Von einem Weinhandler. n
sendmal eher wissen, was der Knabe im Schilde füh-ret, als alle diejenigen, so ihn nach den von jenem gös-sen Meister angegebenen Gründen beurtheilen. Ichhabe mehr Mcnschengcsichtcr gesehen, als ich Weine ge-schmeckct habe, und die Eindrücke so ich von ihnen be-halten habe, dienen mir zu so viel Werkzeugen der Men-^schenerkenntniß. Mit allen diesen Werkzeugen berühreich den Kerl auf einmal, mein ganzes Gefühl fließt umseine Form, und ich drücke ihn damit so ab, daß ichihn habe wie er da steht, von innen und von aussen; aberdie Gründe davon klar zu denken, sie in einen dünnenelenden Faden auszuspinncn, und andern mitzutheilen,das verstehe ich so wenig, daß ich vielmehr glaube, essey nicht möglich, und unsre Sprache sey so wenig dasWerkzeug, alle Empfindungen, die wir durch unsre fünfSinne erhalten, auszudrücken, als die vier Specics dasMittel sind, unendliche Größen zu berechnen.
Hier gieng nun der Streit von neuem an; ich behaup-tete, daß einer der des Menschen Gesicht in einem Huymit zehntausend, obgleich unerklärbaren Tangenten be-rührte, richtiger davon urthciltc, als ein andrer, derimmer nur ein einzelnes Fühlhorn ausstrecken, und das-jenige was er dadurch empfände, deutlich beschreibenkönnte. Und hieraus zog ich sodann die Folge, daß esnothwendig in allen Arten des Geschmacks zuerst daraufankäme, wie viel einer Tangenten hätte, und oh solcherichtig wären? Dieses bewiese der Italianer, der tag-lich gute Gebäude und Gcmahlde schauete, und schöneMusik hörte; durch die Eindrücke so er davon erhielte,gelangte er zu vielen und richtigen Tangenten, und esgienge ihm mit dem Geschmack in der Musik und derBaukunst wie mir mit dem Weine. Das Vergleichenund Entscheiden folge von selbst, sobald man vieles kenne,
und