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„Betrachten Sie diese Gasse, sprach er seufzend, „und rühmen Sie miralsdann das Mittelalter! Tic Menschen sind todt, die hier gelebt und geweinthaben, und können nicht widersprechen, wenn unsere verrückten Poeten undnoch verrücktem Historiker, wenn Narcn und Schälke von der alten Herrlich-keit ihre Entzückungen drucken lassen; aber wo die tobten Menschen schweigen,da sprechen desto lauter die lebendigen Steine."
In der That, die Häuser jener Straße sahen mich an, als wollten sie mirbetriebsame Geschichten erzählen, Geschichten, die man wohl weiß, aber nichtwissen will, oder lieber vergäße, als daß man sie ins Gcdächtniß zurückriefe.So erinnere ich mich noch eines gicbclhohcn Hauses, dessen Kohlcnschwärze umso greller hervorstach, da unter den Fenstern eine Reihe kreideweißer Talglich-tcr hingen z der Eingang, zur Hälfte mit rostigen Eiscnstangcn vergittert,führte in eine dunkle Höhle, wo die Feuchtigkeit von den Wänden hcrabzuric-seln schien, und ans dem Innern tönte ein höchst sonderbarer, näselnder Ge-sang. Die gebrochene Stimme schien die eines alten Mannes, und die Me-lodie wiegte sich in den sanftesten Klagclautcn, die allmählig bis zum entsetz-lichsten Zorne anschwollen. Was ist das für ein Lied? frng ich meinen Be-gleiter. „Es ist ein gutes Lied," antwortete dieser mit einem mürrischenLachen, „ein lyrisches Meisterstück, das im diesjährigen Musenalmanachschwerlich seines Gleichen findet..." Sic kennen es vielleicht in der deutschenUcbcrsctznng: wir saßen an den Flüssen Babels, unsere Harfen hingen an denTrauerweiden u. s. w. Ein Prachtgcdicht l und der alte Rabbi Chayim singtes sehr gut mit seiner zitt'rigen, abgcmcrgcltcn Stimme; die Sonntag sängecS vielleicht mit größerem Wohllaut, aber nicht mit so viel Ausdruck, mit soviel Gefühl . . . Denn der alte Mann haßt noch immer die Babylonicr undweint noch täglich über den Untergang Jerusalems durch Ncbukatnczar . . .Dieses Unglück kann er gar nicht vergessen, obgleich so viel Neues seitdem pas-sirt ist, und noch jüngst der zweite Tempel durch Titus, den Bösewicht, zer-stört worden. Ich mnß Ihnen ncmlich bemerken, der alte Rabbi Chayim be-trachtet den Titus keineswegs als ein ckolioinm gvnorig üumnni, er hält ihnfür einen Bösewicht, den auch die Rache Gottes erreicht hat ... Es ist ihmncmlich eine kleine Mücke in die Nase geflogen, die, allmählig wachsend, mitihren Klauen i» seinem Gehirn herumwühlte und ihm so grenzenlose Schmer-zen verursachte, daß er nur dann einige Erholung empfand, wenn in seinerNähe einige hundert Schmiede auf ihre Ambosc loshämmcrtcn. Das ist sehrmerkwürdig, daß alle Feinde der Kinder Israel ein so schlechtes Ende nehmen.Wie es dem Ncbukatnezar gegangen ist, wissen Sie, er ist in seinen alten Ta-gen ein Ochs geworden und hat Gras essen müssen. Sehen Sic den persi-schen Staatsministcr Haman, ward er nicht am Ende gehenkt zn Susa, in derHauptstadt? Und Nntiochus, der König von Syrien, ist er nicht bei leben-Heine. VI. 40