Druckschrift 
Gedanken der Frau Fürstin Constantia von Salm : aus dem Franz.
Entstehung
Seite
94
Einzelbild herunterladen
 

94

43.

Die Bosheit eines von Natur lasterhaften, ge-fühllosen oder selbst gransamcn Menschen ist wenigerzn fürchten, als die eines schwachen Menschen, dendie Umstände verderbt haben. Der erstere, wennder Trieb zum Bösen, den die Natur ihm gegeben,befriedigt ist, kann wenigstens ans einen Augenblickruhig sein, und sich wohl von großmüthigen Empfin-dungen beschleichen lassen, bis ein neuer Umstandjenen schrecklichen Trieb wieder in ihm erregt.Aber der andere, welchem dieser Trieb nicht natür-lich ist, und dem es eine außerordentliche Anstren-gung gekostet hat, um sich demselben zu überlassen,kann in der Verwirrung seiner Fähigkeiten nureiner blinden Wuth folgen, die eine Art von Rauschwird, und weder Sättigung noch Schranken kennt.

44.

Eine gerade und hohe Seele fühlt so sehr, daßes ihr unmöglich ist, eine wirkliche Beleidigung zuvergessen, daß sie, wenn ihr dieselbe von lieberHand zugefügt wird, sie sich lange zn verhehlensucht, und erst dahin kommt, sich davon zn über-zeugen, wenn es ihr nicht mehr möglich ist, ander Wirklichkeit zn zweifeln.