Einleitung zu Kahldorf über den Adel. 13
das noble Banner, und besorgte die Ndelsiutcrcssen, und auf jedemfeigen Verträglein, das gegen den Liberalismus geschlossen wurde,prangt obenan das wohlbekannte Siegellack, und, wie ihr unglücklicherAnführer, wurden auch die Völker selber in strengem Gewahrsam ge-halten, ganz Europa wurde ein St. Helena, und Metternich war dessenHudson Lowe. Aber nur an dem sterblichen Leib der Revolutionkonnte man sich rächen, nur jene menschgewordene Revolution, diemit Stiefel und Sporen und bespritzt mit Schlachtfeldblut zu einerkaiserlichen Blondine ins Bett gestiegen und die weißen Laken vonHabsbnrg befleckt hatte, nur jene Revolution konnte man an einemMagenkrebse sterben lassen; der Geist der Revolution ist jedoch un-sterblich und liegt nicht unter den Trauerweiden von Longwovd, undin dem großen Wochenbette des Ende Juli wurde die Revolutionwiedergeboren, nicht als einzelner Mensch, sondern als ganzes Volk,und in dieser Volkwerdung spottet sie des Kerkermeisters, der vorSchrecken das Schlüsselbund aus den Händen fallen läßt. WelcheVerlegenheit für den Adel! Er hat sich freilich in der langen Frie-denszeit etwas erholt von den früheren Anstrengungen, und er hatseitdem als stärkende Kur täglich Eselsmilch getrunken und zwar vonder Eselin des Papstes; doch fehlt es ihm immer noch au hinläng-lichen Kräften zu einem neuen Kampfe. Der englische Bull kannjetzt am wenigsten den Feinden die Spitze bieten, wie srüherhin;denn der ist am meisten erschöpft, und durch das beständige Miuister-wechselfieber fühlt er sich matt in allen Gliedern, und es ist ihmeine Radikalkur, wo nicht gar die Hungerkur, verordnet, und dasinfizierte Irland soll ihm noch obendrein amputiert werden. Öster-reich fühlt sich ,ebenfalls nicht heroisch aufgelegt, den Agamemnondes Adels gegen Frankreich zu spielen; Staberle zieht nicht gern dieKriegsunifvrm an und weiß sehr gut, daß seine Parapluies nichtgegen Kugelregen schützen, und dabei schrecken ihn auch jetzt dieUngarn mit ihren grimmigen Schnurrbarte!:, und in Italien mußer vor jedem enthusiastischen Citronenbaum eine Schildwache stellen,und zu Hause muß er Erzherzoginnen zeugen, nm im Notfall dasUngetüm der Revolution damit abzuspeisen — „Das bringt ein Viechum," sagt Staberle.
Aber in Frankreich flammt immer mächtiger die Sonne derFreiheit und überleuchtet die ganze Welt mit ihren Strahlen — Abersie dringt täglich weiter, die Idee eines Bürgerkönigs ohne Hofetikctte,ohne Edelknechte, ohne Courtisanen, ohne Kuppler, ohne diamanteneTrinkgelder und sonstige Herrlichkeit. — Aber die Pairskammer be-trachtet mau schon als ein Lazarett für dieJnkurablen des alten Regimes,die man nur noch aus Mitleiden toleriert und mit der Zeit ebenfallsfortschafft. — Seltsame Umwandlung! in dieser Not wendet sich derAdel an denjenigen Staat, den er in der letzten Zeit als den ärgsten