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Hut war so breit, dass er mir die ganze Aussicht auf die Bühne versperrte,dass ich Alles, was dort tragiert wurde, nur durch die rothe Gaze diesesHutes sah, und dass mir also alle Gräuel der „Tour de Nesle" im heiter-sten Rosenlichte erschienen. Ja, es giebt in Paris ein solches Rosenlicht,welches alle Tragödien für den nahen Zuschauer erheitert, damit ihm dortder Lebensgenuss nicht verleidet wird. Sogar die Schrecknisse, die man imeigenen Herzen mitgebracht hat nach Paris, verlieren dort ihre beängstigen-den Schauer. Die Schmerzen werden sonderbar gesänftigt. In dieser Luftvon Paris heilen alle Wunden viel schneller als irgend anderswo; es istin dieser Luft etwas so Großmüthigcs, so MildrcicheS, so Liebenswürdigeswie im Volke selbst. Was mir am besten an diesem Pariser Volke gefiel,Das war sein höfliches Wesen und sein vornehmes Ansehen. Süßer Ananas-duft der Höflichkeit! wie wohlthätig erquicktest du meine kranke Seele, diein Deutschland so viel Tabaksqualm, Sauerkrautsgernch und Grobheit ein-geschluckt! Wie Rossini'sche Melodien erklangen in meinem Ohr die artigenEntschuldigungsreden eines Franzosen, der am Tage meiner Ankunft michauf der Straße nur leise gestoßen hatte. Ich erschrak fast vor solcher süßenHöflichkeit, ich, der ich an deutsch flegelhafte Rippenstöße ohne Entschuldi-gung gewöhnt war. Während der ersten Woche meines Aufenthalts inParis suchte ich vorsätzlich einigemal gestoßen zu werden, bloß um mich andieser Musik der Entschnldignngsredcn zu erfreuen. Aber nicht bloß wegendieser Höflichkeit, sondern auch schon seiner Sprache wegen hatte für michdas französische Volk einen gewissen Anstrich von Vornehmheit. Denn,wie Sie wissen, bei uns im Norden gehört die französische Sprache zu denAttributen des hohen Adels, mit Französisch-sprechcn hatte ich von Kindheitan die Idee der Vornehmheit verbunden, lind so eine Pariser Dame de laHalle sprach besser französisch als eine deutsche Stiftsdame von vierundsech-zig Ahnen. Wegen dieser Sprache, die ihm ein vornehmes Ansehen ver-leiht, hatte das französische Volk in meinen Augen etwas allerliebst Fabel-haftes. Dieses entsprang aus einer andern Reminiseenz meiner Kindheit.Das erste Buch nämlich, worin ich Französisch lesen lernte, waren die Fabelnvon Lafontaine; die naiv vernünftigen Redensarten derselben hatten sichmeinem Gedächtnisse am unauslöschlichsten eingeprägt, und als ich nunnach Paris kam und überall Französisch sprechen hörte, erinnerte ich michbeständig der Lafontaine'schen Fabeln, ich glaubte iminer die wohlbekanntenThierstimmen zu hören; jetzt sprach der Löwe, dann wieder sprach der Wolf,