§. 12. Eigenschaften der Körper. 321.
sammelt und sie in ihrer früheren Gestalt, als Wasser, wieder der Erdezuführt. Wenn Flüssigkeiten in größeren Höhen, z. B. von einer Thurm-spitze, ausgegossen werden, so fallen sie, nicht in ganzen Massen, sondernwie Sand oder Staub, in runden abgesonderten Tropfen herab, die destogrößer sind , je größer die Cohäsionskraft der Flüssigkeit ist. So falltOel in großen, Aether und Alcohvl aber in sehr kleinen Tropfen zurErde. Die Regentropfen, die an der Außenseite unseres Fensterglaseseinander naher kommen, vereinigen sich und laufen in einander, so wieQuecksilbertropfen, die einander auf einer horizontalen Glastafel begeg-nen, zum Zeichen, daß sie von einander angezogen werden. DieselbeAnziehung der Atome gibt auch den Körnern unseres Schrotes die kugel-förmige Gestalt. Wenn das geschmolzene Bley von einer größeren Höheherabgegossen wird, theilt es sich, wie dorr das Wasser, durch seine Co-häsionskraft in runde Tropfen, die, ehe sie den Boden erreichen, aus-kühlen und daher ihre kugelförmige Gestalt beibehalten. Dieselbe Kraftaber, welche diesen Tropfen ihre runde Form gibt, hat auch wahrschein-lich jene großen Körper des Himmels, die Sonne, den Mond und diePlaneten abgerundet, wenn dieselben anders, wie es sehr wahrscheinlichist, zur Zeit ihrer Entstehung sich in einem flüssigen Zustande befun-den haben.
Dieselbe Anziehung endlich, welche wir zwischen den einzelnen Ele-menten der festen oder auch der flüssigen Körper unter sich bemerken,zeigt sich zwischen den Atomen der festen und flüssigen Körper selbst. Sofällt ein Wassertropfen von der untern Seite einer hor zontalen Glas-tasel nicht herab, weil er von der Tafel angezogen wird. Wenn dieSpitze einer Nadel in eine Flüssigkeit getaucht und wieder aus ihr Her-ausgezogen wird, bleibt ein Tropfen derselben an. ihr hängen, und allefeste, in Flüssigkeiten eingetauchte Körper, werden naß, wenn andersdiese beiden Körper sich gegenseitig anziehen. Wenn eine Glasröhre inQuecksilber getaucht wird, so bleibt sie trocken, aus derselben Ursache,aus welcher auch unsere Kleider trocken bleiben würden, wenn es nicht
Wasser, sondern Quecksilber regnete.
H. 12. (Capillarkraft und Affinität der Körper.) Dieselbe Molecular-Attraction zeigt sich auch bei dem Aufsteigen der Flüssigkeiten in denPoren und Zwischenräumen der festen Körper, wo sie dann Capitlar-Ättraction genannt wird. So sieht man Wasser und Oel in Schwammund Zucker dringen oder in dem Dochte unserer Lampen aufsteigen; sokann man mit benetzten Seilen sehr große Lasten heben. Durch dieselbeKraft steigt endlich auch der größte Theil der Säfte in den Körpern der
Pflanzen uud Thiere in die Höhe. . ^
Noch auffallender erscheint diese Molecularkraft in unseren chemischenProzessen, wo sie den Namen der Affinität (Verwandtschaft) erhalt.Wenn zwei Flüssigkeiten unter einander gemengt werden, so sieht manhäufig eine dritte entstehen, deren Eigenschaften von jenen der beidenersten völlig verschieden sind. Oft ist das Volum der Mischung, oft istauch die Temperatur, die Farbe, selbst der Zustand der Hlus,igkeit ganzanders, als er bei den einzelnen Körpern vor ihrer Vermischung gewesenrss Ein Quart Wasser mit eben so viel (Schwefelsäure gemischt, nimmteinen bedeutend geringeren Raum ein, als zwei Quart betragen, wecksich die Elemente dieser beiden Flüssigkeiten inniger anziehen, als dieeiner jeden derselben. Auch ist diese Mischung von einer viel höherenTemperatur, als jeder der beiden Körper vor derselben hatte. Wenn diebeiden Luftarten, die unter der Benennung des Opygens und s)ydro-gens bekannt sind, in einem bestimmten Verhältnisse unter einander ge-