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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
340
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Geschick, und dieses Studium übte auch aus seine Originalarbeiten den gün-stigsten Einfluß. Bei dem feinhörigen und scharfäugigen Kunstsinn, denman dem Grasen de Vigny zuerkennen muß, darf man annehmen, daß er denGeist Shakespcare's tiefer behorcht und beobachtet habe, als die meisten seinerLandslcute. Aber das Talent dieses Mannes, wie auch seine Denk- undGesühlart, ist auf das Zierliche und Miniaturmäßigc gerichtet, und seineWerke sind besonders kostbar durch ihre ausgearbeitete Feinheit. Ich kannmir's daher wohl denken, daß er manchmal wie verblüfft stehen blieb vor jenenungeheuren Schönheiten, die Shakespeare gleichsam aus den gewaltigsten Gra-nitblöcken der Poesie ausgehaucn hat... Er betrachtete sie gewiß mit ängst-licher Bewunderung, gleich einem Goldschmied, der in Florenz jene kolossalenPforten des Laxtistsrü anstarrt, die, einem einzigen Metallguß entsprungen,dennoch zierlich und lieblich, wie cisclirt, ja wie die feinste Bijouterie-Arbeitaussehen»

Wird es den Franzosen schon schwer genug, die Tragödien Shakespearc'Szu verstehen, so ist ihnen das Vcrständniß seiner Comödicn fast ganz versagt.Die Poesie der Leidenschaft ist ihnen zugänglicht auch die Wahrheit der Cha-rakteristik können sie bis auf einen gewissen Grad begreifen: denn ihre Herzenhaben brennen gelernt, das Passionirte ist so recht ihr Fach, und mit ihremanalitischcn Verstände wissen sie jeden gegebenen Charakter in seine feinstenBcstandtheile zu zerlegen, und die Phasen zu berechnen, worin er jedesmalgerathen wird, wenn er mit bestimmten Wcltrcalitäten zusammenstößt. Aberim Zaubergarten der Shakespcare'schcn Comödie ist ihnen all dieses Ersah-rungswissen von wenig Hülfe. Schon an der Pforte bleibt ihnen der Ver-stand stehen, und ihr Herz weiß kein Bescheid, und es fehlt ihnen die gchcim-nißvolle Wüuschelruthe, deren bloße Berührung das Schloß sprengt. Daschauen sie mit verwunderten Augen durch das goldene Gitter, und sehen wieRitter und Edelsrauen, Schäfer und Schäferinnen, Narren und Weise, unterden hohen Bäumen cinhcrwandeln; wie der Liebende und seine Geliebte imkühlen Schatten lagern und zärtliche Reden tauschen; wie dann und wannein Fabelthicr, etwa ein Hirsch mit silbernem Geweih, vorllbcrjagt, oder garein keusches Einhorn aus dem Busche springt und der schönen Jungfrau seinHaupt in den Schooß legt . . . Und sie sehen, wie aus den Bächen die Was-serfraucn, mit grünem Haar und glänzenden Schleiern, hcrvortauchcn, undwie plötzlich der Mond aufgeht. . . Und sie hören dann wie die Nachtigallschlägt. . . Und sie schütteln ihre klugen Köpflcin über all das unbegreiflichnärrische Zeug! Ja, die Sonne können die Franzosen allenfalls begreifen,aber nicht den Mond, und am allerwenigsten das selige Schluchzen und me-lancholisch entzückte Trillern der Nachtigallen . . .

Ja, weder ihre empirische Bekanntschaft mit den menschlichen Passionen,