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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
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colonie, und da ich nicht blos Raupach'sche Verse, sondern auch die Sprachealler übrigen Thierc verstehe, so erlauschte ich ganz untvillkührlich die Ge-spräche jener Mäuse. Sie sprachen über Gegenstände, die ein denkendes Ge-schöpf am meisten intcrcssiren müssen; über die letzte» Gründe aller Erschei-nungen, über das Wesen der Dinge an und für sich, über Schicksal undFreiheit des Wittens, über die große Raupach'sche Tragödie, die sich kurzvorher mit allen möglichen Schrecknissen vor ihren eignen Augen entfaltet,entwickelt und geendigt hatte.

Ihr jungen Leute, sprach langsam ein alter Mauserich, Ihr habt nur eineinziges Stück oder nur wenige solcher Stücke gesehen, ich aber bin ein Greis,und habe deren schon sehr viele erlebt und sie alle mit Aufmerksamkeit be-trachtet. Da habe ich nun gefunden, daß sie sich im Wesen alle ähnlich, daßsie fast nur Variazionen desselben Themas sind, daß manchmal ganz dieselbenExpositionen, Verwicklungen und Katastrophen vorkommen. Es sind immerdieselben Menschen und dieselben Leidenschaften, welche nur Costume undRedefiguren wechseln. Da sind immer dieselben Beweggründe des Handelns,Liebe oderHaß, oder Ehrgeiz, oder Eifersucht, der Held mag nun eine römischeToga oder einen altdeutschen Harnisch, einen Turban oder einen Filz tragen,sich antik oder romantisch gebährdcn, einfach oder geblümt, in schlechten Jambenoder in noch schlechtem Trochäen spreche». Die ganze Geschichte der Mensch-heit, die man gern in verschiedene Stücke, Akte und Auftritte eintheilcnmöchte, ist doch immer eine und dieselbe Geschichte; es ist eine nur maskirteWiederkehr derselben Naturen und Ereignisse, ein organischer Kreislauf, derimmer von vorne wieder anfängt: und wen» man das einmal gemerkt hat, soärffcrt man sich nicht mehr über das Böse, man freut sich auch nicht mehr allzustark Uber das Gute, man lächelt über die Narrheit jener Heroen, die sich auf-opfern für die Veredlung und Beglückung des Menschengeschlechts; manamüsirt sich mit weiser Gelassenheit.

Ein kicherndes Stimmchcn, welches einem kleinen Spitzmäuschcn zu gehörenschien, bemerkte dagegen mit großer Hast: Auch ich habe Beobachtungen an-gestellt, und nicht blos von einen; einzigen Standpunkte ans, ich habe mirkeine springende Mühe verdrießen lassen, ich verließ das Parterre und be-trachtete mir die Dinge hinter den Culisscn, und da habe ich gar befremdlicheEntdeckungen gemacht. Dieser Held, den Ihr eben bewundert, der ist garkein Held; denn ich sah, wie ein junger Bursch ihn einen besoffenen Schlingelnannte, und ihm diverse Fußtritte gab, die er ruhig einsteckte. Jene tugend-hafte Prinzessin, die sich für ihre Tugend aufzuopfern schien, ist weder einePrinzessin noch tugendhaft; ich habe gesehen, wie sie aus einem Porzclan-töpfchcn rothe Farbe genommen, ihre Wangen damit angestrichen, und diesesgalt nachher für Schamröthe; am Ende sogar warf sie sich gähnend in die