Biographie. 13
.Hühnerwinkel, worin mich Vater gewöhnlich einsperrte, wenn ichTrauben genascht, und auch die braune Thür, woraus Mutter michdie Buchstaben mit Kreide schreiben lehrt — ach Gott! Madame,wenn ich ein berühmter Schriftsteller werde, so hat daS meiner armenMutter genug Mühe gekostet."
In der That war der Einfluß der Mutter auf die geistige Ent-wicklung des Knaben ein ungleich bedeutenderer als der des Vaters.Samson Heine scheint nieder ein Mann von hervorragenden Geistes-gaben, noch von besonderer kaufmannischer Tüchtigkeit gewesen zusein. Obwohl der Dichter scherzweise dies später behauptet, so hatSamson Heine doch dem Kriegcrstande eigentlich nie angehört. Währendder französischen Occupatio» in Düsseldorf war er Armeelieferantund dies verlieh ihm Offiziersrang. Seinen geschäftlichen Unter-nehmungen scheint Fortuna nie sehr zugelächelt zu haben.
Alles, was wir von Samson Heine wissen, deutet darauf hin,daß er ein würdiger Mann, ein trefflicher Gatte, ein zärtlicher Vatergewesen ist, daß er aber auf die Bildung seiner Kinder und derenspätere Lebensrichtung nur einen sehr geringen Einfluß geübt hat.Er war einsilbiger Natur und ziemlich beschränkt. Aus seinen Jugend-jahren, wo er im Gefolge deS Prinzen Ernst von Cumberland alsProviantmeister den Feldzug in Flandern und Brabant mitgemacht,hatte er allerlei bedenkliche Liebhabereien behalten. So ließ er sichgern zu hohem Spiel verleiten, protegierte die dramatische Kunst odervielmehr deren Pricsterinnen, und Pferde wie Hunde waren seinebesondere Passion. Als er in Düsseldorf einzog, soll er zwölf Pferdemitgebracht haben. Grenzenlos mag aber seine Vorliebe für denSoldatenstnnd oder vielmehr das Soldatenspiel gewesen sein. Als inDüsseldorf die Bürgergardeu errichtet wurden und er als Offizierderselben die „schöne dunkelblaue, mit himmelblauen Sammetanf-schlägen versehene Uniform" tragen durfte, war er überglücklich.
Mit diesen Eigenschaften kontrastierte eine wunderliche Gravitätsehr seltsam, die über sein strengruhiges Antlitz verbreitet war undsich in der Haltung und jeder Bewegung des Körpers kundgab, sodaß man ihn wohl für einen der sieben Weisen Griechenlands hättehalten können. Aber bei näherer Bekanntschaft merkte man nur zubald, „daß er weder ein Thales noch ein Lampsakus war, der überkosmogvnische Probleme nachgrübele." Wenn er seinen Kindernjeden musikalischen Unterricht verboten, weil er ihn als „Zeitverlustund luxuriösen Tand" betrachtete, und wenn man später die Gedichtevon Goethe mit dem Namen „Ernst Schulze" umklcben mußte, damiter dieselben für weniger bedeutend als die seines Sohnes halte, undwenn er schließlich in den Stoßseufzer ausbricht: „Wie soll mein Jungeaufkommen, wenn man immer und immer von Goethe spricht!" so zeigtdies und vieles andere nicht gerade von bedeutenden geistigen Anlagen.