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1 (1898) Buch der Lieder Biographie
Entstehung
Seite
8
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3 Borrede zur dritten Auflage.

Lebendig ward das Marmorbild,

Der Stein begann zu ächzen

Sie trank meiner Küsse lodernde GlutMit Dürsten und mit Lechzen.

Sie trank mir fast den Odem aus

Und endlich, wollustheischcnd,

Umschlang sie mich, meinen armen LeibMit den Löwcntatzen zerfleischend.

Entzückende Marter nnd wonniges Weh!

Der Schmerz wie die Lnst unermeßlich!

Derweilen des Mundes Kuß mich beglückt,

Verwunden die Tatzen mich gräßlich.

Die Nachtigall sang:O schöne Sphinx!"

O Liebe! was soll es bedeuten,

Daß du vermischest mit TodesqualAll' deine Seligkeiten?

O schöne Sphinx! O löse mirDas Rätsel, das wunderbare!

Ich Hab' darüber nachgedachtSchon manche tausend Jahre."

Das hätte ich alles sehr gut in guter Prosa sagen können. . . Wenn mai: aber die alten Gedichte wieder durchliest, um ihnen, I lbehufs eines erneuerten Abdrucks, einige Nachfeile zu erteilen, dannüberrascht einen unversehens die klingelnde Gewohnheit des Reimsnnd Silbenfalls, und siehe! es sind Verse, womit ich diese dritteAuflage desBuchs der Lieder" eröffne. O Phöbus Apollo! sinddiese Verse schlecht, so wirst du nur gern verzeihen . . . Denn dubist ein allwissender Gott, nnd du weißt sehr gut, warum ich michseit so vielen Jahren nicht mehr vorzugsweise mit Maß und Glcich-klang der Wörter beschäftigen konnte ... Du weißt, warum dieFlamme, die einst in brillanten Fcucrwerksspielen die Welt ergötzte,plötzlich zu weit ernsteren Bränden verwendet werden mußte . . .Du° weißt, warum sie jetzt in schweigender Glut mein Herz verzehrt. . . Du verstehst mich, großer schöner Gott, der du ebenfalls diegoldene Leier zuweilen vertauschtest mit dem starken Bogen und dentödlichen Pfeilen . . . Erinnerst du dich auch noch des Marsyas, dendu lebendig geschunden? Es ist schon lange her, nnd ein ähnlichesBeispiel thät' wieder not ... Du lächelst, o mein ewiger Vater!

Geschriedell zu Paris, deu 20. Februar 1330.

Heinrich Heine.