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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
152
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zeugt, wenn wir längst ruhig in unseren Gräbern vermodert sind, kämpft manin Deutschland mit Wort und Schwert für die Republik. Denn die Republikist eine Idee, und noch nie haben die Deutschen eine Idee aufgegeben, ohne siebis in allen ihren Consegncnzcu durchgefochten zu haben. Wir Deutschen,die wir in unserer Knnstzeit die kleinste ästhetische Streitfrage, z. B. über dasSonett, gründlichst ausgestritten, wir sollten jetzt, wo unsere politische Periodebeginnt, jene wichtigere Frage unerörtert lassen?

Zu solcher Polemik haben uns die Franzosen noch ganz besondere Waffengeliefert; denn wir haben beide, Franzosen und Deutsche, in der jüngsten Zeitviel von einander gelernt; jene haben viel deutsche Philosophie und Poesie an-genommen, wir dagegen die politischen Erfahrungen und den praktischen Sinnder Franzosen; beide Völker gleichen jenen homerischen Heroen, die auf demSchlachtfcldc Waffen und Rüstungen wechseln als Zeichen der Freundschaft.Daher überhaupt diese große Veränderung, die jetzt mit den deutschen Schrift-stellern vorgeht. In früheren Zeiten waren sie entweder Fakultätsgelehrteoder Poeten, sie kümmerten sich wenig um das Volk, für dieses schrieb keinervon beiden, und in dem philosophischen poetischen Deutschland blieb das Volkvon der plumpsten Denkweise besangen, und wenn es etwa einmal mit seinenObrigkeiten haderte, so war nur die Rede von rohen Thatsächlichkcitcn, mate-riellen Nöthen, Steuerlast, Mauth, Wildschaden, Thorsperre u. s. w.;während im praktischen Frankreich das Volk, welches von den Schriftstellernerzogen und geleitet wurde, viel mehr um ideelle Interessen, um philosophischeGrundsätze, stritt. Im Freiheitskriege (luous n non luoencko) benutzten dieRegierungen eine Koppel Fakultätsgclehrte und Poeten, um für ihre Kronin-tcresscn auf das Volk zu wirken, und dieses zeigte viel Empfänglichkeit, las denMerkur von Joseph Görrcs, sang die Lieder von E. M. Arndt, schmückte sichmit dem Laube seiner vaterländischen Eichen, bewaffnete sich, stellte sich begei-stert in Reih und Glied, ließ sichSie" tiinliren, landstnrmte und focht undbesiegte den Napoleon;denn gegen die Dummheit kämpfen die Götter selbstvergebens. Jetzt wollen die deutschen Regierungen jene Koppel wieder benutzen.Aber diese hat unterdessen immer im dunklen Loch angekettet gelegen und istsehr räudig geworden, in Übeln Geruch gekommen, und hat nichts neues gelernt,und bellt noch immer in der alten Weise; das Volk hingegen hat unterdessenganz andere Töne gehört, hohe, herrliche Töne von bürgerlicher Gleichheit, vonMenschenrechten, unveräußerlichen Menschenrechte», und mit lächelndemMitleiden, wo nicht gar mit Verachtung, schaut es hinab auf die bekanntenKläffer, die mittelalterlichen Rüden, die getreuen Pudel, und die frommenMöpse von 1314.

Nun freilich die Töne von 1832 mochte ich nicht sammt und sonders ver-treten. Ich habe mich schon oben geäußert in Betreff der befremdlichsten dieser