Autobiographische Skizze. 91
auch den polemischen Teil, der sich ans den GeburtSadel, ans dieTentoinanen nnd auf die katholische Propaganda bezieht. Was denAdel betrifft, so habe ich diesen noch in der Vorrede zu den „Briefenvon Kahldvrs" besprochen, die nicht von nur verfaßt sind, wie dasdeutsche Publikum irrtümlich glaubt. WaS die Tentoinanen, diesedeutschen alten Weiber Hess viaillos ^.IlcnnnAnss), betrifft, derenPatriotismus nur in einem blinden Hasse gegen Frankreich bestand,so habe ich sie in all meinen Schriften mit Erbitterung verfolgt.Es ist dies eine Animosität, die noch von der Burschenschaft her-datiert, zu welcher ich gehörte. Ich habe zur selben Zeit die katho-lische Propaganda, die Jesuiten Deutschlands, bekämpft, sowohl umVerleumder zu züchtigen, die mich zuerst angegriffen, als um meinemprotestantischen Sinne zu genügen. Dieser mag mich freilich bis-weilen zu weit fortgerissen haben, denn der Protestantismus warmir nicht bloß eine liberale Religion, sondern auch der Ausgangs-punkt der deutschen Revolution, nnd ich gehörte der lutherischenKonfession nicht nur durch den Taufakt an, sondern auch durch eineKampfeslust, die mich an den Schlachten dieser Kvelosis, inilitansteilnehmen ließ. Aber während ich die socialen Interessen des Pro-testantismus verteidigte, habe ich aus meinen panthcistischeu Sym-pathien niemals ein Hehl gemacht. Deshalb bin ich des Atheismusbeschuldigt worden. Schlecht unterrichtete oder böswillige Landslentehaben schon lange das Gerücht verbreitet, ich hätte den saintsimoni-stischen Rock angezogen; andere beehren mich mit dem Judentum.Es thnt mir leid, daß ich nicht immer in der Lage bin, dergleichenLiebesdienste zu vergelten.
Ich habe nie geraucht; ebensowenig bin ich ein Freund desBiereS, und erst in Frankreich habe ich zum erstenmal Sauerkrautgegessen. In der Littcratur habe ich mich in allem versucht. Ichhabe lyrische, epische nnd dramatische Gedichte verfaßt; ich habe überKunst, über Philosophie, über Theologie, über Politik geschrieben . . .Gott verzeih's! Seit zwölf Jahren bin ich in Deutschland besprochenworden; man lobt mich oder man tadelt mich, aber stets mit Leiden-schaft nnd ohne Ende. Da haßt, da verabscheut, da vergöttert, dabeleidigt man mich. Seit dem Monat Mai 1831 lebe ich in Frank-reich. Seit fast vier Jahren habe ich keine deutsche Nachtigall gehört.
Aber genug! ich werde traurig. Wenn Sie noch andere Aus-kunft wünschen, will ich sie Ihnen mit Vergnügen erteilen. Ichsehe es immer gern, wenn Sie mich selbst darum angehen. RedenSie gut von mir, reden Sie gut von Ihrem Nächsten, wie das Evan-gelium es gebeut, und genehmigen Sic die Versicherung der aus-gezeichneten Hochachtung, mit welcher ich bin, :c.
Heinrich Heine.