. Ohne vollkommene Wiederherstellung derinnern Ordnungen der Völker, ganz wie sie vor Zeitengewesen, ist eine Wiedergeburt der einzelnen Rechtsame un-gcdenkbar. Die innern Ordnungen jedes Staates müssen sichnach den äußern Verhältnissen desselben zu seinen Umgebungenrichten; denn sie sind die eigentliche Art, wie ein Staat seinegesammtcn Kräfte gegen die übrigen richtet. Nun aberhat die Gewalt der Zeiten alle Uebungen verändert; nichts istdasselbe geblieben; folglich können, ohne Verderben des Staats,auch seine innern Einrichtungen nicht mehr die alten sein. Siemüssen sich auf die gegenwärtigen Bedürfnisse beziehen, undihnen begegnen. Seine innern Kräfte selbst, zum Theil geschwächtdurch den langen Kampf, sind nicht mehr die alten. Es habenneue Hilfsmittel aufgeboten werden müssen, den Abgang andererzu ersetzen.

Wie der Mensch von seiner Kindheit, von der ersten Minuteseines Athmens an, in einer unaufhörlichen Veränderung undEntwickelung seiner Kräfte ist; wie das Kind dem Säugling,der Jüngling dem Kinde, der Mann dem Jüngling, der Greisdem Manne ungleich wird: so auch ist sich jedes Volk in ver-schiedenen Zeitaltern ungleich. Kein Jahr läßt den schwersten,härtesten Felsen ganz unverändert.