ritt, und kamen sie gar in eine schlechte Gegend, wo ärmliche Hütten und zer-lumptes Bettelvolk, dann bemerkte er auch wohl ironisch: der liebe Gott hatdie Welt in sechs Tagen erschaffen, aber, seht einmal, es ist auch eine Arbeitdarnach! Der zweite Wcggcsellc bricht nur zuweilen mit einigen wiithcndenBemerkungen hinein; er kann kein Wort sagen ohne dabei zu fluchen; erschimpft grimmig auf alle Meister, bei denen er gearbeitet; und sein bestän-diger Refrain ist, wie sehr er es bereue, daß er der Frau Wirthin in Halber-stadt, die ihm täglich Kohl und Wasserrübcn vorgesetzt, nicht eine TrachtSchläge zum Andenken zurückließ. Bei dem Wort „Halbcrstadt" seufztaber der dritte Bursche aus tiefer Brust; er ist der jüngste, macht zum erstenMal seine Ausfahrt in die Welt, denkt noch immer an Feinsliebchens schwarz-braune Augen, läßt immer den Kopf hängen und spricht nie ein Wort.
„Des Knaben Wnnderhorn" ist ein zu merkwürdiges Denkmal unserer Li-teratur und hat auf die Lprikcr der romantischcn Schule, namentlich auf unse-ren vortrefflichen Herrn Uhland, einen zu bedeutenden Einfluß geübt, als daßich es unbcsprochen lassen durfte. Dieses Buch und das Nicbelungcnlied spiel-ten die Hauptrolle in jener Periode. Auch von letztcrem muß hier eine beson-dere Erwähnung geschehen. Es war lange Zeit von nichts anderem als vomNibelungenlied bei uns die Rede, und die klassischen Philologen wurden nichtwenig geärgert, wenn man dieses Epos mit der Ilms verglich, oder wenn mangar darüber stritt, welches von beiden Gedichten das vorzüglichere sei? Und dasPublikum sah dabei aus wie ein Knabe, den man ernsthaft fragt: hast du lieberein Pferd oder einen Pfefferkuchen? Jedenfalls ist aber dieses Niebclungcnliedvon großer gewaltiger Kraft. Ein Franzose kann sich schwerlich einen Begriffdavon machen. Und gar von der Sprache, worin es gedichtet ist. Es isteine Sprache von Stein und die Verse sind gleichsam gereimte Quadern. Hieund da, aus den Spalten, quellen rothe Blumen hervor, wie Blutstropfen,oder zieht sich der lange Epheu herunter, wie grüne Thräncn. Von den Nic-senlcidcnschaften, die sich in diesem Gedichte bewegen, könnt Ihr kleinen artigenLeutchen Euch noch viel weniger einen Begriff machen. Denkt Euch, es wäreeine helle Sommernacht, die Sterne, bleich wie Silber, aber groß wie Sonnen,träten hervor am blauen Himmel, und alle gothischcn Dome von Europa hät-ten sich ein Nendez-vous gegeben auf einer ungeheuer weiten Ebene, und dakämen nun ruhig herangeschritten der straßburgcr Münster, der köllner Dom,der Glockcnthurm von Florenz, die Kathedrale von Ronen, u. s. w. und diesemachten der schonen Notre-Damc-de-Paris ganz artig die Cour. Es istwahr, daß ihr Gang ein bischen unbeholfen ist, daß einige darunter sich sehrlinkisch benehmen, und daß man über ihr verliebtes Wackeln manchmal lachenkönnte. Aber dieses Lachen hätte doch ein Ende, sobald man sähe, wie sie in