Druckschrift 
15 (1862) Dichtungen : Th. 1, Buch der Lieder
Entstehung
Seite
269
Einzelbild herunterladen
 

— 269 —

Da waren ^ Männer, Frauen, viel' bekannteGesichter. Stiller Kummer lag auf allenUnd heimlich scheue Angst. Seltsam verstört,Mit Bcileidsmicncn fast, sahn sie mich an,

Dass es mir selber durch die Seele schauert',Wie Ahnung eines unbekannten Unheils.

Die alte Margreth Hab' ich gleich erkannt;

Ich sah sie forschend an, jedoch sie sprach nicht.„Wo ist Maria?" fragt' ich, doch sie sprach nicht,

Griff leise meine Hand, und führte michDurch viele lange, leuchtende Gemächer,

Wo Prunk und Pracht und Todtcnstille herrschte,Und führt' mich endlich in ein dämmernd Zimmer.Und zeigt' mit abgcwandtcm AngesichtNach der Gestalt, die ans dem Sopha saß.

„Sind Sie Maria?" fragt' ich. InnerlichErstaunt' ich selber ob der Festigkeit,

Womit ich sprach. Und steinern und metalllosScholl eine Stimm': „So nennen mich die Leute."Ein schneidend Weh durchfrösteltc mich da,

Denn jener hohle, kalte Ton war dochDie einst so süße Stimme von Maria!

Und jenes Weib im fahlen Lilaklcid,

Nachlässig angezogen, Busen schlotternd,

Die Augen gläsern starr, die WangenmuskelnDes weißen Angesichtes lcderschlaff —

Ach, jenes Weib war doch die einst so schöne,Die blühend holde, liebliche Maria!

„Sie waren lang' auf Reisen!" sprach sie laut,Mit kalt unheimlicher Vertraulichkeit,

„Sie schaun nicht mehr so schmachtend, liebster Freund,Sie sind gesund, und pralle Lend' und Wade