Augen dies Augesicht der Ewigkeit verschleierte, als es uns leichtwäre, diesen Schleier nur um ein Geringes zu lüpfen.
Je weniger wir dasjenige bestimmt kennen,was uns nach diesem Leben erwartet, je reiner,je uneigennütziger kann auf Erden unsere Tugendsein.
Was ist denn christliche Tugend? Was ist denn die Heilig«keit, welche Jesus von uns fordert? — Sie ist ihm nichts An-deres, als Selbstbeseligung, Selbstveredelung. Sie soll keinenandern Zweck haben, als sich selbst; sie soll kein Mitte!werden, diesen oder jenen Vorthei! zu erbeuten; sie soll nichteine bloße Klugheitsmaßregel sein.
Was ist aber die Tugend, mit welcher ich Almosen an Armeaustheile, um dafür Ehre bei den Leuten einzuärnten? —Feindschaften vermeide, um ruhig leben zu können? — Bei-stand leiste, damit man mir wieder beistehe? — gemeinnützigeHandlungen verrichte, um zu Ansehen zu gelangen? — ehrlichhandle, um Zutrauen zu gewinnen? — leutselig bin, um ge-lobt zu werden? — dcmülhig bin, um gepriesen zu sein? —Freundschaft denen beweise, die mir wieder Freundschaft be-weisen können? — Ist dies Tugend im Sinne Jesu?— Nein,es ist nur Klugheit! Es ist nur Berechnung, wie man durchkleine Opfer einen größern Vortheil erobert. Denn so ihr liebet,die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Und so ihr nurzu euern Brüdern freundlich thut, was thut ihr Sonderliches?fragt Christus. (Matth. 6, 46. 47.)— Nein, vollkommensollt ihr sein, gleichwie euer Vater im Himmel ist; das heißt,ohne Eigennutz, ohne eure Tugend zu einem bloßen Klugheits-mittel zu erniedrigen; ohne einen höhern Lohn für eure Voll-kommenheir zu erwarten, als der in dieser Vollkommenheit selbstschon liegt.
Wer die Tugend nicht um ihrer selbst willen lieben kann, oder hat die Tugend noch nie erkannt! Ein Kind, welches nurdarum, nur dann gehorsam ist, wenn man ihm dafür etwasGutes verspricht, ist kein weises, kein frommes, wohl aber einkluges, ein eigennütziges Kind.