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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
160
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1<ZÜ Vermischte Schriften.

Anschaunngsideen sind etwas, das wir gar nicht kennen. Die in-dische Muse ist die träumende Prinzessin der Märchen.

Goethe, im Anfang des „Fansts", benutzt die „Saknntala".

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Wie überhaupt jeder einen bestimmten Gegenstand in der Sinncu-welt auf eine andere Weise sieht, so sieht auch jeder in einem be-stimmten Buche etwas anderes, als der andere. Folglich muß auchder Übersetzer ein geistig begabter Mensch sein, denn er muß imBuche das Bedeutendste und Beste sehen, um dasselbe wiedcrzugeben. Den Wvrtverstand, den körperlichen Sinn kann jeder über-setzen, der eine Grammatik gelesen und ein Wörterbuch sich angeschaffthat. Nicht kann aber der Geist von jedem übersetzt werden. Möchtedies nur bedenken jener nüchterne, prosaischeÜbersetzer Scvttschcr Romane,der so sehr prahlt mit seiner Übersetznngstrene! Wie es anfden Geist an-kommt, beweise zunächst Forsters Wiederübcrsetznng der „Saknntala".

In der Zeit der Romantiker liebte man in der Blume nur denDuft — in unserer Zeit liebt man in ihr die keimende Frucht. Da-her die Neigung zum Praktischen, zur Prosa, zum Hausbackenen.

Der Hauptzug der jetzigen Dichter ist Gesundheit — westfälische,österreichische, ja ungarische Gesundheit.

Die höchsten Blüten des deutschen Geistes sind die Philosophieund das Lied. Diese Blütezeit ist vorbei, es gehörte dazu die idyl-lische Ruhe; Deutschland ist jetzt sortgerissen in die Bewegung, derGedanke ist nicht mehr uneigennützig, in seine abstrakte Welt stürztdie rohe Thatsache, der Dampfwagcn der Eisenbahn giebt uns einezittrige Gemütserschüttcrung, wobei kein Lied aufgehen kann, derKohlendampf verscheucht die SangeSvögel, und der Gasbelcuchtungs-gestank verdirbt die duftige Mondnacht.

Unsere Lyrik ist ein Produkt des Spiritualismus, obgleich derStoff sensnalistisch; die Sehnsucht des isolierten Geistes nach Ver-schmelzung mit der Erscheinungswclt w ininAls vitü nnkurs. Mitdein Sieg des Sensualismus muß diese Lyrik aufhören, es entstehtSehnsucht nach dem Geist: Sentimentalität, die immer dünner ver-dämmert, nihilistische Pimperlichkeit, hohler Phrasenncbel, eine Mittcl-stativn zwischen Gewesen und Werden, Tendenzpoesie.

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Der harmlose Dichter, der plötzlich politisch wird, erinnert michan das Kind in der Wiege: „Vater iß nicht, was die Mutter gekocht!"