erinnert; immer reifer wird, und selbst seiner Träume währenddes Schlafes gedenkt; endlich mit gleicher Kühnheit die Zukunftberechnet, und die Vergangenheit ganzer Jahrtausende durchfliegt,die Stimme der Propheten der Vorwelt, das Wort Moses aufSinai, die Psalmen Davids, die Lehre Jesu hört.
Darf ich mich in wundersame Ahnungen einwiegen? Ist diesLeben auf Erden ein Abbild im Kleinen vom unendlichen Sein?Wie, wenn ich schon mehrmals gelebt hätte? Wie, wenn jedeseinzelne Leben eine schlummerlose Kinderstunde meines Geistesgewesen wäre, und jede Verwandlung seiner Hülle, seiner Ver-hältnisse, oder was man Tod nennt, ein Entschlummern zumErwachen mit neuen Kräften ? Ich weiß zwar nichts von dem,was ich schon gelebt haben könnte, ehe mich Gott in dieses jetzigeDasein rief; aber weiß denn der Säugling mehr, als ich, vonseinen früher« Stunden? — Hat er darum viel verloren, daßer sich seines ersten Lächelns und seiner ersten Thränen nichtmehr erinnert? Wenn er einst älter wird, wird er sich zw/rrauch nicht darauf besinnen, doch aber wissen, was er in seinenersten Jahren gewesen, daß er gelächelt, geweint, daß er gespielt,gewacht, geschlummert, geträumt habe, wie Andere. Ist dieshicnieden möglich : kann es nicht bei höherer Reife meines un-sterblichen Geistes einst möglich werden, daß er seine Laufbahnund seine frühcrn Zustände in verschiedenen Verhältnissen undWelten überschaut?-— Und auf welcher Altersstufe stände ichdenn jetzt schon? — Noch gleiche ich dem Säugling, der in einerStunde die Begebenheit der vorigen vergessen hat; der noch nichtden Traum behält, der ihn, losgcsondert durch den Schlaf vomäußern Leben, scheidet vom vorhergegangenen Wachen. Aberich gleiche schon dem Säugling, der demungeachtet schon seineAeltern erkennen lernt. Er vergißt Luft und Schmerzen desverschwundenen Augenblicks, aber das geliebte Angesicht seinerAeltern kennt er bei jedem Erwachen immer wieder. — Sokenne ich auch meinen Vater, meinen Gott im ewigen All. Ichwürde auch nach ihm hingeblickt, ihn gerufen haben, hätte mirgleich Niemand von ihm gesagt. Denn die Erinnerung an denhimmlischen Vater ist dem Menschen, sagt man, angeboren.