64 Biographie.
System in einem großen Naturepos zusammenfassen wollte, bildeteein Spätergekommener seine philosophische Weltanschauung in wunder-barer Weise ans, während ein anderer das Ideal der Romantik zurmerkwürdigsten Erfüllung brachte.
Zwei der hervorragendsten Geister der deutschcnNation haben diesenAuflösungsprozeß der Romantik herbeigeführt: Hegel und Heine!
„Das tausendjährige Reich der Romantik hat ein Ende, und ichselbst war sein letzter abgedankter Fabelkönig." So durfte Heine mitRecht von sich sagen und auch darin behielt er recht, wenn er hinzu-fügte: „Hätte ich nicht die Krone vom Haupte fortgeschmissen undden Kittel angezogen, sie hätten mich richtig geköpft. Vor vier Jahrenhatte ich, ehe ich abtrünnig wurde von mir selber, noch ein Gelüste, mitden alten Traumgenosscn hernmzutummeln im Mondschein — und ichschrieb denAtta Troll, den Schwanengesang der untergehenden Periode."
Aber nicht nur mit diesem Gedicht, sondern mit seinem ganzenpoetischen Schaffen hat Heine den Auflösungsprozeß der Romantikherbeigeführt. Nm dieses zu verstehen, wird es nötig sein, das Bildseiner poetischen Existenz sich aus den gegebenen historischen Be-dingungen zu konstruieren.
Heinrich Heine war ein Jude, der in den Tagen der auf-blühenden Romantik in einer Stadt am Rhein geboren wurde!
Aus diesen drei Elementen ist wohl die widerspruchsvolle In-dividualität des Dichters und seine poetische Richtung zu erklären.
Das jüdische und das rheinische Naturell vereinigten sich in demgeweckten Knaben zu seltsamer Harmonie. Wie tief und nachhaltigdas Rheinland mit seinen Sagen, Märchen, Volksliedern, Sittenund Gebräuchen ans das empfängliche Gemüt des jungen Heineeinwirkte, haben wir bereits bei der Schilderung seiner Jugendjahrehervorgehoben.
Dem jüdischen Leben des Elternhauses gegenüber bildete das ka-tholische der Nhcinlnnde einen bunten Gegensatz von mächtiger Wirkung.
Waren die Feste und Gebräuche des elterlichen Hauses vor-nehmlich auf den historischen Sinn und das fromme Gemüt berechnet,so wirkte der Zauber und die Farbenpracht der katholischen Kircheauf die Phantasie mächtig ein. Der Glanz und Schimmer der Fron-leichnamsprozcssionen — am Hanse Heines war selbst ein Altar er-richtet — der Priester, der zu einein Kranken ging, um ihn mit de»Sterbesakramenten zu versehen und vor dem alles Volk auf de»Straßen die Kniee beugte, schließlich die Pracht und ergreifende Weiheder Kirche selbst, wenn mächtiger Orgelklang durch den Dom brausteund die Blesse mit allem Pomp celebriert wurde — dies alles waren Er-scheinungen, welche die Phantasie eines Knaben gewaltig anregen nnlßtc».
Wie aber das Leben meist die Extreme durch dazwischen liegendeErscheinungen ausgleicht, so wurden auch hier die Gegensätze durch